Leihbiblivthet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Ottmann in Gießen, Sloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und Ceſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hineteßen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 W f 1 Pf. W 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Scladenersatz. 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Der Boden war mit koſtbaren Teppichen bedeckt, welche die Zimmer einer Königswohnung hätten zieren können und über den ganzen Raum des Verdecks war ein Purpurzelt geſpannt, deſſen Baldachin von ver⸗ goldeten Säulen getragen wurde. Duftende Gewächſe rahmten den Purpurpavillon ein und bildeten Bosquets mit grottenartigem Hin⸗ tergrunde, aus welchen Waſſerſtrahlen hervorſchoſſen. Auf einem Ruhebette, das mit Löwen⸗ und Pan⸗ therfellen bedeckt war, lag ein ſchönes Mädchen von üppigen Formen, deſſen Stirn ein Diadem und deſſen volle, nackte, weiße Arme eine Reihe von Goldſpan⸗ Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. II. 1 2 gen zierten, welche die kunſtvollſte Arbeit zur Schau trugen. Ueber dem Ruhebette, über welches Palmenbäume ihre großen Blätter fächerartig ſpannten, war eine Art Thron aufgerichtet, auf welchem im abenteuer⸗ lichſten Gewande, eine Muſterkarte von Purpur, Sammt und Seide aller Farben, der Kappadocier ſaß. Negermädchen führten vor dem Brautpaare Tänze auf und drehten ſich in den bunteſten Verſchlingungen, bald allein, bald unter Beihülfe der Piraten, welche die Tänze mit Geſängen begleiteten. Nicht weit von dem Throne, auf welchem der Kap⸗ padocier ſaß, waren von ſchneeweißem libyſchem Stoffe ſechs kleine Zelte aufgerichtet, in deren jedem ein Ruhebett ſtand, das mit gold⸗ und purpurdurchwirkten Stoffen ausgeſchlagen war. Die Pracht der Einrichtung konnte ſich wohl mit jener des Pavillons nicht meſſen, in welchem die Braut des Kappadociers lag, aber es herrſchte auch hier noch großer Luxus, nur daß die farbenreichen Felle der ſeltenen wilden Thiere fehlten, welche der Abtheilung, die ſich der Kappadocier vorbehalten, ein ſo originelles, lebensvolles und ſaftiges Colorit verliehen. Die Mädchen, welche in koſtbarer Gewandung auf dieſen Ruhebetten lagen, waren nicht weniger ſchön 3 als die Braut des Kappadociers, aber ihre Stirnen umſpannte kein Perlendiadem und an ihre Arme war nicht jene Ueberfülle von Geſchmeide verſchwendet, welche die Braut des Kappadockers beinahe belaſtete. Die Glücklichen, welchen das Loos die ſchönen Mädchen zugeworfen hatte, lagen auf prächtigen Tep⸗ pichen zu den Füßen ihrer Bräute und waren der Gegenſtand neidvoller Betrachtung von ſeiten ihrer Kameraden. Als man die Gefangenen auf das Verdeck brachte, verſtummte auf einen Augenblick die Muſik und der Kappadocier erkundigte ſich mehr mit dem Blicke als mit Worten nach dem Stande derer, die man ihm zu⸗ führte. „Der junge Mann nennt ſich Cajus Julius Cäſar und ſcheint ſich auf ſeinen Namen etwas zu gute zu thun!“ ſagte der Pirat, der ſich des dem Epidius gehörigen Schiffs bemächtigt hatte, zu dem Kappadocier. „Barbaren, die Ihr ſeid, wenn Ihr den Namen Cäſar nicht kennt!“ wandte ſich Cäſar zu dem Piraten, der verſucht hatte ihn zu höhnen, während er ihn dem Kappadocier vorſtellte.„In Rom kennt jedes Kind den Neffen des Marius!“ „Vom Marius haben wir wohl gehört“ ſagte der Kappadocier, den ſtolzen Jüngling, deſſen Furchtloſig⸗ 1. 4 keit ihm imponirte, mit Wohlgefallen betrachtend,„aber Du mutheſt uns zu viel zu, wenn Du glaubſt, daß wir auch ſeine ganze Verwandtſchaft kennen ſollen! Haſt Du ſchon etwas gethan, was die Augen der Welt auf Dich gelenkt hätte?“ „Ich habe mir Sulla's Haß zugezogen, iſt das für meine Jahre nicht genug?“ fragte Cäſar. „Du fliehſt alſo wohl vor Sulla?“ forſchte der Kappadocier. „Ich gehe mit dieſem braven Manne nach Bithynien!“ ſagte Cäſar, auf Epidius zeigend. „Nach Bithynien!“ erwiderte der Kappadocier lächelnd, indem er ſeine Umgebung mit einem eigenthümlichen Blicke ſtreifte.„Du wirſt das Land in großer Auf⸗ regung finden. Willſt Du nicht eine Botſchaft an den König von Bithynien übernehmen?“ „Warum nicht? Willſt Du mich freilaſſen?“ „Sobald Du ein mäßiges Löſegeld bezahlt haſt. Du nennſt Dich den Neffen des Marius und fliehſt vor Sulla. Mit Rückſicht auf dieſen doppelten Em⸗ pfehlungsbrief will ich das Löſegeld niedrig bemeſſen. Du gibſt uns hunderttauſend Seſterzien!“ „Du biſt ein Rarr, daß Du von Cäſar ein ſo kleines Löſegeld verlangſt!“ ſagte Cäſar.„Ich gebe Dir aus freiem Antriebe das Doppelte!“ — „— 5 „Ich wäre der Narr, für den Du mich erklärt haſt, wenn ich das freiwillig Gebotene ausſchlagen ſollte!“ erwiderte der Kappadocier lachend.„Wie willſt Du die zweimalhunderttauſend Seſterzien beſchaffen?“ „Mein Begleiter wird ſie in Rom holen!“ ſagte Cäſar, der ſich zuvor durch einen Blick mit Epidius verſtändigt hatte. Willſt Du ihm vergönnen, ans Land zu gehen und nach Rom zu reiſen?“ „Ich werde ihm einen zuverläſſigen Begleiter mit⸗ geben!“ entſchied der Kappadocier.„Sobald mir dieſer das Geld gegeben hat, ſteht der Fortſetzung Deiner Reiſe kein Hinderniß im Wege.“ „Fürchteſt Du nicht, daß der Mann, den Du meinem Diener als Geleitsmann zur Seite gibſt, als Pirat erkannt und aufgegriffen wird, ſobald er den Boden Italiens betritt?“ warf Cäſar ein. „Er wandelt ſo ſicher in Italien wie wir hier auf dem Meer!“ ſagte der Kappadocier zuverſichtlich.„Nur einer könnte ihn verrathen“ fuhr er dann mit einem beredten Seitenblicke auf Epidius fort,„und für dieſen einen bürgſt Du uns! Kehrt mein Bote aber, wie ich hoffe, mit Deinem Diener und dem Löſegelde unver⸗ ſehrt zurück, ſo will ich ein Uebriges thun und Dir mit meinen Schiffen bis an die Küſte Bithyniens das Geleit geben!“ 6 „Du biſt ſehr großmüthig!“ „Nur eigennützig! Ich möchte, daß Dir auf der Weiterreiſe kein Unfall mehr zuſtößt, damit Du dem König von Bithynien zuverläſſige Kunde geben kannſt von dem Hochzeitsfeſte, welches Kynokephalos von Kap⸗ padocien auf offenem Meere mit der Königstochter von Bithynien feierte!“ Cäſar machte eine Geberde des Erſtaunens. „Dieſes ſchöne Mädchen iſt die Tochter des Königs Nikomedes von Bithynien?“ fragte er mit einem Blicke auf das geſchmückte Mädchen, welches unter den Palmen auf koſtbaren Löwen⸗ und Tigerfellen lag. Der Kappadocier nickte mit dem Kopfe und ſagte lächelnd: „Du ſtaunſt? Ich wundere mich nicht darüber, denn es kommt nicht alle Tage vor, daß ein kappa⸗ dociſcher Pirat eine Königstochter freit! Myrſa wäre mir auch um alle Schätze ihres Vaters nicht feil! Ich hätte Nikomedes ſein halbes Reich abpreſſen können, wenn ich aus ſeiner Tochter einen Handelsartikel hätte machen und ihm die geraubte wieder verkaufen wollen. Der jetzt kinderloſe Mann hätte mir all ſein Gold ver⸗ ſchrieben, wenn er die Tochter wiederbekommen hätte, aber der Kappadocier gibt die Königstochter nicht her⸗ aus, und noch in ſpäten Tagen ſoll man wie von — — 7 etwas Beſonderem von dem Piraten ſprechen, der ſich mit der Königstochter vermählte.“ „Vielleicht ſchützt Dich der vornehme Schwiegervater einſt vor dem Kreuzestod, wenn Du gefangen werden ſollteſt!“ ſagte Cäſar, den der Uebermuth des Seeräu⸗ bers verdroß und dem die unglückliche Lage, in welcher ſich die bithyniſche Königstochter befand, nahe ging. Es wunderte ihn nur, daß ſich dieſe ſo theilnamlos in ihr trauriges Schickſal zu ergeben ſchien. Der Kappadocier nahm die Spottrede Cäſar's nicht übel, ſondern ſagte gelaſſen: „Du ſcheinſt reich zu ſein, Cäſar, mir gegenüber haſt Du Dich wenigſtens als Verſchwender gezeigt. Wie wär's, wenn Du, ſobald ich Dich freigegeben, Schiffe gegen mich ausrüſteteſt? Bekommſt Du mich in Deine Gewalt, ſo magſt Du Dir das Vergnügen machen, mich an das Kreuz ſchlagen zu laſſen; ich neide Dir dann auch das Erbe nicht, welches Dir in der Perſon meiner Wittwe zufallen würde!“ Der Kappadocier winkte, Cäſar war entlaſſen. Die Schaar der leichtgewandeten Tänzerinnen brauſte wieder heran. Ihnen nach jagte der Troß der Männer, unter welchen ſich diesmal auch die Glücklichen befanden, welchen das Loos die Zofen Myrſa's zugeworfen hatte. 8 Berauſcht von dem Anblick ihrer Bräute und viel⸗ leicht auch vom glühenden Falerner hatten ſie ſich in den Tanz gemiſcht. Es war ein wahres Raſen, und die Evolutionen, welche die hin und her tobenden Paare ausführten, gaben ein um ſo groteskeres Enſemble, als Tänzer und Tänzerinnen brennende Fackeln in der Hand ſchwangen. Mit dem Rauche, der von den Fackeln aufſtieg, miſchte ſich der duftende Rauch aus ſilbernen Schalen, in welchen koſtbare Gewürze zum Glühen gebracht worden waren. Während ein Meer von Wohlgerüchen das Verdeck einhüllte, bewegte ſich Cäſar langſam der entgegen⸗ geſetzten Seite deſſelben zu, auf der es minder bunt und ſtürmiſch zuging, da dort die Piraten nur zechten und ſpielten. Er mußte an der Zeltgruppe vorüberkommen, in welcher auf ſchwellenden Kiſſen die ſechs Mädchen ruhten, die mit Myrſa in die Gefangenſchaft der Pira⸗ ten gerathen und im Augenblick von ihren dem Tanze huldigenden Bräutigamen verlaſſen waren. Als Cäſar eins der Zelte ſtreifte, fühlte er ſich von einem der Mädchen am Arme erfaßt. In demſelben Augenblicke hörte er, wie ihm das 6 Mädchen, das ihm ein ſchönes, aber leidenſchaftlich be⸗ wegtes Geſicht zeigte, die Worte zuflüſterte: „Ich bin des Nikomedes von Bithynien Tochter. Ich habe Dein Geſpräch mit dem Kappadocier be⸗ lauſcht. Du gehſt nach Bithynien— rette mich. Mein königlicher Vater wird Dir's lohnen!“ Cäſar traute ſeinen Ohren kaum, als er dieſe ge⸗ heimnißvollen Worte hörte, die mehr hingehaucht als geſprochen worden waren. Er ſtarrte, über das Räthſel, das ſich ihm hier mit einem Male aufdrängte, nachdenkend, noch immer nach der Stelle, wo ihm das Mädchen erſchienen, als dieſes ſchon lange wieder zu ſeinem Ruhebette zurück⸗ gekehrt war. Blitzſchnell, wie es gekommen, war es auch ver⸗ ſchwunden. Es fürchtete offenbar bemerkt zu werden. Cäſar fragte ſich verwundert, wer hier eigentlich die Königstochter ſei, die, welche der Kappadocier dafür hielt und ausgab, oder die, welche ſich ſo eben ihm ge⸗ genüber als ſolche bekannt hatte. Wenn er an die Apathie der Braut des Kappado⸗ ciers dachte, die ihm ſchon früher aufgefallen war, und mit dieſer räthſelhaften Gleichgültigkeit die leiden⸗ ſchaftliche Erregtheit des Mädchens verglich, das ihm 10 ſo eben ein unerwartetes Geheimniß ins Ohr gehaucht hatte, ſo neigte er ſich dem Glauben zu, daß er es in der letztern mit der Tochter des Nikomedes zu thun habe. Das bedrängte Mädchen ſollte nicht umſonſt an ſeine Großmuth und Energie appellirt haben. Er wollte Alles verſuchen, es aus ſeiner unglück⸗ lichen Lage, aus den Händen, in die es gefallen war, zu reißen. Dem Kappadocier war ſeine Braut zwar um keinen Preis feil. Wer weiß, dachte Cäſar, ob es deſſen Kameraden mit ihren Bräuten ebenſo genau nehmen! Vielleicht war der Bräutigam der eigentlichen Königs⸗ tochter, der keine Idee davon zu haben ſchien, welcher koſtbare Preis ihm zugefallen war, zu beſtimmen, ſein Anrecht auf dieſelbe aufzugeben. Cäſar hielt ſich in der Nähe der Zelte auf, bis der Pirat, dem das Mädchen, deſſen Bekanntſchaft er ſo eben auf eigenthümliche Art gemacht hatte, tanzgeſättigt zu⸗ rückkehrte. Er ſah erhitzt aus und machte ein finſteres Geſicht, als er ſich von Cäſar angehalten ſah. Cäſar ließ ſich durch die unfreundliche Miene nicht abſchrecken und ſagte: — — —— — 11 „Deine Braut gefällt mir, guter Freund, würdeſt Du ſie mir wohl abtreten?“ Der Pirat maß den jungen Mann, der ihm einen ſo ſonderbaren Antrag ſtellte, vom Kopfe bis zu den Füßen; Zorn und Lachluſt kämpften bei ihm um die Oberhand und die letztere ſiegte. „Du wärſt kein Thor!“ brummte er lachend. „Bedenke, daß es der Mädchen genug gibt!“ nahm Cäſar wieder das Wort.„Seltener aber als Mädchen ſind Beutel mit Seſterzien. Ich biete Dir ein Häuf⸗ lein ſolcher Beutel für Deine Braut!“ Der Pirat ſah nun um Vieles ernſter aus als früher. Der Antrag des jungen Mannes kam ihm nicht mehr ſo komiſch vor. Während er nachdenklich vor ſich hinſah, fuhr Cäſar fort, ihn zu haranguiren. „Bedenke, guter Freund“ ſagte er,„daß der Glücks⸗ rauſch, den uns Frauen bereiten, ein kurzer und vor⸗ übergehender zu ſein pflegt. Dauernd aber blinkt das Gold, und der Genuß, den es uns gewährt, iſt ein reeller. Du wirſt nicht ewig bleiben wollen, was Du biſt, Tage werden kommen, wo es Dir lieblicher ſcheinen wird, in Ruhe auf feſtem Lande zu leben, als ewig auf dem Meere in der Gefahr zu ſchweben, gefangen und gekreuzigt zu werden.“ 12 Die Miene des Piraten ſchien Cäſar Recht zu geben. „Ich biete Dir für das Mädchen hunderttauſend Seſterzien. Mein Diener, der morgen nach Rom geht, das Löſegeld zu holen, wird Dir Goldſtangen im Werthe von hunderttauſend Seſterzien mitbringen. Biſt Du zu⸗ frieden?“ Da der Pirat noch immer mit ſich zu kämpfen ſchien, ſetzte Cäſar noch hinzu: „Und noch eins! Wenn Du einmal den Römern in die Hände fallen ſollteſt, ſo magſt Du Dich zu Dei⸗ nem Glücke erinnern, daß Du einſt mit Cajus Julius Cäſar geſprochen und Gelegenheit gehabt haſt, ihm eine Gefälligkeit zu erweiſen, die er Dir nie vergeſſen wird. Wenn Du ihn in den Tagen der Gefahr anrufſt, wird er Dich vom Tode retten, denn ſein Name gilt etwas in Rom, und nicht ewig wird der Tyrann Sulla in dieſem Rom herrſchen!“ „Die Götter mögen Sulla verderben!“ ſchrie der Pirat.„Ich habe in ſeinem Heere gedient und er hat mich ſchlecht behandelt, ſodaß ich deſertirte und zu den Piraten ging.“ „Du biſt alſo in Rom nicht unbekannt“ rief Cäſar,„und wirſt alſo auch den Namen Cäſar kennen.“ — eh 3 —————— ——— 13 „Wer würde ihn nicht kennen! Aber große Herren vergeſſen leicht! Wer bürgt mir dafür, daß Du Dich nach Jahr und Tag noch des Piraten erinnern wirſt, der Dir ſeine Frau abgetreten hat?“ „Dieſer Ring!“ ſagte Cäſar entſchloſſen, den Ring mit dem Bilde der bewaffneten Venus vom Finger ſtreifend und dem Piraten reichend.„Er iſt mir theuer und ich trenne mich nur ungern von ihm. Er ſoll Dich über Deine ungewiſſe Zukunft beruhigen. Fällſt Du den Römern in die Hände, wie Ihr ihnen wohl über lang oder kurz alle in die Hände fallen werdet, ſo wird dieſer Ring verhindern, daß man mit Dir gleich den übrigen kurzen Proceß macht. Wer immer berufen ſein wird über Dich zu richten, der Ring des Cäſar wird bei ihm Dein Fürſprecher wer⸗ den. Wenn Du ihn bitten wirſt, er möge mir den Ring einhändigen und das gegen Dich gefällte Todes⸗ urtheil ſo lange unvollzogen laſſen, bis ich mich Deiner habe annehmen können, ſo wird er Dir ſicher will⸗ fahren. Und ſollteſt Du den Ring nicht zu Deiner Rettung gebrauchen, ſo ſollſt Du fünfzigtauſend Seſter⸗ zien von mir erhalten, wann und wo Du mir ihn im⸗ mer überreichen magſt!“ Der Pirat nahm den Ring, der Handel war abge⸗ ſchloſſen. 14 Cäſar ſetzte den Kappadocier von demſelben in Kenntniß und dieſer hätte nichts gegen das Geſchäft einzuwenden gehabt, wenn er auch in der Laune ge⸗ weſen wäre, ſich mit etwas Anderem zu beſchäftigen als mit ſeiner Braut und dem Glücke, eine Königstochter ſein zu nennen. Während der Kappadocier mit der vermeintlichen Königstochter koſte, trat Cäſar an das Ruhebett des Mädchens, das er für die wirkliche Tochter des Königs von Bithynien zu halten Grund hatte. Ein Blick voll ängſtlicher Spannung traf ihn, als er mit ſtrahlender Miene eintrat. „Dein Wunſch iſt erfüllt“, ſagte Cäſar leiſe,„ich habe Dich aus der Hand des verhaßten Bräutigams befreit.“ Ein freudiger Aufſchrei des Mädchens beantwortete die Anrede Cäſar's. Aber die Freude hielt nicht lange an, bald kehrte die Angſt wieder und das Mädchen fragte mit ſcheuem Blick: „Wem gehöre ich nun, nachdem ich nicht mehr die Braut des Piraten bin? „Du biſt mein, ich habe Dich Deinem Bräutigam abgekauft.“ „Was willſt Du mit mir machen? Wirſt Du —— 15 großmüthig ſein und mich nach Bithynien zurück⸗ führen?“ „So ſchön und begehrenswerth Du auch biſt, Myrſa“, rief Cäſar mit Wärme, den Ton ſeiner Stimme aber immer vorſichtig dämpfend, damit kein unberufenes Lauſcherohr ſeine Worte vernehme,„ich werde Dich Deinem Vater doch nicht vorenthalten!“ Myrſa richtete einen Blick voll Dankbarkeit auf den jungen Mann, der ihr wohl zu gefallen ſchien. „Du mußt Dir für eine kurze Zeit gefallen laſſen⸗ für meine Sklavin zu gelten“ fuhr Cäſar fort.„Denn wenn der Kappadocier die leiſeſte Ahnung hätte, daß Du des Nikomedes Tochter ſeieſt ſo wäre es um Dich geſchehen und Du ihm verfallen. Ich könnte dann nichts mehr für Dich thun, den er will um jeden Preis eine Königstochter zur Gemahlin haben!“ „Glücklich der Augenblick, in dem mir die Götter den Gedanken eingaben, mit meiner Zofe Rorxane die Rollen zu tauſchen!“ rief Myrſa.„Du wirſt Dich wohl gewundert haben, daß ich mich Dir als die Tochter des Nikomedes vorſtellte, nachdem Dir der Kappadocier geſagt, daß ſeine Braut die Königstochter ſei. Höre, wie das kam. Ein Fürſtenſohn aus dem mit Bithy⸗ nien grenzenden Galatien hatte durch einen Geſandten bei meinem Vater Nikomedes um meine Hand ange⸗ 16 halten. Mein Vater, der ein ſchwacher Mann iſt und mit allen ſeinen Nachbaren gern in Frieden lebt, hatte nicht den Muth, den Geſandten mit einem beſtimmten Nein abzuweiſen, obgleich ihm mein Entſchluß, mich nicht verheirathen zu wollen, wohl bekannt war. Ich erfuhr zufällig, daß der Galatier mit ſtattlichem Ge⸗ folge von Ancyra aufgebrochen und unterwegs ſei, um ſeine Werbung in eigener Perſon und eindringlicher in Nikomedia zu erneuern. In dieſer Bedrängniß faßte ich den Entſchluß, die Götter zu befragen und von ihrer Antwort mein Schickſal abhängig zu machen. An der äußerſten Spitze von Bithynien, bei Daſeilium, hart an der Stelle, wo der Bithynien von Myſien ſcheidende Fluß Rhyndakus ſich in die Propontis er gießt, ſteht auf hohem Berge der Tempel der Göttin, unter deren Schutz meine Mutter in der Nacht meiner Geburt wenige Stunden vor ihrem Tode mein Leben geſtellt. Dorthin wollte ich von Nikomedia pilgern, um der Göttin zu opfern. Mein Vater gab mit ſchwe rem Herzen die Erlaubniß zu dem weiten Opfergange und mit koſtbaren Geſchenken beladen zog ich, von ſechs Zofen begleitet und von hundert Mann aus der Leibwache meines Vaters beſchützt, gegen Daſeilium aus. Ich erreichte glücklich Nicäa und Pruſa, umging, ohne einer Gefahr zu begegnen, die Seen Ascanius Un W 17 und Appolomalis und langte nach vierwöchentlicher Wanderung am Fuße des Tempels der Göttin an. Während ich ihn mit meinem Gefolge von Mädchen erkletterte, blieb meine Schutzwache am Fuße des Ber⸗ ges zurück, deſſen Gipfel der Tempel krönte. Aber welches Entſetzen befiel mich, als ich, oben angelangt, eine Anzahl von Schiffen am Geſtade erblickte, deren Bemannung in der Ausſchiffung begriffen war. Ich er⸗ kannte in den Landenden Seeräuber, welche es ſicherlich auf den Tempel bei Daſeilium abgeſehen hatten. Waren doch erſt einige Wochen verfloſſen, ſeit ſie den Junotempel in Samos und den Cerestempel zu Her⸗ mione ausgeplündert hatten. Jetzt ſtreckten ſie die frevelhafte Hand nach den Schätzen des Tempels aus, der mich eben beherbergte. Meine Verzweiflung war grenzenlos, keine Rettung winkte mir, da hatte ich noch die Geiſtesgegenwart, meine Dienerinnen um mich zu verſammeln und ſie ſchwören zu laſſen, daß ſie die als die Tochter des Nikomedes gelten laſſen wollten, der ich mein Diadem um die Stirne werfen würde. Darauf wählte ich mir die ſchönſte aus, daß ſie meine Rolle ſpiele, während ich mich zu ihrer Sklavin erniedrigte.“ „Du rechneteſt darauf, daß Dich die Piraten nicht kannten?“ warf Cäſar ein. ich mich nicht verrechnet!“ Myrſa cian Herbert, Bis zum Rubicon. II. 2 18 mit dem Kopfe nickend.„Kaum hatte ich mich der Ab⸗ zeichen meiner hervorragenden Stellung begeben, als ich wildes Geſchrei und Waffenlärm hörte.“ „Die Piraten waren mit Deiner Schutzwache in Kampf gerathen?“ fragte Cäſar lebhaft. „In einen Kampf, der leider nur zu bald entſchieden war“, ſagte Myrſa traurig.„Der Piraten waren tau⸗ ſend, meiner Beſchützer hundert und die Tempelwache ſelbſt beſtund nur aus hundert paphlagoniſchen Schleu⸗ derern. Auch dieſe wurden von den den Berg unauf⸗ haltſam hinaufſtürmenden Piraten bald niedergemetzelt und ich fiel mit allen meinen Begleiterinnen den Räu⸗ bern in die Hände. Jetzt zeigte es ſich, wie klug ich gehandelt, daß ich eine Andere mit dem Diadem be⸗ kleidet hatte. Die PViraten, welche ihre Helfershelfer überall auf dem feſten Lande hatten und durch geheim⸗ nißvolle Signale mit ihnen verkehrten, waren in Kennt⸗ niß davon geſetzt, daß ſich die Tochter des Nikomedes nach dem Tempel von Daſeilium begeben habe. Sie wollten zwei Trümpfe zugleich ausſpielen, den Tempel plündern und der Tochter des Königs Nikomedes ſich bemächtigen. Beides gelang ihnen, nur daß mich die Liſt vor dem Unglücke bewahrte, die Braut des Kap⸗ padociers werden zu müſſen. Meine Dienerinnen haben das Geheimniß gewiſſenhaft bewahrt, und wenn ſe Vo bel Cü üb Lm kan ju ſich abe un ger 19 ſie je nach Bithynien znrückkehren ſollten, wird ſie mein Vater für ihre Treue königlich belohnen.“ „Wer weiß, ob ſie ihr gegenwärtiges Schickſal ſo beklagenswerth finden, als Du wohl meinſt!“ ſagte Cäſar.„Sie freien jung und ihre Männer ſind nicht übel, und da dieſe über kurz oder lang von meinen Landsleuten doch gefangen und gekreuzigt werden, ſo kann es geſchehen, daß Deine Dienerinnen noch als jugendliche Wittwen nach Bithynien zurückkehren, um ſich dort zum zweiten Male zu vermählen. Vorläufig aber iſt es mir vorgekommen, als ob ſich jene, welche Deine Rolle zu ſpielen übernommen hat, den wilden und von Dir ſo ſehr verabſcheuten Kappadocier ganz gern als Bräutigam gefallen ließe.“ Zweites Kapitel. Myrſa und Urbilia. Nach der mit Cpidius getroffenen Vereinbarung wollten die Seeräuber die Rückkehr deſſen, den ſie für einen Diener Cäſar's hielten, bei der Inſel Farmakuſa erwarten, wo die Piraten einen ihrer geſchützteſten Zu⸗ fluchts⸗ und Sammelorte hatten. In die Höhlen, welche die ungeheuren Felsvor⸗ ſprünge Farmakuſas bildeten, zogen ſich die Geſchwa⸗ der der Piraten zurück, wenn ſie ſich ihren Verfol⸗ gern gegenüber in der Minderzahl ſahen. Von Farmakuſa gingen die Signale und Befehle nach den verſchiedenſten Richtungen aus und das Ad⸗ miralat der Seeräuber hatte gleichſam in den unzu⸗ gänglichen Schlupfwinkeln dieſer zerklüfteten Inſelgeſtade ſein Hauptquartier aufgeſchlagen. — — im em 50 M Re nn — 21 Anfangs hatten die Piraten Delos zu ihrem Sam⸗ melplatz gewählt. Das war zu der Zeit, wo ſie noch nicht ſo geſchickt waren und zerſtreut operirten. Denn ſchon ſeit langer Zeit hatten die Einwohner derjenigen Inſeln, die unweit der Küſten von Jonien und Karien lagen, die Freibeuterei auf dem Meere ge⸗ trieben; Karthagos Zerſtörung, die Eroberung mancher aſiatiſchen Provinzen und die Zertrümmerung von Griechenlands Freiheit hatte die große Anzahl land⸗ flüchtiger Menſchen noch anſehnlich vermehrt und den ſtreifenden Piratenflotten manchen neuen Schwarm von Vertriebenen zugeſendet. Noth und Mangel, Rachgierde und Kampfluſt ver⸗ einigte Männer, die ein Band der Gleichheit wenigſtens inſofern umſchlang, als ſie nichts mehr zu verlieren hatten. Mit allen Mächten im Krieg, nur unter ſich ſelbſt im Frieden, wuchſen ſie oft zu anſehnlichen Geſchwadern empor und zerſtäubten ebenſo oft wieder zu einzelnen Fahrzeugen. Von Aegyptens, Cyperns und Syriens Königen zuweilen aus Privatabſichten unterſtützt, durchſtreiften ſie die Meere von Cyrene bis Kreta, die Gewäſſer an Griechenlands und Kleinaſiens Küſten, die ſie ihrer 22 Einträglichkeit wegen das goldene Meer zu nennen pflegten. Unter Mithridates Regierung ſtiegen ſie aber vol⸗ lends zu einer gefürchteten Macht heran. Dieſer Fürſt, dem jedes Mittel genehm war, ſo⸗ bald er durch daſſelbe der ihm verhaßten Macht Roms ein Paroli zu biegen vermochte, hatte ſich der Piraten in ſeinen Kriegen mit Erfolg bedient. Als er endlich ſeine aſiatiſchen Beſitzungen aufgeben mußte, traten die aus ſeinen Dienſten entlaſſenen Pi⸗ raten unter ſich ſelbſt in eine Verbindung, die nun nicht mehr für eine bloße vorübergehende Zuſammen⸗ rottung angeſehen werden konnte. Faſt alle Eilande des Aegäiſchen Meeres, der größte Theil von Pamphilien und Pontus, von Rhodus und Cypern wurden Mitglieder dieſes Bundes. Man faßte ſie nunmehr unter dem Geſammt⸗ namen Cilicier zuſammen; denn Ciliciens klippen⸗ volle Küſte, wo das Taurusgebirge ſich in ſteilem Kettenzuge bis zum Meere hin erſtreckt, bot ihnen willkommene Zufluchtsſtätten, wenn es ſich um mo⸗ mentane Flucht oder bequeme Theilung der Beute handelte. Von Cilicien aus durchſtrichen ſie die weſtlichen Meere bis gegen Spanien hin, plünderten Knidos, Kol Gr ein Af me ge zu i N 9 . 23 Kolophon, Samos und andere reiche Städte und raubten Griechenlands und Aſiens ſchönſte Tempel aus. Die Römer ſahen ſich von ihnen nicht nur auf einzelnen Schiffen angegriffen, ſondern Siciliens und Afrikas Kornflotten wurden oft von ihnen weggenom⸗ men, die wichtigſten Häfen durch ganze Geſchwader geſperrt, alle Handelszweige vernichtet, die Meere ſelbſt zur Winterszeit unſicher gemacht. Nicht blos an den Küſten Italiens landeten ſie, ſogar in die Mündung des Tiber liefen ſie ein, über⸗ fielen die Villen der reichen Patricier, raubten edle Männer und Weiber, überwanden den gegen ſie aus⸗ geſchickten Prätor Bellienus und ſtürzten ihn ins Meer. Es iſt Nacht und die Schiffe des Kappadociers ha⸗ ben bei Farmakuſa beigelegt, deſſen unheimliche Grot⸗ tenvorſprünge grelles rothes Fackellicht beleuchtet. Auf dem Verdecke liegt Cäſar auf koſtbaren Tep⸗ pichen zu den Füßen Myrſa's und lieſt dem ſchönen Mädchen, das er dem Seeräuber abgekauft, ein Ge⸗ dicht in griechiſcher Sprache vor, in welchem er Her⸗ cules feierte. Als er von Myrſa's üppigen Lippen reichliches Lob für die wohlklingenden Verſe geerntet hatte, decla⸗ mirte er einige Scenen aus einem Trauerſpiele, welches Dedipus zum Helden hatte und von ihm während ſei⸗ ner Gefangenſchaft verfaßt worden war, die nun ſchon vierzehn Tage dauerte und ihm weit langweiliger vor⸗ gekommen wäre, wenn er nicht zuweilen in Myrſa's wundervolle blaue Augen hätte blicken können. Wer konnte es ihm verargen, wenn er, wo ihm zwei ſo ſchöne Augen in nächſter Nähe glänzten, nur ſelten an ſeine Gemahlin Cornelia und an ſeine Ge⸗ liebte Urbilia dachte? Je wilder und ungeſchlachter die Barbaren waren, in deren Gewalt er ſich befand, einen deſto wohlthäti⸗ gern Eindruck mußte das ſanfte, einnehmende Weſen Myrſa's auf ihn machen, die das, was er an ihr ge⸗ than, ſowie die tauſend Aufmerkſamkeiten, in denen er ſich täglich gegen ſie erſchöpfte, durch zarte Dankbar⸗ keit vergalt, in deren Kundgebungen das Wohlgefallen, das ſie an ihrem ſchönen und ritterlichen Retter em⸗ pfand, bald genug bemerkbar hervortrat. Während Cäſar die Königstochter durch den melo⸗ diſchen Vortrag ſeiner Verſe zu ergötzen ſuchte, hatten ſich einige von den Leuten des Kappadociers um ihn geſammelt und lauſchten mit Aufmerkſamkeit dem Fluſſe ſeiner Rede. Sie verſtanden nicht viel von dem, was er ſagte, aber die einſchmeichelnde Art ſeines Vortrags gefiel ihnen un⸗ willkürlich. ⸗ 2 jene redtſ dam er d daß Geſt Par Ohr drol her hibt wac luf will ie Py det ſör n————— r 25 Denn hatte Cäſar es auch nicht ſo gemacht wie jene römiſchen Redner, welche, als ſie ſich in der Be⸗ redtſamkeit übten, einen Flötenſpieler neben ſich hatten, damit er ihnen ſtets den rechten Ton angebe, ſo ſprach er doch ſehr ſchön und mit ſo angenehmer Modulation, daß man ihm gern zuhörte. Er ſelbſt fand jedoch an ſeinem Zuhörerkreiſe wenig Geſchmack, und als er ſah, daß eine ganze Gruppe von Barbaren auf ſeine ausſchließlich für Myrſa's zartes Ohr berechneten Worte lauſchte, wandte er ſich mit drohender Miene an die unberufenen Zuhörer und herrſchte ihnen zu: „Was lungert Ihr da, Ihr Dummköpfe? Für Euch gibt es kein Griechiſch, für Euch ſind keine Verſe ge⸗ wachſen! Wenn ich ein Buch über die Wahrſagekunſt, auf die Ihr ſo viel haltet, verfaßt haben werde, dann will ich Euch rufen und Euch etwas daraus vorleſen! Vielleicht findet Ihr dann auch in der Abhandlung die Prophezeiung, daß Ihr einmal noch alle hängen wer⸗ det! Einſtweilen packt Euch, Ihr Halbmenſchen, und ſtört mich nicht! Opfert lieber Euren Göttern, damit ſie recht viele Waldbrände ſchicken, vielleicht bleibt dann kein Holz übrig für die Kreuze, an welche Ihr geſchla⸗ gen zu werden verdient!“ Die Piraten lachten und zogen ſich zurück. Sie nahmen dem vornehmen Gefangenen die Droh⸗ worte nicht übel, denn ſie fürchteten die Kreuze nicht und fühlten ſich ganz ſicher auf ihren Schiffen. „Dieſe Halbmenſchen glauben feſt, daß das Holz, an welches ſie genagelt werden ſollen, noch im Safte ſtehe!“ grollte Cäſar den ſich gleichmüthig Entfernenden nach und wandte ſich dann im vertraulichen Flüſtertone zu Myrſa, indem er ſagte: „Du kannſt mir nicht glauben, wie ich das Leben unter dieſen verthierten Menſchen ſatt habe! Schade um jede Stunde, die ich unter ihnen zubringen muß. Ich gäbe etwas darum, wenn ich Epidius, deſſen Rück⸗ kehr möglicherweiſe erſt in drei, vier Wochen erfolgen dürfte, nicht erwarten müßte. Ich ſchmeichle mir immer mit dem Gedanken, daß uns ein unerwarteter Glücksfall die Bahn früher freimacht. Haſt Du Gelegenheit gehabt, mit Deinen Zofen zu ſprechen, Myrſa?“ „Sie befolgen den Wink, den ich ihnen gegeben, und werden nicht müde, ihren Männern die Herrlich⸗ keiten und Reichthümer Bithyniens zu preiſen!“ ent⸗ gegnete Myrſa. „Wenn ſie ihnen unausgeſetzt das ſchöne Lied von den Fleiſchtöpfen Bithyniens vorſingen, ſo machen ſie ſie nach und nach geneigt, das gelobte Land kennen zu leme und Mun Bith ſie wel wu ſchi gen bre wo 27 lernen“ meinte Cäſar.„Begünſtigt uns der Zufall und ſind wir einmal in der Lage, ihnen durch den Mund ihrer Frauen das lockende Wort: Auf nach Bithynien! zuzurufen, ſo haben wir ſie und können auf ſie rechnen.“ Während Cäſar ſich in Hoffnungen wiegte, für welche vorläufig eigentlich noch jede Grundlage fehlte, wurde durch Lichtſignale die Ankunft eines Piraten⸗ ſchiffs angekündigt. Daſſelbe hatte reiche Beute und viele Gefangene gemacht, welche es nach Farmakuſa in Sicherheit brachte. Die Neugierde trieb Cäſar, der Ausſchiffung beizu⸗ wohnen, da das Schiff Beute und Gefangene an den Kappadocier abgab, um bald darauf wieder auf einen neuen Raubzug in die See zu ſtechen. Cäſar war nicht wenig erſtaunt, als er unter den Perſonen, welche dem Kappadocier zur Aufbewahrung übergeben wurden, Urbilia erkannte. Er näherte ſich ihr und gab ſich ihr zu erkennen. Sie richtete einen ſcheuen Blick auf ihn, denn ihr Vertrauen zu ihm hatte einen harten Stoß erlitten, ſeit er ſie in den ſabiniſchen Bergen rath⸗ und hülflos zurückgelaſſen hatte. Wohl hatte ſie damals den Brief erhalten, den 28 er bei den Leuten, die ihn zuletzt beherbergt hatten, für ſie zurückgelaſſen hatte. Aber ſie konnte ihm doch die Herzloſigkeit nicht vergeſſen, mit der er ſie gerade in dem Augenblick ſich ſelbſt überlaſſen hatte, wo ſie hingegangen war, um die Veſtalinnen zu ſeiner Rettung aufzurufen. Wenn ſie einen andern Ausweg gewußt hätte, ſo würde ſie das in dem Briefe an ſie gerichtete An⸗ ſinnen, ſich in Cornelia's Schutz zu begeben, zurückge⸗ wieſen haben. Da ſie ſich jedoch ſcheute, zu ihrem Vater zurückzu⸗ kehren und nicht ziel- und mittellos im Lande umher⸗ ſtreifen konnte, ſo mußte ſie ſich wohl oder übel ent⸗ ſchließen, das Aſyl aufzuſuchen, auf welches ſie Cäſar etwas ungroßmüthig verwieſen hatte. Mit beklommenem Herzen ging ſie, Cornelia auf⸗ zuſuchen, welche ſich damals auf ihrer Villa bei Antium, hart am Meere, aufhielt. Cornelia hatte ſich auf dieſe Beſitzung zurückgezogen, weil ſie die Rückkehr ihres Bruders Einna aus Spanien erwartete. Einna hatte ſich anfänglich dem alten Kriegskame⸗ raden ſeines Vaters Sertorius angeſchloſſen, der in Spanien noch immer gegen Sulla's Heere heldenmüthig kämpfte. — c ein e 1 k 3 6 29 In der letzten Zeit jedoch hatte dem jungen Manne ein ernſtes Zerwürfniß mit Sertorius die Rückkehr in die Heimat wünſchenswerth erſcheinen laſſen und er hatte ſich brieflich an ſeine Schweſter gewandt, damit ſie das Terrain in Rom ſondire. Cornelia hatte dieſes natürlich den Plänen ihres Bruders höchſt ungünſtig gefunden. Von Sulla's Großmuth war nicht viel zu hoffen und ſo mußte ſie denn gleichzeitig für den Gatten und für den Bruder zittern. Da ihr der letztere mitgetheilt hatte, daß ſeine Stellung in Spanien vollkommen unhaltbar geworden ſei und er auf jede Gefahr hin zurückkehren wolle, ſo hatte ſie ſich, kurz nach ihrem Beſuche in Catilina's Villa bei Eretum, auf ihr am Meeresgeſtade bei An⸗ tium gelegenes Gut begeben und ihren Bruder wiſſen laſſen, daß er bei Antium landen möge, wo ſie ihn ſo lange zu verbergen ſuchen werde, bis ſie Freunde ge⸗ funden haben würde, die ſich ſeiner bei Sulla mit Er⸗ folg anzunehmen in der Lage wären. An dem Tage, an welchem Urbilia in Cornelia's Villa angekommen war, hatte ſich Cornelia nach der einige Stunden von der Villa entfernten Stelle begeben, bei welcher ihr Bruder Einna nach derzwiſchen ihnen getroffe⸗ nen Vereinbarung ſeine Landung bewerkſtelligen wollte. ——— 30 Während Urbilia die Abweſende erwartete, landeten die Piraten bei Antium und überfielen die am Meeres⸗ ſtrande gelegenen Landhäuſer, darunter auch jenes Cor⸗ nelia's. Sie ſchleppten Alles mit ſich fort, was in ihre Hände fiel, und als Cornelia am Abend mit ihren Bruder, der ſeine Landung glücklich bewerkſtelligt hatte, in ihr Landhaus zurückkehrte, fand ſie daſſelbe voll⸗ ſtändig ausgeraubt und den Arzt und die geſammte Dienerſchaft entführt. Davon, daß Urbilia ſie erwartet hatte und in die Hände der Räuber gefallen war, hatte ſie nicht einmal eine Ahnung, da die Piraten Niemand von den Hausbewohnern zurückgelaſſen hatten, welcher der Ge⸗ bieterin die Einzelnheiten des Vorgefallenen hätte hin⸗ terbringen können. wel ſei, zun nic —— Drittes Kapitel. Eine Falle. Sobald Cäſar von Urbilia erfahren hatte, auf welche Art ſie in die Gewalt der Piraten gekommen ſei, ging er daran, die Perſonen aufzuſuchen, welche zum Gefolge ſeiner Gemahlin gehörten. Dieſe waren außerordentlich erfreut, als ſie Cäſar er blickten, und ſtellten ſich zu ſeiner Verfügung. „Jetzt werde ich bald frei ſein!“ rief Cäſar. h werdet ans Land geſetzt werden und von den Provinz⸗ ſtädten das Löſegeld für mich eintreiben. Ich will es nicht einmal als Geſchenk haben, es ſoll ihnen ſpäter bis auf den letzten Seſterz zurückgezahlt werden.“ Die römiſchen Ritter und Senatoren hatten nämlich das Recht, wenn ſie in Gefangenſchaft gerathen waren, von den Provinzſtädten und Bundesgenoſſen ihre Los⸗ 32 kaufung geradezu, nicht etwa als eine Gefälligkeit, ſon⸗ dern als eine Schuldigkeit zu fordern. So hatte vor kurzem P. Clodius in einem ganz gleichen Falle zum König Ptolemäus von Cypern geſchickt, und die Sparſamkeit, die dieſer Fürſt bei dieſer Gelegenheit bewies, hatte ihm ſein Königreich gekoſtet. Cäſar machte nun dem Kappadocier den Antrag, daß er ihm das Löſegeld binnen drei Tagen ſchaffen wolle, wenn er geſtatte, daß der Arzt ſeiner Gemahlin mit einigen Dienern ans Land gehe und die Bürger von Milet begrüße, welches nur wenige Stunden von Farmakuſa entfernt war. Es war übrigens nicht blos der Wunſch, möglichſt bald die Freiheit zu erlangen, welcher Cäſar antrieb, dem Kappadocier dieſes Anſinnen zu ſtellen. Er wollte auch ein Zuſammentreffen Urbilia's mit ihrem Vater verhindern, welches unvermeidlich eintreten mußte, wenn er ſo lange bei den Piraten blieb, bis Epidius mit dem Löſegelde von Rom eintraf. Cäſar fand den Kappadocier geneigt, auf ſeinen Vorſchlag einzugehen, und auch bereit, ihm Urbilia für ein Löſegeld von zwanzigtauſend Seſterzien abzu⸗ treten. Der Arzt hatte daher von den Bürgern von Milet dreih welch Cüſa und 33 dreihundertzwanzigtauſend Seſterzien zu beſchaffen, von welcher Summe zweihunderttauſend das Löſegeld für Cäſar, hunderttauſend das Abſtandsgeld für Myrſa und zwanzigtauſend das Löſegeld für Urbilia reprä⸗ ſentirten. „Wenn Du das Geld bringſt, ſo bringe auch eine Ladung köſtlicher Gerichte!“ ſagte Cäſar zu dem Arzte; „wir wollen unſere guten Freunde, die Piraten, bewir⸗ then, ſpäter hängen wir ſie doch!“ Als der Arzt das mit vier Ruderern bemannte Schiff, das ihn nach Milet bringen ſollte, bereits zu beſteigen im Begriff war, flüſterte ihm Cäſar noch zu: „Sorge auch für einen ausgiebigen Schlaftrunk. Dieſe Halbmenſchen ſollen Cäſar kennen lernen!“ Es ſchienen geheimnißvolle Pläne zu ſein, welche Cäſar verfolgte. Wenn er ſie aber ausführen wollte, ſo war Epidius in Lebensgefahr. Cäſar mußte daher verhindern, daß Epidius in die Falle ging. Bei des letztern Abreiſe war ausgemacht worden, daß derſelbe, nachdem er das Löſegeld in Rom aufge⸗ trieben, mit ſeinem Begleiter zu Lande bis Rhegium reiſen ſollte, wo ſie ein Ruderſchiff erwarten und nach Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. IM. 3 34 Farmakuſa bringen ſollte, wohin ſich der Kappadocier mit ſeinem kleinen Geſchwader begeben wollte. Cäſar wandte ſich an den Kappadocier mit dem Erſuchen, Epidius in Rhegium durch einen Vertrauten verſtändigen zu laſſen, daß er ihn und das Löſegeld nicht weiter brauche. „Du erhältſt das Löſegeld aus Milet“ ſagte Cäſar, „und ich ſetze ſofort meine Reiſe nach Bithynien fort. Meinen Diener Epidius kann ich in der nächſten Zeit entbehren, weil ich die Diener meiner Gemahlin mit⸗ nehme, die ſich jetzt in Deiner Gefangenſchaft befin⸗ den. Ich hoffe, Du läßt ſie mit mir ziehen, nach⸗ dem ich Dir für meine Perſon ein doppelt ſo hohes Löſegeld in Ausſicht geſtellt habe, als Du ſelbſt ver⸗ langt haſt!“ „Sie mögen mit Dir gehen!“ entſchied der Kappa⸗ docier.„Und da Du mir das Löſegeld von Milet be⸗ ſchaffſt, ſo mag Dein Diener das Geld behalten, welches er von Rom geholt hat, und zuſehen, wie er auf eigene Hand nach Bithynien kommt. Das Schiff, welches ſo eben die Beute und die Gefangenen von Antium nach Farmakuſa gebracht hat, ſegelt morgen nach Rhegium. Dort hätte es Deinen Diener mit ſeinem Begleiter aufnehmen ſollen. Jetzt werde ich dem letztern durch den Kapitän ſagen laſſen, daß er Deinen Diener jneig fung Die ſoll“ die d. Mi ſein ben tr Au un jet hol 35 freigeben möge, da Du anderweitig für die Beſchaf⸗ fung des Löſegeldes geſorgt hätteſt.“ „Ich werde dem Kapitän einen Brief für meinen Diener mitgeben, der ihm den Sachverhalt aufklären ſoll“ ſagte Cäſar. „Ich habe nichts dagegen“, ſchloß der Kappadocier die Unterhaltung. Nachdem Cäſar den Brief an Epidius in ſo vor⸗ ſichtigen Ausdrücken abgefaßt hatte, daß es nichts auf ſich hatte, wenn ihn auch der Kappadocier erbrach, um den Inhalt der Mittheilung zu erfahren, begab er ſich zu Myrſa und flüſterte ihr zu: „Der Augenblick, auf den ich gerechnet habe, iſt da. Mit dem Löſegelde werden köſtliche Speiſen von Milet kommen und ich werde dem Kappadocier mit ſeinen Leuten ein Gaſtmahl anbieten. Wenn dieſelben benebelt ſein werden, wird mein Arzt einen Schlaf⸗ trunk in den Wein miſchen. Sobald den Leuten die Augen zufallen, machen wir uns über ſie her, knebeln und binden ſie und beſteigen das Ruderſchiff, welches jetzt unterwegs nach Milet iſt, um das Löſegeld zu holen.“ „Wird man von den übrigen Schiffen nicht unſere Flucht gewahren?“ warf Myrſa ängſtlich ein. „Wenn die Männer Deiner Zofen gemeinſchaft⸗ 3* 36 liche Sache mit uns machen, ſo bin ich über den Ausgang unbeſorgt“ meinte Cäſar. „Ich glaube, daß wir ihrer Mitwirkung ſicher ſein können“, ſagte Myrſa.„Niſa, die ſchlaueſte meiner Zofen, hat mir erſt vor wenigen Minuten zugeflüſtert, daß ihr Mann entſchloſſen ſei, bei der erſten Gelegenheit mit ihr nach Bithynien zu fliehen, wo ſie ihm eine ſorgenloſe und ehrenvolle Zukunft vorgegaukelt hat, während ihn hier doch nur der Tod erwartet, ſei es im Kampfe, ſei es in ſchmäh⸗ licher Gefangenſchaft. Denn nicht ewig kann die Herr⸗ ſchaft der Piraten dauern, und je übermüthiger ſie es treiben, deſto eher wird ſie ihr Verhängniß er⸗ reichen. Niſa hat ihren Mann beſtimmt, dies auch ſeinen Kameraden vorzuſtellen. Wenn Du ihnen in dem Augenblick, wo Du ſie brauchſt, eine reiche Beloh⸗ nung als Preis für ihren Uebertritt in Ausſicht ſtellſt, ſo ſind ſie Dein!“ „Die Stellung des Schiffs begünſtigt uns auch“, bemerkte Cäſar.„Das Schiff des Kappadociers liegt ſo vor Anker, daß es der offenen See am nächſten iſt und wir dieſe erreichen können, ohne an den übrigen Schiffen vorbei zu müſſen. Das Ruderſchiff wird uns raſch von hinnen tragen, wenn die kräftigen Fäuſte der Männer Deiner Zofen die Ruder führen. Wir bef mi Se au g 37 ſind unſer nicht zu viele für das Schiff; Du und ich—“ „Meine ſechs Zofen, Dein Arzt und Deine Diener und die fünf Ruderer“ zählte Myrſa. „Und ein Mädchen, gegen welches ich Verpflichtun⸗ gen habe“ ergänzte Cäſar zögernd.„Urbilia heißt ſie, ein Zufall hat ſie mir unerwartet wieder zugeführt; ſie hat mir vor kurzem, als ich unſtät und flüchtig umherirrte, weſentliche Dienſte geleiſtet.“ „Du liebſt ſie?“ fragte Myrſa raſch und ſah Cäſar forſchend an. „Ich bin ihr gut“, ſagte dieſer nicht ohne eine ge⸗ wiſſe Verlegenheit.„Ehe ich Dich kennen lernte, liebte ich ſie.“ Myrſa ſchien durch dieſe Antwort nicht vollkommen befriedigt worden zu ſein, ſagte jedoch: „Das Mädchen mag mit uns gehen. Wenn Dir da⸗ mit ein Gefallen geſchieht, ſo will ich ſie unter meinen Schutz nehmen und ſie als meine Freundin behandeln.“ „Du haſt das edelſte Herz, Myrſa!“ rief Cäſar in aufrichtiger Freude, da ihm ein Stein vom Herzen gefallen war. Er hatte es nicht gewagt, Myrſa um das zu er⸗ ſuchen, was ſie jetzt ſelbſt in einer Anwandlung von Großmuth anbot, und doch lag darin die einzige Mög⸗ 38 lichkeit, Urbilia's Stellung in Bithynien haltbar zu machen, ihre Lage angenehm zu geſtalten und einen Geſichtspunkt zu finden, von welchem aus man Epi⸗ dius, wenn er nach Bithynien kommen ſollte, die An⸗ weſenheit ſeiner Tochter daſelbſt in einem plauſiblen Lichte erſcheinen laſſen konnte. Hatte ſich Myrſa erſt Urbilia's angenommen, ſo war es ein Leichtes, ſie in die weitere Sachlage, ſo⸗ weit man dies eben wollte, einzuweihen und ſie zu beſtimmen, Epidius durch ein Märchen zu täuſchen. In einer ſo abenteuerlichen Zeit, wo Epidius eben ſelbſt eine Entführung auf dem Meere beſtanden hatte, mußte es ihm ganz glaublich erſcheinen, wenn man ihm ſagte, daß Urbilia am Tage des Pompejaniſchen Triumphs entführt und auf ein Schiff geſchleppt worden, welches Piraten gehörte und einem bithyni⸗ ſchen Geſchwader in die Hände fiel, das die Gefange⸗ nen befreite und nach Nikomedia brachte, wo Urbilia die Aufmerkſamkeit der Königstochter erregte, die ſich ihrer wohlwollend annahm. Cäſar hatte von dem Arzte ſeiner Gemahlin und von Urbilia erfahren, daß Sulla die Acht, die er über ihn verhängt hatte, auf Fürbitte der Veſtalinnen auf⸗ gehoben habe. Hatte dieſer Gnadenact für ihn auch in einem 39 Augenblicke, wo er auf einem Boden ſtand, auf wel⸗ chem Sulla's Macht nichts galt, nur eine untergeord⸗ nete Bedeutung, ſo wußte er doch, daß er ihn nur der Intervention Urbilia's zu verdanken habe, welche das Intereſſe der Veſtalinnen für ihn und ſein Schickſal rege gemacht hatte. Dieſer neuerliche Beweis von Urbilia's Liebe rührte ihn und war ihm ein Sporn, der Zukunft Urbilia's eine möglichſt gute Wendung zu geben, da er ſich ſagen mußte, daß es nur ihr Unglück beſiegeln hieße, wenn er ihre Leidenſchaft für ihn wach hielt, nachdem ſein Gefühl für ſie durch Myrſa's Dazwiſchentreten eine unleugbare Abkühlung erfahren hatte. Hätte nicht ein tiefes Intereſſe Cäſar an Myrſa gefeſſelt, ſo hätte er ſich wahrſcheinlich entſchloſſen, jetzt nach Rom zurückzukehren, da ihm dort keine Ge⸗ fahr mehr drohte. So aber war es nicht blos eine Ehrenpflicht, welche ihn antrieb, die durch ihn befreite Myrſa ihrem könig⸗ lichen Vater zuzuführen, ſondern es wäre ihm auch peinlich geweſen, ſich gerade jetzt von Myrſa zu tren⸗ nen, wo ihm die verlockende Ausſicht winkte, nachhal⸗ tigen Eindruck auf das Herz des ſchönen Mädchens zu machen. Die Begnadigung kam Cäſar wenigſtens inſofern 40 zu gute, als er es, wenn dieſelbe mittlerweile nicht er⸗ folgt wäre, nicht gewagt hätte, von Milet das Löſe⸗ geld zu verlangen. Dem Geächteten hätten die Mileter daſſelbe ſchon aus Connivenz für Sulla ſicherlich verweigert. Cäſar fand einen Augenblick, wo er Urbilia an⸗ deuten konnte, was er im Schilde führe und wie er ſpeciell für ſie geſorgt habe. Sie ließ in ihrer Paſſivität Alles mit ſich geſchehen, und empfand ſie es auch ſchmerzlich, daß ſie Cäſar's Liebe ſo gut wie verloren habe, ſo tröſtete ſie ſich doch in ihrem Schmerze mit der Ausſicht, in Nikomedia ein angenehmes, glänzendes Leben führen zu können. Die alte Vorliebe für Pracht und Wohlleben, die ſich ſchon im väterlichen Hauſe bei ihr bemerkbar ge⸗ macht und ſpäter nur in der alles Andere zurück⸗ drängenden Liebe zu Cäſar ein Gegengewicht gefunden hatte, regte ſich wieder bei ihr und die Herrlichkeiten, die ihrer an der Seite der Königstochter in der bithy⸗ niſchen Hauptſtadt warteten, entſchädigten ſie einiger⸗ maßen für den Verluſt der Liebe Cäſar's. Es dauerte keine drei Tage, ſo waren die Abge⸗ ſandten Cäſar's mit dem Löſegelde da und der Kappa⸗ docier ſowie der Cilicier, dem Cäſar Myrſa abgekauft hatte, befriedigt. dem fall das ſie zal 41 Der Kappadocier ließ es ſich gern gefallen, daß Cäſar ihn und ſeine Leute bewirthete, und die Zofe Niſa hatte ihrer Herrin hinterbracht, daß die Gatten ihrer Gefährtinnen bereit ſeien, ſich von dem Kappa⸗ docier zu trennen und ihren Frauen nach Bithynien zu folgen. „Das Glück iſt mit uns!“ ſagte Cäſar, indem er dem Arzte einen Wink gab, ſeinen Schlaftrunk bereit zu halten.„Die Dummköpfe, die in die Schlinge ge⸗ fallen ſind, die ich ihnen gelegt habe, ſollen ſich um das Löſegeld geprellt ſehen. Nicht einen Deut ſollen ſie bekommen; die einzige Münze, in der wir ſie be⸗ zahlen wollen, ſei das Hohnlachen!“ Als der Kappadocier von dem ſchweren Weine, den ihm Cäſar hatte credenzen laſſen, betäubt war und ſeine Leute ihrer Sinne nur noch halb mächtig waren, ſpielte der Arzt den letzten Trumpf aus und miſchte den raſch wirkenden Schlaftrunk in die Pokale. Dieſe gingen noch eine Stunde von der Hand zum Munde, dann wurde es ſtill auf dem Verdecke, auf welchem es noch vor kurzem ſo laut und luſtig herge⸗ gangen war. Jetzt hielt Cäſar den rechten Augenblick für gekom⸗ men und rief den fünf Ciliciern, die ſich von ihren Frauen zur Flucht hatten überreden laſſen und neben 42 Cäſar's Leuten die einzigen waren, die ihre Nüchternheit bewahrt hatten, zu: „Auf! Wer mit Cäſar geht, der mag ſich das Geld des Kappadociers nehmen! Bindet den Kappa⸗ docier und werft ihn mit einem Knebel im Munde in den untern Schiffsraum! Mit ſeinen Leuten thut daſſelbe!“ Die fünf Cilicier ließen ſich das nicht zweimal ſagen, warfen ſich auf den Kappadocier, nahmen ihm die zweimalhunderttauſend Seſterzien ab, die er vor wenigen Stunden in Goldſtangen als Löſegeld erhalten hatte, und machten ihn wehrlos. Dann ſtürzten ſie ſich, von den Leuten Cäſar's und den Zofen Myrſa's unterſtützt, auf die übrigen Schlä⸗ fer, und in wenigen Minuten war Alles, was auf dem Schiffe hätte Widerſtand leiſten können, gebunden und geknebelt. Cäſar hatte inzwiſchen das kleine Ruderſchiff, dem ſie ſich anvertrauen wollten, flott gemacht, wobei ihm Myrſa und Urbilia behülflich waren. Die übrigen Gefangenen hatte der Kappadocier ſchon vor einigen Tagen, um ſein Schiff nicht zu ſehr mit Menſchen anzufüllen, an die übrigen Schiffe ſeines Geſchwaders abgegeben. In der nächſten Stunde verließ das uderſ ſchiff, von etwa trug Str 43 von den kräftigen Ciliciern in Bewegung geſetzt, die Höhlen von Farmakuſa, ohne daß die übrigen Schiffe etwas davon merkten. Der Wind war dem kleinen S das Cäſar trug, günſtig, es konnte in drei, vier Tagen die Strecke zwiſchen Milet und Nikomedia zurücklegen. —— Viertes Kapitel. Am Hofe eines aſiatiſchen Königs. Im Königsſchloſſe zu Nikomedia geht es hoch her. Die Tafeln brechen faſt unter der Laſt der Schüſ⸗ ſeln, die Muſik ſpielt heitere Weiſen, um ſo finſterer aber ſchaut der Mann darein, der in einer Ecke des Saals kettenbelaſtet in einem eiſernen Käfig kauert. Der Mann hinter den eiſernen Gitterſtäben iſt der Kappadocier. Er hatte ſich vermeſſen, eine Königstochter freien zu wollen, er muß nun zuſehen, wie die Königstochter an der Seite Cäſar's, dem ſie ihre Befreiung zu dan⸗ ken hat, ſüßen Falerner ſchlürft. An ſeinem engen Gefängniß vorbei, in welchem er ſich kaum umdrehen kann, huſchen lautloſen Schrittes die Diener hin und tragen die Weinkrüge den Ciliciern zu, welche ſonſt dem Kappadocier gehorcht hatten. 45 Heute ſind ſie Gäſte des Königs von Bithynien und werden an einer eigenen Tafel bedient; neben ihnen ſitzen ihre Frauen und lachen und ſchäkern mit ihnen. Sie iſt auch darunter, welche der Kappadocier für die Königstocher hielt und auf den Glauben hin, daß ſie des Nikomedes von Bithynien Tochter ſei, zu ſeiner Frau machte. Sie hat es ihm nie verziehen, daß er ſie nur darum zum Weibe nahm, weil er ſie für eine Königs tochter hielt, und höhnt ſie ihn auch nicht wie die andern, ſo bekennt ſie ſich doch auch nicht zu ihm. Vor vierzehn Tagen hatte der Kappadocier noch bei Farmakuſa gelegen und Feuer und Flammen gegen Cäſar geſpien, der ihm mit dem Löſegelde durchgegan⸗ gen war und die Frauen entführt hatte. Er wollte ſein Müthchen an Milet kühlen, weil er glaubte, daß die Mileter mit Cäſar gemeinſchaftliche Sache gemacht und den letztern bei der Ausführung ſeiner Pläne unterſtützt hätten. Aber die Mileter waren auf ihrer Hut, und wäh⸗ rend der Kappadocier noch vor der Stadt kreuzte, auf den Augenblick lauernd, wo er über ſie herfallen könnte, raffte Cäſar in Nikomedia ſchon eine Hand voll Schiffe zuſammen, mit denen er über den Kappadocier herfallen wollte. 46 Er hatte es ihm und ſeinen Leuten oft verſprochen, daß er ſie noch alle ans Kreuz nageln laſſen wollte, und er wollte ſein Wort raſch löſen. Kaum hatte er den König von der Sorge um ſein Kind befreit, daſſelbe unverſehrt in ſeine Arme gelegt und die Cilicier, die ihm bei der Flucht behülflich geweſen waren, dem Wohlwollen des Kö⸗ nigs empfohlen, als er auch ſchon mit dem in aller Eile zuſammengerafften Geſchwader gegen Farmakuſa aufbrach, wo er den Kappadocier noch anzutreffen hoffte. Um ihm kräftiger beikommen zu können, ſchickte er Eilboten auf dem Landwege nach Milet, um die Mi⸗ leter von ſeiner bevorſtehenden Ankunft zu benachrich⸗ tigen und ſie aufzufordern, auf ein beſtimmtes Signal mit ihren Schiffen zu ihm zu ſtoßen. Es verſtand ſich von ſelbſt, daß die Mileter ſich dies nicht zweimal ſagen ließen, da ſie ſelbſt das größte Intereſſe dabei hatten, die Piraten zu züchtigen und unſchädlich zu machen. Zudem waren ſie verpflichtet, auf Verlangen der Römer zu jeder Stunde eine gewiſſe Anzahl Schiffe in See ſtechen zu laſſen. Während der Kappadocier ſich noch mit der Hoff⸗ nung trug, die Mileter ſeinen Grimm fühlen zu laſſen, ſch mil kuſe Vo Mi geſ ihn . ſah er ſich plötzlich von der vereinten bithyniſchen und miletiſchen Flotte angegriffen. Er hätte ſich vielleicht in die Grotten von Farma⸗ kuſa zurückziehen und, auf die dort aufgeſtapelten Vorräthe geſtützt, Succurs abwarten können, aber die Mileter legten ſich gleich im Anfang des Gefechts ſo geſchickt zwiſchen ſeine Schiffe und die Inſel, daß ſie ihm den Rückzug abſchnitten. Er mußte ſich nach hartnäckigem Widerſtande ergeben. Cäſar brachte die Gefangenen nach Pergamus und forderte den Prätor Junius Silanus, der damals Kleinaſien im Namen Roms verwaltete, auf, ſtrenges Gericht über ſie zu halten. Silanus war aber ein geiziger Mann und die an⸗ ſehnliche Beute reizte ſeine Habgier. Mit froſtigen, zweideutigen Mienen antwortete er dem feurigen Cäſar, er wolle auf Beſtrafung der Verbrecher bei Gelegenheit bedacht ſein, Cäſar möge ſie nur mit ihren Schätzen ans Land bringen laſſen und ihm übergeben. Cäſar verſtand den Geizhals. Ueberzeugt, daß der Prätor die Gefangenen nicht mit dem Tode beſtrafen, ſondern verkaufen und ſich überdem durch das, was ihnen einſt gehört, bereichern werde, ließ er mit keinem Blicke oder Worte ſeine Empfindlichkeit merken. 48 Er ging zu Schiff, machte aus den den Piraten abgenommenen Schätzen zwei Theile und forderte dann die Mileter auf, zuzugreifen, ſich den einen Theil an⸗ zueignen und dann die Schiffe der Heimat zuzuwenden. Er ſelbſt behielt für ſeine bithyniſchen Freunde die zweite Hälfte der Beute und verließ noch in derſelben Stunde mit dem bithyniſchen Geſchwader Pergamus, dem habſüchtigen Prätor das leere Nachſehen laſſend. Nikomedes empfing den ſiegreich Heimkehrenden aufs feierlichſte und behandelte ihn wie einen Freund und Bruder. Hatte ihm jener doch die Tochter, das einzige Kind zurückgebracht, nachdem es der alte Mann bereits ver⸗ loren gegeben. Er umgab Cäſar mit den höchſten Ehren und es gab in Bithynien Niemand, den Nikomedes über den Befreier ſeiner Tochter geſtellt hätte. Es wäre ihm ſehr lieb geweſen, wenn er Cäſar mit der Hand dieſer Tochter hätte belohnen können. Cäſar hatte es ſich von Nikomedes als eine beſon⸗ dere Gunſt erbeten, das Caſtell bewohnen zu dürfen, in welchem Hannibal, der erbitterte Römerfeind, ſein Leben beendet hatte. Er ſchlief in demſelben Zimmer, in welchem Han⸗ nibal ſeine letzten Pläne gegen Rom ſchmiedete, noch als feſth abge Pru min ſen ſche ſih lobe S 49 als faſt ſiebzigähriger Greis an dem Knabenſchwur feſthaltend, den er in ſeines Vaters Hamilkar Hand abgelegt. Gegen dieſes Caſtell hatte der bithyniſche König Pruſias, auf Anſtiften des römiſchen Geſandten Fla⸗ minius, die Mörder ausgeſandt, damit ſie ſeinem grei⸗ ſen Gaſte, der ihm ſo getreu und erfolgreich in ſeinem Kriege gegen den König Eumenes beigeſtanden, meuch⸗ lings den Garaus machten. Vielleicht ſtand jetzt Cäſar's Ruhebett auf derſelben Stelle, auf welcher der in ſeinem letzten Aſyl aufge⸗ ſcheuchte Karthager das Gift nahm, das er immer bei ſich trug, um ſeinen Feinden nicht einmal unverſehens lebend in die Hände zu fallen. Da, wo vor hundert Jahren ein Herz plötzlich zum Stillſtehen verurtheilt wurde, das mit Haß gegen Rom erfüllt geweſen, ſchlug jetzt das jugendliche, feurige Herz eines Römers, der keinen andern Gedanken hatte als den, Rom immer größer und mächtiger werden zu ſehen. Wo Hannibal gegen Rom intriguirte, da wollte Cäſar darüber nachdenken, wie er Rom eine neue Pro⸗ vinz zuführen könnte. Der Ruhm des Pompejus ſcheuchte ihn aus ſeinem Schlaraffenleben auf. Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. H. 4 50 Faſt in demſelben Augenblicke, wo er in Bithynien ans Land geſtiegen war, war ihm die Nachricht zu Ohren gekommen, daß Pompejus den Sertorius, den letzten verſprengten Parteigänger ſeines Oheims Ma⸗ rius, drüben in Spanien vollſtändig überwunden habe und demnächſt zum zweiten Male im Triumphe in Rom einziehen würde. Mit dem Schmerze über den Fall des Sertorius ging das neidvolle Gefühl Hand in Hand, daß es ge⸗ rade der kaum um fünf Jahre ältere Pompejus ſein müſſe, dem der große Wurf gelungen, dem letzten Ma⸗ rianer die Waffen aus den Händen gewunden zu haben. Mächtig regte ſich in ihm der Ehrgeiz, und er er⸗ wog, wie die Chancen ſeiner Zukunft ſteigen möchten, wenn er, der Neffe des Marius, den Parteigängern des Sulla gerade jetzt einen Querſtrich durch die Rechnung machte, indem er ihnen zeigte, daß er auch da ſei und Rom in ſein Herz geſchloſſen habe. Wenn Pompejus die Provinz Spanien Rom zu Füßen legte, warum ſollte es ihm unmöglich ſein, das Reich auch um eine ſchöne Provinz zu vergrößern? Bithynien war zwar kein Spanien an politiſcher Be⸗ deutung, aber wenn er es für Rom gewann, ſo ſchwächte er doch den Eindruck der Großthaten der Sullaner und zwang die Leute in Rom zu dem Bekenntniß, der na nif 5 51 Neffe des Marius lege auch nicht die Hände in den Schooß und gewiſſermaßen ſei ſeine Gabe ſogar die werthvollere, weil ſie keinen Schwertſtreich und keines Römers Blut gekoſtet. Und wie ſich Cäſar raſchen Blicks über die Lage der Dinge in Bithynien orientirte, ſo war es gar nicht unmöglich, daß er Bithynien an Rom brachte. Nikomedes war das Prototyp eines aſiatiſchen Mo⸗ narchen. Weichlich im Glücke, zaghaft in der Bedräng⸗ niß, ſchwelgeriſch in ſeiner Tafel, zügellos in ſeinen Sitten, war ihm an der Zukunft ſeines Reichs wenig gelegen. Er liebte außer ſich ſelbſt nur noch ein Weſen, ſeine Tochter Myrſa. Dieſe wollte er mit dem galater Prinzen verhei⸗ rathen und ſo Bithynien und Galatien zu einem Reiche verſchweißen. Von dem Augenblicke jedoch, wo Myrſa dieſem Plane ſich widerwillig zeigte, beharrte Nikomedes ſicher⸗ lich nicht mehr auf der Ausführung deſſelben. Myrſa's konnte ſich Cäſar alſo als des einen He⸗ bels bedienen, um Nikomedes ſeinen Abſichten geneigt zu machen. Bei dem Einfluſſe, den er über die Prinzeſſin ge⸗ wonnen, war es ihm ein Leichtes, auch den König zu 4* — —— — 52 beeinfluſſen, der Rom ohnehin viel zu verdanken hatte, da er ſchon einmal, vom König Mithridates verjagt, durch römiſche Heeresmacht wieder in ſein Reich ein⸗ geſetzt worden. Myrſa, welche bereits die verunglückte Reiſe nach Daſeilium als eine böſe Vorbedeutung bezüglich des galater Heirathsprojectes auffaßte, fühlte ſich dem Prinzen von Galatien noch weit weniger zugethan, ſeit ſie Cäſar kennen gelernt hatte. Sie wäre weit lieber nach Rom als nach Galatien gegangen und legte ihrer Liebe für Cäſar nur Zügel an, weil ſie wußte, daß Cäſar daheim eine Gemahlin habe. Nichtsdeſtoweniger erſchien es ihr wünſchenswerther, ſelbſt von Cäſar getrennt eine Luft mit dem geliebten Manne zu athmen und in ſeiner Nähe zu leben, als die Gemahlin des Galaters zu werden. Cäſar, der einen Blick in ihr Herz gethan hatte, brauchte nur aus ihrer Stimmung Nutzen zu ziehen, um ſeine Pläne zu fördern. Wenn er ihr den Gedanken nahe legte, Veſtalin zu werden, ſo ſtand der Erfüllung ihres geheimen Wun⸗ ſches, mit Cäſar nach Rom zu gehen, nichts im Wege, da ſich dieſer den Einfluß zutraute, die Prieſterinnen Veſta's zu bewegen, ihre Reihen durch eine Jungfrau zu ergänzen, die königlichem Geblüte entſprungen war. ſein hin Ve . 53 Nikomedes war dann bezüglich der Verfügung über ſein Reich frei. Hatte er ſeine Tochter den Römern hingegeben, ſo konnte ſein Reich folgen und denſelben Weg wandeln. Aber Cäſar hatte ſchlauen Blicks erſpäht, daß noch ein Hebel da war, deſſen er ſich bedienen konnte. Es war ihm nicht entgangen, daß Urbilia, der Myrſa eine ehrenvolle Stellung an ihrer Seite ange⸗ wieſen hatte, die ſie jedoch nicht abhielt, das fremde Mädchen mit einer gewiſſen Eiferſucht zu beobachten, einen großen Eindruck auf den König gemacht hatte. Nikomedes war Wittwer. Wenn Cäſar der Liebe des Königs zu Urbilia Vorſchub leiſtete, ſo ſicherte er ſich weitern dauernden Einfluß bei Nikomedes und entwaffnete zugleich Myrſa, indem er ihr zeigte, daß ihre unbeſtimmte Eiferſucht eigentlich keinen Grund habe. Für Urbilia ſelbſt aber konnte er nicht beſſer ſor⸗ gen, als wenn er ſie zur Königin von Bithynien machte. Er wußte, daß ſie ſich durch den Glanz blenden laſſen und in ihr Schickſal fügen würde. Während Cäſar ſich im Stillen mit ſo ernſten und weitreichenden Combinationen trägt, ſprudelt er von Witz und Heiterkeit und belebt die ganze Tafel⸗ runde durch ſeine ſprühende Rede, ſodaß nur einer 54 da iſt, der trotzig und finſter dreinſchaut und an der allgemeinen Fröhlichkeit keinen Antheil nimmt; und dieſer eine iſt der Kappadocier. Der Kappadocier knirſcht mit den Zähnen, ſo oft das ungebundene Lachen der Gäſte des Nikomedes an ſein Ohr dringt. Er wünſcht, ſie hätten ihn auch ans Kreuz genagelt wie ſeine Genoſſen, welche ſchon ſeit einigen Tagen auf dem Wege zwiſchen der Hauptſtadt und dem von Cäſar bewohnten Caſtell zwiſchen Himmel und Erde ſchweben. Nur einen hat Cäſar begnadigt, den Mann, dem er die Königstochter abgekauft und den Ring gegeben hat, der das Bild der bewaffneten Venus trug. Als ſich der Gefangene auf dieſen Ring berufen hatte, war er vor Cäſar gebracht und von dieſem nicht nur begnadigt, ſondern noch überdies reichlich be⸗ ſchenkt worden. Cäſar hatte ihm den Ring gelaſſen und Nikomedes bewogen, ihn in ſeine Leibwache auf⸗ zunehmen. Die ſchrecklichſte Strafe aber hatte den Kappadocier getroffen. Er war zum Hungertode verurtheilt worden, ſollte aber nicht im dumpfen Verließe dem Tode entgegen⸗ gehen, ſondern in heiterem Sonnenlichte, unter glanz⸗ 55 voller Umgebung, von angenehm duftenden Schüſſeln und Pokalen umringt, eines langſamen, qualvollen Todes ſterben, ſterben mit dem Blicke auf üppiges Wohlleben, auf Genüſſe raffinirteſter Art. So oft der König mit ſeinen Gäſten zur Tafel ging— und man tafelte in Nikomedia zu Ehren der wiedergewonnenen Königstochter faſt den ganzen Tag und ſchlummerte oft weinmüde im Speiſeſaale ſelbſt ein, um erwachend die Orgie fortzuſetzen— wurde der Käfig, in welchem ſich der Kappadocier befand, in den Speiſeſaal geſchoben und der unglückliche Mann mußte Zeuge der Bacchanalien ſein. Nicht ſelten trug ihm Cäſar im Uebermuthe der Weinlaune die goldene Schüſſel, aus welcher er, der König und Myrſa ſo eben genommen hatten, bis dicht zum Käfig und fragte ihn lachend, ob der Mann der Königstochter nicht zugreifen wolle. Dann ballte der Kappadocier wohl die Fauſt in ohnmächtigem Zorne, aber je wilder er dreinſah und je unheimlicher er die Augen rollte, deſto unbändiger lachte Cäſar. Im ganzen Saale gab es nur ein Weſen, welches mit dem Unglücklichen Mitleid hatte, und dieſes eine Weſen war Urbilia. Sie kämpfte lange mit ſich ſelbſt, ob ſie Cäſar 56 bitten ſolle, daß er dem Kappadocier das Leben ſchenke. Unter andern Umſtänden hätte ſie keinen Augenblick gezögert, Cäſar darum anzugehen, jetzt aber widerſtrebte es ihr, ſich von dem Manne, deſſen Liebe ſie verloren hatte, eine Gunſt zu erbitten. Als Cäſar ſich jedoch wieder einmal, mit dem gol⸗ denen Pokal in der Hand, dem Kappadocier näherte, um ihm mit höhnenden Worten einen Schluck Falerner zu bieten und den Falerner dann ſelbſt hinabzuſtürzen, da ihm der Kappadocier mit einer Geberde der Ver⸗ achtung den Rücken kehrte, ſprang ſie von ihrem Platze empor und eilte, alle zarten Senltete beiſeite ſetzend, zu dem Käfig. Ihre Wange glühte, als ſie die auf Cäſar's Arm legend ſagte: „Laß ab von dem Manne, Cäſar, und wenn Dir Urbilia je werth geweſen iſt, ſo gib ihm die Freiheit. Er hat ſchwerer gebüßt, als wenn Du ihn, wie ſeine Kameraden, hätteſt ans Kreuz nageln laſſen!“ Cäſar ſah Urbilia überraſcht an, und das höhniſche Lachen, das noch vor kurzem ſeine edlen Züge verun⸗ ſtaltet hatte, verſchwand von ſeinem Antlitz. „Frage nicht, ob Du mir werth warſt, Urbilia“, flüſterte er, das Mädchen, das in ihrer Entrüſtung und geh wer ſein ſo! den por hei Le 57 und Verlegenheit doppelt ſchön war, mit einem be⸗ gehrenden Blicke anſehend,„frage nicht, ob Du mir werth warſt, Du haſt nie aufgehört, mir werth zu ſein. Kann man auch nicht immer gleich feurig lieben, ſo liebt man doch—“ „Wehe Dir, wenn Dich Myrſa hört!“ fiel Urbilia dem Weinſeligen in die Rede und zeigte ihm eine im⸗ ponirende Haltung. Wort und Miene des Mädchens ernüchterten Cäſar. Er ließ die, wie er ſah, übelangebrachte Galanterie beiſeite und fragte ernſt: „Du ſinnſt mir in Wirklichkeit an, dieſem Manne Leben und Freiheit zu ſchenken?“ „Ich bitte darum.“ „Biſt Du bereit, mir auch einmal eine Bitte zu erfüllen, wann und wo ich ſie auch an Dich richte?“ fragte er raſch und ſah Urbilia forſchend an. Dieſe ſchlug anfangs wie überlegend die Augen nieder, erhob ſie jedoch bald wieder und ſie mit feſtem Ausdrucke auf Cäſar heftend, ſagte ſie: „Ich will Alles thun, was Du von mir verlangſt, vorausgeſetzt, daß Du mich ſelbſt nicht mehr verlangſt! Mich ſelbſt könnte ich Dir nie wieder geben, wie ich es that, als ich mich von Dir geliebt wußte. Das mußte ich Dir ſagen, Cäſar, damit Du weißt, wie Du 58 fürder mit Urbilia daran biſt, und ſie nicht mehr durch Blicke beleidigſt, wie ich ſie erſt vor einem Augenblicke ſehen und zurückweiſen mußte!“ „Du biſt ſtreng, Urbilia“, flüſterte Cäſar, und faſt hatte es den Anſchein, als ob ſich angeſichts der ſpröden Haltung, welche Urbilia ihm gegenüber annahm, die alte Liebe wirklich wieder lebendiger rege. „Ich bin, wozu Du mich gemacht haſt, Cäſar!“ entgegnete Urbilia im Tone vorwurfsvoller Wehmuth. „Wirſt Du mich noch lange um das Leben dieſes halb verhungerten Menſchen bitten laſſen?“ „Du kannſt über den Kappadocier verfügen, wenn Du mir verſprichſt, mir auch eine Bitte zu erfüllen, eine Bitte, die, zu Deiner Beruhigung ſei es geſagt, keinen Bezug hat auf das, was wir uns einmal waren, ehe Dich die Eiferſucht befiel.“ „Ich verſpreche Dir, Cäſar, Dir in Allem zu Wil⸗ len zu ſein, worin ich nur immer kann.“ „Dann nimm den Kappadocier, er iſt Dein!“ Urbilia ließ den Käfig öffnen und ſagte zu dem Gefangenen: Geh, wohin Du willſt, Cäſar ſchenkt Dir Leben und Freiheit!“ Der Kappadocier, welcher bis dahin ſcheinbar theil⸗ nah jetzt hiel ſei 59 nahmlos auf dem Boden gekauert hatte, erhob ſich jetzt und wankte dem Ausgange des Käfigs zu. Er hatte nun ſchon drei Tage nichts gegeſſen und hielt ſich mit Mühe aufrecht. Als er ſich außerhalb ſeines bisherigen Gefäng⸗ niſſes ſah, kehrte er ſich gegen Cäſar um, erhob die Hand drohend gegen ihn und ſagte mit heiſerer Stimme, während ſich ein unheimlicher Ausdruck in ſeinen Zügen ausprägte: „Vergiß den Kappadocier nicht, Cäſar, wie er Dich nie vergeſſen wird!“ „Unſinniger!“ fiel ihm Urbilia entſetzt in die Rede. „Was fällt Dir ein, ihm zu drohen!“ „Er mag mich ſelbſt jetzt noch ans Kreuz ſchlagen laſſen“, ſchrie der Kappadocier wild,„ich ſage es ihm doch ins Geſicht: wenn er mich leben läßt, ſehen wir uns wieder und er mag ſich dann vorſehen!“ Cäſar lachte und kehrte dem Kappadocier gleich⸗ müthig den Rücken. Der wankte zur Thür des Speiſeſaals hinaus. „Gebt ihm einen Soldaten als Bedeckung mit, ſonſt ſchlägt man ihn draußen todt!“ ſagte Cäſar. „Wohin ſoll man ihn bringen, Herr?“ fragte der Soldat, den der König herbeigewinkt hatte, damit er Cäſar's Befehl ausführe. 60 „Wohin anders als ans Meer!“ rief Cäſar.„Man gebe ihm eine kleine Barke und laſſe ihn noch einmal auf den Wogen ſein Glück verſuchen, die ſeine Sinne ſchon einmal ſo betäubt haben, daß er ſich für ihren Gebieter, römiſche Bürger für ſeine Sklaven und Königstöchter für die ihm angemeſſenen Bräute anſah.“ Ein ſtürmiſches Halloh folgte Cäſar's Worten. Der Kappadocier mußte das wüſte Geſchrei draußen noch hören, als er durch die Gänge der Königsburg ſchwankte, zu ſtolz, ſeinen Begleiter um das anzuſprechen, wonach ſein Gaumen lechzte: um einen Tropfen Waſſer, um einen Biſſen Brod. Und als man ihn eine halbe Stunde ſpäter in einer nußſchalgroßen Barke ausſetzte, beugte er ſich über den Rand derſelben und trank mit Gier von dem Meerwaſſer. Dann wendete er das Antlitz dem Caſtell zu, in welchem er Cäſar einquartiert wußte, ſtieß einen wil⸗ den Fluch aus und murmelte: „Und ich treffe Dich doch noch, Du römiſcher Bürger!“ lie ſel ſe Fünftes Kapitel. e ſ e Monate waren vergangen. Aus Italien waren zwei wichtige Nachrichten ge⸗ kommen: Sulla hatte die Dictatur niedergelegt und die Sklaven hatten ſich unter dem Gladiator Spartacus gegen Rom erhoben. Epidius hatte die erſte Kunde von beiden Ereig⸗ niſſen nach Bithynien gebracht. Er hatte erzählt, daß es ihn ſelbſt ergriffen habe, als er den Mann, der bis dahin mit dem Leben und dem Eigenthum von Millionen nach Willkür geſchaltet hatte, dem in jeder Gaſſe Roms, in jeder Stadt Ita⸗ liens Todfeinde wohnten, auf das Forum hatte treten ſehen, um ſich ſeiner Machtfülle freiwillig zu begeben, ſeine Lictoren zu entlaſſen und die dicht gedrängte 62 Bürgerſchaft aufzufordern, daß ſie rede, wenn einer von ihm Rechenſchaft begehre. „Er ſtieg von der Rednerbühne herab“, ſchloß Epi⸗ dius ſeine Schilderung des merkwürdigen Tages,„und ging zu Fuße, nur von ſeinen Anhängern begleitet, durch eben jenen Pöbel, der ihm vor acht Jahren das Haus geſchleift hatte, nach ſeiner Wohnung zurück. Er zeigte eine Heiterkeit, als ſei er ein Timoleon, der den Syrakuſanern ihre Freiheit wiederſchenke. Einem Jüngling, der ihn mit Schmähworten bis zu ſeinem Hauſe begleitete, ſagte er gelaſſen, daß er einen Ab⸗ ſchreiber brauche, um mit ſeinen Memvoiren fertig zu werden; wenn ſich ſeine Wuth gelegt habe, möge er in ſein Haus kommen und ſich bei ihm melden laſſen, er wolle ihm etwas zu verdienen geben.“ „Sulla weiß recht gut, wie ſchrecklich ſein bloßer Kame wirkt, und daß in Italien immer noch hundert⸗ zwanzigtauſend Veteranen ſtehen, die unter ihm gedient haben“ warf Cäſar geringſchätzig ein.„Seine Ver⸗ zichtleiſtung auf die Dictatur iſt Komödie, durch die ſich Niemand blenden läßt. Ich fühle mich in Bithy⸗ nien immer noch ſicherer als in Rom, ſolange Sulla lebt. Denn wer bürgt mir dafür, daß er dort nicht eines Tages einem der zehntauſend Freigelaſſenen, die ſich bei ihm die Tagesparole holen, winkt, mich um ſih lſ 63 einen Kopf kürzer zu machen, trotzdem er ſich ins Privatleben zurückgezogen und ſeine Trabanten ent⸗ laſſen hat? Nein, Epidius, ich bleibe hier und ſchlage mich lieber für meinen königlichen Freund Nikomedes mit Mithridates herum, der die Grenzen wieder un⸗ ſicher macht, als daß ich mich mit den von Sulla aus⸗ geſchickten Mördern raufe. Aber laß mich noch etwas von Rom hören. Du ſprachſt von einer Erhebung der Sklaven; wie war es möglich, daß ſie um ſich griff?“ „Das fragt ſich alle Welt“, antwortete Epidius. „Der Prätor Claudius Pulcher ließ ſich gleichſam herab, den zuſammengelaufenen Schwarm, der unter der Anführung eines thraziſchen Fechters aus Capua hervorgebrochen war und ſich durch eine Handvoll See⸗ räuber verſtärkt hatte, die ein Kappadocier befehligte, mit dreitauſend Soldaten zu verfolgen. Bald waren die Flüchtlinge eingeholt; Spartacus zog ſich mit dem Kappadocier auf den Gipfel des Veſuvs; von einem zehnfach ſtärkern Feinde umzingelt, ſchienen beide hier nur zwiſchen dem Hungertode und der ſichern Nieder⸗ lage wählen zu können. Aber die Liſt rettete ſie. In⸗ deſſen unſere Soldaten ſorglos in ihrem Lager ſchlafen, laſſen ſich die Eingeſchloſſenen in den Höhlen des aus⸗ gebrannten Bergs an zuſammengeflochtenen Weinreben hinunter, rüſten ſich dann erſt mit den Waffen, die ſie 64 auf ihrer Wanderung in die Tiefe nachſchleiften, und überfallen unverſehens unſere Krieger. Dieſe fallen oder fliehen, Lager und Waffen gerathen in die Hände des kühnen Angreifers, der ſich aus einem verfolgten Räuberhauptmann plötzich in einen ſiegreichen Feld⸗ herrn verwandelt ſieht. Von allen Seiten her ſam⸗ meln ſich um ihn entflohene Sklaven, Fechter, verarmte Landleute, gedrückte, mißvergnügte, nach Freiheit oder Beute ſtrebende Apulier und Piraten, die das Meer langweilig finden und nach Abenteuern auf dem Lande dürſten. Aus Flechtwerk, aus den Fellen geſchlachteter. Thiere werden Rüſtungen zubereitet, aus geraubtem Eiſen Waffen geſchmiedet, erbeutetes Zugvieh vertritt die Stelle von Streitroſſen und heute befehligt der ehemalige Fechter von Capua ein Heer von dreißig⸗ tauſend Mann und droht Campanien mit einem furcht⸗ baren Menſchenſtrom zu überſchwemmen. Wilder noch als er treibt es aber ſein Unterfeldherr, den man nur den Kappadocier nennt, weil er unter dieſem Namen ſchon zur See bekannt war.“ „Auch ich glaube ihn zu kennen“ ſagte Cäſar vor ſich hin, und ein Bedauern beſchlich ihn, daß er Urbi⸗ lia's Bitte nachgegeben und dem Kappadocier das Leben geſchenkt habe. Denn er zweifelte keinen Augenblick, daß der von in med Di zu und wie um lij zu nat 65 ihm Begnadigte derſelbe war, der mit dem Sklaven⸗ führer Spartacus gemeinſchaftliche Sache gemacht. Der Gedanke, ſich an den Römern empfindlich zu rächen, nachdem ihm ein römiſcher Bürger ſo arg mit⸗ geſpielt, war ein ſo natürlicher, daß ihn Cäſar dem Kappadocier ohne weiteres zutraute. Epidius ſah ſich in der Ausführung ſeiner Geſchäfte in Bithynien durch die Unterſtützung, welche ihm Niko⸗ medes angedeihen ließ, ſehr gefördert. Andererſeits diente ſein Erſcheinen dazu, um die Dinge ſich in Cäſar's Sinne noch raſcher entwickeln zu laſſen, als dies ſonſt wohl der Fall geweſen wäre. Epidius, der ſeine Tochter wiedergefunden hatte und dem Märchen, welches ihm dieſelbe über die Art, wie ſie nach Bithynien gekommen, zum Beſten gab, um ſo williger Glauben ſchenkte, als ſich Myrſa auf Cäſar's Bitte herbeigelaſſen hatte, einzelne Umſtände zu beſtätigen, machte Miene, Urbilia wieder mit ſich nach Rom zu nehmen. Nikomedes, der Gefahr lief, das Mädchen, an das er ſein Herz gehängt, zu verlieren, faßte den Ent⸗ ſchluß, ſeinen Thron mit der Kaufmannstochter zu theilen. Urbilia, welche kein Verlangen trug, an der Seite eines mürriſchen Vaters in einer licht- und luftloſen Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. II. 5 —= 66 Straße Roms hinzuvegetiren, nachdem ſie einmal von Allem gekoſtet hatte, was das Leben Schönes und Prächtiges hatte, lieh der Werbung ein geneigtes Gehör, und Epidius verſöhnte ſich ſchnell mit dem Ge⸗ danken, ſein Kind in Bithynien in ſo guten Händen zurückzulaſſen. „Nun haſt Du, wonach Du immer dürſteteſt— Glanz und Pracht“ ſagte er zu Urbilia, als ſie ihn mit ihrem Entſchluſſe bekannt machte, dem alten Schatten⸗ könig die Hand zu reichen. Cäſar aber ſagte eines Tages zu der königlichen Braut: „Ich habe Dir einmal einen Wunſch erfüllt und mir dafür das Recht vorbehalten, bei paſſender Ge⸗ legenheit eine Bitte an Dich ſtellen zu dürfen. Dieſe Gelegenheit iſt jetzt gekommen. Du wirſt die Gemahlin des Nikomedes: mögeſt Du als Königin ebenſo glück⸗ lich ſein, als Du es als Geliebte des Römers warſt. Mögeſt Du Dich auch“ fuhr Cäſar fort, als Urbilia die Augen niederſchlug,„als Königin von Bithynien erinnern, daß Du eine Römerin biſt. Daran knüpfe ich meine Bitte. Du kannſt auf dem Poſten, auf wel⸗ chen Dich die gütigen Götter geſtellt haben, Rom einen großen Dienſt erweiſen, wenn Du bei Deinem Gatten den Gedanken, ſein Reich den Römern zu vermachen, 67 nährſt. Ich habe ihm dieſen Gedanken bereits nahe gelegt, er iſt mit ihm vertraut und braucht nur Je⸗ mand, der ihm die Erinnerung an den ſchon gefaßten Vorſatz ſtets wach hält und ihn davor bewahrt, andern Plänen, mit denen man ſein Ohr vielleicht belagern wird, Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Kann ich in dieſer Beziehung auf Dich rechnen, Urbilia?“ „Ich werde Dir beweiſen, daß ich auch in meiner neuen Stellung eine Römerin geblieben bin“, entgeg⸗ nete Urbilia feſt.. „Dann magſt Du Dich auch ſtets erinnern, daß Du in Cäſar Deinen wärmſten und aufopferndſten Freund haſt!“ rief Cäſar lebhaft.„Gelingt das Werk, das Du zu fördern Dich ſo eben verpflichtet haſt, ſo wird es meine Sorge ſein, daß Rom nie vergißt, wem es den neuen Provinzzuwachs zu verdanken hat.“ Epidius verließ kurze Zeit nach der Vermählungs⸗ feier, welche mit dem größten Pompe in Scene ge⸗ gangen war, Bithynien. Cäſar begab ſich zum Heere des Nikomedes und kämpfte mit Glück gegen Mithridates, von dem Ge⸗ danken beſeelt, daß er eigentlich für Rom kämpfe, indem er Bithynien gegen den König von Pontus vertheidige. Er hatte ſich bereits daran gewöhnt, Bithynien als 5 68 eine römiſche Provinz zu betrachten, da er ſich auf die Geſchicklichkeit und den guten Willen ſeiner weiblichen Bundesgenoſſin, die er bei Nikomedes zurückgelaſſen, verließ. Als er aus dem Feldzuge zurückkehrte, war eben die Nachricht von Sulla's Tode in Bithynien an⸗ gelangt. Cäſar jauchzte auf, als er erfuhr, daß ſein Feind nicht mehr ſei. Jetzt ſah er ſeine Zeit gekommen und beſchloß un⸗ mittelbar nach Rom zurückzukehren. Wollte er dort auch vorerſt nur die Rolle eines aufmerkſamen Beobachters ſpielen, ohne werkthätig in die Action einzugreifen, ſo lebte doch die Zuverſicht in ihm, daß mit ihm der Geiſt des Marius in Rom einziehen werde, um vorerſt im Stillen, dann aber bei ſich ergebender Gelegenheit mit Eclat gegen die am Ruder befindliche Sullaniſche Adelspartei zu reagiren. Er gönnte dem todten Feinde die glänzende Leichen⸗ feier, die ihm Rom veranſtaltete, wie er ihm ſein er⸗ bärmliches Ende gegönnt hatte. Sulla's Körper war bei lebendigem Leibe in Fäul⸗ niß übergegangen. Ungeziefer, in ſo unſaglichem Uebermaße erzeugt, daß kein noch ſo häufiges Baden, keine noch ſo kräftige ſen b0 an 69 Arznei es zu vertilgen im Stande war, wuchs aus ſeinem Körper hervor und verzehrte ihn. Die Fabel, die er den über den Mord an Ofella entrüſteten Römern erzählt, hatte ſich mit ihrer Pointe nemeſisartig gegen ihn gewendet. Als ſich nämlich Ofella, einer von Sulla's vorzüg⸗ lichſten Unterfeldherren, gegen deſſen ausdrückliches Verbot um das Conſulat beworben hatte, ließ ihn Sulla auf dem Wahlplatze durch einen Centurio nieder⸗ ſtechen. Das Volk, das den Zuſammenhang nicht kannte, führte den Mörder mit Ungeſtüm und Rachegeſchrei vor Sulla's Richterſtuhl. Dieſer gebot, nicht blos den Centurio loszulaſſen, ſondern erzählte den Leuten nachfolgende, wenig tröſt⸗ lich klingende Fabel: „Ein Bauer ward von vielem Ungeziefer hart geplagt; zweimal ſäuberte er ſeine Kleider, niemals half es. Endlich ungeduldig darüber, warf er beim dritten Male ſie ganz ins Feuer. Römer, hütet Euch vor dieſem dritten Male!“ Die Fabel war ihm verhängnißvoll geworden. Aber wie glänzend wurde der vom Ungeziefer durchwühlte Körper des Dictators beſtattet! Als ob er ein Vater des Vaterlandes geweſen wäre, ſo wurde 70 er unter Begleitung eines ganzen Heeres von alten Kriegern und durch ihn neugebackenen Bürgern, ſowie in Begleitung aller Senatoren, Ritter, Prieſter, kurz alles deſſen, was in Rom groß, ſchön und edel war, auf das Marsfeld geführt. Auch das ſchöne Geſchlecht ſtrömte in ſolcher Menge zu ſeinem Leichenbegängniß, brachte in ſo überſchwäng⸗ lichem Maße die koſtbarſten Spezereien zu demſelben, daß man ſie in zweihundertundzehn Körben der Leiche nachtrug und aus dem feinſten und duftendſten Zimmt und Weihrauch zwei Bilder in Lebensgröße machte, von denen das eine den Dictator ſelbſt, das andere einen ſeiner Lictoren vorſtellen ſollte. Ja, man ſah es als einen Beweis ſeines noch im Tode ihn nicht verlaſſenden Glücks an, daß am Tage ſeiner Beſtattung ein mit Wolken überzogener Himmel allaugenblicklich mit Regen drohte, dieſer aber gleichwohl nicht herabfiel, bis der Leichnam ganz ver⸗ brannt war, worauf es dann den ganzen übrigen Tag wolkenbruchartig regnete. Cäſar blieb nun noch ſo lange in Nikomedia, bis er das Teſtament des Königs, in welchem dieſer ſein Reich den Römern vermachte, in der Hand hatte. Mit dieſem wichtigen Document in der Taſche ver⸗ traute er ſich in einem mit vier Ruderern bemannten Nachen dem Meere an, weil eben kein großes Schiff ausgerüſtet im Hafen lag und auch kein Handelsſchiff eben ſeinen Curs gegen Rom nahm. Als er auf ſo ſchwanker Unterlage dahinglitt, kam ihm einmal der Gedanke, daß er verloren wäre, wenn er diesmal den Seeräubern in die Hände fiele, da ſich die Nachricht von dem Strafgerichte, das er über die Leute des Kappadociers verhängt hatte, gewiß längſt unter den Piraten verbreitet hatte. Und kaum war ihm die Sorge aufgeſtiegen, als er in der Ferne Piratenſchiffe zu entdecken glaubte. Das kleine Gefolge Cäſar's erſchrak, nur ihn ſelbſt verließ der Muth nicht. Er entledigte ſich der Toga, legte die an den Dolch, mit dem ſeine Hüfte umgürtet war, und fuhr dreiſt den vermeintlichen Seeräubern entgegen, bereit, ſein Leben theuer zu verkaufen, wenn es zum Aeußerſten kommen ſollte, immer aber noch hoffend, daß ihn die Korſaren in ſeinem Aufzuge für einen der Ihrigen halten und unangefochten ziehen laſſen würden. Und das Glück begünſtigte ſeine Dreiſtigkeit. Was man von weitem für Maſten und Segelſtangen gehalten, das erwies ſich, als man näher kam, als eine Baumgruppe, die aus einer kleinen Inſel emporragte. 72 Er kam glücklich nach Rom, aber er kam an dem Tage, als man ſich in Rom erzählte, daß der Prätor Varinius Glaber, den man zuletzt gegen Spartacus ausgeſchickt, dieſem mit Mühe entkommen ſei und ſein Roß, ſein Kriegskleid und ſeine Lictoren in den Hän⸗ den des an der Spitze von ſiebzigtauſend Mann gegen Rom marſchirenden Spartacus habe zurücklaſſen müſſen, der dieſe Trophäen nun als Ehrenzeichen benutzte, mit denen er das Zutrauen ſeiner Krieger ſtärkte. Sechstes Kapitel. In der Vorhalle des Pompejaniſchen Hauſes. Im Vorſaale des von Pompejus bewohnten Hauſes drängt ſich eine bunte Menſchenmenge ſprechend, geſti⸗ kulirend, lachend, flüſternd, je nachdem es das Thema der Unterhaltung und der Stand derer, welche da auf einander ſtoßen, mit ſich bringt. Denn Vornehm und Gering ſind hier vertreten, nur daß der Geringere länger warten muß, bis er vor⸗ gelaſſen wird. Während der Senator oder der Conſular gravitä⸗ tiſch die Menge durchſchreitet und geradezu auf die Thür zum Empfangszimmer losgeht, muß der niedrig⸗ geſtellte Bittſteller oft ſtundenlang dem Nomenclator um den Bart gehen, damit er ihn melde. In dieſem Augenblick iſt der Nomenclator nicht 74 ſonderlich in Anſpruch genommen und kann dem Mädchen zu Willen ſein, welches die Frauengemächer verlaſſen hat, um ſich das bunte Gewühl in den Vor⸗ hallen anzuſehen. Hier kann das Mädchen, welches eben erſt vom Lande in die Stadt gekommen iſt, halb Rom kennen lernen, denn wer würde nicht ſeinem Oheim Pompejus die Aufwartung machen wollen? Mit hellem braunem Auge muſtert die fünfzehn⸗ jährige Pompeja die auf und nieder wogende, hier zu Gruppen zuſammenſchießende und dort wieder ehr⸗ furchtsvoll einem hochgeſtellten Manne Platz machende Menge und winkt dann den Nomenclator zu ſich. „Wer iſt der vornehme Mann, dem die Lictoren da ſo eben den Weg ebnen?“ fragt ſie den Anſager. „Das iſt der Proconſul Lucullus, Herrin. Er iſt gekommen, ſich von Deinem Oheim zu verabſchieden, weil er ſich in ſeine Provinz Cilicien begibt, um dem Mithridates das Leben ſauer zu machen. Der König kennt und fürchtet ihn ſchon, denn Lucullus hat ihn ſchon einmal geſchlagen, und wie geſchlagen! Mit zwei Legionen vernichtete er ihm ein Heer von zweimal⸗ hunderttauſend Mann und beſtrafte ihn ſo für ein Witzwort, das er, auf ſeine Uebermacht bauend, kurz vor der Schlacht zum Beſten gab, indem er ſagte: — — 75 Der Römer ſind als Geſandte zu viele, als Krieger zu wenig!“ „Iſt das derſelbe Lucullus, dem mein Großvater Sulla ſeine Memoiren gewidmet hat?“ fragte das Mädchen neugierig. „Derſelbe“ nickte der Nomenclator mit dem Kopfe. „Siehſt Du den Mann, der ihm ſo finſter nachſieht und ihn um das Vorrecht beneidet, unangemeldet bei Deinem Oheim eintreten zu dürfen? Das iſt Cethegus, der Volkstribun. Er denkt: Thor, der ich war, daß ich dem Lucullus zu der Provinz Cilicien verhalf! Jetzt ſieht er mich nicht an!“ „War Cethegus nicht ein Feind des Lucullus?“ warf das Mädchen ein.„Ich glaube es im Hauſe meines Vaters gehört zu haben.“ „Du haſt recht gehört“ fiel der Nomenclator ein. „Und doch iſt es ganz und gar Cethegus, dem Lucullus Eilicien zu danken hat. Das kam ſo. Cethegus, ſelbſt ein Mann von ausſchweifenden Sitten, hat die Präcia zur Geliebten, ein ebenſo ſchönes als ſchlaues Weib, aber ſonſt in ihrem Betragen nichts mehr und nichts weniger als eine ſchamloſe Buhlerin. Als nun Lucullus ſein Auge auf das Proconſulat in Eilicien geworfen hatte, fand er es nicht unter ſeiner Würde, durch Ge⸗ ſchenke und Liebkoſungen dieſe Präcia und durch ſie 76 wieder den Cethegus zu gewinnen. Dieſer unterließ nun nicht, bei jeder Gelegenheit den Lucullus höchlich zu preiſen, verſchaffte ihm wirklich faſt ganz allein durch ſeinen Einfluß beim Volke die Provinz Cilicien, erhielt aber auch dafür den Lohn, der ſeiner würdig war. Denn kaum hatte Lucullus, was er begehrte, ſo kannte er weder den Cethegus noch die Präcia mehr.“ „Nenne mir nun jenen Mann von vornehmem Ausſehen, der ſo edle Formen in Wuchs und Antlitz zur Schau trägt und Jedermann ſo herablaſſend grüßt“ ſagte die junge Pompeja zu dem Nomencla⸗ tor, indem ſie auf einen Mann zeigte, der Miene machte, auf das Empfangszimmer des Pompejus los⸗ zugehen, ſich aber immer wieder vom Eintreten ab⸗ gehalten ſah, weil ihm Jedermann die Hand drücken wollte. „Das iſt Craſſus, der reichſte Römer“ beſchied der Nomenclator.„Sieh nur, wie ſie ihn umlagern! Sie wiſſen es, daß er das beſte Gedächtniß von der Welt hat, ſich alle ihre Namen merkt und ſie in den nächſten acht Tagen insgeſammt zur Tafel laden wird.“ „Alſo iſt er großmüthig und freigebig?“ „Man ſagt es. Wenigſtens ſteht ſein Haus und ſeine Tafel allen Fremden offen, die nach Rom kommen, un Bi und zu ſeinen Gaſtmählern ladet er oft die geringſten Bürger ein. Gerichtshändel, die zehn Sachwalter ab⸗ gewieſen haben, übernimmt er mit Bereitwilligkeit, und man ſagt auch von ihm, daß er noch nie ein Darlehn verweigert und keinen Dienſt unvergolten gelaſſen habe.“ „Hat er nicht ſeinen Reichthum meinem Großvater Sulla zu verdanken?“ fragte Pompeja. Der Nomenclator nickte mit dem Kopfe und ſagte: „Craſſus wäre aber, trotzdem ihn Dein Großvater ſehr begünſtigte, doch nicht der reichſte Mann Roms geworden, dem heute ganze Heere von Sklaven dienen und der mit ſtolzem Selbſtbewußtſein ſagen kann, er halte Keinen für reich, der nicht aus ſeinem Privat⸗ vermögen ein Kriegsheer zu unterhalten im Stande ſei, wenn er nicht ſein eigenes Genie zu Hülfe genom⸗ men hätte. Er iſt bei jeder Feuersbrunſt; noch glimmt es in der Aſche auf der Brandſtätte und ſchon kauft Craſſus die Brandſtelle. Er ſieht nicht auf den Preis, denn er baut umſonſt. Tauſend thraziſche, afrikaniſche und ſpaniſche Sklaven ſchleppen das Eiſen, das ſeinen Anfangsbuchſtaben trägt, an den Beinen nach und führen, von den Peitſchenhieben ihrer Wärter an⸗ gefeuert, dort Paläſte auf, wo noch geſtern rauchende Schutthaufen die Luft verpeſteten. Er füttert auf den — 78 Ebenen um Rom dreißigtauſend Schweine und vier⸗ tauſend Stierpaare, und ſeine Villen haben nicht ihres⸗ gleichen. Will er den Seewind aus erſter Hand ha⸗ ben, ſo geht er auf ſeine Villa bei Neapel; will er ſich an dem Anblick der Waſſerfälle ergötzen, ſo ſucht er ſein Landhaus bei Rivoli auf und lechzt er in den heißeſten Monaten nach kühlem Baumſchatten, ſo zieht er ſich in ſein Haus bei Albano zurück.“ „Hieß es nicht in den letzten Tagen, daß Craſſus zum Heer abgehen werde?“ warf Pompeja hin. „Allerdings, er wird gegen Spartacus kämpfen; war er doch der Einzige, der ſich in den letzten Tagen der bangen Angſt, welche die Zeiten Hannibal's wieder⸗ zuſpiegeln ſchienen, zur Prätur meldete. Lie vor hundert Jahren das Schreckenswort: Hannibal iſt vor den Thoren! unſere Matronen mit aufgelöſten Haaren und gerungenen Händen zu den Altären der Götter jagte, ſo ließ vor vierzehn Tagen die verhängnißvolle Nachricht, Spartacus habe in zwei Schlachten an zwei auf einander folgenden Tagen zwei römiſche Heere überwunden und marſchire gegen Rom, ſelbſt unſere Männer erbeben.“ „Iſt es wahr, daß Spartacus die gefangenen Römer zwang, bei der Leichenfeier ſeines gefallenen Unterfeld⸗ herrn Crixus, Fechtern gleich, am Scheiterhaufen zu w 79 kämpfen und ſich wechſelſeitig niederzumetzeln?“ flüſterte das Mädchen, während Schamröthe ihr Antlitz be⸗ deckte. „Leider iſt es ſo, aber Craſſus wird es ihm heim⸗ zahlen“ rief der Nomenclator.„Freilich wären wir bald ohne Prätor und ohne einen Feldherrn geblieben, denn ſo groß war der Schrecken, daß Craſſus der einzige Bewerber um die vacante Prätur blieb, weil die Gewißheit, daß dem neugewählten Prätor das Commando gegen Spartacus zufallen würde, Jeden von der Candidatur abhielt.“ „Glaubſt Du, daß Craſſus dem Spartacus ge⸗ wachſen iſt?“ fragte das Mädchen beſorgt. „Die Siegeszuverſicht iſt der halbe Sieg!“ ent⸗ gegnete der Anſager.„Craſſus iſt ſo feſt überzeugt, daß er ſiegen wird, daß er dem Volke für den Tag ſeines Triumphs den zehnten Theil ſeines Vermögens und zehntauſend Freitiſche auf dem Forum verſprach. Dann ſetzt er vielleicht auch ſeinen Strohhut in den Ruheſtand.“ Die letzten Worte waren mit Humor geſprochen und von einem Lächeln begleitet. „Was ſprichſt Du von einem Strohhute?“ forſchte Pompeja. „Ich habe dort an der Säule den Grammatiker 80 Gnypho entdeckt und mich an den berühmten Strohhut des Craſſus erinnert. Gnypho weiß von dieſem Stroh⸗ hute zu erzählen. So verſchwenderiſch Craſſus im Großen iſt, ſo ſparſam iſt er in kleinen Dingen. Er liebt es, ſich mit Gnypho zu unterhalten, und ladet ihn oft auf ſeine Villa bei Rom. In ſeinem Zimmer hängt ein Strohhut; dieſen borgt er dem Philoſophen wenn er mit ihm einen Spaziergang durch den Park macht. Nach dem Spaziergang muß ihn Gnypho wieder zurückſtellen. Cicero kann Recht haben, wenn er ſar⸗ kaſtiſch meint, daß ein Mann, der ſeinen Hut ſo ſehr ſchont, nicht das Zeug dazu habe, die Welt zu be⸗ herrſchen.“ „Wer iſt Cicero?“ erkundigte ſich Pompeja. „Jener junge Mann von geſpenſterhafter Magerkeit, der jetzt mit Gnypho ſpricht. Man würde nichts von ihm wiſſen, wenn er nicht den ſeltenen Muth gehabt hätte, Deinem Großvater Sulla eines Tages furchtlos die Zähne zu zeigen.“ „Wie iſt das gekommen?“ fragte Sulla's Enkelin neugierig. „Chryſogon, dem Dein Großvater ſehr wohlwollte, ſündigte auf ſeine Gunſt und klagte den Roscius Amerinus, den er ſchon ſeines väterlichen Erbes be⸗ raubt hatte, zum Ueberfluſſe auch noch des Vater⸗ Je Au de 81 mordes an. Obwohl die Unſchuld des Beklagten offen⸗ bar war, ſo konnte man doch keinen Vertheidiger fin⸗ den, denn Niemand mochte es mit Sulla verderben. Da übernahm der junge Cicero die Vertheidigung. Er hatte noch nie vor Gericht geſprochen, führte aber ſeines Clienten Sache ſiegreich durch. Das Urtheil, welches der berühmte Redner Apollonius Molo auf Rhodus, bei dem Cicero die Beredtſamkeit erlernt, über ſeinen Schüler fällte, bewährte ſich glänzend.“ „Was ſagte Molo von dem jungen Cicero?“ forſchte Pompeja, welcher der Mann, der ſelbſt ihren gewalti⸗ gen Großvater nicht gefürchtet hatte, ungewöhnliche Theilnahme einflößte. „„Als Molo den jungen Cicero reden hörte“ ent⸗ gegnete der Nomenclator,„und alle ihn lobten, ſchwieg er erſt eine Weile, umarmte ihn dann und rief zuletzt aus: Dich rühme ich allerdings, Griechenland aber bedaure ich. Denn nun verliert es durch Dich ſeinen letzten Vorzug, den Ruhm der höchſten Beredtſam⸗ keit!“ Pompeja hörte nur noch mit halbem Ohre zu, denn ein junger Mann, edel von Antlitz und Haltung, freundlich in ſeinen Mienen, herablaſſend in ſeinem Betragen, hatte ſeit einer Weile ihre volle Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich gezogen. Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. 1I. 6 82 Sein Kommen hatte unter den Anweſenden eine gewiſſe Bewegung veranlaßt, welche um ſo allgemeiner wurde, je weiter der neue Ankömmling vordrang, überall gefällige Worte ausſtreuend, hier einen Bürger be⸗ grüßend, dort einen andern freundlich beim Namen nennend, weiter einen dritten bei der Hand faſſend und dabei geneigten Ohres die etwas weitſchweifige Rede eines vierten anhörend. „Sage mir noch, wer dieſer junge Mann iſt, dann will ich Dich Deinen Functionen nicht länger entziehen“, flüſterte Sulla's Enkelin, den Jüngling, der ungewöhn⸗ lich intereſſant ausſah, vom Kopf bis zu den Füßen muſternd und nicht müde werdend, ihn zu betrachten. „Das iſt das Gegenſtück zu Craſſus, Herrin“ ent⸗ gegnete der Nomenclator lächelnd.„Du haſt Roms größten Schuldenmacher vor Dir. Man ſchätzt ſeine Schulden ſchon heute auf zwanzig Millionen Seſterzien. Seit er aus Kleinaſien zurück iſt, wo er, obgleich ſin Rom verheirathet, mit der Tochter des Königs von Bithynien ein Liebesverhältniß unterhalten haben ſoll, führt er das glänzendſte Hausweſen. Seine Tafel und ſeine Börſe ſtehen jedem dürftigen Mitbürger, jedem Fremden von Rang und hedem Schwelger über⸗ haupt offen. Er verſäumt keine Gelegenheit, dem Volke reichliche Geſchenke zu ſpenden. Er hat ein N 83 Heer von Fechtern angeworben uud baut ſich im nemo⸗ renſiſchen Gebiete eine Villa, welche die berühmten Landhäuſer des Craſſus in Schatten ſtellen ſoll.“ „Warum geht er nicht zum Heer? Dort wäre doch eigentlich in dieſem Augenblick, wo die Feinde Rom bedrohen, der Platz, auf dem er ſtehen ſollte“, warf Pompeja ein. „Er will nicht unter Generalen dienen, die zur Partei Deines Großvaters gehören“, ſagte der Nomen⸗ clator.„Als Neffe des Marius trägt er ſich mit großen Plänen und glaubt ſich für die Zukunft reſer⸗ viren zu müſſen. Er hat den Krieg mit den Freunden Deines Großvaters Sulla bereits begonnen, indem er den Dolabella der Erpreſſung anklagte. Siehſt Du den Mann in Lumpen, der dort eben mit Hortenſius daherkommt und dem Alles ausweicht? Das iſt Dola⸗ bella! Hortenſius vertheidigt ihn— aber verzeihe, ich ſehe ſo eben Craſſus und Lucullus aus dem Zimmer Dei⸗ nes Oheims Pompejus gehen und muß eilen, ihm die Namen derer anzuſagen, die ſeine Thür belagern, ohne das Recht zu haben, unangemeldet eintreten zu dürfen, wie die Conſuln, Prätoren und Sena⸗ toren.“ Der Nomenclator eilte von dannen und ließ das Mädchen allein, welches noch eine Weile dem Treiben 6* 84 in der Vorhalle zuſah und ſich dann in ſeine Gemächer zurückzog. Unfern von Dolabella, der ſich mit ſeinem Anwalt Hortenſius unterhielt und geduldig auf den Augenblick wartete, wo ihn Pompejus, den er für ſich zu ſtimmen verſuchen wollte, empfangen würde, ſtand eine Gruppe von Bürgern, die das Ereigniß des Tages, die An⸗ klage des von Sulla ſo unverantwortlich begünſtigten Statthalters von Macedonien, beſprach. „Hat er wirklich ſo große Geldſummen unterſchla⸗ gen?“ fragte einer der Bürger. „Cäſar ſagt es und behauptet, dafür Zeugniſſe mehrerer griechiſchen Städte zu haben“ antwortete man dem Frager. „Es iſt ein Glück für ihn, daß ihn Hortenſius ver⸗ theidigen wird, den man den König vor Gericht nennt“ meinte ein dritter.„Gegen den gewiegten Hortenſius wird der jugendliche und unerfahrene Ankläger einen ſchweren Stand haben.“ „O, Cäſar kann auch ſprechen!“ rief ein vierter dazwiſchen.„Er hat nicht umſonſt den berühmten Grammatiker Gnypho zum Lehrer gehabt.“ „Alle Achtung vor dem galliſchen Findelkinde Gnypho“, bemerkte der, welcher früher geſprochen hatte,„aber ich glaube doch nicht, daß es ſein Schüler mit Hortenſius ————— 85 wird aufnehmen können. Seit mehr als zwanzig Jah⸗ ren ſpricht Hortenſius faſt täglich öffentlich. Reichthum der Gedanken, Zierlichkeit im Ausdruck, Planmäßigkeit in der Anordnung und lieblicher Ton im Vortrag bilden bei ihm einen Reigen von Vorzügen, der ſich bei keinem zweiten Redner findet. In jeder Geberde ſeines Angeſichts, in jeder Bewegung ſeiner Hand liegt ſo viel Anmuth, ſo viel Verſtärkung deſſen, was ſeine Lippe ſpricht, daß ſogar unſere berühmteſten Schau⸗ ſpieler Roscius und Aeſopus fleißig vor ſeiner Redner⸗ bühne erſcheinen, um von ihm zu lernen.“ „Was Cäſar an Uebung fehlt, wird er durch ſchla⸗ gende Geiſtesgegenwart zu erſetzen wiſſen“ wandte der Vertheidiger Cäſar's ein.„Wie treffend hat er kürz⸗ lich den Lucullus abgetrumpft, als ſich dieſer etwas gegen ihn herausnahm und ihm hochmüthig drohte, er wolle ſich der Gewalt ſeines Amtes gegen ihn bedienen. Auf die Schmeicheleien und Beſtechungen anſpielend, die Lucullus an die Präcia verſchwendet, ſagte Cäſar lächelnd: Wohl nennſt Du es Dein Amt, Lucullus, weil Du mit Deinem baaren Gelde es kaufteſt.“ „Eine gute Antwort“ mußte der Parteigänger des Hortenſius zugeben.„Aber mit der feinen Art, wie Hortenſius den Pompejus und Craſſus beſchämte, als ſie in den Comitien das Aufwandsgeſetz in Vorſchlag 86 brachten, kann ſie ſich doch nicht meſſen. Hortenſius that angeſichts des von den beiden reichſten und am luxuriöſeſten lebenden Männern Roms eingebrachten Aufwandsgeſetzes nichts, als daß er mit verſtellter Be⸗ wunderung die Pracht ihrer eigenen Paläſte lobte. Und dann ſein immenſes Gedächtniß! Erinnerſt Du Dich nicht deſſen, was man ſich erſt kürzlich in allen Thermen von dieſem merkwürdigen Gedächtniß des Hortenſius erzählte? Durch eine Wette mit dem Si⸗ ſenna herausgefordert, wohnte Hortenſius einen ganzen Tag hindurch einer öffentlichen Verſteigerung bei und konnte am Abend aus dem Gedächtniß angeben, wie hoch jedes einzelne Stück weggegangen ſei. Das ſchrift⸗ liche Verzeichniß traf Ziffer für Ziffer zu.“ Das Geſpräch der die Verdienſte des jungen Cäſar und des um Vieles ältern Hortenſius mit vieler Leb⸗ haftigkeit gegen einander abwägenden Bürger wurde durch einen Lärm an der Thür unterbrochen, der da⸗ durch entſtanden war, daß der Pförtner einen Clienten des Pompejus, der eine durchlöcherte Toga hatte, nicht in das Atrium einlaſſen wollte. Der arme Mann, der vielleicht vor Tagesanbruch aufgeſtanden war, um ſich die Sohlen zu flicken, und das Loch in ſeiner bereits einige hundertmal gewaſche⸗ nen und ganz fadenſcheinigen Toga überſehen hatte, 87 wäre auch kaum durchgeſchlüpft, wenn nicht ein paar Sänftenträger die Aufmerkſamkeit des Pförtners von ihm ab und auf den neuen Ankömmling gelenkt hätten, der mit vieler Grandezza aus der Sänfte ſtieg, wobei ihm die rothbemäntelten Träger behülflich waren. Der Pförtner ließ, ſobald er des Ankömmlings anſichtig wurde, von dem Clienten ab und er⸗ ſchöpfte ſich in Aufmerkſamkeiten gegen den Neuange⸗ kommenen. „Da kommt der Freigelaſſene Calviſius!“ ſagte der Philoſoph Gnypho zu ſeinem Nachbar Hortenſius, mit dem er ſich eben freundſchaftlich unterhielt, obwohl ſein Schüler Cäſar den Hortenſius durch die gegen Dolabella erhobene Anklage in die Schranken gefordert hatte.„Ein drolliger Kauz! Auf ſeinem Körper ſiehſt Du noch die Striemen, die ihm der Sklavenaufſeher einſt in die Haut geriſſen, aber ſeine Hände ſind voll von Ringen, die faſt ſo ſchwer ſind wie die Ringe an den Füßen, die er als Sklave getragen. Warſt Du nie zu Gaſt bei ihm?“ Hortenſius verneinte. „Glücklicher Hortenſius!“ rief Gnypho.„Dann kennſt Du auch ſeine purpurnen Sophaüberzüge und Scharlach⸗ polſter nicht, die er jedem Gaſt zeigt, beifügend, daß 88 ſie aus Aegypten ſeien. Dann haſt Du ihn auch nicht achtmal während der Tafel die Kleider wechſeln ſehen und ihn auch nicht bei Tiſche ſchnarchen hören. Er liebt es, eine Menge Clienten einzuladen, aber er gibt ihnen gemeine Soldatenkoſt, während er ſich in den köſtlichſten Weinen berauſcht. Er ißt und trinkt von Gold, die ärmern Gäſte läßt er aber aus irdenen Gefäßen trinken. Er überißt ſich an Prachtfiſchen, die in feinſtem Del geſotten und mit Rieſenſpargel garnirt ſind, dem Clienten läßt er einen gemeinen Tiberfiſch reichen, der nach Lampenöl riecht. Der Client muß mit ſteinhartem, verſchimmeltem Brode fürlieb nehmen, die Sklaven tractiren ihn mit Grob⸗ heiten, ſtatt mit Speiſen, und drohen ihm, wenn er einen Wunſch zu äußern wagt, mit dem Hinaus⸗ werfen.“ „Du kennſt den guten Calviſius in- und aus⸗ wendig“ unterbrach Hortenſius die draſtiſche Schilde⸗ rung, welche der Philoſoph von der Aufgeblaſenheit des reichen Emporkömmlings entworfen hatte.„Da kommt er ſelbſt; er ſcheint ein Anliegen an Dich zu haben.“ In der That näherte ſich der reiche Freigelaſſene dem Philoſophen, grüßte ihn herablaſſend und ſagte zu ihm: 89 „Guter Gnypho, möchteſt Du nicht den Unterricht meines Söhnchens übernehmen? Wann willſt Du zu mir kommen, daß wir die Sache abmachen?“ „Meine Schüler müſſen zu mir kommen“ ſagte Gnypho. „Gut denn, ſo will ich mit dem Jungen zu Dir kommen. Was verlangſt Du für den Unterricht?“ „Du weißt, daß ich nie für einen beſtimmten Lohn lehre, ſondern es auf die Freigebigkeit meiner Schüler ankommen laſſe“, entgegnete Gnypho trocken. Der Abgefertigte machte ein verdrießliches Geſicht und meinte ſpitzig: „Ich erinnere mich noch der Zeit, wo Du minder ſtolz warſt, Gnypho, wo Du vor Tagesanbruch, früher als der Schmied und Weber, aufſtandeſt und den Dunſt der Lampen athmeteſt, welche die Knaben auf die Platt⸗ form des Daches mitbrachten, das Dir zur Schulſtube diente, in welcher Du ganz wacker den Rohrſtock und die Lederpeitſche gegen die ungerathenen Jungen ſchwangſt.“ „Ganz recht“ warf der Philoſoph gelaſſen ein.„Es iſt zwar ſchon lange her, aber auch ich erinnere mich der Zeit genau. Ich weiß noch wie heute, daß Du einmal— Du hatteſt damals eben die Freiheit erlangt und das Geſchäft eines Auctionators angetreten, das 90 Dich ſpäter ſo reich machte— mich vorwitzig mit einer Anſpielung auf die Gründlichkeit meiner Methode frag⸗ teſt, wie es komme, daß aus ſchwarzen wie aus weißen Bohnen gelbe Brühe komme. Was gab ich Dir doch damals zur Antwort, Calviſius?“ Der Gefragte ſchwieg verwirrt und verlegen. „Wenn ich mich recht erinnere, that ich Dir die Gegenfrage, wie von ſchwarzen und weißen Riemen gleichermaßen ſchwarze Striemen entſtehen“ ſagte der Philoſoph ruhig, während der reiche Freigelaſſene ſich wie ein begoſſener Hund entfernte. „Den haſt Du ſchön zugedeckt“ meinte Hortenſius lächelnd. „Ich habe nur noch gewartet, daß er mich fragt, wem er ſeine mannbare Tochter geben ſolle“, bemerkte Gnypho.„Ich weiß, daß er hoch hinaus mit dem Mädchen will, das einen Spiegel benutzt, der mehr werth iſt als die Ausſteuer mancher Ritterstochter. Er ſucht einen Senator für ſie, eben darum hätte ich ihm gerathen, ſie einem Auctionator zum Manne zu geben, weil das Geſchäft, wie er aus eigener Erfahrung wiſſe, das einträglichſte ſei.“ Während Philoſoph und Anwalt noch ihre Gloſſen über den Emporkömmling machten, hatte ſich dieſer be⸗ reits einem Manne genähert, der mit einer Liſte aus mbehiea an 4u 91 dem Kabinet des Pompejus herausgekommen war und das Abzeichen des Hauſes trug. Es war Anthemus, der erſt kürzlich vom Leiter der Gladiatorenſpiele zum Tafelaufſeher avancirt war. „Kannſt Du mich nicht auf die Liſte der auf heute Geladenen ſetzen, Anthemus?“ fragte Calviſius den Tafelaufſeher in vertrautem Tone. „Ich habe zwar viel von Dir herumgeredet, wäh⸗ rend Pompejus die Liſte der Gäſte zuſammenſtellte, ich ſehe aber nicht, daß er Dich darauf geſetzt hätte“, ſagte Anthemus. „Du kannſt ja meinen Namen auf Deine Gefahr hinzuſchreiben“ proponirte der Freigelaſſene.„Ich will mich beſcheiden beiſeite halten und an das unterſte Ende der letzten Tafel ſetzen. Es iſt mir nur darum zu thun, ſagen zu können, daß ich bei Pompejus ge⸗ ſpeiſt habe.“ „Ich weiß nicht, ob das angehen wird“ murmelte der Tafelaufſeher mit wichtiger Miene. „Ich will Dir gern fünftauſend Seſterzien in Gold zuſchicken, lieber Anthemus!“ drängte der Freigelaſſene ſchmeichelnd. „Ich will ſehen, was ſich thun läßt“ ſagte dieſer. „Schicke die ſechstauſend Seſterzien— waren es nicht ſechstauſend?“ 92 „Meinetwegen ſechstauſend.“ „Schicke alſo die ſechstauſend Seſterzien und er⸗ ſcheine vor der Tafelſtunde hier im Atrium; ich werde Dich ſo vortheilhaft zu placiren ſuchen, daß Pompejus keine Ahnung davon haben ſoll, daß Du ſein Gaſt biſt.“ Calviſius entfernte ſich mit ſtrahlendem Geſicht und ſtieß im Weggehen auf einen Mann, vor dem ſich der Pförtner tief verneigte und den der Nomenclator ſofort meldete und einließ. Der Letztangekommene war der Arzt des Pompejus, ein Aegypter, deſſen Einkommen man auf viermal⸗ hunderttauſend Seſterzien ſchätzte. Er galt in Rom als eine der erſten medici⸗ niſchen Celebritäten und ein Schwarm von Schülern folgte ihm auf allen Wegen und ſelbſt zu ſeinen Patienten. Kaum daß der Reſpect vor Pompejus die Jünger⸗ ſchaar abhielt, ſich auch bei dieſem einzudrängen. Der Aegypter hatte ſeine Laufbahn gleichſam von der Pike auf gemacht. Er hatte nichts nach Rom gebracht, als was man im guten wie im ſchlimmen Sinne den National⸗ charakter des Aegypters nannte: Geiſt und Scharf⸗ ſinn, ſchlagfertigen, beißenden, mitunter zu obſcöner 93 Poſſenreißerei ſich verſteigenden Witz, Aufgeblaſenheit und Inſolenz, Frechheit und Unverſchämtheit. Die letztern Eigenſchaften insbeſondere waren ihm ſehr zu ſtatten gekommen, als er ſeine erſten Ope⸗ rationen in einer offenen Bude vornahm, die er echt charlatanmäßig mit elfenbeinernen Büchſen, ſilbernen Schröpfköpfen und Meſſern mit vergoldeten Griffen ausſtaffirt hatte. Später hatte er die Augen von Tauſenden dadurch auf ſich gelenkt, daß er beſonders ſchwierige Operatio⸗ nen im Theater vornahm. Den größten Kundenkreis ſchuf er ſich im Lager der Freigelaſſenen, indem er ſich wie kein Zweiter darauf verſtand, Brandmale, die an die Sklavenzeit des Freigelaſſenen mahnten, ſo geſchickt aus der Haut herauszuſchneiden und herauszuätzen, daß auch nicht die leiſeſte Spur zurückblieb. Den Reichen, die ſich fürchteten, von Erbſchleichern vergiftet zu werden, präparirte er Gegengifte, be⸗ ſonders Theriak; endlich ließ er gewiſſe theure Me⸗ dicamente, deren Bezugsquellen ihm allein bekannt waren, aus Aegypten kommen und Collegen und Patienten mußten ſie um theures Geld von ihm be⸗ ziehen. Das Vertrauen des Pompejus hatte er ſich er⸗ 94 obert, indem er ihn durch eine heroiſche Kaltwaſſerkur aus einer argen Krankheit rettete. Das Erſcheinen des Aegypters war für Cäſar, der ſich mit Pompejus unterhalten hatte, das Signal, das Kabinet des letztern zu verlaſſen. Siebentes Kapitel. Bei Cäſar. Eine Schaar von Clienten empfing Cäſar, als er den Palaſt des Pompejus verließ. Sie waren mit ihm gekommen und hatten ſich, während er dem Pompejus ſeinen Beſuch abgeſtattet hatte, vor dem Palaſte des letztern herumgetrieben. Jetzt ſetzten ſie ſich in Trab und machten in be⸗ lebten Gaſſen von ihren Ellenbogen Gebrauch, um der Sänfte Cäſar's den Weg durch das Gedränge zu bahnen. Sie begleiteten Cäſar nach dem Marsfelde und ver⸗ theilten ſich hier in die Lorbeer⸗ und Platanenalleen und die mit Statuenbildern und Teppichen reich ge⸗ ſchmückten Säulenhallen, während Cäſar ſich in das Ge⸗ wühl der auf dem grünen Boden des Marsfeldes Reiten⸗ den, Fahrenden, Ball und Reifen Schlagenden miſchte. 96 Hier geſellte ſich einer jener Müßiggänger zu ihm, die überall und nirgends ſind. Er hatte heute ſchon einer Bekleidung mit der Männertoga in einem befreundeten Hauſe beigewohnt, war dabei geweſen, als in einer andern Familie das zum erſten Mal geſchorene Haar eines Lieblingsſtlaven feierlich aufbewahrt wurde, und hatte zuletzt einer Ver⸗ lobung beigewohnt. Jetzt ſah er ſich nur flüchtig auf dem Mars⸗ felde um, um dann zu einer Verlobung und von dieſer hinweg zu einem reichen Freunde zu eilen, der ihn eingeladen hatte, ſein Teſtament mit zu unter⸗ ſiegeln. Aber trotz dieſer vielen Geſchäfte hatte er noch Zeit, Cäſar zu erzählen, daß Craſſus eine Legion, die ſich von Spartacus hatte ſchlagen laſſen, zur Decimi⸗ rung verurtheilt habe, und daß an fünfhundert Mann auf dieſe Art gezehntet und von ihren eigenen Kame⸗ raden erſchlagen worden. Dann theilte er Cäſar auch noch mit, daß er ſo eben gehört habe, daß in Oberägypten Regen gefallen ſei und daß ein Convoi von dreiunddreißig Handels⸗ ſchiffen aus Afrika in den Tiber eingelaufen ſei, ohne von den Seeräubern behelligt worden zu ſein. Vom Marsfelde ließ ſich Cäſar von der Schaar ., 97 ſeiner Clienten nach den prachtvollen Thermen beglei⸗ ten, die er ſich ſelbſt in der Nähe ſeines Palaſtes ge⸗ baut hatte. Ein außerordentlicher Luxus herrſchte hier. Gewöhn⸗ liche Marmorarten ſah man gar nicht daſelbſt, der grüne lakoniſche Marmor rahmte die großen Flächen des bläulichroth gefleckten ſynnadiſchen Marmors in lan⸗ gen Leiſten ein. Dazwiſchen glänzten Felder von gelbem numidiſchem und ſchneeweißem phöniziſchem Marmor. Die glänzenden Wölbungen ſchmückten Bilder aus Glasmoſaik und das durch Kuppeln breit einfallende Sonnenlicht verbreitete überall reichliche Helle. Aus ſilbernen Röhren ſprang das Waſſer in ſil⸗ berne Becken, und durch das von Marmor eingefaßte Baſſin war fließendes Waſſer geleitet, ſo klar, daß man den bloßen Marmorboden zu ſehen glaubte. Aus dem Bade folgten die Clienten ihrem Patron Cäſar nach ſeinem Palaſte, wo ihrer eine köſtliche Be⸗ wirthung harrte. Vor Cäſar's Palaſte brauchten ſich die Clienten nicht mit groben Sklaven, die ihnen den Eingang ver⸗ wehrten, herumzuzanken. Die Clienten Cäſar's waren vielfach beneidete Leute, die nicht ein Jahr lang warten mußten, bis ihnen einmal ein alter Mantel, eine zehnmal gewaſchene Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. II. 7 98 Toga oder eine Einladungsmarke zur Tafel verabreicht wurde. Da war ſtets freier Zutritt und offene Tafel, und es bedurfte keiner Beſtechung des Pförtners, um zuge⸗ laſſen zu werden. Bei Tiſche wurde den Clienten nichts Schlechteres verabreicht, und die Mohrenknaben, welche die bevor⸗ zugten Tiſche der ſpeciell geladenen Gäſte im Auge zu halten hatten, trugen die Schüſſeln auch zu den Tiſchen der Clienten, und Cäſar ſelbſt ließ ſich die Speiſen, die zu den untern Tiſchen gingen, vorlegen, um ſich zu überzeugen, daß man ſeinen ärmern Gäſten nichts Schlechteres vorſetze. Dieſe tranken auch von dem Falerner, von welchem der Senator trank, der an der Spitze der oberſten Tafel zu Gaſte ſaß, und hinter den Sophas der Clien⸗ ten ſtanden keine Aufpaſſer, die verhindern ſollten, daß nicht ein oder der andere ſilberne Becher in die Ta⸗ ſchen eines herabgekommenen Bürgers ſich verliere. Darum war aber auch Cäſar der Abgott ſeiner Clien⸗ ten und dieſe wären für ihn durchs Feuer gegangen. Jetzt ergoſſen ſie ſich an dem mit einem Rohrſtabe bewaffneten Pförtner vorbei in das ſäulengetragene Atrium, deſſen Wände vou Marmor und mit Ahnen⸗ bildern bedeckt waren. ver tau den Bli hem ſten ien⸗ daß Tq⸗ ien⸗ gen⸗ tabe gene nen⸗ 99 Zwiſchen den Säulen ſtanden altersgraue Erzbilder, die halbverwiſchten Gemälde auf den Wänden zeigten die Viergeſpanne der Triumphatoren, in Schränken waren auch geſchwärzte Wachsmasken der Ahnen auf⸗ bewahrt. Inſchriften verkündeten Namen, Titel und Thaten erlauchter Vorfahren. Die Ahnentafel des Hauſes ſprach von ſiebzehn Conſulaten, zwei Dictaturen, fünf Cenſuren, drei großen und zwei kleinen Triumphen. Sobald der Tafelmeiſter das Zeichen gegeben hatte, vertheilten ſich die Gäſte in dem ungeheuren Raume des Speiſeſaals, in welchem Cäſar täglich weit über tauſend Perſonen bewirthete. In dieſem Saale reichten die Marmorſäulen bis zu dem vergoldeten Deckengetäfel, deſſen Zierrathen in einer Höhe prangten, daß ſie der vom Aufblicken ermüdete Blick kaum feſtzuhalten vermochte. An Citrustiſchen, deren Tafelflächen auf elfenbei⸗ nernen Füßen ruhten, nahmen die Gäſte Platz. Die bevorzugtern ſaßen auf Speiſeſophas, die golddurchwirkte Ueberzüge hatten, während die übrigen auf Purpurkiſſen lagen. Koſtbare goldene und kryſtallene Trinkgefäße be⸗ deckten die Tiſche, und Mohren, die mit weißſeidenen 76 —— 100 Tunicas bekleidet waren, ſtanden jedem Gaſte zu Dienſten. Der Aufſeher der Kryſtallgefäße war unermüdlich im Herbeiſchaffen koſtbarer Becher, welche auf jene Tafeln wanderten, wo der Vorrath der edelſteinbeſetzten goldenen und ſilbernen Becher ſich als unzulänglich erwies. An der Tafel, an welcher Cäſar ſaß, waren außer ihm noch acht Perſonen von den verſchiedenſten Rangſtufen. Ihm zur Rechten ſaß der Dispenſator der Republik Baſſäus. Er war eine wichtige Perſon in Rom und ver⸗ waltete den Schatz. Durch ſeine Hände ging der tägliche Bedarf der Armeen, die Erforderniſſe für die Getreideaustheilungen in Rom, für Bauten von Tempeln und Waſſerleitun⸗ gen, für den Schmuck der Paläſte, für Götterſtatuen und Münzen. In ſeine Kaſſen floß der Ertrag der dalmatiniſchen Goldbergwerke, der afrikaniſchen und ägyptiſchen Ern⸗ ten, der Perlenfiſchereien der öſtlichen Meere, der numi⸗ diſchen Wälder und des indiſchen Elfenbeins, ſowie der alexandriniſchen Kryſtallglasfabriken. Zur Linken Cäſar's lehnte eine andere kaum weniger einflußreiche Perſönlichkeit. zu ich ene ten lich el⸗ der gen un⸗ wen chen Ern⸗ mi⸗ der aun 101 Es war Sylvius, der das Amt der Depeſchen und Briefe verwaltete. Seines Amtes war es, die Befehle der Conſuln nach allen Weltgegenden zu entſenden, die Botſchaften von den verſchiedenen Armeen, die in Spanien, Klein⸗ aſien, Italien, Afrika ſtanden, entgegenzunehmen, die von den Conſuln verfügten Beförderungen im Heere bekannt zu machen, die Nachrichten einzufordern, ob die Nilüberſchwemmung für die Ernte hinreichend ge⸗ weſen, ob in Afrika ausgiebiger Regen gefallen ſei. Des Baſſäus Nachbar war der Philoſoph Gnypho, während dem Sylvius der Senator Apulejus zur Seite ſaß, dem Cäſar ſein Vermögen ſo eben erſt auf die ſenatoriſche Höhe ergänzt hatte, um es ihm zu ermög⸗ lichen, im Senate zu bleiben. Der ſechste Gaſt in der Reihe war der Pragmatiker Flavius, deſſen ſich Cäſar als juriſtiſchen Beiſtandes bei ſeinem Auftreten gegen Dolabella bediente. Der Pragmatiker, der Cäſar bei ſeinen Angriffen gegen den ehemaligen Günſtling Sulla's durch ſein poſitives juriſtiſches Wiſſen unterſtützen ſollte, hatte den Leibarzt Cäſar's, einen Syrier, zum Nachbar. Den Schluß der Tafelrunde machten zwei Philo⸗ ſophen untergeordneten Ranges, Philoſtratus und Petronius. —— —— — 102 Sie waren gewaltige Zecher und disputirten gern. Da ſie entgegengeſetzte Principien vertraten, ſo kamen ſie einander oft in die Haare und trugen ſo zum Ergötzen der Geſellſchaft bei. Die Gäſte hatten ſich kaum niedergelaſſen, als ein Choralgeſang ertönte, dem eine Production auf der Lyra folgte. Darauf tanzten auf einer halb in der Luft ſchwe⸗ benden Bühne Andaluſierinnen nach dem Takte der Caſtagnetten einen üppigen, ſinneberauſchenden Tanz. „Ich danke Dir, Cäſar“, nahm Gnypho während einer Pauſe das Wort,„daß Du uns Tänze und keine Vorleſungen zum Beſten gibſt. Ich zähle die Vor⸗ leſungen neben den Feuersbrünſten und Häuſerein⸗ ſtürzen zu den größten Calamitäten in Rom.“ „So ſprichſt Du, Gnypho, Du, ſelbſt ein Mann der Vorleſungen!“ warf Cäſar lächelnd ein. „Das kommt daher, weil ich nicht einmal mir ſelbſt ſchmeichle“, entgegnete Gnypho. „Dann biſt Du eine Ausnahme von der Regel, Gnypho“, meinte Cäſar.„Wer wäre heutzutage nicht ein Schmeichler! Ich kenne einen Mann, der einen Schuſter zum Sklaven hatte, welchen er ſeiner Un⸗ brauchbarkeit wegen verkaufte. Pompejus kaufte den guten Schuſter. Nun ſollteſt Du ſehen, Gnypho, wie n. ſo in wie 103 der ehemalige Herr des Schuſters dieſem um den Bart geht. Jüngſt begegnete er ihm einmal und ſprach ihn ſo an: Was macht mein wackerer Druſillanus? Ich habe immer große Stücke auf ihn gehalten! Seit ich mich von ihm getrennt habe, will mir Niemand mehr meine Sandalen zu Danke machen.“ Die Gäſte lachten und der Syrier nahm das Wort. „Geſtern ſtand ich an dem Sterbebette eines Man⸗ nes“, ſagte er,„der die Schmeichler ausgezahlt hat. Dppius Panſa verſtand es, ſich in dem Geruche zu erhalten, daß er reich ſei. Er war kinderlos und ſo⸗ mit von Erbſchleichern umlagert. Wie hat er es ver⸗ ſtanden, ſie im Athem zu erhalten! Er ließ ſie glau⸗ ben, daß das Meer mit Handelsſchiffen bedeckt ſei, die ihm gehörten, und daß er unermeßliche Beſitzungen in Afrika habe. Er machte monatlich ein Teſtament, hüſtelte, als ob ſein Ende bevorſtehe, und nahm mit gleichgültiger Miene die Geſchenke in Empfang, welche ihm die Erbſchleicher aufdrangen, um ſich eine Er⸗ wähnung in ſeinem Teſtamente zu ſichern. Nun iſt er todt und hat in Wahrheit gar nichts hinterlaſſen.“ „Das iſt in der That eine gute Lection für die, welche täglich die Wahrſager überlaufen, um ſie zu fragen: Wann werde ich dieſen oder jenen beerben?“ meinte Cäſar heiter. 104 Petronius hatte am untern Ende des Tiſches in⸗ zwiſchen dem mit Falerner gefüllten vierſchnäuzigen Trinkgefäße, welches Cäſar nach ihm die Petroniſche Flaſche zu nennen pflegte, ſo zugeſprochen, daß er ſich in gehobener Stimmung befand und Cäſar zutrank. „Wenn ich von Cäſar und von Jupiter zugleich zu Tiſche geladen wäre“, rief der Philoſoph, ſeinen langen Bart ſtreichend, mit Emphaſe,„ſo würde ich keinen Augenblick ſchwanken, zu Cäſar zu kommen, ſelbſt wenn der Olymp näher und Cäſar's Palaſt weiter wäre.“ „Ich danke Dir, edler Petronius, für Deine Freund⸗ ſchaft“ ſagte Cäſar, Rührung affectirend.„Ich habe Dir eine goldene edelſteinbeſetzte Gürtelſchnalle zu⸗ gedacht; laß ſie Dir nach Tiſche von meinem Aufſeher der Kryſtallgefäße und Kleiderſchnallen ausfolgen.“ Die Schnalle ließ den zweiten Philoſophen nicht ruhen und er ſagte: „Du haſt mir einmal, edler Cäſar, eine Toga ge⸗ ſchenkt. Du wirſt Dich deſſen kaum erinnern—“ „Doch, doch!“ fiel Cäſar Philoſtratus in die Rede. „Du haſt die Toga in einer Ode beſungen, die Du mir überreichteſt.“ „Ganz recht, Cäſar! Jene Ode galt der neuen Toga, jetzt habe ich die Toga noch einmal in abgenutztem Zu⸗ ſtande beſungen. Willſt Du das Gedicht hören?“ 105 „Ich danke Dir, guter Philoſtratus“, ſagte Cäſar mit einer abwehrenden Handbewegung.„Bemühe Dich nicht, ſieh, es wird ſo eben eine Pantomime aufgeführt. Uebrigens werde ich dem Aufſeher meines Schlafgemachs ſagen, daß er Dir eine meiner Togen verabreiche.“ Die Pantomime veranſchaulichte eine Luſtſpielſcene, in welcher ein Herr einen Sklaven peitſchen läßt und über die Stimme des heulenden Sklaven ſo entzückt iſt, daß er beſchließt, aus ihm einen Sänger zu machen. Der Pantomime folgt eine reichliche Geldverthei⸗ lung an die Clienten, worauf die hundertköpfige Schaar dieſer letztern höchlich befriedigt auseinanderſtob, um Cäſar's Lob in alle Straßen Roms zu tragen. Achtes Kapitel. Im Senat. In der Gegend der Curia Hoſtilia, dieſes ſchon von Tullus Hoſtilius auf einem Theile des heutigen Vaticans für die Senatsſitzungen errichteten Gebäudes, herrſcht ein reges Leben, obwohl die Sonne kaum auf⸗ gegangen iſt. Das Volk hat ſich vor dem Senaculum ungewöhn⸗ lich zahlreich eingefunden, weil es eine intereſſante Senatsſitzung erwartet, obwohl die an den Mauern klebenden Edicte, durch welche der Senat einberufen wurde, den auf der Tagesordnung ſtehenden Gegen⸗ ſtand nicht verrathen. Aber man weiß, daß heute im Senate die Anklage Cäſar's gegen Dolabella zur Verhandlung kommen wird und daß dabei die beiden großen Parteien in Rom aufeinanderplatzen dürften. — 107 Das Volk hielt es mit Cäſar, der Senat war in ſeiner Sullaniſchen Zuſammenſetzung dem Neffen des Marius nicht hold und ſympathiſirte mit dem Manne, den Cäſar anklagte. So früh es auch an der Zeit war, die Thüren des Senaculums ſtanden bereits offen und das Volk brandete, die Stufen des über dem Vulcanal be⸗ legenen Comitiums in hellen Haufen herabſteigend, bis dicht an die Thüren des Sitzungsſaals, durch welche ihm zwar der Blick in den Saal offen⸗ ſtand, deren Schwellen es jedoch nicht überſchreiten durfte. Noch war Niemand im Saale zu ſehen als die Senatsdiener, ein paar Schreiber und Notare und einige Viatoren und Lictoren. Aber ſchon kam der erſte Senator die Treppe her⸗ auf und wurde von dem Volke mit halb ironiſchen Zurufen empfangen. Man kannte ihn und ſein präciſes Erſcheinen war in Rom ſprichwörtlich. Während ſich die übrigen Senatoren Zeit ließen, war er immer pünktlich zur Stelle und ſein Kommen traf immer genau mit der Stunde zuſammen, auf welche der Senat einberufen war. Infolge dieſes präciſen Erſcheinens hatte er aber 108 auch Zeit, ſich vor Beginn der Verhandlungen die Zeit mit Lectüre zu vertreiben. Er hatte übrigens noch nicht lange Platz genom⸗ men, als auch ſchon andere Collegen erſchienen und ſich, nachdem ſie vor dem Altare des Vulcan, dem der Ort geweiht war, Wein und Weihrauch geopfert und ein kurzes Gebet verrichtet hatten, theils auf die Plätze begaben, die ſie gewöhnlich einzunehmen pflegten, theils im Mittelraume zu Gruppen zuſammentraten. Es bildeten ſich zwei Hauptgruppen, von denen die eine aus Freunden Dolabella's, die andere aus Gegnern des Angeklagten beſtand. Waren die Senatoren bisher alle zu Fuß gekommen, wie es vorgeſchrieben war, diejenigen, welche ein⸗ mal conſulariſche oder prätoriſche Würden bekleidet hatten, von Lictoren begleitet, ſo erregte jetzt das Er⸗ ſcheinen einer Sänfte, welcher das Volk ehrerbietig auswich, Aufſehen. Ein blinder Senator ſaß in derſelben; er hatte das Recht, ſich in die Sitzung tragen laſſen zu dürfen. Es mochten ungefähr hundert Senatoren verſammelt ſein, als Cäſar mit ſeinem Anhange vor dem Sena⸗ culum erſchien. Heiter wie gewöhnlich grüßte er nach allen Seiten die ihn mit Zurufen empfangende Menge, drückte it ie n n, et tig — 5 109 dieſem und jenem die Hand und verabſchiedete ſich in leutſeligſter Weiſe von dem heute vollzählig erſchienenen Heere ſeiner Clienten, das ſich lärmend über den Platz verbreitete und in den Gängen des Senaculums Poſto faßte, ſodaß es ſeine Ohren faſt im Sitzungsſaale hatte. Cäſar war zwar nicht ſelbſt Senator— er konnte dies bei ſeiner Jugend nicht einmal ſein— aber ſeine Stellung als Flamen dialis vermittelte ihm den Ein⸗ tritt in den Senat. Durch den Einfluß ſeines Oheims Marius war Cäſar nämlich bereits mit vierzehn Jahren zum Prie⸗ ſter Jupiter's Gamen dialis) ernannt worden, und dieſe bevorzugte Stellung gab ihm das Recht, die ſenatoriſche Toga prätexta mit dem breiten Purpurſtreifen, die Tunica laticlavia und den ſenatoriſchen Schuh zu tragen, ſich des curuliſchen Stuhls zu bedienen und im Senate das Wort zu ergreifen. Cäſar wurde im Saale von ſeinen Freunden leb⸗ haft begrüßt. Wohl war das Häuflein derſelben weit kleiner als die Schaar derer, die es mit Dolabella hielten, aber es war trotz dieſer augenfälligen Minorität, in der er ſich zu befinden ſchien, ſowohl auf ſeinem wie auf dem Geſichte ſeiner Freunde eine Siegeszuverſicht 1 18 . 11 3 13 i — 110 zu leſen, der es freilich vorläufig an jeder greifbaren Begründung zu fehlen ſchien, die aber doch ihre Mo⸗ tive haben mußte, da ſelbſt die Freunde Dolabella's von Zeit zu Zeit unruhig nach der ihre Meinung im Flüſtertone austauſchenden Gruppe hinüberblickten. Jetzt kam auch der Angeklagte mit ſeinem Advo⸗ caten Hortenſius. Er war noch in jene Lumpen gekleidet, in denen er bis zum Tage des Gerichts die Straßen Roms durchzogen hatte, um von Thür zu Thür das Mitleid ſeiner Richter anzuflehen. Der Mann, der das Conſulat bekleidet und unter ſeinem Beſchützer Sulla wegen einiger gegen die Thrazier errungenen Vortheile durch einen Triumph geehrt worden war, mußte jetzt vor der Thür der hohen Verſammlung, deren Mitglied er als geweſener Conſul von Rechtswegen war, Halt machen und ſich auf das Bänkchen der Angeklagten ſetzen. Es war daſſelbe Bänkchen, auf welchem noch vor hundertfünfzig Jahren die Volkstribunen geſeſſen hat⸗ ten, als ihnen noch nicht das Recht zuſtand, in den Sitzungsſaal ſelbſt eintreten zu dürfen. Um den Senat bei ſeinen Berathungen zu contro⸗ liren, hatten ſie vor der offenen Thür auf einem Bänkchen Platz genommen. Heute ſaß Dolabella auf dieſer hiſtoriſchen Bank, und die Clienten Cäſar's, die ihn umwogten, flüſterten ſich lachend die Anekdote von den vierzehn Monaten zu, in welche Dolabella als Statthalter von Macedo⸗ nien das Jahr eingetheilt habe, um gewiſſe Abgaben, die monatlich entrichtet werden mußten, vierzehnmal ſtatt zwölfmal zu erhalten. Er hatte den ſich über die willkürliche Maßregel Beſchwerenden die höhniſche Bemerkung entgegenge⸗ halten, daß November und December dem Wortlaute nach den neunten und zehnten Monat bedeuteten und daß es nothwendig noch zwei weitere Monate geben müßte. Es war dies eine der Hauptgrundlagen für die von Cäſar gegen Dolabella erhobene Anklage. Dolabella's Sachwalter Hortenſius hatte kaum Zeit gehabt, einige zweifelhafte Senatoren zu begrüßen, um ſie für ſeinen Clienten zu ſtimmen, als der Conſul des Monats, der den Senat auf heute einberufen hatte, unter Vorantritt der Lictoren erſchien und ſich auf dem für ihn beſtimmten erhöhten Platze niederließ. Die übrigen Conſuln und Prätoren des Jahres ſetzten ſich auf ihre curuliſchen Stühle, die Tribunen nahmen ihre Sitze, die Senatoren, welche kraft ihrer einmal oder mehrmals verwalteten conſulariſchen, prä⸗ 112 toriſchen, ädiliſchen oder quäſtoriſchen Würden daſaßen, den Halbkreis um den Vorſitzenden ein, und die übrigen Senatoren erſtiegen die Bänke, wobei ſich eine Gruppi⸗ rung nach Parteien bemerkbar machte, ſodaß, wie die Sachen heute lagen, unſchwer ein Sieg Dolabella's vorherzuſehen war. Ein Senator, der mit dem Conſul gekommen war und den Auſpicien beigewohnt hatte, welche in deſſen Hauſe anläßlich der ausgeſchriebenen Senatsſitzung vor⸗ genommen worden waren, näherte ſich Cäſar und flüſterte ihm zu: „Ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich Dir ſage, daß das geſchlachtete Opferthier kurz, ehe es verendete, mit menſchlicher Stimme geſprochen hat.“ „Ich danke Dir für den wohlgemeinten Wink“ ſagte Cäſar lächelnd und erhob ſich bald darauf zu dem Antrage, die Senatsſitung unter freiem Himmel ab⸗ zuhalten, was ſo viel bedeutete, als ſie zu vertagen, weil das Opferrind mit menſchlicher Stimme geredet habe. Der Conſul, der das Opfer abgehalten, ſtellte das Phänomen zwar in Abrede, da ſich jedoch der Senator, der Cäſar den betreffenden Wink gegeben hatte, als Zeuge erhob und erklärte, daß das Rind wirklich Laute von ſich gegeben habe, die mit der menſchlichen Stimme — 113 große Aehnlichkeit gehabt, ſo blieb dem Conſul nichts übrig, als das Augurncollegium zu berufen. Dieſes ſchien jedoch mit Dolabella zu ſympathiſiren, und da es den Senat in einer dem Angeklagten gün⸗ ſtigen Zuſammenſetzung erblickte und den Grund des Einwurfs Cäſar's gegen die Gültigkeit der Sitzung durchſchaute, ſo erklärte es nach Anhörung des Prieſters, der den Opferact vorgenommen hatte, daß das ge⸗ ſchlachtete Opferthier nicht mit menſchlicher Stimme geredet habe und der Abhaltung der Sitzung nichts im Wege ſtehe. Die Freunde Dolabella's richteten höhniſche Blicke auf die Gegenſeite, als ſich Cäſar unter lautloſer Stille erhob und begann: „Wo iſt der Cenſor, daß er nicht ſein Amt verwaltet? Warum hält er nicht die ſenatoriſche Leſung? Ich ſehe hier eine erkleckliche Anzahl Männer, die nicht in dieſe Verſammlung gehören und nur einem Mißbrauche es verdanken, daß ſie hier ſitzen!“ Die Aufregung, in welche dieſe Worte den Senat verſetzten, der alsbald im Klaren darüber war, wohin der Sprecher ziele, war geradezu unbeſchreiblich. Viele Senatoren verließen ihre Plätze und rannten von Bank zu Bank, um ſich mit ihren Collegen zu beſprechen. Lncian Herbert, Bis zum Rubicon. II. 8 114 Cäſar fuhr, ſobald ſich der erſte Lärm gelegt hatte, unerſchrocken fort: „Ich ſehe dort zwei Senatoren ſitzen, die unter Sulla gemeine Soldaten geweſen ſind. Wer iſt's wohl, der nicht mit mir übereinſtimmte, wenn ich ſage, daß es ſich nicht ziemt, wenn der, welcher einmal als gemeiner Soldat gedient und Schanzkörbe und Holz⸗ bündel geſchleppt hat, ſpäter Senator wird? Gilt noch das alte Herkommen, das unſern Vätern heilig geweſen, oder gilt die Sullaniſche Vergewaltigung?“ „Sprich in ehrfurchtsvollerem Tone von Sulla, junger Mann!“ rief ein Conſular, der Stimmung der Sullaniſchen Adelspartei ungeſtüme Worte leihend, ſo⸗ daß dieſe Beifall klatſchte. „Widerlege mich, wenn Du kannſt!“ beharrte Cäſar. „Ich nenne vorläufig Niemand, aber ich fordere den Cenſor auf, ſein ſchon lange vernachläſſigtes Amt ernſt⸗ lich zu handhaben. Ich ſehe neben ehemaligen gemeinen Soldaten hier Freigelaſſene ſitzen, deren einziges Ver⸗ dienſt der Reichthum iſt. Ich ſehe unter den Männern, die ihre Ernennung zu Senatoren der Großmuth Sulla's verdanken, Perſönlichkeiten, die den Senatorenſtand ent⸗ ehrt haben, indem ſie ihre Töchter mit Söhnen reicher Freigelaſſener verheiratheten. Ich ſehe hier Senatoren, die zehnmal mehr Schulden haben als die geſetzlichen en 115 zweitauſend Drachmen, und wieder andere, die Geld⸗ und Handelsgeſchäfte treiben und Wucherzinſen nehmen. Ich ſehe andererſeits wieder Männer in den Reihen des Senats, die durch ihre Knickerei die Senatorenwürde in den Staub getreten haben. Dort ſitzt ein geweſener Prätor, dem man auf der Straße nach Tibur begegnete, von nur fünf Sklaven begleitet, die mit Kochgeſchirren bepackt waren; in der Stadt hat er kurz vor dem erſten Juli, dem Haupttermin des Wohnungswechſels, ein Gartenhaus bezogen, um ſpäter eine freigebliebene Wohnung billiger miethen zu können. Und auch Bar⸗ baren ſehe ich im Senate! Seit wir Kleinaſien erobert haben, iſt es nicht anders, als ob der Hrontes aus Syrien ſeine Wogen in den Tiber wälzte. Welches Vorrecht bleibt noch unſerm Adel und den aus Latium gebürtigen Senatoren, wenn die Söhne der aſiatiſchen Barbaren, die von unſern Heeren beſiegt worden ſind, ſich auf dieſe Bänke ſetzen dürfen? Iſt es denn ſo gar nichts, daß unſere Jugend die Luft des Aventin geathmet hat? Sollen wir zuletzt wohl gar Menſchen nachſtehen, welche mit demſelben Winde nach Rom ge⸗ kommen ſind, welcher die Damascener Pflaumen und die ſyriſchen Feigen nach Rom gebracht hat?“ Cäſar hatte den Proteſt gegen die Invaſion bar⸗ bariſcher Elemente in den Senat, zu welchem er ſeinen 116 Angriff gegen die von Sulla herrührende Zuſammen⸗ ſetzung des Senats zugeſpitzt, mit ſo gehobener Stimme geſprochen, daß das vor den Thüren des Senaculums angeſammelte Volk jedes Wort hörte und jauchzend einſtimmte. Das Volk haßte die Fremden, und ſchon oft hatten anonyme Anſchläge die Römer aufgefordert, den neuen Senatoren nicht den Weg in die Curie zu zeigen, und auf dem Marsfelde und vor den Thermen ſang das Volk: „Leute, die Sulla im Triumphe aufführte, führte er ſpäter in die Curie ein; vor kurzem trugen ſie noch Hoſen, jetzt blähen ſie ſich mit dem breiten Purpur⸗ ſtreife.“ Die Aufregung im Senate hatte den höchſten Grad erreicht. Alle, die ſich durch Cäſar's Rede getroffen fühlten, ſaßen mit bleichen Geſichtern auf ihren Plätzen. Die unſelbſtſtändigen Elemente gruppirten ſich um die tonangebenden Perſönlichkeiten und holten ſich bei dieſen ihre Inſpirationen. Blicke voll Haß fielen auf Cäſar, drohende Worte gegen ihn, einzelne Heißſporne ließen ſich zu Anträgen hinreißen, man möge den frechen jungen Mann zu ewigem Stillſchweigen im Senate verurtheilen. n n d 117 Da erhob ſich der Volkstribun und ſagte feierlich: „Ich nehme Cäſar in meinen Schutz; er iſt der Dolmetſcher der Volkswünſche gegen die Clique, die hier volksfeindlich herrſcht. Das Volk ruft durch un⸗ ſern Mund dem Cenſor zu: Thue Dein Amt, halte eine Senatorenleſung!“ „Eine Senatorenleſung! Eine Senatorenleſung!“ ſtimmten die mit Cäſar gehenden Senatoren ein. Der Cenſor mußte der dringenden Forderung nach⸗ geben und die Namen der Senatoren verleſen, etwas, was ſeit fünfzehn Jahren nicht geſchehen war, da Sulla das Cenſorenamt in Rom ganz lahm gelegt hatte, ſodaß es kein Cenſor wagte, den Senat zu purificiren. Während die Namen verleſen wurden, hatte jeder Senator und Tribun das Recht, Bemängelungen gegen die einzelnen Perſönlichkeiten vorzubringen, und über die auf dieſe Art angefochtenen Senatoren mußte der Cenſor eine Syſtemalunterſuchung einleiten, welche über die Frage entſchied, ob die Betreffenden auch fernerhin berechtigt wären, im Senat zu bleiben. Bis über dieſen Punkt definitiv entſchieden war, mußten ſie ſich der Abſtimmung in der Verſammlung enthalten und durften überhaupt nicht das Wort er⸗ greifen. 118 Nicht weniger als vierundſechzig Senatoren erhiel⸗ ten bei der Namenleſung das Zeichen der Zweideutig⸗ keit und waren ſomit mundtodt. Da die Zweideutigen insgeſammt Sullaniſche Crea⸗ turen und für Dolabella gewonnen waren, ſo ſah dieſer ſeinen Anhang mächtig ſchwinden und die beiden Parteien waren einander jetzt ſo ziemlich gleich, ja es ſchien ſogar, als ob die Cäſarianer in der heutigen Sitzung die Oberhand hätten, nachdem ſie ſich ſo vieler Gegner mit einem Schlage entledigt hatten. Hortenſius, der die Chancen ſeines Clienten im Sinken ſah, ſagte zu einem Dolabella befreundeten Senator: „Wenn wir ſicher gehen wollen, müſſen wir die mit und ohne Urlaub abweſenden Freunde einberufen. Cäſar's Leute ſind alle da, von den unſern ſind aber viele in Sicilien. Sie können zurück ſein, wenn der Conſul die Sitzung auf zehn Tage vertagt.“ Der Conſul verſtand den Wink und ließ den Ruf: „Der Senat iſt unvollſtändig!“ ertönen. Die Aufregung, die ſich nach Beendigung der Namenleſung kaum erſt ein wenig gelegt hatte, warf wieder höhere Wogen, und Gegenrufe ertönten, welche die Vollſtändigkeit des Senats behaupteten. 119 „Der Senat iſt vollſtändig!“ rief Cäſar.„Wenn das Geſetz bei Geldbewilligungen für Spiele nur die Anweſenheit von hundertfünfzig und bei Beſchlüſſen des Senats über Dispenſationen von Geſetzen nur die Anweſenheit von zweihundert Senatoren erfordert, ſo werden, um über eine Anklage zu richten, doch auch zweihundert Senatoren genügen? Ich wiederhole, der Senat iſt vollſtändig!“ „Er iſt nicht blos vollſtändig, er iſt ſogar in An⸗ betracht der zu verhandelnden Angelegenheit in großer Vollzähligkeit beiſammen“, ließen ſich Stimmen ver⸗ nehmen. Während noch die Rufe der ſich gegenüberſtehenden Parteien in Betreff der Vollſtändigkeit oder Unvoll⸗ ſtändigkeit des Senates bunt durcheinander ſchwirrten, zerhieb ein Senator den Knoten durch den Antrag: „Zähle!“ „Ja, zähle!“ ſchloſſen ſich viele Stimmen an. Der Vorſitzende ging auf den Zählungsvorſchlag ein und ſagte: „Wer den Senat für vollzählig anſieht, trete auf die rechte, wer ihn für unvollzählig anſieht, auf die linke Seite.“ In fünf Minuten war mit hundertdrei gegen hundert⸗ eine Stimme entſchieden, daß der Senat vollzählig ſei. 120 Die Spannung auf den Ausgang des Proceſſes wuchs, als es bei dieſer Vorabſtimmung klar geworden war, daß eine oder zwei Stimmen den Ausſchlag geben würden. Cäſar begründete nun, als der Senat förmlich con⸗ ſtituirt war, ſeine Anklage in einer ſo beredten und ſchlagenden Weiſe, daß Hortenſius Mühe hatte, ihn zu entkräften. Und nun kam es unter lautloſer Stille zur Ab⸗ ſtimmung. Zuerſt gab der princeps senatus ſeinen Wahlſpruch ab, er lautete auf Freiſprechung. Dann wurden die Senatoren, die kraft der conſu⸗ lariſchen, prätoriſchen, ädiliſchen und quäſtoriſchen Würden, die ſie einmal bekleidet hatten, hier ſaßen, um ihre Meinung befragt. Sie waren meiſtens durch Sulla's Einfluß zu ihren Würden gekommen und einer nach dem andern antwortete auf die Frage des Vor⸗ ſitzenden: „Ich ſpreche den Angeklagten frei!“ Unter den einfachen Senatoren, die keine Rückſichten zu nehmen hatten, überwog die Unbefangenheit und in dieſen Reihen ertönte das verhängnißvolle:„Ich ver⸗ urtheile den Angeklagten!“ häufiger, ſo häufig zuletzt, als die compacte Maſſe von Cäſar's Freunden an die — 121 Reihe kam, daß Dolabella auf ſeinem Bänkchen vor der Thür des Senaculums Blut ſchwitzte. Endlich waren alle Stimmen abgegeben und gezählt — Dolabella erſchien mit kaum nennenswerther Ma⸗ jorität freigeſprochen. „Ich wünſche Dir Glück zu Deinem Erfolge!“ ſagte Cäſar lächelnd zu Hortenſius, indem er geſchlagen den Senat verließ. Hinter ihm miſchte ſich ſchadenfrohes Lachen mit den Worten des Vorſitzenden, der mit der ſtereotypen Formel:„Wir halten Euch nicht länger auf, verſam⸗ melte Väter“, den Senat auflöſte. „Wir haben eine Niederlage erlitten“, ſagte Cäſar draußen zur Clientenſchaar,„aber der Augenblick wird kommen, wo wir es ihnen heimzahlen werden.“ Er hatte den Satz kaum beendet, als man ihm eine Depeſche brachte. Indem er ſie las, heiterten ſich ſeine Züge auf und er ſagte: „Der Augenblick der Heimzahlung iſt früher ge⸗ kommen, als ich dachte! Ihr werdet morgen von mir hören, meine Freunde; findet Euch bei Zeiten auf dem Capitol ein und ſagt zu dem, den Ihr als Freund Cä⸗ ſar's erkennt, daß er auch dahin kommen möge.“ Cäſar verließ, nachdem er den Brief, der ihm den Tod des Königs von Bithynien gemeldet hatte, wieder 122 zu ſich geſteckt, den Vulcanal, um ſeine Vorbereitungen für den folgenden Tag zu treffen. Und als dieſer Tag anbrach, da ſah man auf dem Capitol die von Sulla umgeſtürzten Trophäen des Marius wieder aufgerichtet. Die goldglänzenden und mit großer Kunſt gearbei⸗ teten Bildniſſe des Marius mahnten in ihren wieder⸗ hergeſtellten Inſchriften an die Siege über Jugurtha, über Eimbern und Teutonen. Ein Schrei freudiger Ueberraſchung ging bei der Kunde, daß der Neffe des Marius das Andenken an ſeinen großen Oheim wieder zu Ehren gebracht habe, durch Rom. Die geheimen Parteigänger des Marius ſtrömten in hellen Haufen zum Capitol und jubelten dort Cäſar und Marius zu. Die alten Soldaten, die unter Marius gedient, lockte die Kunde von dem Geſchehenen zu Tauſenden nach dem Capitol, wo die Invaliden aus den afrika⸗ niſchen und eimbriſchen Kriegen Thränen vergoſſen, als ſie unerwartet und gegen das beſtehende Verbot an der alten Stelle die verehrten Züge des Helden ſahen, die ſich goldglänzend von der Marmorunter⸗ lage loslöſten. Die weißhaarigen Soldaten erinnerten ſich ange⸗ en 123 ſichts des geliebten Bildes des berühmten Wortes, mit dem Marius die für ſich und ihre Brüder, die Teuto⸗ nen, Ländereien heiſchenden Eimbern abgefertigt hatte. „Eure Brüder, die Teutonen, haben bereits Ländereien, die ſie auf ewig behalten werden“, ſagte er lächelnd zu den Abgeordneten der Eimbern, die noch keine Ahnung von der Niederlage der Teutonen hatten, welche Marius ſo eben in fürchterlicher Feldſchlacht überwunden und in die Rhone gejagt hatte;„Ihr ſollt auch Ländereien zu demſelben Preiſe erhalten.“ Und auf den Lippen der Veteranen ſchwebte neben dem Namen des Marius der Name Cäſar und Tau⸗ ſende erklärten den jugendlichen Neffen des Marius für deſſen würdigen Nachfolger. Zum erſten Male hob die Woge der Volksgunſt den kühnen jungen Mann, der ſich ruhig die Hul⸗ digungen der Menge gefallen ließ, während der Senats⸗ bote von einer Senatorwohnung zur andern flog, um die Väter der Stadt zu einer außerordentlichen Sitzung einzuberufen, in welcher über das unerhörte Geſchehniß berathen werden ſollte. Cäſar erſchien ſelbſt im Senate und wollte eben unbefangen ſeinen Platz einnehmen, als ihm Catulus, deſſen Vater Marius allerdings auf dem Gewiſſen hatte, zornig zurief: ————— 124 „Unbeſonnener junger Mann, gehſt Du denn mit Gewalt darauf aus, die Republik zu ſtürzen? Begnügſt Du Dich nicht damit, ſie heimlich zu untergraben? Willſt Du öffentlich und bei hellem Tage Sturm gegen ſie laufen?“ „Welche unbeſonnenen Worte führſt Du gegen mich, Catulus?“ vertheidigte ſich Cäſar ruhig, indem er das Teſtament des Nikomedes aus der Taſche zog.„Iſt das ein Feind der Republik, der an der Vergrößerung dieſer Republik arbeitet? Laß Dir ſagen, Catulus, daß vor wenigen Tagen Bithyniens König, der dritte Nikomedes, kinderlos und blos mit Hinterlaſſung einer jugendlichen Wittwe, die ich dem Wohlwollen Roms empfohlen wiſſen will, geſtorben iſt und ſein ſchönes Reich der Republik hinterlaſſen hat! Und fragſt Du, Catulus, wer den Nikomedes beſtimmt habe, ſo günſtig für Rom über ſein Reich zu verfügen, ſo zwingſt Du mich, alle Beſcheidenheit beiſeite zu ſetzen und Dir zu ſagen, daß ich das Teſtament des Nikomedes aus Bi⸗ thynien nach Rom gebracht habe. Hier lege ich es in des Conſuls Hand, damit er auf Grund deſſelben die Anſprüche der Republik auf Bithynien verfechte. Ich aber frage Dich nochmals: iſt das ein Feind der Re⸗ publik, der ſeine Freunde beſtimmt, ihre Reiche dieſer Republik zu vermachen?“ 125 So ſchlagend war Cäſar's Argumentation, daß es Niemand mehr wagte, neue Vorwürfe gegen Cäſar zu ſchleudern. Es wurde auch kein Antrag geſtellt, die Trophäen des Marius, die Cäſar eigenmächtig zu Ehren gebracht, wieder beſeitigen zu laſſen; ſtanden doch vor dem Se⸗ naculum Tauſende, welche Cäſar zuriefen: „Fürchte Dich nicht, Cäſar, wir laſſen Deinen Oheim nicht wieder beſchimpfen! Fürchte Dich nicht, wir ſchützen Dich, mit unſerer Hülfe wirſt Du über Deine Nebenbuhler ſiegen. Mit der Unterſtützung des Volkes, deſſen Lieblingshelden Du ſo eben wieder zu Ehren gebracht haſt, wirſt Du den erſten Rang in der Republik einnehmen! Geh muthig vorwärts, Cäſar, Dein iſt die Zukunft, denn mit Dir iſt das Volk!“ Neuntes Kapitel. Der Parther.— Der Kriegsrath. Bei Venuſia, da wo die Appiſche Straße die Pro⸗ vinzen Apulien und Lucanien trennt, ſteht das Zelt des Spartacus. Der kühne Thrazier iſt auf dem Punkte, vor dem Heere des römiſchen Feldherrn Eraſſus den Rückzug antreten zu müſſen. Noch ſteht er zögernd da und wendet den Blick ſehnſuchtsvoll nach der Samniter und Sabiner gebir⸗ gigen Ländern. Dort winkt die Freiheit, und wäre es nach ſeinem Sinne gegangen, ſo hätte er der Sklaven täglich wach⸗ ſendes Heer an Rom vorüber durch das Gebirge nach Umbrien und Gallien geführt, dem ſichern Freiheits⸗ hafen entgegen. 9 * 1 elt em u9 — 127 Aber ſeine Offiziere und Soldaten hatten ſeine Pläne gekreuzt. Sie wollten nicht die Freiheit, ſie wollten nur Beute. Sie konnten ſich von der herrlichen Appiſchen Straße nicht trennen, längs welcher es ſo viele glänzende Städte gab, die man brandſchatzen und plündern, ſo viele reich ausgeſtattete Paläſte, die man ausrauben konnte. Antium mit ſeinen großartigen, bis ins Meer hin⸗ eingebauten Paläſten lockte ſie ebenſo wie Terracina, Salernum und der Dianatempel von Arricia, der von koſtbaren Sachen ſtrotzte, welche römiſche Frauen, die Diana ein Gelübde zu löſen gehabt, ſeit Jahr⸗ hunderten in feſtlichen Aufzügen, Kränze in den Haa⸗ ren und Fackeln in den Händen, dahin getragen. Jetzt freilich war die Appiſche Straße, ſonſt das Stelldichein der eleganten Bevölkerung Roms, leer. Keine Moloſſerhunde mit großen Halsbändern, wie ſie die vornehmen Römer immer ſo ſehr liebten, ſpran⸗ gen an den ſeidenen Vorhängen der Sänften empor, in welchen ſich ſchöne Frauen nach ihren am Meer gele⸗ genen Villen tragen ließen; keine Luxuswagen rollten die öde Straße entlang, deren Fflaſter nur von dem ſchweren Schritte der Soldaten des Craſſus widerhallte. Soweit dieſe ihre Reihen ausdehnten, fühlte man ſich ſicher, darüber hinaus herrſchte Schrecken auf der 128 ſonſt ſo beliebten Verkehrslinie, denn ſelbſt die Bettler, welche dieſelbe in guten Tagen, zu förmlichen Colonien organiſirt, zu bevölkern pflegten, hatten zum Räuber⸗ handwerk gegriffen und bildeten gleichſam die Avant⸗ garde des Sklavenheeres, das jetzt, den Fuß ſchon zum Rückzug erhoben, das Angeſicht aber noch auf Bajä gerichtet, daſtand. Das von prächtigen Landhäuſern, reichen Städten und wohlhabenden Dörfern umrahmte Bad Bajä hätten die Soldaten des Spartacus gar zu gern in ihre Gewalt bekommen, und ſie knirſchten vor Wuth, als ihnen Craſſus in dem Augenblick den Weg dahin verlegte, wo ſie Bajäs Paläſte bereits im Meere ſich ſpiegeln, wo ſie die purpurgeſchmückten Barken und Galeeren der Reichen im Hafen ſich tummeln ſahen, wo die üppi⸗ gen Geſänge derer, die auf dieſen Barken tafelten, an ihr Ohr drangen. In ſeinem Zelte ſaß Spartacus trüben, nachdenk⸗ lichen Geſichts neben einem Manne von athletiſchen Formen, welche in einem Schuppenpanzer glänzten, wie ihn die Parther zu tragen pflegten. Der Parther war der Einzige im Heere des Spartacus, der unbedingt mit dem Sklavenführer ging. Ihn gelüſtete es nicht nach Beute; er hatte die ten ten alt nen gte, ln ren 129 Freiheit frühzeitig verloren und dürſtete danach, ſich dieſelbe für immer zu erobern. Gleich Spartacus ſah er in Italien kein Heil für ſich und ſeine Kameraden ab, weil er wie ſein Feld⸗ herr von der Anſicht ausging, daß Roms Heere früher oder ſpäter des Aufſtandes Herr werden würden. Darum war auch ſeine Loſung Auf, auf nach Gallien! Mit fünf Brüdern war er als Jüngling in bluti⸗ ger Schlacht von den Römern gefangen worden. Sorgfältige Pflege hatte die Wunden aller geheilt und eine Fechterſchule, die des Lentulus, hatte ſie auf⸗ genommen. Von allen Brüdern war er allein übrig, als die Fechterſchule des Lentulus unter der Anführung des Spartacus ausbrach. Alle fünf waren ſie eines elenden Sklaventodes geſtorben und der ſechste dachte an ihr Schickſal, wenn ſeine Kameraden von einem Zuge gegen Rom faſelten. Der eine hatte in der Fechterſchule, nachdem er ſich drei Jahre hindurch mit Bravour verhalten, das Stock⸗ rappier als Zeichen der Befreiung vom Auftreten in der Arena erhalten und war nahe daran, den Hut und mit ihm die gänzliche Freilaſſung ſich zu erwer⸗ ben, als ihm ſein Herr gegen alle Ordnung anſann, noch einmal öffentlich aufzutreten. Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. Il. 9 130 Und zwar war es ein Mohr, den er bekämpfen ſollte. Als er ſich deſſen weigerte und auf ſein ehrenvoll verdientes Stockrappier hinwies, hatte ihn ſein Herr in der Gladiatorenſchule in die Erde eingraben und verhungern laſſen. Der Parther hatte von dem ſterbenden Bruder die prachtvollen, künſtlich verzierten Waffen, die Helme mit wallenden Federbüſchen, die bunten goldgeſtickten Klei⸗ der, die Palmzweige und Ehrenketten, die derſelbe in ſeiner mehrjährigen Fechterlaufbahn als Siegeszeichen erhalten, übernommen, um ſie ewig in Ehren zu halten. Der zweite Bruder hatte es womöglich in ſieghafter Unerſchrockenheit dem erſten zuvorgethan und ſich zum Liebling der Frauen emporgeſchwungen. Er war ein Mann von außergewöhnlicher Schön⸗ heit, und die üppige Koſt, bei welcher man die Fech⸗ ter großzog, hatte ſeine Muskulatur ſo entwickelt, daß er in der Arena nicht ſeinesgleichen hatte. Dichter beſangen ihn, weil ſie ſich dadurch den Frauen gefällig erwieſen; er wurde auf Töpfen und Schüſſeln, Lampen, Gläſern und Siegelringen abgebil⸗ det und in mehr als einem Atrium fand man ſein Bild von Frauennägeln auf die Wand gekritzelt. Eines Tages überfiel den Aermſten das Heimweh fen voll err und die mit ei⸗ in chen lten. fter zun den und bil⸗ ſein weh —————————— 131 ſo, daß kein Troſteswort der Brüder dagegen aufzu⸗ kommen vermochte. Er ſehnte ſich zu ſterben, und ſo oft ihn der düſtere Schall der Tuben zum Gefecht rief, glühte ſein Auge in fanatiſcher Todesluſt. Aber weder das Schwert noch der Dolch, weder der Dreizack noch das Netz der Gegner vermochte ihm etwas anzuhaben, er ſchien gegen den Tod gefeit. Da verband er ſich in wahrer Todesfreundſchaft mit einem Kameraden, der freigeboren ſich als Fechter hatte anwerben laſſen, um einer drückenden Schulden⸗ laſt zu entgehen. Der Freigeborne hatte es in etwas verſehen und den Unmuth des Gebieters wachgerufen, der ihn zur Geißelung verurtheilte. Der freigeborene Fechter mußte ſich die entehrende Strafe zähneknirſchend gefallen laſſen, denn er hatte beim Eintritt in die Fechterſchule geſchworen, ſich mit Ruthen hauen, mit Feuer brennen und mit Eiſen tödten laſſen zu wollen. Aber er dürſtete nach Rache und fand in dem jun⸗ gen lebensmüden, heimwehverzehrten Parther einen willkommenen Verbündeten. Die Beiden, denen man nach jedem Auftreten in der Arena die Waffen wegnahm, um Selbſtmorde zu 9* 132 verhüten, erwürgten ſich eines Tages gegenſeitig mit bloßen Händen. Der älteſte Bruder nahm dem Todten die längliche viereckige Marke mit dem Datum des erſten Auftretens vom Halſe und hing ſich dieſelbe ſelbſt um. Es lebten ihm alſo nur noch drei Brüder. Einer von ihnen nahm ſich den Tod ſeines Bru⸗ ders ſo zu Herzen, daß er unfähig war zu fechten. Sein Herr, der hinter dieſem Widerſtreben frevent⸗ liche Tücke witterte, ließ ihn auf einem Karren zwi⸗ ſchen Wachen in die Arena fahren. Der junge Fechter ſtellte ſich, als wenn er vom Schlaf überwältigt einnickte, ließ endlich den Kopf ſo tief ſinken, daß er ihn zwiſchen die Radſpeichen bringen konnte, und hielt ſich in dieſer Stellung ſo lange, bis ihm die Umdrehung des Rades das Genick brach. Der vierte war von ſeinem Herrn zum Abrichten wilder Thiere verwendet worden. Er hatte damit anfangen müſſen, Hausthiere zu Schauſpielen, Opfern und Proceſſionen zu putzen, Ochſen weiß anzuſtreichen, Schafe mit Purpur und Scharlach, Strauße mit Zinnober zu färben, den Löwen die Mäh⸗ nen zu vergolden, die Opferthiere mit breiten bunten Schärpen und mit Goldblech zu behängen. Dann hatte er wilde Stiere gelehrt, auf den Hin⸗ nit liche tens e ju chſen loch Mäh⸗ nten ——— S 133 terfüßen zu ſtehen, Knaben auf ſich tanzen zu laſſen, zu ſchwimmen und auf ſchnellfahrenden Zweigeſpannen als Wagenlenker unbeweglich zu ſtehen. Hirſche hatte er gelehrt, auf ſein Commando dem Zügel zu gehorchen, Panther, im Joche zu gehen. Er hatte Elephanten abgerichtet, daß ſie tanzten, die Cymbel ſchlugen und ſchrieben; er hatte Löwen gezähmt, daß ſie Haſen fingen; als er aber einmal zwei Antilopen, die ihm zur Zähmung übergeben wor⸗ den waren, ſo hart hatte an einander rennen laſſen, daß ſie ſich gegenſeitig mit den Hörnern ſpießten, war ſein Herr zornig geworden und hatte ihn an einen Pfahl binden laſſen und den Löwen zum Fraße hingeſtellt. Der letzte der fünf hatte bei einem öffentlichen Schauſpiel, das Lentulus veranſtaltete, als Orpheus verkleidet aus einer Verſenkung aufſteigen müſſen, als ob er aus der Unterwelt zurückkehre. Es war Großartiges für die Ausſtattung geſchehen; die Natur ſchien von ſeinem Spiele bezaubert, Felſen und Bäume bewegten ſich auf ihn zu, Vögel ſchwebten über ihm, da plötzlich ſtürzten aus vier Grotten ebenſo viele Löwen herbei, und der Pſeudo⸗Orpheus mußte ſeine Geſchicklichkeit zeigen und ſich mit den bloßen Händen gegen die vier blutdürſtigen Ungeheuer wehren. ——————— 134 Er ſchlug glücklich eins derſelben durch einen wohl⸗ gezielten Fauſtſchlag auf die Stirn nieder, entging aber trotz aller Bravour nicht dem Schickſal, von den übri⸗ gen zerriſſen zu werden. So jammervoll hatten die fünf Brüder des Par⸗ thers geendet, und es war natürlich, daß bei ihm der Wunſch, dem verhaßten Italien für immer den Rücken zu kehren, eine Uebereinſtimmung mit den Anſchauungen des Feldherrn herbeiführte. Wie die Beiden ſo in ziemlich düſterer Stimmung nebeneinander ſtanden und wohl ſchon Manches, was auf die Gefährlichkeit der gegenwärtigen Lage Bezug hatte, in ernſter Rede erwogen haben mochten, ſagte Spartacus zu dem Parther: „Ich hätte ihnen gern Bajä gegönnt, wenn ſie nun einmal Rom nicht haben können, aber jetzt iſt's aus damit. Gegen des Craſſus Legionen vermögen wir nicht anzurennen, und die Götter mögen geben, daß es noch nicht zu ſpät iſt, auf meinen alten Plan zurück⸗ zukommen.“ „Du hoffſt das Heer des Craſſus umgehen zu können?“ warf der Parther ein. „Ich werde im Kriegsrath in dieſem Sinne meine Stimme erheben“ ſagte Spartacus.„Die einzige Rettung ſcheint mir darin zu liegen, Craſſus durch ſe ge 135 eine Scheinbewegung gegen Päſtum weſtwärts zu locken und uns dann, während er uns auf dem Marſche nach Lucanien glaubt, mit aller Schnelligkeit über Luceria nach dem Lande der Picener zu werfen und ſo Arimi⸗ num und Gaollien zu gewinnen. Ich fürchte nur den Kappadocier und ſeinen Anhang. Meine Soldaten hören mehr auf ihn als auf mich; es war keine gute Stunde, in welcher er ins Lager kam, ſo tapfer er ſonſt auch iſt.“ Spartacus winkte dem Parther, ihm in die Ver⸗ ſammlung der Offiziere zu folgen, in welcher über die nächſten Operationen Beſchluß gefaßt werden ſollte. Spartacus hatte ſich nicht getäuſcht, der Kappa⸗ docier war zur Stelle und der Kriegsrath empfing den bisher ſiegreichen Feldherrn mit einem Schweigen, das nichts Gutes ankündigte. Auch als er ſeinen Plan entwickelte, das Heer des Craſſus und Rom zu nmgehen und ſich gegen Gallien zu wenden, löſte ſich dieſes unheimliche Schweigen nicht, bis der Kappadocier unter dem beifälligen Ge⸗ murmel der Unterbefehlshaber das Wort nahm und ſagte: „Alle Ehrfurcht vor Deinem Urtheil und Deiner Kriegserfahrenheit, Spartacus, aber Du täuſcheſt Dich, wenn Du glaubſt, Deine Soldaten ſeien von dem 136 Wunſche beſeelt, Gallien möglichſt ſchnell zu erreichen. Rom iſt der Punkt, der ſie anlockt, nach Rom wollen ſie, die Herren derer wollen ſie, wenn auch nur auf kurze Zeit, werden, deren Sklaven ſie ſo lange geweſen. Wenn ſie die Paläſte ihrer ehemaligen Herren geplün⸗ dert und dem Erdboden gleichgemacht haben, dann magſt Du ſie zu dauernder Freiheit nach Gallien führen.“ „Jawohl, nach Rom führe uns vor allem!“ ſtimm⸗ ten die Offiziere dem Kappadocier bei, während ihre Augen vor Raubluſt und Haß gegen Rom funkelten. „Eure Gier nach den Schätzen Roms wird zu Eurem Verderben ausſchlagen“, ſagte Spartacus. „Glaubt Ihr in offener Feldſchlacht gegen Craſſus ſiegen zu können? Und wenn Ihr ſeine Reihen durch⸗ brecht und vor Rom gelangt, ſo werdet Ihr dieſes noch nicht geſtürmt haben und ſchon wird ein neues römiſches Heer vor Euch ſtehen, Euch zwiſchen ſich und die Stadt klemmen und Euch vernichten.“ „Wenn Du daran verzweifelſt, uns nach Rom zu bringen, der Kappadocier führt uns dahin!“ ſchrie ein Offizier. „Ja, der Kappadocier weiß ein unfehlbares Mittel, uns Rom in die Hände zu ſpielen“, fielen drei, vier Unterbefehlshaber gleichzeitig ein. Spartacus wandte ſich mit Gelaſſenheit gegen den l — 137 Kappadocier und forderte ihn auf, ſeinen Feldzugsplan zu entwickeln. „Wenn Du mir folgſt, Spartacus, ſo läßt Du Dich mit Craſſus in keine Schlacht ein“ nahm der Kappadocier das Wort.„Du wendeſt Dich nach Lu⸗ canien und Bruttien und von dort, die Meerenge überſetzend, nach Sicilien. In Sicilien fallen Dir ohne Schwertſtreich hunderttauſend Sklaven zu und Du bringſt Dein Heer auf das Doppelte. Mit dieſem verſtärkten Heer ſegelſt Du geradeswegs nach Rom, und während Craſſus ſich erſt nach Schiffen umſehen wird, um Dir nach Sicilien zu folgen, wirfſt Du Dich auf Rom und nimmſt es durch einen kühnen Handſtreich.“ „Vortrefflich!“ jauchzten die Unterbefehlshaber Beifall. „Wie aber kommen wir nach Sicilien, wie von Sicilien nach Rom?“ wandte Spartacus ein. „Auf den Schiffen der Piraten“ entgegnete der Kappadocier.„Haſt Du vergeſſen, daß ich Pirat war, ehe ich zu Euch kam, vom Haſſe gegen Rom geleitet? Ich wollte mit Euch kämpfen, wollte mich überzeugen, ob Ihr die Macht und den Willen habt, große Schläge gegen das ſtolze Rom zu führen. Ich habe Euch ge⸗ funden, wie ich Euch wünſchte; jetzt will ich Euch die Hülfe meiner Freunde zuführen.“ 138 „Werden Dir Deine ehemaligen Kameraden willig folgen?“ fragte Spartacus beſorgt. „Du würdeſt keinen Augenblick daran zweifeln, wenn Du die Satzungen der Piraten kennteſt“, ent⸗ gegnete der Kappadocier.„Dem bedrohten Kame⸗ raden weigert kein Piratenkapitän den erbetenen Bei⸗ ſtand, wenn er jenen auch gar nicht kennt; der mit einem von uns abgeſchloſſene Vertrag wird von der ganzen Geſellſchaft unweigerlich anerkannt und jede einem einzelnen zugefügte Unbill von allen geahndet. Mir aber hat ein römiſcher Bürger eine Unbill zu⸗ gefügt und Rom ſoll dafür büßen. Führe das Heer nach Bruttien und laß mich ausziehen, Dir eine Flotte zu holen. Ich kenne die Signalplätze der Piraten, ich bin in den abgelegenſten Verſtecken der unwegſamen und gebirgigen lyciſchen, pamphiliſchen und ciliciſchen Länder zu Hauſe. Ich kenne die Felsſchlöſſer, in wel⸗ chen meine Kameraden, während ſie ſelbſt die Meere befahren, ihre Weiber, Kinder und Schätze verſteckt halten. Ich weiß, wo im nordweſtlichen Winkel des rauhen Cilicien, am nördlichen Abhang des Tauros, in einem mit prachtvollen Eichenwäldern bedeckten La⸗ byrinth von ſteilen Bergrücken, zerklüfteten Felſen und tiefeingeſchnittenen Thälern der geheimnißvolle Schlupf⸗ winkel unſeres erſten Häuptlings liegt. Ein Wink von 5 3 139 ihm und tauſend ſchnellſegelnde Barken ſetzen ſich zu Deiner Unterſtützung gegen Bruttiens Küſten in Be⸗ wegung und bringen Dein Heer zuerſt nach Sililien und von da nach Rom. Dieſes hat Dir keine Schiffe entgegenzuſtellen. Es fürchtet ja die Piraten ſo ſehr, daß es kaum mehr wagt, Getreide aus den Provinzen nach Italien zu führen, daß es nur zitternd Geld und Reiſende in die See ſtechen ſieht und daß ſeine Kauf⸗ leute lieber die ungünſtige Zeit mit ihren gefährlichen Stürmen zu ihren Fahrten übers Meer wählen, als daß ſie ſich zu guter Fahrzeit der Gefahr ausſetzten, den Piraten in die Hände zu fallen. Laß nun die Piraten mit Deinen Soldaten ſich verbinden, und Rom iſt verloren. Wir wollen die römiſchen Tempelſchätze ſo gründlich heben, daß Apollo in Rom, trotzdem er der am reichſten beſchenkte unter den römiſchen Göttern ge⸗ nannt wird, doch ſo arm werden ſoll, daß, wenn die Schwalbe bei ihm zu Beſuch ſein wird, er ihr von allen ſeinen Schätzen auch nicht ein Quentchen Gold mehr wird vorzeigen können.“ Die Rede des Kappadociers hatte die Offiziere ſo entzündet, daß Spartacus, ſelbſt wenn er ſeine ganze MNiüchternheit bewahrt hätte, gegen die allgemeine Stim⸗ mung nichts ausgerichtet haben würde. So aber hatten die Worte des Kappadociers ſelbſt 140 auf ihn eines gewiſſen Eindrucks nicht verfehlt, und der Gedanke, in Verbindung mit den mächtigen und wohlorganiſirten Piraten zu manövriren, erſchien ihm nicht ſo abſurd, daß er nicht hätte auf ihn eingehen können. So wurde der Aufbruch der Sklavenſchaaren nach Bruttien beſchloſſen und der Parther beſtimmt, die Avantgarde zu führen. h nne eee92n v Zehntes Kapitel. Der Pirat und die Königswittwe. Seit Hannibal hatte ſicherlich Niemand die Römer ſo grimmig gehaßt wie der Kappadocier. Alle ſeine Gedanken drehten ſich nur um den einen Pol, Rache an Rom, Rache an Cäſar zu nehmen. Er betrieb die auf die Erreichung ſeiner weit⸗ ſchweifenden Ziele gerichteten Anſtalten mit einem wahr⸗ haft fanatiſchen Feuereifer. Im leichten Mauskahne flog er von einer Piraten⸗ ſtation zur andern und die Signale ſpielten nach allen Richtungen, um die Geſchwader der Piraten nach einem Sammelpunkte hinzulenken. Auf den Werften von Sida in Pamphilien, welche Stadt den Piraten geſtattete, Schiffe zu bauen und die gefangenen Freien auf ihrem Markte feil zu bieten, 142 herrſchte ein reges Leben wie nie zuvor, denn man arbeitete auf des Kappadociers Anregung an hundert neuen Schiffen, welche ein Heer von Piraten in das goldene Meer und aus dieſem nach Bruttiens und Siciliens Küſten bringen ſollten. Wie ein offenes Geheimniß ging es von einer Küſtenſtadt zur andern, daß die Piraten einen großen Schlag gegen Rom vorbereiteten, und was es in Ita⸗ lien, Spanien und Kleinaſien an zerſprengten Aben⸗ teurern, an abgehetzten Flüchtlingen, an deſertirten Soldaten, an elenden und verwegenen Elementen gab, das ſammelte ſich in den Werbeplätzen der Piraten, herbeigezogen durch die verlockende Ausſicht auf eine Plünderung Roms. Um noch mehr einheitliche Leitung in die Vor⸗ bereitungen zu bringen, ließ es ſich der Kappadocier nicht verdrießen, die Schlupfwinkel der Piratenfürſten in Cilicien zu bereiſen und einen nach dem andern für das Unternehmen zu gewinnen. Einmal in Cilicien, beſchloß er einen Abſtecher nach ſeiner Heimat, dem benachbarten Kappadocien zu machen. Dort kannte ihn jedes Kind, dort konnte er tauſend verwegene Geſellen um ſich ſammeln, wenn er ihnen einen Beutezug nach Italien vorſpiegelte. 143 In Kappadocien erreichten ihn Nachrichten, die ſeinem Racheſtreben neue Zielpunkte gaben. Er hörte, daß ſich eine Verbindung zwiſchen der Wittwe des Nikomedes und jenem Galaterfürſten vor⸗ bereite, der noch bei Lebzeiten des Nikomedes um deſſen Tochter gefreit hatte. Wohl hatte Nikomedes Bithynien den Römern ver⸗ macht und es ging die Sage, daß ſeine jugendliche Gemahlin Urbilia aus Gefälligkeit für ihren ehemaligen Geliebten Cäſar viel dazu beigetragen habe, Nikomedes in dem von Cäſar in ihm angeregten Gedanken zu ebſtärken, ſein Reich den Römern zu hinterlaſſen; aber es hieß auch, daß Urbilia, ſeit ſie Wittwe geworden und ſich von Cäſar's Einfluſſe befreit fühle, die Dinge mit andern Augen anſehe als früher und Gefallen am Herrſchen gefunden habe. Andererſeits fühlte ſich der Fürſt von Galatien durch den Gedanken beunruhigt, die mächtigen Römer als Gebieter Bithyniens zu unmittelbaren Nachbarn zu bekommen. Er ahnte, daß dann auch Galatiens Stunde bald ſchlagen könnte, und arbeitete an dem Zuſtandekommen eines Bundes der kleinaſiatiſchen Provinzen gegen Rom, dem er dadurch einen greifbaren Kern und Mittelpunkt geben wollte, daß er Galatien mit Bithynien eng verband. 144 Eine Heirath mit der Wittwe des Nikomedes erſchien ihm als der ſicherſte Weg zur Verwirklichung ſeiner Pläne, und er ſah ſich inſoweit vom Glück begünſtigt, als von Urbilia auf ſeine Anfrage keine unbedingt abſchlägige Antwort erfolgte. Urbilia fand in der Ausſicht, als königliche Pen⸗ ſionärin ihre Tage in Rom zu beſchließen, nichts be⸗ ſonders Reizendes; ſie konnte es ſich gefallen laſſen, wenn ihr der Galatier anders gefiel, Fürſtin von Galatien zu werden. Was ging es ſie an, daß ihr Gemahl, der auf Grund der Heirath Erbanſprüche auf Bithynien machte, dieſelben mit Gewalt der Waffen gegen Rom geltend machte? Sie hatte ſich daher vorgenommen, den Eindruck, den der Galater perſönlich auf ſie machen würde, ent⸗ ſcheiden zu laſſen. In Ancyra, der unfern von der Grenze Bithyniens gelegenen Hauptſtadt Galatiens, ſollten Urbilia und der Fürſt der Galater zuſammentreffen, und die zukünftige Geſtaltung der Dinge wurde davon abhängig gemacht, ob beide Theile Wohlgefallen an einander finden würden. Das waren die Neuigkeiten, welche der Kappadocier in ſeiner Heimat erfuhr und ſofort in ſeinem Sinne auszubeuten beſchloß. — ——— 145 Er hatte ſich einmal vermeſſen, eine Königstochter heirathen zu wollen, und Cäſar war zuerſt inſofern hindernd dazwiſchen getreten, als er die eigentliche Königstochter ſeiner Gewalt entzog. Denn in den Tagen ſeiner ſchmählichen Gefangen⸗ ſchaft in Bithynien war ihm der ganze Zuſammenhang klar geworden, er hatte erkannt, daß er ſtatt der Königs⸗ tochter eine Sklavin gefreit. Wäre Myrſa aber damals in ſeinen Händen ge⸗ blieben, ſo hätte ſich der Irrthum doch endlich auf⸗ geklärt und er hätte die Königstochter freien können. Cäſar war an allem Uebel ſchuld, das ihm zu⸗ geſtoßen, an ſeiner Gefangennehmung und beiſpiel⸗ loſen Demüthigung, wie daran, daß ihm Myrſa ent⸗ ſchlüpfte. Cäſar aber, den er begreiflicherweiſe über Alles haßte, empfindlich zu treffen, bot ihm die gegenwärtige Sachlage die beſte Gelegenheit; wußte er doch, daß Cäſar daheim eine Gemahlin hatte, der es nicht an⸗ genehm ſein könnte, von den Beziehungen zu erfahren, die zwiſchen Cäſar und Urbilia beſtanden hatten und die im Uebrigen ein ſo offenkundiges Geheimniß waren, daß man ſich davon ſelbſt in von Rom entlegenen Gegenden, wie in Bithynien und Kappadocien, als von etwas Allbekanntem erzählte. Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. II. 10 146 Aber ehe er ſich an Cäſar rächte, wollte er ſich ſelbſt Genugthuung verſchaffen. Lag doch in dieſer Genugthuung ſchon eine Art Anfang des Rachewerks gegen Cäſar. Die Königstochter war ihm entgangen, er wollte zur Ausgleichung die Hand nach der Königswittwe aus⸗ ſtrecken. Die ehemalige Geliebte Cäſar's, die Wittwe des Nikomedes ſollte ſein Weib werden, wenn auch nur auf kurze Zeit. Den einmal gefaßten Entſchluß verfolgte er mit einer Energie, die vor keinen Hinderniſſen zurückſchrak. Er fing damit an, den verwegenen Heimatgenoſſen, die er für den Piratenzug angeworben hatte, für die Zeit, um welche die Reiſe der bithyniſchen Königswittwe nach Ancyra ſtattfinden ſollte, ein Stelldichein auf einem Punkte zu geben, der die von Bithynien nach Golatien führende Straße beherrſchte. Als er auf dieſem Punkte die faſt tauſend Köpfe ſtarke Schaar ſeiner Parteigänger um ſich hatte, war es ihm ein Leichtes, dieſelben unter Zuſicherung könig⸗ lichen Lohns zu beſtimmen, den Zug Urbilia's zu über⸗ fallen. Er behielt ſich nur das Verfügungsrecht über die Königswittwe vor; was dieſe und deren Umgebung n9 147 an Gold und Koſtbarkeiten mit ſich führten, das ſollte als Beute den an dem Ueberfalle Betheiligten zufallen. Das verwegene Unternehmen gelang vollſtändig. Während der Galaterfürſt ſeiner Braut auf der Heerſtraße mit großem Gefolge entgegenzog, wurde die gefangene Urbilia auf Gebirgspfaden durch das Land der Galater nach dem benachbarten Kappadocien und von da nach den an Schlupfwinkeln reichen Gebirgen Ciliciens geſchleppt, wo ſich der Kappadocier eines Tages mit offener Werbung der Königswittwe gegen⸗ überſtellte, die ſein Antrag nicht wenig entſetzte. Nachdem ſie ſich von ihrem Schrecken erholt hatte, ſtellte ſie dem Kappadocier vor, daß ſie es geweſen, die ihm in Nikomedia, wo er im Käfig dem Hungertode hätte verfallen ſollen, das Leben gerettet. Einen Augenblick ſchien es, als ginge eine menſch⸗ liche Regung durch des Kappadociers Herz. Eine gewiſſe Bewegung malte ſich in ſeinen Zügen, als er Urbilia anſah, aber in der nächſten Sekunde ſchon war die ſchwächliche Anwandlung überwunden. Den Kopf zurückwerfend, ſagte er mit einem grau⸗ ſamen Lächeln: „Du haſt Dir den Kappadocier für Dich ſelbſt er⸗ halten. Wer des Cäſar Geliebte und des welken Niko⸗ medes Weib geweſen, der kann auch den Kappadocier 10* 148 beglücken. Glaube mir, es waren Tage, wo ich mich mit Dir nicht begnügt hätte, wo mein Sinn höher ſtand, wo ich mein Blut mit königlichem miſchen wollte. Du biſt wohl die Wittwe eines Königs, aber kein könig⸗ liches Blut rollt in Deinen Adern. Und wenn ich dennoch mit Dir fürlieb nehme, ſo magſt Du nur jeden fruchtloſen Widerſtand aufgeben. Cäſar's Geliebte und Nikomedes Wittwe wird mein Weib— das iſt feſt⸗ beſchloſſene Sache. An Dir iſts, Dich klug darein zu ſchicken!“ Und wie's der Kappadocier ausgeſprochen, ſo ge⸗ ſchah es. Seinen Sinn beugte nichts; Thränen und Bitten rührten ihn ebenſo wenig, wie ihn ein verunglückter Verſuch Urbilia's, ſich das Leben zu nehmen, um⸗ ſtimmte. Kaum aber hatte er das Beilager mit der Königs⸗ wittwe gefeiert, als er ſich wieder mit der alten Energie dem urſprünglichen Plane zuwandte, Spartacus die Piratenflotte zuzuführen. Er fand die zu der Expedition beſtimmten Schiffe an der Weſtſpitze Ciliciens bei Coricus verſammelt, und fügte die von ihm in Kappadocien geworbenen Tauſend der Bemannung bei. Zwiſchen Kreta und Rhodus hindurch ging es gegen r 149 Bruttiens Küſten, die in Purpur und Gold glänzende Barke des Kappadociers immer voran. Als die Flotte die Geſtade Bruttiens zur Rechten und jene Siciliens zur Linken vor ſich hatte, näherte ſich der Kappadocier ſeiner Gemahlin und ſagte zu ihr: „Wir werden uns trennen, Urbilia! Ich gebe Dich auf, aber damit nicht auch meine Rechte auf Dich. Du haſt mich nie geliebt und ich habe auch nie Liebe von Dir verlangt. Die Trennung wird Dir alſo nicht ſchwer werden. Aber was ich noch jetzt von Dir be⸗ anſpruche, wie es auch bisher das Einzige war, was Du mir bieten konnteſt, das iſt Gehorſam.“ „Wohin ſchickſt Du mich?“ fragte Urbilia kalt. „Nach Rom!“ „Zu wem?“ forſchte Urbilia unruhig. „Zu Cäſar's Gemahlin, zu Cornelia!“ Urbilia's Züge drückten Schrecken und Ueberraſchung aus. „Ich habe eine Rechnung mit Cäſar zu begleichen“, fuhr der Kappadocier in gemeſſenem Tone fort.„Dich brauche ich dazu. Mit Dir geht ein Brief. Die Män⸗ ner, die Dich begleiten ſollen, werden die Ueberbringer deſſelben ſein!“ „Was ſteht in dem Briefe?“ fragte Urbilia. „Du wirſt es von Cornelia erfahren! Ich aber 150 warne Dich vor jedem Verſuche, Deinen Begleitern entfliehen zu wollen. Es würde Dir doch nicht ge⸗ lingen. Du weißt aus Erfahrung, wie mächtig und ſchlau die Piraten ſind und wie ſie überall Freunde finden. Füge Dich alſo in Dein Schickſal und gehorche. Der Preis des Gehorſams wird Dir vielleicht gefallen. Bringen mir meine Kameraden, die ich Dir zur Be⸗ gleitung mitgebe, die Botſchaft, daß Du nichts gethan haſt, was meinem Willen entgegen wäre, ſo verſpreche ich Dir, daß Du mich nie wiederſehen ſollſt und daß ich meine Rechte auf Dich nie wieder geltend machen will. Du haſt es dann nur noch mit Cornelia zu thun und ein Weib findet ſich leicht mit dem andern ab!“ Der geringſchätzige Ton, in welchem der Kappa⸗ docier geredet hatte, ſchlug wieder in einen ernſten um, als er fortfuhr: „Eins noch behalte im Gedächtniß. Es würde Dir nichts frommen, wenn Du es auf dem Wege ſo machen wollteſt wie in Cilicien, als ich Dir anſann, mein Weib zu werden. Zehn Augen bewachen Dich, und es würde Dir nicht gelingen, ſie zu täuſchen undi Hand an Dich zu legen. Und ſelbſt wenn es Dir gelänge, verwundet oder todt ſieht Dich Cornelia. Sie wird Dich vor Augen haben, wenn ſie den Brief leſen wird, den ich Deinen Begleitern mitgebe, und mir, das magſt ——— 151 Du glauben, genügt es, wenn ſie, ihn leſend, Dich vor ſich hat, ob als Lebendige, ob als Leiche, das gilt mir gleich. Du haſt mich gehört Urbilia, Du magſt nun gehen!“ Einige Stunden ſpäter entfernte ſich auf einer jener kleinen, offenen, ſchnellſegelnden Barken, deren ſich die Piraten bei kleinern Streifzügen zu bedienen pflegten und die ſie Mauskähne nannten, eine Handvoll Bewaffneter von der Flotte, die eine Frau in ihrer Mitte hatten. Es war Urbilia, die zagenden Herzens einer un⸗ gewiſſen Zukunft entgegen ging, weil ſie ahnte, daß der Brief des Kappadociers Cornelia in das Geheim⸗ niß ihrer Beziehungen zu Cäſar würde blicken laſſen. In welchem Lichte ſtand ſie aber dann vor Cäſar's Gemahlin, welcher gegenüber ſie auf Catilina's Villa bei Eretum Unbefangenheit und Harmloſigkeit ge⸗ heuchelt? Elftes Kapitel. Die Schlacht um den Graben. In Bruttien ſtanden inzwiſchen des Spartacus Heer⸗ haufen und ſahen ſehnſuchtsvoll nach dem Meere, woher ihnen einzig Rettung kommen konnte, denn das feſte Land bot ihnen keine. Craſſus hatte ſie eingeſchnürt und hielt ſie in der ſchmalen bruttiſchen Halbinſel, die ſie kaum länger zu ernähren im Stande war, feſtgebannt. Weil er es nicht wagte, ſeine Legionen in offener Feldſchlacht gegen ſie zu führen, zog er von der Kra⸗ thismündung einen Graben von neun Meilen Länge und ſchnitt dadurch Bruttien vollſtändig von dem übrigen Italien ab. Längs des Grabens legte er Wälle an und von der Höhe derſelben wollte er zuſehen, wie die Sklaven drüben verhungerten. — 153 Was half es dieſen nun, daß ſie ſich eine Reiterei gebildet, indem ſie in Unteritalien alle Pferdeheerden aufgegriffen hatten? Sie konnten mit ihren Pferden nicht gegen Wall und Graben anſtürmen, und es dauerte wohl nicht lange, ſo ging ihre Cavallerie zu Fuß und ſchlachtete die Pferde, auf denen ſie in beſſern Tagen geſeſſen. Aber eines Tages gefror das übermüthige Lächeln, mit dem Craſſus aus ſeinen unangreifbaren Verſchan⸗ zungen nach Bruttien hinüberſah. Spione hatten ihm die Nachricht zugetragen, daß eine Piratenflotte in Sicht ſei und Miene mache, mit dem Heere des Spartacus zu fraterniſiren. Mit einem Male wurde es Craſſus klar, warum ſich Spartacus nach der Südſpitze Italiens gezogen, und daß er nur nach Bruttien gegangen, um Sicilien ſo nahe als möglich zu ſein. Schrecken erfüllte das Herz des römiſchen Feldherrn. Wenn ihm Spartacus entſchlüpfte, ſo war es mit ſeinem Kriegsruhm und ſeiner ſtaatsmänniſchen Lauf⸗ bahn für immer vorüber. Pompejus, der nur auf eine große Schlappe lauerte, die ſein Feind Craſſus erleiden würde, löſte ihn dann im Commando ab. Er ſank dann zur Unbedeutendheit herab und mußte ſich, nachdem er Höheres angeſtrebt, mit dem Ehrgeize begnügen, der Beſitzer der gefüllteſten Geldkaſſe in Rom zu ſein. Die Piraten durften ſich nicht mit Spartacus ver⸗ binden, das war ſofort feſt beſchloſſene Sache bei Craſſus. In ſeiner gefüllten Geldkiſte beſaß Craſſus das unfehlbare Mittel, dieſe Verbindung zu hindern. Er bedachte ſich keinen Augenblick, ſein immenſes Vermögen ſeinem Ehrgeize zum Opfer zu bringen. Er wollte Alles hergeben, was er ſich erworben, und von neuem anfangen zu arbeiten. Was ihm die großartigen Bauten eingetragen, die er in Compagnie mit ſeinen Freigelaſſenen unter⸗ nommen, was er in ſeinem Geſchäfte als Banquier und Sachwalter gewonnen, was ihm die Güterkäufe zur Zeit der Aechtungen eingetragen, er wollte ſeiner Feldherrnehre zu Liebe Alles in die Schanze ſchlagen. Seine Boten flogen nach Rom, um gemünztes und ungemünztes Gold centnerweiſe herbeizuſchaffen, während andere mit den Piraten unterhandelten, um ſie zum Rückzug zu bewegen. Im Lager des Spartacus herrſchte noch ungemeſſener Jubel über die Rückkehr des Kappadociers und über die Ankunft der Piratenflotte. 4 ——— 155 Während die Soldaten jauchzten, beriethen Spar⸗ tacus und der Kappadocier, wie der Uebergang über die Meerenge am ſchnellſten und ſicherſten bewerkſtelligt werden könnte. Darüber vergingen einige Tage, welche der Kappa⸗ docier am feſten Lande fern von der Flotte zubrachte. Als er ſich nach derſelben zurückbegeben wollte, waren die weißen Segel verſchwunden. Einige wenige Schiffe waren zurückgeblieben und ihre Führer benachrichtigten ihn, daß ſie das Weite geſucht hätten, weil ſie ſich vor den römiſchen Strand⸗ ſchiffen fürchteten. „Eine Flotte ſoll es nicht mit einem Dutzend Strandſchiffen aufnehmen können?“ ſchrie der Kappa⸗ docier wüthend.„Eitle Ausflüchte, hinter welchen ich des Craſſus Goldſtangen funkeln ſehe!“ Signalbarken flogen hin und her, vergebens, die Flotte der Piraten war nicht zur Umkehr zu bewegen. Zum erſten Male hatten die Seeräuber einen Kameraden im Stiche gelaſſen und ein Unternehmen aufgegeben, zu welchem ſie ſich untereinander ver⸗ pflichtet hatten. „Tauſend Flüche über ſie!“ ſchrie der Kappadocier nüthend in das brauſende Meer hinaus, als ihm die vezweifelte Lage klar wurde.„Sie werden für ihre Treuloſigkeit büßen und das Gold, durch das ſie ſich haben beſtechen laſſen, wird ihnen nichts nützen. Die Piraterie iſt von dieſem Augenblick an eine verlorene, ſterbende Sache, mein Fluch weiht ſie dem Untergang.“ „Bringe uns nach Sicilien!“ heulten die Schaaren des Spartacus dem ſeine Kameraden Verfluchenden in die Ohren.„Bringe uns nach Sicilien, Du haſt es uns verſprochen!“ „Ich bringe Euch aus Bruttien heraus!“ wandte ſich der Kappadocier zu den Soldaten.„Ob es uns jetzt noch gelingt, Sicilien zu erreichen, wer weiß es? Jedenfalls wollen wir Alles daran ſetzen. Geht es aber nicht, ſo überſpringe ich mit Euch den Graben des Craſſus, ich ſchwöre es!“ „Wir glauben Dir, führe uns!“ ſchrieen die Sol⸗ daten, und wieder war der Kappadocier der factiſche Feldherr und Spartacus mußte ſich begnügen, neben ihm einherzuwandeln. Der Kappadocier ließ nun, was an Holzwerk auf⸗ zutreiben war, zu Flößen zuſammenbinden. Aber als ſich die Soldaten auf dieſen improviſirten Fahrzeugen einſchiffen wollten, riſſen die Flöße in der Mitte entzwei und man ſah, daß man nur Zeit ver loren habe. „Glaubſt Du auch jetzt noch auf dem Umwege üler 157 Sicilien nach Rom zu kommen?“ fragte Spartacus den Kappadocier, als er die letzte Anſtrengung, den Seeweg zu forciren, an der gewaltigen Meeresſtrömung ſcheitern ſah, welche gerade die ſchmale Meerenge, die Sicilien von Bruttien trennte, ſo unſicher und gefähr⸗ lich machte. Es war mehr Schmerz als Zorn, was aus der Stimme des Sklavenführers heraustönte, als er die bange Frage an den Piraten richtete, der ſich Sinne und Gemüther der Soldaten ſo unterthan zu machen verſtanden, daß ihm dieſe williger und opferfreudiger gehorchten als ihrem erprobten Feldherrn, der ſie aus der Fechterſchule des Lentulus zu welterſchütternden Siegeszügen geführt. „Jetzt heißt es den Stier an den Hörnern faſſen!“ entgegnete der Kappadocier trotzig.„Wenn wir nicht über Sicilien nach Rom gelangen können, ſo müſſen wir den Weg durch Lucanien und Campanien ein⸗ ſchlagen. Denn Rom muß unſer werden!“ „Unſinniger!“ rief Spartacus.„Siehſt Du den Graben nicht, der uns, fünfzehn Fuß breit und ebenſo tief, vom Heere des Craſſus trennt, das uns hinter hohen Mauern, geſchützt durch Thürme und Bollwerke aller Art, erwartet?“ „Der Graben darf uns kein Hinderniß ſein, unſere braven Fechter werden ihn im ſtürmenden Anlauf über⸗ ſpringen!“ ſagte der Kappadocier.„Laß uns das Heer in drei Haufen trennen und Craſſus gleichzeitig auf drei Seiten angreifen. Führe Du das Centrum, laß den Parther den einen Flügel befehligen, mich aber die gefährlichſte Stelle für mich ſelbſt ausſuchen. Wir kommen hinüber, ich bürge dafür!“ „Es wäre nur recht und billig, wenn Du uns hinüberbrächteſt, nachdem uns Deine Rathſchläge in dieſe ſchlimme Lage verſetzt und viel unerſetzliche Zeit gekoſtet haben“ bemerkte Spartacus ernſt.„Aber ehe es geſchehen, laß mich immerhin an der Möglichkeit des Gelingens zweifeln.“ Spartacus mochte jedoch immerhin zweifeln, das Heer glaubte an den Kappadocier. Das Zauberwort Rom elektriſirte die Schaaren und ließ ſie das Leben nicht achten. Was lag daran, wenn Tauſende ſich an den Wäl⸗ len, hinter welchen das Heer des Craſſus ſtand, den Kopf zerſchellten, den Ueberlebenden gehörten die uner⸗ ſchöpflichen Schätze Roms! Wie ein Taumel ergriff es die Maſſen, daß ſie auf des Kappadociers Commando in zweitägiger Schlacht immer von neuem gegen die römiſchen Bollwerke ſtürm⸗ ten, um ſich ſtets Tod und Verderben zu holen. 159 Als der Kappadocier am Abend des zweiten Tages den Kampf einſtellte, weil die Streiter vor Müdigkeit nicht weiter konnten, deckten fünfzehntauſend Leichen das Schlachtfeld. „Glaubſt Du noch nach Rom zu kommen?“ fragte Spartacus in der Nacht mit zitternder Stimme den Kappadocier. „Gewiß!“ entgegnete dieſer funkelnden Auges.„Laß die Soldaten ausſchlafen, ich will indeſſen den Wall weognosciren und ſeine ſchwache Stelle ausfindig machen.“ Bedenke eins!“ ſagte Spartacus düſter.„Noch zwei ſolche Schlachttage wie die letzten, und wir haben kein Heer mehr.“ „Ich habe es wohl bedacht!“ antwortete der Kappa⸗ docier.„Aber ich ſage Dir, wir kommen hinüber und ſelbſt die fünfzehntauſend todten Kameraden, welche das Feld bedecken, ſollen uns dabei helfen! Unter⸗ handle mit Craſſus, daß er uns geſtattet, unſere Ge⸗ fallenen aus den Gräben zu holen und zu beerdigen. Errichte zum Scheine Scheiterhaufen, als ob wir die Leichen verbrennten, in Wahrheit aber ſammle ſie zu einem rieſigen Haufen und halte Dein Heer bereit, daß es in jedem Augenblicke nach dem Punkte aufzubrechen im Stande iſt, den ich jetzt ausfindig machen will.“ 160 Der Kappadocier verließ das Lager und blieb zwei Tage aus. Als er am dritten Morgen wiederkehrte, ſagte er: „Ich habe gefunden, was ich ſuchte. Sechs Meilen von hier iſt eine ſchwach vertheidigte Stelle. Dorthin laß mich heute Nacht mit drei Viertheilen des Heeres insgeheim aufbrechen. Laß mich den ganzen Troß, die Pferde, die Stiere, die Gefangenen und die Ge⸗ fallenen mitnehmen. Du beſchäftige hier indeſſen den Feind und halte ihn in dem Glauben, daß er unſere ganze Macht vor ſich habe. Wenn zehn Stunden nach meinem Ausmarſche vorüber ſind, dann greife ihn zum Scheine an. Du wirſt weiter von mir hören!“ „Ich will mich Dir noch einmal unterordnen!“ ſagte Spartacus, dem die wilde Energie des Kappa⸗ dociers Achtung und Bewunderung abzwang, wenn⸗ gleich er ſich nach den bisherigen verunglückten Ver⸗ ſuchen wieder kein Reſultat verſprach. Der Kappadocier ſchien vom Himmel begünſtigt zu werden, denn die Nacht, welche anbrach, war eine ſo ſtürmiſche, daß Craſſus nicht glauben konnte, der er⸗ müdete Feind würde ſie zu einem Unternehmen be⸗ nutzen. Arglos hütete der römiſche Feldherr ſeine Schan⸗ zen, während der Kappadocier mit vierzigtauſend Mann 161 fünfzehntauſend Leichen, fünſtauſend Gefangenen, ſechs⸗ tauſend Pferden und doppelt ſo viel Rindern auszog, um an einer ſechs Meilen entfernten Stelle den Ueber⸗ gang zu forciren. Es war ein ſchauerlicher Zug und er ging nur langſam von ſtatten, denn faſt jeder zweite Lebendige trug einen Todten auf den Schultern. Abwechſelnd mußten die Gefangenen die Todten ſchleppen, oder man ſetzte die Leichen den Reitern vors Geſicht auf die Pferde. Jetzt hatte man die ſchwachbewehrte Stelle des Walls erreicht. Das Erſte, was die Leute des Kappadociers thaten, war, daß ſie die fünfzehntauſend Leichen in den Graben warfen. Aber dieſer war damit noch nicht bis zum vierten Theile gefüllt. Wohl aber war die Beſatzung drüben alarmirt und ein wilder Kampf entſpann ſich. Dieſer durfte nicht ſo lange dauern, daß den Rö⸗ mern Succurs kommen konnte, in einigen Stunden mußte Alles beendet ſein. „Erwürgt die Gefangenen!“ befahl der Kappa⸗ docier. Der Befehl wurde ſofort ausgeführt. Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. II. 11 1 162 Ehe eine halbe Stunde vergangen war, hatte man fünftauſend neue Leichen, den Graben zu füllen. Aber noch immer klaffte er tief und weit, mochte man auch Alles, was man von Reiſig und Holz mit⸗ geſchleppt, hineinwerfen. „Tödtet die Pferde, wir kommen zu Fuße auch nach Rom!“ ſchrie der Kappadocier. Die Soldaten gehorchten zögernd, aber ſie ge⸗ horchten. Rom ſtand ja auf dem Spiele. Beſſer, zu Fuße nach Rom kommen, als hier ver⸗ derben. Der Kappadocier hatte Recht. In einer Stunde lagen ſechstauſend blutige Pferde⸗ leichen im Graben. Aber dieſer war noch immer nicht ſo, daß man ihn paſſiren konnte, ohne ſich zu lange den verderb⸗ lichen Geſchoſſen des römiſchen Detachements auszu⸗ ſetzen, das drüben in Waffen ſtand und ſchon kleine Verſtärkungen an ſich zu ziehen anfing. Wehe, wenn erſt Craſſus kam! Seine Vorpoſtenlinien mußten bereits alarmirt, Bo⸗ ten, ihn aufzujagen zu forcirtem Marſche, unterwegs ſein. Jetzt war ein Moment gekommen, wo ſelbſt dem Kappadocier der Muth ſank und er verzweifelnd um ſich blickte. 163 Sein Blick traf die dichtgedrängten Reihen des Zugviehs. „Kameraden“, rief er,„als Ihr aus der Fechter⸗ ſchule auszogt, führtet Ihr keine Stiere mit Euch, und Ihr ſiegtet und verſchafftet Euch Tauſende von Rindern. Wenn Ihr dieſe jetzt in die Schanze ſchlagt, ſo erſetzen Euch Lucaniens und Campaniens blühende Gefilde morgen tauſendfach den Verluſt! Auf! Bedenkt Euch keinen Augenblick, ſtecht die Stiere nieder, ſie werden uns gerade den Graben füllen und ihn zur Brücke machen, die uns nach Rom führt!“ Und das Schlachtfeld wurde zur Schlachtbank. Der Graben füllte ſich mit zehntauſend Rinder⸗ körpern. Was der Troß an Gepäck, was der einzelne Mann an Entbehrlichkeiten hatte, flog auch noch in letzter, äußerſter Anſtrengung in den Graben, ſelbſt Rüſtungen pflaſterten ihn— er klaffte nicht mehr, er nahm die Tauſende des Kappadociers auf, die ſich wie ein brauſendes Meer über ihn ergoſſen, die römiſchen Ver⸗ ſchanzungen erſtiegen und mit dem Morgengrauen auf lucaniſchem Boden und im Rücken des Craſſus ſtanden, der ſie nicht anzugreifen wagte. Er mußte zuſehen, wie der Kappadocier den unter Spartacus' Befehl zurückgelaſſenen Heerestheil an ſich 164 zog, aus dem mit Menſchen⸗ und Thierleichen, mit Ge⸗ päck, Holzwerk und Rüſtungen gefüllten Graben heraus⸗ holte, was er brauchen konnte und ſich dann anſchickte, die nun unbeſchützt vor ihm liegenden Thäler Lucaniens und Campaniens zu überfluten. Der Weg nach Rom ſtand den Schaaren des Spartacus jetzt wirklich offen. Der Kappadocier hatte ſein Wort glänzend gelöſt und ſein geſchädigtes Anſehen war in glorreicher Weiſe wiederhergeſtellt. Ende des zweiten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Srey Control Chart GSreen Vellow Red Magenta B 6 2 . 6 1.