— . ⁰ 2 —— S—S——S Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. hesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 M.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Während ſich die öffentlichen Plätze ſchmückten und durch die Via Lata ein unermeßlicher Menſchenſtrom dem Thore ſich zuwälzte, herrſchte in den engen und gewundenen Seitenſtraßen, in welche die fünf- und ſechsſtöckigen Häuſer mit ihren geſchwärzten Backſtein⸗ maſſen und ihren morſchen Schindeldächern düſter hineinragten, der gewöhnliche geſchäftliche Verkehr. An den gemauerten Ladentiſchen der in die Straße hinausgebauten Häuſervorſprünge ſtanden die Verkäufer und boten ihre Waaren feil. Doch war es im Ganzen nur der Kleinverkehr, der heute ſeinen regelmäßigen Fortgang nahm. Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. I. 2 Der Krämer und Händler war auf ſeinem ge⸗ wöhnlichen Platze, der Barbier hatte wie gewöhnlich die Hausſchwelle mit Beſchlag belegt, daß der Bewoh⸗ ner des Hauſes ſich den Zutritt zu ſeiner Behauſung beinahe erzwingen mußte; der Fleiſcher hantierte mit ſeinen Waaren und warf die Knochen dem Nachbar Garküchler zu, der ſeine Küche bis weit in die Straße vorgeſchoben hatte, daß die Straßenwandler einen wei⸗ ten Umweg machen mußten, um an dem dampfenden und rußgeſchwärzten Etabliſſement vorbeizukommen. Auch Gevatter Weinhändler, deſſen Bude eine an dem Hausvorſprunge angeſchmiedete Weinflaſche kennt⸗ lich machte, verſah ſein Amt wie gewöhnlich, aber die großen Magazine und Kaufläden, in welchen die ſpa⸗ niſche Wolle und die chineſiſche Seide, die feine Lein⸗ wand aus Aegypten und das Heilkraut aus Sicilien lagen, in welchen die griechiſche Auſter dem wohl⸗ ſchmeckenden Alpenkäſe und den Seefiſchen des ſchwar⸗ zen Meeres zur Seite lag, waren heute geſchloſſen, denn welcher Reiche in Rom hätte heute daran gedacht, etwas zu kaufen? 6 Der Juwelenhändler, der ſeine den Gründen des rothen Meeres entſtammte Perle und ſeinen den Edel⸗ ſteingruben Indiens entnommenen Diamant nicht ſchon geſtern an den Mann gebracht, würde ſich heute vergeblich R⸗ lich oh⸗ ung bar uße wei⸗ den 3 bemüht haben, die koſtbare Waare los zu werden, denn heute war ein Tag, an welchem das reiche Rom an ſeinen Gebäuden und an ſeinen Frauen zur Schau trug, was es ihnen an Pracht und Schmuck in den letzten Tagen nur immer aufzudrängen vermocht hatte. Heute ſchienen die prachtvollen Lorbeer- und Pla⸗ tanengänge des Marsfeldes ihre Fortſetzung bis in das Innere der Stadt gefunden zu haben. An die großen, mit luſtigem Vogelgeſang angeftllten Gärten, welche die Paläſte der ſtattlichen Via Lata und der daranſtoßenden breiten und bequemen Straßen umgaben und ſich zwiſchen die ſäulengetragenen Hallen, Kuppeln und Giebeldächer wohlthuend einſchoben, ſchloſ⸗ ſen ſich die in hängende Gärten umgewandelten Dächer und Balkone an. Der bis zu den Wolken ragende Koloß des Amphi⸗ theaters war grün überkleidet, die Mauergemälde, welche die Wände der Hallen und Tempel zierten, waren mit Laubgewinden umgeben und ganze Lorbeerwälder ſchie⸗ nen ſich aus der lieblichen Gegend von Capua nach Rom verpflanzt zu haben, um die Ueberwölbung des Pantheons, die Ehrenſäulen, das Forum des Friedens und den Tempel der Göttin Roma zu ſchmücken. Und zwiſchen dem friſchen Grün ſprühten allerorten ſchlanke Waſſerſtrahlen in die Höhe; die kleinen Seen, 1* 4 in welchen ſich das durch die rieſigen Waſſerleitungen der Stadt zugeführte Waſſer ſammelte, ſchienen ins⸗ geſammt zu Ehren des Tages lebendig geworden zu ſein. Der Sonnenſtrahl färbte die zu außerordentlicher Höhe aufſteigenden Wäſſer bunt, und wie er ſich in das zu Staubbächen zerſtiebende Waſſer miſchte, das die Ungeheuer in den Grotten ausſpieen, aus welchen dieſe Seen geſpeiſt wurden, ſo war es, als ergöſſe ſich ein Meer von Perlen und Diamanten über die nächſte Umgebung. In der ſchmalen Plautiniſchen Straße ſaß vor einem Tiſche, auf welchem Stoffe zu Gewändern um⸗ herlagen, ein junges Mädchen und träumte von den Herrlichkeiten, welche heute an den Quartieren der Reichen zu ſchauen waren. Zuweilen raffte ſich das Mädchen aus ſeinem Sin⸗ nen auf und ſeine zarte weiße Hand fuhr dann glät⸗ tend über eins der koſtbaren babyloniſchen Kleider, die vor ihm ausgebreitet lagen, um die Aufmerkſamkeit der Vorübergehenden anzuregen. Es hätte übrigens der purpurnen Lockvögel nicht bedurft, um das Geſchäft des alten Epidius in Flor zu bringen. Wer an der Bude vorbeikam und das liebliche Ren zu 5 kaum ſechzehnjährige Weſen erblickte, das die Schätze Babylons hütete, blieb gewiß ſtehen, und hatte er an⸗ ders Geld in ſeinem Beutel, ſo trat er auch heran und legte ſich etwas von dem bunten Waarenlager zu, ſelbſt wenn kein dringendes Bedürfniß den Ankauf rechtfertigte. Während der Bäcker vor dem Hauſe, das gegen die Nachbarhäuſer etwas zurückſtand und in die Reihe der⸗ ſelben mit einer Art von Arkade eintrat, unter welcher der alte Epidius ſein Geſchäft etablirt hatte, ſeine Waare ausrief und durch ſeine Stentorſtimme die die⸗ ſer Waare bedürftigen Leute ſogar an die unregelmäßi⸗ gen Fenſter der obern Stockwerke rief, die keine ſo gleichartige Reihe bildeten wie die Fenſter der drei untern Stockwerke, trat Epidius an ſeine Tochter mit den Worten heran: „Weißt Du, Urbilia, daß heute Nacht wieder ein Unfug in unſerer Straße vorgefallen iſt? Es lebt ſich doch traurig in dieſem Rom. Nicht nur, daß man hier ſo viel an Miethzins für ein paar kleine Stuben in der finſtern Plautiniſchen Straße zahlen muß, daß man dafür auf dem Lande ein Haus ſammt Gärtchen als freies Eigenthum erhalten könnte, ſo iſt man auch noch ſeines Lebens nicht ſicher!“ „Die Reichen haben es beſſer, mein Vater!“ ſagte 6 Urbilia leiſe.„Denen fallen in ihren lichten und breiten Quartieren nicht die Dächer über den Köpfen zuſammen wie uns, deren Wohnungen aus hölzernem Fachwerk beſtehen, ſodaß uns jeder knarrende Laut, den das ausgetrocknete Getäfel von ſich gibt, erſchrecken muß. Man ſagt, daß wieder einer von den Unglück⸗ lichen geſtorben iſt, welche vorgeſtern in unſerer Straße durch den Einſturz des Hauſes verſchüttet wurden.“ „Nicht dieſe Unſicherheit war es, Urbilia, die ich meinte, als ich auf das anſpielte, was in dieſer Nacht vorging!“ bemerkte Epidius.„Es waren wieder ein paar adlige Strolche in unſerer Gaſſe, welche harm— loſe Nachtwandler, die ihnen in den Weg kamen, auf ausgebreiteten Mänteln prellten. Nachbar Cotilius hat es mir ſo eben berichtet und mir halb und halb die Schuld gegeben, daß ich dem Uebermuth der jungen Adligen Vorſchub leiſte, indem ich Dich im Geſchäfte verwende. Das zieht die Strolche in die Plautiniſche Straße, ſagt Cotilius, und kommen ſie am Tage, ſo gewöhnen ſie ſich auch bald in der Nacht zu kommen.“ Urbilia machte eine Geberde der Ungeduld und verzog den kleinen Mund zu einem ſpöttiſchen Lächeln, welches den Vater nicht abhielt fortzufahren: „Cotilius will in dem einen der Patricier, der bei dem nächtlichen Auftritte den Ton angab, einen vor Und pfen nem den cken lüc⸗ ———— —— —— 5 nehmen jungen Müßiggänger erkannt haben, der ſich viel in der Plautiniſchen Straße und vornehmlich in der Gegend unſeres Hauſes umhertreiben ſoll. Er ſoll ein junger Mann von hohem und ſchlankem Wuchſe, bleicher Hautfarbe, durchdringenden ſchwarzen Augen und ſcharfer Adlernaſe, übrigens kaum achtzehn Jahre alt ſein. Kannſt Du Dich keines jungen Menſchen erinnern, auf welchen die Beſchreibung des Cotilius paßte?“ Epidius ſah die Tochter forſchend an, und die Röthe, welche ihre Wange bedeckte, entging ihm nicht. „Ich glaube, ich werde die Gewänder von Babylon nicht länger Deiner Obhut anvertrauen dürfen“ ſagte er haſtig und ſetzte mit einer Art hämiſcher Schaden⸗ freude hinzu:„Cotilius hat ſehr gut daran gethan, daß er einen Dachziegel unter die übermüthigen Patri⸗ cier warf. Der unerwartete Zwiſchenfall trieb ſie in eilige Flucht, da ſie von der Furcht erfaßt wurden, ein Dach mache Miene einzuſtürzen.“ Während Epidius das radicale Verfahren ſeines Nachbars, nächtliche Excedenten zur Ordnung zu rufen, belobte, hatten ſich rechts und links die Hämmer und Sägen der Werkſtätten in Bewegung geſetzt und wett⸗ eiferten in ihrem Kreiſchen mit dem Geräuſch, das die 8 Räder der Laſtwagen erzeugten, welche, nachdem ſie ihre Waarenmaſſen während der Nacht in der Stadt abgeſtreift hatten, durch die Seitenſtraßen, in denen ſie nur zu oft mit den ſcharf hervorſtehenden Häuſervor⸗ ſprüngen in Colliſion kamen, ihren Rückzug antraten. „Warum geht Ihr nicht in die Via Lata?“ fertigte Epidius einen Bettler ab, der ſich ſeinem Laden ge⸗ nähert hatte, um in zudringlicher Weiſe mit ſingendem Tonfalle ein Almoſen zu erlangen. „Wenn Ihr neugierig ſeid, geht ſelbſt hin!“ wandte ſich der Bettler höhniſch gegen den Kaufmann.„Weil die trägen und neugierigen Lehrer den heutigen Feſt⸗ tag benutzt haben, die Kinder aus der Straßenſchule nach Hauſe zu ſchicken, ſo glaubt Ihr wohl, daß Ihr von der Anhörung jedes Geräuſches dispenſirt ſeid? Ihr irrt Euch, guter Bürger! Wenn auch die Kinder⸗ ſchule. Euch gegenüber heute nicht im Chor buchſtabirt, ſo ſollt Ihr doch mein Geheul ſo lange anhören, bis Ihr mir die Mittel gewährt, mit einem Herumträger von Erbſenbrei oder Würſten zu unterhandeln!“ Epidius mußte gute Miene zum böſen Spiel machen und dem unverſchämten Bettler ein Almoſen geben. Der Bettler war mit demſelben kaum verſchwunden, als ein Menſchenſchwall die Straße daherkam, dieſelbe bis auf den letzten Winkel ausfüllend. —— —— 9 Es war ein Drängen und Stoßen, daß einer auf die Füße des Andern trat und Cpidius ſeiner Tochter zurief: „Hüte den Purpur von Babylon, Urbilia! Ich ſehe in dem Gedränge Geſichter, die mir nicht ge⸗ fallen!“ Urbilia wußte nicht, was ſie früher thun ſollte, die Gewänder in Acht nehmen oder die Neger an⸗ ſtaunen, welche, abenteuerlich angethan, Papagaien auf den Köpfen trugen. Die Afrikaner, welche die ſeltenen Thiere trugen, waren es eben geweſen, die durch ihren ſeltſamen Auf⸗ zug das Gedränge verurſacht hatten, da ſich ihnen alle Müßiggänger anſchloſſen. „Was ſind dieſe Papagaien gegen die Löwen und Elephanten, die den Triumphwagen ziehen werden!“ ließ ſich eine Stimme im Gedränge dicht neben Urbilia vernehmen, deren ſanftes blaues Auge aufblitzte. Epidius, der ſich, die Rippenſtöße, die auf ihn nie⸗ derregneten, nicht achtend, mittlerweile zu ſeiner Tochter hindurchgedrängt hatte, nahm das begehrliche Aufblitzen ihrer Augen wahr, als ſie von den Löwen und Ele⸗ phanten hörte, und ſagte: „Mir kommt es vor, als ob Du heute lieber in der Via Lata als in der Plautiniſchen Straße wärſt!“ 10 „Ich leugne es nicht, mein Vater“ flüſterte Urbilia ſchüchtern,„daß ich begierig wäre, etwas von dem Glanze zu ſehen, den die Reichen und Großen heute entfalten werden!“ „Du beneideſt dieſe Reichen und Großen?“ fragte der Vater mit ſcharfer Stimme, welche das Mädchen abſchreckte, überhaupt eine Antwort zu geben. „Keine Antwort iſt auch eine Antwort!“ ſagte Epidius mit ſanfterer Stimme.„Habe Geduld, Urbilia. Noch iſt nicht aller Tage Abend, und Manche, die in ihrer 3 Jugend babyloniſche Gewänder verkauft haben, durften ſich in reiferem Alter mit ſolchen koſtbaren Kleidern ſchmücken.“ Urbilia lächelte wehmüthig und ungläubig vor ſich hin. Der Alte aber ſagte: „Reich und groß kann ich Dich vor der Hand nicht machen, Urbilia, aber dazu kann ich Dir verhelfen, daß Du die Reichen und Großen ſiehſt, wie das Dein Herzenswunſch iſt. Ich will den Kram hüten, Du aber magſt mit der Sklavin Domna einen Spaziergang nach der Via Lata unternehmen, wenn Du mir verſprichſt, nicht lange zu bleiben und jedem Gedränge vorſichtig aus dem Wege zu gehen!“ —— hin. nicht daß Dein gber nch ichſt htig ————— Zweites Kapitel. Die Entführung. Urbilia war glücklich über die erlangte Erlaubniß und tauchte, die Sklavin Domna zur Seite, in das bunte Feſttagsleben, welches die Via Lata an dieſem Tage zur Schau trug. Ein unbeſchreibliches Gewühl herrſchte daſelbſt. Man ſah die Farben aller Raſſen, die Trachten aller Völker und hörte die Sprachen aller Länder. Hohe Staatsbeamte wurden, von ihrer hundert⸗ köpfigen Clientelſchaft umſchwirrt, in prächtigen Sänf⸗ ten dem Thore entgegengetragen, in deſſen Nähe man ſich in eitlen Verſuchen erſchöpfte, die monſtröſen Ele⸗ phanten, die der Triumphator aus Afrika mitgebracht, durch die ſchmalen, auf keine ſolchen Koloſſe berechneten Eingänge hindurchzubringen. 12 Pompejus, der heute über Afrika triumphirte, hatte geſchworen, er werde ſeinen Einzug in Rom nicht in einem von Pferden gezogenen gewöhnlichen Wagen, ſondern mit einem Viergeſpann von Löwen und Ele⸗ phanten halten, die er drüben in Afrika ſelbſt erjagt. Sulla hatte ihm, dem vierundzwanzigjährigen Manne, der weder Prätor noch Conſul war, die Ehre des Triumphs lange nicht zugeſtehen wollen, obwohl er bereitwilligſt ſeine Verdienſte anerkannt, ihm den Beinamen des Großen beigelegt und ihn ſogar mit entblößtem Haupte empfangen hatte. Erſt als Pompejus erbittert in die Worte ausge⸗ brochen war:„Siehe Dich vor, Sulla, die aufgehende Sonne wird von mehr Menſchen verehrt als die un⸗ tergehende“, hatte der alte Dictator ſeinen Widerſtand aufgegeben und dies durch die halb im Zorne geſpro⸗ chenen Worte bekundet:„So halte der bartloſe Knabe ſeinen Triumph, wenn er es durchaus ſo haben will!“ Die Löwen, welche man in einen großen Käfig ge⸗ than, der auf Rädern ruhte, bildeten eine Art freilich widerſtrebenden Viergeſpanns. Man hatte ihnen Zügel in den Rachen gelegt, und Mohrenknaben, die mit wilden Thieren umzugehen wußten, hielten die Disciplin in dem Käfige ſo ziem⸗ lich aufrecht, der an den Wagen des Triumphators und hen em⸗ — — ——— — ——— 18 gekoppelt werden ſollte, damit es den Anſchein ge⸗ wänne, als ob der Wagen von den Löwen gezogen würde. Die eigentlichen Zugkräfte ſollten jedoch die Ele⸗ phanten ſein. Wenn man eben dieſen zu Liebe nicht das Thor niederreißen wollte, ſo mußte Pompejus auf die volle Löſung ſeines Schwurs verzichten, die Elephanten außerhalb Roms laſſen und ſich damit begnügen, dem Löwenviergeſpann ein halbes Dutzend Pferde vor⸗ zuſpannen. Während die Legionen in Reih und Glied traten, um dem ſiegreichen Feldherrn das Geleite zu geben, rangirten ſich kahlgeſchorene Aegypter in linnenen Ta⸗ laren um die Göttin Iſis, die im Triumphzuge eine Rolle ſpielen ſollte. Koſtbare Pergament⸗ und Papyrusrollen glänzten in den Händen junger Sklaven, und gefangene Für⸗ ſtenſöhne in hohen Mützen und bunten Gewändern fügten ſich in finſterem Ernſt in das Schickſal, dem Triumphator kettenbelaſtet folgen zu müſſen. Unter den koſtbaren, bisher in Rom unbekannten Sachen, die Pompejus bei ſeinem Triumphzuge zur Schau ſtellen wollte, befanden ſich auch Ebenholzbäume und Balſamſtauden, ſchön gemaſerte Scheiben koſtbaren 14 Holzes vom Atlas, rieſige Blöcke rothen Marmors aus den Brüchen Afrikas. Zwerge und Rieſen illuſtrirten den Zug, und Pom⸗ pejus hatte alle wadenloſen, kurzarmigen, dreiäugigen ſpitzköpfigen Menſchen, die er auf ſeinem Kriegszuge gefunden, zu einer kleinen Heerſchaar von Mißgeburten zuſammenkoppeln laſſen, die noch mehr das Staunen der Römer herausforderten als die fünfzig Ellen lange Schlange, die er mit ſich führte, als das Rhinoceros und der Tiger, als der Vogel Phönir ſogar und das Gerippe des Walfiſches, der ſich an die Küſten Afrikas verirrt hatte, in welches der Triumphator zur Ergötzung des Volkes fünfzig Leoparden hatte ſperren laſſen, die wie Katzen durcheinander ſprangen. In dieſem Gewühl bewegte ſich Urbilia mit ihrer Begleiterin, und was ſie ſah, regte ihre Neugierde an, mehr zu ſehen, und ſo kam ſie immer weiter von dem Hauſe ihres Vaters ab und ſah ſich mit einem Male durch einen ungeheuren Menſchenſchwarm auf die Stu⸗ fen eines Palaſtes gedrängt. Es war das tauſendköpfige Gefolge Sulla's, wel⸗ ches der Sänfte des Dictators folgte, der ſich nach dem Palaſte eines ihm befreundeten Patriciers begab, um aus den Fenſtern deſſelben den Triumphzug zu ſehen. 15 Dieſes immenſe Gefolge füllte die Via Lata ſo voll⸗ ſtändig, daß die freie Circulation für einige Minuten ganz gehemmt war und Jeder ſich glücklich ſchätzte, wenn er einen ſichern Platz fand, der ihm in ſo lange eine Zufluchtsſtätte bot, als das wüſte Getümmel die Communication aufhob. Während Urbilia Mühe hatte, ihren Platz zu be⸗ haupten, und ſich von der ſie eindämmenden Volks⸗ menge hin und her ſchieben laſſen mußte, ſah ſie einen jungen Mann aus einer Seitenſtraße in die Via Lata einbiegen und ſich rückſichtslos in das Gedränge miſchen. Freilich ſchien es für den Ankömmling von vor⸗ nehmem Ausſehen, den eine Schaar von Freunden und Freigelaſſenen umgab, kein Gedränge zu geben; denn ihm und ſeinem Anhange wich Alles aus, und Alles ſchien ihn zu kennen, ſodaß ſich für ihn und ſein zahlreiches Gefolge inmitten des Gewühls eine Gaſſe bildete, die er unangefochten paſſirte. Die Bereitwilligkeit, mit welcher das Volk dem jungen Manne Platz machte, hatte zur Folge, daß ſich die Maſſen rückwärts nur noch mehr zu einer wie feſtgeſtampften Menſchenmauer ſtauten und den Zug Sulla's ins Stocken brachten, obwohl deſſen vier— undzwanzig Lictoren die Gaſſe offen zu erhalten ſich mühten. 16 Man ſah, wie der Dictator den Kopf zum Fenſter der Sänfte herausſteckte, um das Hinderniß zu ent⸗ decken, das ſich ſeinem Fortkommen ſo unerwartet ent⸗ gegenſtellte. Als Sulla's Auge den jungen Mann von elegan⸗ tem Ausſehen erkannte, der den Zipfel ſeiner Toga mit ariſtokratiſcher Nonchalance über das ſorgfältig zurück⸗ gekämmte Haar ſeines edelgeformten Kopfes geworfen hatte, ſagte er zu dem ihm zunächſtſtehenden Freigelaſ⸗ ſenen ſo laut, daß es die Umſtehenden weit und breit vernehmen konnten: „Wieder dieſer junge Menſch mit dem lockern Gürtel und dem noch lockerern Lebenswandel! Er ſcheint es darauf angelegt zu haben, mir allerorten in den Wurf zu kommen, aber immer wie zufällig, denn mein Haus meidet er mit auffallender Abſichtlichkeit!“ Der junge Mann, mit dem ſich Sulla mißmuthig beſchäftigte, war inzwiſchen unbekümmert durch die hohle Gaſſe geſchritten, die ſich ihm erſchloſſen hatte. Er grüßte anmuthig nach rechts und links, nickte bald dieſem, bald jenem lächelnd, hob hier den Zipfel ſeiner Toga vor einem höhergeſtellten und ältern Bür⸗ ger, als entblöße er ſein Haupt, und wenn er, ſeine Aufmerkſamkeiten mit einem jedes Herz gewinnenden Ausdrucke nach allen Richtungen vertheilend, auf die blic Röt Far gege geſt Coti getr auc deut bili nit nſter ent⸗ ent⸗ gan⸗ mit rück⸗ rfen Aaſ⸗ reit rtel urf nein thig die tte. ickte pfel ür⸗ ine den 12 Franſen ſeiner Toga trat, ſo ſtand ihm ſelbſt dieſer unvorhergeſehene falſche Schritt gut zu Geſicht. Als der Jüngling der Sänfte Sulla's ſo nahe kam, daß er nicht umhin konnte, den Dictator zu grüßen, ſo that er dies, ohne das Haupt zu neigen, mit einem ſo ſouveränen Anſtand, daß die ſtolze Art, wie er den Zipfel ſeiner Toga hob, das allgemeinſte Aufſehen erregte. Urbilia hatte den vornehmen jungen Mann, der das Volk ſo ganz auf ſeiner Seite zu haben ſchien, daß es ſich nicht einmal durch die Anweſenheit Sulla's behindern ließ, ihm die Honneurs zu machen, kaum er⸗ blickt, als das zarte Weiß ihrer Wangen einer dunklen Röthe Platz machte, die eine Fortſetzung des auffälligen Farbenwechſels zu ſein ſchien, der über ihr Antlitz hin⸗ gegangen, als ihr Vater von dem jungen Patricier geſprochen hatte, der zum Verdruß des guten Bürgers Cotilius die nächtliche Ruhe der Plautiniſchen Straße getrübt, nachdem er ſich in derſelben zu öftern Malen auch am Tage hatte ſehen laſſen. Als der Vater den jungen Patricier nach den An⸗ deutungen des Nachbars Cotilius geſchildert, hatte Ur⸗ bilia ſofort gewußt, wer gemeint ſei. Der Jüngling mit dem hohen und ſchlanken Wuchſe, mit der zarten, einnehmenden Geſtalt, mit der bleichen Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. I. 2 18 Hautfarbe, der kühnen Adlernaſe und dem durchdrin⸗ genden Auge, das an das Auge des Falken mahnte, war Niemand anders als der junge Mann, der hier ſo ungenirt Sulla in den Weg trat. Die Schilderung des Cotilius paßte Zug für Zug auf den, der es bereits verſtanden hatte, Urbilia's Aufmerkſamkeit durch ſein wiederholtes Auftauchen in der Plautiniſchen Straße auf ſich zu ziehen. Er hatte immer ein paar freundliche Worte für das junge Mädchen gehabt, ohne ſich irgend etwas Ungebührliches gegen daſſelbe herauszunehmen. Beredter aber als ſeine freundlichen Worte hatten ſein gewinnendes Lächeln und der Adel ſeines ganzen leutſeligen Auftretens zu Urbilia's Herzen geſprochen und ihr ein ſolches Wohlgefallen eingeflößt, daß es ſie unwillkürlich kränkte und verdroß, als der Nachbar Cotilius den Verdacht ausſprach, daß der junge Pa⸗ tricier, der ſich an den nächtlichen Ungezogenheiten be⸗ theiligt, derſelbe ſei, der bereits zum öftern durch ſein geſetztes und würdevolles Auftreten einen guten Eindruck auf ſie gemacht. In Urbilia's nächſter Nähe ſtanden mehrere Bür⸗ ger, welche offenbar gleichfalls von ſympathiſchen Ge⸗ fühlen fur den jungen Patricier, deſſen Erſcheinen Sulla's großartigen Aufzug in Verwirrung gebracht e 1 IS8l V e——— pl hdrin⸗ ahnte, hier Zig bilias ſen in te für etwas hatten ganzen rochen achbar e Pe⸗ en be⸗ durch guten Bür⸗ n Ge⸗ einen bracht 10 hatte, beſeelt waren, denn ſie riefen ihm von ihrem er⸗ höhten Standpunkte ein begeiſtertes:„Sei gegrüßt, Cajus Julius!“ zu und ſchwenkten die Hände grüßend gegen ihn. Dieſe Huldigungen veranlaßten den jungen Mann, nachdem er Sulla begrüßt hatte, nach der Richtung zu blicken, von welcher die ihn feiernden Rufe kamen. Als er den lächelnden Blick die Palaſttreppe em⸗ porſchweifen ließ, fiel ihm Urbilia ins Auge. Er ſchien überraſcht und ließ das Auge lange auf der lieblichen Geſtalt des Mädchens haften, ſodaß ſich beider Blicke begegneten, bis Urbilia den ihrigen ſenkte, ohne daß die Röthe von ihrem Antlitz gewichen wäre. Der Zug Sulla's hatte ſich wieder in Bewegung geſetzt und die Straße bot wieder ſo weit Raum, daß man ſich in ihr bewegen konnte. Der junge Mann, den ſeine Freunde Cajus Julius genannt hatten, machte einige Schritte gegen die Pa⸗ laſttreppe, auf welcher Urbilia ſtand und vor der ſich die Menge nur langſam und theilweiſe verlief, weil es Viele vorzogen, ihren erhöhten Standpunkt beizubehal⸗ ten, welcher ihnen einen freien Ueberblick über das bunte Straßengewühl geſtattete. Es war offenbar, daß Cajus Julius ſich mit dem Gedanken trug, zu Urbilia zu dringen, denn nachdem 20 er einige Schritte gemacht hatte, ſah er wieder in die Höhe und ſuchte das Mädchen im Gedränge zu er⸗ ſpähen. In dieſem Augenblicke näherte ſich ihm ein Mann, der um zehn Jahre älter zu ſein ſchien. Wenigſtens ließ ihn ſein wüſtes, abgelebtes Aus⸗ ſehen um ſo viel älter erſcheinen. Er war bleich und übernächtig, hatte blutunter⸗ laufene Augen und einen trägen, ſchleppenden Gang. Er führte ein zahlreiches Gefolge mit ſich, welches ſich mit jenem des Cajus Julius vermiſchte, ſodaß beide Haufen durch einander ſtanden und mit einander fraterniſirten. „Wenn Du Dich wohlbefindeſt, Cajus Julius Cä⸗ ſar, ſo freut es mich!“ ſagte der Aeltere zu dem Jün⸗ gern, indem er ihm die Hand reichte.„Was feſſelt Dich an dieſe Stelle, während Alles dem Thore zueilt, von der Begierde getragen, den anmuthigen Pompejus zu ſehen, der ſchon zu lange dem großen Alexander ähnlich ſah, als daß ihm der Ruhm und die Ehren Alexander's auf die Länge hätten entgehen können?“ Es lag ein feiner Hohn in der Anſpielung, welche der Sprecher auf die bekannte Aehnlichkeit des Pompejus mit Alexander von Macedonien machte, die ſo augen⸗ fällig und jedem Kinde in Rom geläufig war, daß ————— — c——„— in die u e unter⸗ Gang. elches ſodaß ander Jin feſelt zueilt pejus randel Chren n“ welche nejus ugen⸗ , daß 21 eines Tages der Conſul Philippus in einem öffent⸗ lichen Plaidoyer für Pompejus ſcherzhaft bemerkt hatte:„Meine Vorliebe für meinen Clienten Pompejus iſt eine natürliche, denn widernatürlich wäre es, wenn Philippus(ſo hieß bekanntlich der Vater Alexander's von Macedonien) dem Alexander nicht in Liebe zuge⸗ than ſein ſollte.“ „Sieh jenes ſchönes Mädchen“ ſagte Cajus Julius Cäſar zu dem Andern;„ich ſage Dir, Lucius, es inter⸗ eſſirt mich mehr als der ganze Pompejus. Ich denke eben nach, wie ich mich demſelben nähern könnte. Am liebſten wäre es mir, wenn Du mir Deine guten Dienſte liehſt, um mich in den Beſitz deſſelben zu ſetzen.“ „Bei Bacchus, meinem Lieblingsgotte, das heißt nicht wenig verlangt!“ lachte der Andere. „Ich dachte nur, daß Dein Ruf durch eine ſolche freundſchaftliche Aufopferung für mich keine große Ein⸗ bußemehr erleiden kann!“ meinte der Andere ſcherz⸗ haft.„Ich bin noch jung und möchte nicht vorzeitig in den Verdacht ſchwarzer Thaten kommen!“ Während die beiden Patricier ſo ſcherzten, übte die Volksmenge in Urbilia's Nähe eine herbe Kritik an dem Aeltern, welche das von dem Jüngern im Scherze gebrauchte Schlagwort von den ſchwarzen Thaten in draſtiſcher Weiſe illuſtrirte. „Seht den Wüſtling, den Lucius Sergius Eatilina!“ murmelte ein alter Mann, der chinter Urbilia ſtand und über deren Schultern mit einem jüngern Bürger converſirte, der ihm befreundet ſchien.„Ich ſehe den Cajus Julius Cäſar nicht gern mit ihm verkehren. Er wird von dem Abenteurer anziehen!“ „Es iſt wahr“, ſagte der Jüngere finſter,„Cäſar ſollte ſich erinnern, daß er der Neffe des Marius iſt, und ſich den Sullaner Catilina vom Leibe halten. Es würde mich nicht wundern, wenn Catilina dem Cäſar bei der Durchbringung ſeines Vermögens behülf⸗ flich wäre, nachdem er mith dem eigenen in ſo er⸗ ſtaunlich kurzer Zeit aufgeräumt hat!“ „Und wie hat er unter Sulla geſtohlen!“ fiel der Aeltere ein.„Er hat wenigſtens zehn Rittergüter ver⸗ ſchlungen! Wehe dem, den er haßte! Er verlor dabei Leben und Vermögen! Was war das Verbrechen des Marius Gradidianus? Was Anderes, als daß er eine ſchöne Villa in den ſabiniſchen Vorbergen beſaß, nach der es Catilina gelüſtete? Darum fand man ihn eines Tages mit ausgeſtochenen Augen und ausgeſchnittener Zunge todt vor ſeiner Villa liegen und ſeinen Na⸗ men auf der Proſeriptionsliſte!“ Urbilia fühlte ſich von Schauder durchrieſelt, während der jüngere der beiden Bürger lebhaft das Wort nahm: e i eneeen— umm tilina“ ſtnd Bürger he den kehren. „Cüſar ns iſt, halten. a dem behülf⸗ ſoer⸗ el der r vet⸗ dobei en des eine nuch eines ittener 1 Na⸗ ihrend nahm 23 „Es gibt ſogar Leute, welche geſehen haben wollen, daß Catilina den blutigen Kopf des Gradidianus zur Wohnung des Sulla trug!“ „Man muß nicht Alles glauben, was ſich der Pö⸗ bel erzählt!“ miſchte ſich ein Bürger ins Geſpräch, der bisher unbetheiligt an demſelben geweſen und ein Sullaner zu ſein ſchien, während die beiden andern es mit dem unglücklichen Marius hielten, deſſen Partei kürzlich ein ſo tragiſches Ende genommen, in Rom aber immer noch viele Freunde und Anhänger hatte, die nur der von Sulla geübte Terrorismus abhielt, ſich offen zu ihr zu bekennen. „Iſt das vielleicht auch Pöbelgeſchwätz, daß Cati⸗ lina ſeinen eigenen Bruder ermordet und dann deſ⸗ ſen Namen auf die Proſcriptionsliſte geſetzt hat, als ob er noch lebe?“ fertigte der ältere Marianer hämiſch den Sullaner ab.„Beſitzt er nicht den ſilbernen Adler des Marius und bringt er ihm nicht Menſchenopfer? Iſt er nicht ein Heuchler, ein Verſchwender, ein Praſſer?“ „Genug!“ ſchrie der Sullaner.„Halte inne in der Beſchimpfung der beſten Freunde Sulla's, oder—“ „Oder was?“ ſchrieen die beiden Marianer wie in einem Tone, der wie trotzige Herausforderung klang, und kehrten ſich gegen den Sullaner, der ſeinerſeits 24 ſeine Freunde aufrief, ihm beizuſtehen, ſodaß einen Augenblick lang ein ernſtes Handgemenge bevorzu⸗ ſtehen ſchien. Urbilia floh entſetzt und zog ihre Sklavin Domna mit ſich die Treppe hinab. Cäſar, der von unten die Bewegung auf der Treppe gewahrte und Urbilia eilig und verſtört herab⸗ kommen ſah, ſagte zu Catilina: „Das ſchöne Kind ſcheint ſich droben im Gedränge nicht wohl gefühlt zu haben. Sie geht vielleicht nach Hauſe. Wer weiß, ob mir je wieder die Sonne einer ſo guten Gelegenheit, in ihren Beſitz zu kommen, lacht wie heute!“ „Iſt es Dir wirklich Ernſt damit?“ fragte Catilina verwundert. Cäſar nickte mit dem Kopfe und ſagte: „Sie gefällt mir wie keine zweite!“ „Dann laß mich machen!“ rief Catilina lachend. „Was haſt Du vor?“ „Ich ſchaffe Dir das Mädchen. Eine Hand wäſcht die andere. Du wirſt mir ſchon wieder dienen!“ Catilina wollte ſich entfernen und winkte ſeinem An⸗ hange, der wohl aus anderthalb⸗ bis zweihundert Men⸗ ſchen— Freunden, Clienten und Freigelaſſenen— beſtand. Aber er kehrte ſich noch einmal um und rief Cäſar zu: einen vorzu⸗ omna f der herab⸗ ränge nach einer lacht tilina üſcht An⸗ Men⸗ jund⸗ zu 25 „Komm heute Nacht in meine Villa in den ſabi⸗ niſchen Vorbergen, wenn es Dir anders nicht vor dem Schatten des Marius Gradidianus graut! Findeſt Du auch mich nicht draußen, ſo wirſt Du doch ſicher⸗ lich etwas dort finden, was Dir wohlgefallen wird!“ Damit kehrte er dem Freunde den Rücken und ent⸗ fernte ſich, den Anhang mit ſich fortziehend, in der Richtung, welche Urbilia mit Domna eingeſchlagen hatte. Er rief ſeinen Vertrauten, den Freigelaſſenen Nar⸗ eiſſus, an ſeine Seite und flüſterte ihm zu: „Siehſt Du jenes reizende, leichtfüßige Mädchen, Narciſſus?“ „Das da vor uns geht und dem die Sklavin kaum nahkommen kann?“ „Daſſelbe! Ich möchte, daß Du die beiden Frauen⸗ zimmer geſchickt in Deine Gewalt brächteſt!“ „Wohin befiehlſt Du, Herr, daß ich ſie bringe?“ forſchte der Freigelaſſene. „Auf mein Landhaus in den ſabiner Vorbergen! Aber die Sache darf beileibe kein Aufſehen machen!“ „Beſorge nichts, Herr! Kannſt Du die Hälfte Deiner Leute entbehren?“ Catilina nickte zuſtimmend mit dem Kopfe. „Die Sänfte auch?“ — ———— 26 Catilina nickte abermals mit dem Kopfe. Narciſſus verließ ihn und eilte, den Anhang Cati⸗ lina's von dem Vorhaben zu verſtändigen. Dann folgte er mit ungefähr achtzig von Catili⸗ na's Leuten der dem Thore, durch welches Pompejus ſeinen Einzug halten ſollte, zueilenden Urbilia. Je weiter ſie kamen, deſto größer wurde das Ge⸗ dränge, ſodaß man zuletzt nur noch Schritt vor Schritt vorwärts kommen konnte. Jetzt machte ſich in der Gegend des Thores ein ſtarkes Drängen bemerkbar, als ob ſich der Triumph⸗ zug in Bewegung ſetzen würde. Narciſſus recognoscirte ſpähenden Blicks das Ter⸗ rain und fand es für ſein unlauteres Vorhaben günſtig. Ein ſchmales Gäßchen zweigte ſich in der Gegend, in welcher Urbilia ſtand, von der Via Lata ab. Es war unſchwer vorauszuſehen, daß Urbilia mit ihrer Begleiterin dies Gäßchen zu gewinnen ſuchen würde, um von dort aus mit freiem Rücken den Zug an ſich vorbeipaſſiren zu laſſen. Mit einer Handbewegung dirigirte er die Sänfte in die ſchmale Gaſſe und gab dann ſeinem Anhange einen Wink, ſich bereit zu halten. Während er ſich mit etwa vierzig Begleitern dem vom Thore heranbrandenden Menſchenſchwalle entgegen⸗ wa ge de bo un Cati⸗ atili⸗ npejus or umph⸗ inſtig. gend, nit uchen Zug änfte ange dem gen⸗ 1 27 warf und ſo manövrirte, daß er Urbilia unwillkürlich gegen das Gäßchen drängte, um ihr über den Poſten, den ſie einnehmen wollte, keine freie Wahl zu laſſen, bogen andere ſeiner Mithelfer in dieſelbe Gaſſe ein und nahmen in Urbilia's Rücken Stellung. Jetzt wälzten ſich die vollen Volkswogen, Alles mit ſich reißend, vom Thore her, und hinter den ungeſtüm andrängenden Maſſen wurden ſchon die Schilde und Speere der Soldaten, die Adler der Legionen ſichtbar. Dieſen Moment wilden Andrangs und bis zum Fieberhaften geſpannter Neugierde benutzte Narciſſus und drängte wie zufällig Urbilia in die ſchmale Gaſſe, welche ganz öde war, weil Alles, was Füße und Augen hatte, in der Via Lata war. Während Alles mit ſich und dem Zuge beſchäftigt war, machten auf den Wink des Freigelaſſenen zwanzig Männer gleichzeitig gegen Urbilia und Domna Fronte, erfaßten ſie und warfen ſie, ohne den Angefallenen Zeit zu laſſen, ſich zu beſinnen, in die Sänfte, verhüllten die Fenſter derſelben, und fort ging es im Sturmſchritte dem Landhauſe Catilina's zu. Vierzig Freigelaſſene bildeten die Sauvegarde des Zugs, und das Geſchrei der Frauenzimmer verhallte ungehört. Drittes Kapitel. Das Landhaus in den ſabiner Vorbergen. Pompejus hatte ſeine Ehren dahin, und die Menge, die ihm zugejauchzt, hatte ſich längſt verlaufen, ſodaß Rom, als die Nacht ſich über die müde Stadt ſenkte, ſo ſtill war wie an gewöhnlichen Tagen. Die Abbenddämmerung hatte ſich kaum über den Stadtkoloß zu legen begonnen, als aus einem Palaſte in der Gegend des Berges Janiculus derſelbe junge Mann, der heute die Entführung des jungen Mädchens aus der Plautiniſchen Straße veranlaßt hatte, heraus⸗ trat und eine Gondel beſtieg, welche ſofort von ſechs kräftigen Ruderern in Bewegung geſetzt wurde, ſodaß ſie pfeilſchnell an den Anlagen, welche hier am linken Ufer des Tiber eben im Entſtehen begriffen waren, dahin und der ſubliciſchen Brücke zuſchoß. Gä ſch m der Ko ge Be he enge, odaß nkte, den laſte unge hens aus⸗ ſechs daß nken nen, 29 Der junge Mann betrachtete einen Augenblick die Gärten, die er eben hier mit großem Geldaufwande ſchuf und die das Volk bereits die Gärten Cäſar's nannte, ſtreifte dann mit einem aufmerkſamen Blicke den Prachtbau, der etwas weiter gleichfalls auf ſeine Koſten der Erde entſtieg und zur Abhaltung von See⸗ gefechten beſtimmt war, und ließ ſich dann unter dem Baldachin nieder, der die Mitte der Gondel zeltartig bedeckte. Das Fahrzeug ſchoß raſch unter der palatiniſchen Brücke, an dem Tarpejiſchen Felſen und an der Inſel vorüber, welche die Tempel des Aesculap und des Faun trug, und ſtreifte dann, dem Laufe des Fluſſes folgend, jene Gegend, durch welche ſich vor acht Stun⸗ den der Triumphzug bewegt hatte. Denn von der Triumphbrücke aus, unter welcher das Schiff hindurchmußte, hatte man einen freien Blick auf das Marsfeld und die Via Lata bis gegen das Capitolium und das Forum hin. Das Schiff ging, Dank den gleichmäßigen und unermüdlichen Anſtrengungen der Ruderer, ſo ſchnell, daß Cäſar in vier Stunden an der Stelle angekommen war, bei welcher diejenigen landeten, die nach Eretum, der erſten größern Stadt in den ſabiniſchen Vorbergen, wollten. 30 Bei dem Landungsplatze erwartete Cäſar ein Pferd, welches die Diener beſorgt hatten, die ihrem Herrn vorangeeilt waren. Das Thier brachte Cäſar in zwei Stunden zu dem Landhauſe Catilina's. Narciſſus, der Lieblingsfreigelaſſene Catilina's, em⸗ pfing ihn und meldete ihm, daß es ihm gelungen ſei, Urbilia in einem wohlverwahrten Tragſeſſel nach der Villa zu bringen, ohne irgendwelches Aufſehen zu erregen, und daß weder Jemand um ihr Verſteck wiſſe, noch daß ſie ſelbſt eine Ahnung habe, wo und in weſſen Gewalt ſie ſich befinde. Cäſar dankte dem Freigelaſſenen in ſeiner gewohn⸗ ten gewinnenden Weiſe und erſuchte ihn, Urbilia's Sklavin Domna mit der Meldung zu ihrer Gebieterin zu ſchicken, daß ſich ihr Entführer die Erlaubniß er⸗ bitte, vor ſie hinzutreten. Cäſar wollte Urbilia nicht viel Zeit laſſen, ſich auf ſeine Ankunft vorzubereiten, und nahm ſich kaum die Mühe, ſeinen Anzug zu ordnen und ſein ein wenig in Unordnung gerathenes Haar glatt zu ſtreichen. Indem er den nachläſſig um den Leib geſchlungenen Gürtel etwas ſtraffer zog und den Purpurbeſatz der Toga in kokette Falten legte, welche den von derſelben herabhängenden Goldfranſen freien Spielraum geſtatte⸗ ten etn ſel Nrrn ten, verzog ſich ſein kleiner, regelmäßiger, von einer etwas entwickelten Oberlippe bedeckter Mund zu einem ſelbſtzufriedenen Lächeln. Er ſchien des günſtigen Eindrucks, den ſeine Er⸗ ſcheinung auf ein jugendliches Mädchenherz machen mußte, gewiß zu ſein. Urbilia befand ſich inzwiſchen in unbeſchreiblicher Aufregung. Ihr war der Beſuch eines ihr unbekannten Man⸗ nes gemeldet worden, der ſich als ihr Entführer hatte bezeichnen laſſen. Mit der Neugierde, den Kühnen kennen zu lernen, der ſo viel Intereſſe für ſie empfand, daß er ſich unterfangen hatte, ſich gewaltſam in ihren Beſitz zu ſetzen, ſtritt eine ſich mächtig regende Zornaufwallung um die Oberhand, die jedoch ein dunkler Hintergedanke, der ſich ihr heute ſchon mehrmals aufgedrängt, unwill⸗ kürlich dämpfte. Urbilia wußte nicht, warum ihr, ſo oft ſie ſich über die Frage, wer wohl ein Intereſſe haben könnte, ſich ihrer Perſon zu bemächtigen, den Kopf zerbrach, immer der junge Patricier mit dem blaſſen Geſichte, den durchdringenden Augen und der edlen wundervollen Haltung, den ſie zuweilen in der Plautiniſchen Straße und zuletzt in der Via Lata geſehen, in den Sinn kam. 32 Wer beſchreibt daher ihr Erſtaunen, als ſie ſich, bei dem Geräuſche, das die ſich öffnende Thür machte, von dem Ruhebette, auf dem ſie bis dahin gelegen, auf⸗ ſpringend, wirklich dem Jüngling gegenüberſah, mit dem ſich ſchon früher, heute aber ganz beſonders ihre Gedanken mit Vorliebe beſchäftigt hatten. Sie war von ſeiner Erſcheinung ſo überraſcht, daß ihr der Laut des Unmuths, mit dem ſie dem Ein⸗ dringling entgegentreten wollte, auf der Zunge erſtarb. „Verzeihe, daß ich Dich ſtöre, holde Urbilia!“ ſagte Cäſar mit jener wohllautenden und ſanft vibrirenden Stimme, die ihm eigen war und deren Klang ins⸗ beſondere auf Frauenherzen eine faſt unwiderſtehliche Wirkung übte. „Du— Du alſo biſt es, der mich meinem Vater entriß!“ rief Urbilia lebhaft, aber lange nicht ſo heftig und zornig, wie der Ton ihrer Stimme ſicherlich ge⸗ klungen hätte, wenn es ein Anderer geweſen wäre, der ſich ſo bei ihr eingeführt hätte.„Und Du kennſt mei⸗ nen Namen?“ „Du wunderſt Dich darüber?“ entgegnete Cäſar ſanft.„Ich mußte Dich doch nennen, wenn meine Ge⸗ danken an Dir hingen, und iſt es nicht das Erſte, was der Menſch thut, der ſich des Segens bewußt wird, den eine Göttin über ihn ausgießt, daß er nach dem Namen derſ nen ſar We ſtär Kla Vo ber Du gut nöl liſt wir Ci wi ber un An bei von uf⸗ nit hre ter tig ge⸗ der nei⸗ ſar vas den nen 33 derſelben fragt? Die Leute nennen Dich Urbilia, ich nenne Dich meine Aphrodite.“ Es war nicht zu verkennen, daß die Worte Cä⸗ ſar's den günſtigen Eindruck, den ſeine ganze Art und Weiſe aufzutreten auf Urbilia gemacht, noch ver⸗ ſtärkten. Dennoch bemühte ſie ſich ihrer Rede einen herben Klang zu geben, als ſie Cäſar's Galanterie mit den Worten abwehrte: „Du ſtrebſt vergeblich, mich durch ſchöne Worte zu berücken. Das Einzige, was Du thun kannſt, wenn Du das Unrecht, das Du an mir begangen, wieder gut machen willſt, iſt, daß Du mich ſo ſchnell wie möglich meinem Vater wiedergibſt, der über den Ver⸗ luſt ſeiner Tochter, den er ſich nicht zu erklären wiſſen wird, ganz außer ſich ſein wird!“ „Dein Vater hat Dich vier Luſtren*) beſeſſen“ warf Cäſar ſcherzend ein,„gönne mir einige Tage! Ich würde Dich, müßte ich Dich jetzt fahren laſſen, ſchwe⸗ rer vermiſſen, als Dich der Vater miſſen dürfte, der in Dir doch nur eine gewiſſenhafte Hüterin ſeiner Waaren und ſeines Reichthums geſehen hat! Er wird bald eine Andere finden, die den Kunden die babyloniſchen Ge⸗ *) Ein Luſtrum gleich fünf Jahren. Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. J. 3 34 wänder zeigen wird, wo aber fände ich ein zweites Weſen von den Reizen und der Lieblichkeit Urbilia's?“ Cäſar ſtreckte gegen das ſich ſcheu zurückziehende Mädchen zärtlich ſeine Hand aus, an welcher ein koſt⸗ barer Ring prangte, in den die Figur der bewaffneten Venus gravirt war. „Du willſt mir tagelang Deine Geſellſchaft auf⸗ dringen?“ warf Urbilia ein.„Du willſt mich nicht zu meinem Vater zurückführen und ſpotteſt noch über ihn? Wie kannſt Du unter ſolchen Umſtänden erwarten, daß ich Dir vertraue? Dir, deſſen Namen und Stand ich nicht einmal kenne?“ „Meinen Namen und Stand begehrſt Du kennen zu lernen, Urbilia?“ wandte Cäſar lächelnd ein. „Warum begnügſt Du Dich nicht damit, daß das Be⸗ kenntniß meines Wohlwollens für Dich meinen Zügen eingeprägt iſt? Wenn Du meiner offenen Stirn, mei⸗ nem zutraulichen Lächeln, meinem geraden Blicke und meiner ſanften Werbung nicht trauſt, was frommt es Dir zu wiſſen, daß ich Cajus Julius Cäſar heiße und daß das Blut von Königen und Göttern in meinen Adern rollt? Sieh dieſen Ring, Urbilia, das Bild, das er Dir zeigt, iſt das jener erhabenen Göttin, der Du an Liebreiz wenig nachſtehſt und von welcher die Juliſche Familie, der ich angehöre, ihren Urſprung herleitet!“ Ln ſtttz Für Uon ( en Ueg den weites hende koſt⸗ fneten auß⸗ cht zu ihn? daß nd ich ennen ein. zügen mei⸗ und nt es und einen da 35 Urbilia ſchwieg verwirrt, denn ſowohl das, was Cäſar geſprochen, als der würdevolle Ton, in welchem er es geſprochen, imponirten ihr mächtig. Macht, Ehre, Glanz und Reichthum machten auf Urbilia einen großen Eindruck, wie ſchon die halb⸗ unterdrückten Seufzer verrathen hatten, mit denen ſie dem Vater ihre niedrige Stellung und das kleinliche Abhängigkeitsverhältniß, in dem er ſie gefangen hielt, vorgeworfen hatte. Und hier hatte ſie der Zufall einem Manne gegen⸗ über geführt, der ſich der ſeltenſten Vorzüge der Geburt und ſocialen Stellung rühmte und, wie ſein ganzes nobles Auftreten, ſein elegantes Weſen und ſeine vor⸗ nehme Haltung bezeugten, gewiß nicht mit Unrecht rühmte. Die Pracht, die in der innern Einrichtung des Landhauſes, in das man ſie gebracht, herrſchte, unter⸗ ſtützte die Reden Cäſar's und wurde unwillkürlich ſein Fürſprecher bei einem Geſchöpfe, das für Eindrücke von Wohlleben und Glanz nicht unempfänglich war. Cäſar beſaß bei all ſeiner Jugend ſo viel Menſchen— kenntniß, um zu erkennen, daß Urbilia auf dem beſten Wege ſei, ſich gefangen zu geben. Er war daher bemüht, den bereits errungenen Vortheil möglichſt zu verfolgen. „Sieh, Urbilia, freut Dich ſo wenig, was Du hier 36 ſiehſt“, ſagte er in einnehmendem Tone,„daß Du Dich ſo bald davon trennen willſt, um zu Deiner gewöhn⸗ lichen, mehr einer Sklavin als einer Tochter der Gra⸗ zien würdigen Beſchäftigung zurückzukehren? Warum willſt Du mit dem Wohlleben, das Dich hier umgibt, ſo raſch und unbeſonnen brechen, daß Du es Dir nicht einmal bei Tage beſehen und abwarten willſt, welchen Eindruck das Schöne dann auf Deine empfänglichen Sinne machen wird? Der heutige Tag war nicht maß⸗ gebend, Urbilia; die Aufregung ließ Dich die Dinge anders ſehen, als ſie in Wirklichkeit ſind, und zeigte ſie in einer viel unfreundlichern Beleuchtung. Betrachte morgen unbefangen dieſe Gemälde, dieſe Bildſäulen, das Geſchmeide und die Purpurgewänder, die für Dich beſtimmt ſind, und wenn Du Dich dann noch nicht wohl fühlſt in Deiner gegenwärtigen Umgebung und Dich nach dem abſtoßenden Getümmel der Plautiniſchen Straße mit ihren einſtürzenden Häuſern, ihren Bettlern und Garküchen zurückſehnſt, dann magſt Du ruhig ziehen! Aber wenn Du daran Gefallen finden ſollteſt“, fuhr Cäſar in noch wärmerem und einſchmeichelnderem Tone fort,„ein Heer von Sklavinnen zu befehligen, Deine ſchönen weißen Arme mit Gold und Diamanten zu behängen, Deinen reizenden Körper in den feinſten Wohlge üchen Indiens zu baden, Deinen zarten Fuß —7 uf end haft die zum Erd ein um Blu ull Bil mö ſpr wa Le de on ſu ein me Dich wöhn⸗ Gra⸗ arum ngibt, nicht elchen lichen naß⸗ Dinge gte ſie rachte äulen, Dich nicht d iſchen ttlern ruhig liteſt“ derem ligen⸗ anten inſten Fß 37 auf Tiger⸗ und Löwenfelle zu legen und Dein ſtrah⸗ lendes Auge auf den Meiſterwerken griechiſcher Kunſt haften zu laſſen, dann ſollſt Du Wunder erleben, die Dich berauſchen ſollen. Dann wird meine Liebe zum Zauberer werden, der Dir Landhäuſer aus der Erde ſtampfen wird, zehnmal größer und prachtvoller eingerichtet als dieſes; dann will ich Dich mit Gärten umgeben, in denen Du Dich verirren ſollſt, deren Duft, Blumenpracht und Vogelgeſang Dich in Träume ein⸗ lullen ſoll, die Dir nur ein Bild zeigen werden, das Bild des Mannes, der Dich liebt und Alles daranſetzen möchte, um Deine Gegenliebe zu erlangen!“ Urbilia hatte, je länger und eindringlicher Cäſar ſprach, nicht gewußt, was mit ihr vorging, ob ſie lebte, wachte oder träumte. Sie horchte der Muſik ſeiner Worte und fühlte eine Leere, als dieſe endlich verſtummte. „Willſt Du bleiben, Urbilia?“ nahm Cäſar, ohne der vollſtändig Ueberrumpelten Zeit zu gönnen, ſich zu faſſen und zu ſich und zu voller Beſinnung zu kommen, wieder ſanft das Wort.„Willſt Du es ver⸗ ſuchen, Dich in die Verhältniſſe, die Dich jetzt umgeben, einzuleben? Willſt Du mir auch erlauben, wiederzukom⸗ men und mich nach Deinen Wünſchen zu erkundigen?“ Jetzt ſchien es, als ob Urbilia wieder zum klaren 38 Ueberſchauen der Situation käme, in der ſie ſich befand, und mit einer Stimme, in der bange Zweifel wider⸗ klangen, hauchte ſie die Frage hin: „Und mein Vater, mein armer Vater?“ „Laß mich für ſeine Beruhigung ſorgen, Urbilia!“ rief Cäſar.„Er wird auf geheimnißvolle Art die Mit⸗ theilung bekommen, daß ſeine Tochter wohl aufgehoben ſei und unverſehrt zu ihm zurückkehren werde. Wenn dieſer erſten Botſchaft nach einiger Zeit eine zweite folgen wird, in welcher Du ihn eigenhändig auffordern wirſt, Deinetwegen außer Sorge zu ſein, wird er ſich in das Unvermeidliche ergeben und geduldig dem Zeit⸗ punkte entgegenſehen, wo Dich ihm die Götter wieder zuführen werden!“ Urbilia ſtimmte Cäſar's Vorſchlägen, die in ſo über⸗ zeugendem Tone vorgetragen worden waren, zwar nicht zu, aber ſie widerſprach ihnen auch nicht und ließ Cäſar mit dem Bewußtſein ſcheiden, daß er eine Ueberwundene in Catilina's Landhauſe zurücklaſſe. ————— hoben Venn weite rdern vieder über⸗ nicht Güſar ndene Viertes Kapitel. Vor dem Hanſe des Pompejus. Es war ziemlich ſpät am Morgen, als Cäſar nach Rom zurückkehrte. Sein Weg führte ihn an dem von Pompejus be⸗ wohnten Hauſe vorüber und er war eben daran, den glücklichen Mann zu beneiden, der in einem Alter, in welchem Andere erſt ins Feld zu ziehen pflegen, bereits die Ehren des Triumphs genoſſen und den Beinamen des Großen ſich erworben, als er die Pforte des Pom⸗ pejaniſchen Hauſes ſich öffnen und einer Sänfte Raum geben ſah, welche zwei Diener trugen und der eine Anzahl weinender Sklavinnen folgten. Cäſar, der in der Sänfte des Pompejus Gemahlin zu erkennen glaubte, ließ ſeine Sklaven halten und verließ ſeinen Tragſeſſel, um ſich Antiſtia zu nähern, 40 die er von Kindesbeinen an gekannt, da ſein und An⸗ tiſtia's Vater zu gleicher Zeit das Prätorenamt in Rom bekleidet hatten. bor „Es ſoll mich freuen, Antiſtia, wenn Du Dich wohl hat befindeſt“, redete er die Gemahlin d es Pompejus an, übe „oder ſollte Dir oder den Deinen irgend ein Unfall zugeſtoßen ſein, da Deine Sklavinnen weinen und Du ſelbſt verweinte Augen haſt? Pompejus iſt doch er wohl?“ n „Frage mich nicht mehr nach Pompejus!“ ſchluchzte te Antiſtia, indem aus ihren Augen ein Thränenſtrom hervorbrach.„Er iſt für mich verloren und ich ver⸗ i laſſe ſo eben ſein Haus für immer!“ „Du des Pompejus Haus?“ ſtammelte Cäſar in gerechter Verwunderung.„Wie deute ich mir das? Wache o oder träume ich?“ in „Leider wachſt Du, Cäſar, und wenn Du Dir die 3 Mühe nehmen willſt, vor dieſem Hauſe des Unglücks n und des Unrechts länger zu verweilen, ſo kannſt Du ge noch Manches ſehen, was Dich nicht weniger über⸗ raſchen dürfte!“ lautete die mit thränenerſtickter Stimme 1 z gegebene Antwort.„Du kannſt eine Leiche aus dem S Hauſe des großen Pompejus tragen und eine Frau in 6 daſſelbe Haus einziehen ſehen, welche ihm gleich ein u Kind unter dem Herzen mitbringt!“ N d An⸗ nRom wohl 6 an, Uyfall und doch uchzte ſtrom ver⸗ r in uche rdie lüct Du ber⸗ nme dem in ein 41 „Du ſprichſt in Räthſeln, Antiſtia!“ rief Cäſar ſtarr vor Staunen.„Eine Leiche? Weſſen Leiche?“ „Die meiner Mutter!“ wehklagte Antiſtia.„Sie hat ſich den Tod gegeben, um die Schmach nicht zu überleben, ihre geliebte Tochter vom Manne verſtoßen zu ſehen!“ „Du biſt verſtoßen?“ rief Cäſar, deſſen Verwun⸗ derung mit jeder Wendung, die das Geſpräch nahm, wuchs.„Pompejus hätte Dich verſtoßen, Dich, die treueſte aller Frauen, Dich, die er ſo ſehr liebte und jetzt ſo lange entbehrte? Nicht möglich! Noch denke ich lebhaft jenes Tages, wo er mir ſtrahlenden Ge⸗ ſichts begegnete. Ich war ein Knabe von zwölf Jahren und ging mit meinem Vater. Da kam Pompejus vom Forum, wo er ſeinen jüngſt verſtorbenen Vater gegen eine Anklage vertheidigt hatte, welche der Pöbel gegen den Todten geſchleudert, der ihm ſeiner Sparſamkeit wegen verhaßt geweſen.„Haſt Du über Deine Feinde geſiegt, Pompejus?“ fragte mein Vater den heiter drein ſchauenden Mann.„Ich habe zwiefach geſiegt“, gab dieſer, indem ein ſonniges Lächeln ſein Geſicht verklärte, zurück;„einmal über die Ankläger meines Vaters, deſſen Andenken heute beſchimpft werden ſollte, nachdem der Pöbel bereits ſeine Leiche beſchimpft hatte, das zweite Mal über das Herz meines Richters, auf 42 welchen meine Vertheidigungsrede einen ſo günſtigen thei Eindruck gemacht hatte, daß er mich fragte, ob ich ſein ſchn Schwiegerſohn werden wolle“ Und als mein Vater des an Pompejus die Frage richtete, ob er den ehrenvollen edle Antrag angenommen, da antwortete Pompejus nichts, mit ſondern begnügte ſich mit dem Kopfe zu nicken, aber n ich werde das zufriedene Lächeln nie vergeſſen, mit dem NM er dieſe ſtumme Antwort begleitete!“ n „Was erzählſt Du mir da, Cäſar!“ murmelte An⸗ au tiſtia unter ſtrömenden Thränen.„An welche Zeiten mn mahnſt Du mich, Grauſamer, in meinem Unglück!“ V „Ich kann's nicht glauben, daß er Dich laſſen konnte“, rief Cäſar in heftiger Bewegung;„Dich, die ja Tochter jenes Antiſtius, der für ihn geſtorben, der ſeinen Abfall von Marius ſo ſchwer hatte büßen müſſen! n Nimm mir's nicht übel, Antiſtia, aber ich bin der D Neffe des Marius und kann es nicht loben, daß er, der Erſte, von Marius abfiel und zum Sulla hinüber⸗ b laufend den übrigen Generalen und Offizieren des S Marius das ſchlimmſte Beiſpiel gab.“ „Schmähe den Pompejus nicht!“ flehte Antiſtia. „Denn hat er mich auch verſtoßen, ſo kann ich ihn dr doch nicht haſſen und mag ſein nicht geſchwärzt ſehen!“ „Ich achte Dein ver⸗ 1 ſtigen h ſein Vuter ollen ichts, aber tdem An eiten aſſen die der ſſen! der ß er, über⸗ ſtig. ihn ärzt den Triumph, den er ihm nur widerſtrebend bewilligte, 43 theidigte ſich Cäſar eifrig,„und will Pompejus nicht ſchmähen. Halte meine tadelnden Worte dem Neffen des Marius zu gute. Aber laß mich Dich an Deines edlen Vaters beklagenswerthes Ende erinnern, laß mich Dir die Jammerſcene im Senate ins Gedächtniß zurückrufen, wo nach des Pompejus Abfall die dem Marius ergebenen Senatoren auf Deinen Vater ein⸗ drangen, ihm die Anklage ins Antlitz ſcheuderten, daß auch er ein verkappter Sullaner ſei, und ihm den Dolch ins Herz ſtießen, noch ehe er den Mund zu ſeiner Vertheidigung öffnen konnte.“ „O daß Du mich daran mahnſt in dieſer Stunde!“ jammerte Antiſtia händeringend. „Darum kann ich's nicht glauben“ beharrte Cäſar mit Beſtimmtheit,„oder ich müßte glauben, ein böſer Dämon habe Gewalt bekommen über Pompejus.“ „So iſt's auch!“ ſeufzte Antiſtia.„Und dieſer böſe Dämon, dieſer Mörder meines Glücks heißt Sulla!“ „Sulla!“ rief Cäſar überraſcht und von einem Ge⸗ danken ergriffen, dem er durch die raſche Frage Aus⸗ druck gab:„Sulla hat ihm befohlen—“ „Sein Weib zu verſtoßen!“ ergänzte Antiſtia trau⸗ rig.„Muß man nicht ſagen, daß er Pompejus für 44 ſchwer büßen ließ? Mit wahrhaft raffinirter Grau⸗ ſamkeit hat er ſich den Tag des Triumphs ausge⸗ ſucht, um mich und uns alle tödtlich zu treffen und Pompejus ſo für ſeine Eitelkeit zu beſtrafen. Denn wer weiß, ob er ſo rückſichtslos auf der augenblicklichen Durchführung ſeines Willens beſtanden hätte, wenn ihn Pompejus nicht durch die ſchroffe Geltendmachung des eigenen Willens, durch die Ertrotzung des Triumphs gereizt hätte. O welch eine entſetzliche Nacht war es, die auf dieſen Triumphtag folgte!“ Wieder floſſen Antiſtia's Thränen unaufhaltſam und ſie ſetzte, Cäſar's Troſtworte von ſich abweiſend, nach einer kurzen Pauſe hinzu: „Aber laß mich von dieſer Stelle ſcheiden, Cäſar, damit ich nicht noch Zeugin des traurigen Schau⸗ ſpiels des Einzugs meiner Nachfolgerin in dieſen Hallen ſein muß!“ „Wen muß Pompejus auf Sulla's Geheiß heirathen: forſchte Cäſar geſpannt. „Aemilia, Sulla's Stieftochter!“ lautete die in leiſem Tone geſprochene Antwort. „Aemilia iſt ja längſt die Gattin eines Andern!“ wandte Cäſar faſt verſtört ein. „Was hat das dem Tyrannen gegenüber zu bedeu⸗ ten? Was iſt ihm die Heiligkeit des Ehebandes? Hat Bit Ger we rau⸗ lge⸗ und wer chen enn ung phs es, und nuch ſar, al⸗ eſen 45 Hat er nicht erſt Piſo gezwungen, ſich von Annia, der Wittwe des Einna, zu trennen?“ „Aber Aemilia“, beharrte Cäſar,„geht nicht das Gerücht von ihr, daß ſie ſich Mutter fühle?“ „Was kümmert auch dieſe Thatſache den Tyrannen?“ warf Antiſtia mit ſchmerzlicher Betonung hin.„Glaubſt Du nicht meinen Worten, ſo warte hier, Du wirſt bald den Pompejus die neue Gattin holen gehen ſehen! Mich aber laß gehen, ich bin kaum mehr Herrin meines Schmerzes!“ Antiſtia winkte ihren Dienern, den Tragſeſſel wie⸗ der aufzunehmen. Cäſar ſah der ſich langſam Entfernenden mit eigen⸗ thümlichen Gefühlen nach, unter welchen das des Haſſes und Trotzes gegen Sulla das vorherrſchende war. Unwillkürlich ſeine Fauſt ballend, ſagte er zu ſich ſelbſt: „Ich wollte, ich hätte Gelegenheit, ihm zu zeigen, daß ſein Wille eine Grenze habe! Mich hätte er nicht ſo feig und nachgiebig gefunden wie dieſen Pom⸗ pejus!“ Als ob ihm das Schickſal ſofort hätte Gelegenheit geben wollen, die Feſtigkeit ſeines Willens und die Energie ſeines Charakters zu erproben, fand er, in 46 ſeinem Palaſte angelangt, Boten, welche ihm die Trauer⸗ kunde von dem plötzlichen Hinſcheiden ſeines Vaters brachten, der ſich in den letzten Monaten in Piſa auf⸗ gehalten hatte. Der erſte Gedanke des jungen Mannes, nachdem er ſeinem Vater den Thränenzoll abgeſtattet, war der, zu ſeiner Mutter zu eilen, die den Winter in Präneſte zugebracht. Sie, die er ſo ſehr liebte, ſollte die Schmerzens⸗ kunde nicht unvorbereitet treffen, und wenn ſie ihr end⸗ lich zu Ohren kam, ſo ſollte ſie wenigſtens in dem An⸗ blicke des Sohnes Troſt finden. Es beſtand ein wunderbar zartes und rührendes Verhältniß zwiſchen Cäſar und ſeiner Mutter Aurelia, einer Frau von hohem Charakter und ſtrengen Sitten, in deren Hand vorzugsweiſe ſeine Erziehung gelegen hatte. Wenn er ſich griechiſch ſo geläufig wie lateiniſch auszudrücken verſtand, ſo war dies das Verdienſt der Mutter, die ihm die ausgezeichnetſten Lehrer gehalten. Wenn er zur Großmuth neigte, ſeinen Zorn zu zügeln wußte und ſeiner natürlichen Herzensgüte bei jeder Gelegenheit freien Lauf ließ, ſo dankte er dies dem milden, ſänftigenden Einfluß der Mutter. Wenn ſich ſein Körper frühzeitig entwickelte, wenn — rauer⸗ zaters auf⸗ ndes elia, ten, gen 47 ſeine ſchlanke Geſtalt und ſein gerundeter und eben⸗ mäßiger Gliederbau ſeiner ganzen Erſcheinung eine auszeichnende Anmuth verliehen, ſo hatte ſeine Mutter auch an dieſem phyſiſchen Gedeihen des Jünglings ihren guten Antheil, da ſie aufopferungsvoll ſeine Ge⸗ ſundheit und körperliche Entwickelung pflegte und über⸗ wachte. Sie impfte ihm auch jene Feinheit der Formen, jene Nobleſſe in der Erſcheinung ein, die ihm aller Herzen gewann. Mit dem Gedanken, unverzüglich die Mutter auf⸗ zuſuchen, gerieth jedoch ein zweiter Gedanke in eine Art Widerſtreit. Cäſar ſtand noch zu ſehr unter dem Einfluſſe der Gedanken, welche die Unterredung mit Antiſtia in ihm angeregt hatte, als daß er ſich nicht mit einer Art Begierde an die Ausſicht hätte klammern ſollen, Sulla einen Streich zu verſetzen, den der ſtolze Mann, der ihm ohnehin nicht gut war, nicht ſo leicht verwinden würde. Der unerwartet eingetretene Tod des Vaters ver⸗ ſetzte ihn in die Lage, es mit Sulla aufnehmen zu können. Der Gedanke, dies zu thun, kitzelte ihn um ſo mehr, je ſchärfer er ihn ins Auge faßte. 48 Sein Vater hatte ihn mit Coſſutia, der Tochter eines Ritters, verlobt. Cäſar hatte ſich die ihm vom Vater ausgeſuchte Braut gefallen laſſen, obwohl ihn ſein Herz mehr zu Cornelia hinzog, der ſchönen und ſanften Tochter des unglücklichen Einna, der, nachdem er viermal Conſul geweſen war und mit Marius eine faſt unumſchränkte Gewalt in Rom ausgeübt hatte, von ſeinen eigenen Soldaten ermordet worden war, als er ſich mit ihnen gegen Sulla nach Afrika hatte einſchiffen wollen. Zu Cornelia zog Cäſar außer dem Wohlgefallen, das er an dem ſchönen Mädchen fand, die Erinnerung an ſeinen Oheim Marius, deſſen politiſcher und Ge⸗ ſinnungsgenoſſe Cinna jahrelang geweſen, der Haß gegen Sulla, deſſen Erbitterung einen hohen Grad erreichen mußte, wenn ſich der Neffe des Marius mit Cinna's Tochter verband, und das Beſtreben, ſich in den Be⸗ ſitz eines großen Vermögens zu ſetzen, das ihm mit der einzigen Tochter des im Reichthum geſtorbenen Einna nothwendig zufallen mußte. Der Tod des Vaters gab Cäſar mit einem Male freie Hand. Es konnte das Verlöbniß, daß er mit Coſſutia eingegangen, als er und ſie noch Kinder waren, löſen und an Cornelia mit ſeiner Werbung herantreten. 49 Betrieb er dieſe raſch und geheim, hatte ihm Cor⸗ nelia noch jenes Wohlwollen bewahrt, das ſie ihm in den Kinderjahren gezeigt, ſo konnten beide ver⸗ bunden ſein, ehe der Dictator dazukam, durch ſein Veto auf die Geſtaltung der Verhältniſſe irgendwelchen Einfluß zu üben. War er aber einmal Cornelia's Gemahl, dann trotzte er Sulla's Zorn. Machte ihn ſchon die Verbindung mit Einna's Tochter noch populärer bei dem Volke, als er es ſchon jetzt war, da er ſich Jeden durch ſeine Freund⸗ lichkeit und die Aermern überdies durch ſeine Frei⸗ gebigkeit verpflichtete, ſo mußte ſeine Geltung beim Volke noch ſteigen, wenn Sulla einen Conflict mit ihm her⸗ aufbeſchwor. Die Verbindung Cäſar's mit der Tochter Einna's ſollte den Dictator wie ein memento mori treffen und ihn erinnern, daß der Neffe des Marius lebe und gegen die Feinde ſeines Oheims in die Schranken treten wolle. Vollauf mit ſo kühnen Plänen beſchäftigt, trat Cäſar die kurze Reiſe zu ſeiner Mutter nach Prä⸗ neſte an. Ihren Rath wollte er, wenn er ſie über den Tod des Vaters getröſtet haben würde, einholen. Freilich Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. I. 4 50 davon wollte er ihr nichts ſagen, daß er, während er mit Freiergedanken umging, einem andern geliebten Mäd⸗ chen die Einſamkeit der ſabiner Vorberge zum ſchützen⸗ den Horte gegeben. War doch über den ſich drängenden Ereigniſſen Ur⸗ bilia wirklich zeitweilig ſeinen Gedanken faſt ent⸗ ſchwunden. Fünftes Kapitel. Sulla. Sulla, der Glückliche, wie er ſich ſelbſt an dem Tage ſeines letzten Siegs über die Volkspartei genannt, tafelte. Er war in der heiterſten Stimmung, in der fröh⸗ lichſten Weinlaune und unterhielt ſeine acht Tiſchge⸗ noſſen in einer Weiſe, daß das Lachen derſelben kein Ende nahm. Wer den blonden, blauäugigen Mann mit dem zar⸗ ten, weißen Teint und dem lebendigen Auge neben dem Schauſpieler Quintus Roscius behäbig liegen ſah, wäre, wenn er ihn ſonſt nicht kannte, nie auf den Ge⸗ danken gekommen, daß er den allgewaltigen Dictator von Rom vor ſich habe. „Wenn ich mich einmal von der politiſchen Bühne 4* zurückziehe“, wandte ſich Sulla zu Roscius,„ſo werde ich wieder Poſſen ſchreiben, wie ich es in ruhigen Tagen gethan. Du wirſt mich wieder wie ehedem in die Ge⸗ heimniſſe der Schauſpielkunſt einweihen; freilich mit dem Singen wird es nicht mehr gehen, mein lieber Roscius. Das rauhe Lager hat mich um meine Stimme gebracht; wo ſind die Zeiten, da dieſe Stimme mich und meine Freunde ergötzte! Glaube mir, Roscius, die Tage, wo ich keinen andern Ruf hatte als den eines angenehmen Geſellſchafters und guten Kameraden, die Tage waren die ſchönſten meines Lebens!“ „Weil Sulla vom Leben nie etwas Anderes begehrte als heitern Genuß, därum hat es ihm unaufgefordert ſeine höchſten Güter geboten!“ meinte Roscius im Schmeich⸗ lertone. Täuſche mich und Dich nicht, Roscius. Das Beſte am Leben iſt das Lachen! Laſſen wir die Poſſe leben, guter Roscius! Ich habe in ſo manchen mitgeſpielt. Als ich die Schatzkammern der griechiſchen Tempel leerte und die Jammergeſichter der Prieſter ſah, deren Götter ich ausſackte, ſetzte ich den Gebeten der Pfaffen, die den Fluch ihrer durch mich beſtohlenen Götter auf mein Haupt herabriefen, das ſtoiſche Wort entgegen, daß es demjenigen nicht fehlen könne, dem die Götter ſelbſt die Kaſſen füllten! Iſt das nicht eine gute Poſſen⸗ erde gen nit ber 53 pointe, Roscius? Notire ſie in Deine Schreibtafel, wir können ſie einmal benutzen!“ Ein wieherndes Gelächter der Tafelrunde jauchzte dem Dictator ein Bravo zu. „Die guten Prieſter haben mir überhaupt manchen pikanten Stoff geliefert!“ fuhr Sulla fort.„Ich ſehe noch die delphiſchen Prieſter, die ihre Schätze zu retten glaubten, wenn ſie mir ſagen ließen, ſie ſcheuten ſich dieſel⸗ ben auszuliefern, weil die Zither des Gottes, als ſie dieſelbe berührt, hell geklungen habe. War es nicht eine witzige Pointe, die ſich in einem Luſtſpiele hören laſſen könnte, wenn ich ihnen bemerklich machte, nun ſollten ſie die Schätze erſt recht ſchicken, da Gott offenbar meinem Verlangen zu⸗ ſtimme, weil ſonſt ſeine Zither gebrummt haben würde?“ „Auch Deine Feinde haben Dir in die Hände ge⸗ arbeitet, mächtiger Sulla, indem ſie Dir zu Luſtſpiel⸗ ſtoffen verhalfen und ſo ſelbſt auf dieſem untergeord⸗ neten Gebiete behülflich waren, Deinen Beinamen: der Glückliche zu illuſtriren!“ ließ ſich Papirius, der Lieb⸗ lingsfreigelaſſene des Sulla, vernehmen.„Was ſagte jener Fimbria, als ihm ſein Vorhaben, bei dem Leichen⸗ begängniſſe des Marius den Oberprieſter Scävola um⸗ zubringen, mißglückte? Klagte er den von der leichten Wunde Geneſenen nicht des Verbrechens an, daß er ſich nicht habe ermorden laſſen wollen?“ 54 „Die Pointe iſt gut, Papirius“, ſtimmte Sulla zu, „aber an den Marius hätteſt Du mich doch nicht er⸗ innern ſollen! Beim Weine und unter Freunden will ich an dieſe blutigen Geſchichten nicht gemahnt ſein; ich habe daran genug, wenn ich an die Ge⸗ ſchäfte gehe.“ „Du haſt da ein ſchönes Wort genannt, mächtiger Sulla“ lachte Papirius.„Die Geſchäfte blühen jetzt. Frage den wackern Craſſus, der erſt geſtern wieder ein ſchönes Landgut bei Beneventum für zweitauſend Seſterzien*) an ſich gebracht hat! Wenn der Mann es ſo forttreibt, wird er in einem Jahre halb Italien beſitzen!“ „Wozu dieſer Aufwand an ſittlicher Entrüſtung?“ lachte Sulla dem Freigelaſſenen ins Geſicht.„Als ob Du es beſſer machteſt, mein lieber Papirius! Wie viel haſt Du denn für die Landgüter bei Nola und bei Iregellä gegeben? Schätzt man Dich nicht bereits auf ſieben Millionen Seſterzien? War ich nicht der gute Narr, der Dir unter die Arme griff, indem er den Wunſch ausſprach, es möge Niemand anf die con⸗ fiscirten Güter bei Nola und Iregellä bieten, damit ſie Dir um den tauſendſten Theil ihres wahren Werthes zufielen?“ *) 20 Seſterzien= 1 Thaler; 1375= 1 Talent. Gi zu, er⸗ nden hnt Ge⸗ tiger jetzt. eder ſend lann lien 97 ob Vie und reits der 1er con⸗ mit hren 55 „Ich bin Dir auch ſehr dankbar dafür, mächtiger Sulla“ ſagte Papirius,„obwohl Du für mich nur das gethan haſt, was Du für Dich ſelbſt, für Deine Ge⸗ mahlin Metella und für ein Dutzend Deiner Freunde gethan haſt!“ Anſtatt daß Sulla dieſe kühne Bemerkung ſeines Favoriten unliebſam vermerkt hätte, fertigte er den Günſtling vielmehr mit der höhniſchen Frage ab: „Hätte ich Dir auch vielleicht noch die paar tauſend Seſterzien ſchenken ſollen, die Du zum Scheine für die Landgüter boteſt?“ „Der Staatsſchatz wird von den dreitauſend Se⸗ ſterzien, die ich in denſelben einzahlen mußte, nicht fett werden!“ erwiderte Papirius übermüthig. „Vielleicht machen Deine dreitauſend Seſterzien ge⸗ rade die vierthalbhundert Millionen voll, welche bis⸗ her für die den Rebellen confiscirten und verkauften Güter gelöſt worden ſind!“ ſagte der Dictator ge⸗ laſſen. Während ſich der Dictator in dieſer Weiſe mit ſeinen Tiſchgenoſſen unterhielt, drängten ſich draußen in den Sälen und Vorſälen die Schaaren der Clienten und Freigelaſſenen Sulla's, welche das Erſcheinen ihres Herrn und Protectors mit Ungeduld erwarteten. Unter dem tauſendköpfigen Haufen befanden ſich 56 übrigens auch viele Leute in Amt und Würden, Sena⸗ toren, die Sulla ihre Aufwartung zu machen kamen, Patricier, die nach ſeiner Gunſt haſchten, damit ſie um einen Spottpreis in den Beſitz der feilgebotenen Güter der Geächteten kämen. Auf den Stufen des Palaſtes aber lagerte die ſo⸗ genannte Leibgarde Sulla's, junge, kräftige Leute, welche früher Sklaven derer geweſen waren, die Sulla hatte ächten und ihres Vermögens berauben laſſen. Sulla hatte die Zahl dieſer durch ein Machtwort freigelaſſenen Sklaven nach und nach auf zehntauſend hinaufgebracht, und ſo ergeben war ihm dieſe irregu⸗ läre und durch ihn bereicherte Truppe, daß täglich einige hundert derſelben kraft eines unter ſich getroffe⸗ nen Abkommens auf den Stufen ſeines Palaſtes la⸗ gerten, um ihn gegen jede Gefahr, die ihm von der allerdings im Augenblick in den Staub getretenen Volks⸗ partei hätte drohen können, zu ſchützen. In dieſem Gewühl von Schranzen erſchien Cati⸗ lina und richtete, während ihm die Schadenfreude aus den Augen blitzte, an Lucius Scipio, der am längſten bei Marius ausgehalten, das Wort: „Du hier, Scipio? Bringſt Du uns ſelbſt Deinen Kopf?“ „Habt Ihr der Köpfe noch nicht genug?“ en 57 „Hoho, wir haben erſt heute einen neuen be⸗ kommen, einen ſehr ſchätzbaren! Wenn Du Dich zu dem Serviliſchen Baſſin bemühen willſt, ſo wirſt Du unter den hundert Senatorenköpfen, die dort im Winde baumeln, als neueſten Zuwachs den Kopf des Gajus Norbanus entdecken, der erſt geſtern von Rhodus an⸗ gekommen iſt, wo ſich ſein Eigenthümer ſelbſt aus dieſer Welt beförderte!“ „Ich glaube, jetzt wäre die Ausmündung der Juga⸗ riſchen Gaſſe in den Marktplatz ſchon mit genug Köpfen geſpickt!“ „Meinſt Du, Scipio?“ rief Catilina höhniſch.„Ich wundere mich nicht, Dich ſo für Deine eigene Haut ſorechen zu hören, aber wenn mich etwas wundert, ſo iſt es die Langmuth Sulla's, der ſeinen Freunden befahl, Dich zu ſchonen, wenn Du Dich in Rom zeigteſt! Alſo genug Köpfe, meinſt Du, wären ſchon gefallen? Du ſcheinſt vergeſſen zu haben, wie viele deren Dein Freund Marius zu Falle brachte, als er und der Pöbel in Rom herrſchten!“ „Ich wüßte nicht, daß unter Marius je an einem Tage vierauſend Menſchen niedergemetzelt worden wären! Oder waren der Gefangenen, die Sulla am Tage nach der Einnahme Roms auf dem Marsfelde niederhauen ließs, daß im Tempel der Bellona das 58 Klirren der Waffen und das Stöhnen der Sterbenden den zu einer Berathung zuſammengetretenen Senat ſtörte, weniger als viertauſend?“ „Ich bedaure, daß Du ein ſo ſchwaches Gedächtniß haſt, Scipio!“ rief Catilina.„Bei meinem Lieblings⸗ gott Bacchus und bei der eiſernen Hand meines be⸗ rühmten Ahnen, es war ein artiges Gemetzel, wel⸗ ches Marius nach ſeinem Einzuge in Rom in Scene ſetzte! Fünf Tage und fünf Nächte währte bei ge⸗ ſchloſſenen Thoren die Schlächterei. Aber in Einem haſt Du Recht, Scipio, die Todten zählte Niemand. Jede Straße, jedes Haus hatte ſeine Erſchlagenen; freilich lagen ſie nicht auf einem Haufen wie jene vier⸗ tauſend, durch welche Sulla ſpäter den Manen der von Marius Erſchlagenen nur ein gerechtes Todten⸗ opfer darbrachte. Haſt Du vergeſſen, wie der Conſul Octavius, mit den Zeichen ſeiner Würde bekleidet, die Mörder erwartete? Wie Merula, nachdem er on Ju⸗ piter's Altar die prieſterliche Kopfbinde abgelegt, ſich die Adern öffnete, blos um den gegen ihn ausgeſandten Henkern zu entgehen? Wie Marius für die Verwandten des Catulus, die ihn um Gnade für ſeinen ehemaligen Collegen anflehten, keinen andern Troſt hatte als den trockenen Beſcheid: er muß ſterben? Haſt Du ver⸗ geſſen, wie oft in dem Blicke des Marius, mit dem er en at 50 die ihn Beſuchenden empfing, ſchon das Todesurtheil lag, das an den Opfern von willigen Henkern ſofort vollzogen wurde, kaum daß ſie des Marius Wohnung verlaſſen hatten? Erinnerſt Du Dich des Verbotes nicht, die Ermordeten zu beerdigen, nicht der Leichen, die auf des Marius Befehl durch die Straßen geſchleift wurden, der Senatorenköpfe nicht, die an der Redner⸗ bühne auf dem Marktplatze angeheftet waren? Auch jene berühmte Umarmung ſcheint Deinem Gedächniſſe entſchwunden zu ſein, aber glaube mir, Rom wird nimmer vergeſſen, wie Marius, bei der Tafel ſitzend, den Mörder umarmte, der ihm den Kopf des Antonius brachte, jenes Antonius, den er ſelber hatte in ſeinem Verſtecke aufſuchen und mit eigener Hand umbringen wollen!“ „Geht es denn jetzt anders zu?“ fiel Scipio dem Ankläger des Marius in die Rede.„Hat man Präneſte nicht geplündert, tödteten ſich in Norba nicht die Bür⸗ ger untereinander, blos um Sulla nicht Gelegenheit zu geben, über ſie zu Gericht zu ſitzen? Sind nicht neun⸗ zig Senatoren und dritthalbtauſend Ritter geächtet worden? Hat man nicht das ganze Land der unglück⸗ lichen Samniter, die zu Marius gehalten hatten, unter die ſiegreiche Soldateska vertheilt und das Vermögen von viertauſend Familien unter den Hammer gebracht, 60 um damit die Henker zu bereichern? Erhält nicht Jeder, der einen Geächteten tödtet, eine Prämie von vierzigtauſend Seſterzien aus dem Staatsſchatze? Bucht man dieſe Henkerprämien nicht wie regelmäßige Aus⸗ gaben in die Kaſſenbücher ein? Werden nicht Offiziere, die ſich mit Ruhm bedeckt haben, wie Ofella, auf öffentlichem Markte niedergeſtoßen, blos weil ſie Sulla nicht unbedingt Ordre parirt haben? Was haben Eure Freigelaſſenen, die für tauſend Seſterzien Güter kaufen, die eine Million werth ſind, vor den Einſäck⸗ lern des Marius voraus, die auf die Güter der Ari⸗ ſtokraten Jagd machten?“ „Man ſollte, wenn man Dich hört, Scipio, meinen daß wir am Ende aller Tage angekommen ſind, und doch kann das Regiment, das Du anklagſt, nicht ſo ſchlimm ſein, ſolange Dein Kopf noch feſt zwiſchen den Schultern ſitzt“ warf Catilina dem Andern höh⸗ niſch zu. „Nimm dieſen Kopf, wenn Du beordert biſt, ihn zu holen!“ rief Scipio, des Streites müde, trotzig dem Parteigänger Sulla's zu. Sechstes Kapitel. M In dieſem Augenblick ertönte, jeden Streit ſchlich⸗ tend, das:„Platz für Sulla den Glücklichen!“ mit welchem Rufe die Clienten des Dictators des letztern Erſcheinung begrüßten. Weinſelig ſchritt Sulla durch die Reihen der ſich ehrfurchtsvoll Neigenden und nahm aus der Hand eines Mannes, der ſich an ihn herandrängte, eine Pa⸗ pyrusrolle entgegen. „Zürne dem Dichter nicht, der Sulla den Glück⸗ lichen preiſt!“ ſagte der Mann, der dem Dictator die Rolle aufdrang. „Lies Dein Gedicht, Freund!“ munterte Sulla den Poeten auf. Sulla horchte kaltblütig und ohne eine Miene zu 62 verziehen, auf die ſchwungvolle Vorleſung und ſagte dann kalt: „Dieſe Verſe ſind im Stande, einen Menſchen um⸗ zubringen; wenn Du ſie einem Geächteten vorgeleſen hätteſt, er würde uns nie mehr beunruhigen. Darum ſollſt Du auch die Prämie haben, welche der Staats⸗ ſchatz für die Tödtung eines Geächteten ausgeworfen hat. Geh hin, guter Mann, und laſſe Dir die vierzig⸗ tauſend Seſterzien auszahlen!“ Der Poet mußte gute Miene zum böſen Spiele machen und wollte ſich eben unter dem Gekicher der Umſtehenden zurückziehen, als ihn Sulla noch einmal mit den Worten zum Stillſtehen vermochte: „Halt, mein guter Poet! Eins noch mußt Du mir verſprechen, ehe Du die Nationalbelohnung empfängſt: Du darfſt nie mehr Verſe auf mich machen!“ Der Poet ſchlich ſich kleinlaut davon, während die Menge den köſtlichen Einfall des Dictators laut bejubelte. „Wie ſtark iſt die Nummer?“ fragte Sulla, nach⸗ dem ſich der Lärm gelegt hatte, denjenigen, der die Aufſicht über die Tafel führte, auf welcher die Namen der Geächteten verzeichnet ſtanden. „Viertauſendeinhundertſechs!“ lautete die Antwort. „Wir werden die Arbeit bald einſtellen müſſen!“ 63 murmelte der Dictator.„Wann geht der Termin zu Ende?“ „Am erſten Juni ſoll die Aechtungsliſte geſchloſſen werden. So haſt Du es befohlen, Sulla!“ „Ich glaube, wir könnten den Termin etwas früher ſchließen; wir haben genug aufgeräumt!“ Die Aeußerung Sulla's verbreitete einen paniſchen Schrecken unter der Verſammlung. „Wo denkſt Du hin, Herr, daß Du Deiner an⸗ geſtammten Milde ſo unzeitig willſt die Zügel ſchießen laſſen! Tauſende ſind noch reif für die Aechtungsliſte! Ich fordere den Kopf des Advocaten Publius Lupus!“ „Was hat Dir dieſer Publius Lupus gethan, mein Freund?“ fragte der Dictator den Mann, der von un⸗ zeitiger Milde abrieth. „Er hat in der Vertheidigungsrede für den Con⸗ ſularen Aulus Albinus die Wendung gebraucht, daß der Adel den Bürgerkrieg doch wohl nicht geführt habe, um ſeine Freigelaſſenen und Knechte zu bereichern. Und nicht genug an dem, er hat auch Sextus Alfenus ver⸗ theidigt, der unter Marius die Rolle eines Anklägers geſpielt und manchen Patricier in das Jenſeits beför⸗ dert hatte, und bei der Vertheidigung gefragt, wie es doch zugehe, daß man uns die Gerichtsbänke laſſe, nachdem man jetzt diejenigen anklage, die früher 64 angeklagt haben, und ſo darauf auszugehen ſcheine, ganz Rom auszurotten?“ „Den Kopf dieſes Mannes muß ich Dir verweigern, guter Freund!“ fertigte Sulla gutgelaunt den Blut⸗ gierigen ab.„Ich liebe den Mann, der heute noch aufgelegt iſt, Witze zu machen; ſolche Köpfe muß man ſchonen!— Papirius“ wandte ſich Sulla zu ſeinem Fa⸗ voriten,„notire den Namen dieſes ſarkaſtiſchen Sach⸗ walters; ich werde ihn nächſtens einmal zur Tafel laden und mich von ihm unterhalten laſſen; vielleicht gibt er mir Luſtſpielſtoffe!“ „Mir aber erlaube, glücklicher Sulla, Dir einen Feindeskopf zu Füßen zu legen!“ rief ein Freigelaſſener mit leuchtendem Geſichte.„Ich habe ihn zwar nicht ſelbſt abgeſchnitten, aber ich brachte ihn doch geſtern nach Rom und heute prangt er ſchon in der Jugari⸗ ſchen Gaſſe in feiner Geſellſchaft!“ „Von weſſen Kopfe ſprichſt Du, guter Freund?“ erkundigte ſich der Dictator. „Von dem Kopfe des Exconſuls Gajus Papirius Mutilus! Ich habe mich an des flüchtigen Mutilus Ferſen geklammert und nur einmal ſeine Spur ver⸗ loren, als er verkleidet bei ſeiner Gattin in Jänum einen Zufluchtsort zu finden gedachte. Die Gattin wies ihn ab und er ſtürzte ſich vor der Thür e, n, — 05 ſeines eigenen Hauſes in ſein Schwert. Dort fand ich ihn und bemächtigte mich ſeines Kopfes!“ „Ich habe nichts dagegen, wenn ſich meine Feinde ſelbſt tödten!“ rief Sulla heiter.„Laß Dir vierzig⸗ tauſend Seſterzien auszahlen, Freund! Was ſehe ich, Scipio iſt da!“ Der Ausruf galt dem Unterfeldherrn des Marius und ECinna, der lange genug bei der Volkspartei aus⸗ gehalten hatte, um Sulla's Unzufriedenheit zu erregen. Doch achtete dieſer den Namen des Feindes ſo hoch, daß er ſeinen Anhängern Befehl gab, Scipio's Leben zu ſchonen. „Du haſt mich zu Dir beſchieden, Sulla!“ ſagte Scipio unerſchrocken.„Willſt Du meinen Kopf oder wollen Deine Freunde meine Güter?“ „Brauſe nicht auf, Scipio“, entgegnete der Dictator lachend.„Es iſt ein ſchönes Ding um den Muth, mein Scipio, aber manchmal ſchlägt die Sache doch ſchlecht aus! Denke an Ofella, der mir ebenſo trotzig entgegen⸗ trat! Freilich war es ein erſchwerender Umſtand, daß Ofella mein General war. Weißt Du, was dem Ofella geſchah?“ Sulla hielt Scipio mit einem lauernden Blicke feſt, in dem wirklich etwas von dem Fuchſe ſtak, an den er nach dem Urtheil der Zeitgenoſſen mahnen ſollte.„Er 5 66 iſt halb Löwe, halb Fuchs, weil ſich Keckheit mit Ver⸗ ſchmitztheit in ihm paart!“ ſo ſagten Sulla's Zeit⸗ genoſſen, aber immer ſetzten ſie hinzu:„Der Fuchs in ihm iſt gefährlicher als der Löwe!“ „Ich kenne und beklage Ofella's Schickſal!“ erwi⸗ derte Scipio furchtlos.„Der Mann, der Dir durch ſeine Ausdauer Präneſte eroberte, wurde auf Deinen Befehl auf öffentlichem Marktplatze niedergeſtoßen, und Du verſchmähteſt es nicht, der verſammelten Bürger⸗ ſchaft zu erklären, daß die That auf Deinen Befehl geſchehen ſei, weil Dir Ofella den Gehorſam aufgekün⸗ digt, als Du ihm verboteſt, ſich um die conſulariſche Gewalt zu bewerben!“ „Ganz richtig!“ gab Sulla unbefangen zu und ſetzte mit eyniſchem Witze hinzu:„Es gab eine Luſtſpielſcene, als ich dem Volke die Fabel vom Ackersmann und den Läuſen erzählte, die ihn freſſen wollten, die er aber von ſich abſchüttelte und zertrat. Du aber, Scipio, willſt mir Undank gegen meine Freunde vorwerfen! Geh umher und frage meine Freunde, ſie werden Dir ſagen, daß es keinen theilnehmendern Freund als den Sulla gibt, der von jeher ſein Geld weit lieber dem bedrängten Genoſſen als ſeinem reichen Gläubiger gönnte. Aber wenn man der Rächer eines gemißhandel⸗ ten Standes iſt und in einer unterwühlten Stadt wie zte ne, nd io, en! ir en ger el⸗ 67 Rom die Ordnung herſtellen will, dann muß man zu⸗ weilen den Freund beiſeite ſetzen! Merke Dir das, mein guter Scipio!“ „Wie reimt ſich die Strenge gegen Ofella mit der Nachſicht, die Du gegen Oppianicus walten läßt?“ warf Scipio rückſichtslos ein.„Trat dieſer Mann, der, um einer Mordanklage zu entgehen, in Dein Lager lief, nicht in dem meinem Landbeſitze nahen Larium als Dein Commiſſar auf, blos um den, der ihn mit der Anklage bedroht hatte, mit ſeiner ganzen Familie ächten und tödten zu laſſen?“ „Liegt Larium nicht im Samniterlande?“ gegen⸗ fragte Sulla gelaſſen.„Waren die Samniter nicht die treueſten Alliirten des Marius, und habe ich nicht erklärt, daß Rom nicht Ruhe haben werde, ſolange Samnium beſtehe, und daß der Samnitername darum von der Erde pertilgt werden müſſe? Dank meiner rückſichtsloſen Strenge, die Du Grauſamkeit nennen magſt, iſt das Werk der Pacificirung Italiens und Roms bald vollendet und ich werde mich von der Ge⸗ walt zurückziehen und wieder jagen und fiſchen und Komödie treiben können! Im Vertrauen geſagt, weißt Du, mein guter Scipio, warum ich Dich ſchonte, der Du es eigentlich nicht um mich verdient haſt? Weil Du ein guter Schauſpieler biſt und ich Dich auserſehen 5* 68 habe, in meinen Luſtſpielen Rollen zu übernehmen. Roscius wird nachhelfen, wenn Dein Talent, ſeit wir zum letzten Male mit einander auf meinem Theater Komödie ſpielten, eingeroſtet ſein ſollte! Einſtweilen magſt Du, bis ich Dich rufe, auf Dein Landgut zurück⸗ kehren. Du biſt dort vollkommen ſicher, meine Leute wachen über Dich! Das iſt's, was ich Dir ſagen wollte, Scipio, als ich Dich nach Rom citirte!“ Indem der Dictator ſich von Scipio abwandte, ſtieß er auf Catilina, der in einer Papierrolle las, die ihm ſein Favorit Narciſſus überreicht hatte. „Was buchſtabirſt Du da, Freund Catilina?“ fragte Sulla. „Ich habe eine Nachricht erhalten, die mich höchlich überraſcht!“ „Wohl Dir, daß Dich noch etwas zu überraſchen vermag!“ ſcherzte Sulla.„Mich überraſcht nichts mehr. Doch ja, eins würde mich überraſchen, nämlich wenn ich einmal in etwas Unglück hätte!“ „So kann nur der Glückliche ſprechen, dem im Leben nichts mißlungen iſt, der hundert Schlachten geſchlagen und keine verloren hat!“ „Das kam daher, ich will Dir's ſagen, Catilina— weil ich Alles ohne Plan angefangen habe! Lache nicht, Catilina, ich ſage Dir, das Inproviſirte gelingt immer nn ben 69 am beſten. Ich ſagte immer, wo Andere Alles auf ihren ärmlichen Verſtand und ſeine ausgeklügelten Combinatio⸗ nen ſetzten: Glücksgöttin, trage mich! und die Glücksgöttin trug mich. Aber Du haſt mir noch nicht geſagt, Cati⸗ lina, welche Nachricht Du erhalten haſt.“ „Cäſar hat geheirathet.“ „Die Coſſutia?“ warf Sulla gleichgültig hin. „Nein, nicht die Coſſutia.“ „Nicht die Coſſutia?“ fragte Sulla aufmerkſamer werdend. „Das iſt es ja eben, was mich überraſcht hat!“ rief Catilina.„Und faſt ſcheint es, es wird auch Dich überraſchen.“ Sulla's milchweißes Geſicht begann ſich röther zu färben, was immer bei einer leidenſchaftlichen Erregung der Fall war. Er ſtampfte ungeduldig mit dem Fuße und rief: „Willſt Du uns endlich ſagen, wen Cäſar gehei⸗ rathet hat?“ „Einna's Tochter!“ Sulla wurde weiß im Geſichte, dann roth; ſein Antlitz machte jenes merkwürdige Farbenſpiel durch, das man in ſolcher Intenſität nur an ihm ſehen konnte. „Einna's Tochter?“ ſchrie er.„Nicht möglich! Sie iſt ja minderjährig!“ 70 „Der Vormund hat zugeſtimmt! Da ſteht es!“ „So insgeheim?“ „Er mochte Deinen Widerſpruch ſcheuen, wenn er es offen betrieb!“ „Der Knabe mit dem loſen Gürtel, der immer ſo hochmüthig an mir vorbeiging, als ob Rom ihm und nicht mir gehörte, ſoll mich kennen lernen!“ preßte Sulla wüthend zwiſchen den Zähnen hervor.„Er ſoll ſich ſeinen Kopf, den er, um ſein Haar nicht in Ver⸗ wirrung zu bringen, nur mit einem Finger zu kratzen pflegt, bald aus Verzweiflung mit allen fünf Fingern kratzen! Es gibt noch gefährliche Menſchen in Rom! Und ich wollte die Proſcriptionsliſte vor dem urſprüng⸗ lichen Termin ſchließen! Ich Leichtſinniger! Bei welcher Nummer, ſagteſt Du, waren wir?“ Die Frage galt dem Aufſeher der Proſcriptionstafel. „Bei viertauſendeinhundertſechs!“ „Schreibe viertauſendeinhundertſieben— Cajus Ju⸗ lius Cäſar!“ Catilina wollte für ſeinen Freund ein vermitteln⸗ des Wort einlegen. Sulla gebot ihm Schweigen. „Schreibe Cajus Julius Cäſar. Papirius, freue Dich, die Güter des Cäſar kommen unter den Hammer. Wo iſt Craſſus? Schade, daß Craſſus nicht da iſt, es iſt wieder Gelegenheit, Güter billig zu kaufen.“ 71 Die Freigelaſſenen jubelten über die Ausſicht, die ſich ihnen darbot, ſich zu bereichern. „Und noch eins!“ rief Sulla.„Ich habe die Aſche der Todten bisher geſchont, aber wenn mich der Neffe herausfordert, ſo mag es der Oheim büßen! Man grabe die Aſche des Marius aus und ſtreue ſie in alle Winde, in den Tiber und den Anio, und die Denkmäler ſeiner Siege über die Afrikaner und Deutſchen mache man dem Erdboden gleich! Nichts ſoll in Rom fürder an Marius mahnen, nicht einmal ſein unbedeutender Neffe, der mir durch die Heirath mit des Cinna Tochter einen Nadelſtich verſetzen wollte. Da hat er nun einen Dolch⸗ ſtich!“ Sulla verließ erregt die Verſammlung, die ausein⸗ anderſtob, um das Wort des Dictators weiter zu tra⸗ gen und zur Ausführung zu bringen. Siebentes Kapitel. Sü ſat Catilina hatte nichts Eiligeres zu thun, als ſeinem Freunde mitzutheilen, daß Sulla die Acht über ihn aus⸗ geſprochen habe. Es war wirkliche Zuneigung, was den um einige Jahre ältern Mann an den Jüngling feſſelte und ihn ganz darüber hinwegſehen ließ, daß dieſer mit ſeinen Sympathien, Anſchauungen und Antecedentien in einem andern Lager ſtand, als dem er ſelbſt angehörte. Den Ausſtrömungen einer uneigennützigen Freundſchaft wohnt aber immer die wunderbare Kraft inne, die Sinne des andern Theils ſo gefangen zu nehmen, daß er das warme Gefühl, mit dem man ihm entgegenkommt, un⸗ willkürlich mit gleicher Münze vergilt. So hatte auch das Wohlwollen, welches Catilina ba len 9 63 bei jeder Gelegenheit dem Neffen des Marius zeigte, die Wirkung, daß ſich in Cäſar's Gemüthe eine auf⸗ richtige Freundſchaft für Catilina feſtſetzte, welche ihn die Parteilinie vergeſſen ließ, die beide eigentlich trennte. Cäſar ließ es ſich nicht bekümmern, daß Catilina mit Sulla durch Dick und Dünn ging und unter des Dictators Aegide ſein infolge verſchwenderiſchen Ge⸗ barens ſehr zuſammengeſchmolzenes Vermögen zu rangi⸗ ren ſuchte. Daß ihm dies Letztere nicht gelang, daran war zu⸗ meiſt der Mangel an kräftigem Wollen ſchuld, mit dem flotten Leben zu brechen, das er ſeit Jahren führte. Er mochte von Sulla begünſtigt noch ſo viele Güter der Geächteten um Spottpreiſe an ſich bringen, der Gewinn brachte ihm doch keinen Segen. Die Beſitzthümer gingen immer wieder mit Blitzes⸗ ſchnelle in die Hände ſeiner Gläubiger und vornehmlich in jene ſeines Hauptgläubigers Craſſus über, der in Rom die höchſten Procente nahm, dagegen aber immer baares Geld in Bereitſchaft hatte, um Verſchwendern von Catilina's Art, denen Auſtern, Falerner Weine und ſchöne Mädchen die Hauptingredienzien des echten Lebensgenuſſes waren, hülfreich unter die Arme zu greifen, bis er ſie und ihre Habe ganz in ſeinen Händen hatte. 74 Uebrigens war es immerhin möglich, daß der freundſchaftlichen Theilnahme, welche Catilina für Cäſar empfand, eine Art ſelbſtiſcher Combination, die ſich mehr inſtinktartig geltend machte, als daß ſich Catilina derſelben klar bewußt geweſen wäre, nicht ganz fern lag. Das Vermögen Cäſar's konnte Catilina in der Zukunft leicht einen Halt gewähren, und dann lag es immerhin im Bereiche der Möglichkeit, daß, wenn Sulla's zuſammenhaltende Kraft einmal wegfiel, die Volkspartei wieder die Oberhand über den Adel er⸗ halten konnte. Dann konnte die Freundſchaft des Marianers Cäſar dem Sullaner Catilina ſehr erſprießliche Früchte tragen. Die Nachricht, daß Cäſar die reiche Tochter Einna's geheirathet habe, überraſchte Catilina nicht weniger, als ſie Sulla überraſcht hatte; aber wenn er Cornelia Jemand außer ſich ſelbſt gönnte, ſo war dieſer Je⸗ mand Cäſar, dem durch die Partie ein immenſes Ver⸗ mögen zuwuchs. Welche Ausſicht für einen unermüdlichen Borger von Catilina's Charakter! Cäſar nahm keine Procente wie Craſſus, Cäſar war der Mann, das Capital ganz ſo leichten Herzens fahren zu laſſen, wie er die Intereſſen fahren ließ, —————— 2 1 wel ſar n ieß, 75 welche Andere mit rückſichtsloſer Zähigkeit eintrieben oder durch neue Verſchreibung ſicher ſtellen ließen. Cäſar konnte dazu lachen, wenn Sulla ſein Ver⸗ mögen, ſein väterliches Erbe unter den Hammer brachte. Cornelia's immenſe Reichthümer konnte er doch nicht antaſten, und wenn Cäſar unverſehrt die Acht über⸗ dauerte, wenn ein Syſtem⸗ oder Regimewechſel eintrat, ſo war Cäſar finanziell wieder durch ſeine Gemahlin ein gemachter Mann, der ſich ſelbſt neben dem zwanzig⸗ fachen Millionär Craſſus ſehen laſſen konnte. „Du mußt Rom augenblicklich verlaſſen, Cäſar!“ ſprach Catilina ſeinem jungen Freunde zu.„Es iſt wahr, Du haſt in Rom und Italien ſo viele Freunde, daß ſich nicht leicht Jemand finden dürfte, der ſich an Dir vergriffe, um die vierzigtauſend Seſterzien zu ver⸗ dienen, die jetzt Dein Kopf gilt, aber wozu ein Römer nicht die Hand böte, das könnte einer jener Kelten unternehmen, welche man die Würger Sulla's nennt. Du mußt fliehen, noch heute!“ „Wie kann ich mein junges Weib im Stiche laſſen?“ warf Cäſar ein. „Geh auf mein Landgut in den ſabiniſchen Vor⸗ bergen, dort findeſt Du Erſatz für Cornelia!“ rief Ca⸗ tilina mit cyniſchem Lachen.„Du haſt Deine ſchöne Entführte ohnehin gänzlich vernachläſſigt, wie mir 76 Narciſſus ſchreibt, der draußen dafür ſorgte, daß Ur⸗ bilia nichts an Luxus und Comfort vermiſſe.“ „In der That“, gab Cäſar zu,„ich habe an dem Mädchen nicht ſchön gehandelt und mache mir deswegen Vorwürfe. Ich hatte in den letzten Wochen An⸗ deres zu denken, aber ſo ganz hätte ich die Aermſte doch nicht ſich ſelbſt und der Einſamkeit überlaſſen ſollen!“ „Jetzt iſt Dir Gelegenheit geboten, ſie für das Ent⸗ zogene zu entſchädigen“ drängte Catilina. „Du biſt ein ſchlimmer Verſucher!“ bemerkte Cä⸗ ſar lächelnd.„Wird mich Cornelia von ſich laſſen wollen?“ „Man muß ihr vorſtellen, daß Dich begleiten ſo viel heiße als Dich verrathen! Man muß ihr ſagen, daß ſie um Deiner Sicherheit willen in die Trennung willigen und in Rom ausharren müſſe, während Freunde Dich in Sicherheit brächten. Du mußt ſie kirre machen, indem Du ihr verſprichſt, ihr jeden zweiten Tag zu ſchreiben. Narciſſus wird einen vertrauten Boten ausfindig machen, der die Correſpondenz vermitteln wird.“ „Cornelia wird wiſſen wollen, wo ich mich auf⸗ halte!“ „Bah, das ſagt man ihr.“ ha ſſen en ung nde en, zu ten eln uf⸗ 77 „Wenn ſie aber erfährt, daß Urbilia draußen iſt?“ „Wie ſollte die Ahnungsloſe das erfahren? Der Vote wird ſo gewählt werden, daß er keine Ahnung hat, von wem die Briefe ſind, die er an Cornelia be⸗ fördert, und dieſer mußt Du einſchärfen, ja keine Frage an den Boten zu richten, die deſſen Harmloſigkeit unter⸗ graben könnte. Male ihr nur die Gefahr, in der Du bei dem geringſten Verſehen ihrerſeits ſchwebſt, und ſie wird die Vorſicht ſelbſt ſein. Sei regelmäßig in Dei⸗ ner Correſpondenz, damit Du ihr keine Veranlaſſung zum Mißtrauen gibſt; denn Gefahr für Dein Verhält⸗ niß zu Urbilia wäre nur vorhanden, wenn ſie ſich un⸗ vermuthet aufmachte, Dich zu überraſchen.“ „Faſt widerſteht es mir, die Argloſe ſo ſchnöde zu täuſchen, nachdem ſie mir ihr Herz vertrauensvoll zu eigen gegeben“ murmelte Cäſar unſchlüſſig. „Sei kein Narr, Cäſar!“ ſprach ihm Catilina zu. „Die Kunſt des Lebens beſteht darin, dem Augenblick das Günſtigſte abzugewinnen! Danke den Göttern, daß urbilia Dir Deinen Zufluchtsort verſchönern wird, der ohne ſie ein verzweifelt langweiliges Aſyl wäre. Sorge Dich nicht um Cornelia, ſie wird in ihrer Art glücklich ſein, glücklicher vielleicht, als wenn Euch die ungetrübte Sonne des Glücks geſchienen hätte. Sie wird in Dir einen Mann ſehen, der das Unglück der Aechtung auf ſein 78 Haupt herabbeſchworen hat, indem er ſie heirathete. Der Gedanke, daß die Liebe zu ihr Dir Unglück gebracht, wird ihre Liebe zu Dir ſtärken. Du biſt auch hier der ge⸗ winnende Theil.“ „Ich werde Cornelia unter den Schutz meiner Mutter ſtellen“ ſagte Cäſar, mit ſeinem Gewiſſen pactirend. Urbilia hatte in ihrer Einſamkeit von Tag zu Tag auf das Wiedererſcheinen Cäſar's gehofft, und je län⸗ ger er ausblieb, deſto mehr ſchärfte ſich ihre Sehnſucht nach ihm, in deſto ſchönerem Lichte erſchien er ihr, deſto reizvoller klangen ihr ſeine beſtrickenden Worte im Ohre nach. Sie konnte ſich nicht mehr darüber täuſchen, ſie liebte ihn und fühlte ſich glücklich, daß auch er ſie liebe. Es wunderte ſie, daß er ſo lange nicht kam, aber ſie richtete deshalb keine Frage an ihre Umgebung, da ſie das Geheimniß ihres Herzens nicht Unberufenen preisgeben mochte. Ueberhaupt war ihr Leben in den Wochen, die ſie allein zubrachte, mehr ein ſüßes Träumen als ein wirkliches Leben. Sie kam ſich vor wie eine Prinzeſſin, die eine gute Göttin in ihren beſondern Schutz genommen. 3 ſie 79 Der ungewohnte Glanz, der ſie umgab, blendete ſie und betäubte ihre Sinne. Sie, die ſich bisher nur im wüſten Getümmel der Plautiniſchen Straße bewegt und den Launen des oft griesgrämigen Vaters in Allem hatte fügen müſſen, ſah ſich jetzt von einem wohlgeordneten Ueberfluſſe um⸗ ringt, der nur ihretwegen da zu ſein ſchien. Unſichtbare geheimnißvolle Mächte ſchienen Alles ſo zu leiten, daß ihr nichts fehlte; daß Narciſſus hinter den Couliſſen die Fäden in der Hand hielt, dem Haus⸗ halte Leben einhauchte, indem er für Alles ſorgte, davon hatte ſie keine Ahnung, denn ſie bekam Narciſſus nie zu Geſicht. Sie ſah nur die Sklavinnen, die ihres Winkes harrten bei Tag und Nacht, die ſilbernen Schüſſeln, in denen ihr die köſtlichen Speiſen gereicht, die goldenen Becher, in denen ihr der Falerner credenzt wurde. Sie ſah nur die koſtbaren Gewänder, die man ihr zur Benutzung hinlegte, die Teppiche, die das Geräuſch ihrer Schritte dämpften, die Blumen, welche alle Räume mit Duft erfüllten, und ſie ſehnte ſich nach nichts An⸗ derem und hatte nur eine Furcht, der ſie oft Domna gegenüber Ausdruck gab, die Furcht, daß alle dieſe Herrlichkeiten eines Tages mit einem Male ein Ende nehmen könnten. 80 Es graute ihr vor dem Gedanken, in die ſchmuzige Plautiniſche Gaſſe zurückkehren und wieder die Waaren⸗ vorräthe ihres Vaters hüten zu müſſen. An dieſen letztern dachte ſie wohl mit Liebe, aber doch auch mit geheimer Angſt, ihm je wieder unterthan werden zu ſollen, nachdem ſie von dem ſchönen Leben der Reichen gekoſtet, nach deſſen Herrlichkeiten ſie ſich ſchon in der Plautiniſchen Straße zum Verdruſſe des Vaters ſo oft geſehnt hatte. Wer beſchreibt daher Urbilia's Freude, als ſie end⸗ lich wieder Cäſar bei ſich eintreten ſah. Sie empfing ihn mit einem hellen Aufblitzen ihrer Augen, die ſie dann vorwurfsvoll auf ihn richtete, in⸗ dem ſie in klagendem Tone ſagte: „Du haſt Dich lange nicht um mich gekümmert, Cäſar, und mir ſo gezeigt, wie ſehr ich Recht hatte, als ich Deinen ſchönen Worten mißtraute! Was nützte es mir, daß Du mein Mißtrauen mit noch ſchönern wegzuſchmeicheln ſuchteſt!“ „Klage mich nicht vorſchnell an, Urbilia!“ ent⸗ ſchuldigte ſich Cäſar, indem er den ganzen Wohllaut ſeiner Stimme in den Ton ſeiner Rede legte.„Seit wir uns zum letzten Male geſehen haben, Urbilia, ſind Prüfungen über mein Haupt hinweggegangen, die meine Unſichtbarkeit mehr als rechtfertigen. Von d⸗ 81 allen Dingen, die ich beſaß, als ich Dich zum letzten Male ſah, Urbilia, iſt mir nichts geblieben als die Liebe zu Dir.“ „Was iſt Dir widerfahren, geliebter Mann?“ rief Urbilia erſchreckt. „O nichts, Urbilia, wenn Du mich geliebter Mann nennſt!“ flüſterte Cäſar zärtlich, indem er ſich zu der Erröthenden neigte, die ſich unter dem Eindrucke des Unglücks, das Cäſar heimgeſucht, von ihren Gefühlen hatte überrumpeln und zu einem Geſtändniſſe hin⸗ reißen laſſen, das ſich nun nicht mehr widerrufen ließ. „O laß das“ flüſterte Urbilia, Cäſar von ſich ab⸗ wehrend,„und nenne mir das Unglück, das über Dich gekommen! Das unbedachte Wort, das meinen Lip⸗ pen entſchlüpft, wird Dir die Theilnahme verrathen haben, die ich für Alles empfinde, was Dich be⸗ trifft!“ „Wenn mich Urbilia liebt“, rief Cäſar lebhaft, „dann wird mir die Armuth ſelbſt weniger drückend vorkommen, als ſie mir ſonſt erſchienen wäre. Denn wiſſe, Urbilia, daß die Leute, die jetzt unumſchränkt in Rom herrſchen, mein Vermögen für verfallen, mei⸗ nen Kopf für vogelfrei erklärt haben! Ich lebe nur Lucian Her bert, Bis zum Rubicon. I. 6 82 noch von der Gnade meiner Freunde und von Urbilias Liebe!“ „Dieſe bleibt Dir, geliebter Mann, und wenn Du ein Bettler wärſt!“ hauchte Urbilia, von den Gefüh⸗ len, die ſie bewegten, hingeriſſen, und ſchlang ihre Arme um Cäſar. 2 9 Achtes Kapitel. Cornelia und Epidius. Tage und Wochen vergingen, Cäſar und Urbilia ſchwelgten in ungeſtörtem Liebesrauſche, und wie früher Urbilia, ſo hatte der bewegliche Mann jetzt Cornelia vergeſſen, welche daheim in Rom nach ihm ſeufzte und keine angenehmere Unterhaltung kannte, als mit ſeiner Mutter Aurelia über ihn zu ſprechen, in den Büchern, die er benutzt, zu blättern und die Gedichte, die er ge macht, auswendig zu lernen. Bald war ihr jeder Vers ſeines Trauerſpiels und ſeiner Lobgeſänge auf Hercules geläufig und ſie wußte um jede Kleinigkeit des Erziehungsproceſſes ihres Gemahls. Sie horchte mit ſtiller Aufmerkſamkeit, wenn Aurelig erzählte, wie ſich durch ſtrenge Lebensordnung und 6* 8 84 durch die Gewohnheit, ſich jedem Witterungswechſel auszuſetzen, Cäſar's ungewöhnlich zarte Körperanlage gekräftigt, wie er von früheſter Kindheit an Entbeh⸗ rungen und Anſtrengungen aller Arten erduldet, wie er ſich durch Beharrlichkeit zum kühnen Reiter ausgebildet habe, und wie ſich in ihm mit der ariſtokratiſchen Fein⸗ heit der körperlichen Erſcheinung das kräftige Tempe⸗ rament des Kriegers, mit der Anmuth des Geiſtes die Tiefe der Gedanken verband. Sie horchte dem Allem mit voller Hingebung und einer Art Entzücken, ſolange ſie über das Schickſal des geliebten Mannes beruhigt war, ſolange ſie ihn ungefährdet auf dem Landhauſe Catilina's wußte. Als aber eines Tages die Botſchaft, welche mit unwandelbarer Regelmäßigkeit jeden zweiten Tag ein⸗ getroffen war, ausblieb, war ihr Intereſſe an Aurelia's Schilderungen verflogen, und der Gedanke, daß Cäſar ein Unglück zugeſtoßen ſein könnte, ergriff beängſtigend und jede andere Vorſtellung zurückdrängend ihr Ge⸗ müth. Sie ſtellte ſich die Möglichkeit vor, daß ein Feind ihres Gemahls dem Geheimniſſe der geheimen Correſpondenz auf die Spur gekommen, den Boten überfallen und ſich die Kenntniß des Zufluchtsortes Cäſar's verſchafft habe. Ohne ſich mit Cäſar's Mutter zu berathen, beſchloß 85* ſie, ſich in der nächſten Nacht nach Catilina's Landhauſe tragen zu laſſen, um Cäſar von dem verdächtigen Um⸗ ſtande zu unterrichten, daß ſein letzter Brief nicht an ſie gelangt ſei. Denn daß Cäſar wie gewöhnlich an ſie geſchrieben, daran zweifelte ſie keinen Augenblick. Hatte er dies aber gethan und war der Brief un⸗ terwegs verloren gegangen, ſo war ſeines Bleibens in dem Landhauſe bei Eretum nicht mehr und er mußte ſeinen Feinden und Auflauerern durch die raſche Wahl eines neuen Zufluchtsortes zuvorkommen. Faſt gleichzeitig mit Cäſar's Gemahlin machte ſich Urbilia's Vater Epidius auf den Weg nach Catilina's Villa bei Eretum. Epidius hatte an dem Tage des Pompejaniſchen Triumphs die Rückkehr ſeiner Tochter mit Ungeduld erwartet und ſich, als ſich dieſe Rückkehr von Stunde zu Stunde verzögerte, lebhafte Vorwürfe gemacht, daß er ſich Urbilia gegenüber ſo nachgiebig bewieſen und ſie mit Domna nach der Via Lata hatte gehen laſſen. Als der Abend herankam, ohne dem alten Manne die Tochter zu bringen, war dieſer ganz faſſungslos und brachte die Nacht ſchlaflos zu. Er konnte ſich die Sache nicht erklären und hatte 86 ſeine guten Gründe, der Verſchwundenen nicht in Auf⸗ ſehen erregender Weiſe nachzuforſchen. Wenn er ſeinen natürlichen Gefühlen hätte folgen wollen, ſo würde er ſofort die ganze Plautiniſche Straße in Aufregung gebracht und die Behörden auf⸗ gerufen haben, ihm wieder zu ſeiner verlorenen Tochter zu verhelfen. Er mußte ſeine ganze Ueberlegung und den Reſt von Kaltblütigkeit, den ihm das räthſelhafte und pein⸗ liche Vorkommniß gelaſſen, zuſammennehmen, um ſein Unglück nicht an die große Glocke zu hängen und die Löſung ruhig in der Plautiniſchen Straße abzuwarten. Denn in dem Augenblicke, wo er mit ſich im Reinen war, daß er nicht die Behörden des abhanden gekom⸗ menen Kindes wegen in Bewegung ſetzen dürfe, ſagte er ſich auch, daß ihm jeder Anhaltspunkt, der Sache auf den Grund zu ſehen, entſchlüpft ſei, da er nicht wußte, wo er anfangen ſollte, ſeine Tochter zu ſuchen. Das Einzige, was er thun konnte, war, daß er ſich erkundigte, ob Niemand bei dem geſtrigen Triumphe ein Unfall zugeſtoßen ſei, und daß er die öffentlichen Gebäude und Anſtalten, in welchen die auf der Straße verunglückten Perſonen untergebracht zu werden pfleg⸗ ten, durchforſchte. Er war von dieſer Recognoscirung, die natürlich 87 reſultatlos geblieben, kaum am ſpäten Nachmittag zu⸗ rückgekehrt, als ihm ein Blatt Papier überreicht wurde, welches während ſeiner Abweſenheit in ſeiner Woh⸗ nung abgegeben worden war. Das Blatt trug ihm unbekannte Schriftzüge zur Schau, enthielt jedoch die Aufforderung, ſeiner Tochter wegen außer Sorge zu ſein; ſie befinde ſich in guten Händen und er werde ſie wiederſehen. So vag nun auch dieſe Verſicherung war und ſo vielen Vermuthungen ſie Raum gab, indem ſie dem alten Manne namentlich die Wahrſcheinlichkeit einer ſtattge⸗ fundenen Entführung nahe legte, ſo diente ſie doch dazu, ihn in etwas zu beruhigen. Er glaubte nun doch ſicher zu ſein, daß Urbilia noch lebe und daß ihr kein eigentliches Unglück zuge⸗ ſtoßen ſei. während er nicht aufhörte darüber nachzugrübeln, ob ihn ſeine Tochter mit Willen verlaſſen habe oder ob ihrem Verſchwinden ein außerhalb ihrer Berechnung ſtehender Act zu Grunde liege, kam ihm jener junge Patricier in den Sinn, den der Nachbar Cotilius zu wiederholten Malen hatte in der Plautiniſchen Straße herumlungern ſehen wollen. Der junge Cavalier war ihm weder dem Namen noch dem Ausſehen nach bekannt, aber er erinnerte ſich, daß Urbilia's Antlitz ſich in tiefe Röthe getaucht hatte, als er am Tage des Pompejaniſchen Triumphs das Benehmen des Jünglings gegen ſie zur Sprache ge⸗ bracht. Es war immerhin möglich, daß ein geheimes Ein⸗ verſtändniß zwiſchen dieſem und Urbilia beſtanden und die letztere nur auf eine paſſende Gelegenheit gewartet habe, ſich entführen zu laſſen. Mochte Epidius nun noch ſo ſehr gegen ſich ſelbſt wüthen, daß er ſelbſt ihr dieſe vielleicht heiß erſehnte Gelegenheit gegeben, es war zu ſpät und die Tochter ihm vorläufig entrückt. Die Klugheit gebot ihm, ſeinen Nachbarn und Ge⸗ ſchäftsgenoſſen das Verſchwinden Urbilia's als ein na⸗ türliches darzuſtellen und aller Welt, die ſich über⸗ haupt dafür intereſſirte und danach fragte, das Mär⸗ chen aufzubinden, daß ſeine Tochter eine Reiſe gemacht habe. Aus ſeinen Speculationen über das ſeltſame Ereig⸗ niß, das ſo plötzlich ſein Familienleben zerſtört und ſein Hausweſen auf zwei Augen geſtellt hatte, denn Epidius war Wittwer und Urbilia ſein einziges Kind, wurde er eines Tages durch die alarmirende Nachricht aufgerüttelt, daß der Dictator den Neffen des Marius auf die Proſcriptionsliſte geſetzt und die Schleifung ſt te er un nd, cht us n 4 89 der Marianiſchen Siegesdenkmale und die Entweihung der bisher geſchonten Aſche des Marius angeordnet habe. Dieſe Nachricht traf ſeltſamerweiſe den alten Epi⸗ dius wie ein Donnerſchlag und lenkte ſeine Gedanken ſelbſt von ſeinem eigenen Familienjammer ab. Er ſah ungewöhnlich verſtört und niedergeſchlagen aus und war für ſein Geſchäft ſo gut wie verloren. An dem Tage, wo die Kriegstrophäen des Marius fielen und des großen Feldherrn Aſche in den Tiber geſtreut wurde, hielt Epidius ſeine Boutique ganz ge⸗ ſchloſſen, um Zuſchauer der vandaliſchen Acte ſein zu können. Und als dieſelben unter dem Jubelgeſchrei der Schmarotzer des Sulla in Scene gingen, ballte der alte Mann ſeine Fauſt in der Taſche, murmelte unver⸗ ſtändliche Worte, die ſich wie halbunterdrückte Flüche anhörten, und zwinkerte mit den Augen, um die Thrä⸗ nen zurückzudrängen, welche dieſe Augen feuchteten. Fortan hatte er nur für einen Mann in Rom ein lebhaftes Intereſſe, und dieſer eine war der Neffe des Marius, der eben durch den letzten Gewaltact Sulla's Gefahr lief, ſein Vermögen und vielleicht ſein Leben zu verlieren. Er wollte zu Julius Cäſar dringen, aber er erfuhr, 90 daß derſelbe unmittelbar nachdem über ihn die Acht ausgeſprochen worden, Rom verlaſſen habe und daß Niemand wiſſe, wohin er ſich gewendet. Er aber mußte mit Cäſar ſprechen. Cäſar im Glücke war für ihn eine vollkommen gleichgültige Perſon, Cäſar im Unglücke war für ihn eine Perſon von außerordentlicher Wichtigkeit. Er, der ſich bisher nicht viel um Cäſar's Vorleben gekümmert hatte, forſchte dieſem nun nach und erfuhr, daß Cäſar durch ſeine Vermählung mit Cinna's Toch⸗ ter Sulla's fanatiſchen Haß auf ſich geladen habe. Ob Cäſar verheirathet war oder nicht, das zu wiſ⸗ ſen, daran wäre unter andern Umſtänden Epidius herz⸗ lich wenig gelegen geweſen. Jetzt, wo ihm daran lag, Cäſar's Verſteck um jeden Preis kennen zu lernen, gewann die Perſönlichkeit der Gemahlin Cäſar's inſofern eine Wichtigkeit für ihn, als er combinirte, daß unter allen Menſchen Cäſar's Frau diejenige Perſon ſein dürfte, welche am eheſten um das Verſteck des Geächteten wüßte. Auf directem Wege in den Beſitz des Geheimniſſes zu kommen, konnte Epidius natürlich nicht einfallen. Es war vorauszuſehen, daß Cäſar's Gemahlin Niemand anvertrauen würde, wohin ſich Cäſar zu⸗ rückgezogen habe. be ben hr, ch⸗ viſ⸗ erß⸗ du der ihn, ars ſten —— 91 Liſt war alſo das Einzige, was hier zum Ziele führen konnte. Epidius ſagte ſich ganz richtig, daß zwiſchen den beiden Gatten ein geheimer Verkehr ſtattfinden dürfte. Der Vermittler dieſes Verkehrs hatte den Schlüſſel des Geheimniſſes in der Hand, welches Epidius in dieſem Augenblicke lebhafter beſchäftigte als ſelbſt das Schickſal ſeiner verſchollenen Tochter. Fortan bewachte Epidius förmlich das Haus, in welchem Cornelia wohnte und hatte die Genugthuung, in kurzer Zeit zu entdecken, daß jeden zweiten Tag ein und derſelbe Mann in dieſem Hauſe Zutritt fand, um es nach einigen Stunden wieder zu verlaſſen. Epidius ſchloß ſofort, daß dieſer geheimnißvoll ab und zu gehende Mann den Briefwechſel zwiſchen den beiden Gatten vermittle. Er heftete ſich an ſeine Ferſen, konnte aber weiter nichts herausbringen, als daß der Unbekannte unfern von Rom regelmäßig eine Gondel beſtieg, die von vier Ruderern in Bewegung geſetzt wurde. Es wäre Epidius vielleicht nicht unmöglich gewe⸗ ſen, den geheimnißvollen Boten den Tiber entlang zu verfolgen, aber dieſe Verfolgung hätte wahrſcheinlich die Aufmerkſamkeit deſſen erregt, dem ſie gegolten, und denſelben veranlaßt, außerordentliche Vorſichts⸗ 92 maßregeln zu ergreifen, die Epidius leicht um alle Re⸗ ſultate des bisher Erforſchten hätten bringen können. Er beſchloß daher dem Boten auf eine andere Art beizukommen. Er erwartete ihn eines Tages in der Nähe der Stelle, von welcher aus jener den Waſſerweg einzu⸗ ſchlagen pflegte, und als er, den Tiber ſtromauf rudernd, wirklich an der Stelle landete, geſellte er ſich auf dem Wege nach Rom in harmloſer Weiſe zu ihm. Er ſpielte den unbefangenen Geſellen und veran⸗ laßte ihn, in eine Schenke einzutreten, in welcher er den großmüthigen Bewirther in ſo umfaſſender Weiſe ſpielte, daß dem der glühenden Weine Süditaliens Ungewohnten bald die Sinne ſchwanden. Er durchſuchte die Kleider des Berauſchten und entdeckte den Brief, den dieſer an Cornelia befördern ſollte. Mit ſeinem Funde ergriff er die Flucht, ohne das Erwachen des Boten abzuwarten, der, als er ſich be⸗ raubt ſah, auf dem Landwege nach Eretum zurückkehrte und ſich Narciſſus gegenüber, der den Vermittler der Correſpondenz zwiſchen Cäſar und dem Boten ſpielte, mit der Ausflucht half, daß er den Brief verloren habe, weshalb er nach gemachter Entdeckung auf hal⸗ bem Wege umgekehrt ſei, ohne erſt nach Rom zu gehen. ind ern das 93 Narciſſus, der natürlich den wahren Sachverhalt nicht kannte, aber doch durchblickte, daß er es betreffs der Angabe des Boten mit einer Lüge zu thun habe, nahm dieſe Lüge gläubig auf, um bei dem Boten nicht erſt den Glauben aufkommen zu laſſen, daß es ganz beſon⸗ ders wichtige Briefe geweſen ſeien, deren Beſteller er geweſen. Im Stillen beſchloß er ſeine Maßregeln zu treffen und den unverlaßlichen Boten außer Thätigkeit zu ſetzen. Epidius erſah aus dem Briefe, den er an ſich ge⸗ bracht hatte und unbeſtellt ließ, da er einmal erbrochen war, wo ſich Cäſar aufhalte, und ſo kam es, daß er ſich an demſelben Tage nach Catilina's Villa bei Ere⸗ tum auf den Weg machte, an welchem auch Cäſar's Gemahlin die innere Unruhe nach den ſabiniſchen Vor⸗ bergen, die ihr Theuerſtes umfaßten, trieb. Neuntes Kapitel. Der Freigelaſſene des Marius. Da Epidius nicht von jener ängſtlichen Rückſicht für Cäſar's Sicherheit beherrſcht war wie Cornelia, welche die Nacht für die einzige paſſende Zeit hielt, um zu ihrem Gemahl zu reiſen, ſo kam er auch vor Cornelia auf Catilina's Landſitz bei Eretum an. Narciſſus, welcher in ſeiner Fürſorge für Cäſar's Sicherheit ſein Auge überall hatte und Jedem, der ab und zu ging, ſeine forſchende Aufmerkſamkeit zuwendete, empfing Epidius mit der Frage, wen er ſuche und welches Anliegen ihn nach Catilina's Beſitzung führe. „Ich ſuche den Mann, an welchem Catilina ſeine Gaſtfreundſchaft übt!“ ſagte Epidius.„Ich ſuche ihn in guter Abſicht, denn ich bin ein Freigelaſſener des Marius und von einem ſolchen hat der Neffe des Ma⸗ rius nichts zu befürchten.“ icht lig, ielt⸗ vor ars h dete, und hre eine ihn des Ma⸗ R 95 Narciſſus muſterte den alten Mann, der ſich in ſo eigenthümlicher Weiſe einführte, mit prüfendem Blicke, und da er ihm Vertrauen erweckend ausſah, ſo ſagte er: „Ich will Dich melden, erwarte mich hier!“ Sobald Cäſar hörte, daß ihn ein Mann zu ſpre⸗ chen wünſche, der zu ſeinem Oheim in nahen Beziehun⸗ gen geſtanden, rief er erfreut und bewegt: „Herein mit dem braven Manne, der dem Oheim gedient hat und ſich des Neffen erinnert, der im Un⸗ glücke iſt! Warum haſt Du ihn nicht gleich mitge⸗ bracht?“ „Fürchteſt Du nicht, Cäſar, daß der Fremde ein Spion ſein könnte, der die Freundesmaske vornimmt, um Dich ausfindig zu machen?“ wandte Narciſſus be⸗ ſorgt ein.„Es iſt vielleicht einer, den es nach den vierzigtauſend Seſterzien gelüſtet, die auf Deinen Kopf geſetzt ſind! Wer weiß es? Wer kann dem Manne ins Herz ſehen? Er hat vielleicht auf den Strauch geſchlagen; er weiß nicht beſtimmt, ob Du hier biſt, und will ſich deſſen verſichern. Noch können wir Dich verleugnen. Hat er aber den unumſtößlichen Beweis, daß Du Dich hier aufhältſt, und kommt er in feind⸗ licher Abſicht, ſo iſt hier Deines Bleibens nicht mehr!“ „Ich danke Dir für Deine wohlmeinende Warnung, 96 Narciſſus“, rief Cäſar,„aber laß uns das Mißtrauen nicht zu weit treiben! Wie kannſt Du mir zumuthen, meine Thür ängſtlich einem Manne zu verſchließen, der ſich als ein Diener meines Oheims Marius bei mir einführt?“ Narciſſus ging achſelzuckend fort, um Cpidius zu holen. „Ich grüße Dich, Neffe des Marius!“ ſagte Epi⸗ dius mit bewegter Stimme, ſobald er eingetreten war und einen flüchtigen Blick auf Cäſar geworfen hatte, der ihm mit ausgeſtreckter Hand entgegenkam. „Du dienteſt meinem Oheim— ſei mir willkom⸗ men!“ empfing Cäſar in herzlichem Tone den Unbe⸗ kannten. „Ich war vierzig Jahre um Marius, Herr“, ſagte Epidius mit gegen die Rührung ankämpfender Stimme; „erwäge danach, wie eng mich Gewohnheit an ihn bin⸗ den mußte, wenn mich auch die Liebe nicht noch enger mit ihm verknüpft hätte! Ich zog mit ihm in den erſten Feldzug, den er mitmachte, und wich von da an nicht von ſeiner Seite, bis er den höchſten Gipfel des Glücks erklommen hatte!“ „Du warſt dabei, als er ſich die erſten Sporen verdiente?“ fragte Cäſar lebhaft. „Er hatte mich gekauft, als er in den ſpaniſchen gte e; bin⸗ ger den an ren chen 5 Krieg zog; er war dreiundzwanzig, ich dreizehn Jahre alt“ entgegnete Epidius, indem ſich etwas von dem längſt erloſchenen Jugendfeuer in ſeinen Augen zeigte. „Er brauchte einen Troßbuben und ich hielt ihm Pferd und Waffen ſo ſauber, daß der ſtrenge Scipio, unſer Feldherr im numantiniſchen Feldzuge, beide belobte, als mein Herr eines Tages durch ſeine Tapfer⸗ keit die Aufmerkſamkeit des Feldherrn auf ſich gezogen hatte. Ich pflegte ihn, als er verwundet im Lager lag, und ging mit ihm, nachdem er ſeinen ehrenvollen Abſchied genommen, auf Reiſen nach Aſien und Afrika, in welchen Welttheilen er Handelsverbindungen an⸗ knüpfte, da ſein Herz nach Ehre dürſtete und die Adels⸗ partei, die in Rom herrſchte, dem Grundſatze huldigte, daß Ehre ohne Geld nicht zu erlangen ſei.“ „Iſt es denn heute anders, trotzdem das Leben eines Marius zwiſchen damals und heute fällt?“ warf Cä⸗ ſar mit bitterem Lächeln ein.„Sobald das Geld da war, fanden ſich auch die Ehrenſtellen, nicht wahr?“ „So iſt's, Herr!“ gab Epidius zu.„Der arme Marius mußte Krämer werden, der durch das Krämer⸗ handwerk reich gewordene Marius wurde Prätor, Con⸗ ſul, Proconſul und focht bald in Spanien und Afrika als ruhmreicher Feldherr. Ich war dabei, ich war immer ſein Troßbube, ſein Leibdiener. Er war mir Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. I. 98 ein guter Herr— wem wäre er das nicht geweſen? Er war ja ſelbſt aus dem Volke und liebte das Volk! Das konnten ihm freilich die adligen Herren nicht ver⸗ geſſen! Weil er nicht griechiſch ſprach, in griechiſchen Komödien nicht gähnte und ſeine Haare nicht parfümirte, darum nannten ſie ihn einen Bauer und lachten und witzelten über ihn! Aber er hat ihnen ihr Lachen und ihre Witzeleien heimgezahlt!“ Epidius' Augen funkelten, als er ſo ſprach. Cäſar ſah ihn wohlgefällig an und drückte dankbar ſeine Hand. „Und wie ängſtlich ſahen ſich die nach ihm um, die noch die Lippen vom Lachen über ihn verzogen hatten, als der Schrei durch Rom ging: Die Deutſchen, die Cim⸗ pern ſind da!“ fuhr Epidius fort.„Wie fragten ſie alle: Wo iſt Marius? Wie ſchrieen ſie in den Gaſſen, auf den Foren und im Senate: Marius, ſchütze uns, rette uns vor den Barbaren! Hei, war das ein Tanz, als die adligen Generale Carbo, Silanus, Longinus und Scaurus hinter einander geſchlagen wurden! Scaurus glaubte ſein adliges Maul nur aufthun und den Cimbern rathen zu dürfen, ſich nicht nach Italien zu wagen, flugs hatte ihn der Eimbernkönig Bojorir beim Genick und machte ihm mit eigenen Händen den Garaus. Aber was war das Alles gegen den Schandtag von Arauſio, wo, während ſich die —— n7 ! er hen rte, und hen kbar 99 adligen Feldherren Manlius und Cäpio noch um den Oberbefehl ſtritten, Bojorix zuerſt über den einen, dann über den andern herfiel, daß nach drei Tagen unſer immenſes Heer bis auf zehn Mann niedergemacht war, die ſich über den Fluß gerettet hatten, durch den die klugen Adelsmarſchälle ſich den Rücken gedeckt zu haben glaubten!“ „Verweile nicht bei dieſem entſetzensvollen Tage, der achtzigtauſend römiſchen Soldaten und vierzigtau ſend Troßbuben das Leben koſtete!“ rief Cäſar, ſein Antlitz verhüllend, in ſchmerzlichem Tone.„Alle Siege meines Oheims waren kaum im Stande, die gewaltige Schmach dieſes mörderiſchen Tages wegzutilgen!“ „Und jetzt kamen wir!“ nahm Epidius den Faden ſeiner Schilderung in faſt triumphirendem Tone wieder auf. „Auf den durch Cäpio entweihten conſulariſchen Stuhl wurde mein Herr geſetzt und von Afrika ging es mit Stur⸗ meseile nach Gallien gegen die Eimbern und Deutſchen! Sie haben ihn ſpäter verhöhnt, weil er den Zug von Afrika ins Eimbernland dem Zuge des Bacchus von Erdtheil zu Erdtheil verglich und ſich für ſeinen Ge⸗ brauch einen Becher nach dem Muſter des bacchiſchen anfertigen ließ— ſie hatten leicht höhnen, ſie waren nicht mit dabei, als es nach Gallien ging und unſere Soldaten zu zittern anfingen, wenn nur der Name Eimbern und Deutſche ausgeſprochen wurde!“ 7*5 100 „Das Volk hat ihn nie gehöhnt!“ verbeſſerte Cäſar Epidius.„Das Volk nannte ihn im richtigen Inſtinkte den zweiten Romulus, den zweiten Curtius, denn hatte er ſich nicht wie Curtius in den offenen Abgrund ge⸗ ſtürzt, um Rom zu retten?“ „Ich ging mit von Afrika nach Gallien“, nahm Epidius wieder mit Eifer das Wort;„ich trug ihm ſeinen Schild, umgürtete ihn mit den Schwerte und neſtelte ihm den Helm feſt. Ich war dabei, als er den Legionen die alten Feldzeichen, den Wolf, den Stier, den Eber und das Roß nahm und ihnen die ſilbernen Adler gab, als er ausrief: Cäpio hat die alten Feld⸗ zeichen in Mißcredit gebracht, ihr müßt unter neuen fechten. Zeigt den Eimbern die Adler und wehe der Legion, die ſich ihren Adler nehmen läßt!“ „Er hat ſie wieder zu Ehren gebracht, die geſchän⸗ deten römiſchen Feldzeichen!“ rief Cäſar begeiſtert. „Er hat ſie zu Ehren gebracht an dem heißeſten aller Tage, die ich an ſeiner Seite verlebt habe“ gab Epidius mit einer ernſten Kopfneigung zu.„Er er⸗ wartete den Feind im wohlbefeſtigten Lager, weil er den neuen Truppen nicht traute. Die ſchweren thra⸗ ziſchen Reiter, die leichten afrikaniſchen Berittenen, die leichthändigen baleariſchen Schleuderer und die kräftig einherſchreitenden Ligurer hatten ſich andern Feinden ſar nkte atte ge ahm ihm und den tier, men Feld⸗ euen der hin⸗ zeſten „gob er⸗ il er thro⸗ di riftig inden 101 gegenüber trefflich bewährt, den Barbaren gegenüber war aber ebenſo wenig auf ſie zu rechnen wie auf das junge Rekrutenvolk. Sie brauchten Schanzen, um ſich erſt auf den neuen Krieg mit den Wilden einzuüben; hinter dieſen Schanzen ſchulten ſie ſich zu Löwen. Marius erfocht den erſten Sieg gegen die Deutſchen, indem er in dreitägiger Sturmſchlacht ſein Lager gegen ihren Anprall behauptete. Der fruchtloſen Angriffe müde, zogen ſich die Deutſchen zurück und an uns vorüber nach Italien. Marius ließ ſie ruhig ziehen, nahm ruhig ihre Spottreden hin, ihre Fragen, ob wir nicht Aufträge hätten an unſere Frauen daheim? Ein⸗ mal, als wieder das Hohnwort herübertönte, beugte ſich der Feldherr zu mir nieder und ſagte mit feſter Zuverſicht: Meine Frau ſollen ſie mir nicht grüßen. O Cäſar, Du weißt nicht, wie hoch Marius ſeine Ge⸗ mahlin, Deine edle Tante Julia hielt, wie er es ihr nie vergaß, daß ſie, die ihre Abkunft von Königen und Göttern herleitete, ſich zu ihm herabgelaſſen hatte!“ „Er hat ſie verdient!“ unterbrach Cäſar tief er⸗ griffen den alten Mann. „Ich habe des Marius zärtliche Sorge für Julia geſehen“, fuhr Epidius fort,„ich habe ſeine Seufzer gehört, ich habe ihn das Schickſal mit Vorwürfen überhäufen hören, daß es ihn immer wieder von 102 — Julia trenne, ich allein weiß, wie werth ihm ſein Weib war. Als er Schritt vor Schritt, Tagereiſe um Tage⸗ reiſe den Deutſchen folgte, unausgeſetzt über Combi⸗ nationen ſinnend, den Feind zu faſſen und zu vernich— ten, blieb ihm doch immer noch Zeit übrig, ſich mit Julia zu befaſſen. Oft am Abend, wenn ich ihm das Schwert vom Körper löſte, ſagte er zu mir mit von Zärtlichkeit geſchwellter Stimme: Wir nähern uns Julia.“ „Mein edler Oheim!“ flüſterte Cäſar gerührt. „Einmal geriethen die Deutſchen mit unſerer Vorhut ins Handgemenge beim Woaſſerſchöpfen, da kam es über Marius wie eine Inſpiration. Er ließ Martha die Chaldäerin rufen, auf deren Rath er mehr hörte als auf ſeinen Kriegsrath, und fragte ſie mehr mit dem Blicke als mit Worten, ob er losſchlagen ſolle. Und als Martha bejahend nickte, befahl er den Angriff. Zu mir ſagte er: Du wirſt heute nicht neben mir kämpfen, ich brauche Jemand, der mir den Troß zuſammenhält. Du wirſt hingehen und dafür ſorgen, daß ſie nicht fliehen; den erſten, der ſich vor dem Feinde fürchtet, haue nieder. So kam ich am Tage von Aquä Sextiä zum Troß, den der Feldherr in einem waldigen Verſtecke hatte Stellung nehmen laſſen, um den immer noch Furcht⸗ ſamen den Anblick des Feindes möglichſt zu entziehen.“ 103 „O eile, von dem ruhmreichſten aller Tage zu ſpre⸗ chen“ drängte Cäſar in faſt fieberhafter Spannung. „Es war ein furchtbares Ringen— die Deutſchen ſtanden ſtundenlang wie die Mauern— immer neue Truppen führt Marius ins Gefecht— die Sonne, welche die Kräfte der Feinde lähmt, die bisher gewohnt waren, ihre Schlachten unter rauherem Himmel zu ſchlagen, wird ſein Bundesgenoſſe, und o Glück, mir wird es be⸗ ſchieden, meinem erhabenen Feldherrn einen Dienſt er⸗ weiſen zu können! Ich führe den Troß aus dem Walde in die freie Lichtung und zeige ihm den Feind, der uns, in ein heißes Gefecht verwickelt, den Rücken zukehrt. Wir können durch eine Kriegsliſt ſeine ge⸗ ſchloſſenen Reihen zum Wanken bringen, ſage ich zu den Tauſenden, die mich umſtanden— habt ihr Muth? Die Troßbuben kennen mich, hoffen, daß ich ſie dem Feldherrn rühmen werde, bezwingen ihre Furcht vor den wild ausſehenden Feinden und bejahen meine Frage. Auf denn! ſchreie ich und ſtürze mich, ein wildes Geheul erhebend, von dem bewaldeten Berge gegen die Deutſchen. Tauſend Troßbuben folgen mei⸗ nem Beiſpiel. Unter entſetzlichem Geheul wälzt ſich die Schaar auf die Deutſchen zu, welche ſtutzen, nicht wiſ⸗ ſen, wohin ſie ihr Augenmerk richten ſollen, ob nach vorn oder nach hinten; ihre Reihen löſen ſich, Marius 104 führt einen entſcheidenden Stoß— die Schlacht iſt ent⸗ ſchieden. Am Abend gibt es kein deutſches Heer mehr, Teutobod, der deutſche Heerführer, iſt in unſerer Gewalt.“ „Heil Marius, dem Sieger von Aquä Serxtiä!“ rief Cäſar feurig. „So rief das ganze Heer, ſo riefen Volk und Se⸗ nat!“ ergänzte Epidius.„Und mit noch ſchönern Worten lockte Julia, aber Marius folgte, ſo ſehr er auch Julia liebte, doch nicht der ſüßen Lockung und noch weniger der nicht minder ſüßen Lockung des Triumphs. Ich muß erſt noch die Cimbern ſchlagen, ſagte er, ehe ich meinen Triumph halte und meine Julia in die Arme ſchließe. Mir aber gab er am Abend der Schlacht die Freiheit und ſchickte mich an Julia nach Rom. In meiner Begleitung waren Teutobod's Frauen und Töchter, die beſtimmt waren, Julia's Sklavinnen zu werden.“ „Du haſt alſo den Sieg über die Eimbern nicht mitgemacht?“ forſchte Cäſar. Epidius ſchüttelte mit dem Kopfe und ſagte: „Marius ſtattete mich nach dem Tage von Aquä Sextiä reichlich mit Geld aus und befahl mir das Leben zu genießen. Du haſt mir treu gedient, ſagte er zu mir, gehe jetzt heim und thue etwas für Dich; nt⸗ hr, rer — 105 ich bin im Glücke und kann Deiner entrathen; der Glückliche hat Freunde und Diener genug. Geh und komme wieder, wenn mir das Glück den Rücken kehren ſollte und Du mir dann noch einige Anhänglichkeit be⸗ wahrt haſt! Ich folgte dem Befehle, und während Marius den Eimbernkönig Bojorix fing und ſein Heer vernichtete, daß bald von den rieſigen Heeren der Deutſchen und Eimbern nichts übrig geblieben war als eine Handvoll Gefangener, die auf den Skaven⸗ markt in Rom wanderten, ging ich die Wege, die mein Herr einſt gegangen war. Ich wurde Kaufmann, ſpe⸗ culirte glücklich und mein Reichthum vermehrte ſich von Tag zu Tag, da auch das Weib, das ich mir ge⸗ nommen, zu Hauſe den Wohlſtand mehren half. Die Götter mögen es ihr lohnen, was ſie Gutes an mir gethan! Leider ſtarb ſie mir viel zu früh und ließ mich mit meiner Tochter Urbilia hülflos in der Welt zurück.“ „Urbilia heißt Deine Tochter?“ rief Cäſar über⸗ raſcht und von einer ſüßen Erinnerung befangen. „Urbilia— ich liebe den Namen, er kommt mir ſchö⸗ ner vor als jeder andere Name!“ „Ich habe ihn in der letzten Zeit haſſen gelernt!“ ſagte Epidius finſter.„Aber das gehört nicht hierher. Ich muß Dir nun noch mittheilen, wie ich wieder zu 106 Marius kam. Ich brauche Dir nicht ins Gedächtniß zurückzurufen, wie der Retter Roms zum unſaglichen Verdruß der Adelspartei fünfmal hinter einander Conſul wurde, wie er mit Sulla, ſeinem ehemaligen Unteroffizier und nunmehrigen Parteigänger des Adels, Zerfiel und es dahin brachte, daß ihm an Stelle des abzuberufenden Sulla der Oberbefehl in Aſien gegen Mithridates übertragen wurde.“ „Wohl brauchſt Du mich nicht daran zu erinnern!“ fiel Cäſar dem Alten in die Rede, um tief aufſeufzend, als drückten ihn ſchmerzliche Reminiscenzen, fortzu⸗ fahren:„Ich war damals wohl noch ein Knabe, aber ein unſaglicher Haß gegen Sulla erfaßte mich, als die Kunde in Rom anlangte, Sulla widerſetze ſich ſeiner Abberufung, habe die Tribunen, die ihm dieſelbe zu melden hatten, von ſeinen Soldaten in Stücke hauen laſſen und rücke mit ſeinen Legionen gegen Rom. Ich höre noch den Aufſchrei des Volkes: Sulla iſt vor den Thoren, Sulla hat die heilige Ringmauer, die bis⸗ her jedem Friedensbrecher eindringlich Halt geboten hatte, nicht reſpectirt, Sulla rückt ein! Ja, er war da, er ritt ſeiner Soldateska voran und ſchwang ſelbſt eine brennende Fackel in der Hand, um anzudeuten, daß er Rom an allen vier Ecken anzünden wolle, wenn man ihn den Weg verſperre! Ich ſehe trotzdem 107 die Steine fliegen gegen ſeine weinberauſchten Sol⸗ daten, ich ſehe Marius die Bürger gegen ihn ins Treffen führen, aber die Bürger fliehen und als Marius den Sklaven, die gegen Sulla fechten würden, die Freiheit verſpricht, treten nur drei Kamfpfluſtige vor! Das Volk läßt den Helden von Aquä Sertiä ſchmählich im Stiche!“ „An dieſem Tage, in dieſer kritiſchen Stunde war es, wo ich mein Schickſal wieder an das meines ehemaligen Herrn knüpfte!“ nahm der Alte von neuem mit großer Lebhaftigkeit das Wort.„Ich ſah Marius in Gefahr ſchweben und wurde wieder ſein Troßbube. Ich ver⸗ grub in Haſt mein Vermögen in die Keller meines Hauſes, ſchloß mein Geſchäft, übergab mein Kind ſichern Händen und kam noch rechtzeitig, um mit mei⸗ nem geſchlagenen Feldherrn durch ein von den Sulla⸗ nern noch nicht beſetztes Thor aus Rom zu entſchlü⸗ pfen. Wir liefen um unſer Leben, mein Feldherr und ich. Die Reiter Sulla's waren hinter uns; wären ſie nicht zufällig auf den Tribun Sulpicius geſtoßen und hätten ſie dieſen nicht auf Sulla's Befehl um einen Kopf kürzer zu machen gehabt, wir wären ihnen nicht entgangen. So aber gewannen wir einen Vorſprung und ſchifften uns in Oſtia ein, während Sulla des Sulpicius Kopf auf die Rednerbühne des römiſchen 108 Forums heften ließ. Welch eine Flucht war das! Die Feinde hinter uns, den Sturmwind in unſern Segeln, mit zerſchelltem Maſte, ausgehungert landeten wir bei Circei. Alle Freunde und Anhänger waren von uns gewichen, das: Rette ſich, wer kann! war das Loſungswort aller. Halb führte, halb trug ich den Feldherrn von Ort zu Ort, am Ufer mich haltend, denn Marius wollte lieber ins Meer ſpringen, als ſich fangen laſſen.“ „Welch eine Lage!“ murmelte Cäſar entſetzt. „Hunger trieb uns nach Minturnä“ ſetzte Epidius mit leiſer Stimme ſeine Erzählung der Leiden des Marius fort, die ihn ſelbſt ſo angriff, daß er vor Auf⸗ regung zitterte.„Aber als der Feldherr das Brod, das ihm mitleidsvolle Seelen geſchenkt, ohne ihn zu kennen, an die Lippen führt, erblickt er Sulla's Rei⸗ ter, die von einem Hügel ausſpähen. Er iſt nicht zu halten, und er, der den Cimbern und den Deutſchen unerſchrocken ins Auge geſchaut, läuft dem Meere zu, hungrig wie er war. Hätte nicht zufällig ein Schiff an der Mündung des Garigliano gelegen, er hätte ſich ins Meer geſtürzt. Das Schiff nimmt ihn zwar auf, ſetzt ihn aber wieder ans Land, ſobald der Ka⸗ pitän erfährt, wer der Flüchtling ſei. Niemand will es mit Sulla verderben!“ 109 „Die Elenden!“ murmelte Cäſar zähneknirſchend. „Ich ſchleppe Marius, der ſich vor Ermüdung nicht mehr auf den Beinen halten kann in das Schilf, wel⸗ ches aus dem ſumpfigen Ufer von Minturnä hervor⸗ wächſt“ fuhr Epidius faſt athemlos haſtend fort;„ich wühle ihn bis zum Gürtel in den Sumpf ein, indem ich ein Loch um ſeinen Körper mit den Händen grabe, ſein Haupt decke ich mit Schilf und ſehe ihn einſchla⸗ fen vor Erſchöpfung. Aber der Späherblick der Feinde vereitelt alle meine Anſtrengungen, meinen geliebten Herrn zu retten. Man umzingelt uns, ſchleppt uns in die Stadt, wirft uns ins Gefängniß, kaum daß mir inſtändige Bitten die Vergünſtigung erwirken, bei meinem Herrn bleiben zu dürfen. Da, in dieſem Ge⸗ fängniß von Minturnä war es“ flüſterte Epidius mit vor Bewegung faſt erſtickter Stimme,„wo mir Marius Grüße an ſein Weib ins Ohr ſeufzte, vermeinend, es ſeien die letzten, die er ihr ſenden würde. Wenn Du mich überlebſt, ſagte er mit bebender Stimme zu mir, ſo ſuche Julia auf und ſage ihr, daß ſie mein letzter Gedanke war, und kannſt Du etwas für ſie oder einen meiner Verwandten und Freunde thun, ſo thu's! Da— bei ſah er mich wie flehend an und Thränen ſtanden in ſeinen Augen; aus den meinen ſtürzten ſie in Strö⸗ men. Auf unſere Köpfe träufelte die Feuchtigkeit des 110 ausſchwitzenden Steins und wir ſtanden bis über die Knöchel im Schlammwaſſer, denn das Gefängniß, in das man uns geſteckt, war eine unter der Höhe des Meeres liegende Felſenhöhle. Ich gelobte in des Feld⸗ herrn Hand, zu thun, wie er gewünſcht, und noch war mein Schwur nicht verhallt, da blicke ich in Augen, in Augen, ich werde dieſe Augen nie vergeſſen! Sie gehörten einem Eimber, den man ausgeſandt, Marius zu tödten. Aber dieſen funkelnden Augen begegneten zwei andere, die beſtimmt ſchienen, das blitzartige Leuchten der erſtern auszulöſchen. Lange wurzelten die beiden Augenpaare in einander, Marius hatte die ihm drohende Gefahr erſchaut, war dem ausgeſandten Mörder furchtlos entgegengetreten und hatte ihm mit einer donnerähnlichen Stimme zugerufen: Biſt Du der Mann, der den Marius tödten ſoll? Und nun geſchah das Unerhörte. Wie der Eimber die mächtige Stimme hört, die er von Vercellä her kannte, wo Marius ſeine Landsleute in wilder Schlacht zerdrückt, wie man eine läſtige Fliege zerdrückt, da fängt er an zu zittern, wirft das Schwert weg und flieht. Die Thür läßt er offen und durch dieſe offene Thür ver⸗ läßt Marius unangefochten den Kerker, denn die Minturner laſſen ihn nun ziehen. Wie wollten ſie fürder dem etwas anhaben, den ſelbſt der wilde Eimber geſchont, der doch in ihm den Ueberwinder ſeines Volkes haßte? Ich klammerte mich an die Ferſen des Feldherrn, wir gewannen die offene See und landeten bei Karthago.“ „Ich ſehe ihn im Geiſte auf den Trümmern Kar⸗ thagos umherirren, den edlen, unglücklichen Greis!“ fiel Cäſar dem Freigelaſſenen in die Rede und hemmte die Thränen nicht, die ihm das Auge füllten. „Wieder hetzte man uns wie wilde Thiere, ver⸗ trieb uns ſelbſt aus Karthagos Ruinen und jagte uns auf die numidiſche Sandküſte, wo uns der perfide König zuerſt in Sicherheit einzulullen, dann zu fangen ſuchte, um des Marius Kopf als Empfehlungsbrief in Rom zu benutzen. Ein Nomadenleben wars, das wir führten, ich meines Herrn einziger Begleiter. Da traf dieſen die Kunde, daß Sulla vollauf in Aſien beſchäf⸗ tigt ſei, wohin er ſich kurze Zeit nach der Einnahme Roms wieder begeben hatte. Von einem großen Ge⸗ danken erfaßt, ſendet mich Marius an den Conſul Einna nach Rom, welcher der Volkspartei angehört, während ſein College Octavius die Adelspartei ver⸗ tritt. Es gelingt mir, Rom unangefochten zu erreichen, Einna zu ſprechen, ihm des Marius Aufforderung, die Sullaniſche Herrſchaft in Rom zu ſtürzen, während Sulla in Aſien beſchäftigt iſt, zuzuflüſtern. Einna läßt 112 es ſich nicht zweimal ſagen, er erhebt die Fahne des Aufſtandes, wird überwunden, Octavius läßt zehntau⸗ ſend ſeiner Anhänger über die Klinge ſpringen, taucht Rom in ein Blutmeer, aber ſchon arbeitet die Rache⸗ göttin; dem fliehenden Cinna geſellt ſich Marius zu, der mit fünfhundert Reitern Numidien verlaſſen hatte. Er marſchirt auf Rom, ſein Haufe ſchwillt an, aus fünfhundert Begleitern werden im Handumdrehen fünf⸗ tauſend, fünfzigtauſend. Wo der Name Marius er⸗ tönt, da laufen die Soldaten, die Bürger haufenweiſe herbei; der Feldarbeiter verläßt den Acker, um dem ſilbernen Adler des Marius zu folgen, und ehe vier Wochen verfloſſen ſind, glänzt dieſer Adler auf dem Capitol.“ „Und Du, was machteſt Du in den Tagen der wiederhergeſtellten Herrſchaft meines Oheims?“ erkun⸗ digte ſich Cäſar neugierig, da ihm das Schickſal des treuen Dieners und Waffengefährten des Marius große Theilnahme einflößte. „Ich kehrte wieder zu meinen friedlichen Geſchäften zurück, denn Marius war im Glücke und brauchte mich nicht mehr. Ich benutzte mein bereits geſammeltes Vermögen, um die Güter der von Marius und Cinna geächteten Adligen zu kaufen. Aber ich war vorſichtig und verkaufte die von mir erſtandenen Güter gleich in bo hat kan St ge eig rig i nic 113 wieder mit Vortheil. Der Adel konnte ja wieder zur Gewalt kommen und ich war dann ein geſchlagener Mann!“ „Deine Vorausſicht hat ſich bewährt!“ warf Cäſar in düſterem Tone ein. „Es war ein Glück, daß ich mich in ſtiller Ver⸗ borgenheit gehalten und gleichſam incognito gearbeitet hatte! Marius ſtarb wohl im Glücke, aber welche Zeit kam dann! Sulla kehrte wieder, Rom wurde ein Schlachtfeld, der Sohn des Marius ſtürzte ſich geſchla⸗ gen in ſein eigenes Schwert, Cinna mordeten die eigenen Soldaten.“ „Was rufſt Du mir meines Schwiegervaters trau⸗ riges Ende ins Gedächtniß!“ wehrte Cäſar mit ſchmerz⸗ licher Betonung den Erzähler ab. „Verzeihe, daß ich Ereigniſſe berührte, an die Du nicht gemahnt ſein magſt. Und doch konnte ich ſie nicht umgehen, denn ſie bilden eine Brücke zu dem, was mich eigentlich zu Dir geführt hat, edler Cäſar. In den Tagen, wo des edlen Marius Haus wankte, ging ich zu Julia, ſeiner Wittwe, und fragte ſie unter Thränen, ob ich ihr irgendwie von Nutzen ſein könnte. Sie aber ſagte mit hoheitsvollem Blicke, daß ſie mir vorkam wie eine Niobe, wie die Niobe Roms: Mein Unglück iſt zu groß, als daß mir Jemand helfen könnte. Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. I. 8 114 Geh hin und ſorge für Dich ſelbſt. So ging ich denn hin, vergrub meine Schätze, vergrub mich ſelbſt in eine Straße Roms, in der man mich nicht kannte und aus der ich nie herauskam. Ich nahm einen an⸗ dern Namen an, denn nicht Epidius iſt der Name, unter dem ich Marius diente und den ich bis zu der letzten Kataſtrophe geführt, die Sulla wieder ans Ruder brachte. Ich kaufte mir ein kleines Haus in der Plautiniſchen Straße—“ „In der Plautiniſchen Straße?“ dehnte Cäſar über⸗ raſcht und wollte ſchon hinzuſetzen:„Und Deine Tochter heißt Urbilia?“ als er ſich noch rechtzeitig beſann und an ſich hielt. Der Alte, der keinen beſondern Sinn hinter Cäſar's Frage witterte, nickte mit dem Kopfe und fuhr harm⸗ los fort: „Errichtete in dieſem Hauſe ein kleines Geſchäft, welches geeignet war, eher die Aufmerkſamkeit der Welt von mir abzulenken, als ſie anzuziehen, benutzte meine Tochter Urbilia zur Hütung der babyloniſchen Stoffe, mit denen ich handelte—“ „Mit babyloniſchen Stoffen handelteſt Du alſo in der Plautiniſchen Straße?“ murmelte Cäſar faſt ver⸗ ſtört und von großer Unruhe befallen. Es ſchien ihm fortan zweifellos, daß er in dem Fr Ple hüt mi To ſoll ſa ſch iſt ic ni MWe 115 Freigelaſſenen des Marius den Vater Urbilia's vor ſich habe, denn die Dinge klappten zu ſehr. Er hatte Urbilia kennen gelernt, als ſie in der Plautiniſchen Straße die babyloniſchen Kleiderſtoffe ge⸗ hütet. Es hätte alſo mit ſeltſamen Dingen zugehen müſſen, wenn Urbilia, ſeine Geliebte, nicht Urbilia, die Tochter des Mannes, der vor ihm ſtand, hätte ſein ſollen. Dabei ſchien es, daß dieſer Mann durchaus nicht in einer feindſeligen Abſicht gekommen ſei, und über⸗ haupt keine Idee davon habe, daß ſich Urbilia in Cäſar's Händen befinde. Um über einen Punkt, der ihn lebhaft beſchäftigte, ins Reine zu kommen, ſetzte er zu ſeiner früher wie abſichtslos hingeworfenen Frage noch hinzu: „Urbilia hütet Dir wohl auch jetzt noch Deine Schätze, während Du mich aus einer Urſache, die Du mir noch nicht genau angabſt, beſuchſt?“ „Ich weiß ſeit acht Wochen nichts von Urbilia!“ ſagte Cpidius in zwiſchen Traurigkeit und Verdruß ſchwankender Stimmung.„Ich weiß nicht, lebt ſie noch, iſt ſie todt, iſt ihr ein Unglück zugeſtoßen, hat man ſich ihrer bemächtigt— eines Tages ging ſie fort von mir, allerdings mit meiner Erlaubniß, und kam nicht wieder. Vielleicht hat man mir mein einziges Kind 8 116 geſtohlen, vielleicht hat es mich auch freiwillig ver⸗ laſſen.“ Cäſar, der jetzt die Gewißheit hatte, die er geſucht, fühlte ſich dem Vater Urbilia's gegenüber gedrückt. Es war weniger die Furcht, daß Epidius ſeinem Kinde hier begegnen könnte, die ihn beſchäftigte und verſtimmte, als der Gedanke, daß er dem Manne, der ein ſo treuer Diener ſeines Oheims geweſen und ihn ſelbſt in anſcheinend wohlwollender Abſicht aufgeſucht, ſein Kind weggenommen habe. „Aber nicht von meiner Tochter wollte ich ſprechen, ſondern von Dir, edler Cäſar!“ ſagte Epidius, ſich aus ſeinen düſtern Gedanken aufraffend.„Als ich hörte, daß der Neffe des Marius ins Unglück gerathen ſei, weil er an den Marianiſchen Traditionen feſthielt, weil er ſich vor Sulla nicht beugte und es wagte, Einna's Tochter zu heirathen, da kam mir das Wort in den Sinn, das Marius im Gefängniß von Minturnä im Angeſichte des faſt ſichern Todes an mich gerichtet, das Wort: Kannſt Du etwas für meine Verwandten thun, ſo thue es. Und das Wort ließ mich nicht ruhig ſchlafen, ließ mich Dich ſuchen, wie eine Mutter nur ihr verlorenes Kind ſuchen kann, und nun ich Dich gefunden habe, ſo ſage ich zu Dir: Neffe des großen Marius, Dein Oheim ſoll nicht umſonſt ſein Vertrauen unſicher und verlegen. 117 in mich geſetzt haben. Du biſt arm, nimm meine Schätze, nimm ſie und fliehe mit ihnen aus Italien, wo Du des Lebens nicht ſicher biſt. Ich kenne von meinen Zügen mit Marius her jeden Schlupfwinkel in dieſem Italien, ich will Dich führen und in Sicherheit bringen! Während Sulla glaubt, Dir Alles genommen zu haben, während er, wie neueſtens verlautet, durch einen unerhörten Gewaltact ſelbſt die Einnahmen aus dem Vermögen Deiner Gemahlin mit Sequeſter belegen will, ſollſt Du im Ueberfluſſe leben und ich will dafür ſorgen, daß Dir Deine Güter nicht verloren gehen!“ Cäſar wußte nicht, wie ihm war, er ſchämte ſich bis in die tiefſte Seele und fühlte ſich klein und ge⸗ demüthigt dem einfachen Manne gegenüber, der glühende Kohlen auf ſein Haupt ſammelte. Was ihn, wenn er ſich dem Manne gegenüber frei und rein gefühlt, mit inniger Freude erfüllt haben würde, das drückte ihn jetzt ſo, daß er kaum aufzuſchauen wagte. Er hatte dieſem armen Manne ſeine theuerſte Habe, ſein Kind geſtohlen, und der Mann ſtand nun da, um ihm mit edler Uneigennützigkeit ſeine Reichthümer zur Verfügung zu ſtellen. „Was willſt Du thun, Epidius?“ ſtammelte Cäſar 118 „Den Neffen des Marius will ich in den Stand ſetzen, ſeine Miſſion zu erfüllen, früher oder ſpäter!“ ſagte Epidius ernſt.„Eine heilige Schuld will ich an dem großen Todten abtragen, dem ich Alles verdanke, was ich habe; will mich der Erbe des Marius daran hhindern, wenn ich im Geiſte des Marius handle?“ „Du weißt nicht, was Du thuſt, Epidius“ ſtam⸗ melte Cäſar. „Wohl weiß ich es!“ rief Epidius, der den Sinn des Ausrufs natürlich nicht verſtand.„Und Du darfſt nicht einmal meine Hand von Dir weiſen, Du mußt Dich für Rom erhalten, denn Rom hofft auf den Neffen, auf den Erben des Marius!“ „Meinſt Du?“ rief Cäſar, ſich dem innern Zwie⸗ ſpalte entreißend und freier aufblickend. „Rom erwartet etwas von dem Neffen des Marius!“ fuhr Epidius in faſt feierlichem Tone fort. Willſt Du die Erwartungen des Volkes täuſchen?“ „Nein, nein, die Götter mögen es verhüten! Ich weiß nicht, wie ich Dir danken ſoll, Epidius. Laß uns überlegen, was zu thun iſt, was uns allen frommt!“ — Zehntes Kapitel. Gefahr über Geſfahr. Während dieſer Unterredung, welche Cäſar mit Epidius hatte, war es Abend geworden. Ein Geräuſch an der Thür ſtörte plötzlich die Stille des Gemachs. Cäſar, der ſein Antlitz der Thür zuwendete, erblickte Narciſſus, der eben eingetreten war. Er glaubte, daß der Vertraute blos komme, um das Gemach zu erleuchten, und wollte das Geſpräch mit Epidius wieder aufnehmen, als Narciſſus ſagte: „Mein Herr iſt da, Cäſar!“ „Willkommen!“ rief Cäſar erfreut und ſetzte heiter hinzu:„Kann es einen glücklichern Menſchen geben als mich? Sonſt ſieht ſich der Unglückliche von ſeinen Freunden verlaſſen, mir Beneidenswerthem führt aber jede Stunde neue Freunde zu!“ 120 Narciſſus zögerte das Zimmer zu verlaſſen und ſagte mit einem Blicke auf Epidius: „Ich glaube, daß es wichtige Dinge ſind, welche Dir mein Herr mitzutheilen hat!“ „Er mag nicht zögern, ſie mir zu vertrauen. Dieſer edle Mann wird dem Geheimniſſe nicht gefährlich wer⸗ den!“ fertigte Cäſar den um ſeine Sicherheit beſorgten Narciſſus ab. „Der Mann, der eben fortging, ſprach von Cati⸗ lina?“ forſchte Epidius, nachdem Narciſſus verſchwun⸗ den war. Als Cäſar die Frage bejaht hatte, fuhr Epidius fort: „Ich glaube, daß Dein guter Stern Deinen Freund Catilina hierherführt! Er wie kein Anderer iſt im Stande, Dir Dein Vermögen zu erhalten!“ „Wie meinſt Du das?“ „Er iſt auch Sulla's Freund und Parteigänger und wird leichtes Spiel haben, wenn er auf Deine Güter bietet. Andere Käufer werden vor dem Günſtlinge Sulla's zurücktreten, und Deine Güter werden ihm zu einem billigen Preiſe zufallen!“ Cäſar konnte ſich des Lachens nicht enthalten. „Catilina Käufer meiner Güter!“ rief er heiter. „Welche barocke Idee! Du ſcheinſt es jetzt auf meine * ſer ve⸗ ten ati⸗ n⸗ 121 Erheiterung abgeſehen zu haben, nachdem Du früher auf meine Rührung hingearbeitet! Geh zu Sulla und verkaufe ihm die Idee für eins ſeiner Luſtſpiele; ſie iſt köſtlich und ſtimmt ihn vielleicht ſo heiter, daß er mich wieder zu Gnaden aufnimmt! Catilina, der nichts als Schulden hat, ſoll meine Güter kaufen! Herrlich!“ Epidius ließ Cäſar ſich an der Idee, die ihm ſo grotesk vorkam, noch einen Augenblick weiden und ſagte dann: „Du vergißt, Cäſar, daß ich gekommen bin, um Deinen Freunden die Mittel an die Hand zu geben, Deine Güter an ſich zu bringen, damit Du ſelbſt ſie wieder im rechten Augenblick von ihnen entgegennehmen kannſt!“ Cäſars gute Laune war mit einem Male dahin und das Gefühl der Beſchämung, das ihn ſchon früher einen Augenblick beherrſcht hatte, gewann wieder die Oberhand. „Du nollteſt in der That Dein Geld dazu her⸗ geben, um Catilina in den Stand zu ſetzen, meine Güter zu kaufen?“ ſtammelte er unter Erröthen. „Willſt Du Dich denn zum Bettler machen meinet⸗ wegen, mit der einen Hand mich aus Italien führen und mich beteichern, damit ich ein meiner würdi⸗ ges Leben führen könne, und mit der andern meine 122 Freunde bereichern, damit ſie meine Habe in Rom wo retten?“ ſte „Ich kann nicht zu viel thun für den Neffen und Di Erben des Marius. Mein Vermögen iſt das Deine, an nimm es. Ich wäre ein Elender, wenn ich meine Reich⸗ ich thümer, die Reichthümer, die ich Deinem Oheim ver⸗ D danke, vergraben wollte, während Du darbſt und 1 leideſt! Laß mich die Angelegenheit mit Catilina ſelbſt in Ordnung bringen; hier kommt er ſchon!“ e In der That trat Catilina eben ein und näherte e ſich mit ſeinem trägen und ſchleppenden Gange Cäſar, a indem er Epidius mit einem mißtrauiſchen Blicke n ſtreifte. n „Du haſt Geſellſchaft, Cäſar?“ warf er hin. 2 „Ehe Du kamſt, war ein Freund bei mir jetzt um⸗ geben mich deren zwei!“ ſagte Cäſar ernſt. P „Dein Wort beruhigt mich über dieſen guten Mann, b den ich nicht kenne!“ rief Catilina.„Ich bin gekom⸗ di men, Dir anzukündigen, Cäſar, daß Du mein Haus noch heute verlaſſen mußt. Du biſt nicht mehr ſicher in demſelben.“ 1 „Was iſt vorgefallen?“ fragte Cäſar, während Epidius Catilina verſtört muſterte. z „Sulla weiß, wo Du biſt, und weß er es nicht, ſo vermuthet er es doch!“ entgegnete Catilina.„Ich war heute ſo unvorſichtig, ein Wort zu Deinen Gun⸗ ſten zu ſprechen. Es hat leider nicht mir, wohl aber Dir geſchadet. Denn Sulla ſah mich durchdringend an und ſagte: Nächſtens laſſe ich mir Cäſar holen, ich habe ihn bisher noch nicht ernſtlich ſuchen laſſen. Da Du Dich ſeiner annimmſt, wirſt Du mir ſeine Adreſſe geben können!“ „Fliehe, Cäſar!“ rief Epidius entſetzt.„Halte Dich einige Tage in den nahen ſabiniſchen Bergen verbor⸗ gen, bis ich zu Dir zurückkehren und Dich mit Geld ausſtatten und in Sicherheit bringen kann. Ich brauche nur acht Tage, um in Rom meine Geſchäfte zu ord⸗ nen und mein Vermögen flüſſig zu machen. Dieſe acht Tage reichen auch hin, um mit Catilina den Feldzugs⸗ plan ins Reine zu bringen, durch den wir Dir Dein Vermögen erhalten wollen, und meinen Nachbarn in der Plautiniſchen Straße und meinen Geſchäftsfreunden die Nothwendigkeit einer längern Abweſenheit meinerſeits plauſibel erſcheinen zu laſſen!“ „Darf ich Dich fragen, guter, mir aber vollſtändig unbekannter Freund, wie Du dazu kommſt, meinen Namen und meine Perſon in Deine Combinationen zu miſchen?“ fragte Catilina neugierig, indem er ſich abwechſelnd auf Cäſar's und Epidius' Geſicht Raths erholte. 124 „Eine kurze Unterredung mit dieſem braven Mann wird genügen, Dich in der Sache klar ſehen zu laſſen!“ ſagte Cäſar.„Ich laſſe Dich mit ihm allein!“ Es war die Zeit, zu welcher Cäſar regelmäßig die Einſamkeit Urbilia's zu ſtören pflegte. Er hatte es durch ſeine Liebenswürdigkeit längſt dahin gebracht, daß er von der Geliebten mit Sehn⸗ ſucht erwartet und mit Freudigkeit begrüßt wurde. Die Liebe, die Cäſar bei jeder Gelegenheit zeigte, das Gefühl, das ſie empfand, auf ihn allein in der Welt angewieſen zu ſein, der tägliche Verkehr endlich mit all ſeinen die geiſtige und gemüthliche Annähe⸗ rung befördernden Einzelnheiten, dies Alles hatte Ur⸗ bilia's Gefühle für Cäſar in kurzer Zeit zu einer Innigkeit und Stärke heranwachſen laſſen, daß ſie nach⸗ gerade nur in dem Geliebten lebte und die Zeit, die ſie nicht an ſeiner Seite zubrachte, als eine verlorene beklagte. Wenn früher das ungewohnte Wohlleben und der ſie umgebende Glanz Eindruck auf ihre Sinne und ihr Gemüth gemacht hatten, ſo traten die Reize dieſes neuen Lebens jetzt ganz gegen die innere Befriedigung zurück, welche ihr das Bewußtſein verlieh, Cäſar zu lieben und von ihm geliebt zu werden. Wenn ſie allein war, dann verleugnete ſie in ihren lann en!“ die ingſt ehn⸗ igte, der blich ühe⸗ Ur⸗ iner ach⸗ die nene der ihr euen rück ieben hren 125 Träumen ganz jene Gankelbilder, die ihr einſt vor⸗ geſchwebt, als ſie noch in der Plautiniſchen Straße die Arbeitsgehülfin des Vaters geweſen; wie ſich damals ihre Wünſche um ungekannten Glanz und Reichthum drehten, ſo malte ſie ſich jetzt die Reize eines ärmlichen Lebens aus, in welches die Erſcheinung des Geliebten den einzigen Lichtglanz brächte. So theuer war Cäſar ihrem Herzen geworden, daß ſie oft in ihren Gedanken die Götter anflehte, ihre Liebe auf eine Probe zu ſtellen, und da ſie bisher vom Leben noch nicht viel Anderes kannte als den Unter⸗ ſchied zwiſchen Aermlichkeit und Pracht, ſo dachte ſie ſich unter dieſer Probe nichts Anderes als die Noth⸗ wendigkeit, mit dem Geliebten Lebensverhältniſſe von der Art theilen zu müſſen, wie ſolche ſchon einmal ihren nach Beſſerem ſich ſehnenden Sinn bedrückt. Während Urbilia auch heute den Geliebten in voller Unbefangenheit und Harmloſigkeit erwartete, ging die⸗ ſer verlegen mit ſich zu Rathe, welche Haltung er gegen Urbilia zu beobachten habe. Sollte er ihr ſagen, daß ihr Vater im Hauſe ſei, ohne eine Ahnung davon zu haben, daß er eine und dieſelbe Luft mit ſeiner Tochter athme? Sollte er ihr anvertrauen, wie tief ihn die Großmuth des Mannes beſchämt habe, dem er ſein Kind entführt? 126 Sollte er Urbilia noch ferner an ſeinem unſtäten, täglich gefährdeten Leben Theil nehmen laſſen, das ſich jetzt, wo ſeines Bleibens in Catilina's Landhauſe nicht länger war, noch geheimnißvoller und abenteuerlicher geſtalten mußte? Er beſchloß endlich, Urbilia Wahrheit zu geben, und als ſie ihn mit der harmloſen Freudigkeit empfing, die ſie ihm immer zeigte, ſo oft er kam, nahm er ſie ernſt bei der Hand, führte ſie an das Fenſter, welches auf die Straße hinausging, die nach Rom führte, und ſagte zu ihr: „Wir werden uns trennen müſſen, Urbilia!“ „Trennen?“ rief Urbilia erſchreckt, indem das hei⸗ tere Lächeln auf ihrem Geſichte erfror.„Welches häß⸗ liche Wort ſprichſt Du da aus, geliebter Mann! Willſt Du Urbilia verſtoßen? Was hat ſie Dir gethan?“ „Daß ſie mir nur Liebes und Gutes that, das iſt eben der Schmerz, der an mir nagt!“ erwiderte Cäſar ſeufzend.„Es hieße ihr das Gute mit Böſem ver⸗ gelten, wenn ich ſie ferner an mich feſſeln wollte. Denn wiſſe, Urbilia, ich bin geächtet und muß fliehen. Ich weiß nicht, wohin ich mich wenden werde, um meinen Feinden zu entgehen, aber es wäre jedenfalls gewiſſenlos von mir, Jemand, der mich liebt, in mein Unglück zu verwickeln.“ wan Ciſ „D Dir Du hüt Ne mis Ur nic gib wil nit ein iten, ſich nicht icher und die ernſt auf und hei⸗ ann! n“ s iſt ſar ver⸗ ollte⸗ ehen. un falls nein 127 „Was Du mir ſagſt, überraſcht mich, Cäſar, aber es erdrückt mich nicht, es macht mich nicht ſchwach und wankend“, rief Urbilia lebhaft, indem ſie den Kopf auf Cäſar's Schulter lehnte und flehend zu ihm aufſah. „Du biſt unglücklich und mußt fliehen— laß mich mit Dir fliehen, Cäſar! Deine Sicherheit iſt gefährdet, wie Du ſagſt; wo fändeſt Du Jemand, der Dich treulicher hüten, Deinen Schlummer gewiſſenhafter bewachen, die Nachſtellungen Deiner Feinde opfermuthiger zu bekämpfen im Stande wäre? Nein, Cäſar, verſtoße mich nicht, laß mich mit Dir gehen!“ Die reine Bitte rührte Cäſar und er drückte ſanft Urbilia's Hand. Dann aber ſagte er ernſt: „Du weißt noch nicht Alles, Urbilia; Du weißt nicht, wer mir großmüthig die Mittel zur Flucht gibt, wer mir Freiheit, Leben und Vermögen retten will.“ „Wer denn?“ forſchte Urbilia, ahnungslos, aber mit einem ängſtlichen Blick zu Cäſar aufſchauend. „Niemand anders als Dein Vater, Urbilia!“ rief Cäſar mit bewegter Stimme. Der ängſtliche Blick Urbilia's verwandelte ſich in einen ſcheuen und verſtörten, als ſie aufkreiſchte: „Weiß mein Vater—“ b— 128 Sie endete den Satz nicht und verbarg ihr erglühen⸗ des Angeſicht in den Falten der Toga Cäſar's. „Dein Vater hat keine Ahnung davon, daß wir uns lieben, daß ich Dich und Dein Herz beſitze“, ſagte Cäſar.„Wüßte er's, müßte er mich ebenſo tief haſſen und verabſcheuen, als er mir jetzt wohl will. Und weil er mir ſo wohl will, habe ich nicht das Herz, ihm länger ſein Kind vorzuenthalten. Mache Dich noch auf eine Nachricht, die Dich ergreifen wird, gefaßt, Urbilia! Dein Vater iſt hier—“ „In dieſem Hauſe?“ ſtöhnte Urbilia entſetzt. Cäſar nickte mit dem Kopfe und fragte: „Soll er es verlaſſen, ohne ſeine Tochter geſehen, ohne ſie wiedergefunden zu haben?“ „Was hat ihn hierher geführt, wenn er nicht weiß, daß ich hier bin?“ gegenfragte Urbilia lebhaft, ohne Cäſar's Frage zu beantworten. „Die Sorge um meine Sicherheit!“ entgegnete Cäſar.„Laß mich Dich nun fragen, Urbilia: willſt Du, daß ich mich ihm ſchuldig bekenne und Dich ihm zuführe? Er wird mich verabſcheuen, ſeine Hand von mir abziehen, aber ich werde das peinliche Gefühl los ſein, Wohlthaten von einem Manne annehmen zu müſſen, dem ich ein ſo ſchweres Unrecht zufügte. Und er wird ſein Kind wieder haben und dieſes Kind wird ihen⸗ wir ſagte pſſen Und ihn noch efa ßt, ſehen, weiß hne egnete pilſt ihm d von hl lo en 3l und d wird 129 bei ihm beſſer aufgehoben ſein als bei mir, der demſelben nichts zu bieten vermag als Gefahren und Abenteuer!“ „Laß mich dieſe Gefahren mit Dir theilen, Theurer!“ flehte Urbilia. „Du willſt Deinen Vater den Fuß aus dieſem Hauſe ſetzen laſſen, ohne ihn geſehen zu haben?“ warf Cäſar überraſcht ein. „Heißt mich mit dem Vater vereinigen nicht ſo viel als mich von Dir trennen?“ rief Urbilia leiden⸗ ſchaftlich.„Verlange aber Alles von mir, nur nicht, daß ich Dich laſſe!“ Urbilia lehnte zitternd an Cäſar und ſah ihn mit einem Blicke an, in welchem eine unausſprechliche Angſt zu leſen war. Sie fürchtete, er könnte eine ihr mißfällige Ent⸗ ſcheidung fällen, und wagte kaum zu athmen. Cäſar errieth, was in ihr vorging, und fühlte Mit⸗ leid mit ihr. „So thue denn, was Du nicht laſſen magſt!“ ſagte er weich, indem er ſich über ſie beugte und ſie küßte. „Mich aber laß verſuchen, die Laſt der Wohlthaten zu tragen, die mir der Mann aufdringt, dem ich Dich entriſſen habe!“ Urbilia jauchzte aus erleichtertem Gemüthe auf und rief: Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. I. 9 130 „Ich danke Dir, Cäſar; ich bitte Dich auch, mich nicht für herzlos zu halten, weil ich Dich in dieſem he Augenblicke dem Vater vorziehe. Ich gebe die Hoff⸗ nung nicht auf, meinen Vater wiederzuſehen; ich weiß de auch, daß ich mich ſeiner Verzeihung in dieſer Stunde„ noch unwürdiger gemacht und meine Schuld gegen ihn z . vergrößert habe; aber kann ich dafür, daß ich Dich ſo heißer und inniger liebe als ihn? Und haſt Du nicht 3 ſelbſt mich wählen laſſen zwiſchen Dir und ihm?“ 9 In dieſem Augenblick erregte ein Geräuſch an der Thür Cäſar's Aufmerkſamkeit. Er verließ Urbilia, um nachzuſehen, was es gäbe, tu und traf auf Narciſſus, der ſich ihm durch das Ge⸗ räuſch von außen hatte bemerklich machen wollen. Narciſſus winkte Cäſar, demſelben durch eine Ge⸗ berde Stillſchweigen empfehlend, ihm zu folgen, und führte ihn in ſein Gemach. — Hier ſagte er nicht ohne Aufregung: h „Deine Gemahlin Cornelia iſt hier!“ ſ „Nicht möglich!“ murmelte Cäſar verſtört. V „Sie iſt eben angekommen und ich habe ſie em⸗ pfangen, da, wie Du weißt, in Deinem Intereſſe Befehl gegeben iſt, Niemand hier einzulaſſen, ehe ich mich nicht überzengt habe, daß er ungefähr⸗ lich iſt!“ mich ieſem weiß tunde n ihn Dich nicht un der n. ne Ge⸗ n und ſie em⸗ ſie uturſſe „ 13¹ „Was führt Cornelia her?“ erkundigte ſich Cäſar, bemüht, ſich zu faſſen. „Die Sorge um Deine Sicherheit! Du weißt, daß der Diener, dem ich die Beſorgung der Correſpondenz anvertraut, vorgab, einen Brief an Cornelia verloren zu haben. Als Cornelia ſich ohne Nachrichten von Dir ſah, fühlte ſie ſich von einer unwiderſtehlichen Unruhe erfaßt und eilte hierher, um ſich zu überzeugen, daß Dir nichts zugeſtoßen ſei.“ „Haſt Du ſie beruhigt?“ „In einer Beziehung ja, aber in einer andern Rich⸗ tung dürfte es ſchwer werden, ſie zufrieden zu ſtellen!“ „Du ſprichſt in Räthſeln, Narciſſus!“ „Cornelia's Eiferſucht iſt rege!“ Cäſar entfärbte ſich. „Sie richtete ſogleich die Frage an mich, wer die Frau ſei, neben der Du geſtanden, als ſie ſich dem Land⸗ hauſe genähert. Sie will Dich deutlich am Fenſter ſtehend geſehen haben und neben Dir ein weibliches Weſen.“ „Ich ſtand mit Urbilia am Fenſter!“ ſagte Cäſar unruhig.„Wie hätte es mir einfallen können, daß wir von der Straße her belauſcht würden, vollends von meiner Gemahlin! Was iſt da zu thun, Narciſſus? Weißt Du keinen Rath?“ 9* 132 „Wohl wüßte ich einen!“ gab Narciſſus zurück. „Mein Herr ſagte mir ſo eben, daß Du hier nicht län⸗ ger bleiben kannſt. Du brauchſt einen Begleiter, wenn Du fliehſt. Auf die männliche Dienerſchaft iſt ſich nicht zu verlaſſen. Der räthſelhafte Vorfall mit dem verloren gegangenen Brief hat es bewieſen. Eine weib⸗ liche Begleiterin empfiehlt ſich beſſer, iſt verlaßlicher und brauchbarer. Ich habe Dir alſo Urbilia ausgeſucht, damit ſie Dich führe; wir ſagen Cornelia, daß das junge Mädchen orts⸗ und landeskundig und treu wie Gold ſei und daß Du bei ihm am beſten aufgehoben ſeieſt, bis Deine Freunde Dir ein neues Aſyl vermit⸗ telt haben werden.“ „Wird Cornelia das Märchen glauben?“ warf Cäſar beſorgt ein. „Wenn es Urbilia beſtätigt, ja!“ „Aber wer ſoll Urbilia's Zuſtimmung einholen?“ dehnte Cäſar verlegen.„Wie kann ich Urbilia ein ſolches Anſinnen machen und ihr zugleich in einem Athem eröffnen, daß ich verheirathet und Cornelia meine Gemahlin ſei?“ „Laß mich die Sache ins Reine bringen“ erbot ſich Narciſſus. „Ich danke Dir!“ rief Cäſar, dem ein Stein vom Herzen gefallen war, indem er die Hand wüc. län⸗ wenn ſich dem weib⸗ licher ucht. wi⸗ hoben ermit⸗ warf 133 des Retters in der Noth wie die eines Freundes drückte. „Ich werde mit Urbilia ſprechen“ fuhr Narciſſus fort.„Ich werde ihr nicht gerade herausſagen, daß es Deine Gemahlin ſei, die Dich hier aufgeſucht, ich werde blos von einer Dir naheſtehenden, zur Eiferſucht ge⸗ neigten Frau ſprechen. Mag ſie die Wahrheit errathen oder nicht, da ſie Dich liebt und der Plan ihr die Ausſicht läßt, mit Dir vereinigt zu bleiben, ſo wird ſie ihm ſicherlich zuſtimmen. Du geh inzwiſchen zu Cornelia und erzähle ihr unbefangen, daß man Dir ſo eben das Mädchen vorgeſtellt habe, welchem Deine Freunde die Aufgabe zugetheilt haben, Dich auf Deiner Flucht durch die ſabiniſchen Berge zu begleiten.“ „Du haſt mir einen großen Dienſt geleiſtet, Nar⸗ ciſſus!“ rief Cäſar lebhaft.„Thue nun noch eins: ſorge, daß Epidius das Landhaus verläßt, ohne Urbilia oder Domna geſehen zu haben; ſage ihm, er werde meinen künftigen Aufenthaltsort von Dir erfahren.“ „Mache Dir ſeinetwegen keine Sorgen!“ beruhigte der Freigelaſſene Cäſar. Elftes Kapitel. Auf der Flucht. Cornelia's Eiferſucht war durch die ſchlauen Vor⸗ ſpiegelungen des Freigelaſſenen Narciſſus glücklich ein⸗ gelullt worden, zumal ſich Urbilia herbeigelaſſen hatte, ſeine Worte zu bekräftigen, und Cornelia von Urbilia's einfachem Weſen, hinter welchem ſie in ihrer Uner⸗ fahrenheit keine Falſchheit vermuthete, eingenommen worden war. Urbilia ahnte wohl, mit wem ſie es in Cornelia zu thun habe, aber der Wunſch, bei Cäſar zu bleiben, ließ ſie über alle Bedenken hinwegſehen. Sie ſchuf ſich eine künſtliche Unbefangenheit, indem ſie ſich ſelbſt täuſchte und die Frage umging, in wel⸗ chem Verhältniſſe Cornelia zu Cäſar ſtehe. „Mag ſie immerhin ältere Rechte auf ihn haben“, teli iben⸗ dem wel ſagte ſie, ihre Skrupel beſchwichtigend, zu ſich ſelbſt, „was kümmert es mich? Er liebt mich, und ſelbſt wenn er ſie auch liebte, ſo bin ich noch immer die Glück⸗ lichere, denn ich halte ihn feſt.“ Und dieſem Feſthalten brachte ſie jegliches Opfer, verließ ohne das geringſte Bedauern die glanzvollen Räume, in denen ſie ſich ſeit Wochen bewegt, und folgte Cäſar in die ſabiner Berge, in welchen ſie mit ihm von Haus zu Haus wanderte. Sie war ſein Fühlhorn, mit dem er austaſtete, ob hier oder dort Sicherheit für ihn vorhanden ſei. Während er ſich in den Weinbergen verſteckt hielt, holte ſie Nahrung für ihn, forſchte die Hütten aus, in welchen man Sympathien für ihn hatte, und ver⸗ mittelte ihm bei Perſonen, die ihm wohlwollten, Nacht⸗ quartier. Um etwaige Verfolger zu täuſchen und von ſeiner Spur abzubringen, ſchlief er in jeder Nacht an einem andern Orte, und Urbilia bewachte ſeinen Schlummer, wehrte mögliche Ueberfälle ab und pflegte ihn mit Aufopferung, als ihn das ungewohnte, un⸗ ſtäte Leben mit ſeinen Entbehrungen auf das Kranken⸗ lager warf. Fiebernd ſchleppte er ſich an Urbilia's Hand von Weinberg zu Weinberg, da ſich die Nachricht ver⸗ 136 breitet hatte, daß man ihn in den ſabiner Bergen ſuche. Ein Trupp Kelten, hieß es, ſei unter der Anführung eines gewiſſen Cornelius Phlagita von Sulla ausge⸗ ſandt worden, um ihn zu fangen. Der Schreckenskunde ſollte die Bewahrheitung auch ſchnell genug auf dem Fuße nachfolgen, denn plötzlich ſah Urbilia das Haus, in welches ſich Cäſar zuletzt ge⸗ flüchtet und das er wegen der mittlerweile eingetretenen Verſchlimmerung ſeines Geſundheitszuſtandes ſeit drei Tagen nicht hatte verlaſſen können, von Bewaffneten umſtellt. Schreckensſtarr und athemlos ſtürzte ſie in Cäſar's Gemach, um den Geliebten von der ihn bedrohenden Gefahr zu benachrichtigen. „Laß uns der Gefahr muthig ins Auge ſehen!“ ſagte Cäſar gefaßt.„Phlagita mag kommen und mich nach Rom ſchleppen. Sulla ſoll mich mit ungebeugtem Stolze vor ſich ſtehen ſehen. Ich glaube nicht, daß Phlagita den Auftrag hat, nur meinen Kopf nach Rom zu bringen; Sulla wird ſich vorerſt an dem Anblicke des gedemüthigten Cäſar weiden wollen!“ „Gibt es denn kein Mittel, Dich zu retten?“ rief Urbilia verſtört. Cäſar zuckte mit der Achſel und ſagte: rgen rung löge⸗ auch tlich t Re⸗ tenen drei neten äſars enden hen nich ugtem deß noch dem rief 137 „Ich will einen Verſuch machen, mit Phlagita zu unterhandeln! Wie viel haben wir noch von dem Golde, mit dem uns Dein Vater durch Narciſſus' Ver⸗ mittlung ausgeſtattet hat, ohne zu ahnen, daß ſeine Tochter die Trägerin des Schatzes werden würde, der uns die Hütten und Herzen im Sabinerlande öffnen ſollte?“ „Es ſind noch für achzigtauſend Seſterzien Werth übrig!“ „Gib mir das Gold!“ ſagte Cäſar. Urbilia händigte ihm die goldenen Stangen ein. „Phlagita erhält vierzigtauſend Seſterzien für den Kopf oder die Einlieferung eines Geächteten“ fuhr Cäſar fort,„ich will verſuchen, ihm das Doppelte zu bieten!“ „Ich fürchte, er wird es vorziehen, ſich bei Sulla durch Deine Gefangennehmung einzuſchmeicheln!“ wandte Urbilia ängſtlich ein. „Du kannſt Recht haben!“ ſtimmte Cäſar zu. In dieſem Augenblick wurde Phlagita's wildes, bärtiges Geſicht in der Thür ſichtbar. Urbilia entwich mit einem Schrei des Entſetzens und ließ Cäſar mit Phlagita allein. Sie gab den Geliebten verloren, denn ſie glaubte nicht an das Gelingen der Unterhandlung mit Phlagita. 138 Sie ſuchte mit der Angſt der Verzweiflung nach einem Ausweg, und es fiel ihr in dieſem verhängnißvollen Augenblick ein, daß ihr der Vater einmal geſagt, die Veſtalinnen hätten die Macht, durch ihre Fürſprache den zum Tode Verurtheilten zu retten. Sie klammerte ſich an den Gedanken, der ihr plötz⸗ lich gekommen war, feſt und beſchloß, die Hülfe der Veſtalinnen anzurufen. In dem zwei Stunden von dem jetzigen Zufluchts⸗ orte Cäſar's entfernten Eutiliä war ein Tempel der Veſta. Dorthin wollte Urbilia in der ſchweren Bedrängniß des Augenblicks ihre Schritte lenken, da ſie ſich nicht zu weit von Cäſar entfernen wollte und von Rom ſie eine Entfernung von mehr als zwanzig Meilen trennte. Sie flog mehr, als ſie ging, nach Cutiliä und fiel, dort angelangt, keuchend und athemlos der Prieſterin, welche das heilige Feuer im Tempel von Cutiliä hütete, zu Füßen. „Gnade!“ rief ſie.„Gnade für einen Mann, den ſie eben zum Tode führen, wenn Ihr, die bevorrechteten Prieſterinnen, Euch nicht ſeiner annehmt!“ „Erhebe Dich, Mädchen“ ſprach die Prieſterin der Verſtörten zu,„faſſe Dich und ſage mir, für wen Du unſere Hülfe anrufſt!“ nach vollen t, die rache plöt⸗ e der ucht⸗ Veſta. ingniß nicht Meilen d fiel ſterin n, den chteten rin der en Du 139 „Für den ſchönſten, beſten und edelſten aller Män⸗ ner“ entſtürmte es Urbilia's bebenden Lippen,„für Cajus Julius Cäſar!“ „Du biſt alſo Cäſar's Gemahlin?“ rief die Prie⸗ ſterin erſtaunt.„Ich habe Dich für eine Jungfrau gehalten, ſo lieblich iſt Dein Ausſehen ſelbſt in dem verwildernden Schmerze!“ Eine tiefe Röthe flammte auf Urbilia's Wangen auf; die Aeußerung der Prieſterin hatte ihr unerwartet Gewißheit über die Art der Beziehungen gegeben, welche zwiſchen Cäſar und der Frau obwalteten, die jenen auf Catilina's Villa beſucht hatte. Cäſar war alſo vermählt, er hatte ſich, ihr die Bande, die ihn an eine andere Frau knüpften, ver⸗ ſchweigend, in ihr Herz geſchlichen und ſie ſelbſt hatte wieder die Hand geboten, ſeine Frau zu täuſchen. Unter andern Umſtänden würde die Gewißheit, die ihr ſo eben ungeſucht geworden, einen tiefern Eindruck auf ihr Gemüth gemacht haben, jetzt beſchäftigte ſie ausſchließlich der alles Andere niederhaltende Gedanke, Cäſar zu retten. „Frage nicht, wer ich bin“, rief ſie flehend zu der Prieſterin aufſchauend,„beſchäftige Dich nur mit der Frage, wie Du ihn retten kannſt!“ „Ich kenne Julius Cäſar, wir alle kennen ihn, 140 wir alle wollen ihm wohl und beklagen ſein Schickſal, aber wir ſehen keine Möglichkeit ab, ihm zu helfen!“ ſagte die Veſtalin traurig.„Sulla iſt gerade ihm gegen⸗ über unbeugſam, weil er in ihm einen Abtrünnigen der Adelspartei ſieht, welcher Cäſar durch ſeine Geburt angehört. Er kann es ihm nicht verzeihen, daß ihm die Erinnerung an den einzigen Verwandten plebejiſcher Herkunft, an ſeinen Oheim Marius, mehr gilt als alle übrigen Familientraditionen, die ihn in die Reihen des Adels verweiſen. Schon haben Mamercus Lepidus und Aurelius Cotta, der Bruder ſeiner Mutter, um⸗ ſonſt ſich bei Sulla für den Geächteten verwendet—“ „Laßt Euch durch dieſe verunglückten Verſuche nicht abhalten, für ihn einzuſtehen!“ fiel Urbilia der Veſtalin in dringendem Tone in die Rede.„Ich weiß, daß Euren Bitten Niemand widerſtehen kann, wider⸗ ſtehen darf, daß Eure Fürſprache ſelbſt in ſolchen Fällen hilft, wo die Sache deſſen, den Ihr vertretet, ganz ausſichtslos ſcheint. Ich weiß, daß mir einmal mein Vater von der Veſtalin Claudia erzählte, welche ſich, als ein Volkstribun ſich anſchickte, ihren Vater Appius Claudius Pulcher mit Gewalt vom Triumphwagenzu reißen, zwiſchen den Angegriffenen und den Angreifer ſtellte, und das allein auf Grund des den Hüterinnen des heiligen Feuers zu⸗ ſtehenden Vorrechts, ſich Gewaltthaten zu widerſetzen.“ — hical, helfen“ gegen⸗ nnigen Geburt aß ihn eiiſcher als alle hen de Lepidus r, U⸗ det— ßerſuch lia der weiß wide⸗ ſolchen ertretet al mein als in laudius zwiſchen s allein uers zu ſehen“ 141 „Du haſt Recht“ ſagte die Prieſterin ſinnend,„das iſt geſchehen, und das Vorrecht der Veſtalinnen, einen zum Tode gehenden Verbrecher zu befreien, ſobald er ihnen zufällig begegnete, hat noch Niemand angefochten.“ „Nun denn, ſo iſt Cäſar gerettet!“ ſchrie Urbilia erfreut auf. „Wie ſo?“ fragte die Veſtalin verwundert. „Iſt Cäſar als Geächteter nicht ſo gut wie zum Tode verurtheilt? Muß alſo nicht auch auf ihn An⸗ wendung haben, was von jedem gemeinen Verbrecher gilt, deſſen Kopf dem Beile des Henkers verfallen iſt?“ „Ganz recht; aber um Cäſar retten zu können, müßte ich ihm erſt begegnet ſein.“ „Wer hindert Dich, das Leben des Unglücklichen durch eine edle Lüge zu retten?“ rief Urbilia, indem ſie ihr angſterfülltes Antlitz der Prieſterin zuwandte, auf welche die Verzweiflung, die aus jedem Worte und aus jeder Miene Urbilia's ſprach, einen unverkennbaren Eindruck machte. „Ich verſtehe Dich nicht!“ ſagte die Veſtalin ernſt. „Wer hindert Dich zu ſagen“ fuhr Urbilia noch eindringlicher fort,„daß Du Cäſar geſehen habeſt, flüchtig, verfolgt? Ihr Götter, er iſt ja Beides, flüchtig und verfolgt— nein, nicht mehr verfolgt, ſondern be⸗ reits eingeholt, erfaßt— er iſt in des von Sulla gegen 142 ihn ausgeſandten Keltenführers Phlagita Händen; er wird in dieſem Augenblicke wahrſcheinlich ſchon nach Rom geſchleppt, und wer weiß, ob mörgen noch ſein Kopf feſt auf dem Rumpfe ſitzt. Iſt bei ſolcher Ge⸗ fahr nicht eine Nothlüge erlaubt? Wird Dir Jemand widerſprechen, wenn Du vor Sulla hintrittſt und er⸗ klärſt, Du habeſt Cäſar geſehen, als er am Tempel Deiner Göttin vorbeifloh, von Phlagita verfolgt? Iſt ein ſo großer Unterſchied zwiſchen Sehen und Begegnen, daß Sulla Dir die Begnadigung Cäſar's verweigern könnte, wenn Du ſie auf Grund Deines Privilegiums von ihm verlangſt?“ Die Veſtalin dachte lange und ernſt nach; endlich ſagte ſie: „Es ſei, ich will es verſuchen, Cäſar zu retten!“ Urbilia ſtieß einen Freudenſchrei aus. —— en et n nach h ſein er Ge⸗ Jmand und er⸗ Tenpel gegnen, weigern legiuns endlich ten Zwölftes Kapitel. In Sulla's Schlafgemach. In ſeinem Schlafgemache liegt Sulla nachläſſig auf ſein Ruhebett hingeſtreckt und Papirius, ſein Frei⸗ gelaſſener und Günſtling, lehnt daneben, ein Pergament in der Hand, während Papierrollen anderer Art den Tiſch bedecken. „Er wird ſich ärgern, wenn einmal das Siegel von dieſer Rolle fällt“ ſagte Sulla mit dem Lächeln eines Fauns. Papirius nickte, die Lippen hämiſch verziehend, mit dem Kopfe. „Er ſah ſich ſchon als mein Erbe“, fuhr Sulla fort,„daher ſeine Nachgiebigkeit in Allem. Aber ich habe ihm damals ſchon, als er gegen meinen Willen den Triumph ertrotzte, die Enttäuſchung zugedacht. 144 Junger Mann, ſagte ich damals zu ihm ſieh Dich vor, Du haſt Dich vermeſſen, es mit einem aufzunehmen, der mächtiger und reicher iſt als Du. Ich weiß nicht, ob er mich verſtanden hat, aber er glaubte meinen Zorn beſchwichtigt zu haben, indem er ſeine Frau ver⸗ ſtieß und die Frau zu ſich nahm, die ich ihm zu⸗ geſchanzt. Er kann mir danken, daß ich es ſo an⸗ geordnet und ihm die ſchwangere Frau ins Haus ge⸗ ſchickt— ſie ſtarb im Wochenbett und er iſt Wittwer. Aber mein lachender Erbe ſoll er nicht ſein, den Na⸗ men Pompejus wird er vergebens in meinem Teſta⸗ mente ſuchen. Haſt Du dem Arzte ernſtlich auf den Zahn gefühlt, Papirius? Wie viele Monate gibt er mir noch?“ „Ein Jahr kann's dauern, ſagte er.“ „Ein Jahr, länger alſo, als ich dachte!“ rief Sulla erfreut.„Wohlan denn, ſo wollen wir danach leben. Laß das Teſtament jetzt, Papirius, und ſage mir, was ſich Rom erzählt.“ „Daß Catilina geſtern wieder ein Gut Cäſar's bei der öffentlichen Feilbietung an ſich gebracht habe. Es iſt ein allgemeines Wundern darüber, woher Catilina das Geld zu den Ankäufen nehme.“ „Man darf den Freunden die Seſterzien nicht nach⸗ zählen“, ſagte Sulla leichthin.„Er mag's nehmen, 1 wol Vo hun hab wah Fre nen, woll Fre Dei zun nerſ prei lor Dir wür Rw daß ch vor ehmen nicht neinen u ver⸗ i ſo an⸗ us ge⸗ ittwer. Ne⸗ Teſta⸗ uf den gitt er Sullo leben. r me ars bei he. 6 Fatilin h nch⸗ nehmen⸗ 145 woher er will; habe ich doch ſelbſt nie zu ängſtlich das Woher erwogen, als ich meine Freunde bereicherte und hunderttauſend Soldaten zu Grundbeſitzern machte. Sie haben es immer gut gehabt, die zu mir hielten, nicht wahr, Papirius? Niemand hat beſſer als ich ſeinen Freunden und Feinden vergolten; kannſt Du es leug⸗ nen, Papirius?“ „Wer würde der Kurzſichtige ſein, das leugnen zu wollen!“ rief Papirius.„Du haſt ſelbſt da noch den Freunden die Stange gehalten, wo ſie erwieſenermaßen Deinen Feinden in die Hände arbeiteten! So ſagt man zum Beiſpiel eben jetzt, daß Catilina, auf Deine Gön⸗ nerſchaft ſündigend, die Liegenſchaften Cäſar's um Spott⸗ preiſe an ſich bringe, um ſie für den letztern nicht ver⸗ loren gehen zu laſſen.“ „Sagt man das?“ lachte Sulla.„Ich aber ſage Dir, dem kopfloſen Cäſar werden ſeine Güter wenig nützen, ſelbſt wenn Catilina wirklich ſo großmüthig wäre, wie der Ruf ihn in dieſem Falle ſein läßt. Während wir ſprechen, arbeitet Phlagita; ich bin gewiß, er bringt mir Cäſar, und ebenſo gewiß iſt es, daß der mir eingelieferte Cäſar mein Haus nur als Leiche verlaſſen wird. Zwei Leute müſſen noch daran, ehe ich meine Hände waſche und die öffentlichen Ge⸗ ſchäfte, die mir eine Laſt ſind, für immer von mir werfe.“ Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. I. 10 146 Sulla hatte ohne Erregung geſprochen, als ob es ſich um die gleichgültigſten Dinge und nicht um Menſchenleben handle. Dieſe letztern ſchienen auch in den Augen des Frei⸗ gelaſſenen wenig zu wiegen, denn er hielt ſich an den Schluß der Aeußerung Sulla's und ſagte ungläubigen Tons: „Du wollteſt wirklich abdanken, Sulla?“ „Warum hältſt Du das für unmöglich? Was iſt's, was mir die Macht noch Begehrenswerthes böte? Ich habe meine Feinde geköpft wie Mohnköpfe und mit ihnen Millionen meiner Freunde bereichert, mein Haus iſt beſtellt und der Staat auch. Der ſtolze Knabe noch muß fallen, der ſich als den Erben des Marius be⸗ trachtet, weil er zufällig ſein Neffe iſt. Dann iſt's gut und Sulla kann gehen. Heiße ich nicht der Glück⸗ liche und würde ich den Beinamen verdienen, wenn ich die Laſt der Regierungsſorgen bis zum Ende trüge? Nein, Papirius, ſie ſollen von mir nicht ſagen, die Sorgen haben ihn erdrückt, ſie ſollen lieber ſagen, er hat die Sorgen von ſich geworfen, um als der Glück⸗ liche zu ſterben, wie er als der Glückliche gelebt.“ „Du willſt der Welt eine Komödie vorſpielen, Sulla?“ warf Papirius im Gefühle hin, an dieſer Stelle Alles ungeſtraft ſagen zu dürfen. ———— ner letzt ſchie es ins iri in Vir inzt geſt fa dan ſen nne ht un Frei⸗ an den üubigen as iſts, t und nit in dus abe noch rius be⸗ mn iſt? er Glic⸗ wenn ih nige mn, de ſagen* „6li ebt“ votſp Un . ielen⸗ dieſer 147 Sulla nahm den Einwurf auch nicht übel, ſondern bemerkte lachend: „Du haſt es vielleicht errathen; habe ich nicht im⸗ mer die Komödie geliebt? So will ich denn Rom die letzte vorſpielen. Ich will meine Lictoren nach Hauſe ſchicken und mit der Frage vor das Volk treten, ob es mit mir noch etwas auszutragen habe, ehe ich mich ins Privatleben zurückziehe. Dann, mein lieber Pa⸗ pirius, ziehen wir uns in die Einſamkeit meiner Villa in Campanien zurück. Geld haben wir genug dazu. Wir jagen und fiſchen, beſchreiben unſer Leben, und inzwiſchen iſt das Jahr, das mir der Arzt noch zu⸗ geſteht, um und alles Fleiſch von meinem Körper weg⸗ gefault.“ Sulla ſchwieg einen Augenblick und wandte ſich dann mit der Frage an den Freigelaſſenen: „Granius kommt doch zuverläſſig?“ „Er wird nicht wagen wegzubleiben.“ „Er muß kommen und müßte ich ihn hierher ſchlei⸗ fen laſſen!“ rief Sulla, und zum erſten Male merkte man ihm eine Erregung an. Wie zu ſich ſelbſt ſprechend fuhr er fort: „Drei ſind es, die nun mein Leiden wiſſen, der Arzt, Du, Papirius, und Granius. Es war im letzten Feldzug und Granius mein Quäſtor. Er kam einmal 10* 148 zufällig in mein Zelt, als mir der Arzt die Hand ver⸗ band. Er ſah, wie ſich das Fleiſch von ihr löſte, und ſein Auge blitzte. Er erkannte, daß meine Krankheit tödtlich ſei, und machte im Geiſte den Ueberſchlag, wie er aus ſeiner Entdeckung Nutzen ziehen könnte. Ich habe noch nie den Calcul eines Mannes durchkreuzt, der mit mir ging und mir treu diente. Granius hätte immerhin meine Pulsſchläge zählen und auf die Mi⸗ nute, die mich abruft, ſeine Speculationen bauen kön⸗ nen, aber er iſt ein kleinlicher Charakter, der, wenn er ſich die Taſche auf Staatskoſten gefüllt haben wird, hingehen und es auf dem Markte ausrufen wird, daß er auf meinen Tod ſpeculirt habe und daß ich an der Phthiriaſis geſtorben ſei.“ Wieder klang eine Spur von Erregtheit aus dem Tone der Stimme Sulla's und ſein Antlitz röthete ſich leicht, als er hinzuſetzte: „Sie brauchen es aber nicht zu erfahren, woran Sulla der Glückliche ſtarb. Den Arzt habe ich durch Gold ſtumm gemacht, mein Teſtament ſichert ihm eine Rente, ſolange er ſchweigt, und von Dir hängt die Auszahlung dieſer Rente ab. Du haſt ihn in der Hand. Er weiß das und müßte ſich ſo in ſein eigenes Fleiſch ſchneiden wollen, wenn er das Geheimniß nicht bewahrte. Du ſelbſt wirſt auch ſchweigen—“ un Fr geli red da we de ſi ni m id ver⸗ e, und ankheit g wie hkreuzt, s hätte ie Mi⸗ en kön⸗ venn et n wird, rd, daß an der u3 denn hete ſich woran ch durch ihn ein ingt i P Hnd Fliſ bewahtt 149 Diesmal klang Sulla's Stimme ungewöhnlich weich und er ſah mit einem faſt zärtlichen Blicke auf den Freigelaſſenen, als er fortfuhr: „Ja, Du wirſt ſchweigen, denn ich habe Dich ja geliebt und begünſtigt vor allen; warum ſollteſt Du reden? Und Granius—“ In dieſem Augenblicke wurde Granius gemeldet. Sulla zuckte zuſammen, dann ging ein Leuchten der Freude über ſein Geſicht und er murmelte: „Und Granius wird auch ſchweigen. Herein mit ihm!“ Granius trat ein; er ſah furchtſam und verlegen darein und war offenbar mit ſich ſelbſt im Unklaren, welcher Empfang ihm werden würde. „Granius“, ſagte Sulla gelaſſen zu ihm,„Du biſt dem Staate von dem letzten Feldzuge her große Er⸗ ſätze ſchuldig. Du führteſt die Kaſſe und es ſtimmte nicht Alles. Warum zögerſt Du, die Sache in Ord⸗ nung zu bringen?“ „Ich habe in der letzten Zeit namhafte Verluſte gehabt, mächtiger Sulla“ entſchuldigte ſich Granius. „Gönne mir noch einige Monate zu meiner Erholung, dann will ich bis auf den letzten Pfennig bezahlen, was ich dem Staate ſchulde.“ „Einige Monate!“ wiederholte Sulla mit einem 150 höhniſchen Lächeln.„Weil Du weißt, daß ich in eini⸗ gen Monaten nicht mehr leben werde, darum willſt Du die Friſt haben! Den Staat willſt Du betrügen! Wer wird, denkſt Du wohl, die Summe von mir einfordern, iſt Sulla erſt verfault, und Sulla fault ſchon bei le⸗ bendigem Leibe. Das ſind Deine Hintergedanken, aber tröſte Dich, guter Granius, Sulla wird Dich noch über⸗ leben. Das iſt für Dich, Du Dieb am Staatsgut!“ Sulla, deſſen Antlitz jetzt purpurn flammte, warf Papirius eine Schlinge zu und rief in befehlendem Tone: „Erdroſſele ihn!“ Granius war todtenbleich geworden und ſtöhnte, während ihn Papirius bereits beim Genick faßte: „Denke an meine Dienſte im Kriege gegen Jugurtha, den ich Dir zuführte.“ „Ich weiß es recht wohl“ fiel Sulla wieder kalt⸗ blütiger geworden dem Flehenden in die Rede,„ich weiß es recht wohl, Du führteſt mir ihn zu mit ab⸗ geriſſenen Ohren. Es war Deine erſte rühmliche That; um ſchneller zu ſeinen goldenen Ohrringen zu kommen, riſſeſt Du dem Gefangenen gleich auch die Ohren ab.“ „Aber ich hätte ihn dem Marius übergeben können und Du wärſt um den Ruhm gekommen, den Feldzug eh wä Ho ſpo ich zu ſer M de vie wi neini⸗ lſt Du Wet rdern, bei le⸗ n abet hüber⸗ ut“ „warf lendem e gurthe 151 gegen Numidien beendigt zu haben!“ ſchrie Granius, während ihm Papirius ſchon die Schlinge um den Hals warf. Es waren ſeine letzten Worte; eine halbe Minute ſpäter lag er erdroſſelt am Boden. „Jedem Andern hätte ich den Dienſt, deſſen er ſich rühmte, nie vergeſſen“ ſagte Sulla, den noch zuckenden Leichnam mit dem Fuße fortſtoßend.„Die⸗ ſer aber mußte ſterben. Nun iſt noch einer, der ans Meſſer muß, dann iſt die Arbeit gethan und die Zeit der Ruhe beginnt. Daß dieſer träge Phlagita doch ſo viel Zeit braucht, Cäſar zu fangen. Womit vertreiben wir uns doch einſtweilen die Zeit, Papirius?“ „Laß mich den Leichnam hinausſchaffen, Herr“, ſagte dieſer. „Laß ihn liegen, er liegt weich. Mir iſt wohler, ſeit er nicht mehr athmet. Nimm den Griffel zur Hand, Papirius, ich fühle mich geſtimmt, Dir ein Stück meines Lebens in die Feder zu dictiren.“ Dreizehntes Kapitel. Der Ring des Marius. Papirius entfaltete eine der auf dem Tiſche liegen⸗ den Pergamentrollen und ſagte: „Du biſt bei Deinem Siege über Fimbria ſtehen geblieben, nur Deine Verluſte haſt Du noch nicht an⸗ gegeben.“ Der Freigelaſſene ſah ſeinen ehemaligen Herrn mit einem ſarkaſtiſchen Lächeln an, welches dieſer recht wohl verſtand. „Ich weiß, worauf Du anſpielſt“ ſagte er lachend. „Meine herrliche Erfindung, die Verluſte auf Seite des Feindes übertrieben groß und die meinen als ver⸗ ſchwindend klein darzuſtellen, behagt Dir nicht; aber Deine Unzufriedenheit mit meiner Manier, Geſchichte zu ſchreiben, iſt mir vollſtändig gleichgültig, mein guter liegen⸗ ſtehen icht a⸗ en nit cht wohl lahe eite des als ver in gutet 153 Papirius. Wenn ich in einer Speculation Geld ein⸗ gebüßt habe, werde ich als kluger Mann die Ziffer meiner Verluſte an die große Glocke des Stadtklatſches hängen? Und iſt der Krieg etwas Anderes als eine große Speculation, die Feinde niederzuwerfen? Warum ſollte ich eingeſtehen, was mich die Speculation ge⸗ koſtet hat? Ich ſage Dir, mein Verfahren, meine Ver⸗ luſte in Schlachten auf Null zu reduciren, iſt ſo prai⸗ tiſch, daß es künftigen Feldherrn zum Vorbilde dienen wird. Mir iſt noch Alles im Leben gelungen; es wird mir auch noch gelingen, einen eigenen Schlachtbulletin⸗ ſtil bei den nachkommenden Geſchlechtern einzubürgern. Von zehn Todten werden neun verſchwiegen, das erhöht den Ruhm, das ſetzt die Tapferkeit und das Glück der Sieger erſt in das rechte Licht.“ „Du ſollteſt dieſe Pointe in einem Deiner Luſtſpiele anbringen“ ſchlug Papirius vor. „Warum nicht? Die Kunſt, über ſich ſelbſt zu lachen, iſt die ſeltenſte und werthvollſte. Warum ſollten wir, die wir ſo oft über Andere gelacht haben, ſie nicht auch zuweilen üben? Ich wüßte eine andere köſtliche Luſt⸗ ſpielpointe. Schade, daß mich Phlagita vielleicht ſchon um die Möglichkeit gebracht hat, ſie in Scene zu ſetzen.“ Sulla betrachtete, indem er ſo ſprach, lächelnd einen Ring, der einen ſeiner Finger ſchmückte. 154 „Deine Gedanken drehen ſich um Cäſar?“ forſchte Papirius neugierig. „Schade, daß ich ihm den Tod zugedacht habe“, murmelte Sulla,„ich könnte einen herrlichen Trumpf gegen ihn ausſpielen, der ihn vielleicht bitterer treffen würde als ein Todesurtheil. Nichts verwundet ſo ſehr als Hohn.“ Sulla ſpielte immer noch mit dem Ringe. „Was hindert Dich daran, gegen Cäſar den ſchein⸗ bar Großmüthigen zu ſpielen und ihn dabei meuch⸗ lings um ſo empfindlicher zu treffen?“ warf Papi⸗ rius ein. „Wenn er mir nicht ſo verdächtig wäre in ſeinem unzugänglichen Stolze!“ ſagte Sulla wie in Gedanken verſunken.„Wenn ich nicht die Ahnung in mir hätte, daß der junge Menſch einmal wieder umwirft, was ich mit Mühe geſchaffen, wenn ich ihn leben laſſen könnte, dann wüßte ich einen Witz, der ihn tödtlich treffen würde. Kennſt Du den Ring, Papirius?“ Sulla ſchob den Ring, den er bis dahin aufmerk⸗ ſam betrachtet hatte, als ſtudirte er ſeine Gravirung, mit einer raſchen Geberde Papirius vor das Auge. „Wie ſollte ich ihn nicht kennen?“ meinte Papirius. „Iſt es nicht der Ring, in welchen Du die Ausliefe⸗ rung Jugurtha's ſchneiden ließeſt? Iſt es nicht der rſchte abe“ unpf teffen ſehr chein⸗ neuch⸗ Poyi einem anken hätte, as ich önnte, reffen fnerk⸗ rung, ge. irius life t der 155 Ring, der den Marius ſo ſehr ärgerte, daß eigentlich von dem Tage, wo Du den Ring an den Finger ſteck⸗ teſt, die Todfeindſchaft datirt, die Euch unverſöhnlich auseinander hielt?“ „Ja, ja, Marius konnte es mir nie verzeihen, daß Jugurtha in meine Hände fiel und daß ich mit dem Ringe, dem die Einlieferung des numidiſchen Königs eingravirt war, meine Briefe ſiegelte.“ „Daß Du die Briefe mit dem Ringe ſiegelteſt“, warf Papirius ein,„das hätte ihn vielleicht noch nicht ſo gekränkt, wie daß Du ihn auch zur Siegelung von Staatsſchriften verwendeteſt.“ „Richtig!“ rief Sulla lebhaft und ſetzte, ſich von ſeinem Lager erhebend, mit einer Energie hinzu, die in einem Aufleuchten ſeiner Augen und in dem Aufflackern der die innere Bewegung ſignaliſirenden Röthe auf ſei⸗ nen Wangen ihren Widerſchein fand:„Und dieſen Ring, der den Marius ſo ſehr wurmte, dem Neffen des Marius zu vermachen, wäre das nicht ein Ge⸗ danke, der einen zu kitzeln vermag? Könnte man et⸗ was Beſſeres für ein Luſtſpiel erfinden? Schade, Pa⸗ pirius, ſchade, daß ich mir die pikante Pointe entgehen laſſen muß.“ „Seit wann müßte Sulla etwas?“ bemerkte Papi⸗ rius ſchmeichelnd. 156 „Kitzle mich nicht, Papirius!“ wehrte Sulla den indirecten Rath, Cäſar zu begnadigen, ab.„Die Luſt, den Streich zu führen, geht mir ohnehin prickelnd genug durch die Adern. Wie verführeriſch doch ſolch eine Pointe iſt! Cäſar in meinem Teſtamente bedacht, ſchon das iſt Goldes werth. Pompejus, der um mich geſchwanzwedelt, ausgeſchloſſen aus meinem Teſtament, Cäſar dagegen darin erwähnt, beſchenkt mit dem Ring, der ſeinem Oheim Krämpfe verurſacht hat— es wäre zu gut! Ja, wenn ich wüßte, daß in dem Knaben Cäſar kein zweiter Marius ſteckte, und wenn ich mich ſelbſt überleben und bei der Eröffnung des Teſtaments zu⸗ gegen ſein könnte, wenn ich die beiden Geſichter ſehen könnte, den Pompejus und den Cäſar! Denken wir an etwas Anderes, Papirius, der Gedanke mit dem Ringe umſtrickt mich ſonſt ganz und ich vergeſſe über dem Luſtſpieldichter den weitausſehenden Staatsmann, der den Knaben Eäſar nicht leben laſſen kann, wenn er ſein eigenes Werk in der Zukunft nicht gefährden will.“ Von dem Beſtreben geleitet, ſeinen Gedanken eine andere Richtung zu geben, trat Sulla an den Tiſch, auf welchem die Pergamente lagen, und nahm das erſte beſte, das ihm zunächſt lag, zur Hand. „Sieh, Papirius, dieſe Idylle!“ ſagte er, die Rolle a den e Aſt, ickelnd ſolch Wocht n mich ument, Ring, wäre Cäſar h ſelbſt its zir ſchen en wir tdem ſe über sman wenn führden n eine Liſch n da e Fle 157 entfaltend.„Die Bürger von Puteoli bitten mich ver⸗ trauensvoll, ihre innern Händel zu ſchlichten; es iſt, als ob die Leute ahnten, daß ich bald Zeit haben werde, meine Aufmerkſamkeit ihren kleinen Angelegen⸗ heiten zuzuwenden. Den guten Bürgern kann gehol⸗ fen werden; habe ich erſt den Dictator ausgesogen, will ich nach Puteoli als Schiedsrichter gehen und kleine Stadtzwiſte durch gute Worte und Händedrücke ſchlichten. Wer ſtört uns, Papirius?“ Die Frage war kaum ausgeſprochen, als ſich ſchon die Thüren öffneten und den Hüterinnen des heiligen Feuers Einlaß gewährten. Sie waren in vollem Ornate gekommen und hatten von ihrem Privilegium Gebrauch gemacht, bei den höchſten Würdenträgern des Staats unangemeldet ein⸗ zutreten. Ihr Eintritt war von den Worten begleitet: „Wir erbitten Gnade von Sulla, dem Glücklichen, für Cajus Julius Cäſar, den Unglücklichen!“ Sulla runzelte die Stirn. Der erſte Eindruck, den das Anſinnen der Veſtalinnen auf ihn machte, war offenbar kein günſtiger. „Immer daſſelbe Lied!“ murmelte er finſter. Plötzlich jedoch ſchienen ſeine Gedanken eine freund⸗ lichere Wendung zu nehmen; die Pointe mit dem Ring, 158 die ihm früher ſo gefallen hatte, ſchien ihm wieder in den Sinn zu kommen und er begann nachzudenken. „Ich muß zuerſt Phlagita ſprechen, ehe ich Euch Beſcheid geben kann“, ſagte er nach einer Weile aus⸗ weichend. „Wir haben Phlagita geſehen, wie er Cäſar hetzte!“ ſagte jene Veſtalin, welche in Cutiliä mit Urbilia un⸗ terhandelt hatte und ſich von den Bitten und Thränen des Mädchens hatte erweichen laſſen, die Intervention ihrer Genoſſinnen zu Gunſten Cäſar's anzurufen. „Der, den Phlagita verfolgt, iſt ein Verlorener und wir ſind dem verlorenen Cäſar begegnet. Und weil wir ihm begegnet ſind, darf er nicht ſterben. Brauchen wir Dir erſt unſere heiligen Vorrechte ins Gedächtniß zu rufen?“ Sulla ſtampfte mißmuthig mit dem Fuße. „So nehmt ihn denn, weil ich ihn Euch nicht ver⸗ weigern kann!“ ſagte er verdrießlich.„Mögt Ihr's nie bereuen, daß Ihr mir ſein Leben abgerungen. Ich meinte es gut mit Rom, indem ich ihn um einen Kopf kürzer machen wollte. Ihr wolltet es anders, ſo mögt Ihr's anders haben. Mir kann es am Ende gleich ſein— was iſt mir Rom mehr? Noch einige Tage, und Rom und das kleine Puteoli haben für mich gleiche Bedeutung. Und zuletzt bin ich doch noch der, der der in ken. Euch aus⸗ hette“ ia un⸗ hränen ention uufen. id wir il wir en wir niß zu 159 zuletzt lacht; denn bleibt mir nicht die Pointe mit dem Ringe? Um ſie wäre ich gekommen, wenn ich Cäſar hätte köpfen laſſen müſſen. Geht hin, er iſt begnadigt; ſtreiche ſeinen Namen von der Tafel der Geächteten, Papirius.“ Die gute Laune hatte bei Sulla wieder die Ober⸗ hand gewonnen und er entließ die Prieſterinnen mit Wohlwollen. „Nimm mein Teſtament zur Hand, Papirius“ ſagte er, als er ſich mit ſeinem Günſtling wieder allein ſah, zu dieſem.„Setze den Ring hinein, ſchreibe: Dem Neffen des Marius vermache ich meinen Ring mit dem Bildniß Jugurtha's. So, und noch eins: das Teſtament erhält einen neuen Paragraph.“ Papirius blickte mit Spannung auf den wieder ernſter gewordenen Dictator. „Wenn ich todt bin“ fuhr Sulla langſam fort, „würden ſie mich nach dem in meinem Hauſe herr⸗ ſchenden Gebrauche unverbrannt beiſetzen wollen. Das ſoll nicht geſchehen.“ „Warum nicht?“ fragte Papirius verwundert. „Vor einer Stunde noch wäre es mir gleichgültig geweſen, was ſie mit meinem Leichnam anfangen, jetzt will ich, daß ſie ihn verbrennen. Ich habe dieſen Knaben Cäſar begnadigt, aber ich bleibe bei meiner 160 Anſicht: in Cäſar ſteckt mehr als ein Marius; er wird Alles wieder umwerfen, was ich geſchaffen habe. Wenn er dann in ſeiner Rachſucht ſich an meinen Ueberreſten vergreifen ſollte, ſo ſoll er wenigſtens meine Gebeine nicht zerbröckeln können. Die Aſche mag ihm ver⸗ fallen, habe ich doch auch ſeines Oheims Aſche in alle Winde ſtreuen laſſen. Wer ſtört uns denn ſchon wieder?“ Papirius kam bald mit der Meldung zurück, daß Phlagita da ſei. „Was frage ich jetzt nach Phlagita!“ rief Sulla verdrießlich.„Sage ihm, daß er zu ſpät gekommen ſei. Er ſoll ſeinen Gefangenen laufen laſſen und ſich die vierzigtauſend Seſterzien abholen, als ob wir Cäſar von ihm übernommen hätten. Es ſind die letzten vierzigtauſend Seſterzien, welche der Staats⸗ ſchatz für die Einlieferung eines Geächteten aus⸗ zahlt.“ „Phlagita iſt allein“ wandte Papirius ein. „Allein?“ ſchrie Sulla.„Was haben die Veſtalin⸗ nen geſagt? Sahen ſie ihn nicht Cäſar jagen? Und er kommt ohne Cäſar? Ich fange an zu glauben, daß mich auch dieſer tölpelhafte Kelte be⸗ trügen will. Sollte er unſere vierzigtauſend Se⸗ ſterzien verſchmähen, weil er zweimal oder dreimal ——— ſer et wird Wenn erreſten Gebeine ver⸗ lſche in n ſchon ck, daß E kommen und ſich ob wir d die Staats⸗ nau⸗ eſtlin⸗ jagen? an zl lu be S0 161 vierzigtauſend Seſterzien in der Taſche hat? Laß ihn herein!“ „Du kommſt allein, Phlagita?“ fragte Sulla den demüthig eintretenden Offizier in wohlwollendem Tone, denn er hatte in dem Augenblicke, wo Phlagita ein⸗ trat, eine Maske vorgenommen, die ſeine wahre Stim⸗ mung verſchleierte. „Leider iſt mir Cäſar entſchlüpft“ berichtete Phla⸗ gita, eine betrübte Miene ſimulirend.„Schon glaubte ich ihn zu haben, das Haus, in welchem ich ihn ver⸗ muthete, war bereits von meinen Leuten umzingelt, ich ſelbſt gehe hin, ihn zu holen, da zeigt es ſich, daß er durch eine Hinterthür entkommen iſt.“ „Nachdem er Dir wie viel Seſterzien zurück⸗ gelaſſen, Elender?“ donnerte Sulla dem verblüfften Offizier in die Ohren.„Wage nicht zu leugnen, ich weiß Alles. Wie theuer hat er Dein Nachſehen er⸗ kauft?“ Sulla's Auge bohrte ſich in das Phlagita's; die⸗ ſer ſenkte, unwillkürlich verwirrt, das ſeinige; er konnte nicht anders glauben, als er ſei verrathen, und als ihm Sulla nochmals die Frage entgegen⸗ ſchleuderte, wie viel er von Cäſar bekommen habe, ſtammelte er: „Achtzigtauſend Seſterzien.“ Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. I. 162 Sulla wandte ſich mit einer Geberde der Verachtung von ihm und ſagte zu Papirius: „Ich ſagte ja, zwei noch müßten fallen; der eine liegt hier am Boden, der zweite ſollte Cäſar ſein. Nun denn, wenn's Cäſar nicht iſt, ſo ſei's Phlagita, damit ſich mein Wort erfüllt. Hinaus mit ihm, erdroſſele ihn draußen!“ —— Vierzehntes Kapitel. Aus der Scylla in die Charybdis. Cäſar hatte ſich kaum mit Phlagita abgefunden, als er durch Epidius' Erſcheinen überraſcht wurde. „Ich ſuche Dich ſeit drei Tagen, Cäſar!“ ſagte Epidius.„Von Catilina's Villa verfolgte ich Deine Spur durch die ſabiner Berge bis hierher, theils meinem Inſtinkte, theils den Winken derer folgend, die Dich auf Deinen unſtäten Wanderungen geſehen hatten.“ „Weißt Du, Epidius, daß ich ſo eben einer großen Gefahr entronnen bin?“ fragte Cäſar.„Eigentlich biſt Du es, dem ich Leben und Freiheit danke, denn mit dem Reſte des Goldes, das mir Narciſſus in Deinem Namen eingehändigt, als ich mein ſchönes Aſyl bei Eretum verlaſſen mußte, habe ich mich von den Send⸗ lingen Sulla's, die nach mir fahndeten, losgekauft.“ 11* 164 „Ich begegnete vor einer halben Stunde einem Trupp Soldaten, den ein Offizier führte“, ſagte Epi⸗ dius haſtig.„Ich zitterte für Dich. Erſt als ich mich überzeugt hatte, daß die Soldaten die Richtung gegen Cutiliä einſchlugen, wagte ich es, weiter gegen den Weinberg vorzudringen, in welchem Du, wie mir die Leute in Reate, die Dir wohlwollten, geſagt, die letzte Nacht zugebracht haſt. Welch ein Glück, daß ich Dich ſo ſchnell gefunden habe! Ein Hirt, der da unten ſeine Schafe weidete, bezeichnete mir die Hütte, in welcher ein junger, vornehm ausſehender Fremdling für eine Nacht Unterkunft gefunden. Es ſei gewiß ein Flüchtling, ſagte er mitleidig und ſetzte hinzu, in Rom müſſe es jetzt drüber und drunter gehen, ſodaß man ſich am Ende noch glücklich ſchätzen könne, ein Hirt und kein Senator oder Ritter zu ſein.“ „Der Mann hat ſo Unrecht nicht!“ warf Cäſar lächelnd ein. „Der Hirt ſagte mir auch, der vornehme Mann habe ein junges Mädchen bei ſich, das ſeine Schweſter oder ſeine Gemahlin ſein dürfte“, fuhr Epidius fort. „Wahrſcheinlich gaben Dir Freunde eine ortskundige Führerin mit— wo iſt ſie? Haſt Du ſie bereits wieder entlaſſen?“ Cäſar ſchwieg verlegen. e einen gte Cyi⸗ ich nich g gegen gen den nir die die letzte ich Dich a unten ütte, in tendling ewiß ein in Rom baß man ein Hirt rf Cüſor ne Mann Schwoſter its ſor. tskundige is wicder 165 Er fürchtete, Urbilia könnte von Eutiliä zurück⸗ kehren, während ihr Vater noch da war. Während er noch darüber nachdachte, wie er das Zuſammentreffen von Vater und Tochter auf die beſte Art verhindern könne, nahm Cpidius, dem das Mäd⸗ chen, welches Cäſar, wie er annahm, als Wegweiſerin gedient hatte, eigentlich ganz bedeutungslos erſchien, wieder das Wort. „Wenn Du Dich fortan meiner Führung anver⸗ trauen willſt, Cäſar“ ſagte er,„ſo hat Deine unſichere Lage ihr Ende erreicht. Ich bin gekommen, Dich aus Italien zu entführen. Du magſt auf fremdem, neutra⸗ lem Boden ruhig abwarten, bis ſich der Zorn Deiner Feinde gelegt haben wird. In Rom wechſelten in den letzten Jahren die Dinge ſo raſch, daß Deine Verfol⸗ ger über Nacht leicht ſelbſt zu Verfolgten werden können.“ „Wohin willſt Du mich bringen, Epidius?“ „Meine Geſchäfte nöthigen mich nach Bithynien zu reiſen“ erwiderte Cäſar.„Es bietet ſich mir eine glänzende Combination dar, mein Vermögen durch eine Handelsſpeculation, die das ſchwarze Meer zum Aus⸗ gangspunkte hat, namhaft zu vergrößern. Wohl hätte ich die Reiſe noch um einige Monate verzögern kön⸗ nen, aber da ſie mir zugleich die willkommene Gelegen⸗ 166 heit nahe legt, Dich jeder Gefahr zu entziehen, ſo unter⸗ nehme ich ſie lieber gleich.“ „Ich danke Dir, Epidius, daß Du immer und überall in erſter Reihe an mich denkſt!“ rief Cäſar in herzlichem Tone. „Du willſt alſo mit mir gehen?“ rief Epidius erfreut. „Nach Bithynien?“ forſchte Cäſar überlegend.„Wie willſt Du mich, den Beobachteten, Vielgekannten und ſo zu ſagen Umſtellten, ans Meer bringen?“ „Ich habe für Alles vorgeſorgt“, entgegnete Epi⸗ dius raſch.„Während ich ausging, Dich in den ſa⸗ biner Vorbergen zu ſuchen, ließ ich meine Barke den Tiber und den Nar hinaufgehen, weil ich darauf ge⸗ rechnet hatte, daß Du Dich auf der Flucht tiefer gegen die Berge gezogen und dem Nar genähert haben würdeſt. Wie ich jetzt ſehe, war meine Vermuthung die richtige. Die Barke erwartet mich bei Spoletum, wir können ſie in vier Stunden erreichen, und da ſich die Soldaten, die mir begegnet ſind, gegen das entgegengeſetzt liegende Cutiliä gewendet haben, ſo haſt Du nicht zu fürchten, daß Du ihnen noch einmal in die Hände fällſt. Die Ruderer bringen uns in dreißig Stunden nach Oſtia, ohne daß wir irgendwo zu landen brauchen, und bei Oſtia erwartet uns das Schiff, das ich für die Reiſe nach Bithynien gemiethet habe.“ unter⸗ rund iſar in etfreut. . Vie en und te Eyi⸗ den ſe⸗ rie den uuf ge⸗ gegen würdeſt ichig⸗ können oldaten⸗ liegende firhtn ſ Zi Oſti, und bei 167 Die Gelegenheit, den Verfolgern für immer zu ent⸗ rinnen, war eine ſo verlockende, daß Cäſar nur der Gedanke an Urbilia abhielt, ohne Ueberlegung auf den Vorſchlag einzugehen. Aber war es am Ende nicht beſſer, er folgte Epi⸗ dius und überließ Urbilia für den Augenblick ihrem Schickſale, als er führte durch Widerſtand und langes Zögern eine peinliche Begegnung zwiſchen Vater und Tochter herbei? Welche Rolle ſtand ihm bei dem gefürchteten Zu⸗ ſammentreffen bevor? Und konnte er nicht vielleicht beſſer für die nächſte Zukunft Urbilia's ſorgen, wenn er ſich jetzt von ihr trennte, als wenn er ſich und ſie noch weitern unabſehbaren Gefahren ausſetzte? Ein Gedanke ging ihm blitzartig durch den Kopf. Der erſte Schritt, ſeine Gemahlin Cornelia bezüglich Urbilia's zu täuſchen, war bereits geſchehen und auch gelungen, der zweite koſtete nicht mehr die Ueberwin⸗ dung des erſten. Cornelia hielt Urbilia für eine harmloſe Begleite⸗ rin ihres Gemahls, für ein Werkzeug, das Cäſar ſeine Freunde zur Verfügung geſtellt, um ihn ſicherer retten zu können. Wenn er nun auf dieſe Fiction weiter baute und Urbilia ſeiner Gemahlin mit der Bemerkung empſfahl, 168 daß Urbilia's Miſſion zu Ende ſei, daß ihm das Mäd⸗ chen auf ſeiner Flucht die beſten Dienſte geleiſtet habe und daß er es daher jetzt, wo er es nicht mehr brauche, ihrem Schutze anheimſtelle? Hatte er dadurch nicht beſſer für Urbilia geſorgt, als wenn er ſie in ſeiner prekären Lage noch weiter an ſich kettete, und hatte er dadurch nicht auch vollends jedes Mißtrauen bei ſeiner Gemahlin erſtickt, wenn dieſe ja einem ſolchen bezüglich ſeiner jugendlichen und reizenden Begleiterin in ihrem Herzen Raum gegeben haben ſollte? Da Urbilia nicht mit ihm Italien verlaſſen konnte und in das Haus ihres Vaters nicht zurückkehren mochte, ſo war ſie vorläufig bei Cornelia am beſten aufgehoben. Er zweifelte auch keinen Augenblick, daß ſie den Weg, den es ihm beliebte, ihr vorzuzeichnen, gehen und ſich beſcheiden würde, ſeine Gemahlin aufzuſuchen. Raſch entſchloſſen bat er Epidius, ihn eine Viertel⸗ ſtunde allein zu laſſen. Er benutzte dieſe kurze Zeit, um Urbilia in einem kurzen eindringlichen Schreiben den Standpunkt klar zu machen. Er fügte dieſem Briefe einige Zeilen für Cornelia bei, deren Ueberbringerin Urbilia ſein ſollte, und be⸗ auftragte dann die Bewohner der Hütte, die Briefe, n— 2 ttr ———— —— Mid⸗ habe auche, nicht ſeiner tte er ſeiner iglih ihrem onnte kehren heſten eden gehen ſuchen. iertel⸗ einen klar melin nd be⸗ Prife 169 die er geſchrieben, dem Mädchen, das ihnen als ſeine Begleiterin bekannt war, einzuhändigen, ſobald daſſelbe zurückkehren würde, um ſich zu erkundigen, wohin er ſich gewendet habe. Nachdem er ſich ſo mit Urbilia abgefunden zu haben glaubte, geſellte er ſich wieder zu Epidius, und beide hatten in kurzer Zeit die Uferſtelle erreicht, wo die Barke ſie erwartete. „Jetzt hat, wenn uns die Götter nur ein wenig geneigt ſind, Sulla's Gewalt über Dich ein Ende er⸗ reicht!“ rief Epidius aus erleichterter Bruſt, ſobald ſie das leichte Fahrzeug beſtiegen hatten, welches die kräf⸗ tigen. Ruderer alsbald in Bewegung ſetzten, daß es pfeilſchnell den Nar hinabflog. „Wenn wir nur nicht aus der Schylla in die Cha⸗ rybdis gerathen“, bemerkte Cäſar.„Den Sulla ſind wir los, wer aber bewahrt uns vor den Seeräubern? Weißt Du nicht, daß ſie die Meere weithin bis zum ſchwarzen Meere unſicher machen?“ „Ich habe unter der faſt ſouveränen Herrſchaft, die ſie, Dank den Bürgerkriegen, welche Rom zwangen, ſeine ganze Aufmerkſamkeit ſeinen innern Angelegenheiten zu⸗ zuwenden, über die Meere ausüben, ſchon genug ge⸗ litten!“ ſeufzte Epidius.„Manches herrliche und koſt⸗ bare Waarenſtück iſt mir auf dem Meere verloren 170 gegangen und ich weiß beſtimmt, daß es nicht der Sturm, wohl aber der Pirat verſchlungen hat. Man ſagt, daß ſich die Zahl derer, welche dem einträglichen Räuber⸗ handwerke auf dem Meere huldigen, ſchon weit über dreimalhunderttauſend erhebt und daß ſie über zwölf⸗ hundert Schiffe gebieten, wunderbar organiſirt ſind und in allen Küſtenſtädten Italiens, Siciliens, Grie⸗ chenlands und Kleinaſiens verkappte Helfershelfer haben, die ihnen in die Hände arbeiten.“ „Wie kann es unter ſolchen Umſtänden ein Kauf⸗ mann noch wagen, ſeine Schätze über das Meer zu führen?“ warf Cäſar ein. „Mancher entkommt doch und ein Jeder macht es ſo wie ich, man nimmt ſtatt Gold Perlen mit und näht ſie in die Falten der Toga ein“, beſchied Epi⸗ dius den Frager, indem er ſeine Lippen bis dicht an deſſen Ohr brachte.„Was liegt daran, wenn man uns fängt? Mein Schiff iſt klein und ich führe keine Woaaren mit mir, da ich erſt in Bithynien meine Ein⸗ käufe beſorgen will, die dann auf ein Dutzend Han⸗ delsſchiffe vertheilt die Fahrt nach Rom machen ſollen, ſodaß, wenn auch vier Schiffe gekapert werden ſollten, die übrigen acht doch wohlbehalten ankommen. Man müßte mich entkleiden und meine Kleider zerſchneiden, wenn man die Perlen bei mir finden und mir enneeg. Mnten 171 empfindlichen Schaden zufügen wollte. Und wer kennt mich, wer weiß, daß ich ein Kaufmann bin? Viel eher kennt man Dich und Deinen Namen. Wir ſagen alſo, das Fahrzeug gehöre Dir, ich ſei Dein Diener und Du auf der Flucht vor Sulla begriffen.“ „Du biſt viel zu ſanguiniſch, wenn Du Dich mit dem Gedanken ſchmeichelſt, nicht erkannt zu werden“, bemerkte Cäſar.„Hat ſich nicht Alles, was Rom und Italien an verkommenen Exiſtenzen aufzuweiſen hat, den Piraten zugeſellt? Wimmelt es in ihren Reihen nicht von Ueberläufern aus den Lagern des Sulla und Marius? Wie leicht kannſt Du nicht auf Jemand ſtoßen, der in Dir den Freigelaſſenen des Marius erkennt!“ „Dann iſt's erſt recht glaublich“, fiel Epidius tri⸗ umphirend Cäſar in die Rede,„wenn ich mich für Deinen Diener ausgebe! Biſt Du nicht der Neffe des Marius und iſt es nicht natürlich, wenn ich Dir folge und Dein Exil theile?“ Während ſich die Beiden ſo unterhielten, erreichten ſie die Stelle, wo der Nar in den Tiber mündet, und Cäſar mußte, je näher er Rom kam, um ſo mehr da⸗ ran denken, ſich unkenntlich zu machen. Endlich war auch Rom im Rücken und das Meer im Angeſichte der Flüchtlinge, welche nun nichts mehr zu befürchten hatten. 172 Ungefährdet erreichten ſie das Schiff, welches Epi⸗ dius für die Seefahrt gemiethet hatte, und dieſe ſelbſt ſchien den friedlichſten Verlauf nehmen zu wollen. Vom Winde begünſtigt hatten ſie in zwei Tagen den vierten Theil des Wegs zurückgelegt und ſchickten ſich an, bei der Inſel Lipara die Meerenge zwiſchen Sicilien und dem italieniſchen Feſtlande zu durch⸗ ſchiffen. Es war Nacht, als ſie zwiſchen Meſſina und Scyllä⸗ um dahinſegelten, und ſchon glaubten ſie, am Scylläi⸗ ſchen Vorgebirge dahingleitend, die Höhe des Joni⸗ ſchen Meeres gewonnen zu haben, als ſie in der Ferne eine Reihe erleuchteter Fahrzeuge gewahrten, welche ihren Lauf gerade gegen ſie nahmen und ungemein ſchnell zu ſegeln ſchienen, ſodaß ſie ſich bald in eine ſo verhängnißvolle Nähe zu den geheimnißvollen Schif⸗ fen gebracht ſahen, daß ſie die Muſik und die Geſänge hörten, welche drüben angeſtimmt wurden, und über den Lichtglanz erſtaunten, den die ſchwimmenden Ko⸗ loſſe ausſtrahlten. Der Schiffsleib, das Deck, der Bug, die Segelſtan⸗ gen waren mit buntfarbigen Lichtern beſäet, welche ſich zu glänzenden Kränzen, Pyramiden, Guirlanden und Säulen formten, ſodaß das Ganze einen feenhaften Eindruck machte. 173 „Wir ſind verloren“, ſagte Epidius, als die er⸗ leuchteten Schiffe immer näher rückten. „Du hältſt dieſe Schiffe für Piratenſchiffe?“ fragte Cäſar unruhig. „Unbedingt. Wehe uns und Meſſina!“ ſtotterte Epi⸗ dius, den der Gleichmuth angeſichts der ihm auf den Leib rückenden Gefahr denn doch im Stiche ließ.„Zuerſt kommen wir an die Reihe, morgen mit dem Früheſten aber wird Meſſina ausgeplündert, wenn es nicht die geforderte Brandſchatzung zahlt. Es wird die Muſik und die Lieder, die es heute Nacht hört, morgen theuer bezahlen müſſen!“ „Können wir uns nicht noch retten?“ forſchte Cäſar. „Wohin? Sie kennen hier jede Woge, jede Klippe, ſie haben Augen wie die Nachtvögel. Sieh, ſchon wech⸗ ſeln ſie Lichtſignale, ſchon rollen ſie ihre lange Reihe auf, um auf uns Jagd zu machen! Am beſten iſt's, wir erleichtern ihnen den Fang und kommen ihnen ſelbſt entgegen.“ Epidius, der die Art, wie die gefürchteten Seeräu⸗ ber zu operiren pflegten, recht wohl kannte und wußte, daß unbedingte Ergebung das einzige Mittel ſei, leichtern Kaufs wegzukommen, befahl dem Steuermann, der lichter⸗ ſtrahlenden Flotte, die ſchon ihre Barken abgeſetzt hatte, um auf das kleine Fahrzeug Jagd zu machen, zuzuſegeln. 174 Es dauerte nicht lange, ſo war das Schiff des Epidius dicht von kleinen Fahrzeugen umgeben, aus welchen abenteuerlich gekleidete Leute, jede Gefahr ver⸗ achtend, herüber ſprangen, um deſſen Bemannung für gefangen zu erklären. „In weſſen Händen ſind wir?“ fragte Cäſar furchtlos. „Kynokephalos von Kappadocien heißt unſer Herr!“ erwiderte einer der Piraten.„Du ſollſt ihn gleich kennen lernen. Wer aber biſt Du, der Du Dich ſo ſtolz geberdeſt, als ob Du uns ſo eben zu Gefange⸗ nen gemacht hätteſt? Wie ſollen wir Dich nennen, wenn wir Dich unſerm Herrn als unſern Gefangenen anſagen?“ „Sagt, daß es Euch geglückt ſei, Cajus Julius Cäſar zu fangen!“ rief Cäſar.„Oder einen römiſchen Bürger, wenn Euch das beſſer klingt!“ „Ich höre Deinen Namen zum erſten Male, guter Freund“, ſagte der Pirat,„aber Du biſt jung und dauerſt mich; darum, wenn Du guten Rath von mir annehmen willſt, ſo rühme Dich nicht bei meinem Herrn Deines römiſchen Bürgerthums. Kynokephalos von Kappadocien hat eine eigene Art, mit römiſchen Bürgern zu verkehren, die Dir wenig gefallen dürfte.“ „Worin beſteht dieſe Art?“ fragte Cäſar trotzig. 175 „Er ehrt die römiſchen Bürger in ſeiner Weiſe, in⸗ dem er ihnen erlaubt, ihre beſte Toga anzuziehen und alſo bekleidet Seewaſſer zu trinken, bis daß ihnen der Durſt für immer vergeht. So hat er ſchon einige Dutzend römiſcher Bürger in die Unterwelt befördert, und es thäte mir leid, wenn Du auch dahin müßteſt. Heute freilich triffſt Du ihn ausnahmsweiſe in guter Laune, denn er feiert ſein Hochzeitsfeſt.“ „Darum wohl dieſer märchenhafte nächtliche Glanz, dieſer Lichtſchimmer, darum auch Muſik und Geſang?“ warf Cäſar ein.„Wo hat ſich der Kappadocier ſeine Braut geholt? Denn ich ſetze voraus, daß ihm frei⸗ willig kein Mädchen folgte!“ „Du führſt eine vermeſſene Sprache“, ſagte der Pirat ſtaunend.„Gib Acht, daß Du Dich bei dem, den Du ſchlechtweg den Kappadocier nennſt, nicht um den Hals ſprichſt.“ Cäſar lachte und der Pirat ſah ihn mit ſteigender Verwirrung an. „Nun, guter Freund“, beharrte Cäſar,„willſt Du mir nicht ſagen, wen der Kappadocier heirathet?“ „Eine Königstochter!“ lautete die ſtolze Antwort. „Eine ſchöne Partie, das muß man ſagen!“ rief Cäſar. „Keine beſſere konnte es für ihn geben“, ſagte 176 Pirat.„Du ſiehſt auch, wie er ſeine Braut ehrt und wie die ganze Flotte ſich mitfreut. Die Prinzeſſin hätte am Hofe ihres Vaters kein glänzenderes Beilager feiern können. Dabei hat ſie noch die Freude zu ſehen, daß auch ihre Zofen heirathen. Während ſich Kyno⸗ kephalos die Königstochter nahm, looſten wir alle um die ſechs Sklavinnen, die mit ihr in unſere Gewalt gefallen waren.“ „Du ſcheinſt bei dieſer Lotterie eine Niete gezogen zu haben, guter Freund“ ſpottete Cäſar;„denn ſonſt hätteſt Du dieſe Nacht wohl etwas Beſſeres zu thun gehabt, als harmloſe Reiſende abzufangen.“ Während dieſes Geſprächs waren die Gefangenen bis dicht an das Schiff herangekommen, welches das Admiralſchiff zu ſein ſchien. Es war am glänzendſten erleuchtet und die Muſik auf demſelben erging ſich in beſonders wohlklingenden und ſinnebeſtrickenden Me⸗ lodien. Tanzrhythmen wechſelten mit Chören, die von kräf⸗ tigen Stimmen gebildet wurden. Ende des erſten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. — Srey Control Chart Sreen Vellow Hed Magenta