deutſcher, engliſcher franzöſiſcher Literatur Cduard Ottmunn in Gieſſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und„ beträgt; 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 2 der Piuer auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſ eng beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, voß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtchen haben. Auswärtige Aponnenten haben für Hin und Zurückſendung offene Wunden. Novelle von Julins Groſſr. Zweiter Band: Die neue Hagar. ———— Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1873. Erſtes Kapitel. Die Glocken läuten ſchwer und eintönig über die weißen Dächer der Stadt dahin. Es iſt Sonntag, eine unendliche Ruhe, ein tiefer Schlaf ſchwebt in der laut⸗ loſen Luft, ſchwebt um die beſchneiten Baumwipfel, um die dämmernden Thürme, um die dunkeln Straßen, wo der blendende Schnee neues Zwielicht verbreitet. Du ſiehſt Menſchen gehen und Wagen fahren, aber nur wie in einem Schattenſpiel. Du hörſt ſie nicht, denn die Schneemaſſen verſchlingen jeden Laut, ſelbſt den dröh⸗ nenden Donner, das brauſende Rollen der Bahnzüge und das ſchrille Pfeifen der Signale. Das Gewühl am Bahnhof geht heute feierlich und lautlos vor ſich, als wäre die Station der Haupt- und Reſidenzſtadt ein großer Gottesacker. Wohl dem, der ein Daheim hat an ſolchen Tagen, denn ſie laſſen empfinden, daß man alt wird; und das Groſſe, Offene Wunden. II. 4 praſſelnde Feuer im Ofen klingt wie geheimnißvolle Muſik der Erinnerung an den Sommer und an die Jugend. Doppelt glücklich aber, wer dann nicht allein hauſt in einſamer Junggeſellenwohnung bei fremden Leuten, ſondern lachende Kinderköpfchen auf ſeinen Knieen ſchaukelt, lachende Kinderaugen blitzen ſieht an ſeinem Tiſche. Unfern des Bahnhofs im Süden der Stadt, in einem beſcheidenen Hauſe am Angergartenplatz ſteht ein Mann, das Geſicht faſt dicht an die Scheiben gepreßt, und ſchaut nachdenklich hinaus in die beſchneite Land⸗ ſchaft. Er iſt ſo eben erſt gekommen oder will ſofort wieder gehen; eine große Wildſchur nmhüllt die breiten Schul⸗ tern und eine Schirmmütze beſchattet das verwitterte, farbloſe Geſicht mit den großen, ſchwermüthigen Augen, die allein einen weichen, faſt kindlichen Ausdruck haben in den harten, wetterfeſten Zügen mit dem buſchigen ſchwarzen Bart, der an den Spitzen bereits zu grauen be⸗ ginnt und beſchneit erſcheint wie draußen die Landſchaft Es iſt die Zeit zwiſchen dem Mittageſſen und dem letzten Glockenläuten, das die Garniſon zur Kirche ruft, die Zeit, wo die„Bürger bei der Stadt“ zum Früh⸗ ſchoppen geben und die Frauen ſich Viſite machen, um ihre Roben zu muſtern und Aufgebote und Hochzeiten, Todesfälle und Kindtaufen zu beſprechen. —— 3 Der Mann mit der Wildſchur war diesmal allein in die Kirche gegangen, ſeine Frau hatte zu Hauſe in der Bibel geleſen, denn ſie war zart und empfindlich gegen die Kälte der Kirchen. Jetzt war Carlman zurückgekommen, aber er ſtand noch am Fenſter und behielt die Schirmmütze auf dem Kopfe. Auf einmal ſagte er, nachdem er einige Aepfel aus einem Körbchen in die Taſchen der Wildſchur ge⸗ ſchoben hatte: „Behüt' Dich Gott, Erna, bis zur S bin ich wieder da.“ Die Frau, eine ſchlanke Brünette, nicht mehr jugend⸗ lich, aber auch ohne Spur des Aeltlichen, wandte ſich zu ihm; ſie war hin und her gegangen, eine Zeit lang in der Küche geblieben und jetzt wieder hereingekommen. Es war eine feine, graziöſe Geſtalt, in ihren klugen, nachdenklichen Augen lag eine Fülle von Liebe und zugleich ein Ausdruck von Trauer. Und ſo weich dieſe ſammtenen Wangen, ſo ſinnig dieſe ſchöne Stirn mit den ſtarken Augenbrauen und dem reichen Haar, ſo viel Entſchiedenheit verrieth die energiſche Bildung des Kinns und Mundes. Ihre feine Hand berührte jetzt die Schulter des Mannes. 1* „Auch heute, Carlman, auch am Sonntag läſſeſt Du mich allein?“ ſprach ſtumm und vorwurfsvoll ihr weiches, dunkles Auge, obgleich ihr Kopf nickte und die Lippe ſagte: „Geh, aber bleib' nicht zu lange.“ Carlman war bereits in der Nähe der Thür, als er ſich noch einmal umwandte, gleichſam angezogen von der magnetiſchen Gewalt ihres Blickes. „Erna, Du weißt es ja, ſei nicht böſe, der Sonn⸗ tag iſt die einzige Zeit, wo ich mir dieſe kleine Freude machen kann.“ „Jawohl, geh nur“, ſagte ſie und ein ſchwaches Lächeln umſpielte die vollen Lippen.„Ich habe Dich zwar die ganze Woche nicht, denn um fünf Uhr gehſt Du auf die Bahn, Mittag kommſt Du auf eine Stunde und vor der ſinkenden Nacht ſehe ich Dich nicht wieder. Trifft Dich aber der Nachtdienſt, ſo mußt Du umgekehrte Ord⸗ nung machen und bei Tage ſchlafen. Dann haben wir uns gar nicht mehr. Ja, ja, geh nur, Carlman, Du mußt Deine Zerſtreuung haben, das ſehe ich ein.“ „Zerſtreuung, Kind— es iſt ja eine Chriſtenpflicht; wenn Du nur einmal mitkommen wollteſt.“ „Warum nicht, wenn Du wie andere Deiner Freunde zum Schoppen gingſt und mit Leuten zu⸗ ſammenkämſt, die Dich aufheitern könnten. Gleich ——3—— — — E M ———2— ginge ich mit, aber zu den Buchbindersleuten, das wirſt Du mir nicht zumuthen.“ „Geh doch, Erna, Du weißt es ja, der arme Mann iſt zu bedauern, ſeit ihm ſeine Frau geſtorben und ſeit er mit ſeinen ſieben Kindern und der alten Frau Baſe allein iſt. Bei dem Armen geht Alles drunter und drüber, und doch“— ein Seufzer ſchien zu ſagen: „und doch könnt' ich ihn noch beneiden“—„und außer⸗ dem“, ſetzte er mit lauter Stimme hinzu,„Du weißt es ja, der jüngſte iſt mein Pathchen, Du ſollteſt ihn nur ſehen, dieſen Prachtkerl von drei Jahren.“ „Ja, ja, Du haſt Recht, Carlman“, ſagte Erna mit unſicherer Stimme;„geh nur, geh nur, nimm auch noch einiges Bisquit mit und eine Elle Zeug zu einem Jäckchen, ſie werden es brauchen können.“ Und eilfertig ſchob ſie ihm ein kleines Paquet in die große Taſche der Wildſchur. „Du biſt gut Erna“, ſagte Carlman,„aber es iſt wahr, ſehen ſollteſt Du ſie, wenn die ſieben um den Tiſch herumſitzen und die kleinen Fänſte und Füßchen regen und mit den hellen Augen einen anblitzen. Mein Pathchen hockt auf meinem Schooß und fragt mich, ob der liebe Gott zum Fenſter hereinſchauen könne— ſie wohnen ja im vierten Stock und auf den Hof hinaus. Der andere zieht ſeine Kleider mit dem bunten Futter 6 verkehrt an und ſpielt den Kaiſer, die älteſte aber kocht in ihrer Puppenküche und richtet eine große Hochzeit aus für ihre beiden Geſchwiſter; die müſſen knieen vor der Fußbank als vor dem Altar und werden getraut von dem zweiten, und dann ſingen alle zuſammen. Das müß⸗ teſt Du ſehen, Erna, mir geht allemal das Herz auf und ich verlebe dort meine glücklichſten Stunden. Beſonders mein Liebling, der Poldl, hat mir's angethan. Er nimmt nichts an von Aepfeln und Kuchen, wenn nicht alle zuvor haben, ſelbſt für die Magd bettelt er und die Katze, dann erſt greift er zu. Die Kindheit des Menſchen iſt immer wieder im Paradieſe. Da vergißt man Alles und ich meine, es iſt auch eine Art Gottesdienſt, ſo kleine Geſichter zu herzen. Ich bin alt“, ſetzte er mit ſchwermüthigem Tone hinzu„und hier iſt es einſam.“ Die letzten Worte hatte er leiſe geſprochen, während er ſich an den Ofen ſtellte und den Staub von den ober⸗ ſten Flieſen blies.„Was ſoll ich in der Trinkſtube“, ſprach er wieder mit lauterem Tone„bei den Reichen nnd Geſchwollenen! Der Buchbinder iſt glücklicher daran als ſie alle. Zuletzt gibt's doch kein dauer⸗ hafteres Glück, als eine luſtige Nachkommenſchaft auf⸗ blühen zu ſehen, ein Troſt für die ſpäte Zukunft, wenn man nicht mehr fort kann— zehn, zwölf Arme dann für zwei, die nichts mehr können.“ —— — 3 3 Erna hatte ihre Arme um den Gatten geſchlun⸗ gen, ihre Augen waren zu Boden geſchlagen, als ſie ſagte: „Ich weiß, Du möchteſt auch ſo glücklich ſein. Du biſt die lange Zeit her immer verſchloſſen und ſtill, als verſchwiegeſt Du mir einen großen Schmerz. Seit heute weiß ich ihn nnd kenne den Grund Deines Kummers, Deiner Schwermuth. Ich bin ſchuld daran, ja ich al⸗ lein, ich allein, Carlman.“ Und ihre Stimme ver⸗ ſchleierte ſich dabei wie beim Weinen, aber nicht bei jenem, welches ſichtbare Thränen weint. Es gibt auch Thränen, die nach innen geweint werden. „Rede nicht gottlos, Erna“, ſagte Carlman, in⸗ dem er die Gattin küßte„ſolcher Segen ſteht in Got⸗ tes Hand.“ „Aber wenn er Dir beſchieden wäre, würdeſt Du erſt vollkommen glücklich ſein“, ſagte Erna, indem ſie ſich aus ſeinen Armen losmachte.„O ich weiß es ſeit Jah⸗ ren, ich bin Dein Unglück geweſen und bin es noch!“ „Erna!“ rief der Mann faſt mit flehendem Tone, „weiß der Himmel, ich wollte Dir nicht wehe thun, und Du kannſt nicht ſagen, daß ich Dir jemals Vor⸗ würfe gemacht hätte. Uebrigens da Du ſelber dieſe Sache berührt haſt, will ich Dir ſagen, was ich mir aus⸗ gedacht habe. Es iſt mir heute während des Gottes⸗ dienſtes gekommen.“ abgenonmen und wärmte ſeine Hände an den weißen Porzellanflieſen des Ofens. „Was meinſt Du?“ fragte Erna, indem ſie ihre feinen Hände auf der Schulter des Gatten faltete. „Ich wollte Dir erſt nichts ſagen“, war die Ant⸗ wort, welche etwas ſtockend herauskam,„bis drüben Alles in Richtigkeit, dann erſt wollte ich Dich fragen, ob Du nichts dagegen hätteſt, wenn mir ein Lieblings⸗ wunſch erfüllt würde. Dir würde er zugleich ein Prä⸗ ſent bringen, ein lebendes. Wie wär's“, ſagte er mit etwas haſtigem Tone„wenn wir den kleinen Poldl zu uns nähmen, mein Pathchen?“ „Ein fremdes Kind!“ rief Erna und machte ſich los. Mit ſichtlichem Widerwillen und ſchmerzlich be⸗ troffen ſchien ſie dieſen Vorſchlag zu erwägen; erſt nach einer langen Pauſe ſagte ſie mit unverkennbarer Selbſt⸗ überwindung: „Ein fremdes Kind— ja, das wäre wohl ein Aus⸗ weg, aber die Verantwortung iſt groß; indeſſen, wenn es Dich glücklich machen kann, Carlman, Du weißt ja, ich thue Alles, Alles, was ich Dir nur an den Augen abſehen kann. Warum iſt es mir ſelbſt nicht längſt eingefallen? In Gottes Namen laß uns das Kind an⸗ nehmen. Wann kommt es denn?“ Er hatte jetzt die Schirmmütze neneennee ——— —— — 4* 9 „Wann?“ ſagte Carlmann.„So ſchnell geht das nicht, mein Schatz. Du mußt Dir das nicht ſo leicht vorſtellen. Nuulich, als ich anpochte beim Buchbinder und ſo im Allgemeinen und halb im Scherz ein Wort davon fallen ließ, da ſchüttelte er den Kopf und zog die Stirne kraus. Närriſcher Kerl, ſagte ich, es ſoll Euer Schade nicht ſein, bei uns kann Euer Junge etwas lernen und kann etwas Rechtes aus ihm werden. Sie⸗ ben Kinder und keine Mutter— es iſt ja Eure Pflicht, von ſolchem Reichthum etwas herzugeben und Euch ſelbſt die Laſt etwas leichter zu machen. Aber das war Alles in den Wind geredet. Nein, Herr Inſpee⸗ tor, ſagte er, und wenn ich zehn Kinder hätte, gäb' ich keins her, lieber heirathe ich noch einmal, wenn das Dutzend auch voll wird.“ „Ich habe es mir wohl gedacht“, flüſterte Frau Erna. „Nun meinte ich“, fuhr ihr Gatte fort,„wenn Du ein gutes Wort einlegen wollteſt, damit er doch ſieht, daß es unſer beiderſeitiger Wunſch und Wille iſt.“ „Ich ſelbſt?“ ſagte Frau Erna und fand keine rechte Antwort auf dieſen Vorſchlag.„Nnn, davon läßt ſich wohl ſpäter reden“, ſagte ſie dann raſch,„geh nur jetzt, damit Du zu Tiſche wieder zurück biſt.“ 10 Aber diesmal nützte ihr Drängen wenig. Carl⸗ man ſtand immer noch am Ofen und folgte den Bewegungen ſeiner Frau, die flüchtig einmal nach der alten Stutzuhr aus Ebenholz mit Alabaſterſäulen hinaufſah und dann emſig fortfuhr, den Tiſch zu decken, ein Geſchäft, womit ſie ſchon vorhin begonnen hatte. Auf einmal fragte Carlman: „Für wen iſt denn das dritte Couvert?“ „Siehſt Du“, ſagte Erna ſcherzend,„ich habe auch meine kleinen Geheimniſſe. Wir werden heute einen Gaſt haben— rathe einmal.“ Doch nicht den kleinen Poldl?“ ſagte Carlman, deſſen Gedanken noch immer bei dem Kinde des Buch⸗ binders waren.„Erna, wenn Du das gethan hätteſt—“ „Bitte, nur kein unverdientes Lob“, fiel ſie raſch ein;„wegen eines dreijährigen Kindes werde ich doch kein Couvert auflegen. Du mußt Dir ſchon eine etwas ältere Perſon vorſtellen. Was meinſt Du, wenn es meine Schweſter wäre?“ „Philomena!“ rief Carlman und verließ raſch den Ofen. Erna beobachtete ihn mit einem Seitenblicke und nickte ſtill vor ſich hin. „Es iſt ſo, wie ich ſage, Philomena kommt mittags 44 zwölf Uhr mit dem Zuge, ich erwartete ſie eigentlich ſchon um zehn und bin deshalb zu Hauſe geblieben.“ „Geh, Du ſpaßeſt“, ſagte Carlman,„Du willſt mich zum Beſten haben. Wie oft ſeit den fünf Jahren haſt Du um ſie geſchrieben, aber ſie kommt nicht, ſie kommt nicht, es iſt das alte Lied.“ „Doch, diesmal kommt ſie“, war die Antwort.„Ich will auch meine Zerſtreuung haben, mein lieber Mann, oder wünſcheſt Du es vielleicht nicht?“ „Ich nicht wünſchen, welche Frage! Aber warum haſt Du mir keine Silbe davon geſagt?“ „Haſt Du mich denn zur Vertrauten Deines Pla⸗ nes gemacht mit dem Kinde? Offen geſtanden, ich glaubte ſelbſt nicht recht daran, daß ſie kommen würde, aber geſtern hat ſie geſchrieben und zugeſagt.“ Carlman ging tief aufathmend im Zimmer auf und ab. Die Angelegenheit mit dem Buchbinder und dem kleinen Poldl ſchien im Moment vergeſſen zu ſein. Zerſtreut blieb er einigemal an den Wänden ſtehen und blies den Staub von den Göldrahmen der Kupfer⸗ ſtiche, welche die Wand ſchmückten, dann wandte er ſich plötzlich zu Erna, welche ihn fortwährend heim⸗ lich besbachtete und ſtill vor ſich nickte. „Nun, mir ſoll's nur lieb ſein, Erna, wenn Du Geſellſchaft haſt“, ſagte er,„aber haſt Du denn auch 12 an Alles gedacht? Wo ſoll ſie wohnen, wie lange wird ſie bleiben und was ſagen die alten Eltern dazu? Wie haſt Du es nur ermöglicht? Das iſt ja eine Ueberraſchung ohnegleichen. Mir ſoll's nur lieb ſein“, ſetzte er mit kühlerem Tone hinzu,„wenn Du endlich einmal Zer⸗ ſtreuung haſt. Das kann ja ein ganz unterhaltender Sonntag werden. Apropos, haſt Du auch für Deſſert geſorgt?“ ſagte er, indem ſeine Blicke den gedeckten Tiſch prüften; dann ging er in ein Nebenzimmer, öff⸗ nete einen Wandſchrank und brachte eine Flaſche nebſt grünen Römern zurück. Dann räumte er auch die Taſchen ſeiner Wildſchur wieder aus und da zeigte ſich, daß er bereits vorher auf dem Weg von der Kirche tüchtig eingekauft hatte. Eine beträchtliche Quantität von Confect, Früchten und Näſchereien, welche er jetzt auf einem Teller ordnete, kam zum Vorſchein. Gleich darauf ſtand er zufälligerweiſe vor dem Spiegel und ordnete ſich ein wenig das buſchige, tief⸗ ſchwarze Haar, welches nur an den Schläfen einen weißen Schimmer zeigte. Sein ganzes verwittertes und farbloſes Geſicht mit den großen, ſchwermüthigen Augen hat einen neuen Ausdruck, eine gewiſſe Spannung bekommen. Er ſieht aus wie Jemand, der eine heimliche Freude nicht ver⸗ bergen kann. —————— — 05 13 Plötzlich fragt er: „Kommt ſie mit der Poſt oder mit dem Ein⸗ ſpänner?“ „Aber wie kann man ſo zerſtreut ſein, Carlman“, ſagte Erna lachend.„Du haſt wohl ganz vergeſſen, daß die Bahn an Rehlingen vorbeigeht. Du haſt ſie ja mitbauen helfen.“ „Himmel, dann muß ich gleich auf die Bahn. Der Zug kommt Punkt zwölf.“ „Und jetzt iſt es bereits ein Viertel darüber. Bei den Schneemaſſen hört man keinen Zug mehr und kein Signal, ſonſt hätten wir ihn ankommen hören müſſen. Sieh nur die Menſchenmenge!“ In dieſem Augenblick wurde die Hausglocke gezogen. „Gib Dir keine Mühe“, ſagte Erna zu ihrem Gat⸗ ten,„ich habe die alte Gertrud auf die Bahn geſchickt. Jetzt ſind ſie ſchon da, wie ich höre. Bleibe hier unter⸗ deſſen, ſie wird erſt ablegen wollen. Ich bringe ſie Dir ſelbſt nachher. Nur einige Augenblicke Geduld.“ Mit dieſen Worten war ſie davongeeilt und ließ ihren Gatten allein. Carlman hörte mehrere Thüren ſich öffnen, auch die etwas knarrende Thür des abgelegenen Rückzimmers, wohin eine kleine Treppe führte und welches zum Fremdenſtübchen vortrefflich paßte. Raſch hatte er jetzt ſeine Wildſchur ausgezogen und ordnete flüchtig ſeinen Anzug.„Alſo deshalb iſt ſie heute nicht in die Kirche gegangen und hat die Bibel zu Hauſe leſen müſſen— um Philomena's wil— len, und mir ſagte ſie kein Wort.“ Wie mechaniſch ord— nete er die Aepfel und OHrangen auf der Fruchtſchale von neuem, dann trat erzum Fenſtertritt, dem gewöhn⸗ lichen Platze Erna's, deren Nähtiſchchen auf einem er⸗ höhten Tritt ſtand. Auf dem Nähtiſch ſelbſt lag ein offenes Buch. Neu⸗ gierig und zerſtreut griff Carlman danach. Es war die Bibel, und die Stelle, welche aufgeſchlagen, war eine des alten Teſtaments. „Das ewige Bibelleſen hat ſie von ihrer Mutter gelernt“, ſagte Carlman und warf einen Blick in das heilige Buch und las. Es war das ſechzehnte Kapitel des erſten Buches Moſe und zwar⸗die Geſchichte von Hagar und Sarah. Kopfſchüttelnd las Carlman das Kapitel und ſchlug das Buch zu, um es wegzuſtellen. Dann ging er eine Weile auf dem weichen Teppich des Zimmers gedankenvoll und die Hände auf dem Rücken auf und nieder. Endlich duldete es ihn nicht länger in dem Raume, der ihm ſchwül vorkam, und er wollte hinaus. Da öffnete ſich die Thür und blendend ſchön, in —— 2— — — — 3 „ 15 Schüchternheit und Verſchämtheit zögernd, ſtand ein unges Mädchen auf der Schwelle. Es war gleichſam Erna in zweiter, verklärter Geſtalt. Derſelbe ſchlanke Wuchs, dieſelben tiefen, treuen, nachdenklichen Augen, daſſelbe feine Oval des Geſichts mit den ſammtenen Wangen und dem reichen Haar, mit dem energiſchen Kinn und den vollen Lippen, dieſelbe Fülle der For⸗ men, aber Alles faſt um zehn Jahre jünger und friſcher, die Augen glutvoller, die Lockenfülle wilder, das In⸗ carnat tiefer, und vollends jetzt ſchien es von einer dunk⸗ len Röthe überhaucht zu ſein, als das Mädchen zögerte, die Schwelle zu übertreten. Carlman ſtand einen Moment wie geblendet, dann ſtreckte er ſeine Hände aus.„ „Mädchen, Philomena, biſt Du's wirklich? Blitz, was iſt das Kind ſchön geworden! Nur näher, mein Kind, nur näher. Iſt es aber auch recht, einem eine ſo reizende, heimtückiſche, liebevolle Ueberraſchung zu machen? Nun, kennſt Du mich wirklich nicht mehr?“ „Doch Schwager.“ Und Philomena ſchlug ihr zartes, weiches Auge auf, und der tiefe Blick deſſelben ruhte faſt mit einem Ausdruck des Vorwurfs und des For⸗ ſchens auf dem Gatten der Schweſter.„Wir kennen uns ja, Carlman“, ſagte ſie mit milderem Tone und ſchlug in ſeine ausgeſtreckte Hand ein. 16 „Alſo willkommen, tauſendmal willkommen!“ rief Carl⸗ man und zog das junge Mädchen an ſich, um ihr den üblichen und unter ſo nahen Verwandten rechtsgültigen Willkommskuß zu geben. Philomena aber drehte ihr Antlitz ab, ſodaß ſeine Lippen kaum ihre Wangen berührten, die noch tiefer erglühten. In demſelben Augenblick kam die alte Gertrud mit der Suppenſchüſſel herein. Man nahm Platz, und Erna legte vor. Carlman war über Tiſche von einer ſeltenen Ge⸗ ſchäftigkeit und Beweglichkeit, beſonders von zärtlicher Aufmerkſamkeit Philomena gegenüber, die jedoch ſeinen Blicken auswich und ihn nur verſtohlen betrachtete; am ungehindertſten beobachtete ſie ihn, wenn er mit Erna ſprach, die heute ganz ausgelaſſen ſchien, obgleich eben dieſe Munterkeit und Lebhaftigkeit ſonſt nicht in ihrem Charakter lag. Philomena ſtutzte zwar anfangs, gab ſich dann aber dem Glauben hin, daß Erna während der langen Zeit, ſeit ſie ſich nicht wiedergeſehen hatten, ihr Weſen verändert haben könne, und ſie mußte ſich geſtehen, daß dieſe Aenderung nur zu ihrem Vortheil ausgefallen ſei. „Seht, das iſt mir doch das Liebſte, was mir ſeit langer Zeit paſſirt iſt“, ſagte Carlman.„Gib Acht, mein Schatz, nun ſoll bald neues Leben in unſere ſtille ———— 17 Klauſe kommen. Heute iſt Sonntag, was fangen wir Nachmittag an, wozu haſt Du Luſt, mein Kind?“ Und er wandte ſich dabei an Erna, ſeine Frau.„Eine bloße Promenade auf dem Wall wird Euch nicht ge⸗ nügen. Wie wär's, wenn wir im Wintergarten den Kaffee nähmen? Was meinſt Du?“ „Du biſt ſehr liebenswürdig, alter Carlman“, ſagte Erna,„aber Philomena wird lieber Muſik hören wollen.“ „O, auch dafür iſt geſorgt. Da, ſucht Euch aus.“ Und er zog ein Annoncenblatt aus der Taſche.„Um vier Uhr großes Concert in der Südendhalle— eine vor⸗ zügliche Kapelle, Symphonien von Beethoven und ſo weiter; oder wenn Ihr ein Abendeoncert vorzieht im Orpheon— dort wird auch getanzt. In großen Städten iſt für Alles geſorgt. Ihr habt die Auswahl.“ „Nein, keinen Tanz“, ſagte Erna;„ich denke, dieſe Art von Geſellſchaft dürfte doch wohl nicht für uns paſſen. Was iſt denn heute im Victoriatheater?“ Carlman blätterte um.„Ich glaube, ein Volks⸗ ſtück“, ſagte er;„der Graf von Gleichen.“ Erna lachte.„Iſt das nicht die Geſchichte des Ritters mit den zwei Frauen?“ „Ja, aus den Kreuzzügen“, ſagte Carlman.„Heut⸗ zutage machen die Ritter ihre Kreuzzüge zu Hauſe“, ſetzte er lachend hinzu. Groſſe, Offene Wunden. II. 2 „Du böſer Mann“, rief Erna, ſich zur Heiterkeit zwingend,„Du haſt wohl auch einen ſolchen Kreuzzug gemacht. Zur Strafe ſollſt Du uns heute überall hin⸗ führen, zum Kaffee in den Wintergarten, zum Concert in die Südendhalle und abends in das Victoriatheater, und jetzt gibſt Du mir einen Kuß, natürlich zur Strafe.“ Aber die Zärtlichkeit dieſer Worte ſchien doch nicht ganzer Ernſt zu ſein, denn Erna entwich den Armen ihres Gatten und verließ das Zimmer, um nach dem Pudding zu ſehen, den die ſchläfrige Gertrud gewiß anbrennen ließ. Carlman war jetzt mit Philomena allein. Die letztere hatte während der lauten Unterhaltung eine ſtumme Rolle geſpielt. Dies Schauſpiel zweier verliebter Gatten ſchien ausdrücklich vor ihr aufgeführt zu werden, und dieſe Abſicht war es geweſen, die ſie verſtimmen mußte— ſo hätte leicht ein dritter Zuſchauer glauben können. Carlman redete faſt ausſchließlich mit Erna und Erna mit ihrem Gatten. Dabei ent⸗ ging ihr keineswegs, daß Carlman's Blicke zuweilen auf ihrer ſchönen Schweſter ruhten, und wie zufrieden über dieſe Entdeckung lächelte ſie vor ſich hin. Noch im letzten Augenblick, als ſie das Zimmer verließ, ſagte ſie zu Carlman: „Jetzt macht einmal, daß Ihr Euch verſöhnt und nicht daſitzt wie geſchworene Feinde. Ihr redet ja kein Wort mit einander! Ich bin gleich wieder da.“ Dieſe Worte waren nur flüſternd geſprochen, in⸗ deſſen ſo laut, daß ſie Philomena recht gut verſtehen konnte. Jetzt waren beide allein, Carlman und ſeine ſchöne Schwägerin. Es entſtand eine lange Pauſe. „Was hat denn Erna zu Dir geſagt, Schwager?“ fragte Philomena, indem ſie aufſtand. „Ich habe ſie ſelbſt nicht recht verſtanden“, erwi⸗ derte Carlman,„oder ſollte ſie wirklich Recht haben, daß es zwiſchen uns etwas zu verſöhnen geben könne?“ Philomena ſchwieg. „Es iſt wahr, Kind“, fuhr Carlman fort,„wir ha⸗ ben eigentlich keinen Abſchied damals genommen, Du haſt nie etwas von Dir hören laſſen, und ich habe Dich u wiedergeſehen ſeit jenem verhängnißvollen Tage.“ „Verhängnißvoll“, ſtieß Philomena leiſe hervor, ihr Auge ſuchte den Boden, und ein Zittern überlief ihre ganze Geſtalt. „Man ſoll mit ſeinem Schickſal nicht ſpielen“, ſagte Carlman, und ſeine Stimme nahm einen ern⸗ ſten Ton an.„Ich habe es damals gethan und Deine Mutter mit ihren ſogenannten Grundſätzen hat das 2 4 20 Uebrige gefügt. Wäreſt Du dageweſen an jenem Tage, es wäre vielleicht Alles anders gekommen.“ „Ich bitte Dich, Carlman, reden wir nicht da⸗ on“, ſagte Philomena mit flehendem Tone.„Erna hat mich doch gewiß nicht deshalb kommen laſſen, daß Du mir ſolche Dinge ſagſt.“ „Darin kannſt Du Recht haben, Philomena, in⸗ deſſen, weshalb ſie Dich kommen ließ, begreife ich je weniger, je mehr ich darüber nachdenke; ſie muß ein Geheimniß haben.“ „Und Du hätteſt es alſo nicht gewünſcht! Dann gehe ich gleich wieder, noch heute!“ rief Philomena, und das tiefe Incarnat ihres Geſichtes ward unmerklich fahler. „Nicht doch, mein Kind, ſei verſtändig, Philo⸗ mena“, und Carlman ergriff ſie bei der Hand. „Erna will eben Zerſtreuung, Abwechslung, weiß ich! Möglich, daß ſie dabei gefürchtet hat, daß nicht Alles längſt ausgeglichen iſt. Sag', kannſt Du mir wirklich immer noch nicht verzeihen? Ich hätte nicht geglaubt, das es einem Mädchenherzen ſo ſchwer fal⸗ len würde, endlich verſöhnt zu ſein.“ „Ich bin es, wenn Ihr glücklich ſeid“, ſagte Philo⸗ mena faſt unhörbar. Carlman ſchwieg eine Weile, während er am 2¹ Fenſter ſtand und in die lautloſe Schneelandſchaft hinausſtarrte. Dann wandte er ſich plötzlich und ſagte: „Komm her, Philomena, ich will Dir etwas ins Ohr ſagen, Du mußt es aber für Dich behalten und keiner lebenden Seele verrathen. Sieh, Deine Schweſter Erna iſt ein Engel, eine Dulderin, eine Heilige, und ſie thut ſo, als ob ſie glückich ſei und keinen Wunſch mehr im Herzen habe, aber ich bin an Allem ſchuld, ich bin ihrer nicht werth, ich bin zu alt und verkom⸗ men; ich hätte ſie nicht aus ihrem glücklichen Kreiſe herausreißen ſollen, nicht aus ihrer Heimat verpflan⸗ zen ſollen, wo ſie Alles hatte, was das Herz ausfüllt und das Leben leicht macht wie in einem Waldmär⸗ chen. Dort hatte ſie Vater und Mutter und Schweſter, Blumen und Bäume, Wieſen und Quellen, zahme Hirſche und Tauben und jeder Vogel auf dem Zweig, jedes Reh im Walde kannte ſie wie die gute Fee. Was hat ſie hier in der Stadt! Nichts von alledem, tapezierte Wände und gefrorene Fenſter, leere, kalte Straßen von Backſteinen und herzloſe Menſchen, gleich⸗ gültige Bekannte, neugierige Nachbarn, Einſamkeit oder Stadtklatſch, ſonſt nichts, denn ich bin faſt im⸗ mer außerhalb des Hauſes, ich kann ihre langen ſtillen Tage nicht ausfüllen. So ein alter Staatskrüppel ſollte eigentlich gar nicht heirathen!“ Philomena ſah den Schwager eine Weile prüfend an, als mißtraue ſie dieſer Fülle von Selbſtvorwürfen. „Das verſtehe ich nicht ganz“, ſagte ſie dann. „Vergnügungsſüchtig iſt doch Erna niemals geweſen.“ „Aber ſie ſoll es ſein, ſie ſoll etwas haben vom Leben“, rief Carlman,„und deshalb iſt es gut, Mäd⸗ chen, daß Du gekommen biſt. Sei Du ihr guter Haus⸗ geiſt, der ihr heitere, beſſere Gedanken bringt und ihr keine Zeit läßt zum Grübeln und Grämen. Dazu biſt Du wie geſchaffen, mein Kind, vorausgeſetzt, daß Du hier bleiben willſt und wieder gut mit mir biſt.“ Er hatte dabei ihre Hand ergriffen, und Philo⸗ mena ließ ſie ihm, jetzt legte ſie den Kopf an ſeine Schulter, und wieder hauchten ihre Lippen: „Ich bin ja glücklich, wenn Ihr beide es ſeid.“ In dieſem Augenblicke trat Erna und die alte Gertrud folgte ihr mit dem dampfenden Pud⸗ ding. „Laßt Euch nicht ſtören“, ſagte ſie lächelnd, indem ihr Auge mit durchdringendem, faſt verklärtem Aus⸗ druck auf der holden Gruppe ruhte, die ſich bei ihrem Eintreten ſofort löſte. Erna aber trat zum Tiſch und füllte die grünen Römer. Dann erhob ſie einen davon. „Auf Verträglichkeit, Kinder, und auf neues Leben!“ Die Gläſer klangen. „Nach Tiſche alſo wollen wir uns einen vergnüg⸗ ten Nachmittag machen“, ſagte Carlman, indem er ſein Glas hinſtellte und wieder Platz nahm. „Thut mir leid, lieber Mann“, ſagte Erna,„dar⸗ aus ſcheint nichts zu werden. Draußen ſteht ein Bote für Dich, ich hätte ihn beinahe vergeſſen. Soll er her⸗ einkommen?“ „Das will ich mir doch ſchönſtens ausbitten!“ rief Carlman mit aufſteigendem Unmuth.„Sonntags will ich meine Ruhe haben!“ „Aber ſo höre ihn doch wenigſtens an“, warf Erna ein,„die Sache ſcheint wichtig zu ſein.“ „Deſto ſchlimmer“, rief Carlman. Inzwiſchen hatte Erna die Thür geöffnet, ein Bahnhofbedienſteter trat ein und brachte ein Telegramm des Inhalts, daß in längſtens einer Stunde die fremden Majeſtäten von ſo und ſo mit einem Extrazuge eintreffen würden, eine ſchon ſeit mehrere Tagen vorausgeſehene Even⸗ tualität, für welche ein feierlicher Empfang am Bahn⸗ hof in Ausſicht genommen war. „So ſchlag' das Gewitter in dieſe Fürſtenreiſen!“ rief der Inſpector.„Nicht einmal im Winter ſoll man davon verſchont bleiben. Iſt denn der zweite Inſpector nicht auf dem Platze?“ fragte er den Bahnbedienſteten. Mann,„Herr Schollmeher iſt auf Reiſen auf zwei bis drei Tage. Und wie wollen es denn der Herr Ober⸗ inſpector heute Abend gehalten haben?“ „Heute Abend, wie ſo?“ „Entſchuldigen, Herr Oberinſpector, aber es kommt ja mit dem Abendzug das Comité von der Südbahn⸗ ſtrecke. Es gibt ein Bankett im Rathauſe.“ „Richtig“, fiel Erna ein,„es iſt ja ſchon viele Wochen her davon geſprochen worden. Das iſt alſo heute?“ „Blitz, das hatte ich ganz vergeſſen“, rief Carl⸗ man und ſtand eine Weile unſchlüſſig. „Vom erſten wird kein Dispens möglich ſein“, ſagte er,„das ſind Dienſtſachen, aber für den Abend ſehe ich nicht ein, warum ich mich nicht frei machen ſoll.“ „Das wird doch zu bedenken ſein, lieber Mann“, meinte Erna.„Ausſchließen wirſt Du Dich nicht können.“ „Ich bitte Dich“, ſagte Carlman,„wenn man da einmal mitmacht, kommt man vor Mitternacht nicht davon, das kennen wir ſchon. Es iſt eine Teufelsgeſchichte. Am beſten, ich melde mich krank.“ Erna ſtand eine Weile nachdenkend. Ein Gedanke „Entſchuldigen, Herr Oberinſpector“, ſagte der 25 ſchien in ihr zu reifen, ein unerwarteter plötzlicher Ge⸗ danke, der ſie ſelbſt überraſchte und mit ſeltſamer Leb⸗ haftigkeit erfüllte. „Das Krankmelden wird Dir nichts helfen, Carlman, nachdem man Dich noch am Nachmittag geſund geſehen hat. Man wird Dir perſöhnliche Gründe unterſchieben, Du weißt, wie erfinderiſch die Leute da⸗ rin ſind. Meine Meinung iſt, Du nimmſt an dem Feſte Theil. Wir dispenſiren Dich von unſerer Geſellſchaft. Man muß ſolche Gelegenheiten nicht verſäumen. Das gibt neue Anknüpfungen, Bekanntſchaften, Beziehungen für die Zukunft. Du biſt es Deiner eigenen Carrière ſchuldig, denn ewig willſt Du doch nicht Inſpector bleiben.“ „O, nach ſolchen Rückſichten handle ich nie!“ „Nun, ſo thue es zu Deiner Zerſtreuung, Deiner Geſundheit wegen.“ „Ein Bankett zur Geſundheit, nicht übel! Ja, wenn Ihr noch dabei ſein könntet, dann wäre es etwas, aber mitnehmen kann ich Euch nicht. Es ſind nur Herren.“ „O, deshalb habe keine Sorge, Lieber. Wir wol⸗ len uns die Zeit ſchon vertreiben, nicht wahr, Philo⸗ mena?“ „Es iſt gut“, ſagte Carlman,„vielleicht komme ich doch früher wieder los.“ „Nein, nein, lieber Mann, nicht fortlaufen, nicht ausreißen vor fremden Geſichtern. Dortgeblieben ſchön bis zum Ende, dann wird man Dich noch einmal ſo lieb haben, Du böſer Mann“, und dabei zupfte ſie ihn neckiſch am Barte.„Aber jetzt geſchwind angezogen“, drängte ſie,„der Dienſt ruft, vielleicht ein Orden.“ „Und deshalb treibſt Du mich aus dem Hauſe?“ „O wir ſind ehrgeizig, mein Freund“, ſagte Erna mit komiſchem Pathos,„wir wollen ſteigen, wir wollen mehr werden, wollen etwas ſein in der Welt!“ Mit dieſen Worten half ſie ihm in die Wildſchur und um⸗ armte ihn zärtlich. Carlman küßte ſeine Gattin und reichte Philomena noch einmal ſeine Hand. Dann ver⸗ ließ er ſcheltend und brummend das Haus und die ſtille Wohnung. „Nicht einmal des Sonntags ſoll man ſeinen Frie⸗ den haben!“ Zweites Kapitel. Beide Schweſtern waren jetzt allein und ſaßen ſich eine geraume Weile gegenüber. Während Philomena's Blicke bald an den Wänden hinſchweiften, ohne einen Gegenſtand feſtzuhalten, bald nachdenklich nach innen gekehrt erſchienen, erhob ſich Erna und machte ſich mit Geſchäftigkeit zu thun. Nachdem der Tiſch abgeräumt, ging ſie nach dem Feuer im Ofen zu ſehen und den Kaffee zu bereiten. Wer die beiden Schweſtern jetzt beobachtet hätte, konnte ſie leicht für Zwillinge halten, von denen die eine, die ältere nämlich, nur eine große Krankheit durchgemacht habe Der ſchlanke Wuchs und die Fülle der Formen war beiden gemeinſam; das feine Oval des Geſichts und die ſchöngezeichneten Augenbrauen ſchienen bei Erna etwas beſtimmter, das roſige Incarnat Philv⸗ mena's konnte man gegen den blaſſeren Teint der Schweſter auf die Reiſe in friſcher Winterluft ſchieben. „Nun ſage mir um des Himmels willen, Erna, was gibt es denn eigentlich zwiſchen Euch?“ begann endlich Philomena.„Du ſchreibſt ſo herzbrechend, daß ich meinte, es müſſe Dir ein Unfall zugeſtoßen ſein, oder Carlman behandle Dich ſchlecht. Ich finde aber“, fuhr ſie fort, als Erna auf dieſe Frage ſchwieg, „ich finde, Ihr lebt ganz glücklich, und Carlman iſt ganz der Alte geblieben, wie wir ihn draußen in Rehlingen kannten.“ „O Carlman iſt gut“, ſagte Erna mit Eifer,„er iſt thätig und unermüdlich, er gönnt ſich keine Ruhe, keine Erholung, keine Zerſtreuung. Er ſieht mir Alles an den Augen ab und trägt mich auf den Händen, und dennoch—“ „Und dennoch?“ fragte Philomena, als die Schwe⸗ ſter ſtockte.„Mutter meinte, Du hätteſt vielleicht end⸗ lich gewiſſe Erwartungen, und ich könnte Dir beiſtehen und die Laſt des Hausweſens wenigſtens erleichtern. Deshalb trieb ſie mich zur Reiſe, ſonſt wäre ich wahr⸗ ſcheinlich nicht gekommen.“ „O, das iſt's ja eben!“ rief Erna und brach plötz⸗ lich in Thränen aus. Stürmiſch umarmte ſie dann ihre Schweſter. lihe lon 6o 29 Philomena erſchrak faſt über dieſen leidenſchaft⸗ lichen Ausbruch. „Aber was haſt Du denn, Erna? Ich begreife Dich nicht, Du verheimlichſt uns etwas.“ Mit Mühe beruhigte ſich allmälig die erregte Frau und trocknete ſich die Augen. Dann küßte ſie ihre Schweſter wiederholt. „Nicht wahr, ich bin ein rechter Narr, liebe Phi⸗ lomena? Wenigſtens muß ich Dir ſo vorkommen. Mein Gott, wer kann vom Himmel auch Alles verlangen wollen! Wir müſſen zufrieden ſein mit dem, was er uns gibt. Es iſt wahr, wir haben unſer Auskommen, unſer ſchönes Auskommen und legen ſogar zurück. Wie Wenige können das ſagen, daß ſie frei von Sor⸗ gen ſind und ruhig in Frieden leben mit ſich und der Welt. Dabei iſt Carlman ſo gut, ſo gut, Schweſter— ja, ja, ich bin an Allem ſchuld!“ „Aber woran denn in aller Welt? Ihr ſeid wirk⸗ lich die wunderlichſten Leute, die ſich lieb haben und quälen, und jedes von beiden nimmt die Schuld auf ſich!“ „Laß gut ſein, Philomena, laß gut ſein“, ſagte Erna, als wolle ſie ablenken.„Ich bin manchmal recht thöricht, wie ich eigentlich immer war. Du ſiehſt es ja, die böſe Einſamkeit hat mich nicht beſſer gemacht. 30 Da kommen Gedanken, Grillen, Einbildungen, recht häßliche, dumme Einbildungen, aber ich hab' es mir wirklich einſt anders gedacht, wenn man ſich heirathet⸗ Daß man unzertrennlich dann miteinander lebe, daß Freude und Leid, Arbeit und Genuß gemeinſam ſei, das war noch das Wenigſte, was ich hoffte. Aber was habe ich nun? Morgens früh funf Uhr geht Carlman fort auf den Bahnhof, im Winter um ſechs. Ich ſtehe auf, nähe, ſticke, leſe und zeichne auch mit⸗ unter, aber wozu? für wen? Es hat Alles keinen Zweck. Mittags kommt er auf eine Stunde heim. Dann wird raſch gegeſſen und um zwei bin ich abermals al⸗ lein bis in die ſinkende Nacht.“ „Du Aermſte“, ſagte Philomena und ſchmiegte ſich an ihre Schweſter,„jetzt begreife ich wohl Deine Sorgen.“ In den erſten Jahren ging es“, fuhr Erna fort. „Wir hatten in Rehlingen ihn noch ſeltener und ich war froh, daß ich doch jeden Tag ihn wenigſtens einige Stunden beſaß; aber jetzt wird es immer unerträg⸗ licher, kommt es mir doch manchmal vor, als lebte ich in der Verbannung oder im Kloſter. Sieh, dann faßt mich eine Zerſtreuungsſucht, die ich Dir nicht beſchrei⸗ ben kann. Ich möchte in Geſellſchaften, Concerte, The⸗ ater, auf Bälle, was weiß ich, wohin, nur Menſchen n 3¹ möchte ich, Lärm und Aufregung, daß ich mich ſelbſt vergäße.“ „Das iſt aber ſonderbar“, ſagte Philomena, indem ſie ihre Schweſter aufmerkſam betrachtete und bei ſich dachte, alſo beurtheile ſie ihr Mann doch ganz richtig. „So habe ich Dich ja niemals gekannt“, ſagte ſie dann, „Dich, die ſtille Erna. Nun, es mag ſein Du ſollſt Zer⸗ ſtreuung haben, liebe gute Erna, ich will den ganzen Winter bei Dir bleiben, und wir wollen uns ſchon luſtige Tage machen. Uebrigens, liebe Erna, andere Frauen haben es auch nicht beſſer, denke an die, welche einen Beamten oder Soldaten, einen Kaufmann oder Gelehrten gewählt haben, ſie ſind auch meiſtens allein und auf ſich ſelbſt angewieſen.“ „O andere Frauen!“ rief Erna mit einer Art Er⸗ bitterung und Heftigkeit.„Ich hoffte, es ſollte mir auch einmal ſo gut gehen wie andern Frauen. Da iſt unſere Nachbarin nebenan mit drei Kindern und drü⸗ ben gar die Buchbindersfamilie mit ſieben—“ Hier brach ſie plötzlich ab, als wenn dieſe Er⸗ wähnung eine Reihe unangenehmer Vorſtellungen in ihr wecke, und ſetzte mit verändertem Tone hinzu: „Willſt Du nicht unſere Wohnung ſehen?“ Philomena war dazu bereit und Erna führte ſie nunmehr im ihrem ganzen Haushalt umher, der, obſchon nicht groß, ſich doch durch gewählte und behagliche Einrichtung auszeichnete. Gleich an das Wohnzimmer, wo man geſpeiſt hatte, ſtieß ein großes, ſchön möblir⸗ tes Gemach, die ſogenannte gute Stube der Woh⸗ nung. Mit dieſer in Verbindung ſtand ein geräumiger Alkoven, deſſen Ausgang auf einen langen Corridor führte. Auf der andern Seite deſſelben lagen meh⸗ rere kleine Wirthſchaftszimmer, die Küche und noch ein behagliches Rückzimmer mit zwei Betten. Alles war in muſterhafteſter Ordnung und Sauberkeit und doch fehlte für eine Familienwohnung etwas, man möchte ſagen, etwas Unregelmäßigkeit. So ſchön und blank, ſo elegant und geſchmackvoll konnte man auch in ei⸗ nem Hotel garni wohnen. Es fehlte jene geheimniß⸗ volle Unordnung, die in einem Atelier, einer Werk⸗ ſtätte ſagt, daß nicht alle Tage Sonntag ſei. In dieſer Wohnung aber ſchien eine ewige friedliche Sonntags⸗ ſtille zu herrſchen. Außer den beiden Zimmern vornher⸗ aus waren die Räume kalt; in jenem kleinen Rück⸗ zimmer empfing ſie ein eiſiger Hauch, eine moderige dumpfe Luft, als wenn es ſeit Monaten nicht geöffnet worden wäre. „Ah, das iſt mein Fremdenſtübchen“, ſagte Philv⸗ mena und eilte zu ihrem Reiſegepäck, welches ſie vor⸗ her hier abgelegt hatte. 00 S 33 „Nein, mein Kind“, ſagte Erna,„das iſt unſer Schlafzimmer, meine Philomena muß es bequemer und behaglicher haben. Du ſchläfſt im Alkoven vorn und die gute Stube ſoll Dein Wohnzimmer ſein; ſie hat eine hübſchere Ausſicht auf die Straße hinaus und auf den Angergartenplatz.“ „Aber das werde ich doch nicht annehmen können, Erna“, ſagte Philomena,„das beſte Zimmer!“ „Was willſt Du denn“, unterbrach ſie die Schwe⸗ ſter.„Wir ſind den ganzen Tag beiſammen, und ich werde wenig von Deiner Seite kommen. Carlman geniren wir nicht, denn er hat noch ſein beſonderes Arbeitszimmer nebenan, falls er zu Hauſe bleiben ſollte, was aber faſt nie vorkommt, wie Du weißt.“ Philomena wollte noch einige Bemerkungen machen. Erna ließ ſie nicht nicht zu Worte kommen. Beſon⸗ ders fiel ihr auf, daß ſich das Ehepaar dieſes abge⸗ legene kalte Zimmer zum Schläfen ausgewählt habe, aber Erna wußte die Vorzüge dieſes ſtillen Gemachs in das hellſte Licht zu ſetzen, denn es habe im Som⸗ mer eine reizende Ausſicht auf Gärten und Wieſen und im Mai ſchon die erſte Morgenſonne. „Aber Du biſt grauſam, Erna“, ſagte Philomena, „nicht blos gegen Euch ſelbſt, auch gegen die armen Blumen“, und ſie ging zum Fenſter, wo einige halb Groſſe, Offene Wunden. II. 8 34 verkümmerte Geranien und Reſedaſtöcke ſtanden. Auch ein Myrtenbäumchen und einige Colocaſien waren dabei. „O, die kommen hier ganz gut fort“, ſagte Erna; „die Küche iſt ja nebenan, und ſie bekommen genau ſo viel Wärme, als ſie bedürfen; hier gedeihen ſie viel beſſer als in den vorderen Zimmern. Dort ſind mir noch alle zu Grunde gegangen. Dies ſind die letzten, kennſt Du ſie nicht mehr?“ „Ich glaube gar“, rief Philomena,„es ſind un⸗ ſere Stöcke von Rehlingen her— wahrhaftig, ſie ſind es. Ach ihr armen Blumen! Wie voll und luſtig blühten ſie draußen, ſelbſt im Winter, und hier—“ „Ja, die Stadtluft“, ſagte Erna;„ſieh uns nur an. Du haſt Dich auch beſſer gehalten im friſchen Walde.“ Beide ſtanden zufällig vor einem großen Toiletten⸗ ſpiegel, der die Fenſterecke einnahm, und die glatte Fläche zeigte beide Geſtalten in kaltem, ſcharfem Licht, die volle Roſe und die halbverwelkte, das blühende Leben und den blutloſen Schatten, die reizende Jung⸗ frau und die frühgealterte Gattin. Plötzlich brach Erna in den Ausruf aus:„Da ſiehſt Du, wie es ſteht mit uns! Hätte Carlman nur Dich genommen!“ „Aber, Erna, welche Sünde!“ „Ja, ja und dreimal ja, ich bin zu alt für ihn geweſen, und wenn eine Sünde begangen iſt, ſo war es der Zwang der Mutter und ihr unvernünftiger Grundſatz, daß ſie zuerſt die ältere Tochter los ſein müſſe, ehe die jüngere an die Reihe käme, und ſo iſt es geſchehen, trotzdem er Dich im Sinne trug.“ „Aber Erna!“ rief Philomena außer ſich, daß die Schweſter ſo rückſichtslos dieſe wundeſte Stelle ihres Herzens berührte. „Ja, Dich allein, Dich ullein!“ rief Erna mit Leidenſchaft.„Ich laſſe mich nicht mehr täuſchen, we⸗ der von ihm, noch von Dir, oder kannſt Du mir offen in die Augen ſehen, kannſt Du den verhängnißvollen Tag vergeſſen, an dem das Unſelige geſchehen iſt? Wäre es Dir nicht ſelbſt lieb geweſen, wenn es da⸗ mals anders gekommen wäre?“ „O rede nicht davon!“ rief Philomena und ver⸗ grub ihr glühendes Geſicht an der Bruſt der Schweſter. „Ja, ja, wer in die Zukunft ſchauen könnte“, ſagte Erna mit düſterem Tone.„Damals ſchien Alles ſo weiſe, ſo vorſichtig und freundlich eingerichtet. Vater und Mutter ſahen ihren Lieblingswunſch in Er⸗ füllung gehen, und jedes that ſein Beſtes, um keinen Mißklang in die Freude zu bringen. Bilde Dir nicht ein, Philomena, ich wäre eiferſüchtig auf Dich geweſen. 3* 36 Ich liebte Carlman wie ein Narr, aber noch mehr lag mir daran, daß er glücklich würde; mit tauſend Freuden hätte ich Euren Bund geſegnet. Da mußte jener Tag kommen, und ich erſchrak, als er ſich für mich erklärte, wider mein Erwarten für mich! Das iſt nun Alles vorüber, und wäre auch ſo Alles gut ausge⸗ gangen, wenn der Himmel ſeinen Segen gegeben hätte. Du weißt, was ich meine. Und daß er es empfindet, daß es ihn drückt und unglücklich macht, das laſſe ich mir nicht mehr verbergen, und wenn er den Glücklichſten ſpielen könnte, ich ſehe auf den Grund ſeiner Seele!“ „Aber man kann ja nicht wiſſen“, ſagte Philo⸗ mena mit halber Stimme. „Weil wir noch jung ſind, meinſt Du; nein, er hat die Hoffnung aufgegeben für immer, das weiß ich ſeit heute beſtimmt. Er will ein fremdes Kind adop⸗ tiren, denke Dir, ein Kind von dem Buchbinder drüben. Dort bringt er ganze Tage zu, dort iſt ſein Herz und ſeine Seele; ſelbſt manchen Abend, wo ich geglaubt, er ſei noch im Dienſt auf dem Bahnhof oder mit gu⸗ ten Freunden im Wirthshaus, war er nirgends als bei ſeinem Buchbinder mit den ſieben Kindern; die ha⸗ ben ihm es angethan, und nun will er gar den jüng⸗ ſten ſelbſt nehmen. Nein, Philomena, das geſchieht, gehe ich auf und davon!“ 37 „Erna, Erna, ich kenne Dich ja gar nicht mehr“, rief Philomena und ſah ihre Schweſter erſtaunt an.„So hochmüthig biſt Du doch früher nicht geweſen.“ „Nein, nein, mein Kind, es iſt nicht Hochmuth oder auch nur Widerwille gegen ein fremdes Weſen, im Gegentheil, ich habe den Kleinen recht gern, aber ihn als unſer eigenes Kind aufzuziehen, ſiehſt Du, das kommt mir unnatürlich vor! Jeden Tag müßte ich von neuem empfinden, was mir fehlt und daß ich eigent⸗ lich überflüſſig bin und die wahre Urſache ſeines Ge⸗ müthsleidens. Ja, Philomena, ſo ſtehen die Dinge be⸗ reits. Carlman beherrſcht ſich und ſpielt eine falſche Rolle, aber ſein Gemüth iſt tief zerrüttet und der Kummer hat ihn grau gemacht vor der Zeit. So kann es nicht länger fortgehen, oder wir richten uns beide zu Grunde. Ich weiß nicht, was ich zu thun im Stande wäre, daß er vollkommen glücklich würde, aber geſchehen muß etwas!“ Beide Schweſtern waren während dieſes Ge⸗ ſprächs wieder in das behagliche Vorderzimmer ge⸗ gangen. Das Feuer praſſelte im Ofen und ver⸗ breitete eine angenehme Wärme. Die blendende Helle des Decembertags war inzwiſchen in der frühzeitig hereinbrechenden Dämmerung erloſchen, und ſelbſt die Schneemaſſen leuchteten nur noch mit ungewiſſem Scheine. Erna hatte die Lampe mit dem roſen⸗ farbenen Schleier angezündet, und beide Schweſtern ſprachen nun von den alten ſchönen Zeiten in Reh⸗ lingen, und wie Alles ſo wunderbar gekommen und einen ſo unerwarteten Ausgang genommen hatte. —— Drittes Kapitel. Beide Schweſtern waren die Töchter eines alten Landarztes, der mitten im Walde wohnte, wo er in beſſeren Tagen eine verlaſſene Förſterei an ſich gebrach hatte. Das alte morſche Haus mit ſeinen Hirſchgeweihen und kleinen bleigefaßten Fenſtern lag maleriſch unter uralten Ulmen und Buchen an einen Hügel gelehnt, und eine Fülle von wilden Reben und Roſen über⸗ wucherte das alte verräucherte Gebäude. Der alte Herr Kreisphyſikus, wie er ſich nennen ließ, war ein Feind der neuen Zeit, die er ebenſo grimmig haßte wie alle ihre Vertheidiger. Aus Menſchen haß hatte er ſich mit ſeiner Frau und zwei reizenden Töchtern in des Waldes„tiefſte Gründe“ zurückgezogen. Erna, die älteſte Tochter und ſieben Jahre älter als Philomena, war bereits vierundzwanzig Jahre alt ge⸗ 40 worden, ohne daß ſich ein Bewerber um ihre Hand ge⸗ funden hatte. Dies wäre eigentlich auffallend geweſen, denn Erna war damals von einer zauberhaften Schön⸗ heit, aber die Familie war wie verſchollen vor den Menſchen, und der alte Kreisphyſikus wußte jede An⸗ näherung in ſchroffer Art zurückzuweiſen. Erna und Philomena lebten in tiefſter Verborgenheit; ſie wußten ſelbſt nicht, wie ſchön ſie waren, denn der alte Papa duldete keinen Spiegel in der ganzen Wohnung. Erna war aber nicht nur ſehr ſchön, ſondern auch ſehr unterrichtet; ſie nahm Theil an den Studien des Va⸗ ters, ſie ſuchte die Pflanzen und Kräuter, welche er zu ſeinen Arzneien bedurfte, ſie bercitete die Medicamente auch wohl ſelbſt und gab Rathſchläge für die Kranken, wenn der Vater abweſend war. Ueberhaupt beherrſchte ſie das Haus und war der gute Geiſt dieſer Waldein⸗ öde, denn die Mutter lag ſeit Jahren ſiech drinnen darnieder und hatte ſchon ſeit geraumer Zeit das Bett nicht mehr verlaſſen, höchſtens konnte ſie daſſelbe mit dem Lehnſtuhl vertauſchen. Sie war übrigens eine gutartige Kranke und machte den Ihrigen wenig zu ſchaffen. Faſt nie kam die Bibel aus ihrer Hand. Am liebſten las ſie die Geſchichten von Lea und Rebekka, von Sarah und Hagar, von Ruth und Judith. An heiligen Feſttagen aber las ſie in der Offenbarung Jo⸗ han ſt ſtn ei * 41 hannis, und dann predigte ſie laut vom Antichriſt und von dem verſiegelten Buch und von den feurigen Roſſen, die eines Tages kommen würden, ihren Frieden zu ſtören. Sie war urſprünglich aus moſaiſcher Familie und hatte ſich taufen laſſen, als ſie den armen Land— arzt heirathete, aber von ihrer Jugendzeit hatte ſie die Vorliebe für das alte Teſtament behalten und in der Bibel lernten auch ihre Töchter das Leſen. Bis zu ihrem zwölf⸗ ten Lebensjahre kam kein anderes Buch in ihre Hand. War nun auch der alte Landarzt ein Feind der modernen Zeit und floh er auch vor ihr in die tiefſte Einſamkeit des Waldes, ſo ließ ſich die moderne Zeit das nicht kümmern; ſie kam ihm nach und ereilte ihn mitten in der Wildniß. Eines Tages klangen Axtſchläge und Commando⸗ rufe durch die feierliche Stille des Waldes. Ein Mann war erſchienen mit einer Schaar von Arbeitern, welche Stangen und bunte Fähnlein trugen. Andere waren dabei, welche eine Meßkette zogen und wunderliche In⸗ ſtrumente auf dreibeinigen Stativen aufſtellten. An den In⸗ ſtrumenten waren Fernröhre und Quadranten, eine Magnetnadel und viele ſinnreiche Schrauben. Das eine Inſtrument nannten ſie Theodolit, das andere Bouſſole. Es ergab ſich, daß der fremde Mann mit der Dienſtmütze eine Linie ausſtecken ſollte für die neue ſtadt verbinden würde. Bei dieſer Gelegenheit war es, als der fremde Mann, den ſeine Begleiter Herr Conducteur nannten, auf einige Zeit Wohnung in der Einſiedelei des Land⸗ arztes nahm. Der fremde Mann war nicht mehr jung, er ſchien ſich bereits den Vierzigen zu nähern; doch war er eine ſtattliche Erſcheinung. Seine verwitterten Züge mit den großen, ſchwermüthigen Augen hatten etwas Vertrauenerweckendes. Den Bart ſchien er nach Art des Militärs zu tragen und ſeine ganze Haltung war von einer Straffheit und zugeknöpften Sauberkeit, ſein Weſen von einer Pünktlichkeit und Präciſion, als wäre er ein ausgedienter Soldat. Lernte man ihn näher kennen, ſo mochte daneben wohl eine gewiſſe Trauer und Schwermuth auffallen, welche über ſeine Züge ausgegoſſen war. Er mußte merkwürdige Erfahrungen gemacht haben, wenn es nicht blos jene Grämlichkeit war, die den meiſten alten Junggeſellen eigen iſt, nach⸗ dem ſie definitiv um die Ehe herumgekommen ſind. Der Einzug dieſes Fremden brachte eine vollſtän⸗ dige Umwälzung in dem ſtillen Waldhauſe hervor. Der alte Kreisphyſikus machte zuerſt zwar die verzweifeltſten Anſtrengungen, den verhaßten Eindringling zurückzu⸗ weiſen; als es nichts half, wetterte und donnerte er Eiſenbahn, welche die waldreiche Provinz mit der Haupt⸗ und erging ſich in den maßloſeſten Ausdrücken, ſobald er des Fremden anſichtig wurde. Da es ihm nicht gelang, die Arbeiter aufzuhetzen, fuhr er über Land und ward auf längere Zeit unſichtbar. Dieſe Zwiſchen— zeit ſollte entſcheidend werden. Philomena und Erna hatten ſich anfangs ebenfalls verborgen gehalten; als ſie aber nach längerer Beobachtung ſahen, daß der Fremde mild und freundlich mit den Arbeitern war und durchaus als ein rechtlicher Mann gerühmt wurde, kamen ſie hervor und machten nähere Bekanntſchaft mit ihm. Es dauerte nur wenige Tage, und ſie nahmen bereits entſchieden für ihn Partei gegen Vater und Mutter, die immer noch in der Bibel las und die Zeit des Antichriſts bereits vollendet ſah. Eines Tages hatte Erna dem Herrn Conducteur ihr Herz ausgeſchüttet. Wenn die Eiſenbahn wirklich durch den Wald ginge, hatte der Vater geſagt, dann müſſe er Haus und Hof verkaufen und ſie würden elend zu Grunde gehen. Daß aber die Familie in äußerſter Noth und von Schulden erdrückt, dem Ruin nahe war, verſchwieg ſie. Carlman hatte die Klagen des Mädchens mit wohl⸗ wollender Theilnahme angehört und vertröſtete die Aermſte allerdings nur in unbeſtimmten Ausdrücken. Er wußte von ſeinen Arbeitern bereits, wie es mit der Familie ſtand, und daß er ſich nun genau nach den liegenden Gründen erkundigte, welche zum Waldhaus gehörten, auch eine Zeichnung davon aufnahm, das konnte noch wenig Hoffnung gewähren. Gleich darauf verſchwand er auf einige Wochen, und Erna bereute bereits, daß ſie ihn in ihr Vertrauen gezogen hatte. Plötzlich erſchien er wieder und eröffnete dem er⸗ ſtaunten Landarzt, daß ſich die Linie der Eiſenbahn habe ändern laſſen; man werde den Felſenhügel, an dem das Waldhaus des Doctors lag, einfach umgehen. Auf dieſe Weiſe werde nicht blos ein Tunnel erſpart, ſondern auch eine nähere Verbindung mit dem nächſten Landſtädtchen gewonnen; allerdings laufe die neue Linie nun durch einen Waldſchlag, der zum Doctorhauſe ge⸗ höre. Dies Grundſtück müſſe geopfert werden, und die Geſeliſchaft biete ihm dafür dieſe und jene Entſchädi⸗ gung. Er nannte darauf eine Summe, deren Höhe dem greiſen Landarzt und ſeiner Familie faſt unglaub⸗ lich vorkam. Seit dieſem Tage wurde Carlman als der Er⸗ löſer von allen Sorgen betrachtet. Der alte Kreisphy⸗ ſikus ſchloß ihn in ſeine Arme, und wenn er ihn auch nicht um Verzeihung bat, denn dazu war er zu ſtolz, ſo war aus ſeinen unzuſammenhängenden ſtoßweiſen een ihn a d ilere vürd rickt ſch i ſit In de ſ ſbſ und aler nit PV eſ de De ſil une wär den aus en. z, P 45 Reden doch ſo viel zu entnehmen, daß der Conducteur ihm als das Muſter eines Ehrenmannes erſchien, und daß man mit der Neuzeit verſöhnt ſein dürfe, wenn überall mit ſolcher Humanität und Schonung verfahren würde. Dabei ſchnupfte er heftig aus ſeiner Doſe und rückte die Sammtmütze nach hinten, Alles Zeichen, daß er ſich in tiefſter Gemüthsbewegung befand. Wie geſagt, ſeit dieſem traurigen Tage ward Carlman wie zur Familie gehörig betrachtet. Er durfte zuhören, wenn die ſieche Mutter ſich aus der Bibel vorleſen ließ oder ſelbſt ihre Lieblingskapitel aus der Apokalhpſe recitirte und über den Reiter mit der Wage des dritten Siegels allerlei Betrachtungen anſtellte. Wie es der fortſchreitende Bau der Eiſenbahn mit ſich brachte, konnteCarlman nicht dauernd in den Waldhauſe bleiben. Die Linien waren längſt aus⸗ geſteckt, die Erdarbeiter begannen. Die Bäume wur⸗ den geſchlagen und ein mächtiger Damm aufgeführt. Der weite Wald hallte von Lärm und Toſen, nur der ſtille Winkel des Waldhauſes am Felſenhügel blieb unentweiht, denn die neue Linie ging bedeutend ſeit⸗ wärts. Wenn Carlman kam, war Sonntag und Feſttag im Hauſe. Erna und Philomena gingen ihm ſtunden⸗ weit entgegen, zuerſt in Geſellſchaft des alten Va⸗ —— 46 ters, nachher auch allein, aber ſtets kamen ſie zu⸗ ſammen. Unter ſeinen Arbeitern fielen mehr als einmal Bemerkungen, denn es gab Schlauköpfe genug unter ihnen, die nach ihren Erfahrungen wiſſen wollten, wie ſolche Dinge zu enden pflegten. Indeſſen ſie über Carl⸗ man's Zukunft längſt im Reinen waren, hatte er ſelbſt noch keinen Entſchluß faſſen können. Es war ein wunderliches Verhältniß. Der alte Knabe ſagte ſich wohl ſelbſt oft, ſo gut ſei es ihm im Leben noch niemals gegangen, ihm, der nie Glück gehabt, weil er im„Kampf um das Daſein“ frühzeitig verwildert und menſchenſcheu geworden war. Und jetzt umflatterten ihn zwei reizende Geſchöpfe, die ihn verehrten und anbeteten als den Erlöſer aus der Noth, als den Retter der Familie. Fürwahr, es war, als ſei ein ſpäter ſonniger Frühling, ein warmer Herbſt in ſein Leben eingezogen, und es war erklärlich, daß er ſich von dieſem lieblichen Thale nicht trennen konnte, ſondern immer wieder zu⸗ rückkehrte, aber warum hatten ihm auch die Mädchen immer neue Aufträge zu geben? Für Erna mußte er Bücher aus der Stadt be⸗ ſorgen, der ſchönen Philomena brachte er Noten für das alte Spinett mit, dem Kreisphyſikus Tabak und ale die bal na Nh ia beh Ko 47 Cigarrenkiſten, aus deren Holz er mit einer Laubſäge allerliebſte kleine Kunſtwerke herzuſtellen wußte. Auch die bettlägerige Mutter überhäufte ihn mit Commiſſionen; bald war es Leinwand oder Strickgarn, bald Rheu⸗ matismusketten, Pillen und Räucherpulver, was ſie be⸗ gehrte. Ohne es zu merken, waren Carlman die Sonn— tagsbeſuche in dem ſtillen Waldhauſe ebenſo unent⸗ behrlich geworden, wie er der Familie unentbehrlich ge⸗ worden war. Der alte Herr ſchüttelte freilich manchmal den grauen Kopf und trat plötzlich hinter den Waldbäumen oder hinter dem Felſen hervor, wenn ſie zuſammen ſiſchten oder auf dem Waldſee in dem kleinen Kahne ruderten. Aber er konnte nichts Unrechtes entdecken, und ſein ſpähendes Auge wanderte umſonſt forſchend von Erna zu Philomena, von Philomena zu Carlman. Beide Mädchen hatten ſich merkwürdig verändert. Aus dem bleichſüchtigen Kinde Philomena war eine friſche muntere Jungfrau, aus der zarten Knospe eine volle Roſe geworden, lachend, üppig und übermüthig den ganzen Tag. Erna, noch vor kurzem die Be⸗ herrſcherin, die Seele des Hauſes, war ſtill in ſich ge⸗ kehrt geworden Sie hatte die Herrſchaft ganz der jüngern Schweſter abgetreten. In Carlman's Abweſenheit ſprachen die Schweſtern 48 faſt nie über ihn, außer wenn die Mutter ſeinen Namen nannte Dann wurde Philomena erregt und unruhig, Erna lächelte wehmüthig vor ſich hin, dann ſtand ſie auch wohl auf, umarmte ihre jüngere Schweſter und küßte ſie leidenſchaftlich und eilte hinaus, um ihre Thränen zu verbergen Es war gar kein Zweifel mehr, für ſie nämlich, daß ſich Carlman entſchieden hatte. Vor einigen Wochen war es geweſen, als ein zu⸗ fälliges Ereigniß ihr die Augen öffnete. Unter den an⸗ genommenen Arbeitern waren auch mehrere Ausländer, wildes Geſindel aus böhmiſchen wie aus welſchen Lan⸗ den. Beſonders war es einer aus dem Trentino, ein verkommener, verwahrloſter Burſch, ein Zuchthaus⸗ und Galeerencandidat erſter Sorte, der ſich durch allerlei Ungeſetzlichkeiten und Gewaltthätigkeiten bemerklich machte. Dieſer Menſch hatte die beiden Mädchen ſchon längſt mit zudringlichen Blicken beläſtigt, einmal war er mitten im Walde aus dem Gebüſch gedrungen und hatte die Keckheit, Philomena anzureden, welche in einem Körbchen Waldbeeren ſuchte. Der Menſch half ihr erſt eine Weile, bis das Körbchen voll war, dann packte er ſie plötzlich um die Hüfte und wollte ſie küſſen. Das Mädchen ſchrie dabei laut auf. In ſie mu ohn N De n ihn de 49 Glücklicherweiſe kam Carlman in dieſem Augenblick des Weges daher und hörte den Schrei Philomena's. Im nächſten Moment ſtand er vor dem Elenden und ſtieß ihn zurück. Philomena ſank an ſeine Bruſt und mußte heftig weinen. Lange ſprach ihr Carlman zu, ohne ſie zu beruhigen zu können. So hatte er ſich das Mädchen verdient, und zwar nicht ohne eigene Gefahr. Der Menſch aus dem Trentino hatte im erſten Moment nach ſeinem Stilet gegriffen, aber Carlman hatte es ihm mit ſeinem Stock aus der Hand geſchlagen und den Frechen in die Flucht getrieben. Das Alles war das Werk einer Minute, und Erna war Augenzeuge des Auftritts geweſen. Geſprochen wurde nichts mehr darüber, aber von dieſem Augenblick an hatte ſie reſignirt. Philomena war ſeine Erkorene und Carlman mußte glücklich werden. Und dennoch, und dennoch war es damit nicht abgethan. Warum hatte er ſich nicht ſogleich offen erklärt? Warum führte die Mutter ſo ſonderbare Redensarten, warum pochte ihr eigenes Herz ſo ungeſtüm, wenn Carlman kam, warum war immer noch keine Klarheit in der Sache? Ja, beſonders die Mutter. Von ihrem Kranken⸗ lager aus ſah ſie die Entwicklung der Dinge mit an, und ſie ſaate zu ſich ſelbſt: Es iſt offenbar, er hat es Groſſe, Offene Wunden. II 4 —— 50 den Mädchen beiden angethan, aber er weiß ſelbſt nicht, was er thun ſoll. Die eine iſt ihm noch zu jung und unfertig, ein thörichtes Kind, und die andere iſt ihm vielleicht zu ernſt. Mag es ſein, wie es will, Ordnung muß bleiben, vor der älteren darf die jüngere nicht heirathen, ſonſt bleibt mir die Erna ſitzen. Und wo kämen wir dann hin in der Welt, wenn man die jüngeren zuerſt verſorgen wollte! Nein, die eine nach der andern, ſo iſt die Ordnung, ſolange die Welt ſteht, und ſo war's auch Sitte in meines Vaters Hauſe. Ich war auch damals die jüngſte und mußte doch warten, bis alle fünf älteren Schweſtern verſorgt waren. Nun, mir iſt das Warten nicht ſchlecht be⸗ kommen. Wir haben gute Partien gemacht und keine brauchte auf die andere neidiſch zu ſein, denn ſie hei⸗ ratheten nach dem Alter, und ſo muß es in jeder ordentlichen Familie gehalten werden, ſonſt geht Alles drunter und drüber in der Welt. In dieſem Sinne ſprach ſich die Kranke noch am letzten Sonntage in Gegenwart Carlman's aus, als ſie Geſchichten aus ihrem Leben erzählte. Ohne daß ſie die Abſicht hatte, directe Anſpielungen zu machen, ward eſie doch ſehr gut verſtanden und Carlman ſchwieg. War er gekommen, um Erklärungen zu machen, en 5¹ und nun zurückgeſchreckt? Wer konnte es beurtheilen, er wußte es ſelbſt vielleicht nicht einmal. Derneuliche Vorfall, als Philomena's Locken aufſeine Schultern fielen und ſein Mund ihre Stirn küßte, hatte ihn berührt wie ein himmliſches Wunder. Das Kind, mit dem er geſpielt hatte wie mit einem Eichkätzchen, war zu einer Jungfrau geworden, und jetzt fiel es ihm auch auf, hatte Erna nicht immer ſeitdem ihr Zuſammen⸗ ſein begünſtigt? Hatte ſie nicht oft Gelegenheit herbei⸗ geführt, daß er mit dem Kinde allein ſein konnte? Und dennoch fand er keine Entſcheidung. Wenn er an Erna dachte, war es ihm, als könne die Zeit gar nicht kommen, wo er wieder ohne ſie leben müſſe; ſie kannte ſeine Art zu ſein, ſeine kleinen Gewohnheiten, ſeine Lieblingsneigungen, ja es war ihm, als ob ſie allein die geheimſten Gedanken ſeiner Seele durchſchaue, als gehöre ſie zu ihm von Geburt an. Für Philomena blühte ſicher noch ein beſſeres Glück, als an der Seite eines alten vergrämten und verbitterten Mannes ihre Tage zu verbringen. Und nun auch noch dieſe Erklä⸗ rungen der Mutter— nein, er konnte keine Entſcheidung finden, wenigſtens heute nicht. So ſchwieg er denn, und ſchweigend verging der Sonntag. Vielleicht war auch noch ein äußerer Grund mitbeſtimmend. Seine Beſchäftigung bei der Eiſenbahngeſellſchaft war nur 4* proviſoriſch. Sobald die Linien ausgeſteckt und der Bahnkörper vollendet, war ſeine Arbeit zu Ende. Was dann kommen würde, ob er dann im Stande ſein würde, eine Familie zu erhalten, das lag noch in Nacht und Nebel; auf keinen Fall durfte er eine Entſcheidung wagen, bevor ſeine äußeren Verhältniſſe geordnet waren. Dies ſollte indeß ſchneller eintreten, als er erwartet hatte. Es war einige Wochen ſpäter. Der Herbſt mit ſeiner Pracht und Herrlichkeit war bereits mächtig hereingebrochen. Da befand ſich Carlman aber⸗ mals auf dem Wege zum ſtillen Waldhauſe bei Reh⸗ lingen. Es waren wichtige Entſcheidungen inzwiſchen ge⸗ fallen. Die Bahnlinie bis zur nächſten großen Station war vollendet; in acht Tagen ſollte die feierliche Ein⸗ weihung und Eröffnung ſein. Er ſelbſt hatte in dieſer Gegend nichts mehr zu thun. Es ſtand ihm frei, einer zweiten Geſellſchaft, welche die Fortſetzung der Bahn in das Gebirge übernommen, ſich anzutragen oder ein Anerbieten anzunehmen, welches ihm von ſeiten der bisherigen Geſellſchaft in den letzten Tagen gemacht worden war. Man hatte ihm eine der zahlreichen ju 1 53 Inſpectorſtellen auf dem Bahnhof mit glänzendem Ge⸗ halt angeboten, eine feſte Stellung mit der ſichern Ausſicht künftiger Beförderung. Nahm er den Antrag an, ſo mußte er die Stelle ſchon in acht Tagen an⸗ treten. Das waren die Ausſichten des bevorſtehenden Winters, und da er halb und halb bereits entſchloſſen war, galt es heute Abſchied nehmen von der lieben Familie im Waldhauſe. Abſchied und wirklich nichts weiter? Nein, er war auch entſchloſſen, zu werben aber um welche von beiden? Einen Augenblick kam ihm der Gedanke, den Zu⸗ fall oder das Verhängniß entſcheiden zu laſſen. Die ihm zuerſt entgegen kommen würde, ſollte es ſein; ſie wußten durch briefliche Mittheilung daß er kommen würde, wenn auch nicht, daß es das letzte Mal ſein ſollte. So ging er in Gedanken verloren die ſtillen Pfad des Waldes hin. Den Zufall entſcheiden laſſen, war es nicht ein Frevel, das Verhängniß herauszufordern? Er mußte lachen bei dem Gedanken, daß die Mutter, welche ſo fleißig die Bibel las, ſagen würde: Ja, ſo hat es Jephthah auch gemacht, und er mußte opfern, was ihm das Liebſte war: ſein eigenes Kind. Und war es nicht auch ein Opfer, welches er Erna oder ——— 54 Philomena zumuthete? Eine von beiden würde ihm ſicher entgegenkommen, wie ſo oft ſchon im Sommer. Aber das Thal war öde und menſchenleer. Er ſchritt an dem Waſſerfall vorüber und an der einſamen Mühle, wo ſie zuweilen gefiſcht hatten; keine menſch⸗ liche Seele war zu ſehen; er kam an eine kleine Einſiedelei aus Baumrinde, die am Ufer des Waldſees ſtand, ſie war verſchloſſen; der Kahn wiegte ſich im hohen Schilf, und es ſtand Waſſer auf ſeinem Boden, er mußte lange nicht benutzt worden ſein. Er blieb einen Moment ſtehen und lauſchte, umſonſt, es war auch hier Niemand zu ſehen und zu hören. Nur ein ferner, ferner Glocken⸗ klang aus dem Dorfe Rehlingen zitterte durch die feierliche, lautloſe Waldeinſamkeit. Carlman ſchritt weiter. Das erſte welke Laub raſchelte unter ſeinen Füßen. Es war daſſelbe Laub, das dicht und grün im Frühling und Sommer dieſe Pfade beſchattet hatte, auf denen er ſo oft mit den beiden Schweſtern ge⸗ gangen. Nun war der Traum vorüber, die Blätter waren gefallen, die Blüten waren zur Frucht gereift, aber zu welcher Frucht für ihn? O dieſe ſonnige, lautloſe Einſamkeit des Thales war ihm beinahe un⸗ heimlich, und die ſüße Wehmuth, die ſonſt auf ſo gol⸗ denen Herbſttagen ruht, begann ſich bei ihm in eine unſagbare unbeſtimmte Angſt zu wandeln. Sie wuß⸗ n ſch Ve 9e 55 ten doch, daß er kommen würde, und dennoch zeigte ſich Niemand. War etwa ein Unglück vorgefallen? Nein, dicht vor dem Waldhauſe, dort, wo der Weg um die Blutbuchen biegt, kam ihm Erna ent⸗ gegen. Carlman mußte wieder an Jephtah's Tochter den⸗ ken und fühlte ſich auf einmal erſchüttert, er wußte ſelbſt nicht warum. „Wo iſt Philomena?“ war ſeine erſte Frage. „O, das iſt eine häßliche Geſchichte“, ſagte Erna „Der Menſch aus Welſchland hat ſich wieder gezeigt. Wir waren zu ſicher geworden und hatten keine Sorge mehr. Sie hatten ja den Menſchen damals davonge⸗ jagt und jetzt haben die letzten Arbeiter längſt die Ge⸗ gend verlaſſen; aber darauf ſcheint er gewartet zu haben. Es war vorige Woche gegen Abend, als ich den Menſchen um unſer Haus herumſchleichen ſehe, das Geſicht mit einem Tuche verbunden, aber ich erkannte ihn doch gleich und rief ihn an, nachdem ich die Haus⸗ thür verriegelt hatte. Philomena war gerade nach Reh⸗ lingen gegangen, um einer kranken Wöchnerin beizu⸗ ſtehen; davon mußte der Menſch eine Witterung haben, denn es kam mir vor, als wenn er ihr den Weg verlegen wolle. Der Vater war auch nicht zu Hauſe. Da wußte ich mir keinen andern Rath, als eine laute —— ——— Scene aufzuführen mit Philomena, als wenn ſie be⸗ reits zu Hauſe wäre. Und die Liſt glückte auch an⸗ fangs, denn der Menſch kam näher und lauſchte. Auf einmal aber, als er nun ſicher glaubte, wir ſeien allein und ohne Schutz, ſpringt er über den Zaun und auf das Haus los. Als er die Thür verriegelt fand, machte er Anſtalt, am Spalier emporzuklettern. In meiner Angſt warf ich ihm einige Blumentöpfe an den Kopf und rief um Hülfe. Glücklicherweiſe kam gerade der Poſtomnibus von Rehlingen vorüber. Da entwich der Menſch blutend und fluchend, aber er drohte mir noch, daß es mir nicht geſchenkt ſein ſolle. Als der Vater am Abend davon erfuhr— die Schweſter war auch glücklich heimgekommen— gab's eine große Unterſuchung und auch der frühere Vorfall kam zur Sprache. Wie Ihr Lob dabei geſungen worden, können Sie ſich denken. Aber die Folge iſt geweſen, daß der Vater gleich am andern Tage Philomena fortgebracht hat nach Stettenheim zur Frau Baſe, dort iſt ſie gut aufgehoben und in Sicherheit. Ich aber habe mich ſeitdem auch eingeſchloſſen gehalten und traue mich nicht mehr vom Hauſe fort, ſonſt wäre ich Ihnen, wie früher, eine Stunde weit entgegengekommen.“ Carlman war von dieſen Mittheilungen ſeltſam berührt. Mit Staunen blickte er auf dieſes entſchloſſene 57 „ Mädchen, das Geiſtesgegenwart genug hatte, einem An⸗ greifer nicht blos Blumentöpfe an den Kopf zu werfen, ſondern ihm auch eine Scene vorzuſpielen, um ihn vom Wege abzulocken, wo er im Hinterhalt lag. Dieſe Gabe zu täuſchen hatte er in Erna gar nicht geſucht, und unter andern Verhältniſſen würde ihm dieſer Charakterzug entſchieden mißfallen haben; heute impo⸗ nirte ihm derſelbe; zugleich ergriff ihn Sorge und Mit⸗ leid mit der Kühnen, die es nicht ſcheute, ſich einen ſo gefährlichen Feind zu machen. „Und heute wagten Sie ſich doch in den Wald hinaus, Erna?“ ſagte er.„Wo iſt denn der Vater?“ „Der iſt nach Stettenheim gefahren, um Philo⸗ mena zu holen, natürlich nur für heute, weil Sie Ihren Beſuch angeſagt hatten.“ „Das iſt ſchön“, rief Carlman,„daß ich Euch alle noch einmal beiſammen ſehe, denn ich bin heute zum letzten Male hier, Erna.“ „Zum letzten Male!“ Erna blieb ſtehen; alle Farbe war aus aus ihrem Geſichte gewichen. „Nun, es iſt gerade kein Unglück“, ſagte Carlman. „Ich habe geſtern meine Beſtallung empfangen als Bahnhofsinſpector und muß die Stelle in acht Tagen antreten. Darum heißt es nun Abſchied nehmen.“ „Abſchied!“ Erna's Bruſt hob ſich ſchneller, ihre 58 Augen ſenkten ſich, eine Reihe von Gedanken durchjagte ihre Seele mit Blitzesſchnelle; ſie fühlte, daß die Ent⸗ ſcheidung bevorſtand, und wäre ſie noch in Zweifel ge⸗ weſen, ſo würden Carlman's Worte ſie davon befreit haben. „Und auch ein ernſtes Wort möchte ich heute reden, Erna“, ſagte er und blickte ſie prüfend an. „Es iſt richtig“, dachte Erna,„er will um Philo⸗ mena anhalten, und ich verliere das gute Kind für immer. Ich bleibe ganz allein.“ Dieſer Gedanke er⸗ füllte ſie mit unſaglicher Wehmuth. Die Thränen traten ihr in die Augen, und die Hände falteten ſich. „Muß denn Alles ſo plötzlich, ſo unerwartet ent⸗ ſchieden ſein! Doch was ſage ich unerwartet? Ihr Glück durften Sie längſt erwarten, Herr Carlman, denn Sie haben es redlich verdient. Nehmen Sie meine heißeſten, innigſten Glückwünſche.“ Und dabei ſtreckte ſie ihm beide Hände entgegen. Carlman fand ſich abermals ſeltſam berührt und erſchüttert. Warum weinte Erna? War ſie es wirklich, die ihn am innigſten liebte, die den tiefſten Schmerz über ſein Scheiden empfand? Carlman ſtaunte, und ein mächtiges Gefühl von Rührung und Liebe überkam ihn unwiderſtehlich. „Erna“, ſagte er zu dem Mädchen, das ihren —— Thränen freien Lauf ließ,„es iſt wahr, wir haben uns an einander gewöhnt. Sie haben mir dieſen öden Som⸗ mer zu einem Waldmärchen umgeſchaffen, wer dachte daran, daß dieſer ſchöne Traum je ein Ende nehmen könnte. Ja, wenn wir nun alle zuſammen in der Stadt leben könnten, es ſollte ein vergnüglicher Winter werden. Aber im Ernſt, Erna, ſchmerzt es Sie denn wirklich ſo tief, daß wir uns künftig nicht mehr ſehen werden?“ Erna gab keine Antwort, ſie verhüllte ihr Geſicht mit den Händen. „Dann iſt mein Entſchluß gefaßt“, ſagte Carlman, nahm das zitternde Mädchen bei der Hand und trat in die Unterſtube zu der kranken Mutter, die ſich ſo eben von der Bibel aufrichtete und die ſchönen Ge⸗ ſchichten von Lea und Rebekka, Sarah und Hagar zum hundertſten Male wieder geleſen hatte. „Frau Kreisphyſikus“, ſagte Carlman,„ich bin heute zum letzten Mal hier erſchienen und will deshalb nicht viel Worte machen, zumal ich vorausſetzen darf, daß Sie wiſſen, weshalb ich komme. Geben Sie mir Erna zur Frau und ſeien Sie von heute an meine Mutter.“ „Mich?“ rief Erna mit höchſtem Schrecken und doch mit einem Ausdruck, dem alle Zweifel ungläubiger — Wonne und triumphirenden Entzückens beigemiſcht waren. „Ich dachte, Philomena!“ rief ſie. „Philomena kann bei uns wohnen“, ſagte Carl⸗ man raſch,„damit ſie allen Nachſtellungen und Rache⸗ plänen jenes Elenden entgeht, vorausgeſetzt, daß ſie Neigung hat, in die Stadt zu ziehen. Mein Haushalt wird groß genug für Euch alle ſein, ſelbſt für Vater und Mutter werde ich Rath ſchaffen, Ihr müßt alle in die Stadt.“ „Aber ich begreife noch immer nicht“, ſagte Erna mit bebender Stimme.„Iſt das alles Ernſt?“ „Was denn ſonſt? ſagte ihre Mutter mit ver⸗ weiſender Geberde. Herr Carlman hat mich neulich recht gut verſtanden, dachte ſie bei ſich, daß die Töchter der Reihe nach zur Verſorgung kommen. Ordnung muß ſein. „Nehmen Sie meinen Glückwunſch und meinen Segen, Herr Carlman“, ſagte die kranke Mutter. „Jakob hat zwar ſieben Jahre freien müſſen und hat nachher doch die Lea haben ſollen ſtatt der Rahel aber das waren die alten guten Zeiten, als die Menſchen noch über hundert Jahre alt wurden; heute bringen wir's kaum auf ſiebzig, darum müſſen wir ſchneller leben und auch das Freien nicht auf die lange Bank 6¹ ſchieben. Beſſer freilich wäre beſſer, doch ſo muß man ſich darein ergeben.“ Gegen Abend kam der alte Kreisphyſikus mit Philomena in einem Einſpänner angefahren. Helle Freude überflog das Geſicht des alten weiß⸗ bärtigen Herrn, als er erfuhr, welche Entſcheidung in⸗ zwiſchen gefallen. Philomena aber wurde bleich bis in die Lippen hinein und vermochte kein Wort hervor⸗ zubringen. Unter einem Vorwand verließ ſie raſch das Zimmer. Es verging beinahe eine Stunde, ſie kam nicht wieder zurück. Da machte ſich Erna auf, ſie zu ſuchen, und fand ſie endlich vor jener kleinen Einſiedelei aus Baumrinde am Waldſee; dort hatte ſie lange gebetet, und ihr ſchönes Antlitz hatte den Ausdruck des tiefſten Seelenfriedens und verklärender Ergebung, als Erna zu ihr trat. Philomena ſank an die Bruſt der Schweſter. „Mache ihn glücklich, ich gönne ihn Dir aus vollem Herzen, mache ihn glücklich, Erna. Ihr verdient Euch und paſſet zu einander, ich hätte es mir lange denken ſollen, daß es nur ſo und nicht anders kommen könne.“ Nach einer Weile ſagte ſie: „Der Vater hätte mich lieber nicht holen ſollen, ich fahre heute gleich wieder mit zurück nach Stetten⸗ heim. Grüße mir Carlman, grüße ihn tauſendmal.“ Trotz alles Zuredens gelang es Erna nicht, das Mädchen zu bewegen, wieder in das Haus zu treten. Von ſeltſamen Gedanken, ja faſt von Reue über ihr eigenes Glück ergriffen, kam Erna zurück; von Philo⸗ mena wurde den ganzen Abend über nicht mehr ge⸗ ſprochen, und Carlman war ſo ſehr ins Geſpräch mit den Eltern vertieft, daß er von Philomena's Benehmen und Ausbleiben keine Notiz nahm. In drei Wochen, noch vor Einbruch des Winters, ward eine kleine Hochzeit gefeiert. Philomena war von Stettenheim nicht wiederge⸗ kommen, auch jetzt zum Ehrentage der Schweſter er⸗ ſchien ſie nicht. Die Frau Baſe, bei der ſie wohnte, hieß es, liege im Kindbett und könne ihrer Hülfe nicht entbehren. Auch das Anerbieten Erna's und Carlman's, zu ihnen in die Stadt zu ziehen, hatte ſie nicht ange⸗ nommen, ja ſie hatte nicht einmal Antwort darauf ge⸗ geben. Und als die Neuvermählten aus dem grünen ſtillen Waldhauſe ſchieden, das mit Tannenkränzen und Guir⸗ landen geſchmückt war, und als ſie von den Gäſten begleitet zur nächſten Eiſenbahnſtation hinaufzogen, an der Spitze des kleinen Zuges ſechs böhmiſche Muſi⸗ — 63 kanten, die einen luſtigen Hochzeitsmarſch blieſen, da waren die beiden Alten, der weißbärtige Kreisphyſikus und ſeine kranke Frau allein zurückgeblieben. Erſt mit Anbruch des Winters war Philomena aus Stetten⸗ heim zurückgekehrt, um die Wirthſchaft zu führen und die alten Eltern zu pflegen. Zum Schutz des Hauſes hatte Carlman zwei große Hunde zurückgelaſſen, die als die Lieblinge Philomena's ihr Wächteramt ſo gut verſahen, daß der gefährliche Menſch aus dem Trentino ſich niemals blicken ließ. Das Alles war nun fünf Jahre her. Ein reger Briefwechſel hatte in der erſten Zeit zwiſchen der Hauptſtadt und dem kleinen Waldhauſe von Rehlingen ſtattgefunden. Erna's Schilderungen von dem neuen Leben, in welches ſie eingetreten war, und von ihrem Glück lau⸗ teten überſchwänglich, jeder Brief war eine Art Pſalm auf den braven Carlman und auf das bewegte Leben in der Hauptſtadt. Allmälig wurden die Briefe ſeltener, und endlich hörte die Correſpondenz ganz auf. Lange Zeit warteten die Eltern, die frohe Kunde zu erhalten, daß eine ſtille Hoffnung endlich in Erfüllung gegangen ſei. Ihre Erwartung blieb eine vergebliche, ſodaß man ſie endlich auf immer aufgab. Einmal, bei Gelegenheit eines Schützenfeſtes, war der alte Kreisphyſikus, der ein großer Jäger vor dem Herrn war, in der Hauptſtadt geweſen und hatte ſeine Kinder beſucht. Seine Aeußerungen und Erzählungen, als er zurückkam, lauteten ſehr zurückhaltend und wider⸗ ſprechend. „Sie leben ſo neben einander hin“, ſagte er,„aber man weiß wirklich nicht, ob ſie zuſammen gehören.“ Ein ander Mal machte er die Aeußerung:„Mein Gott, man kann ſich auch das Leben recht ſauer machen, wenn man gar zu ſchwärmeriſch verliebt iſt und dem andern gar keine Freiheit gewähren will. Die Leutchen führen ein wunderliches Leben mit einander, es war immer wie in einer Kirche in ihrem Hauſe, ſo feierlich und ſo heilig und— ſo langweilig.“ Dazu paßte dann wieder gar nicht die Mittheilung:„Der Mann iſt viel außer dem Hauſe, natürlich ſeine Stellung bringt das mit ſich, und Erna iſt meiſtens allein und flötet Trübſal. Nun, mein Gott, an die Einſamkeit iſt ſie hier in Rehlingen von Jugend auf gewöhnt worden, und ſie hat ſehr Unrecht, ſich darüber zu beklagen, wirklich ſehr Unrecht. Ich mag gar nichts mehr davon hören.“ Philomena hatte dieſe gelegentlichen Andeutungen mit großer, faſt ängſtlicher Aufmerkſamkeit aufgenommen. 65 Aus dem luſtigen, neckiſchen Kobold, der ſie früher ge⸗ weſen, war eine ernſte, in ſich gekehrte Jungfrau ge⸗ 3 worden, äußerlich und innerlich völlig eine zweite Erna. Man hätte ſie jetzt neben einander kaum mehr unter⸗ ſcheiden können. Einige vortheilhafte Anträge von jungen Beamten, Gutsbeſitzern und Bürgern aus Stettenheim hatte ſie rundweg ausgeſchlagen; ſie wollte ihre alten Eltern nicht allein laſſen, hatte ſie geſagt, und wenn ihr Vater oder ihre Mutter ſich mißbilligende Bemerkungen des⸗ halb erlaubten, ſo erſetzte ſie ihre Sprödigkeit durch doppelte Liebe und Innigkeit gegen die Eltern, ſodaß die letzteren aus Schonung und Achtung niemals mehr auf dieſen Punkt zurückzukommen wagten. Seit langer Zeit hatte man jetzt von Erna und 1 Carlman nichts mehr vernommen. Da traf eines Tages im October und zwar im fünften Jahre, nachdem Erna ihr Vaterhaus verlaſſen hatte, ein Brief an Philomena ein, und dieſes ſeltſame Schreiben war Urſache gewe⸗ ſen, daß ſich die jüngere Schweſter endlich doch zur Reiſe in die Hauptſtadt entſchloſſen hatte. Es genügt, nur einzelne Stellen dieſes Briefes mit⸗ zutheilen. „Komm' zu mir, liebes Kind“, hieß es unter An⸗ derem.„Ich bin nicht glücklich und auch nicht elend, Groſſe, Offene Wunden. II. 5 jedenfalls nicht zufrieden; warum, kann ich Dir nicht ſagen, mündlich mehr darüber, wenn Du Dich über⸗ winden kannſt, zu kommen— wenn ich nämlich hoffen darf, daß Du mit Carlman nicht für immer gebrochen, daß Du ihm endlich verziehen haſt, jawohl verziehen, denn ich glaube immer, daß Du Urſache dazu gehabt haſt, gutes Kind. So wie wir leben, kann es nicht mehr fort gehen, keinen Monat, keine Woche länger, es würde mich zur Verzweiflung treiben, ſo wenig Grund ich vielleicht habe. Alſo komm' und ſei mein, ich denke und hoffe und bete, daß es der Himmel fügen möge, einen Umſchwung in unſerem Leben herbeizuführen. Deine glückliche heitere Laune, Deine friſche Jugend, Deine unverſiegbare Fröhlichkeit wird meine Einſamkeit wieder beleben, meine gedrückte Stimmung wieder auf⸗ richten und mich vergeſſen laſſen, was ich gethan habe und morgen doch wieder thun würde und thun müßte, wenn es ebenſo käme.“ Auf dieſen ſeltſamen Brief hin, den Philomena nur halb verſtand und den ſie für ſich geheim hielt, war ſie endlich zu Anfang December abgereiſt, und der alte Vater hatte ſarkaſtiſche Bemerkungen über die un⸗ berechenbaren Launen der Weiber gemacht, während die Mutter mit weiſer Miene allerhand freudige Ereig⸗ niſſe und hoffnungsvolle Möglichkeiten prophezeite. —— v — 67 Philomena war angekommen, ſie hatte jetzt zum erſten Male Carlman wiedergeſehen und dieſe ge⸗ fürchtete Stunde war weniger peinlich geweſen, als ſie beſorgt hatte; ſie hatte auch Erna's wunderliche Bekenntniſſe und Klagen gehört, ohne daß dieſe ihr ein klares Bild gegeben hätten. Beide Schweſtern hatten ſich den langen Abend über ihr Herz ausgeſchüttet und waren jetzt im Begriff, zur Ruhe zu gehen. In der letzten Stunde hatte Erna noch ein Gläs⸗ chen Punſch bereitet; ſie beſaß von ihrem Vater ein vortreffliches Recept, und an ſtillen Winterabenden im Waldhauſe war es etwas Gewöhnliches geweſen, daß Erna den heißen würzigen Trank brauen mußte, wäh⸗ rend Philomena ſang und der alte Kreisphyſikus auf dem morſchen Spinett ſpielte. So hatte man heute einen Abend wie in der Heimat gefeiert, und das milde Licht der Lampe, das praſſelnde Feuer im Ofen, die weite winterliche Stille hatte die behaglichen Stunden wie im Fluge hingehen laſſen. Es war ſchon über zehn Uhr, als ſich Erna erhob, um die Schweſter zu Bett zu bringen. Philomena fiel es auf, daß Erna ſich in das letzte Glas, welches ſie mit dem Reſt des Getränkes gefüllt hatte, ein Pulver ſchüttete. 5* „Wozu thuſt Du das, Erna?“ fragte ſie. „Das iſt auch noch ein beſonderes Leiden“, ſagte Erna.„Seit einem Jahre ſchon iſt mein Schlaf un⸗ regelmäßig geworden, oft ſchließe ich Nächte lang kein Auge. Da iſt es denn nothwendig geworden, daß ich von Zeit zu Zeit etwas nehme; o, das Mittelchen iſt vortrefflich und ganz ungefährlich.“ Damit ſetzte ſie das Glas an den Mund und leerte es zur Hälfte. „Haſt Du den Komet ſchon geſehen“, fragte ſie plötzlich,„der ſeit einigen Wochen ſichtbar iſt? Ihr im Walde gebt auf ſolche Dinge nicht Acht und liegt auch ſchon im tiefen Schlafe, wenn er aufgeht. Komm, hier kannſt Du ihn am beſten ſehen.“ Mit dieſen Worten zog ſie ihre Schweſter an das Fenſter, aber die Hoffnung erfüllte ſich nicht ganz; die dicken Thürme der Katharinenkirche ließen von dem glänzenden Phä⸗ nomen nur einen Theil erblicken. Raſch kehrte Erna an den Tiſch zurück.„Du biſt ſchläfrig, liebes Kind, und bedarfſt der Ruhe, aber ehe wir uns trennen, laß uns noch einmal anſtoßen. Auf neues Leben und auf das Andenken an die alten ſchönen Zeiten!“ Damit reichte ſie Philomena ein Glas und beide ſtießen herzhaft an, daß es laut durch das ſtille Zim⸗ mer klang. Dann küßten ſie ſich, und Erna führte — —— 4— —— 69 die Schweſter in das anſtoßende ſchöne Zimmer mit dem geräumigen Alkoven und den Fenſtern nach der Straße hin. Nachdem ſie ihr noch einmal gute Nacht gewünſcht, zog ſie ſich ſelbſt in das kleine Rückzimmer neben der Küche zurück, die es mäßig erwärmte; bald lag der Frieden der Nacht auf der ſtillen Wohnung. Nacht— es iſt Sonntagsnacht— eine unend⸗ liche Ruhe, ein tiefer Schlaf ſchwebt in der lautloſen Luft, ſchwebt um die beſchneiten Baumwipfel, um die dämmernden Thürme, um die finſteren Straßen, wo der blendende Schnee neues Zwielicht verbreitet. Die Sterne funkeln durch die winterklare Luft doppelt groß und hell, und ſelbſt die tiefſten Sterne am Horizont ſind heute ſichtbar; über allen aber majeſtätiſch ſchwingt der rieſige Komet ſein leuchtendes Scepter und der blendende Lichtnebel ſteht wie eine feurige Ruthe am nördlichen Himmel. In den Straßen iſt es lautlos und todtenſtill, die Schneemaſſen verſchlingen jeden Laut, ſelbſt den Schlag der Thurmuhren und das brauſende Rollen der Bahnzüge. Die bei Tage belebten Plätze ſind jetzt menſchenleer, nur ſelten wandelt im rothen Strahl der Gaslaternen ein ſpäter Gaſt aus dem Wirthshauſe oder aus der Geſellſchaft, heute auch vom Rathhauſe heim, wo der Magiſtrat den Fremden ein Bankett ge⸗ * 70 geben hat. Aber auch der Schritt dieſer Wanderer, die von ihren Nachbarn zur Klaſſe der Nachtlichter gezählt werden, verhallt lautlos— lautlos, wie der Schritt der nächtlichen Patrouillen, die geſpenſterhaft durch die weißen Straßen ziehen, um entfernte Poſten abzulöſen. So ſtill und kalt und ſternenklar war es noch vor einer Stunde geweſen. Jetzt nach Mitternacht macht ſich plötzlich ein leiſes Wehen und Weben in den oberen Lüften auf. Der Himmel umzieht ſich mit einem feuchten Schleier, die Sterne verſchwinden, und immer gewaltiger brauſt der warme Föhn von Süden, wie es in dieſer Stadt ſelbſt mitten im ſtrengſten Winter in gewiſſen Zwiſchenräumen faſt regelmäßig geſchieht. Die Macht des Froſtes iſt wie mit einem Zauber⸗ ſchlage gebrochen; wie milde ſüße Frühlingsahnung zieht und wogt es durch die brauſende Nacht, durch die fliegenden Wolken, die mit einem Male das Fir⸗ mament bedecken. Und ſeltſam, die todtenſtille Luft ſcheint neuen Zauber gewonnen zu haben. Man hört das ferne Rauſchen des Stroms, das Bellen der Hunde in den nächſten Dörfern, das Schlagen der fernen Thurmuhren und das rollende Dröhnen der ankom⸗ menden und abgehenden Nachtzüge. Alles dringt mit * 7 erneutem ſtärkerem Klange durch die lebendig gewor⸗ dene Luft. Die erſtorbene Natur, die ſchweigende Stadt ſcheint plötzlich hundert Stimmen bekommen zu haben, als ſänge ſich die ſtürmiſche Winternacht heim⸗ liche Lieder von Vergangenheit und Zukunft, von Leben und Sterben, von Sehnſucht und Liebe und Thränen, vom ewigen Werden und Vergehen, einen Hymnus der heiligen, urewig waltenden Mächte der großen Mutter Natur. Viertes Kapitel. Der nächſte Morgen brach warm und unheim⸗ lich herein. In allen Straßen rauſchte und floß es in dichten Strömen. Die gefrorenen Fenſter der Woh⸗ nungen waren wieder durchſichtig, und man ſah durch ſie hinaus auf braune Dächer und auf graue Wolken, die mit Sturmeseile niedrig über die dampfende Land⸗ ſchaft dahinzogen. Auch der weiße Rauch der dröh⸗ nenden raſſelnden Bahnzüge ſtieg nicht mehr kerzen⸗ grade in die Luft wie geſtern, ſondern umqualmte die Maſchine und die lange Wagenreihe, ſodaß man die die Fenſter ſchließen mußte, um von den glimmenden Funken der Torfaſche nicht verbrannt zu werden. In einem Waggon der heranbrauſenden Züge ſaßen zwei Studenten, welche, wie es ſchien, von einem Winterausflug oder von einer Jagd heimkehrten, denn 73 ſie hatten große Taſchen bei ſich und, wie es ſchien, auch Doppelflinten in ledernen Futteralen. Um ſich die Langeweile zu vertreiben, blätterten ſie in Zeitungen; der eine vertiefte ſich in einen poli⸗ tiſchen Leitartikel, der andere naſchte zuerſt die Notizen des Feuilletons, dann begann er die Novelle deſſelben zu leſen, denn der Name des bekannten Autors reizte ihn. Auf einmal warf er die Zeitung weg und ſagte: „Ich weiß nicht, was für Zeug heute geſchrieben wird, Novellen, die offenbar auf der Studirſtube er⸗ funden, hinter dem Ofen ausgeheckt worden ſind, ohne alle Lebenswahrheit und Natur, und dabei eine Gleich⸗ gültigkeit gegen die Moral, eine ſchamloſe Nacktheit, eine wahre Jagd nach dem Zweideutigen— es iſt haar⸗ ſträubend!“ „Aber das iſt komiſch, altes Haus“, ſagte der andere;„Du und Moral— biſt Du denn plötzlich Can⸗ didat der Theologie geworden?“ „Ich meine, wenn dieſe Scribler einmal keine Lebenswahrheit wollen, ſo ſollen ſie doch Moral haben.“ „Dieſen Widerſpruch verſtehe ich nicht. Erkläret mir, Graf Oerindur. Schieß' los, was Du meinſt, denn nächſtens ſchreib' ich vielleicht auch eine Novelle.“ 74⁴ „Wird danach werden, edler Jobs. Siehſt Du, ich meine ſo. Es gibt zweierlei Arten von Erzählungen. Das eine Genre— es iſt in der Mehrzahl und mir ſpeciell unausſtehlich— iſt das der Willkür. Man ſieht es dieſen Dingen auf den erſten Blick an, daß ein beliebiger Schreiber ſich ein beliebiges ſogenanntes Problem ausgeſucht hat, das er dann möglichſt plau⸗ ſibel zu machen ſucht. Natürlich, daß man dann miß⸗ trauiſch gegen die Wahrheit der Dinge wird, wenn man merkt, daß vom Anfang bis zum Ende die ſouveräne Willkür des ſogenannten Poeten regiert und die Sache macht, wie es ihm beliebt. Allerdings kommt dann der eine der Wahrheit näher als der andere, je nach ſeinem Talent und ſeiner Erfahrung. Wenn aber ſolch ein Patron dann ſogenannte un⸗ moraliſche Scenen auftiſcht, ſo kommt mir ein Ekel, und ich werfe das Zeug weg, aus Prüderie wahr⸗ haftig nicht, aber man merkt, der Burſche macht das ſo, um zu reizen, um ſich intereſſant zu machen, während der Stoff wie knetbarer Thon ihm nichts dergleichen vorſchrieb. Wo Alles möglich iſt, darf dem Dichter das Wenigſte erlaubt ſein. Wo er ſelbſt willkürlich erfindet, iſt er am meiſten an die Geſetze der Sitte, des Geſchmacks und der Moral gebunden.“ „Da bin ich neugierig auf die zweite Art, altes — 75 Haus. Du ſprichſt gelehrt, wie ein Profeſſor; gib mir aber erſt etwas Feuer, bei der verdammten feuchten Luft will kein Kraut mehr brennen.“ „Die andere Art von Novellen iſt ſelten genug“, war die Antwort.„Die Spanier und Italiener haben ſie gekannt, aber wir haben wenig von ihnen gelernt. Bei dieſer Art iſt der Poet nichts als der Interpret der Natur.“ „Dolmetſcher der Natur? Wie ſo, altes Haus? Das verſtehe ich nicht.“ „Ihnen gehörte zu einer ſogenannten Novelle vor allen Dingen ein beſtimmtes merkwürdiges Factum, eine außerordentliche Thatſache, die vom gewöhnlichen Lauf der Dinge abwich und deren Erklärung die Phantaſie und den Scharfſinn der Dichter reizte. Und dieſe Art, meine ich, iſt das echte Genre. Aber wer ſchreibt ſie heute, wer gibt ſich die Mühe, ſolchen außerordentlichen Vorfällen nachzuſpüren, die auch ein Zeichen der Zeit ſind und zu denken geben über die Räthſel der Menſchennatur, und wenn ſie hundert⸗ mal in Widerſpruch ſtehen mit Sitte und Moral!“ „Nun kommſt Du doch wieder mit der albernen Moral!“ „Laß mich doch ausreden! Wenn eine Erzählung auf einem Factum fußt, das mit der Gewalt eines Naturphänomens daſteht, ſo kann von einer Grenze des Erlaubten und Unerlaubten, der Moral und Immoralität gar nicht mehr die Rede ſein, denn hier gilt es lediglich die Erklärung von Thatſachen, die Enträthſelung der verſchleierten Natur. Der Dichter wird zum Anatomen, zum Phyſiologen, der die Natur der Dinge erklärt, wie ſie in dieſem einzelnen Fall ſich herausgebildet. Die Wahrheit allein iſt ſeine Grenze, und zwar die Wahrheit ohne Tricots und Feigenblätter. Wo das actum ihn einſchränkt, darf dem Darſteller Alles erlaubt ſein, denn auch er iſt Hiſtoriograph, Criminaliſt und gleichſam Geolog der menſchlichen Natur.“ „Aber die Leſer, mein Lieber, die Leſer!“ „Wo es ſich um Facta handelt, darf auch das Uner⸗ hörteſte und Fabelhafteſte nicht ſtutzig machen. Der Poet wie ſein Leſer darf es mit reiner Hand berühren und ſich hingeben, wie der Bibel, die auch nicht für Kinder und Penſionsfräuleins geſchrieben worden iſt. Es iſt ähnlich wie bei uns“, fuhr der junge Mann fort und berührte eins der ledernen Futterale;„unſere Skelette hier, die wir mit großer Mühe acquirirt haben, ſind auch keine Zierde für ein Modemagazin oder für die Auslage eines Haarkräuslers.“ „Höre, Du mußt Criticus werden, altes Haus, S„—— c— 77 wenn wir bei der Medicin keine Lorbeeren pflücken. Was Du ſagſt, leuchtet mir ziemlich ein, aber das liebe Publikum hat nichts davon—“ In dieſem Augenblick ertönte ein langgezogener gellender Pfiff. Mit Schnauben und Praſſeln rollte. die funkenſprühende Locomotibe durch die weiche feuchte Luft in den hallenden Bahnhof ein. Jetzt ſtand der Zug ſtill. Die beiden Studenten ſtiegen aus. Wir haben in ihnen zwei junge Medieiner kennen gelernt, welche ei⸗ nen Ausflug nach einer berühmten Strafanſtalt gemacht hatten. Dort hatten ſie mehrere Skelette acquirirt, unter andern auch das eines Zuchthäuslers, der vier Frauen zu gleicher Zeit gehabt hatte. Die Leichen der Anſtalt gehörten vertrags⸗ und geſetzmäßig der Anatomie der Hauptſtadt, das heißt, die Anatomie durfte, falls Mangel an Leichen für ihre wiſſenſchaft⸗ lichen Zwecke war, ſolche auch an andern Orten reclamiren. Bei dieſer Gelegenheit hatten die beiden Muſenſöhne jenes prächtige Skelett aufgetrieben, das ſie nun in ihrem Zimmer aufſtellen wollten. Beide waren jetzt ausgeſtiegen. Auf dem Perron des Bahnhofs entfaltete ſich ein buntes Leben. Die verſchlafenen Paſſagiere wickelten ſich aus ihren Pelzen, Plaids und Paletots, um eilig 78 zur Reſtauration zu kommen und dort ein kräftiges Frühſtück zu nehmen. Auch unſere beiden Muſenſöhne begaben ſich dahin. „Guten Morgen, Herr Inſpector Carlman“, ſagte der eine und winkte einem Mann mit blaſſem, verwittertem, bartumrahmtem Geſicht zu, der, in einen großen ſchwarzen Pelz gehüllt, auf und ab ging und mit der Dienſtmütze ſalutirte. „Schon ſo früh auf dem Beinen, Herr Inſpector?“ ſagte der andere. „Schon ſeit ſechs Uhr, Herr Doctor“, erwiderte der Angeredete,„bei uns gibt es keine Feiertage und keine blauen Montage.“ „Ein ſaurer Dienſt, Herr Inſpector, da möchte ich nicht mit Ihnen tauſchen; und was ſagt denn Ihre Frau dazu?“ „O, die iſt es ſchon gewohnt und muß ſich drein ergeben.“ „Und der kleine Poldl beim Buchbinder? Iſt Alles wohl auf bei uns?“ „Alles wohl, meine Herren. Sie werden ſchon längſt erwartet. Ich habe die Ehre.“ Damit grüßte er militäriſch und wandte ſich ab. „Kam Dir der heute nicht ſonderbar vor, Jobs?“ fragte der eine Student. n —— 79 „Ich wüßte nicht, etwas übernächtig.“ „Nein, weil er ganz kalt blieb und ſtill. Sonſt braucht man den kleinen Poldl von unſerm Buchbinder nur zu nennen, und er thaut auf und wird redſelig und heult wie ein Schloßhund. Ich habe manchmal darüber lachen müſſen. Heut zwinkert er kaum mit den Wimpern; da muß etwas vorgefallen ſein, darauf will ich Gift nehmen!“ „Ich glaube, es iſt beſſer, wir nehmen erſt den Kaffee. Bei Buchbinders werden ſie noch ſchlafen. Es iſt erſt ſieben Uhr.“ „So gehen wir in die Reſtauration.“ „Meinetwegen. Platz werden ſie uns ſchon machen, wir brauchen nur den Schädel und die Knochen auszupacken, und die Leute nehmen Reißaus. Den Spaß hab' ich mir öfters gemacht.“ „Iſt überall ſo im Leben. Die erſten und letzten Dinge mag Niemand gern ſehen.“ Mit dieſen Worten waren die beiden Mediciner in die Bahnhofsreſtauration eingetreten. Sie wohnten als ſogenannte Zimmerherren bei dem armen Buchbinder und kannten daher den Inſpector und ſeine Familie. Fünftes Kapitel. Es war ungefähr eine Stunde ſpäter. Erna war in dem kleinen Rückzimmerchen ſchon längſt aufgeſtanden, wie immer, eine Stunde bevor die alte taube Gertrud aus den Federn kam. Sie hatte die ältliche Perſon einſt aus dem Elternhauſe mit⸗ genommen und ſie würde ihr längſt den Abſchied ge⸗ geben haben, denn die alte ſtumpfe Perſon war zu nichts zu gebrauchen, aber die Pietät ließ Erna Alles ertragen und lieber that ſie die häuslichen Verrichtun⸗ gen ſelbſt, als daß ſie der alten Gertrud ein hartes Wort gegeben hätte. Auch heute hatte ſie die alte Magd ruhig aus⸗ ſchlafen laſſen. Carlman, der ſchon um ſechs Uhr in halber Finſterniß gegangen war, nahm ohnehin ſein Frühſtück nicht zu Hauſe, ſondern auf dem Bahnhof. — ů Jetzt endlich hatte Gertrud Feuer in den Ofen gemacht, auch im ſchönen Vorderzimmer mit dem Alkoven; ſie hatte dazu nicht nöthig gehabt, das Zimmer ſelbſt zu betreten, denn der Ofen wurde von außen geheizt, aber ſie würde es ſich auch nicht getraut haben, denn dort ſchlief das ſchöne Fräulein, die kleine Philomena, wie ſie Gertrud noch immer nannte. Freilich war dieſe Anordnung eine Neuerung, und die alte Gertrud ſchüttelte den Kopf, daß die Herrſchaft plötzlich im kleinen Rückzimmer ſchlafen wollte, wie ihr geſagt worden war, aber die kleine Philomena verdiente es ſchon, daß ſie das ſchönſte und bequemſte Zimmer bekam. Leiſe ſchlich jetzt Erna durch das Wohn⸗ zimmer an die Thür der guten Stube und lauſchte eine Weile. Da ſie nichts hörte als das Kniſtern des Feuers im Ofen, öffnete ſie leiſe die Thür, um end⸗ lich ihre Schweſter zu wecken, aber beinahe erſchrocken fuhr ſie zurück, denn ſie ſah Philomena bereits voll⸗ ſtändig angekleidet am Fenſter ſitzen— regungslos, wie erſtarrt, die Augen gleichſam nach innen gekehrt und die Stirn auf die Hand geſtützt, die ganze Haltung die einer Nachſinnenden, in Grübeln Verlorenen. Nur zu⸗ weilen verrieth eine kleine Bewegung die innere Un⸗ geduld, und wieder trat dann die⸗ ſtarre todte Ruhe ein, als könne das tiefe Nachdenken dennoch etwas Groſſe, Offene Wunden. II. 6 löſen, was unerklärlich und quallvoll räthſelhaft er⸗ ſchien. Leiſe ſchlich Erna heran und berührte die Schul⸗ ter der Schweſter. Wie von einem elektriſchen Schlag getroffen fuhr Philomena zuſammen und ſchrie laut auf. „Biſt Du denn ſo zimperlich geworden, Schweſter⸗ lein“, ſagte Erna lachend,„daß Dich die leiſeſte Be⸗ rührung erſchreckt? Nun, wie haſt Du denn geſchlafen?“ Freundlich fragte es ihr Mund, während das Auge unruhig forſchend über das Mädchen flog, aber dem Blick deſſelben auswich, der jetzt voll und tief auf ihr ruhte. „Ich weiß nicht“, ſagte Philomena, indem ſie die Augen ſchloß und mit der Hand über die Stirn ſtrich, als wolle und könne ſie dort etwas wegwiſchen,„ich weiß nicht, wie mir iſt“, ſagte ſie tief aufathmend, „ſolch eine Nacht habe ich niemals erlebt. Ich weiß nicht, iſt es Eure Stadtluft, die ſo ſchwer auf mir liegt, oder das ungewohnte Neue, aber mir iſt, als läge zwiſchen heute und geſtern ein Abgrund, eine un⸗ endliche Zeit, mehr als zehn Jahre.“ Wieder betrachtete Erna ihre Schweſter ſcheu von der Seite, dann ſagte ſie wie beiläufig hingeworfen: „Auf unſere Stadtluft laſſe ich nichts kommen, aber das neue Ungewohnte, darin magſt Du Recht haben— vielleicht ein Traum.“ „Ja, ein Traum, Erna“, rief die Schweſter, in Thränen ausbrechend,„ein Traum ſo ſchwer, ſo ent⸗ ſetzlich, ſo unerklärlich. Der Himmel weiß es, ſo habe ich noch niemals geträumt in meinem Leben!“ Und bei dieſem Ausruf rang ſie die Hände. ⸗ Da eilte Erna zu ihr und küßte ſie und herzte ſie, und ihre Stimme klang ſo fröhlich, als wenn ein e ſchwerer Stein von ihrem Herzen genommen wäre. n„Ah bah, Kind, wer wird ſich um Träume den r Kopf zerbrechen! Träume ſind Schäume, ſagt das alte Wort. Jetzt komm' zum Frühſtück, da werden Dir die dummen Gedanken vergehen und die Nebel. Ich glaube, Du haſt noch nicht recht ausgeſchlafen; aber die Grillen und Launen wollen wir bald vertreiben.“ Sie öffnete die Thür und rief der alten Gertrud, die gleich darauf mit dem Kaffee erſchien. Erna ſpielte jetzt die liebenswürdige Wirthin und hatte hundert luſtige Einfälle, hundert neckiſche Fra⸗ gen, um ihre Schweſter zu zerſtreuen und aufzuheitern. Aber Philomena ſaß wie geiſtesabweſend und in tiefem Traum verloren. Vom Frühſtück rührte ſie kaum etwas an. Auf einmal fragte ſie:„Wo iſt Carlman?“ „ 11. 6* „O, der iſt ſchon um ſechs Uhr fort, z wie alle Tage, mein Kind. Das iſt ja eben mein Leid. Aber jetzt biſt Du da, und nun wollen wir uns die Zeit ſchon vertreiben, mag der böſe Mann uns ganz allein laſſen und gar nichts nach uns fragen.“ Wieder verſank Philomena in unheimliches Sin⸗ nen und Brüten, und keine Kunſt Erna's vermochte ſie daraus emporzureißen. Auf einmal fuhr ſie wieder auf. „Erna, ich muß Dir meinen Traum erzählen, Du mußt ihn hören!“ „Aber wozu denn?“ ſagte Erna abwehrend.„Man muß auf dergleichen kein Gewicht legen.“ „Doch, doch, Du mußt es hören, Erna, es geht Dich und Deinen Mann und auch mich an.“ Erna lachte auf, aber ihr Lachen klang etwas künſtlich und gemacht. „Oho, das hört ſich ja ganz gefährlich an, Philo⸗ mena! Nun meinetwegen erzähle.“ „Du mußt es mir aber nicht übel nehmen, Erna“, warf Philomena ein. „Uebel nehmen? Nun, dann ſchweige lieber.“ „Nein, nein, und auch, wenn Du böſe wür⸗ deſt, ich muß es doch erzählen. Denke Dir alſo, Erna, ich träume, ich bin wieder im Walde bei Rehlingen, le et it in nicht weit von der kleinen Kapelle aus Baumrinde, und liege im Sonnenſchein und ſchlafe. Es war ganz hell um mich, Erna, ganz hell, und es war beinahe, als wüßte ich, daß ich ſchliefe mitten in meinem S Traum. Auf einmal iſt es mir, als hörte ich eine Stimme, und ein Kopf taucht aus den Büſchen, und es war 8 der wilde Menſch aus dem Trentino; ich wache auf aus meinem Schlafe— das heißt Alles im Traum, und es war kein wirkliches Wachen— und der Menſch N kommt auf mich zu und redet mich an, gerade wie damals, als ich Waldbeeren ſuchte. Und ich gab ihMm „ — Antwort wie damals, und wir beide waren ganz allein; auf einmal taſtet er mich an und will mich küſſen, ich will ſchreien, aber ich kann nicht, wie ein, Bleigewicht lag es auf mir, und zugleich löſcht die ſ— Sonne am Himmel aus, und es wird tiefe Nacht um mich. Da in meiner größten Noth höre ich auf ein⸗ mal Carlman's Stimme: Sei ruhig, mein and! Was haſt Du denn? Und er kommt mich zu retten vor dem Schurken, wie damals, Alles wie damals; dann ſtieß er ihn zurück und ſchlug ihm das Meſſer aus der Hand, und ich ſank an ſeine Bruſt, in ſeine, Arme, wie damals im Walde, und mußte weinen, 86 und doch ſo ſüß war es, ſo himmliſch ſüß wie an jenem Sommermorgen, als wäre ſeitdem kein Jahr und keine Stunde vergangen.“ „Nun, wir haben ja geſtern erſt davon geſpro⸗ chen“, ſagte Erna mit ſeltſamem Lächeln;„wohl mög⸗ lich, daß ſolche Dinge im Traum wiederkommen. Nun, und damit war es doch zu Ende, mein Kind, und Du erwachteſt und ſahſt, daß Alles nur ein Traum?“ „Nein, Erna, er war nicht zu Ende“, ſagte Phi⸗ lomena mit unſicherer Simme und ſchlug die Augen nieder, während eine glühende Röthe über Wangen, Stirn und Nacken zog. „Nein, er war nicht zu Ende!“ wiederholte ſie. „Carlman blieb bei mir, aber es war ſeltſam, er nannte mich ſeine Erna. Ich ſagte ihm: Sieh mich doch an, ich bin ja nicht Erna, ich bin Philomena, ich wollte es ihm ſagen, aber der Laut blieb mir im Halſe ſtecken, und das Alles war ſo natürlich, ſo wahrhaſt, als wäre es kein Traum, ſondern Wirklichkeit, und als könnte ich nur nicht den Schlaf von mir ſchütteln, der wie ein bleierner Alp auf mir lag, mit ſchwarzen umklammernden Armen; ich wollte mit Gewalt zu mir kommen und konnte es doch nicht, ich hörte reden und glaubte ſelbſt zu reden, und Alles wie im Wachen, und kam dennoch nicht aus dem Schlaf. O ich ſage Dir, s war eine namenloſe Qual, eine Seelenmarter, wie ich ſie nicht meinen ärgſten Feinden wünſchen möchte in der Hölle.“ „Nun, und?“ ſagte Erna, als Philomena ſtockte. „O frage mich nicht weiter“, ſagte Philomena mit neuer Verwirrung.„Das war ja eben das Teuf⸗ liſche an dem Traum, Carlman hielt mich für Dich und ſchloß mich in ſeine Arme— frage mich nicht wei⸗ ter, vergib mir, Erna!“ Und ſie vergrub ihr glühen⸗ des Antlitz an dem Buſen ihrer Schweſter, die ſie lange umarmt hielt, mit ſeltſamem Blick auf ſie niederſah, während ein eigenthümliches zufriedenes Lächeln ihre Lippen umſpielte. „Mein Gott“, ſagte ſie dann,„was liegt denn daran, es war ja nur ein Traum, da iſt nichts zu vergeben.“ „Wie— nur ein Traum?“ Und Philomena fuhr mit verſtörtem Geſicht empor.„Ja, ja“, ſagte ſie dann wieder ſich beſinnend und tief Athem holend,„nur ein Traum, Gott ſei Dank, nur ein Traum“, und ver⸗ ſank wieder in wortloſes Brüten. Auf einmal, als ſie das lauernde Auge der Schwe⸗ ſter auf ſich gerichtet ſah, fuhr ſie von neuem empor und ergriff, wie von einem plötzlichen Einfall erfaßt, Erna am Arm. „Sage, wie war denn das geſtern mit dem Pul⸗ ver, das Du Dir in den Punſch gethan haſt?“ „Ich ſagte Dir ja ſchon, ich leide an Schlafloſig⸗ keit. Eine kleine Doſis Morphium wirkt Wunder bei mir, und Du weißt ja, daß ich von alten Zeiten her und ſeit ich dem Vater beiſtand, meine kleine Haus⸗ apotheke führe.“ „Ja, ja“, ſagte Philomena,„Du warſt immer ſo ein Stück Doctor, aber iſt es nicht ſonderbar, Du haſt es getrunken, und ich habe die Wirkung gehabt.“ „Mein Gott“, warf Erna leicht hin,„es iſt ja möglich, daß Du etwas abbekommen haſt davon. Es iſt ja ganz unſchädlich!“ „Abbekommen, wie wäre das denkbar?“ „Vielleicht haſt Du mein Glas genommen, als wir vom Fenſter zurückkamen, wo ich Dir den Kometen gezeigt hatte.“ „Erna“, rief jetzt Philomena mit ausbrechender Leidenſchaft, und ihr Auge ruhte mit durchbohrendem Blick auf der Schweſter, die vergeblich zu lachen ſuchte. „Erna, ſo war es nicht, beim Himmel, ſo war es nicht. Als wir vom Fenſter zurücktraten, brachteſt Du mir ein Glas, und wenn eine Verwechslung vorgekom⸗ men, ſo haſt Du es gethan, haſt es mit Abſicht gethan, leugne nicht, Erna, leugne nicht!“ 89 „Aber mein Himmel, welche Abſicht könnte ich dabei wohl gehabt haben!“ „Das wollen wir ſehen!“ rief Philomena und ſtürzte, wie von einem neuen entſetzlichen Gedanken ergriffen zum Alkoven, wo das breite Bett ſtand mit den damaſtenen Vorhängen. Auf einmal ſchrie ſie auf und ſtürzte wieder her⸗ aus. In ihrer Hand hielt ſie den Reſt einer Cigarre und mit den Füßen ſtieß ſie ein Paar ausgetretene Hausſchuhe vor ſich her. „Erna, wer iſt in dieſem Raume geweſen? Zu Deinen Füßen beſchwöre ich Dich, was iſt vorgegan⸗ gen? Ich werde wahnſinnig, wenn ich darüber nach⸗ denke!“ „Mein Gott“, ſagte Erna,„beruhige Dich nur, liebe Schweſter, komm' zu Dir, Philomena, Du biſt ja außer Dir.“ Aber Philomena ſtieß die ausgeſtreckte Hand der Schweſter zurück und ſtand einen Moment bewegungs⸗ los, wie in Nachdenken verloren; dann plötzlich be⸗ wegten ſich ihre Lippen. „Ich muß Klarheit haben, Erna, und wehe Dir und mir, wenn—“ Sie fand das Wort nicht und ver⸗ ließ haſtig das Zimmer. Erna hörte, wie ihre Schweſter zu jenem Rück⸗ 90 zimmer eilte, wo die halbverwelkten Blumen ſtanden, dann hörte ſie, wie Philomena einige haſtige Fragen an die alte Gertrud that, dann wieder war Alles ſtill. Faſt wurde es ihr unheimlich zu Muthe, und ſie wollte der Schweſter nacheilen. Da öffnete ſich die Thür. Philomena erſchien wieder mit langſamem Schritt, bleich wie der Tod und mit wirrem, loderndem Blick. „Antwort, Erna, Antwort! In jenem Rückzimmer ſtehen zwei Betten, aber nur eins iſt berührt. Du haſt dort allein geſchlafen.“ „Nun, und wenn es ſo wäre?“ „Und dieſer Alkoven iſt für gewöhnlich Euer Schlafzimmer, Dein und Deines Mannes Schlafzim⸗ mer. Antwort, Erna, Antwort!“ Aber Erna vermochte keinen Laut über ihre Lip⸗ pen zu bringen. Da ſchrie Philomena auf.„Es iſt alſo Wahr⸗ heit, Erna, Du haſt mich verrathen, Du haſt mich preisgegeben, Du haſt mich geopfert!“ Und die Hände vor das Geſicht gepreßt, ſank ſie mit krampfhaftem Schluchzen auf das Sopha nieder. Eine Weile ward es todtenſtill im Zimmer. Erna aber nahm vom Bücherbret ein Buch, ſetzte ſich Philomena gegenüber, ſchlug das Buch auf und begann zu leſen: Ubr ſr nd ber ohn D 9¹ „Nach dieſen Geſchichten begab ſich's, daß zu Abram geſchahe das Wort des Herrn im Geſicht und ſprach: Fürchte Dich nicht, Abram, ich bin Dein Schild und Dein ſehr großer Lohn. Abram aber ſprach: Herr, Herr, was willſt Du mir geben, ich gehe dahin ohne Kinder und mein Hausvogt, dieſer Elieſer von Damaskus, hat einen Sohn. Und ſiehe, der Herr ſprach zu ihm: Er ſoll nicht Dein Erbe ſein, ſondern der von Deinem Leibe kom⸗ men wird, der ſoll Dein Erbe ſein. Und er hieß ihn hinausgehen und ſprach: Siehe gen Himmel und zähle die Sterne, kannſt Du ſie zählen? Und ſprach zu ihm: Alſo zahllos ſoll Dein Volk werden. Und Abram glaubte dem Herrn und das rechnete er ihm zur Ge⸗ rechtigkeit. Und wie heißt es weiter?“ fuhr ſie fort. „Sarai, Abram's Weib, gebar ihm nichts. Sie hatte aber eine egyptiſche Magd, die hieß Hagar. Und ſie ſprach zu Abram:„Siehe, der Herr hat mich ver⸗ ſchloſſen, daß ich nicht gebären kann. Lieber, geſelle Dich zu meiner Magd, ob ich doch vielleicht aus ihr mich bauen möge. Abram gehorchte der Stimme Sa— rai. Da nahm Sarai ihre egyptiſche Magd Hagar und gab ſie Abram, ihrem Manne, zum Weibe, nach⸗ dem ſie zehn Jahr im Lande Kanaan gewohnt hatten.“ „O, ende Deine Läſterungen!“ rief Philomena. „Du ſchändeſt das heilige Buch, wie Du mich geſchän⸗ det haſt. Lege die Bibel fort, mit Deinen Worten kannſt Du mir nicht wiedergeben, was ich verloren, nein, auch die Bibel kann Deine That nicht entſchul⸗ digen, Deinen ſchwarzen, entſetzlichen Verrath. Erna“, fuhr ſie mit flehendem Tone fort,„ſage ein Wort, daß Alles nur ein böſer Traum, eine häßliche Einbildung, daß Du keine Kupplerin und ich keine— keine, o, ich finde kein Wort dafür, was ich geworden bin!“ „So ſchweige doch endlich“, rief Erna mit ſtarker Stimme.„Ich will es geſtehen— ja, es iſt geſchehen, mit meiner vollen Abſicht und Vorbereitung geſchehen. Und das Glück hat geholfen. Unterbrich mich nicht, Philomena, mein Lebensglück hing daran und der Frie⸗ den unſeres Hauſes. Wenn Du mich lieb haſt, Phi⸗ lomena, ſo machſt Du kein Aufhebens davon. Glaube mir“, fuhr ſie fort, als die Schweſter ſie mit ſtarren Augen betrachtete, als könne ſie nicht glauben, was ſie hörte,„glaube mir, es war Alles wohl überlegt ſeit Wochen und Monaten. Es blieb kein anderer Aus⸗ weg, und meine Abſicht war keine leichtfertige Laune So wird es am beſten für uns alle ſein.“ n „Dazu alſo haſt Du mich kommen laſſen“, Philomena auf. 93 „Ja, dazu habe ich Dich kommen laſſen“, ſagte Erna,„und das Glück und der Zufall hat geholfen, daß es gleich geſchehen konnte, ohne daß Ihr beide es ahntet. Ich wiederhole Dir, es blieb mir nichts An⸗ deres mehr übrig. Carlman hätte ſonſt ein fremdes Kind angenommen.“ „Carlman!“ rief Philomena, wie von einer ſchar⸗ fen Waffe getroffen, und rang von neuem die Hände. „Wie ſoll ich jemals wieder unter ſeine Augen treten!“ „Du Närrchen, Carlman weiß von nichts. Er hat Dich für mich genommen und ſoll auch von nichts erfahren, weder heute noch je in Zukunft.“ „Nein, nein“, rief Philomena und barg ihr glühen⸗ des Antlitz in den Kiſſen des Sophas,„nein, ich würde ihn niemals anſehen können, ich muß fort, weit fort! O mein Gott, wo in der Welt ſoll ich meine Sünde verbergen und meine Schande!“ „Wie man nur ſo thöricht reden kann“, ſagte Erna.„Als wenn Dir überhaupt eine Zuflucht bliebe, als bei Deiner Schweſter. Wohin willſt Du ſonſt? Etwa dem Vater die Ohren voll weinen und der Mut⸗ ter, die doch an allem ſchuld iſt, daß es ſo weit ge⸗ kommen? Wohin ſonſt willſt Du? Ueberall wird man Dich fortſtoßen, nur Deine Schweſter kann Dir eine Zuflucht ſein auf Gottes weiter Welt. Ja, meine 94 Philomena, Du bleibſt bei nns, ſonſt wäre ja auch Alles umſonſt geweſen.“ „Alles umſonſt, ja, was willſt Du denn noch, Erna?“ „Kurioſe Frage, mein Kind“, ſagte Erna und umſchloß Philomena innig.„Was ich noch will? Daß der Himmel ſeinen Segen dazu gebe, und daß Du unſerem Hauſe den Erſatz bringſt, der mir verſagt worden iſt. Sieh“, fuhr ſie inniger fort,„wir können ja alle glüdlich ſein mit einander; wenn wir es nur wollen, wer will uns daran hindern, Philomena?“ „Und die Sünde, Erna?“ „Sünde, mein Kind! Hat Abraham etwa geſün⸗ digt, als er den Herrn anrief und als er ſeinem Weibe gehorchte, das ihm die Hagar gab? Du Närrchen, ge⸗ hört nicht Abraham mit zu unſeren Ahnen und fließt nicht auch ſein Blut in unſern Adern noch? Wie könnte uns das Sünde ſein, was die Erzväter thaten und Gott wohlgefällig nannte? Ich weiß ſchon, was Du ſagen willſt, Schweſter— wenn es auch bei uns keine Sitte iſt, ſo kann es deshalb doch nicht unſittlich ſein vor Gott. Wir wollen ja keine neue Sitte da⸗ mit ſchaffen für Andere. Wir wollen nur glücklich ſein für uns, und wie wir das werden, geht keinen Men⸗ ſchen etwas an auf Erden. Ich allein hätte Urſache, 95 ein Verbot einzulegen, denn ich allein gebe ein Recht auf, das mir gehört. Wenn ich aber ſchweige und einverſtanden bin, ſo hat keine Seele auf der Welt drein zu reden. Dies allein iſt mein Recht, und dies Recht kann ich verſchenken oder verleihen, wenn es mich, wenn es uns alle glücklich macht. Sei klug, mein Kind, ſei verſtändig, Philomena, komm' und küſſe mich! Wohl haſt Du mir zu vergeben, aber ich habe Dir zu danken aus vollem Herzen.“ Und abermals wollte ſie die Schweſter umarmen, aber Philomena ſtieß ſie zurück. „Geh, Du haſt ruchlos an mir gehandelt. Du haſt über mich verfügt mit Argliſt und Betrug. Du haſt meinen freien Willen in Banden geſchlagen, und dazu haſt Du kein Recht, Erna, beim Himmel, kein Recht!“ „Ruchlos! Du Heuchlerin!“ rief jetzt Erna in un⸗ verſtelltem Unwillen.„Statt mir zu danken, noch Vor⸗ würfe! Sieh mir doch ins Auge, Philomena, wenn Du kannſt. Haſt Du Carlman nicht einſt geliebt und liebſt ihn noch heute ſo ſchwärmeriſch wie einſt? Steh' mir Rede, Schweſterlein, hat es keinen Tag in Deinem Leben gegeben, wo Du hoffteſt, ſeine Wahl würde auf Dich fallen und Du würdeſt an ſeiner Seite durch dies Leben pilgern? Bekenne, Philomena, haſt Du nicht ſein Andenken im Herzen getragen die langen Jahre her bis auf den heutigen Tag? Dein Schweigen und Dein Zürnen war nur die Maske Deiner Liebe, und heute, da ich mich Deiner erbarme, nennſt Du mich ruchlos!“ „Ja, Erna, ruchlos und verbrecheriſch wird es die Welt nennen!“ „Was geht uns die Welt an, was kümmert uns der Pöbel, wie er immer heißen mag! Ich habe mich über dieſen Punkt ſeit Jahren unterrichtet, wir hatten ja Bücher genug zu Hauſe. Soll ich Dir eine Vor⸗ leſung halten über die Ehe? Ich werde mich hüten. In Indien iſt der Brauch anders als in Amerika und im Alterthum anders als in heutiger Zeit. Von denen, die an den Koran glauben, will ich gar nicht reden, wir haben im Chriſtenthum ſelbſt eine Sekte, welche darin die weiteſte Freiheit eingeführt hat, ſoviel ich weiß. Die Sitte wechſelt, aber die Wahrheit der Em⸗ pfindung, die Rechte des Herzens wechſeln nie, wenn wir mit reinem Willen thun, was uns zum Segen gereicht. Wie kann das Gewiſſen dann Unreines finden, wo kein Widerſpruch im Herzen? Wo kein Kläger, iſt auch kein Richter, und was die Welt betrifft, ſo hat ſie kein Recht über den Einzelnen, ſo wenig wir ein Recht oder eine Macht haben, die Welt zu ändern.“ 97 Und ſo ſprach ſie wie eine Sibylle der alten Zeit, wie eine Seherin aus den Tagen der Bibel. Ein unbefangener Zuhörer hätte ſie erhaben nennen können und würde ſie vielleicht bewundert haben, ſtatt ſie anzuklagen. Philomena aber lieh ihren Worten nur ein hal— bes Gehör; ſie war wieder in ſich verſunken. Wenn auch von der Gewalt ſolcher Argumente gleichſam er⸗ drückt, behielt ihre Erſchütterung doch die moraliſche Stärke und in aller Verwirrung das klare Gefühl des Unrechts, das ihr angethan worden war. „Erna, denk' an mich“, ſagte ſie nach einer Pauſe. „Das endet nicht gut, das endet nicht gut. Das muß zum Verderben führen, zu Eurem und meinem Ver⸗ derben. Du haſt Dir eine Herrſchaft über mein Leben, über meinen freien Willen angemaßt, die Dir nicht zuſtand. Kein Menſch ſteht ſo hoch in der Welt, daß er uns willenlos in ein fremdes Verhängniß verſtricken dürfte, und hätte er auch die reinſten Abſichten dabei; aber Deine Abſicht war nur die der Selbſtſucht, und deshalb muß Carlman davon wiſſen, er muß Alles er⸗ fahren.“ „Muß er es“, rief Erna mit lachendem Munde, „ſo ſage es ihm ſelbſt, wenn Du Muth dazu haſt, ſage es ihm, ich werde ſchweigen, und auch Du wirſt Groſſe, Offene Wunden. II. S 98 ſchweigen, Philomena. Willenlos warſt Du, aber jetzt biſt Du es nicht mehr. Wolle es jetzt und trage Dein Verhängniß. Uns allen wird es zum Segen ſein.“ Philomena ſchüttelte leiſe den Kopf, dann brach ſie in einen Thränenſtrom aus, gleichſam wie aus Mitleid mit ſich ſelbſt und mit ihrem Verhängniß. Erna ließ ſie weinen; ſie ſagte jetzt nichts mehr, denn ſie hoffte, daß mit dieſen Thränen die letzten Be⸗ denken und Zweifel, ob ſie bleiben ſolle oder nicht, weggeſchwemmt werden würden. Und ſie ſchien mit dieſer Vorausſetzung wirklich Recht zu behalten. Philomena weinte nicht lange; ſie erhob ſich ſchweigend, um ſich in jenes Rückzimmerchen zurückzu⸗ ziehen, denn ſie fühlte ſich ernſtlich krank. Von Zu⸗ rückkehren nach Hauſe war keine Rede mehr, keine Rede mehr von etwaiger Mittheilung an Carlman. Und ſo blieb es auch im Lauf der nächſten Tage. Das Rückzimmerchen war ganz für Philomena einge⸗ richtet worden, die dort das Bett hütete. Sie war geblieben und hatte ſchweigend ihre Zuſtimmung zu Allem gegeben, was Erna zu ihrer Pflege für gut befand. —————— 3 — —„— Sechstes Kapitel. Einige Wochen ſpäter kam das Weihnachtsfeſt heran, diesmal von einem milden warmen Frühlings⸗ wetter begleitet, ſodaß die Leute die Köpfe ſchüttelten und von weißen Oſtern ſprachen. Die Straßen und Plätze der Hauptſtadt wogten von fröhlichem Leben und Treiben. Grüne Tannen wurden auf dem Weih⸗ nachtsmarkt feil gehalten, und es gab keine Mutter und keinen Vater, die den Ihrigen nicht, wenn auch ein kleines beſcheidenes Bäumchen heimgebracht hätten. Und wer beſchreibt dann den Zauber des heiligen Abends, den feierlichen Lichterglanz im Familienzimmer, die blitzenden Augen, die frohlockenden Stimmen! In Carlman's Wohnung war am heiligen Abend Alles ſtill und lautlos. Philomena war geblieben, wie wir wiſſen. 7* 1 3 In den erſten Tagen ließ ſie ſich gar nicht ſehen; ſie lag krank darnieder im Rückzimmerchen, wo jetzt die Eisblumen von den Scheiben gethaut waren und wo die helle Morgenſonne hereingeſchienen hätte, wenn die Fenſter nicht verhängt worden wären. In Wahrheit war Philomena's Krankheit keine ernſtliche; ſie fürchtete ſich in ſeltſamer Scheu, Carl⸗ man wiederzuſehen, und ſuchte dieſen Zeitpunkt ſo weit als möglich hinauszuſchieben. Carlman erkun⸗ digte ſich allerdings täglich nach ihrem Befinden, und in ſeiner Aengſtlichkeit hätte er ſofort einen Arzt zu Rathe gezogen, aber Erna war entſchieden dagegen geweſen. „So viel Medicin verſtehen wir auch“, ſagte ſie, „als für das Haus grade nothwendig iſt; wofür hätte ich Jahre lang bei meinem Vater ſtudirt und ihm ge⸗ holfen! Nein, mein lieber Mann, über unſere Schwelle darf kein Arzt kommen. Auch Philomena will es nicht; ſie hat ſich bei der Herreiſe nicht genug vorgeſehen und eine kleine Erkältung mitgebracht, das iſt Alles.“ So war eine Woche vergangen, für Carlman höchſt unbehaglich, er fand die vorderen Wohnzimmer kalt und leer. Erna war faſt ununterbrochen im Rückzimmer bei ihrer Schweſter und die Thür in der Regel geſchloſſen; die alte Gertrud aber trieb, was ihr beliebte. 101 Carlman war über dieſe ſonderbare Wirthſchaft natürlich wenig vergnügt; fand er mittags oder abends Niemand im Wohnzimmer, ſo brummte er in den Bart und ging in das Wirthshaus oder hinüber zu ſeinem treuen Buchbinder mit den ſieben Kindern. Dort hatte er auch den heiligen Chriſtabend und den größten Theil der Feſttage zugebracht; der kleine Leopold war aufs reichſte von ihm beſchenkt worden. Manchmal traf er dort auch mit den beiden Medicinern zuſammen, die bei dem Buchbinder zur Miethe wohnten, und dann gab es immer intereſſante Geſpräche über Naturheilkunſt und Medicin, über den Bau des menſch⸗ lichen Körpers und Abnormitäten, über Fälle aus der medicina forensis und über ſonſtige ſociale, moraliſche und phyſiologiſche Fragen. Beide junge Leute waren ſehr unterrichtet, und da der Buchbinder kein Buch ungeleſen ließ, welches in ſeine Hände kam, ſo fehlte es niemals an Stoff. Das letzte Mal hatte er eine Ehebruchsgeſchichte geleſen und war ganz wild ge⸗ worden über die„Frechheit“, welche ſich heutzutage die„Buchſchreiber“ herausnähmen.„Solche Geſchichten ſollte die Polizei confisciren“, rief er,„denn ſie ſtiften mehr Unglück, als man weiß.“ Darüber war er in die heftigſte Debatte mit den beiden Medicinern gekommen, welche über dieſen Punkt die„nichtswürdigſten“ und leichtfertigſten Anſichten hatten. „Ich meine“, ſagte der eine,„ſobald der Zweck der Ehe verfehlt iſt, erlöſchen auch die Rechte und Pflichten.“ „Allerdings“, ſagte der andere.„Unfruchtbarkeit zum Beiſpiel iſt zu allen Zeiten, wo man vernünftig war, ein Grund zur Scheidung geweſen, um beiden Theilen Gelegenheit zu geben, eine neue Vereinigung zu ſuchen.“ „So“, ſagte der Buchbinder,„und wenn das Ge⸗ ſetz deshalb noch keine Scheidung erlaubt?“ „Dann kann auch von ausſchließlichen Rechten keine Rede mehr ſein. Wir wollen uns nicht mißver⸗ ſtehen. Die Praxis der Wirklichkeit findet immer ihre eigenen Wege, wenn ſie von der Theorie oder vom Geſetz im Stich gelaſſen iſt. Wenn eine Ehe ihren Zweck nicht erfüllt hat, ſo finde ich es nur natürlich, daß jedes von beiden, ſo zu ſagen, unwill⸗ kürlich nach einer andern Verbindung ſucht, die der Erfüllung des Naturgeſetzes vielleicht günſtiger iſt. Auch wenn dieſe Vorausſetzung unbewußt, iſt ſie doch nicht weniger berechtigt.“ „Larifari!“ rief der Buchbinder.„Danach alſo wäre bei Ihnen der Ehebruch ſogar erlaubt!“ 103 „Das will ich nicht ſagen“, war die Antwort, „aber wenn ich Geſetzgeber wäre, würde ich nur dann eine Strafe darauf ſetzen, wenn Kinder vorhanden wären, und dann ſogar eine hohe Strafe; in allen andern Fällen wird das ſogenannte Moralgeſetz von dem Naturgeſetz aufgehoben. Ich kenne nur eine echte Moral, und das iſt die Natur, und nur eine echte Sünde, das iſt Alles, was gegen die Natur iſt. Um die Menſchheit wird es dann erſt vortrefflich ſtehen, wenn alle ſogenannten Geſetze vollkommen naturgemäß geworden ſind, wenn alle Widerſprüche zwiſchen Moral und Natur, zwiſchen der Sitte und der Nothwendigkeit ausgeglichen ſind, aber darüber wird wohl noch manches Jahrtauſend vergehen.“ „Das ſind ja gottloſe Anſichten“, rief der fromme Buchbinder und begann einen heftigen Zank, infolge deſſen die kleine Abendgeſellſchaft ſich plötzlich auf⸗ löſte. Carlman, der ſchweigend zugehört hatte, war von ſeltſamen Gedanken bewegt nach Hauſe gekommen. Wer weiß, wie lange das Verſteckſpiel Philome⸗ na's noch fortgedauert hätte, wäre nicht der Zufall zu Hülfe gekommen. Es war bereits Mitte Januar und der Carneval hatte begonnen. Wiederholt fanden Maskenbälle, Auf⸗ züge, Feſtlichkeiten ſtatt, auch das ſogenannte Schön⸗ 104 bartlaufen und der Faßbindertanz hatten begonnen. In bunter Tracht, mit rothen Weſten und grünſammtenen Mätzen, in weißen Strümpfen und ſchwarzen Knie⸗ hoſen zogen die Geſellen des Böttchergewerks durch die Stadt, um vor den Paläſten der Großen, vor den Häuſern der Reichen wie vor bekannten Gaſtlokalen ihre Tänze aufzuführen. Luſtig war es zu ſehen, wie die lebhaften Farben ihres kleidſamen Coſtüms von dem friſchgefallenen Schnee abſtachen, und un⸗ widerſtehlich prägte ſich dem Ohr die originelle Melodie ihrer Pfeifen und Trommeln ein, zu deren Klange ſie kunſtvolle Tänze mit grünen Guirlanden ausführten, während der Altgeſelle auf dem Faſſe ſtand und ein volles Glas Wein in einem Reife ſchwang. Stets war eine große Menſchenmenge um die Tanzenden verſammelt, und viele Bürger ließen ſie abſichtlich kommen und beſchenkten ſie reichlich, denn ihr Trink⸗ und Segensſpruch galt als glückver⸗ heißend für das Haus und deſſen Bewohner, und zwar glückverheißend und erfüllend für die nächſten ſieben Jahre, bis ſie wieder vor dem Hauſe tanzen würden. Den Liebenden bedeutete ihr Tanz baldige Hoch⸗ zeit und den Ledigen eine glückliche Liebe, den Kran⸗ ken baldige Geneſung, den Alten noch lange Lebens⸗ zeit und den Familien reichen Kinderſegen, für den — Grundbeſitzer gute Ernte und für den Bürger reichen Erwerb, für den Miniſter Frieden und Ehren und für den König Segen und Gedeihen des ganzen Landes, wie ſie dieſe Wünſche auch ſtets in wohl⸗ klingenden Reimen und Trinkſprüchen ausſprachen. Eines Tages zogen die Böttcher mit Trommel⸗ und Pfeifenklang auch vor das Haus Carlman's am Angergartenplatz, denn in demſelben Hauſe wohnte ein hochbetagter reicher Mann, der gern auch noch die nächſten ſieben Jahre gelebt hätte und deshalb die tanzenden Geſellen ſtets reich beſchenkte. Der Lärm des Feſtzugs und die Neuheit des niegeſehenen Schauſpiels lockte die beiden Schweſtern Erna und Philomena in das Vorderzimmer. Da Carlman nicht zu Hauſe war, trug Philomena kein Bedenken, das ſchützende Aſyl zu verlaſſen, und ſo ſchauten die beiden ſchönen Schweſtern hinunter auf das wogende Gewühl, auf das bunte farbenreiche Schauſpiel. Die Sonne blitzte auf die anmuthigen Gruppen der Tanzenden und betäubend ſcholl der Klang der Trommeln und Schwegelpfeifen. So eben hob der Altgeſelle auf der Tonne das volle Weinglas und ſprach ſeinen Vers. In dieſem Augenblick ſah Philomena plötzlich, wie ſich Carlman durch das Gewühl drängte und auf ſeine Wohnung znſtrebte. Auf ſeinen Armen hielt er einen dreijährigen Knaben, den er mehrere Male über die Köpfe der Zuſchauer emporhob, damit er ja Alles recht deutlich ſehen könne. Schon wollte ſich Philomena zurückziehen, als Carlman ihrer anſichtig ward und heraufgrüßte. „Nun hat er Dich einmal geſehen“, ſagte Erna, „und weiß, daß Du nicht krank biſt. Laß ihn nur kommen, Philomena, und bleibe ganz ruhig hier. Der Kleine iſt der Buchbindersjunge, von dem ich Dir erzählte; wenn er den bei ſich hat, denkt er an nichts Anderes.“ In den nächſten Minuten kam Carlman wirklich mit dem kleinen Poldl herauf, dem er doch auch die Herrlichkeit zeigen müſſe, drüben in der finſtern Nebengaſſe könne man nichts ſehen.„Grüß' Gott, Philomena“, ſagte er plötzlich zu ſeiner Schwägerin. „Nun endlich wieder auf dem Zeuge? Das freut mich. Da ſieh Dir einmal den kleinen Prinzen an— was meinſt Du zu dem kleinen Prachtkerl?“ Dabei hob er den ſtruppigen, ſchlecht angezogenen und unſaubern Jungen in die Höhe, der mit Armen und Beinen um ſich ſchlug und ſchrie. Philomena, welche Carlman's Gruß erwidert hatte, ohne ihre Augen zu erheben, bemächtigte ſich 107 jetzt mit einer gewiſſen Leidenſchaftlichkeit des Kleinen, der merkwürdigerweiſe vor ihr nicht ſcheu that. Sie ſäuberte ihn erſt ein wenig, dann nahm ſie ihn neben ſich an das Fenſter, um dem ferneren Verlauf des Schauſpiels zuzuſchauen. Das gefürchtete Wiederſehen war glücklich und ohne den geringſten Schrecken vorübergegangen. Nicht das leiſeſte Zeichen verrieth von ſeiten Carlman's eine Mitwiſſenſchaft des Vorgefallenen. Dennoch blieb Philomena's Entſchluß unumſtöß⸗ lich, bei erſter paſſender Gelegenheit ihrem Schwager Alles mitzutheilen. Leider konnte ſie ſich nicht die leiſeſte Vorſtellung darüber machen, wie dieſe paſſende Gelegenheit kommen ſolle. „Ja, ja“, ſagte Carlman an dieſem Nachmittag, „die Philomena verſteht mich, ſie hat das Herz auf dem rechten Fleck und weiß den Kleinen zu behandeln wie nur eine Mutter.“ Der kinderloſe ältliche Herr war an dieſem Tage ganz ausnehmend liebenswürdig gegen ſeine Schwägerin, und das Gefühl, glücklich zu ſein, ſtrahlte wie eine Glorie um ſeine Stirn. Selbſt Erna, die ſonſt keineswegs eine Freundin vvu Kindern war, zeigte ſich an dieſem Tage von einer ſeltenen Nachſicht und Hingebung; ſie kochte für den kleinen Poldl Chocolade und briet ihm Aepfel auf dem Ofen, ja ſie behielt ihn ſogar da, als Carlman wieder zum Dienſt abberufen wurde. Seit dieſem wichtigen Tage Philomena wieder im Familienzimmer; ihr Benehmen war ſtill und in ſich gekehrt, ſie ſprach mit Carlman, den ſie nur bei Tiſche und höchſt ſelten abends ſah, wenig, ja ſie wich ſeinen Geſprächen und Fragen mit einer gewiſſen Aengſtlichkeit und Abſichtlichkeit aus. Der kleine Poldl kam jetzt faſt alle Tage her⸗ über und ward in der Familie des Inſpectors bald heimiſch. Erna ſchien ihr Weſen total verändert zu haben, beſonders dem Kleinen gegenüber; ſie hatte ihn nicht nur neu gekleidet, ſie ſtrickte ihm auch Strümpf⸗ chen und Jäckchen, Mützen und Leibbinden; ſie kaufte ihm Winterhandſchuhe und Pelzſtiefelchen, ſogar Näſchereien und Spielſachen, als wäre zum zweiten Male Weihnachten und als wolle ſie ihre erſte Ver⸗ ſäumniß nach Kräften wieder gut machen. Dabei war auch ihr Benehmen gegen Carlman das zärtlichſte und liebevollſte; ſie war mit ängſtlicher Sorgfalt um alle ſeine kleinen Wünſche und Gewohnheiten bemüht und ſuchte ihm an jedem Tage irgend eine andere kleine angenehme Ueberraſchung zu bereiten. Carlman war oft erſtaunt über dieſe Verände⸗ rung und ſchrieb ſie dem milden Einfluß Philomena's 109 zu, obgleich ihm das verſchloſſene, brütende Weſen der letztern mit der Zeit doch auffallend wurde. Die beiden Schweſtern ſchienen vollſtändig ihre Naturen ge⸗ tauſcht zu haben; denn Philomena ſaß meiſt ſtill hinter ihrem Nähtiſch und bekümmerte ſich wenig oder gar nicht um das Hausweſen. Auch die Launenhaftigkeit Erna's ſchien auf ſie übergegangen zu ſein. Selten war die Mittagskoſt ganz nach ihrem Geſchmack, und oft mußte ihr die Schweſter mitten im Tage zu un— regelmäßiger Zeit dieſe oder jene Speiſe bereiten. Zuweilen blieb ſie auch ganze Tage unſichtbar, und Erna entſchuldigte ſie mit Unwohlſein oder mit Heim⸗ weh. Das Letztere fand Carlman höchſt natürlich; er glaubte auch nicht anders, als daß ſie mit Eintritt der guten Jahreszeit wieder in das heimatliche Wald⸗ haus bei Rehlingen zurückkehren werde, denn wer erſetzt die ſchattigen Baumwipfel, die weiten grünen Wieſen, das Rauſchen der Bäche und den melodiſchen Geſang der Vögel? Solange ſie aber noch in der Stadt war, hoffte er unter ihrer Zuſtimmung und Beihülfe ſeine geheime langgehegte Abſicht dennoch durchzuſetzen. Jetzt oder niemals konnte es gelingen, den kleinen Poldl ganz zu kapern, denn nur Philomena verſtand mit dem Kleinen umzugehen und die Wonnen und 110 Freuden, den Segen vollkommen zu würdigen, den ein kleines Weſen für den ganzen Haushalt bringt. Es war an einem ſonnigen Apriltage, am Vor⸗ abende des Oſterfeſtes, das diesmal ziemlich ſpät fiel. Der Frühling hatte bereits mit aller Macht ſeinen Einzug gehalten. Die Knaben ſpielten auf den öffent⸗ lichen Plätzen mit Bällen, trieben buntbemalte Kreiſel mit Peitſchen oder wußten mit farbigen Thonkugeln nach kleinen Gruben zn zielen. Auf allen Straßen herrſchte das fröhlichſte Leben. An den Enden der Zweige blitzten Millionen von grünen Knospen, und die glorreiche Sonne umfloß Dächer und Gärten, Thürme und Straßen mit feierlichem Glanz und goldenem Duft, als müſſe ſie von Amtswegen die Erneuerung der Schöpfung verherrlichen. Es war am Nachmittag des Sonnabends vor Oſtern. Carlman hatte einen Gang in die Stadt ge⸗ macht und kam jetzt mit einem Packträger zurück, der einen großen Korb trug. Als er ſeine Frau und Philo⸗ mena in dem ſonnigen Gärtchen bemerkte, ließ er den Korb auf den ſteinernen Gartentiſch ſetzen und öffnete die Hülle deſſelben. Es zeigte ſich eine reiche Fülle von Näſchereien, Kuchen, Orangen und Aepfeln, daneben aber wohl ein halbes Schock buntgefärbter Eier, die meiſten mit 14¹⁴ ſchönen Sprüchen verziert, außerdem noch ſechs oder ſieben Oſterlämmer aus Kuchenteig, mit weißem Zucker überzogen und kleinen ſeidenen Fahnen beſteckt. „Ah, willſt Du uns einen Oſterhaſen beſcheren?“ ſagte Erna, die neugierig aus dem Garten herbeigeeilt kam, während Philomena in der Laube, wo ſie nähte, ſitzen blieb. „Nehmt Euch davon, ſoviel Ihr wollt“, fagte Carlman,„aber mir iſt heute eine Idee gekommen, ein Plänchen zu einem Oſterfeſte, wie wir es ſonſt zu Hauſe feierten. Ich habe nämlich für morgen die ſämmtlichen Buchbinderskinder zu uns eingeladen, ſie ſollen auch einmal ein Feſt haben wie andere Kinder.“ „Sämmtliche Kinder“, ſagte Erna, und ihre ſon⸗ nige heitere Miene verſchwand im Moment, um einem Ausdruck von Ernſt und Verdruß Raum zu machen. „Ich dachte, es ſei an dem einen Jungen ſchon genug“, ſetzte ſie hinzu. „Was denkſt Du, Erna“, ſagte Carlman eifrig, „zu einem rechten Oſtereierfeſt gehört ein ganzer Schwarm Kinder. Nicht wahr, Philomena? Was meinſt Du dazu? Ihr habt ſo etwas noch nicht geſehen, wenn der Jubel angeht und die kleine Bande in den Büſchen ſucht, in den Mauerlöchern, im Buchsbaum, unter den Bretern und Bänken oder gar in der Dachröhre und in den 112 Blumentöpfen, und wenn ſie wirklich ein Ei finden, dieſes Halloh! Mein Gott, wenn ich an die Zeiten denke, wo wir ſo vergnügt waren, mein' ich immer, wir ſeien es auch Andern ſchuldig, ſolche reine Freuden kommen ſo ſelten im Leben. Was meinſt Du, Philomena? Nächſt dem Chriſtfeſt mit dem kerzenflam⸗ menden Baum habe ich keine lieberen Jugenderinne⸗ rungen als an den Oſtermorgen. Dieſe ſchönen rothen und gelben Eier mit den ſinnigen Sprüchen— es ſind eigentlich keine feinen Farben, die man mit Zwiebeln, mit Indigo und Farbholz herſtellt, aber ich mag ſie ſeit⸗ dem nur leiden, weil ſie mich an die erſten Oſtereier erinnern. Was meinſt Du, Philomena?“ „So laß ihm doch die Freude“, ſagte die letztere zu Erna.„Es geht ja bald vorüber“, ſetzte ſie mit leiſerer Stimme hinzu, aber Carlman hatte es ge⸗ hört und begann von neuem: „Das iſt übrigens noch nicht Alles. Ich meine, man muß nichts halb thun. Zu Mittag habe ich auch den Vater zu Tiſche eingeladen und die alte Muhme, die ihm die Wirthſchaft führt. Die armen Leute müſſen auch einmal einen guten Tag haben, und ſo mag der Altgeſelle auch dabei ſein.“ „Die ſämmlichen Buchbindersleute?“ ſagte Erna, in der That erſchrocken.„Aber, Carlman, das möchte doch Un hinz ſol, hit me on b wol ſe, in ſu au hei —2—— doch wohl nicht paſſen. Wir haben ja durchaus keinen Umgang mit ihnen“, ſetzte ſie mit vorwurfsvollem Tone hinzu.„Ich weiß wirklich nicht, wozu das führen ſoll, und Du bereiteſt uns allen damit nur Verlegen⸗ heiten. Habe ich nicht Recht, Philomena?“ „Ja, rede Du, Philomena“, rief Carlman, „meine Frau läßt mich nicht einmal ausreden und kommt mit allen ihren alten Grillen wieder. Sieh, lieber Schatz, ich wollte Dir erſt gar nichts ſagen und wollte Dich überraſchen, aber vielleicht iſt's doch beſ⸗ ſer, Du weißt Alles vorher. Ich habe nämlich noch eine ganz beſondere Abſicht dabei.“ „Noch eine Abſicht?“ Erna ſah ihren Gatten mit fragendem Blick an, während Philomena ſich tiefer auf ihre Arbeit beugte. Daß noch von einem Ge⸗ heimniß die Rede ſein ſolle, ſchien ſie in Verwirrung zu ſetzen. „Siehſt Du“, fuhr Carlman fort,„Du biſt dieſe ganzen Monate her ſo liebenswürdig, ſo mütterlich mit dem kleinen Poldl geweſen, daß ich geglaubt habe, Du hätteſt Dir längſt die Sache überlegt und Dich darein gefunden, endlich doch meinen Lieblingswunſch zu erfüllen. Der kleine Poldl iſt ja bei uns bereits wie zu Hauſe, und er hat ſich ſo an Dich gewöhnt, daß er eigentlich uns ſchon angehört. Hab' ich nicht Groſſe, Offene Wunden. II. 8 114 Recht, Philomena? Dir danke ich's ja eigentlich, daß Erna ihren Widerwillen überwunden hat.“ Erna merkte jetzt, worauf er hinaus wollte und was er für morgen im Schilde führe. „Alſo immer noch die alte fixe Idee, die Annahme an Kindesſtatt“, ſagte ſie mit unverhehltem Verdruß. „Ja“, erwiderte Carlman mit beſtimmtem Tone. „Du ſiehſt, ſolch ein kinderloſes Haus wie das unſerige hat nicht halb ſo viel Wärme und Lebensfreude als ein anderes. Ich muß einmal kleine Geſichter um mich haben. Und wenn Du der Wahrheit die Ehre geben willſt, geht es Dir nicht anders. Du haſt den kleinen Poldl ſchon recht ins Herz geſchloſſen. Warum willſt Du Dich ſo verſtellen und Deine Liebe verleugnen! Glaube nur ja nicht, daß es überhaupt leicht gehen wird. Wie ich immer ſchon geſagt habe, die Leute ſind eigenſinnig und haben ihren Stolz. Da muß et⸗ was Durchgreifendes geſchehen, wenn wir zum Ziele kommen wollen. Deshalb habe ich die ganze Familie ein⸗ geladen, und wenn ſie dann alle rund um unſern Tiſch ſiten und der Alte ſieht, wie Du dem Buben eine rechte und liebevolle Mutter biſt, und Du nimmſt dann im rechten das Wort und ſagſt: Meiſter, laſſet uns den Buben, er ſoll es gut bei uns haben und wir wollen ihn auf⸗ ziehen wie unſer eigenes Kind, dann kann er nicht en uf⸗ nein ſagen, und die Sache iſt abgemacht. Hab' ich nicht Recht, Philomena?“ Philomena, welche ſich bis dahin allen Fragen gegenüber ſchweigend verhalten hatte, wollte jetzt wirk⸗ lich reden. Da ſah ſie auf einmal eine ſeltſame Veränderung in dem Geſicht ihrer Schweſter. Zuerſt flog ein faſt ſpöttiſches Lächeln über ihre Züge; dann nahmen ſie einen ernſten, entſchloſſenen Ausdruck an, und ihr Auge wandte ſich zu ihr mit ſo beredtſamem unzweideutigem Wink, daß ſie dem ſtummen Befehl glaubte gehorchen zu müſſen. Unter einem Vorwand nahm ſie ihr Arbeitskörb⸗ chen und verließ die Laube mit raſchen Schritten. „Aber warum gehſt Du denn, Philomena?“ rief Carlman ihr nach.„Du läßt mich ja förmlich im Stiche!“ „Laß ſie nur gehen“, ſagte Erna.„Was ich Dir zu ſagen habe, taugt nicht für ſie.“ Mit dieſen Worten ſtand ſie von der Bank auf, wo ſie vorher Platz genommen hatte, während Carl⸗ man auf einem Gartenſtuhl ſaß. Sie näherte ſich ihm und neigte ſich über ſeine Schulter; ihre Lippen waren dicht an ſeinem Ohr, während ihre kleinen Hände in ſeinem Bart krauten. 8* „Alter“, ſagte ſie flüſternd,„Du biſt auf dem Wege zu dem ſchönſten dummen Streich.“ „Aber weshalb, Erna?“ ſagte der Gatte und um⸗ ſchlang ihre Hüfte. „Iſt es denn wirklich Dein einziger höchſter Wunſch, ſo eine kleine ſchreiende Kinderſtimme im Hauſe zu haben?“ ſagte ſie ſchelmiſch.„Bin ich Dir nicht mehr genug, alter Brummbär?“ „Fange nicht wieder von neuem an, Erna“, ſagte Carlman und wollte aufſtehen, denn er fürchtete eine ſentimentale Scene der Eiferſucht Erna's auf den kleinen Poldl, ſeinen Liebling. „Bleib' nur ſitzen, Du böſer Mann!“ rief Erna und drückte ihn nieder.„Vielleicht kann es doch ſein“, ſagte ſie flüſternd,„daß der Himmel gewiſſe Gebete erhört hat.“ „Gewiſſe Gebete, was meinſt Du damit, Erna?“ „Kennſt Du denn nicht das Märchen vom alten König und der jungen Königin, die ſieben Jahre ver⸗ gebens auf Kinder hofften, bis zuletzt doch noch ihre Hoffnung in Erfüllung ging?“ „Mein lieber Schatz“, ſagte Carlman und zog ſeine Gattin an ſich,„das ſind eben Märchen. O, mein Gott, wenn das jemals Wahrheit werden könnte!“ em ine nen 42 „Man muß eben nicht alle Hoffnung zu früh aufgeben“, ſagte Erna und machte ſich los von ihm. „Erna“, ſagte Carlman nach einer Weile, als wenn er inzwiſchen den Sinn und das Gewicht ihrer Worte erwogen hätte,„Erna, was ſollen ſolche Worte? Du willſt mich nur hinhalten und von einer guten That abbringen, das iſt nicht recht von Dir, Erna.“ „Ich will ja Alles thun, was Du willſt“, ſagte ſie wieder mit ſchelmiſchem Tone,„aber nur noch eeinige Monate ſollteſt Du warten.“ —— —ů „Luftſchlöſſer, Erna, Luftſchlöſſer!“ Da faßte ſie ihn wieder beim Kopf und wühlte in ſeinem Bart und flüſterte ihm haſtig einige Worte in das Ohr. „Alter ungläubiger Thomas, wenn es nun aber wirklich wahr, wenn es kein Luftſchloß wäre!“ „Erna!“ rief Carlman und fuhr von ſeinem Gartenſtuhl empor.„Du machſt mich verrückt vor Freude.„Sage mir's noch einmal, wenn ich es glauben ſoll und glauben darf. Ich fürchte immer noch, Du haſt mich zum Beſten. Kann es denn möglich ſein nach ſo langen Jahren? Ich kann mich noch gar nicht in den Gedanken finden. Und bis zu welcher Zeit?“ 118 „Wenn Alles gut geht“, ſagte Erna,„ſo wird es nicht Winter werden, ja noch ehe der Spätherbſt kommt, werden wir an eine Wiege denken müſſen“, und ſie begleitete dieſe Worte mit einer ſchaukelnden Bewegung der Hand. „Erna“, rief Carlman und er ſchloß das ſchöne Weib mit den klugen Augen in ſeine Arme und küßte es. Erna entſchlüpfte ihm wie vorher und begann eifrig zu plaudern. „Da ſieht man doch, daß Ihr Männer eigentlich keine Augen in Kopf habt. Du hätteſt es doch längſt merken können, wozu wären denn die Jäckchen und Strümpfchen und Mützchen? Da muß man ſcheinbar für fremde Kinder arbeiten, weil man an die eigene Familie nicht denken will. Nun, und was beſchließeſt Du denn für morgen?“ Ohne ein Wort zu ſagen, ſchob Carlman den Korb mit den Oſterlämmern und bunten Eiern beiſeite. „Nein!“ rief Erna,„ſo will ich es nicht gemeint haben. Warum ſoll Dir die Freude verſagt ſein? Laß die Kinder nur kommen und ihre Oſterhaſen ſuchen, meinetwegen mag auch der Meiſter mit ſeiner Muhme hier eſſen, nur das Eine wirſt Du nicht mehr verlangen: das fremde Kind als eigenes.“ Carlman küßte ſeine Frau abermals.„Unter t, ſie 9 un gi nd ür du — ſolchen Umſtänden freilich iſt nicht mehr daran zu denken. Das verſteht ſich. Aber mir hätteſt Du keine ſchönere Oſterfreude bereiten können, mein Schatz, und das verdient noch einen beſondern Dank!“ Und er zog ein ſammtenes Etui aus der Taſche und öffnete es. Es war ein ſchönes Armband, mit Perlen beſetzt, welches Erna's erſtaunten Augen entgegenblitzte. In Wahrheit hatte Carlman das kleine Geſchenk zu einem ganz andern Zweck beſtimmt. Er hatte Philomena damit eine Oſterfreude machen wollen. Erna mußte dergleichen errathen, denn ſie ſah ihm forſchend in die Augen, als ſie ſagte: „Für mich? Wirklich für mich, Carlman? Aber Du übertriffſt Dich ja heute an Liebenswürdig⸗ keiten; doch was haſt Du denn für Philomena? Gar nichts? Aber das wird ungalant erſcheinen. Apropos, da fällt mir ein, lieber Mann, von dem, was ich Dir vorher ſagte, keine Silbe, am allerwenigſten zu Philo⸗ mena. Sie darf nichts davon erfahren. Verſprich mir das, Carlman.“ Carlman wunderte ſich über die dringende Bitte, denn er fand keinen Grund dafür. „In Gottes Namen!“ ſagte er,„wenn Du es wün⸗ ſheſt, aber ſonderbar iſt's, was die Frauen heutzutage prüde und zimperlich find.“ 120 „Davon verſtehſt Du nichts“, ſagte Erna mit entſchiedenem Tone.„Ueberhaupt“, ſetzte ſie nachdenk⸗ lich hinzu,„ich wollte, es wäre erſt Alles vorüber, und wir wären beide ein Jahr älter.“ „Nur Courage, mein Kind“, ſage er,„ich bin ja dabei und gehe Dir nicht von der Seite.“ „O, das wollte ich mir gerade ausgebeten haben“, rief die junge Frau. Einen Moment ſtand Carlman nachſinnend. „Wann erwarteſt Du denn das Ereigniß? Doch nicht etwa im Auguſt oder September?“ „Es kann ſchon ſo kommen“, ſagte Erna,„mög⸗ licherweiſe früher, vielleicht auch ſpäter, wer kann es wiſſen, am liebſten aber wäre es mir um dieſe Zeit.“ „Das wäre verteufelt“, ſagte Carlman;„gerade im Auguſt habe ich eine Inſpectionsreiſe vor. Das wird übrigens zu arrangiren ſein, der zweite In⸗ ſpector kann mich vertreten.“ „Nein, mein Lieber“, ſagte Erna entſchieden, „daraus wird nichts. Du mußt Deine Inſpections⸗ reiſe ſelbſt machen, darauf beſtehe ich. Was ſoll denn aus Deiner Carrière werden? Du wirſt doch nicht ewig Inſpector bleiben wollen? Gerade jetzt müſſen wir doppelt auf Verbeſſerung bedacht ſein. Auch eine Abänderung Deiner Reiſe wünſche ich nicht. Gerade N in 12⁴ daß Du im Auguſt reiſeſt, iſt mir ſehr lieb, ſehr er⸗ wünſcht, denn dabei ſein darfſt Du auf keinen Fall!“ „Nun, wir reden nach davon“, ſagte Carlman, aber Erna brach das Geſpräch ab und ging in das Haus, nachdem ſie ihrem Gatten noch einmal das Verſprechen abgenommen hatte, gegen Jedermann zu ſchweigen. Carlman folgte ſeiner Gattin mit ſtrahlender Miene. Das Oſterfeſt ging vorüber. Die Kinder ſuchten ihre Eier im Garten, aber Carlman bekümmerte ſich wenig darum. Aus dem großen Mittagseſſen war nichts geworden; denn der Buchbinder, der vielleicht die anfängliche Abſicht merkte, hatte abſagen laſſen, zur großen Freude Carlman's, der dieſe Sache mit keiner Silbe weiter berührte. Das ſchöne Armband mit den Perlen wanderte ruhig in die Etagère zu anderen Raritäten und Sehenswürdigkeiten. Frau Erna hatte es nicht ein einziges Mal angelegt, als wenn ſie wüßte, daß es nicht ihr gehöre, ſondern einer Andern. Die Monate des Sommers kamen mit aller Pracht. Carlman wollte an den ſeltenen freien Tagen, welche ihm blieben, Ausflüge und Luſtpartien in die ſchöne Umgegend machen, um ſeine Frau und Philomena zu zerſtreuen, aber Erna ſchützte ſtets Unwohlſein vor. So 122 —— kam es, daß alle Bemühungen Carlman's, ſeine Frau ſo zu ſagen auf den Händen zu tragen, vergeblich waren und ihn ſchließlich dahin brachten, daß er nichts mehr ſprach, ſondern ſich gehorſam allen Anordnungen ſeiner Frau fügte. Philomena führte in ihrem Rückzimmer eine vege⸗ tative ſtille Exiſtenz, ſie ließ ſich vor Carlman nicht ſehen und ſchien mit endloſen weiblichen Arbeiten be⸗ ſchäftigt. Selbſt die wiederholte Einladung der alten Eltern, endlich zum Waldhauſe zurückkehren, fand ausweichende Antwort, auch Carlman's eigener Vor⸗ ſchlag, ſeine Frau möchte doch mit Philomena die ſchönen Sommermonate im Walde verleben, um ſich zu kräftigen, ward rundweg abgelehnt. Man wolle ihn nicht allein laſſen, hieß es, und wenn er ſich an⸗ fangs wunderte, daß Philomena ihren Widerwillen gegen die Stadt ſo raſch überwunden, fo fand er es jetzt begreiflich und ſogar rührend, daß ſie als treue Schweſter bei Erna aushalten wollte, bis das er⸗ wartete Ereigniß überſtanden ſei. Anfang Auguſt mußte Carlman wirklich ſeine Inſpectionsreiſe antreten. Allen ſeinen Verſuchen, dies abzuwenden, trat Erna energiſch entgegen, ja ſie drohte ihm ſogar, wenn er bleiben würde, einfach nach dem Waldhauſe bei 123 Rehlingen überzuſiedeln, um dort ihre Niederkunft zu halten; ſie wollte abſolut und mit ſtarrem Eigenſinn nicht, daß Carlman zugegen ſei, eine Eigenthümlichkeit übrigens, die ſie mit manchen Frauen theilte. Auf ein längeres Geſpräch über dieſen Punkt ließ ſie ſich niemals ein, wie ſie überhaupt ſeltſam zurückhalteud und ſcheu vor ihrem Mann geworden war. In den letzten Zeiten ſchlief ſie ſogar nicht mehr in dem Alkoven, ſondern im Rückzimmerchen bei ihrer Schweſter. Es an war einem nebligen Auguſtmorgen, kurz nach Sonnenaufgang, als Carlman Abſchied von ſeiner Frau nahm. Erna hatte verſucht, Philomena über die Abreiſe Carlman's im Ungewiſſen zu laſſen, aber theils mit weiblichem Scharfblick, theils durch Mittheilungen der alten Gertrud wußte Philomena genau die Stunde. Im letzten Augenblicke noch, als Carlman ſchon im Corridor war, ſtürzte ſie halb angekleidet aus dem Rückzimmer und fiel Carlman mit ſtrömenden Thränen um den Hals.. „Mein Gott“, ſagte Carlman,„was haſt Du denn, Mädchen? In zwei oder drei Wochen bin ich wieder hier. Ich gehe ja nicht nach Amerika. Ihr ſeid wunderliche Leute. Geh, Philomena, habe keine Angſt um Deine Schweſter, es wird ſchon Alles gut gehen. Schreibt oder telegraphirt mir, wenn inzwiſchen etwas vorfallen ſollte, damit ich ſchnell wieder zurück bin.“ Philomena wollte reden, unzweifelhaft entſchloſſen, jetzt im letzten Augenblicke Alles zu ſagen, aber Erna drängte ſie faſt gewaltſam in ihr Zimmer zurück. „Spare die Worte“, ſagte ſie,„ich werde es ihm ſchon ſelber ſagen“; ſobald ſie aber die Thür geſchloſſen hatte, trieb ſie ihren Gatten fort auf die Reiſe. Es war am frühlichten Morgen, kurz nach Son⸗ nenaufgang. Noch lange ſahen die beiden Schweſtern dem Schei⸗ denden bei offenen Fenſtern nach und ſchwenkten ihre Tücher zum Abſchiedsgruße. —— Siebentes Kapitel. Es war im Spätherbſt deſſelben Jahres. Die goldene Herbſtſonne hatte diesmal ungewöhn⸗ liche Kraft und Wärme. Die Kaſtanienbäume des Anger⸗ gartenplatzes trugen bereits zum zweiten Male Blätter und Blüten. In den goldenen Lüften tummelten ſich noch zahlreiche Schwalben, und die fahlen Wieſen, welche die Stadt umgaben, prangten im Sonnenbrand mit luſtigem neuem Frühlingsgrün. Auf den Wieſen aber, die ſonſt zu dieſer Jahres⸗ zeit ſchon von feuchten Nebeln umzogen und von zahl⸗ loſen Herbſtzeitloſen geſchmückt ſind, herrſcht jetzt ein buntes lebendiges Treiben. Mit großen Maſtbäumen und Flaggen iſt der Feſtplatz umgeben. Wände aus natürlichen friſchen Tannen bilden die einzelnen Gaſſen und umrahmen den mittelſten Platz. Hinter den Tannenhecken erheben ſich zahlloſe Trinkbuden, Reſtaurationen und Boutiquen. Was Dein Herz begehrt, kannſt Du haben: Käſe und Würſte, Trauben und Kirchweihnudeln, ſelbſt Fiſche von allen Sorten werden über glühenden Kohlen an langen Stäben gebraten. Von den offenen Feuern und praſſelnden Herden ſteigt bläulicher Rauch über die Zelte, hier und da klingt eine Muſik von Harfen und Violinen, aber ſie ver⸗ hallt, und ſelbſt die lärmende Blechmuſik im Schwei⸗ zer Pavillon, dort, wo heute ein ſchwäbiſcher Bauer in die Luft fliegen wird, verklingt in dem allgemeinen Brauſen der Tauſende und Abertauſende, die ſich auf dem ſonnenbeſchienenen ſchattenloſen Feſtplatz tum⸗ meln. Zahlloſe Maſſen ſind auf ein oder zwei Tage aus der Ferne gekommen und in jeder Stunde bringen dröhnende Extrazüge neue Maſſen vom Land. Bunt ſchimmern die Volkstrachten der Ebene und des Ge⸗ birgs neben einander. Es iſt ein landwirthſchaftliches Feſt, welches ge⸗ feiert wird. Schöne Stiere ſtehen bekränzt am Barren, gegen⸗ über die Zuchtkühe mit den Kälbchen, edle Thiere, man möchte ſagen, von claſſiſchen Formen; manch einer die⸗ ſer Stiere hätte vor Künſtleraugen Gnade gefunden, 127 als Modell jenes Götterſtiers, der die Europa durch die Meeresflut getragen. Auf der andern Seite ſtehen Reihen von prächtigen Hengſten ſammt Stuten und Füllen, Roſſe, wie ſie Helios nicht edler vor ſeinem Sonnenwagen beſaß; den dritten Stand füllen Widder und Mutterſchafe, muſterhafte Prachtexemplare, die Laban's Heerden in Meſopotamien einſt nicht herrlicher aufgewieſen haben. Die Menſchheit iſt alt und modern geworden, aber dieſen Thieren ſcheint eine bibliſche und helleniſche Jugend bewahrt zu ſein. Auf den Stirnen der Prachtexemplare hingen Täfelchen mit der Nummer des Preiſes, den ſie vor der Commiſſion da⸗ vongetragen und den heute der Eigenthümer nebſt ei⸗ ner ſeidenen Fahne aus der Hand der Obrigkeit em⸗ pfangen wird. Dort unter dem weißen erhöhten Zelt mit den bunten Streifen thronen die Würdenträger des Lan⸗ des. Sobald die Ceremonie beginnt, erſcheint ein langer bunter Zug unter den brauſenden Klängen eines Muſikchors. Voran reiten drei Herolde in mittelalter⸗ licher Tracht, dann kommen zwei Reihen Preisträger, ausgewählte ſchöne Knaben in buntem Pagencoſtüm des ſechzehnten Jahrhunderts; ſie tragen die ſeidenen Preisfahnen, welche mit blinkenden Gold⸗ und Silber⸗ münzen und ſchönen Bildern geziert ſind. Zum Schluß wird ein Wettrennen folgen. Aber bis dahin ſind es noch einige Stunden. Jetzt dröhnen ununterbrochen die Kanonen auf den Höhen zum Zeichen, daß der Fürſt aus ſeinem Schloſſe abgefahren iſt und in Kürze erſcheinen wird. Roth blitzt das Feuer im weißen Qualm, und bläu⸗ lich legt ſich der Pulverdampf wie ein duftiger Fenſter⸗ ſchleier um die wimmelnden Höhen. Unter den Zu⸗ ſchauern aber entſteht ein Laufen und Rennen zur Barrière; aller Augen wenden ſich aus den Boutiquen, und Reſtaurationen. Man beſteigt die Rückbreter der Equipagen und die feſtgerammten waldurſpünglichen Tiſche und Bänke, um beſſer ſehen zu können, denn die Ankunft des fürchterlichen Zuges ſteht jede Minute bevor, und in der Ferne ſind ſchon die blitzenden Helme der bürgerlichen Landwehrcavallerie ſichtbar, welche dem Fürſten zur Ehrenescorte dient. Aber nicht alle Zuſchauer geriethen in ſo fieber⸗ hafte Bewegung. An einem jener rohgezimmerten Tiſche ſitzt ein Mann von mittleren Jahren. Die har⸗ ten feſten Züge des verkniffenen Geſichts, das in ei⸗ nen dünen Bocksbart ausläuft, verrathen hinlänglich den Kampf um das Daſein. Der graue abgegriffene Filzhut beſchattet ein paar liſtige, man könnte ſagen, ſtechende Augen, und wenn man die breiten dünnen hin ſu V of . ——— 129 Lippen betrachtet, die an einer hölzernen Pfeife kauen, ſo muß man bemerken, daß ſie eigentlich ununterbrochen in Bewegung ſind und bald lauter, bald leiſer vor ſich hinſprechen. Natürlich muß der Mann wohl mit ſich ſelber ſprechen, da er ſeine Worte an Niemand in ſeiner Umgebung richtet. Zwar er iſt nicht allein, ihm gegenüber ſitzt in ſauberer, bürgerlich einfacher Kleidung ein betagtes Weib, die von ihm Frau Baſ' titulirt wird und offenbar ſeine Wirthſchaft führt und ſeine Kinder ver⸗ pflegt. Nicht weniger als ſechs kleine Trabanten ſind auf der Bank, ſogar auf dem Tiſch zuſammengedrängt, ein ſiebentes ſitzt auf dem Schvoße der Frau Baſ⸗ Die Kinder ſind ärmlich, aber reinlich gekleidet, und es geht wie ein jubelndes Zwitſchern durch die kleine Schaar, wenn ſie wieder etwas Neues, Unerhörtes be⸗ wundert. Ja, ja, ja“, ſagt der Mann mit dem Bocks⸗ bart und beißt auf ſeine Weichſelrohrpfeife, nachdem er einen Zug aus dem ſteinernen Kruge gethan, „wenn man die Menſchen ſo ſieht, möchte man glau⸗ ben, das ſeien lauter Glückliche aus dem Schlaraffen⸗ land.— Fall' nicht herunter, Poldl, und halt' Ruhe, ſonſt verkauf' ich Dich an das Affentheater!. leſen Groſſe, Offene Wunden. II. 130 einer auch mehr zu thun; aber wenn das liebe Vieh ausgeſtellt wird, da laufen ſie hin, als gehörten ſie mit zur Geſellſchaft.— Da, trink' auch mal, Franzel, aber laß dem Kathel auch etwas übrig und Ihr beiden Großen, Pepi und Maxel, haltet Frieden, ſonſt laſſ' ich Euch zwanzigmal den Boden küſſen— Schauen Sie nur um, Frau Baſ', da iſt nicht einer, ſage ich Ihnen, unter allen, die da praſſen und ſchlampen und johlen und jubeln, nicht einer, der nicht irgendwo einen ſchwarzen Fleck auf der Seele oder unſaubere Wäſche in ſeinem Hauſe verſteckt hat.— Magſt ein paar Nüſſe, Chriſtel? Da nimm, aber lauf' nicht zu weit weg.“ „Gehen's weiter, Meiſter“, ſagte die Frau Baſ', „Sie ſind heut' mal wieder in kurioſer Laune; wenn's Ihnen nicht anſteht, daß die Leute die Thiere anſchauen, warum ſind Sie denn hergegangen?“ „Das verſteht die Frau Baſ' nicht, und wenn ich Ihnen eine ganze Vorleſung halten thät', wie ſie die Schriftgelehrten drucken laſſen. Wiſſen's, Frau Baſ', ich freu' mich allemal, wenn ich ſo zehntauſend arme Teufel ſehe, die ſo thun, als hätten ſie kein Kreuz und keine Sorgen, und wieder zehntauſend reiche Teu⸗ fel, die ſich weis machen möchten, ſie wären lauter Heilige und friſchgewaſchene Engel. O die Menſchen, thun ſie freilich nicht— bei Leibe, ſonſt hätte unſer⸗ ſ, me 1 ter en, 134 Frau Baſ“ die Menſchen! Da geht's nicht aus, wenn wir einmal auf das Kapitel kommen.— Chriſtel, behalt' Dein Tuch um, und Franzel, paß auf das Kathel auf, daß es ſich nicht verlauft und nicht verdruckt wird vom Gewühl!— Schauen's, Frau Baſ', da fährt eben eine Equipage vorbei mit einer Herrſchaft und einem Reiter dabei— wenn ich Ihnen erzählen thät, was ich weiß von denen, würden Sie Augen machen.“ „Glaub's ſchon, Meiſter“, ſagte die Frau Baſ', „aber behalten Sie Ihre Geſchichten nur für ſich, Sie ſind auch nicht der Sauberſte.“ „Wer ſich rein dünkt, der hebe den erſten Stein auf!“ ſagte der Buchbinder mit Pathos.„Da haben Sie ganz Recht, Frau Baſ“ aber ich häng' auch kein andres Schild aus, als es drinnen ausſieht, und du⸗ von red' ich eben. Schauen's um ſich, lauter kreuzfidele Geſichter und geſchmalzene Mienen, aber gehen's mal hin und machen's den Verſuch und ziehen den Hut ab vor den Glücklichen: Herr, ich bin in der Noth und ertrinke, da werden die fetten Geſichter lang und der wahre Menſch ſchaut aus den Augen.“ „Mein Gott, Meiſter, wie können Sie ſo reden! Sie haben Arbeit genug, und die lieben Kinder ſind ein rechter Segen.“ „Ja die lieben, lieben— hören Sie auf, Frau Baſ', 9* 132 es iſt ja beinahe eine Schande, wenn man liebe Kin⸗ der hat.— Poldl, ſchau' auf Deine Mütze, daß ſie Dir der Wind nicht wegnimmt, und Du, Pepi, holſt mir Feuer; vorwärts marſch!— Hab' ich nicht Recht, Frau Baſ'? Dort ſetzen ſie Preiſe auf die Viehzucht und wer die ſchönſten Kälber und Füllen herzeigt, der wird noch beſonders belohnt, aber wer ein Dutzend Kinder her⸗ führen wollte, den würden ſiehmit Spott und Schand' davonjagen, und doch könnt's unſer Land brauchen, je mehr Menſchen, je mehr Kräfte; aber nein, du darfſt der Welt gar nichts ſagen, wenn du mehr haſt als drei, und mußt dich verkriechen, wenn du nichts hören willſt von Leichtſinn und Sünde, aber im ge⸗ heimen, da iſt die Sache gleich anders. Schauen's, Frau Baſ', da weiß ich eine Geſchicht', da hat's noch mehr Kinder gegeben als bei mir, ein paar rechtmäßige und die andern nebenbei— was thut's, man hat ſie den Engelmacherinnen gegeben am Graben, die machen Engel daraus, das iſt den Kleinen geſund und ſchadet der Ehre gar nichts. Ich könnt Ihnen Geſchichten erzählen, Frau Baſ', Geſchichten—“ „Gehen's doch und hören Sie endlich auf, Mei⸗ ſter“, ſagte die Frau.„Wir können Gott danken, daß wir ſo durchkommen, und es hat Ihnen Niemand ei⸗ nen Prügel in den Weg geworfen. Ich hab' immer n, aſt ge ige en en det ten amm nicht begreifen können, warum gerade Sie ſo ſchecht von den Menſchen denken und ſprechen und Jedem ein boshaftes Klamperl anhängen.“ „Weil ich ſie kenne, meine Beſte, weil ich ſie kenne!“ rief der Buchbinder und paffte mit Heftigkeit aus ſeinem Ulmer Pfeifenkopf.„Aus den Büchern kenn' ich ſie und aus dem Leben— ſteinerne Herzen und hohle Köpfe.— Maxl, nimm Dir Zeit mit Deiner Nudel, Du würgſt ja hinunter, als hätten wir vierzehn Tage Hungersnoth gelitten.— Solange ſie nur prahlen kön⸗ nen mit ihrem bischen Glück und ihren ſeidenen Fah⸗ nen, denkt Keiner, daß es auch mal anders kommen kann. Element, eine rare Ausſtellung möcht' ich ſehen! Hat einer Glück, ſo ſagen ſie, er hat⸗Schwein— eine ſolche Ausſtellung ließ ich mir gefallen, aber es würde nichts dabei herauskommen, denn wer ſcharfe Augen hat, würde bald die Trichinen finden. Jawohl, je lachen⸗ der ein Glück, deſto ſicherer iſt irgendwo eine Schuld— ich laſſe mir nichts vormachen— einen faulen Fleck hat jedes Haus und jede Familie, man weiß nur nichts Beſtimmtes, ſonſt würden die Meiſten ihre Au⸗ gen nicht ſo keck aufmachen. O, gehen Sie mir mit den Menſchen, Frau Baſ'! Es kommt noch die Zeit, wo die beſten Freunde ſich nicht mehr kennen und die treueſten Nachbarn ſich die Thür vor der Naſe zu⸗ 134 ſchlagen. Geh in die Sonne, Pepi, Sommerſproſſen haſt Du ſchon ſo genug, an Dir iſt nichts mehr zu ver⸗ derben.“ „Da ſchau' her“, rief plötzlich die Frau Baſ⸗ „Unſer Herr Nachbar, der Herr Inſpector mit ſeinem neugeborenen Kind.“ „Element!“ rief der Buchbiuder.„Sie haben Recht, Frau Baſ. Der Herr Nachbar— ich glaub' gar, er meint, hier ſei auch eine Kinderausſtellung, wo er das ſeine produciren könne.“ In der That kam Carlman jetzt vorüber, und ſein freudeſtrahlendes Geſicht verrieth den Glücklichſten, nur war ein ſelſamer Zug von Sorglichkeit und Unruhe beigemiſcht. Kaum einen Schritt konnte er vorwärts gehen, ohne ſich von neuem nach dem Kinde umzuſehen und der alten Gertrud alle möglichen Vorſichtsmaßre⸗ geln anzuempfehlen. Die alte Magd aus dem Mutterhauſe Erna's hatte es ſich nicht nehmen laſſen, das Kind ſelbſt aus⸗ zutragen. Das letztere lag in einem mit Spitzen be⸗ ſetzten Tragbettchen, und ein großer grüner Schleier war über den kleinen Weltbürger gebreitet, der für ſeine vier Wochen luſtig und munter in das Chaos hineinſchaute, welches für ihn das Leben ſein mußte. Am Arme Carlman's ging ſeine Frau, und wer 7 er⸗ 135 ſie früher gekannt, dem wäre jetzt ein Ausdruck von Timidität und Schüchternheit an ihr aufgefallen, der ihrem ſonſtigen Weſen fremd war. Die Begleiterin und das Kind ſchien ſie kaum zu beachten, deſto in⸗ niger ſchmiegte ſie ſich an ihren Gatten. Carlman war jetzt in die Nähe des Tiſches gekom⸗ men, an dem der Buchbinder ſaß, als plötzlich der kleine Poldl in die Hände ſchlug und jubelte:„Onkel Karreman, Onkel Karreman!“ Ueberraſcht wandte Carlman ſeinen Kopf zur Seite und grüßte:„Guten Morgen, Herr Nachbar, gu⸗ ten Morgen!“ „Hab' die Chre, Herr Oberinſpector“, ſagte der Buchbinder und erhob ſich.„Haben uns lange nicht das Vergnügen gemacht. Schön von Ihnen, daß Sie ſich hier ſehen laſſen; iſt's nicht gefällig, Platz zu neh⸗ men? Die halbe Bank iſt noch frei.“ „Auf keinen Fall“, flüſterte Erna haſtig ihrem Gatten zu,„hier können wir nicht bleiben. Schlag' es aus. Hörſt Du, ſchlag' es aus.“ Carlman war ſtehen geblieben. „Thut mir leid, Herr Nachbar, thut mir leid; aber es wird wohl nicht angehen, hier Platz zu nehmen. Die Wieſen ſind zu feucht und die Luft zu bewegt, un⸗ ſer Kind muß noch geſchont werden.“ 136 „Ah, der kleine Prinz“, rief die Frau Baſ' mit weiblicher Neugier,„darf man ihn denn nicht ſehen? Herrſchaft, wie groß und kaum vier Wochen alt— da muß man gratuliren.“ „Nicht wahr?“ ſagte Carlman mit geſchmeicheltem Vaterſtolz.„Es iſt heute ſein erſter Ausgang, und ich wollte es erſt nicht wagen, aber was ſoll man zu Hauſe machen an ſolchen Tagen.— Decken Sie das Kind zu, Gertrud, decken Sie es zu, ja recht behutſam. Jetzt kommt die Luft von Weſten— treten Sie hierher in die Sonne— nehmen Sie den Schirm ſo— Sie haben doch auch die Milchflaſche zur Hand? Man muß an Alles denken. Nur den Schleier über die Augen, nur den Schleier. Das viele Licht blendet den Kleinen. Nein, ſitzen könnt Ihr hier auf keinen Fall, die Wieſe iſt wirklich zu feucht. Wartet, ich hole Euch einen Wagen, ſo wird es gehen.“ Und er winkte ſofort einem Fiaker, welcher herankam. Erna und Gertrud mußten die Spitze im Fond einneh⸗ men, während ſich Carlman mit dem Rückſitz begnügte. Noch einmal grüßte er flüchtig den Herrn Nach⸗ bar und die Frau Baſe, dann ſetzte ſich der Wagen in Bewegung, um einen günſtigeren Platz für die beginnende Preisvertheilung aufzuſuchen, für welche ſich Erna ſehr zu intereſſiren ſchien. In Wahrheit wollte mit en? n, 137 ſie nur aus der Nähe der Buchbindersleute fort⸗ kommen. „Na alſo, hab' ich nicht Recht gehabt!“ rief der Buchbinder, deſſen verkniffenes Geſicht von verhaltenem Zorne faſt kirſchbraun geworden war, und zerbiß faſt die Spitze ſeiner hölzernen Tabakspfeife.„Der iſt auch nicht beſſer als alle Andern. Himmel Hagel, iſt der vornehme Herr hochmüthig und patzig geworden! So et⸗ was hab ich doch nicht erlebt! Und alles das, weil er einen Buben auf die Welt geſetzt hat. Es iſt zum La⸗ chen. Seien Sie nur ſtill, Frau Baſ, den Mohren waſchen Sie mir nicht weiß. Wie? Unſern kleinen Poldl haben Seine Hochmögenheit gar nicht mehr ge⸗ kannt, ſein Pathchen, das er uns wer weiß wie oft hat abſchwatzen wollen.“ „Nun, das iſt doch nur natürlich, Meiſter“, ſagte die Frau Baſ'„wenn man ſelbſt Kinder bekommt, ſo wird man gleichgültig gegen die fremden, das iſt ganz in der Ordnung.“ „Mag ſein, Frau Baſ, mag ſein. Sie haben Recht, wie immer, aber uns ſo hochnaſig da ſitzen zu laſſen, ſo allergnädigſt ſich herabzulaſſen, ſo im Vor⸗ beigehen ein paar Worte hinzuwerfen, das iſt mir wie Gift und Operment.“ Bei dieſen Worten ſtieß er heftig den ſteinernen Maßkrug auf den Tiſch. „Seien Sie nur ſtat, Meiſter“, beſchwichtigte die gutmüthige Frau Baſ, aber ſie konnte doch nicht die Bosheit laſſen, hinzuzufügen:„Ich will's Ihnen ſagen, Meiſter, was Sie verdroſſen hat— das iſt, weil ſie einen Wagen genommen haben.“ „O du meine Güte!“ rief der Buchbinder. Sit halten mich alſo für neidiſch und ſcheelſüchtig— mein Himmel, mögen ſie fahren meinetwegen mit vier Pſer⸗ den und einem Mohren hinten auf, was kümmert mich das! Hochmuth kommt allemal vor dem Fall!“ „Seien Sie nur gut, Meiſter, feien Sie nur ruhig. Sie machen ja ein Aufhebens, daß die Leute ſtehen bleiben. Seien Sie geſcheidt, Meiſter“, ſetzte ſie leiſer hinzu.„Wenn Sie es recht anſehen, wer iſt denn der glücklichere von beiden, der Herr Inſpector etwa mit ſeinem einzigen Angſtkind oder Sie mit Ih⸗ ren ſieben?“ „Kommt Alles darauf an, Frau Baf', wie man es nimmt“, ſagte der Buchbinder mit Pathos;„dem gilt eben das eine mehr als zwölf⸗für uns. Der Narr dünkt ſich ein türkiſcher Paſcha, daß er dies Meerwunder zu Stande gebracht. Vom Glück reden Sie, Frau Baſ', vom Glück mit unſern ſieben— na, darauf will ich mich nicht einlaſſen, das wäre mir zu weitläufig, aber in einem Stücke ſind Sie direct auf de ha vo ne te .—— 139 dem Holzweg. Selbſt wenn's ein Malheur wär', ein halb Dutzend an der Schüſſel zu haben, das Glück von dem da kauf' ich nicht theuer. Es wird auch ſei⸗ nen Haken haben irgendwo und irgendwie.“ „Aber Sie ſind heut' ſchlimm, Meiſter“, ſagte die Frau Baſ' mit entſchiedener Mißbilligung.„Sie thä⸗ ten wohl ihm auch noch ein Klamperl anhängen, dem braven Herrn.“ „Bravheit hin und Bravheit her“, ſagte der Buch⸗ binder und paffte wieder heftig aus ſeinem Ulmerkopf. „Steht nicht geſchrieben: es iſt nicht Alles Gold, was gleißt, und ich laſſe mich hängen, wenn da Alles in Ordnung iſt. Haben Sie nicht die gnädige Frau auf's Korn genommen, dies ſauerſüße, grüne, giftige Geſicht mit den ſcheuen Augen und den biſſigen Zähnen? Ich habe die wilde Waldkatz niemals recht leiden mögen, aber von heut' an iſt ſie mir ganz zuwider geworden, und ich ſag' Ihnen, Frau Baſ', da iſt irgend etwas nicht richtig, geben Sie nur Acht!“ „Schämen Sie ſich, Meiſter“, ſagte die Alte leiſe,„ſchämen Sie ſich— Sie meinen doch nicht etwa?“ „Daß das Kind ein Kukuksei— wer weiß es Nichts Gewiſſes weiß man nicht, ſagt ſchon der Fineſſenſeppl, und ſo nach fünf Jahren auf einmal, das iſt immer 140 ein Mirakel. Warum hat man's denn mit der Tauf' ſo eilig gehabt und ſo heimlich? Bei einem erſten Kinde gehört ſich immer ein ordentliches Feſt, und der Herr Inſpector hatte es uns verſprochen und uns im voraus dazu eingeladen.“ „Aber er war ja auf Reiſen, Meiſter, als es paſ⸗ ſirte, das wiſſen Sie ja.“ reilich weiß ich's, aber mit der Tauf' hätten ſie warten können und warten müſſen; die gehören ja zu den Lutheriſchen, und die haben es nicht ſo eilig, den Teufel auszutreiben. Nein, Frau Baſ, ich laſſ' mich nicht ſtimmen, auch von Ihnen nicht, trotz Ihrer Ge⸗ ſcheidtheit Da ſchauen Sie nur, wie er hinkutſchirt mit ſeinem Abſenker, als müßte er das Meiſterſtück der ganzen Welt präſentiren, dem Magiſtrat und dem Hof, dem hohen Adel und der ganzen Gemeinde. Haha, ſo ein alter Kindernarr iſt doch die ſpaßigſte Creatur von allen Mannsbildern. Aber wie ich geſagt, denken Sie an mich, Frau Baſ' es wird ſich ſchon zeigen, wo der Haken ſitzt. Prahlt nur und protzt nur mit der kleinen Sünd' unter dem blauen Himmel, es wird ſchon was kommen, es wird ſchon was kommen, was Euch herunter thut, daß man ſagen kann: Wir gratu⸗ liren recht ſchön! Dann wird ſich's zeigen, wo der Hund begraben liegt. Jetzt kommt's zum Wettrennen. Sie, 144 Frau Baſ' nehmen noch die Kathi, ich trag den Poldl und den Franzel, der Pepi und Maxl müſſen ſelbander gehen und den Chriſtel in die Mitt' nehmen. So, jetzt vorwärts!“ Damit trank er haſtig ſeinen Maßkrug aus und die kleine Karavane ſetzte ſich in Bewegung. Wenn der Meiſter geſpottet hatte, ſo ein alter Kindernarr ſei die ſpaßigſte Creatur, ſo war er ſelbſt die beſte Illu⸗ ſtration dazu. Zwei Kinder hatte er auf den Armen und zwei hielten ſich an ſeine Rockſchöße, als man an das Seil kam, das die Rennbahn begrenzte. Um wenigſtens einen von den ſieben in Sicherheit zu bringen, ſetzte der Meiſter ſeinen Liebling, den kleinen Poldl, auf ein Zielerhäuschen am Scheibenſtand. Zum Ueber⸗ fluß hatte er dem eigenſinnigen Buben vorher auch eine bunte Fahne gekauft, denn der kleine Strick hatte mit großer Aufmerkſamkeit die vorbeiziehenden Pagen mit ihren Preisfahnen bewundert und bildete ſich ein, er müſſe auch ſo eine Fahne haben. Kaum war man mitten im Gewühl an einer paſ⸗ ſenden Stelle in Ordnung gekommen, als die Trom⸗ peten ertönten und das Wettrennen begann. Die Hufe donnerten, die Staubwolken wirbelten, die Erde zitterte; tauſendſtimmiges Geſchrei brauſte die Höhen entlang, und wie die wilde Jagd ſchoſſen im dichten Rudel 142 zwanzig Pferde wie fabelhafte Meteore vorüber, in den Sätteln buntgekleidete Rennbuben mit rothen und gel⸗ ben Jacken. Bereits einmal hatte die wilde Jagd den ganzen Umfang der Rennbahn durchmeſſen. Jetzt ka⸗ men ſie zum zweiten Male, aber bereits in aufgelöſter Ordnung. Zuerſt kamen zwei Reiter, nur um die Kopflänge eines Pferdes getrennt, zwanzig Schritte hinter ihnen kamen zwölf in unregelmäßiger Folge, alle andern folgten in größeren Zwiſchenräumen ver⸗ einzelt nach, zum großen Gelächter der Zuſchauer, die namentlich einer ruppigen, halbverhungerten Stute zu⸗ jubelten, auf der ein beſonders dicker und unförmlicher Bube ſaß. In dem Augenblick, als dieſe Fuchsſtute am Buch⸗ binder und ſeiner Familie vorüberkam, ſchwang der kleine Poldl auf dem Zielerhäuschen plötzlich ſeine Fahne mit lautem Halloh. Die ohnehin ſchon ſcheue Fuchsſtute erſchrak und machte einen Seitenſatz. In der nächſten Minute war das Thier mitſammt dem Reiter über den Strick weg und außerhalb der Renn⸗ bahn, um jetzt ſeinen Weg durch die auseinanderſtie⸗ benden Menſchenmaſſen in die Weite zu nehmen. Dabei kam das unbändige Pferd in unaufhaltſamem Lauf auch in die Nähe der Equipagen, in welchen die Zu⸗ ſchauer theils ſaßen, theils aufrecht ſtanden; außerdem her ch⸗ ine In 143 waren die Rückbreter und die Dächer der Omnibuſſe von zahlreichen Wagehälſen erklettert und belagert. Einige von den Geſpannen der Equipagen waren ſchon vorher beim Schauſpiel der vorüberſtürmenden Roſſe unruhig geworden, jetzt folgte eine Scene unbeſchreiblicher Verwirrung. Das durchgehende Roß ſchien alle andern Pferde mit ſeinem Koller anzu⸗ ſtecken. In namenloſer Verwirrung fuhren die Wagen durcheinander. Einige Menſchen wurden niedergerannt. Frauengeſchrei ertönte von allen Seiten, ein ungeheu⸗ rer Tumult erhob ſich. Mehrere Wagen, von geſchick⸗ ten Kutſchern regiert, ſuchten rechtzeitig zu flüchten und das freiere Terrain zu gewinnen, einige Geſpanne aber gingen wirklich durch, und unter ihnen war auch der Wagen, in welchem Carlman mit ſeiner Familie ſaß. Erna und die alte Gertrud ſchrieen laut auf. Carl⸗ man entriß der letztern das Kind und drückte es feſt an ſich, während der Wagen dahinſauſte und der Kutſcher in ſeiner Betrunkenheit ſich kaum auf dem Bocke zu halten vermochte. Carlman war an dieſer Trunkenheit nicht ganz ohne Schuld, denn er hatte in freigebiger Vaterfreude den alten bezechten Roſſelenker gleich anfangs durch ein beſonderes Geſchenk geſchmeidig zu machen geſucht und auf dieſe Weiſe deſſen Trunkenheit noch Vorſchub geleiſtet. 144 Jetzt kamen nun die Folgen. Solange der Wa⸗ gen auf dem weicheu Raſen der Wieſe hinſauſte, ging die Sache ganz vortrefflich, und Keiner aus der johlenden, auseinander fahrenden Menge dachte daran, den toll gewordenen Pferden in den Zügel zu fallen, vielmehr ſteigerte ihr Pfeifen, Geſchrei und Gelächter noch den Schrecken der keuchenden Thiere. Jetzt kam man an die Grenze der Wieſe. Zahlreiche Pfähle und ein Graben wurden ſichtbar— ein Zuſam⸗ menſtoß oder ein Sturz ſchien unvermeidlich. Glück⸗ licherweiſe, vielleicht aus altem Inſtinkt, bogen die Pferde noch rechtzeitig aus und erreichten die gebahnte Fahrſtraße, immer noch fortjagend in wildem, feſſello⸗ ſem Tumult. Einige Löcher der Fahrſtraße ſchnellten mehrmals den Wagen mit jähem Ruck in die Höhe, und jedesmal erhob ſich von neuem das Angſtgeſchrei der beiden Frauen. Carlman war nicht fähig, einen Gedanken zu faſſen. Das ganze Erlebniß war ihm wie ein wilder ſpukhafter Traum. Jetzt flogen vor ſeinen Augen die Fenſter der nächſten Straße vor⸗ über, jetzt ſah er Baumwipfel und langgezogene Drähte. Man mußte in der Nähe des Bahnhofs ſein. Wie ein tödtlicher Schrecken durchfuhr ihn der Gedanke, die durchgehenden Thiere könnten auf die Schienen und zwiſchen die zahlreichen Züge gerathen, die an dieſen c———„ 19 n, oll hr en en 145 Feſttagen faſt jede Viertelſtunde kamen und gingen. Der Untergang erſchien in jedem Moment unver⸗ meidlich Plötzlich mit einem jähen Rucke ſtanden die Thiere, und der Wagen flog von dem Prall faſt in die Höhe. Alle ſchrieen auf, auch der Kleine in Carlman's Armen begann zu ſchreien, dann war er auf einmal ſtill. Der Wagen ſtand. Carlman blickte auf. Es war unfern des Angergartenplatzes, wo er wohnte. Auf den Schie⸗ nen zur Seite brauſte donnernd und feuerſprühend eine Locomotive entgegen und vorüber; offenbar hatte die Erſcheinung dieſes feurigen Ungethüms die erſchöpften Roſſe abermals erſchreckt und zum Stehen gebracht. Die Inſaſſen des Wagens waren infolge der ausgeſtandenen Angſt mehr todt als lebendig. Carl⸗ man betrachtete mit Entſetzen den Kleinen, welcher nicht mehr ſchrie, aber die Augen verdrehte und wachsbleich geworden war. Am meiſten Geiſtesgegenwart zeigte Erna; ſie war zuerſt ausgeſtiegen und nahm ihrem Gatten das Kind ab; auch ſie erſchrak heftig, als ſie das veränderte Aeußere deſſelben ſah. Sie beſorgte im Stillen, der Kleine könne bei dem plötzlichen Ruck des Wagens ei⸗ nen Stoß erhalten haben, aber ſie wagte ihre Befürch⸗ tung nicht zu äußern. Groſſe Offene Wunden. II. 10 146 „Wir gehen jetzt hinauf in die Wohnung, Carl⸗ man“, ſagte ſie,„Du aber läufſt geſchwind zum Arzt, er möchte ſofort kommen und das Kind unterſuchen. Vielleicht hat es nichts auf ſich, und wir machen uns unnöthige Sorge. Noch eins“, rief ſie dem Davonei⸗ lenden nach.„Sage Philomena nichts, wenn Du zu⸗ rückkommſt, ſie hängt ſo an dem Kinde und würde ſich alteriren; auf die Gertrud kann ich mich verlaſſen, daß ſie nicht plaudert. Jetzt mache, daß Du fortkommſt.“ Carlman eilte zum Arzt, der nur wenige Straßen weit wohnte. Er hätte weinen können bei dem Gedanken, daß ſein höchſtes und einziges Glück auf Erden nun wieder ein Ende haben ſollte, wie ein weſenloſer Traum. Wie flüchtige Bilder zogen die Eindrücke der letzten Wochen an ſeiner erregten Seele vorüber, jene Tage des Harrens in fremden, ungemüthlichen Städten, jene ſchlafloſen Nächte in unwirthbaren Gaſthäuſern, wo ihn unbeſtimmte quälende Gedanken und Befürchtungen peinigten, weil er ohne Nachricht von Hauſe blieb; dann, wie er ſich hundert Namen für den kleinen An⸗ kömmling ausgedacht hatte— ob er ihn Günther nen⸗ nen ſolle oder Philibert, Gotthard oder Benno— am meiſten noch gefiel ihm Dietrich oder Theodor— und ſo viel war ſicher, daß es ein ſolennes Familienfeſt — c— c——— arl⸗ tt, en. ins wi⸗ zu⸗ ſich duß pen daß der m. ten age ene 9 en 147 werden müßte, bei dem alle ſeine Bekannten und Freunde zugegen ſein ſollten. Das war eine beſchloſſene Sache. Und wie anders war es gekommen! Als er nach vier Wochen Abweſenheit gegen Abend zurückge⸗ kehrt, da hatte ihn Erna ſchon vom offenen Fenſter herunter gegrüßt, ſodaß alle ſeine Angſt mit einem Male verſchwand. Oben im Corridor war ſie ihm mit ausgebreiteten Armen entgegengekommen und gleichzeitig hörte er ein nie vernommenes ſägendes hei⸗ ſeres Stimmchen. Mit fliegenden Worten theilte ihm Erna mit, das Kind ſei ſchon vierzehn Tage alt und früher gekommen, als ſie erwartet. Es ſei auch bereits getauft, und zwar auf ſeinen eigenen Namen, denn es habe in den erſten Tagen wenig Lebenshoffnung ge⸗ geben. Philomena habe ihr redlich beigeſtanden und liege jetzt krank darnieder, aber es habe nicht viel mit ihrem Leiden zu bedeuten. Wohl habe ſie ihn ſofort in Kenntniß ſetzen laſſen, fuhr Erna fort, aber ihre Telegramme ſchienen ihn nicht erreicht zu haben, da er auf ſeiner Inſpectionsreiſe zu raſch die Stationen gewechſelt haben müſſe. Keine menſchliche Zunge kann das feierliche Glück jenes erſten Abends beſchreiben, als er den Neugebore⸗ nen auf ſeine Arme nahm. Es war ein derber Pracht⸗ kerl von ungewöhnlicher Größe. 10* 148 Mit jenem Tage war Carlman ein completer Kindernarr geworden, wenn er es nicht ſchon längſt geweſen. In den wenigen Stunden, die er im Hauſe täglich zubringen konnte, ſuchte er gleichſam ſeine ganze Liebe zu concentriren, und zwar in einer geſchäftigen Zärtlichkeit und ſinnreichen Sorglichkeit, daß es, wie man zu ſagen pflegt, ein Schauſpiel für Götter war. Daß er ſein Kind bei Tag und auch bei Nacht auf den Armen herumtrug, verſtand ſich von ſelbſt, aber er begnügte ſich damit nicht, er kam auf ganz neue originelle Zärtlichkeiten. Er legte das Kind auf das Klavier, wenn er ſpielte, er improviſirte eine Hängematte, um es zu wiegen, er pfiff und ſang dem Kleinen vor, kaufte ihm Schellen und Klappern, Ka⸗ narienvögel, Katzen und Kaninchen, und zum Schluß ließ er ihn photographiren und in Oel malen. Er war ein completer Narr geworden, und ſo war es denn nur natürlich, daß er wenig Acht darauf gab, daß eigentlich Erna weniger für das Kind ſorgte als Philomena. Allerdings erinnerte er ſich eines Tages, geleſen oder gehört zu haben, daß die Mütter ihren Säuglingen die Bruſt geben, aber als er eine Frage deshalb wagte, war Erna ſchnell mit der Erklärung bei der Hand, daß das Kind mit Waſſerkoſt aufge⸗ zogen werde, und zwar auf ärztlichen Rath; er e, ren 149 möge ſich doch nicht um ſolche Dinge kümmern; ſie und Philomena, die bei ihr ſchlief, würden mit dem Kleinen ſchon fertig. In der That waren die beiden Schweſtern unzertrennlich, und er war nach ſeiner Rückkunft von der Reiſe abermals in das Rückzimmer einquartiert worden. Nun ſollte dieſer ſchöne Traum wieder ein Ende haben, alles Glück wieder von ſeiner Schwelle ge⸗ ſcheucht ſein. Kaum war er einige Straßen weit, als ihm der Arzt zufällig entgegengefahren kam und ihm verſprach, in einer halben Stunde zu kommen. Seine Miene war allerdings bedenklich, als ihm Carlman den Vor⸗ gang erzählt hatte. Wenig erleichtert und tief gebeugt ſchlich Carlman wieder nach Hauſe zurück. Er fürchtete den Kleinen ſchon als Leiche zu fin⸗ den oder wenigſtens ſchwer erkrankt. Um jedes Geräuſch zu vermeiden, unterließ er es, an der Hausglocke zu ſchellen. Er ſchlich leiſe über den Teppich des Corridors und wollte in das Vorderzimmer, deſſen Thür etwas offen ſtand. Plötzlich hörte er laute Stimmen in demſelben Zimmer, am lauteſten war die Stimme Philomena's. Sein Name wurde genannt. Unwillkürlich blieb Carl⸗ man ſtehen, nicht um zu horchen, ſondern um den lauten leidenſchaftlichen Vorfall nicht zu unterbrechen. „Ihr macht mir nichts weis“, rief Philomena, „mit dem Kinde iſt etwas geſchehen!“ „Wenn ich Dir aber ſage“, erwiderte Erna,„Du biſt im Irrthum.“ „Meint Ihr ein Mutterauge täuſchen zu können, meint Ihr wirklich? Mit dem Kinde iſt etwas ge⸗ ſchehen! Es lacht nicht mehr und ſchreit nicht mehr und ſeine Augen ſind wie eingeſunken. Erna, um Himmelswillen, ich beſchwöre Dich, was iſt geſchehen! O mein Gott, tauſendmal hab ich's bereut, daß ich das Kind aus der Hand geben konnte, aber ich hab' es Euch auch nicht gegeben, Ihr habt es Euch genommen.“ „Genommen— wie kannſt Du das ſagen, Philo⸗ mena?“ „Jawohl genommen. Ob ich mitgehen wollte, danach hat mich Niemand gefragt.“ „Aber in Deiner Lage, Philomena— „In meiner Lage— was willſt Du damit ſagen? O freilich iſt meine Lage danach! Zur Magd, zur Amme haſt Du mich gemacht, aber damit biſt Du nicht zufrieden, Du haſt Dich zwiſchen mein Kind und mich geſtellt. Du ſpielſt eine ſündhafte Komödie vor Deinem Mann. Du trittſt mein Herz mit Füßen jeden den 15¹ Tag, jede Stunde, und ich ſoll es dulden, ohne eine Miene zu verziehen. Erna, verzeih' es Dir Gott, was Du an mir gethan haſt, aber ich ſage Dir, meine Geduld iſt zu Ende!“ „So ſchreie doch nicht ſo laut, Philomena, um des Himmels willen, wenn es Jemand hörte!“ „Jemand— o die ganze Welt mag es wiſſen und Carlman zuerſt! Deine Anſchläge waren Trug, und Deine Auſprüche ſind Lüge. Ich habe das Kind geboren und will es auch für mich haben, hörſt Du es, Erna, mein Kind will ich wieder haben und für mich allein!“ Carlman ſtrömte alles Blut zum Herzen. Alſo ein fremdes Kind hatte man Erna untergeſchoben! 8 Ihm war zu Muthe, wie Jemand, unter dem der feſte Boden einbricht, um ihn in einen grauenvollen Abgrund zu ſchleudern. „Das kannſt Du nicht mehr, Philomena“, rief jetzt ihre Schweſter.„Das Kind iſt auf meinen Namen getauft und eingetragen.“ „Jawohl, durch Täuſchung, Erna, wie Du immer getäuſcht haſt von Jugend auf. Ich habe es geſchehen laſſen, um der Schande zu entgehen, an der ich keinen Antheil habe; aber mißhandeln laſſ' ich des⸗ halb mein Kind nicht und mir wegnehmen auch nicht. „ * 152 Der heutige Tag hat entſchieden. Und daß Ihr leicht⸗ ſinnig ſeid und fahrläſſig, ruft mich zu meiner Pflicht zurück. So kann es nicht fortgehen. Lieber gehe ich auf und davon mit dem Kinde!“ „Aber Philomena, was fällt Dir ein“, rief die Schweſter,„das wird Carlman niemals zugeben.“ „Auf der Stelle wird er es, ſobald er weiß, daß er kein Recht an das Kind hat!“ „Wie Du nur ſo reden kannſt, Thörin!“ rief Erna mit ſteigendem Zorn.„Er iſt der Vater des Kindes, und Du kannſt es ihm nicht nehmen!“ Carlman war es, als wenn ſich die ganze Welt um ihn herum im Kreiſe drehe. Er mußte ſich ſetzen, um nicht niederzuſtürzen. Es trat eine momentane Pauſe ein, aber nicht lange, ſo erhob ſich Erna's Stimme wieder in flehendſtem Tone. „Philomena, ich beſchwöre Dich“, rief Erna, indem ſie vor ihr niederſank,„ſtöre unſern Frieden nicht. Du ſollſt ja Alles haben, was Du verlangſt, Alles, was Dein Herz begehrt. Ich will Dich auf den Hän⸗ den tragen, will Dir Alles an den Augen abſehen, will Dir ſchenken, was Dir gefällt. Auch Dein Kind ſoll Dir bleiben, nur laß meinen Mann nichts davon wiſſen, ich beſchwöre Dich, laß mich die Mutter bleiben vor ſeinen Augen!“ 153 Philomena lachte kurz auf. „Gut, ſei Mutter vor ihm, nimm es an die Bruſt, pflege es, wenn Du kannſt, heile es, wenn es krank iſt. Schmücke Dich mit allen Ehren und Freu⸗ den der Mutterſchaft, das Kind wird größer werden und doch zu mir zurückkehren, zu mir allein!“ „Das wollen wir abwarten, Philomena, und wenn es ſo kommt, wie Du ſagſt, ſo magſt Du es Dein nennen, nur ſage meinem Manne nichts davon, wenn Du uns nicht alle unglücklich machen willſt!“ Wieder lachte Philomena laut auf.„Unglücklich— bah, er wird jenen Vorfall vielleicht nicht ſo verwün⸗ ſchen wie ich, die Du preisgegeben auf tückiſche Weiſe und elend gemacht haſt auf Lebenszeit! Und was ſoll's nützen? Wir haben geſündigt ohne unſer Wiſſen, aber die Sache iſt fertig— er hat zwei Frauen, mag er endlich entſcheiden, welche von beiden ihm lieber iſt— ich fürchte die Wahl nicht!“ Philomena!“ ſchrie Erna auf mit einem Tone, als wäre ſie ins tiefſte Herz getroffen. Aber das erzürnte Mädchen hatte ſich ſelbſt gleich⸗ ſani in den Zorn hineingeredet und der lange zurück⸗ gehaltene Groll der letzten Wochen ſtrömte jetzt in feſſelloſem Ausbruch über alle Schranken der ſonſtigen Rückſichten. 154 Auch die zärtlichſten Schweſtern können unter ſol⸗ chen Umſtänden erbitterte Feindinnen werden, und Erna's Bemühungen, den Sturm zu ſchlichten, riefen ihn nur ſtärker hervor. Sie erntete Sturm, wo ſie Wind geſäet hatte. „O, wenn es nach dem Recht ginge“, rief Philo⸗ mena,„ſo wäre ich die Herrin vom Hauſe und Du wärſt die Magd. Ich liebe Carlman noch wie einſt, damit Du es weißt, noch wie einſt, ich habe ſein Kind geboren, und mir gebührt es, an ſeiner Seite zu ſitzen, ſtatt die Magd zu ſpielen. Ja, die Magd, denn dazu haſt Du mich gemacht mit Deiner Schweſterliebe, mit Deiner ruchloſen Liſt. Meinen Geliebten haſt Du mir einſt genommen hinter meinem Rücken, jetzt willſt Du mir auch mein Kind rauben, um mit ihm zu prahlen wie mit dem eigenen, zu prahlen mit meiner und ſei⸗ ner Sünde. Darum hat uns Gott geſtraft und zeigt, daß er uns auch das Kind wieder nehmen kann. Mag er es, ich laſſe es darauf ankommen, ich habe keine Pflichten mehr auf der Welt, keine mehr als für mein Kind. Du aber haſt Deine Rechte verſpielt, Du biſt nicht mehr werth, Carlman's Frau zu ſein, und wenn er eine von uns beiden verſtoßen muß, ſo wärſt Du es. Darauf laſſ' ich es ankommen, Erna, darauf laff ich es ankommen!“ h nd en . 15⁵ Erna wandte ſich ſtöhnend während dieſes leiden⸗ ſchaftlichen Ausbruchs, jetzt raffte ſie ſich zuſammen und ſprang empor. „Gut, daß Du mir das ſagſt, nun weiß auch ich, was ich zu thun habe“, rief ſie außer ſich und ſtürzte aus dem Zimmer. Carlman, der jetzt hinzugetreten, fing ſie in ſei⸗ nen Armen auf. „Zu ſpät!“ ächzte ſie, als ſie ihren Gatten ent⸗ deckte. Carlman führte ſie, ohne ein Wort zu ſagen, zum Sopha, wo er ſie behutſam niederließ. „Haſt Du Alles gehört, Carlman“, ſtöhnte ſie,„Al⸗ les, Alles?“ Carlman gab keine Antwort, aber die bejahende Bewegung ſeines Kopfes ſagte ſeiner Frau mehr als genug. Sie ſchlug die Hände vor das Geſicht, dann fuhr ſie wieder empor. „Nun, und jetzt?“ Carlman vermochte auch jetzt nicht zu antworten, es war, als wenn eine Saite in ſeiner Seele zerriſſen wäre. „Nun, und?“ rief Erna von neuem und ergriff den Arm ihres Gatten, als könne ſie ihn aus ſeiner Erſtarrung wieder zu ſich, aus ſeinem Schweigen zum Reden bringen. 156 In dieſem Augenblicke ſcholl die Hausglocke und der Arzt kam, um nach dem Kleinen zu ſehen, den Erna eilig aus ſeiner Wiege nahm und ins Wohn⸗ zimmer brachte, bevor es Philomena verhindern konnte. Doch folgte ſie bebend nach, als handle es ſich darum, eine Entſcheidung über Tod und Leben zu ver⸗ nehmen. Die ſorgfältige Unterſuchung, welche der Arzt an⸗ ſtellte, ergab nichts Bedrohliches. Der Kleine litt aller⸗ dings an den Folgen jener gewaltſamen Erſchütterung, aber eine ernſtliche Verletzung war nicht zu entdecken. Ruhe und Schlaf würden Alles wieder ausgleichen, ſagte der Arzt; am beſten, wenn er gleich die Bruſt nehmen würde, aber wahrſcheinlich ſei auch die Mutter in Schrecken geſetzt geweſen, und dann wäre die Bruſt nicht zu empfehlen. „Nein“, rief Philomena und riß das Kind faſt mit Heftigkeit an ſich.„Ich bin die Mutter, ich will ihm auch die Geſundheit wiedergeben!“ Dabei küßte ſie den Kleinen und zog ſich mit ihm in den Alkoven zurück. Glücklicherweiſe kannte der Arzt die beiden Schweſtern nicht; nachdem er Carlman noch einige Verhaltungsmaßregeln bezüglich des Kindes gegeben, empfahl er ſich mit tröſtlichen Worten. U un⸗ ler⸗ ng, en. en, uſt ter uſt ſ ill ßte en ige en, —ů. 157 Eine Weile ſtand Carlman in tiefes Nachdenken verloren, den Rücken gegen das Zimmer gewandt, aum Fenſter und blickte in den ſonnigen Herbſtabend hin⸗ aus. Dann plötzlich wandte er ſich, ſchritt zum Alkoven und ſchlug den Vorhang zurück. Da ſaß Philomena und ſtillte das Kind— das ur⸗ alte bekannte und doch ſtets von neuem ergreifende Bild der Mutterliebe. Einen Moment ſtand er wie gefeſſelt von dem rührenden und ihm völlig unerwar⸗ teten Eindruck. Philomena war bei ſeinem Nahen flammend roth geworden, aber ihr Blick behielt eine gewiſſe ruhige Größe, Offenheit und Entſchloſſenheit. Alle mädchenhafte Scheu war überwunden und ver⸗ klärt. Schweigend erwiderte ſie den Blick Carlman's. Dann erhob ſie ſich und legte das Kind in die Wiege. Dann wandte ſie ſich raſch um, Carlman entgegen und ſank willenlos an ſeine Bruſt. Lange hielten ſich die Unglücklichen ſchweigend um⸗ ſchlungen. Jetzt trat Erna wieder in das Zimmer. Das brennende Licht, welches ſie in der Hand hielt, beleuch⸗ tete bleiche, faſt harte Züge, die verſteinert zu ſein ſchienen. 158 „Das geht etwas raſch“, ſagte ſie mit ſchneidendem Tone, indem ſie das Licht heftig hinſtellte;„iſt es ſo weit ſchon zwiſchen Euch?“ „Erna“, rief Carlman,„und Du kannſt noch Vorwürfe machen, Du? Ich will nicht auf das Ge⸗ ſchehene zurückkommen. Du haſt Alles vor Dir zu ver⸗ antworten.“ „Meine Abſicht war gut und rein“, ſagte Erna, „ich habe ſogar dafür beten können.“ „Verwerflich ſind alle Thaten, die unfrei ſind“, ſagte Carlman mit ſcharfem Tone.„Du haſt mit uns beiden ein verbrecheriſches Spiel getrieben, verzeih' es Dir Gott! Jeder Pfarrer und jeder Richter würde Dir ſagen können, wie ſchwer Deine Sünde wiegt vor gött⸗ lichem und menſchlichem Recht!“ „Willſt Du es wirklich an die große Glocke ſchlagen?“ ſagte Erna, und ihr trotziger feſter Ton war merklich herabgeſtimmt und unſicher geworden. „Wer weiß, ich hätte allerdings etwas thun müſ⸗ ſen, wenn ich früher eine Ahnung davon gehabt hätte. Niemand auf der Welt ergibt ſich freiwillig in ſolch heilloſes Verhältniß. Jedenfalls werde ich mit dem Pfarrer reden!“ „Der wird es auch nicht ungeſchehen machen kön⸗ nen!“ rief Erna mit erneuertem Trotz. d ri es Dir ocke Ton ni⸗ itte. lch dem 159 „Von dem, was geſchehen iſt, kann keine Rede ſein, ſondern von dem, was geſchehen ſoll, geſchehen muß!“ „Das iſt ſehr einfach“, ſagte Erna mit Entſchie⸗ denheit,„Philomena muß aus dem Hauſe!“ „Aus dem Hauſe! Erna, das kannſt Du verlangen!“ rief Carlman. „O das habe ich kommen ſehen“, ſagte Philomena mit leiſer Stimme. „Glaubt Ihr, ich hätte auf meine Rechte verzich⸗ tet“, rief Erna,„auf alle meine Rechte, weil ich einmal großmüthig war? Das wäre doch etwas zu viel ver⸗ langt, mich zum Lohn nun hinabzudrücken, neben dem Kebsweib, wie es in der Bibel heißt. Ich bin die Frau vom Hauſe und keine Andere! Solange Carl⸗ man nichts davon wußte, war keine Urſache vorhan⸗ deu zum Unfrieden, jetzt, da er Alles erfahren, weiß ich auch, was daraus werden ſoll. Du Heuchlerin, ſelbſt gewinnen willſt Du ihn, und darum iſt das Maß voll und deshalb ſage ich: Hinaus von meiner Schwelle!“ „Erna, halt' ein, ich beſchwöre Dich!“ rief Carlman. „Laß ſie nur reden“, ſagte Philomena.„Hat ſie es nicht angeſtiftet, die Schlange, und erſchrickt nun vor den Folgen ihrer eigenen That?“ 160 „Ja, angeſtiftet- hab ich es, wie Sarah“, rief Erna und ergriff die Bibel, um zu leſen, aber die Worte kamen ihr von ſelbſt, als wenn ſie das Kapitel ſeit lange in ſich aufgenommen. Und wie ſprach Sa⸗ rah zu Abraham? Siehe, der Herr hat mich verſchloſſen, daß ich nicht gebären kann. Lieber, geſelle Dich zu meiner Magd, ob ich doch vielleicht aus ihr mich bauen möge. Und Abraham gehorchte der Stimme Sarah's. Aber wie kam es weiter? als Ismael geboren war? Und Sarah ſah den Sohn Hagar's, den ſie Abraham geboren hatte, daß er ein Spötter war, und ſprach zu Abraham: Treibe dieſe Magd aus mit ihrem Sohne. Und alſo iſt es geſchehen, und Abraham hat die Ha⸗ gar vertrieben, und Niemand noch hat deshalb einen Stein auf ihn geworfen!“ „Ich weiß es“, ſagte Philomena,„und Hagar ging mit ihrem Sohne hinaus in die Wüſte. Sei ruhig, Schweſter, auch ich nehme mein Kind mit mir.“ „So nimm es hin!“ ſagte Erna faſt höhniſch. Und Philomena ſtürzte zur Wiege. Da aber trat ihr Carlman entgegen.„Wenn Dir ſein Leben lieb iſt, Philomena, rühre es nicht an.“ „Was liegt an ſeinem Leben!“ rief das Mädchen außer ſich.„Mag es verdurſten wie Ismael in der rief die itel Sa⸗ ſen, uen ar? ham zu hne. He⸗ nen ing hig⸗ en icht hen det 161 Wüſte, lieber mag es ſterben und verkommen, ſtatt hier gepflegt zu werden aus Barmherzigkeit von tücki⸗ ſchen Händen! Mein Kind iſt es, und ich kann damit thun, was mir beliebt!“ „Halt, das geht zu weit“, ſagte Carlman und faßte den Arm Philomena's.„Denke daran, daß es mein Kind iſt und daß ich ein Recht auf ſein Leben habe.“ „Bah, laß Dich doch nicht anführen von der Komö⸗ diantin“, ſagte Erna höhniſch.„Sie ſpielt Dir nur eine Scene vor. Wo wollte ſie auch hin? Etwa nach Hauſe? Der Vater würde ſie erſchlagen. Oder zu den Engelmacherinnen am Graben? Da gehört ſie hin, da gehört ſie hin!“ „Schweig'!“ fuhr Carlman entrüſtet auf.„Hier ſteht ſie unter meinem Schutz und keine Hand darf ſie antaſten oder das Kind. Haſt Du mich verſtanden? Habe Geduld, Philomena“, ſagte er darauf mit mil⸗ derem Tone zu der Schwägerin,„Erna wird ſich ſchon wieder beſänftigen. Sie hat kein Recht, Dich ſo zu behandeln, und ſie denkt auch nicht im Ernſt daran, Dich in die Nacht hinauszujagen.“ „Nicht im Ernſt? Das wäre doch noch die Frage. mein Herr Gemahl“, ſagte Erna unverſöhnlich.„Ich bin nicht ſo kindiſch, nicht zu wiſſen, wie weit mein Groſſe, Offene Wunden. II. 1 162 Recht geht. Und wenn Ihr wirklich die Sache an die große Glocke hängen wollt, wie Ihr gedroht habt, ſo iſt es beſſer, ich thue es zuerſt. Von Gerichtswegen wird man Euch ſagen, ob es erlaubt iſt, eine Doppel⸗ ehe zu führen zur Erbauung der Nachbarn. Mag Al⸗ les ans Tageslicht kommen, was ich gethan, mir iſt's einerlei, und wenn man's auch ſträflich finden ſollte, ſo wird man doch auch ſie aus dem Hauſe jagen. Alles Andere will ich gern tragen, zumal es noch die Frage iſt, ob man Euch glauben wird, was Ihr erzählen werdet. Jawohl“, ſchloß ſie mit einem kurzen Lachen, „für ein Märchen wird man es halten.“ „Es kommt noch darauf an, was man fragen wird“, ſagte Carlman mit ſtarkem Tone.„Nöthigen⸗ falls werden wir beſchwören können, was geſchehen iſt Thu' jetzt, was Du willſt. Zeige Dich ſelbſt an, ich werde Deine Schritte erwarten, aber Philomena und ihr Kind bleiben hier!“ „So willſt Du alſo vor meinen Augen dies Leben fortſetzen, Du willſt mich zwingen, mit dieſer da unter einem Dach, an einem Herd zu leben? Herzloſer, und das bieteſt Du mir zum Dank dafür, daß Dein innig⸗ ſter Wunſch erfüllt ward! Wohl, ſo zwingſt Du mich erſt recht dazu, einen entſcheidenden Schritt zu thun. Vielleicht wäre ich zu überreden geweſen und hätte mich be R du gen el⸗ A⸗ iſts lles age len en, —— — —— 163 verſöhnen laſſen, aber wenn Ihr droht, ſo gehe das Recht ſeinen Gang!“ „Thu', was Du nicht laſſen kannſt, Erna, aber be⸗ denke das Ende!“ „Ich wüßte nicht, welches Ende ſonſt möglich wäre.“ „Möglich iſt Manches, Erna, zuerſt die Schei⸗ dung!“ „Scheidung— Carlman!“ Und die Kniee der wil⸗ lensſtarken Frau zitterten, ſie ſank kraftlos in einen Stuhl, jetzt zum erſten Male gebrochen. „Ja“, fuhr Carlman mit Beſtimmtheit fort. „Wenn Du die Geſchichte zur Unterſuchung bringſt, ſo fühle ich mich jeder Rückſicht entbunden. Ich werde es beſchwören, wie das Unglaubliche ſich ereignet hat. Man wird es anfangs für unmöglich halten, daß in unſern Tagen ſolche Dinge geſchehen können. Man wird mich vielleicht lächerlich finden und Dich als eine Heldin bewundern. Magſt Du Dich damit begnügen, ich werde es nicht dabei bewenden laſſen, ſondern auf die Thatſachen meinen Antrag der Scheidung ſtellen. Sei gewiß, daß er angenommen wird. Nun thu', was Du willſt, Du haſt freie Bahn, Erna, handle, aber be⸗ denke das Ende!“ Erna konnte ſich immer noch nicht erholen; alle 11 Farbe war aus ihrem Geſicht gewichen, ihre Hand griff in die Luft, als wenn die erſchöpfte Kraft nach einem Anhalt ſuchen wolle. Auf einmal brach ſie in ein convulſiviſches Weinen aus, das kein Ende zu neh⸗ men ſchien. Carlman's Erregung aber gewann dadurch nur im Gegentheil neue Nahrung. Sein flüchtig hinge⸗ worfener Gedanke hatte offenbar ihn ſelbſt entzündet. Wie Schuppen war es von ſeinen Augen ge⸗ fallen, daß dieſe Löſung die einzig richtige und gerechte ſei. Mit ſtarken Schritten ging er im Zimmer auf und ab. Seine ganze Natur arbeitete in gewaltigem innerem Kampf, und der Ausdruck ſeines Geſichtes hatte den Charakter eiſerner Entſchloſſenheit ge⸗ wonnen. Jetzt kam er in die Nähe der Wiege und beugte ſich darüber, um den Kleinen zu betrachten, deſſen Exi⸗ ſtenz an dieſer ganzen heilloſen Verwicklung ſchuld war. Bei dem Gedanken aber an das namenloſe Glück, das ihm dieſes ſchuldloſe Kind ſchon bereitet, löſte ſich ſeine finſtere Entſchloſſenheit auf einmal in unendliche Weh⸗ muth und Weichheit. Eine heiße Thräne fiel auf das ſchlummernde Kind. In dieſem Augenblicke legte ſich eine Hand auf Hand nach ie in neh⸗ nut inge⸗ ndet. ge⸗ rechte auf tigem eugte wor. ſeine Peh⸗ ernde af 165 Carlman's Schulter, und eine leiſe Stimme ſprach zu ihm: „Habe Erbarmen mit ihr, Carlman; ſie dauert mich. Sie hat eigentlich doch das Gute gewollt, wenn wir gerecht ſind, und nun ſchlägt es ins Böſe durch unſer aller Schuld, ja, durch unſer aller Schuld!“ Erſtaunt wandte ſich Carlman um, es war Phi⸗ lomena, die ſo ſprach. „Mädchen, Du biſt gut“, ſagte er,„aber ſo fin⸗ den wir keine Löſung.“ „Doch ich finde ſie“, ſagte Philomena raſch. „Erna hat Recht. Ich muß aus dem Hauſe, aber ich will freiwillig gehen. Rede mir nichts ein, Carlman, ich darf Eure Ehe nicht auseinander reißen, ich habe kein Recht dazu. Wir dürfen die Sache nicht noch ſchlimmer machen, als ſie ſchon iſt, und ändern läßt ſie ſich nicht mehr. O wäre ich niemals hierher ge⸗ kommen!“ „Solche Klagen helfen nichts, Philomena, und Dein Entſchluß mag edel und großherzig ſein, aber ich nehme ihn nicht an, ich will, Du ſollſt bleiben.“ „Und Erna willſt Du tödten, Carlman? Nein, nein, mache mich nicht von neuem irre. Bliebe ich wirklich, wer könnte wiſſen, was geſchähe? Und wie 166 können wir überhaupt noch unter einem Dache zuſam⸗ menleben? Wir ſind alle ſchwache Menſchen, Carlman, Du kennſt mein Herz nicht und auch nicht Dein eigenes. Erna hat Recht, ſolange Du es nicht wußteſt, konn⸗ ten wir friedlich nebeneinander hin leben, jetzt iſt jede Unbefangenheit dahin, und der Frieden iſt vergiftet. Wir leiden alle darunter, aber Erna am ſchwerſten; ſie hat Unrecht gethan, aber aus Liebe zu Dir; ſie liebt Dich noch und hat ein Recht auf Deine Gegen⸗ liebe. Ich darf Euch nicht trennen, Carlman, ich würde keine ruhige Stunde mehr haben auf Erden.“ „Philomena!“ rief Carlman überwältigt,„es kann nicht Dein Ernſt ſein, was Du willſt. Ich be⸗ ſchwöre Dich noch einmal, bedenke Dich!“ „Laß mich, Carlman— es wird ſo am beſten ſein. Mein Entſchluß ſcheint plötzlich und doch hab' ich ihn längſt überlegt.“ „Aber wo willſt Du hin, Mädchen? Ich ſehe keine Zuflucht. Nach Hauſe kannſt Du auf keinen Fall.“ „Das iſt auch nicht meine Abſicht“, erwiderte ſie, „aber ich weiß in der Nähe eine Familie. Man ſucht dort eine Pflegerin für die Kinder, ich habe es geſtern zufällig erfahren, man erkundigte ſich in dieſem Hauſe. Ich glaube die Aufgabe erfüllen zu können, und was die Hauptſache iſt, ich werde ſofort eintreten können. e 167 Freilich iſt mir's einſt nicht an der Wiege geſungen worden, daß ich mein Brod bei fremden Leuten ver⸗ dienen müßte.“ „Aber unſer Kind, Philomena!“ Eine Weile ſtand ſie in heftigem Kampfe mit ſich ſelber, dann beugte ſie ſich über die Wiege des Kleinen und lauſchte den Athemzügen des Schlummernden; dann küßte ſie das Kind. „Gott ſei Dank, die Gefahr ſcheint überſtanden, er ſchläft ruhig und ſanft. Ich werde fragen, ob ich mein Kind mitbringen darf, ſie werden es ſicher gern erlauben.“. „Aber Philomena“, warf Carlman ein,„wozu vor Fremden das eingeſtehen! Nein, um keinen Preis gebe ich das zu.“ „Nun, dann wird ſich immer leicht bei fremden Leuten ein Koſtplatz finden laſſen“, ſagte Philomena. „Der Kleine iſt eigentlich ſchon entwöhnt und alt ge⸗ nug, um fortzukommen, ich werde ſeine Pflege ſchon überwachen können.“ Offenbar machte ſie dieſen Vorſchlag ohne rechten Ernſt und gleichſam zur Probe, als wenn ſie noch ein entſcheidendes Wort von ihrer Schweſter erwarte. Welche Mutter würde ſich auch ohne weiteres bereit finden, ihr Kind fremden Händen anzuvertrauen, nach⸗ 168 dem ſie ſolche Stürme für ihren Frieden überſtanden! Philomena wäre eine ſchlechte Mutter geweſen, wenn ſie ihre Worte im Ernſt gemeint häite. Es trat wieder eine längere Pauſe ein. Philomena ging, um ihren Mantel und ihren Hut zu ſuchen; jetzt trat ſie abermals an die Wiege und wollte den Kleinen im Schlaf herausnehmen. „Nein, das dulde ich nicht, Philomena“, rief Erna und hielt ihren Arm.„Verzeihe mir, Schweſter, Du biſt edel und gut, Du biſt ein Engel gegen mich, ich weiß ſelbſt nicht, was ich geſprochen habe. Vergiß es, wenn es Dich beleidigt hat. Dein Kind bleibt bei uns. Wir wollen es pflegen wie unſer eigenes. Warum willſt Du es zu fremden Leuten thun? Sind wir denn ſo fremd zu einander auf einmal, daß wir uns nicht mehr kennen, daß Du kein Vertrauen mehr haſt zu uns und Fremde vorziehen willſt? Nein, Philomena, das Kind bleibt bei uns. Ich will Dich nicht halten, denn Dein Entſchluß ſcheint unumſtößlich, aber ſo oft Du abkommen kannſt, mußt Du uns beſuchen. Ver⸗ ſprich mir das, Philomena!“ „Wenn Dein Mann es erlaubt, recht gern“, ſagte ſie faſt mit ſchüchterner Stimme. Carlman hatte das Kind, welches jetzt erwacht war und mit großen Augen ruhig um ſich ſchaute, auf ſei⸗ — ——— 169 nen Arm genommen. Er drückte es an ſich und herzte es. Dann gab er es ſeiner Frau, die es haſtig nahm und küßte. Philomena ſtand bereits auf der Schwelle der Thür. Plötzlich legte Erna das Kind nieder und eilte zu Philomena. „Philomena, ich laſſe Dich nicht, ich kann Dich nicht laſſen. Warum denn die Dinge zum Bruch trei⸗ ben? Ich bin ſchuld daran, ich weiß es; aber Du haſt meine Worte zu hart genommen. Noch einmal bitte ich Dich, vergiß Alles, was ich geſagt habe, es war ja nicht ſo böſe gemeint. Wir können ja ruhig neben einander leben. Warum denn nicht? Ein halbes Jahr vergeht ſo ſchnell, und dann wächſt der Kleine von ſelbſt heran Sei gut, Philomena, ſei gut mit mir, ich war von Sinnen, daß ich Dich beleidigen konnte. Ich will nichts geſagt haben, gar nichts, nur bleibe bei uns, Schweſter, bleibe bei uns.“ „Nein“, erwiderte Philomena entſchieden.„Sol⸗ chen Auftritt möchte ich niemals wieder erleben. Es iſt beſſer, ich gehe, macht mich nicht irre in meinem Thun, ich muß fort, ich weiß am beſten, warum. Es iſt Alles vorausbeſtimmt auf Erden, und wie es gekommen iſt, ſo mußte es kommen. Lebt wohl!“ Mit dieſen Worten war ſie ſchon zur Thür hinaus. —— 170 Aber ſie kam noch einmal zurück und bedeckte ihr Kind mit Küſſen. „Halte meinen Kleinen gut, Erna. Er iſt mein Leben, mein Frieden, mein Eins und Alles. Ich frage nichts mehr nach Glück und Segen auf Erden, ich habe Euch Alles geopfert, Alles, Alles, ſeid darum nicht undankbar und behaltet mich lieb.“ Mit überſtrömenden Augen eilte ſie davon. Die beiden Gatten blieben allein, ſchweigend, ver⸗ ſchloſſen und gedankenvoll jedes für ſich. Carlman ließ das Kind nicht aus ſeinen Armen, er trug es herum, er ſchaukelte es, er ſchläferte es ein mit leiſem Geſang. Kaum hatte er es einen Augen⸗ blick auf das Kiſſen gelegt, als ſich ſofort Erna deſ⸗ ſelben bemächtigte und tauſend Zärtlichkeiten an das Kind verſchwendete, als könne ſie damit die tiefe Kluft ausfüllen, die ſich an dieſem Tage zwiſchen den Gatten geöffnet hatte. Vergebens verſuchte ſie einige Male ein Geſpräch anzuknüpfen über gleichgültige Dinge. Carlman blieb ſtill und ablehnend und ging langſam im Zimmer auf und nieder. Bisweilen ſtand er am Fenſter ſtill und ſpähte hinaus in die mondhelle Herbſtnacht und hinauf zu den ewigen Sternen, die groß und klar am unbe⸗ wölkten Firmament ſtanden. 4 Nach Verlauf einer Stunde etwa kam Nachricht, daß Philomena iu jene Familie eingetreten ſei und gleich dableiben werde; morgen früh werde man ihre Sachen holen. Wie ein Alp war es von beiden weggenommen. Carlman noch mehr als Erna hatte gefürchtet, daß jener Entſchluß nur ein Vorwand der Flucht überhaupt geweſen ſein könne, und Erna traute ihrer Schweſter die verzweifeltſten Schritte zu. Jetzt ſchien ſich Alles glatt und verſöhnlich zu löſen. Carlman griff nach ſeiner Dienſtmütze, um auf den Bahnhof zu gehen— er hatte heute den Nachtdienſt, weil er ſich den Tag freigemacht. Zum erſten Male verließ er an dieſem Abend die Wohnung, ohne ſei⸗ ner Gattin gute Nacht geſagt zu haben, aber dem Kinde hatte er einen leiſen Kuß auf die Stirn gedrückt. Zwiſchen Erna und ihm war ſeit dieſem Tage ein fremdes Etwas getreten; und wenn auch das Wort der Scheidung gleichſam zurückgenommen war, die in⸗ nere Scheidung war vollzogen. So endete dieſer Sonntag der Freude und des Stolzes. „Hagar“ war aus dem Hauſe getrieben, aber den „Ismael“ hatte man zurückbehalten. Erna lag lange im Gebet und in Thränen. 172 Die ewigen Sterne aber gingen ihren Gang und der Herbſtwind rauſchte in den hohen Bäumen wie im fernen Strom. Der Oſtwind, der dies Rauſchen der Wellen weit über die ſchlafende Stadt durch das Schweigen der Nacht hintrug, kündete ſonniges, warmes Herbſtwetter noch auf lange Wochen hinaus, wie ein Eiſenbahnwärter dem Herrn Inſpector verſicherte, der noch um Mitternacht einſam und gedankenvoll auf dem hohen Bahnhofsdamm durch die leuchtende Nacht ſchritt. Achtes Kapitel. So ſchien das Gewitter, welches den häuslichen Frieden der glücklichen Familie in den Grundfeſten zu vernichten drohte, dennoch beſchworen und abge⸗ leitet zu ſein. Von außen betrachtet konnte die Familie nicht anders als für eine höchſt friedliche und geſeg⸗ nete gelten, wenigſtens ging es ſtets ſtill und ruhig im Hauſe zu, kaum daß einmal die Stimme des Kleinen die ſonntägliche Ruhe, die allgemeine Grabes⸗ ſtille des Hauſes unterbrach, ja die Grabesſtille. Carlman war wenig zu Hauſe. Sein Dienſt hatte ſich gehäuft und ebenſo waren ſeine Bekanntſchaften zahlreicher geworden. Einige alte Jugendfreunde waren wieder in der Stadt erſchienen, der eine dahin zurückverſetzt, der andere, nachdem er ſeine Frau verloren. Dieſe alten Zechbrüder wußten 174 viel zu erzählen, andere fanden ſich dazu ein, und ſo kam es, daß ſich bei hereinbrechendem Winter eine ſehr unterhaltende Wirthshausgeſellſchaft etablirte, welcher Carlman faſt alle ſeine Abende widmete. Kam er mittags in die Wohnung, ſo ſtellte er ſich an die Wiege oder nahm den Kleinen auf den Arm und trug ihn herum, bis das Eſſen auf dem Tiſch ſtand. Dann beendete er raſch ſeine Mahlzeit, ohne viel dabei zu ſprechen, und empfahl ſich wieder. Erna ſchien nicht mehr für ihn da zu ſein, ſelbſt alle ihre Aufmerkſamkeiten ſchien er nicht zu bemerken. Daß ſie ſein Zimmer mit ſchönen weißen und netten Vorhängen geziert und den Boden mit neuen Teppichen belegt hatte, daß ſie eine ausgewählte Küche führte und ſeinen Geſchmack beſonders ſtudirte, daß ſie ſelbſt höchſt ſorgfältig Toilette machte und ſich wie⸗ der jugendlich trug— eine Blumencviffure im Haar oder eine Schleife am Buſen— er ſchien für alle dieſe Veränderungen nicht den mindeſten Sinn zu haben. Wagte ſie wie ſonſt vor Jahren eine zärtliche Annähe⸗ rung, ſei es, daß ſie ſich neben ihn auf das Sopha ſetzte oder ſich auf ſeine Schultern ſtützte oder die Arme um ſeinen Nacken ſchlang und den Kopf an ſeiner Bruſt ruhen ließ, ſo duldete er es ruhig, ohne dieſe Begeg⸗ 175 er m̃ẽ erſuchen, weil⸗ſie ſich übertreten habe, und ein Verbanld werde gthwendig ſein, wandte er ſich kurz ab, und rief die alte Sernud. Im übrigen las er zu Hauſe mehr als ſonſt, dis Zeitungen kamen nicht aus ſeiner Hand, ſelbſt während der Mahlzeit nicht. Dabei blieb er immer geſtiefelt und geſpornt und ſchien ſeine eigene Wohnung über⸗ haupt wie ein fremdes Hotel garni zu betrachten, in dem man nur die Nacht zubringt, um zu ſchlafen. Es vergingen einige Wochen, bis Erna überhaupt dieſe Veränderungen bemerkte. Auch ſie war nicht dieſelbe geblieben. Man kann nicht ſagen, daß ſie härter oder unliebenswürdiger geworden; im Gegen⸗ theil, ſie verſuchte bei jeder Gelegenheit ein zärtliches Geſpräch anzuknüpfen, alte Erinnerungen zu erneuern, ja ſie gab ſich ſelbſt die Mühe, übermüthig und aus⸗ gelaſſen zu ſcheinen, um den alten Griesgram zu rei⸗ zen, aber alle ihre weibliche Kunſt war verloren. Carl⸗ man gab nur trockene und einſilbige Antworten; nur wenn vom Kleinen die Rede war, wurde er lebendig und zum Kinde ſtrebten alle ſeine Fragen, alle ſeine Gedanken zurück. Als Erna dies merkte, vermied ſie ganz dieſes Thema zu berühren, und es müßte für einen Fremden nungen im mindeſten zu erwidern. Als ſie ihn bat.— 176 oft ſeltſam anzuhören geweſen ſein, mit welcher Kunſt und Gewandtheit ſie das Entlegenſte auf das Tapet zu bringen verſtand. So ſagte ſie einmal, während ſie eine Zeitſchrift durchblätterte, denn auch ſie las jetzt ſehr viel: „Bitte, Carlman, erkläre mir das doch, wie ver⸗ hält ſich das drüben in Amerika?“ Und ſie reichte dem Gatten die Zeitung hinüber, welche mit vielen Illuſtra⸗ tionen geſchmückt war. Carlman blickte hinein und ſah, daß ſie auf eine Schilderung der Colonie am großen Salzſee deutete. „Aha, die Mormonen“, ſagte er lachend und warf das Journal hin. „Iſt das wahr“, begann Erna wieder,„daß ein Mann dort zwei Frauen haben darf?“ „Zwei Frauen nur? Nein, ſoviel er will.“ „Und das erlaubt die Regierung?“ „Die Regierung iſt der Prophet, und der macht ſich ſelbſt ſeine Geſetze für die ganze Sekte; ſoviel ich weiß, iſt es nach dieſen Geſetzen ſogar eine reli⸗ giöſe Pflicht, mehr als eine Frau zu haben.“ „Und dieſe Sekte beſteht wirklich?“ „Sit blüht ſogar und vermehrt ſich unglaublich aus allen Theilen der Welt; lies nur, lies, ſie zählen bereits an achtzigtauſend.“ 177 „Das iſt aber doch ſonderbar“, ſagte Erna nach einer Pauſe;„wie kann in einer Sekte etwas geboten und erlaubt ſein, was uns Andern als Sünde gilt vor Gott und Welt und im Gewiſſen? Was iſt dann zuletzt Recht und Unrecht auf Erden?“ „Ja, mein Kind“, erwiderte Carlman,„das iſt zu allen Zeiten ſo geweſen Meinung, Gewohnheit und Klima erzeugten die Sitte und die Sitte das Recht. Um Meinungen haben die Menſchen einander gekreuzigt“ und verbrannt, gefoltert und erſchlagen, das iſt der Lauf der Welt, und mehr oder weniger ſind wir ſchon von Geburt an in ein unzerreißbares Gewebe von ſol⸗ chen Meinungen und Sitten und Rechten eingeſponnen, verſchieden je nach Klima, Tradition, Volkscharakter und allgemeiner Cultur.“ „Nur um Meinungen ſoll es ſich dabei handeln?“ ſagte Erna„Und was iſt denn Deine Meinung dar⸗ t über?“ Carlman zuckte die Schultern.„Wozu fragſt Dy mtch, Erna? Das ſind weitſchichtige und unfruchtbare Dinge.“ „Ich meine nur“, ſagte Erna ſtockend,„was könnte eine ſolche Reiſe wohl koſten?“ „Hm, ich glaube, Du denkſt gar an eine Ueber⸗ ſie delung“, ſagte Carlman mit rauhem Lachen;„eine Groſſe, Offene Wunden. II. 12 — 178 bloße Luſtpartie macht man nicht bis zum Felſenge⸗ birge von Utah. Verrechne Dich nicht, mein Schatz. Das ſind leere Träume.“ „Man kann Alles, was man will“, ſagte Erna mit feſtem Tone. „Ja, ich durchſchaue Dich, Erna,„Du denkſt, ſolch eine Ueberſiedelung könnte uns helfen. Ja, wenn man noch jung wäre, wer weiß, was ich thäte, aber mein Kind, es würde Euch beiden nichts nützen. Ich will nicht ſagen, daß ich frivol genug wäre, Euch zu täu⸗ ſchen und binnen Jahresfriſt es bis auf vier Weiber zu bringen. Nein, das Unſelige wäre auch hier nicht geſchehen mit freiem Willen. Darin kennſt Du mich, Erna, wie ich Dich kenne. Freilich, wenn Du mich im Schlaf gegen mein Wiſſen und Wollen hinverſetzen könnteſt zu den Heiligen der letzten Tage, Du thäteſt es, Du biſt die Frau dazu; aber laß gut ſein, Erna, ich werde ſchon aufpaſſen, daß mir nicht wieder ein⸗ mal etwas Menſchliches paſſirt wider meinen Willen. Das iſt ſchlimmer als ein bewußtes Verbrechen!“ Seit dieſer Erklärung hatte Erna nicht gewagt, auf dieſes Thema zurückzukommen, und lange Wochen waren eintönig und ereignißlos vorübergegangen; die Wochen, aber die Sonntage waren ganz anders; an den Sonntagen ſchien Carlman ein ganz anderer Mann zuſein. h 13 Es mochte das ſchönſte, ſonnigſte Wetter ſein, er blieb zu Hauſe, es mochten die dringlichſten Dienſt⸗ angelegenheiten rufen, er wußte ſich frei zu machen, es mochten ſeine Freunde das Haus ſtürmen, um ihn in Geſellſchaft zu ziehen, er wußte immer einen Vor⸗ wand zu finden, ſie zu entfernen. Er blieb zu Hauſe, wenigſtens an den Nachmittagen, wenn Philomena kam. Für ſie hatte Carlman zahlloſe Aufmerkſamkeiten und Rückſichten. Daß für Wein, Obſt und Süßig⸗ keiten geſorgt war, verſteht ſich von ſelbſt, aber Carl⸗ man begann an ſolchen Tagen auch wieder ſeine mu⸗ ſikaliſchen Uebungen und Philomena mußte ihm alte Volkslieder ſingen. Hatte ſie keine Luſt dazu, ſo wußte er ſie in ein eingehendes Geſpräch zu verwickeln über die Heimat und die Stadt, über ihre neue Stellung und ihr Kind. Er ſprach ſo ausſchließlich mit ihr, als wenn Erna gar nicht vorhanden wäre, die in der Regel ſchweigend daneben ſaß und auch keinen Verſuch machte, ſich in das Geſpräch zu miſchen. Es war eine wunderliche Spannung zwiſchen den dreien. Man konnte nicht eigentlich ſagen, daß ein offener Gegenſatz vorhanden war. Die beiden Schweſtern be⸗ handelten einander mit aller Liebe und Zärtlichkeit wie 42 * L 180 ſonſt, aber Carlman fand den alten unbefangenen Ton nicht mehr. Unmerklich, aber unwiderſtehlich hatte ſich ein tie⸗ fer Widerwille gegen Erna in ſeine Seele geſchlichen. Er haßte ſie nicht gerade, wie man eine Schlange, eine Spinne haſſen kann, nein, ſie war ihm fremd und gleichgültig geworden, und je mehr er dies zu verber⸗ gen ſtrebte, deſto mehr verrieth es ſeine kalte, glatte Höflichkeit, ſeine Zerſtreutheit bei ihren Worten, ſeine herzliche Wärme im Verkehr mit Philomena. Erna litt dabei Unſagbares, und es fehlte wenig, daß ſie einen tödtlichen Haß auf das unſchuldige Kind geworfen hätte, das ſie als die Urſache der Entfrem⸗ dung anſehen mußte. War ſie allein, ſo konnte ſie ſtundenlang in brü⸗ tendem Nachdenken ſitzen und in ſtrömenden Thränen. Unbekümmert ließ ſie dann das Kind ſo viel ſchreien, als es mochte. Hörte ſie aber den Schritt Carl⸗ man's, dann raffte ſie ſich auf, um anders zu ſcheinen, als ſie wirklich geſtimmt war, ja ſie that ſelbſt zärt⸗ lich mit dem Kinde, um ihrem Gatten zu gefallen; in Wahrheit hätte ſie das Kind vergiften konnen, und ein Beobachter hätte ſagen müſſen, daß an jedem Tage der Engel des Todes über dem kleinen Weſen ſchwebe. Lange konnte es nicht mehr ſo fortgehen, und es 181 hing nur vom Zufall ab, die Schwüle dieſes neuen aufſteigenden Gewitters zuſammenzuballen und zu ent⸗ laden. Und der Zufall kam, wenn man nicht in ihm die natürliche Folge innerer Nothwendigkeit ſehen will. Schon ſeit einigen Tagen betrachtete Carlman den Kleinen aufmerkſamer als ſonſt, wenn überhaupt noch eine Steigerung ſeiner Sorglichkeit gedacht werden könnte. Er war auch des Morgens dageblieben, um den Kleinen im Bade zu ſehen. „Ich weiß nicht, wie es mir vorkommt“, ſagte er, „mir ſcheint, das Kind magert ab.“ „Ach Gott“, ſagte Erna,„was die Männer ſich einbilden, das glauben ſie auch zu ſehen!“ „Das ſieht doch das blödeſte Auge, der Junge will nicht recht zunehmen.“ „Das verſtehſt Du nicht, mein Herr und Gemahl“, ſagte Erna halb ſcherzend.„Das Kind bekommt Alles, was es bekommen muß, und iſt kerngeſund.“ „Mag ſein, aber der Ausdruck im Auge will mir gar nicht gefallen, manchmal blickt es ſo kläglich auf und ſo jämmerlich, daß es nicht zum Anſehen iſt. Ja, ja, die wahre Mutter fehlt, die wahre Mutter, und die läßt ſich durch keine Pflege erſetzen!“ 182 Jetzt verlor Erna faſt die Geduld, und das Kind wäre beinahe ihren Händen entglitten; aber ſie faßte ſich noch einmal gewaltſam und ſagte mit erkünſtelter Ruhe: „Ihr Männer ſeid wirklich unausſtehlich, voll Grillen und Sorgen, daß es nicht zum Sagen iſt. Was fehlt dem Kleinen jetzt? Sieh nur, er lacht ja ſchon wieder und ſtrampelt mit den Füßen und Aermchen! So wird ſich kein krankes Kind rühren.“, „Ich ſehe, was ich ſehe“, ſagte Carlman trocken. „Oder was Du vielmehr ſehen willſt“, rief Erna. Carlman wandte ſich ab und ſprach etwas vor ſich hin, was ſeine Frau nicht hören konnte. Der nächſte Tag war wieder ein Sonntag, zum Troſt für Erna, um ihren Gatten durch das Urtheil Philomena's zu überzeugen, und zum Troſt Carlman's, der von derſelben Autorität eine Beſtätigung ſeiner Sorgen hoffte. Wenn Philomena kam, ließ ſie das Kind nicht aus ihren Armen, ſolange ſie zum Beſuch blieb. Sie erzählte dann wohl, wie es in dem Hauſe zuging, wo ſie diente, und ſchien ganz glücklich, denn man behan⸗ delte ſie dort mit großer Aufmerkſamkeit und Schonung. Diesmal beobachtete ſie Carlman aufmerkſam, als ſie ihr Kind nahm, und es gab ihm einen Stich ins 183 Herz, als er ſah, daß Philomena die Thränen in die Augen traten. Und ſie hätte doch ſonſt keine urſache dazu gehabt, denn Erna hatte das Kind mit Spitzen und Bändern herausgeputzt, als ſolle es ein Feſt ver⸗ herrlichen. Philomena weinte wirklich, als ſie ihr Kind er⸗ blickte, und bedeckte es mit Küſſen und fand kein Ende im Schluchzen. „Ja, das Mutterauge ſieht Alles— das Mutter⸗ auge“, ſagte Carlman für ſich ſelbſt und ging, ohne ein Wort zu ſagen, um den Arzt zu holen. Unterwegs blieb er am Laden eines Kunſthändlers ſtehen und betrachtete die ausgeſtellten Kupferſtiche und Photo⸗ graphien. Da fiel ihm ein Blatt in die Augen, das einen erſchütternden Eindruck auf ihn machte. Es war das Werk eines noch jungen Künſtlers und hatte ſich und dem Meiſter raſch Ruhm erworben. Es ſtellte die Scene dar, wie eine Amme mit dem Kinde reicher Leute im Arm ihre Mutter beſucht und ihr eigenes Kind am Verſchmachten trifft, ein ſterbendes kleines Würmchen, das Opfer großſtädtiſcher Cultur. Erſchüttert, als wenn er ein Bild aus ſeiner eigenen Familie ſähe, wandte ſich Carlman ab und trat in das benachbarte Haus des Arztes, den er glück⸗ licherweiſe zu Hauſe traf und ſofort mitnahm. Als er wieder in ſeine Wohnung zurückkam, war Philomena fort. Erna ſaß am Schreibtiſch, erhob ſich aber ſofort und verſchloß raſch ihre Mappe, um den Arzt zum Bett des Kleinen zu führen, der ruhig ath⸗ mend mit ſeinen Fingern ſpielte. Carlman benutzte einen Augenblick und begab ſich in die Küche, um die alte Gertrud zu examiniren. „Warum iſt meine Schwägerin ſo raſch wieder gegangen?“ fragte er. „O, Herr Inſpector, das hat wieder einen Zank gegeben wie noch nie. Nein, wenn das ſo fortgehen ſoll, ſo bleib' ich in dem Hauſe nicht. Zuletzt haben ſie ſich faſt geriſſen um das Kind, denn Fräulein Phi⸗ lomena wollte es partout mitnehmen, denn hier verhun⸗ gere es und werde vergiftet. Ich weiß nicht, was ſie noch Alles geſchrieen und geſagt hat, es war ein Graus, Herr, und es wird Zeit, daß Sie ein Ende machen, onſt geht es ſchlimm aus. Das Beſte wird ſein, daß Sie den Vater vom Kinde ausfindig machen und ihn dafür ſorgen laſſen, er hat ja doch auch eine Stimme bei der Sache, und lange verheimlicht kann es ja doch nicht mehr bleiben.“ Carlman wurde es ſchwarz vor den Augen, als er dies Alles hörte, und mit ſchwankendem Schritt betrat er das Zimmer wieder. Jetzt war ihm auch 185 ein letztes Räthſel gelöſt. Die alte Gertrud hatte alſo von Anfang an gewußt, daß Philomena Erwartungen habe, aber nicht Erna. Sie mochte ſich wohl denken, daß das Fräulein auf dem Lande ein kleines Malheur gehabt habe und deshalb in die Stadt gekommen ſei, um dem Zorn ihrer Eltern zu entgehen und erſt zu⸗ rückzukehren, wenn Alles vorüber ſei. Bei dieſem Glau⸗ ben hatten ſie auch die Schweſtern gelaſſen und Carl⸗ man ſeinerſeits fand keine Urſache, der alten Köchin zu ſagen, wer der wirkliche Vater ſei. Um ſo ſchärfer traf ihn der verhüllte Vorwurf der alten Perſon und ſtählte ſeinen Entſchluß, eine Entſcheidung herbeizuführen. Als er wieder eintrat, betrachtete der Arzt noch immer das Kind, dann that er einige Fragen nach der Wartung und Nahrung deſſelben. Erna gab Antwort wie in einem Unterſuchungs⸗ verhör. Der Arzt ſchien nichts daran auszuſetzen zu haben. Indeß entging Carlman nicht, daß er zuletzt dennoch unbefriedigt die Achſeln zuckte. „Habe ich nicht Recht?“ rief Erna, als wenn ſie einem gefährlichen Ausſpruch zuvorkommen wolle. „Nicht wahr, der Kleine iſt ganz geſund? Mein Mann will ihm in ſeiner Grillenhaftigkeit nur etwas anhängen.“ 186 „Geſund iſt das Kind“, ſagte der Arzt,„aber es wird nicht geſund bleiben. Zu viel Sonne ſchadet manchen Pflänzchen ebenſo ſehr als zu wenig. Wenn eine Blume anfängt, welk zu werden, iſt ſie auch noch nicht krank, ſie lebt ſich aus und der Begriff des Alt⸗ werdens braucht ſich nicht auf Jahre hinaus zu er⸗ ſtrecken. Man kann alt werden in einer Nacht, in einem Tage. Dem Kinde fehlt offenbar nichts, aber es iſt die Frage, ob gerade die Ueberfülle immer zum Gedeihen beiträgt. Gewiſſe Pflanzen, zum Beiſpiel der Epheu, kommen im feuchten Schatten beſſer fort als im brennenden Sonnenſchein.“ „Nun alſo, weshalb wäre denn ein Grund zur Sorge?“ rief Erna, die über den behäbigen Gleich⸗ niſſen des geſprächigen Herrn alle Geduld verloren hatte „Wie geſagt“, begann jener von neuem,„es iſt eigentlich kein Grund da, aber ob dieſe ſogenannte blühende Geſundheit eine dauerhafte, das wage ich nicht zu behaupten und lehne jede Verantwortung ab. Mit dem künſtlichen Aufziehen und Aufpäppeln hat man nur ſelten Glück, und noch Jahre hinaus wird es empfunden, wenn das Kind zu raſch entwöhnt wor⸗ den iſt. Die Mutter fehlt dem Kleinen, ſonſt nichts! Denn Sie ſind doch nicht die Mutter, wenn ich recht unterrichtet bin?“ 187 „Wozu rathen Sie alſo?“ fragte Erna mit ge⸗ ſenktem Blick. „Suchen Sie dem Kinde jetzt noch eine Amme, wenn Sie ſicher ſein wollen, daß Sie es aufbringen.“ „Und wenn es nicht geſchieht?“ „Dann ſtehe ich für nichts. Möglich, daß es auch ſo durchkommt, man hat wunderbare Beiſpiele, aber das Wahrſcheinlichere iſt, daß es allmälig hinſiecht und hinſchwindet und zuletzt verwelkt wie ein Pflänzchen, das nicht im rechten Boden ſteht.“ „Gibt es gar kein Mittel ſonſt?“ ſagte Erna, die Hände ringend. „Auch möglich“, ſagte der erfahrene Arzt,„daß Sie Glück haben mit dem neu erfundenen Erſatz der Muttermilch. Probiren Sie es, ich habe ſchon merk⸗ würdige Erfolge geſehen.“ „Gott ſei gelobt, daß Sie das ſagen, Herr Me⸗ dicinalrath. Sie nehmen mir einen Stein von der Seele. Ich muß nämlich offen geſtehen, daß ich dies Mittel ſchon verſucht habe, aber ich traute mich nicht davon zu reden. Sehen Sie, hier iſt das präparirte Malz, hier die Milch, hier der Seiher und das Maß und alles Nöthige, wie es vorgeſchrieben iſt.“ Dabei zog ſie den Kaſten einer Kommode auf, und ſämmtliche Utenſilien zur Bereitung der künſtlichen Muttermilch ſtanden in ſchönſter Ord⸗ nung. „Probiren Sie es noch eine Weile“, ſagte der Arzt,„wir wollen den Erfolg abwarten. Sollten ſich ſchlimme Symptome zeigen, ſo rufen Sie mich.“ Mit dieſen wenig tröſtlichen Worten empfahl er ſich und ließ die beiden Gatten allein. Carlman ſtand mit dem Rücken an das Fenſter gelehnt und verfolgte ſchwei⸗ gend die Bewegungen Erna's, welche ſo eben daran ging, dem Kleinen eine friſche Portion des vielgerühm⸗ ten und vielbewährten Getränkes zu bereiten. Dabei ſah ſie mehrmals zu ihrem Gatten herüber und die Blicke beider begegneten ſich mit einer Entſchiedenheit und Feſtigkeit, welche verrieth, daß beſtimmte Ent⸗ ſchlüſſe bereits gefaßt waren. Jedes von beiden wußte, hier gebe es nur eine Nothwendigkeit, nur eine Löſung, aber was der andere Theil dann thun werde und thun könne, das war die qualvolle Ungewißheit. Erna hatte das Spirituslämpchen angezündet und kochte die Milch mit dem Malzpulver. „Du wirſt ſehen, ich rette das Kind doch noch“, ſagte ſie.„Ich weiß zehn Beiſpiele aus der Nach⸗ barſchaft, wo man es durchgeſetzt hat. Man muß nur etwas Geduld und Sorgfalt haben und 189 daran ſoll es nicht fehlen für meinen lieben kleinen Carlman.“ Ihr Gatte antwortete nichts darauf. Wieder folgte eine jener langen ausdrucksvollen Pauſen des Schwei⸗ gens, die in letzter Zeit ſo häufig und ſo bedeutſam geworden waren. Auf einmal trat Erna dicht vor ihren Gatten. „Ich leſe in Deinen Augen, Carlman“, ſagte ſie feſt und beſtimmt,„Du willſt Philomena wiederholen.“ „Glaubſt Du, das ginge ſo leicht?“ erwiderte ihr Gatte.„Jetzt, nachdem ſie andere Pflichten übernommen hat, iſt auch ihr freier Weile gebunden.“ „In dieſem Fall wird jene Familie gezwungen ſein, ſich eine andere Pflegerin zu ſuchen und Philo⸗ mena freizugeben; es iſt nichts ſo feſt gebunden auf Erden, daß es ſich nicht löſen ließe“ Dieſe letzten Worte hatte ſie mit einem ganz eigenen Tone geſagt, doch Carlman hatte keinen Sinn, darauf zu achten. „Und Du wärſt alſo einverſtanden?“ ſagte er überraſcht. „Ich will es ſogar“, ſagte ſie mit Entſchieden⸗ heit.„Dieſe Zeit war eine Probe, ſie iſt gegen mich ausgefallen. Der Himmel hat es anders beſtimmt“, ſetzte ſie leiſer hinzu.„Geh“, ſagte ſie dann faſt hart, „geh, hole ſie, ich kenne Euch alle beide!“ — Und ſie ſprach dies in einem ſo herben, faſt höh⸗ nenden Tone, daß Carlman ein furchtbarer Verdacht überkam. Er betrachtete ſeine Frau jetzt aufmerkſam und ſah, daß eine eherne Entſchloſſenheit auf ihren ſtrengen, fahlen Mienen ausgegoſſen lag. „Was führt ſie im Schilde?“ dachte er.„Sie will mich entfernen,„um etwa dem Kinde“— Er vermochte den entſetzlichen Gedanken nicht auszudenken, aber er wagte auch nicht, Erna's Aufforderung zu folgen und das Haus zu verlaſſen. „Laß doch“, ſagte er ausweichend,„einige Tage läßt es ſich noch verſuchen, wie auch der Arzt meint.“ „Bis es zu ſpät iſt“, ſagte Erna, ihn feſt an⸗ blickend, als wolle ſie ihn bis in die Tiefen ſeiner Seele erforſchen. „Nun gut, bis morgen“, ſagte Carlman.„Oder“, und es kam ihm ein plötzlicher Einfall, Erna auf die Probe zu ſtellen,„wenn es wirklich Dein Ernſt iſt, Philomena hier wiederzuſehen, ſo hole ſie ſelbſt, ich will hier warten.“ „Das wird doch nicht gehen“, ſagte Erna mit ſichtlicher Verwirrung.„Es iſt ein Mann nothwendig, um mit jener Familie zu reden und ſie frei zu machen, und dann ſiehſt Du ja, daß ich mit dem Kinde zu 191 thun habe, in einer Viertelſtunde iſt ſeine Zeit, das Süppchen wird gleich fertig ſein.“ „Es iſt richtig“, dachte Carlman,„ſie hat etwas vor.“ Und es hielt ihn mit eiſernen Klammern gebannt. Zwar kam ihm der Gedanke, Erna zu täuſchen und Philomena zu holen, ohne ihr Vorwiſſen— ein Vor⸗ wand, auszugehen, war bald gefunden— aber um keinen Preis hätte er jetzt das Zimmer verlaſſen mögen. Erna ſchien ſeine Gedanken zu errathen. Mit verächtlichem Lachen ſagte ſie:„Dir muß wirklich viel am Wohl und Wehe Deines Kindes liegen, daß Du nicht einmal Deine Pflicht erfüllſt und thuſt, was der Arzt geſagt hat! Geh, hole ſie, hole ſie, nach der Dein Herz ſich ſehnt, ich bin Dir doch ein Greuel, eine Fremde, vielleicht eine Giftmiſcherin, damit Du weißt, daß ich Dich durchſchaue!“ Sie ſagte das ohne Thränen und ohne Beben der Stimme. Carlman blickte ſie ruhig an, völlig un⸗ berührt von der ſchneidenden Bitterkeit ihrer Worte. Der Abgrund, welcher ihn von Erna trennte, ſchien niemals ſo weit und unausfüllbar geweſen zu ſein. Der Gedanke, daß ſie vielleicht ſchuld ſei an dem Verkommen des Kindes, bemächtigte ſich ſeiner mit immer ſtärkerer Gewalt, und ſein forſchender, durch⸗ bohrender Blick ließ keine ihrer Bewegungen außer Acht. 492 Da ging auf einmal eine eigenthümliche Verän⸗ derung in Erna's Zügen vor, die ſtarre Härte derſelben ſchmolz zu mädchenhafter Weichheit. Thränen ſtürzten aus ihren Augen. Ehe ſich Carlman deſſen noch verſehen konnte, lag ſie an ſeinem Halſe ſchluchzend und weinend.„Du mißtrauſt mir, Carlman, Du hältſt mich einer ſchreck— lichen That fähig. Gott möge es Dir verzeihen! Geh, hole Philomena, und wenn Du fürchteſt, Dein Kind mit mir allein zu laſſen, ſo will ich mit Dir gehen!“ Carlman riß ſich los von ihr. „Erna, es wacht ein Gott über uns beiden, auch über Deinen Gedanken. Ich werde gehen, bleib'!“ Und er machte ſich auf den Weg. Er war ſchon auf der Treppe, als ihm Erna nacheilte und ihm eine ſeltſame Abſchiedsſcene ſpielte. Sie ſchien wieder in Verwirrung zu ſein, ſie bat ihn plötzlich um einen Kuß und konnte ſich von ſeinen Lippen nicht trennen, als ſie ihr gewährt wurden. Dabei ſtammelte ſie:„Habe Dank für alles Gute, habe Dank für dieſe Jahre und für alles Liebe, was Du mir erwieſen.“ Im Schluchzen ſtarb ihre Stimme. Carlman ging, von wunderlichen Empfindungen bewegt. Wer kennt die Frauen! Heute zum erſten Male war ihm Erna völlig unverſtändlich geworden, —— ———— 5 1 193 und er grübelte unterwegs über das Räthſel dieſes ſeltſamen Weſens. Sein Geſchäft in jener Familie ging raſcher und glücklicher vor ſich, als er gehofft hatte. Das jüngſte Kind war bereits entwöhnt und man hatte ſchon daran gedacht, Philomena wieder zu entlaſſen. „Und wenn es auch nicht ſo ſtände“, ſagte Phi⸗ lomena,„ich wäre heute noch von ſelbſt gekommen und habe mit der Herrſchaft ſchon vorher darüber geſprochen. Ich habe eine große Sünde begangen, daß ich mein Kind verlaſſen habe. Gott, was mir ſein Anblick ins Herz geſchnitten hat! Und hätte Erna jetzt noch Um⸗ ſtände gemacht, ſo hätte ich mein Kind weggeraubt, und wenn ich's aus der Wiege hätte ſtehlen müſſen über Nacht, damit Du's weißt. Aber was wird ſie nun ſagen, wenn ich wiederkomme? Mit meinem Leben möchte ich einen ſolchen Auftritt nicht wieder durchmachen, wie heute.“ „Aber wenn ich Dir ſage, Kind, daß ſie mich ausdrücklich geſchickt hat, Dich zu holen.“ „Geſchickt, v, das glaube ich nimmermehr“, ſagte Philomena. Auf einmal ſchrie ſie auf und beſchleu⸗ nigte ihre Schritte.„Sie hat Dich geſchickt, wegge⸗ ſchickt, Himmel— wenn ſie nur kein Unglück anrichtet! O, daß Du ſie allein mit dem Kinde laſſen konnteſt!“ Groſſe, Offene Wunden. II. 2 194 Auch ihr kamen dieſelben Gedanken wie Carlman vorhin. Vergeblich verſuchte er Philomena's fieberhafte Unruhe zu beſchwichtigen, indem er ihr jenen letzten Auftritt erzählte. „O ſie hat Dich getäuſcht, ſie hat Komödie mit Dir geſpielt“, rief Philomena.„Ich kenne Erna, ſie kann weinen, wenn ſie will, ſie hat etwas vorgehabt, und Alles, was Du mir ſagſt, vermehrt nur meine Angſt und meinen Schrecken— ſie iſt zu Allem fähig, ſelbſt zum Verbrechen. Denke daran, was ſie ſich ſchon erlaubt hat!“ „Aber doch nur aus Liebe zu mir!“ „Nein, aus Selbſtſucht!“ rief Philomena,„um Deine Liebe zu feſſeln, um Dich zu ihrem Sklaven zu machen durch eine ſchwere Schuld. Hätte ſie Dich wirklich geliebt, ſo würde ſie gern ein fremdes Kind angenommen haben; aber ſie dachte nur an ſich, und wer weiß, was ſie jetzt begonnen hat.“ Fliegenden Schrittes kamen beide nach einer hal⸗ ben Stunde wieder in Carlman's Wohnung zurück. In der That war der ohnehin zu Beſorgniſſen geneigte Mann von den düſteren Gedanken Philomena's wieder angeſteckt wörden. Die Wolken zogen ſchwer und tief am Horizont 195 und warfen ihren dunklen Schatten über die ganze Stadt und Landſchaft. Nur im Weſten war es hell, und mit grellrothem kaltem Licht brach die ſinkende Abendſonne noch einmal unter den ſchwarzen Wolken⸗ mauern hervor, ſo blendend und unheimlich, als be⸗ ſchiene ſie eine grauenvolle That, als läge ein unge⸗ heures Verbrechen in der Luft, auf der Erde— überall. Dazu machte ſich jetzt der ſauſende Abendwind auf, und ſein Heulen übertönte das ſchrille Signal des eben abgehenden Bahnzugs. Halb athemlos waren Carlman und Philomena am Hauſe angekommen und ſtürmten die Treppen em⸗ por durch die offenen Thüren in die Zimmer. Die ganze Wohnung war menſchenleer und tod⸗ tenſtill. Das Kind lag ſchlummernd und ruhig athmend in der Wiege und drückte ſein kleines ſchmales Antlitz in die Kiſſen. Carlman fiel ein Stein vom Herzen, und Philomena beugte ſich mit freudetrunkenem Blick über das Bettchen. Von Erna war keine Spur zu ſehen. Nach langem Suchen trieb Carlman endlich im Hof die alte Gertrud auf. „Wo iſt meine Frau?“ „Weiß nicht, Herr Inſpector! Iſt ſie nicht oben? 13* 196 Sie hat noch vor einer Viertelſtunde am Fenſter ge⸗ ſtanden und muß Sie ja kommen geſehen haben. Die gnädige Frau war angezogen wie zum Ausgehen— war⸗ ten Sie einmal, ich will den Hausknecht fragen, der im Garten arbeitet, vielleicht hat er die gnädige Frau fortgehen ſehen.“ Nach vielem Hin- und Herfragen kam endlich her⸗ aus, daß Erna kaum fünf Minuten früher, bevor Carl⸗ man zurückgekehrt, das Haus wirklich verlaſſen und durch den Garten in eine Nebenſtraße geeilt ſei. „Vielleicht iſt ſie in die Stadt gegangen, um einen Beſuch zu machen“, meinte die alte Gertrud. „Es wird ſo ſein“, ſagte Carlman,„ſie hat ge⸗ wartet, bis ſie uns kommen ſah, dann iſt ſie fort.“ „Nein, nein!“ rief Philomena,„ſo kann es nicht ſein. Dazu kenne ich meine Schweſter zu gut. Da⸗ hinter ſteckt etwas; ſie würde mich ſicher erwartet haben, um mit mir zu ſprechen. Es gibt doch Allerlei anzuordnen für die Nacht, wenn ich wieder dableibe.“ Carlman wußte in der That nicht, was er denken ſollte. „Da haben wir es“, rief Philomena plötzlich auf⸗ ſchreiend.„Ein offener Brief auf ihrem Schreibtiſch— lies, er iſt an Dich, Carlman.“ Weiß wie die Wand reichte ſie ihm das Papier rge⸗ Die war⸗ det Frau het⸗ Carl⸗ und einen ————— — ů 197 und ſank dann auf einen Stuhl, ihr Geſicht mit den Händen bedeckend, als wolle ſie das Entſetzliche nicht ſehen, was ſie jetzt hören würde. Endlich vermochte es Carlman, den Brief zu ent⸗ falten und zu leſen. Die Züge waren feſt und ener⸗ giſch und der Inhalt ſelbſt offenbar nicht in der Eile hin⸗ geworfen und nicht vom Augenblick eingegeben, ſondern ſeit lange vorbereitet und wohl überlegt. Vielleicht war es der Brief, über deſſen Schreiben Carlman ſie ſchon vorher überraſcht hatte, als er mit dem Arzte ge⸗ kommen war. Jetzt fiel es ihm ein, daß ſie ihre Schrei⸗ berei haſtig beiſeite geräumt und verſchloſſen hatte. „Lieber Carlman“, begann der Brief,„erſchrick nicht; wenn Du dieſe Zeilen lieſeſt, habe ich das Band gelöſt auf immer, welches mir ſo ſchöne glück⸗ liche Jahre gebracht, Deine Erwartungen aber nicht erfüllt hat. Ich hatte geglaubt, recht zu thun, indem ich Deinen höchſten Lieblingswunſch auf andere Weiſe zu erfüllen ſuchte, und wenn ich etwas Unerhörtes und Außerordentliches gewagt habe, ſo tröſtete mich der Gedanke, daß der glückliche Ausgang für mich ſprechen, mich vielleicht noch beſſer vertheidigen würde als jene Erzählung des alten Teſtamentes. Heute ſehe ich ein, daß ich ein Verbrechen beging, indem ich Dich und Philomena täuſchte. Nun muß ich die gerechte Strafe 198 für eine That leiden, die indeß vor dem Richterſtuhl Gottes und der Natur nicht ſo ſchwer wiegt als vor den Menſchen und ihren ſogenannten Sitten und Ge⸗ ſetzen— davon laſſe ich mich auch heute noch nicht ab⸗ bringen. Aber das Eine iſt wahr, ſeit jenem Tage habe ich mein Leben vergiftet und die Heiligkeit der Ehe entweiht. Aber das war es nicht allein. Ich habe mit dem Feuer ſpielen zu können ge⸗ glaubt zu meinem Nutzen und nun verzehrt es mein Haus und treibt mich hinaus in die Ferne. Daß Du Philomena noch liebteſt, daß ſie noch an Dir hing wie in alten Tagen, das freute mich zuerſt, nun wird es mein Gericht und meine Strafe, denn ich ſelbſt habe jene alte Leidenſchaft entfeſſelt und zum Brande geſchürt, der meine Rechte vernichtet. Neben mir ſie zu dulden, ward mir auf die Dauer unerträglich, denn ſie iſt die Glückliche, ſie das Weib Deines Herzens und ich Die Verſtoßene! Mit jenem Augenblick, als Du vor einigen Wochen das Wort Scheidung ausſprachſt, ſah ich mein Schick⸗ ſal unausbleiblich erfüllt; ich hatte nur nicht den Muth, ihm feſt in das Auge zu ſehen und es mit kaltem Blute auf mich zu nehmen. Aber ſei über⸗ zeugt, ſeit jenem Tage habe ich dem einmal laut ge⸗ 199 wordenen Gedanken nachgedacht und ihn groß gezogen zum Entſchluß. Dieſe Zwiſchenzeit und die Entfernung Philo⸗ mena's war nur ein letzter Verſuch, Dein Herz wieder zu gewinnen und das Geſchehene wieder vergeſſen zu machen. Ich ſehe, es iſt unmöglich, es hat ſich eine tiefe, nie mehr auszufüllende Kluft zwiſchen uns aufge⸗ than. Du haſſeſt mich, Carlman, auch wenn Du Dir Mühe gibſt, es zu verbergen, ich haſſe Dein Kind, ja ich haſſe es, weil es ſich zwiſchen uns beide gedrängt und die Urſache geworden, daß ich Dich verloren habe. Glaube mir, wäre ich länger geblieben, keinen Tag wäre ſein Leben unter meinen Händen ſicher geweſen. Wir ſind alle nur Menſchen, und ich mache mich nicht beſſer, als ich bin, ich wäre zu dem Verbrechen reif geworden, das aus dem Wege zu räumen, was durch ein Verbrechen entſtanden iſt. Philomena wird wiederkommen. Das wußte ich ſeit Wochen und ſah den Tag und die Stnnde nahen im voraus, da ſie zurückkehren würde, ſie, der Dein Herz, Deine Liebe gehört. Sie wird Deine Frau ſein und Dich glücklich machen, wie Du niemals geweſen biſt. Bis heute war ich das Hinderniß Eurer Vereinigung, von mor⸗ gen an bin ich es nicht mehr. Nehmt Euch, behaltet Euch einnander, ſeid glücklich, und wenn Ihr an mich denkt, ſo haltet die letzten Jahre nur für einen Auf⸗ ſchub, für einen böſen Traum, für einen Irrthum, der Euch ſo lange Zeit auseinander gehalten hat. Ich weiß wohl, wie es ſonſt in der Welt zugeht und was möglich iſt unter den Menſchen. Man lebt neben einander hin, man erträgt auch das Aergſte und gewöhnt ſich an unnatürliche Zuſtände. Vielleicht wäre auch eine Doppelehe mit beiden Schweſtern vor den Augen der Welt verſchleiert geblieben. Vie⸗ les iſt möglich im Leben und auch das Ungewöhn⸗ liche kann Wirklichkeit werden, wenn man Geduld hat, ſich damit abzufinden in bequemer Form und Klugheit genug beſitzt, das zu verbergen, was die Welt nicht begreifen würde. Euch möchte ich dieſe Lüge vor der Welt nicht zumuthen, noch aufzwingen. Indem ich ſcheide und Du Philomena vor den Altar führſt, wird Deine Ehe wieder rein, Dein Glück wieder ehrlich und heilig. Damit Dir die letzten Zweifel ſchwinden, ſo wiſſe, daß ich mit dem Pfarrer geredet habe, ſchon vor mehreren Tagen, und daß er meinen Entſchluß als den allein richtigen und nach dem Vorgefallenen ſogar nothwendigen gebilligt hat. Fürchtet nicht, daß ich einen übereilten Schritt 201 thue und ein verfehltes Leben durch ein verfehltes Ende verbeſſern werde. Ich kehre nach Rehlingen zu⸗ rück, um meine alten Eltern zu flegen und zu tröſten. Vater und Mutter werden mir Recht geben, denn ich werde ihnen nichts verſchweigen. Folgt mir nicht nach. Ich nehme nicht auf ewig Abſchied. Wir werden nach Jahren uns wieder⸗ ſehen un dvielleicht werde ich dann Eure Kinder pflegen als alte Tante Erna.“ Jetzt war es Carlman klar, daß ſie ihn vorher nur deshalb aus dem Hauſe getrieben habe, um un⸗ gehindert abreiſen zu können. Der Bahnzug, deſſen ſchrilles Signal ſie beim Eintritt in das Haus ver⸗ nommen, hatte ſie entführt. Carlman hatte den Brief raſch für ſich überflogen, er überlegte, ob er ihn jetzt ſchon Philomena mit⸗ theilen ſolle. Endlich überwog die Sorge, ihr viel⸗ leicht eine neue Erregung zu verurſachen. „Es iſt Alles gut, Philomena“, ſagte er,„Erna iſt zu den Eltern hinaus, morgen magſt Du den wunderlichen Brief leſen, heute aber ſei willkommen als guter Schutzgeiſt meines Hauſes und als wahre Mutter unſeres Kleinen.“ Damit umfing er die Erröthende und küßte ſie auf den Mund. Beide hielten ſich lange und innig umſchlungen. Der Nachtwind draußen heulte in den ſchwarzen Wolken, heulte um die hohen Giebel und Thürme, heulte in den kahlen Wipfeln der Bäume und auf den weiten Plätzen der Stadt. Den Glück⸗ lichen klang er wie der Vorbote eines neuen Frühlings und neuen Lebens. — 5 —— — Verſchiedenes aus ſeinem Leben erzählt, beſonders von Neuntes Kapitel. Nach Jahren machte einmal der Bnchbinder eine Fußreiſe durch den Wald und zwar als Begleiter oder Schleppfuchs von ſeinen Zimmerherren, abermals zwei flotten Studenten, die den anſtelligen alten Mann, der längſt ſeine Buchbinderei aufgegeben hatte, zu allerhand Dienſtleiſtungen benutzten. Jetzt mußte er ihnen die Reiſe⸗ taſchen durch das grüne Waldthal tragen, in welches ſie von der Eiſenbahnſtation herabgeſtiegen waren, um in einem n die Wanderung nach einer berühmten alten Ruine anzutreten, wo am folgenden Tage ein Commers von Delegirten mehrerer benachbarter Uni⸗ verſitäten gehalten werden ſollte. Der alte Schleppfuchs hatte den Herren unterwegs 204 ſeinen lieben Kindern, die er nun zum größten Theil alle glücklich untergebracht habe. Die Kathel ſei glücklich verheirathet mit einem Salzſtößler, der Franzel unter die Maſchinenbauer gegangen, während der Pepi beim Militär ſei; der Maxel und Cyriſtel kämen nächſtens aus der Lehre; der eine ſei wieder Buchbinder geworden und ſolle das Geſchäft des Vaters fortſetzen, der andere gar unter die Künſtler gerathen und habe ſich zum Stubenmaler aufgeſchwungen. Das jüngſte aber, die Roſel, führe ihm das Hausweſen und ſei den Studenten wohlbekannt. Aber der beſte von allen, wie das ſo in der Regel gehe, der ſei ge⸗ ſtorben, und der Poldl wäre ein ſiebenmal geſcheidtes Kind geweſen und ſein Liebling, drum habe er auch fort⸗ gemußt von der Welt. Was hätte aus dem nicht Alles werden können! Das wäre ein Kind von ganz beſonderer Art geweſen, und Glück hätte er auch gehabt mit ihm, einmal ſogar hätte er adoptirt werden ſollen an Kindes⸗ ſtatt von einer reichen Familie, aber die böſe Frau habe es hintertrieben, und ſo ſei nichts daraus ge⸗ worden. Während er ſo erzählte, waren die Wanderer an einem ſchönen Waldſee vorbeigekommen, dann kam— eine kleine Kapelle aus Baumrinde, nicht weit davon ſtanden uralte Ulmen und Buchen an einen Hügel gelehnt, und dazwiſchen ward jetzt ein veräuchertes Gebäude ſichtbar, ganz von wilden Reben und Roſen überwuchert. Die Fenſter des unteren Stockes ſtanden offen, und eine laute Stimme las monoton aus einem Buche vor. Es war wieder die Geſchichte von Abraham. „Und da er nahe bei Eghypten kam, ſprach er zu ſeinem Weibe Sarai: Siehe, ich weiß daß Du ein ſchönes Weib von Angeſicht biſt. Wenn Dich nun die Egypter ſehen werden, ſo werden ſie ſagen, das iſt ſein Weib, und werden mich erwürgen und Dich behalten. Lieber, ſo ſage doch, Du ſeiſt meine Schweſter, auf daß mir's deſto beſſer gehe um Deinetwillen und meine Seele bei dem Leben bleibe um Deinetwillen.“ „Ja“, ſagte die tiefe Stimme,„beſſer wär's auch mir geweſen, ich wäre ihm nur Schweſter ge⸗ blieben.“ Beim Klange dieſer Stimme konnte ſich der Buchbinder nicht enthalten, näher zu treten und in das Fenſter zu ſchauen, aber erſchrocken fuhr er zurück, grüßte haſtig und ſetzte dann eilig ſeinen Weg fort mit den beiden Studenten. „Wenn man den Wolf nennt, meine Herren— hatt' ich's doch ganz vergeſſen, daß ſie hier zu Hauſe iſt 206 in Rehlingen. Bei Gott, mir iſt, als hätt' ich ein Ge⸗ ſpenſt geſehen. Das war nämlich die frühere Frau Inſpectorin, die von meinem Poldl nie etwas hat wiſſen wollen, ſonſt wär' er vielleicht auch nicht ge⸗ ſtorben; aber an ihr iſt's am ſchlimmſten ausgegangen, denn ihr Mann hat die Schweſter genommen.“ Jetzt blieb er ſtehen und wandte ſich und ſchrie mit erhobener Hand: „Leſen's nur die Bibel, Frau Inſpectorin, nur fort ſo! Dazumal iſt freilich die Hagar ausgetrieben worden, und die Sarah hat noch Kinder bekommen mit neunzig Jahren; bei ihr iſt's umgekehrt, da iſt die Sarah ausgetrieben worden und die Hagar iſt dageblieben. Es muß grad' nicht immer ſo kommen, wie's juſt in der Bibel ſteht. Man kann auch auf andere Manier die Sach' richtig machen, und der Herr Inſpector hat's verſtanden, meine Herren, daß es eine Freud' war. Vier Kinder hat er jetzt, eins ſchöner wie das andere und alle kreuz⸗ brav. Freilich wenn man erzählen wollte, wie das ſo gekommen! Na, ich will ihm kein Klamperl mehr anhängen, zumal die da drinnen dran ſchuld geweſen ſein ſoll, wie man munkelt. Ja, meine Herren, wenn ich reden dürft', wie ich möchte, von derer Sach' könnte man was erzählen; denn zuletzt 207 iſt Niemand ganz ſauber auf der Welt; aber es iſt beſſer, man ſchweigt aus Chriſtenpflicht. Iſt's doch ein Glück, daß Alles ſo gut abgelaufen iſt, und hätt' doch leicht ein Malefizende nehmen können!“ Ende. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Uene üomant aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Robespierre. Geſchichtlicher Roman von Karl Wartenburg. 2 Bände. 8*. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. 15 Ngr. Wilden den Pololllchufl. Eine Erzählung von Nar von Schlägel. 1 Band. 80. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. Rrieg und Frieden. Novellenbuch vo Levin Schühing. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. v rey Sontroſ Shart Sreen Nellow Bed Magenta Grey 2