Wbe. 2 4 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher frarzöſiſcher Literatur Cduurd Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Czution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— auf 1 Monat:— 1 W 5 z 2 Mk. — — — 5. Answärtige M onhenten haben für Hin und Zurückſer idung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werven.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz ges Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf indem Diejenigen, welche die⸗ von mir geliehen, auch dafür zu haben. ⁰ * eee— —— Offene Vunden. Novellen von Julius Groſſe. Erſter Band: Graziana. Leipzig⸗ Ernſt Julius Günther. 1873. — Erſtes Kapitel. Seit langer Zeit war es bei„Adam“ nicht ſo luſtig geweſen, als in den erſten Wochen des Herb⸗ „Adam“ iſt eine kleine Weinwirthſchaft am Lin⸗ denplatze, aber von großem und wohlverdientem Rufe. Durch einen ſteingepflaſterten Hausflur, wo auch einige Tiſche ſtehen, kommt man in das etwas erhöhte nied⸗ rige Eckzimmer, deſſen zahlreiche Fenſter von undurch⸗ ſichtigen, bleigefaßten Scheiben verhüllt ſind. Außer den ſauberen Tiſchen von Eichenholz und den Seſſeln mit geſchnitzter Lehne wird das getäfelte Zimmer von Landſchaften geziert, welche die berühmteſten Wein⸗ orte des Rheins und der Pfalz darſtellen. Der Raum zwiſchen den Bildern wird von altdeutſchen Kern⸗ ſprüchen in großen gothiſchen Buchſtaben ausgefüllt. Groſſe, Offene Wunden. I. 1 Es kommt nicht Jedermann zu Adam; denn bei dem beſchränkten Raum findet man ſelten einen Tiſch für ſich allein; man muß ſich der Geſellſchaft anſchließen. Die Stammgäſte ſind übrigens des Morgens durchaus an⸗ dere als des Abends. Zum Frühſchoppen kommen in der Regel Bürger, Juſtizbeamte, Kornhändler und Ad⸗ vocaten, abends dagegen Landtagsabgeordnete, Offiziere, Künſtler und Leute von der Feder. Aus den letzteren Elementen hat ſich eine Art kleiner Sekte gebildet, welche ſich nach dem Ort der Zuſammenkunft Adami⸗ ten nennt. Natürlich heißt die Frau des Wirthes ſeitdem Eva, und die ſchöne, ſchlanke Pepi, welche die Gäſte bedient, gilt als„Schlange“ in dieſem Pa⸗ radieſe. Ich glaube, Derjenige, welcher an jenem Abende dieſen Scherz machte, hat ein halbes Jahr darauf die ſchöne Pepi zur Frcu genommen. Ueberhaupt war es ſehr luſtig an jenem Abend. Nie war der treffliche Kapellmeiſter Hinz von ſo überquellendem Humor wie heute. Er kochte Schwämme nach eigenem Recept und hat auch eine Satire auf die Liedertafeln unter dem Titel Moosgrillia geſchrieben. Nie erzählte Pro⸗ feſſor Ludewig ſo pikante Anekdoten und verſtand ſo nette Kunſtſtückchen mit Zahnſtochern und Korkſtöpſeln zu machen— ein Homunculus aus Pfropfen und ———— — „——— Zündhölzchen hieß längſt nach ihm das Ludewig'ſche Männchen. Nie wußte Doctor Baudry mit ſo un⸗ fehlbarer Sicherheit und Vorausſicht die Ereigniſſe der europäiſchen Politik für das nächſte Halbjahr feſt⸗ zuſtellen, als heute. Er hatte den tollen Krieg Frank⸗ reichs ſchon ſeit Jahren vorhergeſagt, aber bekanntlich findet eine Kaſſandra niemals Glauben. Selten ſprach Alfons Kadermann ſo geiſtreich über Muſik und The⸗ ater und imitirte dabei die berühmteſten Mimen und Mimoſen, wie er die Schauſpielerinnen nannte. Zählt man dazu den ſarkaſtiſchen Major Hein⸗ rich, der angeblich gegen die Turcos eine eigene Compag⸗ nie Auslacher formirte, weiter den genialen Maler Meier, deſſen Zorn das böſe Jahr 66 immer noch nicht überwunden hatte, den ewigen Privatdocenten Unkenbach, der ſeit zehm Jahren an einer Ausgabe des Plautus arbeitete, ferner den Orientaliſten Sommer, welcher ſtets nur Seine Hochwürden genannt wurde, weil er mit prächtiger Poſaunenſtimme ſprach, dann den Antinous der Geſellſchaft, den liebenswürdigen Florian, welcher in hundert Abenteuer mit ſchönen Frauen verwickelt war, endlich den Profeſſor Eichel, welcher die beiſpielloſeſten Geſpenſtergeſchichten erlebt hatte, ſo wird man glauben, daß die Sekte der Adamiten hinreichend vortrefflich gemiſcht war, um 1. 4 jeden Abend neue Anziehungskraft zu üben und ihren Mitgliedern unvergeßliche Stunden zu bereiten. Wie geſagt, es war heute luſtiger als ſonſt. Nur ein Geſicht unter allen war ernſt und in ſich ge⸗ kehrt. Dieſer eine war ein Fremder, der ſich ſchon ſeit einigen Abenden eingefunden und in zwangloſer Weiſe der Geſellſchaft angeſchloſſen hatte. Er war auch den Einzelnen vorgeſtellt worden, aber Niemand hatte den Beſcheidenen beſonders beachtet. Gleich⸗ wohl mußte er Den, welcher ihm Aufmerkſamkeit ſchenkte, mehr und mehr feſſeln. Der Fremde war eine ariſtokratiſche Geſtalt von diſtinguirtem Gepräge. Die ebenmäßigen Züge ſeines Geſichts trugen einen ungewöhnlich ſtrengen Ausdruck und die feinen, ſchar⸗ fen Linien deſſelben ließen auf einen unbiegſamen Charakter, auf jähe Leidenſchaften und große Energie ſchließen. Rur zuweilen ward die eiſerne Härte von einem Zug unſagbarer Weichheit gemildert, und beſon⸗ ders ſtand der ſanfte Blick des großen Auges in ſelt⸗ ſamem Contraſt zu den finſteren Runzeln der breiten Löwenſtirn. Er ſprach wenig, lachte nie und machte vollkom⸗ men den Eindruck eines Maunes, auf dem lange ein ſchweres Geſchick gelaſtet, deſſen Spuren, auch nachdem es überwunden, auf Lebenszeit unverwiſchbar bleiben. Ich habe dieſen Thpus eines— um ein vielgebrauch⸗ tes Gleichniß zu wiederholen— vom Blitz getroffenen Baumes ſonſt nur bei Solchen gefunden, welche, in politiſche Umtriebe verwickelt, kürzere oder längere Zeit ihrer Freiheit beraubt geweſen waren. Silvio Pellico's bekanntes Portrait, wie es in der Geſammt⸗ ausgabe ſeiner Schriften zu finden iſt, trägt denſelben Ausdruck. Um ein Wort von dem Aeußeren des Fremden zu ſagen, ſo war daſſelbe, obwohl elegant und gewählt, doch darin charakteriſtiſch, daß es jede Spur von Weiß vermied. Daß ſein linker Arm ſteif und faſt unbe⸗ weglich war, bemerkte ich am erſten Abend nicht. Unter allerlei heiteren und anregenden Geſprächen war es ziemlich ſpät geworden; die Mehrzahl der Gäſte hatte ſich entfernt, und auch unſer Tiſch wurde leerer. Wir rückten jetzt zuſammen, und zufällig kam ich neben jenen Fremden. Kaum ſaß er neben mir, ſo wandte er ſich, wie aus tiefem Schlaf erwachend, zu mir, und nach⸗ dem er mich eine Weile forſchend betrachtet hatte, ſagte er: „Es iſt mir außerordentlich angenehm, mein Herr, daß ich Gelegenheit habe, Sie näher kennen zu lernen. Wir können jetzt ungeſtört plaudern, und ich möchte mir erlauben, einige Fragen an Sie zu ſtellen, bitte aber im voraus, meine Freiheit nicht übel zu deuten.“ Ich muß geſtehen, daß mich dieſe unerwartete Anrede einen Moment überraſchte. Dann vermuthete ich einen Dilettanten vor mir zu haben, der irgend eine Arbeit in der früher von mir redigirten Zeitung unterzubringen wünſchte oder auch ein auf ſeine Koſten gedrucktes Werk beſprochen haben wollte. In der Regel werden ſolche Wünſche mit ähnlichen höflichen Worten eingeleitet, wie ſie jener Fremde an mich rich⸗ tete. Ich hatte dieſe Erfahrung ſchon zu oft gemacht⸗ um nicht zu dieſem Schluſſe zu kommen. „Ich glaube Ihr Anliegen zu errathen“, erwiderte ich,„aber leider kommen Sie zu ſpät, denn ich bin nicht mehr Redacteur und werde Ihnen daher nicht den Dienſt mehr leiſten können, den Sie vielleicht von mir erwarten.“ Mit kurzen Worten deutete ich ſodann meine Ver⸗ muthung an. Der Fremde ließ mich geduldig ausreden, dann ſagte er mit aller Ruhe: „Nein, mein Herr, mit dieſer Annahme ſind Sie durchaus auf falſcher Fährte, ich habe in meinem Leben niemals die Feder geführt. Ich wollte mir nur die Frage erlauben, ob Sie der Verfaſſer jener Novelle 7 ſind, die im vorigen Monat in der„Süddeutſchen Preſſe“ ſtand?“ Und er nannte dabei den Titel einer Erzählung, welche in der That in der angegebenen Zeitung erſchienen war. „Allerdings“ antwortete ich und erwartete nähere Erkundigung nach dem Factum etwa, welches jener Arbeit zu Grunde gelegen habe. In der Regel inter⸗ eſſirt ja die Mehrzahl der Leſer weit mehr die Frage der Realität einer Geſchichte und ihrer Thatſachen als das künſtleriſche Problem oder die Form der Dar⸗ ſtellung. Auch in dieſer Vorausſetzung ſollte ich ent⸗ täuſcht werden. „Endlich alſo habe ich meinen Mann gefunden!“ ſagte der Fremde und reichte mir über den Tiſch hin ſeine Hand, indem er mehrere und offenbar übertrie⸗ bene Lobſprüche über jene Erzählung hinzufügte, Lob⸗ ſprüche, die ziemlich leicht zu erlangen ſind, wenn man es wagt, ein pſychologiſches und ſinnliches Problem in ſeiner ganzen Unverhülltheit darzuſtellen. „Ich will Ihnen offen geſtehen“, fuhr er fort, „daß ich mir ſchon ſeit einigen Tagen Mühe gab, Sie aufzufinden und kennen zu lernen, und zwar in ſo zwangloſer Form, als es nur hier geſchehen konnte.“ „Sehr ſchmeichelhaft für mich“, erwiderte ich, „aber ich habe wirklich Ihren Namen nicht recht ver⸗ nommen vorhin.“ „Hier iſt meine Adreſſe, wenn Sie mir gelegentlich die Ehre Ihres Beſuchs ſchenken wollen“, ſagte der Fremde und überreichte mir eine feingeſtochene Karte, welche eine fünfzackige Krone ſchmückte. Ich las den vornehmen Namen einer Familie, welche in der euro⸗ päiſchen Diplomatie von Zeit zu Zeit eine nicht unbe⸗ deutende Rolle geſpielt hat. Ich will den Fremden Graf Fedor nennen. Wie ich nach ſeinem ſcharfen Accent richtig vermuthet hatte, gehörte er dem Adel der deutſch⸗ruſſiſchen Oſtſeeprovinzen an. Es trat eine momentane Pauſe ein, denn nach dieſer Einleitung glaubte ich ein weiteres Anliegen erwarten zu dürfen. „Wollen Sie nicht eine Cigarette?“ ſagte Graf Fedor und öffnete eine ſilberne Doſe;„echt türkiſche Latakia, ſelbſt aus dem Orient mitgebracht.— Ich ſuche nämlich ſchon lange einen Schriftſteller und glaube den rechten in Ihnen gefunden zu haben.“ Dieſer Anfang erregte meine Spannung. „Ich möchte nämlich,“ fuhr er fort,„Sie könnten ſich entſchließen, für mich beſonders eine Novelle zu ſchreiben. Sie können mir für Ihre Bemühungen und Ihren Zeitaufwand Bedingungen ſtellen, wie Sie —————— A wollen. Später laſſe ich dann die Novelle drucken und gebe ſie heraus, natürlich unter Ihrem Namen.“ Ich mußte mir Mühe geben, nicht zu lachen. Ein ſolcher Antrag war mir noch niemals gemacht worden. Man beſtellt ſich wohl ein Bild, eine Büſte, auch ein Paar Stiefel oder einen Frack, aber für ſich allein eine Novelle beſtellen, das war neu. Graf Fedor mochte mir meine humoriſtiſche Stim⸗ mung anſehen und fuhr fort: „Sehen Sie, es liegt in meinem Leben ein ſchwe⸗ res Ereigniß, eine unerhörte Erfahrung, die auf mir laſtet, ein Erlebniß, das ich nicht loswerden, nicht ver⸗ geſſen kann. Vielleicht verſchafft es mir Erleichterung, wenn die Geſchichte zu Papier gebracht iſt. Ich habe mich, wie geſagt, mit der Feder nie abgegeben, ſonſt würde ich mir ſelbſt helfen können. Sie aber haben alle Fähigkeiten, um aus der Sache etwas zu machen. Wollen Sie meinen Antrag annehmen, ſo verpflichten Sie mich zu dauerndem Danke und Ihr Schaden ſoll es nicht ſein.“ 3 „Ich will Ihnen eine offene Antwort geben, Herr Graf“, erwiderte ich.„Sie ſcheinen ſeltſame Vorſtel⸗ lungen von deutſchen Schriftſtellern zu haben. Es iſt zwar immerhin möglich, daß Sie einen Fabrikanten finden, der Ihren Antrag mit beiden Händen anneh⸗ 10 nicht dienen zu können. Es würde zu weit führen, wollte ich Ihnen eine Erklärung darüber geben, wie überhaupt ein literariſches Produkt entſteht. Mir tom⸗ men meine Stoffe theils durch eigenes Erlebniß, theils durch Beobachtung, ſelten durch ganz freie Er⸗ findung; aber auch bei ſolchen Motiven, die nicht im eige⸗ nen Leben liegen, iſt es die Hauptſache, daß ſie mich innerlich intereſſiren, meine ganze Theilnahme feſſeln müſſen. Erſt dann kann eine ſelbſtſtändige Arbeit da⸗ raus entſtehen. Auf Beſtellung habe ich noch nie⸗ mals geſchrieben.“ „Sie lehnen alſo ab?“ fragte Graf Fedor, und eine finſtere Wolke lagerte ſich auf ſeine Stirne. „Jedenfalls in der von Ihnen beliebten Form. Indeſſen erzählen Sie mir Ihre Geſchichte immerhin. Erſcheint ſie mir neu, intereſſant und bedeutend, mit einem Worte: packt ſie mich, ſo wird ſie mich ſelbſt nicht loslaſſen, und eines Tages werde ich ſie ſchrei⸗ ben müſſen.“ „Eines Tages— warum nicht ſofort?“ fuhr Graf Fedor unmuthig heraus.„Nennen Sie mir Ihre Bedingungen. Sie ſollen ſich nicht über mich be⸗ klagen.“ men wird, ich bedaure jedoch, Ihnen in dieſer Weiſe „Sie mißverſtehen mich, Herr Graf“, erwiderte ich. — 8 8 —— 6 3 ½ 4 „Von Ihren Bedingungen kann in keiner Weiſe die Rede ſein. Intereſſirt mich Ihre Geſchichte als Stoff, ſo gehört dieſer Stoff mir, und eines Tages werden Sie die Erzählung irgendwo leſen und ſich dann die⸗ ſes Abends erinnern. Ob Sie jedoch Ihre Geſchichte dann unverändert wiedererkennen werden, dafür kann ich nicht einſtehen, denn ich muß mir meine völlige Freiheit wahren. Höchſtwahrſcheinlich werden Sie in der Darſtellung Vieles verändert, Manches vertieft, Anderes weggelaſſen oder zuſammengezogen finden. Für ein Kunſtwerk genügt die Natur, wie ſie iſt, nie⸗ mals. In dem Hauſe, in welchem wir uns jetzt be⸗ finden, erkennen Sie auch nicht mehr die einzelnen Bau⸗ ſteine, Balken, Sand und Kalk, kurz, das ganze Roh⸗ material, welches verbaut worden iſt. Die Kunſt hat etwas Neues, Ganzes aus den einzelnen Theilen ge⸗ ſchaffen. So wird auch in der Erzählung der eigent⸗ liche Rohſtoff verſchwinden, um ſich neu und organiſch aufzubauen. Wenn Sie es darauf ankommen laſſen wollen, ſo erzählen Sie mir Ihre Geſchichte. Sollte ich die nothwendigen Qualitäten nicht darin fin⸗ den, ſo müßte ich darauf verzichten und ſtelle Ihnen den Stoff wieder zur Verfügung. Meine volle Frei⸗ heit aber möchte ich mir im voraus wahren!“ „Eigentlich begreife ich nicht“, ſagte Graf Fedor, „weshalb Sie ſich ſo ängſtlich verclauſuliren. Indeß es ſei, ich bin überzeugt, daß Sie meine Geſchichte ſchrei⸗ ben werden. Für heute iſt es zum Erzählen zu ſpät. Ich werde Sie beſuchen und bitte, mir ſofort eine Stunde zu beſtimmen. Sie könnten zwar auch zu mir kommen, aber wir würden vor Störungen nicht ſicher ſein. Wann treffe ich Sie allein zu Hauſe?“ „Es wird mir eine Ehre ſein, Sie zu empfangen“, ſagte ich;„aber wollen wir nicht eine zwangloſere Form vorziehen, vielleicht einen Spaziergang, einen Ausflug in den nächſten Tagen?“ Das wird nicht angehen“, ſagte der Graf;„ich muß vielleicht ſchon übermorgen nach Wiesbaden, ja ich bin nur Ihrethalben länger hier geblieben, als meine Zeit erlaubt— es wäre mein dringender Wunſch, wenn es morgen geſchehen könnte.“ „Vortrefflich; ſagen wir alſo: morgen Nachmittag um zwei Uhr. Ich nehme den Kaffee zwar für ge⸗ wöhnlich außer dem Hauſe, diesmal können wir aber eine Ausnahme machen.“ „Gut, um zwei Uhr alſo; ich werde pünktlich ſein“, erwiderte er.„Aber noch einmal, ich will Sie nicht Ihrer Zeit berauben oder Ihnen unnöthige Mühe verurſachen. Rechnen Sie feſt auf jede Entſchä⸗ digung.“ ——— N 6 Ich muß bitten, dieſen Punkt nicht mehr zu be⸗ rühren“, erwiderte ich.„Gefällt mir Ihre Geſchichte und gelingt es mir, ein leſenswerthes Werkchen daraus zu ſchaffen, ſo bin ich umgekehrt Ihnen Dank ſchuldig. Für die übliche Entſchädigung hat dann der Verleger zu ſorgen, ſo iſt es literariſcher Gebrauch, wenn Sie dieſen noch nicht kennen ſollten. Allein ich wieder⸗ hole, bevor ich Ihre Geſchichte nicht kenne, kann ich mich zu nichts entſchließen und auch keinerlei Zuſage geben.“ Lange ſchien ihm jener Uſus nicht recht einzuleuch⸗ ten; doch ſah ich es dem Fremden an, daß er ſich ſicht⸗ lich erleichtert fühlte und bereits feſt überzeugt ſchien, endlich zum Ziele gekommen zu ſein. Wir ſchieden in ſpäter Nacht von einander, und ich kann nicht leugnen, daß ich dem nächſten Tage mit einer gewiſſen Span⸗ nung entgegenſah. Zwar iſt es eine alte Erfahrung, daß die meiſten Menſchen ihre eigenen Schickſale für unerhört, die gewöhn⸗ lichſten Erlebniſſe für außerordentlich, die trivialſten Facta für die merkwürdigſten halten, und es konnte leicht möglich ſein, daß dieſer Cavalier mir eine Dutzendgeſchichte als Rarität auftiſchen werde. Den⸗ noch ſagte mir ein Vorgefühl, daß ich etwas nicht ganz Gewöhnliches hören würde. Graf Fedor hatte, 14 wenn der Ausdruck uicht mißverſtanden wird, den Typus einer Romanfigur, noch mehr eines ſoge⸗ nannten Helden. Ich meine damit das Müde, Er⸗ ſchöpfte und Verbrauchte eines Schauſpielers, welcher ſeinen König Lear gut geſpielt hat und abgeſpannt nach Hauſe kommt, oder, um mit einem paſſenderen Gleichniß zu reden: Graf Fedor erinnerte mich an den Koſakenhetmann Mazeppa, der auf ein wildes Pferd gebunden und von Wölfen verfolgt wurde. Und wenn im Epos ein Odyſſeus ſeine wunder⸗ baren Erlebniſſe ſelbſt erzählt, was ich immer für die größte Kunſt Homer's gehalten habe, weil nur ſo das Un— glaublichſte und Abenteuerlichſte den Stempel ergrei⸗ fender Wahrheit erhält, warum ſollten die Erlebniſſe eines ruſſiſchen Grafen weniger glaubwürdig ſein, weil ſie in der modernen Welt ſpielen und wohl leicht con⸗ trolirt werden konnten? Ich war vorläufig auf nichts Außerordentliches gefaßt, aber ich hatte den guten Willen, ihm Alles zu glauben, was er mir erzählen würde; denn glaub⸗ würdig ſah Graf Fedor aus. a——— 2— Zweites Kapitel. Graf Fedor hielt zur angeſetzten Stunde pünktlich Wort. Die Sonne war nach einer Reihe von Regen⸗ tagen wieder in aller Glorie erſchienen und ich hatte deshalb alle Fenſter geöffnet. Gegen zwei Uhr ſah ich einen geſchloſſenen Wagen kommen und vor meiner Wohnung halten. Graf Fedor ſtieg aus und befahl dem Kutſcher, zu warten. Dieſe Manier fiel mir auf. Welche ſeltſame Ge⸗ ſchichte eines Lebens mußte das ſein, die man in aller Kürze abthun konnte. Den Wagen warten zu laſſen, wie bei einem flüchtigen Krankenbeſuch, das war vor⸗ nehm, aber im gegebenen Falle wirkte es wie eine Enttäuſchung, und dann, um beim Gleichniß zu bleiben, war er doch eigentlich der Kranke und ich der Arzt. In zwei Minuten trat der Graf in mein Studir⸗ zimmer. Er ſchien heute unbefangener und vertrauens⸗ voller als geſtern und dennoch war ſein Benehmen 16 in ſeiner Art ſeltſam. Ein anderer Beſuch würde ein anderes Geſpräch zur Einleitung gewählt haben, würde einen Blick auf Bücher und Bilder, Büſten und die ſonſtige Einrichtung geworfen haben. Graf Fedor aber ſchien völlig gleichgültig für Alles, was nicht ihn ſelbſt betraf; ohne nur eine Minute zu verlieren, nohm er Platz auf dem Sopha und begann ſofort: „Wann werden Sie die Arbeit beginnen? Ich wünſche, daß Sie dieſelbe noch im Herbſt vollenden, ich möchte ſie noch vor Ablauf des Jahres drucken laſſen.“ „Sie vergeſſen, Herr Graf“, erwiderte ich⸗„daß ich keinerlei Zuſage gegeben habe, ob ich überhaupt Ihre Geſchichte ſchreibe. Erzählen Sie erſt, dann will ich Ihnen ſagen, ob mich der Stoff anmuthet und mir geeignet erſcheint, etwas daraus zu machen. Alles Weitere wird ſich dann finden; alſo bitte ich, zu be⸗ ginnen.“ Graf Fedor ſah einen Moment ſtarr auf den Tiſch, dann in die Luft, als müſſe er Bilder der Er⸗ innerung beſchwören. Seine Züge hatten einen leben⸗ digeren Ausdruck angenommen. „Mit genealogiſchen Notizen über mich und meine Familie darf ich Sie wohl verſchonen, zumal da Sie mich hinreichend aus der Geſchichte kennen lernen wer⸗ ill nd en en⸗ ine Sie e den. Auch bin ich eigentlich nicht die Hauptperſon.— Es war alſo vor einigen Jahren, als ich meine Stelle in der kaiſerlichen Garde in Petersburg quittirte und auf Reiſen ins Ausland ging. Meine Familie iſt be⸗ gütert in den Oſtſeeprovinzen, und es iſt ein alter Brauch, daß faſt alle Söhne einige Jahre in der ruſ⸗ ſiſchen Armee dienen; nur wenige ſind dauernd dabei geblieben. Genug, ich wandte mich nach Deutſchland und kam da nach mancherlei Kreuz⸗ und Querzügen an den Achenſee in Tirol. Waren Sie ſchon am Achenſee, dieſem zauberhafteſten Winkel, den ich je kennen gelernt? Hohe Felſen in kühnen Formen, in mächtigen Maſſen, man möchte ſagen, etwas theatra⸗ liſch geordnet, dazwiſchen der weite See mit ſeinen tiefblauen Fluten— doch ich will Ihnen keine Land⸗ ſchaften ſchildern, das muß man ſelber ſehen, und wer einmal bei der Scholaſtica war, wird dieſe reizenden, ſtillen, behaglichen Tage nie mehr vergeſſen. Die Geſellſchaft war diesmal— ich kannte näm⸗ lich den See ſchon von früheren Reiſen— ſehr zahl⸗ reich. Da war zuerſt ein Landsmann von mir, Baron Marder, der ſich mit einer blonden Deutſchen verlobt hatte und dieſe, die ſich in der Pertisau aufhielt, faſt alle Tage beſuchte. Man nannte das Pärchen Hero und Leander, obwohl der Baron ſehr wenig von einem Groſſe, Offene Wnnden. I. 2 „ 18 Griechen hatte und ein höchſt moderner Menſch war. In ſeinen Mußeſtunden las er ſchlechte franzöſiſche Romane, und die Geſchichte Katharina's der Zweiten wie der ſchönen Iſabella von Spanien kam nicht von ſeinem Tiſche. Ferner waren einige Engländerinnen vorhanden mit rothen Blouſen und bleichen Geſichtern; außerdem mehrere Profeſſoren aus Prag und Inns⸗ bruck, liebenswürdige, geiſtvolle Leute, welche ſich all⸗ jährlich hier treffen und mit ihren anmuthigen Damen die Seele der wechſelnden Geſellſchaft bilden. Meine Aufmerkſamkeit war jedoch vom erſten Tage an einer Familie gewidmet, die ebenfalls aus Rußland ſtammte. Es war die Frau Generalin Subowjeff nebſt Toch⸗ ter und einem Vetter, Namens Anatol Korſakoff. Der General ſelbſt befand ſich zur Zeit in Homburg. Ich kannte ihn von meiner Dienſtzeit her nur flüchtig, deſto beſſer aber ſeinem Rufe nach, denn er galt als ein alter Rous, hitzig, lebensluſtig, vernarrt in ſeine Tochter Graziana und im übrigen von leidenſchaftlicher Natur, die keinen Widerſpruch vertragen konnte. Bei der Armee war er wenig beliebt geweſen, ſo freigebig er ſonſt auch mit ſeinem ungeheuren Vermögen wirth⸗ ſchaftete. Der General ſelbſt war mir, wie nicht unbekannt, ſeine Familie lernte ich hier zum erſten Mal kennen. Von der Mutter will ich nicht viel ſagen. Einige meinten, der General habe ſie aus ſeinen Leibeigenen zu ſich emporgehoben. Andere ſagten, er habe dieſen Edelſtein gleichſam auf der Straße gefunden. Bekannt war, daß er ſie in einem deutſchen Inſtitut nothdürf⸗ tig hatte ausbilden laſſen, bevor er ſie heirathete. Da⸗ her ſtammte auch ihre Vorliebe für Deutſchland. Jetzt, als ich ihre Bekanntſchaft machte, war Frau Axinia längſt über die Blütenjahre hinaus; aber ſie ſchien es nicht merken zu wollen. Ohne Geſchmack mit Putz und Schmuck überladen, erſchien ſie nie anders als im jugendlichſten Aufzug, und die Koſtbarkeit der Stoffe wurde nur von den grellſten, ſchreiendſten Farben überboten. Außerdem wußte ſie ſämmtliche europäiſche Sprachen, ſoviel ſie Brocken davon erhaſchen konnte, in einer Weiſe zu mißhandeln, von der ich Ihnen leider keine Vorſtellung geben kann. Das mußte man hören, aber glaubhaft erſchien es mir, daß der General ſeine Frau nur deshalb allein reiſen ließ, um ſich nicht überflüſſig mit ihr zu blamiren. Allzuweit war er übrigens niemals und kam ab und zu perſönlich, beſonders ſobald das Steppenzelt dieſer Nomaden⸗ exiſtenz weitergeſchoben werden ſollte. In der Zwi⸗ 2* 4 20 ſchenzeit ſtudirte er die Theorie des Roulette am grünen Tiſche praktiſch, und wenn Andere fürchteten, er würde ſich dabei ruiniren, ſo konnte er bei ſeinem unermeßlichen Reichthum ſich darüber hinwegſetzen. Seine Mittel erlaubten ihm das unſchuldige Vergnügen, Hunderttauſende zu verſchleudern. Was bei ſolchen Gegenſätzen aus einer ſchönen Tochter werden muß, liegt klar auf der Hand. Auch Graziana war in einem deutſchen Stift erzogen worden, und die Mutter hatte ſie vor einigen Wochen aus Genf abgeholt. Was ſoll ich Ihnen von dieſem wunderbar⸗ ſten aller Geſchöpfe ſagen, die ich jemals kennen ge⸗ lernt? Daß ſie hinreißend ſchön war, wie eine Peri, eine Hebe, das werden Sie für übliche Redensarten, für bekannte Illuſionen des Verliebten halten, der mit ſolchem Trank im Leibe Helenen ſieht in jedem Weibe“, aber vielleicht werden Sie mir doch glauben, wenn ich Ihnen ihr Bildniß zeige.“ Er holte aus einem mit Edelſteinen beſetzten Etui eine Photographie hervor und reichte ſie mir über den Tiſch. Ich betrachtete das Bild eine Weile, dieſe tiefen nachdenklichen Augen, überſchattet von ſtarken Augen⸗ brauen, die vollen aufgeworfenen Lippen des ſchönen Mundes, das energiſche Kinn, die edel geformte Stirn an ten em zen. gen, nen luch den, Fenf har⸗ Re⸗ eri, für mit ibe nich Etui den iefen gen⸗ önen tm 2¹ und Naſe und das reiche, üppige, ordnungsloſe Haar. Das Ganze hatte etwas bacchantiſch Bezauberndes: ich kann dieſes Geſicht mit keinem bekannten Typus vergleichen, am eheſten erinnerte es an die ſterbende Amazone, zum Theil auch an die berühmte Büſte der Kaiſerin Fauſtina im Capitol zu Rom. Während ich das beſtrickende, verführeriſche Bild betrachtete, fuhr der Graf fort: „So ruhig die Abbildung ausſieht, ſo unruhig, launiſch, leidenſchaftlich war das Original. Ich kann nicht ſagen, daß mich jene Untugenden abſtießen; im Gegentheil, ich habe mancherlei Weiber und faſt von allen Nationen Europas kennen gelernt, aber ſo echt weiblich, in gutem wie in ſchlimmem Sinne, fand ich noch keins. Wäre ich ein junger deutſcher Philoſoph, ſo würde ich ſagen, Graziana war für mich das Weib oder, wenn es nicht altmodiſch klänge, das Ideal. Ein Schauſpiel war es von ſüßem Zauber, wenn ſie mit feſter Hand den kleinen Kahn auf die Höhe des Sees lenkte; dann ſang ſie dazu die alt⸗ ruſſiſchen Volksweiſen, jene ſchwermüthigen, herzergei⸗ fenden Lieder, von denen Ihr Deutſchen bei aller Schönheit Eurer Geſänge doch keine Idee habt. Graziana trug ſich im Gegenſatz zu ihrer Mutter meiſt einfach, aber auch wenn ſie auf den Befehl der ——.—.—— 6 22 letzteren in geſchmackloſer Gala erſchien, war ſie immer noch entzückend. Sie mochte anziehen, was ſie wollte, es ſtand ihr neu, originell und graziös, weil dies die Eigenſchaften ihres eigenen Weſens waren. Gewöhnliche Frauen mögen ſich putzen und denken, daß Kleider Leute machen; ein wahrhaft ſchönes Mädchen aber mag wählen, was der Zufall bietet, und auch die geſchmackloſeſte Tracht wird durch ſie ſelbſt geadelt. Wir gewöhnten uns in wenigen Tagen ſo an einander, daß wir faſt unzertrennlich den ganzen Tag über beiſammen waren. Auch alle Ausflüge wurden gemeinſam gemacht, zu den Almen des Unnütz hinauf und nach Achenthal, zu Waſſer nach der Pertisau und in die Thäler der Riß. Am wohlſten aber war uns auf dem Balcon des Speiſeſaales, der auf Pfählen gleichſam in den See hineingebaut iſt. Wenn wir abends in der feierlichen Stille dort ſaßen, die fernen Bergrieſen des Innthales und die ſteilen Höhen des Seekars, des Unnütz und des Bären⸗Kogels ringsum, vor uns die weite blaue Höhe des Sees in ſeiner ganzen Majeſtät, und ihre liebe, ſüße Stimme belebte dann dieſe Weltabgeſchiedenheit, wahrlich, ich glaubte noch nie ein ſo reiner, guter Menſch geweſen zu ſein, und alle Zukunft ſchwamm wie ein goldener Nebel vor mir, durchwogt von fernem Glockengeläut. len vir en m, nel bte bte in, vot —„—— Eins allerdings ſtörte manchmal unſere Plauder⸗ tunden, und dies war jener verhängnißvolle Vetter Anatol Korſakoff. Eigentlich war ich dieſem Patron Dank ſchuldig denn von ihm war ich in die Familie eingeführt worden. Ich muß gleich hier ausführlicher von dem Menſchen reden, deſſen Hand ſo drohend in mein Leben eingrei⸗ fen ſollte. Urſprünglich waren wir ſchon vor Jahren zuſammen in einem Convict geweſen, er um einige Jahre älter als ich und mir um zwei Klaſſen voraus. Dieſe Ueberlegenheit that damals ihre Wirkung, und ich hing an ihm wie an einem älteren Bruder. Als wir uns ſpäter im Leben wiederfanden, ich als Offizier, er als Attaché irgend einer Geſandtſchaft, hatte er ſchon weniger anziehende Eigenſchaften ent⸗ wickelt. Daß er damals Eſſig trank, um ſich eine in⸗ tereſſante Bläſſe anzukränkeln, alle Tage ein Stück im Converſationslexikon ſtudirte, um dann die Unterhal⸗ tung darauf zu bringen und dieſe zu beherrſchen, mochte ihm als Lächerlichkeit hingehen, aber er hatte damals ſchon ſein Vermögen durchgebracht und lebte von kleinen und großen Schwindeleien. Auch ſeine urſprüngliche Häßlichkeit war zu ihren Mannesjahren gekonmen, und zwar nicht gerade zu ſeinem Schaden. Vetter Anatol gehörte zu den ſtarkknochigen, ſpitz⸗ ——— —————— 24 köpfigen Calibans, für welche die Weiber eine gewiſſe Schwäche haben. Es iſt, als ob nach einem großen Ausgleichungsgeſetz auf die größte Schönheit der Frauen gerade der häßlichſte Mann die meiſte Anwartſchaft habe. Wer die Mhthe von Venus und Vulcan er⸗ dacht, war jedenfalls ein tiefſinniger und welterfahre⸗ ner Menſchenkenner. Und völlig ein Vulcan war auch Vetter Anatol; ſeine Erlebniſſe mit reizenden Frauen gäben ebenſo viel intereſſanten Stoff für die Darwin'ſche Lehre von der Zuchtwahl als für die Aeſthetik des Häßlichen und die Goltz'ſche Charakteriſtik der Frauen, denen die beauté du laid allezeit gefährlicher war als die Schönheit eines Antinous. Daß dieſer Menſch Abſichten auf die holdſelige Graziana haben ſollte, war mir ganz undenkbar und auch ſonſt nicht bemerklich, zumal ſich faſt ſämmtliche alte und junge Herren um die ſeltene Schönheit drängten, um ihr ihre Huldigungen darzubringen. Graziana zeichnete keinen beſonders aus, ſondern ließ ſich alle Beweiſe von Ergebenheit mit der Würde einer Königin gefallen; aber es gibt kleine Zeichen, die nur dem Eingeweihten und Bevorzugten verſtändlich ſind. Daß ich ſie zuweilen nach dem Geſpenſterhauſe oder nach dem andern Seeufer rudern durfte, wo wir wiſſe oßen auen chaft mer⸗ ahre⸗ auch auen vſche des uen, als lige uch alte gten, dern ürde im einſamen Wald mächtige Feuer anzündeten, darauf legte ich weniger Gewicht, denn am andern Tage fuhr ſie auch mit Vetter Anatol dorthin; aber daß ſie ſofort ein anderes Kleid anlegte, weil ich die Bemer⸗ kung machte, daß ihr die blaue Farbe nicht gut ſtände; daß ſie den häßlichen Chignon verbannte, weil ich ihr reiches natürliches Haar ſchöner fand; daß ſie unter allen Liedern, die ſie auf dem See zu ſingen pflegte, keins ſo ſchön und zuletzt ausſchließlich ſang, als mein Lieblingslied, eine alte Romanze von Mazeppa; daß ſie auf der Alm droben, als wir einen wilden Gieß⸗ bach überſchreiten mußten, von ſich mir tragen ließ— alles dies und Anderes ſtellte ein gewiſſes geheimes Einverſtändniß zwiſchen uns her, und ich leugne nicht, daß mich die glühendſte Leidenſchaft mit jedem Tage mächtiger ergriff. Da kam die verhängnißvolle Partie in das Falz⸗ thurnthal. Man fährt zu Waſſer die ganze Länge des Sees hinunter bis zur Pertisau, wo ſich eine neue Alpenwelt aufthut. Dann geht es am Bären⸗Kogel vorüber über grüne Matten, durch herrliche Laub⸗ wälder und endlich eine kahle Anhöhe hinauf. Dort öffnet ſich ein rieſenhaftes, von ſteilen Lahnen und kahlen Felswänden völlig einſames und geſchloſſenes Thal, das berühmte Falzthurnthal. An einer ſteilen 26 Lahne in der Höhe von mehreren hundert Fuß lag noch ewiger Schnee in großen Maſſen. Die Schatten der füdlichen nahen Felswände verhindern, daß jemals die Sonne dieſe Lahnen berührt, wenigſtens nicht vor dem Juni, und jetzt waren wir erſt am Anfang Mai. Die Fahrt bis zur Pertisau war in zahlreichen Kähnen auf das munterſte und heiterſte vor ſich ge— gangen; außer den blaſſen Engländerinnen hatte ſich auch Baron Marder und ein Profeſſor aus Prag mit ſeiner geiſtvollen und anmuthigen Frau angeſchloſſen. In der Pertisau ſelbſt geſellten ſich einige Geiſtliche aus Innsbruck und die blonde Braut des Herrn von Marder nebſt ihrer Familie dazu; und ſo ging es in buntem, zahlreichem Zuge über die Matten, durch den Wald bis zur kahlen Anhöhe hinauf, wo eine einſame Almhütte und der grüne, von der Sonne erwärmte Raſen zum Lagern einluden. Die mitgebrachten Vor⸗ räthe an Wein und Fleiſch wurden ausgepackt, und ein fröhliches Gelage begann. Plötzlich ſagte Anatol: Finden Sie nicht, meine Herrſchaften, daß der Wein etwas warm geworden iſt? Wie wär's, wenn wir ihn mit ewigem Schnee kühlten? Es kommt nur darauf an, wer mit von der Expedition ſein will, von dort oben einen Korb voll herunterzuholen.“ me nie nn ur on 27 Der Vorſchlag fand allgemeinen Beifall, und ſo⸗ fort waren Vetter Anatol, Herr von Marder und ich unterwegs. Auch Graziana uud die blonde Braut ſchloſſen ſich an. Ueber die Wieſe und die kleine Schlucht, in welche das Schneewaſſer abfloß, waren wir in zehn Minuten; aber jetzt kam die ſteile, nackte Lahne. Eine Strecke lang ließen ſich die Damen hinauf⸗ ziehen, dann aber, am Rand einer neuen Spalte, blieben ſie zurück, während wir weiter zum ewigen Schnee hinaufſtiegen und mit den Bergſtöcken begannen, ein⸗ zelne Stücke der harten Decke abzuſchlagen. Schon damals ahnte ich, daß Vetter Anatol wieder irgend einen Streich im Schilde führte. Ich muß dabei einſchalten, daß dieſer häßliche Caliban von herculiſcher Stärke war und ſie gern zu zeigen liebte, wie ſchon am Tage zuvor, wo wir im wilden Thal an den Pulvermühlen das ſteile Felsbett eines Gießbachs hinaufgeſtiegen waren. Er war früher oben und begann ſeine Kraft zu entfalten, in⸗ dem er Holzſcheite, Felsſtücke und Baumzeige in hohem Bogen herabſchleuderte. So glich er, wie er daſtand, in ſeinen kecken, kraftvollen Bewegungen leibhaft dem Cyhklopen Polyphem, und ich konnte mich nicht enthalten, ihm den Homeriſchen Vers vom„Niemand“ hinaufzu⸗ rufen. Im ſelben Moment aber flog mir ein mächti⸗ 28 ger Baumzweig dicht am Kopfe vorbei und nahm meinen Hut mit. Von dieſem Augenblick an verbat ſich Graziana das gefährliche Spiel. Auch heute war Vetter Anatol ſchneller oben als wir andern. Als der Korb voll Schnee war, zeigte er auf eine glänzende Kante der Lahne, die ſich im ſteilen Winkel einige hundert Fuß bis zu den Damen hinun⸗ ter erſtreckte. Wer Courage hat, fährt jetzt auf dem Bergſtock dort hinunter, wie es Sennen und Jäger thun! Wir beide zeigten wenig Luſt zu dem Wagſtück, ich hauptſächlich, weil ich Anatol nicht traute. Wohl oder übel mußte er ſeinen gefährlichen Vorſchlag allein ausführen und kam auch im Moment unten bei den Damen an, während wir langſam herabklettern mußten. Kaum waren wir wieder an der Schlucht beiſammen, um von dort zur Geſellſchaft zurückzukehren, als Ana⸗ tol ſagte: Was meinen die Herrſchaften, hier muß ein prächtiges Echo ſein, und gleichzeitig zog er ein Piſtol heraus, das zu dem Zwecke mitgenommen war, um die ſchlafende Nymphe zu wecken. Anatol war etwas in die Schlucht hinabgeſtiegen und machte ſich an der Waffe zu ſchaffen. Plötzlich krachte der Schuß und eine Kugel pfiff mir am Kopfe vorbei. 29 Als ich Anatol darüber zur Rede ſtellte, lachte er und ſagte: Ich wußte wirklich nicht, daß das Ding noch ge⸗ laden war; übrigens ſchieße den andern Lauf ſelbſt ab, wenn Du Furcht haſt. Das Echo iſt wirklich überwältigend. Ich nahm die Waffe, ſchoß ab und hielt den leeren Schaft in der blutenden Hand. Das Gewehr war überladen geweſen und in tauſend Stücke zer⸗ ſprungen; auch an der Stirn war ich verwundet. Während Graziana laut aufſchreiend auf mich zuſtürzte, um mich zu verbinden, lachte Anatol höhniſch auf und verließ uns. In zwei Minuten war er wieder unten bei der Geſellſchaft, und ich ſah von oben, daß er mit der Mutter Graziana's, die er ſchon vorher am Arme geführt, auf und ab gehend, ein langes Geſpräch hatte. Mühſam führten mich inzwiſchen die Damen und Herr von Marder zurück. Graziana, welche blaß wie Schnee geworden, wich ſeitdem nicht mehr von meiner Seite; von dieſem Augenblicke an wußte ich, daß das herrliche Geſchöpf mich liebe, und dieſe beſeligende Em⸗ pfindung drängte alle andern unheimlichen und fin⸗ ſteren Gedanken zurück. Das Gelage übrigens an der Sennhütte wurde abgekürzt. Paarweis und einzeln zog man in ziem⸗ 30 licher Verſtimmung zur Pertisau zurück, wo ſich auch einige Aerzte aufhielten, und erſt, als ſich hier ergab⸗ daß keine meiner Verletzungen gefährlich, kehrte die alte Heiterkeit wieder; beſonders war heute Herr von Mar⸗ der von wahrhaft rührender Herzlichkeit und Theilnahme. Während in den Lauben des Gartens das Abendeſſen eingenommen wurde, nahm mich Herr von Marder im Hausflur beiſeite und ſagte: Ich gratulire, verehrter Freund. Heute ſcheinen Sie Ihr Ziel erreicht zu haben, und ich freue mich, daß ein tückiſcher Zufall oder auch eine mögliche Bos⸗ heit Ihnen zum Glück ausgeſchlagen. Wir wollen nicht weiter davon reden und es dabei bewenden laſſen. Bewieſen kann doch nichts werden; aber wenn ich Ihnen einen Rath geben darf, ſo zögern Sie nicht länger und bringen Sie die Sache zum Abſchluß. Der Rath war nicht nöthig, ich ſelbſt war ſchon entſchloſſen, noch heute um Graziana bei ihrer Mut⸗ ter zu werben und ſie der Geſellſchaft als meine Braut vorzuſtellen. Da ſollte mir ein neuer Zwiſchen⸗ fall in den Weg treten. Nach Tiſche nämlich wurde im Hauſe geſungen und Zither geſpielt. Plötzlich präſentirte ſich mir ein alter Mann mit grauen Haaren, er ſei ein Wirth aus München und mache mit ſeiner Tochter eine Reiſe 3¹ in das Hochland. Ein Profeſſor Treumann in Kreuth habe ihm eine Empſehlungskarte an mich gegeben, ich möchte doch ſeine Tochter, welche ſehr ſchön ſinge und Zither ſpiele, den Herrſchaften vorſtellen, damit das Mädchen Gelegenheit bekäme, ſich zu produciren. Das Alles war ſo treuherzig und beſcheiden vor⸗ gebracht, daß ich keinen Augenblick zögerte, ſeinen Wunſch zu erfüllen; ich kannte zwar weder Profeſ⸗ ſor Treumann noch dieſen Wirth, aber es war ja möglich, daß ſie mich kannten, und wer kann die Na⸗ men aller Paſſagiere behalten, mit denen man auf Reiſen zuſammentrifft und einige Stunden verlebt. Sittig und ſchüchtern trat jetzt Fräulein Toni Zehner vor; ich präſentirte ſie der Geſellſchaft, und ſie ſang und ſpielte eine Reihe von Liedern unter all⸗ gemeinſtem Beifall, den ſie im vollen Maße verdiente. Von dieſem Augenblick an aber war Graziana nicht mehr für mich vorhanden. Faſt ſpöttiſch ſagte ſie: Ich gratulire zu Ihrem guten Geſchmack, Graf Fedor; Sie haben ja ausgebreitete Bekanntſchaften in ganz Deutſchland. Dann ſetzte ſie ſich hinüber zu ihrer Mutter, begann mit Vetter Anatol ein eifriges Ge⸗ ſpräch und beachtete mich nicht mehr. Auch auf der Rückfahrt nach der Scholaſtica blieb ſie einſilbig und ablehnend gegen mich. Fräulein Toni 32 ſang auf dem Kahn die herrlichſten Lieder, während wir durch den purpurnen Abendduft auf dem blauen Waſſer dahinſchwammen; ich leugne dabei nicht, daß ich, um Graziana zu ſtrafen, der anmuthigen Sän⸗ gerin, die mir ganz unbekannt war, mehr Artigkeiten erwies, als gerade nothwendig war. Auch als ſie bei der Scholaſtica wieder ihren Einſpänner beſtiegen, um nach Kreuth zurückzukehren, rief ich den Gäſten ein frohes Auf Wiederſehen! in München zu. Wer mir dieſen Streich geſpielt, ganz wildfremde Leute an mich zu adreſſiren, konnte ich kaum ahnen, denn daß Vetter Anatol in dieſem Fache, ſowie in der Imitation von Handſchriften Erſtaunliches leiſtete, wußte ich damals nicht; aber ich wurde in dem Ent⸗ ſchluſſe beſtärkt, etwas Entſcheidendes zu wagen.“ Graf Fedor ſchwieg einen Moment, um ſeine er⸗ loſchene Cigarre von türkiſchem Tabak wieder in Brand zu ſetzen. Ich kann nicht verſchweigen, daß ſeine Dar⸗ ſtellung, ſo ſehr ich das Erzählertalent des Herrn an⸗ fangs anerkennen mußte, etwas verworren zu werden begann und daß ich mich zu mehreren Zwiſchenfragen veranlaßt fühlte. Indeß wollte ich noch etwas warten; namentlich war ich auf die Entſcheidung des nächſten Tages geſpannt. Nach einer kleinen Weile fuhr Graf Fedor fort: end ven duß än⸗ iten hei ach hes an⸗ den en⸗ ten „Leider ſollte der andere Tag eine ganz andere Wendung herbeiführen, als ich geplant hatte. Ich war gewohnt, ſchon um ſechs Uhr aufzuſtehen und ein Bad im See zu nehmen. Diesmal kam eine ſchlaf⸗ loſe und unruhige Nacht dazu, ſodaß ich ſchon vor ſechs unten war, aber die Luſt zum Baden war mir vergangen; ich machte ſtatt deſſen eine Promenade am Ufer des Sees bis zum Geſpenſterhauſe und rief mir in dem Wäldchen alle einzelnen Begegniſſe mit Graziana zurück. Als ich endlich umkehrte— man kann dieſe ſchmale Landſtraße zwiſchen Felswand und Waſſer von dem Salett der Scholaſtica auf eine weite Strecke überſehen— kam mir ziemlich unerwartet Vetter Anatol entgegen und hielt an, als er mich er⸗ kannt hatte. Auf ein Wort, Fedor, ſagte er und deutete auf die Altane des Speiſeſaales, wo wir in der Regel zu⸗ ſammen das Frühſtück nahmen. Heute war noch Alles ſtill im Hauſe, ſodaß wir völlig ungeſtört waren. Wir nahmen Platz auf der ſchattigen Seite, und die volle Morgenſonne ſog jetzt die lichten Nebel auf, welche von der weiten blauen Fläche des Sees ſich zu den Tannen der Bergwälder erhoben. Vetter Anatol hatte die imponirende Ruhe eines Mannes von Welt, und wenn ich ihn jetzt auch nicht mehr Groſſe, Offene Wunden. I. 3 2 ½ 34 als meinen älteren Bruder wie einſt betrachtete, ſo wirken ſolche Superioritätsverhältniſſe der Jugendzeit doch lebenslang fort. Er ſchlug auch gleich wieder den alten Ton aus jener Convictszeit an und ſpielte dabei mit dem Charivari ſeiner ſtählernen Uhrkette. Kleiner Graf, ſagte er, ich muß heute endlich ein ernſtes Wort mit Dir reden, denn Du biſt eigent⸗ lich ein undankbarer Menſch. Ich will Dir auch ſagen, warum. Ich führe Dich in dieſe Familie ein, in der Abſicht, Dir Gelegenheit zu geben, Deine wilden Sitten etwas zu verfeinern, denn Du brauchſt noch ſehr viel, um den ruſſiſchen Bären auszuziehen, der noch in Dir ſteckt. Du aber ſcheinſt meine gute Abſicht falſch zu verſtehen. Du denkſt, ich habe Dir Gelegenheit zu einem Abenteuer geben wollen, aber hierin, muß ich Dir bemerken, befindeſt Du Dich in einem ſtarken Irr⸗ thum. Die Ruhe, mit welcher er dies Alles in hofmeiſtern⸗ dem Tone ſagte, ſtimmte auch meine Erregung ſofort herab, und ich erwiderte ihm: Ich bin Dir ſehr dankbar für Deine wohlwollende Sorge um meine Bildung und bin glücklich, in einem welterfahrenen Freund ein ſo leuchtendes Vorbild zu haben. Gleichwohl kommt mir die Weiſung in Betreff der Familie etwas unweltmänniſch vor. Im Punkt ſo ſolcher Abenteuer, wie man ſich auszudrücken beliebt, eit kommt es wohl vor allem auf das Glück an. Und en ich citirte dabei den Gvethe ſchen Vers vom Lorbeer lte und der Gunſt der Frauen aus dem„Taſſo“. Sieh, ſieh, Du haſt Dich ja recht hübſch gebildet ich in Deutſchland, erwiderte er. Wenn ich einen Dichter nt⸗ eitiren ſollte, ſo wählte ich Puſchkin oder Lermontoff, en, vorausgeſetzt, daß ich Reſpekt vor ſolchem Literaten⸗ er geſindel hätte. Uebrigens fällt es mir gar nicht ein, en Dich etwa warnen oder Deinem Willen Geſetze vor⸗ 4 ſchreiben zu wollen. Frei iſt der Mann und frei iſt ir die Gunſt der Frauen, hier aber handelt es ſich um u Thatſachen, und ſomit eröffne ich Dir, daß ich geſtern zu noch um die Hand Graziana's angehalten habe! ic Bei wem? fragte ich. Bei wem ſonſt als bei ihrer Mutter? Und ihre Antwort und Grazianens Antwort? Das thut gar nichts zur Sache, lieber Freund“ antwortete er. Das Eine kann ich Dir ſagen: die Dinge liegen ſo, daß Du Dich aller Bemühungen um de ihre Gunſt als enthoben anſehen kannſt. Beſprechen wir das in aller Ruhe. em . Ich bin auch ganz ruhig, ſagte ich und mußte lachen. So viel iſt klar, es kommt hier nur auf einen Willen, nur auf Graziana an. Ich erkenne in ſolchen n 3* 36 Fragen weder Vater noch Mutter an. Nur das Herz kann entſcheiden! Davon rede ich eben, ſagte Anatol mit unver⸗ wüſtlichem Phlegma, und ihr Herz hat entſchieden. Ich will nicht ſagen, weil Du jünger, unerfahrener aus⸗ ſichtsloſer biſt, nein, gerade weil Du Proben Deiner Erfah⸗ rung abgelegt haſt. Du darfſt Dich ja zahlreicher Verbin⸗ dungen rühmen, und ich kann Dir nur ſagen, daß Gra⸗ ziana völlig geheilt iſt; wenn ſie wirklich eine launiſche Schwäche gehabt hätte: Fräulein Toni und ihr Vater haben ihr die Augen geöffnet. Ein ſolcher Bubenſtreich kann nicht entſcheiden! rief ich. Sie wird es einſehen, daß nur ein Schurke dieſe wildfremden Leute an mich adreſſiren konnte! Anatol ſah mich eine Weile mit ſeinen tückiſchen, kleinen Augen an, als weide er ſich an meinem Zorn. Rege Dich nur nicht auf, Kleiner, ſagte er, und wirf nicht mit ſolchen unartigen Worten um Dich. Jedenfalls darf ich dem Freunde dankbar ſein, der ſo zu rechter Zeit eine kleine Karte mit einer einzigen Zeile beſchrieb. Kleine Mittel, große Wirkungen! Und er lachte wie ein Satan. Von dieſem Augenblicke an wußte ich, daß er bei dieſem Streiche irgendwie die Hand im Spiele gehabt hatte, aber mir fehlte jeder Beweis. 37 Thue, was Du willſt, fagte ich ihm. Es iſt in der Diplomatie Mode geworden, einander mit Faits accomplis aufzuwarten, und ſo denkſt Du mich eben⸗ falls einzuſchüchtern. Dieſe Praxis verräth den künf⸗ tigen großen Staatsmann. Ich aber ſage Dir, daß ich in der Liebe dieſe Art von Diplomatie nicht aner⸗ kenne. Wir haben beide noch freies Feld vor uns, und ich werde mir auf die eine oder andere Art Klarhei zu verſchaffen wiſſen. Daß ich einen Schlaukopf ver achte, der jene bewußten kleinen Mittel nöthig hat, um große Wirkungen zu erzielen, da die gefährlicheren Mittel wie Fehlſchüſſe und überladene Waffen nicht glücken wollten, brauche ich nicht zu ſagen; jedenfalls iſt dieſem Schlaukopf meine Adreſſe bekannt! Damit ſtand ich auf und verließ die Altane. Vet⸗ ter Anatol lachte mir nach und rief wie in früheren Zeiten zuweilen: Kleiner Graf, Du kannſt mir heute die Stiefel wichſen! Dies war nämlich eine der härteſten Strafen in dem Convict geweſen, wo wir beide erzogen wurden. Als ich hinunter auf die Landſtraße kam, welche das Salett von dem Wirthshauſe zur Scholaſtica trennt, ſah ich, daß der Hausknecht einen Wagen anſpannte. Wohin geht die Reiſe? fragte ich. 38 Die Frau Generalin will nach Jenbach fahren, ſagte der Knecht. Wie? Fort für immer? Nein, ſie kommt heute Abend zurück. Ah ſo, nur ein Ausflug, um dem drohenden Sturm auszuweichen“, dachte ich und ging ſofort zur alten Lene, welche Poſtbillets beſorgt. Mir kam eine plötzliche Idee, die mir ſehr glücklich ſchien. Belegen Sie mir auch einen Platz in dem Wagen nach Jenbach, ſagte ich zu der alten Schaffnerin. Ich werde einſtweilen vorausgehen und erſt ſpäter einſteigen. Uebrigens brauchen Sie den Andern nichts zu ſagen. Der Kutſcher bekommt ein gutes Trinkgeld. Nun werden Sie vermuthen, daß es mein Plan geweſen, dem ſauberen Herrn Anatol mit einem ge⸗ ſchickten Gegenzug Schach zu bieten; und doch war es das nicht. Ich hatte nur den heißen Wunſch, mit Gra⸗ ziana nach dem geſtrigen Mißverſtändniß noch einmal zu reden und, wenn Anatols Worte wirklich Wahr⸗ heit waren, für immer Abſchied von ihr zu nehmen. Auf ein freiwilliges Stelldichein durfte ich bei ihrer Stimmung nicht rechnen; aber ein erzwungenes Rendez⸗ vous— dazu war mir eine Poſtchaiſe ganz willkom⸗ men. 39 Ich war inzwiſchen vorausgegangen und glücklicher⸗ weiſe, ohne von Anatol bemerkt zu werden, der ſich in das Nebenhaus begeben, um bei der Generalin und Gra⸗ ziana ſeinen Morgenbeſuch zu machen. Meine einzige Sorge war, daß dieſer unerträgliche Menſch an dem Ausflug Theil nehmen könnte; doch auch für die⸗ ſen ſchlimmſten Fall hatte ich mich vorgeſehen. Glücklicherweiſe beſtätigte ſich dieſe Befürchtung nicht. Nach einer halben Stunde— ich war ſchon rüſtig vorausgeſchritten und hatte mich an einer der hohen Felſenterraſſen, an denen die Alpenroſen bis tief an den See herunterblühen, gelagert— kam die Frau Generalin mit Graziana allein angefahren. Sie waren beide nicht wenig erſchrocken, als plötzlich der Wagen hielt und ich gleichſam als blinder Paſſagier miteinſtieg. Die Mutter verſuchte zwar Remonſtrationen, daß ſie den Wagen für ſich allein genommen, aber ſie konnte nichts ausrichten, denn mein Fahrbillet war in voller Richtigkeit. Ich gewann es auch über mich, anfangs den Ruhigen und Gemeſſenen zu ſpielen. Ich gab vor, in Geſchäften einen Ausflug nach Innsbruck machen zu müſſen und keine Ahnung von ihrer Abſicht, nach Jen⸗ bach zu fahren, gehabt zu haben. Die Mutter, welche mir immer noch nicht traute, ſuchte das Geſpräch auf 40 Reiſen im Allgemeinen zu bringen und ich ließ ſie auch ruhig dabei. Sie ſprach von den„Kahlemitäten“, in den Ho⸗ tels, den guten„Kommfort“ und die nöthige„Proprie⸗ tät“ zu finden. Sie ſei„peſtimiſtiſch“ in dieſer Be⸗ ziehung und habe ſchon viel„tolleriren“ müſſen, was einer Dame von ihrer„Disſtinkzion“, unausſprechlich „kontrolör“ ſein müſſe. Uebrigens ſei ihr Aufenthalt nur„profeſſoriſch“ und ſie freue ſich ſehr auf Paris, denn in Rußland werde ſie die„kathedraliſchen Affec⸗ tionen“ im Winter nicht los. Ich hatte dieſe intereſſanten Auseinanderſetzungen längſt ſatt und wandte mich an Graziana, die wie geiſtesabweſend in der Ecke des Wagens mehr lag als ſaß und die halbgeſchloſſenen Augen in die Weite ſchweifen ließ. Der See draußen lag in azurenem Purpur, bald hellblau, bald ins Schwärzliche über⸗ gehend. Wir fuhren dicht am Rande über zahlreiche Brücken, unter denen die dunkle Flut blitzte und rauſchte. Ihnen darf man ja Glück wünſchen, Fräulein, ſagte ich, denn wie ich höre, iſt geſtern noch eine wich⸗ tige Lebensfrage für Sie entſchieden worden. Gra⸗ ziana zog mit vornehmer Geringſchätzung die Oberlippe und ſagte: Ich weiß nichts davon. Sie wollte of⸗ 4¹ fenbar noch mehr hinzuſetzen, aber die Mutter ſchnitt ihr das Wort ab. Ehe wir weiter discutiren, mein Herr Comte, er⸗ lauben Sie mir zu bemerken, daß dergleichen discrete„Af⸗ fenfairen“ ſich wohl nicht für die„Conſervation“ auf der „Ruthe“ eignen. Ohne meinen Herrn Gemahl, den Gene⸗ ral, wird übrigens auch keine Entſcheidung getroffen wer⸗ den. Du weißt, ma fille, wie ſtreng unſere„Familien⸗ tradelizionen“ darin ſind und wie das vierte Gebot lautet. O deſto beſſer! wenn die Dinge ſo ſtehen, rief ich und mir ſank ein Stein vom Herzen. Daß eine kecke Schwindelei, eine freche Lüge im Spiel ſei von ſeiten dieſes ſkrophulöſen Gorilla, dachte ich mir gleich. Ich müßte auch Graziana die heftigſten Vorwürfe machen, wenn ſie im Stande wäre, ſich an einen ſol⸗ chen ruinirten Verſchwender zu binden; doch ich will ihn lieber gar nicht charakteriſiren, Sie kennen ihn ja ſelbſt hinreichend. Aber ich will nur ſagen, daß ich jede Tochter für ein armes Opferlamm oder für eine Kokette halten muß, die ihre Entſcheidung ſich von einem fremden Willen aufdrängen läßt. Freiheit des Herzens iſt das erſte Menſchenrecht, und kein Gott im Himmel oder auf Erden kann mir vorſchreiben, wen ich lieben ſoll. Iſt es überhaupt eine Thorheit, 42 der Zukunft einen Riegel vorzuſchieben und ſich die Hände zu binden, ſo iſt es vollends ein Verbrechen, ſich zu opfern oder Andere mit der unfreiwilligen Hingabe zu betrügen. Gegen ſolche legale Proſtitution auf Be⸗ fehl ſind mir ſelbſt die größten Laſter der Leidenſchaft noch heilig. Nein, ſo tief kann eine reine, erhabene Natur nicht ſinken, und jene müßten den Fluch auf Zeit und Ewigkeit auf ſich laden, die dazu die Hand bieten könnten, ihr eigenes Kind zu verkuppeln! Ich weiß nicht, was ich noch Alles in meinem Anfall von unüberlegtem Jähzorn geſagt habe, aber ich erſchrak. Graziana war blaß wie der Tod gewor⸗ den und begann auf einmal heftig zu ſchluchzen. Da brach aber der Zorn der Mutter unaufhalt⸗ ſam los, und jetzt ſprach ſie nur ruſſiſch ohne Fremd— wörter, wenn auch nicht im feinſten Tone. Ich muß mir verbitten, ſagte ſie ungefähr, uns dieſen Ausflug und dieſen ſchönen Tag ſo zu verderben. Sie haben kein Recht zu ſolchen Vorwürfen und kein Recht, in dieſem Tone mit uns zu reden. Wenn Sie auch ein Graf ſind, ſo iſt mein Mann ein Millionär und braucht ſich das nicht von Ihnen bieten zu laſſen! Und in dieſem Tone ging es noch eine Weile fort, dann rief ſie dem Kutſcher zu, zu halten. Ich muß Sie auffordern, ſofort den Wagen zu E — berl Un de ig in ns en. cht, uch nd 43 verlaſſen, ſagte ſie. Sie tödten mir mein Kind; ich leide es nicht, daß Sie uns noch eine Minute beläſtigen. Auf der Stelle ſteigen Sie aus, oder Sie nöthigen uns, zu Fuß zu gehen. Entweder Sie oder wir! Dabei wurde die gute Frau flammendroth und ich mußte befürchten, daß ſie im nächſten Augenblick der Schlag treffen würde. Was wollte ich machen! Ich ſtieg aus und wollte Graziana ein begütigen⸗ des Wort ſagen, aber ſie drückte mir noch einmal hef⸗ tig die Hand und winkte mir fort, da ſie wohl ſelbſt in Sorgen um ihre Mutter war. So ſtand ich plötzlich einſam und allein auf der Landſtraße und ſah den Wagen vor mir hinrollen, bis er an den erſten Häuſern von Buchau am Südende des Sees verſchwand. Sollte ich nun umkehren oder dem Wagen folgen, um meinen ſchönen Flüchtling in Jenbach wieder zu erreichen? Eine Umkehr war un⸗ möglich, ſie würde mich dem Spott Anatol's wie den fragenden Blicken der Geſellſchaft ausgeſetzt haben. Und ihnen nachzufolgen, um in Jenbach einen neuen Auftritt herbeizuführen, wozu das? Zwar hätte ich mich in der Pertisau einquartieren können, um dort auf neutralem Gebiet die weitere Entwickelung abzu⸗ warten, aber was überhaupt war für mich zu erwarten? Das Eine ſtand feſt: Frau Arxinia fühlte ſich tödtlich 44 beleidigt von mir, und Graziana's Herz hatte ſich durchaus nicht für mich entſchieden, ſie hatte mit mir geſpielt wie mit ihrer ganzen Umgebung. Dieſe Em⸗ pfindung wurde zur Ueberzeugung und eine raſche, ent⸗ ſchloſſene Trennung ſchien mir das Heilſamſte für beide Theile. Ich ſchritt vorwärts. Es war, als wenn eine Saite in meiner Seele zerriſſen ſei; und doch, je weiter ich bergab ſchritt zwiſchen den himmelhohen, be⸗ waldeten Bergen und Felswänden, zur Seite einen tobenden Gießbach, der in wilden Katarakten die ſteile Höhe hinunterrauſchte— je weiter ich kam, je mehr war es mir, als wenn eine ſchwere Laſt von meiner Seele genommen ſei. Ich fühlte mich wieder frei und neugeboren, wie wenn ich eine Zeit lang in einem verwünſchten Berg zugebracht hätte. Graziana war reizend und begehrenswerth, aber an das Herz gewach⸗ ſen zum Leben und Sterben war ſie mir doch nicht wenigſtens philoſophirte ich damals ſo, und Sie kennen ja die Troſtgründe des Fuchſes, wenn ihm die Trauben zu hoch hängen. Ohne Schmerz nahm ich Abſchied von dem ſchö⸗ nen See, gleichgültig ſchritt ich an dem alten Schlößchen oder Jägerhauſe vorüber, wo einſt die ſchöne Philippine Welſer mit ihrem Erzherzoge glückliche Tage verlebt. —— — ſich mir Em⸗ ent⸗ eide enn je be⸗ inen teile nehr iner und nem war ach⸗ icht nnen uben ſch⸗ ten die liche 45 Singend zog ich vorüber an Mühlen und Weilern und raſtete nicht, bis ich die Thürme von Jenbach vor mir ſah. In der ſteilen Schlucht, welche dort hinunterführt, begegnete ich einer Familie, welche ebenfalls in der Scholaſtica wohnte und ſeit einigen Tagen einen Aus⸗ flug in das Zillerthal unternommen hatte. Es war ein Juſtizbeamter aus Norddeutſchland mit Frau und Töchtern; man wunderte ſich, mich hier allein zu treffen, zumal man kurz zuvor dem Wagen mit Frau Axinia begegnet war. Ich gab vor, mit der letzten Poſt wichtige Briefe bekommen zu haben, die mich zur ſchleunigen Abreiſe zwängen; ich bat ſie auch, meine Koffer mir nach Innsbruck nachzuſchicken. Ich würde nach Wien und von dort nach Venedig gehen; und was ich ſo als ſchlechte Ausflucht erfand, ward auch ſofort zum feſten Entſchluß, zumal mich die Freunde mit zweifelnden Augen betrachteten und finden mochten, daß ich eine etwels komiſche Rolle ſpiele. Ich riß mich ſchnell los und ſchritt durch den Ort auf den Bahnhof zu. So eben war ein Zug nach Roſenheim abgegangen. Der Wagen, welcher Grazi⸗ ana und ihre Mutter gefahren, kam mir entgegen; es koſtete nur wenig, vom Kutſcher herauszubringen, daß die Flüchtlinge bis Brixlegg gegangen ſeien, wo ———— 46 alljährlich theatraliſche Vorſtellungen, und zwar von Bauern, ſtattfinden. Auch für heute Nachmittag war eine ſplche ange⸗ ſagt. Einen Moment lang, ich leugne es nicht, ſchwankte ich, ob ich ihnen nicht dorthin nachfolgen ſollte, um eine Verſöh⸗ nung herbeizuführen; aber der Stolz behielt die Ober⸗ hand, und ich nahm mir ein Billet nach der entgegen⸗ geſetzten Richtung, nach Innsbruck. Dem Kutſcher ſchloß ich mit einem guten Trinkgeld den Mund und gab ihm nochmals Auftrag, mir meine Reiſeeffecten dorthin nachzuſenden. Erſt als ich in Innsbruck war und größere Ent⸗ fernung zwiſchen uns lag, gewann ich völlige Ruhe und Entſchloſſenheit. Die weite Welt lag jetzt vor mir. Ich konnte nach Wien gehen, wo ich Freunde aus früheren Jahren hatte; ich konnnte die Brennerbahn benutzen zu einem Ausflug nach Verona, Venedig und weiter. Da fiel mir eine Zeitung in die Hand, die, wenn ich mich recht erinnere, von Stiergefechten ſprach, welche die Kai⸗ ſerin Eugenie in Paris einführen wollte. Das war, was ich brauchte! Blut, Aufregung, Tumult und au⸗ ßerdem—“ Er ſchwieg dabei einen Augenblick. „Erlauben Sie mir, daß ich Sie unterbreche“, ſagte ich;„außerdem wußten Sie, daß Graziana in nächſter Zeit auch in Paris eintreffen werde.“ 47 „Daran dachte ich in dieſem Augenblick nicht“, ſagte Graf Fedor mit einiger Verlegenheit und wich meinem Blick aus.„Genug, am andern Tage kamen meine Sachen an und ich fuhr über Bregenz und den Bodenſee nach Paris.“ Drittes Kapitel. Graf Fedor machte eine Kunſtpauſe, in welcher wir ihn nach Paris reiſen laſſen. Er ſah mich eine Weile an, als wenn er ſagen wollte: Was glauben Sie nun, was kommen wird? Dann fragte er mit nachläſſigem Tone: „Nun, was ſagen Sie zu dieſer Geſchichte?“ „Ich mache Ihnen mein Compliment als einem gewandten Erzähler; es iſt wirklich ſchade, daß uns kein Stenograph zur Verfügung ſteht, aber offen geſtanden, finde ich weder in den Charakteren noch in den Erleb⸗ niſſen etwas Außergewöhnliches oder Räthſelhaftes, es müßte denn erſt in dem Folgenden kommen.“ Wieder ſah mich der Graf eine Weile ſchweigend an und es ſchien faſt, als ob ihn meine Be⸗ merkung verletzt habe, dann fuhr er fort: „Sie vergeſſen, daß jene Vorfälle auch nur für her ſen fir 49 mich außergewöhnlich waren; weiter habe ich nichts behauptet und muthe Niemand ein beſonderes In⸗ tereſſe daran zu, wenn dergleichen Erlebniſſe wirklich ſo gewöhnlich und alltäglich ſein ſollten. Wollen Sie überhaupt die Fortſetzung hören?“ „O, ich bitte ſehr darum. Mich intereſſirt die ſchöne Graziana über alle Maßen.“ „Einige Tage ſpäter alſo“, fuhr er fort,„war ich in Paris, und zwar nicht zum erſten Male; dieſe Weltſtadt iſt ja eigentlich eine zweite Heimat für uns Ruſſen. Die reizenden Orte im Seinethale, Auteuil, Suresnes, Asnidres, St.⸗Cloud, Sevres und Meudon, erweckten mir hundert Erinnerungen an glück⸗ liche Jugendtage mit gleichgeſtimmten Freunden und ſchönen Frauen, die für uns nordiſche Barbaren nicht unempfindlich waren. In jenem Jahre war auch die große Weltaus⸗ ſtellung auf dem Marsfelde. Eine wahre Völker⸗ wanderung von Hunderttauſenden von Fremden über⸗ ſchwemmte Paris, um die Wunderwerke menſchlichen Kunſtfleißes in dem mächtigen Palaſt aus Glas und Eiſen zu beſtaunen. Alle Völker des Erdkreiſes ſchienen ſich hier ihr Rendezvous gegeben zu haben, um dem „Préſtige“ franzöſiſcher Civiliſation ihre Huldigung darzubringen. Es war der letzte Abendſonnenſchein Groſſe, Offene Wunden I 4 —.,———————— —,ĩ.— 50 des Kaiſerreichs. Dieſe Fülle von improviſirten Paläſten, Kiosken, Tempeln, Kirchen, Pavillons und Bauten aller Art neben dem mächtigen Weltmagazin von Allem, was menſchliche Cultur, Induſtrie und Kunſt zu erſinnen vermag: es war etwas Berau⸗ ſchendes und Hinreißendes, das Vollkommenſte, was der Menſchengeiſt am ſauſenden Webſtuhl der Zeit zu Stande gebracht, hier vereinigt zu ſehen. Ich geſtehe, daß mich anfangs dies großartige Schauſpiel anzog, aber ich bekam es bald überdrüſſig, zumal ich vor Begegnungen mit mancherlei Landsleuten nicht ſicher war; und ich übergehe dieſe Schilderung um ſo mehr, da Ihnen Alles aus den Zeitungen bekannt ſein wird; außerdem auch hatte die Weltausſtellung mit meiner eigenen Geſchichte in der Folge nichts zu ſchaffen. Ich will nicht ſagen, wie mir die Tage ver⸗ gingen. Abſichtlich ſuchte ich jeden tollen Strudel von Zerſtreuung und bacchantiſcher Luſt auf, um mich zu betäuben und um zu vergeſſen. Aber dieſe Kurmethode wollte ſchlechterdings nicht anſchlagen. Alle dieſe ſüßen Kelche, welche mir das Pariſer Leben früher zu einem olympiſchen Traum verwandelt, waren mir jetzt auf immer vergiftet, ſeit ich bei Graziana mir eingebildet, ich ſei ein beſſerer Menſch geworden. Ohne es zu wollen, wurde ich in kurzer Zeit 5¹ zum tugendhaften Anachoreten, zum blaſirten Ein⸗ ſiedler. Ich hatte mir zwar vor der Porte St.⸗Denys am Boulevard Sebaſtopol eine Wohnung gemiethet und ſtarrte ſtundenlang ſtumpfſinnig auf das betäubende Gewoge von Menſchen und Wagen herab, aber dieſer Lärm und Tumult machte keinen Eindruck mehr auf mich; ich kam mir vor, am Meeresſtrande zu ſitzen, wo die rauſchende Flut mit eintönigem Wellenſchlage an die felſigen Klippen brandet. Wie lange dieſer hoffnungsloſe Zuſtand gedauert, ich weiß es nicht zu ſagen, aber ich mußte den Leuten im Hauſe einen un⸗ heimlichen Eindruck machen, denn der Concierge ſchickte mir eines Tages aus eigenem Antriebe einen Arzt herauf, der nach vielen höflichen Fragen und Bemerkungen mir ein Seebad verordnete, die letzte Zuflucht von Aerzten, die nicht wiſſen, woran ſie ſind. Nun, es kam eine beſſere Kur. Es mochten wohl zwei Monate ſein, ſeidem ich in Paris war, und ich ſaß wie gewöhnlich auf meinem Balcon, um zu leſen, zu rauchen, zu träumen, als ein offener Wagen an meinem Hauſe vorfuhr und ein Herr zu mir heraufgrüßte. Es war der Vetter Anatol Korſakoſf. Ich fühlte mein Herz ſchlagen, denn ich wußte, er brachte mir Nachricht von der Einzigen. Er kam auch ſofort her⸗ auf, trat in mein Zimmer, begrüßte mich und nahm 4. 52 Platz auf dem Divan, und das Alles ſo cordial und ungenirt, als wenn gar nichts zwiſchen uns vorge⸗ fallen wäre, was der Rede werth ſei. Ah, da biſt Du ja, kleiner Fedor, ſagte er mitten im großen Babel Dein wanderndes Steppen⸗ zelt; nun, ein charmantes Hotel garni. Du haſt keinen übeln Geſchmack, wie immer, wahrſcheinlich auch eine allerliebſte Cocotte bei der Hand; Du mußt mich ihr vorſtellen, das mache ich zur Bedingung. Ich muß bitten, dieſen Ton nicht mehr anzu⸗ ſchlagen, erwiderte ich, oder ſich zu entfernen! Hoho, lachte er dann, biſt Du unter die Skopzen gegangen? Das wäre neu; nun, mein Beſuch ſoll kurz werden. Ich komme eigentlich nur als Botſchafter, wenn auch nicht im Paletot, wie Menſchikoff in Kon⸗ ſtantinopel. Die Art, wie man ſich eclipſirt hat im Poſtwagen, war eigentlich genial entworfen und würde vielleicht auch glücklicher abgelaufen ſein, wenn man mehr sang froid gehabt hätte; aber daran ſcheint es meinem kleinen Fedor immer noch zu fehlen. Ich mußte drei Tage lang lachen, als ich davon hörte, wie man, wie der Deutſche ſagt, abgeblitzt iſt. Dann änderte er ſeinen leichten Ton und ſagte mit plötzlichem Ernſte: Weniger will mir die Art gefallen, wie man ſich gegen die junge Dame betragen hat. 53 Ich bitte Alles, nur keine Anſtandspredigten, unterbrach ich Anatol; in ſolchem Munde kommt mir das ſo komiſch vor, als wollte Asmodi Meſſen leſen in der Madeleine.“ Sieh, ſieh, ſagte er, Du verſuchſt ſarkaſtiſch zu werden; nun, das macht die Pariſer Luft, aber der mangelnde Esprit wird Dich nicht hindern, Kleiner, alles das zu widerrufen, was Du Frau Arinia und Graziana in das Angeſicht geſchleudert haſt. Ich will vom Geſchmack nicht reden, der zu ſolchen Aus⸗ drücken greifen kann, aber ich halte mich an die letzteren. Ich bin weder ein„ſkrophulöſer Gorilla“ noch ein „lungenſüchtiger, ruinirter Verſchwender“; das iſt das Eine! Ferner iſt weder Graziana ein„Opferlamm“ oder eine„charakterloſe Kokette“, noch Frau Axinia eine„Kupplerin“ oder eine„giftige Schlange“. Dies Alles, mein hitziger Freund, eignet ſich recht gut für ein Melodram im Pariſer Stil und dahin zählt auch die„legale Proſtitution auf Befehl“, aber für eine Familie von unſerem Rang ſind dieſe Kraftausdrücke denn doch etwas zu gewagt, zumal da die Damen nicht in der Sphäre der Chiffonniers aufgewachſen ſind. Ich verlange deshalb, daß Du alle jene In⸗ vectiven in optima forma widerrufen wirſt, voraus⸗ geſetzt, daß man ein Mann von Ehre iſt. 54 Ich ſah jetzt, daß Frau Axinia meine Ausdrücke ſtark übertrieben hatte, und wunderte mich im Stillen, daß ſie überhaupt den Cynismus hatte, dergleichen vor einem Dritten zu wiederholen. Daß ich hitzig war, beſtreite ich nicht, er⸗ widerte ich ihm. Die Wahrheit iſt ein Erz, aber im Feuer ſchmilzt es und verwundet, wen es berührt. Wenn die Generalin aber außerdem meine Worte aufgebauſcht und vermehrt hat, ſo fühle ich keinen Beruf, ſie zu corrigiren. Ich gebe zu, es iſt nicht fein, über ſeinen Nebenbuhler ſo herbe Dinge zu ſagen, aber indem ich mich hinreißen ließ, war auch ſchon die Abſicht vorüber, etwaigen Vortheil davon zu ziehen. Ein Narr vollends müßte ich ſein, wollte ich das zurücknehmen, was die leidige Wahrheit war, um ſtatt deſſen Dich nun als eine Art Engel und Märtyrer hinzuſtellen. Wenn das Deine Abſicht wäre, müßteſt Du wohl ſelbſt über meine Einfalt lachen. Von mir iſt nicht die Rede, rief Anatol; ich verlange nur Widerruf deſſen, was die Damen be⸗ trifft! Ich wüßte nicht, wie das geſchehen ſollte, ſagte ich und hatte meine volle Ruhe wiedergewonnen. Dieſen Dämon des Abgrunds auf eine kleine Folter zu ſpannen, war mir eine Art Hochgenuß. 55 Ich verlange einen abbittenden Brief, den ich dictiren werde, ſagte Anatol und nahm mir gegenüber an meinem Schreibtiſch Platz. Warum nicht gleich lieber auf Erbſen knieen oder eine Knutenſtrafe von ſchöner Hand? ſpottete ich. Von mir erhältſt Du keine Zeile und auch mündlich werde ich meine Aeußerungen nicht zurücknehmen. Auch wenn das Leben und die Geſundheit Gra⸗ ziana's davon abhängt? fragte Anatol, und ſeine mächtige Stimme hatte jeden Klang verloren. Da ſprang ich auf. Leben und Geſundheit— was willſt Du damit ſagen? Anatol fand es für gerathen, mir keine Ant⸗ wort zu geben. Ah, ich verſtehe jetzt: meine Worte ſcheinen Eindruck gemacht zu haben, und Graziana iſt leidend. So ſchmerzlich mir dieſe Rachricht, ſo danke ich Dir doch dafür, denn mir klingt ſie wie eine Bot⸗ ſchaft des Himmels. Ich ſehe nun, daß Graziana's Herz entſchieden hat und daß ſie keine eitle Kokette iſt, ſonſt würde ſie meine Worte abgeſchüttelt haben, um ſich vielleicht in Deinen Armen zu tröſten. Das hat ſie nicht vermocht. Komm' her, Anatol, gib mir Deine Hand; für dieſe Nachricht könnte ich Dich küſſen! Anatol Korſakoff war aufgeſtanden und ſah mich mit finſterem Blick an. 56 Gut, willſt Du keinen Frieden, Kleiner, ſo habe Krieg! Eins ſage ich Dir zur Warnung: ungeſtraft hat noch kein Sterblicher den Anatol l Korſakoff dereſti alſo ſieh Dich vor! Kühle nur Deinen Muth, immerhin! erwiderte ich. Pulver und Blei ſind jedenfalls billiger als Sect, Auſtern und Roulette. So viel, hoffe ich, wird Dir doch geblieben ſein, und was mich betrifft, ſo ſtehe ich jeden Tag und jede Stunde zu Dienſten! Da erſchien ein ſeltſames widerliches Lächeln in Anatol's Geſicht; er zeigte förmlich ſeine Zähne und ſagte: Meinſt Du? Es wäre allerdings ein Mittel, Dich wieder intereſſant zu machen, ſei es als Sieger, Verwundeter oder Erſchoſſener. Aber dieſen Gefallen Dir zu erweiſen werde ich mich hüten. Lebe wohl, kleiner Fedor, im Uebrigen wirſt Du von mir hören! Mit dieſen Worten entfernte er ſich. Mir aber dehnte ſich die Bruſt aus, und mir war leicht und fröhlich zu Muthe, als hätte ich einen großen Sieg erfochten. Herr Anatol hatte ſein Spiel de⸗ finitiv verloren, das wußte ich jetzt mit Beſtimmtheit und mußte über die Naivetät lachen, hoffen zu können, daß meine Gutmüthigkeit ihn durch eine ſchriftliche Erklärung bei Graziana wieder rehabilitiren ſollte. 0 — ( Seine Drohungen— bah, wer achtet auf die ſchnaubende Ohnmacht eines Feiglings! Und was die Krankheit Graziana's betraf, ſo war ich wenig in Sorgen. Vor Kummer um den ſchönen Anatol war die junge Dame ſchwerlich leidend, und war es die Sehnſucht oder die Reue, mich vertrieben zu haben, ſo gab es ja eine Eiſenbahn nach Paris; ſo gut Herr Anatol meinen Aufenthalt herausgebracht, mußten auch die Damen ihn kennen. Dieſe Logik war einfach, und wenn auch der gekränkte Stolz des Mädchens ſich vor einem ſolchen Schritt ſcheuen mochte, ſo konnte er nicht ewig dauern. An dieſem Tage ging ich zum erſten Mal nach langer Zeit wieder unter Menſchen, zuerſt hinaus in die Weltausſtellung auf dem Marsfelde, nachmittags in das Palais Royal, um dort zu diniren, dann in das Theater du Chatelet, wo man eine wunderliche Zauberpoſſe gab, ich glaube, das Stück hieß„Cendrillon“. Am andern Tage ſchaffte ich mir ein Reitpferd an, durchſtreifte die Umgegend, ließ mich auf den Boule⸗ vards ſehen und ſuchte einige Familien wieder auf, die ich aus früheren Tagen kannte, aber bis jetzt ge⸗ mieden hatte. Kurz, in meinem Leben war eine voll⸗ ſtändige Wandlung eingetreten. Ich wußte, das heißt, ich fühlte es den Sonnenſtrahlen an, daß Gra⸗ 58 ziana auf dem Wege nach Paris ſein müſſe, und ſo ſtaunte ich nicht im mindeſten, als mir eines Tages der Concierge einen kleinen Brief überreichte, der ſo eben abgegeben worden ſei. Es war ein Couvert mit der Karte der Frau Generalin von Subowjeff, darauf ſtanden mit Blei⸗ ſtift zwei Zeilen, die mir wie himmliſche Muſik tönten. Die Worte lauteten: Bitte, kommen Sie zu uns. Wir ſind geſtern angekommen und wohnen im Grand Hötel. Fünf Minuten darauf war ich in jenem großen Palaſt, der einen kleinen Stadttheil für ſich bildet, und man führte mich hinauf, ohne mich weiter anzumelden, denn ich war bereits erwartet. Frau Axinia kam mir entgegen ſo unbefangen und höflich, als wenn niemals ein unfreundliches Wort zwiſchen uns gefallen wäre. Auch ſprach ſie nur ruſſiſch und verſchonte mich mit ihrem polhglotten Gemengſel. Sie dürfen Graziana heute noch nicht ſehen, ſagte ſie, das Kind iſt noch zu angegriffen von der Reiſe. Ueberhaupt können wir hier im Gaſthof nicht bleiben. Bitte, miethen Sie uns eine Wohnung. Sie kennen ja Paris. Bequeme Räume, eine ruhige Straße, Sonnenſchein und Grün, das iſt Alles, was wir 5 — — verlangen. Ich gebe Ihnen die weiteſte Vollmacht und bin überzeugt, daß Sie unſere Wünſche gewiß erfüllen werden. Obwohl ich eigentlich wenig Erfahrung in der⸗ gleichen Commiſſionen beſaß, entzückte mich doch der Gedanke, meiner geliebten Graziana eine Wohnung einzurichten. Zum Glück fand ſich auch ſofort eine reizende Villa in der Avenue de l'Impératrice, nahe den Champs Elyſées und mit der Ausſicht auf den herrlichen Park des Palais Elyſée. Es war eine Flucht von fünf bis ſechs Zimmern, ſchon urſprünglich nicht ohne Comfort; ich aber ließ das Ganze mit allem erdenklichen Luxus einrichten, wie man es auf der ganzen Welt nur in Paris verſteht. Prachtvolle Teppiche und Portièeren, Sammt⸗ und Gobelintapeten, ein Erard'ſcher Flügel und Gemälde von Jerome, Broncelampen, Marmorfiguren, ein Buffet von Eben⸗ holz, Möbel, Trumeaux und Luſtres von dem Solideſten und Koſtbarſten, was in Paris und in der Weltaus⸗ ſtellung zu finden war. Ich führe das nicht an, um mir in Ihren Augen ein Relief zu geben, ſondern nur um meine Stimmung zu zeichnen; ich hätte Pro⸗ vinzen und Königreiche verſchenkt, wenn ich ſie gehabt hätte. Bevor Alles fertig werden konnte, gingen doch einige Wochen hin; denn ich war ſehr wähleriſch und 60 mußte das Meiſte von dritter Hand beſorgen laſſen. Um die Zeit übrigens auszufüllen, machte ich den Cicerone der Damen und fuhr mit ihnen durch die Stadt und ihre reizende Umgebung, die ihnen noch unbekannt waren.“ „Entſchuldigen Sie eine Zwiſchenfrage, Herr Graf“, unterbrach ich ihn.„Wie war das Wieder⸗ ſehen mit Graziana und wie benahm ſie ſich dabei?“ „O, das Wiederſehen fand gleich am andern Tage ſtatt. Das Mädchen war von einer durchſichtigen Bläſſe, aber von einer leuchtenden, überirdiſchen, wie man ſich die Verklärten und Heiligen denkt. Sie ſprach ſehr wenig, aber ſie lächelte ſtill vor ſich hin und hing wie ein Kind an jedem meiner Blicke, jedem meiner Worte. Die arme geknickte Blume hob wieder ihr Haupt zur Sonne, und mit jedem Tage blühte ſie mehr und mehr wie eine Roſe auf. Die Abweſenheit des Vetters Anatol— denn dieſer war ſofort wie⸗ der aus Paris verſchwunden und jetzt war niemals die Rede von ihm— ſchien zu ihrer Geneſung faſt noch mehr beizutragen als meine Nähe. Was ſoll ich Ihnen unſere Tagesordnung er⸗ zählen? Wir fuhren meiſt morgens um zehn Uhr fort, in den erſten Tagen regelmäßig in die Weltaus⸗ ſtellung, dann nach Longchamps oder Pré Catelan, 2 — — 0)—— ſſen. den die noch Herr eder⸗ eik“ dern tigen wie Sie hin edem iedet te ſie nheit wie⸗ mals noch Uhr taus⸗ telan⸗ 61 bisweilen auch weiter nach Suresnes und St.⸗Cloud, wo wir dann den Tag über blieben. Daß Verſailles, Fon⸗ tainebleau, Vincennes und St. Denys nicht unbe⸗ ſucht blieben, verſteht ſich von ſelbſt. In der Stadt ſelbſt wurden die Gallerien des Louvre und des Luxembourg durchſchritten und ſtudirt. Und es gab keine Sehenswürdigkeit vom Pantheon bis zum In⸗ validendom, ſowie die Tuilerien, das Hotel de Ville, Hotel Cluny und den Jardin des Plantes, welche wir als gewiſſenhafte Touriſten nicht nach Vorſchrift durchwandert hätten. Den tiefſten Eindruck machte auf Graziana das alte moosbewachſene Denkmal des Abälard und der Heloiſe auf dem Peère la Chaiſe, und ſie ließ es ſich nicht nehmen, dieſe Wallfahrts⸗ ſtätte aller Liebenden auch mit einem Immortellen⸗ kranze zu ſchmücken. Wiederholt auch waren wir, wie die meiſten Fremden, auf der herrlichen Terraſſe des Tuileriengartens an der Place de la Concorde und auf den prächtigen Quais mit der weiten Ausſicht auf Notredame und die Windungen der Seine mit ihren maleriſchen Brücken. Frau Arxinia ſelbſt be⸗ wegte ſich lieber vor den glänzenden Läden der Rue royale und Rue Rivoli, und nur einmal gelang es uns, ſie zu einer Fahrt vom Baſtillenplatze bis zum Arc de Triomphe zu bewegen. ——————————— 62 Doch wozu Ihnen das Alles erzählen! Das muß man ſelbſt ſehen, und mir ſind dieſe Dinge des⸗ halb ſo unvergeßlich, weil ich ſie mit der Einzigen ſah, die mir das Leben wieder lieb und werth machte. Mit jenen Kreuz⸗ und Querzügen ging meiſten⸗ theils der Tag hin; abends um ſechs Uhr dinirten wir bei Vefvur oder den Freres provengaux im Palais Rohal, dann nahmen wir im Garten den Kaffee und ſpäter ging es in eins der zahlreichen Theater, Odeon, Chatelet, Theatre frangais, Porte St.⸗Martin, Variétés oder in die große Oper. Die Tage verflogen wie ein Traum. Mein An⸗ erbieten, die Generalin in einige der mir bekannten Familien einzuführen, lehnte ſie ab, und ich war inner⸗ lich froh, denn nun behielt ich alle meine Zeit für Graziana, und außerdem war man nie ſicher, daß Frau Arxinia nicht irgend einen Verſtoß gegen den guten Ton beging. Nur mit Mühe war ſie dahin zu bringen, ihre auffallend bunten Stoffe mit einfacheren zu vertauſchen. Graziana kam dabei nicht von meinem Arm, und ich freute mich, welch ein feines Verſtänd⸗ niß ſie für die Kunſt wie für alle neuen Eindrücke bewies, und wie eigenartig ihr Charakter zu Tage trat. Zwei kleine Züge muß ich anführen, weil ſie für die Folgezeit wichtig wurden. Eines Tages muß des⸗ ſzigen achte. iſten⸗ irten alais und deon, iétés An⸗ mten nel⸗ t füt daß den in j n inem änd⸗ rüde Tag lſie ge 63 waren wir in der Kirche St.⸗Sulpice geweſen und mußten, da wir keinen Wagen finden konnten, zu Fuß zurückkehren. Dabei geriethen wir auf dem Boule⸗ vard St.⸗Michel in ein dichtes Menſchengedränge. Plötzlich werde ich darauf aufmerkſam gemacht, daß ein junger Menſch Graziana die Börſe entwendet. Es entſteht ein Tumult, Sergeants de ville drängen ſich herzu, und im nächſten Augenblick wäre der Dieb abgeführt worden. Es war ein verkommenes Subject, das in dem flehendſten Tone um Schonung bat. Als Graziana den Raub als ihr Eigenthum anerkennen ſollte, ſagte ſie: Was wollen Sie, ich habe es dem Armen geſchenkt! Der arme Teufel, Namens Felicien, mußte freigelaſſen werden, und er folgte uns ſeitdem bei verſchiedenen Vorfällen wie ein treuer Pudel, den man aus dem Waſſer gezogen. Verhängnißvoller wurde ein anderes Begegniß. In jenem Saal des Louvre, wo neben Rafael und Veroneſe die koſtbarſten Perlen aller Malerſchulen vereinigt ſind, gleichſam in einem Sanctiſſimum der Kunſt, wird vielfach copirt, und die meiſten dieſer Copiſten waren, wie auch in den andern Sälen, Damen, welche ſich mit dieſer Thätigkeit eine ziemlich glän⸗ zende Exiſtenz verſchaffen, da die meiſten dieſer Copien nach Amerika gehen und dort hoch bezahlt werden. 64 Vor der berühmten Mona Liſa des Leonardo da Vinci, jenem bezaubernden Bildniß, das Franz der Erſte er⸗ worben, malte eine junge Dame. Ich kann nicht ſagen, daß ſie ſchön war, aber das ſchwärmeriſche, große Auge und der Ausdruck tiefſter Trauer und Reſignation gaben dem jungen Mädchen einen ganz eigenartigen Zauber, ſodaß wir gern und oft zu ihr zurückkehrten, um die Fortſchritte ihrer Arbeit zu be⸗ trachten. Eines Tages faßte ſich Graziana ein Herz, ſie anzureden, und erfuhr, daß ſie eine Polin ſei, die, im Jahre 63 an dem Aufſtand ihrer Landsleute be⸗ theiligt, in der Folge ins Ausland fliehen mußte Da ihre Familie ruinirt und ihr eigenes Vermö⸗ gen confiscirt worden ſei, müſſe ſie nun für ihre Exiſtenz ſelbſt ſorgen, und ſie habe auf den Rath ihres Bruders, der auch Künſtler ſei, zur Malerei ge⸗ griffen. Graziana hörte alles dies an, ohne zu verrathen, daß ſie Ruſſin ſei, aber von dieſem Tage an wußte ſie die unglückliche Polin in zarteſter Weiſe zu unterſtützen und wie eine unſichtbare gütige Fee über ihr Leben zu wachen und zu walten, gleichſam als wenn ſie ein großes Unrecht wieder gutzumachen hätte, welches ihre Landsleute verſchuldet hatten. Kurz, ich lernte Gra⸗ ziana in dieſen beiden Zügen als eine Seele voll Hoheit anz ihr erz, die, ßte nö⸗ hre oih hen, ſie ten hen ein ihre ro⸗ heit 65 und Herzensgüte kennen, dic ich, offen geſtanden, in dieſem Grade nicht in ihr vermuthet hatte. Endlich war die Wohnung in der Avenue de bImpératrice fertig geworden. Wir fuhren hinaus, ſtiegen hinauf und ich führte meine Schutzbefohlenen ein. Von dem Staunen und der Ueberraſchung der Generalin will ich nichts ſagen, ebenſo wenig von ihren übertrie⸗ benen Dankſagungen und Freundſchaftsbetheuerungen. Nachdem ich beide in der ganzen Wohnung her⸗ umgeführt hatte, benutzte ich einen Augenblick, wo ich mit Frau Axinia allein war— Graziana befand ſich im Nebenzimmer und war im Begriff, ihre Koffer auszupacken— und ſagte zu ihr: Ich glaube jetzt meine Pflicht erfüllt zu haben, Frau Generalin. Sie ſind jetzt völlig orientirt in Paris. Sie haben eine Wohnung nach Ihrem Wunſch und Verbindungen genug, um Ihr Leben behaglich und bequem zu geſtalten. Mein Amt iſt zu Ende und ich nehme hiermit Abſchied von Ihnen. Frau Axinia ſtarrte mich an. Graziana mußte von meinen Worten etwas gehört haben, denn ſie kam eilig aus dem Nebenzimmer. Sie wollen uns verlaſſen? Sie nehmen Abſchied? Wie haben wir das zu verſtehen? Sie werden ſich erinnern, Graziana, erwiderte Groſſe, Offene Wunden. I. 5 . —.,.——————— ———————— 66 ich ihr, daß ich Ihnen an jenem unglücklichen Tage geſagt habe, es ſei eine Thorheit, ſich zu binden und der Zukunft einen Riegel vorzuſchieben, denn die Frei⸗ heit des Herzens bleibe das erſte Menſchenrecht! Was ich damals gegen einen Andern ſagte, muß auch gegen mich gelten, ſonſt wäre jener Ausfall nur ein ego⸗ iſtiſches Paradox, nur eine elende Intrigue geweſen. Es freut mich, daß ich Ihnen bei Ihrer Einrichtung habe behülflich ſein können, und ich werde mir die Freiheit nehmen, von Zeit zu Zeit nachzuſehen, wie es Ihnen geht. Im Uebrigen ſind Sie völlig Herr über Ihre Zeit und Dispoſitionen, und ſomit leben Sie wohl. Auf baldiges Wiederſehen! Mit dieſen Worten nahm ich meinen Hut und ging, während beide noch überraſcht und betroffen ſchwiegen. Sie ſtaunen vielleicht über mein Benehmen und ſehen mich fragend an. Ich gebe Ihnen die Ver⸗ ſicherung, daß mein Stolz weder eine angenommene Rolle noch eine falſche Pruderie war. Nein, aber ich hatte den feſten Entſchluß gefaßt, Herr meiner ſelbſt zu bleiben und mich nicht von neuem in eine hoffnungs⸗ loſe Leidenſchaft zu verwickeln. Mein Stolz war ein⸗ mal erwacht, nun auch allein weiter zu leben und— was ſoll ich es Ihnen verhehlen— der tägliche Ein⸗ ber hl. und ene ich lbſt g⸗ 67 druck dieſes ſüßen, herrlichen Wefens war ſo mächtig, daß ich mich jeden Augenblick von neuem in das Laby⸗ rinth einer wahnſinnigen Leidenſchaft verlieren konnte, ohne zu wiſſen, ob ich nicht neuen Demüthigungen entgegenging. Solange nicht entſchieden war, wie die Familie ſich gegen jene angebliche Werbung Anatol's ſtellen würde oder geſtellt habe, blieb eine reſervirte Haltung meine Pflicht und ſogar mein Schutz, Sie mögen das nun begreifen und billigen oder nicht. Die Ungewißheit über Anatol's Ausſichten aber war die Haupturſache—“ „Aber das Alles konnte ja eine einfache Frage entſcheiden“, unterbrach ich den Erzähler. „Vetter Anatol war ein Strick. Im Hauſe des Gehängten ſpricht man aber nicht gern vom Strick“, ent⸗ gegnete der Graf mit ſarkaſtiſchem Tone.„Wir in Rußland haben ein ähnliches Sprichwort. Niemals war die Rede von jenem Menſchen, und wenn ich einige Anſpielungen wagte, ſo wurden ſie abſichtlich nicht verſtanden oder überhört. Genug, ich war ſehr zufrieden mit mir, daß ich mich gezwungen hatte. Der erſte Schritt einer Annäherung mußte von jenen ausgehen, wenn es ihre Abſicht war, das Geſchehene vergeſſen zu machen und mich zu begünſtigen. Und alſo geſchah es auch. 5* 68 Ich hatte mich in meine Wohnung zurückgezogen und mir vorgenommen, höchſtens Sonntags nach den beiden Frauen zu ſehen und dann Ausflüge mit ihnen zu machen, aber der nächſte Sonntag kam nicht heran. Kaum zwei Tage nach jenem Abſchied ſagte mir der Concierge, als ich abends nach Hauſe kam, es wären zwei Damen dageweſen, die nach mir gefragt hätten. Dann hätten ſie noch zwei Stunden im Café Riche auf mich gewartet und wären dann noch einmal wiedergekommen. Die jüngere hätte ein Blättchen zurückgelaſſen, mit der Weiſung, mir es ſofort zu überreichen. Dann ſeien ſie fortgefahren. Mir war dieſe Ungeduld ganz recht. So wollte ich es! Das Billet hatte nur eine einzige flüchtige Zeile A di heures, demain matin, à la Madeleine.“ Ich hatte Graziana's Schrift niemals geſehen, dennoch wußte ich mit unumſtößlicher Gewißheit, daß nur ſie dieſe Worte, die mir wie Orgelklang tönten, geſchrieben haben könnte. Pünklich um zehn Uhr war ich am andern Morgen in der Madeleine, wo gerade ein Trauer⸗ gottesdienſt abgehalten wurde. Auf einem Gerüſt ſtand ein Sarg, mit ſchwarzem Tuch bedeckt und ringsum von Candelabern mit brennenden Kerzen um⸗ geben. Eine dichtgedrängte Menſchenmenge durch⸗ zogen den ihnen eral. det ären ätten. iche imal ttchen tt zu vollte chtige eine. ſehen, daß önten⸗ ndern twer⸗ Geriſ und nun duri⸗ 69 flutete die Räume, und machtvoll hallten die Klänge des Requiems— ich glaube, es war das Mozart'ſche— durch die hohen Wölbungen. Ich verwünſchte ſchon den Einfall Graziana's, mich hierher beſtellt zu haben, wo man ſich abſolut nicht finden konnte. Außerdem mißfiel es mir, daß ſie eine Kirche zum Stelldichein gewählt; das iſt allenfalls italieniſch, aber nicht ruſſiſch. Eine halbe Stunde lang verſuchte ich mir durch die Menſchenmenge Bahn zu brechen, aber es war unmöglich. Endlich gab ich meine Hoffnung, ſie zu finden, auf und wollte gehen, da erhob ſich hinter einem Pfeiler eine dichtverſchleierte Geſtalt und ging plötzlich neben mir im Gewühle. Ich konnte ſie nicht erkennen, aber ich fühlte, es war Graziana. So kamen wir, ohne ein Wort zu ſprechen, wie⸗ der zum Ausgang, und hier ſchlug ſie den Schleier empor; ich hatte mich nicht getäuſcht, es war Gra⸗ ziana, aber auf ihren Zügen lag ein feierlicher Ernſt, eine gewiſſe Andacht, derſelbe Ausdruck, wie ihn alle jene Betenden und Trauernden trugen, welche die Kirche füllten. Wir ſtanden unter dem hohen, von Säulen ge⸗ tragenen Portikus, weit und breit war kein Wagen zu ſehen. Plötzlich wurde ich des Taſchendiebes an⸗ ſichtig, den Graziana neulich gerettet hatte, oder viel⸗ 70 mehr, er drängte ſich mit der Frage an uns heran, was die Herrſchaften beföhlen. Einen Wagen, wenn es möglich iſt. A l'instant, ſagte der Burſche und verſchwand. Binnen fünf Minuten kam er mit einem offenen eleganten Wagen zurück, lehnte aber jede Belohnung für dieſen kleinen Dienſt beharrlich ab. Wohin? fragte ich Graziana, als ſie einſtieg. Wohin Sie wollen. Gut, durch das Bois de Boulogne nach Su⸗ resnes. Der Wagen ſetzte ſich in Bewegung. Zuerſt umbrauſte uns der Lärm der Rue royale und des Concordienplatzes; in den Champs Elyſées kam uns ein Regiment Chaſſeurs d'Afrique entgegen, endlich außerhalb des Triumphbogens wurde es ſtiller, aber geſprochen wurde nichts zwiſchen uns als flüchtige, alltägliche, halblaut hingeworfene Bemerkungen. Es war, als ob die bloße Nähe des Beiſammenſeins ſchon Seligkeit genug ſei, um des Wortes entbehren zu können. In zwei Stunden kamen wir nach Suresnes. Der Ort liegt ſchattig am Ufer der Seine hingeſtreckt. Kleine anmuthige Villen mit Terraſſen und Gärten vor dem Hauſe. Hohe Bäume und eine entzückende Aus⸗ ran, and. enen ung erſt uns dlich aber tige⸗ eins hren 7¹ ſicht auf Longamps und die waldigen Höhen, welche über der rauſchenden Seine weſtlich bei St.⸗Cloud und in der Ferne bei Meudon emporſteigen. Bei einem Reſtaurant ließ ich halten und beſtellte ein Dejeuner im Garten, der völlig menſchenleer war. Graziana berührte weder die Speiſen noch das Glas; ſie betrachtete mich lange, als wenn ſie nach dem rechten Wort und rechten Ton ſuche; dann ſagte ſie plötzlich: Was haben Sie gegen uns, Fedor? Warum Ihre Entfremdung, Ihre Kriegserklärung von neulich? Gilt ſie blos der Mutter oder mir? Ich kann es mir nicht denken! Was habe ich Ihnen gethan, daß Sie mich ſo beſtrafen? Sie ſprach das Alles laut und ohne die mindeſte Zurückhaltung. Der aufwartende Kellner genirte uns um ſo weniger, da wir ruſſiſch ſprachen. So ſehr ich ihre Frage erwartet, kam ſie mir doch unerwartet, indeſſen entzückte mich die offene und entſchloſſene Art der Einzigen, welche nicht nach Umwegen ſuchte, ſondern gerade auf das Ziel losging. Theure Graziana, erwiderte ich, daß ich mich zu⸗ rückgezogen habe, dürfen Sie nach meinen Erfahrungen nicht auffallend finden. Denken Sie an die unvergeß⸗ lichen Tage am Achenſee, wo es ſchien, als ob ich das 72 Recht hätte, mir eine ſchönere Zukunft an Ihrer Seite zu träumen. Damals, Graziana, als Sie mir zu Hülfe eilten, als Sie mich mit Ihrem Tuche verbanden, als ich eine Thräne in Ihrem Auge ſah, glaubte ich in das Geheimniß Ihres Herzens geblickt zu haben. Aber noch am ſelben Tage gefiel es Ihnen, dem böſen Schein oder der böſen Zunge mehr zu glauben, und zu einer Vertheidigung ließen Sie es nicht kommen. Man wies mich fort. Ich ging hierher, ich finde Sie wieder; aber wer ſchützt mich vor der wiederholten Erfahrung, abermals einer Laune, einem Irrthum oder einem Gegner zum Opfer gebracht zu werden? Ich habe Ihnen alle Freiheit zurückgegeben, ich will Ihnen als Freund zur Seite ſtehen; aber ob ſich Ihre Freundſchaft jemals in ein wärmeres Gefühl ver⸗ wandeln wird, wer kann es wiſſen? Ich dünke mich nicht ſo ſtolz und ſouverän, über ein Kleinod verfügen zu können, wie Ihre Liebe mir ſein würde. Weiß ich doch nicht einmal, ob Ihr Herz noch frei iſt, und ob Vetter Anatol wirklich Recht hatte— Nun müſſen Sie nicht glauben, daß ich das Alles ſo glatt und in wohlgeſetzten Worten ſprach, es mag verworren, unzuſammenhängend und unbeholfen herausgekommen ſein; aber kaum nannte ich den: Namen Anatol, als ſie mich faſt heftig unterbrach den, ich ben. ſen und nen. Sie lten um en? will hre er⸗ inke nod rde. iſt, fen den 73 Reden wir nicht von ihm. Ich haſſe dieſen Menſchen! Wir haben an Ihnen Unrecht gethan. Vergeben Sie mir! Und ſie reichte mir ihre Hand, die ich nun nicht wieder losließ. Was ſoll ich Ihnen die Stunde voll Seligkeit ſchildern, die wie ein ſüßer, goldener Traum verrann! Graziana war zum hingebenden Weibe, zum ſpielenden Kinde geworden. Sie weinte, lachte und plauderte; es war ein Himmel, wenn es auch wie eine unſichtbare Scheidewand noch zwiſchen uns ſtand. Wollen wir nicht zur Mutter, Fedor? fragte ſie dann, als ſie aufgeſtanden war; ſie wird uns längſt erwarten. Ich rief nach meinem Wagen und wir ſtiegen ein. Welche Fahrt voll unſagbarer Wonne! Sie lag in meinen Armen und nannte mich Du. Ich glaubte nicht zu fahren, ſondern im Univerſum zu ſchweben und Gottes Antlitz zu ſchauen, wie Mahommed der Prophet. Viel geſprochen haben wir nicht mehr, wir ſaßen mit verſchlungenen Händen, in ſtummer Selig⸗ keit; zuweilen, wenn ein dichter Baumſchatten kam, ſah ſie mich ſchalkhaft an und ſchloß die Augen, als wenn ſie es erlauben, aber nicht ſehen wollte, daß ich ſie küßte. Einmal war es auch, als wenn ein Reiter an uns vorüberſprengte und einen Blick auf uns 74 warf, um dann mit Lachen vorüberzujagen. Gleichwohl wagte ich die Holdſelige, die ſich meinem Schutze an⸗ vertraut hatte, nicht zu berühren. Erſt als wir in der Avenue de l'Impératrice angekommen, ausge⸗ ſtiegen und im ſtillen dunklen Treppenhauſe allein waren, wandte ſich Graziana plötzlich zu mir um; ſie war vorausgeeilt und ſtand eine Stufe höher als ich, ſie ſchlang ihre Arme um meinen Hals und küßte mich heiß und glühend— es war nur ein Moment— dann eilte ſie raſch hinauf und verſchwand in der Thür, während ich folgte. Unterwegs, ich weiß nicht, wie es kam, fragte ich ſie: Warum haſt Du eine Kirche gewählt? Das Alles konnteſt Du mir zu Hauſe ſagen. Ja, wenn Du wiedergekommen wärſt, ſagte ſie, „und wie oft ſchon hatte ich mir es vorgenommen! Uebrigens, was iſt mir die Madeleine! Wir ſind griechiſch⸗, nicht römiſch⸗katholiſch. Bei uns iſt Vieles anders. Dieſe Antwort ſfiel mir damals nicht auf und kam mir erſt in ſpäterer Zeit wieder in das Ge⸗ dächtniß. Als wir zu Frau Arxinia eintraten, empfing ſie uns mit offenen Armen. —————————— 2 05 Nun, ſeid Ihr endlich d'accord, meine Kinder? O, was mich das contentirt, dieſe zarten Egards end⸗ lich zu einem feſten heiligen Bande geſchlungen zu ſehen! Ach wir ſterblichen Menſchen ſind alle arme Sünder und ohne Liebe iſt kein rechtes Leben. Und in dieſem Tone ging es noch eine gute Weile weiter. Dann machte ſie das Zeichen des Segens über uns und küßte Graziana auf die Stirn. Nun alſo biſt Du mein Bräutchen, Graziana, und morgen darf es die ganze Welt wiſſen. Halt, ſagte die Mutter, mein Kind iſt Ihre Braut, wenn Sie den Engel auch nicht verdienen; aber thun Sie mir den Gefallen und laſſen Sie uns die eigentliche Verlobung noch einige Tage auf⸗ ſchieben. Ich möchte ohne den Vater nichts definitiv entſcheiden. Der Herr General wird in einigen Tagen kommen, ich habe ihm heute geſchrieben, wie die Dinge ſtehen. Der arme Mann muß in Homburg ſo viel leiden; aber ich denke doch, daß ihm die Kur dies⸗ mal angeſchlagen, und er würde ſicherlich äußerſt in⸗ dignirt ſein, wenn ein ſo wichtiges Familienereigniß ohne ſeine Zuſtimmung ſich vollzöge. Drum alſo Ge⸗ duld, meine Kinder. Ob die Karten jetzt oder in acht Tagen geſtochen werden, daran liegt nichts. Vor mir und vor Gott ſeid Ihr verlobt, und dem Him⸗ 76 mel ſei Dank, daß mein Engelchen nun wieder geſund iſt. An dieſem Tage laſen wir nicht mehr, heißt es im Dante von Paolo und Francesca, und ſo blieben wir zuſammen, ohne daß viel geſprochen wurde. Frau Arinia ging emſig hin und her und wußte in der Freude ihres Herzens nicht, wie ſie ſich zur Feier dieſes Tages mit den koſtbarſten Stoffen über⸗ laden ſollte. Um ſechs Uhr fuhren wir zum Palais Royal, wie gewöhnlich, aber die Kunſt der provengaliſchen Brüder zu würdigen überließen wir heute der belle meère allein. Wir konnten nicht ſatt werden, uns wieder und wieder in die Augen zu ſehen und ver⸗ ſtohlen die Hände zu drücken. Dazu tönten die Klänge eines Muſikcorps aus dem Garten des Palais herüber, wie Hymnen von Feen und Elfen, die um mondbe⸗ glänzte Hügel ſchweben. Dies war der reinſte und glücklichſte Tag meines Lebens.“ es Viertes Kapitel. Eine kleine Weile hielt hier der Graf inne und ſah mich an, als erwarte er eine Frage oder eine Bemerkung. Bekanntlich aber wirkt nichts langweili⸗ ger als jene Prahlerei mit Glück bei Frauen. Bisher hatte ich in der ganzen Hiſtorie durchaus nichts gefun⸗ den, was mich tiefer intereſſiren konnte. Allerdings fiel mir die Lücke auf, wie und wodurch die raſche Umſtimmung von Frau Axinia zu erklären ſei. Auch der Wechſel in Graziana's Geſinnung, wie ihr ſeltſam vorgehendes Handeln, welches ſicherlich viele meiner Leſer höchſt unweiblich finden werden, erſchien nicht hinreichend klar, um ohne weiteres hingenom⸗ men zu werden. Indeß war alles das zu unbedeu⸗ tend und zu wenig der Mühe werth, um von neuem beſprochen zu werden. ——.,———— 78 Glücklicherweiſe meldete ſich der Briefträger durch die Hausglocke und enthob mich der Verlegenheit, eine nichtsſagende oder verletzende Bemerkung zu machen. Außer einigen Zeitungen und Druckbogen brachte der Briefträger ein kleines Couvert, welches nichts enthielt als eine ſauber geſtochene Karte mit einer Vermählungs⸗ anzeige, die mich in Erſtaunen ſetzte. Ich müßte hier eine neue ausführliche Geſchichte mittheilen, wenn dies nicht hieße, Eins in das Andere ſchachteln. Nur ſo viel ſei bemerkt, daß jene Vermählung zwei Leute betraf, welche zwanzig Jahre verlobt geweſen waren. Der Mann hatte ſich in jungen Jahren bei der Be⸗ wegung von 48 betheiligt, mußte dann fliehen, grün⸗ dete ſich in Amerika eine neue Exiſtenz und wollte ſeine Braut nachkommen laſſen Dagegen aber legten ihre Eltern Widerſpruch ein, und ſo ging die Zeit hin. Jetzt endlich, nachdem die Eltern geſtorben, der Ameri⸗ kaner als reicher Mann zurückgekehrt war, heiratheten ſich die beiden Leute, die inzwiſchen alt geworden, aber ſich unwandelbare Treue bewahrt hatten— eine Ge⸗ ſchichte, ſo echt deutſch, daß es keinen ſchärferen Gegen⸗ ſatz zu jener raſchen und abenteuerlichen Verlobung in Paris geben konnte. Dieſer Contraſt beſchäftigte mich, und ich war in der Folge ſo zerſtreut, daß ich im voraus um Entſchuldigung bitten muß, wenn die 79 weitere Erzählung des Grafen mir nur wie ein Traum in Erinnerung iſt. Graf Fedor ſchien es faſt übel zu nehmen, daß ich ihn nicht zur Fortſetzung aufforderte, und trommelte ungeduldig mit den Fingern auf den Tiſch. „Nun, wo blieben wir ſtehen, Herr Graf?“ ſagte ich endlich.„Ich glaube, Sie erwarteten den Vater Ih⸗ rer Braut.“ „Er kam auch wirklich in einigen Wochen an“, begann der Graf von neuem.„Ich glaube, ich habe Ihnen ſchon vorher eine Charakteriſtik dieſes Originals von Menſchen gegeben, oder ſollte ich es verſäumt haben? Genug, General Sergius Subowjeff war ein Stockruſſe von der altmoskomitiſchen Nationalpartei, ein Feind aller Neuerungen und namentlich aller Frem⸗ den. Nur höchſt ungern ging er mit ſeiner Familie über die Grenze des heiligen Rußland, und offenbar brauchte er intenſive Mittel, um ſein Heimweh und ſeine beſtändige Verſtimmung im Auslande zu über⸗ winden. Dieſe intenſiven Mittel waren außer der Flaſche die Würfel und die Karten. Demgemäß war ſein Aeußeres das eines alten Silens, ſchwammig und aufgedunſen. Dem kupfrigen Geſicht dieſes kahl⸗ köpfigen Falſtaff entſprach ſeine heiſere Stimme und 80 ſein ſalopper Aufzug. Selbſt in Paris, wo es an originellen Geſtalten aller Art nicht mangelt, erregte ſeine Figur Aufſehen, und ich fürchte immer, daß der gute General mehr als einem Vaudevilleſchreiber und Komödienfabrikanten an der Seine zum dankbaren Mo⸗ dell gedient hat. Jetzt nun kam noch der beſondere Unmuth dazu, daß man ihn in ſeiner„Kur“ unterbrochen hatte, und ich durfte mich nicht wundern, daß mich der alte Eis⸗ bär ziemlich ungnädig empfing. Er ſchnaubte Allerlei von Weiberprojecten, von unruhigen, eitlen Affenmüttern und eigenſinnigen Pen⸗ ſionsfräuleins. Die in Ausſicht ſtehende Verlobung hielt er für nichts als eine Verſchwörung von ſeiten ſeiner beſ⸗ ſeren Hälfte, und die kluge Frau Arinia mußte viele verdrießliche Bemerkungen und Fragen hören, als wenn es ihr einziges Intereſſe wäre, den braven Ehemann wie⸗ der unter ihren Augen zu haben und bei dieſer Gelegen⸗ heit ihre kleinen Schulden von ihm berichtigen zu laſſen. Bei aller Lebensluſt war der alte Herr nämlich entſetzlich geizig und knauſerig, wenn es ſeine Familie betraf. Er konnte Tauſende und Hunderttauſende verſchwenden, aber es war ihm gleichgültig, ob Frau Axinia Mangel litt und gezwungen war, den Beiſtand ihrer Freunde in Anſpruch zu nehmen oder an der und Mo⸗ — 8¹ auf ihres Gemahls Namen Schulden zu machen. Kein Wunder, daß ich bei ſolcher Stimmung des Alten mit meiner Werbung mehrere Tage lang nicht zu Worte kommen konnte. Etwas milder und menſchlicher wurde ſein Benehmen, als er erfuhr, daß meine Verhältniſſe geordnet und mein Vermögen disponibel ſei. Auch iſt unſere Familie von älterem Adel und größerem An⸗ ſehen in Rußland als die ſeine. An frühere Mißhel— ligkeiten und Spannungen zwiſchen beiden Familien dachte ich jetzt nicht und glaubte im Gegentheil, Alles bereits gewonnen zu haben, da er mich nicht geradezu hinauswies. Eines Tages— wir hatten im Palais Royal geſpeiſt und promenirten im Garten der Tuilerien— wagte ich ein entſchiedenes Wort und ſchloß meine Wer⸗ bung mit der zuverſichtlichen Hoffnung, daß er, der alte Herr, uns ſein Jawort nicht länger vorenthalten und ſeine Tochter wie mich zu Glücklichen machen werde. Halt, halt, mein Freund, ſagte er, Sie denken, Sie fahren in einer Telega und brauchen nur zu ſchnal⸗ zen, daß es vorwärts geht. Nein, mein Freundchen, ſo ſchnell hat auch Peliſſier nicht geſtürmt. War ein heißer Tag damals am Malakoff; damals hab' ich mir dieſen Brand geholt, das heißt den krankhaften Durſt— Groſſe, Offene Wunden. I. 6 82 kommen Sie, wir wollen noch eine Flaſche trinken. Was das Andere betrifft, mein junger Herr, ſo bleiben wir einſtweilen hinterm Schanzkorb und Sie in ihren Approchen, will ſagen Parallelen, ja Parallelen! Da⸗ bei brach er in ein heiſeres närriſches Gelächter aus und wiederholte jenes Wort wenigſtens ein halb Dutzend mal, indem er mich in die Wangen kiff. Müſſen wiſſen, Freundchen, es iſt noch einer da, der auch ſtürmen will, alſo parallel mit Ihnen! Plötzlich wurde er dann wieder ernſt und ſagte: Allerdings, es iſt noch ein Freier vorhanden, ein entfernter Verwandter, gegenwär⸗ tig noch auf Reiſen, aber ihm iſt Graziana ſchon ſeit Jahren zugeſagt. Indeß was Sie betrifft, ſo wer⸗ den wir doch erſt die nöthigen Informationen abwar⸗ ten, bevor wir die weiße Fahne aufziehen. Es läuft zu viel zweideutiges Volk in der Welt herum, und ich müßte ein ſchlechter Kerl ſein, wollte ich nicht Erkun⸗ digungen über die Identität Ihrer Perſon und die Richtigkeit Ihrer Angaben einziehen. Und wie ſteht es mit der Zuſtimmung Ihrer Verwandten? Das Alles muß erſt feſtgeſtellt werden. Bis dahin muß ich Ihnen auch mein Haus verbieten. Sie verſtehen mich, warum. Noch lieber wäre es mir, wenn Sie inzwiſchen Paris verlaſſen wollten. Im erſten Moment war ich von dieſem ſeltſamen nken. eiben hren Da⸗ aus halb iſſen rmen dann ein wär⸗ chon wer⸗ war⸗ läuſt dich rkun⸗ die t e5 Ales mich ſchen amen 83 Mißtrauen beleidigt, im nächſten aber beruhigte ich mich, denn ich hatte mir nichts vorzuwerfen und konnte dem Ergebniß jener ſogenannten Information in aller Ruhe entgegenſehen. Um ihm völlig ſein Mißtrauen zu benehmen, gab ich nicht allein mein Ehrenwort, zunächſt ſein Haus zu meiden, ſondern auch, einen Landaufenthalt zu nehmen. Schon längſt war es mein Wunſch geweſen, in jenem reizenden Suresnes, wo es zur Erklärung zwiſchen mir und Graziana gekommen war, eine kleine Villa zu miethen. Nur die beträchtliche Entfernung von der Stadt und von der Geliebten hatte mich bisher abgehalten. Ich ſehe, Sie ſind ungeduldig“, warf Graf Fedor ein,„daß ich nicht ſchneller erzähle und mich bei ſo unweſentlichen Dingen aufhalte. Dennoch wurden gerade dieſe Nebenumſtände in der Folge entſcheidend. Gerade jenes Verbot und die Schranke, welche man vor unſerem Paradies aufrichtete, wurde die Urſache, daß ſich die Leidenſchaften erſt recht entfeſſelten. Ohne jenes unſinnige Verbot, uns nicht zu ſehen, wäre leicht Alles anders gekommen. Was waren die Qualen eines Romeo und Leander? Ich hätte Mauern überſtiegen und Ströme durchſchwommen, um die Ge⸗ liebte zu ſehen; aber das Ehrenwort zeigte ſich eine Weile lang dennoch ſtärker als die Leidenſchaft. Bis⸗ 6* —.—FFÜFPb˖kl,— 84⁴ weilen auch erſchien mir jene Maßregel des alten Herrn noch in anderem Lichte. Es konnte eine Probe ſein, um die Stärke meiner Neigung zu prüfen, und wenn er die Abſicht gehabt hätte, durch jenes Verbot den glim⸗ menden Funken zur lohen Flamme anzublaſen, ſo hätte er es nicht ſinnreicher anſtellen können. Inzwiſchen bot uns wenigſtens die Correſpondenz einigen Erſatz für die zeitweilige Trennung, und ob⸗ gleich uns der briefliche Verkehr nicht unterſagt war, brauchten wir doch die Vorſicht, uns des braven und verſchwiegenen Felicien zu bedienen. Seine Verſchlagen⸗ heit und Treue leiſtete uns in dieſer Zeit die erſprieß⸗ lichſten Dienſte. Graziana ſchrieb mir, wenn die Ihrigen einen Ausflug nach Verſailles unternahmen oder die Weltausſtellung beſuchen wollten. So fand ich Gele⸗ genheit, ſie von fern zu ſehen und zu grüßen oder mich als zufällig anweſend der Familie anzuſchließen. Das Verbot erſtreckte ſich ja nur auf Paris ſelbſt, und der alte Herr war menſchlich genug, bei ſolchen Gelegenheiten Ausnahmen zu geſtatten. Da kam die berühmte Kaiſerparade in Long⸗ champs, welche Napoleon III. zu Ehren ſeiner Gäſte, des Kaiſers von Rußland und des Königs von Preußen, veran⸗ ſtaltete, gleichſam um ſich ſelbſt den fremden Beherrſchern in der Fülle ſeiner Macht und ſeines Glanzes zu zeigen. errn um er lim⸗ ſo denz ob⸗ war, und gen⸗ rieß⸗ igen die hele⸗ nich der eiten ong des ran⸗ 85 Schon am Tage vorher hatte mir Graziana ge⸗ ſchrieben, daß ihre Eltern beabſichtigten, an dem großen militäriſchen Schauſpiel Theil zu nehmen, aber ſie hatte zu ſagen vergeſſen, wo ich ſie erwarten durfte, ob ſie zu Wagen oder auf der Bahn kommen würden. Auf gut Glück begab ich mich ſchon frühzeitig über die Brücke bei Suresnes an Longchamps vorüber nach den großen Avenuen, welche vom Bois de Bou⸗ logne her auf der weiten Ebene münden. Eine Flut von Menſchenmaſſen hielt bereits alle Zugänge beſetzt. Hunderte von glänzenden Equipagen rollten vorüber. Das Gedränge war entſetzlich und die Hitze des wol⸗ kenloſen Sommertages wahrhaft unerträglich. Endlich kamen auch die Truppen; Regiment auf Regiment zog im Laufſchritt vorüber, dann Cavallerie und Artillerie und voraus die glänzende Suite der Gene⸗ rale, welche theilweiſe mit Applaus empfangen wurden, vor allen Mac Mahon, der Liebling der Pariſer. Am Schluß erſchien der Kaiſer ſelbſt mit ſeinen erlauchten Gäſten in offenem Wagen, aber mir wollte es ſcheinen, als ob das Vive'Empereur, welches aus den zahlloſen Maſſen der wogenden Volksmenge er⸗ ſcholl, weder ein volltönendes noch ein ganz freiwil⸗ liges war. Nachdem die Reihe der glänzenden Wagen vor⸗ 86 über, begann in der Ferne das Schauſpiel der vorüber⸗ ziehenden Truppenmaſſen. Alle meine Hoffnung, Graziana und die Ihrigen im Gewühl zu finden, war eine vergebliche geweſen, und ziemlich verſtimmt zog ich mich in den Schatten der hohen Bäume zurück, welche nach der Brücke von Suresnes führen. Es war inzwiſchen bereits Nachmittag geworden, und die Parade war beendet. Das Gewühl der Menſchen und Equipagen, die Wolken von Staub und die ſengende Hitze— es war ein unbeſchreibliches und wenig erquickliches Bild. Plötzlich— ich hatte die Brücke ſo eben überſchrit⸗ ten— hören wir ein fernes Brauſen, ein Rufen, das zum Tumult anwuchs. Man ſah die Menſchen lau⸗ fen, ſchreien, flie hen. Die Wagen fuhren, ohne ſich an die bisherige Ordnung zu kehren, durcheinander, und ein unentwirrbares Chaos wälzte ſich auf uns heran. Nur mit Mühe war aus den erſten Fliehenden etwas herauszubringen. Es ſei anf den Kaiſer geſchoſ⸗ ſen worden und die Cavallerie werde einhauen, hieß es. Beſonnenere wußten, daß das Attentat nur dem Kaiſer von Rußland gegolten und daß Niemand ernſt⸗ lich verwundet worden ſei. Aber dieſe Beruhigung war vergeblich. Wie in ſinnloſer Panique wälzten ſich die Maſſen von Menſchen, ber⸗ gen ſen, ten von tag hl aub ches rit⸗ das au⸗ ſch der, den ho ieß dem 87 Reitern und Wagen nach der Brücke zu. Es drohte zu einem ernſthaften Unglücke zu kommen, denn die Brücke war viel zu ſchmal, um dieſem Strom Paſſage zu gewähren. Plbtzlich im dichteſten Menſchenknäuel erblickte ich Graziana allein, willenlos fortgeriſſen. Mit Anſtren⸗ gung aller meiner Kräfte glückte es mir, bis zu ihr zu gelangen und die ſchon halb Ohnmächtige in meinen Armen aufzufangen. Einen Moment ſpäter, und die Aermſte wäre vom Gewühl zu Boden getreten oder erdrückt worden. Wo ſind die Deinigen? fragte ich, nachdem wir einigermaßen in Sicherheit waren. Ich habe ſie verloren, ſagte Graziana. Aber wie iſt das möglich? Ihr ſeid doch gewiß zu Wagen gekommen. Das war auch unſere Abſicht, aber in Paris war kein Wagen mehr zu bekommen. So ſind wir denn auf der Bahn hierher gefahren, in der Hoffnung, hier vielleicht einen Wagen zu finden. Auch das war ver⸗ geblich und ſo ſind wir zu Fuße nach Longchamps. Gleich als der Tumult begann, wurde ich von den Eltern fortgeriſſen. Ohne Deine Hülfe war ich ver⸗ loren. Es koſtete mir keine Ueberredung, die Geliebte 88 abermals in jenes reizende Gärtchen zu führen, wo es zwiſchen uns zur Erklärung gekommen war. Heute waren alle Tiſche dicht beſetzt; endlich fanden wir nahe am Eingang noch ein Plätzchen, von wo man den Strom der Kommenden und Gehenden überſehen konnte. Unſere Abſicht war, hier Graziana's Eltern zu erwarten; aber Stunde auf Stunde verrann, ohne daß ſie uns zu Geſicht gekommen wären. Es blieb nichts übrig, als die Geliebte auf der Eiſenbahn nach Paris zurückzubringen; aber auch dieſe Abſicht wurde vereitelt. Als wir nämlich auf dem Bahnhof ankamen, waren alle Wagen bereits überfüllt. Die tobende Menge, welche gezwungen war zurückzubleiben, zerſchlug im Zorn und Uebermuth die Thüren und Fenſter des Bahnhofs. Es war gefährlich, mit einer einzelnen Dame unter dieſem trunkenen Pöbel auszuharren. Bringe mich fort, gleichviel wohin, ſagte Gra⸗ ziana und hing ſich an meinen Arm. Ich führte ſie wieder nach Suresnes hinunter; doch kaum hatten wir in jenem Gärtchen Platz genommen, als ein gewaltiges Gewitter ſich zu entladen begann. In den Räumen des Reſtaurants konnten wir nicht bleiben; auch dieſe waren von zweideutiger Geſellſchaft überfüllt. Es blieb nichts übrig, als meine eigene Woh⸗ b es Heute wit den ehen nzu daß ichts aris itelt. aren nge⸗ im lnen ra⸗ doch nen⸗ ann⸗ icht aft oh⸗ 89 nung in der Villa, welche ich gemiethet, aufzu⸗ ſuchen. Halb ohnmächtig brachte ich Graziana, auf welche die Gewitterluft ſchon ſeit Stunden niederdrückend ge⸗ wirkt hatte, in die ſtillen Räume meines Patmos und ließ ſie auf einem Divan nieder. Dann öffnete ich die Fenſter und die Thüre des Balkons, ſodaß die erfriſchende Luft des niederrauſchenden Regens herein⸗ dringen konnte. Als ſie wieder zu ſich gekommen war, fiel ſie mir um den Hals und küßte mich. Nun bin ich Dein und will bei Dir bleiben heute und für immer. Daß es ſo kommen mußte, iſt ein Wink der Vorſehung, und niemals wieder kehre ich zu den Meinen zurück. Und bei dieſen Worten blitz⸗ ten ihre Augen und bebte ihre Stimme. Ich mußte ſtaunen über die Veränderung, welche mit dem Mädchen vor ſich gegangen war. So ent⸗ ſchloſſen, ſo ſelbſtbewußt hatte ich ſie niemals geſehen und ich konnte mich nicht enthalten, dieſem Staunen Ausdruck zu geben. Haſt Du keinen Brief vom Vater bekommen? fragte Graziana. Seit drei Tagen biſt Du erwartet, denn die Erkundigungen ſind ganz über alle Erwar⸗ tung ausgefallen. Man rühmt Dich, man lobt Deinen 90 Charakter und findet Deine Lebensſtellung beneidens⸗ werth. Das Alles, ſagte der Vater, ſei Dir mitge⸗ theilt worden, aber Du kommſt nicht, wie hängt Das zuſammen? Ich kann es Dir beſchwören, Graziana, daß ich keine Zeile von Deinem Vater erhalten habe; es müßte denn ein Brief verloren gegangen ſein. Nein, nein, rief ſie, dann hat er mich ge⸗ täuſcht, dann will er Dich mit Abſicht zurückhalten! Und was in aller Welt hat er gegen mich? Ich weiß es nicht, antwortete ſie, aber Du wirſt ſehen, man will uns trennen. Wir werden uns niemals angehören; aber dieſer eine Tag durchkreuzt alle ihre Pläne. Ich gehöre Dir allein und niemals einem Andern! Tödte mich, küſſe mich, mach' mit mir, was Du willſt! Ich bleibe bei Dir, ſonſt wirſt Du mich niemals bekommen! Und wieder hing ſie an meinem Hals und ihr Kopf ruhte an meiner Bruſt. Der Donner rollte draußen und der Regen ſtrömte. Soll ich Ihnen ſchildern, wie berauſcht und trunken ich von dem ſüßen Glück war, die Herrliche in meinen Armen zu halten? Ich pries den blinden Zufall, der ſo gebieteriſch und verheißend in mein Leben einzugreifen ſchien. etſ m ens⸗ itge⸗ Das Du uns euzt nals nit, Du ihr ußen und liche nden nein 94 Graziana war von den Erregungen des Tages ſo erſchöpft, daß ſie eine Weile auf dem Divan ruhen mußte. Ich rief inzwiſchen Felicien und ließ mir Bericht erſtatten. Wie ich vermuthet, ſo war es: die Panique der Menge hatte Alles übertrieben. Ein Flüchtling, ſeines Stammes ein Pole, hatte auf den Kaiſer von Rußland geſchoſſen, aber nur den Kutſcher verwundet. Der Thä⸗ ter war ſofort ergriffen und verhaftet worden. Sonſt war nichts vorgefallen. Nachdem ich dieſe Aufſchlüſſe erhalten, ſchickte ich Felicien fort, uns vom Reſtaurant ein Abendeſſen zu beſorgen. Graziana hatte ſich inzwiſchen erholt und wir ſpei⸗ ſten zum erſten Male zu zweien allein. Ihr ganzes We⸗ ſen war von Holdſeligkeit, Anmuth und Liebreiz um⸗ floſſen; und ſo plauderten wir noch eine Stunde in die Nacht hinein. An eine Heimkehr war nun nicht mehr zu denken. Der letzte der Bahnzüge war bereits ab⸗ gegangen und eine namhafte Anzahl von Paſſagieren hatte zurückbleiben müſſen. Als es ſpäter wurde, wollte ich Graziana allein laſſen, um die Nacht in einem Gaſthof zuzu⸗ bringen. Nein, rief ſie, dann verginge ich vor Angſt! Ich habe Niemand mehr auf der Welt, auf den ich mich 92 verlaſſen kann, als Dich. Du mußt hier bleiben und bei mir wachen, wenn Du mich wirklich lieb haſt! Und wieder umſchlang ſie mich leidenſchaftlich. Sagen Sie ſelbſt, was würden Sie in dieſer Lage gethan haben?“ „Wollen Sie mit dieſer Frage das Ende andeu⸗ ten, ſo iſt es wohl leicht zu errathen“, erwiderte ich; „es wird kein anderes geweſen ſein als in jenem Liede, das Ophelia ſingt: Gut Morgen,'s iſt St.⸗Valentins⸗ tag— So früh vor Sonnenſchein— Ich junge Maid am Fenſterſchlag— Will Euer Valentin ſein — und ſo weiter.“ „Da ſind Sie doch im Irrthum“, ſagte der Graf faſt mit ſelbſtbedauerndem Tone.„Vielleicht war ich ein Narr, aber wir verbrachten die Nacht wie zwei alte Freunde, Graziana auf dem Divan, ich im Neben⸗ zimmer auf einem Sopha. Es iſt nichts zwiſchen uns geſchehen, was ein Penſionsfräulein vielleicht nicht le⸗ ſen dürfte. Am andern Tage fuhren wir mit dem erſten Zuge nach Paris zurück und ich begleitete Graziana bis in ihre Wohnung. Wir waren beide auf Sturm gefaßt. Zu unſerer Ueberraſchung fand ſich, daß auch Grazia⸗ na's CEltern nicht zurückgekommen waren und in eiben lieb tlich. Lage deu⸗ ich; iede, tins⸗ unge ſein Gruf ein alte ben⸗ uns t le⸗ zuge z in zie⸗ in 93 gleicher Weiſe irgendwohin verſchlagen ſein mußten. Nun war Alles gut, denn Graziana's frühere Ankunft ſchnitt alle weiteren Fragen ab, wo ſie die Nacht zu⸗ gebracht habe. Ich entfernte mich ſofort und ging in ein benach⸗ bartes Café, um dort die Zurückkunft des Generals zu erwarten und dann mich ihm vorzuſtellen. Wirklich kam er mit Frau Axinia nach Verlauf einer Stunde angefahren; ich ließ noch einige Minuten vergehen und ging dann in ſeine Wohnung hinauf. Noch ſchwammen ſie in der Freude des Wiederſehens und in tauſend Fragen, wie das Unerwartete geſchehen. Der General und ſeine Frau waren bis nach Seèvres verſchlagen worden, wo ſie in einem Hotel bleiben mußten. Graziana's Abenteuer war bis dahin noch ein Geheimniß geblieben. Die Aufregung über das Attentat und die möglichen Folgen des Verbrechens beſchäftigten den General ſo, daß er gar nicht daran dachte, Graziana auszufragen. Jetzt trat ich ein und präſentirte mich dem Gene⸗ ral. Er aber fuhr mich erzürnt an: Sie wagen es, zu uns zu kommen. Sie haben damit Ihr Ehrenwort gebrochen! Ich bin meines Wortes wohl eingedenk, ſagte ich, aber es galt nur ſo lange, bis jene gewünſchten 94 Informationen eingetroffen ſein würden. Soviel ich weiß, iſt dieſer Zeitpunkt bereits eingetreten. Der General ſchoß dabei einen böſen Blick auf ſeine Tochter, aber ich ließ den alten Herrn nicht zn Worte kommen. Das Reſultat Ihrer Erkundigungen kann nur ein günſtiges geweſen ſein. Jedenfalls haben Sie mir darüber geſchrieben, aber dieſer Brief ſcheint verloren gegangen zu ſein, deshalb komme ich ſelbſt. Der alte Herr wurde ſichtlich verlegen. Allerdings ſagte er, die Informationen ſind größtentheils ganz nach Wunſch— Was wollen Sie damit ſagen: größtentheils? unterbrach ich ihn. Warten Sie einen Augenblick, erwiderte der Ge⸗ neral und ſchritt in das Nebenzimmer, um ein Paquet zu holen. Von den günſtigen Mithheilungen ſprach ich ſchon, ſagte er, aber hier find auch einige andere. Bitte, leſen Sie dieſe ſelbſt. Und er gab mir ein halbes Dutzend Briefe. Ich ſah zuerſt nach der Unterſchrift und fand unter zweien die ſeiner Söhne Dmitri und Sergius, die andern waren anonym. In den erſteren waren ver⸗ hüllte, aber ehrenrührige Andeutungen über meinen Charakter, ſowie über meine gezwungene Entlaſſung auf ht zn nur mir rloren 95 aus der ruſſiſchen Armee enthalten. Die andern anonymen Schreiben ſtrotzten außerdem von offenen Schmähungen, von dringenden Warnungen vor einem Abenteurer und Frauenverführer, wie ich ſei, und in dieſem Tone ging es weiter. An jedem andern Tage würde ich über dieſe Hinterliſt empört geweſen ſein, heute war ich völlig ruhig, denn ich war Graziana's ſicherer als je. Glauben Sie dieſe feigen Inſinuationen, Herr General? fragte ich. Das will ich nicht behaupten, ſagte er. So finde ich es wenig zart, daß Sie mir da⸗ von Kenntniß geben, ſtatt dieſe Blätter in den Kamin zu werfen. Sie müßten denn den Wunſch hegen, ich ſolle jeden Einzelnen fordern, der ſich ſolcher Mittel gegen mich bedient. Daß Ihre eigenen Söhne darun⸗ ter, ſchmerzt mich am tiefſten, aber da ſie mich nicht kennen, muß ich ſchließen, daß dies Gift aus einer andern Quelle ſtammt. Laſſen Sie Graziana ſelbſt reden, ob bei irgend Jemand ihre Ehre ſicherer beſchützt war als bei mir. Ich bin geſtern ſo glücklich geweſen, Ihre Tochter dem Tumult zu entreißen, in Sicherheit zu bringen und hierher zurückzubegleiten. Wäre ich der, als welchen mich jene Briefe ſchildern, ſo hätte ich die Gelegenheit ſicher benutzt, Ihre Tochter zu entführen. 96 Graziana ſaß bei dieſen Worten flammend roth da. Ihre Mutter aber ſchien erſchrocken zu ſein; viel⸗ leicht ahnte ſie mehr, als wir ihr mittheilten, denn es entfuhren ihr die Worte: Ja, meine Kinder, dann wird es am beſten ſein, wenn Ihr Euch ſogleich heirathet! Der alte Herr aber ging mit großen Schritten auf und ab und ſchnaubte: Erzählen Sie, ich will Alles wiſſen! Ich berichtete nun, wie ich Graziana unerwartet getroffen und aus dem Tumult gerettet hätte, wie wir eine Stunde zuſammengeblieben, um die Eltern zu erwarten, und dann zur Bahn hinaufgegangen ſeien. Hier unterbrach mich der alte Herr. Eut, Sie haben mein Kind vor Inſulten ge⸗ rettet, ſie iſt Ihre Braut von heute an! Und alſo wurden wir vom General, der ſeiner Freude, ſein Kind wieder zu haben, keinen andern Ausdruck zu geben wußte, feierlich verlobt, und heute zum erſten Male begleitete ich die Familie wieder zum Palais Royal, um dort zu diniren. Bei Tafel, die heute ſolenner war als ſonſt, wurde viel getrunken und der alte Herr gerieth in die roſenfarbenſte Laune. Dieſe Laune benutzend, gelang es mir, Graziana's Eltern zu überreden, gleichfalls in Suresnes eine Villa zu mie⸗ h da. viel⸗ nn es ſein, ritten vartet e wir n zlu ſeien. n Re ſeiner mdern heute zum heut⸗ id der Diſe rn zl mie⸗ ——— then, um dann behaglich bei einander zu wohnen und den Reſt der ſchönen Jahreszeit auf dem Lande zu ge⸗ nießen. Vater Sergius ging auch ſofort mit großer Energie darauf ein und behauptete, daß er dieſen Ge⸗ danken ſchon längſt gehabt hätte, während mich Frau Axinia einigemal forſchend von der Seite anſah. Aber mein Uebermuth kannte heute keine Grenzen. Da wir nun einmal officiell verlobt waren und der General ſelbſt in ſeiner Weinlaune ſich allerhand kecke Scherze erlaubte, ſo nahm ich keinen Anſtand, ganz offen zu erzählen, wie es mir mit Graziana gegangen, daß ſie nicht geſtern ſchon, ſondern erſt heute früh heim⸗ gekehrt ſei und die Nacht in Suresnes zugebracht habe. Der alte General wollte ſich ausſchütten vor Lachen. Er war entzückt über den Ritter⸗ und Pagen⸗ dienſt, den ich ſeinem Kinde geleiſtet, er umarmte mich, nannte mich Du und küßte mich wiederholt. Die Mutter indeſſen ſah mich abermals forſchend von der Seite an und blickte dann auf Graziana, die unbefangen und ſtill ſich über die Heiterkeit ihres Va⸗ ters zu freuen ſchien. Nun, das habt Ihr gut eingefädelt, ſagte Frau Axinia zu uns, als wir uns von der Tafel erhoben; gebe Gott nur, daß dieſe gute Laune nicht ebenſo raſch ein Ende nimmt, wie ſie gekommen iſt. Groſſe, Offene Wunden. I 7 98 Kurz, dieſer erſte Tag unſeres Brautſtandes, der ſich durch die Gunſt der Umſtände unerwartet ver⸗ wirklicht hatte, ging glücklich vorüber und ich erreichte ſogar meinen kühnſten Wunſch, daß am ſelben Abend auch der Tag der Hochzeit feſtgeſetzt wurde, und zwar auf den erſten September. Was ſoll ich Ihnen nun von den glückſeligen Ta⸗ gen des Brautſtandes erzählen! Wer dieſe Roſenzeit einmal erlebt, dem leuchtet ſie bis in das ſpäteſte Alter nach. Wir wohnten in Suresnes nebeneinander, unzer⸗ trennlich wie eine glückliche Familie. Unſere Verlobungs⸗ karten wurden geſtochen und an beide Familien in ganz Rußland abgeſendet. Mama Axinia kaufte täg⸗ lich theils in der Weltausſtellung, theils in Paris ein, und es war ihr Ehrgeiz, ihrem Kinde einen glänzenden Trouſſeau herzuſtellen, obwohl ich von allen dieſen Vorbereitungen nichts wiſſen wollte und ſie als eben⸗ ſo viele Hinderniſſe meines Glücks betrachtete. Indeß, ich mußte die Mutter gewähren laſſen, war doch dies die Hauptbedingung der Erlaubniß, daß ich ſelbſt meiner Graziana einige Geſchenke machen durfte. Da⸗ neben entwarfen wir goldene Pläne für die Zukunft. Gleich nach der Hochzeit wollten wir in die Schweiz ſehen, dann nach Italien und erſt im kommenden Sommer nach Rußland zurückkehren. Daß von ſiit 6l un der vet⸗ ichte end war zeit liter zer⸗ in äg⸗ in, den ſen en⸗ 99 ſeiten meiner eigenen Familie damals weniger Glückwünſche einliefen, als gutgemeinte Warnungen und halbbedauernde Zuſchriften, darauf legte ich in meiner hochwogenden Stimmung nicht das mindeſte Gewicht; denn ich ſtand auch mit dem alten General jetzt ganz auf cordialem Fuße, und ich glaube, daß er auch mich liebgewonnen hatte. Nur eine Klippe hatte dieſe Freundſchaft, nämlich unſere verſchiedene politiſche Geſinnung, die beſonders bei jenem Attentat auf den Kaiſer hervortrat. Der Pole Berezowski war verhaf⸗ tet worden und ſollte vor Gericht geſtellt werden. Der General Subowjeff aber, als getreuer Knecht ſeines Kaiſers, verlangte die Ausweiſung aller Polen aus Paris, und als ich ihm hierin widerſprach, gerieth er in den heftigſten Zorn. Von dieſem Tage an vermied ich alle politiſchen Geſpräche mit ihm und ſtand mich dabei vortrefflich mit ihm. Weniger glatt war die Freundſchaft mit Frau Axinia, die ſich ſeit der An⸗ kunft ihres Gemahls in einer höchſt reizbaren Stimmung befand und ihre wechſelnde Laune bei jeder Gelegenheit auch an mir ausließ. Nun, davon war nichts Ernſt⸗ haftes zu befürchten. Plötzlich ſollte das Unheil von einer Seite kom⸗ men, von wo wir es am wenigſten vermuthet hatten, und ein an ſich unbedeutender Anlaß wurde kaum einige 2 100 Wochen vor der Hochzeit die Urſache des erſchüt⸗ terndſten Zuſammenſturzes meines ganzen ſtrahlen⸗ den Zukunftsgebäudes. Ich habe Ihnen erzählt, daß Graziana bei Ge⸗ legenheit unſerer Beſuche im Louvre ein Freundſchafts⸗ verhältniß mit einer ſchönen, armen Polin angeknüpft hatte, welche dort malte. Eines Tages findet ſie die ſchöne Kathinka in Thränen, ſie ſpricht von ihrem Bru⸗ der, der vor einigen Wochen verhaftet worden, weil er ein Freund des Attentäters Berezowski ſei. Jetzt habe man ihn zwar freigelaſſen, weil er unſchuldig, aber zugleich ſei ihm befohlen, Paris binnen vierundzwanzig Stunden zu verlaſſen; auch ihr ſei mit dem heutigen Tage die Erlaubniß, im Louvre zu malen, entzogen worden, und alles das, nur weil ſie Polen ſeien Nun wüßten ſie beide nicht, wohin ſie ſich wenden ſollten und von allen Mitteln entblößt, ſtänden ſie vis-à vis de rien. Graziana fühlte ſich von dieſen Klagen tief er⸗ griffen und in hochherziger Weiſe veranſtaltete ſie ſo⸗ fort im Louvre bei allen anweſenden Fremden eine Sammlung für die unglücklichen Geſchwiſter. Aber nicht zufrieden damit, wußte ſie auch mich in ihr In⸗ tereſſe zu ziehen, und ich mußte am nämlichen Tage bei meinen Bekannten gleichfalls eine Subſeriptionsliſte chüt⸗ hlen⸗ e. afts⸗ nüyft die Bru⸗ weil aber anzig tigen zogel ſeien enden vi ef er⸗ e ſo⸗ eine Aber 10¹ circuliren laſſen. Als ich am Tage darauf ihr den ziemlich bedeutenden Betrag überbrachte, war die Mut ter anweſend, die ſich einige anzügliche Bemerkungen über dieſe Sammlungen, ja ſogar über den Charakter der armen Polin erlaubte. Ich nahm, wie Graziana, die Partei der Angegriffenen und gerieth ſofort in einen heftigen Wortwechſel mit der Mutter. Zum Unglück kam in dieſem Augenblick der General nach Hauſe. Kaum erfuhr er, wovon die Rede, als er kirſch⸗ braun vor Zorn wurde und in einem Tone mit ſeiner eigenen Tochter ſprach, wie ich ihn noch niemals von ihm vernommen hatte. Wie? Mit dieſem Rebellengeſindel läßt ſich meine Tochter ein! rief er. Das fehlte noch, uns, die loyalen Unterthanen des Kaiſers, in dieſe vermaledeite Geſchichte zu verwickeln. Weg mit dieſem Bettelſack für Ver⸗ brecher! Noch heute gibſt Du die geſammelten Gelder zurück, oder ich erkenne Dich nicht mehr als meine Tochter an. Hier ſteht nicht blos die Ehre auf dem Spiel, ſondern die Treue gegen den Kaiſer! Mein Gott, ſagte ich, warum eine reine, harm⸗ loſe Sache ſo zu einer gefährlichen ſtempeln! Ueberzeugen Sie ſich, Herr General, daß Graziana's Theilnahme nicht den Polen, ſondern nur zwei armen hülfloſen 102 Menſchen gilt. Wenn Sie übrigens ſo ſtreng denken, ſo geſtatten Sie mir, allein jenen Unglücklichen beizu⸗ ſtehen. Gehorche Deinem Vater, Graziana, und gib die Gelder wieder zurück. Ich werde den Ausfall decken! Aber mit dieſer Vermittelung hatte ich nur Oel in das Feuer gegoſſen. Wenn Sie einer ſolchen Infamie fähig ſind, rief der alte Herr, dann kenne ich Sie auch! Dann iſt noch viel Schlimmeres Wahrheit, als jene War⸗ nungen von Ihnen beſagten. Sie ſind ſelbſt ein Ver ſchwörer gegen den Kaiſer, und meine Tochter kann niemals Ihre Frau werden! Graziana warf ſich an meinen Hals und bat mich unter Thränen, dies Geſpräch abzubrechen. Ich ging und kann nicht leugnen, in peinlichſter Verſtimmung, die auch am andern Tage nicht wich. Im Gegen⸗ theil, es dauerte wohl vier bis fünf Tage, bis ich mei⸗ nen Gleichmuth wiedergewonnen. Uebrigens ließ ich mich durch den politiſchen Fanatismus des Alten in meiner Handlungsweiſe nicht beirren. Ich hatte die ſchöne Polin im Louvre aufgeſucht und ihr wie ihrem Bruder eine beträchtliche Summe zur Verfügung ge⸗ ſtellt. Noch am nämlichen Tage reiſten ſie von Paris ab, und bis heute habe ich nicht einmal den Namen d, nn ar⸗ zer nn ich ing ng, en ge⸗ ris 103 jener Unglücklichen erfahren können und ſie auch nie⸗ mals wiedergeſehen. Wie geſagt, nach vier bis fünf Tagen war ich entſchloſſen, meinen Verkehr mit der Familie wieder aufzunehmen. Warum ſollte ich mein Glück einer Mei⸗ nungsverſchiedenheit zum Opfer bringen? War Gra⸗ ziana einmal meine Frau, ſo konnte ich nachher doch thun und laſſen, was ich wollte. Die Kluft unſerer politiſchen Geſinnung war doch nicht auszufüllen; und außerdem überwand meine Sehnſucht nach Graziana alle ſonſtigen Bedenken. Ich habe vergeſſen zu bemerken, daß ich jene vier bis fünf Tage der Verſtimmung nicht in Suresnes, ſondern in Paris verlebte, wo ich meine Wohnung beibehalten hatte. Am letzten Tage ſchlenderte ich nachmittags durch den Garten des Palais Rohal, um dort vielleicht mit dem General und ſeiner Familie zuſammenzutreffen. Wirklich ſah ich auch in einiger Entfernung Mut⸗ ter Axinia vor mir hergehen, aber ihr zur Seite ſchritt ein fremder Herr, der mir durchaus unbekannt war. Die cordiale Art, mit welcher beide ſprachen— ſie hatte ihm ſogar ihren Arm gegeben— fiel mir auf. Ich weiß nicht, durch welche Gedankenverbindung, aber wie ein Blitz durchfuhr mich der Gedanke, dies müſſe jener 104 Verwandte ſein, der lange auf Reiſen geweſen und dem Graziana ſchon ſeit Jahren zugeſagt war. Du biſt verrathen, ſagte ich mir, und jener zufällige Bruch war ein abſichtlich geſuchter. Je mehr ich dieſen häß⸗ lichen Gedanken verſcheuchen wollte, deſto unwiderſteh⸗ licher drängte er ſich mir auf. Da ich jetzt auch den General ſelbſt in der Nähe ſah, aber Graziana nicht, ſo mußte die letztere zu Hauſe geblieben ſein. Sofort nahm ich einen Wagen und fuhr nach Su⸗ resnes hinaus. Jetzt band mich keine Rückſicht mehr, und eine Braut, die in acht Tagen meine Frau ſein ſollte, war mein Eigenthum. Was ich thun wollte, wenn ich wirklich verrathen war, wußte ich nicht, der Gedanke war mir noch zu ungeheuerlich, aber entſchloſ⸗ ſen war ich, das Verwegenſte zu wagen. Meine Vermuthung war richtig. Graziana war angeblich unwohl zu Hauſe geblieben. Sie lag mit verweinten Augen auf dem Divan. Als ſie mich ein⸗ treten ſah, ſprang ſie mit einem Freudenruf auf und ſank in meine Arme. Sie war im Neégligé; nie hatte ich ſie ſo ſchön und begehrenswerth geſehen. Man will uns trennen, Graziana, ſagte ich. Euer Verwandter iſt angekommen, wie es ſcheint. So weißt Du ſchon Alles?“ rief ſie. Und ich war zu Hauſe geblieben, um Dir zu ſchreiben und war mit ein⸗ und hatte und ——— —ů 105 Dich zu Hülſe zu rufen. Rette mich; entführe mich, ſonſt bin ich verloren! Es bleibt uns Zeit genug, ſie wollen in das Chatelettheater gehen und werden erſt ſpät zurückkehren. Entführung und auf der Stelle, ich muß geſtehen, ſo lockend der Gedanke war, wollte er mir doch nicht zu Sinn, denn ich war in keiner Weiſe darauf vor⸗ bereitet. Hätte ich nur Graziana's Rath befolgt, ſo wäre Alles anders gekommen. Und ſie beſtand auch darauf mit einer ſeltſamen Leidenſchaftlichkeit. Ich weiß nicht, ſagte ſie ob ich dem Vater widerſtehen kann, wenn ich allein und ohne Deine Hülfe bin! Das heißt, Du biſt ſchon jetzt ſchwankend, rief ich, und das Blut ſchoß mir zum Kopf. Nein, nein, ſagte ſie und küßte mich.„Ich bin Dein, ganz Dein. Ich gehöre Dir mit Leib und Seele! Nun, dann wirſt Du auch widerſtehen kön⸗ nen, wenn man es wagen ſollte, uns trennen zu wollen. Ach, Du hältſt mich für ſtärker, als ich bin, ſagte ſie und ſchmiegte ſich an mich. Erſpare mir den Kampf. Wir Weiber ſind ſchwach, ich zumal vor 106 dem Vater, ich kann ſeinem Donnerwort nicht wider⸗ ſtehen, noch weniger ſeinen Mißhandlungen; tödte mich lieber auf der Stelle! Tödten! Als wenn es ſo leicht geſtorben wäre, ehe man wirklich gelebt hat. Nein, aber ein anderes Mittel gäbe es, allen Gegnern zuvorzukommen; wie, wenn Du auf der Stelle meine Frau würdeſt? Ich würde mich nicht beſinnen, ſagte ſie, wenn wir einen griechiſchen Prieſter hier hätten. Ein an⸗ derer wird es nicht thun wollen und einen andern mag auch ich nicht! Was liegt an Prieſtern überhaupt! Ich kenne nur einen Höchſten, an deſſen Segen etwas liegt. Und das iſt Gott ſelbſt! Da umfing ſie mich mit ihren Armen und küßte mich mit heißen Lippen. Dein Weib bin ich vor Gott, flüſterte ſie, dann riß ſie ſich los und flüchtete in das dunkle Neben⸗ zimmer. Setzen Sie ſich nun in meine Lage. Dort eine ſüße Braut, die man mir aus unerklärlichen Gründen entreißen will und die ſich mir ergeben hat auf Zeit und Ewigkeit, und dort ein jähzorniger Vater, eine launenhafte Mutter, ein gefährlicher Nebenbuhler. Die Gewalt des Unwillens übermannte mich. Auch der ider⸗ nich äre, eres wie, enn an⸗ dern nne üßte an ben⸗ eine nden Zeit eine Die der 107 Zweifel an Graziana ſelbſt erwachte mit erneuter Stärke. Wie, wenn ſie mich dennoch mitbetrügen konnte, wenn Alles nur Komödie war! Ha! dann wenigſtens ein Pfand, daß kein Anderer ſich an mei⸗ nem Eigenthum vergreifen ſollte, ein Pfand der Wahr⸗ heit ihrer Neigung, ein Pfand, daß ſie wirklich mein ſein und bleiben wolle für dieſes Leben. Die Leiden⸗ ſchaft überſchauerte mich wie eine überirdiſche heilige Flamme. Erſparen Sie mir das Weitere. Diesmal ging ich nicht von ihr wie das erſte Mal. Es gibt Fälle, wo das Verbotene zur Pflicht wird, würde ein Pſy⸗ cholog ſagen; ich ſagte mir: Es gibt Fälle, wo man ein Pfand nehmen muß der Kirche voraus und den ſogenannten Geſetzen der Menſchen. Wir feierten unſere Hochzeit gleichſam wie auf einem Schiffe im Sturm. Einer Euerer jüngeren Po⸗ eten hat das beſungen: eine Hochzeitsnacht in der Ka⸗ jüte, während der Weltuntergang nahe ſcheint und die Macht des Orkans und der Wellen das Schiff in den Abgrund des Oceans reißen will. Zwar jenes Schiff kam ſpäter ruhig im Hafen an, denn nach altem Seemanns⸗ glauben geht keins unter, welches ein glückliches Liebespaar an Bord trägt. Und in gleichem ſchönem Glauben hoffte auch ich 108 den Sturm durch das Glück zu beſchwören und den Zorn der Elemente durch das Ewige zu bannen. Ja, mein Freund, wenn Sie jemals ſolche Augen⸗ blicke erlebt haben, dann werden Sie begreifen, daß mir heute noch das Blut wallt und die Dinge vor den Augen tanzen, wenn ich an jenen Abend und ſeine Seligkeit zurückdenke. Jene Stunden waren die Höhe des Lebens und des Leides!“ — Fünftes Kapitel. Graf Fedor war aufgeſtanden. Die Erzählung hatte ihn in gewaltige Aufregung verſetzt, und ſein müdes, abgeſpanntes Geſicht glühte, als wenn er durch die Erinnerung die ganze Leidenſchaft jener Tage wie⸗ der wachgerufen, als wenn er um zehn Jahre und mehr wieder jünger geworden wäre. Ich muß offen geſtehen, daß ich nicht wagte, dieſe Pauſe zu unterbrechen, ſondern ſchweigend wartete, bis er wider zur Ruhe gekommen ſein würde. Mein Verdacht, daß mir der Herr Graf ein erfundenes oder erträumtes Abenteuer aufbinden wolle, war verſchwun⸗ den; dazu war der Ausdruck ſeiner Darſtellung zu wahrhaft, und ich kann nicht leugnen, daß ich ein lebhafteres Intereſſe an dieſen Erlebniſſen gewonnen hatte. Jener Brief mit der Vermählungsanzeige, der 110 mir vor wenigen Minuten zugekommen, hatte plötzlich alle Wichtigkeit verloren und diente nur dazu, den Ab⸗ ſtand des Ungewöhnlichen und Abnormen vom gewöhn⸗ lichen Weltlauf doppelt fühlen zu laſſen. Anderſeits kann ich ebenſo wenig leugnen, daß mir jene Art der Löſung, wenn auch nach der ſoge⸗ nannten poetiſchen, das heißt höheren Moral entſchuld⸗ bar, doch nach gewöhnlicher Sitte und Erfahrung ſehr gewagt und bedenklich erſchien. Eben dieſe Erfahrung lehrt, daß, wenn die heilige Schwelle der Sitte ein⸗ mal überſchritten iſt, meiſt eine unfehlbare Reaction eintritt. Der Preis vorweggenommen ſcheint keinen Werth mehr zu haben, und der Bruch erfolgt mit dem⸗ ſelben natürlichen Recht, welches die Leidenſchaft bean⸗ ſpruchte. Dem Gewitter folgt Kühle, und ein Phh⸗ ſiker würde ſagen: ſobald keine elektriſche Spannung mehr vorhanden, ſei auch das Phänomen der Leiden⸗ ſchaft erloſchen. Aus dieſen und ähnlichen Gründen war ich gefaßt darauf, zu hören, daß der„himmliſche“ Traum dieſes Liebenspärchens ſehr bald den Nimbus der ſogenannten Heiligkeit verlieren würde, daß es zwiſchen Graziana und dem Grafen abermals zu jenen „Mißverſtändniſſen“ kommen werde, welche dem Bruche vorhergehen— eine Entwickelung, die allerdings mei⸗ nen Reſpekt vor dem Charakter des Grafen, den i Si i jen ge fü n An 9 11¹4 ich nicht näher kannte, nicht ſonderlich erhöhen tlih konnte. nAb⸗ Hierin übrigens ſollte ich mich täuſchen, und ich wöhn⸗ bat ihm ſehr bald im Stillen das Unrecht ab, welches ich ihm mit dieſer nur zu natürlichen Vermuthung an⸗ dab gethan hatte. ſoge⸗ Lange hatte der Graf am offnen Fenſter geſeſſen, chud durch welches die warme Sommerluft hereinſtrömte; ſehr und hielt ſein Geſicht mit beiden Händen bedeckt. hrung Endlich nach einer Weile ſank die Hand herab, und ein⸗ tief aufathmend fuhr der Erzähler fort: tion„Nach dem, was ich Ihnen mitgetheilt, werden einen Sie vielleicht glauben, daß ich damals ſo leidenſchaft⸗ dem⸗ lich erregt geweſen wie jetzt, wo die Erinnerung mir bean⸗ jene Erlebniſſe wieder lebendig vorführte. Im Gegen⸗ Ph theil war damals eine unendliche Ruhe über mich nnun gekommen. Nachdem das einmal geſchehen, was mich eiden⸗ für ewig band, ſah ich allen möglichen Wechſelfällen inden mit höchſtem Gleichmuth entgegen. Ich fühlte, es mußte iſche“ zu einer Auseinanderſetzung mit den Eltern Grazi⸗ imbus ana's kommen, aber was liegt dem Sieger daran, aß e wenn die Ueberwundenen capituliren. Ich hätte Zeit jm gehabt, zu warten, wenn nicht Graziana ſelbſt mich ruche zur Entſcheidung gedrängt hätte. mi Am folgenden Tag gegen Mittag— ich war wieder den 142 in der Madeleine geweſen, um alle Orte, wo ich ſie, die Einzige, geſehen, und die mir jetzt doppelt theuer waren, noch einmal zu beſuchen— brachte mir Felicien ein Billet von der Hand Graziana's. Sie beſchwor mich darin, die Verſöhnung mit ihren Eltern zwar bald herbeizuführen, aber um keinen Preis in ihrer Wohnung. Ich möchte ſie lieber bei Vefour im Palais Royal oder an einem dritten Orte aufſuchen. Sie motivirte ihren Wunſch mit der Beſorgniß, in den Auftritt hineingezogen zu werden und ihr Geheimniß dann nicht für ſich behal⸗ ten zu können. Sie kam dann mit unverhüllten Wor⸗ ten auf das Vorgefallene; aber ſie ſprach davon ohne Reue, eher mit Dank und Andacht, wie von etwas Heiligem, und fügte neue Schwüre ihrer Liebe und Treue hinzu. Ergreifend war es mir, dabei doch den halbverhüllten Ausdruck ihrer mädchenhaften Scheu zu finden, ſie werde nicht wieder an das Tageslicht kom⸗ men, denn als meine Frau, ſie fürchte ſich vor dem Sonnenlicht, als müſſe es die ganze Welt auf ihrer Stirn leſen, daß ſie nicht mehr dieſelbe ſei wie vordem. Sie lebe ja allein für mich, durch mich und in mir für Zeit und Ewigkeit. Es waren Zeilen, deren In⸗ nigkeit mich zu Thränen rührte. Ihren Wunſch fand ich übrigens ganz nach mei⸗ nem Sinn, da eine Verſöhnung mit den Eltern am ie, die warel, rin, die führen, möchte einen Wunſch gen zl behal nVot⸗ n ohne etwas be und och den chen zu t kom⸗ r dem f ihn vordem in nir ren F mei⸗ um g — 113 dritten Orte jedenfalls zwangloſer geſchehen konnte als in ihrer Wohnung. Obſchon etwas in mir war, was ſich dagegen ſträubte, den erſten Schritt zu thun, war ich gleichwohl Graziana das Opfer meines Stolzes ſchuldig und ich ſann auf einen Ausweg, der zum Ziele führen könnte, ohne mich allzu ſehr bloßzuſtellen⸗ Vor allem war der Vortheil nicht zu unterſchätzen, daß jeder dritte Ort dem Ton unſerer Verhandlung gewiſſe Feſſeln und Rückſichten auferlegen mußte. Wer hätte aber damals ahnen können, daß dieſe Hoffnung eine trügeriſche und daß gerade dieſer Aus⸗ weg dazu beitragen ſollte, die Sache von neuem und heilloſer als je zu verwickeln! Gegen ſechs Uhr ſchlenderte ich wie in früheren Tagen wieder zum Palais Royal. Welcher Abgrund zwiſchen heute und geſtern, welche Fülle von Seligkeit und Ruhe gegen die Sorgen und Qualen der letzten Tage! Präcis ſechs Uhr ſah ich den General nebſt ſeiner Gemahlin und dem Fremden durch die Vorhalle des Gartens eintreten und nach einer kurzen Promenade in den Arcaden zu den Frères provengaus umkehren. Dies vorausſehend, war ich eine Minute früher bei dem berühmten Reſtaurant eingetreten und hatte von einem der erſten kleinen luxuriöſen Kabinette Beſitz ge⸗ nommen, wo man ungeſtört und behaglich für ſich iſt. Groſſe, Offene Wunden. I. 8 144 Ich ſah es dem General und ſeiner Gemahlin an, daß mein unerwartetes Erſcheinen ſie überraſchte. Ich gab mir Mühe, meine Schwiegereltern ſo unbefangen und herzlich als möglich zu begrüßen, als ſei nichts zwiſchen uns vorgefallen. Zugleich fragte ich nach dem Befinden meiner Braut und erklärte meine Abſicht, ſie heute noch zu beſuchen. O, thun Sie das nicht, ſagte Frau Axinia, mein Engelskind iſt sérieusement tombé malade, ich weiß nicht, was ich aus dieſer Indispoſition machen ſoll. So geſucht freundlich die Worte der Gnä⸗ digen waren, die ſich wieder mit der geſchmackloſeſten Pracht überladen hatte, ſo ſpitz und übertrieben war der Ton ihrer Rede. Der alte Herr ſaß inzwiſchen ſchweigend und ſchoß nur von Zeit zu Zeit einen böſen Blick unter ſeinen eisgrauen Augenbrauen hervor, während der Fremde vor ſich nieder auf das Tiſchtuch ſtarrte und mit malitiöſem Lächeln die Gabel auf einem Zahnſtocher balanciren ließ. Darf ich nicht bitten, ſagte ich, mich als künf⸗ tiges Familienmitglied dem Herrn vorzuſtellen?“ Es iſt ein lieber Vetter von uns, ſagte der General, derſelbe, von dem ich Ihnen ſo oft erzählt habe. 1¹5 un, Der Herr verbeugte ſich, und ein boshafter Blick ch blitzte mich aus ſeinen Augen an. Der kleine Graf ſen Fedor, ſagte er, ſcheint wirklich ein ſeltſam ſchlechtes t Gedächtniß zu ha ben. em Beim erſten Wort erkannte ich den verwünſchten ſie Anatol Korſakoff, aber ſo wunderbar metamorphoſirt, um nicht zu ſagen adoniſirt, daß ich laut lachen mußte. ig, Sein voller Bart war verſchwunden bis auf einen ich Henri quatre, eine elegante Pariſer Perrücke deckte den en kahlen Schädel, und die vorquellenden Augen waren n⸗ hinter einer blauen Brille ziemlich verdeckt. Auch im n neuen modiſchen Anzug war der ganze Menſch auf ar Pariſer Fuß; aber ich kann kaum ſagen, daß er lie⸗ benswürdiger und anziehender geworden. Im Gegen⸗ theil, der Gorilla iſt in ſeinem Felle natürlich, im Frack würde ſein Thieriſches doppelt monſtrös hervor⸗ nde treten. nit Wir ſchieden damals, ſagte er, in einiger ſet Verſtimmung und mit nicht ganz freundlichen Worten, wie ſie unter alten Freunden ſonſt gebräuchlich ſind. Ich mußte damals nach Homburg und Rußland und konnte mich nicht länger aufhalten. Verzeihe, Kleiner, er daß ich Dich nicht geſtern ſchon aufſuchte; ich dachte t Dich bei Graziana zu finden, bei der glücklichen Braut, . aber man ſcheint ja die Diſſidien ſchon vor der Ehe 8* 116 zu beginnen. Nun, deſto wolkenloſer und honigſüßer wird nachher das Glück ſein. Ich mache nachträglich meine pflichtſchuldigſte Gratulation. Ich weiß nicht, warum mich dieſer Ton, der mir an dieſem Menſchen ſonſt unausſtehlich geweſen wäre, heute ſeltſam komiſch berührte. Mich freut Deine Theilnahme und Verſöhnlich⸗ keit, ſagte ich, denn ich kenne Dein redliches Herz. Jedenfalls biſt Du zur Hochzeit eingeladen. Es bleibt doch beim erſten September, chère maman, wie es feſtgeſetzt worden iſt? Aber Frau Axinia that ſo, als habe ſie meine Frage nicht gehört, und wandte ſich an den Kellner, um irgend etwas zu beſtellen. Dies fiel mir allerdings auf, aber ich fand keinen Anlaß, ſofort meine Frage zu wiederholen. Das Diner nahm ſei⸗ nen Fortgang, aber mir wollte nichts munden. Es war, als ob dieſe Mayonnaiſen und Galantinen, dieſe Faſanen und Kapaunen mit einem feinen Gift zube⸗ reitet ſeien. Ich ſchob den Teller zurück und griff un⸗ vorſichtig zur Flaſche. Was hat denn der kleine Graf? fragte Anatvl. Ich glaube, es will ihm heute nicht recht ſchmecken, aber die Liebe zehrt, und wie heißt es doch im Sprich⸗ wort— Du würdeſt mich verbinden, Freund Anatol, ißer ich mit äre, 117 rief ich ihm zu, wenn Du Dich jeder liebenswürdigen Bemerkung enthalten wollteſt, und es könnte nicht ſchaden, wenn Du Dein Benehmen ſo einrichten woll⸗ teſt, als ob Graziana anweſend wäre! Danke für die Belehrung, antwortete er, und theile den Wunſch vollkommen, daß das Fräulein hier wäre. Aber wer weiß, wie lange es ſich verzögert, bis ſie vollkommen wiederhergeſtellt iſt. Hoffentlich wird die gefällige Natur den geſtellten Termin des erſten Septembers reſpectiren. Ich zog vor, keine Antwort zu geben, aus Sorge, mich zu verrathen, aber daß man am Vorwand der Krankheit feſthielt, während Graziana ganz geſund war, kam mir von neuem verdächtig vor. Inzwiſchen er⸗ griff Frau Axinia das Wort, und zwar zu mir: Vraiment, mon cher, ich habe ſchon daran ge⸗ dacht, einen Arzt zu conſolidiren, Graziana, mein Engelskind, macht mir ſchwere pensées. Keinenfalls können wir an die Hochzeit denken, bevor ſie völlig wiederhergeſtellt iſt. Vetter Anatol meinte, ein See⸗ bad ſei inficirt— ſie wollte ſagen indicirt. Vetter Anatol's Meinung in allen Ehren, ſagte ich und fühlte, daß mir das Blut zu Kopf ſtieg, aber er kann überzeugt ſein, daß ich für meine Frau nicht weniger Sorge tragen werde als ihre eigenen Eltern. — ——— 118 In jeder Beziehung ſcheint mir eine Beſchleunigung der Verbindung wünſchenswerth, ſchon um der Ge⸗ fahr weiterer Störungen vorzubeugen, und dahin rechne ich zuerſt jene anonymen Briefe, deren Verfaſſer viel⸗ leicht den Muth hat, im Trüben zu fiſchen, ſonſt aber zu feig iſt, mit ſeinem Namen für die Wahrheit ſeiner Angaben einzuſtehen. Leider iſt mir dieſer Intrigant wohl bekannt, und ich warte nur auf den rechten Au⸗ genblick, um ihn zu entlarven. Ich ſah dabei dem Vetter Anatol feſt und ſcharf in die Augen. Er konnte meinen Blick nicht ertragen, ſondern ließ wieder ſeine Gabel balanciren. Dabei wurde er fahl wie die Wand und verſuchte ſeine Ver— legenheit hinter einem widerlichen Lachen zu ver⸗ bergen. O, der kleine Graf hat ein ſcharfes Auge und einen geſchwinden Verſtand, der läuft ſo ſchnell, daß er immer um eine Pferdelänge den Andern voraus iſt; nur ſchade, daß auch ein ſo edles Roß zuweilen mit dem Reiter durchgeht oder ihn auf den Sand ſetzt. Aber was Graziana betrifft, ſo haben Sie Recht, Frau Generalin, es wird am beſten ſein, einen Arzt zu conſultiren, und zwar ſofort. Da erinnere ich mich, daß ich vorhin einen Freund begrüßt habe bei Vefour; er iſt Mediciner und wird noch anweſend ſein. Viel⸗ 119 leicht iſt er geneigt, ein Glas mit uns zu trinken. Geſtatten Sie, daß ich ihn ſelbſt hole Nur einen Augen⸗ blick, und ich bin wieder hier. Mit dieſen Worten ging er eilig hinaus, die Atmoſphäre war ihm zu ſchwül geworden; ich aber hatte deutlich das Gefühl, daß ich einer abgeredeten Intrigue entgegenging. Ich ſah die Fäden, womit man mich umgarnte, und konnte nichts dagegen thun, als mich mit meinem ganzen Zorn zu waffnen. Gleich⸗ wohl gelang es mir noch einmal, meine Aufwallung niederzukämpfen, und ziemlich ruhig wandte ich mich an meinen zukünftigen Schwiegervater. Was iſt Ihre Meinung, Herr General, wenn ich fragen darf? O auf meine Meinung kommt gar nichts an, ſagte der alte Herr nachläſſig. Das ſind Frauenge⸗ ſchichten, das geht mich nichts an und laſſe ich meiner Tochter völlig freie Hand; aber offen geſtanden, lieb wäre es mir allerdings, Sie kauften ſich zuvor ein Rittergut, ſei es in Rußland oder in Deutſchland. Das heißt, auch Sie wünſchen Aufſchub, ſagte ich und wußte, daß es jetzt zum Biegen oder Brechen kommen mußte. Es freut mich, das Sie das rechte Wort gefunden haben; allerdings wünſchen wir Aufſchub, ſagte der 120 General und ſtürzte raſch ein Glas Champagner hin— unter. Ich betrachtete die Eltern Graziana's einen Mo⸗ ment. Was ſollte ich länger zögern— das Glück meines Lebens ſtand auf dem Spiel. Wir waren hier allein, und ich war entſchloſſen, keine Rückſicht zu beobachten. Außerdem übermannte mich der Zorn und die quä⸗ lende Ungewißheit, was man eigentlich gegen mich im Schilde führe. Es thut mir leid, ſagte ich, auf jenen Wunſch nicht eingehen zu können. Es muß beim erſten Sep⸗ tember ſein Bewenden haben. Es muß? rief der General erhitzt. Es muß nichts in der Welt! Nun erſt recht nicht! Jene In⸗ formationen über Sie lauteten zwar befriedigend in der Hauptſache; aber meine Söhne in Petersburg ſind, wie Sie wiſſen, durchaus dagegen. Ihre Söhne— das verſtehe ich nicht, denn der General Subowjeff iſt doch nicht abhängig von ſeinen Söhnen, und in dieſem Fall hat ihre Einwendung um ſo weniger zu bedeuten, da ſie von dritter Seite auf⸗ gehetzt ſind. Sie zwingen mich nach alledem zu einer offenen Erklärung. Aus jedem Ihrer Worte ſcheint her⸗ vorzugehen, daß Sie nicht ſowohl Aufſchub wünſchen, als vielmehr die ganze Verbindung rückgängig machen hin⸗ Mo⸗ ines ein, u⸗ imn nſch uß n⸗ der wie 12¹ wollen. Hier taſten Sie meine Ehre an, wie meine Rechte! Welche Rechte? rief der alte Herr und ward braun vor Zorn. Sie haben gar keine Rechte! Vor Ihnen vielleicht nicht, aber vor einem höhe⸗ ren Richterſtuhl. Graziana iſt mein Weib vor Gott! Vor Gott? donnerte der Alte. Iſt mir unbe⸗ kannt! Vor mir iſt ſie es nicht!“ Er war aufgeſprungen und hatte den Stuhl um⸗ geworfen. Dabei ſuchte er etwas in der Taſche ſeines Ueberrockes, vielleicht einen Revolver. Obwohl wir ruſſiſch geſprochen, hatte der Lärm doch Aufſehen erregt, und die Kellner wie die Gäſte der angrenzenden Kabinette drängten ſich in der offen⸗ ſtehenden Thür. Frau Axinia war bei dem entſcheidenden Wort zuerſt mit einem Schrei in ihren Stuhl zurückgeſunken; jetzt war ſie aufgeſprungen und ſuchte ſich zwiſchen uns zu drängen. Sergius, rief ſie dem General zu, ich beſchwöre Dich, kaltes Blut! Bedenke, wo wir ſind, wie viel Augen auf uns gerichtet ſind! Wirklich gelang es ihr, einen Moment die Hand des alten Herrn feſtzuhalten, aber es war auch nur ein Moment. 122 Als er ſich zu mir wandte, war er aſchgrau im Geſicht, und ſeine Stimme zitterte, als er ſagte: Mein Herr, es iſt hier allerdings nicht der Ort, dergleichen Familienangelegenheiten zu beſprechen. Ich würde mir erlauben, Ihnen heute oder morgen meinen Beſuch zu machen, aber nun iſt es zu ſpät; deshalb frage ich Sie hier als Mann von Ehre: Was haben Sie mit jenem teufliſchen Wort ſagen wollen? Meine Tochter iſt rein wie eine Heilige!“ Da wir, wie geſagt, ruſſiſch ſprachen, brauchte ich keine Rückſicht auf die Zuhörer zu nehmen, ſondern erwiderte mit aller Ruhe, deren ich in jenem ſchreck⸗ lichen Augenblick fähig war: Rein wie eine Heilige und rein wie ein Engel iſt ſie und rein wie jede keuſche Frau, aber meine Frau iſt ſie bereits geworden vor Gott! Der Segen des Prieſters kann die Weihe nachholen, und ich dringe darauf, ſobald als möglich; aber wollen Sie es ver⸗ hindern, ſo iſt Graziana dennoch mein Weib und wird es bleiben. Sie ſelbſt haben mich durch Ihre Winkel⸗ züge dazu gezwungen. Wir haben die Rechte der Ehe vorausgenommen, um den Bund zu einem unauflös⸗ lichen zu machen! Der alte Mann erbebte am ganzen Leibe, als er dies hörte; dennoch gab er ſich Mühe, zu lachen. — 123 Bah, was Sie behaupten, hat keinen Werth, Niemand glaubt daran, Niemand wird daran glauben, und wenn Sie ſich jemals erdreiſten ſollten, dergleichen Aeußerungen vor Andern zu wiederholen, ſo werde ich Sie behandeln als Verleumder und Ehrabſchneider! Hoffentlich wird es ſo weit nicht kommen, Herr General, ſagte ich; jedoch wenn Sie mich zwingen würden, die Wahrheit meiner Behauptung und mein Recht zu beweiſen, ſo kann ich es ſogar ſchriftlich. Und ich zog den Brief Graziana's hervor.„Hier iſt das Bekenntniß Ihrer Tochter ſelbſt und ich hoffe, daß dies Zeugniß Kraft genug hat, Sie von der Wahr⸗ heit meiner Worte zu überführen. Damit Sie mich nun nicht weiter mißverſtehen, ſo ſage ich Ihnen noch Folgendes: Meine Verlobung mit Ihrer Tochter ſo⸗ wie die bevorſtehende Vermählung iſt unſern beider⸗ ſeitigen Familien in aller Form angezeigt worden; ſie iſt kein Geheimniß mehr, das man beliebig unter⸗ drücken kann. Sollten Sie aber fähig ſein, trotz alle⸗ dem Ihr Wort zurückzuziehen, ſo greifen Sie meine und meiner Familie Ehre an. Seien Sie überzeugt, daß ich in dieſem Fall Niemand zu ſchonen entſchloſ⸗ ſen bin. Entweder ſofortige Vermählung und Erfül⸗ lung Ihres Worts, und zwar mit Verzicht auf jede Mit⸗ gabe Ihrerſeits, oder Sie zwingen mich, Sie zu fordern! 1 124 Da ſchrie Frau Axinia laut auf; der alte Herr aber wollte auf mich zu, und ſein Grimm kannte keine Grenzen mehr. Wagſt Du es, mir ſo zu kommen, ſo ſollſt Du den alten Subowjeff kennen lernen. Drei Schlachten habe ich geſchlagen gegen die Franzoſen, ich werde auch wohl noch mit Dir fertig werden! Noch einmal hielt Frau Axinia ihren Gemahl mit aller Kraft zurück. Im ſelben Augenblick— das Zimmer hatte ſich bereits mit Gäſten und Zuſchauern gefüllt— ſah ich Vetter Anatol mit einem Herrn zurückkommen. Um Gottes Barmherzigkeit willen, rief Axinia, Anatol, kommen Sie und ſtehen Sie mir bei! Hier gibt es Mord und Todtſchlag! Sie aber— und ſie wandte ſich zu mir— gehen auf der Stelle. Ihre An⸗ ſchuldigung— Gott im Himmel!— gehen Sie, gehen Sie, ich kann es noch nicht glauben, es wäre entſetzlich, aber gehen Sie! Ich beſchwöre Sie, wir kommen in die Blätter, in die Oeffentlichkeit, ein Skandal, ein Affront ohnegleichen! Erwarten Sie das Weitere mor⸗ gen! Thun Sie mir es zu Liebe, ich werde Ihre Sache führen. Es ſoll Alles noch gut werden. Verlaſſen Sie ſich auf mich, aber gehen Sie auf der Stelle, ſonſt machen Sie uns alle unglücklich! inia, Hier dſie An⸗ ſhen ich n in ein mol⸗ uche Sie aene X 125 Und während dieſer Worte hatte ſie mich zum Ausgang gedrängt. Ehe ich dieſen aber noch erreichte, flog mir eine Kugel am Kopfe vorbei und zerſchmet— terte einen Spiegel. Ein allgemeiner Tumult erhob ſich, und ehe ich mich noch verſah, wie mir geſchehen, ſtand ich in einer Nebenſtraße; ich glaube, Felicien, unſer allgegenwärtiger spiritus familiaris, hatte mich durch das Gewühl gezerrt und durch eine mir unbekannte Seitenthür ins Freie gerettet. Was ſollte ich jetzt thun? Bittere Reue überfiel mich, daß ich das verhängnißvolle Wort ausgeſprochen und Graziana damit preisgegeben hatte. Statt der erhofften Verſöhnung war nun die Feindſchaft unheil⸗ bar gemacht worden. Mein erſter Gedanke war ſo⸗ fortige Entführung meiner Geliebten, meiner Braut, und tauſend Vorwürfe machte ich mir, dieſe Noth⸗ wendigkeit nicht ſchon geſtern erkannt und ausgeführt zu haben. Indeß war auch jetzt der Entſchluß leichter gefaßt, als vollbracht, da keinerlei Vorbereitungen ge⸗ troffen waren. Ich fuhr ſofort zu meinem Banquier, um meine Wechſel einzuziehen und mich hinreichend mit Geld zu verſehen. Dann eilte ich in meine Wohnung, befahl meinem Bedienten, zu packen, und raffte nur das Noth⸗ wendigſte zuſammen, darunter auch meine Waffen; 126 denn ich war entſchloſſen, meine Abſicht nöthigenfalls mit Gewalt durchzuſetzen. Das Alles hatte noch keine Stunde in Anſpruch genommen, und ich hoffte noch zeitig genug zu kommen; denn um ſieben Uhr ging ein Bahnzug nach St.⸗ Cloud, und Suresnes iſt die Station vorher. Nur ſo konnte ich meinen Gegnern Vorſprung abgewinnen, die ſicher, wie gewöhnlich, ihren Wagen benutzten. Glück⸗ licherweiſe war der Bahnzug noch da, und in zwanzig Minuten war ich in meinem geliebten Suresnes vor der Villa, die mir ſeit geſtern ein Heiligthum gewor⸗ den war. Als ich anpoche, antwortet Niemand; ich läute, bis der Schellenzug abreißt. Endlich läuft Jemand aus der Nachbarſchaft herbei, und ich erfahre, daß die ganze Familie erſt heute Morgen wieder in die Stadtwohnung übergeſiedelt ſei. Davon hatte man mir weislich keine Silbe ge⸗ ſagt, und ich ſah bereits, daß meine Sache verloren war. Mit der Eiſenbahn konnte ich nicht ſofort zu⸗ rück. Mit Mühe und Noth ward ein Wagen aufge⸗ trieben und nun ging es in wildem Jagen über die Seine nach Longchamps, durch das Bois de Boulogne und die elyſeiſchen Felder. Es war ſchon Nacht, als ich endlich in der Avenue de l'Impératrice ankam und aus dem Wagen ſprang. nfals puch men St. ur ſo die lück⸗ anig vor wor⸗ and; läuft ohre, er i e ge loren ti ufge⸗ logne als und 127 Wenn ich mich nicht täuſchte— ich hatte zuvor während der Fahrt aus meinem Wagen geſehen— ſo war unmittelbar vor meiner Ankunft eine Equipage von dem Hauſe fortgefahren. Ohne mich weiter zu beſinnen, ſtürmte ich hinauf und drang in die Wohnung, deren Thüren offen ſtan⸗ den. Niemand war in den Zimmern zu ſehen, doch aus dem letzten hörte ich ein Schluchzen und Weinen. Ich dringe hinein und finde Frau Axinia auf ei— nem Sopha liegen. Ich hatte die Piſtole gezogen und muß wohl den Eindruck eines Räubers und Mörders gemacht haben. Mit lautem Hülfeſchrei ſprang Frau Akinia em⸗ por; als ſie mich erkannte, brach ſie von neuem in ei⸗ nen Strom von Thränen und Vorwürfen aus. Sie haben uns alle unglücklich gemacht! Der General hat Graziana mitgnommen— ach, fragen Sie mich nicht, wie! Sie ſind abgereiſt, mich hat man zu⸗ rückgelaſſen, weil man mir die Schuld beimißt, daß die Sache ſo weit gekommen, weil ich mein Engels⸗ kind in Schutz genommen vor dem ſchrecklichen Mann! Und wohin ſind ſie gereiſt? Und wenn Sie mich tödten, ſchrie die unglück⸗ liche Frau, ich weiß es nicht, man hat es mir nicht geſagt Vielleicht wird meine Tochter mir ſchreiben. Ach, ——— ich fürchte das Aergſte und Sie tragen die Schuld, Fedor, Sie allein! Es war eine verzweifelte Lage. Was ſollte ich thun? War dies Weib zurückgelaſſen, um mich zu täu⸗ ſchen? Ich faßte ſie heftig am Arme und beſchwor ſie, mir die volle Wahrheit zu ſagen; ſie aber brach aber⸗ mals in einen Weinkrampf aus, von dem ſie ſich lange nicht beruhigen konnte. Endlich gewann ſie ihre Sprache wieder und ſagte: Was quälen Sie mich, Fedor? Und wenn Sie mich auf die Folter ſpannen, ich habe Ihnen die volle Wahrheit geſagt! Uebrigens, damit Sie ſehen, daß ich auf Ihrer Seite ſtehe und nicht Ihr Unglück will, ſo warne ich Sie. Vetter Anatol hat Sie denuncirt als Conſpirateur, als Freund jenes Polen, der auf den Kaiſer geſchoſſen hat. Machen Sie ſo ſchleunig als möglich, daß Sie fortkommen; ich wundere mich eigent⸗ lich, daß Sie noch auf freiem Fuße ſind, jener ruch⸗ loſe Menſch iſt zu Allem fähig! Meine Tochter iſt für Sie verloren. Warum haben Sie jenes unglückſelige Wort geſprochen! Es hätte Alles noch gut werden können, aber dieſe Gewalt und dieſe Schmach verzeiht der General niemals! Und in dieſem Tone ging es noch eine gute Weile fort. Ich ſah, daß meine Sache verloren war. Die chuld, te ich u tä⸗ or ſie, aber⸗ lange ſagte n Sie e volle aß ich ill, ſo irt ls uf den ſig als ige⸗ r rich⸗ it für oſelige tönnel iht de Die —— 129 Drohung wegen der Denunciation verlachte ich; das waren offenbar nur Schreckſchüſſe, um mich zu veran⸗ laſſen, aus Paris zu fliehen. Rathlos und unentſchloſ⸗ ſen, was zu thun, verließ ich Frau Arxinia, die mir nochmals heilig verſprach, mir ſofort Nachricht zu ge⸗ ben, ſobald ſie eine Kunde von ihrer Tochter erhalten hätte. Als ich auf den Boulevard Sebaſtopol kam und in das Haus eintreten wollte, wo ich wohnte, ſtürzte mir auf der Treppe ein Menſch entgegen— es war abermals der treue Felicien— und raunte mir in die Ohren: Fliehen Sie, Herr Graf. Die Polizei ſucht Sie. Ihre Wohnung iſt beſetzt. Und halb mit Gewalt riß er mich aus dem Hauſe heraus und ſchaffte mich auf den Bahnhof. Die einzige Vorbereitung, welche ich zu einer etwaigen Entführung getroffen, die Verſchaffung ei⸗ nes Paſſes auf fremden Namen, war allerdings aus⸗ geführt worden und dieſe Vorſicht kam mir jetzt zu gute. Ohne angehalten zu werden, löſte ich eine Karte nach Straßburg und fuhr noch in ſelber Nacht ab. Am andern Tage kam ich glücklich über die Grenze und erreichte Baden⸗Baden. Hier erſt kehrte mir die Beſinnung zurück und ich Groſſe, Offene Wunden. I. 9 130 überlegte, was zu thun ſei. Hierher auch kam der. brave Felicien mit meinen Reiſeeffecten nach, die ich bei Frau Axinia gelaſſen hatte, und von dieſem Tage an nahm ich den Burſchen in meinen Dienſt. Sie werden es begreiflich finden, daß viele Tage und Wochen vergingen, bis ich zu einem beſtimmten Entſchluſſe kam. Das Ungeheuerliche meiner Erlebniſſe lag mir in den Gliedern und hatte mich gleichſam ge⸗ lähmt.“ Da der Graf hier einen Augenblick ſchwieg, um ſich zu ſammeln und ſeine Erinnerungen zu ordnen, glaubte ich die Zeit gekommen, einige Fragen einzu⸗ ſchalten. „Erlauben Sie mir einige Bemerkungen, Herr Graf. Ihre Erzählung intereſſirt mich lebhaft und ſie ſcheint alle Eigenſchaften zu gewinnen für das, was einem Roman ſogenannte Senſation verleiht. Allein mehrere Punkte ſind mir vollſtändig dunkel und räthſelhaft geblieben. Darf ich einige Fragen an Sie richten?“ „Warum nicht?“ erwiderte er.„Fragen Sie nur, ich werde auf Alles Rede ſtehen.“ „Zuerſt, was hatte die Familie des Generals gegen Sie? Die Verlobung war erklärt, die Verbin⸗ dung angeſetzt, woher dieſe Umſtimmung des Generals? Si An mö heit 131 Sie ſelbſt waren in glänzenden Verhältniſſen, jener Anatol war, wie Sie ſagten, ruinirt. Wie war es möglich, daß man dieſen vorziehen konnte? Dieſe ge⸗ heime Feindſchaft iſt wie ein Kampf im Dunkeln. Weshalb war der General Ihr Gegner?“ „Ach, das iſt eine lange Geſchichte“, erwiderte der Graf.„Die wahren Motive des Schurken Anatol ſollte ich erſt lange Zeit nachher erfahren, und es wäre wohl Alles anders gekommen, wenn der General dieſe gekannt hatte Auch mir war das Benehmen des letztern damals räthſelhaft, gerade wie Ihnen. Ich kann hier nur andeuten, was ich von Andern erfahren habe. Böſe Zungen ſagten— ich ging nämlich auch nach Hom⸗ burg, in der Hoffnung, die Flüchtlinge dort zu finden; ich ſah mich zwar getäuſcht, lernte aber mehrere Ruſ⸗ ſen kennen, die den General wie Vetter Anatol, denn dieſer war von Paris nach Homburg gegangen, in letzter Zeit beobachtet hatten— dieſe Leute wollten wiſ⸗ ſen, daß der alte Subowjeff den größten Theil ſeines Vermögens an Vetter Anatol verloren habe; dieſer habe Alles zurückerſtatten wollen, aber verlangt, er ſolle ihm dafür ſeine Tochter zur Frau geben. Darauf ſei der Alte nicht eingegangen, ſondern ſei abgereiſt nach Pa⸗ ris. Aber Vetter Anatol ſei ihm bald dahin nachge⸗ folgt und habe ſich verſchworen, er werde Graziana 9* 132 dennoch erringen oder er werde den Alten vollends zu Grunde richten. Dies Alles waren Vermuthungen, aber ob ſie Wahrheit enthielten, habe ich niemals her⸗ ausbringen können. Ich glaube auch heute noch nicht daran, denn wie wäre es ſonſt möglich geweſen, daß der General dennoch in meine Verlobung willigte. Denkbar, daß er ſich überrumpeln ließ und vielleicht hoffte, dadurch von dem läſtigen Anatol auf immer loszukommen, denn ſeine Schulden wurden, wie ich nachholen muß, von mir gedeckt. Nein, dies kann der Grund nicht geweſen ſein. Mehr Wahrſcheinlichkeit hat der Umſtand, daß General Subowjeff ein Stock⸗ ruſſe von der nationalen Partei war, während wir von deutſchem Blute ſind und außerdem mehrere Mitglieder von polniſcher Abſtammung zu unſerer Verwandtſchaft zählen. Sein Haß gegen dieſes mein Geſchlecht mußte um ſo tiefer und unverſöhnlicher ſein, als ein Oheim von mir, der eine Zeit lang Miniſter war, Urſache wurde, daß Subowjeffs Bruder wegen un⸗ erhörter Unterſchleife und Beſtechungen nach Sibirien kam. Kurz, Sie ſehen, es war zwiſchen beiden Familien Zündſtoff genug vorhanden, um die Flammen eines uuverſöhnlichen Haſſes zu ſchüren. Und dies erklärt auch meine Handlungsweiſe, zu welcher ich nunmehr gezwungen war. Vor beiden Familien bloßgeſtellt und ent not nor net un 133 entehrt, nachdem unſere Verlobung in ganz Rußland notificirt war, blieb mir nichts übrig, als es mit je⸗ ner ganzen Familie aufzunehmen, die die Urſache mei— ner ſchmachvollen Behandlung war.“ „Wie meinen Sie das, mit der ganzen Familie?“ unterbrach ich ihn. „Ich habe, glaube ich, ſchon erwähnt daß Gra⸗ ziana noch drei Brüder hatte, welche Offiziere in der Petersburger Garde waren. Da mir der Vater Subow⸗ jeff wie der Vetter Anatol nicht erreichbar waren, und da mein Name jetzt mit Sicherheit ebenſo in Petersburg zur Zielſcheibe des Spottes wurde, ſo mußte ich mich an dieſe Brüder halten, denn dieſe wa⸗ ren mir erreichbar.“ „Wie meinen Sie?“ unterbrach ich ihn.„Sie wollten die Brüder verantwortlich machen für das, was der Vater gethan? Offen geſtanden, hier hört mein Verſtändniß auf.“ „Weshalb?“ wandte der Graf ein.„Der Vater Subowjeff und der Schurke Anatol waren mir ent⸗ ſchlüpft, Gott weiß wohin. Ich konnte meine Zeit nicht damit verlieren, ſie in der Schweiz oder in Eng⸗ land oder in ganz Europa zu ſuchen; aber die Fa⸗ milie ſelbſt war mir haftbar in den Söhnen. Zur rechten Zeit erinnerte ich mich auch, daß gerade dieſe 134 Petersburger Brüder ſich gegen meine Verlobung aus⸗ geſprochen hatten und an meiner Schmach mitſchuldig waren. Nennen Sie es immerhin ruſſiſch, aber nach unſern Begriffen war es logiſch und gerecht, den Vater in ſeinen Söhnen zu treffen. Und dann laſſen Sie es mich nicht verſchweigen, ich hatte die heiße Sehn⸗ ſucht, dabei zu Grunde zu gehen. Das Leben war mir zur Laſt, zum Ekel geworden; und hatte dieſe Familie mir das Süßeſte und Höchſte geraubt, was ich mein eigen nannte in dieſem Daſein, ſo ſollte ſie das Amt und die Henkerpflicht haben, auch mein Leben dahinzunehmen. Das war meine einzige Rache, welche mir übrig blieb. Haben Sie ſonſt noch eine Frage?“ „Vorläufig wüßte ich nicht—“ „So laſſen Sie mich einen Augenblick raſten und geben Sie mir ein Glas Waſſer.“ Ich verließ das Zimmer, um ſeinen Wunſch zu erfüllen. Offen geſtanden, war meine Theilnahme durch die letzte Wendung etwas abgeſtumpft worden. Auch die abenteuerlichſten Vorgänge wollen ein ge⸗ wiſſes Maß. Wenn aber das Maßloſe und Unbe⸗ greifliche dazu kommt, ſo iſt man außer Stande, zu folgen. Und unbegreiflich, ja empörend war es, daß er ſich jetzt an die Brüder halten wollte; aber es war uſ 135 ruſſiſch, wie er ſagte, und die Erzählung behielt von da an nur einen gewiſſen culturhiſtoriſchen Reiz für mich. Als ich zurückkam, hatte der Graf einen Gang durch das Zimmer gemacht und ſtand am Bücherſchranke, um die Titel der Bände zu ſtudiren. Und ſtehend ſetzte er, nachdem er getrunken ſeine Erzählung fort. Sechstes Kapitel. „Ich ſagte Ihnen, daß ich zuerſt nach Baden⸗Baden und von dort nach Homburg gegangen ſei, um meinen Flüchtlingen nachzuſpüren. Dort wartete ich auch eine Zeit lang, in der Hoffnung, von Frau Axinia vielleicht Nachrichten zu bekommen und auf die rechte Spur ge⸗ leitet zu werden. Vergebliche Hoffnung! Nicht einmal meine Briefe wurden beantwortet, und ich mußte an⸗ nehmen, daß auch Graziana's Mutter mich getäuſcht habe. Es blieb alſo nichts übrig, als zu handeln. Ich ſchrieb an meine Freunde nach Petersburg, legte ihnen den Fall vor und beauftragte ſie, alle drei Söhne Subowjeff zu fordern. Zeit und Ort ſollten ſpäter näher beſtimmt werden—“ „Und Ihre Freunde legten gegen dies ſonderbare ich me jwe nic mei geg wa nen in wa ſü di Verlangen keinen Widerſpruch ein?“ unterbrach ich ihn. „Im Gegentheil“, antwortete er,„ſie fanden meine Handlungsweiſe völlig correct und meiner ver⸗ zweifelten Lage angemeſſen. Indeß ging die Sache nicht ſo ſchnell. Anfangs ſchlugen alle drei Brüder meine Ausforderung aus, leugneten, daß ſie jemals gegen mich geweſen wären, fanden keine hinreichende Urſache in meinen Angaben, um ſich zu ſchlagen, und was man ſonſt für Vorwände erſinnt, wenn man kei⸗ nen Muth hat. Die Weigerung brachte mich nahezu zur Raſerei; ich hatte bereits an einen meiner Freunde einen Brief angefangen, worin ich ihn aufforderte, jene drei Brü⸗ der auf öffentlicher Straße zu brüskiren, als der Zu⸗ fall mir zu Hülfe kam. Sei es, daß meine Freunde oder die Brüder ſelbſt nicht geſchwiegen hatten, der Conflict war in Petersburg bekannt geworden, und Alles ſtand auf meiner Seite, woraus Sie ſehen mögen, daß meine Ausforderung ganz der ruſſiſchen Sitte gemäß war. Auf einem großen Ballfeſt beim Fürſten Nariſch⸗ kin kam es zum Eclat. Auch die Brüder Graziana's waren eingeladen, aber man weicht ihnen aus, man flüſtert über ſie, man erwidert ihren Gruß nicht, ſelbſt die Damen refüſiren den Tanz, und bei der Frangaiſe 138 finden ſie kein vis-àvis. Bleich vor Wuth will ſich der jüngſte auf den Beleidiger ſtürzen, und nur mit Mühe halten ihn die beiden andern Brüder zurück, verlangen aber zugleich von den Umſtehenden Erklärung über dies herausfordernde Benehmen. Da wird ihnen vertraulich eröffnet: Bevor Ihr nicht den Handel mit Eurem Schwager geſchlichtet habt, ſeid Ihr in der Acht, und ſtreng genommen könnt Ihr mit uns nicht mehr dienen. Der jüngſte Bruder wie der mittlere erbieten ſich jetzt zugleich, meine Forderung anzunehmen; aber der älteſte, Dmitri Subowjeff, ver⸗ bietet es ihnen und nimmt ſein Recht der Erſtgeburt in Anſpruch. Ich erhalte davon Nachricht und reiſe auf der Stelle ab. Es war mitten im Winter. Als Kampfplatz ward eine einſame Gegend bei Riga und zwar in der Nähe der See beſtimmt. Bis Riga ſollten die Brüder mir entgegenkommen und ebenſo meine Freunde. Ich reiſte Tag und Nacht, und ich kann ſagen, mit einer ſataniſchen Freude, endlich meine Rache zu nehmen, und zugleich mit einer unausſprechlichen Todes⸗ ſehnſucht. Ich kam nach Riga, und zwar früher als die an⸗ dern. Ich ſtrich tagelang in den verſchneiten Wäldern der Umgegend und auf den Dünen der Oſtſee umher. ſa zu wo ſen un. ein Ge tel an⸗ dern nher⸗ 439 Faſt alle Zeit verwandte ich dazu, mich im Schießen zu üben, und in wenig Wochen war ich ſo ſicher ge⸗ worden, daß ich auf dreißig Schritt unter zwölf Schüſ— ſen zehnmal das Aß eines Kartenblatts traf. Endlich kamen die Brüder und meine Freunde an. Die letzteren logirten bei mir, die erſteren in einem Gaſthofe. Eine kurze Entrevue mit meinen Gegnern wurde anberaumt. Es waren ſchöne Burſchen, dieſe drei Brüder, der älteſte das wahre Ebenbild meiner Graziana, und nicht er allein, alle drei hatten Eigenthümlichkeiten und Züge von ihr, der zweite ihre Stirn und ihren wunderbaren Blick, der dritte den Klang ihrer Stimme, die mir durch Mark und Bein ging. Ich geſtehe, daß ich bei dieſem Anblick mich ſofort waffenlos und ohn⸗ mächtig fühlte. Mein flammender Zorn war im Mo⸗ ment verraucht auf immer, als ich dieſe drei Eben⸗ bilder Graziana's ſah; aber es gab nun kein Zurück, und die drei Brüder waren von tödtlichem Grimm gegen mich erfüllt. Sehr natürlich, denn offenbar hat⸗ ten ſie auch von ihrem Vater weitere directe Nachrich⸗ ten und ſahen mich als den Verführer ihrer Schweſter, als den Zerſtörer des Familienglücks an. Entſchloſſener Haß blitzte aus ihren Augen und ich ſah daraus mit Befriedigung, daß mein Untergang ziemlich gewiß war. 140 Gleichwohl übermannte mich ein ſeltſam bitteres und wildes Gefühl, wie ich es niemals gekannt hatte, und als ich von dem ſchönen, blaſſen, noblen Menſchen Ab⸗ ſchied nahm, den ich am andern Morgen erſchießen ſollte, packte mich etwas wie Reue. Wir hatten uns niemals geſehen, niemals beleidigt und nun ſollten wir uns auf Tod und Leben einander gegenüber ſtehen; ich wußte im voraus beſtimmt, daß ich dieſen Menſchen unmöglich tödten konnte. Am andern Morgen in der Dämmerung des Ta⸗ ges fuhren wir hinaus. Es war ein winterſtiller Nebel⸗ morgen. Die Krähen ſtrichen durch die graue Luft, und ſoweit das Auge ſah in der weiten, ſchneebedeckten Oede, war nichts Lebendiges zu entdecken. Der graue Schneehimmel und die weiße Fläche ſchienen in Eins verſchmolzen zu ſein. Unterwegs überlegte ich mir Alles noch einmal. Die Beſorgniß, aus Gemüthsbewegung eine unſichere Hand zu haben, war verflogen, ſeitdem ich einen feſten Entſchluß gefaßt hatte. Da mein Gegner als Geforderter den erſten Schuß hatte, lag es in ſeiner Hand und in der des Schickſals, mich kalt zu machen, und dann war das Spiel zu Ende. War der Ausgang anders, ſo wollte ich genau ſo ſchießen wie er, entweder ihm denſelben Denkzettel beibringen oder, falls er fehlte, gleichfalls und und Ab⸗ ßen ns ten en; hen Ta⸗ hel⸗ uft, kten aue ins nal. here ſten rtet din war ollte lben 14¹ ihn nicht treffen, das heißt, in die Luft ſchießen. Seit⸗ dem war ich ruhig. Endlich kamen wir in dem Birkenwäldchen an, das zum Rendezvous beſtimmt war. Von fern rauſchte die Brandung der See und auf der Höhe des Meeres ſchwamm ein einſames Fahrzeug mit ſchwediſcher Flagge; doch von dieſem Schiffe nachher. Graziana's Brüder waren ſchon da. Ich hatte mich verſpätet, denn ich hatte noch mehrere Briefe in der Nacht geſchrieben und war erſt ſpät eingeſchlafen. Die Begrüßung war kurz und gemeſſen. Ich muß hier nachholen, daß am Tage zuvor zwi⸗ ſchen den Secundanten Verhandlungen ſtattgefunden hatten, und zwar in Gegenwart beider Parteien. Meine urſprüngliche Forderung, welche an alle drei Brüder ging, hatte ich zurückgenommen und mich für befrie⸗ digt erklärt, wenn einer dieſelbe annähme; indeß, weil ich den Gedanken nicht ertragen konnte, Graziana's Ebenbild zu tödten, hatte ich auf der Entſcheidung durch das Loos beſtanden. Und dies Loos entſchied merk⸗ würdigerweiſe ebenfalls für den Aelteſten; ich will nicht unterſuchen, ob dabei Alles mit rechten Dingen zuge⸗ gangen iſt. Es war feſtgeſetzt worden, daß bei zwölf Schritt Barrière fortgeſetzt gefeuert werden ſolle, bis einer 4 142 von uns beiden todt oder kampfunfähig geworden ſein ſte würde. ich Sie ſehen, die Bedingungen waren ziemlich rigo⸗ ſn ros und die Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß ſofort ſul einer von uns fallen würde. nö Dmitri Subowjeff umarmte ſeine Brüder und g küßte ſie. Dann ſchritt er an die Barrière vor, blieb kun ſtehen und zielte. Wenigſtens eine Minute lang zielte ſit er. Haben Sie ſolche Minuten jemals erlebt? Es iſt haarſträubend, jeden Moment die Todeskugel erwarten dri zu müſſen. Ich indeſſen forderte ruhig von meinem de Secundanten Feuer für meine Cigarre und erhob mei⸗ wie nen linken Arm. Dieſe Bewegung machte meinen Geg⸗ lch ner ſtutzig und ſein Schuß ging los. Er würde mich überhaupt nicht getroffen haben, hätte ich nicht meinen der linken Arm erhoben und ausgeſtreckt; ſo kam es, daß ten dieſer zerſchmettert wurde. Sie ſehen, daß, wenn er gl auch ſpäter geheilt ward, er doch auf Lebenszeit ſteif leh geblieben iſt. Ich bat jetzt meinen Secundanten um die Waffe, bei zielte einen Moment und traf meinen Gegner gleich⸗ lch falls in den linken Arm. Sofort erhob Dmitri eine un friſche Waffe und zielte abermals; diesmal hatte er gi beſſer getroffen. Die Kugel traf mich mitten auf die ſpi Bruſt, lief um eine Rippe und blieb in der Seite da 143 ſtecken. Ich wollte zuſammenſtürzen vor Schmerz, aber ich biß die Zähne aufeinander und hielt mich gewalt⸗ ſam aufrecht. Meine Abſicht, ihm gleichfalls einen ſolchen Schuß beizubringen, war allerdings eine Un⸗ möglichkeit, denn wer hat es in der Gewalt, eine Ku⸗ gel um die Rippe herumzulenken. Ich zielte eine Se⸗ kunde und ſchoß. Seine Weiche war getroffen, er ſtürzte zuſammen. Wuthſchnaubend begehrte Dmitri Subowjeff zum dritten Mal die Waffe, um ſelbſt am Boden liegend den Kampf noch fortzuſetzen. Aber die Secundanten wie der anweſende Arzt erklärten dies für eine Unmög⸗ lichkeit. Auch ich war jetzt zu Boden geſunken. Die bei⸗ den jüngeren Brüder Dmitri's begehrten jetzt einzutre⸗ ten und das Duell fortzuſetzen. Ihre haßſprühenden Blicke ſagten mir, daß ſie entſchloſſen waren, mich nicht lebend vom Platze kommen zu laſſen. Meine Herren, ſagte ihnen der Arzt, der uns beide inzwiſchen unterſucht hatte, wollen Sie wirk⸗ lich auf einen Wehrloſen ſchießen? Sie würden dabei nur Ihre eigene Ehre in die Schanze ſchlagen. Lebens⸗ gefährlich ſcheint mir keine von den Wunden, alſo wird ſpäter eine Fortſetzung des Kampfes möglich ſein. Damit müſſen Sie ſich begnügen. 144 Aber es koſtete Mühe, die Erzürnten dazu zu bewegen. Jetzt forderten ſie, ich ſolle mein Chren⸗ wort geben, in Rußland zu bleiben, bis die Wunde geheilt und eine Wiederaufnahme des Duells möglich ſei. Nein, meine Herren, ſagte ich, dies Ehren⸗ wort gebe ich nicht, wenigſtens nicht in dieſer von Ihnen beliebten Form. Sie wiſſen ſo gut wie ich, daß in Rußland das Duell verboten iſt und hohe Stra⸗ fen darauf ſtehen. Mein längerer Aufenthalt hier könnte alſo erwünſchte Gelegenheit bieten, mich durch die ehrenwerthe Polizei aufheben zu laſſen, um mich ſo auf die bequemſte Art unſchädlich zu machen und nach Sibirien zu ſchaffen. Dieſe Chance wäre für mich wenig begehrenswerth und ich habe dafür geſorgt, mich nicht in eine Falle locken zu laſſen. Sehen Sie das Schiff dort mit ſchwediſcher Flagge! Es liegt für mich bereit und wird mich in Sicherheit bringen. Wollen Sie das Duell wieder aufnehmen, und ich er⸗ warte es, da auch ich mich nicht für befriedigt erklä⸗ ren kann, ſo ſchlage ich Ihnen vor, mir nach Goth⸗ land hinüberzufolgen, wenn Sie es nicht vorziehen, jenſeits der Grenze auf preußiſchem Gebiet die Sache auszufechten. Haben Sie mir ſonſt irgend etwas zu melden oder zu ſagen, ſo wiſſen Sie meine Adreſſe ger 145 an Bord des Guſtav Waſa. Einſtweilen leben Sie wohl hoffentlich auf baldiges Wiederſehen! Damit nahm ich Abſchied und ward ſofort von meinen Freunden nach dem Strand hinunter und an Bord des Schiffes gebracht. Dieſe Vorſicht meiner Freunde, welche ohne mein Wiſſen dieſe Maßregel vor⸗ bereitet hatten, war auch nicht ohne Grund geweſen, denn wir erfuhren nachträglich, daß am ſelben Tage noch das Hotel in Riga umſtellt wurde, um mich auf⸗ zuheben. Jedenfalls geſchah dies ohne directe Veran⸗ laſſung der drei Brüder, aber da ſie nicht geſchwie⸗ gen, waren mit Sicherheit ihre Freunde thätig gewe⸗ ſen. Daß es nur auf mich allein abgeſehen war, ging daraus hervor, daß man auffallender Weiſe meine Ge⸗ ner ignorirte und von ihrer Anweſenheit und Abſicht in Riga keinerlei Kenntniß zu haben ſchien. Guſtav Waſa, das ſchwediſche Schiff, an deſſen Bord ich mich befand, kreuzte indeſſen in der Oſtſee, da der Winter ungewöhnlich mild war, und kehrte in jeder Woche einmal nach Riga zurück. Meine Wunden heilten langſam, wenn es ein Heilen heißt, mit dem Leben davonzukommen, aber auf Lebenszeit einen unbrauchbaren Arm zu be⸗ halten. Die Figur eines Tellheim zu haben, iſt noch nicht genug, um auch darauf rechnen zu können, der Groſſe, Offene Wunden. I. 10 146 Liebe und des Beſitzes einer Minna ſicher zu ſein.“ Nach dieſen Worten, die wie kein ganz glücklicher Scherz herauskamen, ſchwieg der Graf eine Weile, und ich hätte allerdings manche Bemerkung auf dem Herzen gehabt; Vieles von dem, was er erzählte, erſchien ſeltſam, abenteuerlich und unwahrſcheinlich, und mehr als einmal kam mir der Verdacht, daß der Erzähler die Facta ſtark zu ſeinem Vortheil arrangire und aufſtutze. Außerdem, wie viel wäre über den Unſinn des Duells, über das Tolle eines ſolchen Zweikampfs zu reden ge⸗ weſen Aber was hätte es dieſem Herrn gegenüber genützt! Wir wären wahrſcheinlich als Gegner auseinander gegangen, bevor ich das Ende ſeiner Geſchichte gehört hätte, die mich doch in hohem Grade geſpannt hielt. „Als ich nach einigen Wochen“, fuhr er fort,„wie⸗ der einmal nach Riga kam, wo Dmitri ebenfalls an ſeinen Wunden darniederlag, näherte ſich ein Boot unſerem Schiffe, und zwar mit einem der Secundanten meines Gegners. Ich war inzwiſchen ziemlich geneſen und entſchloſſen, wenn ich diesmal keine entſcheidende Bot⸗ ſchaft erhielt, abzureiſen. Jener Secundant, es war ein Deutſcher, ein Frei⸗ herr von der Wartha, kam an Bord und ſagte mir, daß die Brüder angeſichts der großen Gefahr, in ichet und erzen chien mehr die tutze. lells, ge⸗ ützt! nder chört t. wie⸗ inen erem ines und Bot⸗ Fri nir, in 147 welcher Dmitri ſchwebe, geneigt ſeien, ganz von der et⸗ waigen Fortſetzung des Kampfes abzuſehen. Im Gegen⸗ theil ſei man zu einer Verſöhnung bereit, und zwar unter der Bedingung, daß ich meine vollſtändige Corre⸗ ſpondenz mit Graziana ausliefern ſolle. Daraus wurde mir klar, daß die Brüder um den Sachverhalt wiſſen mußten; denn ſicherlich war es ihnen nur um den letzten Brief mit dem Bekenntniß Gra⸗ ziana's zu thun. Von meiner ſonſtigen weiteren Correſpondenz konnte ja gar keine Rede ſein. Ich war unentſchloſſen, welche Anwort ich geben ſollte. Meine heißeſte, einzige Sehnſucht war, zu erfahren, was aus Graziana geworden und wo ſie ſich befinde. Vielleicht war jetzt ein Weg dazu gefunden. Mein Heiligthum aber fremden Händen zu über⸗ liefern, das letzte Andenken, was ich von ihr beſaß, hin⸗ zugeben— niemals! Ich antwortete alſo, ich ſei zu Verhandlungen bereit, aber nur bei mir an Bord des Schiffes. Zwar könne ich jene Correſpondenz den Brüdern niemals überantworten, aber ich ſei bereit, ſie vor ihren Augen zu verbrennen, nachdem ſie Kenntniß davon genommen. Wenn ſie darauf eingehen wollten, ſo würde ich ſie erwarten. Mein Plan oder vielmehr mein frommer Wunſch war dabei, die Brüder von meinen Rechten 10* 148 auf Graziana zu überzeugen und ſie für mich zu ge⸗ winnen. Nur ſo konnte ich hoffen, früher oder ſpäter ihren Aufenthaltsort zu erfahren. In der That gingen die Brüder auf mein Aner⸗ bieten ein, und ſchon nach einigen Tagen erſchienen Dmitri nebſt Sergius und Alexei Subowjeff an Bord des Guſtav Waſa, begleitet vom Freiherrn von der Wartha. Dmitri war noch ſehr leidend und mußte geführt werden. Es war ein peinliches und erſchütterndes Wiederſehen, denn im Stillen, was ſoll ich es verheh⸗ len, liebte ich dieſe drei Feinde auf das leidenſchaft⸗ lichſte, ſie waren ja die Brüder Graziana's. Wir nahmen in der Kajüte des Schiffs Platz. Der Kapitän, ein liebenswürdiger junger Mann, Na⸗ mens Erich Adlerſtröm, war inzwiſchen mein Freund geworden, und da er theils von mir, theils von an⸗ derer Seite Aufſchlüſſe über meine Geſchichte erhalten hatte, ſo trug ich kein Bedenken, ihn als Zeugen zu unſerer Verhandlung beizuziehen. In der Kajüte war ein Frühſtück ſervirt worden, aber wir tranken wenig und auch das Geſpräch wollte trotz aller meiner Verſuche, die Herzen meiner Gegner zu gewinnen, nicht recht in Fluß kommen. Endlich holte ich das Käſtchen mit den meinen heiligen Reliquien. tet er⸗ ſen ha. hrt en, lte ner 14⁴9 Sie ſehen, ich bin Ihnen entgegengekommen und bin bereit, Ihre Wünſche zu erfüllen: vor Ihren Augen auszubreiten dieſe Denkmale einer heißen, in⸗ nigen Liebe, einer trunkenen Leidenſchaft, Zeugniſſe eines Herzens, deren Wahrhaftigkeit und Offenheit Sie es anfühlen werden, daß wir es ehrlich und treu mit⸗ einander meinten und uns für Zeit und Ewigkeit ver⸗ bunden fühlten und noch fühlen. Aber ehe ich Sie einen Blick in dieſe Bekenntniſſe werfen laſſe, knüpfe ich die Bedingung daran, daß Sie mir ſagen, was aus Graziana geworden und welches ihr jetziger Aufent⸗ halt iſt. Das würde zu gar nichts führen, ſagte Dmitri, denn ſie iſt die Frau Anatol Korſakoff's geworden. Dieſe Nachricht, obwohl ich ſie hundertmal erwar⸗ tet hatte, traf mich gleichwohl wie ein Donnerſchlag, der mich völlig darniederwarf. Sprechen Sie die Wahrheit oder wollen Sie mich täuſchen? rief ich. Auf meinen Schwur, ſagte Dmitri, und meine Brüder werden es beſtätigen. Sergius und Alexei erhoben ihre Hand. Nun, dann ſoll auch Niemand dieſe Blätter ent⸗ weihen, Niemand unſern Kummer und die Schmach erfahren, die auf ſolchem gezwungenen Bündniß laſtet. Auch Sie, die Brüder Graziana's, dürfen nichts davon 150 wiſſen! rief ich, nahm die Briefe, die das Bekennt⸗ niß jener uns heiligen Stund enthielten, und warf ſie in die Kohlenpfanne. Aber das iſt nicht Alles, fuhr ich fort, auch die Correſpondenz Ihrer Mutter muß vernichtet werden, damit Sie niemals erfahren, was zwiſchen uns vorgegangen, wie tief ich gewiſſe Verhältniſſe kennen gelernt und wie ſehr mir Ihre Familie verflichtet war. Im nächſten Moment loderten auch dieſe Briefe empor. Ich muß hier einſchalten, daß die Correſpondenz zwiſchen Frau Axinia und mir ziemlich umfangreich war. Die Dame ſchrieb faſt jeden Tag an mich. Bald waren es Geldverlegenheiten, bald Klagen über ihren Gemahl. Die ganze Ausſtattung der Villa in der Avenue de l' Impératrice war mir niemals erſetzt worden, und dieſe Briefe enthielten Vertröſtungen, Verſprechungen und dann neue Wünſche, denn Frau Axinia war ge⸗ wohnt, auf großem Fuß zu leben. Ueberblickte man Alles, ſo konnte es jetzt ſcheinen, als ſei ich lediglich ausgebeutet worden. Man zeigte mir das ſchöne Ziel wohl in der Ferne, war aber im Ernſt niemals gewillt, mich es erreichen zu laſſen. Dieſe Billets waren höchſt fatale Belege, aber dieſe Belege waren nun vernichtet. Einen Moment war Dmitri über meine raſche That betroffen. U h —„d c —+„——— ſſe n — 15¹ Sie haben Ihr Wort nicht gehalten, ſagte er und ſeine Hand zitterte. Beſſer, als Sie ahnen, erwiderte ich ihm. Ich habe nicht nur alle meine letzten Waffen gegen Ihre Familie vernichtet, ich habe auch verhindert, daß ein Sohn vielleicht Urſache fände, von ſeinen Eltern, von ſeiner eigenen Mutter geringer zu denken. Wollte ich das, ſo hätte ich Ihnen die Blätter übergeben, die nun Aſche ſind, aber ich hätte damit einen Brand in Ihre Seele geſchleudert, der vielleicht niemals mehr erloſchen wäre. Beſſer, Sie erfahren nie, wie man an mir gehandelt hat, und behalten die ſchuldige Liebe und Hochachtung zu Ihren Angehörigen. So rächt ſich ein Edelmann! Die Betroffenheit Dmitri's war jetzt unverkennbar, er biß ſeine Unterlippe faſt wund und richtete ſich in die Höhe. Wieder trat die verhängnißvolle und mich tief ergreifende Aehnlichkeit mit Graziana hervor. Leiſe und raſch ſprach er mit ſeinen beiden Brüdern einige Worte, dann wandte er ſich zu mir. Seien Sie unſer Freund, Fedor. Sie ſind ein Edelmann, und wir glauben jetzt, daß Ihnen ſchweres Unrecht geſchehen iſt. Leider iſt es nicht mehr gutzu⸗ machen. Wer kann es wiſſen, ſagte ich; vor allen 152 Dingen aber muß ich wiſſen, wo man Graziana ver⸗ borgen hält. Selbſt wenn wir es Ihnen ſagen wollten, er⸗ widerte Dmitri, wir können es nicht. Seit Mo⸗ naten fehlen alle Briefe. Zuletzt waren ſie in Venedig, wo die Trauung vollzogen worden iſt. Ich fürchte aber, es ſteht nicht Alles ſo, wie es ſollte; ich kann Ihnen alle Gründe jetzt nicht mittheilen. Dieſer Ana⸗ tol Korſakoff war uns niemals ſympathiſch. Seine Antecedentien ſind nicht der Art, um Vertrauen zu ihm zu faſſen, aber man ſchrieb uns, daß dieſe Verbindung die einzige Rettung der Ehre ſei. Leider ſcheint dieſe Wahrung nur eine äußerliche geblieben zu ſein, aber eine Aenderung iſt nicht abzuſehen. Jeder Ausweg kommt jetzt zu ſpät. Warum haben wir uns nicht früher kennen gelernt? Es wäre Alles anders gekom⸗ men. Wenn es Sie beruhigen kann, ſo verſprechen wir, Ihnen Nachricht geben, ſobald wir ſelbſt wiſſen, wie die Dinge ſtehen. Was ſoll ich Ihnen ſagen, wie uns die nächſte Stunde verflog? Dieſes offene und männliche Entgegen⸗ kommen ſchloß mein ganzes Herz auf. Ich verhehlte den Brüdern nun nichts mehr, wie Alles gekommen, was zwiſchen uns vorgefallen und daß ich jetzt noch das volle Recht zu haben glaubte, mich als den Gemahl ver el⸗ Mo⸗ edig, chte kann Ana⸗ eine ihm dung ber weg nicht kom⸗ chen ſſen, chſte gen⸗ le en⸗ noch hl 4153 Graziana's anzuſehen. Dabei kam ich auf jene Briefe zurück, in welchen die Brüder ſich damals ungünſtig über mich ausgeſprochen hatten, jene Briefe, die den erſten Grund zu dem folgenſchweren Zerwürfniß ge⸗ legt hatten. Auch jetzt noch leugneten die Brüder ab, dieſe Briefe geſchrieben zu haben, aber noch weiterem Austauſch kam endlich die Wahrheit an den Tag. Es ergab ſich, das Anatol Korſakoff damals einige Tage in Petersburg geweſen war und ſie brieflich erſucht hatte, ſie möchten energiſche Einſprache gegen mich er⸗ heben. Die Brüder hatten ihm ablehnend geantwor⸗ tet; dennoch waren jene Schreiben von Petersburg ein⸗ getroffen, und es lag auf der Hand, daß Korſakoff jene ablehnenden Briefe benutzt hatte, um nach ihrer Hand⸗, ſchrift die verlangten Documente ſelbſt herzuſtellen und abzuſenden. Noch bezeichnender war dabei, daß er darin als Urſache meiner Entlaſſung aus der Armee genau dieſelben Gründe anführte, welche ſeiner diplomatiſchen Carrière ein raſches Ende gemacht hatten, nämlich Schulden und Wechſelreiterei. Jetzt erſt lernten die Brüder Graziana's jenen Biedermann ganz kennen, und wenn je etwas beitrug, die tödtlichſte Feindſchaft in die innigſte Freundſchaft zu verwandeln, ſo war es die Erkenntniß des gemeinſamen Feindes. Erſt gegen Abend ſchieden wir in zärtlicher Freund⸗ 154 ſchaft als treue Verbündete und Brüder, die entſchloſſen waren, den Kampf gegen den Störer des Friedens und Glücks gemeinſam aufzunehmen. Aber allerdings, die entſetzliche Kunde von der unerhörten Verbindung Graziana's mit dieſem Menſchen ſollte ihre Nachwir⸗ kung haben und warf mich lange Zeit auf eine mora— liſche Folter, für welche keine Sprache der Welt Worte hat. Ich würde es natürlich gefunden haben, wenn ſie den freiwilligen Tod vorgezogen hätte. Ich wurde nicht müde, mir qualvolle und grauſame Zwangsmaß⸗ regeln vorzuſtellen, durch die es erſt möglich geworden ſei, dieſes reine, holdſelige Geſchöpf dem brutalen Go⸗ rilla auszuliefern. Dieſe ſelbſtquäleriſchen Foltern brachten mich dem Wahnſinn nahe. Ich fluchte meiner Nation, ich fluchte Europa, ich fluchte der ganzen Menſch⸗ heit. Obwohl ich völlig geneſen, mochte ich doch nicht an das Land zurück, ſondern trug mich ernſtlich mit Selbſtmordsgedanken. Vielleicht würde ich ſie auch aus⸗ geführt haben, wenn nicht mein treuer Freund Erich Adlerſtröm, der Schiffskapitän, ein wachſames Auge auf mich gehabt hätte. Eines Nachts lichtete er ſeine Anker, und als ich am andern Morgen erwachte, ſchwammen wir auf hoher See; ich fragte nicht, wohin. Mir war das Leben völlig gleichgültig geworden. Dieſes Nichts von Himmel und gen und Lul der Gr ſen dens ng5, ung wir⸗ ota⸗ orte enn urde naß⸗ rden Gb⸗ tern 155 und Waſſer, welches uns umgab, ſprach mich an. Wo⸗ gende See und heulender Sturm, gepeitſchte Wellen und zerriſſene Wolken waren meine Erquickung und Labſal, ich lachte über das Raſen der Elemente, wie der alte König Lear, und wenn wir alle drohten zu Grunde zu gehen mit Mann und Maus, dann war mir am leichteſten zu Muthe. Eines Tages wurden? die Lüfte milder und die Strahlen wärmer. Der Kapitän ſagte mir, wir wären im Mittelmeer bei Genua, einen Tag ſpäter bei Livorno. Ich ließ ihn reden und dachte nicht daran, auszuſteigen und eine Zerſtreuung zu ſuchen. Ich haßte dies Men⸗ ſchengeſchlecht, ich verlachte die ſogenannte Vorſehung und die Gerechtigkeit des Himmels ſchien mir eine ſchlechte, fade Poſſe zu ſein. Was ſollte ich in dieſen glänzenden Städten, an den lachenden Ufern? Erſchien mir doch Alles:Paläſte und Kirchen, Villen und blaue Meereswogen in die Farbe des Abgrunds, der Hölle, des Todes getaucht. Wären wir nicht die blaſirten Bürger einer entnervten Zeit, von Jugend auf in der Urkraft der Natur gebrochen, jetzt hätte ich Pirat wer⸗ den können, der Alles, was ruſſiſch war, über die Klinge ſpringen ließ, um die Frauen und Töchter in ſeinem Harem einzuſperren und ſpäter auch zu tödten. Anderer⸗ ſeits wäre ich ebenſo gern ein Trappiſt geworden, der 156 von Aepfeln und ſchlechtem Cider lebt und alle Tage ſein Grab ſchaufelt. Ja, damals lernte ich, daß man Unſag⸗ bares erdulden kann und doch nicht zu Grunde geht. Umſonſt fluchte ich, wie Hamlet, auf dies allzufeſte Fleiſch und bildete mir ein, mit Geiſtern von Verſtor⸗ benen zu reden, und ich merkte es glücklicherweiſe nicht, wie ich allmälig zum Spott für die Matroſen gewor⸗ den war. Die einen verlachten mich, die andern gaben dem Kapitän zu bedenken, ob er nicht beſſer da⸗ ran thue, mich auszuſetzen oder in ein Narrenhaus ab⸗ zuliefern.“ Graf Fedor ſchwieg hier erſchöpft und ſtreckte ſich, ſo lang er war, auf dem Sopha aus. Seine letzten Aeußerungen waren keine Erzählung mehr, ſondern eine Art Monolog oder wilder Phantaſie, vor ſich hin in die Luft geſprochen. Man ſah, dieſe Erſchütterungen hatten ſich ſeit Jahren bis heute noch niemals recht Luft gemacht, und trotzdem ſie von Ueberwundenem und Vergangenem ſprachen, überraſchte mich die Heftigkeit dieſes vulka⸗ niſchen Ausbruchs. Faſt war es mir erwünſcht, daß in dieſem Augenblicke die Hausglocke tönte, denn was konnte ich ſonſt jenen Mißharmonien der Verzweiflung erwidern. Leere Tröſtungen erſcheinen dann wie Hohn und ſachliche Bemerkungen wagte ich nicht, da ich keine ge ſein lnſag⸗ geht zufeſte erſtor⸗ nicht, ewor⸗ ndern r da 3 ab⸗ letzen neine in in 9 ſeit und genen ulb d wa flung Hohn keine ( 15 Vorſtellung von dem hatte, was noch kommen konnte. Ja, eine Unterbrechung war hocherwünſcht. Obwohl ich Befehl gegeben, jeden Beſuch abzuweiſen und mich zu verleugnen, ging ich jetzt ſelbſt zur Hausthür, um zu ſehen, wer da ſei. Wie erſtaunte ich, als mich ein alter Freund begrüßte, den ich ſeit langen Jahren nicht mehr geſehen. Er war den Tag zuvvr mit der Eiſenbahn angekom⸗ men und hatte mit vieler Mühe meine Wohnung aus⸗ findig gemacht, um mich wiederzuſehen. Sandor Ug⸗ litſch, von Geburt ein Pole, hatte ſeine Heimat früh— zeitig verlaſſen, um ſich der Kunſt zu widmen; er hatte in dieſer Hauptſtadt, wie in andern deutſchen Städten, eine Zeit lang gelebt und war dann plötzlich ſpurlos verſchwunden. Da ich ſpäter noch von ihm zu reden habe, ſei hier nur angeführt, daß es ein unruhiger Kopf, aber ſonſt ein höchſt liebenswürdiger Menſch war, der alle zu bezaubern verſtand, die mit ihm in Berührung kamen. Ich ſchwankte einen Augenblick, ob ich den Ankömmling nicht einführen und mit dem Grafen Fedor bekannt machen ſollte; dennoch wagte ich es nicht, denn ich wußte ja nicht, ob die Erzählung ſchon zu Ende ſei. Sandor mochte mir meine Verlegenheit anſehen und ſagte: 158 „Sie ſcheinen Beſuch zu haben, dann will ich nicht ſtören. Wir können uns ja heute Abend ſprechen. Ich wohne im Hotel zum Kaiſer. Bitte, beſuchen Sie mich heute noch, ich habe Ihnen merkwürdige Dinge zu er⸗ zählen.“ Ich verſprach zu kommen. Herr Sandor Uglitſch empfahl ſich und ich ging in mein Zimmer zurück. Graf Fedor lag noch wie vorher auf dem Sopha und ließ mich ruhig eintreten, ohne ſich zu bewegen; erſt nach einer Weile nahm er langſam ſeine Hand von dem Geſicht. „Nun, Herr Graf, und damit iſt Ihre Geſchichte zu Ende?“ fragte ich. „Ich wollte, ſie wäre es“, ſagte er und richtete ſich auf,„aber das eigentlich Traurige und Grauen⸗ volle kommt noch.“ „Noch Traurigeres? Bitte, fahren Sie fort“, ſagte ich und nahm wieder an dem Tiſche meinen Platz ein. h nicht n. J ie mich zu er⸗ glitſc Sopha wegen Hand ſhicht raue fort“ Siebentes Kapitel. „Endlich ſollte eine Entſcheidung kommen, nachdem ich bereits darauf verzichtet hatte“, begann er mit lang⸗ ſamem Tone, und der Klang ſeiner Stimme war faſt erloſchen. „Ich habe Ihnen erzählt, daß ich als Freund von Graziana's Brüdern geſchieden war und daß ſie mir Mittheilungen verſprochen hatten. Da dieſe aus⸗ blieben, glaubte ich ſchon, die Brüder hätten mich ebenſo getäuſcht wie Frau Axinia, von der ich auch nicht ein Wort mehr erfahren hatte. Da war es endlich in Sorrent, als mich ein Brief erreichte, der wenigſtens ein Dutzend Briefmarken trug und auf ſeinen Kreuz⸗ und Querzügen gewiß ſchon einige Monate auf Reiſen war. 160 Es waren nur wenige, aber inhaltſchwere Worte, welche der Brief enthielt. „Bitte, retten Sie Graziana, wenn es möglich iſt. Anatol Korſakoff lebte den Winter in Meran unter dem Namen eines Herrn von Clovis. Gott ſegne Sie und helfe Ihnen, ein gutes Werk zu thun. Wir ſind in großer Unruhe Laſſen Sie von ſich hören, ſobald eine Entſcheidung eingetreten!“ Dieſe Zeilen ſchreckten mich empor wie ein Kano⸗ nenſchuß. Ich fand alle meine Energie wieder und wußte nun auf einmal, warum ich auf jenes tolle Duell hatte kommen müſſen, welches Ihnen ſo unbe⸗ greiflich ſchien. Prüfen Sie wohl, nun hatte es einen Zweck, einen tieferen Sinn in meinem Leben; ohne daſſelbe würde ich nicht die Freundſchaft der Brüder Graziana's erlangt haben, ohne dieſe Freundſchaft aber hätte ich wahrſcheinlich nimmermehr Nachricht vom Leben und Aufenthalt jener Einzigen erhalten, die mein Leben beherrſchte. Es ward ſo Alles, was Willkür ſchien, eine kunſtvolle Kette mit tiefinnerem Zuſammenhang. Ich trat ſofort meine Fahrt an, ich reiſte ununter⸗ brochen Tag und Nacht; aber leider, jener Brief war ſchon einige Monate alt geweſen, bevor er mich erreichte, und wie ich fürchtete, ſo war es: als ich in Meran Porte, glich unter e Sie ſind ſobald Kanv⸗ und tolle unbe⸗ einen ohne grüder dſcha chricht halten⸗ was neren unter⸗ f war reicht⸗ Meran 161 ankam, war Herr von Clovis nebſt Gemahlin bereits fort; aber nun hatte ich doch eine beſtimmte Spur, und wie der Indianer hinter dem Wild, wie der Detec⸗ tive hinter einem Verbrecher, ſo war ich jetzt hinter Herrn von Clovis her. Seine nächſte Spur fand ich in Innsbruck; aber hier ſchien ſie zu verſchwinden. Zwar erfuhr ich, daß er in Begleitung ſeiner Frau reiſe und daß dieſe eine ungewöhnliche Schönheit, wenn auch blaß und leivend ſei, aber zugleich ſagte man mir, daß dieſe Dame eines Tages verſchwunden ſei. Da ich mich für einen Verwandten Graziana's ausgab, und da das Paar durch ſeine Ungleichheit Aufſehen erregt hatte, gab man mir gern bereitwilligen Aufſchluß. Ich kann nicht ſagen, daß mich dieſe neue Entdeckung erfreute. Daß alſo Graziana einen Fluchtverſuch ge⸗ wagt, beſtätigte, daß eine Rettung Nothwendigkeit war; aber wie ſollte ich nun die Entſchwundene finden und wie die doppelte Spur verfolgen? Als ich die Land⸗ karte ſtudirte, fiel mir der Achenſee wieder in die Augen, wo jene ſüße, ſelige und unſaglich traurige Geſchichte ihren Anfang genommen; es war jetzt gerade ein Jahr und mehr, ſeitdem ich nach jenem letzten Auftritt auf der Landſtraße den ſtillen Bergſee verlaſſen, um nach Paris zu gehen. Wie ein Sonnenſtrahl durchzuckte mich der Ge⸗ Groſſe, Offene Wunden. I 11 162 danke, daß Graziana hierher geflohen ſein müſſe. Die Nähe und bequeme Verbindung drängten mir dieſen Ge⸗ danken immer unabweislicher auf. Sofort war ich unterwegs, und noch vor Abend hatte ich über Innbach und Buchau den zauberhaften Bergſee erreicht, wo mir jeder Schritt, jeder Baum und jeder Felſen ſüße und bittere Erinnerungen zuflüſterte. Als ich bei der Scholaſtica eintrat, erſchrak die alte Lene, als wenn ein Todter vom Grabe erſtanden hereinträte. Sie lief aus dem Zimmer, aber ich folgte ihr ſofort und vertrat ihr den Weg. Wo iſt Graziana? fragte ich. Sie meinen gewiß das ſchöne Fräulein, das im vorigen Jahre hier war? Allerdings, ſie muß hier ſein.. Da ſind der Herr irrig, ſagte die brave alte Lene;„wohl war ſie hier vor einigen Wochen, aber zuerſt mutterſeelenallein, und nachher haben wir erfahren, daß ſie gar verheirathet ſei, und dann iſt ſie wieder fort mit Gewalt. Der Menſch nahm ja gar keine Ver⸗ nunft an. Ich habe oft an Sie denken müſſen, aber es hieß ja, der Herr Graf ſei todtgeſchoſſen. Liebe Lene, erzählen Sie der Reihe nach, ſo können wir uns nicht verſtehen. Se lert nah ſta do da ge au i ge gu ge ich nboch iſ ſiße at die tanden ſolgte as im aber fahren⸗ wiedel abet ne , ſt 163 Ich ging auf die Straße hinaus, hinüber an den See, unter dem Speiſeſaal. Der Platz war gerade leer und man kann dort ungeſtört reden. Die alte Lene nahm neben mir Platz. Juſt ſind es vier Wochen, als mit der Poſt von Innbach eine einzelne Dame ankam. Jagerl, ſag' ich zur Hausfrau, das iſt ja Fräulein Grazi, die Ruſſin vom vorigen Jahr. Aber wie anders ſchaute ſie aus mindeſtens um zehn Jahr war ſie älter geworden! Und doch war ſie noch ſchön. Als ich ihr ein Zimmer ge⸗ geben, fiel ſie mir beinahe ni den Hals, als ich ſie fragte, ob ſie nicht das vornehme Fräulein ſei vom vorigen Jahr und wo die Frau Mutter und der Herr Graf geblieben ſei— ich meinte Sie nämlich, denn daß Sie das ſchöne Fräulein gern ſahen und daß ſich da was zuſammenbandeln wollte, das hatte ich gleich gemerkt. Aber das Fräulein brach in heftiges Weinen aus und ſagte, ich ſolle nicht davon reden; der Graf wäre todt und ſie wäre auf der Flucht. Wir möchten ſie um des Himmels willen nicht verrathen. Ich kann Ihnen gar nicht ſagen, wie mir das Herz zuſammen⸗ geſchnürt war. Ein paar Tage ging es ganz gut, das Fräulein hielt ſich im Hauſe verborgen, nur ſelten ging ſie an den See hinab und ſaß am Waſſer— gerade hier hat ſie oft geſeſſen und weit hinaus ge⸗ 1 164 ſchaut auf die Berge und dann hat ſie immer ſtill für ſich geweint. Und Niemand hat gewußt, was das Alles zu bedeuten habe und wer die ſchöne fremde Dame ſei. Auf einmal, nach vier bis fünf Tagen, kommt plötzlich ein fremder Herr an— er war im vorigen Jahre auch hier, ich weiß nicht mehr, wie ſich der wüſte Menſch ſchrieb— und überraſcht das Fräu⸗ lein, gerade wie ſie zum See hinunterging. Ah, Ma⸗ dame haben ein gutes Gedächtniß für alte Lieblings⸗ plätzchen und ſüße Erinnerungen, ſagte er, aber wir haben keinen ſchlechteren Geſchmack und jetzt werden Sie mir auf der Stelle folgen! Ich ſage Ihnen, das gab einen Zuſammenlauf, ein Aufſehen nicht zum Beſchreiben; denn jetzt kam es erſt heraus, daß das Fräulein verheirathet war und ihrem Mann hat durchgehen wollen. Zuerſt ſchrie ſie auf und wollte zum See, um in das Waſſer zu ſpringen, aber er fing ſie in ſeinen Armen auf und hob ſie halb mit Gewalt in ſeinen Wagen. Die Gäſte wollten es erſt nicht leiden, aber er deutete mit der Hand auf die Stirn, als wenn es mit der Frau nicht recht richtig wäre. So ſind ſie abgereiſt nach München. Ich kann gar nicht ſagen, wie mir die arme junge Frau leid that. Da muß ein hartes Wetter ins Leben geſchlagen haben, und nun kommen Sie auch noch und ſind am Leben, du Ve da für da remde agen, rim e ſich Frü⸗ Mo ling⸗ r wir erden hnen, zum daß nha wollte n fin ewalt nicht tivn, würe o that. aben⸗ eben 165 da muß ja eine große Schlechtigkeit verübt worden ſein. Was mir noch ganz beſonders aufgefallen iſt, war, daß ſich der Herr anders nennen ließ als im vorigen Jahr. Doch nicht Herr von Clovis? Jawohl, ſo ſchrieb er ſich. Ich drückte der braven Lene die Hand und nahm ſofort Extrapoſt nach Kreuth und München. Auch hier fand ich ſeine Spur in den„Vier Jahreszeiten“, aber man ſei am zweiten Tage, hieß es, wieder abge⸗ reiſt. Was ſoll ich Sie mit allen Kreuz⸗ und Querzügen ermüden? Genug, die letzte Spur deutete endlich auf Kiſſingen und von dort auf Wiesbaden. Es war im Auguſt, als ich dort ankam, und ich möchte ſagen, ich fühlte es der ſchwülen Luft, den drohenden Gewitterwolken an, die vom Taunus herauf⸗ zogen, daß hier Graziana ſein müßte. Die Loſung hieß Rettung, und wenn es nicht anders ging, durch den Tod des Schurken, der mir meine Frau geraubt, denn als meine Frau ſah ich Graziana an. Wiesbaden iſt, wie Sie wiſſen, der Sammelplatz aller Viveurs und Spieler von Profeſſion. Daß ich hier oder in Homburg meinen Feind finden würde, hatte ich ſchon längſt geahnt, aber nicht vermuthet, daß 166 ſein altes Laſter ſo bald nach der Hochzeit wieder zum Vorſchein kommen würde. Ich nahm einige Zimmer in der Nähe des Bahn⸗ hofs— ich weiß nicht mehr, welchen Namen das Hotel trug— und ſchickte ſofort eiuen Lohndiener aus, um die Adreſſe des Herrn von Clovis ausfindig zu machen. Nach einer Stunde kam er zurück, um mir zu ſagen, daß ein Herr dieſes Namens in ganz Wiesbaden nicht exiſtire und auch in dieſer Saiſon nicht hier geweſen ſei. Ich war in Verzweiflung, die letzte Spur ver⸗ loren zu haben. Der Gedanke, daß er abermals ſeinen Namen geändert haben könne, fiel mir damals nicht ein. Aber wie von magiſcher Gewalt gezogen, kam ich noch am ſelben Tage in den reizenden Park am Kur⸗ haus. Die Sonne ſchien, die Muſik ſpielte und eine zahlreiche Menge bewegte ſich unter den ſchattigen Bäumen, in den prächtigen Sälen und Hallen. Von außen eine höchſt elegante Geſellſchaft, in Wirklichkeit aber ſehr gemiſcht mit Abenteurern aller Nationen, namentlich machten ſich zahlreiche Franzoſen mit ihren geputzten Begleiterinnen aus der Sphäre der Demimonde bemerkbar. Ich bebte bei dem Gedanken, mein Weib in ſolcher Geſellſchaft zu ſehen! Aus Langweile, halb aus Neugier, trat ich zuletzt auch in die Säle des Kurhauſes. gri St we zun ahn⸗ otel um chen. gen, nicht veſen ver⸗ einen ein. nich Kur⸗ eine tigen Von hleit men, hren onde Weib let 167 Dichte Maſſen umſtanden ſchweigend die langen grünen Tiſche. Eintönig ſcholl die näſelnde, heiſere Stimme der Croupiers und das Klirren der Münzen, welche gezahlt oder gewechſelt wurden. Auf dem grünen Tuch kamen und verſchwanden ſie lautlos. Im erſten Saal fielen mir einige mit Brillanten geſchmückte, mit Luxus überladene Frauen anf, die im Zeitraum von wenigen Minuten eine Handvoll Gold— rollen verſpielten; daneben andere in einfacherem An⸗ zug, das Auge bewaffnet, die Wangen bald geröthet, bald wachsbleich, und wieder andere, breite und mannsähnliche Weibergeſtalten, die mit Ruhe und ſchein⸗ barer Gleichgültigkeit den Chancen des Spiels folgten. Im zweiten Saal, wo Roulette geſpielt wurde, war die Menge noch gedrängter. Nur mit Mühe konnte ich in die erſte Reihe der Zuſchauer vordringen. Plötz⸗ lich ſtand ich hinter dem Rücken eines Herrn— auf den erſten Blick erkannte ich Anatol. Ich erſchrak und mein Herz begann heftig zu klopfen. Die Dame, welche neben ihm ſaß, konnte ich im Gedränge nicht erkennen, aber an der Wand gegenüber hing ein Spiegel. Mit Leichtigkeit hätte ich an der andern Seite des Tiſches Anatol gegenübertreten können, aber er würde mich ſofort erkannt haben, und einen Auftritt wollte ich an dieſem Orte nicht herbeiführen. 168 Ich ſah in den Spiegel und erkannte Graziana. Sie ſaß regungslos, bleich wie Marmor, aber ſchöner als je. Ihre Augen waren geſenkt, ihre ganze Haltung apathiſch und ohne Theilnahme für Alles, was um ſie her vorging. Offenbar befand ſie ſich wider ihren Willen an dieſem Orte und war von ihrem Manne mit Ge⸗ walt mit hierher genommen worden. Aber ſo theilnahmlos ſie ſelbſt, ſo viel Theil⸗ nahme weckte ſie bei den Anweſenden. Selbſt die Spieler nicht ausgenommen, waren die meiſten Augen bewaff⸗ net und unbewaffnet auf die ſchöne, fremdartige Er⸗ ſcheinung gerichtet. Und wie ſie ſo daſaß in ihrer ſtillen Ergebung, gleichwie eine Madonna mitten in der Hölle, eine ſteingewordene Heilige unter den Ver⸗ dammten, machte ſie einen ergreifenden, zu Thränen rührenden Eindruck. Ich weiß nicht, was in mir vor⸗ ging, aber das weiß ich, daß meine Blicke lange Zeit unabwendbar auf das ſchöne Bild im Spiegel gerichtet waren, gleichwie ein Durſtiger, der ſich nach langen Entbehrungen ſatt trinken müßte an dieſen theuren Zügen, an dieſer heißgeliebten Geſtalt. Aber wunderbar, als wenn meine Nähe oder jene ſtarren, unabwendbaren Blicke eine magiſche Gewalt hätten, Graziana begann allmälig unruhig zu werden, ihr lebloſes Auge erhob ſich und ſchweifte wie mit ſun wie hin . hob und jah hoc berz ſt, hint uh iang öner tung n ſie illen ene alt en, nit 169 ſtummer Frage nach allen Richtungen, zuletzt blieb es wie zufällig an dem Spiegel haften, der ihr gegenüber hing. Einen Moment ſtarrte ſie mich wie erſchrocken an, dann erkannte ſie mich, ſchrie laut auf und wollte ſich erheben; aber ſie ſank ohnmächtig zurück. Ich verlor mich ſofort in der dichten Menge, welche den Tiſch umgab. Ich wollte hier keinen Auf— tritt herbeiführen, konnte auch ziemlich genau voraus wiſſen, was jetzt kommen mußte. Man bemühte ſich um die Ohnmächtige, man brachte Waſſer, Eis, Eſſenzen aller Art; endlich ſchlug ſie das Auge auf, und als ſie ſich beſonnen, was mit ihr vorgegangen, blickte ſie wieder ſcheu und bebend im Saale umher, dann flüſterte ſie: Bringt mich nach Hauſe! Es ward nach einem Wagen geſchickt und Anatol hob ſie hinein. Alles dies hatte ich im voraus erwartet und mich auch darin nicht getäuſcht, daß er ſie allein fahren ließ, denn der Dämon des Goldes war heute noch mächtiger als der der Eiferſucht. Er hatte den verzweifelten Ausdruck eines Spielers, der entſchloſſen iſt, heute die Bank zu ſprengen oder zu Grunde zu gehen⸗ Ich wartete in den offenen Hallen des Kurhauſes hinter einem Pfeiler, bis Graziana abgefahren; dann nahm ich einen zweiten Wagen und befahl dem Kutſcher, der vorausfahrenden Droſchke zu folgen. 170 Wiesbaden iſt nicht groß. Wir fuhren zuerſt eine etwas aufſteigende Straße; auf der einen Seite ſchöne neue Häuſer, auf der andern junge Anlagen; bald darauf kamen wir in die Vorſtadt, die ſich am Fuße des Neroberges hinſtreckt. Viel Zäune und Gärten und dazwiſchen einzelne verſteckte Villen. Vor einer derſelben hielt der erſte Wagen, den ich immer im Auge behalten hatte. Während der Fahrt und bei einer Biegung des Weges wollte es mir vorkom⸗ men, als ob man im erſten Wagen das geöffnet und herausgeſehen habe. Ich ließ jetzt ſofort meinen We halten und ſtieg aus, um die letzte Strecke zu Fuß zu gehen. Ich hatte kaum einige Schritte gemacht, als mir der erſte Wagen langſam und leer entgegenkam. Der Kutſcher warf mir ein kleines Papier zu und lachte verſchmitzt. Ich wußte nicht, was dies zu bedeuten habe. Als ich in die Nähe der Villa kam, ſtand Graziana noch in der offenen Thür, aber ſie winkte mir wie ab⸗ wehrend und zeigte bergauf. Dann verſchwand ſie. Ich öffnete jetzt den Zettel und las: Ich wußte, daß Du kommen würdeſt, ſo lauteten die Worte, aber folge mir nicht in dies Haus. Ich bin von hundert Augen bewacht. Geh auf den Nero⸗ berg. In einer halben Stunde komme ich nach, aber rede habe. weſe ich der( ein dicht Pav Höh juſſ ſchic bru eine ſhn und ma beli eine ſchöne bald Fuße ärten 5 den Fuhrt orkom⸗ eöfnet n und 0 1 erſte utſcher chnib rede mich nicht an, bevor ich den Bedienten entfernt habe. Glücklicherweiſe war ich früher in Wiesbaden ge⸗ weſen und kannte ſo ziemlich die Umgebung, nament⸗ lich den herrlichen Neroberg, der ſich auf der Weſtſeite der Stadt erhebt. Ich ſchritt den Wald hinan; es iſt ein ſteiler, ſchattiger Weg zwiſchen hohen Bäumen und dichtem Buſchwerk. Oben auf der Waldblöße ſteht ein Pavillon, ähnlich der Laterne des Diogenes auf der Höhe von St.⸗Cloud. Man hat dort zeine herrliche, weite Rundſicht über die Höhen des Taunus bis zum lachenden Rheingau hinunter. An klaren Tagen kann man die Thürme und Kuppeln des goldenen Mainz erkennen. In unſagbarer Erregung ging ich auf und ab. Was würde ich hören müſſen, welchen Entſchluß mußte ich faſſen? Ich fühlte, an dieſem Tage mußte das Ge⸗ ſchick meines Lebens zur Entſcheidung kommen. Nicht wahr, nun erwarten Sie eine pikante Ehe⸗ bruchsgeſchichte im Stile eines Feydeau oder About, eine Geſchichte mit heimlichen Rendezvous und ver⸗ ſchwiegenen Nächten, mit einem betrogenen Ehemann und ſchließlichem Zweikampf? Es iſt wahr, wenn Je⸗ mand ein Recht dazu gehabt hätte, dieſe bekannten und beliebten Pfade einzuſchlagen, ſo hätte ich es gehabt. Graziana war mein vor Gott und mir war ſie 2 geraubt worden. Ich hatte keinerlei fremdes Recht zu achten, keinerlei Ehre zu ſchonen. Gleichwohl ſollte es ganz anders kommen. Es war kaum eine halbe Stunde vergangen— mir eine halbe Ewigkeit— als ich Graziana in Be⸗ gleitung eines Bedienten kommen ſah; ſie wandelte zwiſchen den Bänken und Tiſchen auf und ab und ſchien mich nicht zu ſehen. Dann zeigte ſie auf die aufſteigen⸗ den Gewitterwolken am Taunus und ſchickte ihren Be⸗ dienten fort, um einen Schirm zu holen. Sodann ging ſie langſam in den offenen Wald, deſſen Abhänge 6 nach Süden öffnen. Ich ging ihr nach und fand ſie nach einigen Mi⸗ nuten auf einer Bank ſitzen, welche unter einer rieſigen Buche angebracht war und die entzückendſte Ausſicht wie in einen Rahmen geſchloſſen zeigte. Ich kannte dieſe Bank wohl, aber der Zauber der Natur war heute für mich nicht vorhanden. Graziana blieb bei meiner Annäherung regungs⸗ los ſitzen; ich erwartete, ſie werde in meine Arme eilen, um ſich an meiner Bruſt auszuweinen. Nichts von alledem; ſie gab mir nicht einmal die Hand, ſondern hielt ſie mir wie abwehrend entgegen. Es iſt nicht recht von Dir, Fedor, daß Du mich aufſuchſt, ſagte ſie, aber ich wußte wohl, daß es eine dan ih oder dieſ will thei brne abe wo nich wel 3 echt zu gen— in Be⸗ andelte ſchien ſteigen⸗ en Be⸗ n ging ge ſich en Mi⸗ ieſigen usſcht ber der gung⸗ eilen, t3 von ondem u nich 0ß 173 eines Tages ſo kommen würde, und aus einem Grunde danke ich dem, der dies Wiederſehen herbeigeführt hat. Ich habe mich vor Dir zu verantworten, dann will ich gern ſterben! Das Alles war in ſo flehendem Tone geſprochen, daß, wenn überhaupt nur eine Spur von Unwillen oder Verdacht gegen die Unglückliche in mir geweſen dieſe ſofort verwiſcht worden wäre. Sei ohne Sorgen, Graziana, ſagte ich. Ich will Dir keine Vorwürfe machen, im Gegen⸗ theil— Aber ſie ließ mich nicht ausreden, ſondern unter⸗ brach mich heftig: Doch, Du haſt Grund dazu; ſchone mich nicht, aber erſt höre meine ganze Geſchichte! Erzähle ſie immerhin oder erzähle ſie auch nicht; wozu in Wunden wühlen, die nicht heilen können und nicht heilen wollen? Es iſt zu mir ein Rettungsruf erklungen und deshalb bin ich gekommen! Ein Rettungsruf, erwiderte ſie und ein ſchwaches, wehmüthiges Lächeln überflog ihre ſchönen, bleichen Züge. Ichi ahne wohl, daß meine Brüder dabei im Spiele ſind; aber was ſie auch geſchrieben haben mö⸗ gen, ſie kennen die Wahrheit nicht, nicht die ganze Wahrheit. Ich bin nicht zu retten. Ich kann nur 174 dulden und büßen für das ſchwere Unrecht, das ich begangen habe, wenn auch nicht freiwillig, aber doch ohne rechten Muth, lieber ſofort den Tod zu wählen, den ich nun langſam erwarten muß. Nein, nicht den Tod, rief ich, das volle blühende Leben, das ganze reiche Glück, das wieder gut machen ſoll alle bitteren Tage und Stunden! Rede nicht ſo, ſagte ſie mit eiſigem Ernſt und entzog ſich meinem Arm, Du weißt nicht Alles, was geſchehen iſt. Freilich, was ſoll ich Dir eigentlich er⸗ zählen, denn ändern läßt ſich nun doch nichts mehr. Seit jenem glückſeligen, unglückſeligen Tage, wo ich Dein geworden, bin ich eigentlich nicht wieder zu mir ſelbſt gekommen. Und weshalb mein Glück ein ſo raſches Ende genommen, daß ich in dieſen Abgrund ſank, aus dem mich keine ſterbliche Hand mehr empor⸗ reißen kann, daran biſt nur Du allein ſchuld und tein Anderer! Höre zu! Du weißt, gleich am andern Tage mußten wir von Suresnes wieder in die Stadt⸗ wohnung überſiedeln; ich fand keine Minute Einſamkeit, um Dich davon benachrichtigen zu können, denn ich war beobachtet. Am Nachmittage hoffte ich, ſelbſt einen Schritt zu wagen, während die Meinen zum Palais Royal gegangen, aber man ſchloß mich ein, als wenn man meinen Vorſatz errathen hätte. In der Verzweif⸗ lun Ve vie Un — wi das ich er doch wühlen, lühende machen nſt und tlich er s mehr. wo ic zu mir in ſo mnn enpor d und dem u an e Snd nſanke denn i in ʒuli ven erzwo 175 lung, was man mit mir vorhabe, ſuchte ich nach Waffen, aber ich fand keine. Dann kam wieder die Ueberzeugung zurück, daß man nichts wiſſen könne und vielleicht nur mißtrauiſch geworden ſei, weil ich Felicien an jenem Morgen mein Billet an Dich zugeſteckt hatte. Um die Zeit zu vertreiben, begann ich zu leſen und das erſte Buch, welches mir zufällig in die Hand fiel, war Leſſing's Emilia Galotti. Noch nie habe ich das Stück ſo verſtanden wie an jenem Tage, und doch wühlte dieſe ſcharfe, unbarmherzige Moral wie mit Meſſern in meiner Seele. Ich hatte das Stück noch nicht zu Ende geleſen, als plötzlich die Eltern mit Ana⸗ tol zurückkamen. Die Mutter hatte verweinte Augen und der Vater einen wilden und böſen Ausdruck im Geſicht, wie ich ihn noch niemals an ihm geſehen habe. Sofort riß er mir jenes Buch aus der Hand, ſah nach dem Titel und warf es mit einem wilden, unheimlichen Lachen auf den Boden. Dann befahl er mir, mich anzukleiden und meinen Koffer zu packen. Wir wür⸗ den ſofort auf Reiſen gehen und die Mutter würde nachkommen. Als ich mein Unwohlſein vorſchützte und nach Ausflüchten ſuchte, um zu bleiben, faßte er mich heftig am Arm und rief: Widerſprich mir nicht oder ich ermorde Dich, wie dieſe verruchte Galotti, die gegen Dich noch ein Engel war! 176 Mir bebte das Mark in den Gliedern bei ſolchen Andeutungen und ich ſah, daß jeder Widerſtand ver⸗ geblich war, denn auch die Mutter ſtand auf ſeiner Seite. Frage mich nicht, wie mir die nächſte Stunde vergangen iſt. Ich war wie betäubt und von Sinnen. Erſt in Marſeille, wohin wir noch am nämlichen Tage abreiſten, kam ich wieder zur Beſinnung. Wir ſtiegen zu Schiff und ich hörte aus den Worten meines Va⸗ ters zu Anatol, daß unſere Reiſe nach Venedig ging. Ja, dieſer Schreckliche war dabei, aber ich würdigte ihn keines Wortes und keines Blickes. Auf dem Schiffe und als wir ſchon auf hoher See waren, befahl mir der Vater, ihm in die Kajüte zu folgen, denn er habe mit mir zu reden. Ich möchte Dir doch rathen, ſagte er und ſein Weſen war jetzt ganz ruhig, Dein Benehmen zu ändern. Damit Du weißt, was Dir bevorſteht, ſo erfahre, daß wir jetzt nach Venedig gehen, wo Du die Frau von Anatol Korſakoff wirſt. So iſt es beſchloſſen! Nicht um die Welt! ſagte ich. Tödten Sie mich lieber ſofort, mein Vater! Ich würde mich keinen Augenblick beſinnen, ſagte er, wenn ich dadurch die Ehre meines Hauſes wieder⸗ herſtellen könnte; aber dann hätte ich Dich drei Tage früher umbringen müſſen, jetzt iſt es zu ſpät! —— ſolchen nd vel⸗ ſeine Stunde Sinnen⸗ Tah ſtiegen nes V⸗ ig ging virdigt E uhl mit er hal⸗ id ſein ändern⸗ re, di 177 Wiſſe, dieſer Schelm von Graf rühmte ſich öffentlich im Palais Rohal, er habe ſich bereits gewiſſe Rechte erobert. Rede, iſt das Wahrheit oder bloße Prahle⸗ rei? Und er faßte mich wieder heftig am Arm. Oeffentlich ſollte er ſich gerühmt haben? ſagte ich. Das iſt eine Lüge; aber was er ſprach, iſt Wahrheit! Alſo dennoch— entehrt— eine Dirne zur Toch⸗ ter! Und er ſtieß mich von ſich, daß ich hinfiel. So wirſt Du alſo Gott auf den Knieen danken, fuhr er fort, daß ſich hier ein braver Mann findet, der die Schmach deckt. Bis jetzt weiß er nichts davon und hält Dich für einen Engel. Aber er ſoll es wiſſen, rief ich, und wenn er ſo ehrlos iſt, daranf zu beſtehen und ſich nichts da⸗ raus zu machen, ſo werden Sie ihn unmöglich für wür⸗ dig halten, ihn zu Ihrem Schwiegerſohne zu er⸗ heben. So denkt ein unerfahrener Mädchenkopf; aber falſch gerechnet, mein Kind! Ihm biſt Du vielleicht um ſo intereſſanter, wenn er denn doch davon erfahren ſollte oder Du die Stirn haben könnteſt, aus der Schande nicht ein ewiges Geheimniß zu machen! Aber Fedor wird ihn tödten, wenn er davon hört, und ſicher wird er uns nachfolgen, denn ich ge⸗ höre ihm und keinem Andern! Groſſe, Offene Wunden. I. 12 178 Tödten— bah, darauf laſſen wir es ankommen! Uebrigens hatte der Fremde wohl Muth, ſich Deiner Gunſt zu rühmen, aber er war klug genug, ſich abfinden zu laſſen. Das iſt die zweite Lüge! rief ich und fiel vor meinem Vater auf die Kniee, um ihn zu beſchwören, von ſeinem entſetzlichen Plan abzuſtehen. Er aber ſtieß mich abermals von ſich und ich ſank in Ohnmacht. Als ich wieder zu mir kam und meine ſchreckliche Lage überdachte, faßte ich den Entſchluß, mich in das Meer zu ſtürzen, aber ich fand, daß ich geknebelt war, und zum zweiten Male übermannte mich die Ohnmacht. Nach vielen Tagen kamen wir nach Venedig und bezogen ein Quartier in einem alten Palaſte. Man ließ mich jetzt einige Tage in Ruhe, obwohl ich unter beſtändiger Aufſicht war. Ich über⸗ dachte wieder und wieder meine Lage. Fedor, ich zürnte Dir, daß Du mich verrathen. Sei es wie immer, Du hatteſt unſer heiligſtes Geheimniß preisgegeben, aber ich hoffte noch immer auf Dich— eine Woche, zwei Wochen. Niemand kam. Allmälig mußte ich daran glauben, daß ich kein Intereſſe mehr für Dich hatte, daß nur die Verführung Deine Abſicht geweſen, daß Du mich weggeworfen, nachdem Du Dein Ziel erreicht. Zürne mir nicht, im Unglück wird man klein⸗ — 2 ———— mi de de N me den mmen! Deiner bfinden el bor wören, h ſank meine ſchlß, daß ih nannte n wir alten Ruhe⸗ ibe⸗ n i immer, egeben⸗ ich Dich ßte weſen⸗ n Ziel llein⸗ 179 müthig; und wenn ich Dich zu haſſen begann, ſo war der Haß gegen mich ſelbſt um nichts geringer. Ich war dem Wahnſinn nahe und irrte an Gott und der Welt. Man erlaubte mir, offen an Dich zu ſchreiben und Dir meine Lage darzuſtellen; aber ich erhielt keine Antwort, denn ich wußte ja nicht, daß Du von Paris entflohen ſeieſt, und allmälig mußte ich mich überzeugen, daß ich auf keine Rettung zu hoffen habe. Dabei war der Vater von äußerſter Härte, und Anatol vertheidigte mich, nahm meine Partei, wenn es zum Streit kam; ach, es waren traurige Zeiten, und wenn ich heute daran zurückdenke, iſt es mir, als ob ich zehn Jahre in ſolcher Gefangenſchaft verlebt hätte. Hier ſchwieg Graziana lange und ſtützte ihr Haupt in die kleine Hand. Und ſo haſt Du ihn alſo genommen, ſagte ich, nachdem er Deinen Widerwillen zu beſiegen verſtanden, und merkteſt nicht, daß Alles— Streit wie Vertheidi⸗ gung von ſeiten Anatol's— nichts als eine abgekar⸗ tete Komödie war? Sage es nur, und alſo haſt Du ihn genommen? Doch nicht ſo, wie Du denkſt, erwiderte ſie nach einer Weile. Eines Tages kam in Begleitung des Vaters und Anatol's ein griechiſcher Mönch mit, und ſein mildes, freundliches Weſen flößte mir Vertrauen 12* 180 ein. Er kam öfter wieder, und eines Abends vollzog er die Trauung zwiſchen uns. Unterbrich mich nicht. Laß mich zu Ende reden, Du weißt noch nicht Alles Als wir nachher allein waren, ſagte ich zu Anatol: Sie haben mir Ihren Namen gegeben, mein Herr zum Dank dafür ſind Sie Herr meines Vermögens ge⸗ worden. Ich glaube, damit iſt den Wünſchen meines Vaters genügt. Nie in meinem Leben werde ich Ihnen jemals ein anderes Recht einräumen. Sollten Sie es dennoch wagen, ſo tödte ich mich, und mein Vermögen fällt an die Kirche. Der griechiſche Mönch iſt im Beſitz meines Teſtamentes in legaler Form. Können Sie alſo ſich mit dieſen Bedingungen einverſtanden erklären, ſo wollen wir verſuchen, nebeneinander zu leben. Der Elende war zuerſt betroffen, dann lachte er in brutaler Art und ſprach zuletzt dies und jenes von der heilenden Zeit. Aber ich beſtand darauf, eine beſtimmte und bin⸗ dende Zuſicherung zu erhalten, und zwar vor meinem Vater; ich hatte auch die Vorſicht gebraucht, die Ausliefe⸗ rung meines Vermögens von dieſer Erklärung, die er beſchwören mußte, abhängig zu machen. Endlich fand ſich Herr Anatol bereit und legte den verlangten Eid ab. Einen Tag darauf verließ uns der Vater und wir ſelbſt gingen auf Reiſen. Ich hatte nirgends Ruhe und keine Freude am Leben mehr. Selbſt als die Kunde kam, daß me lic ib lin ne a P di vollzoh h nicht ht Ales Anntol n Hert en ge⸗ meines h Ihnen Sie e ermögen n Beſt Sie alſo ären, ſo n. Der brutalet heilenden und bin meinen die et lih fu 6 vn ſelbſ und kin kam 181 mein Vater bei einem Unglücksfalle zur See zu Grunde gegangen, konnte ich nicht einmal weinen. So unnatür⸗ lich und verhärtet war ich geworden. Nur einmal übermannte mich der Ueberdruß am Leben und die Unerträglichkeit meiner Lage. Ich ſuchte meinem Thran⸗ nen zu entfliehen. Das war in Innsbruck, unterbrach ich ſie, und am Achſenſee holte er Dich wieder ein. Woher weißt Du? fragte ſie, und ihr müdes Auge gewann einen lebhafteren Glanz. Glaubſt Du, ich ſei Deinen Spuren nicht nach⸗ gezogen von Ort zu Ort? Wie hätte ich Dich ſonſt auch finden können? Aber wie ſtimmt das mit jenem Vertrage, daß der Elende Dich niemals mißhandeln dürfte, und er hat es dennoch gewagt?“ Nein, ſagte Graziana, jenes eine Mal ausge⸗ nommen, wo er mich wie eine Irrſinnige behandelte und mich einfing wie ein wildes Thier, hat er ſein Wort gehalten; Anatol trank und ſpielte, und je mehr er mein Vermögen vergeudete, deſto leichter ward mir zu Muthe. Iſt es ganz zu Ende, dann kann er mich nicht mehr ernähren, dann muß er mich frei geben und mich ziehen laſſen. Unglückſelige, und dann erſt willſt Du mein Weib ſein? 182 Dein Weib! ſagte ſie mit ſtarrem Blick und be⸗ wegte verneinend ihr Haupt. Du zweifelſt noch? rief ich. Alſo glaubſt Du noch an jenen abſcheulichen Verdacht, daß ich es nicht redlich gemeint habe, glaubſt an alle jene Verdächti⸗ gungen und Verleumdungen? Graziana ſchüttelte abermals das Haupt. Nein, mein Bruder Dmitri hat mir Alles geſchrie⸗ ben, was in Riga vorgefallen, wie Ihr Euch kennen gelernt und liebgewonnen habt, auch wie Anatol ihre Briefe gefälſcht hat. Seitdem erſt weiß ich die ganze Wahrheit, wie entſetzlich meine Eltern betrogen worden ſind. Aber meine Sehnſucht nach Dir wußte kein Ziel. Ich wie meine Brüder hielten Dich für todt, weil ſeit Monaten keine Nachricht von Dir eingelaufen. Dieſe Kunde warf mich und meinen letzten Muth darnieder. Seitdem erſehnte ich den Tod, und ſeitdem ward mir die Nähe Anatol's ſo unerträglich, daß ich entfloh. Nun aber ſiehſt Du, daß ich lebe und Dir zu Hülfe eilte. Mein biſt Du, Graziana, und keine Macht auf Erden ſoll Dich mir mehr entreißen. Dabei umſchlang ich ſie und küßte ſie; ſie duldete zwar den Ausbruch meiner Leidenſchaft, aber ſie entzog ſich meinen Armen, als ich von ſofortiger Entführung ſprach. Laß mich, Fedor, ſagte ſie, Du weißt, daß ich mi de au ein m nd be⸗ bſt Du 3 nicht dächti⸗ eſchrie kennen tol ihre e gane worden in Zie vi ſit Diſe mieder. nwad nfſlh Dir jl Nuqj dulde entzo ſproch daß ic 183 mit einem Andern getraut worden bin. Niemals wie⸗ der will ich mein Gewiſſen belaſten! Sind das Deine Serupel, mein Kind, ſo beſtehe auf Scheidung. Darauf wird Korſakoff nie eingehen, ſolange noch ein Rubel in meinem Vermögen iſt, und nachher auch nicht! Das wollen wir ſehen, ſagte ich; ich gehe gleich mit Dir und werde mich mit ihm auseinanderſetzen. Da ergriff ſie meine Hand; ich war aufgeſtanden und faſt mit flehendem Tone ſagte ſie: Fedor, gehe nicht mit mir. Du änderſt nichts an meinem Looſe. Daß ich dulden und leiden muß, iſt meine Strafe, und ſie iſt gerecht. Aber ſie wird kein Ende haben als den Tod. Ich danke Gott, daß ich Dich noch einmal geſehen habe. Wir können nun reiner und inniger an einander denken. Du weißt, ich bin nicht gerade glücklich, aber auch nicht ſo unglück⸗ lich, wie Du fürchteſt. Wir leben ja ganz zufrieden — ach— und ſie brach in einen Strom von Thränen aus— es iſt ja ſo leicht, zufrieden zu ſein, wenn man jedes Gefühl von Glauben, Liebe und Hoffnung verloren hat. Ich ließ ſie ruhig ausweinen und entwarf hundert Pläne in meinem Hirn. Kampf, Gewalt, Entführung, 184 wenn er nicht gutwillig wollte, alle Gedanken tanzten wild und verworren in meinem Kopfe. Inzwiſchen war der Abend hereingeſunken und das Gewitter entlud ſich ſeitwärts nach Oſten ziehend in donnernden Schlägen. Graziana hatte nichts dagegen, daß ich ſie bis zu ihrer Villa zurückbegleitete. Was wir Süßes und Seliges geſprochen haben, als wir Arm in Arm gepreßt bei flammendem Blitzſchein den dunkeln ſteilen Waldweg hinabſchritten, wer vermöchte es zu ſagen! Es war die erſte reine und erhabene Stunde ſeit einem vollen Jahre. Als wir vor die Villa kamen, welche Korſakoff gemiethet hatte, blieb Graziana ſtehen. Hier müſſen wir Abſchied nehmen, Fedor, ſagte ſie. Du machſt meine Lage nicht beſſer, wenn Du mit Gewalt in mein Leben fährſt und einen Auftritt mit Korſakoff herbeiführſt. Schon gut, ſchon gut. Wir können auch oben Abſchied nehmen. Und ohne weiter ihre Einwendungen zu beachten, öffnete ich die Hausthür der Villa, deren Fenſter dunkel waren, und führte Graziana die Treppe hinauf. Ihr Flehen, ihr Beben und Zittern machte mich nur um ſo unbarmherziger und ent⸗ ſchloſſener, gleich heute unſer Schickſal zur Entſcheidung zu bringen.“ ———— ſra End zum „we daß ba gru 65 neh nor ßt bei ldweg war vollen rſakoff ſagle n Du uftrit oben ungen deren die ittern en idung Achtes Kapitel. Es hätte hier zwar manchen Stoff zu Zwiſchen⸗ fragen gegeben, aber ich war zu geſpannt auf das Ende, ſodaß ich den Grafen, der eine Pauſe machte, zum Weitererzählen drängte. „So ungeduldig, wie Sie ſind“, fuhr er jetzt fort, „war ich ſelbſt damals. Meine ſchlimmſte Befürchtung, daß der Elende ſein Weib etwa in einem verdächtigen Hauſe untergebracht hätte, zeigte ſich glücklicherweiſe grundlos, und Graziana würde es mir auch nicht ver⸗ ſchwiegen haben. Das Haus war elegant und vor⸗ nehm in ſeiner Einrichtung. Der Bediente, welcher uns unterwegs mit dem Schirm entgegengekommen war, öffnete alle Thüren und zündete Licht an. Graziana ſchickte ihn ſofort auf die Poſt, um nachzufragen, ob keine Briefe an ſie angekommen ſeien. Sie wollte den Späher entfernen, und der Menſch 186 ging, nachdem er mich mit frechem Blicke gemeſſen. Wir wußten, daß er zum Herrn ging, um uns zu verrathen. Als wir allein waren, ſagte ich: Jetzt mag kom⸗ men, was will, ich werde bleiben. Nichts in der Welt ſoll mich mehr von Dir vertreiben. Dabei zündete ich alle Lichter auf den Armleuchtern und am Luſtre an. Hell wie der Tag ſollte die Stätte ſein, wo ich Gericht halten wollte. Wie dies vor ſich gehen ſollte, war mir eigentlich noch nicht recht klar, auch waren die Gründe, welche mich zum Bleiben zwangen, keines⸗ wegs ſo einfach, wie es ſcheinen konnte. Ich mußte nämlich glauben, daß mir Graziana noch irgend etwas verſchwiegen habe. Wie konnte mir ihr Bruder ſchreiben, ich ſolle retten, wo es nichts zu retten gab. Nein, Graziana hatte mir nicht Alles geſagt, und ein unbe⸗ ſtimmter ſchrecklicher Verdacht, den ich mir ſelbſt kaum zu geſtehen wagte, hatte mich immer noch nicht verlaſſen. Graziana ſelbſt verſuchte mich mit Bitten und Be⸗ ſchwören auch jetzt zu entfernen. Sie zitterte wie ein Kind vor dem Kommenden, und wer weiß, ich hätte mich von ihren Thränen und Vorwürfen vielleicht doch noch erweichen laſſen, das Feld zu räumen, als plötz⸗ lich die Hausthür klang. Unmöglich konnte der Be⸗ dien geko Ana nich de lau ein ne wol Ge ein mi un ter ko geneſen uns zu nag kon⸗ der Velt zündete m Luſte „wo ic en ſollte, waren keines⸗ mußte d etwas ſchriben . Nein, ein unbe⸗ bſt kun nit und S wie ein ich hitt eicht s vit dr v⸗ 4 187 diente bereits zur Poſt und von dort zum Kurſaal gekommen ſein. Es blieb die Wahrſcheinlichkeit, daß Anatol früher von dort aufgebrochen war und noch nichts von meiner Anweſenheit wußte. Dies war nicht unwichtig. Jetzt kam ſein Schritt die Treppe empor, aber nein, es waren zwei. Die laute Stimme Anatol's erklang und es erwiderte die eines Andern. Graziana war zum Tode erblaßt. Um Gotteswillen, es iſt Fürſt Miliutin; ſchone meine Chre, Fedor, bleibe nicht hier, nicht jetzt. Was wollteſt Du gegen eine ſolche Uebermacht ausrichten? Geh durch dieſen Alkoven, er führt durch die Küche auf eine Hintertreppe. Auf Wiederſehen morgen! Und ehe ich wußte, wie mir geſchah, hatte ſie mich in den Alkoven geſchoben; aber ich konnte es nicht über mich gewinnen, zu fliehen. Ich beſchloß zu bleiben und ſetzte mich auf einen Lehnſeſſel. Durch die Spal⸗ ten zwiſchen dem Vorhang, den ein Luftzug bewegte, konnte ich ſehen, was im Zimmer vorging. Anatol Korſakoff trat ein, und zwar mit wider⸗ wärtigem lautem Lachen. Seine Stimme war lallend, ich ſah, daß der Elende total betrunken war. Sein Begleiter dagegen, Fürſt Miliutin, war eine elegante Erſcheinung und die Stimme des kleinen Herrn war 188 von einer ſeltſamen Miſchung von Süßigkeit, Aengſt⸗ lichkeit und Affectirtheit. Ah, bravo, mein Hühnchen! ſagte Anatol.„Du haſt ja Alles recht ſchön hell gemacht, als wollten wir ein Feſt feiern. Jawohl, ein Feſt gibt es, mein armes Lamm; heda, Wirthſchaft, Champagner! Wo ſteck denn der Jwan? Dabei hieb er mit der Reitpeitſche auf den Tiſch und brach gleich darauf wieder in ſein brutales Lachen aus. Jawohl, ein feines Feſt gibt's, mein Engel, denn Deine Leidenszeit hat ein Ende. Morgen früh reiſe ich— nein, noch in der Nacht reiſe ich. Fürſt Miliutin, mein Freund und Bruder, bleibt zu Deinem Schutze hier, mein Engel, und ich denke, es wird Dir recht ſein! Der kleine Herr ſecundirte dieſe Ankündigung mit einigen galanten, abgetragenen Redensarten. Graziana aber gab ihm gar keine Antwort, ſon⸗ dern wandte ſich zu ihrem Gemahl. Sie wollen reiſen, Anatol? Das iſt auch mein Wunſch. Ich werde Ihnen folgen, wie im⸗ mer. Das wird nicht angehen, mein frommes Lamm, ſagte Anatol und drehte den Schlüſſel im Schreibſe⸗ cretär Graziana's. Der Teufel hat endlich dem Faß den Boden ausgeſchlagen, und ſo groß Deine Liebe zu ni hu no me ka no Aengſt⸗ l.„Du lten wir narmes 0 ſtech ityeitſche in ſein ſt gibts, in Ende⸗ e Voht Bruder, und ich ung mit ort, ſon⸗ uc mein wie im⸗ Lunn creibſe⸗ 5ch ( dem Fi Liebe zu 189 mir, die ich zu ſchätzen weiß, ſo wirſt Du doch nicht Hunger leiden wollen. Da erhob ſich Graziana von ihrem Sitz. Endlich! rief ſie. Alſo fertig mit dem Mam⸗ mon? Jawohl, ein Bettler! ſtieß Anatol hervor und machte ſich abermals an dem Secretär zu ſchaffen. So werden Sie mich alſo freigeben Anatol, und ich kann in ein Kloſter gehen?“ ſagte Graziana. In ein Kloſter, lachte Anatol, was willſt Du dort, meine Liebe? Für eine Nonne ſind dieſe Augen noch zu ſchön. Uebrigens kommt es auf den Fürſten an, ihm habe ich meine Rechte abgetreten. Er wird hoffentlich noch glücklicher werden, als wir waren, meine Anbetungswürdigſte. Fürſt Miliutin wollte bei dieſen Worten ihre Hand ergreifen, um ſeinen Gefühlen in einem Schwall von ſentimentalen Phraſen Ausdruck zu geben. Graziana entriß ihm die Hand. Rühren Sie mich nicht an! rief ſie. Alſo iſt es Wahrheit, Anatol, daß Sie mich ausſtellen als Ihre Waare, mich an den Spieltiſch ſchleppen, um Einfäl⸗ tige zu fangen, und jetzt wollen Sie mich verkaufen, mich, Ihre angetraute Ehefrau! O Fedor, Fedor! Zieren ſie ſich nur nicht überflüſſig, lachte Ana⸗ 190 tol. Meine angetraute Frau? Nein, meine angetraute Madonna, meine unnahbare Heilige. Ich habe die duß Ehre, Ihnen meinen Namen für Ihren Mammon ge⸗ nen geben zu haben, wie Sie ſich auszudrücken belieben. Außerdem aber fordere ich Gehorſam, mein Kind, Ge⸗ lein horſam in allen Stücken, wie es einer braven Frau zu⸗ Su kommt. Du wirſt mir zunächſt noch Deinen Schmuck aus⸗ liefern. Die Heiligen brauchen dergleichen nicht, und ſodann eine Adieu für einige Zeit, vielleicht für immer! Es iſt ſo beſſer † Ir für beide Theile Der Fürſt wird Dir das Leben ſo ange⸗ ſon nehm machen als möglich. Komm her, mein Herzchen, jetzt noch einen Abſchiedskuß und dann den Schmuck! Deine nän Thränen ſind ja koſtbarer als Deine Perlen! Und bei dieſen Worten wollte der Elende ſie um⸗ Her armen. Sie aber ſtieß ihn zurück und griff nach einem † fil Meſſer. ſetze Rühren Sie mich nicht an oder ich weiß nicht, was ich thue! Mi Lege das Meſſer weg! herrſchte Anatol, deſſen nei Wuth jetzt unbezähmbar ausbrach, und mit feſtem Griff hatte er ihren Arm gefaßt. tin Die Unglückliche ſah ſich wehrlos und abermals in entrang ſich der Ruf: Fedor, Fedor! ihren Lippen. In dieſem Augenblicke trat ich aus dem Alkoven hervor. 19¹ Erlauben Sie mir, meine hochverehrten Herren, ngetraute habe die daß ich zu dieſer intereſſanten Unterhaltung auch mei⸗ nmon ge⸗ nen Beitrag ſtelle. belien. Bei dieſer Anrede fuhr Anatol zurück und der ind, Ge⸗ kleine Herr Miliutin fiel vor Schrecken faſt vom zuuſr Stuhl. nu ut⸗ Es mag Geſchmacksſache ſein, fuhr ich fort, an einer Wehrloſen Gewalt zu üben. Glücklicherweiſe iſt ſodan Ihre Frau Gemahlin nicht ganz ohne Schutz, falls Sie ſong⸗ ſonſt noch einigen Reſpekt vor einem Revolver haben. en jitt Bei dieſer Andeutung wurden die beiden Ehren⸗ geine männer fromm und ſtill. 5 Ich glaube, wir können die Sache kurz abmachen e Un⸗ Herr Korſakoff. Sie werden am Schreibtiſch dort ge⸗ eſe n fälligſt Platz nehmen und einen Scheidungsantrag auf⸗ uh in ſetzen, den ich Ihnen dictiren werde! a niht Scheidung, lachte Anatol Korſakoff. Dieſe i5 Mühe können wir uns ſparen. Graziana iſt gar nicht meine Frau! l Wie? Soviel ich weiß, wurde ſie Ihnen von ſem Gr einem griechiſchen Mönch, von einem ruſſiſchen Prieſter in aller Form angetraut. l abernu Trotzdem iſt die Ehe ungültig, antwortete er. dw Nach ruſſiſchem Kirchengeſetz dürfen ſich Couſin und Mot Couſine nicht heirathen. Wohlweislich hat man dem 192 alten Tropf von Mönch nichts von dieſem Hinderniß geſagt, aber die Ehe iſt null und nichtig! Erlauben Sie mir, unterbrach ich ihn,„von dieſem PHinderniß müßte doch Graziana's Vater wiſſen, und es iſt mir undenkbar, daß er ſelbſt ſein eigenes Kind ſo hinopfern konnte. Er wußte es auch, war die Antwort, aber für das Ausland hätte dieſe Form vollkommen genügt. Für Rußland hoffte er den Dispens des Czaren und des Metropolitankapitels zu erlangen. Er würde die Bewilligung aber niemals erhalten haben, darin kenne ich unſere Geſetze beſſer! Und trotzdem ſtimmten Sie dieſem Bubenſtück bei! Bravo, Herr Korſakoff. Ich danke Ihnen für dieſes Geſtändniß, wenn es auch infam iſt, eine un⸗ gültige Ehe einzugehen, blos um ein Vermögen zu er⸗ ſchwindeln und die Betrogene dann zu verſtoßen, ſo⸗ bald der Raub verpraßt iſt. Dies Alles indeß wäre trotz der Niedertracht nicht der Gipfel der Schande geweſen, ihn erreichten Sie erſt, als Sie eine Frau verkauften, auf die Sie eingeſtandenermaßen gar kein Recht haben. Fürſt Miliutin wird jetzt einſehen, mit welchem vollendeten Betrüger er es zu thun hat. Und nun, meine ehrenwerthen Herren, mein letztes Wort. Graziana geht mit mir! Im Uebrigen erwarte ich Ihre weit mich jed len, der inte mir mein tüäub a— 1 ein! ſch woll und im nien der tol Hä 8 zun zun indetn n dieſen ſen, und es Kind rt, abet n gnügt nen und vürde di rin ken ubenſtüc hnen ſür eine u n ſ e oßen, ſo dß vän „ande Schan Fral kein int gor hen, nit hat. Un Morl 6 193 weiteren Schritte. Hier iſt meine Adreſſel Sie werden mich jederzeit zu Ihren Dienſten finden. Sollten Sie jedoch gegen dieſe arme Frau etwas unternehmen wol⸗ len, ſo werde ich ein Wort mit der Polizei reden, der eine ſolche Bekanntſchaft vielleicht nicht ganz un⸗ intereſſant ſein wird. Keiner von beiden ſprach ein Wort oder wagte mir in den Weg zu treten, als ich jetzt Graziana meinen Arm bot, die mir in meinem Zuſtand von Be⸗ täubung wie ein willenloſes Kind folgte. Wir waren noch auf der Treppe, als ich plötzlich ein lautes Gelächter Anatol's hörte, ein Gelächter, das ſich fortwährend erneuerte und gar kein Ende nehmen wollte. Dann hörten wir Verwünſchungen, Drohungen und Vorwürfe von ſeiten des Andern und dazwiſchen immer wieder das entſetzliche Gelächter, wie ich es niemals in meinem Leben gehbrt habe und niemals vergeſſen werde. Es war richtig, wie ich damals vermuthete. Ana⸗ tol hatte ſein Weib verpfändet oder verkauft und der Dritte ſah ſich nun um den Preis geprellt. In ſolchen Händen war die arme Graziana geweſen. Mehr todt als lebend brachte ich ſie mühſam bis zum nächſten Halteplatz von Wagen und fuhr mit ihr zum Hotel am Bahnhof zurück, wo ſie eine Reihe von Groſſe, Offene Wunden. T. 13 194 Zimmern über den meinigen bezog. Ihr Geſundheits⸗ zuſtand aber war der Art, daß ich noch am ſelben Abend einen erprobten Arzt zu Rathe zog. Er hielt ihr Fieber zwar nicht für gefährlich, empfahl aber die höchſte Sorgfalt und abſolute Ruhe. Um ihr nahe zu ſein und für ihre Sicherheit zu wachen, bezog ich ſofort ein Zimmer neben den ihrigen und blieb auch die ganze Nacht auf, um ihren Bruder Dmitri, ſowie ihre Mutter von den letzten Vorfällen in Kenntniß zu ſetzen. Am Morgen wartete ich der Dinge, die da kommen ſollten, nämlich einer möglichen Ausforderung von ſeiten meiner Gegner, allein es erſchien Niemand. Unwillkürlich drängte ſich mir die Vermuthung auf, daß es zwiſchen jenen beiden, nämlich zwiſchen Ana⸗ tol und Miliutin zum Conflict gekommen ſei nach Umkehr des bekannten Wortes: Tertius gaudet duo- pus litigantibus. Ich ſchickte einen Boten aus und er⸗ fuhr, daß Herr Anatol Korſakoff verſchwunden ſei. Fürſt Miliutin ging einige Tage mit einem Pflaſter im Geſicht, dann verſchwand auch er plötzlich. Graziana lag noch immer im heftigſten Fieber. Am zweiten Tage kam ihre Mutter von Coblenz, wo ſie ſich ſeit dem Tode ihres Mannes aufgehalten. Wie ſoll ich das Wiederſehen zwiſchen Tochter und — lan vö gl nu un dheits⸗ ſelben t hielt er die eit zu ihrigen Bruder rfüllen ie da derung emand. gauf nAna⸗ i nch t duo⸗ und er en ſei. pfiſte wo n. u un 105 Mutter ſchildern, die ſtreng genommen am Schickſale der erſtern keine Schuld trug? Alle ſonſtigen Vor⸗ würfe, die ich ihr hätte machen können, ſchnitt die Sorge um das Leben der Geliebten ab. Erſt nach Wochen war ſie außer Gefahr und erholte ſich unter unſerer Pflege raſch. Mutter Axinia ſah jetzt Alles im roſigſten Licht und nannte mich ihren Retter, ihren Sohn, ihren Liebling, denn daß Graziana, welche eigentlich niemals verheirathet geweſen war, nunmehr meine Frau werden müſſe, ſchien ihr außer allem Zweifel. Gleichwohl konnte ich, ſoweit ich Graziana kannte, nicht ſofort an dieſen ſchönen Traum glauben. Leider habe ich bis jetzt Recht behalten. Als ſie völlig wiederhergeſtellt war und ihre Mutter auf die glückliche Zukunft deutete, welche ihr an meiner Seite nun blühen werde, ſchüttelte ſie ſchwermüthig ihr Haupt und ſagte: Du biſt zu gütig, Mütterchen, aber verdiene ich ihn nicht mehr, und wenn auch— ich fühle mich nicht frei. Betrachtet auch Anatol die Trauung als null und nichtig, ſo kann ich mich in ein ſolches Spiel mit kirchlichen Handlungen nicht finden. Aber, Kind, wenn Du geſchieden wirſt? Ganz gleichviel. Solange dieſer Menſch lebt, würde ich mich immer vor ihm fürchten und Fedor's 13* 196 Leben in beſtändiger Gefahr ſehen. Ihr werdet er⸗ fahren, daß ich Recht habe; es wird nicht lange dauern und er wird wiedererſcheinen Quält mich nicht länger, es wird am beſten ſein, ich gehe in ein Kloſter, und Fedor ſoll abreiſen. Ich kann ihn nicht ſehen. Sein Bild iſt mir ein ſteter Vorwurf, daß ich nicht mehr Muth und Kraft gehabt habe, Widerſtand zu leiſten. Alle dieſe fixen Ideen und Grillen waren offen⸗ bar noch Nachwirkungen ihrer Krankheit, ihr Körper war geneſen, aber ihr Gemüth ſchien ein unheilbares Leiden davongetragen zu haben. Ich wartete einige Monate, ich wartete ein halbes Jahr; ſie rieb ſich ſichtlich dabei auf, mich zu ſehen und meine heißeſten Wünſche doch nicht erfüllen zu können. Endlich rieth mir der Arzt ſelber, um ihrer Ruhe willen abzureiſen und das Beſte von der Zeit zu erwarten. So habe ich mich denn abermals von der Einzigen getrennt und reiſe lebensmüde in der Welt herum ohne Ziel, ohne Freude, ohne Hoffnung, daß jemals eine glückliche Wendung noch möglich ſein könne. Das iſt meine Geſchichte“, ſchloß der Graf ſeine Erzählung.„Was ſagen Sie nun dazu?“ Es war nicht leicht, den Eindruck, den dieſe in ihrer Art gewiß nicht gewöhnliche Geſchichte auf mich Au all geſ ju et er⸗ uern nicht loſter, ſehen. nicht nd zu offen⸗ görper lbue einige ihtlich inſche ir det d das itzigel m ohne eine Graſ nich 197 gemacht hatte, in wenig Worte zuſammenzufaſſen. Außerdem war mir doch noch Vieles unklar und vor allem ſchien mir das Ganze noch keineswegs als ab⸗ geſchloſſen. „Zunächſt“, antwortete ich,„fehlt noch der Schluß, um ein Urtheil abzugeben. Jm Uebrigen iſt wohl manches Seltſame in dieſen Vorfällen, aber man müßte ein zweiter Turgénjew ſein und dieſe eigen⸗ thüͤmlichen Charaktere, Sitten, Vorurtheile und Bräuche an der Quelle ſtndiren, um ein lebenswahres Bild daraus geſtalten zu können.“ „O, ſo hoch und ſo ſchwer brauchen Sie die Auf⸗ gabe nicht zu faſſen“, erwiderte der Graf;„ich bin zufrieden, wenn Sie ſich an die Facta halten, die ich Ihnen erzählt habe. Sie werden meine Geſchichte ſchreiben. Wann werden Sie beginnen?“ „Erlauben Sie mir noch eine discrete Frage“, ſagte ich.„Es iſt in Ihrer Erzählung ſo viel Perſönliches, daß ich mich faſt bedenken würde, dergleichen zu ver⸗ öffentlichen. Und was iſt eigentlich Ihre Abſicht dabei? Es liegt auf der Hand, daß eine ſolche Erzählung den Betheiligten nicht in gleichem Grade behagen würde. Sollten Sie auch im entfernteſten oder auch nur dem— Scheine nach die Abſicht einer Revanche, einer Rancune dabei haben, ſo müßte ich gehorſamſt danken.“ 198 „Ah, Sie meinen, ich wolle auf dieſe Art Rache üben; aber ich bitte Sie, an wem? Der Vater iſt todt. Anatol abenteuert irgendwo in der Welt herum. Todt⸗ ſchlagen kann ich ihn nicht, obgleich dies die einzige Löſung wäre, um Graziana frei zu machen und mich meinem Ziel näher zu bringen. Wie die Dinge jetzt liegen, ſiecht ſie dahin, ebenſo wie ich. Von einer Re⸗ vanche alſo kann nach keiner Seite hin die Rede ſein. Nein, ich will die Erzählung für mich allein haben! Dieſe Dinge quälen mich, und wenn ich ihnen erliegen ſollte, früher oder ſpäter— es iſt ja Jedem zugemeſ⸗ ſen, wie viel er ertragen kann und wo ſeine Kraft endet— dann ſoll man wenigſtens wiſſen, woran ich zu Grunde gegangen bin. Bis zu meinem Tode mag die Erzählung Manuſcript bleiben.“ Bis zum Tode— mir wollte dieſe hoffnungsloſe und verzweifelte Auffaſſung nicht zu Sinne. „Sie ſehen zu ſchwarz, Herr Graf“, ſagte ich; „mir iſt es, als würden Sie noch einen glücklichen Ausgang erleben.“ „Dann müßte es bald kommen“, ſagte der Graf, „denn lange kann dieſer unerträgliche Zuſtand nicht mehr dauern. Und das ſchwöre ich Ihnen: Wenn, was Gott verhüten möge, Graziana ſtirbt, ſo ſind meine Tage gezählt. Sehen Sie“— und er zog ein Rache ſſt todt. Todt⸗ einzige nd nich ge jet iner Re⸗ ede ſein. hoben erliegen ugeneſ⸗ n Rt oran ich ode mah ungilſ ugr i lidlihe det Gr, and nicht 5 Wenn⸗ ſo ſind d er zo 199 einige kleine Fläſchchen hervor—„hier iſt Morphium für den Schlaf, ich brauche von dieſem Mittelchen ſehr viel; und hier iſt etwas Beſſeres für den andern Schlaf, den man den Bruder des erſtern nennt. Es iſt Cyankali“, ſetzte er hinzu, indem er das Flacon wieder zu ſich ſteckte. Ich erinnere mich nicht mehr, ob und was ich auf dieſe Tollheiten erwiderte; aber kurz darauf er— klang abermals die Hausglocke. Zuerſt hatte ich keine Neigung, zu öffnen und uns abermals ſtören zu laſſen, denn es waren immer noch einige Fragen zu erledigen, aber es klingelte heftiger und die Magd ſchien nicht anweſend zu ſein. „Bitte, ſehen Sie doch nach, was es gibt“, ſagte der Graf,„Sie ſollen meinetwegen nicht um eine Nach⸗ richt oder einen Beſuch verkürzt werden.“ Ich ging und öffnete. Es war ein Bote vom Telegraphenamt. Zuerſt betroffen, erſchrak ich noch mehr, als der Bote nach dem Grafen Fedor fragte, denn an ihn ſei das Telegramm gerichtet. Wie immer, hatte er bei ſeiner Ausfahrt zu Hauſe hinter⸗ laſſen, wo er zu finden ſei. Graf Fedor wurde blaß, als ich ihm den Boten brachte; ſeine Hand zitterte, als er die Empfangsbe⸗ ſcheinigung unterzeichnete. Dann zauderte er einen 200 Moment, ob er das Couvert öffnen ſollte. Endlich ermannte er ſich wieder und riß mit Ungduld das blaue Papier auf. Seine Züge verfärbten ſich noch mehr, als er las. Dann ſagte er: „Das Ende kommt. Vorwärts! Nous sommes préts!“ Dabei reichte er mir das Telegramm. Ich las. Die verhängnißvollen Zeilen lauteten: „Bitte, komme ſofort. Es iſt Wichtiges vorgefal⸗ len. Du biſt die einzige Rettung. Axinia.“ Datirt war das Telegramm aus Wiesbaden. Der Graf hatte inzwiſchen ſeinen Hut genommen und wollte ſich verabſchieden. Da ich gleichfalls in die Stadt wollte, um jenen Beſuch bei Sandor Uglitſch zu machen, ſo erbot ich mich, ihn zu begleiten. „So ſteigen Sie mit in meinen Wagen“, ſagte er, „und bezeichnen Sie, wo Sie abgeſetzt ſein wollen. Mein Weg geht direct auf die Eiſenbahn. Gott, war⸗ um bin ich nicht geſtern ſchon abgereiſt!“ Wir gingen die Treppe hinab. Der Wagen ſtand ſeit zwei Uhr noch vor der Thür. Alles, was ich hier erzählt habe, war in einer Zeit von drei Stunden mitgetheilt worden. Wir ſtiegen ein, ich bezeichnete das Hotel zum Kaiſer als mein Ziel und der Wagen rollte davon. Endlich uld das er las⸗ 0Ies Ih las⸗ otgfal Datitt ommen in die Uglitſch gte el, wollen⸗ t war⸗ nſind ich hiet tunden ete das Vage 201 Graf Fedor ſaß ſchweigend und bleich wie der Tod neben mir. Ich muß ſagen, er that mir aufrich⸗ tig leid, denn die Vermuthung wollte mich nicht ver⸗ laſſen, daß Graziana vielleicht ſchon geſtorben ſei, be⸗ vor er Wiesbaden wieder erreichen würde. Ich zürnte faſt der vorſichtigen und doch unbedachten Frau Axinia, daß ſie ebenſo, wie es Andere thun, ihr Telegramm in räthſelhaft lakoniſche Kürze gehüllt, ſtatt ausführli⸗ cher gleich die volle Wahrheit zu ſagen. Die ernſte, ei⸗ ſerne Miene des Grafen ſagte, daß ihn wohl ähnliche Gedanken und Befürchtungen bewegten. „Laſſen Sie mir Nachricht zukommen, ſobald etwas Entſcheidendes geſchehen“, ſagte ich.„Der Schluß Ih⸗ rer Geſchichte intereſſirt mich jetzt nach Allem, was ich erfahren, aufs höchſte.“ „Man wird Ihnen dieſe Nachricht mittheilen“, ſagte der Graf mit dem Tone eines Kranken, der auf dem Sterbebette liegt,„und dann halten Sie Wort. Schreiben Sie Alles, wie ich es Ihnen erzählt habe, wortgetreu und ohne Ausſchmückung. Man wird Ihnen dies Werk danken, auch wenn ich ſelbſt es nicht mehr leſen ſollte. Vielleicht wird man von mir dann richtiger denken lernen und mein Loos milder beur⸗ theilen. Daran liegt mir am meiſten und nun leben Sie wohl. Da iſt das Hotel zum Kaiſer.“ 202 „Ich hoffe, wir ſehen uns noch wieder und glück⸗ licher als heute.“ „Oder auch nimmermehr. Bereit ſein iſt, Alles, ſagt der Prinz von Dänemark. Leben Sie wohl, und nochmals, halten Sie Wort. Sie ſind der Einzige auf der Welt, der die volle Wahrheit weiß.“ Damit reichte er mir die Hand. Ich ſtieg aus und fort rollte ſein Wagen zur Eiſenbahn. d lid⸗ hl, und kinzige ieg aus Neuntes Kapitel. Das Wiederſehen Sandor Uglitſch's war mir an dieſem Tage mehr als erwünſcht, ſchon um nach dem peinlichen Eindruck jener Erzählung des Grafen eine wohlthuende Zerſtreuung zu haben und jene Reihe theils abſtoßender, theils unglücklicher Charaktere zu vergeſſen. Gleichwohl ſollte das Wiederſehen des alten Freundes an dieſem Tage noch eine unerwartete Bedeutung haben und auch für die Geſchichte des Grafen Fedor einen überraſchenden Abſchluß bringen. Sandor Uglitſch wohnte, wie erwähnt, im Gaſt⸗ hof zum Kaiſer und ich erſtaunte, als er mich in einem der prächtigſten Zimmer im erſten Stock empfing. Sandor Uglitſch war ſonſt nicht in ſo guten Ver⸗ hältniſſen geweſen. Es dauerte nicht lange, ſo ſaßen wir behaglich beim Samowar beiſammen, jener großen ruſſiſchen Thee⸗ 204 maſchine, von welcher Sandor Uglitſch unzertrennlich war, und zwar ſchon vor Jahren, als er noch Schüler der Akademie geweſen und hier lebte. Damals, wie angedeutet, ſteckte der junge Mann in ſchlimmen Schuhen, aber ſeine Freunde, bei denen er in hohem Grade be⸗ liebt war, halfen ihm redlich durch. Sandor Uglitſch ſtammte aus polniſcher Familie, ſeine Vergangenheit war dunkel, doch, wie ſeine Freunde behaupteten, reich an erſchütternden Erlebniſſen und abenteuerlichen Vorfällen. Talentvoll in hohem Grade, namentlich für das Fach der Aquarellmalerei, hatte er doch etwas Unſtätes und Unheimliches, was indeß der Zuneigung ſeiner Freunde keinen Abbruch that. „Nun, was machſt Du, altes Haus?“ ſagte ich, nachdem wir uns begrüßt hatten.„Etwas älter biſt Du geworden, aber, wie es ſcheint, auch ruhiger und heiterer. Haſt Du endlich einen Hafen des Friedens gefunden, wo die Kreuz⸗ und Querfahrten ein Ende haben?“ „Ich hoffe es“, antwortete er,„und habe Dir Mancherlei zu erzählen. Apropos, heute Nachmittag hatteſt Du Beſuch— war es einer unſerer alten Bekannten?“ „Nein“, antwortete ich;„es war ein Ruſſe, der mir eine wunderliche Geſchichte aus ſeinem Leben erzählte.“ bnneee n nich wiſc laſt ſchul ich Kiſ mit Deu uf ihn Par un ſtetz hin ber . in hr ic r trennlich 7 Schüle s, wie chuhen, rade be⸗ Famili, Freunde ſen und Grade, hatte e deß der gte ich, uer lit ger und ricdens n Gide abe dir r altn 205 „Ein Ruſſe!“ rief Sandor„Gott Lob, daß Du mich nicht einludeſt, näher zu treten. Es hätte Streit zwiſchen uns gegeben. Einen Einzigen ausgenommen, haſſe ich dieſe ganze Nation, die an meinem Unglück ſchuld iſt, ſammt ihrem großmächtigen Kaiſer, vor dem ich nun endlich hoffentlich Ruhe haben werde!“ „Oho, welchen Span haſt Du denn mit dem Kaiſer von Rußland?“ „Das iſt eine wunderbare Hiſtorie“, ſagte er,„die mir jetzt noch ein dunkles Räthſel iſt. Er mag Deutſchland oder Frankreich beſuchen, ſtets werde ich auf eine tolle Weiſe in die Ereigniſſe verwickelt, die ihn betveffen. Das erſte Mal vor zwei Jahren in Paris und jetzt abermals in Deutſchland; man möchte an einen tückiſchen Dämon glauben, der die Dinge ſtets ſo fügt, daß ich gegen meinen Willen in Affairen hineingezogen werde, die mich gar nichts angehen. Alſo vernimm, wie es mir gegangen iſt! Du weißt, ich war vor drei Jahren nach Paris gegangen, eigentlich mehr meiner Schweſter halber, die im Louvre copirte und recht hübſche Fortſchritte machte. Ihre Copien waren bereits geſucht und wurden nicht ſchlecht bezahlt. Ich ſah, daß ſie längſt Meiſterin war und von mir nichts mehr lernen konnte. Gleich⸗ wohl brauchte ſie für ihr Leben in Paris einen männ⸗ 206 lichen Schutz, und ſo war ich gewungen, dort zu blei⸗ ben, während für meine Aquarelle der eigentliche Markt in London war. Nun ereignete es ſich, daß meine Schweſter die Bekanntſchaft einer ſchönen und reichen Ruſſin machte, ich glaube, ſie hieß Graziana; ihren Vaternamen habe ich niemals erfahren; aber was haſt Du, biſt Du unwohl geworden?“ Er hatte nämlich kaum den Namen Graziana ge⸗ nannt, als ich, wie elektriſch berührt, vom Stuhle aufſprang und meine Ueberraſchung kaum verbergen konnte. Es war mir, als wenn ich hier noch einen Nachtrag zur Geſchichte des Grafen Fedor hören würde. „Das iſt ſonderbar, höchſt ſonderbar; aber bitte, erzähle weiter, ich bin geſpannt darauf, was ich hören werde!“ „Jene Dame“, fuhr Sandor fort,„nahm ſich mei⸗ ner Schweſter mit einem Edelmuth, einer Großherzig⸗ keit an, die mich von meinem Ruſſenhaß hätte heilen können, wenn ich nicht einen heiligen Schwur gethan hätte in früher Jugend. Anfangs war mir auch dies Verhältniß zu der Ruſſin verhaßt und ich grollte ihr, daß ſie von dieſer Feindin unſeres Volkes Unter⸗ ſtützungen annahm, ja daß ſie ihre Freundin wurde; aber dieſer Groll dauerte nur ſo lange, bis ich ſie einſtens im untern Saale des Louvre vor der Venus von Me die jide jieh niß der ſch hir u bi eMert ß meine nichen ihren vas haſt iana g⸗ — Stuhle erbergen ch einen nwürde. tz aber vo ic ſch mei⸗ chheriß heile gehon uch ie Un ih Unter⸗ cbe inſen von u5* 207 Melos perſönlich geſehen. Freund, eine Schönheit, ich wußte nicht mehr, welche die wirkliche Venus war, die von Marmor oder die athmend vor mir ſtand. Es war ein Glück, daß ſie verlobt war, ich wäre zu jeder Tollheit fähig geweſen, und von Stund an ver⸗ zieh ich meiner Schweſter jenes unnatürliche Bünd⸗ niß. Da kam das heilloſe Attentat von Berezowski, als der Kaiſer von Rußland in Paris war. Wir Polen ſchwebten alle in Gefahr, auch ich wurde verhaftet. Allerdings kannte ich den Unglücklichen, aber von ſeinem hirnverbrannten, tollen Plan wußte ich nichts. Meine Bekanntſchaft mit ihm aber war hinreichend, um mich in eine langwierige Unterſuchung zu verwickeln und, als man fand, daß nichts Verdächtiges weder heraus noch hinein zu inquiriren war, mich dennoch aus Paris zu verbannen. Es war eine entſetzliche Lage; ohne Mittel, ohne Verbindungen, ſollte ich nun auch meine Schweſter hülflos und ſchutzlos allein laſſen. Sie wollte mich zwar begleiten, aber ich ſah unſern Untergang un⸗ ausbleiblich vor Augen. Da war es jene Ruſſin Graziana, welche ſich abermals unſerer annahm, oder vielmehr war es ihr Bräutigam, welcher ſelbſt kam und mir und meiner Schweſter nicht allein Päſſe und Em⸗ 208 pfehlungen, ſondern auch eine bedeutende Summe zur Verfügung ſtellte. Infolge davon ſoll der Treffliche ſogar ſeine Braut verloren haben, wenn ich recht berichtet bin⸗ Könnte ich dieſen Edlen nur einmal in meinem Leben wiederſehen, um ihm recht von Herzen zu danken, denn er hat mein Glück begründet und auch das meiner Schweſter.“ „Haſt Du niemals ſeinen Namen vernommen?“ unterbrach ich Sandvr. „Ich weiß nur, daß meine Schweſter wie ſeine Braut ihn Graf Fedor nannte.“ „Und Graf Fedor war heute Nachmittag bei mir, als Du ankamſt. Hätte ich das ahnen können, ſo hätte ich Dich ſofort zu ihm eingeführt!“ Sandor Uglitſch erhob ſich⸗ „Graf Fedor hier? O das iſt eine herrliche Fü⸗ gung! Bitte, gib mir ſeine Adreſſe, ich muß ihn heute noch ſprechen“ „Zu ſpät, mein Lieber. Der Graf iſt bereits ab⸗ gereiſt; aber Du wirſt ihn in Wiesbaden finden, wenn Dich Dein Weg dort vorüberführt. Doch bitte, jetzt erzähle weiter, ich vermuthe, daß Du noch nicht am Ende biſt.“ Sandor nahm wieder Platz, halb enttäuſcht, halb erfreut. „Ich weiß nicht, was ich thun könnte, ihm meine Sre —— Lieb 6 lung mein habe men lien wut kön Kai gem und das vor ſüd in hni in de ge ne zur ſeine t bin. Leben denner veſter“ men!“ ſeine mir, en, he Fie heu it⸗ ab⸗ nLih ih e biſt“ n huh mein 209 Liebe zu beweiſen“, ſagte er dann,„denn er hat, ohne es zu wiſſen, unſer Glück gegründet. Seine Empfeh⸗ lungen öffneten mir in London die vornehmſten Häuſer, meine Aquarelle fanden reißenden Abſatz und jetzt habe ich Aufträge für meine ganze Lebenszeit. Meine Schweſter hat einen reichen Lord zum Gatten genom— men und für dieſen Herbſt war eine Reiſe nach Ita⸗ lien projectitt, die Erfüllung eines alten Lieblings⸗ wunſches. Leider wird nun nichts daraus werden können, denn abermals hat mir dieſer verwünſchte Kaiſer von Rußland einen Strich durch das Concept gemacht. Infolge davon bin ich hier in Deutſchland und muß meine ſchönſte Zeit in die Schanze ſchlagen.“ „Abermals der Kaiſer von Rußland? Wie hängt das zuſammen?“ „Ganz einfach. Du wirſt Dich doch erinnern, daß vor einigen Monaten der Kaiſer von Rußland in einem ſüddeutſchen Badeort war?“ „Ich habe davon geleſen“, ſagte ich;„aber was ging das dich an im fernen London?“ „So dachte ich auch“, rief Sandor,„was geht mich der Kaiſer von Rußland an! Aber nun kommt eine ganz verteufelte Geſchichte, die mir heute noch in den Knochen liegen würde, wenn ich dabei betheiligt geweſen wäre. Ich muß dazu etwas weiter ausholen. Groſſe, Offene Wunden. I. 14 210 Vor einem halben Jahre etwa erſchien unter der Lon⸗ doner Emigration ein Fremder, der ſich als Ruſſe und als Malcontenter von der Partei Bakunin's einführte. Ich glaube, er nannte ſich Baron von Clovis—“ „Halt!“ rief ich und faßte in der Erregung des Augenblicks den Freund am Arme.„Wie mir ſcheint, biſt Du oder wirſt Du Graf Fedor's rächendes Werk⸗ zeug.“ „Was hat Clovis mit Graf Fedor zu thun?“ fragte Sandor. „Ich werde Dir das ſpäter auseinanderſetzen, ſo⸗ bald ich ſelbſt den ganzen Zuſammenhang überſehe. Doch wie war das Aeußere dieſes Clovis?“ Sandor beſchrieb ihn und faſt mit denſelben Wor⸗ ten, wie Graf Fedor dieſen„ſkrophulöſen Gorilla“ ge⸗ ſchildert hatte. Es war kein Zweifel, daß es der Nämliche war.. „Fahre fort“, ſagte ich,„wir wiſſen auch etwas vom Lebenslauf dieſes Patrons, der von Wiesbaden alſo nach London gegangen iſt, wo man ihn nicht kannte. In Wahrheit hieß er Anatol Korſakoff; doch ich bitte fortzufahren, ich werde Dich nicht mehr unterbrechen.“ „Dieſer Baron Clovis alſo“, begann Sandor wieder,„trat unter der Emigration mit ziemlichem Luxus auf, der aber bald ein Ende hatte, wenigſtens fiel er viele zum ſeine über über et w Uquc daß mein plötz wen ſchild die j j e Gru Nam ſonſ ethie Achte Lon⸗ e und fühtte. „ gdes cheint, Verk⸗ hun!“ n, ſo⸗ erſehe Wor⸗ a“ ge⸗ s von naſo kannte hitte chn“ andot Lurs let ie 211 vielen von uns zur Laſt. Aber er wußte ſich wichtig zu machen, er gab geheimnißvolle Andeutungen über ſeine Verbindungen in der europäiſchen Diplomatie, über die Verhältniſſe in Polen und Rußland, ſowie über die letzten Ziele der Internationale. Eigentlich gefiel mir der rohe Burſche wenig, aber er wußte mein Vertrauen zu gewinnen. Er lobte meine Aquarelle auf das überſchwänglichſte, und als er hörte, daß ich früher auch eine Zeit lang in D. gelebt, um meine künſtleriſche Ausbildung zu vollenden, zeigte er plötzlich große Neigung, ſeinerzeit nach D. überzuſiedeln, wenn wirklich alle Verhältniſſe ſo ſeien, wie ich ſie ſchilderte. Ich mußte ihm die Wohnung beſchreiben, die ich bei einem Gärtner in der Vorſtadt gehabt hatte, ja er verlangte ſogar eine Zeichnung davon nebſt Grundriß und Situationsplan der Umgebung. Den Namen der Straße, die Perſönlichkeit des Beſitzers und ſonſtiger Bewohner, alles andere Detail verlangte und erhielt er in aller Ausführlichkeit. Dann verſchwand dieſer Herr von Clovis plötzlich und Niemand von uns achtete beſonders darauf; auch das fiel uns nicht auf, daß gerade damals die Zeitungen die Nachricht brachten, der Kaiſer von Rußland werde von dem ſüddeutſchen Badeort auf einige Tage nach D. reiſen, um den dor⸗ tigen Hof zu beſuchen. 14* 242 Nun geſchah etwas ganz Unerhörtes und Unglaub⸗ liches. Wenn ich es nicht ſelbſt erlebt hätte, würde ich es für eine ſchlechte Erfindung halten. Eines ſchönen Tages wird beim ruſſiſchen Geſand⸗ ten in Brüſſel ein Brief abgegeben, worin Folgendes ſteht: „Mein Herr! Ich glaube dem Kaiſer von Rußland, meinem allergnädigſten Herrn, einen Dienſt zu erweiſen, wenn ich mittheile, daß ein Attentat gegen ihn im Werke iſt, und zwar ſoll es in D. zur Ausführung kom⸗ men, ſobald der Kaiſer von dem ſüddeutſchen Bade dorthin reiſen wird. Damit Sie die Wahrheit meiner Angabe prüfen können, ſo füge ich weiter bei, daß ich bereit bin, mich Ihnen perſönlich vorzuſtellen und Ihnen die genaueſten Details über das Haus, wo jenes Verbrechen vorbereitet wird, und die ſämmtlichen Complicen der Verſchwörung zu geben. Als Gegenlei⸗ ſtung jedoch muß ich vierzigtauſend Francs im voraus ſtipuliren. Ihrer Befehle gewärtig unterthänigſt San⸗ dor Uglitſch.“ Und dabei der Name eines Brüſſeler Hotels. Bemerken Sie wohl, daß mein Name, mein ehr⸗ licher Name unter jene Denuncation geſetzt worden war, und Sie errathen vielleicht jetzt ſchon, von wem der Streich ausging. — nglaub⸗ inde ich Geſand⸗ lgendes ußland, rweiſen, ihn im n9 ton⸗ en Bade meinel doß ich len und 3 00 12, wo mllichen 6egele voraus gſt Su grüſtle uin ehr vorden on wn 2¹3 Der ruſſiſche Geſandte in Brüſſel hatte nichts Ei⸗ ligeres zu thun, als ſofort nach dem ſüddeutſchen Bade an ſeinen Herrn, den Kaiſer, zu telegraphiren und um Verhaltungsbefehle zu bitten. Sofort kommt die Antwort zurück:„Laſſen Sie den Menſchen kommen und unter⸗ ſuchen Sie. Findet ſich die Sache begründet, ſo zahlen Sie ihm vorläufig die Hälfte der verlangten Summe. Gleichzeitig geht von hier ein Polizeibeamter ab. Er⸗ warten Sie zuvor deſſen Ankunft.“ Der Beamte kommt in Brüſſel an, man ſchickt in das bezeichnete Hotel und läßt jenen Sandor Uglitſch kommen, der kein Anderer war als Herr von Clovis. Im Verhör producirt nun der Burſche die Zeichnung jenes Hauſes in D., den Situationsplan der Umgebung, die Perſonalien des Beſitzers, kurz Alles, was er ſich von mir erſchwindekt hatte. Dieſes Haus, ſagt er, ſei der Herd der Verſchwörung, im Keller ſeien Orſinibomben aufgeſpeichert und in dem und dem Oberzimmer werde man die Liſte der Verſchworenen in einem Wandſchrank fin⸗ den. Man telegraphirt ſofort an die Polizei nach D. und läßt dort vorläufige Recherchen anſtellen. In der That kommt die Anzeige zurück, daß jenes angegebene Haus wirklich exiſtire und daß vor einiger Zeit ein gewiſſer Sandor Uglitſch dort gewohnt habe. Nachdem dies feſtgeſtellt, zahlt man dem Denun⸗ —— 2¹4 cianten vorläufig zwanzigtauſend Francs aus und die Polizei begibt ſich von Brüſſel nach D., um die ei⸗ gentliche Unterſuchung dort zu beginnen. Man umſtellt jenes Haus, man verhört den Beſitzer, jenen alten Gärtner, man unterſucht alle Räume des Hauſes vom Dache hinunter bis zum Keller. Leider aber wurden die Erwartungen getäuſcht. Statt Orſinibomben fand man im Keller nur Krauttöpfe, Kartoffeln und Blumen⸗ zwiebeln, ſtatt der Liſte im Wandſchrank und ſtatt der erwarteten Waffen fand man Kinderſpielzeug und alte Bücher. Nun ward der Gärtner ſelbſt in Verhör genommen und der Detective, welcher in Brüſſel zu⸗ gegen geweſen war, fragt nun auch ausführlich nach Sandor Uglitſch. Der alte Gärtner gibt zu, daß ein Künſtler dieſes Namens eine Zeit lang bei ihm ge⸗ wohnt habe, und ſtellt ſeinem Verhalten das beſte Zeug⸗ niß aus, beſchreibt ihn auch äußerlich. Das macht den Detective ſtutzig, denn die Schil⸗ derung ſtimmte durchaus nicht mit dem Eindruck, den er von jenem angeblichen Uglitſch empfangen hatte. Darüber können Sie gleich ins Klare kommen, ſagt der Gärtner; ich habe noch eine Photographie von Herrn Uglitſch, die er mir einmal geſchenkt hat. Dies war auch vollkommene Wahrheit; er holte nun auf Verlangen das Bild herbei und der Detective und die die ei⸗ unſtelt n alten es vom rden die nd man Blumen⸗ ſtatt der und alte Vechtt ſel i ch nch duß ein ihn g⸗ ſe Zelg⸗ uck, den hatte lomme gnhi t hal (l olt detertie h 4 4Mnteu —————— 2¹5 ſieht jetzt ein völlig anderes Geſicht. Da mochte ihm wohl zuerſt der Gedanke kommen, daß die löbliche Polizei diesmal von einem ſchlauen Gauner geprellt worden ſei. Man telegraphirt ſofort nach Brüſſel und gibt Befehl, den falſchen Sandor Uglitſch zu verhaften; aber der ſaubere Vogel war bereits ausgeflogen. Da man aber durch den Gärtner in Erfahrung gebracht hatte, daß der echte Sandor in London lebe, wurde an mich geſchrieben, mit dem Verlangen, ich möchte mich in Brüſſel einfinden. Ich reiſte ab und konnte nunmehr dem Detective, der nach jenem Bilde meine Identität feſtſtellte, die weiteren Aufſchlüſſe geben, wie ſich jener Herr von Clovis das nöthige Material von mir erſchwindelt hatte. Aber damit allein war man nicht zufrieden; man verlangte meine Hülfe, um dieſes gefährlichen Menſchen habhaft zu werden; kurz, ich konnte nicht nach London zurück, ſondern mußte den Dective auf verſchiedenen Reiſen begleiten. Die letzte Spur des Flüchtlings ging nach Deutſchland, und ſo bin ich diesmal eigentlich unfreiwillig hierher gekom⸗ men. Mir iſt die ganze Sache höchſt widerwärtig. Ich wollte nach Italien und nun ſchleppt man mich von Ort zu Ort ſelbſt wie einen halben Gefangenen. Und 216 alles das um des ruſſiſchen Kaiſers willen, den ich in meinem Leben nicht geſehen habe. Seit acht Tagen haben wir jede Spur verloren und tappen vollſtändig im Nebel herum.“ „Laß ſehen“, ſagte ich,„vielleicht kann ich Dich auf die rechte Fährte bringen. Wie durch eine höhere Fügung mußteſt Du gerade am heutigen Tage zu mir kommen. Wenn jener Clovis wirklich eine und dieſelbe Perſon mit Anatol Korſakoff, ſo iſt meine Ueberzeugung, daß er nirgends anderswo iſt als in Wiesbaden und daß jenes Telegramm, welches den Grafen Fedor ab⸗ berufen, in irgend einer Weiſe mit dem Wiederer⸗ ſcheinen dieſes Patrons in Verbindung ſteht.“ „Das wäre mir wirklich eine große Wohlthat“, ſagte Sandor; ich bin faſt verzweifelt, zum Ende zu kommen.“ „Nun, in zwei Tagen kannſt Du Gewißheit haben. Am beſten allerdings wäre es, wenn Du auf der Stelle nach Wiesbaden gingeſt. Vielleicht gelingt es Euch, den Patron dort zu erwiſchen, denn meine Ueberzeugung iſt, daß er ſich dort befindet, ſei es, um zu ſpielen oder um Erpreſſungen zu machen. Könnteſt Du das Werkzeug ſein, daß ihm das Handwerk gelegt wird, ſo befreiſt Du damit zugleich zwei treffliche Menſchen von einem ſchweren Verhängniß.“ en ich Togen tändig Dich höhere u mir ieſelbe gung, . und r ab⸗ derel⸗ that“ de zu aben etele den gung ielen das wird, ſche M—— —— 217 Und nun erzählte ich ihm in aller Kürze die Ge⸗ ſchichte Fedor's und Graziana'“s. Dies war entſcheidend. Weniger die leidige Ver⸗ bindlichkeit, in Begleitung eines Detective den Spuren eines gefährlichen Schwindlers zu folgen, als die Aus⸗ ſicht, den Grafen Fedor, ſeinen Wohlthäter, kennen zu lernen und die hochverehrte Graziana wiederzuſehen, unterſtützte meinen Rath, und ich hatte die Genugthu⸗ ung, Freund Sandor noch in derſelben Nacht nach Wiesbaden abreiſen zu ſehen. Ich hatte ihn mit Em⸗ pfehlungen und Briefen an den Grafen verſehen; auch der Detective, welcher in ſeiner Begleitung reiſte, war vollkommen mit dieſer Reiſe einverſtanden und hegte nach den Aufſchlüſſen, die wir ihm geben konnten, die beſten Hoffnungen, jenes Menſchen habhaft zu werden. Mit Spannung wartete ich einige Tage. Die geheimnißvolle Geſchichte von der Brüſſeler Myſtificatiun und der Nachforſchung in D. war jetzt auch in die Blätter gekommen, jedoch ohne Angabe der Namen; aber ich ſah daraus, daß Freund Sandor mir keineswegs eine Ausgeburt ſeiner Phantaſie, ſondern die nackte Wahrheit mitgetheilt hatte. Es galt in der That, einen höchſt gefährlichen Schwindler unſchädlich zu machen, dem nichts heilig war, wenn es ihm ei⸗ nigen Vortheil verſprach. 218 Mit Fälſchungen und Mhſtificationen hatte er Fe⸗ dor's glückliche Verbindung zuerſt verhindert, ſolange es möglich war, dann zerſtört. Mit einer Fälſchung hatte er die reiche Braut für ſich erobert und ſie zu ſeiner Frau gemacht, um ſich ihres Vermögens zu be⸗ mächtigen. Mit einer neuen Mhſtification hatte er ſich jetzt in den Beſitz einer namhaften Summe geſetzt, aber mit dieſem offenbaren Betrug war der Induſtrieritter für die Juſtiz reif geworden. Ob es Wahrheit war, was Graziana's Brüder behaupteten und was Graf Fedor beiläufig noch an⸗ gedeutet hatte, daß Anatol eine alte Vendetta auszu⸗ führen habe, weil ſeine Mutter dereinſt von einem Subowjeff unglücklich gemacht worden ſei, ſodaß er — Anatol— geſchworen, Graziana zu ſeinem Opfer zu machen und die ganze Familie ins Elend zu ſtür⸗ zen, das iſt niemals ganz aufgeklärt worden; ſeinem Charakter aber wäre es gemäß geweſen. Es verging beinahe eine Woche und ſchon beſorgte ich, daß meine Vorausſetzung ein Irrthum oder daß der Fuchs dennoch wieder entkommen ſei. Da erhielt ich ein Telegramm vom Grafen Fedor folgenden In⸗ halts: „Anatol K. iſt todt. Sein Geſchick hat ihn ereilt. Haben Sie Dank, daß Sie ſeinen Rächer hierher ſandten. er Fe olange ſchung ſie zu zu be⸗ er ſih t aber ieritter Brüdet ch an⸗ auszl⸗ einem oß e Opf ſtür⸗ ſeinem vſorge d erhielt N⸗ creilt udten⸗ 2¹9 Morgen wird Graziana meine Frau ſein. Weiteres brieflich.“ Einige Tage ſpäter kam auch der Brief, der in auffallender Weiſe meine erſten Vermuthungen beſtätigte. Anatol Korſakoff war plötzlich wieder in Wies⸗ baden aufgetaucht und hatte ſich bei ſeiner Frau ſehen laſſen, als wenn nichts geſchehen ſei. Seine Abſicht war unzweifelhaft, neue Erpreſſungen zu verſuchen und Graziana wie ihre Mutter in Schrecken zu ſetzen. Er wußte ohne Zweifel, daß die junge Frau ſchutzlos und allein war. Er erreichte zwar ſeine Abſicht nicht, aber Graziana war von neuem gefährlich erkrankt. Deshalb berief ihre Mutter eilig den Grafen Fe⸗ dor; aber ſeine Dazwiſchenkunft wäre jenem verwegenen Abenteurer gegenüber völlig unzureichend geweſen, wenn nicht einen Tag ſpäter Sandor Uglitſch und der De⸗ tective ihm zu Hülfe gekommen wären. Es gelang, Anatol Korſakoff im Bett zu überra⸗ ſchen. Er verſuchte zwar, ſich zu wehren und Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, endlich aber, als er ſich umringt ſah und Sandor Uglitſch's wohlbekanntes Geſicht erblickte, wußte er, daß ſeine Stunde geſchlagen. Er ſtürzte in das Nebenzimmer und gleich darauf ver⸗ kündete ein Schuß, daß er ſeinem ehrloſen Leben ein Ende gemacht. Graziana war frei geworden. 220 Was ſoll ich noch hinzuſetzen: ſie iſt jetzt vor dem Altar Graf Fedor's Gemahlin geworden, um mit Sandor Uglitſch und deſſen Schweſter Kathinka nebſt ihrem Gatten zuſammen nach Italien zu gehen, wo ſie dieſen Winter verleben wollen. Das iſt die Geſchichte Graf Fedor's. Wenn es etwas genützt hat, daß er ſie mir erzählte, denn nur dadurch ward ich in den Stand geſetzt, ihm den Rächer nachzuſenden, ſo war andererſeits ſein urſprünglicher Wunſch wohl als aufgehoben zu betrachten. Ihm, dem Glücklichen, konnte jetzt nichts mehr daran liegen, ob dieſe Vorfälle zu Papier gebracht wurden, ſei es für ihn, ſei es für die Oeffentlichkeit. Mich aber verließ dieſe Verkettung ſeltſamer Geſchicke nicht mehr, und zuletzt erging es mir ähnlich wie Graf Fedor ſelbſt. Ich wurde unruhig und fand keinen Frieden mehr, bis ich verſucht hatte, jene Charaktere und Vorfälle zu geſtalten. Wie nun dieſe urſprünglich„beſtellte“ Novelle ſo daſteht, iſt ſie freilich nicht mehr als ein Rohſtoff, aus dem eine begabtere Künſtlerhand, ein erfahrnerer Welt⸗ und Menſchenkenner vielleicht ein intereſſantes Werk zu ſchaffen im Stande wäre. Jedenfalls müßte er die ruſſiſchen Sitten, Zuſtände und Charaktere ſo genau kennen und ſo tief erfaſſen wie ein Turgénjew, an dem nit nebſt o ſie nes mur chet lichet nehr racht hkeit. chide Gruf einen tere le ſo aus Pel⸗ Verk r die ——— 22¹ deſſen Welt ich mehr als einmal erinnert wurde. Ich reſignire darauf, die Domäne des berühmten und unübertroffenen Novelliſten zu betreten, wenn aber Graf Fedor dieſe Blätter eines Tages zu Geſicht be⸗ kommt, ſo wird er wenigſtens finden, daß ich in der Hauptſache ſeine Mittheilungen getreu aufgefaßt habe und nur da von ſeiner eigenen Darſtellung abgewi⸗ chen bin, wo mir der Zuſammenhang der Dinge nach⸗ träglich in anderem Lichte erſchien. Sollte er dennoch nicht ganz mit meiner Darſtellung zufrieden ſein, ſo müſſen wir uns erſt über die Grenzen verſtändigen, wo ſich Wahrheit und Dichtung berühren. Ende. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Ueue üomae aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Leben um Leben. Roman von der Verfaſſerin von„John Faliſaz“. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. Geheftet. Ein edles Leben. Roman von der Verfaſſerin von„John Halifax“. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 8. Geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. Die Ogilvies oder: Herzenskänpft. Roman von der Verfaſſerin von„John Halifaz“. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. —„ 6Co Control Chart GSreen vellow Bed Magenta GSrey 4