—————— Leihbibliothekt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die ſteht ſ Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe e⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wir 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 2 auf 1 Monat:— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß ver Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, eſhn ver⸗ lorene oder veferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, 6 das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2 ——— —— Der neue Ahälard. Roman von Julius Groſſe. Zweiter Band. , Leipzig, Uew-hork, Ernſt Julius Günther. L. W. Schmidt. 1871. — Erſtes Kapitel. Seltſam, ſo klar auch zuweilen die Verhältniſſe unſeres Lebens liegen, will uns zuweilen ſelbſt die Klarheit verdächtig erſcheinen, ſobald das Vertrauen in die Charaktere erſchüttert iſt. Das Barometer einmal geſunken deutet auf Sturm auch bei heiterſtem Himmel. Gretchen war mein, alle Zweifel zwiſchen uns waren gehoben und ſie drängte mit feſtem Willen auf eine neue Entſcheidung, und doch konnte mich dieſe klare Entſchloſſenheit nicht beruhigen, ich fühlte das heran⸗ ziehende Gewitter in der Luft. Ein Mädchenherz, einfach und unerfahren, weiß ſich zuletzt doch nur wenig in Männer hineinzudenken und ihre Logik der Liebe und Vertrauensſeligkeit iſt eine andere als die Logik unbeugſamer und dabei empfindlicher Charaktere. Die Guten und Trefflichen Groſſe, Der neue Abälard. II. 1 meinen mit Leichtigkeit Alles zum Beſten lenken zu kön⸗ nen— was man wünſcht, das hofft man; aber jene be— rechnen die Leidenſchaften nicht, welche ihre ungetrübte Seele nicht kennt. So gießen ſie Oel in die Flamme, wo ſie beruhigen möchten, und der letzte laute Ruf der Verſöhnung weckt den Sturz der Lavinen, wo ſich ſchroffe Häupter gegenüberſtehen. Die Weiſung Gretchen's, ihren Vater noch einmal zu ſprechen, hätte mich vor drei Monaten beglückt, denn ich würde darin eine Annäherung ſeinerſeits geſehen haben, jetzt erſchien mir dieſe Aufforderung immer räth⸗ ſelhafter, je mehr ich darüber nachdachte. Bei Licht beſehen hatte ich ihren Vater und ſeine Unredlichkeit vor ihr unheilbar bloßgeſtellt. Das konnte er mir nie vergeben, wenn er jemals davon erfuhr, und auch ſie konnte keine reine klare Empfindung dabei haben; ſtand ihr Herz auch auf meiner Seite, ſo blieb ſie immer 5 die Tochter ihres Vaters, und wie konnte ſie je hoffen, daß es zu einem guten Ende zwiſchen mir und ihm, dem ſtolzen alten Herrn, kommen könnte, den ich Lügen geſtraft hatte! Es war nicht anders möglich, als daß ſie ihre Aufforderung in halber Verzweiflung geſtellt haben mußte. So dachte ich am Abend. Nach wohl durchſchla— fener Nacht überlegte ich mir noch einmal, was zu thun —— — — ſei, und ſiehe, am klaren Morgen ſah Alles milder und menſchlicher aus als zuvor. Wir waren beide doch einmal alte Freunde geweſen, und wenn nur der rechte Ton getroffen wurde, konnte eine Verſöhnung wohl möglich ſein. Warum ſollte nicht eine Sinnes⸗ änderung bei ihm vorgegangen ſein, zumal wenn ich meine Erfolge und glücklichere Stellung mit in Anſchlag brachte, und damit ſtand auch ſeine geſtrige Aeußerung 5 im Einklang, die es mir zum Vorwurf machte, daß ich jetzt nicht offene Werbung wagte. Mochte es auch zweifelhaft ſein, ob ſie ehrlich gemeint war, ſo lag doch eine Art von Anerkennung darin, die mich ermuthigen durfte. So machte ich mich denn entſchloſſen auf den Weg, friedfertigen Gemüths und feſten Willens, jener Täu⸗ ſchung nicht mehr zu erwähnen, vielmehr die beſte Miene zum böſen Spiel zu machen. Nach einigen Umwegen kam ich vor die Thür ſei⸗ ner Wohnung. Es war kurz vor der Mittagsſtunde. Das Haus des Herrn von Thymian liegt in einer Nebenſtraße der Hauptverkehrsadern auf einem kleinen Platze, ja es war eigentlich ein Rückgebäude eines größern Complexes von Baulichkeiten und lehnte ſich direct an die Stadtmauer. Wie mir Thymian ver⸗„ ſicherte, ſei ſein Haus früher Theil eines jetzt auf⸗ gehobenen Kloſters geweſen, und der viereckige ſtarke Thurm, welcher das Grundſtück flankirte, mochte noch ein Reſt der alten Kloſterkirche ſein, deren Raum jetzt ein freier Platz geworden war. Soweit meine Er⸗ fahrungen reichen, pflegen unſere klugen Bürger der Neuzeit keinen Geſchmack an ſolchen alten Gebäuden mit dicken Mauern, kleinen Fenſtern, finſtern Treppen und vielem Winkelwerk zu haben. Trotzdem war das alte Haus, das von außen düſter wie eine Baſtille ausſah, von innen doch höchſt behaglich. Steinerne Treppen, gewölbte Gänge, die Plafonds aus Stuck, die Wände mit allerlei geheimnißvollen Wandſchränken und Verſchalungen; Tapetenthüren, wo man keine ver⸗ muthete, und Fenſter in der Höhe, die im Innern auf unzugängliche dunkle Räume führten, und über Allem ein Hauch der Urzeit, ein Traum verſchwundener Jahr⸗ hunderte, der unwiderſtehlich auf Jeden einwirkte, der dieſe merkwürdigen, unmodernen und doch ſo bequemen Räume einmal beſucht hatte. Wenn ein berühmter Schriftſteller verlangt hat, daß das Familienhaus den Charakter ſeiner Bewohner haben ſolle, ſo war dieſes alte, verräucherte Gebäude ſicher das paſſendſte Symbol eines Alterthumsforſchers, ja ich vermuthe, daß Thy⸗ mian erſt dort auf ſeine Neigungen gekommen war. Von den obern Fenſtern der Wohnung ſah man theils ———— —— „ ———————————————— G auf den tiefen Feſtungsgraben, in dem jetzt jener Gar⸗ ten war, theils auf ein Meer von Dächern mit Hohl⸗ ziegeln, auf phantaſtiſche Thürme und Baſtionen. Dicht vor dem Hauſe am Platze zog ſich ein ſchma⸗ ler Kanal des Fluſſes vorüber, ein Waſſerarm, früher für Gerber und Färber, welche in der Nachbarſchaft gewohnt hatten. Zu Thymian's Hauſe führte eine kleine Brücke über den ſchmalen Kanal, eine Brücke, die der Alterthumsforſcher früher jeden Abend aufge⸗ zogen hatte, bis ihm dies von der Polizei unterſagt worden war. Den Kanal aber zu überwölben, wie die Nachbarn, hatte er ſich ſtandhaft geweigert, und ein Proceß zwiſchen der Commandantur und dem Ma⸗ giſtrat wegen dieſes Anſinnens hatte zu keinem Reſul⸗ tat geführt; ich glaube, der Proceß ſchwebte damals noch ſeit langen Jahren. Als ich über das Brückchen geſchritten und die Hausglocke gezogen, bffnete mir nach einer Weile der⸗ ſelbe alte Knecht, der mich neulich aus dem Nachbar⸗ hauſe begrüßt hatte. Da Herr von Thymian ge⸗ genwärtig keine Dienſtboten hatte, verſah er einſtwei⸗ len als Aufwärter den Dienſt. „Jemine“, rief er freudig überraſcht, als er mich ſah.„Sie ſind es, Herr Profeſſor! Iſt das ein Glück, daß Sie kommen! Unſer armes Fräulein, jemine, unſer armes Fräulein, was wird die für Augen machen, wenn ſie es hört.“ „Machen Sie kein Aufſehen, Peter“, ſagte ich. „Verrathen Sie dem Fräulein nichts davon, daß ich da bin, es möchte ſie aufregen, und es iſt beſſer, ſie erfährt es erſt, wenn die Hauptſache vorüber iſt.“ Ich hatte nämlich mit Abſicht eine frühere Stunde gewählt, als den Nachmittag, theils um meine Ungeduld nicht länger hinzuhalten, theils um Gretchen zu ſchonen. „Iſt Herr von Thymian zu Hauſe?“ fragte ich zum“ Schluß. 22 Der alte Peter nickte und wies faſt mit ängſt⸗ licher Geberde nach dem hintern Zimmer, ſe m Sanctu⸗ arium, welches der alte Herr ganz nach ſeinem Ge⸗ ſchmack eingerichtet hatte. Weoft hatte ich dort an dem eichenen altdeutſchen Tiſche Schach mit ihm geſpielt, während der Rhein⸗ wein in grünen Römern funkelte und einzelne Sonnen⸗ ſtrahlen durch die bunten Glasgemälde und Wappen⸗ bilder des Fenſters phantaſtiſche Farbenmuſter auf den ſteinernen Boden warfen! Es war ein kleines Muſeum, dieſes Heiligthum. In den Ecken ſtanden geharniſchte Ritter, überweht von alten ſeidenen Fahnen. An der Fenſterwand ſtand eine geſchnitzte alterthümliche Kre⸗ denz, die man heute Büffet nennt, mit Vaſen, Humpen, —————— ————————— 6 alten Gläſern und Kelchen, daneben Bilder mit dunk⸗ lem Rahmen und Waffentrophäen von Flambergen, Streitkolben, Morgenſternen, Schwertern, alten Haken⸗ büchſen und Armbrüſten verſchiedener Art. Hohe Lehn⸗ ſtühle, Teppiche und ein rieſiger, altdeutſcher, grüner Kachelofen mit bibliſchen Reliefs vervollſtändigten die⸗ ſen behaglichen Raum, der ſonſt noch manches Sehens⸗ werthe und Intereſſante enthielt. Ich erwähne nur beiläufig die koſtbare alte Hausorgel, welche an der breiteſten Wand dem Fenſter gegenüber ſtand. Ueber dieſer Orgel, ganz in der Höhe, zeigte ſich ein rundes Fenſter, das in irgend einen geheimnißvollen dunklen Raum führ“ Wie lange war ich in dieſem ſonſt ſo gaſtlichen Hauſe nicht geweſen, und nun ſollte ich den alten Herrn wiederſehen, ungewiß, ob er mir als Freund oder Feind entgegenkommen würde. Als ich anklopfte, erſcholl ein heiſeres„Herein!“ Ich öffnete die Thür. Dicht am Ofen in einem um⸗ fangreichen Rollſtuhl ſaß oder lag vielmehr eine un⸗ kenntliche Geſtalt in grünem Sammtſchlafrock von mit⸗ telalterlichem Schnitt und mit Otternpelz beſetzt, auf dem Kopf trug die Geſtalt eine Art Barett oder niederlän⸗ diſche Mütze, wie ſie auf Portraits von Holbein und Rembrandt vorkommen. Es war wirklich Herr von C0 Thymian, den ich bisher nicht in einem ſolchen Auf zuge geſehen hatte. Als er mich erblickte, wollte er aufſpringen, aber er ſank zurück. Sein gelbes Geſicht färbte ſich tiefer und die großen unruhigen Augen traten aus ihren Höhlen. „Was wollen Sie bei mir?“ krächzte er mit ſchnar⸗ rendem Tone, und ſeine Hände krallten ſich um die Lehnen des Armſtuhls. „Ich hätte über Verſchiedenes mit Ihnen zu reden, Herr von Thymian“, ſagte ich mit aller Ruhe und Freundlichkeit und wollte fortfahren, aber er ließ mich nicht zu Worte kommen. „Und ich habe mit Ihnen gar nichts zu reden!“ rief er.„Sie ſind ein Menſch, von dem ich weiß, was ich zu denken habe. Verſchonen Sie mich gefälligſt mit Ihrer Nähe!“ „Bitte, regen Sie ſich nicht auf, Herr von Thh⸗ mian“, begann ich wieder, ohne mich aus der Faſſung bringen zu laſſen.„Es iſt ſchade, daß ſich zuweilen die älteſten Freunde nicht mehr verſtehen können und ver⸗ ſtehen wollen. Was iſt denn auf Erden die Freund⸗ ſchaft werth, wenn ſie nicht Troſt und Hülfe in widri⸗ gen Erlebniſſen wäre? Echte Freundſchaft kann auch die Prüfung vorübergehender Verſtimmungen und Mißver⸗ — — ——————— 9 ſtändniſſe ertragen, ja ſie wurzelt nach ſolchen Stür⸗ men um ſo feſter. Schon Cicero ſagt in ſeinem herr⸗ lichen Werke De amicitia—“ „Verſchonen Sie mich mit Ihrer Schulweisheit!“ rief der alte Herr.„Ich haſſe dieſe Nachmittagspredigten wie Rattengift!“„* „Sie haben Recht, Herr von Thymian“, ſagte ich und trat näher.„Wir brauchen keine alten Römer, um uns auf gut deutſche Art Troſt und Muth zuzu— ſprechen. Nur mit innigem Bedauern habe ich Ihr letztes Mißgeſchick neulich abends getheilt. Sie müſſen ſich von ſolchen Erfahrungen nicht allzutief niederbeu⸗ gen laſſen. Ich will mir kein Urtheil erlauben, aber die Menge iſt allzeit lieblos und unverſtändig geweſen.“ „Herr, wovon reden Sie eigentlich?“ unterbrach mich Herr von Thymian abermals heftig. „Ich meine den Abend vorgeſtern“, ſagte ich. „Gern hätte ich Ihrem Werke ein beſſeres Schickſal, aber natürlich auch eine andere Geſtalt gewünſcht!“ Dieſer Verſuch, dem Bemitleidenswerthen etwas Angenehmes zu ſagen, mochte allerdings nicht beſonders glücklich gewählt ſein, aber es war, als ob mir ein böſer Genius jene Worte auf die Zunge legte, und ich ſollte es bald genug bereuen, nicht vorſichtiger geweſen zu fein. 10 „Herr! Und davon wagen Sie zu reden?“ brauſte der alte Herr auf und richtete ſich wie ein Baum in die Höhe, als könne er mich damit niederſchmettern. „Wagen hierher zu kommen und mir das ins Geſicht zu ſagen, mit eherner Stirn, während Sie in demſel⸗ ben Augenblick meinen guten Namen in den Schmuz ziehen!“ Dieſer Vorwurf war mir total unverſtändlich und ich forderte ihn ſofort auf das beſtimmteſte auf, ſich näher darüber zu erklären. „Welcher Bube hat die Frechheit“, rief der Alte „und ſchickt mir dieſe Schandblätter zu?“ Er ergriff bei dieſen Worten einige Zeitungen, welche auf dem Tiſche lagen.„Ich leſe längſt keine Zeitungen mehr“, fuhr er fort,„ich verachte dies Geſudel, aber das weiß man, und weil ich ſie nicht leſe, ſo ſchickt man ſie mir zu, um meine Ruhe zu ſtören— und gewiſſe Stellen hat man gleich mit Rothſtift angeſtrichen, als hätte ſie der Scharfrichter gezeichnet— ſchickt ſie mir zu, um mich zu inſultiren, um mir das Gift ins Haus zu ſpritzen, da es mich ſonſt nicht erreichen kann. Wer iſt einer ſolchen Gemeinheit fähig, als der Verfaſſer ſelbſt, und wer iſt der Verfaſſer ſonſt, als wer nun kommt, um ſich an der Wirkung zu weiden? Ich habe das gewußt und habe darauf gewartet, wer wohl kommen würde. „ Und wer kommt nun? Sie perfideſter aller literari⸗ ſchen Bravos und Banditen! Pfui und tauſendmal pfui über einen ſolchen Schelm!“ Ich hatte den Alten ruhig ausreden laſſen, denn ich ſah nun, daß er völlig krank und unzurechnungs⸗ fähig war; dieſer Ausbruch aber ging mir denn doch über alles Maß des Erlaubten hinaus.„Herr des Himmels“, rief ich,„ich bitte Sie nur um eine Mi⸗ nute Geduld, denn ich kann immer noch nicht verſtehen, worauf ſich Ihre Vorwürfe beziehen.“ Ich ergriff eine der Zeitungen, welche vor ihm lagen, und ſah ſie durch. Der rothe Strich führte mich gleich auf die rechte Stelle; es war eine Kritik über ſeine Oper„Die Sündflut“ und zugleich eine Schil⸗ derung aller Ereigniſſe an jenem unglücklichen Abend. Allerdings enthielt die Beſprechung mehr Bosheit und ſpöttiſche, wegwerfende Schadenfreude, als ſie einer ge⸗ rechten ſachgemäßen Kritik und ihrer Würde geziemt; ſelbſt den pſeudonymen Namen Wächter hatte man nicht verſchmäht zu dem billigen Wortſpiel vom Nachtwäch⸗ ter zu benutzen. Ich hatte den betreffenden Artikel ſchon am Abend zuvor geleſen und mich über den Mangel an Takt und Schonung geärgert. Zum Unglück aber hatte ich in frühern Zeiten wohl auch hier und da meine Feder in der nämlichen Zeitung ſpazieren geführt und konnte daher ſeinen Verdacht jetzt wenigſtens be⸗ greiflich finden. „Nun leugnen Sie noch, Elender, wenn Sie die Stirn dazu haben!“ ächzte der alte Herr. „Ich beſchwöre Sie wiederholt, lieber Herr von Thymian, mich nur einen Moment ruhig anzuhören“, ſagte ich.„Sie ſind Gott Lob total im Irrthum. Die⸗ ſer nichtswürdige Artikel iſt nicht von mir und eben ſo wenig irgend einer der andern. Seit Jahren habe ich dies undankbare Handwerk niedergelegt; das konn⸗ ten Sie wiſſen, denn Sie haben mich oft angeeifert, wieder zur Feder zu greifen. Sollte Ihnen dies nicht genügen, ſo betheuere ich Ihnen nochmals auf Mannes⸗ wort, daß ich keinen Theil an dieſen Angriffen habe. Erkundigen Sie ſich, fahren Sie mit mir zu den be⸗ treffenden Redactionen, und Sie werden ſich von der Wahrheit meiner Worte überzeugen; dann aber wer⸗ den Sie auch die ehrenrührigen Anklagen zurücknehmen, womit Sie mich überſchütten.“ Der alte Herr ſtutzte einen Augenblick zu dieſer beſtimmten Erklärung, dann lachte er verächtlich und ſtieß die Zeitungen mit dem Rücken ſeiner Hand von ſich. „Bah, ich werde nichts zurücknehmen, denn Se geſtehen ja ſelbſt Ihre Schuld ein, wenn auch eine andere. Sie haben zugegeben, daß Sie geſchwiegen —FY§Ü⅛ÜꝓYÜñ%Y%F 13 haben. Wer aber nicht mit mir iſt, der iſt wider mich! Schweigen, wo man reden ſoll, wenn man ein ehrlicher Kerl iſt, ſchweigen, ſtatt ſeinen Freund gegen die Gemeinheit in Schutz zu nehmen, ſolches Schweigen iſt eine gleich große Niederträchtigkeit!“ „Erlauben Sie, Herr von Thymian“, ſagte ich einigermaßen erſtaunt über dieſe behende ſelbſtſüch⸗ tige Logik,„das hieße doch wohl den Begriff der Freundespflicht etwas weit ausdehnen und dem freien eigenen Urtheil Gewalt anthun.“ „Aha, da haben wir es ja! Gewalt anthun, na⸗ türlich, weil Ihr löbliches freies Urtheil gegen mich iſt, we l Sie mein Feind ſind, weil ſie mit dieſer Meute von Hunden unter einer Decke ſpielen. Ich weiß ſchon, was Sie ſagen wollen und was Ihre Verſicherungen werth ſind. Man braucht allerdings nicht ſelbſt zu ſchreiben, aber man kann reden, man kann beeinfluſſen, man kann Material liefern, und das haben Sie ſicher⸗ lich redlich gethan, ſo ſicherlich, als Sie auch jetzt keine Luſt haben, dieſer Bande entgegenzutreten.“ Ich bedachte mich einen Augenblick; die Gelegen⸗ heit wäre lockend geweſen, für ihn einzutreten und mit einem Schlage ſeine volle Gunſt zurückzugewinnen, um dann auch meine Herzensangelegenheit zu einem glück⸗ lichen Ende zu führen. Wer thut nicht gern für ſeinen künftigen Schwiegervater ein Uebriges? Aber in dieſem Fall war es abſolut unmöglich. Wäre die Oper nur nicht eine heilloſe Pfuſcherarbeit geweſen, ſo hätte ſich⸗ etwas Entſchuldigendes ſagen laſſen, aber für ein ſol— ches Machwerk das Wort zu ergreifen, würde den Lärm nur erneuert haben, und es zu loben oder ihm irgend⸗ welche verborgene Vorzüge zuzuerkennen, wäre die offenſte Lüge geweſen. „Lieber Herr von Thymian“, ſagte ich nach kur⸗ zer Ueberlegung,„thun Sie mir den Gefallen und laſſen Sie uns heute nicht weiter von dieſer leidigen Sache reden. Ein andermal findet ſich vielleicht Gelegenheit, Ihnen gefällig zu ſein. Gegenwärtig bin ich wirklich aus allen dieſen journaliſtiſchen Dingen heraus, und dann wiſſen Sie ja, wie geringen Werth und Eindruck ſolche literariſche Kameraderie in der heutigen Preſſe noch hat. Wir würden die Sache nur verſchlimmern und uns beiden ſchaden.“ „Uns beiden!“ rief der alte Herr empört, und ſein unruhiges Auge lief an mir herunter, als wollte es meine Kleinheit gegen ſeine Größe meſſen.„Wer ſind Sie denn, wenn man fragen darf? Weil Sie Gaſſen⸗ hauer von der Straße aufgeleſen haben, weil dieſer Schund Glück machte, wagen Sie ſich neben mir zu nennen, ein Chiffonnier neben einem Meiſter! Dieſe — — c— — Arroganz ſetzt Allem die Krone auf. Heben Sie ſich gefälligſt davon, mein Herr Chanſonnier von der Straße! Das bischen Protection, das Sie bei alten Schachteln und ſentimentalen Simpeln gefunden haben, ſcheint Ihnen das Hirn verſengt zu haben.“ Dieſer Ausfall, ich geſtehe es offen, ärgerte mich mehr als alles Andere, und meine Erbitterung mag ſich wohl dem Tone meiner Worte mitgetheilt haben, als ich ſagte: „Erlauben Sie, Herr von Thymian, jene ſenti⸗ mentalen Simpel, von denen Sie ſprechen, dürften in keinen ganz niedern Sphären zu finden ſein. Sie haben ſonſt wenigſtens von der Regierung in einem andern Tone geredet, und mit der Regierung ſelbſt habé ich es gegenwärtig zu thun.“ „Jawohl, wie der Fuchs mit dem Hühnerſtall“, ſagte er patzig.„Man weiß ſchon, mit welchen Katzen⸗ tritten Sie ſich in eine gewiſſe Familie eingeſchlichen haben.“ Dieſe Wendung überraſchte mich anfangs, aber ſie zeigte mir auch den Weg zu meinem Ziele und gab mir ſofort meine Ruhe zurück. „Es iſt mir lieb, Herr von Thhymian, daß Sie dieſes Thema berühren“, ſagte ich,„denn es bringt mich auf den Grund, weshalb ich hier bin und wovon ich gleich anfangs mit Ihnen reden wollte. Ich brauche wohl kaum zu ſagen, daß es nur alberne und böswil⸗ lige Gerüchte ſind, welche meine Perſon in Verbindung gebracht haben mit einer gewiſſen Dame.“ „Warum denn albern, warum denn böswillig?“ lachte der alte Herr.„Viel Glück dazu, viel Glück! Es wird eine hübſche Raſſe geben, wenn zwei ſolche Ge⸗ rippe—“ „Ich verbitte mir alle Cynismen!“ rief ich und ich fühlte, daß mir das Blut zum Kopf ſchoß. h Fräulein Tochter weiß, daß ich ihr auch mit keinem Gedanken untreu geworden bin. Gretchen weiß—“ Aber er ließ mich nicht ausreden.„Herr, reden Sie, wovon Sie wollen“, ſchnaubte er und die Farbe ſeines Geſichts wurde dunkelroth,„aber nehmen Sie den Namen meiner Tochter nicht in Ihren unſaubern Mund!“ Dieſer Ausdruck ſchien auf eine ganze Reihe von Vorwürfen zu deuten, die er gegen meine Perſon und mein Leben auf dem Herzen hatte. Nur ein Menſch ohne Gefühl von Ehre und Selbſtachtung könnte ſolche Beſchimpfungen mit Gleichmuth hinnehmen. „Was können Sie meinem Leben vorwerfen?“ fragte ich mit eindringlichem Ernſt.„Ich habe das Glück gehabt, das Herz Ihrer Tochter zu gewinnen, 2 * —. —.——— un N M und ich verdiene dies hohe Glück allerdings nicht durch irgendwelche Vorzüge der Geburt oder außergewöhn⸗ liche Thaten, aber eines Verdienſtes darf ich mich wohl rühmen: in allen Leidensjahren und Lebensprüfungen ungebeugten Muth behalten zu haben und ein ehrlicher Menſch geblieben zu ſein.“ „Ein ehrlicher Menſch— jawohl, ſo nennt ſich jeder miſerable Schelm heut'.“ Ich kannte mich ſelbſt nicht mehr, als dieſer grauhaarige alte Sünder in ſeinem krankhaften Zorn nach immer vergiftetern Waffen griff, aber es gelang mir noch einmal, meine Selbſtbeherrſchung wieder zu erlangen, wenn auch meine Stimme beben mochte, als ich ihm zur Antwort gab: „Sie nehmen ſich die weiteſte Freiheit in Ihren Ausdrücken, Herr von Thymian, aber ich will nicht darauf achten, weil ich Sie nicht für zurechnungsfähig halte. Wie wäre es auch ſonſt möglich, daß Sie ſich unterſtehen, mich ohne allen Grund, ohne alles Maß auf das ehrenrührigſte zu beſchimpfen, ohne nur zu füh⸗ len, was auf Ihrem Gewiſſen laſtet, wenn Sie näm⸗ lich ein ſolches haben.“ Da aber fuhr der alte Herr in die Höhe und ſchritt auf mich los. Seine ſchnarrende, heiſere Stimme hatte einen ſonoren, donnernden Ton angenommen. Groſſe, Der neue Abälard. II. 2 „Was wollen Sie damit ſagen?“ rief er und faßte meinen Arm. Jetzt war ich nun doch bei dem Thema angekom⸗ men, das ich ſo ängſtlich hatte vermeiden wollen, aber ſolche Auseinanderſetzungen haben ihr unberechenbares Verhängniß. „Herr von Thymian“, ſagte ich,„Sie können mir hundertmal die Hand Ihrer Tochter verweigern, um die ich ehrlich und offen geworben habe, aber bei der Wahrheit müſſen Sie bleiben. Statt deſſen aber haben Sie meinen Brief unterſchlagen— Sie ſtellen mich in den Augen Ihrer Tochter als Verräther und als Ehr⸗ loſen hin, während Sie ſelbſt ehrlos handelten und die Wahrheit fälſchten. Sie haben nicht das Recht, mich zu beſchimpfen oder verächtlich zu behandeln. Miüßte ich Sie nicht bedauern, ſo würde ich Sie verachten!“ Der alte Herr fuhr in demſelben Augenblick mit erhobenem Arm auf mich los. Ich aber fing denſelben über dem Handgelenk auf und drückte mit unwillkürlicher Bewegung den aufge⸗ regten Alten in ſeinen Rollſtuhl nieder. Kaum hatte ich ihn jedoch losgelaſſen, als er von neuem wie ein Tiger aufſprang und zwar nach der Seite des Fenſters zu, wo die phantaſtiſche Waffen⸗ trophäe die Wand ſchmückte. Wollte er wirklich zu — ir um Ner en die ich ßte 0 mit —— einer Hellebarde greifen, um mich zu vertreiben? Ich hätte lachen müſſen, wenn nicht der Wahnwitz des Alten angefangen peinlich zu werden. Faſt in demſelben Augenblicke, als der alte Herr zu ſeiner Waffenſamm⸗ lung eilte, öffnete ſich auf der entgegengeſetzten Wand eine Tapetenthür, die ich ſonſt nie bemerkt hatte, und Gretchen ſelbſt mit wirrem, loſem Haar und in einem Négligé, dem man die Eile anſah, ſtürzte herein. Der alte Peter mußte ihr doch etwas von meiner Anweſen⸗ heit geſagt haben, oder der Lärm unſeres Wortwechſels konnte bis zu ihrem ſtillen Stübchen gedrungen ſein; einigemal wollte es mir vorher auch erſcheinen, als ob ſich der weiße Vorhang an jenem räthſelhaften runden Fenſter über der Hausorgel bewegt habe. Gretchen eilte in meine Arme.„Theobald, ſchone meines Vaters!“ Kaum erklang ihre Stimme, als der alte Herr ſich, wie von einem Wurf getroffen, umdrehte. In ſei⸗ ner Hand ſchwang er ein blitzendes Etwas; wenn ich nicht irrte, war es jener venetianiſche Dolch, den er auf dem Trödelmarkt erhandelt hatte, als wir uns zum letzten Male ſahen. „Geh aus den Armen dieſes Schuftes!“ rief er. „Vater, Theobald iſt ein Ehrenmann!“ rief Gret⸗ chen, indem ſie wie abwehrend ihren Arm erhoh. )* * 20 „Geh aus den Armen dieſes Schuftes, oder ich weiß nicht, was geſchieht!“ ſchrie der alte Herr außer ſich und die Züge ſeines Geſichts verzerrten ſich in einer Wildheit des Haſſes, vor dem ich erſchrak. Da⸗ bei ſchwang er abermals jene Waffe und im nächſten Augenblick wäre etwas Unberechenbares geſchehen, wenn ich nicht zuvorgekommen wäre. Ich drückte Gretchen, die vor Entſetzen laut auf⸗ ſchrie, raſch von mir, unterlief den Alten und packte ſeinen rechten Arm mit meiner Linken und zwar un⸗ mittelbar über dem Handgelenk; zugleich faßte ich mit meiner Rechten ſeinen andern Arm, ſodaß er unfähig wurde, ſich ſeiner Waffe zu bedienen. Der alte Herr wehrte ſich natürlich ein wenig, und ſein zuckender Arm mit der Waffe nöthigte mich, die Kraft meiner Um⸗ klammerung zu verſtärken. Da öffnete ſich ſeine Fauſt wie von ſelbſt und der Dolch fuhr zu Boden, er ſelbſt aber brach zuſammen. Das Alles hatte kaum eine Sekunde gedauert. Blitzähnlich, wie ſein Angriff, war auch die Abwehr geweſen. Jetzt lag er ächzend in ſeinem Rollſtuhl und ſeine Augen funkelten.„Recht, ermordet mich“, ſtieß er her⸗ vor,„damit ihr dem Greuel die Krone aufſetzt.“ Auf einmal ſchrie er laut auf, wie vor ungeheurem Schmerz, und ſtreckte den Fuß von ſich. Mit Entſetzen ſah ich, —— hig err m lm⸗ uſt lbſt ine var eine her⸗ Auf erz⸗ ich, ———— 24 daß der Dolch, den er einen Augenblick zuvor fallen ge⸗ laſſen, ſeinen Fuß getroffen. Obwohl derſelbe mit dicken ſchweren Tuchſchuhen bekleidet war, mußte die ver⸗ wünſchte Waffe ihn doch verletzt haben, ſie ſtak noch aufrecht im Tuch und zwar unmittelbar vor den Zehen. Mit einem Ruck riß ich die Klinge heraus; ſie war am Ende mit Blut gefärbt. Sofort riß ich auch den Tuchſchuh herunter und den Strumpf; in der That war eine kleine Wunde vorhanden. Ich rief nach Waſ⸗ ſer und einem Tuch. Gretchen ſchrie in ihrem Schrecken auf und lief hin und her; auch der alte Peter ſtürzte durch den allgemeinen Lärm aufgeſchreckt herein. „Holen Sie einen Chirurgen“, rief ich ihm zu, „aber reden Sie zu Niemand, was geſchehen; die kleine Wunde hat nichts zu ſagen. Den erſten Verband können wir ſelbſt beſorgen.“ Heulend und jammernd lief der alte Peter davon. Gretchen hatte Waſſer herbeigebracht und Linnenſtücke; ſie war jetzt gefaßter und beſorgte ſelbſt den Umſchlag, während ich den alten Herrn an den Armen hielt, denn er wollte fortwährend empor und greuliche Worte, Flüche, Verwünſchungen und Drohungen floſſen von ſeinen Lippen. „Schlagt mir lieber gleich den Schädel zuſammen“, knirſchte er,„bringt mich unter die Erde. Haha, es wird eine hübſche Criminalgeſchichte geben, denn bildet Euch nicht ein, daß dieſe Miſſethat verſchwiegen bleibt— mor⸗ gen pfeifen die Spatzen auf den Dächern davon— die Gerichte werden Euch packen und meinen Vaterfluch habt Ihr drein!“ Was Gretchen bei dieſen Worten litt, iſt nicht zu beſchreiben, ſie war einer Ohnmacht nahe, als endlich der Wundarzt kam. Ich ſagte ihm mit kurzen Worten, daß der alte Herr ein ſeltſames Unglück gehabt, denn eine Waffe ſei ihm zufälligerweiſe aus der Hand gefallen, während er ſie uns gezeigt Der Chirurg ließ mich kaum ausreden, ich ſah es ſeiner kritiſchen Miene an, daß er bereits mehr da⸗ von wußte, was geſchehen war. Er unterſuchte, ohne viel zu reden, den Fuß wie den Verband, und der alte Herr ließ jetzt mit ſich machen, was wir wollten. Bei all ſeinem Grimm war er doch ſo vernünftig, jetzt wenigſtens zu ſchweigen, und ihm, wie mir, fiel unzwei⸗ felhaft ein Stein vom Herzen, als der Chirurg die Ver⸗ letzung für gefahrlos erklärte und alle meine Anord⸗ nungen billigte. Er empfahl Erneuerung der Umſchläge und vor allem Ruhe.„Aber das Fräulein ſcheint ernſt⸗ lich krank zu ſein“, ſagte er plötzlich zu mir, und jetzt fiel es mir ſelbſt auf, welchen todtenähnlichen Ausdruck ihre aſchfahlen Züge trugen. Sofort führte ich mit Hülfe des alten Peter das liebe Kind auf ihr Zimmer hinauf, um ſie dort auf ihr Ruhebett zu legen. ———— 23 Mühſam hatten wir ſie die Treppchen und dunk⸗ len Gänge hinaufgebracht, jetzt lag ſie reglos wie eine geknickte Lilie auf dem Lager und ihr großes ſchwer⸗ müthiges Auge ruhte mit unſaglich traurigem Ausdruck auf mir. Ich legte meine Hand auf ihr Haupt und redete ihr in meiner tiefen Erſchütterung zu, was mir der Augenblick eingab. Zum erſten Male war ich heute in dieſer ſtillen heimlichen Mädchenklauſe, deren weinum⸗ ſponnene Fenſter zum Garten hinausgingen. Ein Näh⸗ tiſchchen und ein Blumentiſch mit prächtigen Blatt⸗ pflanzen, mehrere anſprechende Bilder in einfachen Rähmchen und ein altes einfaches Klavier zierten das ſtille Zimmer, deſſen Atmoſphäre keuſch und rein war, wie das ihrer berühmten Namensſchweſter. Die Worte Fauſt's: Willkommen, ſüßer Dämmerſchein, Der du dies Heiligthum durchwebſt— kamen mir unwillkürlich in den Sinn, als ich in dem traulichen Raum umherblickte. Gretchen hatte ſich jetzt etwas erholt und drückte mir die Hand, während ich von neuem ſie zu ermuthi⸗ gen ſuchte, den leidigen Zwiſchenfall nicht ſo ernſt und verzweifelt zu nehmen, ſondern das Beſte von der Zu⸗ kunft zu hoffen. ſtützte ſich auf ihren Arm— marmorbleich waren noch ihre anmuthigen Züge, aber ihre Augen thränenlos und ſtarr.„Tröſte mich nicht, mit heute iſt Alles verloren. Ich dachte es recht gut zu machen, indem ich Dich zu einem letzten Schritte beſtimmte— und nun iſt Alles verloren. Wir müſſen Abſchied nehmen auf ewig.“ Mich erſchütterte mehr die Art, wie ſie dieſe Worte ſprach, als ihr Inhalt. Ich konnte kein Wort erwidern; der Gedanke, mit ihr zu fliehen, tauchte wohl wiederholt jetzt in mir auf, doch wagte er ſich nicht über meine Lippen, ſie aber ſchien ihn zu errathen, als ſie ſagte: „Niemals kann ich dieſes Haus verlaſſen, niemals, Theobald, ſolange mein Vater leidet, und wird er auch wiederhergeſtellt, wird er doch niemals Dir ver⸗ geben und ſeinen Fluch in Segen verwandeln. Nie⸗ mals aber wirſt Du erwarten, daß ich mit ſeinem Fluche glücklich an Deiner Seite ſein könnte. Laß uns ſchei⸗ den, Theobald, der Himmel hat es nicht gewollt, daß wir zuſammenkommen. Leb' wohl auf ewig, ſei glücklich und gedenke zuweilen an mich, wenn—“ Da brachen ihre Thränen hervor und ſchluchzend ſank ſie in meine Arme. Lange hielt ich ſie ſchweigend an meine Bruſt ge⸗ drückt, bis der Tritt des alten Peter ſich wieder der Thür näherte. „Nein, Theobald, tröſte mich nicht“, ſagte ſie und ſpe und noch und ren. h zu Alles orte er cholt reine agte nals, der ver⸗ Nie⸗ luche ſchei⸗ daß lich ihre lrne tge⸗ der 25 Da drängte ſie mich ſelbſt hinaus, umarmte mich nochmals und küßte mich heiß und heftig. Eine Minute ſpäter war ich draußen auf der Straße, wo die helle, warme Sonne ſchien; mir war es, als käme ich aus einer andern Welt, aus einer unheimlichen Felſenhöhle, wo ich Namenloſes erlebt und ungezählte Zeiträume verſchollen geweſen wäre. Seltſam, in allem tiefen Seelenſchmerze war es mir doch nicht, als hätte ich Gretchen nun verloren, nein, als hätte ich ſie erſt heute ganz und auf immer gewonnen. Als ich in die Nähe meiner Wohnung kam und zwar diesmal von der Waſſerſeite, trat mir ein Herr entge⸗ gen, welcher direct aus meinem Hauſe zu kommen ſchien. Er grüßte mich und redete mich an; mein Stau⸗ nen muß faſt einem Erſchrecken geglichen haben— es war der Herr Präſident ſelbſt, welcher ſich zu mir be⸗ müht hatte. „Endlich treffe ich Sie doch“, ſagte er ſtehenblei⸗ bend und wieder umkehrend.„Ich war ſchon zweimal bei Ihnen, mein Lieber. Was machen Sie denn und wo ſtecken Sie? Warum ſind Sie geſtern nicht gekom⸗ men zur Landpartie? Ich hatte beſtimmt darauf gerech⸗ net und Sie ließen uns um ſo mehr in der Erwartung, Sie zu ſehen, da Sie nicht abgeſagt hatten.“ „Ich bitte um Entſchuldigung, Excellenz“, erwi⸗ derte ich,„aber unaufſchiebbare Angelegenheiten, leidige Privatverhältniſſe verhinderten mich.“ Der vornehme Herr ſah mir eine Weile prüfend in das Geſicht, dann bemerkte er:„Sie ſcheinen in unerquickliche Dinge verwickelt zu ſein.„Nun“, fuhr er fort,„es wird Ihnen eine Erleichterung ſein, bald aus allen dieſen Calamitäten erlöſt zu werden und in eine freiere Sphäre einer furchtbaren Thätigkeit zu kommen.“ Ich mochte zu dieſen Verheißungen eine ziemlich ungläubige Miene machen. „Nur Courage, mein Beſter“, ſagte der mächtige Herr wieder und faßte herablaſſend einen Knopf meines „Ich muß endlich ins Reine kommen mit dem Decret. Sie ſind ſo gut wie Director und in einigen Tagen haben Sie die Ausfertigung der Beſtallung. Nur Muth, mein Lieber! Sie gefallen mir, ich weiß nicht warum, aber ich ſchätze Sie als einen kenntniß⸗ reichen, ſoliden, welterfahrenen, charaktervollen Mann, den ich gern auf immer mein nennen möchte“ Was ſollte ich auf ſolche Complimente erwidern? Ich verbeugte mich ſchweigend. „Verſtehen Sie mich recht“, ſagte der Präſident mit wachſender Vertraulichkeit und zog mich abermals an dem Rockknopfe.„Ich möchte ſelbſt den ſchönen ige nes em gen ig. eiß iß⸗ nn, ent als nen ——— ————— S 27 Gedanken nicht abweiſen, Sie vielleicht zu unſerer Fa⸗ milie zählen zu dürfen. Fräulein von Spatenkamp, meine Nichte, hält die größten Stücke auf Sie und ver⸗ ehrt Ihre Leiſtungen wie Ihre Perſon mit ungeheuchel⸗ ter Wärme. Mich kann es ja nur freuen, wenn das wahre und echte Verdienſt allſeitig Verſtändniß und Anerkennung findet, und es würde mein Stolz ſein, einen ſolchen Gefeierten zu den Meinigen zu rechnen.“ Da ich auf dieſe kaum mehr mißzuverſtehenden Andeu⸗ tungen immer noch nichts erwiderte, begann der Prä⸗ ſident abermals, doch wich ſein ſcheuer Blick meinem Auge aus.„Ich will nicht länger in ſibyhlliniſchen Räthſeln reden. Zwiſchen Männern können und müſſen ſogar gewiſſe Dinge offen behandelt werden, um die Grundlage des gegenſeitigen Vertrauens zu ſichern. Ich gebe Ihnen ein Pfand meiner Zuneigung durch die Berufung an die neue Schöpfung, geben Sie nun auch uns ein Pfand Ihres Wohlwollens. Soll ich es noch näher bezeichnen? Indem Ihr Glück gegründet wird, wäre es mir eine große Beruhigung, wenn damit zu⸗ gleich das Glück einer andern Perſon gegründet wer⸗ den könnte. Unterſchätzen Sie dabei auch nicht dig Prak⸗ tiſche Nothwendigkeit. Es handelt ſich um das Direr⸗ torium einer Anſtalt für junge Damen; einem Unver⸗ heiratheten können und dürfen wir dieſe Stelle nicht zu⸗ wenden aus hundert und tauſend Gründen der Schick⸗ lichkeit und chriſtlichen Sitte Die öffentliche Moral wird einſtimmig nur einem Verheiratheten jenen Poſten anvertrauen wollen. Ich hoffe, Sie haben mich jetzt verſtanden, mein Lieber.“ „Excellenz reden durchaus eine verſtändliche Spra⸗ che“, erwiderte ich.„Darf ich auch mir ein offenes Wort erlauben?“ „Darauf rechne ich, mein Beſter“, erwiderte er. „Eine Frage zuvor! Sie ſind doch frei?“ „Aeußerlich frei allerdings, wenn Sie wollen, Herr Präſident, aber innerlich nichts weniger. Meine Wahl iſt bereits entſchieden für dieſes Leben, wenn auch einſtweilen wenig Ausſichten zur Verwirklichung eines Traums vorhanden ſind.“ „Hm, ich verſtehe“, ſagte der vornehme Herr mit erkünſteltem Lächeln,„ein Verhältniß ohne Ausſichten, eine ſogenannte unglückliche Liebe, ich glaube ſogar das Nähere zu errathen. In dieſen Dingen, lieber Freund, kann ich Ihnen nur den einen Rath geben: machen Sie ſich von ſolchen unklaren und hoffnungsloſen Träume⸗ reien los. Dergleichen ideale Leidenſchaften laſſen ſich ſehr ſchön in Romanen leſen und haben auch einen ge⸗ wiſſen poetiſchen Werth, wer wollte das beſtreiten, aber in Wirklichkeit führt das nur zu krankhaften Täuſchungen. Dus Nor keit, Löſu einen gich ſen beth eine Auc wir imn und Lor Erl Vrr V reſi wa 3 mu ral ten etzt a⸗ ort Nrr ahl uch nes — 3 Das reale Leben verträgt keine Träume, welche am Marke des Mannes zehren und ſeine freie Thätig⸗ keit, ſeine beſten Kräfte binden. Kann ich Ihnen zur Löſung ſo verderblicher Feſſeln behülflich ſein in der einen oder andern Weiſe, ſo wird es mit Vergnügen geſchehen.“ Mir wurde weh und wund um das Herz bei die⸗ ſen herzloſen klugen Worten. „Ich danke Ihnen, Excellenz“, erwiderte ich ſo verbindlich als möglich,„aber ich glaube kaum, daß eine fremde Hand hier etwas zum Segen ſtiften könnte. Auch wenn mein Ziel wirklich unerreichbar bleiben ſollte, wird mir jenes, welches Sie mir zu ſtecken belieben, immer eine Unmöglichkeit ſein.“ „Sie wollen damit ſagen?“ fragte der Präſident und ſeine Stimme nahm einen herben, faſt ſtrengen Ton an. „Geſtatten Sie mir die offenſte und unverhohlenſte Erklärung, Excellenz, ich bitte im voraus um Ihre Verzeihung, wenn ſie Ihnen nicht ganz gefallen ſollte. Wie die Dinge jetzt liegen, wäre es meine Pflicht zu reſigniren, auch wenn jene Dame, welche Sie nannten, wahrhaft einen tiefen Eindruck auf mich gemacht hätte. Ich müßte reſigniren, weil es ſcheinen könnte, natürlich nur in den Augen der böſen Welt, als ob jene Stelle 30 der Preis dieſer Verbindung wäre. Sie wiſſen ja, Excellenz, wie lieblos und unzart die profane Menge urtheilt, und ich gebe zu, daß von jeher kein Wort einen empfindlichern, gehäſſigern Klang für mich gehabt hat, als das Wort, mit welchem man hier verſchwenderiſch ſein würde, das Wort Nepotismus. Da aber jene erwähnte Vorausſetzung nicht der Fall iſt, wird mir die Reſignation um ſo mehr zu einer, wenngleich ſchmerz⸗ loſen Pflicht.“ Die Miene der Excellenz war ſichtlich weniger freundlich geworden; ſeine kleinen, ſtechenden Augen maßen mich mit feindlichem Ausdruck, obgleich der Klang ſeiner Stimme ſüßer und milder als vorher war. „Ich glaube immer, Sie urtheilen zu vorſchnell, mein Beſter, wie alle Leute, welche zu viel auf den Schein und auf das werthloſe Urtheil des Mob geben. Ich will nur wünſchen, daß Sie Ihren catoniſchen Ent⸗ ſchluß niemals zu bereuen haben. Pedanten und Ri⸗ goriſten verſcherzen in der Regel ihr eigenes Glück. Was das Uebrige betrifft“, ſetzte er mit freundlichſter und ſonnenhellſter Miene hinzu,„ſo reden wir noch davon. Gott befohlen, mein Lieber, Gott befohlen!“ Damit ſchlich er nach flüchtigem Gruße davon und ich hatte das deutliche Gefühl, daß abermals ein Ge⸗ bäude meiner Träume über mir zuſammengeſtürzt ſei. — ———— — —— Bile glau Poh Iſt keite Gri ſich dun ſern wür hri Ma New Ahe hh ins Ihn in von Ve gel In al —— Schon am andern Tage erhielt ich ein kleines Billet von dem Präſidenten und zwar folgenden un⸗ glaublichen Inhalts: „Zu meinem lebhafteſten Bedauern muß ich Euer Wohlgeboren mittheilen, daß die Creirung des neuen Inſtituts in unſerem Sinne auf erhebliche Schwierig⸗ keiten zu ſtoßen ſcheint, nicht eigentlich wegen ſachlicher Gründe, ſondern wegen Ihrer Perſönlichkeit. Man will ſich nämlich an maßgebender höherer Stelle an gewiſſe dunkle Jugendthorheiten in Ihren Antecedentien erin⸗ nern. Man bezweifelt, ob Sie der rechte Mann ſein würden, um die weibliche Jugend zu den Idealen der chriſtlichen Tugend und ehrbaren Sitte zu erziehen. Man flüſtert nämlich, Sie ſeien dereinſt Schauſpieler geweſen und hätten einer ziemlich laxen und diſſoluten Lebensweiſe gehuldigt. Können Sie dieſe gewiß leeren Anklagen widerlegen, ſo hoffe ich noch Alles wieder ins Gleis zu bringen. Schließlich aber kann ich Ihnen nicht verhehlen, daß Ihre ſtadtkundige Affaire in der Wohnung des allgemein hochgeachteten Herrn von Thymian durchaus nicht qualificirt erſcheint, Vertrauen zu Ihnen zu erwecken. Wer ſich aus Man⸗ gel an Selbſtbeherrſchung dergleichen Thätlichkeiten und Inſulten erlaubt und zwar einem ſo hochgeſtellten und allgemein verehrten Mannne gegenüber, kann in keiner Weiſe Garantie bieten, daß ſein Charakter die noth⸗ wendige Reife und Würde erlangt habe. Ihre Ernen⸗ nung zu einer ſo wichtigen Stelle, wie das Directorium der Frauenakademie ſein wird, würde in der ganzen Stadt und namentlich in der guten Geſellſchaft, auf die wir in erſter Linie zu ſehen haben, den allerübel⸗ ſten Eindruck machen. Ich will nur wünſchen, daß Sie ſonſt keine unangenehmen Folgen davon erleben mögen. Auf jeden Fall betrachten Sie dieſe Zeilen als ernſte Warnung, ſowie als berechtigte Rüge. Im Uebrigen dürfen Sie ſich wieder als vollkommen frei in Ihren Dispoſitionen für die Zukunft betrachten. Mit Hoch⸗ achtung u. ſ. w.“ Dieſe Mittheilung war koſtbar; aber ſtatt mich zu entmuthigen, amüſirte ſie mich. Die ſchöne Falle war völlig durchſichtig geworden, wie ich jetzt auch aus an⸗ dern Gründen noch überſehen konnte. Der Herr Prä⸗ ſident hatte wirklich geglaubt, mich an der Hand ſeiner ſchönen Nichte zu ſeiner Partei hinüberziehen zu können, mich durch Abfall und Renegatenthum zu disereditiren und dann für immer fallen zu laſſen. Das Project mit dem Inſtitut war nur eine trügeriſche Fata Mor⸗ gana geweſen, um mich zur Fahnenflucht zu verleiten. Man dachte gar nicht daran, eine Akademie für Frauen zu gründen, dies hatte ich inzwiſchen aus guter Quelle ——— „—— eine gebl zu bau den und den ſih eim w r n⸗ ä⸗ ſer n, en ect en. en Ue — erfahren. Da es aber nicht gelungen war, mich in eine Falle zu locken, glaubte man mich mit jener an⸗ geblichen Affaire packen zu können, welche das Gerücht zu einem förmlichen Ueberfall und Mordverſuch aufge⸗ bauſcht hatte. So war ich, ohne es zu wollen, über Racht zum Empörer, zum Catilina gegen Staat und Sitte gewor⸗ den. Dieſe Wendung war freilich nicht vorauszuſehen, und begierig harrte ich des erſten Blitzſtrahls, der aus den aufgethürmten Wolken auf mein Haupt hernieder⸗ fahren ſollte. Vorläufig indeß ſchien das Gewitter noch einmal vorübergehen zu wollen. Ich erhielt zwar von dritter Hand die Mittheilung, daß man mich von ſeiten des Gerichts wegen Haus⸗ friedensbruchs und thätlicher Injurien zur Verantwor⸗ tung vorladen werde, gleichzeitig aber ſchrieb mir der Polizeidirector, ein alter Freund und Studiengenoſſe von mir, folgende Zeilen: „Lieber Korn, bitte, komme heute noch auf mein Bureau zu einer harmloſen Vernehmung. Ich ziehe dieſe Form vor, um einer Klage von ſeiten des Stadt⸗ commandos oder des Gerichts zuvorzukommen. Ich will Dich retten, da ich den Charakter des Herrn von Th. hinxeichend kenne, um mir den Zuſammenhang denken zu können. Verantworte Dich alſo über jene Groſſe, Der neue Abälard. 1I. 3 34 Gerüchte vor mir allein, bevor ſie die beſtimmte Form einer Anklage annehmen. Ich wiederhole, daß man Deine Verhaſtung beabſichtigt, aber ich kann dieſem Schritt zuvorkommen, wenn ich die volle Wahrheit weiß. Iſt dieſe nicht gravirend für Dich, ſo iſt es doch am beſten, Du verläßt auf einige Zeit die Stadt, bis Gras über die Geſchichte gewachſen iſt. Herzlichen Gruß. Dein getreuer Quandt.“ Dieſe Warnung war gewiß recht gut gemeint und Zeugniß eines ehrlichen, echten Freundesherzens. Gleich⸗ wohl beſchloß ich ihr kein Gehör zu geben, ich wollte es darauf ankommen laſſen, wie weit die Willkür und der Mißbrauch der Gewalt gehen könnte. Indeß packte ich wenigſtens zur Vorſicht meine Sachen und ver⸗ ſiegelte alle meine Papiere. Verhaftung, Kerker, Pro⸗ ceß, Verbannung und Ausweiſung, alle dieſe Dinge ſchwebten wie drohende Wolken über mir; und bei alle⸗ dem den reinen Namen Gretchen's in die Oeffentlichkeit gezogen zu ſehen, das durchbohrte mich mit tauſend ver⸗ gifteten Pfeilen; dagegen war auch die Freundſchaft des treuen Polizeidirectors ohnmächtig. Ja, dieſer treue, liebevolle Freund— ich hätte ihm danken ſollen und dan⸗ ken können; dennoch ärgerte mich ſeine harmloſe Vor⸗ ladung. Ich dachte an den, der auf dem Eiſe einbrach. ——— —— * 35 Die ihn herausziehen wollten, warfen ihm einen Strick über den Kopf und zogen an. Er entrann zwar glück⸗ lich der Gefahr des Ertrinkens, aber er war er⸗ droſſelt, erdroſſelt wie mein guter Name, wenn ich dem treuen, täppiſchen Quandt gefolgt wäre. Zweites Kapitel. Der Dichterfürſt von Weimar ſpricht in ſeiner Jugendgeſchichte vom Schickſal, das nicht außer uns liege, ſondern in unſerer Bruſt allein. Freilich iſt es wahr, daß Alles, was fördernd oder hindernd in unſer Leben eingreift, in unſerem Herzen, in unſerem Willen ſeine Urſache findet, und doch gibt es Lebenslagen, die ſo verſunken, verlaſſen und hülflos ſind, daß, gleich⸗ ſam nachdem alle Trumpfe eigenen Wollens und Kön⸗ nens ausgeſpielt worden ſind, unſer Weg pfadlos wie an einer Felſenwand endet, daß die Menſchenbruſt ſich rathlos, waffenlos, ſchickſalslos fühlen will. Dann müſſen höhere Mächte entſcheidend eingreifen, wie es im Volksliede heißt: Nun, reicher Gott im Himmel, Erbarm' Dich unſrer Noth! ——— In einer ſolchen Lage war ich, meiner Geliebten und meinen eigenen Lebensaufgaben gegenüber. Wir konnten mit Menſchenkraft nichts mehr ausrichten. Es mußte ein heiliger Sturmwind kommen, der dieſe ſtag⸗ nirenden Zuſtände aufrüttelte, dieſe ſtille Schwüle mit brauſendem Gewitter durchbrach und dem verſumpften Strom des Lebens neue Bahnen anwies. Und der Sturm kam, gewaltiger und vernichtender, als wir zu ahnen wagten; denn es war im verhäng⸗ nißvollen Jahre 1848. Ich habe hier ſehr viel nachzuholen, und doch kann ich nur das Aeußerſte und Allgemeinſte berühren, denn die Zeit hat Gott Lob viel von jenen traurigen und großen Erinnerungen verwiſcht. Ich glaube, es war Frau Coraly, welche mich den neuen Abälard genannt hatte, aber war es Zufall oder war es Abſicht, in den Schickſalen des Leidens⸗ gefährten einen ſibylliniſchen Troſt zu ſuchen: ich ſtu⸗ dirte damals wirklich ſeine Werke und ſein Leben. Es iſt wahr, in meiner deutſchen Einfachheit mußte ich vor der Gewalt dieſer Leidenſchaften mich wie beſchämt finden, und doch hatte ich Urſache, mich auch ſtolz zu fühlen. Jawohl, der Lehrer Abälard hatte ſeine Schülerin, die ſchöne Nichte des Kanonikus Fulbert, verführt, jawohl, dieſer Kanonikus und Almoſenier des Königs Heinrich I. hatte eine verzweifelte Aehnlich⸗ keit mit meinem Herrn von Thymian, aber Helviſe und Gretchen— nein, nur ein ſchlechter Scherz oder eine falſche Eitelkeit konnte ſie auf eine Stufe ſtellen. Gretchen war meine Schülerin geweſen, aber ihre Reinheit war unentweiht geblieben, ſie war ein deut⸗ ſches Mädchen, keine Franzöſin, die mit unnatürlicher Ueberſpanntheit die Ehe verweigerte, weil ſie dem Ruhme ihres Geliebten ſchaden könne. Es mag ro⸗ manhaft und großartig klingen, auszurufen wie ſie: „Si me Augustus orbis imperator uxorem ex- peteret, mallem tua esse meretrix, quam orbis im- peratrix. Nihil unquam in te nisi te requisivi, et si uxoris nomen sanctius ac validius videtur, dulcius mibi semper extitit amicae vocabulum aut con- cubinae vel scorti!“ aber welches deutſche Weib hätte dieſe Worte in den Mund genommen! Und dennoch mußte ich Abälard's Schickſal bis auf einen gewiſſen Punkt beneiden. Der Kanonikus Fulbert und ſeine Familie beſtanden nach der Entführung des Mädchens auf der Ehe, und Abälard und Helviſe wurden in der That vor dem Altar verbunden. Aber ſeltſam, die Gatten ſahen ſich ſeitdem nicht mehr; beide waren übereingekommen, dieſe Ehe geheim zu halten und zu verleugnen, denn Herr Abälard wollte gern Biſchof t —— werden— der Elende. Um ſeine Frau den Mißhand⸗ lungen ihres Oheims zu entziehen, entführte er ſie zum zweiten Male in ein Kloſter, wo ſie Nonnenkleider an⸗ that, ohne den Schleier zu nehmen. Ja, der ehrgeizige Gelehrte verdiente die Rache der Familie, welche über ihn herfiel und ihn— auch das iſt franzöſiſch— ſo züch⸗ tigte, wie Jupiter den Janus gezüchtigt hat. Wie glücklich wäre ich geweſen, wenn Herr von Thymian mich ebenfalls zur Ehe gezwungen hätte. Abälard ſtieß voll Zorn und Grimm in der Folge das beſtehende Gebäude des Glaubens um und ward als Ketzer erklärt. Darin konnte ich ſeine Stimmung theilen; auch mir war zu Muthe, als müßte ich dieſe verrottete Welt in ihren Feſten umkehren, um ſie wieder einzurenken, da ſie ganz aus den Fugen zu ſein ſchien. Und ebenſo fühlte die Jugend jener Zeit und die Mehrzahl des Volks. Es war, wie geſagt, im ver⸗ hängnißvollen Jahre 1848. Bei meinem Aufenthalt in der Hauptſtadt hatte ich Beziehungen mit den berühm⸗ teſten Häuptern der Unzufriedenen angeknüpft; ich war in ihre Hoffnungen und Pläne eingeweiht worden und hatte die Pflicht auf mich genommen, auch in der Provinz in gleichem Sinne zu wirken und eine Partei organiſiren. Damals freilich erſchienen mir jene 40 Beſtrebungen höchſt abenteuerlich und auf Voraus⸗ ſetzungen und Ereigniſſe berechnet, die im Reiche des Traums lagen. Jetzt, beim Ausbruch der Februar⸗ revolution, ward Alles plötzlich zur flammenden Wahr⸗ heit des anbrechenden Tages, und ehe ich noch einen Entſchluß gefaßt hatte, ward ich in den Strom der Bewegung gezogen. Ich hatte aus der Stadt fliehen ſollen, ich war geblieben und zu meinem Glück, denn meine Flucht wäre als Bekenntniß von Schuld gedeutet worden. Jetzt dachte man allerdings von neuem an meine Verhaftung, nicht etwa, weil die Lage des Herrn von Thymian eine Zeit lang lebensgefährlich erſchien, ſon⸗ dern weil dieſer Vorwand willkommenen Anlaß bot, ſich des Führers der Volkspartei zu verſichern. In dieſer Beziehung war mein alter Freund, der Polizei⸗ director Quandt, mein entſchiedener Feind geworden. Aber zum Glück war der rechte Augenblick verſäumt worden. Der Geiſt der Empörung hatte ſich der Maſſen bemächtigt. Die Ideen der ſiegreichen Revolutionen der deutſchen Hauptſtädte fluteten mit unwiderſtehlicher Gewalt auch in unſere Provinzialſtadt herüber. Man hielt Volksverſammlungen, man entwarf Petitionen, man hielt Umzüge auf den Straßen, und der Verſuch meiner Verhaftung warf den Funken in die Pulvertonne. 3 —— Der Aufſtand brach los, zuerſt noch ziemlich harm⸗ loſer Natur. Man entriß mich der Polizei und trug mich, ſo zu ſagen, auf den Schultern zur Volksver⸗ ſammlung. Wie mit einem Zauberſchlage war ich, wie es die Zeitungen zu nennen pflegen, zum Helden des Tages geworden. Ich mußte Reden halten und Fahnen weihen, die Bürgerwehr organiſiren und mich an die Spitze von Deputationen ſtellen. Gleich am nächſten Tage kam es zu den heftigſten Auftritten und Parteiſpaltungen. Das aufgeregte Volk wollte das Haus des verhaßten Präſidenten ſtürmen, und merkwürdigerweiſe war Herr Sommer⸗ vogel, der malcontente Apotheker, überall voran. Nur mit größter Mühe gelang es mir, die Erhitzten zu be⸗ ſchwichtigen und von beklagenswerthen Exceſſen zurück⸗ zuhalten, aber dies gelang mir nur dadurch, daß ich verſprach, mich zum Dolmetſcher ihrer Wünſche zu machen. Mit wüſtem Jubel wurde dieſer Vorſchlag angenommen und im nächſten Augenblick trat ich als Haupt der Deputation des Volks vor den Gefürchteten. Der alte Herr war ſichtlich gealtert und verſuchte mit kriechender Freundlichkeit ſeine Beſtürzung und ſeinen kochenden Zorn zu verbergen. „Ah, das iſt mir lieb, daß Sie kommen, Herr Collaborator. Wir ſind ja alte Freunde und werden 42 uns raſch verſtehen. Was bringen Sie mir alſo?“ Dabei zitterte ſeine Stimme und ſein Blick wich dem meinen aus. Es war eine ſeltſame Situation, aber ich kann mich leider nicht rühmen, daß ich Geſchick genug be⸗ ſeſſen, ſie auszubeuten.„Was ich bringe“, ſagte ich, „können Sie bereits wiſſen, Herr Präſident; es ſind die Forderungen des freien Volks, wie ſie ſich bereits in der Hauptſtadt kund gegeben. Dieſen ſchließen wir uns in allen Stücken an, und um die Errungenſchaften zu ſichern, fordere ich vor allem Bewaffnung aller Bürger; meine ſpeciellen Wünſche gehen indeß noch etwas weiter, und ich glaube, daß die hohe Regierung der Ausführung der bereits gebilligten Pläne einer Aka⸗ demie für Frauen nichts mehr in den Weg legen wird.“ Es mochte ſonderbar erſcheinen, dieſe Dinge gerade jetzt wieder auf das Tapet zu bringen, aber wenn ich der Hauptſachen ſicher zu ſein glaubte, das heißt der Einführung des Schwurgerichts, der Ab⸗ ſchaffung des Adels, des Jagdrechts, der Errichtung von Volksſchulen auf Staatskoſten, der vollkommenen Freiheit der Preſſe und ſo weiter, ſo meinte ich auch meine Lieblingsidee jetzt durchführen zu können und das Eiſen ſchmieden zu ſollen, ſolange es heiß war. Der Präſident ſagte auch Alles mit größter Be⸗ — ——— reitwilligkeit zu; er nahm ſelbſt die dreifarbige deutſche Fahne und trat an meiner Seite hinaus auf den Bal⸗ con. Das Volk brüllte Beifall und auf ſein Verlangen mußten wir uns ſogar umarmen. Ich kann wohl ſagen, daß dieſer Augenblick einer der denkwürdigſten und unvergeßlichſten in meinem Leben war. Rechtlos gleichſam, preisgegeben der Willkür und das Opfer unſeliger verwickelter Verhältniſſe, war ich plötzlich zum Meiſter und Gebieter der Lage geworden, und im Rauſche meines Glücks ſah ich bereits alle meine Pläne verwirklicht. In der That wurden auch alle Vorbereitungen zur Ausführung jener großen Lieblingsaufgabe meines Lebens getroffen. Ich kann hier nicht das Einzelne wiederholen; es folgten ſtürmiſche Tage voll Jubel und feſtlicher Aufzüge, voll ſchwärmeriſcher Hoffnungen und Träume. Ich konnte glücklich ſein, wenn ich nicht an meine perſönlichen Verhältniſſe dachte, denn dieſe waren um nichts gebeſſert, im Gegentheil, ſie waren bis in den Kern hinein vergiftet worden. Auch hier muß ich Einiges nachholen. Jene angebliche Mordgeſchichte im Hauſe des Herrn von Thymian war ſeiner Zeit entſtellt und mit abenteuerlichen Uebertreibuugen in die Zeitungen ge⸗ kommen. Täglich brachten die Blätter Nachrichten über das Befinden des Verwundeten. Eine Zeit lang ſchwebte angeblich ſein Leben in größter Gefahr, denn man fürchtete, und wohl der Bleſſirte am meiſten, daß die alte venetianiſche Waffe vergiftet geweſen, wie es zu⸗ weilen vorkommt. Welche Folgen dieſe Befürchtungen hatten, ſollte ich ſpäter erfahren. Thatſache war, daß die Heilung der unbedeutenden Verletzung nur ſehr langſam vorſchritt und mehrmals in höchſt bedenkliche Kriſen zurückfiel. Alles dieſes erfuhr ich durch Dritte, denn ich ſelbſt war von ſeinem Hauſe verbannt. Gret⸗ chen zu beſuchen oder ihr nur zu ſchreiben, wagte ich nicht und Frau Coraly ließ mich nicht vor. Ehre und Liebe erſchien auf immer verloren, nur die Freiheit war mir geblieben. Auf dieſe Weiſe ausgeſtoßen aus der menſchlichen Geſellſchaft, war ich reif zur Revolution in jedem Sinne geworden, aber ich hoffte gerade mit der Gründung jener Akademie für Frauen wieder eine Anknüpfung mit der guten Geſellſchaft zu finden, und ich ſparte keine Anſtrengung, die Ausführung zu be⸗ ſchleunigen. Ein öffentliches Gebäude war mir zu dieſem Zweck bereits eingeräumt geworden, und ſchon ſah ich den Tag nahen, der zur Einweihung der neuen Anſtalt feſtgeſetzt war. Aber der ſchöne Plan ſollte wie ſo viele Anläufe des verhängnißvollen Jahres auch nur ein Traum — bleiben. Die Sache der Freiheit und der neuen Er⸗ rungenſchaften nahm in der Hauptſtadt ein raſches Ende. Die Gegenpartei hatte ſich im Stillen erholt und er⸗ hob ihr Haupt plötzlich gewaltiger als jemals. Die Rückwirkung dieſer Wendung machte ſich ſofort auch in der Provinz fühlbar. Schon ſeit Monaten ſpielten die Parteien hier ein verdecktes die Menge nannte es ein unehrliches Spiel. Der Präſident, hieß es, correſpondire mit den Häuptern der Reaction, und in der That war ſeine Haltung ſeit kurzem verändert. Seine Weiſungen klangen drohender, ſein Widerſtand gegen die Beſtrebungen der Volkspartei wurde ent⸗ ſchiedener, und ſeiner ſiegesgewiſſen Miene ſah man es an, daß er binnen kurzem auf einen neuen gewal⸗ tigen Umſchwung der Dinge rechnete. In der That ward dieſer noch früher entſchieden, als wir fürchteten; wir erfuhren auch hier nur die Nachwirkungen. Nachdem das Heer nach blutigem Kampfe ſiegreich in die Hauptſtadt eingezogen war, mußte jeder fernere Widerſtand vergeblich erſcheinen. Dennoch erhoben ſich einzelne Gegenden und ſuchten in verzweifelten Aufſtänden die Entſcheidung zu verzögern. Auch unſere Provinzialſtadt füllte ſich mit Flüchtlingen und Frei⸗ ſchaaren, welche ſich in den Vorſtädten feſtſetzten und alle Anſtalten trafen, einen etwaigen Kampf aufzu⸗ nehmen. Es war eine drohende und gefährliche Lage, denn die Bürgerwehr der Stadt war ſelbſt in Parteien geſpalten und wagte ebenſo wenig, jenen wilden, zügel⸗ loſen Elementen Widerſtand zu leiſten, als ſich ihnen offen anzuſchließen. In dieſer kritiſchen Lage ertönte plötzlich beim Ein⸗ bruch der Nacht Generalmarſch. Ich ſtürzte hinaus, doch nicht zum Sammelplatz der Bürgerwehr, ſondern der Freiſchaaren; ich hatte vor einer Stunde erſt er⸗ fahren, daß Truppen von der Hauptſtadt aus in An⸗ marſch ſeien, und zwar auf Veranlaſſung des Präſi⸗ denten. Ein Zuſammenſtoß erſchien unvermeidlich und ſeine Folgen konnten den Ruin der Stadt herbeiführen. Das Hauptquartier der Aufſtändiſchen war draußen in der Reſtauration zum kalten Haſen. Der ganze frühere zvologiſche Garten war in ein buntes Kriegs⸗ lager verwandelt. Man hatte die Bäume umgehauen und große Feuer angezündet. Manche von den jüngern Leuten, die ſich den wilden Schaaren angeſchloſſen, waren meine frühern Schüler auf dem Turnplatz ge⸗ weſen, die meiſten aber waren fremde„Baſſermann'ſche Geſtalten“, wilde, verwegene Kerle, die nichts zu ver⸗ lieren hatten und zum Aeußerſten entſchloſſen waren. Es war eine ſtockfinſtere, pechſchwarze Nacht voll Regen und Sturm. Als ich ankam, wurde ich mit —————— — 4 47 lautem Hurrah empfangen und ſofort zum Anführer erwählt. Man verlangte von mir, ich ſollte die Bürgerwehr mit ihnen vereinigen oder ſie entwaffnen, ferner die Pulver⸗ und Proviantvorräthe der Stadt ausliefern, die Brücken ſprengen und Sturm läuten laſſen. Die verwegenſten Galgengeſichter hätten es am liebſten geſehen, wenn ihnen ſofort die Stadt ausge⸗ liefert worden wäre. Vergebens war meine Weigerung. Ich ſtellte ihnen vor, daß die Sache der Freiheit in der Haupt⸗ ſtadt bereits verloren ſei, ich theilte ihnen mit, daß Truppen im Anmarſch ſeien, ich beſchwor ſie, die Stadt nicht ins Unglück zu bringen, ſondern die Gegend zu räumen, denn weder der Bürgerwehr noch den ſtädtiſchen Behörden ſei im Augenblicke der Gefahr zu trauen. Die Entmuthigung hatte bereits zu weit um ſich gegriffen. Da beſchuldigte man mich von allen Seiten der Feigheit und des Verraths, wie man ja immer mit dieſen Worten freigebig iſt, wenn man eine verlorene Sache nicht eingeſtehen will. „Nun wohl“, ſagte ich,„wenn Ihr das glaubt, ſo will ich Euch den Beweis liefern, daß ich wenigſtens mit Euch ſterben kann, da keine andere Hoffnung mehr bleibt!“ Mit dieſen Worten ergriff ich einen Säbel 48 und ſtellte mich an die Spitze der Schaar, um ihre Vertheidigungsanſtalten zu beſichtigen. Am Ausgang der Vorſtadt war eine Barrikade errichtet worden, welche den Zugang zu einer Brücke deckte; die letztere zu ſprengen war es jetzt zu ſpät, auch mußten wir haushälteriſch mit unſerm Pulver⸗ vorrath umgehen. Von der Barrikade ging ich in das Hauptquartier des zoologiſchen Gartens zurück, um dort das Weitere zu berathen. In der frühern Bären⸗ höhle hatte man einen Backofen eingerichtet, davor Tiſche mit Flaſchen, Karten und Lampen, darüber ein improviſirtes Leinwanddach— es war ein maleriſches, wildes, zigeunerhaftes Bild. Ich mußte lebhaft an jenen Nachmittag denken, wo ich mit Gretchen hier oben geſtanden und wo ſie nach dem Märchen von den verwunſchenen Bärenprinzen verlangt hatte. Aber es war keine Zeit, ſich weichen und wehmüthigen Er⸗ innerungen hinzugeben. Während wir beriethen, ſpreng⸗ ten unſere Adjutanten hin und her. In der Stadt ſtieg die Aufregung von Stunde zu Stunde, denn wenn die Truppen kamen, befanden ſich die Aermſten zwiſchen zwei Feuern und mochte ſiegen, wer immer, ſo erſchien die Plünderung nachher unvermeiblich. Glücklicherweiſe ging die Nacht und der nächſte Tag vorüber, ohne daß etwas Außerordentliches ge⸗ ——— ——— du di de he hi ſchah. Mit Mühe und Noth war es mir gelungen, durch Entſchiedenheit und Strenge etwas Disciplin in die verlorenen Banden zu bringen und die Stadt vor dem Aeußerſten zu ſchützen. Die nächſte Nacht brach herein, es war kälter geworden, und der dichte Nebel hing an den Wällen der Stadt, die eigentlich keine Feſtung mehr war. Obwohl ich im Ganzen keine Rettung ſah, war der Muth der Freiſchaaren durch die Kunde neu entzündet, daß Zuzug vom Lande her eintreffen werde. Es war nothwendig, dieſe neuen Schaaren, welche gegen neun Uhr eintreffen ſollten, ſelbſt zu empfangen, um ſie ſofort an die bedrohteſten Punkte zu führen. Ich begab mich zu dieſem Zweck auf die dem Fluß entgegengeſetzte Landſtraße; gegen meine Voraus⸗ ſetzung trafen die Erwarteten pünktlich zur beſtimmten Stunde ein. Es mochten an zwei— bis dreihundert Verſprengte der letzten Kämpfe ſein, wilde, ſonnenver⸗ brannte und zügelloſe Geſellen. Ich mochte dieſe durſtigen Burſchen nicht durch die Stadt führen, ſon⸗ — * 1 dern zog den Weg über den Wall vor, um zu jener Vor⸗ ſtadt am Fluß zu gelangen, wo die Barrikaden ſtanden. Plötzlich, während wir eben auf den Wall hinauf marſchiren, hören wir in der Ferne Kanonendonner, gleich darauf lebhaftes Gewehrfeuer. Der Kampf an Groſſe, Der neue Abälard. II. 4 5 der Brücke mußte begonnen haben und die Ankunft der Truppen konnte nur unter dem Schutze des dichten debels unbemerkt geblieben ſein. Statt aber nun vorwärts zu ſtürmen, hielten meine Zuzügler ſtill und wollten nicht weiter. Ich redete ſie mit energiſchen Worten an, ihre Brüder nicht im Stich zu laſſen, aber es war vergebens; von den dreihundert war jetzt ſchon kaum mehr die Hälfte vorhanden. Trotzdem eilten wir mit Geſchwindſchritt über den Wall vorwärts, um zur Waſſervorſtadt zu gelangen. Schon hören wir den Kanonendonner näher und ſehen durch den Nebel das Aufblitzen des Feuers. Ich blicke hinter mich und entdecke kaum noch zwanzig Mann, welche mir folgten. Und auch dieſe zwanzig kamen zu ſpät. In hellen Haufen ſtürmte uns die Beſatzung der Brücke und Barrikade entgegen. Beides ſei verloren, denn ſie ſeien von der Bürger⸗ wehr der Stadt im Rücken angegriffen worden. Um⸗ ſonſt war jeder Verſuch, ſich jetzt dieſer wilden Flucht entgegenzuſtemmen. Das Geſindel ſtürzte in die näch⸗ ſten Gärten und Häuſer, kletterte über Mauern und Dächer, um ſich in Sicherheit zu bringen. Es war Alles vergebens; was nicht über den Fluß ſchwamm oder von den Soldaten niedergeſtochen wurde, ward — ———* w ne— von den Bürgern in den Straßen und Häuſern ge⸗ fangen. Die Truppen hatten beträchtliche Verluſte er⸗ litten und waren in grenzenloſer Wuth. Pardon wurde nicht gegeben. Meine Stimme verhallte völlig wirkungs⸗ los in dem tobenden Gewühl; noch einmal ver⸗ ſuchte ich die Feiglinge in den Kampf zu treiben oder wenigſtens allein auf den Trümmern der letzten Barri⸗ kade zu ſterben. Auch das war umſonſt, meine Schüler, die Turner, riſſen mich hinweg. So kamen wir in kurzem wieder auf den Wall zurück. War auch der Nebel jetzt gewichen, ſo war die Nacht ſelbſt ſo rabenſchwarz und voll dichter Finſterniß, daß man kaum ſehen konnte, wo man ſich befand. Nur das Kanonenfeuer der Truppen beleuch⸗ tete zuweilen mit grellen Blitzen die Gegend. Schon im Gewühl am Waſſerthor hatte ſich ein Menſch zu mir geſellt, ein ängſtlicher Alter, der an⸗ geblich eine Beſtellung an mich auszurichten habe. Aber ich hatte keine Zeit für ihn gehabt; trotzdem war er nicht von meiner Seite gewichen, und jetzt auf dem Walle war er plötzlich wieder neben mir. Die Schüſſe der Soldaten krachten hinter uns her. Der Rückzug war eine wilde, regelloſe Flucht geworden, und es ſchien mit jeder Minute unvermeidlicher, daß wir in die Hände unſerer Verfolger fielen. 4* Mitten im Getümmel, das in der Finſterniß über den Wall hin wogte, fühlte ich mich plötzlich am Arm gefaßt. „Hier, Herr Director“, ſagte der ängſtliche alte Mann; im ſelben Augenblick hatte er die Thür eines jener alten Thürme, die auf dem Walle ſtehen, aufge⸗ ſchloſſen, zog mich hinter ſich her und warf die Thür hinter uns ins Schloß. Die Verfolger brauſten mit wildem Lärm vorüber, wir waren wie von der Erde verſchluckt. „Nur Geduld, Herr Director“, ſagte die ängſtliche Stimme in der Finſterniß,„hier ſind wir noch nicht in Sicherheit, geben Sie mir Ihre Hand.“ Und ſo führte er mich Schritt vor Schritt durch einen engen, feuchten und niedrigen Gang, dann auf eine offene Mauer hinaus, die ein eiſernes Geländer hatte, end⸗ lich wieder an eine Thür, welche offen war und durch eine abwärts gehende Treppe in das Innere eines Hauſes führte. So dicht die Finſterniß der Nacht war, welche kaum einen Schritt weit zu ſehen erlaubte, wollte mir doch das Haus bekannt vorkommen. Noch waren wir auf jener Treppe, als ſich unten wieder eine Thür öffnete und eine weiche Stimme ſagte:„Seid Ihr es endlich?“ „Gott Lob, wir ſind es“, ſagte der ängſtliche Alte .— 53 und machte einer andern Geſtalt neben mir Platz. Eine weiche, kleine Hand faßte im ſelben Augenblick die meine, und wieder wurde ich über Treppen, Gänge und Böden geführt. „Hier wird Sie Niemand ſuchen“, ſagte wieder jene weiche, ſüße Stimme,„nur verrathen Sie ſich nicht ſelbſt.“ „Wo bin ich denn, wenn man fragen darf?“ „Es liegt nichts daran, ob Sie es wiſſen“, flüſterte es wieder.„Vor allen Dingen Schweigen, denn Ihr Leben ſteht auf dem Spiele.“ Jetzt kamen wir auf ſteinerne Platten, und gleich darauf ward ich in ein kleines Zimmer geſchoben, deſſen Thür hinter mir zufiel. Ich war allein. Todtenſtille und Grabes⸗ finſterniß um mich. Ich verſuchte mich zu orientiren. Nach und nach hatten ſich meine Augen an die Dunkel⸗ heit gewöhnt, und ich ſah jetzt, daß ein Blumentiſch im Zimmer ſtand, auch ein Klavier ſtand neben mir und ein alterthümliches hochbeiniges Kanapee, in der Fenſterniſche ſtand ein Nähtiſchchen. Auch dieſes Zim⸗ mer wollte mir bekannt erſcheinen, und doch hatte Alles einen ſo abenteuerlichen, märchenhaften Charakter, daß ich in meiner Aufregung zu keinem klaren Gedanken kommen konnte. Erſchöpft war ich auf das Kanapee geſunken und beſchloß ruhig der Dinge zu harren, die da kommen würden, denn über kurz oder lang mußte ſich doch dies wunderbare Räthſel entwirren. Es ſollte früher ge⸗ ſchehen, als ich dachte. Ich hatte noch nicht lange ge⸗ ſeſſen, als der Schall von Stimmen an mein Ohr ſchlug; es ſchien ein heftiger Wortwechſel zu ſein. Vorſichtig ging ich dem Schalle nach, der hinter einer Thür zu ſein ſchien, die ich jetzt deutlich erkennen konnte. Vorſichtig und leiſe öffnete ich die Thür und entdeckte einen niedrigen Vorplatz, der auf eine Wendel⸗ treppe führte. Der Vorplatz ſelbſt aber war von einem kreis⸗ runden Fenſter erhellt, und zwar ſo, daß dieſe Be⸗ leuchtung von einem tiefer liegenden Raume zu kommen ſchien. Dorther ſchallten jetzt auch die Stimmen ver⸗ nehmlicher. Wer wollte es mir verdenken, daß ich näher ſchlich, um zu entdecken, wo ich eigentlich mich befand. Wer beſchreibt aber mein Staunen, ja meinen Schrecken, als ich durch jenes kreisrunde Fenſter in den erleuchteten tiefer liegenden Raum blickte und dort in einem Rollſtuhl ausgeſtreckt Herrn von Thy⸗ mian ſah. Neben ihm ſtand ein Mann in Uni⸗ form. Mit einem Schlage war mir Alles klar. Ich be⸗ fand mich in Thymian's Hauſe am Wall, nur war — „ ——— ich von dieſer Seite über den Wall und die alte Stadt⸗ mauer noch niemals hereingekommen. Wohl erſchien Alles fremd und neu, und doch war kein Zweifel mög⸗ lich. Jener Saal tief unten mit dem eichenen alt⸗ deutſchen Tiſche und den geharniſchten Rittern in den Ecken, mit dem grünen hohen Ofen und den Waffen⸗ trophäen, es war derſelbe Raum, in welchem ich jenen verhängnißvollen Auftritt mit dem alten Herrn gehabt halte, und das kreisrunde Fenſter mußte das nämliche ſein, welches ſich in der Höhe über der Hausorgel be⸗ fand und ſo oft ſchon meine Aufmerkſamkeit erregt hatte. Dieſe Entdeckung erſchütterte mich und beſeligte mich zugleich. Alſo Gretchen hatte mich empfangen, Gretchen hatte den alten ängſtlichen Peter ausgeſchickt, denn Peter war es geweſen, das wurde mir jetzt auch klar, Gretchen hatte mich in ihrem eigenen Zimmerchen verborgen, denn jetzt erkannte ich auch dieſes wieder. Wo war das liebe ſüße Kind, um ihr zu danken und tauſend Dinge zu ſagen? Hielt ſie noch die Verfolger zurück, oder war ſonſt ein neues Hinderniß eingetreten? Eine Weile ſaß ich in ſtumpfem träumeriſchen Nachſinnen wieder in dem kleinen, traulichen Zimmer und fann über die abenteuerlichen Ereigniſſe dieſes Tages nach, die mich in meiner jetzigen Lage wie die Ge⸗ bilde eines ſchattenhaften Traums umgaukelten, und 56 wie ein wunderbarer Traum ſind mir jene Erlebniſſe auch heute noch in Erinnerung, die nur das Abweichende und Außerordentliche feſtgehalten, das Einzelne aber verloren und vergeſſen hat. Ich erinnere mich, daß nach einiger Zeit wieder die Thür ſich öffnete und wieder jene ſüße Frauen⸗ geſtalt hereintrat, um den Tiſch mit einigen Erfriſchungen und einer Flaſche Wein zu beſetzen. Ich wollte ſie jetzt anreden, aber ſie fiel mir ins Wort.„Keine Silbe“, flüſterte ſie,„ums Himmelswillen keine Silbe und auch kein Licht. Die Gefahr iſt noch lange nicht vorüber.“ In der That knallten immer noch einzelne Schüſſe auf dem Walle.„Hier ſind einige Erfriſchungen“ flüſterte ſie;„ich bitte zuzulangen, wer weiß, ob Sie lange hier bleiben können.“ Eine Weile ſtand ſie dann noch ſchweigend neben dem Tiſch, und ich leugne nicht, daß mir das Benehmen des Mädchens etwas fremd⸗ artig und ſonderbar vorkam. „Gretchen, wie biſt Du heute? Ich kann Dich nicht verſtehen, aber das weiß ich ja, daß ich Dir mein Leben danke.“ Als ich ſie bei dieſen Worten in meine Arme ſchließen wollte, wich ſie mir ſcheu aus und im nächſten Moment war ſie wieder aus dem Zimmer geſchlüpft, nachdem ſie mir noch einmal zärtlich die Hand gedrückt hatte. — I ——— ——— — Ich wußte nicht, was ich von dieſer ſeltſamen Kälte denken ſollte. War es jungfräuliche Scheu oder kindliche Pietät vor dem angeblichen Schwur, den ſie ihrem Vater hatte leiſten müſſen, daß ſie mir ängſt⸗ lich wie einem Fremden auswich? Mit Ungeduld wartete ich auf ihre Wiederkunft, aber ich harrte ver⸗ gebens, die Tapetenthür, durch welche ſie entſchlüpft war, fand ich ſogar verſchloſſen. Eine Weile darauf hörte ich wieder jene erſten Stimmen; ich öffnete aber⸗ mals jene verſteckte Thür, die zu dem runden Fenſter ging und lauſchte hinab. Herr von Thymian, in ſeinen Otternpelz ein⸗ gewickelt, lag wieder in ſeinem Rollſtuhl. Seine Mie⸗ nen drückten Angſt und Schrecken aus, während er den Mittheilungen des Herrn folgte, der neben ihm ſaß. Jetzt fiel das volle Licht der Lampe auf das Geſicht dieſes Mannes in Uniform. Zu meinem Staunen er⸗ kannte ich Herrn Sommervogel, den Apotheker, der in die Bürgerwehr eingetreten war. Offenbar hatte der Haſe die Sicherheit dieſes alten Hauſes mit dicken Mauern den gefährlichen Chancen des Kampfes draußen vorgezogen. Daß der ſchöne Herr ſeinen bürgerlichen Rock mit der kleidſamen Uniform der Bürgerwehr ver⸗ tauſcht hatte, wußte ich allerdings bereits. Wo es galt, ſich wichtig zu machen, da war dieſer Menſch 58 trotz ſeiner Schüchternheit voran. Wie er noch kurz zuvor bei den beginnenden Unruhen den Agitator ſpielte, ſo war er jetzt in der Bürgerwehr der Wort⸗ führer und Allerweltsvetter, und es kam ihm auch nicht darauf an, ſich den reactionären Behörden ſervil und gefällig zu zeigen, wenn nur Eclat dabei war. Ich ſchreibe ſeine Charakterloſigkeit wenigſtens mehr ſeiner Eitelkeit und Arroganz zu als andern Urſachen. Obwohl man ſpäter wiſſen wollte, daß er von gewiſſen Häuptern der Reaction beſtochen worden ſei, ſo halte ich ihn dazu für zu unbedeutend. Der eingebildete Geck war billiger zu haben. Dennoch überraſchte mich ſeine Anweſenheit in dieſem Hauſe nicht wenig. Leider waren ſeine Worte ſo leiſe, daß ich lange nichts verſtehen konnte, und ich kann nicht ſagen, daß mich dieſe Entdeckung, den Wolf wieder in meiner Hürde zu ſehen, beſonders freute. Wieder betrachtete ich mir Herrn von Thymian. Er erſchien um Jahre gealtert, und die Krücke neben ihm deutete an, daß er ſeinen Fuß immer noch nicht für geheilt anſah. Sein breites Geſicht mit den eisgrauen, langen Haaren hatte einen ſtumpfen, kindiſch⸗ blöden Ausdruck angenommen, und nur das große unruhige Auge zeigte zuweilen die Starrheit des Schreckens bei den Mittheilungen, die Herr Sommervogel zu machen ——— — ———— — —. — —— ——— ———— — hatte. Allmälig gewann ſeine Stimme einen hohen, ſchneidenden Ton, und ich konnte wohl vernehmen, daß von ſeinen Verdienſten die Rede war, ſowie von mei⸗ ner Wenigkeit, von dem großen Schurken, den man um einen Kopf kürzer machen werde, ſobald man ihn gefangen habe, denn ich und kein Anderer ſei am Un⸗ glück der Stadt und ſpeciell an dem Elend dieſes Hauſes ſchuld. Mittlerweile war es draußen ruhiger, endlich ganz ſtill geworden. Der alte Herr von Thymian ſaß lange in ſtupidem Brüten verſunken, plötzlich belebten ſich ſeine Züge, und die Hand auf die Schultern ſeines Gaſtes legend, ſagte er: „Sehen Sie, der Dichter iſt immer ein Prophet! Dieſe furchtbaren Ereigniſſe, was ſind ſie Anderes als mein Werk, die Sündflut, die als prophetiſches Vor⸗ gebild geboren ward und ſich nun in Wirklichkeit um⸗ ſetzt? Wir haben Alles kommen ſehen, alles Kommende vorempfunden, wir dichten mit unſern Ahnungen die Weltgeſchichte im voraus. Jetzt find wir in der Arche auf den wilden Waſſern der Tiefe und warten auf den Oelzweig, den uns die Taube bringen ſoll.“ Dann griff er nach einem dicken Hefte, das in Goldpapier gebunden war und neben ihm auf dem Tiſche lag.„Sie müſſen nicht glauben, lieber Freund“, ſagte er wieder,„daß man unthätig iſt in dieſer Welt⸗ vernichtung. Ich blicke in die fernſten Weiten, ich raffe mich empor und finde meine Symbole auch für das Unſagbare. Ich ſage Ihnen nur: die Muſen müſſen heute Ziegel ſtreichen beim Pharao des ſchlechten Geſchmacks, aber dieſelben Waſſer, welche die Welt er⸗ ſäufen, ſie bringen uns den Erlöſer. Hören Sie meine neueſte Tragödie, jetzt iſt die rechte Stimmung dazu vorhanden.“ Aber Herr Sommervogel ſchien von dieſer ſeltenen Gnade nichts wiſſen zu wollen und meinte, es würde den gnädigen Herrn angreifen zu leſen mitten in der Nacht, er möge lieber zuvor ſeine Geneſung abwarten. „Dies Werk eben iſt meine Geneſung!“ rief der alte Herr.„Denn ſehen Sie, wie alles Unglück einen Segen mit ſich bringt, ſo hat dieſe Wunde, die mir jener Infame ſchlug, zum Heil werden müſſen. Die Welt hat viel von mir geſprochen, die Welt hat noch Theilnahme für mich gezeigt. Zum Dank dafür will ich mein neues Werk nicht verbrennen, ſondern glühende Kohlen auf den Häuptern der Undankbaren ſam⸗ meln, indem ich es aufführen laſſe! Mein neues Werk heißt Moſes, und es iſt eine ethiſch⸗ſymboliſche Tragödie. Wie Moſes die ganze Generation ausſterben läßt und ſein Volk vierzig Jahre lang in die Wüſte „—— = — —̃——— .—————— — 7N4 führt, wo er es mit Manna ſpeiſt und mit Felſen⸗ quellen tränkt, bis er am Lebensabend das gelobte Kanaan erblickt, ſo werde ich in meinem Werke zugleich die heilige Kunſt ſymboliſiren. Auch unſere Kunſt iſt ſeit vierzig Jahren in der Wüſte und die herrenloſe Rotte tanzt um das goldene Kalb des ſchnöden Er⸗ folgs, aber derjenige lebt, der ihnen die Geſetze zeigen wird und das Land der Verheißung. Hören Sie nur die eine Scene auf dem Sinai, wo Moſes im Ge⸗ witter mit dem Herrn ſpricht, nachher ſollen Sie auch den Chor vor dem goldenen Kalbe vernehmen.“ Und er begann wirklich zu leſen. Ich mußte den Biedermann bewundern, deſſen unüberwindliche Eitelkeit mitten in den großen Stürmen der Gegenwart ſich mit naivem Dilettantismus in abſtruſe Dichtungen verſenkte, wie Archimedes in ſeine Cirkel. Wahrlich, wenn der alte Herr nur mehr Talent gehabt hätte, den Charakter zu einem großen Dichter hatte er ſich faſt vollſtändig angeeignet. Leider ſollte ſeine Gnade wenig Entgegenkommen finden. Herr Sommervogel war von der Tiefe und Bedeutung des Werkes ſchlechterdings nicht zu überzeugen. Er war ſeit den letzten Augenblicken unruhig geworden und ſein Geſicht hatte, was ſonſt durchaus nicht in ſeiner Art lag, eine freche, unverſchämte Miene aufgeſetzt. 62 „Laſſen Sie doch das dumme Zeug, Herr von Thymian“, ſagte er,„und verſchonen Sie mich mit Ihren langweiligen Verſen. Sie wiſſen doch, daß ich aus ganz andern Gründen hier bin.“ „So rede, Banauſier!“ donnerte der alte Herr mit aufloderndem Zorne und ſchlug mit mächtigem Schwunge das in Goldpapier gebundene Buch zu, indem er dem unhöflichen Gaſte einen Blick tiefſter Verachtung zu⸗ ſchleuderte.„Rede, Banauſier, der nicht werth iſt, die Stimme des Genius zu vernehmen!“ „Nur nicht ſo groß, Herr von Thymian“, ſagte der Apotheker empfindlich.„Sie wiſſen recht gut, daß Sie noch vor acht Tagen ganz klein und beſcheiden waren. Haha, damals hatten Sie Angſt vor dem Tode.“ „Ein Gebildeter fürchtet niemals den Stoffwechſel“, erwiderte der alte Herr mit Würde. „Ich glaub' ſchon, aber vielleicht andere Wechſel“, ſagte der Apotheker mit krähendem Tone, und ſein ſchöner Apollokopf glich in dieſem Augenblick einer recht häßlichen, ſchadenfrohen Fratze. „Was wollen Sie damit ſagen?“ brauſte der alte Herr auf. „O gar nichts“, flötete der ſanfte Pillendreher in Uniform,„aber Sie wiſſen doch, was Sie damals eingeſtanden haben— aus lauter Todesangſt.“ 6———————— Thymian's breite Züge verzerrten ſich wie auf einer unſichtbaren moraliſchen Folter; dann rief er mit Zähneknirſchen: „Nichts weiß ich, nichts habe ich eingeſtanden!“ „Ja, ja, jetzt möchten Sie es widerrufen, weil Ihnen der Kamm wieder geſchwollen iſt, nachdem Sie außer Gefahr ſind, aber was wir wiſſen, das wiſſen wir! All Ihr Vermögen iſt erſchwindelt und erſtohlen.“ Bei dieſen Worten ſprang der alte Herr mit Ent⸗ ſetzen von ſeinem Rollſtuhl empor und ſuchte den Mund des vorlauten Schwätzers zuzuhalten. O, Sie machen mich nicht ſtumm“, rief Sommer⸗ vogel, indem er ſich den Händen des Alten entzog. „Was ich weiß, weiß ich, und es könnte mir eines Tages einfallen, Anzeige zu machen.“ „Schonung, Erbarmungsloſer, Schonung!“ ächzte der Alte und ſank in den Rollſtuhl zurück, indem er ſtöhnend ſein Geſicht bedeckte. „Aha, erinnern Sie ſich jetzt?“ lachte Herr Sommer⸗ vogel.„Deſto beſſer! Wohl, alſo bleibt's dabei, daß ich ſchweige, ich bin ein gutmüthiger Menſch und leicht zu behandeln. Aber auch dabei bleibt's, daß ich Ihre Tochter bekomme, und Sie werden heute noch bekennen, wo Sie das ſchöne Kind verſteckt haben. Daß ſie entflohen ſei, machen Sie Andern vor, mir nicht. Iſt bis morgen die Verlobung nicht vollzogen, ſo folgt die Anzeige, und dann— na, Sie wiſſen ſchon. Jetzt kennen Sie mein Ultimatum, mein Ultimatiſſinum, wie die Diplomaten ſagen.“ Der alte Herr wand ſich während dieſer höhniſchen und herzloſen Worte ſtöhnend hin und her, jetzt fiel er auf die Kniee und rutſchte ſeinem Peiniger nach, der ſich ſchmunzelnd die Hände rieb.„Lieber, theurer Freund“, rief der Alte,„haben Sie Erbarmen, Sie ſehen meinen Zuſtand! Ja, es iſt wahr, ich bin ein Räuber, ein Mörder, ein Verbrecher, aber Sie ſind ein viel größerer! Warten Sie doch und gehen Sie nicht ſo ſchnell fort! Ich will ja Alles thun, was Sie vorſchlagen, aber ich ſchwöre es Ihnen, meine Tochter iſt entflohen; wenn Sie ſie wiederbringen können, ſo gehört ſie Ihnen. Das will ich Ihnen verſprechen in jeder Weiſe, wie Sie wollen; aber nun ſpannen Sie mich nicht mehr auf die Folter!“ „Gut“, ſagte der Apotheker nach einer Weile. „Ich ſehe, Sie wollen mit ſich reden laſſen. Sie ſollen nicht ſagen, daß ich ein Unmenſch ſei. Wollen Sie Frieden behalten, ſo müſſen Sie mir Garantien geben. Iſt das Fräulein wirklich entflohen, ſo müſſen Schritte geſchehen, ſie wieder hierher zu bringen. Sie zweifeln, wie das zu machen ſei? Nichts leichter als das. Sie ————— —,— — 8 2 —,—.— ie n. te ——— — 65 erlaſſen ein Inſerat in den geleſenſten Zeitungen— warten Sie, ich will es gleich entwerfen.“ Und ſofort nahm er Platz am Tiſche und las nach einigen Mi⸗ nuten folgende Annonce: „Ein bekümmerter Vater bittet ſeine entflohene Tochter, ihm Anzeige ihres Aufenthalts zukommen zu laſſen. Mit voller Verzeihung ihres Schrittes ſollen alle ihre Wünſche erfüllt werden. Aber Eile thut noth, da ſeine Tage vielleicht gezählt ſind.“ „Wenn es wirklich wahr iſt, daß ſie entflohen iſt“, ſetzte der Apotheker hinzu,„auf dieſen Ruf wird ſie zurückkehren, oder ich müßte Gretchen nicht kennen.“ Der alte Thymian ſtierte das Blatt eine Weile an, dann nickte er.„Ja, das muß man ſagen, Sie ſind ein Practicus; darauf wäre ich nicht gekommen. Thun Sie es in Gottes Namen! Ich glaube ſelbſt, daß ſie darauf zurückkommen wird, wenn ſie überhaupt noch am Leben iſt.“ Noch am Leben iſt? Mir wurde dieſe Geſchichte immer unheimlicher und räthſelhafter. War denn Gret⸗ chen nicht im Hauſe? Hatte ſie mich nicht ſelbſt em⸗ pfangen? War es alſo kein bloßer Kunſtgriff des Alten, ſein Kind vor dem Zudringlichen zu verleugnen, ſon⸗ dern bitterer Ernſt, daß ſie verſchwunden ſei? Aber wer war dann die Fremde, die mich hierher gerettet? Groſſe, Der neue Abälard. II. 5 Mir war es, als ob ſich die Welt im Kreiſe mit mir drehe. „Aber wir ſind noch nicht fertig“, hob der Apo⸗ theker wieder an.„Wenn Ihre Tochter nun wirklich kommt und doch auf eine Verbindung nicht eingehen will?“ „Sie muß, und ich werde ſie zu zwingen wiſſen.“ „Das will ich nicht. Wenn Sie es nicht bewirken können, daß ſie freiwillig meine Frau wird, ſo haben Sie das Recht, Ihr Wort zurückzuziehen, aber zugleich die Pflicht, mir ein beliebiges Reugeld zu zahlen, ſagen wir viertauſend Gulden— unter dieſen Bedingungen will ich ſchweigen. Sie ſehen, ich bin billig, aber denken Sie nicht daran, mich etwa zu täuſchen. Der Act, den ich hier entwerfe und von dem ich ein Exemplar in Ihren Händen laſſe, wird notariell ausgefertigt. Aber Ihre Unterſchrift will ich für alle Fälle heute noch, man kann nicht wiſſen, was geſchieht. Im Ganzen müßt Ihr froh ſein, wenn ſich einer noch einer ſo ruinirten Familie annimmt. Alſo vorwärts, alter Herr, Ihre Unterſchrift!“ Der alte Thymian nahm widerwillig die darge⸗ botene Feder und warf ſeinen Namen auf das Papier, aber er konnte ſich doch nicht enthalten, ſeinem Grimm freien Lauf zu laſſen.„Ihr ſeid ein Vampyr“, knirſchte ——— —— — —— 6 ben ich en vill en den in zen ſo err, ge⸗ ier, mn chte . M— ——— ———— er,„ein Blutſauger, ein Schubiak, wie es keinen zwei⸗ ten gibt. Jetzt ſchert Euch und laßt mich in Frieden!“ „Nur nicht ſo hitzig, alter Herr“, ſagte Sommer⸗ vogel.„Nehmen Sie lieber etwas Beruhigendes! Wenn Sie ſich nicht halten, ſo bricht die Wunde wieder auf; zum zweiten Mal werden dann die Salben und Mir⸗ turen nichts mehr helfen.“ Während er ſo ſprach, machte er ſich an der Lampe zu ſchaffen, als wolle er ſie höher ſchrauben— plötzlich war die Flamme erloſchen. „Ah, thut mir leid“, ſagte er.„Bitte, Herr von Thymian, holen Sie doch Licht, in Ihrem Schlafzimmer ſind Zündhölzer, ich fürchte etwas umzuwerfen, wenn ich ſelbſt ſuche.“ Fluchend und polternd humpelte der alte Herr zum Zimmer hinaus, kaum aber hatte er den Rücken gedreht, ſo holte der Apotheker ein Zündhölzchen aus der Taſche, zündete es an und malte bei dem flackern⸗ den Licht in aller Eile noch eine Null zu der Summe des unterſchriebenen Documents. Dann zündete er auch die Lampe wieder an und ging dem wieder eintre⸗ tenden Alten entgegen.„Es iſt ſchon gut, Herr von Thymian, ich habe mir zu helfen gewußt. Es wird Zeit, mich zu empfehlen, ich habe unbändigen Hunger, außerdem wird es dieſe Nacht noch allerlei 68 Commiſſionen geben. Leben Sie wohl und halten Sie Wort!“ Damit war er fort; gleichzeitig zog ich mich, da ich ein Geräuſch zu hören glaubte, in mein ſtilles Zimmerchen zurück, um das, was ich geſehen, zu über⸗ denken. Aber wie ich mir dieſes Schattenſpiel auch zu⸗ recht legen mochte, ich fand keine Erklärung, und das, was ich mehr geſehen als gehört hatte, erſchien mir immer unheimlicher, namenloſer und unerhörter. Was in aller Welt laſtete auf dem alten Herrn? Wie konnte er ſich ſelbſt der ärgſten Verbrechen anklagen? Hier waren ſchwere und entſetzliche Dinge verborgen. Und 3 dann noch einmal, wie konnte er Gretchen für ent⸗ flohen halten, da ſie doch im Hauſe war? Und end⸗ lich dieſe plumpe Fälſchung einer erſchlichenen Urkunde! Welch ein durchtriebener, gefährlicher Schelm war dieſer lächerliche, ſchüchterne Menſch geworden, der anfangs nicht bis fünf zählen zu können ſchien! Aufgeregt und voll Ungeduld wartete ich noch immer auf das Wiedererſcheinen meiner Retterin, aber Niemand kam. Ermüdet von den aufreibenden Er⸗ lebniſſen und Eindrücken dieſes wilden Tages ſchlief ich endlich auf dem Kanapee ein. Ein letzter Verſuch zu entkommen war gänzlich mißlungen, denn alle Thüren, zu⸗ das, mir bas nte iet Und ent⸗ nd⸗ ndel eſer och ber lie uch len, ———— 69 ausgenommen diejenige, welche zur Wendeltreppe führte, waren verſchloſſen. Ich weiß nicht, wie viel Stunden ich bereits ge⸗ ſchlafen hatte trotz meiner Anſtrengung, wach zu bleiben, aber es war noch Nacht, als ich urplötzlich wieder er⸗ wachte. Jemand berührte mich an der Schulter. „Du mußt fort“, flüſterte es wieder mit jener weichen ſüßen Stimme. „Gretchen, biſt Du es?“ rief ich und war ſofort ermuntert.„Laß mich hier bleiben!“ bat ich und wollte die zarte Geſtalt von neuem in meine Arme ſchließen, ſie aber ſtieß mich kräftig von ſich.„Nicht eine Mi⸗ nute mehr darfſt Du bleiben. Bedenke meinen Ruf, es iſt die vierte Stunde, ſeitdem Du hier biſt. Jetzt iſt Alles ſtill draußen, Du wirſt ohne Gefahr davon⸗ kommen.“ „Mache Licht, Gretchen“, flehte ich von neuem, denn ich war doch überzeugt, daß nur ſie es war, wenn auch der Gedanke abenteuerlich erſchien, daß ſie ſich vor ihrem eigenen Vater im Hauſe verſteckt haben ſolle. „Ich darf nicht“, flüſterte ſie;„das Fenſter geht auf den Wall und Späher und Spione treiben ſich überall herum; komm, ich werde Dich führen.“ Dabei nahm ſie mich an der Hand und führte 70 mich durch ſtockfinſtere Gänge und Treppen hinunter, durch mehrere kleine Höfe und Seitengebäude bis an ein Pförtchen, das auf eine völlig einſame Seiten⸗ gaſſe ging. Noch im finſtern Flur des letzten Corridors um⸗ fing ſie mich plötzlich und küßte mich heftig, wie ſie nie gethan, wie Gretchen niemals gethan, und doch war es mir, als ob ich ſchon einmal ſo leidenſchaft⸗ lich geküßt worden wäre. „Geh“, ſagte ſie, mit erſtickter Stimme,„und fliehe nach Otternbeck; dort wirſt Du die Erklärung finden, wenn Du derſelben bedarfſt. Wir werden uns wiederſehen, glücklicher als heute.“ Und ehe ich mich deſſen verſehen, war die Thür hinter mir geſchloſſen; ich ſtand in der dunklen, menſchen⸗ leeren Straße. Das blaſſe Tagesgrauen dämmerte ſo eben im Oſten herauf, und ein kühler Morgenwind brachte mich vollends wieder zur Beſinnung, denn in den letzten Minuten hielt mich noch völlige Schlaf⸗ trunkenheit umfangen, ſodaß ich eigentlich nicht recht wußte, was mit mir geſchehen war. Bald aber ſtand jeder einzelne Augenblick des ſeltſamen Erlebniſſes klar vor meiner Seele, und ich ärgerte mich faſt, daß ich ſo ohne weitere Erklärung und Mittheilung wieder aus meinem rettenden Aſyl hinausgeſtoßen war. — . In Otternbeck ſollte ich Erklärung finden, ſo war es mir verheißen. Was ſollte ich dort? Eine Weile ſtand ich bei völlig anbrechendem Tage auf jener ver⸗ hängnißvollen Brücke, um zu überlegen, was jetzt zu beginnen ſei. Das Klügſte freilich war es, die Stadt ſ ſofort zu verlaſſen, aber was ſollte ich in der Ferne, ſolange Gretchen hier in Gefahr war, einem Schurken af. ohnegleichen geopfert zu werden? Nein, und wenn die Gefahr, die mich als Geächteten in der Stadt be⸗ drohte, eine ernſthafte war, ich mußte dennoch bleiben. 1 Zuletzt übrigens, was konnte man mir vorwerfen? Am Kampfe von geſtern hatte ich keinen unmittelbaren An⸗ 6 theil mehr nehmen können; genau genommen hatte ich mehr Exceſſe und Unthaten verhindert, als befördert. hir Ich will es geſtehen, ſo gleichgültig mir geſtern noch das Leben geweſen, ſo lieb und theuer war es mir heute wieder geworden, ſeit ich Gretchen's Lippen auf den meinen gefühlt hatte, auch wenn mir ihre Kühle 1 und Sprödigkeit faſt fremdartig erſchienen war. af⸗ Unentſchloſſen in jeder Beziehung, was zu beginnen ſei, aber entſchloſſen, die Stadt nicht mehr zu verlaſſen, nd ſchritt ich auf Umwegen meiner Wohnung zu. Als ich lar den Garten durchmeſſen und zur Hausthür kam, fiel ich es mir auf, daß dieſe weit offen ſtand. Gleich darauf det ſah ich, daß mein Haus militäriſch beſetzt war; das 72 Fenſter im Oberſtock öffnete ſich, und eine krähende Stimme gebot mir im Augenblick, als ich mich wieder entfernen wollte, Halt. Im nächſten Moment eilten mir zwei Bürgerwehrmänner nach und ſtellten ſich mir entgegen. Ich war in eine Art von Falle gerathen. Faſt willenlos, müde und gleichgültig, ließ ich mich gefangen nehmen; wenn mich etwas dabei erbitterte, ſo war es der Umſtand, daß kein Anderer als Herr Sommer— vogel Hausſuchung bei mir gehalten hatte. Er war es, der mir ein krähendes Halt zu gerufen und jetzt mit der ganzen lächerlichen Würde eines neugebackenen Bürgerwehrlieutenants die Treppe herunter und mir entgegen kam. „Zum Präſidenten“, ſagte der würdige Häuptling dieſer Häſcher, die geſtern noch unter meinem Befehle geſtanden hatten. Jetzt war es mir klar, welche Rolle eines Spions, Angebers und Verräthers dieſer Elende ſeit Wochen ſchon gegen mich geſpielt hatte. Ich wür⸗ digte ihn keines Wortes, ſondern folgte der ehren⸗ werthen Escorte zum Präſidenten. Glücklicherweiſe waren die Straßen am frühen Morgen noch leer und unbelebt, und ich hatte auf dieſem meinem Leidensgange keine weitern Zeugen als die Soldaten einer Pa⸗ trouille, die ſich uns anſchloß. — —— 73 Im Veſtibul des Palaſtes, welchen der Präſident bewohnte, mußten wir eine geraume Weile warten. Endlich kam der vornehme Herr mit ſtrahlender Miene. „Ah, haben Sie endlich den Haupträdelsführer! Ich gratulire, Herr Lieutenant, Sie verdienen eine Bür⸗ gerkrone; die Regierung wird ſich dankbar erweiſen; aber es thut mir leid, daß ich den Genuß nicht haben kann, hier die erhebende Pflicht der Gerechtigkeit zu üben. Der Befehl iſt an die Militärbehörde überge⸗ gangen, und ihr werden Sie den Gefangenen abliefern müſſen, damit er vor das Kriegsgericht geſtellt wird. Noch eins, Herr Lieutenant“, ſchloß der Präſident. „Wollen Sie heute Mittag unſer Gaſt ſein, ſo würden Sie mich ſehr verbinden.“ Herr Sommervogel ſalutirte mit ſtrahlendem Antlitz und ſchien um einen halben Fuß höher geworden zu ſein; dann ward ich mit verſtärkter Escorte auf die außerhalb der Stadt liegende Eitadelle gebracht, wo bereits eine bedeutende Anzahl von gefangenen Frei⸗ ſchärlern eingebracht worden war. Die Citadelle war, wie auch die Stadt, ſchon ſeit langen Jahren nicht mehr als für Kriegszwecke brauchbar angeſehen worden. Jetzt hatte man in Eile die Kaſematten der kleinen verfallenen Feſtung in Stand zu ſetzen geſucht, um die Gefangenen unterbringen zu können. — Beim erſten Verhör, dem wir ſofort unterzogen wurden, verfuhr man ziemlich rückſichtslos. Drohungen und Flüche, Fauſtſchläge und Kolbenſtöße waren noch das Mildeſte, was man ſich erlaubte. „Was wird mein Schickſal ſein?“ fragte ich den Auditeur, der mit großer Brille bewaffnet in den faiſirten Papieren, die man in meiner Wohnung ge⸗ funden, blätterte und mir von Zeit zu Zeit einen ver⸗ nichtenden Blick zuwarf, ohne meine Fragen einer Ant⸗ wort zu würdigen. „Thut uns leid, Herr Collaborator“, ſagte Herr Sommervogel, der abſichtlich noch dageblieben war, „auf eine Doſis Pulver und Blei werden Sie ſich wohl einrichten müſſen. Wenn ich Ihre letzten Wünſche vernehmen und ausrichten kann, ſoll es gern geſchehen, ich bin immer ein gutmüthiger Menſch geweſen.“ „Gehen Sie zum Teufel!“ rief ich dem Elenden zu.„Wenn in der Welt die Gerechtigkeit regierte, ſo ſtände nicht ich vor Gericht, ſondern Sie wegen Er⸗ preſſung und Urkundenfälſchung!“ „Dieſer Verleumder“, flüſterte Herr Sommervogel, aber er entfernte ſich ſofort mit höchſt betroffener, eigent⸗ lich komiſch erſchrockener Miene ſeines käſigen Angeſichts. Ich aber ward abgeführt in die Kaſematten und zwar ohne daß man es für nöthig hielt, mir Ketten anzulegen. Drittes Kapitel. Durch Nacht und Blut zum Licht— ſo hat ein geiſtreicher Ausſpruch damals die theuren deutſchen Farben Schwarz⸗Roth⸗Gold gedeutet. Es iſt wohl keine Uebertreibung, wenn man heute behauptet, daß der damaligen Generation nur jene beiden erſten Stadien des Blutes und der Nacht be⸗ ſchieden waren; erſt dem glücklichern Geſchlecht dieſes heiligen Jahres 1870 iſt das ſtrahlende Licht vorbe⸗ halten, der goldene Morgen der Einheit und Freiheit, dieſelben hohen Güter, für die wir damals unſere Be⸗ geiſterung und unſern Todesmuth einſetzen zu ſollen meinten. Drum dürfen wir jetzt ohne Anklage und Reue, ſowie ohne Sorge, ſchmerzliche Erinnerungen wachzurufen, in jene Zeit der deutſchen Träume zurück⸗ blicken. Wie der Mythus der Geſchichte vorhergeht, ſo will es mich bedünken, als umkleide jene nebelhaften ſchwär⸗ meriſchen Jahre ſchon heute, da wir auf der Höhe glorreicher Entſcheidung und Erfüllung ſtehen, der Glanz der Sage und der Jugendträume, die zu früh an die Verwirklichung glaubten, ohne die ungeheuren Klüfte und Abgründe zu ſehen, die noch zwiſchen dem erhabenen Ziele lagen. Es ſind ſeitdem wohl mancherlei Denkſchriften und Außzeichnungen von den Märtyrern jener Tage erſchienen, aber man hat ſie beiſeite gelegt, ſolange ſie immer noch offene Wunden berührten. Ich will deshalb weder Wiederholungen noch Rechtfertigungen geben, ſondern nur das Wenige berichten, was mich ſelbſt betraf und meine unerwarteten Erlebniſſe mit einer noch unerwartetern Entſcheidung abſchloß. Meine erſte Empfindung, als ich mich nun unter den Gefangenen in den Kaſematten befand, war die eines niederſchmetternden Hohns, einer namenloſen Be⸗ ſchämung, daß ich mich in ſo lächerlich unbeſonnener Art hatte fangen laſſen, die zweite Empfindung aber war bereits die einer vollkommenen Gleichgültigkeit und Abſpannung gegen Alles, was nun kommen ſollte und kommen mußte. Nur zuweilen traten die Bilder der glücklichen Jugendzeit vor meine Seele und ließen mich vill är⸗ öhe der rüh ren em ten ge ige ill gen ſich mit tet 77 die hoffnungsloſe Gegenwart wie eine grauſame Mar⸗ ter empfinden. O, man ließ uns wohl Zeit zum Grü⸗ beln und Nachſinnen! Volle acht Tage lang ließ man uns in den finſtern und feuchten Höhlen der Kaſe⸗ matten ohne Verhör und ohne Entſcheidung ſchmachten. Wir waren über ſechzig Gefangene, die meiſten jenen verwilderten fremden Schaaren angehörend, nur wenige aus der Stadt ſelbſt. Es waren blutjunge Bürſchchen darunter, die mich innig dauerten, andererſeits wilde Geſellen, die an den Galgen gehörten, die Mehrzahl aber waren wohl unglückliche Verführte, Bauern vom Wald, Wildſchützen, verdorbene Studenten, Proletarier großer Städte und endlich jene unbeſtimmbare Sorte von Fremdlingen, die wie Sturmvögel der Revolution kommen und verſchwinden, man weiß nicht von wan⸗ nen und wohin. Ich kann die Einzelnen nicht weiter charakteriſiren, denn ich hielt mich, ſo gut es ging, fern von ihnen. An jedem Tage wurden einige ab⸗ geführt und kamen nicht wieder; ob ſie zum Zuchthaus verurtheilt oder ob ſie erſchoſſen worden, wir erfuhren es nie, aber wir glaubten das Letztere und jeder von uns hatte mit dem Leben für immer abgeſchloſſen. Der General, welcher dem Kriegsgericht präſidirte, ſtand im Ruf, zu den Albas der Armee zu zählen und kur⸗ zen erbarmungsloſen Proceß zu machen. Ich kann nicht behaupten, daß dieſe Tage zu den angenehmſten meines Lebens zählten, aber eine ſchmerz⸗ lich ſüße Freude blieb es mir, daß ich Gretchen noch einmal in meinem Arm gehalten; daß ich vor dem Abſchied vom Leben auch von ihr Abſchied genommen, das überſtrahlte alle dieſe Leiden, ich zählte die Tage nicht mehr und weiß auch heute nicht, wie viel Zeit ſeit meiner Verhaftung verfloſſen war, als eines Tages, nachdem die Schaar ſchon ziemlich bis auf die letzten zuſammengeſchmolzen war, auch mein Name ertönte. Stumpf und gleichgültig folgte ich dem Profoß, aber ſtatt zum Richtplatz ward ich zum Kriegsgericht geführt. Der fremde General empfing mich inmitten ſeiner Offiziere in einem großen Raum, der ſonſt wohl zu einer Fecht⸗ oder Reitſchule gedient hatte. Eine Weile betrachtete mich der General mit ſei⸗ nem hellen ſtahlblauen Auge.„Aha, alſo der Haupt⸗ rädelsführer“, ſagte er dann, nachdem mein Name und meine Perſon identificirt worden. „Derſelbe, von dem uns der Herr Präſident ſchon ſagte“, bemerkte der Auditeur. „Nun, es iſt ein Glück für ihn“, ſagte der Ge⸗ neral wieder,„daß jener nicht Sitz und Stimme hier hat, ſonſt wären wir bald fertig mit ihm.“ Ich athmete bei dieſen Worten auf, als ſchimmerte er⸗ och dem ten, age ges, zten oß, icht ten ohl ſei⸗ t⸗ und Ge⸗ ier — ——— in ihnen eine neue Lebenshoffnung und mag dieſem Eindruck auch Worte gegeben haben. „So iſt es nicht gemeint, guter Freund“, ſagte der Auditeur.„Sie ſind ſo wie ſo verloren; es iſt actenkundig, daß Sie, ſtatt die Freiſchaaren aus der Stadt zu werfen, ſich an ihre Spitze geſtellt haben.“ „Um die Stadt vor Exceſſen zu ſchützen und um Disciplin in der verwilderten Bande herzuſtellen“, er⸗ widerte ich. „Das iſt bekannt“, ſagte der„aber Sie haben den Widerſtand vorbereitet und geleitet. Bevor wir die Acten ſchließen, wollen wir volle S Offenheit, es ſind noch nicht alle Punkte aufgeklärt. Die meiſten Schuldigen ſind mit den Waffen in der Hand gefan⸗ gen genommen worden, Sie erſt am andern Morgen in Ihrer Wohnung. Hier iſt eine Lücke im Thatbeſtand.“ Ich wußte nicht, worauf dieſe Worte hinauswoll⸗ ten, und ſchwieg deshalb. „Zunächſt“, begann der Auditeur wieder,„iſt zu conſtatiren, daß Sie den Kampf auf der Barrikade an der Brücke geleitet haben.“ „Das muß ich beſtreiten“, erwiderte ich.„Wäre dies der Fall geweſen, ſo würde das Militär ſchwerlich ſo raſch in die Stadt gekommen ſein. Ich befand mich Lur Zeit des Angriffs nicht am Waſſerthor!“ „Und wo befanden Sie ſich denn?“ lautete die Frage. „Ich war um jene Zeit abberufen worden um den erwarteten Zuzug zu empfangen. Die Burſchen wollten nicht vorwärts, und als ich endlich mit dem Reſt ankam, war der Kampf bereits vorüber.“ „Vorüber?“ ſagte der Auditeur, und ich ſah, daß ſich der Anweſenden eine gewiſſe Heiterkeit bemächtigte. „Sie wollen es wohl nicht wiſſen“ fuhr er fort,„daß noch die ganze Nacht fortgekämpft worden iſt und daß am Markt eine zweité Barrikade genommen werden mußte?“ Dieſe Eröffnung überraſchte mich. Allerdings war der Kampf am Waſſerthor nur ein Vorſpiel geweſen. Die verſprengten Schaaren der Zuzügler hatten ſich ſpäter auf dem Markt wieder vereinigt und aus Ver⸗ zweiflung energiſchen Widerſtand geleiſtet. Man hatte Kanonen auffahren müſſen. Viele Soldaten waren gefallen und auch ſonſt waren die umliegenden Häuſer der Schauplatz blutiger Greuel geworden. „Ich muß auf mein Ehrenwort verſichern, daß ich von jenem Kampf auf dem Markt nichts weiß.“ „Hier eben iſt die Lücke“, ſagte der General.„Wo haben Sie denn die Nacht über geſteckt?“ Ich war auf Vieles vorbereitet, aber. auf dieſe die um chen dem daß igte. daß daß den war ſen. ſch Ber⸗ atte ren uſet duß Po Frage nicht. Während ich noch überlegte, ob ich über⸗ haupt noch eine Antwort geben könne und dürfe, fuhr der General fort: „Ueberlegen Sie wohl! Wenn Sie fortfahren zu leugnen, verbeſſern Sie Ihre Sache nicht. Die Schuld iſt erwieſen und Ihre Verurtheilung iſt ſo gut wie ſicher. Alſo geben Sie der Wahrheit die Ehre.“ Ich verharrte im Schweigen. „Es wäre nur ein Fall denkbar, der Sie retten könnte“, ſagte der General wieder und diesmal mit verändertem Tone,„der Fall nämlich, daß Sie factiſch nachweiſen können, daß Sie wirklich weder am Waſſer⸗ thor noch auf dem Markt waren; aber das Letzte iſt die Hauptſache. Alſo reden Sie! Waren Sie nicht auf dem Markt, haben Sie nicht mitgekämpft, wo wa⸗ ren Sie ſonſt? Ich will Ihnen wohl“, ſetzte er mit faſt gütigem Tone hinzu,„aber reden müſſen Sie, ſonſt ſind Sie verloren.“ „O enden Sie dieſe Folter!“ rief ich gepeinigt. „Ich habe nichts weiter zu bekennen. Fällen Sie Ihr Urtheil!“ Wozu ſollte ich dieſen Kriegsknechten bekennen, daß mich Gretchen im ſchützenden Aſyl verborgen ge⸗ halten? Gewann es jetzt ſchon den Anſchein der Feig⸗ heit, daß ich mich dem Kampfe zu früh hatte, Groſſe, Der neue Abälard. II. 82 ſo durfte ich auch die Ehre des unbeſcholtenen Mädchens nicht auf das Spiel ſetzen, und daß man nach ihrem Namen forſchen, ſie vielleicht ſelbſt vorladen würde, wenn ich nur eine Andeutung wagte, das war zweifellos. Um dieſen Preis mochte ich meine Rettung nicht erkaufen. „Wenn Sie ſo verſtockt ſind“, ſagte der General nach einer Pauſe mit faſt barſchem Tone,„ſo zwingen Sie uns, von anderer Seite nach Licht zu forſchen. Leſen Sie dieſe Zeilen!“ Dabei reichte er mir einen eröffneten Brief. Ich las:„Im Namen der Menſchlichkeit und Ge⸗ rechtigkeit beſchwöre ich Sie, das Leben des Collabora⸗ tors Korn zu ſchonen, da er vollkommen ſchuldlos an den ſchrecklichen Ereigniſſen iſt, welche bei der Er⸗ ſtürmung der Stadt vorgefallen ſind. Eine Dame kann das Alibi des Genannten beſchwören, und die Ueber⸗ bringerin dieſer Zeilen iſt bereit, weitere Aufſchlüſſe zu geben.“ „Nun, wie verhält ſich das?“ fragte der General, und ein Lächeln, von dem ich nicht urtheilen konnte, ob es ein wohlwollendes oder ſpöttiſches war, zuckte um ſeine Lippen. „Elende Verleumdung!“ rief ich und ich fühlte, daß ich zitterte. Betroffenheit und Entrüſtung, daß mein Geheimniß nun dennoch verrathen ſein ſollte, hens men nich Um fen. etal ngen chen. Ge⸗ ora⸗ an kann bet⸗ e zu ————— 83 kämpften in mir. Die Handſchrift jenes Briefes war mir durchaus fremd, und ich konnte nicht entfernt ah⸗ nen, wer mir dieſen Streich geſpielt hatte. „So laſſen Sie uns die Ueberbringerin ſelbſt hören“, ſagte der General und befahl mir zugleich, mich einſtweilen zurückzuziehen. Ich wurde in einen an⸗ ſtoßenden Raum hinaufgeführt, der um eine kleine Treppe höher lag als die Reitſchule, ohne daß jedoch eine Thür beide Räume trennte. Auf der Schwelle oben angekommen, zögerte ich einen Augenblick aus Spannung und Neugier, die räthſelhafte Perſon, welche ſich ſo unberufen in mein Leben miſchte, noch zu ſehen. Sollte Gretchen ſelbſt einen ſolchen verwegenen Schritt wagen können? Unmöglich. Ich hätte ſie haſſen müſ⸗ ſen, wenn ſie im Stande war, unſer Geheimniß dieſen rückſichtsloſen und ſpottluſtigen Fremden preiszugeben. In der That trat eine Minute ſpäter eine dicht verſchleierte Dame ein. Gretchen war es nicht, das ſah ich auf den erſten Blick und athmete ſchon freier. Jetzt nahm ſie ihren Schleier zurück, und ich meinte in die Erde ſinken zu müſſen, als ich Frau Coraly er⸗ kannte. Ihr ſchönes Antlitz war blaß, aber es trug einen entſchloſſenen Ausdruck. Ihr Auge war mit fe⸗ ſtem Blick auf den General gerichtet, der, überraſcht von der auffallenden Schönheit und würdevollen Hal⸗ 6* tung der Dame ihr unwillkürlich einen Schritt ent⸗ gegentrat und ſich mit einer Art von unfreiwilliger Höflichkeit verbeugte. Frau Coralh trug ſchwarze Seide mit ſchwarzen Spitzen und ihre Erſcheinung an dieſem Orte der Gewalt hatte etwas Feenhaftes und Magiſches. „Sie ſind die Ueberbringerin dieſer Zeilen?“ ſagte der General. „Nicht blos Ueberbringerin, Herr General“, erwi⸗ derte ſie mit feſtem Tone,„ich habe den Brief ſelbſt geſchrieben und komme, um ein Verbrechen zu verhin⸗ kdern, wenn es noch möglich iſt.“ Ihre Augen ſchweif⸗ ten dabei durch die Reihe der Anweſenden, aber ſie konnten mich nicht entdecken, da ich einen Augenblick zuvor in den offenen Rebenraum getreten war. „Sie bedienen ſich ſtarker Ausdrücke, meine Dame“, ſagte der General.„Darf ich zunächſt um Ihren Namen hitten?“ „Mein Name iſt in dieſer Sache von keiner Be⸗ deutung“, erwiderte ſie ausweichend. „Hierin ſind Sie im Irrthum, meine Dame“, re⸗ plicirte der General.„Ihre Ausſagen, die Sie be⸗ ſchwören wollen und beſchwören müſſen, haben nur dann Werth, wenn wir wiſſen, von wem ſie gegeben werden. Auf anonyme Zeugen kann ſich ein Kriegs⸗ gericht nicht einlaſſen.“ ent⸗ lliger Seide ieſem ſchos. ſagte erwi⸗ ſelbſt chin⸗ weif⸗ t ſie nblis une“, amen Be⸗ „ be mur vbin iegs⸗ 1 85 Frau Coralh bedachte ſich einen Augenblick. Das Gewicht dieſer Argumente ſchien ihr einzuleuchten, und nach einigen Zwiſchenreden nannte ſie nicht nur ihren Namen, ſondern leiſtete auch den Zeugeneid, der ihr in vorſchriftsmäßiger Form abgenommen wurde. Ohne Schwanken der Stimme und ohne Regung ihrer Züge ſprach ſie dem Auditeur die geſetzmäßige Formel nach. „Was haben Sie alſo auszuſagen, meine Dame?“ fragte der General. Die Nennung des abligen bekann⸗ ten Namens ſchien großen Eindruck auf ihn zu machen und in einer Anwandlung von eavalierer Höflichkeit hatte er ihr einen Sitz angeboten, aber Frau Coraly ſchlug denſelben aus. „Vorläufig habe ich eine Frage zu ſtellen, Herr General“, begann ſie mit unbefangenſtem Tone.„Wenn bewieſen wird, daß derjenige, deſſen Namen ich Ihnen nannte und um deſſen Leben es ſich handelt, in jener verhängnißvollen Nacht ſich nicht am Kampfe bethei⸗ ligte, ſich nicht betheiligen konnte, weil er ſich im Hauſe einer befreundeten Familie befand, iſt ſein Leben dann gerettet?“ „Meine ſchöne Dame“, ſagte der General, indem er ſeinen Bart zwiſchen den Fingern drehte,„auf das Wenn und das Aber kann das Kriegsgericht nicht eingehen. Uebrigens ſprach Ihre erſte Mittheilung 86 nicht von einer befreundeten Familie, ſondern! von einem Alibi, das ſpeciell eine Dame beſchwören wolle.“ „Allerdings, ſo iſt es, obgleich auch das Zweite nicht minder wahr iſt.“ „Vor allen Dingen würde es nöthig ſein, dieſe Dame ſelbſt zu verhören.“ „Wohlan, hier iſt ſie“, ſagte Frau Coraly mit unerſchrockenſtem Tone.„Ich und Niemand ſonſt kann das Alibi des Angeklagten beweiſen, denn in meiner Geſellſchaft verbrachte er jene verhängnißvolle Zeit.“ Der General ſtrich ſich abermals den Bart.„Hm, ſchön genug ffür eine Delila“, ſagte er mit unter⸗ drücktem Tone.„Darf ich fragen“, fuhr er fort,„wie lange er bei Ihnen zubrachte?“ „Ich ſagte es ſchon“, entgegnete Frau Coraly. „Während des Kampfes betrat er meine Wohnung, und erſt am Morgen des folgenden Tages hat er ſie verlaſſen.“ Wieder ſprach der General halb für ſich, halb zu ſeiner nächſten Umgebung:„Hm, es müſſen ſtarke Reize ſein, die fähig ſind, für Kanonendonner taub zu ma⸗ chen, aber es iſt in der That erklärlich. Was ſagen Sie meine Herren?“ Und da er nicht ſofort eine Ant⸗ wort erhielt, wandte er ſich wieder zu Frau Coraly. öten weite dieſe mit kann einer Hm, nter⸗ wie „Geſtatten Sie den Ausdruck der Bewunderung, meine Schöne! Mitten im Schlachtlärm ſo holde Roſenketten zu winden, zeugt jedenfalls von ſeltener Geiſtesſtärke, und es offen zu bekennen, fordert nicht minder Cha⸗ rakter, wenn man nicht ſagen wollte—“ Es iſt zweifelhaft, welches Ausdrucks ſich der Ge⸗ neral bedienen wollte, denn Coraly ließ ihn nicht aus⸗ reden.„Ich muß bitten, bei der Sache zu bleiben!“ rief ſie mit aufſteigendem Zorn beleidigter Frauenwürde und ſetzte mit großem Tone hinzu:„Sie haben über mein Thun und Laſſen nicht zu urtheilen. Sie wür⸗ den es ohnehin nicht verſtehen, wenn ich mich auch näher erklären wollte und könnte, aber das Eine wer⸗ den Sie erklärlich finden, daß ein edler Mann niemals freiwillig ein Alibi eingeſtehen wird, welches, wenn auch nur dem Schein nach, ein falſches Licht auf die Ehre einer Frau oder eines Mädchens zu werfen im Stande iſt. Aus dieſem Grunde mußte ich ſelbſt kom⸗ men, um den Angeklagten ſeines Schweigens zu ent⸗ binden. Sie werden zugeben, Herr General, und ich muß bitten, es mir zu glauben, daß dieſer Schritt mir nicht leicht geworden iſt.“ Der General verbeugte ſich und murmelte etwas von Reſpekt und Hochachtung, aber die muthige Frau fuhr fort: 88 „Sie wiſſen es jetzt und zwar eidlich bekräftigt, daß der Collaborator Korn an dem Kampfe der Frei⸗ ſchaaren in jener Nacht überhaupt keinen Theil genom⸗ men hat. Ich verlange von dem Gericht, daß der Angeklagte ſofort in Freiheit geſetzt wird, und da Sie ein Ehrenmann ſind, werden Sie ihm jede weitere Ver⸗ folgung erſparen. Ich füge hinzu, daß ich öffentlich mein Wort erheben werde, wenn man trotz dieſer Be⸗ weiſe ſeiner Schuldloſigkeit im Stande wäre, einen Mord zu begehen. Nachdem ich es über mich gewonnen habe, dieſen Schritt zu wagen, würde ich auch nicht davor zurückſchrecken, mich unmittelbar an den König zu wenden.“ Ich ſah, daß der General zurücktrat, um ſich mit dem Auditeur und ſeinen Offizieren zu berathen. Frau Coralh hatte ihren Schleier wieder herab⸗ genommen, um den forſchenden und übermüthigen Blicken der Herren zu entgehen. Stumm und reglos wartete ſie auf das entſcheidende Wort des Generals, ich aber vermochte nicht ſo lange zu warten. Der Ge⸗ danke, meine Befreiung einer namenloſen Lüge zu dan⸗ ken, war mir unerträglich. Ich that einen Schritt in den größern Raum hinein. Der Profoß verſuchte es, mich am Arme zurückzuhalten, ich ſtieß ihn zurück und ſtürzte hinunter zum Tiſche des Generals. om⸗ det Sie lich Be⸗ nen en nig mit Ich hoffe, Herr General“, rief ich,„daß Sie auch mich in dieſer Sache hören werdenk“ Frau Coralh zuckte bei meinem Anblick zuſammen, aber ſie faßte ſich im Augenblick und trat mir ent⸗ gegen. „Che Sie ein Wort ſagen, Theobald, ſo bekennen Sie zuvor auf Ehre und Gewiſſen, daß Sie ſich in jener Nacht in dem bewußten Hanſe am Wall befanden““ Ich verſtummte. Der Gedanke, daß ſie im Auf⸗ trag Gretchen's handle und ihre Perſon nur vorgeſcho⸗ ben, um den Ruf des Mädchens zu ſchonen, lähmte meine Zunge. Woher auch ſollte ſie von meinem Auf⸗ enthalt während jener Nacht wiſſen als durch Gret⸗ chen ſelbſt? „Sie ſehen, Herr General“, fuhr Frau Coralh fort,„daß ich Ihnen die Wahrheit geſagt habe. Heyr Collaborator Korn kann ſein Alibi nicht mehr leugnen, wenn er dies etwa verſucht haben ſollte. Erlauben Sie mir jetzt noch einige Worte unter vier Augen mit ihm, ich habe ihm einige Mittheilungen zu machen, die ihm die Gründe meines Schrittes etwas verzeihlicher machen werden. Haben Sie noch Bedenken wegen der Freilaſſung, ſo will ich Ihren Gefangenen nicht ent⸗ führen, aber einen letzten Abſchied von ihm werden Sie nicht verſagen.“ Der General ging auf die muthige und entſchloſ⸗ ſene Frau zu, um ihr die Hand zu küſſen und ihre Bitte zu gewähren. Einige Minuten ſpäter fanden wir uns beide allein in dem kleinern anſtoßenden Raum, der keinen andern Ausgang weiter hatte, ſodaß wir eigentlich immer unter den Augen des Gerichts blieben. Wir waren in die tiefe Fenſterniſche getreten, um wenigſtens ungehört zu ſein. „Eine Frage, Frau Coraly“, ſagte ich und nahm ihre Hand.„Ich wage jetzt kein Urtheil über Ihren heldenmüthigen und gewagten Schritt, erwarten Sie auch noch keinen Dank, bevor ich nicht den ganzen Zu⸗ ſammenhang kenne. Und eins ſmuß ich zuvor wiſſen. Sie kommen im Auftrage Gretchen's— iſt es ſo oder nicht?“ „Gretchen's?“ Ein kurzes Lachen brach von ihrem Munde.„Durchaus nicht, Gretchen weiß nichts davon und kann nichts davon wiſſen. Ich komme in meinem eigenen Auftrage, und was ich beſchworen habe und etwa noch beſchwören müßte, geſchieht nur in meinem Intereſſe.“ Auch das, und deshalb alſo einen Meineid! dachte ich bei mir. Die ſchöne Frau wurde mir immer räth⸗ ſelhafter, ja in ihrem Blick, in ihrem ganzen Weſen ide en ich ir ens —— ſchien heute etwas Dämoniſches zu liegen, und ich leugne nicht, daß ſich ein heftiger Widerwille meiner bemächtigte. „So ſagen Sie mir wenigſtens offen, was Sie mit dieſer Komödie wollen?“ „Das wäre wohl noch eine Frage“, erwiderte ſie mit kühlem Tone.„Was ich will,J iſt doch ziemlich einfach! Sie von einem ſchimpflichen Tode retten— voilà tout. Oder ſind Sie wirklich ſo begierig, zu ſterben, ſo gehen Sie hin und ſtrafen mich Lügen, erklären Sie Alles für eine Erdichtung und ſtellen ſich vor die Mün⸗ dung der Gewehre. Nun, mein weiſer Herr, was be⸗ ſchließen Sie?“ Sie ſagte das Alles mit ſo geringſchätzigem, faſt ſpöttiſchem Tone, daß ich die Geduld verlor und offen herausplatzte: „Ich weiß, Sie ſind beleidigt und gekränkt, Frau Coraly, daß ich Ihrem edelmüthigen Schritt nicht ſo⸗ fort meinen heißeſten Dank entgegenbringe; aber ich kann es nicht, bevor ich nicht weiß, welche— wie ſoll ich ſagen—“ „Welche Bedingungen ich daran knüpfe, wollen Sie ſagen; geniren Sie ſich nicht, wenn Sie auch im Irrthum ſind. Ich ſetze keine Bedingungen. Sie ſind frei in jeder Beziehung, wenn Sie frei und undankbar ſein wollen!“ 92 „Und weshalb alſo die unerhörte Lüge?“ „Weshalb?“ ſpottete ſie wieder.„Ein ſo braver und wunderlicher Mann darf doch immer annehmen, daß ſich irgend eine Frau, irgend ein Herz für ihn intereſſirt, wenn man ſich die Mühe nimmt, ſeine Feſ⸗ ſeln zu löſen und ihn der Freiheit zurückzugeben.“ „Nein, meine Gnädige“, ſagte ich verdrießlich, „ich habe von der Würde der Frauen vielleicht doch eine beſſere Vorſtellung gehabt. Dem Erſten Beſten Ruf und Ehre zu opfern, iſt ſonſt nicht Sitte oder Laune einer edlen Frau. Hier iſt noch ein Räthſel, und ehe Sie mich nicht aufklären, werde ich Ihr Opfer nicht annehmen können.“ Jetzt wurden die Züge der ſchönen Frau beinahe ſtreng und gebieteriſch. „Sie ſchlagen da einen Ton an, der Ihnen nicht ziemt“, ſagte ſie mit allem Stolze, der einer beleidig⸗ ten Frau zu Gebote ſteht.„Sind Sie mir der Erſte Beſte? Sie werden ſich hoffentlich erinnern, daß Sie einſt ſo frei waren, zu meinen Gunſten Ihre Zukunft, Ihr Glück, Ihre Liebe zu opfern, und ebenfalls durch eine Unwahrheit. Ohne jene That wäre ich nicht die Gattin meines Mannes geworden, wäre ich nicht, wie es die Welt nennt, in glückliche, in glänzende Verhält⸗ niſſe gekommen. Wahrſcheinlich wäre ich im Elend wer len, ihn ich, och ten der ſel, fet dhe. 93 untergegangen, wie Hunderte meinesgleichen. Sie ha⸗ ben mich damals zu Ihrer Schuldnerin gemacht, und wenn es denn abgerechnet zwiſchen uns ſein ſoll, Herr Moraliſt, ſo muß ich Ihnen ſagen, daß mich dieſe alte Schuld bis heute gedrückt hat, oder ſind Sie ſo ſtolz, zu verlangen, daß ich dieſe Schuld des Dankes bis an mein Lebensende tragen ſoll? Dies wird ohnehin geſchehen, aber die Freiheit werden Sie mir ſchon ge⸗ ſtatten, Ihnen gelegentlich dafür das Leben zu retten!“ „Um den Preis Ihrer Ehre!“ „Bah, was liegt daran!“ lachte ſie.„Ich bin Schauſpielerin geweſen und mein Leben liegt außerhalb Eurer engherzigen Bürgerſitte. Ich konnte wenigſtens dieſen Schritt leichter wagen als jede Andere, ja, als jede Andere!“ Und ſie betonte dabei das vorletzte Wort. „Als Gretchen, meinen Sie“, rief ich.„Alſo weiß ſie doch darum! Das ändert Alles.“ „Nein, mein Herr Gelehrter“, ſagte ſie faſt heftig, „ich wiederhole Ihnen, ſie weiß nichts, und wenn es darauf ankäme, ſo will ich es Ihnen beſchwören. Sie haben es nur mit mir zu thun.“ Dieſe Entſchiedenheit und Beſtimmtheit verwirvten mich von neuem. Es war kein Zweifel, die kühne, elegante Frau wollte auf dieſe Weiſe mich für ſich ſelbſt evobern. 94 Sie mochte dieſen Gedanken in mir leſen und fuhr fort: „Sie denken vielleicht, Sie müßten ſich zum Dank für meinen Schritt mit mir verbinden.“ Dabei begann ſie zu lachen und ſagte mit ſchalkhaftem Tone:„Nun, wäre es denn wirklich ſo ſchrecklich, an meiner Seite zu leben? Nach altem Recht, ſo habe ich einmal ge⸗ leſen, kann man dem Henker ſein Opfer entreißen, in⸗ dem man es zur Ehe begehrt. Tröſten Sie ſich in⸗ deſſen, ich bin nicht ſo grauſam, einen ſo ſauren Dank zu verlangen. Sie können ſich die Sache einfacher zurecht legen. Ich wußte, daß Sie in jener Nacht in Gretchen's Wohnung, ja in Gretchen's Zimmer zuge⸗ bracht haben— ich ſah, daß Sie davon ſchwiegen, um den Ruf des guten Kindes nicht auf das Spiel zu ſetzen. Sie haben darin zart gehandelt und haben ſich ſelbſt verleugnet. Nun, eine Selbſtverleugnung iſt wohl der andern werth. Ihr Schweigen verpflich⸗ tete mich zum Reden.“ „Coraly, ich verſtehe Sie nicht; enden Sie dieſes unerquickliche Geſpräch oder egeben Sie mir volle Klarheit.“ „Seltſam, daß ſelbſt das Mißtrauen blind machen kann, ſonſt thut es nur die Liebe“, erwiderte ſie.„Wenn wir im Orient wären, würde ich eine Binde um Ihre und ank ann un, eite en, iel ben ung ich⸗ ſes lle nn Augen legen und Sie mit mir entführen. Sie ſollten wohl ſtaunen, wohin ich Sie entführen würde. Da wir nicht im Hrient ſind, ſo muß es mit ſehenden Augen geſchehen, und wenn Sie das quält, ſo iſt es eine Strafe für Ihren Ungehorſam, denn es ward Ihnen bereits der rechte Weg zum Glück genannt, damals in der Nacht beim Abſchied, aber man hat es verſchmäht, vorſichtig und weiſe zu ſein.“ Ich ſann über dieſe Worte nach und erinnerte mich, daß damals das Wort gefallen war, ich ſollte nach Otternbeck gehen und würde dort die Erklärung des Räthſels finden; aber Otternbeck war das Gut der Frau Coraly. Dieſer Umſtand führte mich in ein neues Labhrinth. „Sie ſcheinen es darauf anzulegen, Frau Coraly, mich wie einen Blinden im Kreiſe herumzuführen, bis man ſchwindlig wird. Ich bitte nochmals, enden Sie dies Spiel. Und wenn Sie mich zum höchſten Glück führen wollten, ſo haben Sie doch eins dabei ver⸗ geſſen. Ich kann mich vom Kriegsgericht nicht frei⸗ geben laſſen durch eine Unwahrheit.“ „Wer ſpricht von Unwahrheit? Wo iſt eine Un⸗ wahrheit?“ „Sie haben den Zeugeneid geſchworen und haben ihn in Meineid verkehrt, immerhin aus Edelmuth, aber 96 dabei kann ich es nicht bewenden laſſen. Die Finger auf das Evangelium zu legen und dann etwas zu be⸗ kennen, was höchſtens eine Braut, eine Ehefrau durfte, das iſt— ich finde keinen Ausdruck dafür.“ „O bitte, legen Sie Ihrer Zunge keinen Zaum an“, rief ſie.„Das iſt empörend, frivol und gewiſſen⸗ los; nur zu, Herr Moraliſt! Ich aber ſage Ihnen jetzt, es war dennoch die lauterſte, buchſtäblichſte Wahrheit.“ „Ich wäre in jener Nacht bei Ihnen geweſen?“ „Allerdings in Thymian's Hauſe, in Gretchen's Zimmer und dennoch bei mir.“ „Und Gretchen?“ „Iſt gar nicht in der Stadt, ſie iſt verſchwunden ſchon ſeit Wochen, damit Sie es endlich wiſſen. Ich war und bin noch ſo zu ſagen Haushälterin und Pflegerin bei ihrem Vater, ich habe Sie aus dem Kampf⸗ gewühl holen laſſen, ich habe Sie empfangen und habe Sie auch entlaſſen am Morgen Sie müſſen mit Blind⸗ heit oder ſeltſamer Befangenheit geſchlagen geweſen ſein, daß Sie nichts davon gemerkt haben.“ Mir fiel es wie Schuppen von den Augen, und doch— wie war das Alles möglich? „In dem Hauſe Thymian's ſind wunderliche Dinge vorgekommen“, fuhr jetzt Frau Coraly fort.„Doch wozu Ihnen das hier erzählen! Die Nemeſis iſt über be⸗ rfte, um ſen⸗ ſet, it“ „ en' den ungerechten und eingebildeten Mann furchtbar hereingebrochen. Er iſt vernichtet, ja er iſt ſelbſt in ſeiner ſocialen Stellung gefährdet, wenn wir nicht eilen. Ein Betrüger beherrſcht ihn vollſtändig und hat ſeine Ehre in der Hand.“ Jetzt erinnerte ich mich jenes räthſelhaften ſchatten⸗ haften Auftritts, deſſen Zeuge ich geworden war, und wie ein Stein fiel es mir auf das Herz, daß meine Gefangenſchaft mich verhindert hatte, dem Schurken⸗ ſtreiche dieſes Menſchen zuvorzukommen. „Bitte, reden Sie weiter!“ rief ich.„Die Sache intereſſirt mich mehr, als Sie glauben, denn ich bin vielleicht mehr Mitwiſſer von dieſen Dingen, als Sie ahnen.“ „Deſto beſſer, dann kommen Sie. Eile thut noth. Dieſer Menſch kann unſer aller Verderben werden.“ Und ſie wandte ſich zum Ausgang, um in den großen Saal zurückzutreten; als ich noch einen Augenblick zauderte, ergriff ſie mich bei der Hand.„Iſt es mög⸗ lich, Sie können ſich jetzt noch bedenken? Ich fordere nichts von Ihnen als volles Vertrauen, ſonſt bleiben Sie in Gottes Namen hier und laſſen ſich erſchießen und Gretchen zu Grunde gehen mitſammt ihrer Familie!“ Dies Wort entſchied, ich folgte. Der General kam uns mit dem Auditeur entgegen. Groſſe, Der neue Abälard. 1I. 7 98 „Nun, Herr Collaborator, haben Sie den Angaben dieſer Dame noch etwas beizufügen oder ſie in irgend einer Weiſe zu modificiren?“ „Nein, Herr General“, erwiderte ich,„ſie hat die volle Wahrheit geſagt.“ „Das freut mich von Herzen“, erwiderte der Ge⸗ neral.„Dann kann ich Sie ſofort in Freiheit ſetzen, und geſetzt auch, wir hätten wegen des Uebrigen, was Ihre Betheiligung an dem Aufſtande betrifft, noch ein Wort zu ſprechen, ſo bin ich zufrieden, wenn Sie mir Ihr Ehrenwort geben, ſich ſofort zu ſtellen, wenn man Sie vorladen wird. Sie brauchen keine Sorge weiter des⸗ halb zu haben; wie mir ſo eben geſchrieben wird, er⸗ wartet man in den nächſten Tagen ſchon eine vollſtän⸗ dige Amneſtie.“ Ich gab ohne Bedenken mein Ehrenwort, mich jederzeit zu ſtellen, und nahm von dem Trefflichen Ab⸗ ſchied, während der Auditeur ſich mit finſterer Miene abwandte, um mit frechen Blicken die ſchöne Dame zu muſtern, welche in ſo unerwarteter Weiſe ihm ſein Opfer zu entführen im Begriff war. Zwei Minuten ſpäter ſaßen wir in dem Wagen Frau Coraly's und die ſchöne Frau erzählte: „Sie ſcheinen keine Ahnung davon gehabt zu ha⸗ ben, was ſeit den letzten Wochen und Monaten vor⸗ aben gegangen iſt. Es iſt wirklich, als wenn höhere Mächte ged ihre Hand im Spiel gehabt hätten. Vieles habe ich ſelbſt erſt ſpäter erfahren, denn Sie wiſſen ja, daß ich keinen Zutritt mehr zu Gretchen hatte. Der alte Herr hatte mir ja völlig die Freundſchaft aufgekündigt. Sie ße können ſich denken, wie mich die Kunde erſchütterte, daß es zu einem gewaltſamen Auftritt zwiſchen Ihnen n und ihm gekomnten und daß Sie ihn verwundet hätten.“ gor„Bitte“, unterbrach ich ſie,„er hat ſich ſelbſt ver⸗ Ir wundet.“ Sie„Ich weiß es ſchon, mein Freund, aber ich be⸗. d⸗ richte, wie ich es erfuhr; alle Welt glaubte ja an einen 6 Todtſchlag und dergleichen, nachher freilich, als man 8 die Wahrheit erfuhr, haben wir lachen müſſen; trotz⸗ dem hätte die Sache ſehr übel ausgehen können; die kleine Wunde am Fuß wollte nicht heilen. Es bildete ſich eine Geſchwulſt, die nicht zu vertreiben war. Der * alte Herr glaubte allen Ernſtes, daß die Waffe ver⸗ — giftet geweſen, und gerieth in eine namenloſe Todes⸗ 2 angſt. Und dieſe Angſt iſt verhängnißvoll für ihn ge⸗ 6 worden. Andere Menſchen verſöhnen ſich in ſolcher Stimmung mit der Welt und mit ihren Feinden, er a9e aber ſah in allen, ſelbſt in ſeinem alten Diener und in ſeiner Tochter Verſchworene, die ihn um das Leben h bringen wollten. Dabei zitterte er vor dem Tode in 100 grenzenloſer Feigheit, jeden Tag fragte er den Arzt, wie viel Stunden er noch zu leben habe. Aber dabei blieb es nicht; zum Schrecken ſeiner Pfleger klagte er ſich der unerhörteſten Verbrechen an. Das Meiſte wa⸗ ven wohl Ausgeburten ſeines Wundfiebers, und keinem vernünftigen Menſchen fiel es ein, auf ſolche ſchieckliche Selbſtanklagen etwas zu geben. Ein Fall jedoch erſchien eynſthafter und veranlaßte weitere Nachforſchungen. Er legte nämlich das Bekenntniß ab, daß zur Zeit, als er noch Banquier war, eines Tages ein armer Teufel ihm eine Actie verkauft habe, die zugleich ein Loos war. Thymian hatte, wie er ſagte, dieſe nach dem Courſe ausgezahlt, obwohl er wußte, daß die betreffende Nummer bereits ſeit einem Vierteljahre verfallen und nicht weniger als hunderttauſend Thaler gewonnen hatte. Jener arme Teufel hatte ſich um die Ziehung nicht bekümmert, und die Zeitungen, in welchen das Ergebniß bekannt gemacht wurde, waren nicht in ſeine Hand gekommen; er aber, der reiche Banquier, verſchwieg es ihm und erhob ſpäter das Lvos für ſich ſelbſt. Sein Vermögen, mit dem er ſich kurz darauf aus dem Geſchäftsleben zurückzog, gehörte alfo nicht ihm, ſondern fremden Leuten. Von alledem er⸗ zählte mir Gretchen, die mich flehentlich birten ließ, ihr zu Hülfe zu kommen. Andere finanzielle Zerrüttungen hn nä zut U ſo jo 2 kamen dazu, und es zeigte ſich, daß, wenn jene unrecht⸗ mäßig behaltene Summe dem wahren Eigenthümer zurückerſtattet werde, Thymian für immer ein ruinirter Mann ſein würde. Gretchen war natürlich für die ſofortige Ausantwortung des erſchlichenen Vermögens, ja ſie war bereit, ihr mütterliches Erbtheil mit in die Maſſe zu werfen. Wie die Dinge jetzt liegen, hat man jenen frühern Eigenthümer oder ſeine Erben noch nicht auffinden können, natürlich weil die bisherigen Nach⸗ forſchungen nnr unter der Hand gemacht werden konn⸗ ten, um den Namen des Hauſes zu ſchonen.“ „Mich kann es nur freuen“, fagte ich,„wenn ein altes Unrecht ſo wieder gut gemacht wird, und wenn Gretchen auch ein armes Mädchen würde, wäre ſie mir deſto lieber, ich nehme ſie, wie ſie geht und ſteht.“ „Das habe ich von Ihnen erwartet“, ſagte Frau Coraly,„aber das Bisherige iſt noch nicht Alles. Der Apotheker mit dem närriſchen Namen, ich entſinne mich nicht gleich deſſelben, iſt gleichfalls Mitwiſſer dieſer Dinge geworden. Er war von Anfang an zu Hülfe herbeigeeilt und bildet ſich ein, mit ſeinen Salben und Mixturen die Hauptſache zur Geneſung des alten Herrn beigetragen zu haben. Nun, in dieſem Glauben wollen wir ihn nicht ſtören, aber gefährlicher iſt, daß er ihn durch jene Mitwiſſenſchaft beherrſcht und ihn droht ins 102 Unglück zu bringen. Als Herr Thymian nämlich wie⸗ der geſund wurde, wichen nicht nur jene Wahngebilde, er wiederrief auch jene Bekenntniſſe und wollte nichts mehr davon wiſſen. Seitdem nun machte dieſer ſchlechte Menſch, der Apotheker nämlich, die Hand Gretchen's zur Bedingung ſeines Schweigens. Dieſe ſchreckliche Lage brachte die Geängſtete zum Entſchluß.„Ich kann Alles zum Opfer bringen“, ſagte ſie mir,„was ich habe, aber nicht meine Perſon. Aber ich ſehe es kommen, der entſetzliche Menſch wird den armen Kranken zu ſeinem Willen zwingen.“ Ich rieth ihr ſo raſch als möglich das Haus zu verlaſſen, und ſie hat meinen Vorſchlag angenommen; ſie iſt verſchwunden, wie ich Ihnen ſagte, und den Schrecken des alten Herrn wie den Grimm des Herrn Apothekers können Sie ſich denken.“ „Eine Frage dazwiſchen, Frau Coraly! Sie wiſſen, wo Gretchen iſt?“ Sie lächelte dabei geheimnißvoll.„Ob ich es weiß! Neuerdings hat man alle möglichen Schritte gethan, ſie zur Rückkehr zu bewegen, aber ich habe ihr abge⸗ rathen zu kommen. Wozu auch? Sie braucht nicht in Unruhe zu ſein, ich habe die Pflege ldes alten Herrn ibernommen, und da der Arzt darauf beſtand, daß noch Jemand ins Haus müſſe, ſo bin ich ganz zu ihm Nei wie wi wie⸗ N, er nichts echte hens dliche kann s ich e es rmen hr ſo e hat nden, errn Sie iſſen, weiß! than⸗ abge⸗ ht in berr daß ihn gezogen. Und merkwürdig war, daß er ſich von mir wie ein willenloſes Kind Alles gefallen ließ. Damals wäre auch die Stunde zur Verſöhnung mit Ihnen ge⸗ weſen. Der alte Herr ſehnte ſich ſogar nach Ihnen, aber man konnte Ihrer ja nicht habhaft werden. Mit Entſetzen erfuhr ich, daß Sie ſich mit den Freiſchärlern eingelaſſen hätten; ich habe an jenem Tage wohl zwan⸗ zig Boten ausgeſchickt, bis es dem alten lahmen Peter gelang, Sie zu bringen. Es war eine entſetzliche Nacht. Licht durften wir nicht brennen, um nicht andere Flücht⸗ linge und die Verfolger in das Haus zu locken. Sie wurden hier gewiß nicht geſucht, und hätten Sie ſich am andern Morgen gleich nach Otternbeck auf den Weg gemacht, ſo hätten Sie auch Gretchen wieder⸗ gefunden.“ „Gott Lob, daß ich es nicht gethan“, ſagte ich und erzählte ihr nun, was ich in jenem Aſyl erlauſcht hatte, jene Fälſchung der urkunde vom Reugelde und ſo weiter. „Dank dem Himmel“, rief Frau Coraly,„jetzt ha⸗ ben wir dieſen Betrüger in der Hand und können ihn unſchädlich machen. Nun ahne ich auch, was ſeit einigen Tagen den alten Herrn von neuem ganz raſend gemacht hat— er verheimlichte etwas— die Geſchichte dieſer Urkunde muß es geweſen ſein. Wiſſen Sie übrigens, was meine feſte Ueberzeu⸗ gung iſt?“ „Daß jene Idee von dem Betrug nur eine krank⸗ hafte Illuſion, von der wir ihn heilen müſſen.“ „Das gebe der Himmel!“ In dieſem Augenblick hielt der Wagen vor dem Hauſe Thymian's. etzeu⸗ rank⸗ nblid Viertes Kapitel. In frühern Zeiten und noch damals, als die er⸗ wähnten Ereigniſſe vorfielen, war ich Peſſimiſt und jeden Tag auf das Schlimmſte gefaßt. Seitdem habe ich gelernt, beſſer von den Menſchen zu denken, und gebe der Maxime jenes alten Kirchenvaters nicht Unrecht, der da ſagte:„Werde ich von einem Menſchen betrogen oder getäuſcht, ſo überkaſſe ich ihn dem Zorn des Him⸗ mels und der Unſichtbaren; und noch niemals iſt ihre Strafe und Rache ausgeblieben, ohne daß ich meine Hand dabei hätte rühren dürfen.“ Die Schickſale der Menſchen blühen und wachſen nur bis auf einen gewiſſen Punkt; dann fallen ſie wie reife Früchte und die Spanne des nachfolgenden Lebens muß gleichſam Schickſalslob von jenen Früchten zehren, die es ſich ſelbſt gezogen hat. Wie aber auf den Bäu⸗ 106 men die Früchte je nach ihrer Art ſchnell oder langſam reifen, ſo braucht auch die Reife menſchlicher Schickſale bei den Einzelnen ein ungleiches Zeitmaß, und daher kommt es, daß die Wirklichkeit niemals einem Kunſt⸗ werk gleichen kann, wo Lohn und Strafe gleichzeitig hereinbrechen und hereinbrechen müſſen, um das Ganze harmoniſch abzuſchließen. Solche Entſcheidungen nennt der Hiſtoriker Aus⸗ gänge, und der Betrachter wird finden, daß dieſe Aus⸗ gänge meiſt um Jahre, ja oft um Menſchenalter aus⸗ einander liegen und die Nemeſis meiſt durch ganz an⸗ dere Perſonen herbeiführen, als die einſt an der That und Schuld betheiligt waren. Auch ich kann hier nur von Ausgängen jener Perſonen reden, die ſo innig in mein Leben verflochten waren; nach jenem gewaltigen Umſchwung ſollten ſich die alten Fäden zu keinem neuen Knoten mehr ſchürzen, ſondern liefen nebeneinander aus, zuſammenhangslos und vereinzelt. Ich will des⸗ halb von den einzelnen Perſonen reden und zuerſt von Herrn von Thymian, dieſem wunderlichſten und merk⸗ würdigſten aller malades imaginaires. Unſer Wiederſehen war erſchütternd. Wie ein altes Kind weinte und ſchluchzte er und machte mir Vor⸗ würfe, daß ich, ſein älteſter Freund, ihn verworfen und verlaſſen habe; er konnte nicht begreifen, wo ich ſo at —— lange geblieben ſei, und daß wir als Todfeinde geſchie⸗ den, hatte er total vergeſſen. Ohne es weiter zu unter⸗ ſuchen, ob ſein kurzes Gedächtniß nur ein abſichtliches Verſteckenſpielen und Selbſttäuſchen war, um ſich eine Beſchämung zu erſparen, hütete ich mich wohl auf jene traurigen Zerwürfniſſe zurückzukommen und bemühte mich nach Kräften, den alten herzlichen Ton wieder anzuſchlagen. Wenn aber Frau Coralh glaubte, daß der alte Herr auch bereits ſeine firen Ideen überwun⸗ den habe, ſo irrte ſie ſich. „Ich kann Ihnen freilich nichts anbieten“, ſagte der alte Herr, indem er ſich in ſeinem Rollſtuhl aus⸗ ſtreckte und wie fröſtelnd in den großen Pelz wickelte. „Ich muß von Waſſerſuppen leben und feiere täglich meine Henkermahlzeit, denn ich bin verurtheilt. Aber Sie können mich retten vor dem Henker, wenn Sie mein Freund noch ſind“, ſagte er mit heiſerer Stimme; dann fuhr er heftiger fort:„O ich ſage Ihnen, dieſer Menſch ſägt einem die Seele durch, und mein Kind hat er auch geraubt, denn ich bekomme keine Antwort!“ Dabei hielt er mir ein Zeitungsblatt entgegen und ich las jenes Inſerat, von deſſen Abfaſſung ich in jener Nacht Zeuge geweſen war, ohne mir den Zuſammen⸗ hang erklären zu können. Da ſtand es wirklich:„Ein bekümmerter Vater bittet ſeine entflohene Tochter, ihm 108 Anzeige ihres Aufenthalts zukommen zu laſſen. Mit voller Verzeihung ihres Schrittes ſollen alle ihre Wünſche erfüllt werden, aber Eile thut noth, da ſeine Tage viel⸗ leicht gezählt ſind. Darunter ſtand, um jedes Miß⸗ verſtändniß zu vermeiden, die Straße und Hausnummer ſeiner Wohnung. „Das iſt ſein Gedanke, ſeine Idee“, fuhr er fort. „O es iſt ein ſchlauer Kunde, aber er will mich damit nur täuſchen, denn er hat ſie geraubt und jetzt will er mir mein letztes Blut auspreſſen, weil ſie nicht kommt.“ In dieſem Moment läutete die Hausglocke. „Sehen Sie, da kommt er wieder!“ rief der alte Herr mit angſtverzerrten Mienen und klammerte ſich an mich an.„Retten Sie mich, ſchützen Sie mich! Er weiß um alle meine Thaten, er kommt mich zu holen, wenn ich ihm nicht den Rachen mit Gold ſtopfe Bringt mich fort! Ich will ihn nicht ſehen!“ Mit Mühe beruhigten wir den alten Herrn und rollten ihn auf ſeinem Stuhl in das Schlafzimmer. Es wäre ein Leichtes geweſen, den Zudringlichen, welchen er fürchtete, ein⸗ für allemal abzuweiſen, aber folange er gefährlich war, mußte man ihn ſchonen; übrigens war ich entſchloſſen, bei erſter Gelegenheit den Betrüger zu entlarven Zu dieſem Zweck war mir die Anweſenheit Frau Coraly's ſehr erwünſcht. ———— — Mit ſche iel⸗ ſiß⸗ mer ort. mit Ute ſich en, igt In der That war es Herr Sommervogel in Uni ſorm und mit glänzender ambroſiſcher Cviffüre. Ich trat ihm raſch und hart auf den Leib ent gegen und ſtellte mich ſofort an die Thür, um ſeiner etwaigen Flucht zuvorzukommen. Er erſchrak, als er mich ſah, faßte ſich jedoch raſch und flüſterte mit ver bindlichem Grinſen, welches ſeine giftige Miene nur übel maskirte: „Ah, Herr Collaborator, freut mich ja ganz außer⸗ ordentlich, Sie wieder in Freiheit zu ſehen. Ich dachte es mir ja gleich, daß hier Mißverſtändniſſe obwalten müßten. Wie wäre es auch anders möglich, daß Ihre hohen Verdienſte nicht ſofort erkannt werden mußten! Ich bedaure, daß ich durch höhern Auftrag gleichſam in dieſe Sache verwickelt war, aber der Himmel weiß, ich that es wider Willen. Run darf ich deſto herzlicher gratuliren. Ich wünſche—“ „Sparen Sie Ihr Oel“, rief ich empört über die kriechende Lüge dieſes Elenden.„Wenn es auf Ihre Wünſche angekommen wäre, ſo läge ichlängſt erſchoſſen im Grabe. Und jetzt, was wünſchen Sie hier?“ „Was ich wünſche?“ ſtotterte der Menſch in höch⸗ ſter Verlegenheit.„Ich möchte Herrn von Thhymian ſprechen.“ „Auch dieſe Mühe können Sie ſich ſparen“, ſagte 11¹0 ich.„Sie haben von heute an in dieſem Hauſe nichts mehr zu ſuchen. Verſtehen Sie mich?“ „Wirklich?“ flüſterte der Geängſtete.„Dann hätte ich Ihnen ſogar zu danken, Hochgeehrteſter; denn Sie entbinden mich damit einer ſchweren und delicaten Pflicht. Ihr Zorn gegen mich iſt gänzlich ohne Ur⸗ ſache, dies kann ich auf Ehrenwort verſichern.“ Dieſe Wendung überraſchte mich.„Von welchen Pflichten reden Sie? Was ſoll das Alles heißen?“ „Ich bin nämlich gekommen“, fuhr der Geck fort und warf einen Blick in den Spiegel,„gekommen, um dem Herrn dieſes Hauſes zu eröffnen, daß er nicht mehr auf mich reflectiren dürfe. Obgleich dieſer Ver zicht in gewiſſem Sinne mein Schaden iſt, muß ich doch dies Opfer bringen. Es ſind höhere Sterne über uns aufgegangen. Der Menſch iſt niemals Herr ſeines Geſchicks, und wo die Palmen der Ehre winken, muß der Draum eines holden Idylls erbleichen!“ „Sparen Sie Ihre poetiſchen Bilder, Herr Som⸗ mervogel, und ſagen Sie uns in Kürze, was Sie zu melden haben.“ „Das Kürzeſte iſt, daß ich im Begriff bin, mich heute zu verloben“, ſagte der Apotheker in Uniform, indem er ſeine weißen neuen Handſchuhe glatt ſtrich, „und zwar mit einer hochgeborenen Dame aus uraltem M ichts hätte Sie caten Ur⸗ lchen fort um nicht Ver⸗ it über eines muß zom⸗ e zu nich orm, nich ltem — Hauſe. Auch der Name iſt kein Geheimniß mehr“, ſagte er, als er unſere ungläubigen Mienen ſah.„Es iſt die Nichte des Herrn Präſidenten!“ „Was Teufel, Fräulein von Spatenkamp!“ rief ich. Wir mußten beide in ein lautes Lachen aus⸗ brechen, ſodaß uns der arme Bräutigam mit Ent⸗ rüſtung anſah. „Ich begreife nicht, was Ihre Heiterkeit erregt, meine Herrſchaften“, ſagte er beleidigt.„Meine Ver⸗ dienſte als Offizier der Bürgerwehr haben die hohen Augen jenes Hauſes auf ſich gezogen. Man empfing mich in der Familie, man hat mich ausgezeichnet in jeder Beziehung. Fräulein von Spatenkamp hatte die Gewogenheit zu bemerken, daß ich ſchon bei der Parade ihre Aufmerkſamkeit erregt habe. Sehr natürlich, man muß dabei zu Pferde erſcheinen und man macht keine ungünſtige Figur, wie der Dichter ſingt: Im Felde da wird der Mann noch gewogen, auf ſich ſelber da ſteht er ganz allein!“ „Verſchonen Sie uns mit Ihren Citaten, Herr Sommervogel!“ rief ich.„Das ſind ja wunderbare Ge⸗ ſchichten!“* „Nun, wir gratuliren im voraus“, ſagte Frau Coraly.„Vielleicht iſt es ein Glück für alle Theile, wenn ſich Ihre Ausſichten verwirklichen ſollten. Aber was 112 ſagt denn der Präſident dazu, dieſer adelsſtolze Herr? Ich kann immer noch nicht begreifen—“ „O, in der Uniform ſind wir alle ebenbürtig“, ſagte Herr Sommervogel mit Selbſtgefühl„und ſo wer⸗ den wir heute unſere Verlobung feiern. Sie begreifen, daß ich nur mit großem Schmerz mich entſchließen konnte, auf gewiſſe andere Ausſichten zu verzichten, die ſich mir in dieſem Hauſe eröffneten; aber eine fünfzinkige Krone kommt nicht alle Tage.“ „Sie wird ſich gut ausnehmen auf dem Kopf des Mohren“, ſagte ich.„Aber noch ein Wort! Sie werden jetzt ohne weiteres jene bewußten Papiere herausgeben!“ „Welche Papiere?“ flüſterte der Apotheker mit un⸗ befangener Miene. „Thun Sie nur nicht ſo, als ob Sie ein neuge⸗ borenes Kind wären“, ſagte ich.„Den Vertrag meine ich über das Reugeld.“ Herr Sommervogel erſchrak, denn er hatte offen⸗ bar nicht geahnt, daß außer dem alten Herrn und ihm noch Jemand darum wiſſen könne.„Ich werde das Papier ſchicken“, flüſterte er,„und bitte einſtweilen mir Ihr Wohlwollen zu erhalten.“ Dabei hatte er einen günſtigen Moment erſpäht und war glücklich durch die Thür entſchlüpft, ohne daß ich ihn halten konnte. g e Au err? tig“ wer⸗ ifen, nnte, mit rone des rden ℳ U⸗ euge⸗ teine ffen⸗ ihm nir viht daß —— Ich wußte nicht, was ich von dieſer neuen Wen—⸗ dung denken ſollte, obgleich es mir wie ein Stein vom Herzen fiel, daß nun jeder weitere Schritt zur Erlan⸗ gung jenes gefälſchten Documents unnöthig geworden war. Da Herr Sommervogel ſelbſt reſignirte, erloſchen auch alle ſeine Forderungen. „Wir müſſen vorſichtig ſein“, ſagte Frau Coralh, als ich ihr jene Bemerkungen machte.„Dieſem Menſchen iſt nichts zu glauben. Fräulein von Spatenkamp hat vielleicht über ſein Pferd geſprochen, und nun bildet ſich der Geck ein, ſie habe Abſichten auf ihn. Mit Gret⸗ chen hat er es ja ebenſo gemacht. Ich hätte das gute Kind längſt wieder zurückkommen laſſen, aber dieſer zudringliche Menſch ſpionirt immer um das Haus herum, weil er glaubt, wir hielten ſie vor ihm verſteckt. Sehen Sie, er iſt noch gar nicht fort, da kommt er wieder.“ Wirklich kam Herr Sommervogel in dieſem Augen⸗ blick zurück. „Ich muß um Entſchuldigung bitten“, ſagte er; „ich glaubte, ich könnte durch den Garten hinaus, aber die Thüren ſind verſchloſſen.“ Jetzt ließ ich ihn nicht mehr davon. „Sie kommen nicht von der Stelle“, ſagte ich, „bis wir jenes Document zurückhaben. Sie werden Gro ſſe, Der neue Abälard. II. 8 —— 1¹4 in Ihre Wohnung ſchicken und es holen laſſen. Einſt⸗ weilen bleiben Sie hier!“ Herr Sommervogel lachte.„Wenn Sie ſo zum Ziel zu kommen glauben, meinetwegen, ich habe Zeit zu warten.“ Wir mußten einen andern Weg einſchlagen, mit Gewalt war dem Burſchen nicht beizukommen. „Wenn wir Ihnen aber ſagen“, bemerkte Frau Coralh in der Abſicht, mir zu Hülfe zu kommen,„daß ſich Herr von Thymian ſehr genirt fühlt? Er dürfte ſich auf unſern Rath auch nicht abgeneigt zeigen, ein Opfer zu bringen, um das Papier zurückzuhaben, auch wenn der Verzicht nicht auf ſeiner Seite iſt.“ „Ah, das iſt etwas Anderes“, rief Herr Sommer⸗ vogel vergnügt und brachte aus ſeiner Taſche das er⸗ ſchlichene Document zum Vorſchein; es war jetzt wirk⸗ lich notariell ausgefertigt. „Wollen Sie mich nicht den Wortlaut ſehen laſſen und die Höhe der Summe?“ „Es handelte ſich urſprünglich um vierzigtauſend“, flüſterte er und hielt das Papier vorſichtig nur aus der Ferne her, ohne es aus der Hand zu laſſen. „Geben Sie ſich keine Mühe, Herr Sommervogel“, ſagte ich;„man weiß, wie man es macht, auch in einem dunklen Zimmer Nullen zu malen und Verträge zu Ziel tzu mit Ftau ürfte ein auch mel⸗ wirk⸗ laſſen d“, aus gel inem fälſchen. Wenn Sie nicht auf der Stelle den Contract zerreißen, der gar keinen Sinn mehr hat, da Sie ja angeblich verlobt ſind, ſo werde ich Sie vor dem Straf⸗ gericht als Fälſcher belangen. Ihre Schlauheit hatte Zeugen!“ Bei dieſen Worten wurde das käſefarbene Antlitz des ſchönen jungen Mannes aſchgrau. Trotzdem er zitterte und mit den Knieen ſchlotterte, brachte er es doch zu einem mühſamen Lachen.„Sie haben Recht, Herr Collaborator, das Document iſt allerdings hin⸗ fällig geworden. Ich verzichte und folge ergebenſt Ihrem Wunſche, daſſelbe zu vernichten.“ Dabei zerriß er mit krampfhafter Wuth das Papier, als könne er dies Zeug⸗ niß ſeines Betrugs nicht ſchnell genug aus der Welt bringen. Dann griff er ſchleunig zu ſeinem Helm, machte eine lächerlich gravitätiſche Verbeugung und ſtürzte hinweg, ohne noch eine Silbe hervorbringen zu können. „Sie ſind eine Meiſterin, Frau Coraly“, ſagte ich, nachdem wir uns ausgelacht hatten.„Ihnen danke ich dieſen Sieg!“ „Sie wollen ſagen: einer Unwahrheit. Nun, eins hat ſie doch genützt“, ſagte ſie, indem ſie die einzelnen Stücke des Papiers zuſammenlas.„Jetzt erſt wird der alte Herr geneſen. Ich fürchtete ſchon, dieſer Menſch 116 hätte uns mit ſeiner neuen Verlobung belogen, um uns ſicher zu machen und Gretchen wieder zum Vorſchein zu bringen.“ Darin hatte die kluge Frau doch Unrecht. Wie wir ſpäter erfuhren, war der ſchöne Sommervogel wirk⸗ lich nahe daran, zum Schwiegerſohn gepreßt zu werden. Ich weiß nicht mehr, bei welcher Gelegenheit es war, ich glaube, im Gedränge bei einer abendlichen Illumi⸗ nation der Stadt, als Fräulein von Spatenkamp am Arme des ſchmucken Lieutenants plötzlich eine Ohnmacht verſpürte. Er läßt einen Wagen kommen, hebt die Bewußtloſe hinein und kramt aus ſeinen Taſchen aller⸗ lei Lebenstropfen und Riechſalze hervor. Als er die Dame glücklich nach Hauſe brachte, ſtellte ihn das kleine verſchämte Fräulein dem Präſidenten als ihren Lebens⸗ retter vor. „Mein Herr“, ſoll dieſer erwidert haben,„dieſer Dienſt iſt dankenswerth; allein ich kann über das Unziem⸗ liche Ihrer raſchen Kühnheit nur dann hinwegſehen, wenn Sie uns näher treten wollen. Ich erwarte morgen ihre weitern Erklärungen.“ Halb beſtürzt und halb beſeligt ſah ſich Herr Sommervogel ſo in die Lage verſetzt, ſich verloben zu müſſen, und dies ſolenne Ereigniß ſollte an jenem Tage vor ſich gehen, als er ſich zum letzten Male bei uns ſehen ließ. Während wir uns woch öfne der unſ Und die gebl der en uns hein Pie irk⸗ del. mi⸗ am at die ler⸗ leine bens⸗ ieſer jen wenn ihe rſcht⸗ igiiß zum zut noch freuten, ihn ſo glücklich los geworden zu ſein, öffnete ſich die Thür des anſtoßenden Kabinets und der Kopf des alten Herrn von Thhymian erſchien. „Iſt er fort?“ fragte er, indem er ſich ſpähend umſah und dann hereinkam, ein Bild des Schreckens und der Angſt.„O mein alter Freund“, ſagte er, „dieſer Menſch iſt mein Tod, mein Verderben!“ Ver⸗ geblich bemühten wir uns, ihn durch die Kunde von der Herausgabe jenes Documents auf ruhigere Gedan⸗ ken zu bringen. „Was nützt mir das“, ächzte und ſtöhnte er,„der Menſch weiß zu viel von meiner Vergangenheit. O Sie ahnen gar nicht, alter Freund, bei wem Sie ſind.“ Und ſeinen Mund meinem Ohr nähernd, ſagte er mit mühſam herausgeſtoßenen Worten:„Ich habe Fürſten umgebracht und Königinnen, ich habe Frauen und Kin⸗ der hingeopfert und brave Menſchen als Schurken ge⸗ brandmarkt, ja ich habe die ganze Menſchheit ermordet im Waſſer. Was ſoll ich ſagen, wenn ich deshalb zur Verantwortung gezogen werde!“ Ich erſchrak über dieſe Eröffnungen nicht mehr, im Gegentheil war es mir lieb, daß er ſich einmal ganz frei gehen ließ.„Und das wiſſen Sie auch noch nicht“, fuhr er wieder fort, indem er mit beiden Händen ſich an meinen Schultern feſthielt,„mein ganzes Vermögen habe ich erſchwindelt 118 durch Betrug und muß Alles wieder herausgeben auf Heller und Pfennig. Ach, ich bin ein armer Mann und werde auf der Straße verhungern, wenn ich nicht an den Galgen komme.“ Es war peinlich, alle dieſe Ergüſſe einer kranken Phantaſie mit anzuhören, und ich ſuchte ihn durch Erwähnung ſeiner Tochter auf andere Gedanken zu bringen. Aber auch das war vergeblich. „O, mein Kind weiß auch darum, daß ich meine Frau vergiftet habe, mein eigenes Kind weiß es, wenn es noch lebt. O mein Gott, o mein Gott, ich habe auch ſie in den Tod getrieben, wo wäre ſie ſonſt. Es iſt nicht wahr, daß ſie entflohen iſt, ich habe ſie ermor⸗ det!“ Und mit krampfhaftem Schluchzen brach er zu⸗ ſammen. „Dieſe fixe Idee iſt neu“, ſagte Frau Coraly leiſe zu mir.„Darauf kommt er erſt heute; es wird hohe Zeit, daß ſie wiederkommt.“ Mir aber waren während jener wunderlichen An⸗ klagen ſeltſame Gedanken aufgeſtiegen, welche für das Räthſel dieſes abnormen Zuſtandes plötzlich eine Löſung hoffen ließen. Unmöglich nämlich konnte ich zugeben, daß man es hier mit completem Wahnſinn zu thun habe; dazu fehlte die Energie der eigenen Ueberzeugung, und ſo krank der alte Herr immer noch war, ſo glichen do fil 2 — a ei leine venn auch iſt mol⸗ nn 119 doch jene Anklagen mehr momentanen Grillen und Ein⸗ fällen als wirklich firen Ideen. „Ich hätte eine kleine Bitte an Sie, Herr von Thymian“, ſagte ich.„Bitte, geben Sie mir einmal Ihre ſämmtlichen bisher erſchienenen Werke.“ Da er mich mißtrauiſch anſah, ſetzte ich hinzu: „Ich will ja nur die Einbände anſehen, Sie haben einen ſo vortrefflichen Buchbinder.“ „Ja, ja“, näſelte er,„ich weiß ſchon, was Sie ſagen wollen, der ſchöne Einband wird der einzige Vor⸗ zug der Werke ſein, aber Sie können Recht haben“, unterbrach er meine Einwendungen.„Die gewaltigen großen und erſchütternden Werke werde ich erſt noch ſchreiben, dieſe neuen Ideen ſoll mir Niemand rauben. Sie können mit dem alten Plunder machen, was Sie wollen. Dort ſtehen ſie!“ Und er wies mich zum Neben⸗ zimmer. Scheinbar abſichtslos nahm ich die ſchönen Bände in die Hand und blätterte darin; es waren meiſt Operntexte und Balladen, Oratorien und auch Erzäh⸗ lungen, alle auf eigene Koſten gedruckt und prächtig eingebunden; ich kannte die meiſten ſchon von früher her, aber meine Vermuthung, die mir aufgeſtiegen, be⸗ ſtätigte ſich. Da war eine Ballade von einem ermor⸗ deten König, von einer vergifteten Königin, da ein Ora⸗ 120 torium: Der Kindermord von Bethlehem, ferner der unglückliche Operntext der Sündflut. Es war offenbar, die Geſtalten, welche der Di⸗ lettant in Scene geſetzt, um ſie mit Vorliebe umkom⸗ men zu laſſen, hatten ſich ſeiner Phantaſie bemächtigt und füllten ſie mit drohenden Anklagen und düſtern Bildern. Endlich fand ſich auch noch ein Heft, das in Ausſchnitten eine Erzählung enthielt, welche im Feuil⸗ leton einer Zeitung erſchienen war. Gleich in den erſten Kapiteln entdeckte ich, daß es ſich um die widerrecht⸗ liche Erwerbung eines Looſes handelte, welches ohne Wiſſen des bisherigen Beſitzers einen bedeutenden Ge⸗ winn gemacht hatte. Jetzt hatte ich gefunden, was ich ſuchte. Begierig durchflog ich die Geſchichte. Richtig fand ſich, daß jenes Loos unterſchlagen wurde, welches den neuen Beſitzer zum reichen Mann machte. Ich über⸗ gehe den ſpeciellen Inhalt der Erzählung, deren Ende jedoch wunderlich genug war. Gepeinigt von Gewiſſens⸗ biſſen, ſucht der reiche Mann nach jenem frühern Be⸗ ſitzer des Lvoſes, um ſein Unrecht gut zu machen, er⸗ fährt aber zum Schluß, daß dieſer längſt nicht mehr lebt und ohne Erben verſtorben iſt. Darunter fand ſich jedoch die auffallende Redactionsnotiz jener Zeitung: „Da der Verfaſſer uns mit dem Manuſeript im Stich gelaſſen, ſo haben wir ſelbſt den Schluß erfinden müſſen.“ ng Offenbar kannte Thymian weder dieſe Notiz, noch dieſen Schluß; mir fiel ein, wie oft es der Fall ge⸗ weſen war, daß er eine Arbeit unvollendet liegen ließ. Er fing, wie es Dilettanten pflegen, hundert Sachen zugleich an und ſchreckte dann zurück, wenn ernſte Schwierigkeiten kamen. Es war bekannt, wie oft er Redactionen und Verlegern dadurch Unannehmlichkeiten bereitet, ſodaß man zuletzt alle Verbindungen mit ihm abgebrochen hatte. Jetzt aber konnte jener erfundene Schluß der Er⸗ zählung eine heilſame Wirkung auf ihn äußern; nur plagte mich die eine Ungewißheit noch, ob er mit jener Erzählung nicht doch etwa ein Stück aus ſeinem eige⸗ nen Leben erzählt und dann da abgebrochen habe, wo er ſelbſt nicht den Ausgang kannte. Doch ſofort ließ ich dieſe Vermuthung fallen, denn welcher Menſch, der eine ſolche Schuld auf dem Gewiſſen hätte, würde daraus eine Art Beichte für alle Welt machen, um ſich ſelbſt zu denunciren. Nein, das Ganze mußte reine Erfin⸗ dung ſein.“ Beruhigt rief ich Frau Coralh zu mir heran, um ihr dieſe glückliche Entdeckung zu zeigen. „Ach Gott“, ſagte ſie,„dieſe ſchöne Löſung wird jetzt nichts mehr helfen. Wir haben ja ſeine Einbil⸗ dungen immer ſo behandelt, aber jene Aushülfe, wie 122 ſie da die Redaction für gut befunden hat, kommt jetzt zu ſpät. Da leſen Sie die Zeilen, die ich heute früh unter andern Papieren gefunden habe; ſie ſind von ſeinem Banquier, wo ſein Vermögen ſtand, und genau aus jener Zeit datirt, als er, nachdem die Wunde faſt völlig geheilt war, plötzlich jene Anfälle von fixen Ideen bekam. Ich nahm das Blatt und las; es war eine Mit⸗ theilung ſeines Banquiers, daß er die jetzt fälligen Zinſen nicht zahlen könne. Alle Papiere, worin das Vermögen Thymian's angelegt war, ſeien infolge der Zeitereigniſſe o bedeutend geſunken, daß das Schlimmſte zu befürchten ſei. Von Intereſſen könne in dieſem Halbjahre keine Rede ſein. „Sehen Sie, das hat ihn außer ſich gebracht und ihm den klaren Verſtand getrübt“, ſagte Frau Coraly,„und nicht das allein. Daß er nun eintheilen mußte und ſeine Werke nicht mehr drucken laſſen konnte, daß ſie damit im Keime todt ſind, das hat ſeine Eigenliebe nicht er⸗ tragen können. Er hat ja bisher alle ſeine kleinen Erfolge nur mit ſeinen eigenen Mitteln gemacht; ſich nun plötzlich bei lebendem Leibe geiſtig todt zu ſehen, das iſt die alleinige Urſache ſeiner tollen Ausgeburten und Grillen.“ Ich mußte der klugen Frau Recht geben, doch hatte ni nu jetz früh von enau faſt deen Mit⸗ igen das der mſte eſem ihn und ſeine nit et⸗ inen ſ hen, rten atte mich dieſe Eröffnung ernſt geſtimmt weil ich die Hoff⸗ nung ſeiner Geneſung damit in weite Ferne gerückt ſah. „Alſo wirklich und völlig ein armer Mann“, ſagte ich nachdenklich. Aber ſie verſtand meinen Ton falſch. „Wirklich und völlig ein armer Mann“, wieder⸗ holte ſie, indem ſie mir prüfend in die Augen ſah. „Ich habe es Ihnen ja heute Morgen ſchon geſagt und freute mich, daß wenigſtens Gretchen in Ihren Augen ihren vollen Werth behalten hat, oder ſollten Sie ſich dennoch bedenken?“ „Dieſe Frage habe ich nicht verdient, Frau Co⸗ raly!“ rief ich beleidigt.„Gott Lob, möchte ich ſagen, daß es ſo gekommen iſt, als wenn ich gewünſcht hätte, ſie als armes Kind einſt gefunden zu haben. Jetzt kann ich doch für ſie ſorgen. Eins aber begreife ich nicht, daß ſie nichts von ſich hören läßt. Ihr Schweigen könnte mir Sorge machen, wenn ich nicht auf Sie feſtes Vertrauen ſetzte. Aber jetzt bitte ich Sie, dieſer Folter ein Ende zu machen.“ „Ich kann nicht auf den freien Willen wirken“, ſagte Frau Coraly faſt kühl und verſtimmt. „Wie meinen Sie das?“ fragte ich. „Hm, Sie haben ſich doch ein ganzes halbes Jahr nicht um das gute Kind bekümmert und jetzt auf einmal—“ 124 Noch ehe ich mir den dunklen Sinn dieſer Vor⸗ würfe klar machen konnte, tönte wieder die Hausglocke. Wir eilten beide in das Zimmer des alten Herrn zu⸗ rück, um ihn zu beruhigen; er fürchtete jeden neuen Beſuch und gerieth in nervöſe Aufregung, ſobald nur die Glocke gezogen wurde. Diesmal war es ein Brief, und welche freudige Ueberraſchung, von Gretchen's Hand ſelbſt. Der alte Herr ſchüttelte ungläubig ſein graues Haupt, als wir ihm dieſe Botſchaft brachten. „Die Todten ſchreiben keine Briefe“, ſagte er mit dem Ausdruck tiefſten Seelenſchmerzes. Es blieb nichts übrig, als ihm das Schreiben vorzuleſen. „Lieber Vater“, hieß es,„ich habe Ihre Annonce heute erſt geleſen und freue mich von Herzen, daß Sie meine Flucht verziehen haben. Dennoch getraue ich mich nicht in Ihr Haus zurückzukehren, bis ich weiß, daß jener ſchlechte Menſch keine Gewalt mehr über Sie hat. Ich wäre ſonſt doch beſtändig in Gefahr vor ihm, dem Sie mich zugeſagt haben. Wie gern würde ich ſonſt ſofort zu Ihnen eilen, um Sie zu pflegen und Ihre trüben Stunden zu erheitern.“ Haſtig riß jetzt der alte Herr den Brief an ſich und küßte die Schrift und weinte wie ein Kind. Auf einmal aber ließ er das Blatt fallen und lachte laut auf. or⸗ ocke. zi⸗ euen nur dige mes mit cht⸗ once Sie —,— 125 „Ha, das habt Ihr gut gemacht! Es iſt Alles eine Teufelei, ich bin dennoch ein Mörder und den Brief habt Ihr geſchrieben!“ „Aber Sie kennen doch die Handſchrift Ihrer Toch⸗ ter!“ rief Frau Coraly. „Bah, Handſchriften kann man nachmachen“, ſagte er mit hellen Grimm, und ein neuer Anfall ſeiner Paroxysmen ſchien bevorzuſtehen. „Sie ſehen, Frau Coraly“, ſagte ich,„es iſt keine Zeit zu verlieren, daß Gretchen wiederkehrt. Daß der läſtige Freier ſich empfohlen und daß Gretchen ein Lebenszeichen gegeben, müßte den alten Herrn ſchon heilen, aber er ſchöpft aus Allem neues Gift. Seine Krankheit wird nicht weichen, bis er ſein Kind wie⸗ derſieht.“ „Sie haben Recht“, ſagte Frau Coraly.„Wir wollen morgen eine Ausfahrt machen, wenn Sie ſo ſehr darauf beſtehen, und jetzt gehen Sie.“ Ohne mich wieder zum Wort kommen zu laſſen, trieb ſie mich davon und ich verſuchte auch nicht mehr zu bleiben, da meine Nähe ſowie unſer Flüſtern dem alten Herrn nur neue Nah⸗ rung zum Verdacht bot. Ich begab mich nach Hauſe. Das Benehmen Cv⸗ raly's erſchien mir eigentlich etwas ſeltſam und unbe⸗ rechenbar. Es iſt wahr, ſagte ich mir, die edle Frau 8 ———————— ———————— 126 hat ſo viel für mich gethan, daß ſie wohl Anſpruch auf wärmern Dank haben konnte. Sie hatte mir ihren guten Namen geopfert, und es gehörte nicht viel Scharf⸗ ſinn dazu, zu merken, daß ſie jetzt die ganze Familie Thymian's erhielt. Warum aber hielt ſie Gretchen ent⸗ fernt? Warum jene etwas abenteuerliche Aufnahme im Dunklen, wo ſie ſich gleichſam für Gretchen ausgab, und dann jener leidenſchaftliche Abſchied und heute ihre Verſtimmung, als ſie meine Ungeduld nach dem guten Kinde ſah? Sollte ſie dennoch verſteckte Abſichten ge⸗ habt haben? Die Frauen ſind ſeltſam. Sie dulden wohl, daß man ſie verehrt, ohne daß ſie etwas dafür gewähren, aber ſie dulden es nicht, daß man einer platoniſchen Liebe untreu wird. Indeſſen, wenn ich Alles bedachte, wie aufmerkſam, hülfreich und fördernd ſie ſich vom erſten Augenblicke bewieſen hatte, ſeit ſich Gretchen mir genähert hatte, ſo erſchien mein Verdacht wie eine liebloſe Entwürdigung. Und doch lag der Grund derſelben vielleicht noch mehr in den Wider⸗ ſprüchen des eigenen Herzens. Menſchen ſind wir alle, und ich müßte heucheln, wenn ich verleugnen wollte, daß ihre Handlungsweiſe wie ihre Charakterſtärke einen verwirrenden und imponirenden Eindruck auf mich machte. Hätte ich Gretchen niemals geſehen, ſo wäre ich kaum zweifelhaft geweſen, auf welche Weiſe allein ich hten arſ⸗ ilie ent⸗ im b ihre ten den ner ich ind ſih cht der ſchönen Frau meinen Dank zu beweiſen hatte; aber jetzt— Dieſe quälenden Gedanken wurden durch ein komi⸗ ſches Intermezzo unterbrochen. Mein Weg führte mich nämlich über den Markt an der Mohrenapotheke vorüber. Schon von weitem ſah ich eine Menge Menſchen in wildeſter Bewegung vor derſelben. Man konnte dieſe lauten Rufe, dieſe erohenden Geberden und geſchwungenen Stöcke kaum anders deuten, denn als Zeichen eines ausbrechenden Tumults. Ich fragte einen der Zuſchauer, was es da gebe, und erfuhr zu meinem Staunen überraſchende Dinge. Der Präſident nämlich, der jetzt das béte noire der ganzen Stadt war, habe ſich mit einer Dame in die Apotheke flüchten müſſen, um den Inſulten des Volks zu entgehen. Man habe ihn bereits mit Steinen und faulen Aepfeln geworfen. Jetzt werde er ſich nun nicht wieder heraustrauen; und bis die Polizei oder das Miliär kam, ſchien es wirklich zu gewaltthätigen Auftritten zu kommen. Raſch entſchloß ich mich und rief einen Wagen heran, dann drängte ich mich durch zur Apotheke und hielt eine kurze Anrede an das zügelloſe Volk. Kaum hörte man meine Stimme und meinen Namen, der von 128 Mund zu Mund flog, als die Stimmung umſchlug. Man begrüßte mich als einen Märthyrer, den man längſt erſchoſſen glaubte, und ohne Widerrede machte man jetzt bereitwillig Platz vor der Apotheke. Ich trat hinein und hörte im Nebenzimmer des Ladens einen heftigen Wortwechſel, der mit einem Male endete, als ich eintrat. Kreideweiß wie ein Geſpenſt trat mir Herr Sommervogel entgegen; als er mich erkannte, überflog eine jähe Röthe ſeine verſtörten Züge, dann verſuchte er mit einem gewiſſen Selbſtgefühl zu lächeln und ſtellte mir die anweſende Dame— es war wirklich Fräulein von Spatenkamp— als ſeine Braut vor. „Wer iſt Ihre Braut!“ rief das kleine Fräulein in ſprudelnder Entrüſtung und zitterte am ganzen Leibe.„Ich hielt Sie für einen Offizier, für einen Cavalier, und Sie ſind nichts als ein Salbenkrämer, ein Pflaſterſchmierer— 0o quelle horreur! Ich falle in Ohnmacht! So bin ich niemals in meinem Leben be⸗ trogen worden! Das iſt noch toller wie in Caſtellamare! Aber Sie ſind mein Retter!“ rief ſie, als ſie meiner anſichtig ward, und flog mir in die Arme, Alles rings um ſich vergeſſend. Dieſe Wendung war ſo komiſch, daß ich meine Heiterkeit nur ſchwer unterdrücken konnte und auch vergeblich Hülfe von dem Präſidenten erwartete, der chlug. üingſt man des Male ſpenſt nich züge zu war vor. inlein anen einen ämel, e in n be⸗ nare einer ring⸗ neine alch der wie ein zerknicktes Rohr daſtand und völlig automatiſch bald die Hände faltete, bald von ſich ſtreckte. Als er mich ſah, ſtarrte er mich mit einem Ausdruck des Ent⸗ ſetzens an, als ſei ihm ein Geſpenſt aus der andern Welt erſchienen. Nur mit Mühe konnte ich dem be⸗ mitleidenswerthen Herrn und ſeiner Nichte in aller Eile die Sachlage klar machen, um ſie einige Minuten ſpäter zum Wagen zu führen, der vor der Thür hielt. „Das danke Ihnen der Teufel!“ rief mir Herr Sommervogel, der ſich urplötzlich ſeine glänzende, vor⸗ nehme Braut entzogen ſah, mit geballten Fäuſten nach. Ich ließ die Geretteten, welche den ganzen Ernſt und die ganze Gefahr ihrer Situation noch immer nicht zu begreifen ſch enen, in den Wagen ſteigen und befahl zuzufahren. Das Volk verhielt ſich mäuschenſtill und gleich darauf brachte man mir ein ſtürmiſches Hoch aus, und im Triumphzug wurde ich trotz meines Ab⸗ wehrens nach Hauſe begleitet. Mir war dies ganze Begegniß nicht ſehr angenehm. War es auch eine Art Genugthuung, durch dieſe Rettung feurige Kohlen auf dem Haupte desjenigen zu ſammeln, der mir ſo viel Leid bereitet hatte, ſo ſah ich doch voraus, welches Gift dieſer gefährliche Menſch aus einem Auftritt, der vor aller Augen geſpielt hatte, mir bereiten würde, Groſſe, Der neue Abälard. II. 9 5 130 um meiner Vereinigung mit Gretchen neue Schwierig⸗ keiten in den Weg zu legen. Daß er der vornehmen Familie ſeinen wahren Stand verheimlicht hatte, ſah ihm nur zu ähnlich, auch daß das kleine Fräulein nie darauf gekommen war, daß ein Bürgerwehroffizier doch ſonſt noch etwas ſein möſſe, war bei ihrer fahrigen Natur nicht zu verwundern; aber daß der Präſident nicht nähere Nachforſchungen angeſtellt und lediglich aus Zufall in dem Beſitzer der Mohrenapotheke' ſeinen künftigen Neffen entdeckt haben ſollte, das wollte mir nicht in den Kopf. Vielleicht wußte er von Anfang an die Wahrheit und wollte ſeiner Nichte eine kleine Lection nicht erſparen. Dies beſtätigte ſich auch in der Folge. Vorläufig aber war Herr Sommervogel ſeine reizende Braut los, und ich durfte von dieſem intri⸗ ganten Menſchen alles mögliche Ueble erwarten. Dies noch mehr als jene quälenden Gedanken in Beziehung auf Frau Coraly beſtimmte mich, noch in der Nacht nach Otternbeck aufzubrechen und mich vor allen Dingen meines Gretchens zu verſichern. Frau Coraly hinterließ ich eine Karte, die ſie von meinem Entſchluß in Kenntniß ſetzte und die Erwartung aus⸗ ſprach, daß ſie morgen nachkommen würde. Mit einbrechender Nacht befand ich mich bereits auf der Landſtraße und ſchritt rüſtig vorwärts, wie — — ——— ————— einſt, als wir in luſtigen Studentenzeiten das Land nach allen Richtungen durchmaßen. Die Sterne ſchienen herab, und mir war, als wenn ich einem neuen Leben, einer heitern, ſturmſtillen Zukunft entgegenwanderte. Je weiter ich ſchritt, deſto leichter ward mir um das Herz, als ſei ich einer großen Gefahr entronnen. Auch jetzt noch ſtand Coraly's Ge⸗ ſtalt wie ein dämoniſches beſtrickendes Räthſel vor mir, verführeriſch, verwirrend und ein unlösbares Problem; ſo ſehr ich mich anſtrengte, konnte ich ihr Bild nicht aus meinen Gedanken bringen. Sie hatte mich zwar mit Gretchen zuſammengebracht, ſie hatte für mich ge⸗ handelt, aber zuletzt ſah ihr Betragen aus, als habe ſie Alles doch nur um ihretwillen gethan; ſie war immer noch ſchön und bezaubernd, und wer in der Welt wollte es einer lebensluſtigen Frau verdenken, daß ſie auch an ſich denkt. Ich muß wiederholt bei dieſem Räthſel verweilen, nicht als ob es nur im geringſten meiner Eitelkeit geſchmeichelt, die Aufmerkſamkeit und das Intereſſe der ſchönen Frau bis zu ſo hohem Grade erweckt zu haben, im Gegentheil war mir dieſe Auf⸗ opferung peinlich, weil ich nicht wußte, wie ich ſie er⸗ widern ſollte. Und gedachte ich nun jener hohen hei⸗ ligen Jugendleidenſchaft, die einſt Jahre des Leides über⸗ ſtrahlt hatte, ſo war es wohl natürlich, daß neben den neuen magiſchen Banden, die ſie um mich ſchlang, meine Treue für Gretchen faſt ſpießbürgerlich und kleinlich pedantiſch erſchien. Coraly freilich hatte nie⸗ mals verrathen, was ſie eigentlich plante und wollte, aber dieſe Selbſtloſigkeit einer Frau, die nur Andere glücklich machen will, ohne ſelbſt beglückt zu ſein, was ſie ſo ſehr verdiente, machte mir ihre Geſtalt nur über⸗ natürlicher und unwiderſtehlicher, ja, ich hatte allen Grund, vor mir ſelbſt auf der Flucht zu ſein und mich zu der Geliebten zu retten. Dorf und Schloß Otternbeck liegt gute fünf Meilen von der Stadt entfernt. Die Hähne krähten eben, als ich nach gewaltigem Marſche von ſieben Stunden den ſchlanken Kirchthurm des Dorfes im erſten Tagesgrauen aus den Tannen des Thals tauchen ſah. Dort alſo lebte mein holdes, ſüßes Kind in gänzlicher Abge⸗ ſchiedenheit und Einſamkeit. Wie rührend und hülflos erſchien mir jetzt ihre Geſtalt, wie herzlos und verächt⸗ lich ich ſelbſt, daß ich mich beinahe ein halbes Jahr nicht um ſie bekümmert hatte. Ja, Frau Coralh hatte ganz Recht, mir ernſte Vorwürfe deshalb zu machen, obgleich ich wirklich nicht wußte, wie ich anders hätte handeln ſollen. In früherer Zeit ſchon war ich gelegentlich mit Frau Coraly hier auf dem Rittergut geweſen und konnte darauf rechnen, von den Dienſtleuten gekannt zu ſein. Eine Stunde lang und mehr ſtreckte ich mich auf die trockenen Nadeln des Waldes, um mich aus⸗ zuruhen und erſt den Tag völlig heraufziehen zu laſſen. Endlich, als die Glocken der Dorfkirche zum erſten Mal läuteten— es war gerade Sonntag— machte ich mich auf den Weg hinab und kam durch die hohen ſchönen Parkanlagen unbemerkt auf den Hof des Gutes. Ein Bedienter lief vorüber, ohne mich zu beachten, der alte Gärtner, der aus dem Fenſter eines Nebengebäudes ſah, ſchlug, ohne mich zu begrüßen, das Fenſter zu. Ich war bis in die ſchöne ſteinerne Halle des Erdgeſchoſſes gekommen, als eine Köchin über eine Seitentreppe kam. Als ſie mich ſah, ſchrie ſie laut auf und enteilte. Ich wußte nicht, was ich von alledem denken ſollte, und ſchon begann ich die Beute der ſchwärzeſten Ahnungen —— —— — — ⁰ zu werden. Endlich kam ein Menſch in Livree aus einer Sei⸗ tenthür, ein fremder Menſch, den ich niemals hier ge⸗ ſehen hatte. „Was beliebt, mein Herr?“ fragte er mich mit fremdem Aecent. Jetzt befand ich mich in der That in einiger Ver⸗ 1 legenheit, denn ich konnte doch dieſen Burſchen nicht nach meiner Braut fragen. Um zu prüfen, ob er von ———— ihrer Anweſenheit wiſſe, fragte ich deshalb mit einiger Unbeſtimmtheit: „Es muß ein Gaſt aus der Stadt auf dem Gute ſein— würden Sie mich jetzt melden können?“ Der Menſch ſchien mich nicht zu verſtehen oder mich für einen Hülfeſuchenden anzuſehen. Als ich ärgerlich und dringender wurde, ſagte er auf einmal: „Nun, ſo will ich's dem Herrn ſagen. Er wird ſchon aufgeſtanden ſein.“ „Welchem Herrn?“ fragte ich. „Nun, dem Freiherrn von Ribbeck. Er iſt geſtern angekommen, und Sie wollen ihn doch ſprechen?“ Ich packte den Burſchen bei der Bruſt.„Menſch, habe mich nicht zum Beſten hier. Ich kenne keinen Freiherrn von Ribbeck!“ Der Burſche nahm meine Bewegung übel und fing an, Lärm zu machen, offenbar, um mich mit Ge⸗ walt aus dem Schloſſe zu entfernen. In dieſem Augen⸗ meck öffnete ſich eine Thür zur Seite, und wahrlich— da ſtand er, mein alter Freund Alban von Ribbeck, aber grau und verfallen wie ein Burggeſpenſt, und damit ſtand auch ſein fremdartiger Anzug— ein lan⸗ ger ſeidener Talar von dunkler Farbe— in Einklang. Auf dem Kopfe trug er einen rothen Fez. Ich wußte immer noch nicht, ob ich meinen Sinnen trauen ſollte, —— — ihn, den ich ſeit Jahren als todt betrauert hatte, plötz⸗ lich am Leben zu ſehen. Ich ſtürzte ihm entgegen und wollte ſeine Hand ergreifen. Er aber wich zurück, ohne meine Erregung zu theilen, und begrüßte mich ſteif und förmlich und völlig ſo ohne Ueberraſchung, als wenn er mich erwartet hätte. Ich konnte im Moment nicht zu mir kommen und meine Gedanken wirbelten wild durcheinander. Coralh war alſo niemals Wittwe, niemals frei geweſen, oder hatte er ſich von ihr getrennt? Ich wußte nicht, was ich denken ſollte. „Du biſt alſo wirklich am Leben?“ rief ich.„Welche unerhörte Ueberraſchung, alle Welt betrauerte Dich ſeit Jahren als todt!“ „Ganz recht“, ſagte er,„ſo habe ich es gewollt, und es freut mich, daß man darin Wort gehalten hat. Eigentlich wollte ich nicht wiederkommen nach Europa.“ „Wiederkommen nach Europa? Du warſt alſo in einem fernen Welttheil? Wie iſt das Alles mög⸗ lich, und was werde ich hören müſſen!“ „Ja ſagte er phlegmatiſch und tonlos,„ich war im Kloſter des Berges Karmel, aber es wurde zu langweilig mit der Zeit, ich wollte doch wieder ein⸗ mal nach meinen Gütern ſehen in aller Stille und dann wieder fort, aber ich ſehe, man kann nichts unternehmen, ohne daß man geſtört wird und ausge⸗ kundſchaftet. Man will mir meine Ruhe nicht gönnen!“ „Geſtört, ausgekundſchaftet— wie ſo, alter Freund? Ich gönne Dir Deine Ruhe von Herzen.“ Er ſchwieg darauf eine Weile und ich hatte Muße, den ſo unverhofft Wiedergefundenen, Wiedererſtandenen zu betrachten. Alban von Ribbeck war einſt ein hüb⸗ ſcher junger Mann von eleganten Manieren geweſen. Jetzt war ſeine Haltung müde und nachläſſig. Sein Geſicht war lederfarben und ſeine ſchönen ſchwarzen Locken hatten bereits einen grauen Anflug. Dazu kam der ſtruppige lange Bart, den er ſich hatte wachſen laſſen. Und wenn auch ſeine ſonore Stimme ihr altes Metall bewahrt, ſo hatte ſeine ganze Erſcheinung etwas Fremdartiges gewonnen. Es war wie ein Hauch von Trauer über die ganze Geſtalt gebreitet. Die einſt lebensvollen, jugendtrunkenen Augen erſchienen nach innen gekehrt. Und doch war er in dieſem neuen Cha⸗ rakter ſo feſt und in ſich abgeſchloſſen, daß das einſtige Bild des heitern, lebensluſtigen, ſchwärmeriſchen Freun⸗ des ſofort vernichtet war. Alban war bedeutender ge⸗ worden. Natürlich waren dieſe Beobachtungen und Vergleiche nur ſehr flüchtige und ungeduldige. Meine Spannung, den Schlüſſel zu dieſer merkwürdigen Wandlung zu erhalten, war zu groß, um mich den —,— 137 Erinnerungen an die einſtigen Tage hinzugeben. Alban ſchien den Eindruck, den er auf mich machte, wohl zu bemerken. Ein bitteres Lächeln glitt über ſeine Lippe. „Nun, was bringſt Du mir?“ fragte er mit dem trockenſten Tone von der Welt. „Ich bringen? Nichts in der Welt!“ „Wir werden uns doch wahrſcheinlich Erklärun⸗ gen zu machen haben“, fuhr er fort.„Biſt Du wirk⸗ lich glücklich geworden mit ihr? Ich möchte es wün⸗ ſchen, um vollkommen beruhigt zu ſein.“ Ich muß wohl ein ſonderbares Geſicht zu dieſen Worten gemacht haben, denn plötzlich flammte ſein Auge auf. Er ergriff mich am Arme und ſchüttelte mich.„Menſch, foltere mich nicht! Vieles habe ich er⸗ wartet, und auf Alles war ich gefaßt, aber daß ſie Dich ſchicken würde, Dich, der mein Glück zerſtört hat, das iſt ausgeſuchter Hohn und verdiente eigentlich einen Gang in Waffen, wenn es die elende Schlange werth wäre!“ Ich entzog mich ziemlich heftig ſeiner Berührung und ſtellte mich ihm mit Entſchiedenheit entgegen. „Wenn wir uns verſtehen ſollen, ſo rede in menſch⸗ licher Weiſe, bis jetzt haſt Du mir nur Räthſel auf⸗ gegeben.“ Alban von Ribbeck ſchien von meiner Haltung überraſcht und ſah mich eine Weile mit einem prüfen⸗ den und lauernden Blicke an; dann legte er wieder die Hand auf meine Schulter.„Auch mein Wunſch iſt es, daß wir uns verſtehen. Du lebſt doch in— burg?“ Und er nannte den Namen meiner Heimatsſtadt. „Allerdings“, antwortete ich,„ſchon ſeit langen Jahren.“ Wieder wurde er erregt.„Aber in— burg lebt noch Jemand, ich will den Namen nicht nennen. Du weißt, wen ich meine.“ „Ich kann es wohl errathen“, ſagte ich.„Du meinſt Deine Frau.“ „Alſo doch“, fuhr er wild auf, mäßigte aber ſo⸗ fort ſeine Stimme wieder.„Nun alſo, was läßt ſie mir ſagen durch Dich?“ „Sagen durch mich? Närriſche Frage! Nichts in der Welt, ich bin ſogar feſt überzeugt, daß ſie nicht die leiſeſte Ahnung von Deiner, Ankunft hat.“ „Und hat ſie nie von mir geſprochen?“ „Niemals, das kann ich auf Ehrenwort verſichern; ſie lebte als Wittwe.“ „Alſo war ich wirklich todt für ſie!“ Er ſagte das mit ſeltſam weicher Stimme und ſeine ſchroffe Haltung war völlig in eine gebrochene übergegangen.„H ich habe es um ſie verdient!“ fuhr er fort.„Wie ſoll ſie —————— 139 auch anders? Ich habe ſie verſtoßen, wir ſind geſchieden für immer, und weshalb? Deinethalben. Deinethalben allein, nun weide Dich an Deinem Werk!“ Er hatte das Alles ſtoßweiſe und mit ſichtbarem Seelenſchmerze vorgebracht. Der Arme hätte mich gedauert, wenn mich ſeine tollen Beſchuldigungen nicht erbittert hätten. „Wenn ich noch ein Wort von Dir anhören ſoll“, ſagte ich ärgerlich,„ſo muß ich Dich bitten, mir klar und deutlich zu erzählen, was zwiſchen Euch geſchehen iſt. So kommen wir nicht vorwärts miteinander. Erzähle Deine Geſchichte; ich habe nichts von Dir ge⸗ wußt, als daß Du todt ſeieſt. Daß Ihr Euch getrennt, davon höre ich heute das erſte Wort, und zu Deinem Glück, ich würde Dich ſonſt zur Rede geſtellt haben, wie und warum Du Deine herrliche Frau verlaſſen konnteſt. Mir ſcheint, Du biſt Coraly's von Anfang an nicht würdig geweſen!“ „Nenne ihren Namen nicht!“ rief er leidenſchaft⸗ lich.„Ich will keine Vorwürfe. Die Schuld iſt nicht mein allein, ſie war gleich auf beiden Seiten, doch das iſt eine lange Geſchichte.“ Eine Weile ſtand er in Nachſinnen verſunken, dann deutete er nach der Glasthür, an welche ſich ein bedeckter Laubengang an⸗ ſchloß.„Gehen wir“, ſagte er und öffnete die Thür. Wir traten in den ſtillen einſamen Garten; die Sonne 140 blitzte durch die welken Blätter, und die Glocken der Dorfkirche läuteten zum zweiten Mal. Lange ſchritt er wortlos neben mir, als könnte er den rechten Anfang nicht finden. Endlich entrang ſich ein tiefer Seufzer ſeiner Bruſt. „Zanke nur, ſchmäle nur, Du haſt Recht“, ſagte er,„ich habe ſie vielleicht nicht verdient, ich habe ſie mißhandelt, ich wußte, ſie hätte mit einem Andern glücklicher ſein können, mit einem Andern, mit Dir! Und darum biſt Du der Grund meines Unglücks. Laß mich ausreden; meine Geſchichte iſt lehrreich für alle, die ſich gern opſern und wunder wie edelmüthig zu handeln meinen, wo ſie doch nur Unheil ſäen. Da weißt, daß es uns anfangs gut ging, wir kamen aus dem Abgrund wieder auf die Höhe des Lebens, wir waren ein beneidetes Paar, und wolkenloſes Glück ſchien über uns zu ſtrahlen ach, es ſchien nur. In einer ſchwachen Stunde beging ich eine Unvorſichtigkeit; ich gedachte Deiner und erzählte von Deiner wahn⸗ ſinnigen Liebe, von Deiner großmüthigen Aufopferung, der wir unſer Glück verdankten. Da wurde ſie be⸗ troffen und nachdenklich und fragte mit einer Wärme und Leidenſchaft nach Dir und Deinem Aufenthalt, daß ich erſchrak. Und von jenem Tage an ſtandeſt Du mit Deiner rührenden Duldermiene wie ein — 11 † ſtörender Schattenzwiſchen uns, dendie Ferne, die Phan⸗ taſie und Pietät nur verklären konnten. Ich fühlte, daß ich einen Fehler begangen und nichts von Dir hätte erzählen dürfen. Sie fragte ſeitdem wohl alle Tage nach Dir und trieb mich an, mich wieder in Verbindung mit Dir zu ſetzen. Die natürliche Folge waren zuerſt Verſtimmungen, nachher leidenſchaftliche Auftritte. Sie war vom Glücke veredelt worden, aber nicht ich. Nachdem wir die Bühne verlaſſen, führte ich ſie bei meiner Familie und meinen Standesgenoſſen ein. Zuerſt ging Alles gut, aber es hatte keine Dauer. Die frühere Schauſpielerin erregte Anſtoß, man fand ihr Benehmen excentriſch und auffallend, und je mehr ſie ſich Mühe gab, durch geiſtreiche Laune und ſprudeln⸗ den Humor die Herzen zu gewinnen, deſto mehr kam ſie in den Ruf einer leichtfertigen Perſon; ſie konnte eben den richtigen Ton nicht treffen, wie ihn meine ſteifleinenen, verroſteten Verwandten liebten und als Zeichen der Ehrbarkeit forderten. Es konnte nicht aus⸗ bleiben, daß ſie Demüthigungen erlebte, die mich mit demüthigten. In ſolchen Stunden der Verſtimmung verſuchte ich Zurechtweiſungen, aber ich mißhandelte ſie damit moraliſch. Und flüchtete ſie dann zu Deinem Andenken, ſo ward'ich vollends raſend. Seit jenen Erfahrungen behandelte ſie mich ſichtlich kälter, bald 142 zeigte ſie mir Spott, bald Geduld und Demuth und leidende Ergebung in ihr Schickſal. Dieſe Reſignation konnte ich vollends nicht ertragen; obwohl ich ſie heim⸗ lich noch liebte, verdarb meine unglückliche Gemüths⸗ art doch Alles wieder. O Du haſt mich einſt heiter und übermüthig gekannt, aber damit war es vorbei, ſeitdem ich ſah, daß ſie mein Opfer war. Endlich gab ich ihr die Freiheit wieder, die volle Freiheit. Ich ver⸗ langte, ſie ſolle mich als geſtorben anſehen, und ſetzte ihr dies Gut zu ihrem Unterhalt aus. So haben wir uns getrennt und ſie machte auch keinen Verſuch, mich zurückzuhalten. Ich bin ſeitdem in Indien geweſen und in Afrika, bis ich auf dem Berg Karmel ein Aſyl für meine Unruhe fand. Ach, dort in fernen Landen erſt habe ich fühlen gelernt, wie wahnſinnig ich dies wunderbare Geſchöpf immer noch liebte, aber mein Stolz hielt mich ab, umzukehren, wohl auch der Zorn, denn ich hörte, daß ſie ſich nun ganz nach— burg ge⸗ wendet habe, und ich wußte, daß Du dort lebteſt. Nun war Alles entſchieden und jeder Gedanke an Rückkehr war verbannt. Jetzt bin ich nur gekommen, um die Verwaltung und einiges Andere definitiv zu ordnen, dann gehe ich wieder fort. Mag ſie weiter leben in ihren Sünden, ich habe ihr keinen Vorwurf zu machen.“ Er ſchwieg und auch ich, von dem Eindruck dieſer ſeltſamen Bekenntniſſe gebannt, fand lange nicht das rechte Wort der Erwiderung; endlich aber brach doch eine Ueberzeugung mit ſiegreicher Gewalt durch. „Mein alter Freund“, ſagte ich,„nach Allem, was ich hier höre, ſehe ich doch nur eine Nothwendig⸗ keit für Euch— es iſt die der Verſöhnung.“ Alban lächelte herbe vor ſich hin und zuckte die Schultern. Ich überlegte, wie ich durch die That etwas beitragen könnte, dieſen Schritt vorzubereiten. „Du ſcheinſt es für unmöglich zu halten“, ſagte ich,„daß Frau Coraly jemals andern Sinnes werden könnte. Erlaube mir eine Frage! Weiß ſie, daß. Du hier biſt?“ „Nein“, erwiderte er;„ich bin incognito zurück⸗ gekommen und will auch nicht, daß ſie davon erfahren ſoll. Ich bin zufrieden, wenn wenigſtens ſie ganz glücklich geworden iſt.“ Dabei ſah er mich mit forſchendem Blick an. „Meinſt Du mit mir?“ rief ich.„Ich kann Dir nur wiederholen, daß Frau Coraly Wittwe geblie⸗ ben iſt.“ „Das iſt doch keine Schranke für die Freundſchaft, und ich beſorge nicht, daß ſie es Dir ſchwer gemacht haben wird, ſie zu erringen!“ Dieſe unwürdige Denkart empörte mich.„Du biſt — ein unverbeſſerlicher Läſterer und Verleumder!“ rief ich.„Ich kann Dir ſchwören—“ „Schwöre nicht“, unterbrach er mich.„Ich glaube es doch nicht. Ich gönne ſie Dir. Es iſt der Lauf aller Freundſchaft, daß man ſich betrügt, wenn ein Weib ins Spiel kommt. Laß meine Hand los, ich haſſe Dich, morden könnte ich Dich, ja ich habe Dich tauſendmal ermordet in Gedanken, hier biſt Du unter meinem Dache und ich werde Dich ſchonen, wie der Araber ſeines Feindes ſchont. Doch draußen Kampf, ewigen, unverſöhnlichen Kampf! Lebe wohl!“ Alſo offener Bruch und offene Feindſchaft in der erſten Stunde unſeres Wiederſehens. Eine unſagbar bittere Empfindung zerſtörte die Freude und Hoffnung, die ich bereits an dies unerwartete Zuſammentreffen knüpfte, und dazu kam die Rathloſigkeit, dieſen ſelbſt⸗ quäleriſchen Geiſt zu ſeinem eigenen Beſten von dem Wahn ſeiner Einbildungen zu überzeugen. Wir waren durch den Laubengang zurückgekehrt und Alban im Begriff, ſich zu entfernen. In dieſem Augenblick kam eine junge Dame die Treppe herab, welche zu der des obern Stockes führte. Es war Gretchen. Ein Blick ein Ruf der Ueberraſchung, und ſie eilte in meine Arme. . ———————— —— mn nter der npf det gbr ung, effen lbſ⸗ dem ſehrt die bern f der „Biſt Du nun überzeugt?“ ſagte ich zu Alban, „Hier ſtelle ich Dir meine Braut vor, ich überhaupt hierher gekommen bin.“ Roch lange ungläubig vernahm Alban meine wei⸗ tern Mittheilungen und Nachweiſe über meine eigene wunderliche Herzensgeſchichte. Er wußte allerdings vom Aufenthalt einer fremden jungen Dame auf dem Schloſſe, doch hatte er dieſe als angebliche Geſellſchafterin oder Beſchließerin im Dienſte ſeiner Frau nicht weiter beachtet. Ich ſage, er lauſchte ungläubig meiner Er⸗ zählung; doch ſah ich, daß ein ſtiller innerer Friede ſich über ſeine müden und abgehärmten Züge breitete. Und meine lebhafte Ueberredung, er ſolle und müſſe ſeine Frau wieder zu ſich nehmen, fand ſpäter keinen andern Widerſpruch mehr als den des Mißtrauens. „Was hilft mir das Alles“, ſagte er,„ſie wird mich nicht mehr wollen.“ „Das wollen wir abwarten“, erwiderte ich, hütete mich aber wohl, daß Coraly's Ankunft nahe bevorſtand. Nur M einer Ueberrumpelung konnte wich noch eine kliche Wendung hoffen; hätte er gewußt, ſi eits auf dem Wege, er würde das Ganze für eine abgekartete Falle angeſehen haben und wäre im Stande geweſen, ſofort wieder abzureiſen. Was ſoll ich noch hinzuſetzen? Groſſe, Der neue Abälard. II. 10 Am Nachmittag kam Frau Coraly mit dem alten Herrn von Thymian angefahren. Lange hielten ſich Vater und Tochter umſchlungen, und ich ſah mit Freude, daß mit dieſer ſchönen Stunde auch die Geneſung des alten Herrn aus Geiſtesver⸗ wirrung und grillenhafter Schwermuth ſo gut wie ge ſichert war. Begieriger noch war ich darauf, wie ſich die Sache zwiſchen Coraly und Alban entwickeln werde, deſſen Mißtrauen, wie ich richtig geahnt hatte, in demſelben Moment erwacht war, als die Gäſte vor dem Schloſſe anlangten. Seitdem war Alban unſichtbar geworden. Nicht ganz ohne Sorge, beſchloß ich, Coraly auf die Anweſenheit ihres Gatten vorzubereiten, und ſuchte Gelegenheit herbeizuführen, ſie allein zu ſprechen. Glück⸗ licherweiſe fand ſich dieſe in jenem Laubengange früher, als ich gehofft hatte. Die ſchöne kluge Frau freute ſich innig, daß Gretchen und ich nun auf immer verbunden waren, und drückte mir ihre Glückwünſchs in der wärmſten und herzlichſten Weiſe aus. k. „Theure Freundin“, ſagte ich,„ich Rehme Ihre Theilnahme mit reinſter Freude an; trotzdem bleiben mir noch einige offene Fragen.“ Sie ſah mich über⸗ raſcht und mit faſt ſchalkhaftem Ausdruck an. Wozu —— —— ——— —— ——— 147 ſollte ich eigentlich fragen? Daß ſie mein Verhältriß mit Gretchen ſo haſtig gefördert hatte, um einer mög— lichen eigenen Verſuchung zuvorzukommen, das war mir jetzt ſonnenklar, und daß ſie vielleicht gemeint hatte, ich ſei wieder völlig frei geworden, als ich mich um Gretchen nicht mehr bekümmerte, daß ſie ſich ſelbſt zürnte, weil ſie ſich in dieſer Vorausſetzung eine Blöße gegeben, auch das ſchien mir jetzt klar und kei⸗ ner Frage zu bedürfen, aber ich wollte es dennoch aus ihrem eigenen Munde hören. „Sagen Sie mir, theure Freundin, in Ihrer Handlungsweiſe iſt mir noch ein Räthſel geblieben. Warum eigentlich haben Sie Gretchen ſo lange ver⸗ borgen gehalten? Die Sicherheit vor jenem Zudring⸗ lichen war doch nur ein Nebengrund.“ „Das war ſie auch“ ſagte ſie,„aber die Haupt⸗ ſache waren Sie! Das arme Kind härmte ſich, weil es ſich von Ihnen verlaſſen ſah. Ich hoffte, ſie ſollte hier ihre thörichte Leidenſchaft völlig vergeſſen.“ „Und davon ſagten Sie mir nichts?“ „Weil ich Sie auf die Probe ſtellen wollte. Wenn ich gefunden hätte, daß Sie Gretchen nicht mit ganzem Herzen angehörten, daß Sie das gute Kind einſt unglück⸗ lich gemacht haben würden, dann hätte ich mein gutes Werk wieder zerſtört und Sie beide auf immer getrennt.“ 10* . 148 „Etwa, um dann eine andere Eutſcheidung zu meinen Gunſten zu treffen?“ „Niemals!“ rief ſie mit Entſchiedenheit, und um ihre Lippen zuckte etwas wie Hohn.„Sie hätten uns beide verloren, niemals hätte ich Ihnen gehören kön⸗ nen, glauben Sie mir das!“ „Soll ich das der Wittwe glauben oder blos der geſchiedenen Frau?“ Sie ſah mich übertaſcht an.„Woher wiſſen Sie? Gleichviel, Sie haben Recht, Alban lebt ewig für mich fort, und wenn er mich auch verſtoßen hat, ich werde ihm dennoch meine Treue bewahren.“ „Ich danke Dir für dies Wort, Coraly“, ſagte eine tiefe Stimme hinter uns, und Alban trat aus einer verſteckten Laube hervor. Coralh ſchrie beim Klange dieſer Stimme laut auf und im nächſten Augen⸗ blick lag ſie an ſeiner Bruſt. Die Gatten hatten ſich wiedergefunden. Ich habe nur wenig hinzuzufügen. In einigen Monaten war Gretchen meine Frau. Auch die Directorftelle eines Inſtituts für Frauen ward mir übertragen, allerdings im Auslande, denn die ſieg⸗ reiche Reaction erhob ihr Haupt und duldete Niemand, der in der Zeit der Bewegung eine wenn auch nur vorübergehende Rolle geſpielt hatte. Aber auch in der ₰ — 149 Ferne erhielten wir Nachrichten aus dem Heimatlande. Herr Sommervogel, um noch ein Wort von ihm zu ſagen, duldete im Joch des Fräulein von Spatenkamp, wie er es verdiente.⸗Der Präſident hatte mit Gewalt darauf beſtanden, daß die ſeltſame Partie dennoch zu⸗ Stande kam. Seitdem er penſionirt iſt, lebt er in einer kleinen billigen Stadt und das Glück ſeiner Nichte, die mit dem geplagten Exapotheker häufig wie Hund und Katze zuſammenlebt, verſchönt den Lebensabend des einſt Gefürchteten. Frau Coraly hat Otternbeck nicht mehr verlaſſen. Ihr gewagtes Auftreten vor Gericht zu meinen Gun⸗ ſten hat ihr die Stadt fortan unmöglich gemacht. Glücklicherweiſe hat ihr Gemahl niemals davon erfahren. Der alte Herr von Thymian aber lebt bei uns und ſchaukelt ſeine Enkel. Er hat ſich völlig wieder erholt zu ſtillvergnügtem Daſein und Wirken. Als Vater Noah pflanzt er Reben auf unſerem Landgut und iſt fröhlich, daß er die Sündflut ſeines eignen Lebens überdauert hat. Ende. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Uene Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Nomaden. Ro man von Robert Byr. 5 Bände. 8o. Elegant geheftet. Preis 4 Thlr.— ——— — —— ————— ———— Non possumus. Roman — —————— von Fr. Hilarius. 3 Bände. 8o. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Das Thurmkätherlein. Eine Erzählung aus dem Elſaß von Auguſt Becker. 4 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis Thlr. 4— — Reue Romane aus dem Berlag von Ernſt Zulius Günther in Teipzig. Standes-Vorurtheile. Roman von Alfred Steffens. 4 Bände. 8o. Flegant geheftet. Preis 3 Thlr. Verfloſſene Stunden. Novelle von S. Junghans. 1 Band. 8o. Elegant geheftet. Preis 22 ½ Ngr. Alles um ein Richts. Roman ——— von Georg Köberke. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis Thlr. 2 15 Perlag von Ernſt Zulius Günther in Teipzig. Das Vermächtniß der Millionärin. Roman von E. Waldmüller-Dubot. 3 Bände. 8o. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. König Anguſt und ſein Goldſchmied. Roman von Franz Carion. 3 Bände. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. Der große Baron. Eine Geſchichte Edmund Höfer. Zwei Bände. 160. Geheftet. 1 Thlr. 10 Ngr. ——— ———— Ueue Romane aus dem Verlage von Eruſt Julius Günther in Leipzig. Mütze und Krone. Roman von Herman Schmid. 5 Bände. Elegant geheftet. Preis 4 Thlr. In der Welt verloren. Q0 Eine Erzählung von Edmund Hoefer. 4 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Richel. Geſchichte eines Deutſchen unſerer Zeit. Von Sohannes Scherr. Zweite Auflage. 4 Bände. 8d. Geheftet. Preis 3 Thlr. — Uene Romane aus dem Verlage von Ernſt Julins Günther in Leipzig. Die Rheiderburg. Erzählung voni Tevin Schücking. 2 Bände. 16. Geheftet. Preis Thlr. 1 15 Deutſche Kämpft. Zwei Erzählungen von Cevin Schücking. 2 Bände. 80. Eleg. geheftet. Preis 1 Thlr. 15 Ngr. El paso de las animas. Roman von E. von Bibra. 2 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr.⸗ —— — Berlag von Ernſt Zulius Günther in Teipzig. Ein muthiges Weib. Von der Verfaſſerin von„John Halifax“. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. gr. 8o. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. hirell, die Tochter des Calviniſten. Roman von John Saunders. Verfaſſer von„Abel Drake's wife“. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. —— Georg Canterbury's Ceſtament. Roman von Frau Henry Wood. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8o. Flegant geheftet. Preis 3 Thlr.— Ueue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Mann und Weib. Roman von Vilkie Collins. Aus dem Engliſchen von Dr. Lehmann. Autoriſirte Ausgabe. 6 Bde. 8 Eleg. geh. Preis 5 Thlr.— Leben um Leben. Von der Verfaſſerin von„John Halifaz.“ Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 2 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr 15 Ngr. Im Pnnu der Pridenſchuft. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 1 —— eee ube. 4.e. —Olour& Grey Control Chart Cyan Sreen Nllow Red Magenta ——