deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Otlmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und geſebedingungen. 1 oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em. I pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens* 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Czution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf.— Pf. l „ 7„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ſ. 6. Schadenersatz. 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Draußen ſchnob es und ſtob es herunter— ein Gemiſch von Regen, Hagel und Schnee, als feier— ten die ſchlimmſten Launen aller Jahreszeiten ihren Sabbath. Die Luft war ſo dunkel, daß man die nächſte Kirche kaum erkennen konnte, und das feierliche vielſtimmige Geläute der Glocken verwehte unhörbar in dem mächtigen Sauſen des Nordweſtſturms. Das heilloſe Hexenwetter war aber ganz nach meinem Geſchmack, und ich hatte es mir bequem ge⸗ macht wie an einem heimlichen Winterſonntag. Grofſe, Der neue Abälard. I. 1 2 Ueberhaupt die Winterſonntage— ich weiß nicht, wie andere Leute es halten, aber ich pflege in der Regel dann ruhig zu Hauſe zu bleiben im Schlafrock und in den Hausſchuhen den ganzen Tag über. Im Ofen praſſelt ein mächtiges Feuer, alte Lieder werden vorgenommen und wieder durchgeſpielt, alte Briefe vorgeſucht und zum zehnten Mal durchleſen. Da ſteigen Erinnerungen herauf an dieſen und jenen. Man ſieht Lebensbilder aufgerollt und hat ſeine Erbauung daran, denn man lernt immer mehr an fremdem Ge— ſchick als am eigenen; und wenn ſo mancher Brave trotz aller Hinderniſſe mit zäher Ausdauer zuletzt doch noch ein glückliches Lebensziel erreichte, ſo freuen wir uns, daß es noch Gerechtigkeit und Ausgleichungen gibt in der großen Weltordnung, und umgekehrt: wenn ſo Mancher zu Grunde ging, der im reichſten Maße verdiente, glücklich zu ſein, dann hat man wenigſtens Urſache, Gott zu danken, daß man durch ſo viel Fährlichkeiten und Klippen immer noch mit einem blauen Auge davongekommen. So hatte ich auch an jenem Sonntage ein Bündel alter Briefe hervorgeſucht, die einſt mein Großvater an die Großmutter geſchrieben, zu einer Zeit, als ſich beide noch ziemlich fern ſtanden und ſchwere Bedräng⸗ niſſe des Vaterland heimſuchten. Auch die Antwor⸗ ten des jungen Mädchens, der Demoiſelle Marianne Häberlin, lagen dabei. Wie oft hatte ich mich an der feinen, zierlichen Handſchrift erbaut und noch mehr an den warmen, muthigen, tiefen Herzen; denn das waren ſie beide voll unzerſtörbaren Gottvertrauens und treuer, ehrlicher Fröm⸗ migkeit, wie ſie heutzutage altmodiſch geworden und überhaupt nicht mehr vorkommt unter den Leuten. Nun, ihnen hat der einfältige Glaube nicht ge⸗ logen, ſie waren glücklich geworden nach jahrelangen ſchweren Unglücksſchlägen; ſie waren auch uralt ge⸗ worden, nachdem ſie ihre zahlreichen Söhne und Töch⸗ ter glücklich verſorgt ſahen. Dann kam die zweite Generation, die weit über alle Welt verſtreut war, und wieder dreißig Jahre ſpäter war ich allein zu⸗ rückgeblieben, nachdem alle andern verſchollen oder verdorben, mit Ehren gelebt hatten und mit Ehren be⸗ graben waren. Selten hatte ich meine Einſamkeit ſo drückend empfunden als dieſen Maiſonntag. Noch im letzten Jahre hatte mein Grohmütterchen, die mich aufgezogen, mir den Haushalt geführt und meine Sonntage mit⸗ gefeiert— zu Hauſe am alten Klavier oder draußen am Sperlingsberg unter den hohen Kaſtanien, wo ich ſie ſpazieren führte in der lieben Gottesſonne. 4 Das war lange Jahre ſo gelbtſen, und ich hatte mir nie denken können, daß es jemals anders ſein würde; nun war auch ſie ſeit einem Jahre heimge⸗ gangen, und ich fühlte mich unendlich einſam und verlaſſen. Die Einſamkeit aber erzeugt wunderliche Ge— danken. Manchmal wohl war es, als ob eine milde weiche Hand mir über die Stirn ſtriche und eine ſüße Stimme wie aus weiter Ferne ſagte: Sei nur ruhig und geduldig, auch Dir wird das Glück noch kom— men. Und ſo war es auch an dieſem Maienſonn⸗ tage wieder, ja zuweilen war es, als ob eine un— ſichtbare Hand über die Saiten des alten Klaviers führe, daß ſie vernehmlich klangen— freilich nur eine Sinnestäuſchung, die von Aufgeklärten gewiß auf Rechnung des Nordweſtſturms geſetzt worden wäre. Aber ich meinte doch der heimlichen Mahnung ge⸗ horchen zu müſſen wie ſonſt und ſetzte mich deshalb an das alte Inſtrument und ſpielte das Lieblingslied Großmütterchens, das Gerhardt'ſche„Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt“. Draußen trug jetzt der Nordweſt vernehmlich die Glockenklänge von Sanct⸗Gertrauden herüber, als wollten ſie mein Lied und meinen Geſang begleiten. Kaum hatte ich die erſte Strophe zu Ende ge⸗ ſungen, als ich einen kalten Luftzug ſpürte. Ich 5 wandte mich, und richtig, die Zimmerthür ſtand offen, auf der Schwelle aber zeigte ſich ein junger Menſch, der ſich mit vielen lächerlichen Kratzfüßen näherte. „Um Verzeihung“, ſagte der junge Mann.„Ich habe dreimal vergeblich angeklopft— Sie ſcheinen mich nicht gehört zu haben. Wollen Sie es nicht un⸗ gütig aufnehmen, wenn ich mir die Freiheit nehme—“ Und nun folgte ein ganzer Schwall der üblichſten und fadeſten Redensarten. Ich ſah mir den Menſchen jetzt näher an, dem ich am liebſten die Thür gewieſen, wenn nicht der Tag des Herrn und das Gerhardt'ſche Lied mich milder ge⸗ ſtimmt hätten. Es war Herr Gabriel Sommervogel von der Mohrenapotheke, ein Menſch, mir zuwider wie Gift und Operment, ich wüßte jedoch nicht zu ſagen, wes⸗ halb. Wir waren vor Zeiten einmal einige Stunden in einem Stellwagen zuſammen gefahren, ſeitdem grüßte mich der junge Mann; ſpäter, als Großmütter⸗ chen krank wurde und ich häufig in die Apotheke kam, wurde der Herr immer zuthulicher und ſuchte mich ſtets in lange Geſpräche zu verwickeln. Es war wie geſagt nichts an ihm auszuſetzen nach dem Urtheil der Leute und beſonders der Frauen. * 6 Er war wohlgekleidet, wohlfriſirt und auch wohlge⸗ bildet von Natur. Seine Wäſche zeichnete ſich durch tadelloſe Weiße, ſeine Lackſtiefeln durch flecken⸗ loſen Glanz aus. Mit der werthvollen Buſennadel correſpondirten mehrere blitzende Ringe, die er unter Umſtänden auch über den Glacéhandſchuhen trug. Außerdem galt Herr Sommervogel als vermögend und von ſolideſtem Charakter, wenn auch ſeine Bildung nicht viel höher ſtand, als ſein Geſchäft nothdürftig forderte. Trotzdem konnte ich den Burſchen nicht leiden, und ſelbſt ſeine Nähe war mir unausſtehlich, auch wenn ich mir keine Rechenſchaft geben konnte und den Grund des Widerwillens in hundert unweſentlichen Dingen zu finden glaubte, die ich doch nicht ganz hier über⸗ gehen kann. In der Hauptſache war mir der Menſch viel zu höflich; er rauchte auch nicht und war immer glatt raſirt. Dabei trug er in der Regel ein Mo⸗ nocle, und ſeine ſchönen„ambroſiſchen“ Locken waren in der Mitte geſcheitelt. Sein bachſtelzenartiger, eleganter Gang ſchob ſich ruckweiſe von rechts nach links, von links nach rechts vor. Schließlich pflegte er niemals laut und deutlich zu reden, vielmehr lispelte und flüſterte er, als wenn er unaufhörlich gefährliche Ge⸗ heimniſſe und ſchwere Anklagen, Staatsverſchwörungen — ( und diplomatiſche Myſterien mitzutheilen hätte. Auch wenn er mit ſeinem feſtgefrorenen Lächeln ſagte:„Sie befinden ſich wohl?“ oder:„Devrient ſpielte geſtern wie ein Halbgott“, oder:„In die Domkirche hat der Blitz eingeſchlagen“, oder nur:„In acht Tagen iſt Pfingſten“ — ſtets hielt er dabei die Hand an den Mund, als wenn jene geheimnißvolle Entdeckung Niemand in der Welt erfahren dürfe. Nun ſage ich aber ganz offen, daß ich gegen Leute, die ſolche in der Mitte geſcheitelte Apolloköpfe haben, dazu Monocles tragen, ſich den Bart ſcheeren und dabei fortwährend lächeln und flüſtern, eine natürliche Antipathie habe; weshalb, ich weiß es nicht und bitte höflichſt um Verzeihung, wenn ich einen meiner Leſer damit beleidigt haben ſollte. Daß Herr Sommervogel nicht blos ſchüchtern, ſondern anmaßend, nicht blos von klebriger Zudring⸗ lichkeit, ſondern von verlogener und bösartiger Natur war, wußte ich damals noch nicht, ſonſt würde ich ſeine äußerlich gewinnenden Formen anders gedeutet haben. Wie geſagt hatte ich mir dieſen lächelnden Schurken— wie Hamlet ſich ausdrückt— bisher ſtets vom Leibe gehalten, und nun beſaß er die Keckheit, mich in meiner Wohnung zu überfallen. „Machen Sie nur keine Umſtände, Herr Sommer⸗ vogel“, ſagte ich ziemlich verdrießlich.„Was verſchafft mir denn die unerwartete Ehre? Wollen Sie eine Cigarre?“ „Ich danke verbindlichſt“, hauchte er flüſternd mit jenem ſtereotypen Lächeln.„Sie wiſſen, Hochgeehrteſter, wir ſtehen auf Gvethe'ſchem Standpunkt. Doch wenn Sie mir geſtatten, Ihre koſtbare Zeit auf einige Mi⸗ nuten in Anſpruch zu nehmen, ſo würden Sie mich un— endlich verbinden.“ Mit dieſen Worten hatte der Geck Platz genommen und zwar ziemlich dem Wandſpiegel gegenüber, ſodaß er ſein ſchön friſirtes Haupt von Zeit zu Zeit prüfend betrachten und die ambroſiſche Cviffüre von neuem arrangiren konnte. Dann ſah er ſich ſchüchtern nach allen Seiten um und hielt die Hand an den Mund.„Sie müſſen wiſſen, Herr Collaborator, ich bin unglücklich, ſehr un⸗ glücklich—“ „Sprechen Sie lauter, Herr Sommervogel!“ rief ich ärgerlich.„Niemand belauſcht Sie hier, und ich leide etwas an Schwerhörigkeit.“ Da ſchöpfte der junge Mann mit dem Apollo⸗ kopfe tief Athem und fächelte ſich mit ſeinem gelb⸗ ſeidenen Tuche Luft zu, bevor er ſeine ſeltſame Ce⸗ neralbeichte begann. 9 „Sehen Sie, Hochverehrter“, ſagte er dann,„ich ſchmeichle mir in den Jahren zu ſtehen, wo man wagen darf, an ſeine ſociale Selbſtſtändigkeit zu denken. Meine Geſundheit iſt Gott Lob in jeder Beziehung eine befrie⸗ digende. Frühere Anlage zu Skropheln iſt durch Sool⸗ bäder glücklich überwunden, und gegen ein beginnendes Nervenleiden haben mir Fichtennadeln die erſprießlichſten Dienſte gethan. Will dies Mittel bei Gelegenheit beſtens empfohlen haben, wir verkaufen das Decoct zum Selbſt⸗ koſtenpreiſe. Doch um auf mich zurückzukommen mit ich bin im Ganzen ein Ihrer gütigen Erlaubniß friedliebender Menſch von gleichmäßigem Temperament. Ich leſe meinen„Juif errant“ und„Copperfield“ im Ori⸗ ginal, bin abonnirt auf die Claſſiker⸗Volksausgabe, natürlich auch im Theater— Wechſelplatz in der Par⸗ terreloge— kurz, ich darf mich wohl zu den Gebildeten rechnen. Mit der Muſik ſteht es allerdings bedenklicher. Urſprünglich beabſichtigte ich das Waldhorn zu lernen, ſpäter das Bombardon, aber es fehlte doch etwas an Luft; nun verſuche ich es bisweilen mit dem Kamm⸗ blaſen und darf mich recht erfreulicher Fortſchritte rühmen. Schließlich, Verehrteſter, um auch ein Wort über meine Vermögensverhältniſſe zu ſagen, ſo ſind dieſelben ſo weit arrangirt, daß ich nur einiges Glück brauche, um die Apotheke für immer los zu werden, 10 denn für Lebenszeit möchte ich keineswegs mein geiſtiges Pfund unter dieſe Salben und Pflaſter vergraben. Aber, wie geſagt, einiges Glück braucht es. Was mei⸗ nen Sie, wenn ich Berbacher kaufe oder Alles auf Darmſtädter und naſſauer Looſe ſetze? Reüſſire ich nur halbwegs, ſo ſind Tauſende zu gewinnen Oder rathen Sie, daß man lieber Dampfſchifffahrtsactien nehmen ſoll? Die Chancen können kaum günſtiger ſtehen, namentlich für die Zukunft—“ „Herr Sommervogel, bleiben Sie bei der Stange“, rief ich,„und erzählen Sie von Ihrem Unglück. Ihre Finanzen intereſſiren mich nicht im mindeſten!“ „Das thut mir leid, Herr Collaborator“, ſagte der junge Mann faſt gekränkt,„denn dies hängt mit der großen Hauptfrage meines Lebens auf das innigſte zuſammen. Wie aber ſoll ich das, was mir das zarteſte und weihevollſte Geheimniß iſt, mit einem Worte deutlich machen, ohne mich in ein falſches Licht zu ſtellen oder geheiligte Beziehungen zu entweihen? O wenn Sie mich verſtehen könnten!“ „Geben Sie ſich keine Mühe, nach noch ſchönern Worten zu ſuchen“, ſagte ich,„ich habe Sie ſchon längſt verſtanden. Mit einem Wort, Sie wollen hei⸗ rathen?“ Herr Sommervogel zuckte empor, halb als 14 mache er ein zuſtimmendes Compliment, halb als ſei er bei verſtohlenem Obſtnaſchen ertappt, dann ſchlug er die Augen zu Boden wie ein verſchämtes Mädchen und lächelte unausſprechlich fein, während er die ge⸗ webten Blumen der Tiſchdecke mit einer Schärfe be⸗ trachtete, als wolle er feftſtellen, ob ſie zu den Krypto⸗ gamen oder Phanerogamen gehörten. Seine beredte Lippe aber war verſtummt in discretem Schweigen, nur die Hand auf dem Herzen bewies, daß man den wunden Fleck getroffen. „Lieber Herr Sommervogel“, ſagte ich nach einer Pauſe,„ich bin Ihnen zwar ſehr verbunden für Ihre intereſſanten Bekenntniſſe, aber ich habe weder eine Tochter, noch eine Schweſter, noch auch ein Mündel, auf welche ich Ihre verſteckte Werbung beziehen könnte“ „O, ſo iſt es auch nicht gemeint, Herr Collabo⸗ rator!“ rief Herr Sommervogel mit lauteſtem Flüſter⸗ tone.„Aber es gibt doch verſchiede ne Rathſchläge, ver⸗ ſchiedene Wege, ſo zu ſagen Vermittelungen—“ „Ah, ich verſtehe“, erwiderte ich.„Sie wollen wahrſcheinlich auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege durch die Zeitung zum Ziel kommen— aus Mangel an paſſenden Bekanntſchaften und ſo weiter.“ Herr Sommervogel zuckte wieder empor und diesmal unwillig, aber ich ließ mich nicht abſchrecken.„Warum laſſen Sie nicht Ihre Photographie in einer frequenten Paſſage aushängen, warum ſpielen Sie ſich nicht aus wie jener Amerikaner, der zehntauſend Looſe auf ſeine Perſon ausbot— ein ſolcher Fall ſoll damals ſchon vorgekommen ſein— oder noch beſſer, warum gehen Sie nicht auf die Bühne? Oder fehlt es Ihnen an allem Talent, ſo geben Sie wenigſtens ein Concert auf dem Kamm.“ „Der Herr Collaborator ſind heute bei Laune“, ſagte der Apotheker wieder erröthend, indem er, ſo gut er konnte, auf meinen Scherz einging;„aber den heiligen Schatz höchſter Empfindungen ſpart ſich ein fühlendes Herz doch nur für die Einzige auf, die ihm der Himmel und die räthſelhaften Mächte des Geſchicks erkoren haben.“ „Nun gut, ſo wenden Sie ſich an dies himmliſche Bureau“, ſagte ich und ſtand auf, um mich zum Aus— gehen anzukleiden. Dieſe Art von gegenſtandsloſen Confidenzen begann mich tödtlich zu langweilen, und ich mußte dieſen öden Eröffnungen ſo oder ſo ein Ende machen.„Thun Sie, was Sie nicht laſſen können“, ſetzte ich hinzu,„aber ich ſehe nicht ein, wes⸗ halb ich mich in Ihre Schickſalsfrage miſchen ſoll. Si erlauben, daß ich mich anziehe.“ „Ich bitte tauſendmal um Vergebung, wenn ich 13 Sie aufgehalten habe, Hochgeehrteſter“, flüſterte Sommer⸗ vogel„und dennoch“— und dabei zog er mich wieder nieder auf den Stuhl—„und dennoch könnten gerade Sie unter allen Sterblichen mir einen namenloſen Dienſt erweiſen, einen kleinen Gefallen, der Ihnen nichts koſtet und für den ich mich dankbar erweiſen werde auf Lebenszeit.“ „Einen Gefallen? Nun, ſo ſchießen Sie endlich los!“ „Sehen Sie, ich meine ſo“, ſagte Herr Sommer— vogel und rückte abermals auf ſeinem Stuhl und ſtrich ſich den widerſpenſtigen Daumen ſeines neuen Handſchuhs. „Ich weiß, Sie kennen Herrn von Thymian. Sie gelten in ſeiner Familie viel, wenn nicht Alles— o, das iſt bekannt. Nun wäre es meine ergebenſte Bitte, daß Sie mich in dieſem Hauſe einführen möchten. Ich weiß ſonſt keinen andern Weg, einem angebeteten theuren Weſen näher zu kommen.“ „Ah, alſo der Gegenſtand iſt bereits gefunden! Doch nicht etwa das reizende Gretchen?“ Herr Sommervogel lächelte und erröthete aber⸗ mals bedeutſam, dann blickte er wieder verſtummend auf den Fußteppich, als wollte er ein Loch hindurch⸗ ſchauen. Mich aber begann dieſe wunderliche Sache plötz⸗ lich lebhaft zu intereſſiren. — — „Sie haben keinen ſchlechten Geſchmack, Herr Sommervogel“, ſagte ich.„Gretchen iſt zwar noch ein Kind, aber ſie verſpricht etwas und ich preiſe den Mann glücklich, der dies liebe Geſchöpf einſt erringen wird.“ „Sie wollen alſo wirklich?“ rief Herr Sommer⸗ vogel mit überſchwänglichſtem Entzücken.„O mein Gott, Sie verbinden mich auf ewig! Wann ſoll es geſchehen?“ „Halt, mein Theuerſter“, fiel ich ein.„So ſchnell geht das denn doch nicht. Wenn ich Sie dort ein⸗ führe, übernehme ich gleichſam eine Art von Verant⸗ wortung. Sie werden mir deshalb noch einige Fragen erlauben. Es könnten doch allerhand Hinderniſſe vor⸗ handen ſein.“ „Ich verſichere Ihnen auf Ehre“, flüſterte der Un⸗ geduldige,„von Hinderniſſen kann keine Rede ſein. Ich bin derſelben Confeſſion, ſoviel ich weiß, und ſollte es anders und nöthig ſein, ſo werde ich die meine wechſeln. Und was die Gleichheit des Vermögens be⸗ trifft, ſo mache ich keine Anſprüche. Ich ſchmeichle mir, genug zu haben. Selbſt wenn die Bexbacher herunter gehen, ſo bürgen die Darmſtädter und naſſauer Looſe, abgeſehen von den Dampfſchifffahrtsactien—“ „Laſſen Sie mich in Frieden mit Ihren Papieren!“ unterbrach ich ihn.„Von äußern Hinderniſſen ſpreche ich nicht.“ „Auch von innern kann wohl keine Rede ſein“, fuhr Herr Sommervogel mit geläufiger Zunge fort. „Ich beehre mich zu wiederholen, daß von Skropheln keine Spur mehr vorhanden iſt. Gegen Blutarmuth habe ich eine Eiſenquelle mit Erfolg gebraucht, und auch eine frühere Darmverwickelung iſt für immer be⸗ ſeitigt. Den Schnupftabak, meine einzige Schwäche, habe ich mir ſeit drei Monaten abgewöhnt.“ Ich mußte lachen.„Mein lieber Herr Sommer⸗ vogel, ſolche innere Hinderniſſe meine ich nicht. Sie vergeſſen ganz, daß zur Ehe zwei gehören, aber Sie haben immer nur Ihr werthes Ich im Auge.“ „O, die junge Dame erfreut ſich ebenfalls der beſten Geſundheit“, rief der ſeltſame Freier,„und was die Jugend betrifft, ſo könnte man ja ein Jahr warten. Dieſe Conceſſion mache ich mit Vergnügen.“ „Sie ſind ſehr liebenswürdig, daß Sie Conceſſionen machen, Herr Sommervogel, aber ich muß mir doch die Frage erlauben, ob es im Intereſſe des Fräuleins und ihrer Familie liegt, Ihre werthe Bekanntſchaft zu machen. Ich möchte wenigſtens darüber beruhigt ſein, daß man Ihren edlen Abſichten irgendwie entgegen⸗ kommen würde.“ Herr Sommervogel ſtarrte mich über ſein Mon⸗ ocle hinweg an, mit einer Miene, als habe man ihn auf Chineſiſch angeredet. „Mit einem Wort“, rief ich jetzt mit unverhoh⸗ lener Ungeduld,„wiſſen möchte ich, ob ſich die junge Dame für Sie intereſſirt.“ Wieder lächelte und erröthete der Unerſchütterliche. „O, was das betrifft“, ſagte er mit überraſchender Ruhe und Sicherheit,„ſo glaube ich mir ſchmeicheln zu dürfen, bereits verſtanden zu ſein.“ „Woraus ſchließen Sie das?“ „Ich hatte das unausſprechliche Glück, mehrmals im Theater neben ihr zu ſitzen, und meine Converſation fand beifällige Aufnahme. Erſt neulich— es war nach dem„Verwunſchenen Prinzen“ im Zwiſchenact vor dem letzten Stück— ſeufzte ſie tief auf, als ich Sie fragte, ob ſie ein Gefrorenes befehle.“ „Und ſie nahm es an?“ „Nein, ſie ließ ſich vom Logendiener ihren Mantel umhängen und verließ das Theater.“ „Sie verließ es— und Sie haben der Dame doch nicht etwa Ihre Begleitung angetragen?“ „Ich beabſichtigte es allerdings, aber ſie flüch ete zu einer Droſchke— natürlich, jener Seufzer hatte ſie zu früh verrathen, er hat mir die Tiefen ihrer Seele erſchloſſen; ſie iſt unbefriedigt in ihrer Exiſtenz, ſie ½. 5 ſehnt ſich nach Freiheit, nach Erlöſung, nach Liebe ₰ mit einem Wort, Herr Collaborator, es iſt Alles in Ordnung, und dringend beſchwöre ich Sie, nun Ihr Verſprechen zu halten.“ „Verſprechen? Sie ſind etwas geſchwind, mein lieber Herr. Ich erinnere mich nicht, Ihnen ein Ver⸗ ſprechen gegeben zu haben.“ Ich ſah mir dieſen kecken Burſchen an, in dem Schüchternheit und täppiſches Weſen auf eine ganz neue Weiſe gemiſcht waren, aber was wollte ich machen. Was ging es mich an, wenn er ſeine Haut zu Markte tragen und ſich vielleicht lächerlich machen wollte. Die Situation wurde mir unerträglich; ich war wiederholt aufgeſtanden, und um den Zudringlichen los zu werden, ſagte ich endlich ſeinen Bitten zu, doch machte ich zur Bedingung, daß Alles vermieden werden müſſe, was auf einen Plan deuten könne. Bei einer zufälligen Begegnung wollte ich ihn vorſtellen, weiter ſagte ich ihm nichts zu, und dieſe zufällige Begegnung konnte leicht im kalten Haſen herbeigeführt werden, einer beliebten Reſtauration im Stadtpark und verbunden mit einem zvologiſchen Garten. Bei guter Jahreszeit fanden dort häufig Concerte ſtatt, und die feinere Geſellſchaft fand ſich dort in zwangloſem Verkehr. Wollte ſich Herr Sommervogel dort wie zufällig blicken laſſen, ſo Groſſe, Der neue Abälard. I. 2 ——— 18 konnte ich ihn am leichteſten mit der Familie bekannt machen. So war die Abrede, und der glückliche Freier glänzte wie ein ſonniger Pfingſtmorgen. Er flüſterte mir noch einen ganzen Berg von verbindlichen und überſchwänglichen Redensarten zu, verſprach mir, ich weiß nicht was, und malte ſein Glück im voraus mit den glühendſten Farben— ich konnte mich des ſtürmiſchen Verliebten kaum entledigen. Endlich empfahl er ſich, eine Wolke von Wohlgerüchen zurücklaſſend, denn ein — ganzes Flacon ſchien er in ſein ſeidenes Tuch geſchüttet zu haben. Der ſeltſame Beſuch und das noch ſeltſamere An⸗ ſinnen gaben mir zu denken. Allerdings war ich mit der Familie des Herrn von Thymian bekannt und hatte früher Unterricht in ſeinem Hauſe gegeben. Da dieſer wunderliche Herr in der Folge eine merkwürdige Rolle zu ſpielen hat, ſei es erlaubt, den Leſer hier ſchon mit ihm bekannt zu machen. Herr von Thymian war ein reicher, unabhängiger Privat⸗ mann, noch in jenen beſten Jahren des Lebens, wo die Grillenhaftigkeit und die launiſchen Anwandlungen des kommenden Alters als intereſſante Beweiſe von Origina⸗ lität gelten. Früher Banquier in mäßigen Glücksum⸗ 19 ſtänden und durch gewagte Börſenmanöver Rhrill⸗ am Ruin, liquidirte er plötzlich ſein Geſchäft und ent⸗ puppte ſich als ein reicher Mann. Gewiſſe Gerüchte behaupteten, er müſſe heimliche Lotteriegewinne gemacht haben. So mochte es auch wohl ſein, und die bis dahin zweifelhafte Achtung ſchlug in lobpreiſende Be⸗ wunderung um, obgleich man ſich trotz alledem fern von ihm hielt und ſeinen Verkehr wie nach ſtillſchweigendem Uebereinkommen mied. Seitdem lebte Herr von Thymian den Ge⸗ ſchäften fern nur ſeinen dilettirenden Lieblingsneigungen, und deren hatte er eine beträchtliche Anzahl. Zunächſt pfuſchte er in allen möglichen und unmög lichen Künſten. Er modellirte in Thon und Wachs die wunderbarſteu Gruppen, Vaſen und Ornamente, mit denen er jeden Winkel ſeines Hauſes ſchmückte, dann malte er rieſige Bilder nach vorhandenen Kupferſtichen und verehrte ſeine Meiſterwerke ſchließlich öffentlichen Anſtalten, Schulen und Kirchen. Ferner war er Dramatiker und Opern⸗ compoſiteur, der ſeine Werke auf eigene Koſten drucken ließ und zum Beſten der Stadtarmen oder eines ſonſti⸗ gen wohlthätigen Zwecks zur Aufführung zu bringen wußte. Er veranſtaltete auch Sammelwerke, die er mit enormen Koſten von berühmten Künſtlern illuſtriren ließ, um ſie dann an alle Celebritäten Europas zu ver⸗ ſenden. Der einzige Zweck dabei war, eine eigenhändige Antwort zu erhalten, mit der er dann ſeine hochinte⸗ reſſante Autographenſammlung bereicherte. Jene lite⸗ rariſche und künſtleriſche Induſtrie trieb er übrigens niemals unter ſeinem eigenen Namen. Schließlich hielt er ſich ein umfangreiches Raritätenkabinet von alten Waffen, Fahnen, Armbrüſten, Coſtümen, Holzſchnitten, ausgeſtopften Eulen, Affen und Adlern; daneben fehlte denn auch ein Käfig mit lebendigen weißen Ratten nicht. Die Completirung ſeiner Raritätenkammer füllte ſeine übrige Zeit aus, und es war wunderbar, wie er dieſe auszukaufen verſtand; denn auch eine Jagd hatte er ſich gepachtet, und ſelbſt in dem ſchwierigen Sport des Fiſchens galt er als Meiſter. Alles in Allem war dieſer wunderliche, vielſeitige Dilettant eine jener Culturpflanzen, die im warmen Boden unſerer von Kunſt und Wiſſenſchaft reichbelebten Zeit wie mächtige Pilze in die Höhe ſchießen und jeder großen Stadt ein anſehnliches Contingent liefern. Neben ſeinen Schrullen konnte übrigens der ſtrebſame alte Herr, wenn er wollte, höchſt liebenswürdig und chevaleresk ſein und war, wie man es nennt, um den Finger zu wickeln, wenn man ſeine Beſtrebungen gelten ließ und ihnen anerkennende Bewunderung widmete. Leider blieben alle ſeine Anſtrengungen, ein angenehmes Haus zu machen, fruchtlos, denn ſeine vornehmen Verwandten mochten ihn niemals recht anerkennen, und ſeit dem Tode ſeiner Frau, die aus adligem Hauſe ſtammte, war jeder Verkehr mit ihm abgebrochen; in Folge davon zogen ſich auch andere Kreiſe zurück, und was ſonſt etwa übrig blieb, war ihm zu niedrig, um ſeine Liebenswürdigkeit zu vergeuden und heimlich dennoch Undank und Spott zu ernten. In frühern Zeiten war ich faſt alle Tage in ſein Haus gekommen, um ſeiner einzigen Tochter im Verein mit mehreren andern jungen Mädchen, die bereits die Schule verlaſſen, eine letzte Nachhülfe in den neuern Sprachen wie in der Literatur zu geben. Sein Kind in ein Inſtitut zu ſchicken, konnte ſich der alte Herr der mit wahrer Affenliebe an ſeinem Töchterchen hing, nicht entſchließen, und ſo ward dieſer Ausweg vorge⸗ zogen. Gretchen war ein launenhaftes, wildes, unbändiges Kind, ſolange ſie noch im Backfiſchalter ſtand, wo noch die Naivetät der Kindheit und die Phantaſie des reifenden Alters im Widerſtreit liegen; ſie machte mir mit ihrer raſchen Auffaſſung und ihren tollen Quer⸗ fragen viel Freude, und da ſie Vertrauen zu mir hatte, wie zu einem alten Onkel und Hausfreund, ſo gewährte —,————————— es mir einen Genuß eigener Art, ſie in die Schätze unſerer Literatur und Kunſt einzuführen, kurz ich hatte wohl ein Recht, mich gleichſam für den zweiten Vater dieſes hochbegabten und reizenden Geſchöpfes anzu⸗ ſehen. Seit einem halben Jahre war ſie plötzlich ernſter und gemeſſener geworden. All ihre Ausgelaſſenheit und tolle Laune war einer nachdenklichen und träume⸗ riſchen Sammlung gewichen. Und dieſe Verwandlung ſollte ein Salbenkrämer hervorgebracht haben, wie ſich dieſer Herr Sommer⸗ vogel wirklich einbildete? Nimmermehr! Zwar wenn er dennoch Recht hätte, daß er Eindruck auf dies junge unerfahrene Herz gemacht habe, was durfte ich dagegen einwenden? Die jungen Mädchen ſind oft wunder⸗ lich in ihrem Geſchmack, und, wie ſchon geſagt, äußer⸗ lich war an Herrn Sommervogel durchaus nichts aus⸗ zuſetzen. Er gehörte zu den gut ſituirten jungen Bürgern und beſaß alle Qualitäten, die in der Regel, wenigſtens bei den Frauen, als vollgültige Anweiſungen auf das Glück gelten. Glück— ich weiß nicht, wie es kam, daß ich vollſtändig vergaß, was ich mir vor kaum einer halben Stunde vorgenommen hatte, in das Conſervatorium und dann in das Muſeum zu gehen, wie ich es ſonſt 23 zuweilen an Sonntagen zu thun pflegte, wenn mich das böſe Wetter nicht zu Hauſe hielt. Dieſer Menſch hatte mich nachdenklich gemacht, und unwillkürlich wurde ich zu Vergleichungen ge⸗ zwungen. Wie neidenswerth haben es ſolche Mutter⸗ ſöhnchen des Glücks! Ohne Sorge wachſen ſie heran, lernen das Wenige, was ſie brauchen, ohne Sorge, machen ihre ſchönen Reiſen, ſammeln Eindrücke und vollenden ihre nothdürftige Bildung ohne Sorge, wachſen in das Geſchäft und den willkürlich gewählten Lebensberuf hinein und gründen ihren Herd ohne Sorge. Das Lieblichſte und Reizendſte, das Feinſte und An⸗ muthigſte der Welt iſt gerade gut genug, um ihr Haus zu ſchmücken, und ohne Sorge pflücken ſie die ſüßeſten Genüſſe des Lebens, ohne ſich nur recht bewußt zu werden, wie glücklich ſie ſind und wie wenig ſie dazu gethan haben, ſolche Bevorzugung zu verdienen. Bedachte ich dagegen meine eigene Lage und meine Lebensbahn, ſo war ſie lange Zeit eine Kette von Ent⸗ ſagungen und Entbehrungen geweſen, denn der früh⸗ zeitige Tod meiner Aeltern, eine regelloſe Erziehung unter den Augen einer Großmutter, die ſelbſt in dürf⸗ tigen Umſtänden lebte, war nicht dazu angethan ge⸗ weſen, mich frühzeitig in eine erſprießliche Laufbahn zu bringen. Das rauhe Leben ſelbſt war mein Zucht⸗ —.———— meiſter geworden, und ich werde ſpäter bei Gelegenheit Einzelnes daraus zu erzählen haben. Bisher hatte ich nie darüber nachgedacht und es ganz natürlich gefunden, daß man ſich plagen müſſe, um mit Ehren durchzukommen und ein beſcheidenes Plätzchen zu erobern. Warum empfand ich heute zum erſten Male die Ungleichheit in der Austheilung der äußern günſtigen Bedingungen mit einer Bitterkeit, die mir die reinen und großen Empfindungen n Sonntags vergiftete? Niemals auch hatte ich bisher daran gedacht, ei⸗ nen eigenen Hausſtand zu gründen. Warum auch! Großmütterchen ſorgte für mich, und auf wen hätte ich armer Teufel je mein Auge zu richten wagen dürfen! Und heute kam dieſer Gelbſchnabel herein und zeigte mir den Zaubergarten des Lebens voll Blumen und Strahlen! Er darf ſich erlauben, anzu⸗ klopfen, und unſereiner muß draußen vor der Thür bleiben wie ein Bettler! Die Jahre verrinnen in Ar⸗ beit und Mühſal, in Aufopferung und Selbſtbetäubung, und wenn es uns zuletzt einfällt, daß wir vielleicht auch ein Recht hatten, glücklich zu ſein, wie Andere, ſind wir inzwiſchen zu alt geworden, und die goldenen Tage der Jugend, wo Alles glückt, wenn man Alles wagt, ſind unwiederbringlich verflogen! — 4——— — 25 Umſonſt verſuchte ich mir Troſt zu holen in mei⸗ nen Lieblingsbüchern, in meinen Lieblingsliedern, es gähnte mich Alles todt und öde an. Der ganze Sonn⸗ tag war verdorben. Auch den Nachmittag über blieb ich in qualvoller Verſtimmung zu Hauſe und ſah die Flocken des Schnees tanzen, welcher jetzt immer dichter herabfiel. Gegen Abend ſuchte ich das Grab Groß⸗ mütterchens auf dem Gottesacker auf, aber es war nicht zu erkennen, denn alle Gräber waren tief einge⸗ ſchneit. Das war an einem Sonntage im„wunder⸗ ſchönen“ Monat Mai. ——————. ⸗ Zweites Kapitel. Mit der Reſtauration zum kalten Haſen war, wie erwähnt, ein zvologiſcher Garten verbunden, das heißt eigentlich nur der dürſtige Anfang eines ſolchen. Ein kränkliches Lama mit räudigem Fell ſpazierte in einer Hürde auf und nieder, vier oder fünf ſchwind⸗ ſüchtige Affen ſchnitten Geſichter und verſuchten me⸗ lancholiſche Sprünge, ein ruppiger Kaſuar, der ſich fortwährend zu mauſern ſchien, erhob ſein behelmtes Haupt über die Einzäunung, auch war eine Bären⸗ familie vorhanden, die noch am glücklichſten dem rauhen Klima dieſes Jahres widerſtand, außerdem einige Maskenſchweine, einige Steineulen und Aasgeier mit geknickten Flügeln nebſt zwei hungrigen Wölfen, drei jungen Füchſen und einigen Stücken Edelwild. Alles in Allem war dieſer Anfang eines zoologiſchen Gartens mit beſtem Willen unternommen, aber das öffentliche Intereſſe der ehrſamen Bürger blieb weit hinter den gehegten Erwartungen zurück. Jenem glücklichen An⸗ fang folgte keine weitere Entwickelung, und der Pach⸗ ter, der anfangs regſam und luſtig geweſen, wie ſeine Fiſchotter, der Liebling der Jugend, jetzt glich er dem melancholiſchen Eisvogel, welcher unbeweglich und wie verſteinert auf ſeiner Stange ſaß. Nur ein Reſt der beſſern Geſellſchaft war dem vernachläſſigten Garten treu geblieben, beſonders jetzt im Juni, als endlich erſehnte warme Tage kamen. An ſchönen Nachmittagen pflegte man ſich dort unter Zel⸗ ten und Lauben zu finden, namentlich wenn ein Con⸗ cert angeſagt war. Während die Kinder die Thiere fütterten, converſirte man über eine neue Oper oder über die Ereigniſſe der Politik, über neu projectirte Eiſen⸗ bahnen oder über die neuen Verlobungen in der Stadt. Die weiſeſten Bemerkungen wechſelten dabei mit dem Ausdruck reinſter Empfindungen, überhaupt— würde ein Anhänger Vogt's ſagen— fühlte man ſich gerade hier am glücklichſten, der entwickelten Gattung hono sapiens anzugehören, und nur ein Spötter würde bedauern, daß im großen zoologiſchen Garten der modernen menſch⸗ lichen Geſellſchaft keine Claſſificationen über den einzelnen unſichtbaren Gräben, Hürden und Volieren angebracht 28 — G ſeien, wo die veredelten Abkömmlinge unſerer ſtehen ge⸗ bliebenen Verwandten in Beruf, Amt und Stand einge⸗ pfercht ſind. Man verzeihe dieſe Bemerkung einem Päda⸗ gogen, der am eheſten täglich die Erfahrung macht, wo ſich die Grenzen des Thieriſchen und Menſchlichen berühren. Dort alſo war es, wo nach verabredetem Plane die erſte Begegnung ſtattfinden ſollte. Es hatte mir auch keine Schwierigkeit gekoſtet, Herrn von Thy⸗ mian und ſeine Tochter zu dieſem Spaziergange zu überreden. Wir waren ſchon am Nachmittage hinausgegangen, und Gretchen hatte den kleinen Walter mitgenommen, einen achtjährigen aufgeweckten Jungen, der ſich ſeit einiger Zeit ganz an ſie attachirt hatte. Es war der Sohn eines armen Beamten aus der Nachbarſchaft, und die Sorge für den Kleinen, den ſie wie einen üngern Bruder liebte, diente dem jungen Mädchen als eine löbliche Nebenaufgabe ihres ſonſt ſorg⸗ loſen Lebens. Mein Plan, Gretchen unterwegs auszuholen und zu necken, ob ſie nicht einen gewiſſen Sommervogel kenne, ließ ſich ja im zoologiſchen Garten am unver⸗ fänglichſten durchführen, aber dieſe Abſicht wurde ver⸗ eitelt, theils durch die Unruhe des Knaben, theils durch Herrn von Thymian ſelbſt, der mir die wunder⸗ ———— — 29 barſten Dinge von ſeiner neuen Oper erzählte, in wel⸗ cher er gewiſſe neue Theorien der Muſik zu einer un⸗ geahnten Höhe entwickeln werde. Das Scenarium dieſes Werkes, welches den Na⸗ men„Die Sündflut“ trug, kann einen ungefähren Begriff von ſeinen Abſichten geben. Zuerſt die Familie Noah's, als die Frommen im Lande, während die ſündigen Töchter der Menſchen mit den Engeln buhlen— welche Contraſte! Dann die Warnung des Herrn und die große Botſchaft vom Weltuntergang— welche Aufgaben für die Poſaunen! Sodann der Beginn der Kataſtrophe: die Schleußen — des Himmels und die Brunnen der Tiefe, Fluten von oben und Fluten von unten— welches Tongemälde und welche Decorationseffecte, ganz abgeſehen von der vorhergehenden großen Scene, wo ſämmtliche Thier⸗ geſchlechter in die Arche ziehen. Herr von Thymian meinte, Noah's Arche enthalte eigentlich die erſte pri⸗ mitive Idee eines zoologiſchen Gartens, und hier im kalten Haſen könne er die eingehendſten Studien zu ſeiner Oper machen. Ich ſage nichts von den dann folgenden Scenen in der Arche, ſowie auf dem Mee⸗ resgrunde. Damals erſchien mir dergleichen ungeheuer⸗ lich, aber nach den heutigen Fortſchritten der Technik und im Vergleich mit dem Schiff in der„Afrikanerin“ 3 3 und den Niren des„Rheingold“ waren jene Entwürfe eigentlich einfach und harmlos zu nennen. Die Krone des Stücks verſprach aber der letzte Act zu werden. Decoration: der Ararat mit dem Regenbogen, Hand⸗ lung: Pflanzung der Rebe und allgemeines Bacchanal mit primitivem Urtext des Liedes von Kopiſch. Ich hatte all dieſem mehr oder weniger geiſtreichen Ideenchaos wenig Aufmerkſamkeit geſchenkt. Wir ſaßen bereits eine Stunde unter dem Zelt, und ich meinte auch Herrn Sommervogel wiederholt geſehen zu haben, aber ſeltſam: kaum war er aufgetaucht, als er auch ſofort wieder verſchwand; offenbar traute er ſich nicht recht heran. Bald lauſchte er eine Weile, halb von einem Jasmingebüſch verſteckt, bald kaufte er unge⸗ heure Teller voll Kirſchen und Backwerk, um aus lau⸗ ter Verlegenheit ganze Laſten von Obſt und Semmeln an die Thiere zu verfüttern. Es war etwas Unnatür⸗ liches an dem Burſchen, was mir mißfiel. Auch ſein Coſtüm aus einem blaßgrünen Sommerſtoff nebſt hoch⸗ rother Cravatte machte zwar ſeinem Namen alle Ehre, war aber ſo geſchmacklos als möglich. Ich weiß nicht, wie lange ſein wunderliches Be⸗ nehmen, welches mich ärgerte, noch gedauert haben würde. Ich hatte bereits beſchloſſen, ihn völlig zu ignoriren, wenn er nicht ſelbſt näher kommen wollte. 3¹ Auch hatte ich Gretchen beobachtet. Ihr Auge ſchweifte wohl einigemal hinüber, aber nur zum kleinen Wal⸗ ter, der ſich bei den Affen zu ſchaffen machte, übri⸗ gens war ihr Weſen ſo ruhig und gleichmüthig, als wenn ſie keine Ahnung von der Exiſtenz eines Herrn Sommervogel hätte. Auf einmal ertönte ein lauter Schrei. Gretchen fuhr in die Höhe. Es war Walter's Stimme geweſen. Ein Affe hatte durch die Eiſenſtangen hindurchgegrif⸗ fen und hielt ſeine Mütze gepackt. Aber nun war Herr Sommervogel bei der Hand; er hieb mit ſeinem Fiſchbeinſtöckchen nach dem Affen und befreite den Knaben, der gleich davonſprang und ſeinen Retter mit ſich zog. Jetzt war der große Moment gekommen. Mein Blick fiel auf Gretchen, ſie ſaß wie mit Blut über⸗ goſſen da. Alſo dennoch! dachte ich und ging Herrn Sommervogel entgegen, um ihn der Familie vorzuſtel⸗ len. Sein ſchönes Apolloantlitz zeigte den merkwür⸗ digſten Kampf von ſtarrer Verlegenheit und zerfließen⸗ dem Schmunzeln des Triumphs. „Tante“, rief Walter von weitem,„es iſt heute ein neuer Affe angekommen, der hat mir meine Mütze genommen.“ Da Herr Sommervogel die gerettete Mütze noch in der Hand hielt, bezog er thörichterweiſe dieſe Worte auf ſich und ließ die Mütze aus Verlegen⸗ heit fallen. In den nächſten Minuten hatte er ſich auf die Kante eines Stuhls geſetzt, und das Geſpräch kam in ſchleppenden Gang. Herr Sommervogel gewann bald ſeine Sicherheit wieder und verſuchte allmälig alle Minen ſeines verkannten Converſationstalents ſpringen zu laſſen. Er ſprach über das Wetter und über das Dheater, über Muſik und Politik, über Beybacher und naſſauer Looſe, aber er hatte mit allen ſeinen Be⸗ mühungen kein rechtes Glück. Herr von Thymian, dem die Unterbrechung ſeiner Mittheilungen über die Sündflut höchſt unan— genehm war, ließ ſeinen ſtillen Grimm an dem un— ſchuldigen Apotheker höchſt rückſichtslos aus, indem er ihm ſchroff und kurz widerſprach und namentlich ſeine Bewunderung Mozart's und Beethoven's mit beißendſter Laune und Geringſchätzung in den Staub zog. Dazwiſchen kam hin und wieder Walter geſprun⸗ gen und ſetzte ſeinen neuen Freund und Beſchützer mit vorwitzigen Fragen in tödtliche Verlegenheit. Zuerſt fragte er:„Onkel, haſt Du ſchon die Mas⸗ kenſchweine geſehen? Sag' einmal, wann nehmen ſie denn die Maske ab?“ Dann fragte er, ob der Igel, der lauter Zahnſtocher auf dem Rücken habe ſich auch ſelbſt — damit die Zähne ſtochern könne. Endlich, als er den Namen des Herrn Sommervogel erfuhr, rief er:„Ja, dann biſt Du wohl der Vetter vom Eisvogel, der dort ſo ſtill auf der Stange ſitzt und gar nichts ſagt?“ Als der Gefragte mit einem unwilligen Nein geant⸗ wortet, variirte der übermüthige Knabe das Thema und fragte ihn, ob er ſeinen Haarbuſch auch in die Höhe richten könne, wie der Kakadu. Da brach Gretchen's Lachen unwiderſtehlich los, und um ſo unaufhaltſamer, je mehr ſie ſich bisher Mühe gegeben, ſich zu beherrſchen und den vorwitzigen Knaben abzulenken, um dem Gaſte weitere Verlegen⸗ heiten zu erſparen. Jetzt war ſie aufgeſtanden und machte eine Pro— menade durch den Garten und zwar in meiner Be— gleitung, wie ſie ausdrücklich gewünſcht hatte. Kaum hatten wir dem Tiſch den Rücken gedreht, als ihre vorherige Heiterkeit ſich in träumeriſches Sinnen verlor. Ohne ein Wort mit einander zu reden, gingen wir zuerſt zu der großen Voliere, wo Pfauen und Perlhühner, Faſanen und Turteltauben hauſten, ſonſt die Lieblinge Gretchen's, welche ſie zu füttern pflegte. Heute aber ſchien ſie keine Augen für ihre alten Freunde zu haben, welche ſie offenbar kannten und Groſſe, Der neue Abälard. I. 3 eifrig herbeigelaufen kamen, um eine Spende aus ihren Händchen zu empfangen. Gretchen kehrte ſich diesmal faſt unwillig ab, um weiter zu gehen. „Sie ſind verſtimmt, Gretchen— darf ich fragen, weshalb?“ ſagte ich. „O nein, Herr Collaborator“ erwiderte ſie zer⸗ ſtreut,„ich bin gar nicht verſtimmt, aber haben Sie auch einen Regenſchirm? Ich glaube, wir bekommen ein Gewitter.“ Ich blickte zum Himmel und konnte keine Wolke entdecken. Das Mädchen wußte in ſeiner Zerſtreutheit offenbar nicht, was es ſprach. „Seien Sie offen, Gretchen“, ſagte ich wieder. „Sie ſind böſe, ich weiß nicht, worüber— oder haben Sie es übel genommen, daß ich jenen Menſchen an den Tiſch gebracht habe?“ „Warum?“ antwortete ſie völlig unbefangen.„Ich kenne ja den Herrn nicht, ich ſehe ihn zum erſten Male.“ „Wirklich zum erſten Male, Gretchen?“ Und ich blickte ſie ſcharf an; aber ſie wich meinem Auge aus und lachte und erröthete. „Alſo iſt es wirklich ein Freund von Ihnen, wie er ſagt. Nein, was Sie für kurioſe Freunde haben!“ rief ſie, und das Alles klang ſo launig und ſchelmiſch, und doch vermied ſie, mich offen anzuſehen, vielmehr plauderte ſie jetzt, ohne über ihre Worte nachzudenken, und kam vom Hundertſten ins Tauſendſte. Wir waren ſo eben am Bärenzwinger angekommen. „Haben Sie mir nicht einmal ein Märchen er⸗ zählt von einer Prinzeſſin, die einen Bären heirathete?“ begann ſie plötzlich.„Einen Bären, der nur an einem Tage im Jahre entzaubert war— ganz recht, und di Prinzeſſin hatte noch zwei Schweſtern, die an einen Adler und an einen großen Fiſch verheirathet wurden, lauter verzauberte Prinzen, jetzt beſinne ich mich au Alles—“ „Aber wie kommen Sie heute darauf, Gretchen?“ „Ich dachte nur daran, wenn dieſe Bären und die andern Thiere hier auch lauter verzauberte Prinzen wären.“ „Sonderbarer Einfall, Gretchen, was meinen Sie nur damit?“ „Was ich meine, Herr Collaborator? Ich denke, Sie könnten mich verſtehen. Sehen Sie, ich gehe eigentlich nicht gern hierher; die armen Thiere ſehen alle ſo klug und traurig, ſo verächtlich und ſo bittend aus ihren Augen heraus, als wenn ſie wirklich verzauberte Men⸗ ſchen wären und uns um Erlöſung anflehten, oder uns 3* zürnten, weil wir ſie nicht erlöſen wollen. Das thut mir nun wirklich weh, weil ich das Mittel der Er⸗ löſung nicht kenne.“ „Das iſt eine ganz ſinnige Betrachtung, über die ſich der alte Grimm freuen würde, wenn er noch lebte, denn nicht alle erhalten ſich einen ſo kindlichen uud naiven Blick; aber, liebes Gretchen, ich nehme doch nur an, daß Sie ſcherzen, im Ernſt wäre ſolcher Kummer doch beinahe verſchroben. Ich habe auch Mitleid mit den armen Thieren, aber nur, weil ſie der Freiheit beraubt ſind, und dieſer Mangel iſt es wohl auch, der ſie melancholiſch macht.“ „Ach Gott!“ rief ſie plötzlich abſpringend,„dann muß es unter den Menſchen auch viele Unfreie geben, weil es gar ſo viel Griesgrämige und Verdrießliche gibt!“ „Darin mögen Sie Recht haben, und wer iſt zu⸗ letzt ganz frei“, ſagte ich;„aber ich begreife noch immer nicht, wie Sie auf ſo düſtere Gedanken kommen kön⸗ nen. Ihnen fehlt doch wahrlich keine Freiheit.“ „Meinen Sie?“ rief ſie mit ſchelmiſchem Tone. „O wenn ich frei wäre, ſo recht frei, und thun dürfte, was ich möchte, dann—“ Sie ſah in den Bärenzwin⸗ ger hinunter, in welchem ſo eben einer der großen braunen Petze an dem in der Mitte ſtehenden kahlen 37 Baum heraufkletterte.„Ja, du armer Bär“, fuhr ſie fort,„du möchteſt auch etwas ſagen, wenn du könn⸗ teſt, aber du ſchauſt ſo beſonnen und gelehrt drein, als hätteſt du Philoſophie ſtudirt, ſodaß dir deine friſche, freie, muthige Bärennatur abhanden gekommen; ſei froh, daß du hier biſt, ſonſt müßteſt du tanzen und einen Ring in der Naſe tragen, wie Herr Som⸗ mervogel Ringe in den Ohren trägt, der arme ver⸗ zauberte Kakadu!“ Dabei begann ſie von neuem zu lachen, aber ihr ganzes Weſen war ſo exaltirt und aufgeregt, daß ich ihren Humor weder natürlich noch erklärlich finden konnte. „Sie ſind in ſeltſamer Laune, Gretchen“, ſagte ich, um ihr kein Geheimniß aus meiner Mißbilligung zu machen.„Erſt ſehen Sie Menſchen in den Thieren und jetzt umgekehrt, das iſt denn doch eigentlich lieblos.“ Da wurde ſie plötzlich ernſt und ſah mir treu— herzig in die Augen.„Doch nicht“, ſagte ſie;„ich glaube, jetzt beurtheilen Sie mich falſch, Herr Collaborator. Zwar Eins iſt wahr. Wenn ich auf dem Ball bin oder auf dem Markt oder im Theater, kurz, unter recht vielen Menſchen, ſo meine ich immer eine Art von unerlöſten Weſen zu ſehen, die heerdenweis ſich zu⸗ ſammenthun, als wenn ſie dann durch irgend einen 38 Zauber Erlöſung finden könnten. Ja, ich meine auch, daß es für jeden Einzelnen wirklich einen Zauberſpruch gibt, der den ganzen vollen Menſchen aus ſeiner rohen Natur erweckt und zur Entwicklung bringt. Drum geben ſie ſich auch ſo entſetzlich viel Mühe mit Geſang und Tanz und Spiel und Kunſt, aber es kommt mir immer vor, als wenn dieſer Zauber nur ein dürftiger Erſatz wäre für einen andern.“ Freilich gibt es einen andern, dachte ich bei mir; du holdes Kind ahnſt die allmächtige Liebe— aber ehe ich noch meinem Gedanken in irgend einer Weiſe Aus⸗ druck gegeben, ſchlug ſie aus dem ernſthaften Ton plötz⸗ lich wieder in den neckiſchen um. „Und wiſſen Sie, was ich um das Leben gern ſehen möchte?“ rief ſie lachend.„Was für ein Menſch eigentlich in dem verzauberten Kakadu ſtecken mag.“ Wieder kam ſie auf den läſtigen Menſchen zurück. Das verſtimmte mich ernſtlich, denn ich mußte daraus ſchließen, daß ſie dennoch ein geheimes Intereſſe für ihn hege. „Vielleicht wiſſen Sie den rechten Zauberſpruch für ihn, Gretchen“, ſagte ich„und es würde Ihnen Freude machen, wenn Sie damit einen Menſchen gewin⸗ nen könnten.“ „Und was ſollte ich dann mit ihm machen?“ ſagte ſie lachend.„Nein, ich würde ihn doch wieder verwan⸗ deln, denn er gefällt mir als Kakadu viel beſſer.“ Alſo doch keine Neigung, dachte ich. Werde ein Anderer aus dieſem wunderlichen Kindskopf klug! In dieſem Augenblick waren wir zur Abtheilung des Edelwilds gekommen; da fiel mir ein, daß ich auch im eigenen Intereſſe noch etwas für Gretchen auf dem Her⸗ zen hatte.„Ich habe Ihnen etwas mitgebracht, Gret⸗ chen“, ſagte ich.„Es iſt ein Heft Volkslieder mit den Worten und Weiſen, wie ich ſie auf meinen Wanderun⸗ gen draußen im Munde des Volks geſammelt habe. Möchten Sie nicht das Heft gelegentlich Ihrem Vater geben, wenn es Sie ſelbſt nicht intereſſirt, es einmal durchzuſpielen?“ Dabei zog ich das ſaubere, ſchön ausgeſtattete Heft aus meiner Bruſttaſche und bot es ihr. „Warum denn nicht“, erwiderte ſie ganz harmlos und gleichgültig; dann wandte ſie ſich mit faſt kindiſcher Freude zu den Rehen. „Ach meine lieben, lieben Rehe, meine braunen Lieblinge“, rief ſie.„Sehen Sie, wenn mir der Vater eine Freude machen wollte, ſolch ein zahmes Reh ſollte er mir ſchenken; wie menſchenklug ſpricht es gleichſam mit ſeinen großen braunen Augen, und wie reizend denke ich es mir, wenn es mich überall hin begleitete.“ „Und doch wäre es eine Gefangenſchaft“, ſagte ich,„und eines Tages würden Sie das arme Thier freigeben.“ Da ſah ſie mich groß und ſtill mit ihren ſchönen Au⸗ gen an.„Gibt es denn noch eine Freiheit“, ſagte ſie dann ganz leiſe,„wenn man etwas lieb hat? Wenn mich das Reh lieb hat, ſo geht es nicht von mir, und wenn ich ihm alle Tage die Thür öffnete, es käme doch wie⸗ der, oder halten Sie es für eine Gefangenſchaft, wenn es mit mir leben müßte wie mit Genoveva?“ ₰ „Umgekehrt, liebes Gretchen, Genoveva war im Elend und ungerecht geopfert, die Thiere aber des Waldes waren frei.“ „Ja, ſo möchte ich es auch“, ſagte ſie gedankenlos. „Aber, Gretchen, Sie ſchwärmen und überlegen wirklich nicht, was Sie ſich wünſchen.“ Das junge Mädchen mochte jetzt erſt ihre Worte überdenken, ſie wurde flammend roth, während ſie die ganze Geſchichte der unglücklichen Dulderin auf ſich anwandte. Und ſo ſchritt ſie wortlos und haſtig neben mir her, während wir uns wieder zu dem Tiſch unter den Zelten zurückwandten. Ich kann wohl ſagen, daß ich wunderbar bewegt von dieſem ſeltſamen Geſchöpf war, deſſen Phantaſie mit libellenhafter Anmuth über den Dingen dieſer Welt — 1 41 gaukelte und ſich ſelbſt alle Tage mit einem märchen⸗ haften Traum umſpann, der mit der Wirklichkeit nichts gemein hatte. So krankhaft und unnatürlich ſolcher Wi⸗ derſpruch an ſich, ſo natürlich und geſund erſchien er für ein Weſen, wie Gretchen es war, die auch in an⸗ derer Beziehung unberechenbarer war als die meiſten Mädchen in ihrem Alter. Als wir zurückkamen, war Herr Sommervogel bereits im tiefſten Geſpräche mit Herrn von Thymian. er junge Herr hatte inzwiſchen ſeinen Vortheil erſehen und die ſchwache Seite des Alten, ſeine Vor— liebe für Alterthümer, nicht nur richtig erkannt, ſondern auch ſofort auszubeuten verſtanden. So eben ſprach er mit Pathos von einem Elennskoller aus dem ſieb⸗ zehnten Jahrhundert, eine Reliquie, die er ihm mit Leichtigkeit verſchaffen könne. Herr von Thymian war von dieſen verheißungs⸗ vollen Ausſichten nicht nur völlig verſöhnt, ſondern auch vollſtändig aufgethaut. Er hatte Wein beſtellt, was immer ein Zeichen ſeiner höchſten Gnade war, und der Handel mit dem Elennskoller kam in Richtig⸗ keit. Herr Sommervogel ſollte es erſtehen, was es auch immer koſten möge, und erhielt dabei zugleich eine Einladung zu Tiſche für die nächſten Tage, um ſich die Raritäten des Herrn von Thymian anzuſehen. n. ——— 42 „Sie ſind mein Mann“, ſagte Herr von Thy⸗ mian, indem er herablaſſend die Schulter des jungen Herrn berührte.„Solches Verſtändniß für die alten Zeiten zeugt von echt deutſchem Sinn und von gründ— licher Bildung. Stoßen wir an auf das Elennskoller; ſolch ein Stück hat mir lange gefehlt und ich werde Ihnen meinen Dank nicht ſchuldig bleiben für eine ſolche Acquiſition. Und Sie, Herr Collaborator“, wandte er ſich zu mir,„ſind Sie wieder zurück— iſt mir ſehr lieb, ich wollte Ihnen nur ſagen, daß ich Ihnechfür dieſe neue Bekanntſchaft ſehr verpflichtet bin, ſehr ver⸗ pflichtet.“ Ich weiß nicht mehr, was ich dem alten Herrn vamals erwidert habe. Leider war meine Zeit abge⸗ laufen; ich hatte gegen Abend noch einige Muſikſtunden zu geben und mußte mich jetzt raſch empfehlen, wenn ich noch rechtzeitig in der Stadt ankommen wollte. Thymian war beim Abſchied ziemlich freundlich, während Herr Sommervogel, der mit plumper Schlau⸗ heit und arroganter Sicherheit auf ſein Ziel losſteuerte, mich jetzt bereits nicht mehr zu kennen ſchien. Gret⸗ chen entließ mich wie ein launiſches Kind, das jetzt ſchon wieder ſchmollte; noch im letzten Augenblick rief ſie mir zu:„Aber Sie ſchicken mir doch das Märchen vom verzauberten Bären, nicht wahr? Ich rechne darauf.“ 43 Ich eilte fort, es war ſpät geworden. Am Aus⸗ gang beſtieg ein fremder Herr die letzte Droſchke, welche vorhanden war. Ich benutzte den Platz, welcher noch frei war, und mußte unterwegs eine lange Auseinander ſetzung über den Pariſer jardin des plantes anhören; dann kam der Fremde auf die politiſchen Zuſtände an der Seine, und die düſtern Prophezeiungen, die er über die bevorſtehenden Ereigniſſe gab, erfüllten mich keineswegs mit Schrecken, ſondern eher mit Hoffnung, daß auch in unſerm deutſchen Vaterlande Vieles anders werden müſſe und könne. Ich kann hier beifügen, daß jener Fremde einer jener zahlreichen Sturmvögel war, die damals ſchon ſich in Deutſchland zu zeigen began⸗ nen. Ich kam an jenem Abend nicht mehr von ihm los und hatte keine Ahnung, daß jene flüchtige Be⸗ gegnung ihre Folgen für die Zukunft haben ſollte. Die Muſikſtunden unterblieben an jenem Abend und an den folgenden Tagen. Ich überſpringe hier mehrere Tage, ja mehrere Wochen, welche ereignißlos verliefen. Die Hefte meiner geſammelten Volkslieder, welche jetzt in raſcher Folge erſchienen, machten ziemliches Glück; in wenig Wochen war die ganze Auflage ver⸗ griffen, und die angeſehenſten Zeitſchriften ſprachen ſich 33 mit einſtimmigem, theilweis mit überſchwänglichem Bei⸗ fall über das Unternehmen aus. Trotzdem ich viel Mühe und Fleiß darauf verwendet, überſtieg dieſer Erfolg doch bei weitem meine beſcheidenen Erwartungen, und ich begann die Zukunft ſchon in freundlicherem Lichte zu ſehen. Nur Eins that mir bei den vielfachen Beweiſen von Anerkennung weh, nämlich das voll⸗ ſtändige Schweigen des Herrn von Thymian, dem ich doch das erſte Heft hatte zuſtellen laſſen. Weniger räthſelhaft wurde ſein Schweigen als ich durch geſchäftige Zwiſchenträger erfuhr, er habe ge⸗ äußert und zwar in öffentlicher Geſellſchaft geäußert, er könne nicht begreifen, wie ſo rohe Waare, die gut genug für Schuſterjungen und verliebte Nähterinnen ſei, ſolchen Beifall finden könne, während man kunſt— vollen Productionen, die auf der Höhe der Zeit ſtän⸗ den, die Pforten verſchließe. Das ſei nichts als ein Zeichen von allgemeiner Geſchmacksverwilderung, vom Heraufdrängen des Pöbels an den reinen Altar der Kunſt. Alſo war es wirklich Eiferſucht, kleinliche Eifer⸗ ſucht des Dilettanten der mit jenen kunſtvollen Pro⸗ ductionen auf der Höhe der Zeit nur ſeine eigenen Werke meinte und mir deshalb, wenn nicht Fehde an⸗ ſagte, doch den Stuhl vor die Thür ſetzte. Aus gleicher Quelle erfuhr ich, daß Herr Sommer⸗ 45 vogel alle Tage in ſeinem Hauſe ſei. Bald bringe er eine alte Scharteke mit Holzſchnitten, bald eine Blech⸗ haube, bald einen roſtigen Spieß oder ein Schießeiſen oder ſonſt einen alten Scherben, kurz, die ganze Aus⸗ beute des Trödelmarktes, und habe damit völlig das Herz des Alten gewonnen. Auch das berühmte Elennskoller habe er erſtanden, und ich ahnte damals noch nicht, welche kurioſen Fol— gen dieſe alte Rarität herbeiführen ſollte. Wie Herr Sommervogel mit Gretchen ſtand, konnte ich ſchlechterdings nicht erfahren. Mich durch eigenen Augenſchein zu überzeugen, widerſtrebte meinem Stolz, nachdem die Volksliederhefte, deren erſtes dem Hauſe Thymian ausdrücklich“ gewidmet war, ſo kühl, ja faſt feindſelig aufgenommen worden waren. Ich konnte dies Haus überhaupt nicht mehr betreten und machte lieber einen Umweg, wenn ich in die Nähe kam, um nichts zu ſehen und nicht geſehen zu werden. So war bereits der Hochſommer herangekommen und Juli und Auguſt holten an ſengender Hitze und ſchwe⸗ ren Gewittern reichlich nach, was das Frühjahr ver⸗ ſäumt hatte. Es war an einem dieſer ſchwülen Abende, als ich hinten auf der Stadtmauer im Gartenhäuschen ſaß. Es war das eine alte, jetzt aufgehobene Baſtion, welche 46 auf den Fluß hinausging und eine reizende Fernſicht auf die ganze Stadt, ſowie auf die weite Umgegend gewährte. Dieſes hochliegende Gartenhäuschen war mein Lieb⸗ lingsaufenthalt, wenn ich nicht in den aufgefüllten einſtigen Feſtungsgräben ſpazierte, die ſich jetzt in ver⸗ wilderte Gärten verwandelt hatten. Oben war es am ſchwülen Abend auch luftiger und freier. Die weißen Segel der Marktſchiffe zogen rothbeſchienen in der Abendglut auf dem Strome hin, und ein unſag⸗ barer Zauber war über das belebte und doch ſtille Bild gebreitet. Ich dachte meiner geſchwundenen Ju⸗ gendjahre, die auch ſo vorübergezogen waren, bald von der Sonne beſchienen und bald vom Sturm umbrauſt. Der Flieder duftete um mich her, und die Roſen blüh⸗ ten und glühten wie in ewiger Jugend, grade ſo wie einſt vor vielen Jahren, als ich als armer Student hier eingezogen, ſehnſüchtig in dieſe wilden Gärten ge⸗ ſchaut hatte und dann von den offenen Armen Groß⸗ mütterchens wieder aufgenommen worden war, die zuvor mitten in der Stadt gewohnt hatte. Jetzt war der Garten mein und das Häuschen, aber was hatte ich eigentlich nun gewonnen als Ein⸗ ſamkeit und Stille draußen und Einſamkeit und Stille in der tiefſten Seele. Nachdenklich blätterte ich in dem letzten Hefte mei⸗ ner Volkslieder; wie unwillkürlich glitten meine Hände über die Taſten des alten Spinetts, welches hier im Gartenhauſe ſtand, und leiſe klang die Melodie durch die Stille: Es waren zwei Königskinder, die hatten einander ſo lieb— Kaum machte ich eine Pauſe, als ich meinte, es habe Jemand unten auf der ſchmalen Straße, die zwi⸗ ſchen der Stadtmauer und dem Strom hinläuft, in die Hände geklatſcht. Ich ſah hinunter und wirklich, drunten ſtand ein Menſch in lauſchender Stellung. Er war in ſchwarzem Anzug mit weißer Weſte, weißer Cravatte und nagelneuem Seidenhut. Jetzt mußte er mich ent⸗ deckt haben, denn er lüftete den Hut und begann zu reden. Wahrhaftig, es war abermals Herr Sommervogel, aber in gänzlich veränderter Haltung. Wiederholt klatſchte er jetzt in die Hand und flü⸗ ſterte:„Bravo, Braviſſimo! Das iſt auch mein Lieb⸗ lingslied, Herr Collaborator. Ich wollte Sie inmitten des Spiels nicht ſtören, ſondern erſt das Ende abwar⸗ ten, aber meine Begeiſterung riß mich hin. Verzeihen Sie meine Kühnheit. Darf ich hinaufkommen? Ich hätte dringend mit Ihnen zu reden.“ „In Gottes Namen, ſo kommen Sie“, ſagte ich und ſchloß das Spinett. Einen Moment hämmerte das Herz in ungewiſſer Erwartung der Eröffnungen, die mir bevorſtanden, aber gleich darauf hatte ich meine Ruhe wiedergewonnen. Herr Sommervogel trat durch ein Pförtchen der Stadtmauer in den Garten und eilte die Stufen herauf, um mir dann faſt in die Arme zu fallen. „Ach, mein theuerſter, beſter Herr Collaborator, was werden Sie von mir denken! Ich wollte Sie ſchon lange beſuchen, um Ihnen mein Herz auszuſchüt⸗ ten. Ich bin Ihnen ſo unendlichen Dank ſchuldig. Sie haben mich zum glücklichſten Menſchen gemacht. Dieſe Familie, dieſer Ehrenmann von Vater und dieſe herrliche Tochter, dieſes Ideal meiner Träume— o⸗ ich kann Ihnen gar nicht ſagen—“ „Bitte, ſetzen Sie ſich nicht in Unkoſten“, ſagte ich und ſchnitt ihm das Wort vom Munde ab, denn mich widerte dieſe Schwärmerei an.„Alſo kann man bereits gratuliren?“ Herr Sommervogel lächelte verlegen wie ein Schul⸗ mädchen, dann flüſterte er heimlich: „Nun, dieſes noch nicht ganz, aber doch beinahe.“ „Doch beinahe, wie meinen Sie das?“ „Ich wollte Sie nämlich in dieſem Punkteum Rath fra⸗ gen, denn ich bin in dieſer Sache wirklich völlig unerfahren.“ Ich deutete auf die Gartenſtühle; Herr Gabriel Sommervogel nahm Platz und zwar abermals ſo, daß er verſtohlen in den Spiegel ſehen konnte, um ſein ambroſiſches Haupthaar zu arrangiren. Ich betrachtete mir den Burſchen jetzt näher und fand ſein bartloſes Geſicht noch käſiger als ſonſt ſowie ſeine ganze fah⸗ rige und zapplige Haltung noch unausſtehlicher als früher. „Sehen Sie, das iſt eine eigene Geſchichte“, flü⸗ ſterte er endlich mit unvermeidlichem Lächeln.„Ich bin bereits wie zu Hauſe in der vornehmen Familie, Herr von Thymian behandelt mich mit der ehren— vollſten Auszeichnung, um nicht zu ſagen Cordialität. Ich muß häufig bei ihm zu Mittag ſpeiſen und ſeine Sammlungen bewundern. Er hat mich in alle ſeine großartigen Kunſtunternehmungen eingeweiht, jeden Abend lieſt er mir ſeine Operntexte vor— unter uns, ich verſtehe nichts davon, und das Zeug kommt mir hochgelehrt vor, denn es iſt grundlangweilig, aber na— türlich, davon darf man nichts merken laſſen. Man muß ſo thun, als ſei man entzückt, und ich bin es auch wirklich zum Theil, denn der gnädige Herr hält etwas auf mich und mein Urtheil auch; meine Abſichten können ihm nicht verborgen ſein, obgleich er immer von etwas Anderem zu reden beginnt, ſobald ich die leiſeſten, zar⸗ Groſſe, Der neue Abälard. I. 4 teſten Andeutungen wage. Was halten Sie davon, Herr Collaborator?“ „Sie ſind ein närriſcher Kauz, mein Lieber. Was geht Sie denn der Alte an, da Sie doch Abſichten auf die Tochter haben? Sagen Sie mir lieber, wie Sie mit Gretchen ſtehen. Haben Sie ſich erklärt?“ „Dieſes nun weniger“, flüſterte der Schüchterne. „Wozu auch, man muß durch die unmittelbare Nähe wirken, man muß ſich auf den ſtillen Einfluß der Per⸗ ſönlichkeit verlaſſen, und in dieſer Beziehung darf ich mir ſchmeicheln, gewirkt zu haben. Sie fürchtet ſich bereits vor mir; aber wie es in der Schrift heißt, die Furcht iſt der Liebe Anfang, ſo iſt dieſe heimliche Scheu nur der knospenhafte Ausdruck jungfräulicher Scham, die ſich ihrer ſelbſt bewußt geworden iſt— o wir kennen das!“ flüſterte der heimliche Menſchenkenner und ließ vornehm nachläſſig ſein Monocle aus der Augen⸗ höhle fallen. Der Menſch fing an, mich zu beluſtigen. „Bitte“, ſagte ich,„worin zeigt ſich denn jene intereſſante Furcht vor Ihnen?“ „O“, flüſterte der Geck,„das Mädchen flieht aus dem Zimmer, wenn ich komme, ſie dreht den Kopf weg, wenn ich ſie anzureden verſuche, ja ſie wird oft gar nicht ſichtbar, wenn ſie mich im Hauſe weiß, lauter 51 untrügliche Zeichen, daß dies Herz mein gehört. Dieſe kleine Ereatur iſt unwillig über ſich ſelbſt, daß ſie ſich unter meinem magnetiſchen Einfluſſe fühlt, aber ſie will es ſich ſelbſt nicht eingeſtehen, daß ſie ihre Freiheit ver⸗ loren hat, daß ſie geliefert iſt. O wir durchſchauen Alles, wir wiſſen, woran wir ſind!“ „Kühne Behauptungen, mein Lieber“, meinte ich, „aber vielleicht täuſchen Sie ſich doch.“ „O, wie wäre noch eine Täuſchung möglich ne⸗ ben den klarſten verrätheriſchen Beweiſen! Kann eine Dame mehr thun, als wenn ſie die Farben ihres An⸗ beters trägt? Und ſie trägt meine Farben, Violett mit Gelb, denn ſie ſchmückt ſich mit Stiefmütterchen, und noch mehr, ſeit geſtern hat ſie ein kleines Medaillon am Halſe und ich weiß, daß ein Bildniß darin ver⸗ borgen— mein Bildniß, das ſie bei einem Photographen gekauft hat, den ich die Ehre habe, zu meinen nähern Freunden zu zählen. Wollen Sie noch mehr Beweiſe, Herr Collaborator?“ „Lieber Herr Sommervogel“, ſagte ich, verſtimmt von dieſer unglaublichen Fülle von Anmaßung,„wa⸗ rum kommen Sie überhaupt zu mir, wenn Sie den Sieg ſo ſicher in Händen haben? Sie ſind ja ein wah⸗ rer Blaubart, das arme Kind ſo zu quälen.“ „O ich bin nicht ſo grauſam!“ flüſterte der 3 52 5 Lächelnde.„Der Grundzug meines Weſens iſt Seelen⸗ güte, wie auch meine Natur alles Störende und Fremd⸗ artige leicht überwindet. Aber da die Ungeduld auf jener Seite zu ſein ſcheint, ſo gebietet mir das Mit⸗ leid, ein Ende zu machen, jawohl, ein Ende; das arme Kind reibt ſich auf in einem Grade, daß ich es nicht mehr mit anſehen kann.“ „Nun alſo, was wünſchen Sie bei mir?“ „Geſtatten Sie mir alſo, mitzutheilen, daß ich mich entſchloſſen habe, noch heute Abend Herrn von Thymian meine Aufwartung zu machen und um die Hand ſeiner Fräulein Tochter geziemendſt anzuhalten. Die Familie wird jetzt im Garten ſein, und es wird ſich Alles ſo zwanglos als möglich machen. Sie aber wollte ich um Rath fragen, ob ich mir mit einem ſolchen Schritt etwas vergebe?“ Ich ſah mir dies kurioſe Mannsbild noch einmal an und würde geneigt geweſen ſein, ihn für überge⸗ ſchnappt zu halten, wenn nicht ſein ganzes Benehmen heute eine auffallende Sicherheit zur Schau getragen hätte. Auch die Luſt, ihn auszulachen, ſchwand allmä⸗ lig vor dem Gedanken, daß ſeine letzten Beobach⸗ tungen doch nicht durchweg reine Erfindungen ſein konnten. „Wenn Sie Ihrer Sache ſo ſicher ſind, lieber 53 Herr“ ſagte ich,„ſo iſt freilich eine raſche Entſcheidung das Beſte für beide Theile, dennoch aber kann ich es nur undelicat finden, ſo mit der Thür in das Haus zu fallen. Stehen die Dinge wirklich ſo, wie Sie vorausſetzen, ſo kommt es doch auf einen Tag mehr oder weniger nicht an. Sie ſagen, daß Sie mir Dank ſchuldig ſind. Nun, ſo thun Sie mir auch einmal einen Gefallen und geben Sie mir Ihr Wort, daß Sie noch drei Tage von heute an warten wollen.“ „Noch drei Tage!“ Die käſige Phhſiognomie des jungen Apollo verlor momentan das ſtereothpe Lächeln. „Und weshalb noch drei Tage?“ „Ich will ſelbſt erſt Schritte thun, um zu erfahren, ob Ihre Beobachtungen richtig ſind und Ihren Hoff⸗ nungen eine feſte Stütze geben. Es iſt das durchaus nothwendig, ſchon Ihrer Würde halber, lieber Herr“, ſetzte ich mit munterem Tone hinzu, denn ich glaubte bereits einen ſichern Weg gefunden zu haben.„Falls Sie denn doch wider Erwarten einen Korb bekommen ſollten, ſo iſt es beſſer, Sie erfahren es vorher und unterlaſſen einen Schritt, der Sie nur unrettbar bloß⸗ ſtellen würde.“ „Einen Korb! O was denken Sie!“ fuhr der Be⸗ leidigte auf, und aus dem wieder eingeklemmten Mo⸗ nocle traf mich ein bitterböſer, ſcharfer Blick. —— 54 „Bitte das nur als eine ſubjective Möglichkeit zu nehmen“, ſagte ich einlenkend.„Es würde aber dadurch klar werden, daß die Frucht noch nicht reif iſt, die Sie ſchütteln möchten. Wie die Dinge jetzt ſtehen, kön⸗ nen Sie nach wie vor kommen und jene Frucht mit der Sonne Ihrer Gunſt und Werbung beſcheinen, bis ſie endlich reif wird mit der Zeit. Stoßen Sie ſie aber durch eine vorzeitige herausfordernde Erklärung ab, ſo wird das Unreife niemals zur Reife kommen, denn Sie müſſen von dem Dage an, wo man Ihnen, wenn auch nur vorläufig, mit nein antwortet, aus dem Hauſe weg⸗ bleiben. Nicht wahr, das ſehen Sie ein? Alſo Ihr Wort darauf, daß Sie nichts unternehmen, bis wir uns wieder geſprochen oder bis Sie wenigſtens ſchrift⸗ liche Nachricht von mir haben.“ Nur mit ſchwerem Herzen und nach heftigem Kampfe mit ſich ſelbſt gab Herr Sommervogel ſein Jawort, aber er ſchied unter zahlloſen Betheuerungen, daß mein Mißtrauen verletzend für ihn ſei und daß dieſe Verzögerung eine unverantwortliche Qual für das junge Mädchen genannt werden müſſe. „Nun, das will ich ſchon verantworten“, ſagte ich und ließ den Junker Bleichenwang abziehen, der ſich nach abermaligen zahlloſen Complimenten und dring⸗ lichen Empfehlungen ſeiner Sache entfernte. 55 Alſo dennoch! Sie trug ſeine Farben und ſein Bildniß. Nein und tauſendmal nein, rief es in mir, ehe ſich Gretchen für einen ſolchen Hanswurſt entſchei⸗ den könnte, müßte ſich die ganze Natur auf den Kopf ſtellen und jede Wahrheit zur Lüge werden. Indeß, dennoch kehrten auch die Zweifel wieder, die Zweifel an der Widerſtandskraft eines jungen und unerfahrenen Herzens. Eine verhältnißmäßig günſtige bürgerliche Poſition, ein leicht lenkbarer Charakter, der ihr im voraus die Herrſchaft ſicherte, dazu die Protection des Vaters, der ſein Haus trotz aller Affen⸗ liebe für die Tochter doch mit thranniſcher Gewalt be⸗ herrſchte— wer und was vermochte dieſe ſchwerwiegen⸗ den Changen aufzuwiegen oder ganz zu beſeitigen! Mir war's, alswenn ſich mir die Bruſt und ſogar rings die Wände um mich zuſammenſchnürten. Ich eilte ins Freie; ich fühlte, ein entſcheidender Schritt mußte ge⸗ than werden. Am beſten, ich ging zu Frau von Ribbeck, ſo⸗ viel ich wußte, eine mütterliche Freundin Gretchen's und eine weltkluge, liebenswürdige Frau mit allen Gaben des Humors und feinen Taktes ausgeſtattet, um in dieſer delicaten Frage ein entſcheidendes Wort mitzureden. Dazu kamen meine eigenen Beziehungen zu der ſchönen und erfahrenen Frau, Beziehungen, die ſchon ſeit langen Jahren beſtanden und mir wohl das Recht gaben, einen Freundſchaftsdienſt von ihr zu verlangen. Jawohl, Frau von Ribbeck allein konnte dieſen unheilvollen Knoten entwirren und löſen. Drittes Kapitel. Unter den Frauen gibt es eine beſondere Art, die wie Nornen und Schickſalsgöttinnen wirken; ſie ſpin⸗ nen weniger an ihrem eigenen Looſe als an fremden Lebensfäden, und je nachdem ſie gutartiger oder min⸗ der liebenswürdiger Natur ſind, können ſie unermeß⸗ lichen Segen oder namenloſes Unheil ſtiften. Zu den Nornen guter Art nun gehörte Frau von Ribbeck, die ſchon früher einmal in der Entwick⸗ lung meines Lebens eine bedeutſame Rolle geſpielt hatte, ohne daß ſie ahnte, in welchem Grade ihre Ein⸗ wirkung maßgebend geweſen. Es waren dies zarte und pietätsvolle Beziehungen, welche meiner Freund⸗ ſchaft zu dieſer ſeltenen Frau etwas Feierliches und Weihevolles gaben. Um nicht mißverſtanden zu werden, muß ich die ſeltſame Hiſtorie hier berühren. 58 Ich war nicht immer Pädagog. Es gibt eine dunkle, ſtürmiſche Periode in meinem Leben, die ich gleichwohl nicht daraus wegwünſchen möchte, auch wenn ſie ſchuld war, daß ich einige meiner ſchönſten Jugend⸗ jahre ohne Frucht verloren habe. Trotzdem umſpielt noch heute jene Zeit ein magiſcher Glanz von Glück⸗ ſeligkeit und Sorgloſigkeit, die nur ein goldenes Privi⸗ legium der Jugend ſind. Um es mit einem Worte zu ſagen, ich bin in meiner Jugend zwei Jo“ lang Schauſpieler geweſen. Kaum hatte ich die Ume ät bezogen, um nach dem Willen meiner noch lebenden Verwandten Theologie zu ſtudiren, als meine Stunde ſchlug, die mich aus den Armen der alma mater riß. Es war eine kleine Wandertruppe, welche in der Univerſitätsſtadt erſchien und durch ihre Vorſtellungen die ganze akademiſche Jugend in ſtürmiſche Aufregung brachte. Auch in mir weckte dies bunte Zigeunerleben bald eine glühende Leidenſchaft, natürlich eines Mädchens halber, welches wie eine überirdiſche Erſcheinung in mein Leben trat. Wenn Coraly ſpielte oder ſang, meinte ich Offen⸗ barungen aus einer andern, höhern Welt zu verneh⸗ men Das Theater wurde meine Kirche und die un⸗ 59 nahbare Schöne meine Heilige. Ja, ſie war bezaubernd und hinreißend. Wie ſchön ſie war mit ihren großen melancholiſchen Augen, mit ihrer ſchlanken, feingebau⸗ ten Geſtalt, mit ihrem reichen dunklen Haar, das bis über die Augen in die Stirn hereinſtand, und wel⸗ chen Zauber ſie entfaltete mit ihrer ſammtenen, weichen Stimme, die einen unendlich wehmüthigen Klang hatte, keine Feder vermag es zu ſagen. Mir ſchlägt das Herz jetzt noch, wenn ich jener Tage gedenke. Es iſt genug, wenn je ger andeute, daß ich mich entſchloß, mein Studiun fzugeben und mich der Bühne zu widmen, um meiner angebeteten Coraly ſteis nahe zu ſein. Der Schritt war nicht ſo unbedacht und leichtſinnig, als er ſcheinen konnte, denn meine Freunde wie auch der Director der Geſellſchaft mein⸗ ten, daß ich nicht ohne Talent ſei und daß ich bald ein glänzendes Ziel erreichen werde. Ach, ſie ahnten nicht, daß all mein Können nur ein Abglanz jener Herrlichen war, die Kräfte in mir geweckt hatte, welche mir bis dahin ſelbſt noch unbekannt geblieben waren. Im Uebrigen mochten auch die Andern den Grund meiner Leidenſchaft für die Bühne errathen, ſo ſehr ich mich auch beſtrebte, ihn zu verbergen, nicht aus fal⸗ ſcher Scheu, ſondern aus Vorſicht, um meine eigenen Illuſionen nicht zu zerſtören. Es war ein eigenes Verhältniß. Ich weiß nicht, ob Coraly ſelbſt eine Ahnung von meiner Neigung haben mochte, aber ſie behandelte mich wie einen Hund, nicht etwa aus Koketterie oder aus herriſchem Charak⸗ ter, nein, aus ſeltſamer Sittenſtrenge, die ſich vor der eigenen Schwäche fürchtet und zu ihrem Schutz die rauhe Schale wählt. In dieſer Beziehung konnte ſich Niemand einer Bevorzugung rühmen. Sie ließ ſich die Huldigungen aller gefallen, wie eine Königin— und wie ward ihr gehuldigt von allen Seiten!— aber niemals überſchritt ſie dabei eine gewiſſe Grenze Sie nahm Blumen, Geſchenke, Aufmerkſamkeiten entgegen wie ein verzogenes Kind oder wie eine gnädige Heilige, aber bei der leiſeſten Andeutung, als erwarte man eine Er— widerung, kehrte ſie die ſchroffe Seite heraus und ſpielte die unnahbare Brunhild. Man ſollte glauben, daß dies unweibliche Beneh⸗ men ſie bald unbeliebt gemacht hätte, aber gerade das Gegentheil war der Fall; auch wenn man ihr den Spitznamen Madonna gegeben, blickten doch alle mit Verehrung zu ihr hinauf, vom letzten Lampenputzer bis zum Director, der ſie aus guten Gründen vergöt⸗ terte, denn ſie füllte ihm das Haus und die Kaſſe. So war ſie, ohne es zu wollen, allmälig die Seele der Geſellſchaft geworden, die ſie beherrſchte und unter ————— Umſtänden thranniſirte. Was mich betrifft, ſo ſpielten wir zuſammen, ſtudirten, dinirten und promenirten. Jeder Tag war mir ein hohes Feſt; wenn ich nur in ihr ſchwermüthiges Auge ſehen durfte, vergaß ich die Welt um mich her und merkte es kaum, daß die ge⸗ ſtrenge Herrin mich zu ihrem Sklaven degradirt hatte, der ſich einbildete, ihr Freund ſein zu dürfen. Dies ſeltſame Verhältniß dauerte ſchon Jahr und Tag, und ich hatte mich ſo ſehr an dieſen Dienſt ge— wöhnt, daß ich Vergangenheit und Zukunft vergaß. Wir ſpielten zuletzt in kleinen Bädern und zwar mit dem glänzendſten Erfolg. Die Schönheit Coraly's flog wie ein Lauffeuer vor uns her, und ihr ſpröder Stolz ſicherte zugleich die Dauer unſeres Glücks. Da kam eines Tages ein Novize zu unſerer Truppe, ein ziemlich chiffonirter armer Teufel, der ein gewiſſes pauvre gentil zur Schau trug, im Uebrigen ein Thunichtgut, der nach hundert Abenteuern am Thespiskarren endlich die nöthige Zerſtreuung und Unruhe fand, die er brauchte, um ſich wohl zu fühlen. Im Grunde war Herr Albany, wie er ſich nannte, eine grundehrliche Haut, die nur an etwas Ueberſpannt⸗ S heit litt. Sein träumeriſches Auge, ſeine chevaleresken Manieren und ſeine ganze, halb reſervirte, halb excen⸗ 62 triſche Haltung trug ein vornehmes Gepräge und zeigte die Spuren feiner Erziehung. Von jenem Tage an war Coralh verwandelt. Sie erſchien weicher, hingebender, liebenswürdiger gegen alle. Ihre befehlshaberiſche Art war völlig verſchwunden, denn bei jeder Entſcheidung, betraf es nun ein Stück, eine Rolle oder ein Coſtüm, ward Albany zu Rathe gezogen, als wenn ſie an ihn ihre ganze Herrſchaft ab⸗ getreten hätte. Mich erfüllte dieſe Beobachtung zuerſt mit Stau⸗ nen und Schrecken, dann aber mit ſtiller Genugthuung. Wer war dieſer Sterbliche, der es vermocht hatte, dies marmorne Götterbild lebendig und menſchlich zu ma⸗ chen? Ich fühlte das Bedürfniß, mich innig an ihn an⸗ zuſchließen, und ich müßte lügen, wenn ich es verſchwei⸗ gen wollte, daß wir bald die zärtlichſten Freunde wurden. Dieſer Albany war ein Teufelskerl, voll von tau⸗ ſend Schwänken und Tollheiten, dabei von entſchiedenſter Begabung und ſeltenſter Herzensgüte; ich liebte ihn bald wie einen jüngern Bruder, der berufen war, mich an der ſtrengen Schönen zu rächen. Zwar auch er kam nicht viel weiter, denn er lebte ziemlich leichtfertig und befand ſich in den ungeordnetſten Verhältniſſen, welche die Hoffnung, jemals auf einen grünen Zweig zu kommen, immer weiter hinausrückten. Die ſtolze Madonna Coraly hatte eines Tages unzweideutig zu verſtehen gegeben, daß ſie allerdings auf Erlöſung aus dem Elend hoffe, aber ſie erwarte Alles oder nichts. Lange war ich im Zweifel, was ſie mit dieſen Worten hatte ſagen wollen. Es vergingen einige Monate. Mit unſerer Kunſt ſtand es zwar nicht übel, aber doch bedenklich. Albany nämlich ſpielte ſich immer mehr in daſſelbe Fach hin⸗ ein, welches bisher das meine geweſen, und ich kann nicht anders ſagen, als daß wir in unſern L Leiſtungen ziemlich auf gleicher Stufe ſtanden. Albany wurde ebenſo oft applaudirt als ich, und wenn ich ihm ſchließ⸗ lich immer mehr von meinem Rollen abtrat, ſo war es mir nur die ſüßeſte Befriedigung, wenn ſich Coralh dann herabließ, mich darum zu bitten. Die Folgen dieſer Nebenbuhlerſchaft in der Kunſt waren übrigens verhängnißvoller, als wir berechnet hatten, denn eines Tages ließ uns der Director rufen und eröffnete uns, daß er eine doppelte Beſetzung deſ⸗ ſelben Fachs nicht länger fortdauern laſſen könne. Einer von uns müſſe gehen, wir möchten es uns überlegen, wie die Sache zu arrangiren ſei. Da plötzich, während dies Schwert noch über uns ſchwebte, bekam ich einen Ruf an das deutſche Thea⸗ ter von Petersburg— eine Wendung, die mich wenig 64 beglückte, denn eine Exiſtenz ohne Coraly konnte ich mir nicht denken. Als ich Freund Albany in aller Stille dieſe Aus⸗ ſichten mittheilte und ihn um Rath fragte, rief er: „Ja, wenn mir ein ſolches Glück blühte, ſo könnte ich heirathen; ſo zehren wir uns auf im Elend, und wer weiß, wie es enden wird.“ „Um des Himmels willen, was iſt denn geſchehen?“ fragte ich ihn. Albany nahm mich auf die Seite und flüſterte mir etwas zu— ſie wäre längſt ſein geworden, wenn er ihr Sicherheit für die Zukunft bieten könnte, aber ſo gingen ſie beide zu Grunde. Ich erſchrak über dieſe Andeutung, denn ich fühlte, daß Albany mir nicht die ganze Wahrheit ſagen wollte. Daß er das möglich gemacht haben ſollte, ſchien mir immer noch unglaublich, aber Coraly's verändertes Benehmen, ihre Niedergeſchlagenheit und ihr verſtörtes Weſen in den letzten Tagen ſagten mir Alles. Da war es auf einmal, als wenn mir eine Binde von den Augen genommen würde. „Wenn die Dinge ſo ſtehen“, ſagte ich zu Albany, „ſo mußt Du an meiner Statt dies Engagement über⸗ nehmen. Du ſpielſt dieſelben Rollen und biſt ebenſo geſchult, und kommſt Du nach Pelersburg, ſo wird kein 65 Menſch darnach fragen, ob Du Albany oder Theobald Korn heißeſt, denn von heute an tauſchen wir unſere Namen.“ Albanh machte einige Einwendungen, die ich alle ſiegreich widerlegte. Endlich gelang es mir, ihn zu überzeugen, daß dies für ihn und für Coraly der ein⸗ zige Weg der Rettung ſei. Da fiel er mir um den Hals und ſagte: „Es geht doch nicht; wenn Coralh jemals erfährt, daß ich dies Glück nicht mir ſelbſt verdanke, ſondern es gleichſam erſchlichen habe, ſo verliere ich ihre Ach⸗ tung, und Alles iſt aus.“ „Wer ſagt denn, daß ſie es erfahren ſoll, im Ge— gentheil, ich mache ſtrengſtes Stillſchweigen zur Be⸗ dingung. Nie darf ſie erfahren, daß Du für einen Andern eingetreten biſt. Vielleicht iſt auch der Na⸗ menstauſch gar nicht nothwendig. Du gehſt nach Pe⸗ tersburg und ich gebe Dir Briefe mit, in denen ich Dich empfehle, weil ich der Bühne wieder entſagen wolle. Biſt Du einmal dort, ſo wird man froh ſein, einen ſo glücklichen Erſatz zu haben, und Alles wird nach Wunſch gehen.“ Dieſer Vorſchlag entſchied und am nächſten Tage wußte die ganze Geſellſchaft, daß Herr Albany einen ehrenvollen Ruf nach Petersburg bekommen habe. Groſſe, Der neue Abälard. I. 5 66 Am Abend ſpielte Coraly das Klärchen im„Eg⸗ mont“. Ich kannte ſie nicht wieder, ſie war zur vollen Roſe aufgeblüht und Glück und Freude ſtrahlten jetzt aus ihren ſchwermüthigen Augen. Ich lachte als Bracken⸗ burg heimlich in mich hinein, theils im Triumph, daß die ſtolze Madonna nun doch zu den Menſchen herab⸗ geſtiegen und irdiſch geworden war, theils aus Scha⸗ denfreude, daß ich, den ſie ſtets als ihren Sklaven und Bedienten behandelt, nun doch in der Lage war, ſie vor Schande zu bewahren. Im Zwiſchenact ſtand ich hinter den Couliſſen, da ſchwebte ſie vorüber und ſah mich ſtehen. So glücklich und zerſtreut ſie war, ſah ſie mich doch mit einem tiefen, fragenden Blick an, und ich wußte nicht, ob die Thräne, die ich in ihrem Auge zu bemerken glaubte, eine Thräne des Mitleids oder der Freude war; als ich mich ihr näherte, um ſie anzureden, wich ſie mir plötzlich ſcheu aus und ver⸗ ſchwand. Auch in der folgenden Nacht, als wir ein Abſchiedsfeſt zu Ehren der Glücklichen feierten, die jetzt als verlobt galten, floh ihr Blick den meinen, nur ganz zuletzt, als beim Tagesgrauen ſchon die Freunde um die Scheidenden verſammelt waren, ſuchte ſie mich und fand mich in einem dunklen Nebenzimmer. Da fiel ſie mir plötzlich um den Hals und küßte mich heiß und innig; als ich reden wollte, ſtieß ſie mich von ſich und entfloh. 67 Einige Minuten ſpäter war das Dampfſchiff an dem Garten gelandet, wo wir jenes Feſt feierten, und unſere Tücher wehten noch lange den beiden herrlichen Geſtalten nach, welche jetzt vereint dem Glücke entgegenfuhren, Ja, dem Glücke, denn mein Vorſchlag führte zum glänzendſten Erfolg. Albanh kam mit ſeiner Braut glücklich in Petersburg an, ſein Debüt zündete beim Publikum und man war froh, in Frau Coraly, die jetzt Albany's Gattin geworden war, zugleich eine treff⸗ liche Sängerin gewonnen zu haben. Beide wurden bald die Lieblinge des Publikums und ſahen ſich von der nordiſchen Reſidenz gefeiert, wie niemals in ihrem Vaterlande. Mir war es indeſſen anders beſchieden, und was ich nur als Vorwand ausgeſprochen, daß ich der Bühne entſagen wolle, ward bald zur gebieteriſchen Nothwen⸗ digkeit. Seit Coraly's Abreiſe verlor ich urplötzlich alle Luſt an meinem Beruf; natürlich, denn die Urſache, welche mich einſt auf die Bühne getrieben, hatte jetzt ihre Kraft verloren. Dieſe Welt aus Flitter und Tand, aus Larven und Leinwandfetzen gähnte mich an wie ein hohles, verwildertes Zigeunerleben, trotzdem ich jetzt wieder unbeſtritten die erſten Rollen ſpielte und die Gunſt des Publikums ſicherer beſaß als zuvor. 5* Eines Tages ſtand ich vor dem Director und bat um meinen Abſchied. „Sie wollen mich auch verlaſſen“, rief er voll In⸗ grimm.„Dummes Zeug, nun habe ich ja gar keinen mehr! Wiſſen Sie, daß ich Sie belangen könnte? Sie haben mir den Albany fortgetrieben, ich weiß recht wohl, warum. Nein, mein alter Junge“, ſagte er dann plötzlich gutmüthig,„Sie haben da einen herviſchen Streich gemacht, aber einen verdammt dummen und ſind eigentlich ein Undankbarer, denn kein Anderer als ich hatte Ihnen heimlich jene Stelle in Petersburg ausgewirkt, und Sie werfen das hin, als wär's ein Pappenſtiel!“ Als er ſchließlich ſah, daß er mich nicht halten konnte, umarmte er mich und bat mich um meine Freundſchaft. „Sie ſind ein braver Junge“, ſagte er;„ich weiß nun Alles, aber ich wünſchte, es ginge dieſer heilloſen Perſon noch einmal recht ſchlecht, blos um Ihretwillen. Sie werden auch keinen Segen davon haben. In ge⸗ wiſſen Dingen iſt es gewiſſenlos, edelmüthig zu ſein. Gott behüte Sie!“ Damit ließ er mich ziehen. Ich verſuchte mich mit meinen Verwandten zu verſöhnen, aber ich fand jetzt überall geſchloſſene Thüren, man hatte mich als Verlorenen für immer aufgegeben und wollte jetzt an meine Umkehr nicht glauben, ja man nahm dieſe viel— mehr als einen neuen Beweis meiner Verkommenheit und Unbrauchbarkeit. Nur mein altes Großmütterchen machte eine Ausnahme; ſie nahm mich liebreich in ihrem Häuschen am Wall auf und brachte mit eigener Ein⸗ ſchränkung die Mittel zuſammen, daß ich meine Stu⸗ dien wieder beginnen und vollenden konnte. Von der Theologie war allerdings keine Rede mehr, und ich mußte froh ſein, daß man mir im Schul⸗ fach keine Schwierigkeiten in den Weg legte. So bin ich Pädagog geworden, und die ganze abenteuerliche Epiſode meiner Jugend war längſt wie ein bunter halbvergeſſener Traum in den Hintergrund getreten. Von Albanh erhielt ich zuweilen Nachricht, direct von ihm und indirect durch Andere. Er ſteuerte jetzt auf den hohen Wogen des Ruhms, und wie ein Glück ſelten allein kommt, ſo auch bei ihm. Er erwarb Reich⸗ thümer und die glänzende Laufbahn führte ihn auch ſeiner Familie wieder näher. Ueber die letztere hatte Albanh ſtets ein geheimnißvolles Schweigen beobachtet. Erſt jetzt erfuhr ich, daß er aus einer hochangeſehenen, reichbegüterten, altadligen Familie ſtamme, Namens Rib⸗ beck. Man hatte den talentvollen Sohn wegen ſeiner 70 laxen Lebensweiſe und ſeines Hangs zu Abenteuern verſtoßen und ihn ſo der Bühne in die Arme getrieben. Jetzt, da er ſich ſelbſt durch eigene Kraft zu Ehren ge⸗ bracht, erklärte man ſich bereit, ihn wieder zu Gnaden anzunehmen, unter der Bedingung, daß er die Bühne für immer verlaſſe. Um dieſelbe Zeit verlor Coraly plötzlich ihre Stimme und Albanh entſchloß ſich, der theatraliſchen Laufbahn zu entſagen, um hinfort als Alban von Ribbeck un⸗ ter ſeinen Standesgenoſſen als Rittergutsbeſitzer weiter zu leben. Eins ſeiner Güter lag, wie er mir ſchrieb, in der Nähe der Provinzialſtadt, wo ich als Lehrer lebte, und ich freute mich wie ein Kind darauf, den alten Freund und ſeine ſchöne Frau wiederzuſehen. Es ſollte nicht ſein. Zuerſt blieben alle ſeine Briefe aus, dann drangen von anderer Seite dunkle, unbeſtimmte Gerüchte zu mir, Herr von Ribbeck ſei von einem ſchweren Un— glück betroffen worden und werde niemals zurückkehren. Und ſo war es auch. Die Nemeſis brach herein, als wenn den Sterblichen immer nur ein beſtimmtes Maß von Glück beſchieden wäre, das ſie nicht ungeſtraft überſchreiten dürften, und als ob der Neid der Götter ein wolkenloſes Glück der Menſchen auch heute noch nicht ertragen könnte. 7¹ Eines Tages erhielt ich aus dem erſten Gaſthof der Stadt eine Karte, auf welcher unter einer gepreß⸗ ten Krone mit feinen Zügen der Name Coraly von Ribbeck zu leſen war. Es war ein wehmüthiges, thränenreiches Wieder⸗ ſehen, und vergebens würde ich verſuchen, die ängſtlichen Fragen, die halbgeſprochenen Sätze und das beredte Schweigen jener unvergeßlichen Stunde zu ſchildern. Die ſchwarze Kleidung der einſt ſo heiß Geliebten ſagte mir, daß ſie ihren Mann verloren habe, doch wie dies geſchehen, konnte ich nicht erfahren, denn es war wie eine ſchweigende Uebereinkunft unter uns, ſeiner nicht zu erwähnen. War es meinerſeits Scheu, die noch friſche Wunde einer traurigen Erinnerung zu berühren, ſo mochte es von Coraly's Seite ein nicht minder zarter Grund ſein, der ſie abhielt, mir das Ende ihres Ge⸗ mahls zu erzählen. Uebrigens, dies ſei hier erwähnt, hatte ſich Coraly ſelbſt auffallend verändert. Es war jetzt über zehn Jahre her, daß wir uns nicht geſehen hatten. Aus der lilienhaften Erſcheinung war eine üppige Geſtalt ge⸗ worden. Ohne daß man ſagen kann, daß ſie gealtert, hatte ſie gleichſam etwas Mütterliches bekommen, und da wir ziemlich in gleichem Alter ſtanden, erſchien ich verhältnißmäßig jung geblieben. Außerdem ver⸗ 72 lieh ihr ihr Rang wie ihr vornehmes Weſen, das ihr ſo natürlich ſtand, als ſei ſie in jenem bevorzugten Stande aufgewachſen, ein Uebergewicht, das ich in meiner unbedeutenden Stellung deutlich empfand. Frau Coraly ſagte mir unter Anderm, ſie wolle jetzt in dieſer Stadt bleiben, theils aus Ueberdruß an der Reſidenz und den dortigen Kreiſen, theils um ſich der Verwaltung ihres Gutes in der Nähe perſönlich zu widmen. Im Uebrigen begrüßte ſie mich als alten Freund und belud mich mit einer Menge von Aufträ⸗ gen, unter denen der obenan ſtand, ihr eine paſſende Wohnung zu ſuchen, was mir auch nach vielen Mühen und vergeblichen Gängen endlich gelang. Dieſes Wiederſehen und Wiederfinden der einſt Geliebten war nun auch bereits einige Jahre her. Frau Coraly von Ribbeck hatte ſich in kurzer Zeit in der neuen Heimat eingelebt und befand ſich in den ange⸗ nehmſten Verhältniſſen. Sie machte eine Art Haus, gab gewählte kleine Geſellſchaften, die ſie mit ihrer allzeit roſenfarbenen Laune belebte, und galt in kurzem als der Mittelpunkt eines großen Kreiſes von Verehrern. Trotz ihrer Fülle war ſie immer noch ſchön und ihre einſtige Schwermuth war jetzt in eine gewiſſe Lebens⸗ luſt umgeſchlagen, die mir, an ſich ſchon räthſelhaft, in dem einen Punkt noch unerklärlicher war, darin näm⸗ — — — lich, daß ſie allen neuen Anträgen ein⸗ für allemal ein entſchiedenes Nein entgegenſetzte. Davon abgeſehen hatte auch ihr Charakter eine totale Umwandlung erlitten. Die einſtige ideale Prieſte⸗ rin der Kunſt war jetzt eine Weltdame geworden, und der freie Ton, den ſie angenommen, konnte leicht zur Annahme verleiten, die jungfräuliche Sprödigkeit ihrer Jugend ſei jetzt in genußſüchtigen Leichtſinn umgeſchla⸗ gen. In dieſem Sinn wurde auch Frau von Ribbeck vielfach falſch beurtheilt, wie es leicht einer reichen und lebensluſtigen Wittwe begegnen kann, doch diejenigen, die ihr näher ſtanden, wußten, daß ſich hinter dieſem freien, manchmal koketten Tone ein feſter, fleckenloſer Charakter und ein tiefer innerer Ernſt verbarg, der die Zerſtreuung vielleicht nur ſuchte, um ſich zu betäuben. Von Zeit zu Zeit lud ſie mich zu Tiſche, ich beſuchte ſie auch außerdem häufigund hatte mich gewöhnt, ſie in Allem, was ich that, um Rath zu fragen, ja, ich kann ſagen, daß ſie mich zu dieſem vertraulichen Austauſch echter, unintereſſirter Freundſchaft förmlich erzogen hatte. Ob ſie ahnte, wie es einſt mit mir geſtanden und welchen Antheil ich an der Entſcheidung ihres Lebensgeſchicks mir herausgenommen, ich wußte es nicht, aber was mich betrifft, ſo erſchien mir jetzt jede, auch die leiſeſte vertrauliche Annäherung, die mehr als Freund⸗ ſchaft war, unmöglich; es war, als ſtände der Schatten des Verklärten allzeit zwiſchen uns und kühle mit ſei⸗ ner Leichenkälte jeden wärmern Ton unſeres Verkehrs. Dazu kam, daß Frau Coraly eine mütterliche Freundin Gretchen's war, die zuweilen zu ihr kam, und nichts war natürlicher in meiner jetzigen Verlegenheit, als mich an die welterfahrene und kluge Freundin zu wenden. In dieſer Abſicht machte ich mich am folgenden Tage nach jener letzten Begegnung mit Herrn Sommer—⸗ vogel auf den Weg. Frau von Ribbeck wohnte in einem geſchmackvollen kleinen Palais am Stadtpark. In den offenen Fenſtern des Hochparterves, welches ſie bewohnte, ſchaukelten ſich Papageien und Kakadus, in den großen Aquarien wimmelte es von Goldfiſchen und Salamandern, und eine reiche Flora von tropiſchen Gewächſen verwandelte die ſchönen Räume in einen zweiten Garten„während auch der Raum vor dem Hauſe durch ſchöne Lauben, Blattpflanzen und Blumenparterres das Auge entzückte. Frau Coraly mußte mich ſchon von weitem be⸗ merkt haben, denn ſie kam mir im Vorhauſe bis an die Treppe entgegen. „Ah, welch ſeltenes Ereigniß, lieber Collaborator! Wo ſtecken Sie denn eigentlich? Seit vier Wochen habe 5 ich Sie nicht mehr geſehen. Ich dachte erſt, Sie ſeien verreiſt, dann fürchtete ich, Sie könnten krank gewor⸗ den ſein, und erkundigte mich bei allerlei Leuten nach Ihnen. Da es Gott Lob nicht ſo ſchlimm ſteht, glaubte ich ſchon— na, Sie verſtehen mich ſchon“, und dabei drohte ſie mir ſchalkhaft mit dem Finger. „Was glaubten Sie denn, verehrte Freundin?“ „Ich hielt Sie wirklich für leidend, wenn auch nicht für krank im gewöhnlichen Sinne. In vier Wo⸗ chen kann man ein Herz verlieren und ein neues ge⸗ winnen; was ſage ich vier Wochen, man kann es in einem Tage, in einer Stunde— ich wollte wirklich, mein guter Collaborator hätte endlich etwas gefunden. Aber nun nehmen Sie Platz und erzählen Sie.“ Was ſollte ich erzählen! Ich mußte bei ihrer An⸗ ſpielung wohl recht vernehmlich geſeufzt haben und ſuchte jetzt vergeblich eine rechte Einleitung zu meinen Mittheilungen und Fragen. Da nahm Frau Coralh plötzlich meine Hand und ſagte: „Sehen Sie mir einmal klar in die Augen, Col⸗ laborator, wenn Sie es mit gutem Gewiſſen thun können.“ Ich that es und bemerkte, daß ſie heute unge⸗ wöhnlich ſchön war. Die gelbſeidene Robe mit den ſchwarzen Spitzenvolants nebſt der rothſammtenen Cvif⸗ füre ſtand ihr vortrefflich; aber ehe ich noch beginnen konnte, drohte ſie mir abermals. „Mit Ihnen iſt es nicht richtig, Collaborator. Sie machen eine ſo feierliche Miene, als wollten Sie für immer Abſchied von mir nehmen. Na, geniren Sie ſich nicht, der Grund wird ja ein höchſt ehren⸗ werther ſein, und ich nehme von Herzen Theil an Ihrem Glück. Sie ſind für die Häuslichkeit wie geſchaffen und ſtehen noch in den ſchönſten Jahren, die paar Här⸗ chen auf dem Scheitel laſſen ſich ja leicht zuſammen kämmen. Im Uebrigen ſind Sie ſparſam, ſolid, hübſch muſikaliſch gebildet und in angeſehener Stellung, kurz, ein wahres Muſter für einen Ehemann; kein braves Mädchen würde ſich beſinnen, eine ſolche Partie anzu⸗ nehmen, aber freilich, eine ſolche Nachmittagsprediger⸗ miene dürfen Sie nicht machen.“ Ich weiß nicht, warum mir heute dieſer freie Ton ſo fatal war. Das übermüthige ſchöne Weib lag auf ihrer Cauſeuſe ſo verführeriſch, und ihre Laune hatte etwas ſo Keckes und Spöttiſches, als wolle ſie mich zum Beſten haben. „Ich kann Ihnen auf Ehrenwort verſichern, gnädige Frau“, ſagte ich abwehrend, aber ſie ließ mich nicht zu Worte kommen. — 60 „Na, nur nicht ſo pathetiſch und feierlich!“ lachte ſie.„Ich bin keine böſe Fee, vor der Sie Furcht zu haben brauchen, auch wenn ich manchmal ein kleines Lüſtchen haben ſollte, zu intriguiren. Die Leute ſagen mir nach, daß die Ehen gut werden, die meine Hand ſtiftet, und wie ſchön iſt es, Glückliche zu machen Soll ich Ihnen helfen, Collaborator, mit tauſend Freuden, aber die Sache hat ihre Gefahr. Wiſſen Sie auch“, fuhr ſie mit ſchelmiſchem Tone fort,„was die Leute flüſtern und in welchem Rufe Sie ſtehen? Sie kämen und gingen mir zu Liebe— o, ſchon ſeit langer Zeit.“ Jetzt wurde es mir doch zu arg. „Gnädige Frau“, ſagte ich mit mühſamſter Faſſung, „Sie wiſſen, daß zwiſchen uns ein Unſichtbarer ſteht, ein Schatten, der ſeine unveräußerlichen Rechte behält und deſſen Andenken mir heilig iſt.“ Da wurde ſie plötzlich ernſt und erhob ſich, um einen Gang durch das Zimmer zu machen. Am Fenſter blieb ſie ſtehen und ſäuberte einige Blattpflanzen von kleinen Inſekten, dann gab ſie dem alten Kakadu, welcher ſich im Ringe ſchaukelte und krächzte:„Warum weinſt Du, Coraly?“ raſch einen Kuß und wandte ſich ab. Erſt nach einer langen Pauſe kam ſie mit geſenk⸗ ten Augen zurück und ihre Stimme hatte jede Färbung von Humor verloren. 78 „Nun alſo, Herr Collaborator, was verſchafft mir denn die Ehre?“ „Ich komme eigentlich in einer wunderlichen An⸗ gelegenheit“, ſagte ich beruhigter,„wenn Sie wollen, allerdings in einer Herzensſache. Sie kennen das kleine Gretchen—“ „Gretchen Thymian, o die liebe, herzige Seele!“ rief ſie neubelebt.„Das iſt mein Schatz und Liebling, ein Kleinod, wie es kein zweites gibt, und ich preiſe den Mann glücklich, der ſie bekommt. Sollte Ihr Auge etwa— dann würde ich mit Freuden gratuliren und Alles aufbieten, um Ihnen den Weg zu ebnen!“ Alles das kam ſo haſtig heraus, als wolle ſie jeden Wider⸗ ſpruch abſchneiden oder jeden eigenen ſtörenden Neben⸗ gedanken zurückdrängen. Ich nahm die Hand der ſchönen Frau.„Ich be⸗ ſchwöre Sie, Frau von Ribbeck, Sie ſind im Irrthum. Ich komme im Intereſſe eines Andern.“ „So“, rief ſie,„wieder für einen Andern. Sie ſind ein ſeltſamer Menſch!“ „Wie meinen Sie das?“ Da wurde ſie verwirrt und erröthete, ihre Stimme war faſt unhörbar vor innerer Bewegung, als ſie ſagte: „Ich meine doch, Sie hätten ſchon einmal Ihr Lebens⸗ glück geopfert für einen Andern.“ 79 „Coralh, Sie wiſſen das!“ Ich ſtand wie vom Donner gerührt. Sie nickte ſtumm, dann wandte ſie mir ihr volles Antlitz zu.„Glauben Sie, daß ſolche Aufopferung für immer verſchwiegen bleibt? Allerdings hatte ich damals nur eine dunkle Ahnung, die ganze Wahrheit aber erfuhr ich erſt ſpäter aus ſeinem Munde und da⸗ mit iſt mir manches Räthſel gelöſt. Sie aber haben damit mein ganzes Herz gewonnen, Sie Edler, Guter! Ach warum lernt man den geheimen Zuſammenhang unſeres Lebens und Geſchicks meiſt zu ſpät kennen! Wer weiß, wie Manches anders kommen würde, wenn man zur rechten Zeit allwiſſend wäre.“ Ich weiß nicht, weshalb ich in dieſem Augenblicke die Hand, welche mir Coralh im Uebermaß ihres Dankes gegeben, an die Lippen führte, ſie aber entzog ſie mir plötzlich und nahm wieder eine ernſte und gemeſſene Haltung an. „Nun fahren Sie nur fort“, ſagte ſie.„Wer iſt denn jener Andere?“ Ich erzählte ihr nun die ganze Geſchichte von An⸗ fang an, vom erſten Beſuch Herrn Sommervogel's bis zur Vorſtellung im zoologiſchen Garten und ſeinem geſtrigen Vorhaben. Ich erwähnte ſeine Hoffnungen, ſeine Behauptungen und ſeine Abſicht, einen entſchei⸗ denden Schritt zu thun. Deshalb ſei ich zu ihr ge⸗ kommen, um vielleicht von ihr zu erfahren, wie es mit Gretchen beſchaffen ſei. Die Frauen haben in Herzens⸗ angelegenheiten unter ſich weniger Zurückhaltung und machen ſelten ein Geheimniß daraus, wenn ſie glücklich und entſchloſſen ſind, glücklich zu machen. Frau Coralh hatte meinen Mittheilungen aufmerk⸗ ſam zugehört, nur ein paarmal lachte ſie dabei mit halber Stimme und ein andermal verzog ſich ihre Lippe; dann aber prüfte ſie mich wieder mit ſcharfem Auge, als wolle ſie in das Innerſte meines Herzens ſchauen. „Nun, das muß ich geſtehen“, ſagte ſie launig, „Ihre Schilderung dieſes wunderlichen Freiers iſt noch ſchonend genug; ich bin nicht ſo glücklich, dieſen kurio— ſen Junker Andreas zu kennen, aber wir haben uns geſtern faſt ausgeſchüttet vor vachen ſeinethalben.“ „Seinethalben— wie ſo?“ „Das Eine kann ich Ihnen ſagen: jeder ſeiner Schritte wird unnöthig ſein. Ich hatte geſtern einige Damen zum Kaffee bei mir, auch Gretchen war da, und die andern jungen Mädchen neckten ſie mit einem Ge⸗ wiſſen. Ich wußte erſt nicht, wem es galt, nun erkenne ich unſern Pillenfabrikanten aus dem gleichen Signa⸗ lement. Gretchen aber wurde dabei nicht etwa böſe, ſondern lief zum Kakadu dort und ſagte:„Guten Morgen, R 4— —— 84 Herr Sommervogel, wie geht es Ihnen? Ach, was es mir leid iſt, daß Sie wieder verzaubert ſind, und Sie hatten doch eine ſo ſchöne Apotheke und ſo ſaubere Glacéhandſchuhe ſtatt der garſtigen Krallen.“ Dann co— pirte ſie den Herrn mit dem Monocle und flüſterte Jedem etwas zu in ſeiner Manier; wir mußten lachen zum Krankwerden, aber zuletzt ſagte ſie ganz ernſthaft: „Nun wißt Ihr, wie es ſteht, und könnt Euren Spaß ſparen. Ehe ich den Kakadu nehme, ſpringe ich lieber in das Waſſer!““ „Ich danke Ihnen, Frau Coraly“, ſagte ich und mir war es, als wenn mir ein ſchwerer Stein von der Bruſt genommen würde, aber wie ſollte ich dies Alles Herrn Sommervogel deutlich machen? Endlich fiel mir ein Ausweg ein. „Können Sie mir Ihre Erklärung nicht ſchriftlich geben?“ fragte ich. „Wozu das? Glauben Sie meinen Worten nicht?“ „Doch, aber für Herrn Sommervogel wird es nothwendig ſein; ich befürchte, daß er meinen Worten nicht glauben wird, und doch muß die Geſchichte ein⸗ für allemal ein Ende haben. Der freche Burſche ver⸗ dirbt den Ruf des jungen Mädchens. Das ſehen Sie ein.“ „Sie haben Recht, alter Freund“, rief Frau Co⸗ Groſſe Der neue Abälard. I. 6 5 — raly.„Warten Sie einen Augenblick, Sie ſollen gleich das Verlangte haben.“ Damit eilte ſie zu ihrem Schreib⸗ tiſch und warf einige Zeilen auf das Papier. Ich aber ſah inzwiſchen den Goldfiſchen zu und den Salamandern, wie ſie durch das kühle Waſſer zuckten, und mir ward wohl wie ihnen, als wenn mich Jemand in ein Meer geworfen hätte, in das Meer der Hoffnungen und Ahnungen. Endlich kam Frau Coralh zurück und reichte mir einen offenen Brief.„Iſt es ſo recht? Leſen Sie.“ Ich durchflog die Zeilen, ſie lauteten: „Auf Ihren Wunſch erkläre ich, daß Fräulein Gretchen geäußert hat, ſie werde eher in das Waſſer ſpringen, als den Bewerbungen jenes Herrn S. Gehör ſchenken. Es iſt dem Herrn zu rathen, im Intereſſe des guten Rufes der jungen Dame ſeine Bemühungen einzuſtellen. Coraly von Ribbeck.“ „Nun und was bekomme ich zum Lohn?“ fragte ſie faſt ſchelmiſch.„Dieſe Erklärung iſt ja doch nur in Ihrem Intereſſe.“ „In meinem Intereſſe? Ich wüßte nicht wie, ich erbat es nur um Gretchen's, meiner einſtigen Schü⸗ lerin willen.“ „Ah ſo, Ihrer Schülerin, Herr Moraliſt“, lachte — 83 ſie.„Ich bitte um Verzeihung. Doch wohin ſo eilig? Ich denke, Sie bleiben zu Tiſche bei mir?“ „Das auch nicht, im Intereſſe Ihres Rufes, gnä⸗ dige Frau, da Sie vorhin mich darauf aufmerkſam machten“, erwiderte ich, nicht ohne mir eine kleine Rancune zu erlauben. „Pfui, jetzt werden Sie unartig zum Dank für meine Gefälligkeit“, ſagte die ſchöne Frau faſt beleidigt. „Jetzt gehen Sie, zur Strafe verbanne ich Sie auf vierundzwanzig Stunden von dieſem Hof; dann dürfen Sie wiederkommen und mir Bericht abſtatten.“ Sprach's und entließ mich wie eine Königin, nur inſofern aus der Rolle fallend, daß ſie mir abermals drohte, als ich mich empfahl. Als ich bereits vor dem Hauſe war, erſchien ihr anmuthiges Haupt noch einmal zwiſchen den hohen Blattpflanzen am Fenſter und rief mir zu: „Warum fragen Sie denn Gretchen nicht ſelber in der bewußten Sache? Es iſt das viel einfacher und dann brauchen Sie auch meine Zeilen nicht. Oder haben Sie nicht den Muth zu einer ſolchen Frage, Ihrer Schülerin gegenüber haben Sie wenigſtens das Recht. Auf Wiederſehen!“ Mit dieſen Worten war ſie plötzlich verſchwunden und ließ mich meiner Wege gehen. 6* Ich hatte nun, was ich wünſchte, und dennoch, indem ich durch die Straßen ſchritt, war mir keines⸗ wegs ganz wohl zu Muthe. That ich wirklich auch Recht daran, mich in eine fremde Herzensgeſchichte zu miſchen, die mich durchaus nichts anging? Durfte ich Kohlen anblaſen und Kohlen auslöſchen, die ich nicht zuſammengetragen? War ich wirklich nicht auf dem beſten Wege, eine vollkommene Intrigue anzuſpinnen im zwei⸗ deutigſten Sinne? Nein, ſagte ich mir, indem ich die Sache von der andern Seite betrachtete. Dieſer Menſch hat mich zuerſt in ſein Unternehmen hereingezogen, er hat meine Gutmüthigkeit benutzt, ſich dort einführen zu laſſen, ich bin es nun Gretchen ſchuldig, ihn auch wieder zu entfernen, ſobald er läſtig zu werden beginnt. Und jetzt war unzweifelhaft dieſer Zeitpunkt gekommen, zumal der Schwindler die Keckheit hatte, mit Triumphen zu prahlen und den guten Namen des Mädchens auf das Spiel zu ſetzen. Trotz alledem waren nicht alle meine innern Be⸗ denken erledigt und namentlich in Bezug auf Gretchen. Wer wußte es denn ſo genau, ob ſie nicht dennoch ſich und Andere bewußt oder unbewußt täuſchte? Mädchen von Gretchen's Art verheimlichen und verleugnen eine Neigung, ſobald ſie fürchten, daß ſie Andern mißfällt; ſie konnte durch abſichtlichen Spott die Spitze der —— 85 Neckerei der Andern abbrechen wollen und mit dem ins Waſſer Springen würde es wohl gute Wege haben. Bei völliger Gleichgültigkeit braucht man keine ſo ſtarken Ausdrücke. Und endlich, was gelten alle ſolche Mit⸗ theilungen durch dritten und vierten Mund! Frau Cv⸗ ralh hatte ganz Recht, ich mußte Gretchen ſelber fra⸗ gen, wenn ich volle Sicherheit haben wollte. Während ich noch darüber nachdachte und über⸗ legte, wie das zu machen ſei, entdeckte ich plötzlich, daß ich mich auf dem Hauptwall befand und zwar in un⸗ mittelbarer Nähe des Thymian'ſchen Gartens, der ſich im frühern Feſtungsgraben befand und einen Ausgang nach dem Wall hatte. Wie oft war ich zu dieſer Thür hinein- und her⸗ ausgegangen im Winter und im Sommer und beſon⸗ ders im Herbſt, wenn große Weinernte war, denn die ganze Fläche des Thhmian'ſchen Hauſes war von Re⸗ ben bewachſen. Jetzt duftete und blühte das dichte Buſchwerk des tiefen Gartens herauf wie ein rieſiger Blumenſtrauß. Sollte ich eintreten oder ſollte ich vor⸗ übergehen? Möglich, daß ich das gute Kind allein traf und mit zwei Worten die fatale Sache abmachen konnte, möglich auch, daß der Vater ſelbſt da war und mein plötzliches Erſcheinen durch den Garten falſch deuten konnte. —————————— Da ich nun alle ungewöhnlichen Wege und be⸗ denklichen Auftritte ſcheue, mochte ich auch! hier nicht das Letzte wagen, ſondern beſchloß bei gelegenerer Zeit Herrn von Thymian meinen Beſuch zu machen, aber zu dieſem vorſichtigen Beſchluſſe war es bereits zu ſpät. Indem ich mich wandte, um zu gehen, rief plötz⸗ lich eine Kinderſtimme meinen Namen. Es war der kleine Walter aus der Nachbarſchaft, deſſen Falkenauge mich erſpäht hatte. Mit luſtigen Sprüngen kam er heraufgetrabt, kroch durch den Zaun und hielt mich am Rocke feſt. „Onkel Theobald!“ rief er.„Onkel Theobald, warum kommſt Du denn gar nicht mehr? Tante Gret— chen iſt auch unten, wir haben Dich beide ſchon ge⸗ ſehen. Heute mußt Du uns beſuchen und mir Kir⸗ ſchen pflücken. Tante Gretchen ſagt, ſie wären jetzt reif geworden.“ Was wollte ich machen! An manchen Tagen iſt es, als ob uns ein unſichtbarer Dämon führte und alle Thüren vor uns öffnete. Ich trat in den Garten, in der Erwartung, daß Gretchen mir entgegenkommen werde, und entſchloſſen, ſie ſofort in der bewußten Sache zu Rede zu ſtellen. Der kleine Walter genirte mich dabei nicht im mindeſten, — 87 denn das kluge Mädchen würde auch meine halben An⸗ deutungen ſchon verſtanden haben. Aber gleich meine erſte Erwartung wurde ent⸗ täuſcht. Gretchen kam nicht, wir mußten erſt den gan— zen langen Garten durchwandern, bis wir ſie hinten in einem verſteckten Winkel an einem alten Stadtthurm fanden, umgeben von allerlei Gethier, das ſie fütterte. Da gab es Kaninchen und Staare, Hühner, Enten, Tauben und junge Kätzchen, die ihre Spende aus den Händen des Mädchens empfingen. Lili im Park— war mein erſter Gedanke, als ich das anmuthige Bild ſah und ſtehen blieb, um es nicht zu zerſtören. Auch Gretchen rührte ſich nicht, um mich zu be⸗ willkommnen, als ſei es viel wichtiger, diez zwtiſlichen Thiere zu füttern, als mir ein paar Worte zu ſagen. Plötzlich aber klatſchte ſie in die Hände uud jagte Alles auseinander, dann kam ſie und gab mir zutraulich die Hand, zugleich aber ſagte ſie:„Walter, bringe die Kätz⸗ chen fort und hole mir meinen Sonnenſchirm, es iſt entſetzlich heiß.“ Der Kleine war fort, das liebe Kind aber blieb allein mit mir und ſah mich einen Moment fragend und verlegen an, ein Wort, das ſie ſagen wollte, er⸗ ſtarb auf den Lippen. Dann ſetzte ſie ſich ſchweigend auf eine Bank, wo ein Buch lag und einige Blumen darauf. Das Buch verbarg ſie haſtig in einem Winkel und die Blumen, es waren Stiefmütterchen, ſammelte ſie zu einem Sträußchen zuſammen, welches ſie an die Bruſt ſteckte. Dieſe Blumen brachten mich gleich auf das rich⸗ tige Thema und ich beſchloß, der ſtummen, verlegenen Scene ein Ende zu machen, indem ich ohne weitere Umſchweife auf die Hauptſache losging. „Es iſt mir lieb, Gretchen, daß ich Sie allein treffe“, ſagte ich,„ich hätte ein ernſtes Wort mit Ihnen zu reden.“ Da hob ſie ihren Lockenkopf und ſah mich mit den ſeelenvollen Augen einen Moment faſt ſchelmiſch an. „Eir ernſtes Wort— wirklich, Herr Collaborator? Nur zu, ich bitte darum, ich habe vielleicht meine Lec⸗ tion nicht recht gekonnt.“ „Jene ſchönen Zeiten ſind freilich vorbei, Gretchen, und andere ſind heute gekommen, aber Lectionen gibt uns das Leben ſelbſt, nur mit dem Unterſchied, daß die ſpätern Schulmeiſter nicht mehr unſere Freunde ſind wie die frühern.“ Wieder ſah mich das Mädchen mit einem zweifel⸗ vollen Blick an. „Ich verſtehe ſchon, Herr Collaborator, Sie wollen mir doch eine Lection geben. Nur zu, ich bin auf Alles —— — 89 gefaßt.“ Dabei wollte ſie lachen, aber es gelang ihr nicht recht. „Sie errathen vielleicht ſchon, Gretchen, um was es ſich handelt. Ihre Stiefmütterchen erinnern mich daran, daß ich von einem gewiſſen Herrn zu Ihnen reden muß.“ Da überflammte ſie eine jähe Röthe und mit einer gewiſſen Heftigkeit fiel ſie mir ins Wort.„Nichts von dieſem Menſchen, ich bitte darum!“ „Aha“, dachte ich,„alſo doch, dies verrätheriſche Erröthen ſagt mehr als alle Worte.“ „JFällt mir auch gar nicht ein“, fuhr ich fort,„i Ihre Herzensgeheimniſſe zu dringen, aber ich Sie bitten, ſich darauf gefaßt zu machen, daß es von ſeiten eben jenes Menſchen, wie Sie ihn zu nennen belieben, zu Erklärungen kommen wird.“ „Immerhin“, lachte ſie,„ich klettere in den Tau⸗ benſchlag hinauf, dann mag er ſich unten erklären, es wird ein hübſches Bild geben.“ Gretchen“, ſagte ich mit mühſamem Ernſt,„jetzt lachen Sie dazu, aber es könnte doch einmal die Zeit kommen, wo Sie es bereuen, gewiſſe Verwirrungen angerichtet zu haben. Es iſt wirklich nicht recht von Euch Mädchen, einen Mann am Narrenſeil zu führen, blos weil es Euch Spaß macht. Der Menſch iſt allen Ernſtes der feſten Ueberzeugung, daß Sie es anders meinen. Wie ſollte dieſer Herr Sommervogel auch ſonſt—“ „Ich bitte Sie, nennen Sie ihn nicht!“ rief ſie mit erneuter Heftigkeit.„Aber ſo ſcheinen die Männer alle zu ſein. Kaum iſt man ein bischen freundlich mit einem, wie man es doch jedem Chriſtenmenſchen ſchuldig iſt, gleich bilden ſich die Gecken ein, es geſchehe ihretwegen und ihrer unſterblichen Vorzüge halber.“ „Erlauben Sie“, ſagte ich,„hier handelt es ſich doch um mehr als ein bischen freundlich ſein. Der Burſche behauptet allerhand, und hier ſehe ich den Be⸗ weis. Sie ſchmücken ſich mit Stiefmütterchen, mit ſei⸗ nen Lieblingsblumen, Sie tragen ſeine Farbe, wie er ſich rühmt.“ „Das hat der Narr erſt für ſich gedeutet, nach⸗ dem ich die Blumen längſt alle Sommer getragen!“ „Aber er behauptet noch mehr— verzeihen Sie, daß ich dies berühre— er erzählt es Jedermann, der es hören will, daß Sie ſein Bild im Medaillon trügen.“ „Der Lügner!“ rief ſie empört und ſprang von der Bank auf. „Bitte, ſo zeigen Sie mir doch das Medaillon“, ſagte ich, denn ich bemerkte, daß ſie wirklich ein ſolches 9¹ am Halſe trug,„oder ſagen Sie mir wenigſtens, was darin enthalten iſt, ich will gern Ihren Worten glauben.“ „So fragt man Kinder aus, Herr Collaborator!“ ſagte das junge Mädchen ernſtlich beleidigt und eine neue Röthe flammte bis zur Stirn hinauf.«„Wie kön⸗ nen Sie nur denken“, fuhr ſie haſtig fort,„daß mich dieſer Menſch intereſſiren kann. Er mag brav und ehr⸗ lich ſein und ein ſolider Geſchäftsmann, auch ſeine lächerliche Eitelkeit wollte ich ihm hingehen laſſen, aber, bi Sie „Nun, was haben Sie alſo gegen ihn?“ „Nichts eigentlich, nichts in der Welt, als daß er keine Spur hat, von— von, wie nenne ich das gleich— von Perſönlichkeit, von Männlichkeit, vor der man Reſpekt haben muß— ich kann mich nicht deutlich ausdrücken.“ „Und das Medaillon?“ „Sie ſind abſcheulich!“ rief ſie und rannte dem kleinen Walter entgegen, um ihm den Sonnenſchirm aus der Hand zu reißen und gleich darauf im Gebüſch zu verſchwinden. Die Stiefmütterchen lagen, ich weiß nicht, wie es gekommen war, auf einmal zu meinen Füßen, ich bückte mich und hob das Sträußchen auf. Da entdeckte ich auch das Buch, welches ſie vor⸗ her ſo haſtig verſteckt hatte. Neugierig zog ich es her⸗ vor— es waren meine Volkslieder und bei mehr als einem Liede lag ein trockenes Roſenblatt oder ein Blu⸗ menſtengel als Zeichen. Während ich noch überraſcht darüber nachſann, weshalb Gretchen dennoch niemals von den Liedern geſprochen habe, kam der kleine Wal⸗ ter aus dem Gebüſch wieder und ſpielte mit dem Son⸗ nenſchirm„Jetzt will ſie ihren Strohhut haben, Onkel, Tante Gretchen iſt recht böſe heute!“ Ich ging langſam in das dichte Buſchwerk von Flieder und Geißblatt. Am Ende des ſchattigen Gangs war eine Laube von wildem Wein mit einer Moos⸗ bank. Dort ſaß ſie und hielt ihr Geſichtchen mit den Händen bedeckt, die wie müde herabfielen, als ich näher kam. Regungslos ſaß ſie da und dachte nicht daran, von neuem zu fliehen; ſie ſprach auch kein Wort, als ich am Eingang der Laube ſtehen blieb, aber ſie machte eine Wendung mit dem Lockenkopf nach der Wand zu, S als wolle ſie mich nicht bemerken. Ihr ſ S Profil mit der reinen Stirn und dem vollen Kinn zeichnete ſich gegen die dunkle Mauer ab wie eine antike Camee. Es war nur ein Augenblick des Schweigens, und doch war er lang wie ein Theil der Ewigkeit, von der er erfüllt war. Eine Nachtigall ſang in dem dichten Wipfel des Fliederbaums, die Käfer ſummten und — 93 die Sonnenſtrahlen blitzten auf dem nahen kleinen Tümpel wieder, der mit Waſſerlinſen bedeckt war. Ein⸗ zelne Strahlen aber ſtahlen ſich durch das dichte Laub des wilden Weins und ſpielten um die Locken und blendenden Schultern des Mädchens. „Gretchen“, ſagte ich nach einer Weile„es war das ein häßlicher Auftritt und ich will nicht ſo von Ihnen gehen. Habe ich Ihnen unwiſſentlich wehe ge⸗ than, ſo vergeben Sie mir, ein alter Lehrer und Hausfreund hat ja manche Vorrechte, die man nicht ſo ängſtlich abwägen kann. Ich habe Sie lange Jahre als Kind gekannt und Sie ſind immer offen und wahr gegen mich geweſen, warum ſind Sie es jetzt nicht mehr?“ „Ich habe Ihnen die Wahrheit geſagt“, erwiderte ſie raſch und ſetzte faſt mit flehendem Tone hinzu: „Quälen Sie mich nicht mehr!“ „Das ſei fern von mir, aber bevor ich gehe, möchte ich wenigſtens in einem Punkt klar ſehen. Daß Sie jenen heftig zurückweiſen, iſt mir kein Geheimniß mehr, aber Sie haben vielleicht doch einen andern Grund, als den Sie mir andeuteten.“ „Den habe ich auch“, ſagte ſie mit feſtem Tone. „Ich werde niemals heirathen!“ Faſt mußte ich lachen, als das Mädchen auf die⸗ ſer breiten Landſtraße entſchlüpfen wollte. 94 „Liebes Gretchen, ſo pflegen alle jungen Damen zu reden, weil ſie alle Luſt haben, vorkommenden Falls eine Ausnahme zu machen, ſobald der ſogenannte Rechte erſchienen iſt. Die Hand aufs Herz, liebes Gretchen, Sie haben, wie ich vermuthen muß, eine andere Neigung.“ Das junge Mädchen ſchwieg, aber ihr Lockenkopf neigte ſich tief über die Bruſt, als könne er mir ſo das neue Erröthen verbergen. „Wiſſen Sie woraus ich das ſchließe?“ fuhr ich fort.„Weil Sie mir Ihr Medaillon nicht zeigen woll⸗ ten. Jetzt will ich es auch nicht ſehen, noch ſonſt etwas wiſſen, ſelbſt wenn ich Ihnen helfen könnte; denn daß Sie einmal glücklich werden müſſen, recht glücklich, wie Sie es verdienen, das iſt auch mir eine Herzensange⸗ legenheit, liebes Gretchen.“ Sie ſah mich dabei mit halbem, ſcheuem Blick an und reichte mir ihre Hand, ohne ein Wort zu ſagen. „Wollen Sie mir aber freiwillig vertrauen, wie einem alten Onkel oder wie einem ältern Bruder, ſo können Sie meiner Hülfe verſichert ſein und auch mei⸗ nes Schweigens gegen Jedermann. Sie haben alſo eine Neigung?“ „Ja“, flüſterte ihr Mund faſt unhörbar, während ihre Augen vor ſich hinſtarrten,„aber eine unglückliche.“ Dies Bekenntniß, ſchüchtern und jungfäulich ſcheu, Se — —— —— — 95 überraſchte mich denn doch einigermaßen; ſie that mir in der Seele leid. „Armes Gretchen“, ſagte ich,„das ſind traurige Geſtändniſſe, aber man muß nicht gleich den Muth verlieren. Weiß er nichts davon, dem dieſe Neigung gilt?“ „Ich glaube kaum.“ „Aber wie können Sie dann von einer unglück⸗ lichen Neigung reden! Wenn jener Bevorzugte davon wüßte, würde er gewiß nicht unempfindlich bleiben. Er müßte ein Stein ſein, wenn er nicht Ihre Neigung erwidern wollte.“ „Nein, das wird er niemals!“ rief ſie mit einer Leidenſchaftlichkeit und Verzweiflung, die mich ernſtlich erſchreckte. „Aber, Närrchen“, ſagte ich,„es wird doch kein Prinz, kein Marmorbild, keine Geiſtererſcheinung ſein, an die Sie das Herz verloren haben? Oder ſollte ſonſt etwas nicht in Richtigkeit ſein? Wiſſen Sie denn etwas von ſeinem Leben, von ſeinen Verhältniſſen?“ „Mehr, als mir lieb iſt, das iſt es ja eben!“ „Und was iſt denn das eigentliche Hinderniß? Iſt er etwa— vermählt, was ich nicht hoffen will?“ „Nein, aber er hat auch eine unglückliche Reigung, auch ſein Ziel iſt unerreichbar und ſo müſſen wir beide 5 96 entſagen. Auch wenn er ſich frei machen könnte, wird er doch für mich verloren ſein!“ Ich weiß nicht, wie ſeltſam mich dieſe ſibhlliniſchen Worte berührten. Unwillkürlich kam mir der Beſuch bei Frau von Ribbeck ins Gedächtniß und ihre An⸗ deutung, daß ich im Rufe ſtände, ihr zu Liebe zu gehen. Ohne recht darüber nachzudenken, was ich ſagte, ent⸗ ſchlüpften mir die Worte: „Und wenn er ſich überhaupt nicht frei machen wollte, wenn er ſich ernſtlich gebunden wähnte?“ Es wird ihm nichts helfen“, rief ſie heftig,„ich weiß es beſtimmt, ſein Ziel iſt unerreichbar für ewig, er wird reſigniren müſſen, wie ich, Entſagung iſt mein Schickſal, wie das ſeine, und wir ſind beide nur zum Unglück geboren. Fragen Sie mich nichts mehr. Gehen Sie, Herr Theobald, ich beſchwöre Sie, gehen Sie, ich kann Ihnen nichts mehr ſagen, ich will Sie, ich darf Sie nicht mehr ſehen!“ Und bei dieſen Worten brach ſie auf einmal in lautes Schluchzen aus und die mühſame Gewalt, die ſie ſich ſelbſt angethan, löſte ſich in unaufhaltſamen Thränen. „Gretchen!“ rief ich, von unendlicher Seligkeit durchſchauert und doch zugleich erſchrocken, als hätte dicht vor mir der Blitz eingeſchlagen— in der nächſten 97 Minute hätte das holde Kind an meiner Bruſt gelegen, wenn nicht der verwünſchte Junge mit dem Stroh⸗ hut erſchienen wäre und zum Ueberfluß gerufen hätte:„Tante Gretchen, Tante Gretchen, hier iſt Dein Strohhut, aber komm geſchwind, Deine Katze iſt im Taubenſchlage. Auch der Onkel iſt angekommen und ſucht Dich.“ Wie ich an jenem Tage aus dem Garten auf den Wall gekommen, ich weiß es heute nicht mehr zu ſagen; es war, als tanzten Bäume und Blumen, Häuſer und Wolken, als tanzte die ganze Welt vor meinen Augen. Groſſe, Der neue Abälard. L.. Viertes Kapitel. Wenn es wahr iſt, daß das Unglück eine läh⸗ mende Kraft hat, die auch den letzten Reſt der Wider⸗ ſtandsfähigkeit vernichtet, ſo iſt es nicht minder wahr, daß es auch eine Art von Glück gibt, welches gleich⸗ falls lähmend wirkt, indem es beſeligt und berauſcht. Gretchen's plötzliches Bekenntniß, das ich kaum anders deuten konnte, war wie ein Donnerſchlag in mein einfaches, abgeſchloſſenes und ſtagnirendes Leben gefallen. Je weniger ich eine ſolche Entſcheidung er⸗ wartet hatte, um ſo tiefer war ich jetzt erſchrocken und geblendet, geblendet wie Kinder, die am Weihnachts⸗ abend lange in der Finſterniß gewartet und denen plötzlich die Thür des ſtrahlenden Feſtraums geöffnet — 99 wird, wo zahlloſe flimmernde Lichter auf den grünen Zweigen des Chriſtbaums brennen. So war es auch mir— ich ſah überall Lichtglanz. Häuſer und Thürme, Bäume, Berge und Wolken, Alles ſchien wie ein heimliches Weihnachtsfeſt zu ſtrahlen von unſichtbaren Flammen, welche Niemand ſah als ich ſelbſt. Und doch war dieſe ſtille Seligkeit eine namen⸗ loſe Qual. Wer war ich, um ein ſolches unverhofftes Glück zu verdienen! Was helfen die ausgebreiteten Schätze eines erſchloſſenen reichen Gemüths dem armen Tanta⸗ lus, den die gläſerne Wand verſchiedenen Alters, un⸗ ausrottbarer Vorurtheile und vor allen der Ungleich⸗ heit des Standes davon trennt! Er kann die gläſerne Wand einſtoßen und jene Schätze mit kühner Hand ſein eigen machen, aber würde man eine ſolche That nicht ein Verbrechen nennen, ein Verbrechen der Ver⸗ führung von einem Lehrer, begangen an ſeiner Schülerin? Wer war ich und wer war ſie! Ich ein Mann von beinahe vierzig Jahren, ſie ein eben aufgeblühtes Kind, noch jugendlich genug, um meine Tochter ſein zu können. Ich hatte meine Jahre verträumt und ver⸗ loren in Arbeit und Mühſal und in müßiger ſtiller Erinnerung eines verſchwundenen Glücks, das mir nie beſchieden geweſen. Ich meinte wohl jetzt auf ſicherem 7 100 Boden zu ſtehen und eine bleibende Wohnſtätte gefunden zu haben, wenn auch auf dem Eiſe der Sorge. Jetzt aber begann der Südwind des Glücks zu wehen, der Boden unter mir gerieth in Bewegung und meine Ge— danken mußten gleichſam von Scholle zu Scholle ſpringen, um eine ferne, unbekannte Küſte zu erreichen, die in goldenem Nebel verhüllt vor mir lag. Unerſchöpflich waren die Bilder und Empfindungen, welche auf mich einſtürmten und mir meine Lage an jedem Tage in anderem Gleichniß ſpiegelten. Gret— chen war die Tochter eines reichen Mannes, aufer⸗ zogen in Luxus und Ueberfluß, gehätſchelt und ge⸗ pflegt von den weichen Händen des Glücks, ich da⸗ gegen nur ein armer Teufel, der ſeine Schiffe zwar nicht verbrannt hatte, denn er hatte überhaupt über kein Schiff mehr zu verfügen, ſeitdem keins zurückge⸗ kommen war, das er einſt hoch befrachtet mit Hoff⸗ nungen und Plänen in das weite Meer der Zukunft hinausgeſchickt hatte. Gretchen hatte ſich gegeben, wie ſie fühlte, aber durfte wirklich die unbedachte Regung eines Mädchen⸗ herzens mir ein Recht geben, dieſe Schwäche zu be⸗ nutzen und eigenſüchtig mein Glück darauf zu begrün⸗ den, ohne an ihre Lebensanſprüche, ohne an ihren Vater und an alle andern Hinderniſſe zu denken, die . 101 ſich vor mir aufthürmten? Nein, ſo ſüß dies Glück, ſo wonnig dieſer traumvolle Zuſtand, ich mußte die Kraft haben, des Traumes Herr zu werden, bevor er mich auf ſchwindelnde Höhen führte, wo das Erwachen gleichbedeutend mit dem Zerſchmettern eines Nacht⸗ wandlers war, der vom Dach einer Kirche niederſtürzt auf das Steinpflaſter des Marktes. So vergingen einige Tage in ſüßer Ohnmacht des Glücks. Die Wonne der Empfindung geliebt zu werden umfloß mich wie ein märchenhafter Frühling, aber der berauſchende Duft deſſelben nahm mir die Kraft, einen muthigen Entſchluß zu faſſen und dieſem ſchönen Traume ein Ende zu machen. War es mir zu verdenken, daß ich dieſe holde Täuſchung ſo lange als irgend möglich mir bewahren wollte? Hundert Vor⸗ ſätze faßte ich und hundert verwarf ich wieder, denn keiner verſprach zum Ziele zu führen, zum Ziele, über das ich ſelbſt nicht im Klaren war. Iſt das höchſte menſchliche Glück im völligen Gleichgewicht, in voll⸗ kommener Harmonie der Seele zu ſuchen, ſo bedeutet dies Gleichgewicht zugleich auch völlige Ruhe und voll⸗ kommenes Selbſtgenügen, welches jeden Trieb einer Veränderung oder einer Handlung aufhebt. Dies iſt jene lähmende Kraft des Glücks, wovon ich vorher geſprochen habe. 102 So verfloſſen, wie geſagt, die Tage. Ein Auf⸗ tritt iſt mir noch erinnerlich wie ein Traumbild. Ich ſehe mich eines Mittags auf dem Markt an der Mohrenapotheke vvrübergehen, da pocht es und trommelt es an die Scheiben des Glasfenſters der Thür, und drinnen bewegt ſich eine winkende Hand. Im nächſten Augenblick wird die Thür aufgeriſſen, ein Menſch ſtürzt heraus und zieht mich mit Gewalt in die Apotheke hinein. Es war Herr Sommervogel ſelbſt, der ſich dieſen Anfall erlaubte. Ich wußte momentan nicht, wie mir geſchah, und blickte um mich. Da ſtanden drei rieſige Bouquets auf einem Nebentiſche, dazwiſchen Cacteen und andere Zierpflanzen, deren Duft ſich mit dem Rhabarbargeruch der Apotheke zu einem unſagbaren Odeur vermiſchte. Herr Sommervogel war damit be⸗ ſchäftigt, verſchiedene Medicamente zu bereiten, und hatte ſeine Aermel aufgeſtreift; ſo eben ſtrich er ein gewaltiges Heftpflaſter. „Nun, Herr Collaborator“, flüſterte er haſtig,„wie ſteht es mit Ihrem Verſprechen? Die drei Tage ſind geſtern verfloſſen, welche Sie mir zur Friſt ſtellten; heute muß ich Entſcheidung haben.“ Ich war wirklich, wie man zu ſagen pflegt, aus den Wolken gefallen. Weder an die Abrede, noch an — 103 die Zeilen Frau Coraly's hatte ich mehr gedacht, ſeit jene unerwartete Entſcheidung gekommen. Was ſollte ich nun dieſem„verzauberten Kakadu“ ſagen? Während ich noch überlegte, ergriff er wieder das Wort, indem er die weißen und blauen Papierchen für eine Reihe Brauſepulver ſortirte, die er nach Recept bereitete. „O“, flüſterte er mit Wichtigkeit,„ich weiß recht gut, Sie gönnen mir mein Glück nicht. Sie wollen mir nicht ſagen, daß der Engel längſt mein iſt. Sie wollen mich verſchmachten laſſen in ungewiſſer Hoff⸗ nung, aber Schweigen iſt auch eine Antwort. Herr Collaborator, ich durchſchaue Ihr verlorenes Spiel voll⸗ kommen, und noch dieſen Mittag gehe ich zu Herrn von Thymian. Sehen Sie dieſe Blumenſträuße, jeden Tag habe ich einen friſchen beſtellt, um im ent⸗ ſcheidenden Moment mich zu begleiten; jetzt können Sie alle drei ihren Dienſt thun, und ich hoffe, man wird dieſe Blumenſprache verſtehen, denn ſie ſind nach allen Regeln des Orients zuſammengeſtellt. Der erſte be⸗ deutet—“ „Bitte, ſparen Sie ſich die Mühe“, ſagte ich. „Sie werden wahrſcheinlich keins dieſer Bouquets nöthig haben. Eigentlich thun Sie mir leid, Herr Sommervogel, denn meine Warnung war nur zu ſehr begründet. Das Fräulein denkt nicht an Sie, und ich fordere Sie deshalb auf, von dieſer Stunde an keinen weitern Schritt zu unternehmen.“ Aber ſo leicht war der ſchwärmeriſche Freier nicht zu überzeugen. Er grinſte mir in das Geſicht, wäh⸗ rend er die kleinen Papiere aufblies, um das Brauſe⸗ pulver hineinzuſchütten. „O mein lieber Herr Collaborator, Sie ſtreuen mir keinen Sand in die Augen, Sie nicht, wenn ich mir hochachtungsvollſt und ergebenſt dieſe Bemerkung erlauben darf.“ „Wenn Sie meinen Worten nicht glauben wollen, ſo leſen Sie dieſe Zeilen“, ſagte ich und ſuchte in meiner Brieftaſche das Zeugniß Frau Coraly's hervor. Herr Sommervogel klemmte ſein Monvele ein und ſtarrte mit ungläubiger Miene auf die Schrift, als könne er mit einem einzigen Blick ihren Inhalt entziffern. Während er las, ſetzte ich hinzu:„Sie werden von Stund an auch ſich jeder weitern Aeußerung über die junge Dame enthalten, ſo wie Ihren unge⸗ hörigen Prahlereien ein⸗für allemal Einhalt thun. Ich habe Ihnen meinen guten Willen bewieſen, indem ich alle Ihre Wünſche erfüllte und Sie dort einführte. Jetzt, da Sie Ihr Spiel verloren haben, muß ich ſelbſt 105 darauf beſtehen, daß Sie alle weitern Bemühungen aufgeben.“ Herr Sommervogel hatte das Billet geleſen. Sein ſchönes Apollvantlitz war etwas länger geworden als gewöhnlich, trotzdem ſchien er ſeinen philoſophiſchen Gleichmuth nicht zu verlieren. Die einzige Bewegung, welche er ſich erlaubte, war ein krampfhaftes Schnippen mit den Fingern, wie es die Barbiere machen, wenn ſie die Seife wegſchleudern. Dann ſchüttete er haſtig ein blaues und ein 6 Papierchen in ein Glas Waſſer, um ſich ſelbſt dies Brauſepulver zu ordiniren. Während er umrührte, ſagte oder flüſterte er vielmehr in feierlich hohlem Tone: „Wieder einmal alſo iſt es wahr geworden, was der unſterbliche Dichter ſingt: Und wirft ihn unter'n Hufſchlag ſeiner Pferde— das iſt das Looskdes Schönen auf der Erde! O Schickſal, o Weiber, wer vermag Eure unergründlichen Seelenabgründe je zu ergründen! So wird man denn alſo dieſe Palme auf brennender Felſenwand ihrem Palmenbewußtſein überlaſſen und ſich als einſame Fichte nicht mehr darum kümmern. Wir leſen auch unſere Dichter, Herr Cvollaborator“, ſetzte er hinzu, indem er das Brauſepulver mit Haſtig⸗ keit zu ſich nahm.„Heinrich Heine war immer mein Lieblingsdichter und ich meine ihn jetzt um ſo tiefer zu verſtehen, da er ſicher ähnliche Erfahrungen gemacht hat mit dieſem unberechenbaren Geſchlecht. Iſt Ihnen auch ein Brauſepulver gefällig oder lieber ein Abſynth?“ Dabei füllte er ein Gläschen mit der grünlichen Flüſſigkeit, und nicht minder grün war ſeine Miene, als er mich mit ſtechendem Blicke durch ſein Monocle anſah. „Ich danke Ihnen, Herr Sommervogel“, ſagte ich und ſchob ſein Gift zurück.„Es freut mich, daß Sie ſich ſo raſch und ſo äſthetiſch zu tröſten wiſſen. Laſſen Sie ſich meine Warnung nochmals angelegen ſein und ſomit Gott befohlen, mein Geſchäft hier iſt zu Ende.“ Damit wollte ich gehen, aber der Unermüdliche rief:„Nicht ſo raſch, Herr Collaborator!“ und hielt mich, als ich ſchon die Thür erreicht hatte, noch zurück. „Geſtatten Sie, daß ich Ihnen meinen verbind⸗ lichſten Dank dafür ausdrücke, daß Sie mich von den hohlen Ausgeburten einer vorſchnellen begeiſterten Phantaſie, von der unberechtigten Ueberſchätzung eines vergötterten Geſchlechts geheilt haben“— dabei trank er langſam den Abſynth aus—„aber triumphiren Sie nicht zu früh“, rief er dann muthiger.„Ich ſage Ihnen, hier iſt noch ein Geheimniß verborgen, vielleicht eine unterirdiſche Contremine. Verlaſſen Sie ſich da⸗ 107 rauf, ich werde auch graben, und treff ich meinen Gegner, ſo ſprenge ich Alles in die Luft, Alles ohne Gnade und Erbarmen— man ſoll mich kennen lernen! Guten Morgen, Herr Collaborator!“ Darauf nahm er noch einen Abſynth. Ich ließ den Narren ſtehen und ging meiner Wege. Eine ſolche Verbindung von anmaßender Albern⸗ heit und ohnmächtiger Bosheit war mir noch nicht vorgekommen. Unzweifelhaft mochte der Schlaukopf ahnen, wer ſein eigentlicher Gegner war, aber ſeine Drohungen kümmerten mich ſo wenig wie das grinſende Kannibalengeſicht des hölzernen Mohren, der das Fenſter der Apotheke zierte. Als ich in meiner Wohnung ankam, fand ich ein Billet der Frau Coraly, welche mich auf eine Taſſe Kaffee zum Nachmittag einlud. Dies Entgegenkommen that mir wohl, denn ich fühlte das Bedürfniß, mich einmal ausführlich auszuſprechen, und außerdem war mir der Rath Frau Coraly's in meiner gegenwärtigen Lage von außerordentlichem Werth. Ich traf die ſchöne Frau im Rückzimmer der Wohnung, von wo man unmittelbar in den Garten treten konnte. Es war ein ſtiller, heimlicher Raum, dieſes Speiſezimmer, deſſen Hauptſchmuck ein großer alterthümlicher Kredenztiſch war. 108 Frau Coraly nöthigte mich auf den türkiſchen Divan, vor dem ein gedeckter Tiſch ſtand. „Nun, mein alter Freund“, fragte ſie nach der erſten Bewillkommnung,„was iſt denn geſchehen? Warum ließen Sie ſich nicht mehr ſehen? Friſch, beichten Sie nun Was macht Herr Sommervogel? Und wie leben Sie? Ich möchte darauf wetten, daß etwas Wichtiges vorgefallen, ſeit wir uns zum letzten Male geſehen haben.“ Ich wäre der braven Frau faſt um den Hals ge⸗ fallen vor Glückſeligkeit und heller Freude. „Allerdings iſt etwas geſchehen, verehrte Frau, aber das Unerhörteſte und Ueberraſchendſte, das Süßeſte und zugleich Vernichtendſte, was geſchehen konnte.“ „Sie erſchrecken mich“, unterbrach mich Frau Coraly.„Herr Sommervogel wird doch nicht etwa.—“ „O nein, der trinkt Abſynth und Brauſepulver, aber Gretchen hat ſich erklärt.“ Und nun erzählte ich ihr den ganzen Vorgang mit allen Einzelnheiten und beglückenden Geſtändniſſen. Frau Coraly lauſchte mei⸗ ner Mittheilung mit theilnehmendſter Aufmerkſamkeit und einer gewiſſen feierlichen Miene. Dennoch meinte ich, daß ihr ein Seufzer entſchlüpfte, als ſie am Ende meiner Eröffnungen ſagte: „Sehen Sie, mein lieber Collaborator, ich wußte 109 es ja voraus, daß es ſo kommen würde. Und was ge⸗ denken Sie nun zu thun?“ Dieſe Frage ſetzte mich in keine kleine Verlegen⸗ heit, denn ich war, wie geſagt, ſelbſt noch nicht im Reinen mit mir. Ich ſagte ihr dies und verſuchte ihr ein Bild meiner Stimmung zu geben zum großen Erſtaunen Frau Coralh's. Als ich aber endete und ſagte:„Da⸗ nach bin ich ſo gut wie entſchloſſen, das gute Kind nicht wiederzuſehen“, wurde ſie faſt aufgebracht und legte ihre Hand auf meinen Arm. „Sind Sie wirklich bei Troſt, lieber Freund! Wenn Sie ein ehrlicher Mann ſind, ſo müſſen Sie jetzt ohne Aufſchub und in aller Form um ſie werben, das hilft Ihnen nun nichts mehr.“ „Aber ich bitte Sie, hören Sie doch zuvor meine Gründe.“ „Dagegen gibt es gar keine Gründe!“ rief die ſchöne Frau mit einem Tone, der bewies, daß ihre Kißbilligung im vollſten Ernſte gemeint ſei.„Ein junges liebes Kind“, fuhr ſie fort,„eröffnet Ihnen in der zarteſten Weiſe ſein Herz, und Sie können nur ei— nen Augenblick zaudern und ſich bedenken, was Sie auf ein ſolches Geſtändniß zu thun haben! Nein, ich kündige Ihnen meine Freundſchaft, meine Achtung ſo— 1¹0 gar, wenn Sie nicht als ein Ehrenmann handeln. Uebrigens laſſen Sie mich immerhin Ihre ſogenannten Gründe hören.“ „Erſtens iſt mir die Familie zu reich“, begann ich.„Geſetzt auch, es käme zu einer Verbindung allen andern Hinderniſſen zum Trotz, ſo könnte ich leicht in die Lage kommen, von meiner Frau abhängig zu werden. Ich habe dies nie für eine beſondere Ehre gehalten, und bei dem Werth, welchen die Familie Thymian auf dergleichen äußere Güter legt, würde ich in eine Situation gerathen, die von der Schande nicht weit entfernt wäre.“ „Das klingt nun einmal verwünſcht weiſe ge⸗ ſprochen und ehrenwerth, mein Herr Moraliſt, und bei Zicht beſehen iſt es doch unglaublich ſchief und haltlos. Was ſollten denn die armen reichen Mädchen machen, wenn alle braven Männer ſo dächten? Sie wären ver⸗ urtheilt, ſich nur nach einer gleichen Partie umzuſehen, und wenn ſie einmal nach Neigung wählen möchten, dürften ſie es nicht wagen, denn ihr Mammon ſtände ihnen im Wege. Was ſind das für Lappalien als Gründe, und in einem Punkt ſind Sie, nehmen Sie mir's nicht übel, allzu beſcheiden. Ein Collaborator iſt immer ein angeſehener Mann, und wer ſagt Ihnen denn, daß Sie ewig auf derſelben Stelle bleiben ſollen? 1¹¹ Je eher Sien 1 eine angeſehene Familie heirathen, deſto raſcher wird man Sie auch befördern und Ihre Ver⸗ dienſte berückſichtigen. Nun, haben Sie noch einen Grund von ſolcher Art?“ Ich geſtehe, die Zungenfertigkeit der ſchönen Frau brachte mich ein wenig aus dem Concept, doch lag mir ſehr viel daran, in ihren Augen nicht verkannt zu werden. „Und dann bedenken Sie“, fuhr ich fort,„in welchem Lichte ich als Lehrer erſcheinen werde. Es würde wie ein Verrath des Vertrauens ausſehen, das man in mich geſetzt hatte. Seit langen Jahren kam ich in das Haus als Freund und Lehrer und habe niemals auch nur dem Schein nach die Meinung er⸗ wecken wollen, als hätte ich noch andere Abſichten.“ „Natürlich!“ rief die ſchöne Frau und ließ ihrem Lachen vollen Lauf,„weil Gretchen damals noch ein Kind war. Jetzt, da ſie zur vollen Schönheit aufge⸗ blüht, wird es alle Welt begreiflich und ſogar beifalls⸗ werth finden, daß Ihnen die Augen aufgegangen ſind. Meinen Sie denn, daß Sie der einzige Lehrer in der Welt ſind, der ſeine Schülerin geheirathet hat, oder genirt es Sie vielleicht, weil einſt ein Abälard ſeine Heloiſe verführt hat? Das macht Sie nun heute noch mitſchuldig, weil Sie deſſelben Standes ſind. O Sie komiſchſter aller modernen Abälards!“ 1¹2 Mich verdroß dieſe übermüthige Laune der ſchönen Frauund ich beſchloß, indem ich mich erhob, dieſen Beſuch abzukürzen; aber ſie hielt mich feſt.„Halt, lieber Freund, ich meine immer, Sie haben noch andere Gründe.“ „Was ſoll ich es leugnen“, ſagte ich.„Denken Sie auch an den Charakter des Vaters und an den Adelsſtolz der mütterlichen Familie. Soviel ich weiß, hat Herr von Thymian ſeit langem darauf ge⸗ rechnet, durch eine vornehme Heirath ſeiner Tochter dieſelbe wieder in jene ariſtokratiſchen Kreiſe hineinzu⸗ bringen und ſich mit ſeinen Verwandten endlich aus⸗ zuſöhnen. Was ſoll ich wohl in jenen vornehmen Cirkeln, die mich überhaupt nicht dulden würden? Und dann, verehrte Freundin, faſſen Sie meine ganze Am⸗ bition doch zu niedrig; mit einem Wort, ich habe das niedere Schulfach längſt ſatt, ich habe für den nächſten Herbſt und Winter öffentliche Vorleſungen angekündigt, von andern Plänen einſtweilen zu ſchweigen. Der Erfolg von alledem iſt unſicher und ſelbſt die Möglich⸗ keit, daß man mich zum Profeſſor machen könnte, noch in weitem Felde.“ „Aber ich wiederhole Ihnen, ſolche Ernennung wird deſto früher erfolgen, je eher Sie den Muth haben, ienen Hausſtand zu gründen. Solange Sie als Garcon einſam durch das Leben pilgern, haben Sie nicht den — ß, er U⸗ ng , on vollen ganzen Credit, namentlich als Pädagog und Er⸗ zieher. Haben Sie wirklich keinen andern Grund weiter?“ Die Frage war mit ſo bezüglichem Tone geſtellt, daß er mir auffiel, aber ich verſtand ſie doch nicht ganz. „Endlich denken Sie an die neuerliche Spannung zwiſchen mir und Thymian; ſeine lächerliche Eifer⸗ ſucht auf meine letzten kleinen Erfolge muß mir im voraus die Thür ſchließen.“ „Nun, das wollen wir abwarten“, ſagte Frau Coraly in aller Ruhe, aber ſie ſetzte abermals hinzu: „Und haben Sie ſonſt wirklich keinen andern Grund?“ „Was meinen Sie damit?“ fragte ich ſie jetzt direct. Die ſchöne Frau ſpielte mit den Franſen des Tiſch⸗ teppichs, als ſie, ohne mich anzuſehen, erwiderte: „Wie war das doch, was Gretchen von alten Feſſeln ſagte?“ Ich hatte ihr dieſen Umſtand nur ganz vorſichtig angedeutet, jetzt kam ſie offen darauf zurück, zu meiner nicht geringen Ueberraſchung, denn ich ahnte nicht, wo hinaus ſie wollte. Die Verlegenheit mag ſich in meinen Zügen ge⸗ ſpiegelt haben, als ich ſagte: „Frau Coraly, Sie berühren da eine Frage— Sie kennen meine Geſinnungen—“ „Eben weil ich ſie kenne“, ſagte ſie, und ihre Groſſe, Der neue Abälard I. 8 Bruſt wogte,„deshalb wollen wir uns keine Senti⸗ mentalitäten ſagen, ſondern der Wirklichkeit feſt in das Auge ſehen. Sie haben ein pietätvolles, treues Herz, das mich ſchon früher Vergleiche anſtellen ließ— nun, ich will nicht mehr davon ſagen. Man trägt ſich manch⸗ mal mit Träumen, mit Gedanken von Möglichkeiten, ja ich geſtehe, lieber Freund, daß ich eine Zeit lang wohl darauf gewartet habe, daß Sie eine alte verſäumte Frage nachholen könnten. Wenn ein Punkt nicht wäre, wüßte ich nicht, welche Antwort ich darauf gegeben hätte, denn der Schatten, den Sie zwiſchen uns wäh⸗ nen, exiſtirt nicht, wenigſtens nicht in dem Sinne, wie Sie glauben; ich ſage Ihnen ein andermal, warum. Jetzt aber liegen die Dinge anders, und um den Preis eines ſolchen Herzens wie Gretchen's dürfte es nie ge⸗ ſchehen. Das Geſtändniß des lieben Kindes hat Alles verändert, und ich ſage es Ihnen mit dürren, klaren Worten: von mir aus ſind Sie frei, wenn Sie das Zartgefühl und ich die Eitelkeit gehabt haben ſollte, Sie gefeſſelt zu wähnen. Wir wollen die Gewiſſen⸗ haftigkeit und Pietät auch nicht zu weit treiben!“ Frau Coralh hatte alles das ſtoßweiſe, zuerſt mit feſter, ſicherer Stimme, dann mit immer weicherem Tone geſprochen, ich ſah, welche Mühe es ihr koſtete, ſich dies Geſtändniß abzugewinnen. 105 Ich war keines Wortes mächtig. Hier einen Tempel einſtürzen ſehen, den ich nicht ahnte, und dort einen un⸗ vollendeten, den ich nicht ausbauen konnte— Gretchen oder Coraly— ich geſtehe, dieſe kühne Frage hatte ich mir niemals vorgelegt, ich würde ſie für einen Frevel gehalten haben, und nun— Während ich noch dem Gewicht ihrer letzten Worte erlag, nahm ſie meine Hand. „Und nun geben Sie mir Ihr Wort, daß Sie heute noch zu Gretchen gehen und die Sache ins Reine bringen.“ „Ich kann nicht, theure Freundin, bevor nicht alle meine Verhältniſſe geordnet ſind und ich mit Ehren auftreten kann.“ „Und inzwiſchen ſoll das arme Kind verzweifeln“, rief ſie unwillig.„Wahrlich, Sie ſind noch immer kein Mann.“ „Wenigſtens kein junger, unbedachter Mann mehr“, ſagte ich mit Nachdruck. „Ihre Zweifel helfen Ihnen auch nichts mehr!“ rief Frau Coraly auf einmal, indem ſie durch das Fenſter ſpähte, welches auf eine Seitenſtraße hinaus⸗ ging.„Dort kommt Gretchen ſelbſt, wie ich ſehe.“ „Coraly“, rief ich,„das haben Sie abgekartet! Das iſt unverantwortlich von Ihnen!“ 8* „Und wenn es ſo wäre“, lachte ſie,„ſo müßten Sie mir noch dankbar ſein. Ja, ja, ſo iſt es“, ſetzte ſie ſchelmiſch hinzu.„Muß man nicht Euch Kinder zu Eurem Glücke zwingen? Vorwärts, mein kühner Held, ſie kommt herein, ich laſſe Euch allein“ „Gut, wenn Sie es denn wollen, kann ich dem armen Mädchen auch direct ſagen, daß ich keine Hoff⸗ nung ſehe und daß wir aus dem ſchönen Traum er⸗ wachen müſſen. Mit Uebereilung ward noch niemals ein menſchliches Glück gegründet— mögen Sie denn die Verantwortung tragen!“ Meine Worte waren in den Wind geſprochen, die ſchöne Schlange war ſchon aus dem Zimmer verſchwunden. Der große Augenblick aber war da, wo ich Kraft haben ſollte, einen holden Traum zu zerſtören, einen Tempel des Glücks in Trümmer zu ſchlagen, nachdem ihn ſorgſame Hände beinahe voll⸗ endet hatten. Kaum hatte ich mich noch ſammeln können, als die Thür ſich öffnete und Gretchen auf der Schwelle erſchien. Als ſie mich ſah, prallte ſie erſchrocken zurück, aber nur einen Moment, dann eilte ſie auf mich zu, und ihr ſonſt ſo ſchüchternes, ſcheues Weſen hatte heute eine ſeltſame Freiheit, ihre weiche Stimme einen eigenen Klang von Schärfe und Herbheit gewonnen. „Ah, Sie ſind hier, Herr Collaborator. Das habe 417 ich nicht erwartet, und doch hätte ich es erwarten können, ja es iſt mir deshalb lieb, daß ich Sie hier finde.“ Dabei war ſie ganz eingetreten und ihr großes offenes Auge war unabläſſig und mit einem ſeltſamen Ausdruck von vorwurfsvollem Ernſt auf mich gerichtet. „Wir haben uns nicht wieder geſehen“, fuhr ſie fort.„Ich hätte mir es denken können, Sie ſind mir böſe, ich habe Sie neulich ſo ſtürmiſch fortgeſchickt, ich weiß nicht, was ich Alles für tolles Zeug geſprochen haben mag. Vergeben Sie mir; ich bin noch ziemlich unerfahren und ungeſchickt, das Rechte mit den rechten Worten zu ſagen, und am wenigſten hätte ich mich in fremde Angelegenheiten miſchen dürfen. Noch einmal: vergeben Sie mir.“ Das Alles kam wieder ſo weich und liebenswürdig, mit allem Zauber mädchenhafter Zagheit und Schüchtern⸗ heit heraus, daß alle meine Faſſung und Entſchloſſen⸗ heit augenblicklich verflogen war. „Sie haben ſich keinen Vorwurf zu machen, liebes Gretchen“, ſagte ich mit einiger Beſchämung.„Trug Jemand eine Schuld, ſo war ich es, der Sie mit thörichten Fragen quälte.“ „Thöricht?“ erwiderte ſie langſam, und ihr tiefes, ſeelenvolles Auge ruhte mit einem Erſchrecken auf mir, — 118 als ſähe ſie einen Abgrund vor ſich, von dem ſie nur meine Hand zurückhalten könnte. Dann ſchloß ſie die Augen und ließ ſich langſam in einen Seſſel nieder, als könne ſie ſich nicht mehr auf den Füßen halten. Ein innerer Seelenſchmerz arbeitete in ihren Zügen, den ich nicht mehr ertragen konnte; es war, als wenn ſeit jenen wonnevollen ſchmerzlichen Augenblicken im Garten keine Minute vergangen wäre. „Sagen Sie mir Eins, liebes Gretchen“, begann ich nach einer Pauſe und nahm jene Redeweiſe von der dritten Perſon wieder auf.„Sie haben mich neu⸗ lich einen Blick in Ihr tiefes und reiches Herz thun laſſen, der mich überraſchen mußte, denn auf Vieles war ich gefaßt, aber auf das nicht. Sie haben von einem Unbekannten geſprochen, dem Sie zugeneigt ſind, aber Sie haben zugleich Beziehungen ſeines Lebens be⸗ rührt, die Sie nicht ganz richtig beurtheilten.“ „O“, ſagte ſie leiſe und tonlos,„ich habe ganz Recht gehabt, und dieſe Stunde liefert mir nur den neuen Beweis, daß er gebunden iſt. Aber dieſe Stunde konnte mir auch erſpart werden! Ich weiß nicht, wes⸗ halb man mich einlud, hierher zu kommen. Laſſen Sie mich, Herr Collaborator, ich gehöre nicht hierher!“ Damit hatte ſie ſich erhoben und wollte zur Thür, aber ich hielt ſie an der Hand zurück. ——— — 09 „Bleiben Sie, liebes Gretchen. Sie ſind durch⸗ aus im Irrthum. Wenn ich Ihnen nun die Verſiche⸗ rung gebe, daß jener Mann nicht gebunden iſt und es auch niemals war ſeit langen Jahren, ſo dürfen Sie keinen Zweifel in meine Worte ſetzen, oder halten Sie eine aufrichtige Freundſchaft im Andenken an einen verſtorbenen Freund für unmöglich?“ Gretchen ſah mich mit halbem, unſicherem Blick an, aber ſie blieb. „O geben Sie mir keinen Troſt“, ſagte ſie mit bittendem Tone.„Solche Freundſchaften ſind oft die ſtärkſten Feſſeln, eben weil ſie die ſelbſtloſeſten und reinſten ſind, und man hat es ja auch angedeutet, daß man ſich nicht daraus befreien wolle und könne.“ „Vielleicht war dies nur eine Frage, Gretchen, um jenen Unbekannten kennen zu lernen. Daß er ſich be⸗ freien kann, werden Sie an dem Tage zugeſtehen, den Sie ſelbſt beſtimmen mögen, oder werden Sie ihm die Erlaubniß verweigern, zu Ihrem Vater zu kommen und offen um Ihre Hand anzuhalten?“ Das entſcheidende Wort war geſprochen, und raſcher und leichter, als ich es ſelbſt geahnt hatte. Gretchen aber ſah mich überraſcht mit aufleuchten⸗ dem Auge an, dann ſenkte ſie es, eine tiefe Röthe bedeckte ihr Antlitz, und ihre Stimme zitterte, als ſie ſagte: 120 „Das mag er thun, das mag er thun, mein Vater liebt ihn und ſchätzt ihn, und über meine Ant⸗ wort würde er nicht im Zweifel ſein dürfen.“ Ich hätte das holde Kind beim Kopfe nehmen und küſſen können, und dennoch hielt mich noch etwas von dem letzten Schritte ab, war es auch nur eine Art Vorſicht oder Eigenſinn, dieſe feierliche und wichtige Lebensfrage nach meiner Weiſe zu löſen und nicht nach dem kurzen Verſtand der gefälligen Frau von Ribbeck. „Gut, liebes Gretchen“, ſagte ich und hielt ihre Hand in der meinen,„er wird es thun und er gibt Ihnen hiermit ſein Ehrenwort, aber er wird es erſt einlöſen, ſobald alle ſeine Verhältniſſe geordnet ſind.“ „O wenn es nur auf Geduld ankommt“, rief Gret⸗ chen,„fürchte ich keine Prüfung! Und wenn ich fünf Jahre warten müßte, ſollte er auf mich zählen dürfen!“ „Und alle andern Hinderniſſe— Ihr Stand, Ihre Verwandten?“ Da ſah ſie mich ernſt und faſt vorwurfsvoll an. „Gibt es wirklich Hinderniſſe, wo das Herz allein zu entſcheiden hat? Niemand in der Welt ſoll meinen Willen beugen! Ich bin kein Kind mehr, ich habe käm⸗ pfen müſſen mit mir, was gelten mir die Andern, und wenn ich warten müßte bis zum letzten Athemzuge meines Lebens, ihn allein oder Keinen!“ * ——— 12⁴ „Gretchen, das wollteſt Du? Dann gehöre ich Dir mit Leib und Leben, Du ſüßes Herz, Du herrliches Kind!“ Und im ſelben Augenblicke hatte ich ſie in mei⸗ nen Armen und küßte ſie auf Mund, Augen und Stirn. Eine Weile ruhte ihr Lockenkopf an meiner Bruſt— es war ein Moment jener Ewigkeit auf Erden— dann hob ſie ihr träumeriſches Auge zu mir auf. „Du böſer alter Theobald, haſt Du nun wirk⸗ lich keinen Zweifel mehr?“ „Einen Zweifel— Du Schelm haſt mir erſt Zweifel gemacht— das Medaillon, doch ich will es nicht ſehen.“ „Gerade jetzt mußt Du es ſehen! Sieh her“, ſagte ſie und öffnete den kleinen goldenen Schmuck. Es war mein eigenes Portrait, welches ſie ſich Gott weiß wo⸗ her zu verſchaffen gewußt hatte. Und wie konnteſt Du mich mit dem böſen Apo⸗ theker quälen“, ſagte ſie mit ſchalkhaftem Schmollen, „das habe ich Dir faſt nicht verzeihen können.“ „Segnen wir ihn“, ſagte ich,„denn ohne ihn wären mir wahrſcheinlich niemals die Augen aufge⸗ gangen.“ Wieder hielt ich die Herzige in meinen Armen. Aus dem Kinde war ſie jetzt voll und herrlich zur Jungfrau erblüht; ſeitdem ihr Charakter, durch Wider⸗ ſtand und Hinderniſſe geſtählt, zum Durchbruch ge⸗ 122 ommen war, erſchien ſie mit einem Male größer, weib⸗ licher, frauenhafter. Ich weiß nicht mehr, was alles Süßes und Thörichtes, Schwärmeriſches und Verliebtes meine Zunge in jenen heiligen Augenblicken geſtam⸗ melt hat. „So laſſe ich es mir gefallen“, klang jetzt plötz⸗ lich die Stimme Frau Coralh's, die inzwiſchen einge⸗ treten war und ihre Hände ſegnend über uns aus⸗ ſtreckte. „Alſo wirklich ein Pärchen für Zeit und Ewig⸗ keit. Kinder, das hat Mühe gekoſtet, Euch zuſammen⸗ zubringen, aber nun laßt mich die ſchöne Stunde auch mitfeiern.“ Wir eilten in ihre Arme; ſie küßte das Kind mit leidenſchaftlicher Haſt, während ſie mir nur die Wange bot. „Habe ich Sie endlich dahin, wohin ich wollte, Herr Moraliſt! Nun können Sie immerhin Ihren Dank abſtatten, daß ich Gretchen und Sie zu derſelben Stunde eingeladen habe.“ „An meinem Dank ſoll es nicht fehlen“, ſagte ich, „aber dahin, wohin Sie wollten, haben Sie mich doch nicht ganz. Gretchen iſt wohl meine Braut, aber ſie enthebt mich der Fflicht, ſofort um ſie zu werben, ſie ſchenkt mir Zeit, bis es mit allen Ehren geſchehen kann.“ —— 123 „Hört“, ſagte die kluge Frau,„das iſt gefährlich für Euch beide und will mir nicht recht gefallen; doch ich will Euch die erſte Stunde des Glücks nicht gleich verbittern, bin ich doch auch zu Eurem Schutze da. Und jetzt kommt! Wir wollen Eure Verlobung feiern, wie ſich's gebührt!“ Mit dieſen Worten führte ſie uns in das an⸗ ſtoßende Zimmer, wo eine auserleſene Collation auf ſilbernen Schalen winkte. Beim Knalle der Cham⸗ pagnerpfropfen entfaltete die ausgelaſſene Laune der lebensluſtigen Frau alle Schleußen ihres Humors. Allein ihre Mühe war umſonſt. Gretchen nippte kaum von ihrem Glaſe, und auch mir war das Herz zu voll, die Welt zu weit und magiſch verwandelt, als daß wir der Freundlichkeit unſerer Wirthin die rechte Ehre hätten anthun können. Die Scherze der braven Frau erlahmten bald an dem Schweigen der Verlobten, die in ihr Glück verſunken daſaßen. „Mit Euch iſt wirklich nichts anzufangen, wie mit allen Verliebten“, ſagte Frau Coralh faſt verſtimmt. „Ich hätte mir es im voraus denken können. Nun, wir wollen ein Ende machen für heute. Ihr könnt Euch hier treffen, wenn Ihr wollt, aber nicht öfter als jeden Tag einmal, und auch nicht alle Tage, damit es kein Gerede gibt. Für heute ſeid Ihr in Gnaden entlaſſen, 124 aber einzeln, bitte ich. Sie, Herr Collaborator, dort hinaus und Gretchen geht erſt nach einer Weile. Man darf Euch nicht zuſammen ſehen, die Zungen der Leute ſind böſe, und ein Wetter ſteigt bei heiterem Himmel am eheſten auf, wenn man am wenigſten daran denkt. Beſſer, Ihr wärt vor aller Welt verlobt. Nun, Ihr habt es nicht anders gewollt; ſo tragt auch einſtweilen die Folgen!“ Damit entließ ſie mich und trieb mich faſt ge⸗ waltſam davon, nachdem ich nochmals zärtlichen Ab⸗ ſchied von der Geliebten genommen. Die tanzende Welt ſchien jetzt vollends von unterſt zu oberſt gekehrt. Ich hatte eine Braut! Fünftes Kapitel. Wenn ich eine Zeitung in die Hand nehme und unter den Familienanzeigen Namen von Verlobten und Vermählten leſe, ſo meine ich, es müßte Jedem ein erhebendes und erbauliches Gefühl ſein, daß es auf Erden doch noch recht viel Glückliche geben müſſe, zumal wenn ein ſpleenſüchtiger engliſcher Statiſtiker ſich die tühe geben wollte, zu berechnen, wie viel Paare ſich alltäglich unter den zwölfhundert Millionen Menſchen auf Erden verloben und vermählen— es würde eine ganz anſehnliche Schaar erſcheinen. Und doch, warum macht dies maſſenhafte Glück gar keinen Eindruck, warum lieſt man dergleichen An⸗ zeigen mit der größten Gleichgültigkeit und mit keinem höhern Intereſſe, als man die danebenſtehenden Todes⸗ anzeigen durchmuſtert, ob ſich nicht ein bekannter Name —— —— 126 unter ihnen findet. Jawohl, das Intereſſe beginnt erſt da, wo uns das Bekannte entgegentritt, gegen die Gattung aber im Ganzen, obgleich es ſeine eigene, iſt der Menſch kalt und gleichgültig und wäre ſelbſt vom Glück von Millionen die Rede. Aber es iſt nicht immer Glück. Wer es wüßte, wie viel Thränen und Herzleid, wie viel Schwierig⸗ keiten und Stürme ſich oft in einer jener nackten, nichts⸗ ſagenden Anzeigen von Verlobung und Vermählung verbergen, der wird es auch verſtehen, warum ich mir zuweilen Allwiſſenheit wünſche, und wäre es auch nur die der Romanſchreiber, die das dankbare Handwerk treiben, uns zu erzählen, wie zwei Herzen zuſammen⸗ gekommen ſind. Ja, an dem Wie hängt ein wunderſamer Zauber. Bei gleichem Ende in tauſend Herzensgeſchichten doch eine tauſendfache Verſchiedenheit und ewige Neuheit; wenigſtens meint Jeglicher, auf eine einzige, ganz be⸗ ſondere Art und Weiſe zu ſeiner Braut, zu ſeinem Glück gekommen zu ſein. Höre ich oder leſe ich eine ſolche Geſchichte, dann gedenke ich auch jener glück⸗ lichen Zeit und falte meine Hände und ſage:„Herr, Du biſt allgütig, Deine Wege ſind unerforſchlich und herrlich führſt Du Deine Pläne zu ihrem Ende.“ Ich hatte nun eine Braut, eine heimliche Braut. — 127 Wohl kann ich ſagen, daß mir das Herz ſchlug, wenn ich zufällig mit Gretchen's Vater zuſammentraf, mit Herrn von Thymian. Ueberhaupt war dies ein wunderliches Verhältniß geworden. Seine Behauſung mied ich ſoviel als möglich, theils aus Beſorgniß, mich zu verrathen, theils aus Abneigung, dort die heuchleriſche Rolle eines Gleichgültigen zu ſpielen und ſo den alten Herrn mehr oder weniger zu betrügen. Aber ich ſah ihn bisweilen außer ſeinem Hauſe, ſei es im Leſeverein, oder im Muſeum oder im Foyer des Theaters, am öfterſten jedoch auf dem Trödelmarkt. Herr von Thymian war ein ſeltſamer Herr mit ſeltſamen Gewohnheiten; ich muß hier Einiges von ihm ſagen, namentlich von ſeinem Aeußern. Er beſaß eine langgewachſene, dürre Figur, die ſich vorgebeugt mit ſchleichenden, unhörbaren Schritten langſam be⸗ wegte, unhörbar, denn die Gummiſchuhe kamen das ganze Jahr nicht von ſeinen Füßen. Sein ziemlich breiter Kopf mit den eisgrauen langen Haaren und den tiefen Furchen der Stirn ließ auf ein viel höheres Alter ſchließen, als es in Wirklichkeit war. Unter den großen unruhigen Augen trat eine kurze formloſe Naſe hervor, darunter ein kleiner Wachtmeiſterbart, während die Wangen von zwei mächtigen eisgrauen Backenbart⸗ coteletten eingerahmt wurden. Die Eitelkeit aller Di⸗ 128 lettanten zeigte ſich auch bei ihm, denn ſelten entbehrte das Knopfloch des Fracks unter dem Paletot eines bunten Bändchens. Das Merkwürdigſte aber war die⸗ ſer Paletot, denn ſeine Taſchen waren ſtets gefüllt, ſei es mit allerlei Notizbüchern, darunter vor allem der gothaiſche Hofkalender, ſei es mit Auctionsverzeich⸗ niſſen von Kunſtwerken und Alterthümern. Aber in der Regel kamen noch andere Dinge dazu. Mißtrauiſch gegen ſeine Dienſtleute, dabei Feinſchmecker erſten Ran⸗ ges, beſorgte Herr von Thymian ſeine kleinen Be⸗ dürfniſſe alle in eigener Perſon. Selten begegnete ich ihm, ohne daß er irgend eine Delicateſſe eingehandelt hatte. Eine Büchſe Sardinen à Phuile oder Kieler Sprotten oder eine Doſe mit den bekannten Straß⸗ burger Gänſeleberpaſteten war das Gewöhnliche. Oefters aber ſah man ihn einen großen Seefiſch oder Hummer, eine Melone oder einen gerupften Kapaun als Trophäe nach Hauſe tragen, ein andermal war es eine alte Landkarte, ein Waffenſtück, ein Fernrohr oder ein Ge⸗ fäß von getriebenem Metall, was er erhandelt hatte. Mit ſolchen Gängen und Comiſſionen füllte er die Mußeſtunden ſeines reichbewegten Lebens aus. So traf ich ihn einige Zeit nach jener Entſchei⸗ dung abermals auf dem Trödelmarkt. Er hatte ſo eben eine alte Waffe erhandelt, einen venetianiſchen 129 Dolch mit ſchön ciſelirtem Griff und mit einer Blut⸗ rinne auf der gravirten Klinge. Ich wollte anfangs vorübergehen, denn dies Be⸗ gegniß war mir aus mehr als einem Grunde unbequem, er aber hatte mich bereits bemerkt und rief mich an. „Nun“, ſagte er,„kennen Sie mich nicht mehr, oder ſind Sie auch ein Spion, der mir auflauert und mich von neuem denunciren will? Es thäte noth, daß ich nur bei Nacht und Nebel ausginge!“ Dieſe Anſpielung bezog ſich auf einen Vorfall mit jenem Elennskoller, das ihm Herr Sommervogel verſchafft hatte. Der alte Herr hatte ſich nämlich in dies alte lederne Stück ſo verliebt, daß er es anzog und ganze Tage und Wochen nicht mehr ausging. Auch eine Geſellſchaft von Stammgäſten einer Wein⸗ handlung beſuchte er deshalb nicht mehr, und jene empfanden dieſe Vernachläſſigung wegen eines alten Elennskollers ſo übel, daß ſie ihn vor die heilige Vehme luden. Eines Abends ward Herr von Thymian in einer geſchloſſenen Chaiſe, begleitet von zwei Reitern, abgeholt undguf allerhand Umwegen in ein entlegenes düſteres Gewölbe geführt, wo ihn die Stammgäſte in ſchwarzen Gugeln empfingen. Auf der langen Tafel ſtand ein Todtenſchädel und eine Sanduhr, daneben der Henker mit blankem Beile. Nachdem die weitläufige Groſſe, Der neue Abälard. I. 9 1⁵0 Ceremonie der Anklage, Zeugenvernehmung und Ver⸗ theidigung vorüber war, wurde Herr von Thymian verurtheilt, hundert Thaler in die Kölner Dombaukaſſe zu zahlen und bei Vermeidung einer gleichen Pön den Trödelmarkt auf ein halbes Jahr zu meiden. Dieſe letzte Strafe ärgerte den alten Herrn am und da er dennoch zuweilen heimlich ſeine alten Wege ſchlich, hielt er jeden Bekannten, dem er für einen Spion, der ihn überwachen ſollte. So geſchah es auch mir. Ich wußte damals von dieſer ganzen Geſchichte nichts, die er mir nun mit⸗ theilte, indem er maßlos auf ſeine Gegner loszog, die auf nichts ausgingen, als ihn zum Geſpött der Stadt zu machen. Dann fragte er plötz tzlich:„Warum kom⸗ men Sie gar mehr zu uns?“ Ich entſchu mich mit Unwohlſein und vieler Arbeit, was au „Ah bah, viele Arbeit“, erwiderte er und ſtemmte ſeinen Stock mit der Elfenbeinkrücke unter das Kinn und ſah mich mit ſeinen grauen unruhigen Augen an, als wollte er mir bis auf den Grimd der Seele ſchauen.„Es wird darnach ſein, was Sie arbeiten, kennt man ſchon; aber gehen Sie einige Schritte mit mir.“ eie Unwahrheit war. Dabei nahm er mit ungewöhnlicher Liebenswür⸗ 13⁴ digkeit meinen Arm, nachdem er den venetianiſchen Dolch ſorglich eingepackt und in die weiten Taſchen ſeines Paletots verſenkt hatte. Dann ſchritt oder ſchlich er langſam und wortlos eine Weile neben mir hin. Auf einmal ſtand er ſtill. „Ich wollte Sie nämlich in einer Sache um Rath fragen, die mir ſehr wichtig iſt. Es muß in meinem Hauſe etwas vorgefallen ſein“, ſagte er mit ſchnarren⸗ der Stimme und fixirte mich abermals Mir ſchlug das Herz an die Rippen, eine unbe⸗ ſtimmte Ahnung überkam mich, daß der alte Herr hin⸗ ter unſer Geheimniß gekommen ſei. „Sagen Sie mir einmal aufrichtig, was iſt es mit dieſem Herrn Sommervogel“, fuhr er fort,„den Sie bei uns eingeführt haben? Wenn ich mich nicht ge⸗ täuſcht habe, wollte es mir vorkommen, als ob der Patron ein Auge auf meine Tochter habe.“ Mir fiel es wie ein Stein vom Herzen, aber ich hütete mich wohl, den alten Herrn zu unterbrechen. „Ich habe die Dinge gehen laſſen, denn man muß ſolche Kindereien nicht beachten“, ſagte er nach einer Pauſe,„jetzt aber kommt der junge Mann gar nicht mehr, ich muß fürchten, er ſpielt im Dunkeln. Was meinen Sie, Collaborator?“ „Was Sie mir ſagen, überraſcht mich einiger⸗ 9* 132 maßen“, erwiderte ich,„aber hinſichtlich Ihrer Be⸗ fürchtungen dürfen Sie wohl beruhigt ſein.“ „Woher wiſſen Sie das?“ ſagte er wieder mit jenem forſchenden, bohrenden Blick, den ich nicht zu ertragen vermochte. „Es iſt ſchwierig, in ſo delicaten Angelegenheiten überhaupt zu urtheilen“ ſagte ich,„aber dieſer Herr iſt doch wohl nicht bedeutend genug, um ihn für ge⸗ fährlich zu halten.“ „Bitte“, unterbrach mich Herr von Thymian. „Wie Sie ſelbſt meinen, erſuche ich Sie, ſich jedes Urtheils zu enthalten. Er iſt ein kenntnißreicher jun⸗ ger Mann von Geſchmack, Erziehung und reſpectablem Streben. Er wußte meine neuen Operntexte und auch meine große Symphonie mit einem Verſtändniß in ſich aufzunehmen, das leider ſehr ſelten geworden iſt, ſehr ſelten, Herr Collaborator.“ Dieſe köſtliche Motivirung konnte mich zwar nicht überraſchen, aber räthſelhaft blieb dennoch um ſo mehr die Beſorgniß des alten Herrn. „Wenn der junge Mann Ihnen eine erwünſchte Acquiſition war, kann es mich nur freuen, aber dann begreife ich Ihre Befürchtungen wegen Ihrer Tochter um ſo weniger.“ „Von ſeinen Abſichten will ich jetzt nicht weiter n. es ⸗ en ch ich ehr cht eht 133 reden“, ſagte der alte Herr faſt ungeduldig,„das iſt eine Sache für ſich, aber warum iſt er auf einmal weggeblieben? Dahinter ſteckt etwas und nichts Gutes Und dann kommt noch Eins dazu“, fuhr er redſelig fort.„Sie kennen ja das Gretchen von klein auf, aber auch mit ihr iſt eine Veränderung vorgegangen, ich kenne ſie faſt nicht mehr. Bis vor drei Wochen war ſie noch duckmäuſerig, launiſch und querköpfig, ich dachte ſchon daran, einen Arzt zu Rathe zu ziehen, denn mit der Hyſterie iſt nicht zu ſpaßen. Jetzt aber weiß ich keinen Beſcheid mehr. Das Mädchen ſingt und jubilirt den ganzen Tag, blüht wie eine Roſe und zwitſchert wie ein Schwarm Schwalben. Ich werde aus dem Kobold nicht mehr klug, von ihren Tollheiten und Schalksſtreichen können Sie ſich keinen Begriff machen; ein kleiner Feuerteufel war ſie immer, aber ſo aus Rand und Band habe ich ſie nie geſehen. Geſtern ſchenkt ſie einem Bettler einen Thaler und einen neuen Rock von mir. Alle Zimmer hat ſie mit Blumen und Feſtons ausgeſchmückt. Den kleinen Walter aus der Nachbarſchaft maskirt ſie alle Tage anders. Neulich hat ſie ihm einen Huſarenanzug machen laſſen zum Ab⸗ ſchied, denn ſein Vater iſt verſetzt worden, und ich bin froh, daß der Schlingel aus dem Hauſe kommt; hat ſie nicht geweint, als wenn ſie einen Bruder in dem 134 Jungen verlöre! Und es iſt wahr, ſie hatte wenigſtens eine Beſchäftigung mit ihm, jetzt iſt ſie ſich ganz ſelbſt überlaſſen, und in der Langenweile kommen die jungen Mädchen leicht auf unnütze Gedanken. Stundenlang ver⸗ geudet ſie ihre Zeit bei ihren Katzen, Hühnern und Ka⸗ ninchen, die ſie mit Bändern und Schleifen heraus⸗ putzt. Es iſt, als ob ich in einem Tollhauſe wäre. Und das Schlimmſte iſt, ſie wirft Hände voll Pfeffer in die Speiſen, bringt meine Bücher und Sammlun⸗ gen durcheinander und das ganze Zimmer in Unord⸗ nung; heute früh hat ſie meinem Cicero— Sie kennen die Büſte— eine Nachtmütze und dem Homer einen Kornblumenkranz aufgeſetzt und dergleichen Albernheiten mehr. Was mich aber am meiſten wild macht, iſt, daß ſie nachts bis ſpät nach Mitternacht im Bett lieſt, und morgens um ſechs geht der Höllenſpectakel mit Singen und Trillern von neuem an— es iſt, als ob man ſelber närriſch geworden wäre!“ „Was wollen Sie“, ſagte ich,„das Kind iſt ge⸗ ſund und glücklich.“ „Nein, lieber Freund, das Mädchen hat Feuer am Dach, und da gilt es aufpaſſen“, ſagte der alte Herr und blieb wieder ſtehen,„Feuer und Rauch, ſage ich Ihnen, und wenn ich mir nur ein Wort erlaube, ſo fällt ſie mir um den Hals und küßt mich und wird roth, als hätte 135 ſie die Hölle angeblaſen. Ich weiß mir gar nicht mehr zu helfen. Und was das Schlimmſte iſt, das tolle Ding ſperrt Fenſter und Thüren auf, weil ſie ſelber zu heiß hat. Ich aber habe dabei den ſchönſten Hexenſchuß weg⸗ bekommen, meinen alten Rheumatismus in neuer Auf⸗ lage es iſt zum Verzweifeln!“ „Ich wußte nicht, was ich aus dieſen wunder⸗ lichen Bekenntniſſen machen ſollte, und es kam mir faſt komiſch vor, daß der alte Herr gerade mich zu ſei— nem Vertrauten erwählt hatte. „Es freut mich“, ſagte ich,„daß Sie mir die Ehre Ihres Vertrauens ſchenken, obgleich fremder Rath dabei wenig thun kann. Geſetzt auch, es wäre ſo, wie Sie meinen, ſo wäre es nicht zu verwundern— ewig werden Sie Ihre Tochter doch nicht im Hauſe behalten wollen. Und ſollte Gretchen wirklich bereits eine Wahl getroffen haben, ſo fragt es ſich nur, ob Sie damit einverſtanden ſein werden.“ „Meinen Sie?“ rief der alte Herr.„Sieh, ſieh, man redet ja in einem Tone, als ob man bereits mehr wüßte“, und dabei fixirte er mich abermals faſt in drohender Weiſe. Ich hätte in dieſem Augen⸗ blick vffen herausplatzen können, denn die Situation wurde mir unerträglich beſchämend und peinlich, indeß fand ich dennoch nicht das rechte Wort, und im näch⸗ 136 ſten Augenblick war der paſſende Moment bereits vorüber. „Das Eine ſage ich Ihnen“, rief nämlich der alte Herr:„ſoll es ſich früher oder ſpäter einmal um einen Schwiegerſohn handeln, ſo behalte ich mir das erſte und letzte Wort vor. Gretchen's Mutter hatte ſechs Lanzenſpitzen im Wappen, und wir führen eine heral— diſche Blume; die Einen halten es für hebdoma hede- racea, für Gundermann, Andere ſehen einen Roſen⸗ zweig darin, wie unſere Firma früher hieß. Verloren gehen und ausſterben darf dies Wappen auf keinen Fall, und Sie begreifen darnach, daß mir Alles daran liegen muß, unſern jungen Stammbaum mit dem Ab— leger eines alten zu pfropfen, ſchon aus heraldiſchen Gründen.“ „Ich bitte, Herr von Thymian, verſchonen Sie mich mit Ihrer Heraldik“, ſagte ich ziemlich gelang⸗ weilt von dieſer Pedanterie;„beglücken Sie damit lie⸗ ber Herrn Sommervogel!“ „Das werde ich auch“, ſagte der alte Herr,„wenn ich nur erfahren könnte, was ihn aus meinem Hauſe vertrieben hat. Nun, das läßt ſich wohl bald heraus⸗ bringen; ich muß ohnehin in die Apotheke, der Patron hat mir von ein paar alten Kupferſtichen geſprochen, auch von einem Wappenbuche, ich bin ſehr neugierig, Tht — 137 vor allem aber brauche ich ein Mittel gegen dieſen heil⸗ loſen Rheumatismus, vielleicht ein Senfpflaſter oder dergleichen. Nun Gott befohlen, Herr Collaborator, laſſen Sie ſich doch einmal ſehen bei uns, vielleicht an einem Sonntag zu Tiſche. Na, ich laſſe Ihnen den Tag noch ſagen, ich habe Vertrauen zu Ihnen als altem Haus⸗ freund, iſt nicht recht von Ihnen, daß Sie mich ſo im Stiche laſſen. Das muß anders werden! Auf Wieder⸗ ſehen alſo, Collaborator, auf Wiederſehen!“ Und ſo nahm er Abſchied, nachdem er faſt cordial und zutraulich wie ſonſt geworden war; ich wußte nicht, was ich von dem ſeltſamen alten Herrn denken ſollte. Trotzdem er meine Befürchtungen eigentlich beſei⸗ tigt hatte, war mir bei der ganzen Sache doch nicht wohl zu Muthe, denn ich täuſchte den alten Herrn, und der Entſchluß reifte heran, die erſte Gelegenheit zu er⸗ greifen, ihm Alles zu geſtehen. Aber dieſe Gelegenheit fand ſich nicht ſo ſchnell, und eine Woche verfloß nach der andern in quälender und zugleich beſeligender Unruhe. Gretchen ſprach ich anfangs öfter bei Frau Coraly, ſpäter kam ſie ſeltener, denn ſie wurde auf Schritt und Tritt beobachtet, doch fand ſich— ich weiß nicht, von wem der Vorſchlag ausgegangen war— bald eine 138 andere Gelegenheit, uns ungeſtört zu ſehen und zwar Sonntags morgens im Freien. Der alte Herr von Thymian pflegte niemals die Kirche zu beſuchen, doch nicht etwa, weil er Atheiſt oder Freigeiſt, vielmehr, weil er ein Mhſtiker war, dem unſere Theologen nicht genug thaten. Ich hatte ſchon früher einmal ein langes Geſpräch mit ihm dar⸗ über, ohne daß wir uns bei dieſem gegenſeitigen Aus⸗ tauſch näher gekommen wären. Wie er in allen Kün⸗ ſten dilettirte, ſo hatte er ſich auch ein religiöſes Sy⸗ ſtem zuſammencombinirt, aus dem ich nicht klug wer⸗ den konnte. Er hatte Zeit ſeines Lebens die ganze Literatur des Myhſticismus ſtudirt, von Meiſter Eckart von Köln angefangen bis zu Jakob Böhme und Ema⸗ nuel Swedenborg, ſpäter waren ihm auch Schriften der Irvingianer, der Herrnhuter und ſelbſt der ruſ⸗ ſiſchen Sekten in die Hand gefallen. Aus allen zu⸗ ſammen hatte er ſich ein Syſtem der Gnade und des lebendigen Verkehrs mit Gott zuſammendilettirt, das möglichſt confus, ſchwärmeriſch und geheimnißvoll, ja ſelbſt fanatiſch in ſeiner Art war. Trotzdem ließ er ſeine Tochter ungehindert zur Kirche gehen, denn ſie ſei noch nicht reif, den Ruf der Gnade zu verſtehen und ihren Herrn und Heiland in ſich ſelbſt aufzuerwecken. 1 Ich glaube nun, es war Zufall, daß ich das holde Kind auf einem ſolchen ſonntäglichen Kirchgange traf, und verlockt von dem himmliſchen Morgen, bogen wir vom Wall zum Sperlingsberge und von dort in die neuen Anlagen, wo es ſtill und einſam war. Seitdem trafen wir uns ohne weitere Verabredung regelmäßig jeden Sonntagmorgen und machten einen Spaziergang bis zu den Waſſerfällen und Teichen im Roſengarten oder bis zur Glaskugel auf der Höhe des Damenkrugs, einem Gebäude, das früher ein Kloſter geweſen war; bisweilen auch verirrten wir uns an den Strom hinab bis zum Dorfe— heim, wo es Ziegen⸗ milch und Honig gab. Die ſchönen Anlagen boten uns Einſamkeit und Schatten, ebenſo wie die Laubgänge auf den Baſtionen; kein Laut ſtörte die feierliche Stille als der Geſang der Vögel und das ferne Glockengeläut in den Dörfern. Es waren unvergeßliche Stunden, heilig und er⸗ haben, wenn der majeſtätiſche Glockenklang von Sanct⸗ Gertrauden in die Tiefen herabwogte, und ländlichan⸗ muthig, wenn die Schwäne des Roſengartens an das ufer kamen, um von uns gefüttert zu werden. Waren Leute in der Nähe, ſo ſchlug Gretchen ihren Schleier herab, doch war dies ſelten nöthig— unſer Lieblingsplatz war eine Steinbank auf der Höhe des Damenkrugs. 140 Dort ſaßen wir, vor uns die lachende weite Landſchaft, und laſen alte Lieder und laſen in unſern Augen und feierten in unſerer Art auch einen Gottesdienſt, den der reinſten und weihevollſten Liebe, unendlich ſüß und un⸗ endlich traurig, denn das Geheimniß unſeres Verhältniſ⸗ ſes, das Dunkel der Zukunft lag wie eine ſchwere Sorge auf uns, ſo gottvertrauend und hoffnungsreich wir auch den künftigen Tagen entgegenſahen. Gretchen war dabei unſaglich lieb und hingebend. Ihre ganze Seele entfaltete ſich in ſüßeſter We blich⸗ keit und Holdſeligkeit. Wollte ich zuweilen an einem glücklichen Ausgange verzagen, ſo ſprach ſie mir Muth und Vertrauen ein, und kam ſie mit Bedenken und Zweifeln, ſo tröſtete ich ſie mit alten Kernſprüchen aus unſern Liedern und Dichtern. So war der größte Theil des Sommers hinge⸗ gangen. Am letzten Sonntag ſchien eine Entſcheidung heranzureifen. Vergeſſen waren alle düſtern Ahnungen, mit denen mich zuerſt des Vaters Worte erfüllt hatten, die wie verſteckte Warnungen gedeutet werden konnten. Jetzt endlich hatte er mich einen Tag zuvor, wie er früher angekündigt hatte, zu Tiſche einladen laſſen, und dies veranlaßte mich, Gretchen unſer damaliges Zu⸗ ſammentreffen auf dem Trödelmarkt zu erzählen. „Höre“, ſagte ſie,„wenn die Dinge ſo ſtehen, 141 ſo darfſt Du heute etwas wagen. Vielleicht ahnt oder weiß der Vater Alles und will Dir ſelbſt den Weg zur Erklärung bahnen.“ Ach, das gute Kind hatte keine Vorſtellung von der Denkungsart ihres Vaters und wir ahnten beide nicht, wie nahe die peinlichſte Ent⸗ ſcheidung bevorſtand. Eben bogen wir um die letzten Baumgruppen des Glacis, ungefähr noch hundert Schritt von dem alten Stadtthurm, wo mich Gretchen zu verlaſſen pflegte, um über den Wall wieder in den Garten zu ſchlüpfen. Die Glocken des Doms läuteten ſo eben zum Beginn des Militärgottesdienſtes, da plötzlich trat uns am Thurm Herr von Thymian entgegen und kam direct auf uns zu. Ich zog meinen Hut, ihn zu begrüßen, er aber mit braunrothem Geſicht that gar nicht, als ob er mich ſähe, ſondern wandte ſich zu ſeiner Tochter und ſagte ſalbungsvoll: „So, meine Tochter, benutzeſt Du Deine Zeit? Wäh⸗ rend die frommen Leute in der Kirche beten, ſchweiffſt Du auf dem Lande herum. Ich denke, Du folgſt mir nach Hauſe.“ Und ohne mich eines Blicks oder Wortes zu wür⸗ digen, nahm er die Zitternde bei der Hand, um ſie davonzuführen. 142 Trotz meiner vierzig Jahre ſtand ich beſchämt wie Schulknabe, der auf dem Apfelbaum überraſcht wird. Im erſten Augenblick wollte ich dem alten Herrn nacheilen, aber eine unſichtbare Macht hielt mich zurück Die Beſchämung war zu groß und außerdem mußte ich auch Gretchen das Peinliche eines gleichſam öffentlichen Auftritts ſparen. Eins aber war mir ſofort klar, daß die neuliche Freundlichkeit und Vertraulichkeit des alten Herrn, eine geſtrige Einladung nur eine Komö⸗ di weſen, um mich völlig ſicher zu machen, und der forts Vertehr mit Herrn Sommervogel in der Apotheke deutete darauf hin, daß dieſer den Verräther geſpielt hatte. Daß Gretchen neulich erſt über das Abhandenkommen gewiſſer Bücher geklagt, die ich ihr mit Widmungen von meiner Hand gegeben, erſchien jetzt auch in einem neuen Lichte. Man hatte uns von Anfang an belauert, aber was war nun zu thun? Frau Coraly hatte Recht gehabt, uns vor einem heimlichen Verlöbniß zu warnen— ſollte ich ſie nun noch einmal um Rath und Beiſtand erſuchen? Nein, der Augenblick des Handelns war gekommen, und was ich anfangs aus falſchem oder übertriebenem Ehrgefühl verſäumt hatte, das mußte jetzt als gebieteriſche Noth⸗ wendigkeit nachgeholt werden. Noch am Nachmittag deſſelben Tages ſchickte ich 143 Herrn von Thymian einen ausführlichen Brief zu. Ich kann mich ſeines Inhalts nicht mehr genau ent— ſinnen, aber er enthielt mein ganzes Leben und Stre⸗ ben, meine Enttäuſchungen und Pläne, meine Ent⸗ würfe und Hoffnungen für die Zukunft, ſowie eine offene Darlegung der Gründe, welche mich abgehal⸗ ten, nicht vor Wochen ſchon eine Werbung in aller Form zu wagen. Der Schluß lautete: „Sie haben Recht, Herr von Thymian, wenn Sie mir deshalb zürnen, daß ich nicht ſofort offenes Vertrauen zu Ihnen faßte. Ich gebe zu, daß ich aus Mißtrauen und Vorſicht eine falſche Rolle geſpielt habe und daran ſchuld bin, daß Sie in die peinliche Lage gebracht ſind, Ihr Kind auf einer Unwahrheit und auf zweideutigen Wegen mit einem Manne zu ertappen der ſich nicht mehr damit entſchuldigen kann, daß er nur der Lehrer ſeiner Schülerin ſei. Herr von Thymian, ein offenes, männliches Wort wird alle dieſe Unziemlichkeiten ausgleichen und den böſen Schein, als hätte ich nicht wie ein ehrlicher Mann gehandelt, aufheben. Ich meine wenigſtens ein ehrlicher Mann zu ſein, da meine Abſichten die red⸗ lichſten und reinſten ſind. In dieſem Sinne halte ich hiermit feierlich um die Hand Ihrer Tochter an. Ich erlaube mir hinzuzufügen, daß Gretchen bereits ſeit Wochen meine Verlobte iſt und daß ich deshalb kein Bedenken finden konnte, meine Braut ſpazieren zu führen. Daß ich nicht mehr in der erſten Jugend ſtehe, daß ich nicht über glänzende Mittel verfüge und mein ſogenanntes Glück erſt von der Zuknnft erwarte, das ſoll Ihnen kein Geheimniß ſein, wenn Sie es nicht bereits wiſſen. Habe ich deshalb gezaudert, mich Ihnen offen zu erklären, bis meine Verhältniſſe glücklicher ge⸗ ordnet, ſo wird die Erklärung in der gegenwärtigen Lage zu einer Nothwendigkeit. Ein Mann, der ſich wieder jung, hoffnungsreich und in ganzer Vollkraft fühlt, ein Mann, dem es gelungen, die Liebe eines herrlichen Mädchens, wie Gretchen es iſt, zu erringen, kann ſich nicht für ganz werthlos halten, und ſelbſt wenn ſein Traumbild künftigen Glücks nicht zur Wirklichkeit werden ſollte, ganz unglücklich wird er niemals wie⸗ der werden können. Entſcheiden Sie nunmehr— in Ihren Händen liegt mein Leben und mein Glück, und nicht meines allein, auch das Ihrer geliebten Tochter. War es ein Fehler, daß ich dieſen Schritt offener Werbung viel⸗ leicht um einige Wochen zu ſpät gethan, ſo hoffe ich heute auf Ihre Verzeihung rechnen zu dürfen. Des Himmels Segen über Sie und über Ihr Haus!“ ſeit kein ten. ehe, tein das ——— 145 Das Schreiben wurde von einem ſichern Manne beſorgt, der mir nach einer halben Stunde die Nach⸗ richt zurückbrachte, daß er den Brief zu eigenen Hän⸗ den des Herrn von Thymian übergeben habe. In namenloſer Spannung wartete ich den ganzen nächſten Tag über. Mein erregtes Blut wollte mir vorſpiegeln, daß Herr von Thymian vielleicht ſelbſt kommen würde, um mir ſein Jawort zu bringen. Er war ja ſonſt immer liebenswürdig und herablaſſend freundlich geweſen und hatte mich völlig als ſeines⸗ gleichen behandelt. Der Tag verging mit bleierner Langſamkeit, ohne daß irgend eine Entſcheidung kam; mir war bisweilen zu Muthe wie einem verwegenen Börſenſpieler, Ver⸗ räther und Verbrecher. Am zweiten Tage war ich nahezu entſchloſſen, dennoch zu Frau Coraly zu gehen und ihren Beiſtand zu erbitten, aber ich fürchtete ihren wohlverdienten Spott. Beſſer erſchien es mir, ſelbſt bei dem Vater Gretchen's anzuklopfen und mich von der Lage der Dinge zu unterrichten; jener Bote konnte mich dennoch getäuſcht haben. Am dritten Tage endlich hatte ich meine Ruhe wiedergewonnen und mein Mißtrauen war einer frohen Zuverſicht gewichen. Es war ja nichts Unredliches oder Tadelnswerthes geſchehen, und wenn ich ungedul⸗ Groſſe, Der neue Abälard. I. 10 dig geweſen, ſah ich jetzt ein, daß ich doch auch Gret⸗ chen's Vater einige Bedenkzeit laſſen mußte. Dieſe Zu⸗ verſicht gab mir meinen Gleichmuth wieder. Ich machte einen Morgenſpaziergang in aller Frühe zu allen den Punkten, die mir theuer waren, ſeitdem ich ſie mit Gretchen beſucht hatte. Dann kleidete ich mich ſorgfältig an, um in der Mittagsſtunde Herrn von Thymian ſelbſt meinen Beſuch zu machen. Plötzlich tönte die Hausklingel und gleich darauf wurde ein Brief hereingebracht. Ich ſah nach dem Stempel und entdeckte, daß es ein Stadtbrief war, der ſchon geſtern zur Poſt gegeben war. Eine unfehlbare Gewißheit ſagte mir, daß dieſer Brief die Entſcheidung enthalten müſſe. Die Züge der Handſchrift auf der Adreſſe waren groß und feſt, ja faſt barſch zu nennen, und obwohl ich Thymian's Hand ſonſt als feiner und zierlicher kannte, wußte ich doch, daß dieſer Brief von keinem Andern kommen konnke als von ihm. Halb in Zerſtreuung, halb in Freude gab ich dem Briefträger ein großes Trinkgeld, ſodaß mich der alte Freund, der mich ſeit Jahren kannte, erſtaunt anſah und wohl vermuthen mochte, ich hätte das große Loos oder eine ehrenvolle Stelle gewonnen. e en uf er ſer en hl em en del mt as Mit tauſend Dankſagungen empfahl ſich der höfliche Mann. Trotz meiner Unruhe gewann ich es über mich, mich erſt völlig anzukleiden, ja ich zögerte abſichtlich dabei, als könnte man dem Schickſal, ſei es Glück oder Unglück, mit Gleichmuth imponiren, während es vor der Thür ſteht und Einlaß begehrt. Endlich war ich fertig und öffnete das Couvert. „Mein Herr“, hieß es,„Ihren Brief beſcheinige ich empfangen zu haben. Einen Familienrath über Ihren ſeltſamen und vermeſſenen Antrag zu halten, war um ſo weniger nothwendig, als in unſerm Hauſe über dieſe Dinge keine Meinungsverſchiedenheit vorhanden iſt und als auch Sie unſere Grundſätze hinreichend gekannt haben ſollten, um ſich jenes unqualificirbaren Schriftſtücks zu entſchlagen. Wir bedauern, Ihre in Ihrem Sinn immerhin wohlgemeinte und gutberechnete Propoſition auf das entſchiedenſte ablehnen zu müſſen. Leute von Ihrem Schlage ſollten überhaupt mehr den Unterſchied der von Gott und Geſchichte gegliederten Stände ins Auge faſſen. Daß Sie gut thun werden, Ihren in Ausſicht geſtellten Beſuch“— dieſen hatte ich wirklich in einer Notiz nachträglich angedeutet—„zurück⸗ zuhalten, ſowie auf immer auf unſer Haus und unſere Familie zu verzichten, bedarf wohl keines beſondern 10. 148 Erſuchens. Mit Reſpekt ꝛc.“ Dann folgte mit breitſpurigen, ja faſt brutalen Zügen ſein Name. Ich mußte den Brief zwei⸗ und dreimal leſen, bis ich ihn verſtand, denn zu Anfang liefen mir gleich⸗ ſam die Zeilen in einander, dann aber brannte ér mir in der Hand wie Feuer, ſodaß ich ihn wegwerfen mußte, und dann haſchte ich ihn doch noch einmal, um ihn Ja, es war kein Traum— zum dritten Male zu leſen. J die pure, kalte, erbarmungsloſe Wahrheit. Die Antwort war ſtark, ſie war mehr als ſtark, es war eine ehrenrührige, beleidigende, ausgeſuchte Bos⸗ heit und Brutalität. Nach ſo viel Jahren ungeträbter Freundſchaft und herzlichſten Verkehrs dieſe ſchnöde wegwerfende Behandlung, als habe man ſich ein ſtätsverbrechen erlaubt! War ich ihm als Werber zr gering und zu unwillkommen, ſo konnte man das 2 in anſtändigen Formen ſagen, ſchon aus Rückſicht auf Gretchen, und was das liebe Kind dabei zu dulden hatte, daran mochte ich gar nicht denken. Und dennoch, ich mußte daran denken. Ich mußte eigen, daß ich mir eine derartige Zurückweiſung nicht gefallen laſſen durfte. In den nächſten Minuten ſtand ich bereits vor dem Hauſe, um zur Wohnung des Herrn von Thy⸗ mian zu eilen. Was ich dort eigentlich wollte, ich wußte es ſelbſt nicht deutlich, aber etwas Namenloſes, Ungeheuerliches gährte in mir, als müßte ich die ganze Welt für den Schimpf zur Rede ſtellen, der mir ange⸗ than worden. Heute, wo ich jene Zeiten mit ruhigerem Blut betrachte, kann ich wohl ſagen, daß ich damals, wie man zu ſagen pflegt, den Kopf verloren hatte und aus Stolz nicht ſtolz genug war, dieſe Zurückweiſung mit männlicher Faſſung zu ertragen, ſtatt zudringlich, läſtig und lächerlich zu erſcheinen, nachdem das Spiel bereits verloren war. Als ich zum Hauſe des Herrn von Thymian kam, fiel es mir auf, daß im Erdgeſchoß die Läden geſchloſſen, ſowie die obern Fenſter von Rouleaux ver⸗ hüllt waren. Ich läutete einmal, zweimal, dann hef⸗ tiger bis zum Sturmläuten. Endlich öffnete ein alter Knecht im Nebenhauſe die Thür, ebendort, wo der kleine Walter wohnte; ich hatte den treuen alten Menſchen zuweilen geſehen, da die Gärten nur durch eine niedere Hecke getrennt waren. „Jemine“, rief der Knecht,„Sie wollen wohl zu Herrn von Thymian? Der iſt über Land, ſchon ge⸗ ſtern. Alles iſt verſchloſſen!“ „So laſſen Sie mich durch den Garten herein, ich muß das Fräulein ſprechen.“ „Jemine, die iſt auch mit verreiſt.“ „Und wohin?“ „Jemine, wer das wiſſen thäte! Da fragen Sie mich zu viel.“ Ich war inzwiſchen in den Hausflur getreten und beſchenkte den alten Mann.„Peter“, ſagte ich,„Sie wiſſen mehr, ſagen Sie mir Alles, was vorge⸗ fallen iſt.“ „Jemine, Herr Profeſſor“, jammerte er,„das Un⸗ glück, nein, das Unglück! Fräulein Gretchen hat in einem fort geweint die zwei Tage und war eingeſchloſſen im Gartenhauſe, da hab' ich ſie ſehen können, und es hat mir das Herz abgedrückt, wie man ſo umgehen kann mit ſeinen eigenen Kindern. Jemine, ich ſage Ihnen, mit dem Herrn war gar kin Auskommen mehr. Seine Köchin hat er fortgejagt und den Bedienten auch, Teller hat er zerſchlagen und Gläſer und hat getobt wie der böſe Feind. Es ging Alles drunter und drü⸗ ber; da ſehen Sie meine blutige Hand, denn er hat mir die Thür ins Geſicht zuſchlagen wollen, als ich mich zur Aushülfe anbot. Das hat man davon, wenn man ein Chriſtenmenſch iſt! Nein, ſo etwas iſt noch gar nicht dageweſen. Geſtern in aller Frühe ſind ſie fort, der Herr und Fräulein Gretchen; ich mein' immer, er hat ſie fortgebracht zu Verwandten im Gebirg. Ach Du mein Gottchen, Herr Profeſſor, was ſind das für nn enb ——— —— ſchwere Zeiten! Wenn erſt ein Vater ſein eigenes Kind mißhandelt, wer weiß, was dann noch Alles paſ⸗ ſiren kann.“ Und in dieſem Tone ging es noch eine Weile fort. Mit blutendem Herzen machte ich mich wieder auf den Weg. Auf ein ſolches trauriges Ende des ſchönen Traums war ich nicht gefaßt geweſen, und war es denn überhaupt ein Ende? Nein und tauſendmal nein, rief mir eine innere Stimme zu, ſo kann es nicht enden, es müßte keine Gerechtigkeit mehr geben auf Erden. Mehr aber als mein eigenes traurig— lächer⸗ liches Geſchick ging mir Gretchen's Leid zu Herzen. Was mußte das arme Kind unter der Brutalität ihres Vaters gelitten haben, und ich war ſchuld daran, daß ſie ſo Namenloſes erdulden mußte. Wie verwünſchte ich jenen Tag und jenen Uebermuth, daß ich ihren ſtillen Frieden getrübt hatte mit meinem unbeſonnenen Drängen auf Erklärung! Als ich auf dem Markt an der Mohrenapotheke vorüberkam, klopfte Herr Sommervogel an das Fenſter. Ich blickte auf und er ſchnitt mir ein ironiſches Com⸗ pliment. Das grüne, bartloſe Geſicht mit den ambro⸗ ſiſchen Locken glänzte von Schadenfreude und Hohn. Jetzt war es am Tage. Dieſer Schleicher hatte den Verräther geſpielt und offenbar den Alten gegen mich aufgehetzt aus Rache, weil er ſelbſt nicht zum Siele gekommen war. Ich drehte ihm den Rücken und ging, mir Troſt und Rath bei Frau Coralh zu ſuchen. Auch ſie war abweſend, hieß es; ſie ſei ſchon geſtern auf ihr Gut Otternbeck abgereiſt. Wie wenn mir heute Mutter und Schweſtern, Brüder und Freunde geſtorben wären— vom Gottes⸗ acker aller meiner Hoffnungen und Pläne kehrte ich nach Hauſe zurück— es war der traurigſte Tag mei⸗ nes Lebens. Sechstes Kapitel. Wer Romane durchblättert oder fleißig das Theater beſucht, der wird es ſo gewöhnlich finden, daß bei glücklichem Liebesverhältniß ſich plötzlich ein böſer Vater, ein ſelbſtſüchtiger Vormund dazwiſchen ſtemmt und ſein theatraliſches Veto einlegt. Wenn ich dergleichen ge⸗ ſehen oder geleſen, hatte ich mich ſtets darüber geärgert und dies uralte Mittel immer nur als den Nothbehelf mittelmäßigen Talents und oberflächlicher Beobachtung angeſehen. Auch wenn die berühmteſten Poeten und Componiſten es nicht verſchmäht haben, ſich jenes ſtets wirkſamen verbrauchten Mittels zu bedienen, ſo weiß doch kein einziges Volkslied von einem böſen Vater zu ſingen, und das Volkslied war mir bisher die Quelle aller Wahrheit, aller Natur geweſen, tiefer und be⸗ deutungsvoller als die profane, rohe Wirklichkeit. Nun ſollte ich es ſelbſt erleben, was ich für unnatür⸗ lich gehalten und ſo tief verachtet hatte, aber gerade deshalb verachtete ich dies äußere Hinderniß meines Glücks um ſo herzlicher und nahm mein Elend auf die leichte Schulter. Ich warf mich ganz und mit einer gewiſſen Heftigkeit in das Studium unſerer herrlichen Volks⸗ literatur, und jedes Lied der Treue und Liebe wurde zu einer reichen Quelle des Troſtes und der Erhebung für mich. Freilich war die Abſicht dabei willensſtärker, als der Erfolg nachhaltig zu nennen geweſen. In Wahr⸗ heit war es eine Zeit des tiefſten Kummers und der gänzlichen Verlaſſenheit, der reizbarſten Menſchenſcheu und der rathloſeſten Verzweiflung an den Mächten der Vorſehung. Wenn auch meine damaligen Freunde und Alters⸗ genoſſen im modernen Titanenthum einer ſiegreichen und erhabenen Weltweisheit jenen gemüthlichen Duſel des Glaubens auf immer abgethan hatten, und wenn ich ſelbſt auch mich nicht mehr zu den blinden Be⸗ kennern jedes Dogmas zählen konnte, ſo war es dennoch meine heimliche U berzeugung geblieben, daß im Punkte der Liebe eine ewige Vorherbeſtimmung herrſchen müſſe. Aus Vernunftgründen dieſen Satz zu beweiſen, ge⸗ traute ich mich freilich nicht, aber der Glaube war ſo chen uſel enn nch nkte ſſ. ge tſo ſchön und ſo tief in meinem Evangelium des Volks⸗ liedes gegründet. Wie ſollte es auch anders ſein, daß Natur und Vorſehung ihre Ziele zuweilen entſchleiern, ohne ſie dann mit herrlicher Gottesallmacht auch durch⸗ zuführen und Alles, was wir Zufall und Gelegenheit nennen, zu ihrem ſiegreichen Triumphe zu benutzen. Dieſer ſtille, vielleicht myſtiſche Glaube war mein einziger Stab und Stecken, an dem ich mich durch öde, jammervolle Tage ſchleppte. Einigemal war ich ſogar entſchloſſen, Gretchen nachzureiſen, ſie zu entführen und zu meinem Weibe zu machen. Aber ſo ſtolze Pläne waren leichter erſonnen als ausgeführt; hätte ich auch über die nöthigen Mittel zu ſo kühnen Unter⸗ nehmungen verfügen können, ſo gelang es mir nicht einmal, den Ort zu erfahren, wohin der alte Herr ſeine Tochter gebracht hatte. So blieb nichts übrig, als der Zeit ihr Recht zu laſſen und mich in Geduld zu fügen. Zum Glück ereignete ſich in dieſen windſtillen Tagen Manches, was mich aus meinem Brüten empor⸗ riß und zwang, an die Wirklichkeit und an die Zu⸗ kunft zu denken. Unſer größter Dichter ſagt einmal in ſeinen Geſprä⸗ chen, es walte ein eigenes Schickſalsgeſetz über jedem Men⸗ ſchenleben, wenn es auch nicht immer erkanut werde und rein zu Tage komme. Nach ſeiner Beobachtung pflege in der Mitte des Lebens ein Umſchlag einzutreten, bei denen, die bis dahin glücklich waren, zum tragiſchen Verhängniß und umgekehrt bei den Söhnen des Un⸗ glücks zum plötzlichen Sonnerſchein des Gelingens. Und ſo geſchah es auch mir. Es war, als wenn meine ganze Laufbahn an einem großen entſcheidenden Wendepunkte angekommen ſei, wo in allen Unter⸗ nehmungen das Gegentheil eintrat, wie bisher. Es erſchien mir, als wenn ein milder gütiger Genius über meinen Tagen waltete, um ſie mit Roſen zu überſchütten, nachdem ich mir Hand und Herz an den Dornen blutig geriſſen. Erfolge kamen, Verwirklichungen, Anträge und glückliche Entſcheidungen der unerwartetſten Art folgten einander, kurz, das Glück begann von allen Seiten in mein Daſein hereinzuregnen, nachdem das Dach vom Sturmwind entführt worden war, um mich eines Gleichniſſes zu bedienen. Ein Verein lud mich ein, Vorleſungen vor einem gemiſchten Kreiſe zu halten. Ich nahm den Antrag an, um wieder eine große Lebensaufgabe vor mir zu haben. Ich hielt drei größere Vorträge, den erſten über Wolfram von Eſchenbach, Gottfried von Straß⸗ burg und Walther von der Vogelweide, den zweiten über das Leben der deutſchen Frauen im Mittelalter, zu wobei es nicht an fruchtbaren und überraſchenden Ver⸗ gleichen mit der Jetztzeit fehlte, die durchaus nicht in beſonders günſtigem Lichte erſchien, obgleich ich keines⸗ wegs zu den Schwärmern zählte, die aus romantiſchen Neigungen die Vergangenheit auf Koſten der Gegen— wart erhöhen. Der dritte Vortrag endlich war den modernen Ideen gewidmet, welche dem Leben der Frauen durch ihre Verwendung in verſchiedenen öffentlichen Branchen und Berufsarten eine neue ſegensreiche Baſis geben möchten. Der Erfolg dieſer Vorträge übertraf weit meine kühnſten Erwartungen. Man ſchickte mir einen werth⸗ vollen ſilbernen Pokal mit den eingravirten Namen der ſchönen Zuhörerinnen, die Buchhändler riſſen ſich um das Manuſcript und machten mir hohe Angebote. Gleichzeitig gewann eine früher ausgearbeitete Denk⸗ ſchrift über die Gymnaſtik und ihre Nothwendigkeit auch in Mädchenſchulen den ausgeſetzten Preis bei einer engliſchen Geſellſchaft und ward in mehrere Sprachen überſetzt. Kurz nach jener Entſcheidung ward mir von ſeiten der hohen Regierung der ehrenvolle Auftrag, auf Grund jenes dritten Vortrags einen ausführlichen Plan über die Errichtung einer Art von weiblicher Akademie aus⸗ zuarbeiten, das heißt eines umfaſſenden öffentlichen 158 Inſtituts, in welchem Mädchen und Frauen mit ge⸗ nügenden Vorkenntniſſen ihre weitere praktiſche Aus⸗ bildung zur Verwendung für das Poſtfach und Tele⸗ graphenweſen, für Kindergärten, Krankenpflege und Medicin, für verſchiedene Zweige des Handels, der In⸗ duſtrie und bildenden Künſte erhalten ſollten. Ich warf mich mit Leidenſchaft auf dieſe alte Lieblingsidee und konnte ſchon nach wenig Wochen meine ausführliche Arbeit einreichen, ohne viel davon zu erwarten, da ich nicht ahnte, daß in hohen Kreiſen ſelbſt eine lebhafte Agitation dafür vorhanden war. Mein Grundgedanke war, wie geſagt, das weibliche Leben und Glück von den zufälligen äußern Begünſti⸗ gungen, von Schönheit oder Vermögen unabhängig zu machen und es gleichſam auf ſeine eigenen Füße zu ſtellen. Endlich, um das Maß voll zu machen, erſchien eines Tages auch das materielle Glück in meiner be⸗ ſcheidenen Exiſtenz. Ich erhielt aus einer fernen Haupt⸗ ſtadt die unerwartete Nachricht, daß ein weitläufiger Verwandter, den ich kaum einmal im Leben geſehen hatte, mich zu ſeinem Univerſalerben eingeſetzt habe. Dieſe Ueberraſchung ließ mich inmitten der andern Erfolge eigentlich höchſt gleichgültig, ſie kam mir wie ein grauſamer Hohn des Schickſals vor, als wolle es mir Erſatz gewähren für das Eine und Höchſte, was es mir verſagt hatte. Aber das Ereigniß hatte das Gute, daß es mich zwang, eine Reiſe in jene entfernte Stadt zu unternehmen, und dieſe Reiſe riß mich mächtig aus dem krankhaften Grübeln empor, in welches ich ungeachtet aller Thätigkeit von Zeit zu Zeit immer wieder verſank. Die ſchönen Thäler, die majeſtätiſchen Gebirge, die herrlichen Ströme und maleriſchen alten Städte, welche ich berührte, Alles wirkte mit unſagbarer ſüßer Schwermuth auf mich ein, ich mußte immer wieder an das holde Gretchen denken, und es war, als ob ihr guter Stern mein Leben überſtrahle, als ob ihr Genius mich ſo reich und gütig überſchütte. Aber was half mir jetzt all dieſes Glück; vor einem Jahr hätte es mich ſtolz, muthig und ſelbſtvertrauend gemacht, jetzt kam es zu ſpät, gleichſam um mich deſto ſchmerzlicher empfinden zu laſſen, was ich entbehrte. Oft wollte mich die Luſt anwandeln, von hohen Brücken in den Strom zu ſpringen, oft mußte ich arme Fiſcher und Handwerker, Laſtträger und Karrenſchieber um ihr ſaures Tagwerk beneiden, denn ſie wußten doch, für wen ſie ſorgten. Trotzdem übten die Zerſtreuung der Reiſe und ihre neuen Bilder allmälig ihre heilende Wirkung, und die — 160 mancherlei juriſtiſchen Formalitäten und geſchäfrlichen Weitläufigkeiten, welche mit dem Antritt der Erbſchaft verbunden waren, ließen keine müßige Träumerei auf⸗ kommen. Dazu die großartigen Eindrücke der prächtigen Hauptſtadt, das Studium ihrer Bauten, Kunſtſchätze und Sammlungen, außerdem vielerlei Anknüpfungen mit intereſſanten und bedeutenden Perſönlichkeiten. Ich war überraſcht, daß man hier meine frühern Schriften über Kindergärten und über Gymnaſtik kannte, ich kam in zahlreiche Geſellſchaften und lernte Capacitäten kennen, welche praktiſche Erfahrung beſaßen, und er⸗ weiterte raſch meinen Geſichtskreis an den Verſuchen, welche von jenen bereits gemacht worden waren. Ich will dabei nicht verſchweigen, daß auch die hochwogenden politiſchen Strömungen jener Tage mich widerſtandslos in ihren Strudel riſſen. Bei der all⸗ gemeinen Unzufriedenheit mit den beſtehenden Zuſtänden erſchien über kurz oder lang eine hereinbrechende Kata⸗ ſtrophe unvermeidlich, und die Frage über die Neuge⸗ ſtaltung des Vaterlandes bewegte bereits alle Gemüther. Man führte mich in Verſammlungen und Vereine, wo das Kommende mit begeiſterten Worten beſprochen wurde, ich lernte die hervorragendſten Führer der Par⸗ teien kennen, und mehr als einmal mag es geweſen ſein, daß ich ſelbſt das Wort ergriff und die großen weltbewegenden Gedanken der Freiheit und Einheit der Nation auf meine Weiſe zum Ausdruck brachte. Ich will hier nicht mehr davon ſagen, denn ich war damals in der That ziemlich unklar über die Machtverhältniſſe der Parteien und hatte keine Ahnung von den furcht⸗ baren Folgen jenes begeiſternden Spiels mit Ideen. Wie Manches ſich unerwartet im Leben verkettet, ſo war es auch hier. Eben jener Fremdling, mit dem ich einſt aus dem zoologiſchen Garten in die Stadt gefahren war und der mir damals ſchon räthſelhafte Andeutungen machte, ihn traf ich in der Hauptſtadt als einen gefeierten und einflußreichen Führer der Be⸗ wegung wieder. Er erkannte mich ſofort, erinnerte ſich jenes Nachmittags und nahm mich ganz in Be⸗ ſchlag. Ihm hatte ich es zu danken, daß ich in folgen⸗ ſchwere und verhängnißvolle Bewegungen hineingezogen wurde, die mir als harmloſem Lehrer in der ſtillen Provinzialſtadt bisher ziemlich fern gelegen hatten. Außerdem machte mir auch die Unterbringung der Kapitalien, welche mir ausgezahlt wurden, viel zu ſchaffen. Bishe nichts als ein Proletarier, hatte ich noch niemals ſo viel eilten Mammon beiſammen ge⸗ ſehen, und mein erſtes Bedürfniß war, am ſelben Tage noch mein Teſtament zu machen. Es erſchien mir frevelhaft, mich hier meines Lebens zu freuen; über⸗ Groſſe, Der neue Abälard. 1 11 —————————————— haupt, was hatte in meinem Daſein noch Werth und Bedeutung ohne ſie, ohne mein theures Gretchen! Ich war nahe darau, aus Kummer blaſirt zu werden, nur der Lärm der Gegenwart und der betäubende Wirbel der Großſtadt ließen mich bisweilen die tiefe Wunde vergeſſen. Endlich nach länger als drei Monaten war Alles glücklich zu Ende geführt, und ich machte mich auf den Heimweg, innerlich ein neuer, anderer Menſch geworden, der die Welt jetzt objectiver und ruhiger anſah. Ich ſagte mir, daß der Mann zuletzt doch größere und weitere Lebensaufgaben habe, als in confuſer ſelbſt⸗ ſüchtiger Gefühlsſchwelgerei unterzugehen. Jene Auf⸗ gaben des Strebens und Wirkens ſind ſeine Pflicht, dieſes, das ſchöne Glück der Liebe, bleibt nur eine Gunſt des Himmels, die ſich nicht ertrotzen läßt. Für enes muß er leben und ſtreiten ohne Raſt, für dieſes kann er nur danken, wenn es ihm beſchieden iſt, in Summa: arbeiten ſollen wir, arbeiten müſſen wir, alles Andere aber demſelben Gott überlaſſen, der den Fluren Sonnenſchein und Regen gibt, der den Acker des Einen reich aufblühen, den des Andern verhageln läßt. Und wenn wir uns ſchützen können vor den Un⸗ bilden des Feuers, Waſſers und Hagels, ſchützen durch Verſicherung, die uns unabhängig vom Clement les en en, ſ nd ſt⸗ uſ⸗ t, ine ür in en macht, nun, ſo bietet auch jenes Wirken für und mit der Maſſe der menſchlichen Geſellſchaft eine Verſicherung, die unabhängig macht von den Hagelſchäden des Herzens. So bei ziemlich guter Laune, innerlich erfriſcht und gekräftigt, kam ich an einem ſonnigen, warmen Frühlingsſonntag zurück und ſtaunte nicht wenig, auf meinem Tiſche eine Einladung zu finden, mich nach meiner Ankunft ſofort beim Regierungspräſidenten zu melden. In mondheller Nacht ging ich an Thymian's Hauſe vorüber. Alles war noch ebenſo ſtill und dunkel wie zur Zeit meiner Abreiſe, und dennoch war es mir, als wenn Gretchen dieſen Gruß empfunden und erwidert hätte. Am andern Morgen ſtand ich vor dem allge⸗ mein verehrten und gefeierten Präſidenten, dem Herrn von Holtzendorff. Er empfing mich mit den ſchmeichelhafteſten Worten und herzlichſtem Entgegenkommen, was mich um ſo wohlthuender berührte, als der vornehme Herr meine bisherigen Beſtrebungen ſelten oder faſt niemals er⸗ muntert hatte, wenn er überhaupt Notiz von ihnen genommen. Nun, ich gratulire, Herr Collaborator“, ſagte er. „Ihr Plan für die Frauenakademie iſt acceptirt, das 164 heißt mit einſtimmigem Beifall begutachtet worden. Es bleibt nunmehr nur die Detailirung der Organi⸗ ſation und das Decret der Ausführung, welches ohne Aufſchub erfolgen wird. Man hat uns in dankens⸗ wertheſter Weiſe hierin völlig freie Hand gelaſſen und die umfaſſendſte Autonomie garantirt. Ich rechne da⸗ bei im voraus darauf, daß Sie die Stelle des Directors übernehmen.“ Ich fand in meiner Ueberraſchung nur ſchwer das rechte Wort, doch ſprach ich mich entſchieden da⸗ hin aus, daß ich keineswegs an meine Perſon gedacht, ſondern namentlich für das Directorium eine ältere, bewährtere Kraft im Sinne gehabt habe. „Nur keine Flauſen, mein Lieber“, ſagte der Präſident;„mit der Beſcheidenheit kommen Sie nicht weit in der heutigen Zeit; beſtimmen Sie nur über die Stelle und entwerfen Sie Ihre Bedingungen.“ Als ich zögerte, fuhr er fort:„Wir haben uns die Sache in folgender Weiſe gedacht“, und nun entwarf er eine Reihe von glänzenden Vorſchlägen, die mich faſt beſtürzt machten, denn auf eine ſolche Wandlung mei⸗ ner Verhältniſſe war ich auch in meinen kühnſten Träumen nicht gefaßt geweſen. Aber der vornehme Herr ließ mich gar nicht zu mir ſelbſt kommen.„Ihre un⸗ entſchloſſenen Bedenken“, ſagte er,„ſetzen mich eigent⸗ „—— — ———— ni⸗ hne ud da⸗ ver t, re, lich in Erſtaunen, da man doch annehmen darf und muß, daß Sie begeiſtert für die neue Idee ſein würden. Nein, nein, ich ſehe, um zum Ende zu kommen, müſſen wir das Eiſen ſchmieden, ſolange es glüht. Wie wäre es, wenn Sie gleich heute bei uns zu Tiſche blieben? Ich werde Sie meiner Familie vorſtellen; es ſind außerdem noch einige andere Herren und Damen da, ſodaß Sie nicht zu fürchten brauchen, wir wollten Sie mit Gewalt und in aller Stille für uns erobern.“ Was wollte ich machen! Ehe ich noch alle Gründe für oder wider dieſe Ueberſtürzung der wichtigen An⸗ gelegenheit erwogen hatte, ſaßen wir bereits zu Tiſche. Die Ehre war ſicher eine außerordentliche und ich durfte um ſo weniger eine ſteife oder demonſtrative Ceremonie fürchten, als die Familie des Präſidenten im Rufe ſtand, gaſtfrei und liebenswürdig zu ſein. Ich erhielt meinen Platz neben einer kleinen Dame von ſicherem Alter, einem Fräulein Cöleſtine von Spatenkamp, welche mir der Präſident als ſeine Nichte vorſtellte; ſie war außerordentlich geſprächig und hatte alle meine Vorleſungen gehört, die ſie mir ins Geſicht mit überſchwänglichſtem Enthuſiasmus rühmte— mit einem Wort, das kleine Fräulein nahm mich, wie man zu ſagen pflegt, ganz in Beſchlag. Der Faden des Geſprächs riß auch nicht eine Minute lang ab, denn ————— — meine Nachbarin wußte immer neue Themen auf das Tapet zu bringen; ſie ſprach von der Vorſehung, die manchmal wunderliche Wege gehe, um ihre Abſichten durchzuführen und Erfüllungen zu bringen, auf die man niemals mehr gehofft habe— wie lebhaft mußte ich dabei an mein theures Gretchen denken!— ſie ſprach ferner auch von frommen Werken und der innern Heiligung, endlich kamen auch die Geiſtererſcheinungen an die Reihe und zwar mit Bezug auf Schubert und Juſtinus Kerner, zu guter Letzt aber das bekannte Ka⸗ pitel vom Lebensglück mit vielen gut und übel ange⸗ brachten Citaten aus Jean Paul, Zſchokke und Gvethe, der beſonders mit ſeinen Bekenntniſſen einer ſchönen Seele vertreten war. Von Dichtern, für die ſie ſchwärme, erwähnte ſie noch die Gräfin Hahn⸗Hahn und Freifrau von Droſte, ſowie Philipp Nathuſius, während ihr die modernen und modernſten, unter andern Herwegh und Hoffmann von Fallersleben, ein Greuel ſeien. Fräulein Cöleſtine von Spatenkamp war trotz ihres bauſchigen Coſtüms von gelb und grau eigentlich nicht häßlich zu nennen, ſie hatte bemerkenswerthe charakteriſtiſche Züge, die nur auf das Auge des Idea⸗ liſten warteten, um aus Mängeln in ebenſo viel Reize verwandelt zu werden. Ihr vorliegendes Auge mit die en die ußte rach etn gen und nge⸗ the, znen ſie uhn ius, ntet ein trotz tlich nhe den⸗ dem ſtarren Blick konnte dann recht wohl an die hehre Göttin Athene erinnern, die man die Blauäugige und die Ochſenäugige nannte. Ihre breite kurze Naſe hatte zwar etwas Slawiſches, aber ebenfalls höchſt Energiſches und Sinnenfreudiges. Der ausgearbeitete Mund mit den feſten, geſunden Zähnen bewies zwar die Uebung der Redefertigkeit in ungewöhnlichem Grade, aber bei vielen Geiſtlichen nimmt er ja dieſelben Formen an. Man darf wohl überhaupt gegen keine Geſichtsbildung Zuneigung oder Abneigung haben, denn jede iſt das häufig übertriebene Zeugniß der jahrelangen, oft löb⸗ lichen Beſchäftigung. Ich wenigſtens ſuche immer den Widerwillen zu bekämpfen, da ich es für inhuman halte, Menſchen nach Formen zu beurtheilen, die ſie ohne ihre Schuld von Andern überkommen haben. Der Wuchs der kleinen Dame bewies bei vorwiegender Geiſtigkeit eine gewiſſe Abneigung gegen die Fülle, doch hätte der Ausdruck knochig oder mager nur von einer liebloſen Auffaſſung gewählt werden können. Da⸗ zu bot ſich aber hier durchaus keine Veranlaſſung, denn das Fräulein war lieb und gut und erſparte mir die Mühe, viel zu reden oder gar anderer Meinung zu ſein, was ich allerdings wiederholt deutlich ſpürte. Im Verlauf des unvergeßlichen Diners erzählte ſie mir ihr ganzes Leben, eine Kette von widrigen Er⸗ eigniſſen, die man doch nicht gerade ungewöhnlich nennen durfte. Die Hauptſache war dabei die Unzu⸗ verläſſigkeit der Männer im Allgemeinen— natürlich ließ ſie überall Ausnahmen zu— dann die Vorurtheile des alten Adels, von denen ſie Gott Lob ganz geheilt ſei, wie ſie wiederholt andeutete. Zwiſchendurch ließ ſie auch vorſichtig einfließen, daß ſie unter pſeudonymen Namen nicht ganz unbekannt als Schriftſtellerin ſei, und zwar habe ſie über die Erziehung der Kinder, über das Myſterium der chriſtlichen Ehe und über die Auf⸗ gabe der Frauen im Vergleich von Morgenland und Abendland umfangreiche Méditations geſchrieben. Doch gab ſie dieſe Mittheilung nur im engſten Vertrauen und unter der Bedingung ſtrengſter Discretion, auch ſtellte ſie mir, noch ehe ich die Bitte ausgeſprochen, die Zuſendung ihrer ſämmtlichen Werke in erfreulichſte Ausſicht. Als wir uns wieder von der Tafel erhoben hatten, nahm mich der Präſident ohne Aufſehen heimlich bei⸗ ſeite und ſagte: „Nun, wie gefällt Ihnen Ihre Nachbarin?“ Ich weiß nicht mehr, mit welcher mehr oder we⸗ niger verbrauchten Redensart ich antwortete. „O“, ſagte er wieder,„Sie ſind ihr zu großem Dank verpflichtet. Sehen Sie ja zu, daß Sie ihre ich u⸗ ——— — Gunſt nicht verſcherzen, ihr allein werden Sie Ihre Stelle zu danken haben, denn ſie hat mich zuerſt auf Ihre Schriften aufmerkſam gemacht, und für die ſpecielle Organiſation des Ganzen iſt ihr eine gewichtige Stimme vorbehalten worden. Sie werden mit ihr Vieles zu ordnen haben, und ich hoffe, daß Sie dieſem guten Genius des neuen Inſtituts Ihre Mitwirkung nicht verſagen werden, wenn Sie ihn erſt ganz kennen ge⸗ lernt haben werden.“ Ich kann nicht ſagen, daß dieſe Eröffnungen und Andeutungen mich beſonders freudig geſtimmt hätten, allein Menſchen, namentlich Frauen, die ſelbſt gern reden, ſind in der Regel am leichteſten zu behandeln, und wenn ich dem Fräulein Dank ſchuldete, warum ſollte ich unfreundlich gegen ſie ſein! Der Nachmittag, den wir größtentheils im Winter⸗ garten des Palaſtes zubrachten, um dort den Kaffee zu nehmen, verging unter allerlei Geſprächen und zer⸗ ſtreuenden Abwechslungen. Man beſah Gemälde und Vaſen, Sculpturen und Kunſtblätter, auch ein koſtbares Album, welches Anſichten aus Südfrankreich und Italien enthielt. Als wir an die Blätter kamen, welche Veduten von Caſtellamare und Sorrent zeigten, überſchlug ſie Fräulein Cöleſtine raſch und neigte ſich über die Tiſch⸗ platte, als wolle ſie mir ihr Erröthen verbergen. Dann 170 flüſterte ſie haſtig:„Ach, daran knüpft ſich ein erſchüt⸗ ternder Roman meines Lebens, und ſeitdem kenne ich die Unzuverläſſigkeit der Männer. Ich erzähle es Ihnen einmal, wenn wir näher bekannt geworden ſind, aber nur in einer Dämmerſtunde, denn Sie dürfen es nicht ſehen, wenn ich dabei roth werden ſollte.“ Ich erſchrak über dieſe rapiden Fortſchritte der Vertraulichkeit, aber es ſollte noch beſſer kommen. Gleich darauf entſpann ſich eine lebhafte Discuſſion wegen des Theaters am heutigen Abend. Der Präſi⸗ dent ſelbſt erklärte auf ſeine Loge verzichten zu müſſen, da er geſchäftliche Abhaltung habe, ſeine Gemahlin klagte gleichzeitig über Migräne, die Mehrzahl der übrigen Gäſte hatte ſich berei's entfernt. „Aber Sie, lieber Freund“, ſagte der Präſident plötzlich,„könnten dem Fräulein einen großen Gefallen thun; ſie hat ſich ſo lange auf die neue Oper gefreut, und ich möchte um keinen Preis, daß ſie um dieſen ſeltenen Genuß käme. Bitte, begleiten Sie Fräulein Cöleſtine in unſere Loge.“ Ich war überraſcht und verſuchte einzuwenden, daß ich kein Freund von neuen Opern überhaupt ſei, bevor ihr Erfolg und Werth feſtgeſtellt ſei. „O das muß man ſagen“, rief Fräulein von Spatenkamp,„ſolche Abende ſind ein Ereigniß und —— —————— ut, en in R, ei, on S————————— namentlich heute, wo man die„Sündflut“ gibt, von einem gewiſſen Kaſimir Wächter, aber das iſt nur eine vorgenommmene Maske, und man weiß es ja, daß ſich eine hieſige Celebrität dahinter verbirgt.“ „Die„Sündflut“!“ rief ich.„Doch nicht von Thymian?“ „Ganz recht, Sie wiſſen alſo bereits“, war die Antwort, und ſofort kamen nähere Aufſchlüſſe.„Ja, der alte Herr war lange verreiſt, aber ſoviel man weiß, iſt er heute auf einen Tag zurückgekommen, um der Aufführung ſeines neueſten Werkes incognito bei⸗ zuwohnen. Die Sänger und Theaterleute wollen zwar nicht viel davon wiſſen, aber für ſeine Verehrer— und wer unter den beſſern Ständen zählte nicht dazu— wird es doch ein großes Feſt werden.“ Dieſe unerwartete Mittheilung entſchied über mich. Ich fühlte dunkel oder deutlicher, daß mit dieſem Tage auch meine Herzensangelegenheit auf irgend eine Weiſe wieder in Fluß kommen müſſe, und wenn ich auch noch nicht klar darüber war, wie ich die Anweſenheit des alten Herrn für meine Entſchlüſſe benutzen konnte, ſo fühlte ich doch, daß ich dies große Ereigniß der Aufführung ſeines Rieſenwerks, wie er es ſelbſt genannt hatte, nicht unbetheiligt vorübergehen laſſen dürfte. Ich ſagte deshalb ohne weiteres Bedenken meine ——— ——— —— 172 Bereitwilligkeit zu und fuhr zur feſtgeſetzten Stunde mit Fräulein von Spatenkamp in das Theater. Die Kleine ſtrahlte wahrhaft vor Freude und Entzücken; ſchon auf dem Wege und noch mehr im Theater ſelbſt ließ ſie mich keinen Augenblick zu mir ſelbſt kommen, ihre Beredtſamkeit und Converſationsgabe ſchien un⸗ erſchöpflich. Auf den höchſten Gipfel der Lebhaftigkeit aber gerieth ſie in der Loge ſelbſt und vor den Blicken eines zahlreichen, höchſt gewählten Auditoriums. Ihr beflügeltes Mundwerk ſchien mit verdoppelter Kraft zu arbeiten, namentlich ſprach ſie über alle möglichen Perſonen, die ſie nur mit ihrem Opernglas erreichen konnte. Und hier zeigte ſich unter der Maske der Frömmigkeit endlich die liebe natürliche Bosheit in luſtiger Nacktheit und Urſprünglichkeit. Die Muſik der Ouvertüre ſchien ebenſo ſehr die Einleitung der Stachelreden des kleinen Fräuleins als der allgemeinen Sündflut zu ſein, aber ich kann nicht ſagen, daß Fräulein von Spatenkamp nur das geringſte Intereſſe für jene Muſik zeigte. „Kennen Sie auch die Dame dort in der fünften Loge?“ ſagte ſie plötzlich.„Eine leichte Perſon, eine ſehr leichte Perſon; man ſagt ſogar, mit dem Tode ihres Mannes müſſe es eine ganz eigene Bewandtniß haben, aber man kann nichts beweiſen.“ Ich wandte mich zu der bezeichneten Stelle und erſchrak— kaum einige Schritt weit in der fünften Loge ſaß Frau Coraly von Ribbeck, und zwar uns beide mit ſtaunendem, ſtarrem Blicke fixirend. Ich grüßte ſie wiederholt, aber ſie erwiderte nicht, ſie ſchien mich gar nicht mehr zu kennen. Das machte mich betroffen, und ich wußte nicht, was ich davon denken ſollte, als einige alte Bekannte ſich in gleicher Weiſe verhielten. „Wollen Sie nicht auch den Verfaſſer ſehen?“ flüſterte das kleine Fräulein wieder.„Dort in der Proſceniumsloge neben dem Intendanten— haha, ich glaube, man hat ſchon einige Lorbeerkränze in Be⸗ reitſchaft, wenn der pſeudonyme Herr Kaſimir Wächter herausgerufen wird und dann plötzlich Herr von Thy⸗ mian erſcheint. Mit Geld kann man Alles durchſetzen.“ Mit höchſter Spannung ſpähte ich in den dunklen Raum der Proſceniumsloge mit der ſehnſüchtigen Hoffnung, dort noch ein anderes Geſicht zu entdecken, aber die Hoffnung war vergeblich. Gretchen war nicht zu ſehen. „Kennen Sie die Familie des Dichters?“ fragte ich beiläufig. „O mein Gott, nein“, war die ſpitze Antwort. „Wer kann ſich auch um jeden Skandal bekümmern! Herr Kaſimir Wächter hat eine Tochter, ſie ſoll ſehr ſchön ſein, aber ſehr ſittenlos, man hat ſie fortgebracht eines Fehltritts halber, mit einem obſcuren Menſchen, ſein Name iſt unbekannt geblieben.“ Mir ſchoß bei dieſem Ziſchen der kleinen Schlange alles Blut zum Herzen, ein namenloſer Zorn bemäch⸗ tigte ſich meiner, den Namen und Ruf der Engelreinen ſo empörend befleckt zu ſehen. Ich hielt es für meine Pflicht, dem Fräulein zu bemerken, daß man mit der Verbre tung ſolcher Gerüchte doch ſehr vorſichtig ſein müſſe, denn meines Wiſſens ſei dieſe Nachrede eine complete Lüge. Fräulein von Spatenkamp lachte ungläubig und beliebte in der Abweſenheit der Genannten den voll⸗ ſtändigen Beweis ihrer Schuld zu ſehen. Inzwiſchen hatte der erſte Act der monſtröſen Oper ſeinen Anfang genommen. Die früher projectirten Contraſte der Familie Noah's als der Frommen im Lande und dagegen der ſündigen Töchter der Menſchen, welche„mit Engeln buhlen“, waren muſikaliſch durch die Gegenſätze eines Chorals und eines Cancans aus⸗ gedrückt. Beide Melodien ſtritten miteinander, bis ſie durch die Poſaunen übertönt wurden, die durch den Engel des Herrn die Botſchaft des Weltuntergangs ankündigten. Dem Ende des Actes folgte eine momentane ——— 175 Todtenſtille, dann erhob ſich ein kurzes reſultatloſes Geplänkel zwiſchen Bravorufern und Ziſchenden. Der zweite Act zeigte auf der Höhe des Hintergrunds die Arche. Als Paſtorale folgte der Einmarſch der paar⸗ weiſen Thiergeſchlechter, dann ein Pſalm der Familie Noah. Die Thiere erregten bereits allgemeines Ge⸗ lächter, das nur übertönt wurde von dem allgemeinen Toben, Wogen und Sauſen der entfeſſelten Elemente, welche jetzt den effectiven Beginn der Sündflut an⸗ kündigten. Hier hatte der Componiſt wirklich alle hölliſchen Mächte der göttlichen Muſik losgelaſſen. Es war ein Charivari, das menſchliche Worte nicht zu be⸗ ſchreiben vermögen. Wie es aber heißt, wer Wind ſäet, der wird Sturm ernten, ſo rief dieſer muſikaliſche Sturm einen wahren Orkan im Zuhörerraum hervor. Ein Tumult ohnegleichen begann auf allen Gallerien, in allen Logen; der Compoſiteur war verſchwunden, und der Intendant erſchöpfte ſich in fruchtloſen Ver⸗ ſuchen der Beſchwichtigung. Endlich beruhigte man ſich wirklich, und mit Stentorſtimme ertönte der Ruf:„Weiter ſpielen!“— offenbar weniger in der Abſicht, gerecht zu ſein, als aus Schadenfreude und Neugier, was nun noch kommen könne, denn man erwartete nunmehr die Arche ſchwim⸗ mend auf den Waſſern zu ſehen. Wirklich ging noch einmal der Vorhang empor; auch Thymian, obwohl blaß wie der Tod, war zurückgekehrt. Statt der er⸗ warteten Arche aber erſchien nur das wogende Meer, derart die Höhe der Bühne füllend, daß man wie in einem Rieſenaquarium die überſchwemmten Riffe und Klippen und dazwiſchen die Maſſen der Ertrunkenen, darunter Könige und Prieſter, Tänzerinnen und Krieger, überſehen konnte. Plötzlich ſchienen ſich dieſe Leichen, von den Wogen geſchaukelt, zu erheben, und jetzt begann ein Chorge⸗ ſang der Ertrunkenen im Waſſer, der in der Muſik⸗ geſchichte der Gegenwart und Vergangenheit wohl nicht ſeinesgleichen haben dürfte. Nun aber brach das Gelächter unaufhaltſam durch, der Tumult erhob ſich bei offener Scene von neuem, und der Vorhang mußte fallen. Im nächſten Augenblick brach man in allen Logen auf, um das Haus zu verlaſſen, denn an ein Weiterſpielen dieſes Miſchmaſches von Aberwitz und Langerweile war nicht zu denken. Thymian, der aber⸗ mals verſchwunden war, that mir anfangs leid, aber jetzt konnte ich ihn kaum mehr beklagen. Während ich im Gewühl das kleine Fräulein von Spatenkamp nur mit Mühe vorwärts bringen konnte, ſtreifte Jemand ziemlich heftig meinen Arm; ich wandte mich und ſah abermals Frau Coraly, die mich mit ——— 177 vernichtendem Blicke maß. Ich grüßte ſie nochmals, aber ſie erwiderte mit flüſterndem Tone:„Ich kenne Sie nicht, mein Herr“, und dann folgte noch ein Wort, das ich nicht verſtehen konnte, aber es klang wie:„Ich verachte Sie!“ Das war mir doch zu viel. Kaum meiner mäch⸗ tig, zog und zerrte ich das kleine Fräulein, das ſich immer feſter an mich anklammerte, durch die Maſſen dem Ausgang zu. Fräulein Cöleſtine ſchien aber gar keine Eile zu haben. Der Wagen ſei doch noch nicht da, ſagte ſie mit ſüßeſtem Tone, und ſie wollte durchaus zu Fuß nach Hauſe geleitet ſein. Die Mondnacht ſei ja ſo himmliſch ſchön, beinahe wie in Caſtellamare. Zum Glück aber regnete es draußen, und ich ſchob die kleine Perſon ohne weiteres in die nächſte Droſchke. „Auf Wiederſehen!“ flüſterte ſie.„Laſſen Sie morgen ja von ſich hören.“ Ich hatte aber keine Geduld, ihre fernern Dankſagungen mitanzuhören, ſondern eilte davon. Es gab nur einen Weg für mich, und der hieß: ſofort zu Frau Coraly. Sollte es nur denkbar ſein, daß jenes infame Gerücht zu ihren Ohren gekommen? O das war möglich, aber daß ſie es glauben konnte, das war unmöglich, und welchen andern Grund in der Welt konnte die Dame haben, mich ſo zu behandeln? Groſſe Der neue Abälard. I. 12 Es war zwar eine ungewöhnliche Stunde für den Beſuch, aber ich war entſchloſſen, ſie wecken zu laſſen, wenn ſie etwa ſchon zur Ruhe gegangen. Glücklicher⸗ weiſe war in ihrem Zimmer noch Licht. Ich läutete an der Hausthür; die Magd, welche öffnete, ſchob ich beiſeite und ſtürzte ſofort ohne weitere Meldung in den Salon. Frau Coraly ſaß noch beim Thee und war eben damit beſchäftigt, ſich ihres Schmuckes zu entledigen. Bei meinem ſtürmiſchen Eintritt fuhr ſie erſchreckt em⸗ por, und ihre Hand zuckte nach der Klingelſchnur, als ſie ſagte: „Sie, Herr Collaborator? Das geht zu weit! Wenn Sie mein Hausrecht nicht achten, ſo muß ich mich von meinen Dienſtleuten ſchützen laſſen.“ Ich fiel ihr in die Hand und ſchloß ſofort auch die noch offenſtehende Thür. „Ich beſchwöre Sie nur um eine Minute Gehör, gnädige Frau; hier müſſen unſelige Mißverſtändniſſe ſein, ein Knäuel von Verwirrung, Entſtellung und Ver⸗ leumdungen!“ „Verleumdungen? Ich wüßte nicht“, ſagte ſie faſt heftig.„Ich habe ja mit eigenen Augen geſehen, und Sie wagen es noch zu ſich vertheidigen!“ „Aber was in aller Welt haben Sie denn geſehen, — ———— theuerſte Freundin?“ fragte ich und ſuchte ihre Hand zu ergreifen. Sie aber entzog ſie mir mit ſteigendem Unwillen. „Nennen Sie mich nicht ſo!“ rief ſie.„Ich bin Ihre Feindin!“ Die Sache wurde mir immer dunkler.„Sie meine Feindin, Frau Coraly? O ſcherzen Sie doch nicht ſo grauſam! Sie werden doch nicht jenes alberne giftige Gerücht glauben, wovon ich heute erſt erfuhr? Sie wiſſen, daß Gretchen und ich uns nichts vorzuwerfen haben. Wer in aller Welt kann nur eine ſolche Schänd⸗ lichkeit erſinnen!“ „O davon iſt hier gar nicht die Rede!“ rief ſie eifrig.„Thun Sie nur nicht ſo tugendhaft und ſo böſe gegen die Verleumder. Manchmal kann auch ein leeres Gerücht willkommen ſein, weil es eine Art von Entſchuldigung bietet, wenn man ſich andere Ziele ge⸗ ſteckt hat!“ „Was in aller Welt wollen Sie damit ſagen, Frau von Ribbeck?“ Frau Coraly betrachtete mich eine Weile mißtrauiſch, dann lächelte ſie mit einer gewiſſen verächtlichen Suffi⸗ ſance— ich finde kein deutſches Wort dafür.„Es iſt ja auch ſo natürlich“, ſagte ſie,„daß es ſo kommen mußte. Die Männer ſind ſich darin alle gleich. Wenn 12* 180 das Glück ſo ſcheffelweis, ſo hageldicht kommt, was liegt dann an einem zertretenem Herzen! Verſtehen Sie mich immer noch nicht, ſo muß ich wohl deutlicher ſein. Zuvörderſt aber empfangen Sie meine herzlichſten und reſpektvollſten Glückwünſche. Sie ſegeln auf hohem Meer, Sie haben alle hohen Ziele erreichbar vor ſich, Sie ſind reich geworden, Ehre und Ruhm kommt da⸗ zu, wie das Glück ja immer von gabenreichen Göt⸗ tinnen begleitet iſt. Sie verdienen es ohne Zweifel, aber um welchen Preis Sie Alles erreichen, das iſt empörend! Nun auch dazu gratulire ich oder condo⸗ lire ich, wie Sie wollen; ich hätte es wirklich nicht ge⸗ glaubt, wenn ich es nicht ſelbſt geſehen hätte!“ Ich hatte mich inzwiſchen ruhig niedergeſetzt, um die Erklärung anzuhören, aber was hilft Geduld bei Unverſtändlichen!„Liebſte Freundin“, ſagte ich,„wenn ich antworten ſoll, ſo reden Sie zuerſt deutſch, aber nicht in Zungen, die ich abſolut nicht verſtehen kann. Was für einen Preis meinen Sie, der Sie em⸗ pört?“ „Wenn man öffentlich verfährt, wozu leugnen“, warf ſie verächtlich hin.„Wann ſoll denn die Ver⸗ mählung ſein?“ Machen Sie mich nicht wahnſinnig!“ rief ich. „Vermählung mit wem?“ * 6 6 — ——— „Nun mit wem ſonſt als mit Fräulein von Spatenkamp?“ Da ſank mir der Schleier vom Auge. Ich brach in ein lautes Gelächter aus, das ſie anfangs ſtutzig machte, dann aber legte ſie die Hand auf meine Schulter. „Lachen Sie nicht, lieber Freund— ich ſollte ſagen: armer Freund, denn ich ſehe nun wohl, daß Sie in eine Falle getappt ſind!“ Ich ſtarrte ſie bei dieſen Worten an, denn der Zuſammenhang war mir immer noch dunkel.„So wiſſen Sie wohl nicht“, fuhr ſie fort,„daß dies alte Fräulein dem Präſidenten längſt unbequem iſt und daß ſie der Preis Ihrer Erfolge, vielleicht ſogar die Bedingung Ihrer Erhebung zum Director ſein wird? Hat ſie Ihnen nicht auch ſchon ihren Roman von Caſtellamare erzählt, wo ſie mit einem reichen ſchönen Cavalier ein romantiſches Ver⸗ hältniß angeknüpft hatte? Schon war der Tag zur Hochzeit feſtgeſetzt, als es durch einen reinen Zufall herauskam, daß der Cavalier ein Bartſcherer aus Neapel war. Das iſt die Haupttragödie ihres Lebens, die ſie Jedem erzählt, der ſie hören will. Nun, dies⸗ mal hat ſie es glücklicher getroffen, und da Sie bereits öffentlich mit ihr erſcheinen, muß alle Welt die Sache für abgeſchloſſen anſehen. Die kleine Kröte ſtrahlte ja 182 von Stolz und Glück, und Sie können doch unmög⸗ lich ſo beſchränkt ſein, daß Sie die Rechnung nicht durchſchauen ſollten.“ „Ja, theure Freundin“, rief ich,„ich bin ſo be⸗ ſchränkt, ich bin vernagelt, ich bin dumm, weil ich ver⸗ liebt bin; aber beruhigen Sie ſich, nie in meinem Leben wird das geſchehen. Das konnten Sie wiſſen, wenn Sie je geglaubt haben, mich zu kennen!“ Ich ſaß noch eine Weile wie gelähmt oder erſtarrt von dieſer Enthüllung; jetzt freilich gewann Vieles Be⸗ deutung und Zuſammenhang, was mir vorher räthſel⸗ haft erſcheinen wollte. Als ich aufſah, ſtand Frau Coraly neben mir und reichte mir ihre Hand. „Gut denn, ich glaube Ihnen“, ſagte ſie huldvoll. „Ich habe Ihnen wirklich Unrecht gethan— doch nein“, und dabei zog ſie plötzlich die Hand zurück,„Sie ver⸗ dienen meine Verzeihung doch nicht. Sie haben zu viel auf Ihrem Gewiſſen. Sie haben für Gretchen nicht gehandelt!“ „Für Gretchen nicht gehandelt— was meinen Sie damit wieder? Wo iſt ſie jetzt?“ „Gretchen iſt geſtern mit ihrem Vater zurückge⸗ kommen“, fuhr ſie fort,„aber das gute Kind iſt krank und in hohem Grade leidend.“ „Gretchen iſt hier!“ Und ich ſprang auf und wäre — —————— Fieber ſpräche.„Alles gut— ich verſtehe Sie nicht, lieber der lieben Frau faſt um den Hals gefallen.„O dann iſt Alles gut, dann muß Alles gut werden!“ Frau Coraly ſtaunte mich an, als ob ich im Freund— Alles gut, als wenn die Dinge ſo von ſelber blühten und reiften. Sie ſind doch wirklich noch mehr ein Kaspar Hauſer, als ich dachte. Wiſſen Sie denn, daß die Aermſte in einem Grade leidet, daß das Schlimmſte zu befürchten iſt? Was wollen Sie jetzt überhaupt noch thun? Ich fürchte, Sie haben ihr Herz auf immer verloren, nicht durch jene albernen Gerüchte— von denen weiß ſie Gott Lob nichts— aber ſie glaubt ſich von Ihnen verlaſſen und verrathen. Hören Sie mich nur weiter an“, und ſie hielt mich, da ich voll Unruhe wieder emporwollte.„Ich war heute Nachmittag dort, um ſie zu bewillkommnen. Der alte Herr be⸗ trachtete mich zwar ſchon längſt mit Mißtrauen, denn er mag wohl ahnen, daß ich meine Hand mit im Spiele gehabt habe, heute aber hatte er den Kopf voll und dachte an nichts als an ſeine heilloſe Oper. Er ging ab und zu, ſeine Tochter lag krank auf dem Sopha, in Decken und Betten. Es mochte ihm wohl ſelbſt in das Herz ſchneiden, ſeinen Liebling ſo leiden zu ſehen— ach, ich habe das füße Kind kaum wiederer⸗ kannt und mußte mir Gewalt anthun, nicht offen in Thränen auszubrechen. Ich weiß nicht, wie es ſich machte, im Laufe meines Beſuchs kam auch plötzlich die Rede auf Sie und Ihre bisherigen Erfolge und Ausſichten— ich hatte nämlich Ihr Buch mit den drei Vorträgen mitgenommen. Da blieb Herr von Thymian, der eben wieder hinausging, auf der Schwelle ſtehen und ſagte: „Siehſt Du, meine Tochter, wenn dieſer Menſch es jemals ehrlich gemeint hätte, ſo würde er jetzt, da kein Hinderniß mehr im Wege, offen auftreten und um Dich werben.“ „Aber das habe ich ja bereits in aller Form gethan!“ „Aber Gretchen weiß nichts davon“, ſagte Frau Coraly nicht ohne Staunen. „Dann muß der alte Herr meinen Brief und meine Werbung unterſchlagen haben!“ rief ich; mich packte eine namenloſe Wuth, eine leere Theetaſſe, die ich gerave in der Hand hielt, zerbrach. „Aber ſagen Sie auch wirklich die Wahrheit, lieber Freund?“ begann Frau Coraly mit der Miene eines Unterſuchungsrichters. Glücklicherweiſe hatte ich die Beweiſe bei mir. „Hier iſt mein Brief, ich habe das Original zurück⸗ behalten, eigentlich nur zufällig; einige Ausdrücke ſchienen mir zu ſcharf, und ſo habe ich ihn noch ein⸗ A————— — ——— ——— 185 mal geſchrieben. Und hier iſt auch die Antwort darauf.“ Ich trug dieſe beiden Documente ſeit jenem Tage immer bei mir.„Leſen Sie und urtheilen Sie dann.“ Frau Coraly nahm beide Briefe und ſtudirte ſie höchſt eingehend und mit angeſpannter Aufmerkſamkeit. „Das iſt unerhört“, ſagte ſie dann;„er hat wirk⸗ lich unredlich gehandelt, um Ihren Charakter zu ver⸗ dächtigen und Ihr Bild aus dem Herzen Gretchen's zu reißen. Du armes Kind, was mußt Du ausge⸗ ſtanden haben. Ich kann verſichern, daß nur Ihre Un⸗ thätigkeit und Ihr Schweigen, nachdem Euch der Vater überraſcht hatte, der Grund ihres Gemüthsleidens ge⸗ worden iſt. Hier muß etwas geſchehen.“ „Etwas geſchehen, das iſt auch meine Meinung. Ich erſchlage ihn, ich ziehe ihn vor Gericht, ich—“ „Nur ruhig, lieber Freund“, ſagte ſie und legte ihre Hand auf meinen Arm,„mit Gewalt iſt hier gar nichts auszurichten. Dadurch würden Sie die Sache nur verſchlimmern. Ueberlaſſen Sie vorläufig mir alles Weitere.“ „Ich will Gretchen ſchreiben.“ „Nichts ſchreiben, mein lieber Freund. Ich werde ihr zunächſt dieſe beiden Briefe zeigen; ſie wird ſich überzeugen, daß Sie vollkommen loyal und ehrenwerth 186 gehandelt haben, und ſchon das wird ſie wieder ge⸗ ſund machen.“ „Und dann?“ „Wir werden ja hören, was Gretchen beſchließt.“ „Ich werde ſie entführen!“ „Jawohl“, ſagte die ſchöne Frau mit dem Tone des Spottes,„wenn es ein Roman wäre, wie ihn die Putzmacherinnen lieben. Nein, lieber Freund, wir hoffen dieſe Verwirrung auf etwas feinere Weiſe zu löſen. Jetzt gehen Sie und beruhigen Sie ſich, vor allem aber verſprechen Sie mir keinerlei unüberlegten Schritt zu thun und mir Alles zuvor zu ſagen, was Sie in der Folge unternehmen wollen. Morgen Nach⸗ mittag um zwei Uhr können Sie mich im zvologiſchen Garten erwarten, dorthin werde ich Ihnen Nachricht bringen, oder nein, dort könnten wir von unberufenen Augen doch entdeckt werden, und die größte Vorſicht muß uns jetzt Vorſchrift ſein; beſſer, Sie erwarten mich in der Akademie, wo die jetzige Ausſtellung von Kunſtwerken iſt, am ſicherſten und ungeſtörteſten werden wir in der Abtheilung für Sculpturen ſein. Es ſind jetzt langweilige Apoſtel von Holz ausgeſtellt, nach Zeichnungen des Herrn von Thymian. Dort ſind wir ganz allein, denn dieſe hölzernen Götzen ſieht doch kein Menſch an.“ ————— 187 Damit entließ mich die ſchöne Frau, und trotz meiner Aufregung mußte ich der treuen Freundin doch danken, daß ſie ſich von neuem ſo umſichtig meiner Sache annehmen wollte. Wie zerſchlagen an Leib und Seele kam ich erſt in ſpäter Nachtſtunde nach Hauſe und fand erſt in den Morgenſtunden einen kurzen, ohnmachtähnlichen Schlaf, die natürliche Reaction nach den innern Stürmen, die meine ganze Natur bis in ihre Tiefen erregt hatten. Am Tage darauf kam ſchon früh ein zier⸗ liches Billet vom Präſidenten. Es lautete wörtlich: „Lieber Herr Collaborator! Wir haben für heute Nachmittag eine kleine Landpartie vor und machen Ihnen den Vorſchlag, ſich anzuſchließen. Kommen Sie ja, damit wir die bewußte Sache in erfreulicher Weiſe erledigen und abſchließen können. Ich möchte das Detail der Organiſation ſowie die betreffenden Decrete ſo bald als möglich ausfertigen, und es wird zu dieſem Behufe nur noch nöthig ſein, daß wir uns über einige Nebenpunkte freundlichſt verſtändigen. Ich rechne alſo mit Sicherheit auf Sie. Der Wagen wird um zwei Uhr vorfahren. Freundſchaftlichen Gruß.“ Außerdem aber folgten noch einige Zeilen in ſpinnenartigen Zügen, die offenbar eine weibliche Hand 188 verriethen.„Kommen Sie ja, lieber Collaborator oder baldiger Director, wenn Sie die rechte Directive nicht verſchmähen wollen. Die Liebe lehrt ſehen, obgleich man ſie fälſchlicherweiſe blind dargeſtellt hat. Mit Ungeduld Ihre in Verehrung ergebene C. v. S.“ Darunter noch ein Poſtſcript:„Ach Gott, wie läſtig iſt doch dies„von“! Wiſſen Sie kein Mittel, mich davon zu befreien?“ Ich hatte Luſt, beide ſeltſame Zeugniſſe hoher, uneigennütziger Geſinnung zu verbrennen; zuletzt ſchien es mir doch ſchicklicher, ſie als theure Andenken auf⸗ zubewahren, aber auch nur eine Antwort darauf zu geben, konnte ich nicht über mich gewinnen. Zur feſtgeſetzten Stunde war ich pünktlich im Sculpturraum der akademiſchen Ausſtellung und be⸗ trachtete die unglaublich lebloſen Holzbildwerke. Mir ſelbſt war wie einſt dem Urbilde dieſes heiligen Se⸗ baſtian zu Muthe, der mit Pfeilen verwundet ſich an dem Baumſtamm in Todesſchmerzen windet. Außer⸗ dem war noch ein heiliger Petrus und ein heiliger Bartholomäus mit geſchundenem Leibe vorhanden, ein Bravvurſtück von ſchwülſtiger Anatomie. Eine volle Stunde lang ſtarrte ich in dieſe höl⸗ zernen Geſichter, die merkwürdigerweiſe eine ſeltſame Familienähnlichkeit mit Herrn Thymian ſelbſt hatten. — — 189 Schon wollte ich des Wartens müde mich wieder ent— fernen, als die Thür aufging und Frau Coralh mir mit fliegendem Athem entgegentrat. Sie war in höchſtem Grade aufgeregt und ſank auf ein altes Modell von Capitäl nieder, um Luft zu ſchöpfen. Noch bevor ſie wieder die Sprache gewonnen hatte, holte ſie ein Zettelchen aus ihrer Taſche und reichte mir es hin. Es ſtanden einige Worte mit Bleiſtift darauf ge⸗ kritzelt, wie man es nur in höchſter Eile thut, auch waren die Züge ſchon halb verwiſcht und nur mit Mühe zu entziffern, aber ſo viel erkannte ich doch, daß es Gretchen's Handſchrift war „Morgen Nachmittag iſt Niemand zu Hauſe. Rede noch einmal mit dem Vater im Guten. Du wirſt ihn treffen. Anders als mit ſeiner Einſtimmung kann und werde ich ihn niemals verlaſſen. Gr.“ Das war Alles, und damit glaubte das treuher⸗ zige gute Kind den tiefen Abgrund zu ſchließen, den ihr Vater zwiſchen uns aufgethan hatte. Ich konnte dieſes Auskunftsmittel wenig verſtehen. Dazwiſchen war auch Frau Coraly wieder zu Athem gekommen. „Dies iſt der letzte Dienſt, lieber Freund, den ich für Sie thun kann“, ſagte ſie ſtoßweiſe und tief erſchöpft.„Für die Zukunft müſſen Sie für ſich ſelbſt ſorgen. Hier ſind auch Ihre beiden Briefe wieder zu⸗ rück. Nie in meinem Leben betrete ich jenes Haus wieder.“ Ich erkannte die ſchöne, ſonſt ſo gemeſſene und elegante Frau nicht wieder, ſie war in einem Zuſtande der Empörung und Indignation, wie ich ſie noch nie⸗ mals geſehen hatte. „Aber was iſt Ihnen, theure Freundin? Sie haben doch nicht etwa einen Auftritt mit dem alten Herrn gehabt?“ „Ja, etwas dergleichen“, ſagte ſie mit heiſerer Stimme und drückte ihr Tuch an die Augen, dann faßte ſie ſich allmälig und berichtete.„Ich traf Gret⸗ chen allein, ſie hat Alles geleſen und bitterlich geweint. Es iſt ſo, wie Sie ſagen; ihr Vater hat ſie abſichtlich getäuſcht und hintergangen, um Sie in ihren Augen herabzuſetzen. Das gute Kind hat den Gedanken dieſer Argliſt gar nicht faſſen können; endlich hat ſie in aller Eile dieſe Zeilen geſchrieben. Kaum aber hatte ich das Zettelchen verborgen, als der Vater hereintrat und zornſchnaubend auf mich losfuhr. Er nannte mich eine Zwiſchenträgerin und Kupplerin, ver⸗ bot mir ſein Haus für immer und drohte im Noth⸗ fall mit der Polizei. Ich kann Ihnen gar nicht ſagen, mit welchen Injurien er mich überſchüttete. Er ſchien 194 Alles zu wiſſen, was zwiſchen uns geredet und vorgegangen, und der geſtrige Abend, die Niederlage ſeines Werks hat ihn vollends in eine Stimmung verſetzt, die von Tobſucht und Raſerei nicht mehr weit entfernt iſt. Wie ich davongekommen bin, weiß ich ſelbſt nicht. Jetzt handeln Sie, wie Sie wollen. Von Entführung will Gretchen nichts wiſſen, ſie hat einen Eid auf das Crucifix ablegen müſſen, daß ſie entweder unvermählt bleiben oder ihren Gatten aus des Vaters Hand empfangen wolle. Auf jede andere eigenmächtige Entſcheidung hat er ſeinen Fluch geſetzt, kurz, es iſt der ganze alte Komödienkram von hundert trivialen Schauſpielen noch einmal aufgewärmt in Wirk⸗ lichkeit. Ich bin ganz krank vor Ekel und Zorn; bitte, holen Sie mir eine Droſchke, ich muß nach Hauſe und kann mich kaum auf den Füßen halten.“ Ich ging und ſchickte in einigen Minuten einen ———— ——— 1 Wagen. Morgen alſo galt's, den Stier bei den Hör⸗ 4..* nern zu packen, den Löwen in ſeiner eigenen Höhle auf⸗ 5 zuſuchen; ich war dazu entſchloſſen, gleichviel wie es 3. ausfallen mochte. Ende des erſten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnih⸗Leipzig. Perlag von Ernſt Zulius Günther in Teipzig. El paso de las animas. Roman von EF. von Bibra. 2 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. Das Vermächtniß der Millionärin. Roman von E. Waldmüller-Dubot. 3 Bände. So. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Standes-Vorurtheile. Roman von Alfred Steffens. 4 Bände. 80. Flegant geheftet. Preis 3 Thlr. ——— ——— —— — Oſour E Srey Sorſtroſ Ghart Cyan Sreen Nellow Red Magenta Srey 2