deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmaun in Gießen, * Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Veſebedingungen. 4 oneweln der Bibliothek. Die Bibliothet ſtecht zur Em. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Aben offen. 5 Dee Bei Rückgabe eines geliehe i be Lin Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. Wonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 6 für wbchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 f. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin und Zurückſendung der Bücher auf ie Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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So! ſehr wohl! ſie ſind da; alle vier ſind vorhanden.“ „Mein Gott! ſie iſt aber noch ſo klein, ſo gar kein!“ „Allerdings, mein Herr; aber Sie ſehen ja, hier iſt das untruͤgliche Zeichen. Wie ich Ihnen geſagt habe, alle vier ſind „Ich ſe ₰ es wohl, aber dennoch iſt ſie... außer⸗ ordentlich klein. Dieſes bildete einen Theil der Unt redung zwiſchen dem unterſuchenden Chirurg und dem Inſpector einer Baumwoll⸗Manufactur, in welche ein kleines, aͤrmlich ausſehendes, bleiches Maͤdchen als Ar⸗ beiterin aufgenommen werden wollte, welche ungefaͤhr ſieben Jahre zaͤhlte. Dennoch erkannte ihr Herr Enamel, der competente Mann, nachdem er ihren Mund ſeiner 1 8 wohlweiſen Unterſuchung unterzogen hatte, das vom Geſetze geforderte Alter von neun zuruͤckgelegten Jahren zu; ſie war demnach kraft der Parlamentsacte tauglich zu einer Arbeiterin in der Manufactur von Browz und Jones, welche nach dem Beiſpiele anderer Fabrikanten die Zaͤhne zum Kennzeichen des Alters angenommen haben; ein Kennzeichen, welches Handwerksleute bei⸗ nahe fuͤr untruͤglich halten. „Wohlan alſo! wenn Sie uͤberzeugt ſind..“ fuͤgte der Inſpector hinzu. „Ob ich uͤberzeugt bin! Sehen Sie her, mein Herr, mach' den Mund auf, Kleine!“ Und das Kind, welches mit angſtvollem Blicke auf den Examinator ſchaute, oͤffnete neuerdings den Mund, und Herr Enamel, welcher dem Inſpector die Zaͤhne und das Zahnfleiſch zeigte, fuhr fort mit dem Tone eines Profeſſors, waͤhrend der Schmerz, den die lange Ausdehnung der Kinnladen hervorbrachte, dem armen Maͤdchen die Thraͤnen aus den Augen trieb, und laͤngs ihren Wangen herabrollen ließ: „Sehen Sie da, mein Herr! wie ich Ihnen ſchon bemerkt habe, die Entwickelung des neunten Jahres iſt vollig vor ſich gegangen. Mit dem neunten Jahre muͤſſen die Milchzaͤhne durch die vier Schneidezaͤhne in jeder Reihe erſetzt werden, und die gleichfoͤrmige Dimenſion(verhalte Dich ruhig, Kleine!) die gleich⸗ formige Dimenſion der Backenknochen beweiſt, daß dem Wachsthum kein Hinderniß ſich entgegengeſtellt habe. — „Alles recht, Herr Enamel, Alles iſt in Ordnung.“ „Man kann es aus den Schneidezähnen immer abnehmen, und hier ſind ſie, mein Herr.“ Und mit triumphirender Miene zeigte Herr Enamel auf die elfenbeinernen Zahnkronen in dem Munde des Kindes. „Jetzt gehen wir zu einer Andern,“ fuhr er fort.— Wir laſſen den Chirurgus ſeine zahnaͤrztlichen Un⸗ terſuchungen verfolgen, und beſchaͤftigen uns lediglich mit dem jungen Maͤdchen, welches laut der Zeugen⸗ ſchaft ſeiner Zaͤhne das neunte Jahr erreicht hatte, und voll Freude zu ſeinen Eltern lief, um ihnen ſein Gluͤck zu verkuͤnden. Es iſt aufgenommen! es wird nun Arbeitslohn erhalten! es hat Schneidezähne. Unſer Fabrikskind iſt alſo neun Jahre alt, es iſt kein Kind mehr, es iſt eine Frau im Kleinen. Es hat ſeine jungen Jahre in Armuth und Hunger zuge⸗ bracht. Von dem zarteſten Lebensalter an, ohne Obhut ſich ſelbſt uͤberlaſſen, ganze Tage allein, hatte es nicht die Suͤßigkeit mutterlicher Liebe empfunden, durch das Elend fern gehalten, welches das menſchliche Herz er⸗ ſtarrt, vertrocknet, verhaͤrtet. Muß nicht die Mutter außer Hauſe arbeiten gehen, um ihre Tochter zu er⸗ naͤhren? Gott weiß, wie dieſe gehen lernt; nicht lange darauf nimmt ein zweites Kind die kleine Anzahl von Stunden oder vielmehr von halben Stunden in An⸗ ſpruch, welche die Mutter ſonſt der Arbeit zuwendete; dann folgt ein drittes, ein viertes, und unſer kleines — Fabrikmaͤdchen ſieht ſich mit ſechs Jahren in eine Kindsdirne verwandelt, und wiegt in ſeinen Armen den halbnackten Bruder. Bald hat es nicht mehr die Kraft ihn zu ſchaukeln, ſondern geht ſtrauchelnd und ſchwankend mit ihm herum, dann ſetzt es ſich in den Thuͤrwinkel, oder ſchlendert in die Gaͤßchen, wo ſein Geiſt den Keim der kuͤnftigen Entwickelung empfaͤngt. Ein gluͤckliches Ungefaͤhr, wenn es dort gute Beiſpiele antrifft, und dennoch werden, im entgegengeſetzten Falle, ſich die honetten Leute einmal wundern uͤber ſeine Ver⸗ derbtheit. So bringt das Kind ſeine neun erſten Jahre zu. Welche Kindeszeit! Abgewelkt, abgemagert, verzehrt von Kummer, der es bereits uͤberfallt, das Geſicht blaß und traurig, ob des Anblickes des Elendes, das es umgiebt, ſcheint es niemals jung geweſen zu ſein. Die ſanften Empfindungen des Herzens, der Friede und die Freude, die im Buſen des Wohlſtandes ent⸗ ſtehen, und ſich entfalten, hat es dieſe je gekannt? Das Leben iſt dem Kinde leer an Freude, an Ver⸗ gnuͤgung, an Hoffnung, an Brot. Seine Wohnung war die der Entbloͤßung; an ſeinem eigenen Herde war der Mann, der Herr der Schoͤpfung, Sclave der gemeinſten Beduͤrfniſſe, und hat ſein Elend nicht im⸗ mer mit Stillſchweigen ertragen. Wie oft liegt der Rohheit eines Gatten, der Gleichgiltigkeit eines Vaters, blos das Elend zum Grunde; wie oft iſt das heftige, grauſame Benehmen, das die Armen gegen einander * —— —— — —„— — veweiſen, nur der wilde Ausbruch einer unertraͤglichen Folterqual! und unſer kleines Fabrikmaͤdchen hat dies Alles mit angeſehen, und der Schatten des Elends iſt auf ihr Angeſicht gefallen. Begleiten wir nun das Kind in die Manufactur. Welch ſturmiſches Wetter! wie der Wind pfeift und heult, wie heftig der kalte Regen auf die Steine ſchlaͤgt! die Erde iſt hart gefroren, der Nordwind ſchneidet die Luft, der Schnee verdeckt die Sonne. Es iſt fuͤnf Uhr Morgens, das Kind, in ärmliche Lappen gewickelt, geht vor Kaͤlte bebend die Gaſſe hinab. Arme Kleine! Das Blut iſt ihr erſtarrt, bis auf die Naͤgel; ihre Schuhe klaffen an vielen Stellen; ihre Fuͤße haben Froſtbeulen, und ſie ſchreitet muͤhſam weiter. Ihr Vater, ein Arbeiter in derſelben Fabrik, nimmt ſie auf den Ruͤcken, und ſetzt ſeinen Weg murrend fort, ſich zwingend, nicht zu fluchen. Das kleine neunjaͤh⸗ rige Maͤdchen, halb nackt, wird an einem grimmigen Januarmorgen in der Kälte und Dunkelheit zur Arbeit geſchleppt! Nun iſt die Kleine in der Manufactur. Von dieſem Augenblick an hoͤrt ſie auf Kind zu ſein: ſie iſt eine gemachte Frau, unterworfen allen Muͤhſalen des reifen Alters. Neun Stunden des Tages ſind der Arbeit geweiht; was noch von den vierundzwanzig Stunden uͤbrig bleibt, gehort... wozu? Zu den Vergnuͤgungen der Jugend, zu den gluͤcklichen, un⸗ ſchuldloſen Erholungen des Kindes? Mit Nichten. Anderthalb Stunden gehoͤren zum Fruͤhſtuͤck und Mit⸗ tagsmahle. Noch bleiben einige Stunden. Wie ſoll man dieſe ausfuͤllen? Lehrt man etwa dem Kinde die Anfangsgruͤnde des Unterrichtes? Nach neunſtuͤn⸗ diger, raſtloſer Arbeit in einer Wollmanufactur, wo ſollte die Spannkraft, der Eifer, die Stärke zum Ler⸗ nen herkommen? wie ſollte man da geeignet ſein, Ein— druͤcke zu empfangen, welche den Menſchen uͤber das Thier, das fuͤr die Schlachtbank beſtimmt iſt, erheben? Das Fabrikkind kehrt nach Hauſe; was kann es anders machen als ſchlafen, um das Gepolter der Maſchinen, welches es den ganzen Tag hindurch an⸗ zuhoren gezwungen war, zu vergeſſen? Wer moͤchte ihm den ſanften Schlaf verkuͤmmern, wo doch biswei⸗ len Traͤume von Ruhe, Viſionen von Gluͤck zukom⸗ men? Was braucht es zu leſen und zu ſchreiben? Alles faͤllt der Vergeſſenheit anheim.— Wir kehren neuerdings in die Manufactur zuruͤck. Die Kleine iſt in das Gewoͤlbe getreten; ſie vermehrt die Schaar der Kinder, die bereits an der Arbeit ſind. Man wird uns einwenden, daß alle Menſchen zur Arbeit geboren ſind, und daß es mehr als unnutz ſei, die Sympathie fuͤr Diejenigen anregen zu wollen, die darunter leiden. Mag ſein; wenn aber je Engel wei⸗ nen, ſo geſchieht es gewiß, wenn ſie auf dieſe kleinen Arbeiter in den Manufacturen herabblicken, auf dieſe Kinder ohne Kindheit, die ſich ein hartes Brot im Schweiße ihres Angeſichts erwerben muͤſſen. die bel der ein T P be Fe we tr Man theilt ihr in der Fabrik die Arbeit zu: Welch ein Geſchaͤft! Hier iſt ſie gleichſam gekettet an die ungeheure Maſchine, dieſes rieſige Weſen, das belebt zu ſein ſcheint, und an die Kraft und Größe der antediluvianiſchen Thiere erinnert, welches, wie von einem Inſtinct der Lebenskraft getrieben, mit raſtloſer Thaͤtigkeit ſich bewegt, ein eiſernes Ungeheuer, deſſen Puls der Dampf iſt. Die betaͤubende Eintoͤnigkeit des Maſchinengetrie⸗ bes, die erſtickende Hitze, die nicht ſelten auf 98 Grad Fahrenheit ſteigt, das unausgeſetzte Getoͤſe, die Noth⸗ wendigkeit eines unablaͤſſigen Eifers von Seite der Werkleute machen den Ort und das Handwerk uner⸗ traͤglich. Haben nun die armen Fabrikkinder gar keine Art von Erholung? Gewaͤhrt man ihnen durchaus kein Mittel, die Langeweile ihrer Beſchaͤftigung zu verſuͤßen? Bietet ſich ihnen keine Ausflucht dar, um wenigſtens ein Paar Augenblicke lang das Ungluͤck ihrer Lage zu vergeſſen? Wenn der Leſer dieſe Frage geſtellt hat, ſo koͤnnen wir ihm darauf antworten: In einigen Manufacturen haben die Arbeitskinder die Er⸗ laubniß zu ſingen, und zwar heilige Hymnen, denn profane Geſaͤnge ſind ſtreng unterſagt. Ein reicher, ſehr reicher Mann muͤßte beim Ein⸗ tritt in ſeine Fabrik ſein Herz unendlich gepreßt fuͤh⸗ len, wenn er von den blaſſen Lippen dieſer ärmlich — d— gekleideten, ſchlecht genaͤhrten, durch Arbeit erſchoͤpften Kinder die heiligen Worte vernaͤhme! Es iſt dies das feinſte, ſchrecklichſte Gift fur menſchliche Selbſtſucht. Ja, es giebt kein Wort in der Bibel, welches nicht ein Dolchſtich waͤre fuͤr das harte Herz menſchlicher Ungerechtigkeit!— Wir wollen jedoch das Schickſal unſeres Fabrik⸗ maͤdchens weiter verfolgen. Einige Jahre ſind vor⸗ uͤbergefloſſen und mit ſechzehn Jahren iſt es wahrſchein⸗ licher Weiſe ſchon Gattin; ihr Mann mag um ein Jahr aͤlter ſein als ſie. Dann fangen Beide die er⸗ vaͤrmliche Lebensgeſchichte ihrer Eltern an; es iſt die⸗ ſelbe magere und verkruͤppelte Race, dieſelbe Aufopfe⸗ rung der Kinder an die Maſchine; dieſelben Entbeh⸗ rungen, dieſelbe Verzweiflung, dieſelbe fruͤhreife Ver⸗ vindung, dieſelbe blaſſe, ſchwächliche Nachkommenſchaft! Wir haben dieſem Gemaͤlde von dem Schickſale der Fabrikkinder in England nur hinzuzufuͤgen, daß es in Wien daſſelbe iſt! Einige Zuͤge in dieſem Bilde nur paſſen nicht! Erſtens kuͤmmert ſich in Wien kein Menſch darum, in welchem Alter die Kinder zur Fa⸗ brikarbeit zugelaſſen werden, keine Commiſſion unter⸗ ſucht ihre Zaͤhne und ihre koͤrperliche Tauglichkeit, und wenn nicht der Fabrikdirector ein Mann von Gewiſſen iſt, ſo ſteht es ihnen vollkommen frei, die unflaͤthigſten und unzuͤchtigſten Gaſſenhauer, anſtatt jener bibliſchen Geſaͤnge zu ſingen. Ihre ſittliche Bildung iſt dem Zufall uͤberlaſſen, der Sorgfalt ſchlechter Muͤtter, oder niede leben ſius Vot Kir Arl naͤh zeh tim Ni bre kla hei Li all —— niedertraͤchtiger Bettfrauen, welche von der Proſtitution leben. 2. Helene iſt die Tochter der Fabrik des Herrn Bla⸗ ſius, naͤmlich das Kind der Liebe eines Arbeiters. Vater und Mutter hat der Tod hinweggerafft, das Kind iſt der Fabrik geblieben und das Perſonale der Arbeiter nahm es mitleidig auf ſich die Kleine zu er⸗ nähren. Es wurde von Almoſen erhalten bis zum zehnten Jahre. Dann trat ſie ein unter die Arbeite⸗ rinnen der Fabrik. Von Rel igionsunterricht hat ſie faſt Nichts genoſſen— man hat ihr das Vaterunſer beten gelehrt, man hat ihr zur Noth die zehn Gebote beige⸗ bracht. Allein man hat ihr das ſechſte Gebot zu er⸗ klären vergeſſen. Wer kuͤmmert ſich auch um die Keuſch⸗ heit eines Proletarierkindes, wer um die Reinheit ihres Leibes und Herzens! Noth iſt das Gebot, welches alle Schickſale des Kindes beherrſcht— Brot iſt das Hoͤchſte, was es vom Schickſale verlangen darf, ohne in den Augen der Menſchen fuͤr unbeſcheiden zu gelten. Keuſchheit von elenden Lumpen bedeckt, Keuſchheit der Seele und des Leibes waͤre ein laͤcherlicher Lurus fuͤr die Tochter der Fabrik. Wer wuͤrde ihre Reinheit beachten, wer einen Werth darauf legen! Ihre Ar⸗ muth, ihre verwaiſte Stellung gewähren ihr einen Freibrief der Schande. Ein keuſches Fabrikmaͤdchen wäre der Superlativ aller Lächerlichkeit. Kein Fabrik⸗ —— herr wuͤrde daran glauben, keine Arbeiterin ſie unver⸗ hoͤhnt laſſen. Man wuͤrde ſie haſſen, verfolgen, ver⸗ ſpotten, ſie, welche beſſer ſein wollte als die Uebrigen. Einem gemeinſamen Looſe verfallen, haben dieſe Un⸗ gluͤcklichen eine gemeinſame Lebensregel, von welcher ſich Keine ungeſtraft ausſchließen darf. Es giebt nur einen Ehrgeiz, der unter dieſen Maͤdchen erlaubt iſt, der Ehrgeiz beſſer zu gefallen als die Uebrigen und fuͤr ihre kaufliche Gunſt beſſer belohnt zu werden. Helene waͤchſt heran unter dieſen Beiſpielen. Sie hoͤrt Nichts als unflaͤthige Reden, welche ſie nicht ver⸗ ſteht, welche man ihr aber ſehr liebreich erklaͤrt. Kna⸗ ben und Maͤdchen unterrichten einander in dem Ge⸗ werbe der Wolluſt. Helene wird zwoͤlf Jahre alt und betrachtet alle dieſe Dinge als ſehr natuͤrlich. Sie iſt huͤbſch, hat muntere Augen, eine weiße Haut. Man lehrt ſie, wie ſie von dieſen Eigenſchaften Vortheil zie⸗ hen kann, die Stimme der Natur ſchweigt noch, nicht der natuͤrliche Trieb der Wolluſt, nein, nur der Er⸗ werb leitet ſie auf die Bahn der tiefſten Schmach. In elenden Lumpen fuͤhrt ſie eine ſchon erfahrene Ca— meraͤdin— auf die Straße. Nach dem Feierabend ſieht man unreife Maͤdchen in elenden Kleidern— im Winter zähneklappernd— paarweiſe unter den Gas⸗ lampen der belebteſten Straßen umherſtreichen. Sie ſingen, ſie ſchaͤkern, ſie haſchen ſich und treiben frechen Muthwillen, um die Blicke auf ſich zu ziehen. Das erſte Debuͤt Helenens iſt gluͤcklich— ſie erobert ein „ kleine willi verdi und Wuͤſ prom kauft woll Unt Fetz Hol gif die Ne Au kalt Es PVa kleines Silberſtuͤck. Ihre Freude iſt kindiſch, muth⸗ willig, ausgelaſſen. Das war ſo leicht und ſchnell verdient! Sie weiß kaum, was mit ihr geſchehen, und was dieſe ſeltſamen Vergnuͤgungen ausgearteter Wuͤſtlinge zu bedeuten haben. Sie ſetzt ihre Abend⸗ promenaden fort— immer mit demſelben Erfolg. Sie kauft ſich von dem verdienten Gelde warme Struͤmpfe, wollene Handſchuhe, ein Leibchen, einen barchentenen Unterrock, und wenn der Luxus hoch geht, ſtatt des Fetzens, in welchen ſie ihren Kopf huͤllt, eine wollene Haube. Eines Abends wird. von Polizeidienern aufge⸗ griffen. Man ſchleppt ſie ſtoßend und ſchimpfend auf die Wachtſtube. Sie weint ein wenig, doch nicht lange. Man hat ſie auf dieſen moͤglichen 4 vorbereitet. Auf der Wachtſtube iſt es warm, in ihrer kalt. Des andern Tages bringt man ſie zum Verhoͤr. Es giebt wenig zu erheben uͤber ſie— ſie hat weder Vater noch Mutter. Die Polizei vertritt Mutterſtelle an ihr und unterwirft ſie einer Zuͤchtigung, welche wahrlich nicht geeignet iſt, Zart- und Schamgefuͤhl in dem ungluͤcklichen Kinde zu erwecken. Sie ertraͤgt die Strafe mit einer fuͤr ſo zartes Alter bewunderungs⸗ wuͤrdigen Geduld. Ach, was ſind Schlaͤge fuͤr ſie, die ſchon ſo oft von ihrer Pflegemutter, von Jedermann, dem es beliebt, genugſam geſchlagen worden! Sie hat hereits jene wohlthaͤtig ſchuͤtzende Schwielenhaut, welche die Berliner Orthodoxie den Armen empfiehlt. as iſt durch dieſe nutzloſe Zuͤchtigung gewonnen? Sie wuͤrde ſich freiwillig Tag fuͤr Tag der⸗ ſelben unterwerfen, um nicht hungern, nicht frieren, nicht grauſamen Mangel leiden zu duͤrfen. Mein Himmel— das Kind ſchaudert ja vor Ekel uͤber die Schaͤndlichkeiten, deren Opfer ſie iſt. Leichtſinn? Nun ja— es iſt nicht unwahrſcheinlich, dieſes ſich ſelbſt uberlaſſene Kind die Pfennige, welche ſie erwirbt, un⸗ zweckmaͤßig verwendet. Soll dieſe zwölfjaͤhrige Waiſe ſchon eine verſtaͤndige Hauswirthin ſein? Soll ſie ſchon jene Gewalt uͤber ſich haben, welche im Stande waͤre ihren kleinen Erwerb in der Fabrik ſo anzuwen⸗ den, daß er ausreichte fuͤr ihre dringendſten Beduͤrf— niſſe? Ihre Koſtfrau ſchaltet damit nach Belieben— ſie hat noch Gewinn bei ihrer Verpflegung, welche kaum darin beſteht, womit man einen Hund verpflegt! Ihre Freundinnen unterrichten ſie inzwiſchen in den gegen die Polizei zu ergreifenden Vorſichtsmaß⸗ regeln. Nachdem ſie entlaſſen worden, iſt ihr erſter Entſchluß, kuͤnftig vorſichtiger zu ſein. Es gelingt ihr, durch mehrere Wochen der Polizei zu entgehen Dann wiederholt ſich der Unfall. So wuchs ſie heran und lernte alle Schlupfwinkel des Laſters, der Unzucht kennen. Sie iſt funfzehn Jahre alt und hat ſchon die ganze Schule der Verworfenheit durchgemacht. Sie hat ſchon geſtohlen, ſie hat furchtbare Krankheiten uͤberſtanden, und iſt bereits M utter Sie wird in's —— Gebaͤrhaus aufgenommen. Sobald ſie daraus ent⸗ laſſen worden, unterrichtet man ſie in den Mitteln, der Wiederholung eines ſolchen Unfalls vorzubeugen. Helene faͤngt an zu uͤberlegen. Man hat ihr von einem ehrlichen Lebenswandel geſprochen, man hat ihr gerathen, einen Dienſt zu ſuchen. Es erwacht in dem Kinde Scham⸗ und Ehrgefuͤhl. Sie iſt ſich ſelbſt eine Mutter, ſie macht ſich Vorwuͤrfe und beſchließt ehrlich zu werden. Zu dem Ende wendet ſie ſich an eine Hoͤkerin, welche Dienſtboten vermiethet. Man fordert ihr einen Gulden ab, den ſie nicht beſitzt. Gut denn— um dieſen Gulden zu erwerben, geht ſie noch ein Mal den gewohnten Weg. Endlich weiſt man ihr— die man in keinem ordentlichen Hauſe weil ſie weder Zeugniſſe noch ſonſtige Ausweiſe beſit — eine Frau zu, welche ſie unter ſehr 2 in ihre Dienſte nimmt. Wer iſt e Frau, wovon lebt ſie? Sie erhaͤlt Beſuche von Herren, welche in Fiakern gefahren kommen, mit welchen ſie ſich einſchließt. Helene hat Sfehrus & genug, um dieſes Gewerbe zu begreifen. Indeſſen fuͤgt ſie ſich in ihr Schickſal. Was kuͤmmert ſie der Lebenswandel ihrer Frau— ſie kann ihr dienen und 1 ehrlich bleiben. Aber ſie wird bald von den e galanten Gaͤſten bemerkt, man ſtellt ihr natuͤrlich nach, beſc uberredet ſie. Man verſpottet ihre anfaͤngliche Spro— digkeit— und ihre Frau, eine gefaͤhrliche Rivalin vor ſich ſehend, jagt ſie aus dem Hauſe. Aehnliche Er⸗ 4 ſchenkt, —— fahrungen wiederholen ſich. Helene ſtellt Betrachtun⸗ gen an uͤber ihren ſogenannten ehrlichen Lebenswandel. Sie findet es ſeltſam, daß ein ehrliches Maͤdchen lie⸗ derlichen Haushaltungen dienen ſoll. Will ſie ehrlich ſein, kann ſie nicht in ſolchen Dienſtverhaͤltniſſen blei— ben, will ſie es nicht, warum ſoll ſie fuͤr elenden Lohn dienen, da ſie ja ſelbſt auf dieſem Fuße eine Frau ſein kann. Demungeachtet geht ſie aus einem Dienſt in den anderen— zu Familien aller Standesklaſſen. Sie findet Dienſt bei Beamten- und Officierswitwen, welche Kuppelei treiben, bei Beamten, deren Weiber reiche Hausfreunde haben, bei Kaufleuten, welche ehe⸗ malige Maitreſſen geheirathet haben, endlich in vor⸗ nehmen Familien— als Kuͤchenmagd— wo Mann und Frau auf dem Fuße nobler Galanterie leben. Welche Betrachtungen knuͤpfen ſich an alle dieſe Er⸗ fahrungen! Helene uͤberzeugt ſich, daß dieſe ehren⸗ werthe Geſellſchaft, welche die proſtituirten Maͤdchen ſo grimmig verachtet und verfolgt, ſelbſt derſelben In⸗ duſtrie, denſelben Ausſchweifungen ergeben iſt, nur daß ſie gewiſſe Dehors beobachtet. Sie macht da⸗ her die merkwuͤrdige Entdeckung, daß die Ehre nur in einem verfeinerten, vorſichtigen Laſter, in einer vom Anſtande bemaͤntelten Ausſchweifung, und daß in dieſer Verfeinerung ihr ganzes Ge⸗ heimniß beſteht. Sie entdeckt ferner, daß die Wolluſt als Induſtrie in dieſer Verfeinerung einen weit reicheren Lohn und keineswegs allgemeine Verachtung, unt ach ge tir und daß ſie als uneigennuͤtzige Leidenſchaft in der Beob⸗ achtung des Anſtandes Schutz gegen alle Gefahren findet. Der Entſchluß, welcher aus ſolchen Beobachtun⸗ gen und Erfahrungen unter gleichen Umſtaͤnden reſul⸗ tiren muß, iſt pſychologiſch eine Nothwendigkeit. Da es fuͤr Helenen weder in der Welt, noch in ihren Begriffen eine andere Ehre gab als den Schein, ſo galt es nur dieſen zu beobachten— ſo weit es thun⸗ lich— um die Vorzuͤge ihrer Perſon ſo hoch als nur immer moͤglich zu verwerthen. Sie hatte unter An⸗ derem durch ihren Verſuch eines ehrlichen Lebens⸗ wandels eine ſehr wichtige Entdeckung gemacht. Der ehrbare Schein, womit ſie ſich umgab, hatte zwar keineswegs ſie von Zudringlichkeiten des maͤnnlichen Geſchlechtes befreit, aber doch bewirkt, daß man ihr in dem Grade hoͤhere Preiſe fuͤr ihre Gunſt antrug, als ſie ſich unzugaͤnglicher und ehrbarer zeigte. Ja, ſie hatte beobachtet, daß es durch Zuruͤckhaltung und berechnete Sproͤdigkeit ſogar moͤglich ſei, eine vortheilhafte Partie zu machen. Die geſetzgebende Weisheit des Jahrhunderts, welche ſo entſetzlich beſchraͤnkt in ihren Mitteln iſt, koͤnnte von dieſer Beobachtung fuͤr ſich Nutzen ziehen. Es handelt ſich nicht darum, mit Strenge auf die eheliche Ordnung zu ſehen, das Concubinat zu verhin⸗ dern, die Proſtitutionshaͤuſer zu ſchließen— alle dieſe Maßregeln ſind dem Allgemeinen nutzlos, ja ſchaͤd⸗ lich,— es handelt ſich darum, das weibliche Geſchlecht Wien. 2. Vd. 2 18— aus jener grauſamen Nothwendigkeit zu befreien, ſich fur einen elenden Preis hinzugeben, um nur nicht zu verhungern, und auf dieſem Wege die Gel egenheiten zur wohlfeilen Unzucht und zur Ab wechſelung zu vermindern, um das maͤnnliche Geſchlecht zu einem geregelten und naturgemäßen Umgang mit dem weib⸗ lichen zuruckzufuͤhren, andererſeits aber das maͤnnliche Geſchlecht in den Stand zu ſetzen, ſich zu verheirathen. Helene machte dieſe Entdeckung nicht vergeblich. Sie ſetzte auf ſich einen hohen Preis. Durch Vermitt⸗ lung einer dienſtfertigen und erfahrenen Frau gelang es ihr— der mit Schande Bedeckten, welche alle Schickſale ihres Gewerbes Polizeidiener, alle Straßenritter, alle Pflaſtertreter und Libertins der Stadt kannte, ihre unſchuld an einen wolluͤſtigen Greis zu einem Preiſe zu vermarkten, der ſie in den Stand ſetzte, ein eigenes Hausweſen zu be⸗ gruͤnden. Die ver meinten Erſtlinge des Dienſtmaͤdchens wurden erſtanden, und fuͤr den Preis beſorgte Helene eine anſtaͤndigere Garderobe, nach dem Muſter der gewoͤhnlichen Griſetten: ein einfaches Kleid, ein Huͤt⸗ chen von auffallender Farbe und Facon, falſchen Schmuck und Handſchuhe. So ausgeſtattet begann ſie ihr Ge⸗ werbe mit abwechſelndem Gluͤck. Sie ließ ſich als Naͤhterin polizeilich einregiſtriren, ſie beobachtete mit Vorſicht alle polizeilichen Vorſchriften, ſie fand ſich ab mit dem Aufſichtsperſonale— und hatte nicht wie⸗ der das ungluck in die Haͤnde der Polizei zu fallen, macht, welche alle om e denn ſie huͤtete ſich wohl vor jenen kleinen Diebereien, welche unerfahrene Geſchoͤpfe dieſes s aus⸗ zuuͤben pflegen. Sie lebte alſo mit der Geſellſch in Frieden! Dieſe Geſellſchaft iſt ja ſo guͤtig, ſo phi⸗ duldſam, wenn man nur ihre aͤußerliche ihr verlangt und ihren uͤgt! Helene war re — iſen n Geſehtn der Form nach — S — en rDo j 2 g jetzt ein ordentliches, n Fr — 1 Jor p ſie war alſo immerhin e g3 Preis gelang es zu halten— aber ſie hatte keine keine Sor⸗ gen, keine Ur cbt 18 n als die war nicht mehr und „ eboren und— maͤchtig ſind! b twa, daß man nur G, bdf ds zu dem imih Looſe einer Pro⸗ des ti E ſtituirten gelangt? Helene hatte bald zu ihrem ver⸗ mehrten Troſte— ſich vom Gegentheile zu uͤberzeugen. Wir hab e Stufenjahre dieſes armen Proletarierkindes geſchildert,— wir wollen ihnen die Stufenjahre einer Patrizierstochter entgegenſtellen, welche zu derſelben Stufe— aber auf anderem Wege— ge⸗ fallen, wie die Tochter der Fabrik zu ihr geſtiegen iſt. Agathe iſt die Tochter eines angeſehenen, reichen Advocaten. Sie iſt im zehnten Jahre. Umgeben 2* von allen Lebensbequemlichkeiten, iſt ſie der Gegenſtand unausgeſetzter Liebkoſungen. Sie wird eitel,— die kleine Kokette iſt ſchon fertig. Wenn ſie ehrerbietig einem Manne die Hand kuͤßt, weiß die kleine Hexe bereits, daß ſie einen ſchalkhaften Knir dabei anbringen kann, der ungefähr ſagen will: oho, die Ehrfurcht vor dem gnaͤdigen Herrn Onkel iſt nicht gar ſo groß, ich weiß, was ich wagen kann; ein freund⸗ liches Laͤcheln iſt Dir lieber, als mein Reſpekt; warte nur, wenn ich groß werde, Onkelchen, ſollſt Du nach meiner Pfeife tanzen. Schon jetzt aber muß der gute Onkel thun, was ſie haben will, an Naͤſchereien und Geſchenken darf er es nicht fehlen laſſen, und iſt er einmal unwirſch, ſo iſt die kleine Tirannin im Stande, mit ihm drei Stunden zu ſchmollen. Dann plotzlich ergreift ſie zuverſichtlich ſeine Hand, ſtreichelt ſie, macht t allerhand tolle Spruͤnge und da haben wir den Herrn der S Schoͤpfung ſchon in den Schlingen eines Kindes gefangen; hingeriſſen von Unſchuld und Koketterie im Verein, ſucht er vergeblich eine ſtrafende Miene zu behaupten, ſeine Mundwinkel zucken wider⸗ ſtrebend ſich zum Laͤcheln verziehend, und kaum ge⸗ wahrt die Kleine das guͤnſtige Zeichen, ſo liegt ſie ſchon, aus Leibeskraͤften ihn auslachend, an ſeinem Halſe. Bei den alten Onkeln lernen die Kobolde ihre zukunftigen Liebhaber und Maͤnner tiranniſiren. Fuͤnf⸗ zehn Jahre. Ein ernſter Zug, der Hauch einer heiligen Naturweihe veredelt das vollwangige Geſicht der keu⸗ ſchen Jungfrau. Es iſt, als habe der kleine Stachel einer Muͤcke das zarte Herz verwundet und es mit einem Weh befruchtet, das ſich leider nur zu oft zu lebenstodtlichem Gram entwickelt. Sinnend ſchaut das himmelblaue Auge vor ſich hin, der Blick iſt kaum mehr ganz unbefangen und zieht ſich beim Anblick eines Mannes oft ſcheu zuruͤck. Die junge Seele ahnt die Naͤhe eines unſichtbaren Todfeindes ihrer heiteren Engelsruhe. Sie ſcheint zu flehen:„Laß mich im Frieden, erbarme Dich meiner Wehrloſigkeit!“ Von hier an muß man kleinere Stationen bei den weiblichen Metamorphoſen machen, man kann nicht von fuͤnf zu fuͤnf Jahren weiter marſchiren. Jeder Monat bringt eine Verwandlung, jeder neue Mai ein neues Schick⸗ ſal. Auf dem Wege vom fuͤnfzehnten zum zwanzigſten Jahre entſcheidet das Weib ihr ganzes Geſchick und das Geſchick der Familien. Wehe uͤber die Muͤtter, welche in dieſer Zeit das kreißende Herz der Jungfrau verwahrloſen, nicht jeden Blick ihrer Augen bewachen! Aber Agathens Mutter hatte keine Zeit ſich um die ſittliche Ausbildung ihrer Tochter zu bekuͤmmern, ſie lebte mit ihrem Gatten auf einem philoſophiſchen Fuße, ſie hatte noch Anbeter, und das einzige Gefuͤhl, welches ihr im fortwaͤhrenden Wechſel der Leidenſchaf⸗ ten fur ihr Kind übrig blieb, war— die Eiferſucht. Der Papa ſeinerſeits überließ ſeiner Frau die Erziehung ſeiner Tochter! Ein verliebter Onkel ver⸗ haͤtſchelte ſie und pflanzte die erſten Keime gefahrlicher — m— —— Gefuͤhle in ihre ſchuldloſe Bruſt. Junge Maͤnner, Schreiber, Advocaten, Studenten, Officiere umflatterten ſie— man bewachte weder ihre Tugend, noch hinderte man die jungen Leute an den unverſchaͤmteſten Frei⸗ heiten. Man ſpielte Pfaͤnder, man haſchte ſich, man kuͤßte ſich, man trieb tauſend unſchickliche Poſſen— mitten im vaͤterlichen Hauſe,— man gab ſich Ren⸗ dezvous, machte Ausfluͤge auf's Land, in einziger Be⸗ gleitung eines jungen Herrn. Kurz, man hatte voll⸗ kommene Freiheit zu thun, was beliebte. Der Vater ſtarb. Wie durch einen Zauberſchla einer boͤſen Fee war der Wohlſtand der Familie ver⸗ ſchwunden. Die Mutter— ihr Ungluͤck nicht begrei⸗ fend, nicht zu ertragen faͤhig, ſiechte dahin— die letzten Reſte des ehemaligen haͤuslichen Glanzes waͤhrend ihrer langwierigen Krankheit. Endlich loͤſchte ihre Lebensflamme langſam aus— Agathe war allein. Eines Abends begegnet 6 Tochter der Fabrik auf dem Kohlenmarkt, bei ſtarkem Platzregen, einem Maͤdchen ihres Gewerbes. Di Armen erkennen ſich unter einander auf den erſten Blick. Helene hat ſie mit Intereſſe betrachtet— und mit einem leichten cameradſchaftlichen Blick gegruͤßt— ſie hatte eine ſo liebliche gu tmuͤthige Phyſiognomie,— Helene fuͤhlte ſich zu ihr hingezogen. Inzwiſchen geht ſie an ihr vorbei,— aber die Straße auf- und niederſtreifend, wie es dieſe Maͤdchen thun muͤſſen, um Aufmerkſam⸗ keit zu erregen, begegnet ſie immer wieder der ſanft⸗ ten — blickenden Collegin, welche— ohne Regenſchirm— bis auf die Haut durchnaͤßt iſt. Helene hat einen guten, großen Regenſchirm, ſie bleibt alſo bei der drit⸗ ten Begegnung ſtehen und ſpricht das Maͤdchen an. „Sie haben keinen Schirm, meine Liebe— ich denke, es iſt heute ohnehin vergeblich, es regnet zu ſtark, es iſt ja faſt Niemand auf der Straße. Wenn Sie Nichts dagegen haben, ſo fuhre ich Sie nach Hauſe— oder wir gehen doch mitſammen.“ „Ach, Du mein Gott,“ ſagte die Andere unter Thraͤnen—„ich kann nicht nach Hauſe gehen— ich habe heute noch nicht gegeſſen.“ „Pah, wenn es nur Das iſt— meine Gute— man muß ſich aushelfen— ich habe Einiges erſpart — kommen Sie, wir wollen mit einander ſoupiren.“ Das arme Maͤdchen konnte nicht danken— aber die Thränen rannen ihr, mit Regentropfen vermiſcht, uͤber die Wangen— ſie ergriff die Hand ihrer Wohl⸗ thaͤterin und druͤckte ſie an ihr Herz. „Ach, Sie ſind wohl nicht lange beim Metier,“ ſagte Helene theilnehmend, indem ſie der Unbekannten das Geſicht trocknete,„man muß auf dieſe Wechſel⸗ faͤlle gefaßt ſein— heute Alles vollauf, morgen kaum trocken Brot— das iſt nun einmal nicht anders.“ „Ich bin erſt ſeit ſechs Wochen ſo ungluͤcklich Ein heftiger Sturm unterbrach das Geſpraͤch. Die beiden Maͤdchen mußten vereinte Kraft anwenden, um den Regenſchirm zu halten und eine Reſtauration zu erreichen, wo ſie mit einander ſoupirten. Man trock⸗ nete ſich, man machte ſich Mittheilungen, man ge⸗ wann ſich lieb und verſprach ſich Freundſchaft, troͤſtete und erheiterte ſich,— die Tochter des Proletariers, die wiederholt gezuͤchtigte Gaſſendirne, von ihrer fruͤ⸗ heſten Kindheit an Herabwuͤrdigung gewohnt, von aller Welt mißhandelt und verachtet, wurde die Wohlthaterin eines Fraͤuleins aus guter Familie, deren Erziehung ſo viel gekoſtet hatte, als hingereicht haben wuͤrde, ſie auf Lebenszeit vor Mangel zu ſchuͤtzen, ſie ſtand auf derſelben Stufe mit ihr und ſah derſelben Zukunft entgegen! Die hter der Fabrik iſt gluͤcklich, eine Freundin gefunden zu haben. Mit dem Scharfblick, welchen das Ungluͤck ſeinen Opfern gewaͤhrt, begriff ſie ſchnell, daß ihre kleine Wohlthat reiche Zinſen tragen koͤnne. Die feine Erziehung und Bildung, welche die Freun⸗ din offenbar genoſſen hatte, konnten ſie mit jenen Manieren, Gewohnheiten und Kenntniſſen bekannt machen, welche ihr ſo nothwendig erſchienen, um ihren Werth fuͤr das andere Geſchlecht zu erhoͤhen. Anderer⸗ ſeits konnte ſie ihrer Freundin mit Lebenserfahrung und Klugheit reichlich aushelfen. „Aber nun, mein Kind,“ ſagte Helene beim Souper,„nun mußt Du mir ſchweſterlich Deinen Namen ſagen— nicht den angenommenen, ſondern Deinen wahren Namen, Du verſtehſt mich.“ m auf — — „Mein Name...“ erwiderte das Maͤdchen ſtockend, „mein Name iſt Agathe—“ der Zuname erſtarb ihr auf den Lippen. „Und wer war Dein Vater, meine Liebe, wenn man es wiſſen darf?— ich fuͤr meinen Theil koͤnnte dieſe Frage nicht beantworten.“ „Mein Vater,“ ſagte Agathe mit dem Ausdrucke einer ſtillen Verzweiflung,„mein Vater war Advocat und der Sohn— eines Miniſters!“ 4. Helene hatte eine Freundin gefunden— ſie war glucklich. Agathe machte ſie bekannt mit den feinen Manieren der beſſeren Geſellſchaft, ſie lehrte ſie alle die kleinen wichtigen Kuͤnſte, welche allein noch die ſogenannten beſſeren Staͤnde vom Poͤbel unterſcheiden: wie man ſich verneigt, wie man die Worte waͤhlt, um das Gemeinſte, Unzuͤchtigſte und Schaͤndlichſte zu ſa⸗ gen, ohne den Anſtand zu verletzen. Sie lehrte ſie ein wenig Franzoͤſiſch, ein wenig Tanzen, ſie lehrte ſie ſich anſtändig und nobel kleiden, ſie theilte ihr das Wenige mit, was ſie ſelbſt von Geographie, von Weltverhältniſſen, vom Theater, von der Literatur wußte, damit ſie, ohne ſich ſtarke Bloͤßen zu geben, uͤber Alles mitſchwatzen konnte. Helene fand an dieſem leichten, liebenswuͤrdigen, unter Scherzen und Taͤnde⸗ leien gegebenen Unterricht Geſchmack, ſie fand es uͤberaus leicht, Dasjenige zu lernen, was die Dame von der Gaſſendirne aus der Fabrik unterſcheidet. Helene brauchte nur wenige Monate, um alles Das zu lernen, was dazu gehoͤrt, den Maͤnnern ein hoͤheres Intereſſe, als das der gemeinen Sinnlichkeit einzufloͤßen. Sie fand bald, daß der groͤßere Theil der Maͤnner dieſes civi⸗ liſirten Zeitalters, mit Ausnahme des Faches, welches ihnen Brot giebt, in jedem anderen ſelbſt ſo unwiſſend ſeien, daß ſie nur dieſes Scheines von Kenntniſſen bedurfte, um ihre eigene Unwiſſenheit zu verbergen. Es gelang ihr bei reichen Anlagen ſehr bald, die Rolle eines Maͤdchens von guter Bildung und Erziehung zu ſpielen und ſich dadurch einen hoͤheren Werth beizu⸗ legen. Sie ſprach bald, wenigſtens ebenſo vernuͤnftig wie die meiſten Wiener Stutzer, vom Theater, ſie kritiſirte ſo gut wie ein Zeitungsreferent des gewoͤhn⸗ lichen Schlages die Productionen derſelben, und ſprach bald ſo viel Franzoͤſiſch mit einem bewunderungswuͤr⸗ dig feinen Accent, um ſo gut wie eine Dame vom hoͤchſten Range die geiſtreichen Floskeln herplappern zu koͤnnen, welche die gewoͤhnliche Unterhaltung derſelben ausmachen. „Bon jour Monsieur oder Madame.“ „Ah vous étes donc bien portant— j'en suis charme.“ „Ah vous étes trop bon, aimable, adorable.“ „Oh je suis fatigué!“ „Quel horreur!“ — „Oserais-je vous demander—! etc.“ Auch verſtand ſie ſich darauf, im luſtigen Con⸗ verſationstone franzöſiſch zu fluchen: Sacristie!— parbleu!— ventre-saint-gris!— was ihr ſehr zu ſtatten kam, um bei jungen Einfaltspinſeln als ein reizendes und geiſtreiches Geſchoͤpf zu gelten. „Du weißt nicht welchen Schatz Du haſt an Deiner Bildung, Agathe,— dieſe Maͤnner ſind ſo dumm— man imponirt Ihnen ſo leicht durch ein Paar Redensarten.“ „Ach, Du irrſt ſehr,“ erwiderte Agathe,„ich ſehe nur zu gut ein, daß es ſehr wenig— Nichts iſt— was ich gelernt habe. Dieſe oberflaͤchliche Con⸗ verſationsbildung iſt das Ungluͤck der Maͤdchen aus guten Familien, welche Alles lernen, nur nicht Das, was ſie, wenn ſie ſich ſelbſt uberlaſſen ſind, ernaͤhren koͤnnte. Ich wurde Dir ſehr gern den ganzen Kram meiner oberflaͤchlichen Bildung abtreten, wenn ich— auch nur eine ſehr gute Koͤchin waͤre— ich wuͤrde gut bezahlt werden und nicht— von der Straße leben muͤſſen.“ „Pah,“ ſagte Helene,„Du verſtehſt Dich nicht darauf, von Allem Nutzen zu ziehen. Laß ein halbes Jahr vergehen und Du ſollſt ſehen, was ich aus dem bis⸗ chen Bildung mache, welche ich durch Dich erhalten habe!“ Helene hielt Wort. Sie benutzte jede der erlern⸗ ten Kleinigkeiten mit einer bewunderungswuͤrdigen Ge⸗ ſchicklichkeit und taktvollen Berechnung, und nicht we⸗ nig zu ihren Erfolgen trug die Beluſtigung bei, welche — ſie daran fand, dieſe Maͤnner— welche ſie ſo ver⸗ achtete— am Narrenſeile zu fuͤhren. Da ſie die Be⸗ obachtung gemacht hatte, daß beſonders eine noble Kleidung, in Verbindung mit den angeeigneten Aeußer⸗ lichkeiten beitrage, den Maͤnnern groͤßere Hochſchätzung einzufloͤßen, ſo fing ſie an alle ihre Erſparniſſe auf Putz und Tand zu verwenden. Das gehoͤrte— wie ſie wohl begriff— zu ihrem Gewerbe. In wenigen Monaten war Helene eine Lionne! Die hohe Ariſtokratie, das diplomatiſche Corps, die Buͤreaukratie und die Generalitat ließen ihre elegant in Stahl geſtochenen Viſitenkarten circuliren. Helene empfing keinen Beſuch mehr, als von Perſonen, welche ihr von Geſandten, hohen Beamten, Cavalieren em⸗ pfohlen waren. Agathe entſchwand ihren Augen— ein reiſender Schauſpieler entfuͤhrte ſie der Reſidenz, welche ſie gern verließ, um nicht bekannten Geſichtern auf ihren Promenaden zu begegnen. Helene hatte den Gipfel ihrer Laufbahn erreicht und— bald ſollte ſie jenen furchtbaren Sturz erleben, wodurch die meiſten Mädchen ihres Gewerbes in fruͤher Jugend elend zu Grunde gehen! Eines Abends— es war ein Jahr nach der Be⸗ gegnung Agathens— wurde aus dem Kloſter der barmherzigen Schweſtern eine dieſer dem Elende die⸗ nenden Frauen zu einer Sterbenden gerufen. Es war ſtrenger Winter— die gute Schweſter mußte faſt eine Stunde Weges zuruͤcklegen, um in die entfernte Woh⸗ nu dro Fe Ei mi ſie nung der Kranken zu kommen. Sie that es unver⸗ droſſen. Man fuͤhrte ſie in eine Dachſtube, in welcher Fenſter und Thuͤren dem Schnee und Winde freien Eintritt gewaͤhrten. Sie fand ein abgezehrtes Gerippe mit hohlen Augen und Wangen— demungeachtet fand ſie in den entſtellten Zuͤgen, welche ſich bei ihrem An⸗ blick zu einem ſchmerzlichen Laͤcheln verzogen, etwas Bekanntes. „Helene!“ rief ſie endlich, nach einer langen Be⸗ trachtung der Ungluͤcklichen. „Agathe!— Du?“ ſagte Helene mit heiſerer Stimme. Ihre beiderſeitigen Leidensgeſchichten waren bald erzaͤhlt. Helene war im Umgange mit der hohen Ge⸗ ſellſchaft wiederholt krank geworden. Ein gewiſſenloſer Arzt, den ſie umgebenden Wohlſtand benuͤtzend, hatte auf die zarte, ſchwaͤchliche Complexion der Unglucklichen die heroiſcheſten Mittel der Arzneikunſt wirken laſſen, um eine langwierige Krankheit zu erzeugen⸗ Dieſe Induſtrie zaͤhlt in Wien viele Ritter. Ein halbes Jahr reichte fur dieſen Arzt hin, um die Ungluͤckliche vollkommen auszupluͤndern. Ihre Erſparniſſe, ihre Garderobe, ihr Schmuck— Alles wanderte in die Ta⸗ ſchen des Arztes. Endlich, als ſie Nichts mehr hatte, erkläͤrte er ſie fuͤr geheilt und verließ ſie. Alle die vor⸗ nehmen Herren, welche Gold regnen ließen in ihren Schooß, ſo lange ſie geſund und bluͤhend war, hatten fur die Sieche kein Almoſen! Alle ihre Suppliken blieben unbeantwortet. Ihr Hausherr jagte ſie halb ſterbend — 660— aus dem Hauſe, als ſie die hohe Miethe nicht mehr bezah⸗ len konnte, Glaͤubiger nahmen ihre Mobilien und miß⸗ handelten ſie obendrein. Niemand leiſtete ihr auch nur den Beiſtand, um in's Hoſpital gebracht zu werden. Man hatte die Todkranke mit Faͤuſten geſchlagen, ihr die Haare ausgeriſſen, ſie halbnackt zur Thuͤre hinausgeworfen. Nur Menſchen, welche ſelbſt im tiefſten Elend lebten, leiſte— ten ihr Beiſtand,— man hatte ſie hierher gebracht fuͤr den Augenblick, um ihre Aufnahme in das Hoſpital zu bewir⸗ ken. Aber es war zu ſpaͤt— wenige Stunden nach der Ankunft Agathens hatte ſie aufgehoͤrt zu leben. Dieſe druͤckte ihr weinend die Augen zu. „Was iſt fuͤr ein großer Unterſchied—,“ ſagte ſie laͤchelnd,„ein todter Leichnam und ſie 1e9l die Hand auf ihr eigenes Herz—„hier ein lebendiger.“ Dann fiel ſie auf ihre Kniee und betete mit zum Himmel gerichteten Blicken: t, erbarme — Zur Zeit des Wiener Congreſſes ſah man ſehr haͤufig an allen oͤffentlichen Promenaden einen jungen, ſehr wohlgekleideten Mann von einem auffallend vor⸗ theilhaften Aeußeren. Er war der leibhafte„Ueberall und Nirgends“, er fehlte bei keinem Spectakel, bei keinem Vergnuͤgen, er war bei den Militaͤrparaden, bei den kirchlichen Feierlichkeiten, bei den Executionen und Leichenbegaͤngniſſen— er fehlte niemals, wo es einen Auflauf, eine große Verſammlung von Men⸗ ſchen gab. Seine Geſtalt war ebenſo ſehr, wie dieſes auffallende Ueberallſein, geeignet Aufſehen zu erregen, er war groß, ſchlank, ebenmaͤßig gebaut, hatte ein regelmaͤßiges, geſund gefaͤrbtes Geſicht mit ſtrotzenden vollen Wangen, einen ſehr ſchoͤnen, regelmaͤßigen ſchwar⸗ zen Backenbart, ein Paar große, ſchoͤne ſchwarze Augen, eine ſehr proportionirte Naſe, guten Haarwuchs und eine ſehr regelmäßige Haltung: kurz, er war— was man ſagt— ein ſchöner Mann.— Wer ihn, ohne ein Frauenzimmer zu ſein, in der Naͤhe betrachtete, bemerkte jedoch gar bald, daß dieſer ſchoͤnen Puppe der Geiſt fehlte,— man konnte bald finden, daß Wien. 2. Bd. 3 er Nichts ſei, als eben ein ſchoͤner Mann, und zwar, wie man ſehen wird, ein ſchöner Mann von Profeſſion. Es war ſehr natuͤrlich, daß ſich die gute Stadt Wien fuͤr dieſen Mann ſehr intereſſirte, man ſpuͤrte ihm nach und hatte bald herausgebracht, daß dieſer Apoll der Straße ein gutes Wiener Stadt⸗ kind ſei und eine ſehr unbedeutende Anſtellung bekleide. Allein woher nahm der Mann das Geld, um„Alles mitzumachen?“ Um jeden Sonntag in den Pra⸗ ter zu reiten, um alle Theater und Concerte zu be⸗ ſuchen, auf allen Redouten, Baͤllen, Feſten anweſend zu ſein? Das war ein tiefes, unergruͤndliches Ge⸗ heimniß. Da nun die gute Wiener Stadt ſich fuͤr jede Perſon, welche ihr einmal bemerklich geworden, mit demſelben menſchenfreundlichen Eifer, welchen man in Kraͤhwinkel findet, intereſſirt, ſo ruhte man nicht, bis man dieſes Geheimniß ergruͤndet hatte; aber ehe man zu dieſem Ziele gelangte, wurde der arme Ritter lange Zeit durch die boshafteſten Aufdichtungen in Verzweiflung gebracht— doch nein, in Verzweiflung nicht, denn dieſes Mannes Gemuͤth war klar und ruhig wie der Spiegel eines Bergſees, den kein Sturm beunruhigen kann, er blieb ſich immer gleich, immer artig bis zum Uebermaß, elegant, freundlich und ſelbſt⸗ zufrieden. Ob man ihn heute damit neckte, daß man ihn„kaiſerliche Hoheit“ nannte und ihn fuͤr einen natuͤrlichen Sohn Kaiſer Joſeph's erklaͤrte(was ihm, beilaͤufig geſagt, nicht im Geringſten unangenehm war), 5— oder ob man von ihm behauptete, er wuͤrde von den Wiener Schneidern ausgehalten, um als lebendiges Modejournal umherzuwandeln und Adreſſen zu ver⸗ theilen— er blieb immer derſelbe, freundlich, zierlich, heiter! Was indeſſen die liebreiche Mediſance der gu⸗ ten Hauptſtadt nicht herausbringen konnte, trotz aller ihrer Erfindungen, welche darauf berechnet waren, die Wahrheit an's Tageslicht zu bringen, das gelang der bruͤderlichen Liebe ſeiner armen Collegen, welche in abgeſchabten Roͤcken einhergehen und ſich— fern von allem Genuſſe oͤffentlicher Vergnügungen— in die entlegenſten Wirthshaushoͤhlen des Lerchenfeldes ver⸗ kriechen mußten, um von ihrem elenden Solde leben — ihren Hunger und Durſt ſtillen zu koͤnnen. Dieſe armen Schlucker ruhten nicht, bis ſie im Reinen wa⸗ ren. Er mußte nach ihrer Meinung ein Dieb ſein, oder ein— Falſchmuͤnzer. Gegen einen ſolchen verworfenen Menſchen konnten dieſe Ehrenmaͤnner, welche ſich von jeder Koͤchin mit einem Zwanzigkreu⸗ zerſtuͤck beſtechen ließen, ohne ihre„Ehre“ oder ihr „Gewiſſen“ zu compromittiren, alle Mittel der Spionage anwenden, man mußte ihn entlarven, man mußte die Ehre des Amtes retten, worin er diente. Man ging daher jedem ſeiner Schritte nach, man oͤff⸗ nete, wenn er ſich etwa auf Augenblicke aus dem Buͤreau entfernte, ſein Portefeuille, man erbrach ſeine Briefe und machte ſie wieder zu— kurz, man han⸗ delte ganz nach dem hohen Beiſpiele der geheimen 3* ————— — 5— Polizei:— und zwar ſogar darin, daß man den Haus⸗ meiſter(Portier) ſeiner Wohnung um die Lebensver⸗ haͤltniſſe und den Wandel des Herrn Collegen befragte. Ein ſolches Ausſpuͤrungsſyſtem fuͤhrte natuͤrlich zur baldigen Entdeckung des großen Geheimniſſes; aus den an ihn gelangten Briefen, aus ſeinen Wegen und ſeinen Geldbezugsquellen ging bald mit graͤßlicher Gewiß— heit hervor, daß der Inquiſit eine Profeſſion betreibe, welche damals in Wien noch ziemlich neu war: die Profeſſion eines ſchoͤnen Mannes. 6 Um nun zu erfahren, von welcher Beſchaffenheit dieſe eigenthuͤmliche Profeſſion iſt und wie es ihr ge⸗ lang ſich in Wien einzubuͤrgern, ſehen wir uns ge— noͤthigt, eine kleine Scene zu erzaͤhlen, welche ſich kurz vor dem Erſcheinen des ſchoͤnen Mannes in einem Salon der vornehmen Welt ereignete. Drei vornehine Damen ſaßen hier beiſammen beim Kaffee und erzaͤhlten ſich von Paris. Alle drei hatten dieſe Zauberſtadt geſehen und eine von ihnen hatte dort laͤngere Zeit gelebt und alle Geheimniſſe der Welt⸗ ſtadt kennen gelernt— lange Jahre ehe Eugene Sue, Balzac und Paul de Kock ſich mit deren Veroͤffent⸗ lichung befaßten. Die drei Grazien befanden ſich be⸗ reits in einem gewiſſen Alter, wo alle Toilettenkuͤnſte von den Verwuͤſtungen der Zeit vereitelt werden. Es galt nicht mehr einen welken Teint aufzufriſchen, den — Haarwuchs durch einige falſche Locken zu bereichern, es galt Berge und Thaͤler zu ebnen und Schluchten aus⸗ zufullen, welche ſich durch die Suͤndfluth der Leiden⸗ ſchaften in der Natur dieſer Damen gebildet hatten, und obgleich es durch die Kunſt der Pariſer gelang, einigen Schein zu retten, ſo genuͤgte dies doch nicht in dem Grade, daß die Blicke der Maͤnner dadurch hätten getäuſcht werden koͤnnen. Auf dieſe Weiſe als unwuͤrdige und laͤngſt verbrauchte Gefaͤße aus dem Tempel des Vergnügens verwieſen, ſahen ſie mit In⸗ grimm die eingetretene Nothwendigkeit vor ſich— ohne eine verzweifelte Unternehmung— in der Tabaksdoſe und bei den Spielkarten einen jämmerlichen Erſatz fuͤr die gewohnten Zerſtreuungen ihrer Jugend zu ſuchen. Allein dieſe Weiber waren Heldinnen, ſie gaben ſich nicht ſo leicht gefangen, ſie vereinigten ſich zu einer Verſchwörung gegen dieſes verhaßte maͤnnliche Geſchlecht, welches ſich von ihnen auf ſo beleidigende Weiſe zu⸗ ruͤckzog, und ſich ſogar anſchickte, die Beſchimpfung ſo weit zu treiben, ihnen kindliche Ehrfurcht ſtatt zarter Galanterie zu erweiſen. Die Graͤfin Saraczi hatte ihre beiden Freundin⸗ nen, die Graͤfin Mukowicz und die juͤdiſche Baroneſſe Laubenſtein, zu ſich berufen, um ihnen zu dem ge⸗ meinſam erſtrebten Zwecke eine wichtige Eroͤffnung zu machen. Sie hielt ihren Vortrag an die Mitglieder dieſes Vereins in folgender Weiſe: „Sie wiſſen, meine theuren Freundinnen, daß ich —— beinahe zehn Jahre in Paris verlebt habe. Die Pa⸗ riſerinnen, welche uns in ſo vielen Dingen an Cultur und Bildung uͤberlegen ſind, verfolgen ſeit lange einen Zweck, welcher unſeren ganzen Beifall verdient, nämlich ſich von dieſen tiranniſchen und gewiſſenloſen Maͤn⸗ nern unabhaͤngig zu machen. Sie heißen dies in ihrer Sprache: Emancipation. Der Hauptgedanke dieſer Emancipation iſt: daß den Frauen in allen Dingen dieſelben Rechte zuſtuͤnden, welche ſich die Maͤnner an— gemaßt haben. Ich frage Sie nun, meine theuren Freundinnen, wie finden Sie dieſe Idee?“ „Divine— allerliebſt— himmliſch!“ riefen die Befragten unisono. „In der That,“ fuhr die Praͤſidentin fort,„es iſt Nichts einleuchtender, Nichts gerechter, Nichts ver⸗ nuͤnftiger.“ „Allein, meine Damen, wir wollen uns mäßigen, wir wollen nicht ſo weit gehen wie die Pariſerinnen, wir wollen den Maͤnnern das Recht laſſen, fuͤr unſere Erhaltung, unſeren Putz, unſere Vergnuͤgungen Sorge zu tragen, wir wollen uns nur eines einzigen ihrer großen Vorrechte bemaͤchtigen, des Rechts zu lieben — wen und wann es uns gefällt.“ „Wie das, Graͤfin?“ fragte die Baroneſſe,„ich denke, wir haben von dieſem Rechte ſchon Gebrauch gemacht— ſo lange es ging. Allein es duͤrfte eine Zeit kommen,“ ſetzte ſie verſchaͤmt hinzu,„wo — 35— es nicht mehr angehen duͤrfte, wo es nicht mehr an uns liegt—“ „Das iſt es eben, meine Gute!“ erwiderte die Frau Praͤſidentin mit Nachdruck,„dieſe Zeit— wir wollen uns nicht täuſchen, iſt bereits gekommen, wir ſind— ſchaudern Sie, meine Lieben, uͤber dieſen ſchimpf⸗ lichen Ausdruck unſerer Veraͤchter und Tirannen— wir ſind, es muß geſagt werden, nach ihrer verruchten Terminologie— altes Eiſen!“ Dieſes furchtbare Wort elektriſirte die beiden Mit⸗ glieder der Kammer in dem Grade, daß ſie wie auf ein Commando wuͤthend in die Hoͤhe fuhren, dann aber ſich eben ſo maſchinenmäßig mit furioſer Gewalt ſo heftig wieder ſetzten, daß die Seſſel zu krachen an⸗ fingen. Die Frau Praͤſidentin war ſehr befriedigt uͤber dieſen Eindruck ihrer Eloquenz. Mit leuchtenden Au⸗ gen und von heiligem Zorn belebten Geberden fuhr ſie fort: „Nicht wahr, meine Freundinnen, das packt, das ergreift, das empoͤrt?— Ich frage Sie nun, meine Da⸗ men, wollen Sie Sclavinnen bleiben, oder wollen Sie Rache nehmen!—“ „Rache, Rache!“ ſchrieen die Zuhorerinnen.„Aber ich begreife nicht—“ ſetzte die Baronin noch immer unglaͤubig hinzu. „Sie begreifen nicht!“ donnerte die Rednerin mit furchtbarer Stimme,„Sie begreifen nicht— ſagen Sie das rechte Wort— Sie begreifen nicht, wie wir noch —— irgend Jemand gefallen wollen?— Nicht wahr — iſt es ſo?“ Ein Schweigen der Vernichtung antwortete hin⸗ laͤnglich auf dieſe Apoſtrophe. „Und glauben Sie denn, meine Theure,“ nahm die Praͤſidentin wieder das Wort,„glauben Sie denn, ich habe dieſen Fall, in dem wir uns befinden, nicht bedacht?“— ſchloß die Rednerin mit erho⸗ bener Stimme—„darin liegt ja eben unſere ſchmachvolle Erniedrigung, daß wir nur ſo langeFreiheit in der Liebe haben und deren Freuden genießen koͤnnen, ſo lange wir jung ſind und gefallen, waͤhrend die Maͤnner, ſie moͤgen noch ſo alt und haͤßlich ſein, niemals zu entſagen brauchen!!!“ „Ja, das iſt wahr!“ erſcholl die Antwort,„aber was wollen wir thun?“ „Das iſt eben die Frage!“ erwiderte das hohe Praͤſidium,„was wollen wir thun? Was wollen wir thun, wir Ungluͤcklichen, die wir an unſerem eigenen Geſchlechte auf allen unſeren heimlichen Wegen Ver⸗ raͤther finden, die unſere Schwachheiten auspoſaunen, und in der Geſellſchaft Richterinnen, welche uns keine Gnade widerfahren laſſen, indeß die Maänner, die Un— geheuer, zuſammenhalten und leben wie es ihnen ge⸗ faͤllt, ohne uch zu leiden in irgend einer Hinſicht. Wenn wir— in der Einſamkeit unſerer Herzen einen jungen Lakai beguͤnſtigen, ſo erfährt es die ganze Stadt, — jn La der ent Pe ſta lo — ja dieſer unſer Günſtling ſelbſt verhoͤhnt uns in allen Tabagien und deckt alle unſere Bloͤßen zum Skandale der Welt auf— ſo daß wir uns gezwungen ſehen, entweder der guten Geſellſchaft und der Ehre, oder dem Vergnuͤgen zu entſagen. Iſt es ſo oder nicht?— ich frage Sie im Namen unſerer geheimſten und namen— loſeſten Gefuͤhle.“ „Ja, es iſt ſo,“ ſagte die Baronin, welche enorm neugierig geworden war,„aber um's Himmels willen kommen Sie zur Sache, was wollen wir thun?“ „Was wir thun wollen? Wohlan, hoͤren Sie, ich will es Ihnen ſagen. Wiſſen Sie, was die Maͤn⸗ ner thun? Wiſſen Sie nicht, daß es eine ſehr bedeu⸗ tende Anzahl junger und meiſt ſchoͤner Maͤdchen giebt, welche fuͤr eine kleine Belohnung den Maͤnnern aller Altersklaſſen, den häßlichen wie den ſchoͤnen, zum Zeit⸗ vertreibe dienen? Man beſucht ſie in ihren Wohnun⸗ gen oder Abſteigequartieren, man iſt und bleibt ihnen unbekannt, man nennt ihnen keinen Namen, und wenn man ihnen auf der Straße begegnet, thut man unbefangen, man gruͤßt ſie nicht und dankt ihnen nicht, und ſomit bleibt Alles vollkommen verborgen. Meine Damen — ich habe eine Berechnung angeſtellt, wonach es ſehr wahrſcheinlich iſt, daß täglich in der guten Wiener Stadt 20,000 ſolcher geheimen Rendezvous ſtattfinden, zwiſchen Perſonen, welche ſich nicht einmal dem Na⸗ men nach kennen? Ich frage Sie, meine Damen, iſt es recht und billig, daß die Maͤnner allein ein ſo un⸗ — 4— geheures Vorrecht taͤglich genießen, daß ſie im Stande ſind, in jeder Stunde des Tages und der Nacht ihre Neigungen zu befriedigen, indeß wir einſam und ver⸗ achtet blos unſeren Betrachtungen uͤberlaſſen ſind und Betſchweſtern werden muͤſſen, um doch irgend einen ehrſamen Vorwand zu haben, einen haͤßlichen alten Mann in ſchwarzer Kutte mit einer von Tabak trie⸗ fenden Naſe— weil er denn doch ein Mann iſt und mit uns von angenehmen Suͤnden ſprechen darf — zu empfangen. Wohlan, was wollen wir thun, meine Damen? Was muͤſſen wir thun? Es iſt ſehr einfach. Wir muͤſſen dem Beiſpiele der Maͤnner folgen.“ „Das iſt Alles recht ſchoͤn und gut,“ ſagte die Baronin, die auf den Grund der Idee kommen wollte, welche das hohe Praͤſidium leitete,„allein Sie vergeſſen, ſchoͤne Graͤfin, daß es 20,000 Mädchen giebt, welche den Maͤnnern zu Gefallen leben, aber nicht einen einzigen Mann, der ein ſo ſeltſames Gewerbe triebe.“ „Sehr richtig bemerkt,“ erwiderte das Praͤſidium, „und zwar fuͤhrt dieſe Bemerkung genau zur Sache. Wir haben uns alſo nur mit der Frage zu beſchaͤftigen, wie es thunlich iſt, eine ſolche Induſtrie unter dem männlichen Geſchlechte zu begruͤnden. Sie ſehen mich zweifelnd an, Sie halten es fuͤr un⸗ moͤglich. Eh bien, wir wollen die Sache unterſuchen. Was bringt dieſe Maͤdchen zu dieſer Induſtrie? Die Armuth. Giebt es unter den Maͤnnern nicht auch Anne wilch Gieb Tag dien nicht wen nun Wi nich ma „n ab die tel — 1— Arme? Giebt es nicht eine Armee von 300,000 Mann, welche täglich nur fuͤnf Kreuzer zu verzehren haben? Giebt es nicht zahlloſe arme Studenten, Handwerker, Tageloͤhner, dienſt- und erwerbloſe Gargons, Laden⸗ diener ꝛc.? Glauben Sie, daß dieſe Menſchen ſich nicht mit Freuden unſerem Vergnuͤgen widmen wuͤrden, wenn ſie dafuͤr beſſere Nahrung, Kleidung, Woh⸗ nung ſich verſchaffen koͤnnten? Sie zweifeln nicht. Wohlan— ſo liegt es alſo nur daran, daß man ſie nicht aufſucht, daß man ihnen keine Antraͤge macht, ſie nicht engagirt.“ „Ja, gewiß,“ riefen die Schuͤlerinnen freudig, „nur daran liegt es, aber wie wollen wir—“ „Wie wir wollen?— Hoͤren Sie. Es iſt wahr, wir koͤnnen nicht geradezu gehen, wie die Maͤnner, aber wir koͤnnen Mittelsperſonen finden.“ „Mittelsperſonen! welche ſublime Idee!“ riefen die Damen entzuͤckt,„und haben Sie bereits ſolche Mit— telsperſonen, werden ſie uns nicht compromittiren?“ „Compromittiren? Nein— ſie werden es nicht koͤnnen— wir werden verkleidet uns zu denſelben Mittelsperſonen begeben, welche unſeren Männern die⸗ nen, Perſonen, welche uns nicht kennen und daher auch nicht verrathen koͤnnen. Zudem, meine Damen, bleibt dieſes Inſtitut, wie Sie begreifen werden, nur unter der Haute⸗volée— wir Damen werden einan⸗ der unterſtuͤtzen und berathen, wir werden uns, wie die Manner es unter ſich thun, Entdeckungen und Adreſſen ——— n——— —— mittheilen, wir werden mehr Abwechslung und weniger Gefahr haben als die Maͤnner, kurz, wir werden gluͤck⸗ lich ſein. Was ſagen Sie nun zu meinem Plan?“ „Er iſt erhaben, Graͤfin, Sie ſind eine Semira⸗ mis, wie ſollen wir Ihnen danken?“ Geruͤhrt umarmten ſich die Damen. „Gut denn, meine Kinder,“ endigte die Praſi⸗ dentin bis zu Thraͤnen geruhrt durch die Ausbruͤche zaͤrtlicher Dankbarkeit,„ſo laſſet uns denn die Haͤnde reichen zum neuen Bunde der Aufklaͤrung und Civili⸗ ſation, laſſen Sie uns Treue und Verſchwiegenheit geloben und im Namen der Vernunft unſer großes Werk beginnen.“ So wurde die Profeſſion der ſchoͤnen Maͤnner in Wien geſtiftet und ſie beſteht bis auf den heutigen Tag in ihrer ſchoͤnſten Bluͤthe. Madame Laubenſtein war eine ſehr hochmuͤthige Frau. Obwohl ſie um die Gunſt der Haute volée buhlte, ſo haßte ſie dieſelbe doch aus dem Grunde ihres Herzens, denn durch die Gunſt, welche man ihr— oder viel⸗ mehr dem Gelde ihres Gemahls erwies, ſchimmerte immer die heimliche Verachtung ihrer juͤdiſchen Ab⸗ ſtammung hindurch. Sie kannte daher kein groͤßeres Vergnuͤgen, als dieſe Graͤfinnen und Marquiſen zu ärgern, welche oft ſo arm waren wie ihre Kammer⸗ zofen. Sie that es daher in Allem dieſen ſtolzen Da⸗ men zuvor. Sie hatte die koſtbarſten turkiſchen Shawls, for — 045— den ſchoͤnſten Brillantſchmuck, die ſchoͤnſten Papageien und ſeltenſten Affen, und ihre Equipage war glaͤnzen⸗ der als irgend eine. „Eduard,“ ſagte ſie ein halbes Jahr nach jener Situng zu dem ſchönen Mann,„Ihre Beſuche bei der Gräfin Saraczi geniren mich. Sie muͤſſen ſie durchaus einſtellen.“ „Aber ſchoͤne Frau—“ erwiderte Eduard. „Kein aber, ich will es ſo— verſtehen Sie mich?“ „Sie iſt ſo gutig gegen mich—“ fuhr Eduard fort. „Nun laſſen Sie hoͤren, was thut ſie fuͤr Sie?“ „Sie bezahlt mir fuͤr— die Noten, welche ich ihr abſchreiben muß, monatlich zwanzig Ducaten.“ „Sie ſollen vierzig haben, Eduard— aber Sie muͤſſen dieſer Verbindung entſagen. Eduard wagte nicht zu widerſprechen. Des andern Tages wurde er zur Graͤfin gerufen. „Sie w en die Baronin Laubenſtein— ich muß mir da verbitten,“ ſagte ſie,„ich werde Sie vollkom⸗ 6 . men ſchadlos halten.“ „Ganz nach Ihrem Befehl, Euer Gnaden,“ er⸗ widerte Eduard ſich vergnuͤgt die Haͤnde reibend. Er hatte nun ſechig Ducaten monatlich zu verzehren. Der heilige Bund war voͤllig demoraliſirt. Man hielt ſich nicht mehr an die Verabredung. Die ganze Haute⸗ volée bereits von ihren ſauberen Streichen, wozu folgender Vorfall das Meiſte beitrug. — Eines Abends ſchlich Eduard eben in ein kleines Gartenhäuschen, um dort mit der Grafin Mukowicz zuſammenzutreffen und ſang vergnuͤgt ein heiteres Lied⸗ chen halb leiſe vor ſich hin, als er ſich ploͤtzlich uber⸗ fallen und zu Boden geworfen ſah. „Cane maladetto!“ ſchrie eine Stimme,„bereiten ſich vor— mußen ſterben, Du Canalje!“ „Sie irren ſich, mein Herr!“ winſelte Eduard, indem er ſich von den Faͤuſten eines rieſenhaften italie⸗ niſchen Grenadiers loszumachen ſuchte,„ich bin nicht Derjenige, welchen Sie eben nannten.“ „Si, si!“ bruͤllte der Wuͤthende,„ich kenne Dich gut, Du ſein questo deutſche Hund;... was kommen zu der alten Donna, Du ſein die bestia, welche mir ſtehlen das Brot bei der alten Donna, Du mußen ſterben.“ Jetzt erſt begriff Eduard, daß er es mit einem Nebenbuhler zu thun habe. Er ſchrie daher, ſo ſehr er konnte: „Hilfe, Hilfe, Moͤrder, Diebe, Feuer— man bringt mich um!“ In dem Augenblicke fuͤhlte er einen Stich in ſei⸗ ner Bruſt. Der Soldat entfloh. Man fand den Se⸗ ladon in ſeinem Blute ſchwimmend, beſinnungslos. Dieſer ſkandalöſe Vorfall enthuͤllte mit einem Male die großen Verdienſte der drei Damen um die Civili⸗ ſation der Stadt Wien. Obwohl Eduard nicht ſchwer verwundet war, ſo kam dieſes Ereigniß doch zur ge⸗ nch 5„)— — richtlichen Unterſuchung. Es war unmoͤglich zu ver⸗ huͤten, daß die Einzelheiten derſelben bekannt wurden. Die drei Damen ſahen ſich genoͤthigt auf einige Zeit zu verreiſen, während welcher ihre Namen von der Chronique scandaleuse zerriſſen wurden. Die Maͤn⸗ ner lachten herzlich, aber die Weiber waren unermuͤd⸗ lich in Schmaͤhungen und ſie ließen nicht nach mit Schmaͤhen und Fragen, bis ſie die kleinſten Details des ganzen Handels in Erfahrung gebracht hatten. Eduard wurde durch dieſen Skandal in der ganzen Stadt verrufen. Man zeigte mit Fingern auf ihn und viele Damen ließen alle ſeine Wege auskundſchaf⸗ ten, um ihm nur einmal zufaͤllig begegnen zu koͤn⸗ nen. Als man ſich uͤberzeugte, daß das Opfer dieſes blutigen Abenteuers ein wirklich ſchoͤner Mann ſei, wurde die Stimmung gegen jene drei Wohlthäterinnen ihres undankbaren Geſchlechts milder. Man ſprach zwar noch immer von dieſer Abſcheulichkeit mit der groͤßten Indignation, aber insgeheim waren viele aͤltere Da⸗ men der Meinung, daß durch den Heroismus der drei Verbuͤndeten einem längſt gefuͤhlten Beduͤrfniß abgeholfen ſei. Eduards Gluͤck war gemacht. Mannigfaltig waren die Wechſelfälle ſeines be⸗ wegten Lebens! Es war keine Kleinigkeit, einer Po⸗ pulation von 300,000 Menſchen als Etwas bekannt zu ſein, was allgemeine Neugier erregte. Während —— die Damen ſich um ſeinen Beſitz Schlachten lieferten, trieben die Maͤnner allerlei Kurzweil mit ihm. Man⸗ cher boshafte Streich eines Neiders und Nebenbuhlers wurde ausgefuͤhrt, und wieder waren unter dieſen Streichen ſolche, welche weniger ſein Herz als ſeinen Ruͤcken trafen. Da ſein Verſtand in hohem Grade be⸗ ſchraͤnkt war, ſo war er vollkommen wehrlos gegen Jeden, der ſich mit ihm einen Scherz machen wollte. Aber das Schlimmſte, was ihm waͤhrend ſeiner kurzen aber glaͤnzenden Laufbahn begegnete, war ein muthwilli⸗ ger der ihm von einem Neffen der Baroneſſe Schuel, Couſine der Laubenſtein, geſpielt wurde. Dieſer Neffe, der Ritter von Titus, Schweſter⸗ ſohn der Baroneſſe, ein junger, huͤbſcher Officier, war ein ſehr luſtiger, ſehr ehrliebender Menſch, der ſeine Tante wegen ihres unehrwuͤrdigen Lebenswandels ver⸗ abſcheute. Dieſer junge Held war ein abgeſagter Feind der alten Frauen, welche ſich emancipiren wollten, er dachte ſo lieblos gegen ſie, daß er meinte, der einzige Umgang, den eine alte Frau haben ſolle, ſei der mit ihren Kindern und Enkeln und mit Gott. Da dieſe ſeine philiſterhafte Anſicht nicht nach dem Geſchmack der alten Frauen von gutem Tone war, ſo lebte er mit denſelben in einem ununterbrochenen Kriege, wel⸗ cher um ſo planmaͤßiger gefuͤhrt werden konnte, da Herr von Titus durchaus Nichts zu thun hatte als Pferde zuzureiten und ſeine Tanten zu quälen. Titus hatte ſeit langer Zeit die raͤthſelhaften Be⸗ — ſuche Eduards bei ſeiner Tante bemerkt. Die ſcheue, geheimnißvolle Weiſe, auf welche ſich dieſer ſchoͤne Ein⸗ faltspinſel in das Haus ſchlich und aus demſelben entfernte, verrieth ihm den Zuſammenhang der Dinge. Kaum hatte er den wahren Grund der Beſuche des galanten Ritters entdeckt, ſo beſchloß er ſeiner Tante und ihrem Seladon, von deſſen Bornirtheit er ſich bald uͤberzeugte, einen recht empfindlichen Schabernack zu ſpielen. Titus war wie geſagt ein ſehr huͤbſcher junger Mann von zwanzig Jahren mit einem Milchgeſichte, welches ihm von ſeinen Cameraden den Beinamen „das Maͤdchen“ zuzog. Dieſer Umſtand war uͤberaus guͤnſtig fuͤr ſeine Pläne, welche er ſchnell mit einigen luſtigen Cameraden und einem Jugendfteunde, der das Amt eines Polizeicommiſſaͤrs bekleidete, verabredete und ohne Verzug zur Ausfuͤhrung brachte. Seine Couſine, ein muthwilliges Kind von achtzehn Jahren, welche die ſuͤndhaften Vergnuͤgungen ihrer Tante von Herzen verabſcheute, wurde in das Complott gezogen und mußte Titus einen weiblichen Anzug ſchaffen, der von einem Schneider ſeiner Geſtalt leicht angepaßt wurde. Als Alles zweckmaͤßig vorbereitet war, beſuchte Titus ſeinen Jugendfreund Muͤller, welcher mit ihm in der Akademie auferzogen und bei dem Fuͤrſten Weil⸗ ſtadt Stallmeiſter war. „Bruder,“ ſagte er,„Du mußt mir einen Gefallen thun— es gilt einen verliebten Toͤlpel zu narren, Du Wien. 2. Bd. 4 — 60— mußt mir eine der fuͤrſtlichen Equipagen zur Verfuͤ⸗ gung ſtellen und zwei Lakaien im Galacoſtum.“ Muͤller war leicht uͤberredet. Es ſtand ihm ſei⸗ ner Stellung nach frei, uͤber die Equipagen zu verfuͤgen — der Fuͤrſt war eben im Bade, die Dienerſchaft dem Stallmeiſter ſehr ergeben, da er uͤber die Freiheiten im Dienſte, welche ſie ſich zuweilen herausnahmen, hinweg Nachdem dies beſorgt war, ſchrieb Titus an Eduard folgendes Billet, welches ihm in ſeiner Woh⸗ nung von einem furſtlichen Lakai in Schuhen und Struͤmpfen uͤberreicht wurde. „Heißerſehnter, Ideal meiner kuͤhnſten Wuͤn⸗ ſche, Krone Deines Geſchlechts! Dich ſehen und lieben— ſterben vor Liebe iſt Eins. Wenn Du Mitleiden haſt mit den verzehrenden flammenden Leiden, welche mein Herz martern, ſo ſtelle Dich heute Abend auf der Straße von Doͤbling um ſie⸗ ben Uhr ein, auf dem Seitenwege, der nach Grinzing fuͤhrt. Eine Dame wird dort an Dir in ihrem Wa⸗ gen vorbeifahren, im Roſahut, mit einem gelben Shawl. Man wird ſich Dir, Du Goͤttlicher, zeigen. Fuͤhlſt Du, daß Diejenige, welche vor Liebesgram ſtirbt, Deiner wuͤrdig iſt, erwecken ihre Zuͤge in Dei⸗ ner Bruſt gleiche Zaͤrtlichkeit, ſo gieb mir ein Zei⸗ chen, indem Du Deinen Handſchuh von der linken Hand abzieheſt und die Hand an Dein Herz legſt. —— Bedenke, daß meine Ruhe von dieſem Zeichen ab⸗ haͤngt— aber wage es nicht mich anzuſprechen oder mich zu gruͤßen— Du wuͤrdeſt mich in's Verderben ſtuͤrzen. Verſchließe das Geheimniß tief in Deine Bruſt, wenn Dir Dein und mein Leben lieb iſt, und erwarte weitere Nachrichten von mir. Adelaide.“ Als Eduard dieſen Brief empfing, wirbelte es vor ſeinen Augen. Er hatte die Livree der hohen Herr⸗ ſchaft erkannt, welche in Wien mit dem Hofe auf dem intimſten Fuße ſtand. Er wußte, daß dieſe hohe Fa⸗ milie nur ein weibliches Mitglied zaͤhlte, die junge reizende Prinzeſſin— Adelaide. Welch' ein Gluͤck! Aber auch welche Gefahren. Er hatte die Prinzeſſin niemals geſehen, aber ſie ſtand im Rufe großer Schoͤn⸗ heit. Er war auf dem Punkte den Verſtand zu ver⸗ lieren, denn der Gedanke, daß man ihn zum Beſten haben koͤnnte, kam dem Manne, dem ſo vornehme Damen huldigten, nicht in den Sinn. Zwar war es ihm ſelten begegnet, von jungen Damen ausgezeich⸗ net zu werden, allein er wußte, daß man durch die⸗ ſelben Eigenſchaften den Jungen zu grefallen pflegt, welche den Alten den Kopf verwirren. Er kaufte ſich daher eilends in einem Kleiderma⸗ gazin einen neuen Anzug, ließ ſich von dem erſten Friſeur der Stadt friſiren, ſteckte ſeine Finger voll Ringe und gab ſich den kuͤhnſten Hoffnungen hin, 4* — welche durch die Umſtaͤnde gerechtfertigt ſchienen. Er war zwar plebejiſcher Abkunft, aber man konnte ihn nobilitiren; um die ungluckliche Leidenſchaft einer ſo ſchoͤnen Prinzeſſin zu ſtillen, konnte man ihn zum Grafen, ja zum Fürſten machen, er ſah ſich im Geiſte ſchon mit dem Hoſenbandorden geſchmuͤckt, mit einem Stern auf der Bruſt, an der Seite der ſchoͤnſten Prin⸗ zeſſin, die jemals einen armen Schreiber liebenswuͤrdig gefunden. Zu der verabredeten Stunde war er auf ſeinem Poſten. Es war ſehr kothig— ſeine feinen Corduan⸗ ſtiefel waren unmoͤglich rein zu halten, demungeachtet watete er mitten im Kothe der Fahrſtraße, um ſo dicht als moͤglich die Equipage an ſich vorbei zu laſſen. Er wartete nicht lange— eine praͤchtige vierſpän⸗ nige Equipage kam im ſchaͤrfſten Trabe herangerollt. Er ſah von Weitem ſchon die Dame, welche ihm be— ſchrieben worden, in Geſellſchaft zweier Officiere.„Das ſind die Prinzen, ihre erlauchten Bruͤder!“ dachte er und ging dem Wagen entgegen. Jetzt kamen ſie naͤher, dieſe coloſſalen mit Troddeln und Buͤſchen ge⸗ zierten Holſteiner— in einem Augenblick war Eduard vom Fuß bis zum Kopf mit Koth beſpritzt— aber was ſchadete das— er ſah ſie, die Holde, wie ſie ihm mit ihrem bluͤhenden Antlitz mild und ſchwermuͤthig zulächelte, er zog den Handſchuh ab, legte die Hand an's Herz, und da ſich die Blicke der„Prinzeſſin“ weggewendet hatten, weil ſie in der That den Lach⸗ — krampf nicht mehr aushalten konnte, ſo bog er ein Knie vor der Etiſcheinung und druckte durch eine Ge⸗ berde, welche albern genug war, um der„Prinzeſſin“ alle Faſſung zu rauben, ſeine unſinnige Leidenſchaft aus. Eduard ſah, wie die Prinzeſſin das Taſchentuch heftig bewegt vor ihr Geſicht hielt— um ihr Gelaͤchter zu erſticken— vorbei war Alles. Von dieſem Augenblick an hatte Eduard nicht Raſt noch Ruhe mehr. Er vernachlaͤſſigte alle ſeine Freundinnen und traͤumte nur von Kronen und den Reizen der Prinzeſſin. Nie hatte der Ungluͤckliche Liebe gefuͤhlt— jetzt aber war es um ihn geſchehen. Gluͤck⸗ licher Weiſe ließ die Prinzeſſin nicht lange auf den ſo heiß erſehnten Troſt warten. Schon 24 Stunden nach jener ſtummen Scene auf der Straße erhielt Eduard durch denſelben Lakai abermals ein parfuͤmirtes Billet⸗ doux folgenden Inhalts: „Grauſamer! „Welch' ein Wonneſchauer mich durchbebte, als ich Dein beglckendes Zeichen ſah— es giebt keine Worte dafuͤr. Aber ſo groß wie mein Entzuͤcken war der wüthende Schmerz und die gräßliche Pein der Eiferſucht, welche mich erfaßte, als ich heute in Folge eingezogener Erkundigungen uͤber Deine Perſon erfahren mußte, daß Dein Herz, Du Falſcher, einer Andern gehoͤrt. „Ich weiß Alles— Gott! wie ſoll ich es — 8— ertragen! Eine Baronin Schuel iſt die Gluͤckliche, welche Dich in ihren Schlingen gefangen haäͤlt. Nur eine Hoffnung naͤhrt mein leichtglaͤubiges Herz, daß Dein Herz trotz der Schlingen, welche Dir dieſe Kokette gelegt, ſchuldlos iſt, daß es zur reinen Liebe, welche in meinem Buſen flammt, reuig zuruͤckkeh⸗ ren, daß es Zuflucht ſuchen und finden werde an meiner Bruſt. O Eduard— kannſt Du mir dieſe Schuel opfern? Wenn Du es kannſt, ſo gieb mir einen Beweis Deiner Liebe, Deiner Reue, Deiner Ruͤckkehr von einer ſuͤndhaften Verirrung. Ich weiß, Du haſi einen Schluͤſſel zu dem einſamen Pavillon im Sommerhauſe der Baronin— dem Orte— ach— wo— ha, der Hoͤlle Rache kocht in meinen Adern— wo dieſe— Schuel Deine Beſuche em⸗ pfangt. Wohlan, liebſt Du mich— beweiſe es— opfere mir dieſen Schluͤſſel und— an demſelben Orte, wo man Deiner Unſchuld Fallſtricke gelegt, in demſelben Pavillon will ich an Dein Herz ſinken und Dir verzeihen. Ich habe ſichere Nachricht, daß die Baronin morgen auf einige Tage verreiſt— wohlan, wenn Du mich liebſt— in dieſem Pavillon oder niemals ſollſt Du mich wiederſehen. Gieb mir durch einige Zeilen Nachricht von Deinem Entſchluß. Deine ungluͤckliche Adelaide.“ Beſchaͤmt, beſtuͤrzt und zugleich freudetrunken, mit zitternder Haſt, ſetzte ſich Eduard an ſein Pult und ſchrieb: — 5— „Goͤttliche, Erhabene, Herrliche! „Als ich geſtern Eure Hoh—, doch ſtill, als ich Dich himmliſche Adelaide ſah, Deine Reize, Dein Feuerauge, die junoniſche Geſtalt— ha, wie durch⸗ zuckte mich da das Feuer der gottlichſten, reinſten Liebe und Anbetung! O wie leicht wird mir das Opfer, welches Du verlangſt!— wiſſe denn, Du Goͤttin der Liebe und Anbetung, Du ſchoͤner als Aphrodite, wiſſe denn, daß ich dieſes Weib, dieſe getaufte Judin haſſe und verabſcheue. Wie, Du konnteſt im Ernſte dieſe haͤßliche alte Vogelſcheuche als eine Nebenbuhlerin betrachten, dieſe Meerkatze, mit den gruͤnen Augen und dem Furienantlitz?— Ha, furchtbare Ironie— nie liebte ich dieſes Weib — ja, ſie hat mir Fallen gelegt, ſie hat durch luͤ⸗ genhafte Vorwände und Verſprechungen mich ver⸗ lockt zu Rendezvous im Pavillon— ja, ich beſitze dieſen Schluͤſſel und morgen, wenn Philomele ihre erſten Geſaͤnge erſchallen laͤßt, wirſt Du mich dort finden, bereit, Dir den Schluͤſſel, mein Herz, mein Leben zu Fuͤßen zu legen. Vor Liebe ſterbend um ſieben Uhr Abends denn, twig, ewig wenn Du mich liebſt! Dein Eduard.“ Eine Stunde ſpater nachdem dieſer Brief ge⸗ ſchrieben worden, trat Titus in das Boudoir ſeiner Tante, kuͤßte ihr mit heuchleriſcher Ehrfurcht die Hand und ſprach im Tone der hoͤchſten Entruͤſtung: „Tante, Tante— muß ich das erleben— o Gott, welche Schmach! meine liebe, gute Tante— wie beklage ich Sie!“ „Mein Himmel, was iſt Dir?“ ſagte die Baro⸗ nin aufs Aeußerſte beſturzt durch die ungewohnte Theil⸗ nahme und Gemuͤthsbewegung ihres Neffen,„was iſt geſchehen?“ „Was geſchehen iſt?“ ſchrie Titus, indem er ſich auf einen Seſſel warf,„Ihr Haus iſt entehrt— Ihr graues Haar beſchimpft.“ „Graues Haar!“ eiferte die Baronin,„junger Herr, Sie vergeſſen, daß ich kein einziges graues Haar noch habe. Wollen Sie ſpaßen— was ſoll dieſe Scene!“ „Hier leſen Sie dieſen Brief von Ihrem ſaube⸗ ren Eduard, Ihrem Liebling, dem zu Liebe Sie Ihrem Neffen Ihre muͤtterliche Liebe entziehen, leſen Sie, uͤber⸗ zeugen Sie ſich, wie er die Wohlthaten vergilt, welche Sie ihm erweiſen.“ Alles Blut, welches die alte Kokette noch in ihren Adern hatte, ſchoß ihr in's Geſicht— haſtig griff ſie nach dem Briefe, las:—„Vogelſcheuche, Meerkatze, gruͤne Augen“— und erbleichte. Vernichtet von Wuth und Scham im Angeſichte dieſes ſpitzbuͤbiſchen Neffen, von dem ſie wohl wußte, daß er ſie zum Ge— ſpoͤtte machte, ſank ſie in ein Fauteuil und ſchwieg. Sie haͤtte ihm, der ihren Geheimniſſen auflauerte, das Geſicht zerkratzen moͤgen, aber ſie begriff wohl, daß ſie es nicht mit ihm verderben duͤrfe. „So biſt Du denn wirklich ſo zaͤrtlich theilneh⸗ mend beſorgt fuͤr die Ehre Deiner Tante?“ ſagte ſie kleinlaut,„aber ſage mir, wie kommſt Du zu dieſem Brief— iſt er nicht etwa ein Fabrikat Deiner muth— willigen Laune?“ Wie?“ ſagte Titus entruͤſtet,„Sie koͤnnten mich im Verdacht haben, daß ich die Ihnen ſchuldige Ehr⸗ furcht ſo weit vergeſſen koͤnnte? Nimmermehr. Uebri⸗ gens, Sie muͤſſen ja die Handſchrift Eduards— Sie muͤſſen ſein Siegel kennen. Zudem koͤnnen Sie ſich ja uͤberzeugen, um ſieben Uhr Abends— verbergen Sie ſich im Pavillon in einem Nebenzimmer. Ich werde Ihnen beiſtehen, um an dieſem Verraͤther exem— plariſche Rache zu nehmen.“ „Rache?“ ſagte die Baronin aͤngſtlich,„um Gottes⸗ willen kein Skandal— aber noch ein Mal, wie kommſt Du zu dieſem Briefe?“ „Das iſt mein Geheimniß.“ „Ich will es aber wiſſen! Ich bitte Dich darum!“ „Wohlan— ich werde Ihnen ſo viel ſagen als mir die Ehre erlaubt, denn ich habe mein Ehrenwort verpfaͤndet, die Namen der compromittirten Perſonen zu verſchweigen. Einer meiner Cameraden hat ein zartes Verhaͤltniß mit einer vornehmen Dame, die ich nicht nennen darf— aber ſeit einiger Zeit iſt ſie kalt — gegen ihn. Seine Eiferſucht erwachte— er beſtach ihr Kammermaͤdchen und erhielt durch ſie dieſes Billet, welches die Dame in ihrer Schatulle verſchloſſen hatte. Von dem Wunſch beſeelt ſich zu raͤchen, theilte er mir den Inhalt mit, da er wußte, daß ich Ihr Neffe bin. Sie ſehen, es iſt Alles ſehr natuͤrlich zugegangen.“ „Gut denn,“ ſagte die Tante aufſpringend,„ich will mich uͤberzeugen— aber wenn Du mich be⸗ truͤgſt—“ „Trauen Sie nur Ihren eigenen Augen— nicht meinen Worten.“ „Ach, Titus, wenn es wahr iſt— und Du mir beiſtehſt, Skandal zu vermeiden und mich zu rächen an dieſem ſchaͤbigen Schuft—“ „Nun, liebe Tante,“ ſagte der Neffe ihr zaͤrtlich die Hand kuͤſſend,„welche Gnade erweiſen Sie mir da?“ „Du ſollſt funfzig Ducaten monatlich Zulage aus meinen Stecknadelgeldern haben.“ „Geben Sie mir Ihre Hand darauf, Tante!“ „Da haſt Du ſie aber wohl verſtanden— Verſchwiegenheit!“ „Wie das Grab!“ betheuerte Titus. Es war ſieben Uhr. Die Baroneſſe befand ſich bereits auf ihrem Poſten in einem verſchloſſenen Ne⸗ vencabinette des Zimmers, wo ſie Eduard zu empfangen yfi Na heit gal ver Sc p wo E ie P pflegte. Sie zitterte wie Espenlaub vor Wuth und Neugierde. Wer war dieſe Dame, welche die Frech⸗ heit hatte ihren Pavillon zum Rendezvous mit einem galanten Ritter zu machen? Eiferſucht und Rache verzehrten ſie. Bald ließen ſich Tritte vernehmen, ein Schluͤſſel knarrte und Eduard trat in die Nebenſtube. Die Baronin hoͤrte ihn ſeufzen und ſtoͤhnen vor Er⸗ wartung. Endlich hoͤrte ſie einen Wagen rollen— Eduard ſprang hinaus und in wenig Minuten hoͤrte ſie ſeidene Gewaͤnder rauſchen— das Paar nahm Platz auf dem ſeidenen Sopha der Baronin. „O was haſt Du aus mir gemacht!“ fluͤſterte die ſuͤße Dame mit dem zaͤrtlichſten Accent, indem ſie ſich entſchleierte.„Eduard, Eduard, Du weißt nicht, in welche Gefahr ich mich Deinetwegen begebe.“ Eduard fiel auf ſeine Kniee, ergriff den Saum ihres Kleides und kuͤßte ihn, indem er ausrief: „Iſt es Traum oder Wirklichkeit, Hohe, Herrliche — bin ich wirklich ſo gluͤcklich, von Deiner Hoheit mildem Strahle beleuchtet zu werden!“ „O nicht doch dieſe Huldigungen,“ ſagte die Dame, indem ſie den Handſchuh abzog und huldreich ſtatt des Saumes ihres Kleides ihre Hand zum Kuſſe dar⸗ reichte,„vor Dir, Eduard, bin ich nur ein liebendes Weib— ach, was ſind Rang und Geburt Vorzuͤgen gegenuͤber, wie Du ſie beſitzeſt!“ Nit gieriger Haſt ergriff der Seladon die darge⸗ botene Hand und bedeckte ſie mit feurigen Kuͤſſen. — Die Dame aber hatte ſolches Wohlgefallen an dieſen Liebkoſungen, daß ſie auch von der anderen Hand den Handſchuh abzog und nun beide Hände und Arme ſeinen Liebkoſungen uͤberließ. Die Baronin wurde gruͤn und gelb, als ſie dieſe ſchallenden Kuͤſſe hoͤrte. „Es iſt abſcheulich,“ ſagte ſie vor ſich,„in meinem Pavillon, auf meinem ſeidenen Sopha!“ „Eduard, Eduard,“ fuhr die Dame ſchwaͤrmend fort,„wirſt Du mich immer lieben, wirſt Du nie⸗ mals wieder dieſes ſchaͤndliche Weib, dieſe garſtige Baronin ſehen?“ „O, ſprich nicht von ihr, Du Strahlende, wie ſollte ich jemals im Beſitze Deines Herzens an dieſes Frazzenbild denken! Sie iſt im Vergleiche mit Dir, was eine Kroͤte im Vergleich zu einem goldgefiederten Kolibri, Du Goͤttliche, mit dem junoniſchen Auge, dem bluͤhenden Antlitz und der Hebegeſtalt, und ſie, die alte garſtige Hexe, das Bild des Grauens und der Verwitterung— welch' ein Contraſt!“ Die Baronin ſchauderte vor Wuth. „So ſchwoͤre mir,“ fuhr die Prinzeſſin fort, „ſchwoͤre mir ewige Liebe und Treue.“ „Ich ſchwoͤre beim Gott der Liebe und Schoͤn⸗ heit!“ Mit dieſen Worten ſprang Eduard auf und umfing die Holde. Sie aber ſträͤubte ſich ſanft— der Shawl ſank von den biendenden Schultern— Eduard war von Sinnen, gluͤhend, außer ſich und eftete ſeine Lippen auf den Nacken der Schoͤnen. Aber die ha der un m — die Prinzeſſin ſchleuderte ihn nun mit einer wunder⸗ baren Kraft ſo heftig von ſich, daß er ſich unſanft auf den Boden ſetzte, hob ihn dann wieder zaͤrtlich auf und liſpelte: „Ach, Ungeſtuͤmer— was beginnſt Du— ſchone meiner Schwaͤche—“ Ehrerbietig ſank Eduard auf ſeine Kniee. „Verzeih', Goͤttliche, dem Wahnſinn meiner Lei⸗ denſchaft. Zuͤrne nicht— Du Holde— willſt Du mir nicht verzeihen?— o, reich mir dieſe Hand zum geichen Deiner Verſohnung.“ Die Prinzeſſin reichte ihm ſtill und verſchaͤmt ſich abwendend die Hand,— er bedeckte ſie neuerdings mit feurigen Kuͤſſen.— Jetzt aber konnte es die Baronin nicht laͤnger mehr aushalten.„Mein ſeidenes Sopha!“ dachte ſie und ſtuͤrzte mit den Blicken einer Rache⸗ gottin aus ihrem Verſtecke hervor. Aber in demſelben Augenblick oͤffnete ſich noch eine andere Thuͤre und hereintrat, in Begleitung einer Dame, ein Mann mit einem Kammerherrnſchluͤſſel. „Himmel, wir ſind verloren!“ rief die Prinzeſſin, ſich verſchleiernd und halb ohnmaͤchtig zuruͤckſinkend. Die Baronin ſtand verſteinert und unbeweglich wie eine Salzſaͤule,— Eduard blickte mit wildem Entſetzen um ſich. „Prinzeſſin!“ ſagte der Kammerherr,„Sie fol⸗ gen augenblicklich auf Befehl Ihres erlauchten Herrn Vaters ihrer Oberſthofmeiſterin und erwarten in Ihren — 62 Apartements die Strafe fuͤr Ihr Vergehen, welche er uͤber Sie verfugen wird. Was dieſen frechen Burſchen e betrifft, der Ihre Schwachheit mißbraucht und ſich d unterfangen hat, ſich Ihrer Hoheit zu naͤhern ſo wird er in lebenslaͤnglichen ſchweren Ketten Zeit ge⸗ nug haben, uͤber ſein Verbrechen nachzudenken und es zu bereuen.“ „Eduard, mein Eduard!“ ſchrie die Prinzeſſin mit herzzerreißender Stimme, indem ſie den Geliebten umklammerte,„ich laſſe nicht von Dir!“ Der arme Schlucker aber rang ſich voll Todes⸗ angſt aus ihrer Umarmung los und ſchrie: „Keinen Widerſtand, Prinzeſſin, ich beſchwoͤre Sie, keinen Widerſtand, werfen Sie ſich Ihrem durch⸗ lauchtigen Vater zu Fuͤßen und bitten Sie fuͤr mich. Ach, ich bin ja ſo unſchuldig— bitte, befreien Sie mich, retten Sie mich!“ Dann warf er ſich dem Kammerherrn zu Fuͤßen und ſchrie ſchluchzend: „Gnade, Gnade, ich bin unſchuldig!“ „Unſchuldig, frecher Boͤſewicht— unſchuldig— und dieſes geheime Rendezvous,— fort, Prinzeſſin— Ihr Vater erwartet Sie;— was dieſen Wicht be⸗ trifft, ſo wird die Wache ihn in Empfang nehmen.“ Mit dem Rufe:„Eduard!“ und ihm tauſend Kußhaͤnde zuwerfend, wurde die Prinzeſſin von der angeblichen Hofmeiſterin hinweggefuͤhrt. „Um Gotteswillen!“ rief nun die Baronin her⸗ vorſtuͤrzend,„um Gotteswillen nur keine Wache, keinen Skandal, mein Herr, in dieſem Hauſe, es wurde von dieſem Elenden mißbraucht, ohne mein Wiſſen.“ „Mißbraucht, elende Kupplerin!“ donnerte der Kammerherr,„mißbraucht!— wie kann dieſer Bur⸗ ſche in einem ehrbaren Hauſe eine ſolche Zuſammen— kunft veranſtalten? Sie ſind eine Mitſchuldige, Ma⸗ dame, und werden ebenfalls der Wache folgen. He! Kammerdiener, holen Sie Polizei und einen Fiaker!“ „Erbarmen, Gnade!“ ſchrien die beiden Inculpa⸗ ten, und die Baronin warf ſich auch auf ihre Kniee. Der Kammerherr hielt ein und ſchien Mitleid zu fuͤhlen. „Wohlan,“ ſagte er,„ich will Sie erſt verhoͤren. Wie kam dieſer Menſch in Ihr Haus?— Sie ſtocken — heraus mit der Sprache— bekennen Sie Alles, ſonſt rufe ich die Wache.“ Zoͤgernd beichtete die Baronin, daß Eduard von ihr einen Schluͤſſel erhalten und dieſen Umſtand miß⸗ braucht habe. „Einen Schluͤſſel zu Ihrem Pavillon und zu wel⸗ chem Zweck, Madame?“ inquirirte der Kammerherr unbarmherzig. Beide Inculpaten ſchwiegen betroffen. „Ach, ich verſtehe,“ fuhr der Kammerherr fort, „dieſer Menſch iſt Ihr Geliebter, Ihr Hausfreund;— pfuſ, Madame, ſchämen Sie ſich nicht, in dieſem Alter Ihr graues Haar ſo herabzuwuͤrdigen? Aber das mildert Ihre Schuld nicht— der Füͤrſt iſt ein Mann — 64— von ſtrengen ſittlichen Begriffen, Ihr ſuͤndhaftes Ver⸗ haͤltniß zu dieſem Menſchen hat Anlaß gegeben zu der Beſchimpfung der Prinzeſſin— fuͤrchten Sie Alles. Ich wuͤßte nur ein Mittel Sie zu retten,— wenn Sie ſich eine freiwillige Buße auferlegten, und dem Fuͤrſten ein reumuͤthiges Bekenntniß Ihrer Schuld ſchriftlich ablegten.“ „Alles, Herr— nur nicht die Wache, nur keinen Skandal!“ „Nun wohl, ſo ſetzen Sie ſich dort an den Se⸗ cretaͤr und ſchreiben Sie, was ich Ihnen dictire.“ Die Baronin that unverzuͤglich wie ihr befohlen worden. Der Kammerherr ditirte mit großer See⸗ lenruhe: »Durchlauchtigſter, gnaͤdigſter Herr! »Eine unwuͤrdige— ſchamloſe Suͤnderin—« Die Baronin fuhr raſch pom Seſſel empor— „Schreiben Sie, oder ich hole die Wache.“ Weinend vor Schreck und Scham ſchrieb die Ba⸗ ronin: »Eine unwuͤrdige ſchamloſe Suͤnderin—« „Unterſtreichen Sie gefaͤlligſt die Suͤnderin—“ »wagt es, ſich Ihnen zu Fuͤßen zu werfen, und um Gnade und Erbarmen zu bitten. Ein unwuͤr⸗ diges Verhaͤltniß mit einem nichtswuͤrdigen jungen Menſchen, welcher mich oft beſuchte, um mit meinen 65— ſundlichen Neigungen einen ekelhaften Umgang zu pflegen—« Neuerdings ſtockte die Feder der Baronin— ſie warf einen wuͤthenden Blick auf den Kammerherrn, welcher aber unerbittlich fortfuhr: „ekelhaften Umgang zu pflegen«(„unterſtrei⸗ chen Sie ekelhaften Umgang—“),»war der Anlaß zu einem Mißbrauch meines Pavillons, zu welchem der junge Menſch einen Schluͤſſel hatte. Ich fuͤhle, wie ſchwer und unverzeihlich mein Ver⸗ ſchulden iſt, und unterwerfe mich freiwillig einer Geld⸗ buße an die Armen, und flehe Sie an, durchlauch⸗ tigſter mir um dieſen Preis zu verzeihen. Baroneſſe Schuel.« Der Brief war endlich unter oftmaligem Zoͤgern und vielen Thraͤnen beendigt,— nun folgte die An⸗ weiſung.„Nehmen Sie anderes Papier und ſchreiben Sie,“ fuhr der Kamwerherr mit grauſiger Ruhe fort: »Nach Sicht bezahle ich an die Ordre des Ma⸗ giſtrats der Stadt Wien die Summe von zehn⸗ tauſend Gulden— „Herr,“ fuhr die Baronin auf,„wo ſoll ich das viele Geld hernehmen in dem Augenblicke?— haben Sie Erbarmen— ich bin außer Stande—“ „Haben Sie keinen Schmuck, Madame, keine Brillanten?—“ fragte der Kammerherr mit uner⸗ ſchuͤtterlicher Ruhe. Wien. 2. Bd. 5 66 „Ja, mein Herr, aber Sie werden doch nicht—“ „Es thut mir herzlich leid, Madame, Ihnen die⸗ ſes Leidweſen zufuͤgen zu muͤſſen,— aber ich kann Ihnen nicht helfen, Sie müſſen Ihren Schmuck ver⸗ kaufen, ſonſt ſtehe ich fuͤr Nichts und werde fuͤr Sie kein Fuͤrwort einlegen— alſo ſchreiben Sie: „Zehntauſend Gulden, mit der Widmung, daß mit dieſer Summe zwanzig arme, tugendhafte Mädchen ausgeſtattet werden ſollen. Baroneſſe Schuel.“ „Aber, mein Herr,“ ſagte die Baronin,„wenn ich dieſes Opfer bringe, ſo darf ich doch hoffen, daß die Sache geheim bleiben, meine Ehre geſchont wer⸗ den wird?“ „Wenn der Fuͤrſt Ihren Antrag annimmt, ge⸗ wiß,— doch kann ich Ihnen Nichts verſprechen— der Fall iſt hoͤchſt empoͤrend, aber ich hoffe, daß es meinem gnädigen Herrn weniger um Rache, als um Geheimhaltung des Skandals zu thun ſein wird.“ Die Papiere wurden ausgehaͤndigt. „Nun, Madame,“ fuhr der Kammerherr fort, „laſſen Sie mich allein mit dieſem Menſchen— ich muß ihn verhoͤren,— ich kann aus Ruͤckſicht fuͤr das hochfurſtliche Haus keine Zeugen dulden.“ Mit einer flehenden Geberde verließ die Baronin den Pavillon. Am ganzen Leibe zitternd ſtand Eduard vor ſeinem Unterſuchungsrichter und alle Schrecken malten ſich auf ₰ —— ,— ſeinem Geſicht. Der Kammerherr ſetzte ſich, betrach⸗ tete den Zitternden lange und mit ſcheinbarer Theil⸗ nahme. „Sie dauern mich, junger Mann,“ ſagte er, „ich fuͤrchte, Ihr Schickſal wird ſchrecklicher ſein, als man fuͤr den Augenblick vermuthen kann!“ „Sie meinen— ach, gnaͤdiger Herr— was meinen Sie, daß mir geſchehen koͤnnte?“ fragte Eduard froͤſtelnd. „Ich fuͤrchte, mein Freund,“ ſagte der Kammer⸗ herr gelaſſen,„ich fuͤrchte, man wird ſich nicht be⸗ gnugen Sie einzuſperren, ſondern Sie bei Seite ſchaffen,— Sie verſtehen mich.“ „O du gerechter Himmel!“ ſchrie Eduard. „Ja— es iſt traurig, guter Gott, ſo jung, ſo wohlgebaut, vielleicht durch Gift, vielleicht durch das Schwert heimlich hingerichtet zu werden.“ „Großer Gott— giebt es denn keine Rettung?“ ſchrie Eduard, indem er die Kniee des unbarmherzigen Inquirenten umſchlang. „Ich denke eben nach, wie ich Sie retten kann, — ein Mittel faͤllt mir bei— ein Akib i,— ich ſetze mich da einer Gefahr aus, aber es gilt ein Menſchen⸗ leben, und dieſe hohen Herrſchaften achten das ſo ge⸗ gering,— wiſſen Sie, mein Herr, was ein Alibi iſt?“ S A „Ja. „Es muß bewieſen werden, daß Sie zu der Stunde dieſes Rendezvous wo anders geweſen ſind— aber das iſt nicht ſo leicht— Niemand wird falſches Zeug⸗ niß geben,— indeſſen, wenn Sie mir folgen, hoffe ich Sie zu retten. Wollen Sie mir verſprechen, innerhalb drei Tagen auf alle Fragen, welche man Ihnen vor⸗ legen wird, mit»Ja“ zu antworten, ſo hoffe ich Mittel zu finden, Sie zu retten. Einige Unannehm⸗ lichkeiten freilich werden nicht zu vermeiden ſein, viel⸗ leicht werde ich Sie unter einem Vorwande verhaften laſſen müſſen, aber was iſt zu thun, Sie muͤſſen zwi⸗ ſchen zwei Uebeln das kleinere waͤhlen.“ „Ach, großmuͤthiger Mann, Retter meines Lebens, wie ſoll ich Ihnen danken!“ rief Eduard. „Erſtens durch unverbruͤchliches Stillſchweigen, zweitens, daß Sie mir zu Ihrem eigenen Beſten ſchwoͤ⸗ ren, innerhalb drei Tagen alle Fragen, welche man, .— k%, Ihnen vorlegen wird, wer ſie auch ah Sie ſtellen mag, bejahend zu antworten.“ „Ich ſchwoͤre!“ rief Eduard feierlich. „Aber verſtehen Sie mich wohl— auf alle Fra⸗ gen; grubeln Sie nicht, denken Sie nicht, hoffen Sie nicht zu entfliehen und der Verfolgung zu entgehen, nur ich kann Sie retten,— noch weiß ich nicht wie, aber vertrauen Sie auf mich. Denken Sie nicht etwa an Flucht! Sobald Sie dieſes Haus verlaſſen, wird Ihnen ein Spion folgen— das ganze Haus iſt von Kundſchaftern umgeben— man wird jeden Ihrer Schritte beobachten. Aber ich werde im aͤußerſten Falle eine verzweifelte Liſt anwenden, um Sie zu retten. 60 Jetzt gehen Sie und verlaſſen Sie dieſes Haus mit einer ſo unbefangenen Miene, als nur immer moͤg⸗ lich,— eilen Sie, es gilt Ihr Leben— kein Dritter darf Sie hier geſehen haben.“ Eduard floh. Rings um das Haus herum ſtan⸗ den die Cameraden des Titus,— und Eduard konnte Gott danken, daß es keine Sbirren waren, denn ſeine Geberden, ſeine ſcheuen Blicke voll Todesangſt, wür⸗ den dem einfaͤltigſten Mouchard einen Capitalverbrecher haben vermuthen laſſen. Einer von ihnen beobachtete ihn ſpaͤhend, indeſſen die Uebrigen vor Lachen faſt um⸗ kamen, und folgte dem Fluͤchtling, der auf leiſen Soh⸗ len mit feierlich bedaͤchtiger Eile dahinſchlich, als ob er zugleich ein Staatsverräther und Vatermoͤrder waͤre. Der arme Eduard befand ſich in einem erbar⸗ mungswürdigen Seelenzuſtande! So viel Außerordent⸗ liches in vierundzwanzig Stunden war ihm ſein Leb⸗ tage nicht paſſirt! Eine ſchoͤne Prinzeſſin, welche ſich in ihn verliebte, und welche er, ach, ſo zärtlich wieder liebte, dann dieſes berauſchende Rendezvous, dieſe zarten Hände, welche er unzaͤhlige Male gekuͤßt hatte, die Schwuͤre ewiger Liebe und Treue einer Prinzeſſin ab⸗ gelegt, dann dieſe furioſe Baronin, der ſtrenge Kam⸗ merherr, die Haushofmeiſterin, das verzweiflungs volle Geſchrei der Prinzeſſin, dann die Androhung von —ů m—— Kerker, Schwert und Gift— das war zu viel fuͤr ſeinen Witz. Er hatte vollkommen den Verſtand ver⸗ loren und zweifelte daher keinen Augenblick an dem hohen fuͤrchterlichen Ernſte ſeiner verzweifelten Lage. Er ſank erſchoͤpft auf ſein Lager— er nahm nicht Speiſe noch Trank zu ſich, und als ſeine Aufwäͤrterin beſtuͤrzt hereintrat, um nach ſeinem Befinden zu fra⸗ gen, blickte er geheimnißvoll ſchweigend zum Himmel und geberdete ſich wie ein Unſinniger. „Ach, Sie haben wohl im Spiel verloren?“ fragte ſie theilnehmend. „Ja,“ ſagte Eduard, ſich ſeines Geluͤbdes, alle Fragen mit Ja zu beantworten, erinnernd, indem er mit furchtbarer Ironie auflachte,„ich habe ein großes Spiel verloren!“ „Mein Gott, wie Sie mich anſehen, Sie ſind unwohl!“ fuhr die Aufwärterin fort. „Ja, ſehr unwohl,“ antwortete Eduard. „Soll ich einen Arzt holen?“ „Ja, hole einen Arzt.“ Erſchrocken rannte die Aufwaͤrterin zu dem Diſtricts⸗ arzt und meldete ihm außer Athem, ihr Herr liege in einem Delirium und phantaſire. Der Arzt, der ein junger Anfaͤnger war, lief, froh einen Patienten ge⸗ funden zu haben, ſpornſtreichs zu dem Kranken, feſt entſchloſſen, den Fall ſo ſchwer zu machen als moglich. Eduard lag noch immer angekleidet auf ſeinem Bette und ſeufzte und ſtoͤhnte wie ein Sterbender. Der Doctor — — ergriff ſeine Hand, fuͤhlte nach dem Puls, der aller⸗ dings unregelmäßig genug war, und fragte: „Haben Sie Kopfſchmerzen?“ „Ja,“ antwortete der Patient conſequent, denn er konnte ja nicht wiſſen, ob dieſe Fragen nicht ſchon mit ſeinen Rettungsplaͤnen zuſammenhingen. „Sind Sie Haͤmorrhoidarius?“ fragte der Arzt weiter. „Ja,“ antwortete Eduard. „Es iſt die hoͤchſte Gefahr einer Gehirnentzuͤndung,“ ſagte der Arzt;„ſchnell holen Sie einen Barbier,“ fuhr er zu der Aufwaͤrterin gewendet fort,„er ſoll alles Noͤthige zu einem Lavement mitbringen, dann vierundzwanzig Blutigel und Senfteig.“ Eduard ließ Alles uber ſich ergehen. Man klei⸗ dete ihn aus, brachte ihm das Verordnete bei, ſetzte ihm dann vierundzwanzig Blutigel an einen Ort, der von ſeinem leidenden Herzen ſehr entfernt war, und legte ihm drei große Senfpflaſter auf den Ruͤcken und beide Fußſohlen. Hierauf brachte man ihm aus der Apotheke einen abſcheulichen Rhabarbertrank, wovon er alle halbe Stunden zwei Loͤffel voll nehmen mußte, was große und ſchmerzhafte Revolutionen in ſeinem Unterleibe hervorbrachte. Unter dieſen mannigfachen Zerſtreuungen verging die Nacht und Eduard fuͤhlte ſich zum Sterben matt. „Gott ſei Dank,“ ſagte der Arzt, als er des Morgens nachzuſehen kam,„Sie ſind gerettet.“ ————*— —— „Gerettet!?“ rief Eduard frohlockend, indem er dieſe Aeußerung auf ſeinen Handel mit der Prinzeſſin bezog und aus dem Bette ſprang,„wie ſoll ich Ihnen danken, mein Retter, mein Engel, mein Wohlthaͤter!“ Dabei fiel er dem Arzte, der mit einem trium⸗ phirenden Laͤcheln daſtand, um den Hals und kuͤßte und herzte ihn. „Aber Sie muͤſſen ſich ſchonen, mein Herr, es koͤnnten Ruͤckfälle eintreten.“ „Pah, ich bin ja geſund wie ein Fiſch,“ ſagte Eduard und druͤckte dem Arzt ein Goldſtuͤck in die Hand, „Ihre Verſicherung, daß ich gerettet bin, hat mich neu belebt, obwohl mir die Blutigel ſtark zugeſetzt haben. Aber ſagen Sie mir, mein Lieber, war es denn zu meiner Rettung durchaus erforderlich, daß man mich ſo zurichtete?— mich ſchmerzen die Wunden ſehr.“ „Durchaus nothwendig,“ ſagte der Arzt,„Ihr Leben war in dringender Gefahr.“ „Alſo wirklich?“ ſagte Eduard,„aber ich begreife nicht—“ „Das muß ich beſſer wiſſen,“ ſagte der Arzt et⸗ was beleidigt. „Ich muß ſein Geheimniß reſpectiren,“ dachte Eduard und druͤckte ihm dankbar die Hand,„Nichts mehr davon— Sie haben mich gerettet und der Him⸗ mel wird Sie belohnen.“ Kaum hatte ſich der Arzt entfernt, als Eduard in ſeine Stiefel fuhr, um ſich nach ſeinem Buͤreau * zu begeben. Zwar proteſtirte die Aufwaͤrterin, da ſie aber ihren Herrn froͤhlich und guter Dinge ſah, wider⸗ ſetzte ſie ſich nicht laͤnger und ließ ihn mit dem guten Rathe, ſich warm zu halten, gehen. Aber kaum war Eduard hundert Schritte von ſeiner Wohnung entfernt, als er ſich zu gleicher Zeit von beiden Seiten am Arm ergriffen und feſtgehalten fuͤhlte. Ueberraſcht ſah er ſich um und fand ſich in der Gewalt zweier Haͤſcher. „Biſt Du nicht der Ferkelſpitzer?“ „Wieder eine Frage,“ dachte Eduard, mit wieder⸗ kehrender Todesangſt,„alſo iſt die Gefahr noch nicht voruͤber?“ Er gedachte ſeines Schwurs und antwortete entſchloſſen: „Ja, der bin ich!“ „Dann folge uns,“ ſagten die Häſcher, und fuͤhr⸗ ten ihn zu einem bereitſtehenden Fiaker. „Aha, das iſt die Verhaftung zu meiner Ret⸗ tung,“ dachte Eduard—„o, edler Menſchenfreund, wie ſehr muß ich Dir fuͤr Deine Sorgfalt danken!“ Man brachte ihn in ein ſtinkendes Loch, wo er mit einem Dutzend Dieben und Vagabonden zuſam⸗ men eingeſperrt wurde. Eine Stunde ſpaͤter wurde er zum Commiſſaͤr gerufen. Das Verhör begann. „Heißt Er nicht Jakol Skribantſchik?“ „Sa“ „Aus Leitomiſchl in Boͤhmen?“ „Ja“— antwortete immer Eduard ſeines Schwurs —— eingedenk, indem er dem Commifſaͤr dankbare bedeu⸗ tende Blicke zuwarf. „Er iſt ſchon zwei Mal wegen Diebſtahls abge⸗ ſtraft worden?“ „Ja ſp iſt e6 „Man nennt Ihn in der Gaunerſprache Ferkel⸗ ſpitzer, weil Er gewoöhnlich Schweine ſtiehlt?“ „Ja.“ „Er hat geſtern um ſieben Uhr Abends in Kag⸗ ran eine Sau mit ſieben friſchgeworfenen Ferkeln ge⸗ ſtohlen?“ Eduard's Blicke leuchteten vor Freude und Dank⸗ barkeit;„das iſt das Alibi,“ dachte er,„welch ein fein berechneter Plan zu meiner Rettung, welch ein edelmuͤthiger Menſchenfreund iſt dieſer Kammerherr!“ und zum Commiſſaͤr gewendet antwortete er feſt: „Ja, ſo iſt es, Herr Commiſſaͤr!“ „Er freut ſich, ſcheint es, ſeiner That?“ fuhr der Commiſſaͤr ſehr ernſthaft fort. „Ja,“ ſagte der Inquiſit. „Erinnert Er ſich der Strafe, welche Er verdient hat und welche Ihm auf dem Fuße folgt?“ „Ig“ „Er wird fuͤnfundzwanzig Stockpruͤgel bekommen und man wird ihn dann auf dem Schub nach ſeinem Geburtsort bringen; freut Er ſich auch daruͤber?“ „Ja!“ rief Eduard mit freudiger Reſignation und den feinen Plan zu ſeiner Rettung und Entfernung bewundernd;„fuͤnfundzwanzig Stockprugel ſind immer noch beſſer, als der Tod,“ fuͤgte er unter Thränen hinzu, und ſchickte ſich an, die Hände ſeines Wohl⸗ thaͤters zu kuͤſſen. „Nun, wenn's Ihm recht iſt,“ ſchloß der Com⸗ miſſaͤr,„mir kann's auch recht ſein. Alſo entſagt Er jeder Appellation gegen ſein Urtheil?“ „Ja!“ antwortete Eduard. Auf einen Wink des Commiſſärs fuͤhrte man ihn hinweg. Mit tauſend Kratzfuͤßen und Complimenten gegen den Commiſſaͤr, der mit Mühe ſeinen Ernſt be⸗ hielt, folgte der Inquiſit den Haͤſchern, welche ihn diesmal in eine ſeparate Stube fuͤhrten, wo ſie ihn einſchloſſen. Hier uͤberließ man ihn bis zum Abend ſeinen Betrachtungen, welche, obwohl keineswegs ſehr troͤſtlich, doch verhaͤltnißmaͤßig beruhigend waren. Bei einbrechender Dunkelheit hoͤrte Eduard endlich ein Ge⸗ rauſch an ſeiner Thuͤre— das Herz ſchlug ihm hoͤher. „Das iſt der Augenblick!“ ſagte er ſich ſelbſt, im Vorgefuͤhle jener ungekannten Empfindungen, welche die ausgeſprochene Zahl von Stockſtreichen verurſachen moͤchte. Aber er irrte. Die Thuͤre oͤffnete ſich leiſe und eine Frau trat herein, welche einen Buͤndel trug und den Finger auf die Lippen legte. „Die Prinzeſſin ſchickt mich her,“ ſagte ſie,„Alles iſt bereit zu Ihrer Flucht, werfen Sie dieſen Frauen⸗ mantel um, die Wache iſt beſtochen, kommen Sie.“ „Die Prinzeſſin?“ ſagte Eduard, indem er ruhig ſich niederſetzte.„Hol' der Teufel alle Prinzeſſinnen. Sagen Sie der Prinzeſſin, daß mir mein Hals lieber iſt, als ihr Herz. Ich habe ſeit vierundzwanzig Stunden ihr zu Liebe Todesangſt ausgeſtanden, ich habe ein La⸗ vement mir zufuͤgen laſſen, ein fuͤrchterliches Purgir⸗ mittel, drei Senfpflaſter und vierundzwanzig Blutigel uͤberwunden, ich werde laͤngſtens morgen fuͤnfund⸗ zwanzig Stockprugel erhalten,— mag ſich die Prin⸗ zeſſin daran genuͤgen laſſen und ſich einen anderen Liebhaber ſuchen,— gehen Sie, ich will Nichts mehr von ihr wiſſen.“ „Aber Sie ſollen ja keine Pruͤgel erhalten, der Kammerherr hat dieſe Anklage nur erſonnen, um Zeit zu gewinnen zur Beſaͤnftigung des Fuͤrſten,— es iſt Alles ausgeglichen, der Vater iſt verſoͤhnt und die Prinzeſſin will verreiſen, um ihre Hand einem frem⸗ den Prinzen zu geben, aber ſie hat ſich ausbedungen, daß ſie von Ihnen Abſchied nehmen und Ihnen ein Andenken geben darf.“ Eduard's Herz war nicht unempfaͤnglich fuͤr die Andenken, aber er war Etwas mißtrauiſch geworden und fragte: „Warum aber ſoll ich entfliehen wie ein Spitz⸗ bube— kann man mich nicht oͤffentlich freilaſſen?“ „Aber begreifen Sie denn nicht, daß dadurch Er⸗ örterungen herbeigefuhrt wurden, welche man vermeiden muß? Ohnehin wuͤrde man Sie morgen freilaſſen, denn der Ferkeldieb iſt eingebracht worden, aber dennoch wuͤrde man Sie wegen Ihrer unwahren Ausſagen noch⸗ mals verhoͤren. Kommen Sie ſchnell— die Prinzeſſin erwartet Sie in Thraͤnen,— wollen Sie ihr den grauſamen Troſt des Abſchiedes verweigern?“ Eduard hatte ein gutes Herz. Dieſe arme Prin⸗ zeſſin, welche einen Prinzen heirathen mußte, den ſie nicht liebte, ſie dauerte ihn! Auch dachte er daran, wie gut es ſein wuͤrde fur ſein verwundetes Herz, ein koſtbares Andenken von ihr zu erhalten. Er gehorchte daher, nahm den Frauenmantel und entfloh geleitet von der Unbekannten. An einer nahen Straßenecke hielt ein Fiaker. Eduard ſtieg mit ſeiner Begleiterin ein und nach fuͤnf Minuten hielt er an einem Hauſe. Eduard wurde uͤber eine hellerleuchtete Treppe hinaufgefuhrt, an deren Fuß, zur großen Verwunderung des Fluͤchtlings, ein Huſar mit dem Carabiner ſtand, die Unbekannte pochte an eine Thuͤre, und nach einem von kraͤftiger Maͤn⸗ nerſtimme ausgerufenen„Herein!“ trat Eduard ein. Himmel, welch' ein Tabaksqualm, welch' ein Anblick, welcher Empfang! Sechs Huſarenofficiere blieſen ganze Wolken von Tabaksrauch in die Luft, unter ihnen die Prinzeſſin— gekleidet wie bei dem Rendezvous— mit einer rieſenhaften Meerſchaumpfeife im Munde und wetteifernd mit den rauchenden Maͤnnern. Als Eduard in dem Frauenmantel, mit einer Haube auf dem Kopfe hereintrat, brach man in ein ſchallendes Gelaͤchter aus. — Die Prinzeſſin aber huͤpfte ihm mit einem Entrechat entgegen, ſtreckte ihm die Hand zum Kuß hin und ſagte mit einer Marsſtimme: „Nun, mein Schaͤtzchen, iſt's gefallig mir dieſe Hand noch ein Mal zu kuͤſſen, oder die andere— hier ſind ſie beide.“ Wie durch einen Blitzſtrahl wurde das Gehirn des Gefoppten erleuchtet. „Alle Teufel!“ ſchrie er erboſt, indem er die Muͤtze auf den Boden warf,„ich glaube faſt, man hat mich zum Beſten gehabt!“ Ein neues bruͤllendes Lachen antwortete auf dieſe Exclamation. „Ich habe alſo einem Huſarenofficier beide Haͤnde gekußt!“ ſchrie Eduard,„zu ſeinen Fuͤßen gelegen— Mord und Brand!—“ Neues wieherndes Lachen. „Und dieſe Todesangſt— und das Klyſtier, und die vierundzwanzig Blutigel, und die drei großen Senf⸗ pflaſter, und der Purgirtrank und die Androhung von fuͤnfundzwanzig Pruͤgeln— Alles das hätte ich blos einer Fopperei zu danken— Mord⸗Tauſend⸗Donner⸗ Element!“ „Sie haben alſo purgirt, mein Beſter?“ fragte die Prinzeſſin theilnehmend. „Ein Klyſtier erhalten?“ ſagte ein anderer Officier zaͤrtlich. „Drei Senfpflaſter und vierundzwanzig Blutigel? — 9— aber wie ging das zu? erzaͤhlen Sie, das iſt un⸗ ſerem Scherze fremd— daran ſind wir nicht ſchuld.“ „Nicht ſchuld!“— ſchnaubte Eduard,„und hat nicht dieſer Satan von Kammerherrn mir befohlen, alle Fragen mit„Ja“ zu beantworten, und hat nicht meine Aufwaͤrterin gefragt, ob ich krank ſei, und ob ich einen Arzt befehle, und hat nicht dieſer gefragt, ob ich Kopfſchmerzen hätte, an Haͤmorrhoiden leide, und hat er mir nicht, nachdem ich alle dieſe Fragen mit Ja beantwortet, mir alle die Torturen verordnet, welche mich faſt krank gemacht haben?“ Jetzt erzitterte die Stube unter dem Gebruͤlle der luſtigen Schelme.— Die Prinzeſſin aber fiel auf ihre Kniee nieder, warf die Pfeife von ſich und betete mit großer Andacht: „Mein Schoͤpfer, ich danke Dir fuͤr den goͤttlichen Spaß!“ „Dieſer praͤchtige Zufall lag außer unſerer Be⸗ rechnung!“ ſagte der Kammerherr, erſtickend vor Lachen. Eduard aber trat grimmig auf die Prinzeſſin zu. „Das fordert Blut, mein Herr, ich werde mich raͤchen, Sie werden mir Genugthuung geben, ich werde es den Gerichten anzeigen und dieſen Polizei⸗ commiſſaͤr verklagen.“ „Thun Sie das, mein Beſter,“ ſagte der Com⸗ miſſaͤr hervortretend,„ich habe Ihr von Ihnen ſelbſt unterzeichnetes Protokoll, das mein Verfahren gegen Sie rechtſertigt. Sie haben ſelbſt eingeſtanden, ein — 5— Schwein geſtohlen zu haben, und wenn Sie die Po⸗ lizei myſtificirten, ſo wird das nur fuͤr Sie uͤble Folgen haben, wenn Sie ſich beklagen.“ „Sie wollen Genugthuung, mein Herr,“ ſagte die Prinzeſſin ernſt,„das iſt billig, wir haben ſchon dafuͤr unſere Vorbereitungen getroffen. Hier, mein Herr, in dieſer Caſſette ſind zwei Paar gut geladene Piſtolen— hier in dieſem Beutel fuͤnfzig Ducaten Schmerzengeld fuͤr die kleinen Leiden, welche Ihnen unſer Spaß verurſacht hat,— mit den Gerichten koͤn⸗ nen Sie nicht drohen, da Sie dadurch Ihr ehrſames Gewerbe zu ſehr blosſtellen und ſich ſehr laͤcherlich machen wuͤrden, alſo bleibt Ihnen nur die Wahl zwi⸗ ſchen den beiden Arten der Genugthuung, welche ich Ihnen anbiete— ein Duell auf Leben und Tod, oder fuͤnfzig Ducaten, die ſonſt fuͤr Sie nicht immer leicht zu verdienen waren.“ Was blieb dem armen Gefoppten uͤbrig? Ein Duell mit Leuten vom Fache war nicht nach ſeinem Geſchmack. Nachdem er noch eine gute Weile ge⸗ ſchimpft und ſeine Hitze abgekuͤhlt hatte, beſchloß er bonne mine à mauvais jeu zu machen, nahm die fuͤnfzig Ducaten und lachte von Herzen mit uͤber den tollen Einfall der jungen Leute. Einige Flaſchen Bur⸗ gunder mit Zimmet erwaͤrmten ſeine erſchoͤpften Ein⸗ geweide und brachten ſein Gemuͤth wieder in das alte ruhevolle Gleichgewicht. Ja, er brachte es mit ſeinem harmloſen Herzen noch dahin, der„Prinzeſſin“ Schmei⸗ —— cheleien zu ſagen uͤber die verfuͤhreriſchen Reize ihrer Geſtalt, womit es gelungen war, ſein ſonſt ſo ruhiges Blut in ungewohnte Wallungen zu bringen. Als Eduard allmaͤlig zur ruhigen Ueberlegung ſeiner Lage ſchritt, fand er zu ſeinem Leidweſen, daß dieſelbe, trotz der Entſchaͤdigung von fuͤnfzig Ducaten, welche man ihm gegeben hatte, ſich bedeutend ver⸗ ſchlimmert habe. Er hatte die Gunſt der Baronin auf immer verloren und keineswegs die einer Prinzeſſin dafuͤr gewonnen. Dieſer Verluſt war ihm ſehr ſchmerz⸗ lich, denn die Baronin hatte wie eine Mutter an ihm gehandelt. Aufrichtige Reue und Zerknirſchung be⸗ maͤchtigten ſich daher ſeiner Seele, und dieſe beiden Seelenſtimmungen, welche ſchon ſo manchen Einfalts⸗ pinſel irre geleitet, brachten ihn auf die kuͤhne Idee, einen Verſuch zur Ausſoͤhnung der Baronin zu un⸗ ternehmen. In der Einfalt ſeines Herzens theilte er dieſe ſeine Idee dem muthwilligen Baron Titus mit, und war vollkommen von der Ueberzeugung durch⸗ drungen, daß Niemand ihm beſſer rathen und mehr dieſe Ausſoͤhnung wuͤnſchen koͤnne, als er,—„denn,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„er hat ein gutes Herz, ob⸗ gleich er ſehr muthwillig und ſpaßhaft iſt und er muß wuͤnſchen, daß die uͤblen Folgen ſeiner Myſtification wieder gut gemacht werden, nachdem er ſeinen Zweck ſich zu beluſtigen ſo vollkommen erreicht hat.“ Der Wien. 2. Bd. 6 Baron Titus, welcher ſich von dieſem unerwarteten Vertrauen viel neuen Spaß verſprach, beſtaͤrkte ihn in ſeinem Vorſatze, welcher ihm beſonders zur Erreichung ſeiner luſtigen Abſichten gegen die Baronin zu Statten kam. Er ſagte natuͤrlich Eduard kein Wort davon, daß er den Brief deſſelben an die vermeintliche Prin⸗ zeſſin der Baronin gezeigt hatte, und ſtellte ihr ploͤtz⸗ liches Erſcheinen im Pavillon als einen Zufall dar, ſo daß es Eduard wahrſcheinlich vorkommen mußte, daß die Baronin Nichts von ſeinem Geſpraͤche mit der Prinzeſſin vernommen habe. Er hatte ſich daher nur uͤber die Verwegenheit zu entſchuldigen, daß er im Pavillon der Baronin eine fremde Dame zu empfan⸗ gen Willens geweſen. Titus half redlich ſeine Hoff⸗ nungen aufrichten, ja er ging in ſeiner Heuchelei ſo weit, dem Favoriten ſeiner Tante eine Fuͤrbitte zu ſeinen Gunſten aufzutragen, wobei er es als ſich von ſelbſt verſtehend gelten ließ, daß von der Anweiſung, welche die Baronin in der Angſt ihres Herzens aus⸗ geſtellt, kein Mißbrauch gemacht werden ſolle. Eduard ſchrieb daher mit Hilfe des Barons einen herzbrechen⸗ den Brief an die Baronin, worin er ein reumuͤthiges Geſtaͤndniß ſeiner Schuld ablegte und auf die treuher⸗ zigſte Weiſe von der Welt den ganzen Hergang der Sache erzaͤhlte. Er zweifelte nicht im Geringſten, daß dieſe Epiſtel und die darin enthaltene Schilderung ſeiner ausgeſtandenen Leiden, welche bis in die kleinſten Details von Klyſtiren, Senfpflaſtern und Blutigeln vollſtändig —— war, das Herz der Baronin ruͤhren und verſoͤhnen muͤſſe. Die Frau Baronin erhielt dieſen lamentablen Brief an einem ſchoͤnen Morgen, da ſie eben auf eingezo⸗ gene Erkundigungen in Erfahrung gebracht hatte, daß der Fuͤrſt, deſſen Livree ſie waͤhrend der Scene im Pavillon vom Fenſter aus an den Leuten bei der auf die Prinzeſſin harrenden Equipage erkannt hatte, mit ſeiner Tochter ſeit ſechs Monaten von Wien abweſend ſei. Der Eindruck, welchen der Brief Eduard's machte, war den Erwartungen des Briefſtellers geradezu ent⸗ gegengeſetzt. Ihre Wuth war grenzenlos, und insbe⸗ ſondere gegen den Einfaltspinſel gerichtet, deſſen Dumm⸗ heit ſie es allein dankte, daß die Liſt des Titus ge⸗ lungen war. Obwohl ſie ſich gegen den Urheber des Schabernacks ebenſo ſehr erboſte, ſo war ſie doch hoͤchſt befriedigt uͤber die mannigfachen Plagen, welche er ihrem Ritter zugefuͤgt hatte, und ſie konnte ſich nicht enthalten, daruͤber unmaͤßig zu lachen. Aber das Maß ihrer eigenen Drangſale war noch nicht voll — ſie lachte zu fruͤh uͤber den Schaden eines Andern. Noch hatte ſie nicht ihre Anweiſung und ihre ſchriftliche Beichte wieder in ihren Haͤnden! Indeſſen hoffte ſie durch Drohungen gegen ihren Neffen dieſe Documente wieder zuruͤckzuerhalten, und ſchrieb dieſem daher ſogleich ein Billet, worin ſie ihn auf der Stelle zu ſich citirte. Allein ſtatt des luſtigen Neffen kam folgende Antwort des unermuͤdlichen Quaͤlgeiſtes: 6. Liebſte Tante! edelſtes Herz! Großmuͤthigſte — Ihres Geſchlechts! „Verz ihen Sie, daß ich Ihrer Einladung nicht ſogleich Folge leiſten kann. Die Ausfuͤhrung der edelmuͤthigen Wohlthat, welche Sie zwanzig ſchoͤ⸗ nen Kindern dieſer Stadt erweiſen, nimmt meine Zeit ſo ſehr in Anſpruch, daß ich nicht umhin kann, mir das Vergnuͤgen, Ihnen die Hand zu kuͤſſen, zu verſagen. Ich hoffe Ihren Dank zu verdienen, aber bedenken Sie, ſchoͤne Frau, welche große Aufgabe es iſt, unter den vielen ſchoͤnen, armen Kindern der Stadt die zwanzig ſchoͤnſten und bravſten heraus⸗ zufinden, welche allein Ihrer Wohlthat wuͤrdig ſind! Sobald ich meinen Zweck erreicht habe, werde ich erſcheinen, um von Ihnen den Dank fuͤr meine Bemuͤhungen, im Sinne Ihres edlen Herzens zu handeln, in Empfang zu nehmen. Indem ich Ihre ſchoͤnen Haͤnde mit kindlicher Ehrfurcht kuſſe, er⸗ ſterbe ich, gluͤcklich eine ſolche Tante zu beſitzen, Ihr ergebenſter Titus.“ Frau von Schuel war raſend. Alſo war dieſer Teufelsbraten von Neffen wirklich im Ernſt darauf verſeſſen, ſie um ihren Schmuck zu bringen, den ſie bereits verpfaͤndet hatte! Sie kannte dieſen muthwil⸗ ligen Trotzkopf zu gut, um nicht von der Feſtigkeit ſeines teufliſchen Entſchluſſes uͤberzeugt zu ſein. In großer uf ſie il⸗ es zn — 65— Gemuͤthsbewegung auf und abrennend in ihrem Salon, ging ſie mit ſich zu Rathe, was ſie thun ſolle. Aber leider ſah ſie keinen Ausweg. Ihre Kammerzofe, welche ſie in ſolcher Bewegung ſah, vermaß ſich theil⸗ nehmend um ihr Befinden zu fragen, aber eine ſchnell applicirte Ohrfeige uͤberzeugte ſie, daß ihre Gebieterin ſich des beſten koͤrperlichen Wohlſeins erfreue. In die⸗ ſem kritiſchen Moment, wo alle Furien ihr Herz be⸗ ſaßen, hoͤrte die Frau Baronin eine Equipage in den Hof fahren. Gleich darauf trat der Kammerdiener in den Salon und meldete: „Der Herr Buͤrgermeiſter laͤßt fragen, ob er Ew. Gnaden aufwarten duͤrfe.“ „Der Buͤrgermeiſter?“ ſchrie die Baronin, und eine ſchreckliche Ahnung machte ſie ſchaudern,„ich bin nicht zu Hauſe— ich bin nicht zu Hauſe.“ Sie wollte Zeit gewinnen, aber der Kammerdiener blieb unbefriedigt ſtehen. „Es thut mir leid, Ew. Gnaden, ich habe ihm be⸗ reits gemeldet, daß Sie zu Hauſe und angekleidet ſind.“ Was war zu thun? man konnte den Herrn Buͤr⸗ germeiſter nicht fortſchicken, er war ein Freund des Hauſes, er ſtand mit dem Hauſe auf ſehr vertrau⸗ lichem Fuß. Sie ließ ihn eintreten. „Ah, ſieh da,“ rief ſie ihm entgegentretend und ſo gut es ging ſich verſtellend,„welche Ueberraſchung! (Moͤge Dich der Teufel holen, dachte ſie.) Welchem Zu⸗ fall verdanke ich das Gluͤck Ihres Beſuches?“ „Edelmüthige— großherzige— engliſche Frau,“ ſagte der Buͤrgermeiſter,„ich muß Sie umarmen!“ Und er breitete ſeine Arme aus, um die edelmuͤ⸗ thige Wohlthaͤterin ihres Geſchlechts zu umſchließen. Die Baronin fuhr drei Schritte zuruͤck. „Sie ſind heute ſehr gut gelaunt, Herr Buͤrger⸗ meiſter!“ ſagte ſie. „Und wie ſollte ich nicht? Welche ſchoͤne, erha⸗ bene Idee, ganz wuͤrdig Ihres edlen Herzens! Zwanzig Jungfrauen auszuſtatten, es iſt bezaubernd! Welch' ein Engel hat Ihnen dieſen ſchoͤnen Gedanken einge⸗ geben?“ Und abermals drang er auf die Baronin ein und umarmte ſie mit Gewalt, indem er einen laut ſchal⸗ lenden Schmatz auf ihre Lippen druͤckte. „Ach, ſo laſſen Sie mich doch los, Teufel von Mann,“ kreiſchte die Baronin wuͤthend,„Sie erſticken mich ja.“ „Verzeihung, gottliche Frau!“ ſagte der Buͤrger⸗ meiſter,„ich kann meine Gefuͤhle nicht bezähmen. Ob⸗ wohl ich jetzt eben mit Geſchaͤften uͤberhaͤuft bin, habe ich mir das Gluͤck nicht verſagen koͤnnen, mich ſelbſt mit dieſer Angelegenheit zu befaſſen. Sie ſollen Ihre Freude erleben! Ich habe alle Anſtalten getroffen— ich habe bereits allen Zeitungen Berichte geſchickt, welche Ihre hochherzige Wohlthat der Welt verkuͤnden, man wird dieſe Berichte in alle Sprachen uͤberſetzen— in —— vier Wochen kennt ganz Europa den Namen einer Frau, welche verdient, die Koͤnigin ihres Geſchlechts genannt zu werden.“ „Zeitungen!“ ſchrie die Baronin,„alſo ſind Sie des Teufels— wer hat Ihnen das geheißen?“ „Nicht proteſtirt,“ fuhr der Buͤrgermeiſter mit gluͤhendem Eifer fort,„ſolche Großmuth muß die Welt kennen. Ich kenne Ihre Beſcheidenheit im Stillen Gu⸗ tes zu thun, aber beim Himmel, ich kann es nicht dulden, daß Wien noch länger in Unwiſſenheit daruber bleibe, welchen Edelſtein es an Ihnen beſitzt. Wie geſagt— in allen Zeitungsdruckereien wird der Bericht ſchon geſetzt— morgen werden Sie ihn leſen,— ich ſchmeichle mir, Sie werden mit meinem Styl zufrieden ſein; aber das iſt nicht Alles, mein Secretär hat be⸗ reits ein Gedicht gemacht, welches auf Koſten des Magi⸗ ſtrats in Goldlettern gedruckt wird. Glauben Sie nicht, daß wir undankbar ſind, wir wiſſen ſolche Großmuth zu ſchaͤtzen, um ſo mehr, je ſeltener ſie iſt; aber das iſt nicht Alles, Ihr Neffe bereitet Ihnen Ueberraſchun⸗ gen vor— Ueberraſchungen— aber ich darf nicht aus der Schule ſchwatzen—“ „Mein Neffe, der Schlingel unterſteht ſich—“ ſagte die Baronin mit verbiſſener Wuth. „Schmaͤhen Sie ihn nicht,“ fuhr der Buͤrgermei⸗ ſter fort,„der gute Junge iſt außer ſich vor Begeiſte⸗ rung fuͤr ſeine Tante, Sie wiſſen nicht, wie ſehr er ſich aufopfert, damit Ihre ſchoͤne That bekannt und —— auf das Zweckmaͤßigſte ausgefuͤhrt werde, er iſt ununter⸗ brochen auf den Beinen, um die zwanzig Gluͤcklichen zu waͤhlen— fuͤnf hat er ſchon beiſammen, wir hoffen in einigen Tagen alle zwanzig zuſammenzubringen.“ „Welch' ein Skandal!“ jammerte die Baronin. „Sein Sie nicht zu beſcheiden, ſchoͤne Frau,“ fuhr der Buͤrgermeiſter fort,„ich weiß, Ihrem frommen Her⸗ zen iſt alle Oeffentlichkeit Ihrer Wohlthaten zuwider, aber ich kann das nicht zugeben, daß eine ſo edle That unbekannt bleibe, es iſt des Beiſpiels wegen: ja edle Frau, an Ihrem Edelmuthe ſollen ſich Andere ſpiegeln, Sie ſind die Krone aller Frauen. Jetzt ge⸗ ſchwind, ſchoͤne Frau, geben Sie mir das Geld, ich habe Ihre Anweiſung mitgebracht, ich werde den Maͤd⸗ chen fuͤnfprocentige Obligationen à fuͤnfhundert Gulden kaufen, meinen Sie nicht auch, ſchoͤne Frau— oder ziehen Sie es vor, daß das Geld den Maͤdchen in neu gepraͤgten Ducaten bezahlt werde?— der Director der Muͤnze wird mir aushelfen.“ „Aber muß denn das Alles ſogleich ſein?“ rief die Baronin,„mein Gott, laſſen Sie mich doch zu mir ſelbſt kommen, ich bin außer mir, ich denke, Sie ſoll⸗ ten bemerken, wie peinlich—“ „Peinlich— ja ich begreife,“ ſagte der Buͤrger⸗ meiſter,„ich begreife, daß Sie, gewohnt Alles in der Stille zu thun, durch dieſes wohlthaͤtige Aufſehen pein⸗ lich beruͤhrt werden, aber das muß ſein, Ihre Wohl⸗ that wird nur dadurch vollkommen, daß ſie ein glor⸗ — z—.˙‧:— —— reiches Beiſpiel gewaͤhrt. Wozu uͤbrigens Aufſchub? man kann das Gute nicht zu fruͤh thun, zudem weiß es bereits die ganze Stadt, es wuͤrde auffallen, wenn gezoͤgert wuͤrde,— meinen Sie nicht auch, ſchoͤne Frau, man wuͤrde muthmaßen, es habe Sie gereut, Sie ken⸗ nen die boͤſe Welt.“ „Ach, ja!“ ſagte die Baronin reſignirt,„wenn es denn ſo ſein muß— in aller— Heiligen Namen. Hier, Herr Buͤrgermeiſter, iſt das Geld, aber nun be⸗ ſchwoͤre ich Sie, laſſen Sie mich in Ruhe.“ Mit dieſen Worten trat die Baronin an ihre Schatulle, nahm einen großen Pack Banknoten ſchwer ſeufzend und zoͤgernd heraus und uͤbergab ihn dem Buͤrgermeiſter. „So und hier iſt Ihre Anweiſung bereits quit⸗ tirt,“ ſagte der Buͤrgermeiſter, welcher ganz roth war vor Eifer;„der feierliche Dank des Magiſtrats wird folgen, uͤberlaſſen Sie das mir.— Nun aber, ſchoͤne Frau— einen Kuß zur Belohnung fuͤr meinen Eifer — Sie muͤſſen mir einen Kuß geben— kommen Sie, die Stadt Wien umarmt Sie.“ Und trotz allen Straͤubens ſchloß der Buͤrgermei⸗ ſter die Baronin, welche ganz blau war vor Aerger, in ſeine Arme. „Edles Herz!“ ſagte er,„lebe wohl und ſchwelge im Bewußtſein Deiner That!“ Die Baronin ſank erſchoͤpft in ein Sopha. Der Buͤrgermeiſter ging. —— „Mein Flacon, mein Flacon!“ ſeufzte die Ba⸗ ronin. Sie fuͤhlte ſich einer Ohnmacht nahe. Das ganze Haus ſtaunte uͤber dieſe Scene, welche bald allen Dienſtleuten erzählt war von den Zofen, welche ihr beigewohnt. Alle kreuzigten ſich und ſagten:„Mein Gott— ſie wird wohlthaͤtig, alſo lebt ſie nicht mehr lange!“ Aber das Maß ihrerLeiden und Pruͤfun⸗ gen war noch nicht voll! Kaum hatte der Buͤrgermeiſter die Baronin ver⸗ laſſen, ſo trat ihr Gemahl, der Bankier Schuel in den Salon, eine glimmende Cigarre zwiſchen den Zaͤhnen, eine Feder hinter dem Ohr und die Haͤnde in den Hoſentaſchen. Froh, ein Opfer fur ihre ſtille Wuth zu finden, ſtuͤrzte ihm die Baronin entgegen. „Habe ich Ihnen nicht hundert Mal geſagt,“ ſchrie ſie mit ihrem Taſchentuch den Rauch der Cigarre fortwehend,„daß Sie meine Apartements nicht mit ihren abſcheulichen Cigarren verpeſten ſollen!“ „Ei, was fällt Ihnen ein!“ ſagte der Baron, gelaſſen fortrauchend,„verpeſten, meine Cigarren, echte Havannah, das Tauſend 150 Thaler Gold— ſie par⸗ fuͤmiren Ihre Stuben. Moͤchten Ihre Hunde und Affen ſo gut riechen wie meine Cigarren! Aber Apro⸗ pos, was Teufel treiben Sie fuͤr Schabernack— ſo⸗ eben hoͤre ich, daß Sie 10,000 Gulden zur Ausſtat⸗ tung armer Maͤdchen beſtimmt haben, der Buͤrger⸗ meiſter war ganz Bewunderung, er gratulirte mir zu meiner Frau— Madame, in der That,“ ſetzte er lachend hinzu, indem ſein Dickwanſt zitterte,„es iſt das erſte Mal, daß mir Jemand zu Ihrem Beſitz gra⸗ tulirt!“ „Nun und was geht das Sie an, mein Herr, wenn ich von meinem Geld einen nuͤtzlichen Gebrauch mache?“ fuhr die Baronin auf, indem ſie nach dem Sprichwort aus der Noth eine Tugend machte. „Nicht das Geringſte, Madame,“ ſagte Schuel gelaſſen,„ich wundere mich nur erſtens uͤber Ihre un⸗ begreifliche Großmuth und zweitens woher Sie das Geld nehmen:— ſo viel ich weiß, ging Ihr Steckna⸗ delgeld vor acht Tagen ſchon der Neige zu— ich hoffe nicht, daß Sie Schulden gemacht haben— Sie wiſſen, ich wuͤrde ſie nicht bezahlen.“ „Ja, das ſieht Ihnen aͤhnlich, mein Herr; Sie wundern ſich uͤber eine edle Aufwallung des Herzens, weil Sie derſelben unfaͤhig ſind“ „Das mag ſein,“ erwiderte Schuel,„aber woher haben Sie das Geld genommen?“ „Ich habe meinen Schmuck verkauft,“ brummte die Baronin,„ich hoffe, Sie werden mir den Schaden erſetzen.“ „Ich?“ ſagte Schuel lachend;„Madame, da ha⸗ ben Sie die Rechnung ohne Wirth gemacht.“ „Es iſt ſo ſchoͤn, an einer edlen Handlung An⸗ — 9— theil zu nehmen dieſe armen Maͤbchen, wie gluͤcklich werden ſie ſein!“ ſagte die Baronin heuchelnd. „Eben deshalb will ich Sie nicht des ſchoͤnen Be wußtſeins berauben, fuͤr ſich allein und von Ihrem Gelde den Armen nuͤtzlich geweſen zu ſein. Was übri⸗ gens die armen, jungen und huͤbſchen Maͤdchen be⸗ trifft,“ ſagte der Baron mit unverſchaͤmter Froͤhlichkeit, „ſo hege ich das ſchoͤne Bewußtſein, daß ich meiner⸗ ſeits fortwaͤhrend viel dazu beitrage, ihr Loos zu ver⸗ beſſern. Ha, ha, ha!“ „Sie ſind ein Unverſchaͤmter!“ ſchrie die Baro⸗ nin,„und ich bitte Sie, mich von Ihrem Anblick zu befreien.“ Schuel liebte die Ruhe. Er betrachtete ſeine Frau als einen unentbehrlichen, zu einem geordneten Haus⸗ weſen gehoͤrigen Gegenſtand. Er widmete dieſem Ge⸗ genſtand eine gewiſſe Summe, wie ſeinen Pferden, ſeinem Comptoir, ſeiner Bildergallerie, ſeiner Bibliothek. Damit war es gut. Im Uebrigen wollte er Nichts als Freiheit und Ruhe. Als er bemerkte, daß ſeine Frau in einer ungewoͤhnlichen Aufregung war, wollte er nicht weiter ihren Zorn reizen. „Nun, nun, mein Herzblatt, nur nicht gleich boͤſe,“ ſagte er,„Sie wiſſen, ich habe meine oͤkonomiſchen Grundſätze ich verdanke ihnen meinen Reichthum und Sie, Madame, Ihr Stecknadelgeld. Wenn es nicht ausreicht fuͤr ſo furſtliche Großmuth, iſt es nicht meine Schuld. Je nun— was iſt es weiter, Sie —— haben ein gutes Werk gethan, ich gratulire von Her⸗ zen zu der milden Stimmung Ihres Gemuͤthes, ich wollte Ihnen nur mein Compliment machen und em⸗ pfehle mich wieder gehorſamſt.“ So ſprechend machte der Baron rechts um und ging hinaus. Als er die Thuͤre zumachte, ſagte er aber zu ſich: „Dahinter ſteckt Etwas, das muß ich herausbrin⸗ gen, das wird mir Spaß machen.“ Aber das Maß ihrer Leiden war noch im⸗ mer nicht voll! Drei Tage ließ ſich die Baronin vor Niemand ſehen. Man brachte ihr die Zeitungen— ſie riß ſie in Stuͤcke, ohne ſie zu leſen. Um den Begluͤckwuͤnſchun⸗ gen und Lobſpruͤchen zu entgehen, welche ſie verfolgten, be⸗ gab ſie ſich in ihren Pavillon, ſchloß ſich dort mit ihren Zofen ein und ließ Niemand vor ſich. So waren drei Tage in trauriger Abgeſchiedenheit und grauer Lange⸗ weile vergangen, als ploͤtzlich eine Menge von Equi⸗ pagen und Fiakern an dem Gartenthore angefahren kamen, welches zum Pavillon fuͤhrte. Einen ſchlim⸗ men Streich furchtend, ſchrie die Baronin ihrer Zofe zu: „Schnell das Gartenthor geſchloſſen. Niemand hereingelaſſen, ich bin nicht zu Hauſe— fuͤr Niemand, hoͤrſt Du?“ Es war zu ſpät, ſchon oͤffnete daſſelbe der ehrer⸗ bietige Gaͤrtner und Baron Titus ſprang in Beglei⸗ — tung zweier Herren in ſchwarzer feierlicher Kleidung aus dem erſten Wagen. Der zweite fuhr vor und entlud ſeinen Inhalt, den Herrn Pfarrer und ſeinen Kaplan. Aus dem dritten ſtiegen die hochachtbaren Armenvaͤter des Sprengels, aus dem vierten, fuͤnften und ſechſten kamen Muſikanten mit mannigfaltigen Inſtrumenten hervor, aus dem ſiebenten, achten bis zwoͤlften ſtiegen zwanzig holdſelige Jungfrauen mit wunderſamen Myrthenkraͤnzen auf den Haͤuptern. Titus war der Commandant der ganzen Truppe und machte, wie es ſchien, die Honneurs. Er rangirte die ganze Geſellſchaft in eine feierliche Proceſſion, zuerſt die Muſikanten, dann die Maͤdchen. Mit lautloſer Wuth ſah die Baronin alle dieſe Vorbereitungen. Auf ein gegebenes Zeichen ſetzte ſich der Zug in Bewegung, ein vielſtimmiges„Vivat hoch!“ eroͤffnete die Solen⸗ nität. Hierauf begannen die Hautboiſten und Horni⸗ ſten ihre Schuldigkeit zu thun, und der Zug marſchirte von Titus angefuͤhrt in den Garten. Die Maͤdchen hatten Notenblaͤtter in die Hand genommen und fin⸗ gen nun an im Chore zu ſingen: „Wir winden Dir— Den Jungfernkranz— Von veilchenblauer Seide— Schoͤnen, gruͤnen— Schoͤnen, grünen Jungfernkranz. Veilchenblauer Seide— Veilchenblauer Seide— Schoͤnen, gruͤnen— Schoͤnen, grünen Jungfernkranz—.“ 5 Titus— wie ein Adiutant vor der Truppe— flog bald hier bald dorthin— ordnete, ſchlug Tact und ließ die Maͤdchen den ganzen Pavillon umringen. Hier war kein Entrinnen denkbar! Er hatte ſeine An⸗ ſtalten zu gut getroffen. Die Baronin weinte pure Galle— aber es blieb ihr keine Ausſicht zur Rettung. Die Zofen harrten voll Verlegenheit an den Fluͤgel⸗ thuͤren des Pavillons— endlich ließ die Baronin oͤff⸗ nen, und herein traten mit ehrfurchtsvollen Mienen der Herr Buͤrgermeiſter mit den Notablen der Gemein— den, in ihrer Mitte ein kleines zitterndes, als Amor gekleidetes Maͤdchen, welches vor der Baronin einen Knix machte und bei ploͤtzlich eingetretener feierlicher Stille ein von dem Herrn Secretaͤr des Magiſtrates in Verſe geſtelltes Gedicht:„Amors Dank an die Wohlthaͤterin der reinen Liebe“ declamirte. Nach Beendigung dieſer Folter uͤberreichte das Maͤdchen der Baronin einen wunderſamen Abdruck der Dichtung auf koſtbarem Pergament. Hierauf trat der Buͤrgermeiſter vor und hielt an die Dame eine Anrede, nach deren Schluß er ihr ein Dankſagungsſchreiben des Wiener Magiſtrates auf Atlas gedruckt uͤberreichte. Die uͤbrigen Notablen bezeigten nun ebenfalls ihren Reſpect. Endlich kamen die Braͤute und legten vor ihre Fuͤße jede einen Blumenkranz. Die Baronin war, wie wir geſagt haben, bis zu Thraͤnen geruͤhrt— und ſelbſt Titus traten die Thraͤnen in die Augen, als er ſo anhaltend ſeine Luſtigkeit verbergen — mußte. Die Baronin, welche ihn beobachtete, fuͤrchtete jeden Augenblick, daß er mit einem unſterblichen Ge⸗ lächter herausplatzen werde. Aber er hielt ſich tapfer. In wenig Minuten war— Dank ſeinem Eifer, im ganzen Pavillon das Unterſte zum Oberſten gekehrt— von allen Seiten kamen nun Lakaien heran mit Wein⸗ flaſchen, Gerichten, Tiſchtuͤchern, Eßbeſtecken, Glaͤſern, und im Nu war eine Tafel gedeckt, um die unver⸗ mutheten Gaͤſte auf„Befehl des Herrn Barons Schuel,“ der mit Titus Abrede genommen, angemeſſen zu bewir⸗ then. Die Muſikanten wurden an einen angemeſſenen Poſten geſtellt, um Tafelmuſik zu machen— des Ju⸗ bels war kein Ende. Nach Beendigung dieſer ſchoͤnen Feſtlichkeit und nachdem ſich die Deputation des Magiſtrates weinſelig empfohlen, die Maͤdchen unter zahlloſen Handkuſſen entfernt hatten, trat Titus mit einer unſchuldvollen, ehrerbietigen Miene vor die Baronin, welche nicht wußte wie ihr geſchah, kuͤßte ihr die Hand und lis⸗ pelte: „Nun, liebe Tante, habe ich meine Sachen gut gemacht?“ „Aus meinen Augen, Teufelsbraten!“ ſchrie die Baronin, ließ aber ihre Hand in der ſeinigen— ſie war insgeheim wunderſam durch die Scene ergriffen, dieſe dankbaren Thraͤnen der Braͤute, ſie waren ihr nicht ganz gleichgiltig geblieben! — „Aber das Taſchengeld, Tantchen, welches Sie mir verſprochen haben?“ ſagte Titus dreiſt. „Wirſt Du ſchweigen?“ fragte die Tante.„Und werden Deine Cameraden ſchweigen?“ „Sie wiſſen den Zuſammenhang nicht!“ „Und— mein Brief?“ „Hier iſt er Freudig und wie von einer Centnerlaſt befreit, ſprang die Baronin auf, ergriff ihren Brief, dann nahm ſie eine Boͤrſe, warf ſie Titus in die Haͤnde, der ſie mit wunderbarer Geſchicklichkeit auffing, und ſagte:„Da iſt Dein Taſchengeld, Teufelsbraten!“ Die Blicke begegneten ſich, Titus kaͤmpfte mit einem Lachkrampf, die Baronin aber konnte bei ſeinem Anblick nicht mehr an ſich halten, ſie brach in ein Ge⸗ laͤchter aus, Titus ſecundirte, und das Luſtſpiel war zu Ende. Eduard wurde von anderen galanten Damen ſchad⸗ los gehalten— aber bald wendete ſich ſein Stern. Wenn man an ſchoͤnen Mittagen jetzt uͤber den Graben geht, um ſich an dem Flor von Wiener Schoͤn⸗ heiten zu ergoͤtzen, ſo begegnet man zuweilen einem Mann von ziemlich auffallendem Aeußeren und Be⸗ nehmen. Sein von der Luft gebraͤuntes dickes Geſicht weiſt ein Alter von nahe an funfzig Jahren aus, was jedoch nicht hindert, daß er noch immer fuͤr einen ſcho⸗ nen Mann gelten kann, denn die Regelmaͤßigkeit ſeines Wien. 2. Bd. 7 — Baues und ſeiner Phyſiognomie iſt geblieben, wenn auch Haar und Bart duͤnn, die Augen matt geworden ſind. Sein Anzug iſt in hohem Grade duͤrftig, aber zugleich ſtutzerhaft burlesk. Er iſt aus den Kleidern gewachſen, ſeine Weſte iſt ſo eng zugeknoͤpft, daß der Mann offenbar ſchwer athmet, ſeine„Unausſprechlichen“ ſchließen ſich an den feiſten Spitzbauch und die mäch⸗ tigen Schenkel ſo knapp an, daß man jeden Augen⸗ blick deren Zerplatzen fuͤrchten muß. Sie ſind um ein gutes Theil zu kurz— eben ſo die Ermel ſeines antediluvianiſchen Fracks, deſſen kurze Schoͤße hinten weit auseinander ſtehen. Auf dem Kopf traͤgt er einen Hut von der Form wie ſie zur Zeit des Con⸗ greſſes Mode war, in der Hand ein Bambusroͤhrchen und aus der Hoſentaſche haͤngt ein plumpes Petſchaft herab, an welchem ſich hoͤchſt wahrſcheinlicher Weiſe keine Uhr befindet. In dieſem Anzuge bietet er das Bild vergangener Herrlichkeit dar, welche ſich auch in ſeinen Geberden ſpiegelt. Er betrachtet die Damen mit einer gewiſſen flehenden Koketterie, als ob er um ein Almoſen bitten wollte, und wendet, wenn es ihm mißlungen, einen gnaͤdigen Blick zu echa⸗ ſchen, ſich mit trauriger, doch ſtolzer Reſignation ab. Zuweilen ſpielt ihm ſeine Phantaſie einen ſchlimmen Streich, es ſcheint ihm, als ob eine Dame ſeine Blicke erwiderte, er rennt an mehrere Perſonen an, bittet tauſend und aber tauſend Mal um Verzei⸗ hung, und ſturzt athemlos ſeiner vermeinten Eroberung — 0600— nach. Hat er ſie wieder erreicht, ſo laͤuft er einige Schritte vor, bleibt dann ſtehen und laͤßt die Dame paſſiren, indem er ihr grimaſſirende Geberden vor⸗ macht, bedeutungsvoll raͤuſpert und an ſeinem Backen⸗ bart zupft. Dieſes Manoͤver wiederholt er ſo oft, bis die Matrone— an junge Damen wagt er ſich nicht mehr— durch Geberden des Unwillens oder verachten⸗ der Beluſtigung ihm zu verſtehen giebt, daß er ſich umſonſt bemuͤhe. Dann bleibt er traurig und verlegen zuruͤck und denkt mit Wehmuth an die ſchoͤnen Tage von Aranjuez— wo ihm dieſes Manoͤver manchen ſchoͤnen Ducaten eingebracht. Es iſt kaum noͤthig, dem Leſer zu ſagen, daß dieſe laͤcherliche Figur derſelbe Mann iſt, den wir kennen gelernt haben. Man haßt, man verfolgt, man beneidet ihn nicht mehr, kein Menſch iſt mehr eiferſuͤchtig auf ihn, man lacht blos, wenn man ihn ſieht und hat ihm wegen ſeiner Ausdauer in der Liebe den Spottnamen:„Das eiſerne Herz“ beigelegt. Er hat ſchlecht gewirthſchaftet, er beſitzt Nichts mehr von allen ſeinen Uhren, Ketten, Ringen, Ducaten, er muß von ſeinem aͤrmlichen Gehalte leben, wie ſeine mit ihm nun ausgeſoͤhnten Collegen, und hat vor ihnen Nichts voraus, als daß ihm ſeine Koſtfrau, eine alte Witwe, die Inexpreſſibles unentgeltlich flickt, wenn ſie geplatzt ſind und ſeine Waͤſche waͤſcht, wenn ſie guter Laune iſt.„Das eiſerne Herz“ hat das Leid⸗ weſen zu ſehen, daß Juͤngere in ſeine Rolle eingetreten ſind, aber es iſt ihm ein Troſt, gleichzeitig zu beob⸗ 7* — 100— achten, wie ſeine Induſtrie offenbar durch zu große Concurrenz ihren goldenen Boden verloren hat, und wie junge wohlgebaute Maͤnner ſeines Faches in dem⸗ ſelben erbaͤrmlichen Aufzuge erſcheinen wie er, wenn auch ihre Kleider nicht wie die ſeinigen aus den Zeiten des Congreſſes ſtammen. Denn die hohe Ariſtokratie hat nicht mehr noͤthig, um ſolche Ritter der Galanterie zu finden, unter die Plebejer herabzuſteigen, da viele hochgeborne Herren aus den beſten Adelsfamilien laͤngſt dieſen Induſtriezweig ergriffen haben und die buͤrger⸗ lichen Damen mit gewohnter Oekonomie ſich an das dienende Perſonale halten, welches ſie ohnedem bezahlen muͤſſen. Jene Aufmerkſamkeiten, welche ſonſt ſo gut belohnt wurden, werden jetzt faſt von Jedermann frei⸗ willig dargebracht, um Protection zu erwerben. Ernſtlich! Groß iſt das ſociale Ungluͤck, welches einen großen— ja den groͤßten Theil des weiblichen Geſchlechts der Schande und Herabwuͤrdigung weiht! Aber noch erſchreckender iſt die Nemeſis, welche uͤber dem Looſe des maͤnnlichen Geſchlechtes furchtbar waltet! Der Herr der Schoͤpfung erkriecht und erbettelt ſich oft Nahrung, Amt, Gold, Ruhm, vor der Schuͤrze eines unzuͤchtigen Weibes! Die trotzigſten Geſinnungs⸗ helden dieſes Zeitalters der Komoͤdianten tragen nicht ſelten den Strick der Leibeigenſchaft ſchimpflicher Wolluſt. Ein ſittenloſes Weib regiert manchen Staatsmann in ſeinem Cabinette, jagt manchen Volksmann auf die glatte Tribuͤne, manchen Helden in den Tod! III. — — 8 — — 2. — — 28 8 6. — oder die Tochter des Prieſters. Erſtes Kapitel. Achmet Haſſan Abdyl hieß der neue Geſandte, welchen der Sultan an den Wiener Hof geſandt hatte. Man ſuche ihn nicht im Gotha'ſchen Almanach, denn man wird ihn ſchwerlich finden. Warum nicht?— das iſt unſer Myſterium, das Myſterium des Roman⸗ ſchreibers, welcher mit hoher Licenz aus Wirklichkeiten Dichtung, aus Fabeln Wahrheit macht. Wir wollen nicht Alles beſchwoͤren, was wir erzählen werden, allein wenn auch die Phantaſie uns weiter fuͤhren ſollte als die geſchichtliche Wahrheit reicht, ſo wollen wir doch kuͤhn behaupten, daß man in dieſer Erzaͤhlung, ſo unglaublich ſie auch den Diplomaten vorkommen wird, welche von Jahrhunderten her alle Abgeſandten der Pforte an den Fingern herzählen koͤnnen, wenigſtens eben ſo viele, vielleicht weit mehr Wahrheit finden wird, als in den glorreichen Werken der beſtallten Reichshiſtoriographen des chineſiſchen, tuͤrkiſchen oder irgend eines anderen Kaiſerreiches. — 104— Haſſan Abdyl alſo, ſagen wir, hieß der neue tuͤrkiſche Geſandte am Wiener Hofe. Er war ein ſchoͤ— ner Mann, nahe an vierzig Jahren und nicht, wie gewoͤhnlich die tuͤrkiſchen Diplomaten, ein tolpelhafter, unwiſſender Barbar, welcher tauſend Laͤcherlichkeiten begeht und von dem ganzen diplomatiſchen Corps ge⸗ haͤnſelt wird, ſondern ein feingebildeter Mann, wel⸗ cher franzoſiſch und deutſch ſehr gelaͤufig und letzteres weit beſſer ſprach als die Wiener ſelbſt, welcher Fran⸗ gaiſe und Polka tanzte, die Verhaͤltniſſe in Europa ſo gut kannte wie in Aſien, und welcher nur eine Bar⸗ barei an ſich hatte, naͤmlich, daß er ſteif und feſt be⸗ hauptete, dieſe europaͤiſche Civiliſation ſei der tuͤrki⸗ ſchen ſogenannten Barbarei gegenuͤber ein gottloſes Heidenthum! Zwar war er uͤber den politiſchen Zu⸗ ſtand ſeines Vaterlandes ſo wenig im Irrthum, daß er frei heraus ſagte, das türkiſche Reich werde ſich kaum noch funfzig Jahre behaupten koͤnnen, doch be⸗ hauptete er eben ſo kuͤhn, daß dafuͤr die menſchliche Geſellſchaft im Orient in ſittlicher Hinſicht und ſelbſt was wahre Weisheit und natürliche Intelligenz betreffe, ſo hoch uͤber der europäiſchen Geſellſchaft ſtehe, daß man unter einem blind gewählten Haufen von tauſend Tuͤrken leicht mehr tugendhafte und weiſe Men⸗ ſchen finden koͤnne, als unter tauſend Europäern. Was kann man auch Anderes von einem Tuͤrken erwarten! Aber bei dieſer Anmaßung blieb er nicht ſtehen. Er vermaß ſich unter Vertrauten nicht nur alle europaiſchen ſocialen Einrichtungen geradezu für eben ſo viele In⸗ ſtitute des Unſinns und des Laſters zu erklären, er behauptete ſogar, die europaiſche Freiheit beſtehe blos in der Freiheit, alle erdenklichen Suͤnden zu begehen, waͤhrend die eigentliche ſittliche Freiheit nirgends ſo ſchmaͤhlich beſchraͤnkt ſei, wie in Europa. Alle unſere politiſchen und religioſen Begriffe, unſere Philoſophie, ſelbſt mit Einſchluß der Hegel ſchen, die dieſer Barbar recht wohl kannte, ſeien eben ſo viele Zeugniſſe unſerer unwuͤr⸗ digen Knechtſchaft unter der Despotie— hoͤren Sie, welch' ein Frevel!— unter der Despotie der abge⸗ ſchmackteſten Gewohnheiten, Einrichtungen und Vor⸗ urtheile. Es waͤre in der That eine hoͤchſt laͤcher⸗ liche Freiheit, ſagte er, wenn wir von unſerer Freiheit ſpraͤchen, wobei Millionen unter den haͤrteſten Entbeh⸗ rungen und Arbeiten verſchmachten, oder von unſerer Aufklärung, oder von den großen Werken der Civiliſa⸗ tion! Warum— wenn der Zuſtand unſerer Geſittung ein wahrhaft guter ſei, warum waͤren wir ſo vielem Wechſel unterworfen? Warum, wenn unſere politi⸗ ſchen Einrichtungen ſo vollkommen waͤren, haͤtten wir eine ſolche Mannigfaltigkeit derſelben aufzuweiſen? Doch es gilt hier nicht die Anſichten des Bar⸗ baren auseinanderzuſetzen. Genug, er war durch ſeinen Geiſt, ſeine eigenthuͤmliche Denkungsart eben ſo wie durch ſeine edle Geſtalt und ſeine abenteuerlichen und romantiſchen Schickſale ein Gegenſtand des lebhafteſten Intereſſes der Wiener vornehmen Damen. — 106— Seinerſeits fand Haſſan Abdyl, wie die meiſten Tuͤrken, keinen Geſchmack an der europaiſchen Geſel⸗ ligkeit. Der Umgang mit Männern, welchen er pflog, beſchraͤnkte ſich einzig und allein auf die Geſchäfte ſei⸗ nes Amtes. Außer demſelben ſuchte er mit tuͤrkiſcher Vorliebe nur den Umgang mit dem weiblichen Ge⸗ ſchlecht. Er war kein Mann der Whiſtparthien und langweiligen Maͤnnerclubs. Er fuͤhlte kein Beduͤrfniß, ſeine Ideen unter Maͤnnern umzutauſchen, er fand es hoͤchſt abgeſchmackt, wenn ſich Maͤnner, ohne Ge⸗ ſchaͤfte mit einander zu haben, unter ſich bei der Wein⸗ flaſche und beim Spiele unterhielten. Er war der Meinung, die Stunden der Erholung und des Ver⸗ gnuͤgens muͤſſe man dem ſchoͤnen Geſchlechte widmen, und verachtete die Gewohnheit der Europaͤer, welche in den Erholungsſtunden ihre Frauen verlaſſen, um in einer ſtinkenden Tabagie halbe Tage und Naͤchte zuzubringen. Er ſuchte daher gleich in den erſten Wo⸗ chen ſeines Aufenthaltes in Wien einen Geſellſchafts⸗ cirkel, wo er ſich ausſchließend mit Damen unterhalten koͤnne. Das Gluck war ihm guͤnſtig, und es gelang ihm durch diplomatiſche Freunde, bei einer jungen und ſchoͤnen Dame Zutritt zu erhalten, welche an gewiſſen Tagen ein Kraͤnzchen von jungen Damen um ſich ver⸗ ſammelte. Die Baroneſſe Lahire und ihre Freun⸗ dinnen fanden es ſehr liebenswuͤrdig und intereſſant, daß ein Tuͤrke von hohem Range ihre Unterhaltung ſuche, blos um zu plaudern, ohne daß man noͤthig — 107— hatte, ſeinethalben Bälle und Concerte, Soireen und Haustheater zu arrangiren,— die Sache war ſehr neu, daß ein Mann das geſellige Geſpraͤch mit Frauen liebte, welches in der Regel keinen civiliſirten Mann ſonder⸗ lich zu intereſſiren pflegt. Die Baroneſſe Lahire war eine ſchoͤne junge Frau von achtundzwanzig Jahren mit blauen Augen, eine ſchmachtende Blondine vom feinſten Teint, doch weit mehr ausgezeichnet durch ihren Geiſt als durch ihre Reize, welchen es ein wenig an Ueppigkeit und jener ſinnlichen Electricität fehlte, welche die Sinne berauſcht und dauernd beherrſcht. Ihr Gatte, der Baron Lahire, welcher bei der ſardiniſchen Geſandtſchaft angeſtellt war, hatte ſie verlaſſen und war von ihr verlaſſen worden — ſie blieb in Wien, er wurde nach Paris geſchickt. Madame Lahire war daher eine Angehoͤrige jener Le⸗ gionen von Frauen, welche eine eigenthuͤmliche Erſchei⸗ nung dieſes Zeitalters ſind, und welche man die weib⸗ lichen Mißvergnuͤgten des Jahrhunderts nennen kann. Und in der That haben die meiſten dieſer Un⸗ gluͤcklichen volle Urſache es zu ſein. Meiſt durch eine falſche und verzaͤrtelnde Erziehung irre geleitet in ihrer Vernunft wie in ihrem Herzen, ſind ſie in das rauhe Leben eingetreten, ohne auf deſſen Stuͤrme und die rauhe Witterung des Zeitalters gefaßt zu ſein— ihre Herzen haben daher bei dem erſten Windſtoß, der ihr gebrechliches Lebensfahrzeug anfiel, Schiffbruch gelitten. Sie haben mit der Welt ihre Rechnung abgeſchloſſen, — 108— ſie verabſcheuen das ganze maͤnnliche Geſchlecht und ſperren ſich ab von demſelben, indem ſie ſich gegen alle Angriffe und Anfechtungen verſchanzen und ver⸗ palliſadiren. Wenn man ihnen eine Schmeichelei ſagt, antworten ſie mit einer Malice, wenn man ihnen die Hand kuͤßt, wiſchen ſie ſich heimlich mit dem Taſchen⸗ tuche ab, wenn man ihnen von Liebe ſpricht, gerathen ſie in Wuth, und wenn man ihnen Liebe erklaͤrt, ſo lachen ſie uns in's Geſicht. Eine ſolche Frau war die Frau von Lahire, nur war ihr Weſen ſanftmuͤthiger als dasjenige ihrer Ungluͤcksgenoſſen, und obgleich ſie die Maͤnner aus Grund des Herzens verachtete, ſo hatte ſie doch noch ein Intereſſe an dem maͤnnlichen Geiſte und liebte daher die Unterhaltung der Maͤnner, wenn ſie wirklich eine geiſtreiche war. Madame Lahire hatte einen kleinen Cirkel mal⸗ contenter Frauen um ſich verſammelt— welche wir der Reihe nach kennen lernen wollen. Da war die Frau von Demetrius, eine Griechin, welche ihr Schickſal, getrennt von ihrem Gemahle zu leben, theilte, da dieſer fortwaͤhrend in Handelsgeſchaͤften abweſend war und ſich in der Levante herumtrieb, indeß ſeine reizende Frau in Wien ein ziemlich freies Leben führte. Sie war eine geborne Juͤdin und von der Natur ſehr verſchwenderiſch ausgeſtattet: ſie hatte das ſchoͤnſte Pro⸗ ſil, große leuchtende Augen, die weichſte, weißeſte Hand und den uͤppigſten Korperbau unter allen Mißvergnuͤg⸗ ten. Man ſchaͤtzte ihr Alter auf fuͤnfundzwanzig Jahre, 400— obgleich ſie nur zwanzig anerkennen wollte. Eleonore, Freifrau von Montepiacini, war eine luſtige Witwe von dreißig. Jahren— ſie war nicht beſonders ſchoͤn, aber friſch, geſund, appetitlich, ſie hatte Lippen von dem lebhafteſten Roth, ausgezeichnet ſchoͤne Zaͤhne und ihr Lachen wie ihr Lächeln war bezaubernd. Ihr auf⸗ gewecktes, munteres, ſchelmiſches Weſen verſammelte immer eine Anzahl von Courmachern um ſie, welche ſie ihren naͤrriſchen Hoſſtaat nannte, und welche ſie wirklich wie Narren behandelte. In ihrer Geſellſchaft befand ſich Fräulein Narziſſa von der Loͤhe, eine Hollaͤnderin, ihre Couſine, ein blutjunges kaltes We⸗ ſen, welches noch Nichts von Liebe zu wiſſen ſchien, in der That aber ſchon eine Erfahrung der betruͤbteſten Art gemacht hatte. Ein junger Lieutenant hatte ihr die Ehe verſprochen und ſie ſitzen gelaſſen, da ſie nicht ſo viel Vermoͤgen hatte, um die Caution zu erlegen. Endlich gab es hier zwei allerliebſte kleine polniſche Comteſſen aus einer armen Familie, Zwillingsſchwe⸗ ſtern, welche nur von der Guͤte ihrer Verwandten leb⸗ ten, da ſie Waiſen waren, Beide naͤrriſch, leichtfertig in ihrem Benehmen, immer munter und fidel und da⸗ bei ſehr huͤbſch, bruͤnett, aͤußerſt geſchwaͤtzig und von der ganzen Geſellſchaft ſehr geliebt, wegen ihrer Be⸗ ſcheidenheit und Dienſtfertigkeit. Henriette, die Schwe⸗ ſter der Baroneſſe Lahire, ein Mädchen von zwanzig Jahren, welches nicht heirathen durfte, weil ihre Schwe⸗ ſter ungluͤcklich in der Ehe war, ein reizendes Geſchoͤpf, — 110— dem es aber an Geiſt gebrach— machte die Zahl Sieben voll, welche der boͤſen Welt Anlaß gab, die⸗ Jen Frauenzirkel„die boͤſen Sieben“ zu nennen — vielleicht, weil dieſe Maͤnnerfeindinnen eben nicht zu ſchonend mit ihr umgingen und alle liederlichen Frauen und nichtsnutzigen Maͤnner derb durch ihre Hechel zogen. Haſſan Abdyl fand dieſe Geſellſchaft allerliebſt; er fand in ihr faſt alle koͤrperlichen und geiſtigen Vollkom⸗ menheiten des weiblichen Geſchlechts reizend repraͤſentirt — die ſchoͤnſten Augen durch Frau von Demetrius, die ſchoͤnſten Zaͤhne durch Frau von Montepiacini, den weißeſten Teint durch Fräulein von der Loͤhe, die niedlichſten Fuße durch die eine, die ſchoͤnſten Haare durch die andere polniſche Comteſſe, endlich das ſchoönſte Ebenmaß der Glieder durch das Fräulein Henriette. Nicht minder mannigfaltig war der Charakter dieſer Damen: Frau von Lahire— die geiſtreiche, ſchwermuͤ⸗ thige Sinnpflanze, ihre Schweſter— das anſpruchsloſe, ſchoͤne Kind, Frau von Demetrius— das leidenſchaftliche, ſinnliche Weib, Frau von Montepiacini— die muthwil⸗ lige Schelmin, Fraulein von der Loͤhe— die Sproͤde, die beiden Polinnen— die gutmuͤthigen, launenhaften Kinder,— ſie Alle bildeten ein Enſemble, welches nicht intereſſanter gedacht werden kann. Haſſan Abdyl fuͤhlte ſich bald unter dieſen Damrn ſehr heimiſch, und die Damen ihrerſeits, obwohl ſie alle Maͤnner verabſcheuten, fanden es doch allerliebſt und hoͤchſt intereſſant, ſich von dieſem Tuͤrken uͤber die Sitten ſeines Vaterlandes unterhalten zu laſſen. Alle hofften durch ihn die Geheimniſſe des Haremlebens zu erfahren, und was ſie beſonders intereſſirte, die Ge⸗ fuhle und Denkungsart eines Mannes gegen das weib⸗ liche Geſchlecht zu ergruͤnden, welcher die Frauen als Sclavinnen zu betrachten gewohnt war. Hat dieſer Paſcha ein Harem? Wie viele Frauen beſitzt er? Welche liebt er am meiſten? Wo iſt ſein Harem? Hat er ſchon einige ſeiner Frauen erdroſſeln laſſen? Behandelt er ſie gut? Alle dieſe Fragen waren ſo wichtig! Man war ſehr geſpannt auf deren Loͤſung und ſuchte daher den guten Muſelmann ſo ſchnell als moͤglich vertraut zu machen, um ihm ſeine Geheim⸗ niſſe zu entlocken. Er war erſt zum dritten Male in dem Cirkel, als man ihm ſchon folgende verfaͤngliche Fragen vorlegte: Mein Himmel, iſt es denn wahr, daß die Tuͤr⸗ ken ſo viele Frauen haben, als ihnen gefaͤllig iſt? Sind Sie denn auch ein ſolcher Barbar, der ſeine Weiber peitſchen und erdroſſeln laͤßt? Begreifen Sie denn nicht, daß es ſchaͤndlich iſt, ſeine Frau einzuſperren? Werden Sie uns nicht Ihre Lebensgeſchichte er⸗ zaͤhlen? Werden Sie uns nicht ſagen, wo Sie Ihre Frauen gekauft haben? Wie viel Piaſter haben Sie dafuͤr bezahlt? 3½ — Wie heißen Ihre Frauen? wie alt ſind ſie? aus welchem Lande ſtammen ſie? Haben Sie auch Chriſtinnen in Ihrem Harem? Haſſan Abdyl verſprach auf alle dieſe Fragen zu antworten durch ſeine Lebensgeſchichte. Er ſprach ſo zart, ſo ehrerbietig, ſo delicat mit den Damen, er legte in ſeine Aeußerungen und Erzaͤhlungen einen ſo ſchwermuͤthigen edlen Accent, daß alle ſieben Damen einhellig der Meinung waren, er ſei eine Ausnahme von allen Tuͤrken, dieſer Mann ſei nicht im Stande, mehr als eine Frau zu lieben, ſie zu ſchlagen, zu er⸗ droſſeln, zu kaufen und verkaufen. Die Baronin war bei allen dieſen Bemerkungen ſehr ſtill, ſie ſchien das geringſte Intereſſe an dem Tuͤrken zu nehmen, aber in der That intereſſirte er ſie wegen ſeines Geiſtes am allermeiſten. NMan war bei dieſer allgemein guͤnſtigen Meinung von dem Tuͤrken ſehr erſtaunt, aus ſeinem Munde Folgendes zu vernehmen: „Meine Damen! In dieſer Welt iſt Nichts ſo, wie es ſcheint— am wenigſten in unſerem Zeitalter. Sie betrachten die Vielweiberei des Orients als den Gipfel von Barbarei, Sie betrachten das Verhaͤltniß zwi⸗ ſchen beiden Geſchlechtern als unnatuͤrlich und unwuͤrdig, ich aber hoffe Ihnen zu beweiſen, daß dies in Europa mehr der Fall iſt, als im Orient, und hoffe Sie mit einer Einrichtung, gegen welche Sie ſo erboſt ſind, vollkommen auszuſohnen. Ja ich gehe noch weiter— ich bi te 3 bin vollkommen uͤberzeugt, daß Sieſelbſt wuͤnſchen wuͤrden, Frauen eines Tuͤrken zu ſein—“ „Quel horreur!“ ſchrieen die Damen, ihn un⸗ terbrechend.„Wir? Tuͤrkinnen, Sclavinnen eines Mannes, der mehrere Weiber hat?— niemals!— wir wuͤrden einem ſolchen Sultan die Augen aus⸗ kratzen! Fi done Monsieur le Turc— niemals kann eine Europaͤerin einen Mann lieben, der mehrere Wei⸗ ber hat,— c'est abominable— der tuͤrkiſche Kaiſer ſollte ſich ſchaͤmen,— es iſt gegen alle Schicklichkeit, nur davon bei uns zu ſprechen— wiſſen Sie das?“ „Wie aber, meine Damen, kann ich Ihre Neu⸗ gierde befriedigen, ohne davon zu ſprechen? Hoͤren Sie meine Geſchichte an, und ich hoffe Ihnen zu be⸗ weiſen, daß Das, was Sie fuͤr unmoͤglich halten, es nicht iſt!“ „Das iſt wahr,“ ſagte die Frau von Montepia⸗ cini,„wir muͤſſen Sie hoͤren,— die jungen Maͤd⸗ chen da ſollen aber in ein Nebenzimmer gehen, damit ſie nicht zu erroͤthen haben.“ „Ach, was faͤllt Ihnen ein,“ proteſtirten die Maͤd⸗ chen,„wir hoͤren nicht, was der Herr Geſandte ſpricht — wir ſetzen uns hier an unſern Stickrahmen— uns intereſſirt das ganz und gar nicht. Wir wollen einſtweilen Kupferſtiche beſehen.“ In der That aber waren ſie halb krank vor Neu⸗ gierde. „Sie behaupten, meine Damen,“ fuhr Haſſan Wien. 2. Bd. 8 —— — ———— —— —— — 114— Abdyl fort,„daß Sie keinen Mann lieben koͤnnten, der mehrere Frauen hat, aber warum lieben Sie dann Ihre Europaͤer?“ „Nun, Excellenz werden doch wohl nicht be⸗ haupten wollen, daß unſere Europaͤer auch mehrere Frauen haben?“ „Nichts Geringeres will ich behaupten— nur mit dem Unterſchiede, daß gewiſſe Frauen nicht Einem, ſondern Allen angehoͤren.“ „Aber, Monsieur je Turc,“ eiferten die Damen, „wiſſen Sie, daß ſich das ſchon wieder nicht ſchickt, von gewiſſen Frauen zu ſprechen, welche man bei uns keine Frauen nennt?— es iſt etwas Anderes, Mon- sieur le Turc!“ „Ja, es iſt etwas Anderes, es iſt etwas viel Schlimmeres als die Vielweiberei. Es ſcheint, daß es in Europa ſich nur nicht ſchickt davon zu ſprechen, aber in der That habe ich in ganz Aſien keine Maͤnner gefunden, welche ſo viele Frauen haͤtten wie die Europaͤer— ſelbſt Diejenigen nicht ausgenommen, welche die Geſetze machen, und dieſe haben in der Re⸗ gel die meiſten Frauen,— es iſt nur der einzige Un⸗ terſchied, daß das Geſetz ſie nicht als Frauen aner⸗ kennt und ſchutzlos dem Verderben preisgiebt, waͤh⸗ rend im Orient das Geſetz die Frauen ſchuͤtzt; daß man ſie hier auf der Straße ſich ihr Brot ſuchen läßt, wie in Conſtantinopel die Hunde, waͤhrend bei uns jeder Mann ſeine Frauen erhalten muß.“ 5 „Allein das ſind ja nur Ausnahmen von der Regel— das ſind ja nur ausſchweifende Maͤnner, welche mit ſolchen Frauen ſich abgeben—“ gegen⸗ eiferten die Damen. „Ausnahmen? Mit Nichten, meine Damen. Ich habe, wie Sie wiſſen, mit der guten Geſellſchaft Um⸗ gang— ich kenne viele Maͤnner— wohlan, ich kenne keinen einzigen, der nicht mehrere Frauen haͤtte, zu⸗ weilen ohne verheirathet zu ſein. Der Eine hat zwei bis drei— die Meiſten aber haben mehr Frauen, als der Prophet und alle ſeine Nachkommen jemals gehabt haben, denn ſie haben jeden Tag eine Andere, was leicht in einem Menſchenleben die Zahl von 10,000 erreichen kann.“ „Wirklich? Was Sie ſagen!“ riefen die Damen erſtaunt,„iſt es moͤglich, alle Ihre Bekannten ſollten ein ſolches Leben fuͤhren! aber ich bitte, der Graf A. doch nicht? ſollte Baron B. auch ſo ſein? nein, we⸗ nigſtens den Fuͤrſten C. muͤſſen Sie ausnehmen, oder doch den Prinzen D.,— erzaͤhlen Sie, erzaͤhlen Sie, was wiſſen Sie von dieſen Herren?“ „Meine Damen,“ ſagte Haſſan Abdyl,„aus Ihrem Erſtaunen ſehe ich, in welcher Unwiſſenheit das maͤnnliche Geſchlecht die Frauen laͤßt— ich ſage Ihnen alſo, ich weiß keine Ausnahme— entweder ſie haben oder hatten Alle mehrere Weiber, je nachdem es ihre Vermoͤgensumſtaͤnde und Kraͤfte erlaubten, Dieſe in der Jugend, Jene im Alter, und als ich 8* — 116— hierher kam, war es der erſte Dienſt, welchen mir meine Bekannten erwieſen, daß ſie mir einige Hundert Adreſſen ſolcher Frauen gaben, welche ſich die Maͤnner hier gemeinſchaftlich halten. In der Tuͤrkei thut dies Niemand, ich frage Sie daher, meine Damen, wo iſt das Weib mehr verachtet, wo iſt es in einer ſchaͤnd⸗ licheren, unwuͤrdigeren Knechtſchaft— da, wo die Maͤnner ſie huͤten und verbergen als ihre koſtbarſten Kleinodien, oder da, wo man ſie ſo preisgiebt, wo man ſie ſich zuwirft, abtritt und uͤberdies einer rohen Gerichtsbarkeit zu Mißhandlungen ausſetzt, welche durch Nichts gerechtfertigt werden? Man macht Opfer und ſtraft dieſe Opfer noch dafuͤr, daß ſie ſich opfern ließen. Das geſchieht in der Tuͤrkei nicht, meine Damen.“ „Aber um's Himmelswillen,“ ſchrieen die em⸗ poͤrten Zuhoͤrerinnen,„ſo ſprechen Sie doch nicht im⸗ mer von jenen verworfenen Dirnen als von unſeren Frauen. Werden Sie denn niemals unſere Sitten verſtehen lernen?“ „Ich verſtehe ſie nur zu gut,“ ſagte Haſſan Ab⸗ dyl,„und zum Beweiſe deſſen ſage ich Ihnen, daß ich kein geborener Tuͤrke bin.“ „Alſo ein Renegat?“ „Ja, ein Renegat, und wenn Sie meine Lebens⸗ geſchichte hoͤren wollen, ſo hoffe ich Sie zu uͤberzeugen, daß ich Recht habe.“ — ———„ — n, „Ach, erzaͤhlen Sie uns doch Ihre Lebensge⸗ ſchichte, ſie muß ſehr intereſſant ſein.“ „Sie iſt ſehr traurig, meine Damen,“ ſagte der Tuͤrke, ſchwermuͤthig den Kopf ſenkend,„ich wuͤnſchte Sie nicht zu betruͤben, denn wiſſen Sie, meine Schoͤ⸗ nen, daß es in der Tuͤrkei auch Sitte iſt, die Frauen niemals zu betruͤben und immer fuͤr ihre Erheiterung und ihr Vergnuͤgen Sorge zu tragen.“ „Wir Europaͤerinnen,“ ſagte Madame Lahire, mit einem ſchmerzlich bitteren Accent,„wir ſind nicht ſo verzaͤrtelt. Unſere Maͤnner machen uns zu Theilneh⸗ merinnen aller ihrer Muͤhen und Sorgen, und wir wuͤrden uns dies gern gefallen laſſen, wenn ſie dafuͤr auch alle ihre Freuden mit uns theilten. Erzaͤhlen Sie immerhin und ſein Sie uͤberzeugt, daß wir Ihnen die theilnehmendſte Aufmerkſamkeit ſchenken werden.“ „Wohlan, ſo ſei es!“ Haſſan Abdyl begann hierauf in folgender Weiſe ſeine Geſchichte: „Im Jahre 1148 der Hegyra, im Monat Dſche⸗ maſuilewwel, in einer Schreckensnacht, als der Herr der vierten Sphaͤre, der Mond, als die Leuchte der Himmel uͤber die Bewohner des Erdballs ſeinen Glanz verbreitete, und der Augenmann in dem Men⸗ ſchenauge verborgen ruhte, als der Mond ſich eben von der Hoͤhe des Himmels zum Untergange geneigt — 118— hatte, und das Auge der Sterne die Begebenheiten der Welt wachend erwartete, that der Schoͤpfer, der die Hochgebirge als die Pfaͤhle der Erde aufgepflanzt hat, ſeine Groͤße und Macht durch ein großes Ereigniß kund, von dem die Welt erzitterte, und die Elemente ſich verwirrten. Die mit dieſem Unheil ſchwangere Nacht gebar unter Kreißen wunderbare Zufaͤlle aus dem Schooße des Nichts; Zeit und Raum, und Ort und Stunde zitterten, die Theile der Erde ſchauderten, und die Gebaͤude Conſtantinopels wankten; ſelbſt das alte Weib, die Welt, fuhr uͤber dieſe Begebenheiten erſchrocken zuſammen.“ „Alſo erzaͤhlt ein tuͤrkiſcher Chroniſt von dem Tage meiner Geburt. Es war Freitag. Die Einwohner von Conſtantinopel harrten in Beſtuͤrzung der Dinge, die da kommen wuͤrden; denn die großen Aſtrologen des Sultans hatten auf dieſen Tag ein großes Un⸗ gluͤck fuͤr Stambul und die Pforte geweiſſagt. Der zMufti hielt großen Rath mit den Ulemas, in den ge⸗ oͤffneten Moſcheen wurden oͤffentliche Gebete gehalten, und ſelbſt die chriſtlichen Einwohner der Vorſtadt Pera befleißigten ſich der Andacht, denn es war Freitag, nach hergebrachter Meinung der ganzen Chri⸗ ſtenheit ein Ungluͤckstag fuͤt die Bekenner des wahren Glaubens. „In großer Bangigkeit wurde der ganze Tag ver⸗ lebt, ohne daß ſich etwas Größeres begeben wollte, als der Selbſtmord eines Sclaven, der ſich vor de Thuͤre — 119— ſeines Gebieters auf eine ſehr ſinnreiche Weiſe erhing, indem er die Peitſche ſeines Peinigers zum Stricke benutzte. Schon gab man ſich der ſchmeichelhaften Hoff⸗ nung hin, daß die weiſen Sternſeher diesmal die Hieroglyphen des Himmels mißdeutet haͤtten, und die unwiſſenden Tuͤrken uͤberließen ſich um ſo unbedenkli⸗ cher den Wirkungen des Opiums, da ſie den Freitag als den Tag der Flucht des Propheten, als einen frohen Feſttag, aber nicht fuͤr einen Tag des Ungluͤcks betrachteten. „Anders war es in der Vorſtadt Pera, die meiſt von Chriſten bewohnt wird, die, genueſiſch⸗griechiſcher Abkunft, kein anderes Vaterland haben als die Vor⸗ ſtadt Pera, und keine anderen Aſtrologen als ihre ſchickſalskundigen Frauen. Dieſe waren in großer Angſt und Noth und erfullten die hoͤlzernen Huͤtten der edlen Peroten mit Wehklagen, lauten Gebeten und Be⸗ ſchwoͤrungen. Das meiſte Gerauſch machten die Sibillen in einer elenden, rauchgeſchwaͤrzten Huͤtte des ſchmutzig⸗ ſten Winkels der Vorſtadt, wo die Frau eines duͤrftigen Peroten, der ſich und die Seinigen kuͤmmerlich durch die verſchiedenen Dienſtleiſtungen ernaͤhrte, welche er den Geſandtſchaften verſchiedener Höfe erwies, in ſchrecklichen Geburtsnoͤthen lag. Ungluͤckliche Vorbe⸗ deutungen waren in dieſer Wohnung dem erwarteten Ereigniß vorausgegangen. Die Mutter hatte ſich un⸗ zählige Male an verſchiedentlichen Ungethuͤmen verſe⸗ hen, wal bald bei dem Anblick eines Kameels, bald ———— — — —2 — 120— uͤber den eines Baͤren erſchrocken, hatte in unfriedſamer Ehe waͤhrend der Schwangerſchaft koͤrperliche Miß⸗ handlungen erlitten, und in den Anwandlungen des Verdruſſes die eigene Frucht ihres Leibes und der zwei⸗ deutigen Liebe ihres Gemahls freventlich verwuͤnſcht. Zum Ueberfluß war ſie auch mit dem linken Beine in's Wochenbeit geſtiegen und hatte verſchiedene aber⸗ glaubiſche Gewohnheiten zu beobachten vergeſſen, welche dazu haͤtten dienen ſollen, ihr eine gluͤckliche Nieder⸗ kunft und dem Kinde Schoͤnheit und Segen zu ſichern. Alle dieſe Umſtaͤnde waren unter den Sibillen des Stadtviertels ſchnell ruchbar geworden, denn die krei⸗ ßende Frau gehoͤrte, obgleich noch nicht ſehr im Alter vorgeruͤckt, zu dieſer ehrenvollen Zunſt, worauf Pera ſtolz iſt. Es hatte ſich deshalb ſchnell die Bluͤthe dieſer Frauen um die Woͤchnerin verſammelt, um mit eigenen Augen das Kind des Unheils zu ſchauen und ihrer bedraͤngten Schweſter mit allen Kuͤnſten des Zauberbannes beizuſtehen. Dieſe Ungluͤckshuͤtte war der Sitz meiner Väter, von welchen ich keinen groͤßeren Ruhm zu melden habe, als daß mein Großvater, von dem man nicht wußte woher er kam, nachdem er einen ſchmutzigen Knaben vor die Thuͤre eines Popen gelegt hatte, im Bosporus einen freiwilligen Tod gefunden. Alle Nachforſchungen uͤber ſeine Herkunft blieben frucht⸗ los, und ſo wurde mein Vater blos mit dem Namen Demetrius belegt: Urſache genug, um ihn zu dem Wahn zu verleiten, daß er in rechter Linie von dem beruͤhmten Kaiſerhauſe der Palaͤologen, deſſen Aus⸗ ſterben er ſchlechterdings leugnete, abſtamme, und daher zu etwas Hoͤherem beſtimmt ſei. Allein dieſe große Beſtimmung wollte nicht in Erfuͤllung gehen, und ſein Gluͤcksſchwung erreichte niemals eine rechte Hoͤhe, weshalb er ſich, nachdem er wenig Erziehung genoſſen und noch weniger gelernt hatte, mit dem beſcheidenen Looſe eines Cicerone der Fremden, und mit einer Frau begnuͤgen mußte, welche als die Tochter eines armen Popen kein anderes Erbtheil von ihren Eltern erhalten hatte, als einen Schatz ſtupider Vorurtheile und die Kunſt aus der Hand zu wahrſagen, nicht minder den Zauber boͤſer Geiſter und boshafter Anwuͤnſchungen zu bannen. Dieſe koſtbare Mitgabe und jene hohe Ab⸗ ſtammung meines Vaters verhinderten jedoch nicht, daß meine Eltern ſtets mit dem aͤußerſten Mangel zu kaͤmpfen hatten. An dem verhaͤngnißvollen Abend meiner Geburt war die Noth in unſerem Hausweſen ſo hoch geſtiegen, daß es am Unentbehrlichſten fehlte, wogegen wir jedoch einen großen Reichthum an Theil⸗ nahme beſaßen, denn es war wenigſtens ein Dutzend alter Frauen um das Lager meiner Mutter verſammelt, welche das Haus mit ihren Klagen und unheilverkuͤn⸗ dendem Geſchrei erfuͤllten. Mein Vater ſtand in tiefes Hinbruͤten verſunken am Kamine und blies große Rauch⸗ wolken von dem uͤbelſten Geruch aus einer langen Tabakspfeife von ſich, meine Mutter hingegen erman⸗ gelte nicht, ſo oft es die Schmerzen, die ich ihr ver⸗ — 122— urſachte, erlaubten, die leidenſchaftlichſten Schmaͤhun⸗ gen gegen ihn, als den Urheber ihrer Leiden, auszu⸗ ſtoßen, obgleich ſie ſonſt eine ſehr gleichmuͤthige Frau war. Die vornehmſte Urſache dieſer Gemuͤthsſtimmung war der Mangel an allen Vorraͤthen zur Bewirthung ihrer zahlreichen Gaͤſte, und der nicht minder empfind⸗ liche an den noͤthigen Linnen fuͤr das Schmerzenskind, ſo ſie gebaͤhren ſollte. Die Kaͤlte war uͤberdem bei ſehr vorgeruͤckter Jahreszeit ſo groß, daß der ſpaͤrliche Holzvorrath kaum hinreichte zum Anzuͤnden der Ta⸗ bakspfeife meines hochgebornen Vaters. Mit einem Worte, man koͤnnte mit Recht ſagen, was mein Vater im ſtillen Ingrimme ſich zufluͤſterte: es war wohl nie⸗ mals ein hochſtrebender Geiſt und der Abkoͤmmling eines beruͤhmten Kaiſerhauſes unter ſo großen Cala⸗ mitaͤten zur Welt gebracht worden! Bei aller Nieder⸗ geſchlagenheit, welche dieſe Betrachtung meinem Vater verurſachte, ward er jedoch nicht wenig durch die Hoff⸗ nung getroͤſtet, die Fortdauer ſeiner erhabenen Dynaſtie dukth einen Sohn geſichert zu ſehen, ein Troſt, der ſeine Lage um Vieles ertraͤglicher machte, als die meiner Mutter, welche ſo ſtolzen Gedanken Raum zu geben nicht faͤhig war.— Endlich nahte der Augen⸗ blick meiner Geburt. Es war eben in tiefer Nacht die Stunde eingetreten, welche die erwaͤhnten Sibillen fuͤr die ungluͤcklichſte des ſeinem Ende nahenden Frei⸗ tags erklaͤrten, als ein ſeltſam unheimliches Gequike, das mit keinem menſchlichen oder thieriſchen Laute — 123— (wie die Sibillen verſicherten, mit Ausnahme der Stimme eines Meerſchweins) zu vergleichen war, der ſchaudern⸗ den und ſich bekreuzenden Geſellſchaft meine Geburt ankuͤndigte. Meine Mutter ſtieß einen Schrei aus und fiel in Ohnmacht, mein Vater ließ ſeine Tabaks⸗ pfeife fallen und faltete in großer Bewegung ſeine Haͤnde, und die Sibillen fielen uͤber mich her, um mich an's Licht der Welt, das in einer elenden Lampe beſtand, hervorzuziehen, und die uͤblichen Nachforſchun— gen uͤber Geſtalt, Geſchlecht, Haarwuchs des Kindes anzuſtellen. Mein Vater trat mit pochendem Herzen hinzu und vergaß uͤber den Stammhalter ſeines er⸗ lauchten Geſchlechtes ſowohl die niedriggeborene Mutter, als auch die gleichgeliebte Tabakspfeife. Ein Schrei des Entſetzens aber entwand ſich jeder Bruſt, als man ſtatt einer kindlichen Menſchengeſtalt einen hoͤckerigen, theilweiſe behaarten Koͤrper der unfoͤrmlichſten Art er⸗ blickte, deſſen fiſchſchwanzartige Fuͤße ſich mit der Leb⸗ haftigkeit einer Eidechſe ſchauerlich bewegten. Mit Muͤhe entdeckte man an dem Ungethuͤm ein Past pechſchwarz glaͤnzende Augen, welchen der rothe Wider⸗ ſchein der Talglampe den Anſchein gluͤhender Kohlen verlieh. Die Hebamme zitterte am ganzen Leibe, und die Sibillen traten ſcheu zuruͤck, um dem Herzudrän⸗ gen des Vaters Platz zu machen, der ſeinerſeits nach einem Ausrufe des Schmerzes mit lauter Stimme ſeine Vaterrechte aufgab, und trocken erklaͤrte:»Das iſt nicht mein Kind!«— Dieſer Ausruf weckte meine — 124— Mutter, die ſich ſofort anſchickte die Verleumdung ihres Eheherrn in kraͤftigen Worten zu widerlegen. Allein ein Blick auf mich laͤhmte ihre Zunge und verurſachte ihr eine neue Ohnmacht in dem Augenblicke, da ſie viel darum gegeben haͤtte, waͤre es ihr moͤglich ge⸗ weſen, auch ihrerſeits die Unglucksfrucht ihres Leibes zu verleugnen. Und in dem Augenblicke trat ein ſchweres Verhaͤngniß fuͤr mich ein,— ich ward gleich bei der Geburt durch den Aberglauben der chriſtli⸗ chen Bildung der Liebe meiner Eltern verluſtig. Mein Vater,»der Palaͤologe«, haßte mich, weil er feſt glaubte, das Kind ſei die Frucht eines verbotenen Umganges und verbrecheriſchen Geluͤſtes; meine Mutter haßte mich, weil ſie gewiß wußte, daß ich das Kind ihres verach⸗ teten Gemahls ſei.“ „Armes Kind!“ riefen die Damen aus. Die Baronin Lahire trocknete ſich eine Thraͤne,— dieſer traurige Humor des Erzaͤhlers ſprach zu ihrem Herzen. — Haſſan Abdyl warf ihr einen dankbaren Blick zu und fuhr nach einer Pauſe fort zu erzaͤhlen: „Als ſich die Sibillen vom erſten Schrecken er⸗ holt und eine ihrer Schweſtern ausgeſandt hatten, um in ganz Pera die Nachricht von dem erlebten grauen⸗ vollen Ereigniß zu verbreiten, beriethen ſie ſich chriſtlich und menſchenfreundlich daruͤber, ob ſie die thieriſche Mißgeburt taufen laſſen, oder lieber als das Werk des Teufels in den Bosporus werfen ſollten. Zugleich 5 bemuͤhten ſie ſich, mich naturhiſtoriſch zu claſſificiren, und erklaͤrten mich bald fuͤr ein junges Kameel, bald fur eine ungeheure Krote oder einen Baſtard von Schlange und Drache. Die Meinungen hieruͤber waren ſehr ge⸗ theilt, doch ſtimmten ſie alle darin uͤberein, nichts Menſchliches ſei an mir zu finden. Deshalb waren ſie auch ſämmtlich ſehr geneigt, im Meere die Tod⸗ taufe mit mir aus eigener Machtvollkommenheit vor⸗ zunehmen, allein mein Vater, wie ſehr ihm auch ubri⸗ gens das Schickſal des neugeborenen Weltbuͤrgers gleichgiltig war, doch weniger gewiſſenlos, ſetzte es durch, daß man vorher einen Popen zu Rathe ziehe. Man rief zu dem Ende den Athanaſius, einen from⸗ men guten Mann herbei, der ſofort erklaͤrte, man muͤſſe bei aller Ungewißheit der Sache dennoch die Mißge⸗ burt taufen, weil zu erwarten ſei, daß die heilige Handlung den Antheil, welchen die Hoͤlle an mir habe, unverzuͤglich herausſtellen muͤſſe. Gemaͤß dieſem Ausſpruche wurde auch ſogleich ein Waſchkeſſel herbei⸗ geſchafft, um darin die Taufe nach dem Gebrauche unſeres Volkes durch Untertauchen vorzunehmen. Man ſchickte ſich auch eilig an, die Ceremonie vorzubereiten, denn man war ſehr geſpannt auf das verheißene Wun⸗ der, und ſchon zappelte ich aus Leibeskraͤften unter den Segensſpruͤchen des Popen in dem kalten Element, als ſich das erſte Ungluͤck meines Weltlebens begab, womit ſich beinahe daſſelbe geeendet hätte. Der fromme Athanaſius tauchte mich eben, wie Thetis den Achilles in den Letheſtrom, ſo in die Tiefen des Waſ⸗ ſerkeſſels, indem er mich an einer der beſchriebenen Ertremitaͤten feſthielt, als plotzlich zum Entſetzen Aller die Erde bei unterirdiſchem Gebruͤll, das die Sibillen fuͤr Stimmen der Hoͤlle erklaͤrten, gewaltig zu beben begann, ſo daß es ſchien, als haͤtten ſich die Pforten der Unterwelt geoͤffnet, um ihre daͤmoniſche Ausgeburt zuruͤckzurufen. Gleichzeitig erſcholl auf den Straßen der Schreckensruf:»Feuer in Pera«, der nach ge⸗ ſchichtlicher Erfahrung faſt immer die Einäſcherung des ganzen Stadtviertels zur Folge hat, und ein rother Schein zitterte durch die Fenſterritzen in das verwuͤſtete Gemach herein. Der Schreck, welcher in dieſem Augenblicke des Popen ſich bemaͤchtigte, verwirrte ſeine Sinne ſo, daß er die Ferſe meines linken Beines fah⸗ ren ließ, und das Verſinken meines Koͤrpers nicht eher bemerkte, als bis ich auf dem Grunde des Waſſer⸗ keſſels beinahe verſchieden war. Allein er hatte ſich kaum gefaßt, als er unbedenklich und ohne Scheu mich aus den Tiefen der ſprudelnden Charibdis herausfiſchte, ohne ſelbſt die weiten Aermel ſeines Prieſtergewandes vorher aufzuſchuͤrzen,— eine großmuͤthige Entſchloſſen⸗ heit, der ich allein mein Leben verdanke. Er allein hatte in der Verwirrung dieſes Augenblickes an das Leben einer ungluͤcklichen Mißgeburt gedacht, waͤhrend die Sibillen ſchreiend das Haus des Ungluͤcks ver⸗ ließen, die Mutter Gebete murmelte, der Vater den fluͤchtigen Weibern nachfolgte, indem ein Eiſesſchauer uͤber ſeinen Nacken rieſelte, als er die offenbar ver— wuͤnſchte Schwelle ſeines Hauſes uͤberſchritt. Athana⸗ ſius aber zog mich aus dem Waſſer, ließ eine Thräne des Dankes auf ſeinen Bart fallen, daß ihn der Himmel vor einer Sunde bewahrt, und legte das Un⸗ gluͤckskind an die Bruſt ſeiner vor Abſcheu zitternden Mutter, und ſprach ernſt zu ihr:»Weib, ſei Deiner Mutterpflicht eingedenk!« Als Vater Athanaſius mich aus dem Waſchkeſſel zog, machte er in Bezug auf die Erſchuͤtterung der Erde und den Ruf:»Feuer in Pera!« ſehr ſchnell den Schluß, daß das vom Wit⸗ terungsbeobachter vorausgeſehene Ereigniß eingetreten und Pera durch beuteluſtige Diebe in Brand geſteckt worden ſei. Dies bewaͤhrte ſich vollkommen; aus dem Bosporus ſtiegen vulcaniſche Erdgebilde hervor, und die Feuersbrunſt dauerte drei Tage und drei Naͤchte. Waͤhrend dieſer Zeit regte ſich in der Bruſt meiner Eltern ein ſchwaches Naturgefuͤhl, denn nicht nur fanden ſie wegen meiner Geburt die allgemeinſte thätige Naͤchſtenliebe aller Griechen in Conſtantinopel, ſondern ſelbſt das Serail des Sultans intereſſirte ſich ſehr leb⸗ haft fuͤr mich. Der Ruf von meiner ſcheußlichen Ge⸗ ſtalt verbreitete ſich ſehr ſchnell uͤber Stambul und die Umgegend, und da Jene, welche mich geſehen hatten, die fabelhafteſten Dinge von mir ausſtreuten, ſo wuͤnſchte der Großherr ſehnlichſt, perſoͤnlichen Augenſchein von mir zu nehmen. In meinem Vater regte ſich wieder eine Spur von dem angeborenen Stolze der Palaͤologen, als man mich gleich einem Prinzen in ſeidene Kiſſen einwickelte, um mich dem Großherrn zu praͤſentiren. Dioſer empfing mich ſehr gnaͤdig, ſchenkte meiner Mutter einen Beutel mit Piaſtern, und befahl fuͤr den wahr⸗ ſcheinlichen Fall meines baldigen Ablebens mich aus⸗ ſtopfen zu laſſen, zum ewigen Gedaͤchtniſſe an die furchtbare Nacht, welche ſo vieles Unheil uͤber Stam⸗ bul gebracht. Auch die Sultanin Valida brannte vor Begierde mich zu ſehen, und ich war das einzige maͤnnliche Individuum, welches in die Gemäͤcher der reizenden Fuͤrſtin zugelaſſen wurde. Reich beſchenkt kam ich auf den Armen meiner Amme zu meinen El⸗ tern zuruͤck, welche beim Anblick der Piaſter einige Zaͤrtlichkeit fuͤr mich zu empfinden anfingen. Zwar wurde ihre Freude herabgeſtimmt, als das Feuer auch ihr Wohnhaus ergriff, allein da ſie ihre wenigen Hab⸗ ſeligkeiten bald gerettet hatten, ſo troͤſteten ſie ſich hier⸗ uͤber. Sie faßten ſogar den kuͤhnen Entſchluß, mich moͤglichſt zu pflegen, und meine Mutter verſammelte um mich die gefluͤchteten Sibillen, um mit ihrer Hilfe durch Gebete und unausgeſetzte Beſchwoͤrungsformeln den auf mir laſtenden boͤſen Zauber zu loͤſen. Zu dem Behufe kauften ſie fuͤr die empfangenen Geſchenke von dem Boſtandſchi des Serais Weihwaſſer vom Ajasma des Perlenkoͤſchk, das wegen ſeiner wunderthaͤtigen Kraft unter den Griechen beruͤhmt war, und mit vor⸗ zuglichem Erfolg zum Waſchen der Euter verzauberter Kuͤhe, welche keine Milch gaben, angewendet wurde. — — 120— Nachdem wir drei Naͤchte ohne Obdach geweſen, ge⸗ lang es meinem Vater eine Reſidenz fur die letzten Palaͤologen ausfindig zu machen, die wenigſtens ag Pracht der eingeaͤſcherten Nichts nachgab. Hier wurde nun mit vielen Feierlichkeiten eine Wundercur vorge⸗ nommen, welche fuͤr mein zartes Alter wenig Annehm⸗ lichkeit hatte. Nicht nur mußte ich in dem Ajasma faſt bis an den Hals geſenkt beinahe den ganzen Tag gleich einem Fiſche verweilen, ſondern auch außer dem geweihten Waſſer faſt jede Nahrung entbehren, und mein Hungergeſchrei von dem gleich unmelodiſchen Gekreiſch der Sibillen uͤbertaͤuben laſſen. Mein Vater hielt alles Dies fuͤr hoͤchſt vergebliche Unternehmungen, allein ſchon nach drei Tagen wurde die Beharrlichkeit meiner Mutter durch ein Wunder gekroͤnt, das ſich ploͤtzlich mit mir ereignete. Das haͤufige Baden be⸗ wirkte eine vollkommene Abloͤſung der mißgeſtalteten Maſſen, welche mich gleich einer Schale umſchloſſen, und am vierten Tage kroch ich, als ein wohlgeformtes Ebenbild meiner Mutter, aus der abſchreckenden Huͤlle, und ward zum erſten Male mit meinem chriſtlichen Namen Andreas begruͤßt. Die Freude meiner Mutter bei meiner Wiedergeburt war unſaͤglich und ganz un⸗ verhaͤltnißmaͤßig zu ihrem Gleichmuthe, aber mein Un⸗ ſtern wollte nicht, daß ſich die wohlthaͤtigen Wirkungen derſelben auf mich erſtrecken ſollten. Augenſcheinlich hielt ſie das Geſchenk des Himmels fuͤr eine große Nebenſache, denn immerhin war ich das Kind meines Wien. 2. Bd. 9 ungeliebten Vaters, und meine Schaͤlung war ihr nur inſofern erfreulich, als dadurch ihr Ruhm als die erſte perotiſche Sibille neuen Glanz erhielt. Boͤſe Zungen hatten in der letzten Zeit durch hoͤhniſche Gloſſen uͤber die beruͤchtigte Mißgeburt denſelben zu ſchmälern ge⸗ ſucht. Um ſie der Luͤge zu uͤberweiſen, ließ nun meine Mutter durch alle Organe ihrer Zunft die glorreiche Kunde von einer Entzauberung ohne Beiſpiel allgemein verbreiten, und dieſelben Zungen, welche mich Anfangs als ein Monſtrum geſchildert, konnten nun die engli⸗ ſchen Reize meiner Geſtalt nicht genug preiſen. Mein Vater hingegen war bei der Verwandlung ziemlich gleichgiltig, denn er vermochte auch nicht ein Familien⸗ merkmal der Palaͤologen an mir aufzufinden, und gab ſein großes Herz dem nagenden Wurme des Ver⸗ dachts zur Nahrung, daß kein Palaͤologe dies Kind gezeugt, gegen deſſen Liebreiz er ſich vollkommen un⸗ empfindlich zeigte. Indeß verbarg er ſeinen bitteren Argwohn ſo gut er konnte und ließ meine Mutter un⸗ geſtoͤrt im Genuſſe ihres Sibillenruhmes. „Die gute Frau ruhte einige Zeit behaglich von den gehabten Anſtrengungen auf ihren Lorbeeren aus, und empfing die Gluͤckwuͤnſche der Nachbarn mit der vornehmen Herablaſſung eines Großveziers, der einen Sieg uͤber die Unglaͤubigen erfochten. Sie glaubte im Ernſte, alles Unheil des Geburtsereigniſſes be⸗ ſchworen zu haben und ſah einem goldenen Zeitalter entgegen. Sie trank ihren Kaffee mit mehr Wuͤrde r als gewoͤhnlich, machte den Kunden ihres Wahrſage⸗ e metiers hoͤhere Preiſe, ließ ſich wohl gar etwas unzu⸗ n gaͤnglicher finden und traf eine ſorgſame Auswahl unter ihren Freundinnen. Die Gluͤcksumſtaͤnde meiner Eltern verbeſſerten ſich taͤglich, theils durch den vermehrten Zuſpruch ſchwangerer Frauen und junger Maͤdchen, welche ihre Zukunft erfahren wollten, theils durch beſ⸗ n ſere Geſchaͤfte meines Vaters, der durch die wunder⸗ baren Schickſalsfaͤlle in ſeinem Hausweſen den Frem⸗ den in Stambul bekannter geworden war, als es ſeither geweſen. „So ſchien es taͤglich mehr, daß meine Geburt zum Gluͤcke meiner Eltern gereichen werde, aber es war in dem Buche des Schickſals verzeichnet, daß die 4„. ⸗ gluͤcklichſten Ereigniſſe meines Lebens mir und Allen, die mich liebten, Verderben bringen ſollten. Eines Tages, als meine Mutter, eben mit Gemaͤchlichkeit am luſtigen Feuer des Kamins ſitzend, mich auf ihren Knieen ſchaukelte und auf neue Orakel ſann, trat ein Abgeſandter des Mufti mit einem Janitſcharen in das Gemach und begehrte aus Vollmacht des Kyaya⸗Bei die Auslieferung des am erſten des Monats Dſchema⸗ ſuilewwel geborenen Perotenkindes Andreas. Es haͤtten ſich, ſo lautete die Inſtruction des weiſen Mufti, * mit dieſem Teufelskinde ſo außerordentliche Dinge zu⸗ te getragen, und ſei das Zuſammentreffen ſeiner Geburt mit dem Ausbruch des Erdbebens und der großen . Feuersbrunſt, in Betracht gezogen mit den Zauberwand⸗ de 9* — lungen ſeines Koͤrpers, ein ſo deutliches Wahrzeichen des geheimen Waltens boͤſer Mächte, des Geiſtes Aſſou, daß die Aſtrologen, die Geſtirne uͤber die Urſache des ſchweren Ungluͤcks, das Stambul betroffen, zu Rathe zu ziehen veranlaßt, den unheilvollſten Vorbedeutun⸗ gen auf die Spur gekommen ſeien; demgemaͤß ſtehe zu befuͤrchten, daß das ganze Leben dieſes Knaben, gleichwie die Stunde ſeiner Geburt, unheilvoll fuͤr Stam⸗ bul und, wie man ebenfalls aus den Sternen er⸗ ſehen, ſelbſt fuͤr das geheiligte Leben des Großherrn ſein werde. Da nun beſagtes Kind das eines Chriſten⸗ hundes und einer Hexe ſei, ſo habe der geiſtliche Rath des Mufti und der gelehrteſten Derwiſche darauf an⸗ getragen, die Satansbrut in dem Bosporus zu erträͤnken, und gewarte ſich der Willfährigkeit ihrer Eltern zur Ausliefekung des Kindes. Als man meiner Mutter dieſe ſchmeichelhafte Eroͤffnung machte, brach ſie in neue Verwuͤnſchungen des unheilbringenden Knaben und ſeines Vaters aus, aber mein Vater, dem aus jener Prophezeihung ein ſchwacher Hoffnungsſtrahl zur Wiederherſtellung des Kaiſerhauſes der Paläologen auf⸗ blitzte, wobei er ganz vergaß, daß er ſeine Vaterſchaft hartnaͤckig in Abrede geſtellt, gerieth in den heftigſten Zorn, nannte den Großherrn einen Tirannen, den Mufti einen Narren, den Janitſcharen, welcher ſchon die Arme nach mir ausſtreckte, einen raͤudigen Hund, und riß einen alten Handſchar von der Wand, um den Raub des letzten der Palaͤologen mit Gewalt zu ver⸗ chen hindern. Es gelang ihm wirklich, die Deputation aus dem Hauſe zu verjagen, allein noch hatte man mich, ſſol, des der bei dieſer Scene heftig ſchrie, nicht in Sicherheit athe gebracht, als die Vertriebenen mit einigen Boſtand⸗ tun⸗ ſchis zuruͤckkehrten, ſich meiner bemaͤchtigten und meinen ſtehe erlauchten Vater an Haͤnden und Fuͤßen gebunden ben, ſammt meiner Mutter in's Gefängniß ſchleppten. Ganz iun⸗ Pera beweinte ſchon im Voraus meinen Tod, und „ ſtroͤmte dem Uferthore zu, wo meine Erſäufung unter feierlichen Gebeten und Spruͤchen von einem Derwiſch — vorgenommen werden ſollte, aber Niemand dachte an 3 meine Retttung als der fromme Pope Athanaſius. Er 30 begab ſich ſofort in einen der unzähligen Nachen, worin G die Zuſchauer ſich einſchifften, welche auf dink Uſe nin keinen Raum fanden, ſtreute unter g und Tuͤr⸗ zr ken das Geruͤcht aus, es werde ſich bei rcen ui der Ermordung eines unſchuldigen Kindes, welche . weder dem Propheten noch dem Heiland der Chriſten ubtn gefallen könne, ein Wunder ereignen, das den Willen u des wahren Gottes unverkennbar anzeigen werde. Es zut gelang vollkommen, dadurch eine Spannung der Ge⸗ au⸗ muther hervorzubringen, welche das Intereſſe und das ſceft Mitleiden der Bevolkerung Stambuls rege erhielt. gſen Chriſten und Mahomedaner fanden es wenig erbau⸗ den lich, ein Kind wegen ſeiner Schoͤnheit zu ertraͤnken, ſchon dem man wegen ſeiner Häßlichkeit nach ſeiner Geburt und⸗ daſſelbe Schickſal zugedacht hatte. Doch hinderte Nichts die Vollſtreckung des weiſen Urtheils der Derwiſche, — deren Abgeſandte noch vor Anbruch des Abends in einem Nachen in den Bosporus hinausfuhren, und in geringer Entfernung von den Nachen der Zuſchauer mich in's Waſſer warfen. Ein Kanonenſchuß von den Batterien der Stuckgießerei verkuͤndete der ganzen Hauptſtadt dieſe Großthat, und ein Schrei der Theil⸗ nahme entfuhr allen Kehlen. Alle harrten nun des verheißenen Wunders, welches nicht ausblieb. Kaum war ich in den Fluthen verſunken, als man aus dem Nachen des Popen einen großen Hund in's Meer ſprin⸗ gen ſah, der mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit untertauchte, und ehe ich noch auf dem Grunde des Meeres angelangt war, mich an demſelben Bein faßte, welches Vater Athanaſius bei meiner Taufe hatte fah⸗ ren laſſen, und zu Tage foͤrderte. Der Pope zog den treuen Hund und mich aus dem Meere, die Menge ſchrie in großer Aufregung:»Wunder, Wunder! Allah will ſeinen Tod nicht!« und ich war gerettet. Der Großherr befahl meine Beſchuͤtzung, indem er dachte: Vox populi, vox Dei. Meine Eltern wurden ihrer Haft entlaſſen und meine Exiſtenz wurde nicht mehr fuͤr gefaͤhrlich gehalten.“ Nach dieſer Erzählung verneigte ſich Haſſan Abdyl gegen ſeine Zuhoͤrerinnen und verſprach die Fortſetzung ſeiner Geſchichte auf den naͤchſten Abend. „Es iſt zu angenehm fuͤr mich,“ ſprach er,„das — 135— Intereſſe ſo vieler liebenswuͤrdiger Damen auf meine Perſon zu richten, als daß ich mein Gluͤck auf ein Mal erſchoͤpfen ſollte.“ Die Damen dankten mit vieler Ruͤhrung fuͤr ſeine Artigkeit. „Sie machen uns ſehr gluͤcklich,“ ſagte Frau von Demetrius. „In der That, Monsieur le Turc,“ ſagte die muthwillige Frau von Montepiacini,„fuͤr ein gebore⸗ nes Ungeheuer haben Sie ſich ſehr zu Ihrem Vortheil veraͤndert.“ Madame Lahire dankte fuͤr den erſten Abſchnitt ſeiner Lebensgeſchichte durch einen Blick der Theil⸗ nahme und einige einfache Worte. Die Polinnen ziſchelten ſich Bemerkungen in das Ohr, indem ſie Haſſan mit großem Wohlgefallen betrachteten. Alle aber waren daruͤber einig, daß Haſſan ein hoͤchſt in⸗ tereſſanter Mann ſei. Man trennte ſich von dem Er⸗ zaͤhler mit einer Vertraulichkeit, als ob man ſich ſchon⸗ zehn Jahre gekannt hätte. Man beſchloß einſtimmig, daß Haſſan Abdyl zum Lohn fuͤr ſeine Artigkeit das Vergnuͤgen haben ſolle, jeden Abend eine andere Dame der Geſellſchaft nach Hauſe zu begleiten. Das Loos entſchied und traf fuͤr dieſen Abend die beiden Polinnen, welche mit freudiger Ueberraſchung ſich auserwaͤhlt ſahen. Der galante Barbar erfuͤllte ſeine angenehme Pflicht mit einer Aufmerkſamkeit und Politeſſe, welche einem pariſer Elegant Ehre gemacht haben wuͤrde. Da der — Abend etwas kuͤhl war und Haſſan ſah, daß die bei⸗ den Damen fuͤr ihre blendend weißen Schultern keine hinlaͤngliche Bedeckung bei ſich hatten, loͤſte er zwei koſtbare tuͤrkiſche Shawls aus ſeinem Turban und be⸗ deckte damit die Bloͤßen der Maͤdchen, indem er ſein Haupt mit dem Feß allein bedeckt hielt. Man nahm dieſe Artigkeit mit der holdeſten Verwirrung auf,— der Wagen des Herrn Geſandten fuhr vor und Haſſan brachte die Comteſſen unter tauſend Artigkeiten und Galanterien nach Hauſe. Bei der Wohnung der Da⸗ men angelangt, wollten dieſe die Shawls zuruͤck⸗ ſtellen, allein Haſſan lehnte es ab, und betheuerte, daß ſein Haupt nicht wuͤrdig ſei, dieſe Tuͤcher wieder zu tragen, welche ſolche blendende Reize verhuͤllt hät⸗ ten, und daß ſeine Gedanken immer bei ſeinen Shawls ſein wuͤrden. „Wie gluͤcklich waͤre ich,“ ſchloß der galante Tuͤrke, „wenn mir vergoͤnnt waͤre, was ihnen zu Theil ge⸗ worden, am Buſen ſolcher Schoͤnheit und Anmuth zu ruhen und Reize zu kuſſen, welche jeden Sterblichen berauſchen muͤßten!“ Die beiden Comteſſen waren uͤberaus gluͤcklich. Sie ließen ihm ihre Haͤnde zu zahlloſen Kuͤſſen, und begaben ſich dann ſeufzend auf ihr Schlafgemach. Sie entkleideten ſich ſehr ſchweigſam, indem ſie ihre Shawls bewunderten; als ſie aber beiſammen in ihrem Bette lagen und ſich wie gewoͤhnlich umſchlungen hiel⸗ ten, hatten ſie ſich ſehr viel zu ſagen: — 137— „Ein ſehr artiger Menſch, dieſer Geſandte!“ ſagte Nina. „Ein liebenswuͤrdiger, ein ſchoͤner Mann!“ ver⸗ ſetzte Emilie. „Welche ſchoͤne Augen!“ „Welcher majeſtatiſche Wuchs!“ „Und dieſer herrliche Bart!“ „Und ſeine Gutmuͤthigkeit!“ „Seine Aufmerkſamkeit, ſeine zarte Galanterie!“ „Er iſt vollkommen!“ Dieſe Lobſprüͤche dauerten lange fort. Dann trat eine Pauſe ein, worauf Emilie in ein Gelaͤchter aus⸗ brechend ſagte: „Meinſt Du wohl, es ſei ein großes Ungluck, die Favorite eines ſolchen Mannes zu ſein?“ „Was meinſt denn Du, mein Schaͤtzchen?“ er⸗ widerte Nina vorſichtig und lächelnd. „Ich,“ ſagte Emilie ſeufzend,„ich wuͤrde es fuͤr kein Ungluͤck halten.“ „Und ich,“ ſagte Nina,—„ich wuͤrde es fuͤr ein Gluͤck halten.“ Die Schweſtern umarmten ſich, erfreut uͤber die Harmonie ihrer Zwillingsgedanken. Nach langem Still⸗ ſchweigen fuhr Emilie wieder lachend fort: „Da kommt mir ein närriſcher Einfall!“ „Mir auch, Schweſter, das iſt ſehr ſeltſam.“ „Wir ſind arm— hilflos— Waiſen,— wer — 138— kuͤmmert ſich um uns, wir haben Niemand Rechen⸗ ſchaft zu geben.“ Nit einem Kuß verſiegelte Nina den Mund ihrer Schweſter. Sie hatten ſich verſtanden. Des andern Tages am fruͤheſten Morgen erhielt Haſſan Abdyl folgendes Schreiben:*) „Eure Excellenz! Großmaͤchtigſter Paſcha! Lie⸗ benswuͤrdigſter aller Tuͤrken! „Wir wiſſen nicht, ob dieſe Titulatur richtig und Ihrem Range angemeſſen iſt, hoffen aber, Sie werden Nachſicht haben mit unſerer Unwiſſenheit. „Da wir im Hanſe der Frau von Lahire die Ehre hatten Sie kennen zu lernen— und zwar nicht nur Sie— ſondern auch Ihre Großmuth, Ihre Herzensguͤte, Ihre Achtung vor den Frauen — Ihre Zaͤrtlichkeit und Galanterie von ſo wohl⸗ thuender und edler, aufrichtiger und unverſtellter Art, wie wir es in unſerem Lande von dieſen Zierben⸗ *) Jenen, welche dieſe Epiſtel unglaublich finden, diene zur Nachricht, daß vor einigen Jahren in Wien von der k. k. Oberſt⸗ hofpoſtverwaltung, welche die Briefe eroffnet, die nicht an ihre Adreſſe gelangen können, um deren Abſender zu erforſchen und ſelbe an ſie zuruͤckſenden zu koͤnnen, eine ähnliche Epiſtel„An Seine Hoheit den Großſultan in Conſtantinopel“ adreſſirt und in franzoſiſcher Sprache geſchrieben, gefunden worden iſt. Der Brief rührte von zwei galiziſchen Edeldamen her, welche in den Harem des Sultans aufgenommen zu werden wünſchten. —— 00— geln, welche uns umſchwaͤrmen, uns beluͤgen durch erheuchelte Zartheit, Schonung und Delicateſſe, in⸗ deß ſie bei feilen Phrynen ihre Gefuͤhle abnutzen,— da wir uns in Folge dieſer Bekanntſchaft mit Ihren perſoͤnlichen Vorzuͤgen ſterblich in Sie verliebt und total den Kopf verloren haben,— da wir Sie end⸗ lich, obwohl Sie ein Tuͤrke ſind, ganz und gar nicht fuͤrchten, ſondern mit Freuden unſere Freiheit, ja unſer Leben Ihnen anvertrauen wuͤrden, uͤberzeugt, daß Sie außer Stande waͤren, mit dieſem Ihnen anvertrauten Gute jemals ſo ſchonungslos, lieblos, und grauſam umzugehen, wie die Maͤnner unſerer Civiliſation es zu thun pflegen, indem ſie uns ewige Liebe und Treue ſchwoͤren und drei Tage nach der Hochzeit ſchmaͤhlich betruͤgen,— oder, indem ſie, was das Schlimmſte iſt, nachdem ſie unſere Herzen bethoͤrt, unſere Sinne verfuͤhrt, uns niedertraͤchtiger Weiſe ſitzen laſſen und gar nicht heirathen,— in Anbetracht und Folge alles Deſſen und insbeſondere auch da wir Beide arme Waiſen ſind und Nieman⸗ den haben, der uns berathen koͤnnte, Niemanden der von uns Rechenſchaft verlangte uͤber unſer Thun und Laſſen, Niemanden der uns heirathen will, ob⸗ wohl wir geborne Graͤfinnen ſind, aber ſehr viele ſchnoͤde Ritter, welche uns nachſtellen und zu wohl⸗ feilen Preiſen unſere Gunſt zu erringen ſtreben, uns Fallen legen, Luͤgen ſchwoͤren,— endlich in Erinnerung an Ihre Guͤte und Aufmerkſamkeit, —— i 3 . 3 — 140— woraus wir zu ſchließen wagen, daß wir Ihnen nicht mißfallen— erlauben wir uns, Ihnen un⸗ ſere Herzen, unſere Freiheit, uns ſelbſt Ihnen zu vollkommenem Beſitz nach den Sitten Ihres Landes anzubieten— und werden uns glucklich ſchaͤtzen, Ihrem Harem anzugehoͤren,— erbieten uns auch Ihnen zu folgen, wohin Sie es wuͤnſchen, und Ih⸗ nen mit Leib und Seele anzugehoͤren, indem wir von dem Wunſche beſeelt und von dem Entſchluſſe durchdrungen ſind, Sie durch unſere grenzenloſe Liebe und blinden Gehorſam, ſo wie durch Unter⸗ werfung in alle Ihre Wuͤnſche zu begluͤcken. Mit Leib und Seele Ihre ergebenen ſehr verliebten Dienerinnen Nina und Emilie, Graͤfinnen von Galedzicky.“ Einige Stunden nach Empfang dieſes Schreibens fuhr Haſſan Abdyl vor der Wohnung der beiden Com⸗ teſſen vor. Die beiden Maͤdchen waren außer ſich vor Angſt und Schrecken. „Mein Gott, er kommt wirklich,“ ſagte Nina und legte ihre Hand an ihr hochklopfendes Herz. Emilie fluͤchtete ſich ſchreiend in eine Nebenſtube. „Mein Gott, welche Thorheit haben wir began⸗ gen!“ rief Nina aus. In dem Augenblicke oͤffnete ſich die Thuͤre— es §5 5 war zu ſpaͤt zur Aenderung des Entſchluſſes der he⸗ roiſchen Maͤdchen. Ein Mohr brachte große Packete mit koſtbaren Stoffen, Schmuck und Koſtbarkeiten aller Art und legte den Damen Alles zu Fuͤßen. Hierauf erſchien Haſſan Abdyl mit gewohnter ehr⸗ erbietiger Miene voll Zartlichkeit, Milde und mann— hafter Wuͤrde. Emilie kam ſchuͤchtern aus Ihrem Verſteck hervor. Die beiden Maͤdchen umſchlangen ſich voll Scham und ſtillem Vergnuͤgen. Haſſan Abdyl naͤherte ſich beſcheiden der Gruppe, laͤchelte die Maͤdchen mild an und nahm Beſitz von ſeiner friedlichen Eroberung. Was weiter ſich begab, iſt uns nicht bekannt geworden. Zweites Kapitel. In der zweiten Verſammlung des Kraͤnzchens er⸗ zaͤhlte Haſſan Abdyl die Fortſetzung ſeiner Geſchichte: „Ich haben Ihnen erzaͤhlt, wie ein Hund mein Lebensretter wurde. Allein es ſchien, als ſollte ich mich waͤhrend meiner Jugend der wunderbaren Lebens⸗ rettung durch des Popen Hund nicht ſonderlich er— freuen. Meine Eltern, uͤber ſo gehaͤufte Calamitäten beſtuͤrzt, empfanden gegen mich Nichts als eine un⸗ heimliche Scheu, welche mich mitten unter den Mei⸗ — 142— nigen zum Fremdling machte. Dieſe Scheu wurde bis zur Faſſungsloſigkeit geſteigert, als die Freundinnen meiner Mutter einhellig das Prognoſticon in Folge einer neuen Berathung ſtellten:»Der kleine Andreas, zur boͤſen Stunde empfangen und geboren, unter einer außerordentlichen Conſtellation zu Tage gefoͤrdert, ſei zweifelsohne den ungewoͤhnlichſten Ungluͤcksfaͤllen ſelbſt aufbehalten, und werde in ſeinem ganzen kuͤnftigen Le⸗ ben auch uͤber Alle Ungluͤck bringen, die ihn lieben; das Waſſer ſcheine beſonders Rechte auf ihn zu ha⸗ ben, und in ſeiner Bruſt werde ſich ein boͤſes Feuer entzuͤnden, das, mit jenem Elemente in ewigem Kampfe, das ganze Schickſal des Kindes geſtalten muͤſſe; im zarten Alter werde es Vater und Mutter verlaſſen, viel unſchuldiges Blut vergießen, den Gott ſeiner Vä⸗ ter verleugnen, und wenn ſich der Himmel nicht ſeiner erbarme, elendiglich durch Feuer und Waſſer zugleich umkommen.« Als meine Mutter dieſen Ausſpruch ver⸗ nahm, jagte ſie unverzuͤglich trotz ihres angebornen Gleichmuths die unheilkraͤchzenden Raben mit Schimpf⸗ worten zur Thuͤre hinaus, und beſchuldigte ihre ge⸗ liebten Colleginnen des Brotneides und der Eiferſucht, aber demungeachtet glaubte ſie ſteif und feſt an die Wahrheit dieſer ſchrecklichen Prophezeihung. „Es iſt leicht zu errathen, wie traurig das Schick⸗ ſal meiner Jugend unter ſolchen Umſtaͤnden ſich ent⸗ wickeln mußte. An und fuͤr ſich hielt man es in ganz Pera fuͤr kein ſonderliches Gluͤck, ſolche Eltern zu ha⸗ — — 143— ben, wie ſie mir der unerforſchliche Rathſchluß des Himmels beſchieden, und obgleich ich jederzeit Vater und Mutter ehrte, und ihnen aufrichtig dankte fuͤr das Ueble und Gute, ſo ſie an mir verſchuldet, ſo muß ich doch geſtehen, daß unter den gegebenen Verhaͤltniſſen, und unter dem Einfluß jener Prophezeihung auf ihre Gemuͤther, meine Eltern nicht in jeglicher Hinſicht die wuͤnſchenswertheſten und liebreichſten geweſen ſind. Meine Mutter war zwar eine gute Frau und durch ihre ausnehmende Religioſitat ausgezeichnet, auch beſaß ſie viele gute Eigenſchaften, von welchen ich mit Freuden ſpreche, und mit Wahrheit behaupten kann, daß ſie ihr viel Anerkennung zugezogen, und ſelbſt ihren Gemahl bewogen, ihr oͤffentlich nachzuſagen, daß ſie eine ſehr gute Wirthin und verſtaͤndige Hausfrau ſei, ein Lob, das er ihr jedoch nicht in den angemeſſenſten Aus⸗ druͤcken ertheilte, indem er ſie eine geizige Knauſerin und ein gemeindenkendes Weib ſchalt. Sie war, wie erwaͤhnt worden, die Tochter eines armen Popen, und daher religios erzogen. Sie hatte ſich meinem Vater, der ihr von jeher ſeiner uͤberſpannten Denkungsart und der ſchwaͤrmeriſchen Beſchaffenheit ſeines Gemuͤths wegen zuwider war, zur Ehewirthin aus bloßer Got⸗ tesfurcht— wie ſie zu ſagen pflegte— hingegeben, indem ſie ihrer Mutter gehorchte, welche ihr befahl, dieſen Mann zu ehelichen, da er ſein Brot habe(zur Noth), und zu befuͤrchten ſtehe, daß ſie widrigenfalls in dieſer Welt— Pera— keinen beſſeren Mann be⸗ 3 . 1 1 — 144— kommen moͤchte. In der That war Gottesfurcht der richtige Ausdruck für die Art der Froͤmmigkeit, durch welche meine Mutter unter den Weibern unſers Stam⸗ mes glaͤnzte, denn was ſie Gutes that, und Boͤſes unterließ, geſchah blos aus Furcht vor der Hoͤlle, die ihr von meinem ſeligen Großvater ſehr heiß geſchildert worden war. Daher ging ſie bei allen Handlungen, die ihr Gewiſſensbedenklichkeiten verurſachten und de⸗ ren Verantwortungen ihren corpulenten Leib in Angſt⸗ ſchweiß verſetzten, vermoͤge der Ausſicht auf die Gefahren des ewigen Feuers ſehr ſorgfaͤltig mit ſich zu Rache. Doch ein gewandter ſophiſtiſcher Geiſt leiſtete in dieſen Seelennoͤthen ſo umfaſſenden Beiſtand, daß ſie nach einiger Uebung in der Argumentation es bald dahin brachte, Alles zu thun, was ſie wollte. Selten gab es eine bedenkliche oder ſuͤndhafte Handlung zu ver⸗ richten, zu deren Rechtfertigung ſie nicht das Beiſpiel irgend eines Heiligen haͤtte beibringen koͤnnen; gab es kein ſolches, ſo wußte ſie genau, welche Suͤnden der Pope abſolviren duͤrfe, und da ſie niemals verſäumte dieſe Reinigung ihrer Seele durch Beichte von Zeit zu Zeit vorzunehmen, ſo reichte ſie ziemlich mit dieſen bei⸗ den Rechtfertigungsmethoden zu ihrer Beruhigung aus. Dabei begluͤckte ſie ihre Naͤchſten mit dem hoͤchſten Grade von Liebe, deſſen der Schoͤpfer ihr Gemuͤth faͤhig ge⸗ macht hatte. Selbſt ihre Feinde waren davon nicht ausgenommen, denn da ſie einen hollaͤndiſchen Gleich⸗ muth beſaß, ſo konnte ſie nicht haſſen, und fand nach — — — 145— der Art aller Phlegmatiſchen die meiſten Beleidigungen, welche ihr widerfuhren, aus dem Grunde verzeihlich, weil ſie in derſelben Lage nicht anders als ihre Beleidiger gehandelt haben wuͤrde. Nichts konnte ſie außer Faſ⸗ ſung bringen, als wenn ihre abergläubigen Ideen von Ereigniſſen oder Handlungen durchkreuzt wurden, oder wenn es ein Frevler wagte, ſie aus der gewohnten Gemaͤchlichkeit aufzuſtoͤren. Da dies von Seiten mei⸗ nes Vaters ſehr haͤufig geſchah, ſo gab es haͤufigen Unfrieden im Hauſe, welcher noch durch mich Zuwachs erhielt, denn ſtets blieb ich ein Gegenſtand ihrer gegen⸗ ſeitigen Vorwuͤrfe. Sie ſchienen mit einander zu wett⸗ eifern, meine ungluͤckliche Beſtimmung, daß ich Alle in's Verderben bringen ſolle, die mich liebten, durch die aͤußerſte Liebloſigkeit auf ſich unwirkſam zu machen, und entzogen mir nicht nur jeden Beweis von Zaͤrt⸗ lichkeit, ſondern auch die gewoͤhnlichſte Sorgfalt der elterlichen Pflicht. Man dachte an meine Aetzung nur, wenn man die Hausthiere beſorgte, an meine Beklei⸗ dung nur, wenn man ein altes Gewand ablegte. Halb nackt zog ich den Tag uͤber zwiſchen Huͤhnern und Gaͤnſen umher, aber je liebloſer meine Eltern waren, deſto muͤtterlicher ſorgte die Natur fuͤr mich, nur woll⸗ ten ihre Wohlthaten niemals zu meinem Wohlbefinden ausſchlagen. Ich lernte fruͤhzeitig den Gebrauch mei⸗ ner Gliedmaßen nur um uͤber Tiſche und Baͤnke zu ſturzen, mich ſelbſt zu verwunden, und meine Geiſtes⸗ faͤhigkeiten entwickelten ſich unglaublich bald, nur um Wien. 2. Bd. 10 —— 1 — — — 146— mich die Abneigung meiner Eltern deſto haͤrter empfin⸗ den zu laſſen. Mein Leben ſchwebte unaufhoͤrlich in Gefahr, bald uͤberritt mich ein Tuͤrke auf der Straße, bald war ich nahe daran, am Waſſer ſpielend, zu er— trinken, und jedes Ungluͤck, das mich betraf, machte mich meinen Eltern widerwaͤrtiger. Meine Mutter bat den Himmel, die Laſt meiner Exiſtenz von ihr zu neh⸗ men; mein Vater kam von ſeinen Geſchaͤften nur nach Hauſe, um zu eſſen und zu ſchlafen, denn hierin be⸗ ſtand die ganze Summe ſeines ehelichen Gluͤcks. So wuchs ich in aͤußerſter Verwahrloſung zum Knaben heran, um eine neue Steigerung meiner Leiden zu er⸗ fahren. Das Beduͤrfniß der Geſelligkeit peinigte mich unaufhoͤrlich. Ein von Liebe gluͤhendes Gemuͤth ent⸗ wickelte in meinem Innerſten eine grenzenloſe Sehn⸗ ſucht nach Erwiederung meiner dunklen Empfindungen, aber Verlaſſenheit war mein Loos. „Meine Mutter war zur Zeit noch eine etwas uͤberreife Schoͤnheit. Sie war nicht frei von einiger Koketterie, faͤrbte ihre Augenbrauen mit Sorgfalt, hielt ihren duͤrftigen Putz immer in Ordnung, und ſchlug ihre Augen auf eine Weiſe auf, welche alle Maͤnner fuͤr reizend erklaͤrten. Ich weiß nicht, ob ſie die un⸗ ſchuldigen Kuͤnſte der Gefallſucht damals noch aus ehelicher Pflicht ausuͤbte, aber es ſcheint mir ausge⸗ macht, daß ſie einem wohlhabenden Tuͤrken, der in den beſten Jahren ſtand, und meinem Vater oft Geſchaͤfte zuwendete, ſehr anziehend erſchienen. Muſtapha be⸗ ſin⸗ in ße, hte hat ben den ſte — 447— ſuchte täglich unſer Haus, und kam zufällig immer in Abweſenheit meines Vaters. Wenn dieſer zuweilen ſchwache Bedenklichkeiten uber den innigen Umgang einer ſo frommen Frau, wie meine Mutter war, mit einem Unglaͤubigen aͤußerte, ergoß ſich die Letztere im Lobe der Tugenden Muſtapha's, deſſen Bekehrung zum Chriſtenglauben ſie zu bewirken ſich bemuͤhte. Ich habe alle Urſache zu glauben, daß dieſe Bemuͤhungen auf⸗ richtig waren; denn meine Mutter ging bei ihren Zu⸗ ſammenkuͤnften und Controverſen ſo feierlich zu Werke, daß ſie in Beiſein Muſtapha's mich nicht im Gemache duldete. Seinerſeits war unſer Gaſt mir ebenfalls nicht gewogen, und indem er mich oft ohne alle Ur⸗ ſache ſchalt, pflegte er mit Samachſchari mit unfreund⸗ licher Beziehung auf meinen Vater zu ſagen:»Es kommt nichts Gutes von einem ſchlechten Stamme.« „Obgleich nun Muſtapha dieſer Aeußerung nach im Chriſtenthume keine ſonderlichen Fortſchritte gemacht, ſo ſetzte doch meine Mutter ihre Bekehrungsverſuche mit unermuͤdlichem Eifer fort, weshalb ich die Zeit des Tages uͤber auf die Straßen von Pera verbannt war. Anfangs geſellte ich mich mit Freuden der grie⸗ chiſchen Gaſſenjugend zu, aber die Muͤtter und Ge⸗ ſchwiſter wieſen ihre Angehoͤrigen mit Geſchrei von dem Ungluͤckskinde hinweg, und bald flohen ſcheu alle Kinder des Viertels vor mir, wenn ich in ihre Naͤhe kam, als ob mein Athem ſie vergiften, mein Blick ſie bezaubern koͤnnte! Vom Hauſe ausgeſchloſſen, von 10 — 148— allen Geſpielen gemieden, ſchlich ich mich traurig in die abgelegenſten Winkel und weinte. Die Menſchen gingen voruͤber und wuͤrdigten mich keines Blicks, aber der Himmel ließ mich nicht ganz troſtlos. Es geſellte ſich mit munterer Freundlichkeit und liebkoſender Ge⸗ ſpieligkeit zu dem weinenden Kinde mein Lebensretter, der Hund des Popen, Fido. Er war das einzige We⸗ ſen, das mich liebte, und mein unzertrennlicher Ge⸗ fährte, aber an ihm bewaͤhrte ſich zuerſt die ſchreckliche Weiſſagung, daß ich uͤber Alle Verderben bringen wuͤrde, die mich liebten. So oft ſich Fido in meinem vaͤterlichen Hauſe betreten ließ, ward er von meinen Eltern grauſam mißhandelt und verjagt, aber immer ſuchte er mich wieder auf, und wenn wir uns nach langer Trennung wiederſahen, da war ſeine Freude ſo laut und heftig, daß es mich im Innerſten erſchuͤt⸗ terte. Die Zaͤrtlichkeit des treuen Fido war das ein⸗ zige Labſal meiner gedruͤckten Seele, ihm dankte ich allein, daß ſie nicht fruͤhzeitig verwilderte. Allein auch dieſen Troſt goͤnnte mir das Schickſal nicht lange; der arme Fido vergriff ſich einſt in uͤbermuͤthiger Freude des Wiederſehens an der geheiligten Leber der Katze eines fanatiſchen Moslims, und ward fuͤr dieſe Fre⸗ velthat von dieſem im erſten Zorne erſchlagen. Ich ſtuͤrzte mich weinend auf meinen toͤdtlich verwundeten Freund, und hoffte ſeine Wunden zu ſtillen, aber ſein Auge brach in Todesſchmerz, ſterbend leckte er noch einmal meine Hand und verſchied. — 149— „Gluͤcklicher Weiſe hatte ich bereits das Alter er⸗ reicht, wo meine Eltern daran denken ſollten, mich durch Unterricht fuͤr meinen Eintritt in die Welt zu bilden. Zwar dachten ſie nicht daran, aber da der Schatz ihres Wiſſens ſehr klein war, ſo verlor ich dadurch um ſo weniger, da ſich der fromme Pope Athanaſius meiner vaͤterlich annahm. Laͤngſt entruͤſtet uͤber die Art meiner Erziehung, aber, obgleich im Au⸗ genblicke frommer Begeiſterung zu muthigem Aufſchwung fahig, zu zaghaft, um in die Rechte meiner Eltern fruͤ⸗ her einzugreifen, erbot er ſich meiner Mutter, meinen Geiſt unter ſeine Obhut zu nehmen und fuͤr das Leben vorzubereiten. Dieſer Antrag war meiner Mutter ſehr bequem, und ward daher ohne Anſtand angenommen. Insgeheim mochte ſie wohl denken, die Sorgfalt des Popen fuͤr mich werde das Unheil, ſo von mir aus⸗ ſtroͤme, von ihr ableiten. Sie betrachtete daher den Fall fuͤr eine beſondere Gnade des Himmels, die ihr Herz vor jeder Verſuchung zur Liebe fuͤr ihr Kind bewahre, uͤberließ mich ganz dem Belieben des guten Popen, und lebte fortan faſt ausſchließlich ihrem Be⸗ kehrungswerke und Muſtapha. Auch mein Vater be⸗ kuͤmmerte ſich nicht um mich, außer wenn er meiner Dienſte bedurfte: am Sonntage, da er ſeine Pfeife rauchte und auf der Straße ſeine Sieſta hielt. Der gute Athanaſius fand in mir reiche Anlagen, von deren Ausbildung er eben ſo viel hoffte als be⸗ ſorgte. Er brachte mir die erſten Religionsgruͤnde bei, — 150— ward aber bei ſeinen Lehren durch meine Fragen nicht( ſelten in die groͤßte Verwirrung gebracht. Die Hilf⸗( loſigkeit meiner Kindheit hatte, wie den Leu die Wild⸗ niß, fruͤhzeitiger meine Lebens⸗- und Geiſteskraͤfte ent⸗ wickelt als die ſorgfaͤltigſte Erziehung, und indem ich fruͤher denken und beobachten lernte, als Lehren em⸗ pfing, ſo erregte deren Genuß ſchon Gegenwirkungen meiner ſelbſtſtändigen Denkkraft, welche meinem Lehrer nichts weniger als willkommen waren. Meine Neu⸗ gierde war groͤßer als ſein Reichthum an Mitteln die⸗ ſelbe zu befriedigen. Der zudringliche Eifer, mit wel⸗ chem ich ſtets nach den geringſten Urſachen der Dinge fragte, machte dem alten Manne nicht geringen Kummer. Unfaͤhig ſich durch ungerade Kunſtgriffe meiner Frag⸗ luſt zu entwinden, ſah ich ihn oft mit ſtillem Gram die Aeußerungen meines Wißhungers und die Entzuͤnd⸗ barkeit meines leicht beweglichen Gemuͤths beobachten. Die innige Empfindung, welche ich fuͤr das Gute und Schoͤne an den Tag legte, die aufflammende Begei⸗ ſterung fuͤr das Erhabene und Ungewoͤhnliche, entriß ihm oft den lauten Gedanken, welchen ich niemals uͤberhoͤrte:»Moͤge der Himmel dieſe hochfliegende Seele vor Eitelkeit und Ungluͤck bewahren! Der Knabe iſt zu hohen Dingen geboren!« Bei der hoffnungsloſen Niedrigkeit meiner Verhaͤltniſſe hielt er es jedoch fuͤr Pflicht, das Emporſtreben meiner Gefuͤhle und Gedan⸗ ken ſo ſehr als moͤglich zu mäßigen.»Mein Sohn,« ſagte er eines Tages zu mir,»es iſt dem beſchraͤnkten — 151— Geiſte der Menſchen nicht vergoͤnnt, Alles aus dem Grunde zu wiſſen. Richte daher Deinen Sinn mehr auf Frömmigkeit als auf Weisheit, und Du wirſt gluͤcklich werden. Gedenke der Schickſale des Koͤnigs Salomo, welchen der Herr weiſer gemacht als Andere, weil er ihn flehentlich darum gebeten. Die Weisheit führte ihn zum Stolze, der Stolz zur Gottloſigkeit, die Gottloſigkeit zur Thorheit. Er fiel, und kehrte wieder zu Gott zuruͤck.« „Dieſe Lehren des frommen Athanaſius praͤgten ſich meiner Seele tief ein. Sobald ich mit dem Be⸗ griff der hoͤchſten Gottheit vertraut war, umſchlangen ihn meine Empfindungen mit aller Inbrunſt, deren mein Herz faͤhig war. Mein Gemuͤth, ſo einſam, nuͤherte ſich dem Himmel, und alle Zweifel meines Verſtandes an der griechiſch⸗chriſtlichen Theognoſie wurden um ſo leichter beſiegt, je mehr es des Popen Lehren gegen den boͤſen Geiſt der Verneinung ausge⸗ ruͤſtet hatte. Ich gab mich ganz einer ſtillen Gottſe⸗ ligkeit hin, und ſchwaͤrmte in uͤberſchwenglicher Froͤm⸗ migkeit. Ja als ich in den Legenden laß, wie ſchon in der Kindheit heiliger Maͤnner und Frauen ſie der Geiſt Gottes erfullte, glaubte ich feſt an meine eigene Sendung, und beſchloß: ein Heiliger zu werden! Meinem ehrwuͤrdigen Lehrer zwar ſchien dieſe fruhzeitig kindiſche Schwaͤrmerei nicht ſehr zu gefallen, doch hielt er meine Uebung in der Demuth und Geduld meiner Lage und wahrſcheinlich ſehr beſcheidenen Beſtimmung — 152— angemeſſen, und ließ mich daher gewaͤhren. Aber mein Geiſt war nicht ſo frei von Eitelkeit, wie er vermeinte, und der goldene Nimbus, nicht minder die Verehrung der Menſchen waren mir keine gleichgiltigen Dinge, und ich verſäumte nicht, meinen heiligen Lebensplan mit der ſchoͤnſten Romantik auszuſchmuͤcken. War es Mitleid oder Rathloſigkeit—, genug der Vater Atha⸗ naſius geſtattete gern, daß ich mich an den Gaukelbil⸗ dern meiner begeiſterten Phantaſie ergoͤtzte, und naͤhrte meinen Drang zur Froͤmmigkeit durch die ſchoͤnen Bil⸗ der ſeiner Gebetbuͤcher, worauf die ſchoͤnen Worte der Heiligen verſinnlicht waren. Meine Mutter hingegen zeigte ſich weniger erbaut durch meine Froͤmmigkeit, ſchalt mich einen tuͤckiſchen Heuchler und Faulpelz, und befoͤrderte meine freiwilligen Bußwerke, ehe ich noch Suͤnden begangen hatte, aufs Eifrigſte. Weit entfernt mich durch ihre Haͤrte abſchrecken zu laſſen, munterte dieſe vielmehr mich auf, in meinem Wandel fortzufahren. Wenn ſie mich wegen Verſaͤumung knech⸗ tiſcher Arbeit zuͤchtigte, brachte ich den Schmerz den Heiligen, meinen Vorbildern zum Opfer dar, und ſprach ſchluchzend meine Gebete, was meine Mutter gewoͤhn⸗ lich ſo aufbrachte, daß ſie nicht eher abließ mich zu peinigen, bis es ihr ſelbſt unbequem wurde. Da mich niemals ein Zeichen der Liebe fuͤr ſo grauſame Strenge entſchäͤdigte, ſo erhielt meine kindliche Zaͤrtlichkeit durch Vermehrung meiner Heiligkeit keinen Zuwachs. „Als ich mich ſo der Froͤmmigkeit widmete, befand — 1531— ich mich in meinem zehnten Lebensjahre, und war trotz aller Entbehrungen und ausgeſtandenen Leiden ein wohl⸗ gebildeter Knabe, mit ſanften ſchwaͤrmeriſchen Augen, welche zuweilen Flammen ſpruͤhten, die meine Mutter ſehr liebreich Baſiliskenblicke nannte, wovor ihr graute. Obwohl ich nicht beurtheilen kann, inwiefern die gute Frau hierin Recht hatte, wage ich doch zu behaupten, daß dieſe Blicke auf ein ſehr reines mir heiliges Weſen nicht dieſen Eindruck des Grauens gemacht haben. „Helene, die Tochter des reichen Dragomans, eines Griechen, ein Maͤdchen von gleichem Alter und noch größerer Sanftmuth als ich, welche meiſt zugleich mit mir den Unterricht des Popen genoß und ſein Haus haͤufig beſuchte, erwiderte dieſe Blicke mit einem Aus⸗ drucke von Vertrauen und Wohlwollen, der mein ſehn⸗ ſuͤchtiges Gemuͤth ſo feſſelte, daß ich ſie nie miſſen zu koͤnnen glaubte, und wenn ich es dennoch mußte, dar⸗ uͤber in noch tiefere Traurigkeit gerieth, als bei dem Verluſte meines weiland Freundes Fido. Oft wenn ſie zur Harfe ſang mit ihrer zarten Stimme, die gro⸗ ßen ſeelenvollen Augen zum Himmel gerichtet, da ſtand ich verloren im begeiſterten Anſchauen, und betete in ihr die heilige Cäcilie an, von der mir der Pope er⸗ zählt hatte, mit ſo tiefer Inbrunſt, daß ich daruͤber alle andern Heiligen vergaß. Meine Heiligkeit litt durch dieſe Heftigkeit der Zuneigung keineswegs, viel⸗ mehr bekam ſie unter den Strahlen der freundlichen Augen Helenens neuen Glanz. Zuweilen geſchah es, —— 1 1 — — 154— daß der Pope uns allein ließ, um das einzuuͤben, was er uns Beide gelehrt, und dann erſt erreichte meine fromme Schwärmerei ihre Hoͤhe. Ich kniete zu ihren Fuͤßen, um mich zu demuͤthigen, und kuͤßte ihre Pantoffeln und bat ſie, auf dem Angeſicht liegend, uͤber mich weg⸗ zuſchreiten, um den Heiligen aͤhnlich zu werden, die ſich von den Heiden mit Fuͤßen treten ließen. Hele⸗ nens Seele allein begriff meinen heiligen Eifer, ſie allein verhoͤhnte mich nicht, hob mich ſchweigend zu ſich em— por, und loͤſte den gelbſeidenen Gürtel von ihrem ſchlan⸗ ken Leibe, um mein Haupt mit einem Heiligenſchein zu ſchmuͤcken. Dann ſtrich ſie die dunklen Locken, die in unordentlicher Fuͤlle uͤber meine Stirne hingen, mit ihren weichen Fingern aus dem blaſſen Geſichte, und laͤchelte mit unbeſchreiblicher Anmuth. Da erſchien ſie mir wie ein verklaͤrter Engel, deſſen Anbetung mich eine Stufe näher dem Himmel bringen muͤſſe. Der fromme Athanaſius war jedoch von dieſer Wahrheit nicht ſo durchdrungen wie ich, und verſtattete unſer Beiſammenſein nicht wieder, als er die Innigkeit ge⸗ wahrte, mit welcher Helenens Blicke auf mir ruhten. Die Erfindſamkeit der Liebe entſchaͤdigte uns bald fuͤr dieſen Zwang, und trotz aller Aufſicht wußte ich doch ein geheimes Einverſtändniß zu unterhalten, welches der Wachſamkeit des Popen entging. Fuͤr die Ge⸗ heimhaltung deſſelben hatte ich meinerſeits keinen an⸗ dern Grund als den, die heiligſten Regungen meiner Seele nicht oͤffentlich zu profaniren; allein Helenen war — das noch ten ein — 155— das Geheimniß eines Verhaͤltniſſes der reinſten Natur noch ungleich wichtiger. Gemuͤth und Verſtand hatten in ihr bereits mehr gewirkt, und meinen unbeſtimm⸗ ten, verworrenen Empfindungen gab ſie, wie es ſchien, eine klare Deutung. Ich weiß nicht, ob es daher, oder von noch groͤßerer Froͤmmigkeit, als die meinige war, herruͤhrte, daß ſie meine fromme Liebe in Gegen⸗ wart Anderer ſelbſt in rein ascetiſcher Form nicht ſo gern hinnahm als ſonſt; dies beſtimmte mich mit mei⸗ ner heiligen Caͤcilie in einen mimiſchen Rapport zu treten, dem— ungluͤcklicher Weiſe— durch die haͤus⸗ lichen Gewohnheiten unſers Lehrers großer Vorſchub geleiſtet wurde. Dieſer fromme Mann liebte wie alle Peroten nach gethaner Arbeit in der kalten Jahreszeit uͤber Alles die wohlthaͤtige Waͤrme des Tendur, welche ſeinen gichtkranken Fuͤßen ein beſonderes Labſal war. Da meine Caͤcilie die Tochter eines vornehmen Pha⸗ narioten war, ſo goͤnnte er auch dem zarten Kinde den beſten Platz neben ſich am Kohlenbecken, und wenn unſere Lehrſtunde voruͤber war, ließ er auch mich an den ſtillen Freuden dieſer Sieſta großmuͤthig Antheil nehmen, und wies mir an dem gemeinſchaftlichen Tiſche einen Platz gegenuͤber von Helenen an. Dann er— mahnte er uns väterlich, bei zunehmenden Froſte, die vom Tiſche herabhängenden Tuͤcher ſorgſam bis auf die Bruſt heraufzuziehen, damit die erwärmte Luft ſo nicht entwiſchen koͤnne, und erzaͤhlte mit halbgeſchloſſenen Augen ſchoͤne Geſchichten von Heiligen und Helden. — 156— Nie fand der Befehl eines Mentors freudigern Gehor⸗ ſam, denn unter dem Geheimniß dieſer Tuͤcher konnte ich meiner Heiligen den ſchriftlichen Ausdruck meiner frommen Empfindungen durch den Schuh des Engels zu Haͤnden bringen. Ich ſchrieb: „Mich duͤrſtet nach den Freuden des Himmels.“ Sie antwortete: »Was liebſt Du am meiſten?« Ich bekannte: „Gott und die heilige Cacilie, der Du am aͤhn⸗ lichſten biſt.“ Sie fragte: »Liebſt Du mich?« Ich antwortete: „Wer liebte die herrlichen Schoͤpfungen Gottes nicht!“ Der fromme Athanaſius war eingeſchlafen, und ich ſah wie Helene erröthete, als ſie dieſe Zeilen las. Ich benutzte dieſen unbewachten Augenblick, das Blatt mit den geliebten Schriftzuͤgen Helenens an Lippen und Bruſt zu druͤcken; ſie barg zur Erwiderung meinen Zettel an ihrem Herzen, und preßte himm⸗ liſch lächelnd die kleine Hand auf die Stelle ihrer ſchuldloſen Bruſt, wo auf der Knospe unentweihter Reize er ruhte. Herrlich war der Traum unſerer Gluͤck⸗ ſeligkeit, aber er währte nicht lange. Mein Unſtern wollte, daß einer meiner Briefe an Helenen in ihren Schuhen von ihrer Zofe entdeckt wurde, ein Unfall, der ſchwere Folgen fuͤr meinen ehrwuͤrdigen Freund ne — 57— nach ſich zog. Das rohe Gemuͤth ihres Vaters ſah in meinem unſchuldigen Liebesverkehr mit Helenen und in den Ausbruͤchen meiner frommen Geiſteserhebung nur ein gemeines ſtrafbares Verhaͤltniß. Auf ſeine Veran⸗ laſſung ward eine Inquiſition mit mir vorgenommen, und mir die ſchwere Anklage vorgelegt, Helene zu ſuͤnd⸗ haften Dingen verleitet zu haben. Umſonſt vertheidigte ich und der Pope meine Unſchuld, vergeblich betheuerte ich meinen Richtern die Heiligkeit meiner Vorſaͤtze und Beſtrebungen und rief den Himmel und alle Heiligen zu Zeugen meiner Froͤmmigkeit, ich ward in aller Form eines verbotenen Einverſtaͤndniſſes mit der Tochter des Dragomans angeklagt.——— „Vater Athanaſius ſelbſt ward durch ein von mei⸗ ner Hand geſchriebenes Lobgedicht von meiner Schuld uͤberzeugt, und bekannte mit Schmerz, daß ich ein tuͤcki⸗ ſcher Heuchler und verdorbener Boͤſewicht ſei. Nichts ſchmerzte mich ſo ſehr, als der Verluſt ſeiner Liebe, ſelbſt ſtrenge Strafe, welche mir zuerkannt wurde, ob⸗ gleich ſie unverdient war, kraͤnkte mich weniger als das Verkennen meines unſchuldbewußten Herzens. Seine Vorwuͤrfe, ſeine thranenreiche Entruͤſtung uͤber den ver⸗ meinten boͤswilligen Betrug ſeines liebevollen Vertrauens ſchnitten mir in die Seele. Ich warf mich ſchreiend zu ſeinen Fuͤßen, umklammerte ſie verzweifelnd, und ſchwor, daß ich mich nicht ſtrafbar fuͤhle, aber er riß ſich los von mir, und ſchleuderte mich mit Abſcheu von ſich. Mein Lebensretter, mein Wohlthäter, mein Freund, — 158— mein Vater ſtieß mich als ein undankbares Ungeheuer von ſich, nannte mich eine Schlange, die ſein Buſen erwaͤrmt und dafuͤr ſein Lebensblut getrunken habe. Ich ward auf immer aus ſeiner Naͤhe verwieſen, und blieb dem Gram uͤber das erſte erlittene Unrecht freund⸗ los uͤberlaſſen. Troſtlos, unerſchoͤpflich an Thraͤnen verbarg ich mich in dunklen Winkeln des Hauſes, und vergaß meinen heiligen Beruf im Uebermaße meines Elends. Dieſes ward jedoch erſt vollkommen durch die einlaufende Kunde, daß der arme Athanaſius das Vertrauen und die Unterſtuͤtzung des Dragomans wegen ſeiner Unvorſichtigkeit verloren habe. In die aͤußerſte Duͤrftigkeit zuruͤckgeſtoßen, von Gram und Krankheit verzehrt, lebte er fortan nur, um die Schwachheit des Gemuͤths, das ihm den Urheber ſeines Lebens verwuͤn⸗ ſchen hieß, mit chriſtlicher Tugend zu bekaͤmpfen. In wenigen Jahren ſiechte er verlaſſen dahin, und als er ſich endlich mit mir ausſoͤhnte, war ſeine letzte Stunde nahe. Sein verloͤſchender Blick enthielt noch einen letzten herzzerreißenden Vorwurf und nannte mich ſei— nen Moͤrder. Er ſtarb und ich war und blieb das Opfer der exaltirten Stimmungen, welche mich beherrſch⸗ ten durch die eingeſogenen Vorurtheile einer echt chriſt⸗ lichen Erziehung! Hier ſchloß Haſſan ſeine Erzaͤhlung fuͤr dieſen Abend. Das Loos wies ihn heute zur Begleitung des Fraͤuleins von der Loͤhe, welche diesmal ohne — — ———„ ihre Schweſter gekommen war, an. Der ſproͤde Ernſt und die Kalte dieſer Dame waren heute während Haſ⸗ ſans Erzählung geſchmolzen. Sie hatte mit ſtiller Eiferſucht bemerkt, wie ihre Freundinnen von Haſſan mehr ausgezeichnet und aufmerkſamer behandelt wor⸗ den, als ſie. Die heutige Erzählung hatte Aller Augen Thränen entlockt, Aller Blicke hingen an den Lippen des melancholiſchen Erzählers, deſſen traurige Heiterkeit — dieſer Humor, der unter Thraͤnen lacht— die Herzen tief zu ruͤhren wußte. Auch das Fraͤulein war ergriffen; als er ihr zur Begleitung zugewieſen ward, wurde ſie einmal uͤber das andere roth, und man wußte nicht, ob aus Freude oder Schuͤchternheit. Man verfolgte ſie mit Neckereien und brachte ſie ſo in Verwirrung, daß ſie wie eine Kohle zu glühen anfing. Die Folge dieſer ſtarken Aufregung war, daß, als ſie ſich mit Haſſan allein in dem Wagen befand, dieſer, durch die Verwirrung des Maͤdchens und den Eindruck ſeiner Geſchichte auf ihr ſonſt ſo ſchwer zu bewegendes Herz zugleich geruͤhrt und begluͤckt, nur den Arm um ihre zarte Taille zu ſchlingen hatte, um das gute Kind dahin zu bringen, daß ſie ihre brennenden Wangen und Lippen an ſeiner Bruſt vergrub.— Haſſan fuͤhlte ſich innigſt bewegt durch dieſe Ergebung des ſchoͤnen Kindes, er nahm ſie in ſeine Arme, preßte ihren wo⸗ genden, pochenden Buſen an ſeine Bruſt und verſchlang ihre Lippen in brennenden Kuͤſſen, waͤhrend Thraͤnen der Luſt und Scham aus den Augen des Frauleins auf ſeinen Bart traͤufelten. An der Wohnung der jungen Dame angelangt— fand man ſich ſchon ſo vertraut, daß man ſich, ehe der Wagen hielt, ein Ren⸗ dezvous gab und mit eifrig erwiderten Kuͤſſen Abſchied nahm. Haſſan aber nahm von ſeinem kleinen Finger einen Brillantring von hohem Werthe, ſteckte ihn an den Zeigefinger des Fraͤuleins und betheuerte ihr, daß, obgleich ſie ſo viele Thraͤnen dieſen Abend uͤber ſein ungluck vergoſſen, er doch der gluͤcklichſte Sterbliche ſei, durch die Theilnahme ſolcher Unſchuld und Holdſelig⸗ keit! Drittes Kapitel. Als Haſſan Abdyl zur feſtgeſetzten Stunde zur dritten Verſammlung des Kraͤnzchens kam, fand er Madame Lahire zu ſeinem beſonderen Vergnuͤgen noch allein. „Sie werden heute ein Stuͤndchen auf die Ge⸗ ſellſchaft warten muͤſſen, mehrere Damen derſelben ſind verhindert zu der beſtimmten Stunde zu erſcheinen, weshalb ich eine ſpaͤtere Stunde anſagen ließ— nur Ihnen—“ hier ſtockte ihre Stimme, denn Madame Lahire fuhlte, daß ſie eine Luge zu ſagen im Begriff ſtand, da ſie in der That es darauf angelegt hatte, eine Stunde mit Haſſan allein plaudern zu können. — Haſſan war zu ſehr Weltmann, um nicht den gluͤcklichen Zufall zu preiſen. „Ach, ſchoͤne Frau,“ ſagte er, indem er zärtlich ihre zarte Hand an ſeine Lippen druͤckte,„wie lange ſeufzte ich ſchon nach dem Gluͤcke, mit Ihnen allein einige trauliche Augenblicke zu verweilen! Sie haben Kummer, ſchoͤne Frau, und daher habe auch ich Kum⸗ mer. Wie iſt es moͤglich, daß eine Frau von Ihren Vorzuͤgen und Ihrem Geiſte nicht immer glucklich ſei? O, wenn es doch mir vergoͤnnt wäre in dieſem ſchoͤnen Herzen zu leſen und einen Theil jener Theilnahme, welche Sie meinem Schickſale erwieſen, zu erwidern!“ „Sie ſind in guter Laune, Herr Geſandter,“ ſagte Frau von Lahire lachend,„es ſcheint faſt, Sie ſind im beſten Zuge, als Tuͤrke, wie Sie ſind, einer chriſtlichen Eheftau eine Liebeserklärung zu machen.“ „Und wenn ich ſo kuͤhn waͤre, was wuͤrden Sie dazu ſagen?“ „Ich wuͤrde ſagen, mein Herr Geſandter,“ etwi⸗ derte die Dame,„daß ich in der That nicht wuͤßte, was ich mit Ihrer Liebe anfangen ſoll— Sie ein Renegat, ein Tuͤrke, ich eine chriſtliche Ehefrau und zwar eine von guten Grundſätzen.“ Man hatte unter dieſem Geſpraͤch Platz genom⸗ men. Haſſan Abdyl ergriff die Hand der Dame und ſie ließ ſie in der ſeinigen ruhen, ihre Blicke begegne⸗ Wien. 2. Bd. 11 ten ſich und Madame Lahire bewachte ſich ſo wenig, daß ſie die ihrigen mit einem großen Ausdruck der Befriedigung und der Zuneigung auf Haſſan ruhen ließ. In der That ſprach aus ſeinen Augen eine ſo wahrhafte ehrerbietige Freundſchaft, daß die junge Frau nichts Peinigendes dabei fuͤhlte, ſeine freundlichen Mie⸗ nen offen zu erwidern. Seit Jahren hatte ſie keinen ſolchen Blicken mehr begegnet, es that ihr wohl ſie wiederzufinden. „Theure Frau,“ ſagte Haſſan nach einer Pauſe des Nachdenkens,„ich muͤßte mich ſehr irren, oder Ihr Herz leidet an Mangel der Befriedigung, Ihre Grund⸗ ſätze machen Sie ungluͤcklich,— indem Sie zu ſtreng denken und urtheilen uͤber Andere, verkuͤmmern Sie ſich ſelbſt alle Lebensfreude.“ „Es mag wahr ſein, was Sie da ſagen, dem⸗ ungeachtet ſind dieſe Grundſaͤtze, welche mich ungluͤck⸗ lich machen— immerhin Grundſaͤtze—“ „Welche ich vielleicht erſchuͤttern werde, wenn ich Ihnen erzaͤhle, welches Unheil das Feſthalten an Vor⸗ urtheilen, welche man oft Grundſatze heißt, uͤber eine Perſon gebracht, welche eben ſo ſchoͤn und tugend⸗ haft war, wie Sie— meine ungluͤckliche Helene, ſo wie uͤber mich ſelbſt. Der Widerſtreit des chriſtlichen Idealismus mit dem Naturleben iſt im Oriente wie im Occidente eine reiche Quelle menſchlichen Elends.“ Dieſe Unterhaltung, von beiden Seiten mit vieler — 1538— Caſuiſtik gefuͤhrt, fuͤllte die Stunde aus. Geſpannter als jemals hoͤrte Madame Lahire heute die Fortſetzung von Haſſans abenteuerlicher Lebensgeſchichte: „Der Verluſt Helenens und der Tod meines Wohl⸗ thaͤters wirkten auf meinen frommen Eifer ſehr nie⸗ derſchlagend, der Schmerz ließ den erſten Tropfen Bit⸗ terkeit in mein harmloſes Herz fallen. Die Ungerech⸗ tigkeit meines Schickſals machte mich nachdenklich und verſchloſſen; zu den ahnungsvollen Traäumereien meiner Phantaſie geſellte ſich ein lebendiges Gedankenſpiel, das in meiner jungfraͤulichen Seele die Unſchuldsbluͤthe zerpfluͤckte. In meine Erinnerungen an Helene draͤng⸗ ten ſich neue Gefuͤhle und Ahnungen, wie ich ſie nie⸗ mals empfunden. Meine Froͤmmigkeit ward mir auch von einer andern Seite her verleidet, der Spott und die uͤble Behandlung meiner Mutter, die traͤge Verach⸗ tung meines Vaters, welcher dafuͤr hielt, mein Geiſt ſei keiner großen Idee faͤhig, reizten und beleidigten meinen aufkeimenden Stolz. Drei Jahre vergingen ſo unter Widerwaͤrtigkeiten der empfindlichſten Art, und indem ich taͤglich Zeuge von den unertraͤglichſten Auftritten war zwiſchen meinen Eltern. Sie verſtaͤndigten ſich gewoͤhnlich uͤber die alltäglichſten Streitfragen des haͤus⸗ lichen Lebens vermittelſt einer lebhaften Mimik, welche meine ſchwaͤchere Mutter zu einem Zetergeſchrei veran⸗ laßte, das allen Nachbarn von den obwaltenden Miß⸗ helligkeiten mit ihrem Eheherrn Nachricht gab, und nicht ſelten ihren Beiſtand herbeirief. War gleich mein 11* — 164— Vater in dieſen Gefechten immer Sieger, ſo wollte er ſich doch niemals ſeines Ruhmes freuen. Der Jam⸗ mer ſeiner niedrigen Verhältniſſe lag ſchwer auf ſeinem Hochmuth, welcher in dieſer Welt keine Befriedigung fand. Er wurde täͤglich einſilbiger, weltſcheuer und verdroſſe⸗ ner, ſprach oft unverſtaͤndliche Worte fuͤr ſich hin, und mied, ſo lange er konnte, die Laren ſeines Herdes. Selten kam er heiter nach Hauſe, den Kalpak nach der Seite geſenkt, das Gewand geluͤftet, die Augen hervor⸗ gequollen, das Geſicht dunkel geroͤthet vom Genuſſe des Weines, um von den Scheltworten meiner Mutter begruͤßt zu werden, die bei zunehmendem Alter ſtets mißlauniger wurde, weil ihr Bekehrungsverſuch mit ihrem turkiſchen Hausfreunde Muſtapha mißlungen war und, ſeit er ſie aus Ueberdruß verlaſſen, kein Zweiter ſich finden ließ, der begierig geweſen waͤre, aus ihrem Munde das Wort des Heils zu vernehmen. „Je mehr ich heranwuchs, je tiefer empfand ich die doppelte Geringſchatzung, die auf unſerem Stamme und insbeſondere auf meines Vaters Hauſe laſtete. Die Kenntniſſe, welche der Pope mir beigebracht und die ich durch fleißigen Beſuch der Bibliothek Abdul⸗Ha⸗ mids noch erweiterte, machten mich fruͤhzeitig zu einem brauchbaren Peroten, deſſen Wiſſenskreis ſchon im Kna⸗ benalter den Horizont gewoͤhnlicher Perotenbildung weit uͤberſtieg. Da ich nun, um die Erwerbsquellen un⸗ ſeres Hauſes zu vermehren, mit vielen Kaufleuten und Diplomaten in Verkehr kam, ſo erntete ich außer dem —„„—. — 165— Hauſe große Belohnung und noch großeres Lob ein. Allein jedes Wort, das man zu Gunſten des Andreas ſagte, verwundete mein kindliches Herz, denn immer wurde es von Bedauern meiner Abkunft und Tadel meiner Eltern begleitet. Man nannte mich eben ſo hubſch als verſtändig, aber nie vergaß man zu ſagen: „Schade, daß ein ſo begabtes Kind das Kind ſolcher Eltern iſt, und Muſtapha, dem ich oft Briefe ſchrei⸗ ben mußte, ſetzte hinzu:»Schade, daß er der Sohn eines Hundes iſt.. Solche Anmerkung hinterließ ſtets einen Stachel in meiner Bruſt. Ich ehrte Vater und Mutter mit aufrichtiger Innigkeit, und waͤre ich gluͤck⸗ lich geweſen, haͤtte ich ſie lieben konnen. Fleiſch von ihrem Fleiſch, Leben von ihrem Leben empfand ich ihre Schmach als ein tiefes Weh. Ich ließ ſie nicht beſchimpfen und balgte mich mit den perotiſchen Jun⸗ gen, die zuweilen meinen trunkenen Vater hoͤhnten. Seine Kraͤfte hatten gelitten, ſein Geiſt war ſtumpf geworden, ich mußte an ſeiner Statt uns ernaͤhren. Meine Mutter hatte ihr Erbe und Erſparniß in Si⸗ cherheit gebracht, und ließ uns darben. In dem Grade als ich ihm nuͤtzlicher wurde, ließ meines Vaters Ab⸗ neigung nach. Er vergalt mir meine kindliche Ehr⸗ furcht mit einer Art unwillkuͤrlicher Achtung, aber ſeine Schwermuth wuchs mit meinem Erwerbe. Der Stolz der Palaͤologen regte ſich wieder gewaltig in ihm, und machte ſein Daſein ſo martervoll, daß er es verwuͤnſchte. Eines Tages kam er mit flammenden Blicken und — 166— exaltirtem Geſichtsausdruck auf mich zu, ergriff meine zitternde Hand und fuͤhrte mich ſchweigend auf die Straßen von Conſtantinopel. Ein großer Entſchluß ſchien alle ſeine Gedanken und Gefuͤhle aus traͤger Apathie aufzuruͤtteln. Sein Schritt war feſt, ſeine Stimme erhoben, ſein Antlitz leuchtend. Ein hoͤherer Geiſt ſchien in ihm zu walten. Als wir zur Moſchee Aja⸗Sophia kamen, hieß er mich den herrlichen Bau mit Ehrfurcht betrachten.»Knabe,“ ſprach er,»Du haſt keinen gemeinen Geiſt, und Athanaſius hat ihn mit eitler Spreu gefuͤttert. Ich will nun Deine Kraft pruͤfen, denn gebrechlich wie ich bin, muß ich daran denken, Dir einen Schatz zu hinterlaſſen, den ich ſelbſt nicht mehr heben kann. Dir, Andreas, der Du mich ernaͤhrt haſt, Dir, obgleich Du vermuthlich nur gemei⸗ nes Tuͤrkenblut in Deinen Adern haſt, Dir ſei das große herrliche Werk mit all' ſeinem Ruhm vorbehal⸗ ten, deſſen ich mich nicht mehr faͤhig halte. Sieh' hier dieſen Bau jenes großen chriſtlichen Kaiſers Con⸗ ſtantinus. Vierzehn Jahrhunderte haben an ſeinen Grundfeſten geruͤttelt, aber ihn nicht erſchuttern koͤn⸗ nen. Er hat ſie alle uͤberlebt, wie den Stamm Con⸗ ſtantins. Zwei Mal ging ſie in Flammen auf, aber Juſtinianus ließ ſie aus dem Schutte ihrer Waͤnde in neuer Herrlichkeit erſtehen. Gott hat ſie gegruͤndet, und ſie wird nicht erſchuͤttert werden.»»Gott wird ihr beiſtehen im Morgenroth««— ſo ſteht auf jedem Ziegel des Baues. Und dem Gott der Chriſten ward u — 167— dieſe Kirche erbaut, und in ihrem Moͤrtel ſind die Ge⸗ beine der Heiligen gefaßt. Hier beteten die griechiſchen Kaiſer, und dieſe herrliche Stadt war die Hauptſtadt ihres Reiches,— Conſtantinopel!« „Das edle Volk der Griechen brachte hier dem wahren Gott Opferfeſte dar, in dieſen heiligen Mauern hielten die Paläologen ihre Vermaͤhlungsfeier. Ge⸗ prieſen war ihr Name, und weit hin erſtreckte ſich ihre Macht, da kam ein wildes huͤndiſches Volk, die Osma⸗ nen, aus dem Orient und uͤberzogen ſie mit Krieg. Ihrer Uebermacht konnte Nichts widerſtehen, der letzte bekannte“ Palaͤologe fiel kaͤmpfend unter ihren Schwer⸗ tern. In dieſer Kirche hielt er ſein letztes Gebet, und hieher fluͤchteten ſich die griechiſchen Frauen und Jungfrauen, aber Mahomed ll. ritt mit ſeinem Schlacht⸗ roß mitten in ihr Gedraͤnge, in die heiligen Raͤume der prachtvollen Chriſtenkirche, und rief:»»Es iſt kein Gott, als Allah und Mahomed iſt ſein Prophet!«« »Himmelſchreiende Frevel veruͤbten nun ſeine wil⸗ den Schaaren in dem entweihten Hauſe Chriſti. Die Huſe ihrer Pferde zerſtampften den Marmor des Fußbo⸗ dens, die heiligen Gefaͤße wurden zerſchlagen, die Jung⸗ frauen an den Altären geſchaͤndet.« »Sieh nun, was aus dem Hauſe Gottes gewor⸗ den. Ein Baalstempel fuͤr unſere Unterduͤcker, ein Schauplatz ſinnloſer Gaukeleien der Prieſter dieſer Bar⸗ baren.« „Ein tiefer Schmerz machte bei dieſer Schilderung —— „. — 168— die Stimme meines Vaters krampfhaft. Sein Geſchrei hatte bereits Aufmerkſamkeit erregt, aber er bemerkte es nicht. „Es ward eben das Bairamsfeſt gehalten; eine große Menge Volkes umringte die majeſtätiſche Aja⸗ Sophia. Die Koranleſer und Hymnenſaͤnger, die Thuͤr⸗ huter und Kirchendiener drängten ſich im bunten Ge⸗ wuͤhl an den Thoren der Moſchee. Je pomphafter die Feierlichkeit ſich entwickelte, deſto mehr wuchs die Ex⸗ taſe meines Vaters, den ich vergeblich hinwegzufuͤhren ſuchte, ehe ſeine unklugen lauten Reden den Unwillen des Volkes erregten. Meine Bemuͤhungen waren ver⸗ geblich, er blieb wie an die Stelle gebannt, und hef⸗ tete aufmerkſam ſeine Blicke auf die Waͤnde der Mo⸗ ſchee, als ſollte ein Wunder ihre Mauern berſten und die Verſammlung der Ungläubigen begraben.»Horch,“ ſprach er, indem er meine Hand faßte,»hoͤrſt Du das Klagegeſchrei der entehrten Jungfrauen unſeres zertretenen Volkes? hörſt Du die Stimme der gefal⸗ lenen Helden, hoͤrſt Du, Knabe, wie ſie rufen?« „Ich bekannte, daß ich Nichts vernehme, als das Geraͤuſch der Menge und die Stimmen der Thuͤrhuter und Janitſcharen, welche Ordnung halten ſollten. »Du luͤgſt, Knabe!« ſchrie mein Vater außer ſich,„ſie rufen laut: Rache! Rache! Rache!“ „Sogleich dräͤngte ſich ein neugieriger Haufe um uns, und die turkiſchen Schaarwachen näherten ſich, um den Ruheſtoͤrer in ſo heiliger Zeit feſtzunehmen. 50— Jetzt erſt kam mein Vater zur Beſinnung und entfloh mit mir, aber es waͤre dies ſchwerlich gelungen, haͤtte ich nicht Geiſtesgegenwart genug gehabt, meinen un⸗ gluͤcklichen Vater fuͤr wahnſinnig zu erklaͤren, worauf man, mit anderen Dingen beſchaͤftigt, von unſerer Verfolgung abließ. Ungeachtet meiner dringenden Bit⸗ ten und Vorſtellungen verharrte mein Vater doch bei ſeinem Entſchluß, mich an dieſem Tage an die Haupt⸗ plaͤtze Conſtantinopels zu fuͤhren, um mir, wie es ſchien, alle Denkmaͤler der griechiſchen Vorzeit zu zeigen. Von der Aja⸗Sophia riß er mich mitten durch das Gedraͤnge des fanatiſchen Tuͤrkenvolkes(das an dieſem Tage gegen Franken und Chriſten in der gefaͤhrlichſten Stimmung ſich befindet) unaufhaltſam fort, auf den großen Platz Atmeidan, der eben von einer zahlloſen Menge bedeckt war, die den feierlichen Aufzug des Großherrn hier ſehen wollten. Alle Fenſter, Ecken, Saͤulen und Baͤume waren von Menſchen bedeckt, mit Muͤhe fanden wir noch ein Plaͤtzchen unter einer Gruppe von Baͤumen, welche eine Pyramide umgiebt, gegenuͤber von den Pa⸗ läſten des Großveziers. Man konnte hier den ganzen Platz mit vielen oͤffentlichen Gebaͤuden uͤberſchauen. „Hier angelangt, ſetzte mein Vater unverzuͤglich ſeine Erzaͤhlung von den griechiſchen Kaiſern, ſeinen erlauchten Ahnherren fort. »Sieh hier,“ ſagte er, indem er auf den Platz Atmeidan zeigte,„ſieh hier den alten Hippodrom der griechiſchen Kaiſer. Er war mit den herrlichſten Denk⸗ — 170— maͤlern beſetzt, aber die Unglaͤubigen haben ſie frevent⸗ lich zerſtoͤrt, bis auf einige verſtuͤmmelte Monumente, die Du hier ſiehſt. Dort dieſer hohe Obelisk, deſſen Hieroglyphen faſt erloſchen ſind, wurde unter Theodoſius aus Egypten uͤber Athen hierher gebracht. Dreißig Tage waren zu ſeiner Auſſtellung erforderlich. Hier dieſer hohe Pfeiler mit der zerſtuͤckelten Spitze war einſt eine große Zierde des Hippodroms, dieſe pyra⸗ midenfoͤrmige Saͤule— betrachte ſie mit Ehrfurcht, Knabe!— ſie trug einſt den Dreifuß des Delphiſchen Orakels, und ſtellt zwei ineinander gewundene Schlan⸗ gen dar, deren Haͤupter den Dreifuß ſtützten.“ „Mahomed ll., der barbariſche Bilderſtuͤrmer, welcher jetzt bei den Verdammten wohnt, ſchlug bei ſeinem Einzuge in die eroberte Kaiſerſtadt, zum Be⸗ weiſe ſeiner Stärke, mit einem Hiebe ſeiner Streitart die Schlangenhaͤupter ab. O, der Schmach und Ent⸗ wuͤrdigung unſers Volkes! Sprich, Knabe, was fuhlſt Du beim Anblick der Zeichen uͤbermuͤthiger Schaͤndung unſerer Denkmaͤler, was bewegt Deine Bruſt und hemmt Deinen Athem?« Vater, ſagte ich zitternd,»ich fuͤhle Nichts als Froſt und wuͤnſchte wir waͤren zu Hauſe,“ aber in der That graute mir vor ſeiner Stimmung und dem Tone ſeiner exaltirten Stimme. Meine Angſt ſtieg, als ein Jubelgeſchrei und das Niederſtuͤrzen der Menge auf's Angeſicht die Ankunft des Großherrn ankuͤndigte, deſſen offener Anblick ſchon als ein Verbrechen geſtraft wird. Unwillkuͤrlich warf auch ich mich zu Boden und ſuchte dann meinen Vater zu mir niederzuziehen, denn ſchon erſchienen die Spahis auf dem Atmeidan und ſaͤuberten den Raum in der Mitte des Platzes von Menſchen. Allein mein Vater blieb trotzig ſtehen und riß mich gewaltſam empor. Steh', Grieche!« rief er, und ſeine Augen funkelten vor Zorn,»ſteh', und ſieh in dem Turban des Nachfolgers jenes Mahomed den ſchoͤnſten Diamant aus der Krone der griechiſchen Kaiſer. Juſtinianus trug ihn vor mehr als tauſend Jahren bei feierlichen Proceſſionen, er wurde bei einer ſolchen im Tumulte verloren und unter Mahomed ll. in Hebdomon von einem Knaben im Schutte gefunden, und nun ſchmuͤckt er die Stirne eines heidniſchen Tirannen. Wehe uͤber Dich, Abdul⸗Hamid, daß Du dieſes Kleinod entweihſt, Deine Tage werden voll Truͤbſal ſein und Dein Ende voll Schmach! Wehe! Wehe! Wehe!« Die letzten Worte rief mein Vater ſo laut, daß ſie bis zu den Ohren des Sultans dringen mußten. Entſetzen er⸗ ſchuͤtterte die Bruſt jedes Muſelmannes, dem es erſchien, als erſchalle ein Geiſterruf aus einem geoͤffneten Ab⸗ grund der Erde. Niemand dachte an die Verwegen⸗ heit eines exaltirten Peroten, der hinter der Baum⸗ gruppe den Blicken verborgen war. Ehe man von dem Schrecke, der auch den Großherrn ergriffen hatte, ſich erholte, war mein Vater mit mir verſchwunden. „Stumm und taub gegen meine Bitten, ſchleppte —— er mich von hinnen, waͤhrend ſich mit Blitzeseile uͤber ganz Stambul das Geruͤcht von dem wunderbaren Ereigniß auf dem Atmeidan verbreitete. Erſt auf dem Serai⸗Meidani, welcher ganz menſchenleer war, blieb er vor einer Barriere an einer kahlen Stelle ſtehen, und hieß mich niederknieen und den Boden küſſen. Ich gehorchte widerſtrebend, um ihn nicht zu reizen, und es ſchien wirklich, als beſchwichtigte meine Fug⸗ ſamkeit ſeine gewaltige Aufregung, denn er ſprach nun ſanft mit gepreßter Stimme zu mir: »Wiſſe, Andreas, daß an dieſer heiligen Stelle die Statue des Kaiſers Juſtinianus geſtanden, auf hohem Pferde ſitzend, in der Linken die Erdkugel mit dem Kreuze haltend, die Rechte drohend ausgeſtreckt gegen den Orient: ſo ſahen herrliche Zeiten ſein koloſ⸗ ſales Erzbild. Und hier, Andreas, hier ließ Maho⸗ med lI., zur Verhoͤhnung unſerer beſiegten Vaͤter, das abgeſchnittene Haupt des letzten bizantiniſchen Kaiſers drei Tage lang oͤffentlich ausſtellen. Sprich, Knabe, welches ſind Deine Empfindungen bei Anregung ſo großer jammervollen Erinnerungen?« „Ach, Vater,« erwiderte ich ſeufzend,»ich friere unaus ſprechlich, laß uns nach Hauſe gehen.“ „Aber ohne auf mich zu achten, riß er mich von Neuem fort. Seine Schritte waren nun ſchneller, ſein Athem ſchnaubend, ſeine Blicke ſtechend. Ich fuͤhlte in allen Nerven die Ahnung eines ſchrecklichen Vor⸗ ſatzes, aber ich folgte ihm halb erſchoͤpft bis zu dem — 173— Top⸗Kapu, dem ehemaligen Sanct Romanusthor auf der Landſeite von Conſtantinopel. Hier angelangt, ſtieß mich mein Vater ploͤtzlich weit von ſich, ſtellte ſich einſam unter die Woͤlbung der Thormauern, erhob ſeine Augen zum Himmel und rief mir zu: »Bleibe fern von mir, Andreas, und vernimm mit Aufmerkſamkeit, was ich Dir zu ſagen habe! Du ſollſt ein großes Werk verrichten, und ich habe den Auftrag von Gott dazu, mein eigenes Recht auf Dich zum koſtbaren Vermaͤchtniß zu uͤbertragen. Ungluͤck hat mich ſelbſt gehindert, davon Gebrauch zu machen, und Du ſollſt deſſen nicht beraubt werden, weil Deine Mutter eine Megaͤre iſt. Du biſt ein hochherziger Knabe, und wirſt meinen letzten Willen ehren und mein beſchimpftes Andenken raͤchen. So vernimm, hier ſank kaͤmpfend der letzte griechiſche Kaiſer unter den Strei⸗ chen der osmaniſchen Moͤrder, und die Sage ſetzt hinzu, hier ſtarb der letzte Paläologe. Ich will ſie wahr machen, ſiehe und raͤche mich!« „Ehe ich mich deſſen verſah, blinkte ein Dolch in ſeiner Rechten und fuhr wie ein Blitz in ſeine entbloͤßte Bruſt. Lautlos ſank mein Vater zu Boden, und ich ſturzte mich hilferufend auf ſeinen blutenden Koͤrper. Aber er draͤngte mich ſterbend von ſich und ſammelte ſeine letzte Kraft zu folgenden Worten! „Ich hinterlaſſe Dir ein Kaiſerreich zu erobern und erkläre Dich feierlich zum Erben meiner Rechte. Nimm dieſen Dolch, verfüge Dich damit zu dem Groß⸗ — 174— herrn, ſtoß' ihn in ſeine verrätheriſche Bruſt und— ſei Kaiſer von Byzanz!“ Damit riß er den Dolch aus ſeinem durchbohrten Herzen, reichte mir ihn und verſchied. „Den blutigen Dolch meines Vaters in der Hand, in Thraͤnen ſchwimmend und halb bewußtlos, ſo wurde ich auf der Leiche gefunden. Man bemächtigte ſich meiner und fuͤhrte mich mit gebundenen Händen vor den Richter, denn Nichts ſchien den Tuͤrken, die mich ergriffen, unzweifelhafter, als daß ich der Mörder des unbekannten Peroten ſei. Nachdem der Richter von dem Vorfalle durch die Ausſagen Derjenigen, welche mich bei dem Top⸗Kapu gefunden hatten, unterrichtet worden war, zog er die Augenbrauen zuſammen, ſah mich lange, in tiefes Nachdenken verkunken, forſchend an, ſchloß dann die Augen und verharrte lange in Stillſchweigen. Keiner der Zeugen wagte es in dieſem feierlichen Augenblicke, wo er mit ſich zu Rathe ging, einen Laut zu aͤußern, und mein gepreßtes Schluchzen allein unterbrach die Stille des Verhoͤrſaals. Nach wenigen Minuten oͤffnete endlich der Richter ſeine Au⸗ gen und legte ſeinen Beiſitzern folgende Fragen vor: „Iſt der verruchte Knabe nicht ein Grieche?⸗ Jal⸗ „Paßt der Dolch, welchen man in ſeiner Hand gefunden, nicht in die Wunde des Ermordeten?⸗ »So iſt es!⸗ — 5— »Spricht ſich die Schuld nicht auf dem Geſichte des Moͤrders deutlich aus?« »Seine Stirne traͤgt das Brandmal des Ver⸗ brechens!« »Nun, ſo geht hin und ſpießt den Vatermoͤrder an einen Pfahl.« »Allah iſt groß!« riefen bei dieſem Urtheils ſpruch die Zeugen, und fuͤhrten mich hinweg, um ihn ſchleu⸗ nig an mir zu vollziehen. »Die Weisheit dieſes Richters iſt wie der Blitz, ſie leuchtet und vernichtet den Schuldigen,“ ſagten die Janitſcharen, welche mich fortſchleppten, und meine Schwuͤre, daß ich unſchuldig ſei, mit Mißhandlungen beantworteten „Man fand eine naͤhere Unterſuchung hoͤchſt uͤber⸗ fluͤſſig, denn der Richter war von ſeiner Unfehlbarkeit vollkommen uͤberzeugt. Sicherlich waͤre es um mich geſchehen geweſen, haͤtte man mir in der letzten Noth nicht den geiſtlichen Beiſtand eines Popen geſtattet, den ich durch Erzählung des wahren Herganges den ich dem Richter verſchwiegen hatte— ben ſich fuͤr mich zu verwenden. Meine Unſchuld wurde durch einen bisher verborgenen Zeugen des Selb 5 meines Vaters klar bewieſen, aber der Richter, cher niemals duldete, daß ein Verurtheilter ſeinenen Ausſpruch lange uͤberlebte, machte die größten Se rigkeiten. Da aber meine Mutter einſtmmig mit allen Nachbarn ſehr kaltbluͤtig Zeugniß gab, daß ihr Gemahl, — 176— von Natur aus bloͤdſinng, ſchon ſeit längerer Zeit mit aberwitzigen Vorſaͤtzen umgegangen ſei, gab der Richter widerſtrebend nach und entließ mich aus dem Ge⸗ faͤngniſſe. „Als ich den Schreck uͤberwunden hatte, erinnerte ich mich wieder des großen Auftrags, den mir mein ſterbender Vater gegeben hatte: Conſtantinopel zu erobern! Ich ſah ſogleich ein, daß die Sache einige Ueberlegung erfordere und nicht ſo ſchlechtweg unter⸗ nommen werden koͤnne, wie es mein Vater gewuͤnſcht hatte; aber der Gedanke an Befreiung unſeres Volkes wurzelte tief in meinem Geiſte. In der innerſten Seele erſchuͤttert durch die Todesart meines Vaters, erwies ich mich als ein echter Grieche. Denn es wird unſerem Volke nachgeruͤhmt, daß ihm die Schoͤnheit mehr im⸗ ponire als die Wahrheit. Der Wahn von den Pa⸗ läologen abzuſtammen, ſo widerſinnig er war, reizte doch meine jugendliche Phantaſie. Das Beiſpiel mei⸗ nes Vaters, obgleich es die Folge des Wahnſinns war, gab mir doch eine Ahnung von dem Geiſtesſchwunge der griechiſchen Helden und Saͤnger, mit welchen ich mich in der Folge eifrig beſchaͤftigte. Ich las die Ge⸗ ſchichte des alten Griechenlands, die Werke ſeiner Dich⸗ ter und betrachtete denkend die Welt um mich her, welche dem glorreichen ſchoͤneren Alterthum ſo wenig aͤhnlich war. „Als ich die Geſchichten unſerer Heroen las, draͤngte ſich mir der Gedanke auf, daß ein Mann des Krieges — 77— doch weit nuͤtzlicher fuͤr ſein Vaterland ſei, und ſein Wirken ungleich herrlicher, als das eines Eremiten. Reizend wie eine Braut, erſchien mir ein weit hoͤheres und ſchoͤneres Ziel als bisher meiner Phantaſie vor⸗ geleuchtet, das Ziel eines patriotiſchen Helden. Tag und Nacht, im Schlaf und Wachen traͤumte ich un⸗ aufhoͤrlich von den Heroen der Vorzeit, von Hektor und Achilles, von den alten Hellenen und den Schau⸗ plaͤtzen ihrer Kaͤmpfe. „Mein Herz gluͤhte von Thatenluſt, mein Gehirn gaͤhrte von ſtolzen Entwuͤrfen, all' mein Sinnen und Trachten war auf die Ehre meines Volkes gerichtet. „Edles Griechenvolk!« rief ich oft aus,»wann wird die Stunde Deiner Freiheit ſchlagen? Ihr gehoͤrt mein Leben und meine Kraft. Suͤß iſt's fuͤr's Vater⸗ land zu ſterben!« „Allein die patriotiſche Spannung meines Ge⸗ muͤthes ward bald durch die Einwirkung der gemeinen duͤnſtevollen Atmoſphaͤre von Pera erſchlafft. Einige Jugendfreunde, die ich zu Vertrauten meiner Stimmung und meines erhabenen Ideenſchwunges machte, ver⸗ ſpotteten mich und die alten Goͤtter Griechenlands. Selbſt an jenen Peroten, welche auf den Ruhm ihres Volkes zu halten ſchienen, bemerkte ich, daß ſie reicher an hochtrabenden Redensarten, als an patriotiſchen Empfindungen waren. Ihr ganzer Ehrgeiz beſtand darin, laͤcherliche Eigenheiten in Tracht und Gebraͤuchen zu behaupten. Der Tendur mit ſeinem Kohlenbecken Wien. 2. Bd. 12 war ihr Palladium, der Kalpak das Wahrzeichen ihrer Abkunft, worauf ſich ihr Stolz beſchraͤnkte. „Meiner Mutter war die neue Richtung meiner Neigungen wo moͤglich noch widerwaͤrtiger, als mein anfaͤnglicher Zelotenglaube. Sie hatte von den alten Gottheiten Griechenlands eine ſehr beſchraͤnkte Kennt⸗ niß und hoͤchſt liebloſe Meinung, und ſchalt Achilles, Ajar und Ulyſſes, von welchen ich haͤufig ſprach, gott⸗ loſe Heiden. Die Erweiterung meiner Kenntniſſe floͤßte ihr um ſo weniger Achtung ein, da ſie mich niedrigen Erwerbsgeſchaͤften entzog. Da ſich mein Heldenſinn ſtraͤubte, den unglaͤubigen Tuͤrken als Brief⸗ trager, Pfeifenreiniger und Lakai zu dienen, ſo erboßte ſich meine Mutter hoͤchlich gegen die Lieblinge meiner Einſamkeit, die alten Dichter, von welchen mir der Pope Athanaſius einige Werke zur Erbſchaft hinter⸗ laſſen hatte.»Homer, Aeſchylos, Pindar, Theokrit u. ſ. w. ſeien,« ſagte ſie,»eben ſolche Taugenichtſe geweſen, wie ich ſelbſt. Sie wuͤßte nicht, wie ein ver⸗ nuͤnftiger Menſch mit ihrem Geſchreibſel einen Hund vom Ofen locken koͤnnte, und deswegen ſeien ſie alle⸗ ſammt zu Nichts nuͤtze, als verbrannt zu werden.« Dieſer Urtheilsſpruch ward auch an den Ungluͤcklichen unbarmherzig vollzogen, und als ich eines Tages von Muſtapha's Schreibſtube nach Hauſe kam, fand ich meine ehrſame Mutter hochſt vergnuͤgt an einem luſti⸗ gen Feuer am Tendur ſitzen, wo ſie ſich an dem Flackern des Papiers ungemein ergötzte. Schluchzend brach ich hret in bittere Vorwuͤrfe gegen meine Mutter aus:»Un⸗ gluͤckliches Vaterland!« rief ich aus,»mein theures Vaterland, in welche Barbarei ſind Deine Enkel ver⸗ ſunken, daß ſie ſo an Deiner Ehre freveln koͤnnen!« Meine Mutter hoͤrte meine Klagen lange geduldig an, als ich aber nicht aufhoͤrte auszurufen:»O, mein ungluͤckliches Vaterland, ungluͤckliche Hellenen!« gab ſie mir mit der groͤßten Ruhe einen gewaltigen Backen⸗ ſtreich und blies das Feuer, welches ich daͤmpfen wollte, auf's Neue an.»Einfaͤltiger Narr,« ſagte ſie, den ſchmerzhaften Geſtus erneuernd,»die Vorſtadt Pera iſt Dein Vaterland!« „So tiefe Schmach vermochte ich nicht zu ertragen. Ich umarmte ſtuͤrmiſch meine Mutter, bat ſie, mir zu verzeihen, wenn ich ſie beleidigt haͤtte, leerte aus meiner Taſche alles Geld, das ich verdient hatte, in ihre Haͤnde, kuͤßte das Crucifir an meiner Lagerſtatt und die Thuͤrſchwelle des Hauſes und rannte mit gluͤhendem Kopfe in das Straßenlabyrinth von Conſtantinopel, um nie wieder nach— zu kehren. „Nach langem planl Umherſchweiſen verfiel ich auf den Gedanken, durch Herſagen der eingelernten Dichtungen fuͤr die naͤchſte Zeit mein Leben zu friſten, wobei ich hoffte, daß meine vielgeruͤhmten Anlagen von vornehmen Griechen wuͤrden bemerkt und beguͤnſtigt werden. Ich begab mich unverzuͤglich in die Haͤuſer der vornehmſten und reichſten Peroten, aber uͤberall wies man mich mit Scheltworten zuruͤck. 12 „Ich wanderte von Haus zu Haus, meine Dienſte anbietend, Verſe ſprechend und meine Abkunft von den edlen Hellenen ruͤhmend, aber ich fand nur Theil⸗ nahme bei den Tuͤrken. Muſtapha, der eben meiner nicht bedurfte, beſchenkte mich reichlich und gab mir eine Laute, mit dem Rathe, damit mein Gluͤck zu ver⸗ ſuchen.»Wiewohl Dir, armer Junge,“ ſetzte er raͤth⸗ ſelhaft hinzu,»auf eine beſſere Art zu helfen waͤre.« Ich hatte bereits einige Kunſtfertigkeit auf dem Inſtru⸗ mente erlangt, als ich es mir beifallen ließ, vor dem Palaſte eines reichen Phanarioten ruhig die ſchoͤnſten Weiſen vernehmen zu laſſen. Ich hatte meine Blicke demuͤthig niedergeſchlagen und fuhr mit etwas unſicherer Stimme in meinem Geſange fort, als die juͤngere der beiden Frauen, welche auf dem Balkon ſaßen, eine Boͤrſe zu meinen Fuͤßen fallen ließ, zugleich aber einen Schrei ausſtieß, der mein innerſtes Mark beruͤhrte. Dieſe milde Handlung und der Ton der Stimme verriethen mir Helenen, deren Andenken bereits mit dem meiner heiligen Vorſaͤtze tief in den Hintergrund der Seele getreten war. Noch ſtand ich ſtarr und bewußt⸗ los vor dem praͤchtigen Hauſe und hielt die Boͤrſe Helenens in der Hand, als ſich ein Sclave mit einem Hunde auf mich warf und mich zwang, die Stelle vor dem Hauſe des Notaras zu verlaſſen. Verfolgt von dem Geſchrei des Barbaren, ſah ich mich zur Flucht genoͤthigt. Beſinnungslos rannte ich fort und meine Thraͤnen floſſen reichlich. Ueberall fand ich nur Schimpf — pf — 181— und Verhöhnung, kein Grieche erbarmte ſich meiner. Von den Tſchartaks der perotiſchen Häuſer warf man Orangenſchalen und verfaultes Obſt nach mir; ich war die Zielſcheibe des Muthwillens der perotiſchen Stra⸗ ßenjugend, Hunde folgten bellend meinen Ferſen, Schelt⸗ worte begleiteten jeden meiner Schritte. „Nachdem ich mich ſattſam ausgeweint hatte, wankte ich ſtumpfſinnig den Grabſtaͤtten von Pera zu. Sehr ſinnreich hat die Pforte hier dem Griechenvolke einen Tummelplatz fuͤr ſeine Vergnuͤgungen angewieſen. Es war eben Oſterfeſt und die Luſtbarkeit allgemein. „Die Freude,“ dachte ich,»ſtimmt alle edlen Seelen zur Theilnahme und Milde, gewiß, hier finde ich einen Freund und Wohlthaͤter. Noch iſt der Seelen⸗ adel der Hellenen nicht erloſchen. Sie werden Einen von ihrem Volke nicht untergehen laſſen.“ Vertrauungs⸗ voll drängte ich mich unter das Gewuͤhl der freude⸗ taumelnden Peroten. Ein ſinnverwirrendes Schauſpiel grauenhafter Froͤhlichkeit uud Brutalität bot ſich meinen Blicken dar. Mitten unter epheuumrankten Grab⸗ maͤlern vornehmer Griechen hielt man bei hereinbre⸗ chender Nacht abſcheuliche Bachanalien. Ueber die Grab⸗ huͤgel tanzten trunkene Peroten unter heiſerem Gebruͤll und beim Geſang ſchmutziger Lieder. Ich ſtolperte uͤber die hingeſtreckten Koͤrper Solcher, die das Uebermaß des Genuſſes aller Sinne beraubt hatte. In Kaffee⸗ buden und Trinkzelten herrſchte dieſelbe viehiſche Luſt⸗ varkeit. Ich ſah mein Volk in ſeiner tiefſten Er⸗ — 182— niedrigung, ſich waͤlzend im Schlamme gemeiner Luͤſte. In dem betaͤubenden Laͤrm dieſer Gelage kam es mir nicht in den Sinn, homeriſche Verſe durch Geſang zu entweihen. Ich wollte fliehen, allein einige Trunken⸗ bolde, welche meine Laute bemerkt hatten, bemaͤchtig⸗ ten ſich meiner, ſchleppten mich in ein Trinkzelt, zeigten mir eine Geldboͤrſe, die ſie ſelbſt zu behalten ſichtbar Willens waren, und verlangten von mir froͤhliche Lie⸗ der. Ich verſuchte eine gemeine Melodie anzuſtimmen, aber die Stimme verſagte mir, ich ſtuͤrzte ſchluchzend zu den Fuͤßen meiner Peiniger, und bat ſie mich frei zu laſſen. Aber ſie verhoͤhnten mich, goſſen Getranke uͤber mich aus, und beſudelten mich mit den Ueberreſten ihrer Speiſen. „Da regte ſich in einem der Anweſenden,— ſo ſchien es— ein Gefuͤhl der Menſchlichkeit. Er nahm mich in ſeinen Schutz, befreite mich aus den Haͤnden der Cannibalen, und fuͤhrte mich hinweg. Dankbar kuͤßte ich die Haͤnde meines Befreiers und benetzte ſie mit Thraͤnen. Er ſchien tief bewegt und ſuchte mich zu troͤſten, indem er meine Kleider reinigen half und mir Speiſe und Trank vorſetzte. »Du biſt wohl ſehr arm, Knabe?« fragte er mich in vaͤterlichem Tone. »Gewiß, ſehr arm!« antwortete ich. »Du ſcheinſt mir ein huͤbſcher verſtandiger Junge,« fuhr er wie nachdenklich fort,»es koͤnnte wohl fuͤr Dich geſorgt werden. Willſt Du mir vertrauen und . — 183— meinen Beiſtand annehmen, ſo will ich Dir noch heute eine Stelle verſchaffen, wo Du Speiſe und Trank im ueberfluß und die ſchoͤnſten Kleider haben ſollſt.« „Ich verſicherte ihn, daß ich zu Allem bereitwillig ſei und ihm ewig dankbar ſein wuͤrde. Ich erlaubte mir die einzige Frage, ob ich in dem Dienſte, den er mir auserſehen, knechtiſche Arbeiten wuͤrde verrichten muͤſſen, obgleich ich auch hierzu bereitwillig war, allein mein Wohlthaͤter beruhigte mich vollkommen, und ver⸗ ſicherte mich im Gegentheil, daß Geſang und Spiel meine einzigen Verrichtungen ſein wuͤrden. Mit freu⸗ digem Muthe folgte ich dem ſeltenen Menſchenfreunde, und ich war ſtolz darauf, daß in meinem Volke noch nicht alle Tugend des Alterthums erloſchen ſei. „Iſt der Edelmuth dieſes Mannes nicht ebenſo ruhmwuͤrdig, als eine der ſchoͤnſten Thaten Achilles'?“ „So fragte ich mich und heftete bewundernd meine Blicke auf den vaͤterlichen Freund, den ich in der hoͤchſten Noth gefunden. Er war in Gedanken verſunken, und fuͤhrte mich auf einigen Umwegen, die er offenbar machte, um mit ſich zu Rathe zu gehen, in die Vorſtadt Sanct Dimitri(Tatawla), wo er nach langem Beſinnen mich in eine ſehr belebte Taberne fuhrte. Hier zeigte ſich mir eine neue Scene der aben⸗ teuerlichſten Art, die ſogleich alle meine Sinne be⸗ ſchäftigte. Junge Maͤdchen und Knaben, in leichte glaͤnzende Gewaͤnder gehuͤllt, tanzten hier bei laͤrmender Muſik vor den Augen luͤſterner Zuſchauer, die ſich an — 184— den Spruͤngen und Attituͤden derſelben hochlich zu er⸗ gotzen ſchienen. In den Zwiſchenacten miſchten ſie ſich mit unbegreiflicher Vertraulichkeit unter die Gaͤſte, welche nicht im mindeſten daruͤber befremdet waren. Fluͤſternd neigte ſich Ohr an Mund und die Haͤnde begegneten ſich mit zärtlicher Ungezwungenheit. Es ſchien ein Geheimniß zwiſchen den Gaͤſten und jenen Taͤnzern obzuwalten. Da ſie alle in alterthuͤmliche Gewaͤnder gekleidet waren, ſo erregten ſie mein Wohl⸗ gefallen in hohem Grade. Ich hielt ſie fuͤr Schauſpie⸗ ler, und freute mich, daß der Sinn fuͤr Schoͤnheit in dem edlen Griechenvolke nicht vollig erloſchen ſei. »Welch ein Enthuſiasmus für die Kunſt«— ſagte ich zu mir—»belebt dieſe Verſammlung; mit wel⸗ cher Auszeichnung behandelt ſie dieſe jungen Maͤnner! Welch ein Gluck fuͤr mich, daß ich von nun an mich ganz den Muſen werde widmen koͤnnen! Wie ent⸗ zuͤckend muß der Umgang mit jenen reizenden Weſen ſein, wie belehrend und geiſtveredelnd die ununter⸗ brochene Beſchaͤftigung mit der heiligen Kunſt! Groß⸗ muͤthiger Mann! wie kann ich Dir genug danken fuͤr dieſen Dienſt der reinen Menſchenliebe!! Waͤhrend dieſes Selbſtgeſpraͤches hatte mein Wohlthaͤter ſich bei dem Director der Anſtalt mit vieler Waͤrme fuͤr mich verwendet. Während ihrer Unterhaltung hefteten ſie unaufhoͤrlich ihre Blicke auf mich, man ſchien meine ganze Geſtalt zu prüfen. So viel ich aus abgebro⸗ chenen Reden zu erkennen meinte, waren ſie uneinig 5 uͤber die Groͤße meiner Beſoldung. Mein Wohlthaͤter ſchien eine ſehr große Forderung zu machen. Mit klopfendem Herzen ſah ich der Entſcheidung meines Schickſals entgegen. Endlich naͤherte ſich der Director der Anſtalt und ſagte freundlich zu mir:»Du biſt aufgenommen, unterhalte die Herren gut und es wird Dir wohlergehen.« „Dieſe Anrede befremdete mich etwas.»Herr, was ſoll ich thun?« fragte ich zaghaft. Allein meine beiden Wohlthaͤter laͤchelten und gaben mir keine Ant⸗ wort. Bald umringten mich einige Maͤnner von auf⸗ gedunſenen gemeinen Phyſiognomien und uͤberhaͤuften mich mit Liebkoſungen. „Scham und Wuth entflammte mich in einem Augenblicke, und zum erſten Male kam die Wildheit meiner Natur zum Ausbruche. Ich riß mich von den brutalen Umarmungen los, zerſchlug meine Laute an den Koͤpfen der Wohlthaͤter, welche mich feſthalten wollten, und richtete unter der von Ausſchweifungen aller Art halb ſinnloſen Geſellſchaft mit Knabenkraͤften eine große Niederlage an. Es erhob ſich ein gewal⸗ tiger Tumult unter den Anweſenden, von welchen ſich Keiner meiner annahm. Mit einem Schemel, der in meiner Naͤhe ſtand, gelang es mir mich durchzuſchla⸗ gen und die Straße zu gewinnen, aber auch hier wurde ich mit wildem Gebruͤll verfolgt, denn an dieſem Tage ſind den Griechen Exceſſe aller Art geſtattet, auch auf oͤffentlicher Straße. Die Tuͤrken, welche ſich — 1856 in der Naͤhe befanden und gewohnt waren, die Schlä⸗ gereien und Ausſchweifungen des verachteten Griechen⸗ volkes als luſtige Spectakel zu betrachten, liefen nur herbei, um ihre Neugierde zu befriedigen.»Laßt ſie den Streit unter ſich ausmachen,« ſagten ſie,»es iſt kein Muſelmann darunter.« Indeſſen vertheidigte ich mich gegen meine ſchaͤndlichen Verfolger mit wachſen⸗ dem Muthe. Dennoch haͤtte ich der Uebermacht unter⸗ liegen muͤſſen, waͤre mir nicht ein prachtvoll gekleideter Reiter zu Hilfe gekommen, der, von einem Trupp Spahis begleitet, die bedraͤngte Tapferkeit mit ſicht⸗ barem Wohlgefallen beobachtend, ohne Umſtaͤnde in den Haufen ſprengte und fragte, was es gaͤbe? Ich erzaͤhlte einfach die widerfahrene Unbill. Er hoͤrte mich mit Theilnahme an, ließ den Tabernenwirth und ſeine ſchmutzigen Geſellen mit flachen Säbelhieben verjagen, und rief den Griechen zu:»Der brave Knabe hier ſteht unter meinem Schutz! Wehe Dem, der ihn zu kraͤnken wagt! Allah iſt groß und er ſchuͤtzt die Be⸗ draͤngten. Flieh', Knabe, und lerne einen beſſeren Glauben als den, der ſolche Hunde macht, wie Deine Landsleute ſind, welche von ihren Vorfahren nur die ſchmutzigſten Laſter geerbt haben.« Damit gab er ſeinem Pferde die Sporen und die entwuͤrdigten Soͤhne des alten Hellas ſchlichen fluchend von dannen. Ich aber dachte nach uͤber die große Weltfrage, ob die Nationalität und eine große Vergangenheit Werth ge⸗ nug beſaͤßen, um ſolche ſchändliche Sitten vergeſſen zu —— machen.»Nein,“ ſagte ich mir, obgleich ich nur ein Knabe war,»nicht die Herkunft und die Taufe macht den Mann, ſondern die guten Sitten und die wahre Maͤnnertugend. Ob Chriſt, ob Muſelmann— Der nur kann Gott gefal⸗ len, welcher fromm und rein geblieben iſt.«“ Hier brach Haſſan abermals zum großen Leid⸗ weſen ſeiner ſchoͤnen Zuhoͤrerinnen die Erzaͤhlung ab. Frau von Demetrius allein, die heute das Loos traf, von dem ſchoͤnen Abenteurer nach Hauſe begleitet zu werden, war ſehr zufrieden. Ihre Freundinnen, welche ihre Unruhe gewahrten, und wie ſie ein Mal uͤber das andere ganz in ſuͤße Gedanken verloren aufſeufzte, neckten ſie weidlich mit ſarkaſtiſchen Bemerkungen, in welche jedoch die beiden Polinnen und Fraͤulein von der Loͤhe, die ſehr ſchweigſam war und Frau von Demetrius mit ſeltſamen, kaum freundlichen Blicken anſah, nicht einſtimmten. Endlich gab Madame Mon⸗ tepiacini aus Mitleid mit ſolchen offenbaren Leiden das Signal zum Aufbruch, konnte ſich aber die boshafte Freude nicht verſagen, oͤffentlich zu verkuͤndigen, daß ſie dies aus purer Barmherzigkeit thue, denn ſie koͤnne es nicht laͤnger anſehen, mit welchem Schmerze die gute Demetrius ihrer Nachtruhe entgegenſchmachte. Haſſan bemerkte alle dieſe kleinen Reibungen der Sa⸗ tire und Bosheit nicht, war gegen die Frau von De⸗ — 8 metrius nicht minder galant wie gegen ihre Vorgän⸗ gerinnen, und war bei ihr auch nicht minder gluͤcklich als bei ihnen. Viertes Kapitel. Des anderen Morgens konnten die beiden Po⸗ linnen und das Fraͤulein von der Loͤhe es gar nicht erwarten, bis es ſchicklich waͤre, der Frau von De⸗ metrius ihren Beſuch abzuſtatten. Sie hatten ſich aus irgend einem gemeinſamen Antriebe verabredet, dieſe Dame bei ihrem Lever mit einem Morgenbeſuche zu uͤberraſchen, um ſie zu einem Spaziergang in den Prater einzuladen. Sie fanden die Freundin um neun Uhr noch im Bette. „Sehen Sie nur, wie blaß ſie iſt,“ ſagte Fraͤu⸗ lein von der Loͤhe zu den Polinnen fluſternd, waͤhrend dieſe ſie begrußten. Frau von Demetrius empfing den Beſuch nicht ſehr artig. „Was faͤllt Ihnen ein, meine Freundinnen, mich an einem ſo abſcheulichen Morgen im Schlafe zu ſtoͤren!“ „Ach, wir ſtoren Sie wohl in ſußen Erinnerun⸗ gen,“ ſagte die eine Polin. aͤn⸗ täu⸗ rend nicht mich ez erun⸗ — 189— „Ja natuͤrlich,“ ſagte die andere,„nach einem ſo vergnuͤgten Abend!“ „Was iſt das?“ ſagte die Demetrius gaͤhnend, „es ſcheint faſt, die Dämchen ſind eiferſuͤchtig.“ „Wir eiferſuͤchtig— auf dieſen Tuͤrken!“ ſchrien Alle zugleich,„wir uberlaſſen ſolche Eroberungen Lands⸗ maͤnninnen mit orientaliſchem Geſchmack!“ „Meine Damen,“erwiderte die Demetrius,„ſtumpfen Sie Ihren Witz nicht ab, dieſer abſcheuliche Renegat könnte mich gar nicht intereſſiren. Aber Sie, meine Daͤmchen— ſcheinen—“ „Wir, wir— nun das fehlte noch— ein Tuͤrke — und ein Mann von vierzig Jahren— der ſchon ſolche Abenteuer durchgemacht— der vielleicht hundert Weiber hat—“ So eiferten die Elferſuͤchtigen! Aber ſie durch⸗ ſchauten ſich gegenſeitig und ſchieden in der feſten Ueber⸗ zeugung von einander, daß Eine ſo ſchuldig ſei wie die Andere. Als man ſich Abends wieder verſammelte, hatten ſich bereits unter den vier Damen zwoͤlf Complotte gebildet, und zwar vereinigten ſich immer drei gegen — vierte, um ſie zu beſchuldigen, Abdyl Haſſan mehr s billig ergeben zu ſein. Glücklicherweiſe betrug ſich . gleich artig gegen alle ſeine Freundinnen, ſonſt hätte es einen Buͤrgerkrieg unter ihnen gegeben. Allein ſein ſanftes ehrerbietiges Weſen beguͤnſtigte das Ge⸗ heimniß einer Jeden. Was Madame Lahire betraf, ſo machte ſie fortwaͤhrend bittere Sarkasmen, ſowohl auf ihre Freundinnen, als den ſchoͤnen Maͤrchenerzaͤhler — denn fuͤr Maͤrchen erklaͤrte ſie ſeine ganze melan⸗ choliſche Geſchichte,„denn,“ ſagte ſie,„wenn ſie wahr waͤre, ſo muͤßte man ihn als das groͤßte Ungeheuer verabſcheuen. Ein chriſtlich geborener Grieche und nun Knecht der Unglaͤubigen, ein Baalsprieſter und Re⸗ negat, das waͤre zu verrucht, um irgendwie entſchul⸗ digt werden zu koͤnnen. Haͤtte man ihm tauſend Mal die Wahl gelaſſen zwiſchen Tod und Abtruͤnnigkeit, ſo haͤtte er tauſend Mal den Tod vorziehen ſollen.“ In⸗ dem ſie Haſſan Abdyl bei jedem Abſchnitt ſeiner Ge⸗ ſchichte ſo tadelte, gluͤhte ſie vor heiligem Zorn und ſchmaͤhte nicht wenig ihre Freundinnen, wenn dieſe ihn in Schutz nehmen wollten. Haſſan Abdyl nahm mit ſchwermuͤthigem Laͤcheln ihre Vorwuͤrfe hin und ſie ſchienen ihm lieber zu ſein, als die Huldigun⸗ gen und Lobſpruͤche ihrer Freundinnen. Wenn ſie unter ſcherzhafter Vertraulichkeit ihn mit dem bitterſten Tadel uͤberhaͤufte, einen Heiden, einen Ketzer, ein Ungeheuer ſchalt, wenn ſie ſo weit ging zu behaupten, daß er zehn Mal den Tod verdient habe, und daß ſie ſelbſt, obgleich ſie nur ein ſchwaches Weib ſei, ſein Todesurtheil als ſeine Richterin unterſchrieben haben wuͤrde, glaͤnzten ſeine Augen vor Bewunderung ihrer edlen und feurigen Beredtſamkeit, ihrer kuͤhnen Schwaͤr⸗ merei und ihres ſtolzen Geiſtes, denn er ſah nur zu deutlich, daß unter ihrem Schmerze ein tiefer Ernſt ver 909 gle mi verborgen lag. Madame Lahire befand ſich aber ihm gegenuͤber in einer ganz aͤhnlichen Gemuͤthslage, ob⸗ gleich ſie dieſen Renegaten verabſcheute und ſeine ſchwer— muͤthige Erzaͤhlung, ſeine darin eingeflochtenen Er⸗ gießungen ſeiner Seele als vermeſſene Heuchelei be⸗ trachtete, hoͤrte ſie ihm doch mit einer ſteigenden Ge— muͤthsaufregung zu, und oft wollte ſie vor Bosheit weinen, daß ſie dieſen Mann nicht lieben koͤnne, weil ſie ihn ſo gruͤndlich verabſcheuen mußte. Haſſan Abdyl erzaͤhlte weiter: „Seltſame Gedanken bewegten meine Seele, als ich, wunderbar gerettet, inſtinktmaͤßig den Quartieren der Chriſten entfloh. Es war tiefe Nacht und ich wußte nicht, wo ich mein muͤdes Haupt hinlegen ſollte. Kaum konnte ich meine erſchoͤpften Glieder bewegen und ſank endlich auf einem Raſenplatz nieder und entſchlief. „Das Reich des Traumes eroͤffnete mir ſeine ſchoͤnſten Gefilde. Reiche Schaͤtze, prachtvolle Paläſte zeigten ſich mir, und Engelsgeſtalten umſchwebten mich. Helenens verklaͤrtes Bild uͤberſtrahlte aber allen Glanz der phantaſtiſchen Welt, ich erblickte ſie nicht mehr als eine Heilige mit goldenem Reife um das Haupt, nicht mehr die Miene frommer Einfalt, ſondern ge⸗ ſchmuͤckt von orientaliſchen Prachtgewaͤndern, mit gold— durchwirktem Flor, koſtbare Perlen in den rabenſchwar⸗ zen Haaren und einem Diadem auf der weißen Stirne. — 192— Es glaͤnzte in demſelben der Diamant des Kaiſers Juſtinianus, den mir mein Vater auf dem Atmeidan in dem Turban des Großherrn gezeigt, und ſtrahlte in der Nacht dunkler Locken wie der Abendſtern am naͤchtlichen Himmel. Mein Herz ſchlug dem reizenden Zauberbilde mit Ungeſtuͤm entgegen, alle meine Pulſe tobten vor Liebe, und aus den geſchloſſenen Augen traͤufelte der Thau unnennbarer Sehnſucht. Es war ein ſuͤßer erquickender Schlaf, der alle meine Lebens⸗ geiſter ſtaͤrkte und meine junge Bruſt mit neuem Muth erfuͤllte. „Bei meinem Erwachen ſtand die Sonne hoch am Firmament. Ich raffte mich auf, um Muſtapha aufzuſuchen und ihm, wie er es verlangte, den Erfolg meiner Unternehmungen zu berichten. Auf dem Wege dahin ſtellte ich gruͤndliche Betrachtungen uͤber meine Schickſale an. Ich hatte in einer Nacht mein Volk verachten gelernt, und die Worte meines Erretters hatten durch ihre ſiegende Wahrheit einen tiefen Ein⸗ druck auf mich gemacht. Wem anders verdankte ich mein Ungluͤck, als der Verworfenheit und dem Aber⸗ glauben meines Volkes?»Dieſes in Laſter und Bru⸗ talitaͤt verſunkene Volk ruͤhmt ſich der allein ſeligma⸗ chenden Religion! Es kauft ſich Ablaͤſſe, Amuletten und Reliquien, und ſchreitet mit Zuverſicht an die ab⸗ ſcheulichſten Verbrechen, immer der Verzeihung des Him⸗ mels gewiß, denn kein griechiſcher Pope verweigert Dem, der ihn bezahlt, die Abſolution von allen Suͤnden! — 193— „Worin beſteht mein trauriges Verhängniß, als in einem verderblichen Wahne meiner Eltern? Unheil⸗ volle Bedeutungen wirkten nur durch ihn verderblich auf mein Loos, die Irrthuͤmer einer ſtupiden Race liegen wie ein Fluch auf mir, der ſchlechte Ruf der⸗ ſelben macht mich allein veraͤchtlich. Gott hat uns verlaſſen, weil wir goldene Kaͤlber anbeten. Der Name der Chriſten wird durch unſere ſchaͤndlichen Gewohnheiten, unſern laſterhaften Lebens⸗ wandel, durch unſere Luͤgen und Verraͤthe⸗ reien, durch unſere feige Verworfenheit zum Schimpfwort unter den Ungläubigen. »Die Kraft Gottes kann nicht in unſeren Popen wohnen, die, ſelbſt laſterhaft, dem Laſter Vorſchub leiſten.« „Solche Gedanken draͤngten ſich mir auf, als ich mich dem Beſeſtan Muſtapha's näherte. Es war eben Marktzeit und mein Goͤnner ſehr beſchäftigt. Er machte mir ſogleich das Anerbieten, ihm in ſeinem Verkaufs⸗ laden behilflich zu ſein und hoͤrte meine Geſchichte mit großer Aufmerkſamkeit. Bei Erzählung meines Aben⸗ teuers in der Vorſtadt Sanct Dimitri aͤußerte er freu⸗ diges Erſtaunen.»Kind,« ſagte er, mich lobend, „Kind, Du haſt vom groͤßten Gluͤck zu ſagen; wenn nicht Alles in Deiner Beſchreibung truͤgt, ſo war es der Großvezier ſelbſt, der zufällig zu Deinem Strauße mit dem Tabernenwirth kam. Er liebt die Tapferkeit ſehr, und hat ſchon Manchen aus niedrigſter Armuth zu den hoͤchſten Ehrenſtellen emporgehoben. Ohne Wien. 2. Bd⸗ 13 — 194— Zweifel biſt Du zu großen Dingen geboren, dafuͤr buͤrgt das Außerordentliche Deines Schickſals. Be⸗ herzige die Worte Deines Retters und Du wirſt gluͤcklich werden. Gott iſt Gott und Mahomed iſt ſein Prophet!« „Mein Herz ſchlug hoͤher bei dieſer ermuthigenden Rede, deren Sinn ich wohl faßte, aber ich bebte bei dem Gedanken an das Verbrechen, zu dem ich ver⸗ ſucht ward.»Huͤte Dich, Andreas,« ſprach eine leiſe Stimme zu mir,»die Hoͤlle ſtellt ihre Schlingen nach Deiner Seele aus!« Wuͤnſche und Zweifel marterten mich unaufhoͤrlich und trieben mich zu einem Entſchluß. Meine Vernunft ſchien ſich ganz meinen Neigungen zu bequemen; aber ein reicher Reſt chriſtlicher Demuth hieß mich ihren Lockungen widerſtehen. Sobald ich eine muͤßige Stunde gewann, eilte ich in die Wohnung eines Popen, der im Rufe beſonderer Froͤmmigkeit und Weisheit ſtand. Ihm legte ich ein aufrichtiges Bekenntniß meiner Zweifel und Seelenaͤngſten ab, und bat um Belehrung und geiſtige Stärkung. Allein der fromme Mann fand das Seelenheil eines armen Pe⸗ rotenknaben nicht von ſolcher Wichtigkeit, um ſich da⸗ mit viele Muͤhe zu machen. Er fertigte mich rauh und kurz ab, befahl mir in der Kirche des Patriarchen bei den wunderthaͤtigen Leibern der heiligen Euphemia und Salome, welche erſtere alljaͤhrig am Tage des Marterthums Blut ſchwitzte, eine Menge von Gebeten zu verrichten, und ertheilte mir unter dieſer Bedingung ſeine Abſolution. Ich befolgte ſeinen Rath, obgleich dafuͤr Be⸗ cklich het! nden e bei ver⸗ leiſe nach erten hluß. ngen muth dich nung igkelt tiges und der Pe⸗ de⸗ rauh ſchen emia des eten ung leich 1— ich wenig Hoffnung hatte, durch Anwendung der em⸗ pfohlenen Heilmittel von meinem Unglauben befreit zu werden. Ich fand die mir angewieſene Stelle bereits von einigen betagten Frauen beſetzt, die mit halblauter Stimme gedankenlos beteten. Demungeachtet näherte ich mich dem Altar, unter welchem die Leichname lagen, wich aber erſchuͤttert zuruͤck, als ich in einer der Frauen meine Mutter erkannte. Sie hatte mich nicht bemerkt, und betete eben ſo laut, daß alle An⸗ weſenden es deutlich hoͤren konnten, wie ſie von Wun⸗ derthaͤtigkeiten der Heiligen Zeugniß ablegte, indem ſie mit vieler Andacht ſprach: Dank Dir, heilige Euphemia, daß Du mich auf meine Bittenvonmeinem ungluͤck⸗ bringenden Kinde befreit haſt!«— Ich ſtand wie vom Blitze getroffen.»Und ihr entheiligten Mauern!« rief ich wild aus,»ihr ſtuͤrzt nicht zuſam⸗ men unter dem Schalle eines ſo frevelhaften Gebetes? Und Du, heilige Euphemia, ſchwitzeſt nicht Blut bei ſolcher Gottloſigkeit Deiner Verehrer?! Lebt wohl, ihr Altäre, Reliquien, Wunderbilder, ich werde euch nicht mehr ſehen!« „Mit dieſem Ausrufe ſtuͤrzte ich entſchloſſen aus dem Tempel, um nie wieder ſeine Schwelle zu be⸗ treten.»Ein Kirchenſchaͤnder, ein Gottesleugner!« ſchrieen die andaͤchtigen Frauen, im Chor mit meiner Mutter, die mich noch immer nicht zu erkennen ſchien. Ich hoͤrte bald ihre Stimme nicht mehr, denn meine 13* — 196— Schritte waren gefluͤgelt. Erhitzt von innerer und aͤußerer Bewegung langte ich auf dem Bazar an, wo Muſtapha ſeinen Beſeſtan aufgeſchlagen hatte. Da kam ein wilder Rappe mit einem jungen Reiter, der bereits Turban und Biegel verloren, den Zaum aber zerriſſen hatte, ſchaͤumend in entſetzlichem Sprunge auf mich losgerannt. Durch einen Seitenſprung haͤtte ich mich retten koͤnnen aus der augenſcheinlichen Gefahr uͤberritten zu werden. Aber in meiner Stimmung dachte ich nicht an meine Rettung, ſondern nur an die Ge⸗ fahr des Reiters, der in den naͤchſten Secunden einen ſchrecklichen Sturz machen mußte. Ich nahm daher, einen von meinem Vater erlernten Kunſtgriff benutzend, meinen Kalpak in den Mund und trat ploͤtzlich dem wilden Renner in den Weg. Die Raſchheit meiner Erſcheinung und die wunderliche Form der perotiſchen Kopfbedeckung, die ich an dieſem Tage zum letzten Male trug, thaten ihre Wirkung; der Rappe prallte zuruͤck, ſtieg hoch auf und blieb dann zitternd vor mir ſtehen. Der Knabe, welcher todtenbleich im Sattel hing, war gerettet. Muſtapha lief herbei, um uns Beiſtand zu leiſten, entbloͤßte ehrfurchtsvoll ſein Haupt, ordnete eigenhaͤndig das in Unordnung gerathene Sat⸗ telzeug, und bat den turkiſchen Knaben, einſtweilen in ſeinen Beſeſtan zu treten, um ſich von dem ausgeſtan⸗ denen Schreck zu erholen. Aber nicht ſobald war ihm dieſes Wort entſchluͤpft, als der Knabe tief erro⸗ thend ſich wieder in den Sattel warf, und ohne zu und wo Da der abet auf faht achtt Ge inen her, ende dem eine chen zien mie mir tel — 197— danken auf dem beſchwichtigten Rappen davon ſprengte. Der Straßenkoth ſpritzte bei dieſem unhoͤflichen Ab⸗ reiten uͤber unſere Koͤpfe zuſammen, und in der naͤch⸗ ſten Minute waren Reiter und Pferd verſchwunden. Ich wollte mich eben tadelnd uͤber dieſes Betragen aus⸗ ſprechen, als mich Muſtapha bei Seite zog.»An⸗ dreas, ſagte er mit feierlichem Ernſte,»Dein Schickſal iſt wundervoll! Allah hat Dich offenbar zu großen Dingen auserſehen! Wiſſe, daß Du durch Deine neue Muthprobe Ibrahim, dem Sohne des Großveziers, viel⸗ leicht das Leben gerettet haſt. Wäreſt Du der Sohn eines Paſcha, Du koͤnnteſt nicht reicher ſein, als Du biſt durch dieſe Begegnungen mit Vater und Sohn innerhalb vier⸗ undzwanzig Stunden. Nimm den Turban und Du biſt mein Herr, ſtatt daß Du mein Diener biſt!« „Ein Freudenſchauer durchrieſelte mein Gebein. Ich war am Wendepunkte meines Gluͤckes angelangt, hinter mir ließ ich Gram, Noth und Schmach, vor mir tauchten die goldenen Berge der kuͤhnſten Hoff⸗ nungen auf, leuchteten Ehre, Gewinn und Macht meinen ſehnſuͤchtigen Blicken! „Ich antwortete nicht auf Muſtapha's Reden, er aber bemerkte wohl meine innere Bewegung und ließ mir Zeit, mich zu faſſen. Aber dieſer Schickſalstag ließ mich nicht zur Ruhe kommen. Ich hatte kaum Zeit, um mit zitternden Händen die Waaren Muſta⸗ pha's zu ordnen, als zwei prächtig gekleidete Griechen⸗ frauen in den Beſeſtun Muſtapha's traten und einen — perſiſchen Shawl zu ſehen verlangten, den wir zum Verkauf ausgelegt hatten. Geſchaͤftig breitete ich, ohne aufzublicken, das koſtbare Gewebe vor den Kunden aus und ruͤhmte die bekannten Eigenſchaften deſſelben mit zagender Stimme; da ſchlug die eine der Frauen den Schleier zuruͤck, ſcheinbar um den Shawl naͤher zu betrachten, in der That aber nur, um einen Blick voll ſchmerzlicher Innigkeit und Liebe auf mich zu heften. „Das Traumbild der letzten Nacht ſtand ſchmuck⸗ los, aber ſtrahlend von angeborener Schoͤnheit vor mir. Der Shawl entſank meinen Haͤnden, meine Kniee brachen und meine Sinne vergingen in dem Taumel ſo vieler Gemuͤthsſtuͤrme. Als ich wieder mein Be⸗ wußtſein erhielt, war Helene verſchwunden. Erſtaunt fragte Muſtapha, was das zu bedeuten habe. Ein Strom heißer Thraͤnen antwortete ihm.»Deine Wuͤnſche gehen hoch, ſagte er zu mir im Tone vaͤterlicher Zaͤrtlichkeit,»Du liebſt die Tochter des Dragomans, des geizigſten und ſtolzeſten aller Griechen, und haſt ſelbſt nicht einen Maravedi! Wenn Du ein Chriſt bleibſt, darfſt Du nie Deine Augen ſo hoch erheben, aber nimm den Turban und auch dieſer Wunſch wird in Erfuͤllung gehen. Der Dragoman, wie ich ihn kenne, wird ſein Kind ſchwerlich einem reichen Muſelmann, aberſicher jedem armen Chriſten verſagen, und mit Recht, denn dieſes ſchoͤne Weib ver⸗ dient die Koͤnigin eines rechtglaͤubigem Harems zu ſein!« zum ohne nden Aben men her lick „Begierig lauſchte ich auf jedes Wort Muſtapha's, aber meine Zunge war unfaͤhig zu ſprechen. „Wild kochte mein Blut in den Adern, ich duͤr⸗ ſtete nach Luft und rannte an die kuͤhlen Geſtade des Bosporus. Ich kam am tuͤrkiſchen Kloſter Mewlewi vorbei, wo die Gebeine chriſtlicher Heiligen ruhen, und ein Gegenſtand der Ehrfurcht ſind. Ich ſuchte Ruhe und Feſtigkeit auf den Grabſtätten von Pera, ſturzte vor dem Kreuz nieder und betete inbruͤnſtig um Erleuchtung. „Aber Chriſti Geiſt war von mir gewichen, die Gebraͤuche ſeines Cultus ſprachen nicht mehr zu mir. Ich flehte den Himmel um ein Zeichen an, das mir verkunde, ob der Vorſatz, den mein Geiſt in ſich wälzte, ein Verbrechen ſei. Aber der Himmel laͤchelte heiter und klar uͤber meine Zweifelsangſt. Die aus dem Meere aufſteigenden Wolken blieben ſtumm, wie die heiligen Bilder auf den Grabmälern. „Aus den Moſcheen klangen die Stimmen der Lobſaͤnger Mahomeds heruͤber, die Kirchen der Chriſten waren ſtumm und verſchloſſen. Ein großer Gedanke ſchrie aus meinem Innerſten:»Es iſt nur ein Gott und ſein einziger Prophet iſt die Stimme der Natur.« „Jubelnd ſiegte dieſe Idee uͤber den Glauben meiner Väter, erhaben uͤber die Vorurtheile und Irr⸗ thuͤmer der Menſchen, wie ich mich fuͤhlte, war ich bald entſchloſſen und ward ein— Renegat⸗ „Ich faßte nun den Entſchluß glucklich zu werden. — 200— Muſtapha, der es redlich mit mir meinte, zerſtreute vollends meine Gewiſſensbebenklichkeiten.»Biſt Du erſt damit im Reinen, eine Religion abzuſchwoͤren, was einem verſtaͤndigen Juͤngling Deiner Art nicht ſchwer fallen kann, ſo ſoll Dir das Uebrige keinen Kummer machen. Man kann die Pflichten eines echten Muſel⸗ mannes erfuͤllen, ohne ein Mewlewi(Myſtiker) zu ſein. Was aber das Weintrinken betrifft, dem Du entſagen ſollſt, ſo ſei Dir im Vertrauen geſagt, daß viele gute Tuͤrken in Bezug auf dieſen Punkt mit dem Pro⸗ pheten nicht vollig uͤbereinſtimmen. Dagegen gewaͤhren Dir unſere Sitten mehr Annehmlichkeiten, die Dein Glaube Dir verſagt.. Muſtapha ſchickte ſich hierauf an, einen Derwiſch aufzuſuchen, der meine Seele unter ſeine Obhut nehme, um meine foͤrmliche Aufnahme unter die Schaar der Kinder Mahomeds zu bewirken. Da erſchien in ſeinem Beſeſtan ein Diener des Groß⸗ veziers und erkundigte ſich nach dem Knaben, der ſeinem Sohne ſo muthig Hilfe geleiſtet. Er fuͤhrte mich vor Soliman, der ſich ſogleich meiner erinnerte und mir befahl einen Wunſch zu aͤußern, um deſſen Gewaͤh⸗ rung von ſeiner Dankbarkeit zu erwarten.»Waͤreſt Du nicht ein Giaur,« ſagte er, aͤußerſt gnaͤdig laͤchelnd, »ſo wuͤrde ich Dich unter meine Pagen aufnehmen, und fuͤr Dein weiteres Fortkommen ſorgen, wie es Deine Verdienſte erfordern.—»Großmaͤchtiger Herr,« ſagte ich,»Du haſt geſehen, wie mich die Leute meines Volkes mißhandelt haben. Mein Vater iſt todt, meine ——— — W1— Mutter hat mich verſtoßen, Deine weiſen Worte haben in meinem troſtloſen Herzen Wurzel gefaßt, ich verlaſſe meinen Propheten wie er mich verlaſſen, und gebe mein Schickſal in die Hände Mahomeds und Deiner Gnade!« »Wacker geſprochen, Knabe!« erwiderte der Groß⸗ vezier freudig erſtaunt,»ich ſehe, daß Du eben ſo Deinen Kopf wie Dein Herz auf dem rechten Flecke haſt. Dein Vorſatz ſoll Dich nicht gereuen. Laß unverzug⸗ lich die uͤblichen Ceremonien mit Dir vornehmen, und ſchicke Dich hierauf an, mit meinem Sohne Ibrahim nach Rumelien zu ziehen, um dort mit ihm den Kriegs⸗ dienſt zu erlernen.« »Hoͤren iſt gehorchen!« antwortete ich und ſtam⸗ melte einige Worte des Dankes. Ich ward gnädig verabſchiedet, und zu einem Ulema geſchickt, der mich in der Religion Mahomeds unterrichtete, und hierauf die ſchmerzliche Operation vollbrachte, welche zur Eigen⸗ ſchaft eines Muſelmannes unumgaͤnglich erforderlich iſt. „Waͤhrend ich an den Folgen derſelben krank dar⸗ nieder lag, beſuchte mich Muſtapha, der nun ein ehr⸗ erbietiges Betragen gegen mich angenommen hatte, ſehr haͤufig. Ich bat ihn unter Thraͤnen, weder meine Mut⸗ ter noch irgend Jemand von meinem Glaubenswechſel und weiteren Schickſalen Etwas wiſſen zu laſſen, und uͤbergab ihm fuͤr die Erſtere den groͤßten Theil der Geſchenke an Geld, welche mir der Großvezier gemacht hatte. Nicht eher wollte ich nach Stambul zuruͤckkeh⸗ — 202 ren, und in der Vorſtadt Pera mich blicken laſſen, als bis mir der Ruhm meiner Kriegsthaten vorausgegan⸗ gen war;— Niemand ſollte dann vermuthen koͤnnen, daß der gefeierte Held das in Pera unter ſo großen Widerwaͤrtigkeiten geborne Ungluͤckskind ſei,— um durch mein Gluͤck, an dem ich nun nicht zweifelte, den unſeligen Aberglauben Lügen zu ſtrafen, der mir ſo unheilbringend geweſen. Muſtapha ſchwor bei Allah, mein Geheimniß zu bewahren, und in Pera das Ge⸗ ruͤcht zu verbreiten, ich ſei gleich meinem erlauchten Großvater im Bosporus ertrunken.»Ohne Zweifel,« ſetzte er hinzu,»wird Deine fromme Mutter nicht er⸗ mangeln, der heiligen Euphemia fuͤr dieſen neuen Be⸗ weis ihrer wunderthaͤtigen Gnade zu danken, und es uͤber ihren Geiz gewinnen, von dem Golde, das ich ihr ſchicken werde, am Altar dieſer Heiligen eine Seelen⸗ meſſe fuͤr Dich leſen zu laſſen.« „Nach allen dieſen Vorbereitungen, welche um ſo leichter zu bewerkſtelligen waren, da der Großvezier, welcher nur meinen Taufnamen kannte, ſich nicht um meine Herkunft bekuͤmmerte, ſchickte ich mich zur Reiſe in den Sandſchak Semendria an. Den Abend vorher ſchlich ich mich in tuͤrkiſcher Kleidung zu dem Hauſe des Notaras und warf mit klopfendem Herzen einen Blumenſtrauß auf den Schahniſchin Helenens. Er war nach der Dichterſprache geordnet, und ſein Sinn war:„Ich lebe um zu lieben. Ich will ſterben oder Dich gewinnen. Gedenke des Entfernten. Mein Stre⸗ „als gan⸗ men, toßen un den it ſo Wlah, Ge⸗ ſchten ifel,“ ht e⸗ Be⸗ d es ihr eelen⸗ mo cjie tum Riſe vother Huſe einen Et Sinn woder (Sre⸗ Stre — 203— ben geht hoch. Ich lege Schäͤtze zu Deinen Fuͤßen, und kraͤnze Dich mit meinem Ruhm. Ehe die Sonne ihren Lauf um die Erde zwei Mal vollendet, ſehen wir uns wieder, oder fruͤher Tod war mein Loos.« Die Blumenſtengel umwand ich mit einem ſeidenen Bande, worauf zum Wahrzeichen die Worte ſtanden: „Wer liebte nicht die herrlichſten Schoͤpfungen Gottes?« „So glaubte ich mich hinlaͤnglich verſtaͤndlich ge⸗ macht zu haben, und nahm getroſt Abſchied von den ſchweigenden Mauern, welche ihre Seufzer einſchloſſen. An dem Kiosk, wo ich ſie vermuthete, kuͤhlte ich meine heiße Stirne am Eiſengitter, das ihn umſchloß, griff gewaltig in meine Laute und ſang fliehend mit lauter Stimme eine Strophe aus einem ihr bekannten ero⸗ tiſchen Klageliede. „Meine Seele ward durch dieſen Abſchied nicht herabgeſtimmt. Eine muthige Zuverſicht hatte ſie ge⸗ ſtärkt und nur fuͤr freudige Bewegungen empfaͤnglich gemacht. Mehr als an Mahomed glaubte ich an mein Gluͤck. Frohen Herzens durchſtrich ich im Mondſcheine die Straßen von Stambul; der Turban auf dem Haupte, die leichte Wehr eines Pagen an der Seite, gaben mir eine ſtolze, muthige Haltung. Mit einer Art von Verachtung betrachtete ich die Gebäude von Pera, mit Scham und Ergriffenheit hingegen das vä⸗ terliche Haus. Ich ſprach einen Segen uͤber ſeine Schwelle, und eilte zu den Grabſtaͤtten. Auf dem Grabhuͤgel meines Vaters, den man an den Zäunen — 204— eingeſcharrt hatte, betete ich mit Inbrunſt, an dem aͤrmlichen Denkmal des Popen Athanaſius wiederholte ſich meine innige Ruͤhrung. Auch die nahe Stelle, wo Fido, der Hund, eingegraben worden, vergaß ich nicht durch einige Thranen der Erinnerung zu wei⸗ hen. Als ich endlich den Kirchhof von Pera verlaſſen wollte, erfaßte mich ploͤtzlich eine unerklaͤrliche Angſt. Phantasmagorien umgaukelten mich, und meine Glie⸗ der wurden von bleierner Schwere niedergezogen. Dä⸗ moͤniſche Laute ließen ſich neckend vernehmen, und aͤfften bald die Stimme meines Vaters, bald die des Popen, bald die meiner Mutter nach.»Abkoͤmmling der Pa⸗ laͤologen!« rief es hoͤhnend,„welche Schmach bringſt Du uͤber ihr Andenken!« „Warnend rief der Pope:»der Geiſt Gottes iſt von Salomo gewichen.“—»Tolles Kind,“ rief es im lachenden Tone meiner Mutter,„bleib' daheim, die Vorſtadt Pera iſt Dein Vaterland!“ „Es war mir als jage es mich hinab in die ſchauerlichen Wohnungen der Verweſenden, aber mein Verhaͤngniß riß mich fort. Keuchend kam ich im Pa⸗ laſte des Großveziers an, und noch in derſelben Nacht verließ ich mit Ibrahim Conſtantinopel. „Unter frohem Geſange und beim Klange der Cim⸗ beln ſchifften wir uns auf dem Bosporus, die Augen auf die im Mondesſchein glaͤnzenden Kuppeln der Aja⸗ Sophia gerichtet, ein. Sie verſank allmälig in das Meer, und als wir den Halbmond von ihren Zinnen zun Stta leu und kreiſ es d Ihr um und me ſich un S me det ſü V0 Sit me ef da ſch n Un nein Po cht 6im⸗ ugen 2j⸗ das nne — 205— zum letzten Mal aufblinken ſahen, war es der erſte Strahl der Morgenſonne, der ihn auf einen Augenblick erleuchtete. In der naͤchſten Secunde war Stambul und mein ganzes fruͤheres Leben aus meinem Geſichts⸗ kreiſe verſchwunden. So weit mein Auge reichte, konnte es die räthſelhaft umflorten Formen nicht ergruͤnden. „Es gab bald keine beſſeren Freunde als ich und Ibrahim waren. Ich war ſechzehn Jahre alt, und er um eines älter, doch uͤberbot ich ihn an Fähigkeiten und Reife. Wir turnten auf den Spielplaͤtzen, tum⸗ melten Pferde, und machten verwegene Streiche, die ſich immer auf meine Koſten endigten. Wir uͤbten uns in den Waffen, und wenn wir uns mit hoͤlzernen Säbeln herumſchlugen, ſo nahm ich pflichtmaͤßig im⸗ mer die ſtaͤrkſten Puͤffe hin, denn ich war dies dem Sohne meines Wohlthaͤters ſchuldig. Zwar befrem⸗ dete es mich, daß Ibrahim mir niemals dafuͤr, noch fuͤr meinen Beiſtand auf dem Bazar Dank wußte. Doch ſchrieb ich dies ſeinem zerſtreuten, etwas frivolen Sinne zu. „Genug ich liebte ihn, denn er war das erſte menſchliche Weſen, deſſen Geſellſchaft mich anhaltend erfreute, und ich ertrug ſeine Launen um ſo williger, da ich die Dankbarkeit, welche ich dem Großvezier ſchuldig war, auf ihn uͤbertrug. Fuͤr die uͤbrigen Ge⸗ noſſen Ibrahims war ich ein Gegenſtand des Neides und der Mißgunſt. Sie machten mir meine Abkunft ſtets zum Vorwurf und wollten mich nie als echten — 206— Muſelmann gelten laſſen, was jedoch nicht verhinderte, daß mein hoher Schutzherr mich fortwaͤhrend beguͤn⸗ ſtigte. Ich bildete mich ſchnell in allen Waffenkuͤnſten aus und trat bald in den Kriegsdienſt der Pforte. Meine Geſchicklichkeit, meine Anlagen, meine bewährte Tapferkeit und Treue fanden ſolche Anerkennung, daß mir bald der Befehl uͤber eine Schaar Spahis uͤber⸗ tragen wurde. „Allein es ſchmerzte mich, wenn meine Neben⸗ buhler nicht zugaben, daß meine Erhebung die Folge meiner Verdienſte ſei.»Waͤreſt Du nicht der Guͤnſt⸗ ling des Großveziers,“ ſagten ſie,»ſo muͤßteſt Du noch jetzt auf den Straßen von Stambul Dein Brot betteln. So empfindlich dieſe liebloſe Bemerkung war, ſo konnte ich ihre Wahrheit nicht ganz wegleugnen. Es drang ſich mir daher die bittere Betrach⸗ tung auf, daß es beſſer ſei, nach der Gunſt der Großen durch Schmeichelkuͤnſte zu ſtre⸗ ben, als durch Erwerbung von Verdienſten ſich ihres Beiſtandes wuͤrdig zu machen. „Als wir Beide im Waffendienſte hinlaͤnglich geuͤbt waren, zogen wir mit verſchiedenen Heeresabtheilungen im ganzen osmaniſchen Reiche umher. Es zeigte ſich die Verſchiedenheit unſerer Meinungen und Charaktere bei vielen Gelegenheiten auffallend. Ich will nicht behaupten, daß in mir mehr Kriegergeiſt wohnte als in ihm, denn er bewies oft eine ſtärkere Gemuͤthsab⸗ haͤrtung, als ich mir eigen machen konnte, und hatte wen dem ſen heft Fre an, Per ſole pr te erte, gůn⸗ ſten orte. ihrte hen⸗ olge unſt⸗ Du Btot kung nen⸗ ach⸗ ſi nſt ten eübt ngen Ftett nicht als ab⸗ htie wenig Abſcheu vor dem Blutvergießen, allein bei all' dem ſchien er mehr Talent zu den Verwaltungsgeſchaͤf⸗ ten zu beſitzen, als zum Kriege, denn da er den Ober⸗ befehl uͤber mich fuͤhrte, ſo vertraute er zu meiner Freude mir ſtets die Zuͤge gegen Raͤuber und Rebellen an, waͤhrend er die Eintreibung der Steuern in eigner Perſon beſorgte. Bei dieſem Geſchaͤfte ging er mit ſolchem Eifer zu Werke, daß die widerſpenſtigen Ein⸗ wohner ſich haͤufig daruͤber beklagten, daher auch mochte es wohl kommen, daß ich ſowohl bei dem Volke, als auch bei dem unter mir ſtehenden Corps beliebter war, als er zu ſein ſich ruͤhmen konnte. „Wir durchſtreiften in den erwaͤhnten Friedens⸗ geſchaͤften Thracien, Rumelien, Albanien. Unſere Freund⸗ ſchaft nahm taͤglich zu, und zwar deshalb hauptſaͤchlich, weil unſere Neigungen niemals eine Richtung verfolgten. „Aber meine Seele war demungeachtet nicht hei⸗ ter geſtimmt. Die grauſame Bedruͤckung des Volkes, die Mißbraͤuche der Verwaltung und beſonders die ſchmachvolle Lage der Bewohner meines Stammes machten mich truͤbſinnig. Ruhm, Ehre und Reichthum ſchienen mir keine koſtbaren Guͤter, wenn man ſie auf Koſten der uͤbrigen Menſchheit behaupten ſoll. „Ibrahim war hierin voͤllig verſchiedener Anſicht. Meine eigene Genuͤgſamkeit ſchien ihm zwar hoͤchſt preiswuͤrdig, aber wohl nur darum, weil ſie ſeine Mit⸗ tel zur Befriedigung der eigenen Habgier vermehrte. Dagegen war ich ihm ſehr dankbar fuͤr die Gelegen⸗ — 208— heiten mir Ehre zu erwerben, die er mir großmuͤthig uͤberließ. „Ehe Ibrahim noch einen Feind geſehen hatte, war ich bereits Sieger uͤber mehrere Haͤupter von Re⸗ bellen und Raͤubern, und zwei Mal im Gefechte ver⸗ wundet worden. Ich lechzte begierig nach dem Ruhme eines Helden, und liebte Ibrahim mit Schwaͤrmerei, weil er mir zu demſelben verhalf.»Du dankſt mir das Leben, Ibrahim,« ſagte ich oft im Erguſſe meiner Freundesliebe,»aber ich danke Dir ein koſtbareres Gut als das Leben, die Ehre.« „Je mehr mein Freund mich aneiferte, und wegen meiner Tapferkeit mich belobte, deſto inniger wurde mein Vertrauen. Eitelkeit hatte ſich meines Herzens bemaͤchtigt, und er nährte ſie durch Schmeichelworte und meinem Hange entſprechende Dienſtleiſtung. Zum Dank dafuͤr ſchuͤttete ich mein Herz gegen ihn aus, und machte ihn zum Vertrauten meiner Geheimniſſe. Ich erzaͤhlte ihm nicht nur alle meine erlebten Drang⸗ ſale und Abenteuer, ſondern machte ihn auch zum Zeu⸗ gen meiner Liebesſehnſucht. Ich ſchilderte ihm mit den Farben gluͤhender Leidenſchaft die Reize und Tugenden Helenens, und machte ihn mit meinem Vorſatz bekannt, ſie um jeden Preis zu gewinnen. Wenn Ibrahim um die Gunſt einer ſchoͤnen Jungfrau buhlte, pflegte ich zu bemerken, daß ihre Reize von Helenens Schoͤnheit weit uͤbertroffen wuͤrden. „Bei ſolchen Gelegenheiten aͤußerte Ibrahim un⸗ giu hen. wen üthig hatte, Re⸗ vet⸗ uhme netei, tmir neiner Gut wegen wurde etzen worle Zum aus, niſſe. ang⸗ Zeu⸗ t den ende kannt, num eich nheit un — glaͤubig laͤchelnd:»Ich moͤchte wohl Deine Helene ſe⸗ hen. Er erbot ſich mir Auftrage an ſie zu beſtellen, wenn er, was ſich oft ereignete, nach Stambul reiſte, um ſeinen Vater zu ſehen und Befehle von ihm ein⸗ zuholen. Ich wuͤnſchte Nichts ſo ſehr, als ihn von der Wahrheit meiner Behauptungen uͤberzeugen zu koͤnnen, und nahm ſein Anerbieten mit lebhafter Dank⸗ barkeit an. Welchem Wuͤrdigeren häͤtte ich auch mein Geheimniß anvertrauen koͤnnen, der viele Gewandtheit mit einem practiſchen Weltſinn verband, durch welchen er ſeinem traͤumeriſchen Freunde nuͤtzlich werden konnte? Es bot ſich bald eine Gelegenheit zur Erfuͤllung meiner Auftraͤge dar. Ich gab Helenen in einem Schreiben, deſſen Befoͤrderung ich der Geſchicklichkeit meines Freun⸗ des uͤberließ, Nachricht von meinen Gluͤcksumſtaͤnden und der Zaͤrtlichkeit meiner unausloͤſchlichen Liebe. „Begleitet von meinen Segenswuͤnſchen, die Ein⸗ kuͤnfte einer Provinz mit ſich fuͤhrend, begab ſich Ibra⸗ him nach Conſtantinopel. „Nach einigen Monaten kehrte er zuruͤck. Sein Antlitz verkuͤndete mir ſchlimme Botſchaft.»Achmed,“« ſagte er mit unangenehmen Hohne,»unſere Verdienſte finden keine Anerkennung. Mein Vater hat mich we⸗ gen einiger Rechnungsdifferenzen und meiner geringen Tapferkeit geſcholten, und Deine Helene ſchickt das zur Antwort.“ Bei dieſen Worten warf er mir einen dür⸗ ren Blumenſtrauß hin, den ich ſogleich fuͤr denjenigen erkannte, welchen ich am Tage meiner Abreiſe auf den Wien. 2. Bd. 14 — 210— Schahniſchin des Dragomans gelegt hatte.»Alſo iſt ſie treulos?« fragte ich bebend.»Wie Du es nennen willſt, erwiderte Ibrahim,„man ſpricht von einem grie⸗ chiſchen Kaufmann, der unermeßliche Reichthuͤmer beſitzt, und ihre Hand erhalten ſoll.« „So fahre hin, ſchoͤnſter Traum meines Lebens,⸗ ſchrie ich mit beherztem Stolze.»Von nun an ſoll kein Weib die Liebe zum Ruhme ſchmaͤlern, die in mir wohnt. So entſagte ich einem Verhältniſſe, das die unbeſtimmte Sehnſucht zweier Kinder zu leicht ge⸗ ſchuͤrzt hatte, als daß ſein Zerreißen mich hätte tief verwunden können, und lebte fortan der Pflicht fuͤr Ehre und Freundſchaft. „Und Du, mein großmuͤthiger Freund,“ ſagte ich zu Ibrahim,„haſt die ungerechten Vorwuͤrfe Deines Vaters auf Dich geladen, weil Du mich ſo ſehr ge⸗ liebt, die koſtbaren Augenblicke, in welchen man Lor⸗ beern ſammeln kann, mir zu ſchenken..—»So iſt es, Achmed,“ verſetzte er kleinlaut.»Mein Vater hat mir meine Stelle entzogen, und ſie Dir uͤbertragen, weil er Dich derſelben fuͤr wuͤrdiger achtet.“ „So theuer mir der eigene Ruhm war, ſo be⸗ ſchloß ich doch auf die Ehrenrettung meines Freundes mehr Bedacht zu nehmen, als auf die Vermehrung des erſteren. „Eine große Heeresabtheilung wurde eben nach Theſſalien geſandt, um dort große Volksauſſtände zu unterdruͤcken. Der Befehl des Großveziers beorderte „— — 244— uns dahin, und Ibrahim ſollte an meiner Seite gegen die Rebellen kämpfen. Mißlaunig und verdroſſen fuͤgte ſich Ibrahim in die ungewohnten Beſchwerden des Krieges. Seine Verweichlichung bekuͤmmerte mich tief, denn ſie ſchwächte meine Hoffnung, daß es ihm gelin⸗ gen koͤnne, das Vorurtheil des Großveziers durch Tha⸗ ten zu beſiegen. Er hatte augenſcheinlich wenig Luſt, ſein Leben aufs Spiel zu ſetzen, obgleich es ihm nicht an Herzhaftigkeit fehlte. „Der Krieg war eroͤffnet, und die Rebellen zur Haͤlfte aufgerieben, ohne daß er ſich hervorgethan haͤtte. Endlich gelang es jedoch meinen angeſtrengten Bemuͤ⸗ hungen, einen Plan zu entwerfen, wie er ohne große Gefahr eine auffallende Waffenthat vollbringen konnte, die ſein verlornes Anſehen wieder herzuſtellen geeignet geweſen waͤre. Durch ſichere Kundſchaften erfuhr ich, daß ein kleiner Haufe Arnauten ſich in einer Gebirgs⸗ ſchlucht verborgen hielt. Das Corps, das ich befehligte, war ihnen weit uͤberlegen. Alle Umſtaͤnde ſprachen fuͤr die Leichtigkeit einer Umzingelung, die ich ſo an⸗ ordnete, daß aller Ruhm Ibrahim, alle Gefahr mir zu Theil werden mußte. Der ganze Plan war vortrefflich ausgedacht, konnte nicht mißlingen, und erfreute Ibra⸗ him ſo, daß der Anſtrich boͤſer Laune gänzlich aus ſeinem Weſen verſchwand. „Die Zeit der Ausfuͤhrung wurde feſtgeſtellt. Nie ſah ich Ibrahim ſo froͤhlich am Vorabende einer Schlacht. „Der Morgen brach heran, als ich mit einer klei⸗ 14* —— nen auserleſenen Schaar in den Ruͤcken der Feinde zog, um einen Engpaß zu beſetzen, den ich gegen über⸗ legene Kraͤfte vertheidigen mußte. Ibrahim ſollte mit der Hauptmacht von vorn angreifen und die kleine Arnautenſchaar aufreiben, wenn es ihm nicht gelänge ſich durch den Engpaß durchzuſchlagen. Allein ich hatte unſer Thermopylaͤ noch nicht erreicht, als uns von allen Seiten dichte Arnautenſchaaren unter wildem An⸗ griffsgeſchrei umringten. Das Geſchrei:»Verrath! Verrath!“ erhob ſich unter meinen Truppen, und ent⸗ muthigte die Entſchloſſenſten, welche ſich einer großen Uebermacht preisgegeben ſahen. Von Ibrahim zeigte ſich keine Spur. Seine Truppen erſchienen nicht an dem Orte der Beſtimmung. Ein verzweifeltes Hand⸗ gemenge entſpann ſich zwiſchen den Feinden und meiner kleinen auserwaͤhlten Schaar. In wenigen Augenblicken war ſie zerſtreut, getoͤdtet, gefangen. Toͤdtlich von einer Kugel getroffen, ſank mein Pferd unter mir, ein Hagel von Saͤbelhieben ſtuͤrmte auf mich ein. Von zahlloſen Wunden bedeckt, ſtuͤrzte ich bewußtlos auf den blut⸗ getraͤnkten Boden. „Nach langwierigem Fiebertraume weckte mich der brennende Schmerz meiner Wunden zur Beſinnung. Die Geſchäfte meines Standes, Bequemlichkeit meiner Lage und Beſtimmtheit meiner uͤbernommenen Pflich⸗ ten hatten mich bisher von allen Betrachtungen fern gehalten. Ich lebte, nach dem Beiſpiele der meiſten Menſchen in meinem Kreiſe, unbekuͤmmert und ohne einde uͤber e nit kleine laͤnge hatte von Un⸗ uth! ent⸗ toßen zeigt t an und⸗ reiner icen einer agel oſen hder ung. einet ſich⸗ fern iſten ohne — 213— uͤber Dinge nachzudenken, deren Ergruͤndung ſelbſt den groͤßten Weiſen nie vollkommen gelungen iſt. Das Fatum und die Gottheit, die moraliſchen Lehren des Korans waren mir genuͤgend als Gegenſtaͤnde der Ver⸗ ehrung und als Richtſchnur meiner Handlungen. Der Wille meiner Obern war mir heilig, ihnen uͤberließ ich die Verantwortung fuͤr die Thaten meines eifrigen Gehorſams. Den Großherrn verehrte ich als einen von Gott inſpirirten und tugendhaften Statthal⸗ ter ſeines hoͤchſten Willens.»Wie kann es anders ſein,« ſagte ich mir,»da Gott der Gerechte ihm das Schickſal ſo vieler Tauſende anvertraut?⸗ „Mit dieſen Geſinnungen hoffte ich im Geleiſe des Rechts und der Maͤnnertugenden die Zielpunkte des Ehrgeizes zu erreichen. Allein mein Ungluͤck erweckte kuͤhneres Nachdenken, und eine religioͤſe Sehnſucht, welche, unbefriedigt, meine Seele troſtlos ließ. Wie ploͤtzlich waren meine ehrgeizigen Ent⸗ wuͤrfe geſcheitert, wie ſchnell die große Laufbahn meines Gluͤcks geſchloſſen! Ich hatte geglaubt, um gluͤcklich zu werden, duͤrfe man ſich nur beſchneiden laſſen. Und nun war ich beſchnitten, hatte den Glau⸗ ben meiner Väter abgeſchworen, meinen Rechten auf das bizantiniſche Kaiſerreich entſagt, und mit allen dieſen ſchweren Opfern Nichts gewonnen, als ſchmach⸗ volle Gefangenſchaft und, wie zu erwarten ſtand, einen martervollen ſchimpflichen Tod. O Fatum!“ rief ich aus,»wie grauſam biſt Du! Warum mußte ich meine Wunden uͤberleben, um Gewiſſensbiſſe zu em⸗ pfinden, und den Verluſt eines theuern Freundes zu beklagen! Welch' ſchreckliches Loos hat Dich in dem Augenblick getroffen, da Du unſterblichen Ruhm ein⸗ ernten wollteſt!« »Sei deſſen außer Sorgen, heldenmuͤthiger Juͤng⸗ ling,« ſo ließ ſich eine rauhe Stimme an meinem Kran⸗ kenlager vernehmen.»Dein Freund Ibrahim iſt ver⸗ muthlich in Sicherheit, und wenn ihm ein Unfall be⸗ gegnet iſt, ſo war es gewiß nicht ſeine Schuld, denn er floh mit einem drei Mal groͤßeren Haufen vor uns und hat die ganze Gegend geraͤumt.« »Das luͤgſt Du frech,« fuhr ich auf den Verleum⸗ der los,»Ibrahim iſt ſolcher Feigheit nicht faͤhig, und durfte ſo ſchmaͤhliche Flucht nicht wagen, ohne ſeinen Kopf zu verlieren..—»Wie Du denkſt, antwortete der Unbekannte,»Du mußt Deinen Freund beſſer ken⸗ nen, ſo wie ich aber vernommen, iſt zwiſchen der Pforte und Rußland ein Krieg ausgebrochen, der den Groß⸗ herrn zwingt, alle ſeine Streitkraͤfte zu verſammeln. Was Dich betrifft, ſo kann ich Dich verſichern, daß wir niemals Deiner habhaft geworden waͤren, wenn nicht Verrath Dich unſern Haͤnden ausgeliefert haͤtte.“ „Mir ſchwindelte bei dem Gedanken eines Arg⸗ wohns gegen Ibrahims Freundestreue. „Mit Erſtaunen gewahrte ich, daß die Rebellen ſich meine Pflege hatten angelegen ſein laſſen. Es fehlte Nichts zu meiner Bequemlichkeit, ſelbſt nicht die N denn runs — 215— Troſtesmiene ihrer Theilnahme, welche aus den Blicken meiner Wachen leuchtete. „Da es in unſerm Heere Sitte war, allen gefan⸗ genen Rebellen die Koͤpfe abzuſchneiden, ſo wunderte ich mich ſehr uͤber den Beſitz des meinigen, der dem Vergeltungsrecht anheim gefallen war. Nicht minder erſtaunte ich, bei Menſchen, die ich als barbariſche Re⸗ bellen verachten und haſſen gelernt hatte, Gefuͤhl von Menſchlichkeit und Gerechtigkeitsliebe zu finden. Ich zußerte hierüber mein Befremden, und fragte um die urſache der unbegreiflichen Schonung, welche ſie gegen mich ausuͤbten. Die tief beſchaͤmende Antwort war: „Das kommt daher, weil wir Chriſten ſind.“ Ich verſtummte erroͤthend. Und welchem Volksſtamme ſeid Ihr entſproſſen?« fuhr ich zu fragen fort. „Wir ſind der Abſtammung nach Griechen, Herr,« lautete die Antwort.»Allein die Unterdruͤckung der Pforte und die Tirannei unſerer Häuptlinge hat aus uns Miſchlinge gemacht, deren religioͤſe und ſittliche Gebraͤuche ebenſo wenig einen ausgeſprochenen Charak⸗ ter haben, als unſere Phyſiognomien.“—„Wie iſt das möglich, fragte ich weiter,»iſt der Großherr nicht ein gütiger Regent und ein Vater der Bedruͤckten? Iſt nicht der Koran ſein Geſetzbuch und lehrt dieſes nicht auf jeder Seite Naͤchſtenliebe und Großmuth? Gewiß, Eure Verbrechen muͤſſen groß ſein, da ſie ſei⸗ nen Zorn erregt und Euch Strafe zugezogen haben.« — 216— »Herr,« erwiderte mein Wirth,»Du biſt jung und unerfahren, und ſprichſt von unſeren Verbrechen, nicht von unſerer Noth. Deine Geſinnungen zeigen einen edlen Muſelmann, aber Deine Worte verrathen wenig Kenntniſſe von unſerer Lage. Wiſſe, daß wir von Deinem Großherrn niemals Wohlthaten genießen. Er erinnert ſich unſerer Völker nicht, als um von uns Steuern einzutreiben, welche nicht zu unſerem Beſten verwendet werden. Gern wuͤrden wir uns noch ſeine Erpreſſungen gefallen laſſen, gewaͤhrte er uns Schutz gegen die wilden Raͤuberhorden, welche uns uͤberfallen, wenn ſeine Steuereinnehmer uns verlaſſen haben. So ſind wir aufs Aeußerſte gebracht und gezwungen wor⸗ den, mit den Capitanis der Raͤuberhorden uns zu ver⸗ binden, um doch einer Plage los zu werden. Wir wollen entweder frei ſein, oder Schutz genießen. Ur⸗ theile ſelbſt, ob wir deshalb Verbrecher ſind.« „Dieſe einfache Darſtellung der wahren Urſachen des Volksaufſtandes machte einen tiefen Eindruck auf mich. „Doch ich war der Herrſchaft des Großherrn, dem ich Alles dankte, zu ſehr zugethan, um die Unbill, welche dieſem Volke angethan worden, fuͤr etwas An⸗ deres als einen Mißbrauch anzuſehen, der ohne Wiſſen und gegen den Willen des Sultans in dieſer Provinz getrieben worden. Dieſe Ueberzeugung ſuchte ich auch meinem Wirthe beizubringen, der mich wie einen Eaſt ehrte, und vergeſſen zu haben ſchien, daß ich ſein Ge⸗ ſing 6ch nan So ern Be ma ren eir ge ung hen, igen then wir uns ſien eine ut en, So or⸗ ber⸗ Pir Ir —— fangener war. Ich erkundigte mich zugleich nach dem Schickſal, das man mir zugedacht, und erfuhr, daß man mich fuͤr eines vornehmen tuͤrkiſchen Großbeamten Sohn hielt, und als Geißel zu behalten dachte. Dies ermuthigte mich zu dem abenteuerlichen Entſchluß, in Benutzung des allgemeinen Wahnes einen Verſuch zu machen, um die Rebellen zum Gehorſam zuruͤckzufuͤh⸗ ren, und dem Großherrn uͤber die ſchlechte Verwaltung einer der Provinzen des osmaniſchen Reiches die Au⸗ gen zu oͤffnen. „Sobald ich von meinen Wunden geneſen war, ließ ich durch meinen freundlichen Wirth, der großen Einfluß beſaß, eine Verſammlung der Unzufriedenen zuſammenberufen, und hielt eine Rede an ſie, worin ich ihnen mein Vorhaben mittheilte, und ſie zum Ge⸗ horſam aufforderte. „Meine natuͤrliche Beredtſamkeit, verbunden mit der moraliſchen Ueberlegenheit, die mir meine Kennt⸗ niſſe erwarben, wirkte auf die durch Leiden, Entbeh⸗ rungen und fruchtloſe Kämpfe herabgeſtimmten Gemuͤ⸗ ther ſo heftig, daß ſie mich im Triumph nach der Woh⸗ nung eines ihrer Capitani trugen, deſſen Obhut ſie mich anvertraut hatten. Es wurde indeſſen beſchloſſen, mich einſtweilen in ſicherem, aber ehrenvollem Gewahr⸗ ſam zu halten, und eine Deputation nach Stambul zu ſenden, um die Beſchwerden des Volks vor den Thron des Großherrn zu bringen, und ihm das An⸗ erbieten der Kriegshilfe zu machen, fuͤr den Fall eines — L18— guͤnſtigen Ausſchlags der Unterhandlungen. Ich ver⸗ faßte fur den Capitani, der an die Spitze der Deputa⸗ tion ſich ſtellen ſollte, ein Schreiben an den Großvezier, worin ich meinem Goͤnner einfach meine eigene Lage und mit ergreifenden Worten die meiner großmuͤthigen Schuͤtzlinge ſchilderte. Nie wurde ein ſo kuͤhnes Un⸗ ternehmen mit groͤßerer Zuverſicht in's Werk geſetzt, denn mein Vertrauen in die Gerechtigkeit des Sultans war grenzenlos, und ein Mißlingen oder eine Miß⸗ deutung meines Planes ſchien mir undenkbar. Ich war mit mir ſelbſt ͤußerſt zufrieden, und freute mich der edlen Vermittlerrolle zwiſchen einem ſo mächtigen Regenten und einer ſo großen Anzahl Verirrter faſt mehr als des Ruhmes meiner Tapferkeit, der ſich un⸗ ter den Feinden der Pforte zu verbreiten begann. „Die dankbaren Arnauten uͤberhaͤuften mich mit Ehrenzeichen und Liebkoſungen. Ihre Maͤdchen fuͤhr⸗ ten vor meinen Augen ihre Nationaltänze auf, und umkraͤnzten meine Wohnung mit Blumen, die Volks⸗ dichter beſangen meine wenigen Heldenthaten und prie⸗ ſen meine Geſtalt und den Adel meiner Seele. Nichts wurde verabſaͤumt, was mich erheitern und meine Zeit verkurzen konnte. Ich athmete gierig den Weihrauch ein, den man mir ſtreute, und bewunderte aufrichtig meine eigenen Verdienſte.»Trefflicher Andreas,“ ſprach ich ſelbſtgefällig zu mir, ves iſt nun offenbar, daß Du beſtimmt biſt, ein großer Mann zu werden. Dein ſcharfer Verſtand, Deine Mannestugend und Gerech⸗ igk be⸗ putt⸗ ziet, higen Un⸗ 5 tigkeit fuͤhren Dich ſicher durch alle Muͤhſeligkeiten auf den Gipfel des Gluͤcks. Wie wird ſich der Großherr uͤber Deine Menſchenliebe und die Bekehrung unge⸗ horſamer Unterthanen freuen. Sein Herz wird ver⸗ zeihen und Dich mit Ehre bedecken!« „Waͤhrend ich im Vorgenuß irdiſcher Gluͤckſelig⸗ keit ſchwelgte, war der Krieg mit dem ruſſiſchen Kaiſer wirklich zum Ausbruch gekommen. Bald lief auch die erfreuliche Nachricht ein, daß der Großherr die Ge⸗ ſchenke der Deputation anzunehmen geruht habe, und einige Wochen ſpaͤter kamen die Abgeordneten ſelbſt reichlich beſchenkt zuruͤck, und verkündeten den gnädigen Beſchluß der Pforte, Gnade fuͤr Recht ergehen zu laſ⸗ ſen und die angebotenen Hilfstruppen anzunehmen. Die Abſtellung der Beſchwerden ſollte jedoch der Groß⸗ muth des erhabenen Beherrſchers der Glaͤubigen uͤber⸗ laſſen bleiben. Alles ſchien meine Vorausſetzungen zu beſtätigen. Die Arnauten bejubelten die Freudenbot⸗ ſchaft, und ernannten mich zum Befehlshaber der Trup⸗ pen, die der Pforte verheißen worden. Ich ſelbſt war ſiegestrunken, gleich einem roͤmiſchen Triumphator, und pries den hohen Edelſinn des Großherrn, aber wie er⸗ ſtaunte ich, als ich durch einen vertrauten Boten von dem Großvezier ein geheimes Schreiben erhielt, das der oͤffentlichen Botſchaft des Sultans zu widerſpre⸗ chen ſchien. „Du biſt ein verſchmitzter Burſche, Achmed,“ ſchrieb er mit allzu unumwundener Vertraulichkeit,»die — 220— ſeine Art, wie Du Dich aus der Schlinge dieſer Bar⸗ baren zieheſt, macht Deinen Verdienſten Ehre, was aber Dein ſonderbares Erbieten betrifft, die Rebellen unterwuͤrfig zu machen, wenn man ihre Beſchwerden abſtellen wuͤrde, ſo ſei verſichert, daß die Weisheit des Beherrſchers aller Gläubigen nicht ſo gering iſt, dieſes einfache Mittel zur Begutigung aufſtuͤtziger Untertha⸗ nen nicht zu kennen. »Auch legſt Du allzugroßen Werth auf die Kriegs⸗ hilfe einiger Tauſend treuloſer Hunde, welche ſchlechte Dienſte leiſten, und ſich bei vorkommender Gelegenheit bereitwillig auf die Seite unſerer Feinde ſchlagen wer⸗ den. Hat ſich auch in dieſen beiden Stuͤcken Dein Witz nicht als ſehr erfinderiſch bewaͤhrt, ſo verdient doch Dein Betragen alles Lob. »Da uns jetzt andere Dinge beſchaͤftigen, ſo wol⸗ len wir aus Politik die Anerbietungen der Rebellen annehmen. Es fehlt uns jetzt an Mitteln, ſie zu zuch⸗ tigen, wir werden ſie jedoch in beſſeren Zeiten nicht vergeſſen. Deine Darſtellung der letzten Begebenheiten hat mich ſehr befremdet, denn ſie weicht von dem Be⸗ richte meines Sohnes in weſentlichen Dingen ab. Sei behutſam und gedenke Deiner Pflichten.« „Ich geſtehe, daß ich die in dieſem Briefe enthaltene Belobung wenig erbaulich fand. Eine Handlung der reinſten Menſchenliebe von ſo zweideutigem Erfolge und ſo roh mißdeutet zu ſehen, ſchmerzte mich tief. Man hatte meiner Liſt beigemeſſen, was ſich nur mein Herz zum Per nit den ſeln Ban was illen etden des ieſes ltha⸗ iegẽ⸗ echte nhiit wer Dein dient wol Men ch icht ien tene der und atte um Verdienſt rechnete, und einen Beweggrund der Tugend mit jener gemeinen Klugheit verwechſelt. „Um ein ungluͤckliches Volk zu befreien, hatte ich den Schritt unternommen, und in der That ſeine Feſ⸗ ſeln feſter geſchmiedet. »Wer kann,“ dachte ich,»auf dem großen Welt⸗ ſchauplatze Tugendhaftes unternehmen, wenn der Aus⸗ ſchlag ſo entgegengeſetzt ſein kann?« Dieſe Betrachtung fuͤhrte mich wieder auf meine beſchraͤnkte Moral und Beſcheidenheit zuruͤck, vermoͤge welcher ich es nicht wieder wagte, in die geheimen Beweggruͤnde der wei⸗ ſen Politik des Großherrn einzudringen, und meinen Gehorſam bedenklich zu finden.»Wer kann es wiſſen,« troͤſtete ich mich,»welch' ein weiſer Vorbedacht der Guͤte ſeine Handlungen lenkt? Auch der Himmel ſcheint oft ungerecht, wenn er die Schickſale der Men⸗ ſchen zum Beſten leitet. Daher will ich gehorchen, und nicht weiter nachdenken. Dem Fatum koͤnnen dieſe Menſchen nicht entgehen, daher will ich mich nicht mehr mit ihrem Schickſal befaſſen.“ „An der Spitze von 10,000 Albaneſen und anderen gemiſchten Gebirgsvoͤlkern zog ich nun dem Befehle des Großveziers gemaͤß gegen den Sammelplatz der Truppen des Großherrn. Ich ſah mich plotzlich auf dem Gipfel mei⸗ nes Ehrgeizes, von allen Auszeichnungen eines Kriegerfuͤr⸗ ſten glaͤnzen, in ſchwindelerregender Hoͤhe. Stolz uͤber⸗ ſchaute ich die große Heerſchaar, welche ſich freiwillig — 222— unter meine Befehle gefugt, und obgleich ich noch nicht der Beſtätigung meiner Wuͤrde gewiß war, genoß ich doch alle Herrlichkeiten eines Feldherrn. „Von den Erinnerungen an die Helden Griechen⸗ lands und an Tenophons Kriegszuge begeiſtert, von dem erhabenen Hochmuth benebelt, welchen ein ſo ploͤtz⸗ licher Gluͤckswechſel jugendlichen Herzen einfloͤßt, tum⸗ melte ich vor den Gliedern meines Heeres einen praͤch⸗ tig geſchirrten arabiſchen Renner mit einer Grazie und Kuͤhnheit, welche von Allen bewundert wurde. „Der ſchoͤne Himmel Theſſaliens uͤbergoß mit Zau⸗ ber die abenteuerlichen Scenen unſeres Zuges, griechi⸗ ſche Saͤnger, kriegeriſche Muſik begleitete uns auf den Schauplatz ſo großer Heldenkaͤmpfe. Ueberall ſtieß ich auf große Erinnerungen, auf Ueberreſte der Heldenzeit, von den Gipfeln theſſaliſcher Berge winkten ſeltſam ge⸗ formte Raubſchloͤſſer, welche aus Ruinen alter Caſtelle erbaut waren, in den Ebenen deuteten die Namen der⸗ fallener Staͤdte und Doͤrfer auf beruͤhmte Schlacht⸗ felder. »Herr,“ ſagte der Capitani, der noch immer mein Freund und Rathgeber war,»jene herrlichen Zeiten kehren nicht wieder. Menſchen und Zeiten ſind nie⸗ driger geworden.“ Allein ich pflichtete hierin nicht bei. „Große Männer,« ſagte ich,»machen große Zeiten, denke nicht ſo ſchlimm von der Gegenwart, noch giebt es große, erhabene Helden⸗Gedanken. Verlangſt Du ein Beiſpiel fuͤr Tauſende, ſetzte ich erroͤthend in Be⸗ giſt den hieſe ſpta No u — 223— geiſterung hinzu,»ſo ſchwoͤre ich Dir, daß ich ſelbſt den erhabenſten Heldenſinn in mir verſpuͤre.“ Bei dieſer Rede verneigte ſich der Capitani ehrerbietig und ſprach: »Herr, die edle Freimuͤthigkeit, der Ernſt und die Waͤrme, womit Du ſolches behaupteſt, iſt einem alten Mann von meiner Erfahrung hinlaͤngliche Buͤrgſchaft dafuͤr, daß Du nicht durch Prahlerei Dich erniedrigſt, doch kann ich Dir nicht verhehlen, daß ich Dich um ſo mehr beklage, je gegruͤndeter Dein Ausſpruch iſt, denn der hohe Sinn, deſſen Du Dich ruͤhmſt, kann in ſo ſchlimmen Zeiten leicht die Urſache Deines Stur⸗ zes werden. Gluͤcklich wird man Dich preiſen koͤnnen, wenn es Dir noch gelingt, als ein Held zu ſterben.« „Waͤhrend wir ſo ſprachen, wurde das Thal en⸗ ger, und wir gelangten in ein hohes Gebirgsdefilé, in welches das Heer nur in ſchmalen Colonnen eindringen konnte. Ich hatte den Unmuth noch nicht uͤberwunden, den mir die Worte des Capitani's verurſachten, als ploͤtzlich dicht an meinen Schlaͤfen der Pfeil eines Bogenſchuͤtzen vorbei ſchwirrte. Ein wildes Halloh der Verfolgungswuth ſchlug in tauſendfachem Wiederhall von den Bergwaͤnden zuruͤck, und in einem Nu zer⸗ ſtreuten ſich die geuͤbteſten Bergſteiger meiner Schaar auf Befehl des Capitani nach allen Richtungen, um den verwegenen Meuchelmoͤrder einzufangen. Man fand lange keine Spur von dem Banditen, bis der Capitani die Hunde loszulaſſen befahl, welche das Heer beglei⸗ — 224— teten. Ihr Gebell rief das Echo aus den verborgen⸗ ſten Schluchten, und in wenig Augenblicken ward der Thäter durch ſie in einer Höhle entdeckt, welche nur Schlangen und Molchen zugaͤnglich ſchien. Man ſchleppte ihn unter Mißhandlungen vor mein Angeſicht, und machte, ohne erſt meine Befehle abzuwarten, die ublichen Vorbereitungen zur Hinrichtung des Verbre⸗ chers. Allein ich wollte gegen keines meiner Mitge⸗ ſchoͤpfe voreilig oder ungerecht ſein, und beſchloß in einem Kriegsgerichte die Schuld des eines Angriffes auf mein Leben verdaͤchtigen Gefangenen pruͤfen zu laſſen.»Herr, wenn ich Dir rathen ſoll, wendete der Capitani dagegen ein,»ſo vernimm den Boͤſewicht ſogleich ſelbſt, denn wie ich Deine Lage kenne, ſo wage ich zu behaupten, daß bei dem Verhoͤr dieſes Schurken Dinge zum Vorſchein kommen werden, deren oͤffentliche Eroͤrterung Dir mehr, als dem Anſtifter dieſes Buben Schaden bringen koͤnnen. Ich fuͤgte mich willig in ſeinen Rath, und verhoͤrte den zitternden Moͤrder mit der Guͤte eines väterlichen Freundes. »Erhabener Paſcha,« wehklagte der Ungluͤckliche, vich bin unſchuldig an dem Verbrechen, welches ich zu begehen Willens war, ich bin nur das blinde Werkzeug eines maͤchtigen Feindes von Dir, den die ewige Verdamm⸗ niß verſchlingen moͤge. Ibrahim, der Sohn des Groß⸗ veziers, hat mich geſendet, Dich zu ermorden, weil Deine Gefangenſchaft ſo gluckliche Folgen für Dich hatte. Auf ſeinen Befehl habe ich Dich an die Feinde verrathen, und ür unſ Fr oft —— — rgen⸗ d der enur Man eſicht, 1, die ecbre⸗ Ritge⸗ oß in rifes en zu endete wicht woahe urken lche uben 9 in mit liche, ch z kzeug mm⸗ eine Au then⸗ — 225— und den ungluͤcklichen Pfeil auf Dich abgeſchoſſen. Urtheile ſelbſt, ob es einem Sclaven nicht geziemt, blind zu gehorchen. Ich bin unſchuldig, Herr, vollkommen unſchuldig.“ »Wie?« rief ich in heftiger Bewegung aus,»mein Freund Ibrahim ſtrebt mir nach dem Leben, das ich ſo oft fuͤr ihn gewagt?“ „So iſt es, Herr!« antwortete der Sclave, und der Capitani zuckte bedeutſam die Achſeln. Ich uͤber⸗ legte nun reiflich, was zu thun ſei. Die Gruͤnde, welche der Meuchelmoͤrder fuͤr ſeine Unſchuld auffuͤhrte, ſchienen mir genau denjenigen zu entſprechen, welche mich beſtimmten, dem Großherrn auch dann gegen ſeine Feinde zu dienen, wenn ich von dem Unrecht derſelben nicht vollkommen uͤberzeugt war. Ich erwog ſomit eine der wichtigſten Fragen des Menſchenrechts und der Moral, und entſchied mich dafuͤr, dem Diener Ibra⸗ hims ſeinen treuen Gehorſam nicht grauſam entgelten zu laſſen. „Du biſt frei,“ ſagte ich ihm,»denn die Beweg⸗ gruͤnde Deiner abſcheulichen Handlung ſcheinen mir nicht unmoraliſch, und berechtigen mich nicht, an Dir die Strafe des Mordes, deſſen ſich nur Dein Herr ſchuldig gemacht, zu vollziehen.« „Freudig ſprang der gehorſame Knecht auf und erbot ſich mir gegen eine maͤßige Belohnung Ibrahim zu ermorden. Dieſe Niederträchtigkeit überraſchte mich außerordentlich. Ich ergriff zornig eine meiner Piſtolen, Wien. 2. Bd. 15 5 ſchwang ſie um mein Haupt, und legte auf den ſeindlichen Banditen an, indem ich ihm befahl, ſchnell die Flucht zu ergreifen. Der Capitani, welcher glaubte, ich wuͤrde ihn auf dem Wege niederſchießen, war zufrieden mit meinem Vorſatz, als ich aber den Moͤrder entſpringen ließ und das Schießgewehr ruhig in die Halfter ſteckte, tadelte er mit großem Unmuth meine Schonung gegen einen Boͤſewicht, der nicht ermangeln wuͤrde, ſich neuer⸗ dings an Ibrahim zu verdingen. »Das ſteht ihm vollkommen frei,« ſagte ich mit ſalomoniſcher Richterweihe.»Du biſt ſehr im Irrthum, wenn Du glaubſt, daß ich den Menſchen wegen ſeines Mordverſuches beſtrafen will; meine Aufwallung war nur durch die Niedertraͤchtigkeit verurſacht, mit welcher er ſich bereitwillig zeigte, ſeinem Herrn untreu zu werden.« »Wenn Du ſolche milde Gerechtigkeit zu uͤben geſonnen biſt,“ antwortete der Capitani,»ſo wirſt Du Muͤhe haben, das wilde Volk, ſo Du befehligſt, im Zaume zu halten.« »Du ſprichſt blos klug, aber nicht weiſe,« er⸗ widerte ich hierauf gereizt,»wiſſe, daß die Gerechtig⸗ keit des Guten eine Macht iſt, die uͤber Tauſende ſiegt und den boͤſen Willen in Feſſeln legt.« „Da mein treuer Rathgeber ſah, daß ich meine Pflicht als Befehlshaber zu wohl kenne, um auf ſeine Einwendungen ein Gewicht zu legen, ſobald ſie nicht mit meinem Willen uͤbereinſtimmten, begnuͤgte er ſich eine Lhe ſcha tirt kur — ——— ſchet einen Seufzer auszuſtoßen und zu ſchweigen. In der That fand ich es nicht ſo ſchwer, eine ſo große Heer⸗ ſchaar zu befehligen, denn wir waren gut verprovian⸗ tirt, zogen durch reiche Provinzen und hatten einen kurzen Weg bis zum Ort unſerer Beſtimmung. „Dort angelangt, uͤberließ ich dem Capitani den Oberbefehl fuͤr die Zeit meiner Abweſenheit und begab mich vor den Thron des Großherrn, Rechenſchaft abzu⸗ legen. Ein auserleſenes Gefolge Arnauten begleitete mich nach Stambul, das ich in ſtuͤrmiſcher Unruhe, halb in Bangigkeit, halb in ſtolzer Freude befangen, unter dem Zulaufe einer großen Volksmenge, betrat. Der Ruf meiner Thaten war mir vorausgegangen und hatte die abenteuerlichſten Geruͤchte uͤber meine Herkunft und meine Schickſale verbreitet. „Der liſtige Renegat, der durch ſeine Kuͤnſte einen Aufſtand beſchwichtigt und der Pforte außerdem namhaften Kriegsbeiſtand aus einer verloren gegebenen Provinz verſchaffte, die Groͤße ſeines Gluͤckes im Verhaͤltniſſe zu ſeiner Jugend und ſeiner gemeinen Herkunft, bildete den Hauptgegenſtand des Tagsge⸗ ſpraͤchs und brachte beſonders in Pera alle Zungen in Bewegung, da eine unſichere Sage den beruͤhmten Emporkoͤmmling aus dieſer Vorſtadt von Stambul ab⸗ ſtammen ließ. „Schon vor den Thoren ſah ich an der Menge der Kalpaks unter den Zuſchauern die lebhafte Theil⸗ nahme der Peroten, von welchen ich einige erkannte, 156 — 5 ohne ſelbſt erkannt zu werden. Jungfräuliche Scham⸗ roͤthe deckte meine Wangen, als ich mich zum erſten Male als Gegenſtand oͤffentlicher Aufmerkſamkeit und Achtung erblickte. Gern haͤtte ich den ſtolzen Gang meines Pferdes in einen einfachen Pas veraͤndert, wäre dies in meiner Macht geſtanden— ſo peinlich war mir die ſo heiß erſehnte oͤffentliche Bewunderung. Ich mußte durch das Thor Top⸗Kapu reiten, wo mein Vater als der letzte Palaͤologe blutig geendet. Mit pochen⸗ dem Herzen naͤherte ich mich der unglucklichen Stelle. Der Zufall wollte, daß mein Pferd dort plötzlich ſcheu ſich aufbäͤumte, als wäre ihm eine geſpenſtige Erſchei⸗ nung in den Weg getreten,— nur mit ſtrenger Ge⸗ walt brachte ich es wieder in Gang. Alle Zeugen nahmen dies fur eine uͤble Vorbedeutung, ich ſelbſt konnte mich einigen Kummers nicht erwehren, denn ich gedachte der ſchrecklichen Prophezeihung der pero⸗ tiſchen Sibillen. „Als ich, von dem Reis⸗Effendi dahin berufen, in die ehrwuͤrdige Verſammlung des Reichsdivans trat, fuͤhlte ich meine hohe Bedeutung erſt in ihrem vollen umfange. Ich ward mit aller einem Paſcha zukom⸗ menden Ehre empfangen und durfte unmittelbar zu dem Großherrn ſprechen. Ich verrichtete mein Mel⸗ dungsgeſchaͤft in Beiſein aller Veziere und Vornehmen des Reichs mit einer Wuͤrde, welche meine Herkunft nicht verrieth. „Du haſt uns einen großen Dienſt erwieſen, 16 em zir am⸗ und jng vär mit ußte zater hen⸗ elle. ſcheu chei ugel ſbſ denn er⸗ fen tral, ollen lom Nl hme kunf eſen — 929— Achmed, ſagte der Sultan im Kriegsrathe,»und ich ernenne Dich zum Danke dafuͤr zum Paſcha des Be⸗ zirks, den Du uns durch Deine Liſt erobert haſt. Da der Großvezier mir nicht minder wie Deine Handlun⸗ gen fur Deine Treue, Deine großen Faͤhigkeiten und insbeſondere Deine angeborene Verſchlagenheit gegen Mahomeds Feinde Buͤrgſchaft leiſtet, ſo ſtelle ich Dir auch eine Bitte und die Wahl der Stellung frei, in welcher Du dem Reiche in der jetzigen Kriegsnoth die⸗ nen willſt.“ „Sonne der Gläubigen,“ verſetzte ich, mich nie⸗ derwerſend,»wiewohl mein Verſtand, wie ich weiß, minder ausgebildet iſt, als er unverdient geruͤhmt wird, und mein Gluͤck eher eine Belohnung des Himmels fuͤr meinen tugendhaften Willen zu ſein ſcheint, als ein erworbenes Verdienſt, ſo halte ich mich doch durch das Schickſal berufen, der Fuͤhrer jener Schaaren in dem Kriege gegen die Feinde zu bleiben, welche ich dem Heere des Propheten zugefuͤhrt.« Fuͤr einen Mann von zwanzig Jahren forderſt Du ſehr kuhn,“ ſagte der Großvezier,»und ich hoffe, daß der geheiligte Wille, den Du anflehſt, die Ent⸗ ſcheidung uͤber Dein Begehren mir uͤberlaſſen wird, denn wiewohl Du uns große Proben Deiner Faͤhig⸗ keiten und Deines Muthes gegeben haſt, ſo duͤrfte doch ſelbſt die Achtung, welche wir vor Deinem Werthe haben, uns zu der Bedenklichkeit beſtimmen, ob wir einem ſo jungen und begabten Krieger eine Stellung — 0— anvertrauen ſollen, in welcher das Reich Gefahr laͤuft, ſeine Dienſte zu verlieren.« „Ich begriff wenig von den Urſachen dieſer Be⸗ denklichkeit, ward aber durch einen gnaͤdigen Wink des Sultans belehrt, daß ich mich darein zu fuͤgen haͤtte, ich nahm hierauf einen der Ehrenplaͤtze ein, und blieb Zeuge des wichtigen Kriegsrathes, in welchem der Krieg gegen die Unglaͤubigen beſchloſſen wurde. Obwohl es meine Pflicht war, an dieſem großen Staatsgeſchaͤft einen lebhaften Antheil zu nehmen, ſo wurde derſelbe durch gewaltige Erinnerungen doch ſehr geſchmaͤlert, welche meine Seele bewegten. Unter den Anweſenden befand ſich naͤmlich der Dragoman der Pforte, der Vater Helenens. Eruͤberſetzte die Aeußerun⸗ gen und Antworten des feindlichen Miniſters und machte ſich dadurch ſehr bemerklich. „Ich ſuchte in ſeinen Mienen das Schickſal und die Geſinnung ſeiner ſchoͤnen Tochter zu ergruͤnden, konnte aber in ſeinem ausdrucksloſen Geberdenſpiel kaum eine Spur von ſeinen eigenen Geſinnungen entdecken. Bis zu dem verhängnißvollen Augenblicke, da der Großvezier mit erhobener Stimme erklaͤrte, der Krieg ſei beſchloſſen, blieb meine Aufmerkſamkeit zwiſchen den Schickſalen der Menſchheit und den Erinnerungen an die ſeligen Augenblicke in des Popen Athanaſius Hauſe am Tendur getheilt. Vergebens machte ich es meinem Herzen zum Vorwurf, daß es ſich mit den Spielen meiner Kindheit in einem Augenblicke beſchaͤftigte, da da keht tun zur hre V der rleh das Schickſal mehrerer Voͤlker entſchieden wurde, es kehrte immer wieder von der phylantropiſchen Betrach⸗ tung meines beſſeren Theils auf den Tendur in Pera zuruͤck. „Die Nachricht von dem Beſchluß des Divans brachte in Conſtantinopel eine große Aufregung hervor. Viele mißbilligten es laut, daß ſich der Sultan von dem Großvezier ſo ſehr beherrſchen laſſe, das Schick⸗ ſal der Pforte im Kriege gegen eine uͤberlegene Macht und ihre Verbuͤndeten zu wagen. In der Vorſtadt Pera fand ſogar das Geruͤcht nicht geringen Beifall, daß die große Czarin Katharina das griechiſche Kaiſer⸗ reich wieder herzuſtellen denke.“ Hier unterbrach Madame Montepiacini den Er⸗ zaͤhler: „Ach erzaͤhlen Sie uns doch von den Liebesaben⸗ teuern dieſer Frau, ſtatt von ihrem Kaiſerreich.“ „Ich war nicht an ihrem Hofe,“ ſagte Haſſan, „aber ich weiß, daß ihre und meine politiſche Groͤße gleichen Urſprung hatten— die Liebe. Die Grund⸗ ſaͤtze der meiſten Menſchen werden von dieſer Leiden⸗ ſchaft geſtaltet. Doch hoͤren Sie, wie mich meine Liebe lohnte. Ich fand Muſtapha, der in großem Elende lebte. Seine Geſtalt war abgelebt, ſein Auge erloſchen und die geliebte Pfeife ſelten angezundet. „Mein theurer Achmed,“ ſagte er zu mir klein⸗ laut,»meine Liebe zu Dir hat mich in großes Ungluͤck — 232— geſtuͤrzt. Du warſt kaum zwei Jahre von Stambul abweſend, als Ibrahim zu mir kam und Erkundigun⸗ gen über Helenen einzog, indem er Auſträge an ſie von Dir zu haben vorſchuͤtzte. Ich gab ihm Beſcheid, denn ich zweifelte nicht an der Aufrichtigkeit ſeiner Worte, allein bald beobachtete ich mit Mißvergnügen, daß er ſich mehr um Helenens Gunſt bewerbe, als es fuͤr den Freund ihres Liebhabers ſchicklich war. Er⸗ kundigungen, die ich im Hauſe des Notaras einzog, beſtaͤrkten meinen Argwohn. Ich erdreiſtete mich daher eines Tages, als Helene wenige Augenblicke mit mir allein im Laden war, auf ihre ſeltſam fragenden Blicke zu antworten: Huͤte Dich vor dem ſeltſam verkleideten Wolfe, der die Huͤrde Deines Herzens umſchleicht. Er denkt ein Lamm zu zerreißen und in ſeinem Felle durch Luͤgen Deine Zuneigung zu gewinnen. Ein Blick des frohen Einverſtaͤndniſſes und ein lebhafter Händedruck ſagten mir, daß ſie mich wohl begriffen habe und mein Verdacht gegruͤndet ſei. »Ich freute mich des gethanen Werkes, aber bald ſollte ich Urſache finden, es zu beweinen. Durch irgend eine Unvorſichtigkeit Helenens erhielt Ibrahim Kenntniß von meiner Warnung. Er kam bald in meinen Beſeſtan geritten, zerſchlug mit einem Säbel⸗ hiebe meine koſtbarſten Luxuswaaren und ſchrie zornig: »»Thier von einem Krämer, Du complottirſt mit einem Hunde, den mein Vater auf der Straße gefunden, mbul gun⸗ nſie cheid, ſeiner gen, s es Er nzo, daher mit Blide deten liicht. Fell Ein after ffen aber urch ahim din ibel mi inem den, — 233— gegen mich, aber Du ſollſt es bereuen, mich beleidigt zu haben.“« „In der naͤchſten Nacht machte er ſeine Drohung wahr. Ein Haufe bewaffneter Janitſcharen erbrach meinen Beſeſtan, pluͤnderte ihn rein aus und ver⸗ nichtete was ſie nicht fortbringen konnten. In weni⸗ ger als einer Stunde war mein ganzer Reichthum, die Frucht der Muͤhſeligkeiten eines ganzen Lebens, vernichtet und ihr Beſitzer zum Bettler gemacht. Meine Beſchwerden waren fruchtlos, da ſich kein Zeuge finden ließ, der es gewagt hätte, den Sohn des allmächtigen Großveziers anzuklagen. Mein Verluſt war zu groß, als daß ich haͤtte Entſchaͤdigung erwarten koönnen. So verſank ich in die bitterſte Armuth und friſtete mein Leben nur von geheimen Wohlthaten Helenens, die ſeither dringend nach Dir geforſcht hat. Da ich Dir jedoch das Verſprechen gegeben habe, Nichts von Dei⸗ nen Schickſalen verlauten zu laſſen, bis Du es ſelbſt fur gut finden wuͤrdeſt, Dich zu entdecken, ſo konnte ich ihr wenig Auſſchluß geben. Wenn daher auch Nichts zu Deinen Gunſten geſchehen iſt, ſo vermuthe ich doch, daß Du die Verhaͤltniſſe im Hauſe des No⸗ taras ſo guͤnſtig finden wirſt, als Du immer erwarten kannſt. Helene iſt inzwiſchen zu großer Schoͤnheit herangewachſen, und hat, wie ich glaube, Andreas weniger vergeſſen, als Du ſie.“ »So iſt es denn wahr,“ rief ich ſchmerzlich aus, als er ſeine Erzaͤhlung beendigt,„daß die Liebe zu — 234— mir Jeden in's Verderben ſtuͤrzt. Kaum habe ich den Muth, in der ſo lange verkannten Engelsſeele Hele⸗ nens die Liebe zu mir zu nähren. Gewiß, ich will ſie nicht wieder ſehen, und allein mein ungluͤckliches Fatum ertragen.« »Und wird dann Helene weniger durch Dich un⸗ gluͤcklich ſein?« ſagte Muſtapha.»Sie liebt Dich noch immer, und ich fuͤrchte, ſie wird nicht aufhoͤren es zu thun bis an ihr Ende. Denn ſie hat einen ſo beharrlichen Sinn, daß ſelbſt ihr eiſerner Vater Nichts uͤber ſie vermag. So iſt gewiß, daß ſie alle Pläne deſſelben, ſie zu verheirathen, vereitelt und ſich in eine kloͤſterliche Einſamkeit zuruͤckgezogen hat. Sie zeigt ſich entſchloſſen, eine Braut Chriſti zu werden, aber ich hoffe, daß Du ſie auf andere Gedanken bringen wirſt, denn ihre Froͤmmigkeit ſcheint mir aus der Liebe zu Dir erwachſen zu ſein. Es wird Dir leicht wer⸗ den ſie zu ſehen und zu bekehren, denn ſeit Deinem ploͤtzlichen Verſchwinden ſcheint ſie an den Hexenkuͤn⸗ ſten Deiner Mutter großen Geſchmack zu finden. Sie beſucht ſie haͤufig, ohne alle Begleitung, in einer Ver⸗ kleidung, die ſie unkenntlich macht. Beide ſcheinen zu ahnen oder zu wiſſen, daß Du noch am Leben biſt, denn ſie beſtuͤrmten mich unaufhoͤrlich mit Nachfor⸗ ſchungen, da ihnen die Luͤgen Ibrahims keinen Auf⸗ ſchluß gegeben haben. Deine Mutter drang beſonders in mich und behauptete aus dem Kaffecorakel Dein ganzes Schickſal erforſcht zu haben.»»Wenn das iſt,«« ſogl mei lief Ki hei inen biſt for⸗ delꝰ Jell ſagte ich,»»ſo weißt Du mehr als ich und bedarfſt meiner nicht.«« Als ſie ſich aber nicht zufrieden ſtellen ließ, ſagte ich zu ihr unwirſch:»»Weib, Du haſt Dein Kind getoͤdtet. Lebt es noch korperlich, ſo verdienſt Du nicht es zu wiſſen, lebt es nicht, dann hat die heilige Euphemia geholfen. Du begehrſt nicht in Liebe nach Deinem Sohne, und wirſt daher nicht mehr uͤber ihn erfahren, als Du ſchon weißt.«« Seitdem hat ſie mich mit Nachforſchungen verſchont.« „Meine Thraͤnen floſſen reichlich bei dieſer Er⸗ zaͤhlung. Ich ließ mich ohne Muͤhe uͤberzeugen, daß ich Helenen nicht fern bleiben duͤrfe, nachdem mir ihre Seele ſtets ſo nahe geweſen. Meine Leidenſchaft fuͤr ſie erwachte von Neuem, und ward nicht wenig ge⸗ naͤhrt durch die Vorſtellung von ihren ausgebildeten Reizen. Auch fuͤr meine Mutter fuͤhlte ich noch kind⸗ liche Zuneigung, und ſo war ich denn bald entſchloſſen, den Rathſchlaͤgen meines Freundes Folge zu leiſten. „Meine erſte Sorge war jedoch, die Umſtände Muſtapha's dadurch zu verbeſſern, daß ich ihm die Haͤlfte meines erworbenen beträchtlichen Vermoͤgens gab, und ihn in den Stand ſetzte, ſeinen Beſeſtan wieder auf⸗ zurichten. Nachdem ich dieſe Pflicht erfullt hatte, dachte ich ernſtlich an die Gruͤndung meines eigenen Gluͤckes, welche ſo nahe und leicht ſchien. Ich ermangelte nicht die Herbeifuͤhrung aller guͤnſtigen Verhaͤltniſſe meinen Fähigkeiten allein und der Aufklärung meines Geiſtes zuzuſchreiben. Mein Lebensplan ſchien vollkommen — 236— gelungen, mein Gluͤck auf immer geſichert.»Helene liebt mich, ſagte ich zu mir,»und der Notaras wird ſich freuen, ſeine Tochter einem angeſehenen Muſelmann zum Weibe zu geben, der feſt entſchloſſen iſt, nur eine Frau zu nehmen und dieſer bis an ſein Ende treu zu bleiben. Ich habe Alles ſehr ſcharfſinnig berechnet und mit Kraft ausgefuͤhrt, der Lohn meiner Thaten winkt als eine Paradieſesfrucht auf dem Baume mei⸗ nes Lebens. Ich darf ſie nur pfluͤcken und gluͤcklich ſein. Wie heilbringend iſt es, uͤber die Vorurtheile und Irrthuͤmer der Menſchen erhaben zu ſein! Nur die Aufklaͤrung fuͤhrt zur wahren Gluͤckſeligkeit. Ware ich ein aberglaͤubiger Chriſt geblieben, ſo könnte ich noch fuͤr Muſtapha Briefe ſchreiben und Botengaͤnge in der Vorſtadt Pera verrichten. Klebte ich an den Vorurtheilen der Muſelmaͤnner, ſo waͤre mir es ſchwer⸗ lich gelungen, die Rebellen zu beſchwichtigen. Mein Leben iſt gottgefaͤllig, denn ich thue nur Gutes. Mein Gluͤck iſt gewiß.« „Waͤhrend meines beſcheidenen Selbſtgeſpraͤches näherte ich mich im Abenddunkel der Wohnung meiner verlaſſenen Mutter. Geraͤuſchlos und zogernd trat ich in die Thuͤre und oͤffnete ſie behutſam, um nicht plötz⸗ lich die gute Frau in etwaigen frommen Betrachtungen zu ſtoͤren. Sie nahm den ſo ſpaͤten Beſuch ziemlich unwirſch auf, als ſie aber einen Mann in der Tracht eines vornehmen Tuͤrken erblickte, beſaͤnftigte ihre Stimme ſich zu einer hoͤflichen Anfrage: wer ich ſei gu lene ſich lann treu hnel oten mei cklich heil Nur Pin e ich ingt den wel⸗ Nein tes. ches einer tich lt⸗ ngen nlich rohl ihre ſe — 237— und was ich von einem armen Griechenweibe in ſo ſpäter Stunde wolle. Ich betrachtete ſie lange re⸗ gungslos und vermochte keinen Laut hervorzubringen vor Ruͤhrung. Ich fand ihre Geſtalt noch beleibter als vordem, allein eine krankhafte Aufgedunſenheit des Geſichts und die faſt lebloſen Augen ſagten mir, daß ſie ſich allmälig ihrem Lebensende nahe. Der er⸗ quickende Sonnenſtrahl der Liebe war ihr fern geblie⸗ ben, und ihr aller elektriſchen Waͤrme ermangelnder Koͤrper ſchien ſich in Erde aufloͤſen zu wollen. „Was betrachteſt Du mich ſo ſtarr, Herr!« fuhr ſie nach einer Pauſe zu fragen fort.»Faſt wird mir Dein ſcharfer Blick unheimlich, denn er erinnert mich an einen Todten.« Sei unbeſorgt, Weib,“ ſagte ich,»Du haſt von mir Nichts zu fuͤrchten. Ich habe gehoͤrt, daß Du im Wahrſagen untruͤglich biſt, und da ich in den Krieg ziehe, ſo wuͤnſchte ich zu wiſſen, welches Schickſal meiner harrt.« „Herr,“ erwiderte meine unveraͤnderte Mutter, „wenn Du ebenſo gut bezahlſt als ſchmeichelſt, ſo will ich Dir haarſcharf aus der Verſchränkung der Linien Deiner Hand kuͤnden, was Deiner wartet.“ „Ich legte ihr ſchweigend einen Beutel mit Pia⸗ ſtern in den Schooß und ſtreckte ihr meine bebende Hand entgegen, um ſie die geheime Schrift, welche ſie ſehen wollte, entziffern zu laſſen. Sie betrachtete ſie aufmerkſam, nachdem ſie erſtaunt das Gewicht der — 238— Boͤrſe gepruͤft und dieſe ohne Bemerkung bei Seite geſchoben hatte, und ließ in abgebrochenen Sätzen die folgenden Ausſpruͤche vernehmen: »Du biſt das Kind ungluͤcklicher Eltern.« »So iſt es.« »Dein Vater ſtarb eines unnatuͤrlichen Todes.« »Du haſt es getroffen,“ antwortete ich. »Du ſiehſt, daß ich Deine Vergangenheit ſo ge⸗ nau kenne, als die meines eigenen Kindes—« „Schon glaubte ich mich erkannt, aber meine Mutter fuhr fort gleichgiltig meine Hand zu betrachten. Ich unterbrach ſie in ihren Betrachtungen durch die Frage: Ob ſie wohl einen Sohn beſitze? »Ja,« ſagte ſie,»Gott hat mich mit einem Kinde geſtraft, welches viel Unheil uͤber mich gebracht hat. Es geht auf ſchlimmen Wegen, und ich habe erſt ge⸗ ſtern im Kaffee geleſen, daß es ſein Unſtern wieder in mein Haus bringen wird.« »Ohne Zweifel wird es Dir willkommen ſein, nach langer Trennung es wieder zu ſehen, denn man liebt am meiſten die verirrten Schafe.« »Wer ſagt Dir denn, Herr, daß wir lange von einander getrennt ſind?« fuhr meine Mutter auf mich los, vein ungerathenes Kind kann das Herz einer Mutter nicht erfreuen, der geſegnete Leib, der ein ver⸗ fluchtes Kind traͤgt, ſucht ſeiner Buͤrde los zu werden und freut ſich der ewigen Trennung. Eher wird ſich der Himmel mit der Hoͤlle vermaͤhlen, als daß mein — ge neine hten. di inde hal. in an Mab von mich inet rden ſich nin — 239— Mutterherz ſich zu dem Herzen meines Kindes findet. Wiſſe, Fremdling, ich habe einen Vampyr geboren, deſſen Liebe toͤdtet.“ „Ich ſchwieg und ſeufzte.»Alſo hat die Zeit ihren Wahnſinn nicht geheilt,“ dachte ich,»und ich habe keine Hoffnung, dieſer herzloſen Mutter Beiſtand durch ein anderes Mittel zu gewinnen, als durch einen gottloſen Eigennutz.« „Während ich nachſann, auf welche Art ich dieſen in Bewegung ſetzen muͤſſe, um meine unnatuͤrliche Mutter zu bewegen, mir zur Erwerbung Helenens be⸗ hilflich zu ſein, fuhr ſie in ihren Unterſuchungen mei— ner Handlinien fort.»Dein Schickſal, Herr, iſt ſeltſam verwickelt. Viele Gefahren durchkreuzen Deine Lebens⸗ linie, Ruhm und Gluͤck begegnen ihr ebenſo oft, als Schande und Ungluͤck. Wenn mich nicht Alles truͤgt, ſo wirſt Du, wie es bei Deinem blutigen Handwerk moͤglich iſt, Viele unglucklich machen und ſelbſt——“ „Sie ſtockte plotzlich. Mochte ihr meine innere Bewegung aufgefallen ſein und meine ungeſchickten Fragen ſie auf die Spur gebracht haben, oder ſagte es ihr wirklich die geheime Kunſt, deren ſie ſich ruͤhmte, genug, ſie ſchien vom plotzlichen Schreck erfaßt, und ſchrie mit einer Stimme, welche noch in der Sterbe⸗ ſtunde in meinen Ohren gellen wird:»Ungluͤck⸗ licher, Du biſt mein Sohn und haſt Deinen Gottverleugnet!« „Und wenn ich es bin, Mutter,“ ſagte ich, indem — 240— ich ihre Hände in wildem Unmuth ergriff und feſthielt, »wenn ich es bin, fuͤrchteſt Du nicht den Geiſt Deines Vaters und die Rache des Himmels durch Deinen unnatuͤrlichen Haß gegen mich heraufzubeſchwoͤren? Die Art, wie Du Dein einziges Kind nach langer Trennung im vaͤterlichen Hauſe wieder aufnimmſt, glaube mir, ſie entfeſſelt Geiſter der Hoͤlle und ſchreit zum Himmel wie Vatermord!« „Dieſe Worte, in der erſten Aufwallung des Zor⸗ nes geſprochen, die aberglaͤubigen Vorſtellungen, welche ſich in meiner Mutter erweckten und meine blitzenden Blicke, wirkten auf ſie ſo heftig, daß ſie zu zittern begann und ſtammelnd mein Aufbrauſen zu beſchwich⸗ tigen ſuchte. »Willſt Du Deiner Mutter fluchen, Andreas?« ſagte ſie mit ſanfterer, bittender Stimme,»ſie iſt un⸗ gluͤcklich genug, daß ſie in ihren alten Tagen ſo ver⸗ laſſen und verachtet leben muß, wie eine alte Eule, waͤhrend Du in Pracht und Wohlleben ſchwelgſt.“ „Schon hatten mich meine Worte gereut,— ich fand mich gedrungen, den Wahnſinn der Ungluͤcklichen zu bemitleiden und ihren Haß, die Folge von Vor⸗ urtheilen, nicht zu vergelten. Meinen freundlichen Vorſtellungen und beſonders meiner Froͤmmigkeit gelang es, ihren Abſcheu vor dem Renegaten zu mildern und einigem Wohlwollen fuͤr mich Bahn zu machen. Doch gab ſie ſich ihren beſſeren Gefuͤhlen nur mit der aͤußer⸗ ſten Vorſicht hin, um nicht dem traurigen Schickſale vor ken zu ihielt Nines Ninen oren lange mmſt ſchrit welche enden jittem hwich egs f un⸗ ver Eule ich lichen lichen elun nund Dylh ußi ibo — 241— Derjenigen zu verfallen, welche mich liebten. Der Ruf von dem Gluͤcke Achmeds, als welcher ich mich zu er⸗ kennen gab, trug nicht wenig dazu bei, ihre Stimmung zu verbeſſern. „Es entſpann ſich eine trockene Unterhaltung zwi⸗ ſchen uns, durch welche ich erfuhr, daß Helene ſich meiner oft in Liebe erinnere, daß ihr Ibrahim den Blumenſtrauß gewaltſam entriſſen und ihr keine Nach⸗ richt von mir gebracht habe. Er ſelbſt ſei heftig in ſie entbrannt, und habe Liſt, Drohung und Ver⸗ ſprechungen angewandt, um ihre Gegenliebe zu ge⸗ winnen, aber nur Verachtung davongetragen. Ueber mein Schickſal befinde ſich Helene in voͤlliger Unge⸗ wißheit, doch habe ſie oft die Beſorgniß geäußert, daß ich Muſelmann geworden und mit dem elternloſen Knaben identiſch ſei, der Ibrahims Leben gerettet und dafuͤr des Großveziers Gunſt gewonnen habe. Dieſe Befuͤrchtung habe ſie niemals geaͤußert, ohne Thränen zu vergießen. Alle dieſe Nachrichten ſteigerten meine Begierde Helenen zu ſehen. Obwohl meine Mutter mich dringend ermahnte, in den Schooß der wahren Kirche zuruckzukehren, gelang es mir doch, ihr die Luſt, ſolche Rathſchlaͤge zu wiederholen, zu benehmen. Ich ſtellte ihr vor, wie mein und ihr zeitliches Gluͤck von meinem Verharren bei Mahomeds Geſetzen abhaͤnge, daß ihr eigenes Seelenheil dadurch nicht gefaͤhrdet ſei, und mein Schickſal um ſo weniger einen nachtheiligen Einfluß auf das ihrige ausuben konne, je verſchiedener Wien. 2. Bd. 16 —— unſere religiöſen Begriffe ſeien. Dies ſchien ihr voll⸗ kommen einzuleuchten, denn ſie erklärte ſich ſofort fuͤr bereitwillig, allen meinen Wuͤnſchen zu dienen, wenn anders ihr Gewiſſen es ihr erlaube und ihr Anſpruch auf die ewige Seligkeit dadurch nicht erloͤſche. Die Ausſicht auf den Mitgenuß meiner Reichthuͤmer ver⸗ ſetzte ſie ſogar in eine heitere zaͤrtliche Stimmung. »Sieh, Andreas,« ſprach ſie vertraulich,»ich liebe Dich nicht wie andere Muͤtter ihre Kinder, denn Du biſt nur das Kind meines Fleiſches, aber nicht das meiner Seele. Allein ich bete täglich fuͤr Dich zum Himmel, daß er Dich aus den Klauen der Hoͤlle errette, wenn dies anders geſchehen kann, ohne mich in's ewige Verderbniß zu ſtuͤrzen.“ „Nach dieſem aufrichtigen Geſtaͤndniß beeilte ſie ſich mir einen Beweis zu geben, daß ſie geneigt ſei, mein zeitliches Wohlergehen zu befoͤrdern, indem ſie ſich erbot, mir zu einer Zuſammenkunft mit Helenen zu verhelfen. Sie beſtimmte mir eine Stunde des naͤchſten Tages, wo mein Liebchen ſich bei ihr ein⸗ finden ſollte.« Fünftes Kapitel. Sollen wir uns weitlaͤufig daruͤber auslaſſen, wie es Haſſan Abdyl gelungen, durch den Reiz ſeiner Abenteuer und ſeine Sophiſterei, womit er ſeinen Glau⸗ benswechſel beſchoͤnigte, allmaͤlig die Grundſaͤtze aller ſſen ſint lal alle — 243— ſeiner Hoͤrerinnen zu erſchuͤttern? Es wuͤrde ermuͤ⸗ den. Aber Madame Lahire war gewappnet mit einem Panzer von feſten Ueberzeugungen gegen die Ver⸗ fuͤhrungskuͤnſte dieſes Conſtantinopolitaners. Indeſſen dauerte der Krieg gegen ihre Tugend fort. Haſſan Abdyl ſuchte ihr durch die ſchlaueſte und gewandteſte Dialektik zu beweiſen, daß die Vielweiberei des Orients beſſer ſei, als das Verhaͤltniß der Geſchlechter im Oe⸗ cidente. Aber Madame Lahire— welche ihr Gemahl verlaſſen hatte, um eine ſchoͤne Tänzerin von Wien zu entfuͤhren, blieb hartnaͤckig dabei, zu behaupten, daß ohne gegenſeitige Treue keine Liebe und Achtung moͤg⸗ lich ſei. Haſſan Abdyl verfocht das Gegentheil und behauptete, daß niemals ein europaͤiſches Weib den ge⸗ treueſten aller Gatten— der folglich ihr Sclave waͤre ſo achte, wie es die Tuͤrkinnen zu thun gewohnt ſeien. Madame Lahire behauptete dagegen, daß, wenn dies der Fall ſei, die Tuͤrken dies nicht ihrem Werthe, ſondern der Peitſche zu danken haͤtten, womit die Frauen immer bedroht waͤren. Haſſan Abdyl ſtellte dies in Abrede. Er ging ſo weit zu behaupten, die Europäerinnen wuͤrden alle Gott danken, wenn ſie von ihren Män⸗ nern zuweilen geſchlagen wuͤrden, wenn man fuͤr ihr Wohl ſo liebreich ſorgte, wie die Tuͤrken es zu thun pflegen. So wurde hin und her geſtritten und das Ende jeder Disputation war das gewöhnliche aller Dispu⸗ tationen— ſowohl unter den Frauen als unter den 16* — 244— Maͤnnern, in den Zeitungen und auf den Tribuͤnen— daß beide Theile bei ihrer Meinung blieben. Die Ab⸗ neigung der Frau von Lahire erreichte, wenn er ihr widerſprach, allmaͤlig einen ſo hohen Grad, daß ſie ihn erboſt und verwirrt, wie ſie am Schluß jeder De⸗ batte war, mit ihren kleinen Händen ſchlug!— eine Strafe, welche der Tuͤrke auf ſeinen breiten Ruͤcken nahm, ohne im Mindeſten zornig zu werden. Die uͤbrigen Damen aͤrgerten ſich nicht wenig uͤber ſeine Gelaſſenheit.„Dieſe Lahire,“ ſagten ſie,„treibt es doch gar zu arg mit ihrem Maͤnnerhaß. Wir verab⸗ ſcheuen insgeheim dieſen Barbaren ſo gut wie ſie und wiſſen ſo gut wie ſie, was wir unſeren Grundſaͤtzen ſchuldig ſind. Aber den Geſandten des Großherrn, mit dem großen Niſchman Tifterdar(die Damen ſprachen nicht gelaͤufig turkiſch) auf der Bruſt, mit Fäuſten zu ſchlagen, das iſt doch unzart. Und ſie ſchlaͤgt noch dazu aus Leibeskraͤften. Wie er ſich nur das gefallen laſſen kann?“ Haſſan Abdyl aber fuhr gelaſſen und immer in ſeiner ſchwermuͤthigen Weiſe fort zu erzaͤhlen: „Helene ſtand im Rufe der reizendſten Griechin in Stambul. Ich hatte die Gewalt ihrer Schoͤnheit empfunden und zitterte, einen Gegenſtand ſo allgemeiner Sehnſucht zu verlieren. Die Pein meiner Ungeduld war ſo groß, daß ich nirgends Ruhe fand. Der kleinſte Aufſchub der Zuſammenkunft, der uͤber mein Lebens⸗ gluͤck entſcheiden ſollte, aͤngſtigte meine Einbildungs⸗ — 5— kraft durch ertraͤumte Gefahren. Ich haͤtte allen meinen Ruhm hingegeben, waͤre ſie minder ſchoͤn geweſen. Die treue Anhaͤnglichkeit ihrer Seele an den armen Andreas ſchien mir hoͤchſt zweifelhaft, ſeitdem ich mich uͤberzeugt, wie ſie ſo viele Leidenſchaften erweckt habe, wie Niemand ihr nahen koͤnne, ohne von dem Wun⸗ der ihrer herrlichen Geſtalt tief ergriffen zu ſein. Wie umgewandelt war ich ſelbſt durch ſie, unaͤhnlich war die Liebe des Mannes der Liebe des Knaben; wie unvergleichlich der maͤchtige Aufſchwung meines Gefuͤhls mit der ſchwachen Taͤndelei meines kindlichen Gemuͤthes! Damals liebten wir uns, wie Engel ſich lieben, fromm und uneigennuͤtzig, jetzt rang mein heißer Wunſch nach ihrem Beſitz, nach ihrem ausſchließlichen Beſitz. Den Luͤften mißgoͤnnte ich ihre Beruͤhrung, die Augen waren mir verhaßt, die ſie ſahen, die Erde, die ihr Fuß beruͤhrte, ward von mir beneidet. Jetzt begriff ich die orientaliſche Sitte, welche die Frauen zu ewiger Gefangenſchaft verdammt. Ich wuͤnſchte, daß kein Hauch ſie beruhre, als der meinige, kein Blick ihr begegne, als der meiner Augen, kein Ton an ihre Ohren ſchlage, als der Laut meiner Stimme. So wuͤnſchte ich, daß ſie nur allein von meiner Liebe um⸗ fangen ſei, daß alle ihre Empfindung in Liebe auf⸗ gehe, daß ſie Nichts vernehme, als Schmeichelworte meiner Leidenſchaft, Nichts fuͤhle, als meinen bren⸗ nenden Kuß, daß ihr Herz nur an dem meinigen ſchlage, ihre Wange an meinen Lippen gluͤhe. Im — 246— tiefſten Erdenſchooß wuͤnſchte ich mich mit ihr ver⸗ ſchlungen, um in dem Geheimniß eines Schachtes ohne Eiferſucht mich ihres Beſitzes zu freuen. „Die verhaͤngnißvolle Stunde nahte mit traͤger Langſamkeit, und ich harrte ihrer im Hauſe meiner Mutter in unbeſchreiblicher Ergriffenheit. „Helene hatte ihren Beſuch zugeſagt, um die Nachrichten zu vernehmen, die ihr meine Mutter von dem wiedergefundenen Andreas verſprochen hatte. In der Tracht einer vornehmen Perotin, tief verſchleiert und von einer Matrone begleitet, die ſie an der Thuͤre des Hauſes entließ, erſchien Helene. Sie war zu einer hohen ſtolzen Geſtalt emporgewachſen, und ihre Hal⸗ tung war ſo wuͤrdevoll als anmuthig. „Ich zitterte wie ein Feigling in der Schlacht, ſie ſchlug den Schleier zuruͤck, ſah mich ſtaunend an, eine tiefe Roͤthe uͤberflog ihr blaſſes Geſicht. Einen Schritt trat ſie aͤußerſt bewegt mir naͤher, dann ſchlug ſie die Haͤnde zuſammen, preßte ſie gefaltet mit heftiger Be⸗ wegung an die Bruſt, und rief mit von Freude und Inbrunſt gebrochener Stimme:»Andreas!« „Sie hatte mich ſchneller erkannt als meine Mut⸗ ter. Ich ſtuͤrzte ſchluchzend auf ſie zu, umfing ſie mit kuͤhner Gewalt, druͤckte einen brennenden Kuß auf ihre Lippen und fuͤhlte ihn heiß erwidert. Aber noch hingen meine Lippen an ihrem Munde, als die ihrigen erkalteten, ihre Kniee brachen und die ganze herrliche ger iner — 247— Geſtalt wie eine gebrochene Roſe in meinen Armen zu⸗ ruͤckſank. Todtenbläſſe überzog ihr Geſicht, ein Thraͤ⸗ nenſtrom trat aus ihren Augen, und mit dem Aus⸗ druck von Abſcheu draͤngte ſie mit den Alabaſterhaͤnden den verhaßten Turban von ſich, der ſich in unſere Umarmung gemengt, wie ein hoͤhniſcher Dämon die Freude des Wiederſehens zerſtorend. Zu ſpät ſchleuderte ich ihn von mir, und ließ meine darin verborgenen Locken, das einzige Zeichen meiner chriſtlichen Abſtam⸗ mung, deſſen ich mich nie entledigt, uͤber das Haupt wallen— die Seligkeit des Augenblicks war dahin. „Als ich auf ſo ausdrucks volle Weiſe meine jetzige Groͤße von Helenen verſchmäht ſah, ſtiegen in mir bange Zweifel auf, ob es mir, wie ich es vorausgeſetzt, leicht gelingen wuͤrde, die Vorurtheile Helenens gegen mei⸗ nen Glaubenswechſel zu zerſtreuen. Indeſſen hatte ich Grund zu der beſten Hoffnung, denn von der aufge⸗ klärten Tochter eines Notaras, der, ein eifriger Diener des Sultans, niemals im Rufe religiöſer Bedenkſam⸗ keit geſtanden, ließ ſich erwarten, daß ſie ſich durch Vernunftgrunde und meinen hochgeehrten Rang be⸗ wegen laſſen werde, nicht ſo ſtreng auf alte Glaubens⸗ regeln zu halten, die den Wuͤnſchen ihres Herzens Hinderniſſe in den Weg legen. Bei naͤherer Erwaͤgung ihrer Lage ſchien mir das ſo ausgemacht, daß ich mich gekraͤnkt fuͤhlte, und die Urſache dieſer Beleidigung in anderen Gefuͤhlen ſuchte, als die mit der Religion in — 248— Verbindung ſtehen.»Helene,« ſagte ich nicht ohne Vorwurf,»was bedeutet dieſe Kraͤnkung, habe ich mich in Deinem Herzen geirrt?« „Sie antwortete nicht und rang verzweiflungsvoll die Haͤnde. Schluchzen erſtickte ihre Stimme und lange verharrte ſie in großer Faſſungsloſigkeit. Ich kniete vernichtet von Scham, Kraͤnkung und Liebe zu ihren Fuͤßen; meine Mutter blieb eine theilnahm⸗ loſe Zeugin des Auftrittes. „Als ich ſie um ihre Fuͤrſprache bat, antwortete ſie leiſe:»Wenn Jemand ſie beruhigen kann, ſo biſt Du es ſelbſt. Ich waſche meine Haͤnde, und miſche mich nicht in Haͤndel, wobei das Seelenheil gefaͤhrdet werden kann.“ Endlich faßte ſich Helene, um Worte zu ſprechen, die wie Dolche in meine Bruſt drangen. »So iſt es denn gewiß,« ſagte ſie ſchmerzlich, »gewiß, was ich längſt geahnt und niemals geglaubt. Du biſt jener Achmed, der den Glauben ſeiner Vaͤter abgeſchworen, um irdiſche Gluͤcksguͤter zu erringen?« »Du haſt es geſagt, Helene,« erwiderte ich bitter und leidenſchaftlich,»ich bin Achmed, der Guͤnſtling des Großveziers, hochgeehrt von dem Großherrn, dem auch Dein Vater dient, und habe den Glauben meiner Väter abgeſchworen, um ein irdiſch Gut zu gewinnen, das mir koſtbarer duͤnkt, als die Seligkeiten des Him⸗ mels— um Dich, Helene.« „Als ich ſo ſprach und ihre Hand ergriff, entzog ſe ſpre da nel —— iter ling dem iner nen, im o — 249— ſie mir dieſelbe, erhob ſich ſtolz von ihrem Sitze und ſprach im Tone der Entruͤſtung: Wie, Achmed!« ſagte ſie,»Du konnteſt hoffen, daß ich das Weib eines Renegaten werden moͤchte? Waͤre es Ehre fuͤr mich, in dem Harem eines vor— nehmen Tuͤrken das Herz eines grauſamen Gebieters mit georgiſchen Sclavinnen zu theilen, gewiß, ich wuͤrde es vorgezogen haben, Ibrahims Bewerbungen nachzugeben, als die Buhlerin eines Mannes zu wer⸗ den, der ſeinen angeborenen Glauben abthut wie ein veraͤchtliches Kleid. Schwer betroffen richtete ich mich von der Erde auf. Wild kaͤmpften Stolz und Liebe in meinem ko⸗ chenden Herzen, eine lange Pauſe war nicht hin⸗ reichend, um Athem und Gedanken zu ſammeln fuͤr eine Entgegnung. Indeſſen fuhr Helene in milderem Tone mit ſchmerzlicher Innigkeit fort, durch ihre Re⸗ den mein Herz zu zerfleiſchen. »Ungluͤcklicher Betrogener! Du glaubſt die Toch⸗ ter des Notaras leicht durch Glaubenswechſel zu ge— winnen, und ich geſtehe, daß ſowohl meine ſuͤndhaften Neigungen, als die Meinungen meines Vaters und meine Erziehung von der Art geweſen ſind, um mich im Glauben ſchwach zu machen. Aber der Himmel hat ſich meiner verlaſſenen Seele angenommen, und die Lehren des frommen Athanaſius, die Du ſo ſchnell wie Deine fruͤheren Vorſaͤtze vergaßeſt, ſind aufgegan⸗ — 250— gen in mir, und der Kummer hat meinen Geiſt ge⸗ ſtaͤrkt, wie das Feuer den Stahl.« „Und welcher Art war der Kummer? wenn ich ein Recht habe, Dich darum zu fragen,« ſagte ich. „Ich glaube nicht,« erwiderte ſie ſtockend,»daß es Dir jetzt noch frommen kann, es zu erfahren. Der Himmel hat die Gemuͤther verſchieden gebildet, oft derſelbe Grund, der ein ſchwaches zum Verbrechen treibt, der ſtaͤrkt das andere zur Tugend und Fröm⸗ migkeit; zwar bin ich ein ſuͤndlich ſchwaches Weib; aber mein Wille iſt ſtark, Gott aͤhnlich zu werden. »Wir muͤſſen uns trennen, Andreas, denn unſere Wege fuͤhren in entgegengeſetzte Fernen. Ich habe Dir Nichts zu bieten als mein heißes Gebet, das täglich fuͤr Dich zum Himmel ſteigen wird.« „Meine Leidenſchaft ließ es nicht zu, den Sinn dieſer Worte richtig faſſen zu können; raſende Vorſaͤtze ſpruͤhten in meinem Gehirn, Wahnwitz verwirrte meine Gedanken. Ich ſchlug mich mit geballter Fauſt vor die Stirn und geberdete mich gleich einem Wahnſin⸗ nigen. Die ruhige Entſchloſſenheit, mit welcher Helene ſprach, zerſtoͤrte meine Hoffnung und die Gewalt mei⸗ ner Beredtſamkeit. Nur durch außerordentliche Hand⸗ lungen war ihr Beſitz zu gewinnen, und ich war dazu geneigt. »Helene,« ſagte ich mit dumpfer Stimme,»ich bin weder Chriſt noch Muſelmann. Beharrſt Du auf Deinen Vorurtheilen, ſo ſieh mich bereit, Dir den Ruhm meines Lebens, meinen Reichthum, meine Ehre zum Opfer zu bringen, und um Dich zu gewinnen, das wieder zu werden, was ich einſt geweſen— ein armer verachteter Chriſt.. Verſprich mit mir zu fliehen in das Franken⸗ land, ſo ſieht die naͤchſte Sonne die Ausfuͤhrung mei⸗ nes Vorſatzes. Du haſt Gewalt uͤber mich, Helene, mein Arm iſt ſtark. Mein Herz Dein eigen. Wie Du es willſt, werde ich ſein, ein Held der Kraͤmer, ein großmuͤthiger Beſchuͤtzer der Unſchuld und Be⸗ draͤngtheit, oder ein Raͤuber. Nur verſtatte mir, daß ich Nichts anbete, als Gott und Dich.“ Du ſprichſt im Wahnſinn,“ ſagte Helene,»wiſſe, daß Du mich nicht, gewinnen kannſt durch einen neuen Glaubenswechſel. Verlaͤſſeſt Du die Fahne des Pro⸗ pheten, ohne von chriſtlicher Glaubenskraft und Reue durchdrungen zu ſein, ſo begehſt Du nur einen neuen Meineid, ohne den alten zu ſuͤhnen, und Helenens Liebe wird Keinem zu Theil werden. Kehrſt Du aber reuigen Gemuͤths zu dem wahren Gott zuruͤck, ſo muß die Groͤße Deines Verbrechens Dir unermeßlich ſein, und Dich beſtimmen, Dein ganzes Leben ſtrengen Bußwerken zu weihen. „Glaube mir, nicht zu gering wird die Strafe fuͤr Dich ſein, welche die Pforte uͤber Renegaten ver— haͤngt, die zu ihrem alten Glauben zuruͤckkehren— an der Narrenkette in einem Spitale zu verſchmachten. Haͤtteſt Du Kraft, ein ſo grauſames Schickſal zu er⸗ — 2— tragen, ſo wuͤrde meine Seele ſich mit Dir vereinigen und mein Koͤrper in der Abgeſchiedenheit eines Kloſters nur der Buße fuͤr Dich leben, bis der Tod uns zu einem unvergänglichen Leben vereinigt. Gehe hin und verſoͤhne Dich mit Gott, willſt Du meine keuſche Liebe gewinnen; vergiß mich auf immer, biſt Du auf ewig von ihm gewichen.« „Dieſe mit Weihe geſprochenen Worte machten einen tiefen Eindruck auf mich, aber mein ſtolzer Geiſt ſiegte uͤber die hinreißende Gewalt der Schwaͤrmerei. »Wie grauſam und hart biſt Du auf einmal ge⸗ worden,“ ſagte ich,»wie hat thoͤrichter Fanatismus Deine Seele ſo verblendet, daß Du die ſchoͤnſten Flammen, welche die Natur in uns anfacht, verachteſt! Welch ein boͤſer Geiſt hat die Klarheit Deiner Ver⸗ nunft umnebelt? Dem Glauben meines Kindesalters ſoll ich mich wieder hingeben, weil eine fromme Laune Dein Gemuͤth krank gemacht hat! O, laß mich nicht glauben, daß dieſer Wahn unheilbar iſt, ſei barm⸗ herzig, erloͤſche nicht den letzten Funken meiner Hoff⸗ nung durch Deinen aberglaͤubiſchen Eigenſinn. Spiele nicht mit der Liebe eines Mannes, der ſeine ganze Seligkeit in Deinen Beſitz geſetzt. Nimmer kann ich von einem Weibe, ſo reich an allen Reizen der Schön⸗ heit und Jugend, glauben, daß ſie von der Geiſtes⸗ krankheit ſiecher Bettler befallen ſei.« »Andreas, ich beweine Dich,« erwiderte die Un⸗ erbittliche gelaſſen,»Du ſprichſt in der Weiſe der lhg Fntſ Beſſ wen ſein geſt der Jer Ve na be c= inige Kloſt uns hin un che Li uf ew macht zer Gi ärmett nal 9 atismu chönſt tacht er Ve barm Hyf Syi ann i Geiſt die! — 258— Ungluͤcklichen, welche fuͤr ihr Verbrechen keine beſſere Entſchuldigung finden, als die angebliche Thorheit des Beſſeren. Wer die Schwachheiten ſeines Gemuͤths am wenigſten zu beherrſchen weiß, iſt ſtets am geneigteſten, ſeine Klugheit zu ruͤhmen, die ihm deren Befriedigung geſtattet. Welcher Suͤnder ſuchte nicht die Thorheit der Tugend zu beweiſen, um ſich zu rechtfertigen. Jeder, deſſen Herz verdorben, prahlt gern mit ſeinem Verſtande, der unermuͤdet nach Troſigruͤnden fuͤr ein ſchlechtes Gewiſſen forſcht, deſſen Zweifel eine Taͤuſchung nach der andern ergreift und verwirft. Moͤge Dich Dein guter Genius vor dieſem Ende bewahren und zur Erkenntniß fuͤhren; mein Segen und mein Gebet begleiten Dich— lebe wohl!« „Sie reichte mir ruhig die Hand zum Abſchiede, ich bemerkte kaum, daß ſie heftig zittere, und ſah in ihrem Betragen nur die grauſame Kaͤlte einer Treu⸗ loſen.»Du haſt mich nicht geliebt,“ ſagte ich,»und Deine Frömmigkeit ſcheint mir nur eine Maske Deiner — Llii reuloſigkeit.« — (E Wenn es Dich lehren kann, meinen Verluſt gleichmuͤthig zu ertragen,« lautete ihre trockene Ant⸗ wort,»ſo glaube dies immerhin— es wird nicht der gefaͤhrlichſte Deiner Irrthumer ſein. Treulos bin ich nicht, denn kein Geluͤbde bindet mich an Dich, und kaͤme auch das unſchuldige Liebesverſtändniß, das zwi⸗ ſchen uns geherrſcht, einem Geluͤbde gleich, ſo waͤre — 25— es durch Dich zerriſſen, denn alle meine Geluͤbde ſind der heiligen Jungfrau geweiht, die Du verleugneſt.“ „Gut denn,« endigte ich mit erzwungenem Stolze, „mein Herz wird ſich von Schwaͤchen losreißen, die meine Mannheit verzehren. Lebe wohl, Helene, wir ſehen uns nie wieder.“ „Unſere Haͤnde begegneten ſich, mein Geſicht blieb abgewendet, ſie aber naͤherte ſich leiſe meiner Stirne, machte mit kalten Fingern das Zeichen des Kreuzes darauf, kuͤßte es und— ging tief erblichen der Thuͤre zu. Jeder ihrer Schritte belaſtete mein Herz mit neuem Gewicht, Todesangſt wechſelte in mir mit verzweifelten Entſchluͤſſen, Mannesſtolz bannte mich an die Stelle. Endlich verließ mich alle Seelenkraft und alle Wild⸗ heit meines Blutes kam zum Ausbruch. Ich riß den Dolch aus meinem Guͤrtel, zuͤckte ihn gegen meine Bruſt und rief der Grauſamen zu: »Helene, noch einen Schritt und ich ſchwoͤre!« „Halt ein mit Deinem Schwur, Unſinniger!“ rief ſie mir entgegen, und kehrte mit langſamen Schrit⸗ ten zuruͤck. Ihre Geſtalt richtete ſich ſtolz empor, ihre erloſchenen Augen glaͤnzten wieder von dem Feuer der Begeiſterung, ihr Geſicht ſtrahlte in Verklaͤrung. „Schwoͤre nicht, ehe Du meinen Schwur vernommen. Bei der heiligen Jungfrau, Deiner und meiner Se⸗ ligkeit ſchwore ich Dir, daß keine noch ſo ſchreckliche Drohung meinen Entſchluß erſchuttern, meinen Schritt hemmen wird. Stoße den Stahl in Deine Bruſt, wenn — ſen ne qu abe S he — 255— Du nicht den Muth haſt, ihn in die meinige zu ver— ſenken, die Dir danken wuͤrde fuͤr die Wohlthat Dei⸗ nes Zornes. Aber hoffe nicht einen Blick der Liebe aus meinen Augen. Ich bin eine große Verbrecherin, aber noch habe ich ſo viel Gotteskraft in mir, um den Selbſtmord eines Gottverlaſſenen ohne Mitleid zu ſe⸗ hen, und ſeinem Blute mit Abſcheu zu entfliehen.« „Der Dolch entfiel meinen Haͤnden, ich ſank an— betend hin vor ſo unbegreiflicher Seelengewalt eines Weibes und verhuͤllte mein Angeſicht. Ein Strom von leidenſchaftlichen Thraͤnen loͤſte den Starrkrampf meiner Verzweiflung in ſanfteren Schmerz auf, und erſchuͤtterte die Kraft der Geliebten. Sie beugte ſich zu mir herab, und weinte heißen Liebesthau auf mein Haupt. Theurer Andreas, lispelte ſie leiſe,»moͤge Deine Seele nie ahnen, was die meinige bewegt. Meine Kraft iſt nur der rettende Arm eines guten Engels, der mich von dem Abgrund des ewigen Verderbens zuruͤckreißt.“ Ein feuriger Kuß brannte auf meinen Lippen, und Helene war entſchwunden. Mir war als haͤtte ein Engel des Heils mich durch einen Weihekuß dem verlornen Himmel wiedergegeben. „Des andern Tages erzaͤhlte ich meinem Freunde Muſtapha mein Abenteuer, und klagte ihm meine Lie— besnoth. Er ſchuͤttelte laͤchelnd das Haupt, und hoͤrte kaltbluͤtig meine gluͤhende Beſchreibung der Scene an. »Nichts naturlicher,“ ſagte er, als ich geendet hatte, — B6— „als das Benehmen Deines Liebchens. Aber wenn Du mir folgen willſt, ſo wendeſt Du gegen ſie ein NMittelchen an, das ſie gar bald in ein willfähriges Taͤubchen umwandeln wird. Ich kenne nichts Son⸗ derbareres, als die abenteuerliche Grille der Chriſten⸗ maͤdchen, ſich, wie ſie es nennen, ihrem Propheten zu vermaͤhlen, den Liebſten mit Redensarten abzuſpeiſen, und in dieſem Leben ungluͤcklich zu werden, um jen⸗ ſeits des. Grabes deſto mehr in Paradieſes⸗Freuden zu ſchwelgen. Dieſe Grille iſt aber ſehr leicht zu heilen, und Du haſt Nichts zu thun, als Deinen Geiſt in das Myſterium des Islamismus recht einzuweihen, um den boͤſen Zauber mit einem Winke Deiner Augenwim⸗ per zu loͤſen.« „Was meinſt Du?« fragte ich geſpannt, haͤltſt Du es fuͤr moͤglich, die religioͤſe Begeiſterung einer Chriſtin zu entkraͤften? Undenkbar! Glaube mir, ich habe alle Vernunftgruͤnde angewendet, um ſie von ihrem Unrecht zu uͤberzeugen, allein es iſt mir vollkommen mißlungen.« Vernunftgruͤnde, Herr!« entgegnete Muſtapha, Pernunftgruͤnde, ſagſt Du? Welche Bedeutung hat dieſes Wort in gemeiner Sprache?“ »Vernunftgruͤnde,“ belehrte ich den Cannibalen,»ſind ſolche Vorſtellungen, welche ein vernuͤnftiges Weſen auf dem Wege des Nachdenkens zur Erkenntniß einer Wahr⸗ heit fuͤhren ſollen.« „Ich weiß nicht, ob ich Dich recht verſtehe,« ant⸗ wo da bel ſte elh hige E hriſtin eten m jie den j heilen heiſt hen, W enwin haͤlt — 257— wortete er gleichgillig,»aber ſo viel ſcheint mir gewiß, daß Du ein ſehr unpaſſendes Mittel gewaͤhlt haſt, ein verliebtes und von einer ſeltenen Narrheit beſeſſenes Maͤdchen in Dein Lager zu bringen. Waären Dir die heiligen Lehren des Islams gelaͤufiger, ſo wuͤrdeſt Du ſchwerlich auf eine ſo unbehilfliche Art verfallen ſein, den Willen eines Weibes Dir zu unterwerfen.« Wenn das iſt, Muſtapha,« erwiderte ch un⸗ glaͤubig,»ſo wirſt Du, der in der Religion Mahomeds erfahrener iſt, als ein Neuling wie ich, mir wohl jene weiſen Lehren des Korans nicht vorenthalten, welche mir zur Erwerbung Helenens behilflich ſein koͤnnen.« Nicht alle Wahrheiten des Islamismus ſind im Koran enthalten,«“ behauptete Muſtapha,»viele der koſtbarſten haben ſich bei den Kindern des Propheten nur durch Ueberlieferung erhalten und durch ein ge— wiſſes Herkommen, das uns eine weit ſicherere Regel giebt, als die Kenntniß der heiligen Buͤcher, die nur von Wenigen verſtanden werden. Allein ich zweifle ſehr wenn Deine Weisheit es erlaubt, Herr!— daß Deine Methode, durch Vernunftgruͤnde eine Jung⸗ frau zu erobern, dieſen hergebrachten Grundſätzen des wahren Heils angemeſſen iſt. Mit Gewißheit kann ich annehmen, daß niemals ein rechtglaͤubiger Paſcha von zwanzig Jahren, ein Guͤnſtling des Großherrn, der ſo oft es ihm beliebt von den Reichthuͤmern der Unter— thanen ſeines Paſchaliks Beſitz nehmen kann, an der Meinungsverſchiedenheit einer ſchoͤnen Griechin Anſtoß Wien. 2. Bd. 7 — 258— gefunden hätte. Vielmehr ſind alle echten Kinder Ma⸗ fu homeds vollkommen uͤberzeugt, daß ein Weib keine 5 anderen Gedanken haben duͤrfe, als jene, welche in D dem Hirn ihres Gebieters entſpringen. Allein ich furchte, Herr, Du biſt noch immer von den alten Vor⸗ V urtheilen Deines Glaubens zu ſehr befangen, um das wi weiſe Geſetz unſerer Gewohnheiten hinlaͤnglich zu ver⸗ 6 ehren.« m „Mein Freund!“ antwortete ich ungeduldig, Du wirſt ſehr wohl daran thun, mir ohne Umſchweife zu ſagen, was nach Deiner Meinung ein guter Muſel⸗ n mann in meiner Lage thun ſoll, oder kann. Sei e uͤberzeugt, daß ich geneigter bin, als irgend Einer, das Gefaͤhrlichſte zu unternehmen, um Helenen zu gewin⸗ 2 nen, wenn es anders mein Gewiſſen mir geſtattet.“ L „Herr,« bedeutete mir der Lehrer des wahren Heils,»Du mußt ein Gewiſſen haben zärtlicher als* ein Mewlewi, und ein Herz, haſenmüthiger als eine Schweſter Ibrahims, wenn es Dir gefährlich oder bedenklich ſcheinen kann, das mit Gewalt zu nehmen, 1 von dem Helene ſelbſt bekennt, daß es Dein Eigen⸗ thum iſt, und das von Niemandem bewacht iſt, als von der Vaterliebe eines Mannes, der dieſe Helene mit großer Freude in der Gewalt eines vornehmen Muſelmannes ſehen wird, durch welchen ſich ſein Ein⸗ fluß bei der Pforte befeſtigen und ſein Reichthum ver⸗ mehren koͤnnte. Bring' ihm ein entſchloſſenes Herz, eine Stirne, welche zugleich Drohungen und Verhei⸗ ehmeh Eigel ſt, Hül nhl in G m gh ßungen ausſpricht, und die Einkuͤnfte eines halben Jahres von Deinem Paſchalik, und Helene iſt die Deinige.“ Der Himmel bewahre mich vor einer ſo rohen Verraͤtherei an dem Vertrauen meiner Geliebten. Ich will ihren Beſitz nicht mit ihrer Seelenruhe erkaufen. Gewiſſensbiſſe wuͤrden ſie toͤdten, und ihre Seele wuͤrde mich vor dem Throne Gottes als Moͤrder anklagen.« Glorwuͤrdiger Achmed,“ entgegnete Muſtapha, Du zeigſt offenbar durch Deine Reden, daß Du ebenſo wenig in der Liebe als in der Lehre des wahren Heils erfahren biſt. Moͤge das unnatuͤrliche Maͤdchenherz verdorren, das ſich ein Gewiſſen daraus macht, den Mann ihres Herzens zu lieben. Ich bin ein alter Muſelmann, habe viele Weiber von allen Glaubens⸗ bekenntniſſen gekannt, wie Deine Mutter bezeugen kann, und leiſte Dir Buͤrgſchaft fuͤr das Gewiſſen Deiner Geliebten. Verſtaͤndige Dich mit ihrem Vater, daß er ſeiner Tochter einen Schlaftrunk reiche, ſende dann Deine Diener in finſterer Nacht vermummt aus, um das junge Reh in ſeinem Lager zu uͤberfallen, laſſe den geraubten Leib in ein Bad ſetzen, mit Wohlgeruͤ⸗ chen ſalben, in praͤchtige Gewaͤnder kleiden, und in dem reichen Harem eines Paſcha von hinſchmelzenden Toͤnen erwecken, und zeige Dich dann der Staunenden von Reiz umfangen mit der Glut eines Braͤutigams; — und beim Barte des Propheten ſchwoͤre ich es, ihr Gewiſſen wird Dich nicht wieder belaͤſtigen.« 1 — 260— „Ich kann mir nicht das ruͤhmliche Zeugniß ge⸗ ben, daß die Worte Muſtapha's den beabſichtigten Ein⸗ druck auf mich verfehlt haͤtten,— ſie entzugelten viel⸗ mehr alle meine Wuͤnſche und vermehrten den Brand verzehrender Empfindungen in meinem Innern. Und in der That liegt eine Wahrheit in dieſen Anſichten. Die Stimme der Natur iſt eine ewige Offenbarung Gottes, welche immer den verkehrten Gedanken der Menſchen widerſpricht. Indeſſen vermochte ich ohne Zwang eine ſo große Gewalt über mich auszuuͤben, daß keine Geberde meine Gedanken verrieth, deren Offenbarung ich als eine Proſanation der Heilig⸗ thuͤmer meines Gemuͤthslebens ſcheute. Dadurch befe⸗ ſtigte ſich der Ruf von meiner großen Verſchlagenheit, die der Sultan offentlich im Divan geruͤhmt hatte, immer mehr, und man fuͤrchtete mich ſchon, ehe man mich ehren gelernt hatte. Ich entfloh mit Abſcheu den Thoren und Boͤſewichtern, die mich mit Bewunderung verfolgten, und ſuchte die verborgenſten Stellen der Cy⸗ preſſenhaine auf, um ſtillen Luͤften meine Leidenſchaft zu vertrauen. Allein je mehr dieſe mich von den Ge⸗ ſchaͤften meines Berufs entfernte, deſto groͤßer war mein politiſcher Ruhm; denn wahrend ich mit Seufzen an Helenen dachte, vermuthete man mich im geheimen Rathe der Veziere, verſunken in die geheimnißvollen Abgründe der auswärtigen Politik. Ganz Stambul ruͤhmte die wunderbaren Anlagen des jungen Renega⸗ ten Achmed, der an politiſcher Umſicht und Schlauheit niß ge en Ein en viel Bun n. Un nſichten nbarn nken de ich ohn szuubel dere Heilit uich beſ lagenhel nt hal che mun oßer w Sell gehin nißul Stam Ren Scho — 261— die weiſeſten Großbeamten des Sultans hinter ſich laſſe. Ich ward von dieſen beneidet und mit Mißgunſt an⸗ geſehen, ehe ich noch den kleinſten Faden dieſer kunſt⸗ reichen Gedanken entwirrt hatte. „Der Großvezier allein ſchien ſchaͤrfer zu ſehen, nachdem er uͤber das Verfahren Ibrahims Erkundi⸗ gungen eingezogen, ohne mich jedoch ſelbſt jemals daruͤber zu befragen, und mit mir einige perſoͤnliche Zuſammenkuͤnfte gehabt hatte. Nachdem er mich we⸗ niger mit wohlwollender Theilnahme als achtungsvollem Mißtrauen ausgeforſcht und den wahren Zuſammenhang der Ereigniſſe, welche mich zu ſo ungewoͤhnlichem Range erhoben, ermittelt hatte, ſchien er ploͤtzlich eine ſehr geringe Meinung von meinen Talenten zu ſaſſen, denn er erklaͤrte mir mit vielem Vertrauen, aber auf eine wenig ſchmeichelhafte Weiſe, wie er mich fuͤr gänzlich unbefaͤhigt halte, den Oberbefehl uͤber das albaneſiſche Corps zu fuhren, und ſeine väterliche Obſorge mir eine andere viel geringer ſcheinende Beſtimmung anweiſe, damit ich unter ſeiner unmittelbaren Obhut bei der Haupt⸗ armee als Anfuͤhrer der großherrlichen Spahis Lorbeeren ſammeln koͤnne. „Allein ganz Conſtantinopel behauptete, der Groß— vezier halte es fuͤr ſeinen eigenen Einfluß auf die Po⸗ litik der Pforte gefahrbringend, einen ſo gewandten Geiſt wie der meinige aus den Augen zu laſſen. Ohnehin wegen Herbeifuͤhrung des Krieges gegen ihn eingenommen, — 262— beſchuldigte ihn die oͤffentliche Stimme des Neides und der Eiferſucht, mit welchen er hochſtrebende Geiſter un⸗ terdruͤcke. Dieſe Erklaͤrung ſeiner Handlungsweiſe war zu allgemein und ſchmeichelhaft fuͤr mich, als daß ich ſie haͤtte in jeder Beziehung fuͤr unwahrhaft halten koͤnnen,— ich betrachtete mich als ein Opfer großer Staatsintriguen, die mich willkuͤrlich der Unabhaͤngig⸗ keit beraubt hatten, die meinem Verdienſte doch nur entſprechend waͤre. Indeſſen ward mein Mißmuth uber die Vereitlung der ſtolzen Hoffnungen, die ſich an das Commando der Albaneſen knuͤpften, zu ſehr von meinem Liebesgram gebrochen, und meine ungerechte Anſicht von den ſelbſtiſchen Motiven des Großveziers ward nicht zur Verſtimmung gegen meine Wohlthaͤter. „Mit Ausnahme ſeiner und Muſtapha's blieb je⸗ doch Jedermann uͤberzeugt, daß er undankbar und eigen⸗ nützig gegen mich gehandelt. Was meine perſoͤnliche Ueberzeugung betraf, ſo beſchuldigte ich nur Ibrahim, und war uͤberzeugt, daß er, kaum aus Aſien zuruͤckge⸗ kehrt, all' ſeinen Einfluß auf das Vaterherz geltend gemacht habe, um mich zu erniedrigen. „Der Großvezier goͤnnte mir wenig Zeit zu Groll und Liebesgedanken; er ließ allen Heerführern den Befehl zugehen, ſich zum feierlichen Aufbruch am folgenden Tage vorzubereiten, denn die Feinde der ho⸗ hen Pforte waren nicht ſaumſelig bei ihrer Ruͤſtung geweſen, obgleich die Kriegserklaͤrung der Pforte ihren und tun⸗ ewar aß ich halten großer ingig⸗ ch mur ißmuth ſich an hr von gercht eſiets lthäter lieb je⸗ eigen⸗ önliche rahim, ruckge⸗ geltend zeit führem uch am det ho⸗ Rüſung t ihrin — 263— Feindſeligkeiten zuvorkam. Es gewaͤhrte mir Troſt, ver⸗ anlaßt zu werden, meine weiteren Schritte zur Erwer⸗ bung um Helenens Beſitz aufzuſchieben; denn wie ſehr ich auch geneigt war, den Rath Muſtapha's in leiden⸗ ſchaftlichen Augenblicken zu befolgen, ſo gerieth ich doch bei Erwaͤgung der Pflichtmaͤßigkeit meiner Abſich⸗ ten in Zwieſpalt mit meinen Gefuͤhlen und Begriffen. Es waren die letzteren in der ploͤtzlich ſo ſtuͤrmiſchen Bewegung meines Lebens in unheilbare Verwirrung gerathen, die Lehren des frommen Athanaſius, das er⸗ habene Beiſpiel meiner Geliebten, Verachtung der ma⸗ homedaniſchen Religion, Rachegedanken gegen Ibrahim, gekränkter Ehrgeiz, Phantaſien uͤber das Project der ruſſiſchen Czarin zur Wiederherſtellung des griechiſchen RKaiſerreichs, Liebe und Kampfluſt durchkreuzten in wildem Gewirre die Welt meines Denkens und Em⸗ pfindens. Ich bat den Himmel um einen Lichtſtrahl, der mich leite, aber die Finſterniß um mich her ward immer undurchdringlicher. Meine Bahn war vorge⸗ ſchrieben, und die Verhaͤltniſſe zwangen mich in ihre Enge. Alle Auswege waren von den Engeln der Rache umſtellt, mein Verhaͤngniß riß mich fort,— mein Loos war gefallen. Die Nothwendigkeit beſtaͤrkte mich nun in dem freiwillig gefaßten Vorſatze, als ein Held zu leben und zu ſterben. „Als der Abend herannahte, und ich tief ſeufzend das letzte Geſchaͤft meines Berufs verrichtet hatte, dachte ich an einen Liebesgruß an Helenen. Wie ſchal und — 264— nichtswuͤrdig hatte ich mit ihrem Bilde in der Bruſt die Freuden des Stolzes gefunden! Wie wenig herzer⸗ hebend war die Erhabenheit uͤber Tauſende gemeinden⸗ kender Sclaven, wie unbefriedigend fur eine ſtolze Seele die Gleichſtellung mit vornehmen Großen, welche unter ihren Purpurgewaͤndern kleine, raͤnkevolle Seelen ver⸗ bargen! Wie ſie ſich beneiden, wie ſie ſich hintergehen und in Demuth uͤberbieten gegen die Maͤchtigern, wie ſie hochmuͤthig und tiranniſch ſind, ſie, die ſelber Scla⸗ ven ſind, gegen die ihrigen! Ich begriff, wie leicht es ſei, auf den Hoͤhen der Menſchheit ſie verachten zu lernen. Meine geheime Liebe ſchien mir heiliger und ehrwuͤrdiger, als die Triebfedern Derjenigen, welche meine Schwärmerei verſpottet haben wuͤrden, hätte ich dieſelbe ihnen nicht verborgen. „Tief geruͤhrt von wehmuͤthigen Erinnerungen kleidete ich mich in die Tracht eines Lautenſpielers und begab mich in der Stille der Nacht unter das Dunkel der Cypreſſen, die Helenens Kiosk umgaben. Die Frauen ſchienen bereits in Schlaf verſunken, denn außer der flotenden Nachtigall ließ ſich in der zauber⸗ vollen Naͤhe des Frauengemachs kein Laut vernehmen. Durch die wohlbekannten Laubengaͤnge trat ich näher, um meinen Abſchiedsgeſang anzuheben, als ich die dunkle Geſtalt eines Mannes ſich dem Gebuͤſch nähern ſah, welches die Fenſter des Kiosk beſchattete. An die Stelle gewurzelt, erwartete ich athemlos, was dieſer verdaͤchtige Beſuch fuͤr Folgen haben werde. Ein lei⸗ ſes gew Hel him mic kon ma ſter ſta ſte au her kar thi Fal run Di Und unt um Leb Auf uſt die herzer⸗ inden⸗ Stle e unter n ver⸗ gehen n, wie rScle⸗ icht e hten zu er und wilche ätte ich unkel Die denn avbet⸗ zau ehmen nihe ih de nihern In die ʒ diſſt Ein li⸗ — 265— ſes Zeichen des Unbekannten befreite mich aus der Un⸗ gewißheit, die Fenſter des Kiosk offneten ſich, und Helene erſchien aͤngſtlich und um ſich blickend,„Ibra⸗ him,“ lispelte ſie ſchuchtern,»biſt Du es?« »Ich bin es, holde Taube und hoffe, Du wirſt mich unter Deine Fluͤgel aufnehmen. Grauſame, wie konnteſt Du ſo lange durch Deine Sprodigkeit mich martern? Oeffne ſchnell den andern Fluͤgel des Fen⸗ ſters und thue Buße.« „Bei dieſen Worten machte der Unbekannte An⸗ ſtalt, uͤber die Aeſte der Gebuͤſche in den Kiosk einzu⸗ ſteigen; allein ein Stoß von Helenens Hand warf ihn auf den Boden zuruͤck, zugleich zog die muthige Grie⸗ chin aus den Falten ihres Gewandes ein Terzerol hervor, und bedeutete ihm drohend:»Wilder Thor, kannſt Du glauben, daß eine Taube ſich einem Raub⸗ thier Deiner Art naͤhern werde, ohne die Klauen eines Falken zu bergen? Noch einen Verſuch der Annaͤhe⸗ rung, und Du biſt des Todes. Todesangſt war Deine Kupplerin, Todesangſt ſoll zwiſchen uns bleiben und vermitteln. Du biſt ein Moͤrder und droheſt Mord, und weil ich ihn Dir glaube, bin ich Deiner Einla⸗ dung gefolgt, um den Preis von Dir zu erfahren, um welchen von Dir Schonung eines mir theuern Lebens zu erkaufen iſt. Ich habe Deine Anſchläge auf Achmeds Leben erfahren, und weiß wer Du biſt.« »Wohlan denn,« erwiderte Ibrahim ſich aufraf⸗ fend,»weil Dein Herz ſo eiſern iſt als das meinige, — 266— ſo will ich den Handel mit Dir auf eine andere Art ausmachen, wie es Deine Gemuͤthsart erfordert. Mir gilt es gleich, an wem Dein Herz haͤngt, wenn ich nur die Stelle Deines Buhlen vertreten kann. Magſt Du es wiſſen, daß ich dieſem ſtraßengebornen Gluͤcks⸗ pilze mit aller Kraft meines Willens nach dem Leben trachte, und daß Nichts in der Welt ihn retten kann, als Deine Unterwerfung. Du kennſt nun den Preis, den ich fordere, und es ſteht bei Dir, ihn mir zu ge⸗ ben. Oeffne mir Dein Gemach und Dein jungfraͤu⸗ liches Lager, und Dein Buhle iſt ſicher vor meiner Nachſtellung« Eine Geberde der Umarmung beglei⸗ tete dieſe heftigen Worte.»Halte Deine Zunge im Zaume, Ibrahim,« erwiderte Helene zornentbrannt, „daß ſie nie vermoͤge Deine ſchaͤndliche Forderung zu wiederholen, oder beim ewigen Gott, ich befreie mit einem Drucke meines Fingers die Welt von einem Un⸗ geheuer.“—„Ganz nach Deinem Gefallen,« antwortete Ibrahim, ſcheu der Muͤndung des Feuergewehres aus⸗ weichend.„Ich verlaſſe Dich, da Du meine Vor⸗ ſchläge nicht annimmſt, aber deſſen ſei gewiß, daß jeder Schritt der Entfernung neue Entwuͤrfe zu Deinem und Deines Buhlen Verderben gebaͤren wird.« Unentſchloſſen, angſtvoll zauderte Helene, ich wollte hervorſtuͤrzen und den Boͤſewicht niederdolchen, aber die pathetiſche Schoͤnheit dieſes Augenblicks hielt mich in Bewunderung gefeſſelt. Noch dieſes Entſchluſſes Zeuge wollte ich ſein, und dann die Scene beendigen. Mein hen als »Bl ſtän kein trat ihn ben der nic Lel — mi ein ſin e Art Nit m ich Magſt Hlck⸗ Leben kann, Pris, ju ge ngftüt⸗ meinet begli nge in ibtann, ung il ie mit em Un⸗ worttle 5 aus⸗ e Por o itte um und wl abe die nih ſs zut Mall 67— Herz bangte, die Wilffährigkeit Helenens zu erleben, als ſie ihrem Peiniger in gemildertem Tone zurief: »Bleib, Ibrahim! noch giebt es ein Mittel der Ver⸗ ſtändigung. Tritt naͤher, damit unſere Unterredung keine Zeugen wecke« Freudig gehorchte Ibrahim und trat mit ſchmeichelnder Geberde ſo nahe, daß ihr Athem ihn beruͤhren mußte.»Es waͤre vergeblich, Dein Herz bewegen zu wollen. Ich will daher nur von Deiner Rache ſprechen, und ihren Anwalt machen. Du for⸗ derſt einen Preis fuͤr Deine Schonung, den ich Dir nicht gewaͤhren kann. Nicht fuͤr mein, nicht fuͤr Achmeds Leben kann ich meine und ſeine Ehre verkaufen. Aber Deine Rache will ich ſtillen. Achmed ſoll nicht uͤber Dich frohlocken. Ich frage Dich, Ibrahim, willſt Du abſtehen von Deinen Vorſaͤtzen und Forderungen, wenn ich Dir ſchwoͤre, daß Dein Nebenbuhler nie mehr von mir erlangen ſoll, als Du ſelbſt erlangt haſt? Wenn ein menſchliches Herz in Deinem Buſen wohnt, ſo ge⸗ waͤhre meine Bitte. Der Himmel wird Dir gnädig ſein, wenn Du Deine Rache auf dieſe Art befriedigſt. Ich will mein Leben in einem Kloſter beſchließen.« Sie faltete ihre Haͤnde zu einer bittenden Geberde, welche Ibrahim mit der Schnelligkeit eines Stoßfalken benutzte, um ihr das Terzerol zu entreißen, ſich auf das Geländer zu ſchwingen, und mit gezuͤcktem Dolche ſich auf die Erſtarrende zu ſtuͤrzen.»Ein Laut und Du biſt verloren, drohte er der Ohnmaͤchtigen hohn⸗ lachend,»das Blatt hat ſich gewendet..— — 268— „Ehe er noch weiter ſprechen konnte, hatte ihn mein Arm ereilt und entwaffnet. Ich warf einen Blick dank⸗ barer Liebe auf Helenen, die ſchreiend zu Boden ſank, ſetzte das Terzerol auf Ibrahims Bruſt, und rief ihm zu:»Bei Deinem Leben, folge mir!« „Ibrahim war nicht frei von Aberglauben. Als er plotzlich eine Fauſt in ſeinem Nacken ſpuͤrte, und dann mich mit toddrohenden Augen vor ſich ſah, bebte er zuruͤck, und folgte willenlos meinen Bewegungen. In wenigen Augenblicken hatten wir den Garten des Notaras verlaſſen, und durch die veroͤdeten Straßen den Weg nach den entlegenſten Gegenden der Vorſtadt eingeſchlagen. Auf einem uͤbergraſten Platze, der ehemals eine Reitbahn geweſen und von einigen Baͤumen be⸗ ſchattet wird, weit entfernt, wie es mir daͤuchte, von Menſchen und Wohnungen, brach ich das tiefe Schwei⸗ gen, und ließ meinen Gegner los, nachdem ich wieder⸗ holte Verſuche der Flucht vereitelt hatte. Der Mond erleuchtete den Platz mit ſo hellem, ungetruͤbtem Glanze, daß wir das Weiße im Auge erkennen konnten, kein Stein hinderte auf dem Boden die freie Bewegung unſerer Fuͤße, und die ſtille Einſamkeit dieſes Platzes ward nur von dem Gezirp der Inſekten belebt. „Ibrahim, ſagte ich, als wir hier anlangten,»der Platz iſt gunſtig, das Mondlicht geſtattet vollkommen den Gebrauch der Waffen, womit wir Beide verſehen ſind. Du verſtehſt Dich auf den Saͤbel ſo gut wie ich, und wenn ich dieſes Feuergewehr und den Dolch mein dank⸗ ſink, f ihn 16 und bebte ungen n des ötraßen gorſtadt heas nen be e, bon Schwe wieder NMond Hlanze, 3 kein wegun Puts en de fonn verſchen zu wie dol 1 — 259— wegwerfe, ſo ſind wir auf unſere Klingen beſchraͤnkt, einander vollkommen gleich. Ich erklaͤre Dir hiermit offene Fehde, und da Du Dein Leben durch meuchel⸗ moͤrderiſche Anſchläge an mich verwirkt haſt, ſo ver⸗ werfe ich jeden Aufſchub des Kampfes.« „Der Feigling antwortete mir durch einen neuen Verſuch der Flucht, aber ich rief ihm ihn feſthaltend zu: »Allah ſei Zeuge meines Vorſatzes. Ich ſchwore, daß Du dieſen Platz nicht lebend verlaſſen wirſt, es ſei denn, Du hätteſt mich im offenen Zweikampfe uͤber⸗ wunden.“ Als mein hinterliſtiger Feind ſah, daß er nicht ohne Kampf entkommen koͤnne, machte er eine leichte Miene der Einwilligung, und ſtuͤrzte ſich, nach⸗ dem ich ihn kaum losgelaſſen, mit blankem Saͤbel auf mich, ehe ich noch den meinigen entbloͤßt hatte. Mit Muͤhe entging ich durch eine Wendung dieſem Ueber⸗ falle und ſtellte das Gleichgewicht des Kampfes wieder her. In einem Nu entbrannte ein ſturmiſches Gefecht, das, beiderſeits regellos gefuͤhrt, brennende Wunden auf unſere Koͤrper hagelte. Endlich gelang es mir, durch einen kraͤftigen Gegenhieb Ibrahim zu entwaffnen und ihn durch einen Fauſtſt oß niederzuſtrecken. Nachdem ich ihn ſo uͤberwunden, ſetzte ich meine Kniee auf ſeine verraͤtheriſche Bruſt, ritzte ſein Geſicht mit der Spitze meines Säbels auf und verſprach ihm das Leben zu ſchenken, wenn er ſchwoͤre, von meuchelmoͤrderiſcher und buhleriſcher Nachſtellung gegen mich und Helenen abzu⸗ laſſen. Allah ſei Zeuge, daß der Kampf von meiner — — 270— Seite redlich gefuͤhrt ward. Dieſes blutige Zeichen nimm hin, als ein Merkmal Deiner Schande und eine unerloͤſchliche Erinnerung an Deinen Eid.“ Ich ließ ihn hierauf eine graͤßliche Eidesformel nachſprechen, was er haſtig und mit ſtohnender Stimme unter fle⸗ hentlichen Bitten um ſein Leben that, und ließ ihn hierauf die Schande ſeiner Freiheit genießen. Allein ehe er ſich noch aufrichten konnte, umringte uns ein toller Haufe Janitſcharen, welche unſern Zweikampf mit angeſehen hatten. Ein trunkener Aja kam auf uns zu, um die Friedensſtoͤrer zu verhaften, wobei er mir jedoch hinlänglich Gelegenheit ließ, zu entſpringen. Seine Aufmerkſamkeit war nur auf Ibrahim gerichtet. »Daß mir der Schuft nicht entkomme,“ rief er bedeu⸗ tungsvoll winkend ſeinen Leuten zu,»der Schuft, der dieſen braven Muſelmann mit einem Saͤbelhiebe hin⸗ terliſtig niedermachen wollte. Ich will ihm ein Abend⸗ mahl von hundert Streichen auf ſeine fluchtgewandten Fußſohlen bereiten laſſen, damit er lerne, wie man einem redlichen Manne ſtehen muß im offenen Kampfe. Beim Propheten, mein Dolch haͤtte den Weg in ſein Haſenherz gefunden, waͤre ich an der Stelle dieſes wackern Burſchen geweſen. Ich rathe Dir, mein Sohn, in dem Narrenkleide, das nie ein beſſerer Mann getra⸗ gen, Dich aus dem Staube zu machen, ehe ich Deine Flucht von Amtswegen bemerken muß.“ Da ich der Liſt Ibrahims zutraute, daß er ſich ohne Muͤhe durch ein Geſchenk aus dem Handel ziehen werde, ſo be⸗ ſgte verm den unbe wirk Sch von bul bul und geb lan ſchu All unt Gre ſow ich des ſche bege Ma ten Tod ſigt nit din ichen eine liß echen, ſle⸗ ß ihn Mein s ein kampf auf bei er ingen⸗ richtet. bedel⸗ t, der e hih⸗ bend⸗ ndten man myfe. n ſein dieſt Sohn ge⸗ Dine ich det durh ſobe — folgte ich den Rath des Aja, um meine Erkennung zu vermeiden. Allein Ibrahims Gedanken hatten durch den Schreck ſo gelitten, und der Aja zeigte ſich ſo unbeſtechlich, daß er ſeine Freilaſſung nicht anders be⸗ wirken konnte, als indem er ſich zu erkennen gab. Schon am folgenden Tage verbreitete ſich die Kunde von unſerem nachtlichen Zweikampfe über ganz Stam⸗ bul, und drang bis zu den Ohren des Großherrn. Die junge Sonne des naͤchſten Tages fand Stam⸗ bul in großer Bewegung. Die Kaſernen, die Straßen und oͤffentlichen Plätze, ſo wie alle Doͤrfer in der Um⸗ gebung wimmelten von Waffen und Kriegsvoͤlkern, lange Wagenzuͤge gingen nach allen Richtungen, das ſchwere Geſchuͤtz raſſelte ſchwerfaͤllig durch die Thore. Allmaͤlig wuchs das Getöſe zu einem wilden Brauſen, unter dem die Gebaͤude der Stadt zitterten. Des Großherrn Kriegsmacht zeigte ſich im vollen Glanze, ſowohl in der Anzahl herrlicher Pferde, als in den reichgeſchmuͤckten Waffen und der beſten Mannſchaft des Reichs. Das Volk ſtroͤmte in die geoͤffneten Mo⸗ ſcheen, wohin ſich die Ulemas in groͤßter Feierlichkeit begeben hatten, um Rache vom Himmel über die Feinde Mahomeds herabzurufen. In den Haͤuſern aber wein⸗ ten Muͤtter und Jungfrauen um Diejenigen, die dem Tode geweiht waren.»Gluͤcklich, die beweint werden, ſagte ich, als ich mich in den Sattel ſchwang, um mit den Spahis auszuziehen, zu Muſtapha, der mir den Buͤgel hielt und den Abſchiedsgruß an meine — 4272— Mutter beſtellte. Schwermuth preßte mir mein Herz zuſammen, und ſeufzend ſchickte ich mich an zum Auszuge an der Spitze der Truppen. »Siehe, Herr, es begiebt ſich ein Wunder,“ rief Muſtapha,»ich ſehe Deine Mutter ſich durch die Menge draͤngen, um ihren Sohn noch ein Mal zu begruͤßen.« In der That war es ſo.»Andreas,“ rief ſie mir keu⸗ chend zu,»ich bringe Dir den letzten Gruß der Liebe, und meinen Mutterſegen. Helenens erbauliche Ermah⸗ nungen und Deine Großmuth gegen mich ſind mir tief in's Herz gedrungen. Es ſteht im Buche des Schickſals geſchrieben, daß Du von Deiner Hoͤhe her⸗ abſtuͤrzen und daß Dein Fall mich toͤdten wird. Ich fuhle, daß mein Ende nahe iſt. Andreas, mein ein⸗ ziges Kind, ſetzte ſie mit Angſt hinzu,»wenn Du mein Haupt im Zorne mit Deinem Fluch beladen haſt, ſo nimm ihn zuruͤck, denn ich ſegne Dich.. Erſchuͤttert beugte ich mich zu dem ungluͤcklichen Weibe hinab, und umarmte ſie, in Thraͤnen verſtummend.»Gott verzeih' uns Allen,“ ſagte Muſtapha mit Rührung. »Amen! Amen!« rief meine Mutter, die keine Thraͤ⸗ nen hatte, aber ungewoͤhnlich angegriffen war. Sie ließ ein Amulet und zwei Blumen in meinen Haͤn⸗ den, deren Bedeutung mir die Geberin verrieth. Ihr Sinn war traurig und unzweideutig.»Hoffnungslos und treu!« hieß der letzte Gruß Helenens. Das Zei⸗ chen zum Aufbruch war gegeben, und meine letzten Grußworte verhallten im Erzgeraͤuſche der Waffen. Des 6 liſte, Der fei ds M luter ſhwind Rhend der B ſollen Schni kung homet daß t diener ſteiger könnt aus d zen d Lhore quf i umgel Stin den Nſt Gwh un) verſt mein Vi in Hetz n zum r, ni Menge rüßen. nit keu⸗ er Liehe, Ermah⸗ ind mir che des ihe her⸗ d. Ich in ein⸗ du mein huft, ſ ſchütter hinab, Gotl hrung. eThri⸗ en Hin⸗ „Iht h. ungil as Zel e leblen Puffen⸗ Das Geſchrei des Volkes von Stambul erfuͤllte die Luͤfte, als die Fahne des Propheten enthuͤllt wurde. Der feierliche Auszug begann, und der Mufti ſtieg auf das Minaret der Moſchee Mahomeds, und rief uns mit lauter Stimme zu:»Eure Feinde ſollen vor Euch ver⸗ ſchwinden, wie der Thau und die Sterne vor der auf⸗ gehenden Sonne; Eure Spieße moͤgen glaͤnzen wie der Blitz, der vor dem Donner hergeht; Eure Saͤbel ſollen ſein wie die Sicheln in den Haͤnden geſchickter Schnitter, und Eure gezogenen Roͤhre ſollen die Wir— kung des Wetterſtrahles haben. Dabei vergeſſet Ma⸗ homed und ſeine heiligen Geſetze nicht; erinnert Euch, daß die Ungläubigen, die Ihr tödtet, Euch zu Staffeln dienen werden, damit Ihr auf ſelbigen in den Himmel ſteigen und Euch einer ewigen Herrlichkeit nähern koͤnnt..— Waͤhrend dieſe Worte wie eine Stimme aus den Wolken in unſere Ohren und begeiſterten Her⸗ zen drangen, zog das Heer in großer Stille zu den Thoren hinaus. Der Großvezier ritt vor demſelben, auf einem mit Edelſteinen und Gold bedeckten Pferde, umgeben von den Paſchas und Heerfüͤhrern. Seine Stirn war tief gefurcht, und ſein Auge glaͤnzte von dem kriegeriſchen Geiſte, der in ihm wohnte. Als der Mufti ſeinen feierlichen Spruch beendigt hatte, ritt der Großvezier an die Schwelle der Stadtthore zuruͤck, und rief aus:»Dieſe Thore ſollen mir auf immer verſchloſſen ſein, wenn ich nicht als Sieger uͤber meine Feinde zuruͤckkomme!« Mit dieſem Schwur Wien. 2. Vd. 18 — 274— ſprach der Ungluͤckliche ſein Urtheil.— Die Thore von Stambul ſollten ſich ihm nie wieder oͤffnen! Möge ſein Schickſal das meinige werden, hatte ich ihm leiſe nachgerufen. Tief in Gedanken verſunken ritt Soli⸗ man an unſerer Spitze einher, und ſchien die Wolken, welche ſich uber dem Reiche Mahomeds geſammelt hatten, durch ſeine blitzenden Blicke zerreißen zu wollen. Niemand wagte es ſeinen Tiefſinn zu ſtoren, und Alle zitterten ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen. Indeſſen ſah ich ruhig und im Bewußtſein meines Rechtes auf Alles gefaßt dem Augenblicke entgegen, wo er ſich meiner und Ibrahims erinnern werde, der ſchon in der Nacht dem Hauptheere vorausgegangen war. Un⸗ ſer Zug ging nach dem Norden, dem Ungarlande zu, wo die Verbuͤndeten der Czarin ihre Streitkraͤfte ge⸗ ſammelt und die tuͤrkiſchen Grenzfeſten umringt hat⸗ ten. Nach einem Marſche von wenigen Stunden er⸗ reichten wir das erſte Nachtlager, das zugleich den zerſtreuten Heertheilen zum Sammelplatze diente. Hier unter dem Zeltdache eines Sommerkioskes ertheilte der Großvezier den Unterfeldherern ſeine Befehle. Als die Reihe mich traf, fand ich den Großvezier allein mit Ibrahim, der mit geſenktem, trotzigem Blicke, wie ein Verbrecher vor ſeinem Vater ſtand. Soliman empfing mich mit dem ſtrengen Blick eines Richters. Nachdem er meinen Bericht uͤber die Vorfälle der Nacht ver⸗ nommen hatte, erhob er ſich von ſeinem Sitz, und ſprach:»Achmed, ich war Dir ein Leben ſchuldig und habe 2 Du ha ncht, ns g öwß meinet ſet m nicht than, abhät aus Dich umſc nur mun Feint haſt Her, nen wolle zu de tauh dem min Him Bay Fu den Thore von n Möge h ihn leiſe ritt Soli⸗ ie Wolken, geſammelt zu wollen. n und Ale Indeſſen Rechte wo tr ſih nſchon i war. Un⸗ rlande zu itkräfte ge mingt o tunden e⸗ gleich den nte. Hlel theilte det Ab di gllin mit te, wit ein n enpfin Nachden Macht St, u „ ulbig un — habe Dich wie ein Vater mit meiner Liebe bezahlt. Du haſi aber in dieſer Nacht meine Schuld quitt ge⸗ macht, Du haſt mir mehr als das Leben meines Soh⸗ nes geraubt, Du haſt ſeine Ehre todt geſchlagen. Der Großvezier kann Dich nicht tadeln, denn Du haſt nach meinen Begriffen großmuͤthig gehandelt, aber der Va⸗ ter muß Dich aus ſeiner Naͤhe verbannen, damit er nicht gereizt werde, den Schimpf, den Du ihm ange⸗ than, zu raͤchen. Dein ſtolzer Sinn ſtrebt nach Un⸗ abhaͤngigkeit; wohlan, ſie ſoll Dir werden. Empfange aus meinen Haͤnden den Ferman des Großherrn, der Dich zum Befehlshaber des Arnautencorps mit un⸗ umſchränkter Machtvollkommenheit ernennt. Du wirſt nur meinen Befehlen gehorchen, und Deine Beſtim⸗ mung fuͤhrt Dich nach einer andern Richtung dem Feinde zu. Hilf Dir nun ſelbſt; auf meine Liebe haſt Du keinen Anſpruch mehr..—»Großmuͤthiger Herr,« erwiderte ich ergriffen,»ich gehorche willig Dei⸗ nen Befehlen, wenn ſie auch nicht von Deinem Wohl⸗ wollen gegeben werden. Wenn auch die Beleidigung, zu der mich Dein Sohn gezwungen, mir Deine Liebe raubt, ſo wirſt Du doch ſelbſt durch Haͤrte nicht hin⸗ dern koͤnnen, daß mein Herz ſtets in dankbarer Liebe meinem Wohlthäter ergeben bleibt, und den Segen des Himmels uͤber ihn und die Seinigen herabfleht. Zum Beweiſe deſſen will ich Ibrahim meine Hand in Freundſchaft reichen und ihm bruͤderlich beiſtehen in dem blutigen Tagewerke, das wir beginnen.« Ich naͤ⸗ 18* — 2 herte mich Ibrahim und bot ihm Verſoͤhnung; allein er wendete ſich ab von mir. Der Großvezier aber ſprach in ſtrengem Tone:»Weh' dem Kinde Soli⸗ mans, das ſolche Schmach verzeiht! Geh' Deiner Beſtimmung nach, Achmed, denn Du biſt ein Mann des Krieges, obwohl Dein Herz ſo ſanft iſt, wie das eines Kindes; was Ibrahim betrifft, ſo ſiehſt Du, daß er keine Waffen hat, und die Kriegsdienſte verlaͤßt. Nie werden Eure Wege Euch wieder zuſammenfuͤhren, nur moͤgt Ihr Euch vor zufaͤlliger Begegnung huͤten, denn das ſchwoͤre ich Euch, daß ein neuer Handel dem Sieger und Beſiegten die Bruͤcke nach dem Pa⸗ radieſe oͤffnen wird.. Mit der Formel:»Hoͤren iſt gehorchen!« ſchied ich zoͤgernd von meinem Wohlthaͤter. Obgleich er einen tiranniſchen Geiſt hatte, hing ich doch mit Kindesliebe an ihm, dem Schoͤpfer meiner Groͤße, und der Verluſt ſeiner Gunſt war mir daher ſehr empfindlich. Die Ehre meiner hohen Stellung konnte mich dafuͤr nicht entſchaͤdigen, und aller Glanz meines hohen Ranges ließ mein Herz ungetroͤſtet. Ver⸗ gebens machte ich mir wegen der Ungenuͤgſamkeit mei⸗ ner Wuͤnſche Vorwuͤrfe.»Habe ich nicht die Ziel⸗ punkte meines Ehrgeizes erreicht?« fragte ich meine unſtillbare Sehnſucht,»gehorchen nicht Tauſende mei⸗ nen Befehlen, ſtehen mir nicht Schaͤtze zu Gebote — winken mir nicht paradieſiſche Genuͤſſe im Um⸗ kreiſe meiner Macht? Gewiß, ich bin gluͤcklich, und meine Seele iſt nur undankbar fuͤr die Wohlthaten ds H botpẽ ſugefi brech ſeine nich den r ihrer teue deſſe Get De nen Ge mei ihr mei den tut geh zes phy put ſin den di du ; allein zier aber oli⸗ de Diiner in Mann wie das Di daß everläßt. enfuͤhren, ng hüten, 1Hende dem Po⸗ Hörn iſ ohlthäte hing ich fer mit nir dahe Strllung et Glanz ſet. Ver⸗ ei mi die ill ich mi ende met u Gebol im Um ih, zohthei — 7— des Himmels!«— Meine Beſtimmung war, mit dem Corps gemiſchter Voͤlker, das ich den tuͤrkiſchen Heeren zugefuͤhrt, gegen Beſſarabien und die Krimm aufzu⸗ brechen, und den Feind durch fortgeſetzte Einfaͤlle in ſeine Grenzen zu beunruhigen. Jauchzend empfingen mich die regelloſen Schaaren, deren Abgott ich gewor⸗ den war. Die ihnen angewieſene Beſtimmung entſprach ihren Neigungen vollkommen. Sie waren an die Aben⸗ teuer des kleinen Krieges gewoͤhnt, mit den Elementen deſſelben vertraut, und gegen ihre Einwirkungen auf Gemuͤth und Korper abgehaͤrtet, beuteluſtig und tapfer. Der wildfrohe Sinn, der ſie belebte, theilte ſich bald mei⸗ nem jungen Herzen mit, das in Kampfluſt, Ehr- und Genußbegierde bald ſeiner tiefen Wunden vergaß. Was meine Seele nicht aus eigener Kraft vermochte, ward ihr durch die Macht des Beiſpiels eingelernt. Aus meinem Liebeskummer ſelbſt erwuchs die ſinnliche Lei⸗ denſchaft, die mich antrieb, ihn durch Genuß zu be⸗ täuben. Der tiefe Ernſt des Capitani, meines Rath⸗ gebers, naͤhrte die heilige Flamme meines ſtillen Schmer⸗ zes, waͤhrend das Kampfleben des Tages mich zu phyſiſchem Genuß trunken hinriß. Waͤhrend der Ka⸗ pudan ⸗Paſcha die feindlichen Kuͤſten beſtrich und mit ſeiner Flotte das Meer beherrſchte, naͤherten wir uns dem Pruth, der Donau und dem Dnieſter. Im Vor⸗ dringen gegen die Krimm und Kuban begegneten wir dem Feinde in ſchwachen Abtheilungen. Zwiſchen den Unternehmungen der regelmaͤßigen Truppen, mit wel⸗ — N8— chen ich in Uebereinſtimmung wirkte, fochten meine Schaaren gluͤcklicher gegen den Feind. Wir begruͤßten mit Jubel ſeine Feuerblitze, wir ſtuͤrzten uns kampf⸗ freudig in ſeine dichteſten Maſſen ohne Kriegskunſt, Maſchinenkraft und Uebergewicht, blos kraͤftigen Armen, kuͤhnem Unternehmungsgeiſte und jenem Erbtheil mei⸗ nes Volkes,»der natuͤrlichen Kampfliſt« vertrauend. Schwerfaͤllige Maſſen wurden von unſerer Tollkuͤhn⸗ heit zuſammengeworfen, eiſerne Linien durchbrochen, ſtark befeſtigte Orte uͤberrumpelt. In jedem Gefechte mich perſoͤnlich auszeichnend, holte ich mir Ruhm, und der Ruf meines Namens verbreitete Schrecken in der Gegend, welche ich bedrohte. So ging unter glaͤnzen⸗ dem Erfolg ein Feldzug glorreich fuͤr mich voruͤber. Ich hatte einen ſchoͤnen Landſtrich mir unterworfen, Staͤdte hatten mir gehuldigt, reiche Beute war mei⸗ nen Schaaren geworden. Aber mein Gluͤck ſiechte an dem Wurme ernſten Nachdenkens und angeborner Menſchenliebe. Dieſes Blutvergießen ohne Zweck, die⸗ ſes blutige Tagewerk des Mordes, dieſes umſichgrei⸗ fende Elend unſchuldiger Familien, endlich die Pluͤn⸗ derung und Verhoͤhnung der Gotteshaͤuſer, die meiner Kindheit heilig geweſen, laſteten ſchwer auf meinem Gewiſſen. Wer wird dieſe zahlloſen Blutthaten ver⸗ antworten? Welcher Seele ewige Verdammniß kann das Elend Tauſender von Schlachtopfern ſuͤhnen und aufwiegen? O jammervolles Schickſal der Groͤße! Eine demantumpanzerte Seele kann ſich nicht vor den Mite echi ſtich Gipf ſenkt ſch Säb wun pfen an mei der ann wei Re bra täg ten Jic Eß wa mic ieß ten meine begrüßten ns kampf⸗ driegskun, gen Amen, btheil mei⸗ vertrauend. Lolllihn⸗ chbtochen, n Grfechte Ruhm, und cen in der er glänzin⸗ voribe nterworfen, war mel⸗ ſiechte an ngebomer weck die⸗ mſichgri die Nin die meiner f meinen thulen be miß in ühnen und o1 er Größe 6 ht vor 9— Martern des Gewiſſens ſchuͤtzen. Grauſames Welt⸗ verhaͤngniß, das die Leichen der Ermordeten zu Stufen ſchichtet, auf welchen der Ruhm und Gluͤcksgeiz die Gipfel ſeiner Wuͤnſche erſteigt! Dieſe Gedanken ver⸗ ſenkten mich oft in tiefe Schwermuth. Mit Abſcheu ſah ich Blut, und immer wieder Blut auf meinem Saͤbel kleben. Das Geſtoͤhn der Sterbenden und Ver⸗ wundeten, die tauſend und tauſend Fluͤche der Kaͤm⸗ pfenden und Ueberwundenen gellten noch im Traume an meine Ohren. Graͤßliche Mordſcenen gaukelten um mein Kopfkiſſen in wilden Phantaſien. Das Knirſchen der Kampfwuth unterbrach meine Athemzuͤge. Helenens anmuthsvolles Bild neigte ſich thraͤnend uͤber mich und weinte auf die gluͤhenden Wangen des bluttriefenden Renegaten. Nur Eines troͤſtete mich: die Zuneigung der braven Geſellen meines Kampflebens, die mich, der taglich ſein Blut fuͤr ſie verſpritzte— wie ſie es tha⸗ ten fuͤr mich— uͤber Alles liebten und vergoͤtterten. Nichts glich ihrer Zaͤrtlichkeit fuͤr mich, Nichts ihrem Eifer mir zu dienen. Sie bezahlten mit ihrem Blute, was meine Gemaͤchlichkeit foͤrdern konnte. Und wenn mich, wie ſie es nannten, die boͤſe Laune beſchlich, ließen ſie nicht nach, bis es ihnen gelungen war, mich zu erheitern. Aber ſeltener und ſeltener gelang es ihnen. Da traten ſie heimlich zuſammen, Fuͤhrer und Soldknechte, und beriethen ſich, wie der boͤſe Geiſt zu bannen ſei, der mich zuweilen quaͤle. Sie erforſchten als Grundquell meiner Schwermuth die Liebe. Eines — 280— Abends, als ich an leichten Wunden krank in meinem Zelte ſaß, brachten ſie mir als Kriegsbeute ein Weib, die Tochter eines Erſchlagenen. Sie ſtuͤrzte zu meinen Fuͤßen nieder und bat um meinen Schutz. Leiden⸗ ſchaftliche Erinnerungen erwachten ungeſtuͤm in mir, als ich dem bebenden Maͤdchen in's thränende Auge blickte. Das war Helenens lebendiges Ebenbild an Wuchs, Haar und Geſichtsbildung, in jugendlicher, faſt kindiſcher Unbefangenheit. Auf ihrer klaren Stirn fehlte nur der leiſe Schatten heiliger Weihe, und ihrem Schmerze fehlte der Ausdruck der Schwaͤrmerei— aber nicht minder ſchoͤn dadurch war ſie. An ihrer Bruſt hing als Zeichen ihres Glaubens ein Kreuz, in ihrem Guͤrtel ſtak ein Dolch, aber ihre gefalteten Haͤnde ſchienen mit der Fuͤhrung dieſer Waffe nicht vertraut. Sie nannte ſich Brigitte, und war eine Waiſe. Sie war die Tochter eines im Kampfe gefallenen Staroſten, und von Abſtammung eine Griechin.»Hoher Herr,“ bat ſie mit einer klaren, kindlichen Stimme, beſchuͤtze eine arme Waiſe, o laß mich frei, und ſchuͤtze mich, denn ſie wollen mich in den Harem des grauſamen Achmed Haſſan Abdyl bringen.« »Madchen, Du ſprichſt im Wahne,« erwiderte ich mit Waͤrme,»wer kann ſagen, daß ich grauſam bin?« Sie richtete ſich beſtürzt auf, und ſah mir lange, Anfangs furchtſam, dann beruhigt in's Geſicht.»Du Achmed?« fragte ſie mit mildernder Stimme.»Du haſt recht, man hat mich bethoͤrt, Du biſt nicht grauſam.— Hi — e—„—— 1 — in meinem ein WVeib, zu meinen biden⸗ m in mit, ende Auge benbild an gendliche aren Stin und ihren rmetei— An ihre Kreuz in ten Hände t vertrau⸗ oſt Si Staroſten, er Hert beſchütz ütze mich anſam ndutit ſom tn , Anfanh Uhnol haſt ncht ſon 281— Die unſchuldsvolle Zuverſicht, womit ſie dies ſprach, bezauberte mich. Ich verſprach ihr Schutz und Frei⸗ heit, ſobald ſie davon Gebrauch machen wolle, und ſagte ihr, daß ich keinen andern Harem beſaͤße, als ein Herz voll Erinnerungen an die Liebe eines Wei⸗ bes, das ihr vollkommen gleiche an Schoͤnheit und Anmuth. Sie hoͤrte aufmerkſam auf meine Worte und erwiderte meine Schmeicheleien mit dankbaren Blicken — Freude und Mißtrauen— mein Herz gerieth in Bewegung. Die Verwirrung, welche ſie ergriffen, theilte ſich mir mit; ich ſchwieg betroffen uͤber meine Aufregung. Brigitte ſchwankte zwiſchen Zoͤgern und Eile in Unruhe. Endlich nahte ſie ſich auf den halben Raum eines Schrittes, und ſagte theilnehmend, mein feuchtes Auge betrachtend:»Du biſt wohl ungluͤcklich?« —»Moͤglich, daß Du gut raͤthſt,« ſagte ich laͤchelnd und mit Muͤhe mich bemeiſternd. »Du ungluͤcklich?« fuhr ſie ſtaunend fort,»Du, Achmed, der beruͤhmte ſtolze Held, ſo jung, und— welch' eine Thoͤrin muß das Maͤdchen ſein, das Dich verſchmäht oder betrogen hat.« „Kaum geſprochen, ſchien ſie die Worte zu be⸗ reuen, und bat um ihre Freilaſſung. Allein der Wohnſitz ihrer Väter war zerſtört, ihre Freunde ent⸗ flohen, ermordet. Ich ergriff ihre Hand und ſuchte ſie zu beruhigen,— ſie ließ ſie in der meinigen liegen; Worte der Zärtlichkeit entſchlupften meinen bebenden Lippen. Sie ſank errothend nieder, legte die Stirne auf — 22— meine Fuͤße und ſtammelte mit hingebender Innigkeit: „Wenn Du mich nicht verſchmaͤheſt, ſo bleibe ich bei Dir, als Deine Sclavin, Deine Magd.« „Ich hob ſie an meine Bruſt empor und war gluͤcklicher. Die Hingebung der Unſchuld wirkte be⸗ ruhigend auf das ſtuͤrmiſche Lavameer meiner Leiden⸗ ſchaft. Aber ſtille Seufzer trachteten nach Helenen.“ Hier geſtattete ſich Achmed Haſſan Abdyl neuer⸗ dings einen Ruhepunkt. „Nun,“ ſagte Madame Lahire zankend,„der Wolf tritt nun ſchon recht deutlich aus dem Schaſpelz her⸗ vor. So ſeid Ihr Maͤnner alle— wenn Ihr das Weib Eurer unreinen Leidenſchaft nicht erringen koͤnnt, ſo moͤchtet Ihr die Welt in Blut erſaͤufen— habt Ihr ſie aber, dann erliſcht Eure Flamme gar bald. Dieſe Brigitta, finde ich, hat Sie etwas gar zu ſchnell getroͤſtet! Hoͤren Sie, Herr Geſandter, Sie werden einſt Rechenſchaſt geben muͤſſen uͤber die Thraͤnen, welche Sie uns leichtglaͤubige Frauen vergießen ma⸗ chen durch Ihre Geſchichte, an welcher, wie ich furchte, nicht viel mehr Wahres iſt, als an den Schwuͤren, welche Sie in die Haͤnde Ihrer Helene ablegten. Wir hoͤren Ihnen da mit offenen Maͤulern zu und weinen uns die Augen roth, und am Ende iſt Alles nur ein Maͤrchen aus Tauſend und einer Nacht.“ „Sie ſind alſo ſchon eine Unglaͤubige,“ ſagte Achmed ſcherzend, doch immer in jenem ſanften kla⸗ gen che der thei Ab nigkeit: ich bei nd war itkte be⸗ Leiden⸗ lenen“ lneuet⸗ der Voff pelz he⸗ Ihr das en könnt, — habt ar bald. ſchnell werden hraͤnen⸗ ni mo⸗ fürchte hwin en. Pit weinen nut in ſchie ſten fl — 283— genden Tone, womit er ſeine Abenteuer erzaͤhlte,„noch ehe ich meine Geſchichte vollendet habe.“ „In Bezug auf Ihre Geſchichte, gewiß,“ erwi⸗ derte Frau von Lahire und reichte dem Geſandten halb theilnehmend, halb unglaͤubig lächelnd die Hand zum Abſchiedskuß. Sechstes Kapitel. Am naäͤchſten Abend ſetzte Haſſan ſeine Geſchichte fort: „Der Paſcha, welcher das tuͤrkiſche Heercorps be⸗ fehligte, minder gluͤcklich als ich, ließ ſeinem Unmuthe freien Lauf und ergoß ſich in Schmaͤhungen gegen den Em⸗ porkoͤmmling, den die Vorſtadt Pera ausgeſpieen, um mit einem Haufen ſchlechten Geſindels muſelmaͤnniſche Waffen zu entweihen. Da er meine Zwietracht mit dem Sohne des Großveziers kannte, ſo beſchloß er, dieſen Umſtand zu nuͤtzen, um ſich eines verhaßten Nebenbuhlers zu entledigen. Die Kriegsereigniſſe boten ihm bald willkommene Gelegenheiten zur Ausfuͤhrung ſeines verderblichen Planes, welche ihn zugleich von der Verantwortlichkeit fur das Mißgeſchick ſeiner Trup⸗ pen entheben ſollten. Die Peſt und viele Niederlagen, die Folge der Unwiſſenheit des Paſcha, hatten ſeine Schaaren merklich gelichtet, waͤhrend die meinigen ſich vollkommener Geſundheit und des Sieges erfreuten. — 284— Neidiſch auf meinen Erfolg und den wachſenden Ruhm meines Namens, ließ er mir Weiſungen zu⸗ gehen, welche unzweckmaͤßig waren und meine Kräfte zerſtreut haͤtten, die ich aber unbefolgt ließ, indem ich mich auf meine Unabhaͤngigkeit berief. Dies beſtimmte den Paſcha zur Zuruͤckhaltung des Soldes fuͤr meine Truppen, welche ohnehin unregelmaͤßig und ſchlecht bezahlt wurden. Eine Zeitlang gelang es meiner Leut⸗ ſeligkeit, das Murren der Truppen zu unterdruͤcken; allein die ſteigenden Entbehrungen, bei allem Ungemach der Jahreszeit und des Krieges, brachte endlich die Unzufriedenheit zum Ausbruche. Meine Berichte an den Großvezier blieben unbeantwortet und meine Lage ward taͤglich mißlicher. Weder guͤtliche Vorſtellungen, noch Strenge konnten meine Truppen im Zaume hal⸗ ten, ſie zerſtreuten ſich theilweiſe, um Beute zu machen und uͤberfielen die Janitſcharen des Paſcha, welche ihre Noth verhoͤhnten, um ſich ihrer Vorraͤthe zu be⸗ maͤchtigen. Das ganze Corps nahte ſich der Aufloͤſung. Da es mir an Mitteln fehlte, in einer von uns er⸗ oberten, von den Janitſcharen hingegen ausgepluͤnder⸗ ten Gegend meine Truppen zu erhalten, ſo vermochte ich ſie auch nicht zum Gehorſam zuruͤckzufuͤhren, da ich die aͤußerſte Strenge im Beſtrafen, bei der Ge⸗ rechtigkeit der Beſchwerden, anzuwenden fuͤr unver⸗ traͤglich mit meinem Gewiſſen hielt. Ich ſah mit ſtei⸗ gendem Kummer mein Anſehen täglich tiefer ſinken und eine Macht ſich zertruͤmmern, welcher die Pforte we⸗ ſol Un hſenden gen zu⸗ e Klſte ndem ich eſimmte t meine ſchlecht ner Leut⸗ druͤcken; ngemach lich di ichte an ine kae tllungen⸗ ume hu 1 machen welche zu be löſung uns er⸗ vnde emi hren, der G⸗ r unve nit ſi hen Und ſut w — 265— ſentliche Kriegsvortheile zu danken hatte.»Wie ſchwach ſind die Stuͤtzpunkte des Ruhmes und der Groͤße, wenn elende Ränke einer niedrigen Seele ſie vernichten koͤnnen. Alle meine Verdienſte werden durch ein ſchmach⸗ volles Ende getilgt, und mein Andenken verhoͤhnt werden, wenn ſich jetzt meine Laufbahn ſchließt. O, Stolz der Helden, wie gebrechlich ſind Deine Werke!« ſo rief ich kummervoll aus, und dachte der Ungluͤcks⸗ prophetin in der Vorſtadt Pera, deren Ausſpruͤche in Erfuͤllung zu gehen ſchienen. „Da traten die vornehmſten Haͤuptlinge meines kleinen Heeres vor mich hin, um die Entſcheidung ihres Schickſales von mir zu verlangen.»Herr,“ ſagten ſie mir,»wir lieben Dich als einen tapferen Helden und folgen Dir in Noth und Tod. Aber fuͤhre Du uns auch zu Ruhm und Beute. Der Großherr hat uns verrathen und verlaſſen, wie er ſchon oft gethan, nach— dem wir ihm mit unſerem Blute gedient. Warum ſollen wir ihm treu bleiben, wenn er uns dem Elende und der Schmach preisgiebt? Laßt uns aufbrechen gegen dieſen verraͤtheriſchen Paſcha, ſeine Macht auf⸗ reiben und mit ſeinem Kopfe auf einer Lanze zu den Feinden uͤbergehen.. Ich verwarf mit Abſcheu dieſen Vorſchlag und verſuchte die Kraft meiner Beredtſamkeit noch ein Mal. Mit Muͤhe vermochte ich blos die Haͤuptlinge zum Aufſchub der Ausfuͤhrung ihres Vor⸗ habens zu bewegen, bis ich ſelbſt in Stambul ihre ge⸗ rechten Klagen vor den Thron des Großherrn gebracht — 26— haben wuͤrde. Ein Brief des Großveziers, den mir der Paſcha uͤberſchickte, beſtaͤrkte mich in dieſem Ent⸗ ſchluſſe.»Wenn Du ein reines Gewiſſen haſt,“ ſchrieb er,»und ſich die Sachen ſo verhalten, wie Du ſie darſtelleſt, ſo begieb Dich unverzuͤglich nach Stambul und melde dem Großherrn Deine Lage. Da mir im Kriege das Wohl echter Muſelmaͤnner mehr am Her⸗ zen liegen muß, als das eines Haufen treuloſer Aben⸗ teurer, die Alles, was ſie thun, nur aus Raubſucht thun, ſo kann ich den Paſcha nicht tadeln, wenn er Euch darben laͤßt, um ſelbſt nicht umzukommen. Die Weisheit Abdulhamids mag daruͤber entſcheiden. Geh' nach Stambul.« Alſo darum nur hatte er meine Wuͤnſche erfullt, weil ſie mich in's Verderben ſtuͤrzen mußten! Alſo belohnte die Kriegspolitik der hohen Pforte die Dienſte guter Krieger, die ihr mehr nuͤtzten, als die ſchwerfaͤlligen Maſſen des echt muſelmaͤnni⸗ ſchen Paſchas. Alſo konnten patriotiſche Thaten eines bekehrten Rajah ihn nicht einem feigen Tuͤrken gleich⸗ ſtellen. Mein Herz grollte gegen meinen Wohlthaͤter, der mich nur ſo hoch erhoben, um mich deſto tiefer zu ſturzen. Ich entſchloß mich, unverzuͤglich ſeinen Rath zu befolgen, und ſeine und des Paſchas Kabalen zu entkraͤften, aber mein Rathgeber und Freund, der Ca⸗ pitani, rieth mir, die Flucht zu ergreifen und meine Feinde der Rache des Himmels zu uͤberlaſſen.»Nim⸗ mermehr!“ ſchwur ich dagegen,»iſt mein Untergang im Rathſchluß der Vorſehung beſtimmt, ſo weiß ich zu ſerh ebe von it uͤbe ſie Un ſac en mir n Ent⸗ Du ſi tambul mir im n Her⸗ Aben⸗ ubſucht enn er . Die Gch meine ſtützen hohen nützen minni⸗ neines gleich chäte, eſer ju nRath alen der bu meine „Riſ⸗ on in ic i — 287— ſterben. Achmed wird den Tod ſeiner Ehre nicht uber⸗ leben. Mit Thraͤnen nahmen die Capitani Abſchied von mir. Tiefe Ruͤhrung erregte der letzte Gruß Bri⸗ gittens, die ich der Obhut des Capitani Demetrius uͤberlaſſen mußte. Der Wechſel meines Gluͤckes ſchien ſie in Trauer zu verſenken, aber das empfindlichere Ungluͤck war ihr mein tiefer Seelenkummer, deſſen Ur⸗ ſachen ſie halb errieth, halb kannte. Mein Herz war noch von Helenen voll, doch erweckte der kindliche Ausdruck des Schmerzes, womit Brigitte mich verließ, mein inniges Leidweſen. Ich beklagte es, ihr Schickſal an das meinige gefeſſelt zu haben, das eine traurige Wendung zu nehmen ſchien. Kein Wunſch zur Ruͤck⸗ kehr in ihre Heimath aͤußerte ſich in ihr, ſie beſtand darauf, daß mein Wille und mein eigenes Loos das ihrige beſtimmen ſolle.»Willſt Du, daß ich gehe, Herr,« ſagte ſie weinend,»ſo verſtoße mich. Willſt Du es nicht, ſo warte ich Deiner und kehrteſt Du erſt in Jahren zuruͤck.“ Von dreißig Reitern begleitet trat ich meine Reiſe nach Stambul an. Kaum hatte der Paſcha dies erfahren, als er einen Eilboten nach Con⸗ ſtantinopel abſchickte, um meiner Ankunft durch ſeine Meldung zuvorzukommen. Allein das Ungluͤck hatte die althelleniſche Argliſt in mir geweckt, welche mir allein Muth und eine freudige Entſchloſſenheit gab, ſo gewaltigen Gefahren wie ein Mann zu begegnen. Der Bote ward von meinen Kundſchaftern aufgegriffen und ſeiner Briefſchaften beraubt.»Meine Freunde,“ ſagte 1 3 —— ———————————— — 288— ich zu meinen Begleitern, als ich das Schreiben an den Großherrn ihnen zeigte,»dieſe Pergamentrolle will ich ſelbſt fußfaͤllig Abdulhamid uͤberreichen. Wenn er gerecht und weiſe iſt, wie ich zu glauben Urſache habe, ſo wird er den Luͤgen des Paſcha keinen Glauben ſchenken, wenn aber ſeine menſchliche Schwachheit durch die Liſt meiner Feinde gegen mich erregt wuͤrde, wie ſehr zu fuͤrchten ſteht, ſo enthaͤlt dieſe Rolle mein To⸗ desurtheil. Ich hoffe jedoch durch Gottes Hilfe dieſem zu entgehen, wenn ich anders Eurer Treue verſichert bin.« »Herr, zaͤhle auf uns,« antworteten einmuͤthig meine Gefährten,»wir werden mitten unter den Ja⸗ nitſcharen des Großherrn nur Deinen Befehlen gehor⸗ chen, denn wir wiſſen, daß auch wir preisgegeben ſind, wenn wir Deinen Schutz verlieren!« Beruhigt zog ich weiter, im Vertrauen auf die uͤberzeugende Kraft der Wahrheit, deren Beweiſe den Sultan zur Abſtellung meiner Beſchwerden beſtimmen wuͤrden. Aber die unſchuldsvolle Zuverſicht auf mein Recht war ge⸗ waltig erſchuͤttert worden durch das treuloſe Betragen des Großveziers. Der Saame des Argwohns war aufgegangen in mir, und ein ſchlaues Umſichblicken trat an die Stelle meines blinden Glaubens. Emſig ſpann mein freigewordener Geiſt die Faͤden der Liſt, in welchen ſich fremde Bosheit verfangen ſollte. Ich begann mit verwegenem Sinn meine Unternehmungen. „Sieg, oder ehrenvolles Ende! war mein Zweck. Nur Mein lihſte bereit luge Hiffe der hatte in d menſ ges, btech verſt um mit gehe Sta hafte Mrl it fom bul. hie von en an le will enn er e hobe, jlauben t durch de, wie ein To⸗ dieſem erſchert müthig en Je⸗ gehot⸗ gegeben zeruhit eugende an zut at ge⸗ etragen ns war hbliän Enſh er ſ unge ʒwl. — 9— Nur der Schmach wollt ich entrinnen, nicht dem Tode. Allein ſo lange ich lebe, haben ſtets die außerordent⸗ lichſten Begebenheiten die Entwuͤrfe meines Geiſtes vereitelt, die griechiſche Liſt diente mir nur in den Augenblicken der dringendſten Gefahr, wie die ploͤtzliche Hilfe eines Dämons. Als ich in Stambul, vom Staub der Reiſe bedeckt, mit meinen Gefährten anlangte, hatte eben das Bairamszfeſt begonnen. Die Straßen in den entlegenen Theilen der Vorſtaͤdte waren daher menſchenleer. Die ſtille Unbemerktheit meines Einzu⸗ ges, der nur die Aufmerkſamkeit einiger Juden, ge⸗ brechlicher Straßenbettler und der Hunde erregte, wirkte verſtimmend auf mein Gemuͤth! Ich ſuchte Zerſtreuung, um die Contraſte zu vergeſſen, die meine Erinnerung mir vor die Seele fuͤhrte. Ich ließ mich mit Voruͤber⸗ gehenden in ein Geſpräch ein, um die Neuigkeiten der Stadt zu erfahren. Beſonders zog eine arme kruͤppel⸗ hafte Griechin, die des Weges kam und betend die Perlen eines Roſenkranzes zählte, meine Aufmerkſam⸗ keit auf ſich. »Heil Dir, Achmed,“ rief ſie, mich gruͤßend,»Du kommſt zu guter Zeit mit Siegesbotſchaft nach Stam⸗ bul. Heute ſind alle Muſelmänner feſtlich geſinnt, und die Trauer fluͤchtet ſich zu den armen Rajas, welche von Eurer Großmuth leben.« „Ich kannte das Weib; ſie war eine der Ungluͤcks⸗ prophetinnen der Vorſtadt Pera. Gern wäre ich ohne Antwort an ihr vorbeigeritten, aber ſie hinkte an ihrer Wien. 2. Bd. 19 — 290— Kruͤcke ſo gewandt einher, und zeigte ſich mit dem Ausdrucke einer großen Schadenfreude ſo entſchloſſen mir Neuigkeiten zu erzaͤhlen, daß meine Neugierde mich draͤngte zu erfahren, was ihr auf dem Herzen liege. Ich erwiderte daher ihren Gruß.»Was iſt Neues in Stambul?« fragte ich ſie. »Herr,“ erwiderte, luſtig auf den Krucken fort⸗ huͤpfend, die Sybille, vlauter frohe Begebenheiten. Seitdem Krieg iſt, hat das Ungluͤck ſich nur zu den Heeren geſellt, in Stambul ſelbſt giebt es nur Gluck⸗ liche, vom Großherrn abwaͤrts bis zum Hund, der ſein Brot auf der Straße findet. Hochzeiten, Herr, luſtige Hochzeiten ſind an der Tagesordnung!« „Sie ſchwieg eine Weile und lachte wie ein Ko⸗ bold vor ſich hin, an heimlichen Gedanken ſich er⸗ goͤtzend. »Der Gluͤcklichſte unter Allen,« fuhr ſie endlich hoͤhniſch fort,»das wirſt Du glauben, iſt der Groß⸗ herr. Es giebt kein Kriegsereigniß, keine Botſchaft, kein Feſt endlich, wovon er nicht Nutzen und Genuß zoͤge. So wird ihm morgen, am dritten Tage des Bairamfeſtes, wenn er vom Gottesdienſt in der Aja⸗ Sophia zuruͤckgekehrt, eine reine unberuhrte Jungfrau von Deiner Mutter zugefuͤhrt.« „Was ſicht Dich an,« entgegnete ich zornig,»daß Du mir allbekannte islamitiſche Landesgebraͤuche als Neuigkeiten auftiſcheſt?« »Du haſt Unrecht Dich zu ereiſern, Herr,“ ſagte das 1 ſiht, ine danke mit dem nſſchloſſen Nuzjerde em Hern Was iſt tüden fort⸗ benhiten. nur zu den nr Glic Hund, de iten, Hin n! ie ein Ko en ſich Lugt u nder U ʒungft omig, riucht“ en ſch — 291— das Weib, noch luſtiger als vorher,»weißt Du doch nicht, was es mit dieſer auserwählten Jungfrau fuͤr eine Bewandtniß hat. Ich bin gewiß, daß Du mir dankeſt, wenn ich Dir ſage, wer dieſe Jungfrau iſt.« „Sie ſchwieg abermals, und ließ mich von meiner Neugierde foltern, indem ſie nicht verabſaͤumte, mit meinem Pferde Schritt zu halten.»Und wer iſt die Gluͤckliche?“ fragte ich endlich ungeduldig. »Glückliche— ſagſt Du? Wohl gluͤcklich iſt das Madchen, das einen ſolchen Freier hat. Aber man ſagt, die Auserwählte zeige diesmal viel Furcht und Widerſpenſtigkeit. Ganz Stambul ſpricht davon, denn 8 3 p ſie iſt beruͤhmt wegen ihrer glaͤnzenden Schoͤnheit— ein Maler hat aus ihrem Portrait ein Bild der hei⸗ ligen Jungfrau gemacht, vor dem die ganze Chriſten⸗ welt von Pera kniet. Aber die jungen Maͤnner beten dort am andaͤchtigſten«—»Alſo iſt ſie eine Griechin?« fragte ich mit hochpochendem Herzen.— »So iſt es, Herr,« lautete die Antwort,»eine vor⸗ nehme, reiche Griechin. Ihr Vater ſoll Dragoman werden fuͤr den Liebesdienſt, den er dem Sultan er⸗ weiſet, und bereits große Schaͤtze von der Großmuth Abdulhamids empfangen haben. Es wird Dich freuen, — Achmed, zu erfahren, wer es iſt— ſicherlich, es wird Dich freuen.« »Sprich— »Du wirſt Dir die Seiten halten vor Lachen, Achmed! Denke Dir das Glück fuͤr die Tochter eines 19* Kaufherrn, denn der Vater iſt kein anderer, als der reiche Filz Notaras, und die Auserwaͤhlte ſeine Toch⸗ ter— Helene.“ „Wuͤthend ſpornte ich mein zuruckſcheuendes Pferd. Das Weib war ploͤtzlich verſchwunden, und nur ihr hoͤhniſches Gelaͤchter ließ ſich noch von ihr vernehmen. „Weh' mir,« rief ich, in Schwindel erblindend,»wenn dies kein Spuk der Höͤlle war!« „Dieſe Eine Thatſache, welche mit Macht an mein Herz ſchlug, brachte meine ganze Tugendpolitik in Verwirrung. Kaum hatten die Thorwachen meine Ankunft melden koͤnnen, als ich die Wahrheit jener unheilvollen Ausſage in den Begebniſſen erkannte, die mir widerfuhren. Als ich vom Pferde ſtieg, umringte mich bereits eine vom Großherrn geſandte Ehrenwache und die Hausbeamten beriefen mich vor ſeinen Thron. Aus allen Anſtalten und den unheilverkuͤndenden Mie⸗ nen der Mabeindſchis und Kulbuck⸗Veſirleris, die das Vertrauen des Großherrn genoſſen und mich in das Serail einluden, ſah ich, daß mein Untergang beſchloſſen war, denn die Ehren, die man mir erzeigte, waren Nichts als die herkoͤmmliche Schmuͤckung eines Opfers. Jeder meiner Schritte war bewacht, jede meiner Mienen ward von Kundſchaftern beobachtet und gedeutet. Ich verkannte keinen Augenblick die Ge⸗ fahren, welche hinter dieſen falſchen Zaͤrtlichkeiten einer Tigergrauſamkeit auf mich lauerten und fuͤhlte mich im Taumel von dem Gipfel meiner Größe herabſtuͤrzen. bich Ver ürli Me Bet Gun gem Eif Si wa zut Fr gr vo wi fuͤl fuͤr Ren ſan als der ine Toch⸗ ndes Jed d nur iht vernehmen. nd wenn t an min dprliik in hen min hiheit jen kannte, di min Chennnt n n ndn Mu leris, de d nich in Untergang ir erziht ung n vocht, jo bachtt n g die be keitin d ihe n acſim — 3— Leicht enthuͤllte ſich mir die Verkettung der ungluͤcklichen Verhaͤltniſſe, welche meinen Fall herbeifuͤhrten, ihr na⸗ türlicher Zuſammenhang fuͤhrte mich zur Welt⸗ und Menſchenverachtung. Mein gerechtes und großmuͤthiges Betragen gegen Ibrahim hatten mir auf immer die Gunſt des Großveziers geraubt; alſo zeigten ſich die gemeinen Leidenſchaften dieſes Großen ſtärker, als ſein Eifer fur das Gemeinwohl und ſeine Achtung vor dem Sittengeſetze. Mein Verſchmaͤhen des Rathes zur ge⸗ waltſamen Entfuͤhrung Helenens, meine Achtung ihrer ſchoͤnen Gefuͤhle, hatten nur Ungluͤck fuͤr uns Beide zur Folge. Ich, der ich mir bewußt war, gegen meinen Freund und die heiligen Vorurtheile meiner Geliebten großmuͤthig und edel gehandelt zu haben, ward dafuͤr vom Großvezier verfolgt, geſtuͤrzt; und Helenens Ge⸗ wiſſenszartheit, heiliger Eifer und großherzige Entſagung fuhrten ſie in den Harem des Sultans. Welch ein Lohn fuͤr die Tugend! Der Ruf ſelbſt, den Helenens Tu⸗ gendhandlungen verbreiteten, war es, der die Aufmerk⸗ ſamkeit des Beherrſchers der Glaͤubigen und den Schimpf ihr zuzog, den ſie vermeiden wollte. Um nicht das rechtmäßige und einzige Weib ihres Geliebten zu wer⸗ den, ward ſie das Kebsweib eines Sultans, deſſen Liebe ſie mit Hunderten theilen mußte. So erntete ſie Schmach fuͤr Tugend, während ich füͤr Großmuth Unterdruͤckung fand. Und Dieſenigen, die uns ihren Leidenſchaften opferten, bewieſen faſt taglich vor Gott die Reinheit ihres Glaubens. —— „Ich hatte wenig Zeit dieſen Betrachtungen nach⸗ zuhaͤngen, die mich in eine fieberhafte Aufregung ver⸗ ſetzten. Der Großherr verlangte lebhaft mich zu ſpre⸗ chen und ließ mich mit hoͤhniſchen Ehren in das Serail begleiten. Mit Muͤhe behauptete ich den Anſchein von Unbefangenheit, denn ich wußte, daß die geringſte Aeußerung von Beſorgniß mich verderben wuͤrde. Die Ehrenwache des Sultans wollte mich in ihre Mitte nehmen, aber ich verſaͤumte nicht, die Haltung eines uͤber die Maßen beguͤnſtigten Lieblings des Großherrn gegen ſie anzunehmen und brachte ſie dadurch in Ver⸗ wirrung. Durch herriſche Befehle ſie leitend, ließ ich ſie mir vorausziehen und folgte mit meinen treuen Reitern nach. Als ich der Sitte gemaͤß vor dem Thore des Serails vom Pferde ſtieg, gab ich ihnen heimlich den Wink, daß die Entbloͤßung meines Saͤbels das Signal fuͤr ſie ſein ſollte, mir Beiſtand zu leiſten. Trotzige Geberden gegen die verhaßten Janitſcharen, welche ſie verhoͤhnten, verſicherten mich ihres Gehor⸗ ſams. Mit feſtem Schritte ging ich durch das furcht⸗ bare Thor Orta-Kapu, an dem Dſchellad-Odaſſi— dem Gemache des Henkers— vorbei, aber nicht ohne meine Getreuen auf die ſchreckliche Bedeutung dieſes Ortes aufmerkſam zu machen. Unter der Woͤlbung dieſes Einganges wurden, einer alten Sitte gemaͤß, die geſtuͤrzten Guͤnſtlinge des Sultans, welche hohe Ehrenſtellen bekleideten, unverſehens ergriffen und auf der Stelle hingerichtet. Hier waren ſchon viele Haͤup⸗ ler habe ihm das die Ky ein tre m m ngen nach⸗ tegung ver⸗ ich zu ſpre⸗ das Stril nſchein von ſte e gering — nde. Die ihn Mit ltung eines Großhertn nd, liß i inen weum vor den b ich ihnen zu leiſtn anitſcharen res Grhor das ſucht nicht ohn ditſc utun WVölbl ite gni welhe tw 1 95— ter gefallen, die es gewagt, eigene Gedanken zu haben. „Schweigend fuͤhrten mich die Kapidſchi⸗Baſchi in den kleinen Gehoͤrſaal des Großherrn. „Ich warf mich vor ihm nieder und uͤberreichte ihm mit kecker Zuverſicht das Schreiben des Paſcha, das ich mit meinem Berichte begleiten wollte. Allein die unwillige Geberde des Sultans veranlaßte den Kulbuck⸗Veſirleri, mir Stillſchweigen zu gebieten. Ohne ein Wort zu ſprechen, muſterte der Beherrſcher der laͤubigen meine Geſtalt und gab dann ſeinem Ver⸗ trauten einen finſtern Wink. Dieſer fing hierauf an, mir eine Reihe von Fragen vorzulegen, deren jede mir das Todesurtheil verkuͤndete. »Biſt Du nicht urſpruͤnglich ein Raiah?« „Ich bejahte nickend. »In der Vorſtadt Pera unter unguͤnſtigen Vor⸗ bedeutungen geboren, durch einen Spruch der Ulemas zur Erſaͤufung verurtheilt, weil die Weisheit der Stern⸗ deuter Dein Leben als unheilvoll fuͤr Stambul und den Beherrſcher der Glaͤubigen erklaͤrt hatten, durch einen Hund wunderbar gerettet, in Hexerei erzogen, dann zum Islam uͤbergegangen?« „Ich vermochte nicht auf dieſe Fragen zu ant⸗ worten. Bedeutungsvoll winkend fuhr der laͤſtige Fra⸗ ger fort:»Haſt Du nicht durch Ueberredungskuͤnſte Rebellen zu ſcheinbarem Gehorſam zuruͤckgefuͤhrt, und dann imzFeldzuge gegen die Unglaͤubigen ihre Wider⸗ — 56 ſpenſtigkeit und Exceſſe gegen die Janitſcharen unbe⸗ ſtraft gelaſſen?—« »Herr aller Sterblichen,“ unterbrach ich den Klä⸗ ger, indem ich mich an den Großherrn wendete,»er⸗ laube nicht dieſer Schlangenzunge die Verleumdung eines redlichen Mannes und das Verhoͤr deſſelben, denn ich erkenne in dieſem ſchaͤndlichen Heuchler meinen Todfeind und Nebenbuhler Ibrahim.« „Er war es. Ein ſchadenfrohes Laͤcheln uͤberflog ſein boshaftes Geſicht, als er ſich von mir erkannt ſah, denn mein ohnmaͤchtiger Zorn war ihm nicht fuͤrchterlich. Mit dem Vertrauen eines unverſchaͤmten Guͤnſtlings, der durch die Leidenſchaft ſeines Herrn eine Gewalt uͤber ihn erlangt hatte, wendete er ſich fragend an den Sultan, der ihm mit vieler Ruhe in gnaͤdiger Geberde befahl, in ſeinem Verhoͤr fortzufahren. Luͤgen und Entſtellungen haͤuften ſich in demſelben aufeinan⸗ der, und der ſchlau berechnete Schlußſatz in ſeinen Anklagen war die Beſchuldigung eines geheimen Ein⸗ verſtaͤndniſſes mit der ſchoͤnen Chriſtin, auf welche ſeine Gnaden, der Großherr, ſein Auge geworfen. Dieſe verhoͤhnende Anklage regte Wuth und Eiferſucht in mir auf. Ich antwortete auf keine der Fragen, und bat, mich vor einem anderen Richter verantworten zu duͤrfen. »Wie? Du wagſt es, die richterliche Weisheit der Sonne aller Sterblichen zu verhoͤhnen?« ſchrie Ibrahim in erheuchelter Entruͤſtung.»Deine Hoheit entſcheide ibe wil aren unbe ch den Klä ndete,» ereumdung ſlben, denn let minen eln uberfloh mir erkan ihm niht verſchimte hami ſich fiayend in gidy en, kgel n gufeinal⸗ in ſeinen imen welche ſein ſen ſucht in m und hal n dirf 3u d Riöhilie tie I it mſhe Ein⸗ — uͤber den Verrather.. Der Großherr machte eine un⸗ willige Bewegung mit ſeinem Fuße. »Gehe hin, Ungluͤcklicher,« ſagte Ibrahim, als Dolmetſcher dieſer Geberde,»und erwarte in Deinem Hauſe die Befehle des Eroßherrn.“ Dieſer gemaͤßigte Schluß ward von einem boshaften Laͤcheln begleitet. Eine unmaͤßige Freude ſchien das Schlangengemuͤth meines Todfeindes zu verzuͤcken, und die Augen des maͤchtigen Beherrſchers aller Gläubigen rollten un⸗ heilverkuͤndend in ihren Hoͤhlen. Jeder ſeiner Blicke ſchien mir ein Henkersſtreich. Kein Zweifel blieb mir uͤber mein Schickſal. Ein Verſchnittener fuͤhrte mich durch die Thuͤren der Odaſſis bis hinab in den Hof⸗ raum, wo er den Thuͤrhuͤtern von Orta-Kapu ein Zeichen gab. Ich ahnte die Bedeutung deſſelben! Es war das Thor aus dieſer in eine andere Welt, welches ſich mir oͤffnete. Aber ich war nicht vorbereitet, den ſchauerlichen Gang zu unternehmen. Das ſardoniſch läͤchelnde Antlitz des Henkers, der ſich am Thore zeigte, wo er ſein blutiges Amt an jenen Großen verrichtet, welche, wie ich, in Ungnade gefallen, der ungeheure Moͤrſer in der Nähe, worin Europaͤer zerſtampft wur⸗ den, und die erwartungsvollen Mienen der Wachen und Aufſeher, erfuͤllten mich mit Grauen vor der Naͤhe eines unverdienten Todes. Rachedurſt und die Em⸗ poͤrung meines Innern ſtaͤrkten die erfinderiſche Liſt gerechten Zornes durch den Muth der Verzweiflung. Je groͤßer die Gefahr, je unwahrſcheinlicher meine — 298— Rettung war, inmitten von tauſend Bewaffneten und abgeſchnitten von meinem Haͤuflein treuer Kriegsgefähr⸗ ten, je hoͤher ſtieg mein Muth, der ſich an der Er⸗ habenheit des Augenblicks ergotzte. Ich dachte in die⸗ ſem Momente der hoͤchſten Noth nicht an den Beiſtand des Himmels, der mich verlaſſen zu haben ſchien, ſon⸗ dern an meine eigene Kraft und Entſchloſſenheit ſtellte ich die Zumuthung meiner Rettunng aus den Gefahren der tiefſten Schmach. Meine Blicke eilten fluchtig umher, um ein Mittel zur Flucht zu entdecken, aber ſie trafen nur auf Sclavengeſichter, die meine Schritte belauerten, und das Pferd des Sultans, welches in wilder Unruhe durch den Hofraum gefuͤhrt wurde; der Ausgang des Thores war noch lockend offen, und jen⸗ ſeits deſſelben ſtanden die Capitanis meiner Leibwache in banger Erwartung meines Beginnens. Einen Au⸗ genblick nur uͤberlegte ich unentſchloſſen, dann gab ich das verſprochene Zeichen, ſtuͤrzte mich mit geſchwun⸗ genem Saͤbel auf den Sclaven, der des Großherrn Pferd— das einzige, das durch die ſchreckliche Orta⸗ Kapu in das Innere des Serails gelangt— fuhrte, und in einem Nu ſaß ich in dem praͤchtigen Sattel, den ſein Ruͤcken trug, das Ungeſtum des Renners kam mir zu Hilfe, denn er riß ſich aufbäumend von dem Sclaven los und jagte mit der Eile des Sturmwindes dem Thore zu, wo meine Leibwache die Janitſcharen niedermetzelte Ein wildes Geſchrei erfullte das Haus der Gluͤckſeligkeit. Stroͤme von Blut uͤberſchwemmten blis teten und eggführ⸗ n der Er⸗ ſte in die Beiſtand hien, ſon⸗ heit ſhle E n flicttz cen, aber ne Schtit welchs i vurde; de und jin Leibwoch Einen A⸗ n gob ich geſcln⸗ Froßhertn c Hii — fihr en Su nnts lu d von d urmin“ ziſtn aus en — 299— den Boden. Die Thorwache war in einem Augen— blicke uͤberwaͤltigt und ich war gerettet. Das Pferd des Großherrn jagte in wilden Sätzen wie ein fabel⸗ hafter Gedanke an den Blicken der erſtaunten Bewoh— ner von Stambul voruͤber. Die braven Reiter mit zerfetzten blutigen Gewaͤndern folgten in ſtuͤrmiſcher Haſt ſeinen Hufen. Da ſich Orta⸗Kapu im Kampf⸗ gedraͤnge geſchloſſen hatte und Niemand von unſeren Feinden zu Pferde ſaß, ſo konnte man uns nicht augen⸗ blicklich verfolgen. Die Ueberraſchung hinderte die Uebrigen, welche uns begegneten. Als die Lärmſchüſſe von den Wällen ein außerordentliches Ereigniß ver⸗ kuͤndeten, hatten wir ſchon die Thore von Stambul hinter uns. Die Kunde von unſerer wunderbaren Flucht klang den Einwohnern der Stadt wie ein Märchen, ſie ſahen ſie und glaubten ſie nicht. Und in der That war Niemand mehr daruͤber erſtaunt, als der Held des Maͤrchens, Andreas. Ich erwachte aus dem Wuth⸗ rauſche, in welchem ich mich befreit, nur um das Un⸗ geheure der fortbeſtehenden Gefahr zu ermeſſen. Aber zugleich fuͤhlte ich die wohlthaͤtige Steigerung aller Geiſteskräfte, wodurch die Natur uns in großen Ge⸗ fahren zu Hilfe kommt. Die Gefahr der Tapfern, die mir ſo wacker beigeſtanden, ging mir naͤher, als meine eigene. Um ſie zu retten, führte ich ſie in einen ent⸗ legenen Cypreſſenwald am Ufer, und befahl ihnen, ſich hier zu zerſtreuen und getrennt ihr Heil zu verſuchen. Ruͤhrend war der Abſchied von den Braven, die ihr — 300— Blut fur mich verſpritzt hatten. Ich fuͤhlte mich aller Verpflichtungen los und ledig, nur nicht derjenigen, die mir das kriegeriſche Volk der albaniſchen Berge durch ſeine Treue auferlegte. In einer kurzen Anrede, wie der Drang des Augenblickes ſie zuließ, dankte ich der kleinen Schaar. »Flieht auf allen Wegen, die ſich Euch offnen,“ ſagte ich zu ihnen,»werfet Alles von Euch, das Euch kenntlich macht, und ſucht zu Waſſer und zu Lande die Unſrigen zu erreichen. Berichtet ihnen das treu⸗ loſe Verfahren des Sultans, und bringt ihnen meinen Schwur, daß ich ſie nicht verlaſſen werde. Ich will Euch halten, was der Großherr verſprochen, Sold und Ehre— ich will Euch mehr als das gewaͤhren: Ge⸗ legenheit zur Rache. Sie ſoll blutig ſein und gerecht, bei dem Gott aller Himmel und dem Teufel aller Hoͤllen! So ſchwoͤre ich Euch Treue wider die Fahnen des lugenhaften Propheten und fuͤr das Kreuz der Chriſten. Ob uns die Welt verflucht oder ſegnet, ich will Euer bleiben mit Leib und Seele, ſo lange ſie beide zuſam⸗ menwohnen.« „Jauchzend nahmen die wilden Soͤhne der alba⸗ niſchen Berge meine Schwuͤre auf.»Herr, Du biſt ein großer Held,« ſprachen ſie,»und Deine Worte ſind die eines braven Mannes, wie wir ihn zu unſerem Anfuͤhrer brauchen. Sie klingen wie Kriegsmuſik in unſere Ohren und Herzen, die der Gelehrten Heuchelei und weibiſches Geſchwätz nicht verſtehen. Unſere Ge— mich aller dejinigen, chen Buge zen Anrde, dankte ich ch öffnen, das Euh dzu Lande des trel⸗ nen meinen Unſtr 0— danken ſind Säbelhiebe, unſere Religion iſt das Recht der Vergeltung.. Sie verließen mich ungern, um einzeln auf ihre Rettung bedacht zu ſein,— nur die Vorſtellung, daß ich ſicherer mich retten koͤnne, wenn ich allein ſei, konnte ſie bewegen, mich ohne Schutz zu laſſen.»Achmed,“ ſagten ſcheidend dieſe Blutrechner, »wir meſſen aus, wie man uns einmißt. Glaubſt Du durch Aufopferung Eines oder des Andern Dein Heil zu foͤrdern, ſo zähle auf unſeren guten Willen, fuͤr Dich den Tod zu erleiden. Wir haben eine einfache Rechnung mit der Welt. Wer fuͤr uns ſein Leben ein⸗ ſetzt, dem geben wir das Leben; wer uns dem Tode preisgiebt, dem geben wir den Tod.. So gingen dieſe Soͤhne der Natur von mir, und ich achtete ſie höher als die Tugendmaͤnner, womit die Welt ange⸗ fullt iſt, welche Alles einſetzen, um Nichts zu ver⸗ langen. Mein Schmerz war ausgebildet, mein Geiſt hielt ſich feſt an den Gedanken des Vergeltens. Er⸗ fullt von ihm ritt ich an's Ufer, wo es am hoͤchſten, und das Meer am tieſſten, und die Wachtſchiffe des Großherrn täglich zu kreuzen pflegten. Hier jagte ich den ſchweißtriefenden Hengſt in die wirbelnde Bran⸗ dung, die ihn und ſein koſtbares Geſchirr fortriß, warf meinen Turban, mit den Abzeichen meiner Wuͤrden, in's Meer und ſprach einen Fluch über dieſe Opfer. Niemand beobachtete mich an der einſamen Stelle, wo ich ſchnell meine Kleidung ſo verwandelte, daß Nie⸗ mand mich erkennen konnte. Ein ſcharfer Dolch befreite — 30 mich von meinem Barte und meine Kleidung von allem Schmuck. In wenig Minuten hatte ich das Anſehen eines zerriſſenen griechiſchen Bettlers. In dieſer Ge⸗ ſtalt richtete ich zuverſichtlich meine Schritte in die Vorſtäͤdte von Stambul. Nachdem mich zwei Mal die Hoffnung hierher geleitet, kam ich jetzt an der Hand einer Fuͤhrerin, welche noch keinen Vertrauenden betrog, der ihr das Leben verpfaͤndete— der Rache. „Es war der dritte Tag des Bairam. In der kommenden Nacht ſollte Helenens heilige Jungfraͤulich⸗ keit den großherrlichen Luͤſten preisgegeben werden. Es war der Todestag meines unglucklichen Vaters. Ich ſtand, im Fieberfroſte zitternd, an der Stelle, wo ſein Blut die Erde traͤnkte und ſann auf Rache. Hunderte eilten an mir voruͤber, und erzaͤhlten nach, was ich ſelber den Janitſcharen gemeldet: Achmed habe ſich in's Meer geſtürzt, der Engel Aſſou habe ihn der Hoͤlle zugefuͤhrt. Das Pferd des Sultans ward ſo mit mei⸗ nem Turban von den Hafenwaͤchtern gefunden. Tau⸗ ſend Maͤrchen gingen uͤber meine Todesart von Mund zu Mund. Meine Begleiter waren ſpurlos verſchwun⸗ den. Ich hoͤrte dieſe Sagen von den Voruͤbergehen⸗ den und in mein Herz niſtete ſich der Hohn. Men⸗ ſchenfeindliche Gedanken uͤbereiſ'ten meine Empfindun⸗ gen; von Zeit zu Zeit ſchlug jedoch die Flamme meiner verhoͤhnten Liebe in wilder Lohe empor. Klage an Klage gegen die Welt, gegen den Himmel ſtroͤmten aus meiner Bruſt, den bitterſten Tadel ergoß ich uͤber „— le, wo ſin Hundell h, was i abe ſih a der Holle * 6 303— mich ſelbſt.»O wie eitel war Dein Beginnen und Dein Streben! Wie verkehrt ſind Deine Gedanken. Dieſe Welt voll Thoren hat Dich beruͤckt; dieſe Men⸗ ſchen voll Laſter ſollten Deine Treue lohnen?! Sie haben die Natur der Tiger, und Du heiſcheſt von ihnen als ein Lamm Gerechtigkeit. Deine Thorheit allein iſt die Wurzel Deines Verderbens. Wer kennt Pflichten im Dienſte eines Tirannen, wer Treue gegen einen treuloſen Herrn? Ein Thor, ein zehnfacher Thor! Du verſchwendeſt Edelmuth an Raubthiere, Helden⸗ tugend fuͤr einen Dieb. Die Luͤge war die Fahne, der Du folgteſt, ein geſtohlenes Reich das Kleinod, fuͤr das Du kaͤmpfteſt. Weh' uͤber dieſe jammervolle Welt! Weh' uͤber dieſes Leben ohne hoͤheren Zweck! Es iſt ein trugvoller Tauſchhandel, Einer beraubt den Andern, und der über Allen ſteht, iſt ſelbſt der groͤßte Rauber. Er lebt ſeinen Luͤſten und Genuͤſſen, und Tauſender Beſitz iſt ſeine Baute. Sie verkaufen ihm ihre Dienſte fuͤr Sold, und zahlen ihn mit Betrug. Recht und Tugend ſind Erfindungen der Dichter. Jeder nimmt, was er erlangen kann und verlangt das Uebrige als ſein Recht. Jeder weiß eine Regel und ein Geſetz der Beſchraͤnkung fuͤr die Selbſtſucht der Anderen, aber ihn ſelbſt treibt nur Begierde. Jeder glaubt mit Wor⸗ ten, und leugnet durch Handlungen. Jeder ſpricht zu den Menſchen als ein Richter:»vihr ſollt««, aber Keiner:»vich ſoll««. Jeder weiß Pflichten Anderen zu lehren, ſich ſelbſt legt ſie Niemand auf. — 304— »Gott iſt nicht, oder die Menſchen ſind Teufel und ihre Welt iſt die Hoͤlle. Im ewigen Naturleben mit unerkannten Zwecken erzeugen Menſchen und Dinge ſich ſtets zu neuem Daſein. Ihr Leben und Thun iſt nothwendig, und ſie ſind gegeben, wie ſie werden, gleich der Pflanze, die im Keime ſchon die Geſtalt der Entwickelung verbirgt. Und im Ei liegt unſer ganzes Weſen vorausbeſtimmt. Der Kluge bruͤtet es aus in der Sonne des Gluͤckes; der Thor verkuͤmmert im Schatten ſelbſtgenuͤgſamer Eitelkeit. In dem großen Lebensall, deſſen Geſammtheit uns unermeßlich, ſind wir Goͤtter und Geſchaffene. In unabaͤnderlichen Schranken befangen, bewegen wir uns ohne Pflich⸗ ten. Ein Saame, geſaͤet von unbekannter Hand, wachſen, wuchern oder verkuͤmmern wir auf gutem oder ſchlechtem Erdreich. Wir ſtreben nach dem Strahl der Waͤrme und dem Saft der Nahrung. Alles iſt unſer, was wir erreichen koͤnnen. Unſere Laſter ſind krankhaftes Hungern, unſere Tugenden krankhaftes Verſchmaͤhen. Der Geſunde nimmt, um zu geben, und giebt, um zu nehmen. Auf und thu', was Du vermagſt. Fordere Dein Theil zuruͤck, das fremdes Gierwuchern Dir entriſſen, und rotte die Wurzel aus, die Dein Gedeihen hindert. Die Klugheit iſt der In⸗ ſtinkt des Naturſtrebens. Folge ihr, Deine kranke Seele muß geſunden. Die Menſchen glauben nur Gott, weil ſie ihn fuͤrchten. In Dir wuͤthet hoheres Naturſtreben. Ohne Zaghaftigkeit ſchießt das Große aus niedrigem „ Gl zeht ſog Eit der des rei ind Teuſel Naturleben und Dinge d Thun iſt ſe werden, die Geſtalt liegt unſet e brütet is verkümmer dem großen eßlich, ſind bůnderlichen ner Hond, auf gulen den Sull Ms iſ ſtr ſnd zunlhaftts u geben was Du frende⸗ Bun aus, ſun ranke õ P Golt, vi uturſu 6 nichigen — 305— Sumpfe zur Sonnenhoͤhe empor. Seine Wurzeln ver⸗ zehren das nachbarliche Naturleben. Wie der Upasbaum, ſo gedeiht ein Held durch maͤchtige Naturkraft in hehrer Einſamkeit. Sein Hauch todtet, und die Verweſung der Opfer ſeines Verlangens befruchtet die Zweige des Unnahbaren.« So vermeſſenes Gedankenſpiel be⸗ reitete meinen Geiſt zu neuem Verlangen vor. Meine Wuͤnſche ſtrebten ohne Hemmung nach Liebe, Genuß und Ehre. Der Beſitz Helenens war meiner entzuͤ⸗ gelten Begierde die Bruͤcke zu einer ſeligen Zukunft. Meine Wuͤnſche theilten ſich in die Schaͤtze dieſer Welt, und Alles war mir bedeutungsleer, was meinem Be⸗ gehren nicht entſprach. Mit verfinſtertem Geiſte be⸗ gann ich die Wege einzuſchlagen, die mir Leidenſchaft und verwegene Liſt anzeigten. Ich ging an dem Hauſe meiner Mutter ſtumpfſinnig voruͤber, denn in mir war iedes Gefuͤhl erloſchen, mit Ausnahme der Liebe zu Helenen, in deren vulkaniſchem Feuer jede andere Em⸗ pfindung zerſchmolz. Es verbarg ſich tief in dem Krater meiner Bruſt und mein Aeußeres war in Eiskaͤlte erſtarrt. Einen eiſernen Entſchluß unter der Maske theilnahmloſer Gleichgiltigkeit verſchließend, trat ich vor Muſtapha, der, wieder reich geworden, in Wohlleben ſchwelgte, und gab mich ihm zu er⸗ kennen. Sein Entſetzen uͤber meine Erſcheinung glich einem Schlaganfall— nicht mehr haͤtte ihn der Todes⸗ engel erſchrecken koͤnnen, als mein Beſuch, der deſſen Vorbote zu ſein ſchien. Nachdem ich ihm kurzlich Wien. 2. Bd. 20 — 806 meine Abenteuer erzählt, redete ich ihn folgender Weiſe an: »Mein Freund, da in dieſer Welt weder Bluts⸗ verwandtſchaft noch Freundſchaft, weder Tugend noch uneigennuͤtzige Liebe zuverlaͤſſig ſind, in den Augen⸗ blicken der Noth vielmehr aller Lebens⸗, Liebes⸗ und Freundſchaftsverkehr in einem Gegenhandel von Dienſt⸗ leiſtungen beſteht, ſo habe ich mit Vertrauen mich nur Dir zuwenden koͤnnen, denn Du biſt mein Schuldner. Ich wuͤrde Dich jedoch nicht mahnen, Deine Freund⸗ ſchaftsrechnung mit mir quitt zu machen, wenn nicht Etwas zu gewinnen waͤre, was mir theurer iſt als mein Leben. Ich frage Dich alſo, willſt Du, da Du nun wohlhabender biſt als je, mir ſo viel von Deinem Beſitz anvertrauen, als nothwendig iſt ein Schiff zu meiner Flucht zu kaufen, und einen Menſchen durch Beſtechung zu vermoͤgen, daß er ſein Leben fuͤr mich wage? Ich werde Dir dieſen Dienſt reichlich vergelten, denn da ich weiſer geworden bin, ſo iſt nicht zu zwei⸗ feln, daß ich in den Beſitz großer Schaͤtze und Ehren gelangen werde, welche mich in den Stand ſetzen, Dich und die Deinigen gluͤcklich zu machen.« „Als ich ſo ſprach, ſah mich Muſtapha ernſt und traurig an. Die Angſt bebte auf ſeinen Lippen und kalter Schweiß rann von ſeiner Stirne. »Achmed, ſagte er, nach einer Pauſe forſchenden Nachdenkens,»ehe ich auf Deine Fragen antworte, moͤchte ich wiſſen, ob Du Dich auf der Spur des P St get ru lic 7c 7 w — e e— der Bl Tugend noch den Augen von Dienſ⸗ en mich n Schuldnet. ine Freund⸗ wenn nicht euret iſt as Du, da Di von Deinem in Sif nſchen durch en fuͤr mil ha enſt n Lippen Un e forſchen n ann Sp Wahnſinnes befindeſt, oder ob wirklich der Satan Dein Schickſal zum Verderben Jener leitet, die Dich lieben. Was hat Dich bewogen, nachdem Dich ein Wunder gerettet, in den Rachen der Gefahren Stambuls zu⸗ ruͤckzukehren, und Dich und mich, wie es wahrſchein⸗ lich iſt, in's Verderben zu ſtuͤrzen? Du ſchlaͤgſt die Dienſte, die ich Dir leiſten ſoll, ſehr gering an, wenn Du ſie nur Bezahlung einer Schuld nennſt, denn wenn ich Dir auch Geld und Gut ſchulde, das ich beſitze, ſo gehoͤrt doch mein Leben mir, und dieſes iſt unfehlbar mit dem Deinigen verfallen, wenn es ans Licht kommt, daß ich Dich geſehen, ohne Dich zu er⸗ greifen und lebendig oder todt auszuliefern.« »Wie Du denkſt, Muſtapha,« erwiderte ich bit⸗ ter,»es begegnet mir nicht das erſte Mal, daß ich Undank einernte, wo ich Liebe und Wohlthat geſaͤet. Wenn Du mir nicht helfen willſt, ſo ſage nein und liefere mich dem Sultan aus. Willſt Du helfen, ſo thue es, ohne mich um Dinge zu fragen, die ich fuͤr mich behalten will. Uebrigens liegt mir wenig daran, ob Du es weißt, daß ich Helenen noch ein Mal zu ſehen wuͤnſche, ehe ſie fuͤr mich verloren geht.“ »Ungluͤckſeliger!« antwortete Muſtapha,»Du willſt ſie nicht nur ſehen, in Deinen vermeſſenen Blicken leſe ich, daß Du daran denkſt, ſie dem Großherrn durch einen Deiner Satansſtreiche zu entreißen. Steh ab von Deiner Raſerei und fliehe. Erwaͤge die Verant⸗ wortung vor Gott, wenn Du das Leben Aller, die 20* — 508— Dich lieben, Deiner wilden Leidenſchaft zum Opfer bringſt. Ob Du ein Giaur oder Muſelmann biſt in Deinem Herzen, ſo mußt Du doch zagen vor der Ge⸗ rechtigkeit des ewigen Gottes.“ „Seit wann biſt Du ein Mewlewi und Prediger geworden, Muſtapha?« ſpottelte ich in boshafter Laune, „haſt Du die ſchoͤnen Lebensregeln ganz vergeſſen, die Du mir gegeben haſt, und den herrlichen Unterricht in der Lehre des wahren Jslams? Hoffe nicht, mich zu bethoren; biſt Du ein undankbarer Hund, der mich verrathen will, ſo zeige Dich in Deiner wahren Ge⸗ ſtalt und wirf die Maske des Heuchlers von Dir, denn ich kenne Dich und befolge nur Deine Lehren; Helene liebt mich, was iſt natuͤrlicher, als daß ich ſie beſitzen will?« „Muſtapha mochte einſehen, daß alle vernuͤnfti⸗ gen Vorſtellungen an dem Starrſinn eines Ungluͤcklichen verſchwendet ſeien, deſſen ganze Seele nur von einem einzigen Gegenſtande eingenommen werde. Er ſchwieg eine Weile uͤberlegend, brachte einige Briefe in Ord⸗ nung, ertheilte Befehle an ſeine Diener, und zeigte in ſeinem ganzen Benehmen eine Entſchloſſenheit, welche an Feſtigkeit der meinigen nichts nachgab. Dann er⸗ öffnete er mir ſeinen Vorſatz mit folgenden Worten, die mir als der Ausdruck einer tugendhaften Geſinnung bei großen Irrthuͤmern und Schwachheiten eines braven Mannes ewig unvergeßlich ſein werden:»Gut denn, Dein Wille ſoll geſchehen. Niemand ſoll Muſtapha nachſagen n In ent — koͤnnen, daß er undankbar ſei. Ich habe ſeit Deiner Flucht Anſtalten gemacht, um mich von Conſtantinopel zu vor du be entfernen und den Verfolgungen Ibrahims zu entgehen. Ein laͤngſt ausgeruͤſtetes Schiff harrt im Hafen meiner nd Predig Befehle, Du kannſt Dich deſſelben bedienen, ſeine Ab⸗ eitr aune fahrt iſt bereits angezeigt. Ich ſelbſt werde mich an aiſn, i Bord deſſelben begeben und Dein Ungluͤck mit Dir „ theilen. Thue nun, was Dir gut duͤnkt, mein Leben und mein Beſitz iſt in Deiner Hand. Ich bin gewiß, daß Gott Nichts geſchehen laſſen wird, als was geſchehen muß und nicht zu aͤndern iſt. Daher opfere ich gern meine Selbſtliebe der Dankbarkeit auf, um nicht durch das Bewußtſein des Undankes meine Selbſtliebe zu verbittern.« „Von dieſem Augenblicke an beobachtete Muſtapha ein unverbruͤchliches Schweigen. Er duldete die un⸗ geſtuͤmen Zeichen meiner Erkenntlichkeit und befolgte meine Anordnungen, ohne ſich die geringſte Bemer⸗ kung zu erlauben, und ſchien ſich als ein Opfer durch Gebet zum Tode vorzubereiten. Dabei behielt er den Anſchein ſo vollkommener Ruhe, daß Niemand aus ſeinem Betragen mehr ſchließen konnte, als Muſtapha wiſſen laſſen wollte. Er nahm mich als einen grie⸗ Dunm chiſchen Briefſchreiber aus Scutari oͤffentlich in ſeine den Poll Dienſte, ein Vorwand, der mir geſtattete, mich in ſeine n heſunu Gemaͤcher zuruͤckzuziehen. Als er aber ſah, wie ich ine in der Sicherheit ſeines Hausfriedens verſchiedene Vor⸗ bereitungen zur Ausfuͤhrung eines gefaͤhrlichen Planes — 30— machte, begab er ſich in die Moſchee, um ſeine Abend⸗ andacht zu verrichten, und uͤberließ mich der Einſam⸗ keit in einem entlegenen Theile ſeiner Wohnung. Dort haͤufte ich Strickleitern und Blendlaternen, Verkleidun⸗ gen und Waffen, und bereitete meinen Geiſt zu einer Unternehmung vor, die nur in Vorausſetzung einer grenzenloſen Liebe von Seite Helenens einen vernuͤnf⸗ tigen Zweck und einige Wahrſcheinlichkeit des Gelingens bieten konnte. Mein Vertrauen war unerſchuͤtterlich. An Gott hatte ich verzweifelt, die Welt war mir ent⸗ fremdet, aber nie ſtieg ein Gedanke des Zweifels an der Liebe Helenens und ihrer Beſtaͤndigkeit in mir auf; das Geruͤcht von dem ſtrengen Gewahrſam, in welchem ſie ihr Vater bis zur feierlichen Abholung in den Serail zu Hauſe hielt, buͤrgte mir, daß mein Glaube gerecht war. „In der Verkleidung einer griechiſchen Handels⸗ frau begab ich mich daher in voller Zuverſicht in das Haus des Notaras, Roſenperlen und Wohlgeruͤche zum Verkauf bietend. Ich verlangte, Helenen meinen Kram zu zeigen, gab vor von Muſtapha geſandt zu ſein und geheime Mittel zu beſitzen, durch deren Anwendung junge Frauen die Erfullung geheimer Wuͤnſche ſich ver⸗ ſichern koͤnnten. Der zweideutige Sinn dieſer Angabe konnte Helenen nicht entgehen und mußte ihre Auf⸗ merkſamkeit erregen. Man wollte mich abweiſen, allein einige Geſchenke veranlaßten die dienſtthuenden Frauen und Sclavinnen, die Helenens Gemaͤcher bewachten, mei duf Fe mit ha u ſein Nnhdbr Ango „Fral“ 10 — 344— mein Verlangen zu melden. Ich ward von denſelben in ein verduͤſtertes Gemach gefuͤhrt, das von Ambra duftete und deſſen Teppiche mit Blumen beſtreut waren. Feſtlicher Schmuck bekleidete Waͤnde und Thuͤren, aber mitten unter dem Gepraͤnge eines aufgedrungenen Schmuckes wohnte ein Bild der tiefſten Trauer— Helene. Sie empfing meine Erſcheinung mit dem haſtigen Scharfblick ahnungsvoller Wuͤnſche; ein krampf⸗ haftes Zuſammenbeben ihrer Geſtalt offenbarte mir, daß ich von der Ungluͤcklichen erkannt ſei. Zitternd beſah ſie meinen Kram und die Todesangſt um mich ſpiegelte ſich in allen ihren Geberden. Umlauert von den dienenden Frauen blieb uns nur zum Austauſch weniger Worte Gelegenheit, waͤhrend Helene ſie durch einen geſchickten Vorwand entfernt hatte. Alle meine beſonnenen Anſchlaͤge zur Rettung Helenens verwirrten ſich in meinem erhitzten Gehirne, als ich mit ihr allein war. Ohne die Unmoͤglichkeit der Ausfuͤhrung zu be⸗ denken, machte ich ihr den Vorſchlag zum Austauſch der Kleider. Sie ſollte in meiner Weibertracht ihren Waͤchterinnen entfliehen und mich meinem guten Schwerte uͤberlaſſen, das ich zu meinem Schutze bei mir fuͤhrte. Allein dieſer und viele andere haſtig erdachte Rettungs⸗ plaͤne ſcheiterten an der Ergriffenheit, Unſchluͤſſigkeit und Angſt der Geliebten, ehe ſie noch vorbereitet waren. Die koſtbaren Minuten verflogen und wir hatten durch unſere Zuſammenkunft Nichts gewonnen, als den herz⸗ durchbohrenden Schmerz eines aller Wahrſcheinlichkeit — 312— nach letzten Wiederſehens. Schluchzend lag ſie an meinem Herzen, als die Thuͤren aufgingen und No⸗ taras finſter und barſch hereintrat, die ſeltſame Scene mit Staunen betrachtend. Indeſſen ſchien er nichts Schlimmes zu vermuthen, als eine Herzensergießung gegen eine alte Freundin, die ihm jedoch ſo wenig geſiel, daß er mir drohte, mich mit den Fuͤßen hinaus⸗ zuſtoßen, falls ich es nochmals wagte, ſein Haus zu betreten, das allen Fremden ſtreng verſchloſſen blieb. Ein Blick der Verzweiflung und ich ſtuͤrzte ſinnlos zur Thuͤre hinaus. Denſelben Abend ſchloß der Harem des Sultan den Himmel meines Herzens ein. Fliehe nun,« ſagte Muſtapha,„fliehe und verſuche den Him⸗ mel nicht laͤnger. Sie iſt fuͤr Dich verloren, denn leichter kannſt Du dem Grabe ein Opfer abfordern, als dem Harem des Sultan ſeine ſchoͤnſte Zierde.“ Aber mich entmuthigten die Schrecken nicht, die den Ver⸗ wegenen drohten, die ſich dieſem Heiligthume zu nähern wagten. Je mehr ſich die Moͤglichkeit, Helenen zu gewinnen, von mir entfernte, je geſteigerter begehrte der gluͤhende Wunſch meiner Liebe nach ihr. Durch eine erkaufte Sclavin erhielt ich Kunde von Allem, was ſich im Innern des Harems begab. Helene war mit der uͤblichen Feierlichkeit dem Sultan uͤberliefekt und ohnmächtig in einen entlegenen Kiosk an der Spitze des Serails gebracht worden: dort bewachten ſie zahlreiche Sclavinnen. Von dort ſandte ſie mir ihren letzten Gruß und erinnerte mich an ihre letzte Zuflucht wen ſin wur mit gew dem ſich ſol zu zw ein un un Al keil ſuͤt Gr ſu mit d tie An V du ßen hinus⸗ ſinnlos zur der Harem oren, dem abfordern den Ver — — den Dolch. Aber ich ſchwur mit ihr zu ſterben, wenn es mir mißlänge ſie zu retten. Stuͤndlich wuch⸗ ſen die Gefahren, welche mich umringten, dringender wurde der Sultan, ſchwieriger der Nachrichtenwechſel mit dem Harem, Verdacht war auf allen Seiten rege geworden. Die Noth beſtimmte die zweite Nacht nach dem dritten Bairamsfeſte zur Flucht. Muſtapha begab ſich insgeheim an Bord— der anbrechende Morgen ſollte mich und den Schatz, den ich durch kühne That zu erringen hoffte, dem griechiſchen Meere zufuͤhren. Aber zwiſchen meinem Entſchluſſe und ſeiner Ausfuͤhrung lag eine entſetzliche Kluft von Gefahren. Ich wagte ſie; un⸗ unterbrochenes Einverſtaͤndniß mit Helenens Zofe Maria und ihrer Gebieterin erleichterte meine Vorbereitungen. Alle Wuͤnſche Helenens wurden erfuͤllt, ihre Einſam⸗ keit durch Nichts geſtoͤrt. Der Sultan ſchien ihre Ge⸗ fuͤhle zu ehren, und von der Zeit die Heilung ihres Grames zu hoffen. Am dritten Tage nach Einſchlie⸗ ßung in den Winterharem ſandte ſie mir einen Zettel mit folgenden Worten:»Komm' in dieſer Nacht, wenn Du mich retten kannſt; Du wirſt meine Waͤchter in tiefem Schlafe finden..—»Ich komme,« war meine Antwort. „Die Jahreszeit ſchien uns zu beguͤnſtigen. Schwere Wolken lagerten ſich uber das Meer, und der herab⸗ ſtroͤmende Regen deckte ſeinen Fluthenſpiegel mit un⸗ durchſichtigem Nebel. Alle Wachen begaben ſich unter — 314— den Schutz eines Daches, duͤſter leuchteten die Signale durch den Schleier der Nacht. Kein feindliches Auge konnte es bemerken, als ich in einem leichten Boote allein auf den bewegten Wogen mich durch die Schiffe des Hafens hinausſtahl bis an die Spitze des Harems. Mit unſaͤglicher Anſtrengung lenkte ich das Fahrzeug gegen Wind und Stroͤmung bis unter die Mauern des Harems, wo es die Brandung zu zerſchellen drohte. Eine Stunde verging, ehe ich in der undurchdringlichen Finſterniß das Signal entdeckte, das mir das Gefäng⸗ niß Helenens anzeigen ſollte. Hier war kein Ort zur Landung, ſchroffe Mauern ſtiegen ſenkrecht aus dem Meere empor, und die Wellen ſchlugen maͤchtig an ihren Felſengrund an. Nach wiederholten fruchtloſen Verſuchen gelang es mir endlich, eine eiſerne Kugel mit daran befeſtigtem Seile uͤber die Hoͤhe der Mauer hinuberzuſchleudern, und ſo den Kahn an der Mauer feſtzuhalten. Hierauf kletterte ich in ſteter Todesgefahr an dem Seile die Mauer hinan, auf deren Hoͤhe mich die Kraͤfte ſo verließen, daß ich in das Gebuͤſch hin⸗ abſtuͤrzte. Einen Augenblick lag ich ſo beſinnungslos hier; als ich mich muͤhſam wieder auftichtete, ſah ich nahe vor meinen Augen das Signal Helenens. Mein Muth, erſt darniederliegend an Erſchoͤpfung, raffte ſich neubelebt auf; ſo erblickt ein Schiffbruͤchiger ein nahes Rettungsboot, wie ich das Zeichen des Zieles aller Ge⸗ fahren und— ihres Gipfels! Ein leiſes Geräuſch an den Fenſtern des obern Stockwerkes des Kiosk uberzeugte iter Raum bergi neine der k Lief und Ziele ich Wor Tod aber mein ſr C det Klip mein Rde hiit Rri mich noch Gli dien mic inn mich, daß ich erwartet ſei. Ueber Bruͤſtungen und Gitterſtabe erſtieg ich in ſtuͤrmender Eile den ſteilen Raum, der mich von Helenen noch trennte; mein Athem verging, und ein ſtechender Schmerz machte ſich in des Hoen meinem Herzen fuͤhlbar, als mich weiche Arme mit a ʒahru der krampfhaften Gewalt der Todesangſt umfingen. die Malem Tief aufſeufzend ſank ich auf den Teppichen nieder, Hellen dwhl und heiße Thraͤnen ſtuͤrzten uͤber meine Wangen. Am dringlihn Ziele meiner verwegenſten Gedanken angelangt, glaubte hus Gejin ich den Augenblick nicht uͤberleben zu koͤnnen. Die kein Or zu Wonne des Wiederſehens, die Gefuͤhle, welche unſer .— Weſen erfuͤllten, dieſe Miſchung von Freude und Schmerz, nichig n Todesangſt und Hoffnung— ſie ſchildere ich nicht, 5 fuchlon aber meinen Augen entſtroͤmen reichliche Thraͤnen, und mein Herz zittert, waͤhrend ich die Begebenheiten die⸗ meinige bewährt, aber nie kann ich dieſes Augenblickes 5. tin gedenken, ohne zum Kinde zu werden, und aller Schwach⸗ heit in mir den Sieg zu laſfen. Die theuer bezahlten Kraͤfte ſelbſt, die mein Ungluͤck mir erworben, verlaſſen mich, und Troſtloſigkeit wirft mich nieder, gedenke ich noch heute dieſer Stunde! Die Ruhe der Mannheit, der Gleichmuth der Froͤmmigkeit, der frohe Muth des Ver⸗ dienſtes, die Selbſtzufriedenheit und Hoffnung verlaſſen mich, gedenke ich dieſer Stunde! Die Pein dieſer Er⸗ innerung iſt das Strafgericht meiner Vergehen— ich eiſerne Kuh* 2 S ſer Stunden mir vergegenwaͤrtige. Ich habe Gott und h b gu der Welt getrotzt mit frevlem Muthe, und an tauſend n uh Blippen, woran Menſchenkraft zu ſcheitern pflegt, die Tode — 5 ertrage ſie nicht, ohne immer wieder einen großen Schritt zum Ende meiner Tage hin zu machen.——— „Waͤhrend der Liebe Wonnerauſch uns der Außen⸗ welt entzog, waͤhrend unſere Seelen eine Ewigkeit des Entzuͤckens durchſchwaͤrmten, waͤhrend uns dennoch der Raum dieſes Reichthums an Gluͤckſeligkeit nicht mehr als eine irdiſche Minute ſchien, ſchritt das Erdenleben unaufhaltſam vor, und die Geſetze einer beſchraͤnkten Natur machten ſich unerbittlich geltend. Der Sturm hatte ſich gelegt, und ein matter Tagesſchein blickte durch zerriſſene Wolken. Schrecklich war unſer Erwa⸗ chen. Die orientaliſche Pracht des Gemaches, in dem wir uns befanden, tauchte vor meinen Blicken auf wie ein Maͤrchen. Der Gedanke: es iſt der Harem des Sultan, der uns umgiebt, erwachte in ſeiner furcht⸗ baren Bedeutung. Noch waren wir nicht gerettet, von Gefahren der Entdeckung umfangen. Ein Fehltritt, ein lauter Athemzug, und tauſend kleine Zufaͤlle konnten uns verderben. Lautlos raffte ich mich auf, umhuͤllte haſtig Helenen mit einem Mantel, und trug ſie an's Fenſter. Maria trat leiſe herein, warf ſich auf die Kniee und bat um Beſchleunigung der Flucht. Noch war Alles todtenſtill, die Athemzuͤge der ſchlafenden Sclavinnen im Vorgemach waren allein hoͤrbar. He⸗ lene umklammerte meinen Hals, ich umfing kraͤftig ihren zitternden Leib, und ſchwang mich auf die erſte Stufe der Strickleiter— ſie ſchwankte maͤchtig unter der Laſt. Der zweite Schritt war vorſichtig gethan, ich warf inen det 4 det gung kine nach gen, Koͤn und niß Beſ Wa Hel abe tifi ihr laut behe iwi me Se an der i gut di eEnigkt de ns dennoch d keit nicht me Der Stun esſchein blis runſet Et naches, in d n Bliden in ſine fu E1 ritt n hehlin ſich aufd der ſchlaf. hoͤrbal⸗ die ſe del mter unte einen Blick uͤber die Mauern in's Meer— ein Schrei der Verzweiflung entfuhr meiner athemloſen Bruſt; der Kahn war verſchwunden! Die ſtuͤrmiſche Bewe⸗ gung des Meeres hatte ihn vom Taue losgeriſſen. Einen Augenblick rang ich ſtillſtehend mit einer Ohn⸗ macht, die Nacht des Schwindels trat vor meine Au⸗ gen, aber die Liebe ſiegte uͤber die Schwachheit des Koͤrpers. Ich brachte Helenen in den Kiosk zuruck, und ein ſchrecklicher Fluchgedanke gegen das Verhaͤng⸗ niß durchzuckte die Nerven meines Gehirnes. Meine Beſinnung entwich, und ich ſtieß einen Schrei des Wahnſinnes aus. Als ich wieder zu mir kam, ſah ich Helenen mit aufgeloͤſtem Haare, todtenbleichem Antlitz, aber mit ruhigem und inbruͤnſtigem Andachtsblickein Cru⸗ cifir in einer Hand vor ſich hinhaltend, die andere auf ihr Herz gepreßt, auf den Knieen liegend. Sie betete laut und mit Innigkeit: »Allbarmherziger, hoͤre mein Gebet! Nimm mein Leben als Opfer hin, nur rette ihn, den Mann meines irdiſchen Herzens, rette ihn vor dem Tode in den Ar⸗ men der Suͤnde; laß ihn nicht ſterben, ehe ſich ſeine Seele gereinigt von Irrthum und Zweifel, fuͤhre ihn an der allmächtigen Hand Deiner Liebe auf den Weg der Buße zur Erkenntniß, Gnade und Wiedervereini⸗ gung. Ewiger Himmel, erbarme Dich ſeiner!! Ge— ſtaͤrkt durch dieſes Gebet ſtand ſie auf und reichte mir meine Waffen.„Flieh' Geliebter, ſagte ſie mit freu⸗ diger Zuverſicht.»Der Himmel hat mein Opfer an⸗ — 318— genommen. Zwanzig Schrikte von hier oſtwaͤrts ſteht eine hohe Cypreſſe, uͤber ſie kannſt Du die Mauer des aͤußeren Hofraumes im Harem erreichen— weiter helfe Dir Gott und Dein Muth.« Aber in mir lebte nicht die Kraft ihres Gottvertrauens, und ich zoͤgerte einen Weg der Flucht einzuſchlagen, der Helenen verrathen und verderben mußte. Ich hatte meine Rechnung mit der Welt abgeſchloſſen, und dachte nur an die Moͤg⸗ lichkeit, von Helenen die Folgen meiner Verwegenheit abzuwenden.—»Denke nicht an meine Rettung, nur Eins kuͤmmert mich— kannſt Du mir verzeihen?«“ Ein zaͤrtlicher Blick und eine heiße Umarmung antworteten mir. Von wildem Schmerz erfaßt, preßte ich ſie an meine Bruſt, ſie, dieſes Wunder von Schoͤnheit und Liebe, den Inbegriff meiner irdiſchen Gluͤckſeligkeit! Von ihr getrennt war mir die Welt Nichts mehr als Staub und Aſche. „Ich beſaß Nichts mehr in dieſer Welt— was konnte ich an ihr verlieren? Ich war entſchloſſen zu ſterben, aus dieſer Umarmung in den Tod zu gehen. Ich bat ſie zu leben, und ſich nicht zu verrathen. Sie ſegnete mich ſchweigend, und ich entfloh. In einem Augenblicke hatte ich die Höhe der Mauer erreicht, unter welcher das Grab des Meeres ſich oͤffnete, ich ſah zuruͤck, angſtvoll war Maria zuſammengeſunken, aber Helene ſtand mit gefalteten Haͤnden, und mit hei⸗ terem, verklärtem Geſichte gegen den Himmel blickend, nen me ohn phi ein ein ſich lot her — wile helf nir lebte nih zögere un enen verah Rechnung n die N Verwegen Rettung, — 8340— am Fenſter, und rief mit unerſchuͤtterlichem Vertrauen: »Gott wird ihn retten!« „Die rauſchenden Waͤſſer riefen mich hinab in ihre Tiefen, mit dem Seufzer»Helene« auf den Lippen taumelte ich hinunter. Sie iſt gerettet, war mein letz⸗ ter Gedanke— mit ihm ſchloß ſich mir ein Leben, das nur noch wie ein Traum in meinem Gedächtniſſe lebt—— „Ich ſank einen Augenblick unter, aber die Wellen ſtießen mich aus, das kalte Element brauſte auf, und ſchien ſich gegen meine Aufnahme in ſich zu ſträuben, wie wenn ein Feuerbrand in daſſelbe geworfen wird. Ich kämpfte und rang mit den Wellen, um unter⸗ zugehen— umſonſt, ich blieb immer ſchwimmend auf ſeiner Oberflaͤche, alle Qualen des Sterbens empfin⸗ dend, ohne den Tod zu leiden. „Der Inſtinct des Lebens ſiegte endlich uͤber mei⸗ nen Entſchluß, und ich begann regelmaͤßig zu ſchwim⸗ men, ohne den Zweck der Reitung vor mir zu haben, ohne Gedanken, ohne Empfindung, aͤhnlich einer Am— phibie, lebend um zu leben. Das Erſte, was in mir einige Seelenthaͤtigkeit erregte, war der leiſe Ruderſchlag eines ſich nähernden Bootes, und das Vernehmen vor— ſichtig geſprochener Worte:»Ohne Zweifel— er iſt ver⸗ loren, ſein Boot treibt dort umgeſchlagen auf den Wellen — wir ſind zu ſpaͤt gekommen. Allah war nicht barm⸗ herzig gegen ihn, und hat ihn umkommen laſſen.« „Es war die Stimme meines Freundes, der miteinem — 600— vertrauten Diener ausfuhr mich zu ſuchen. Ich hoͤrte ihn tief ſeufzen, und haͤufig das Wort Allah ausrufen, was er nur im aͤußerſten Schmerze that. »Hier, Muſtapha,« rief ich ihm zu,»rette mich, meine Kraͤfte verlaſſen mich!« „Ein freudiger Ausruf antwortete mir. Ich er⸗ griff ein mir dargebotenes Ruder, und ſtieg in das Boot. Muſtapha beſtuͤrmte mich, nach Art einer Mutter, die ein verzogenes Kind in ihren Armen haͤlt, mit Fragen, Liebkoſungen und Vorwuͤrfen, allein ich konnte ihm Nichts entgegen ſetzen, als ſtumpfſinniges Hinbruͤten. Er theilte mir mit, daß er ausgefahren ſei, um mir beizuſtehen und die Flucht zu erleichtern, denn ſein groͤßeres Boot ſollte nicht wieder in den Hafen zuruck⸗ kehren, ſondern im Propontus an der Kuͤſte von Aſien das Schiff erwarten, deſſen Ausfahrt am Tage geſche⸗ hen ſollte. Er hatte angenommen, daß meine Unter⸗ nehmungen leicht ein Ereigniß herbeifuͤhren koͤnnten, wodurch die Abfahrt ſeines Schiffes gehindert wuͤrde, und ſolche Maßregeln ergriffen, daß wir auch ohne dieſelbe in Sicherheit kaͤmen. Unfaͤhig zu uͤberlegen, ließ ich Alles geſchehen, was er anordnete, und half mit, das Boot aus dem Bosporus noch vor Anbruch des Morgens hinauszurudern. Ein friſcher Wind be⸗ guͤnſtigte uns, und in wenigen Stunden legten wir an einer oͤden, einſamen Stelle der aſiatiſchen Kuͤſte an. Alles dies geſchah, ohne daß ich aus dem Zu⸗ ſtande froſtiger Betäubung erwachte. Unempfindlich N ku 6 de ga mi rette mic d ſieg in d teiner Nuti — 8324— gegen Gefahr, und unerfreut uͤber meine Rettung, fuͤhlte ich Nichts als die kalte Morgenluft und die eiſige Naͤſſe meiner Kleider. Der ploͤtzliche Wechſel von verzehrender Gluth und eiſiger Erdenkaͤlte, von hoͤchſter Luſt und äußerſtem Schmerz, von Freude und Schreck, Todesgefahr und Sicherheit hatten mein Ge⸗ daͤchtniß gelähmt; mein Leben lag wie ein Traum hin⸗ ter mir. Wir verbargen uns am ufer hinter Felſen⸗ blöcken und Sandhaufen. Die Sonne begann mich zu erwärmen, und meine Kleider zu trocknen. Ich legte mich auf den duͤrren Sand, und verſank in tod⸗ aͤhnlichen Schlummer. Muſtapha wachte, und erwar⸗ tete das Schiff, aber die Sonne ſtieg und ſank uͤber den Horizont, fremde Wimpel jagten vorbei, doch von Muſtapha's Fahrzeug zeigte ſich keine Spur. Unbe⸗ kuͤmmert um die Aengſten dieſes Lebens ſchweifte mein Geiſt im Reiche der Traͤume zwiſchen Schreckbildern des Fieberwahnes umher. Stuͤrmiſche Finſterniß um⸗ gab mich, und ein Wirbelwind von Wetterduͤnſten riß mich in endloſe Fernen fort. Allmaͤlig bildeten ſich klare Geſtalten um mich her, die Nacht zertheilte ihr Dun⸗ kel und zerfloß in lichte Nebel, die ein Lichtmeer von Sonnenglanz enthuͤllten. Geblendet bebte ich zuruͤck, da umfaßten zwei maͤchtig befiederte Genien meine Seele, und brachten ſie vor den Geiſt Gottes, der, un⸗ wahrnehmbar meinem unreinen Sinne, im Lichte thronte. »Unnahbarer Richter, Herr des Lebens, Urſprung der Gerechtigkeit!« alſo ſprach der Geiſt der Anklage zu Wien. 2. Bd. 21 — 322— meiner Linken,»ich bringe vor Dein ewiges Antlitz die Seele eines Gefallenen!« „Ewiger Geiſt der Liebe,« ſagte der Engel der Rechtfertigung zu meiner Rechten,»ich bringe in den Lichtkreis Deiner ewigen Tugend einen Liebenden. Seine Tugend iſt Liebe, ſein Fehl iſt Liebe!« „Er hat Dich geleugnet!“ ſagte der Kläger. „Er hat Dich angebetet in der Schoͤnheit Deiner Werke, die ihn verblendete!“ ſagte der Fuͤrſprecher. „Seine Haͤnde ſind von unſchuldigem Blute be⸗ fleckt!“ ſagte der Engel zur Linken. »Herr, ſein Geiſt war nicht bei ſeinen ungerechten Thaten!« ſprach flehend der Engel zur Rechten. „Er hat Die verdorben, welche ihn liebten!« rief der furchtbare Klaͤger, und zerriß mit ſeinen Haͤnden die Wolken des Lichtes, welche die Erde verbargen. Finſtere Wolken wurden ſichtbar, und aus ihrem Dunſte ſah ich fahlen Schein, den Tag der Erde zum Himmel emporleuchten. Aus dem Erdenleben ſtiegen Sterbe⸗ ſeufzer empor, ſie ſaͤuſelten Anfangs wie Kinderſtimmen durch die dicken Lufte des Erdballes, dann wurden ſie lauter und lauter, ein ſchreckliches Klagegeſchrei des Schmerzes und der Todesangſt.“ „Ewiger Richter,« rief der klagende Geiſt,»hoͤre wie die Erde zum Himmel ſchreit um Rache!« „Da warf ſich der Engel zur Rechten wimmernd nieder, und weinte himmliſche Thraͤnen.„Herr Gott Engel der „ den inge in di Liebenden k läget. heit Dein — 323— Sabaoth,“ rief er in Zerknirſchung,»ſei gnaͤdig dem Suͤnder!« „Als ſein Flehen verklungen war, verfinſterten ſich die Himmel vor mir Der Engel der Rechtferti⸗ gung war verſchwunden, der Engel der Rache hielt mich mit gluͤhenden Blicken gebannt.»Er ſterbel« ſchrien Donnerſtimmen in der Hoͤhe,»er ſterbe!« wie⸗ derholten Stimmen aus der Tiefe.»Er ſterbe den Tod der Suͤnde!« rief der Racheengel—»den Tod der Schmach!“ richteten die Himmel,»den Tod der Verfluchung!“ hoͤhnten die Teufel, waͤhrend ich in bo⸗ denloſe Tiefe verſank. Die Geiſter der Rache und Barmherzigkeit kämpften um mich. Die Hoölle ſpie mich mit ihren Flammen an, der Himmel ließ er⸗ quickenden Thau auf meine Stirne fallen, aber ein Engel der Gnade hielt mich von den Abgruͤnden der Verdammniß zuruͤck. In unermeßlicher Hoͤhe oͤffneten ſich mir wieder die Himmel des ewigen Gottes. Dort knieeten auf lichten Wolken drei weibliche Engelsgeſtal⸗ ten, in der Glorie Gottes verklaͤrt: Helene, Maria und meine Mutter, und hoben die Hände empor. »Gott der Gnade, beteten Helene und Maria,»wir bringen Dir unſer Erdenleiden zum Sühnopfer fuͤr ihn dar!« »Seine Liebe hat meinen Geiſt gereinigt, ſetzte Helene hinzu. »Seine Liebe hat dem Himmel meine Seele ge⸗ 21* — 324— rettet, ſprach meine Mutter mit heiterem Laͤcheln, die Werke ihrer Buße zu Zeugen rufend. „Ihre Stimmen verhallten und feierliches Schwei⸗ gen umgab die Gedanken Gottes. Aus harmoniſchem Lispeln gebaren ſich himmliſche Toͤne, die als Ent⸗ zuͤcken und Schmerz durch meine Seele gingen. Die Fluͤgel der beiden Genien umrauſchten mich wieder. Der Engel der Rechtfertigung weinte, aber er war ge⸗ troſtet, der Engel der Vergeltung trat ernſt aus dem Nebel hervor, aber ſeine Blicke waren nicht mehr ſo verdunkelt. „Dein Urtheil iſt geſprochen,“ ſprach er ernſt zu mir, indem er mich fortriß,„Dein Geiſt ſoll den Be⸗ cher der Leiden eines Gottverlaſſenen bis zur Hefe leeren, Dein Arm ſoll ſein eine Geißel Gottes, Deine Bruſt ein Herd der bitterſten Erdenpein. Aber der Engel der Barmherzigkeit folge Deinen Schritten, und fuhre Dich durch Strafe und Buße zur Erkenntniß und Wiedervereinigung zuruͤck.« „Als ich erwachte, fuͤhlte ich noch an meiner Stirne die Hand des Vergeltungsengels. Der Traum und ſein Troſt ſchwanden aus meinem Gedaͤchtniſſe, erſt nach Jahren entwickelte ſich die Erinnerung an denſelben in ihrer Klarheit. Die Wirklichkeit des Augenblickes dage⸗ gen umgab mich mit Widerwaͤrtigkeiten. Der Abendwind trieb mir Sand in die Augen, die ſteigende Fluth benetzte meine Fuͤße. Wir eilten auf eine Anhoͤhe, um den herandringenden Wellen zu entfliehen, und ſchauten inſt len wid aus ſivi dun Er un un de lei ſer na ſa ſet La ſi nar get vot ii — 825— finſter auf das Spiel der Wogen in den letzten Strah⸗ len der finkenden Sonne. Meine Augenlider ſanken wider zuſammen, als mich ein Ausruf Muſtapha's aus dem Schlummer aufſchreckte. Ich blickte convul⸗ ſiviſch auf, und ſah mit halbgeoͤffneten Augen einen dunklen Koͤrper auf der Fluth gegen das ufer treiben. Er ſchien jeden Augenblick die Geſtalt zu wechſeln, und hatte Aehnlichkeit mit einem Seethiere. Naͤher und naͤher brauſte die Brandung, und eine maͤchtige Woge warf den Koͤrper zu unſern Fuͤßen hin, auf den Sand. Ein zweiter Ausruf im Tone des Mit⸗ leides verrieth eine beſondere Theilnahme Muſtapha's. Ich lauſchte hochgeſpannt einer Unterredung mit un⸗ ſerm Gefaͤhrten, der mit ihm hinabging, den Gegenſtand naͤher zu betrachten.—»Ein menſchlicher Leichnam,« ſagte der Letztere.»Der Koͤrper eines Hingerichteten,« ſetzte Muſtapha hinzu, und brachte ihn auf's Trockene. Laut athmend fuhr ich empor, und ſah wie Muſtapha ſich bemuͤhte den Sack zu oͤffnen, in welchen der Leich⸗ nam gehuͤllt war. »Der Leichnam eines Weibes,« ſagte er halbleiſe. Mit einem Sprunge war ich unten. Der Sack wurde geoffnet, eine nackte Leiche an's Licht der Daͤmmerung her⸗ vorgezogen. Ein ſchoͤnes Marmorbild erſtorbener Reize zeigte ſich meinen Augen. Das Haupt der Todten ruhte, vom geloͤſten triefenden Haar verhuͤllt, auf dem erſtarrten Buſen. Ich hatte eine ſchreckliche Ahnung und ſtand unſchluͤſſig, ob ich meine Augen oͤffnen oder —* — 326— ſchließen ſollte. Ich hatte nicht den Muth die Stelle zu verlaſſen, und doch furchtete ich den Anblick der Leiche. Sie loͤſten ein Amulet von dem Halſe der Todten, unter duͤrren Blumen eingeſchloſſen fanden ſie ein in Roſenol getraͤnktes Blatt. Muſtapha reichte es mir hin, da ſeine ſchwachen Augen ihn die Schriftzuge nicht er⸗ kennen ließen. Ich las im Fieberſchuͤtteln:»Wer liebte nicht die herrlichſten Schoͤpfungen Gottes!“ „Das Blatt mit den verblichenen Schriftzugen meiner Knabenhand ſank zu Boden, meine Arme ſchleuderten meine Gefaͤhrten von der Leiche hinweg, umfaßten dieſe und trugen ſie zur Hoͤhe empor. Die Abendſonne warf ihren letzten Strahl auf das Ange⸗ ſicht Helenens!— Ich kann es nicht mehr ſagen, was in dem Augenblick in mit vorging. Nur was aͤußer⸗ lich geſchah, hat ſich durch die Sinne meinem Gedaͤcht⸗ niſſe eingeprägt. Ich lebte in dieſem Augenblicke außer mir, waͤhrend ein Daͤmon meinen Koͤrper zu beſitzen ſchien.»Was lachſt Du, Achmed?« ſagte Muſtapha mit zitternder Stimme. Die Antwort war ein ver⸗ ſtaͤrktes Gelaͤchter. „Er iſt wahnſinnig, ſagte Muſtapha's Diener, »ſieh', Herr, wie er den Leichnam bruͤnſtig umfaͤngt, an ſeine Bruſt druͤckt, wie er ſein Geſicht in das Lei⸗ chengeſicht vergräbt, die naſſen Haare um ſein Haupt ſchlingt und ſo ſchauerlich lacht, daß man es in der Hoͤlle hoͤren muß. Er ſcheint im Krampfe dem Erſticken nahe.— Jetzt reißt er ſich los— und lacht, ergreift die L welch Laſt mit gllei nich zwe Fte Ve ver wa ein her rag dor Go wat grö thr erſt wo mit viel 327— die Leiche wieder, hebt ſie auf ſeine Schultern— Allah, welche Kraft des Wahnſinnes!— und ſtuͤrzt mit der Laſt fort, mit der Eile eines Vogels.⸗ »Auf! ihm nach,« rief Muſtapha, und ſetzte ſich mit dem Diener in Bewegung, um mich aufzuhalten, allein ihre muͤden, abgeſpannten Glieder eigneten ſich nicht zum Wettlauf mit dem Wahnſinn eines Ver⸗ zweifelten.»Achmed, Achmed, halt ein, halt ein, Dein Freund Muſtapha ruft Dich.“— Ich hoͤrte die Stimme, aber befluͤgelte meine Schritte. Keuchend blieben meine Verfolger zuruͤck, und da ich ihre Stimmen nicht mehr vernahm, ſo rief ich mir ſelbſt zu— aber mein Weſen war in zwei fremdartige Theile zerfallen, wovon der eine im Wahnſinne befangen ſich von der Vernunft⸗ herrſchaft losgeriſſen hatte. Ein ungeheures Geſpenſt ragte der Olymp in weiter Ferne zum Himmel empor, dorthin richteten meine Fuͤße ihren Lauf, dort auf dem Goͤtterberge wollte ich Helenen beſtatten. Der Abend ward Nacht, das Meer ſchwand hinter meinem Ruͤcken, groͤßer und groͤßer wurden die Geſtalten des Goͤtter⸗ thrones. Es begegneten mir Menſchen, aber wer nicht erſchrocken von mir floh, oder meinen Lauf hindern wollte, den hielt mein hochgeſchwungener Dolch von mir ab. Ueber Felder, Sand und Moor eilte ich hin, viele Stunden gingen vorbei, ehe ich auf die Vorhoͤhen des Berges gelangte. Erſchoͤpft ſtuͤrzte ich wiederholt zu Boden, aber ein Blick auf die ſchoͤne Leiche und ihre gebrochenen Augen, woraus Licht und Seele ent⸗ — 328— flohen, ſpannten meine Kraft zu neuen Anſtrengungen. Leichten, ſicheren Schrittes, wie die Gazelle, klomm ich an nacktem Felſen hinan, nicht gewahrend, daß die Bekleidung meiner Fuͤße zerſtuͤckt abfiel und meine Ferſen bluteten, nicht achtend, daß, jemehr ich dem grauen Eishaupte naͤher kam, die Luft eiſiger, der Wind ſtaͤrker wurde. Endlich als die Nacht faſt zu Ende ging, erreichte ich eine Anhoͤhe mit Schnee be⸗ deckt, von einem Amphitheater geſpenſtiger Felſengeſtal⸗ ten umgeben.— Ich ſank erſchoͤpft zu Boden. „Da ſah ich die Goͤtter des alten Hellas um mich verſammelt, Zeus und die Juno, Aphroditen, Pallas und die uͤbrigen, umraucht von ambraduftenden Wol⸗ ken. Ich trat vor den Thron des Gottes der Goͤtter, zu den Fuͤßen des ewigen Adlers, der die Blitze bewacht. »Allmaͤchtiger Zeus,« rief ich zu der hehren Ge⸗ ſtalt des Gottes empor,»gieb mir den Lebensfunken dieſes Weibes zuruͤck. Sie war eine Goͤttin unter den Weibern, ihre Liebe empfiehlt ſie der Fuͤrſprache Cy⸗ therens, ihre Schoͤnheit, großer Zeus, muß Dein Mit⸗ leid erregen, Du kannſt nicht dulden, daß ſo viele Reize eine Beute des Orkus werden. Ich fordere ſie von Dir zuruͤck, Zeus, denn ſie iſt mein eigen und ihre Seele hat mich nie verlaſſen. Zeus barg ſein Haupt in Wolken, und berieth ſich mit Cytheren und Juno. „Laſſe ſie den finſtern Maͤchten,« ſagte Juno, „und ſalbe die Stirn des Juͤnglings mit Lethe, daß er ſeine Liebe vergeſſe und gluͤcklich werde..—„Gieb ihr die Götter Hllen gen. Geſich kicht, ſich Arme ihtel mich das btam in de ken t armu Dich tdtet. Halde der ſchloſ taun Hndi fohrt and um nich Pallas den Vol Fötter, z ren Ge⸗ funken — 320— ihr die Unſterblichkeit, flehte Cythere,»ſie verdient bei Goͤttern zu wohnen und ihre ewigen Freuden zu genießen.« »So will ich, rief Zeus und beruͤhrte die Stirne Helenens mit einem Lichtſtrahl ſeiner leuchtenden Au⸗ gen. Augenblicklich oͤffneten ſich Helenens Augen, ihr Geſicht uͤberſtrahlte ein uͤberirdiſcher Glanz von roſigem Licht, und ihr Mund laͤchelte himmliſch. Sie richtete ſich langſam, freudig ſtaunend, empor, und breitete die Arme nach dem Lichte aus. Entzuͤckt wollte ich in ihre Umarmung eilen, aber ein Donner des Zeus ſchlug mich zuruͤck, der Adler deckte mit maͤchtigen Schwingen das Goͤtterbild Helenens, die Feuer des Himmels ent⸗ brannten vor mir und der Blitz ſchleuderte mich hinab in den Abgrund des Erdenthales, aber durch die Wol⸗ ken drang die Stimme Cytherens: »Kein elender Sterblicher wage ſich in die Um⸗ armung der Goͤtter. Der Blitz des Vaters Zeus hat Dich gerettet, denn das Liebesfeuer der Unſterblichen tödtet. Geh' hin und raͤche Helenen, erwirb Dir durch Heldenthaten die Unſterblichkeit, die Dich allein mit ihr, der Du noch unwuͤrdig biſt, vereinigt.. Die Himmel ſchloſſen ſich, und ich erwachte aus meinem Fieber⸗ traum am hellen am— des Olymps. „Und hier, meine Dan 1 ſuß Haſſan Abdyl, „endigt meine Geſchichte. Die weiteren Irr- und Buß⸗ fahrten meines Lebens ſind bald erzählt. Ich kämpfte an der Spitze meiner Arnauten, welche ich um mich — 330— ſammelte fuͤr die Befreiung meines Volkes, und folgte ſo meiner Phantaſie und meinem Herzen. Laſſen Sie mich ſchweigen von den fuͤrchterlichen Erfahrungen, die ich machte! Ich begriff bald bei kaͤlterem Blute, daß dieſer Nationalkampf ein vergeblicher ſei, daß es ſich in dieſer Welt nicht um Nationalitäten handele, ſondern um Recht und Unrecht, Freiheit und Unterdruͤckung. Der Sultan ſtarb. Der Kaiſer Leopold machte Frie⸗ den mit der Pforte, Rußland zog ſeine Truppen zu⸗ ruͤck. Ich ſchloß mit der Armee des Kapudan⸗Paſcha eine Capitulation, wodurch ich den Staͤmmen, welche ich befehligt hatte, beſondere Freiheiten und Beguͤnſti⸗ gungen erwirkte. Ganz Europa war damals meiner Meinung, daß in der griechiſchen Sache, in der ehr⸗ geizigen Idee Katharinens, den Orient mit den Waffen zum Chriſtenthum zu bekehren, Vorurtheil gegen Vor⸗ urtheil kaͤmpfte, daß auf dem Wege der National- und Religionskriege fuͤr das Wohl der Menſchheit Nichts gewonnen wird. Der neue Sultan, welcher nun den Thron beſtieg, Willens ſich mit der europaͤiſchen Civi⸗ liſation zu verſoͤhnen, ſuchte meinen Rath und meine Freundſchaft. Ich ſagte ihm Beides zu unter der Bedingung, daß ich niemals verbunden ſein ſolle die Waffen gegen meinen Stamm zu ergreifen. Dieſe Bedingungen wurden erfuͤllt, und der Großherr be⸗ traute mich mit der Sendung, fuͤr die Pforte an den europaͤiſchen Hoͤfen um Freundſchaft zu werben. Ich vertrat auf dieſe Weiſe die chriſtliche Civiliſation und die Nat und die niſte 9 ungen Nenſch diſt eine Vas r Sie, n leicht: Turba Reiche ſie Turke Atheiſ das E und d Partei Sache ſeinem fund Eindru ſun einen Unten und folgt kuhg Blute, duß 6„ ſich daß es ſ ele, ſonden terdruͤckun nachte Fre mppen jl un, wil dBeginf uls min in der i den Pff en Por gegen* tional⸗ Un Michts —— die Nationalität meiner Stammgenoſſen gegen die Pforte und die Unabhaͤngigkeit dieſer gegen Europa. Ich be⸗ reiſte ganz Europa. Welche niederſchlagende Beobach⸗ tungen ich bei dieſer Gelegenheit uͤber die troſtloſen Menſchheitsverhaͤltniſſe des Zeitalters machte— das iſt eine Sache, deren Beſprechung Sie ermuͤden wuͤrde. Was meine gegenwaͤrtige Stellung betrifft, ſo werden Sie, meine Damen, als ſtrenge Richterinnen, es viel⸗ leicht ungebuͤhrlich finden, daß ein geborner Chriſt den Turban traͤgt. Aber blicken Sie um ſich in Ihrem Reiche der Aufklärung und Sie werden bemerken, daß es den meiſten Menſchen dieſer Zeit ſo geht wie mir — ſie tragen falſche Zeichen und Farben. Wie viele Tuͤrken tragen das Kreuz auf ihrer Bruſt, wie viele Atheiſten die Tonſur, wie viele Maͤnner des Friedens das Schwert,— dieſe Welt der Gegenwart iſt durch und durch Lug und Trug! Es giebt nur zwei wahre Parteien— die Guten und Boͤſen. Die gerechte Sache aber, welche man oͤffentlich bekennen und mit ſeinem Blut vertheidigen ſoll— ſie muß erſt ge⸗ funden werden.“ Haſſan Abdyl's Erzählung machte einen tiefen Eindruck auf ſeine ſchoͤnen Zuhoͤrerinnen, aber am mei⸗ ſten war Madame Lahire davon ergriffen. Sie wußte einen Vorwand zu finden, um ihm mit Anſtand eine Unterredung unter vier Augen gewaͤhren zu koͤnnen, — 332— die er von ihr erbat, um, wie er ſagte, ihr einen Zuſatz zu ſeiner Geſchichte erzaͤhlen zu können, welcher nur fuͤr ſie beſtimmt ſei. Sie ahnte, was er ihr zu ſagen hatte, und geſtattete ihm unter einem ſchicklichen Vor⸗ wande zu bleiben, als die Damen mit rothgeweiniten Augen von dem holden Erzaͤhler und Madame Lahire ſich verabſchiedet hatten. Man belohnte ihn fuͤr ſeine Offenherzigkeit mit leiſen Haͤndedruͤcken, Blicken der Zärtlichkeit und verſtohlenen Kußhaͤnden. Die Nacht darauf träumten Alle von Helenen, von dem Tuͤrken⸗ kriege, von Abdyls Viſionen. „Und nun,“ ſagte Madame Lahire, als ſie mit Abdyl allein war,„nun ſagen Sie mir— Ihre Lebensgeſchichte—“ „Meine Lebensgeſchichte,“ ſagte Haſſan laͤchelnd, indem er ihre Hand ergriff und an ſein Herz druckte, „iſt— wie Sie allein geahnt haben— großentheils eine Dichtung!“ „Sie ſind alſo ein Dichter!“ ſagte Lahire, indem ſie Haſſan mit zaͤrtlicher Bewunderung anſah.„In der That, Sie haben eine außerordentliche Phantaſie. Sie ſind alſo kein Renegat, kein Grieche, der die Waffen gegen ſeinen Stamm getragen? 3 „Nein, meine Theure, ich bin Haſſan Abdyl Ach⸗ med, Sohn des Capudan⸗Paſcha, ein echter Muſelmann, aber die Geſchichte, welche ich Ihnen erzaͤhlte, iſt zum Theil die eines Griechen. Ich habe die Sitten dieſes Volkes ſtudirt, ich habe mich mit den religioſen und ſiilche ſicht, Meine bewoll Seelen darzuſt ſchilde den, und d ſich u leben. dieſe harba wirft, ſchen ſchwi Famil Elend Rauſe und in di fürzt ſof eühl Giſt Ein geioſ tinen Zuſal wilchet nu ihr ju ſagen icklichen Por wehgeweiſin adame kahi ihn fin ſin Blicken d Die Wit dem Turk — 333— ſittlichen Begriffen der Chriſten bekannt zu machen ge⸗ ſucht, um dieſe chriſtliche Civiliſation zu begreifen. Meine Reiſen in Europa haben meine Beobachtungen vervollſtändigt. Ich habe demnach geſucht, Ihnen die Seelengeſchichte eines Mannes von Ihrem Stamme darzuſtellen und die verſchiedenen Seelenſtimmungen zu ſchildern, welchen er unterworfen iſt. Ich habe gefun⸗ den, daß es in Europa viele ſolche Renegaten giebt, und daß die meiſten Menſchen Ihrer Civiliſation mit ſich und der Welt in einem fortwährenden Widerſpruche leben. Ich habe auf meinen Reiſen gefunden, daß dieſe Civiliſation keine Gluͤcktichen macht; daß dieſe barbariſche Geſittung, welche Europa dem Oriente vor⸗ wirft, ſeiner eigenen gegenuͤber weit gluͤcklichere Men⸗ ſchen und Familien macht; daß dieſe ſtrengen und ſchwaͤrmeriſchen Ideen, welche die Grundlage Ihres Familiengluͤckes ausmachen ſollen, in der That die Ihres Elendes ſind; daß dieſes Vergeiſtigen der Liebe zu den grauſamſten Taͤuſchungen und Enttaͤuſchungen fuͤhrt und von dem Gipfel poetiſcher Traͤume die Herzen in die Suͤmpfe der Herabwurdigung und des Laſters ſtuͤrzt!“ „Nun, ich daͤchte,“ ſagte Madame Lahire den Kopf ſchuͤttelnd,„das Kapitel, welches Sie uns heute erzaͤhlten, waͤre eine blutige Satyre auf die tuͤrkiſche Geſittung. Wie Sie erzaͤhlten, hat dieſe barbariſche Einrichtung der Familie das Leben einer Schuldloſen gekoſtet und Sie wagen ſie noch uns anzupreiſen? — 334— Wahrlich, jetzt begreife ich, daß Sie nur bittere, grau⸗ ſame Ironie beabſichtigen. Sie verſpotten die offen⸗ bare Hinneigung unſerer Lebensweiſe zu den tuͤrkiſchen Sitten, indem Sie uns die Greuel erzaͤhlen, welche dieſe Ehelehre des Propheten erzeugt, und wollen uns den Werth des Schatzes begreiflich machen, welchen wir ſo leichtſinnig, die Heiligthuͤmer unſerer Religion mit Fuͤßen tretend, von uns werfen. Iſt es nicht ſo“ Wie kann es anders ſein? Ich bin in der That ſehr neugierig, wie Sie ſich aus der Schlinge ziehen wollen, welche Sie Ihrem Lehrſatze— wie ich meine, abſichtlich geſtellt haben.“ „Gemach, meine ſchoͤne Freundin,“ ſagte der Tuͤrke mit ſchwermuͤthiger Ruhe laͤchelnd,„Sie irren ſehr, wenn Sie glauben, daß die traurige Begebenheit, welche ich Ihnen ſoeben erzaͤhlt habe, meinen Satz umſtoßen koͤnne durch die moraliſche Gewalt eines ent⸗ gegengeſetzten Beiſpieles. Leider, meine ſchöne Freun⸗ din, theilen Sie die gewöhnliche Schwaͤche dieſer euro⸗ päiſchen Civiliſationsintelligenz, Sie laſſen ſich vom Scheine hinreißen und vergeſſen Unterſcheidungen zu machen. Ich habe nur behauptet, daß die tuͤrkiſche Eheeinrichtung weit moraliſcher und vernunftgemaͤßer ſei, als die europaͤiſche,— aber ich habe nicht behaup⸗ tet, daß der Sultan das Recht habe, ſich mit Gewalt ſeine Frauen zu nehmen und ſie zur Treue zu zwin⸗ gen, ohne daß ſie ſich durch ihren fteien Willen ihm ergeben hatten.“ gaube geben wurd chelnd welch Ihne beleid und wolle Rech die u der e und ihre Grur ihre port, beſte walt len, wic wollen n en, welcho ter Rel es nicht rThat ſ hen woll e, abſich ſe der Zi irren ſihl Begebenhe neinen Ei t eines in — 885— „Wie?“ ſagte die Graͤfin,„und Sie koͤnnten glauben, daß es wirklich mit Vernunft begabte Geſchöpfe geben könne, welche ſich freiwillig in eine ſo un— wuͤrdige Knechtſchaft begeben koͤnnten?“ „Gewiß,“ entgegnete Haſſan Abdyl bedeutſam laͤ— chelnd,„und ich kann Ihnen die tiefe Ueberzeugung, welche ich hege, nicht beſſer beweiſen, als indem ich Ihnen eine Wette anbiete, deren Seltſamkeit Sie nicht beleidigen kann, da Sie wiſſen, wie hoch ich Sie ehre und wie zaärtlich ich— Sie liebe. Wohlan denn, wollen Sie ſich gefangen geben und bekennen, daß ich Recht habe, wenn Sie ſelbſt, ſchoͤne Dame, durch die uͤberzeugende Gewalt meiner Gruͤnde uͤberwunden, der eingeſtandenen Zuneigung Ihres Herzens nachgeben, und ohne Ruͤckſicht auf die europaͤiſche Convenienz und ihre Geſetze, mit Verleugnung Ihrer bisherigen ſittlichen Grundſätze, ſich mir unbedingt in Liebe hingeben?“ „In der That,“ antwortete die Graͤfin hoch erroͤ— thend und ſehr uͤberraſcht,„Sie ſind kuͤhn, und wenn Sie nicht ein Barbar waͤren, ich koͤnnte Sie unver⸗ ſchaͤmt nennen. Aber ich nehme Ihre Wette, ſo unzart ſie iſt, an, denn ich kann durch Ihre ſichere Beſchaͤ⸗ mung Nichts verlieren.“ „Triumphiren Sie nicht zu fruͤh,“ ſagte der Tuͤrke ihre Hand kuͤſſend,„es giebt Geheimniſſe in dem Rap⸗ port, welcher zwiſchen der Vernunft und dem Herzen beſteht, die Ihnen noch fremd ſein duͤrften. Die Ge⸗ walt, durch die Vernunft auf das Herz zu wirken, — 366— zerſplittert zwar in der Regel an den Nichts begreifen⸗ den Starrkoͤpfen der Alltagsmenſchen, aber ſie iſt um ſo ſtarker gegenuͤber edler gearteten, ſo zu ſagen, vom Geiſte durchdrungenen Naturen wie die Ihrige.“ „Ich muß geſtehen, mein Freund,“ entgegnete die Dame laͤchelnd,„wenn Ihre tuͤrkiſche Art zu denken zuweilen das Zartgefuͤhl einer Dame von europäiſcher Bildung verletzen muß, Ihre Galanterie hingegen durch feine Artigkeit wieder ausgleicht, was jenes ruͤckſichts⸗ loſe Geradezudenken aus der Regel gebracht hat. Sa⸗ gen Sie mir, haben Sie Ihre Politeſſe im Orient oder Occident erworben?“ „Galanterie, Politeſſe?“ fuhr Abdyl fort,„ich kenne ſie nicht— ich habe ſie niemals gekannt. Das, was Sie in Europa ſo nennen, iſt nur ein elendes Surrogat jener aufrichtigen, ungeheuchelten Zartlichkeit, welche der Orientale einer Freundin gegenuͤber an den Tag legt. Sie wiſſen nicht, was Sie eingeſtehen durch die Annahme dieſer nichtsſagenden Redensarten! Verlaſſen und verwaiſt von wahrer Liebe, wie die Eu⸗ ropaerinnen es ſind, fuͤhlen ſie eine Art von Troſt in dieſen Taͤuſchungen, ſo wie die Maͤnner ihrerſeits aus Mitleid ihnen mit vollen Haͤnden dieſe leeren Schaalen einer Frucht zuwerfen, deren Kern ſie nicht bieten koͤnnen. Es ſind Almoſen, welche man Bett⸗ lerinnen zuwirft.“ „Wahr, ſehr wahr,“ entgegnete Nina, indem ſie lebhaft ſeine Hand ergriff,„ja dieſe Galanterien ſind Um ſchli man habe mit zärt Kin roh und daß Na per ent ſche Leit erſte leil hinſ Fin weie man Ung iſc mit hin ein ſagen y ge. tgegnete d * zu denkel euwpäiſch ngegen duch at St Orient Od Almoſen, die man uns giebt— ach nein, ſie ſind noch ſchlimmer, ſie ſind falſches Geld, durch deſſen Geſchenk man die Noth unſerer Herzen verhoͤhnt. Ach, Sie haben zuweilen ſo gluͤckliche Ideen, warum muͤſſen ſie mit ſo vielen rohen Begriffen verbunden ſein!“ „Darum, meine Theure—“ ſagte Abdyl ruhig, zärtlich und vaterlich zugleich,„darum, mein gutes Kind, weil Ihrem verzaͤrtelten Herzen Manches als roh erſcheinen muß, was Nichts iſt als geſunde Natur und Vernunft— weil Sie ſo verzogen worden ſind, daß man Ihre Seele ſo von aller Beruͤhrung dieſer — in der That rauhen, friſchen, aber kerngeſunden Naturidee fern gehalten hat, wie man Ihren Koͤr⸗ per der rauhen Witterung, der freien, friſchen Luft entzog. Das iſt die Folge Ihrer verkehrten europai⸗ ſchen, phyſiſchen und pſychiſchen Erziehung, welche Leib und Seele verzärteln, ſo daß ſie dann unter der erſten Beruͤhrung eines ungewohnten rauhen Luͤftchens leiden— ſiechen und— leider oft genug, elend hinſterben. Iſt das nicht genau Ihr Fall, ſchoͤne Frau? Man hat nur ſchoͤnen, zarten, lieblichen und weichlichen Ideen den Zutritt in Ihre Seele geſtattet, man hat Ihr Herz und Ihren Verſtand nur fuͤr das Angenehme, Schoͤne— hoͤchſtens fuͤr das zart Tra⸗ giſche empfaͤnglich gemacht; dann aber hat man Sie mit dieſer zarten Complexion in das rauhe, kalte Leben hinausgeſtoßen, wo Sie ein Nordwind empfing und ein Gewitterſturm auf Ihrer Lebensfahrt begleitete— Wien. 2. Bd. 22 . — 838— Sie litten, entſetzt ſchauderten Sie in ſich zuruͤck— ge⸗ ſtehen Sie, meine Freundin, Ihre Begriffe haben Sie elend gemacht!“ „Und wenn es ſo waͤre,“ antwortete Frau von Lahire,„was bewieſe mein einzelnes Ungluͤck gegen unſere ſittlichen Begriffe? Haben ſie nicht Jahrhun⸗ derte die europäiſche Menſchheit geleitet und auf jenen Hoͤhepunkt der Civiliſation geſtellt, welcher unſer Stolz iſt?“ „Meine theure Freundin,“ entgegnete Haſſan Ab⸗ dyl,„ich habe Ihnen eine Viſion erzählt, wie ſie dem Seelenleben eines Europaͤers entſpricht. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen eine im orientaliſchen Geſchmack entgegenſtelle, einen Traum, den ich hatte, ſei es wa⸗ chend oder träumend. „Ich war im Himmel! »Welch' ein Wimmern dringt von der Erde zu mir?« fragte der Herr der Welten. „Es ſind die Menſchen, Herr!“ antworteten die Engel. „Warum klagen ſie?« „Sie ſind ungluͤcklich.⸗ „Unglücklich? Habe ich nicht die Liebe in ihre Herzen gepflanzt, auf daß ſie glücklich ſeien? „Sie lieben ſich nicht mehr, ſie haſſen und ver⸗ folgen ſich.⸗ auf herla dett abge Ge Er bra ſch ein ſchl als der — — Frau von gück gege Jahchun deauf jenen unſer Sil Haſſon 1 vie ſi den lauben Ei Geſchn ſei es w r Erde zu orlelen di be in ih „ m — »Alſo hat der Engel, den ich zum Schutz der Liebe auf die Erde geſandt, meinem Gebote getrotzt und ſie verlaſſen. Wo iſt er?« »Herr, er weilt unter den Sterblichen— er mei⸗ det die Raͤume des Himmels, denn Herr, wiſſe, er iſt abgefallen von Dir.« »Und wem dient der Verruchte?⸗ »Herr, er dient Satanas, dem Fuͤrſten der Hölle.« »Und wie dient er dem Verfluchten? In welcher Geſtalt, unter welchem Namen wandelt er auf der Erde?« »Herr, als Du ihn zur Erde ſandteſt, nannteſt Du ihn Aſael, den Geiſt der Liebe. Er aber miß⸗ brauchte ſeine Macht. Es gefiel ihm nicht den Men⸗ ſchen zu dienen, er wollte herrſchen uͤber ſie, er wollte ein Reich ſtiften zwiſchen Dir und der Hoͤlle, und ſchloß einen Bund mit dem Fuͤrſten der Finſterniß. »Grimmig ſchuͤttelte Aſael das dunkle Haupt, als er gewahrte, wie gering ſeine Macht ſei gegen die Macht des ewig Boͤſen. Da kam Satanas, der Fuͤrſt der Finſterniß, zu ihm und ſprach:»»Du dauerſt mich, Aſael. Ich bin mächtiger als Du, denn ich bin Herr in meinem Reiche, Du nur ein Diener. Aber Du könnteſt Herr ſein dieſer Erde, wie ich der Hölle, und herrſchen uͤber Laͤnder und Meere und alle Sterb⸗ lichen, anſtatt daß Du jetzt ihnen dienen mußt und ihre Wohlfahrt pflegen, und ihnen Leib und Seele be⸗ 22* — 340— wachen. Es iſt unwuͤrdig eines ſtarken, unſterblichen Geiſtes. Biſt Du doch nur wie eine Magd in dem Haushalte der Menſchheit!«« »Und Satanas fuͤhrte Aſael auf ein freies Feld, wo Pferde weideten, und zeigte ihm einen Edelhengſt vom ſchoͤnſten Schlage. Er ſchlich matt und faul da⸗ hin und graſte verdroſſen, und er ſah aus als ob er ſiech waͤre. Da trieb Satanas aus der Ferne eine Edelſtute herbei. Der Hengſt aber blies ploͤtzlich durch ſeine Nuͤſtern und richtete ſich empor, ſtolz und herrlich anzuſchauen, den Hals gereckt, die Muskeln ſtraff und mit geſpitztem Ohr hinſchauend, woher die Stute kam. Und ſein buſchiger Schweif peitſchte die Luͤfte und war hoch erhoben und ſeine Adern ſchwollen an und jeder Nerv zuckte von innerem Feuer und edler Ge⸗ ſchlechtskraft. Und er ſauſte dahin, daß die Erde zit⸗ terte und Alles rings umher entfloh, um ſeinem Triebe zu folgen. „„Sieh',« ſagte er zu dem gefallenen Engel, wie ſchoͤn und herrlich und furchtbar und maͤchtig iſt dieſes Thier in ſeiner Manneskraft! Um wie viel herrlicher, maͤchtiger und furchtbarer waͤre der Menſch durch ſie in ſeiner edleren Natur! Man muß ihm dieſe Kraft verkuͤmmern, um ihn zu beherrſchen. Man muß ihm die natuͤrliche Befriedigung entziehen, um den Trieb zu vernichten oder irre zu leiten.““ „»Das, was man thut, um ein Roß unter das Joch freies jil Cwelhtn nd faul da s als ob Ferne in und herrl ſtraff un SlU — 341— zu bringen, muß dem Menſchen geſchehen. Haſt Du ſchon einen Stier und einen Hengſt an einen Pflug geſpannt geſehen? Und eine Kraft, welche das Thier — als unvernuͤnftig— unbaͤndig macht, wie ſollte ſie den Menſchen nicht unuͤberwindlich machen— zum wahren Herrn der Erdenſchoͤpfung? Selbſt Dämonen vermoͤchten Nichts uͤber ihn.— Aber nimm ihm dieſe Kraft und er iſt matter als ein verſchnittener Ochſe; mach' ihm dieſe Kraft zur Qual und Plage, und er wird ſich aufreiben. Aber da Du es mit den Men⸗ ſchen nicht machen kannſt, wie mit dem Pferde und Ochſen, ſo mußt Du ein anderes Mittel gegen ihn anwenden. Es giebt ein ſolches Mittel— ſicherer als das Meſſer— erprobt an Menſchen und Thieren: die Furcht. Wecke die Furcht im Menſchen und er iſt entmannt. Furcht und Mannheit ſind nie beiſammen. Wo Furcht iſt— flieht die Mannheit, und wo die Mannheit fehlt, da iſt immer die Furcht.«« Aſael ging hin und folgte dem Rathe des Satans. Und er verbreitete Wehklagen und Elend auf ſeinen Schritten und ſuchte Bundesgenoſſen. Er ver⸗ uneinigte die Menſchen unter ſich. Er machte ſie ge⸗ gen einander mißtrauiſch, habgierig, herrſchſuͤchtig. Er machte aus ihnen Knechte und Despoten. Und er vereinigte ſich mit den Unterdruͤckern und lockte ſie durch Ausſichten auf Ruhm, Macht und Anſehen. Er ſagte zu ihnen:»»Ihr koͤnnt nur zweierlei ſein, Herren oder Knechte. Was wollt Ihr ſein?«« — 342— »»Herren!«« ſagten ſie. „»Gut, wenn Ihr Herren ſein wollt, ſo muͤßt Ihr das Reich der Liebe einſchraͤnken. Denn wo die Liebe herrſcht, da koͤnnt Ihr nur dienen— Gott und den Menſchen. Ihr muͤßt der Liebe Geſetze auf⸗ erlegen— das iſt, ihr Hinderniſſe in den Weg legen. Ihr muͤßt aus der Liebe gegen Euer Geſetz ein Verbrechen machen.«« »Und wer ſind die Ungluͤcklichen, welche da herr⸗ ſchen wollen in meinem Reiche?“ fragte wieder Gott. »„Herr, ſie nennen ſich Prieſter, und ſagen auf Geheiß Aſaels, ſie ſeien Abgeſandte von Dir. „Und Aſael ſagte ihnen:»»Sehet, der Menſchen iſt eine große Zahl. Ihr muͤßt ſuchen ihre Mehr⸗ zahl elend, hilflos, uneinig unter ſich und lieblos zu machen. Ihr muͤßt ihnen ſagen, der Herr will, daß die Menſchen nicht dem Fleiſche leben. Daß ſie nicht fuͤr dieſe Welt leben ſollen, ſondern fuͤr eine andere, welche ſie nicht kennen. Denn die Triebe der Sinne, welche Gott in die Menſchen gelegt, um ſie aneinander zu ketten, um ſie gluͤcklich zu machen, in⸗ dem ſie ſich gegenſeitig begluͤcken, entziehen ſie Eurer Herrſchaft. Sie machen, daß ſie ſich lieben, unter⸗ ſtuͤtzen, beiſtehen und Eurer nicht beduͤrfen. Sie machen ſie unabhängig, frei, ſtark, ſie machen, daß ſie ſich vermehren. Und weil dieſe Triebe frei ſind, ſo ma⸗ chen ſie, daß ſich die Menſchen gegenſeitig zu gefallen, anz geli treu her nich bre — 343— anzuziehen ſuchen. Sie machen, daß man liebt, um geliebt zu werden, ſie machen die Liebenden einander treu und ſorgſam. Das darf nicht ſein, wenn Ihr herrſchen wollt. Ihr muͤßt ihnen ſagen, Gott will — nicht, daß Ihr Euch liebt, ohne daß wir es Euch er⸗ ſete al lauben. Ihr muͤßt ihnen ſagen, daß es ein Ver⸗ *. brechen iſt, ohne Eure Heiligung zu lieben; daß es kurt iſ Tugend iſt, das Fleiſch abzutoͤdten; daß die hei⸗ ligen Triebe der Natur die Erbſuͤnde des Geſchlech⸗ he da hen tes ſeien; daß die Menſchenliebe die verbotene Frucht ieder Gol im Paradieſe ſei. Ihr muͤßt ihnen ſagen: Ihr ſollt nur ein Weib haben und Euch niemals trennen von ihr. Denn durch dieſen Zwang werdet Ihr die Liebe toͤdten. Wer ſich voreilig gebunden, wird ſchmachten nach Freiheit. Er wird ungluͤcklich ſein; er wird ſein wie in einem ewigen Kerker und ſein Daſein verwuͤn⸗ ſchen. Und das Weib, durch das Geſetz geſchuͤtzt, wird hochfahrend, zaͤnkiſch, eiferſuͤchtig werden. Es wird Loß den Mann belauern wie ein Häſcher, ſeine Blicke ſelbſt nfün* und ſeine Seufzer im Traume. Es wird ſelbſt ſeine Piebe Gedanken beherrſchen wollen. Der Mann wird ein gt, un Sclave ſein, und es wird ſeine Seele martern, bis nochen, er todt iſt. Um aber den Unfrieden, den Haß deſto nſie Eu ſicherer zu erzeugen, ſollt Ihr den Weibern dennoch ſagen: eben, 1n Ihr ſollt dem Manne unterthan ſein! Denn ſo nur Sie nuh⸗ könnt Ihr machen, daß ſie ſich haſſen lernen. Denn das Weib wird denken— nur weil Du mein Sclave biſt, gehorche ich Dir! Du biſt mein Eigenthum und d ſagen al dat will, d — Sr F — 344— ich gehorche nur mir ſelbſt, wenn ich Dir gehorche. Uebertrittſt Du aber das Geſetz, ſo bin ich frei— Du aber bleibſt mein Zuͤchtling. Und ich werde Dich dann martern— ich werde Dich langſam toͤdten. Der Mann aber wird denken: Sie iſt mein Eigenthum, ſie muß mir gehorchen. Ob ſie mich liebt oder nicht— ſie muß gehorchen— ich bin ihr Herr! Und ſo wird ihr ganzes Leben ein blutiger Kampf ſein um die Herrſchaft. Die Welt aber wird ſie be⸗ wachen wie Gefangene. Sie wird ihren privile⸗ girten Zuſtand ihnen mißgoͤnnen. Und die Jungfrauen werden das Weib haſſen, welches einen Mann beſitzt, und ſie werden es ſuchen zu aͤrgern, zu verleumden. Und die Maͤnner werden den Eheherrn verachten, weil er ein Sclave iſt— eines ſchwachen Weibes Sclave, und ſie werden doch auch ihm ſein Weib mißgoͤnnen und es zu verfuͤhren trachten.«“ »Und die Prieſter gingen hin und thaten wie ihnen befohlen worden. Sieh, Herr, darum wimmern die Menſchen in ihrem Elend. Denn ſie ſind elend,— Die, welchen die Prieſter geſtatten ſich zu lieben, und Jene, welchen ſie es verwehren. Und die Einen verfolgen die Andern. Die Einen haſſen, weil ſie nicht lieben duͤrfen— weil ſie immer gepeinigt werden von ihrer Sehnſucht und Mannheit; die Andern, weil ſie Scla⸗ ven ſind.“ „So ſprach noch lange der Engel und ſchilderte das( Syr chen aller ihrei geſt vor Br ruh mei Au der es meh viſ ant Be leg r gehorche ch frei ich wud h langſum Sie iſt min e mich lebt ihr Hert ger Kany wird ſi be en pnilt Jungfrauen unn beſtt, verleunden hten, wil es Sclave⸗ niginnen wie ihnen nmem dl Die, und Jene⸗ nen folgen ver nicht ieb en ihu 1v ſie Sc ſchildel dſch — 345— das Elend der Menſchheit. Aber ich erwachte vor dem Spruche der erzuͤrnten Gottheit.“ Nach dieſer Erzählung verſtummte Haſſan Abdyl — Madame Lahire aber war in Thränen ausgebro⸗ chen. Sie erinnerte ſich aller ihrer ehelichen Leiden, aller der Seelenpein, welche ſie erduldet. Das Bild ihres Gatten, der ſie ſo geliebt und den ſie von ſich geſtoßen, weil ſeine Sinne ſich von ihr gewendet, ſtand vor ihrer Seele. Schluchzend warf ſie ſich an die Bruſt des Tuͤrken. Ewige Wahrheit ſchien aus ſeinem ruhigen Auge zu leuchten, von ſeinen Lippen zu ſtro⸗ men. Dieſer Mann, der ihr ganzes Geſchick in ihren Augen geleſen, er ſchien ihr ein hoͤheres Weſen. Siebentes Kapitel. „Meine Damen,“ ſagte Haſſan Abdyl des an⸗ dern Abends im Cirkel der Sieben,„Sie behaupteten, es wäre Ihnen unmoͤglich, einen Tuͤrken zu lieben, der mehrere Weiber haͤtte. Sie verlangten von mir zu wiſſen, wo mein Harem ſei— wohlan, ich will Ihnen antworten— hier iſt er! und Sie ſelbſt ſind die Beweiſe, daß Sie Unrecht hatten.“ Alle ſahen ſich erſtaunt, ſchuldbewußt und ver⸗ legen an. Alle ſchlugen darauf die Augen nieder. — So viele ehrſame Grundſaͤtze uͤberwunden, ſo viele Tugend beſiegt, es war erſtaunlich! Haſſan Abdyl ſchwelgte im Gefuͤhle ſeines Triumphes. „Meine Damen,“ ſagte er, nachdem er ſich eine Weile an der Verwirrung ſeines ganzen Harems ge⸗ weidet,„da nun kein Geheimniß mehr unter uns wal⸗ tet, ſo will ich nun, als wahrer Muſelmann, durch ein Gleichniß Ihnen die Nutzanwendung meiner Ge⸗ ſchichte vorlegen. „Die Engel des Himmels— ich uͤberlaſſe es Ihnen, ſich den orientaliſchen oder occidentaliſchen Himmel darunter zu denken— ſpielten einſt in den ewigen Räumen des Weltalls. Ich bemerke, daß dieſe Engel Ihnen, meine Damen, an Charakter und Schoͤnheit ſehr aͤhnlich waren. Sie waren auf einan⸗ der eiferſuͤchtig und doch liebten ſie einander. Einer von ihnen hatte den ſchalkhaften Einfall, demjenigen ſeiner Geſpielen, den er am meiſten liebte und daher am liebſten neckte, einen Sonnenſtrahl zu ſchenken. Er ſuchte ihm den roſigſten und den waͤrmſten aus, und ſagte:»Sieh', liebes Bruͤderchen, dieſen Son⸗ nenſtrahl, den ſchoͤnſten von allen, ſollſt Du allein fur Dich behalten. Halte ihn feſt und erluſtige Dich an ihm.“ Mit dieſen Worten flog der Schelm davon und uͤberließ den kleinen Thoren ſeiner glückſeligen Taͤuſchung. „Der beſchenkte Engel aber freute ſich mit Ent⸗ ſicke uf Er die der ſuch ſich Tie den ſiit den, ſo viele aſſn Abdyl et ſich in Harems ge er uns wal nann, dut meinet Gl überlaſe t identaliſch einſt in de merke, di harakter und n auf inn nde. Gi demjnen und daher u ſchenken mſten al dieſen S it nuſige helm do gicfll ich m — 347— zucken des goldenen Sonnenſtrahls. Er druͤckte ihn auf ſein Herz, er ließ von ihm ſeine Augen liebkoſen. Er war gluͤcklich. Da trat ein kleines Woͤlkchen vor die Sonne. Der Strahl verſchwand. Da erſchrak der Engel und flog aus, den verlorenen Strahl zu ſuchen. Aber dieſer fiel bald hier, bald dorthin, barg ſich bald in den Wolken, verſteckte ſich bald in die Tiefen, ſtuͤrzte ſich in die Gewaͤſſer und ſpielte auf den Gipfeln der Berge. „Der Engel flog ihm raſtlos nach— er rief ihn, er weinte, er zuͤrnte. Endlich ermuͤdete er und fing bitterlich zu weinen an. Und er klagte Himmel und Erde an, daß ſie ihm ſein Eigenthum geraubt. Und er war ſehr ungluͤcklich. Da trat mitleidig der Engel zu ihm, der ihn ſo bitter getaͤuſcht, und kuͤßte ihm die Thraͤnen von den Augen und ſagte: »Kind— wie biſt Du thoͤricht! Wie kann ich Dir ſchenken, was nicht in meiner Macht ſteht? Weißt Du nicht, daß dieſer Strahl dem Himmel angehoͤrt? Daß uns dieſer milde Gott damit nach Willkur erfreut und ihn uns wieder entzieht, um Andere damit zu begluͤcken?« „Da troͤſtete ſich der Getaͤuſchte und trocknete ſeine Thränen und lachte ſeiner Thorheit. „Und er war wieder gluͤcklich! „So, meine Kinder,“ ſchloß Haſſan Abdyl,„ſo iſt es mit der Liebe. Wenn man ſie Euch ſchenkt, — 348— ausſchließlich und auf ewige Zeiten, werdet Ihr durch die Taͤuſchung elend. Wenn Ihr aber wißt, daß ſie ein milder Strahl des Himmels iſt, den der Menſch nicht in ſeiner Gewalt hat, bleibt es Frieden in Eurer Seele und die Wonnen des Lebens entfliehen nicht aus Eurer Bruſt.“ — Iht durch wißt, daß der Maſch en in Eurt liehen nih IV. Philemon und Vaueis oder die philoſophiſche Ehe. Erſtes Kapitel. Die Erde lag im Wolkendunkel, In Mitte einer Fruͤhlingsnacht, Da kam im Kleid voll Sterngefunkel Der Engel, der die Welt bewacht, Hernieder auf die bange Erde Und ging hinab von Haus zu Haus, Zu hoͤren aller Noth Beſchwerde, Zu forſchen alle Träume aus, Zu pruͤfen in der Buſen Tiefen Der bangen Seufzer ſtillen Schmerz, Im Buſen Aller, die da ſchliefen, Zu prüfen ſtreng das Menſchenherz. Und aller Schläfer ſtille Klagen und aller Ach's geheimer Sinn Und ihrer Pulſe wildes Schlagen, Sie nannten als Verrätherin Die Liebe All', die Gott entwanbte, Die in den Adern ihnen brannte, Die trugvoll, täuſchend, vielgeſtaltig, Nur Frevel uͤbe und gewaltig Des Menſchenlebens Heil zerſtöre,* Die jeden Trauenden bethöre, — 352— Die nimmermehr das Herz begluͤcke, Die mehr verwunde als entzucke, Verraͤtheriſch mit Gleißnertücke Die treue unſchuld arg berücke— Und als das allergroßte Wehe Verklagten ſie— die heil'ge Ehe! Dr. Philemon war noch eine jener guten alten Wiener Naturen, immer kreuzfidel und von Witz und Spaß ſprudelnd, immer offenherzig und aufrichtig bis zur liebenswuͤrdigen Grobheit, immer geneigt, ſich ein wenig uͤber andere Leute luſtig zu machen, dabei aber gutmuͤthig bis zur Weichheit, empfindſam fuͤr fremde Leiden, und was noch mehr ſagen will, neidlos theil⸗ nehmend an fremdem Gluͤck und fremder Freude, da⸗ bei ein geſchworener Feind aller Dummkoͤpfe und Schur⸗ ken— kurz, ein echter Wiener aus der guten alten Zeit. Dieſer gluͤckliche Charakter ward freilich nicht wenig beguͤnſtigt durch korperliche Eigenſchaften, welche in Wien jetzt ebenſo ſelten ſind als jene Charakter⸗ zuge: eine unverwuͤſtliche Geſundheit, ein friſches leb⸗ haftes Auge, ein weiß und rothes, volles Geſicht und — echtes Vollblut— Wiener Race, aſiatiſch⸗roͤmiſchen Urſprungs— braune, weiche Haare, dunkle Augen, ſchlanker, ebenmäßiger Wuchs— ein gewiſſermaßen eleganter Koͤrperbau, ovale Geſichtsform und perlen⸗ gleiche kleine Zaͤhne. Dr. Philemon war ubrigens ein ſehr geſchickter Arzt, ein ſcharfſinniger Naturphiloſoph, und da ſein ——— „— guten alie nVit un uftichtig b dabei ch fir ftm ridlos tho Frude,* und Schl tguten alte freilich nit „% ſten, welö Geſicht un cerniſti — 353— Geiſt immer beſchäftigt war, ſo litt Philemon ſehr auf⸗ fallend an Zerſtreuung. Dieſe, verbunden mit ſei⸗ nem Humor, ſeinen eigenthuͤmlichen und ungenirten Manieren, machte ihn bei einer durchweg angenehmen äußeren Erſcheinung zu einem komiſchen Original, doch nicht auf Koſten der Achtung, welche ſein Charakter Allen einfloßte, denen er bekannt war. Seine Schil⸗ derung zu vollenden, ſagen wir noch, daß er zweiund⸗ dreißig Jahre zaͤhlte, ganz Europa und den Orient bereiſt hatte, und was ſeinen Geiſt und Charakter be⸗ trifft, ſeinem Alter weit voraus geeilt war, waͤhrend ſein Koͤrper ſo friſch und lebendig, wie der eines Juͤng⸗ lings von ſechzehn Jahren war. Das geiſtige Ebenbild des Dr. Philemon, bis auf die kleinſten Details, war eine gewiſſe Madame Baucis, eine junge Wittwe von zweiundzwanzig Jahren, welche ein fuͤnfundfunfzigjaͤhriger Ehemann durch ſeinen vor⸗ zeitigen Tod nicht allzuſehr betruͤbt hatte, denn er war verliebt, geizig, wolluͤſtig, ein Trunkenbold und ein Feind ſeines Nächſten geweſen, der als ſchlechter Ad⸗ vocat die Armen pluͤnderte und die Reichen beſtahl. Madame Baucis hatte das lachendſte, klarſte Antlitz unter allen Wienerinnen, ihre Haut war durch⸗ ſichtig und rein, ihre Wangen waren friſch, roth, ihr Auge feurig, unſtaͤt, wie ihr ganzes Weſen von jener vollbluͤtigen, queckſilbernen Unruhe, welche nicht eine Secunde unbeweglich bleibt,— ſie hatte ſo viele Waͤrme in ihrem vollen, uͤppigen und elaſtiſchen Koͤrper, daß Wien. 2. Bd. 23 — 354— ſie mitten im Winter offene Fenſter liebte, und wenn ſie fuͤnf Minuten in einem geheizten Zimmer war, zu erſticken glaubte. Sie ſang den ganzen Tag wie eine Lerche, hatte immer alle Haͤnde voll zu thun, ſelbſt wenn es fuͤr ſie Nichts zu thun gab, lachte oft, ohne zu wiſſen weshalb, und war immer guter Dinge. Sie liebte einen freien Scherz, ſie neckte gern die Maͤnner und ließ ſich necken, aber niemals war ſie es, welche den Kuͤrzeren zog, und immer hatte ſie die Lacher auf ihrer Seite— denn da ſie nicht im Geringſten ſchwaͤr⸗ meriſch oder nervoͤs war, ſo wußte ſie ſich recht gut und rechtzeitig zu beherrſchen und ward niemals die Duͤpe eines verliebten Einfaltspinſels oder eines Alci⸗ biades, der mittelſt eines ſchwarzen Bartes und großer Geckenhaftigkeit die weiblichen Tugenden der Wiene⸗ rinnen auf allen ſeinen Schritten niederwirft. Obgleich ſie naͤmlich ſehr ſanguiniſch war, ſo war ihr Verſtand und die Kraft ihrer Froͤhlichkeit ſo gewaltig, daß ihr die Luͤgen der Leidenſchaft Nichts anhaben konnten und nur dazu dienten, ſie auf's Aeußerſte zu ergotzen. Da⸗ her war ihr Niemand gefährlich, als— Dr. Philemon, der ihr Ebenbild war. Und das tuͤckſche Schickſal wollte, daß ihr der Zufall gerade dieſen Mann in dem verfaͤnglichſten aller vertraulichen Verhaͤltniſſe, d. h. in dem eines jungen Hausarztes zu einer jungen ſchoͤnen Dame, zufuͤhren ſollte. Madame Baucis litt nämlich vermoͤge ihrer Vollbluͤtigkeit ſehr an heftigen Wallungen und beaͤngſtigendem Herzklopfen, welches und wenn twar, zu g wie eine hun, ſhſt oft, ohne Dinge Sie ie Minner es, welche Lachet auf en ſchwär⸗ recht gut nitmals di und gwßel der Vien⸗ Ogl hr Perfund 1„ doß ih „ und Philemon Stitſ ann in dn nſe d r junh li zun Baucis an heft heb ch en, v — 0355— weniger gefaͤhrlich als erſchreckend war. Da nun ſolche Zufaͤlle ſich ſehr plötzlich einzuſtellen pflegen, und da Dr. Philemon gerade in der Nähe wohnte, ſehr wenig Praris hatte und ſich durchaus keine Muͤhe gab, große Beſchaͤftigung zu affectiren, ſondern ſtundenlang, ge⸗ genuͤber der Wohnung der Patientin, am Fenſter ſeine Pfeife ſchmauchte, ohne ſich um ſein vis à vis zu kuͤm⸗ mern, und da dieſe Gleichgiltigkeit nichts weniger als artig war und die Neugierde der Madame Baucis reizte, wer denn dieſer Hyperboraͤer ſei, der gar keinen Blick hatte fuͤr eine zweiundzwanzigjährige Wittwe, welche von aller Welt vergoͤttert wurde,— ſo war es durch die Zuſammenwirkung aller dieſer Zufaͤlligkeiten ſehr natuͤrlich, daß Madame Baucis bei dem naͤchſten Herzklopfen, welches ſie einſt gerade befiel, als Dr. Philemon wieder einmal ſehr unverſchaͤmter Weiſe am Fenſter Tabak rauchte und Sperlinge futterte, ohne die junge Wittwe auch nur eines Blickes zu wuͤrdigen, — ſich entſchloß, dieſen unempfindlichen Baͤrenhaͤuter, der nothwendig ein guter Arzt ſein mußte— zu ſich rufen zu laſſen. Dr. Philemon erſchien auch pflichtſchuldigſt binnen wenigen Minuten— denn ein Krankheitsfall war ihm nicht, wie ſeinen meiſten Collegen, eine gewohnte Ge⸗ ſchaͤftsſache, ſondern eine wichtige Begebenheit, ein Ungluͤck, bei welchem ihm das Herz klopfte, ohne daß er jedoch Faſſung und Geiſtesgegenwart verloren hätte. Und ſo war denn die erſte Empfindung, welche 2 — 356— Dr. Philemon in Bezug auf Madame Baucis hatte, als er ſie auf ihrem Sopha todtenbleich liegen und ihr Buſentuch unter den krampfhaften Schlägen des Her⸗ zens zittern ſah, das Mitleid. Er fuͤhlte ihr an den Puls, fragte ſie um ihre Lebensweiſe, ihre Nah⸗ rung, ihr Alter ꝛc. und beruhigte ſich allmälig uͤber die nur ſcheinbare Bedenklichkeit des Zufalles. Er begann ſeine ärztliche Behandlung damit, daß er ihr gar Nichts verordnete, als ein Glas friſches Waſſer, friſche Luft an dem Fenſter und Ruhe. Er berechnete, daß der nur momentan geſtoͤrte Blutumlauf ſo am geſchwindeſten wieder hergeſtellt werden muͤſſe, und er irrte ſich nicht— die Dame erholte ſich und die aͤrzt⸗ liche Conſultation verwandelte ſich in ein theilnehmen⸗ des Geſpraͤch. „Sie unterliegen alſo oͤfters ſolchen Anfaͤllen?“ ſagte der Doctor, ſich auf dem Stuhle ſchaukelnd. „Sehr oft!“ „Und Sie leiden an keiner chroniſchen Krankheit — haben ſonſt keine Beſchwerden?“ „Nein— niemals!“ „Und was trinken Sie zu Tiſche?“ „Waſſer.“ „Lieben Sie den Kaffee?“ „Nein— ich fruͤhſtuͤcke Milch.“ „Und Sie waren verheirathet?“ „Ja.“ „Wie lange?“ n und n des He hlte ihr an ihre Noh⸗ mälig übet files. E hes Voſſe berechnel, auf ſo on ſſe, und d die al Anfülen aukelnd· — 357— „Ein Jahr.“ „Und ſeit wann iſt Ihr Gemahl todt?“ „Seit ſechs Monaten.“ Nach dieſen Fragen erhob ſich der Doctor von ſeinem Stuhl— fiirte die Dame von oben bis unten lächelnd und mit Wohlgefallen, nahm dann ſeinen Hut und Stock, ergriff ihre Hand und ſagte: „Es hat Nichts zu bedeuten. Wenn Sie aber kuͤnftig ſolchen Zufäͤllen vorbeugen wollen, ſo muß ich Ihnen ſagen, daß es nur ein Mittel giebt, Ihnen zu helfen, welches nicht in der Apotheke zu haben iſt.“ „Sprechen Sie— welches Mittel— ich bin ſo aͤngſtlich— ich will ja Alles thun.“ „Wollen Sie es wiſſen?“ „Welche Frage!“ „Es iſt aber ein ſehr fatales Mittel.“ „Mag ſein— wenn es nur hilft.“ „Ja, helfen wird es gewiß,“ ſagte der Doctor, indem er ſich der Thuͤre naͤherte,„wohlan, Madame, ich will es Ihnen ſagen: Sie muͤſſen wieder heirathen!“ Mit dieſen Worten war er zur Thuͤre hinaus.— Madame Baucis war vollkommen geneſen, denn ſie lachte aus vollem Halſe eine volle Stunde uͤber den närriſchen Doctor und ſein naͤrriſches Recept. Und es vergingen nicht acht Tage, ſo hatte ſie richtig wie⸗ der ihr Herzklopfen und ließ wieder den Doctor Phi⸗ lemon holen, obgleich der Mann geſtanden hatte, daß — 358— er kein NMittel kenne, als eines, von dem ſie keinen Gebrauch machen wollte. Zweites Kapitel. Solch' Lieben iſt, berauſchend den Verſtand, In kargen Tropfen giftig Dich belebend, Doch trinkſt Du mehr— HDich werfend in den Sand Wie einen Trunkenbold, der widerſtrebend Das Gleichgewicht verliert— ein todtlich Gift, Von Eiferſucht und gelbem Neid gemiſcht, Ein Pfeil, der todtlich Deine Mannskraft trifft, Ein Dieb, der immer nur im Trüben ſiſcht, Ein launiſch wilder, ungezaͤumter Gaul, In Jugend raſch, im Alter träg und faul, Ein Fluß, der in das Meer der Zeit verrinnt, Ein Feld voll Blumen, die der Hunger frißt, Ein Spiel, wobei kein einzig Loos gewinnt, Ein wilder Wahn, den bald die Seel' vergißt. Die Lieb' iſt ſchlimm, doch ſchlimmer Eheſchwur, Das Licht iſt ſchnell, doch ſchneller Eheſchwur, Der Wind iſt flüchtig, doch nicht wie Eheſchwur, Ein Hauch iſt Nichts, doch mehr als Eheſchwur, So windig giebt es Nichts, als Eheliebe, Sie ſchwoͤret auf den Koran nur— der Diebe— So log kein Grieche wie des Eh'ſchwurs Zunge, So ſtark in Lug' iſt keiner Zeitung Lunges Fuͤr Eheſchwur giebt's kein zu klein Gewicht, Ja ſelbſt der Muͤcke Flügel nicht; So falſch iſt keiner Phryne Wangenroth, Wie dieſes Glühn, das feige Schwuͤre ſpricht, So leicht iſt dieſe Bruͤcke, daß ſie bricht, Ein Tropfen Thau— ein Kruͤmchen Bettelbrot! Dot kun gun Do wer ſie al Sand en Sand — 3596— Es waͤhrte nicht lange, ſo entwickelte ſich zwiſchen Doctor und Patientin, kraft der ſympathetiſchen Wir⸗ kung ſo verwandter Charaktere, Temperamente, Nei⸗ gungen und Lebensanſichten, eine große Vertraulichkeit. Doctor Philemon, nicht gewohnt mit ſeinen Patienten, wer ſie auch waren, viele Umſtaͤnde zu machen, nannte ſie bald nicht mehr anders, als„meine Tochter, mein Kind, mein Herz, mein Schatz“, und zankte mit ihr, als ob er nur dafuͤr bezahlt wuͤrde. „Schon wieder Herzklopfen?“ pflegte er zu ſagen, wenn der Zufall voruͤber war,—„kein Wunder— es klopfen ſo viel junge Herren an die Thuͤre, daß das Herz dann klopfen muß. Sagt's Ihnen ſchon, taugt Nichts das verliebte Schmachten— na,'s iſt ſchon gut, zieren Sie ſich nicht— das verliebte Schmach⸗ ten, ſage ich. Die Natur will einen ordentlichen Le⸗ benswandel— kann Ihnen nicht helfen, ſchoͤne Frau, Sie muͤſſen heirathen.“ „Nein und nein und nein, ſage ich Ihnen!“ ſchrie Madame Baucis erboſt,„lieber ſterben als hei⸗ rathen. Wenn Sie kein anderes Mittel wiſſen, Doc⸗ tor— nun ſo thue ich Ihnen den Poſſen und ſterbe am Herzklopfen, obwohl, wie Sie ſagen, noch Nie⸗ mand daran geſtorhen iſt. Das wird Ihrer Kunſt wenig Ehre machen.“ „Und warum wollen Sie denn nicht heirathen, Sie Satanskind?“ „Weil die Maͤnner alle Nichts taugen, weil ſie — 350— alle liederlich ſind, weil ich noch keine gluͤckliche Ehe geſehen habe, weil alle meine Freundinnen elend ſind als Weiber, weil ich ſelbſt ſchon einen Mann gehabt, und vor allen Dingen, weil die Maͤnner alle ſo feig und niedertraͤchtig ſind, uns am Altare feierlich Treue zu ſchwoͤren und doch dieſen Schwur weder halten koͤnnen, noch wollen.“ Erſtaunt faltete der Doctor ſeine Haͤnde.„Herr Jemine, ſchoͤnes Frauchen,“ ſagte er faſt froͤhlich, „Sie ſprechen ja da wie ein Buch, ganz meine An⸗ ſichten, nur weiblich ausgeſprochen, alſo biſt Du, kleines Donauweibchen, ſo geſcheidt als ſchoͤn und gut. Das freut mich, in der That, das freut mich— wir ſympathiſiren, wie ich ſehe. Auch ich habe mir vor⸗ genommen, niemals zu heirathen.“ „Und warum denn Sie, Doctor?— Sie koͤnnen ja nur in die Lage des Betruͤgers kommen, nicht in die des Betrogenen.“ „Ich will aber nicht betruͤgen, mein Kind, und ich will niemals der Sclave eines Weibes werden, und das iſt ein Ehemann, wenn er es liebt und wenn er treu iſt, und kein Egoiſt, und kein Pantoffelheld, und kein Haustirann— kurz, ich will Nichts von alledem ſein, was ein Ehemann— entweder oder— ſein muß— ich will nicht meine Menſchenpflicht mei⸗ ner Eheſtandspflicht, ich will meine Natur nicht einem unnatuͤrlichen Zwange, meinen Geiſt und mein Gewiſſen nicht Ma! liche Ehe lerd ſind ann glhlbt, alle ſo fg lich Treu ider halten de.„Her meine An⸗ n und gut ich— wn be mir vol⸗ Sie foͤnnen men, nihi eden, und nd wem muffihe Nichts von * oder— oſiht mi nicht einen nGeniſin nicht der Ehemoral aufopfern— kurz, ich will ein Mann bleiben und deshalb kein Ehemann ſein.“ „Das iſt wenigſtens ehrenhaft— kurzum, Doc⸗ tor, daß Sie's nur wiſſen, Sie gefallen mir— Sie werden kein Weib ungluͤcklich machen und ſelbſt nicht ungluͤcklich werden.“ „Nein,“ fuhr der Doctor in Eifer gerathend fort, indem er in der Zerſtreuung die Hand der Dame ſehr unſanft ergriff und ſie an allen ſeinen heftigen Geſti⸗ culationen, womit er ſeine Reden zu begleiten pflegte, theilnehmen ließ,„nein, ich werde kein Weib ungluͤck⸗ lich machen und ein Mann bleiben, der ſeinen hoͤheren Beruf nicht vergißt, nicht handeln wie unſere Aerzte, Prie⸗ ſter(der gute Doctor vergaß ganz, daß er in einem katholiſchen Lande ſprach), unſere Richter, Advocaten und noch viel hoͤhere Perſonen, welche der Meinung leben, alle ihre Menſchenpflicht gehe darin auf, ihren Wei⸗ bern zu gefallen, fuͤr ihre Beduͤrfniſſe zu ſorgen, gute Ehewirthe zu ſein und ihrem Familienegoismus alle ihre oͤffentlichen Berufspflichten ſchmaͤhlich hinopfern, ich will Nichts wiſſen von dieſer verderblichen Moral, welche die Ehe erdacht und welche jeden Ehemann in die Alternative ſtellt, entweder ein ſchlechter Ehemann, oder ein ſchlechter Staatsbuͤrger und Menſch zu ſein, ich will einem hoͤheren Berufe leben, als wie ein Tiſchler, der keinen hoͤheren Beruf kennt, als des Tags ſeine Bretter zu hobeln und des Nachts——“ Wenig fehlte, ſo haͤtte der gute Doctor in der — 3626— Zerſtreuung ſein nur für die Ohren ſeiner Kaffeehaus⸗ freunde berechnetes unſchickliches Gleichniß vollendet, aber zum Gluͤck unterbrach ihn Madame Baucis. „Au, au!“ ſchrie ſie,„Sie zerquetſchen mir ja die Hand, Doctor, laſſen Sie mich doch los!“ Dr. Philemon war aber nicht der Mann, ſich unterbrechen zu laſſen, und fuhr fort zu declamiren: „Habe ich nicht Recht? Ein guter Ehemann iſt in der Regel ein ſchlechter Staatsmann, ein ſchlechter Advocat, ein ſchlechter Soldat— Alles, was er ſein kann, iſt ein guter Handwerker, und ſelbſt als ſolcher bleibt er ein ſchlechter Buͤrger, der fuͤr Nichts Sinn hat, als fuͤr ſeine vier Pfähle,— ein guter Ehemann muß ſein Fleiſch abtoͤdten, um ſeinen lächerlichen Eid zu halten, wer aber ſein Fleiſch abtoͤdtet, toͤdtet auch ſeinen Geiſt, ich muß das wiſſen, denn ich bin Arzt; die ſtolze, kraͤftige, maͤnnliche Natur duldet keinen Zwang— er entwuͤrdigt, entkraͤftet ſie, dem Manne ziemt Freiheit, er ſoll lieben, aber er darf kein Sclave der Liebe ſein. Aber was ſind dieſe Ehemaͤnner in der Regel? Weder gute Ehemaͤnner, noch gute Buͤr⸗ ger; ihren Weibern zu Liebe betruͤgen und pluͤndern ſie den Staat und die Geſellſchaft; ihren Begierden zu Liebe betrugen ſie ihre Weiber und reißen ungluͤck⸗ liche Maͤdchen in's Verderben; ihre Natur, von Zwang umgeben, von Furcht beherrſcht, artet in heimliche Ausſchweifung aus und die edle Kraft der Mannheit wird fuͤr ſie eine Quelle des Siechthums, der Ent⸗ nch werde ſtille gebre will Erro des etw Ma der wen ma gift wel die Oy ten ſchl zu Ja au de ſer ha a N ffchaus markung, der ſittlichen Schmach. Nein, nein, ich vollende werde niemals heirathen!“ ucis. Madame Baucis hoͤrte mit Aufmerkſamkeit und en nit j ſtillem Beifall zu. So hatte noch Niemand in Worte gebracht, was ſie ſelbſt dachte, indem ſie ihrem un⸗ willkuͤrlichen Widerwillen gegen die Ehe nachhing. Erroͤthend vor Aufregung vollendete ſie nun ihrerſeits des Doctors Philippika gegen den Eheſtand. „Und die Weiber,“ ſagte ſie,„ſind denn dieſe a et ſein etwa beſſer und gluͤcklicher durch die Ehe, als die ß ſolche Maͤnner? Alle Maͤnner haſſen von Natur den Zwang inn der Geſchlechtstreue, alle Maͤnner fuͤhlen wie Sie, wenn ſie es auch nicht bekennen. Die Folge iſt, daß man uns nur heirathet, weil man nach unſerer Mit⸗ gift begehrt, oder aus einer ſinnlichen Selbſttaͤuſchung, welche bald nach den Flitterwochen verſchwindet. Iſt dieſe Taͤuſchung verſchwunden, dann werden die armen n Opfer des Betrugs durch immer groͤßere Treuloſigkei⸗ ten gefoltert; gewohnt durch unſere Erziehung die Ge⸗ n ſchlechtstreue als den einzigen ſicheren Beweis der Liebe Bur zu betrachten, ſind wir allen Martern der Eiferſucht „ nden Jahrelang preisgegeben, bis wir allmaͤlig, von Schmerz auſgerieben, entweder in Verzweiflung umkommen, nlic oder abgeſtumpft werden, bis zahlloſe Kraͤnkungen un⸗ ſere Herzen erbittert, uns zaͤnkiſch, widerwärtig, bos⸗ haft gemacht haben und bis wir dahin gelangen, als alte Fantippen an dem allmälig gealterten, entnervten Manne eine ebenſo ſchreckliche Rache auszuuͤben, wie ——————— —— —— — 364— die Qual geweſen, welche unſeren allzu ſehr trauenden Herzen zugefuͤgt worden. Nein, nein, ich laſſe mich nicht hintergehen, ich werde nie, niemals heirathen!“ „Wohl geſprochen!“ fiel Philemon wieder ein, „wohl und mir aus der Seele geſprochen— aber das iſt nicht Alles— wir haben von den Maͤnnern und Weibern geſprochen, ſprechen wir von den Kindern. Das Herz blutet mir als Arzt, wenn ich dieſe krup⸗ pelhaften, ſiechen Kinder der Ehe ſehe, welche eine ab⸗ gemuͤdete Liebe mit einem ſchlaffen, in Gram und Kummer aufgeloͤſten Weibe erzeugt hat. Die nie ruhende Mannheit ſtrebt hinaus aus dem Zwange der Ehepflicht, ſie ſucht geheime Zerſtreuungen an Orten, wo in dem Geheimniß verborgener Sinnenfreuden die furchtbarſten Seuchen gepflegt werden, der Mann em⸗ pfaͤngt den Giftſtoff und bringt den Keim des Todes in die Familie, der Tod wird mit den Kindern groß, und da er mit dem Principe des Lebens, der Zeugung ſelbſt verwaͤchſt, ſo bringt er jene ſchrecklichen partiellen Zerſtoͤrungen des Lebens hervor, welche das Leben ſelbſt nur zu einer ewigen Krankheit, die Geburt zum erſten Anfang des Sterbens machen. Ich als Arzt muß das wiſſen. Da giebt es Skropheln, Hoͤcker, Druͤſen, Ner⸗ venkrankheiten— welche alle nur eine Quelle haben — die matte Ehe und die gebrochene Ehe. Nein, nein, ich werde niemals heirathen!“ So ſich ergießend mit jener leidenſchaftlichen Vor⸗ liebe fuͤr eine gefaßte Meinung, welche ſich auch in 4 lube en das abge thet lau Erf ind Ol we fäl Ei un B ein die vieder ei aber da nnern unt Kindern dieſe krih e eine a ram un Die ni wange di n Orln reuden di Mann en des Tldet peen grb — 5 Uebertreibungen gefaͤllt, die nur aus einer intenſi⸗ ven Wahrheitskraft der Ueberzeugung entſpringen, war das ſeltſame ehefeindliche Paar im Zimmer auf- und abgeſchritten. Plotzlich blieb aber der Doctor ſtehen. „Aber um's Himmelswillen, naͤrriſches, ſympa⸗ thetiſches Frauchen, wie kommen Sie zu ſolchen ge⸗ läuterten Anſichten— Sie, ſo jung, ſo ſchoͤn, ſo ohne Erfahrung?“ „Auf ſehr natuͤrliche Weiſe,“ antwortete Baucis, indem ſie den Zeigefinger auf Stirne, Augen und Ohren legte,„durch meine fuͤnf Sinne, Doctorchen, welche mich nie ſitzen ließen, weil ich niemals ein ein⸗ faͤltiges Gaͤnschen war, welche blind vor Liebe und Eitelkeit nicht ſieht, was uns taͤglich und ſtuͤndlich umgiebt,— durch einen Gran reine Vernunft und die Beobachtung ehelicher Freuden meiner Eltern, welche einander gegenſeitig aus lauter Liebe fruͤhzeitig unter die Erde gebracht haben.“ „Armes Kind,“ ſagte Philemon,„ſo jung und ſchon ſo hellſehend, das iſt auch ein Ungluͤck.“ „Wenigſtens aber kein ſo großes,“ erwiderte Ma⸗ dame Baucis. Dieſes ernſte Geſpraͤch hatte beide Theile ſichtlich ſehr angeſtrengt— ſie hielten erſchoͤpft inne— dieſe luſtigen Herzen waren ſehr erſtaunt uͤber ihre gravitä⸗ tiſche Disputation. Wie auf ein gegebenes Zeichen brachen Beide ploͤtzlich in ein Gelaͤchter aus. — 366— „Aber was fang' ich mit meinem Herzklopfen an?“ ſagte die Baucis. „Das iſt wahr!“ erwiderte Philemon mit komi⸗ ſchem Schrecken,„das iſt wahr, ich habe mich ganz vergeſſen. Nun warte, ſchoͤnes Frauchen, ich will auf ein anderes Mittel denken.“ Drittes Kapitel. Schoͤne Augen, rothe Wangen, Schlanker Glieder Ebenmaß, Schmeichelnd ſchmachtendes Verlangen, Sehnſuchtsblicke thränennaß, Schmeichelworte, Liebesſchauer, Mienen voll von ſüßer Trauer, Häͤndedrücke lind verſtohlen, ueberraſchung wonniglich, Auf den leichten leiſen Sohlen, Sie allein beſiegen mich: Ach, und wirkſam iſt vor Allen Ganz gewiß mir zugefallen Der Geſchenke holde Macht Und der Zauber ſtiller Nacht! Liebes⸗Credo. Madame Baucis hatte einen Roſenſtock, den ſie ſehr liebte. Dr. Philemon aber, ein Freund der Na⸗ tur und folglich auch der Blumen, hatte ihr denſelben entfuͤhrt. Er poſtirte ihn an ſein Fenſter, brachte ihn in ein vergoldetes Töpfchen, umgab ihn mit allerlei Zin Nat die die und glei ſegt — — nd del denſil „/ brohl nit* — 867— Zierrath von Blumen und trieb Abgoͤtterei damit. Madame Baucis ſah mit ſtillem Wohlgefallen alle die Poſſen, welche er mit ihrem Stocke trieb, ſie ſah die Sorgfalt, womit er ihn begoß, reinigte, pflegte, und wie er ſie, als ſie lachend zum Fenſter herausſah, gleichſam wie mit einer Monſtranz, damit aus der Ferne ſegnete. Es wäre ſchwer zu errathen, was ſie ſich dabei dachte. Wir koͤnnen nur berichten, daß ſie, als ſie einſt Phi⸗ lemon zuſah, bei ſeiner Beſchaͤftigung eine große Weh⸗ muth empfand, welche die Urſache war, daß ſie ihre gewoͤhnlichen Zufaͤlle bekam und ohnmaͤchtig am Fen⸗ ſter niederſank. Da ſie ihr Dienſtmaͤdchen fortge— ſchickt hatte, ſo hätte dieſer Unfall ſchwere Folgen ha⸗ ben koͤnnen, haͤtte der gute Doctor ihn nicht beobachtet und waͤre er nicht haſtig herbeigeeilt, um ihr Hilfe zu leiſten. Da gab es Nichts zu bedenken, da durfte nicht gezoͤgert werden, die Patientin lag bewußtlos auf dem Boden. Der menſchenfreundliche Arzt beeilte ſich ihre Kleider zu luͤften, ſie auszuſchnuͤren und eigenhaͤndig in das Bettchen zu legen. Es begegnete ihm dabei, daß ihm ſehr heiß wurde.— Madame Baucis erholte ſich in ſeinen Armen in dem reizendſten Negligee, ſie warf ihm einen dankbaren Blick zu und ſie zuͤrnte nicht, als er in der Freude ſeines Herzens, ſie geneſen zu ſehen, ihre heißen Lippen kuͤßte, was vielleicht der Doctor gethan hat, um ihnen Lebenswaͤrme einzuhauchen. — 368— Einige Wochen nach dieſem Ereigniß hatte Ma⸗ dame Baucis ganz merkwuͤrdige und neue Krankheits⸗ zufaͤlle. Sie ließ natuͤrlich wieder Dr. Philemon holen, denn ſie hatte nun einmal Zutrauen zu ihm, und er⸗ zaͤhlte ihm, was ſich mit ihr begebe. Pr. Philemon erſchrak daruber heftig. Er war ſehr zerſtreut, wie ge⸗ woͤhnlich, aber dies Mal uͤber die Maßen unwirſch dabei. „Schoͤne Geſchichte das,“— platzte er endlich heraus,„wiſſen Sie, meine ſchoͤne Frau, daß man fuͤr Zuſtaͤnde dieſer Art nicht den Arzt— ſondern die Hebamme rufen laͤßt?“ Madame Baucis ſah ſehr verſchaͤmt zu Boden, aber geberdete ſich ſehr unſchuldsvoll und ſchien gar nicht ſehr betreten. „Aber um's Himmelswillen,“ fuhr der Doctor in ſeiner Zerſtreuung zu greinen fort,„ſagen Sie mir doch, welcher Galgenſtrick eine ſo ehrſame Frau, eine ſo geſcheidte und beſonnene Frau zu ubertoͤlpeln ſich vermeſſen hat? Muß ich das erleben an Ihnen? Solch' ein Muſter der Frauen! Wo iſt der ſchnoͤde Haſenfuß, der Sie ſtraucheln machte? Ich breche ihm alle Rippen entzwei!“ Madame Baucis antwortete nicht, aber als ſie den Doctor in ſeiner klaſſiſchen Zerſtreuung gegen ſein eigen Fleiſch und Blut ſo wuthen hoͤrte, konnte ſie nicht an ſich halten und brach hinter ihrem Taſchentuche in ein erſticktes krampfhaftes Gelaͤchter aus. . wurde ine inden WViſt inden habe gang eren den bip chen ſagt als der Hin auft dig ich ſi, tw er endl daß me ſondem d Bode z1 0 ſchien — 369— Das brachte den Doctor zur Beſinnung. Er wurde zuerſt roth, dann weiß, dann wieder roth, ſann eine Weile nach und ſchien zu rechnen, dann blies er, indem er raſch auf- und ablief, als ob ihm ſeine Weſte zu eng geworden wäre, und blieb endlich ſtehen, indem er ganz außer ſich vor Verlegenheit ſagte: „Sapperlot, ſapperlot, Frauchen, mir ſcheint, wir haben— nein, ich habe da eine große Thorheit be⸗ gangen. Frauchen, Herzensfrauchen—“ weiter konnte er nicht mehr, er kniete wie ein reuiger Suͤnder zu den Fuͤßen ſeiner Magdalena nieder und preßte ſeine Lippen an ihre Haͤnde, indem er ſtammelte: „Frauchen, ich bin ein großer Boͤſewicht!“ Frau⸗ chen aber zuͤrnte dem Suͤnder nicht zu ſehr. „Ach, meine Schuld iſt ja ſo groß wie die Ihrige,“ ſagte Madame Baucis troͤſtend. „Falſch, Frauchen, grundfalſch— muß das wiſſen als Arzt, dem Manne ziemt es ſich zu meiſtern— der Mann nur handelt— des Weibes Natur iſt die Hingebung. Schurkiſche Moral das, die den Weibern auferlegt, was den Maͤnnern ziemt— keine Entſchul⸗ digung— haͤtte das bedenken ſollen— war meine Pflicht— was nun anfangen, was nun anfangen!“ Der Schmerz des braven Mannes war ſo auf⸗ richtig und tief, daß er Madame Baucis ruͤhrte. „Ach, Sie ſind doch ein guter Menſch,“ ſagte ſie, während er ſich vor die Stirne ſchlug und ſich troſtlos geberdete. Wien. 2. Bd. 24 — — „Guter Menſch,“ ſagte er mit bitterer Selbſtver⸗ hoͤhnung,„ja, ein guter Menſch von dem Schlage der nichtsnutzigen Tagediebe, welche gluͤcklich ſind, wenn ſie ein ehrbares Frauenzimmer in Unehre und Ungluͤck bringen, ſagen Sie lieber ſchlechter Menſch, ein Erzſchelm— ja, hol' mich der D.— das bin ich. Was kann ich Ihnen zum Erſatz geben fuͤr Ihre Ehre? Man wird Sie verhoͤhnen, beſchimpfen— mein Gott, das ertrage ich nicht! Heirathen und ernaͤhren kann ich Sie nicht— habe ſelbſt kaum zu leben, Sie ver⸗ lieren Ihren Wittwengehalt, wenn Sie einen armen Teufel heirathen— und dann— wie ich Ihnen ſagte, waͤre ich ein ſchlechter Ehemann— mein Gott, mein Gott, das iſt ein großes Elend! Ach, wenn ich doch mit meinem Leben das Ungluͤck wieder gut machen koͤnnte, ich wuͤrde ja gern ſterben, wenn ich Sie nur nicht ungluͤcklich gemacht haͤtte.“ „Ach, ſo lieben Sie mich denn, guter Mann?“ ſagte Madame Baucis, vor Freude erröthend. „Ob ich Sie liebe?— i du mein Himmel,“ ſagte Philemon,„haͤtt' ich denn ſonſt den Kopf verloren, wenn ich Sie nicht liebte?— bin ich denn noch der kalte beſonnene Doctor Philemon?— traͤume ich denn nicht jede Nacht von Ihnen und denke ich denn an etwas Anderes mehr, als an Sie?— Ach Gott, dieſe Liebe hat mich uͤberraſcht wie ein Fieber, ich dachte nichts Arges, als ich mit Ihnen ſo leichtfertig ſcherzte, und Ihre Haͤndchen kuͤßte und Ihre Blumen ſtahl,— ds i habe weine net Fnat ſchůc doch inde Bn wor Bn zaͤrt Ung Leut lich Du Ung wa Ku gen Schlage de und Unguc Nenſch, in das bin i t Ihre Ehr mein Gl mähren in n, Sie w einen arm Ihnen ſah Gott, m enn ich de gut m Mann ter⸗ — 371— das iſt uͤber mich gekommen wie ein Zauber— ich habe den Verſtand verloren unter dieſen Taͤndeleien meiner verteufelten Spaßmacherei— man ſollte im⸗ mer auf ſeiner Hut ſein— ich ſchaͤme mich wie ein Knabe—“ „Und wenn Sie mich denn lieben,“ ſagte Baucis ſchuͤchtern,„wenn Sie mich wirklich lieben—“ „Nun, was kann es helfen— ich habe Sie ja doch ungluͤcklich gemacht.“ „Ungluͤcklich— nein,“ ſagte Madame Baucis, indem ſie in Thraͤnen ausbrach,„Hich bin ja gluͤcklich.“ Und ungeſtuͤm warf ſich die Liebegluͤhende an die Bruſt des Doctors. Der Doctor wußte nicht zu ant⸗ worten— ſeine Arme umſchlangen ihren Leib, und Bruſt an Bruſt uͤberhaͤuften ſich die Liebenden mit zaͤrtlichen Namen und zahlloſen Kuͤſſen. „Aber, Herzensweibchen— es iſt ja doch ein Ungluͤck— wir koͤnnen uns nicht heirathen, und die Leute, die boͤſen Leute—“ „Was kuͤmmern mich die Leute, wenn Du mich liebſt—“ „Ach, Kind— Du weißt nicht, was Du ſprichſt, Du kennſt nicht dieſe Welt, welche ſich an fremdem Ungluͤck ergoͤtzt, welche Alles zu Verbrechen ſtempelt, was nicht nach ihrer Ordnung iſt,— Du wirſt vor Kummer vergehen, und ich werde mich immer ankla⸗ gen, der Urheber Deines Elends zu ſein.“ „Nein, nein— Du liebſt mich— ich werde nicht 24* elend ſein, Du wirſt mich nicht verlaſſen, wirſt mich ſchuͤtzen und vertheidigen, wir werden gluͤcklich ſein.“ „Du verkennſt vielleicht Deine Kraͤfte, gutes Frau⸗ chen, ein Weib kann nicht ſo leicht den Vorurtheilen der Welt trotzen wie ein Mann, und ſelbſt dieſer er⸗ liegt ihnen zuweilen. Blutige Kriege ſind wegen der einfaͤltigſten Vorurtheile gefuͤhrt worden, und Helden, welchen Armeen zu Gebote ſtanden, haben ſie nicht beſiegen koͤnnen. Erwaͤge, ehe Du voreil'g handelſt, noch giebt es Mittel, wenigſtens das Geſchehene ge⸗ heim zu halten— eine Entfernung von einigen Mo⸗ naten und verborgene Verpflegung des Kindes kann wenigſtens den Ruf ſchuͤtzen, wenn auch das Ungluͤck nicht gut machen.“ „Wie?“ ſagte Baucis verſchaͤmt, indem ſie ihr Geſicht an ſeiner Bruſt verbarg,„Sie koͤnnten mir zumuthen und rathen, mein Kind zu verleugnen, es fremder Pflege anzuvertrauen, oder wohl gar jenem ſchrecklichen Schickſale der Findelkinder preiszugeben? Niemals— mag da geſchehen was immer, ich werde mich nicht von meinem Kinde trennen.“ Philemon druͤckte ſie begeiſtert an ſein Herz. „Braves, edles, herrliches Weib— das habe ich von Dir erwartet,— alſo biſt Du entſchloſſen, mit mir einen Bund zu errichten gegen die Bosheit und Dumm⸗ heit, welche uns verfolgen werden?“ „Ich bin es.“ „Und wenn Dich die Weiber uͤber die Achſel an⸗ aus und wide gute ſue ich wel wet ſiin He wirſt mich ich ſein.“ gut Fu⸗ zorutthelen dieſet ⸗ wegen det nd Helden, nſie rihht 9 handeſi chehene gi nigen No ndes kan Ungli en ſe i znnten mi ugnen r jnem oeben 39 ich were be ich nit d Dum 1ſl —— ſehen, Deinen Umgang meiden, in veraͤchtlichen Aus⸗ druͤcken von Dir ſprechen?“ „Ich werde es ertragen!“ „Und Du willſt mir angehoͤren, ohne durch einen Eid, ohne durch das Geſetz meiner verſichert zu ſein — Du willſt mir Dein Schickſal anvertrauen?“ „Ich will es!“ „Und wenn die Verfuͤhrung ihre Netze gegen Dich ausſtellt, weil ſie einen leichten Fang zu machen glaubt, und wenn der Verſucher Dir naht, wie wirſt Du widerſtehen, ohne die Kraft, welche dem Weibe ihr guter Ruf gewaͤhrt?“ „Ich werde widerſtehen— ich begehre nach keines anderen Mannes Liebe, als nach der Deinigen, und ich werde gluͤcklich ſein, Dir allein anzugehoͤren!“ „Alſo eine Ehe ohne Schwur, Weihe und Be⸗ trug— wrillſt Du ſo— frei und auf Vertrauen er⸗ richtet— ohne vermeſſene Verſprechungen auf Zeiten, welche nicht zu berechnen ſind— willſt Du ſo?“ „Ich will ſo— mein Philemon. Dein eigen werde ich ſein Zeitlebens, und dennoch ſollſt Du frei ſein, ſollſt ein Mann ſein und Deinen Beruf hoͤher achten, als Dein Weib—“ „Bſt, ſtille, halt ein!“ ſagte Philemon, ſeine Heiterkeit wieder gewinnend,„ſprich nicht mehr von meiner Freiheit— fangen wir nicht mit einer Luge an, denn ich fuͤhle wohl, damit iſt es aus: ich bin auf Gnade und Ungnade Dein Gefangener— ich hoffe, Du wirſt Deinem Sclaven nicht allzu hart begegnen.“ Und ſie kuͤßten ſich und lachten und waren ſich Beide bewußt, daß ſie niemals von einander laſſen wuͤrden. Viertes Kapitel. Aus den Flitterwochen dieſes ſeltſamen Paares wurden Jahre. Wie?— das iſt ein pſychologiſches Geheimniß. Wir koͤnnen nur Vermuthungen daruͤber anſtellen. Rings um ſich herum ſahen Philemon und Baucis Ehen ſchließen und nach kurzer Dauer zerfal⸗ len, ſie ſahen nirgends dieſe dauerhafte Zaͤrtlichkeit und verliebte Galanterie, welche ſie ſich ſelbſt bewahrt hatten. Philemon, in dem ſchoͤnen Bewußtſein ein Herz zu be⸗ ſitzen, das nicht ſeines Gleichen hatte, und Reize zu genießen, welche nicht minder ſelten waren, fuͤrchtete immer ſein koſtbares Eigenthum zu verlieren, obgleich er dazu keine Urſache hatte. Er war daher unermuͤd⸗ lich in Aufmerkſamkeiten, er ſuchte dieſes ihm ſo theure Weib, welches ſo frei war wie er ſelbſt, dadurch im⸗ mer mehr an ſich zu ketten, und Baucis befand ſich in demſelben Fall. Sie beſtrebte ſich unaufhoͤrlich, ihren Philemon gluͤcklich zu machen, ihm zu gefallen, ſie vernachläſſigte ſich niemals und bewahrte ſich im⸗ mer] Dlic ſen jenes llet ſiche ben, ge ſche den drol Aer An Kra übe war bede uͤb ich hoff mer jenen Reiz der Schamhaftigkeit und der aͤußerſten tbegegnen“ Delicateſſe, welcher in der Ehe meiſt ſchon in den er— d warn ſch ſten Monaten verſchwindet. Jene rohe Ungenirtheit, ander laſ ienes Sichgehenlaſſen, jene unſchamhafte Blosſtellung aller Fehler, uͤbler Gewohnheiten, moraliſcher und phy⸗ ſiſcher Gebrechen, welche ſich Eheleute meiſtens erlau⸗ ben, weil ſie durch unzertrennliche Bande aneinander gefeſſelt ſind, fand in dem Verhaͤltniſſe des philoſophi⸗ ſchen Paares niemals Statt. Wir wollen ſehen, wie ſie die Pruͤfungen beſtan⸗ nen Ton den, welche gewoͤhnlich den Bund zweier Herzen be⸗ colegſſt drohen! en dinit Dr. Philemon ſtand bei einem der beruͤhmteſten tienn un Aerzte der Hauptſtadt, dem Dr. Milius, in großem uer zent Anſehen. Dieſer ſuchte oft ſeinen Rath in gefaͤhrlichen ichi un Krankheitsfaͤllen, er zog ihn zu ſeinen Conſilien und uh alen uͤbertrug ihm einen Theil ſeiner Praxis. Dr. Milius war ein Weltmann, hatte große Connexionen und ein Heij zu peite ſ bedeutendes Vermoͤgen. füchte Eines Tages berief er ihn zu ſich, um ihm einen uͤberraſchenden Antrag zu machen. baleit 6.„Mein Freund,“ ſagte er,„Sie ſind ein geſchickter K Arzt, ein braver Menſch— ich habe einen Plan mit hn 6. Ihnen. Meine Tochter iſt in den Jahren, wo ich an dadu ihre Verſorgung denken muß. Sie iſt wohlgebildet tent und wohlerzogen— Sie gefallen ihr, und wenn ich mi nicht irre, ſo ſind auch Sie ihr nicht abgeneigt. Die zu Stelle eines Primararztes in L. iſt erledigt, ich kann ſich — 376— ſie Ihnen verſchaffen— wollen Sie mein Eidam wer⸗ den? Antworten Sie nicht gleich, ich laſſe Ihnen acht Tage Zeit, um ſich zu bedenken und die Geſinnungen meiner Tochter zu erforſchen. Ich weiß zwar, Sie haben ſich mit einer jungen Witwe ohne Vermoͤgen verplempert, aber Sie haben keine Ausſichten, dieſes Verhaͤltniß iſt Ihnen in Ihrem Fortkommen hinderlich, ich hoffe, dieſe Sache wird kein weſentliches Hinderniß meines Planes ſein. Man kann ſich mit der Perſon abfinden— ich biete Ihnen meinen Beiſtand an.“ Dr. Philemon ward zum erſten Male in ſeinem Leben traurig. Die ihm dargebotene Ausſicht auf Rang, Vermoͤgen, einen ausgezeichneten Wirkungskreis, brachte ſeinen Ehrgeiz in Aufruhr— und des Doctor Milius Tochter war wirklich ein bezauberndes Geſchoͤpf, welches ihm durchaus keinen Widerwillen einfloßte. Dr. Philemon eilte in's Freie— um mit ſich zu Rathe zu gehen?— Nein. Aber ein ſo wichtiger Zwi⸗ ſchenfall in ſeinem Leben, eine ſo reizende Ausſicht mußte geiſtig durchlebt werden. Dr. Philemon malte ſich mit den reizendſten Farben einer lebhaften Phan⸗ taſie das Gluͤck aus, welches ihm angeboten wurde. Zuerſt die Annehmlichkeiten eines Ranges in dieſer Geſellſchaft, welche das Verdienſt nur ehrt, wenn es von Glanz umgeben iſt, die Vortheile ſeiner Stellung und der damit verknuͤpften Verbindungen. Er berech⸗ nete, wie viel Gutes er ſtiften, wie vielen Leidenden er helfen, wie viele Gluͤckliche er machen koͤnnte, und iet all liel 1 he Hindem t perſo in ſeinen 77— dies allein machte ihn wehmuͤthig. Ach, der Arme iſt ſo wenig im Stande Gutes zu thun! Dann dachte er aller ſeiner geheimen Wuͤnſche. Er hatte große Vor⸗ liebe fuͤr Comfort, Glanz, Bequemlichkeit, anſtaͤndigen und vernuͤnftigen Luxus. Er liebte eine gut beſetzte Tafel, wie ſelten konnte er jetzt eine ſolche ſich ver⸗ ſchaffen. Er wuͤnſchte ſich eine Equipage, um mehr Kranke beſuchen zu können und weniger körperlich an⸗ geſtrengt zu ſein. Eine Bibliothek, eine Gemaͤldeſamm⸗ lung, ein kleines Naturalienkabinet— ein Landhaus in der Naͤhe der Stadt in einer reizenden Lage,— das waren fuͤr ihn unerreichbare Dinge bis jetzt gewe⸗ ſen— er konnte mit einem Male in den Beſitz derſel⸗ ben gelangen. Er konnte ſich ein Reitpferd, Bediente halten, einen botaniſchen Garten anlegen, er konnte eines der glaͤnzendſten Haͤuſer machen, denn ſeine Praxis mußte durch eine ſolche Stellung einen großartigen Aufſchwung gewinnen. Endlich malte er ſich die Freu⸗ den des Beſitzes in Bezug auf die ihm beſtimmte Braut aus, deren blendenden Reizen gegenuͤber er manchmal von treuloſen Gedanken gegen Baucis heimgeſucht wurde. Er hatte ihr nicht ſelten ſeine Bewunderung zu erkennen gegeben, manche Roſe von ihrer ſchoͤnen Hand erhalten und mit ſchuldigem Reſpect in ſein Knopfloch geſteckt. Er war immer ſtolz geweſen dar⸗ auf, von dieſer Dame ausgezeichnet zu werden, und der Gedanke, dieſes ſchoͤne Geſchoͤpf heimzufuͤhren, ſie in ſeine Arme zu ſchließen, den Brautkuß von ihr zu ( —— —————— = 5= empfangen, mit ihr Hymens Heiligthum zu betreten — brachte ſein Blut in keine geringe Wallung. Nachdem Philemon einige Stunden ſeine Phan⸗ taſie an dieſem Gemaͤlde eines Gluͤckes ergoͤtzt hatte, welches ſelten Sterblichen zu Theil wird, faßte Phile⸗ mon den merkwuͤrdigen Entſchluß, dieſem Gluͤcke au⸗ genblicklich und fuͤr immer— zu entſagen.„Ich habe es ja bereits genoſſen!“ ſagte er zu ſich,„und ſchwerlich wuͤrde es in der Wirklichkeit ſo entzuͤckend ſein, wie in meiner Einbildung— ich habe es genoſſen, habe mich daran geſaͤttigt und nun iſt es Zeit— an meine Pflicht zu denken— nein, nicht blos an meine Pflicht, ſondern an das Gluͤck, welches ich dieſem Gluͤcke opfern ſollte.“ Und nun malte er ſich die ſtillen Freuden ſeines gegenwaͤrtigen Beſitzes aus— wie ihn dieſe Baucis liebte, wie ſie ſich jeden Morgen fur ihn ſchmuͤckte, mit welchem Vertrauen ſie ſich ihm hingegeben,— mit welcher ruͤhrenden Freude ſie die unbedeutendſten Ge⸗ ſchenke von ihm aufnahm, wie ſie um ihn beſorgt war, welche Freuden ſie ihm taͤglich zu bereiten ſuchte! Ob wohl dieſes reiche Fraͤulein faͤhig waͤre, jemals ſolche Freuden zu gewaͤhren und zu empfinden, welche nur dem Armen beſchieden zu ſein ſcheinen? Seine kleine ärmliche Wohnung war ihm theurer als ein Palaſt, ſein blumengeſchmucktes Fenſter, dieſes Obſervatorium, dieſer Vorpoſten der Liebe, gewährte ihm ſo ſelige Er⸗ innerungen, daß es ihm ernſtlich als ein ungeheures tau wel ſtol viel kor — 3— Opfer ſchien, ſie gegen ein glaͤnzendes Hotel zu ver⸗ tauſchen. Dann ſeine Armen im ganzen Stadtviertel, welche ihn ihren jungen Vater nannten, welche ihn ſo ſtolz machten, weil er fuͤhlte was er ihnen war, wie viele Familienvaͤter, Muͤtter, Waiſen er durch ſeine arztliche Sorgfalt gerettet hatte, wie haäͤtte er denken koͤnnen ſie zu verlaſſen! Konnte er denn wiſſen, ob ein groͤßerer Wirkungskreis ihm ſo viele Zeit und Gelegenheit gewaͤhren wuͤrde, Gutes zu ſtiften? Er wußte wohl, wie ſchwer es auch wieder in den hoͤheren Kreiſen iſt, Gutes zu thun, mit welchen Cabalen der ehrliche Mann zu kaͤmpfen hat, wenn er maͤchtig iſt, wie ſich Alles gegen ihn verſchwoͤrt, wie ihn Alles haßt und verfolgt, theils weil man ihn nicht begreift, theils weil man ihn be⸗ neidet, theils weil man ihn fuͤrchtet. Aber in ſeinem kleinen Wirkungskreiſe war er allmaͤchtig! Er hatte Niemanden um Erlaubniß zu fragen, ob er dieſe oder jene wohlthaͤtige und vernuͤnftige Anordnung zum Beſten einer armen Familie treffen duͤrfe— man folgte ihm blindlings, man bemuͤhte ſich, ihn fuͤr ſeine Aufopfe⸗ rung durch Folgſamkeit und Dienſtfertigkeit zu belohnen. Er war kein Arzt der Apotheke! Er wußte, wie wenig der Armuth gedient ſei mit freien Medicamenten, mit Spitälern und Diſtrictsaͤrzten! Er wußte, wie viele Menſchen jährlich an keiner anderen Krankheit ſterben als am Mangel, Mangel an geſunder Nahrung, Mangel an geſunder Wohnung, an Waͤrme, Kleidung! Wenn eine an ſolcher Krankheit leidende Familie wegen ———— — ———— — 380— eines ſpeciellen Falles um ſeinen aͤrztlichen Beiſtand bat, begnuͤgte er ſich nicht ein Recept zu ſchreiben, ſondern ſpuͤrte der Lage ſeiner Patienten nach, unter⸗ ſtutzte ſie durch ſeinen Rath, wies ihnen Arbeit und Nahrung zu, empfahl ſie den Armenvaͤtern und ruhte nicht bis er geholfen hatte. Dieſe Armen waren ihm theuer geworden. Ihre dankbaren, freudigen Blicke und Gruͤße, wenn ſie ihm und Baucis begegneten, in welchen allein keine Spur jener Beimiſchung von Spott zu finden war, welche ihm die Genuͤſſe der„gebil⸗ deten“ und„beſſeren Geſellſchaft“ verleidete, ſie gewaͤhrten ihm ein unnennbares Gluͤck. Und wem an⸗ ders verdankte er dieſes Gluͤck als ſeiner tugendſamen Baucis, welche es allein uͤber ihn vermocht hatte, ihn an dieſes Stadtviertel, an ſeine kleine Praris und ſeine Armen zu feſſeln Nachdem er ſo ſein gegenwaͤrtiges Gluͤck jenem ertraͤumten, jetzt ſo leicht zu verwirklichenden entgegen geſtellt hatte, beſchloß er ſeine Selbſterforſchung mit einer tiefen, philoſophiſchen Betrachtung. Wie leicht konnte der Wechſel ſeines Gluͤckes ihn hochmuͤthig, kalt⸗ herzig, unempfindlich machen. Die Leichtigkeit des Genuſſes ſtumpft die Nerven ab, die Gewohnheit ſich immer hocherhaben uͤber ſeine Mitmenſchen zu ſehen, macht anmaßend, gefuͤhllos, ſelbſtſuͤchtig. Das menſch⸗ liche Herz hat ein gewiſſes Maß von Freude und Leid, welches es ertragen kann. Dieſes Maß fuͤr die Freuden in einer hoͤheren Stellung wird ungemein erweitert, es ſchteiben ch, un Arbeit und und whte waren ihn gen Blide egneen, in von Spol „gebil— eidete, ſi d wem an gendſamen hatte, ihn und ſein lück jenen 1 entoehen ung mi gie leicht thig, kal igkei* ſl0 * zu ſthel 0s nn und k ie Ful weilel — 881— gehoͤrt viel mehr dazu es auszufuͤllen, das Maß fuͤr die Leiden aber wird kleiner, man kann viel weni⸗ ger ertragen. Es war leicht vorauszuſehen, daß— Philemon ſich geſtehen mußte, daß ſein Maß der Freude immer voll, das Maß der Leiden aber in der Regel ſehr leer war, in einer Veraͤnderung ſeiner Lage wenig zu gewinnen, aber viel zu verlieren war. Dieſe Betrachtungen veranlaßten Philemon ſein Haupt zu entbloͤßen und einen Blick der Gottesfurcht zum Himmel zu ſenden, der ſo weiſe Vorſorge getroffen, daß menſchlicher Ehrgeiz, Despotismus und Habſucht um die Fruͤchte ihrer Anſtrengungen gerechter Weiſe betrogen und die Armen in ihrem Elende oft deſſelben oder groͤßeren Gluͤckes theilhaftig werden, als die Reichen genießen. Froͤhlich lenkte er ſeine Schritte ſtill vor ſich hintraͤllernd ſtadtwaͤrts. „Nach alle dem,“ ſagte er fuͤr ſich,„was bin ich im Grunde anders, indem ich das Opfer bringe, als ein ganz abſcheulicher— Egoiſt?“ Dieſes Meiſterſtuͤck der Caſuiſtik, wodurch es ihm gelang, ſeine edle Reſignation in einen Act der Selbſt⸗ ſucht zu verwandeln, machte ihn ſo vergnuͤgt, daß er ſich entſchloß, dieſen Tag als einen der Luſtbarkeit ge⸗ widmeten zu betrachten, und all' ſeinem angebornen Muthwillen die Zuͤgel ſchießen zu laſſen. Er rechnete es zu den koſtbarſten Privilegien ſeiner unbedeutenden, aber voͤllig unabhaͤngigen Stellung, daß er ziem⸗ lich Jedermann die Wahrheit trocken in's Geſicht ſagen — 82 durfte. Dieſes Privilegium erſchien ihm beſonders an dieſem Tage von unſchätzbarem Werthe und er beſchloß heute einen ausſchweifenden Gebrauch davon zu ma⸗ chen. Tauſend ſchnurrige Gedanken durchkreuzten ſei⸗ nen Kopf, und an Gelegenheiten zu derben Schwaͤnken in der hanebiegenen Wiener Manier fehlte es nicht. Unter den ihm Begegnenden war es ihm nicht ſchwer, Zielſcheiben ſeines Witzes zu finden. „Ganz gehorſamer Diener, Ew. Hochwuͤrden,“ begruͤßte er einen galanten Prieſter,„wie befindet ſich Ihre Frau Gemahlin?“ „Apropos, iſt es wahr,“ ſagte er zu einem Arzte, der Alles mit Merkur curirte,„daß Sie ein Privile⸗ gium gewonnen haben, aus Queckſilber Gold zu ma⸗ chen?“ Auf dieſe Weiſe neckte er noch ein Dutzend ſchlech⸗ ter Advocaten, beſtechlicher Beamte, Bankerottiers, Pfla⸗ ſtertreter, dann begab er ſich nach Hauſe und ſchrieb unter lauten Ausbruͤchen ſeiner Luſtigkeit folgenden un⸗ terſchobenen Brief im Namen ſeiner Geliebten an Fraͤu⸗ lein Milius. „Verehrtes Fraͤulein! „Mit groͤßter Beſtuͤrzung habe ich vernommen, daß Ihr Herr Vater mit dem Gedanken umgeht, Dr. Philemon, meinen Geliebten und Verlobten, den Vater meines Kindes mit Ihnen zu vermählen. Ermeſſen Sie meinen Schrecken und Kummer, wenn — Se ter ver chei ſei hat ber B chi nao — 353— u n Sie vernehmen, daß dieſer Ihnen beſtimmte Braͤu⸗ ſchloß tigam durch hundert Eide und feierliche Gelöbniſſe . an mich gebunden iſt. Ich wende mich an Ihr edles Herz, welches nicht zugeben wird, daß meine zten ſi⸗ Liebe und Treue ſo verrathen wird. Ich wuͤrde den — Schmerz ſeines Verluſtes nicht ertragen und nicht — uͤberleben. Unmoͤglich koͤnnten Sie einen Mann ſchwer, lieben, der im Stande waͤre feierliche Eide zu bre⸗ vurden“ chen und ſein eigenes Kind zu verleugnen, indem er eine andere Ehe ſchloͤſſe als die, welche er gelobt ndet ſich 2 hat einzugehen. Ihre ergebenſte Baucis, verlobte Philemon.“ tvil⸗ m Dieſer Brief war das einzige Mittel ſich aus der Schlinge zu ziehen, ohne das Fraͤulein und ihren Va⸗ ſtleß ter durch eine Ablehnung ſo glaͤnzender Antraͤge zu , M⸗ verletzen und ſie ein Zutrauen bereuen zu laſſen, wel— d ſuib ches er, wie er wohl fuͤhlte, durch etwas zu freund⸗ den Un⸗ ſeliges Betragen gegen das Fraͤulein hervorgerufen nFrüu⸗ hatte. Nachdem Philemon dieſen Brief zur Poſt gege⸗ ben und ſich ſomit des erſten, immerhin aber frommen Betrugs ſchuldig gemacht, ſchlug er ſich die ganze Ge⸗ ſchichte aus dem Kopfe und beſuchte ſeine Patienten— —— nach ihnen aber Madame Baucis. umge lobten⸗ mählen⸗ e, wenn — 384— Fünftes Kapitel. Der gute Philemon hatte aber ſeine Rechnung ohne Wirth gemacht— er hatte nicht gewußt, daß Fraͤu⸗ lein Milius ſelbſt ihren Vater inſpirirt habe, indem ſie meinte, Philemon habe nur nicht den Muth, ihre Hand zu begehren. Sie hatte ſo verſtaͤndige Erzie⸗ hung genoſſen, um nicht mit der gewoͤhnlichen Strenge ein Verhaͤltniß zu beurtheilen, welches ſie dem Dr. Philemon laͤſtig glaubte. Sie war zu jung und ſchoͤn, um zu zweifeln, daß Philemon mit Freuden die dar⸗ gebotene Gelegenheit, ſich aus einem Mißverhaͤltniß zu befreien, ergreifen werde. Alles dies wußte Pr. Phile⸗ mon nicht, auch hatte ihn ſeine Menſchenkenntniß ſo weit ſitzen laſſen, daß er es vollig uͤberſah, wie wenig das Herz einer Nebenbuhlerin einer zärtlichen Ruͤhrung fuͤr das Object ihrer Eiferſucht fähig ſei. Fraͤulein Milius war ein heroiſches, ein„emancipirtes“ Frauenzimmer, welches in ſeinen eigenen Angelegenhei⸗ ten ſelbſt zu handeln pflegte. Sie faßte daher nach Empfang des erwaͤhnten Schreibens den einfachen Entſchluß, die Rivalin, welche ihr einen geliebten Mann ſtreitig machte, kennen zu lernen und ſich von dem Stande der Dinge zu unterrichten, ehe ſie ſich entſchließe, Dr. Philemon, von welchem ſie nicht zwei⸗ felte, daß er um ihre Hand bitten werde, einen Korb zu geben und ihn an ſeine Pflicht zu verweiſen. gen ir ſicht welche Bauc Freu die geſu haſtic über Sie das zu h genb bind Uneie din chnung Fri indem h, ihre e Etji Strenge m Dr. dſchön, die dar tniß zu yil⸗ nniß ſo e weni führung riulin zrtes genhe et nch infachen gelebten ſch von ſie ſich ht zwi⸗ en hol en⸗ — 385— Fraͤulein Milius erſchien daher am fruͤheſten Mor⸗ gen in der Wohnung der Madame Baucis, welche nicht wenig uͤberraſcht war uͤber dieſen Beſuch. „Madame,“ ſagte das Fraͤulein,„Sie begreifen, welche Angelegenheit mich hierher fuͤhrt—“ „Nicht im Geringſten, mein Fraͤulein,“ antwortete Baucis.“ „Sie haben mir aber doch geſchrieben!“ „Sie ſind im Irrthum, mein Fraͤulein.“ „Alſo ſind Sie denn nicht Madame Baucis, die Freundin des Dr. Philemon?“ „Das bin ich in der That.“ „Und dieſer Brief, iſt es nicht der Ihrige?“ Auf den erſten Blick erkannte Madame Baucis die Hand ihres Gelieben, obgleich er ſie zu verſtellen geſucht hatte. Neugierig ergriff ſie das Blatt, las es haſtig, wechſelte die Farbe einige Male und legte dann uͤberlegend die Hand an ihr ungeſtuͤm pochendes Herz. Sie begriff ſogleich den Zuſammenhang der Dinge und das große, edelmuͤthige Opfer, welches ihr Philemon zu bringen im Begriffe ſtand. Sie erkannte im Au⸗ genblick die unermeßlichen Vortheile einer ſolchen Ver— bindung fur Philemon, und da ſie ihn wahrhaft und uneigennuͤtzig liebte, ſo brauchte ſie nicht lange, um den Edelmuth ihres Geliebten durch einen heroiſchen, begeiſterten Entſchluß zu uͤberbieten. Fraͤulein Milius hatte den ſtuͤrmiſchen Wechſel der Gemuͤthsbewegungen ihrer Nebenbuhlerin ſchweigend Wien. 2. Bd. 25 — 5— und mit Theilnahme beobachtet. Sie glaubte, eine wuͤthende Eiferſucht beherrſche das Herz derſelben und ſie begriff, daß ein Mann wie Philemon geeignet ſei, eine ſolche zu erregen. Sie war daher ſehr uͤberraſcht, als Madame Baucis ihr den Brief mit den Worten zuruͤckſtellte: „Mein Fraͤulein, dieſer Brief iſt nicht von mir — man hat Sie getaͤuſcht, niemals werde ich im Stande ſein, Dr. Philemon in ſeinem Gluͤcke hinderlich zu werden. Jemand— ein Feind Philemons— hat dieſen Brief wahrſcheinlich geſchrieben, um Sie, mein Fraͤulein, irre zu machen,— aber ich erklaͤre Ihnen feierlich, daß ich dem Gluͤcke meines Freunes nie in den Weg treten werde.“ „Aber Madame,“ erwiderte das Fraͤulein,„es handelt ſich nicht nur um ſein Gluͤck, ſondern auch um das meinige.“ „O, er wird Sie glůcktich ſagte eifrig Madame Baucis,„er iſt das beſte Herz, die treueſte Seele, das tiefſte, innigſte Gemuͤth— gewiß, er wird Sie gluͤcklich machen.“ „Wenn er aber mich nicht liebt, wenn ſeine ganze Seele bei Ihnen zuruͤckbliebe, die Sie es ſo ſehr zu verdienen ſcheinen, daß man Sie treu liebt?“ „O, was das betrifft,“ ſagte Madame Baucis mit ſchmerzlichem Laͤcheln,„da koͤnnen Sie ruhig ſein — er liebt Sie ja— ich weiß es gewiß, er liebt Sie, trägt er nicht immer Ihre Roſen im Knopfloch und, Fii ert den wo lich inn we bte, eine ben und ignt ſei, uͤbenſcht n Worten t on m de ich in hinderlih 1— hat Sie, mein ire Ihnen des nie in Ulein, nauch um ſt iſiz ie ſreueſle et wird ſine gui ſo ſcht * Baucis nhig ſi liht Si pb um Fraͤulein, wenn Sie hoͤrten, mit welcher Bewunderung er von Ihnen ſpricht— gewiß, er liebt Sie mit Lei⸗ denſchaft, er wird mich vergeſſen, unſer Verhaͤltniß war nur die Frucht einer— Verirrung, eines ungluͤck⸗ lichen Augenblicks, das Ihrige iſt langſam gereifte Liebe, innige Liebe fuͤr das Leben dauernd,— gewiß, Sie werden mit ihm ſehr gluͤcklich ſein.“ „Meinen Sie wirklich?“ ſagte das Fraͤulein er⸗ gluͤhend,„ach, Madame, Sie machen mich gluͤcklich, und ich werde Sie ſtets als meine Schweſter lieben.“ „Ja, ich bin uͤberzeugt, kein gluͤcklicheres Paar wird es geben, als Sie Beide und— in der That kein ſchoͤneres— glauben Sie mir, Fraͤulein, ich werde ſehr, ſehr gluͤcklich ſein, Sie gluͤcklich zu wiſſen.“ „Edles, treffliches Herz!“ rief das Fraͤulein aus, indem ſie Madame Baucis umarmte, dann aber ſetzte ſie hinzu,„glauben Sie aber nicht, daß ich Ihr edles Benehmen nicht vergelten werde, mein Vater wird fuͤr Ihre Zukunft ſorgen und fuͤr das— Kind Philemons werde ich ſelbſt ſorgen wie fuͤr mein eigenes. Iſt Ih⸗ nen das genehm?“ „Alles, Alles!“ antwortete Madame Baucis, in⸗ dem ſie fuͤhlte, daß ſie ihre Krafte verließen,„aber entfernen Sie ſich jetzt ſchnell, Philemon wird gleich hier ſein, es wuͤrde uns Alle in Verlegenheit ſetzen— wir ſprechen noch weiter.—“ Damit draͤngte ſie das Fräulein liebreich und unter Schmeichelworten zur Thuͤre hinaus. —— „Alſo auf baldiges Wiederſehen— morgen,“ ſagte das Fraͤulein, Madame Baucis gefuͤhlvoll um⸗ armend, und ging. Madame Baucis aber ſank wei⸗ nend in einen Stuhl und weinte fort, ohne Speiſe und Trank zu ſich zu nehmen bis zum ſpaͤten Abend, wo Philemon zu kommen pflegte. Doctor Philemon hatte ſich inzwiſchen wieder bei Milius eingefunden. Er erwartete nichts Anderes, als daß man den Antrag zuruͤcknehmen und bedauern werde, daß er ſich mit Madame Baucis ſo tief einge⸗ laſſen habe. Er hatte fuͤr dieſen Fall ſchon einige zerknirſchte Seufzer in Bereitſchaft, welche dem guten Doctor Milius anzeigen ſollten, wie hoch er das Ungluͤck anſchlage, nicht ſein Eidam werden zu koͤnnen. Er war daher nicht wenig betreten, als ihm Milius mit uͤberaus großer Freudigkeit entgegenkam, und ihn ſogleich als ſeinen Schwiegerſohn umarmte. „Ich weiß ſchon, was Sie mir ſagen wollen,“ ſagte Milius,„bin von Allem unterrichtet— eine ſehr verſtaͤndige Perſon, dieſe Madame Baucis— aber Sie Duckmaͤuſer, wie konnten Sie Ihre Leidenſchaft fuͤr meine Tochter ſo verbergen, daß ich immer faſt daran zweifelte? Und wer iſt denn der nichtsnutzige Menſch, der im Namen der Madame Baucis an meine Tochter geſchrieben?— Oder wiſſen Sie das gar nicht? Nun, da leſen Sie— ich muß geſtehen, der Gir Kert ſelbſ rath Per mei abe geb ſche wa un er Dr au bre zu gen uſt norgen,“ ol um⸗ ant wei⸗ e Sheiſe Abend, ieder bi eres, als bedauetn ef einge⸗ m gulen er das linnen Milis und me ſhr — aber denſchaft met fiſt nutig⸗ — 389— Streich war gut angelegt, aber meine Tochter, das Kernmaͤdel, laͤßt ſich nicht ſo leicht anfuͤhren, war ſelbſt bei Madame Baucis— was ich zwar nicht ver⸗ rathen ſollte— und da hat ſie denn eine ſehr verſtaͤndige Perſon gefunden, die ſich freut uͤber Ihr Gluͤck und meiner Tochter geſagt hat, wie ſehr Sie ſie lieben;— aber ſo geht es den Vätern, waͤhrend ich mir Muͤhe gebe Euch zu vereinigen, ſeid Ihr hinter meinem Ruͤcken ſchon laͤngſt mit einander einig.“ Dr. Philemon war wie vom Blitz getroffen. Alſo waren ſeine fein angelegten Operationen vereitelt— und durch wen?— durch ſeine Geliebte ſelbſt, welcher er das Opfer bringen wollte. Zum erſten Male war Dr. Philemon gegen ſeine Geliebte in hohem Grade aufgebracht— denn ſie hatte ihn faſt in die Lage ge⸗ bracht, aus purer Verlegenheit eine Andere heirathen zu muͤſſen. Mit Muͤhe gewann er ſo viele Geiſtesge⸗ genwart, um die Vaterfreude ſeines Protectors herab⸗ zuſtimmen und ſich weiteren Explicationen zu entziehen. „Ach, verehrter Herr Medicinalrath,“ ſagte er, nachdem er einige Faſſung gewonnen,„leider ſind wir noch nicht ſo weit— es walten noch andere ſchwere Hinderniſſe ob, welche beſeitigt werden muͤſſen, Hin⸗ derniſſe, welche ich in dieſem Augenblicke nicht namhaft machen kann, und welche augenblickliche Schritte er⸗ forderlich machen.“ Dr. Milius nahm dieſe Bemerkung ſehr verdrieß⸗ lich auf, er ſah ſeinen präſumtiven Eidam mit einem — 3— Blick des Mißbehagens an, geſtattete ihm jedoch nach einigen Gegenreden ſich zu entfernen, um jene Schritte zu machen, ohne weiter in ſein Geheimniß zu dringen. Dr. Philemon begab ſich eilig und hoͤchſt erzuͤrnt zu Madame Baucis, welche er blaß und verweint zu Hauſe fand. Er hatte zum erſten Male kein Mitleid mit ihren Thraͤnen und ſchien ſie gar nicht zu bemer⸗ ken. Er warf ungeſtuͤm den Hut von ſich, ſtellte ſich Madame Baucis gegenuͤber in Poſitur eines Großin⸗ quiſitors und begann ſein Verhoͤr: „Madame belieben alſo gegen mich Cabalen zu ſchmieden?“ donnerte er ſie an. „Ich, mein Gott— Cabalen gegen Sie?“ ant⸗ wortete Madame Baucis heftig erſchrocken. „Ja, Sie gegen mich,“ fuhr Philemon mit ſtei⸗ gendem Zorne fort,„alſo ſind Sie eine Complottma⸗ cherin, eine Raͤnkeſchmiedin? Oder haben Sie nicht mit dem Fraͤulein Milius geſprochen— he?“ „In der That, das habe ich, mein Freund!“ ſagte Baucis zitternd,„aber—“ „Was aber, hier giebt es kein Aber, haben Sie nicht einen von mir in guter Abſicht geſchriebenen Brief fuͤr den eines Betruͤgers erklaͤrt, Sie, die Sie meine Handſchrift ſogleich erkennen und meine Abſicht begrei⸗ fen mußten? Iſt es ſo? Antworten Sie.“ „Ja doch, ich habe es gethan— aber wie konnte Dir einfallen in meinem Namen zu ſchreiben und dies zu ſchreiben? Ich will ja nur Dein Gluͤck, Phile⸗ non. fürze ſort: wid dieſe wie Wi Schritte diingen etzün weint zu Mitleid bemet⸗ llte ſih Großin⸗ alen zu 2 ant⸗ nit ſt ploltm⸗ ie nich eund! ben Sie en Btif i mein begrei⸗ ekonnte und dies Phll⸗ 3— mon.“ Und weinend wollte ſie ſich in ſeine Arme ſturzen— aber Philemon wich ſtreng zuruͤck und fuhr fort: „Mein Gluͤck, mein Gluͤck? Und das wollen Sie wider meinen Willen machen, gleichviel, ob mich dieſes Gluͤck ungluͤcklich macht oder nicht, und dann, wie Madame, Sie unterſtehen ſich mich zu verleumden? Wiſſen Sie, daß Sie unverſchämt gelogen haben? Zu ſagen, daß ich dieſes Fraͤulein leidenſchaftlich liebe — haben Sie das nicht geſagt? He?“ „Ach mein guter Philemon, hoͤre mich!“ ſagte Madame Baucis mit einem flehenden Blicke,„ſtoße Dein Gluͤck nicht von Dir, glaube mir, ich habe es in guter Abſicht gethan:— mein Himmel, ſoll ich denn, ich, die ich Dich ſo liebe, ein Hinderniß Deines Gluͤckes ſein! Das Fraͤulein iſt ja ſo ſchoͤn, liebens⸗ wuͤrdig, reich, ihr Vater kann Dich gluͤcklich machen, alle Deine Wuͤnſche werden in Erfuͤllung gehen, Du wirſt reich und geehrt ſein, und ich werde mich Deines Gluͤckes freuen. Was kann ich denn Dir bieten, eine arme Witwe, ſoll ich denn Dir zur Laſt werden? Soll ich wuͤnſchen, daß Du mich als die Klippe be⸗ trachten mußt, woran Dein ganzes Lebensgluck ſchei⸗ tert?— Philemon, ich bin ja nur gluͤcklich, wenn Du es biſt.“ „So, Madame, alſo haben Sie eine ſo gute Mei⸗ nung von mir, daß Sie glauben koͤnnen, ich meiner⸗ ſeits könnte gluͤcklich ſein, wenn ich Ihnen das Herz — 392— gebrochen haͤtte? Nein, Madame, Sie taͤuſchen mich nicht— das iſt es nicht, was Sie bewegt, ſolche Ca⸗ balen zu ſchmieden, Liebe zu mir iſt es nicht, nein, Haß, Sie ſind meiner uͤberdruͤſſig, Sie wollen ſich meiner entledigen, das iſt es.“ Philemon hatte jetzt den Punkt getroffen, wo Baucis verwundbar war. An einem Zweifel an ihrer Liebe mußte ihr Widerſtand, Philemons Opfer anzu⸗ nehmen, ſcheitern— mit frommer Schadenfreude be⸗ obachtete Philemon die Wirkung ſeiner Liſt. Sie war vollkommen. Laut weinend warf ſich Baucis auf das Sopha und konnte vor Schluchzen lange keine Worte finden. „Gott verzeih' Ihnen dieſe Grauſamkeit!“ ſtam⸗ melte ſie endlich. Schnell den Eindruck des Augenblicks benutzend, fuhr Philemon mit etwas gemildertem Tone fort. „Und wenn Sie mich wirklich lieben, ſo geben Sie mir einen Beweis davon.“ „Fordere— was Du willſt, Philemon,“ ſchwaͤrmte Madame Baucis,„mein Leben, Alles—“ „Alſo ſetzen Sie ſich an Ihr Schreibpult,“ befahl Philemon,„und ſchreiben Sie, was ich Ihnen dictire!“ Baucis gehorchte. Philemon dictirte: „Mein Fraͤulein! „Verzeihen Sie es meinem gekränkten Herzen, — en mich daß ich Sie heute Morgen aus einer unuͤberlegten che Ca⸗ Delicateſſe belogen habe. Philemon liebt t nin, Sie nicht. Sie wuͤrden nur ungluͤcklich werden llen ſih als ſeine Gemahlin, denn ich kenne ſein Herz und weiß, daß es ewig mir ergeben ſein wird. Um n, wo Ihres Herrn Vaters ehrendes Vertrauen zu ſchonen, an ihrer hat er die Liſt gebraucht in meinem Namen zu ſchrei⸗ et anzl⸗ ben. Was er Ihnen aber ſchrieb, mein Fraͤulein, ude be⸗ iſt die Wahrheit. Er wollte Ihnen und mir eine zie war Kraͤnkung erſparen. Ich aber habe mich von mei⸗ ner Liebe zu Philemon hinreißen laſſen, Sie zu Scph täuſchen, aber ich erkenne, wie ſtraͤflich es waͤre, in fndn. der Meinung Philemon gluͤcklich zu machen, Ihr ſfun— eigenes Lebensgluͤck, das mir und Philemon theuer iſt, aufzuopfern. Ob zwar mein geliebter Freund nuben durch keinen Eid an mich gebunden iſt, ſo iſt er doch nicht im Stande mein liebendes Vertrauen in en ihn zu verrathen, indem er mich, die ihm Alles ge⸗ 6 opfert, einſam und verlaſſen einem grauſamen Schick— vitmte ſal preisgaͤbe. Ihre ergebene Dienerin beſchl Baucis.“ re: 5 it Der Brief, unter tauſend Thraͤnen geſchrieben, war beendigt. Aber Philemon befahl ſeiner Freundin, welche ſich nun in ſeine Arme ſtuͤrzen wollte, ihn ordentlich zu ſiegeln und zu adreſſiren. Dann uͤbergab er ihn einer Dienerin mit der Weiſung, ihn augenblicklich in Hetſ⸗ — 394— das Haus des Dr. Milius zu tragen. Erſt nachdem er dies Alles beſorgt, athmete er tief auf und duldete es, indem ihm ſelbſt große Thräͤnentropfen uͤber die Backen liefen, daß Baucis ſeinen Hals umſchlang und an ſeiner Bruſt die ſeligſten Thraͤnen weinte. Sechstes Kapitel. Abermals floſſen einige Jahre dahin und in dem Verhaͤltniſſe des Liebespaares trat keine Veraͤnderung ein. Die einzige Frucht ihrer Liebe aber, ein munterer Knabe, wuchs bluͤhend heran und vermehrte die ſtillen und beſcheidenen Freuden ſeiner Erzeuger. Philemon ubernahm es ſelbſt, den Kleinen, als er das erforderliche Alter erreicht hatte, zu unterrichten— der Knabe nannte ihn Vater und weinte ſo oft Philemon ſeine Baucis verließ, um ſeufzend ſein Kämmerlein zu ſuchen. Auch Baucis konnte ſich einiger verſtohlener Seufßzer nicht erwehren, wenn ſie taglich und ſtundlich durch kleine Zufaͤlligkeiten daran erinnert wurde, daß ihr Bund im Widerſpruche mit den Geſetzen der Welt ſtehe. Es fehlte nicht an zarten Freundinnen und Nachbarinnen, welche, im Stillen das Gluͤck der Beiden beneidend, die Pein dieſes Gefuͤhls zu vermehren ſuchten. Tauſend kleine Neckereien und triumphirende Seitenblicke der ehr⸗ ſamen Ehefrauen ſollten ſie uͤberzeugen, daß ſie eine Ungl trlich Unhe ihten durch wate legt eiſch liche dem gen, ſchn ſort loſo ten der ina ihre iti die Co im Bl an hin we nachdem dldete über die ang und in dem inderung munteter die filen Philemon orderlich be nunnle Fald n. Auch zer nicht ch kleine Bund in ehe⸗ 65 buinnen⸗ idend, di Lauſen e der hr ſt in ungluͤckliche ſei. Aber ſie war es nicht. Unerſchuͤt⸗ terlich blieb ſie ihren Vorſaͤtzen treu und die kleinen Unheilſtiftungen der Klatſcherei vermochten Nichts uͤber ihren klaren Verſtand und ihr nur von einem Gefuͤhl durchdrungenes Herz. Allein dieſe kleinen Pruͤfungen waren es nicht allein, welche das Schickſal ihr aufer⸗ legt hatte, weit groͤßere ſollten die Kraft ihrer Seele erſchuͤttern. Bisher hatten ſich die beiden Liebenden eines ziem⸗ lichen Wohlſtandes erfreut. Der kleine Witwengehalt, dem kleinen Ertrag der Praxis Philemons zugeſchla⸗ gen, gab ein maͤßiges Auskommen, welches doch vor ſchmerzlichen Entbehrungen ſchuͤtzte. So lange dies fortdauerte, beobachtete die Welt gegen das iſolirte, phi⸗ loſophiſche Paar immer die Dehors einer wohlverdien⸗ ten Achtung. Aber plötzlich verſiegte das Oelkruͤglein der Witwe— der kleine Gehalt wurde ploͤtzlich durch finanzielle Kriſen, welche die Fonds erſchoͤft, worauf ihre Penſion verſichert war, eingeſtellt und faſt gleich⸗ zeitig nahm die Praxis Philemons bedeutend ab, da die Zahl der Aerzte immer im Zunehmen und ſeine Connexion durch das geſpannte Verhältniß zu Milius im Abnehmen war. Das troſtloſe Paar ſandte einen Blick zum Himmel, beſchloß aber nur um ſo treuer an ſich zu halten. Ungetrubt floſſen die Tage der beiden Gluͤcklichen hin— ſeltſam, man nannte dieſe beiden Menſchen, welche durch keinen Eid und kein geſetzliches Band an — =——————— ——˖— — 5— einander gefeſſelt und vollkommen frei waren— die Inseparables! Aber die Pruͤfungen ihrer Liebe und Treue dauerten fort und ſie waren oft grauſam. Beide ſahen indeß kuͤhn und entſchloſſen allen Unfällen ent⸗ gegen, ſie fuͤrchteten nur eines, einen Wechſel ihrer ed⸗ leren Gefuͤhle, aber eben dieſe Furcht war es, welche ſie vor dieſem Ungluͤck bewahrte. Indeſſen ſchien es nach einigen Jahren der zaͤrtlichen Baucis, daß ihr Philemon ſinnlich kälter gegen ſie werde, daß er länger von ihr weg bleibe als bisher, und daß bei ihr ſeine Seele zuweilen abweſend ſei. Immer hatte ſie mit heimlichem Schreck an jenen Fall gedacht, den ihr Phi⸗ lemon ſo oft als leicht moͤglich, ja faſt unvermeidlich vorausgeſagt hatte. Philemon, in Allem was er that offen, entſchieden, unverſtellt, ließ ihr bald durch ſein veraͤndertes Betragen merken, daß dieſer Fall einge⸗ treten ſei. Ihr weibliches Zartgefuͤhl erzitterte bei die⸗ ſer Gewißheit, ihre keuſche Seele konnte ſich einer Re⸗ gung eiferſuͤchtigen Widerwillens nicht erwehren— aber die empfindlichen Schmerzen, welche ihr Herz grauſam anfielen, wurden nicht wenig gemildert und abgekuͤrzt durch den Gedanken: er iſt frei, durch keinen Eid ge⸗ bunden, er hat mich nicht betrogen! Was aber ihr Ungluͤck faſt zu Nichts machte und ſogar in ein rela⸗ tives Gluͤck verwandelte, war die ſtolze Ueberzeugung, welche ſie gewann, daß, wie treulos auch die Sinne dieſes Mannes ſeien, den ſie uͤber Alles liebte— ja den ſie ſo liebte, daß ſie ihm zuweilen ein Gluͤck wuͤnſchte, den zen die wird letzte Geſe Her ſch die f ſina und ttach Leib hunz nen und Oder fnie die ibe und n. Beide llen en ihret ed z, welche ſchien es daß iht er länger ihr ſeine ſie nit ihr Phi umidli z et the uch ſin ll einge e hei ie⸗ iner Ne⸗ aber grouſam abgelin Eid He⸗ aber ih in rela⸗ eugung ie Sinnt 1 ja den wünſch — 37— welches ſie ihm vielleicht nicht mehr gewaͤhren konnte — doch ſeine Seele ihr ganz und gar eigen waͤre— denn, da er frei und durch kein Verſprechen gebunden war, warum riß er ſich nicht los von ihr, warum verließ er ſie nicht, warum folgte ſein Herz nicht ſei⸗ nen Sinnen?! Er konnte ja willkuͤrlich ein Band zer⸗ reißen, welches ſcheinbar ſo leicht geſchuͤrzt war, ſich von einer Laſt befreien, welche ihm das Leben erſchwerte und ihm mancherlei Freiheitsbeſchränkungen auferlegte. Ihre Seele lernte durch dieſe Betrachtungen fruhzeitig den Unterſchied zwiſchen Geſchlechtstreue und Her⸗ zenstreue, ein Unterſchied, welcher den Ehefrauen, die Beides verwechſeln, meiſt erſt dann begreiflich wird, wenn ſie durch Rache und Bosheit uͤber die ver⸗ letzte erſte das koſtbarſte Gut, die zweite, entweder in Gefahr geſetzt zu verlieren, oder verloren haben. Die Herzenstreue war ihr ein Heiligthum,— um es ſich zu bewahren, niemals dem Manne ihres Herzens die furchtbare Wahl zu laſſen, entweder mit der Re⸗ ſignation eines indiſchen Fakirs das Fleiſch abzutödten und die Ehe als das Grab ſeiner Begierden zu be⸗ trachten, oder ſich von dem Herzen wie von dem Leibe eines geliebten Weibes zu trennen, entweder ein ganzes Leben lang in einem Kampfe mit ſeinen Sin⸗ nen zu leben, welcher gerade den edelſten, begabteſten und vollkommenſten Naturen ſchrecklich werden muß, oder ſein Herz zu toͤdten, um ſeine Sinne zu be⸗ freien!— um nicht den Mann, den ſie ſo ſehr liebte, ———————————— ——— — 398— deſſen Liebe ihr groͤßtes, ihr einziges Gut war, in dieſe grauſame Wahl zu ſtellen, wobei ſie Alles zu verlieren, Nichts zu gewinnen hatte, da die ſinnliche Natur voͤllig unabhaͤngig vom moraliſchen Willen iſt, — vermied ſie jede Beruͤhrung eines Gegenſtandes, uͤber welchen ſie frei und duldſam zu urtheilen ſich gewoͤhnt hatte. Nicht wenig trugen Philemons philanthropiſch⸗ phyſiologiſche Vorleſungen, welche er ſeiner Geliebten zum Beſten gab, dazu bei, die duldſame Gemuͤths⸗ ruhe derſelben zu befeſtigen. „Die ewigen Geſetze der Natur,“ ſagte er ihr einſt, dem Drange nachgebend, Anſichten mitzutheilen, welche er in ſich verſchließen mußte, in einer Welt, deren Einrichtungen durchaus ſeiner Theorie widerſpre⸗ chend organiſirt waren,„die Geſetze der Natur ſind zuweilen grauſam, ſie zerreißen unſer Herz, aber wir durfen und konnen ihnen niemals ungeſtraft wider⸗ ſtreben. Giebt es etwas Furchtbareres fuͤr uns als den Tod, dieſes Verſiegen unſerer Lebenskraft, dieſes Auf⸗ hoͤren zu ſein— und doch, wem koͤnnte es einfallen, dieſer Naturnothwendigkeit Trotz zu bieten? Dennoch thun die Menſchen gleich Thoͤrichtes, indem ſie den Sinnen Gebote auferlegen wollen, dennoch wagen ſie es, aus unwiderſtehlicher Triebe Kraft und deren Abnahme Verbrechen zu machen! „Die ausſtrebende Manneskraft— von Thoren Schwachheit genannt— iſt nicht minder unbe⸗ zwi gele Ziel bell nich ebe auf and den dur gewöhnt nthropiſch Gelitbien Gemith agte et ih itzutheile iner Vil widerſ⸗ Natut ſn aben m aſt wider⸗ ns als den ieſes Aut einfallen⸗ Dennoq n ſi del zwingbar wie der Tod. Ihre Richtung kann nicht gelenkt und gezugelt werden, entweder ſie erreicht ein Ziel, oder ſie artet aus und zerſtoͤrt das Individuum — es giebt nichts Drittes. Ein Weib, welches ſich beklagt, daß die ſinnliche Liebe ihres Gatten ſich ihr nicht mehr zuwende oder ſie zeitweilig verlaſſe, iſt ebenſo thoͤricht, als ob ſie ſich beklagte, wenn die Sonne aufhoͤrt zu ſcheinen. Der Haß der Eiferſucht iſt ſo thoͤricht, wie der Haß gegen einen Leichnam waͤre. „Die Sinnlichkeit iſt eine Naturkraft wie jede andere. Sie gehorcht keinem menſchlichen, ſondern nur dem ewigen Geſetze der Natur. Sie ſtumpft ſich ab durch die Gewohnheit deſſelben Reizes. „In naturgemaͤßer Freiheit ſtroöͤmt ſie aus wie ruhiges, belebendes, zeugendes Licht— in der Be⸗ ſchraͤnkung wird ſie zuͤgellos und zuͤndend, aus einem ſchaffenden Princip ein zerſtörendes und Tod zeugendes. „Im Weibe iſt minderes Begehren, daher be⸗ ſchraͤnkte Naturfreiheit. „Daher entſpricht dem Naturgeſetze die groͤßere ſittliche Freiheit des Mannes und die Unterthänigkeit des von ſeiner groͤßeren Kraſft beherrſchten Weibes. „Aber grauſame Täuſchungen des menſchlichen Verſtandes, unnatuͤrliche Verirrungen machten das Verhältniß gleich— das Recht des Weibes gleich dem des Mannes, obwohl er factiſch es immer beherrſcht. „Es iſt herzbrechend, das Elend zu bedenken, zu welchem das Weib durch die unſelige Taͤuſchung der — 400— maͤnnlichen Geſchlechtstreue verurtheilt wird, wie eine verderbliche Einpflanzung firer Ideen in das Gemuͤth des Weibes ſein ganzes Leben vergiftet und allmaͤlig die edelſten Herzen verdirbt, den Familienfrieden zer⸗ ſtoͤrt und den Lebenskelch beider Geſchlechter uͤber und uͤber mit Bitterkeit erfullt. Dieſe exaltirte ſchwaͤrme⸗ riſche Vorſtellung von einer unnatuͤrlichen und un⸗ moͤglichen Sinnenliebe ohne Abſchweifungen und ohne Ende— dieſer Glaube an eine Pflicht, wenn ſie todt iſt in Bezug auf das legitime Object, oder wenn ſie relativ erſchwacht, ſie vollends in Bezug auf die uͤbrige Welt abzutoͤdten— wie viele Tau⸗ ſend Ungluͤcklicher macht ſie, welche, in natuͤrlicheren Begriffen erzogen, gluͤcklich haͤtten werden koͤnnen! Welcher ſelbſtquaͤleriſche Romantismus wird dadurch erzeugt, welcher gerade die Lebensgeſchichte der leben⸗ digſten und begabteſten Natur zu einem Romane macht, worin das menſchliche Herz durch die raffinirteſten Seelenfoltern langſam getoͤdtet wird! Wie vieler See⸗ lenadel, wie viel Tugend, wie viele der edelſten Ge⸗ fuͤhle werden oft durch dieſe ſchrecklichen Leiden ver⸗ nichtet, welchen beide Geſchlechter durch eine Taͤuſchung — einen gewoͤhnlichen Aberglauben— unterwyrfen ſind! Dieſes eingebildete Ungluͤck der ſinnlichen Untreue, wie viele Millionen Opfer macht es, welche es oft ein ganzes Leben furchtbar buͤßen, was ein Augenblick regelmaͤßigen Naturlebens verſchuldet. „Das iſt die Erbſuͤnde der zwei letzten Jahr⸗ * — wie eine tauſende. Und wie die heutige Menſchheit ringt, ſich Gemüt von Vorurtheilen loßzureißen— dieſes, von ſchlim⸗ anilig men Leidenſchaften, der Eitelkeit, Eiferſucht und Neid ſden unterſtuͤtzt, iſt kaum noch erſchuͤttert, obgleich jeder über ni Einzelne fuͤr ſich es erkennt,— denn es hat ſchreckliche wime⸗ Bundesgenoſſen: die beleidigten Wuͤnſche der Wolluſt. und u—„Wie unendlich traurig iſt dieſe Verkehrtheit des gen un Pflichtgefuhles! Welch' ein Ungluͤck, daß in der That t, wenn die verwerflichſten Schwachheiten und Laſter der menſch⸗ ect, oder lichen Natur, die menſchliche Eitelkeit, die Selbſtſucht, Zig der Neid, die unerſaͤttliche ausgeartete Begier der e Lul— Wolluſt, ſich aller Vorwaͤnde der Tugend bemächtigen, . iten um ihre frevelnden Wuͤnſche zu befriedigen! „Welcher Fluch liegt auf dieſer europaiſchen Ci⸗ durh viliſation! S.„Man koͤnnte ein Meer fuͤllen von den Thränen, welche aus der reinſten Dummheit geweint werden! „Und welche Gefahr fuͤr das vernunftgemaße und naturrichtige Menſchheitleben! 5„Die ſchlechten Leidenſchaften, theils durch die 6. Wirkungen des Vorurtheils nicht befriedigt, theils da⸗ durch gehindert, ſtreben nach einer unbedingten aus⸗ iuſtun gearteten Sinnenfreiheit— Gemeinſchaft der ſinnlichen inſt Genuͤſſe, nach einer thieriſchen Naturfreiheit, welche die nue höhere Natur des Menſchen mit dem der Thiere gleich⸗ 5 ſtellt— Communismus! nb lugend„Und dieſes Syſtem der philoſophiſchen»Schweine“, wie es zu Zeiten Epikurs niemals erhoͤrt war, in ſol⸗ Wien. 2. Bd. 26 — 402— cher Excentricitaäͤt— es wird ſeine Epoche haben und es hat— Dank ſei es der hohen Weisheit und Tugend vieler unſerer, in repreſſiven und menſchenfeindlich macchiavelliſtiſchen Maßregeln ſich gefallender Staatsmaͤn⸗ ner— bereits ſeine Epoche begonnen! „Die ſyſtematiſche Unterdruͤckung des politiſchen Geiſtes— das iſt, aller anderer als individuell⸗eg oi⸗ ſtiſcher Gefuͤhle und Gedanken, hat bereits dieſer Philoſophie die Thore geoͤffnet! „Die Thoren, ſie ſchwächen das Gemeingefuhl der Menſchen und klagen uͤber die Aufloͤſung der Ge⸗ meinſchaft!“ Dieſe Anſichten waren Philemons Steckenpferd. Die Moraliſten moͤgen ſie pruͤfen, ob ſie richtig ſind. So viel iſt aber gewiß, daß ſie Baucis beruhigten, daß ſie ſelbe zur Erkenntniß brachten, wie entfernt die Liebe von allem Egoismus ſei. Der Alleinbeſitz von Philemons Herzen war ihr einziges Beſtreben. Weit entfernt in Leichtfertigkeit auszuarten, gewohnte ſich Baucis doch daran, mit heiterer Ruhe an das zu denken, was gewoͤhnlichen Weibern das Fuͤrchterlichſte iſt, ja daruͤber mit Philemon mit froͤhlicher Reſigna⸗ tion zu ſcherzen. Und ſeltſam, dieſe Duldſamkeit und Ergebung brachte auf Philemon eine Wirkung hervor, welche allmaͤlig ſeine Sinne beherrſchte, welche ſein Herz und ſeine Sinne ſo ſtimmte, daß er die groͤßte Liebeswonne nur am Buſen ſeiner Baucis fand, deren 3 ——— n und zheit ſſioen iſchen zmin⸗ 1 tiſchen egoi⸗ dieſer efühl er Ge⸗ enpferd⸗ uhigten, emt die ſit von Velt te ſich das z erlichſe Reſgn kit und heror he ſein gpiß , deren — 5— Anmuth und Schoͤnheit durch ſolche Tugend unzer⸗ ſtörbare Reize gewann. Er ſagte daher oft zu ihr: „Weiß ich doch, trotz meiner Wiſſenſchaft, es nicht zu ergruͤnden, wie es kommt, daß ich Dichewig jung finde, daß ich keine Zerſtörungen der Zeit an Dir finde, daß Du in einer ſo reichen Natur immer der Punkt bleibſt, wo die groͤßte Anziehungskraft mich feſſelt.“ Und Baucis fuͤhlte, daß er wahr rede. Seine Gluthen erkalteten nicht. Sein Herz war immer voll Zaͤrtlichkeit gegen ſie. Sie mußten ſich immer lieben durch eine moraliſche Nothwendigkeit. Sie wußten es nicht, wie es kam, daß ſie immer gluͤcklich waren, während ſo viele Ehen in ihrer Umgebung immer un⸗ gluͤcklich waren. „Woher kommt dies, Philemon?“ fragte Baucis laͤchelnd,„wir ſind doch nicht vollkommener als andere Menſchen.“ „Es kommt daher,“ antwortete Philemon,„daß wir frei ſind— darin, daß wir Nichts von einan⸗ der zu fordern, ſondern nur zu geben haben, und daß wir immer die Seligkeit des Empfangens empfinden, ohne jemals den bitteren Schmerz der Verweigerung zu fuͤhlen.“ Und ſo waren ſie in dieſem Denken und Fuͤhlen unbeſchreiblich gluͤcklich. 26* — 404— Sſchluß. Des Lebens Pruͤfungen— wie wenig Liebende beſtehen ſie ſiegreich! Ein Paar, welches ſich ewige Treue geſchworen, wie viele Feinde ihres meiſt vor⸗ eiligen Bundes haben ſie zu bekämpfen! Zuerſt das Schickſal mit ſeinem unerbittlichen Walten, den grau⸗ ſamſten Wechſel der Gluͤcksumſtände, welche oft das beſte Herz verbittern, das weichſte Gemuͤth abhaͤrten, die zaͤrtlichſte Liebe in gramvolle Gleichgiltigkeit ver⸗ wandeln. Wehe dem ſchwachmuͤthigen Paare, welches die Armuth auf die Probe ſtellt! Der Man⸗ gel iſt der Todfeind aller Zaͤrtlichkeit und beide ver⸗ bundene Herzen muͤſſen eine faſt uͤbermenſchliche Kraft der Liebe in ſich haben, um ihn zu uͤberwinden. Wie ſelten aber findet ſich ſolche Kraft im menſchlichen Herzen, welches meiſtens unter harten Schickſalsſchlaͤgen zerbricht, um nie wieder ein Ganzes zu werden. Das ungluͤck zerſtoͤrt die Phantaſie, die holde Pflegerin liebevoller Gedanken, es ſtumpft die Nerven ab, deren Lebendigkeit die Gefuͤhle wach haͤlt, es verloͤſcht das Feuer des Blutes, welches immer neues Leben in das Herz ſtroͤmen laͤßt, kurz, es toͤdtet nur zu haͤufig in ſchwachen Naturen den beſſeren Theil. Aber nicht nur das Ungluͤck iſt ein Feind der Liebe und Treue, die eigenen Fehler und Schwaͤchen verloͤſchen nicht ſelten am geſchwindeſten die heiligſten Flammen des Herzens. e——„ Liebende ch ewige eiſt vor⸗ lerſt das en gral⸗ oft d bhärten, iit ver⸗ Mart, er Man⸗ eide ver⸗ he Kuft n. Vie ſhlihn ſchligen . Das legerin b, deren ſcht das in dus nicht nur e, die t ſuen — 405— Die beiderſeitigen Fehler ſich zu verzeihen, immer wieder zu verzeihen, ſie geduldig zu ertragen, das Heer von Launen, welchen das menſchliche Herz unterworfen iſt, die Foltern der Eiferſucht, die empfindlichen Kraͤn⸗ kungen des Jähzornes, die Phantasmen der Melan⸗ cholie, die kleinen Bosheiten und das beleidigende Phlegma, Scheltworte und Schmollen, ja vielleicht Thaͤtlichkeiten einer wilden Gemuͤthsart, die Stichelreden der uͤblen Laune, die Vorwuͤrfe undankbarer Stim⸗ mungen, Unrecht und Verkennung aller Art— Alles dies ein ganzes Leben lang nicht blos gleichmuͤthig und fuͤhllos, ſondern mit Liebe zu ertragen, nie zu er⸗ muͤden in der Liebe,— das iſt die ſtaͤrkſte aller Pruͤ⸗ fungen des menſchlichen Herzens. Dieſe Pruͤfungen trennen oft Herzen, die, ſo lange Jugend und Sinn⸗ lichkeit ſie vor Verbitterung bewahrten, mit Demant— feſſeln aneinander gebunden waren, die nur ineinander gelebt und Jahre lang ein Beiſpiel poetiſcher Eintracht und Harmonie der Seelen gegeben hatten. Auch unſer Liebespaar hatte dieſe Pruͤfungen zu uͤberſtehen. Der Sonnenſchein des Gluͤckes wich von ihnen und der Sommer der Jugend ging vorbei. Aber die Freiheit feſſelte dieſe Herzen ſtaͤrker aneinander, als es der Zwang gethan haben wuͤrde. Auf den oͤffentlichen Spaziergängen Wiens be⸗ gegnete man einſt häufig einem greiſen Paare, welches mit ſichtbarer, faſt jugendlicher Freude an den oͤffentlichen Vergnügungen Antheil nahm. Der Mann, ein ſchoͤner ———————— — 406— Greis von noch bluͤhendem Ausſehen, friſchen Augen, zeigte in ſeinen Bewegungen eine Lebhaftigkeit, welche mit ſeinem Alter angenehm contraſtirte. Die Frau glich ihm vollkommen. Sie gingen immer Arm in Arm, und aufmerkſame Beobachter bemerkten haͤufig, wie lebhaft noch zwiſchen ihnen jener Austauſch von kleinen Zaͤrtlichkeiten war, welcher in den meiſten Ehen ſchon nach den erſten Jahren einem ceremonioͤſen und kalten Weſen Platz macht. Dieſes uͤberaus heitere Paar war Philemon und Baucis, welche noch immer unverheirathet waren, obgleich ihre Verhaͤltniſſe ſich ſo geſtaltet hatten, daß ſie ihr Buͤndniß hätten in die Regel bringen koͤnnen. Philemons Praxis hatte ſich allmaͤlig ſo gebeſſert, daß er laͤngſt im Stande ge⸗ weſen wäre ein anſtaͤndiges Haus zu fuͤhren, Madame Baucis hat eine Erbſchaft gemacht, welche den Wohl⸗ ſtand der Familie noch feſter begruͤndete. Auch waren beide Theile in das Alter getreten, wo von den ſinn⸗ lichen Leidenſchaften kein Bruch der Ehe mehr zu fuͤrchten war. Aber ſeltſam! Dieſes Paar fuͤrchtete ſich durch die Ehe zu verlieren. Es hatte in beider⸗ ſeitiger Freiheit ſo harte Prufungen beſtanden, es hatte, um ſich treu zu bleiben und unter ſich Frieden zu halten, in einem mehr als dreißigiährigen Kriege ge⸗ gen neidiſche Eheweiber, welche ihnen ihr Gluͤck miß⸗ goͤnnten und es durch Verleumdung zu zerſtören ſuchten, gegen ſpoͤttelnde Freunde und naſeruͤmpfende Freun⸗ dinnen, gegen die gute Meinung der Dummheit Augen, wllche ie Fuu Am in häufig, ſch von n Ehen ſen und heitere immet ſich ſo in die atte ſich nde ge⸗ Nadamt Vohl h waren en ſinn⸗ uhr zu luchtete beider s halte, eden iege miß⸗ ſuchten, Freun⸗ mnhit und die ſalbungsvollen Rathſchlaͤge des„geſunden Verſtandes“ gelebt, aber die Pruͤfung der Ehe ſchien ihnen Beiden allein eine zu gefährliche zu ſein, um ſich ihr leichtſinnig zu unterwerfen. Demungeachtet hatte es Philemon fuͤr ſeine Pflicht gehalten, ſeiner Baucis einen Antrag zu machen. Er erſchien daher eines Tages im ſchwarzen Frack, mit einem maͤchtigen Blu⸗ menſtrauße in der Hand und feierlicher, doch etwas ſchalkhafter Miene am Geburtstage ſeiner Baucis, bog ein Knie huldigend vor ihr, welche uͤber dieſe Anſtalten ſehr beluſtigt war, und begann ſich wie folgt mit ihr zu expectoriren: „Madame,“ ſagte er,„Sie beſitzen nun ſeit dreißig Jahren mein Herz.“ „Nun, ſoll ich es Ihnen etwa wieder herausge⸗ ben?“ erwiderte Madame Baucis etwas betroffen. „Im Gegentheil— ich komme vielmehr— ich will— ich biete Ihnen—“ Unter dieſen Anſtrengungen gerieth der gute Doctor aber in einen heftigen Angſtſchweiß, der ſeine Bereit⸗ willigkeit Luͤgen ſtrafte. Aber die Pflicht war fuͤr dieſen Mann ein eiſernes Gebot— und er hielt es fuͤr ſeine Pflicht„ein Ende zu machen“ „Kurz und gut, Madame,“ fuhr er fort,„wir haben Beide Vermoͤgen, wir ſind über die Jahre der Anfechtung hinaus, ich bin Ihr Schuldner, kein Hin⸗ derniß ſteht unſerer geſetzlichen Verbindung im Wege, — 408— wir koͤnnen uns ohne Gefahr heirathen, ich biete Ihnen meine Hand— wollen Sie mir die Ihrige geben?“ Madame Baucis war durch dieſen Antrag keines⸗ wegs ſehr angenehm uͤberraſcht. Sie hatte Muͤhe eine gewiſſe Angſt zu verbergen, welche ihr der Antrag Philemons machte, und antwortete ziemlich gedehnt: „Nun ja, mein Freund, wenn Du durchaus willſt, Du weißt, ich folge Deinen Wuͤnſchen als Be⸗ fehlen.“ „Durchaus?“ fragte Philemon etwas aufath⸗ mend,„nein, durchaus nothwendig iſt es nicht, Sie haben Ihren freien Willen, Sie koͤnnen mich ausſchla⸗ gen, ich wollte Dir blos zeigen, daß ich meine Pflich⸗ ten kenne.“ „Nun denn, Herr Bräutigam,“ antwortete Baucis ſchnell,„ich entbinde Sie dieſer Pflichten.“ „Aber—“ „Kein Aber,“ fuhr Madame Baucis fort, indem ſie den vor ihr knieenden grauen Seladon auf die Au⸗ gen kuͤßte,„antworte mir lieber auf eine Frage nur von den Tauſenden, die ich Dir vorlegen konnte: Haſt Du es vergeſſen, wie Du ein freier Mann mir zu Liebe eine glaͤnzende Verbindung mit einem reizenden Geſchoͤpfe ausgeſchlagen, kannſt Du es ermeſſen, wie glüͤcklich mich dieſes Opfer gemacht hat?“ „Und Du,“ antwortete Philemon lebhaft,„haſt Du mir nicht ein groͤßeres Opfer gebracht, als wir Beide darbten und der reiche Hauswirth Dir ein Vermögen Ihnen güen?“ ag lins ühe in t Antrag gedehnt: rchaus n als Be⸗ 5 aufuth⸗ icht, Si ausſchle n yji⸗ te Bauci rt, indem die Au⸗ rage nur ni Hiſ n mit zu niznden eſſen, wi — 409— von hunderttauſend Gulden zu Fuͤßen legen wollte— er war ein angenehmer Mann, angeſehen und reich, ich ein armer Schlucker, wir Beide von der Welt ſehr geringgeſchätzt, Baucis, es hat mich zum gluͤcklich⸗ ſten aller Sterblichen gemacht.“ „Nun ſiehſt Du, mein Philemon, ſo gluͤcklich hat uns die Freiheit gemacht— und noch heute— ſoll ich's Dir geſtehen— noch heute, täglich macht es mich gluͤcklich, Dich frei zu wiſſen und doch— mein eigen, denn Du biſt ja noch immer ein Mann, der eine junge, ſchoͤne und reiche Frau gluͤcklich machen kann, und ich bin ſtolz darauf, daß Du frei biſt.“ „Und Du,“ ſagte Philemon freudig,„wäreſt Du nicht die Perle jedes Hausweſens? Muͤßte ſich nicht jeder Mann gluͤcklich ſchaͤtzen, Dich heimzufuͤhren?“ „Und doch willſt Du mich ungluͤcklich machen—“ „Ich Dich ungluͤcklich?“ „Nun, Du willſt mich heirathen, ich werde Dich dann beſitzen wie meinen Muff und mein Sopha, das mir Niemand nehmen kann— ich werde Dich vielleicht nicht mehr ſo zu ſchaͤtzen wiſſen, wenn ich Dich nicht mehr verlieren kann.“ „Du haſt Recht, mein Engel— Nichts mehr da— von— aber die Leute, die boͤſen Leute!!!“ „Laſſen wir ſie reden!“ „Aber ſie ſagen— welch' ein Skandal!— dieſe alten Liebenden— wann werden ſie zu Vernunft kommen?— ſie koͤnnen doch heirathen, warum thun ſie es nicht—2 „Nun gerade nicht, weil ſie ſich daruͤber aͤrgern. Haben wir, ſo lange wir der Welt Urtheil nicht ver⸗ achten— ſondern leidend es ertragen mußten— ha— ben wir es damals ertragen, ſo wollen wir uns jetzt raͤchen— gerade nicht.“ „Recht ſo, Weibchen,“ jubelte Philemon,„nun gerade nicht.“ Wien. 2. Bd. 2 —— — 410— „Wir wollen ſie recht aͤrgern— und einander recht lieb haben.“ „Wir wollen uns luſtig machen uͤber dieſe ge⸗ ſtrengen Familien, welche uns einſt das Leben verbit⸗ terten und nun in Unfrieden unter ſich leben.“ „Alſo abgemacht— wir bleiben die Alten.“ Ein heiterer, lichter Lebensabend folgte auf dieſen letzten Pact der greiſen Liebenden. Sie betrachteten mit laͤchelndem Mitleid die Welt, welche ſie getadelt, verfolgt und verhoͤhnt hatte— dieſe Welt, welche in Ausartungen und Laſtern aller Art ſtuͤckweiſe um ſie her zerfiel! Sie vergalten ihr nicht Gleiches mit Glei⸗ chem, ſie halfen oft den Ungluͤcklichen, ſie erwieſen Liebe Jenen, welche ſie einſt verſpottet hatten. Und ihre Zu⸗ friedenheit wurde nur getruͤbt durch das Elend und den Unfrieden, den ſie in der Familienwelt ſahen, welche ſie umgab. Es machte ſie lebensſatt, unter ſo vielen Un⸗ gluͤcklichen allein gluͤcklich zu ſein. Dieſes durch und durch zerruͤttete Familienleben, dieſes Siechthum der Generation— es troͤſtete ſie nicht uͤber ihre vergan⸗ genen Leiden, es peinigte ſie.„Gott,“ ſagte Baucis oft zu Philemon,„Gott ſcheint die Menſchen wieder verderben zu wollen!“ Philemon antwortete nicht und ſeufzte. Der Herr erbarmte ſich endlich dieſer einſamen Gluͤcklichen und befreite ſie von dem An⸗ blick ſeines furchtbaren Gerichts. Ihre letzten Gedan⸗ ken waren ein Gebet fuͤr ihre Mitmenſchen. Ende des zweiten Bandes. einandet ieſe ge⸗ verbit uf dieſen rachteten getadelt, vlche in N 5 nit Glii ſen kiebe ihre Zl⸗ und den vlche ſe elen Un⸗ urch und um der vergan⸗ Bauc n wiedet et nich ch dieſe dem In Gdan⸗ — Colour& Grey Sorſtroſ Shart Cyan Green Nellov Red Magenta ——