deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard GOttmann in Gieſſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. . cLeih und Tef ebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ( 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe — hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe inuß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Büchen: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 3 Mt.— Pf. 1 Wr. 50 Pf. 2 Wer.— Pf.* 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Biicher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Jusleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonpers darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden varf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch vafür zu ſtehen haben. Das Sittengemälde von Anton Johann Groß⸗Hoffſinger. Erſter Band. — Leinzig⸗ 1846. Johann Friedrich Hartknoch. Die geiſtreichſten Publiciſten und Staatskuͤnſtler, Dichter, Reformatoren, Volksredner, Zeitungsſchreiber, Deputirte,— Maͤnner aller Parteien ſind in dem Augenblick beſchaͤftigt, die Grundquelle aller Uebel, woran die Menſchheit ſichtlich zu Grunde geht, zu erforſchen. Die Einen wollen ſie in den Regierungs⸗ formen, die Anderen in der Kirche, die dritten in der ungerechten Vertheilung der Gluͤcksguter gefunden haben, die Staatsmänner der abſolutiſtiſchen Partei wollen ſie durch Unterdruͤckung der Preſſe und der Gewiſſensfrei⸗ heit, die Volksmaͤnner durch das Gegentheil, die Com⸗ muniſten durch Einfuͤhrung des Fourierſſchen Hoſpital⸗ regimentes verſtopfen. Wir wollen hier nicht unter⸗ ſuchen, welche von Allen mehr Recht haben als die Anderen, nur ſo viel behaupten wir ohne Anſtand, daß wohl Alle ziemlich unaufrichtig in ihren Beſtrebungen ſind, daß ſie weniger den großen Zweck ihrer Oſten⸗ tation, als ihre perſoͤnlichen und Corporationsvortheile, weniger die Zukunft als die kurze Spanne der Gegen⸗ wart im Auge haben, welche ihr kurzſichtiger und klein⸗ icher Egoismus auszumeſſen im Stande iſt. Wien. 1. Bd. 1 Gluͤcklicherweiſe bin ich nicht berufen, hier dieſer Urquelle nachzuforſchen,— ich habe nur eine Stelle zu zeigen, wo ſie bereits ein reißender Strom gewor⸗ den iſt, ein Strom, den jedoch Niemand zu gewahren ſcheint, obgleich er alle unſere Wohlfahrt uͤberſchwemmt, blos darum, weil Jedermann darin behaglich ſchwimmt, unbekuͤmmert in der Wolluſt des Augenblicks, ob man jemals das Ufer wieder zu erreichen im Stande ſein wird. Denn Niemand kennt ſeine Kraͤfte, und ob⸗ gleich Jeder das ungluͤck Anderer ſieht, ſo ruͤhrt es ihn doch nicht, er lacht wohl uͤber die Ungeſchickten, welche ſich vom Strome verſchlingen laſſen, und glaubt ſich durch ſeine Krafte wohl geſichert gegen ein ſo ſchmähliches Schickſal. Dieſer Strom aber iſt die Zuͤgelloſigkeit unſerer Sitten, ausſchweifende Sinnlichkeit, bodenloſe Lieder⸗ lichkeit der Geſinnung und Geſittung unter Hohen und Niederen, Vornehmen und Geringen, Reichen und Armen, Prieſtern und Laien, Frauen und Maͤnnern, Jungen und Alten,— unter Jenen, welche da befeh⸗ len, und Jenen, welche ihnen nicht gehorchen, Jenen, welche da lehren und predigen, und Jenen, welche ſie verhoͤhnen. Daß die Sinnlichkeit in unſerem Zeitalter einen ſo ausſchweifenden Charakter annehmen konnte, iſt wohl dadurch veranlaßt, daß die chriſtlichen Prieſter, um ihre Macht und ihren Einfluß uͤber die Familien zu ver⸗ ſtärken, das Inſtitut der Ehe aus einem naturgemäß 0 freien Verbande der Liebe zu einer ſtrengen kirchlichen Einrichtung erhoben und ihm dadurch den verhaßten Charakter eines Zwanges gegeben haben, welcher, von den ſtaͤrkſten Naturgefuͤhlen perhorrescirt, mehr als jedes ſociale Mißverhältniß dazu beitrug, die Begier⸗ den bis zur Zügelloſigkeit zu entfeſſeln. Von dem Augenblicke an, wo der ſacramentaliſche Charakter die⸗ ſes Inſtitutes durch Inquiſitionsgerichte und ſchreck⸗ liche Strafen gegen alle Geſchlechtsſuͤnden auf die Spitze geſtellt wurde, begann jener furchtbare Sturz der ſittlichen Gefuͤhle, welcher nun faſt ſein Ende er⸗ reicht hat— den Boden des Abgrunds, wo ſie vol⸗ lends verſinken und vernichtet werden ſollen. Wenig⸗ ſtens ſpricht jede Seite der Geſchichte fuͤr dieſe An⸗ nahme. Liebe, Treue und Sittlichkeit gediehen nicht beſſer als in Zeiten, wo die Ehe ein freier Bund der Liebe war. Jene Zeiten haben die meiſten Beiſpiele von Frauentugend und keuſchem Maͤnnerſinne aufzu⸗ weiſen. Als Arria, die Gemahlin des Cacinna Paͤtus, den von ihrem rieſelnden Herzblute bedeckten Dolch ihrem Gatten mit den unſterblichen Worten uberreichte: Paete non dolet! da wußte man noch nichts von einem heiligen Sacramente der Ehe— obgleich die Ehe hei⸗ lig war durch das freie aturſtarke Gefuͤhl der Sitt⸗ lichkeit. Was das heutigs Europa betrifft, ſo herrſcht, zum Beweiſe der aufgeſtellten Behauptung, nirgends eine größere Zugelloſigkeit der Sinnlichkeit, als in jenen Gegenden, wo die groͤßte kirchliche Strenge freiwilliger Eunuchen die Ehe zu einer Feuerprobe der menſchlichen Tugend und Keuſchheit, zu einem lebenslaͤnglichen Kerker fuͤr Leib und Seele gemacht hat, in Spa⸗ nien, Frankreich, Italien und— Oeſterreich! Wir haben es hier nur mit letzterem Lande zu thun, denn die uͤbrigen Laͤnder haben ſeit langer Zeit ihre Geſchich⸗ ten der Sittenloſigkeit, wozu die wohlgefaͤlligen, blos auf den Reiz der Sinnenluſt berechneten, frivolen Dar⸗ ſtellungen erotiſcher Schriftſteller die bezeichnendſten Beiträge lieferten. Caſanova, Boccaccio und die galan⸗ ten franzoſiſchen Autoren ſind wichtige Beiträge zur Sittenſchilderung ihrer Zeiten. Sie wurden nirgends eifriger geleſen als an jenen Hoͤfen, wo man mit Hilfe jeſuitiſcher Beichvaͤter und jener rechtsgelehrten Buͤttel, welche zu allen Zeiten bereit waren, fur Sold und Rang Geſetze gegen die menſchliche Schwachheit zu erdenken und ihren ſittlichen Eifer durch recht ſchau⸗ dervolle Erfindungen darzuthun, jene Strafen gegen Keuſchheitsſuͤnden erdachte, welche noch heute ſo viele Geſetzbuͤcher beſudeln. Das proteſtantiſche Deutſchland hat noch ſo viel Sittlichkeitsgefuͤhl gerettet, um der erotiſchen Literatur keinen Vorſchub zu leiſten; in Oeſterreich iſt laͤngſt dieſes ſittliche Gefühl faſt völlig erloſchen und nur die Cenſur haͤlt— vielleicht nicht ohne ein faunenhaftes Bedauern— die Entſtehung einer ſolchen Literatur zuruͤck, waͤhrend ſie jedoch auf dem Theater, um das Vergnuͤgen nicht völlig zu entbehren, die gröbſten An⸗ zuͤglichkeiten und Zweideutigkeiten geſtattete. Weit entfernt, mit Boccaccio und Caſanova wett⸗ eifern zu wollen, habe ich nur den Zweck, zum Nutzen fur den Staat und die Familie ein Bild jener zugel⸗ loſen Sitten zu entwerfen, worin ſehr viele Leſer ihre eigenen erkennen werden, um mein Vaterland zum Be⸗ wußtſein der auf ihm liegenden Schmach zu bringen. Wenn ich in meinen Schilderungen dem natuͤrlichen Gange der Gefuͤhle nachfolge, ſo will ich blos das ſitt⸗ liche Gefuͤhl dahin fuͤhren, wo es ſeine Verirrungen erkennt. Dies ſoll ohne Pruͤderie und Affectation, aber auch in keiner Weiſe geſchehen, welche meine Abſichten verdaͤchtigen koͤnnte. Ich halte dieſe Unternehmung ſuͤr eine hoͤchſt ernſte fuͤr mein Vaterland. Nicht nur iſt es hohe Zeit, daß dieſer ſittenſtrenge Hof ſeine Um⸗ gebungen in der Geſellſchaft erkenne und ſich nicht laͤnger durch jenen nichtswuͤrdigen Schein von Ehr⸗ barkeit, Anſtand und Solidität der Auffuͤhrung tau⸗ ſchen laſſe, womit Diejenigen ſich umgeben, welche Macht und Ehrenſtellen zu erlangen ſuchen durch eine ſtaatsgefaͤhrliche Heuchelei, um Neigungen zu froh⸗ nen, welche abſcheulich ſind, ſondern auch die Geſell⸗ ſchaft mit der ſodomitiſchen Nemeſis unſerer Zei⸗ ten— jenem furchtbaren Feuerregen von ſchrecklichen, heimlichen Seelenqualen— bekannt zu machen. Es ſind der Gottesgerichte in den natuͤrlichen Ereigniſſen des Lebens, welche aus der allgemeinen Sittenloſigkeit entſpringen, ſo viele, daß man keiner Wunder bedarf, um die Seelen ſeiner Zeitgenoſſen zu erſchrecken. Der oͤſterreichiſche Hof war ſeit Maria Thereſia bemuͤht die Unſittlichkeit zu vertilgen, aber er hat die rechten Mit⸗ tel nicht ergriffen. Die fromme Maria Thereſia ließ eine Keuſchheits⸗Commiſſion errichten mit ſehr ſtrengen Inſtructionen, aber die Herren Commiſſaͤre trieben ihr Geſchaͤft, des Nachts in die Schlafkammern von ſchoͤnen Frauen und Fräuleins zu dringen, Attra⸗ pen zu veranſtalten, mit ſolchem Vergnuͤgen, und ge⸗ waͤhrten Vergebung und Verborgenheit der entdeckten Suͤnden um ſo angenehme Preiſe, daß die gute Kai⸗ ſerin genoͤthigt war, durch Aufhebung der Commiſſion dem Scandal, durch welchen viele angeſehene Familien ——.—————— compromitirt worden waren, ein Ende zu machen. Die Ehemaͤnner, welche durch die Wachſamkeit und Indiscre⸗ tion der Commiſſion hinter die Schliche ihrer Frauen kamen, die Frauen, welche dadurch die Treuloſigkeiten und geheimen Ausgaben ihrer Muͤnner erfuhren, die Väter, welche ihre Toͤchter dem Aergerniſſe preisgege⸗ ben ſahen, Alle wußten der Keuſchheitscommiſſion we⸗ nig Dank, am wenigſten aber die hohe Geiſtlichkeit, welche vor dem niedern Klerus gewiſſe angenehme Pri⸗ vilegien ſich reſervirte. Einer dieſer Keuſchheitscom⸗. miſſäre— ſo erzählten die Großväter— ſei in eine äußerſt ſchoͤne, aber ſehr vornehme Dame verliebt ge⸗ weſen. Da er keine Hoffnung hatte, jemals ihr Herz, noch viel weniger ihre Hand zu erobern, ſo ſchritt er ** zu einer verzweifelten Liſt. Er ſuchte die Angelegen⸗ heiten ihres Herzens zu erforſchen und erfuhr, daß ein ungariſcher Grenadierlieutenant von ihr geliebt werde. Es gelang einem ſeiner Agenten ſich in das Vertrauen des Officiers zu ſchleichen, und er wußte es dahin zu bringen, den heißen Wuͤnſchen des hoffnungslos lieben⸗ den Lieutenants„Gelegenheit“ zu machen. Das unbe⸗ ſcholtene, aber ſehr verliebte Taubchen ging in die Falle,— endlich nach einjährigem Schmachten, ſtillen Seufzern ohne Zahl, verzweifelten Liebesbriefen, erha⸗ ſchen ſie das Gluͤck einer heimlichen Zuſammenkunſt ohne Zeugen. Die Dame fliegt in die Arme ihres Ge⸗ lievten, ihr Herz pocht an dem ſeinigen, es werden Schwure und Kuſſe gewechſelt, es wird eine Verſchwoͤ⸗ rung gegen eine tiranniſche Mutter gemacht— da offnet ſich plotzich die Thuͤr und ein Commiſſaͤr der Keuſch⸗ heitscommiſſion erſcheint, um das bei einer gewoͤhnlichen Gelegenheitsmacherei ertappte Liebespaar zu inquiriren. Wer ſchildert den Schreck und die Beſtuͤrzung der Un⸗ glucklichen! Wohl oder ubel— der Herr Lieutenant mußte ſeinen Namen nennen, eben ſo die Dame, welche nur dadurch einer oͤffentlichen Verhaftung entgehen konnte. Der Herr Commiſſäͤr ſetzte ſie in einen Wa⸗ gen, um ſie zu ihren Eltern zu bringen, aber ſtatt da⸗ hin die in Thränen Schwimmende zu bringen, läßt der Herr Commiſſär den Wagen auf die Landſtraße fahren. Er erklärt der Dame, daß er ſehr beklage, ſie in ſolcher Lage zu ſehen! Er tröſtet, er lßt Hoff⸗ nung blicken auf Befreiung. Kurz, er übereilt in et⸗ was, berauſcht von dem Nimbus ihres Zaubers, ſeine Antraͤge;— aber die Dame war ſo erzuͤrnt und ſo außer ſich vor Verzweiflung, daß ſie die Zaͤrtlichkeit des Commiſſaͤrs zu einem originellen Entſchluß brachte, auf welchen dieſer am wenigſten gefaßt war. Es fuhr ihr wie ein Blitz durch den Kopf: wie, wenn ich den Scandal benutzte, um Karl zu gewinnen, um ſein Weib zu werden? Das Genie der Liebe iſt untruͤglich, das Mittel, einen Mann zu bekommen, war heroiſch, aber konnte nicht fehlſchlagen. Was ſollte Mama anfangen mit dieſem Keuſchheitscommiſſaͤr, dieſer in Thraͤnen ge⸗ badeten attrapirten Tochter— welche Satisfaction konnte ſie von dem Grenadierlieutenant verlangen, wie die Schande ihres Hauſes bemänteln? Sobald die junge Dame dieſe Gedankenreihe vollendet hatte, und ſie war im Augenblick damit fertig, ſagte ſie ſehr ruhig zu dem nun ſeinerſeits bis auf den Tod erſchreckten Keuſchheits⸗ commiſſär:„Mein Herr, ich beſtehe darauf, daß Sie Ihre Pflicht thun, und mich zu meiner Mutter bringen; — ſollten Sie einen Augenblick anſtehen, mir zu will⸗ fahren, ſo wurden Sie es ſich ſelbſt zuzuſchreiben haben, wenn ich dann den unverſchaͤmten Antrag, welchen Sie mir eben gemacht haben, Ihren Vorgeſetzten anzeigen muͤßte.“ Alle Bitten und Gegenvorſtellungen waren fruchtlos, die junge Dame war ordentlich darauf er⸗ picht, compromittirt werden zu wollen. Er mußte ſie als Delinquentin ihrer Mutter vorfuͤhren, berichten, was er wußte, und einer Familienſcene mit beiwohnen, wo⸗ bei wohl Niemand in ſolcher Todesangſt ſich befand, als die hochſtrenge Gerichtsperſon. Die junge Dame hatte ihre Rechnung nicht ohne den Wirth gemacht. Bin⸗ nen ſechs Stunden war ſie die Gattin des Geliebten und in vierundzwanzig Stunden mit ihm auf dem Wege in eine boͤmiſche Garniſonſtadt. Der ungluͤckliche Keuſch⸗ heitscommiſſaͤr aber kam mit einem groͤblichen Verweis und dem Geſpoͤtte ſeiner Collegen durch,— denn die boshafte Clientin, welcher er allein zu ihrem Gluͤcke verholfen, hatte ihn zwar nicht verklagt, wohl aber ge— ſchwatzt und den genaͤſchigen Bock, welchen man zum Gaͤrtner gemacht, voͤllig preisgegeben. Solche Vorfaͤlle und ein ordentlicher Aufruhr, welcher unter der dienenden Claſſe entſtand, welche in jedem Hauſe gleichwie in einem Kloſter bewacht wer⸗ den ſollte, beſonders aber die Beobachtung ſachkundiger Staatsmaͤnner, daß die Anzahl der Freudenmaͤdchen waͤhrend des glorreichen Waltens der Commiſſion ſich verdoppelt hatte, brachten die gute Kaiſerin endlich auf die Vermuthung, daß ſie nicht die rechten Mittel zur Befoͤrderung der Sittlichkeit ergriffen haben duͤrfte. Eben ſo wenig hatte ihre„peinliche Halsgerichtsordnung“, wonach der Ehebruch in gewiſſen Faͤllen mit dem Feuer⸗ tode beſtraft werden konnte, den erwuͤnſchten Erfolg. Am wenigſten ſchien ſich der Herr Gemahl der Kai⸗ ſerin aus ihrem Geſetzbuche zu machen, denn der ſchoͤne Kaiſer Franz halte am Hofe der Kaiſerin ſelbſt ſein =%— blaues Auge mit einem keineswegs blos landesväterli⸗ chen Wohlwollen auf manche ſchoͤne Dame geworfen. Die Kaiſerin aber liebte ihn wegen ſeiner Herzensgüte demungeachtet ſo ſehr, daß ſie ſelbſt jenen Perſonen nicht gram ſein konnte, welche als ſeine beguͤnſtigten Freundinnen galten. Als er ſtarb, glaubte Jedermann die Fuͤrſtin“, welche Franz beſonders ausgezeichnet hatte, verloren, aber Maria Thereſia ging mit der ihr eigenthuͤmlichen herzlichen Raſchheit auf ſie zu, ergriff ſie gutig bei der Hand und ſagte in Thraͤnen ausbre⸗ chend:„Wir haben viel an ihm verloren!“ Zeitlebens legte ſie die Trauer nicht mehr ab und gab ſo einen gewiß ruhrenden Beweis von der Wahrheit, daß we⸗ der die Natur, noch Gottes Geſetze dem menſchlichen Herzen einen Zwang auferlegen, noch ihm jene wilden Schmerzen und Rachegefuhle einer durch Nichts zu ver⸗ ſoͤhnenden Eiferſucht eingeimpft haben, womit erſt die naturwidrigen Gedanken der Prieſter das weibliche Herz befruchtet haben. Kaiſer Joſeph ſchaffte alle jene ſtrengen und tho⸗ richten Strafgeſetze ab. Er ging, zum Aergerniß fur die Geiſtlichkeit, von der Anſicht aus, daß alle Keuſch⸗ heitsſunden gar nicht vor den Stuhl der weltlichen Gerichtsbarkeit gehoͤrten! Alſo ſelbſt ein Blutſchänder, ein Ehebrecher, ein Sodomit waren nicht ſtraffaͤllig! Welche Anſichten! Es wurde bei dieſen Verbrechen nur auf Beſchaͤdigungen Strafe geſetzt. Es war alſo er⸗ laubt, Maͤdchen zu verfuͤhren(Schadenerſatz abgerech⸗ net) und Wolluſt auszuüben, worauf vor wenig Jah⸗ ren der Feuertod ſtand! Das Geſchrei hieruͤber war nur durch einige Conceſſionen an die erzuͤrnte Gerech⸗ tigkeit zu beſchwichtigen. Aber im Weſentlichen blie⸗ ben die Geſetze, wie ſie waren— der Ehebruch wenig⸗ ſtens war vor dem Geſetz erlaubt. Jede Ehe konnte aufgeloͤſt werden. Wenig fehlte, ſo waͤren die buͤrger⸗ lichen Heirathen eingefuͤhrt worden. Die mariages de conscience wurden abgeſchafft, und daran that Joſeph ſehr unrecht, denn die Vorurtheile der Menſchen zwin⸗ gen ſelbſt den muthigſten Vorurtheilsloſen, ſich ihnen zu unterwerfen. Aber ſein Zweck war gut. Man kann zwar nicht behaupten, daß dieſe geſetzlichen Neuerungen große Fortſchritte der Sittlichkeit bewirkt haͤtten, allein man bemerkte doch keinerlei uͤble Folgen. Denn an die Stelle des Strafgeſetzes trat das ſittliche Ehr⸗ gefuͤhl. Die Familien ſuchten ſich durch Ehrbarkeit auszuzeichnen, nicht die Furcht vor Strafe, nur das Bewußtſein, daß man an Sittenreinheit ein koſtbares Kleinod beſitzt, welches Jedermann ſchätzt, vermag die Sittlichkeit zu erhalten. Eben die Leichtigkeit und Strafloſigkeit einer unſittlichen Hand⸗ lung macht ſie doppelt veraͤchtlich. Joſeph's Haupt⸗ augenmerk war darauf gerichtet, die Ehe leicht und frei zu machen, ſo leicht als moͤglich, ſo frei als mög⸗ lich, das iſt ohne Zweifel das rechte Mittel, die Pro⸗ ſtitution des weiblichen, und dadurch die entner⸗ vende ſchaͤndliche Wolluͤſtigkeit und niedertraͤchtige Ver⸗ fuͤhrungspraxis des maͤnnlichen Geſchlechtes zu hindern. Wenn es erſt allen Maͤnnern im erſten Stadium der Mannbarkeit moͤglich gemacht wuͤrde, ſich zu verheirathen, ſo wuͤrde es bald wenige Frauenzimmer geben, welche ihren Leib wechſelnden launenhaften und ſchändlichen Begierden verkaufen. Nur die zahlloſen Gelegenheiten bringen im Manne jenen wolluͤſtigen Charakter hervor, welchem jetzt das ganze weibliche Geſchlecht zum Opfer gebracht wird. Was Joſeph philoſophiſch dachte und redlich wollte, gab er bei vie⸗ len Anlaͤſſen kund. Er wollte das Heil beider Ge⸗ ſchlechter. Indem er die Ehe erleichterte, ihre Aufloͤ⸗ ſung zuließ, wollte er der Verführung, den Schand⸗ thaten der Wuͤſtlinge Einhalt thun. Seine perſoͤnliche Herrſchaft zeigte die Praxis ſeiner Geſetze, wie er ſie wuͤnſchte. Das weibliche Geſchlecht begriff zuerſt ſeine wohlmeinenden Geſinnungen. Man erzählt ſich zahl⸗ loſe frohliche und tragiſche Anekdoten von ſeiner In⸗ tervention in der großen Kriſis aller geſchlechtlichen Verhaͤltniſſe. Hier nur einige. Eine junge Dame, die Tochter eines Officiers, erhielt durch eine Mittels⸗ perſon den Antrag von einem reichen und mächtigen Cavalier, ihm fuͤr einen Kaufſchilling von 10,000 Fl. ihre Unſchuld zu uͤberlaſſen. Das arme Mädchen, hilflos und verwaiſt, ohne Ausſicht, durch einen Gatten verſorgt zu werden, nahm den Antrag an. Als der wolluſtgluͤhende Seladon zum Rendezvous kam, wußte ſie ihm die 10,000 Fl. abzunehmen, ohne fuͤr den Augen⸗ blick ſeine Wuͤnſche zu gewaͤhren. Von den Drohun⸗ gen des Betrogenen verfolgt, warf ſie ſich dem Kaiſer zu Fuͤßen und erzählte ihm den Hergang. Der Kaiſer erlaubte ihr, das Geld zu behalten, und verwies dem Cavalier ſeine Verfuͤhrungspraktiken. Dieſes ſalomo⸗ niſche Urtheil iſt zwar nicht uͤber alle Kritik erhaben, aber gewiß tadellos ein anderes in einem aͤhnlichen Falle. Ein junges, ſchoͤnes Fraͤulein aus guter aber verarmter Familie gab ſich einem jungen Wuͤſtling gegen Zuſicherung einer gleichen Summe preis. Die Erſtlinge der Ungluͤcklichen wurden gepfluͤckt, aber der Preis nicht bezahlt. Auch ſie wandte ſich an den Kaiſer, der den nichtswuͤrdigen Wuͤſtling zur Zahlung anhielt, und ihm obendrein eine betraͤchtliche Buße, an die Armenkaſſe zahlbar, auferlegte. Man ſieht hieraus, wie die Sache unter Maria Thereſia geſtanden. Waͤhrend Frauen und Maͤnner aus dem Volk wegen fleiſchlicher Suͤnden die fuͤrchter— lichſten Strafen erduldeten, junge Maͤdchen aus dem dienenden Stande auf der Folter ſtarben, war in den vornehmen Staͤnden Vergebung der Suͤnden. Wenn es hoch kam, ſo gab es eine, von der muͤtterlichen Kai⸗ ſerin angeordnete häusliche Zuͤchtigung bei ver⸗ ſchloſſenen Thuͤren, wobei die Außenwelt ſelten Etwas vernahm. Allein das Volk wurde oͤffentlich ausge⸗ peitſcht, in Zuchthaͤuſer und Gefaͤngniſſe geworfen, ge⸗ vrandmarkt und beſchimpft wegen derſelben fleiſchlichen Vergehungen, welche man nur als ein Privilegium — des hohen Adels betrachtete. Vornehme Wuͤſtlinge kauften die Kränzchen der ehrbarſten Buͤrgerjungfrauen, oder blieben, wie wir geſehen, nach hochadeliger Gewohn⸗ heit den Preis fuͤr dieſe Genuͤſſe eben ſo ſchuldig wie für andere. Gab es dann etwa eine Klage, ſo erhielt der Cavalier vielleicht einen Verweis; war es etwa noch ein Juͤngling, ſo wurde er zu Hauſe ein wenig mit Ruthen geſtrichen, aber das Maͤdchen kam ohne weitere Um⸗ ſtaͤnde in das Zuchthaus. Ein Fall dieſer Art bezeichnet ganz das damals ubliche Verfahren. Ein Herr Baron hatte ein armes, aber hoͤchſt tugendhaftes Maͤdchen, da er ſie nicht an⸗ ders gewinnen konnte, geheirathet. Die Neuvermaͤhlten lebten einige Zeit gluͤcklich, der Herr Gemahl aber war zuweilen ſehr unruhig, ein Gemuͤthszuſtand, welcher bald eine furchtbare Erklärung fand. Es erſchien naͤm⸗ lich plotzlich eine Dame aus Bruͤſſel im Hauſe des Barons, welche ſich als die Gemahlin deſſelben auswies, und den der Bigamie ſchuldigen Eheherrn mit einer furchtbaren Verantwortung bedrohte. Der ungluͤckliche Geangſtigte warf ſich ſeiner zweiten Gattin zu Fuͤßen, geſtand, daß er ſchon fruͤher vermaͤhlt geweſen ſei, und ſo wurde das ungluͤckliche Geſchoͤpf bewogen, zur Ver⸗ heimlichung des geſchehenen Verbrechens beizutragen, und ſich fuͤr— die Maitreſſe des Barons zu erklaͤren. Nit dem Muthe einer wahrhaft tugendhaften Liebe entſagte ſie dem Beſitze, dem Vermoͤgen ihres Ge⸗ mahls, und erklaͤrte vor Gericht, was man von ihr ( wollte. Alsbald wurde das legitime Ehepaar wieder vereinigt, der Baron freigeſprochen, das unglückliche Opfer aber von den Gerichten zuruͤckbehalten. Man ſetzte ſie mit einem Beamten in einen Fiaker, und brachte ſie in ein Haus, welches ihr unbekannt war. Eine gemein ausſehende Frau empfing ſie hier, und befahl ihr, die Kleider, welche ſie an hatte, ſogleich abzulegen, da ſich ſolcher Staat fur dieſes Haus nicht gezieme. Anfangs glaubte die Ungluckliche, ſich in einem Kloſter zu befinden, aber bald wurde ſie ſchreck⸗ lich enttäuſcht, als man, nachdem ſie ſich entkleidet, uͤber ſie herſiel, und ſie einer grauſamen Zuͤchtigung unterwarf. Es war der gewoͤhnliche„Willkomm“ fuͤr neu ankommende Zuͤchtlinge, und das Haus, in welchem ſie ſich befand, war das— Zuchthaus. Aber der Heldenmuth ihres Edelſinnes wurde durch dieſen ſchaͤndlichen Verrath nicht gebrochen, ſie gedachte in ihrer Schande und in ihren Leiden der furchtbaren Strafe, welche den Geliebten durch die Zuruͤcknahme ihrer Erklaͤrung treffen wuͤrde. Sie ſchwieg. Zwei Jahre harrte ſie vergeblich der Befreiung— der Baron hatte ſie vergeſſen, man war froh, daß ſie geborgen war. Wiederholt war die Ungluͤckliche Zuͤchtigungen unterworfen worden, ſie fing an zu ſiechen. Da er⸗ ſchien eines Tages der Kaiſer in dem Hauſe des Jam⸗ mers und der Schande. Er befragte jeden einzelnen Zuͤchtling um ſein Verbrechen, um die Art ihrer Be⸗ handlung, ihre Koſt, ihre Beſchwerden. Da warf ſich —— ploͤtzlich eine junge Frau zu ſeinen Fuͤßen. Schluch⸗ zen, Krämpfe, Vorboten einer Ohnmacht, überzeugten den Kaiſer, daß er es hier nicht mit einer jener ge⸗ meinen, abgeſtumpften Verbrecherinnen zu thun hatte, welche ſolchen Schmerzes unfaͤhig ſind. Man leiſtete ihr Beiſtand, und nun erzaͤhlte ſie ihre Geſchichte. Welch' eine Scene fuͤr des Kaiſers edles Herz! Die Sache wurde unterſucht, wahr befunden, die Schuldigen beſtraft, die Ungluͤckliche befreit und entſchaͤdigt. Aber Alles dies war dem Herzen des Kaiſers nicht genug. Er ſah, daß er ſein Volk nur durch große Reformen vor ähnlichen Mißhandlungen von Seiten verruchter Behoͤrden ſchutzen koͤnne, und er ließ keinen Tag ver⸗ gehen, ohne ſeinem Volke eine dauernde Wohlthat zu erweiſen: Aber mit aller Macht ſeines Geiſtes war er nicht im Stande, die freche Sittenloſigkeit ſeines Adels voͤllig zu unterdruͤcken, aber er ſchreckte ſie, er ſchutzte ihre Opfer, und ſtellte Gleichheit vor dem Geſetze her. Unter ſeiner Regierung nahm die freche Zuͤgelloſigkeit der adeligen Verfuͤhrer wenigſtens ab, man hoͤrte mehr oͤffentliche Scandale, aber der heimlichen Verbrechen wurden taͤglich weniger. Seine Nachfolger glaubten ſeinem Geiſte wieder entgegenwirken zu muͤſſen. Die Ehegeſetze wurden wieder ſtrenger, die Polizeivorſchriften hinſichtlich der „fleiſchlichen“ Verbrechen und Vergehungen verſchaͤrft, die Praris der Geſetzgebung gab wieder„Ruͤckſichten“ fuͤr Vornehme Raum, das oͤffentliche Aergerniß wurde ängſtlich vermieden, die Religion, wie man ſich aus⸗ druckte, in ihre heiligen Rechte eingeſetzt. Liguorianer nahmen es auf ſich, die Keuſchheit zu befoͤrdern, ſie errichteten ein Kloſter von freiwilligen Buͤßerinnen, welches der Wiener gerade Verſtand ohne Weiteres ihr Serail nannte; wir wollen ſehen, was fuͤr Zuſtände hieraus erfolgt ſind. Wer nur dreißig Jahre denkt, hat Gelegenheit zu Vergleichungen und Beobachtungen, welche ſchrecklich ſind. Noch vor dreißig Jahren war die Mehrzahl des Wiener Volkes ziemlich kraͤftig gebaut, hoch und ſchlank gewachſen, von einer der edelſten Menſchenracen halb aſiatiſchen Urſprungs. Das weibliche Geſchlecht, we⸗ gen ſeiner Schoͤnheit in ganz Europa beruͤhmt, ver⸗ einigte Grazie mit Geſundheit, die Sitten waren zwar ſchlecht, aber noch ſah man die ſchrecklichen Folgen ihres Verfalles nicht. Jetzt iſt das Bild dieſer Folgen vollendet! Man beſuche die oͤffentlichen Oerter, wo ſich große Maſſen des Volks verſammeln. Welche verkruͤppelte, armſelige, Mitleid erregende Geſtalten, welche zwerghafte Generation, welche aſchgraue Ge⸗ ſichtsfarbe, welche ſieche, ſkrophuloͤſe, mit Geſchwuͤren, Finnen und Flechten bedeckte Kinder! Weiche hekti⸗ ſchen, verwachſenen, engbruͤſtigen Weiber! Ich ſpreche nicht von Einzelheiten, nur von der Geſammtheit. Es iſt eine bekannte Thatſache, daß das Regiment Hoch⸗ und Deutſchmeiſter, deſſen Werbbezirk Wien umfaßt, das alte Militaͤrmaß herabſetzen mußte, um ſeine Mann⸗ Wien. 1. Bd. — ſchaft complet machen zu können. Es gibt keine ge⸗ nuͤgende Erklärung dieſer traurigen Erſcheinung als — die Wolluſt, das Gefolge ihrer Seuchen und Nerven⸗ uͤbel und jener furchtbaren Heilmittel, welche ſchlim⸗ mer ſind als die Krankheit. Welche ſchreckliche Ge⸗ maͤlde in den Hospitälern, Gebaͤr⸗ und Siechenhaͤuſern, in den Huͤtten der Armen, welche die Findelkinder auf⸗ ziehen! Aber noch weit trauriger als die phyſiſchen Erſcheinungen iſt das geiſtige Bild dieſer verderblichen Degradation. Wo iſt der Frohſinn dieſer luſtigen Wie⸗ ner, deren Schwänke alle Fremden ergotzten? Wo der geſunde, harmloſe Mutterwitz dieſes Voͤlkleins lachen⸗ der Philoſophen? Wo die harmloſe, gemuͤthliche Herz⸗ lichkeit, welche Jedermann mit freundlichen Dienſten entgegenkommt, dieſes heitere Leben und Lebenlaſſen, welches einſt Wien ſo angenehm machte? Man be⸗ ſuche dieſe Schauplatze der jetzigen Volksvergnuͤgungen, dieſe Bierhäuſer, öffentlichen Gärten, wo ungeheure Menſchenmaſſen bei einer lärmenden Muſik ſchweigend oder fluſternd, ja faſt traurig beiſammen ſitzen, dieſe oͤffentlichen Baͤlle, wo ſtatt der ſonſtigen Froͤhlichkeit man jetzt Nichts findet, als ekelhaft bruͤnſtige Taͤnze, in welchen ſich thieriſche Begierden in frecher Umſchlin⸗ gung zu Tode keuchen. Man trete auf den Schau⸗ platz des Lebens! Welch' ein Kampf, welche Caba⸗ len, Chicanen, Intriguen, Verleumdungen, gegenſeitigen Verfolgungen, welche Treuloſigkeiten in Wort und That, welche giftigen Blicke des Haſſes und eiskalte — 19— Geberden gefuhlloſer Gleichgiltigkeit. Man leſe die localen Blätter und Volksſchriften: welche Unluſt zum Denken, welcher alberne Bilderkram, welche Geiſtloſig⸗ keit! Jede ernſtere und beſſere Beſtrebung bleibt ohne Theilnahme, die Geiſter haben keine Freunde. Gleich⸗ giltig gegen das Edle und Schoͤne, gleichgiltig gegen die Wahrheit, gleichgiltig gegen das Vaterland, ja gegen das eigene wie das fremde Schickſal, lebt dieſes Geſchlecht nicht mehr, nein, es ſtirbt. Nur Wolluſt und immer wieder Wolluſt reizt die Nerven dieſer depravirten Menſchheit. Faſſen wir die Erſcheinungen zuſammen; in phyſiſcher Hinſicht: Syphilis, Gicht, Skropheln, Epilepſie, Phthiſis, Ausſatz, Verkruͤppelung; in moraliſcher: Brotneid, Haß, Verleumdung, Verfol⸗ gung, Mangel an Gemeingeiſt, Liederlichkeit, Sodomie, Ausſchweifung, Habſucht, Geiz, Spionage; in geiſtiger Hinſicht: gedankenloſes, bloͤdſinniges Hinbruten, einfäl⸗ tige Sucht nach zweideutigen Bonmots, Philiſterhaf⸗ tigkeit, geiſtige Impotenz. Wer iſt die Mutter dieſer Kinder? Ich nenne ſie Euch— es iſt die Venus vulgivaga! — e — — — 28 * „— 1 K „Champagner!“ rief eine barſch befehlende, aber noch jugendliche Stimme im Nebenzimmer des Ball⸗ ſaals„zur Mehlgrube“. „Elien, elien Graf Ferenczy Banya!“ tobte ein Chor von halbtrunkenen jungen Cavalieren. „Hurrah Graf Banya!“ bruͤllten die Domeſtiken an einem von Wein uͤberſchwemmten Tiſche im Hin⸗ tergrunde bei der Credenz— Huſaren, Heiducken, Jäger, Bediente— umringt von halbberauſchten Maͤdchen, ihren Geliebten. „Vivat— der gnadige Herr!“ ſchrie ein Auf⸗ waͤrter dazwiſchen, indem er ein Glas ergriff, das ihm ein Lakai vollſchenkte,„es lebe der gnädige Herr, der mehr Geld hat als der Kaiſer!“ Selbſtzufrieden lächelnd empfing der Held des 2bends die Huldigungen ſeiner betrunkenen Tiſch⸗ freunde, dann, gleichſam um den Toaſt des Kellners zu rechtfertigen, zog er eine große Brieftaſche von rothem Saffian aus der Bruſttaſche, nahm einen Bankſchein von 1000 Fl. aus derſelben, entfaltete ihn vor Aller Augen, betrachtete ihn gegen das Licht, faltete ihn dann in einen ſchmalen Streifen zuſammen, brachte ihn als Fidibus an's Licht und ſteckte ſich die Tabakspfeife damit an. Allgemeine Ueberraſchung, Erſtaunen— athem⸗ loſes Verſtummen— dann Fluͤſtern durch den gan⸗ zen Saal— ein Gemurmel der hoͤchſten Verwunderung — was den Grafen, der ganz phlegmatiſch den koſt⸗ baren Fidibus an ſeiner Pfeife langſam zu Aſche bren⸗ nen ließ, im hoͤchſten Grade befriedigte. „Welche Tollheit!“ murmelten die Verſtändigen und Nuͤchternen;„mit dem Gelde haͤtte der L— eine Familie gluͤcklich machen koͤnnen.“ „Was brummen die Wiener Windbeutel!“ kreiſchte heiſer vor Rauſch der Heiducke des Grafen, indem er mit den Fäuſten ſo gewaltig auf den Tiſch ſchlug, daß der rothe Wein aus den Glaͤſern uͤber das Tiſch⸗ tuch rann— denn an dieſem Orte gab es wenig Eti⸗ kette, die Cavaliere tranken wie Stallknechte unter ihren Bedienten;„moͤcht' ich doch, daß— teremtete— der Schwablelki ein Fidibus ware, daß ihn mein gnädiger Herr verbrennen könnte. Du Hund von einem Deutſchen, was haſt Du geſagt?!“ Damit packte der Heiducke einen anſtändigen Wie⸗ ner Buͤrger bei der Gurgel und wuͤrgte ihn. —— — 8 — „Bravo— faß an!“ riefen lachend und jubelnd die Cavaliere;— mit Muͤhe befreiten die Gäſte den Buͤrger aus der eiſernen Fauſt des Leibeigenen. Still murrend zerſtreuten ſich die mit der Scene Unzufrie⸗ denen; doch Niemand wagte es, die Herren Cava⸗ liere in ihrem abſonderlichen Vergnuͤgen zu ſtoͤren. Sie befahlen unumſchränkt auf dem Balle. Die Mu⸗ ſik begann wieder. Die Paare ſtellten ſich zu einer Frangaiſe, als Graf Banya dem Orcheſter zurief: „Ungariſch, ihr Kerle!“— und eine Boͤrſe dem Kapellmeiſter geradezu an den Kopf warf. In wenigen Secunden waren alle Noten durch⸗ einander geworfen und bald winſelte eine jener wild melancholiſchen Tanzweiſen durch den Saal, welche man von jenen jammerſeligen Zigeunergeigen auf der Puszta zu hoͤren gewohnt iſt. Niemand im Saale ſchien des ungariſchen Na⸗ tionaltanzes kundig zu ſein. Das kummerte den Gra⸗ fen wenig. Er ſelbſt wollte als Tänzer figuriren und ſuchte nur ein Mädchen, welches mit ihm tanzen konnte. Als man ſein Vorhaben gewahr wurde, machte man halb neugierig, halb ehrerbietig Platz, und Franzi⸗, welche laͤngſt den Graſen mit ſtiller Bewunderung angeſtarrt hatte, die Geliebte des Buͤchſenſpanners Jo⸗ hann, eine Veszprimerin, trat mit einem Knix hervor, küßte dem Grafen die Hand und gab zu verſtehen⸗ daß ſie den Tanz verſtehe, welcher dem gnädigen Herrn beliebte,— ohne auf die eiferſuchtige, grimmige Unruhe ihres Geliebten zu achten. Alles Zupfen und Raͤus⸗ pern des armen Johann half Nichts, denn Franzi war von dem Glanze der ganzen Erſcheinung des Grafen wie bezaubert. Mit gnädigem Wohlgefallen muſterte der hochmuͤthige Magnat das Maͤdchen. Sie war als Maske in ungariſche Nationaltracht gekleidet, welche eine ſchlanke Taille hervorhob und ihre feinen Fuͤße dem Kennerauge des Grafen nicht verbarg. Zwei dicke pechſchwarze Haarflechten fielen uͤber eine blendende Schulter bis üͤber die gewoͤlbten Huften hinab. Die Augen des feurigen Mädchens brannten wie Kohlen, und der elaſtiſche wohlgerundete Buſen präſentirte ſich auf das Einladendſte. Nit großer Behaglichkeit würdigte der Graf dieſe Vorzuͤge und ein jubelnder Ausruf, begleitet von einem lachenden Wink an ſeine Freunde, ſchien auszuſprechen: „welch' ein herrlicher Fang!“ Denn gewohnt, mit ihrem Gelde und ihrem Anſehen alle ihre Wuͤnſche durchzuſetzen, betrachtet dieſe reiche Ariſtokratie in Wien vorzugsweiſe alle huͤbſchen Maͤdchen als ihr Eigen⸗ thum— nur der Preis der Waare iſt in ihren Augen verſchieden, Buͤrger⸗ und Beamtentöchter, Witwen und Waiſen, Stubenmaͤdchen und Straßendirnen— Alles hat ſeinen Tarif in ihren Augen, von einem Gulden bis zu Tauſend aufs Hoͤchſte für die Nacht. Sie weiß es beſſer als die betrogenen Ehemänner, daß das weib⸗ von Liebe gehegt wird, fuͤr Putz und Tand immer W liche Herz, ſelbſt wenn es gegen Noth geſchuͤtzt iſt und 65 —— geneigt iſt ſich dankbar zu erweiſen, daß ſelbſt vor⸗ nehme Frauen der Sehnſucht nach einem Shawl un⸗ terliegen und die anſtändigſten Buͤrgerstoͤchter immer unzufrieden ſind mit der Oekonomie des Papa und der ſtillen Eiferſucht der Mama, welche nicht die Befrie⸗ digung aller Eitelkeitswuͤnſche geſtattet. Sie weiß, daß man nur geſchickter Mittelsperſonen bedarf, um bei einer Hofräthin zuweilen ſo ſchnell zu reuſſiren, wie bei einer Griſette. Zufolge dieſer Ueberzeugung betrachtete der Graf ſeine Taͤnzerin ſogleich als Eigenthum, und taxirte ſie als einfaches Stubenmaͤdchen, als ſolche Waare, deren Preis die Liebhaberei ſelbſt beſtimmt und die Bil⸗ ligkeit nach Maßgabe vorhandener Vorzuge abſchatzt. Er pruͤfte demnach mit jenem Kennerblick, welchen er beim Ankauf ſeiner Pferde ſo oft an den Tag legte, Haare, Augen, Zähne, Stirn, Mund, Athem, Buſen, Taille, Beine, Teint,— er ließ ſie tanzen und beobach⸗ tete zufrieden die Anmuth ihrer Bewegungen— und er geſtand ſich, daß Alles von großer Vollendung ſei. „Wahrlich,“ ſagte er zu ſich,„mein Araber hat mehr Fehler als dieſes Maͤdchen, obwohl er das ſchonſte Thier in Wien iſt.“ Seine Freunde, welche mit glei⸗ cher Aufmerkſamkeit das ſchoͤne„Geſchoͤpf“ betrachteten und ziemlich laut ausriefen:„Himmel, welche Waden, welche Bruſt— welch'—“ bildeten eine Gruppe, aͤhn⸗ lich jenen Gruppen bei Wettrennen und Ausſtellungen — nur daß ſich dieſelben in den Geberden durch jenen Ausbruck lächelndet Verachtung unterſchied, welche dieſer —— größtenheils liederliche, wolluſtige Adel niemals ſei⸗ nen Pferden zu Theil werden laͤßt. Man muß indeß bekennen, daß das weibliche Ge⸗ ſchlecht— verdorben durch eine bodenlos ſchlechte und liederliche Erziehung, ein begehrliches Naturell und die herrſchende Laxitat ſittlicher Grundſatze, dieſe Verachtung großentheils verdient. In fruͤheſter Jugend praͤgen ſchlechte Muͤtter und niedertraͤchtige Vaͤter ihren Toͤch⸗ tern nur Grundſaͤtze des Eigennutzes ein, welche dann ſpäter von Begierde unterſtuͤtzt das weibliche Geſchlecht der Verachtung und dadurch dem ſpaͤteren Elende preisgeben. Die ſchöne Franzi— obwohl zu jung um ſchon Erfahrungen zu haben— hatte im Hauſe ihrer Eltern, armer Handwerksleute in Ungarn, welche unter dem Stocke des Edelmanns-Heiducken ſtanden, von einem Grafen und von dem fabelhaften Werthe des Geldes, das ſie nie zu ſehen bekam, die uͤbertriebenſten Begriffe erhalten. Ihr erſchien daher dieſer Graf als ein Gott, erſtens weil er ein Graf war, zweitens weil er reich und drittens weil er ſchoͤn war. Sie tanzte mit ihm, die Welt erſtaunte. Jedermann bewunderte das Paar, als es mit jener ſtolzen, ernſten Grazie den bekannten ungariſchen Tanz ausfuͤhrte. Franzi war ganz Sinn⸗ lichkeit, Anbetung, Hingebung, und da ſie ein Herz beſaß, welches fuͤr Empfindſamkeit wenig empfänglich war, ſo erſchien ihr der Ritter von der traurigen Ge⸗ ſtalt, ihr Geliebter, als ein hoͤchſt erbarmungswuͤrdiges — Weſen. Und in der That, das war er im hoͤchſten Grade, als er in wahnwitziger Eiferſucht dem Schau⸗ ſpiele zuſah und gewahrte, wie ſehr ſich der edle Graf um ſeine Geliebte bemuͤhte; als er ſehen mußte, wie er ſie in Beſitz nahm, nach dem Tanz zur Credenz führte, mit Champagner benebelte, mit ihr ſchaͤkerte bis zur Unanſtandigkeit, als er gewahrte, wie er allge⸗ mach ein Gegenſtand des Spottes ſeiner Geliebten wurde, wie deren Augen kalt und zuͤrnend auf ſeinen wuͤthenden Geberden weilten, dann mit Liebe und In⸗ brunſt ſich an den Diamant in der Buſennadel des Grafen hefteten, wie ſie dieſe, allmaälig vertraulicher werdend, in die Haͤnde nahm, damit ſpielte und ploͤtz⸗ lich mit einem dankenden Knir ſich vor den Buſen ſteckte! Wie ſtolz ſah ſie nun plotzlich aus! Nun ſah Johann nicht mehr ihr Geſicht, nur ihren Ruͤcken— hinter welchem andere Luͤſtlinge ihre Geſtalt begierig betrachteten. Jetzt heftete der Graf ſeine Lippen an ihre weiße Hand, dann druͤckte er einen Kuß auf ihren weichen, ſchonen, bloßen Arm— das war zu viel fuͤr den armen Burſchen— er ſtuͤrzke hervor, faßte Franzi beim Arm und ſagte:„Franzi— Du mußt nach Hauſe!“ Erzuͤrnt, beſchaͤmt, außer ſich erhob ſich Franzi von ihrem Sitz. Erzuͤrnt, wuͤthend über ſo unerhör⸗ tes Wagniß eines Domeſtiken ſprangen die Cavaliere auf— Graf Banya als der Erſte, welcher kein Wort verlierend den zudringlichen Stoͤrer der Puleau mit einer Ohrfeige zu Boden ſtreckte. — Johann fuͤhlte nicht ſeine Schmach;— als er ſich aufraffte, richtete ſein erſter Blick ſich auf das Maͤd⸗ chen— ſie ſah mitleidlos, kaum ſich des Lachens er⸗ wehrend, ſeine Zuͤchtigung. „Werft ihn hinaus!“ befahl der Graf. Ein un⸗ geheures Gedränge entſtand, man packte den Jäger— man fand es allgemein hoͤchſt verwegen, daß der Bur⸗ ſche, ein elender Domeſtike, ein„Bretlhupfer“, ſich erlaubte, die noble Geſellſchaft zu beunruhigen— Ladenſchwengel mit erfrorenen Haͤnden, welche Glacé⸗ handſchuhe trugen, um glauben zu machen, ſie ſeien Cavaliere, Marqueure mit Lorgnetten und Schneider⸗ geſellen mit Schnurbäͤrten und nach dem neus Journal gekleidet, uͤbernahmen es, den der wh der Geſellſchaft zugefuͤgten Affront zu rächen, ſie er⸗ griffen den Büchſenſpanner beim Kragen und warfen ihn zur Thuͤre hinaus. Zehn Minuten ſpäter fuhr Franzi wein⸗ und wol⸗ luſtgluͤhend in einem Fiaker in des Grafen Wohpung. Mit unfläthigem Spott ſahen die Kellner des 8 zum Koͤnig von Ungarn, wie ihr Cavalier aus Nr. 1 eine Dame aus dem Wagen hob, deren Haare zerruͤt⸗ tet und deren Anzug in einem ſchmaͤhlichen Zuſtande war. Franzi ſah, fuͤhlte und hörte Nichts— als den rufen. Die Thuͤre des Gemachs wurde aufgeriſſen, im Nu verſchloſſen— da war von Widerſtand keine Rede mehr. —— Seine graͤflichen Gnaden hatten eine koͤſtliche Nacht, und entließen Franzi nobel beſchenkt am Morgen. In derſelben Stunde, als ſie mit wuͤſtem Kopf, gaͤhnend, und mit einer Boͤrſe voll Geld ſpielend, nach Hauſe ging, fand der Uferwächter im Prater einen Leichnam mit der Livree eines Buͤchſenſpanners, be⸗ wacht von einem großen Huͤhnerhunde, der durch ſein Bellen und Heulen den Wächter herbeigelockt hatte. Offenbar hatte ſich ſein Herr in die Donau geſturzt, und der Hund hatte ihn zu retten verſucht, und da er es nicht vermocht, gewiß mit unſäglicher Anſtrengung die Leiche ams ufer geſchleppt. Menſchentreue, Hunde⸗ treue, wer kann daruͤber ſchwanken, welcher mehr zu trauen ſei? Seine graͤfliche Gnaden geruhten, bis nach Mit⸗ tag zu ſchlafen. Dann ſpeiſten Sie mit dem köſtlich⸗ ſten Appetit Auſtern, Faſan, Seefiſche, tranken viel Champagner und lobten die Wiener Stadt mit vielem Enthüſiasmus. Abends ritten Sie ſpazieren, Nachts wurde geſpielt, des Morgens zu Bett gegangen und bis drei Uhr geſchlafen. Als Seine grafliche Gnaden wieder die Augen aufſchlug, erwachte in Hochdenen⸗ ſelben neuerdings einiger Wolluſtkitzel, und Sie fanden mit Bedauern, daß Sie eine Nacht verloren hatten, deſto vergnügter beſchloſſen Sie die nächſte zuzubringen. Während Sie uͤber die geeigneteſten Mittel nachdach⸗ ten, wodurch dieſer angenehme Zweck am ſicherſten zu erreichen waͤre, ſchlugen die Toͤne einer gerauſchvollen Muſik an Ihr Ohr. Da erinnerte ſich Seine Gnaden, daß er Tags zuvor von einer Hochzeit gehoͤrt habe, welche zwiſchen einem Handwerker aus der Provinz und einer Buͤrgerstochter aus Wien gefeiert werden ſollte. Der Graf hatte die Braut geſehen, ſie war ſehr lieblich, ſechzehn Sommer alt, blond, blauäugig, zart wie eine Lilie, bluͤhend wie ein Mairoͤschen und fröhlich wie eine Gazelle. Der gnaͤdige Herr hatte viel Ge⸗ ſchmack an ihr gefunden.„Wie,“ dachte er ſich, indem er ſein Lager verließ,„wenn ich dem Toͤlpel von Braͤu⸗ tigam die Erſtlinge ihrer Zaͤrtlichkeit wegfiſchte?“ Der Gedanke war zu luſtig und originell, um ihn ohne Pruͤfung der Moͤglichkeit ſeiner Ausfuͤhrung fallen zu laſſen. Seine Gnaden lachten unmäßig uͤber dieſen tollen Einfall. Haͤtte der Graf das tragiſche Reſultat der Vergnügungen ſeiner erſten Nacht gewußt, er wuͤrde vielleicht dieſen Einfall minder ergoͤtzlich gefunden haben. Allein ſo iſt das Walten der Nemeſis, ſie verbirgt ſich ſo lange, bis ſie ihr Opfer rettungslos gemacht hat. Graf Banya hielt daher ſeinen Einfall feſt, und ver⸗ ſäumte keinen Augenblick, um einen Verſuch zur Aus⸗ fuhrung zu machen. Hier half Geld nicht allein— hier mußte ein Genieſtreich ausgedacht werden. Erfin⸗ deriſch in aller Art von Schelmerei, bedurfte er nur eines mitwirkenden Genies gleicher Art, um ſeinen ver⸗ wegenen Plan auszufuhren. Ein ſolches Genie fand er an Prokop, dem Lohnbedienten des Hauſes. Dieſe Lohnbedienten in der Kaiſerſtadt ſind ein furchtbarer Schandfleck fuͤr dieſelbe. Die Polizei, welche ſie zu⸗ weilen als Werkzeuge braucht, iſt ſehr nachſichtig gegen ſie, und obgleich dieſe Menſchen in der Regel mit den ehrenvollſten Zeugniſſen verſehen ſind, gibt es ſchwer⸗ lich eine zweite Claſſe der Bevolkerung in Wien, welche aufgelegter zu allen erdenklichen Niedertraͤchtigkeiten waͤre. Sie ſind die Generalagenten der Wolluſt; ſchamlos und verſchmitzt, kalt und vorſichtig, mit allen Familienverhaͤltniſſen genau bekannt, durch ihre poli⸗ zeilichen Connerionen in alle Myſterien des Lebens eingeweiht, haben dieſe Menſchen die Ehre, das Lebens⸗ gluͤck, die Unſchuld, ja zum Theil den Wohlſtand der Familien in ihrer Hand. Sie ſind in den Geſetzen ſo erfahren, um ſich niemals eine Bloͤße zu geben, und wiſſen ihren Opfern mit ſolcher Geſchicklichkeit durch eine Verkettung von Raͤnken und niederträchtigen Ver⸗ bindungen mit allen Freudenmaͤdchen, Kupplerinnen, Wucherern, Senſalen, Advocatenſchreibern, mit Beam⸗ ten und ſelbſt hohen Perſonen, deren Leidenſchaften ſie bedienen, das Geld abzunehmen, daß man ſie als die Haupturſache des Ruins vieler hoher Haͤupter der Ariſtokratie, fremder Cavaliere, ſelbſt Prinzen betrachten kann. Einige von ihnen beſitzen eigene Haͤuſer, Viele von ihnen werden ſehr reiche Leute, Einige beſchließen ihre Laufbahn im Zuchthauſe, Andere, die Ungeſchick⸗ ten, werden Bettler und Vagabonden. Wenn es unter Wien. 1. Bd. ——— ihnen redliche Leute gibt, ſo ſind ſie gewiß nur an ihrer Armuth zu erkennen. Prokop war einer der Matadore dieſes Metiers, er verſtand es wie Keiner, einen reichen Cavalier zum Bettler zu machen, und hatte ſeiner Kunſt bereits eines der ſchoͤnſten Vorſtadthaͤuſer zu danken. Wenn man berechnet, daß dieſer Beſitz wegen der vielen Perſonen, mit wel⸗ chen er ſich in die Beute theilen mußte, kaum zwei Pro⸗ ceni von dem Gelde ausmachen konnte, um welches die Opfer gebracht worden, ſo kann man ſich einen Begriff von dem Verderben machen, welches dieſe WMenſchen anrichten. Der erſte Weg, den dieſer Agent des Satans ſeine Opfer fuhrte, war der des wohlfeilen Vergnügens. Er wußte es dahin zu bringen, daß ſie bald geſättigt wurden, daß die Anſpruche ihrer Be⸗ gierden ſich ſteigerten und raffinirten, natürlich wurde die Befriedigung immer theurer. Eine ſehr ſchoͤne, ſcheinbar ſehr vornehme und hoͤchſt ſolide Dame mußte dann das Verfahren auf die Spitze treiben. Man konnte ſich ihr nicht anders naͤhern, als durch koſtbare zarte Geſchenke, etwa eine Equipage, einen Shawl, einen koſtbaren Schmuck. Dergleichen fuͤhrte zum Derangement der Finanzen. War man erſt ſo weit, dann begann erſt die rechte Pluͤnderung. Man fuͤhrte das Opfer dem Wucher in die Arme. An die⸗ ſen Mann wendete ſich der Graf mit ſeinem Plane. Prokop befand ſich bei den Hochzeitgäſten, er war Beiſtand des Ehepaars, welchem es an Connexionen — — — — fehlte, eine Wuͤrde, welche ihm ein Douceur von eini⸗ gen Thalern einbrachte. Dieſe hohe Wuͤrde verhinderte jedoch den Grafen nicht, ſeine ganze Hoffnung auf die⸗ ſen Beiſtand zu ſetzen. Er wurde berufen, und lachend bot ihm der Graf eine Belohnung von 100 Ducaten, wenn er den Neuvermaͤhlten zu des Grafen Gunſten um die Freuden der Hochzeitnacht betroͤge. Prokop war nicht der Mann, um vor Schwierig⸗ keiten zuruͤckzuſchrecken. Nichts iſt unmoͤglich, war ſein Sprichwort. Und in der That hatte er ſchon ſo viele anſcheinende Unmoͤglichkeiten beſiegt, daß er weder an irgend eine ſtichhaltige Tugend, noch an ein unuͤber⸗ windliches Hinderniß glaubte. Er verſprach daher, ſogleich zu recognosciren, gab Hoffnung und entfernte ſich raſch, um mit dem Oberkellner das Noͤthige zu verabreden. Von ihm erfuhr er, daß fuͤr das Ehepaar eine gemeinſchaftliche Stube bereit ſei, an welche eine andere verſchloſſene anſtoße. Dieſe Auskunft genuͤgte. Von einer Ueberredung oder Verſuchung der Braut konnte keine Rede ſein, ſie liebte ihren Braͤutigam ſo ſichtlich, und zudem war weder Zeit noch Gelegenheit, um mit ihr zu ſprechen. Sie mußte getäuſcht wer⸗ den— der Graf mußte die Stelle des Gemahls ver⸗ treten, ohne daß ſie es gewahr wuͤrde. Der Graf mußte einen Schluͤſſel zur Thuͤre der Schoͤnen haben, der Kellner gab den Hauptſchlüſſel. Der Braͤutigam mußte aufgehalten werden, dazu bedurfte es nur einiger Flaſchen Champagner, welche der Lohnbediente preis⸗ 3* —.——,—— — —.—— gab. Die Braut mußte fruh zu Bette gehen, dazu bedurfte es nur einer laͤrmenden, etwas unzarten Unter⸗ haltung der Hochzeitgäſte, und auch dieſe wußte der Lakai in Gang zu bringen. Endlich mußte es in der Hochzeitkammer an Licht fehlen, auch dafuͤr ſchaffte man Rath, indem der Kellner gleichſam aus Verſehen ein ſo kurzes Licht in die Stube ſtellte, daß es keine halbe Stunde anhalten konnte. Von einer züchtigen Braut war ohnehin nicht zu erwarten, daß ſie mehr Lichtvor⸗ rath begehren wuͤrde. Alles ging nach Wunſch, und die Heldenthat wurde vollbracht. Waͤhrend der Braͤutigam, vor Trunkenheit lallend, im Saale einſchlief, beſtieg Graf Banya das Braut⸗ lager, welches ihm doppelt reizend erſchien, da es von allen Blumen einer herzlichen Liebe, von kindlicher Unſchuld und Schamhaftigkeit duftete. Das war kein erkauftes Vergnuͤgen, es war entzuͤckende Hingebung von Leib und Seele. Alles ging ohne allen Verdacht ab, der Graf hatte an jede kleine Vorſicht gedacht. Als er ſich endlich von der eingeſchlafenen Huldin weg⸗ ſchlich, legte er, als einen Tribut an ſein Gewiſſen, einen Brief mit einer Boͤrſe voll Gold ſo auf das Tiſchchen neben ihrem Bette, daß ihr erſter Blick beim Erwachen darauf fallen mußte. Um jedoch jedem moͤg⸗ lichen Mißgeſchick zu entgehen, hatte er ſchon voraus Poſtpferde beſtellt, und reiſte, nach dem vollbrachten ſchändlichen Raube an der argloſen Unſchuld, dem Schine nach zu einem Thore hinaus, um durch ein — — anderes wieder nach Wien zuruͤckzukehren und dieſer Stadt der Grazien nicht zu fruͤh den Ruͤcken zu wen⸗ den. Wer aber ſchildert die Scene der Verwirrung, der Wuth, der Beſtuͤrzung, der Scham und Ver⸗ zweiflung, als der Braͤutigam, fruͤher nuͤchtern gewor⸗ den, als zu vermuthen war, am Morgen in das Zim⸗ mer ſeiner Braut ſchlich, und dort die Boͤrſe ſammt einem Brief folgenden Inhalts fand: „Schoͤnſte aller Grazien! „Waͤhrend Dein Braͤutigam, den Wein mehr als Dich liebend, Morpheus in die Arme ſank, hat ein Mann, dem Deine Reize alle Sinne verwirrten, die Blume Deiner Unſchuld gepfluͤckt, um zeitlebens die Erinnerung an ſein genoſſenes Gluͤck mit ſich zu tragen. Verzeih' dem Betruͤger, den Deine Schon⸗ heit ſo berauſchte, und nimm Dich in Acht, jemals Deinem Gatten von der Hochzeitnacht aus Irrthum Etwas zu erwaͤhnen, was Dich, Du Schuldloſe, und mich, den Schuldigen, verrathen muͤßte. Beiliegen⸗ des Geſchenk hat die Beſtimmung einer Ausſteuer und freiwilligen Buße.“ Der Graf Banya war von dieſem Abenteuer, deſſen Folgen wir ſpäter erfahren werden, und dem gluͤcklichen Erfolge aller ſeiner galanten Unternehmun⸗ gen ſo erluſtigt, daß er noch einige Wochen in Wien — zu bleiben beſchloß. Er kehrte daher nach einer klei⸗ nen Spazierfahrt beim anbrechenden Morgen in die Stadt zuruͤck, und fuhr mit ſeinem Gepaͤck vor das Hötel zum Matſchakerhof, das damals beruͤhm⸗ teſte Hötel, daſſelbe, wo die Verſchwoͤrung des Bi⸗ ſchofs Martinowicz entdeckt wurde durch einen Lohnlakai — vielleicht(1) der einzige wichtige Dienſt, welchen die geheime Polizei der Regierung erwies. Dieſer Mat⸗ ſchakerhof war fuͤr alle galante Abenteurer wahrhaft claſſiſcher Boden, hier verſammelte ſich Alles, was Geld und Luſt hatte, es auszugeben; Cavaliere, reiche Rentiers, Spieler von Profeſſion, Kundſchafter aller Nationen, Alles bewacht und umgeben von den lauernden Blicken geheimer Polizeiagenten, welche hier als Kellner, Lohnbediente, Stubenmaͤdchen, Aufwärter, Hauſirer, Barbiere ꝛc. fungirten, Alle fuͤr einen Tage⸗ lohn von einem Silberzwanziger; allein jeder Fremde von einigem Beobachtungstalente bemerkte gar bald, daß dieſe lauernden Blicke weniger auf die Geheim⸗ niſſe der Fremden, als auf die Vermoͤgensumſtaͤnde, die Freigebigkeit oder die Wuͤnſche derſelben gerichtet waren, wovon ſie zu profitiren hoffen durften. Denn die Erfahrung hatte dieſe Menſchen laͤngſt gelehrt, daß es weit eintraͤglicher ſei, den Wuͤnſchen und Beduͤrf⸗ niſſen der Fremden zu dienen, als ſie zu verrathen. Daher erhielt die Polizei meiſt nur hoͤchſt unbedeutende Berichte durch ihre Agenten, deren Wichtigkeit von dem niedrigen bis zum hoͤchſten Beamten durch alle Stu⸗ — 35— fengaͤnge der bureaukratiſchen Polizeiverfaſſung ver⸗ größert wurden und endlich mit zahlreichen Ausſchmuͤckun⸗ gen das Ohr des Nonarchen erreichten. Kaiſer Franz, die⸗ ſer geradſinnige, verſtändige Monarch, durchſchaute die Nutzloſigkeit des Inſtituts der geheimen Polizei lange, es war ihm ein Greuel, aber die Praktiken der ftan⸗ zoͤſiſchen Kundſchafter machten es ſcheinbar nothwendig. Indeſſen aͤußerte Franz oft ſeine Entruͤſtung uͤber ſeine Polizei in der unverholenſten Weiſe.„Wenn Jemand mich einen Eſel nennt,“ pflegte er zu ſagen,„ſo weiß ich es in einer Stunde, wenn aber einer meiner Untertha⸗ nen um's Leben gebracht wird, oder ſtaatsgefährliche Umtriebe ſtattfinden, da iſt die Polizei immer die Letzte, welche Etwas davon weiß.“ t In dieſem Gaſthofe, einem der Hauptquartiere der Polizei, ſtieg nun Graf Banya ab, um neue Un⸗ ⸗ ternehmungen vorzubereiten. Hierher berief er Prokop, e welcher ihm die Nachricht brachte, daß das Ehepaar in der uͤbelſten Gemuͤthsverfaſſung abgereiſt ſei, nach⸗ ⸗ dem man ſich vorher nach den im Hauſe wohnenden Gäſten ſorgfaͤltig erkundigt hatte. Es handelte ſich nun um ein neues Vergnugen fuͤr den gnaͤdigen Herrn. Da der Herr Graf ein großes Mißtrauen hatte gegen ſolche Bekanntſchaften, welche er nicht ſelbſt aufgeſucht hatte, ſo wurde vor der Hand beſchloſſen, Abends im . Theater eine Recognoscirung der ſchoͤnen Welt F nehmen. Eine Loge wurde beſtellt, eine ſehr gute Theaterlorgnette in Stand geſetzt, eine ſorgfältige Toi⸗ — ——— — lette gemacht, viel Geld beigeſteckt, kurz, es war eine mit aller Umſicht vorbereitete Expedition. Es gibt Dinge unter der Sonne, welche man taͤglich ſieht, ohne ſie zu begreifen, ohne ſie zu glauben; wenn in der Geſellſchaft naͤmlich einmal jener Geiſt der Depravation das ganze Leben zu durchdringen im Begriff ſteht, dann bemaͤchtigt ſich der Menſchen jene ſtumpfſinnige, thieriſche Theilnahmloſigkeit, vermöge welcher ſie die furchtbarſten Schickſale und Leiden, welche ſie umgeben, als Etwas betrachten, was nicht anders ſein kann, als ganz natuͤrlich, was man ertragen muͤſſe. In Wien gilt einmal der furchtbare Fluch, den das Verhaͤngniß ausgeſprochen zu haben ſcheint: „Deine Töchter ſollen verderben in Schande und Elend!“ dieſer Fluch, welcher das Verderben der Kinder dieſer Toͤchter, den Ruin der ganzen Geſellſchaft ausſpricht, als eine natuͤrliche Vorausbeſtimmung. Lachend ſagt man ſich, das Weib iſt ja geboren dazu, daß es von dem Manne beſchlafen werde. Ob Kunz oder Hans die Erſtlinge pfluͤckt, was liegt daran? Das iſt die Philoſophie dieſer Generation, dieſer jungen, lebensluſtigen Maͤn⸗ ner, welche ſelbſt ſchon groͤßtentheils Baſtarde, Kinder der Wolluſt, der Proſtitution und gemeinſten Unzucht, jener unflaͤthigen, liebloſen, thieriſchen Vermiſchung ſind, wodurch die Familien aufgeloͤſt und die Bande der Geſellſchaft zerriſſen, alle edleren Gefuͤhle der „ . Gatten⸗, Eltern⸗ und Geſchwiſterliebe verdrängt und aufgeopfert werden. B Dieſer Graf Banya— und wie Viele giebt es in Wien ſeines Gleichen!— hatte in 48 Stunden ein bis dahin noch ſchuldloſes Mädchen auf immer der Schande zugefuͤhrt, einen armen Menſchen zur Ver⸗ zweiflung getrieben, das Gluͤck einer Ehe auf immer getruͤbt, wo nicht vernichtet. Wollte man nun berechnen, wie viele Opfer ein ſolcher Wuͤſtling in ſeinem ganzen Leben in Jammer ſturzt, und wie viele ſolche mehr oder minder reiche, verwegene Wuͤſtlinge in Wien leben, es wuͤrde eine ſchauderhafte Statiſtik geben. Graf Banya hatte keinen Begriff davon. Er folgte ſeinen Luͤſten wie einer Naturnothwendigkeit, und hielt jedes Mittel fuͤr gut, kraft ſeines Rechts als geborner Edelmann. Von Kindheit gewohnt die Beiſpiele ſeines Stan⸗ des zu ſehen, keinen Augenblick daran zweifelnd, daß erſtens alle uͤbrigen Staͤnde, dann insbeſondere das weibliche Geſchlecht nur fuͤr ihn da ſeien— nur von ſeinen Gnaden lebten, denkt er ſo wie Alle ſeines Glei⸗ chen in Wien, welche mit ihren Lorgnetten und ſcham⸗ loſen Geberden ſich auf der Straße, im Theater, im Concerte euren Weibern und Töchtern ſchamlos prä⸗ ſentiren, welche ſich nicht geniren, ihrer drei bis vier Arm in Arm euch nachzufolgen, um die„Adreſſe“ zu erfahren. Binnen 24 Stunden iſt dann gewoͤhnlich — ſchon irgend ein Schritt der Verſuchung geſchehen, und n euch, wenn eure Hausfrau, Tochter, Schwe⸗ ſter, irgend eine Schwachheit an ſich hat, ſie wird von beſtochenen Dienſtboten einer abgefeimten Kupplerin verrathen, welche nie ſelbſt auftritt, aber die ganze In⸗ trigue leitet! Das Theater iſt das Hauptobſervatorium dieſer liederlichen Geld- und Adels-Ariſtokratie, welcher in der Regel alle und jede gruͤndliche Bildung abgeht, welche ſchon von ihren Vätern Nichts gelernt hat, als das Handwerk der Galanterie und die Kunſt Ehren⸗ ſtellen zu erlangen und hohe Aemter durch Schuͤrzen⸗ protection oder Beſtechung! Hier ſind Billeteure, Logendiener, Souffleure, Lam⸗ penputzer ꝛc. dienſtwillig und flink bei der Hand, zu Allem aufgelegt, um ein Stuͤck Geld zu verdienen — ein ganzes Hilfscorps von Agenten der Wolluſt. Da iſt nicht leicht eine Familie, deren Namen und Ver⸗ haͤltniſſe ſie nicht kennen— ſie kennen den ganzen Markt, ſie kennen die Kunden und die beliebteſten Waaren, und die Nemeſis will es haben, daß unter den letzteren ſich ſelbſt Toͤchter der hohen Ariſtokratie befinden, wiewohl durch dieſe ſchlechten Sitten die Race der Ariſtokratie auf eine ſo erbarmungswuͤrdige Weiſe herabgekommen iſt, daß ſie keine ſehr beliebte Qualitaͤt erzeugen kann. Die niederſten und hoͤch⸗ ſten, gebildetſten und roheſten Clgſſen ſind am meiſten herabgekommen, nur die Mittekelaſſen liefern noch jene ge e — 16— friſchen, zarten, lieblichen, froͤhlichen Geſchoͤts welche der Stolz des Wiener Marktes ſind. Hier hatte Banya einen Flor der ſchoͤnſten Maͤd⸗ chen in Logen und Gallerien vor ſich, welche nicht minder begierig ſind die Blicke der Cavaliere auf ſich zu ziehen, wie dieſe es ſind einen Blick der Erwiede⸗ rung zu erlangen. Aber Banya ließ gleichgiltig ſeine Blicke uͤber die Maſſe ſchweifen und nur auf einem Punkte ruhen, wo eine weibliche Geſtalt von der aͤußer⸗ ſten Schonheit ſich gleichwohl durch ihre Zuruͤckgezogen⸗ heit und ihre beſcheidene Anſpruchloſigkeit der allgemeinen Aufmerkſamkeit zu entziehen wußte. Der vorientaliſche Schnitt ihres Geſichts zeigte die edelſten Formen der griechiſchen Antike, ſo wie ihr ganzer hoͤchſt ebenmaͤßiger ſchlanker Korperbau, welchen ſelbſt die damalige un⸗ vortheilhafte Mode nicht verunſtalten konnte. Was aber mehr auffiel als ihre Schoͤnheit, war der Geiſtes⸗ adel, welcher ſich über ihr Geſicht verbreitete, die hin⸗ reißende Anmuth ihres ſanften weichen Geberdenſpiels, der Ausdruck ihrer Taubenaugen, welche dennoch voll ſtillen Feuers waren. Ihre Geſichtsfarbe war blaß, von blendender Weiße ihre Haut, und eine Hand beſaß dieſer Inbegriff aller weiblichen Schoͤnheit und Grazie, welche ſo zart und klein, wie die eines Kindes von zehn Jahren, dabei aber ſo weich geformt und rund— weiß und fein— daß ſie verdient hatte, wie jene be⸗ rühmten Hände Napoleons und der Fürſtin Metternich, einen weltgeſchichtlichen Ruf zu erlangen⸗ Die Augen ——— 1 — des luͤ en Grafen konnten ſich nimmer von dem Anbl holden Geſchoͤpfes trennen, aber eine ge⸗ wiſſe heilige Scheu ſagte ihm, daß hier Nichts fuͤr ihn zu hoffen ſei. Die Familie war offenbar ſehr wohl⸗ habend, ſehr anſtaͤndig, von den feinſten Sitten. Ein anweſender Herr mit einer kleinen Ordenskette und ſehr edler Phyſiognomie ſchien ihr Vater zu ſein. Prokop beobachtete hinter dem Stuhl jeden Blick ſeines Gebieters— dieſer war unruhig, bewegt, ungeduldig, faſt uͤbellaunig. „Ja, Euer Gnaden!“ ſtuſterte der Daͤmon von Lakai,„Die wird viel koſten.“ „Was koſten, Du Narr— ſo reich bin ich nicht zu bezahlen, wab Die werth iſt— Die iſt nicht zu haben.“ „Ach— pah!“ ſagte Prokop,„ſchwer freilich— aber nicht unmoͤglich. Sie iſt die Tochter des Hof⸗ raths Polczewicz, die Leute haben Vermoͤgen, ſie wird wahrſcheinlich ſchon verlobt ſein— dennoch—“ „Wie, Du hoffſt?— Kerl, wenn Du Die in mein Lager bringſt, zahle ich Dir die Revenuͤen eines halben Jahres meiner Guͤter.“ „Ich allein kann es nicht!“ ſagte Prokop,„dazu brauchen wir die Madame Doͤrflinger.“ Banya ſprang auf und beſtuͤrmte Prokop mit Fragen. So ſchwer es ihm wurde, ſich von dem An⸗ blick des reizenden Weſens zu trennen, ſo konnte er doch auch mit ſeinem wildaufgeregten Blute nicht làn⸗ — ger bleiben, er mußte ſich mit Hoffnungen und Plänen beſchaͤftigen, um ſich zu zerſtreuen. Madame D. war die beruͤhmteſte Gelegenheits⸗ macherin der Reſidenz. Sie war die Zuflucht aller reichen Wolluͤſtlinge, ſie nannte ſehr hohe Perſonen ihre guten Freunde, man begegnete ihr mit vieler Aus⸗ zeichnung und ſie hielt ein Haus wie eine Fuͤrſtin. Noch in derſelben Stunde begab ſich Banya mit dem Lohnbedienten dahin. Mad. D. ſaß eben mit einigen in Sammt und Seide gekleideten Damen am Spieltiſch, ſie empfing, nachdem ſie der Lohnbediente aviſirt hatte, den Grafen als ihren alten Bekannten und verließ augenblicklich das Spiel, um ihm etwas ſehr Wichtiges mitzutheilen— in der That aber um zu vernehmen, welch' ein gluͤckliches Ungefähr ihr einen ſo koſtbaren Kunden zufuͤhre. Als B. ihr ſeine Hoff⸗ nungsloſigkeit geſtand, lächelte ſie hoͤhniſch—„Mein Freund,“ ſagte ſie, indem ſie auf ein Cabinet wies, „hier in dieſem Cabinet hat J. D. die ſchoͤne Fuͤrſtin Henriette Kukofska mit dem Grafen St. Grivois ge⸗ ſchlafen— ſie eine Sproͤde von der zaͤheſten Gattung, er ein Menſch mit einem Paviansgeſichte,— was ſoll mir dieſe Hofrathstochter fuͤr Schwierigkeiten machen? Es kann Sie tauſend, vielleicht zweitauſend Ducaten koſten— das iſt Alles.“ Und in der That hatte Mad. D. einen ausgezeich⸗ neten Credit. Man vertraute ihr blindlings, denn außer der Thatſache, welcher ſie ſich ſelbſt ruͤhmte, wußte man von ihr, daß ſie einer hohen Perſon aus Verſehen ſeine eigene Tochter zugefuͤhrt hatte, und daß man ihr nur die Perſon, welche man liebte, bezeichnen durfte, um ſeine kuͤhnſten Wuͤnſche zu erreichen. Graf B. empfahl ihr ſehr uberfluſſiger Weiſe Eile— denn dieſe ehrbare Dame wußte wohl, daß ſolche Händel ſchnell ausgefuͤhrt werden muͤſſen, ehe die Laune der Einbildungskraft der Männer ſich verfluͤchtigt.„Ich brauche nur 36 Stunden,“ ſagte ſie—„kommen Sie ubermorgen Mittags zu mir— wir werden dann ſe⸗ hen, welche Fortſchritte gemacht worden ſind.“ Seine graͤflichen Gnaden ſchliefen zwar unruhig, aber doch getroͤſtet. * Am zweiten Tage darauf um 1WUhr ſtand Graf Banya wieder vor Mad. D., welche, ſtolz auf einem Sopha ſich hinlehnend, ihn ſehr nachlaͤſſig empfing. „Setzen Sie ſich, guter Graf; wie muͤſſen Sie dieſe 36 Stunden gelitten haben, ich beklage Sie von gan⸗ zem Herzem.“ Graf Banya fuͤhlte dieſer Frau gegenuͤber eine Art von Demuͤthigung— ich mochte ſagen Ehrerbie⸗ tung. Vor einer ſolchen Frau gab es ja wie vor Gott kein Geheimniß. Man mußte ihr Alles beich⸗ ten, alle Schwachheiten des Gemuͤths und der Sinne ihr offenbaren, alle Niederträchtigkeit des Willens, alle Schaͤndlichkeit ſeiner Grundſaͤtze aufdecken. Vor dieſer —— Frau galt weder Rang noch Titel, hier konnte man weder Hoheit noch Stolz zeigen, hier machte Geld Alles gleich, und Niemand durfte hoffen, dieſer Frau irgend ein Gefuhl der Achtung einzufloͤßen. Dieſe Frau hatte Alles zu ihren Fuͤßen, ſo zu ſagen, ſchmeichelnd, ſich in Verſprechungen uͤberbietend, um ihre ſeltſamen Wohlthaten betteln geſehen, den hohen Adel mit ſei⸗ nen oberherrlichen Geburtsvorrechten girrend um den, Kuß einer Tagloͤhnerstochter, die Gerechtigkeit, die furchtbare— ihr ſo veraͤchtlich— in der Perſon hoher Gerichtsperſonen, bettelnd um die Liebe der ſchoͤ⸗ nen Suͤnde, die Dichtkunſt von ſehr proſaiſchem Kitzel gefoltert— das armſelige Ding, welches nur im beſten Fall ein Paar Goldſtucke opfern konnte, ja ſelbſt die heilige Kirche in der Perſon maͤchtiger Prä⸗ laten! Wahrlich, genug fuͤr eine ſolche Frau, um ihr alle Welt veraͤchtlich zu machen, um ſich uͤber das Ur⸗ theil derſelben hinauszuſetzen und ausſchließlich dem Gotte zu dienen, vor welchem heute alle Autoritäten — das hiſtoriſche Recht, die Moral des Jahr⸗ hunderts, die Religion, Poeſie und die ganze Geſinnungstuͤchtigkeit unſerer prahleriſchen, heu⸗ chelnden Zeit in den Staub ftuͤrzen, dem Gott der Wolluſt! „Was glauben Sie wohl, Graf,“ fuhr Mad. D. fort, die ſich daran zu beluſtigen ſchien, die groͤßten und vornehmſten Herren dieſer Schoͤpfung vor ſich gedemüthigt zu ſehen, welche gewohnt ſind Maͤnnern — mit Hochmuth zu begegnen, deren Schuhriemen aufzu⸗ loͤſen ſie nicht wuͤrdig ſind,„was glauben Sie wohl hoffen zu duͤrfen? Hier liegt ein Briefpaket auf dem Tiſche, deſſen Inhalt Sie betrifft. Soll ich Ihnen ſagen, was darin iſt?“ Banya war ganz außer ſich vor Spannung und Erwartung; aber Mad. D.— um in ihm das Gefuͤhl des Werths ſeiner„Errungenſchaft“ zu ſteigern, ließ ihn ſehr lange in Ungewißheit— endlich aber er⸗ hob ſie ſich ſtolz wie eine Semiramis, welche einem Sclaven die Freiheit und das Leben ſchenkt und ſprach: „Wohlan— erbrechen Sie dieſes Paket, es enthaͤlt— den Schlafkammerſchluͤſſel.“ Verbluͤfft, faſt entſetzt und doch wie berauſcht vor wonnigen Hoffnungen, ergriff der Graf den Schluͤſſel — unglaͤubig zoͤgernd und ſagte:„Im Ernſt— oder iſt es Scherz?“ „Wenn ich Ihnen ſage, es iſt der Schluͤſſel zu Fräulein Herminens Schlafgemach in Hietzing Nr. 14 im Gartenhauſe. Sie ſind dort Nachts um 12 Uhr erwartet, die Gartenthuͤre wird offen ſein. Oder haben Sie keinen Muth zu dem Abenteuer?“ „Ha, Muth!“ rief der Graf triumphirend.„Fuͤr ſolchen Preis Muth die Hoͤlle zu bekampfen.“ „Das habe ich von Ihnen erwartet. Gehen Sie nun, bereiten Sie ſich vor, das Fraͤulein gluͤcklich zu machen.“ * Damit reichte ſie ihm die Hand zum — er wirklich ergriff und mit Inbrunſt kuͤßte. Er nahm Abſchied.— „Noch Eins!“ ſagte die Dame ihn zuruͤckrufend, „vergeſſen Sie nicht, daß Sie keine gemeine Dirne vor ſich haben. Sie wird Ihnen vielleicht eine Scene ſpielen, um ſich zu beſchoͤnigen— gehen Sie darauf ein, benehmen Sie ſich als gebildeter Cavalier und Mann von Geiſt— ſchwärmen Sie ein wenig— Adieu!“ NMit dieſen flüchtig hingeworfenen— aber ſehr berechneten Belehrungen entließ Madame den von ſeinem Gluͤcke ganz trunkenen Cavalier. Wie gluͤcklich war er! Welche Emotion— welche ſüße Angſt und noch ſußere Hoffnung! Er konnte zwar nicht begreifen— aber das Wort der Frau war untruglich. Sie hatte den Preis in Empfang genom⸗ men— ſie war in Geldſachen ſehr gewiſſenhaft, denn ſie wußte, daß ihr Credit, ihre Ehre davon ab⸗ hing, daß ſie niemals gegen die Ordnung handelte. Ihr Ruf war desfalls ſo gloriös wie der des Hauſes Rothſchild— und vielleicht, wenn man die Zuſtaͤnde dieſer närriſchen Zeit gruͤndlich unterſucht, iſt der ganze Geld⸗„Grundſatz⸗ Talent⸗, Charakter⸗Credit der meiſten Menſchen eben auf nichts Anderem beru⸗ hend, als auf dieſer Vorſicht einer Kupplerin. Punkt 12 Uhr war Graf Banya auf ſeinem Po⸗ ſten. Seine Reitpferde warteten auf der Landſtraße zu nicht geringer Verwunderung des Hietzinger Nacht⸗ Wien. 1. Bd. 4 waͤchters, welchem der luſtige Jockei ein Mährchen auf⸗ band. Eine helle Mondnacht machte den geheimen Be⸗ ſuch etwas gefaͤhrlich. Auch konnte der Graf nicht eine gewiſſe Bangigkeit unterdruͤcken, welche ihn ſonſt bei. ſeinen Unternehmungen nicht zu blelaͤſtigen pflegte. Auch hatte nie ein Weib ſolchen Eindruck auf das Gemuͤth des Wuͤſtlings gemacht. Er fuͤhlte Mitleid mit ſeinem Opfer neben einer verzehrenden Sehnſucht, einer raſenden Leidenſchaft. Fieberiſch froͤſtelnd ſchlich er zu der offenen Gartenthuͤr in einen dichten buſchigen Garten. Einige Laubengaͤnge wurden durchſchritten— plotzlich ſtand er mit hochpochendem Herzen vor der Thuͤre des Pavillons. Nichts regte ſich,— nur ſein Gewiſſen. Durch welche Mittel hatte dieſer Teufel von einem Weibe dieſen Engel beruͤckt? Doch Banya war nicht der Mann Raͤthſel zu loͤſen— er ging ohne zu denken wohin ihn die Leidenſchaft trieb. Die Thuͤre wurde geoͤffnet— eine zweite praͤſentirte ſich offen, worin ein rothes Laͤmpchen brannte und eine Dame völlig angekleidet auf einem Sopha ſaß. Beim Ein⸗ tritte des Grafen hatte ſie ſich raſch erhoben. Sie war todtenbleich vor Aufregung und Schrecken, zitterte am ganzen Leibe und rang nach Worten. „Alſo doch,“ ſagte ſie endlich zu Banya, der bei dem Anblick dieſer unſchuldvoll herrlichen Geſtalt wie geblendet von einer heiligen Erſcheinung zu ihren Fuͤßen niederſank,„alſo haben Sie es doch gewagt— verwe⸗ —— gener, furchtbarer Menſch— nun, Sie ſehen, ich hatte den Muth, Sie unter ſolchem Sie verdächtigenden Scheine zu empfangen— was wollen Sie mir ſagen?“ Noch lag Banya zu ihren Fuͤßen. Er wußte nicht, wie ihm geſchah. Das war nicht der Empfang einer Kokette, welche ihn gluͤcklich machen wollte. Er erinnerte ſich jedoch der Worte der Kupplerin. Das iſt die Scene! dachte er. Und nun begann er darauf „einzugehen“. Er ſchilderte die Raſerei ſeiner Lei⸗ denſchaft— er ſchwor und log wie Don Juan. Das ſchwaͤrmeriſche Mädchen fing an ruhiger zu werden— ſie ſchien zu begreifen.„Warum aber mußten Sie mich durch die Drohung erſchrecken, ſich vor meinem Fenſter zu erſchießen— wie Sie geſchrieben, wenn ich Ihnen nicht eine Unterredung geſtattete— ich habe Ihren Brief erſt erhalten, als Alles zu Bette war— mein Kammermaͤdchen brachte ihn, Schreck, Ueberraſchung, Furcht vor dem Jaͤhzorn meines Vaters ließen mich zu keinem anderen Entſchluß kommen, als Sie zu erwarten. Jetzt aber, Herr Graf, ſage ich Ihnen auf die furchtbare Weiſe Ihrer Bewerbung, daß Ihr Stand, Ihr Vermoͤgen, Ihre— Eigenſchaften Sie berechtigen, offen und ehrlich beim hellen Tage um ein Maͤdchen zu werben,— ich ſage Ihnen, daß ich durch den heftigen, obwohl unangemeſſenen Ausdruck Ihrer— Liebe geruͤhrt bin,— gehen Sie— ver⸗ laſſen Sie mich, und der erſte Blick, womit ich Ihren oͤffentlichen Beſuch in unſerem Hauſe empfangen werde, 4* wird J Ihnen mehr ſagen, als ich Ihnen jetzt zu ſagen im Stande bin.“ Bei dieſen Worten wendete ſich das Fraͤulein ab, um eine Thraͤne zu verbergen. Banya aber, wie ein geſchickter Jaͤger ſeinen Vortheil wahrnehmend, ſtuͤrzte auf ſie und bedeckte ſie mit Kuͤſſen— welche die Un⸗ gluͤckliche lehrten, daß der ungeſtuͤme Wuͤſtling ſich nicht mit einem Geſtaͤndniß begnuͤgen wollte. Umrankt von ſeinen Armen kaͤmpfte ſie, um ſich loszureißen, aber der Graf ließ nicht ab von ſeinem Opfer, vergebens war ihr Bitten, Flehen, Weinen, wie ein Kind nahm ſie der Graf auf ſeine Arme und trug ſie auf ihr Lager — ſie fuhlte ſich entbloͤßt— da rang ſie eine ihrer Hände los, ergriff die Haare des Grafen und ſchrie laut, aber doch mit vor Wuth, Angſt und Scham ge⸗ daͤmpfter Stimme: „Nein, Du ſollſt Deinen Zweck nicht atteichen, 6cer⸗ fort von hier, ſonſt iſt's Dein Tod— Menſch, der Du nur kamſt, mich zu verderben!——“ Von einer unerklaͤrlichen Gemuͤthsbewegung er⸗ griffen, ſank der Graf auf ſeine Kniee— der Mond beleuchtete ſein ſchoͤnes gluͤhendes, in Thraͤnen ſchwim⸗ mendes Geſicht— das Maͤdchen fuͤhlte ſich ſonderbar ergriffen. Dann erhob er ſich wieder, ſturzte wieder auf ſie und rief ſtolz und wild:„So wirbt der rGraf Banya um ſein— Weib!“ Erſtickt von ſeinen Kuͤſſen ſank Hermine aufs 3 Lager— ſie war erſchöpft von dem Kampfe— erhitzt. —— exaltirt, außer ſich— ihre Arme wehrten nicht mehr ab, nur ihr klopfendes Herz vertheidigte ſich durch ſeine Schläge— aber in ihrem Auge glänzte bereits eine Gluth, die ſie nie gekannt, der feurige Athem der Wolluſt hatte ſie beruͤhrt— ſie war uͤberwunden.—— Aber kaum war das neue Bubenſtuͤck des Grafen vollbracht, als man die Stimme des Vaters der Un⸗ gluͤcklichen vernahm, er hatte die ſchoͤne Mondnacht nicht ſchlafen konnen, glaubte die Stimme ſeiner Toch⸗ ter gehoͤrt und eine maͤnnliche Geſtalt im Garten be⸗ merkt zu haben. Er kam herbei, den Namen ſeiner Tochter rufend— Schande mehr fuͤrchtend als den Tod ſeines Kindes;— ein alter Diener hatte ihm ge⸗ meldet, daß das Stubenmädchen des Fräuleins von verdaͤchtigen Perſonen Briefe empfange,— mit einer Piſtole bewaffnet eilte er herbei und fand zu ſeinem Erſtaunen das Stubenmaͤdchen im Garten ſitzen. „Was machſt Du hier?— was geſchieht?— was iſt vorgefallen?— rede oder ſtirb!“ Das Maͤdchen fiel auf die Kniee und geſtand, daß das Fraͤulein einen Beſuch empfangen habe. Nit Blitzesſchnelligkeit war Hermine indeß auf⸗ geſprungen— nicht mehr das ſchuͤchterne Maͤdchen, nur das entſchloſſene Weib— und ſturzte den Grafen in ein Nebengemach, das ſie feſt verſchloß. „Fort, durch's Fenſter,“ ſagte ſie;„Gott ſei mir gnädig, wenn Du mich betrogen haſt.“ Der Graf— hoöͤchſt befriedigt durch dieſe neue — Emotion, konnte nicht umhin, in dieſer Gefahr dem Fraͤulein noch einen Kuß zu rauben, dann beeilte er ſich zu fliehen, raffte ſich zuſammen, ſprang zu dem angezeigten Fenſter hinaus und eilte in raſchen Spruͤn⸗ gen der Gartenthuͤr zu. Aber der Vater des Fraͤuleins hatte ihn geſehen, verfolgte ihn— ein in der ſtillen Nacht furchtbar hallender Knall, und eine Kugel pfiff an des Grafen Schlaͤfe vorbei. Er war gerettet. Des andern Tages hieß es in Hietzing, Diebe hätten im Gartenhauſe des Hofraths eingebrochen, wiren aber verjagt worden. Der Nachtwaͤchter, wel⸗ cher den Grafen nach dem Schuß in geſtrecktem Car⸗ riere mit ſeinem Jockei davon reiten geſehen, meige aber, es ſei doch gar zu arg mit den Fortſchritten der Cultur, da ſich die Diebe ſchon Reitpferde und 36 hielten. Des andern Tages hielt es der Graf E fuͤr ſeine Pflicht, der Mad. Doͤrflinger ſeine Viſite zu machen. Er erzaͤhlte ihr mit vieler Begeiſterung das goͤttliche Abenteuer dieſer Nacht. Der Piſtolenſchuß allein gefiel der Dame nicht. Das konnte Aufſehen machen, zu Unterſuchungen fuͤhren. Indeſſen— ſie hatte uͤberall Freunde.— Graf Banya war 5 zufrieden mit dem ihm er⸗ wieſenen Dienſt, daß er der Dame aus freiem annic — 6— noch einen ſchoͤnen Shawl verehrte.„Die Dame,“ ſagte er,„habe zwar faſt zu viel Scene gemacht, aber dadurch nur ſein Vergnuͤgen erhoͤht.“ Ganz weich ge⸗ worden vor Gläckſeligkeit dankte er dieſem Weibe in den zärtlichſten Ausdruͤcken, umarmte ſie mehrere Male, nannte ſie ſeine liebe, ſchoͤne Mama— und reiſ'te, da ſeine Kaſſe erſchoͤpft war, ſehr vergnuͤgt nach Hauſe. Madame D. aber notirte in ein roth⸗ ſammetnes Portefeuille den Namen des Fraͤuleins, die Wohnung, und das Datum des Abenteuers, denn die Kenntniß dieſes Geheimniſſes war ein gutes Mittel, dem Fraͤulein kuͤnftig mehr Fuͤgſamkeit zu leh⸗ ren. Es war Abend.„Eljen, Graf Banya!“ Mit die⸗ ſem hundertſtimmigen Jubelruf empfing das Landvolk ſeinen Gutsherrn, welcher, zu Pferd anlangend, in den Hof ſeines Schloſſes ritt. Eine ohrenzerreißende Ja⸗ nitſcharenmuſik, von einer Truppe Zigeuner ausgefuͤhrt, vegleitete den obligaten Volksjubel der Leibeigenen. Ein Maͤdchen tanzte ein Solo in dem Kreiſe geigender, ſingender, jubelnder Zigeuner. Froͤhlichkeit belebte den ganzen Kreis.— Der Graf war uͤber den frohen Empfang ſehr befriedigt,— er ſtieg vom Pferde, ließ ſich von ſeinen Dienern die Haͤnde küſſen und trat, ſeinen Schnurbart zwiſchen den Fingern drehend, zu der Gruppe der Zigeuner, aus welcher ihm das tan⸗ — zende Madchen unſchuldvoll wohlgefällig entgegenlächelte. Hätte der junge Wuͤſtling ſich auf den Blick der Un⸗ ſchuld verſtanden, er wuͤrde durch das offenbare Be⸗ ſtreben des Kindes ihm zu gefallen nicht ermuthigt worden ſein, den Eintritt in ſein Haus durch eine neue Brutalität zu ſegnen! Aber ſeine Gnaden war in ſo gluͤcklicher Laune! Seine reizenden Abenteuer in Wien, eine ſehr angenehme Reiſe mit anmuthigen Be⸗ gegnungen, deren letzte ihn veranlaßte, ſeinen Reiſe⸗ wagen einer jungen Edeldame aus der Nachbarſchaft zu uͤberlaſſen, um Anlaß zu haben ſie wieder zu ſehen und ſelbſt die Reiſe bis zu ſeinem nahen Wohnſitz zu Pferde zu machen, zahlloſe Blicke, Haͤndedruͤcke, Seuf⸗ zer, Kuͤſſe, welche auf dieſer Reiſe gewechſelt worden waren, hatten den Grafen in einen wahren Rauſch des Vergnuͤgens verſetzt. Er ſchwor bei allen Teufeln, daß er der gluͤcklichſte Kerl unter der Sonne ſei, und daß er niemals fuͤr eine einzige duͤrftige Blume, deren Bluͤthen bald durch die Zeit entblaͤttert werden, den ganzen ewig bluͤhenden Roſengarten der Liebe entbehren wolle,— das iſt, niemals zu heirathen. Unaufhoͤrlich beſchäftigten ſeine Phantaſie die rohen Vergnuͤgungen der Sinnlichkeit, unaufhoͤrlich ſann er auf Benutzung jeder Gelegenheit, dieſe Vergnuͤgungen zu vermehren. So wie des Säͤufers ſaͤmmtliche Gedanken ſtets mit ſeiner Leidenſchaft ſind, ſo waren des Wolluͤſtlings ſämmtliche Gedanken immer auf die Wolluſt gerichtet, daher er beim Anblick dieſes reizenden 14 jährigen — 3——— — Kindes in der frohen Scene nur wieder eine willkom⸗ mene Gelegenheit ſah zur Befriedigung ſeiner frivolen Laune. „Heda, Du braunes Maͤdel“— rief er daher aus,„ich moͤchte doch ſehen, ob Dein Fell ſo braun iſt wie Dein Geſicht.“ Und ehe das Mädchen ihn verſtehen konnte, ſtuͤrzte der Graf ſich unter dem Ge⸗ lächter der Dienerſchaft, welche den Einfall des luſtigen Grafen koͤſtlich fand, auf das arme Zigeunerkind, ent⸗ bloßte ſie bis uͤber die Huͤften, und entließ ſie dann lachend unter ſchmutzigen Scherzreden, indem er ſeine hoͤchſte Zufriedenheit mit einigen gemeinen Fluͤchen be⸗ kraͤftigte. Das Maͤdchen, erſt ſo luſtig, floh weinend und das Geſicht ſich verhuͤllend in die Arme einer aͤlteren Zigeunerin. Sie war keine Prezioſa, keine romantiſche Geſchichte knüpfte ſich an ihre Geburt, nicht das Blut eines Edelherrn, nein, das Blut eines gemeinen Va⸗ gabonden rollte in ihren Adern, ſie hatte keine Erzie⸗ hung genoſſen, das Gefuͤhl der Schicklichkeit war ihr von keiner franzöſiſchen Gouvernante eingeprägt wor⸗ den, die allguͤtige Mutter Natur hatte ihr allein das edle Gefuhl gelehrt, das ihr junges Herz jetzt zuſam⸗ menpreßte— das Geſuͤhl der Scham. Und dieſe Mutter, welche jetzt das Geſicht ihres geliebten Kindes in ihre Schuͤrze verbarg, ſie war keine Edeldame, und doch war ihr Mutterherz eben ſo ſtolz wie das einer Koͤnigin. —— Dieſes ſtolze Mutterherz, welches keine Kraͤnkung ſeiner zarten Gefuͤhle verzeiht, es trieb die Bettlerin zu einer fanatiſchen Wuth, welche ſich in Verwuͤn⸗ ſchungen ergoß. „Hoͤre, Du wilder Graf!“ rief ſie.„Hoͤre mei⸗ nen Segen uͤber Dich und Dein Haus! Verflucht iſt Dein Same! Drei Zeichen ſind an Deiner Stirn, die der Teufel gebrandmarkt hat. Drei Zeichen ſpielen um Deinen Mund. Drei Male trägſt Du an Deinem Leib. Sie bedeuten, daß Du drei Kinder zeugen wirſt. Das erſte wirſt Du tödten; das zweite wird Dich toͤdten; das dritte wird uͤber Deine Leiche lachen.“ Lachend hoͤrte der Gutsherr dieſe Verwuͤnſchungen. Die Zigeuner zerſtreuten ſich und der Edelherr begab ſich in der vergnuͤgteſten Laune in ſeine Gemaͤcher, um ſich zu entkleiden und vor dem Einſchlafen die ſchluͤpfrigen Buͤcher des Grafen Grecourt zu leſen. Siebzehn Jahre waren ſeit dieſen Heldenthaten des Grafen verfloſſen. Der Graf lag krank auf ſeinem Schloſſe darnieder— ſein Koͤrper, durch Wolluſt ent⸗ nervt, ſiechte vorzeitig dahin, ſeine dunklen Locken waren grau geworden, ſein Scheitel war von Haaren ent⸗ bloͤßt. Er fuͤhlte zum erſten Male die Qualen der Einſamkeit des menſchlichen Herzens— doppelt in einem Lande, wo die Cultur ſo darniederliegt, daß ſie dieſe einſamen Schloͤſſer auf der unbebauten, auf viele Meilen entvölkerten Haide zu wahren Gefaͤngniſſen 5— macht, wenn ſie von den ſtillen Freuden des Familien⸗ lebens verlaſſen ſind. So lange des Grafen Jugend⸗ kraft ausgereicht hatte zu angeſtrengten Spazierritten, Jagden und allen jenen ritterlichen Vergnuͤgungen der Landedelleute, hatte er ſeine Einſamkeit niemals em⸗ pfunden. Aber ſeine Lenden waren zu ſchwach, um ein Pferd zu tummeln, und die Wöolfe, welche er ſonſt zu jagen liebte, heulten in der oͤden Winternacht, ſeine Schwaͤche gleichſam verhoͤhnend, unter den Mauern des Edelſitzes. Der Diener, welcher den Kranken pflegte, war in tiefen Schlaf geſunken— ſein Athemholen, das Heulen des Schneewindes und der Woͤlfe, mach⸗ ten einen ſchauerlichen Eindruck auf die Seele des Hin⸗ ſiechenden, welchem der kalte Schweiß uͤber die Stirne rann. Er zitterte, eine unſägliche Angſt preßte ihm die Bruſt zuſammen, es graute ihm vor dieſer einſam ſchauerlichen Winternacht, welche er durchwachen mußte. Jeder Laut erſchreckte ihn, und die Stille entſetzte ihn, wenn die Woͤlfe aufhoͤrten zu heulen und der Sturm ſich auf Augenblicke legte. Plotzich ſchlug ein greller Schrei an ſein Ohr— die Woͤlfe hatten aufgehoͤrt zu heulen— es war offenbar der Hilferuf eines Men⸗ ſchen, welcher von ihnen angefallen worden war. Nach einer Pauſe, waͤhrend welcher der Ungluͤckliche mit den Beſtien zu ringen ſchien, erneute ſich das Geſchrei mit entſetzlicher Heftigkeit— es war kein Zweifel, ein Menſch war auf dem Punkte, unter den Thoren des Edelſitzes zerriſſen zu werden. Die Hunde im Schloſſe, —— ſonſt ruhig und furchtſam beim Herannahen der ſchlim⸗ men Gäaͤſte, erhoben ein furchtbares Gebell. „Joſi, Joſi, wach' auf!“ ſchrie der Graf, indem er ſeinen Diener ruͤttelte. Langſam kam dieſer zu ſich, waͤhrend der Kampf draußen mit den Woͤlfen fortdauerte. Man hoͤrte das Lechzen der blutgierigen Beſtien, wenn das ungluͤckliche Opfer zu ſchreien aufhoͤrte, um Athem zu holen— es war keine Minute zu ſeiner Rettung zu verlieren. Die Diener des Hauſes erwachten allmälig— man holte Flinten und Fackeln herbei, um die Woͤlfe zu verſcheu⸗ chen. Inzwiſchen hatte das Geſchrei, ſchwaͤcher und ſchwaͤcher werdend, aufgehoͤrt, und es ſchien ſich ein Kampf unter den Woͤlfen um ihre Beute entſponnen zu haben. Als die Leute hinaustraten in's Freie, flohen die Beſtien vor dem Fackellichte, und man fand, graͤß⸗ lich zerfleiſcht und in ſeinem Blute ſchwimmend, einen jungen Menſchen, welcher mit dem Tode zu ringen ſchien. Seine Kleider waren voͤllig zerfetzt von den Zaͤhnen der Woͤlfe, und zahlloſe Wunden bedeckten Leib und Geſicht des Ungluͤcklichen. Man brachte ihn in die Geſindeſtube, wo der Hausarzt des Grafen, der den Edelſitz nie verlaſſen durfte, ihm ſeine Hilfe an⸗ gedeihen ließ. Als Joſi in das Zimmer des Grafen trat, um ihm Bericht zu machen uͤber das Vorgefal⸗ lene, fand er ihn in einer tiefen Ohnmacht liegen. Das Gefuͤhl der Menſchlichkeit, welches den Geſunden nie ſonderlich belaͤſtigt hatte, raubte dem Kranken die —— Beſinnung. Erſt durch angeſtrengte Bemuͤhungen gelang es, ihn in's Leben zuruͤckzurufen. Allein ſeine Krankheit verſchlimmerte ſich von dem Augenblick an in hohem Grade. Mehrere Wochen ſchwebte er in Lebens⸗ gefahr, und als er endlich geneſen war, hatte er ſein Gedaͤchtniß faſt voͤllig verloren. Als er ſich dann langſam auf die Ereigniſſe während ſeiner Krankheit beſann, fragte er Joſi, welcher es vermieden hatte, davon zu ſprechen, nach dem Unglucklichen, deſſen Ge⸗ fahr einen ſo furchtbaren Eindruck auf ihn gemacht hatte. „Er iſt gerettet!“ ſagte Joſi. Wo iſt er?“ ie im Schloſſe.“ 3 Der Graf machte eine Miene der Ver⸗ wunderung— denn er war eben nicht bekannt dafuͤr, Unglucklichen eine Freiſtaͤtte zu bieten. „Herr!“ ſagte Joſi ſeiner Frage und ſeinem Un⸗ willen zuvorkommend,„wir haͤtten uns nicht unter⸗ ſtanden, aber der Burſche ſcheint Euer Gnaden zu kennen. Er trug einen Zettet bei ſich, worauf Ihr Name geſchrieben ſteht— dann hat er allerhand ſon⸗ derbare Reden gefuͤhrt, welche ich nicht wieder zu ſagen mich getraue, außer wenn es Euer Gnaden durchaus wollen.“ Natuͤrlich wurde der Beſehl geglben „Der Burſche,“ ſagte Joſi,„iſt total blödſinnig. Er giebt nur abgebrochene Reden von ſich. Als wir „ — 6— ihn fragten, ob er Etwas an Sie zu beſtellen gehabt, ſagte er:»nein«. Auf die Frage, wer ihn geſchickt habe, ſagte er:»ſein Vater«. Dabei murmelte er mehr vor ſich, als um uns zu antworten, folgende Aeußerungen: Schlechter Kerl, der Graf— mein Voter hat's geſagt,— ſchlechter Kerl mein Vater auch,— viel geſchlagen, meine Mutter auch geſchla⸗ gen, weil ſie mich nicht zu dem Grafen ſchicken wollte, — ſchlechter Kerl, ſagte ſie auch, er wird ihn um⸗ bringen,— Mutter geſtorben— Vater mich geſchla⸗ gen, fortgejagt,— wollte nicht zu dem ſchlechten Kerl — aber Nichts zu eſſen— mußte fort,— Mutter recht gehabt— nicht gut geweſen, daß ich kommen bin— Woͤlfe mich gebiſſen— ſehr weh, viel Blut,— ſchlech⸗ ter Kerl, der Graf.. Mehr war aus ihm nicht her⸗ auszubringen.“ Im hoͤchſten Grade erſtaunt, ließ Graf Banya den Kretin vor ſich hringen. Der Ungluͤckliche trat mit trotzigem Geſicht vor ihn. Welch' eine Geſtalt— welch' ein wilder Ausdruck des Halbwahnſinns in ſei⸗ nem durch fürchteriche Narben bedeckten Geſicht! „Schlechter Kerl, der Graf!“ murmelte der Bur⸗ ſche halblaut— der Gutsherr ſchien ihm ſehr zu miß⸗ fallen. „Wer biſt Du, Burſche?“ fuhr ihn Banya an. „Armer Hanſi!“ antwortete der Menſch mit einem wehmuthigen Ausdruck;„armer Hanſi— Mutter mich heißen ſo.“ 0 6— „Haſt Du Papiere bei Dir?“ „Da!“ Es war der Taufſchein. Er wies aus, daß der Arme Sohn eines Tiſchlers aus Preßburg, Namens Winter, und im J. 1809 geboren ſei. „Armer Hanſi, Hurenſohn!“ fuhr der Kretin fort. „Alſo iſt das nicht Dein Taufſchein?“ Sa“ „Alſo biſt Du in der Ehe geboren— wer nannte Dich Hurenſohn?“ „Vater— ſchlechter Kerl.“ „Haſt Du Etwas an mich zu beſtellen— einen Brief oder ſonſt Schriftliches?“ fuhr der Graf unruhig zu fragen fort. „Ja— da— ha— ha— luſtige Hochzeit!“ bloͤkte der Kretin mit einem dummen Gelaͤchter. Haſtig griff Banya nach dem Papier, um es zu leſen. Waͤhrend er es entſaltete, las und wieder las, mit dem Fuße ſtampfte, nachſann und zu rechnen ſchien, maß ihn der Kretin vom Kopf bis zum Fuße mit dummer Neugierde, um ſeinen Mann abzuſchätzen. Allein das Reſultat dieſer Muſterung ſchien nicht guͤn- ſtig fuͤr den Grafen, alle Mienen des Blodſinnigen ſprachen einen Abſcheu aus, der durch das lebhafte Geberdenſpiel Ungluͤcklicher ſeiner Art beſonders auf⸗ fallend hervortrat— und um ſo unverſtellter, da die Blicke des Grafen, welchen er ſcheu auswich, nicht auf ihn gerichtet waren. Der Graf kaͤmpfte indeſſen mit —— einer auffallenden Bewegung— denn auf dem Papier ſtanden die Worte, welche alle Zweifel niederſchlugen: Graf Banya.— Hochzeitnacht 18. Juni 1808. — Geburtstag des Ueberbringers 17. März 1809. In dem verſiegelten Couvert lag der Brief des Grafen an jene Braut im Koͤnig von Ungarn. Mißmuthig, beſturzt, verlegen— ergriffen— ent⸗ ſetzt warf der Graf einen wilden, ſtarren— pruͤfenden Blick auf dies entſtellte Menſchenantlitz und rief:„Alſo waͤreſt Du mein—“ Das Wort ſtarb ihm auf den Lippen— denn in dieſem Augenblick hatte der Kretin ſeine Muſterung vollendet, ſein verwerfendes Urtheil, ein grimmiger Ab⸗ ſcheu, ein geheimnißvoll unwillkuͤrlicher aber gruͤndlicher Haß, ein bitterer Hohn— ein Fluch hatte ſich in einen einzigen Blick des Unholds concentrirt— und ein ſchrecklicher Zufall wollte, daß der Blick des Gra⸗ fen dieſem graͤßlichen Blicke begegnen mußte.— Auf dieſem Blicke betroffen, erroͤthete der Bloͤd⸗ ſinnige, aber ſeine empoͤrte Natur konnte es nicht ver⸗ meiden, ſeinen Gefühlen Worte zu geben— plotzlich laute, krampfhaft hervorgeſtoßene Worte, uͤber welche ſich der unwiſſende Menſch ſelbſt keine Rechenſchaft geben konnte, welche aber ſich ihm nebſt einer furcht⸗ baren fixen Idee tief eingepraͤgt hatten, weil er ſie unter Schlaͤgen und Schimpfreden oft hatte hoͤren muͤſſen:„Schlechter Kerl, der Graf!“ Dieſer Blick und dieſe Worte trafen den Schuld⸗ — bewußten wie ein Blitz der raͤchenden Gottheit. Er taumelte entſetzt zurück. Dieſe Worte, mit einer Stimme geſprochen, welche nichts Menſchliches an ſich hatte, welche ein Unſinniger ſprach, welcher die Schuld des Grafen weder wußte noch begriff, und daher von einer hoͤheren Macht inſpirirt ſchien, dieſer durch Nichts ver⸗ anlaßte Abſcheu des Menſchen vor ſeinem leiblichen Vater, ſie hatten fuͤr den Grafen die ſchwere Bedeu⸗ tung eines Gottesgerichts. Erſchoͤpft von dem Ein⸗ druck dieſes ſchrecklichen Augenblicks, warf er ſich auf ein Fauteuil, legte ſeine Hand vor ſeine Augen, um nicht wieder dieſem Blicke zu begegnen, verſank auf einige Minuten in ein ſtumpfſinniges Hinbruͤten, und befahl endlich mit abgewandtem Blicke, den Ungluͤck⸗ lichen hinwegzufuͤhren, ihm es an Nichts fehlen zu laſſen und weitere Befehle abzuwarten. Nach einigen Tagen befahl er, den Kretin zu leichten Dienſten im Hauſe zu verwenden, nach ſeiner freien Wahl, und gab ihm die Kleidung eines Heiducken. Der Ungluͤckliche aber wäͤhlte zu ſeinem Berufsgeſchaͤftt die Pflege der— Hunde, welchen er allein zugethan war, denn ſie hatten ihm das Leben gerettet, und der hochedle Graf Banya, deſſen Geſchlecht bis auf die Zeit Arpads zuruͤckreichte, deſſen Name in der Geſchichte des Landes mit Ruhm bedeckt war, hatte den Schmerz, täglich Morgens ſein edles Fleiſch und Blut als Hunde⸗ wärter in ſeinem Hauſe zu ſehen, weil der Ungluck⸗ liche in der That zu nichts Anderem zu brauchen war, Wien. 1. Bd. 5 —.———————— — 6— und er ein beſſeres Loos weder begreifen noch wuͤn⸗ ſchen konnte! Des andern Tages ſchloß ſich Banya in ſein Cabinet ein und ſchrieb folgenden Brief an den Hofrath Polczewicz: „Domine spectabilis! „Nichts iſt bitterer als Vaterſchmerz. In dem Augenblick, wo ein Gefuͤhl der Natur in mir er⸗ wachte, an das ich bis heute nicht gedacht, das mich in dem Augenblick auf das Furchtbarſte quält, ſchreibe ich an Sie, um Mitleid zu finden vor Ihrem Vater⸗ herzen, das ich ſo bitter gekraͤnkt habe. Eine furcht⸗ bare, langwierige Krankheit hat meinen Lebensmuth gebrochen, ſo daß ich ploͤtzlich fuͤhle, wie einſam ich bin, und daß ich zu meinem eigenen Verderben das heiligſte Familiengluͤck mit Fuͤßen getreten habe⸗ Warum iſt aber der Himmel auch ſo grauſam, der wilden Leidenſchaft des jungen Wuͤſtlings den grauen⸗ vollen Spiegel aller jener Schickſale, welche er über ſich und Andere bringt, nicht vor Augen zu halten! Haben Sie Barmherzigkeit mit mir, Domine, den⸗ ken Sie ſich, ich liege vor Ihnen auf meinen Knien, und bitte, beſchwoͤre Sie bei Ihrem ehrwuͤrdigen grauen Haupte und bei dem meinigen, welches meine Suͤnden gebleicht haben, geben Sie mir mein Kind, meinen Sohn, den ich ſo lange verleug⸗ net) und retten Sie mein einſames, altes Herz vor Verzweiflung. Dieſes wilde Wolluftfeuer, wel⸗ * . — 655— ches mich zum Verbrecher machte, es iſt erloſchen, der ſchoͤne verfuͤhreriſche Graf Banya, der Ihre Tochter, das Muſter der Tugend und Keuſchheit, verdarb, iſt ein Greis, der auf ſeinen Knieen ſeine Suͤnden bereut, der keine Wuͤnſche mehr hat, als den einzigen Sohn, den er ſeiner Suͤnde und der Liebe Ihrer Tochter dankt, an ſein Herz zu druͤcken, ihm alle ſeine Guͤter zu uͤberlaſſen, ſeinen Namen und ſein Gluͤck zu bewachen— nicht wie ein Vater — ach, ich verdiene es nicht, der Vater des Kindes Ihrer Tochter zu ſein— nein, wie ein Sclave, wie ein treuer Hund. Ich weiß, Domine, ich habe dieſe Gnade von Ihnen nicht verdient, mein Suͤndertrotz gegenuͤber dem Zorne Ihres beleidigten Vaterherzens, als Sie mir ein Jahr nach jener ungluͤckſeligen Nacht unter wohlverdienten Ehrenkraͤnkungen mein Kind anboten, und ich es ausſchlug, als ich meine Frechheit ſo weit trieb, dieſes Kind zu verleugnen, machte mich unwuͤrdig der Vaterrechte,— nicht mein Recht, nicht meine Reue, nicht die zweifelhafte Beſ⸗ ſerung meines Charakters kann Sie beſtimmen, meine Bitte zu gewähren, meine einzige Hoffnung beruht darauf, daß es Ihnen nicht gleichgiltig ſein kann, das Kind Ihrer Tochter durch meine Anerkennung ſowohl meines alten ehrlichen Namens, als meiner ſämmtlichen Guͤter theilhaftig zu machen. Ich habe viel Jammer uͤber Ihr Haus gebracht! Durch mein Verbrechen ward Ihre reizende Tochter, der Spiegel 5 aller Tugend und Schoͤnheit, gezwungen, um ihre Ehre zu retten, den alten Praͤſidenten zu heirathen, welchem Sie allein das Geheimniß vertrauen konn⸗ ten, ohne beſorgen zu muͤſſen, daß der Fehltritt Ihrer Tochter ſeine Zaͤrtlichkeit und Achtung ſchmälern werde.— Ach, Domine, ich bin ein Boͤſewicht— glauben Sie mir, ſo haben Sie mich nie verachtet, wie ich mich ſelbſt, wenn ich denke, dieſes reizende Geſchoͤpf iſt durch mich verdammt, ihr Leben an der Seite eines hinſterbenden Greiſes zu vertrauern! Haͤtte doch die Kugel mich getroffen, welche Sie mir in jener Nacht zugedacht! Ich wage es nicht ein⸗ mal, um Ihre Verzeihung zu bitten, denn ſolche Unthat verzeiht kein Vaterherz. Aber eben dieſer Vaterſchmerz muß Barmherzigkeit haben mit dem meinigen, weil er ihn allein begreifen kann. Furchtbar iſt der raͤchende Arm der Gottheit. Ich habe eines der ungluͤcklichen Kinder meines Leichtſinns gefun⸗ den— ach, Domine,— unter welchen Umſtänden, in welchem Zuſtande— einem Thiere mehr aͤhnlich, als einem Menſchen, unempfindlich fuͤr Alles, was ich ihm bieten konnte, Ehre, Reichthum, Macht! Dieſes Ereigniß hat mich mit Schrecken erfuͤllt. Laſſen Sie mich hoffen, daß das Kind Ihrer Toch⸗ ter mich als Vater begruͤßen wird, ich weiß, es lebt, die Mutter wird es nicht verlaſſen haben, wie der uynatürliche Vater. Armer ungluͤcklicher, gemiß⸗ handelter Vater, ſchenken Sie mir meinen Sohn, 8 6 laſſen Sie mich ihm meinen Namen, meine Guͤter abtreten, und dann— wenn Sie noch Luſt haben eine Kugel durch mein Gehirn zu jagen— kommen Sie, ich nehme das Duell an, welches Sie mir vor ſiebzehn Jahren angeboten— Ihnen gebuͤhrt der erſte Schuß auf drei Schritte.—“ Thränen ſturzten uͤber die bleichen Wangen des Kranken, als er dieſen Brief ſchloß, woraus wir leicht entnehmen, an welche Perſon er gerichtet war;— auf⸗ geloͤſt in die bitterſten Gefuͤhle, und convulſiviſch wei⸗ nend ſchloß der abgehaͤrmte Wuͤſtling den Brief, und ſeine Thraͤnen traͤufelten den Balſam der Hoffnung in ſein Herz.— Da— wie ein Hohnlachen der Hoͤlle— erſcholl plotzlich ein dem Wiehern eines Pferdes aͤhnliches Gelaͤchter. Es war der ungluͤckliche Kretin, er hatte ſich von dem Hofraume aus auf den Balcon begeben, dort am Fenſter das weinende Antlitz des Grafen ge⸗ ſehen, und fand ſich durch den Anblick zu dieſem Ausbruch ſeiner thieriſchen Luſtigkeit gereizt. Beſchaͤmt ſprang der Graf von ſeinem Stuhle auf, indeß ihn der Bloͤdſinnige immer fortwiehernd anglotzte, dann aber ſich mit den gewohnten Worten:„ſchlechter Kerl, der Graf!“ hinweg begab. Der Graf aber, erſchuͤttert durch dieſe grähliche Stoͤrung, nahm ſeinen vollendeten Brief und warf ſich vor einem Bilde des Heilands auf die Kniee. Es war dieſes Bild ein altes Erbſtuͤck von Altamonte, — 70— welches, ſo lange Banya lebte, noch nie eines Blickes von ihm gewuͤrdigt worden war.„Herr mein Gott!“ ſchrie der Gepeinigte,„giebt es keine Barmherzigkeit fuͤr den Wolluͤſtling und Verfuͤhrer?— ja ich erkenne, er iſt der groͤßte Suͤnder, denn er zerſtoͤrt das Gluͤck ganzer Geſchlechter;— aber Gott iſt barmherzig, Gott muß verzeihen, was Menſchen nie verzeihen können!“ So mit ſelbſtpeinigenden Gedanken und Worten gegen ſich raſend, rang er vor dem Bilde die Haͤnde; — der Heiland aber— ſo hatte ihn der Kuͤnſtler dargeſtellt— blickte ſterbend nach Oben, dem Ziel⸗ punkte der allerletzten Hoffnung— und aus ſeinem halb geoͤffneten Munde ſchien das Gebet zu fluſtern: „Herr, vergieb ihnen, denn ſie wiſſen nicht was ſie thun!“ Vier Wochen harrte der Graf vergeblich auf die Antwort des Hofraths. Sein Gemuͤthszuſtand war ein bedauernswuͤrdiger. Seine Nerven waren immer in gereiztem Zuſtande und— ſeltſam— der ſieche Suͤnder ergab ſich dem Menſchenhaſſe, als ob. er ſelbſt das Dpfer der Suͤnden dieſes Geſchlechts ſei. Er hatte Anfaͤlle von Wuth, in welchen ihm Niemand nahen durfte als der Kretin, gegen deſſen Rohheiten er immer wehrlos blieb. Die Wieſen kleideten ſich wieder in friſches Gruͤn, die Lerchen begannen ihre heiteren Morgengeſänge, die ganze Natur erwachte— nur in der Seele des Wuͤſtlings wurde es nicht mehr Fruͤhling! — Die Macht der Gewohnheit ließ in ihm allmälig nur ein Gefuͤhl wieder erwachen, das einzige, welches dem Wuͤſtling zu ſeinem Elende bis an's Ende treu bleibt, um ihn durch Nichtbefriedigung und Ekel zu peinigen — den Kitzel der Wolluſt. Die Erinnerung an die in Wien verlebten Orgien erwachte in ihm, er beſchloß noch einmal ſich in dieſen heißen Strom der niedrigſten Luſte zu ſtuͤrzen, um ſich zu betaͤuben, ſein Gewiſſen darin zu erſaͤufen. Wien war das alte! Nur noch lebendiger, nur noch uͤppiger, nur noch glaͤnzender, aber er war nicht mehr derſelbe. Seine Augen ſchwelgten noch heute an den ſchlanken, wolluͤſtigen Frauengeſtalten, die an ihm voruͤberſchwebten, aber keiner ſeiner Blicke wurde mehr erwiedert, die Augen der Schoͤnheit und Jugend wand⸗ ten ſich ab von dieſem Bilde der Verlebtheit. Der geuͤbte Verfuͤhrer ſah ſich ſeiner Waffen beraubt, ſeine ſteifen Mienen hatten jenes bezaubernd anmuthige Laͤ⸗ cheln verlernt, welches die Herzen bezwingt, in ſeinem Blicke war das Feuer der Jugend erloſchen, und un⸗ heimlich leuchtete daraus nur die kalte Gluth der— Begierde. Nur gemeine Dirnen öffneten ihm gefuͤhl⸗ los ihre Arme und ſaͤttigten die matten Triebe des Wuͤſtlings. Bei allen ſeinen jetzigen Vergnuͤgungen fand er immer einen Gefaäͤhrten, der ihm jede Luſt verdarb, und ihn um jedes Vergnugen hinterliſtig be⸗ trog— den Ekel. Noch blieb ihm die Hoffnung ſeinen Sohn zu —ĩ— ——————— — —— finden. Der Hofrath war abweſend von Wien. Er 1 hatte mit dem Praͤſidenten und ſeiner Tochter eine 1 Reiſe nach Italien gemacht— man erwartete ihn erſt 3 im Herbſte. Der Graf beſchloß ihn zu erwarten Allein der Herbſt kam und noch immer blieb die Fa⸗ milie in Italien. Der Herbſt verging, der Winter 1 war bereits eingetreten, und noch immer harrte der 3 ungluͤckliche vergebens auf Ruͤckkunft oder Nachricht. Alle ſeine Briefe blieben unbeantwortet, und ſo ver⸗ zoͤgerte ſich ſeine Hoffnung und ſeine Furcht. Inzwi⸗ ſchen lebte der Graf in jenem gefuͤhlloſen Taumel nie⸗ driger Vergnuͤgungen, ſeine Zeit zwiſchen Trunkenheit und Wolluſt theilend. Ein Troſt blieb dem Elenden— er fand in der Reſidenz zahlloſe Schickſalsgenoſſen. Da waren Män⸗ ner aus allen Claſſen der Geſellſchaft, welche gleich ihm in ganzen Schaaren die Straßen auf und nieder wandelten, um die erbarmungswuͤrdigen Truppen der weiblichen Proſtitution zu muſtern. Ihre ganze Zeit war dieſer Muſterung gewidmet, des Mittags auf dem Graben, des Abends in allen Straßen oder in den großen Proſtitutionshaͤuſern Wiens, welche eine gewiſ⸗ ſenloſe Gewohnheit und eine unmoraliſche Induſtrie den Wuͤſtlingen der Reſidenz gewidmet haben, wo ſich täglich die induſtrioͤſeren Freudenmädchen verſammeln, um zum Aergerniß fuͤr ehrbare Familien von einer Schaar junger und alter Cavaliere, wohlhabender Juden und an⸗ derer Muͤſſiggänger mit der ſchamloſeſten Oſtentation be⸗ X — lagert zu werden und ihre Adreſſen unter die hohe Ariſto⸗ kratie zu vertheilen: den Theatern. Die Productionen dieſer Theater ſind— wer kann es den Directoren ver⸗ denken, welche bei der Verſunkenheit des Geſchmacks und der moraliſchen Theilnahme an der Kunſt auf dies einzige Mittel ihre Kaſſen zu fuͤllen angewieſen ſind?— faſt ausſchließend der Sinnlichkeit gewidmet. Glaͤnzende Decorationen, wolluͤſtige Gruppen iunger Maͤdchen, wahre Bajaderen, ſchmutzige Anzuͤglichkeiten, Couplets voll cyniſcher Laune, epikuräiſche Lieder und luſtiger Schnickſchnack, das iſt ſo ziemlich das tagliche Brot, welches hier an eine in Liederlichkeit, Wohlleben und Frivolität ſchwimmende Population vertheilt wird. Hier war auch Graf Banya ein täglicher Gaſt, wo ſeine abgeſtumpften Sinne immer neue Reizmittel aufſuchten. Eines Abends begab er ſich noch vor dem Schluſſe der Vorſtellung hinweg. Eine unerklaͤrliche Unruhe trieb ihn von dannen. Die Straßen waren wegen der grimmigen Kaͤlte bereits ſehr einſam geworden, die ganze Natur war erſtarrt, der Schnee kniſterte unter ſeinen Schritten, ein beißender Nordwind jagte ihm feinen Staubſchnee in's Geſicht. In ſeinen Mantel ſich huͤllend beſchleunigte er ſeine Schritte, denn aus ſeinem entnervten Körper war die natuͤrliche Waͤrme entflohen. Da hoͤrte er auf dem Glacis unter einem Baume Etwas wimmern, und fand im Schnee liegend ein kleines Maͤdchen von kaum vier Jahren in elende — Lumpen gehuͤllt. Zaͤhneklappernd flehte die Kleine um ein Almoſen! Wer begreift die Grauſamkeit dieſer Induſtrie des Elends und der Verzweiflung! Man ſetzt auf dieſe Weiſe die Kleinen aus, um durch das Mitleid, wel⸗ ches ein ſolcher herzzerreißender Anblick erweckt, oft eine ganze Proletarierfamilie zu ernaͤhren— um den Preis eines Mordes! Die armen Kinder muͤſſen bald erliegen. Aber wer bekuͤmmert ſich darum, wenn ſie eingeſcharrt werden? Die Nachbarn ſehen darin eine Wohlthat des Himmels, die Eltern weinen nicht an dem Grabe der Erloͤſ'ten, die ſie nicht ernaͤhren koͤnnen. Die Polizei hat keine Augen fur dieſen Jammer, und wenn ſie auch zuweilen dieſe ungluͤcklichen Kinder auf⸗ greift, vielleicht um ſie zu zuͤchtigen(1), ſo werden ſie doch bald den unnatuͤrlichen Eltern zurückgeſtellt. Das Herz des Grafen war durch ſeine Seelen⸗ leiden weich geworden. Er fragte nach ihren Eltern. „Hab' kein Vater und kein Mutter!“ wimmerte die Kleine. „Wo wohnſt Du alſo?“ „Bei einer alten Frau— hab Nichts geſſen heut'— darf nicht nach Hauſe kommen, bis ich einen Gulden erbettelt— krieg' ſonſt Schläg'.“ „Nun, da haſt Du den Gulden— komm', ich will Dich nach Hauſe bringen.“ Mit Muͤhe raffte ſich die Kleine auf,— der Graf hullte ſie in ſeinen Mantel und trug ſie in den nahe⸗ ſtehenden Wagen. Das Kind machte eine entlegene Vorſtadt namhaft, wohin ſie gebracht werden wollte— einen jener zahlreichen Schauplätze des tiefſten Men⸗ ſchenelends, wo Diebe, Freudenmaͤdchen und Bettler die ganze Einwohnerſchaft bilden. In einem elenden Kellerloche fand Banya des Maͤdchens Nährmutter bei einer Talglampe und einem Glaſe Branntwein ſitzen, die Reſte einer, wie es ſchien, keineswegs duͤrftigen Mahlzeit vor ſich. Modell zu dem Bilde von Satans Weibe! Das Geſicht uͤber und uͤber mit jenem entzuͤnd⸗ lichen Roth bedeckt, welches man Kupfer nennt, ein glaſiges, thraͤnendes Auge, verzertte, wilde Zuͤge und eine Miene, welche uͤber alles menſchliche Gefuͤhl zu hoͤhnen ſchien, vollendeten eine Erſcheinung, die nicht widerwaͤrtiger gedacht werden kann. Als das Weib einen ſo vornehmen Mann in die Stube treten ſah, errieth ſie ſogleich den Zuſammen⸗ hang der Dinge. Ihre Induſtrie hatte ſichtlich heute goldene Fruͤchte getragen— es handelte ſich nun darum, das Glück des Tages gut auszubeuten. Ehe der Graf an's Fragen kommen konnte, hatte ſie ihm ſchon hundert Male die Haͤnde gekuͤßt, ihm hundert Lugen vorgeſchwatzt, und eine Schilderung ihres Elends entworfen, welche durch ihr Geſicht wohl nicht Luͤgen geſtraft wurde, aber dieſes Elend als ein ſelbſtverſchul⸗ detes auswies. Das Kind war, ſo ergab es ſich, die Tochter eines Freudenmädchens, welche ihr gegen Ent⸗ geld vermiethet worden war. Außerdem gab das Weib ſchlechten Dirnen Unterpfand, und ernaͤhrte ſich von allen Praktiken des entmenſchten Elends. Das Gefuͤhl der eigenen Schuld iſt zuweilen nach⸗ ſichtig gegen fremde, wenn auch groͤßere. Obwohl der Graf keinen Augenblick das wahre Verhaͤltniß dieſes ſchmaͤhlichen Hausweſens verkannte, ließ er doch ſein Mitleid uneingeſchraͤnkt walten, legte eine Banknote auf den Tiſch und wollte ſich ſchweigend wieder ent⸗ fernen, als er ploͤtzlich im Hintergrunde der Stube einen weiblichen Kopf neugierig aus einem Bette hervorragen ſah. Eine reiche Fuͤlle voͤllig aufgeloͤſ'ten blonden Haares, ein Paar pechſchwarzer Augen, eine blendend weiße entbloͤßte Achſel und ein Geſicht vom vollkom⸗ menſten Schnitt, waren Gegenſtaͤnde, welche unter al⸗ len Umſtaͤnden noch ſeine Aufmerkſamkeit erregten. Die Alte beobachtete mit ſichbarer Freude den Eindruck, den dieſe unvermuthete Erſcheinung auf den Grafen machte, ſie gab ihm ſogleich einige Winke, welche ihn einluden, noch zu bleiben, der Graf ſchwankte, konnte aber ſich nicht von dem reizenden Anblick in ſo haͤßlicher Umge⸗ bung trennen. Unverwandten Blickes ſtarrte er auf die liebliche Erſcheinung hin, welche ihrerſeits ihn mit ſehr unbefangener Neugierde betrachtete, dann ſich kichernd unter der Decke verbarg. Endlich beſchloß der Graf dazubleiben, und das Abenteuer, das ſich ihm darbot, in Ermangelung eines reizenderen, von mehr Anſtand umgebenen, mitzunehmen. Er nahm ohne Umſtande — einen Stuhl und das Anerbieten einer Flaſche Wein an, welche die Alte herbeizuholen ſich erbot, um den halb⸗ erſtarrten Cavalier zu erwaͤrmen, und ſchickte ſich an der Gaſt einer Bettlerin zu ſein. Ach, dieſe hohe Ari⸗ ſtokratie, wie iſt ſie ſo herablaſſend gegen die niedrig⸗ ſten Perſonen, gegen Freudendirnen, Kupplerinnen, Bettlerinnen, Marqueure, Kellner, Lakaien, Dienſt⸗ boten aller Art, wenn es ſich um ihr Vergnuͤgen han⸗ delt! Es giebt nichts Liebenswurdigeres, nichts Beſchei⸗ deneres, als das Benehmen eines hochgebornen Libertins, der oft die hochſten Wuͤrden bekleidet, wenn er einer Mutter die Erſtlinge ihres Kindes abſchwatzt, ein ar⸗ mes Maͤdchen durch Geſchenke verlockt, einen Ehemann zu Conceſſionen der ſchimpflichſten Art zu bewegen trachtet.— Die Präliminarien unzweideutiger Winke, Blicke des Einverſtändniſſes, waren bald geſchloſſen. „Wer iſt dieſes Maͤdchen?“ fragte der Graf mit halbleiſer Stimme. „Bſt— leiſe,“ fluſterte die Alte,„die ſcheint noch ganz friſch— ſie iſt erſt heute Abend zu mir zu Bette gekommen— iſt geſund wie ein Fiſch, luſtig wie eine Ziege und unerfahren wie ein kleines Kind. Das waäre Etwas fuͤr Euer Gnaden— man muß aber vor⸗ ſichtig ſein.“ „Zwanzig Gulden!“ entgegnete der Graf,„wenn Ihr ſie bewegt, mit mir in mein Hotel zu fahren.“ Zwanzig Gulden! Der Graf war ſehr ökonomiſch ge⸗ worden. In dem Grade als ſein Vergnügen abge⸗ —————————— ———————— — 78— nommen hatte, war auch ſeine Taxirung deſſelben ge⸗ ſunken. Er war klug geworden, er liebte nur noch das leicht zu Erringende, wobei Nichts zu wagen war. Er hatte ein Gewiſſen! Unſchuldige Maͤdchen zu verfuͤhren war nicht mehr ſeine Sache— er begnügte ſich mit der Nachleſe. Das iſt die Moral der alten Wuͤſtlinge, welche Erfahrungen klug gemacht hat: ohne Gefahr, ohne Beunruhigung ihres Gemuͤths und wohlfeil zu genießen! Demungeachtet waren dieſe zwanzig Gulden ein Gegenſtand von Bedeutung fuͤr ein armes Maͤdchen, welches nichts beſaß als ein Hemd, einen ſchlechten Anzug und ein Paar Schuhe. Es war noch immer der zwanzigfache Tagelohn der Schande! Ohne zu antworten, trat die Alte an das Bett des jungen Mädchens und ziſchelte ihr Etwas leiſe in's Ohr. Die Unterredung war lebhaft, bündig, bald geſchloſſen. Das Reſultat derſelben war, daß ſich die Dirne im Bette aufrichtete, einen Blick auf den Gra⸗ fen warf und einen ihrer nackten Fuͤße auf den Boden ſetzte. Der Graf wendete ihr voll ariſtokratiſcher De⸗ likateſſe den Ruͤcken zu und das Maͤdchen begann ihre Toilette. In zehn Minuten war ſie beendigt und der Graf ſchloß ſie in ſeine welken Arme. Sie duldete ſtumm ſeine Liebkoſungen mit jener hingebenden Gleich⸗ giltigkeit, welche verlorenen Mädchen eigen iſt, und folgte unter Ziſcheln und Vorſichtsmaßregeln gegen die Neugier der Nachbarn dem Grafen in den Wagen. —— Seine Gnaden untechielten ſich ſehr gut auf dem Wege. Abermals— wie vor ſo vielen Jahren— ſah man den Grafen ein unbekanntes Maͤdchen auf ſein Zimmer fuͤhren. Abermals ziſchelten und lachten die Garcons— aber ſeine Beute folgte ihm nicht wie damals mit der Inbrunſt wolluͤſtiger Sehnſucht nach ſeiner Umarmung, ſondern wie ein gekauftes Schlacht⸗ thier.— Bald war die ſchwache Flamme ſeiner Begierden verloͤſcht. Auf wenige Augenblicke des Vergnuͤgens folgte eine lange Nacht. Der Graf entſchlief bald in den Armen der Dirne, welche ſich jetzt von ihm los⸗ wand und ſich in dem Lager des Wuͤſtlings aufrichtete. Sie wollte und konnte nicht ſchlafen. Ein Fieberfroſt des Abſcheues ſchuttelte ſie, als ſie den ſchlafenden, ab⸗ gehaͤrmten, duͤrren Wuͤſtling betrachtete. Die Erin⸗ nerung'an die vollbrachte Schaäͤndung und Entweihung aller natuͤrlichen Gefuͤhle, welche ſie von dieſem Ge⸗ rippe abſtießen, erzeugte in ihr einen Ingrimm gegen ihren Käufer, der nur allzu natürlich iſt. Verächtlich hafteten ihre Blicke auf der Jammergeſtalt des Suͤn⸗ ders. Tauſend Gedanken fuhren ihr durch den Kopf, ihre Phantaſie malte ſich das Leben und die Schickſale des Menſchen aus, dem ſie heute zum fluͤchtigen Ver⸗ gnugen dienen mußte, um morgen einer Anderen Platz zu machen. Der empoͤrende Gedanke, wie vielt arme — Maͤdchen ihre natuͤrlichen Gefuͤhle, ihre Ehre, ihre Geliebten verleugnen und verlaſſen muͤßten, um dieſen reichen Wuͤſtlingen ſich hinzugeben, brachte ihr junges Herz in Aufruhr. O, wuͤßten doch dieſe Luͤſtlinge, welch' ein Haß gegen ſie in den Herzen der Opfer lebt, welche ihnen ſchmeicheln und ſie mit Liebkoſungen uͤberhaͤufen, die nur von Gedanken des Fluchs begleitet ſind! Das Maͤdchen konnte nicht aufhoͤren zu rechnen und zu betrachten, mit den Blicken einer Judith uͤber dem Haupte des Holofernes. Sie rechnete zuſammen, wie viele Jahre der Elende zaͤhle, wie viele Naͤchte ſo viele Jahre enthalten und wie viele Mädchen ſie dusfullen mußten! Sie berechnete, welche Summe die Vergnuͤgungen des Grafen gekoſtet haben moͤgen und wie viele arme Maͤdchen auf Lebenszeit dadurch haͤtten verſorgt werdenkoͤnnen. Sie fand— wenn ſich ein ſolcher Wuͤſtling nur einen Monat mit einer Beiſchlaͤferin begnuͤgen koͤnnte, er jährlich 12 dieſer Ungluͤcklichen, welche von der Schmach leben, einer geordneten, ehrlichen Erwerbsart haͤtte zufuͤhren koͤnnen— indeß ſo Alle elend bleiben! Sie machte ſo eine Entdeckung, welche allen großen Geſetzgebern unſeres Zeitalters entgangen iſt, daß die Summen, welche der Wolluſt geopfert werden, hin⸗ reichten, das gande weibliche Geſchlecht vor Proſtitution zu retten, ohne dieſen Reiz der Abwechslung, welchen unſere geſellſchaftlichen Einrichtungen auf alle Weiſe beguͤnſtigen, indem ſie durch eine gefaͤngnißartige Ein⸗ 1— richtung des Eheinſtitutes zwei Drittheilen des maͤnn⸗ lichen Geſchlechtes unmoͤglich machen, ſich in dem paſ⸗ ſenden Alter zu vermählen und ſo zwei Drittheile des weiblichen den Wuͤſtlingen preisgeben! Aber ſie war weit entfernt, die Folgerungen auf die Einrichtungen der Geſellſchaft zu machen— der Schlußpunkt ihres Raiſonnements concentrirte ſich in der Ueberzeugung, welche alle Maͤdchen ihres Schickſals theilen: daß die Maͤnner haſſenswerthe Ungeheuer ſind! Und nun dieſer abgelebte Libertin, dem ſo viele ihres Gleichen mit ihrem Leibe hatten dienen muͤſſen, um den Schandpreis ihrer Entwuͤrdigung mit Kupplexin⸗ nen und dem kleinen, furchtbaren Wucher der Ver⸗ miether und Vermietherinnen von elenden Strohlagern zu theilen, wie ſcheußlich erſchien er ihren, von ſtiller Wuth leuchtenden Augen! Sie durchbohrte ihn mit ihren Blicken. Sie ergriff einen auf dem Nachttiſch lie⸗ genden Dolch des Grafen, den er ſtets auf der Reiſe fuhrte, und ergoͤtzte ſich an blutigen Gedanken. Die Bruſt des Wuͤſtlings lag entbloͤßt vor ihr, hier pul⸗ ſirte dieſes kalte, niedertraͤchtige Herz,— zwiſchen ihm und jener Stahlſpitze, welche ſie ſpielend mit graͤß⸗ lichen Gedanken an ſeine welke Haut anſetzte, war nur ein halber Zoll Raum— zwiſchen Tod und Leben! Wie, dachte ſie, hat er nicht zehn Mal den Tod ver⸗ dient? Dieſes Scheuſal, der ihren Leib, ihren jungen, bluͤhenden Leib genoſſen? Elektriſch durchzuckte ihre Hand eine mordluſtige Bewegung ihres Herzens.— Wien. 1. Bd. 6 —— ——— — — Der Dolch beruͤhrte des Grafen Bruſt mit einem ſtumpfen, ſchwachen Stich— er erwachte. „Was machſt Du da, naͤrriſches Mädchen?“ ſagte er gähnend. „Ach,“ entgegnete ſie, mit unbefangen kindiſcher Leichtfertigkeit lachend,„ich wollte Sie wecken, mein Schaͤtzchen, und ſpielte mit Ihrem Dolch, indem ich dachte, wie leicht es waͤre Sie zu erſtechen.“ „Tolles Kind!“ ſagte der Graf,„geh— ver⸗ halte Dich ruhig, laß mich ſchlafen.“ „Ach, mir iſt die Zeit ſo lang,“ erwiderte das Maͤdchen mit ſichtlicher Bangigkeit,„ſchlafen Sie ja nicht wieder ein.“ Aber in den naͤchſten Augenblicken war er wieder dahin. Seine Natur forderte Ruhe— ſtin Herz war ohne Argwohn gegen das leichtfertige Kind. Kannte er doch dieſe Maͤdchen und ihre Gutmuͤthigkeit! Wa⸗ ren ſie nur halb ſo ſchlimm als das Geſchlecht, wel⸗ ches ihr Richter und Verderber zugleich iſt— welche Unthaten muͤßten in den Proſtitutionshäuſern geſchehen! Er ſchlief wieder. Mißmuthig verließ das Maͤd⸗ chen das Lager. Um ſich die Zeit zu vertreiben, be⸗ gann ſie den Inhalt der Stube zu muſtern. Zuerſt das Ameublement, den herrlichen Divan, die Spiegel, Vorhaͤnge, Teppiche, die Uhren und Vaſen. Solche Pracht war ſie wenig gewohnt um ſich zu ſehen. Ach wie ſchoͤn müßte es ſein, in ſolcher Stube zu wohnen, auf ſo weichen Stuhlen zu ſitzen! Hierauf betrachtete ſie des Grafen Taſchenuhr, ſeine koſtbare Lorgnette, ſeine ſilbernen Sporen und ſeine ſchweren Ringe. Welch ein Schatz in ihren Augen! Dann blätterte ſie in Taſchenbuͤchern mit ſchoͤnen Stahlſtichen. Plötzlich aber fiel ihr Blick auf des Grafen Brieftaſche. Ihr Herz pochte! Wie vieles, vieles Geld mag wohl darin ſein! Wohl mehr als ſie jemals geſehen. Er ſchlaͤft feſt— was kann es ſchaden, ſie zu unterſuchen? Zitternd ergreift die Ungluͤckliche das Portefeuille und oͤffnet es. Alle Taſchen und Fächer waren voll Bank⸗ noten. Sie zaͤhlte 50— 100— 1000— 2000— ihre Sinne vergingen. Welch' ein Loos, wenn ſie dieſe Summe beſuͤße!— und doch nur das Reiſegeld des Fremden, fuͤr ihn eine entbehrliche Summe. Der Tag war angebrochen, das Haus geoͤffnet, noch ſchlief Alles. Wie, wenn—? Schnell, oder nie! Jetzt fiel ihr Blick wieder auf den entnervten Schlaͤfer. Iſt es nicht eine Wohlthat, dieſem ſiechen Wuͤſtling einen Theil der Mittel zu rauben, wodurch⸗ er ſich das Leben verkuͤrzt? Ihr Herz ſchlug heftig— das Gewiſſen ſprach keine Sylbe gegen die⸗ ſen Diebſtahl. Keine Gefahr ſchien vorhanden— in einer Stunde— ehe er erwachte, konnte ſie außer der Stadt ſein. Der Entſchluß war gefaßt,— die Brieftaſche in dem Buſentuch verborgen,— die Thuͤre leiſe geoffnet und wieder zugelehnt;— mit leiſen Schritten ſchlich ſie die Treppe hinab. Niemand begegnete ihr— jetzt 6* hatte ſie die Hausflur erreicht.— Da wurde ſie ploͤtzlich angerufen von einem Diener des Hauſes: es war nur ein leichtfertiger Gruß, den er ihr zurief; aber die Ungluͤckliche— nicht erfahren in den Verſtellungs⸗ kuͤnſten der Diebe— erſchrak und das Portefeuille fiel zu Boden— einige Banknoten fielen heraus und der Wind ſpielte mit ihnen. Sie entfloh— aber bald ward ſie von dem Kellner eingeholt und— in Thraͤ⸗ nen ſchwimmend, ſchreiend und wehklagend, auf das Polizeihaus geſchleppt. Deſſelben Tages war Banya's Gut der Schau⸗ platz einer ſeltſamen Scene. Waͤhrend der Graf in Wien ſeinen gewohnten Vergnuͤgungen lebte und vergeblich der Ankunft des Hofraths harrte, ging es auf ſeinem Gute ſehr luſtig und lebendig zu. Ein Huſarenregiment hatte dort Poſto gefaßt und in ſeinem Schloſſe befand ſich der Stab des Regimentes, der Oberſte, die Auditeure und der Feldpater. Schon drei Monate hauſte das Regiment auf dem Gute des Grafen und ließ es ſich wohlge⸗ fallen. Die Herren Officiere ergaben ſich ihrem be⸗ liebten Friedensgeſchaͤfte und verfuͤhrten alle junge Mäd⸗ chen auf zwei Meilen in der Runde. Es war das luſtigſte Regiment der Cavallerie, beruͤhmt durch die tollen Abenteuer ſeiner Officiere und Soldaten, welche einen ununterbrochenen Krieg gegen die Ruhe der Fa⸗ milien fuͤhrten. Unter den jungen Leuten dieſes Re⸗ giments zeichnete ſich der blutjunge Cadet Niklas Yurgo beſonders durch ſeine leichten Sitten, ſeine galante Verwegenheit, ſeine zahlreichen Schulden und eine Wildheit aus, welche an's Fabelhafte grenzte. Er ritt die Pferde todt, ſpielte um Summen, welche einen Kroͤſus arm gemacht haben wuͤrden, fluchte wie ein Heide und ſchlug ſich im Duell wie ein junger Lowe. Allein das Regiment ſollte nicht lange auf dieſen Edel⸗ ſtein ſtolz ſein, ſein wuͤſtes Leben verzehrte ſeine Ju⸗ gendkraft ſo ſchnell, daß es nur eines jener„kleinen Unfaͤlle“ bedurfte, welche die Ritter der Galanterie ſo leicht treffen, um ihm das Lebenslicht auszublaſen. Er ſtarb wie ein Held, und ſeine letzte Bitte an ſeine Cameraden war: ein luſtiges Begräbniß. Es war natuͤrlich Nichts den Ueberlebenden will⸗ kommener, als die Erfuͤllung dieſes letzten Willens. Es wurden mit Einwilligung des Oberſten, der kein Philiſter war und fuͤr den Verſtorbenen eine beſondere Schwachheit gezeigt ugd ihn nie ſtreng beſtraft hatte, alle Anſtalten dazu getroffen. An dem Tage, wo Graf Banya in Wien beſtohlen worden war, wurde der junge Menſch auf ſeinem Gute begraben. Man borgte die Kutſche des Grafen aus dem Edelhofe, der bloͤdſinnige Heiducke uͤbernahm es ſie zu kutſchiren und legte den roſenfarb angeſtrichenen und mit luſtigen Karikaturen bemalten Sarg hinein.— Der Feldpater beſtieg im Ornat ſein Pferd, Cadetten und Officiere umgaben den Wagen, und ſo ging es fort nach dem Kirchhof, unter dem Gelaͤute der Glocken und luſtigen Gejauchze der Bauern, welche man betrunken gemacht hatte. Nichts war toller und durch die Contraſte in⸗ tereſſanter zu ſehen, als dieſer Leichenzug, escortirt von einer aufgeloͤſten Schaar Huſaren, Gemeiner, Ca⸗ detten, Officiere unter einander mit Cigarren und Ta⸗ bakspfeifen im Munde, links und rechts uͤber Gra⸗ ben und Hecken ſetzend, einen dicken, ſchnurbaͤrtigen Regimentspfaffen auf einem tollen, jungen Pferde, welches die luſtigſten Spruͤnge machte, angefuͤhrt von Trompetern, welche die luſtigſten Weiſen ſpielten! An— fangs ging der Zug langſam, im Schritte, und auf ein gegebenes Zeichen begann die luſtige Schaar, unter Begleitung der Hoͤrner, einen tollen Grabgeſang, welchen ein Camerad des Verblichenen gedichtet und componirt hatte. Die Melodie war nach einer jener wilden, melancholiſchen Nationalweiſen erfunden, welche man ſo oft in den Theatern bei Auffuͤhrung von National⸗ tänzen hoͤren kann. Die Pfeifen wurden bei Seite gehalten, die Cigarren eine Weile aus dem Munde genommen, die Pferde zu einem langſamen Schritt angehalten, und ſo ſang die luſtige Huſarenſchaar fol⸗ gende Strophen: Es liebt' drei Mädchen auf einmal, Der luſtige Huſarencadet— Die Erſte war die beſte Wahl, Ihr brach das Herz der Huſarencadet. Hurrah, Hurrah! — 6— Das zweite Maͤydlein lobeſan, Du luſtiger Huſarencadet, Die führte Dich gar ſauber an Und machte Deine Suͤnde wett. Hurrah, Hurrah! Die Dritte, ach, ſo weiß und roth, Du luſtiger Huſarencadet, Die macht' Dich frei von aller Noth Und brachte den Tod Dir in's Bett. Hurrah, Hurrah! D'rum nehme Dir ein Beiſpiel d'ran, Huſarencadet, Huſarencadet, Und fuͤhre keine Mädchen an, Damit's Dir nicht ſo geht. Hurrah, Hurrah! Und wenn ein Maͤdchen Dir behagt, Huſarencadet, Huſarencadet, Gleich bei dem Herrn Papa gefragt: Wie's um die Hochzeit ſteht? Hurrah, Hurrah! Und ſprich ein Ave Maria Vor Deiner Liebſten Bett, Und laß Dich ſchimpfen„Herr Papa“ Im Eh'ſtandslazareth! Hurrah, Hurrah! Und wiege Eya Popeya Mit Deiner Hand ein Hurenkind, Eya, popeya— ha— ha, Dann biſt Du ein completes Rind. Hurrah, Hurrah! Hurrah, Hurrah! nun ging's im ſcharfen Trabe dem Kirchhof zu! Wie flogen nun die Dolmane, wie —— flatterte des Feldpaters weißes Prieſterhemd, ja der Todte ſelbſt huͤpfte mit dem Sarge, in der Staats⸗ karoſſe des Grafen, luſtig empor, als der bloͤdſinnige Kutſcher die Pferde und den Wagen uͤber Stock und Stein jagte! In wenigen Minuten war die Grab⸗ ſtätte erreicht, das grauſige Thor wurde knarrend der luſtigen Schaar aufgethan, welche nun ſtille ward und von den Pferden abſaß, um den Todten zu beſtatten. Als man den Sarg hinabſenkte, da traͤufelte wohl manche Thrane eines Cameraden auf den Schnurbart, die Pfeifen und Cigarren wollten nicht recht brennen und der Feldpater begann nun die Einſegnung. Als. er die jungen Tollkoͤpfe in ſo guter und erbaulicher Stimmung ſah, holte er ſachte eine Schrift aus dem Habit hervor, ſetzte ſeine Brille auf die Naſe und meinte nun die zuchtloſe Schaar mit einer Strafpre⸗ digt zu uͤberraſchen. Allein die luſtigen Burſche hatten ſein ſchnoͤdes Vorhaben errathen, ſich ganz ſtille zu Pferde geſetzt und brannten nun auf ein ſtilles Zeichen eine Salve von Piſtolenſchuͤſſen uͤber das Grab los, indem ſie, uͤber die Graͤber ſetzend, mit einem wil⸗ den Hurrahgeſchrei davon jagten. Kaum hatte der Pater noch Zeit, ſich auf ſein Pferd, unter Zuruͤck⸗ laſſung ſeiner Salbung und ſeines Aufſatzes, zu ſchwin⸗ gen, ehe dieſes davon ſprang, und ſo ſah man denn den ehrwuͤrdigen Diener des Herrn mit der Brille auf der Naſe, ohne Hut und mit uͤber die Huͤften ge⸗ ſchuͤrzter Kutte, in dem tollſten Carriere den luſtigen Huſaren nachjagen,— waͤhrend der Bloͤdſinnige an dem verlaſſenen Grabe einige Thraͤnen fallen ließ. Der Beerdigte hatte ihn ſo mild und freundlich behan⸗ delt, ſeiner Gebrechen niemals geſpottet und ſogar mit einer mitleidigen Vorliebe fuͤr den Kretin oft verſucht, dem Halbthiere einige menſchliche Jdeen und Gefuͤhle veizubringen. Er war ihm dafuͤr dankbar— und weinte an ſeinem Grabe! Die Unterſuchung uͤber den Diebſtahl des Maͤd⸗ chens hatte begonnen. Der Graf mußte ſich wider Willen bequemen vor dem Polizeigerichte zu erſcheinen, um mit der Diebin und ihrer Unterſtandhalterin con⸗ frontirt zu werden. Das ungluͤckliche Mädchen ſtand ſchluchzend und am ganzen Leibe zitternd mit gebun⸗ denen Haͤnden da, und wurde von dem betrunkenen, alten Weibe in einer Weiſe getroͤſtet, welche die Schrecken, von welchen ſie beherrſcht, nur noch vermehrten. „Flenne nicht, dummes Ding,“ ſprach ſie,„wer hieß Dir mauſen!— aber mach' Dir Nichts daraus— was wird's geben... ein Paar Flederwiſche und ein Jahr Spinnſchule, das iſt Alles.“ Der Graf ſaß mit abgewandtem Geſichte neben dem Commiſſaͤr und wurde zuerſt uͤber den Hergang des Diebſtahls vernommen. „Darf ich um Ihren Namen bitten?“ „Graf Banya.“ 1 „Alt?“ „Vierzig Jahre.“ „Verheirathet?“ „Nein.“ „Wohnhaft?“„ „Zu Lujos⸗Baraſany an der Theiß.“ „Sie wohnten hier?“ „Im Koͤnig von Ungarn, ſeit 20 Jahren mein regelmaͤßiges Abſteigequartier.“ „Sie beſtehen auf Ihrer Ausſage, daß dieſes Maͤdchen Sie beſtohlen hat?“ „Ja.“ „Iſt das Ihre Brieftaſche?“ „Sie iſt es.“ „Haben Sie ihr dieſelbe nicht etwa blos anvertraut?“ „Nein— ſie hat ſie mir, waͤhrend ich ſchlief, ent⸗ wendet.“. „Haben Sie ſonſt noch Etwas anzugeben?“ „Leider noch einen Umſtand— ich vermuthe, daß dieſe Dirne mich ſelbſt hat ermorden wollen. Ich er⸗ wachte in der Nacht plotzlich und ͤberraſchte ſie, als ſie einen Dolch mir an die Bruſt ſetzte. Es iſt unglaublich, wie ein junges Maͤdchen ſchon ſo verworfen ſein kann.“ Hierauf an die betrunkene Alte ſich wendend, fuhr der Commiſſär mittem Verhoͤre fort: „Wie heißt Sie?“ „Franziska Schabacz“ „Woher?“ — 9— „Aus Veszprim.“ „Wie alt?“ „Fuͤnfunddreißig.“ „Wie lange in Wien?“ „Zehn Jahre.“ „Wovon lebt Sie?“ „J nun— ich vermiethe Betten.“ „Wohnt dieſes Mädchen ſchon lange bei Euch?“ „Seit vorgeſtern.“ „Kennt Ihr ſie ſchon von fruͤher?“ „Nein— ich habe ſie nie geſehen.“ Waͤhrend der Commiſſaͤr mit dem Dictiren des Pro⸗ tokolls beſchäftigt war, hatte die Angeklagte fuͤr dieſe Ausſagen kein Gehor. Verſunken in eine verzweifelte Troſtloſigkeit, war ihre Phantaſie nur mit der ſchreck⸗ lichen Strafe und der Schande, welche ihr bevorſtan⸗ den, beſchaͤftigt. Der Graf war ſichtlich durch die Scene gepeinigt.— Die Alte aber ſchuͤttelte, mit ſich ſelbſt ſprechend, ein Mal uͤber das andere ihr Meduſenhaupt. „Hm“— murmelte ſie vor ſich hin—„meine Karten, meine Karten— ſollte das ausgehen, was ich geſtern mir aufgeſchlagen? Es waͤre gut und ſchlecht — na, wollen ſehen, wie das ausgeht— es kommt oft verdreht.“ Der Commiſſar wendete ſich hierauf an die Be⸗ klagte, welche, aufgeſchreckt aus ihrer Betaͤubung, durch ſeine barſchen Fragen zuſammenfuhr und lange keine Worte finden konnte. —— „Wie heißt Du?“ „Lore Schabacz.“ „Wie?“ rief der Commiſſar,„iſt das nicht der Name dieſer Alten?“ „I nu,“ ſagte die Alte etwas ſtutzig,„es heißen wohl mehr Hunde Braſchl!“ „Woher biſt Du gebuͤrtig?“ „Von hier.“ „Wer ſind Deine Eltern?“ „Ich habe keine.“ „Alſo ein Findelkind?“ „Ja, gnaͤdiger Herr.“ „Wie alt?“ „Siebzehn Jahre.“ Mit wachſender Spannung hatte die Alte zuge⸗ hört— jetzt brach ſie plotzlich in den Ausruf aus: „J Potztauſend— das trifft ſich curios. Sage mir, Kind, weißt Du Deinen Geburtstag?“ „Ja, es iſt der 15. Maͤrz 1809.“ „Hi, hi,“ lachte die Alte wild auf,„das iſt richtig— erlauben der gnädige Herr Commiſſaͤr wohl eine Frage an den Herrn, der hier ſitzt und im Koͤnig von Ungarn wohnt?“ Befremdet wandte ſich der Graf um— die Alte trat nahe an ihn heran, faßte ihn ſcharf in's Auge und brach dann in ein gemeines, wieherndes Gelaͤchter aus. „Himmelelement, er iſt es,“ ſchrie ſie und ſchlug ſich in die Haͤnde,„i das iſt ja praͤchtig!— aber, Euer —— Gnaden, Sie ſind von den Maͤdchen ſchoͤn zugerichtet worden, ich haͤtte Sie nicht wieder gekannt— hi, hi, hi— das iſt ein Spaß!— wiſſen Sie denn, Herr Graf, wer das Mädchen iſt und wer ich bin?“ Halb erſtarrt, blieb ihr der Graf die Antwort ſchuldig. Auch ihm dämmerte beim Anblick dieſes Wei⸗ bes eine Erinnerung auf, welche in dem Geſichte des Maͤd⸗ chens ſich noch mehr aufklaͤrte. Die Alte geberdete ſich immer toller und ſchrie endlich halb erſtickt vor Lachen: „Hi, hi, Herr Graf, das trifft ſich, die da iſt Ihr Kind und ich bin ihre Mutter!“ Der Graf ließ, wie von einer Ohnmacht befallen, ſein Kinn auf die Bruſt fallen. Er hatte das Weib erkannt. „Wiſſen Sie nicht mehr, hi, hi,“ fuhr die Alte fort,„auf der Mehlgrube— hi, hi, Champagner, Buſennadel— Tanz, Koͤnig von Ungarn;— bin frei⸗ lich nicht mehr ſo ſchoͤn wie damals;— nun das iſt luſtig— da waͤre ja die ganze Familie beiſammen. Komm, Lore, weine nicht mehr, nun kann Dir nicht mehr viel geſchehen— der da wird Dich ſchon heraus⸗ bringen— der hat Geld wie Miſt, ſage ich Dir— aber Blitz, biſt Du ein Maͤdel— faſt ſo wie ich war — nun warte, es ſoll noch ein luſtiges Ende nehmen.“ Das Maͤdchen aber war todtenbleich geworden. Ihre Thraͤnen waren vertrocknet, ein kaltes Entſetzen ſpiegelte ſich in ihren verwirrt blickenden Augen, ihre Zaͤhne klapperten aneinander und ſie ſank zu Boden. — „Unmoͤglich,“ ſagte der Commiſſaͤr,„wie, Sie haͤtte ſiebzehn Jahre ſich nicht um Ihr Kind bekuͤm⸗ mert, hätte niemals nach ihr gefragt?“ „Nein, hihi,“ entgegnete die Alte,„das habe ich wahrhaftig nicht gethan, ich hatte keine Zeit dazu — ich glaubte, das Maͤdel waͤre laͤngſt geſtorben.“ Zweifelnd blickte der Commiſſaͤr auf den Grafen — der Ausdruck von den peinlichſten und grauenhaf⸗ teſten Seelenfoltern auf ſeinem ploͤtzlich eingeſunkenen Geſicht beſtaͤtigten nur zu deutlich die ſchreckliche That⸗ ſache. Erſchuͤttert von der Scene, vermochte der Be⸗ amte nicht in der Unterſuchung fortzufahren. „Wahrlich, ein graͤßliches Wiederfinden,“ ſagte er zum Grafen,„ich will die Pein dieſer Scene nicht erhoͤhen durch eine Fortſetzung des Verhörs— es iſt fuͤr heute geſchloſſen.“ Wankend erhob ſich der Graf von ſeinem Stuhl— er vermochte es nicht, ſeine Augen zu erheben,— die Angeklagte wurde ſammt ihrer luſtig ſchwatzenden und jubelnden Mutter hinweg, und der Graf, mit Beiſtand zweier Polizeidiener, welche ſeine Schritte unterſtutzten, in ſeinen Wagen gebracht. Er hatte fuͤr den Augen⸗ blick die Sprache verloren! Lore Schabacz war kaum wieder in ihr Gefaͤngniß gebracht worden, als ſie in heftige Fraiſen fiel, woraus ſie nach kurzen ſchrecklichen Leiden der Tod erloͤſte. Ihre Mutter aber ward wegen Kuppelei zum dritten Male in das Zuchthaus gebracht. Acht Tage nach dieſem ſchrecklichen Ereigniß fuhr der Reiſewagen des Grafen Banya in den verodeten Hof ſeines Edelſitzes. Man hatte ſeine Ankunft voraus⸗ gewußt, aber Niemand war da, ihn zu empfangen. Das ganze Schloß ſchien ausgeſtorben. Einer Leiche mehr ähnlich, als einem Lebenden, ſtieg der Graf aus ſeinem Wagen. Nichts ſchien ihn zu befremden, ob⸗ gleich dieſe Verlaſſenheit des Hofes ſchweres Unheil anzukuͤndigen ſchien, welches Niemand ihm zu melden wagte. Erſt auf der Hausflur kam ihm der bloͤdſinnige Heiducke entgegen, der ihm, die Zähne fletſchend und widerwaͤrtig ſtammelnd, einen Brief entgegenhielt. „Brief angekommen, Herr— großes Gluͤck— Sohn angekommen,— junge Graf Banya— Herr!“ Mit convulſiviſcher Freudehaſt griff der Graf nach dem Schreiben. Es enthielt nur folgende Worte: „Ueberbringer iſt Ihr Sohn! Rom, den 1. October 18** Hofrath v. Polczewicz.“ Da ſchien die Eisrinde ſtarrer Verzweiflung zu ſchmelzen,— Thraͤnen ſtuͤrzten uͤber ſeine Wangen, ein letzter Troſt war ihm alſo geblieben, der Himmel hatte ihn nicht ganz verlaſſen.—— „Wo— wo iſt mein Sohn?“ ſchrie er jauchzend, „ſchnell, fuͤhre mich zu ihm.— Der Heiducke lachte und blieb unbeweglich ſtehen. „Hoͤrſt Du, Burſche?— ich ſage Dir, fuͤhre mich zu ihm— ſchnell— laufe ſo ſchnell Dich Deine Fuͤße tragen— ich werde Dir folgen!“ „Gut, Herr— kommen— laufen!“ Damit begann der Kretin in raſchen Schritten dem Hofe zu enteilen. Keuchend folgte der Graf— luſtig ſpringend und traͤllernd der Heiducke voran— querfeldein aus dem Dorfe hinaus in's Freie. Jetzt bog er auf einen kothigen Weg mit breiten Wagen⸗ ſpuren ein— es war der Weg zum Friedhof. Vergebens rief der Graf dem Heiducken zu anzuhalten, in dem Wahne, der Burſche habe ihn in ſeinem Bloͤd⸗ ſinn mißverſtanden,— umſonſt, immer raſcher eilte, er dem grauſigen Ziele zu. Die Thore des Platzes, wo alle Menſchenleiden Ruhe finden, Ungluͤckliche und Verbrecher, Arme und Reiche, Verlaſſene und Waiſen, waren offen— an einem friſchen Leichenſteine ſaß ein Mann und ſchrieb mit einem Pinſel deſſen Inſchrift. Er hatte ſoeben den letzten Buchſtaben vollendet. Hier blieb der Kretin ſtehen und wies auf den Stein und ſeine Inſchrift hin. „Hier, Graf— hier Sohn!“ ſtammelte mit leb⸗ haftem Geberdenſpiel der Bloͤdſinnige. Außer ſich vor Athemloſigkeit und Entſetzen, ſtuͤrzte der Graf herbei und ſtieß den Maler hinweg. Er las: Hier liegt Niklas Burgo Graf von Banya, Huſarencadet im Regimente*. — Ein Schrei— ein ſchwerer Fall mit der Stirne auf den Grabſtein— ein Aechzen— und der unſelige Vater hatte ausgelitten. Sein Blut duͤngte den Grab⸗ huͤgel— er war eine Leiche. Der bloͤdſinnige Heiducke aber trat gleichgiltig heran, ſtieß ihn mit dem Fuße, lachte mit wahnſin⸗ niger Freude hell auf und ſagte lallend:„Schlechter Kerld er Graf!“ Ueber die Kirchhofsmauer aber ſah auf die Scene ein wildblickendes Zigeunerweib.„Hoho— hoho,“ ſchrie ſie, daß es wiederhallte,„wilder Graf Banya, Banya— Fluch der Verfolgten: ſchwerer Fluch, ſicherer Fluch!“ Ueberflüſſiges Kapitel oder Moral der Fabel. Hätten wir allein mit Leſern zu thun, welche mit uns in allen Dingen gleicher Meinung ſind, ſo koͤnnten wir hier unſere Geſchichte ſchließen. Eine ſolche Vorausſetzung waͤre aber, gegenuͤber dem Wi⸗ derſpruchsgeiſte unſeres Zeitalters, wenig zu rechtfertigen. Die gluͤckliche Zeit der Romanſchreiber, wo dieſe noch ein gläubiges Publicum fanden, iſt vorbei, man forſcht dem Zuſammenhange der Urſachen und Wirkungen nach, und findet gar leicht in demſelben die Luͤcken und falſchen Conſequenzen auf. Ich liebe ſolche Leſer. Die Empfindſamen, welche ſich uͤber ihre Bewe⸗ gung keine Rechenſchaft geben können, die Weich⸗ —= 5— muͤthigen, welche jeden Seufzer, welchen der Erzaͤhler ſeine redenden Perſonen ausſtoßen läßt, mit ihren Thranen begleiten, deren Theilnahme, Schmerz wie Freude, nicht das Reſultat einer vernuͤnftigen Reflerion iſt, welche ebenſo leicht angeregt werden von einer ſchlechten Dorfpredigt, wie von tiefer und gruͤndlicher Beredtſamkeit eines oratoriſchen Genies, ſie koͤnnen nicht in die Tiefen groͤßerer Motive eindringen, als jene, welche mit dem Faden der Geſchichte unmittelbar verwebt ſind. Fuͤr jene Leſer alſo, welche wir meinen, fugen wir hier noch ein trauriges Capitel an— das allertraurigſte gewiß von allen— für eine auser⸗ waͤhlte Minderzahl. Dieſes Capitel kann von Allen uberſchlagen werden, welche etwa noch intereſſante Be⸗ gebenheiten erwarten. Der Held der Geſchichte iſt todt—„des Lajus ganzes Haus“ iſt verdorben— Niemand von den Ueberlebenden kann die Theilnahme des Leſers noch hoͤher ſpannen. Der bloͤdſinnige Gra⸗ fenſohn bleibt leben, aber welche ſchoͤne Dame intereſſirt ſich für ihn, welcher witzige Herr findet den Tölpel wuͤrdig, daß man ſeinem Schickſale auch nur einige Minuten Aufmerkſamkeit widme? Denn ſo grauſam iſt die menſchliche Natur beſchaffen, daß ſie, obgleich ſelbſt ſo unvollkommen, nur das Vollkommene liebt und mitleidlos ſich von Gebrechen und Schwachheit abwendet. Wie kam es, fragt uns der denkende Leſer, wie kam es, daß dieſer Niklas Yurgo blos zu dem Zwecke, —— die Nemeſis der Geſchichte zu vervollſtändigen, ſterben mußte? Iſt dies nicht unwahrſcheinlich? Wir ſind bereit zu antworten. Kenſt Du, mein kritiſcher Leſer, jene koſtbaren Anſtalten der Humanitaͤt, welche man Erziehungs⸗ haͤuſer, Militarakademien, Penſionen nennt? Weißt Du, wie gluͤcklich ſich die Familien ſchaͤtzen, wenn ſie ihre Kinder dort auf eigne oder Staatskoſten unter⸗ bringen? Welche Fuͤlle von Kenntniſſen erwerben ſie dort, welche feine geſellige Bildung, welche Eleganz in ihren Bewegungen! Welches Gluͤck, wenn es einem Vater oder einer ſchoͤnen Mutter gelingt, denjenigen Sproͤßling, worauf man oft ſeine größten Hoffnungen ſetzt, in dem Coſtuͤme eines Thereſianers, Neuſtaͤdter Akademiſten, Emanueliſten ꝛc., ſeinen neidiſchen Ver⸗ wandten vorzufuͤhren! Welcher Haß, welche grimmige Mißgunſt weckt ſolches Gluͤck in dem Herzen Derjeni⸗ gen, welche durch Mangel an vornehmen Bekannt⸗ ſchaften, an Lebenstakt, Geld und Einfluß darauf an⸗ gewieſen ſind, die Erziehung ihrer Kinder ſelbſt zu beſorgen! Wie viele Familien richten ſich zu Grunde, um ihre Kinder in ſolchen Inſtituten gegen Entrichtung hoher Penſionen erziehen zu laſſen, wie viele verwenden alle ihre Einkuͤnfte darauf, um dann im Alter zu darben! In ein ſolches Inſtitut hatte die Praͤſidentin ihren Sohn bringen laſſen, nachdem er bei armen Verwandten bis zum achten Jahre aufgezogen worden war. Niklas „ Yurgo— ſo hatte man den Kleinen taufen laſſen, um den Namen der Familie nicht preiszugeben,— genoß alle Bildung eines jungen Cavaliers. Er lernte die Algebra, Geometrie, die Strategie, er lernte Reiten, Fechten, Tanzen, er lernie drei Sprachen— er lernte Alles, nur nicht die Kunſt nuͤtzlich und gluͤcklich zu werden. Es iſt eine traurige Erfahrung, daß faſt alle mit einem lebhaften Temperamente begabten jungen Leute in dieſen Inſtituten den Keim zu ihrem moraliſchen Verderben in ſich aufnehmen. Die meiſten der Zoͤglinge dieſer Inſtitute— hoͤchſt wunderbarer Weiſe haͤufig durch ein Mißverhältniß ihren Familien entfremdet, ergeben ſich, ſo wie ſie in das freie Leben hinaustreten, einem exceſſiven Lebenswandel, wenn ſie nicht das Gluͤck haben, von dem Auge eines ſtrengen und liebenden Vaters uͤberwacht und geleitet zu werden. Daß es dem jungen Yurgo an einer ſolchen zärtlichen Ueberwachung fehlte, daß er einer Familie angehoͤrte, welche ſich vor ihm verbarg und den mit ſo vielen an⸗ gebornen und angeeigneten Vorzugen ausgeruſteten jun⸗ gen Menſchen ſich ſelbſt uͤberlaſſen mußte, fuͤhrte ihn ſeinem vorausbeſtimmten Schickſale entgegen. Es konnte nicht anders kommen, wie es kam! Die Mehrzahl dieſer Verwaiſten fallen in dem jugendlichſten Man⸗ nesalter der Wolluſt zum Opfer! Die Schmeicheleien unmoraliſcher Frauen verfuͤhren ſie, die Cameraden machen ſie mit den Myſterien des vergnuͤgten Lebens bekannt— zuͤgellos bricht ſich das Feuer der Jugend — 100— Bahn und erliſcht endlich in dem Strome verderblicher Wolluͤſte. In ſeinem funfzehnten Jahre ſchon war Niklas Yurgo in ein Huſarenregiment getreten— er hielt ſich fuͤr den Sohn eines armen Verwandten des Hofraths, die Praͤſidentin nannte ihn ihren Neffen. Ohne es zu wiſſen, war er ſtets in der Naͤhe ſeines Vaters. Als dieſer endlich die Urkunde ſeiner Aner⸗ kennung an den Hofrath ſandte, machte dieſer den jun⸗ gen Mann von Rom aus mit ſeiner Abkunft bekannt. Die Urkunde wurde an den Oberſten des Regiments geſchickt, und dieſer hatte ſich vorbehalten, dem Grafen bei ſeiner Ruͤckkunft mit Vorfuͤhrung ſeines Sohnes eine freudige Ueberraſchung zu bereiten. Wir haben geſe⸗ hen, auf welche traurige Weiſe dieſe Abſicht vereitelt worden war. Dem Oberſten blieb keine andere Gele⸗ genheit, im Sinne der ihm von dem Hofrathe, ſeinem Jugendfreunde gewordenen Auftraͤge zu handeln, als den Namen des Grafen Banya auf den Grabſtein des Juͤnglings ſchreiben zu laſſen. Dieſe Aufklaͤrungen genuͤgen zu der Nachweiſung, daß das Schickſal des jungen Mannes keineswegs et⸗ was Außerordentliches, ſondern in der That das ge⸗ woͤhnliche Loos dieſer Kinder der Liebe ſei, welche von der Sorgfalt ihrer Erzeuger verlaſſen werden, und in fruher Jugend ſolche Selbſtſtändigkeit ſchon erlangen, welche ihnen verderblich werden muß. Der Fluch des Leichtſinnes ihrer Väter weiht ſie dem Verderben. — 102— Nach dem Tode des Grafen von Banya ſchritt man zur Eroͤffnung ſeines Teſtaments, welches er ſchon vor ſeiner Abreiſe nach Wien, in Vorahnung ſeines Schickſals, in die Hände eines Advocaten gelegt hatte. Es fand ſich darin die Beſtimmung, daß, im Falle es nicht gelingen ſollte, ſeinen mit dem Fraͤulein“ erzeug⸗ ten Sohn ausfindig zu machen, oder im Falle ſeines Ablebens, der bloͤdſinnige Heiducke Univerſalerbe aller ſeiner Guͤter ſein ſollte. Die Verwandten des Grafen aber proteſtirten gegen dieſen letzten Willen, der Bloͤd⸗ ſinnige konnte ſeine Rechte nicht wahrnehmen, und be— griff Nichts von allen dieſen Ereigniſſen. Doch hatten die gewaltſamen Erſchuͤtterungen, welche die ſo furcht⸗ baren Ereigniſſe in ſeiner Seele hervorbrachten, ſeinen wahnkranken Geiſt in Etwas gelichtet. Er begann geordneter zu denken, er gruͤbelte dem Zuſammenhange der Ereigniſſe nach, und es fing in ihm an Tag zu werden. Die Dienerſchaft des Hauſes bemuͤhte ſich mit beſonderer Sorgfalt um ihn. Sein Schickſal machte ihn zum Gegenſtande der allgemeinſten Theilnahme. Woran Niemand fruͤher dachte, wurde nun von allen Nachbarn mit Eifer erwogen und beſprochen, ob es nicht moͤglich ſei, den Bloͤdſinn des Armen zu heilen. Man hatte an ihm eine beſondere Vorliebe fuͤr die melancholiſchen Toͤne des Cymbal beobachtet, und be— ſchloß Verſuche zu machen, durch dieſes Mittel auf das Gemuͤth des Einfältigen zu wirken. Ein Zigeu⸗ ner, welcher dieſes Inſtrument mit beſonderer Kunſt⸗ — 103— fertigkeit und Empfindung zu ſpielen wußte, mußte ihm taglich Stunden lang vorſpielen. Die alte Wahrſagerin wurde berufen, um ihren Rath zu ertheilen, und ſie ver⸗ kundete aus den Linien ſeiner Hand, daß der Kranke geneſen werde durch einen Heiltrank, den nur ſie zu⸗ zubereiten verſtehe. Sie war das furchtbare Orakel des Hauſes— man traute ihr uͤbernaturliche Kräfte zu, und uͤberließ daher den Kranken voͤllig ihrer Pflege und Sorgfalt. Inzwiſchen aber nahm der Prozeß wegen des Teſtamentes einen beunruhigenden Verlauf. Alles gab die Hoffnung auf— allein die Zigeunerin nicht. Sie hatte den Pflegevater des Ungluͤcklichen aufgefunden, den Zuſammenhang der Dinge erforſcht. Sie lieferte die Beweiſe, daß ihr Schuͤtzling der natuͤrliche Sohn des Grafen, und von ihm anerkannt worden ſei. Sie hatte alle Zeugen herbeigebracht, deren Aus⸗ ſagen von Nutzen ſein konnten, und brachte es durch ihren natuͤrlichen Verſtand dahin, daß die ungeheure Erbſchaft von dem Tribunale dem Bloͤdſinnigen zuge⸗ ſprochen und ihm ein Sequeſter aufgeſtellt wurde. Allmaͤlig gelang ihr auch, was den geſchickteſten Aerzten nicht gelingen wollte, den Geiſt des Kranken der Ge⸗ neſung entgegenzufuͤhren. Sie erkannte, daß ſein See⸗ lenzuſtand mehr die Folge einer brutalen Erziehung und voͤllig verwahrloſ'ten Bildung ſei. Je mehr der Ungluckliche ſich von einer bisher ungewohnten lieb⸗ reichen Sorgfalt umgeben ſah, je klarer wurden ſeine — 104— Gedanken. Die Zigeunerin war eine geſchickte Lehr⸗ meiſterin; zwar ohne alle Kenntniſſe— wußte ſie doch ihrem Zögling richtige Begriffe beizubringen und die Welt ihn kennen zu lehren, in welcher er bisher ein Fremdling ſchien. Sie behandelte ihn wie ein Kind, dem man erſt gehen und ſprechen lehrt, und ihre Me⸗ thode erwies ſich als vollkommen zweckmaͤßig. Nach. einem Jahre kannte man den Bloͤdſinnigen nicht mehr. Seine Wißbegierde war erwacht, denn er hatte ange⸗ fangen das Leben zu begreifen. Nur eine gewiſſe concentriſche Richtung ſeines Geiſtes blieb von ſeiner Krankheit zuruͤck. Dieſe war hauptſaͤchlich auf jene ungluͤckſelige Menſchheitsverhaͤltniſſe gerichtet, welche mit ſeinem Schickſale im Zuſammenhange ſtanden. Zwar galt er deshalb bei den Altagsmenſchen immer noch fuͤr einen Bloͤdſinnigen, aber wer ſeinen Geſpraͤchen ohne Vorurtheil zuhoͤrte, konnte ihn eben deshalb fuͤr ein Genie halten.* Vor einigen Jahren ereignete ſich in einem Wie⸗ ner Kaffeehauſe eine Scene, welche den Anweſenden vielen Stoff zum Lachen, noch mehr aber zum Nach⸗ denken darbot. Ein wohlgekleideter Mann ſaß an einem Tiſche, welcher von neugierigen Zuhoͤrern umringt war, und perorirte in folgender Weiſe, ohne ſich durch die Spaͤße und das Grlaͤchter mancher der Zuhoͤrer irre machen zu laſſen. „Meine Herren!“ ſagte er ernſthaft,„ich will Ihnen beweiſen, daß Sie ſehr wahrſcheinlich der Mehr⸗ zahl nach Ihre eigenen Großvaͤter, Vaͤter, Soͤhne, Bruͤ⸗ der und Geſchwiſterkinder ſind. Es iſt Tauſend gegen Eins zu wetten, daß ſich Einige unter Ihnen befinden, deren Kinder Ihre Neffen, deren Schweſtern Ihre Tanten ſind. Es iſt ganz etwas Gewoͤhnliches, daß Einer der Vater ſeiner Schweſtern iſt, was Sie aber ſchwerer begreifen werden, iſt, daß Einer ſogar der Schwiegerſohn ſeiner leiblichen Tochter ſein kann.“ „Ha, ha, das iſt ſchnurrig!“ ſagten die Umſtehen⸗ den,„beweiſen Sie uns das einmal.“ „Nichts leichter!“ antwortete der Mann ruhig, indem er ſich die Pfeife ſtopfte,„vorher aber muͤſſen Sie mir einige Fragen beantworten, worauf ich Ihnen weiter das Behauptete nachweiſen will. Sind Sie gewohnt, meine Herren, wenn Sie zu einem Mädchen gehen, um ſich mit ihr zu beluſtigen, ſich ihren Tauf— ſchein vorlegen zu laſſen, ehe Sie ihr Lager beſteigen?“ „Nein!“— antworteten Alle n—„nicht einmal um ihren Zunamen fragen wir.“ „Gut alſo— da nun Ihre Vaͤter und Bräder ſehr whrſcheimich eben ſo wenig gewiſſenhaft ſind, ſo werden Sie zugeben, daß es Ihnen geſchehen kann und ſogar muß zuweilen, daß Sie die Toͤchter ihrer Vaͤter und Bruͤder umarmen. Geſchieht es nun, daß Sie mit Ihren natuͤrlichen Schweſtern Kinder erzeugen, ſo ſind dieſe Kinder ihre Schweſtern und Tanten zugleich, umarmen Sie aber Ihre Bruders- oder Schwe⸗ ſterkinder, ſo entſtehen die wunderlichſten Verwandt⸗ — 106— ſchaftsverwirrungen hieraus. Da es ſich nun auch er⸗ eignen kann, daß Sie unbewußt mit ihren eigenen Enkelinnen Kinder erzeugen, ſo kann es geſchehen, daß ſie Ihre eigenen Schwiegerſoͤhne und Großväter Ihrer Kinder, dieſe aber Ihre eigenen Tanten und Onkel werden.“ „Das geht in's Blitzblaue!“ ſagte ein Zuhoͤrer, „aber es iſt die Wahrheit.“ Nachdem der drollige Calculant uͤber die Bluts⸗ verwandtſchaften dieſes Zeitalters noch hundert ver⸗ ſchiedene Variationen dieſer Moglichkeiten ausgefuͤhrt zur allgemeinſten Beluſtigung, fuhr er mit unerſchuͤt⸗ terlichem Ernſte fort: „Ich habe Ihnen alſo nur noch zu beweiſen, daß dieſe Moͤglichkeiten nicht nur Moͤglichkeiten ſind, ſon⸗ dern daß es ſehr wahrſcheinlich iſt, daß die Meiſten unter Ihnen aus ſolchen Blutvermiſchungen des eige⸗ nen Geſchlechts entſtanden ſind, oder doch damit in zahlloſen unnatuͤrlichen Verſchwiſterungen ſich befinden. Wir wollen ganz davon abſehen, daß die Sitten in den Familien ſo beſchaffen ſind, daß kein Vater weiß, weſſen Kinder er aufzieht, daß es ſelbſt in den geord⸗ neten Familien ſich ereignen kann, daß ein Mann die Tochter ſeines Vaters heirathet, ſondern nur die vaga⸗ bondirende Liebe und ihre Kinder in's Auge faſſen. Bedenken Sie, meine Herren, daß ein geſunder Mann von einigem Temperamente im Durchſchnitt jaͤhrlich nur funfzig verſchiedene Frauenzimmer zu ſeinem Ver⸗ — 10dr— gnuͤgen auserwählt, ſo giebt das vom zwanzigſten bis zum vierzigſten allein gerechnet nicht weniger als tau⸗ ſend Perſonen, welche von ihm Mutter werden koͤnnen — wahrlich mehr als der Sultan zu ſeiner Dispoſi⸗ tion hat. Unter dieſen Tauſend werden von einem geſunden und liebenswuͤrdigen Mann, bei welchem das Gefuͤhl der Gegenliebe eintreten kann, wenigſtens Zwei⸗ hundert geſchwaͤngert. Dieſe Zweihundert zur Haͤlfte maͤnnlichen und zur Haͤlfte weiblichen Geſchlechtes ge⸗ rechnet— geben im Laufe der Jahre gewiß tauſend Gelegenheiten, ſich untereinander, als Bruͤder mit Schwe⸗ ſtern zu vermiſchen, aus deren Vermiſchung wieder Kinder entſtehen;— der Vater aber wird, wenn er, wie gewoͤhnlich geſchieht, auf die Muſterung ausgeht, in ſeinem 37ſten Jahre etwa wenigſtens funfzig Freu⸗ denmaͤdchen kennen zu lernen Gelegenheit haben, welche ſeine Kinder ſind,— bleibt er aber bis zu ſeinem 53ſten Jahre ein Wuͤſtling, ſo kann er leicht dreihundert Nach⸗ kommen die Straßen der Stadt als feile Dirnen durch⸗ ſtreichen ſehen. Ich glaube, dieſe beiſpielsweiſe Berech⸗ nung genuͤgt, um zu beweiſen, daß ſolche Begegnungen nicht nur möglich, ſondern im hoͤchſten Grade wahr⸗ ſcheinlich ſind,— wodurch wieder bewieſen iſt, daß das heilige Sacrament der Ehe und der Bannfluch der Kirche nicht im Geringſten verhindern, daß— wenn obige Berechnung auf die Geſammtbevölkerung angewendet wird— ſich nach einer ſehr vorſichtigen Währſcheinlichkeitsberechnung das Reſultat zeigt, daß — 108— das ganze Menſchengeſchlecht in der jetzigen geſellſchaft⸗ lichen Einrichtung ſich in fortgeſetzter blutſchänderiſcher Gemeinſchaft reproducire, und daher die Vielweiberei der Tuͤrken, welche doch ihrer Kinder und Weiber ſicher ſind, gegen unſere ſittliche Civiliſation gehalten, ein Ideal von einem moraliſchen Inſtitute iſt, wogegen unſere Civiliſation in ſittlicher Hinſicht tief unter dem Beiſpiele von Sodoma und Gomorrha ſteht.“ Bei dieſem Schluß der Beweisfuͤhrung lachten nur wenige der Herren, indem ſie den Sprecher fuͤr einen Narren erklaͤrten, der Narr aber zog aus ſeiner Taſche zwei Bogen Papier heraus und zeigte ſie ſei⸗ nen Zuhoͤrern.„Sehen Sie, meine Herren,“ ſagte er, „hier haben Sie zwei Stammbaͤume, wie ſie gewiß kein Menſch gern fuͤr die ſeinigen ausgeben wuͤrde. Und doch, meine Herren, giebt es mehr Familien, auf welche dieſe Stammbaͤume paſſen, als jemals von allen Monarchen der Welt in den Adelſtand erhoben worden ſind. Der eine ſtellt die natuͤrliche Nach⸗ kommenſchaft eines galanten Cavaliers dar, mit der ganzen Anzahl ſeiner Frauen, Geliebten, Beiſchlaͤferin⸗ nen, Kinder und Enkel, welche ſich mit ihrem hoch— adeligen Blute unter die Proletarier, in Armenhaͤuſer, Gefaͤngniſſe und Zuchthäuſer verlieren, der zweite ſtellt den Stammbaum eines in hohen Wuͤrden ſtehenden Baſtards dar, welcher in gerader Linie von einem Roß⸗ wärter abſtammt und die Linie des Hauſes aufrecht hält!“ II. Ver Spanier in Wien. Armer Don Juan! 13 1 Es giebt wenig junge Maͤnnerherzen— erſchreckem Sie nicht daruͤber, ſchoͤne Leſerin!— welche nicht die reizenden Abenteuer Don Juan's trotz ihres traurigen Endes, trotz des ſteinernen Gaſtes und der Hoͤllengei⸗ ſter mit den Hexenmehlfackeln hoͤchſt anziehend und nachahmungswuͤrdig finden. Wenn es demungeachtet wenige Don Juan's giebt— die verliebten Straßen⸗ ritter, welche jeder feilen Schuͤrze nachlaufen, rechne ich nicht— ſo iſt dies weniger der Tugend der jun⸗ gen Maͤnnerherzen zuzuſchreiben, als ihrem Mangel an Herz, ihrer Ungeſchicklichkeit, die ſie allein verhindert, in die unruͤhmlichen Fußtapfen dieſes muthigen Sela⸗ don zu treten. Danken Sie daher dem Himmel, meine liebenswuͤrdigen Damen, der dem Manne einen ſo großen Theil Unbehilflichkeit und Zaghaftigkeit vor der weiblichen Tugendſtrenge gegeben, denn ohne dieſe wäre die Männertreue ſo ziemlich fabelhaft. Daß es übri⸗ gens fur einen ehrlichen Mann kein kleines Stuck Arbeit iſt, ein Don Juan zu ſein, und daß eben ſo viel Muth dazu gehoͤrt, als unverdroſſene Ausdauer, beweiſe ihnen folgende traurige Geſchichte. —————L——— — 142— Don Riego war eine gute ehrliche Haut, edel, ſchwaͤrmeriſch, verliebt, in ſich ſelbſt mißtrauiſch und bis zum zwanzigſten Jahre ohne Liebſchaft. Er hatte nicht den Muth, einer Dame galant die Hand zu kuͤſ⸗ ſen, ihr eine Schoͤnheit zu ſagen, er zitterte, wenn ihn eine anſah und glaubte ſich immer verſpottet. Er ſah uͤberall ſeine Schulcameraden in Liebeshaͤndel verſtrickt, man ſchnappte ihm ein Maͤdchen nach dem andern vor der Naſe weg, und die jungen Damen meinten, er ſei ein Einfaltspinſel, und trieben nur Kurzweil mit ſeiner Schuͤchternheit. Don Riego verging faſt vor Sehn⸗ ſucht und machte jämmerliche Gedichte uͤber ſeinen unge⸗ ſtillten Liebesſchmerz. Bald war es eine Blonde, bald eine Braune, in die er ſich vergaffte, aber da er nie dazu kam, ſich ein Herz zu nehmen, um zu ſagen: ich liebe Dich! ſo wurden ihm Blonde und Braune weg⸗ gefiſcht. Daruͤber war Don Riego hoͤchſt betruͤbt, und ſchon uͤberließ er ſich verzweifelnden Gedanken, als ihn das Gluͤck unvermuthet beguͤnſtigte, und ihn mit einem Male in den Liebeshimmel einfuͤhrte. Der Zufall wollte, daß der Vater Riego's im Dienſte des koͤniglichen Hauſes ſtand. Don Carlos, welcher immer Emiſſaͤre brauchte, welche ihm kein Geld koſten, hoͤrte von der Melancholie des jungen Riego. Er ſtellte dem Vater vor, wie zutraglich ſeinem Sohne das deutſche Klima ſein wuͤrde. Don Riego reiſte demnach mit einem ſchwer von Liebesſehnſucht belaſte⸗ ten Herzen nach Deutſchland, wo er fuͤr die Armee — 8— des guten Koͤnigs Ritter aufſuchte, welche ſich ſelbſt bekoͤſtigen konnten. Da er ſelbſt aber keine Kriegsluſt in ſich verſpuͤrte und es ihm im Grund ſeines Herzens vollkommen einerlei war, ob der Koͤnig von Spanien Don Carlos oder Donna Iſabella heiße, ſo beſchloß er ſich ein wenig in der Welt umzuſehen, und einige Zeit in Wien zu bleiben. Der junge melancholiſche Spanier mit dem blei⸗ chen Geſicht und tugendſamen Weſen, welches man gar nicht ſpaniſch fand, ſuchte alle ſeine Landsleute in Wien auf, deren es einige gab, welche mit ihm gleich friedliche politiſche Geſinnungen theilten. Man machte ihn mit einer Dame bekannt, welche ſoeben von einem ſeiner Landsleute Witwe geworden war. Aber der arme Junge war ſo bloͤde und traurig, daß er ſich gar nicht zu benehmen wußte. Er machte die linkiſcheſten Verbeugungen, ſetzte ſich Stunden lang vor ſeine Dame hin und ſprach kein Wort, es waͤre denn:„wie geht es?— haben Sie wohl geſchlafen?— ſchoͤnes Wetter— herrliches Wetter— glauben Sie, daß es regnen wird?— ich muß meinen Regenſchirm holen.“ Damit empfahl er ſich dann in aller Eile, als ob ihm der Kopf brannte, um ſich auf der Straße zu geſtehen, daß er ein Erztolpel und ein hoͤchſt ungluͤck⸗ liche Liebhaber ſei. Donna Laura, etwas roth von Haaren, etwas mager, doch mit lebhaften Augen und voller Anmuth und Liebesgluth, nahm ſich die Muͤhe, dem armen Wien. 1. Bd. 8 — 114— Jungen aus dem Traume zu helfen. Sie hatte einen Liebhaber, der ſie vernachlaͤſſigte, ſie ſuchte Zerſtreuung; ſie hatte einen Prozeß in Spanien und brauchte einen Advocaten, und zu Beiden ſchien ihr Don Riego, der eben in Salamanca die Rechtsſtudien vollendet hatte, gut genug. Sie rief ihn zu ſich und trug ihm ihren Rechtshandel ſo geſchickt vor, daß Don Riego ſogleich Feuer fing. Eines Abends ließ ſie ſich von ihm ſchla⸗ fend finden; Don Riego trat leiſe zur Ottomane hin, betrachtete ſie mit klopfendem Herzen uͤber die Maßen lange, faßte ſich ein Herz, und— kuͤßte ſie. Sogleich fuͤhlte er ſich ganz elektriſirt, er wagte einen zweiten Kuß, Donna Laura ſtreckte traͤumend die Arme aus und umfing ihn.— Don Riego war ganz berauſcht von Entzuͤcken, Donna Laura erwachte in den Armen des uͤber ſeine Kuͤhnheit erſtaunten Don Riego und zurnte ihm nicht. Sie ſgſen mit einander ein mora⸗ liſches Buch und kuͤßten ſich, ſo oft eine ruͤhrende Stelle darin vorkam, wie zufällig, indem ihre Koͤpfe ſich immer beim gemeinſchaſtlichen Leſen ſo ſehr naͤher⸗ ten, daß ſie ſich beruͤhren mußten. Sie wiederholten dieſe Lectuͤre zu verſchiedenen Malen. Die Folge da⸗ von war, daß— Don Riego ganz raſend wurde vor Liebe und zu Hauſe einen zwei Bogen langen Liebes⸗ brief an Donna Laura ſchrieb, worin er ſie um des Himmels willen bat, ihn zu lieben und ihr der Lange und Breite nach bewies, ſie muͤſſe ihn heirathen. Ab⸗ lein Don Riego war ein armer Schlucker und dieſe Art der Liebeswerbung war nicht nach dem Geſchmack der Witwe. Sie ſah ein, daß ſie eine Thorheit zu machen im Begriffe ſtand, verſoͤhnte ſich mit ihrem Liebhaber und heirathete ihn. Am Tage der Hochzeit forderte Don Riego den gluͤcklichen Braͤutigam heraus, und da er ſehr hitzig focht, bekam er einen Stich in den Unterleib und wurde ohnmaͤchtig nach Hauſe ge⸗ tragen. Als er wieder zu ſich kam, ſchwor er den Weibern Rache, ließ ſich curiren und trat mit dem loͤblichen Vorſatz in die Welt, alle huͤbſchen Maͤdchen und Weiber zu verfuͤhren. Don Riego war ein huͤbſcher Mann von intereſ— ſanter Phyſiognomie, voll Leidenſchaft und Feuer. Das hatten die ſchoͤnen Wienerinnen ſehr bald beobachtet, und der ſchoͤne Spanier war an allen Naͤhtiſchen und zwar an ſehr eleganten Naͤhtiſchen der Gegenſtand vie⸗ ler ſtillen Seufzer. Wenn der arme Schlucker zuwei⸗ len auf einem Miethgaul in den Prater ritt, verdun⸗ kelte er alle Wiener Cavaliere, welche in den Augen der Damen neben dieſem Hidalgo mit kraͤftigen runden Lenden und von hohem Wuchſe keine vortheilhafte Figur ſpielten. Die reizendſten Damen in vierſpaͤnnigen Wagen, mit großen Wappen, uͤbten ihr Privilegium der koketteſten Unverſchaͤmtheit mit ihren goldgefaßten Augenglaͤſern auf eine Weiſe aus, welche ihn nicht in Zweifel laſſen konnte daruͤber, daß er auf dem Punkte ſei, bei den Damen unerhoͤrtes Gluͤck zu machen. Man ſchickte Bediente aus, ſeinen Stand, ſeinen Namen auszukund⸗ 8* — 15 ſchaften, was Don Riego immer getreulich hinterbracht wurde, und nicht wenig dazu beitrug, ſeine Zuverſicht zu erhoͤhen. Er bekam, obgleich er ohne große Bekannt⸗ ſchaften war und nur mit Gluͤcksrittern Umgang hatte, Einladungen in die vornehmſten Haͤuſer. Reiche Ju⸗ dendamen und arme Graͤfinnen quaͤlten ihre Ehegatten, Liebhaber, Bruͤder und Soͤhne ſo lange, bis ſie die Bekanntſchaft des ſchoͤnen Spaniers aufſuchten und ihn in's Haus brachten. Denn eine galante Wiener Dame weiß alle ihre maͤnnlichen Verwandten auf das Geſchickteſte zu ſogenannten Elephanten abzurichten. Die ſchoͤnen Spanier waren damals eben in der Mode und hatten bei der galanten Welt einen gewiſſen Credit, denn ein vornehmer Spanier, der bei Weitem nicht Riego an Schoͤnheit glich, hatte erſt unlaͤngſt Hel⸗ denthaten der Galanterie veruͤbt, welche das ſpaniſche Vollblut in das ſchoͤnſte Licht ſetzten. Don Riego war kein Einfaltspinſel mehr. Der Roſengarten der Liebe war ihm aufgethan— er zoͤ⸗ gerte nicht einzutreten. Er hatte unverſehens gelernt ſeine Gefuͤhle auszuſprechen. Er ſchwor zu gleicher Zeit einem Dutzend jungen Maͤdchen und Frauen ewige unverbruchliche Liebe und Treue. Man glaubte ſeinen ſchmachtenden Augen und Alles ging vortrefflich. Er hatte das Geheimniß gefunden, Allen zu gefallen er geberdete ſich wie ein Unſinniger und hoͤrte nicht auf zu ſchwoͤren und zu fluchen, bis er das Herz ſei⸗ nes Opfers uͤberwunden. So trieb er es eine gute — — Weile fort, und einige Skandale und Duelle abgerech⸗ net, verſpuͤrte er keine ſonderlich ungluͤcklichen Folgen ſeiner amoroſen Feldzuͤge. Die armen Maͤdchen, die er betrog, troͤſteten ſich entweder, indem ſie ſich andere Liebhaber in aller Eile anſchafften, oder ſie verbargen ihren Verdruß ſo gut ſie konnten. Es iſt nun eine bekannte Sache, daß die treulo⸗ ſeſten und flatterhafteſten Liebhaber den Wiener Damen keineswegs die verhaßteſten ſind. In je groͤßerem Rufe der Liederlichkeit ein junger Mann ſteht, in deſto groͤßerem Anſehen ſteht er bei den Damen. Banquiersfrauen, Hofraͤthinnen, Generalinnen, Kaufmannsfrauen, Putz⸗ macherinnen, Weiber und Maͤdchen aller Standes⸗ claſſen riſſen ſich um ihn, Jede wollte von ihm ein⸗ mal hintergangen werden, denn Keine hielt das Un⸗ gluͤck fuͤr ſo groß, ihre Tugend zum— ten Male zu verlieren. In den juͤdiſchen Familien herrſcht ein ſchoͤ⸗ ner Brauch, welcher Nachahmung verdient, die Damen ſchließen naͤmlich mit den Gatten einen geheimen Ehe⸗ vertrag, wonach es jedem Theile frei ſteht, ſeinen Ver⸗ gnuͤgungen nachzugehen, nur hat der Gemahl die be⸗ ſondere Verpflichtung, ſeiner Frau die Geliebten in's Haus zur Auswahl zu ſtellen, denn dieſe Damen hrben ſehr ſtrenge Begriffe von weiblicher Ehre und wörden es hochſt anſtoßig finden, den Maͤnnern nachzulaufen. Der Herr Gemahl gibt daher Soireen, Aſſembleen, Pickenicks, Hausbaͤlle und Haustheater, er verpro⸗ viantirt ſeine Frau mit jungen Malern, Dichtern, Be⸗ — 6— amten, Officieren und Cavalieren. Sie borgen dann den Auserwaͤhlten Geld, um es nie zuruͤckzuverlangen, ſtellen ihnen ihre Equipagen und Pferde, Cigarren und ſonſtige Bequemlichkeiten zur Verfuͤgung und ſind nur zufrieden, wenn ihre Frauen gluͤcklich ſind und ihnen Ruhe laſſen. In ein ſolches Haus ward nun Don Riego eingefuͤhrt, wo man ihn auserſehen hatte, den Endymion in einem Tableau darzuſtellen, in wel⸗ chem die Dame des Hauſes, ein junges huͤbſches Weib⸗ chen von zweiundzwanzig Sommern, die Rolle der Diana übernommen hatte. Man hatte des Spaniers herrliche Geſtalt zu dieſem anmuthigen Spiele benutzt, weil ſie wegen der unbehilflichen Ausſprache des Frem⸗ den im Theater nicht anders zu placiren war. Der junge Spanier war artig genug, den dargeſtellten Moment des Belauſchens nicht ganz ſeiner Rolle gemaͤß zu benuͤtzen und der Dame einen Kuß zu rauben, uͤber welchen alle anweſenden Damen gruͤn und gelb vor Aerger wurden. Das Verhaͤltniß wurde immer pikanter, aber Don Riego fing bald an ſich zu langweilen und— an einem ſchoͤnen Abend, als der Mond leuchtete und Phi⸗ lomele ſang, verirrte er ſich mit einer Dame aus der Geſellſchaft, welche einem ungariſchen Magnaten ewige Treue geſchworen hatte, beim Nachhauſefuͤhren in einem Garten mit einem ſehr dichten Bosquet, wo ſie— ich glaube, mit einander ein Sonett dichteten. Der Herr Gemahl, welcher zufällig, in der Sittencultur noch weit zuruͤck, keinen galanten Vertrag mit der Dame geſchloſſen hatte, — uͤberraſchte das dichtende Paar, es entſpann ſich ein Fauſtkampf, zu welchem die Dienerſchaft herbeigerufen wurde— kurz der Skandal war fertig und in vier⸗ undzwanzig Stunden in allen vornehmen Cirkeln be⸗ kannt. Die Folge davon war, daß Don Riego gar nicht mehr allen Einladungen folgen konnte, und ſeine Geſchäfte ſich eintheilen mußte. Er machte es wie die Aerzte, welche die meiſten Stunden des Tages Vi⸗ ſiten machen, aber zu gewiſſen Zeiten zu Hauſe zu ſprechen ſind, wo ſie ſolche Kunden, von welchem nicht viel zu holen iſt, um ſie dennoch mitzunehmen, ſchnell abfertigen, um nicht ihre koſtbare Zeit zu ver⸗ lieren. Von Stunde an hoͤrte man nur von dem Spanier ſprechen. Wie ein beruͤhmter Raͤuberhaupt⸗ mann hinterließ er auf allen Schritten Schrecken und Verzweiflung. Ehemaͤnner warfen ihn zur Thuͤre hinaus, ohne ihn los zu werden, Muͤtter rangen die Haͤnde über verfuͤhrte Toͤchter, indem ſie heimlich dach⸗ ten, das Ungluͤck waͤre doch minder ſchrecklich, wenn ſie ſelbſt die Opfer des wolluͤſtigen Tigers geworden waͤren. Die hohe Polizei miſchte ſich in die Haͤndel, Don Riego erhielt nachdruͤckliche Verweiſe, in den Kir⸗ chen predigte man uͤber den„der da ſucht, wen er verſchlinge.“ Nichts malt den Schrecken der jungen Maͤdchen, welche ihm begegneten, und an welchen er — voruͤberging! Nichts die allgemeine Beſtürzung der Liebhaber, welchen er die Maͤdchen verfuͤhrte. Be⸗ gegnete ihm Einer am Arme der Dulcinea und ſah ihn — von Weitem, ſo ergriff er ſchleunigſt die Flucht— nicht ſo ſehr aus Furcht vor dem holden Unhold, als. vor den Blicken ſeiner Getreuen, denn dafuͤr war er bekannt:— ein Blick und das Einverſtaͤndniß war fertig. Man behauptete ſogar, er verſtuͤnde ſich auf gewiſſe Winke und Zeichen, um gleich bei der erſten Begegnung Stunde und Ort des Rendezvous zu be⸗ ſtimmen; aber das war pure Verleumdung— die Damen ſchickten ihm ſelbſt ihre Adreſſen oder ließen ſich von ihm zufaͤllig finden. Allein die Rache ſollte nicht lange ausbleiben; unter den zahlreichen Opfern ſeiner Verfuͤhrungskunſt befanden ſich drei, welche ihn leidenſchaftlich, wahr und treu liebten. Die Eine, Seraphine, war blond, ſanft und ſchwaͤrmeriſch, und war aus Liebe zu Don Riego ihrem Manne davon gelaufen, obſchon Don Riego ſie davon abhalten wollte, und ſie ſchwor, ſie wolle lie⸗ ber in Elend leben mit Don Riego, als bei ihrem Manne bleiben, der ſie dann auch unbarmherzig den Folgen ihrer Thorheit uͤberließ. Die Andere, Anna, eine feurige, ſchwarzaͤugige Lembergerin, hatte aus Liebe zu Riego, obſchon ſie arm war, die Hand eines rei⸗ chen, jungen und liebenswuͤrdigen Cavaliers ausgeſchla⸗ gen. Die Dritte, Caroline, ein braunes Fraͤulein aus altadeligem Hauſe, ließ ſich aus Liebe zu ihrem Riego von ihrem Oheim enterben, der ihre ſchlechte Auf⸗ fuͤhrung mit ihrem Geliebten hoͤchlich mißbilligte. Alle Drei waren ſchoͤn wie die Engel und feſſelten — — 1— Don Riego ſo, daß er fuͤr keine Vierte mehr Augen hatte. Seraphinens Gemahl war ein handfeſter Gaſt⸗ wirth, welcher vordem als Hausknecht in demſelben Gaſthof fungirt, und ſich waͤhrend dieſer Bildungszeit zu ſeinem nachherigen Berufsgeſchäfte eine beſondere Gewandtheit in allen koͤrperlichen Verrichtungen ange⸗ eignet hatte. Er konnte Holz ſpalten wie ein Seſſel⸗ trager, er konnte Laſten tragen wie ein Numero von der Mauth— und beſonders Pruͤgel austheilen wie Beide. Niemand hatte es ihm jemals hierin zuvor gethan, er warf ſtets eigenhaͤndig alle ungebuͤhrlich laͤrmenden Gaͤſte ſo kunſtgerecht zur Thuͤre hinaus, daß ihnen das Wiederkommen auf immer verleidet war, und ſeine Aufwaͤrterin wußte von einer Ohrfeige ſeiner Hand zu erzählen, welche ihr drei Zaͤhne eingeſchlagen und den Kinnbacken verrenkt hatte. Riego kannte alle dieſe Vorzuge dieſes ſeltenen Mannes, aber er war Hidalgo. Nie wohnte die Furcht in einem echten Spanierherzen. Obgleich er dieſem Gladiator eine ziemliche Summe Geld fuͤr Champagner und Mahlzeiten ſchuldig war, riskirte er doch den furchtbaren Zorn dieſes Mannes, der ihm ewige Rache geſchworen hatte. Als Don Riego nun eines ſpaͤten Abends ganz beſeligt von Seraphi⸗ nen ging und ſich eben die Thränen trocknete, welche er vor der Geliebten beim Schwur ewiger Liebe und Treue vergoſſen hatte, fuͤhlte er ſich, ehe er nur Zeit hatte ſich umzuſehen, gepackt, geohrfeigt, mit Fuͤßen —— getreten, beſpuckt und mit Schimpfworten uͤberladen, welche noch heute allen Nachbarn, die ſie hoͤrten, vielen Stoff zu vergnuͤgten Erinnerungen darbieten. Nie⸗ mand kam ihm zu Hilfe, obgleich Leute genug ver⸗ ſammelt waren; dafuͤr aber lachten die Anweſenden um ſo bereitwilliger, theils uͤber die Berſerkerwuth des gekraͤnkten Gaſtwirths, dem ſeine Frau entlaufen war, theils uͤber das moͤrderliche Zetergeſchrei ſeines Opfers, dem man die Prugel eben ſo herzlich vergoͤnnte, wie dem groben geizigen Wirth den Aerger. Seraphine ihrerſeits, welche den Laͤrm hoͤrte und ſeine Urſachen errieth, huͤtete ſich wohl, ſich blicken zu laſſen; als aber das Ungethuͤm glaubte, er habe ſeiner beleidigten Gattenehre genug gethan, und ihn ſtoͤhnend liegen ließ, eilte ſie herbei, fuͤhrte den ganz Zerſchlagenen auf ihre Stube und uͤberhaͤufte ihn mit Zaͤrtlichkeiten.„Armer Riego,“ ſagte ſie,„er hat Dich uͤbel zugerichtet, aber was ſchadet das, es iſt vorbei, wir beſitzen uns, und das iſt genug, nicht wahr, geliebter Riego?“—„Ach,“ ſagte Riego,„ich glaube aber bei alle dem, meine Theure, daß es beſſer geweſen waͤre, wenn wir uns haͤtten beſitzen koͤnnen, ohne daß ich gepruͤgelt werde.“ Das half aber nun Alles nichts— die Prügel konnte ihm, wie man zu ſagen pflegt, ſelbſt der Päpſt nicht mehr nehmen. Er ſchaͤtzte ſich gluͤcklich, daß er nun keinen zweiten Rival dieſes Schlags zu fuͤrchten hatte, denn der ſchoͤnen Anna verabſchiedeter Cavalier war ſo ſchmaͤchtig wie ein Häring, aber voll Wuth und von einem Temperamente wie ein oherſteiermär⸗ kiſcher Hochofen. Dieſer forderte ihn auf Piſtolen, und gequetſcht und geblaͤut wie er war, mußte er dem Othello Rede ſtehen. Seine Hand konnte kaum die Piſtole halten— aber der Ehre mußte genug gethan werden, die Ehre des Gaſtwirths koſtete ihm einen blauen Ruͤcken, die Ehre des jungen Cavaliers aber mußte er mit zwei Fingern ſeiner Hand bezahlen, welche ihm kurz abgeſchoſſen wurden. Aber mit wel⸗ cher ſchwaͤrmeriſchen Zartlichkeit empfing ihn dagegen die ſchoͤne Anna, als er mit dem Arm in der Binde ſie beſuchte!„Verwundet fuͤr mich,“ rief ſie voll Freuden aus, indem ſie weinte vor Vergnuͤgen,„welch' ein Gluͤck!“ Don Riego fand den Ausdruck ſonder⸗ bar und ſchnitt ein fuͤrchterliches Geſicht, aber die ſchoͤne Anna verbeſſerte ſich augenblicklich, indem ſie ſchnell hinzuſetzte,„welch' ein Gluͤck, daß die Kugel nicht in die Bruſt fiel— ich waͤre auf Deiner Leiche geſtorben!“ Zum zweiten Male troͤſtete ſich Don Riego und dankte dem Schoͤpfer fur ſeine Rettung, aber die Rechnung war noch nicht quitt— er hatte noch einen dritten Rächer zu bekämpfen, welcher furchtbarer als ſeine Vorgänger war, denn er ging nicht mit offenen Waffen zu Werke— den Oheim Carolinens. Dieſer, um den Wolf von der Fährte ſeines Lammes abzu⸗ bringen, machte einen ſehr fatalen letzten Verſuch⸗ Er legte dem heißen Liebhaber im Garten ſeiner Nichte, mit welcher er es ſo wohl meinte, daß er— waͤre es — 124— anders thunlich geweſen, gern ihrem Geliebten eine Kugel durch den Kopf gejagt haͤtte, ſchmaͤhlicher und hinterliſtiger Weiſe eine ſehr gut beſchaffene, oft er⸗ probte Fuchsfalle. Don Riego ſchrie wie Mars auf dem Schlacht⸗ felde. Man kam ihm zu Hilfe, man befreite ihn aus dem verdammten Eiſen, man erſchoͤpfte ſich in Ver⸗ muthungen uͤber den Urheber dieſer Bosheit; aber Ca⸗ roline war nicht im Zweifel daruͤber, denn ihr Onkel hatte ihr vorausgeſagt, was er thun werde.„Aber Nichts, Nichts ſoll uns trennen,“ ſchrie Caroline außer ſich,„und wenn er Dir auf allen Deinen Schritten Fuchs⸗ eiſen legte, wir werden uns dennoch ewig lieben— ewig, ewig!“ Don Riego erwiderte Nichts, ſeine Hand ſchmerzte ihn und ſein Fuß hinkte, ſein Ruͤcken ächzte und ſein Herz war voll Bitterkeit. In dieſem Zu⸗ ſtande mußte der Arme der eiferſuͤchtigen Caroline noch ein Maͤrchen aufſchwatzen, wie er ſeine Finger ver⸗ loren hatte und daſſelbe ſpaͤter der geſchiedenen Gaſt⸗ wirthsfrau wiederholen. Man kann ſich nichts Er⸗ baͤrmlicheres denken, als die Geberden des ſo gluͤcklich Liebenden.„Fuͤrwahr,“ ſagte er zu ſich,„ich weiß nicht, zu welcher Zeit ich uͤbler daran geweſen binz als ich unglucklich liebte, oder ſeit ich ſo unerhoͤrt glůcklich liebe!“ Allein Riego war jung— er verſchmerzte bald ſeine Unſaͤlle. Er fuͤhlte nur einige Tage das Uebergewicht der koͤrperlichen Leiden, dann gewann die — 125— Seligkeit der Liebe wieder die Oberhand. Gelaͤhmt, hinkend und kreuzlahm wie er war, humpelte er doch friſch und munter täglich zu ſeinen drei Grazien, zuerſt zu Anna auf der Windmuͤhle, dann zu Carolinen in der Alſervorſtadt, endlich zu Seraphinen auf die Landſtraße. Das waren taͤglich vier Wegſtun⸗ den zu machen, wegen der Entfernung dieſer Vorſtaͤdte, aber um ſo geſicherter war das Geheimniß ſeiner drei⸗ fachen Gluͤckſeligkeit. Er konnte mit Recht von ſich ſagen: Ter quaterque beatus sum! Die drei Grazien nahmen nun ſeine ganze Zeit in Anſpruch, denn er wollte keine vermiſſen und ſich nie vermiſſen laſſen, aus Furcht, daß man ihn aufſuchen koͤnnte. Die Opfer, die ſie ihm gebracht, machten, daß er ſie liebte bis zur Raſerei. Keine wußte von der Andern, und Don Riego wußte die Sache ſo geſchickt anzufangen, daß ſie ihm nicht hinter ſeine Schliche kamen. Er brachte bei einer Jeden taͤglich einige Stun⸗ den zu und hing ſeine uͤbrige Praris an den Nagel. Anfangs fuͤhlte ſich Don Riego in dieſem dreifachen Liebeshandel ganz uͤber alle Maßen gluͤcklich; da eine Jede an einem andern Ende der Stadt wohnte, ſo hattz er zwar unzählig viel zu laufen, aber Don Riego war jung, hatte geſunde Beine und hielt die Strapazen aus. Allein es waͤhrte nicht lange, ſo fingen alle drei Engel an, vom Heirathen zu ſprechen; Don Riego gerieth dadurch in einige Angſt, denn er hatte nicht den Muth und die Kraft, Eine um der Andern willen zu verlaſſen. Sie liebten ihn Alle gleich heftig, und Don Riego hatte ein gutes Herz. Einige Wochen gingen mit Ausfluͤchten hin, aber bald war ſeine Kunſt zu luͤgen vollig erſchoͤpft. Keine war mit den paar Stunden zufrieden, die er bei ihr zubrachte. Sie ver⸗ leiteten ihn Eine nach der Andern, durch Thraͤnen und Bitten, ganze Tage bei ihnen zuzubringen. Die Folge davon war, daß des andern Tages die andern Beiden ihn mit Vorwuͤrfen uͤberhaͤuften und ihn halb zu Tode quaͤlten. Seraphine fing an zu kraͤnkeln, ſie wurde blaß und hinfaͤllig.— Don Riego konnte ſie in dieſem Zuſtande nicht verlaſſen und troͤſtete ſie mit neuen— Luͤgen und Meineiden. Anna, uͤber ſein Ausbleiben hoͤchlich erboſt, zeigte eine ſo wuͤthende Eifer⸗ ſucht, daß er ſich nicht mehr zu helfen wußte. Da ihr Zorn aus Uebermaß der Liebe entſprang, ſo konnte er nur ſeine Leidenſchaft vermehren. Caroline weinte Tag und Nacht, und drohte, ſich das Leben zu neh— men, wenn er ſie ſo einſam laſſe. Aus dieſem Zu⸗ ſtande der Dinge entſprangen allmaͤlig die unleidlichſten Martern fuͤr Don Riego. Es verging kein Tag ohne die heftigſten Scenen, und Don Riego nahm ſich die Sache taͤglich mehr zu Herzen. Er ſah keinen ½8⸗ weg, kein Mittel fiel ihm bei, ſich zu helfen. Riß er ſich von Zweien los, um die Dritte zu heirathen, ſo verzweifelten die Anderen. Was ſollte aus Sera⸗ phinen werden, die ihr Mann verſtoßen hatte, wenn er ſie verließ, was aus Anna, die in uͤblen Ruf ge⸗ rathen, keine andere Partie finden konnte, was aus Carolinen, die von ihren Verwandten verſtoßen war?, Zudem liebte er alle Drei gleich innig. War er bei der Einen, ſo ſehnte er ſich nach der Anderen. Er konnte die Nacht kein Auge zuthun und ward von den ſchrecklichſten Traͤumen geplagt. Die drei Engel be⸗ merkten bald, daß ihn ein geheimer Kummer verzehre. Sie drangen in ihn, um die Urſache zu erfahren, und weinten ſo bitterlich, daß Don Riego, welcher ſie ihnen nicht ſagen konnte, noch leidender wurde als zuvor. „Was fehlt Dir, mein Riego?“ ſprach Sera⸗ phine;„bei unſerer Liebe beſchwoͤre ich Dich, ſage mir das Geheimniß, das Dich druͤckt.“ „Ach,“ ſagte Riego, weil er doch Etwas ſagen mußte,„ich bin ſo ungluͤcklich, weil— weil ich noch immer nicht Dich ganz beſitzen, Dich heirathen kann. Es hat eine Schlacht in Spanien gegeben, wo mein Oheim—“ „Ach, wenn es nur das iſt,“ ſagte Seraphine verſchaͤmt,„beſitzen wir uns denn nicht ſchon lange? Mache Dir keinen Kummer deshalb, wenn es auch noch vierzehn Tage dauert— ich mache mir Nichts daraus ung laſſe die Leute reden. Aber Du mußt mich nie wieder allein laſſen, das ſchwoͤre mir.“ Riego ſchwor;— aber wie ein Dolchſtich fuhr es ihm durch's Herz,— ach, wie lange harrte heute ſchon Anna auf ihn, die gute Seele, wie wird ſie in untuhe ſein!— Es litt ihn nicht laͤnger; da er aber — 128— ſoeben geſchworen hatte, Seraphinen nicht allein zu laſſen, ſo ſchuͤtzte er, um nur hinauszukommen, einen natuͤrlichen Fall vor, fuͤr welchen eine Ausnahme von der beſchworenen Regel ſich von ſelbſt verſtand. Er mußte ſich von einem Nachbar einen Hut borgen und lief nun, was er konnte, ſeine halbe Meile zu der ungluͤcklichen Anna. Er fand ſie in Thraͤnen aufgeloͤſt. „Alſo liebſt Du Deine Anna nicht mehr, alſo biſt Du mir untreu geworden?— O Gott, ich wußte es wohl, Du wuͤrdeſt mich verlaſſen.“ Zu ihren Fuͤßen fallend, bat der Ungluͤckliche um Verzeihung.„Ach, Anna,“ ſagte er, und er fuͤhlte, daß er nicht uͤbertreibe,„wenn Du es begreifen koͤnn⸗ teſt, wie ſehr ich Dich liebe,— nur der Tod kann uns trennen— ich werde Dich niemals verlaſſen!“ und nun ſchwor er wieder uͤber ſeine exemplariſche Treue und log ſo fuͤrchterlich uͤber die Urſachen ſeines Aus⸗ bleibens, daß der Satan ſelbſt in der Hoͤlle uͤber ſeine Kunſt zu luͤgen erſtaunte. Aber kaum hatte er Anna mit Muͤhe beſchwich⸗ tigt, kaum hatte er ihre Thraͤnen aufgekuͤßt, kaum war jener ſelige Augenblick der Verſoͤhnung eingetreten, als Don Riego neuerdings einen Dolchſtich in ſeinem Her⸗ zen ſpuͤrte:— es ſchlug die ſiebente Stunde— es war der aͤußerſte Termin, bis wo er Carolinen hatte zu⸗ kommen verſprechen muͤſſen— ſonſt, beim keuſchen Monde! waͤre er ein Verraͤther an Liebe und Treue, ſonſt waͤre es als eingeſtanden und bewieſen zu be⸗ — 100— trachten, daß er eine Andere ihr vorzoͤge! Himmel, welche Gefahr— er mußte ſich losreißen. Weinend, iammernd, fluchend uͤber ſein Geſchick— uͤber ein Geſchaͤft, wovon Leben und Tod abhinge, ſeine Ehre auf dem Spiel ſtehe— trennte er ſich von der unbe⸗ friedigten Anna, und wieder ging's uͤber Stock und Stein, Hals und Kopf, eine halbe Meile weit zu Ca⸗ rolinen. Zwar fiel ihm auf dem Wege ein, was ſich wohl Seraphine denken werde, wenn er drei Stun⸗ den an einem Ort verweile, wo nur ſo viele Mi⸗ nuten den meiſten Menſchen ſchon zu lange duͤnkten — aber was halfs?— fort mußte er;— hinterdrein vertraute er auf den Gott der Luͤgner— Mercurius, dem dieſer Mann einen Altar von purem Golde ſchuldig war. Caroline flog jubelnd an ſein Herz— ihre Lieb⸗ koſungen wollten kein Ende nehmen.„Herz meines Herzens,“ ſagte ſie,„nun mußt Du immer bei mir bleiben, ich laſſe Dich nicht mehr fort, Du haſt mir geſtern geſchworen, es ſei Dein letztes Ausbleiben von läͤnger als einer Stunde, nun gilt es Wort zu halten.“ Der Angſtſchweiß rann dem Armen uͤber die Stirne! Das war eine Hetze, ſo gut wie eine unter dem grauſamen Kaiſer Nero. Er begann einzuſehen, daß es ſo länger nicht fortginge— er beſchloß, heroiſch zu handeln. Er hatte irgendwo geleſen von einem Ritter, der zwei Frauen hatte, dies ſchien ihm einen Ausweg zu Wien. 1 Bd. 9 — 130— bieten. Mußte er auch Eine opfern, ſo war doch die Mehrzahl gerettet. Er wollte mit den beiden Auser⸗ waͤhlten in ein Land entfliehen, wo die Geſetze die Mehrzahl der Frauen geſtatten. Er forſchte demnach ſeine Geliebten aus.„Was wuͤrdeſt Du thun,“ fragte er Carolinen, halb im Scherz,„wenn ich neben Dir noch eine Frau haͤtte?“ Caroline ſah ihn groß an, und fing dann bitterlich zu weinen an. Er hatte Muͤhe ſie zu troͤſten.„Wie kannſt Du ſo grauſam fragen, Herz meines Herzens,“ ſagte ſie,„ich wuͤrde ſterben!“ Tags darauf ſtellte er nun dieſelbe Frage an Anna, nachdem er ſie mit ganz erſtaunlichen Luͤgen getroͤſtet. „Ich wuͤrde Dich umbringen,“ ſagte ſie wuͤthend. Bei Seraphinen war er nicht glucklicher. Sie ſchwor bei allen Heiligen, daß ſie ſich um's Leben bringen wuͤrde. Don Riego war in Verzweiflung. Er fing an zu ſiechen. In der Nacht traͤumte er, die kranke Caroline auf der Bahre liegen zu ſehen. Ein anderes Mal fuͤhlte er den Dolch der ſchönen Anna in ſeinem Her⸗ zen. Ein drittes Mal ſah er im Traume Seraphinen, die ſich in's Meer ſtuͤrzte. Da er eine gute Conſti⸗ tution hatte, ſo wuͤrde er bald von ſeiner Krankheit geneſen ſein, hätte er ſich pflegen koͤnnen. Derglröt rieth ihm das Bett zu huͤten. Er theilte dies ſeinen Geliebten mit und eine Jede wollte nun nicht mehr von ſeiner Seite weichen, ihm Arzenei reichen, ihn pflegen und erheitern. Da er aber nicht alle Drei zu ſich nehmen konnte, ſo ſuchte er ſeine Leiden zu unter⸗ 3— druͤcken, verſicherte ſich wohl zu befinden und fing an — Blut auszuwerfen. Er machte, wie vorher, täglich ſeine drei Liebesreiſen. Ein hitziges Fieber befiel ihn — muͤhſam ſchleppte er ſich zu Seraphinen, zu Anna, zu Carolinen. Als er von dieſer wegging, fiel er auf der Straße ohnmaͤchtig nieder. Man brachte ihn in das Hoſpital, wo er eine Stunde ſpaͤter, mit den drei Namen Seraphine, Anna, Caroline auf der Zunge, ſeinen Geiſt aufgab! Drei Tage ſpaͤter, an einem mondhellen Abende, eine Stunde nach dem Begraͤbniß, wankten drei weib⸗ liche Geſtalten, tief in Trauer gehuͤllt, einem friſchen Grabe zu. Sie kamen, um mit ihren Thraͤnen ſein Grab zu netzen. Seraphine ſtuͤrzte ſich weinend am Huͤgel nieder und rief:„O, mein Riego!“ Anna kam herzu und wehklagte ſchluchzend mit gerungenen Haͤnden: O, mein Riego!“ Caroline aͤchzte, als ſie zur Thuͤre des Kirchhofs herein kam:„O, mein Riego!“ Als ſie die beiden Damen am Grabe knien ſah und nirgend anderswo ein friſches Grab gewahrte, ſo fragte ſie mit erſtickter Stimme den Todtengraͤber um Don Riego's. Er wies ſie dahin, wo die Beiden knieten.„Verzeihen Sie,“ ſagte Anna zu Se⸗ raphinen kleinlaut,„gewiß ſind Sie eine Schweſter des Verſtorbenen?“—„Schweſter?“ ſagte Seraphine, indem ſie ihr Naͤschen putzte,„daß ich nicht wuͤßte, ich bin ſeine Geliebte.“—„Verzeihen Sie, meine Da⸗ 9* — 182— men,“ ſagte Caroline, welche hinzugetreten war, mit zitternder Stimme:„Sie ſind gewiß Schweſtern des ungluͤcklichen?“ Alle ſahen ſich verwundert an, ſtan⸗ den auf und trockneten ihre ſchoͤnen Augen. Es er⸗ folgte eine Erklaͤrung.„Das Ungeheuer!“ rief Se⸗ raphine;„der Boͤſewicht!“ ſagte Anna;„der Elende!“ ſchrie Caroline. Alle hatten aufgehoͤrt zu weinen und verwuͤnſchten den treuloſen Todten. Sie ſuchten ſich eilenss andere Liebhaber, und weinten nie wieder um Riego. Armer Don Juan, und doch warſt Du aus Liebe zu ihnen geſtorben!!! IM. Der ſchöne Teopold oder drei Grazien. Vor dem Laden eines Modehaͤndlers hielt im Mai 1807 eine prächtige Equipage. Reich galonirte Livreebediente zierten Kutſchbock und den Tritt hinter dem Wagenkaſten mit ihren aufgeputzten Puppen— das Pferdegeſchirr war reich mit Silber beſchlagen und die Pferde hatten auf den Koͤpfen einen Wald von Helmbuͤſchen, welche den hohen Rang Deſſen anzeigen ſollten, welchem dieſe Equipage gehoͤrte. Nichts im⸗ ponirt den guten Wienern mehr, als ein ſolches Paar ſtolzer Holſteiner Pferde— der einzige Schlag Pferde, welcher in ſemer Haltung und ſtolzen abgemeſſenen Bewegung ganz jenen altariſtokratiſchen Hochmuth ver⸗ ſinnlicht, welcher ſeit funfzig Jahren ſo viele Todes⸗ wunden erhalten hat. 1807 war der hohe Adel in Wien noch in einem Flor, welcher von den heutigen Menſchen nicht mehr begriffen wird. Eine herrſchaft⸗ liche Equipage war damals noch dem Volke ein wah⸗ res Heiligthum, welches man mit jener frommen Scheu betrachtete, wie den Tabernakel am Hochaltare einer Kirche. Es war daher nicht zu verwundern, daß ſich ſogleich eine Gruppe Neugieriger um den prachtvollen, ———————— — 136— mit einem großen Wappen geſchmuͤckten Wagen ver⸗ ſammelte und Einer den Anderen haſtig fragte, wel⸗ cher furſtlichen oder graͤflichen Familie dieſe Equipage angehoͤre. Aber Niemand wußte Beſcheid, Wappen und Livree waren in Wien unbekannt. Aus dieſem Wagen ſtieg eine Dame, welche gleich ſehr durch ihre außerordentliche Schoͤnheit, wie durch ihre prachtvollen Gewaͤnder die Augen blendete. Sie trug ein car⸗ moiſinrothes Sammtkleid mit kurzen Ermeln nach der damaligen Mode, welche ein Paar ſchneeweiße Arme bloß ließen, deren Anblick weit mehr als der reiche Brillantſchmuck der mit Koſtbarkeiten etwas uͤber⸗ ladenen Dame die Blicke feſſelte. Ein tuͤrkiſcher Shawl ſchmiegte ſich um ihre junoniſchen Schultern und ihren Buſen bedeckte ein feines Gewebe, deſſen Durchſich⸗ tigkeit Reize verrieth, welche im Stande waren, die Ruhe eines Plato zu gefaͤhrden. Die Dame begab ſich in den Laden, wo ihr ehr⸗ erbietig ein junger Mann entgegentrat, welcher ein lebendiges Modejournal darſtellte, der erſte Commis, in deſſen Wirkungskreis die Bedienung der Damen lag, da er unter allen Ladendienern der ſchoͤnſte und in allen jenen kleinen Kuͤnſten der Schmeichelei und Koketterie ſehr erfahren war, welche die Wiener Damen an einem Commis ungern vermiſſen. Man hieß ihn deshalb auch den ſchoͤnen Leopold— ein Beiname, welchen er durch ein Paar herrliche Augen, eine ſehr ebenmaͤßige ſchlanke Geſtalt und einen — 137— maͤdchenhaften Teint wohl verdiente. Die Dame ver⸗ langte feine Bruͤſſeler Spitzen, welche damals ſehr in der Mode waren, und verweilte bei deren Pruͤfung ſehr lange. Der ſchoͤne Leopold mußte ihr alle Vor⸗ zuͤge der feinen Arbeit erklären, und um genau zu ſehen, geriethen die beiden Koͤpfe der Pruͤfenden ſo nahe aneinander, daß es dem ſchoͤnen Leopold unge⸗ woͤhnlich heiß wurde. Zwar war er dergleichen ſchon zu gewohnt, um in Verlegenheit zu gerathen, aber dieſer verſchleierte Goͤtterbuſen, deſſen warme Atmo⸗ ſphaͤre ſeine Wangen liebkoſte, der ſeinen Augen und Lippen ſo nahe war, berauſchte ihn dermaßen, daß er in einige Verwirrung gerieth und ſein Geſicht ſich mit einer fliegenden Hitze bedeckte, welche ſich nicht verbergen ließ. Die Dame war mit dem Eindruck, den ſie machte, nicht im mindeſten unzufrieden, ſie ſah ihm, waͤhrend ſie ſprach, ſo mild und freundlich in's Geſicht, daß ihm das Herz zu pochen begann und er endlich alle Faſſung verlor. Der Preis wurde nach langwierigem Markten feſtgeſetzt, ausgezahlt und der Commis in den liebreichſten Ausdruͤcken erſucht, die Waare Abends nach acht Uhr in die Wohnung der Dame zu bringen, da ſie ihm noch einige Be⸗ ſtellungen und Auftraͤge mittheilen wolle. Wonne⸗ trunken geleitete der Commis die Dame an ihren Wa⸗ gen— ein herablaſſend freundlicher Gruß und die Holſteiner entfuͤhrten das reizende Weſen. Zur feſtgeſetzten Stunde erſchien der ſchone Leopold — 138— in dem ihm angezeigten Hotel. Er fand ein pracht⸗ volles Palais, zahlreiche Dienerſchaft, im Hofe ange⸗ ſpannte Equipagen. Der Portier fragte ihn um ſein Anliegen und man fuͤhrte ihn durch eine Menge Ge⸗ maͤcher in das Vorzimmer der Dame, wo einige Kam⸗ mermaͤdchen mit den Putzangelegenheiten ihrer Dame beſchaͤftigt waren. Man empfing ihn mit einem leich⸗ ten Laͤcheln und meldete ihn der Dame. Die Thuͤren wurden geoͤffnet— durch ſchwere Thuͤrvorhaͤnge hin⸗ durch drang der Gluckliche in ein reizendes Boudoir, wo er die Gebieterin auf einem ſeidenen Divan in ſo reizender Attitude fand, daß ihm der Athem ſtockte. Hatte die Schoͤne ſchon am Morgen ihn in bedeutende Verwirrung gebracht, ſo hatte ſie es jetzt offenbar darauf angelegt, ihn um den Verſtand zu bringen. Sie war in jenen wolluͤſtigen, reichen, durchſichtigen Stoff ge⸗ kleidet, unter welchem man keineswegs Steifroͤcke zu tragen pflegte, ſondern weiße ſchmiegſame Unterkleider, welche dem Koͤrper ſich ſo weich und in zarter Dra⸗ pirung anlegten, daß alle Formen ſich verriethen,— denn man hatte damals vielleicht noch weniger koͤrper⸗ liche Unvollkommenheiten zu verbergen, wie heute, weil die Generation kerniger, geſuͤnder und ſchoͤner war, als diejenige, welche ſie hervorbrachte. Man nannte dieſen reizenden Stoff, wenn ich nicht irre, Linnon. Buſen und Achſel waren wohl bis an den Hals be⸗ deckt, aber womit! Mit einer Creppchemiſette, welche, wie eine indiscrete Kammerzofe, alle Geheimniſſe aus⸗ — 85— plauderte. Der Kopf unbedeckt, doch ſehr ſchoͤn friſirt, ſchwelgte in einer Fuͤlle kaſtanienbrauner Locken, welche, duftend von allen Aromen der vier Welttheile, eine Atmoſphaͤre um die Liebliche verbreitete, welche alle Sinne in Aufruhr bringen mußte. Trotz dieſer ver⸗ fuͤhreriſchen Toilette fand der ſchoͤne Leopold den Muth, ſeine Pappſchachteln auf den Tiſch zu ſtellen, aber ſeine Verwirrung, ſeine Blicke ſagten deutlich: Grauſame, alſo willſt Du mich tödten? Es lag ein, Vorwurf in dieſen, von zahlloſen unterdruͤckten Seuf⸗ zern begleiteten Blicken, ſie flehten um Erbarmen, um Befreiung von einem Anblick, welcher alle Martern leidenſchaftlicher Wuͤnſche ohne Erfuͤllung erregte. Aber die Tigerin weidete ſich an ſeinen Qualen— ſie hatte nicht die mindeſte Eile und es ſchien ihr zu gefallen, dieſen bis uͤber die Ohren im Fegefeuer der Sehnſucht ſteckenden Ladendiener langſam in ſeiner eigenen Hitze zu braten. Sie hatte ſo viel an den Waaren auszu⸗ ſetzen und zu tadeln, ſo viel zu zanken uͤber zahlloſe kleine Dinge, die ſie beſtellt und die er vergeſſen hatte, daß er nie fertig werden konnte, mit einer ſtockenden, unaufhoͤrlich nach Luft ſchnappenden Stimme ſich zu entſchuldigen. Dabei kam ſie ſo oft zufällig mit ſeinen Haͤnden, mit ſeinen Haaren in ſtreifende Beruͤhrungen, daß ihn ein heißer Schauer nach dem anderen befiel. Endlich gab ihr der Satan einen Einfall ein, welcher der Geiſtesgegenwart des armen Ladendieners den Gnadenſtoß verſetzte.„Ich muß dieſe Spitzenchemiſette — 140— probiren, wenn ſie mir nicht paßt, muͤſſen Sie ſie wieder mitnehmen.“ Dabei fing das Teufelsweib an die Stecknadeln von ihrem Crepptuche zu loͤſen und den Schwanenhals, die weißen Schultern, den Buſen zu entbloͤßen. Dann reichte ſie mit zartem Erroͤthen dem beſtuͤrzten Commis die Chemiſette mit den leiſen Worten:„Sie ſind wohl ſo gefaͤllig, einen Augenblick mein Kammermaͤdchen zu machen.“ Zitternd ergriff der Ungluͤckliche das Spinngewebe, um es auf die glänzenden Schultern zu legen,— doch wie ungeſchickt! der Vordertheil kam auf den Ruͤcken— er mußte den Fehler wieder gut machen, die Chemiſette wieder ſachte abheben,— aber jetzt war es um ihn geſchehen— Leben oder Tod— er fiel auf ſeine Kniee und verbarg ſein Geſicht in ſeine Hände. „Aber was iſt denn das?“ ſagte die Dame, ohne jedoch im Mindeſten üͤberraſcht zu ſein—„was machen Sie denn da auf der Erde?“ „Ach, Euer Gnaden!“ war das Einzige, was er hervorbringen konnte, er ſchämte ſich aufrichtig und ſah nun zitternd Schimpf und Schande entgegen. Aber mit Nichten, die Dame ließ ihn ganz ruhig auf den Knien liegen, heftete ſich ihre Chemiſette um Bruſt und Schultern und ſetzte ſich dann, den Seladon immer liegen laſſend, auf das Sopha. Endlich, nach⸗ dem ſie lange überlegt hatte, erbarmte ſie ſich ſeiner, ging auf ihn zu, nahm ihm die Hände von dem ſchamrothen Geſicht und fuͤhrte ihn wie ein Kind an der Hand zum Sopha, wo ſie ihm befahl, ſich neben ihr niederzuſetzen. Leopold wußte nicht wie ihm ge⸗ ſchah, denn Alles das konnte nur die Schonung einer vornehmen Dame ſein, welche ſie ihm angedeihen ließ, um ihm den Text tuͤchtig zu leſen. Er ſetzte ſich mit einem Armeſuͤndergeſicht und zu Boden geſchlagenen Blicken auf den ſeidenen Divan, nicht ohne heftig zu erſchrecken, als er ploͤtzlich in die weichen, elaſtiſchen Kiſſen tief einſank, und mit den Haͤnden, zur großen Beluſtigung der Dame, unwillkuͤrlich nach einem An⸗ haltspunkte haſchte. „Mein Herr,“ ſagte die Dame endlich,„es ſcheint, daß ich Ihnen einigermaßen gefalle?“ „Oh,“ ſagte der Commis,„oh— oh—“ „Ich muß Ihnen geſtehen, daß ich Ihnen in Betreff deſſen Etwas mitzutheilen habe,“ fuhr die Dame beobachtend fort. Nun wird ſie mich gleich einen ſchamloſen Wicht ſchelten, dachte Leopold. „Ich muß Ihnen naͤmlich ſagen, daß auch Sie mir nicht mißfallen und daß— daß ich Sie deshalb zu mir beſtellt habe.“ Jetzt erwachte ploͤtzlich ein Loͤwenmuth in dem begluͤckten Kammerdiener. Alle Schuͤchternheit war hinweg, er war wieder ganz— Ladendiener, naͤmlich keck wie eine Fliege vor dem Gewitter. Thea⸗ traliſch nieder auf die Knie fallend, ergriff er ohne ₰ — 142— umſtaͤnde die Hand der Schoͤnen, kuͤßte ſie mit In⸗ brunſt und declamirte mit gewohnter Hardieſſe: „Nicht moͤglich, goͤttliches Weib! Ich bin der gluͤcklichſte Sterbliche. So wiſſen Sie denn, daß ich Sie— daß ich Euer Gnaden liebe zum Raſendwerden — daß ich—“ „Genug der Betheuerungen,“ unterbrach ihn die Dame,„auch muß ich mir Ihre Freiheiten verbitten, junger Mann, ſo lange, bis Sie mir erſt einige kleine Fragen genuͤgend beantwortet haben. Ich kenne Sie, Sie ſind ein lockerer Zeiſig, aber nicht ohne einige gute Eigenſchaften. Antworten Sie mir auf die Frage: Wollen Sie mich heirathen?“ Verblufft ſah ſie der Ladendiener an, er wußte nicht, was er von dieſer Frage halten ſollte. „Ich frage Sie nochmals: Wollen Sie mich heirathen?“ „Aber, mein Himmel,“ ſtammelte der Betäubte, „wie ſoll ich es wagen, Ihnen zu antworten— ſind Sie denn nicht—“ „Schon verheirathet— wollen Sie ſagen. Sie denken, ein Maͤdchen wuͤrde wohl weder die Freiheit, noch den Muth haben, Sie ſo allein bei ſich zu em⸗ pfangen— und Sie haben nicht unrecht— ich bin ſo zu ſagen verheirathet, aber doch nicht der Form nach, ich bin kein Maͤdchen, aber auch keine Frau.“ Immer mehr ſtaunte der Commis.„Wie verſtehe ich das?“ ſtammelte er. — 143— „J nun— ich will es Ihnen mit einem Worte ſagen: Ich bin die Geliebte des Fuͤrſten N““ Mit dieſen Worten ſtand ſie auf und begab ſich an den Spiegel, um Etwas an ihrem Haare zu ordnen. „Sie werden begreifen,“ fuhr ſie hier gelaſſen zu ſprechen fort,„daß ein ſolches Verhaͤltniß manches Un— angenehme hat. Ich habe Verwandte, welche hohe Wuͤrden bekleiden, es liegt ihnen daran, daß mein Verhaͤltniß einen Deckmantel erhalte— ich habe zehn⸗ tauſend Gulden jaͤhrliche Rente, ich kann Ihnen ein Amt verſchaffen, Sie koͤnnen mich beſitzen— was haben Sie mir zu antworten?“ Leopold war nicht der Menſch, welcher an zu großer Zartheit des Ehrgefuͤhles litt, das wuͤrde wenig zu einer Stellung gepaßt haben, wo er täglich ſein Ehrenwort verpfaͤnden mußte, daß gewiſſe Stoffe, welche in einer Vorſtadt Wiens erzeugt wurden, eng⸗ liſches Fabrikat ſeien, er fuͤhlte ſich berauſcht, begluͤckt von ſolchen Ausſichten, das war ganz ſeine Methode Gluͤck zu machen und er hatte laͤngſt ſich mit der Hoff⸗ nung getragen, daß er es auf ſolche Art auch machen werde. Wir koͤnnen die weitere Entwickelung des Falles uͤbergehen. Es iſt fuͤr den Leſer genug zu wiſſen, daß der ſchoͤne Leopold— obgleich er, außer einem Bis⸗ chen Franzoͤſiſch, Nichts gelernt hatte— in acht Ta⸗ gen bei einer Geſandtſchaft angeſtellt war und mit ſeiner ſchoͤnen Gemahlin vierzehn Tage ſpaͤter auf Urlaub „— 114— nach dem Seebade Scheveningen reiſte, wo der Fuͤrſt N* fuͤr ſeine Gicht die Sommerkur gebrauchte. 5 Achtzehn Jahre ſpaͤter trat eines Morgens der mit einem Orden geſchmuͤckte Kammerrath Simmer, in welchem wir unſern Commis wieder finden, in das Schlafgemach ſeiner, noch mit ihrer Toilette beſchaf⸗ tigten Gemahlin und es entſpann ſich zwiſchen den Ehegatten folgendes Geſpräch. „Ich bringe ſchlimme Botſchaft zum Morgengruß, Madame— unſer Prozeß mit den Erben des Fuͤrſten iſt verloren, wir ſind in die Koſten verurtheilt und die Zahlung Ihrer Penſion iſt eingeſtellt.“ ₰ „Schlimm, ſehr ſchlimm, mon ami, ich war aber darauf gefaßt, mich uͤberraſcht dieſes Ungluͤck nicht, welches ich ſtit pier Jahren erwartet habe.“ „Aber was nun beginnen? Sie wiſſen, daß uns von allen den Schaͤtzen, welche durch Ihre Haͤnde gingen, Nichts geblieben iſt. Das Haus, welches Sie zu fuͤhren gewohnt waren, hat uns ruinirt. Wir ſind ker p. „Bettler? So ſchlimm iſt es wohl nicht, mein Freund, bleibt uns nicht Ihre Gage— wir werden uns einſchraͤnken, die Equipage verkaufen und von dieſer Gage leben muͤſſen.“ 2 3 „Von meiner Gage! Was faͤllt Ihnen ein, meine — 145— Theure! Sie wiſſen, daß ſie kaum hinreicht, meine Beduͤrfniſſe zu decken, vielweniger eine Familie zu ernaͤhren.“ „Sie werden Ihre Beduͤrfniſſe kleiner machen muͤſſen, wie ich die meinigen— unſere Foͤchter haben ihre Ausbildung vollendet, wir werden auskommen.“ „Unſere Toͤchter, meine Liebe— villleicht, vielleicht auch nicht— Sie wiſſen, daß—“ „Mein Herr, Sie nehmen einen Ton an, der beleidigend iſt.“ „Wie es beliebt, Madame;— ich habe nicht die Abſicht Sie zu beleidigen, zumal nachdem Sie ein ſo großes Ungluck betroffen hat. Ich erklaͤre Ihnen nur ganz einfach, daß ich mich nicht fuͤr verpflichtet halten kann, Ihre Familie zu ernahren. Meine Gage, wie geſagt, reicht nur fuͤr mich aus.“ „Was hoͤre ich, Undankbarer, Du wagſt es? Wem dankſt Du dieſe Gage? Mir. Wem dankſt Du bei Deiner Unfaͤhigkeit Deinen Rang? Mir. Wem dankſt Du ſelbſt dieſes Band in Deinem Knopfloch, als mir?“ „Gemach, meine Theure, Sie ereifern ſich ohne Noth und Nutzen. Sie haben es mir ſo oft vorge⸗ worfen, daß ich Ihnen und nur Ihnen Alles danken muͤſſe, daß ich Anlaß genug hatte nachzudenken, wie hoch ich in Ihrer Schuld ſtehe. Voyons, laſſen Sie uns abrechnen, es iſt, wie Sie ſehr gut fuͤhlen, Zeit dazu. Ich war ein armer Handlungsdiener, als ich Wien. 1. Bd. 10 ————— —— das Gluͤck hatte, Ihre Blicke auf mich zu ziehen, ich war offenbar zu keinem glaͤnzenden Looſe weder durch meine Fäͤhigkeiten, noch durch meine Geburt berufen. Aber ich war jung, geſund, gluͤcklich, froh. Ich hatte mein Auskommen— ich ſtand nicht an der Thuͤre des Mangels. Ich konnte ein ehrliches Maͤdchen mit einiger Mitgift heirathen, kin Geſchäft etabliren und als redlicher Kaufmann ehle immerhin geachtete Stel⸗ lung in der buͤrgerlichen Geſellſchaft einnehmen. Sie ſelbſt haben mir dies oft zugeſtanden, und als Sie noch freundlicher gegen mich dachten, ein großes Opfer darin erblickt, daß ich mein Loos an das Ihrige knuͤpfte. Laſſen Sie uns nun abwägen, was Sie mir für jene beſcheidenen, aber heiteren Lebensausſichten dargeboten haben. Die eiſte Blülhezeit unſeres Gluͤckes war fuͤr mich eine Reihe der bitterſten Kraͤnkungen. Ich liebte Sie, Madame, wahrhaft und innig, und mußte ver⸗ zichten darauf, in Ihnen gleiche Gefuͤhle zu erwecken, ich mußte es dulden, daß ein Greis Ihre Reize ent⸗ blaͤtterte, daß junge Maͤnner, welche Ihnen gefielen, Ihr heißes Blut kuͤhlten, mir blieb nur der Nachtiſch von der offenen Tafel Ihrer Reize, und Sie muͤſſen mir geſtehen, daß derſelbe nie von einem innigeren Gefuͤhle gewuͤrzt war.— Ich ſpielte in Ihrem Hauſe eine traurige Figur. Ich war Demuͤthigungen aus⸗ geſetzt, welche mir jede Lebensfreude verbitterten. Von allem Glanze des Reichthums und einer ausgezeichneten Stellung umgeben, war ich, von Ihren Gäſten der — 147— vornehmen Welt abwaͤrts bis zu unſeren Domeſtiken, fuͤr Jedermann eine Zielſcheibe des Spottes. Alle Unehre Ihres Lebenswandels fiel auf mich zuruͤck, ich war nicht Herr in meinem Hauſe, wie ich es nicht war in meinem Ehebett. Noch mehr! Als Sie in Gefahr waren, die Liebe des Fuͤrſten zu verlieren, weil ein Officier es ihm verrathen hatte, daß noch Andere von Ihnen begluͤckt wuͤrdenz mußte ich mich, um dem Fuͤrſten Sand in die Augen zu ſtreuen, mit dem an⸗ geblichen Verleumder ſchlagen. Sie baten mich auf Ihren Knieen, das Duell anzunehmen, und wollten mit einem der Secundanten verabreden, Haß er die bleiernen Kugeln mit aus Korkholz verfertigten vertauſchen ſollte. Aber die Liſt mißlang= der Secundant des Officiers, welcher nicht viel von meinem Muthe hielt, war auf⸗ merkſam, es wurden wirkliche Bleikugeln geladen und ich erhielt einen Schuß in den linken Aym, der mich zum Kruͤppel machte.— Doch laſſen Sie uns von ma⸗ teriellen Vortheilen ſprechen. Sie hatten ein Einkom⸗ men wie eine Fuͤrſtin, aber Sie lebten auch wie eine Perſon von der hoͤchſten Geburt. Sie hielten Equi⸗ page, Dienerſchaft, kurz, Sie brauchten was Sie hatten, und mir blieb Nichts als ein elendes Taſchen⸗ geld. Sie verwalteten Ihre Einkuͤnfte ſelbſt und ich war faſt immer auf meine Gage angewieſen. Von allem Lurus, der Sie umgab, hatte ich keinen Mit⸗ genuß, Ihre Equipage diente nur Ihnen, die Lakaien gehorchten nur Ihnen, die koſtbarſten Mobilien zierten 9 10* — 148— nur Ihre Gemaͤcher. Ich war in Ihren Augen nie mehr als das, was man den Elephanten nennt. Was alſo hatte ich von allem Ihrem Reichthum? Nichts als mein taͤgliches Brot, welches ich mir unter allen Um⸗ ſtaͤnden redlich haͤtte erwerben koͤnnen. Was haben Sie mir verſchafft, außer dieſem taͤglichen Brot? Nichts als Schimpf und Schande, ein unzufriedenes, gedemuͤthigtes Herz und das bittere Bewußtſein, meine Ehre in einer unwuͤrdigen Stellung umſonſt und fuͤr Nichts aufgeopfert zu haben. Ich frage Sie nun, ob Sie das Geringſte in dieſer Abrechnung unrichtig finden koͤnnen?“ „In der That, nein, mein Herr, nur das Eine erlaube ich mir zu bemerken, daß ein Mann Ihrer Art unter allen Umſtaͤnden in eine unwuͤrdige Lage haͤtte gerathen muͤſſen— doch was hilft Streit und Zank— wir muͤſſen uns verſtehen. Ich bin vor der Welt Ihre Gahlin, meine Kinder gelten als die Ihrigen— ich ſehe, was ich von Ihnen zu erwarten habe, aber Sie werden auch begreifen, daß Sie ſchon aus Klugheit, wenn auch nicht aus Pflichtgefuhl, auf einen Ausweg denken muͤſſen. Was ſollen wir thun — pder, wenn Sie wollen, was ſoll ich thun?“ „Ich habe bereits daran gedacht. Es müßte mich Alles truͤgen, oder es gaͤbe ein Mittel unſer Haus fortzufuͤhren, wie es iſt. Ich erlaube Ihnen bemerk⸗ lich zu machen, daß Ihre Toͤchter erwachſen und alle Drei an Schoͤnheit das Ebenbild ihrer Mutter — 149— ſind. Schoͤnheit war das Capital, welches Ihnen ſolche Zinſen an Glanz und Reichthum einbrachte— ich denke, dieſes Capital iſt verdreifacht und folglich das Ungluͤck nicht ſo groß, wie es ſcheint.“ „Ich verſtehe— es iſt ein trauriges Hilfsmittel, aber es iſt ein Hilfsmittel. Zwar habe ich immer da⸗ von getraͤumt, fuͤr meine Toͤchter gute Partien zu finden, und der Chevalier Roſonbon von der belgiſchen Geſandtſchaft—“ „Hat mir ſoeben einen Brief geſchickt, worin er mir erklaͤrt, daß er durch neuere Verhaͤltniſſe gezwun⸗ gen ſei, auf das Gluͤck, Iſabellen zu beſitzen, Verzicht zu leiſten. Wahrſcheinlich hat er erfahren, daß unſer Proceß verloren iſt. Wir haben keine Hoffnungen von dieſer Seite her.“ „Dann haben Sie recht, es bleibt uns und un⸗ ſeren Kindern nichts Anderes uͤbrig. Es giebt keine anderen Wege mehr, Maͤdchen dhne Vermoͤ⸗ gen zu verſorgen.“ An einem herrlichen Maitag des Jahres 1822 ereignete ſich in der Kaͤrnthnerſtraße eine Scene, wllche ſo eigenthuͤmlich und auffallend war, daß der Vorfall bald ein allgemeines Stadtgeſpraͤch wurde. Drei junge Maͤdchen von der ausgezeichnetſten Schoͤnheit, deren Aelteſte kaum achtzehn, deren Juͤngſte noch nicht ſech⸗ zehn war, alle Drei nach dem neueſten Modejournal —————————————————— — 150— und gleich in roſaſeidene Gewaͤnder gekleidet, ſpazirten ſehr langſam durch die Straße. Das Benehmen dieſer jungen Maͤdchen war ziemlich frei und kokett, doch konnte ein Menſchenkenner beobachten, daß dieſes freie Benehmen nur die Folge einer nachlaͤſſigen Erziehung, keineswegs aber ein Zeichen der verlorenen Unſchuld war. Alle Drei bluͤhten wie Roſen, das herrliche Email ihres Teints war makellos, ihre Lippen waren friſch und roth, ihre Augen ſtrahlten von Munterkeit und jugendlicher Gefallſucht. Hinter den Madchen gingen, die Shawls derſelben tragend, zwei Bediente, deren Livree uͤber alle Maßen auffallend und mit dem reichſten Goldtreſſen-Schmuck uͤberladen war. Da es nun eine bekannte Sache iſt in Wien, daß Damen von hohem Range und anſtaͤndiger Familie — was nicht immer identiſch iſt— auf der Straße jede Schauſtellung eines auffallenden Putzes und Ge⸗ praͤnges ſorgſam vermeiden und uͤber die Maßen einfach gekleidet zu ſein pflegen, ſo iſt man ziemlich darin uͤbereingekommen, jede Ausnahme von dieſer Regel als ein Zeichen zu betrachten, daß mit ſolchem Glanz Nebenabſichten verbunden ſind. An und fuͤr ſich er⸗ regte ſchon die außerordentliche Schoͤnheit der jungen Maͤdchen die Aufmerkſamkeit aller Voruͤbergehenden, allein ihre Kleidung, ihr freies Benehmen und die aufgeputzte Livree hinter ihnen, bewirkte ein ſolches Aufſehen, daß bald eine Anzahl neugieriger junger Leute ihren Schritten folgten. Ein Paar junge Ca⸗ valiere waren die Erſten, welche ihnen nachgingen, um ihre Wohnung zu erfahren, viele Andere ſolgten ihrem Beiſpiel, und bald hatten die jungen Damen ein Ge⸗ folge von zwei Dutzend muthwilliger Pflaſtertreter aus der eleganten Welt, welche hinter ihrem Ruͤcken ſich hoͤchſt ausgelaſſen geberdeten. Die Folge davon war einer jener Straßenauflaͤufe, welche ſich in Wien bei der geringſten Veranlaſſung zu bilden pflegen. Man kann es alle acht Tage faſt in Wien ein Mal ſehen, daß Tauſende von Menſchen auf dem Stephansplatze ſtehen bleiben, um einen Geier zu beobachten, der auf dem Thurme eine Taube ſpeiſt— eine Veranlaſſung der Neugierde, welche hier vielfach gegeben war, da es ſich hier um drei reizende Taͤubchen handelte, welche von einem Dutzend Geier verfolgt wurden. Mit Muͤhe gelang es den ploͤtzlich von allen Seiten umringten Madchen, ſich in einen Fiaker zu flüchten und unter Zuruͤcklaſſung ihrer Dienerſchaft, in Thraͤnen ſchwim⸗ mend, einem Skandal zu entfliehen, welches ſie bei mehr Erfahrung haͤtten vorausſehen koͤnnen. Die Be⸗ dienten ihrerſeits ſuchten ſo gut es ging der Neugierde zu entkommen, aber im Punkte des Zartgefuͤhls nicht ſo leicht verletzbar wie die Damen, fluchteten ſie ſich nicht mit ſolcher Haſt, daß nicht einige Cavaliers Ge⸗ legenheit gehabt hätten, ihnen die ſproͤde Auskunft uͤber Namen und Wohnort der Mädchen mit Ducaten zu bezahlen. Weinend kamen die Mädchen nach Hauſe und klagten der Mama den erlebten Affront; aber die —————————— — 158— gute Mama lachte uͤber den Schmerz ihrer Kinder und tröſtete ſie mit den Worten uͤber die ganze Scene: „Nun, was iſt das fuͤr ein Unglück— die Wie⸗ ner ſind neugierig, Ihr ſeid huͤbſch, habt Aufſehen ge⸗ macht... danket Gott, daß er Euch nicht zu Vogel⸗ ſcheuchen gemacht hat.“ Der Troſtgrund war gut— die Maͤdchen tro⸗ ſteten ſich. Papa war zwar etwas mißlaunig, aber auch er troͤſtete ſich und verſank in ein tiefes Nach⸗ denken. Zu dem Hausweſen des Kammerrath Simmer gehoͤrte ein junger Menſch, welcher die Maͤdchen in mannigfachen ſchoͤnen Kuͤnſten, als Zeichnen, Decla⸗ miren, Schoͤnſchreiben unterrichtete und das Gnaden⸗ brot im Hauſe genoß. Er beſorgte zugleich Simmers Rechnungen und war dem Hauſe ſehr anhaͤnglich und ergeben. Die Maͤdchen behandelten ihn wie einen Bruder, neckten und quaͤlten ihn wo ſie konnten— aber natuͤrlich waren ſie zu ſchoͤn, als daß er ihnen haͤtte gram werden koͤnnen. Die ſittliche Aufſicht im Hauſe war ſehr vernachläſſigt, eine alte Dienerin, welche fruͤher der Dame Kammermaͤdchen war, kuͤmmerte ſich wenig darum, und ſo nannten die Maͤdchen den jun⸗ gen Emil ſpottweiſe ihren Hofmeiſter und trieben Kurzweil mit ihm. Emil war aber ſo ſanft und edel, ſo keuſch und voll Einfalt, daß es ihm niemals in den Sinn kam, dieſe Vertraulichkeit zu mißbrauchen. Man haͤtte ſagen koͤnnen, er waͤre ſproͤde gegen die Maͤdchen, welche ſich mit ihm balgten, welche ihn zu⸗ weilen mit gemeinſamer Gewalt uͤberfielen, ihn durch Liſt und Gewandtheit zu Boden warfen und die toll⸗ ſten Ausgelaſſenheiten trieben,— denn immer war er es, den ſie ſeiner Schuͤchternheit und Ehrbarkeit wegen den„heiligen Aloiſius“ nannten, welcher dem Scherz ein Ende machte, ſobald er in irgend eine Un⸗ ſchicklichkeit ausartete. Emil war ſich ſelbſt uͤberlaſſen— er hatte weder Vater noch Mutter, ſein Vormund kuͤmmerte ſich um ihn wenig. Dennoch hatte er ſich gern der Taͤu⸗ ſchung hingegeben, ein Glied der Familie zu ſein. Er begriff ſehr ſpät, welchen Umſtänden dieſes Hausweſen ſeinen Glanz zu danken hatte. Was fremde Leute ihm ſagten, glaubte er nicht— aber bald wurde es in ihm licht uͤber die Verhaͤltniſſe des Hauſes, als er bei Durchſicht der Rechnungen ſeines Herrn zufaͤllig auf die Proceßakten ſtieß, welche den Handel der Dame des Hauſes mit dem Fuͤrſten N“ aufdeckten— und zwar bis auf die kleinſten Details. Zu derſelben Zeit bemerkte er, wie die Einkuͤnfte des Hauſes aus an⸗ deren Quellen kamen wie bisher, er fand Schulden vor und begriff nun erſt, auf welchem Boden er ſtand. Unter den drei Maͤdchen hatte er Alwinen, die Juͤngſte, am meiſten liebgewonnen. Zwar wußte er nicht, weshalb, denn Alwine, ein Kind von ſechzehn Jahren, — 154— ſpielte ihm gerade die tollſten Streiche und ſchien es darauf abgeſehen zu haben, ihm das Leben ſauer zu machen. Sie war es, die ihm des Morgens ſtatt des geſtoßenen Zuckers Salz zum Kaffee brachte, die jede ſeiner Bewegungen, ſeinen Gang, ſeine Geberden nach⸗ ahmte und verſpottete, die ihm Tinte in die Streu⸗ ſandbuͤchſe goß, in ſein Schlafzimmer eine Menge Gril⸗ len brachte, welche dem Armen den Schlaf raubten, und tauſend Poſſen trieb, die manchmal recht boshaft waren. War er dann aber boͤſe, ſo kam ſie leiſe hin⸗ ter ſeinem Ruͤcken herangeſchlichen, ſchlang ihren Arm um ſeinen Hals und ſah ihm mit dem ſchalkhaften reizenden und ſo unſchuldvollen Auge in das ver⸗ drießliche Geſicht, ohne ein Wort zu ſprechen. Ach, ſie wußte ja ſelbſt nicht, was ſie fuͤhlte— ſie war nur muthwillig ſo lange er es geduldig hinnahm,— aber wenn ſich ſein Geſicht verfinſterte, empfand ſie einen ſo wahren innigen Kummer, daß ein Blick hinreichte, um dem Gekrankten zu ſagen:„Du biſt mir theuer!“ Emil hatte das zwanzigſte Jahr zuruͤckgelegt. Er war aber, von Kindheit ſich ſelbſt uͤberlaſſen, an Ver⸗ ſtandesreife ſeinem Alter vorangeeilt. Nur ſein Herz begriff Nichts von den Schlechtigkeiten dieſer Welt, ſein Verſtand hatte ſie laͤngſt durchſchaut. Als Emil die Quellen des Wohlſtandes der Familie entdeckt hatte, als er bemerkte, daß ſie vertrocknet waren, als er dem ungeachtet keinerlei Anſtalten zu Einſchränkun⸗ gen erſah, als er gewahrte, wie man ihn allmälig bei — 155— Seite ſchob, Geheimniſſe vor ihm hatte, als er entdeckte, daß die Maͤdchen gegen ihn ſcheu, zuruckhaltend und fremd wurden, und zwar in dem Grade, als ſie gegen mehrere ſehr ſchnell mit der Familie bekannt gewordene Hausfreunde vertraulich geworden waren, daß ſie plotz⸗ lich koſtbaren Schmuck, praͤchtige Kleider, Putz und Tand aller Art aus unbekannten Einkommequellen erhielten, da tagte in ihm die Gewißheit auf, daß die Maͤdchen von ihren eigenen Eltern dem Verderben ge⸗ weiht wurden. Sein Kummer hieruber wurde zu einer Art ſtillen Verzweiflung, da er wohl einſah, in ſeiner Stellung habe er nicht das geringſte Recht, ſich in die Angelegenheiten des Hauſes einzumiſchen. Seine ein⸗ zige Hoffnung beruhte auf Alwinen. Er wollte ſie warnen— er wollte von ihr erfahren, wie es um dieſe ploͤtzlichen Geheimniſſe ſtuͤnde, wie weit die Ge⸗ fahr gediehen ſei. Er bat ſie um eine geheime Unter⸗ redung: die jungen Leute fanden ſich in einem oͤffent⸗ lichen Garten. Alwine empfing den jungen Menſchen ziemlich ceremonioͤs— ihre natuͤrliche Unbefangenheit war be⸗ reits einem Weſen gewichen, welches der Vorbote des ſittlichen Verderbens iſt. Dieſer Empfang, indem er die Hoffnungen Emils faſt voͤllig niederſchlug, ermu⸗ thigte ihn doch zu einer Sprache, welche er ſonſt nicht gewagt haben würde. Der Groll, welchen er em— pfand, loͤſte ihm die Zunge. „Alwine,“ ſagte er,„ich weiß nicht, ob es Ihnen — 156— bekannt iſt, daß mir Ihr Schickſal nicht gleichgiltig iſt,— daß ich Sie und Ihre Schweſtern wie ein Bruder liebe.“ „Warum ſollte ich daran zweifeln?“ ſagte Al⸗ wine,„ſind Sie doch mit uns aufgewachſen— aber was fehlt Ihnen?— wären Sie nicht ſo traurig, ich muͤßte uͤber Ihre Feierlichkeit lachen.“ „Wollen Sie mir, theure Alwine, wollen Sie mir redlich und wahr auf einige Fragen antworten, wenn ich Ihnen ſage, daß davon mein Leben ab⸗ haͤngt?“ Bei dieſen Worten ergriff er in heftiger Aufre⸗ gung die Hand des Maͤdchens. Seine bewegte Stimme, die in ſeinen Augen zitternden Thränen ruͤhrten ſie— mit einem kindlich zutraulichen Blick antwortete ſie herzlich: „Ja, gewiß, ich will es!“ „Wiſſen Sie, daß Ihr Vater einen wichtigen Proceß verloren und mit ihm ſein Vermoͤgen, ſeine Einkuͤnfte?“ „Ich weiß es!“ „Wiſſen Sie, aus welchen Quellen er den Auf⸗ wand beſtreitet, den Sie dennoch machen?“ Das Mädchen ſtockte. Nach einigem Nachden⸗ ken ſagte ſie entſchloſſen: „Hören Sie, Emil, ich will offen mit Ihnen re⸗ den. Ich ſehe wohl, wo das hinaus will. Meine Schweſtern haben mich auf die Scene vorbereitet. Ich * 5 ſehe, daß ſie recht hatten. Sie ſind eiferſuͤchtig, lieber Emil. Ich will Ihnen ſagen, was ich weiß. Die Mutter hat glaͤnzende Ausſichten mit meinen Schweſtern. Der Graf Mirois und der Banquier Zoller bewerben ſich um ſie. Aber die Sache iſt noch ein Geheimniß. Zoller hat meinem Vater Vorſchuͤſſe gemacht. Es ſind noch Familienhinderniſſe vorhanden, welche eine Verbindung auf beiden Seiten hindern. Niemand darf von dieſer Sache Etwas erfahren— hoͤren Sie, bei Ihrer Ehre, Emil. Nun wiſſen Sie Alles.“ „Lug und Trug,“ rief Emil erzuͤrnt aus.„Al⸗ wine, ich ſehe, um was es ſich handelt: man hintergeht Sie, man bereitet Sie vor, man fuͤhrt Sie in's Ver⸗ derben!“ Verdrießlich wandte ſich Alwine ab: „Ach, Sie ſind doch heute in einer abſcheulichen Laune— wiſſen Sie, daß Sie ſo ganz und gar haͤß⸗ lich ausſehen? Sie ſind eiferſuͤchtig und mißtrauiſch. Ich will Ihnen Alles ſagen. Die Mutter hat mich läͤngſt gewarnt vor Ihnen. Ich ſehe, ſie hatte Recht. Sie meint es gut mit ihren Kindern. Sie wiſſen ſelbſt, wir haben unſer Vermoͤgen verloren— ich bin ein armes Mädchen und Sie ſind noch ärmer als ich. Ich bin Ihnen von Herzen gut, aber Sie koͤnnen, wenn Sie mich lieb haben, nicht meinem Gluͤck im Wege ſtehen wollen. Meine Mutter hat mich auf⸗ geklärt, was ein armes Maͤdchen zu erwarten hat. — 158— Sie kennt die Welt— wir nicht, am wenigſten Sie, Emil. Schlagen Sie ſich die Grillen aus dem Kopf, Emil, und beunruhigen Sie mich nicht mehr. Leben Sie wohl— ich muß nach Hauſe, wir fahren heute mit dem Banquier Zoller nach Laxenburg.“ Damit ließ ſie Emil ſtehen und entfloh. „Wie ich Ihnen ſage, Herr Kammerrath!“ ſagte eine bejahrte, anſtaͤndig, doch aͤrmlich gekleidete Frau zu Simmer, welcher auf eine briefliche Einladung ſich zu ihr begeben hatte— ungefaͤhr acht Tage nach dieſem letzten Rendezvous Emils mit Alwinen,„wie ich Ihnen ſage, ſechstauſend Gulden ſind in meinen Haͤnden, und ich bin beauftragt, Ihnen dieſe Summe anzubie⸗ ten, wenn Sie Ihre juͤngſte Tochter bewegen, dem jungen Cavalier eine Nacht. zu ſchenken. Auch hat Ihr Advocat bereits Deckung fuͤr viertauſend Gulden in Haͤnden, welche morgen von Ihnen bezahlt werden ſollen,— ich habe die Anweiſung des Cavaliers in Haͤnden— Sie ſind von aller Sorge befreit, wenn Sie den Antrag annehmen. Da Ihre beiden anderen Toͤchter oͤffentlich von dem Grafen und dem Bangquier ausgehalten werden, ſo ſehe ich nicht ein, was Sie fuͤr Bedenklichkeiten in Bezug auf Alwinen haben. Alſo erklaͤren Sie ſich— wollen Sie oder nicht?“ Der Herr Kammerrath war in großer Unruhe. Ein ſolcher offener Handel, ein ſo unverbluͤmter An⸗ trag verletzte ſein„Ehrgefuͤhl“ Dieſe Frau, ſah er, machte wenig Umſtaͤnde mit ihm, ſie war offenbar eine gemeine Perſon— wie leicht konnte er compro⸗ mittirt werden. Zu jeder anderen Zeit haͤtte er aus Vorſicht den Antrag ausgeſchlagen, aber morgen waren die Wechſel faͤllig, ſein Amt, ſeine„Ehre“— Alles ſtand auf dem Spiele. „Wohlan— ich will,“ ſagte Simmer ſeufzend —„was habe ich zu thun, um das— Geld in meine Haͤnde zu erhalten?“ „Mein Cavalier verlangt nichts Anderes, als einen Brief Ihrer Tochter, worin ſie ihm anzeigt, daß ſie den Antrag annimmt, daß ſie weiß, um was es ſich handelt.“ Ohne ein Wort zu ſagen, verabſchiedete ſich Sim⸗ mer, und verſprach in einer Stunde wiederzukommen. Wirklich kain er— bleich, verſtört, zitternd— den Schweiß ſich von der Stirne trocknend und haͤn⸗ digte dem Weibe einen verſiegelten Brief ohne Adreſſe ein. Die Alte erbrach denſelben und las bedachtig und langſam folgenden Inhalt: „Mein unbekannter Freund! „Indem ich Ihnen fuͤr das mir uͤberſandte herrliche Geſchenk, noch mehr aber fuͤr die meinem Vater geleiſtete Hilfe innigſt danke, halte ich es fur meine Pflicht, Alles zu thun, was im Stande ſein kann, einem ſo edlen Mann fur ſeine Groß⸗ — 160— muth erkenntlich zu ſein. Ich werde heute Abend Ihrer Einladung folgen, und bitte Sie nur zur möglich⸗ ſten Schonung meines Rufs alle erforderliche Vor⸗ ſicht zu beobachten. Alwine.“ „Das iſt deutlich,“ ſagte die Alte,„und hier, mein Herr, das Capital, woruͤber ich Sie bitte mir einen Empfangſchein auszuſtellen.“ Simmer, fortwaͤhrend in der groͤßten Aufregung, that, wie ihm geheißen worden, raffte die Obligationen und Banknoten zuſammen, legte drei Hundert⸗Guldenſcheine auf den Tiſch und empfahl ſich. Aber die Frau eilte ihm auf dem Fuße nach und gab ihm das zuruͤckge⸗ laſſene Geld mit den Worten zuruͤck: „Mein Cavalier hat mir ſtrenge unterſagt, von Ihnen eine Erkenntlichkeit anzunehmen,— er war ſo uͤberaus großmuͤthig gegen mich, daß ich dieſe Klei⸗ nigkeit ausſchlagen kann.“ „Der Mann iſt alſo enorm reich, wie es ſcheint,“ ſagt Simmer, ſich erſtaunt wieder umwendend. „So vermuthe ich.“ „Wie denn,“ fuhr Simmer fort,„waͤre es nicht denkbar, daß ſich ein geordnetes Verhaͤltniß zwiſchen ihm und meiner Tochter entſpaͤnne? Ich geſtehe, daß die ungenirte Manier dieſes Herrn mir etwas pein⸗ lich iſt.“ „Sehr möglich,“ ſagte die Frau,„ja es ſcheint ſehr wahrſcheinlich. Der Mann iſt bizarr, vielleicht iſt er ein Englaͤnder.“ „Sie kennen ihn alſo auch nicht?“ „Nein!“ „Sonderbar, indeſſen— er muß ſehr reich ſein.“ „Gewiß—“ „Hoͤren Sie, Madame, wenn Sie es dahin brin⸗ gen koͤnnten, wie ich ſagte— ich wuͤrde ſehr erkennt⸗ lich ſein.“ Mit dieſen Worten verabſchiedete ſich Simmer, und trug ſeine Silberlinge und das Bewußtſein nach Hauſe, ſein leibliches Kind an die gemeinſte Wolluſt verkauft zu haben. Emil war nicht mehr zu kennen. Still und in ſich verſunken weilte er oft ganze Tage lang in ſeiner Schreibſtube, ohne ſich blicken zu laſſen. Sein Ent⸗ ſchluß gedieh bald zur Reife— er mußte dieſes Haus meiden, ihm entfliehen. Alwine wich ihm ſichtlich aus, ſie vermied alle Geſpraͤche mit ihm, die uͤbrigen Per⸗ ſonen des Hausweſens folgten ihrem Beiſpiel— Emil war uͤberfluͤſſig. Er packte daher ſein Buͤndel, nahm Abſchied und wollte eben das Haus verlaſſen, als Al⸗ wine auf ſeine Stube kam.— Sie war mit aͤußerſter Sorgfalt coeffirt— ihre Kleidung war ſehr geſchmack⸗ voll— zum erſten Male mit jener Koketterie ge⸗ ordnet, welche bereits darauf abzielte, ihre jugendlichen Wien. 1. Bd. 11 Reize geltend zu machen. Der kleine reizende Buſen war unverdeckt, die zarten Schultern entbloͤßt, ihre Taille, gut umſchloſſen, zeigte das Ebenmaß ihrer uͤber⸗ aus zarten Geſtalt auf das Vortheilhafteſte. „Emil,“ ſagte ſie,„wir muͤſſen alſo ſcheiden— Sie ſind doch nicht boͤſe?“ Dabei ſchwammen ihre Augen in Thraͤnen. Sie war in einer außerordentlichen Aufregung, ihr Geſicht gluͤhte, ihr Athem war befangen, ſie zitterte heftig. „Was ſoll ich hier?“ ſagte Emil,„ich muͤßte von Stein ſein, um nicht vor Gram zu vergehen, uͤber das, was ich ſehe.“ „Ach, Emil!“ entgegnete Alwine,„warum muͤſſen Sie uns gerade heute verlaſſen, es iſt ein ſehr wich⸗ tiger Tag fuͤr mich— o wenn Sie wuͤßten— Emil, Emil, ich bin recht traurig.“ Emil zuckte ſchweigend die Achſeln— eine Pauſe — dann ſetzte er ſich an den Fluͤgel, wo er ſo oft mit Alwine zuſammen muſicirt hatte, und ſpielte eines jener zarten melancholiſchen Liedchen, welche Alwine ſo liebte, obgleich ihr Gemuͤth ſo froh und heiter war, wie das einer Lerche. Er ſpielte nicht lange— aber mit welcher Empfindung!— als ihm die Thränen ſtrom⸗ weiſe uͤber die Wangen liefen.— Es war jedoch eine heitere Ruhe in ſeinem Schmerze, welche mit der Auf⸗ regung Alwinens ſeltſam contraſtirte. Sie ſaß hinter ihm auf einem Stuhle und bald vernahm er ihr hef⸗ tiges, krampfhaftes Schluchzen. Plötzlich aber fühlte er ſich umhalſ't, krampfhaft umſchlungen, erſtickt von Kuͤſſen, gebadet in heißen Thränen.— O ihr herzloſen Wuͤſtlinge, moͤchtet ihr den tiefen Seelenſchmerz begrei⸗ fen, womit die Unſchuld Abſchied nimmt von ihrem Genius! Sie hielten ſich lange umſchlungen, aber endlich wand ſich Emil von ihr los, trocknete ihre und ſeine Thraͤnen und ſagte trocken und gefaßt: „Sei ruhig, meine Schweſter, das biſt Du mir in dem Augenblick geworden,— ich rette Dich und waͤre es aus den Klauen der Hoͤlle.“ In dem Augenblick oͤffnete ſich die Thuͤre— die Mama trat ein— ſie begriff ſogleich die Scene und fragte ernſt, aber nicht mit jener muͤtterlichen Strenge, welche nur einer tugendhaften Mutter er⸗ laubt iſt: „Was ſoll das?“ „Ich habe Abſchied genommen von Emil,“ ſagte Alwine, indem ſie ihrer Mutter folgte.„Das iſt Alles.“ Emil verließ wenige Augenblicke darauf das der Suͤnde und Schmach geweihte Haus. Alwine aber kehrte zu ihren Schweſtern zuruͤck. Sie hatten noch ſo viel zu ordnen an ihrem Putz, ſie mußten die unſchuldige Seele beruhigen, ſie vorbe⸗ reiten auf Das, was ihr bevorſtand, und ſie entledigten ſich ihres Auftrags mit aller Fineſſe der weiblichen Falſchheitskuͤnſte. Eine gefallene Schweſter hat fuͤr 40 — 164— ihre noch ſchuldloſe kein Erbarmen! Nur jenen Spott, der wie ein freſſendes Gift auf die Unſchuld fällt, nur jene heiteren Schwaͤnke, welche den Ernſt ſittlicher Betrachtungen verſcheuchen, nur jene proſaiſche Ver⸗ ſtandesrechnung, womit man die Einwendungen des beſſeren Gefuͤhles ſchlagend widerlegt! „Ach, gottlob!“ ſagte Henriette,„daß der Phan⸗ taſt fort iſt. Er hätte unſer gutes Alwinchen noch verruͤckt gemacht. Dieſe Tollheit— Nichts zu haben und von goldenen Bergen träumen— in ſtiller Huͤtte vier Wochen zu hungern und dann die Frau wegjagen — das ſind die Ausſichten, die er Dir bieten konnte. Er iſt ein completer Narr und hat keine Welterfah⸗ rung— man muß ihn ziehen laſſen. Nein, unſer Al⸗ winchen iſt nicht beſtimmt, von einem ſolchen Bettel⸗ jungen gepfluͤckt zu werden. Er wird ſchon irgend eine Kuͤchenmagd finden, welche ihn troͤſtet.“ Alwine antwortete Nichts; aber die Schweſtern hatten die koſtbaren Brillantohrringe, die Armbaͤnder und feinen Ketten vor ihr ausgebreitet, welche ihr der Unbekannte angeblich geſchickt hatte. Sie ſprachen von ihren eigenen Ausſichten— auf große Guͤter, Land⸗ haͤuſer, Equipagen, hochadelige Titel,— ach, welch' ein armſeliges Schickſal hätte ihr Emil bieten koͤnnen, ihr, die gewohnt war in Seide und Sammet zu gehen, nie zu arbeiten, ſich den ganzen Tag zu putzen und täglich bis Mittag zu ſchlafen! Es gelang den Troſt⸗ grunden det Schweſtern, ſie zu beruhigen, man hatte — 165— nur noch ihr Schamgefuͤhl abzuſtumpfen, ihre ſinnliche Eitelkeit zu erwecken. „Wahrlich, Schweſter,“ ſagte die Aelteſte,„Du biſt ſchoͤner als wir, dieſer niedliche Buſen, dieſe blen⸗ dende Weiße und Zartheit der Haut und— ha, ha — wahrhaftig, Du wirſt mehr Gluͤck machen, als wir.“ Dabei taͤtſchelten ſie ihre Wangen und Schultern, umarmten ſie mit einer gewiſſen Inbrunſt und neckten ihre Schamhaftigkeit auf mancherlei Weiſe. Es war in dieſem Hauſe ſchon jener Ton heimiſch, welcher Alles verdirbt um ſich her, welchem kein weibliches Weſen nahe treten darf, ohne Abbruch an ſeiner Rein⸗ heit zu leiden, ohne ſeine Seele zu beflecken. So beredtſam iſt nicht die Liebe, nicht die Begei⸗ ſterung, wie die Verruchtheit verdorbener Weiber, welche ein Opfer mit ſich in's Verderben reißen wollen. So uneigennutzig iſt nicht die Tugend, wie das Laſter, welches verfuͤhrt, nur um des Laſters willen, nur um der Befriedigung wegen, ein Geſchöpf mehr in ſeinen Abgrund geriſſen zu haben. Die Gefallenen können den Gedanken nicht ertragen, daß ſich Andere uͤber ihre ſittliche Verworfenheit erheben ſollen: Muͤtter ſuchen ihre Toͤchter, Schweſtern ihre Schweſtern zu verderben, um ſie ſich gleich zu machen. Welche Beredtſamkeit, welche Taͤuſchungen, welche Luͤgen wurden aufgeboten, das Kind zu uͤberzeugen, ſie gehe ihrem Gluͤcke entge⸗ gen, der Wuͤſtling, der ihrer begehre, wuͤnſche ihr ſehn⸗ — 4166— lichſt Rang, Vermoͤgen, Alles zu Fuͤßen zu legen. Es komme nur darauf an, ſeiner Leidenſchaft nicht zu widerſtreben, ihn durch Ergebung in helle Flammen zu ſetzen. Endlich war das Werk gelungen, das Opfer glaubte, hoffte, gluͤhte— man konnte auf ſie vertrauen, anf ihre ſinnliche Schwaͤche, ihre Eitelkeit, ihre„Auf⸗ klaͤrung“. Die Philoſophie des Eigennutzes ſollte die Henkerin ihrer Unſchuld werden. Man entließ ſie mit Gluͤckwuͤnſchen, man beneidete, ſchmeichelte, ver⸗ goͤtterte ſie. Verwirtt, betaͤubt, berauſcht von ſchwär⸗ meriſchen Hoffnungen, ſtieg ſie in den Wagen— Kußhaͤnde, laͤchelnde Winke, verſtellte neidiſche Seufzer begegneten den letzten Blicken, welche ſie auf ihr väter⸗ liches Haus warf,— der Wagen rollte fort, ſie ſollte nicht wieder zuruͤckkehren. Zehn Minuten— laͤnger nicht— brauchten die leichtfuͤßigen Ungarpferde, um das geſchmuͤckte Opfer an den Ort zu bringen, wo das Rendezvous ſtattfin⸗ den, ſie die erſte Nacht außer dem vaͤterlichen Hauſe in den Armen eines ihr fremden Mannes zubringen ſollte. Welche Vorſtellungen ſtuͤrmten auf ſie ein, welche Bangigkeit, welche Gluth der Phantaſie! Sie war blindlings den Rathſchlaͤgen ihrer Mutter gefolgt — welchen anderen ſollte ſie folgen? Zwar begriff ſie nicht, welchen Grund ein reicher, junger, wohlge⸗ bildeter Mann haben ſollte, ſo geheimnißvoll, ſo unzart ₰ ihren Beſitz zu erſtreben— aber die Mutter mußte das beſſer verſtehen. Der Wagen hielt vor einem kleinen niedlichen Haͤuschen— mit klopfendem Herzen ſtieg ſie aus, eine Frau von gutmüthigem freundlichen Weſen empfing ſie und fuͤhrte ſie in das erſte Stockwerk, in das In⸗ nere einer ganz einfach, aber anſtaͤndig moͤblirten Stube. „Machen Sie es ſich bequem,“ ſagte die Frau, „nehmen Sie vorlieb mit den Bequemlichkeiten, welche ich Ihnen bieten kann— ich gehe, den Herrn, der Sie erwartet, zu rufen.“ Man ließ ſie allein. Sie hatte erwartet in einen praͤchtigen Salon ge— fuͤhrt zu werden— wie contraſtirte dieſe beſcheidene Stube mit ihren Erwartungen! Eine unbeſchreibliche Angſt bemächtigte ſich ihrer:— wie ſollte ſie ſich be⸗ nehmen, mit welcher Miene den Fremden empfangen? Rings um ſich fand ſie Gegenſtaͤnde, welche fuͤr einen Tempel des Vergnugens uͤbel gewaͤhlt waren. Reli⸗ gioͤſe Bilder bedeckten alle Waͤnde und auf einem Spiegeltiſch ſtand ein großes Crucifir. Ihre Blicke konnten ſich nicht davon trennen— dieſe ernſte Mah⸗ nung ſtimmte zu ſehr mit einer inneren Stimme uͤberein, welche ihr Vorwuͤrfe machte. Sie dachte der Mahnungen des Prieſters, der ihr die Begriffe von Religion und Tugend beigebracht hatte. Zwar hatte ſie von ihren Eltern oft dieſer Vorurtheile ſpotten — gehoͤrt, aber ihr Herz widerſprach den kalten Lehren einer Vernunft, welche ſie nicht faſſen konnte. Zweifel erwachten in ihr, Zweifel, welche ihr kindlich ver⸗ trauendes Herz nie gekannt hatte, denn ſie liebte dieſe Mutter, welche ſie preisgab. Ihre Aufregung wuchs mit der Dauer ihrer Ein⸗ ſamkeit. Sie horchte auf jedes leiſe Geraͤuſch— im⸗ mer noch blieb ſie allein. Sie erinnerte ſich einer frommen Gewohnheit: bei jedem wichtigen Schritt, den ſie unternahm, zu beten. Sehnſuͤchtig nach innerer Beruhigung richteten ſich ihre Blicke auf das Kreuz⸗ bild— aber ſie zitterte ſich ihm zu naͤhern. „Waͤre es nicht Gotteslaͤſterung, zu beten,“ dachte ſie,„wenn man im Begriff ſteht zu ſuͤndigen!“ Schauder begleiteten dieſen Gedanken. „Suͤndigen— warum ſoll— warum muß ich ſuͤndigen?— mein Herz trieb mich nicht hierher— mein Gewiſſen hielt mich zuruͤck— warum muß ich ſuͤndigen?“ Vergeblich ſuchte ſie ſich der Beweggruͤnde ihrer Handlung zu entſinnen. Die Kuͤnſte der Verfuͤhrung hatten ihren nur auf den Augenblick berechneten Zauber verloren, die Ausſichten, welche man ihr vorgeſpiegelt, hatten in ihrem Gedaͤchtniß nicht gewurzelt, ihr natur⸗ licher Verſtand fand keine Rechtfertigung fuͤr einen Schritt, der eben ſo leichtſinnig als verdammlich war. Sie erſchrak vor der Entdeckung, die ſie machte, daß man ſie nur durch ununterbrochenes Zureden, Schmei⸗ — 169— cheln, Verhoͤhnen, Vorwuͤrfe und Drohungen dahin ge⸗ bracht hatte zu gehorchen. Zu dieſen Gedanken geſellte ſich eine kindiſche Furcht. Wie, wenn man ſie hierher verlockt haͤtte, um ſie zu berauben, zu ermorden? In dieſer Stimmung hoͤrte ſie ploͤtzlich im ge⸗ daͤmpfteſten Pianiſſimo einen Fluͤgel ſpielen. Horch, dies Präludium klang ihr bekannt—„Emil, Emil, Emil,“ rief ſie unbewußt aus,„ach, mein Emil, mein guter, ſanfter Emil!“ Sie bedeckte ihr Geſicht mit den Haͤnden— ſie weinte— ſie gedachte ſeiner Worte, ſeiner ſtummen Zärtlichkeit, ſeiner Vorwuͤrfe,— ja gewiß, er hat Recht — er liebte ſie ja— er ſagte die Wahrheit—„ ſie fuͤhren mich in's Verderben, ſie wollen mich toͤdten,— fort— hinweg, ehe es zu ſpaͤt iſt!—“ In Todesangſt ſpähte ſie nach den Fenſtern— dicke Finſterniß lag auf der Straße, nach der Thuͤre — ſie war— aus Vorſicht— geſchloſſen, ihre Furcht erreichte den Grad des Schreckens, und unbe⸗ wußt fing ſie plotzlich an zu ſchreien:„Emil, Emil, Emil!“ Da flog eine Thuͤre auf— ſie traute ihren Au⸗ gen nicht— ein Traum oder ein Engel in ſeiner Geſtalt— ſie flog in ſeine Umarmung. Dann— jetzt hatte ſie den Muth dazu— ſtuͤrzte ſie vor das Cru⸗ cifir und betete laut:„Mein Gott, ich danke Dir, daß Du mich gerettet haſt!“ — Jetzt fuͤrchtete ſich das Kind nicht mehr, jetzt ward ihr ploͤtzlich heimlich in der Stube, jetzt war die Phantaſie geheimer Sinnlichkeit von ihr entflohen, jetzt haderte ihr Gewiſſen nicht mehr, ihr Inneres war ruhig, ſie trachtete nicht mehr zu entfliehen. „Aber erklaͤre mir doch, Emil,“ ſagte ſie endlich, „wie konnteſt Du wiſſen, ahnen...?— wie kamſt Du hierher?“ Emil zoͤgerte zu antworten. „Ein guter Genius,“ ſagte er endlich,„hat Dich bewacht;— komm, hoͤre mich an— ich muß Dir eine Geſchichte erzaͤhlen, meine liebe, liebe Schweſter, es wird Dir Alles klar werden— vielleicht auch wird Alles gut— es kommt auf Dich an,— aber unterbrich mich nicht— hoͤre mich bis zu Ende.“ Mit dieſen Worten fuͤhrte er ſie zu einem Sopha, nahm ihre Haͤnde in die ſeinigen und nach wie⸗ derholtem Athemholen begann er folgende Erzaͤhlung, worauf er ſich offenbar lange vorbereitet hatte. „Es ſind ungefaͤhr zwanzig Jahre her, als in dieſer Stube hier vor dieſem Crucifix, im Angeſicht dieſer frommen Bilder hier, eine fromme, gute, ehr⸗ wuͤrdige Frau das Zeitliche mit der Ewigkeit vertauſchte. — Sie war die Witwe eines braven Officiers, welcher in der Schlacht geblieben war; ſein Tod brach auch ſeinem Weibe das Herz und an ihrem Sterbelager weinte eine Waiſe— eine Tochter, ſo ſchoͤn, bluͤhend, jung, wie Du— und nicht minder —— froh und, verzeih' mir das Wort, leichtſinnig. Die gute Frau, welche Dich hierher gefuͤhrt, ihre Tante, nahm ſich der Verwaiſten redlich an; ſelbſt arm, konnte ſie ihr zwar keinen Erſatz fuͤr ihren Verluſt bieten, aber ſie vor Mangel und Schande durch Arbeit und muͤtterliche Strenge ſchuͤtzen. Aber Theodore war beſſere Tage gewohnt, dieſes muͤhſelige verborgene Le⸗ ben, welches ihre Tante gewohnt war, ſagte ihr wenig zu, ſie war eitel, gefallſuͤchtig— junge Manner ſtell⸗ ten ihr nach und ſpotteten ihrer Ehrbarkeit. Man ſtellte ihr vor, welche glaͤnzende Lage ſie erreichen könnte durch die Vorzuge ihres Koͤrpers und Geiſtes. Ein junger Mann, Adjutant eines Herzogs, verfuhrte ſie und bewog ſie zu entfliehen. Die gute beſorgte Tante konnte ihre Spur nicht auffinden— endlich aber an einem Sonntage, wo ſie ſich Erholung goͤnnte, entdeckte ſie die Verborgene— kaum traute ſie ihren Augen— in fuͤrſtlichen Gewändern, in einer pracht⸗ vollen Equipage, deren Pferde ihr den Koth in's An⸗ geſicht ſpritzten. Sie glaubte, eine Aehnlichkeit aͤffe ſie, und fragte um den Namen der Dame— ein Vor⸗ uͤbergehender ſagte ihr lachend:„Ja das iſt ein ſchoͤnes Weibsbild— es iſt eine Maitreſſe des Herzogs, der alle vier Wochen eine Andere hat— die wird's auch nicht lange treiben.“ Noch zweifelte ſie an der Iden⸗ tität der Perſon, welche ſie ſah, mit ihrer Nichte, aber eingezogene Erkundigungen uͤberzeugten ſie, daß ſie richtig geſehen hatte. Ihre erſte Sorge war nun, ihre — 172— Nichte zu retten. Durch Bitten und Drohungen gelang es ihr, ſich Gehör zu verſchaffen, denn ſie war als naͤchſte Anverwandte berechtigt, ſich ihrer Nichte anzu⸗ nehmen. Das verfuͤhrte Opfer, ſchon zu tief in ihrer Verirrung verſunken, empfing ſie mit einer erheuchelten Reue, ſie verſprach das Verhaͤltniß mit dem Herzog, der als Libertin und Wuͤſtling beruͤchtigt war und nicht einmal an eine ernſtliche Liaiſon fuͤr immer dachte, abzubrechen und einen jungen, rechtlichen Mann zu heirathen, den ſie zufaͤllig kennen gelernt, und wel⸗ cher ſie zu verſorgen im Stande ſei. Die Tante er⸗ kundigte ſich nach dem jungen Mann bei einem Kauf⸗ manne, in deſſen Dienſten er geſtanden, den er aber verlaſſen, um wegen ſeiner angeblichen Geſchicklichkeit als Secretaͤr bei einer Geſandtſchaſt angeſtellt zu wer⸗ den, und erfuhr nichts Nachtheiliges uͤber ihn. Wirk⸗ lich wurde die Heirath vollzogen und die befriedigte Tante uͤberließ nun die ſcheinbar Reumuͤthige, unver⸗ dient Begluͤckte mit Ermahnungen und Segensſpruͤchen ihrem Gatten. Allein bald erfuhr ſie zu ihrem Schrecken, daß dieſe Heirath von des Herzogs Adjutanten einge⸗ leitet worden, um das Verhaͤltniß mit dem Herzog, in deſſen Dienſte der junge Mann ploͤtzlich uͤbertrat, zu bemaͤnteln. Unter ſolchen Umſtanden betrachtete die Tante ihre Muͤndel fuͤr verloren, und die Ungluͤck⸗ liche war es in der That. Nach drei Monaten ſchon ſuchte ſich der Herzog ihrer zu entledigen, er fertigte ſie ein fuͤr alle Mal mit einer bedeutenden Summe — 13— ab, ließ ihr aber außerdem eine kleine Penſion aus⸗ zahlen. Die Ungluͤckliche haͤtte noch Zeit gehabt, zu ihrer Pflicht zuruͤckzukehren, aber gewoͤhnt an Luxus, Pracht und einen ausſchweifenden Lebenswandel, fiel ſie aus einer Hand in die andere, und man nennt eine Unzahl von reichen Cavalieren und Kaufleuten, welche allmaͤlig durch ihre Verſchwendung zu Grunde gerichtet wurden, ohne daß die Zuͤgelloſe dadurch be⸗ reichert worden waͤre; ſie verſchwendete Alles! Denn wiſſe, mein Kind, der Erwerb des Leichtſinns geht den Weg des Leichtſinns.— Inzwiſchen hatte ſie drei Toͤchter geboren— unterbrich mich nicht, Du mußt Alles hoͤren— drei Toͤchter, deren Vaͤter man nicht kannte— welche in Wohlleben und Lurus auferzogen wurden, ohne die Quelle kennen zu lernen, woraus derſelbe beſtritten wurde. Der Herzog ſtarb — die Penſion wurde nicht mehr ausgezahlt. Allein die Ungluͤckliche hatte alle Kuͤnſte der Intrigue kennen gelernt. Sie begann einen Proceß gegen die Erben des Herzogs und ſuchte zu beweiſen, daß ihre Kinder ſeine natuͤrlichen Toͤchter ſeien. Allein die Erben be⸗ wieſen durch ihren Sachwalter die Unmoͤglichkeit dieſer behaupteten Thatſache durch unumſtößliche Beweiſe, ſie wieſen der Klaͤgerin eine Reihe von Ausſchweifungen nach und machten viele Perſonen namhaft, welche in der Zeit vor der Geburt dieſer Kinder mit ihr im ver⸗ traulichen Umgang geſtanden hatten— denn mehrere dieſer Perſonen waren ſelbſt Erben des Herzogs. Die ——————————— — Ungluͤckliche war jetzt ihrer letzten Stutze beraubt. Ihre Reize waren verwelkt,— ſie warf eineBlick auf ihre Toͤchter und beſchloß ſie nun fuͤr den Erwerb der Schande heranzuziehen. Es wurden ihnen in fruͤheſter Jugend leichtſinnige Grund⸗ ſätze beigebracht, ihre Sinnlichkeit erregt, ihrer Gefall⸗ ſucht geſchmeichelt—“ In heftiger ahnungsvoller Bewegung erhob ſich lwine, aber Emil ließ ihre Haͤnde nicht los: „Bleib', Alwine!“ rief er und eine Thraͤne perlte uͤber ſeine Wange;„bleib, bei Deinem Leben, hoͤre mich ruhig zu Ende. Es gilt Dein— und mein Leben.“ „Eines Tages,“ fuhr Emil mit vor Bewegung ſtockender Stimme fort,„kurz nach dem Verluſte des Proceſſes und nach der Erklaͤrung ihres Gemahls, daß er fuͤr Kinder nicht ſorgen wolle, welchen ex nicht das Leben gegeben— ſchickte dieſe unnaturliche Mutter ihre Töchter in auffallender Kleidung guf die Straßen Wiens— ſie ſollten Aufſehen machen— man ſollte ſie als der Schande geweihte Opfer kennen lernen— ſie ſollten die Blicke der Reichen auf ſich ziehen.— Die Ungluͤcklichen gingen, ohne den Plan zu kennen, den man hatte; es entſtand ein Straßen⸗ ſkandal, der, wie die Mutter wohl berechnet hatte, die Waare bekannt machte. Die Namen der drei Mädchen wurden von der galanten Welt in die Re⸗ giſter der kaͤuflichen Dirnen eingezeichnet, man gab ihnen den Handwerksnamen:„Die drei Gra⸗ zien.“ Emil ſprach dieſe Worte mit einem bittern, grau⸗ ſamen Nachdruck, der die beabſichtigte Wirkung nicht verfehlte. Laut ſchluchzend verbarg Alwine das von ihrem Geliebten ſo wohlthaͤtig gepeinigte Geſicht in ſeine Hände und ſtammelte:„Ach Gott, mein Gott, hoͤr' auf— ich ertrag' es nicht!“ „Du mußt bis zu Ende hoͤren,“ fuhr Emil un⸗ erbittlich fort.„Gott wird Dir Kraft verleihen.— Hoͤre mich weiter. Bald— denſelben Tag kam es wie die Mutter erwartet hatte. Kuppler und Kupplerinnen gingen aus und ein in dem ſchmach⸗ erfuͤllten Hauſe— die reichſten Wuͤſtlinge machten ihre Antraͤge— man wählte unter ihnen fuͤr die noch ſchuldloſen, aber ſchon ſittlich vorbereiteten Maͤd⸗ chen, die juͤngſten, welche das vortheilhafteſte Aeußere hatten— und bald waren die beiden aͤlteren Toͤch⸗ ter gegpfert. Als dieſe endlich— und gar bald die Täuſchung erkannten, als ſie gewahrten, daß der Preis fuͤr ihre Herabwuͤrdigung das ganze Haus erhalten muͤſſe, als es zu ſpaͤt war umzukehren, ſchloſſen ſie mit der Mutter ein Buͤndniß, auch die dritte Schweſter in den Erwerbs⸗ ſtand zu ſetzen. Nichts ſchien ihnen, den Geopfer⸗ ten— welche ſich gern opferten— billiger. Wenige Tage noch— und auch dieſe war verloren.“ Hier geſtattete ſich Emil einen Ruhepunkt, waͤh⸗ rend deſſen er ſich zu dem Schluſſe ſeiner furchtbaren Erzaͤhlung ſammelte. Zitternd, mit niedergeſchlagenen Augen und heftig pochendem Herzen hoͤrte Alwine ihn bis zu Ende. „Zu der Zeit, als dies geſchah,“ fuhr er, die Au⸗ gen ſenkend, fort,„befand ſich in dem Hauſe dieſer ungluͤcklichen Mutter ein junger Mann, welcher die juͤngſte der Schweſtern mehr liebte als ſein Le⸗ ben!—— „Dieſer junge Mann hatte lange Nichts von Al⸗ lem, was vorging, begriffen. Ein Zufall aber ſpielte ihm die Acten jenes furchtbaren, ſchändlichen Proceſſes in die Haͤnde, er fand darin die ganze Lebensgeſchichte dieſer Mutter und auch den Namen und die Adreſſe ihrer ehrwuͤrdigen Tante, welche man ſo frech war, ſelbſt als Zeugin vor Gericht zu laden. Er beſchloß Alles zu wagen, um— nachdem es zu ſpät war fuͤr die Anderen— wenigſtens ſeine Geliebte vor dem Schickſale ihrer Schweſtern zu retten. Aberzeider war das Gift der Verfuͤhrung in ihr Herz gedrungen. Jeden Augenblick konnte ſie geopfert werden. Der junge Mann wandte ſich zuerſt an den ewigen Sachwalter aller Ungluͤcklichen— an ſeinen Schoͤpfer. Dieſer gab ihm einen Gedanken, einen Plan ein, deſſen Ausfuͤhrung zwar viele ſeiner Lebens⸗ hoffnungen zerſtören, ihn der Ausſicht auf ein minder beſchwerliches Leben berauben, aber wenigſtens ſicher zum Ziele fuͤhren mußte, wenn in dem Herzen — 477— ſeiner Geliebten, das er vollkommen kannte als ur⸗ ſpruͤnglich edel und ſanft, nur noch ein Reſt von Tu⸗ gendgefühl ſich fand. Es galt, ihr mit einem ſchreck⸗ lichen Schlage den Abgrund zu zeigen, an welchen man ſie ſpielend gefuͤhrt hatte. Es galt ein Mittel zu finden, um noͤthigen Falls das bereits geſchmuͤckte Opfer mit Gewalt und Hilfe der Gerichte ſeinen Eltern zu ent⸗ reißen. Es galt dieſe Eltern zu beſtimmen, ihr Kind herauszugeben und den Wuͤſtlingen zuvorzukommen. Alles dies war— bei den großen Rechten der Eltern uͤber ihre Kinder, Mangel an Beweiſen und Einver⸗ ſtändniß mit dem Opfer— nur auf eine Weiſe moͤg⸗ lich:— man mußte den Eltern ihr Kind ab⸗ kaufen. Der junge Mann kannte den Preis, um welchen die beiden älteren Toͤchter verkauft worden waren— die ganze Stadt kannte ihn— es wurden funfzehntauſend Gulden Schulden und Proceßkoſten davon getilgt, es waren alſo zu dieſem Handel, um des Erfolgs ſicher zu ſein, zehntauſend Gulden um ſo mehr erforderlich, da man Beweiſe des Handels bedurfte, um Zwangsmittel gegen die Eltern zu gewin⸗ nen. Der junge Mann— unter Vormundſchaft ſte⸗ hend, hatte keine Hoffnung, eine ſolche Summe auf⸗ zutreiben, aber das Erbe ſeines Vaters betrug dieſe Summe. Durch Bitten, Eide, Thraͤnen brachte er den Vormund dahin, auf ſeine Gefahr ihm dies Erbe herauszugeben. Der Umſtand, daß der Vater jener Toͤchter ihm viertauſend Gulden ſchuldete, Wien. 1. Bd. 12 trug dazu bei, ihn zu beſtimmen, der Redlichkeit des jungen Mannes zu vertrauen und ihm den Betrag ſeines Erbes gegen eine, eigentlich geſetzlich ungiltige Abtretungsurkunde herauszugeben. Durch Bitten und Vorſtellungen brachte der junge Mann es dahin, daß jene ehrwuͤrdige Tante die Rolle einer Kupplerin uͤbernahm, um ein Kind ihrer Nichte zu retten und dieſe zu uͤberfuͤhren, daß eine Mutter im Stande war, ihr Kind zu verkaufen und den Preis groͤßtentheils fuͤr ſich zu behalten. Sie nahm es auf ſich, den Antrag ſo zu ſtellen, daß der Beweis des Handels noͤthigenfalls gerichtlich ge⸗ fuͤhrt werden konnte. Zwei Zeugen hoͤrten bei offenen Thuͤren, obgleich ungeſehen, den Antrag und deſſen An⸗ nahme, eine eigenhaͤndige Quittung des Vaters ver⸗ ſtäͤrkte den Beweis, der Preis wurde gezahlt, das Opfer zur beſtimmten Stunde geliefert: alle Beweiſe ſind in Ordnung, die Eltern haben kein Recht mehr auf ihr Kind! Man kann es ihnen entzie⸗ hen, unter gerichtliche Vormundſchaft ſtellen— es iſt, wenn es will, auf immer gerettet!“ Die letzten Worte ſprach Emil mit Jubel— denn Alwine lag bereits laut weinend in ſeinen Armen. „Und das haſt Du fuͤr mich gethan!—“ ſchluchzte ſie, ihn an ſich preſſend und ſeine Haͤnde, ſeinen Mund mit Kuͤſſen bedeckend,— Du, mein Emil— Du haſt Dein ganzes Vermoͤgen, Deine Zukunft geopfert fuͤr mich— und ich, bin ich denn werth dieſes Opfers, S. — 79— o Gott! verzeih' mir— verlaß mich nicht— verlaß mich nie— ich will Deine Magd ſein— fuͤr Dich arbeiten mit meinen Haͤnden— fuͤr Dich beten!— ach, Du biſt kein Menſch— Du biſt ein Heiliger, Du mein Engel, mein guter Geiſt, mein Emil.“ So ſich ergießend, warf ſich das Maͤdchen zu ſeinen Fuͤßen— aber dann ſich wieder beſinnend, fragte ſie halb zweifelnd: „Aber, Emil, iſt denn dieſe ſchreckliche Geſchichte — Du nannteſt keine Namen—“ „Sie iſt die Deiner Mutter und die Deinige. Und dieſe wuͤrdige Frau, welcher Du Alles dankſt, iſt Deine brave Großtante.“ Dieſe ſtand unter der Thuͤre mit nickendem Kopfe und leiſe weinend. Nun trat die fromme Frau herzu, legte ſegnend ihre Haͤnde auf das Haupt ihrer Enkel⸗ nichte und ſchloß ſie dann mit Inbrunſt an ihr Herz. Die Engel im Himmel freuten ſich einer geretteten Seele. Es war acht Uhr Morgens. Madame Simmer war etwas unruhig— Alwine kehrte noch immer nicht nach Hauſe zuruͤck. „Ach, es war doch unrecht, Madame,“ ſagte die alteſte Tochter,„die Arme ſo allein fortzuſchicken, ohne zu wiſſen wohin— ja ohne den Namen des Mannes zu kennen, dem wir ſie anvertraut haben.“ „Einfältiges Ding,“ antwortete Mama,„bei einem Manne, der ein ſolches Opfer bringen konnte 12* — um ein einziges Rendezvous, bei dem iſt ſie gut auf⸗ gehoben, wer es auch ſei. Sind wir doch nicht im Lande der Menſchenfreſſer— was kann man ihr anhaben?“ Nicht ſo beruhigt zeigte ſich der Herr Papa. Ihm war bei der ganzen Sache nicht wohl zu Muthe. Dieſe rapide Unterhandlung, ohne alle Facon, hatte ihn bange gemacht, er ahnte nichts Gutes. „Habt Ihr den Fiaker nicht gefragt, der ſie holte, wohin er ſie gefahren?“ „Man hat ſich ſeine Nummer gemerkt,“ erwiderte Madame,„allein er war geſtern Abend nicht mehr aufzufinden.“ „Seltſam,“ bemerkte Herr Simmer,„der Mann geht ſehr geheimnißvoll zu Werke— auch die Frau, mit der ich geſprochen, war nicht mehr zu finden. Man behauptete, ſie in dem Hauſe, wo ſie zwei Stu⸗ ben auf einen Monat gemiethet hatte— blos, wie es ſcheint, zu dieſer Unterredung— gar nicht zu kennen. Es ſcheint etwas Beſonderes hinter dieſer Sache ʒu ſtecken, wenn nicht etwa eine Perſon vom hoͤchſten Range—“ In dem Augenblicke wurde Emil gemeldet— er wuͤnſche mit Herrn Simmer eine Unterredung unter vier Augen. Der Herr Kammerrath empfing dieſe Anmel⸗ dung mit einer gewiſſen Bangigkeit, die Damen ſtaunten. „Was will nur dieſer fatale Menſch noch in un⸗ ſerem Hauſe?— es ſcheint, daß er ſich in unſere Familienangelegenheiten miſcht— fertigen Sie ihn gut ab, Herr Gemahl— ich bitte darum.“ — 181— „Verlaſſen Sie ſich darauf!“ antwortete dieſer und begab ſich auf ſein Cabinet, wo ihn Emil in ernſter Haltung erwartete. Der junge Mann hatte alle ſeine Schuͤchternheit abgelegt, er fuͤhlte ſeine Wuͤrde gegenuͤber einem ſolchen Menſchen. „Was wuͤnſchen Sie, mein Freund?“ fragte der Kammerrath ziemlich barſch. „Mein Herr,“ antwortete dieſer,„ich komme, Sie um die Hand Ihrer Tochter Alwine zu bitten, und zwar um eine augenblickliche, von Ihnen und Ihrer Frau unterzeichnete ſchriftliche Einwilligung.“ Erſtaunt, erſchrocken uͤber dieſen Ton, rief Sim⸗ mer aus: „Wie?— was?— Sie verlangen meine Tochter— und in dieſem Tone?— Sie, ein Menſch ohne Ver⸗ moͤgen, Rang, der kaum fuͤr ſich ſelbſt ſorgen kann?“ „Mein Herr,“ fuhr Emil mit Nachdruck fort, „was meinen Ton betrifft, ſo bitte ich Sie, uͤber dieſe Aeußerlichkeit hinwegzugehen,— es handelt ſich um das Gluͤck Ihrer— Tochter, wenn ich ſo ſagen darf. Was mein Vermoͤgen betrifft, ſo bin ich allerdings ſeit 24 Stunden voͤllig verarmt— mein Erbe, welches mein Vater mir hinterließ, mit der Beſtimmung, daß es mir im 24. Jahre eingehaͤndigt werden ſolle, bis wohin ich mich ſelbſt fortzubringen ſuchen muͤſſe, um die Muͤhen des Lebens kennen zu lernen, unter Auf⸗ ſicht meines Vormundes, dem er auf dem Sterbebette verſprechen mußte, mich niemals ohne die dringendſte — 182— Noth zu unterſtuͤtzen— iſt dahin. Allein ich habe durch Verwendung dieſes meines Vormundes eine An⸗ ſtellung als Secretär des»ſchen Theaters erhalten, welche mich in den Stand ſetzt, eine Frau nothduͤrftig, aber ehrlich zu erhalten. Ihre Tochter liebt mich, ſie ſteht mir an Geburt und Vermogen gleich, gegen meine Moralität iſt Nichts einzuwenden, kein Vorwurf, kein Makel laſtet auf mir, wie Ihr eigenes Zeugniß beſtaͤtigt,— ich glaube unter ſolchen Umſtaͤnden be⸗ rechtigt nicht nur, nein— verpflichtet zu ſein, Alwinen vor dem ſchmaͤhlichen Schickſale zu retten, wozu ſie ihre Eltern beſtimmt haben.“ Der Herr Kammerrath war ſichtbar beſtuͤrzt, ſuchte ſich aber zu faſſen und nahm eine erborgte Wuͤrde an. „Welche Frechheit!— wiſſen Sie, junger Mann, mit wem Sie ſprechen?— was berechtigt Sie zu einer ſo unerhoͤrten Schamloſigkeit?— glauben Sie, ich werde meine Tochter einem Habenichts an den Hals werfen, auf Ihre Vorſpiegelung von einer Stellung hin, welche, abgeſehen davon, daß ſie meiner Tochter unwuͤrdig iſt, noch dazu voͤllig unſicher iſt?“ „Hoͤren Sie mich bis zu Ende, mein Herr,“ ent⸗ gegnete Emil gelaſſen,„Sie ſagen, ich wiſſe nicht, mit wem ich ſpreche.. mein Herr, ich weiß es: mit einem Gluͤcksritter, der es nicht verſchmaͤht hat, ſich zum Deckmantel des ſchaͤndlichen Gewerbes eines ſitten⸗ loſen Weibes herzugeben, mit einem Manne, der ſeine Toͤchter an die Schande verhandelt und den Preis + — 183— dafur verſchwendet,— Sie ſehen, ich weiß, mit wem ich ſpreche.“ „Elender!“ ſchrie der Kammerrath,„wo ſind die Beweiſe Ihrer Anklagen?— Sie werden mir Rede ſtehen vor Gericht—“ „Nach Belieben,— die Beweiſe werde ich Ihnen liefern, denn nicht nur liegen die Acten Ihres ſchaͤnd⸗ lichen Proceſſes den Gerichten vor, ſondern ich habe Ihre eigene Handſchrift zum Beweiſe Ihrer Schaͤnd⸗ lichkeit in Händen. Kennen Sie dieſe Papiere?“ Mit dieſen Worten hielt Emil dem Vernichteten ſeine eigene Quittung vor die Augen. Allein noch gab ſich der Entlarvte nicht verloren. „Wie kommen Sie zu dieſem Papier? Was be⸗ weiſt es?“ „Es beweiſt, mein Herr, daß Sie geſtern um 11 uhr Morgens Ihre Tochter Alwine an einen Ihnen voͤllig unbekannten Mann verkuppelt und dadurch den Pranger verdient haben!“ „Wie können Sie mir das beweiſen?— Beweiſe, Herr, Beweiſe!“ rief der Verzweifelnde. „Beweiſe? Hier ſind ſie. Hier ſehen Sie Ihre Beſtätigung uͤber den Empfang von 6000 Gulden, hier den Brief, den Sie Ihrer Tochter dictirten, hier die von zwei Ohrenzeugen unterzeichnete Be⸗ ſtätigung, daß Sie gegen 10,000 Gulden Ihre Toch⸗ ter auf eine Nacht einer Ihnen unbekannten Perſon uberlaſſen haben, und um den Beweis vollſtaͤndig zu — 184— machen, wird die Ausſage Ihrer Tochter genuͤgen, von der Sie in dieſem Augenblick nicht wiſſen, wo ſie ſich befindet. Ich aber weiß es, mein Herr;— wiſſen Sie denn, mein Herr, daß ich es ſelbſt bin, dem Sie Ihre Tochter ſchmaͤhlich verhandelt haben, und daß ich, der ſein ganzes Vermoͤgen geopfert hat, um ſeine Geliebte vor Schande zu retten, ein Recht habe von Ihnen zu verlangen, daß Sie nicht einen Augenblick zoͤgern, Ihre Einwilligung zu einer ehelichen Verbin⸗ dung zu geben. Waͤhlen Sie nun, mein Herr, zwi⸗ ſchen der ungeſaumten Erfuͤllung meines Begehrens und dem Pranger.“ Der Herr Kammerrath war niedergedonnert auf einen Stuhl geſunken. Der Angſtſchweiß rann ihm in dicken Tropfen von der Stirne. „In der That, mein Herr,“ ſtammelte er,„das iſt ein ſchweres Complot gegen einen ohnehin ungluͤck⸗ lichen Mann— gönnen Sie mir etwas Ruhe— Be⸗ denkzeit—“ „Wozu Bedenkzeit, mein Herr?“ ließ ſich ploͤtz⸗ lich die Stimme der unnatuͤrlichen Mutter vernehmen, welche die ganze Scene behorcht hatte,„wozu Bedenk⸗ zeit?“ wiederholte ſie mit einem boshaften Accent,„die Sache iſt ſehr einfach: wir koͤnnen bei dieſem Com⸗ plote Nichts verlieren— wir haben das Vermoͤgen des jungen Herrn in Haͤnden, er will und muß fuͤr Alwinen ſorgen, wir haben eine Laſt weniger— un⸗ terzeichnen Sie, mein Herr, und ich werde Ihrem — Beiſpiele folgen— die beiden jungen Leute moͤgen zuſehen, wie ſie mit dem Leben fertig werden.“ In der That blieb nichts Anderes uͤbrig— die ehrenwerthen Eltern gaben in aller Form Rechtens ihre Einwilligung zur ehelichen Verbindung ihrer Toch⸗ ter Alwine mit Emil. Als dies geſchehen war, ſtellte ſich die unnatuͤrliche Mutter vor den jungen Mann hin und ſagte, indem ſie ihre Worte mit furioſen Blicken begleitete: „Jetzt, mein Herr Schwiegerſohn, verlaſſen Sie augenblicklich dieſes Haus, und ſagen Sie meiner Tochter, daß ſie zeitlebens mir nicht unter die Augen treten ſoll,— daß ſie niemals, und waͤre ſie dem Hun⸗ gertode nahe, auf den Beiſtand einer Mutter rechnen duͤrfe, welche ſie verrieth,— daß ſie von mir enterbt und verſtoßen iſt. Sagen Sie ihr, daß, wenn ſie bettelnd jemals vor meine Schwelle kommt, ich ſie mit Fuͤßen von mir ſtoßen und allem Elende uner⸗ bittlich preisgeben werde, welches ſie treffen wird. Sa⸗ gen Sie ihr dies, und nun— Adieu!“ Emil aber entgegnete ſanft und mild wie ein Se⸗ raph, der zu einem gefallenen Engel ſpricht:„Ich aber ſage Dir, Du ungluͤckſeliges, verblendetes Weib: — wenn einſt der freche Muth der Suͤnde von Dir gewichen, wenn Dich die Rache des Himmels getrof⸗ fen, wenn Deine Kinder Dich verlaſſen werden, von deren Entwuͤrdigung Du lebſt und in Wohlleben ſchwelgſt, wenn Reue und Verzweiflung Dein Herz — 186— zerreißen, Mangel, Elend, Krankheit Dich getroffen haben werden, dann erinnere Dich des Kindes, das Du im Uebermuthe Deiner Suͤnde verſtoßen haſt, und Du wirſt an ihrem reinen Buſen eine letzte Zuflucht finden, wo Du Dich mit Gott verſoͤhnen und im Arme der kindlichen Liebe ſterben kannſt. Vergiß dieſe Worte nie in den Wechſelfaͤllen Deines ſchmaͤh⸗ lichen Lebens, und lerne Gott fuͤrchten, der die Tu⸗ gend nicht verlaͤßt und deſſen Arm Dich zuͤchtigen wird. Lebt wohl!“ Zehn Jahre ſpaͤter— in einer elenden Dachkam⸗ mer— von Allem entbloͤßt— lag eine arme Frau im Sterben. Ein Prieſter reichte ihr die letzte Wegzehrung. „Haben Sie keine Verwandten, keine Angehöri⸗ gen, mit welchen Sie ſich verſoͤhnen koͤnnten, ehe Sie vor den Richterſtuhl Gottes treten?“ „Ach, hochwuͤrdiger Herr,“ ſagte ſie mit matter, erloͤſchender Stimme,„ich habe Niemand— mein Mann hat mich verlaſſen, meine Kinder, ach Gott— zwei von ihnen verließen mich und ließen mich dar⸗ ben,— auch waren ſie arm, nährten ſich von der Proſtitution von heute auf morgen— die Eine ſtarb im Hoſpitale— die Andere iſt im Gefängniß— die Dritte habe ich verſtoßen— ich entfloh ihrer kind⸗ lichen Liebe— ſie lebt fern von mir gluͤcklich— weiß mich nicht zu finden— es iſt zu ſpät— ich habe Niemand.“ Und ſie ſtieß ihren letzten Seufzer aus. IV. 5 Das Genie wider Willen, oder wie man heute als Schriftſteller ſein Glück macht! (Aus dem Tagebuch eines Schriftſtellers.) „Ach, meine Herren Collegen! Auch ich bin ſo frei, ein Schriftſteller zu ſein. Ach, verzeihen Sie mir! Ich weiß, daß ich nur durch Zufall dazu ge⸗ kommen bin, durch den Zufall meiner Geburt. Ich weiß, daß ich Nichts bin, rein gar Nichts, daß ich nicht einen Funken Witz und Geiſt beſitze, nicht fuͤr einen Pfennig Verſtand und nicht fuͤr einen Dreier Gelehrſamkeit. Ich weiß, daß ich nicht wuͤrdig bin, dem Geringſten unter Ihnen die Schuhriemen zu loͤſen — ach, ich weiß es, niemals habe ich das Geringſte hervorgebracht, was der Beachtung werth waͤre, ich kann mich weder mit Ihren ſtrahlenden Talenten, noch mit Ihren enormen Kenntniſſen, am wenigſten mit Ihrer diamantenen Geſinnung meſſen. Ach, ich bekenne, daß ich viel zu ſchwach bin, um Geſinnungen zu haben, daß ich niemals ein geſinnungstuͤchtiger Scribent geweſen— die Gewalt der umſtaͤnde hat mich in allen Zeiten beherrſcht, und ich habe nur die einzige Ent⸗ ſchuldigung fuͤr mich, daß auch Alexander, Carl der Große und Napoleon an dieſer Schwachheit gelitten; aber dies iſt wenig, denn es waren Tirannen;— Sie — 190— aber, meine Herren, wer kann es beſtreiten, Sie ſtehen uͤber der Menſchheit und ich verdiene nicht in Ihren Reihen zu ſtehen. Ich verdiene weder als Geſchicht⸗ ſchreiber, noch als Dichter, noch in irgend einer Kategorie einen Rang, denn ach, ich habe keine Ge⸗ ſinnung— ich kann es niemals zu Grundſätzen bringen, ich habe in allen Zeiten eine niedertraͤchtige feige Angſt vor der Gewalt und uͤberzeugenden Beredt⸗ ſamkeit der 2 bis 3000 Kanonen gehabt, welche den Continent beherrſchen, und ſeinen zwei Millionen Ba⸗ jonetten gering gerechnet, ich habe dem Kaiſer von Rußland den Krieg zu erklären niemals den Muth gehabt, und eine gewiſſe feige Unbehaglichkeit hat mich in allen Zeiten abgehalten, dem tuͤrkiſchen Sultan einen Naſenſtuber zu geben. Dann war ich zeitlebens immer ſo eigenſuͤchtig, nach Brot zu ſtreben, ich habe es niemals begreifen können, wie man leben kann, ohne zu eſſen. Ich habe mir, meinen Kindern zu Liebe, manche Hudelei gefallen laſſen, ohne zu meinem Schwert— der Feder, zu greifen— ohne eine Rede an das Volk zu halten, ich habe vor manchem Schuft den Hut gezogen und manchem Dummkopf meinen Reſpect bezeigt. Auch hat ſich mein Verſtand niemals ſo hoch erheben koͤnnen, manche der Theorien der Zeit zu begreifen, z. B. wie man die Geſellſchaft in Ord⸗ neng halten könne ohne alle Gewalt, und wie es moͤglich ſei, die Guͤter dieſer Erde voͤllig gleichmaͤßig zu vertheilen.“ — 191— „Ich bin uͤbrigens einem ſeltſamen Aberglauben ergeben, ich geſtehe meine Schwachheit, ich glaube an Gott, das iſt, eine ſouveraͤne Weltvernunft, welche Alles beherrſcht, welche alles Ueble raͤcht,— entſchul⸗ digen Sie dieſe Kleinlichkeit meines Geiſtes. Ich ſetze dieſe Geſtaͤndniſſe meinen Schilderungen voran, um Ihnen zu beweiſen, daß ich nicht ſo frech bin, irgend Jemand unter Ihnen eines ſolchen Charakters zu be⸗ ſchuldigen, wie ich einen ſchildern werde. Dieſer Cha⸗ rakter iſt ein reines Ideal meiner ſchwachen Einbil— dungskraft, es exiſtirt nirgends, in keinem Lande, am wenigſten in Deutſchland. Vergoͤnnen Sie mir daher dieſe unſchuldigen Spiele meiner Phantaſie, womit ich Nichts bezwecke, als Sie zu amuͤſiren und Ihnen ein Bild darzuſtellen, wie ſchlecht manche Schriftſteller un⸗ ſerer Zeit ſein koͤnnten, wenn ſie nicht ſo gut wären. Ich will Ihnen nur zeigen, welchen Grad von Ver⸗ ruchtheit Leute unſeres Standes erreichen, in welche ſchreckliche Sclaverei das wahre Talent und die wahre Geſinnung verfallen koͤnnten durch die Herrſchaft der Coalition der Mittelmäßigkeit, wenn nicht die Geſin⸗ nungstuͤchtigkeit und das Genie das Scepter des Tages fuͤhrten. Ich will Ihnen eine Welt ſchil⸗ dern, wie ſie nicht iſt, einen Zuſtand, welcher in Deutſchland gar nicht moͤglich iſt, eine Laufbahn des Gluͤckes, des Ruhmes und der Aiſance, welche in unſerem Vaterlande, wo es nur Charaktere, Genies, Geſinnungen giebt, gar nicht gedacht — 192— werden kann. Wer weiß es nicht, daß man in Deutſch⸗ land nur Genie zu haben braucht, um fortzukommen, eine glaͤnzende Laufbahn zu machen? Wer weiß es nicht, daß nur die Wahrheit uns Lorbeern bringt, daß nur Talentloſigkeit und Feigheit zu einem dunklen Schickſal verurtheilt ſind? Alſo noch ein Mal, dieſe Schilderungen ſind aus der Luft gegriffen, ſie haben nur die Beſtimmung, dem Genie, welches in Deutſch⸗ land im Wohlleben und in Ehre ſchwelgt, ein Bild des Elends zu veranſchaulichen, welches es ſein Gluͤck ſchaͤtzen und den Himmel preiſen laͤßt, der es das Licht der Welt in ſeinem Vaterlande hat erblicken laſſen.“ „Denken Sie ſich daher, meine Herren, eine Welt— es iſt aber kaum denkbar— eine Welt, ſage ich, in welcher der Ruhm des Schriftſtellers nur durch die gemeinſten und niedrigſten Umtriebe leicht und ſicher erkauft werden koͤnnte, in welcher das Genie hilflos, ohne Erwerb, verachtet und mit Fuͤßen getreten wuͤrde, in welcher blos der Geiſt der Induſtrie und der Klugheit die Lorbeeren, welche dem Talente beſtimmt ſind, erreichen koͤnnte, wo die miſerabelſte Feigheit Triumphe des Muthes feierte, wo Alles nur durch Speculation zu erreichen waͤre!“ „Denken Sie ſich eine Welt, wo die ſogenannte Schuͤrzenprotection die koſtbaren Preiſe des literariſchen Ruhmes vertheilte, wo man durch die Dankbarkeit einer belobten Saͤngerin ein beruͤhmter Dichter, durch ——————— ——————————————————————— — 193— die Zärtlichkeit der Maitreſſe eines Theaterdirectors ein großer Dramaturg, durch die Heirath einer ſchoͤnen Theaterprinzeſſin ein weltberuͤhmter Publiciſt und durch die Protection einer Phryne ein Hiſtoriograph des erſten Ranges werden koͤnnte.“ „Denken Sie ſich eine Welt, worin Taͤuſchung, Hinterliſt, Betrug und Jeſuitismus ſo um ſich ge⸗ griffen hatten, daß die gemeinſten Epikuraͤer, Athei⸗ ſten, Materialiſten und geheime Veraͤchter alles Be⸗ ſtehenden als gleißneriſche Publiciſten zum Theil in hohen Wuͤrden fungirten, indeſſen geheime Kund⸗ ſchafter und Diener des macchiavelliſtiſchen Polizeigeiſtes als große Volksmaͤnner, als liberale Freiheitsapoſtel, als beruͤhmte radicale Journaliſten dem breitgeſchla⸗ genen Publicum mit hohlen, nichtsſagenden Gemein⸗ plätzen das Gaukelſpiel einer„geſinnungstuͤchtigen“ Vertretung heiliger Volksintereſſen vormachten, insge⸗ heim aber ſich beſolden, oder durch lockende Ausſichten beſtimmen ließen, Charaktere, welche den politiſchen Verfuͤhrungskuͤnſten durch beſonnene Maͤßigung aus⸗ gewichen ſind, dem Volke als Tirannenknechte zu ver⸗ daͤchtigen.“ „Denken Sie ſich eine Welt, worin ſolche Komo⸗ dianten allen Lohn der Volksgunſt ernteten, wo eine verderbliche Jeſuitenklugheit die Sinecuren, welche der Parteigeiſt ſeinen Günſtlingen vertheilt, durch geſchickte Taſchenſpielerkünſte ſolchen Induſtrierittern zuzuwenden wuͤßte, welche allein vom Eigennutze beherrſcht, die Wien. 1. Bd. 13 — 194— Aufmerkſamkeit des Volkes von ſeinen Beduͤrfniſſen ab, auf ſolche Zeitfragen lenkten, welche nur ein voͤllig nutz⸗ und zweckloſes Abdreſchen unpraktiſcher Ideen veranlaſſen und das Volk um die koſtbare Zeit betruͤ⸗ gen, welche es nutzbringend auf ſeine Wohlfahrt ver⸗ wenden koͤnnte.“ „Es waͤre ſchrecklich!“ „Eine ſolche Welt will ich Ihnen ſchildern.“ „Herr von Mops iſt ein literariſcher Winkelagent geworden. Von der Natur voͤllig geiſtig verwahrloſt, zu keinem praktiſchen Weltberufe tauglich, beſitzt er kein anderes Talent, als das Talent— der In duſt rie. Durch große Muͤhe hat er es dahin gebracht, einen Bericht leidlich zu ſtyliſiren. Er beginnt ſeine Lauf— bahn, indem er die Bekanntſchaft der Schauſpieler, Jongleurs, Taſchenſpieler, Concertanten und Taͤnzer ſucht. Da er aber unter dieſen immer eine groͤßere Zahl findet, welche ihn nicht zu bezahlen geneigt iſt, ſo hat er immer Gelegenheit, ſein Talent im Schmaͤ⸗ hen, Spotten, Hoͤhnen, Verdaͤchtigen zu uͤben.“ „Alſo Herr von Mops ergreift die Profeſſion eines literariſchen Winkelagenten, die erſte Stufe ſeiner ſeltſamen Gluͤckslaufbahn, welche ſo ſicher und breit getreten iſt, daß Nichts dazu gehoͤrt, als grenzenloſe Unverſchämtheit und Gewiſſenloſigkeit, um darauf fort⸗ zukommen. Der Mann, der dieſe Laufbahn betritt, darf aber keine Schwachheit haben, er darf weder em⸗ pfindlich fuͤr das Schoͤne, noch irgend ſchuͤchtern gegen „ — t ——z Rz———————— — 195— die Wahrheit und das Gute ſein, ſondern muß immer bereit ſein, dem Intereſſe Beides zu opfern. Da dieſe Gluͤcksritter weder Schriftſteller noch Negocianten ſind, ſondern ein Milttelding von beiden, ſo glaube ich ſie nicht beſſer zu benamſen, als literariſche Winkel⸗ agenten.“ „Ich will verſuchen dieſe Race zu charakteriſiren. Es gibt aber ſo viele Thoren und mauvais sujets dieſer Gattung, daß mir bange wird, dieſen Charakter zu zeichnen. Es iſt hier gar nicht moͤglich, keine Indivi⸗ dualität zu treffen. Sage ich, der lit. W. iſt unver⸗ ſchaͤmt, ſo ſchreien hundert unverſchaͤmte Schlingel zu⸗ gleich:„da hat er mich gemeint.“ Sage ich, er iſt ein Ignorant, ſo melden ſich gleich alle kritiſirenden Ignoranten, und deren Zahl iſt Legion, und Jeder meint, es iſt gar nicht moͤglich, daß ein Anderer auch ein Ignorant ſei. Meine Verlegenheit wird noch groͤßer bei dieſer Charakterſchilderung, da der Charakter dieſes Menſchen nur darin beſteht, daß er keinen Charakter hat.— Wie ſchildere ich dieſes Chamäleon, wo fang' ich an, wo hoͤr' ich auf! Welch ein Heer von Candidaten auf obigen Titel marſchirt vor meiner Seele auf! Jeder, der ein ſchlechtes Bewußtſein in ſich traͤgt, hebt die Rechte gegen mich auf. Sage ich, der lit. W. iſt häßlich von Geſtalt, ſo fallen alle häßlichen Scriben⸗ ten uͤber mich her;z ſage ich, er iſt ſchoͤn, ſo iſt es noch ſchlimmer, denn dann haͤlt der häßlichſte Pavian die Schilderung fuͤr ſein Portrait. Alſo ſage ich, er iſt 13 — 5— ¹ intereſſant von Phyſiognomie, das heißt ſeine Phy⸗ ſiognomie iſt das Intereſſe. Sagt man nicht, man koͤnne auf jedem Geſichte den Charakter leſen? Nun wohl, auf keinem Geſichte koͤnnt ihr deutlicher leſen, als auf dem des lit. W. Iſt das nicht intereſſant? Es ſteht darauf mit Fracturbuchſtaben geſchrieben: ich bin der unverſchaͤmteſte Pilz auf Gottes Erdboden. Meiner enormen Eitelkeit kommt nur meine Unwiſſen⸗ heit und Niederträͤchtigkeit gleich. Theaterdirector, Schriftſteller, Dichter, Kuͤnſtler, Fabrikant, nimm Dich in Acht, ſobald Du mich ſiehſt oder ich Dich ſehe. Wenn Du die Spitze meiner Naſe gewahrſt, ſo wirf Dich nieder auf den Bauch und laß Dich von mir auspluͤndern. La bourse ou la vie! Ich zerreiße Deine Ehre, ich beſudle Deinen Namen, ich ſchneide Dir Deinen Erwerb ab, ich verleumde Dich, ich mache Dich laͤcherlich. Biſt Du auch ein armer Teufel, ſo tractire ich Dich ſo lange mit Maulſchellen, bis Du Deinen Rock verkaufſt und den Erloͤs mir lieferſt. Haſt Du gar Nichts, ſo gebe ich. Dir einen Fußtritt und laſſe Dich laufen.“ „Willſt Du wiſſen, wie der lit. W. ſein edles Handwerk treibt? Seine Methode iſt ſicher. Er er⸗ kundigt ſich zuerſt darnach, wie Du ausſiehſt, ob Du einen Hoͤcker haſt, welchen uͤblen Gewohnheiten Du Dich uͤberlaſſen, kurz, jeden kleinen Makel Deiner Perſon und Deiner Conduite. Dann forſcht er emſig nach, ob Du Schulden haſt, ob Du der Schoͤnheit ———— oder dem Gott des Weines mehr huldigſt, als es fuͤr Dich gut iſt, wie Deine Kleidung beſchaffen iſt, kurz, alle jene Blößen, welche Du um ſo weniger verbirgſt, da ſie nicht zur Sache Deiner Kunſt, Deiner Faͤhig⸗ keit gehoͤren. Glaubſt Du nun im Bewußtſein Dei⸗ nes Werthes vor der Kritik ſicher zu ſein, ſo biſt Du verloren, armer Mann, und keine Macht der Erde rettet Dich vor den Verleumdungen und Bosheiten des lit. Winkelagenten.“ „Der lit. Winkelagent hat ſeine Zeit, wo er in der Mode iſt. Nichts iſt naͤmlich geeigneter, allgemeinen Bei⸗ fall zu finden, als eine recht unverſchaͤmte Perſiflage von Allem, was eben Geltung hat. Nichts lieſt die Welt lieber, als ein Pasquill auf einen großen Mann, und je verehrungswuͤrdiger eine Sache, ein Individuum iſt, deſto mehr kitzelt es jene Maſſe von kleinen Alltags⸗ menſchen, das man häufig Publicum nennt, wenn ſie beſudelt werden. Die Welt liebt die Mediſance mehr als das Verdienſt, den Spott mehr als die Kritik, die Unverſchämtheit eines Bologneſer Spitzes, der allen Leuten in die Waden faͤhrt, mehr als die Treue eines braven Haushundes, den geſchwaͤtzigen Papagei mehr als die Nachtigall. Der lit. W. iſt nicht ohne natuͤr⸗ lichen Mutterwitz, den er ſehr geſchickt durch zwei Drit⸗ theile Zuſatz claſſiſchen Witzes fremder Leute, die er in aller Unſchuld um ihre Gedanken beſtiehlt, zu ergänzen weiß, ihm ſteht Nichts zu hoch und kein Skandal, keine Luͤge, keine Verleumdung iſt ihm niedrig genug, um nicht ſeinen Pasquillen ein pikantes Intereſſe zu verleihen. Es geht mit ihm, wie mit dem großen Affen in Paris. Man weiß nun, das Thier iſt bos⸗ haft, es iſt unanſtaͤndig, es iſt grob und ungehobelt, es verunreinigt die Hand, die ihm ſchmeichelt, aber man liebt die Beſtie gerade wegen ſeiner haͤßlichen Fehler, die vielen Spaß geben. Als weiland der Pa⸗ riſer Orangoutang noch lebte, gab es keinen Miniſter, keinen Publiciſten, keinen Redner, keinen Schauſpieler, keine Saͤngerin, keine Taͤnzerin, welche ſo allgemein beliebt, ſo populaͤr geweſen waͤre, als das garſtige Vieh, welches ſeine Freunde durch die ſcheußlichſten Grimaſſen verſpottete, ſie mit Koth warf, die vorwitzi⸗ gen Kinder, welche ihm zu nahe kamen, maulſchellirte, und vor den Zuſchauern jede Art von Ungezogenheit beging. Man brachte ihm Zuckerwerk, das feinſte Obſt, man cajolirte und fetirte ihn, und konnie ſich nicht ſatt ſehen an dem merkwuͤrdigen Thier, und zwar blos deshalb, weil es alle Untugenden und haͤßlichen Eigenſchaften an ſich trug, welche das Thier vom Menſchen unterſcheiden.“ „Sobald Herr von Mops ſich auf jene Hoͤhe des Charakters erhoben hatte, welche ich eben verſucht habe zu charakteriſiren, begab er ſich zu Fräulein Sing⸗ ſchon, einem Geſchoͤpf von nicht ſehr ausgezeichneten Talenten, aber großer koͤrperlicher Schönheit. Sie hatte einigen Unterricht genoſſen, ſie hatte eine duͤnne, gefällige, anſprechende Stimme, aber Nichts von ——.———— — 199— allen den glaͤnzenden Eigenſchaften, welche eine Kuͤnſt⸗ lerin ausmachen; denn ſie distonirte oft, ſpielte ſehr hoͤlzern und declamirte wie ein Lehrer des dramatiſchen Geſanges. Ihre Mimik beſtand darin, zuweilen die rechte, zuweilen die linke Hand zu erheben, die Hand an den Buſen zu legen, die Augen zu verdrehen und die Haͤnde zu falten, wenn ſie nicht mehr wußte, was ſie thun ſollte. Demungeachtet urtheilte Herr von Mops richtig, daß ſie ſchoͤn genug ſei, um auf dem Theater ihr Gluͤck zu machen, doch bedurfte ſie eines Fuͤhrers, der ſie auf den dornigen Pfaden der Thea⸗ terwelt leitete. Die Journale, auf welche Fräulein Singſchoͤn in ihrer Unſchuld nicht praͤnumerirt hatte, riſſen ſie, wie man zu ſagen pflegt, ſchmaͤhlich herunter und Herr von Mops war nicht der Läſſigſte im Schmaͤhen. Er begab ſich alſo zu ihr, kuͤßte ihr ehr⸗ erbietig und galant die ſchoͤne weiche Hand und ſtellte ſich der Niedergeſchmetterten als der beruͤhmte Recen⸗ ſent von Mops dar. Fraulein Singſchoͤn empfing ihn mit jener ehrerbietigen Scheu, welche Kuͤnſtlerinnen gegenuͤber der Kritik zu empfinden pflegen, Herr von Mops begegnete ihr dagegen mit jener herablaſſen⸗ den, unverſchaͤmten Vertraulichkeit, womit Leute ſeines Schlages den Kuͤnſtlerinnen zu begegnen pflegen. Er machte ſie väterlich auf die Maͤngel in ihrer Ausbil⸗ dung, auf ihren Vortrag, ihre Declamation aufmerk⸗ ſam, er ließ ihr die Hoffnung blicken, daß er ſich ihrer einſt annehmen werde, und ſchloß mit der Verſicherung, fuͤr weibliche Schoͤnheit empfindſamen Cenſor um Hilfe * — 200— daß ſie niemals Succeß machen werde, wenn die Kritik ſie nicht unterſtuͤtze, denn das Publicum ſei eine reine Null und bald gewonnen, habe man erſt den ſtrengen Kunſtrichtern Genuge geleiſtet. Fraulein Singſchoͤn antwortete mit niedergeſchlagenen Augen, daß ſie ſich durch Fleiß und Wachſamkeit auf jede ihrer Bewegun⸗ gen bemuͤhen werde die Nachſicht der Kunſtrichter zu gewinnen, ſie verſicherte, daß ſie noch zu jung ſei, um an einem gluͤcklichen Erfolge ihrer Studien verzwei⸗ feln zu duͤrfen, ſie verſprach einen beruͤhmten Sing⸗ lehrer zu nehmen, und Herr von Mops verabſchiedete ſich ſcheinbar zufrieden mit ihrem ernſtlichen Streben, aber in der That ſehr unzufrieden uͤber die Sproͤdig⸗ keit der Schoͤnen, welche ihre Hand zuruͤckzog, ehe er ſie kuͤſſen konnte und ſeine zudringliche Vertraulichkeit mit ſichtlicher Kaͤlte aufgenommen hatte.“ „Als ſie das nächſte Mal auftrat, wurde ſie ärger als je von den Blättern mitgenommen, und Herr von Mops hatte die Unverſchaͤmtheit, im Poſtillon zu ſchrei⸗ ben:„Demoiſelle Singſchoͤn habe weder Stimme noch Schule, ſei eine talentloſe Anfaͤngerin und verdiene gar keine Beachtung von der Kritik.“ Fraulein Singſchoͤn war außer ſich, der Theaterdirector hatte ein Wort von baldiger Beendigung ihres Gaſtſpieles fallen laſſen — ſie ſuchte Hilfe bei der Cenſur. Sie hatte ge⸗ hoͤrt, daß dieſe allmaͤchtig ſei, und flehte nun einen — 201— itik an. Dieſer, durch ihre Reize geruhrt, gab ihr einige ine wohlwollende Winke.“ zn„Mein liebes Kind,“ ſagte er ihr,„Sie kennen ön die Welt noch nicht. Die Cenſur geſtattet den Blaͤt⸗ ſc tern keine Freiheit uͤber Angelegenheiten des Staates — zu ſprechen, man muß ihnen doch Etwas laſſen, wor⸗ z uͤber ſie ſich frei ausſprechen duͤrfen. Indeſſen giebt es wohl Mittel, ſich die Cenſur guͤnſtig zu machen— um 1 aber ſie werden nicht nach Ihrem Geſchmack . ſein. Sie haben ſchoͤne Augen, eine ſehr vortheilhafte Geſtalt— wenn es Ihnen gelungen, irgend eine ein⸗ * flußreiche Perſon ſich geneigt zu machen,— es iſt nicht — ſchwer, aber, wie geſagt, ſchwerlich nach Ihrem Ge— ſchmack. Aber Sie werden leicht einen jungen Ritter finden, der fuͤr Sie zu Felde zieht, aber ohne Opfer an Geld und— Sie verſtehen mich— werden Sie Ihren Zweck ſchwerlich erreichen. Mein Himmel, die 4 Welt iſt einmal ſo, die berühmteſten Notabilitäten der 6 Kunſtwelt haben auf dieſe Weiſe ihr Gluͤck gemacht— Sie muͤſſen durchaus auf dieſer Bahn ſich die Gunſt eines einflußreichen— Literaten zu gewinnen ſuchen. ch Wodurch— das muß ich Ihrem Lebenstacte uͤberlaſſen— Ber bei dem Einen hilft Geld, bei dem Andern— Lie⸗ n benswuͤrdigkeit,— bei den wichtigſten Perſonen dieſer ort Art nur Beides.“ ſen Fräulein Singſchoͤn hatte nicht viel Witz noͤthig, g um den Sinn dieſer Rathſchläge zu begreifen— allein un Unſchuld und ein je ne sais quoi machten ihr es un⸗ moͤglich, denſelben zu folgen. Sie hatte wohl bemerkt, daß ſie auf den Herrn von Mops einen ſtarken Ein⸗ druck gemacht habe, aber ſeine Art um Gunſt zu werben gefiel ihr nicht— ſie mochte ihm keine Hoff⸗ nung geben. Herr von Mops kam ſie zu troͤſten, er wurde ſehr vertraulich, ſehr unverſchaͤmt, ſie wies ihm die Thuͤre. Des andern Tages erſchien eine Kritik gegen ſie, welche ſie in Verzweiflung brachte, denn der Director ſchickte ihr dieſelbe mit dem Bedeuten zu, daß ihr naͤchſtes Gaſtſpiel ihr letztes ſein werde.“ „An demſelben Tage erhielt ſie von dem Herrn von Mops einen Brief, worin er ihr verſprach, wenn ſie ihm eine Unterredung geſtatte, den disguſtirten Theaterdirector zu beſaͤnftigen und die Kritik ihr zu verſoͤhnen. Fraͤulein Singſchoͤn bewilligte ihm eine— Unterredung.“ „Herr von Mops kam auf den Fluͤgeln der Liebe und Unverſchaͤmtheit. Fraͤulein Singſchoͤn empfing ihn mit dem Blatte in der Hand, wo er in einer poͤbel⸗ haften Kritik kein gutes Haar an ihr gelaſſen hatte. Sie war außer ſich vor Wuth und ließ derſelben um ſo mehr die Zuͤgel ſchießen, da ſie entſchloſſen war, den ſchnoͤden Preis fuͤr die Gunſt der Kritik nur im aͤußerſten Nothfalle zu bezahlen. „Herr von Mops ſtuͤrzte ihr zu Fuͤßen.„Gött⸗ liche, Reinſte, Tugendhafteſte, der Wahnſinn der Liebe hat mich zu dieſem verzweifelten Mittel hingeriſſen wiſſe, daß ich Dich anbete, vergöttere—“ * — 203— „In der That, mein Herr,“ ſagte die Schöne, „das iſt ein ſehr ſeltſames Mittel um Liebe zu wer⸗ ben. Ich habe Ihnen auf Ihre Erklaͤrung Nichts zu antworten, als ſuchen Sie Ihre Impertinenzen wieder gut zu machen, wenn Ihnen an meiner— Freundſchaft Etwas gelegen iſt. Adieu!“ „Des andern Tags las ſie in den Blättern: „Fraͤulein Singſchoͤn hat unverkennbar Spuren von Talent. Man muß Nachſicht haben mit ihr.“ „Der Theaterdirector bewilligte noch drei Gaſtſpiele.“ „Herr von Mops ließ nicht lange auf ſich warten. Aber Fraͤulein Singſchoͤn hatte ſo viel Lebenstact gelernt inzwiſchen, daß ſie ihn nur die Hand kuͤſſen ließ; dabei aber ihre Vorwuͤrfe erneuerte. Herr von Mops raubte ihr eine Roſe von dem jugendlichen Buſen und ſchrieb in die„Blätter fuͤr dramatiſche Kunſt“: „Fräulein Singſchoͤn hat ſich ungemein zu ihrem Vortheil geändert. Sie ſingt wahrhaft ſchoͤn, aber ihre Stimme iſt noch etwas umflort.“ „Abermals bewilligte der Director drei Gaſtſpiele. Abermals kniete Herr von Mops vor ihr. Abermals ließ ſie ſich die Hände kuͤſſen und verſprach fuͤr das nächſte Mal einen— Kuß. Das electriſirte ihn— er fühlte ſchon einige Begeiſterung für ihr ſchoͤnes Kunſt⸗ vermoͤgen und ſchrieb: „Fräulein Singſchoͤn iſt ein Engel. Ihre Stimme uͤbertrifft an Schmelz die der Saͤngerin Vespermann, ——— — 204— an Schonheit erreicht ſie faſt jene der Sonntag. Sie erweckt die ſchoͤnſten Hoffnungen.“ „Der Kuß wurde bezahlt— aber nicht mehr, in⸗ deſſen wußte Herr von Mops, welches Gluͤck ihm be⸗ vorſtand. Das Erſte, was er fuͤr ſeine Clientin that, war, daß er ſie bewog, auf alle Journale zu praͤnu⸗ meriren,— das Zweite, daß er Geld borgte, um es wieder an Collegen zu verborgen,— das Dritte, daß er die Claque allarmirte,— das Vierte, daß er ein Concert zum Beſten der Armen arrangirte, welche unter der Protection einer erlauchten Perſon ſtehen,— das Fuͤnfte, daß er einen großen Lorbeerkranz machen ließ, — das Sechſte, daß er 400 Freibillets vertheilte,— das Siebente, daß er im ſchwarzen Frack mit Fraͤu⸗ lein Singſchoͤn herumfuhr, um hohe Perſonen zu ihrem Benefice einzuladen. Das Blatt, worin Herr von Mops regelmaͤßig referirte, berichtete aber: „Fraͤulein Singſchoͤn, die Rivalin der Madame Paſta, eine Kuͤnſtlerin, verſchwenderiſch von Natur und Kunſt ausgeſtattet, die Perle unſerer Oper, wird morgen in der Rolle der Veſtalin einen Triumph mehr feiern. Kein wahrer Kunſtfreund wird ſich dieſen Ge⸗ nuß entgehen laſſen. Logen und Sperrſitze ſind ge⸗ nommen. Fraͤulein Singſchoͤn muß da bleiben— es waͤre eine Schmach fuͤr unſere Oper, wenn ſie ſich dieſe Acquiſition entgehen ließe.“ Der Triumph wurde gefeiert, das Publicum ſtaunte, wie weit es dieſes„Genie“ in ſo kurzer Zeit 5 gebracht hatte. Am Schluß der Vorſtellung zehnma⸗ liges Herausrufen. Ein Lorbeerkranz fiel von der Galerie, es regnete Sonette, und ein Schauſpieler bekränzte auf der Buͤhne die große Primadonna Fräu⸗ lein Singſchoͤn.“ „Herr von Mops fuhr mit der Huldin nach Hauſe. Sie war ganz aufgeloͤſt in Freudenthaͤnen.„Aber iſt es denn wahr, Adolph,“ ſagte ſie,„daß ich ein ſo unerhoͤrtes Genie bin?“ fragte ſie den Recenſenten, der einen Arm um ihre Taille geſchlungen hatte.“ „Freilich, mein Engel,“ ſagte er. „Man ſtieg aus dem Wagen— Herr von Mops entbloͤdete ſich nicht, die Dame in ihr Zimmer zu be⸗ gleiten. Das Kammermaͤdchen wurde zu Bett ge⸗ ſchickt— denn Fraͤulein Singſchoͤn hatte mit Herrn von Mops noch viel zu rechnen und zu ſprechen. Die Kaſſe wurde unter Häͤndedruͤcken der Dankbarkeit ge⸗ zaͤhlt— aber jetzt fing Fraͤulein Singſchon an von ihrem engen Mieder incommodirt zu werden— das Kammermaͤdchen ſchlief ſchon. Unter Straͤuben und Schmollen wurde Herrn von Mops die Erlaubniß ge⸗ geben ihre Stelle zu vertreten— das Mieder wurde geluͤftet—“ „Ach, dieſer gute Mops— wie viel habe ich ihm zu danken,“ dachte Fräulein Singſchoͤn,„ohne ihn waͤre ich niemals ein Genie geworden. Wie kann ich ihn belohnen, er iſt ſo uneigennützig, mein Triumph koſtet mich kaum die halbe Einnahme!“ — 206— „Unter dieſem Selbſtgeſpraͤch fuhlte ſie das Mieder fallen.—“ „Herr von Mops feierte nun ſeinen Triumph!“ „Seit dieſer Schaͤferſtunde las man im Laufe eines Zeitraumes von einem Jahre in verſchiedenen Zeit⸗ ſchriften folgende weltgeſchichtliche Nachrichten: 1. Es geht in der ſchoͤnen Welt das Geruͤcht, Fraͤulein Singſchoͤn werde ſich mit dem geiſtreichen Journaliſten, Herrn von Mops, dem Schrecken aller ſchlechten Schauſpieler, vermaͤhlen.„Les beanx esprits se rencontrent.“ 2. Es iſt nun ausgemacht, daß die ſchoͤne lie⸗ benswuͤrdige, beruͤhmte Saͤngerin Singſchön den genia⸗ len Herrn von Mops heirathen wird. 3. Geſtern fand die Vermaͤhlung zwiſchen dem Fraͤulein Singſchoͤn und dem geiſtreichen H. v. Mops ſtatt. Alle Notabilitäten der Kunſtwelt verherrlichten das Familienfeſt. 4. Geſtern trat Fraͤulein Singſchoͤn zum erſten Nale als Frau von Mops⸗Singſchön auf. Man hat ihr ein Ständchen gebracht. §. Frau von Mops⸗Singſchoͤn ſoll eine Einla⸗ dung zur großen Oper nach London erhalten haben. Da bleiben, da bleiben, Gageerhoͤhung— es wäre eine Schande fur die Direction, uns ein ſolches Juwel entfuͤhren zu laſſen! 6. Frau von Mops⸗Singſchoöͤn muß wegen in⸗ tereſſanter Umſtaͤnde die Buͤhne meiden. 7. Herr von Mops hat der Direction ein Stuͤck eingereicht. Jedermann iſt geſpannt darauf. Wir er⸗ warten von der Direction guten Tact, eine glaͤnzende Ausſtattung. Abgeſehen davon, daß H. v. Mops ein eminentes Talent iſt, muß die Direction dem Gatten unſerer unvergleichlichen Singſchoͤn Ruͤckſichten erweiſen. 8. Frau von Mops⸗Singſchoͤn iſt unpaͤßlich. 9. Frau von Mops⸗Singſchoͤn hat ihren Gatten mit einem Soͤhnlein begluͤckt. Ob der Kleine wohl ſchon Witze macht? 10. Frau von Mops-S. wird demnaͤchſt eine Kunſtreiſe nach Paris und London antreten. 11. Frau von Mops⸗S. iſt in Berlin aufgetre⸗ ten und hat Furore, Entuſiasmo erregt. 12. London. Signora von Mops⸗Singſchoͤn, Kammerſaͤngerin des Kaiſers von Oeſterreich(), aus Nea⸗ pel gebuͤrtig(²) und mit einem ſpaniſchen Grand(9), Ritter vieler hohen Orden(²), vermaͤhlt, hat ſich hier hoͤren laſſen. Man begreift nicht recht, warum dieſe Dame mit ihrem hohen Herrn Gemahl ſo weit gereiſt iſt, um ein beiſpielloſes Fiasco zu machen. 13. Paris. Signora Mops⸗Singſchoͤn, Ge⸗ mahlin des Chevalier(²) Mops, eines ruſſiſchen Diplo⸗ maten(), hat hier geſungen und iſt ausgelacht worden. 14. Wien. Den neueſten Zeitungsberichten aus London und Paris zu Folge hat Frau von Mops dort — tauſend Pfund Sterling eingenommen und iſt vergöt⸗ tert worden. Wir duͤrfen ſtolz ſein, ſie die Unſrige zu nennen. 15. Stuttgart(Utopien). Madame Mops⸗ Singſchoͤn, Hofſaͤngerin des Koͤnigs der Franzoſen, hat hier geſungen. Man iſt conſternirt uͤber die Bra⸗ vour dieſer Primadonna. Hier bleiben, hier bleiben. 16. Muͤnchen. Madame Mops hat hier ge⸗ ſungen ohne Beifall. 17. Wien. Endlich befindet ſich unſere gefeierte Primadonna wieder in unſeren Mauern. 18. Frau von Mops⸗Singſchoͤn iſt nach der geſtrigen Vorſtellung im Jubel nach Hauſe gebracht worden. Mehrere junge Cavaliere ließen ſich die Ehre nicht nehmen, ihren Wagen zu ziehen. Graf R. hat ein Taſchentuch, Baron L. einen Handſchuh, Ritter v. L. einen Schuh der Gefeierten erobert. 19. Wien. Brief an den Stephansthurm. Ich bin außer mir vor Bewunderung! nicht etwa uͤber die ſchoͤnen Fuͤße der Taglioni und ihre ſpaniſchen Taͤnze, obgleich ich Beiden nicht abhold bin, ſondern uͤber die außerordentliche Begebenheit, daß Sie noch ſtehen. Freund, man verleumdet Sie! Wankelmuth, Schwindel, Hinfaͤlligkeit ſind von Ihnen entfernt, Sie haben eine ungeheure Natur und das haben Sie nie⸗ mals glaͤnzender bewieſen, als vor ungefaͤhr vierzehn Tagen, wo ſich ſo Verkehrtes zugetragen hat, daß es mich nicht gewundert haͤtte, wenn Sie des andern Ta⸗ — ges auf der Spitze geſtanden haͤtten. Hat man nicht unlaͤngſt in allen Journalen behauptet, unſere Zeit ſei eine hochſtrebende? Nun denn, ein Theil dieſer koͤſtlichen Generation ſtrebt nach nichts Geringerem, als dem goldenen Seelenfrieden der Thierheit. Iſt das nicht hohes Streben einer ſtolzen Philoſo⸗ phie, welche ganz auf die Wuͤrde der Menſchheit Verzicht leiſtet, um nicht die Koſten derſelben zu tra⸗ gen? Man uͤberlaͤßt dieſelbe heut zu Tage gern ſei⸗ nem Bedienten, und ſteckt ſich ſelbſt in die bequeme Huͤlle eines Wiederkauers. Sie ſahen es, aber Sie glaubten es nicht. Ich, mein Freund, glaubte, aber ſah es nicht. Man erzaͤhlte mir naͤmlich eines Mor⸗ gens, es habe ſich in hieſiger guter Stadt ereignet, daß eine ziemliche Anzahl junger und alter Leute ſich ver⸗ abredet habe, um die Aeußerlichkeiten ihres menſchlichen Standes zu ſparen und ſich in das Zugvieh einzu⸗ rangiren. Man ſetzte hinzu, dieſe Geſellſchaft habe ihren ſelbſtgewaͤhlten ſchoͤnen Beruf durch fuͤnfzigma⸗ liges Bruͤllen vorher dargethan. Ein Spitelberger Nachbar, der mir alles dies mit boshaftem Lachen hinterbrachte, fand es unglaublich. Ich nicht. Wir ſind ſo weit Philoſophen geworden im neunzehnten Jahrhundert, um Stand, Anſehen, Ver⸗ nunft, Talent und Sitte zu verachten als elende Vorur⸗ theile. Daß alle Standesunterſchiede Unſinn ſeien, iſt von ſolchen Philoſophen laͤngſt klar bewieſen worden, par consequence wurde nicht minder dargethan, daß Wien. 1. Bd. 14 0 die Menſchen alle gleich ſeien, und wie die Zeiten immer fortſchreiten, kommt man endlich zu der Entdeckung, daß auch zwiſchen den Menſchen d den Thieren kein Unterſchied ſei. Und mit Recht! Unſere Vorel⸗ tern behaupteten, der Verſtand ſei das weſentliche Unterſcheidungszeichen, wodurch der Menſch uͤber dem Thiere ſtehe. Nun bitte ich Sie, mein Herr Ste⸗ phansthurm, mir einen Verſtand bei jenen Geſchoͤpfen nachzuweiſen, welche einer Taͤnzerin oder Säaͤngerin ſolche Ehren erweiſen und ſich ſelbſt animaliſireng Ich finde daher die Vorſätze der oben bemeldeten So⸗ cietaͤt hoͤchſt loͤblich und ſchlage dem Jahrhundert vor, * demnaͤchſt fur gleiche edle Beſtrebungen des Zeitgeiſtes eine allgemeine europaͤiſche„Animaliſirungs⸗ Akademie“ zu errichten. Die Lehrgegenſtaͤnde in dieſer zeitgemäßen Anſtalt ſind folgende und muͤßte fuͤr jeden derſelben ein von den Zoͤglingen zu honorirender 6 Profeſſor angeſtellt werden. Ich theile Ihnen meinen Studienplan zur Beurtheilung mit. Lehrplan. Erſtes Hauptſtuͤck. Animaliſches Exercitium. a) Die Kunſt, ſeinen Beifall auf unvernuͤnftig thieriſche Weiſe auszudruͤcken durch Bruͤllen, Wiehern, Bloͤken, wuͤrde taͤglich eine Stunde erfordern. b) Die Abrichtung auf vier Fuͤßen, das Tram⸗ peln, Strampfen, Ausſchlagen ꝛ.: eine Stunde. e) Fuͤr das Wiederkaͤuen täglich acht Stunden⸗ d) Fuͤr die verſchiedenen Verrichtungen der Zug⸗ thiere, das Einfahren mit und ohne Glacéhandſchuhen taglich eine Stunde, welche von der Schlafzeit abge⸗ brochen werden muß. Zweites Hauptſtuͤck. Tractament. a) Jeder Zoͤgling erhält täglich zwei Bund Stroh zum Liegen, vier und ein halbes Achtel Hafer und zwei Buͤſchel Heu. Da jedoch zu vermuthen ſteht, daß un⸗ ſere gelehrigen Candidaten auch fernerhin der Hafer ſtechen wuͤrde, ſo kann man ihnen ſtatt deſſelben Haͤck⸗ ſel fuͤttern. b) Das Getraͤnk beſteht in reinem Waſſer, damit kein Uebermuth und kein Geiſt in ſie komme. Drittes Hauptſtuͤck. Disciplinar⸗Vor⸗ ſchriften. a) Jeder Zoͤgling muß an derſelben Stelle ſchla⸗ fen, wo er frißt und alle anderen phyſiſchen Geſchaͤfte verrichtet. b) Die Uebertretung der Stallordnung wird ſcharf geahndet. Viertes Hauptſtuͤck. Dauer des Lehrcurſes⸗ Die Dauer des Lehrcurſes iſt je nach den Anla⸗ gen und dem Alter der Zoͤglinge verſchieden. Die Ju⸗ gend iſt der Erfahrung nach gelehriger, aber ſie iſt wankelmuͤthig und kehrt leicht zu den menſchlichen Ge⸗ wohnheiten zurüͤck. Daher wird eine Lehrzeit von zehn Jahren erforderlich ſein zur Heranbildung eines jun⸗ 14* —— ———— — 2— gen Zoglings, wohingegen aͤltere bereits im zweiten Jahre von der Akademie mit dem Zeugniß„als vollendetes Zugthier“ entlaſſen werden. Fuͤnftes Hauptſtuͤck. Bedingungen der Auf⸗ nahme. Es wird kein Zoͤgling in die Akademie aufgenom⸗ men, der nicht ſehr gute Anlagen und die Vollendung der erforderlichen Vorbereitungsſtudien nachweiſen kann. Jeder zur Aufnahme wuͤrdig Beſundene muß vorher unumſtößlich dargethan haben, daß er laͤngſt auf ſeine hoͤhere Beſtimmung Verzicht geleiſtet, daß er keinen Sinn fuͤr das Edle und Große beſitze, daß er weder fur eine ſchoͤne Idee, noch fuͤr einen erhabenen patrio⸗ tiſchen oder menſchenfreundlichen Beruf zu entbrennen im Stande ſei, daß er nie durch Etwas in Entzuͤcken verſetzt wurde, als durch enge Tricots und wohlgebil— dete Beine, hoͤchſtens fuͤr eine ſchoͤne Stimme, fuͤr welche wie bekannt auch die Thiere Empfaͤnglichkeit beſitzen, daß er keine groͤßere Ehre kennt als den Pan⸗ toffel einer Taͤnzerin zu kuͤſſen, und nach keiner ande⸗ ren Auszeichnung jemals geſtrebt hat, als einen Fetzen von einem zerriſſenen Taſchentuch zu erhalten. Wenn er Alles dies dargethan hat, ſo wird ihm, beſonders nach abgelegter Ahnenprobe, von dem Pruͤfungs⸗ comité das Zeugniß der vollkommenen Befaͤhigung zur Aufnahme in die Animaliſirungs⸗Akademie ertheilt. Leben Sie wohl, ich bin wie immer der Ihrige. ——— ——————————— — 213— 20. Man ſagt, Madame Mops⸗Singſchoͤn wolle Wien wieder verlaſſen. Die abgeſchmackten Artikel der ſchlechten Kritik werden ſie wohl nicht in ihrem ſchoͤnen Streben beirren! Weiß Frau von Mops nicht, daß ſich alle Freunde des Schoͤnen mit Indignation von dem ſchmaͤhlichen Treiben gewiſſer unberufener Spoͤtter abwenden? Nein. Die kunſtſinnigen Wiener wiſſen eine ſolche Perle, ein ſolches„Ereigniß“ zu ſchaͤtzen. Moͤge ſie jenen Intriguen gegen ihren Genius Ver⸗ achtung bieten! Moͤge ſie uns noch viele Kunſtgenuͤſſe darbieten! Das Vaterland wuͤrde untroͤſtlich ſein, einen ſolchen Schatz zu verlieren. 21. Wien. Von dem geiſtreichen Herrn von Mops, Gemahl unſerer gefeierten Primadonna, iſt ge⸗ ſtern eine dramatiſche Bearbeitung des hiſtoriſchen Stoffes uͤber den beruͤchtigten Raͤuber, der Schinder⸗ hanns genannt, zur Auffuͤhrung gekommen. Welche Beziehungen auf unſere Zeit, welche witzige Anſpie⸗ lungen, welche Fuͤlle von Poeſie und Humor! Schade, daß die Dichtung fuͤr das Faſſungsvermoͤgen unſeres Publicums zu hoch gegeben war, nur die feiner ge⸗ bildete Klaſſe wußte alle Vorzüge des Stückes gebuͤh⸗ rend zu ſchaͤtzen. 22. Die Theater in Hamburg, Berlin, Dres⸗ den, Bremen, Prag, Graz, Preßburg und Hietzing haben das Stuͤck des Herrn von Mops beſtellt. — 214— 23.(Ein ungeleſenes Blatt.) Es wirft ein abſcheuliches Licht auf unſere Kritik, daß man ſich nicht ſchaͤmt, ein ſo elendes Machwerk wie dieſes Stuͤck des Herrn Mops anzupreiſen. Es iſt complet durch⸗ gefallen, trotz vierhundert Freibillets und dem wuͤthen⸗ den Applaus bezahlter Claqueurs. 24.(Daſſelbe Blatt.) Welchen Begriff muß ſich London und Paris von unſerer Kunſtbildung ma⸗ chen, wenn eine Saͤngerin, der Alles fehlt, Stimme, Declamation, Kunſtbildung, Tournure, als Prima⸗ donna bei uns figurirt! Wir haben Choriſtinnen in Menge, aus welchen man einige Dutzend ſolcher Pri⸗ madonnen machen koͤnnte. 25.(Hamburg.) Die hier erſcheinende Zei⸗ tung—„Kein Blatt vor den Mund“— iſt in Oe⸗ ſterreich verboten worden, weil Madame Mops darin beſchuldigt wird, daß ſie ihren Ruf und ihr Gluck blos den Umtrieben ihres Gemahls und gewiſſen galanten Ver⸗ haͤltniſſen zu danken habe. Man liebt in Wien nicht das Skandal in den Journalen— man duldet es nur außer denſelben. 26. Berlin. Sind die Wiener toll? Der Schin⸗ derhannes wurde hier aufgefuͤhrt, weil er uns durch Wiener Blaͤtter als ein Meiſterwerk der dramatiſchen Dichtkunſt empfohlen war. Der Eckenſteher Nante wuͤrde ſich ſchämen, ſolchen Schund geſchrieben zu haben. . 2——— ————— ½ — 215— Dieſe letzteren Zeitungsnachrichten machten Herrn von Mops etwas bedenklich und verdrießlich,— er berechnete, daß ſeine Herrlichkeit kaum noch ſechs Mo⸗ nate ſich behaupten koͤnne. Aber ein Heldenherz ver⸗ zagt niemals. Herr von Mops begriff nur die Noth⸗ wendigkeit, neue Stuͤtzpunkte fuͤr ſeinen Ruhm aufzu⸗ ſuchen. Er berechnete ſeinen und ſeiner Frau natuͤr— lichen Fond an Talenten und fand, daß er niemals zureichen wuͤrde zur geſicherten Behauptung ſeiner Stellung. Aber ſeine Frau war ſchoͤn— genug in einer Stadt, wo die Liebe unumſchraͤnkt gebietet. Unter den zahlreichen Anbetern ſeiner Gattin be⸗ fand ſich Graf Sollio, ein alter verlebter Pavian, welcher ſich einbildete liebenswuͤrdig zu ſein, weil er durch Geld ſich die ſproͤdeſten Schoͤnheiten unterwarf. Dieſer Mann, deſſen ganzes Leben in Theaterintriguen und galanten Skandalen aufging, hatte große, einfluß⸗ reiche Connexionen, obwohl er ſelbſt kein Amt bekleidete. Sein Handwerk war Straßen auf Straßen ab zu laufen, um allen ſchmutzigen Gaſſendirnen die Cour zu machen. Er war mit ihnen Du und Du und protegirte ſie auf die humanſte Weiſe. Er warb aus ihren Reihen die Linientruppen der Theatercorps, Fi⸗ gurantinnen und Choriſtinnen, und wußte durch gute Freunde alle ſeine ehemaligen Geliebten auf die eine oder andere Weiſe unterzubringen, ohne daß es ihm Etwas koſtete. ——————— — 216— Dieſer Mann mußte Herrn von Mops zu einer neuen Baſis fuͤr ſeine Stellung verhelfen. 1 Herr von Mops ſagte daher zu ſeiner ehrbaren 3 Gattin: „Meine Liebe, wir muͤſſen ein Opfer bringen. Sie wiſſen, wie ſehr ich Sie liebe— aber unſer Ruf iſt im Abnehmen, die Journale machen eine ſaure Miene ſo oft ich Lobeserhebungen uͤber uns bringe. Man muß uns fuͤrchten lernen, da man uns nicht zu lieben ſcheint.“ „Was ſoll ich thun?“ fragte Madame Mops. „O, es handelt ſich nicht um Etwas zu thun, ſtueh nns— Sie kennen den Grafen 4 Sollio. Er hat Ihnen erſt neulich ein Dutzend Artigkeiten geſagt. Jedermann weiß, was das zu bedeuten hat. Er hat großen Einfluß, er iſt in gewiſſem Kreiſe almächtig. Sie wiſſen, ich liebe Sie uͤber Alles in der Welt, aber wir muͤſſen fuͤr unſere Kinder ſorgen. Es iſt keine Kleinigkeit, aus ihnen allen beruhmte Kuͤnſtler einſt zu machen, gleich⸗ viel, ob ſie Talent haben oder nicht. Wie geſagt, wir muͤſſen ein Opfer bringen!“ „Wenn Du meinſt, lieber Mann...“ antwortete Frau von Mops. Wir wiſſen nicht, was ſie dabei dachte. Graf Sollio empfing das Ehepaar mit großer 3 Herablaſſung. Obgleich Perſonen von nicht unbedeu⸗ et re u vir tet bei — tendem Range im Vorzimmer warteten, hatten doch Herr und Madame Mops das hohe Gluͤck, ſogleich vorgelaſſen zu werden. „Ew. Excellenz,“ ſagte Herr von Mops, indem er ſich bis zur Erde verneigte,„hochgraͤfliche Gnaden, ich unterſtehe mich Ihnen meine Frau vorzuſtellen.“ Madame Mops verneigte ſich und ſchlug die Au⸗ gen nieder. „Wir kommen, hochgraͤfliche Gnaden um Hilfe zu bitten, Hilfe gegen Verfolgung und Bosheit—“ Madame Mops begleitete dieſe Rede mit einigen Thraͤnen. Seine hochgraͤfliche Gnaden waren geruͤhrt. Sie ließen ſich herab, ihr einen theilnehmenden Blick zu ſchenken. „Was machen Sie da, meine ſchoͤne Frau?.. ich bin Thraͤnen aus ſo ſchoͤnen Augen nicht gewohnt. Sprechen Sie, meine Gute, erholen Sie ſich, faſſen Sie ſich, ich bin gern ein Vater der Bedraͤngten. Was giebt es?— gewiß wieder eine Ungezogenheit von dieſer Rotte ſchlechter Journaliſten?“ „Ach!“ ſeufzte Madame Mops. „Es iſt ſchrecklich,“ ſagte Herr von Mops,„den⸗ ken ſich graͤfliche Gnaden, meine Frau, immer bemuͤht geweſen, dem hohen Adel Genuͤge zu leiſten, aner⸗ kannt in Berlin, London, Paris—“ Madame Mops zerfloß in Thraͤnen. „Ich verſtehe,“ ſagte der Graf,„der Ausfall in — 216— der geſtrigen Nummer der Thalia— ja er war bos⸗ haft, ich war indignirt daruͤber,— ſein Sie verſichert, ich werde mich fuͤr Sie bei der Cenſur verwenden— ich traue mir einigen Einfluß zu;— auch Ihnen, lie⸗ ber Mops, hat man uͤbel mitgeſpielt und Sie haben doch Talent, entſchiedenes Talent—“ „Hochgraͤfliche Gnaden vernichten mich,“ ſagte der Belobte, indem er ſich wieder tief verneigte,„ſolches Lob aus dem Munde eines ſo großen Kunſtkenners und Kritikers, der Leſſing verdunkelt— es berauſcht mich.“ „Ach,“ ſagte Madame Mops, die etwas ſcham⸗ roth wurde,„wir kennen recht gut unſere Schwä⸗ chen—“ „Schwaͤchen?“ beliebte der Herr Graf zu ſcherzen. „Haben Sie Schwaͤchen, ſchoͤne Kleine?— gluͤcklich der, fuͤr den Sie Schwaͤchen haben— Sie ſind ein gluͤcklicher Mann, Herr von Mops.“ „O, allzu viele Gnade!“ rief Mops. „Wie?“ fuhr der Graf fort, indem er lachte, „wenn ich nun fuͤr meine Protection eine Belohnung verlangte— wie, wenn ich—“ „Alles zu Befehl, graͤfliche Gnaden,“ unterbrach ihn Herr von Mops,„Alles, unſere Herzen— ewig dankbar— ſchaͤtzen uns gluͤcklich.“ „Nun, nicht zu voreilig, lieber Mops, ich könnte zum Beiſpiel einen Kuß von Ihrer Frau verlangen—“ e der es ht a⸗ en ſich ein h ng „O, Ew. Gnaden!“ entgegnete Mops ſchweif⸗ wedelnd,„o, welche Kleinigkeit!“ Madame Mops blickte verſchaͤmt zu Boden, hob dann den Blick zu dem Grafen und ſeufzte recht thea⸗ traliſch. „O, welch' ein Gluͤck, von Dir gekuͤßt zu wer⸗ den!“ ſchien ihr Blick zu ſagen.„Grauſamer, was zoͤgerſt Du, ich bin die Deinige!“ Seine graͤfliche Gnaden waren ſo zufrieden mit dem Ehepaar, daß er es bat, ſich doch niederzulaſſen. „Apropos!“ ſagte der Graf,„ich habe gehoͤrt, Sie wollen nach Deutſchland reiſen—“ „Ich reiſen?“ ſagte Herr von Mops,„ich habe Nichts davon gehoͤrt,“ doch ſchnell begreifend, ſetzte er haſtig hinzu:„ja doch, weil Euer Gnaden ſchon Alles wiſſen, ich reiſe, wichtige Geſchaͤfte, in acht Tagen—“ „In acht Tagen erſt?“ fragte der Graf gedehnt. „Verzeihen— habe mich verſprochen, wollte ſa⸗ gen in zwei Tagen, nein, morgen— heute noch— ich habe große Eile.“ Seine graͤfliche Gnaden waren ſehr vergnuͤgt. „Nun denn, reiſen Sie mit Gott— ich werde dafür ſorgen, daß Ihre Frau ein Engagement auf Le⸗ benszeit erhaͤlt,— was Sie betrifft— haben Sie kein neues Stück fertig? ich will mich dafuͤr verwen⸗ den!“ „O ja, drei fuͤr eines!“ — 220— „Schicken Sie mir die Manuſcripte, ich will ſie alle unterbringen.“ Herr von Mops machte Miene niederzuknieen. „Engel von einem Herrn— nein, dieſe Herzens⸗ guͤte verdient Anbetung!— wie, und ein Mann Ihrer Art wird verkannt!—“ „I nu,“ ſagte der Graf, ihn huldvoll aufhebend, „die Welt iſt und bleibt undankbar. Aber Sie ſind es gewiß nicht, meine Lieben.— Apropos, wo wohnen Sie, falls ich Ihnen Etwas zu berichten haͤtte, zu wel⸗ cher Stunde ſind Sie zu Hauſe, Madame?— denn es koͤnnte ſein, daß die Ungeduld, Ihnen eine frohe Nachricht zu bringen, mich veranlaßte ſelbſt zu kom⸗ men.“ ſchrie Mops außer ſich,„unſer Haus wird ſolche hohe Gnade und Herablaſſung zu ehren wiſſen— unſet Enkel werden noch davon unterrichtet werden,— ach, engliſcheſter Herr— Sie verblenden, Sie betauben uns— zu viel, zu viel Gnade!“ Seine graͤfliche Gnaden laͤchelten hoͤchſt vergnuͤgt und entließen die Begluͤckten, indem Sie ſich herab⸗ ließen, Frau von Mops in die Wangen zu kneipen. „Adieu, meine Liebe, adieu, mein Güter, reiſen Sie gluͤcklich— denken Sie zuweilen an mich, kleine Schelmin— ich werde gewiß an Sie denken“ Herr von Mops ließ ſeine Frau jedoch nicht zur Thuͤre hinaus, ſondern trat ſelbſt, ruͤckwärts marſchirend, „Zu jeder Stunde des Tages und der Nacht“ 6 — — 221— unter zahlloſen Verbeugungen hinaus, ließ, wie aus Verſehen, die Thuͤre in's Schloß fallen, ehe ſeine Frau Zeit hatte ihm zu folgen, da ſie ſich eben verneigte— man hörte ein leiſes Schnalzen, wie von einem geraub⸗ ten Schmätzchen, die Thuͤre wollte nicht aufgehen— aber endlich gelang es der Gattin ſie zu oͤffnen und ſich mit einer Verbeugung zu empfehlen. Den beiden Ehegatten war ganz feierlich zu Muthe. „Unſer Gluͤck iſt gemacht, das kann große Folgen haben!“ ſagte Herr von Mops. „Ach, er iſt aber gar zu garſtig!“ ſagte Madame Mops, ſich ein wenig ſchuͤttelnd. „Schadet nichts, ſchadet nichts, mein Kind, muͤſſen an unſere Zukunft denken— gleich vorbei— Pah!“ In einer Stunde war Herr von Mops auf der Reiſe. Abends um neun Uhr aber brachte der Herr Graf der Strohwitwe den unterſchriebenen Contract— warum noch ſo ſpaͤt Abends? Davon ſchweigt die Geſchichte. Drei Tage darauf wurden dem abgereiſten Ge⸗ mahl zweihundertſiebzig Empfehlungsbriefe des Grafen und ſeiner Bekannten an Theaterdirectoren, Schau⸗ ſpieler, Künſtler, Diplomaten, Cavaliere und Kaufleute nachgeſchickt. Schriftſteller verſprachen einander zu lo⸗ ben, Directoren Gaſtſpiele, Redacteure gute Kritiken, große Herren Protection— Alles fuͤr den Preis, Herrn von Mops, den ausgezeichneten Schriftſteller, —— Dichter, Publiciſten ꝛc. nach Kräͤften in ſeinen ſchoͤ⸗ nen Beſtrebungen zu unterſtuͤtzen. Zwei Jahre hatten alle Buͤhnen, Journale und Directionen mit den Gegendienſten zu thun, waͤhrend welcher zehn arme talentvolle Schauſpieler und fuͤnf Dichter halb verhungerten. Neue Zeitungsnachrichten: Dresden. Der beruͤhmte, geiſtreiche Schriftſteller Herr von Mops aus Wien weilt in unſeren glückli⸗ chen Mauern. Er gab geſtern einem gewaͤhlten Eirkel Vorleſungen, und entzuͤckte Alles durch ſeinen ſpruͤ⸗ henden Geiſt. Leipzig. Herr von Mops weilt hier. Eine beruͤhmte Buchhandlung hat ihn auſgefordert, die Ge⸗ ſchichte ſeiner Zeit zu ſchreiben. 3 Berlin. Herr von Mops wird der erſten Auf⸗+ fuͤhrung ſeines Drama's„Ein Bonmot“ beiwohnen. Alles ſtaunt hier uber den Geiſt dieſes Dichters. Er wird in die vornehmſten Cirkel geladen. Hamburg. Von dem beruͤhmten Mops iſt ſo⸗ eben ein Roman erſchienen, welcher Bulwer, Sue, Balzac und Victor Hugo beſchämt. Der Titel iſt „Phoͤbus“— recht bezeichnend fuͤr ein ſo— des Talent. 6 Kiel.(Ein kleines Blatt.) Durch 1 uns ein Exemplar des Romanes„Phoͤbus/ in die Hände, von welchem die Journale ſo vielen Laͤrm machen — ſc⸗ Hier iſt der Inhalt dieſes großen Werkes. Wir ent⸗ Jahre halten uns, aus Furcht mit unſeren Collegen brouillirt 6 tden zu werden, jeden Inhalts. Es iſt uns aber ſchlechter⸗ zehn dings unbegreiflich, wie ein ſolches Buch und viele fünf ſeines Gleichen Verleger und Abſatz finden. Iſt der ganze deutſche Buchhandel auf den Kopf gefallen? Haben dieſe Buchhändler gar kein Judicium in dieſer aufgeklaͤrten Zeit? Der vorliegende Roman iſt ge⸗ ſele ſchrieben wie leider gar viele unſerer ſchreibluſtigen icl Zeit. Doch man hoͤre, wie: ſe Phoͤbus iſt ein geiſtreicher Recenſent— denn die ſp⸗ Recenſenten ſpielen in der heutigen Novelliſtik eine eben ſo große Rolle, als in Wirklichkeit eine kleine.— Eine Phoͤbus machte durch ſeine allmaͤchtige Feder— ſonſt eGe⸗ ſind die Federn zwar nicht zu maͤchtig— ſeine Freunde gluͤcklich und ſeine Feinde— zu Nichts. Ein Wort u⸗ von Phoͤbus und ein armer Flickſchneider wurde ploͤtz⸗ nen lich ein reicher Mann, um deſſen Kunſterzeugniſſe die Et faſhionable Welt ſich riß, ein Wort von Phoͤbus und die zwanzigjährige Reputation eines Feindes war ver⸗ ſih⸗ nichtet. Man wird ſich uͤber Phoͤbus an gewiſſen Or⸗ ten ſehr verwundern, wo ſeines Gleichen ſich fuͤr ein ſ Paar Gulden die Finger wund ſchreiben und doch we⸗ der einen Armen reich, noch einen Reichen arm zu ſchreiben im Stande ſind. Phoͤbus war ein excellenter Menſch, ein Liebling der Weiber, abermals im Ge⸗ genſatz einer großen Zahl ſeiner Collegen, welche als ungehobelte und geckenhaſte Pinſel ver⸗ „ — 224— ſchrieen ſind. Phoͤbus wurde wahnſinnig geliebt von einer geheimen Prinzeſſin aus einer unbekannten Dy⸗ naſtie— abermals ganz gegen die Kleiderordnung, nach welcher gewiſſe Literaten ihre Romane in den Kuͤ⸗ chen und Geſindeſtuben ſpielen. Die Prinzeſſin war das ſchoͤnſte Weib, welches jemals gelebt hat und in Zukunft leben wird, aber Phoͤbus war grauſam gegen ſie. Nichtsdeſtoweniger ſtellte ihm die un⸗ gluͤcklich Liebende nach. Umſonſt bot ſie ihm zwei Koͤnigreiche an, vergeblich ſeufzte ſie taͤglich vor ſeinem Fenſter, und vergeblich ſang ſie dort zur Guitarre eine Arie voll Liebesgluth an den verhaͤrteten Geliebten. Phoͤbus ſchlief dabei ſehr ſorglos und machte ein bei⸗ ßendes Epigramm auf ſeine Schoͤne. Das Herz der Ungluͤcklichen zerbrach in tauſend Stuͤcke, aber ſie gab noch nicht alle Hoffnung auf, den Unerbittlichen zu erzwingen. Ploͤtzlich verſchwand die Prinzeſſin aus dem Palaſte ihres Vaters, deſſen Reich zweimal ſo groß war wie Nord- und Sud⸗Amerika. Eines Ta⸗ ges aber kam zu Phoͤbus, als er eben unbekuͤmmert ſeinen Kaffee trank und ſeine Cigarre rauchte, ein junger Menſch, der ſich zu Beſorgung von Schreibe⸗ reien erbot. Er bat ſo flehentlich, daß Phoͤbus erweicht wurde, und ihm einen Roman zum Abſchreiben gab. Der Fleiß des jungen Menſchen, ſeine ruͤhrenden Bit⸗ ten und beſonders die Bewunderung, welche er fuͤr die Talente des großen Mannes an den Tag legte, brachten Phobus dahin, daß er dem jungen Copiſten noch einige — 225— von andere Manuſcripte zum Abſchreiben gab. Wie er⸗ Dy⸗ ſtaunte er aber, als ihm der junge Menſch eines Abends, ung, als eben der Mond ſchien, zu Fuͤßen fiel, und bekannte, Kir daß er die verkleidete Prinzeſſin ſei! So viele Liebe war erſchuͤtterte ſeine Standhaftigkeit, welche beſonders aus din Verachtung des hohen Ranges ſeiner Geliebten her⸗ uſun vorging, er fing an, die Liebe der Prinzeſſin zu erwie⸗ u dern, und bald begluckte er ſie mit ſeiner Hand. Doch wei machte er ihr vor der Hochzeit eine Bedingung. Die inem Prinzeſſin mußte ihrem Stande und ihrem Erbe ent⸗ eine ſagen, die Koͤnigreiche, welche ihr als Erbe zufielen, bten. licitando verkaufen und in eine andere Welt ziehen bi⸗ mit dem Geliebten. Sie willigte freudig in Alles n du und ſo wurden denn drei Koͤnigreiche verſteigert, ein b jeder Unterthan mit hunderttauſend Goldſtuͤcken und . ſeiner voͤlligen Freiheit beſchenkt, und jeder einzelne n 6. Menſch fuͤr eine Republik erklaͤrt. Das gluͤckliche Paar aber reiſte im Bewußtſein erfuͤllter Menſchenpflicht nach einem noch unentdeckten Welttheile und gruͤndete da⸗ ſelbſt unter einem Volke von Orangoutangs, welche ſie emancipirten, einen Freiſtaat. Dort in den un⸗ ,. ſchuldvollen Gefilden leben die Gluͤcklichen noch, wenn „ℳ ſie nicht ſeither geſtorben ſind. Amen. „ Köln. Hert von Mops, der beruhmte Schrift⸗ ſteller, iſt hier durchgereiſt— er will nach Italien die gehen. Stuttgart. Herr von Mops ſoll neulich ge⸗ uhle ſagt haben, Ponſard's„Lucretia“ ſei ein Epigramm inig en. 1. Bd. 15 — 25— auf die Keuſchheit. Dieſer geiſtreiche Ausſpruch cir⸗ culirt in allen Cirkeln. Baden⸗Baden. Unter den Geſtirnen, welche unſere Saiſon verherrlichen, glaͤnzt Herr von Mops am meiſten. Er ſchreibt, ſo viel man hoͤrt, einen ſo⸗ cialen Roman, worin er beweiſen wird, daß unſere Armer Nichts zu eſſen haben. Dieſer geſinnungstuͤch⸗ tige Schriftſteller verdient die Hochachtung der deut⸗ ſchen Nation. Karlsruhe. Hier herrſcht großer Jubel— man hat dem geſinnungstuͤchtigen Schriftſteller Herrn von Mops ein Feſteſſen gegeben. Hamburg. Unſere geſinnungstüchtigen„Salat⸗ blatter“ enthalten folgende kuhne, witzige, politiſche Phraſe:„Wie lange wird Deutſchland noch zerriſſen ſein? Wird man nie einſehen, daß das deutſche Volk muͤndig iſt? Fort mit der Cenſurwillkuͤr. Brot den Arbeitern! O Deutſchland, wie jammerſt Du mir! Noch giebt es wahre Soͤhne Hermanns des Cheruskers! O ihr, die ihr Deutſchland ſo gern knech⸗ ten, an Haͤnden und Fuͤßen mit Cenſur- und Polizei⸗ maßregeln feſſeln moͤchtet, bedenkt, die Zeit iſt hin, wo Bertha ſpann! Wann wird Preußen eine Verfaſſung erhalten? Das große Koͤnigswort iſt noch immer nicht geloͤſt. Im Lippe⸗Detmoldiſchen iſt die Kartoffelſeuche verboten worden. Armes Deutſchland, guter deutſcher Nichel, wann wird Dir der Knopf aufgehen?“ Altona. Zu dieſem Artikel macht ein kleines S. „—— 1 3 uch cir welche nen ſo⸗ unſere ntüch deu — man ern von r Salat⸗ olitſche 1— zeniſen 1 Byt 4„ nert— nns d n inc⸗ dPoli hin, w zerſun mer n fülſel uſte nfins ungeleſenes Blaͤttchen die beruͤhmte Anmerkung: Gu⸗ ter deutſcher Michel, wie lange wirſt Du brauchen, um zu begreifen, daß dergleichen Artikel ſelbſt ein ruſ⸗ ſiſcher Polizeiagent ſchreiben koͤnnte, ohne ſich verfaͤng⸗ lich zu machen? Wie lange wird man ſich von ſolchen Narren foppen laſſen? Leipzig. Der geſinnungstuͤchtige Mops hat hier in einem Privatzirkel eine glänzende Philippika gegen einen geſinnungsloſen Schriftſteller losgelaſſen. Der Ungluͤckliche iſt vernichtet, entlarvt, man glaubt allge⸗ mein, er ſei ein Jeſuit, denn Mops hat ihm aus ſei⸗ nen Schriften nachgewieſen, daß er von Gott ſpreche. Wuͤrzburg. Der geſinnungstuͤchtige Mops hat hier einen Ehrenbecher erhalten. Wien. Herr von Mops hat ſeine Triumphreiſe durch Europa vollendet Er hat bei Thiers, Guizot und dem Herzog von Wellington geſpeiſt. Man ſagt, er werde den Orden pour le mérite erhalten. Als Herr von Mops nach einem Jahre wieder in Wien eintraf, ließ er ſich ſogleich bei dem Herrn Grafen Sollio melden. Seine graͤfliche Gnaden waren ſehr aufgeraͤumt und beſonders beluſtigt durch die politiſche Rolle, welche Herr von Mops geſpielt. „Ich habe indeſſen fuͤr Ihr Wohl vaͤterlich ge⸗ ſorgt,“ ſagte er huldvoll.„Was denken Sie wohl, daß ich hier in der Hand halte?“ 452 — W— „Unfaͤhig, Hochdero unerſchoͤpfliche Gnaden zu er⸗ meſſen—“ ſtotterte der Erwartungsvolle.“ 2„Es iſt ein Decret des Herzogs von Leitomiſchl,“ ſagte ſeine Gnaden feierlich,„und enthaͤlt Ihre Ernennung zum geheimen Finanzrath! Auch haben Se. Hoheit mich beauftragt, Ihnen den Katzen⸗Orden einzuhaͤndigen.“ Herr von Mops ſtuͤrzte freudetrunken zu den Fuͤßen des großmuͤthigen Protectors, kuͤßte ihm Haͤnde und Stiefel und empfing knieend, wie ein Voaſall Karls des Großen, die koſtbaren Kleinodien— zur Be⸗ lohnung ſeiner Verdienſte um die Menſchheit, den Staat und das Vaterland! —— ———— u et⸗ chl“ ung mich den inde zaſall den —— Tagebuch eines galanten Srhaulpielers. Wien den 1. Januar 1840. O mein Ideal!— Heute ſah ich Dich wieder — noch beben alle meine Nerven vor Aufregung, Du oder Keine vermag es, mein wildes Blut zu beſaͤnf⸗ tigen, mein Herz zu mildern, meine Sehnſucht zu ſtillen. Du Gottvolle, Reine, Unberuͤhrte— inmitten einer Welt voll Verfuͤhrung, umringt von allen Schlingen der lauernden Wolluſt,— Du mein Ideal— eine Schauſpielerin— eine Prieſterin in dieſem entweihten Tempel der Kunſt, der nur noch ein Tempel— des Vergnuͤgens iſt. Ach— ob Du wohl weißt, welche boͤſe Geiſter Dich umkreiſen, welche giftigen Duͤnſte der Wolluſt Dich umgeben, welche Luft Du athmeſt in Deine reine, unentweihte jungfraͤuliche Bruſt? Nein — Dein Gedanke ſelbſt iſt rein geblieben— an Dich allein glaube ich, und wenn jch an aller Welt verzwei⸗ feln ſollte, Dein Bild ſoll unbefleckt in meiner Seele ſtrahlen, Du oder keine Sterbliche biſt keuſch, makel⸗ los, frei von ſuͤndigen Gedanken ſelbſt! Wie oft habe ich mir vorgenommen, Dir zu na⸗ hen— Thekla— oft war ich ſchon im Dunſtkreiſe . 3 ————— — 232— Deines lieblichen Weſens, ach, dieſe Atmoſphäre der Unſchuld und Grazie— ich konnte ſie nicht ertragen, ich wagte es nicht Dich anzuſprechen mit meinem ver⸗ unreinigten, wolluſtvergifteten Herzen— wie der Sa⸗ tan vor dem Lichtkreiſe der Engel— ſo bebte ich vor Deiner Naͤhe zuruͤck. Ich zogerte, zagte, war ſchuͤchtern und bloͤde wie ein Kind. Man ermuthigte mich. Aber wie? Man befleckte Deinen Namen durch Verdacht, man ſuchte Deine Reinheit zu verdaͤchtigen, damit ich Muth ge⸗ woͤnne, Dich zu beruͤhren. Nein— um dieſen Preis moͤchte ich— koͤnnte ich ja nicht ſelig werden in Dei⸗ nen Armen, nein, wenn ich Dich auch ewig meiden muß, Dein Bild ſei mir heilig,— wenn ich nie Dich gewinnen kann, Deine Unſchuld, waͤre ſie auch nur ein ſchoͤner Traum, muß mir wie ein Genius zur Seite ſtehen. Glaubte ich nicht mehr an Dich— ich glaubte an Nichts mehr— ich haͤtte kein Bild der Vollkommenheit mehr vor meiner Seele— ich waͤre verloren, wie Jene es ſind, welche ich dahin leben ſehe zwiſchen Wuͤrfeln, Karten, Bierkruͤgen und Freuden⸗ maͤdchen, welche fuͤr Nichts mehr Sinn haben, als fuͤr klingende Muͤnze und den kurzen Rauſch ſinnlicher Freuden. Als ich heute in's Kaffeehaus ging, las ich in einem hieſigen Journal einen naͤrriſchen Aufſatz. Er war betitelt„Brief an den Stephansthurm“ und ent⸗ hielt noch mehr verſchwiegene Gedanken als aus⸗ en, ver⸗ Sa⸗ vor wie Man uchte ge⸗ reis Dei⸗ iden dich geſprochene, er ſtimmte zu meiner Seelenſtimmung, er harmonirte mit meinem Schmerze, in ihm walteten die⸗ ſelben Qualen, welche mich endlos peinigen— dieſe Qualen der fruchtloſen, geiſtigen Selbſtabnutzung in dieſer faulenden Zeit, welche in ihrem Sumpfe Alles erſtict, was in ihm zu gedeihen nicht geboren iſt. Ich lege ihn hier zum Andenken in mein Tagebuch. Ich kann mich nicht enthalten, dieſen Aufſatz mit Anmerkungen zu begleiten. Da ſie nicht beſtimmt ſind geleſen zu werden, ſo kann ich wohl die Freiheit der Gedanken des Verfaſſers ergänzen. Der Ungluͤckliche — Sclave wie ich— Sclave der Verhaͤltniſſe wie der Weltlaunen— armer Leidensbruder— ich beklage Dich, denn nur ich begreife Deinen hohnlachenden, hu⸗ moriſtiſchen Schmerz, woruͤber ſie im Kaffeehauſe ſich gedanken⸗ und gemuthlos erluſtigen! Briefe eines Vorſtädters an den Stephansthurm. Siebente Epiſtel. Spitelberg, den 9. Juli 1839. Theurer Freund! Sie ſehen mich ſeit funf oder ſechs Wochen ſo ſtumm und begehrlich an, daß ich mich trotz der großen Hitze Ihrer erbarmen und zur Feder greifen muß. Wenn Sie wüßten, Freund, was es heißt, ſchreiben, dann ſchreiben müſſen, und endlich gar im Som⸗ mer ſchreiben muͤſſen—(ganz endlich aber unter — öſterreichiſcher Cenſur und— dieſem Publicum zu gefallen!) Sie wuͤrden mitleidig Ihr Haupt ſchuͤt⸗ teln und das Opfer, welches ich Ihnen bringe, zu ſchaͤtzen wiſſen. Von allen menſchlichen Betriebſam⸗ keiten iſt ſicherlich keine ſo erbaͤrmlich, als die leidige „Federfuchſerei“, wie ſie unſere guten alten Vaͤter in ihrer Verachtung zu nennen beliebten. Der Menſch iſt zur koͤrperlichen Arbeit geboren, ohne ſie welkt und ermattet ſein Koͤrper, vielleicht auch der Geiſt, oder doch gewiß die Seelenkraft, und der Fluch uͤber den erſten Menſchen:„Du ſollſt im Schweiße Deines Angeſichtes Dein Brot eſſen,“ trifft am ſicherſten Jene, welche den Schweiß der buͤrgerlichen Arbeit, die ſchwere Bedingung irdiſcher Gluͤckſeligkeit, nicht kennen und durch ein Widerſtreben gegen den Urtheilsſpruch des Himmels ſich ſelbſt vernichten. Wenn Sie dieſe Wahr⸗ heit bezweifeln, ſo bitte ich, mein lieber Stephansthurm, ſich in die Baͤder von Baden, Karlsbad, Teplitz, Gräfenberg zu bemuͤhen, wo Sie Tauſende von ungluͤcklichen leidend finden werden, welche verdammt ſind, Federhelden zu ſein und Ihre ganze korperliche Arbeit mit drei Fingern zu verrichten. Der Herr hat uns Gliedmaßen gegeben, daß wir ſie gebrauchen, was Wunder, daß wir ihren Gebrauch verlernen, wenn wir ſie ruhen laſſen? Aus dieſem Grunde, mein Verehrter, ziehe ich alle Tage nach Sonnenaufgang meinen Lein⸗ wandrock an, und da ich keinen Acker zu beſtellen habe, ſo zwinge ich wenigſtens meine Beine ihre Beſtimmung zu hüt m⸗ dige ter nſch und oder bet nes ne, vere und de ahr⸗ rm, lit, von nmt liche hat wn nir , ein⸗ abe, ung — 265— zu erfuͤllen, indem ich ſie bergauf, bergab in die Ge⸗ birge treibe. Es iſt dies vielleicht Muͤſſiggang, aber ich kann Sie wenigſtens verſichern, daß ich mein Brot im Schweiße meines Angeſichts eſſe und mich, Dank dem Himmel! dabei wohl befinde. Schreiben, ſchreiben muͤſſen, es iſt das Schrecklichſte unter der Sonne! Warum ich demun⸗ geachtet freiwillig ſchreibe? Freiwillig, nein, beim Zeus nein! Wiſſe denn, Freund, daß ich eine ſchwere Schuld abzubuͤßen habe. Ich hatte einen Sohn, er war die Freude meines Lebens! Er hatte die ſtaͤrkſten Glied⸗ maßen im Lande und den beſten Appetit in Wien.— Ein großes Wort! Sein Verſtand war von mittlerer Statur, nicht zu groß fur unſere ſuperklugen Zeiten, nicht zu klein fuͤr ſeinen Beruf, eine nuͤtzliche Creatur zu werden. Niemals noch war ein Menſch ſo ſehr zur Arbeit geboren als er. Ich ließ ihn, den glucklich Begabten, den geborenen Ackerbauer oder Tagloͤhner — ich ließ ihn— eheu me miserum!— ich ließ ihn ſchreiben lernen. Kaum hatte ich die Suͤnde begangen, als mich die Furien der Reue packten und mich bis heute nicht verließen. Das ungluͤckliche Opfer meines Hochmuths ward ein unnuͤtzes Mitglied der Geſellſchaft.(Was kann hier wohl der Verfaſſer An⸗ deres gemeint haben, als einen jener unnuͤtzen Staats⸗ diener, welche ohne Fähigkeiten an einflußreiche Stel⸗ lungen kommen? Die Cenſur hat gluͤcklicher Weiſe dieſen verraͤtheriſchen Gedanken nicht begriffen und das — 236— Publicum wohl noch weniger.) Demungeachtet war ich verſtockter Suͤnder ſo erbaͤrmlich, ihn uͤberall da hinzuſtellen mit ſeinem breiten Ruͤcken und ſeinen gigan⸗ tiſchen Gliedmaßen, wo Beſſere und Fähigere haͤtten ſtehen ſollen. Was geſchah? er gab uͤberall Aergerniß und ſchrieb was Andere dachten, befahl, wo er gehor⸗ chen ſollte, und zwang Kluͤgere ſo dumm zu ſein oder doch zu handeln, wie er ſelber war.(Ganz das Schick⸗ ſal ſolcher Beamten, wie wir ſie in Unzahl beſitzen.) Der Zufall gewaͤhrte ihm zum innigſten Herzeleid ſeines ungluͤcklichen Vaters die gluͤcklichſten Erfolge. Er brachte es nur weit, damit eine deſto groͤßere An⸗ zahl von Menſchen ſeine Unfaͤhigkeit erkenne; er wurde nur angeſehen, um verſpottet zu werden. Er ſtarb endlich an einer Indigeſtion, nachdem er wie ein Thier gelebt hatte! Hunderte jener Ungluͤcklichen, welche ſeine unſinnigen Anordnungen hatten befolgen muͤſſen, folgten lachend ſeinem Leichenzuge und ſagten: er war duͤmmer wie ein Strauß, indeß er doch weit vernuͤnf⸗ tiger geweſen als das kluͤgſte Thier, der Elephant. So mußte er geſchmaͤht und verhoͤhnt fruͤhzeitig unter die Erde, welche er haͤtte bebauen ſollen. Er, der als nuͤtzlicher Holzhauer ſeines Gleichen geſucht haben würde! (Welcher beißende Sarkasmus gegen jene vierſchroͤtigen Luͤmmel, welche zum Theil als große Beamte allen Beſſe⸗ ren im Wege ſtehen.) Ich ſtand an ſeinem beſchimpf⸗ ten Grabe und nannte mich ſeinen Moͤrder. Ich hatte die Geſellſchaft eines nuͤtzlichen Mitgliedes beraubt und — 237— war ein unnuͤtzes daraus gemacht. Ich hatte die Verant⸗ da wortung fuͤr tauſend wichtige Thorheiten, welche er in an⸗ ſeiner Seeleneinfalt begangen, auf mich geladen und ſten* mein Kind unter die Erde gebracht, mein eigenes miß Haupt mit Schmach bedeckt. Die Martern des Ge⸗ hor⸗ wiſſens haben mich ſeither nicht verlaſſen, und ich be⸗ oder ſchloß, um ſie einigermaßen zu beſchwichtigen, mir die his⸗ Buße aufzulegen, von Zeit zu Zeit einige Briefe zu zen ſchreiben, welche uͤberfluͤſig ſind und zum warnenden leid Erempel dienen fuͤr alle thoͤrichten alten Suͤnder, welche lge. ihre unbegabten Kinder, die als Handwerker oder Tag⸗ An⸗ lohner nuͤtzlich und geachtet ſein wuͤrden, mit Berufs⸗ urde pflichten belaſten, denen ſie nicht gewachſen ſind, und ſut ihnen unangemeſſene Ehren verſchaffen, welche ſie der hie allgemeinen Verſpottung und der Verachtung preisge⸗ alche ben.(1!11! Wie viele Ausrufungszeichen ſind hier ſen keine Verſchwendung!) war Seitdem, mein lieber Stephansthurm, ſchreibe ich inf⸗ an Sie meine unnuͤtzen Briefe. Nicht, daß ich ein ant. Beduͤrfniß fuͤhlte oder eine Ehre darin ſuchte ſie zu min ſchreiben! Nein, nur zur Buße! und ſie ſchmerzt auch 6 dieſe Buße! Die Schriftgelehrten waren einſt hoch⸗ me verehrt vom Volke und man glaubte ihren Lehren. izn Aber ſeitdem es Tagloͤhner der Schrift, profeſſionirte zſ⸗ Wortverdreher und Wortdrechsler giebt, iſt das Schrei⸗ ben ein profanes Geſchaͤft geworden. Man erfand den Druck fur die eigentliche Schriftgelehrſamkeit. Aber — der Druck gab ſich nicht minder her fuͤr Taglohn, und —— die Wortmacherei fuͤr den Markt wurde ein eigenes Handwerk. Die Talente fangen an dies Handwerk zu meiden und Denjenigen zu uͤberlaſſen, die mit ſchon benutzten Typen arbeiten. Es gehen jetzt Schriftmaͤn⸗ ner in den Laͤndern herum, welche ihre Wortkuͤnſte zur Empfehlung trefflicher Bratwuͤrſte und anderer Erzeugniſſe fuͤr ein Billiges ausbieten. Sie nennen ſich Autoren, Literaten, Schriftſteller, mit demſelben Rechte, wie ſich die Anſtreicher zuweilen Maler be⸗ nannten. Aber ſie haben es dahin gebracht, daß man ſie ſo nennt, und doch ſchreibe ich an Sie meine Briefe, welche, wie man mir ſagt, in einem hieſigen Blatte gedruckt werden. Heißt das nicht ſeine Suͤn⸗ den buͤßen, und kann ich nicht nach ſolchem Werke der Demuth die ewige Seligkeit hoffen? Ich glaube, es kann einem ehrlichen Manne kaum Schlimmeres begegnen, als im Verdachte der Schriftſtellerei zu ſte⸗ ſten.(Kein Menſch im Kaffeehauſe hat dieſe bittere Perſiflage der Cenſur verſtanden, welche es dahin gebracht hat, daß das Geſindel der„Reporters“ mit den Schriftſtellern vom Berufe verwechſelt wird!) Mein Nachbar hat mich neulich damit aufgezogen. Der Mann haͤlt ſich Wagen und Pferde, hat viele Dienſtboten und Koſigaͤnger. Er ſagte, er werde ſich nun auch einen Schriftſteller halten, denn ſo viel er wiſſe, komme eine ſolche Creatur in der Erhaltung nicht theuer zu ſtehen. Er habe von einem reiſenden Muſikanten gehoͤrt, welcher ſich ſtatt eines Kammer⸗ — 239— nes dieners einen Schriftſteller aushalte, der ihn in allen u Zeitungen loben muͤſſe. Er— mein Nachbar naͤmlich on— brauche auch einen ſolchen Wortverfertiger. Er handle mit Knoppern und die Publicitaͤt koͤnne ihm ſte viele Kunden verſchaffen— wenn anders ein Haus⸗ 6 ſcribent nicht mehr koſte als ein Pferd zu erhalten, denn en er wolle ſeinem Haushalte keine große Laſt auflegen. n Er denke ein gutes Werk nebſtbei zu thun, denn ſolche „ arme Schlucker muͤßten ſich ohnedem ſonſt haͤufig von der borgenden Barmherzigkeit der Marqueure und Kellner ernähren, und mit den knappeſten Biſſen, welche jemals im Stande waren den Magen eines Sperlings 6 auszufuͤllen, ſich begnuͤgen. Kaͤme es nicht zuweilen, daß ein großmuͤthiger Bretterheld, von dem ſie Ge⸗ ſchrei machen muͤſſen, ihrer Noth zu Hilfe eilte, oder 4 daß eine Primadonna die bornirteſten Einwohner einer Stadt und par préference die Schriftprofeſſioniſten, 6 an ihren Wagen ſpannen wollte, jo ſtaͤnde es ſchlimm „ mit der Haut dieſer Broſameneſſer, welche ſich von Nichts . ernaͤhren, als von den beſtellten Recenſionen, Referaten, Tagesnotizen ꝛc., von den Abfaͤllen der Mahlzeit der ) Schauſpieler und dem Almoſen der Theaterdirectoren. 0 Sie koͤnnen ſich denken, mein lieber Stephansthurm, ee wie mir bei ſolchen Aeußerungen zu Muthe ward, mir, der auf dem ganzen Grunde nun verſchrieen iſt als er ein Schriftſteller! Ich hatte lange keine Ahnung da⸗ 9 von, bis mir neulich der Hausmeiſter den Credit auf⸗ n kuͤndigte und mir das Sperrgeld ſogleich abverlangte. — 240— „Sehen Sie, Herr Hans,“ ſagte er, indem er mich treuherzig bei der Hand nahm,„ich habe Sie bis heut immer fuͤr einen ſoliden Menſchen gehalten, aber ſeit Sie in die Zeitung ſchreiben, halte ich Sie fuͤr einen verlornen Mann. Ich bitte Sie, kehren Sie auf guten Weg zuruͤck, in Ihren Jahren verzeiht man ſolche Streiche nicht. Folgen Sie mir, ich meine es gut.“ Und dabei wiſchte er ſich mit dem kalkbeſpritzten Ermel eine Thraͤne aus den Augen. Noch ein Mal: Schreiben iſt das Schrecklichſte unter der Sonne! Wofuͤr ſchriebe man heute? Fuͤr Geld? Es iſt bekannt, daß man Nichts ſchlechter be— zahlt, als Worte. Hier und dort zahlt man ſogar mit„hartem Holze“. Fuͤr den Ruhm? Ich bitte Sie, lieber Stephansthurm, was iſt der Ruhm und wer macht den Ruhm? Kennen Sie die Herren Buch⸗ haͤndler, welche fuͤr Ihren und Ihrer guten Freunde Verlag Literaturblätter und eine Menge Lobhudler halten? kennen Sie die Converſationslexika und ihre bezahlten Mitarbeiter? wiſſen Sie, wie dieſe Biogra⸗ phien aus Gegenſeitigkeit der Freundſchaft entſtehen, wie der A. dem B. ſein Leben im Manuſcript ſendet, damit er ſeinen Lobpſalm und ein B. darunter ſetzt, was ihm A auf gleiche Weiſe vergilt? Kennen Sie dieſe Entſtehung des Ruhms, und werden Sie mir zurnen, daß ich nicht beruͤhmt ſein will? Die nach⸗ weltlichen Hiſtoriographen werden einſt von unſern t mich ie bis abet ie fuͤr nSie man ine e itten — 241— Zeiten erzaͤhlen: Es war eine Schande, öffent⸗ lich belobt zu werden! Eheu jam satis— ich wollte Ihnen ſchreiben und habe nur angefangen. Sie moͤgen daraus er⸗ ſehen, welche Martern mir das Schreiben verurſacht, da ich ohne Umſtaͤnde mit dieſem Anfange endige, der ich bin Ihr Hans Spitelberger.“ Ich frage nun die ganze Chriſtenheit, kann man mit mehr tiefem, ehrlichem Ingrimm Diejenigen bitter verhoͤhnen, in deren Haͤnde die Macht gegeben iſt, die Wuͤrde des Geiſtes und des Schriftthums aufrecht zu halten? Wer hat denn dem Genie die Häͤnde gebun⸗ den, daß es ſich nicht wehren kann gegen die ſich empoͤrende Gemeinheit? Wer hat es verſchuldet, daß das Dalent mit dem Handwerk verachtet iſt? Merkwuͤrdig— und der Verfaſſer dieſes Auf⸗ ſatzes, der ſo wuͤthet und knirſcht unter dem Joche, welches dem Geiſte auferlegt worden— wie unna⸗ tuͤrlich und aberwitzig, einfaͤltig und boshaft!— man glaubt von ihm, daß er Denjenigen ſchmeicheln will, welches dieſes Joch uͤber den Geiſt gebracht! Wißt ihr nicht, daß es nichts Stolzeres giebt auf Erden, als die Kraft des Geiſtes, welche ſich ihrer bewußt iſt und dennoch Sclavenketten tragen muß? Gerade ſo geht es dem Schauſpieler, wie dem Schriftſteller, dem mächtigen Geiſte am Schreibtiſch, uͤber Wien. 1. Bd. 16 — 5— welchen ein Dummkopf gebietet,— mein Gott, mein Gott, wer erforſcht Deine Rathſchluͤſſe? Warum haſt Du die Bloͤdſinnigen mit Schwertern umguͤrtet und den Erleuchteten Federſpulen und Narrenpeitſchen in die Haͤnde gegeben? Warum haſt Du den Geiſt verdammt, der Dumm⸗ heit die Schuhe zu reinigen? Warum muß man dieſe Leibe eigenſchaft des Geiſtes ertragen? Warum willſt Du, unbegreiflicher Gott, die Univerſalmonarchie der geiſtigen Impotenz, in Kunſt, Wiſſenſchaft und Leben, ſo zaͤrtlich ſchuͤtzen? Es iſt um den Verſtand zu verlieren. Wenn ich mich mit manchem albernen Gimpel unter meinen Col⸗ legen herumzanken muß um das Verſtändniß dieſer und jener Rolle, und er Nichts, durchaus Nichts be⸗ greift, was ich ihm ſage, und er noch einen belehren⸗ den Ton gegen mich annimmt und meine Einfalt vor⸗ nehm belaͤchelt, weil er 500 Gulden mehr Gage hat als ich, und ſeine Frau die Maitreſſe eines guten Freundes von dieſem oder jenem Herrn iſt,— da lerne ich begreifen, daß Demuth die groͤßte aller Tugenden iſt! „Ach, du mein gerechter Himmel!“ ſagte neulich der Theaterſchneider zu mir, der ein ſehr weltkluger, verſtaͤndiger Mann iſt, und mehr Kunſtſinn hat als meine Collegen,„es iſt zum Erbarmen, wenn man ſieht, wie dieſe Leute mit Ihnen umſpringen. Sie haben mehr Genie in einer Ihrer Fußzehen, als viele mein n hiſt t und in die umm⸗ Gott, unſt, in ich Col⸗ dieſer tz bi⸗ ehren⸗ tvor e hal guten Herrn die luhl 5 al man Sie viele — 243— dieſer Herren in ihren Strohkoͤpfen— und dennoch ſind Sie ein unbedeutender Menſch— und Jene be⸗ ruͤhmt. Die Journale loben Sie ja nur manchmal zum Almoſen! Warum machen Sie es nicht wie Andere? Sie ſind jung, huͤbſch, Sie ſind von Ihrem Gewiſſen im Punkt der Galanterie nicht geplagt, die Keuſchheit iſt nicht Ihre Todſuͤnde,— ſollten Sie denn nicht eine vornehme Dame finden, welche ſich Ihrer an⸗ nimmt?— man hoͤrt ja ſo viel von Ihren Aben⸗ teuern! Koͤnnen Sie, um's Himmelswillen, nicht irgend eines Mannes Weib verfuͤhren? Nicht eine einflußreiche Koͤchin fuͤr ſich gewinnen? Kennen Sie denn gar nicht dieſe Welt, welche betrogen ſein will? Und Sie betruͤgen ja nicht einmal, Sie wollen nur den Platz, der Ihnen gebuͤhrt!“ „Narr!“ ſagte ich,„waͤre ich denn, der ich bin, koͤnnte ich mit meinen Gefuͤhlen Selbſtbefleckung und Nothzucht treiben? Ich jage dem Vergnuͤgen nach, der poetiſchen Suͤnde, aber nicht jenem alten haͤßlichen Weibe— Eigenſucht genannt, deren Speichel man aufkuͤſſen, deren duͤrre Knochen man liebkoſen muß, um in dieſer Welt Macht, Einfluß und Ehre zu gewinnen!“ Der gute Mann begriff mich nur halb, und ich mußte herzlich lachen, als er mir ſagte: „J nun, ſo druͤcken Sie die Augen zu und den⸗ ken ſich:—'s iſt bald vorbei.“ Ich mußte lachen— ſage ich,— warum?— eine 16* ———ᷓ,——— — — 244— naͤrriſche Geſchichte, bei Gott,— ich kann noch nicht aufhoͤren zu lachen, wenn ich daran denke. Der Verfaſſer des obigen Aufſatzes greint wie ein ſchlaͤfriges. Kind, daß er ſchreiben muß— was wüͤrde er ſagen, wenn er Komödie ſpielen muͤßte, taͤg⸗ lich ſpielen— und ſeine Gefuͤhle zur Schau tra⸗ gen, zum Vergnuͤgen dieſes Publicums— dieſes Publicums, das in die Theater kommt, um Zoten zu hoͤren und Freudenmaͤdchen um ihre Adreſſen zu fragen! Es iſt manchmal zum Verzweifeln. Ich war ge⸗ ſtern juſt in einer deſperaten Stimmung deshalb und ſpielte— con amore— ſchlecht, nachläſſig, gefuͤhl⸗ los— wunderbar aber gerade zum großen Beifall des Publicums, der hochanſehnlichen Herren Regiſſeure und des Directors— der oft ſo aufrichtig und ver⸗ ſtaͤndig iſt mir zu ſagen:„Schonen Sie Ihre Kräfte, werfen Sie nicht Perlen den Saͤuen vor!“ wahrlich, der Mann ſchmeichelt dem Publicum nicht. Gut denn, ich ſpielte, daß ich uͤber meinen Erfolg lachen uußte. Da mir ein Maſchiniſt im Zwiſchenacte ein Billet. Es roch von Biſam und Lavendel—ch hatte es gleich im Verdacht, daß es von einer Alten käme. Ich. ſteckte es nachlaſſig zu mir und las es erſt im Bette. Es lautete: „Liebenswuͤrdiger! „Eine Dame von hohem Stande und großem Einfluß iſt ſo 5 Ihnen ihre Huldigungen 5 hl eure vet⸗ ſte, lich nn, t. ein ch lten es — 245— darzubringen. Sie brennt vor Begierde, Ihnen einen Beweis ihrer Begeiſterung zu liefern. Sie iſt im Stande, Ihnen eine angenehme, ehrenvolle, lebens⸗ längliche Stellung zu bieten, ſie will ihre Gluͤcks⸗ guͤter mit Ihnen theilen, nur ſollen Sie ihr dafuͤr dankbar ſein; ſie wuͤnſcht Ihre perſoͤnliche Bekannt⸗ ſchaft zu machen. Wenn Ihnen dieſer Antrag nicht gleichgiltig iſt, ſo kommen Sie heute nach der Vor⸗ ſtellung in die Schleifmuͤhlgaſſe— dort werden Sie einen Fiaker finden, das Naͤhere muͤndlich. Damit Sie aber nicht glauben, es wolle ſich Jemand einen Scherz mit Ihnen erlauben, lege ich einen kleinen Beweis meines aufrichtigen Willens Ihnen zu die⸗ nen bei. Amalie.“ Wirklich hatte ich beim Eroͤffnen des Briefes be⸗ merkt, daß Etwas aus dem Briefe herausgefallen war. Ich buͤckte mich und fand— eine Banknote von fuͤnf⸗ hundert Gulden! „Donner und Doria!“ ſchrie ich und ſprang mit beiden Fuͤßen aus dem Bette. In zwei Secunden war ich angekleidet— freilich nothdurftig genug— in zehn Sätzen in der bezeichneten Gaſſe. Richtig hielt noch der Fiaker da. Ich ohne Umſtände reiße den Schlag auf und ſaß da ganz athemlos und ſchwitzend wie ein Braten neben einer in Seide rauſchenden Dame. „Fort!“ rief ich dem Fiaker zu, und uͤberließ es dem Himmel wohin! 4 ₰ 3 — 246— Es war ſtockfinſtere Nacht,— ich entſchuldigte mich auf's Beſte bei der Dame wegen meines langen Ausbleibens, aber meine Athemloſigkeit entſchuldigte mich beſſer als meine Worte: Teufel, war das ein Rennen! Ich ſchwitze noch, wenn ich daran denke. Fort ging's! Meine Dame war dicht verſchleiert, auch war es ſehr finſter ich konnte mich durchaus nicht von ihren Reizen uͤberzeugen. Sie ſprach An⸗ fangs kein Wort, ſondern druͤckte nur ſtumm meine Hand, welche ich feurig ergriffen hatte. „Wie ſoll ich Ihnen danken, Engel, fuͤr auszeichnende Guͤte und— Ihre Großmuth!“ Ich kann ſagen, daß dieſe Exclamation aufrichtig war. Ich war von vielen Sorgen befreit,— mein guter Schneider konnte bezahlt werden— ich war wirklich geruͤhrt von ſo vieler Zaͤrtlichkeit und Groß⸗ muth. Konnte denn nicht ein edles Gefuͤhl ſolchen Wohlthaten zu Grunde liegen? Konnte ſie nicht wiſſen, in welcher Lage ich bin und aus Theilnahme an mei⸗ nem Genie ſo handeln? Konnte nicht wahre, auf⸗ — Ihre richtige Liebe ſie inſpirirt haben? Sollte es in dieſer Zeit keine Tugend mehr geben, welche großmuͤthig iſt, 6 ſollte das Laſter allein dieſe Tugend beſitzen? Welche Summe ſind 500 Gulden! Wie viele Menſchenſchick⸗ ſale koͤnnen durch eine ſolche Summe eine andere Wen⸗ dung erhalten! Welche Macht hat das Geld! Sollte dieſe ſchreckliche Macht nur von dem Laſter zum Ver⸗ derben der Menſchheit in Bewegung geſetzt werden? ————— digte ngen digte 6 htig nein war roß⸗ chen ſen, mei⸗ auf⸗ ieſer che i Ben⸗ le zer⸗ — 247— Nein— wie oft habe ich mich mit Abſcheu von den Menſchen abgewendet— ach, wie gern kehrte ich voll Vertrauen wieder zu ihnen zuruͤck! Nein— nur ein edles Gefuͤhl kann ſo großmuͤthig ſein! Das war der Schluß meiner Betrachtung. „Kein Wort davon,“ lispelte der Engel,„es iſt das Geringſte, was ich im Augenblick fuͤr Sie thun konnte. Wir werden noch mehr mit einander ſprechen, — ich danke Ihnen, daß Sie meiner— ich geſtehe es— etwas ſeltſamen Einladung folgten,— aber nun muß ich Sie bitten, ſich eine kleine Maskerade gefallen zu laſſen. Der Kutſcher iſt ein vertrauter Menſch— auch kann er Nichts verrathen, da er nichts Gruͤndliches weiß. Aber in dem Hauſe, wo wir ab⸗ ſteigen werden, iſt es fuͤr meine Ehre nothwendig, daß Sie in dieſem weiblichen Anzug erſcheinen. Er paßt ganz fuͤr Ihre Groͤße und iſt ſo weit, daß Sie ihn uͤber Ihre Kleider ziehen koͤnnen. Sie duͤrfen ihn nur uͤber den Kopf ziehen und um die Mitte den Guͤrtel feſt machen.“ Das war luſtig— ganz nach meinem Geſchmack, — welch' ein goͤttliches Abenteuer— ha, und welche Beruhigung— eine Dame, welche ſo viele Vorſichten zu beobachten hatte, mußte doch der Wachſamkeit, welche ſie zu furchten hatte, wuͤrdig ſein?! Lachend zog ich den Ueberwurf uͤber den Kopf, die Dame leiſtete mir Bei⸗ ſtand und in fuͤnf Minuten war meine Toilette fertig. — 248— Meine unweibliche Friſur aber wurde in einem Ca⸗ puchon verborgen. „Aber nun ich eine Dame bin,“ ſagte ich ſcher⸗ zend, indem ich ihre Taille umfing,„werden Sie mir wohl erlauben, Ihren Schleier zu luͤften, um Ihnen meinen Schweſterkuß zu geben.“ „Gemach, junger Herr!“ antwortete die Dame, mich abwehrend und ihren Schleier vertheidigend,„ehe ich Ihnen eine ſolche Freiheit geſtatten kann, muß ich erſt verſichert ſein, daß Sie der Mann ſind, den ich in Ihnen vermuthe. Sie koͤnnten ſich leicht getaͤuſcht finden in Ihren Erwartungen. Hoͤren Sie mich erſt an.“ „Ich bin ganz Ohr!“ „Es giebt in der Natur eine zweifache Anziehungs⸗ kraft, welche die Geſchlechter einander naͤhert, die eine entſteht aus der Wirkung des Schoͤnen, Koͤrperlichen auf die Sinne— dieſe reißt den Geiſt mit fort; die andere entſteht aus dem Reiz des Geiſtes, und dieſe reißt den Körper mit fort. Es iſt nun die Frage, welche von beiden Anziehungskraͤften Ihrer Natur am meiſten entſpricht.“ „Meine Gnaͤdige,“ antwortete ich,„ich bin fuͤr Beide nicht unempfaͤnglich, und ich kann Sie verſichern, daß die Letztere bereits auf mich zu wirken beginnt. Ich mache mit Freude die Entdeckung, daß ich eine Dame vor mir habe, welche eben ſo ſehr durch die Guͤte ihres Herzens, wie durch ihren Geiſt Bewun⸗ derung erregt.“ n Cu⸗ ſcher⸗ mir hnen ome, „he ich nich uſcht an“ ngs⸗ eine ichen die dieſe che ſten ſn ern, nt. eine bie „Alſo habe ich mich in Ihnen nicht geirrt,“ er⸗ widerte die Dame, es geſchehen ließ, kußte,„allein ich bekenne, daß ich noch nicht beruhigt bin. Sie traͤumen vielleicht an der Seite einer jungen, reizenden Perſon zu ſitzen, ach, mein Herr, obwohl mein Herz noch jung iſt, bin ich es doch ſelbſt nicht mehr— Sie werden ſich bitter getäuſcht finden, und ich werde den Schmerz haben, in Ihren Zuͤgen eine unſchmeichelhafte Ueberraſchung zu leſen.“ Dieſe Art mich vorzubereiten machte mir einige Angſt— aber konnte dies nicht eine Neckerei ſein? Konnte ſie nicht Gefallen daran haben, mich zu aͤngſti⸗ gen, um mich dann deſto mehr zu begluͤcken? Meine Neugierde erreichte „Meine Gnaͤdige,“ antwortete ich galant,„welche Idee muͤſſen Sie von meiner Art zu fuͤhlen haben, wenn Sie glauben ſchung den Eindruck Ihrer Liebenswuͤrdigkeit und Ihres Geiſtes ſchwaͤchen koͤnne? Das Gefuͤhl meiner zaͤrt⸗ lichſten Dankbarkeit wird unter allen Umſtaͤnden daſ⸗ ſelbe bleiben.“ „Wohl Ihnen und mir, wenn es ſo iſt,“ fuhr die Dame fort,„ich Ihnen eine unangenehme Enttaͤuſchung erſpart haben. Doch kommen Sie, Ich geſtehe, daß ich nicht ohne Angſt die Schwelle des Hauſes betrat. — 249— indem ſie meine Hand druͤckte und daß ich ſie auf ihren Handſchuh den hoͤchſten Grad. koͤnnen, daß eine ſolche Ueberra⸗ werde dann mir eine Beſchaͤmung, wir ſind am Ziele.“ Ich haͤtte gewunſcht, daß die — 250= Vorbereitung langer gedauert hätte— denn— mir graute vor dem entſcheidenden Augenblick. Die Dame fuͤhrte mich leiſe und behutſam uͤber eine kleine Treppe, oͤffnete geraͤuſchlos eine Thuͤre und fuͤhrte mich in ein duftendes, hell erleuchtetes Boudoir, welches verſchwen⸗ deriſche Pracht darſtellte. Im Hintergrunde ſtand ein wolluͤſtiges Lager, uͤber welchem an der Wand in einem reizenden Halbdunkel ein Gemälde, Amor den Bogen ſchnitzend, hing. Noch immer entſchleierte ſich die Dame nicht— es war eine undurchdringliche Finſterniß uͤber ihr Ge⸗ ſicht gezogen, welche ſelbſt die Helle des Gemachs nicht erleuchten konnte. Mir wurde immer unheim⸗ licher. „Ehe ich mich Ihnen zeige, erlauben Sie mir erſt, Sie von den Beweggründen meines auffallenden Schrit⸗ tes zu unterrichten. Setzen Sie ſich, mein Herr!— Seit lange haben mir Ihre Leiſtungen als Kuͤnſtler eine Theilnahme eingefloͤßt, welche mit der Zeit den Charakter der Zaͤrtlichkeit annahm. Ich ſah Sie in einer unwuͤrdigen Stellung— Ihr großes Talent, Ihre Vorzuͤge verdienen einen anderen Platz. Ich be⸗ ſchloß, Sie aus dieſer Stellung zu befreien. Meine Connexionen ſetzen mich in den Stand, Ihnen ein glaͤn⸗ zendes Engagement auf einer Hofbühne zu verſchaffen. Da ich— über die erſte Jugendbluͤthe hinaus— der Hoffnung nicht Raum geben durfte, durch meine per⸗ ſoͤnlichen Eigenſchaften Ihr Intereſſe zu erregen, ſo 5 — 2 — nir gab ich mich, vielleicht voreilig, der Hoffnung hin, Dane durch Ihre Dankbarkeit dieſen Zweck zu erreichen. Sie repe⸗ ſehen, ich ſpreche offen— ich wiederhole Ihnen, daß in ein ich nicht mehr jung bin— daß nur Ihre Dankbarkeit hwen⸗ im Stande ſein kann, Ihnen einen Theil jener zaͤrt⸗ d ein lichen Gefuͤhle einzufloͤßen, welche ich fur Sie empfinde. einem Haben Sie nach dieſem den Muth meine Bekannt— Bogen ſchaft zu machen— wohlan, thun Sie es.“ Sie blieb hierauf ruhig ſitzen, gewaͤrtig, daß ich — ſie entſchleiern wuͤrde. Die glänzenden Ausſichten, Ge⸗ welche ſie mir eroͤffnete, der Gedanke an mein Ideal, nachs welches ich nur auf dieſe Weiſe erringen konnte, das heim⸗ Gefuͤhl der Dankbarkeit berauſchten mich. Ein poetiſcher Traum bemaͤchtigte ſich meiner Einbildungskraft. Die⸗ rerſ, ſes geheimnißvolle, nilde, guͤtige Weſen— ha— chtit wie, wenn es mein Ideal waͤre? Goͤtter Griechen⸗ r1— lands— welche himmliſche Scene, wuͤrdig des Pinſels nſiler eines Appelles! Hat nicht dieſer goͤttliche Kuͤnſtler den ſeine Campaspe auf aͤhnliche Weiſe errungen? Hat ie in nicht Wieland uns in den reizendſten Farben ſolche lent göttliche Ueberraſchungen geſchildert? Mein Blut kochte hbe— da ſaß dies verſchleierte Bild vor mir— vielleicht pein der Inbegriff meiner kuͤhnſten Hoffnungen und Wuͤnſche gin— dieſe zierliche Geſtalt, iſt ſie nicht die einer Hebe? fn— dieſer kleine reizend chauſſirte Fuß— war es nicht der einer Grazie? Ich zitterte— zagte— und plötz⸗ lich mit dem Ausruf:„Goͤtter des Olymps— ich muß ſie ſehen!“ ſturzte ich auf die Huldin, riß den —— Schleier von ihrem Geſicht— Tod und Hoͤlle!— eine ſiebzigjährige Grazie grinſte mich an, ein ſatani⸗ ſcher Hohn auf meine kühn aufſtrebenden Knabenge⸗ danken! Eine duͤſtere Pauſe des Schweigens folgte auf dieſe gräßliche Enttäuſchung. „Nun, mein Herr,“ ſagte das Ebenbild der Me⸗ duſa, in einem leichtfertigen Tone lachend,„wie gefällt Ihnen die Attrape?“ In dieſem Tone lag die unverſtellte Verachtung meiner Menſchenwuͤrde. Ich war nicht mehr im Zwei⸗ fel, ich hatte eines jener herabgewuͤrdigten Weiber vor mir, welche ſich Vergnuͤgungen erkaufen. Es bemaͤchtigte ſich meiner eine Wuth und Em⸗ poͤrung, deren ich mich lange nicht mehr faͤhig gehalten habe in aͤhnlichen Lagen. „Wie, Madame!“— ſchrie ich,„Sie, Sie, die Sie meine Urgroßmutter ſein konnten, Sie wagten es zu hoffen, daß ein Mann meiner Art ſeine Menſchen⸗ wuͤrde ſo vergeſſen koͤnnte, um Ihre vorſuͤndfluthlichen Gluthen zu loͤſchen? Sie konnten glauben, weil ich arm bin— mich durch Ihr Geld dazu zu bringen, um an Ihnen eine Unmoͤglichkeit vollbringen? Weiche von mir, Du Aſchenkrug laͤngſt entſchwundener Fruͤh⸗ linge, graues Bild der Vorzeit, und nimm Deinen Suͤndenlohn wieder, den ich verachte, wie ich Deine ſieche Luͤſternheit verabſcheue!“ Damit warf ich ihr die fuͤnfhundert Gulden in's lle!— ſatani⸗ nabenge⸗ gte auf det Me⸗ e gifüllt achlung Zwei⸗ er or d Em⸗ halten ie, die ſen ſchen⸗ hlichen eil ich ingen, Beiche Fri⸗ deinen Deine ins — 253— Geſicht, riß die Thuͤre auf und— fiel die Treppe hinab. Fluchend raffte ich mich wieder auf und hinkte ſo ſchnell ich konnte auf die Straße.„Ja,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„das iſt der Kunſtenthuſiasmus, der Thaliens Tempel heute zuſammenhaͤlt, das ſind die begeiſterten Gefuͤhle, welche Deine Kunſt kroͤnen, das iſt der Lohn Deines Strebens—“ So philoſophirend lief ich durch die Straßen und murrte gegen Gott und ſeine herabgewuͤrdigte Schoͤpfung. Aber meine philoſophiſchen Betrachtungen wurden von einem Gedanken durchkreuzt, welcher mich an meiner geſunden Vernunft irre machte. „Wie ſollſt Du morgen Deinen armen Schneider bezahlen, die gute, reine Seele, deſſen Kinder zu Hauſe darben, indeß er gegen Dich ſo geduldig und freundlich iſt? Wäre es nicht tugendhafter geweſen, weniger der Menſchenwuͤrde als des armen Schneiders zu ge⸗ denken? Wayrlich, dieſe Welt iſt naͤrriſch eingerichtet! Es iſt in ihr manchmal faſt eine heilige Pflicht, ver⸗ worfen zu ſein. Wie wenige Menſchen dieſer Zeit waͤren im Stande ihre Pflichten zu erfuͤllen, wenn ſie nicht ſo ſchlecht waͤren!“ In dieſen betruͤbten Betrachtungen wurde ich aber plotzlich auf eine ſehr drollige Weiſe geſtoͤrt. Ich fuhlte mich an beiden Armen feſtgehalten. „Haben wir Dich endlich, Du Straßenvagabondin, heute ſollſt Du uns nicht entkommen!“ Ich ſah mich um und fand, daß die hohe Polizei * mich in ihre Arme geſchloſſen. Jetzt erſt bemerkte ich zu meiner höchlichen Beluſtigung, daß ich noch immer das Coſtuͤm einer Dame trug. Ich brach in ein un⸗ ſterbliches Gelaͤchter aus. Als vagirende Straßendirne verhaftet zu werden— das war zu komiſch, als daß ich mir den goͤttlichen Spaß haͤtte verderben laſſen koͤnnen.. „Fort, mit uns!“ bruͤllten die Polizeidiener, „diesmal entkommſt Du uns nicht— diesmal ſoll Dir das Leder angeſtrichen werden, darauf kannſt Du ſchwoͤren!“ „Zufallsgott, ich danke Dir fur dieſe koͤſtliche Er⸗ heiterung meiner betruͤbten Seele,“ betete ich und folgte den Buͤtteln, welche mich mit catoniſchem Ernſte auf die Polizeiwachſtube fuͤhrten. Der Herr Haus⸗ commiſſaͤr empfing mich mit einer Gravitaͤt, welche alle meine Luſtigkeit entzuͤgelte. „Hier bringen wir die verſchmitzte Dirne,“ be⸗ richtete der Corporal,„die uns ſchon ſeit drei Nachten ſo viel zu ſchaffen machte. Das Menſch geberdet ſich, als ob ſie auf einen Ballſaal gefuͤhrt wuͤrde, aber wir werden ihr den Muthwillen ſchon austreiben.“ Ich ſuchte alle meine Schauſpielkunſt zuſammen, um nun eine herzerſchuͤtternde Scene zu ſpielen. Ich ſtellte mich, als ob mich ploͤtzlich ein paniſcher Schrecken ergriffe und warf mich dem Commiſſaͤr zu Fuͤßen. „Ach, ich beſchwoͤre Sie,“ rief ich aus,„befreien Sie mich von dieſen Cannibalen. Bei der unſchuld erkte ich der ſchoͤnen Fanny, bei welcher Sie geſtern geſchlafen, h immer beſchwoͤre ich Sie, retten Sie mich.“ ein un⸗ Der Commiſſaͤr ſtutzte ein wenig uͤber meine Fendirne Kenntniß ſeiner Myſterien. Ich konnte es aber nicht als daß aushalten vor Lachen, ſprang auf, fiel ihm um den n laſſen Hals und ſagte: „Aber, Nazi— kennſt Du mich denn nicht?— idiene biſt Du denn wie Alle Deines Gleichen im Amte nul ſel blind, da Du doch ſonſt ſo hell ſiehſt? Siehſt Du nſ Du denn nicht, daß ich Stiefel und Hoſen anhabe und noch die Theaterſchminke auf meinen Wangen?“ ſche Er⸗ Es war eine goͤttliche Komoͤdie. Ich erzaͤhlte ihm ich um mein Abenteuer mit allen Details— wir tranken nEmſt einige Flaſchen Wein— er aber war ſchweigſam ge⸗ ßu⸗ worden und machte eine fuͤr eine Gerichtsperſon ſon⸗ , l derbare Moral zu meiner Geſchichte: elche „Höre, Pepi!“ ſagte er,„Du biſt ein großer Eſel— fuͤr fuͤnfhundert Gulden kann man des Teu⸗ 3 fels Weibe ſelbſt die Cour machen!“ idet. Den 15 Januar 1840. cbut m Ja, ich erkenne nun den tiefen Schmerz jenes Schriftſtellers als gerecht, ich fuͤhle, daß Schrift⸗ ſteller und Fünſiler in dieſer Zeit nur dazu da ſind, % Wuͤnſchen und Neigungen der verwerflichſten Art zu dienen, ihre keuſchen Seelen abnuͤtzen zu laſſen von 3 ijen„ en niedrigen Begierden der heutigen Menſchheit. Wo iſt der Schriftſteller von Ruf heute, der nicht ſchmei⸗ 3 Unſcho cheln und heucheln muͤßte, ſei es einer Partei oder einer Regierung, immer aber einer Macht? wo der uͤnſtler, welcher nicht der frivolen Kunſtliebe dieſes Zeitalters ſein beſſeres Selbſt zum Opfer bringen muͤßte? Geſtern ſpielte ich eine hoͤchſt poetiſche Rolle mit Feuer, mit wahrer Begeiſterung. Ich glaubte Lobſpruche zu ernten von meinem Director— ich fand ihn kalt. „Nun,“ ſagte ich,„Herr Director, war das geſpielt? — ſind Sie zufrieden?“—„Nein,“ ſagte er, und zwar ſo unzufrieden, wie ein Mann, dem man einen ſchoͤnen Rock ruinirt, welchen er verborgt—„je mehr ich Ihr Talent ſchaͤtze, je weniger kann es mir ge⸗ fallen, wenn einer meiner faͤhigſten Schauſpieler ſeine Kräfte unnuͤtzer Weiſe aufreibt. Sehen Sie denn nicht, welche Kälte das Publicum ihrem Feuer entge⸗ genſetzt? Tuͤchtige Schenkel, ein plaſtiſcher H—, Bocksſpruͤnge uͤber das ganze Theater, naͤrriſche Faxen — das macht mehr, als Ihre hochfliegende Begeiſterung. Wie, wollen Sie einem Hammel fliegen lehren? Schaf— fen Sie ſich enge Tricots an, laſſen Sie den Schneider Ihr Embonpoint vervollſtändigen, kokettiren Sie auf alle Weiber im Parterre, ſchreien Sie ohne zu fuͤhlen, wie ein Unſinniger, das erſchoͤpft nicht, iſt rein koͤr⸗ perlich und Sie werden gefallen.“ Er hat Recht— ſo iſt es. Alle Anderen folgen ſeinem Rathe und machen Gluͤck— ich werde von meinen Collegen ausgelacht, vom Publicum theil⸗ nahmlos behandelt. O mein Ideal, liebe mich und rtei oder wo der e dieſes můßte! it Feuer, rüche zu hu kalt gepicltt er, und m einen je mehr mir ge⸗ er ſeine ie denn rentge⸗ 5 he Faren ſerung. Schaſ⸗ chneidet Fie auf ſühlen⸗ ein lö ſigen de von thei c un — verſohne mich mit dieſer Kunſtwelt, welche ich verachte. Heute ſah ich ſie wieder, die Unſchuldvolle, mir ſo Hei⸗ lige, Unantaſtbare. Ich beſuchte einen Freund hinter den Couliſſen des B. Theaters— da ſah ich ſie ſcherzend voll heiterer Unbefangenheit, plaudernd mit Jedermann — aber ſo kindlich, ſo naiv, daß ſich kein unreiner Ge⸗ danke an ſie wagte. Ich wollte die Freiheit aller An⸗ weſenden nützen, ſie ſprechen, ihrer Eitelkeit ſchmei⸗ cheln, ihr eine Roſe, welche ich fuͤr theures Geld in dieſer Jahreszeit gekauft, verehren, ihr tauſend jener nichtsſagenden Schoͤnheiten ſagen, welche das weibliche Herz bethoͤren— ich durfte es ja vor meinem Ge⸗ wiſſen,— aber mir brach der Muth. Die Zunge, welche ſchon ſo viele Luͤgen geſagt, welche ſonſt von galanter Beredtſamkeit uͤberſtroͤmte, ſie blieb ſtumm— nur meine Blicke hingen an ihr, Blicke, welche das kindliche Gemuͤth nicht ſah, nicht verſtand. Woher dieſer Zauber der Unſchuld? Iſt ſie denn nicht auch aus Fleiſch und Blut, wie ſo viele Andere, deren Tugend und Schamhaftigkeit ich uͤberwaͤltigt? durfte ich denn mit meiner vortheilhaften Geſtalt verzweifeln an meinem Gluͤcke, meinem Stern? Zehn Mal nahte ich mich ihr, zehn Mal wich ich zuruͤck, wie Stns vor dem Urbild des Reinen. Ach, ich bin ja ſo unwuͤrdig ihr zu nahen— jeder dieſer keuſchen Blicke ſchien mir zu ſagen:„weiche von hinnen, unreiner Geiſt! Dein Athem befleckt mich, Du und ich— wir gehoͤren anderen Welten an.“ Ich Wien. 1. Bd. 17 — 258— ging verzagt, beſchaͤmt, zerknirſcht— dann wieder toll und nichtswuͤrdig mein Geſchick preiſend, das mir ſo viele Blumen zu einem Kranze der Gluckſeligkeit gewunden, in deſſen Reichthum ich wohl dies eine Bluͤmlein miſſen koͤnne. Als ich nach Hauſe kam, fand ich ein Billet des Herrn von Zums, welcher mich zu einer Soirée ein⸗ lud. Zums— ich konnte mich des Namens nicht entſinnen, endlich fiel mir bei, einen Mann dieſes Na⸗ mens oͤfter hinter den Couliſſen geſehen zu haben, wo alle Choriſtinnen mit ihm ſehr bekannt thaten. Alſo hatte der Mann ein Hausweſen, Familie, er, wel⸗ cher mit Figurantinnen ſich dutzte und— er war jung— er mußte folglich eine junge Frau haben— ich war neugierig und ging. Man empfing mich in einem ſehr eleganten Salon mit tauſend Artigkeiten. Junge Maͤdchen ſagten mir Hoͤflichkeiten, uͤber welche ich an ihrer Statt erröthete. Man umringte mich, man las mir ein Gedicht vor, welches eine Dame auf mich gemacht,— ich war in dieſem Cirkel ein vollendeter Kunſtheros. Ich wußte nicht, ob man mich zum Beſten habe, oder ob ich wirklich in jene Elite des kunſiſinnigen Publicums ge⸗ rathen, welche mich verſtand und deren Beifall ich er⸗ ſtrebte. Die Dame des Hauſes war uͤberaus gnädig gegen mich— wahrlich ein ſchoͤnes Weib— kaum 25 Jahre alt, geiſtreich, unbefangen, etwas ſehr un⸗ 1 genirt und mit ihrem Gatten, beim Himmel, Fi dem wiedet as mir ſligkeit eine Salon en mir rithelt. ht vor, war in wuft ob ich m ge 6* gil fuum hr un⸗ uf den — zaͤrtlichſten Fuße. Das Koſen mit ihm nahm kein Ende, ſeine zarten Aufmerkſamkeiten waren uͤbertrieben. Nie ſah ich ſolche Galanterie eines Ehemannes. Er hatte immer Etwas zu verbeſſern an den Blumen in ihrem Haar, die Polſter des Sophas waren ihm nicht weich genug, er holte andere herbei, man hatte ver⸗ geſſen, ihr einen Fußſchemel vorzuſehen— er beeilte ſich, ſcheltend auf die Dienſtleute, den Fehler gut zu machen. Er hatte nur Augen und Ohren fuͤr ſeine Frau,— ſie rief ihn mit den zaͤrtlichſten Namen: mein Theurer, mein lieber Adolph, mein Schatz, mein Herzblatt,— er nannte ſie ſein Taͤubchen, ſeinen Engel, Herzchen, Minchen,— kurz, ſolche Zaͤrt⸗ lichkeit zwiſchen Eheleuten ſah ich nie. Er kuͤßte ihr die Hand, ſo oft er in ihre Naͤhe kam. Mich empoͤrte dieſe Heuchelei des Betruͤgers, ein ſolches Weib zu beſitzen, die ihn ſo liebte, offenbar keine Ahnung hatte von der Auffuͤhrung ihres Gemahls— es war himmelſchreiend. „Warte, Du Tartuͤffe,“ dachte ich—„ich will Deine Frau raͤchen. Du ſollſt mich nicht vergeblich zu Dir gebeten haben, ich will Dir ein Geweih auf⸗ ſetzen, das einem hundertjaͤhrigen Hirſch Ehre machte.“ Ich begann ſogleich meine Operationen. Zuerſt ſchickte ich als Vorpoſten und Plaͤnkler verliebte Blicke gegen die preisgegebene Feſtung, dann ließ ich die Linien⸗ truppen meiner Schmeichelreden ſie umzingeln und ein⸗ ſchließen. Ich beſchäftigte die Dame des Hauſes ſo 17 — 2— ununterbrochen, daß der Herr Gemahl wenig Gele⸗ genheiten mehr fand, ſeine falſchen Artigkeiten, welche mich aͤrgerten, anzubringen. Das wirkte— er zog ſich zuruͤck und beobachtete uns mit lauernden Blicken. „Aha,“ dachte ich,„der Hoͤlle Rache kocht in ſeinem Herzen.“ Ich fand ſolches Vergnuͤgen daran, ihn zu aͤrgern, daß ich wohl niemals liebenswuͤrdiger geweſen ſein mochte. Auch machte ich reißende Fortſchritte, die Dame hoͤrte mit holdſelig laͤchelndem Wohlgefallen meine Artigkeiten. Wir wurden in kurzer Zeit ſo vertraut, daß ſie mir geſtattete ihre Hand zu kuͤſſen, als ſie die Karten zum Spiele miſchte. Ich mußte an ihrer Seite den Ehrenplatz einnehmen— kurz, ich war Hahn im Korbe. Der Herr Gemahl ſeinerſeits wurde ſehr kalt und ſehr zuruͤckgezogen— denn er zog ſich in ein Nebenzimmer zuruͤck, wo mehrere junge Damen Pfänder ſpielten— er machte ihnen, um ſeine Ehe⸗ hälfte zu aͤrgern, die blinde Kuh und man hoͤrte ſeine Kuͤſſe knallen, wenn er die Gehaſchten abſtrafte. Welch ein Gluͤck! Ich war alſo in iener herrlichen Situation eines Droͤſters— eine Rolle, welche die ſtaͤrkſte Tu⸗ gendfeſtung bezwingt. Ich ſpielte ſie ſo vortrefflich, daß die Dame die Unarten ihres Mannes nicht zu be⸗ merken ſchien. Als ſie nach einer Spielſtunde aufſtand, um in einem Nebenzimmer Etwas herbeizuholen, folgte ich ihr unter dem Vorwande, Beiſtand bei Hervor⸗ ſuchung von Muſikalien zu leiſten. Eine halbe Mi⸗ nute ungeſehen mit ihr allein— ich nutzte ſie wie ein nig Gelt⸗ n, welche — er zog Blicken. nſeinem ihn zu geweſen nitte, die en meine verttaut, ſie die nihrer rHahn d ſehr Damen ne Ehe⸗ e ſeine uation ſe Tu⸗ fflich zu be fſtand⸗ folgte ewol⸗ Mi⸗ — 261— Meiſter in der Kunſt der Galanterie, meine Hand verirrte ſich an ihre ſchlanke Taille, welche ich ſachte, gleichſam ſchuͤchtern, zagend umſchlang, ſie wußte das Herz zu finden, welches ungeduldig pochte, die Dame wollte erſchrocken mit ihrem Arm dieſe vermeſſene Hand zuruͤckdrängen— aber wie es zu kommen pflegt— druͤckte dadurch meine Hand nur feſter an ihren Buſen,— ſie wendete raſch das Haupt zu einem Vorwurf und — ich erhaſchte von den roſigſten Lippen einen Kuß. Ich war ſelig. Die Dame, als ſie ſich durch Kriegs⸗ liſt gefangen ſah, vergaß mir zu zuͤrnen und wir kehr⸗ ten zur Geſellſchaft zuruͤck, wo der Herr Gemahl mich mit einem Blick empfing, deſſen Geiſt ich nicht faſſen konnte, da ich aus einem gewiſſen Gefuͤhl der Scham demſelben auswich. Wahrlich, ſchaͤndlicher kann man die Gaſtfreundſchaft nicht mißbrauchen; aber warum war er ein ſolcher Heuchler! Strafe muß ſein. Ich bin ſehr neugierig, wie dieſes Abenteuer endigen wird — fuͤr den erſten Beſuch war dieſer Erfolg gluͤcklich genug. Den 20. Januar. Da habe ich ein Buch vor mir aufgeſchlagen— Philoſophie— echte deutſche Philoſophie. Es handelt in einem Capitel von dem Dualismus in der Seele der Wahnſinnigen! Bin ich alſo wahnſinnig? Auch ich fuͤhle dieſen Dualismus in mir. Es iſt ein Geiſt in mir, der mir unaufhörlich zuruft:„Du biſt ein — 262— unreiner Menſch. Du trittſt Deine heiligſten Ueber⸗ zeugungen mit Fuͤßen. Du wandelſt einen Weg, wo Dich Dein guter Genius nicht begleitet.“ Aber eine andere Stimme ruft mir zu;„Genieße die Freuden dieſes Lebens. Nuͤtze die Thorheit der Thoͤrichten, ernte, wo Andere geſaͤet haben, umfaſſe die Schwachheit mit dem kraͤftigen Arm Deiner Begierden. Kurz iſt das Leben— verſaͤume keine Gelegenheit gluͤcklich zu ſein.“ Und doch, bin ich gluͤck⸗ lich? Nein. Dieſer Taumel des Vergnuͤgens erſchoͤpft mich— mein Herz iſt kalt und leer— der kurze Sinnenrauſch laͤßt lange Stunden der Verdroſſenheit zuruͤck. So oft ich mein Ideal ſehe, wird mir weh⸗ muͤthig um's Herz. Wie viele Thranen weine ich um ein verlornes Leben! Dieſe Freuden des Wuͤſtlings, wie vergaͤnglich ſind ſie! Ach, ich waͤre drei Mal glucklich ihnen zu entfliehen und am Buſen dieſer keu⸗ ſchen Seele den Schmerz meiner Reue auszuweinen. Aber ich bin dieſes Engels unwuͤrdig— ich wuͤrde ſie in mein Verderben mit fortreißen. Die einzige reine Freude, welche ich habe, iſt die, welche mir der Ge⸗ danke einfloͤßt, ihr zu entſagen, um ihrer ſelbſt willen — aus Liebe. Ich hatte einen Brief an ſie fertig— mit klopfendem Herzen trug ich ihn zur Poſt— da ſtand dieſer fatale Zums und empfing die Coursbe⸗ richte aus Frankfurt. Der gute Engel meines Ideals hatte ihn hierher gefuͤhrt, als lebendiges Exempel des Eheſtandes eines Wuͤſtlings. Solchem Schickſale wie —,,— ber⸗ wo Nal en. — das ſeines Weibes und ſein eigenes, das eines Betro⸗ genen, wie das eines Betruͤgers— ſolchem Schickſale ſollte ich eine der reinſten Unſchuldblumen opfern? Nein. Ich zerriß voll Entruͤſtung meinen Brief und warf ihn vor die Fuͤße des Herrn von Zums, ent⸗ ſchloſſen, dort mein Gluͤck zu ſuchen, wo ſich der Engel ſchon von ſeinem Schuͤtzing wegwendet. „Was machen Sie da?“ fragte Herr von Zums. „Ich zerreiße einen Brief voll der Empfindungs⸗ luͤgen, welche Maͤnner unſerer Art den Weibern auf⸗ ſchwatzen, um ſie in unſer Verderben zu reißen, Lü⸗ gen, an die wir ſelbſt glauben, ſo lange wir fern ſind von aller Verſuchung, und welche wir im naͤchſten Augenblick bei einer Dirne vergeſſen.“ „Schade, ſchade um den koſtbaren Brief,“ ſagte gZums,„ich brauche gerade einen ſolchen,— Sie ſind ein guter Styliſt, ich ein ſchlechter, erlauben Sie mir dieſe Stuͤcke aufzuleſen— bitte, bitte— ich zahle eine Flaſche Champagner fuͤr dieſe Gunſt.“ Es war zu komiſch. Dieſer Einfaltspinſel machte mich zum Vertrauten ſeiner Liebſchaften, waͤhrend ich ermaͤßig wohl⸗ auf dem Punkte ſtand, ſeiner Frau uͤb zugefallen. „Topp,“ ſagte ich, hoͤchlich beluſtigt und wieder von dem Geiſte beſeſſen, der mich in dieſen Strudel des Vergnügens fortreißt, wo Alle jetzt ſchwimmen — Staatsmaͤnner, Prieſter, ja ſelbſt die Heiligen dieſes Zeitalters, welche Wunder wirken und fuͤr Chri⸗ — 264— ſtus— ſterben?— nein— doch aber ſtreiten wie Löwen und Tiger;„topp, es gilt— nur die Adreſſe gehoͤrt nicht in den Handel.“ Wir begaben uns lachend in ein Weinhaus und tranken wie Stallknechte. Der Wein machte mich noch frohlicher als ich es ſchon war, wir erzaͤhlten uns ga⸗ lante Abenteuer und unſere beiderſeitige Eitelkeit feierte— Triumphe der tollſten Aufſchneiderei. Ich log wie eine Zeitung, welche von fuͤnf großen Maͤchten bezahlt wird, und ward gewiß in demſelben Grade wieder belogen. Denn wenn man ſich die Wahrheit erzaͤhlen wollte, wuͤrde man ſich wohl weniger Triumphe zu ruͤhmen haben, die werth ſind, daß man ſich ihrer ruhmt. Die Tugend bleibt gegen uns immer Tugend, und wenn es uns jemals gelingt, ein ehrbares Maͤdchen durch Schwuͤre, Luͤgen und Täuſchungen zu verfuͤhren, ſo iſt der Ausgang immer ſo tragiſch, daß wir uns wohl huͤten, von unſeren Bubenſtuͤcken zu ſprechen. Was aber die feilen Griſetten, die buhleriſchen Weiber betrifft— ach! wer ſchaͤmte ſich nicht in ſeinem In⸗ nern über ihre Niederlagen! Herr von Zums hatte ſeinerſeits ein beſonderes Vergnuͤgen, mit vornehmen Damen zu prahlen, ſeine Begluͤckerinnen waren Fuͤr⸗ ſtinnen und Graͤfinnen! Er hatte darin, ſcheint es, anderen Geſchmack als ich. Eine ſchoͤne Kuhmagd war mir allezeit lieber, als eine haͤßliche Herzogin, eine junge Putzmacherin lieber, als eine alte Graͤfin, — mir ſchien nie Etwas uͤbernatuͤrlicher, als dieſe wie reſſe und noch ierte eine vird, gen. le, nen mt. und chen nen, uns hen. iber atte men agd in in, iſe — — — 265— Sodomiterei mit Ranggefuͤhlen, welche ich mit Nichts vergleichen kann, als dem Brunſtgefuͤhle der Affen und Hunde gegen Menſchen, als Thieren hoͤherer Rangordnung. In der That— wie betteln dieſe Wei⸗ ber um die Gunſt ihrer Lakaien— pfui uͤber dieſe Bedientenliebe!— es iſt himalayahoch uͤber mein Be⸗ greifen. Solch' ein Bedientenaffe— der im Vorzim⸗ mer den Tirannen gegen Bittſteller und Maͤnner von Rang ſpielt— ſagt mir, ich bitte, wie iſt das moͤglich, moͤglich, moͤglich! Giebt es denn irgend eine Wahr⸗ heit mehr, wenn Das zur Luͤge wird, was Gott ſelbſt als ewiges Geſetz in die Natur geſetzt! Wenn man Gefühle lenken, leiten, ihnen eine vorſchriftsmaͤßige Richtung geben kann, den Strom bergan treiben! Bei Gott, wir leben in einer pudelnaͤrriſchen Zeit! So lange die Welt ſteht, war ſie nie ſo durch und durch aus Lug und Trug gebaut. Da ſtreiten und eifern ſie gegen den Communismus und leben ſeit lange in dem ausſchweifendſten Zuſtande dieſes modernen, naͤrri⸗ ſchen Socialſyſtems! Die Guͤter nur wollen ſie nicht mit einander theilen— die Weiber aber haben ſie be⸗ reits preisgegeben. Doch ich vergeſſe unſer Fruhſtuͤck. Der Wein oͤffnete mir das Herz. „Wie kommt es,“ ſagte ich,„daß Sie, im Beſitz einer ſo ſchoͤnen Frau, nach Anderen trachten?“ „Toujours perdrix, toujours perdrix!“ antwor⸗ tete er achſelzuckend. hat meinen Schneider bezahlt und fuͤr eine Schuld — 266— „Wenn ſie aber Ihr Beiſpiel nachahmte?“ fuhr ich neugierig fort. „Pah, ich bin Philoſoph!“ antwortete er, ſich auf dem Stuhle ſchaukelnd;„ſtoß an, Bruder— ſagen wir Du zu einander!“ Warum nicht?— mit wie vielen Taugenichtſen war ich ſchon in dieſem Duverhaͤltniß! „Und wenn Du Geld brauchſt,“ ſagte der Herr Bruder,„ſprich offen, meine Boͤrſe iſt die Deinige.“ So hat mir Gott denn wirklich einen wahren, uneigennutzigen Freund geſchenkt, dachte ich,— der haͤlt die Probe. Ich dachte meines armen Schneiders, ich verſprach Zums einen Beſuch. „Ich werde gluͤcklich ſein, ihn zu bezahlen,“ ſagte Zums lachend. Wir waren ganz Sympathie, wir kuͤßten uns. Er trat mir ſeine Börſe ab, er verſprach Philoſoph zu ſein, wenn ich ſeiner Frau die Cour machte— was kann ein Freund mehr thun? Wir ſchieden von einan⸗ der als die beſten Freunde— es war ruͤhrend, dieſe Harmonie der Seelen zu ſehen. Wie lange wird dieſe Freundſchaft wohl dauern? Von einer Schneiderrech⸗ nung zur andern vielleicht— dann Hollah! Den 2. Januar. Ich bin in der That ein gluͤcklicher Mann! Zums iſt wirklich ein edler Menſch— nur leichtfertig. Er — 267— gutgeſagt. Wie ſoll ich ihm vergelten? Sein Weib iſt ein Engel— ich kann ihren Umgang nicht mehr miſſen und doch macht mir mein Gewiſſen Vorwuͤrfe. Aber gerade dieſe Vorwuͤrfe machen das Verhaͤltniß pikant. Er iſt ein eiferſuchtiger Narr und ſtellt ſich ein Philoſoph zu ſein. Wilhelmine hat mich gebeten, zuruͤckhaltender gegen ſie zu ſein— ſein Zorn ſei furchterlich. Hätte ſie das nicht geſagt, ich hätte meinen Freund nicht verrathen,— aber Gefahr reizt. Der Himmel mag wiſſen, ob der gute oder boͤſe Geiſt uͤber meine Entſchluͤſſe den Sieg davon tragen wird. Den 28. Januar. Was kann ich dafuͤr? Sie war zu bezaubernd! Er laͤßt mich ſiundenlang mit ihr allein und geht— ich weiß jeden ſeiner Schritte. Wir probirten eine Opernarie, ſie ſang mit Gefuͤhl— ich ſang und ſpielte meine Rolle— ich fiel ihr nach deren Vor⸗ ſchrift zu Fuͤßen, ich kuͤßte ihre Arme— ich flog an ihren Buſen. Auch ſie war von ihrer Rolle hingeriſſen — wir umarmten uns und vergaßen unter Kuͤſſen das⸗ Singen. Sie gab mir ein Rendezvous— um Mit⸗ ternacht. Im Garten, an ihrem Fenſter, ſteht ein Nußbaum— ich erkletterte ihn. Es war furchtbar kalt— das Fenſter oͤffnete ſich nicht— ich ſaß eine Stunde auf dem Nußbaum und ſtellte Betrachtungen uͤber die Frage an, ob mehr Philoſophie dazu gehoͤre, im Januar auf einem Nußbaum eine Stunde zu 3 — 8— ſitzen ohne Mantel und Hut, oder ſeine Frau der Ver⸗ führung eines Hausfreundes preiszugeben. Iſt die gute Dame nicht allzu aͤngſtlich, daß ſie meinen Wuͤnſchen ein ſolches Wettrennen„mit Hinderniſſen“ aufer⸗ legt? Sollte dieſer Mann wirklich ſo entſetzlich ſein in der Eiferſucht, daß man ſo viele Vorſicht beobachten mußte? Ich fand die Situation durchaus nicht roman⸗ tiſch— ich habe noch heute den Schnupfen davon. Endlich wurde gufgethan— ich kroch zaͤhneklappernd in die Schlafkammer meiner Huldin und hoffte nun an ihrem Buſen zu erwarmen. Aber mit Nichten! Frau von Zums ſchwamm in Thraͤnen. „Mein Himmel,“ ſagte ſie,„zu welcher Thorheit haben Sie eine Frau verleitet, welche ihre Ehre bis⸗ her unbefleckt erhalten hat! Seit einer Stunde kaͤmpfe ich mit mir ſelbſt, ob ich Sie empfangen ſollte oder nicht!— „Wie?“ unterbrach ich ſie, etwas außer Faſſung, „und waͤhrend dieſes langen Seelenkampfes ließen Sie mich bei 20 Grad Kälte auf dem Nußbaum ſitzen?“ „Ach, wenn Sie wuͤßten, Eduard,— apropos, glauben Sie an die Unſterblichkeit der Seele?“ „Welche Frage— meine Grauſame, ich glaube an die Sterblichkeit meines Leibes und bitte Sie, ehe ich auf Ihre Frage antworte, um einen Platz an Ihrer Seite— oder doch— am Siend Letzterer wurde mir zugeſtanden. Während mich ein heftiges Schnupfenfieber ſchuͤttelte, ſuhr Madame r Ver⸗ e gute nſchen aufer⸗ h ſein achten oman⸗ on. pernd un hten! mpfe odet ſunh, Sie n 2 pos, aube eche hrer nich me — fort von der Unſterblichkeit der Seele zu ſprechen. Der Geiſt ihrer Mutter ſei ihr erſchienen, habe ſie vor dieſer Stunde gewarnt,— ſie beſchwor mich, ihrer Schwäche zu ſchonen. Ueberfluſſige Bitte, da meine Schwaͤche groͤßer war als die ihrige. Ich zitterte am ganzen Leibe— ich mußte mir jede Secunde die Naſe putzen. „Ach, Sie weinen,“ ſagte ſie,„Sie fuhlen Mit⸗ leid mit der Schwachheit eines Weibes? Ich danke Ihnen, mein Eduard.—“ Es war zu toll— ich wußte nicht, ſollte ich wirklich weinen oder lachen, doch zu letzterem verlor ich die Luſt, da jetzt zu meinen Leiden eine barbariſche Kolik hinzutrat. Kalter Schweiß trat an meine Stirne — in Verzweiflung ſchrie ich: „Wilhelmine— gnädige Frau— wie Sie befehlen, — zweifeln Sie weder an meinem Herzen, noch an meiner Delicateſſe,— aber haben Sie Mitleid mit Einem, der ſtirbt— ich muß ein Bett haben und koſtete es mein Leben.“ Wie ein Wuͤthender ſturzte ich auf ihr Lager los — ſie warf ſich mir zu Fuͤßen— vergebens, ein Bett, ein Bett, dachte ich, alle meine Koͤnigreiche fuͤr ein Bett,— ich wagte das Sacrilegium, ich ergriff ent⸗ ſchoſſen die Decke da, o Schrecken!— gewahtrte ich ein ſchwarzbehaartes Haupt, deſſen Traͤger ſich die Decke uͤber das Geſicht gezogen hatte,— ein Schrei, ein Sprung, und trotz Kolik und Schnupfen war ich in — zwei Sekunden zum Fenſter hinaus, über den Nuß⸗ baum hinunter, welcher ſich einen Theil meiner Klei⸗ der zum Andenken behielt, zerſchunden an Haͤnden und Geſicht.— Fetzt liege ich da im Bewußtſein meiner Albernheit! Wie wird das ausgehen? Ich erwarte jede Minute dieſen edlen Freund Zums, der im Bette ſeiner Frau lauerte, um mir Hals und Bein zu brechen. O me miserum!— welche elende Figur werde ich ſpielen, wenn er kommt mit der Schneider⸗ rechnung in der Rechten und in der Linken meine Lie⸗ besbriefe an ſeine Frau. Die Hexe— war ſie mit ihm einverſtanden, oder handelte ſie ſo, weil Alles ent⸗ deckt war? Gute Nacht. Das giebt eine ſaubere Geſchichte! Abends. Ich weiß nicht wie es kommt, ich denke immer erſt uͤber die wichtigſten Dinge nach, wenn ich bis an den Hals in ihnen ſitze. Dieſe Familie Zums— wer iſt ſie?— ich habe noch nicht einmal Jemand um ſie befragt. Ein glaͤnzendes Hausweſen, ein großmuͤ⸗ thiger Freund, ein ſchoͤnes Weib— das genuͤgte mir. Jetzt moͤchte ich gern Etwas haben, um gegen den Zorn meines Freundes bewaffnet zu ſein. Mein Ver⸗ rath iſt zu ſchaͤndlich— nachdem er meinen Schneider bezahlt— mir wie einem Bruder vertraut— pfui uͤber mich!— es war ſchwarzer Undank. Nein, ich kann dieſem ehrlichen Zums Nichts anhaben, als daß Nuß⸗ Klei⸗ und neiner ejede Bette zu Figur eider⸗ kit⸗ mit ent⸗ ubere mmer an — um hmi⸗ mir. den Vet⸗ eider zu ich daß 271— er Schwächen hat, welchen ich ebenfalls unterworfen bin. Soll ich mich etwa benehmen nach dem Sprich— wort der Narren:„Der ſchwarze Topf ſagt zum ſchwar⸗ zen Topf: Dein H— iſt ſchwarz“? Nein— ich will mich nicht beſchoͤnigen durch fremde Beſchuldi⸗ gung, ich will abbitten, will mich mit ihm ſchlagen, will mich von ihm verklagen laſſen,— ach, ich bin ſo jämmerlich, daß ich mich ſelbſt bedaure. Was haderſt Du gegen die Welt, da ſie nicht ſchlimmer iſt als Du?! den 29. Januar. Gottlob— ſo waͤre ich denn mit Rſtuͤndiger Todesangſt davon gekommen. Ha, welcher Stein iſt von meinem Herzen gefallen. Zums iſt ein ſehr edler Menſch, er verzeiht mir den ihm zugefuͤgten Schimpf, ja noch mehr, er will meinen Umgang nicht miſſen. Heute Morgen kam er mich zu beſuchen. Er war ernſt, freundlich, ſchwermuͤthig. Er reichte mir die Hand und begann ſein Herz zu ergießen. „Lieber Freund,“ ſagte er,„ich bin troſtlos, Dich gekränkt zu haben.“ „Du mich?“ fragte ich erſtaunt. „Ja,“ ſagte er,„ich Dich. Es war ſehr un⸗ freundſchaftlich von mir, daß ich Dich harmloſe Seele, ſo wie meine Gattin in einer grauſamen Taͤuſchung ließ. Es war hart, Euch— die Ihr Euch ſo liebt, in der Angſt vor meinem Zorn zu laſſen, und ohne —— es zu wiſſen, Eure Zuſammenkunft zu ſtoren. Wiſſe denn, Bruder, daß ich laͤngſt bemerkt habe, daß Ihr Euch gut ſeid, und daß ich mich daruͤber freute.“ „Wie, Du freuteſt Dich?“ „Ja, ich freute mich— denn, Bruder, welchen Erſatz kann ich einer jungen, ſchoͤnen Frau bieten fuͤr ein Gluͤck, welches ich ihr nicht gewaͤhren kann? Du kennſt meinen Lebenswandel, meinen Hang zur Ab⸗ wechslung, iſt es nicht billig, daß ich meiner Gattin ſtillſchweigend daſſelbe Recht einräume, welches ich mir anmaße? Aber das gute Geſchoͤpf ahnte eben ſo we⸗ nig als Du meine Denkungsart. So wiſſe denn, Bruder, wiſſet Beide, daß ich gluͤcklich bin, Euch gluck⸗ lich zu wiſſen. Ein Zufall nur war es, der mich ver⸗ anlaßte, wider meine Gewohnheit lange in der Kam⸗ mer meiner Frau zu verweilen— ich hatte mit ihr uͤber wichtige Angelegenheiten zu ſprechen. Erſt ſpaͤt gewahrte ich ihre Unruhe und Verlegenheit. Die Arme — ſie war außer ſich vor Angſt und geſtand mir un⸗ ter Thraͤnen ihre vermeintliche Schuld. Ich ſchaͤmte mich ihr zu ſagen, daß ich ihr freien Willen laſſe. Sie beſchwor mich, ihr nur die einzige Gunſt zu be⸗ willigen, daß ſie Dich von Deinem Marterſitz auf dem Nußbaume— ha, ha— befreie, um Dich dann zu entfernen. Sie wollte es nicht anders, ich ſollte Zeuge der Scene ſein, wie ſie ſich verabſchieden werde. So willigte ich denn ein zu bleiben, um nur Dich bald aus Deiner Lage zu befreien. Vergieb mir, Bruder“ Viſt daß Ihr „ ute. welchen bielen füt m Du n 1 er Gattin ich mir ſe denn, uch gůc⸗ mich ver⸗ det Kam⸗ tte wit eſ p ie Ame nd nit un ſchin gun ſ unſ zu he ſt uf 1 ich dun lie 30 — 273— Ich war ganz confus vor Erſtaunen. Welcher Edelmuth, welche Philoſophie, welch' ein aufgeklaͤrter, großmüthiger Geiſt! Ich wußte Nichts zu antworten. „Aber zum Teufel, Bruder,“ fuhr Zums fort, „jetzt ſei auch guter Dinge und mache kein ſolches Schafsgeſicht. Du liebſt meine Frau, ſie liebt Dich, basta, ſeid glucklich mit einander,— aber wenn Du ſie in Zukunft beſuchen willſt, ſo gehe durch die Thuͤre, nicht durch's Fenſter, die Paſſage iſt gefaͤhrlich. Ich habe heute Morgen mit meiner Frau mich arrangirt, wir haben ein Cartel geſchloſſen, ihr iſt ein Hausfreund geſtattet, mir Freiheit,— ich denke, Du haͤtteſt Urſache mit dem Arrangement zufrieden zu ſein. Ich werde als Freund fuͤr Dich ſorgen wie fuͤr meinen Bruder, nur troͤſte mir meine Frau und ſorge dafuͤr, daß ſie niemals Langeweile hat.“ „Wenn's Dir recht iſt,“ antwortete ich luſtig— „und wenn es Deiner Frau angenehm iſt, ich meiner⸗ ſeits muͤßte ein Narr ſein, ſolches Gluͤck auszuſchla⸗ gen. Alſo iſt's Dein Ernſt— und wir bleiben gute Freunde?“ „Ja, wir bleiben gute Freunde!“ antwortete Zums und umarmte mich,„und zum Beweiſe, wie gut ich's mit Dir meine, habe ich Dir eine freudige Ueberra⸗ ſchung bereitet.“ „Eine Ueberraſchung?“ „Ja; rathe, was?“ „Etwa ein Engagement?“ Wien. 1. Vd. — 274— „Mehr als das, Bruder:— ich habe Dir den Weg geoͤffnet zu einer glaͤnzenden Laufbahn, Du wirſt dieſes kleine fuͤr Dein Genie zu unbedeutende Theater verlaſſen können, die Welt ſteht Dir offen, Dein gluͤ⸗ hendſter und doch ſo ſtiller Wunſch geht in Erfuͤllung — kurz, ich habe Dich zum Mitgliede des Tugendkranzes*) vorgeſchlagen, welcher eben ſein funfzigjaͤhriges Jubilaͤum feiert.“ *) Ich muß mich hier, um Mißdeutungen zu entgehen, ͤber dieſe Stelle erklären, ſo unangenehm es iſt fuͤr einen Autor, ſein Buch ſelbſt zu commentiren. Das deutſche Volks⸗ leben hat eine ausgeſprochene Tendenz zum Cliquenwe⸗ ſen. Ich verſtehe darunter keineswegs die freie Aſſociation zu gemeinſamer Verfolgung großer und edler Zwecke, wobei keine Ausſchließung ſtattfinden kann von Gleichgeſinnten, ſondern jene Vereine, welche, obgleich edlen Zwecken z um Scheine huldigend, doch keine anderen Zwecke wirklich verfolgen, als die Freuden der Tafel, die Gegenſeitigkeit der Unterſtutzung und Ge⸗ vatterſchaft unter den Mitgliedern, und komoͤdiante Demonſtra⸗ tionen, ohne alle ernſtliche Abſicht, ſo zu ſagen, um dem Publicum Sand in die Augen zu ſtreuen. Dergleichen höchſt verderbliche Vereine— wahre Schutz- und Trutzbündniſſe gegen die freie Kraft des Talentes und die von aller Parteiſucht unabhän⸗ gige Geſinnung, entſtehen meiſtens durch den Egoismus einzel⸗ ner, einen gewiſſen Ruf und Einfluß genießender Perſonen, welche unter irgend einem großſprecheriſchen Vorwande einen Anhang um ſich zu verſammeln ſtreben, weil ſie das Beduͤrfniß fuhlen, ſich auf fremde Kraft zu ſtuͤtzen. Die obige Stelle hat den einzigen Zweck, dieſes Cliquenweſen in ſeiner Ausartung zu charakteriſiren, ſie iſt nicht local, gegen beſtehende Cor⸗ porationen gerichtet und ſoll dieſe nur warnen vor einem unvermeidlichen Looſe! Es muß mit allen den deutſchen Vereini⸗ gungen dahin kommen, wenn dieſe Vereine, urſprünglich gewiß den irſt ater ung — 5— „Mitglied des Tugendkranzes?“ rief ich ganz perpler,„Du— ich— Tugend—?“ „Nicht wahr,“ fuhr Zums großprahlend fort, „nicht wahr, Du ſtaunſt?— ſolche Ehre, ſolches Gluͤck, kann man ſagen, wird nicht leicht Jemandem ohne be⸗ ſondere Protection zu Theil— man muß Verdienſte haben, beim Himmel, es war mir nicht leicht, hier Eingang zu finden, die erſten Notabilitaͤten der Kunſt und Wiſſenſchaft, die reichſten Bankiers ſind in die⸗ ſer Geſellſchaft— ſie iſt die Elite der guten Geſell⸗ ſchaft!“ „Was aber um's Himmels Willen ſoll es mir helfen, dieſem Tugendbunde anzugehoͤren?— Geh' laß mich— die Pfade der Tugend ſind mir zu dor⸗ in der edelſten Abſicht, das Princip der Ausſchließung— wel⸗ ches Boz in ſeinen Pickwickiern ſo köſtlich perſiflirt und in Eng⸗ land ſich längſt von dem geſunden Sinn der Nation in die klein⸗ ſten Neſter lächerlicher Kleinſtädterei verwieſen worden iſt— fortwährend beibehalten. Nothwendig muß jede dieſem Princip huldigende politiſche Aſſociation den K aſtengeiſt— die Ari⸗ ſtokratie— befoͤrdern, wie wir aus der Geſchichte von allen ſolchen politiſchen Cliquen wiſſen, daß ſie in Despotismus ver⸗ fielen,— jede aber der Kunſt und Wiſſenſchaft gewidmete derar⸗ tige Aſſociation zu einer Unterdruͤckung des wahren Talentes und der freien Kunſtkraft führen und die Herrſchaft der Mit⸗ telmäßigkeit beguͤnſtigen, wie die Geſchichte der franzoͤſiſchen Akademie auf ſo bezeichnende Weiſe darthut— jener Akademie, welche zu ihren Mitgliedern einflußreiche Perſonen aller Stände zählte, Profeſſoren, Staatsbeamte, Biſchoͤfe, Miniſter— nur nicht die groͤßten und leuchtendſten Genies Frankreichs, 18* — 276— nig, ihre Koſt iſt mir zu mager und ihre Hütten ſind mir nicht bequem genug.—“ „Naͤrriſches Kind!“ ſagte Zums, indem er mich kuͤßte,„was es Dir helfen ſoll? Du biſt doch ſo un⸗ wiſſend, wie ein neugebornes Kind!— ſchlechte Koſt, Dornenpfade, ſtille Huͤtten?— Narrheit!— koͤſtliche Diners, ſage ich Dir, Champagner, Muſik, gewichſter Fußboden, praͤchtige Salons— Du wrirſt entzuͤckt ſein.“ „Aber ich werde durchfallen und Du wirſt mich compromittirt haben, anſtatt mir zu nuͤtzen. Guter, theurer Zums, ich danke Dir fuͤr Deinen guten Wil⸗ len, ich bewundere Deine Freundſchaft, aber diesmal haſt Du mir ſchlecht gedient. Ich fuͤhle nur zu wohl, wie viel mir abgeht, um einem Tugendbunde anzu⸗ gehoͤren, und ich fuͤrchte, Andere werden dies noch mehr fuͤhlen als ich.“ „Durchfallen?— Poſſen!—“ antwortete Zums, „iſt mir nicht eines der einflußreichſten Mitglieder fuͤnf⸗ hundert Gulden ſchuldig auf einen Wechſel nach Sicht? beſteht nicht ein Drittheil aller Mitglieder aus Freunden von der Boͤrſe, welche zuſammenhalten, und ein an⸗ derer Drittheil aus Perſonen, welchen ihnen Geld ſchuldig ſind?— da haſt Du die entſchiedene Majoritaͤt fuͤr ein von uns vorgeſchlagenes Individuum. Ich ſage Dir, Du biſt bereits Mitglied und kannſt Dir Gluͤck wuͤnſchen, denn wiſſe, ohne dieſem Verein anzugehoͤren, wirſt Du niemals Fortſchritte machen, es ſei als Kuͤnſt⸗ itten ſind ner mich ch ſo un⸗ chte Koſt, küſlliche gichſer t entzict virft mich Guter, ten Vil diesmal zu wohl, nde anzle nch miht Zuns, cd fünf h Sichtt teunde no ein on vſiu ritit ſü S — 2— ler, Schriftſteller oder ſonſt in einer oͤffentlichen Lauf⸗ bahn.“ „Welche ſind aber die Zwecke der Geſellſchaft?“ „Die Zwecke— die Zwecke!— ich habe in der That zu wenig davon gehoͤrt, um Dir genaue Re⸗ chenſchaft zu geben, es ſcheint, daß man ſich vereinigt hat, das Schoͤne und Gute zu befoͤrdern— ein Mal hoͤrte ich auch leiſe ein Wort fallen von den Zwecken des ehemaligen Tugendbundes— ich bin nicht ſtark in der Geſchichte, ich kenne das nicht— aber davon ſcheint nur unter ein Paar Kopfhängern die Rede zu ſein, welche ſich vor den Andern verſtecken, kurz, ehrlich geſtanden, ich kenne keine anderen Zwecke der Geſell⸗ ſchaft, als diejenigen, welche ſie wirklich erreicht und befoͤrdert. Ich weiß nur, daß man als Schauſpieler nur dieſer Geſellſchaft angehoͤren darf, um in den mei⸗ ſten Blaͤttern gelobt zu werden, daß die Namen der Schriftſteller der Geſellſchaft in allen deutſchen Zeit⸗ ſchriften oft ohne allen Anlaß geprieſen werden, ich weiß, daß die Kuͤnſtler der Geſellſchaft in den vor⸗ nehmſten Haͤuſern Zutritt und Maͤcenaten finden, und daß im Gegentheile alle jene Schriftſteller und Kuͤnſt⸗ ler, Schauſpieler, Akrobaten und Taſchenſpieler, welche nicht dieſer Geſellſchaft angehoͤren oder auch nur ein Mitglied derſelben zum Feind haben, ſelten ihr Fort⸗ kommen finden, in allen Blaͤttern gehudelt und ver⸗ leumdet werden, und falls ſie einen Ruf beſitzen, den⸗ ſelben oft in kurzer Zeit verlieren. Ich weiß, mein guter — L6— Eduard, daß ein Mann durch dieſe Geſellſchaft be⸗ ruhmt geworden iſt in allen vier Welttheilen, welcher ſehr wenig gelernt hat, gar kein natuͤrliches Talent beſitzt, wohingegen ein Anderer von großen Vor⸗ zuͤgen durch dieſelbe Geſellſchaft in ſeinem Renommé faſt zu Grunde gerichtet worden waͤre, haͤtte er nicht die Klugheit beſeſſen, deren maͤchtigſte Mitglieder in Furcht zu ſetzen. Eben ſo weiß ich, daß ein Mann, welchen die einzelnen Mitglieder der Geſellſchaft noch vor wenigen Monaten fuͤr einen Einfaltspinſel, fuͤr einen Narren erklaͤrten, nachdem er als obſeures Genie faſt in Elend umgekommen waͤre, nachdem ſich Jahre lang Alles von ihm zuruͤckgezogen, ja Anſtand genom⸗ men hatte, dem Verrufenen, Verleumdeten die Hand zu reichen, plotzlich allgemein, wie er es laͤngſt verdient hatte, geehrt, geachtet, geprieſen und vergoͤttert worden iſt— blos weil er, durch Ungluͤck gewitzigt, den guten Einfall hatte, ſich durch ein geſchicktes Manoͤver in die Geſellſchaft einzuniſten. Kurz, ich ſage Dir, Freund — der Verein iſt allmaͤchtig!—“ Ich war neugierig— obwohl mir der Verein nichts weniger als tugendhaft ſchien, und vielleicht eben deshalb wuͤnſchte ich ihn kennen zu lernen. Ich dankte daher Zums fuͤr ſeine Sorgfalt aufs Waͤrmſte mit einer Fluth von zaͤrtlichen Worten, er aber unterbrach mich: „Nun aber genug geplaudert, nun mußt Du eilends zu meiner Frau, denn ſie meint, wir haͤtten aſt be⸗ et ſehr alent Vor⸗ ommé nicht tder in Mann, ſt neh l, für Genie Jahre enom⸗ Hand nient worden guten wer in und Prrin ht eben dankte ſe mi ehnch V hůtten — 29— Dich auf immer verſcheucht, Du mußt ſie beruhi⸗ gen.“ Natuͤrlich ließ ich mir das nicht zwei Mal ſagen. gums ging auf die Boͤrſe— ich zu ſeiner Frau mit zitterndem, gluckahnendem, lechzendem Herzen. Dieſe Art von Abenteuer war fuͤr mich ſo neu, ſo ſeltſam, daß ich mich in einem Zuſtande der hoͤchſten Aufre⸗ gung befand. Gluͤcklicherweiſe erlaubten es meine ſtuͤr⸗ miſchen Wuͤnſche nicht, ruhig zu uͤberlegen, ſonſt haͤtte wohl die Pein von allen jenen Gedanken des Zartge⸗ fuhls, welche Verlegenheiten bereiten, mich um mein Glück gebracht. Wenige Augenblicke— und ich trat mit hochklopfendem Herzen in das duftende Boudoir der Madame Zums. Auch ſie war einer ſtarken Emo⸗ tion zur Beute geworden— wir ſagten uns Nichts — Blicke, Stammeln, Haͤndedruͤcke, Umarmungen— — ich ſchwimme jetzt in einem Meere von Wonne, aus welchem nur ein bleicher Schimmer meines Ideals nebelgleich emportaucht, um gleich wieder zu verſchwin⸗ den. Ach, wenn das Suͤnde iſt, was ich treibe, ſo iſt's doch eine himmliſche Freude zugleich,— ha, wie das Gluͤck mich durchſchauert!— ich kann nicht mehr ſchrei⸗ ben—— ſeltſam, aber ich fuͤhle neben meinem Gluͤck zuweilen eine unſaͤgliche Pein darüber, daß Madame Zums ihren Mann nicht— liebt. den 7. Februar. Alſo es iſt ausgemacht— ich bin Mitglied des Tugendkranzes⸗ Geſtern Abend wurde ich in die Ge⸗ — 050— ſellſchaft eingefuͤhrt. Nun begreife ich, daß Satan ſich aller in guter Abſicht unternommenen Menſchen⸗ werke bemaͤchtigt und ſie in Unheil und Uebelthaten verkehrt. Ich bebe vor Abſcheu! Welch' ein Hohn, wenn der Name der Tugend ſo frech mißbraucht und geſchaͤndet wird fuͤr die ſchnoͤden Zwecke det Eigen⸗ ſucht, welch' ein Unglück, wenn Männer von Talent, Geiſteskraft und Ehre ſich genothigt ſehen, ſich in Buͤnd⸗ niſſe mit der Unfaͤhigkeit zu begeben, um nicht unterzugehen! Mit welchem tiefen Gram ſah ich hier Maͤnner von er⸗ probtem Werthe unter Nichtswuͤrdigen umherwandeln, welche Nichts durch ſich ſind, deſto mehr durch den Beiſtand Anderer. Dieſer Verein kann in harmloſer, vielleicht edler Abſicht geſtiftet worden ſein, aber wie wird jene Kraft mißbraucht, welche ſich durch Vereinigung ge⸗ winnen laͤßt! Ja, es iſt wahrſcheinlich, daß die Mehr⸗ zahl der Vereinsmitglieder aus trefflichen Menſchen beſteht: ausgezeichnete Maͤnner ſind freilich— wie uͤberall, nur ſehr wenige hier. Wie kommt es aber, daß bei einer Mehrzahl der Guten doch das Schlechte geſchieht? Merkwuͤrdig! Dieſe Geſellſchaft hat keine ausgeſprochenen Zwecke, kein Glaubensbekenntniß, keine Statuten— aber nach allem Dem, was ich von ihrem Wirken nur gehoͤrt habe, handelt ſie, als ob ſie fol⸗ gende Grundſätze ſich ſelbſt vorgeſchrieben haͤtte: 1. Die Geſellſchaſt folgt dem Wahlſpruche: Un⸗ ter uns Freiheit und Gleichheit aller Talente, Gaben und natuͤrlichen Vorzüge. Satan nſchen⸗ thaten Hohn, ht und Eigen⸗ Lalent, Bund⸗ gehen! on er⸗ ndeln, iſtand lleicht jene ng he⸗ Mehr⸗ nſchen wie ober, lechte keine keine ihtem ſol ln⸗ aben — —— 2. Jedes Individuum, welches in die Geſellſchaft aufgenommen werden will, muß irgend einen Einfluß, Macht oder Geld haben, oder es muß von ſeiner Auf⸗ nahme die fernere Gunſt oder das Mitwirken eines maͤchtigen und einflußreichen Mitgliedes abhaͤngig ſein. 3. Individuen, welche weder Journaliſten noch Bankiers, weder Beamte noch von den Frauen be⸗ guͤnſtigte Männer ſind, haben daher keinen Zutritt zu der Geſellſchaft. 4. Maͤnner von großen Talenten, wenn ſie nicht ſchon Ruf beſitzen oder nicht mit vielen Mitgliedern der Geſellſchaft befreundet ſind, wenn ſie alſo noch keinen Einfluß beſitzen, ſind ausgeſchloſſen. 5. Jedes Mitglied muß ſich den Schein liberaler Denkungsart zu geben wiſſen. 6. Die Mitglieder verpflichten ſich, jedes Talent, jeden Charakter, welche durch ihre Rivalität Mitglie⸗ dern gefaͤhrlich werden koͤnnten(ohne ſelbſt Mitglieder zu ſein), in ihrem Kreiſe mit allen ihnen zu Gebote ſtehenden Mitteln zu verfolgen, zu verleumden, zu ver⸗ kleinern. 7. Dagegen verpflichten ſich alle Mitglieder, jedes fuͤr ſich und in Geſammtheit, den Mitgliedern zu Rang, Ehre, Ruhm, Geld, Macht, Einfluß zu verhelfen, gleich⸗ viel, ob ſie Verdienſte und Fähigkeiten haben oder nicht, denn die Macht derſelben dient dem großen Hauptzwecke der Geſellſchaft: alle iſolirte, freiſelbſtſtän⸗ — W— dige Geiſteskraft zu vernichten und ſo die Menſchheit, die Wiſſenſchaft und die Kunſt ihres natuͤrlichen Bei⸗ ſtandes durch die Natur, welche immer den herrſchenden uebeln entſprechende Gewalten entſtehen laͤßt, zu berau⸗ ben und von der Geſellſchaft abhaͤngig zu machen. Glaubt man da nicht die Ordensregel der Geſell⸗ ſchaft Jeſu zu leſen*à)? Nur mit dem einzigen Unter⸗ ſchiede, daß es dieſer um die Weltherrſchaft, jener aber meiſt nur um Befriedigung der Eitelkeit mittelmaͤßiger Koͤpfe zu thun iſt, welche zufaͤllig Macht oder Einfluß beſitzen. Wann wird man in Deutſchland begreifen, daß der Cliquengeiſt und der Jeſuitismus Kinder einer Mutter, ſiameſiſche Bruͤder— eins und daſſelbe ſind? Jede geſchloſſene Vereinigung muß ja endlich degene⸗ riren. Aus dem Tugendbunde der zwanziger Jahre muß in ſpaͤteren Jahren endlich ein Laſterbund der niedrigſten und ſchmutzigſten Intereſſen werden. Nur freie Aſſociation Gleichgeſinnter, zu welchen man frei und ungefragt geht, und von welchen man ebenſo ſcheidet— ſo ſcheint es mir— kann einem guten ²) Ich habe mich nicht zu entſchuldigen— uͤber Etwas, deſſen man mich nicht beſchuldigen kann,— aber ich wiederhole, ich will keine beſtehende Geſellſchaft verunglimpfen, ſondern nur deren wohldenkende Mitglieder warnen, dem Geiſte der Klubs Vorſchub zu leiſten— und ihnen zu bedenken geben, wie einen Verein unter dem Princip der Ausſchließung ſtiften— heißt: ein Haus bauen und nicht wiſſen, wer es bewohnen wird. D. V. hheit, Bei⸗ enden erau⸗ n. eſell⸗ Unter⸗ t abet inſluß reifen, einer ſind? Ngen Juhte id der Nur man ebenſo guten ßtwu therhol⸗ den nur gubs ie inen t: ein — 3— und edlen Zwecke treu bleiben, weil dieſer Zweck ihr einziges Vereinigungsmittel, ihr Loſungswort und das Einzige iſt, was von der Geſellſchaft immer fortbeſteht, während dieſe ſelbſt von heute auf morgen ihre Mit⸗ glieder, ihre Zahl veraͤndert. Was ſollen uns aber dieſe Klubs mit allen ihren prahleriſchen Aushänge⸗ ſchildern von Geſinnungen und Grundſaͤtzen, mit allem ihren Wortkram, und mit allem liederlichen, nichts⸗ wuͤrdigen, ſchmutzigen, ränkeſuͤchtigen Geiſte— mit manchen Mitgliedern, welche in aller Tugend ſich von la⸗ ſterhaften Weibern aushalten laſſen, von betruͤgeriſchen Bankerottirern, reichen Kunſt⸗ und Literaturdilettanten, Spielern, geheimen Polizeibeamten?!— Doch was ſoll ich alle Kategorien der Schurkerei hier auffuͤhren— iſt's doch nur mein Tagebuch, worin ich mich ergieße — aber mein Abſcheu iſt unuͤberwindlich, mein In⸗ grimm uͤber ſolchen frechen Frevel unbezahmbar,— ich muß, da ich nicht laut ſprechen darf, ohne mich der Verfolgung auszuſetzen, mich hier ergießen,— fort aus dieſer Geſellſchaft, wo ſchaler Witz und Geiſtesimpotenz mit ſittlicher Verworfenheit— der Teufel mit der Dumm⸗ heit— ekelhafte Hurerei treiben. C'est plus fort que moi! Wenn ich daran denke, daß dieſe Geſellſchaft — ach, freilich mit vielen ehrenhaften Zwangsmitglie⸗ dern, daruber ballotirt hat, ob ich als Kuͤnſtler und als Menſch ihrer wurdig ſei— beim Himmel, ich weiß, daß ich kein Tugendheld bin, ich weiß auch, daß— nein, wozu Beſcheidenheit in meinem Tage⸗ — buche, ich weiß, was ich vermag,— gebt mir etwas Heiliges und ich ſterbe dafuͤr,— gebt mei⸗ nem Geiſte einen wuͤrdigen Spielraum und ich werde zeigen, was ich vermag,— ſittlich und geiſtig trotz meiner Schwaͤchen erhaben uͤber Euch, fuͤhle ich es ſtark und groß und ſtolz in mir: daß wahre Kraft und wahrer Werth ſich nicht vergeſellſchaften! Vereinigung— darnach trachtet nur die Schwaͤche und die Bosheit,— darum fort aus dieſer Geſellſchaft, und wenn ſie mir Ewigkeiten von Ruhm darbieten koͤnnte!— um den Preis, mit Narren und... gleich zu ſtehen, kaufe ich nicht den Ruhm— nicht alle Schaͤtze dieſer Erde— nicht einen Trunk, wenn ich ſtuͤrbe am Durſt— nicht das Licht meiner Augen, wenn ich erblinden ſollte,— und ſo in dieſem Trotze— in dieſem Hochgefuͤhle des Stolzes — o mein Ideal— fuͤhle ich mich Deiner wuͤrdig! den 10. Februar. O mein Ideal! Den Abend, da ich in dieſer mir entſetzlichen Geſellſchaft war, wo mich elende Cou⸗ liſſenreißer, durch ſchoͤne Weiber zu ſchoͤnen Stellungen Pouſſirt, mit einer Protections- und Meiſtermiene em⸗ pfingen und belehrten, wo Menſchen von ſo ſchwarzem Gewiſſen, daß ich mich ihnen gegenuͤber wie einen Heiligen fuͤhle, Maͤnner, deren Seelen Nothzucht ge⸗ trieben mit der tieſſten Schmach verruchter und gemeiner Gedanken— Hert, mein Gott, iſt es möglich?— wo etwas mei⸗ und ittlich Euch, daß nicht trachtet m ſort gkeiten , mit ht den teinen Licht d ſo in vindi! ar. dieſer Col⸗ lungen ne en inen t ge meinet — wo 28— dieſe Menſchen, ſage ich, welche taͤglich ſieben Mal, wie Judas, ihren Heiland um elende Silberlinge verkaufen — daß ſolche Menſchen, ſage ich— welche in einem Athem heucheln, ſchmeicheln, falſch ſchwoͤren, luͤgen, betrugen, ſtehlen, verrathen, verkaufen— den Herrn, das Weib, das eigene Kind, Herr, iſt es moͤglich, daß ſolche Menſchen mich mit jener vaͤterlich ſtrengen Rich⸗ termiene, ſo zu ſagen, zu Boden— blickten— weil ich meinem Schneider zuweilen ſchuldig bin und den Frauenzimmern— mehr als billig— ergeben bin! Wie fliegen die Huͤte links und rechts vor manchen Schuften, welche auf der Straße keine Dirne an⸗ blicken und nicht vor allen Leuten in fremde Taſchen greifen,— welche oͤffentlich mit vielem Geſchrei und Ge— lobſamkeit der bezahlten Journale ihre Almoſen oͤffentlich ausweiſen— o dieſe Welt gehoͤrt dem Heuchler!— — Alſo den Abend, wo mir dies begegnete, da erſchienſt Du wieder meinem Geiſte, o mein Ideal, ſtrahlend in Unſchuldverklaͤrung, mild, heiter— und — ich irre mich nicht, Du winkteſt mir laͤchelnd, als wollteſt Du ſagen, wie ich hinabſtuͤrmte aus dem Salon des falſchen Lichts:— ſo, mein Lieber, ſo habe ich Dich gern! Ja, ſo ſagteſt Du, mein Abgott, Du mein Stern⸗ himmel voll leuchtender Seligkeiten!— nimm es nicht zuruͤck— Dein Wort, ich habe es— Du haſt es mir 285— gegeben, als ich zu Hauſe mich niederwarf auf meine Kniee und Dich ſah, ja, Dich ſah mit meinen weit aufgeriſſenen Augen und Du mir verziehſt mit einem himmliſchen Blick und ich Dir gelobte Dir aͤhnlich zu werden, rein und keuſch———, Tod und Hoͤlle! — Das ſpricht Dein Urtheil, Weib, Ehebrecherin, Po⸗ tiphar— daß mich Dein beduftetes Billet, welches im Umwenden eines Blattes mir in die Haͤnde fällt, aus meinem Himmel herabreißt!— das reißt mich los von Dir, Du ſchnoͤdes Gefaß der Wolluſt. Ich ſpeie Dich aus! Meere— Ewigkeiten ſind zwiſchen uns getreten, Dir zu, mein Ideal— welche Weiten treten zwiſchen meine Seele und jenes Weib! den 11. Februar. Mein guter Schneider war heute bei mir. Er iſt bezahlt, ich bin ihm Nichts ſchuldig, aber ſeine Frau liegt in den Wochen, die Familie braucht Geld— ihr muß geholfen werden— ich darf es jetzt mit der Zums nicht verderben. Abends. Ich habe Zums angeredet um zwanzig Ducaten fuͤr meinen Schneider— er gab ſie mir ohne Anſtand und nahm keine Verſchreibung daruber. Es iſt doch ſehr bequem, einen ſolchen Freund zu haben. Und am Ende iſt eine ſolche Freundin auch nicht zu verachten. Doch es ſcheint vorbei zu ſein. Ich habe heute die meine nweit einem ich zu Hölle! n Po⸗ hes im lt ous os von Dich treten, iſchen tar. Er iſ Fuu — ihr zumꝰ uaten nfun ſ doch achten. ute di — W— Zums bei ihren Kindern uͤberraſcht— das hat meiner Leidenſchaft den Gnadenſtoß gegeben. Wie kommt es — dieſes Weib, ohne Fehl und Makel, ſchoͤn vom Wirbel bis zur Zehe, ſie gefaͤllt mir nicht mehr, weil ſie ihre Kindernicht liebt! Wußte ich doch kaum, daß ſie Kinder hat. Wer kann mir dieſen geheimen Rapport zwiſchen dem ſinnlichen Wohlgefallen und der Achtung erklären? Es ſcheint in der Natur zu liegen, daß das hoͤchſte ſinnliche Vergnuͤgen ſich nur der rei— nen Liebe zugeſellt. Nur in dieſer Vereinigung iſt dauernde Seligkeit— Alles außer ihr iſt ohne Dauer, ſchal und vom Ueberdruß gefolgt. Es giebt kein voll⸗ kommenes Gluͤck ohne Tugend— die Suͤnde iſt nicht gluͤcklich. Dieſe Mutter, welche ihre Kinder nur ſieht, wenn ſie gewaſchen, gekleidet und— es iſt empoͤrend — mit wohlriechendem Waſſer parfuͤmirt ſind, erſcheint mir als eine ſchlechte, herzloſe Mutter, als eine Kokette — und ploͤtzlich fliehen alle Reize von ihr, ihre Schoͤn⸗ heit laßt mich kalt, aus ihren Augen blickt mich wider⸗ lich kaltherzige Begierde an. Nun begreife ich, was mir immer ein Raͤthſel war, die Geheimniſſe der mo⸗ dernen Erziehung. Die Wolluſt und ihre Geſchaͤfte haben dieſes Syſtem der Erziehung erfunden, aber ſie betrugt ſich ſelbſt um ihre hoͤchſten Genuͤſſe— denn nur das Gluͤck der Mutter mit dem Gluͤck der Gattin vereinigt iſt ein vollkommenes! Ha, giebt es wohl in der Schoͤpfung etwas Ver⸗ ächtlicheres als eine Mutter, welche ihre Kinder nicht — 288— lieht? Eine Mutter, welche aus Beſorgniß, ihre Reize zu verlieren, ihre Kinder Ammen und Dienſtboten uͤber⸗ laͤßt? Madame Zums iſt nicht die einzige unnatuͤrliche Mutter. Ob ich wohl falſch ſchließe, wenn ich annehme, daß die Muͤtter alle, welche wie ſie ihre Kinder ver⸗ nachlaͤſſigen, dieſelben Urſachen dazu haben wie ſie? Sie haben keine Zeit ihre Kinder zu lieben. Ehe⸗ dem— in alter grauer Zeit war die Gattenliebe heilig, wie deren heiliger Naturzweck. Jetzt iſt die Wolluſt Hauptzweck des Lebens der Muͤtter— die Zeugung nur eine verhaßte Stoͤrung — Kinder ſind laͤſtige Creaturen, welche man ſo bequem als moͤglich pflegt durch fremde Miethsleute. Im Ge⸗ folge dieſer Verruchtheit der muͤtterlichen Herzen zeigt ſich die haͤusliche Verſchwendung, der luxurioͤſe Haus⸗ halt, der Vater verbrecheriſcher Induſtrie, der Demo⸗ raliſation der Erwerbsarten,— denn um Alles zu erſchwingen, was dieſer Haushalt bedarf, muß man ſeinem Gewiſſen auf immer abſchwoͤren. Was brauchen nur dieſe modernen Muͤtter, wie leben ſie?! Sie ſehen ſich genoͤthigt, fuͤr jede ihrer muͤtterlichen Verrichtungen eine Stellvertreterin zu miethen, und zwar 1) fuͤr das Geſchaͤft der Ernaͤhrung eine Ammez 2) fuͤr das der Pflege eine Kindermagd; 3) fuͤr das der Erziehung eine Gouvernante. Alſo braucht man zur Auferzie⸗ hung eines Kindes nicht weniger als drei Perſonen Reize uͤber⸗ irliche uhme, rvet⸗ ſie? Ehe⸗ nliebe s der dtung equem n Gl⸗ nzig Hal⸗ deno⸗ es 3u mon auchen ſehen ungen ir das gö det thung ſujie⸗ onen — 289— (die Mutter ungerechnet), welche in der Regel ewigen Krieg gegen einander fuͤhren. Welche Geſchaͤfte aber hat eine Mutter von gutem Ton! Geſetzt, die gnädige Frau ſteht wirklich ſchon um zehn Uhr des Morgens auf, ſo hat ſie doch bis zwoͤlf Uhr alle Haͤnde voll zu thun, um mit dem Kammermaͤdchen und dem Friſeur fertig zu werden, welche die Dame fuͤr das Geſchaͤft der Wolluſt vorbereiten. Dann kommt das Fruͤhſtuͤck der Wolluſt: die Couſins und ihre Freunde kommen zum Handkuß, man ſpricht von der italieniſchen Oper bis ein Uhr. Ein Wort im Vertrauen mit einem Be⸗ kannten des Hauſes koſtet mindeſtens eine Stunde Zeit — zwei Uhr, das iſt das Mittagsmahl der Wolluſi. Der Herr Gemahl fragt um das Befinden von Ma⸗ dame— ein Viertel auf drei Uhr. Die Wirthſchaf⸗ terin legt Rechnung— halb drei Uhr. Die Marchande de Modes bringt neue Huͤte und Stadtneuigkeiten— vier Uhr. Man ſpeiſt bis fuͤnf Uhr. Man raſtet bis ſechs Uhr. Man iſt kaum im Stande Toilette zur italieniſchen Oper zu machen, um wolluͤſtige Blicke auf ſich zu ziehen— ſieben Uhr. Man kommt um zehn Uhr nach Hauſe und findet es voller Gäſte. Man muß tanzen, das iſt das Souper der Wolluſt, und legt ſich um zwoͤlf Uhr erſchoͤpft zu Bette. Wo nun die Zeit hernehmen fuͤr die laͤſtigen Geſchoͤpfe, welche im dritten Stockwerk mit ihren Gouvernanten, Ammen, Stubenmädchen und dem uͤbrigen Geſinde läͤrmen? Wer kann einer modernen Frau die Nervenſtaͤrke zumuthen, Wien. 1. Bd. 19 — das unmelodiſche Geſchrei der Wiegenkinder zu ertragen, beſonders wenn ſie nach der modernen Diaͤ⸗ tetik beim Camillenthee auferzogen werden, oder wenn die Amme den Salat liebt, gallſuͤchtig iſt, und ſchlechte Saͤfte hat? Die einzige Sorgfalt dieſer unvergleich⸗ lichen Muͤtter fuͤr ihre Sproßlinge iſt: ihnen täglich eine muͤtterliche Umarmung und eine Hand voll Bon⸗ bons ſpenden, wovon ſie die Zaͤhne verlieren, die ſie kaum bekommen haben. Da nun aber nicht jede Mut⸗ ter im Stande iſt, drei erwachſene Menſchen fuͤr jedes einzelne Kind zu halten, damit ſie alle jene zahlloſen Aufmerkſamkeiten verſaͤumen, welche ſonſt in der alten Zeit eine einzige geſunde Mutter drei und noch mehr Kindern erwies, und wobei ſie geſund und kraͤftig her⸗ anwuchſen, ſo iſt wohl Nichts natuͤrlicher, als daß die minder wohlhabenden Frauen ihre Kinder in die Koſt geben, zu Leuten, welche ſchon darauf eingerichtet ſind, und welche keine ſo vielfaͤltigen geſelligen Pflichten haben. Eine ſolche Koſtfrau iſt eine wahre Humani— tatsanſtalt. Ihr Herz hat Raum fuͤr ebenſoviel Pfleg⸗ linge, als wofuͤr da Koſtgeld bezahlt wird; fuͤr wenige Gulden mehr werden die Windeln vielleicht zwei Mal des Tags gewechſelt. Und wenn die Eltern es aus⸗ druͤcklich verlangen, und wenn dafuͤr angemeſſen bezahlt wird, ſo exeignet es ſich wohl zuweilen, daß die Pfle⸗ gemutter ein beguͤnſtigtes Koſtkind auf dem Glacis oder dem Linienwall, zugleich mit ihrem Moͤpschen, friſche Luft ſchoͤpfen laͤßt, waͤhrend die jugendliche Aufſeherin leich⸗ il daß die ie Kyſt tet ſind, ien umani in wenige vi Mal aus⸗ bezohl ie yf⸗ is oder fiſche zun die erſten Schwuͤre der Liebe von Seiten eines Tam⸗ bours aus der benachbarten Caſerne verſchaͤmt dahit nimmt! Dieſe Verſaͤumniß der Elternpflichten bringt eine kruͤppelhafte, ſiechende Generation hervor, die ge— ſelligen Gewohnheiten des guten Tons, die Fehler und Ausartungen der Eltern, ihr leichtſinniger Lebens⸗ wandel und ihr Mangel an Sorgfalt, iſt Schuld an dem koͤrperlichen Siechthume der Kinder, welches man uberall zur Schau traͤgt. Es koſtet mich immer eine Thraͤne des Mitgefuͤhls, wenn ich die Kinder ſehe, welche jedem anderen Geſchoͤpfe aͤhnlicher ſind, als dem Ebenbilde Gottes, und ich zittere fuͤr die Zukunft der Menſchheit, welche anfaͤngt, ihr uranfaͤngliches Gepraͤge zu verlieren! Madame Zums hat mir in einer ſchoͤnen Stunde geſtanden, daß ſie mit ihrem Gatten nur eine Ver⸗ nunftheirath geſchloſſen habe. Das Zeitalter der Sentimentalitaͤt ſei voruͤber, ſagte ſie, man muß der Macht der Verhaͤltniſſe nachgeben. Dieſe Sprache machte mich vollends kalt. Das Wort Vernunft in dem Munde eines Weibes hat mir immer Grauen verurſacht— noch dazu in dieſem Sinne! Worin beſteht dieſe Vernunft? was iſt der Sinn, die Be⸗ deutung und der Zweck einer Vernunftheirath? Eine Vernunftheirath iſt, kurz geſagt, das Gegentheil einer Heirath aus Liebe, einer Heirath aus den alten Zeiten, wo man unſinnig genug war, Kriege zu fuh⸗ ren um eines ſchoͤnen Weibes willen. Ehedem heira⸗ 48 — 2— thete man ſich aus Zuneigung, um in einem neuen Geſchlecht urkraͤftig wieder aufzubluͤhen, um in den Kindern fortzuleben und in den Armen der Seinigen zu ſterben. Eine Vernunftheirath aber bekuͤmmert ſich wenig um die Herzensvereinigung, um die Gluͤckſelig⸗ keit des Familienlebens und die Fortpflanzung eines kraͤftigen Geſchlechtes. Wir uͤberlaſſen ſolche Abſichten gern den plebejiſchen Gebirgsvoͤlkern, bei welchen nichts; Schoͤnes und Großes emporkommen kann neben der altbackenen Majeſtaͤt der Natur. Ein Maͤdchen aus gutem Hauſe hat Geld, ein Mann von guter Her⸗ kunft beſitzt Rang und Anſehen. Dieſe Qualitaten reichen hin zu einer Vernunſtheirath, wobei wenig daran liegt, ob das Maͤdchen ſchoͤn oder häßlich, krank oder geſund iſt, ob der Mann perſoͤnliche Liebenswuͤr⸗ digkeit beſitzt, ob er alt oder jung, kurz, ob das Paar zuſammenpaßt, und ob ihre Vereinigung Fruchtbarkeit an dem gemeinen Familiengluck verſpricht. Freilich geſchieht es dann haͤufig, daß eine ſolche Ehe duͤrr und unfruchtbar bleibt im gluͤcklichſten Falle, im ſchlim⸗ meren aber Creaturen an's Licht der Welt foͤrdert, welche durch ihr Daſein die Lebensfreuden der Eltern zerſtoͤren, welche, ſo lange ſie leben, ungerecht die Natur anklagen, die ihnen das koſtbarſte Erdengut, die unerſchoͤpflichſte Quelle irdiſcher Seligkeit, einen ge⸗ ſunden, kraͤftigen Leib verſagte und, bald am Ende ihres jammervollen Seins angelangt, von ihren un⸗ gluͤcklichen Erzeugern uͤberlebt werden. Welch' eine n neuen in den einigen nert ſich cſelig⸗ g eines Abſichten eben der en aus er Het⸗ tlitaten wenig , rant benznir das Mat honkt ßuiſch Fhe durt ſclm⸗ ſorder, et Eltern nht di ngut 3 einen ge m Ende hun un ch in — 3— fuͤrchterliche Strafe der gerechten Natur! Aber nicht nur die Kinder ſolcher Ehen verbittern ihren Eltern das Daſein, nein, die Gatten leben ſich ſelbſt zur Qual. Da es zwiſchen ihnen keine Vermittelung der Herzen giebt, ſo unterliegt deren Ruhe jedem Wech⸗ ſelfalle des Gluͤckes. Und wie viele ſolcher Wechſelfaͤlle ereignen ſich im Zeitraume eines Menſchenlebens! Rang und Ehre des Gemahls nehmen ab und gehen unter in dem Altersſiechthume, da vielleicht das Weib noch in friſcher Jugend bluͤht, nachdem eine kurze Periode die Mitgift der Braut verſchlungen. Man liebt ſich nicht, man vergaß ſich in den Zerſtreuungen der großen Welt, der Mangel bricht in's Haus als furchtbarer Friedens⸗ ſtoͤrer, das junge Weib, an Verſchwendung und Wohl⸗ leben gewoͤhnt, an Glanz und Vergoͤtterung, ſieht unter Klag⸗ und Vorwurfsgeſchrei alle Freuden ihrer Verhaͤltniſſe verſchwinden. Sie fordert von dem Manne, was dieſer nicht mehr gewaͤhren kann, Gold, Schmuck, Ballfreuden, Equipagen. Alles dahin, die Perruͤcke faͤllt von dem kahlen Haupte des Eheherrn und am Ende bleibt dem zweiten Theile dieſer Vernunſtheirath, der troſtloſen Witwe, von allen ihren glaͤnzenden Ver⸗ haͤltniſſen Nichts— als ein Leichnam. Doch genug mit dem einen Bilde einer Vernunftheirath. Um Gott, iſt das nicht eher eine Heirath wider die Vernunft? Was in aller Welt helfen Geld und Anſehen, wenn man ſich damit nicht die ſchoͤnſten Freuden des Lebens erkaufen kann? Welche aber ſind die herrlichſten Freu⸗ — 294— den des Lebens, als das Gluͤck der Gatten⸗ und El⸗ ternliebe, die tauſend und tauſend Wonnegefuͤhle und ſuͤßen Gedanken einer gluͤcklichen Mutter, der beſeligende Austauſch von Liebe und Aufmerkſamkeit in Jugend und Alter, in Krankheit und Geſundheit, im Wohl⸗ ſtand wie in der Armuth, in welcher ein gluͤckliches Paar ſein ſpaͤrlich Abendbrot mit frohein Herzen ge— nießt, indeß eine Vernunftgattin auf f einſamem Lager die bitterſten Thraͤnen vergießt, welche ein Weib wei⸗ nen kann— indeß deren Gemahl, gefoltert von der Winterduͤrre ſeines ungeliebten Herzens, umſonſt am Spieltiſche Erregung und Erheiterung ſucht. Geſetzt aber, es entſpri ngen geſunde Kinder aus einer Ver⸗ nunftheirath, ſo werden ſie doch leicht das Opfer ihrer ſpaͤteren Erziehung. Nichts iſt natuͤrlicher, als daß der Mann ſich bei ſeinen ſonſtigen Beſchaͤftigungen und Vergnuͤgungen nicht gern mit der Erziehung dieſer Sproͤßlinge beſchaͤftigt, und noch weit natuͤrlicher iſt es, daß die Frau, fuͤr die gute Laune des Eheherrn beſorgt, ihre Kinder aus dem Hauſe wuͤnſcht. Ferner iſt es nicht minder natuͤrlich, daß ſolche Kinder fruͤh⸗ zeitig die Liebe ihrer Eltern verlieren, und daß ſie hin⸗ wiederum bald ihre Eltern nicht lieben lernen. Da giebt es nun in der Nachbarſchaft ein menſchenfreund⸗ liches Ehepaar— vielleicht auch ein Reſultat einer Vernunftheirath— das, nachdem der Eheherr auf der Boͤrſe kein Gluͤck gehabt, oder aus einem Amte un⸗ freiwillig entfernt worden, nachdem er mancherlei zeib wei⸗ pfet ihrer Cheherrn Fernet du fü⸗ ſi hin⸗ Da un. ufuun⸗ . teinet ſdu mu Inte un — 25— — aͤlle erfahren, und vielleicht gerade wegen Mangel an Erziehung und Bildung in der Welt ſein — nicht finden konnte— den frommen Ent⸗ ſchluß gefaßt hat, zur Bequemlichkeit der Familien vaͤter eine Anſtalt zu begruͤnden, worin die ihr anver⸗ trauten Pfleglinge fuͤr wenig Geld— jene Erziehung und Bildung finden ſollen, deren das menſchenfreund liche Paar ſo ſehr ſelbſt bedurft haͤtte! Zwar giebt es Inſtitute, wo der Staat ſelbſt die Ueberwachung uͤber⸗ nommen, wo alle jene Uebel beſeitigt worden, welche ſonſt die gemeinſchaftliche Erziehung mit ſich bringt, aber das menſchenfreundliche Paar wohnt ſo nahe, ſeine Forderungen ſind ſo billig, daß man die theuren Sproͤß⸗ linge unbedenklich demſelben in Obhut giebt. Kein Wort von den Schickſalen dieſer Kinder! Die In⸗ N N duſtrie des neunzehnten Jahrhunderts hat noch kein brauchbares Surrogat erfunden fuͤr die haͤusliche Er⸗ ziehung durch eine brave Mutter und einen redlichen Vater! Doch mag es auch geſchehen, daß die Koͤrper der Generation zu Grunde gehen, daß ein großer Theil des Nachwuchſes aus Vernunftheirathen voͤllig mora⸗ liſch verderbe, ſo hindert dies doch nicht, daß Geiſt und Intelligenz reißende Fortſchritte machen muͤſſen!? Der Geiſt aber iſt, wie geſagt, die Hauptſache. Die moderne Humanitaͤt hat die einzige Beſtrebung, dem Geiſte den Sieg zu ſchaffen. Was liegt daran, daß die Koͤrper zu Grunde gehen; haben wir nicht Ma⸗ — 296— ſchinen, wunderbare Maſchinen, welche die Intelligenz ganzer Jahrhunderte in ſich vereinigen? Und wenn zwei Drittheile der Menſchheit durch langſame Seu⸗ chen, durch Skrophelſucht und Hyſterie dahin gerafft werden, was ſchadet es, wenn ſich im dritten Drit⸗ theil die Intelligenz von zwei Jahrtauſenden concen⸗ trirt? Soll unſer hochherziges Jahrhundert vor dem Verderben der Menſchen im Einzelnen zuruͤckbeben, wenn wir den Triumph des Geiſtes vorbereiten? Ein Menſch des neunzehnten Jahrhunderts muß den Muth haben zu ſterben fuͤr die allgemeine Apotheoſe des Geiſtes, zu ſterben, ehe das Geſetz der Natur, ehe ihn die Pflicht, ehe ihn die Ordnung der Dinge ab⸗ ruft. Aus der Macht des Geiſtes entſteht dann viel⸗ leicht im neunundneunzigſten Jahrhundert die allge⸗ meine Gluͤckſeligkeit! Wer kann beweiſen, daß der Geiſt uͤberhaupt einen Koͤrper brauche zum Erdenleben? Wenn daher auf dem Wege der modernen Cultur nur wenige Urenkel das Zeitalter der allgemeinen Gluͤck⸗ ſeligkeit erreichen duͤrften, ſo wird der Triumph des menſchlichen Geiſtes darum nicht geringer ſein. Viel⸗ leicht erfinden dann die Induſtriellen des neunundneun⸗ zigſten Jahrhunderts zum Zeitvertreib einen artificirten menſchlichen Organismus, der viel laͤnger dauert und weit vollkommener conſtruirt iſt, als der jetzige, welcher ſo erſtaunlich gebrechlich worden! Doch genug des Hohnes! Das Ausland ſpottet uͤber unſer Zuruͤckbleiben in ntelligenz nd wenn me Seu⸗ n gerafft un Drit⸗ n concen⸗ vor dem rucbeben, enk Ein en Muth eoſe des tur, ehe inge ab⸗ aun viel⸗ di alge doß der denten ulur nut n Glic umph des 5 Piel⸗ neun⸗ irten nund arii auert und e, welchtt tliben in —— der Civiliſation! Mit Unrecht— wir ſind ihr voraus — in allem Boͤſen. Wenn wir auch weder Preß⸗ freiheit, noch eine Volksvertretung haben, ſo fehlt es uns doch nicht an der Syphilis, an den Skropheln, an Gicht und Kraͤtze, an ſchlechten Muͤttern und liederlichen Weibern, an der geheimen Polizei— kurz, an allem Pariſer Elend der culminirenden Civiliſation!!! Den 11. Februar. Ich kann mich der Betrachtungen, welche ſich an meine geſtrigen Gedanken ſchließen, nicht erwehren. Ich ſehe uͤberall die ſchrecklichen Folgen der in unſerer Geſittung vorherrſchenden Wolluſt,— eine moraliſch und phyſiſch decrepite Menſchheit, welche ſelbſt der vorletzten Generation entgegengehalten betruͤbende Ver⸗ gleichungen darbietet. Sonſt oder ehemals, zu jener Zeit, welche ein Fuͤnfziger, etwa wie mein Oheim, ehemals nennt, ſonſt waren die Maͤnner, wie heute von Vielen bemerkt wird und mein Oheim ſteif und feſt behauptet, höher gewachſen, kraͤftiger gebaut, jetzt ſind ſie der Mehrzahl nach klein und ſchwaͤchlich, was wohl ſchon die Schuld ihrer Vaͤter ſein mag. Sonſt trugen ſie das Haupt aufrecht, die Haare gekrauſt, von einem ſtolzen Kakadu bekroͤnt, heute tragen ſie ſie zuruͤckgekaͤmmt, wie die Mädchen, und ſorglich abgetheilt mit dem Friſirkamm, das Haupt etwas nach der Seite wiegend beweglich, der ehemals ſtolzere Gang iſt nachlaͤſſig, der Blick, — ſtatt wie ehedem frei und trotzig, ſchmachtend und verſchlagen. Sonſt war es ein maͤnnliches Vergnuͤgen, den Hirſch und Eber zu jagen, oder in Fechtuͤbungen ſeine Kraſt zu erproben, ein wildes Roß zu reiten, einem ſchoͤnen Weibe den Hof zu machen; heute ſind die jungen Herren zahmer geworden, das Reiten iſt aus der Mode gekommen, hoͤchſtens hat man die Cou⸗ rage ein Cabriolet zu fuͤhren, und ſtatt des Rappieres und des Hiebers, ſtatt der Jagdflinte und Piſtole, handhaben die Wiener jungen Herren den Queu in einem dumpfigen Kaffeehauſe, oder ſie ſetzen ſich zu einer, fuͤr jeden Mann von Blut martervollen Whiſt⸗ partie, oder ſie fahren in einem Fiaker friedlich ſpa⸗ zieren und kuͤrzen die Hofmacherei bei den Damen auf eine der Geſchwindigkeit der Dampfwagen entſprechende Weiſe ab. Was die Petit maitres der juͤngſten Zeit an Courage in anderen Dingen verloren, haben ſie im Verkehr mit den Damen gewonnen. So wie man ehedem Kriegshelden, welche in zehn Schlachten ſich Lorbeeren erkämpft hatten, zittern ſah und verlegen vor dem Tribunal der Liebe, den ſtolzen Herrn der Schoͤpfung knieen vor einer ſeidenen Schuͤrze, ſo ſieht man heute die friedlichſten Haſenfuͤße von Ladendienern und Studenten, welche niemals eine andere Waffe gefuͤhrt als die Elle und die Feder, die Batterie der weiblichen Schamhaftigkeit mit Sturm attakiren, und den demuͤthigen Faut, der erſt vor einer Stunde das Gewicht der Hand ſeines Lehrherrn empfunden, mit nd und gnügen, übungen u reiten, ute ſind U pnchenbe gin zi en ſi in wie man hin ſich verlegen — 200— der ſtolzen Miene eines Theſeus ſeinem Maͤdchen Sot⸗ tiſen ſagen.— Sonſt hatten die Maͤnner auch ein Ge⸗ wiſſen gegen die Damen ihres Herzens, und wenn ſie Liebe geſchworen hatten, wurden ſie wenigſtens vor Ablauf der Bluͤthezeit des Herzens nicht meineidig, und wenn ſie dann auch ſuͤndigten, dieweil nicht Alle Herren ihrer Leidenſchaften ſind, ſo thaten ſie es nicht, ohne ſich Vorwuͤrfe zu machen und Gewiſſensbiſſe zu empfinden. Die Schwaͤrmerei der Liebe war noch im Flor, es gab noch Selbſtmoͤrder aus Liebeswahnſinn, und Thoren ohne Zahl aus Liebe. Jeder Mann, der in die Welt trat, machte fuͤr ſeine Coeurdame ſeine dum⸗ men Streiche, welche als koſtbare Erinnerungen in einer Familie aufbewahrt wurden und das Alter der Eheleute verſuͤßten. Jetzt— o weh, wo iſt das Gewiſſen der 5 Liebe! Ein Mann, der Liebe ſchwoͤren will, fuͤrchtet ſich bei ſeiner Schoͤnen durch eine ſolche„Albernheit“ zu blamiren, und wenn die jungen Herren auch nicht verfehlen, ihre dummen Streiche zu machen, ſo ge⸗ ſchieht es gewiß haͤufiger aus Liebe zu der Coeurdame des Kartenſpieles. Die Flatterhaftigkeit gilt fuͤr eine Art von Empfehlung bei den Damen; die Rolle eines Don Juan iſt die einzige moderne, und die Helden⸗ thaten und Thorheiten aus Liebe geſchehen nur auf dem Theater. Siebzehnjaͤhrige Commis taͤndeln mit den jungen Maͤdchen ohne Fortune nur aus Zeitver⸗ treib, und wenn ſie eine reiche Lehrherrntochter heira— then und mit ihrem Gelde ſich etabliren, ſo thun ſie — 300— es wiederum nur, um mit den jungen Madchen zu taͤndeln.— Ich habe den Männern ihren Theil gegeben, ob⸗ gleich glimpflich, ich kann es den Weibern nicht ſchen⸗ ken. Ich will nicht ſagen, daß ſie heute minder ſchön ſeien als ſonſt, obgleich es erwieſen iſt, daß ſie ſonſt minder hektiſch und nervoͤs waren, aber ich kann nicht verhehlen, daß ihre Muͤtter liebenswuͤrdiger geweſen ſind. Sonſt liebten die Damen an dem Mann Cha⸗ rakter, Staͤrke, Verſtand, Muth, heute ſcheinen ſie Zierpuppen und Zierbengel, welche alle dieſe Eigen⸗ ſchaften nur durch Effronterie erſetzen, vorzuziehen. Ein ſchoͤner Frack ſcheint Vielen heute beſſer zu gefallen, als ein maͤnnlicher Blick, und eine Zweideutigkeit ſcheinen ſie lieber zu hoͤren, als eine ſchuͤchterne Ga⸗ lanterie. Eine Lobeserhebung, ihrer Tugend gezollt, wäre ihnen wohl eine reine Laͤcherlichkeit. Schmeiche⸗ leien der anzuͤglichſten Art dagegen, welche ihren kör⸗ perlichen Eigenſchaften gelten, ſolcher Art, wie ſie vor⸗ dem mit Ohrfeigen bezahlt worden ſind, werden heute mit Kuͤſſen belohnt, und junge Maͤdchen aus niederem Stande, welche es ehedem fuͤr eine Schande gehalten, wenn ein Mann von beſſerem Stande auf der Straße ſie anredete, begreifen heute haͤufig gar nicht, wie ſich ein ſolcher herablaſſen koͤnne, ihnen das Geleite zu geben. —— hen zu n, ob⸗ ſchen⸗ ſcn ſonſt nnicht eweſen 6he⸗ en ſie Figen⸗ iehen⸗ fallen, nigket e Gi⸗ gezol neiche⸗ nkör⸗ vor⸗ heute derem halten, Stuße ie ſich ite — 301— Den 12. Februar. Wie erzieht dieſer Herr von Zums, mein Freund, ſeine Kinder? Wie ein Weltmann! Wie dieſer? Wie ein gewiſſenloſer Thor! Alles in dieſer naͤrriſchen Stadt, wo noch ſo viel Ariſtokratie ſich breit macht, ſtatt ſich zu civiliſiren(verbuͤrgerlichen!), ſtrebt nach Nobleſſe. Herr von() Nobelmann iſt Advocat, Arzt oder Beamter. Sein Einkommen iſt groß, er kann, er muß vielleicht ein Haus machen. Wie erzieht er ſeine Tochter? Sie hat eine Gouvernante, drei Sprach⸗ meiſter, einen Zeichnenlehrer, einen Tanzmeiſter. Kann ein Vater mehr fuͤr ſeine Tochter thun? Sie iſt mit 17 Jahren eine halbe Gelehrte, ſie ſpricht uͤber Alles, ſie weiß Alles, ſie tanzt, ſie ſingt, ſie dichtet, ſie malt. Kann man ſich etwas Vollkommneres denken? Der Papa ſtirbt, die Scene veraͤndert ſich, die Witwe muß mit einer Penſion von fuͤnfhundert Gulden leben. Die Tochter, ohne Vermoͤgen, bleibt mit allen ihren Kenntniſſen und Kuͤnſten ohne Mann. Der ſchlichte Buͤrgerverſtand meint nun, es waͤre weit beſſer ge⸗ weſen, wenn der Papa das Geld fuͤr ſo koſtbaren Un⸗ terricht zuſammengelegt haͤtte zu einer Mitgift fuͤr ſeine Tochter. Kann man ihm ganz Unrecht geben? Es unterliegt keinem Zweifel, daß unter der heutigen Er⸗ ziehung die Grundlage eines ſoliden Wohlſtandes gar ſehr vernachlaͤſſigt wird, und daß wir unſere Kinder oft nur ſo erziehen, als waͤren ſie nur beſtimmt zur — 302— Verherrlichung unſerer großen Erziehungskunſt, Schau⸗ ſtuͤcke einer meiſt nutzloſen Geſchicklichkeit darzuſtellen, anſtatt vor Allem ſelbſtſtaͤndige, gute, glückiche und wohlhabende Menſchen zu werden! (Ach, du mein Himmel, wie viele gute habe ich zu einem Prediger und guten Vater! Und doch— ich fuͤhle es, ich werde niemals dieſen ehrwuͤrdigen Titel erwerben,— denn mein Ideal, dem ich ihn allein verdanken moͤchte, erbleicht wieder in der Muthloſigkeit meiner Seele. All' ihr Aufſchwung iſt Taͤuſchung,— ich will Dich nicht mehr beruͤhren mit meiner Phantaſie, Du Reine, Kindliche— ach, und ſo ſchmerzlich Geliebte!) Je weniger es Herren in der Welt geben kann, je mehr Herren werden von unſeren modernen Eltern erzogen. Die Erziehung ſcheint nur einen Zweck zu haben, die jungen Herren zu gnaͤdigen Herren heran⸗ zubilden. Man hat es aber erlebt, wie ſolche junge gnaͤdige Herren alte Livreebediente, Kutſcher und Garcons geworden ſind— und ich glaube gerade, weil man ſie zu gnaͤdigen Herren erzogen hat. Wenn der Papa 3000 Silbergulden Einkuͤnfte hat, ſo erzieht er ſeine Kinder, als ob er einem Jeden dieſe Revenue ſicher⸗ ſtellen könnte. Ein Hofmeiſter kommt in's Haus, der mehr ein Bedienter als ein Lehrer iſt, von Frau und Kindern gehudelt wird, und daher ſehr wohl daran thut, ſich in alle Ungezogenheiten zu ergeben, um Ruhe zu haben. Ein Livreebedienter, zu welchem der junge Schau⸗ ſtellen, he und nlagen niemals nmein erbleicht UU' iht nicht Reine, fann, Eltern wec zu heran⸗ e junge areons nan ſi yw er ſeine 16, der u un dan nHihe jung — Herr Du ſagt, iſt der Vertraute aller jungherr⸗ lichen Schelmereien. Ein junger Herr iſt die Qual aller Dienſtboten und Hausgenoſſen. Er genießt in ſeinem zarteſten Alter ſchon alle Ehrerbietung der Dienſtleute, allen Gehorſam, alle Bequemlichkeiten, alle Vergnuͤgungen ꝛc., welche ſich der Papa vielleicht durch dreißigiaͤhrige Anſtrengungen erwarb. Daher der junge Herr weit hoͤhere Beduͤrfniſſe und Wuͤnſche in's Leben mitbringt, als der Papa, denn was wir von Kindheit auf haben, iſt ſchon zu klein fuͤr unſere Wuͤnſche. Der junge Herr faͤhrt in der Equipage, reitet die Pferde des Papa— der natuͤrlichen Pro⸗ greſſion nach muß er daher wenigſtens vierſpaͤnnig fahren und drei Reitpferde beſitzen. Allein das Ver⸗ moͤgen des Papa geht in vier, ſechs, acht Theile, wird vor der Zeit verloren; Proceſſe und Pupillen⸗ vormundſchaften verzehren in wenigen Jahren die un⸗ — Summen. Vielleicht rettet der junge Herr fuͤr ſeinen Part ein Capital, das ihm 2 bis 300 Gul⸗ den Zinſen abwirft. Er hat eine Menge Sachen ge⸗ lernt, nur nicht die Kunſt Brot zu verdienen und ſich ſelbſt ein Loos zu ſchaffen. Sein Geigenlehrer hat 5000 Gulden gekoſtet, und der junge Herr ſpielt die Violine nicht ſo gut, daß er auch nur in einem Or⸗ cheſter taͤglich 24 Kr. verdienen könnte. Das Capital, was ſeine Sprachlehrer gekoſtet, die von ihm gehaͤn⸗ ſelt wurden, wuͤrde ihm eine Rente von 200 Gulden gewaͤhren,— ſeine Sprachkenntniſſe aber, welche nicht — 304— durch einen praktiſchen Geſchaͤftsgeiſt, durch Selbſt⸗ ſtaͤndigkeit des Charakters unterſtutzt werden, dienen ihm hoͤchſtens dazu, einen Fremden aus einer Straße in die andere zu weiſen. Alles Uebrige hat er rein vergeſſen. Es gehoͤrt nun eine Philoſophie dazu, wie ſie der Jugend durchaus unnatuͤrlich iſt, bei ſolchen lururioͤſen Lebensgewohnheiten ſich in jeder Minute des Daſeins ſolche Entbehrungen aufzuerlegen, wie ſie ein ſo geringes Einkommen erfordert. Man ſieht es taͤglich, daß junge Leute in ſolchen Fällen dieſes We⸗ nige lieber ganz wegwerfen, als ſich ihre Genuͤſſe ent⸗ woͤhnen. Die Kaͤmpfe eines ſolchen Ungluͤcklichen mit ſich ſelbſt ſind meiſt furchterlich. Dieſe ſtufenweiſe Demuͤthigung, dieſe grauſame Marter ungeſtillter Ge⸗ wohnheitswuͤnſche, bringen ſie meiſt dahin, ein Daſein zu verwuͤnſchen, das ſie, waͤren ſie weiſer erzogen worden, von der Vorſehung mit dankbarem Herzen angenommen und geſegnet haben wuͤrden. Es ſind dies alltaͤgliche Erfahrungen, alltaͤgliche Wahrheiten, und doch iſt deren Verachtung ebenſo alltaͤglich. Ich habe damit wenig Neues geſagt, aber neu duͤrfte den Vaͤtern der Rath erſcheinen, den ich ihnen geben moͤchte, waͤre der gute Rath in unſeren Zeiten nicht ſo wohl⸗ feil, daß ihn Jedermann ſelbſt in der Noth verachtet. Man ſollte von vornherein den Entſchluß faſſen, ſeinen Kindern keinen andern Beſitz zu hinterlaſſen, als Mittel und Gelegenheiten, ſich einen ſolchen zu erwerben, und ihnen auch nicht die entfernteſte Ausſicht laſſen, N Selbſt dienen Straße rein zu, wie i ſolchen Ninute „wie ſi ſieht es ſts Wr⸗ iſe ent⸗ hen mit fenweiſe let Gr⸗ n Daſein erjohen Hrrzen E ſind hrheiten, 6 30 uſt din nnicht ſo whl veruchte. n, ſiun 6 Nirl wuben⸗ laſſn⸗ — 305— daß ſie jemals einen ſolchen Beſitz erwerben koͤnnen, ohne ihn vorher durch Arbeit verdient zu haben. Ich finde es namlich ganz natuͤrlich, daß Kinder das muͤh⸗ ſam erworbene Gut ihrer Eltern verpraſſen und dafuͤr nicht einmal dankbar ſind. Der Reichthum, die Opu⸗ lenz, ſollen nur der Lohn der Arbeit ſein. Welchen Dank verdient ihr thoͤrichten Vaͤter, die ihr durch ein reiches Erblaſſen das Geſchick eurer Kinder zu beherr⸗ ſchen meint und dem Thaͤtigkeitsdrange des jugendlichen Gebluͤtes den erlahmenden Reichthum entgegenſtellt? Muͤßiggang in der Jugend bringt Krankheit im Alter; wer Alles ſchon in's Leben mitbringt, bringt auch den Ueberdruß mit, der das Ende von Allem iſt. Zwei⸗ tens ſollten die Kinder in jedem Hauſe Diener ihrer Eltern ſein. Das Brot, das ſie eſſen, ſollen ſie ver⸗ dienen. Sie ſollen dienen lernen, um einſt befehlen zu koͤnnen, denn nur wer ein Diener war, wird ein vollkommener Herr. Sie ſollen ausgeſchloſſen ſein von allen Genuͤſſen, welche nicht einem Diener zu⸗ kommen, ihre Kleider ſeien die der Maͤgde und Knechte, kein Herr, kein Vater ſollte die Herrſchaft und ſein Anſehen in ſeinem Hauſe mit ſeinen Kindern theilen, damit nicht aus einer Familie mehrere Herren erwach⸗ ſen, die doch nur Einen ertragen kann. Ich weiß nicht, ob dieſe Methode, dieſe Hausordnung noch fuͤr unſere geſelligen Zuſtände paßt, nur ſo viel weiß ich, daß die meiſten jungen Herren, welche nicht Diener ihrer Vater waren, Sclaven Anderer geworden ſind, Wien. 1. Bd. 20 und daß aus reichen Erben oft arme Faullenzer ge⸗ worden ſind, welche ſich und Anderen zur Laſt fielen. Den 14. Februar. Was hat ſich mit mir ereignet? Welche Um⸗ wälzung in meiner Seele! Drei Tage wandle ich ſchon umher mit einem platoniſchen Ernſt, uͤberall Betrachtungen anſtellend, immer wehklagend uͤber die⸗ ſen mich umringenden Verfall der Sitten. Ich kenne mich nicht mehr, das Vergnuͤgen flieht von mir und ich bedaure es nicht.— In meinem Bett, an meinem Schreibtiſch, auf oͤffentlichen Promenaden, in Concer⸗ ten, hinter den Couliſſen und auf der Buͤhne ſelbſt, verlaßt mich nicht mehr dieſer ſchwermuͤthige contem⸗ plative Geiſt. Ich fuͤhle mich gedrungen, überall zu warnen, zu belehren— ich koͤnnte ein Kanzelredner werden. Alles, was ich ſehe, empoͤrt mich— vor Allem der Zuſtand unſerer Volkstheater. Wie viel Gutes koͤnnten ſie ſtiften, wie wohlthaͤtig auf die Ge⸗ ſittung einwirken, anſtatt daß ſie ſo planmaͤßig das Volk entnerven und depraviren. Wie wuͤrdigen ſich dieſe ſogenannten Volksdichter herab um jenen fau⸗ nenhaften Beifall eines durch und durch von der Wol⸗ luſt verderbten Publicums! Welchem frevelhaften Be⸗ ginnen verdanken ſie ihren Ruhm! Was thut dieſer Matador unter den Localdichtern, dieſer in geſelligem Umgang ſo taubenfromme, gemuͤthliche Neſtroy. Eine faſt frauenhafte Zartheit und Schuͤchternheit in ſeinem lenzer ge⸗ aſt fielen. ebtuar. alche Um⸗ undle ich „iberal über die⸗ Ich kenne mit und meinem Concer⸗ ne ſelbſt, contem⸗ iberall 3u mtltednet — vor Vie iel f die 6e iji d enen ſol⸗ dr Vol aften Be⸗ hut ieſer lien , kine nſinen — 307— Benehmen, Delicateſſe in ſeinen Worten, iſt dieſer Mann im Umgange einer der liebenswuͤrdigſten und angenehmſten Menſchen. In ſeinem Privatleben charakteriſirt ihn ganz jene biedere, edelſinnige Treue, mit welchen er Denjenigen unverbruͤchlich zuge⸗ than iſt, welche ihn lieben. Welche Uneigennuͤtzigkeit in ſeiner Liebe! Und nun als Volksdichter— welche triviale Sprache, welche Verhoͤhnung der Moral, welche Gaſſenhauer von ſchmutzigen Lie⸗ dern, welche Zoten und Zweideutigkeiten! Dann als Schauſpieler, welche Erſcheinung! Welche Brutalität, welche tiefe Verachtung des Schoͤnen und Edlen! Hat er das Publicum, oder die Gewalt eines verderbten Geſchmacks ihn demoraliſirt? Bringt er mit innerem Mißbehagen dieſes Opfer ſeinen Privatpflichten? Iſt dieſer bittere Hohn Satire auf unſere Geſittung oder Luſt am Boͤſen? Ich habe geſtern ſeine verhängnißvolle Faſchings⸗ nacht wieder geſehen. Tauſend Widerſpruͤche kreuzen ſich in der Fabel und in der Handlung, in der Charakteriſtik und in der ſittlichen Tendenz. Herr Neſtroy macht ebenſo fir aus Trauerſpielen Poſſen, wie aus Poſſen Trauer⸗ ſpiele. Ich meine, wenn Herr Neſtroy einen guten Rath annehmen wollte, ſo koͤnnte er alle jene Fehler vermeiden, welche man ihm mit Recht aufzählt, aber vielleicht mit Unrecht zum Vorwurfe macht, und über⸗ dem eine neue Erſcheinung der intereſſanteſten Art in's 20* — 308— Leben rufen. Er, oder Keiner, iſt der Mann dazu, meine Speculation auszufuͤhren, und dabei allen Ge⸗ winn zu ernten. Ich verlange fuͤr mich Nichts, als die Ehre, daß ich ihm den guten Rath gegeben. Alſo zur Sache! Herr Neſtroy hat die Fabel, welche dem Lumpaci Vagabundus und anderen ſeiner Piecen zu Grunde liegt, mit wunderbarem Gluͤck localiſirt. Aber die Stoffe zu Localpoſſen ſind aͤußerſt ſchwer zu finden, und ich möͤchte ſagen, Herr Neſtroy iſt zu etwas Beſſerem geboren, als zu Traveſtirungen. Mit einem einzigen Wort iſt das Mittel benannt, wo⸗ durch er ſeinem Talent einen ungeheuer erweiterten Wirkungskreis eroffnen kann. Er entſage der Traveſtie, und widme ſein Talent blos— dem Localiſiren. Es iſt ein kläglicher Irrthum, daß nur Poſſen im Localdialecte aufgefuͤhrt werden können, er nehme die beſten Trauerſpiele, Luſtſpiele, Schauſpiele, und ſchreibe ſie um in oͤſterreichiſchen Dialect, local,re Situationen, Individualitàten, Charaktere, und wenn noch in un⸗ ſerer Generation Begeiſterung ſchlummert, ſo wird er ſie wecken durch ſein großartiges Umſtaltungsgenie. Dann brauchte er aus dem ehrlichen Tatlhuber nicht einen Einfaltspinſel zu machen, und zu den tragiſchen Scenen nicht ordinaire Faren hinzuzufuͤgen, um des Beifalls und der Wirkung gewiß zu ſein. Ein Trauer⸗ ſpielſujet von Schiller, Shakeſpeare, Iffland localiſirt, wuͤrde gewiß großeren Effect machen, als jene auf funffußigen Jamben geſchraubt einherſchreitenden Tra⸗ n daz, len Ge⸗ is, als n. Aſo ſche dem Riecen zu aliſirt. thwer zu y iſt iu ungen⸗ int, wo⸗ weiterten rabeſtie, liſiten. oſſen im uhne bi d ſchribe uationen⸗ in un⸗ nird et ngöenie he ich miſche Tu⸗ vniſi⸗ jn au un Zu⸗ — 309— goͤdien, mit obligater Ueberſpannung, hochpathetiſcher Fremdheit und Langeweile. Ich habe oft mit manchen Anderen in den Vorſtaͤdten hochtragiſche Scenen im Wiener Dialect auffuͤhren ſehen, wovon mir faſt das Herz gebrochen. Der erhabenſte Pathos hauſt oft furchtbar im gemeinſten Alltagsleben, und erfaßt oft Gemuͤther, die niemals ſeinen Namen ausgeſprochen haben! Herr Neſtroy muß das ſelbſt wiſſen, denn ſeine Sepherl iſt in der Mitternachtsſcene wahrhaft pathetiſch. Aber ich bitte ihn mit aufgehobenen Haͤn⸗ den, ſolche pathetiſche Scenen nicht durch Schnacken zu verderben, und in einem tragiſchen Stoff eine tra⸗ giſche Haltung beizubehalten. Witz und Humor kön⸗ nen immerhin auch in Tragoͤdien ihr Weſen treiben, aber ſie muͤſſen ſchweigen, wenn die Seelen ergriffen ſind. Auf dieſe Art allein iſt der Localpoeſie zu helfen, denn das Geheimniß ihres Verfalls liegt hauptſaͤchlich in ihrem Mangel an guter Laune und in der zuneh⸗ menden ernſteren Gemuͤthsbildung der Generation, welche nicht alltaͤglich zu Narrheiten aufgelegt iſt. Der Wieneriſche Zeitgeiſt von Anno 1840 ruft:„ich will Localſtuͤcke, aber keine Localpoſſen. Ich will wiſſen, wie es der Menſchheit in den Armenwohnungen von Margarethen, Matzleinsdorf und St. Marx ergeht, und ſchere mich wenig darum, ob die Sappho vor ſo viel tauſend Jahren ſich in's Meer geſungen hat, oder nicht. Ich will meine guten Landöleute ſehen wie ſie leben, —— wie ſie handeln, wie ſie ſind, in Ernſt und Heiterkeit, nicht als Hansnarren par préference, was ſie nicht ſind, oder doch nur hoͤchſt ausnahmsweiſe. Ich will keine Fiakerſpaͤße, keine abgedroſchenen Couplets, keine ausgepeitſche G'ſchdanzelmuſik hoͤren, ich will keine herbeigezwungenen komiſchen Effecte, kein vom Himmel fallendes Motiv zu einem Vaudevillegeſang einer ſchlech⸗ ten Stimme, ſondern ich will Wahrheit, Leben, Kunſt! Und alles Das will ich in Wien ſehen, und nicht an den Ufern der Seine oder Themſe, in Italien oder Spanien, denn es giebt hier wie dort intereſſante und große Menſchenſchickſale. Und daß ich es will, davon liefert den Beweis eben das Schickſal der verhaͤngnißvollen Faſchingsnacht, welche keine Poſſe iſt, und deren groͤßter Werth und deren ſtaͤrkſte Wirkſamkeit in ihrem Gehalt an Lebens⸗ wahrheit und moraliſchen Effecten beſteht.“ Aber was nuͤtzen alle dieſe Rathſchlaͤge, wenn ſolche Principien nicht von der Cenſur und dem beſſeren Publicum beguͤnſtigt werden? Wenn mich nicht Alles taͤuſcht, ſo iſt Neſtroy durch ſeinen trau⸗ rigen Ruhm nicht gluͤcklich. Zu Beſſerem geboren iſt er vielleicht ein Sclave des ſchlechten Geſchmacks und einer unmoraliſchen Induſtrie, welche wieder durch die Sittenverderbniß hervorgerufen worden. den 15. Februar. Das iſt ſehr luſtig— vier Liebesbriefe auf ein eiterkeit, ſie nicht ch will s, keine ill keine hinmel n ſchlech⸗ Kunſt! richt an ien odet nte und Beweis gonacht⸗ uth und Leben⸗ , wenn nd dem m nich en tral⸗ boren it ods umd duch die ruor⸗ uf ein —— Mal— ſaͤmmtlich von jungen Mädchen, welche ich nur ein Mal geſehen, Buͤrgermaͤdchen aus anſtändigen Haͤuſern, welche durchaus keine„reellen“ Abſichten mit mir haben! Die eine iſt Braut, die andere hat einen Geliebten— ich frage nun, was ſollich mir fuͤr ein Gewiſſen daraus machen? Gott weiß es, daß ich noch kein Maͤdchen verfuͤhrt habe— aber dieſe wollen verfuͤhrt ſein— ſie verwenden ihre ganze Zeit auf das Geſchaͤft Eroberungen zu ſuchen. Wie viele junge Maͤdchen haben eine Zeiteinthei⸗ lung, die manchen Papa entſetzen wuͤrde, haͤtte er eine Ahnung davon: um elf Uhr bei den Michaelern, um ein Viertel auf Zwoͤlf bei St. Stephan, um halb Zwoͤlf auf dem Peter, um zwoͤlf Uhr da, wo der Wolf den Gänſen predigt. Vier Herren Amanten in einer Stunde, wovon Einer vom Andern Nichts weiß! da⸗ her denn bei manchen Maͤdchen von ſiebzehn Jahren die Menſchenkenntniß ſchon ſo weit gediehen iſt, daß ſie wiſſen, wie die Maͤnner ſammt und ſonders Nichts taugen. Denn ſie hat es ja gehoͤrt von ihrem Farl, daß ihr Fritz ihr untreu geweſen, und ihr Stephan hat es ihr verrathen, daß ihr Heinrich ein Schmetterling iſt. Sie kann Keinen von Allen lieben, weil ihr Keiner treu geweſen, indeß ſie ſelbſt Jeden nur auf Probe liebte. Sie hat keine Ahnung davon, daß Karl treu geblieben waͤre, waͤre ſie ſelbſt der Treue, oder was Eins iſt, der Liebe in ihrer höchſten Potenz fähig ge⸗ weſen. Das arme Geſchoͤpf heirathet daher, nachdem *. — 312— die Rendezvous ſie bereits gelangweilt, einen alten Herrn mit Geld, und hat ihre Philoſophie uͤber die Männer im Trocknen; da das Geld ihr Heirathszweck geweſen, ſo iſt das Vergeuden deſſelben die natuͤrliche Folge. Hat ſie auch aus Liebe gefreit, tant pis. Wo keine Liebe, da pflegt doch der Verſtand zu haushalten, wo aber Liebe mit liederlicher Geſinnung Hand in Hand geht, da geht der Herd ſicher zu Grunde. Unter ſolchen Umſtaͤnden hat die gegenſeitige Ach⸗ tung zwiſchen beiden Geſchlechtern einen ziemlich harten Stand. Daher kommt es, daß die jungen Herren ſich oft verfehlen, und ihre Griſetten wie ihre Damen, und ihre Damen wie ihre Griſetten behandeln. Mein Himmel, man darf nur ſehen, wie die Wie⸗ ner Damen tanzen! Man weiß dann genug. Wenn die Tauſende von Todten, die in der Stephansgruft ruhen, die Urgroßmuͤtter und Urgroßvaͤter der heutigen Generation, Etwas davon wuͤßten, wuͤrden ſie aufer⸗ ſtehen und ſich vor der Stadt begraben laſſen. Sie wuͤrden dieſes Tanzen mit einer andern Benennung beehren. Die Schultern bis zur Armbiegung ſammt dem Buſen bloß, die Haare fliegend, die Augen ver⸗ dreht, die Geſichtszuͤge verwildert, den Mund an die Weſte des Tänzers geheftet, die Wangen voll Schweiß, von ſeiner Hand an ſich gepreßt, die Bewegung ſchlei⸗ fend, wild bacchanaliſch, Maͤnner mit verächtlich lachen⸗ den Grimaſſen, die ihre Opfer herumſchleudern, als waͤren es die niedrigſten, ſchlechteſten Creaturen der en alten über die thöweck natüniche is. Vo ushalten, Hond in de. tige c⸗ h harten rren ſich en, und die Vie⸗ Venn oreguft heuigen . n. Sie nennung ſammt gen v d an die als det ern, uren — 313— Schoͤpfung! Alles dies, umgeben von einer Wolke Staub und Dunſt, beherrſcht von einer infernaliſch bewegten Muſik— hat man dies ein Mal geſehen, ſo weiß man, daß es ſchwer zu entſcheiden iſt, welches Geſchlecht hier mehr con amore der Wolluſt ergeben iſt! Das Sprechen, die galante Unterhaltung, welche ehedem die Baͤlle wuͤrzte, iſt aus der Mode gekommen, man hat keine Zeit mehr zum Sprechen, ja kaum zum Athmen; ſprechen doch die tobenden Sinne ſo laut, ſo himmelſchreiend, daß man erſtaunt, Väter und Muͤtter im benachbarten Zimmer ruhig, vergnuͤglich und heiter Whiſt ſpielen zu ſehen, indeß ihre Tochter der Abgrund der Sinnenluſt verſchlingt! Man hoͤrt heute auf jedem Ball die Klage, daß die Maͤnner nicht mehr tanzen wollen, und will dieſes Phaͤnomen unbegreiflich finden. Ich aber wuͤrde es unbegreiflich finden, wenn die Maͤn⸗ ner von einer ſolchen wilden Jagd der Sinne und Gliedmaßen nicht ſehr bald ermuͤdet und endlich ange⸗ ekelt wuͤrden. Wuͤrde die Autorität der Eltern mit dem Anſtandsgefuͤhl der Damen Hand in Hand auf die Ausrottung dieſer Unſitte hinarbeiten, ſo muͤßte der Tanz wohl wieder zu Ehren kommen, und die Manner wuͤrden nicht noͤthig haben, fur die Strapazen eines einſtundigen Tages fuͤnf Stunden lang an der Wiederherſtellung ihrer zermarterten phyſiſchen Natur zu arbeiten. Was kann ich aber bei aller Indignation, welche ich fühle, thun? Soll ich allein die Welt beſſern? — 314— Soll ich mich allein ausſchließen von ihren Genuͤſſen, da ich nicht ausgeſchloſſen bin von ihren Leiden und Bußen? Dieſe lieblichen Kinder ſuchen das Ver⸗ gnuͤgen— beim Himmel, es wäre albern, es ihnen zu verſagen. Soll ich, was mir das gute Gluͤck ſo liebreich zuwirft, von mir werfen, damit es Andere aufleſen? Ich ſchwimme alſo mit dem Strome. Waͤre die Zeit noch, wo man neun Jahre als Knecht ſich verdingen mußte, um ſeine Rahel zu gewinnen, ich wäre vielleicht der Tugendhafteſten Einer. Aber alle die köſt⸗ lichen Blumen, die man auf meine Wege ſtreut, liegen zu laſſen, muͤßte ich ein lächerlicher Held ſein. So wie ich, denken vielleicht viele brave Jungen. Wenn es uns recht ſauer gemacht wuͤrde, unſere Be⸗ gierden zu ſtillen, wenn ein hoher Preis darauf geſetzt waͤre, wir wuͤrden gruͤndlicher und treuer lieben, indeß wir ſo flattern, naſchen und— gähnen. Mit ſiebzehn Jahren darf man heute nicht an Liebe denken. Mit vierundzwanzig darf man lieben und wird von allen Mädchen, welche der Zufall uns in den Weg wirſt, wieder geliebt, aber man kann nicht heirathen. Mit ſechsunddreißig kann man hei⸗ rathen, aber man will nicht. Mit fuͤnfundvierzig hei⸗ rathet man vielleicht, aber man liebt nicht mehr. Das iſt der traurige Weltlauf dieſer unnatuͤrlichen Zeit. Ich aber ſage, mit ſiebzehn Jahren ſoll man lieben und heirathen duͤrfen und koͤnnen. Waͤre es der Fall, man wuͤrde mit vierundzwanzig keine gutwilligen leich⸗ jenüſſen, den und a Ver⸗ es ihnen Glück ſo Andete e. Vire necht ſich ich wir bie kůſt⸗ t liegen Jungen. ſene Be⸗ uf giſtz en, indeß nicht an n liben fol uns an kunn man erjg hi ht 2u ten Zlit. an iben der ul n liich — 3— ten Eroberungen machen und heirathen muͤſſen. Man wuͤrde mit ſechsunddreißig dann laͤngſt Familienvater ſein und durch ernſte Pflichten vom Tagewerk der Wolluſt abgehalten ſein. Und mit fuͤnfundvrerzig Jahren würde man als Hageſtolz verachtet ſein und kein Weib mehr finden, welche ſich verkauft. den 16. Februar. Welche ſchreckliche Entdeckung! O wie bin ich elend! Alſo war ich wieder ein Gegenſtand der tief⸗ ſten Herabwuͤrdigung! Ach, ich wußte wohl, daß mein Verhaͤltniß zu dieſer Familie Zums kein wuͤrdiges war. Aber von ſo tiefer Geſunkenheit hatte ich beim Himmel! keine Ahnung. Die Philoſophie des Jahr⸗ hunderts hat mich irre gefuͤhrt— die ſocialen Miß⸗ verhaͤltniſſe der Zeit rechtfertigten vor meinem ſittlichen Gefühle bis zu einem gewiſſen Grade die Unregel⸗ mäßigkeit einer ſolchen Beziehung zu der ſchönen Frau, welche ich als deren Opfer betrachtete. Dieſe Frau hat einen Gemahl, den ſie nicht liebt, von dem ſie nicht geliebt wird. Beide ſind Opfer der Verhaͤltniſſe. Wer kann ſie verdammen, wenn ſie Beide Schadloshaltung ſuchen? Wer mich, wenn ich mit beiderſeitigem Wiſſen die Huld einer ſchoͤnen Frau nicht ausſchlage? Was gehen die freie Liebe die menſchlichen Geſetze an? Kann man nicht täglich neue machen? Werden nicht taͤglich neue gemacht, welche die alten umſtoßen? Ich ſehe nichts Verwerfliches, in ſolcher Freiheit zu leben. Aber der Verrath aller Pflichten, die Verleugnung der heiligen Gebote der Natur, die Schändung ihrer edelſten Empfindungen— Fluch ihnen! Betty, das Kammermädchen, hat mir Alles ver⸗ rathen. Das niedliche, friſche Blondinchen gefiel mir laͤngſt. Sie gewahrte es bald und ließ mich gewahren, daß ſie es mit Wohlgefallen vermerke. Das fuͤhrte zu einem Stelldichein und nun gab's ein Erzaͤhlen ohne Ende. Herr von Zums, von der Welt als reicher Bor⸗ ſemann geachtet, treibt ein ſchaͤndliches Negoz. Seine Gattin mit ihm. Reiche Cavaliere werden in's Netz gelockt durch die Reize der Frau, und in ihrem ge⸗ woͤhnlichen financiellen Derangement mit Geld bedient vom Herrn Gemahl. Keine Woche vergeht, wo ſie nicht einen jungen Gimpel fangen. Der Mann, den ich im Schlafzimmer der Frau von Zums gefunden, war ein ſolcher— nicht der Gemahl. Er war— wie man zu ſagen pflegt— warmes Eiſen— es mußte geſchmie⸗ det werden. Man hatte alſo nicht mehr Zeit, mich zu avertiren von einem Hinderniß und ſpielte die Komodie. Frau von Zums, unerſaͤttlich in ihren Wuͤnſchen, be⸗ gnugt ſich indeſſen nicht mit dem, was ihr die Indu⸗ ſtrie in's Lager fuͤhrt— ſie haͤlt ſich außerdem auf ihre Koſten eine Anzahl von Anbetern, welche zugleich die tauſend kleinen Auftraͤge beſorgen muͤſſen, welche ſie fuͤr das Arrangement ihrer Soireen, Baͤlle ꝛc. zu beſorgen hat. Ein ſolcher Employs war ich. Alle leugnung ng ihrer UMes ver⸗ gfil mir gewahren, führe zu en ohre cher Bör⸗ Stine in's Netz hren ge⸗ d biient t, w ſie n, den ich nden, war wie man gſhnit nich zu nit ſtmn, b. die Indi⸗ — 8— Teufel! Ich der Liebhaber einer— Dirne fuͤr Be⸗ zahlung! Ich der beſoldete Figurant in ihren ſchmaͤh⸗ lichen Cirkeln! Ich ein Agent ihrer ſchmutzigen In⸗ duſtrie! Fuͤr die drei Kinder der Frau von Zums zahlen ſieben— ſage ſieben Väter— Penſionen. Herr von Zums iſt urſpruͤnglich ein Barbier. Seine Gattin urſprunglich die natürliche Tochter eines Prä⸗ laten. Sie haben einen Fond von 20,000 Gulden, womit ſie ein Haus fuͤhren, welches ſie jaͤhrlich min⸗ deſtens 8— 10,000 Gulden koſtet. Und alles Dies wird erſchwungen durch Wucher, Betrug, Buhlerei, Kuppelei! Herr von Zums, ein getaufter Jude, hat maͤchtige, große Wechsler zu Freunden. Er hofft in den Adelſtand erhoben zu werden! Große Herren ſind ihm gewogen, gehen bei ihm ein und aus.— Träume ich, wache ich, iſt alles Dies möglich? Ich zweifelte niemals an der Exiſtenz ſolcher Gewerbe. Aber in die⸗ ſer Poſition, gewiſſermaßen im Schooße der guten Geſellſchaft— das geht uͤber meine Begriffe. Ich habe es mit eigenen Ohren gehort, wie Zums Cavaliere aus den erſten Familien dutzt! Wie Damen der hoͤch⸗ ſten Ariſtokratie Frau von Zums mit Auszeichnung behandelten, bei ihr Thee tranken, mit ihr ſpazieren fuhren. Herr von Zums gilt fur einen Millionaͤr— wenigſtens negociirt er Millionen. Sein Haus iſt eines der angeſehenſten. Seine Wechſel haben uͤberall Credit zu vier Procent. Junge Maͤdchen aus den beſten Fa⸗ milien ſchätzen ſich gluͤcklich, Zutritt zu den ganz vor⸗ 4 —-— zuͤglich faſhionablen Cirkeln der— geheimen Kupplerin zu erhalten. Zums, Kaufherr vom beſten Rufe, Tu⸗ gendvereinsmitglied, Vorſteher mehrerer patriotiſchen Vereine, Actionär mehrerer Handelscompagnien, Wohl⸗ thaͤter der Armen: ein Kuppler, ein Wucherer, ein Verfuͤhrer, ein Boͤſewicht⸗ Und was das Herrlichſte iſt, dieſe vornehme Welt, dieſe créme der Geſellſchaft, weiß Alles und ſtoͤßt ſich nicht daran. Und was das Uebelſte von Allem— ich fuͤhle mich krank, ſehr krank. Wenn Einer von Haus zu Haus ginge in Wien, zu Kaufleuten, Gaſtwirthen, Schneidern, Juwelieren, und eine Beſtellung meldete von dem Herrn von Zums, wuͤrden Alle vor Ehrfurcht und Bereitwilligkeit ſich bis zum Boden verneigen;— wenn er unter den beſ⸗ ſeren, das heißt vornehmen Staͤnden die Runde machte, Vaͤter und Muͤtter wuͤrden ſich eine Ehre daraus ma⸗ chen, ihre Toͤchter in ſeine Cirkel geladen zu ſehen,— wohl wenig hochgeſtellte Perſonen wuͤrden Anſtand neh⸗ men, ſein Haus zu beſuchen, wo der Comfort, der Luxus, der gute Ton zu Hauſe ſind— und ich armer Komoͤdiant, Schuldner meines Schuhmachers, weine bitteren Thraͤnen der Reue und der tieſſten Scham, weil mich dieſe vergoͤtterte ſchoͤne Zums einer Huld gewuͤrdigt, welche Andere mit Juwelen bezahlen muͤſſen. Ich fuͤhle, wie laͤcherlich es wäre, mein empoͤrtes Gefuͤhl zu aͤußern; ſtill die mir widerfahrene Schmach uͤber⸗ kupplerin ufe, Tu⸗ nivtſchen n, Pohl⸗ eter, ein me Velt, ſßt ſch n Vien, welieren, n ums den beſ e mch nus n⸗ ſchen zund nih⸗ fon, der und ich hnuihi nShon ner dub n niſi abiih u iben — 319— winden, iſt Alles, was mir uͤbrig bleibt,— aber eine Rache will ich doch nehmen— ſo ſinnreich und toͤdt⸗ lich verletzend wie das Uebel, welches man mir zuge⸗ fuͤgt. Wenn ſie mich erniedrigt haben, ſo will ich ſie doch auch vor mir ſo tief erniedrigen, daß ſie zu mir aufblicken ſollen wie zu einem zuͤrnenden Seraph. Seraph— ha, wie uͤberaus laͤcherlich, Seraph— ich, der Soldknecht der Begierden einer Dirne! Doch immerhin— aber raͤchen werde ich mich. Mein Plan iſt gefaßt— der Dichter, mein Freund und einziger Schätzer, ſoll mir dazu helfen— er hat jene Worte, welche— vernichten, auf ſeiner Zunge. den 17. Februar. In meiner Bruſt wuͤhlt das Feuer der Hoͤlle. Eine furchtbare Ahnung beſchleicht mich. Ich habe raſch gelebt, ich habe alles Entzuͤcken verſchwelgt, deſſen menſchliche Nerven fahig ſind, ich habe den Becher der Luſt, der fuͤr ein ganzes Leben ausreichen ſollte, auf einen Zug geleert, das iſt der Dod, der mich mahnt, daß mein Maß voll— nein, daß es geleert iſt bis auf den Boden. Das druͤckt und wuͤrgt und aͤngſtigt — o es iſt zum Sterben. Dazu noch dies— An⸗ denken an die letzte keuſche Umarmung— o Fluch, Fluch, Fluch!— uͤber wen? Habe ich nicht mich ſelbſt zu Grunde gerichtet? Habe ich nicht ſelbſt meine Le⸗ bensflamme verpufft? Nicht ſelbſt mein beſſeres Ich an's Kreuz geſchlagen? Ach, es iſt troſtlos— ich — 320— kann nur mich ſelbſt anklagen. Hat man mich herab⸗ gewuͤrdigt.. warum ließ ich es zu? Hat man mich mißbraucht... warum hielt ich mich ſelbſt nicht heilig? Hat nicht der wohlthaͤtige Schoͤpfer in mein Herz je⸗ nes ſtarke Gefuͤhl fuͤr Recht und Tugend, fuͤr das Edle und Schoͤne gelegt— warum habe ich es abge⸗ ſtumpft? Warum mich ſelbſt vergeudet an das Un⸗ wuͤrdige, Gemeine? Ich will nicht richten— aber ſchrecken, und wenn der Tod aus mir ſpricht, wird es deſto ſchauriger die Gemuͤther ergreifen. Soeben erhalte ich von Zums ein Billet. Eine Einladung zu einem muſikaliſch⸗declamatoriſchen Abend. „Sorge fuͤr ein heiteres Declamationsſtuck“, ſchreibt er mir. Wie ſoll ich meinen Augen trauen?— ſie wird kommen, ſie, mein Ideal— ſie wird mich ſehen, de⸗ clamiren hoͤren! O weh' mir— welch' ein Stechen und Klopfen in meinem Gehirn— ich muß enden⸗ den 18. Februar.„ Ja, bei Gott, das iſt ein Declamationsſtuͤck wie ich es brauche! Mein Freund, der Dichter, hat mich verſtanden, die gute Seele— er fuͤhlt nach meinem Pulſe! Ein Gemaͤlde der ſittlichen Verworfenheit die⸗ ſer Stadt, ein graͤßlicher Spiegel der fluchwuͤrdigen Zuſtände, die mich umgeben, und jener gottverleugnen⸗ den, wahnſinnigen Philoſophie der Verruchtheit und ihr Strafgericht! Das muß wirken auf dieſe vornehme, liederliche, mit allen Todſuͤnden behaftete Geſellſchaft, ich hetab⸗ man mich h heiligk Hen je⸗ „fir das es abge⸗ dos Un⸗ £ aher t wid e et. Eine en Abend ſchribt er ſie vird ſchen, de n Stechen enden ut spick ni „hot nich minen enhet die⸗ un gun ¹ vmn⸗ gillh — — 32— welche ſich zur Soiree einfinden wird, auf dieſe reichen Wuͤſtlinge und ihre wollüſtigen Weiber! Das Bild eines Strafgerichts, welches uͤber dieſes Sodom und Gomorrha einbrechen wird! Dann aber pur dieſen an⸗ weſenden Engel in einer Geſellſchaft von gefallenen Maͤdchen, verruchten Weibern, wolluſtſiechen Greiſen und wucheriſchen Geldmäklern ein Bild des Troſtes, eine Verheißung der Verſoͤhnung, ein Gemaͤlde des Friedens— wie Sonnenſchein auf Gewitter! Sie werden mich verſtehen, ſie werden erzittern in ihrem Innerſten und ſie, ſie wird weinen. Ich habe dieſe Nacht kein Auge zugemacht und ſtudirt. Dieſe Bilder einer wilden Phantaſie, dieſe einfachen Worte einer tiefen ſittlichen Empoͤrung, ſie haben meine ganze Seele in Aufruhr gebracht. Ha, wie will ich ſie niederdonnern, dieſe feigen, gemeinen, herzloſen Suͤnder! Ein heißes Fieber brennt in meinen Adern— um ſo beſſer, dieſe wilde Gluth wird meine Worte mit einem elektriſchen Feuer erfullen. den 19. Februar. Es iſt vollbracht! Es war eine glaͤnzende Geſellſchaft! Vornehme Herren mit Ordensketten, junge Cavaliere, reiche Ju⸗ den, Börſeſpeculanten, Kuͤnſtler, Literaten, Anwälte, Beamte, junge Krieger mit erloſchenen Augen und hekti⸗ ſchen Bruͤſten, wolluͤſtige Weiber aus der Haute⸗volée, Wien. 1. Bd. 21 — alte Suͤnderinnen mit falſchen Haaren, junge wolluſt⸗ matte, nervenſchwache Dämchen mit hohlen Augen, zuckenden Geſichtsmuskeln, verlebte Wuͤſtlinge mit kah⸗ len Scheiteln, hektiſche Phrynen— große Geiſter mit frechen Mienen, reiche Kunden der Suͤnde und lauernde bereitwillige Suͤndenmaͤkler, beſtechliche Beamte und ihre reich geſchmuͤckten und geſchminkten Weiber und Toͤchter— und mitten unter ihnen— ein ſtrahlendes Bild der Seeleneinfalt, beſcheiden ſich verbergend unter dieſen ſammetnen und ſeidenen, von Gold und Juwelen bedeckten Suͤnden, im einfachen beſcheidenen Kleide der Unſchuld, mit einer weißen Roſe im Haar — mein angebetetes Ideal! Sie erwiderte meinen Gruß mit geſenktem Blick. „Nun, haſt Du ein recht luſtiges Sujet, Eduard?“ fragte mich Zums. „Ja,“ ſagte ich mit ironiſcher Freude,„ein recht luſtiges!“ „Wie betitelt ſich das Stuͤck?“ „Die Suͤndfluth!“ „Die Suͤndfluth— ah, gewiß eine Humoreske von Saphir?“ „Nein, es iſt von*.“ „Von*,“ erwiderte Zums gedehnt— „Ich konnte nichts Anderes auftreiben,“ ſagte ich leichthin,„uͤberdies muß man ja eine ſo gebildete Geſellſchaft mit etwas Neuem uͤberraſchen. Die Piecen anderer Dichter hoͤrt man ja in allen Concerten.“ ewolluſ⸗ n Augen, nit kah⸗ eiſtet mit dlauende eamte und zber und ſtuhlendes verbetgend Gold und ſcheidenen im Haar tminen 6wun!“ ein rcht gunn — 3— „Du haſt Recht— nun, mache Deine Sache gut— ich freue mich auf Deinen Triumph. Es ſind tuͤchtige Kunſtrichter in unſerer Mitte— die Sache wird in den Zeitungen beſprochen werden— das wird Dir Ruf machen— ich freue mich kindiſch.“ Das Souper wurde vorbereitet, ich mußte eilen, um ihnen den Appetit zu verderben. Hier lege ich die Dichtung zum Andenken in mein Tagebuch. Ich beſtieg die Tribune und las. Die Sündfluth. Als Noah, der Patriarch des alten Bundes, der Liebling Gottes, fuͤnfhundert Jahre alt war, da hatte ſich Adams Geſchlecht ſo vermehrt, daß ſeine kleinſten Zweige zahlreiche Voͤlker waren. Die Erde wimmelte von Menſchenkindern, und ihre Anzahl gab ihnen Muth und Luſt zum Boͤſen; denn in der Menge dachten ſie, wer vermoͤchte den ein⸗ zelnen Schuldbaren zu entdecken? und in dem allge⸗ meinen Verderben, wer vermoͤchte da des Einzelnen Verbrechen zu ſtrafen!? Aber Gottes Auge ſchied den kleinſten Fehl des Millionſten der Millionen. Da die Menſchen aber in ihrer Geſammtzahl verdorben waren, da dachte er daran, ſie ſo groß zu ſtrafen wie ſie ge⸗ ſuͤndigt. Aber wie groß auch die Schrecken des Ver⸗ derbens waren, worin der Menſchen Seelen ſich ge⸗ ſtuͤrzt, ſo hatte ihr Schöpfer doch mit ihnen Erbarmen, als er an die Schrecken der Strafen dachte, die er — 324— ihnen bereiten wollte, daher gab er ihnen eine Friſt von hundertzwanzig Jahren zur Beſſerung. Allein, verſtockt harrten die Menſchen bei der Suͤnde aus. So lieb waren ihnen nicht Vater und Mutter, ſo lieb nicht ihre Weiber und ihrer Weiber Kinder, ſo lieb nicht ihre Bruͤder, Schweſtern, ſo lieb nicht der Schoͤpfung ganze Herrlichkeit, als die Suͤnde, die ſie mit ihren Augen verſchlangen, mit ihren Armen umſtrickten, die ſie umhalſ'ten und an ſich druͤckten mit aller Zaͤrtlich⸗ keit ihrer Natur! An ſie verſchwendeten ſie die Liebkoſungen, die ſie ihren Gatten ſchuldeten, an ſie die Freundſchaft und die Großmuth, die Dankbarkeit, die Treue und Be⸗ harrlichkeit, und alle ſchoͤnen Regungen des Herzens, die ſie in dieſem Umgange erniedrigten. Ja ſelbſt die Anbetung, die ſie der Gottheit ſchuldig waren, brachten ſie der Suͤnde zum Opfer dar! Denn ſie beteten am Altare der Wolluſt und weiheten das Heiligſte dem Verderben! Ein Jeder lebte nur fuͤr ſich, liebte nur ſeine La⸗ ſter, und hatte fuͤr die Andern Nichts uͤbrig als Neid, Haß, Verleumdung! Und Jeder ſprach im Wahnſinn der Verruchtheit:„Nur ich will leben und gluͤcklich ſein, und ſollte Alles um mich her darob verderben! Nur ich will herrſchen, und mir ſollen Alle gehorchen. Nur fuͤr mich gebe es kein Geſetz, die Anderen moͤgen Sclaven ſein, und Jeder buͤße ſeine Laſter, nur ich nicht die meinigen. Nur mich ſoll man achten und eine Friſt Ullein, aus. So lich nicht lieh nicht chöpfung mit ihen ickten, die ʒirtich⸗ die ſie aſt und und Be⸗ Herns⸗ ſilbſt vi brachtin teten am eiligße ine La⸗ Bahnſm edechen⸗ honte nnih un ic un un — 325— verehren, die Anderen moͤgen in Schmach zu Grunde gehen! Niemand ſoll mich richten, aber der Anderen kleinſte Maͤngel will ich verdammen. Nur meine Maͤngel ſoll Niemand ſchmaͤhen, der Anderen Fehler will ich verhoͤhnen!“ Und ſo lebten ſie und verdarben einander. Und der Vater ſtieß den Sohn von ſich, weil er ſeine Laſter geerbt, und der Sohn fluchte ſeinem Vater, und der Mutter waren ihre Luͤſte enger an's Herz gewachſen, als ihres Leibes Fruͤchte, und die Ge⸗ ſchwiſter beſtahlen ſich um ihr Erbe, und verfolgten ſich, und der Vater verkaufte ſein Kind an die Suͤnde und ſchwelgte von dem Preiſe, und die Maͤnner feilſchten um die Weiber wie um ein Thier zu ihrer Luſtbarkeit beſtimmt. Und ſie ſchaͤtzten ſie ab nach ihren Jahren, nach dem Glanz ihrer Au⸗ gen, der Anmuth ihrer Formen, der Weiße ihrer Haut, der Rundung ihrer Bruͤſte und der Ueppigkeit ihrer Huͤften, dem Klange und Wohllaut ihrer Stimmen, der Farbe ihres Haupthaares und der Zartheit ihrer Naͤgel, und das ſchoͤnſte Weib galt ihnen noch nicht ſo viel als ein ſchlankes Pferd. Und man trieb Wolluſt auf den Straßen und in den der Andacht geweihten Haͤuſern! Das Alter und die Gebrechlichkeit aber waren verhoͤhnt und verachtet, und die Unſchuld des Leibes wurde dahin⸗ gegeben um ſchlechten Preis an entartete Wuͤſtlinge. Und des Menſchen Leib, der Tempel Gottes, ward durch gräuliche Frevel ge⸗ ſchändet. Der Sohn ging hin und verklagte ſeinen — 326— Vater vor Gericht, das Weib verrieth ihren Gemahl, und ein Nachbar verleumdete den andern. Einſame, verlaſſene verhoͤhnte, beſchimpfte Fluͤcht⸗ linge wandelten die Guten und verbargen ſich vor der Menſchen Bosheit! Verruchtheit galt fuͤr Klugheit, Hinterliſt fuͤr Gei⸗ ſtesgroͤße, Marktſchreierei fuͤr Kunſt, Betrug fuͤr Lebensweisheit. Die Richter waren ſchlimmer als die Gerichteten. Keiner war vor dem Andern ſicher, und das Leben war ein Kampf, worin der Schlech⸗ tere obſiegte. Die Wolluſt gab oͤffentliche Schauſpiele ſinnereizender Entbloͤßung, Ausſtellungen der Nacktheit, geile Spiele zur Schau geſtellter Gliedmaßen, ſcham⸗ loſe Wortſpiele und unfläthige Scherzreden, und den frechſten Kuͤnſtlern in den Tempeln der Schmach wur⸗ den Lorbeerkraͤnze auf das Haupt gedruͤckt, aller Ruhm wurde ihnen zu Theil, die der Begierde froͤhn⸗ ten, Gaukler wurden mit oͤffentlichen Ehren belohnt, und Narren in den Himmel gehoben, uͤberall ſchwang Mittelmaͤßigkeit den Scepter und alles Dichten und Trachten der Menſchen war boͤſe aufimmerdar. Da aber der Herr dies ſah, wie der Menſchen Sinn ſich nicht abwandte vom Boͤſen, da reuete es ihn, daß er ſie erſchaffen hatte, und er ſprach: Ich will vertilgen und ausrotten von der Erde alles Leben, von den Menſchen an bis auf das Vieh, und bis auf das Gewuͤrm, und bis auf die Voͤgel unter dem Him⸗ mel, denn es reuet mich, daß ich ſie erſchaffen habe. Gemahl inſame, zlücht⸗ erbatgen ſt fi Gei i, Betug immet als emn ſichet, Schlech⸗ chauſpiele Nacktheit, u, ſcham⸗ und wn mach win itt, l erde ftohn⸗ en Ehren ehobel, und alles fn Fuſtn un khu, nd bö u den bin zn ho —— Und zu Noah ſprach er, dem Auserwaͤhlten:„Siehe, ich will eine Suͤndfluth kommen laſſen auf Erden, zu verderben alles Fleiſch, darin ein lebender Odem iſt. Aber mit Dir will ich einen Bund errichten, und Du ſollſt eine Arche bauen fuͤr Dich und Deine Kinder, und Deiner Soͤhne Weiber, und fuͤr ein Paar von jeglichem Gethier der Erde, auf daß ſie lebendig blei⸗ ben und ſich fortpflanzen moͤgen!“ Und Noah ging hin, und that wie ihm der Herr befohlen. Als aber die Nachbarn ſahen, daß Noah allerlei Werkzeug herbeitrug und einen Kaſten zimmerte, verwunderten ſie ſich und ſpotteten darob. Und unter den Spoͤttern war Elim, der Vater Sarahs, des jun⸗ gen Weibes Sem, des Sohnes von Noah, ein gottloſer und boshafter Mann. „Seht! Noah faſelt,“ ſagte er hoͤhniſch,„er hat den Verſtand verloren, und baut ſich einen Sarg fuͤr ſeine fuͤnfhundert Jahre,“ und alle Nachbarn ſtimmten ein in ſeinen Spott und verlachten Noah ob ſeiner Froͤmmigkeit. Sarah allein, Sems verlobtes Weib, hörte mit Betrubniß ihren Vater alſo ſprechen und verwies ihm ſeine Bosheit.„Noah hat mit Gott ge⸗ ſprochen,“ ſagte ſie,„und die ſeiner ſpotten, wird es ſchwer gereuen.“ Aber Elim hoͤrte nicht auf zu ver⸗ hoͤhnen.„Thoͤrin!“ ſagte er zu Sarah,„wer iſt Gott, haſt Du ihn geſehen, hat Deine Hand ſein Kleid be⸗ ruͤhrt, oder Dein Blick ſeine Augen geküßt? Was iſt Gott— iſt er ein Mann oder ein Weib, nimmt er — Speis und Trank zu ſich, und ſpricht er die Sprache Noah's? Kein Auge hat ihn je geſehen, kein Ohr ihn je gehoͤrt, keine Hand ihn je beruͤhrt. Wenn ein Gott iſt, warum zeigt er ſich nicht? Wenn ein Gott 1 iſt, warum ſchlaͤgt er mich nicht, wenn ich ihn laͤſtere? 3 Warum ſchweigen ſeine Donner, wenn ich ihn leugne? Was iſt Suͤnde? Daß ich meinen Vortheil ſuche? Moͤgen es Alle thun, ſo ſind Alle wohl berathen! Daß ich die Schwachen unterdruͤcke? Warum hat Gott mir das Recht der Staͤrke gegeben! Daß ich Wort und Eid breche? Was ſind Wort und Eid? Leerer Schall. Daß ich luͤge und betruͤge? Thor, der ſich betruͤgen laͤßt.— Daß ich fremdes Gut mir aneigne?— beweiſt mir, daß ich nicht ſo viel Recht darauf habe als ein Anderer. Daß ich der Wolluſt genieße? Hat nicht die Natur ſie mich gelehrt? Gottes Zorn— Hirn⸗ geſpinnſt des ſiechen Alters!— Noah will uns nur narren, weil er keine Kraft mehr fuͤhlt zu herrſchen. Seine Hand kann kein Schwert mehr fuͤhren, ſeine Glieder tragen kaum den morſchen Leib, darum will er uns mit ſeiner Schlauheit Trug regieren.“ So ſprach Elim, und fuhr fort, Noah zu verhoͤhnen. Noah aber baute emſig ſeine Arche, und die Zeit vollendete das Rieſenwerk. Ein Raͤthſel lag ſie endlich da, ein Berg von Holz, und man ſtaunte ſie an als ein Werk des Aberwitzes. Da ſprach der Herr zu Noah:„Geh' in Deine Arche und thu' wie ich Dir befohlen, denn ich will regnen laſſen vierzig Tage und Sprache in Oht enn ein in Gott liſete? leugne? lſuchet n Doß ott mir ort und Schal. etruͤgen beweiſ ls ein at ſicht him⸗ uns nur enſchen⸗ ſeine m vil „ S , die Zeit ndlich an als hen ju ic Dit ge und — 30— vierzig Nächte, bis alles Leben von der Erde vertilgt iſt.“ Und Noah that wie ihm befohlen worden, und ſiehe da, es umzog die Himmel nach allen Seiten duͤſteres farbloſes Gewoͤlk und verfinſterte die Sonne, und an den Bergen hingen weiße Nebel, wie unheil⸗ verkuͤndende Geſpenſter, und ein lauer Wind leckte den Schnee von der Berge beeiſ'tem Gipfel, ſo daß ſie ihre Gewäſſer in die Tiefe ſandten. Die Schwalben flogen bange kreiſchend an der Erde hin, und in den Fluͤſſen begann es leiſe zu rauſchen, wie von unterirdiſchen Brunnen, die ſich aufthaten, um ſich in die Ströme zu ergießen. Aus der Erde aber kroch das Gewuͤrme hervor, und die wilden Thiere begaben ſich in ihre Hoͤhlen. Adler und Geier ſchoſſen aus den Luͤften herab nach den Schlangen, die ſich im Gebuͤſche reg⸗ ten, und nach den Fiſchen, die uͤber die Waͤſſer ſpran⸗ gen. Und zahlloſe Schaaren von Sturmvoͤgeln um⸗ kreiſten mit kreiſchendem Geſchrei die Klippen der Meere; des Meeres klarer Spiegel aber fing an ſich leiſe in Wellen zu kräuſeln, und die Delphine tauch⸗ ten in die Tiefe der ſalzigen Fluthen, alle Stimmen der Natur verkuͤndeten einen unheildrohenden Wechſel, die Baͤume rauſchten leicht vom Wind bewegt, und die hohen Halme fingen an zu wogen wie die See im Sturme. Die Rinder flohen aͤngſtlich brullend in ihre Ställe, die Roſſe wieherten bange, und aus den Suͤmpfen hoͤrte man das heuchleriſche Geheul des Kro⸗ kodills. —— Als Sarah dieſe Zeichen ſah und Noah's Gebot vernahm, ihrem Verlobten in die Arche zu folgen, da erfullte ihr Herz eine ahnungsvolle Bangigkeit und ſie ging zu ihrem Vater, und ihr Herz wollte zer⸗ ſpringen, als ſie zu ihm ſprach:„Vater, ſieh, der Himmel verfinſtert ſeine Augen und die Sonne verbirgt ſich, mir ahnt ein ſchweres Unheil und meine Seele iſt voll Angſt um Dich. Gott iſt mit Noah und Du biſt nicht mit ihnen. Der Zorn des Herrn wird Deine Bruſt zerſchlagen, geh' in Dich, ſo lange es Zeit iſt, und bringe dem Herrn ein Opfer dar, daß er Dich nicht ziehe in ſein Strafgericht.“ Elim aber ſprach lachend: „Du biſt von Sinnen, Maͤdchen, Dein Sinn iſt furchtſam wie ein Reh, mein Sinn aber iſt ſtark und fuͤrchtet Nichts. Auf Sonnenſchein folgt Regen, das iſt ſo das Geſetz der Natur. Ich ſage Dir, es giebt keinen Gott. Der Starke muß ſich waffnen gegen die Gefahr, der Schwache muß ſich an den Starken an⸗ lehnen; wer Etwas beſitzt, behaupte und wahre es, ob er es geerbt, erworben oder geſtohlen; das Schickſal iſt nur der Klugheit hold und die Natur iſt ihre Sclavin. Haſt Du je gehoͤrt, daß ein Koͤnig durch ſein Gebet Schlachten gewonnen, Laͤnder erobert hätte? Haſt Du je gehoͤrt, daß das Recht vor Verfolgung ſchutzt? Dies Leben iſt ein Kampf— der Klugere ſiegt und muß ſiegen, nur die Feigen und Geiſtes⸗ ſchwachen unterliegen dem Gotte— Schickſal— den ihr fuͤrchtet. Geh' hin zu Deinem Liebſten und waͤrme Gebot gen, da it und llte zer⸗ eh, der verbirgt e Stele Du biſt ſe Buſt ſt, und h nicht achend: inn iſt m und en, das e gicht egen die tken an⸗ ehr 6, ztibl iſ ihe ig u rt hitt molgun Kliger Giſts⸗ den vimt — 2331— Dich in ſeinen Armen, ich aber will mein Haus be⸗ ſtellen und ſehen, was da kommt, denn ich bin nicht wie Noah. Ich bin ſtark von Gliedern und Gedanken, und meine Kraft ruſtet mich gegen die Gefahr.“ Und traurig ging Sarah von dannen, und begab ſich zu ihrem Braͤutigam und weinte an ſeinem Halſe. Sem aber troͤſtete ſie mit ſeiner Liebe und ſprach:„Wen liebſt Du mehr, mich oder Deinen Vater, Gott oder die Suͤnde? Bleibe hier und uͤberlaſſe die Gottloſen der Strafe des Herrn.“ Am ſiebzehnten Tage des erſten Monates im Jahre Sechshundert des Lebens Noah's aber thaten ſich auf die Fenſter des Himmels, und es kam ein ſtarker Regen uͤber die ganze Erde. Die Baͤume bo⸗ gen ſich unter der Laſt der herabſtuͤrzenden Wäſſer, die Stroͤme ſchwollen an und traten aus ihren Ufern, und das Waſſer erfuͤllte alle Niederungen. Mit ſteigender Gewalt ſtuͤrzten die Fluthen durch die Thaͤler und entwurzelten die Baäume, die Waͤlder wurden ausgeriſſen und die Garben von den Wogen hinweggeſpuͤhlt. Kein Vogel war mehr in den Luͤften zu ſehen, und Thiere und Menſchen flohen auf die Anhoͤhen. Immer mehr und mehr verfinſterten ſich die Luͤfte, und grauſig heulten die Winde in den Kluͤften und zwiſchen den Thuͤrſpalten der menſchlichen Wohnungen. Da riß ſich Sarah abermals aus Sem's Armen los und ſuchte ihren Vater. Sem aber weinte ihr nach und wollte ihren Schritten folgen, aber Noah — 332— verwehrte es ihm und ſegnete der Tochter Liebe zu ihrem Vater Elim. Und flehend warf ſie ſich zu Elim's Fuͤßen und beſchwor ihn, Gott zu fuͤrchten und ſeinen Zorn zu fliehen. Elim aber ſprach:„Was ängſtigſt Du Dich? Die Wäſſer haben meine Aecker uͤber⸗ ſchwemmt, ſie werden auf's Jahr deſto fruchtbarer ſein. Was willſt Du mit Deinem Jammer? Kann Dein Gebet den Wäſſern gebieten, daß ſie zuruͤckkehren in der Erde Schooß, kann es die Fluren trocknen und dem Regen wehren? Wo iſt Dein Gott? Warum hat er Noah's Triften verheert, ſeine Heerden ertränkt, ſeine Saaten vernichtet? Wenn Noah Gottes Freund iſt, warum kann er nicht die eigene Noth bemeiſtern? Mein Haus liegt hoch und die Fluth erreicht ſie nicht. Willſt Du heimkehren zu mir, mein furchtſames Taͤubchen, ſo ſollſt Du noch warm werden an derGluth Deines alten Vaters— traun, er hat noch mehr Blut als Dein junger Braͤutigam— wo nicht, ſo gehe hin, ich bedarf Deiner nicht. Ich ſage Dir, wenn dies Gottes Suͤndfluth iſt, ſo will ich Alles um mich ſterben und verzweifeln ſehen, und der Letzte ſelbſt am Ende verderben.“ Und von des Vaters Zorn geſcholten, und von ſeiner Rede entſetzt, ging Sarah weinend und weh⸗ klagend uͤber den unuͤberwindlichen Muth der Suͤnde zu Sem zuruͤck— und Sem ſchloß ſie in ſeine Arme und dankte in Thränen dem Herrn, der ſie ihm wie⸗ dergab. Sie war die Seele ſeiner Seele, in ihrem iebe zu Elim's dſeinen ingſig et über⸗ te ſiin. n Dein thren in en und Warlm tränkt, Freund eiſtem? ſi nicht. zubchin, Gluth ch neht ſo gehe , wenn m mich te ſ ſilbft un von d wih Sünde — 333— Herzen wohnten alle ſeine Wuͤnſche und Gedanken, und die Welt war ihm Nichts ohne ſie. Und der Him⸗ mel ſah wohlgefaͤllig herab auf den Bund zweier reinen Herzen. Und tiefer und tiefer brach die Nacht des Todes herein uber die Natur. Kein Lichtſtrahl kuͤndete mehr der Sonne Auf- und Niedergang, und Tag und Nacht waren Eines. Die Natur verbarg die Gräuel der allmälig um ſich greifenden Zerſtörung in undurchdringliche Finſter⸗ niß. Aus der Ferne hoͤrte man dumpfe Donner brullen und den Hilferuf untergehender Menſchen, angſtvolle Thierſtimmen, Sturmesbrauſen und einſturzende Mauern. Hoͤher und hoͤher ſtiegen die Fluthen und der Blitze ſtummer Schein beleuchtete ſchwimmende Leichen aus aufgewuͤhlten Graͤbern, Geräthſchaften, todtes Vieh und ſchwimmende Daͤcher. Von den Ufern löſten ſich kleine Inſeln ab und trieben langſam auf den ſchaͤu⸗ menden Wogen, eine ſchwankende Zuflucht fuͤr Men⸗ ſchen und Thiere. Auf den Anhoͤhen draͤngten ſich aber, geſchuttelt von Froſt und Seelenangſt, die Men⸗ ſchen in dichten Schaaren zuſammen, mit Schafen und Rindern, Pferden und Hunden, und in wuͤſten Haufen lagen ihre Habſeligkeiten aufeinander. Hunger und Kaͤlte, Gram und ſpäte Reue, Gewiſſensqual und hilfloſe Krankheit ließ hier Tauſende, der Fluth ent⸗ ronnen, in Verzweiflung ſterben Hier kaͤmpften die Laſter des entarteten Geſchlechts in graͤulichen Zuckun⸗ — 334— gen ihre letzten ſchaudervollen Kämpfe. Muͤtter*) warfen ihre Sauglinge von ſich in die Alles verſchlin⸗ gende Fluth, Väter rangen mit ihren Soͤhnen um ein Stuͤck Brot, und um eine Zuflucht vor der ge⸗ fraßigen Waſſerwuͤſte wurden blutige Schlachten ge⸗ liefert. Zuerſt unterlagen die Weiber“*) dem furcht⸗ baren Verhängniß und deckten mit im Kampf zer⸗ fleiſchten blutigen Leibern die brullenden Fluthen. Ihnen folgten die Greiſe nach, von ihren eigenen Enkeln in den Abgrund geſchleudert. Der Bruder ſchonte den Bruder nicht. Thiere wurden hoͤher gehalten als Men⸗ ſchen, da ſie zur Nahrung dienten. Unerbittlich grauſam wuthete der Trieb und die Nothwehr der Selbſt⸗ erhaltung. Hier ſah man einen maͤchtigen Patriarchen, der erſt große Ländereien beherrſcht hatte, zu den Fuͤßen eines Sclaven um ſein Leben flehen. Dort liebkoſte ein reicher Handelsherr ſein treues Kameel, das auf ſeinem hohen Ruͤcken ihm eine Zuflucht bot, mit den⸗ ſelben Haͤnden, womit er einem Nachbar ſeine Lanze *) Miütter werfen heute ihre Kinder in die Fluth des Elends (die Findelhaͤuſer, Straßenbettelei, Proſtitution), um ſich zu retten, Vaͤter ringen mit ihren Söhnen um ein elendes Stuͤck Brot, und wer Augen hat, kann täglich die Schlachten ſehen, welche ſich die Menſchen liefern um dem Hungertode, der Schande, dem Tode zu entrinnen! Jene Zeit iſt dieſe— des Sündenfalls. **) Die Weiber gehen bereits in Schaaren vorerſt zu Grunde, in den Höhlen der Armuth, in Hoſpitälern, Gebärhäuſern, Pro⸗ ſtitutionshäuſern, Zuchthäuſern— in weit groͤßerer Anzahl als die Maͤnner. tter) ſchlin⸗ nen um der ge⸗ en ge⸗ ſucht⸗ pf ſ⸗ Ihnen nkeln in Bruder Men⸗ bittlich Selbſt⸗ archen⸗ n ißen lbkoſe dos auf nit den⸗ e Lanzt s Elns — 335— in die Weichen ſtieß. Ueberall auf der ganzen weiten Erde tauſend und tauſend Greuelſcenen, Geſchrei der Verzweiflung, Gebete, Hilferuf und Fluͤche! Wo Ret⸗ tung moͤglich ſchien, ward ſie durch Aufruhr ver⸗ eitelt! Verzweiflungswahnwitz ſteckte die Haͤuſer in Brand, mißhandelte Jungfrauen und Kinder, zerſtoͤrte die Fahrzeuge, welche die Noth erfinderiſch gezimmert, und die uͤberladen in der Stroͤmung unter dem Ge⸗ ſchrei der Ertrinkenden zu Grunde gingen. Immer heftiger tobte der Sturm, loſchte die Fackeln aus, fachte den Brand der Menſchenwohnungen an. Von den Bergen ſturzten ungeheure Stroͤme in die Thaͤler, riſſen Felſen mit ſich und ſpalteten die Berge. Die Erde zitterte und aus ihren Eingeweiden ſchienen ſchreckliche Gewitter hervorzubrechen. Alſo grauenvoll waltend ſchritt der Racheengel uͤber die in Todeskrampf liegende Erde, als Sarah auf den Knieen um die Rettung ihres Vaters flehte. Sem ſtand ſchweigend da und verhuͤllte ſein Angeſicht, als er Sarah in Verzweif⸗ lung ſah. Gepeinigt von troſtloſer Kindesliebe Qual, kämpfte Sarah mit der Liebe der Braut. Weinend umſchlang ſie den Geliebten und ſprach: „Weh mir, mein Herz iſt an Dich gekettet und mein Gedanke weilt bei dem Vater, und an Deiner Bruſt iſt Seligkeit und Verzweiflung. Laß mich hinaus, ——— — — 3— um des Vaters Haupt zu ſchuͤtzen vor dem Zorn des Herrn!“*) Und Sem antwortete: „Weh mir, Sarah liebt mich nicht! Willſt Du entwaffnen mit Deinem ſchwachen Lilienarm, der wie ein Blumenſtengel ſich um meinen Nacken rankt, den ſtarken Arm des Herrn? Willſt Du mit ihm kaͤmpfen, der die Erde zerbricht wie eine Nußſchale und die Berge uͤbereinander wirft? Wen er ſtraft, den ſchuͤtzt Dein Wehklagen nicht, wen er verworfen, den haͤlt Deine Liebe nicht uͤber dem Verderben. Willſt Du mich toͤdten um des ruchloſen Vaters willen?“ Sarah aber rang die Haͤnde und rief: „Ich will Dich nicht toͤdten, denn Du biſt meines Herzens Leben. Laß mich den Vater ſuchen, denn ſieh', ich bin Fleiſch von ſeinem Fleiſche, Blut von ſeinem Blute. Er gab mir Nahrung, als ich hilflos war, er kleidete mich, als ich nackt zur Welt kam, und Gott ſelber ſprach: Du ſollſt den Vater ehren, und das Kind gehe nicht in's Gericht mit dem, der es er⸗ zeugte. Sem, laß mich von hinnen oder ich ſterbe.“ Da fuhr Sem wild empor und ſagte:„Gut, ſo gehe hin und ich folge Dir, und Dein Geſchick ſei *) Iſt nicht dieſe Sarah in der Paramythe eine Repräſen⸗ tation der Liebe in der ſinnverlorenen Menſchheit? in des lſt Du det wie t, den mpfen, und die nſchütt en hält ſt Du meines , denn lut von m und n, und 1 es et⸗ „Gul⸗ ſchi ſi Niſn — 337— das meinige.“ Da erſcholl Noah's Stimme mächtig und rief dem Sohne zu: „Sem, willſt Du freveln gegen mein Gebot? Willſt Du hinziehen in die Grauen der Verwuͤſtung, mit meines Fluches Laſt auf den Schultern? Er wird Dich zu Boden werfen auf Deinem Wege. Laß dem Weibe ſeinen Willen. Will Gott ſie ſchuͤtzen, ſo wer⸗ den die Fluthen vor ihr weichen und die Thiere der Wuͤſte vor ihr entfliehen. Stürzt ſie in Abgruͤnde, ſo wird der Wind ſie tragen, und faͤllt ſie in das Meer, ſo werden die Wogen ſie wiegen auf ihrem Arm und ſie Dir zuruͤckbringen, denn kein Menſch mag ſich ver⸗ derben ohne den Willen Gottes. Sem, gehorche!“*) Und Sem brach zuſammen unter dem Gewichte des Gebotes, und Sarah drückte ſein Haupt an ihre Bruſt, und ihre brennenden Lippen verſchlangen ſeine in Thraͤnen gebadeten Kuͤſſe, und Sarah entfloh aus der Arche. Als aber die Nachbarn Noah's ſahen, wie die Fluth auch eindrang in ihre Haͤuſer und ihre Lager hinwegfuͤhrte, ihr Vieh ertränkte, ihre Saaten begrub *) Pier erſchallt die Stimme gewaltiger Gottesfurcht, es iſt der Geiſt, der allein die Menſchheit retten oder ihre Wie⸗ dergeburt nach einem, wie es ſcheint, beſchloſſenen untergange vermitteln kann. Noah rettet aus der Suͤndfluth den Glauben an Gott. Wien. 1. Bd. 22 — 338— und ihre Scheunen ausleerte, als ſie ſahen, wie das Licht von der Erde wich und die Thiere des Waldes zu ihnen kamen, wie die Geier auf ihren Schornſtei⸗ nen kraͤchzten und die Schwalben ſich verbargen, da ſammelten ſie ſich wehklagend und riefen:„Wo iſt Noah's Arche, wo, wo? Laßt uns ſie aufſuchen und ſie ihm wegnehmen, auf daß wir gerettet werden, und wir wollen ihn toͤdten, auf daß wir leben.“ Und Alle riefen in wildem Aufruhr:„Wir wollen ihn toͤdten! auf daß wir leben; denn er hat einen Bund er⸗ richtet mit Gott zu unſerem Verderben!“*) Und raſend riefen ſie:„Noah, wo biſt Du?“ Aber der Sturm verſchlang ihre Worte und Finſterniß leitete ſie irre. Und aus den Wellen ſtiegen Irrlichter empor und verwirrten ihren Sinn, und ſie glaubten, es waͤren Noah's Herdfeuer und ſuchten ſie auf. Aber die Lichter tanzten hierhin und dorthin und lock⸗ ten ſie in das Grab der Wellen, und ſie zerſtreuten ſich nach allen Gegenden und gingen zu Grunde. Elim aber, der Gottesleugner, trieb ſeine Heerden auf die Berge hinauf, und auf ſeinen Schultern hatte er ſeine Koſtbarkeiten, und ſeine Knechte trugen Speiſe und Trank, und ſuchten Hoͤhlen auf, wo ſie abwarten *) Das iſt die entartete Menſchennatur in ihrer grauen⸗ haften Undankbarkeit— ſchrecklich enthüllt in den Sen unſeres elenden Jahrhunderts. —— ie das Paldes ornſti⸗ en, da Vo iſ en und n, und nd Alle tödten! nd er⸗ du?“ ſteiß lichter gubten, e auf d lod⸗ wuten runde⸗ n auf ate it Eyiiſe warten rouen⸗ uluni — 339— wollten, bis das Waſſer ſaͤnke. Als ſie aber in die Waälder kamen und der Sturm ihre Augen verblendete, da vergingen ſie ſich und ſtuͤrzten in Abgruͤnde, und die Rinder, wuͤthend gemacht von dem Toſen der Winde und dem Geraͤuſch der Wellen und dem Schein der Blitze und des Donners Rollen, kehrten ihre Hoͤr⸗ ner gegen ihre Treiber und liefen wieder den Thaͤlern zu, und ſie ſchwammen bruͤllend eine Zeit lang in dem Gewaͤſſer und gingen dann unter. Bald war Elim allein, und nur ſein Hund folgte mit eingezo⸗ gener Ruthe ſeinen Ferſen. Als ſie aber hoͤher kamen, bis hinauf, wo kein Gras mehr wächſt und keine Blume bluͤht, wo nur Eis und nacktes Geſtein in die kalten Luͤfte ſtarren und des Winters Odem uͤber die Einöde weht, da ſtuͤrzte ein Adler herab auf den Hund und kaͤmpfte mit ihm, und der Adler ſiegte und zerriß den treuen Hund. Da wurde Elim bange, und er dachte ſeines Kindes und ihrer Warnungen, und rief:„Sa⸗ rah, wo biſt Du?“ Aber keine Stimme antwortete ihm, und die Thäler lagen vor ihm im ſchwarzen Ab⸗ grunde, und Schaaren von wilden Voͤgeln, Geiern und Adlern umſchwärmten ihn,— da kochte der Hoͤlle Glut in Elim's Adern, und er rief im gräßlichen Wuthſchrei hinaus:„Gott iſt nicht!“ und ſeine Stimme brullte wie der Donner des Himmels, daß er darob erſchrak, und die Erde erzitterte in ihrem innerſten Schooße, und der Berg ſpaltete ſich entzwei und brach zuſammen, und eine ungeheure Staubwolke ſtieg zum 22* —— — ——— ————— — — 340— Himmel, Elim aber ſtand mit geſträubtem Haare auf einem Felſen, und er dachte zu beten, aber ſeine Zunge war wie von Holz, und er fuͤhlte, daß er ſtumm war. Und fuͤnf Tage und fuͤnf Naͤchte irrte Elim in den Kluͤften des Gebirges umher, und er fand weder Speiſe noch Trank, und ekles Gewuͤrm folgte ſeinen Ferſen, und giftige Schlangen liebkoſeten ihn und leckten ſeine Wangen, und das Krokodill nannte ihn Bruder, und der Schakal folgte ſeiner Spur, und Loͤwen und Tiger hielten ihn fuͤr ihres Geſchlechts. Die Adler ſetzten ſich auf ſein Haupt und ſchlugen ihn blind mit ihren Fluͤgeln. Als aber der dreißigſte Tag der Suͤndfluth gekommen war, da brach ein furcht⸗ barer Sturm los, und hob Alles vom Boden auf, was da lebte, kroch und angewachſen war. Die Waͤlder tanzten in den Luͤften und trugen Elim hinweg in ſchrecklichem Wirbel, und er ſah nicht mehr durch ſeine Augen, denn er war erblindet, und er hoͤrte nicht mehr durch ſeine Ohren, denn er war taub, und ſeine Glieder zerbrachen wie Schilfrohr. Seine Seele aber erblickte die Schatten der untergegangenen Menſchen, ſie grinſten ihn an mit geſpenſtiſchen, blutruͤnſtigen Geſichtern und riefen aus:„Wehe Dir, Gott iſt, und ſein Gericht iſt ewig.“ Und langſam und gehuͤllt in Wolken, fußend in dem Meeresgrunde und die ganze Erde umfangend mit ue auf r ſeine daß er lim in wedet ſeinen n und nte ihn , und lechts. lugen ißigſe ſucht n auf, Wälder veg in ſne nicht ſeine k cber nſchen nſigen , und . — 344— ſeinen Knochenarmen, erſchien der Tod auf der Erde und begehrte Elim's Leben, und rief mit Donner⸗ ſtimme:„Gott iſt, und ſein Gericht iſt ewig!“ Und der Sturmwind trug Elim's zerſchlagenen Leib auf des Berges hoͤchſten Gipfel. Da wich die Nacht von der Erde, die Winde flohen in der Meere Schooß und die Blitze erloſchen. Ein Engel beruͤhrte ſein Ohr, und es hoͤrte, und ſeine Augen, und ſie ſahen,— ſahen ein weites, wuͤſtes Meeresgrab, die Erde,— ſahen vertilgt des Lebens letzte Spur, und alle Triften und Berge begraben, und alle Thiere verſchlungen, und keinen Vogel in den Luͤften, und der Himmel woͤlbte ſich ſtumm und herrlich uͤber der Erde, und Gottes Geſtirn prangte in Majeſtät am Himmel. Da ward es licht in ſeiner Seele, und er betete und dankte Gott fuͤr ſein Gericht, und ſchmach⸗ tete nach dem Tode. Da ſpuͤhlten ihn mitleidig die Wogen hinweg, und die Engel trugen ſeine Seele empor zu Gott. Und vierzig Tage und vierzig Naͤchte ſtand das Waſſer auf der Erde, da öffnete Noah eine Luke in ſeiner Arche, und ſah hinaus in das Licht der Welt, und Sem ſtand bleich in ſtillem Gram bei Noah, und blickte hinaus auf das Meer, und bat Gott um Sarah, und ſprach wie ein Kind im Weinen:„Noah, wo iſt Sarah? Kein Weſen lebt auf der Erde, außer uns, und Alles bedeckt das Meer, und vierzig Tage — 342— und vierzig Naͤchte ſind voruͤber,— wie kann Sarah leben? Warum hat Gott Sarah in ſein Gericht ge⸗ zogen, da er doch Noah's Kinder und deren Weiber zu retten verſprach?“ Noah aber ſprach:„Thoͤricht biſt Du, Knabe, daß Du zweifelſt an Gott. Ich buͤrge Dir fuͤr Sa⸗ rah's Leben, denn Er hat es geſagt, daß er ſie ſchir⸗ men wird, welche meine Soͤhne lieben. Und waͤre ſie in dem Bauche eines Hais, ſie lebt— und läge ſie erſtarrt bei des Meeres Ungeheuern in der Tiefe— Du ſiehſt ſie wieder.“ Sem aber ſprach reumuͤthig: „Ich glaube Dir!“ Da verbreiteten ſich plötzlich Wohlgeruͤche, und ein ſanftes Wehen brachte ſonn⸗ durchgluͤhte Fruͤhlingsluͤfte. Der Spiegel des Waſſers kraͤuſelte ſich in ſanfte Wellen, und ein Anblick, wun⸗ derbar und reizend, zeigte ſich Sem's Augen. Eine kleine Inſel von gruͤnendem Raſen, auf maͤchtige Cedern gebettet, ſchwamm langſam einher. Baͤume mit reifen Fruͤchten ſtreckten ihre uͤppig be⸗ laubten Zweige gen Himmel. In einem Gebuͤſche von Roſen, Lilien und Hyazinthen ruhte, auf weichem Mooſe, bluͤhend in Lebensfriſche und Geſundheit, ein reizendes Weib in ſuͤßem Schlummer, und ein Dach von Blättern ſchirmte ihre roſigen Wangen vor Son⸗ nengluth und Regen.„Sarah!“ ſchrie Sem jauch⸗ zend,„Sarah, Sarah!“ und ſeine Stimme brach und verſtummte in Thränen; Sarah aber erwachte, erbebte n Sarah eicht ge⸗ Weiber Knabe, fit S⸗ ſi ſchi⸗ nd wirt und lge Tieſe— litlic ſe ſonn⸗ Vuſſrs ic, wun⸗ ſn, auf neinhet. vpi be⸗ ſhe w wihin eit, ein Doch d nuc , ubehu — 3¹3— in Freude, ſann und laͤchelte, und ſank in Sem's Umarmung. Sie ſprachen Nichts, aber ihre Thränen faͤrbten die erſten Roſen der neuen Erde roth, und ihr Ent— zuͤcken nahm kein Ende und fand keine Worte. End⸗ lich aber ſprach Sem traurig:„Und wo iſt Elim, Dein Vater? Wird Dein Herz nicht ewig um ihn trauern?“ Sarah aber dachte eines Traums, worin ein Engel ihr Elim's Seele gezeigt, verſohnt mit Gott und gereinigt weilend in ſeinem Schooße, und ſie ſprach ſuͤß laͤchelnd in Sem's Umarmung ſinkend: „Sem, ich werde nicht trauern, denn er iſt unter den Gluͤcklichen. Dir allein gehort mein Herz, und ich habe fuͤrder keinen Gedanken, als Sem, und ich werde Niemand mehr angehoͤren, als Sem, und ich werde Niemand ſo lieben, als Sem und Gott!“ Armer Dichter! Wie vergeblich iſt Dein Bemuͤ⸗ hen! Ich fuͤhle es, die letzte Lebenskraft in mir habe ich verbraucht fuͤr den Vortrag dieſes Gedichts. Ich dachte ſie zu erſchrecken, ſie zu ergreifen!— Ich fand aber an ihnen nur noch— Leichname. Schrecklich — iſt es alſo beſchloſſen, daß dieſes Geſchlecht ver⸗ derben, unwiderruflich verderben ſoll! Einige ſagten ganz kalt, als ob ſie dieſe Worte nichts angingen: „ſchoͤn, recht poetiſch“; Andere ſchlichen ſich hin⸗ weg, um Karten zu ſpielen, noch Andere blieben ſtumm und verbargen ſich. Nur ſie— ſie allein — 344— weinte. Das ſchlechte Gewiſſen nahm die Dichtung mit allen Geberden ſchamloſer Verſtellung auf. Ich hoͤrte einige uͤbelwollende Urtheile Derſenigen, welche ſich am meiſten getroffen fuͤhlten:„Welche Capuzinade, was faͤllt dem Manne ein, uns eine Faſtenpredigt zu halten?“ Alſo unwiderruflich beſchloſſen: Keine Rettung fuͤr dies Geſchlecht! Der letzte Reſt beſſerer Gefuͤhle erſtorben! Kein Nervenreiz mehr in ihren abgematteten Herzen! Kein Pulsſchlag in ihrem Gemüthe! Nur drei Reize lebendig— der Lachreiz, Wolluſt⸗ reiz, Habgierreiz. Tod, Tod, Leichname,— o ich fuͤhle, es iſt in dieſer Welt Nichts mehr zu hoffen. O mein Ideal— Du Einſame— wie beklage ich Dich! Den 20. Februar. Das Fieber wirft mich zu Boden— es iſt aus mit mir. Ich mag nicht daran denken, geſund zu werden. Dieſes Leben iſt ja nichts als Siechthum und Elend, ein immerwaͤhrendes Sterben,— o, wenn der Engel mich beruͤhrte, ich waͤre gluͤcklich. Was gilt dieſes Daſein voll Ekel, Reue, Schmach, Ent⸗ wuͤrdigung,— wer kann gluͤcklich ſein— welcher —„— — htung Ich wicche inade, edigt etzen! olluſt⸗ ſt in beklage ſt u nd zu und wenn Bs 6rt he — 345— Widerſpruch!— ohne ſich zu vernichten. Der Gute kaͤmpft gegen Alle. Es iſt in dieſer Welt Nichts mehr zu erſtreben— den Ruhm muß man mit der Thorheit theilen, die Tugend iſt unmoͤglich,— eſſen und wiederkaͤuen, der Wolluſt froͤhnen und der Eigen⸗ ſucht, ſeinen Bruder verfolgen— ich liebe dies Ta⸗ gewerk nicht. Ich fuͤhle mich erloͤſchen. Gott be— fohlen.— Nach ſatz. Armer Eduard! Die vorſtehenden Zeilen waren ſeine letzten. Drei Tage ſpäter ſtarb er an einem heftigen Bruſtkrampfe. Man begrub ihn mit vielem Pompe. So lange er lebte, ſahen ihn alle ſeine Collegen mitleidig uͤber die Achſel an,— er konnte es zu keiner Reputation brin— gen. Ein Freund, der auf ſeinen Genius öffentlich aufmerkſam machte, wurde verhoͤhnt. Der von Spott und Hohn Gepeinigte mußte ſeinen Lobredner bitten — ihn zu tadeln, damit er nicht ſich allen Collegen verfeinde. Als er aber geſtorben war, ſprachen ſie Alle von ſeinem großen Genie. Und alle Notablen vereinigten ſich bei ſeinem Leichenbegängniß. Wie Viele von ihnen hatten ſeine Begeiſterung verhoͤhnt, den Geiſt in ihm zu todten, an ſich ſelbſt irre zu machen geſucht. Und er war in der That oft irre geworden! Man ſang und predigte an ſeinem Grabe, es war ein Leichenzug der glänzendſten Art. Unter Wien. 1. Vd. 23 — 346— den vielen Anweſenden auf dem Kirchhofe ſah man eine junge Dame einſam bitterlich und kindlich wei⸗ nen. Es war die junge Schauſpielerin*— ohne es jemals zu wiſſen, ſein Ideal. Der Zug ſeines Her⸗ zens hatte ihn nicht irre geleitet, in dieſer Seele war Verſtaͤndniß fuͤr ſeine tiefe Empfindung— aber er wagte es niemals den Schatz zu heben,— Friede ſeiner Aſche! Ende des erſten Bandes. Druck der Reclam'ſchen Ofſicin in Leipzig. — — Solour& Grey Gontrol Chart Cyan Sreen Nellow Red Magenta