S— Leihbi heł deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Seſehedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lhr offen. ———— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf 1 Ml. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 3 „ 2 S 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersztz. Für beſchmutzte, zerriffene“, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene vder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe ij auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 9 3 S== Eh Der page des Herzogs von Favoyen. Alerandre Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Anguſt Zoller. Erſtes bis fünftes Bändchen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1855. —— der ohr ſich Ja Ge zu wir Ita der § klei . —— Erſte Abtheilung. 16 Was ein auf dem höchſten Thurme von Hesdin ⸗Fert ſtehen ⸗ der Menſch am Tage des 5. Mai 1555 um zwei Uhr Nach⸗ mittags hätte ſehen können. Verſetzen wir mit einem Schlage, ohne Eingang, ohne Vorrede, diejenigen von unſeren Leſern, welche ſich nicht fürchten, mit uns einen Sprung von drei Jahrhunderten in die Vergangenheit zu thun, in Gegenwart der Menſchen, mit denen wir ſie bekannt zu machen haben, und mithin in die Ereigniſſe, denen wir ſie wollen beiwohnen laſſen. Wir ſind am 5. Mai des Jahres 1555. Heinrich II. regiert über Frankreich. Maria Tudor über England. Karl V. über Spanien, Deutſchland, Flandern, Italien, die beiden Indien, das heißt über ein Sechstel der Welt. Die Scene eröffnet ſich in der Umgegend der kleinen Stadt Hesdin⸗Fert, welche Emanuel Philibert, Prinz von Piemont, zu Erſetzung von Hesdin⸗le⸗Vieux, das er im vorhergehenden Jahre genommen und der Dumas, der Page. I. 1 Erde gleich gemacht hat, vollends wiederaufbaut.— Wir reiſen alſo in dem Theile des alten Frankreich, den man damals das Artvis nannte, während man ihn heute das Departement du Pas⸗de⸗Calais nennt. Wir ſagen des alten Frankreich, denn einen Augenblick iſt das Artois mit dem Erbe unſerer Könige durch Philipp Auguſt, den Sieger von Saint⸗ Jean⸗d Acre und von Bouvines, vereinigt geweſen; doch im Jahre 1180 an das Haus Frankreich über⸗ gegangen, 1237 vom heiligen Ludwig ſeinem jüngeren Bruder Robert geſchenkt, verirrte es ſich in den Hän⸗ den von drei Frauen, Mahaud, Johanna I. und Johanna II., in drei verſchiedene Häuſer. Dann ging es mit Margaretha, Schweſter von Johanna II. und Tochter von Johanna I., an den Grafen Louis von Male über, deſſen Tochter es, zugleich mit den Grafſchaften Flandern und Nevers, in das Haus der Herzoge von Burgund brachte. Als Karl der Kühne todt war, vereinigte Maria von Burgund, die letzte Erbin des rieſigen Namens und der ungeheuren Güter ihres Vaters, an dem Tage, wo ſie Marimi⸗ milian, den Sohn von Kaiſer Friedrich III., heira⸗ thete, Namen und Reichthümer mit dem Erbgute des Hauſes Oeſterreich, von dem ſie verſchlungen wur⸗ den wie ein Fluß, der ſich im Ocean verliert. Das war ein großer Verluſt für Frankreich, denn das Artvis war eine ſchöne und reiche Pro⸗ vinz. Mit launenhaften Chancen und wechſelndem Glücke ſtritten auch darum ſeit drei Jahren Hein⸗ rich I. und Karl V., Leib an Leib, Fuß an Fuß, Stirne gehen Stirne, Karl V., um es zu erhalten, Heinrich H., um es wieder zu nehmen. S— enc— 0 — 25 d 3 Während dieſes erbitterten Krieges, wo der Sohn den alten Feind ſeines Vaters wiederfand und, wie ſein Vater, ſein Marignan und ſein Pavia haben ſollte, hatte Jeder ſeine guten und ſeine ſchlimmen age, ſeine Siege und ſeine Niederlagen getroffen. Frankreich hatte das in Unordnung gebrachte Heer von Karl V. die Belagerung von Metz aufheben ſehen und Marienbourg, Bouvines und Dinant genommen; das Reich hatte ſeinerſeits Thérouanne und Hesdin im Sturine erobert und, wüthend über ſeine Nieder⸗ lage bei Metz, die eine Stadt in Aſche verwandelt, die andere dem Erdboden gleich gemacht. Wir haben Metz mit Marignan verglichen, und wir übertreiben nicht.— Ein Heer von fünfzigtau⸗ ſend Mann Fußvolk, von über zehntauſend Pferden verſchwand decimirt durch die Kälte, durch die Krank⸗ heit und, ſagen wir es, auch durch die Tapferkeit des Herzogs Franz von Guiſe und der franzöſiſchen Garniſon wie ein Dunſt, wie ein Rauch, und ließ ſtatt jeder andern Spur ſeines Daſeins nur zehntau⸗ ſend Todte, zweitauſend Zelte und hundert und zwan⸗ zig Kanonen zurück. Die Demoraliſation war ſo groß, daß es die Flüchtigen nicht einmal verſuchten, ſich zu vertheidi⸗ gen. Karl von Bvurbon verfolgte ein ſpaniſches Reitercorps; der Kapitän, der dieſes Corps befehligt, hält an, reitet gerade auf den feindlichen Anführer zu und ſpricht zu ihm: „Prinz, Herzog oder einfacher Edelmann, was u auch ſein magſt, kämpfſt Du für Deinen Ruhm, ſo ſuche eine andere Gelegenheit; denn heute wür⸗ deſt Du Menſchen erwürgen, welche zu ſchwach ſind, nicht nur um Dir zu widerſtehen, ſondern auch um die Flucht zu ergreifen.“ Karl von Bourbon ſteckte ſein Schwert in die Scheide, befahl ſeinen Leuten, daſſelbe zu thun, und der ſpaniſche Kapitän und ſeine Schaar ſetzten ihren Rückzug fort, ohne weiter von ihnen beunruhigt zu werden. Karl V. war weit entfernt, dieſer Milde nachzu⸗ ahmen. Als Thérouanne genommen war, befahl er, die Stadt der Plünderung preiszugeben und bis in ihre Grundfeſten zu zerſtören, nicht nur die profanen Gebäude, ſondern auch die Kirchen, die Klöſter, wie die Hoſpitäler niederzureißen, keine Spur von einer Mauer übrig zu laſſen, und aus Furcht, es könnte ein Stein auf dem andern bleiben, bot er die Ein⸗ wohner von Flandern und von Artvis auf, um die Trümmer davon zu zerſtreuen. Der Zerſtörungsruf war gehört worden. Die Einwohnerſchaften des Artois und von Flandern, denen die Garniſon von Thérouanne großen Schaden zufügte, eilten bewaffnet mit Hauen, Hämmern, Hacken und Karſten herbei, und die Stadt verſchwand wie Sagunt unter den Füßen von Hannibal, wie Car⸗ thago unter dem Hauche von Scipiv. Hesdin war es ergangen wie Therouanne. Mittlerweile war aber Emanuel Philibert zum Obercommandanten der Truppen des Reichs in den Niederlanden ernannt worden, und wenn er The⸗ rouanne nicht hatte retten können, ſo war es ihm doch gelungen, Hesdin wieder aufzubauen. Er hatte in einigen Monaten dieſe ungeheure Arbeit vollbracht, und eine neue Stadt erhob ſich ————————————— — c— e—.——— — 8— — N—— —— 5 wie durch einen Zauber eine Viertelmeile von der alten. Dieſe neue Stadt, welche mitten in den Sümpfen des Mesnil, am Fluſſe Canche, lag, war ſo gut be⸗ feſtigt, daß ſie noch hundert und fünfzig Jahre nach⸗ her die Bewunderung von Vauban erregte, obgleich ſich im Verlaufe dieſer hundert und fünfzig Jahre das Fortificationsſyſtem völlig geändert hatte. Sein Gründer nannte es Hesdin⸗Fert; das heißt, um die neue Stadt zu zwingen, ſich ihres Urſprungs zu erinnern, fügte er ihrem Namen die vier Buch⸗ ſtaben: F. B. R. T. bei, welche mit dem weißen Kreuze der Kaiſer von Deutſchland, nach der Belagerung von Rhodus, Amadeus dem Großen, dem dreizehnten Gra⸗ fen von Savoyen, gegeben hatte, und welche bedeu⸗ ten: Fortitudo ejus Rhodum tenuit, das heißt: Seine Tapferkeit hat Rhodus gerettet. Doch das war nicht das einzige Wunder, das die Beförderung des jungen Generals bewerkſtelligte, dem Karl v. die Führung ſeines Heeres anvertraut hatte. Vermöge der ſtrengen Disciplin, welche er feſtzuſetzen und zu handhaben wußte, fing das un⸗ glückliche Land, das ſeit vier Jahren der Schauplatz des Krieges war, wieder an zu athmen; die ſchärf⸗ ſten Befehle wurden von ihm gegeben, um das Plün⸗ dern zu verhindern; jeder gegen das Verbot handelnde Anführer wurde entwaffnet und, unter ſeinem Zelte, im Angeſichte des ganzen Heeres, an mehr oder min⸗ der lange Riemen gelegt; jeder auf der That extappte Soldat wurde gehenkt. Das Reſultat hievon war, daß, da im Winter von 1554 auf 1555 die Feindſeligkeiten von beiden Seiten beinahe eingeſtellt worden waren, die Bewoh⸗ ner des Artvis vier bis fünf Monate zubrachten, die ihnen im Vergleiche mit den zwiſchen der Belagerung von Metz und der Wiedererbauung von Hesdin ab⸗ gelaufenen drei Jahren ein Muſter vom goldenen Zeitalter zu ſein ſchienen. Wohl wurde von Zeit zu Zeit da oder dort ein Schloß in Brand geſteckt, ein Pachthof geplün⸗ dert, ein Haus ausgeleert, entweder durch die Fran⸗ zoſen, welche Abbeville, Dyulens und Montreuil⸗ ſur⸗Mer in den Händen hatten und zuweilen Ercur⸗ ſionen auf das feindliche Gebiet machten, oder durch das unverbeſſerliche Diebsgeſindel, die Lanzknechte und Zigeuner, welche das kaiſerliche Heer in ſeinem Gefolge mitſchleppte; Emanuel Philibert machte aber eine ſo gute Jagd auf die Franzoſen und übte eine ſo ſtrenge Gerechtigkeit an den Kaiſerlichen, daß dieſe Kataſtrophen von Tag zu Tag ſeltener wurden. So ſtanden die Dinge in der Provinz Artvis und beſonders in der Gegend von Hesdin⸗Fert am Tage, wo ſich unſere Erzählung eröffnet, das heißt am 5. Mai 1555. Nachdem wir aber unſeren Leſern eine flüchtige Darſtellung des moraliſchen und politiſchen Zuſtan⸗ des im Lande gegeben haben, bleibt uns noch, um das Gemälde zu vervollſtändigen, eine Idee von ſei⸗ nem materiellen Anblick zu geben, ein Anblick, der ſich ſeit jener Zeit in Folge der Eroberungen der In⸗ duſtrie und der Verbeſſerungen der Cultur völlig verändert hat. Sagen wir alſo,— um zu dem ſchwierigen Re⸗ ſultate zu gelangen, das wir uns vorſetzen, und das zum Zwecke hat, eine längſt verſchwundene Vergan⸗ ————————————— * 2 7 die genheit zu reproduciren,— ſagen wir, was am Tage ng des 5. Mai 1555 ein Menſch geſehen hätte, der, auf ab⸗ dem höchſten Thurme von Hesdin ſtehend und den en Rücken dem Meere zugekehrt, den in einem Halbkreiſe unter ſeinem Blicke vom nördlichen Ende der kleinen ort Hügelkette, hinter welcher ſich Bethune verbirgt, bis zu in⸗ den letzten Kegeln eben dieſer Kette, an deren Fuße n⸗ Doulens liegt, ſich ausdehnenden Horizont umfaßt il⸗. haben würde. r⸗ Er hätte vor Allem, ihm gegenüber ſpitzig gegen ch die Ufer der Canche zulaufend, den dichten, düſtern te Wald von Saint⸗Pol⸗ſur⸗Ternviſe geſehen, deſſen m großer grüner Teppich, wie ein Mantel auf die Schul⸗ er ter der Hügel geworfen, unten am entgegengeſetzten ne. Abhange ſeinen Saum in den Quellen der Scarpe ſe benetzte, welche für die Schelde iſt, was die Saone für die Rhone, was die Moſel für den Rhein. is Rechts von dieſem Walde,— und folglich links m von dem Beobachter, den wir auf dem höchſten Thurme ßt von Hesdin⸗Fert ſtehend annehmen,— im Hinter⸗ grunde der Ebene, unter dem Schutze eben dieſer ge Hügel, die den Horizont ſchließen, deuteten, verloren n⸗ unter dem bläulichen Rauche ihrer Kamine, der ſie m umhüllte wie ein durchſichtiger Schleier, die Dörfer i⸗ Enchin und Fruges an, die froſtigen Bewohner die⸗ er ſer nördlichen Provinzen haben noch nicht, trotz der n⸗ Erſcheinung der erſten Tage des Frühlings, wirklich ig vom Feuer, dieſem freudigen und treuen Freunde der Wintertage, Abſchied genommen. e⸗ Vor dieſen zwei Dörfern und einer Schildwache ähnlich, die ſich aus dem Walde würde hervorgewagt n⸗ haben, aber, nur wenig beruhigt, den Saum nicht völlig hätte verlaſſen wollen, erhob ſich ein hübſches Wohngebäude, halb Pächterhaus, halb Schloß, ge⸗ nannt der Parcg. Man ſah, einem goldenen über den grünen Rock der Ebene hinlaufenden Bande ähnlich, den Weg, der, von der Thüre des Pachthofes als ein einziger ausgehend, bald ſich in zwei Zweige ſchied, von denen der eine gerade nach Hesdin ging, der andere, den Wald umziehend, den zwiſchen den Bewohnern des Parcg und den Dörfern Frevent, Auxy⸗le⸗Chateau und Nouvion⸗en⸗Ponthieu beſtehenden Verkehr be⸗ zeichnete. Die Ebene, die ſich von dieſen drei Dörfern nach Hesdin erſtreckte, bildete das dem von uns oben beſchriebenen entgegengeſetzte Baſſin, das heißt, ſie lag links vom Baſſin des Waldes von Saint⸗Pol und folglich rechts vom fingirten Zuſchauer, der uns als Cicerone bei der Rundſchau dient. Das war der merkwürdigere Theil der Landſchaft, nicht durch die natürliche Abwechſelung des Terrains, ſondern im Gegentheil durch den zufälligen Umſtand, der ihn in dieſem Augenblicke belebte. In der That, während die entgegengeſetzte Ebene mit grünenden Saaten bedeckt war, war dieſe faſt ganz verborgen durch das Lager von Kaiſer Karl v. Von Gräben umgeben und mit Paliſſaden ver⸗ ſehen, enthielt das Lager eine ganze Stadt, nicht von Häuſern, ſondern von Zelten. Im Mittelpunkte dieſer Zelte, wie Notre⸗Dame in der Cits von Paris, wie das Schloß der Päpſte mitten in Avignon, wie ein Dreidecker unter den krauſen, wollichten Wellen des Meeres, ragte der es e⸗ ock g, er en ſte kaiſerliche Pavillon von Karl v. empor, auf deſſen vier Ecken vier Fahnen flatterten, von denen eine gewöhnlich für den menſchlichen Ehrgeiz genügte: die Fahne des Reiches, die Fahne von Spanien, die Fahne von Rom und die Fahne der Lombardei. Denn er war viermal gekrönt worden, dieſer Eroberer, die⸗ ſer Tapfere, dieſer Siegreiche, wie man ihn nannte: in Toledo mit der Krone von Diamanten, als König von Spanien und Indien; in Aachen mit der ſilber⸗ nen Krone, als Kaiſer von Deutſchland; in Bologna mit der goldenen Krone, als König der Römer, und mit der eiſernen Krone, als König der Lombarden. Und als man ſich ſeinem Willen, ſich in Bologna krönen zu laſſen, ſtatt nach dem Gebrauche in Mai⸗ land, widerſetzen wollte, als man ihm das Breve von Papſt Stephan entgegenhielt, das nicht will, daß die goldene Krone den Vatican verlaſſe, und das Decret von Kaiſer Karl dem Großen, welches die eiſerne Krone aus Monza wegzubringen verbie⸗ tet, da antwortete er hoffärtig, dieſer Beſieger von Franz I., Soliman und Luther, er ſei gewohnt, nicht den Kronen nachzulaufen, ſondern daß die Kronen ihm nachlaufen. Und man bemerke wohl, dieſe vier Fahnen wa⸗ ren überragt von ſeiner eigenen Fahne, welche die Herculesſäulen, nicht mehr als die Gränzen der alten Welt, ſondern als die Thore der neuen darſtellte und in allen Winden des Himmels den ſtolzen Wahlſpruch, der durch ſeine Verſtümmelung größer geworden war, flattern ließ, den Wahlſpruch: Plus ultra. Fünfzig Schritte vom Pavillon des Kaiſers ent⸗ fernt, erhob ſich das Zelt des Obergenerals Emanuel 10 Philibert, ein Zelt, das ſich durch nichts von dem der andern Kapitäne unterſchied, wenn nicht durch eine doppelte Fahne, wobei die eine an ſich trug das Wappen von Savoyen,— ein ſilbernes Kreuz auf rothem Felde mit den vier Buchſtaben, deren Sinn wir ſchon erklärt haben: F. P. R. T.;— die andere ſein, Emanuels, beſonderes Wappen, das eine Hand vorſtellte, welche zum Himmel eine aus Lanzen, Schwer⸗ tern, Piſtolen beſtehende Trophäe emporhielt mit dem Wahlſpruche: Spoliatis arma supersunt, das heißt: Den Beraubten bleiben die Waffen. Das Lager, das die zwei Zelte beherrſchten, war in vier Viertel abgetheilt, zwiſchen denen ſich der mit drei Brücken beladene Fluß durchſchlängelte. Das erſte Viertel war für die Deutſchen beſtimmt, das zweite für die Spanier, das dritte für die Eng⸗ länder. Das vierte enthielt den ſeit der Niederlage von Metz völlig erneuerten Artilleriepark, welcher durch die Beifügung der in Thsrouanne und Hesdin er⸗ oberten franzöſiſchen Stücke auf hundert und zwan⸗ zig Kanonen und fünfzehn Bombarden angewachſen war. Auf den Stoß von jedem dieſer den Franzoſen genommenen Geſchütze hatte der Kaiſer ſeine zwei Lieblingsworte: Plus ultra! graviren laſſen. Hinter den Kanonen und den Bombarden waren in drei Linien die Munitionswagen aufgeſtellt; Schild⸗ wachen mit dem Schwerte in der Hand, ohne Büchſen oder Piſtolen, wachten, daß Niemand ſich dieſen Vul⸗ kanen näherte, bei denen ein einziger Funke genügt hätte, um die Flamme hervorſpringen zu machen. m 8 uf in 11 Andere Schildwachen ſtanden außerhalb der Um⸗ ſchanzung. In den Gaſſen dieſes Lagers, welche wie die einer Stadt angelegt waren, kreiſten Tauſende von Menſchen mit einer militäriſchen Thätigkeit, welche nichtsdeſtoweniger der deutſche Ernſt, der ſpaniſche Stolz und das engliſche Phlegma mäßigten. Die Sonne reflectirte ſich auf allen dieſen Waffen, die ihr in Blitzen ihre Strahlen zurückſandten; der Wind ſpielte unter allen dieſen Fahnen, unter allen dieſen Bannern, unter allen dieſen Standarten, deren glänzende Farben und ſeidene Falten er nach ſeiner Laune aufrollte und entrollte. Dieſe Thätigkeit und dieſe Geräuſche, welche immer auf den Oberflächen der Mengen und der Meere ſchweben, bildeten einen merkwürdigen Contraſt mit der Stille und der Einſamkeit der andern Seite der Ebene, wo die Sonne nur die bewegliche Moſaik der zu verſchiedenen Graden der Reife gelangten Fluren beleuchtete, und wo der⸗Wind nur die Feld⸗ blumen zittern machte, welche die Mädchen ſo gern zum Sonntagsſchmucke in Kränze von Purpur und Azur flechten. Und nun, nachdem wir das erſte Kapitel unſeres Buches der Erklärung deſſen gewidmet haben, was der Blick eines auf dem höchſten Thurme von Hesdin⸗ Fert ſtehenden Menſchen am Tage des 5. Mai 1555 umfaßt hätte, wollen wir ſagen, was dieſem Blicke würde entgangen ſein, ſo durchdringend und ſcharf er auch geweſen wäre. Die Abenteurer. Was dem Blicke dieſes Menſchen, ſo ſcharf er auch ſein mochte, entgangen wäre, iſt das, was am dichteſten und folglich dunkelſten Orte des Waldes von Saint⸗Pol⸗ ſur⸗Ternviſe in der Tiefe einer Grotte ſich zutrug, welche die Bäume mit ihren Schatten bedeckten und die Epheue mit ihren Netzen umhüllten, während zur größeren Sicherheit von denjenigen, die dieſe Grotte einnahmen, eine im Geſträuche verborgene und mit dem Bauche auf der Erde liegende Schildwache, ſo unbeweglich, als es an ihrer Stelle einer von den Baumſtämmen, von denen ſie umgeben, geweſen wäre, darüber wachte, daß kein Profaner die wichtige Be⸗ rathung ſtörte, der wir in unſerer Eigenſchaft als Romanendichter, das heißt als Zauberer, für den alle Thüren offen ſind, unſeren Leſer wollen beiwoh⸗ nen laſſen. Benützen wir den Augenblick, wo von dem Ge⸗ räuſche in Anſpruch genommen, das durch das Farn⸗ kraut ſpringend ein ſcheues Reh macht, dieſe Schild⸗ wache, die uns nicht geſehen, die wir aber entdeckt haben, die Augen der Seite zuwendet, woher das Geräuſch kommt, um unbemerkt in die Grotte zu ſchlüpfen und in ihren geringſten Einzelheiten der Handlung, die hier vor ſich geht, beſchirmt hinter dem Vorſprunge eines Felſens zu folgen. Dieſe Grotte iſt beſetzt von acht Menſchen mit verſchiedenartigen Geſichtern, Coſtümen und Tem⸗ peramenten, obgleich ſie, nach den Waffen, die ſie it 13 an ſich tragen, oder die auf der Erde im Bereiche ihrer Hände liegen, dieſelbe Laufbahn ergriffen zu haben ſcheinen. Der Eine von ihnen, mit Tintenflecken an den Fingern, mit feinem, ſchlauem Geſichte, taucht ſeine Feder,— an deren Schnabel er von Zeit zu Zeit eines von den Haaren vertilgt, die ſich auf der Oberfläche ſchlecht gearbeiteter Papiere finden,— er taucht, ſagen wir, ſeine Feder in eines von den hornenen Tintengefäßen, wie ſie an ihrem Gürtel die Amtsſchreiber und die Gerichtsdiener tragen, und ſchreibt auf einem ſteinernen, auf zwei maſſiven Füßen ruhenden Tiſche, während ein Anderer, der in der Hand, mit der Geduld und der Unbeweglichkeit eines metallenen Leuchters, einen brennenden Tannenaſt hält, nicht nur den Schreiber, den Tiſch und das Papier, ſondern auch durch mehr oder minder große Lichtplatten, je nach der Nähe oder der Entfernung, einmal ſich ſelbſt und ſodann ſeine ſechs andern Gefähr⸗ ten beleuchtet. Es handelt ſich unzweifelhaft um eine Acte, welche die ganze Geſellſchaft intereſſirt, was leicht aus dem Eifer zu erſehen iſt, mit dem Jeder an ihrer Ab⸗ faſſung Theil nimmt. Drei von dieſen Menſchen ſcheinen indeſſen we⸗ niger als die Andern mit dieſer ganz materiellen Sorge beſchäftigt zu ſein. Der Erſte iſt ein ſchöner junger Mann von vier und zwanzig bis fünf und zwanzig Jahren, elegant bekleidet mit einer Art von Bruſtharniſch von Büffel⸗ leder, der, wenn nicht gegen eine Kugel, doch wenig⸗ ſtens gegen einen Degen⸗ oder Dolchſtich ſchützen 14 müßte. Ein Leibrock von kaſtanienbraunem Sammet, allerdings ein wenig verſchoſſen, ſteht, nachdem er durch die Heffnung der Schultern ſeine auf ſpaniſche Weiſe geſchlitzten, das heißt, nach der neuſten Mode geformten Aermel gezeigt hat, vier Finger breit unter dem unteren Ende des Harniſches vor und wogt mit einer gewiſſen Weite der Falten über einer grünen, nach demſelben Syſteme geſchlitzten Hoſe, die ſich in großen Stiefeln verliert, welche hoch genug, um den Schenkel, wenn man zu Pferde iſt, zu beſchützen, und geſchmeidig genug, um bis unter das Knie nie⸗ derzufallen, wenn man zu Fuße geht. Er trällert ein Rondeau von Clement Marot, während er ſeinen feinen ſchwarzen Schnurrbart mit einer Hand kräuſelt und mit der andern ſein Haar kämmt, das er ein wenig länger trägt, als es zu jener Zeit Mode iſt, ohne Zweifel, um nicht die Vor⸗ züge der markigen Wellenformen, mit denen es die Natur begabt hat, zu verlieren. Der Zweite iſt ein Mann von ungefähr ſechs und dreißig Jahren, nur hat er ein dergeſtalt von den Wunden, die es in allen Richtungen durchfurchen, benarbtes Geſicht, daß man ihm unmöglich ein be⸗ ſtimmtes Alter anweiſen kann. Der Arm und ein Theil der Bruſt ſind bei ihm unbedeckt, und auf dem, was man von ſeinem Leibe ſieht, kann man eine Serie von Narben nicht minder zahlreich als die, welche ſein Geſicht ſchmücken, wahrnehmen. Er iſt eben beſchäftigt, eine Wunde zu verbinden, die ihm einen Theil der zweiköpfigen Muskel entblößt hat; zum Glücke iſt die Wunde am linken Arme und wird folglich keine ſo ſchlimme Folgen haben, als wenn it zu ie 15 der rechte Arm verletzt wäre. Er hält zwiſchen ſeinen Zähnen das Ende einer linnenen Binde, mit der er eine Handvoll Charpie umwickelt, die er in einen gewiſſen Balſam getaucht hat, deſſen Recept ihm ein Zigeuner gegeben, und bei dem er ſich ganz wohl zu befinden behauptet. Es kommt übrigens keine Klage aus ſeinem Munde, und er ſcheint ſo unempfindlich für den Schmerz, als ob das Glied, mit deſſen Hei⸗ lung er ſich beſchäftigt, von Eichenholz oder Tannen⸗ holz wäre. Der Dritte iſt ein Mann von vierzig Jahren, groß, ſchmächtig, mit bleichem Geſichte und aſcetiſchem Weſen. Er kniet in einer Ecke, rollt einen Roſen⸗ kranz zwiſchen ſeinen Fingern und expedirt mit einer nur ihm eigenthümlichen Zungenfertigkeit ein Dutzend Pater und ein Dutzend Ave. Von Zeit zu Zeit verläßt ſeine rechte Hand den Roſenkranz und ertönt auf ſeiner Bruſt mit dem Geräuſche, das der Schlä⸗ gel des Küfers auf einem leeren Faſſe macht; ſobald aber das doppelte oder dreifache: Mea culpa mit lauter Stimme geſprochen iſt, kehrt er zu ſeinem Roſenkranze zurück, der ſich aufs Neue ſo raſch in ſeinen Händen dreht, als ein Paternoſter in den Händen eines Mönches oder der Combolio in den Fingern eines Derwiſches. Die drei Perſonen, die uns noch zu ſchildern bleiben, haben einen, Gott ſei Dank! nicht minder ſcharf ins Auge ſpringenden Character, als die fünf, die wir ſchon an unſern Leſern vorüberzuführen die Ehre gehabt. Der Eine von dieſen Dreien hat ſich mit beiden Händen auf den Tiſch geſtützt, wo der Schreiber ſein Geſchäft vollbringt; er folgt, ohne einen Zug davon 16 zu verlieren, allen Umſchweifen und allen Wogungen ſeiner Feder; er iſt derjenige, welcher am meiſten Bemerkungen über die Acte, die man abfaßt, gemacht hat, und, wir müſſen es ſagen, ſeine Bemerkungen ſind, obgleich ein wenig von der Selbſtſucht befleckt, voll Schlauheit oder— ſeltſamer Weiſe, ſo ſehr iſt eine Eigenſchaft der andern entgegengeſetzt! voll geſun⸗ den Verſtandes. Er iſt fünf und vierzig Jahre alt, hat feine, kleine, unter dicken blonden Brauen tief liegende Augen. Ein Anderer liegt auf der Erde; er hat einen zum Schärfen der Degen und zum Zuſpitzen der Dolche tauglichen Sandſtein gefunden und benützt dieſen Umſtand, um mit einer ſtarken Zuthat von Speichel und durch vielfältiges Reiben auf dem Sandſteine ſeinem völlig abgeſtumpften Dolche eine neue Spitze zu machen. Seine Zunge, die er zwiſchen ſeinen Zähnen feſthält, die dabei aber aus dem Win⸗ kel ſeines Mundes vortritt, deutet an, welche Auf⸗ merkſamkeit und, wir möchten ſagen, welches Intereſſe er der Handlung widmet, die er vollbringt. Dieſe Aufmerkſamkeit iſt indeſſen nicht ſo abſolut, daß er nicht ein Ohr für die Discuſſion hätte. Iſt die Ab⸗ faſſung nach ſeinem Herzen, ſo beſchränkt er ſich darauf, daß er mit dem Kopfe billigt; verletzt ſie da⸗ gegen ſeine Moralität oder widerſpricht ſie ſeinen Berechnungen, ſo ſteht er auf, nähert ſich dem Schrei⸗ ber, drückt die Spitze ſeines Dolches auf das Papier, ſpricht nur die drei Worte:„Verzeiht Ihr lügt!“ und hebt ſeinen Dolch nicht eher wieder auf, als bis er vollkommen durch die Erklärung befriedigt iſt; was er durch einen reichlicheren Speichelerguß und ein hef⸗ 17 tigeres Reiben ſeines Dolches am Sandſtein ausdrückt, ein Reiben, durch welches das liebenswürdige Werk⸗ zeug bald ſeine urſprüngliche Schärfe wieder anzu⸗ nehmen verſpricht. Der Letzte,— und wir wollen vor Allem geſte⸗ hen, daß wir Unrecht gehabt haben, ihn in die Kategorie derjenigen einzureihen, welche von den materiellen Intereſſen in Anſpruch genommen werden, deren Erörterung in dieſem Augenblicke zwiſchen dem Schreiber und den Anweſenden ſtattfindet,— mit dem Rücken an die Wände der Grotte angelehnt, die Arme hängend, die Augen zum Himmel oder viel⸗ mehr zu dem feuchten, dunklen Gewölbe aufgeſchlagen, an dem wie Irrlichter die beweglichen Strahlen der harzigen Fackel ſpielen, ſcheint der Letzte zugleich ein Träumer und ein Dichter zu ſein. Iſt es die Löſung irgend eines Problems, wie die, welche Criſtofero Colombo und Galilei gelöſt haben? Iſt es die Form von einem der dreizeiligen Verſe, wie ſie Pante machte, oder von einer der achtzeiligen Strophen, wie ſie Taſſo ſang? Das könnte uns nur der Dämon ſagen, der in ihm wacht und ſich ſo wenig um die Parteien bekümmert,— verſunken, wie er iſt, in die Betrachtung der abſtracten Dinge,— daß er den ganzen Theil der Kleider des Dichters, der nicht aus Kupfer oder Stahl beſteht, in Fetzen gehen äßt. Das ſind die ſo gut als möglich ſtizzirten Por⸗ traits. Setzen wir die Namen unter jedes derſelben. Derjenige, welcher die Feder führt, heißt Procope; er iſt Normann von Geburt, beinahe Juriſt durch die Erziehung; er ſpickt ſein Geſpräch mit Axiomen Dumas, der Page. I. 2 18 dem römiſchen Rechte entnommen, und mit Aphoris⸗ men aus den Kopitularien Karls des Großen ent⸗ lehnt. Sobald man einen ſchriftlichen Vertrag mit ihm eingegangen hat, muß man auf einen Prozeß gefaßt ſein. Begnügt man ſich mit ſeinem Worte, ſo iſt allerdings ſein Wort wie Gold; nur iſt er nicht immer mit der Moral, wie ſie das Volk verſteht, in ſeiner Weiſe, es zu halten, im Einklang. Wir wer⸗ den nur ein Beiſpiel anführen, und zwar das, wel⸗ ches ihn in das abenteuerliche Leben, wobei wir ihn finden, geworfen hatte. Ein vornehmer Herr vom Hofe Franz I. ſchlug eines Tages ihm und drei von ſeinen Gefährten ein Geſchäft vor: er wußte, daß an demſelben Abend der königliche Schatzmeiſter vom Arſenal nach dem Louvre tauſend Goldthaler bringen mußte; das Geſchäft beſtand darin, daß man den Schatzmeiſter an der Ecke der Rue Saint⸗Paul an⸗ halten, ihm die tauſend Goldthaler abnehmen und ſie alſo theilen würde: fünfhundert Thaler dem vor⸗ nehmen Herrn, der auf der Place Royale zu warten hätte, bis der Streich vollführt wäre, und der in ſeiner Eigenſchaft als vornehmer Herr die Hälfte der Summe forderte; die andere Hälfte für Procope und ſeine drei Gefährten, von denen ſo Jeder hundert und fünfundzwanzig Thaler bekäme. Es wurde von beiden Seiten das Wort verpfändet, und die Sache geſchah, wie man es verabredet hatte; nur, nachdem der Schatzmeiſter gehörig geplündert, grün und blau geſchlagen und in den Fluß geworfen war, mach— ten die drei Gefährten von Procope den Vorſchlag, gegen Notre⸗Dame zu ziehen, ſtatt zur Place Royale zu gehen, und die tauſend Goldthaler zu behalten, ſtatt über dete daß den h werd Herzt men, Aber Antr er ſie ſind, Jean wie i ein 5 Wir mit genan entfer Netzer werde Thale zweihr ſensbi treuli haben D nomm Unglü zu we zog n horis⸗ n ent⸗ g mit rozeß Vorte, nicht rſteht, wer⸗ wel⸗ ir ihn vom i von daß vm ingen den lan⸗ und vor⸗ arten er in e der und ndert von ache hdem blau nach⸗ hlag, yale lten, 19 ſtatt fünfhundert davon dem vornehmen Herrn zu übergeben. Procope erinnerke aber an das verpfän⸗ dete Wort. „Meine Herren,“ ſprach er ernſt,„Ihr vergeßt, daß dies unſern Vertrag brechen, einen unſerer Kun⸗ den hintergehen hieße!... Redlichkeit vor Allem! Wir werden dem Herzog(der vornehme Herr war ein Herzog) die fünfhundert Goldthaler, die ihm zukom⸗ men, übergeben, und zwar vom erſten bis zum letzten. Aber,“ fuhr er fort, als er wahrnahm, daß ſein Antrag einiges Gemurre erregte,„distinguamus: hat er ſie eingeſteckt und anerkannt, daß wir redliche Leute ſind, ſo hält uns nichts ab, daß wir uns beim Saint⸗ Jean Friedhofe in den Hinterhalt legen, wo er, wie ich gewiß weiß, vorüberkommen muß; das iſt ein öder und für Hinterhalte äußerſt günſtiger Ort. Wir werden es mit dem Herzog machen, wie wir es mit dem Schatzmeiſter gemacht haben, und da der genannte Friedhof nicht ſehr weit von der Seine entfernt iſt, ſo wird man ſie morgen Beide in den Netzen von Saint-Cloud wiederfinden können. So werden wir Jeder ſtatt hundert und fünfundzwanzig Thaler zweihundert und fünfzig haben, über welche zweihundert und fünfzig Thaler wir ohne Gewiſ⸗ ſensbiſſe verfügen können, da wir unſer Wort ge⸗ treulich dieſem guten Herzog gegenüber gehalten haben.“ Der Vorſchlag wurde mit Begeiſterung ange⸗ nommen, und man that, was man geſagt hatte. Zum Unglück bemerkten in ihrem Eifer, ihn in den Fluß zu werfen, die vier Verbündeten nicht, daß der Her⸗ zog noch athmete. Die Kühle des Waſſers gab ihm wieder Kräfte; und ſtatt bis nach Saint⸗Cloud zu gehen, wie es Procope hoffte, landete er am Quai de Gevres, verfügte ſich nach dem Chatelet und gab dem Oberrichter von Paris, der damals Herr d'Eſtourville hieß, ein ſo genaues Signalement von den vier Banditen, daß dieſe es ſchon am andern Tage für geeignet erachteten, Paris zu verlaſſen, aus Furcht vor einem Prozeſſe, bei dem ſie trotz der tiefen Rechtskenntniſſe, welche Procope beſaß, wohl die Sache hätten laſſen können, an der man, ſo ſehr man auch Philoſoph ſein mag, doch immer mehr oder weniger hängt, nämlich die Exiſtenz. Unſere vier Burſche hatten alſo Paris verlaſſen, und Jeder war nach einem der vier Cardinalpunkte gezogen. Der Norden war Procope zugefallen. Hievon kommt es her, daß wir das Glück haben, ihn wiederzufinden, wie er in der Grotte von Saint⸗ Paul⸗ſur⸗Ternviſe die Feder führt und durch die Wahl ſeiner neuen Gefährten, die ſeinem Ver⸗ dienſte dieſe Ehre zuerkannt hatten, die wichtige Acte abfaßt, mit der wir uns ſogleich beſchäftigen werden. Derjenige, welcher Procope leuchtet, heißt Hein⸗ rich Scharfenſtein. Er iſt ein würdiger Sectirer von Luther, den das ſchlimme Verfahren von Karl V. gegen die Proteſtanten in die Reihen des franzöſiſchen Heeres mit ſeinem Neffen Franz Scharfenſtein, welcher in dieſem Augenblicke außen Schildwache ſteht, ge⸗ trieben hat. Das ſind zwei Coloſſe, von denen man glauben ſollte, ſie werden durch eine und dieſelbe Seele belebt, von einem und demſelben Geiſte be⸗ wegt. Viele behaupten, dieſer einzige Geiſt genüge nich ſind ſo r ſelte Wer um F umſt ten, patr Rotl Maſ von ihrer Stel brech eine keit, nen, hatte Han! ein, ihre die L lingt laſſer geher thun — ſt ſeine Kopf eigen loud zu m Quai let und Herr von den n Tage t, aus r tiefen e Sache r man der rlaſſen, lpunkte fallen. n, ihn Saint⸗ durch 1Ver⸗ ichtige iftigen Hein⸗ er von r V iſchen elcher „ ge⸗ man eſelbe te be⸗ enüge 21 nicht für zwei Körper von ſechs Fuß jeder; doch ſie ſind nicht dieſer Anſicht und finden, Alles ſei gut, ſo wie es iſt. Im gewöhnlichen Leben geruhen ſie ſelten, zu irgend einer Hülfe, ſei es Menſch, ſei es Werkzeug, ſei es Maſchine, ihre Zuflucht zu nehmen, um zu dem Ziele zu gelangen, das ſie ſich vorſetzen. Iſt dieſes Ziel, irgend eine Maſſe zu bewegen, ſo umſchlingen ſie, ſtatt, wie unſere modernen Gelehr⸗ ten, zu ſuchen, durch welche dämoniſchen Mittel Cleo⸗ patra ihre Schiffe vom Mittelländiſchen Meere ins Rothe Meer transportiren ließ, oder mit welcher Maſchinen Hülfe Titus die Rieſenblöcke vom Circus von Flavian aufhob, ſie umſchlingen, ſagen wir, mit ihren vier Armen den Gegenſtand, der von der Stelle gebracht werden muß; ſie ſchließen die unzer⸗ brechliche Kette ihrer ſtählernen Finger; ſie machen eine gleichzeitige Anſtrengung mit der Regelmäßig⸗ keit, durch die ſich alle ihre Bewegungen auszeich⸗ nen, und der Gegenſtand verläßt den Platz, den er hatte, um zu dem zu gelangen, den er haben ſoll. Handelt es ſich darum, eine Mauer zu erſteigen oder ein Fenſter zu erreichen, ſo gehen ſie, ſtatt, wie es ihre Kameraden thun, eine ſchwere Leiter zu ſchleppen, die den Marſch hemmt, wenn die Expedition ge⸗ lingt, oder die man als Ueberweiſungsſtück zurück⸗ laſſen muß, wenn das Unternehmen ſcheitert,— ſie gehen mit leeren Händen an den Ort, wo ſie zu thun haben. Einer von ihnen— gleichviel, welcher — ſtützt ſich an die Mauer, der Andere ſteigt auf ſeine Schultern oder im Nothfalle in ſeine über ſeinen Kopf emporgehaltenen Hände. Mit Hülfe ſeiner eigenen Arme erringt ſo der Zweite eine Höhe von genügt, um den Kamm einer Mauer oder den Balcon eines Fenſters zu erreichen. Im Kampfe findet ſtets daſſelbe Syſtem pbyſiſcher Aſſociation ſtatt: ſie mar⸗ ſchiren neben einander und mit gleichem Schritte, nur ſchlägt der Eine und der Andere plündert; wenn der, welcher ſchlägt, des Schlagens müde iſt, gibt er einfach das Schwert, die Art oder den Streit⸗ kolben ſeinem Gefährten und ſagt die Worte:„Es iſt an Dir!“ Dann wechſeln die Rollen: derjenige, welcher ſchlug, plündert, und derjenige, welcher plün⸗ derte, ſchlägt. Uebrigens iſt die Art, wie Beide ſchlagen, bekannt und ſehr geſchätzt; doch, wie ge⸗ ſagt, im Allgemeinen legt man mehr Werth auf ihre Arme, aks auf ihr Hirn, auf ihre Stärke, als auf ihren Verſtand. Darum iſt der Eine beauftragt, außen Schildwache zu ſtehen, und der Andere, innen den Leuchter zu machen. Was den jungen Mann mit dem ſchwarzen Schnurrbart und den gelockten Haaren betrifft, der ſeinen Schnurrbart kräuſelt und ſeine Haare kämmt, — er heißt Pvonnet; er iſt Pariſer der Geburt nach und Franzoſe dem Herzen nach. Den ſchon von uns bei ihm bezeichneten körperlichen Vorzügen muß man Frauenhände und Frauenfüße beifügen. Im Frieden beklagt er ſich immer. Wie den Sybariten des Al⸗ terthums verwundet ihn die Falte eines Roſenblatts; er iſt träge, wenn er gehen muß; er hat den Schwin⸗ del, wenn er ſteigen muß; er hat Kopfweh, wenn er denken ſoll. Er iſt für jeden Eindruck empfäng⸗ lich und nervös wie ein junges Mädchen, und ſeine Empfindlichkeit fordert die größte Schonung. Bei achtzehn bis zwanzig Fuß, welche Höhe faſt immer mäl dieſ immer Balcon et ſtets e mar⸗ chritte, wenn „gibt Streit⸗ „8 enige, plün⸗ Beide ge⸗ auf „als tragt, innen arzen der mmt, nach uns man eden Al⸗ tts; vin⸗ enn ng⸗ eine Bei 23 Tage verflucht er die Spinnen, hat er einen Abſcheu vor den Kröten, wird es ihm übel beim Anblicke einer Maus. Soll er ſich in die Finſterniß wagen, die ihm antipathiſch iſt, ſo muß ihn eine große Leiden⸗ ſchaft gleichſam aus ihm ſelbſt hinaustreiben. Er hat übrigens,— laſſen wir ihm dieſe Gerechtigkeit widerfahren,— immer eine große Leidenſchaft; aber faſt immer, wenn ihm bei Nacht ein Rendez⸗vous gege⸗ ben wird, kommt er bei ſeiner Geliebten vor Angſt außer ſich und ganz zitternd an, und er braucht, um ſich zu erholen, eben ſo viel beruhigende Worte, aufmerkſame Fürſorge und eifrige Liebkoſungen, als Hero an Leander verſchwendete, wenn er in ihren Thurm ganz triefend vom Waſſer der Dardanellen eintrat. Allerdings, ſobald er die Trompete hört, ſobald er das Pulver riecht, ſobald er die Standar⸗ ten vorüberziehen ſieht, iſt Yvonnet nicht mehr der⸗ ſelbe Menſch; es geht eine völlige Verwandlung in ihm vor; keine Trägheit, kein Schwindel, kein Kopf⸗ weh mehr! Das Mädchen wird ein wilder Soldat, der ſtößt und haut, ein wahrer Löwe mit eiſernen Klauen und ſtählernen Zähnen. Er, der zögerte, eine Treppe hinaufzuſteigen, um ins Schlafzimmer einer hübſchen Frau zu kommen, klettert an einer Leiter hinauf, klammert ſich an ein Seil an, hängt ſich an einen Faden, um zuerſt auf eine Mauer zu gelangen. Nach beendigtem Kampfe wäſcht er mit der größten Sorgfalt ſeine Hände und ſein Geſicht, wechſelt er das Weißzeug und die Kleider, und all⸗ mälig wird er wieder der junge Mann, den wir in dieſem Augenblicke ſeinen Schnurrbart kräuſelnd, ſeine Haare kämmend und mit der Spitze ſeiner Finger —— den unverſchämten Staub, der ſich an ſeine Kleider anhängt, abſchüttelnd ſehen. Derjenige, welcher die Wunde am linken Arme bekommen hat, heißt Malemort. Das iſt ein finſterer, ſchwermüthiger Character, der nur eine Leidenſchaft, eine Liebe, eine Freude hat: den Krieg! eine un⸗ glückliche Leidenſchaft, eine ſchlecht belohnte Liebe, eine kurze und traurige Freude; denn kaum hat er das Gemetzel mit dem Ende der Lippen gekoſtet, da erhält er in Folge des blinden, wüthenden Feuer⸗ eifers, mit dem er ſich in das Gemenge wirft, und der geringen Vorſicht, mit der er zu Werke geht, um nicht, während er die Andern ſchlägt, ſelbſt ge⸗ ſchlagen zu werden, einen furchtbaren Lanzenſtich, einen entſetzlichen Musketenſchuß, der ihn auf die Erde niederſtreckt, und er ſeufzt kläglich, nicht über das Leiden, das ihm ſeine Wunde verurſacht, ſondern wegen des Schmerzes, den es ihm bereitet, die An⸗ deren das Feſt ohne ihn fortſetzen zu ſehen. Zum Glücke hat er ein Fleiſch, das raſch vernarbt, und Knochen, welche leicht wiederherzuſtellen ſind. Zu dieſer Stunde zählt er fünfundzwanzig Wunden, drei mehr als Cäſar! und er hofft wohl, wenn der Krieg ſeinen Fortgang nimmt, noch fünfundzwanzig weitere vor der Zeit zu bekommen, welche unvermeidlich dieſer Laufbahn des Ruhmes und der Schmerzen ein Ziel ſetzen muß! Der magere Menſch, der in einer Ecke betet und ſeinen Roſenkranz auf den Knieen abkörnt, heißt Lactance. Das iſt ein inbrünſtiger Katholik, der nur ungern die Nachbarſchaft der zwei Scharfenſtein duldet, denn er befürchtet immer, ihre Ketzerei könnte iſt we fro es hat un! Ket de viel Gef zu delt in Erd ben ſein faßt leider Arme ſterer, chaft, un⸗ iebe, at er „ da euer⸗ und geht, e tich, die iber ern An⸗ um und Zu wei ieg ere ſer iel nd ßt er in te 25 ihn beflecken. Durch das Handwerk, das er treibt, gezwungen, ſich gegen ſeine Brüder in Jeſu Chriſto zu ſchlagen und ſie ſo viel als möglich zu tödten, gibt es keine ſtrenge Uebungen, die er ſich nicht auferlegt, um dieſer grauſamen Nothwendigkeit das Gleichgewicht zu halten. Der tuchene Rock, mit dem er in dieſem Augenblicke bekleidet iſt, und den er ohne Weſte und Hemd unmittelbar auf der Haut trägt, iſt mit einem Drahtgeflechte gefüttert, wenn nicht etwa das Drahtgeflechte der Stoff und das Tuch das Futter iſt. Wie dem ſein mag, im Kampfe trägt er das Drahtgeflechte außen, und es wird ein Pan⸗ zer; nach beendigtem Kampfe trägt er das Draht⸗ geflechte innen, und es wird ein Büßerhemd. Es iſt übrigens eine Befriedigung, von ihm getödtet zu werden; derjenige, welcher von der Hand dieſes frommen Mannes ſtirbt, iſt wenigſtens ſicher, daß es ihm nicht an Gebeten fehlt. Im letzten Gefechte hat er zwei Spanier und einen Engländer getödtet, undda ermitihnen im Rückſtande iſt befonders wegen der Ketzerei des Engländers, bei dem ein gewöhnliches de profundis nicht genügt, ſo ſpricht er, wie geſagt, viele Pater und viele Ave, und überläßt es ſeinen Gefährten, ſich für ihn mit den zeitlichen Intereſſen zu beſchäftigen, welche in dieſem Augenblicke verhan⸗ delt werden. Iſt ſeine Rechnung mit dem Himmel in Ordnung gebracht, ſo wird er wieder auf die Erde herabſteigen, Procope ſeine Bemerkungen ange⸗ ben und die Veränderungen unterzeichnen, welche ſeine ſpäte Intervention bei der Acte, die man ah⸗ faßt, nothwendig machen dürfte. Derjenige, welcher ſich mit beiden Händen auf den Tiſch ſtützt und,— gerade das Gegentheil von Lac⸗ tance,— mit einer fortwährenden Aufmerkſamkeit jedem Zuge der Feder von Procope folgt, heißt Mal⸗ dent. Er iſt geboren in Noyon, ſein Vater war aus der Maine, ſeine Mutter aus der Picardie. Er hat eine tolle, verſchwenderiſche Jugend gehabt; zum reiferen Alter gelangt, will er die verlorene Zeit wieder einbringen, und er iſt ſorgſam in ſeinen An⸗ gelegenheiten. Es ſind ihm eine Menge Abenteuer begegnet, welche er mit einer Naivetät erzählt, der es nicht an Reiz gebricht; doch wir müſſen ſagen, dieſe Naivetät verſchwindet völlig, wenn er mit Pro⸗ cope eine Rechtsfrage angreift. Dann verwirklichen ſie die Legende der zwei Caſpar, deren Helden ſie, der Eine aus der Maine, der Andere ein Nor⸗ mann, vielleicht ſind. Uebrigens gibt und empfängt Maldent wacker den Degenſtich, und obgleich er ent⸗ fernt nicht die Stärke von Heinrich oder Franz Schar⸗ fenſtein, den Muth von Yvonnet und das Ungeſtüm von Malemort hat, iſt er doch im Nothfall ein Burſche, auf den man zählen kann, und der eintretenden Falles einen Freund nicht im Stiche laſſen wird. Der Schleifer, der ſeinen Dolch ſchärft und die Spitze auf dem Ende ſeines Ragels prüft, heißt Pilletrouſſe. Er iſt ein ausgelernter Vollblutfuchs. Er hat nach und nach bei den Engländern und den Spaniern gedient. Doch die Engländer feilſchen zu viel, und die Spanier bezahlen nicht genug; er hat ſich alſo entſchloſſen, für ſeine eigene Rechnung zu arbeiten. Pilletrouſſe ſtreicht auf den Landſtraßen herum. Bei Nacht beſonders ſind die Landſtraßen voll von Räubern aller Rationen: Pilletrouſſe beraubt Lac⸗ mkeit Mal⸗ aus hat zum Zeit euer der gen, ßro⸗ chen ſie, tor⸗ ingt ent⸗ ar⸗ üm che, lles die ißt hs. en zu hat zu en en bt 27 die Räuber; nur reſpectirt er die Franzoſen, ſeine Quaſilandsleute;— Pilletrouſſe iſt Provengal;— Pilletrouſſe hat ſogar Herz: ſind ſie arm, ſo unter⸗ ſtützt er ſie; ſind ſie ſchwach, ſo beſchützt er ſie; ſind ſie krank, ſo pflegt er ſie; trifft er aber einen wahren Landsmann, das heißt, einen Menſchen, der zwiſchen dem Berge Viſo und den Rhone⸗Mündungen, zwiſchen dem Comtat und Frejus geboren iſt, der kann über Pilletrouſſe mit Leib und Seele, mit Gut und Blut verfügen, tron de Tair*), es iſt Pille⸗ trouſſe, der noch der Verbundene zu ſein ſcheint! Der Neunte und Letzte endlich, der an die Wand angelehnt iſt, der ſeine Arme ſchlaff niederhängen läßt und die Augen zum Himmel erhebt, heißt Fra⸗ caſſo. Das iſt, wie geſagt, ein Dichter und ein Träumer; weit entfernt, Wonnet zu gleichen, dem die Dunkelheit widerſtrebt, liebt er die ſchönen, durch die Sterne erleuchteten Nächte; er liebt die abſchüſ⸗ ſigen Ufer der Flüſſe, er liebt die ſonoren Küſten des Meeres. Leider genöthigt, dem franzöſiſchen Heere zu folgen, wohin es geht,— denn, obgleich Italiener, hat er doch ſein Schwert der Sache von Heinrich I. geweiht,— genießt er nicht die Frei⸗ heit, nach ſeiner Reigung umherzuſchweifen; doch gleichviel! für den Dichter iſt Alles Inſpiration; für den Träumer iſt Alles Stoff zur Träumerei; nur iſt das Eigenthümliche der Dichter und der Träumer die Zerſtreuung, und die Zerſtreuung iſt ein Unglück WTron de l'air! ein ganz allgemeiner Ausruf der Provengalen. bei der von Fracaſſo erwählten Laufbahn. So hält er oft mitten im Gefechte an, um auf eine Trom⸗ pete zu horchen, welche ertönt, um nach einer Wolke zu ſchauen, welche vorüberzieht, um eine ſchöne Waffenthat zu bewundern, welche vollbracht wird. Der Feind, der Fracaſſo gegenüber ſteht, benützt dann dieſe Zerſtreuung, um nach ſeinem Belieben ei⸗ nen furchtbaren Hieb nach ihm zu führen, der den Träumer ſeiner Träumerei, den Dichter ſeiner Er⸗ taſe entzieht. Doch wehe dieſem Feinde, hat er trotz der Leichtigkeit, die ihm gegeben war, ſein Maß ſchlecht genommen und Fracaſſo nicht mit dem Streiche betäubt! Fracaſſo wird ſeine Genugthuung nehmen, nicht um ſich für den Streich zu rächen, den er empfangen, ſondern um den Ueberläſtigen zu beſtra⸗ fen, der ihn genöthigt hat, aus dem ſiebenten Him⸗ mel herabzuſteigen, wo er ſchwebte, getragen von den buntfarbigen Flügeln der Fantaſie. Und nun, da wir, nach der Weiſe des göttlichen Blinden, die Außzählung unſerer Abenteurer gegeben haben,— von denen Einige denjenigen von unſern Freunden, welche Ascanio und die Beiden Dia⸗ nen*) geleſen, nicht ganz fremd ſein müſſen,— ſagen wir, welcher Zufall ſie in dieſer Grotte zuſam⸗ mengeführt hat, und was die geheimnißvolle Acte iſt, auf deren Abfaſſung ſie ihre ganze Sorgfalt verwenden. *) In der Ueberſetzung durch das belletriſtiſche Ausland veröffentlicht. h n es hält rom⸗ Volke chöne wird. nützt nei⸗ den Ex⸗ trotz Raß eiche nen, er tra⸗ im⸗ von hen ben ern a⸗ m⸗ cte alt 29 M. Wie der Leſer weitere Bekanntſchaft mit den Helden macht, die wir ihm vorgeſtellt. Am Morgen deſſelben Tages, des 5. Mai 1555, hatte ein kleiner Trupp beſtehend aus vier Männern, — welche zur Garniſon von Doulens zu gehören ſchie⸗ nen,— dieſe Stadt durch das Arras⸗Thor, ſobald es nur ein wenig geöffnet war, ſchlüpfend verlaſſen. Dieſe vier Männer, gehüllt in große Mäntel, welche eben ſo wohl dazu dienen konnten, ihre Waf⸗ fen zu verbergen, als ſie vor der kühlen Morgenluft zu ſchützen, waren mit aller Behutſamkeit den Ufern des Flüßchens Authie gefolgt, bis zu deſſen Quelle ſie hinaufſtiegen. Von da hatten ſie die ſchon wie⸗ derholt von uns erwähnte Hügelkette erreicht, ſie waren immer mit derſelben Vorſicht ihrem weſtlichen Abhange gefolgt, und nach einem Marſche von zwei Stunden endlich zum Saume des Waldes von Saint⸗ Paul⸗ſur⸗Ternoiſe gelangt. Hier hatte Einer von ihnen, der mehr als die Andern mit den Oertlich⸗ keiten vertraut zu ſein ſchien, die Leitung des kleinen Trupps übernommen, und bald ſich nach einem Baume, der mehr belaubt oder mehr von Zweigen entblößt, als die andern, vrientirend, bald ſich nach einem Felſen oder einer Pfütze zurecht findend, war er ohne zu viel Zögern zu dem Eingange der Grotte gekommen, in die wir ſelbſt unſere Leſer am An⸗ fange des vorigen Kapitels geführt haben. Dann hatte er ſeinen Gefährten durch einen Wink bedeutet, ſie mögen einen Augenblick warten, er hatte mit einer gewiſſen Beſorgniß einige Gräſer angeſchaut, welche kurz zuvor zertreten worden, ei⸗ nige Zweige, welche friſch abgebrochen zu ſein ſchie⸗ nen; er hatte ſich auf den flachen Bauch gelegt und war kriechend, wie es eine Natter gethan hätte, im Innern verſchwunden. Bald hatten ſeine Kameraden, welche außen geblieben waren, ſeine Stimme ertönen hören; doch der Ausdruck dieſer Stimme hatte nichts Beunruhi⸗ gendes. Er befragte die Tiefen der Grotte, und da ihm die Tiefen der Grotte nur durch die Einſamkeit und das Stillſchweigen antworteten, da er, trotz ſei⸗ nes dreifachen Rufes, nur das dreifache Echo ſeiner eigenen Stimme gehört hatte, ſo zögerte er nicht, wieder außen zu erſcheinen und ſeinen Gefährten zu winken, ſie können ihm folgen. Seine Gefährten folgten ihm und befanden ſich, nach einigen leicht überwundenen Schwierigkeiten, im Innern des unterirdiſchen Gewölbes. „Ah!“ murmelte derfenige, welcher ihnen ſo ge⸗ ſchickt als Führer gedient, indem er ein Aufathmen der Freude vernehmen ließ,„tandem ad terminum eamus!“ „Was beſagen will?“ fragte einer von den drei Abenteurern mit einem unverkennbar picardiſchen Accente. „Was beſagen will, mein lieber Maldent, daß wir uns dem Ziele unſerer Erpedition nähern oder vielmehr demſelben ganz nahe ſind.“ „Verzeiht, Herr Progobe,“ ſprach ein anderer Abenteurer,„aber ich habe nicht recht verſtanden.. Und Du, Heinrich?“ räſer „ei⸗ chie⸗ und im ßen doch uhi⸗ da keit ſei⸗ ner der ken, ich, im ge⸗ len am 31 „Ich habe auch nicht recht verſtanden.“ „Ei! warum des Teufels wollt Ihr verſtehen?“ erwiederte Procope, denn der Leſer hat ſchon erra⸗ then, daß unſer Rechtsgelehrter derjenige war, welchen Franz Scharfenſtein in ſeinem deutſchen Ar⸗ cente unter dem Pſeudonymen Progobe bezeichnete; „wenn nur Maldent und ich verſtehen, iſt das nicht Alles, was wir brauchen?“ „Ja,“ antworteten philoſophiſch die zwei Schar⸗ fenſtein,„das iſt Alles, was wir brauchen.“ „Setzen wir uns alſo,“ ſagte Procope,„eſſen wir einen Biſſen, trinken wir einen Schluck, um uns die Zeit zu vertreiben, und während wir dieſen Biſſen eſſen, dieſen Schluck trinken, will ich Euch meinen Plan erklären.“ „Ja, ja,“ erwiederte Franz Scharfenſtein,„eſſen wir einen Biſſen, trinken wir einen Schluck, und während dieſer Zeit wird er uns ſeinen Plan er⸗ klären.“ Die Abenteurer ſchauten umher, und da ſich ihre Augen allmälig an die Dunkelheit gewöhnten, welche übrigens beim Eingange der Grotte minder groß war, als in ihren Tiefen, ſo erblickten ſie drei Steine, die ſie einander nahe rückten, um vertraulicher plaudern zu können. Als man keinen vierten fand, bot Heinrich Schar⸗ fenſtein artiger Weiſe den ſeinigen Procope an, der ohne Sitz war; Procope dankte ihm jedoch mit der⸗ ſelben Höflichkeit, breitete ſeinen Mantel auf der Erde aus und legte ſich darauf. Ungefähr zehn Minuten lang hörte man nichts Anderes als das Geräuſch von Kinnbacken, die mit fand. 32 einer Regelmäßigkeit, welche Maſchinen Ehre gemacht hätte, das Brod, das Fleiſch und ſogar die Knochen aus den benachbarten Pachthöfen entlehnten Geflü⸗ gels, das den delicaten Theil des Frühſtücks bildete, zermalmten. Maldent war der Erſte, der die Sprache wieder „Du ſagteſt alſo, mein lieber Procope, einen Biſſen eſſend, werdeſt Du uns Deinen Plan er⸗ klären... Der Biſſen iſt mehr als zur Hälfte ge⸗ geſſen, wenigſtens was mich betrifft. Beginne alſo Deine Auseinanderſetzung. Ich höre.“ „Ja,“ ſprach Franz mit vollem Munde,„wir hören.“ „Nun?“ „Nun, die Sache verhält ſich ſo... Pece res judicanda, wie man im Juſtizpalaſte ſagt.“ „Stille, Ihr Scharfenſtein!“ rief Maldent. „Ich habe nicht ein einziges Wort geſprochen,“ erwiederte Franz. „Ich auch nicht,“ ſagte Heinrich. „Ah! ich glaubte Euch zu hören...“ „Und ich auch,“ fügte Procope bei. „Gut! vielleicht ein Fuchs, den wir in ſeinem Bau beunruhigt haben. Auf, Procope, vorwärts!“ „Nun! ich wiederhole, die Sache verhält ſich alſo: es findet ſich eine Viertelmeile von hier ein hübſcher Pachthof...“ „Du hatteſt uns ein Schloß verſprochen,“ be⸗ merkte Maldent.* „Oh! mein Gott! wie kleinlich biſt Du!“ rief Procope.„Wohl, es ſei, ich nehme das zurück... reiz eine Die ſcha und . Laco alſo erzäl geher men vom mir! Am die ſeines des 2 Du: macht ochen eflü⸗ ldete, ieer einen n er⸗ e ge⸗ alſo „wir e res en,“ inem ts!“ ſich ein be⸗ rief 33 Es beſteht eine Viertelmeile von hier ein hübſches Schlößchen.“ „Pachthof oder Schloß,“ ſagte Heinrich Scharfen⸗ ſtein,„gleichviel, wenn nur Beute dort zu machen iſt.“ „Bravo, Heinrich! das heiße ich ſprechen! doch dieſer Teufels⸗Maldent krittelt wie ein Procurator... Ich fahre fort.“ „Ja, fahret fort,“ ſagte Franz. „Es eriſtirt alſo eine Viertelmeile von hier ein reizendes Landhaus, nur von ſeiner Eigenthümerin, einem männlichen Dienſtboten und einem weiblichen Dienſtboten bewohnt. Allerdings wohnen im Wirth⸗ ſchaftsgebäude der Pächter und ſeine Leute.“ „Wie viel macht Alles dies?“ fragte Heinrich. „Etwa zehn Perſonen.“ „Wir übernehmen Deine zehn Perſonen, Franz und ich, nicht wahr, mein Neffe?“ „Ja, mein Ohm,“ antwortete Franz mit dem Laconismus eines Spartaners. „Nun wohl! fuhr Procope fort, wir haben uns alſo zu benehmen: Eſſend, trinkend und Geſchichten erzählend erwarten wir hier die Nacht...“ „Beſonders eſſend und trinkend,“ verſetzte Franz. „Iſt die Nacht gekommen,“ ſprach Procope,„ſo gehen wir von hier geräuſchlos weg, wie wir gekom⸗ men ſind; wir erreichen den Saum des Waldes; vom Saume des Waldes ſchleichen wir durch einen mir bekannten Hohlweg bis zum Fuße der Mauer. Am Fuße der Mauer angelangt, ſteigt Franz auf die Schultern ſeines Ohms oder Heinrich auf die ſeines Neffen; derjenige, welcher auf den Schultern des Andern iſt, klettert über die Mauer und öffnet Dumas, der Page. I. 3 34 uns die Thüre... Iſt die Thüre offen, Du begreifſt wohl, Maldent? iſt die Thüre offen,— Ihr begreift wohl, Ihr Scharfenſtein?.. ſo treten wir ein!“ „Ich hoffe wohl, nicht ohne uns!“ ſprach zwei Schritte hinter der Gruppe der Abenteurer eine Stimme“ mit ſo kräftiger Betonung, daß ſie nicht nur Procope nicht nur Maldent, ſondern ſogar die zwei Culoſſ beben machte. „Verrath!“ rief Procope, indem er auf ſeine Füße ſprang und einen Schritt rückwärts that. „Verrath!“ rief Maldent, der die Finſterniß mit dem Blicke zu durchdringen uchte, aber an ſeinem Platze blieb. „Verrath!“ riefen gleichzeitig die zwei Scharfen ſtein, während ſie ihre Schwerter zogen und einen Schritt vorwärts machten. „Ah! Schlacht?“ ſagte dieſelbe Stimme.„öi wollt die Schlacht?.. Gut, es ſei! Herbei, Lae tance! herbei, Fracaſſo! herbei, Malemort!“ Ein dreifaches Gebrülle erſcholl in den Tiefen der Höhle, andeutend, diejenigen, welche die Stimme ge⸗ rufen, ſeien bereit, dem Rufe zu entſprechen. „Einen Augenblick Geduld, Pilletrouſſe!“ ſprach Procope, der an ſeiner Stimme den vierten Aben teurer erkannt hatte;„was Teufels! wir ſind kein Türken oder Zigeuner, um uns ſo in der Finſterniß mitten in der Nacht, zu ermorden, ohne daß wir um vorher zu verſtändigen ſuchen. „Machen wir vor Allem auf beiden Seiten Lich ſchauen wir uns ins Weiße der Augen, damit wir wiſſen, mit wem wir es zu thun haben; treffen wi Vot ten Grr Gro tere ſchw von mort verſe und ſage 6 als Wun den der ſeiner denz 22 egreiſt begreift 1 ch zwei Stimme“ rocope, Coloſſe ne Füße niß mit ſeinem charfen⸗ einen „Iht ei, Lac⸗ fen det me ge ſprach Aben d keine ſterniß, ir un Licht nit wit en wir 35 eine Uebereinkunft, wenn es möglich iſt, und wenn wir das nicht können, nun, ſo ſchlagen wir uns!“ „Schlagen wir uns zuerſt,“ ſprach eine düſtere Stimme, welche, aus den Tiefen der Höhle kommend, aus denen der Hölle zu kommen ſchien. „Stille, Malemort!“ ſagte Pilletrouſſe;„mir ſcheint, Procope macht uns da einen äußerſt annehm⸗ baren Vorſchlag... Was ſagſt Du dazu, Lactance? Was ſagſt Du dazu, Fracaſſo?“ „Ich ſage,“ erwiederte Lactance:„wenn dieſer Vorſchlag Einem von unſern Brüdern das Leben ret⸗ ten kann, ſo nehme ich ihn an.“ „Es wäre übrigens poetiſch geweſen, ſich in einer Grotte zu ſchlagen, welche den Hingeſchiedenen als Grab gedient hätte: da man aber die materiellen In⸗ tereſſen der Poeſie nicht opfern darf,“ fuhr Fracaſſo ſchwermüthig fort,„ſo ſchließe ich mich der Meinung von Pilletrouſſe und Lactance an.“ „Und ich, ich will mich ſchlagen!“ brüllte Male⸗ mort. „Verbinde Deine Wunde, und laß uns in Ruhe,“ verſetzte Pilletrouſſe.„Wir ſind Drei gegen Dich, und Procope, der ein Rechtsgelehrter iſt, wird Dir ſagen, daß Drei gegen Einen immer Recht haben.“ Malemort ſtieß einen Seufzer des Bedauerns aus, als er ſah, daß ihm eine ſchöne Gelegenheit, eine neue Wunde zu bekommen, entging; doch nach dem Rathe, den ihm Pilletrouſſe gegeben, wich er der Meinung der Majorität, wenn er ſich auch nicht gerade fügte. Mittlerweile hatten Lactance und Maldent jeder ſeinerſeits Feuer geſchlagen, und da ſich jeder von den zwei Truppen den Fall gedacht hatte, wo es nöthig wäre, hell zu ſehen, ſo glänzten zu gleicher Zeit zwei tannene Fackeln, an denen Werg in Pech gehüllt an⸗ gebracht war, und beleuchteten mit ihrer doppelten Flamme die Grotte und ihre Bewohner. Wir haben die Eine durchforſcht und mit den Andern Bekanntſchaft gemacht; wir brauchen alſo nicht mehr den Schauplatz zu beſchreiben und die Perſonen zu bezeichnen, ſondern haben nur die Art, wie ſie gruppirt waren, zu ſchildern. Im Hintergrunde der Grotte ſtanden Pilletrouſſe, Lactance, Malemort und Fracaſſo. Im Vorgrunde die zwei Scharfenſtein, Maldent und Procope. Pilletrouſſe hatte ſeine vorgerückte Stellung behaup⸗ tet, Malemort nagte hinter ihmvor Zorn an ſeinen Fäu⸗ ſten; bei Malemort ſtehend, ſuchte Lactance, der ſeine Fackel in der Hand hielt, ſeinen kriegeriſchen Gefähr⸗ ten zu beſänftigen; Fracaſſo, auf den Knieen wie der Agis am Grabe des Leonidas, knüpfte, wie er, ſeine Sandale feſt, um zum Kriege bereit zu ſein, während er den Frieden anrief. Auf der entgegengeſetzten Seite bildeten die zwei Scharfenſtein, wie wir geſagt haben, die Vorhut; einen Schritt hinter ihnen hielt ſich Maldent, einen Schritt hinter Maldent war Procope. Die zwei Fackeln erleuchteten den ganzen kreis⸗ förmigen Theil der Grotte. Eine einzige bei der Thüre liegende Vertiefung, einen Haufen Farnkraut enthaltend, der ohne Zweifel die Beſtimmung hatte, das Bett des zukünftigen Einſiedlers zu werden, den die Luſt, hier zu wohnen, eyfaſſen ſollte, blieb in Halbſchatten. it zwei llt an⸗ pelten it den n alſo nd die i Art, rouſſe, aldent ehaup⸗ nFäu⸗ r ſeine efähr⸗ n wie vie er, ſein, e zwei orhut; einen kreis⸗ ei der nkraut hatte, n, den eb im 37 Ein durch die Oeffnung der Grotte gleitender Lichtſtrahl verſuchte es, jedoch vergebens, mit ſeiner bleichen Tinte mit den faſt blutigen Strahlen zu kämpfen, welche die zwei Fackeln auswarfen. Alles bildete ein düſteres, kriegeriſches Ganzes, was bewunderungswürdig in der Scenirung eines modernen Dramas figurirt hätte. Unſere Abenteurer kannten ſich ſchon der Mehr⸗ zahl nach; ſie hatten ſich bei der Arbeit auf dem Schlachtfelde geſehen, doch kämpfend gegen den ge⸗ meinſchaftlichen Feind, und nicht bereit, ſich unter einander zu erwürgen. So undurchdringlich ihre Herzen für die Furcht waren, ſo gaben ſie ſich doch, Jeder für ſich, Rechen⸗ ſchaft von der Lage. Derjenige aber, in deſſen Geiſte ſich die Schä⸗ tung der zu gebenden und zu empfangenden Streiche am Klarſten und Unparteiiſchſten geſtaltete, war ohne Widerſpruch der Rechtsgelehrte Procope. Er ging auch auf ſeine Gegner zu, doch ohne die Linie zu überſchreiten, welche die zwei Scharfenſtein zogen, und ſprach: „Meine Herren, wir haben uns, im Einverſtänd⸗ niß, zu ſehen gewünſcht, und wir ſehen uns. das iſt ſchon etwas, denn indem man ſich ſieht, ſchätzt man ſeine Chancen. Wir ſind Vier gegen Vier; doch auf dieſer Seite haben wir für uns die zwei Herren hier..(und er deutete auf Franz und Hein⸗ rich Scharfenſtein), was mich faſt berechtigt, zu ſagen, wir ſeien Acht gegen Vier.“ Bei dieſer unklugen Prahlerei brachen nicht nur die Schreie augenblicklich aus dem Munde von Pille⸗ 38 trouſſe, von Malemort, von Lactance und von Fra⸗ caſſo hervor, ſondern es kamen ſogar die Schwerter aus ihren Scheiden. Procope bemerkte, daß er von ſeiner gewöhnlichen Gewandtheit abgewichen war und einen falſchen Weg einſchlug. Er verſuchte es, umzulenken. „Meine Herren,“ ſagte er,„ich behaupte nicht, der Sieg ſei, wäre man Acht gegen Vier, gewiß, wenn dieſe Vier Pilletrouſſe, Malemort, Lactance und Fracaſſo heißen...“ Dieſe Art von Nachſchrift ſchien die Geiſter ein wenig zu beſänftigen; nur Malemort ließ fortwährend ein dumpfes Knurren vernehmen. „Vorwärts, zur Sache!“ rief Pilletrouſſe. „Ja,“ erwiederte Procope,„ad eventum festina. Nun wohl! ich ſagte alſo, meine Herren, die immer aleatoriſchen Chancen eines Kampfes beiſeit laſſend, müſſen wir zu einer Uebereinkunft zu gelangen ſu⸗ chen. Es iſt eine Art von Prozeß zwiſchen uns ſchwebend, jacens sub judice lis est; wie werden wir dieſen Prozeß beendigen? Vor Allem durch die ein⸗ fache Auseinanderſetzung der Lage, woraus unſer Recht hervorgehen wird.— Wem iſt geſtern die Idee gekommen, ſich in der nächſten Nacht des klei⸗ nen Landhauſes oder des Schlößchens Parcq, wie Ihr es nennen wollt, zu bemächtigen? Mir und dieſen Herren. Wer iſt dieſen Morgen von Dyulens abgegangen, um dieſes Project in Ausführung zu bringen? Ich und dieſe Herren. Wer iſt in dieſe Grotte gekommen, um eine Stellung für die nächſte Nacht zu nehmen? Abermals ich und dieſe Herren⸗ hat ein ich trot neh jeni Ide Lac „St Pro wen verh führ erwi tet Rech ſetzu gezve Gefé Ja, Unte niß der E hauſ nen men, Fra⸗ erter lichen Weg nicht, ewiß, tance rein ren tina. nmer ſend, nſu⸗ uns wir ein⸗ inſer die klei⸗ wie und lens 3zu dieſe chſte ren. 39 Wer hat endlich das Project zur Reife gebracht, wer hat es vor Euch entwickelt, und Euch ſo den Wunſch eingegeben, Euch der Erpedition anzuſchließen? Immer ich und dieſe Herren... Antwortet hierauf, Pille⸗ trouſſe, und ſagt, ob nicht die Leitung eines Unter⸗ nehmens ohne Behelligung und ohne Hinderniß den⸗ jenigen zukommt, welche die Priorität zugleich der Idee und der Ausführung gehabt haben.. Pixil“ Pilletrouſſe lachte, Fracaſſo zuckte die Achſeln; Lactance ſchüttelte ſeine Fackel; Malemort murmelte: „Schlacht!“ „Was macht Euch lachen, Pilletrouſſe?“fragteernſt Procope, der es verachtete, ſich an die Andern zu wenden, und nur ſich herbeiließ, mit demjenigen zu verhandeln, welcher ſich für den Augenblick zum An⸗ führer des Trupps aufgeworfen zu haben ſchien. „Was mich lachen macht, mein lieber Procope?“ erwiederte der Abenteurer, an den die Frage gerich⸗ tet war:„das tiefe Vertrauen, mit dem Ihr Eure Rechte auseinandergeſetzt habt, eine Auseinander⸗ ſetzung, welche, wenn wir es auf die von Euch ſelbſt gezogenen Schlüſſe ankommen laſſen, Cuch und Eure Gefährten unmittelbar außer den Rechtsſtreit ſtellt. Ja, ich gebe mit Euch zu, daß die Leitung eines Unternehmens ohne Behelligung und ohne Hinder⸗ niß denjenigen zukommt, welche die Priorität zugleich der Idee und der Ausführung gehabt haben.“ „Ah!“ machte Procope mit triumphirender Miene. „Ja, doch ich füge bei; die Idee, Euch des Land⸗ hauſes oder des Schloſſes Parcg, wie Ihr es nen⸗ nen wollt, zu bemächtigen, iſt Euch geſtern gekom⸗ men, nicht wahr? Nun wohl, ſie iſt uns vorgeſtern 40 gekommen. Ihr ſeid dieſen Morgen von Doulens abgegangen, um ſie in Ausführung zu bringen? Wir, wir find in derſelben Abſicht geſtern Abend von Montreuil⸗ſur⸗Mer abgegangen. Ihr ſeid vor einer Stunde in dieſer Grotte angekommen? Wir waren hier ſeit vier Stunden angekommen. Ihr habt dieſes Project zur Reife gebracht und vor uns ent⸗ wickelt? Ihr gedachtet das Haus heute Nacht an⸗ zugreifen? Wir gedachten es heute Abend zu neh⸗ men! Wir reclamiren alſo die Priorität der Idee und der Ausführung und folglich das Recht, unſer Unternehmen ohne Behelligung und ohne Hinderniß zu leiten.“ Und die claſſiſche Manier, in der Procope ſeine Rede geſchloſſen, parodirend, fügte Pilletrouſſe mit nicht weniger Nachdruck und Emphaſe als der Rechts⸗ gelehrte bei: Dixi!“ „Aber,“ fragte Procope, ein wenig aus der Faſſung gebracht durch die Beweisführung von Pille⸗ trouſſe,„wer verſichert mir, daß Du die Wahrheit geſprochen?“ „Mein Edelmannswort!“ erwiederte Pilletrouſſe. „Eine andere Bürgſchaft wäre mir lieber.“ „Mein Abenteurerwort alſo!“ „Hm!“ machte unvorſichtiger Weiſe Procope. Die Geiſter waren erhitzt; der von Procope über das Wort von Pilletrouſſe ausgedrückte Zweifel brachte die drei Abenteurer, die ſich ihm angeſchloſſen, außer ſich. „Nun wohl, Schlacht!“ riefen einſtimmig Fra⸗ caſſo und Lactance. lens en en vor Wir habt ent⸗ an⸗ neh⸗ dee nſer rniß eine mit hts⸗ der ille⸗ heit uſſe. 41 „Ja, Schlacht! Schlacht! Schlacht!“ brüllte Ma⸗ lemort. „Schlacht alſo! da Ihr es haben wollt,“ ſagte Procope. „Schlacht! da es kein Mittel gibt, ſich zu ver⸗ ſtändigen,“ verſetzte Maldent. „Schlacht!“ wiederholten Franz und Heinrich die ſich zum Fechten in Bereitſchaft etzten. Und da dies die Meinung Aller war, ſo zog Jeder ſeinen Degen oder ſeinen Dolch, nahm ſeine Art oder ſeinen Streitkolben, wählte mit den Augen ſeinen Gegner, und ſchickte ſich, die Drohung im Munde, die Wuth auf dem Geſichte, den Tod in der Hand, an, auf ihn loszuſtürzen. Plötzlich ſah man das in der Vertiefung beim Eingange der Grotte aufgehäufte Farnkraut ſich be⸗ wegen; ein elegant gekleideter junger Mann kam daraus hervor, ſprang aus der Finſterniß, erſchien im Lichtkreiſe, ſtreckte die Arme aus wie Herſilia auf dem Gemälde: Die Sabinerinnen, und rief: „Halt! die Waffen nieder, Kameraden! ich über⸗ nehme es, dies zur allgemeinen Zufriedenheit zu ſchlichten.“ Aller Augen richteten ſich auf die neue Perſon, welche auf eine ſo ungeſtüme und unerwartete Art in Scene getreten war, und alle Stimmen riefen: „Wonnet!“ „Aber woher des Teufels kommſt Du denn?“ fragten gleichzeitig Pilletrouſſe und Procope. „Ihr ſollt es erfahren,“ erwiederte Wonnet. „Vor Allem aber die Degen und die Dolche in die 42 Scheiden!.. Der Anblick aller dieſer Klingen greift mir furchtbar die Nerven an.“ Alle Abenteurer gehorchten, Malemort ausge⸗ nommen. „Ho! ho!“ ſagte Yonnet, indem er ſich an die⸗ ſen wandte,„was iſt denn das, Kamerad?“ „Ah!“ jammerte Malemort mit einem tiefen Seufzer,„man wird ſich alſo nie ruhig ein armes Degenſtichlein geben können!“ Und er ſteckte ſeine Klinge mit einer Geberde voll Verdruß in die Scheide. W Der Geſellſchaftsvertrag. YWonnet ſchaute rings umher, und als er erkannte, daß, wenn der Zorn nicht aus den Herzen gewichen, die Dolche und die Degen wenigſtens in die Scheiden zurückgekehrt waren, wandte er ſich abwechſelnd gegen Pilletrouſſe und Procope, welche ihm, wie man ſich erinnert, die Ehre erwieſen hatten, Beide dieſelbe Frage an ihn zu ſtellen, und wiederholte: „Woher ich komme? Bei Gott! eine ſchöne Fragel ich komme aus dieſem Farnkrauthaufen, unter dem ich mich verborgen hatte, als ich zuerſt Pilletrouſſe, Lactance, Malemort und Fracaſſo eintreten ſah, und aus welchem herauszugehen ich nicht für geeignet erachtete, als ſodann Procope, Maldent und die zwei Scharfenſtein erſchienen.“ „Aber was machteſt Du denn in dieſer Grotte reift ge⸗ die⸗ iefen mes erde inte, hen, iden egen ſich elbe ge! dem uſſe, und gnet wei otte 43 zu einer ſolchen Stunde der Nacht? denn wir ſind vor Tagesanbruch hier angekommen.“ „Ah!“ antwortete Yvonnet,„das iſt ein Geheim⸗ niß, und ich werde es Euch ſogleich ſagen, wenn Ihr vernünftig ſeid... doch zuerſt das Dringendſte.“ Und er wandte ſich an Pilletrouſſe und fragte: „Alſo, mein lieber Pilletrouſſe, Ihr waret in der Abſicht gekommen, dem Landhauſe oder dem Schloſſe Parcg, wie Ihr es nennen wollt, einen kleinen Be⸗ ſuch zu machen?“ „Ja,“ erwiederte Pilletrouſſe. „Und Ihr auch?“ fragte Yvonnet Procope. „Und wir auch,“ antwortete Procope. „Und Ihr wolltet Euch ſchlagen, um die Prio⸗ rität Eurer Rechte zu conſtatiren?“ „Wir wollten uns ſchlägen,“ ſagten gleichzeitig Pilletrouſſe und Procope. „Pfui!“ rief Wonnet,„Kameraden, Franzoſen, oder wenigſtens Leute, die der Sache Frankreichs dienen!“ „Ei! es mußte wohl ſein, da dieſe Herren nicht auf ihr Vorhaben verzichten wollten,“ entgegnete Procope. „Wir konnten es nicht anders machen, da uns dieſe Herren den Platz nicht abtreten wollten,“ ſagte Pilletrouſſe. „Es mußte ſein! Ihr konntet es nicht anders machen!“ wiederholte Yvonnet, die Stimme der zwei Redenden nachahmend.„Ihr mußtet Euch unter einan⸗ der umbringen, nicht wahr? Ihr konntet es nicht anders machen, als Euch zu ermorden, ſprecht? Und Ihr waret da, Lactance, und Ihr habt dieſe Anſtal⸗ 44 ten zur Schlächterei geſehen, und Eure chriſtliche Seele hat nicht geſeufzt?“ „Doch,“ erwiederte Lactance,„ſie hat geſeufzt, tief geſeufzt.“ „Und das iſt Alles, was Eure heilige Religion Euch eingegeben: ein Seufzer?“ „Nach dem Kampfe,“ verſetzte Lactance, ein we⸗ nig gedemüthigt durch die Vorwürfe, die ihm Yvon⸗ net machte, und deren Richtigkeit er fühlte,„nach dem Kampfe hätte ich für die Todten gebetet.“ „Seht Ihr!“ „Was hätte ich denn thun ſollen, mein lieber Wonnet?“ „Ei, bei Gott! was ich thue, der ich kein Inbrün⸗ ſtiger, kein Heiliger, kein Paternoſterfreſſer bin, wie Ihr. Was Ihr hättet thun ſollen? Ihr hättet Euch zwiſchen die Degen und die Schwerter werfen ſollen, inter gladios et enses, wie unſer Rechtsgelehrter Pro⸗ cope ſich ausdrückt, und Ihr hättet ihnen mit der ſal⸗ bungsvollen Miene, die Euch ſo wohl anſteht, ſagen müſſen, was ich ihnen ſagen werde:„„Kameraden, wenn für viet da iſt, iſt für acht da; trägt das erſte Geſchäft nicht Alles, was wir davon erwarten, ſo machen wir ein zweites. Die Menſchen ſind da, um ſich einander auf den rauhen Pfaden des Lebens zu unterſtützen, und nicht, um ſich Steine zwiſchen die Beine auf den Wegen zu werfen, welche ſchon ſo ſchwierig zu durchlaufen ſind. Statt uns in Un⸗ einigkeit zu trennen, verbinden wir uns, und was wir nicht zu vier ohne ungeheure Gefahren verſuchen können, werden wir zu acht faſt ohne Gefahr aus⸗ führen. Bewahren wir für unſere Feinde unſern we wi fer kre liche ufzt, gion we⸗ on⸗ nach eber ün⸗ wie uch len, ro⸗ ſal⸗ gen en, rſte da, ens hen hon In⸗ as hen us⸗ ern Haß, unſere Dolche, unſere Schwerter, und haben wir gegen einander nur gute Worte und gutes Be⸗ nehmen. Gott, der Frankreich beſchützt, wenn er nichts Dringenderes zu thun hat, wird unſerer Ver⸗ brüderungzulächeln und derſelben ihren Lohn ſchicken.““ Das hättet Ihr ſagen müſſen, lieber Lactance, und das habt Ihr nicht geſagt.“ „Es iſt wahr,“ erwiederte Lactance, indem er ſich an die Bruſt ſchlug:„mea culpa! mea culpa! mea maxima culpa!“ Und er löſchte ſeine Fackel aus, kniete nieder und fing an inbrünſtig zu beten. „Nun! ſo ſage ich es ſtatt Eurer,“ fuhr Won⸗ net fort,„und ich füge bei: die göttliche Belohnung, die Euch Lactance verſprochen hat, bringe ich Euch, Kameraden!“ „Du, Pvonnet?“ verſetzte Procope mit einer Miene des Zweifels. „Ja, ich.. ich, der ich dieſelbe Idee gehabt habe, wie Ihr, und vor Euch.“ „Wie!“ rief Pilletrouſſe,„Du haſt auch die Idee gehabt, in das Schloß einzudringen, nach dem es uns gelüſtet?“ „Ich habe nicht nur dieſe Idee gehabt,“ ant⸗ wortete Yonnet,„ſondern ich habe ſogar dieſe Idee in Ausführung gebracht.“ „Bah!“ riefen alle Anweſende, indem ſie dem, was Yonnet ſprach, eine neue Aufmerkſamkeitſchenkten. „Ja, ich habe Einverſtändniſſe am Platze,“ er⸗ wiederte Pponnet:„eine reizende kleine Kammerjung⸗ fer Namens Gertrud,“ fügte er ſeinen Schnurrbart kräuſelnd bei,„welche ganz bereit iſt, für mich Vater 46 und Mutter, Gebieter und Gebieterin zu verleugnen eine Seele, die ich verderbe.“ Lactance ſtieß einen Seufzer aus. „Und Du ſagſt, Du ſeiſt ins Schloß hineinge⸗ kommen?“ „Ich kam heute Nacht aus demſelben; doch Ihr wißt, wie mir die Gänge bei Nacht widerſtreben, be⸗ ſonders wenn ich ſie allein ausführe. Statt drei Meilen zu machen, um nach Doulens zu gelangen, oder ſechs, um Abbeville oder Montreuil⸗ſur⸗Mer zu erreichen, machte ich eine Viertelmeile, und ich ging in dieſe Grotte, die ich daher kenne, daß ich hier die erſten Rendez⸗vous mit meiner Gottheit gehabt habe. Ich fand umhertappend dieſes Bett von Farnkraut, deſſen Lage ich kannte, und ich fing an einzuſchlafen, indem ich mir vornahm, ſobald es Tag wäre, den Erſten von Euch, denen ich begegnen würde, den Streich vorzuſchlagen, als Pilletrouſſe mit ſeiner Bande kam, ſodann Procope mit der ſeinigen. Jede kam aus derſelben Urſache; dieſes Streben nach einem Ziele führte den bewußten Streit herbei, ein Streit, der ohne allen Zweifel auf eine tragiſche Weiſe en⸗ digen ſollte, als ich dachte, es ſei Zeit, dazwiſchen zu treten, und ich trat dazwiſchen. Nun ſage ich Euch:„„Wollen wir, ſtatt uns zu ſchlagen, eine Ver⸗ bindung ſchließen? wollt Ihr, ſtatt mit Gewalt ein⸗ zudringen, mit Liſt hineinkommen? wollt Ihr, ſtatt die Thüren zu ſprengen, daß ſie Euch geöffnet wer⸗ den? wollt Ihr, ſtatt aufs Gerathewohl das Gold, die Juwelen, das Silbergeſchirr zu ſuchen, auf dem nächſten Wege dazu geführt werden? Dann ſchlagt ein! ich bin Euer Mann! und um das Beiſpiel der — ignen inge⸗ Ihr i, be⸗ drei ngen, er zu ging r die habe. raut, afen, den den ande kam nem reit, en⸗ chen ich Ver⸗ ein⸗ ſtatt wer⸗ old, dem lagt der 47 Uneigennützigkeit und der Brüderlichkeit zu geben, ver⸗ lange ich, trotz des Dienſtes, den ich Euch leiſte, nur einen den andern Theilen gleichen Theil.“ Wer etwas Beſſeres zu ſagen hat, mag ſprechen: ich trete ihm das Wort ab und höre.“ Ein Gemurmel der Bewunderung verbreitete ſich in der Verſammlung. Lactance unterbrach ſein Ge⸗ bet, näherte ſich Pwonnet und küßte den Saum ſei⸗ nes Mantels. Procope, Pilletrouſſe, Maldent und Fracaſſo drückten ihm die Hand. Die zwei Schar⸗ fenſtein erſtickten ihn faſt in einer Umarmung. Nur Malemort allein murmelte in ſeiner Ecke: „Ihr werdet ſehen, daß man nicht den kleinſten Degenſtich gibt oder empfängt.. das iſt ein Fluch!“ „Nun denn,“ ſprach Rvonnet, der ſeit langer Zeit dieſe Verbindung träumte und, da er das Glück im Bereiche ſeiner Hand vorbeiziehen ſah, dieſe Gelegenheit, es bei den Haaren zu faſſen, nicht wollte entwiſchen laſſen,„nun, ſo verlieren wir keinen Augenblick! Wir ſind hier vereinigt in der Zahl von neun Ge⸗ fährten, welche weder Gott, noch den Teufel fürchten..“ „Doch,“ unterbrach Lactance, indem er ſich be⸗ kreuzte,„wir fürchten Gott!“ „Es iſt wahr.. es iſt wahr.. eine Redensart, Lactance... Ich ſage, wir ſeien hier zu neun Ge⸗ fährten durch den Zufall vereinigt...“ „Durch die Vorſehung, Yvonnet!“ entgegnete Lactance. „Gut, durch die Vorſehung... Das Glück will, daß wir unter uns Procope, einen Rechtsgelehrten, haben; das Glück will ferner, daß dieſer Rechtsge⸗ lehrte an ſeinem Gürtel Tintenfaß und Feder, und, ich bin es feſt überzeugt, in ſeiner Taſche Papier mit dem Stempel unſeres guten Königs Heinrich 1I. hat.“ „Bei meiner Treue! ja,“ erwiederte Procope,„ich habe, und das iſt, wie Yvonnet ſagt, ein Glück.“ „Dann beeilen wir uns... richten wir einen Tiſch zurecht und faſſen wir unſern Geſellſchaftsver⸗ trag ab, während Einer von uns als Schildwache im Walde, in der Nähe des Eingangs der Grotte ausgeſtellt, darüber wacht, daß wir nichtgeſtörtwerden.“ „Ich will Schildwache ſtehen,“ verſetzte Male⸗ mort,„und ſo viel Spanier, Engländer oder Deutſche im Walde herumſtreichen, eben ſo viel Todte!“ „Das darf gerade nicht ſein, mein lieber Male⸗ mort,“ ſagte Yvonnet.„In unſerer Lage, das heißt, zwei hundert Schritte vom Lager Seiner Majeſtät Kaiſer Karl v., bei einem Manne, der ein ſo feines und geübtes Ohr hat, wie der gnädigſte Herr Ema⸗ nuel Philibert von Savoyen, muß man nur das tödten, was zu tödten ganz unerläßlich iſt, in Be⸗ tracht, daß man, ſo ſicher man ſeines Stoßes ſein mag, nicht immer tödtet; daß man, tödtet man nicht, verwundet; daß die Verwundeten ſchreien wie die Adler; daß man auf das Geſchrei der Verwundeten herbei⸗ laufen würde, und iſt einmal der Wald beſetzt, dann weiß Gott, wie es uns erginge! Nein, nein, mein lieber Malemort, Ihr werdet hier bleiben, und Einer von den zwei Scharfenſtein wird Wache halten. Beide ſind Deutſche; wird derjenige, welcher über uns wacht, entdeckt, ſo kann er ſich für einen Lanzknecht des Her⸗ zogs von Aremberg oder für einen Reiter des Grafen von Waldeck ausgeben.“ iſt iſt da in zo Sc nel de opf wü hal blic ſoll D zapier 1. „„ich einen Sver⸗ vache rotte den.“ Nale⸗ tſche Nale⸗ eißt, eſtät ines ma⸗ das Be⸗ ſein icht, ler; bei⸗ ann nein iner eide icht, er⸗ fen 49 „Des Grafen von Waldeck, das iſt beſſer,“ ſagte Heinrich Scharfenſtein. „Dieſer Coloß iſt voll Verſtand,“ ſprach Yvonnet. „Ja, mein Braver, des Grafen von Waldeck, das iſt beſſer, weil der Graf von Waldeck ein Plünderer iſt. Das willſt Du ſagen, nicht wahr?“ „Ja, das wollte ich ſagen.“ „Und weil man ſich nicht darüber wundern wird, daß ein Plünderer im Walde verborgen iſt?“ „Nein, man wird ſich nicht wundern.“ „Nur nehme ſich der Scharfenſtein, der die Wache mit dem ehrenwerthen Titel eines Plünderers hält, in Acht, daß er nicht in die Hände des Herrn Her⸗ zogs von Sovoyen fällt! Er verſteht keinen Spaß, was das Marodiren betrifft.“ „Ja,“ verſetzte Heinrich,„er hat geſtern erſt zwei Soldaten henken laſſen.“ „Drei,“ ſagte Franz. „Nun, welcher von Euch will die Wache über⸗ nehmen?“ „Ich!“ antworteten gleichzeitig der Ohm und der Neffe. „Meine Freunde,“ ſprach Yvonnet,„dieſe auf⸗ opfernde Hingebung wird von Euren Kameraden ge⸗ würdigt; doch eine einzige Wache genügt. Zieht alſo Hälmchen. Ein Ehrenpoſten iſt demjenigen vorbe⸗ halten, welcher hier bleiben wird.“ iie zwei Scharfenſtein beriethen ſich einen Augen⸗ ick. „Franz hat gute Augen und gute Ohren er ſoll unſere Schildwache ſein,“ ſagte Heinrich. Dumas, der Page. I. 4 50 „Gut!“ ſprach Pponnet;„dann gehe Franz auf ſeinen Poſten.“ Franz wandte ſich mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe nach dem Eingange der Grotte. „Du hörſt, Franz,“ ſagte Yonnet,„wenn Du Dich von den Andern ergreifen läſſeſt, iſt es nichts; wirſt Du aber vom Herzog von Savohen ergriffen, ſo biſt Du gehenkt.“ „Seid ruhig, ich werde mich von Niemand er⸗ greifen laſſen,“ erwiederte Franz. Und er entfernte ſich aus der Grotte, um ſich auf ſeinen Poſten zu ſtellen. „Und der Ehrenpoſten,“ fragte Heinrich,„wo iſt er?“ Yvonnet nahm die Fackel aus den Händen von Maldent, reichte ſie Heinrich und ſagte: „Nimm.. ſtelle Dich hierher.. leuchte Procope, und rühre Dich nicht!“ „Ich werde mich nicht rühren.“ Procope ſetzte ſich, zog ſein Papier aus ſeiner Taſche, ſein Tintenzeug aus ſeinem Gürtel und ſeine Federn aus ſeinem Tintenzeug. Wir haben ihn bei der Arbeit geſehen in dem Augenblicke, wo wir in die gewöhnlich ſo öde, ein⸗ ſame, und, durch ein Zuſammentreffen ſeltſamer Um⸗ ſtände, an dieſem Tage ſo beſuchte Grotte von Saint⸗ Pol⸗ſur⸗Ternoiſe eingetreten ſind. Wir haben bemerkt, es ſei keine ſo leicht zur Zu⸗ friedenheit Aller zu vollbringende Arbeit geweſen, die Arbeit, der ſich Procope zwiſchen elf Uhr Mor⸗ gens und drei Uhr Nachmittags am wiederholt er⸗ wähnten Tage des 5. Mai 1555 unterzogen. bler weg Her Yvo ein anft Uhr drei der, es Aus been auf Ruhe Dich wirſt biſt er⸗ ſich „wo von ope, ner ine em in⸗ lm⸗ nt⸗ zu⸗ en, or⸗ er⸗ 51 Es hatte auch,— wie man von einem in der Debatte begriffenen Geſetzesentwurfe in einer moder⸗ nen Kammer geſagt haben würde,— Jeder, nach ſei⸗ nem Verſtande oder ſeinem Intereſſe, ſeine Amen⸗ dements und ſeine Unteramendents gebracht. Ueber die genannten Amendements und Unter⸗ amendements war nach der Majorität abgeſtimmt wor⸗ den, und zu Ehren unſerer Abenteurer müſſen wir ſagen, ſie hatten mit viel Gerechtigkeit, Ruhe und Unparteilichkeit abgeſtimmt. Es gibt gewiſſe ſchiefe Geiſter, ſchamloſe Ver⸗ leumder der Geſetzgeber, der Richter und der Gerichte, welche behaupten, ein von Dieben abgefaßter Coder wäre viel vollſtändiger und beſonders viel mehr der Billigkeit angemeſſen, als ein von ehrlichen Leuten abgefaßter. Wir beklagen dieſe Unglücklichen wegen ihrer Ver⸗ blendung, wie wir die Calviniſten und die Lutheraner wegen ihrer Irrthümer beklagen, und wir bitten den Herrn, den Einen und den Andern zu verzeihen. Endlich, in dem Augenblicke, wo die Uhr von Yvonnet ein Viertel auf vier bezeichnete,— ſo ſelten ein ſolches Juwel in jener Zeit war, wir müſſen dies anführen, hatte ſich doch der eitle Abenteurer eine Uhr verſchafft,— endlich, ſagen wir, ein Viertel nach drei, erhob Procope das Haupt, legte die Feder nie⸗ der, nahm das Papier mit beiden Händen, ſchaute es mit einer Miene der Zufriedenheit an, ließ einen Ausruf der Freude vernehmen und ſagte: „Ahl ich glaube, das iſt beendigt, und nicht ſchlecht eendigt... Exegi monumentum!“ Bei dieſer Verkündigung machte Heinrich Schar⸗ 52 fenſtein, welcher die Fackel ſeit drei Stunden und zwan⸗ zig Minuten hielt, eine Bewegung, um ſeinen Arm auszuſtrecken, der müde zu werden anfing. Yponnet unterbrach ſein Lied, kräuſelte aber fortwährend ſei⸗ nen Schnurrbart; Malemort verband vollends ſeinen Arm und befeſtigte den Verband mittelſt einer Nadel; Lactance expedirte ein letztes Ave; Maldent, der ſeine müden Fäuſte auf den Tiſch geſtützt hatte, richtete ſich auf; Pilletrouſſe ſteckte ſeinen hinreichend ge⸗ ſpitzten Dolch in die Scheide, und Fracaſſo erwachte aus ſeiner ppetiſchen Träumerei, zufrieden, die letzte Hand an ein Sonnett gelegt zu haben, das ihm ſeit mehr als einem Monate im Kopfe umging. Alle näherten ſich dem Tiſche, Franz ausgenom⸗ men, der ſich, ſeinem Ohm hinſichtlich der Dis⸗ cuſſion ihrer gemeinſchaftlichen Intereſſen vertrau⸗ end, zwanzig Schritte vom Eingange der Grotte als Schildwache aufgeſtellt oder vielmehr, wie geſagt, niedergelegt hatte, mit dem feſten Entſchluß, nicht nur ſeinen Gefährten gute Wache zu halten, ſon⸗ dern auch ſich von Niemand ergreifen zu laſſen, beſonders nicht von Emanuel Philibert von Savoyen, „Meine Herren,“ ſprach Procope, indem er einen Blick der Befriedigung auf dem Kreiſe umherlaufen ließ, der ſich um ihn mit eben ſo viel und ſogar mit mehr Regelmäßigkeit gebildet hatte, als gewöhn⸗ lich der bietet, welcher ſich um den ſeine Soldaten zur Parole rufenden Officier formirt,„meine Herren, iſt Jedermann da?“ „Ja,“ antworteten im Chore die Abenteurer. „Iſt Jedermann bereit, die Leſung der achtzehn A un ſch wit „4 wo bei vor zwan⸗ n Arm vonnet nd ſei⸗ ſeinen Nadel; rſeine ichtete d ge⸗ wachte letzte ihm 3 enom⸗ trau⸗ te als ſagt, nicht ſon⸗ iſſen, yen, inen ufen ogar öhn⸗ aten ren, ehn 53 Artikel anzuhören, aus denen die von uns ſo eben abgefaßte Acte beſteht, welche man die Geſellſchafts⸗ Acte nennen könnte? Denn factiſch iſt es eine Art von Geſellſchaft, was wir gründen, was wir er⸗ richten, was wir regeln.“ Die Antwort war bejahend und allgemein: wohl verſtanden, Heinrich Scharfenſtein antwortete für ſich und ſeinen Neffen. „Höret alſo,“ ſagte Procope. Und nachdem er gehuſtet und ausgeſpuckt hatte, fing er an: „„Zwiſchen den Unterzeichneten...““ „Verzeiht,“ unterbrach Lactance,„ich kann nicht unterzeichnen.“ „Alle Teufel!“ rief Procope,„eine ſchöne Ge⸗ ſchichte! Du wirſt Dein Kreuz machen!“ „Ah!“ murmelte Lactance,„meine Verpflichtung wird nur um ſo heiliger ſein.. Fahret fort, mein Bruder.“ Procope fuhr fort: „„Zwiſchen den Unterzeichneten: „„Jean Chryſoſtome Procope...““ „Du thuſt Dir keinen Zwang an,“ ſagte Yonnet: „Du ſetzeſt Dich an die Spitze.“ „Ich mußte wohl mit Einem anfangen,“ ant⸗ wortete unſchuldig Procope. „Gut! gut!“ ſagte Maldent,„fahre fort.“ Procope fuhr fort. Jean Chriſoſtome Procope, Erprocurator beim Gerichtshofe von Caen, aggregirt bei denen von Rouen, Cherbourg, Valognes...““ „Beim Henker!“ rief Pilletrouſſe,„es wundert 54 mich nicht mehr, daß die Abfaſſung drei und eine halbe Stunde gedauert hat, wenn Du, wie Du es für Dich gethan, Jedem ſeine Titel und Eigenſchaf⸗ ten gegeben haſt... mich wundert im Gegentheil, daß das ſchon vollendet iſt.“ „Nein,“ verſetzte Procope,„ich habe Euch Alle unter einem und demſelben itel begriffen und Je⸗ dem von Euch eine einzige Qualification gegeben, nur glaubte ich, für mich, den Verfaſſer der Acte, ſei die Angabe meiner Titel und Eigenſchaften nicht unſchicklich, ſondern ſogar durchaus nothwendig.“ „Gut, gut!“ ſagte Pilletrouſſe. „Vorwärts!“ prüllte Malemort,„wir werden nie zum Ende kommen, wenn man ſo bei jedem Worte unterbricht... Ich habe Eile, mich zu ſchlagen.“ „Ei! ich unterbreche mich nicht, wie mir ſcheint,“ entgegnete Procope. Und er fuhr fort: „„Zwiſchen den Unterzeichneten: „„Jean Chriſoſtome Procope u. ſ. w., Honors Joſeph Maldent, Victor Felir Pponnet, Cyrille Népomucdne Lactance, Ceſar Annibal Malemort, Martin Pilletrouſſe, Vittorio Albani Fracaſſo und Heinrich und Franz Scharfenſtein, ſammt und M. Ein ſchmeichelhaftes Gemurmel unterbrach Pro⸗ cope, und Niemand dachte mehr daran, ihm die Titel und Eigenſchaften, die er ſich gegeben, ſtreitig zu machen, da Jeder beſchäftigt war, das Symbol, — mochte es eine Schärpe, eine Serviette, ein Sack⸗ tuch oder irgend ein Fetzen ſein,— das die Qua⸗ ſonders Kapitänen im Dienſte von König Heinrich ſ d eine Du es nſchaf⸗ ntheil, Alle d Je⸗ geben, Acte, nicht 34 erden edem gen.“ int,“ noré rille nort, und und rich ßro⸗ die itig bol, ack⸗ Ud⸗ 55 lification als Kapitän im Dienſte von Frankreich, die er erhalten, rechtfertigte, in Ordnung zu bringen. Procope ließ dem beifälligen Gemurmel Zeit, ſich zu legen, und fuhr dann fort: „„.. Iſt beſchloſſen worden, wie folgt:...““ „Verzeiht,“ ſagte Maldent,„die Acte iſt nichtig.“ „Warum nichtig?“ fragte Procope. „Du haſt nur Eines bei Deiner Acte vergeſſen.“ „Was?“ „Das Datum.“ „Das Datum ſteht am Ende.“ „Ah!“ verſetzte Maldent,„das iſt etwas An⸗ deres.. beſſer wäre es indeſſen, es ſtünde am Anfang.“ „Der Anfang oder das Ende, das iſt ganz einerlei. Die Inſtitutionen von Juſtinian ſagen poſitiv: „„Omne actum, quo tempore scriptum sit, indi- cato; seu initio, seu fine, ut paciscentibus libuerit.““ „Was beſagen will: „„Jede Urkunde muß mit ihrem Datum verſe⸗ hen ſein, nur ſteht es den Contrahirenden frei, es an den Anfang oder an das Ende genannter Ur⸗ kunde zu ſetzen.““ „Was für eine abſcheuliche Sprache iſt doch dieſe Advveatenſprache!“ ſagte Fracaſſo,„und wie weit iſt dieſes Latein vom Latein von Virgil und Horaz entfernt!“ Und er fing an ganz verliebt folgende Verſe der dritten Ekloge von Virgil zu ſcandiren: Malo me Galatea betit, lasciva puella: Et fugit ad salices, et se cupit ante videri... 56 „Stille, Fracaſſo!“ rief Procope. „Stille, ſo lange Du willſt,“ erwiederte Fra⸗ caſſo,„es iſt aber darum nicht minder wahr, daß, ſo groß Kaiſer Juſtinian der Erſte ſein mag, ich ihm Homer den Zweiten vorziehe, und daß ich lieber die Bukolika und ſogar die Aeneis gemacht haben möchte, als die Digeſta, die Inſtitutionen und das ganze Corpus juris civilis“ Der Streit ſollte ſich ohne Zweifel über dieſen wichtigen Punkt zwiſchen Fracaſſo und Procope ent⸗ ſpinnen,— und Gott weiß, wohin er die Strei⸗ tenden geführt hätte!— als eine Art von erſticktem Schrei außerhalb der Grotte hörbar wurde und die Aufmerkſamkeit der Abenteurer nach dieſer Seite hinzog. Bald deutete die äußere Helle, faſt gänzlich ab⸗ geſchnitten, an, daß ein undurchſichtiger Körper zwi⸗ ſchen das ſcheinbare und ephemere Licht der Fackel und das göttliche und unauslöſchliche Licht der Sonne trat. Endlich erſchien ein Weſen, deſſen Gattung ſich unmöglich ſpecificiren ließ, ſo unzuſammenhän⸗ gend waren ſeine Formen, im Helldunkel und ſchritt bis in die Mitte des Kreiſes, der ſich von ſelbſt vor ihm öffnete. Da erſt und beim Scheine der Fackel, welche die ungeſtalte Gruppe beleuchtete, erkannte man Franz Scharfenſtein in ſeinen Armen eine Frau haltend, auf deren Mund er ſeine breite Hand in Form einer Maulbirn oder eines Knebels drückte. Jeder erwartete die Erklärung dieſes neuen Vorfalls. „Kameraden!“ ſprach der Rieſe,„hier iſt eine kleine Frau, welche an⸗ der Mündung der Grotte — ric ein Fra⸗ daß, , ich lieber haben das ieſen ent⸗ trei⸗ cktem die Seite hab⸗ zwi⸗ ackel onne ung än⸗ hritt lbſt lche nan rau in kte. ine tte umherſtrich; ich habe ſie genommen und bringe ſie Euch... Was ſoll ich mit ihr machen?“ „Bei Gott!“ rief Pilletrouſſe,„laß ſie los.. ſie wird vielleicht nicht uns alle Neun freſſen!“ „Oh! ich habe nicht bange, daß ſie uns alle Neun frißt,“ verſetzte Franz mit einem ſchallenden Gelächter;„ich würde ſie eher ganz allein freſſen... Ja wohl!“ Und mitten im Kreiſe pflanzte er, wie ihn Pille⸗ trouſſe hiezu aufgefordert, die Frau auf ihre zwei Beine und trat dann raſch zurück. Die Frau, welche jung und hübſch war und, nach ihrer Tracht, der ſchätzenswerthen Claſſe der Köchin⸗ nen von gutem Hauſe anzugehören ſchien, ſchaute mit einem erſchrockenen Auge im Kreiſe umher, als wollte ſie ins Klare über die Geſellſchaft kommen, in deren Mittelpunkte ſie ſich befand, und die ihr auf den erſten Blick ein wenig gemiſcht zu ſein ſchien. Doch ihr Auge vollendete die Rundfahrt nicht, es hielt beim jüngſten und eleganteſten von unſeren Abenteurern an, und ſie rief: „Oh! Herr Yvonnet, um des Himmels willen, beſchützt mich, vertheidigt mich!“ Und ſie ſchlang ganz zitternd ihre Arme um den Hals des jungen Mannes. „Ah!“ ſagte Ywonnet,„es iſt Jungfer Gertrud!“ Und er preßte das Mädchen an ſeine Bruſt, um es zu beruhigen, und ſprach: „Bei Gott! meine Herren, wir werden friſche Nach— richten vom Schloſſe Parcg erhalten, denn hier iſt ein ſchönes Kind, das von dort kommt.“ Da nun die Nachrichten, welche Ywonnet durch den Mund von Jungfer Gertrud verſprach, Jeder⸗ mann im höchſten Grade intereſſirten, ſo verließen unſere Abenteurer, wenigſtens für den Augenblick, die Leſung ihres Geſellſchaftsvertrags, gruppirten ſich um die zwei jungen Leute, und warteten mit Un⸗ geduld, bis die Gemüthsbewegung, der Jungfer Ger⸗ trud preisgegeben war, dieſer zu ſprechen erlaubte. W Der Graf von Waldeck. Es herrſchte noch einige Minuten Stillſchwei⸗ gen, wonach Jungfer Gertrud, hinreichend beruhigt durch die Gründe, die ihr leiſe Monnet angab, end⸗ lich ihre Erzählung begann. Da aber dieſe Erzählung, häufig unterbrochen bald durch einen Ueberreſt von Gemüthserſchütterung, bald durch die Fragen der Abenteurer, unſern Leſern keine genügende Klarheit bieten könnte, ſo wollen wir mit ihrer Erlaubniß unſere Proſa an die Stelle von der der Erzählerin ſetzen und ſo klar, als es uns nur immer möglich ſein wird, das tragiſche Ereigniß mittheilen, welches das Mädchen ſich aus dem Schloſſe Parcg zu entfernen genöthigt und mitten unter unſere Abenteurer geführt hatte. Zwei Stunden nach dem Abgange von Yonnet, in dem Augenblicke, wo Jungfer Gertrud, ohne Zweifel ein wenig müde von der nächtlichen Con⸗ verſation mit dem ſchönen Pariſer, ſich endlich ent⸗ ſchloß, ihr Bett zu verlaſſen und zu ihrer Gebieterin * urch eder⸗ eßen „die ſich Un⸗ Ger⸗ ubte. wei⸗ higt end⸗ chen ung, ſern llen telle es ſche aus und net, hne on⸗ ent⸗ rin 59 hinabzugehen, welche ſie zum dritten Male rufen ließ, trat der Sohn des Pächters, ein junger Menſch von ſechzehn bis ſiebenzehn Jahren, tamens Phi⸗ lippin, ganz erſchrocken ins Zimmer der Dame und meldete ihr, ein Trupp von vierzig bis fünfzig Mann, von denen er, nach ihren gelb und ſchwarzen Schär⸗ pen zu ſchließen, glaube, ſie gehören zum Heere von Karl V., rücke gegen das Schloß heran, nachdem er ſeinen Vater, der auf dem Felde gearbeitet, ge⸗ fangen genommen habe. Philippin, der ſelbſt ein paar hundert Schritte vom Pächter arbeitete, hatte den Anführer des Trupps ſich ſeiner bemächtigen ſehen und aus den Geberden der Soldaten und des Gefangenen errathen, ſie ſpre⸗ chen unter ſich vom Schloſſe. Er hatte ſich kriechend bis zu einem Hohlwege geſchlichen, und hier ange⸗ langt war er, nachdem er geſehen, daß die topo⸗ graphiſche Lage des Terrain ſeine Flucht allen Blicken entzog, in größter Eile herbeigelaufen, um ſeiner Gebieterin zu melden, was vorging, und ihr Zeit zu geben, einen Entſchluß zu faſſen. Die Dame ſtand auf, trat ans Fenſter und ſah wirklich den Trupp kaum hundert Schritte vom Schloſſe entfernt; er zählte ungefähr fünfzig Mann, wie Philippin geſagt hatte, und ſchien befehligt von drei Anführern. Beim Pferde von einem der drei An⸗ führer marſchirte der Pächter, die Hände auf den Rücken gebunden; der Officier, an deſſen Seite er ging, hielt das Ende des Strickes, ohne Zweifel, damit der Pächter nicht zu entwiſchen verſuche, oder, wenn er dies thun wollte, ſchon beim Debut des Verſuches angehalten werde. 60 Dieſer Anblick war nichts weniger als beruhigend. Da indeſſen die Reiter, welche das Schloß zu be⸗ ſuchen ſich anſchickten, wie geſagt, die Schärpe des Reiches umhatten; da die drei Anführer, welche an der Spitze marſchirten, Kronen auf ihren Helmen und Wappen an ihren Bruſtharniſchen trugen; da die Befehle von Emanuel Philibert hinſichtlich der Plünderung und des Raubes ſehr beſtimmt waren; da es endlich, für eine Frau beſonders, kein Mittel zu fliehen gab, ſo beſchloß die Dame, die Ankom⸗ menden ſo gut, als es ihr immer möglich wäre, zu empfangen. Dem zu Folge verließ ſie ihr Zimmer, ging die Stiege herab, und erwartete ſie, als Merk⸗ mal der Ehre, die ſie ihnen erwies, auf den erſten Stufen der Freitreppe. Was Jungfer Gertrud betrifft, ſo war ihre Angſt beim Anblicke dieſer Menſchen ſo groß, daß ſie ſich, ſtatt im Gefolge ihrer Gebieterin zu gehen, wie es vielleicht ihre Pflicht war, an Philippin anklammerte und ihn flehentlich bat, ihr einen ſichern Zufluchts⸗ ort zu bezeichnen, wo ſie ſich während der ganzen Zeit, die die Soldaten im Schloſſe verweilen würden, verbergen könnte, und wohin er, Philippin, von Zeit zu Zeit kommen würde, um ihr Nachricht über die Angelegenheiten ihrer Gebieterin zu geben, die ihr eine ſchlimme Wendung zu nehmen ſchienen. Obgleich Jungfer Gertrud Philippin ſeit einiger Zeit ein wenig angeſchnauzt, und dieſer, der verge⸗ bens eine Urſache der Veränderung des Benehmens gegen ihn ſuchte, ſich vorgenommen hatte, mit Strenge gegen ſie zu verfahren, wenn ſie ſeiner guten Dienſte bedürfte, war doch Jungfer Gertrud ſo ſchön, wenn * nen Sch vor gin an men da der en; ttel om⸗ zu er, erk⸗ ten igſt ich, es rte ts⸗ zen en, eit die ihr er ge⸗ ns ge ſte nn 61 ſie Angſt hatte, ſo verführeriſch, wenn ſie bat, daß Philippin ſich erweichen ließ, Jungfer Gertrud auf der Geheimtreppe in den Hof führte, vom Hofe in den Garten, und ſie hier im Winkel einer Ciſterne verbarg, wo ſein Vater und er gewöhnlich ihr Gärt⸗ nereigeräthe aufbewahrten. Es war nicht wahrſcheinlich, daß Soldaten, die ſich ohne allen Zweifel mit dem Schloſſe, ſeinen Kü⸗ chen und Kellern zu beſchäftigen beabſichtigten, ſie an einem Orte ſuchen würden, wo es, wie Philipp ſcherzhaft ſagte, nichts als Waſſer zu trinken gab. Jungfer Gertrud hätte wohl gern Philippin bei ſichbehalten mögen, und Philippin ſeinerſeits wäre viel⸗ leicht nichts lieber geweſen, als bei Jungfer Gertrud zu bleiben; doch die Schöne war noch viel mehr neu⸗ gierig, als furchtſam, ſo daß bei ihr das Verlangen, Kunde zu erhalten, die Oberhand über die Angſt, allein zu bleiben, gewann. Zu größerer Sicherheit ſteckte überdies Philippin den Schlüſſel der Eiſterne in ſeine Taſche; was Anfangs Jungfer Gertrud ein wenig beunruhigte, nach reiferer Ueberlegung jedoch ihr im Gegentheil ganz ſie zu beruhigen geeignet ſchien. Jungfer Gertrud hielt den Athem an ſich und horchte mit allen Ohren; ſie hörte zuerſt einen ge⸗ waltigen Lärmen von Waffen und Pferden, von Geſchrei und Gewieher; Geſchrei und Gewieher ſchie⸗ nen ſich aber, wie es Philipp vorhergeſehen, im Schloſſe und in ſeinen Höfen zu concentriren. Die Gefangene zitterte vor Ungeduld und war vor Neugierde auf dem Roſte. Mehr als einmal ging ſie an die Thüre und verſuchte es, ſie zu öffnen. 62 Wäre es ihr gelungen, ſie hätte es ſicherlich auf die Gefahr, was ihr bei einem ſolchen Unternehmen Aergerliches begegnen könnte, verſucht, zu hören, was man ſagte, oder zu ſehen, was vorging, indem ſie an den Thüren gehorcht und über die Mauern geſchaut haben würde. Ein Tritt ſo leicht aufgeſetzt, als es gewöhnlich der der nächtlichen Thiere iſt, welche um die Hühner⸗ häuſer und die Schafſtälle herumſtreichen, näherte ſich endlich der Ciſterne; ein vorſichtig eingeſchobener Schlüſſel knirſchte ſachte im Schloſſe, und die lang⸗ ſam geöffnete Thüre ſchloß ſich raſch wieder, nach⸗ dem ſie Meiſter Philippin Eingang gewährt hatte. „Nun?“ fragte Gertrud, ehe nur die Thüre wieder geſchloſſen war. „Nun! Jungfer Gertrud,“ erwiederte Philippin, „es ſcheint, daß es wirklich Edelleute ſind, wie die Frau Baronin dies erkannt hatte; aber, mein Gott! was für Edelleute! wenn Ihr ſie würdet ſchwören und fluchen hören, Ihr müßtet ſie für wahre Heiden halten.“ „Mein Gott! was ſagt Ihr mir da, Herr Phi⸗ lippin!“ rief das Mädchen ganz erſchrocken. „Die Wahrheit, Jungfer Gertrud, die reine Wahrheit des guten Gottes! Zum Beweiſe dient, daß der Herr Kaplan ihnen Bemerkungen machen wollte, und daß ſie ihm antworteten, wenn er nicht ſchweige, ſo werden ſie ihn die Meſſe, den Kopf nach unten und die Füße in der Luft, ans Glockenſeil gehängt leſen laſſen; während ihr Kaplan, der eine Art von Bramarbas mit Schnurr- und Backenbart iſt, dem Andern in ſeiner Agende folgen ſollte, da⸗ * die ien en, em ern ich er⸗ rte ter 63 mit weder eine Frage, noch eine Antwort übergan⸗ gen werde.“ „Dann ſind das aber keine wahre Edelleute?“ verſetzte Jungfer Gertrud. „Doch, bei Gott! und zwar von den beſten Deutſchlands! Sie haben ſich nicht geſchämt, ihre Namen zu ſagen, was, wie Ihr zugeben werdet, nach der Art, wie ſie ſich benehmen, eine große Frech⸗ heit iſt. Der Aelteſte, der ein Mann von etwa fünfzig Jahren iſt, heißt Graf Waldeck und com⸗ mandirt viertauſend Reiter beim Heere Seiner Ma⸗ jeſtät Kaiſer Karl v. Die zwei Anderen, die, der Erſte vierundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahre, der Zweite neunzehn bis zwanzig Jahre alt ſein mögen, ſind der Eine ſein legitimer Sohn und der Andere ſein Baſtard. Nur ſcheint er nach dem Wenigen, was ich geſehen habe, wie es übrigens ziemlich gewöhn⸗ lich iſt, ſeinen Legitimen weniger zu lieben, als ſeinen Baſtard. Der legitime Sohn iſt ein ſchöner junger Mann mit bleicher Geſichtsfarbe, großen braunen Augen, ſchwarzen Haaren und ſchwarzem Schnurr⸗ bart, und meiner Anſicht nach könnte man dieſen noch dahin bringen, daß er der Vernunft Gehör ge⸗ ben würde. Doch nicht eben ſo iſt es beim Andern, beim Baſtard, bei dem, welcher roth iſt und Eulen⸗ augen hat... Dieſer, oh! Jungfer Gertrud, das iſt ein wahrer Teufel! Gott behüte Euch, daß Ihr ihm begegnet!... Er ſchaute die Frau Baronin an... ſeht, das war, daß Einem die Haut ſchauerte.“ „Ah! wahrhaftig?“ verſetzte Jungfer Gertrud, welche offenbar neugierig war, zu erfahren, was ein Blick ſein konnte, der die Haut ſchauern machte. „Ah! mein Gott! ja,“ ſprach Philippin in Form eines Redeſchluſſes,„und hiebei habe ich ſie gelaſſen. Nun kehre ich zurück, um Neuigkeiten zu holen, und ſobald ich habe, bringe ich ſie Euch.“ „Ja, ja, geht und kommt raſch wieder, aber nehmt Euch in Acht, daß Euch kein Unglück wider⸗ fährt.“ „Ah! ſeid unbeſorgt, Jungfer Gertrud,“ erwie⸗ derte Philippin;„ich zeige mich nie anders, als eine Flaſche in der Hand haltend, und da ich die guten Haufen kenne, ſo ſind die Schurken voll Rückſicht gegen mich.“ Philippin ging hinaus und ſchloß Jungfer Ger⸗ trud ein; dieſe dachte beſtändig in ihrem Innern, was Augen ſein könnten, welche Blicke, um ſchauern zu machen, ſchleuderten. Sie hatte ſich über dieſes Phänomen noch nicht genau Rechenſchaft gegeben, obgleich ſie beinahe eine Stunde nachgedacht, als ſich der Schlüſſel aufs Neue im Schloſſe drehte, und der Bote wieder erſchien. Es war nicht der der Arche, und er hielt ent⸗ fernt keinen Helzweig in der Hand. Der Graf von Waldeck und ſeine Söhne hatten durch Drohungen und ſogar durch Mißhandlungen die Baronin ge⸗ zwungen, ihnen ihre Juwelen, ihr Silberzeug und Alles, was ſich an Gold im Schloſſe fand, zu geben. Doch das hatte ihnen nicht genügt, und nachdem dieſes erſte Löſegeld entrichtet war, hatte man die arme Frau in dem Augenblicke, wo ſie von den adeligen Banditen, die von ihr Gaſtfreundſchaft ver⸗ langt, befreit zu ſein glaubte, gepackt, an den Fuß ihres Bettes gebunden und in ihr Zimmer einge⸗ * m n. id r⸗ ie⸗ ne en ht er⸗ n, rn cht ne ue nt⸗ on en ge⸗ nd em die en er⸗ uß ge⸗ 65 ſperrt, mit dem Verſprechen, das Schloß werde in Brand geſteckt, wenn ſie nicht in zwei Stunden in ihrer Börſe oder in der ihrer Freunde zweihun⸗ dert Roſenobel gefunden habe. Jungfer Gertrud jammerte gehörig über das Schickſal ihrer Gebieterin; da ſie ihr aber nicht, um ſie aus der Verlegenheit zu ziehen, in der ſie ſich befand, zweihundert Thaler zu leihen hatte, ſo be⸗ mühte ſie ſich, an etwas Anderes zu denken, und fragte Philippin, was der ſchändliche Baſtard von Waldeck mit ſeinen rothen Haaren und ſeinen ent⸗ ſetzlichen Augen mache. Philippin antwortete, der Baſtard von Waldeck ſei im Zuge, ſich zu berauſchen, eine Beſchäftigung, bei der er mächtig durch ſeinen Vater unterſtützt werde. Der junge Graf von Waldeck behalte allein ſo viel als möglich ſeine Kaltblütigkeit unter der Plünderung und der Orgie. Jungfer Gertrud hatte eine wüthende Luſt, ſich durch ihre eigenen Augen Aufklärung über das zu geben, was eine Orgie ſei. Die Plünderung kannte ſie: ſie hatte Thérouanne plündern ſehen; doch von einer Orgie hatte ſie keinen Begriff. Philippin erklärte ihr, das ſei eine Verſammlung von Männern, welche eſſen, trinken, unſchickliche Reden führen, und den Weibern, die in ihre Hände fallen, alle Arten von Beleidigungen anthun. Die Neugierde von Jungfer Gertrud verdoppelte ſich bei dieſem Gemälde, das doch ein minder mu⸗ thiges Herz als das ihrige beben gemacht hätte. Sie bat alſo Philippin, ſie hinausgehen zu laſſen, und wäre es nur auf zehn Minuten; doch dieſer wieder⸗ Dumas, der Page. J. 5 66 holte ihr ſo oft und ſo ernſt, ſie ſetze hiebei ihr Leben auf das Spiel, daß ſie ſich beſtimmen ließ, in ihrem Verſtecke zu bleiben und einen dritten Beſuch von Philippin abzuwarten, um einen beſtimmten Entſchluß zu faſſen. Dieſer Entſchluß war vor der Rückkehr von Phi⸗ lippin gefaßt. Sie beabſichtigte, unter jeder Bedin⸗ gung den Ausgang zu forciren, nach dem Schloſſe zu laufen, durch die verborgenen Gänge und die Ge⸗ heimtreppen hinauf zu ſchleichen und mit ihren Augen zu ſehen, was vorging, da eine Erzählung, ſo beredt ſie auch ſein möge, immer unter dem Schauſpiele bleibe, das ſie zu ſchildern beſtimmt ſei. Sobald ſie den Schlüſſel zum dritten Male im Schloſſe drehen hörte, ſchickte ſie ſich an, aus der Eiſterne hinauszuſtürzen, ob dies nun die Anſicht von Philippin wäre oder nicht wäre; als ſie aber den jungen Mann erblickte, wich ſie vor Schrecken zurück. Philippin war bleich wie ein Todter; ſein Mund ſtammelte Worte ohne Folge, und ſeine Augen hat⸗ ten den ſtieren Ausdruck behalten, den der Schrecken dem Blicke des Menſchen verleiht, der ein finſteres, entſetzliches Ereigniß geſehen hat. Gertrud wollte ihn befragen, doch bei der Be⸗ rührung dieſes Schreckens fühlte ſie ſich in Eis ver⸗ wandelt. Die Bläſſe, welche die Wangen des jungen Mannes bedeckte, ging auf ihr Geſicht über, und bei dieſer entſetzlichen Stummheit wurde ſie ſelbſt ſtumm. Der junge Mann ergriff ſie, ohne ein Wort zu ſagen, aber mit der Gewalt des Schreckens, dem man nicht einmal zu widerſtreben verſucht, beim Handge⸗ 8 — f ſ i — —„„— eben em von hluß Phi⸗ din⸗ zu Ge⸗ en redt iele im der ſicht ber cken und at⸗ cken es, Be⸗ er⸗ en bei m. an ge⸗ * 67 lenke, zog ſie nach der kleinen Gartenthüre fort, die nach der Ebene ging, und ſtammelte nur die Worte: „Sie iſt todt... ermordet... erdolcht!..“ Gertrud ließ ſich führen; Philippin ging einen Augenblick von ihr weg, um die Gartenthüre hinter ihnen zu ſchließen,— eine unnöthige Vorſicht, denn man dachte nicht daran, ſie zu verfolgen. Doch der Schlag war ſo heftig für Philippin geweſen, daß die dem armen Jungen mitgetheilte Bewegung nicht eher unterbrochen werden ſollte, als bis die Kräfte ihn verließen. Nach fünfhundert Schritten waren ſeine Kräfte erſchöpft; er fiel athem⸗ los nieder und murmelte mit einer Stimme ſo heiſer, als die eines mit dem Tode Ringenden, die gräß⸗ lichen Worte, die einzigen übrigens, die er ausge⸗ ſprochen: „Sie iſt todt... ermordet.. erdolcht!..“ Da ſchaute Gertrud umher: ſie war nur noch zweihundert Schritte vom Saume des Waldes ent⸗ fernt; ſie kannte den Wald, ſie kannte die Grotte; das war ein doppelter Zufluchtsort. Ueberdies würde ſie in der Grotte vielleicht vonnet finden. Es machte ihr wohl einige Gewiſſensbiſſe, daß ſie den armen Philippin ohnmächtig am Rande eines Grabens laſſen ſollte; doch ſie erblickte, gegen ihre Seite kommend, vier bis fünf Männer zu Pferde. Vielleicht waren dieſe Männer Soldaten vom Truppe des Grafen von Waldeck; ſie hatte keine Secunde zu verlieren, um ihnen zu entgehen. Sie ſtürzte nach dem Walde fort und lief, außer ſich, toll, wahnſinnig, bis ſie den Saum des Gehölzes erreicht hatte. Hier erſt blieb ſie ſtehen, lehnte ſich an einen Baum an, um nicht zu fallen, und warf einen Blick auf die Ebene. Die Reiter waren zu dem Orte gelangt, wo ſie Philippin ohnmächtig verlaſſen hatte. Sie hatten ihn aufgehoben, jedoch wahrnehmend, daß es ihm unmöglich war, einen Schritt zu machen, hatte ihn Einer quer über ſeinen Sattelbogen gelegt, und er transportirte ihn, gefolgt von ſeinen Kameraden, nach dem Lager zu. Dieſe Leute ſchienen übrigens nur gute Abſichten zu haben, und Gertrud fing an zu glauben, es hätte dem armen Philippin nichts Glücklicheres begegnen können, als in Hände zu fallen, welche ſo mitleidig zu ſein ſchienen. Ueber ihren Gefährten beruhigt, lief ſodann Gertrud, nachdem ſie bei dieſem Halte ein wenig Athem geſchöpft hatte, in der Richtung oder vielmehr gegen den Punkt fort, von dem ſie glaubte, er ſei in der Richtung der Grotte; doch ihr Kopf war ſo ver⸗ wirrt, daß die Merkmale, an denen ſie gewöhnlich ihren Weg erkannte, unbemerkt an ihren Augen vor⸗ übergingen. Sie verirrte ſich alſo, und erſt nach einer Stunde fand ſie ſich, durch Zufall, durch In⸗ ſtinct, in der Nähe der Grotte und im Bereiche der Hand von Franz Scharfenſtein. Man erräth das Uebrige: Franz ſtreckte eine Hand aus, umſchlang damit den Leib von Gertrud, drückte ihr die andere auf den Mund, hob ſie auf wie eine Feder, kehrte mit ihr in die Grotte zurück und ſtellte ſie ganz erſchrocken mitten unter die Aben⸗ teurer; beruhigt durch die freundlichen Worte von Yvonnet, gab ſie den Verſammelten die ſo eben von die ſie ten hm ihn er ach ten itte nen dig nn nig ehr in er⸗ lich or⸗ ach In⸗ der ine ud, auf rück en⸗ von von 69 uns ausgeführte Erzählung, welche mit einem allge⸗ meinen Schrei der Entrüſtung aufgenommen wurde. Doch man täuſche ſich nicht: dieſe Entrüſtung hatte eine ganz egviſtiſche Urſache. Die Abenteurer waren nicht entrüſtet über den geringen Grad von Moralität, den die Plünderer in Betreff des Schloſſes Parcg und ſeiner Bewohner an den Tag gelegt. Nein, ſie waren entrüſtet darüber, daß der Graf von Waldeck und ſeine Söhne am Morgen ein Schloß geplündert hatten, welches ſie am Abend zu plündern gedachten. Das Reſultat dieſer Entrüſtung war ein allge⸗ meines Hurrah, worauf der einſtimmig gefaßte Ent⸗ ſchluß folgte, auf Forſchung auszugehen, um zu ſehen, was zugleich in der Gegend des Lagers, wo⸗ hin man Philippin gebracht, und beim Schloſſe Parca vorfiel, wo das Drama, das Gertrud mit aller Beredtſamkeit und aller Energie des Schreckens er⸗ zählt hatte, in Erfüllung gegangen war. Doch bei den Abenteurern ſchloß die Entrüſtung die Klugheit nicht aus. Es wurde beſtimmt, daß zuerſt ein Freiwilliger den Wald auskundſchaften und den Abenteurern Bericht über den Stand der Dinge erſtatten ſollte. Je nach den Motiven der Sicher⸗ heit oder der Furcht, welche das Auskundſchaften gäbe, würde man handeln. Wvonnet erbot ſich, den Wald zu durchſtreifen. Das war der Mann, den man hiezu brauchte: er kannte alle Schliche des Waldes, er war behende wie ein Hirſch und liſtig wie ein Fuchs. Gertrud erhob ein gewaltiges Geſchrei und ſuchte ſich zu widerſetzen, daß ihr Geliebter eine ſo gefähr⸗ liche Sendung vollziehe; doch man machte ihr mit zwei Worten begreiflich, es ſei von ihr der Augen⸗ blick ſchlecht gewählt, um freien Lauf Liebesempfind⸗ lichkeiten zu laſſen, welche von der ein wenig poſi⸗ tiven Geſellſchaft, in der ſie ſich befinde, nur ſchlecht gewürdigt werden können. Sie war im Grunde ein Mädchen von geſundem Verſtande, und ſie beruhigte ſich, als ſie ſah, ihr Geſchrei und ihre Thränen wür⸗ den nicht nur erfolglos bleiben, ſondern ſie könnten ſogar eine ſchlimme Wendung für ſie nehmen. Ueber⸗ dies erklärte ihr Yonnet leiſe, die Geliebte eines Abenteurers dürfe nicht die nervöſe Reizbarkeit einer Romanprinzeſſin affectiren, und nachdem er ſie den Händen ſeines Freundes Fracaſſo anvertraut und unter die ſpecielle Obhut der zwei Scharfenſtein ge⸗ ſtellt hatte, verließ er die Grotte, um die von ihm übernommene wichtige Sendung zu vollbringen. Nach zehn Minuten kam er zurück. Der Wald war völlig verlaſſen und ſchien keine Gefahr zu bieten. ebenſo lebhaft in ihrer Grotte durch die Erzählung von Jungfer Gertrud erregt war, als die Neugierde von Jungfer Gertrud in ihrer Eiſterne durch die Erzählung von Philippin erregt geweſen, und da alte Abenteurer ihres Schlags ſchicklicher Weiſe nicht dieſelben Motive der Klugheit haben konnten, wie die, welche ein ſchönes und ſchüchternes Mädchen in ſeinen Handlungen leiten, ſo entfernten ſie ſich ſo⸗ gleich aus der Grotte, überließen den Geſellſchafts⸗ vertrag von Procope der Bewachung der Erdgeiſter, forderten Yonnet auf, ſich an ihre Spitze zu ſtellen, und wandten ſich, geleitet von ihm, nach dem Saume Da die Neugierde der verſammelten Männer faſt —— —————— n⸗ d⸗ cht in te r⸗ en er en id m 74 des Waldes,— nicht ohne daß Jeder ſich im Stillen verſichert hatte, ſein Dolch oder ſein Degen ſei nicht in die Scheide geroſtet. VI. Der Rechtspfleger. So wie unſere Abenteurer gegen den Theil des Waldes vorrückten, von dem wir geſagt haben, er erſtrecke ſich wie eine Lanzenſpitze bis auf eine Vier⸗ telmeile von Hesdin, die zwei Baſſins der unſern Leſern ſchon bekannten Ebene trennend, folgte auf den Hochwald ein dichter Schlag, der durch die Nähe ſeiner Stämme, durch die Verſchlingung ſeiner Aeſte denjenigen, welche unter ſeinem Schatten durch⸗ ſchlüpften, einen Zuwachs von Sicherheit bot. Ungefähr fünfzehn Schritte von dem Graben, der den Wald von der Ebene ſchied, ein Graben, welcher den Weg umzog, auf den wir ſchon im erſten Kapitel dieſes Buches die Aufmerkſamkeit des Leſers gelenkt haben, und der eine Verbindung zwi⸗ ſchen dem Schloſſe Parch, dem Lager des Kaiſers und den benachbarten Dörfern bildete, machten unſere Abenteurer Halt. Der Ort war gut gewählt für einen ſolchen Halt: eine ungeheure Eiche, welche mit einigen an⸗ dern Bäumen von derſelben Weſenheit und demſel⸗ ben Wuchſe ſtehen geblieben war, um anzudeuten, was einſt die unter der Art gefallenen Rieſen ge⸗ weſen, breitete ihren buſchigen Dom über ihrem Haupte aus, während ſie, wenn ſie ein paar Schritte 72 machten, ohne geſehen zu werden, ihre Blicke in die Ebene tauchen konnten. Alle ſchlugen gleichzeitig die Augen zu der mäch⸗ tigen Vegetation des hundertjährigen Baumes auf. Yvonnet begriff, was man noch von ihm erwartete; er machte mit dem Kopfe ein Zeichen der Einwilli⸗ gung und entlehnte die Tabletten von Fracaſſo, die ein einziges noch unbeflecktes Blatt enthielten; dieſes zeigte ihm der Dichter mit der Empfehlung, die an⸗ dern zu reſpectiren, welche die Verwahrer ſeiner träumeriſchen Nachtarbeiten waren. Er ſtellte einen von den Scharfenſtein an den knorrigen Pfeiler, den er mit ſeinen Armen nicht umfangen konnte, ſtieg in die gekreuzten Hände des Rieſen, erreichte von ſeinen Händen ſeine Schultern, von ſeinen Schultern die erſten Zweige des Baumes und ſaß in einem Augenblicke rittlings auf einem ſeiner kräftigen Aeſte, und zwar ſo behaglich und ſicher, als es ein Matroſe auf der Fockrah oder dem Beſahnmaſt iſt. Gertrud war ihm während dieſer Aufſteigung mit beſorgtem Auge gefolgt, doch ſie hatte ihre Furcht in ſich verſchließen und ihre Schreie zurückhalten ge⸗ lernt. Da ſie überdies wahrnahm, mit welcher Ge⸗ wandtheit und Ungezwungenheit ſich Yvonnet auf dem Aſtwerke zurecht ſetzte, mit welcher Leichtigkeit er ſeinen Kopf nach rechts und nach links drehte, ſo begriff ſie, daß, ſollte nicht einer der Schwindel ein⸗ treten, denen Yvonnet unterworfen war, wenn man ihn nicht anſchaute, für ihren Geliebten keine Ge⸗ fahr war. Die Hand als Lichtſchirm über ſeine Augen hal⸗ tend, bald gegen Norden, bald gegen Süden ſchauend, „ ——— — die auf. ete; illi⸗ die eſes an⸗ ner nen den tieg von ern em ſte, oſe ing cht ge⸗ auf 73 ſchien übrigens Wonnet ſeine Aufmerkſamkeit zwi⸗ ſchen zwei Schauſpielen von gleichem Intereſſe zu theilen. Dieſe vielfältigen Kopfbewegungen erregten un⸗ gemein die Neugierde der Abenteurer, welche, im Dickicht verloren, nichts von dem ſehen konnten, was Wonnet von den hohen Regionen ſah, wo er ſein Domicil aufgeſchlagen. Yvonnet begriff auch von ihrer Seite die Unge⸗ duld, von der ſie dadurch Merkmale gaben, daß ſie den Kopf in die Luft emporhoben, ihn mit dem Blicke befragten, und ſogar ihm halblaut zuzurufen wagten: „Aber was gibt es denn?“ Und unter den durch Geberde und Stimme Fra⸗ genden war Jungfer Gertrud, laſſen wir ihr dieſe Gerechtigkeit widerfahren, nicht die am wenigſten lebhafte. Wvonnet machte ſeinen Gefährten mit der Hand ein Zeichen des Verſprechens, andeutend, in einigen Secunden werden ſie ſo viel als er wiſſen. Er öff⸗ nete die Tabletten, riß das letzte weiße Blatt heraus, ſchrieb auf dieſes Blatt ein paar Zeilen mit Bleiſtift, rollte das Papier zwiſchen ſeinen Fingern zuſammen, damit es der Wind nicht forttrüge, und ließ es fallen. Alle Hände ſtreckten ſich aus, um es zu empfan⸗ gen, ſelbſt die weißen Händchen von Jungfer Ger⸗ trud; doch das Papier fiel in die breiten Patſchen von Franz Scharfenſtein. Der Rieſe lachte über ſein Glück, reichte das Popier ſeinem Nachbar und ſagte: „Euch die Ehre, Herr Procope; ich kann das Franzöſiſche nicht leſen.“ Nicht minder begierig, als die Andern, zu er⸗ fahren, was vorging, entfaltete Procope das Papier und las unter der allgemeinen Aufmerkſamkeit fol⸗ gende Zeilen: „Das Schloß Parcg ſteht in Flammen. „Der Graf von Waldeck, ſeine zwei Söhne und ſeine vierzig Reiter ſind wieder abgezogen und fol⸗ gen dem Wege, der vom Schloſſe Parcq nach dem Lager führt. „Sie ſind ungefähr zweihundert Schritte von der Spitze des Waldes entfernt, wo wir uns verbor⸗ gen halten. „Dies, was meine Rechte betrifft. „Nun folgt ein anderer kleiner Trupp ſeinerſeits der Straße vom Lager nach dem Schloſſe. „Dieſer Trupp beſteht aus ſieben Perſonen: einem Anführer, einem Waffenträger, einem Pagen und vier Soldaten. „So viel ich von hier aus beurtheilen kann, iſt der Anführer der Herzog Emanuel Philibert. „Sein Trupp iſt ungefähr in derſelben Entfer⸗ nung auf unſerer Linken, wie der des Grafen von Waldeck auf unſerer Rechten. „Marſchiren die beiden Truppe in demſelben Schritte, ſo müſſen ſie ſich gerade an der Spitze des Waldes begegnen, und ſich in dem Augenblicke, wo ſie es am wenigſten erwarten werden, einander gegen⸗ über finden. „Iſt der Herzog Emanuel, wie dies wahrſchein⸗ lich, durch Philippin von dem, was im Schloſſe vor⸗ gefallen, benachrichtet worden, ſo werden wir etwas Seltſames ſehen. * Her ( war ſage zu v ſein die dem lich Gef bei ſpiel folg Wa dur⸗ und des ang rine der eine beik Ger den ſein Koy er⸗ ier ol⸗ nd ol⸗ em er r⸗ its m 75 „Aufgemerkt, Kameraden!— es iſt wirklich der Herzog.“ Der Zettel von Yonnet endigte hiemit; doch es war ſchwer, mehr Dinge in weniger Worten zu ſagen und mit größerer Einfachheit ein Schauſpiel zu verſprechen, das in der That äußerſt intereſſant ſein ſollte, täuſchte ſich der Abenteurer nicht über die Identität und die Abſicht der Perſonen. Es näherte ſich jeder der Gefährten vorſichtig dem Saume des Waldes, um mit ſo viel als mög⸗ lich Bequemlichkeit und mit ſo wenig als möglich Gefahr dem von Yonnet, welchem der Zufall hie⸗ bei den beſten Platz angewieſen, verſprochenen Schau⸗ ſpiele beizuwohnen. Will der Leſer dem Beiſpiele unſerer Abenteurer folgen, ſo werden wir uns nicht um den Grafen von Waldeck und ſeine Söhne bekümmern, die wir ſchon durch die Erzählung von Jungfer Gertrud kennen, und uns, ebenfalls an den linken Saum des Wal⸗ des ſchleichend, in Verbindung mit der von Monnet angekündigten neuen Perſon ſetzen, welche nichts Ge⸗ ringeres als der Held unſerer Geſchichte iſt. Yvonnet hatte ſich nicht getäuſcht, der Anführer, der zwiſchen ſeinem Pagen und ſeinem Waffenträger, einem Truppe von vier Reiſigen, als handelte es ſich um eine einfache Tagspatrouille, vorausreitend her⸗ beikam, war wirklich der Herzog Emanuel Philibert, Generaliſſimus der Truppen von Kaiſer Karl V. in den Niederlanden. Er war um ſo leichter zu erkennen, als er, nach ſeiner Gewohnheit, ſeinen Helm, ſtatt ihn auf dem Kopfe zu tragen, an der linken Seite ſeines Sattels hängen hatte, was ihm faſt beſtändig beim Regen⸗ wetter, wie beim Sonnenſcheine, und zuweilen ſogar in der Schlacht begegnete; weshalb man ſagte, ſeine Unempfindlichkeit gegen die Kälte, gegen die Hitze und ſogar gegen die Streiche wahrnehmend, haben ihm die Soldaten den Beinamen Eiſenkopf gegeben. Es war in der Zeit, zu der wir gelangt ſind, ein ſchöner junger Mann von ſieben und zwanzig Jahren, von mittlerem Wuchſe, aber kräftig gebaut; mit kurz geſchnittenen Haaren, hoher, kahler Stirne, braunen wohl gezeichneten Brauen, lebhaften, durch⸗ dringenden blauen Augen, gerader Naſe, dichtem Schnurrbart, ſpitzig geſchnittenem Kinnbart und einem ein wenig in die Schultern eingedrückten Halſe, wie das beinahe immer bei den Abkömmlingen von kriegeri⸗ ſchen Geſchlechtern der Fall iſt, deren Ahnen den Helm mehrere Jahrhunderte hindurch getragen haben. Wenn er ſprach, war ſeine Stimme zugleich un⸗ endlich ſanft und merkwürdig feſt. Seltſam! ſie konnte zum Ausdrucke der heftigſten Drohung ſteigen, ohne ſich um mehr als einen oder zwei Töne zu er⸗ heben; die aufſteigende Tonleiter des Zorns war in den beinahe ungreifbaren Nuancen des Accentes ver⸗ borgen. Das hatte zur Folge, daß nur die Perſonen ſeines vertrauten Umgangs allein erriethen, welchen Ge⸗ fahren die Unklugen ausgeſetzt waren, die dieſen Zorn erregten und ihm trotzten, ein Zorn, der ſo gut nach innen zurückgedrängt, daß man nur in dem Mo⸗ mente ſeine Stärke begreifen und ſeinen Umfang meſſen konnte, wo er, unmittelbar auf den Blitz ſeiner Augen, losbrach, donnerte und wie das Gewitter zermalmte; „ ſod egen⸗ ſogar ſeine Hitze aben eben. ſind, nzig at; irne, urch⸗ htem inem wie geri⸗ den ben. un⸗ ſie gen, er⸗ r in ver⸗ ines„ Ge⸗ zorn nach Mo⸗ ſſen gen, nte; 77 ſodann, gerade wie, wenn der Blitz einmal eingeſchla⸗ gen, der Sturm ſich beſänftigt und das Wetter ſich aufheitert, nahmen, nachdem der Ausbruch ſtattge⸗ funden, die Phyſiognomie des Herzogs ihre gewöhn⸗ liche Ruhe und Heiterkeit, ſeine Augen ihren freund⸗ lichen und ſtarken Blick, ſein Mund ſein wohlwollendes, königliches Lächeln wieder an. Der Waffenträger, der an ſeiner Seite ritt und das Viſir offen hatte, war ein blonder junger Mann ungefähr von demſelben Alter und ganz von dem⸗ ſelben Wuchſe wie der Herzog. Seine hellblauen Augen voll Macht und Stolz, ſein Schnurrbart und ſein Kinnbart von einem Blond, das röthlicher als ſeine Haare, ſeine Naſe mit den wie die eines Löwen erweiterten Flügeln, ſeine Lippen, bei denen der Bart, der ſie bedeckte, weder das Colorit, noch die Dicke verbergen konnte, ſein zugleich durch die doppelte Schminke des Sonnenbrandes und der Geſundheit reicher Teint: Alles bezeichnete bei ihm die bis auf den höchſten Grad getriebene phyſiſche Kraft. Nicht an ſeiner Seite befeſtigt, ſondern ſich auf ſeinem Rü⸗ cken ſchaukelnd, klirrte eines von jenen furchtbaren zweiſchneidigen Schlachtſchwertern, wie Franz I. drei bei Marignan zerbrach, und die man ihrer Länge wegen nur über die Schulter zog, während an ſeinem Sat⸗ telbogen eine von den Streitärten hing, welche eine Schneide auf einer Seite, einen Kolben auf der andern, ein dreieckiges, ſcharfes Eiſen an ihrer Spitze boten; ſo daß man mit dieſer einzigen Waffe, und je näch der Gelegenheit, wie mit einer Art ſpalten, wie mit einem Hammer niederſchlagen, wie mit einem Dolche durchbohren konnte. 78 Zur Linken des Herzogs ritt ſein Page; das war ein ſchöner Jüngling von kaum ſechzehn bis achtzehn Jahren, mit Haaren ſo ſchwarz, daß ſie blau erſchie⸗ nen, auf deutſche Weiſe geſchnitten, wie ſie die Ritter von Holbein und die Engel von Raphael tragen. Beſchattet durch lange, ſammetartige Wimpern, waren ſeine Augen begabt mit jener ungreifbaren Nuance, welche zwiſchen dem Kaſtanienbraun und dem Veil⸗ chenblau ſchwebt, und die man nur bei den arabiſchen oder ſicilianiſchen Augen trifft. Sein matter Teint, — von jener ſchönen, den nördlichen Gegenden der italieniſchen Halbinſel eigenthümlichen Mattheit,— ſchien der eines carrariſchen Marmors zu ſein, deſſen Bläſſe lange und verliebt die römiſche Sonne getrunken hätte. Seine feinen, weißen, zarten Hände lenkten mit einer merkwürdigen Gewandtheit ein kleines Pferd von Tunis, das ſtatt des Sattels nur eine Schabracke gemacht aus einem Leopardenfell, mit Augen von Schmelz, mit Zähnen und Klauen von Gold, und als Zaum nur eine leichte ſeidene Schnur hatte. Seine einfache, aber höchſt elegante Kleidung beſtand aus einem ſchwarzen Sammetwamms, das ſich auf einem kirſchrothen Leibrocke öffnete, mit Schlitzen von weißem Atlaß, um die Hüften von einem goldenen Bande umſchlungen, das einen Degen trug, deſſen Griff von einem einzigen Agat gemacht war. Sein zierlich ge⸗ formter Fuß war in einen Stiefel von Saffian ein⸗ geſchloſſen, in deſſen oberem Ende, an der Höhe des Knies, eine Hoſe von Sammet, dem des Wammſes ähnlich, ſich verlor. Sein Kopf war bedeckt mit einer Faltenmütze von demſelben Stoffe und derſelben Farbe, wie der ganze äußere Theil der Kleidung; um die * war tzehn ſchie⸗ titter gen. aren ance, Veil⸗ chen eint, der ſſen nken kten ferd acke von und eine aus lem em nde on ge⸗ in⸗ es er be, ie 79 Mütze, über der Stirne durch eine Diamantagraffe befeſtigt, rollte ſich eine kirſchrothe Feder, deren Ende, flatternd beim geringſten Hauche der Luft, anmuthig zwiſchen beiden Schultern niederfiel. Nachdem unſere neuen Perſonen geſtellt und in Scene gebracht ſind, kehren wir zu der einen Augenblick unterbrochenen Handlung zurück, die ſich noch kräf⸗ tiger und feſter als zuvor wiederanknüpfen ſoll. Während dieſer Beſchreibung ſetzten in der That der Herzog Emanuel Philibert, ſeine zwei Gefährten und die vier Mann von ſeinem Gefolge ihren Marſch fort, ohne den Gang ihrer Pferde zu beſchleunigen oder zu hemmen. Nur, ſowie ſie ſich der Spitze des Waldes näherten, verdüſterte ſich das Geſicht des Herzogs immer mehr, als ob er zum Voraus das troſtloſe Schauſpiel erwartet hätte, das ſich ſeinen Augen bieten ſollte, ſobald er an dieſer Waldſpitze vorbeigeritten wäre. Doch plötzlich, als ſie gleichzei⸗ tig an das Ende der Ecke kamen, wie es Yvonnet vorhergeſehen, fanden ſich die zwei Truppe einan⸗ der von Angeſicht zu Angeſicht gegenüber, und ſelt⸗ ſamer Weiſe war es der zahlreichere von beiden Truppen, der, an ſeinen Platz genagelt durch ein Ge⸗ fühl des Erſtaunens, in das ſich ſichtbar ein wenig Bangigkeit miſchte, anhielt. Ohne durch ein Beben ſeines Körpers, durch eine Geberde ſeiner Hand, durch eine Bewegung ſeines Geſichtes das Gefühl zu bezeichnen, das ihn ergriff, ſetzte im Gegentheil Emanuel Philibert ſeinen Marſch fort und ritt gerade auf den Grafen zu, der ihn zwiſchen ſeinen zwei Söhnen erwartete. Zehn Schritte vom Grafen winkte Emanuel ſei⸗ 80 nem Waffenträger, ſeinem Pagen und ſeinen vier Soldaten, und dieſe hielten mit einer ganz militäri⸗ ſchen Botmäßigkeit an. Als er nur noch im Bereiche der Hand vom jun⸗ gen Grafen von Waldeck entfernt war, der ſich wie ein Wall zwiſchen ihm und ſeinem Vater geſtellt fand, hielt der Herzog ebenfalls an. Die drei Edelleute legten die Hand an ihre Helme zum Zeichen des Grußes, nur, indem er die Hand an den ſeinigen legte, ließ der Baſtard von Waldeck das Viſir nieder, als wollte er für jedes Ereigniß bereit ſein. Der Herzog erwiederte ihren dreifachen Gruß durch ein Neigen ſeines bloßen Kopfes. Dann ſprach er, indem er ſich an den jungen Grafen von Waldeck wandte, mit jener weichen Stimme, welche aus ſeiner Rede eine Harmonie machte: „Herr von Waldeck, Ihr ſeid ein würdiger, wa⸗ ckerer Edelmann, wie ich ſie liebe, und wie ſie mein erhabener Gebieter Kaiſer Karl V. liebt. Längſt ge⸗ dachte ich etwas für Euch zu thun; vor einer Vier⸗ telſtunde hat ſich eine Gelegenheit hiezu geboten, und ich habe ſie ergriffen. Ich erhalte ſo eben die Nach⸗ richt, daß eine Compagnie von hundert und zwanzig Lanzen, deren Aushebung ich im Namen Seiner Majeſtät des Kaiſers auf dem linken Ufer des Rheins befohlen habe, in Speier verſammelt iſt; ich habe Euch zum Kapitän dieſer Compagnie ernannt.“ „Gnädigſter Herr!“ ſtammelte der junge Mann erſtaunt und ganz erröthend vor Vergnügen. „Hier iſt Euer Patent unterzeichnet von mir und geſiegelt mit dem Siegel des Reiches,“ fuhr der un⸗ wie ellt lme and deck niß ruß gen me, wa⸗ iein ge⸗ ier⸗ und ach⸗ nzig iner eins ae ann und der 81 Herzog fort, indem er aus ſeiner Bruſt ein Perga⸗ ment zog und dem jungen Grafen von Waldeck über⸗ reichte;„nehmt es und geht auf der Stelle, ohne eine Minute Verzug, ab... Wir werden wahrſchein⸗ lich ins Feld rücken, und ich brauche Euch und Eure Leute. Geht, Herr von Waldeck, zeigt Euch würdig der Gunſt, die Euch bewilligt worden iſt, und Gott beſchütze Euch!“ Die Gunſt war in der That groß. Ohne Com⸗ mentar dem ihm gegebenen Befehle, auf der Stelle abzugehen, gehorchend, nahm auch der junge Mann ſogleich Abſchied von ſeinem Vater und ſeinem Bru⸗ der, wandte ſich an Emanuel und ſagte: „Gnädigſter Herr, Ihr ſeid wahrhaft ein Rechts⸗ pfleger, wie man Euch nennt, für das Böſe wie für das Gute, für den Guten wie für den Böſen... Ihr habt Vertrauen zu mir gehabt, dieſes Vertrauen wird gerechtfertigt werden. Gott befohlen, Durch⸗ laucht!“ Und der junge Mann ſetzte ſein Pferd in Galopp und verſchwand an der Ecke des Waldes. Emanuel Philibert folgte ihm mit dem Blicke, bis er ihn völlig aus dem Geſichte verloren hatte. Dann wandte er ſich um, heftete einen ſtrengen Blick auf den Grafen von Waldeck und ſprach: „Und nun zu Euch, Herr Graf!..“ „Gnädigſter Herr,“ unterbrach der Graf,„er⸗ laubt, daß ich vor Allem Eurer Durchlaucht für die Gunſt danke, die ſie meinem Sohne gewährt hat.“ „Die Gunſt, die ich dem jungen Grafen von Waldeck gewährt,“ entgegnete kalt Emanuel,„iſt kei⸗ nen Dank werth, da er ſie verdient hat... Nur Dumas, der Page. I. 6 82 habt Ihr ſeine Worte gehört: ich bin ein Rechts⸗ pfleger für das Böſe wie für das Gute, für den Guten wie für den Böſen. Uebergebt mir Euren Degen, Herr Graf!“ Der Graf bebte und erwiederte mit einem Aus⸗ drucke, der andeutete, er werde nicht leicht dem ihm ertheilten Befehle gehorchen: „Ich Euch meinen Degen übergeben! und warum dies?“ „Ihr kennt meinen Beſchluß, der das Plündern und Marodiren bei Strafe der Ruthen oder des Gal⸗ gens für die Soldaten, bei Strafe des Arreſtes oder des Gefängniſſes für die Chefs verbietet. Ihr habt mein Verbot übertreten, indem Ihr mit Gewalt, trotz der Bemerkungen Eures Sohnes, in das Schloß Parcq eingedrungen ſeid und das Gold, die Juwelen, das Silberzeug der Dame, die es bewohnte, geraubt habt; Ihr ſeid ein Plünderer und ein Marodirer; übergebt mir Euren Degen, Herr Graf von Waldeck!“ Der Herzog hatte dieſe Worte geſprochen, ohne daß ſich der Ton ſeiner Stimme ſichtbar verändert, ausgenommen für ſeinen Waffenträger und für ſei⸗ nen Pagen, welche, während ſie erſt anfingen zu be⸗ greifen, um was es ſich handelte, ſich mit einer ge⸗ wiſſen Beſorgniß anſchauten. Der Graf von Waldeck erbleichte; doch, wie ge⸗ ſagt, es war ſchwer für einen Fremden, aus dem Tone der Stimme von Emanuel Philibert zu erra⸗ then, zu welchem Grade von Drohung ſeine Gerech⸗ tigkeit oder ſein Zorn gekommen. „Meinen Degen, Durchlaucht?“ verſetzte Waldeck, „oh! ich habe ohne Zweifel noch einen andern Frevel c 8 chts⸗ den uren lus⸗ ihm rum 83 begangen.. ein Edelmann übergibt ſeinen Degen nicht wegen einer ſolchen Kleinigkeit!“ Und er ſuchte verächtlich zu lachen. „Ja, mein Herr,“ antwortete Emanuel,„ja, Ihr habt noch etwas Anderes gethan, doch zur Ehre des Adels von Deutſchland verſchwieg ich, was Ihr ge⸗ than. Ihr wollt, daß ich ſpreche? Es ſei; höret alſo. Als Ihr Gold, Silberzeug, Juwelen geraubt hattet, genügte Euch das nicht: Ihr ließet die Her⸗ rin des Hauſes an den Fuß ihres Bettes binden und ſagtet zu ihr:„„Habt Ihr nicht in zwei Stun⸗ den in unſere Hände die Summe von zweihundert Roſenobeln entrichtet, ſo ſtecke ich Euer Schloß in Brand!““ Ihr habt das geſagt, und nach zwei Stunden, da es für die arme Frau, die Euch Alles bis auf ihre letzte Piſtole gegeben, eine Unmöglich⸗ keit war, Euch die verlangten zweihundert Goldthaler zu entrichten, habt Ihr den Pachthof angezündet, damit das unglückliche Opfer Zeit habe, ſeine Betrach⸗ tungen anzuſtellen, ehe der Brand das Schloß er⸗ reicht... Und Ihr werdet nicht ſagen, das ſei nicht wahr; man ſieht von hier aus Flamme und Rauch. Ihr ſeid ein Brandſtifter; übergebt mir Euren Degen, Herr Graf!“ Der Graf knirſchte mit den Zähnen, denn er fing an zu begreifen, welche Entſchloſſenheit in den ruhi⸗ gen, aber feſten Worten des Herzogs lag. „Gnädigſter Herr,“ ſagte er,„da Ihr ſo gut über den Anfang unterrichtet ſeid, ſo werdet Ihr ohne Zweifel auch über das Ende nicht minder gut unterrichtet ſein.“ „Ihr habt Recht, mein Herr, ich weiß Alles: 84 ich wollte Euch den Strang erſparen, den Ihr ver⸗ dient.“. „Durchlaucht!“ rief Waldeck im Tone der Droh⸗ ung. „Stille, mein Herr!“ ſagte Emanuel Philibert, „achtet Euren Ankläger und zittert vor Eurem Rich⸗ ter!. Das Ende?. Ich will es Euch ſagen. Beim Anblicke der Flamme, welche in die Lüfte emporzu⸗ ſteigen anfing, iſt Euer Baſtard, der den Schlüſſel des Zimmers hatte, in dem die Gefangene gebunden war, in dieſes Zimmer eingetreten. Die Unglück⸗ liche hatte nicht geſchrieen, als ſie das Feuer ſah, das ſich ihr näherte: das war nur der Tod. ſie ſchrie, als ſie Euren Baſtard herbeikommen und ſie in ſeine Arme nehmen ſah, denn das war die Schande! Der junge Graf von Waldeck hörte dieſes Geſchrei und eilte hinzu. Er forderte ſeinen Bruder auf, derjenigen, welche er beſchimpfte, die Freiheit zu ge⸗ ben; doch er, ſtatt auf dieſen Ruf der Ehre zu ant⸗ worten, warf die Gefangene ganz gebunden auf das Bett und zog ſeinen Degen. Der junge Graf von Waldeck riß ſeinen Degen ebenfalls aus der Scheide, entſchloſſen, dieſe Frau, ſelbſt mit Gefahr ſeines Lebens, zu retten. Die zwei Brüder griffen ſich mit der größten Erbitterung an, denn ſie haßten ſich ſeit langer Zeit. Da tratet Ihr ein, und im Glauben, Eure zwei Söhne ſchlagen ſich um den Beſitz dieſer Frau, ſagtet Ihr:„„Die ſchönſte Frau der Welt iſt nicht den Blutstropfen werth, der aus den Adern eines Soldaten kommt. Nieder mit den Waffen! ich will Euch verſöhnen...““ Auf Eure Stimme ſenkten ſodann die beiden Brüder ihre Degen; Ihr ginget zwi⸗ * ver⸗ roh⸗ ert, ich⸗ eim rzu⸗ iſſel den ück⸗ ah, ſie ſie de! rei uf, ge⸗ nt⸗ s wn de, nit eit en, ſer iſt rn ich en i⸗ 85 ſchen ihnen durch; ſie folgten Euch mit dem Blicke, denn ſie wußten nicht, was Ihr thun wolltet. Ihr nähertet Euch der geknebelten und auf das Bett zu⸗ rückgeworfenen Frau, und ehe der Eine oder der Andere von Euren Söhnen Zeit hatte, ſich dieſer ſchändlichen Handlung zu widerſetzen, zoget Ihr Euren Dolch und bohrtet ihn derſelben in die Bruſt... Saget nicht, das habe ſich nicht ſo zugetragen; ſaget nicht, das ſei nicht wahr: Euer Dolch iſt noch feucht und Eure Hände ſind noch blutig. Ihr ſeid ein Mörder: übergebt mir Euren Degen, Graf von Waldeck!“ „Das iſt leicht zu ſagen, Durchlaucht,“ erwie⸗ derte der Graf von Waldeck;„doch ein Waldeck würde Euch ſeinen Degen nicht übergeben, obgleich Ihr ein gekrönter oder entkrönter Fürſt ſeid, wenn er allein gegen Euch Sieben wäre, und alſo um ſo weniger, da er ſeinen Sohn zu ſeiner Rechten und vierzig Soldaten hinter ſich hat.“ „Dann,“ entgegnete Emanuel mit einem leichten Beben in der Stimme,„da Ihr mir Euren Degen nicht gutwillig geben wollt, muß ich ihn Euch mit Gewalt nehmen.“ Und er ließ ſein Pferd einen Sprung machen und befand ſich unmitelbar an der Seite des Grafen. Zu nahe bedrängt, um ſeinen Degen zu ziehen, griff der Graf mit der Hand nach ſeinen Holftern; doch ehe er den Knopf losgemacht hatte, der ſie ſchloß, hatte Emanuel Philibert die Hand in ſein vorher ſchon geöffnetes Holfter getaucht und eine geladene Piſtole herausgezogen. Die Bewegung war ſo raſch, daß ihr weder der 86 Baſtard von Waldeck, noch der Waffenträger, noch der Page des Herzogs, noch der Graf von Waldeck ſelbſt zuvorkommen konnten. Mit einer Hand ſo ruhig und ſicher als die der Gerechtigkeit drückte der Herzog in einer ſo unmittelbaren Nähe los, daß das Pulver dem Grafen das Geſicht verbrannte und die Kugel ſeine Hirnſchale zerſchmetterte. Der Graf hatte kaum Zeit, einen Schrei auszu⸗ ſtoßen; er öffnete die Arme, ſank langſam auf das Kreuz ſeines Pferdes zurück, wie ein Athlet, den ein unſichtbarer Streiter rückwärts gebogen hätte, verlor den Steigbügel des rechten Fußes, dann den des linken, und rollte ſchwerfällig auf die Erde. Der Rechtspfleger hatte Gerechtigkeit geübt; der Graf war auf der Stelle todt. Während der ganzen Zeit, welche dieſe Scene gedauert, war der Baſtard von Waldeck, ganz be⸗ deckt mit ſeiner eiſernen Rüſtung, aufrecht und un⸗ beweglichwie eine Reiterſtatue geblieben; als er aber den Piſtolenſchuß hörte, als er ſeinen Vater fallen ſah, ſtieß er einen Wuthſchrei aus, der gleichſam knir⸗ ſchend durch das Viſir ſeines Helmes drang. Er wandte ſich ſodann an ſeine beſtürzten Sol⸗ daten und rief ihnen deutſch zu: „Herbei, Gefährten; dieſer Menſch gehört nicht zu den Unſeren... Den Tod dem Herzog Emanuel!“ Doch ſtatt jeder Antwort ſchüttelten die Soldaten zum Zeichen der Verneinung den Kopf. „Ah!“ ſchrie der junge Mann, der ſich immer mehr von ſeinem Zorne hinreißen ließ,„ah! Ihr höret mich nicht? ah! Ihr weigert Euch, denjenigen zu rächen, der Euch liebte wie ſeine Kinder, der Euch „ noch ldeck ſo ückte daß und das ein erlor des der cene be⸗ un⸗ den ſah, knir⸗ Sol⸗ nicht el!“ aten mer Ihr igen Euch mit Gold belud, mit Beute vollſtopfte! Wohlan, ſo werde ich ihn rächen, da Ihr Undankbare und Feige ſeid!“ Und er zog ſeinen Degen, um auf den Herzog loszuſtürzen; doch zwei Reiter ſprangen an das Stirn⸗ blech ſeines Pferdes und ergriffen den Zaum jeder auf einer Seite des Gebiſſes, während ein Dritter ihn in ſeinen Armen feſtnahm. Der junge Mann ſträubte ſich wüthend und über⸗ fluthete mit Schmähungen diejenigen, welche ihn ge⸗ ſeſſelt hielten. Der Herzog betrachtete dieſes S hauſpiel mit einem gewiſſen Mitleid er begriff die Verzweiflung des Sohnes, der ſeinen Vater zu ſeinen Füßen hatte fallen ſehen. „Durchlaucht,“ ſprachen die Reiter,„was befehlt Ihr, daß wir mit dieſem Menſchen thun ſollen?“ „Ihn frei laſſen,“ erwiederte der Herzog.„Da er mich bedroht hat, ſo könnte er, wenn ich ihn verhaften würde, glauben, ich habe Furcht.“ Die Reiter riſſen den Degen aus den Händen ves Baſtards und ließen ihn frei. Der junge Mann ließ ſein Pferd ſpringen, und dieſes hatte mit einem Satze die Entfernung hinter ſich, die es von Emanuel Philibert trennte. Der Herzog erwartete den Baſtard mit der Hand am Kolben ſeiner zweiten Piſtole. „Emanuel Philibert, Herzog von Savoyen, Prinz von Piemont,“ rief der Baſtard von Waldeck, indem er die Hand drohend gegen ihn ausſtreckte,„nicht wahr, Du begreifſt, daß von mir zu Dir von heute an ein tödtlicher Haß herrſcht?. Emanuel Philibert, 88. Du haſt meinen Vater getödtet!(Er ſchlug ſein Viſir auf.) Schau' mein Geſicht wohl an, und ſo oft Du es wiederſehen wirſt, ſei es bei Nacht, ſei es bei Tage, bei einem Feſte oder im Kampfe, wehe! wehe Dir, Emanuel Philibert!“ Und er ließ ſein Pferd eine Wendung machen, und ritt im Galopp weg, indem er die Hand ſchüt⸗ telte, als wollte er noch einen Fluch gegen den Her⸗ zog ſS und ihm zum letzten Male:„Wehe!“ zurief. „Elender!“ rief der Waffenträger von Emanuel, während er ſeinem Pferde die Sporen gab, um ihm nachzujagen. Doch der Herzog winkte ihm gebietend und ſagte: „Nicht einen Schritt weiter, Scianca Ferrol ich verbiete es Dir!“—— Sodann ſich gegen ſeinen Pagen umwendend, der, bleich wie der Tod, faſt aus dem Sattel zu fallen ſchien, ſprach er, indem er ſich ihm näherte und ihm die Hand reichte. „Was iſt das, Leone? Wahrhaftig, wenn man Euch ſo bleich und zitternd ſieht, ſollte man Euch für ein Weib halten!“ „Oh! mein vielgeliebter Herzog,“ flüſterte der Page,„wiederholt mir, daß Ihr nicht verwundet ſeid, oder ich ſterbe.“ „Kind,“ erwiederte der Herzog,„bin ich nicht unter der Hand Gottes?“ Und zu den Reitern ſprach er, auf den Leich⸗ nam des Grafen von Waldeck deutend: „Meine Freunde, verſchafft ein chriſtliches Be⸗ gräbniß dieſem Manne, und die Gerechtigkeit, die ich Biſir Du bei oehe hen, hüt⸗ er⸗ e nel, hm te: ich nd, len hm an uch der det cht ich 89 an ihm geübt habe, ſei Euch ein Beweis, daß es in meinen Augen, wie in denen des Herrn, weder Große, noch Kleine gibt. Und er nickte Scianca Ferro und Leone zu, und ſchlug wieder mit ihnen den Weg nach dem Lager ein, ohne daß ſein Geſicht eine andere Spur von dem gräßlichen Ereigniß, das ſich zugetragen, behalten hätte, als die gewöhnliche Runzel, welche ein wenig tiefer als ſonſt auf ſeiner Stirne die Furche des Gedankens zu graben ſchien. VII. Geſchichte und Roman. Während die Abenteurer, unſichtbare Zeugen der von uns erzählten Kataſtrophe, einen ſchwermüthigen Blick auf die rauchenden Trümmer des Schloſſes Parcq werfend, nach ihrer Grotte zurückkehren, um die letzte Hand an den Geſellſchaftsvertrag zu legen, der zwar für den Augenblick unnütz geworden iſt, unfehlbar aber in der Zukunft, zu Gunſten der ent⸗ ſtehenden Verbindung, die herrlichſten Früchte tragen muß; während die Reiter, dem ihnen ertheilten Be⸗ fehle, oder vielmehr der Aufforderung, ihrem vor⸗ maligen Anführer ein chriſtliches Begräbniß zu ver⸗ ſchaffen, gehorchend, in einer Ecke des Kirchhofes von Hesdin das Grab von demjenigen graben, der, nach⸗ dem er die Strafe für ſein Verbrechen auf Erden erhal⸗ ten, nun in der Hoffnung auf die göttliche Barmherzig⸗ keit ruht; während endlich Emanuel Philibert zwiſchen ſeinem Waffenträger Scianca Ferro und ſeinem Pagen 90 Leone nach ſeinem Zelte zurückreitet, wollen wir Alles, was bis jetzt nur Prolog, Scenirung und ſecundäres Perſonal unſeres Dramas geweſen iſt, verlaſſend und zur wirklichen Handlung und den Hauptperſonen, welche endlich auftreten ſollen, übergehend,— wir wollen, ſagen wir, um dem Leſer eine umfaſſende Kenntniß von ihrem Charakter und ihrer politiſchen und moraliſchen Lage zu geben, einen zugleich für die Einen hiſtoriſchen und für die Andern roman⸗ tiſchen Ausflug auf die Domaine der Vergangen⸗ heit machen,— ein glänzendes Königreich des Dichters und Geſchichtſchreibers, das ihnen keine Revolution rauben kann. Der dritte Sohn von Karl IMI., genannt der Gütige, und von Beatrir von Portugal wurde Ema⸗ nuel Philibert geboren im Schloſſe Chambery, am 8. Juli 1528. Er erhielt den doppelten Namen Emanuel Phi⸗ libert, Emanuel in Rückſicht auf ſeinen mütterlichen Großvater Emanuel, König von Portugal, und Phi⸗ libert in Folge eines Gelübdes, das ſein Vater in Saint⸗Philibert de Tournus gethan hatte. Er wurde geboren Nachmittags um vier Uhr und erſchien ſo ſchwach an den Pforten des Lebens, daß der Athein des Kindes nur durch das Hauche von einer der Frauen ſeiner itter unterhalten wurde, und daß bis zum Alter von drei Jahren der Kopf auf ſeine Bruſt geſenkt blieb und er nicht auf ſeinen Beinen ſtehen konnte. Als man ihm die Na⸗ tivität ſtellte, wie dies damals bei der Geburt jedes Fürſtenſohnes zu geſchehen pflegte, und das Horoſtop verkündigte, derjenige, welcher geboren worden, werde Alles, däres d und onen, wir ſende ſchen für man⸗ igen⸗ hters ution der Fma⸗ am Phi⸗ chen Phi⸗ r in urde n ſo hem nge, lten der auf Na⸗ des ſtop rde 9¹ ein großer Krieger ſein und das Haus Savoyen in einem herrlicheren Glanze leuchten machen, als dies durch Peter genannt der kleine Karl der Große, oder Amadeus v. genannt der Große, oder Ama⸗ deus VI. genannt der grüne Graf geſchehen ſei, da konnte ſich ſeine Mutter nicht enthalten, Thränen zu vergießen, und ſein Vater, ein frommer, gotter⸗ gebener Fürſt, ſagte den Kopf ſchüttelnd mit dem Ausdrucke des Zweifels zu dem Mathematiker, der dieſe Wahrſagung ausſprach: „Gott höre Euch, mein Freund!“ Emanuel Philibert war der Reffe von Karl V. durch ſeine Mutter Beatrix von Portugal, die Schönſte und Vollendetſte der Fürſtinnen ihrer Zeit, und ein Vetter von Franz I. durch ſeine Tante Louiſe von Savoyen, unter deren Kopftiſſen der Connetable von Bourbon das Band vom Heiligen⸗Geiſt⸗Orden, das Franz I. von ihm zurückverlangte, gelaſſen zu haben behauptete. Es war auch ſeine Tante, jene geiſtreiche Mar⸗ garethe von Oeſterreich, die eine handſchriftliche Sammlung von Liedern hinterließ, welche man noch heute in der Nationalbibliothek von Frankreich ſehen kann, und die von einem Sturme überfallen in dem Augenblick, wo ſie ſich nach Spanien begab, um den Infanten Sohn von Ferdinand und Iſabella zu hei⸗ rathen, nachdem ſie mit dem Dauphin von Frank⸗ reich und dem König von England verlobt geweſen war, auf ſich ſelbſt im Glauben, ſie werde ſterben, folgende ſeltſame Grabſchrift machte: 92 Pleurez, amours! pleurez Margot la belle, Qui fut trois fois promise, et qui mourut pucelle!*) Emanuel Philibert war, wie geſagt, ſo ſchwäch⸗ lich, daß ihn ſein Vater, trotz der Wahrſagung des Aſtrologen, der aus ihm einen gewaltigen Kriegs⸗ mann machte, für die Kirche beſtimmte. Im Alter von drei Jahren wurde er auch nach Bologna ge⸗ ſchickt, um die Füße Papſt Clemens VII. zu küſſen, der dort die Krone ſeinem Oheim Kaiſer Karl V. gegeben hatte, auf deſſen Empfehlung der junge Prinz vom Papſte das Verſprechen eines Cardinalshutes erhielt. Davon kam der Beiname Cardinälchen, den man ihm in ſeiner Kindheit gab, worüber er oft wüthend wurde. Warum machte dieſer Name das Kind wüthend? Wir wollen es ſagen. Man erinnert ſich jener Frau oder vielmehr jener Freundin der Herzogin von Savoyen, welche, bei ihr in der Stunde der Geburt, durch ihren Athem den des kleinen Emanuel Philibert, welcher einer Ohnmacht nahe, unterhalten hatte. Sechs Monate vorher hatte ſie einen Sohn ebenſo ſtark, ebenſo kräftig geboren, als der Sohn der Herzogin ſchwach und kraftlos zur Welt gekommen war. Als ſie ihren Sohn durch Jene gerettet ſah, ſagte die Herzogin zu ihr: 5 „Meine liebe Lucrezia, dieſes Kind gehört nun *) Beweinet, Liebesgötter! beweinet Margot die Schöne, welche dreimal verlobt war, und als Jungfran ſtarb. ebe es, Dei meh es wer mar Es Rin der ſunt run wür min ein Ueb die verſ denſ leber ihr Rine habe liche tranl Mile ſeine 1*²) des lter ge⸗ ſen, rinz tes en, oft d? ner bei em ner ate nſo ach ren in un ne, au 93 ebenſo wohl Dir als mir; ich gebe es Dir, nimm es, nähre es mit Deiner Milch, wie Du es mit Deinem Hauche genährt haſt, und ich werde Dir noch mehr verdanken, als es Dir verdanken wird, denn es wird Dir nur das Leben verdanken, und ich, ich werde Dir mein Kind verdanken!“ Lucrezia empfing das Kind, zu deſſen Mutter man ſie machte, als ein heiliges anvertrautes Gut. Es ſchien indeſſen, daß zum Nachtheile des kleinen Rinaldo,— dies war der Name ihres Sohnes,— der Sohn des Herzogs von Savoyen Leben und Ge⸗ ſundheit erlangen ſollte, denn der Theil der Nah⸗ rung, den der kleine Emanuel in Anſpruch nähme, würde um eben ſo viel den ſeines Milchbruders ver⸗ mindern. Rinaldo war aber mit ſechs Monaten ſtark, wie ein Anderer kaum mit einem Jahre geweſen wäre. Ueberdies hat die Natur ihre Wunder, und ohne daß die Quelle der mütterlichen Milch einen Augenblick verſiegte, ſchöpften die zwei Kinder das Leben aus denſelben Brüſten. Die Herzogin lächelte, wenn ſie an demſelben lebenden Geländer das ſo ſtarke fremde Kind und ihr eigenes ſo ſchwächliches Kind hängen ſah. Man hätte übrigens glauben ſollen, der kleine Rinaldo begreife dieſe Schwäche ſeines Bruders und habe Mitleid. Oft wollte das launenhafte herzog⸗ liche Kind die Bruſt haben, an der das andere Kind trank, und dieſes trat ganz lächelnd mit ſeinen von Milch weißen Lippen dem anſpruchsvollen Säugling ſeinen Platz ab. Die zwei Kinder wuchſen ſo auf dem Schooße 9⁴ von Lucrezia heran. Mit drei Jahren ſchien Rinaldo fünf alt zu ſein; mit drei Jahren ging, wie geſagt, Emanuel Philibert kaum und erhob nur mit einer Anſtrengung ſeinen auf ſeine Bruſt geneigten Kopf. Damals geſchah es, daß man ihn die Reiſe nach Bologna machen ließ, und daß ihm der Papſt Cle⸗ mens vII. den Cardinalshut verſprach. Es war, als brächte ihm dieſes Verſprechen Glück, und als erwürbe ihm der Name Cardinälchen die Gunſt Gottes; denn vom Alter von drei Jahren fing ſeine Geſundheit an ſich zu befeſtigen und ſein Körper ſich zu ſtärken. Derjenige aber, welcher in dieſer Hinſicht wun⸗ derbare Fortſchritte machte, war Rinaldo. Seine ſolidſten Spielzeuge zerſplitterten unter ſeinen Fin⸗ gern; er konnte keines anrühren, ohne daß er es zerbrach; man kam auf den Gedanken, ſie ihm aus Stahl verfertigen zu laſſen, und er zerbrach ſie, als ob ſie von Porzellan geweſen wären. Der gute Herzog Karl III., der ſich vft damit beluſtigte, daß er den Kindern beim Spielen zuſchaute, nannte auch den Kameraden von Emanuel nur Scianca Ferro, was in piemonteſiſchem Patvis bedeutet: Eiſen⸗ brecher. Der Name blieb ihm. Und das Mertwürdige dabei war, daß Scianca Ferro ſich dieſer wunderbaren Stärke immer nur be⸗ diente, um Emanuel zu beſchützen, den er anbetete, ſtatt eiferſüchtig auf ihn zu ſein, wie es vielleicht einem andern Kinde begegnet wäre. Der junge Emanuel aber beneidete ſehr ſeinen Milchbruder um dieſe Stärke, und er hätte gern ſeit Fe die gri der Fe um hol Re Fe ſen letz ſich der eif Au mi ihr rul in ein kan bis ſch ein er ldo agt, iner opf. nach Cle⸗ chen chen hren ſein wun⸗ eine Fin⸗ r es aus gute daß auch erro, ſen⸗ 3 ianca r be⸗ etete, lleicht einen gern 95 ſeinen Beinamen Cardinälchen gegen den Scianca Ferro vertauſcht. Er ſchien indeſſen auch eine gewiſſe Stärke bei dieſem beſtändigen Verkehre mit einer Stärke, welche größer als die ſeine, zu erlangen. Seine Kraft nach der des jungen Prinzen abmeſſend, rang Scianca Ferro mit ihm, lief mit ihm, und ließ ſich zuweilen, um ihn nicht zu entmuthigen, beim Laufen über⸗ holen und im Ringen beſiegen. Alle Uebungen waren bei ihnen gemeinſchaftlich: Reiten, Schwimmen, Fechten. In allen war Scianca Ferro für den Augenblick überlegen; man ſah indeſ⸗ ſen ein, daß dies nur eine Sache der Chronologie war, und daß, weil er im Verzuge, Emanuel ſein letztes Wort noch nicht geſprochen hatte. Die zwei Knaben verließen ſich nicht und liebten ſich wie zwei Brüder. Jeder war eiferſüchtig auf den andern, wie eine Geliebte auf ihren Liebhaber eiferſüchtig geweſen wäre, und dennoch nahte der Augenblick heran, wo ein dritter Gefährte, den ſie mit einer gleichen Liebe aufnehmen würden, ſich in ihre Spiele miſchen ſollte. Eines Tags, da der Hof wegen gewiſſer Un⸗ ruhen, welche in Mailand ausgebrochen, in Verceil war, entfernten ſich die zwei jungen Leute zu Pferde in Begleitung ihres Reitlehrers von Hauſe, machten einen langen Ritt auf dem linken Ufer der Seſia, kamen über Novara hinaus und wagten ſich faſt bis ins Teſſin. Das Pferd des jungen Herzogs ſchritt voran, als plötzlich ein in einen Weideplatz eingeſchloſſener Stier die Schranken, zwiſchen denen er eingekerkert war, durchbrach und das Pferd des 96 Prinzen ſo ſcheu machte, daß es auf den Wiesgrün⸗ den hin, über Bäche, Büſche und Hecken ſetzend, 8 durchging. Emanuel ritt vortrefflich: es war alſo 1 nichts zu befürchten. Scianca Ferro jagte ihm in⸗ deſſen nach, ſchlug denſelben Weg ein wie er, und B ſetzte wie er über alle Hinderniſſe, denen er begeg⸗ 4 nete. Der Reitlehrer war klüger: er machte einen ih Umweg, der ihn auf einer kreisförmigen Linie an denſelben Ort führen mußte, nach welchem ſich die zwei jungen Leute gewandt hatten. 4 Nach einer Viertelſtunde eines zügelloſen Laufes, H da er Emanuel nicht mehr ſah und befürchtete, es ſei ihm ein Unfall begegnet, rief Scianca Ferro aus da Leibeskräften. Zwei von ſeinen Rufen blieben ohne Antwort; endlich ſchien es ihm, als hörte er die Stimme des Prinzen in der Richtung von Oleggiv. ei Er ſprengte ſein Pferd nach dieſer Seite, und, ge⸗ ſpi leitet von der Stimme von Emanuel, fand er dieſen 6 wirklich bald am Ufer eines in den Teſſino fließen⸗ den Baches. ½ Zu ſeinen Füßen lag eine todte Frau, und in d ſeinen Armen, faſt ſterbend, ein kleiner Knabe von de vier bis fünf Jahren. Das Pferd, das ſich beruhigt hatte, weidete friedlich die jungen Schößlinge der Bäume ab, während ſein ſch Herr das Kind zum Bewußtſein zu bringen ſuchte. Was die Frau betrifft, ſo durfte man hieran we nicht denken, denn ſie war völlig todt. erl Sie ſchien der Ermattung, der Armuth und dem Se Hunger unterlegen zu ſein... Das Kind, das ohne e Zweifel die Strapazen und die Noth der Mutter ge⸗ theilt hatte, ſchien nahe daran, vor Entkräftungzuſterben. Ke 97 Das Dorf Oleggio war nur eine Meile von da entfernt. Scianca Ferro ſetzte ſein Pferd in Galopp und verſchwand in der Richtung des Dorfes. Emanuel wäre gern ſelbſt gegangen, ſtatt ſeinen Bruder zu ſchicken; doch das Kind hatte ſich an ihn angehängt, und fühlend, daß ihm das Leben, das ihm zu entſchwinden auf dem Punkte war, von dieſer Seite wiederkehren ſollte, wollte es ihn nicht los⸗ laſſen. Der arme Kleine hatte ihn ganz nahe zu der Frau gezogen, und ſagte zu ihm mit dem herzzer⸗ reißenden Ausdrucke der Kindheit, der man nicht das Bewußtſein ihres Unglücks geben kann: „Wecke doch Mama auf! wecke doch Mama auf!“ Emanuel weinte. Was konnte er machen, ſelbſt ein armer Knabe, der zum erſten Male das Schau⸗ ſpiel des Todes ſah? Er hatte nur ſeine Thränen: er gab ſie. Scianca Ferro erſchien wieder: er brachte Brod und eine Flaſche Aſti⸗Wein. Man verſuchte es, ein paar Tropfen Wein in den Mund der Mutter zu bringen; vergebliche Mühe: die Mutter war eine Leiche. Man hatte ſich alſo nur mit dem Kinde zu be⸗ ſchäftigen. Das Kind, während es über ſeine Mutter weinte, welche nicht wieder aufwachen wollte, trank, aß und erlangte einige Kräfte. In dieſem Augenblicke kamen die Bauern, welche Scianca Ferro benachrichtet hatte. Sie waren dem Reitmeiſter begegnet, der ganz in Angſt darüber, daß er ſeine zwei Zöglinge verloren, und hatten ihn mit Dumas, der Page. I. 7 98 an den ihnen von Scianca Ferro bezeichneten Ort it gebracht. i Sie wußten alſo, daß ſie es mit dem jungen d Prinzen von Savoyen zu thun hatten, und da der w Herzog Karl von ſeinen Unterthanen angebetet war,„ di ſo erboten ſie ſich ſogleich, in Betreff des unglück⸗ N lichen Kindes auszuführen, was ihnen zu befehlen ſie Emanuel belieben würde. pe Emanuel wählte unter den Bauern eine Frau, an die ihm gut und mitleidig zu ſein ſchien; er gab ihr zo alles Geld, was er und Scianca Ferro bei ſich hat⸗ ſol ten, ſchrieb den Namen der Frau auf, bat ſie, über we die Beerdigung der Mutter zu wachen und für die erſten Bedürfniſſe des Kindes zu ſorgen. De Sodann, da es ſpät war, drang der Reitmeiſter zw in ſeine beiden Zöglinge, nach Verceil zurückzukehren. Der verwaiſte kleine Knabe weinte heftig; er wollte nie ſeinen guten Freund Emanuel, deſſen Namen er ren wußte, ohne ſeinen Stand zu kennen, nicht verlaſſen. zu Emanuel verſprach, wieder zu kommen und ihn zu beſuchen; dieſes Verſprechen beruhigte ihn ein wenig; unc während er ſich aber entfernte, hörte er nicht auf, ſeir die Arme gegen den Retter, den der Zufall zu ihm ben geführt, auszuſtrecken. Und in der That, hätte die durch den Zufall die oder vielmehr durch die Vorſehung dem armen Kinde erw zugeſandte Hülfe nur zwei Stunden geſäumt, ſo würde man es todt bei ſeiner Mutter gefunden haben. dem Wie ſehr auch der Reitmeiſter bei der Rückkehr gew zur Eile antrieb, ſeine Zöglinge kamen nach dem durc Schloſſe von Verceil erſt ſehr ſpät am Abend. Man war ſehr unruhig, hatte in⸗ allen Richtungen nach nig. rt en der ar, ück⸗ len au, ihr at⸗ ber die ſter llte er en. zu ig; muf, hm fall nde ſo en. ehr em tan tach 99 ihnen ausgeſchickt, und die Herzogin war im Begriffe, ihnen einen Verweis zu geben, als Emanuel ihr die Geſchichte mit ſeiner fanften Stimme erzählte, welche die ganze Traurigkeit in ſich trug, mit der dieſes düſtere Ereigniß ſeine Seele erfüllt hatte. Nachdem die Erzählung beendigt war, handelte es ſich nicht mehr darum, zu zanken, ſondern man mußte den Knaben loben, und das Intereſſe, das ihr Sohn an dem Verwaiſten nahm, theilend, erklärte die Her⸗ zogin, ſchon am zweiten Tage nachher, das heißt, ſobald die Beerdigung ſeiner Mutter vorüber ſei, werde ſie ihn in Perſon beſuchen. Am zweiten Tage ging man wirklich nach dem Dorfe Oleggio ab, die Mutter in der Sänfte, die zwei jungen Leute zu Pferde. Als man zum Dorfe kam, konnte ſich Emanuel nicht mehr halten: er gab ſeinem Pferde beide Spo⸗ ren und jagte fort, um das Kind ein wenig früher zu ſehen. Seine Ankunft war eine große Freude für den unglücklichen Kleinen. Man hatte ihn vom Leibe ſeiner Mutter reißen müſſen; er wollte nicht glau⸗ ben, daß ſie todt ſei, und rief unabläſſig: „Legt ſie nicht in die Erde.. legt ſie nicht in die Erde ich verſpreche Euch, daß ſie wieder erwacht.“ Von dem Augenblicke an, wo ſeine Mutter aus dem Hauſe weggetragen worden, war man genöthigt geweſen, ihn eingeſchloſſen zu halten; er wollte ihr durchaus nachfolgen. Der Anblick ſeines Retters tröſtete ihn ein we⸗ nig. Emanuel ſagte dem Kinde, ſeine Mutter 100 habe es ſehen wollen, und ſie werde ſogleich an⸗ kommen. „Ah! Du haſt Deine Mutter!“ verſetzte die Waiſe.„Oh! ich werde den guten Gott bitten, daß ſie nicht einſchläft, um nicht mehr aufzuwachen.“ Es war eine große Kunde für die Bauern, als ſie durch Emanuel die Ankunft der Herzogin in ihrem Hauſe erfuhren. Sie liefen ihr auch entgegen, und da ſie durch die Gaſſen eilend ſagten, wohin ſie gin⸗ gen und wem ſie entgegengingen, ſo folgte ihnen das ganze Dorf nach. Endlich kam der Zug, Scianca Ferro voran, der artiger Weiſe bei der Herzogin geblieben war, um ihr als Stallmeiſter zu dienen. Emanuel ſtellte ſeinen Schützling ſeiner Mutter vor. Die Herzogin fragte das Kind, was Emanuel daſſelbe zu fragen vergeſſen hatte: wie es heiße, und wer ſeine Mutter geweſen ſei. Das Kind antwortete, es heiße Leone, und ſeine Mutter habe Leona geheißen, doch es wollte keine andere Umſtände angeben und antwortete auf alle Fragen, die man ihm machte:„Ich weiß nicht.“ Und ſeltſamer Weiſe errieth man doch, daß dieſe Unwiſſenheit Verſtellung war, und daß ein Geheim⸗ niß dahinter lag. Ohne Zweiſel hatte es ſeine Mutter ſterbend er⸗ mahnt, nichts Anderes zu antworten, als das, was es antwortete; und in der That, es bedurfte der letzten Ermahnung einer ſterbenden Mutter, um einen ſolchen Eindruck auf ein vierjähriges Kind zu machen. Da ſtudirte die Herzogin das verwaiſte Kind mit einer ganz weiblichen Neugierde. Obgleich in grobe 5 n t ee S — die aß als ind in⸗ nen der um tter mel und eine eine alle ieſe im⸗ er⸗ was der nen hen. mit robe 101 Kleider gehüllt, hatte es doch zarte weiße Hände; man ſah, daß dieſe Hände durch eine elegante Mut⸗ ter von vornehmem, ausgezeichnetem Stande gepflegt worden waren. Zugleich gehörte ſeine Sprache der Ariſtokratie an, und mit vier Jahren ſprach es ebenſo gut Italieniſch als Franzöſiſch. Die Herzogin ließ ſich die Kleider der Mutter vorlegen: es waren die einer Bäuerin. Doch die Bauern, die ſie entkleidet, ſagten, ſie haben nie eine ſo weiße Haut, ſo zarte Hände, ſo kleine und zierliche Füße geſehen. Ueberdies verrieth ein Umſtand die Claſſe der Geſellſchaft, der die arme Frau angehören mußte: bei ihrem Bäuerincoſtume, bei ihrem Rocke von Multon, bei ihrem Leibe von Bure, bei ihren plum⸗ pen Schuhen trug ſie ſeidene Strümpfe. Ohne Zweifel war ſie unter einer Vermummung geflohen, und von den Kleidern, die ſie abgelegt, um zu fliehen, hatte ſie nur die ſeidenen Strümpfe behalten, welche ſie nach ihrem Tode verriethen. Die Herzogin kam zum kleinen Leone zurück und befragte ihn über alle Punkte; doch er antwortete beſtändig:„Ich weiß nicht.“ Sie empfahl aufs Neue,— die Empfehlungen von Emanuel ſogar über⸗ bietend,— das arme Kind den braven Bauersleuten, welche bis dahin für daſſelbe beſorgt geweſen, gab ihnen eine Summe doppelt ſo groß, als die, welche ſie ſchon empfangen, und ertheilte ihnen den Auftrag, Nachforſchungen in der Gegend über die Mutter und das Kind anzuſtellen, mit dem Verſprechen einer guten Belohnung, wenn es ihnen gelänge, ihr einige Aufklärung über ſie zu geben. 102 Der kleine Leone wollte mit aller Gewalt Ema⸗ nuel folgen, und Emanuel war nahe daran, ſeine Mutter zu bitten, ihn mitnehmen zu dürfen, denn er hegte ein wahres Mitleid für den unglücklichen Knaben. Er verſprach alſo Leone, ihn ſo oft als möglich zu beſuchen, und ſelbſt die Herzogin machte ſich zu einem zweiten Beſuche anheiſchig. Leider kamen um dieſe Zeit Ereigniſſe, welche die Herzogin zwangen, ihrem Worte, untreu zu ſein. Zum dritten Male erklärte Franz I. Karl V. den Krieg wegen des Herzogthums Mailand, deſſen Erbe er, von Seiten von Valentine Visconti, Frau von Louis von Orleans, Bruder von Karl VI., zu ſein behauptete. Das erſte Mal hatte Franz die Schlacht bei Ma⸗ rignan gewonnen. Das zweite Mal hatte er die Schlacht bei Pavia verloren. Nach dem Vertrage, von Madrid, nach dem Ge⸗ fängniß in Toledo, nach dem Eidſchwure hätte man glauben ſollen, Franz I. habe auf jeden An⸗ ſpruch auf dieſes unglückliche Herzogthum verzichtet, das aus dem König von Frankreich den Vaſallen des Reiches machte; doch er wartete im Gegentheil nur auf eine Gelegenheit, um es zurückzufordern, und er ergriff die erſte, die ſich bot. Sie war,— zufällig!— gut, wäre ſie aber auch ſchlecht geweſen, er würde ſie dennoch ergriffen haben. Franz I. war, wie bekannt, nicht ängſtlich in Betreff aller der albernen Delicateſſen, welche na⸗ ine nn en als hte che zu en rbe on ein 103 der Race der Dummköpfe, die man die ehrlichen Leute nennt, Feſſeln anlegen. Folgendes war übrigens die Gelegenheit, die ſich ihm geboten. Maria Francesco Sforza, genannt Ludwig der Moro*), regierte in Mailand, nur regierte er unter der völligen Vormundſchaft des Kaiſers, dem er am 23. December 1529 ſein Herzogthum gegen die Summe von viermalhunderttauſend Ducaten, zahlbar im erſten Jahre ſeiner Regierung, und fünfmalhunderttauſend zahlbar in den zehn folgenden Jahren abgekauft hatte. Zur Sicherheit dieſer Zahlungen blieben das Schloß von Mailand, Como und Pavia in den Hän⸗ den der Kaiſerlichen. Es geſchah nun, daß im Jahre 1534 Franz I. beim Herzog Sforza einen Mailänder Edelmann be⸗ glaubigte, deſſen Glück er, Franz l., gemacht hatte. Dieſer Edelmann hieß Francesco Maraviglia. Am franzöſiſchen Hofe ſehr reich geworden, war er zugleich glücklich und ſtolz geweſen, in ſeine Ge⸗ burtsſtadt mit dem Gepränge eines Geſandten zu⸗ rückzukehren. Er hatte ſeine Frau und ſeine drei Jahre alte Tochter mitgebracht und in Paris, unter den Pagen von König Franz I., ſeinen zwölf Jahre alten Sohn Odvardo gelaſſen. Warum erregte dieſer Geſandte Argwohn bei *) Von der Maulbeere, die er in ſeinem Wappen führte. Karl V.? warum forderte dieſer den Herzog Sforza auf, ſich ſeiner bei der erſten Gelegenheit zu entle⸗ digen? Das weiß man nicht, und das könnte man nur wiſſen, wenn man die geheime Correſpondenz des Kaiſers mit dem Herzog von Mailand wieder auffände, wie man ſeine Correſpondenz mit Cosmo von Medici aufgefunden hat. So viel iſt aber ge⸗ wiß, daß, als die Diener von Maraviglia mit Leuten vom Lande Streit bekamen und bei dieſem Streite das Unglück hatten, zwei Unterthanen des Herzogs Sforza zu tödten, dieſer Maraviglia verhaften und in das Schloß von Mailand bringen ließ, das, wie geſagt, in den Händen der Kaiſerlichen war. Was wurde aus Maraviglia? Nie erfuhr es Je⸗ mand mit Beſtimmtheit. Die Einen ſagten, er ſei vergiftet worden; die Andern, als ihm der Fuß aus⸗ geglitſcht, ſei er in die Hublietten gefallen, von deren Nähe ihn in Kenntniß zu ſetzen man verſäumt habe. Die wahrſcheinlichſte Verſion, welche auch am meiſten Glauben fand, iſt, er ſei im Gefängniß hingerichtet oder vielmehr ermordet worden. Gewiß bleibt, daß er verſchwand, und daß beinahe zu gleicher Zeit mit ihm, ohne daß man je wieder etwas von ihnen hörte, ſeine Frau und ſeine Tochter verſchwanden. Dieſe Ereigniſſe hatten ſich in neueſter Zeit, kaum ein paar Tage vor dem Zuſammentreffen von Ema⸗ nuel mit dem verlorenen Kinde und der am Ufer eines Baches geſtorbenen Mutter, zugetragen. Sie ſollten einen erſchrecklichen Einfluß auf das Geſchick von Herzog Karl haben. Franz I. ergriff die Gelegenheit bei den Haaren. Es waren nicht die Klagen des bei ihm geblie⸗ ——————— — —— c O— 105 benen und Rache am Mörder ſeines Vaters fordern⸗ den Knaben; es war nicht die in der Perſon des Geſandten beleidigte königliche Moheſtät, es war endlich nicht das durch einen Mord verletzte Völker⸗ recht, was die Wagſchale ſich auf die Seite des Krieges neigen machte, nein, es war ein alter Sauer⸗ teig von Rache, der im Herzen des Beſiegten von Pavia und des Gefangenen von Toledo gohr. Ein dritter Feldzug nach Italien wurde beſchloſſen. Der Augenblick war gut gewählt. Karl v.führte Krieg in Africa gegen Haireddin, genannt Barbaroſſa. Nur mußte man, um dieſe neue Invaſion zu vollbringen, durch Savoyen ziehen. Savoyen war aber in den Händen von Karl dem Gütigen, Vater von Emanuel Philibert, Oheim von Franz I., Schwa⸗ ger von Karl V. Für wen würde ſich Karl der Gütige erklären? für ſeinen Schwager? für ſeinen Reffen? Es war wichtig, dies zu wiſſen. Man muthmaßte indeſſen: alle Wahrſcheinlich⸗ keiten machten aus dem Herzog von Savoyen den Verbündeten des Reichs und den Feind von Frank⸗ reich. Der Herzog von Savoyen hatte wirklich, als Unterpfand ſeiner Treue, Karl v. ſeinen älteſten Sohn Ludwig, Prinzen von Piemont, gegeben; er hatte ſich geweigert, von Franz I. das Band vom heiligen Michael und eine Ordonnanz⸗Compagnie mit zwölftauſend Thalern Penſion anzunehmen; er hatte Grundſtücke vom Marguiſat Saluzzo beſetzt, das ein Lehen des Dauphinés war; er verweigerte der Krone Frankreichs die Lehenspflicht des Faucigny; er hatte 106 ſich durch Briefe mit dem Kaiſer über die Niederlage bei Pavia luſtig gemacht; er hatte endlich Geld dem Connetable von Bourbon in dem Augenblicke geliehen, wo dieſer durch ſeine Staaten gezogen war, um ſich von Benvenuto Cellini bei der Belagerung von Rom tödten zu laſſen. Man mußte ſich nichtsdeſtoweniger verſichern, ob die Zweifel begründet waren. In dieſer Abſicht ſchickte Franz I. nach Turin Guillaume Poyet, den Präſidenten des Parlaments von Paris. Dieſer war beauftragt, von Herzog Karl III. zwei Dinge zu verlangen. Erſtens den Durchzug des franzöſiſchen Heeres durch Savoyen und Piemont; Zweitens die Uebergabe, als Verſicherungsplätze, von Montmeillan, Veillane, Chivas und Verceil. Er erbot ſich dagegen, dem Herzog Karl Grund⸗ ſtücke in Frankreich zu geben und die Heirath ſeiner Tochter Margaretha mit dem Prinzen Ludwig, dem älteren Bruder von Emanuel Philibert, zu ſchließen. Karl III. beauftragte, um mit Guillaume Poyet, dem Präſidenten des Parlaments von Paris, zu ver⸗ handeln, Purpurat, den piemonteſiſchen Präſidenten. Dieſer hatte Vollmacht, den Durchzug der franzöſi⸗ ſchen Truppen durch die beiden Provinzen Savoyen und Piemont zu geſtatten; doch er ſollte zuerſt durch Friſten, und ſodann, wenn Poyet bei ſeinem Ver⸗ langen beharrte, durch eine förmliche Weigerung hinſichtlich der Uebergabe der vier feſten Plätze ant⸗ worten. Die Verhandlung wurde hitzig zwiſchen den zwei Bevollmächtigten, ſo daß, geſchlagen durch die guten ge nd⸗ ier em en. et, er⸗ en. öſi⸗ en ech er⸗ ng nt⸗ wei ten 107 Gründe, die ihm Purpurat angab, Poyet endlich ausrief: „Das wird ſo ſein, weil der König es will!“ „Verzeiht,“ erwiederte Purpurat,„ich finde dieſes Geſetz nicht in den Geſetzen von Piemont.“ Und er ſtand auf und überließ die Zukunft dem allmächtigen Willen des Königs von Frankreich und der Weisheit des Allerhöchſten. Die Conferenzen wurden abgebrochen, und im Verlaufe des Monats Februar im Jahre 1535, als ſich der Herzog Karl im Schloſſe von Verceil be⸗ fand, wurde ein Herold vor ihn geführt, der ihm den Krieg von König Franz I. erklärte. Der Herzog hörte den Herold ruhig an; als er ſeine kriegeriſche Botſchaft vollendet hatte, ſprach er zu ihm mit ſanftem Tone: „Mein Freund, ich habe dem König von Frank⸗ reich immer nur Dienſte geleiſtet, und ich dachte, die Titel Verbündeter, Freund, Diener und Oheim verdienen ein anderes Verfahren. Ich habe gethan, was ich konnte, um mit ihm in gutem Einvernehmen zu leben, ich habe nichts verſäumt, um ihm begreif⸗ lich zu machen, wie ſehr er Unrecht gehabt hat, gegen mich aufgebracht zu ſein. Ich weiß wohl, daß meine Kräfte durchaus nicht mit den ſeinigen ver⸗ glichen werden können; da er aber auf keine Weiſe der Vernunft Gehör ſchenken will und ſich meiner Staaten zu bemächtigen entſchloſſen ſcheint, ſo ſagt ihm, er werde mich an der Gränze finden, und, unterſtützt durch meine Freunde und meine Verbün⸗ deten, hoffe ich mein Land zu vertheidigen und zu ſchützen. Der König, mein Neffe, kennt übrigens 108 meinen Wahlſpruch: Nichts fehlt dem, welchem Gott bleibt!“ Und er entließ den Herold, dem er ein reiches Gewand und ein Paar Handſchuhe mit Thalern ge⸗ füllt zu geben befahl. Nach einer ſolchen Antwort hatte man nur noch Anſtalten zum Kriege zu treffen. Der erſte Entſchluß, den Karl III. faßte, war der, in der Feſtung Nizza ſeine Frau und ſein Kind in Sicherheit zu bringen. Die Abreiſe von Verceil nach Nizza wurde als nahe bevorſtehend angekündigt. Da dachte Emanuel Philibert, es ſei Zeit, von ſeiner Mutter eine Gnade zu erlangen, welche von ihr zu erbitten er bis dahin verſchoben hatte, näm⸗ lich Leone aus dem Bauernhauſe zu nehmen,— wo man ihn übrigens nur vorläufig ließ, wie dies ſchon verabredet war,— um aus ihm, wie Scianca Ferro, einen Knaben vom vertrauten Umgange des Prinzen zu machen. Die Herzogin Beatrir war, wie geſagt, eine ſehr vernünftige Frau. Alles, was ſie an dem verwaiſ⸗ ten Knaben wahrgenommen,— Zartheit der Züge, Feinheit der Hände, Diſtinction der Sprache,— brachte ſie auf den Glauben, ein großes Geheimniß ſei unter den groben Kleidern der Mutter und des Kindes verborgen. Die Herzogin war überdies eine Frau von religiöſem Sinne: ſie ſah die Hand Got⸗ tes in dieſem Zuſammentreffen von Emanuel in Folge des Unfalls mit dem Stiere,— ein faſt providentieller Unfall, da er kein anderes Reſultat gehabt hatte, als das, den Prinzen zu der todten Frau und dem 109 ſterbenden Kinde zu führen. Sie dachte, in dem Augenblicke, wo Alles ſich von ihrer Familie zurückzog, wo das Unglück ihrem Hauſe nahte und der Engel der düſteren Tage ihrem Gemahl, ihr und ihrem Sohne den geheimnißvollen Weg der Verbannung zeigte, ſei es nicht die Stunde, das Waiſenkind zurückzu⸗ ſtoßen, das, ein Mann geworden, vielleicht einſt ein Freund wäre. Sie erinnerte ſich des Abge⸗ ſandten Gottes, der wie ein ſchlichter Wanders⸗ mann auf der troſtloſen Schwelle des blinden Tobias erſchien, dem er durch die Hände ſeines Sohnes ſpäter das Licht und die Freude wiedergab; und weit entfernt, der Bitte von Emanuel zu widerſtehen, kam ſie beim erſten Worte, das er ſagte, dieſer Bitte entgegen und ermächtigte, mit Erlaubniß des Her⸗ zogs, ihren Sohn, ſeinen jungen Schützling nach Verceil bringen zu laſſen. Von Verceil nach Nizza ſollte Leone die Reiſe mit den zwei andern Knaben machen. Emanuel wartete nicht länger als bis zum an⸗ dern Tage, um dieſe gute Kunde Leone mitzutheilen. Schon bei Tagesanbruch ging er in den Stall hinab, ſattelte ſelbſt ſein kleines Berberpferd, und ritt, Scianca Ferro die Sorge für das Uebrige vertrauend, mit der ganzen Geſchwindigkeit ſeines Roſſes nach Oleggiv. Er fand Leone ſehr traurig. Das arme Kind hatte ſagen hören, ſeine reichen und mächtigen Be⸗ ſchützer werden vom Unglücke heimgeſucht. Man hatte vom Abgange des Hofes nach Nizza geſprochen, das heißt, nach einem Lande, das Leone ſelbſt dem Na⸗ men nach unbekannt war, und als Emanuel, ganz erhitzt von ſeinem raſchen Ritte und ganz lächelnd vor 110 Freude, ankam, da weinte Leone, als ob er zum zweiten Male ſeine Mutter verloren hätte. Durch die Thränen beſonders ſehen die Kinder die Engel. Wir übertreiben nicht, wenn wir ſagen, daß Emanuel wie ein Engel durch die Thränen von Leone erſchien. Mit einigen Worten war Alles geſagt, erklärt, verabredet, und das Lächeln folgte auf die Thränen. Es gibt beim Menſchen,— und das iſt ſein glück⸗ liches Alter,— eine Epoche, wo die Thränen und das Lächeln ſich berühren, wie die Nacht die Mor⸗ genröthe berührt. Zwei Stunden nach Emanuel traf Scianca Ferro mit dem erſten Stallmeiſter des Prinzen und zwei Piqueurs ein, die den eigenen Zelter der Herzogin an der Hand hielten. Man gab eine gute Summe Geldes den Bauern, welche ſechs Wochen lang für Leone Sorge getragen hatten. Dieſer küßte ſie noch einmal weinend; diesmal miſchten ſich jedoch einige Thränen der Freude in die Thränen des Leides. Emanuel half ihm zu Pferde ſteigen, und aus Furcht, es könnte ſeinem theuren Schützling ein Unfall zu⸗ ſtoßen, wollte er ſelbſt den Zelter am Zaume führen. Statt eiferſüchtig auf dieſe neue Freundſchaft zu ſein, galoppirte Scianca Ferro ganz freudig hin und her, recognoscirte den Weg, wie es ein wahrer Ka⸗ pitän thut, und lächelte mit jenem ſchönen Lächeln des Kindes, das zugleich die Zähne und das Herz zeigt, dem Freunde ſeines Freundes zu. Man brach ſchon am andern Tage nach Nizza auf, wo man ohne Unfall ankam. die wue um der en, on irt, en. ind rro wei gin me für och ige es. cht, zu⸗ zu ind Ka⸗ eln erz 111 VIII. Der Waffenträger und der Page. Es iſt nicht unſere Abſicht,— Gott behüte uns hievor! denn Andere haben es viel beſſer gemacht, als wir es machen würden,— es iſt nicht unſere Abſicht, die Kriege in Italien zu erzählen und die Geſchichte der großen Rivalität zu ſchreiben, welche die troſtloſen Zuſtände am Anfange des ſechzehnten Jahrhunderts herbeiführte. Nein; Gott hat uns, hiebei wenigſtens, glücklicher Weiſe eine demüthigere, zugleich aber, wir müſſen es ſagen, für uns pitt⸗ reskere und für unſere Leſer unterhaltendere Aufgabe geſtellt. Wir werden alſo in der Erzählung, welche folgen ſoll, nur die Spitze der großen Ereigniſſe ſehen, welche, den hohen Gipfeln der Alpen ähnlich, über die Wolken ihre mit ewigem Schnee bedeckten Pics erheben. Franz I. zog durch Savoyen, Piemont und ver⸗ breitete ſich über Italien. Drei Jahre lang donnerten die Kanonen des Reichs und die von Frankreich bald in der Provence, bald im Mailändiſchen. Schöne Ebenen der Lombardei und des Piemont, der Engel des Todes weiß allein, wie viel Leichen es gebraucht hat, um euch eure unerſchöpfliche Frucht⸗ barkeit zu geben! Unter dem heiteren Himmel von Nizza, der ganz Azur bei Tag, ganz Flamme bei Nacht, wo ſelbſt die Inſekten der Finſterniß fliegende Funken ſind, wuchſen während dieſer Zeit die Kinder unter dem 112 Blicke der Prinzeſſin Beatrir und unter dem Auge Gottes heran. Leone war ein unentbehrliches Mitglied der mun⸗ tern Dreieinigkeit geworden; er theilte alle Spiele, doch nicht alle Uebungen. Die zu gewaltſamen Studien der Kriegskunſt gingen nicht für ſeine kleinen Hände, und ſeine Arme ſchienen den Meiſtern dieſer Kunſt zu ſchwach, um je auf eine martialiſche Art die Lanze oder den Schild zu tragen. Allerdings war Leone drei Jahre jünger, als ſeine Gefährten, doch es ſchien in Wirklichkeit ein Unterſchied von zehn Jahren zwi⸗ ſchen ihnen ſtattzufinden, beſonders ſeitdem,— ohne Zweifel durch die Gnade des Herrn, der ihn zu großen Dingen vorbehielt,— Emanuel an Stärke und an Größe zu wachſen angefangen, als hätte er es ſich zur Aufgabe gemacht, den Vorſprung, den in dieſer Hinſicht ſein Milchbruder Scianca Ferro vor ihm genommen, wieder einzuholen. Die Rollen waren auch auf eine ganz natür⸗ liche Art den Gefährten des kleinen Herzogs zuge⸗ fallen: Scianca Ferro war ſein Waffenträger ge⸗ worden, Leone hatte ſich, minder ehrgeizig, begnügt, ſein Page zu werden. Mitklerweile erfuhr man, der älteſte Sohn des Herzogs, der Prinz Ludwig, ſei in Madrid geſtorben. Das war ein großer Schmerz für den Herzog Karl und die Herzogin Beatrix. In Wahrheit gab ihnen Gott beim Schmerze den Troſt, wenn es über⸗ haupt einen Troſt für einen Vater und beſonders für eine Mutter beim Tode ihres Kindes gibt: der Prinz Ludwig war ſeit langer Zeit von ſeinen Eltern entfernt, während unter den Augen des Herzogs und der grö log wu nur noc zog und Ga ſie giös Zun die war fähꝛ und ſchr nes luſt rück in haft der Zau wele Fret ben ſtun war D⸗ ür⸗ igt, des en. zog gab ber⸗ ders der tern und 1¹3 der Herzogin Emanuel Philibert, welcher jeden Tag eine größere Glaubwürdigkeit der Wahrſagung des Aſtro⸗ logen geben zu wollen ſchien, blühte wie eine Lilie, wuchs wie eine Eiche. Aber Gott, der die Verbannten ohne Zweifel nur hatte prüfen wollen, zögerte nicht, ihnen einen noch viel grauſameren Schlag zu verſetzen. Die Her⸗ zogin Beatrix wurde von einer Zehrkrankheit befallen, und trotz der Kunſt der Aerzte, trotz der Pflege ihres Gatten, ihres Sohnes und ihrer Frauen verſchied ſie am 8. Februar 1538. Der Schmerz des Herzogs war tief, aber reli⸗ giös; der von Emanuel gränzte an die Verzweiflung. Zum Glücke hatte das herzogliche Kind neben ſich die andere Waiſe, welche wußte, was die; Thränen waren! Was wäre aus Emanuel ohne dieſen ſanften Ge⸗ fährten geworden, der ihn nicht zu tröſten ſuchte und, ſtatt jeder Philoſophie, ſich nur darauf be⸗ ſchränkte, daß er ſeine Thränen mit denen des Soh⸗ nes von Beatrix vermengte! Wohl litt Scianca Ferro auch unter dieſem Ver⸗ luſte; hätte er das Leben der Herzogin dadurch zu⸗ rückrufen können, daß er einen furchtbaren Rieſen in ſeinem Thurme herausgefordert oder einem fabel⸗ haften Drachen in feiner Höhle getrotzt haben würde, der elfjährige Paladin wäre auf der Stelle und ohne Zaudern abgegangen, um dieſe That zu vollbringen, welche, ſollte er auch dabei das Leben verlieren, die Freude und das Glück ſeinem Freunde wiedergege⸗ ben hätte. Hierauf beſchränkten ſich aber die Trö⸗ ſtungen, die er zu bieten wußte: ſeine kräftige Natur war nicht geſchaffen für verweichlichende Thränen. Dumas, der Page. I. 8 11⁴ Eine Wunde konnte ſein Blut fließen machen, ein Kummer vermochte nicht ſeine Thränen fließen zu machen. Was Scianca Ferro brauchte, das waren Gefahren, die er zu überwinden, und nicht Mißge⸗ ſchicke, die er zu ertragen hatte. Was that er auch, während Emanuel Philibert, den Kopf auf die Schulter von Leone geneigt, weinte? Er ſattelte ſein Pferd, gürtete ſein Schwert um, hing ſeinen Streitkolben an ſeinen Sattelbogen, und auf den ſchönen Hügeln umherſchweifend, die das Mittelländiſche Meer begränzen, der Dogge ähnlich, welche von Wuth gegen die Steine und die Stöcke ent⸗ prennt und ſie zwiſchen ihren Zähnen zermalmt, bildete er ſich ein, er habe es mit Ketzern Deutſch⸗ lands oder mit Saracenen Africas zu thun, machte ſich fantaſtiſche Feinde aus unempfindlichen und lebloſen Gegenſtänden, und in Ermangelung von Harniſchen zum Einſtoßen und von Helmen zum Spalten, zerſchmetterte er die Felſen mit ſeinem Streitkolben, hieb er die Tannen und die Steineichen mit ſeinem Schwerte ab,— und er ſuchte und fand eine Erleichterung für ſeinen Schmerz in den gewalt⸗ ſamen Uebungen, zu denen ihn ſeine rauhe Organi⸗ ſativn antrieb. Die Stunden, die Tage, die Monate verliefen; vie Thränen vertrockneten. Der, im Grunde des Her⸗ zens in Form eines milden Kummers und eines zärtlichen Andenkens fortlebende, Schmerz verſchwand allmälig auf den Geſichtern, die Augen, welche ver⸗ gebens nach der Gattin, der Mutter und der Freun⸗ din hienieden verlangten, erhoben ſich, um den Engel im Himmel zu ſuchen. ——— 8 8 — —— e⸗ 115 Das Herz, das ſich Gott zuwendet, iſt nahe daran, getröſtet zu werden. Uebrigens nahmen die Ereigniſſe, ſelbſt dem Schmerze ihre mächtige Zerſtreuung auferlegend, einen ununterbrochenen Fortgang. Es war ein Congreß zwiſchen dem Papſte Paul III. (Alerander Farneſe), Franz I. und Karl V. beſchloſſen worden. Es handelte ſich zugleich darum, die Tür⸗ ken aus Europa zu verjagen, ein Herzogthum für Ludwig Farneſe zu ſchaffen, und ſeine Staaten dem Herzog von Savoyen zurückzugeben. Der Congreß ſollte in Nizza gehalten werden. Nizza war vom Papſte und von Karl N. in der Hoffnung gewählt worden, aus Dankbarkeit für die Gaſtfreundſchaft, die er von ſeinem Oheim empfing, würde der König Franz 1. leichter für Conceſſionen zugänglich ſein. Sodann war auch eine Art von Ausſöhnung zwiſchen dem Papſte Paul III. und Karl V. zu be⸗ wirken. Alexander Farneſe hatte ſeinem älteſten Sohne Ludwig die Städte Parma und Piacenza im Austauſche für die Fürſtenthümer Camerino und Nepi gegeben, die er ihm genommen, um ſie ſeinem zweiten Sohne Octavio zu ſchenken. Dieſe Belehnung hatte Karl v. mißfallen, der gerade,— Maria Fran⸗ cesco Sforza war 1535 geſtorben,— dem Papſte, welche Summe er ihm auch dafür bot, das Herzog⸗ thum Mailand verweigert, das, wenn nicht die Ur⸗ ſache, doch wenigſtens der Vorwand des endloſen Krieges zwiſchen Frankreich und dem Reiche war. Karl V. hatte übrigens ſehr Recht: der neue Herzog von Parma und Piacenza war der ſchänd⸗ 116 liche Ludwig Farneſe, welcher ſagte, er kümmere ſich nichts darum, ob man ihn liebe, wenn man ihn nur fürchte*), der die Adeligen entwaffnete, die Frauen peitſchte und den Biſchöfen Gewalt anthat. Die Päpſte des 16. Jahrhunderts waren nicht glücklich in Kindern! Der Congreß in Nizza hatte alſo zum Zwecke, nicht nur den Herzog von Savoyen mit dem König von Frankreich, ſondern auch den Papſt mit dem Kaiſer zu verſöhnen. Karl III., den das Ungluck klug gemacht hatte, ſah indeſſen nicht ohne Furcht ſeinen Neffen, ſeinen Schwager und ihren heiligen Schiedsrichter ſich in ſeinem letzten befeſtigten Platze einniſten. Wer gewährte ihm die Verſicherung, man werde ihm nicht, ſtatt ihm die Staaten, die man ihm genom⸗ men, zurückzugeben, auch noch die einzige Stadt, die man ihm gelaſſen, vollends nehmen? Er ſchioß alſo, für jeden Fall und zu größerer Sicherheit, Emanuel Philibert, ſeinen letzten Erben, wie Nizza ſeine letzte Stadt war, in die Feſtung ein, die den Platz beherrſchte, und empfahl dem Gouver⸗ neur, das Schloß durchaus keiner Truppe zu öffnen, möge ſie von Seiten des Kaiſers, von Seiten des Königs Franz I. oder von Seiten des Papſtes kom⸗ men.» Dann ging er in Perſon Paul MI. entgegen, der, nach dem feſtgeſetzten Programme, einige Tage 8) urſprünglich ein Wort von Kaiſer Ziberius: Oderint, dum metuant. D. Ueberſ. 117 vor dem Kaiſer und dem Könige von Frankreich ein⸗ ur treffen ſollte. en Der Papſt war nur noch eine Meile von Nizza entfernt, als ein Brief des Herzogs an den Gou⸗ t verneur kam, der ihm befahl, im Schloſſe die QOuar⸗ tiere des Papſtes in Bereitſchaft zu ſetzen. ke, Dieſer Brief wurde überbracht durch den Kapi⸗ ig tän der Leibwachen Seiner Heiligkeit, welcher an der m Spitze von zweihundert Fußgängern in das Schloß eingelaſſen zu werden verlangte, um hier den Ehren⸗ t dienſt bei ſeinem Souverain zu thun. en Der Herzog Karl IMI. ſprach vom Papſte, doch in er ſprach weder vom Kapitän, noch von ſeinen zwei⸗ hundert Leuten. de Die Sache war ſchwierig: der Papſt verlangte m⸗ ausdrücklich, was ausdrücklich dem Gouverneur zu ie bewilligen verboten war. Der Gouverneur verſammelte einen Rath. rer Emanuel Philibert wohnte dieſem Rathe bei, ob⸗ gleich er erſt elf Jahre alt war. Ohne Zweifel hatte man ihn hiezu berufen, um den Muth ſeiner Ver⸗ er⸗ theidiger anzufeuern. Während man berathſchlagte, erblickte das Kind es an der Wand befeſtigt das hölzerne Modell des m Schloſſes, das der Gegenſtand der großen Zwiſtigkeit, die zwiſchen Karl IIHI. und dem Papſte dem Aus⸗ en, bruche nahe, bildete. age„Bei meiner Treue! meine Herren,“ ſprach er zu den Räthen, welche ſeit einer Stunde ſtritten, ohne zu einem Reſultate zu kommen,„Ihr ſeid ſehr us: in Verlegenheit wegen einer geringen Sache! Da wrir ein Schloß von Holz und eines von Stein haben, — ſo geben wir das Schloß von Holz dem Papſte, und behalten wir das Schloß von Stein!“ „Meine Herren,“ ſagte der Gouverneur,„unſere Pflicht wird uns durch das Wort eines Kindes dictirt. Seine Heiligkeit wird, wenn ihr daran liegt, das hölzerne Schloß haben, doch ich ſchwöre, daß ſie, ſo lange ich lebe, das ſteinerne Schloß nicht bekommen ſoll.“ Das Wort des Kindes und das des Gouverneurs wurden dem Papſt überbracht, der nicht weiter auf ſeinem Verlangen beharrte und im Franziskaner⸗ Kloſter abſtieg. Der Kaiſer kam an, dann der König von Frank⸗ reich. Jeder wohnte unter ſeinen Zelten, auf der einen und der andern Seite der Stadt, der Papſt in der Mitte. Der Congreß wurde eröffnet. Zum Unglücke gab er entfernt nicht die Reſultate, die man davon erwartete. Der Kaiſer reclamirte die Staaten Savoyen und Piemont für ſeinen Schwager. Franz I. reclamirte das Herzogthum Mailand für ſeinen zweiten Sohn, den Herzog von Orleans. Der Popſt endlich, der auch ſeinen Sohn hier anbringen wollte, verlangte, daß ein Prinz, der we⸗ der der Familie von Franz IL., noch der von Karl V. angehöre, zum Herzog von Mailand erwählt werde, unter der Bedingung, die Belehnung ſeines Herzog⸗ thums vom Kaiſer zu erhalten und dem König von Frankreich einen Tribut zu bezahlen. 4 Jeder wollte alſo das Unmögliche, da er gerade nd ere rt. as en rs auf er⸗ nk⸗ nen der 119 das Gegentheil von dem wollte, was die Andern wollten. Es ſprach ſich auch Jeder, indem er ſich weigerte, etwas Definitives zu beſchließen, für einen Waffen⸗ ſtillſtund aus. Es wünſchte in der That Jedermann dieſen Waffen⸗ ſtillſtand: Franz I., um zugleich ein wenig Ruhe ſeinen Soldaten, welche halb erſchöpft, und ſeinen Finanzen, welche ganz erſchöpft waren, zu geben; Karl v., um den Streifzügen, welche die Türken in ſeine Königreiche Neapel und Sicilien machten, Einhalt zu thun; Paul II., um wenigſtens ſeinen Sohn in ſeinen Fürſtenthümern Parma und Piacenza zu ſichern, da er ihn nicht im Herzogthum Mailand feſtſetzen konnte. Ein zehnjähriger Waffenſtillſtand wurde geſchloſ⸗ ſen; Franz I. beſtimmte ſelbſt die Zahl der Jahre. „Zehn Jahre oder nichts!“ ſagte er peremptoriſch. Und man bewilligte zehn Jahre. Allerdings war er es, der dieſen Waffenſtillſtand nach Verlauf von vier Jahren brach. Karl MMI., da er befürchtete, alle dieſe Conferen⸗ zen werden mit der Sequeſtration der wenigen Be⸗ ſtzungen, die ihm noch blieben, endigen, ſah ſeine erhabenen Gäſte mit mehr Freude abziehen, als er ſie hatte ankommen ſehen.„ Sie verließen ihn, wie ſie ihn gefunden, nur ärmer um die ganze Ausgabe, die er in ſeinen Staa⸗ ten gemacht, und die ſie zu bezahlen vergeſſen. Der Popſt war der Einzige, der etwas aus Allem dem gezogen, nämlich zwei Heirathen: 120 Die Verheirathung ſeines zweiten Sohnes Octavio Farneſe mit Margaretha von Oeſterreich, Witwe von Giuliano von Medici, der in Florenz in der Kirche Santa Maria del Fiore ermordet worden war; Und die Heirath ſeiner Nichte Vittoria mit An⸗ ton, dem älteſten Sohne von Charles von Vendome. Frei von ſeinen Sorgen hinſichtlich Franz I., betrieb Karl V. in Genua ſeine Rüſtungen gegen die Tür⸗ ken; dieſe Rüſtungen waren ungeheuer: ſie erforder⸗ ten zwei Jahre. Nach Verlauf dieſer zwei Jahre, als die Flotte im Begriffe war, unter Segel zu gehen, beſchloß Karl II., ſeinem Schwager einen Beſuch zu machen und ihm ſeinen Sohn Emanuel Philibert, der ſein vreizehntes Jahr erreichte, vorzuſtellen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Scianca Ferro und Leone bei der Reiſe waren: Emanuel Philibert ging nicht ohne ſie. Seit einiger Zeit war der junge Prinz in ſeinem Innern ſehr beſchäftigt. Es handelte ſich darum, eine Rede zu verfaſſen, von der er weder mit Mon⸗ ſeigneur Louis Alardet, Biſchof von Lauſanne, ſei⸗ nem Hofmeiſter, noch mit ſeinen Gouverneurs: Louis von Chatillon, Herrn von Muſinens, Oberſtſtall⸗ meiſter von Savoyen,— Jean Baptiſte Provana, Herrn von Leyni,— und Edouard von Genove, Ba⸗ ron von Lullens, ſprechen wollte. Er beſchränkte ſich alſo darauf, daß er ſich über dieſe Rede ſeinem Waffenträger und ſeinem Pagen eröffnete. Es war die Aufgabe, den Kaiſer um Erlaubniß 121 vio zu bitten, ihn bei ſeiner Expedition gegen die Bar⸗ twe baresken begleiten zu dürfen. der Scianca Ferro verwarf ſich aber, indem er ſagte, den wenn es eine Herausforderung betreffe, ſo ſei er competent in der Frage, handle es ſich jedoch darum, Un⸗ eine Rede zu halten, ſo müſſe er ſeine Unzulänglich⸗ me. keit anerkennen. ieb Leone verwarf ſich, indem er ſagte, ſchon der ür⸗ Gedanke an die Gefahren, denen Emanuel Philibert er⸗ natürlich bei einer ſolchen Expedition preisgegeben ſei, bringe ſeinen Geiſt dergeſtalt in Verwirrung, tte daß er nicht die zwei erſten Worte eines ſolchen Ge⸗ loß ſuches zuſammenfinden könnte. en Der junge Prinz ſah ſich alſo auf ſeine eigenen ein Kräfte angewieſen. Mit Beihülfe von Titus Livius, Quintus Curtius, Plutarch und allen Redenmachern rro des Alterthums componirte er ſodann die Rede, die ert eer an den Kaiſer zu richten gedachte. Der Kaiſer wohnte bei ſeinem Freunde Andrea em Doria in dem ſchönen Palaſte, der der König des m, Hafens von Genua zu ſein ſcheint, und er folgte der m⸗ Bemannung ſeiner Flotte, während er auf den herr⸗ ei⸗ lichen Terraſſen auf und abging, von wo der pracht⸗ lis liebende Admiral, nachdem er den Geſandten von Venedig Mittagstafel gegeben, ſein Silbergeſchirr ins a, Meer werfen ließ. za⸗ Der Herzog Karl, Emanuel Philibert und ihr Gefolge wurden beim Kaiſer, ſobald man ſie gemel⸗ er det, eingeführt. en Der Kaiſer umarmte ſeinen Schwager und wollte ebenſo ſeinen Neffen umarmen, Emanuel Philibert iß machte ſich aber ehrerbietig von den kaiſerlichen Ar⸗ 122 men los, ſetzte ein Knie auf die Erde, und hielt mit der ernſthafteſten Miene der Welt,— ſeinen Waf⸗ fenträger und ſeinen Pagen an ſeinen Seiten,— ohne daß ſelbſt ſein Vater wußte, was er ſagen wollte, folgende Rede: „Ergeben der Behauptung Eurer Würde und Eurer Sache, denn es iſt dies die Würde und die Sache Gottes und unſerer heiligen Religion, komme ich frei und mit Freuden und flehe Euch an, o Cäſar, mich als Freiwilligen unter den zahlloſen Kriegern anzunehmen, die von allen Seiten herbeieilen, um ſich unter Eure Fahnen zu reihen; ich wäre glücklich, o Cäſar! unter dem Größten der Könige und unter einem unbeſiegbaren Kaiſer die Disciplin der Lager und die Wiſſenſchaft des Krieges zu lernen.“ Der Kaiſer ſchaute ihn an und lächelte, und wäh⸗ rend Scianca Ferro laut ſeine Bewunderung für die Rede ſeines Prinzen ausdrückte, während vor Angſt erbleichend Leone zu Gott betete, er möge dem Kai⸗ ſer den guten Gedanken eingeben, das Anerbieten, das ihm gemacht wurde, auszuſchlagen, antwortete er mit Ernſt: „Prinz, ich danke Euch für dieſes Zeichen Eurer Anhänglichkeit; beharret bei dieſen guten Gefühlen: ſie werden uns Beiden nützlich ſein. Nur ſeid Ihr noch zu jung, um mir in den Krieg zu folgen; be⸗ . wahret Ihr aber immer dieſen Eifer und dieſen Willen, ſo ſeid unbeſorgt: im Verlaufe einiger Jahre wird es Euch nicht an Gelegenheit fehlen.“ Und er hob den jungen Prinzen auf und um⸗ armte ihn; um ihn zu tröſten, machte er ſodann ſein mit af⸗ gen und die nme iſar, gern um klich, nter ager die Ungſt Koi⸗ eten, rtete Furer hlen: Ihr be⸗ ieſen Jahre m⸗ nſein 123 eigenes goldenes Vließ los und ſchlang es ihm um den Hals. „Ah! Mord! Element!“ rief Scianca Ferro,„das iſt mehr werth, als der Cardinalshut.“ „Du haſt einen kühnen Kameraden, mein ſchöner Neffe,“ ſagte Karl v.,„und wir wollen ihm immer⸗ hin eine Kette geben, bis wir ihm ſpäter irgend ein Kreuz anhängen.“ Und er nahm eine goldene Kette vom Halſe eines ſeiner anweſenden Vornehmen, warf ſie Scianca Ferro zu und rief: „Für Dich, ſchöner Knappe!“ Doch ſo raſch die Bewegung von Karl V. gewe⸗ ſen, Scianca Ferro hatte Zeit gehabt, ein Knie auf die Erde zu ſetzen, ſo daß er in dieſer ehrfurchts⸗ vollen Stellung das Geſchenk des Kaiſers empfing. „Ah!“ ſagte der Sieger von Pavia, der in guter Laune war,„Jedermann muß ſeinen Theil haben, ſelbſt der Page.“ Und er zog einen Demantring von ſeinem klei⸗ nen Finger und ſprach: „Das Euch, ſchöner Page!“ Aber zum großen Erſtaunen von Emanuel Phi⸗ libert, von Scianca Ferro und allen Anweſenden ſchien Leone nicht gehört zu haben, denn er blieb unbeweglich an ſeinem Platze. „Ho! ho!“ ſagte Karl v.,„wir haben einen ſtummen Pagen, wie es ſcheint.“ Und die Stimme erhebend: „Auf, auf, ſchöner Page, kommt hierher.“ Doch ſtatt zu gehorchen, machte Leone einen Schritt rückwärts. „Leone!“ rief Emanuel, indem er den Knaben bei der Hand nahm und zum Kaiſer zu führen ſuchte. Seltſamer Weiſe riß jedoch Leone ſeine Hand aus der von Emanuel, ſtieß einen Schrei aus und ſtürzte aus dem Zimmer. „Das iſt ein Page, der nicht eigennützig,“ ſprach Karl V.,„und Du mußt mir ſagen, wo Du Dir ſolche verſchaffſt, mein ſchöner Neffe... Der Demant, den ich ihm geben wollte, iſt tauſend Piſtolen werth!“ Hienach wandte ſich Karl V. an ſeine Höflinge und rief: „Das iſt ein ſchönes Beiſpiel zum Befolgen, meine Herren.“ W Leona-Leone. Wie ſehr auch, in den Palaſt Corſi zurückkehrend, wo er mit ſeinem Vater wohnte, Emanuel Philibert in Leone drang, um nicht nur die Urſache, die ihn den Diamant auszuſchlagen bewogen, ſondern auch die zu erfahren, aus der er, wie ein ſcheuer junger Falke, einen Angſtſchrei ausſtoßend, entflohen, das Kind blieb ſtumm, und keine Bitte vermochte ein Wort aus ſeinem Munde zu bringen. Es war dieſelbe Hartnäckigkeit, welche die Her⸗ zogin Beatrix in Betreff der Aufklärungen, die ſie von dem Kinde über ſeine Mutter hatte erlangen wollen, und die das Kind beharrlich ihr zu geben ſich geweigert, nicht zu überwinden im Stande ge⸗ weſen. ben hte. and und rach lche den nge en, nd, bert ihn uch ger das ein er⸗ ſie gen ben 12²⁵ Nur fragte es ſich, in welcher Beziehung Karl v. mit der Kataſtrophe, die einſt den Pagen betroffen, habe vermengt ſein können? Dies zu errathen, war Emanuel Philibert unmöglich. Wie dem ſein mochte, er wollte lieber der ganzen Welt, ſelbſt ſeinem Oheim Unrecht geben, als Leone einen Augenblick im Verdachte der Inconſequenz und des Leichtſinns haben. Es waren zwei Jahre ſeit dem Waffenſtillſtande von Nizza vergangen. Das hieß für Franz I. ſehr lang ſein Wort halten. Es wunderte ſich auch Jeder⸗ mann und beſonders Karl v., der während der Zuſammenkunft, die er mit ſeinem Schwager gehabt, unaufhörlich dem mißtraute, was deér König von Frankreich thun könnte, ſobald er nicht mehr da wäre, um den armen Herzog zu beſchützen. Der Kaiſer war auch in der That kaum unter Segel gegangen, als der Herzog von Savoyen, nach Nizza zurückgekehrt, eine Botſchaft von Franz 1. er⸗ hielt. Franz I. machte ſeinem Oheim den Vorſchlag, ihm Savoyen zurückzugeben, unter der Bedingung, daß ihm Karl III. Piemont, um es der Krone von Frankreich beizufügen, abtrete. Entrüſtet über einen ſolchen Vorſchlag, ſchickte der Herzog die Boten ſeines Neffen weg und unter⸗ ſagte ihnen, wieder vor ihm zu erſcheinen. Was hatte Franz I. dieſe Dreiſtigkeit gegeben, dem Kaiſer zum vierten Male den Krieg zu erklären? „ Franz I. hatte neue Verbündete, Luther und So⸗ liman, die Proteſtanten Deutſchlands und die Sara⸗ cenen Africas. Seltſame Verbündete für den aller⸗ 126 chriſtlichſten König und den älteſten Sohn der Kirche. Sonderbarer Weiſe iſt während des langen Kam⸗ pfes zwiſchen Franz I. und Karl V., der, den man den ritterlichen König nennt, derfenige, welcher beſtändig ſein Wort bricht. Nachdem er auf dem Schlachtfelde von Pavia Alles verloren, außer der Ehre, macht er dieſer, trotz der Niederlage unangetaſtet gebliebenen Ehre einen unvertilgbaren Flecken, indem er in ſeinem Gefängniß einen Ver⸗ trag unterzeichnet, den er nicht halten ſoll! Und ſeht ihn, dieſen großen König, den die Ge⸗ ſchichtſchreiber aus der Geſchichte jagen müßten, wie Chriſtus die Verkäufer aus dem Tempel verjagt hat; ſeht ihn, dieſen von Burgund zum Ritter geſchlage⸗ nen Soldaten,— ſo oft er ſein Wort gebrochen hat, ſcheint er verrückt geworden zu ſein: er iſt der Freund des Türken und des Ketzers; er gibt die rechte Hand Soliman, die linke Luther; er, der Sohn des heili⸗ gen Ludwig, marſchirt mit dem Sohne Mahomeds! Gott, nachdem er ihm die Niederlage, die Tochter ſeines Zornes, geſchickt, ſchickt ihm auch die Peſt, die Tochter ſeiner Rache! Trotz Allem dem führt er in den Büchern,— in denen der Hiſtoriker wenigſtens,— den Titel ritterlicher König! Wir Dichter nennen ihn allerdings den ſchändlichen König, meineidig an ſeinem Worte gegen ſeine Feinde, meineidig an ſeinem Worte gegen ſeine Freunde, meineidig an ſeinem Worte gegen Gott! Diesmal, nachdem er die Antwort des Herzogs von Savoyen empfangen, war es Nizza, was er bedrohte. ohn dam⸗ den nige,, auf lage aren Ver⸗ wie hat; lage⸗ hat, eund and heili⸗ eds! chter „ die Litel. ichen inde, inde, von ohte. 127 Der Herzog von Savoyen ließ in Nizza einen wackern ſavoyiſchen Edelmann Namens Odinet von Montfort, zog ſich durch den Engpaß von Tenda und erreichte Verceil, wo er die wenigen Streitkräfte ſammelte, über die er verfügen konnte. Emanuel Philibert hatte ſeinen Vater um die Gunſt gebeten, in Nizza bleiben und ſeinen erſten Waffengang zugleich gegen Franz I. und gegen So⸗ liman machen zu dürfen; doch der einzige und letzte Erbe ſeines Hauſes war zu koſtbar für den Herzog, als daß ihm dieſer eine ſolche Bitte gewährt hätte. Nicht daſſelbe war bei Scianca Ferro der Fall; es wurde ihm die Erlaubniß ertheilt, und er machte Gebrauch davon. Kaum waren der Herzog, ſein Sohn und Leone ein paar Meilen von Nizza entfernt, als man eine Flotte von zweihundert Segeln mit türkiſchen und franzöſiſchen Flaggen erſcheinen ſah, welche im Hafen von Villefranche zehntauſend Türken befehligt von Haireddin, und zwölftauſend Franzoſen unter dem Commando des Herzogs von Enghien ausſchiffte. Die Belagerung war furchtbar; die Garniſon vertheidigte ſich Fuß um Fuß. Jeder, Bürger, Sol⸗ dat oder Edelmann, that Wunder der Tapferkeit. Die Stadt wurde an zehn verſchiedenen Stellen auf⸗ gebrochen, Türken und Franzoſen drangen durch zehn Breſchen ein; dann vertheidigte man jede Straße, jedes Haus, jeden Kreuzweg; das Feuer marſchirte mit demſelben Schritte wie die Belagernden. Odi⸗ net von Montfort zog ſich in das Schloß zurück und hinterließ dem Feinde nur eine Stadt in Trümmern. —————— 128 Am anbern Tage forderte ihn ein Herold auf, ſich zu ergeben. Doch er ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Freund, Du biſt auf einem falſchen Wege, daß Du Dich an mich wendeſt und mir eine ſolche Feig⸗ heit vorſchlägſt... Ich heiße Montfort, mein Wappen ſind Pfähle, und mein Wahlſpruch iſt: Man muß aushalten!“ Montfort war würdig ſeines Wahlſpruchs, ſeines Wappens und ſeines Namens. Er hielt aus, bis, als der Herzog von der einen Seite für ſich ſelbſt mit viertauſend Piemonteſen und Alfons von Avalos von der andern für den Kaiſer mit ſechstauſend Spaniern ankamen, die Türken und die Franzoſen die Belagerung aufhoben. Das war ein großes Feſt für den Herzog Karl und für ſeine Unterthanen, der Tag, an welchem er nach Nizza zurückkehrte, ſo ſehr auch die Stadt in Trümmern lag; es war auch ein großes Feſt für Emanuel Philibert und ſeinen Waffenträger. Scianca Ferro hatte den Namen verdient, den ihm Karl IV. gegeben. Als ſein Milchbruder ihn fragte, wie er es angefangen, da er auf ächte Harniſche und ächte Helme zu ſchlagen gehabt habe, da antwortete er: „Bah! das iſt nicht ſo ſchwierig, als Eichen zu ſpalten nicht ſo hart, als Felſen zu zerſchmettern.“ „Oh! daß ich nicht dabei war!“ murmelte Ema⸗ nuel Philibert, ohne zu bemerken, daß Leone, an ſeinen Atm angeklammert, erbleichte bei dem Gedan⸗ ken an die Gefahren, welche ſchon Scianca Ferro gelaufen war, und an die, welche eines Tags Ema⸗ nuel laufen werde. zur lea kon lan der Em ſech rum frag das vorr Don auf, daß eig⸗ tein iſt: nes bis, bſt los end ſen arl er in für nca IV. er chte r zu n.“ ma⸗ an an⸗ rro n 129 Wohl ward unſer Page einige Zeit nachher völlig beruhigt durch den Frieden von Ereſpy, eine Folge der Invaſion von Karl V. in die Provence und zugleich der Schlacht bei Cériſoles. Der Friede wurde am 14. October 1544 unter⸗ zeichnet. Er ſtipulirte, daß Philipp von Orleans, zweiter Sohn von Franz I., in zwei Jahren die Tochter des Kaiſers heirathen und als Mitgift das Herzogthum Mailand und die Niederlande erhalten ſollte; daß ſeinerſeits der König von Frankreich auf ſeine An⸗ ſprüche auf das Königreich Neapel verzichten und dem Herzog von Savoyen Alles zurückgeben ſollte, was er ihm genommen, mit Ausnahme der Feſtun⸗ gen Pignerolles und Montmeillan, welche mit dem franzöſiſchen Gebiete als Verſicherungsplätze vereinigt bleiben würden. Der Vertrag ſollte in zwei Jahren, das heißt zur Zeit der Verheirathung des Herzogs von Or⸗ leans mit der Tochter des Kaiſers, zum Vollzug kommen. Man war, wie man ſieht, zum Jahre 1545 ge⸗ langt. Die Knaben waren herangewachſen. Leone, der Jüngſte von den Dreien, zählte vierzehn Jahre, Emanuel ſiebenzehn, und Scianca Ferro, der Aelteſte, ſechs Monate mehr als Emanuel. Was ging im Herzen von Leone vor, und wa⸗ rum wurde der Jüngling immer trauriger? Das fragten ſich vergebens Emanuel und Scianca Ferro, das fragte Emanuel auch vergebens Leone. In der That, ſeltſam! je mehr Leone im Alter vorrückte, deſto weniger befolgte er das Beiſpiel ſei⸗ Dnmas, der Page. I. 9 130 ner zwei Gefährten. Emanuel, um ſeinen Neben⸗ namen Cardinälchen ganz und gar vergeſſen zu ma⸗ chen, und der Waffenträger, um ſeinen Beinamen Scianca Ferro immer mehr zu verdienen, brachten ihre Tage in Scheinkämpfen zu; immer den Degen, die Lanze oder die Streitart in der Hand, wetteifer⸗ ten die jungen Leute in Kraft und Geſchicklichkeit. Alles, was man durch Gewandtheit in Handhabung der Waffen erlangen kann, hatte Emanuel erlangt; Alles, was Gott an Kraft und Stärke menſchlichen Muskeln verleiht, hatte Scianca Ferro von Gott erhalten. Während dieſer Zeit verweilte Leone träumeriſch auf einem Thurme, von wo aus er die Uebungen der jungen Leute ſehen und Emanuel mit den Augen folgen konnte; oder wenn ihre Wuth für militäriſche Kampfſpiele ſie zu weit fortriß, nahm er ein Buch, zog ſich in einen einſamen Winkel des Gartens zu⸗ rück und las. Das Einzige, was Leone mit Freude gelernt hatte,— und dies ohne Zweifel, weil er hierin ein Mittel, Emanuel zu folgen, ſah,— war das Reiten, doch ſeit einiger Zeit und ſo wie ſeine Traurigkeit zunahm, verzichtete der Page allmälig ſelbſt auf dieſe Uebung. Eines, was Emanuel immer in Erſtaunen ſetzte, war, daß bei dem Gedanken, dieſer ſollte ein reicher und mächtiger Fürſt werden, das Geſicht von Leone ſich noch mehr verdüſterte. Eines Tags erhielt der Herzog von Kaiſer Karl V. einen Brief, in welchem für Emanuel Philibert von, einem Heirathsprojecte mit der Tochter ſeines Bru⸗ — ben⸗ ma⸗ men chten gen, ifer⸗ hkeit. bung ngt; ichen Gott riſch ngen ugen iſche zuch, zu⸗ ernt ein iten, gkeit dieſe etzte, icher eone 1V. von ru⸗ 131 ders, des Königs Ferdinand, die Rede war. Leone war bei der Leſung dieſes Briefes anweſend; er konnte die Wirkung nicht verbergen, die ſie auf ihn hervorbrachte, und zur großen Verwunderung von Herzog Karl III. und Scianca Ferro, welche ver⸗ gebens die Beweggründe eines ſolchen Schmerzes ſuchten, entfernte er ſich in ein Schluchzen aus⸗ brechend. Als Herzog Karl in ſeine Gemächer zurückge⸗ kehrt war, eilte Emanuel ſeinem Pagen nach. Das Gefühl, das er für Leone hegte, war ſeltſam und glich in keiner Hinſicht dem, welches ihm Scianca Ferro einflößte. Um Scianca Ferro das Leben zu retten, hätte er ſein Leben gegeben; um das Blut ſeines Milchbruders zu ſchonen, hätte er ſein Blut gegeben; doch ſein Blut und ſein Leben, er würde Alles gegeben haben, um eine am Rande des ſamm⸗ tenen Augenlides und der langen ſchwarzen Wim⸗ einem Jahre bemerkte er die zunehmende Traurigkeit des jungen Pagen, und oft hatte er ihn nach dem Brunde dieſer Traurigkeit gefragt; ſogleich aber hatte eone eine Anſtrengung gegen ſich ſelbſt gemacht, er hatte den Kopf geſchüttelt, als wollte er einen düſtern Bedanken daraus verjagen, und ihm lächelnd ge⸗ antwortet: „Ich bin zu glücklich, Prinz Emanuel, und ich befircte immer, daß ein ſolches Glück nicht fort⸗ auert!“ Und Emanuel hatte ebenfalls den Kopf geſchüt⸗ 132 telt. Da er aber wahrnahm, daß zu viel Dringlich⸗ keit Leone noch unglücklicher machte, ſo begnügte er ſich damit, daß er des Pagen beide Hände in die ſeinen nahm und ihn feſt anſchaute, als wollte er ihn zugleich durch alle Sinne befragen. Leone wandte aber langſam die Augen ab und zog ſachte ſeine Hände aus den Händen von Ema⸗ nuel zurück. Und Emanuel ging traurig wieder zu Scianca Ferro, dem es nicht einmal einfiel, ihn zu fragen, was er habe, und dem nie der Gedanke gekommen wäre, ihn bei den Händen zu nehmen und mit dem Blicke zu erforſchen, ſo ſehr war die Freundſchaft, die Emanuel mit Scianca Ferro verband, verſchieden von der, welche Emanuel mit Leone vereinigte. Doch an dieſem Tage mochte Emanuel immerhin den Pagen über eine Stunde im Schloſſe und im Parke ſuchen, er fand ihn nicht. Er erkundigte ſich bei Jedermann: Niemand hatte Leone geſehen. End⸗ lich wandte er ſich an einen Stallknecht; nach der Ausſage von dieſem war Leone in die Kirche gegan⸗ gen, und dort mußte er noch ſein. Emanuel lief nach der Kirche, umfaßte mit einem Blicke das ganze Innere des düſteren Gebäudes und ſah wirklich Leone auf den Knieen am einſam⸗ ſten Orte der geheimnißvollſten Kapelle. Er näherte ſich ihm, beinahe um ihn zu berüh⸗ ren, ohne daß der Page, in ſeine Meditation ver⸗ ſunken, ſeine Gegenwart nur bemerkte. Da machte er noch einen Schritt mehr, be⸗ rührte ihn an der Schulter und ſprach ſeinen Na⸗ men aus. vo ſchi ich lich⸗ er die er und ma⸗ nca en, nen em aft, den hin im ſich nd⸗ der n⸗ em es ih⸗ er⸗ e⸗ a⸗ 133 Leone bebte und ſchaute Emanuel mit einer faſt erſchrockenen Miene an. „Was machſt Du denn zu dieſer Stunde in die⸗ ſer Kirche, Leone?“ fragte ihn Emanuel mit Be⸗ ſorgniß. „Ich bitte Gott, er möge mir die Kraft ver⸗ eihen, mein Vorhaben auszuführen,“ antwortete ſchwermüthig Leone. „Was für ein Vorhaben iſt dies, Kind?“ Emanuel;„darf ich es nicht wiſſen?“ „Im Gegentheil, mein Prinz, Ihr ſollt es zuerſt erfahren.“ „Du ſchwörſt es mir, Leone?“ „Ach! ja, mein Prinz,“ erwiederte der Jüngling mit einem traurigen Lächeln Emanuel nahm ihn bei der Hand und ſuchte ihn aus der Kirche zu ziehen. Leone machte ſich aber ſachte von los, wie er dies ſeit einiger Zeit zu thun pflegte, kniete wieder nieder, bat durch eine Geberde den jungen Herzog, ihn allein zu laſſen, und ſagte: „Sogleich; es iſt für mich Bedürfniß, noch einen Augenblick mit Gott zu ſein.“ Es lag etwas ſo Feierliches und ſo Melancholi⸗ ſches im Ausdrucke des jungen Mannes, daß Ema⸗ nuel nicht einmal zu widerſtreben ſuchte. Er ging aus der Kirche, doch er erwartete ihn vor der Thüre. Leone bebte, als er ihn erblickte, ſchien er nicht erſtaunt, ihn hier zu fin „Und dieſes Geheimniß, ich es bald erfahren?“ fragte ſeiner Hand und dennoch den. fragte Emanuel,„werde 134 „Morgen hoffe ich die Kraft zu haben, es Euch zu ſagen, mein Prinz,“ antwortete Leone. 2 „In dieſer Kirche.“ „Zu welcher Stunde?“ „Kommt um dieſelbe Stunde wie heute.“ „Und bis dahin?“ ſagte Emanuel beinahe flehend. „Bis dahin wird mich mein Prinz, wie ich hoffe, nicht zwingen, mein Zimmer zu verlaſſen: ich bedarf der Einſamkeit und der Ueberlegung.“ Emanuel ſchaute den Pagen mit einer unaus⸗ ſprechlichen Herzbeklemmung an und führte ihn bis an ſeine Thüre zurück. Hier angelangt, wollte Leone die Hand des Prinzen nehmen und ſie küſſen; Ema⸗ nuel zog nun auch ſeine Hand zurück und ſtreckte beide Arme aus, um das Kind an ſich zu ſchließen und auf ſein Geſicht zu küſſen; doch Leone ſchob ihn ſachte von ſich und ſprach mit einem unſäglich trau⸗ rigen Tone: „Morgen, mein Prinz.“ Und er ging in ſein Zimmer. Emanuel blieb einen Augenblick unbeweglich vor der Thüre ſtehen. Er hörte Leone den Riegel vor⸗ ſchieben. Es war, als dränge die Kälte dieſes längs der Thüre hinknirſchenden Eiſens bis in die Tiefe ſei⸗ ner Bruſt. „Oh! mein Gott!“ murmelte er leiſe,„wie ge⸗ ſchieht mir denn, und was fühle ich?“ „Was Teufels machſt Du da?“ fragte hinter ihm eine rauhe Stimme, während eine kräftige Hand ſich auf ſeine Schulter legte. 7— uch nd. ffe, arf u8⸗ bis ne na⸗ ckte zen ihn au⸗ bor or⸗ der ſei ge⸗ ter nd 135 Emanuel ſtieß einen Seufzer aus, nahm Scianca Ferro beim Arme und zog ihn nach dem Garten. Beide ſetzten ſich neben einander auf eine Bank. Emanuel erzählte Scianca Ferro Alles, was zwiſchen ihm und Leone vorgefallen vor. Scianca Ferro dachte einen Augenblick nach, ſchaute in die Luft und biß ſich in die Fauſt. Plötzlich rief er: „Ich wette, daß ich weiß, was es iſt!“ „Was iſt es denn?“ „Leone iſt verliebt.“ Es ſchien Emanuel, er bekomme einen Schlag ins Herz. „Unmöglich!“ ſtammelte er. „Und warum unmöglich?“ verſetzte Scianca Ferro; „ich bin es wohl.“ „Du!.. Und in wen?“ „Ei, bei Gott! in Gervaiſe, die Tochter des Schloßvogts Sie hatte gewaltig Angſt während der Belagerung, die Arme! beſonders, wenn es Nacht geworden, und ich bewachte ſie, um ſie zu beruhigen...“ Emanuel machte eine Bewegung mit den Schul⸗ tern, welche bezeichnete, er ſei feſt überzeugt, Leone liebe nicht die Tochter eines Schloßvogts. Scianca täuſchte ſich in der Geberde von Ema⸗ nuel, die er für ein Zeichen der Verachtung hielt, und ſagte: „Oh! Herr Cardinälchen!(rotz ſeines goldenen Vließes gab in gewiſſen Augenblicken Scianca Ferro Emanuel noch dieſen Titel) ſpielt nicht den Ekeln!.. Ich, ich erkläre Euch, daß ich Gervaiſe allen den ſchönen Damen des Hofes vorziehe Und es komme 136 ein Turnier. ich bin bereit, ihre Farben zu tra⸗ gen und ihre Schönheit gegen Männiglich zu ver⸗ theidigen!“ „Ich würde diejenigen, welche nicht Deiner An⸗ ſicht wären, beklagen, mein lieber Scianca Ferro!“ erwiederte Emanuel. „Und Du haſt Recht, denn für die Tochter mei⸗ nes Vogts würde ich ſo gewaltig ſchlagen, als für die Tochter eines Königs.“ Emanuel ſtand auf, drückte Scianca Ferro die Hand, und kehrte ins Schloß zurück. Offenbar, wie er es geſagt, ſchlug Scianca Ferro zu gewaltig, um zu begreifen, was im Herzen von Emanuel vorging, und zu errathen, was in der Seele von Leone vorging. Emanuel aber, obgleich mit einem größeren Zart⸗ gefühle und mit mehr Feinheit des Geiſtes begabt, ſuchte vergebens in der Einſamkeit ſeines Zimmers und in der Stille der Nacht, nicht nur, was in der Seele von Leone vorgehe, ſondern auch, was ſich in ſeinem eigenen Herzen bewegte. Er erwartete daher mit Ungeduld den andern Tag. Der Morgen verſtrich langſam, ohne daß Ema⸗ nuel Leone ſah. Als die Stunde gekommen war, lief er ganz zitternd nach der Kirche, als ſollte ſich etwas von der höchſten Wichtigkeit in ſeinem Leben entſcheiden. Der im Jahr vorher unterzeichnete Vertrag von Creſpy, der ihm ſeine Staaten definitiv wiedergeben oder nehmen ſollte, hatte ihm von viel geringerer Bedeutung geſchienen, als das Geheimniß, das er zu erfahren hoffte. —— W — 137 Er fand den Jüngling an demſelben Platze wie am Tage vorher. Ohne Zweifel betete er ſchon lange. Es war eine Reſignation voll Schwermuth über ſeinem Geſichte verbreitet. Am Tage vorher noch ſchwankend, ſtand ſein Entſchluß offenbar nun feſt. Emanuel ging raſch auf ihn zu; Leone empfing ihn mit einem ſanften, aber traurigen Lächeln. „Nun?“ fragte Emanuel. „Mein Prinz,“ erwiederte Leone,„ich habe Euch um eine Gnade zu bitten.“ „Sprich, Leone.“ „Ihr ſeht meine Schwäche und meine Unfähig⸗ keit zu allen Leibesübungen. In Eurer faſt könig⸗ lichen Zukunft werdet Ihr kecke Männer wie Scianca Ferro nöthig haben, und nicht ſchüchterne Kinder wie mich, mein Prinz...“ Leone machte eine Anſtrengung gegen ſich ſelbſt, und zwei große Thränen floſſen über ſeine Wangen. „Mein Prinz, ich bitte Euch um die ſeltſame Gnade, Euch verkaſſen zu dürfen.“ Emanuel that einen Schritt rückwärts. Zwiſchen Scianca Ferro und Levne begonnen, hatte ſich ihm ſein Leben in der Zukunft nie getrennt von dem Einen oder dem Andern dieſer zwei Freunde gezeigt. „Mich verlaſſen?“ ſagte er zu Leone mit dem höchſten Erſtaunen. Leone antwortete nicht und neigte nur ſein Haupt. „Mich verlaſſen?“ wiederholte Emanuel mit dem Ausdrucke des lebhafteſten Schmerzes.„Du! mich verlaſſen? Unmöglich!“ 138 „Es muß ſein,“ erwiederte Leone mit einer kaum hörbaren Stimme. Emanuel drückte, wie ein Menſch, der ſich dem Wahnſinne nahe fühlt, ſeine Hand an ſeine Stirne, ſchaute den Altar an, und kieß ſeine Arms träge an ſeinem Leibe hinabfallen. In ein paar Secunden hatte er ſich ſelbſt be⸗ fragt, er hatte Gott befragt, und da er weder von der Erde, noch vom Himmel Antwort erhielt, ſo ſank er entmuthigt zuſammen. „Mich verlaſſen,“ ſagte er zum dritten Male, als könnte er ſich nicht an dieſes Wort gewöhnen;„mich, der ich Dich ſterbend gefunden, Leone! mich, der ich Dich als einen Abgeſandten der Vorſehung auf⸗ genommen! mich, der ich Dich beſtändig wie einen Bruder behandelt habe!... oh!“ „Gerade deshalb, mein Prinz; gerade weil ich Euch zu viel verdanke und Euch, wenn ich bei Euch bleibe, nichts von dem, was ich Euch ſchuldig bin, wiedererſtatten kann; darum möchte ich gern mein ganzes Leben für meinen Wohlthäter beten.“ „Für mich beten?“ verſetzte Emanuel immer mehr erſtaunt.„Und wo dies?“ „In einem frommen Kloſter, das mir viel mehr der Platz einer armen Waiſe meiner Art zu ſein ſcheint, als der, welchen ich an einem glänzenden Hofe, wie der Eurige werden ſoll, einnehmen würde.“ „Meine Mutter, meine arme Mutter!“ mur⸗ melte Emanuel,„Du, die Du ihn ſo ſehr liebteſt, was würdeſt Du ſagen, wenn Du das hörteſt?“ „Im Angeſichte dieſes Gottes, der uns hört,“ ſprach Leone, indem er feierlich ſeine Hand auf den —— —— S— c— um em ne, ige be⸗ on ank als ch, der uf⸗ en ich ch in, ein hr hr in en ⸗ ſt, — 139 Arm des jungen Prinzen legte,„im Angeſichte dieſes Gottes, der uns hört, würde ſie ſagen, ich habe Recht.“ Es lag eine ſolche Wahrheit des Ausdrucks, eine ſolche Ueberzeugung, wenn nicht des Herzens, doch wenigſtens des Gewiſſens in der Antwort von Leone, daß Emanuel erſchüttert war. „Leone,“ ſprach er,„thu', was Du willſt, mein Kind, Du biſt frei. Ich habe Dein Herz zu feſſeln geſucht, doch es war nie meine Abſicht, Deinen Leib zu feſſeln. Nur bitte ich Dich, Deinen Entſchluß nicht zu übereilen; nimm acht Tage, nimm...“ „Oh! wenn ich nicht in dem Augenblicke gehe, wo Gott mir die Kraft gibt, Euch zu verlaſſen, Emanuel, ſo werde ich nie gehen, und ich ſage Euch,“ fügte das Kind ſchluchzend bei,„ich muß gehen.“ „Gehen?.. Aber warum?“ Auf dieſe Frage antwortete Leone nur mit jenem unbeugſamen Stillſchweigen, wie er es ſchon bei 2 zwei Gelegenheiten beobachtet hatte: das erſte Mal, als ihn im Dorfe Oleggio die Herzogin über ſeine Eltern und ſeine Geburt befragte; das zweite Mal, als in Genua Emanuel wiſſen wollte, warum er den Demantring von Kaiſer Karl v. ausgeſchlagen. Er war im Begriffe, weiter in ihn zu dringen, als er in der Kirche einen fremden Tritt hörte. „ Es war einer der Diener ſeines Vaters, der ihm meldete, der Herzog Karl verlange ihn ſogleich zu ſehen. Man hatte wichtige Rachrichten aus Frankreich erhalten. „Du ſiehſt, Leone,“ ſagte Emanuel zu dem Kinde,„ich muß von Dir gehen; heute Abend werde 1⁴0⁰ ich Dich wiederſehen, und wenn Du bei Deinem Ent⸗ ſchluſſe beharrſt, Leone, nun! ſo ſollſt Du frei ſein, mein Kind; Du wirſt mich morgen verlaſſen, oder ſogar heute noch, wenn Du nicht mehr länger bei mir bleiben zu müſſen glaubſt.“ Leone antwortete nicht; er fiel mit einem tiefen Seufzer auf ſeine Kniee; es war, als bräche ſein Herz. Emanuel entfernte ſich; doch ehe er die Kirche verließ, konnte er ſich nicht enthalten, einige Male den Kopf umzudrehen, um zu erfahren, ob es dem Kinde ſo wehe thue, ihn ſich entfernen zu fühlen, als es ihm Schmerz machte, ſich zu entfernen. Leone blieb allein, betete noch eine Stunde und kehrte dann ruhiger in ſeine Wohnung zurück. In der Abweſenheit von Emanuel kam ſein, ſo lange der junge Prinz da war, ſchwankender Entſchluß, ge⸗ führt von dem Engel mit dem Eisherzen, den man die Vernunft nennt, zu ihm zurück. Sobald er aber in ſeinem Zimmer war, beun⸗ ruhigte Leone der Gedanke, Emanuel könne jeden Augenblick wiedererſcheinen, um einen letzten Ver⸗ ſuch bei ihm zu machen. Bei jedem Geräuſche, das er auf der Treppe hörte, bebte er; die Tritte, welche im Corridor er⸗ ſchollen, ſchienen, wenn ſie an ſeiner Thüre vor⸗ überkamen, auf ſeinem Herzen zu gehen. Es verliefen zwei Stunden; ein Tritt wurde hörbar: oh! diesmal hatte Leone keinen Zweifel mehr, er hatte den Tritt erkannt. Die Thüre wurde geöffnet: Emanuel erſchien. Er war traurig, und dennoch drang ein ſchlecht k nt⸗ ein, der bei fen ein che ale em len, und nge ge⸗ nan un⸗ den er⸗ ppe er⸗ or⸗ de ehr, echt — 14 gedämpfter Strahl der Freude durch dieſe Traurig⸗ keit durch. 1 „Nun, Leone!“ fragte er, nachdem er die Thüre geſchloſſen hatte,„haſt Du überlegt?“ „Mein Prinz,“ erwiederte Leone,„als Ihr mich verließet, war meine Ueberlegung ſchon beendigt.“ „Du beharrſt alſo dabei, daß Du mich verkaſſen willſt?“ Leone hatte nicht die Kraft, zu antworten: er nickte nur bejahend mit dem Kopfe. „Und dies,“ fuhr Emanuel mit einem ſchwer⸗ müthigen Lächeln fort,„und dies hauptſächlich, weil ich ein großer Fürſt ſein und einen glänzenden Hof haben werde?“ Leone nickte abermals mit dem Kopfe. „Nun denn!“ ſprach Emanuel mit einer gewiſſen Bitterkeit,„über dieſen Punkt beruhige Dich! Ich bin heute ärmer und elender, als ich es je geweſen.“ Leone erhob ſein Haupt, und Emanuel konnte in ſeinen ſchönen Augen das Erſtaunen durch die Thrä⸗ nen glänzen ſehen. „Der zweite Sohn des Königs von Frankreich, der Herzog von Orleans, iſt todt,“ ſprach Emanuel; „hiemit iſt der Vertrag von Creſpy gebrochen.“ „Und. und?“ ſagte Leone, Emanuel mit allen Muskeln ſeines Geſichtes befragend. „Und da Kaiſer Karl V., mein Oheim, das Herzogthum Mailand nicht meinem Vetter Franz 1. gibt, ſo gibt mein Vetter Franz 1. die Staaten nicht meinem Vater zurück.“ „Aber,“ fragte Leone mit einem unbeſchreiblichen Gefühle der Bangigkeit,„die Heirath mit der Tochter 142 von König Ferdinand, die vom Kaiſer ſelbſt vorge⸗ ſchlagene Heirath findet dennoch ſtatt?“ „Ei! mein armer Leone,“ erwiederte der junge Mann,„derjenige, welchen Kaiſer Karl V. ſeine Nichte wollte heirathen laſſen, war der Graf von Breſſe, der Prinz von Piemont, der Herzog von Savoyen, doch nicht der arme Emanuel Philibert, der von allen ſeinen Staaten nur noch die Stadt Nizza, das Thal von Aoſta und drei bis vier in Savoyen und Piemont zerſtreute Neſter beſitzt. „Oh!“ rief Leone, mit einem Gefühle von Freude, welches zu erſticken ihm unmöglich war. Doch faſt in demſelben Augenblicke die Selbſt⸗ beherrſchung wieder erringend, die ihm zu entſchwin⸗ den drohte, ſagte er: „Gleichviel! das ſoll nichts an dem, was be⸗ ſchloſſen worden iſt, ändern, mein Prinz.“ „Alſo,“ fragte Emanuel trauriger und düſterer über dieſen Entſchluß des Kindes, als er es bei der Nachricht vom Verluſte ſeiner Staaten geweſen war, „Du verläſſeſt mich dennoch?“ „Wie ich es geſtern mußte, muß ich es noch heute, Emanuel.“ „Geſtern, Leone, war ich reich, war ich mächtig, ich hatte eine herzogliche Krone auf dem Haupte; heute bin ich arm, beraubt, und ich habe nur noch ein Schwert in der Hand. Wenn Du mich geſtern verließeſt, warſt Du nur grauſam, Leone: wenn Du mich heute verläſſeſt, biſt Du undankbar!... Gott befohlen, Leone!“ „Undankbar!“ rief Leone.„Oh! mein Gott! Du hörſt ihn, er ſagt, ich ſei undankbar.“ b 6 — 0— S—— 143 ge⸗ Dann, als der junge Prinz, das Auge düſter und die Stirne gefaltet, ſich anſchickte, aus dem nge Zimmer wegzugehen, rief Levne: chte„Oh! Emanuel, Emanuel, verlaß mich nicht ſo, eſſe, d ich würde darüber ſterben!“ en, Emanuel wandte ſich um und ſah das Kind die von Arme gegen ihn ausſtrecken: es war bleich, wan⸗ das kend, einer Ohnmacht nahe. und Er eilte auf Leone zu, hielt ihn in ſeinen Armen feſt und drückte in einer erſten Bewegung, von der de, er ſich unmöglich Rechenſchaft geben konnte, ſeine Lippen auf die Lippen von Leone. bſt⸗ Leone ſtieß einen ſo ſchmerzlichen Schrei aus, i⸗ als ob ihn ein glühendes Eiſen berührt hätte, fiel rückwärts und ward ohnmächtig. be⸗ Die Agraffe ſeines Wammſes bedrückte ſeine Kehle: Emanuel öffnete ſie; ſodann, da das Kind in ſeiner erer geſtärkten Krauſe erſtickte, zerriß er die Krauſe, und der um Leone Luft zu geben, ſprengte er zugleich alle ar, Knöpfe ſeiner Weſte. Da war er es aber, der einen Schrei von ſich wch gab, nicht des Schmerzes, ſondern des Erſtaunens, der Verwunderung, der Freude. tig, Leone war eine Frau! te; Wieder zu ſich kommend, exiſtirte Leone nicht och mehr: nur war Leona die Geliebte von Emanuel Du Von da an war nicht mehr die Rede davon, daß ott die Arme ſich von ihrem Geliebten trennen ſollte, dem, ohne ein Wort der Erklärung, Alles erklärt war⸗ ott! Traurigkeit, Einſamkeit, Verlangen, zu fliehen. Als ſie wahrgenommen, daß ſie Emanuel Philibert liebte, 14⁴ hatte Levne ſich von ihm trennen wollen; doch ſo⸗ bald der junge Mann ihr ſeine Liebe gegeben, ſchenkte ihm Leone ihr Leben. Für Alle blieb der Page ein junger Mann und hieß Leone. Nur für Emanuel Philibert war Leone ein ſchö⸗ nes Mädchen und hieß Leona. Als Fürſt hatte Emanuel Philibert Breſſe, Pie⸗ mont, Savoyen, mit Ausnahme von Nizza, dem Thale von Aoſta und der Stadt Verceil, verloren. Doch als Menſch hatte er nichts verloren, da Gott ihm Scianca Ferro und Leona gab, das heißt, die zwei herrlichſten Geſchenke, die in ſeiner himm⸗ liſchen Freigebigkeit Gott einem ſeiner Auserwählten machen kann: Die Ergebenheit und die Liebe! Die drei Botſchaften. Sagen wir' in wenigen Zeilen, was während der zwiſchen dieſer Epoche und der, zu welcher wir gelangt ſind, abgelaufenen Zeitperiode vorgefallen war. Emanuel Philibert hatte Leona geſagt, es bleibe ihm nur noch ſein Schwert. Der Bund der Proteſtanten Deutſchlands, ins Leben gerufen durch Johann Friedrich, Kurfürſt von Sachſen, den die ſucceſſiven Eingriffe des Reiches beunruhigten, hatte dem jungen Prinzen eine Fel⸗ genheit gegeben, dieſes Schwert Karl v. anzubieten. Diesmal nahm es der Kaiſer an. — ſr⸗ en, und hö⸗ Bie⸗ em ißt, um⸗ ten nd vir ar. ibe ns on es le⸗ n. „— Der von den proteſtantiſchen Fürſten ergriffene Vorwand war, ſo lange der Kaiſer lebe, könne ſein Bruder Ferdinand nicht zum römiſchen König gewählt werden. Der Bund bildete ſich in der kleinen Stadt Schmal⸗ kalden, welche in der Grafſchaft Henneberg lag und dem Landgrafen von Heſſen gehörte: daher der Name Schmalkaldiſcher Bund, den die Verbindung annahm, und unter dem ſie bekannt iſt. Heinrich vIMI. hatte Bedenklichkeiten gehabt und ſich der Theilnahme enthalten; Franz I. war im Ge⸗ gentheil mit ganzem Herzen beigetreten. Die Sache datirte von lange: ſie datirte vom 22. December 1530, dem Tage der erſten Verſamm⸗ lung. oliman war auch bei dieſem Bunde. Er hatte factiſch ſeine Unterſtützung dadurch ge⸗ währt, daß er im Jahre 1532 die Belagerung von Meſſina unternommen. Karl v. war aber gegen ihn marſchirt mit einem Heere von neunzigtauſend Mann Fußvolk und drei⸗ ßigtauſend Mann Reiterei, und hatte ihn gezwungen, die Belagerung aufzuheben. Mit Hülfe der Peſt hatte er die Armee von Franz I. in Italien vernichtet, ſo daß einerſeits der Vertrag von Cambray, am 5. Auguſt 1529, und andererſeits der Vertrag von Nürnberg, am 23. Juli 1532, ins Mittel getreten waren, was Europa auf einige Augenblicke wieder den Frieden gegeben hatte. an kennt ſchon die Dauer der mit Franz 1. geſchloſſenen Verträge. Der Vertrag von Nürnberg wurde gebrochen, und der Schmalkaldiſche Bund, Dumas, der Page. I. 10 146 der Zeit gehabt hatte, ſeine Kräfte zu vereinigen, ſchlug los. Der Kaiſer marſchirte in Perſon gegen die Schmal⸗ kaldiſchen. Was in Deutſchland vorging, ſchien ihn immer noch viel mehr insbeſondere zu berühren, als das, was anderswo vorging. Karl begriff, daß ſeit dem Verfalle des Papſt⸗ thums die größte Macht dieſer Welt das Reich war. Unter dieſen Umſtänden ging am 27. Mai 1545 Emanuel Philibert nach Worms ab, wo ſich der Kaiſer aufhielt. Der junge Prinz war, wie immer, begleitet von Scianca Ferro und Leone. Es folgten ihm vierzig Edelleute. Das war das ganze Heer, das, um es ſeinem Schwager zu ſchicken, derfjenige hatte auf die Beine bringen können, der noch die Titel führte: Herzog von Savoyen, Chablais und Avoſta; Fürſt von Pie⸗ mont, Achaia und Morea; Graf von Genf, Nizza, Aſti, Breſſe und Romont; Baron von Vaud, Ger und Faucigny; Herr von Verceil, Beauforf, Bugey und Freiburg; Reichsfürſt und Reichsvicar in Ita⸗ lien; König von Cypern! Karl V. nahm ſeinen Neffen vortrefflich auf; er erlaubte, daß man ihm in ſeiner Gegenwart den Titel Majeſtät gab, wegen des Königreichs Cypern, auf das ſein Vater Rechte zu haben behauptete. Emanuel Philibert bezahlte dieſe Aufnahme da⸗ durch, daß er Wunder der Tapferkeit in der Schlacht bei Ingolſtadt und in der bei Mühlberg verrichtete. Dieſe letzte endigte den Kampf. Zehn von den vierzig Edelleuten von Emanuel Philibert fehlten gen, nal⸗ ihn ren, pſt⸗ vdr. 545 der ner, nem eine rzog Pie⸗ za, Ger gey Ita⸗ er itel auf acht ete. den lten 147 am Abend beim Aufrufe ihres Führers: ſie waren todt oder verwundet. Scianca Ferro, der mitten im Gefechte den Kur⸗ fürſten Johann Friedrich an ſeinem mächtigen frie⸗ ſiſchen Roſſe, an ſeiner rieſigen Geſtalt und an den furchtbaren Streichen erkannte, die er austheilte, hatte ſich ihn beſonders auserſehen. Sicherlich würde der junge Mann ſeinen Namen Scianca Ferro hier erlangt haben, wäre er ihm nicht ſchon lange gegeben worden. Mit einem Schlage des Kolbens ſeiner erſchreck⸗ lichen Streitart brach er zuerſt den rechten Arm des Fürſten, mit einem Streiche der Schneide zerhieb er ihm ſodann zugleich den Helm und das Geſicht; ſo daß der Gefangene, als er das verſtümmelte Viſir dieſes Helmes vor dem Kaiſer aufhob, genöthigt war, ſich zu nennen: ſein Geſicht war nur eine ent⸗ ſetzliche Wunde. Einen Monat vorher war Franz 1. geſtorben. Sterbend hatte er ſeinem Sohne geſagt, die Mißge⸗ ſchicke Frankreichs haben dieſes in Folge ſeines Bünd⸗ niſſes mit den Proteſtanten und den Türken betrof⸗ fen. Und anerkennend, duß Karl v. für ihn der allmächtige Gott geweſen, hatte er den zukünftigen König von Frankreich ermahnt, ſich im Frieden mit ihm zu erhalten. Es trat nun ein Augenblick der Ruhe ein, wäh⸗ rend welcher Emanuel Philibert ſeinen Vater in Ver⸗ eeil beſuchte. Die Zuſammenkunft war voll Zärt⸗ lichkeit und tiefer Liebe: ohne Zweifel hatte der Herzog das Vorgefühl, er umarme ſeinen Sohn zum letzten Male! 148 Die Ermahnung von Franz I. an Heinrich II. hinterließ keine tiefe Wurzeln im Herzen dieſes Kö⸗ nigs ohne militäriſches Genie, aber mit kriegeriſchen Inſtincten, und der Krieg entbrannte wieder in Italien aus Anlaß der Ermordung des Herzogs von Pia⸗ cenza, dieſes Paul Ludwig Farneſe, des älteſten Sohnes von Paul III., von dem wir ſchon geſprochen. Er wurde ermordet zu Piacenza, 1548, durch Pallavicini, Landi, Anguiſuola und Gonfalonieri, welche ſogleich nach der Ermordung die Stadt Fer⸗ dinand von Gonzaga, Gouverneur von Mailand für Karl V., übergaben. Octavio Farneſe, der zweite Sohn von Paul II., hatte ſich ſeinerſeits Parmas bemächtigt und um nicht genöthigt zu ſein, es wieder herauszugeben, den Schutz von Heinrich 1I. angerufen. Zu Lebzeiten aber von Paul Ludwig hatte Karl v. nicht aufgehört, Parma und Piacenza, als zum Her⸗ zogthum Mailand gehörende Städte, zu reclamiren. Man erinnert ſich der Streitigkeiten, die er hier⸗ über in Nizza mit Papſt Paul III. gehabt hatte. Es brauchte nicht mehr, um den Krieg wieder zu entzünden, der auch zu gleicher Zeit in Italien und in den Niederlanden zum Ausbruche kam. In Flandern, wie immer, machte Karl V. ſeine größten Anſtrengungen; es hatten ſich alſo ganz na⸗ türlich gegen Norden unſere Augen, welche Emanuel Philibert ſuchten, ſchon am Anfange dieſes Biches gewendet. Wir haben geſagt, wie, nach der Belagerün von Metz und der Einnahme von Thérouahne und Hesdin, der Kaiſer ſeinen Neffen mit der Wieder —————+——— —— 5c0—— M Kö⸗ chen lien Pia⸗ eſten chen. urch ieri, Fer⸗ für um den N. Her⸗ ren. ier⸗ eder lien 149 erbauung letzterer Stadt beauftragt und ihn zum Obergeneral ſeiner Heere in Flandern, ſo wie zum Gouverneur der Niederlande ernannt hatte. Da hatte, als ſollte er ein Gegengewicht gegen dieſe große Ehre bilden, ein tiefer Schmerz Emanuel Philibert im Herzen getroffen. Am 1. September 1553 war ſein Vater, der Herzog von Savoyen, geſtorben. Mit der Eigenſchaft des Obergenerals und mit dieſer Trauer über den Tod ſeines Vaters, die ſich nicht in ſeinen Kleidern erhalten, aber wenigſtens, wie die von Hamlet, noch in ſeinem Geſichte ausgeprägt war, haben wir ihn aus dem kaiſerlichen Lager kom⸗ mend erſcheinen ſehen, und nachdem er ſeiner Gewalt auf eine Weiſe Reſpect verſchafft, wie dies einſt Ro⸗ mulus für ſeine Autorität gethan, ſehen wir ihn wieder dahin zurückkehren. Ein Bote von Karl V. erwartete ihn vor ſeinem Zelte: der Kaiſer wünſchte ihn ſogleich zu ſprechen. Emanuel ſtieg raſch ab, warf die Zügel ſeines Pferdes einem ſeiner Leute zu, machte ſeinem Waffen⸗ träger und ſeinem Pagen ein Zeichen mit dem Kopfe, bedeutend, er entferne ſich von ihnen nur für die Zeit, die ihm der Kaiſer nehmen werde, ſchnallte die Kuppel ſeines Degens auf und nahm den Degen unter den Arm, wie er dies zu thun pflegte, wenn er zu Fuße ging,— und zwar, damit, wenn er dieſen Degen aus der Scheide zu ziehen nöthig hätte, der Griff davon immer im Bereiche ſeiner Hand wäre, — wonach er ſich nach dem Zelte des neuen Cäſar wandte. Die Schildwache präſentirte das Gewehr vor ihm, 150 und er trat, den Boten voran, der ſeine Ankunft dem Kaiſer melden ſollte, ein. Das Kriegszelt des Kaiſers hatte vier Abtheilungen, eine Art von Vorzimmer oder vielmehr Porticus, getragen von vier Pfeilern, nicht zu rechnen. Dieſe vier Abtheilungen des kaiſerlichen Zeltes dienten die eine als Speiſezimmer, die zweite als Empfangszimmer, die dritte als Schlafzimmer, und die vierte als Arbeitscabinet. Jede war durch das Geſchenk einer Stadt meub⸗ lirt und mit der Trophäe eines Sieges geſchmückt worden. Die einzige Trophäe des kaiſerlichen Schlafzim⸗ mers war das Schwert von Franz I., das über dem Bette hing. Dieſe Trophäe war einfach, wie man ſieht; doch ſie hatte mehr Werth in den Augen von Karl V., der dieſes Schwert ſogar in das Kloſter von Saint⸗Juſt mitnahm, als die Trophäen ſeiner drei andern Zimmer zuſammen. Derjenige, welcher dies ſchreibt, hat oft, mit einem traurigen, ſchwermüthigen Blicke gegen die Vergan⸗ genheit, dieſes Schwert gehalten und gezogen, das Franz I., der es übergab, Karl V., der es empfing, und Napoleon, der es wiedernahm, gehalten und gezogen hatten. Seltſame Richtigkeit der Dinge dieſer Welt! faſt die einzige Mitgift einer gefallenen ſchönen Fürſtin geworden, iſt es heute das Eigenthum eines Dieners von Katharina II. O Franz l.! o Karl v.! o Nopoleon! Im Vorzimmer, obgleich er daſſelbe nur raſch durchſchritt, bemerkte Emanuel Philibert,— mit 15¹ unft jenem Auge des Chefs, das Alles mit einem Blicke und in einer Secunde ſieht— einen Mann, dem die en, Hände auf den Rücken gebunden waren, und der von cus, vier Soldaten bewacht wurde. „ Der gebundene Mann war als Bauer gekleidet; ltes da aber ſein Kopf entblößt war, ſo konnte Emanuel als Philibert ſehen, daß weder ſeine Haare, noch ſein und Teint mit ſeiner Kleidung übereinſtimmten. 3 Er dachte, es ſei ein franzöſiſcher Spion, den ub⸗ man ergriffen, und wegen dieſes Spions verlange ückt der Kaiſer nach ihm. Karl V. war in ſeinem Arbeitscabinet; ſobald im⸗ man ihn gemeldet, wurde der Herzog beim Kaiſer ein⸗ em geführt. an Mit dem ſechzehnten Jahrhundert geboren, war on Karl v. damals ein Mann von fünfundfünfzig Jahren, on klein von Geſtalt, aber kräftig; ſein lebhaftes Auge rei funkelte unter ſeinen Brauen,— wenn der Schmerz ihr Licht nicht auslöſchte. em Seine Haare ergrauten; doch ſein mehr dichter, n⸗ als langer Bart war feurig roth geblieben. a Er lag auf einer Art von Divan, der mit orien⸗ taliſchen, aus dem Zelte von Soliman vor Wien nd genommenen, Stoffen bedeckt war. Im Bereiche ſeiner Hand glänzte eine Trophäe aſt von Kandſchars und arabiſchen Säbeln. Er war in tim einen langen Schlafrock von ſchwarzem Sammet, mit rs Marderpelz gefüttert, gehüllt. Sein Geſicht war düſter, und er ſchien Emanuel Philibert mit Ungeduld zu erwarten. ſch Als man ihm jedoch den Herzog gemeldet hatte, it verſchwand ſogleich dieſer Ausdruck von Ungeduld, 152 wie unter dem Hauche eines Nordwindes eine Wolke verſchwindet, welche die Helle des Tages verdunkelt. Während einer vierzigjährigen Regierung hatte der Kaiſer Zeit gehabt, ſein Geſicht nach den Um⸗ ſtänden componiren zu lernen, und man muß ſagen, Niemand war geſchickter als er in dieſer Kunſt. Beim erſten Blicke, den er auf den Kaiſer warf, begriff nichtsdeſtoweniger Emanuel Philibert, daß dieſer über ernſte Dinge mit ihm zu reden hatte. Karl V., als er ſeinen Neffen gewahrte, drehte den Kopf auf ſeine Seite, machte eine Anſtrengung, um ſeine Lage zu verändern, und richtete mit dem Kopfe und mit der Hand einen freundſchaftlichen Gruß an ihn. Emanuel Philibert verbeugte ſich ehrerbietig. Der Kaiſer begann die Unterredung italieniſch. Er, der ſein ganzes Leben beklagte, daß er nie La⸗ teiniſch und Griechiſch habe lernen können, ſprach gleich gut fünf lebende Sprachen: Italieniſch, Spaniſch, Engliſch, Flämiſch und Franzöſiſch.*) „Ich habe das Italieniſche gelernt,“ ſagte er, „um mit dem Papſte zu ſprechen; das Spaniſche, um mit meiner Mutter Juanna zu ſprechen; das Eng⸗ liſche, um mit meiner Tante Katharine zu ſprechen; das Flämiſche, um mit meinen Mitbürgern und mei⸗ nen Freunden zu ſprechen; das Franzöſiſche, um mit mir ſelbſt zu ſprechen.“ Welche Eile er auch hatte, über ſeine Angelegen⸗ *) Da iſt wohl das Deutſche vergeſſen. Der Ueberſ. — ,———— —,—— c S c e olke elt. tte m⸗ en, uf, ß hte ng, em —,—— 153 heiten mit denjenigen zu reden, die er zu ſich berief, der Kaiſer fing immer damit an, daß er ihnen ein paar Worte über die ihrigen ſagte. „Nun!“ fragte er italieniſch,„was Neues aus dem Lager?“ „Sire,“ antwortete Emanuel Philibert, der ſich derſelben Sprache bediente wie der Kaiſer, was übrigens ſeine Mutterſprache war,„eine Neuigkeit, die Eure Majeſtät bald erfahren würde, wenn ich ſie ihr nicht mittheilte: damit man meinen Titel und meine Autorität achte, bin ich genöthigt geweſen, ein großes Beiſpiel zu geben.“ „Ein großes Beiſpiel!“ wiederholte der Kaiſer, der ſchon wieder zu ſeinen eigenen Gedanken zurück⸗ kehrte,„und welches?“ Emanuel Philibert begann die Mittheilung deſſen, was zwiſchen ihm und dem Grafen von Waldeck vor⸗ gefallen war; doch welche Bedeutung auch die Er⸗ zählung hatte, Karl V. hörte ſie offenbar nur mit den Ohren: der Geiſt war anderswo. „Gut!“ ſagte zum dritten Male der Kaiſer, als Emanuel Philibert geendigt hatte. Nur hatte er, in ſich ſelbſt verſunken, wie er war, ohne Zweifel nicht ein Wort von dem Berichte ge⸗ hört, den ihm ſein General gemacht. Während der ganzen Zeit, welche die Erzählung gedauert, hatte der Kaiſer, wahrſcheinlich um ſeine Befangenheit zu verbergen, die durch die Gicht ver⸗ krümmten und mißgeſtalteten Finger ſeiner rechten Hand, die er mit Schwierigkeit ſich bewegen ließ, an⸗ geſchaut. Die Gicht, das war die wahre Feindin von Karl V., 15⁴ eine Feindin, welche noch viel mehr gegen ihn er⸗ bittert, als Soliman, Franz I. und Heinrich II. Die Gicht und Luther, das waren die zwei Dä⸗ monen, die ihn unabläßig heimſuchten. Er ſetzte auch Beide in denſelben Rang. „Ah! ohne Luther und ohne meine Gicht,“ ſagte er zuweilen, mit der Hand in ſeinen rothen Bart greifend, wenn er gelähmt durch die Strapaze eines langen Marſches oder die Anſtrengung einer gewal⸗ tigen Schlacht vom Pferde ſtieg,„oh! wie würde ich ohne Luther und meine Gicht heute Nacht ſchlafen!“ Es trat ein Augenblick des Stillſchweigens zwi⸗ ſchen der Erzählung von Emanuel Philibert und der Wiederaufnahme des Geſpräches durch den Kaiſer ein. Endlich ſagte dieſer, indem er ſich gegen ſeinen Neffen umwandte: „Ich auch, ich habe Dir auch Neuigkeiten mit⸗ zutheilen, und zwar ſchlimme Neuigkeiten.“ „Von wo, erhabener Kaiſer?“ „Von Rom.“ „Iſt der Papſt gewählt?“ „Ja „Und er heißt?“ „Pietro Caraffa!... Derjenige, an deſſen Stelle er tritt, war gerade von meinem Alter, Emanuel, in demſelben Jahre wie ich geboren: Marcell II... Armer Marcell! ſagt mir ſein Tod nicht, daß ich mich auf das Sterben vorzubereiten habe?“ „Sire,“ erwiederte Emanuel,„ich glaube, Ihr müßtet Euren Geiſt nicht bei dieſem Ereigniß ver⸗ weilen laſſen, und den Tod von Papſt Marcell nur * e e 8 elle uel, Ihr er⸗ nur 15⁵ aus dem Geſichtspunkte eines gewöhnlichen Todes betrachten. Marcell Cervino, der Cardinal, war ge⸗ ſund, kräftig, und hätte vielleicht hundert Jahre ge⸗ lebt: der Cardinal Marcell Cervino iſt, Papſt Mar⸗ cell II. geworden, in zwanzig Tagen geſtorben!“ „Oh! ich weiß es wohl,“ verſetzte Karl v. ganz nachdenkend;„er hatte auch zu große Eile, Papſt zu ſein. Er ließ ſich mit der Tiara am Charfreitag krönen, das heißt, an demſelben Tage, an welchem Unſer Herr mit Dornen gekrönt worden iſt... Das wird ihm Unglück gebracht haben. Ich bekümmere mich auch weniger um dieſen Tod, als um die Wahl von Paul IV.“ „Und, wenn ich mich nicht irre, Sire, iſt doch Paul IV. ein Neapolitaner, alſo ein Unterthan Eurer Majeſtät,“ ſagte Emanuel Philibert. „Jo, allerdings; doch man hat mir immer ſchlechte Berichte über dieſen Cardinal gemacht, und während der ganzen Zeit, die er am Hofe von Spanien war, hatte ich mich perſönlich über ihn zu beklagen. Ah!“ fuhr Karl V. mit dem Ausdrucke der Müdigkeit fort, „ich muß alſo mit ihm den Kampf wiederanfangen, den ich ſeit zwanzig Jahren mit ſeinen Vorgängern kämpfe, und meine Kräfte ſind erſchöpft!“ „Oh! Sire!“ Karl V. verſank in eine Art von Träumerei, aus der er indeſſen alsbald wieder hervortrat. „Uebrigens,“ fügte er wie mit ſich ſelbſt ſpre⸗ chend und mit einem Seufzer bei,„übrigens wird mich dieſer vielleicht täuſchen, wie mich die Andern getäuſcht haben; ſie ſind faſt immer das Entgegen⸗ geſetzte von dem, was ſie als Cardinäle waren. Ich 5 156 hielt den Medici, den Clemens VII., für einen Mann von friedlichem, feſtem, beſtändigem Geiſte: gut! man erwählt ihn zum Papſte, und es findet ſich, daß ich mich in allen Punkten geirrt habe; es iſt ein unruhiger, ſtreitſüchtiger, unbeſtändiger Geiſt! Ganz» im Gegentheil hatte ich mir eingebildet, Julius III. werde die Angelegenheiten ſeinen Vergnügungen zu Liebe vernachläßigen, er werde ſich nur um ſeine Be⸗ luſtigungen und um ſeine Feſte bekümmern, peccatol! nie hat es einen emſigeren, thätigeren Papſt gegeben, 1 einen Papſt, der ſich weniger um die Freuden dieſer Welt bekümmerte, als er. Hat er uns nicht zu 2 ſchaffen gemacht, er und ſein Cardinal Polus*), wegen n der Heirath von Philipp II. mit ſeiner Baſe Maria b Tudor! Hätten wir dieſen wüthenden Polus nicht ſi in Augsburg feſtgenommen, wer weiß, ob heute die Heirath vollzogen wäre?... Ah! armer Marcell,“ v wiederholte der Kaiſer, indem er einen zweiten Seuf⸗ zer ausſtieß, der noch ausdrucksvoller als der erſte, v „nicht weil Du Dich am Charfreitag krönen ließeſt haſt Du nur um zwanzig Tage Deine Inthroniſation überlebt, ſondern weil Du mein Freund warſt!“ 3—— — 2 e S NMReginald Poole, ein Engländer; er ſchloß ſich wäh⸗* rend ſeines Aufenthalts in Italien, nachdem er ſeine n Heimath wegen ſeines Widerſpruchs gegen die Ehe⸗ ſcheidung von Heinrich VIII. verlaſſen hatte, dem römiſchen Hofe ſo eng an, daß er zum päpſtlichen Legaten und Cardinal ernannt wurde. Nach Eng⸗ 5 land zurückgekehrt, ward er Erzbiſchof von Canter⸗ bury. D. Ueberſ. ann gut! daß ein zanz III. zu ato! ben, eſer zu gen ria icht die uf⸗ ſte, eſt, ion ih⸗ ine he⸗ em en ig⸗ er⸗ » — 157 „Ueberlaſſen wir das der Zeit, erhabener Kaiſer,“ ſprach Emanuel Philibert;„Eure Majeſtät geſteht ſelbſt, daß ſie ſich über Clemens vll. und Julius III. getäuſcht hat: vielleicht täuſcht ſie ſich auch über Paul IV.“ „Das wolle Gott! Doch ich bezweifle es.“ Man hörte ein Geräuſch vor der Thüre. „Was gibt es?“ fragte Karl v. ungeduldig.„Ich hatte Befehl gegeben, uns nicht zu ſtören. Sieh doch, was man will, Emanuel!“ Der Herzog hob die Draperie auf, welche an der Thüre hing, wechſelte eine Frage und eine Antwort mit den Perſonen, die ſich im anſtoßenden Zimmer befanden, wandte ſich ſodann wieder gegen den Kai⸗ ſer um und ſprach: „Sire, es iſt ein Courier, der von Spanien, von Tordeſillas, ankommt.“ „Oh! laß ihn eintreten, mein Kind! Nachrichten von meiner Mutter ohne Zweifel!“ Der Bote erſchien. „Ja, nicht wahr,“ ſagte ſpaniſch Karl v. zum Boten,„Nachrichten von meiner Mutter?“ Der Bote reichte, ohne zu antworten, einen Brief Emanuel Philibert, und dieſer nahm ihn aus ſeinen Händen. „Gib, Emanuel, gib!“ ſprach der Kaiſer.„Nicht wahr, ſie befindet ſich wohl?“ Der Bote ſchwieg fortwährend. Emanuel Philibert zögerte, den Brief Karl v. zu geben: er war ſchwarz geſiegelt. Karl V. ſah das Siegel und ſchauerte. „Nun!“ ſagte er,„die Wahl von Paul 1V. bringt 158⁸ mir ſchon Unglück! Gib, mein Kind!“ fügte er bei, indem er die Hand gegen Emanuel ausſtreckte. Emanuel gehorchte; länger zögern wäre kindiſch geweſen. „Auguſtus,“ ſprach er, indem er den Brief Karl v. darreichte,„erinnere Dich, daß Du Menſch biſt!“ „Ja,“ erwiederte Karl V.,„das ſagte man zu den alten Triumphatoren.“ Und ganz zitternd erbrach er den Brief. Er enthielt nur ein paar Zeilen, und dennoch fing er, um ihn zu leſen, zwei oder drei Mal wie⸗ der an. Die Zähren trübten ſeinen Blick; ſeine durch den Ehrgeiz vertrockneten Augen waren ſelbſt erſtaunt über dieſes Wunder: ſie fanden wieder Thränen. Als er geendigt hatte, reichte er den Brief Emanuel Philibert, ſank auf ſeinen Divan zurück und ſpräch: „Todt!.. geſtorben... am 13. April 1555, an demſelben Tage, an welchem Pietro Caraffa zum Papſte gewählt worden iſt... Nun! mein Sohn, ich ſagte Dir wohl, dieſer Menſch werde mir Unglück bringen!“ Emanuel hatte die Augen auf den Brief gewor⸗ fen. Er war unterzeichnet vom königlichen Notar von Tordeſillas und meldete wirklich den Tod von Johanna von Caſtilien, der Mutter von Karl N., mehr bekannt in der Geſchichte unter dem Nanen Juanna die Wahnſinnige. Er blieb einen Augenblick unbeweglich vor die⸗ ſem großen Schmerze, von dem er nicht wußte, wo er ihn anrühren ſollte, denn Karl V. liebte ſeine Mutter n m 159 „Auguſtus!“ ſprach er endlich,„erinnere Dich Alles deſſen, was Du die Güte hatteſt, mir zu ſagen, als mich vor zwei Jahren das Unglück traf, meinen Vater zu verlieren.“ „Ja, man ſagt Alles dies,“ erwiederte der Kai⸗ ſer;„man findet gute Gründe, um die Andern zu tröſten, und dann, wenn die Reihe an uns kommt, ſind wir unmächtig, uns ſelbſt zu tröſten.“ „Ich tröſte Dich auch nicht, Auguſtus,“ ſprach Emanuel;„im Gegentheil, ich ſage Dir:„Weine, weine, Du biſt nur ein Menſch!““ „Wie ſchmerzlich war ihr Leben, Emanuel! Im Jahre 1496 heirathete ſie meinen Vater Philipp den Schönen: ſie betete ihn an; 1506 ſtirbt er, vergiftet durch ein Glas Waſſer, das er Ball ſpielend trinkt*); ſie wird wahnſinnig vor Schmerz! Seit fünfzig Jah⸗ ren wartete ſie auf die Auferſtehung ihres Gemahls, die ihr, um ſie zu tröſten, ein Karthäuſer verſprochen hatte, und ſeit fünfzig Jahren war ſie nicht aus Tordeſillas weggegangen, nur ausgenommen, als ſie mir 1517 nach Villa Vicioſa entgegenkam und mir die Krone von Spanien ſelbſt auf das Haupt ſetzte. Wahnſinnig durch die Liebe, die ſie für ihren Ge⸗ mahl gehabt hatte, erlangte ſie ihre Vernunft erſt wieder, als ſie ſich mit ihrem Sohne beſchäftigte. Arme Mutter! meine ganze Regierung wird wenig⸗ *) Es findet ſich eine ſehr anziehende Schilderung dieſes Todes in dem ebenfalls durch das Belle⸗ triſtiſche Ausland veröffentlichten Roman von Du⸗ mas: El Salteador. 460 ſtens von der Achtung zeugen, die ich für ſie hegte. Nichts von Wichtigkeit iſt ſeit vierzig Jahren in Spanien geſchehen, ohne daß man ſich bei ihr Raths erholt hat,— nicht daß ſie immer den Rath geben konnte, doch es war meine Sohnespflicht, ſo zu han⸗ deln, und ich erfüllte ſie.— Weißt Du, daß ſie, ob⸗ gleich Spanierin und eine gute Spanierin, um nie⸗ derzukommen, ſich nach Flandern begeben hat, damit ich einſt an der Stelle meines Großvaters Maximi⸗ lian Kaiſer werden könnte? weißt Du, daß ſie, ſo ſehr ſie Mutter war, darauf verzichtet hat, mich zu ſtillen, aus Furcht, man könnte mich, nur weil ich ihre Milch eingeſogen, beſchuldigen, ich ſei zu ſehr Spanier? Und in der That, daß ich der Säugling von Anna Sterel und Bürger von Gent geweſen,— das ſind die zwei Haupttitel, denen ich die kaiſerliche Krone verdankte. Nun wohll ſchon vor meiner Ge⸗ burt hatte meine Mutter Alles dies vorhergeſehen! Was kann ich ihr nach ihrem Tode thun? Ein ſchö⸗ nes Leichenbegängniß halten? Sie ſoll es haben. Aber wahrhaſtig, Kaiſer von Deutſchland, König von Spanien, Neapel, Sicilien und beiden Indien ſein; ein Reich haben, in dem die Sonne nie⸗ mals untergeht, wie meine Schmeichler ſagen, und für ſeine todte Mutter nichts Anderes thun kön⸗ nen, als ihr ein ſchönes Leichenbegängniß halten!.. Ach! Emanuel, die Macht des mächtigſten Menſchen iſt ſehr beſchränkt!“ In dieſem Augenblicke wurde der Thürvorhang abermals aufgezogen, und man ſah durch die Oeff⸗ nung einen ganz mit Staub bedeckten Officier, der auch der Ueberbringer dringender Nachrichten zu ſein ſchien. di g hegte. en in Raths geben han⸗ , ob⸗ nie⸗ amit rimi⸗ iſ ch zu il ich ſehr ling 1— liche Ge⸗ hen! ſchö⸗ ben. önig dien nie⸗ und kön⸗ 1 hen ang eff⸗ uch en. * 161 Der Geſichtsausdruck des Kaiſers war ſo ſchmerz⸗ lich, daß der Huiſſier, der es in Betracht der Wich⸗ tigkeit der Nachrichten, die der dritte Bote brachte, übernommen hatte, das Verbot zu verletzen, als er das Cabinet von Karl V. eindrang, plötzlich ſtehen blieb. Doch der Kaiſer hatte den mit Staub bedeckten Boten geſehen. „Tretet ein!“ ſprach er flämiſch;„was gibt es?“ „Erhabener Kaiſer,“ ſagte der Bote ſich verbeu⸗ gend,„König Heinrich II. iſt mit drei Armeecorps ins Feld gerückt; das erſte wird commandirt von ihm ſelbſt und unter ſeinen Befehlen vom Connetable von Montmorench, das zweite vom Marſchall von Saint⸗André und das dritte vom Herzog von Nevers.“ „Nun, was weiter?“ fragte der Kaiſer. „Sire, der König von Frankreich hat Marien⸗ bourg belagert und eingenommen; zu dieſer Stunde marſchirt er gegen Bouvines. „An welchem Tage hat er die Belagerung von Marienbourg begonnen?“ „Am vergangenen 13. April, Sire!“ Karl V. wandte ſich gegen Emanuel Philibert um. „Nun,“ fragte er franzöſiſch,„was ſagſt Du von dieſem Datum, Emanuel?“ „In der That, verhängnißvoll!“ erwiederte dieſer. „Es iſt gut, mein Herr,“ ſprach Karl v. zum Boten,„laßt uns allein.“ Sodann zum Huiſſier: „Man ſorge für dieſen Kapitän, als ob er eine gute Kunde brächte. Geht!“ Diesmal wartete Emanuel Philibert nht⸗ bis Dumas, der Page. I. 162 der Kaiſer fragte; ehe der Thürvorhang wieder nie⸗ dergefallen war, nahm er das Wort und ſprach: „Zum Glücke, erhabener Kaiſer, wenn wir nichts gegen die Wahl von Paul 1V. vermögen, wenn wir nichts gegen den Tod Eurer vielgeliebten Mutter vermögen, vermögen wir doch etwas gegen die Ein⸗ nahme von Marienbourg.“ „Und mas vermögen wir?“ „Es wiederzunehmen, bei Gott!“ „Ja, Du, aber nicht ich, Emanuel.“ „Wie, nicht Ihr?“ verſetzte der Prinz von Pie⸗ mont. Karl V. glitt an ſeinem Divan herab, ſtellte ſich mit Mühe auf ſeine Füße und verſuchte es, zu gehen, doch er machte nur hinkend ein paar Schritte. Er ſchüttelte den Kopf, wandte ſich gegen ſeinen Neffen und ſprach: „Sieh, ſchau' meine Beine an; ſie unterſtützen mich nun nicht mehr,— weder zu Pferde, noch zu Fuße; ſchau' meine Hände an; ſie können nicht mehr ein Schwert feſthalten. Das iſt eine Warnung, Ema⸗ nuel! derjenige, welcher kein Schwert mehr halten kann, kann auch kein Scepter mehr halten!“ „Was ſagt Ihr, Sire?“ rief Emanuel beſtürzt. „Etwas, woran ich ſchon oft gedacht habe, und woran ich noch weiter denken werde. Emanuel, Alles zeigt mir an, daß es Zeit iſt, meinen Platz einem Andern zu überlaſſen: die Ueberrumpelung von Innsbruck, von wo ich halb nackt zu fliehen genöthigt war; der Rückzug von Metz, wo ich das Drittel mei⸗ nes Heeres und die Hälfte meines Rufes gelaſſen habe, und mehr als Alles dies, ſiehſt Du, das Uebel, „n gef per nie⸗ hts wir tter in⸗ ie⸗ ſich en, nen ich ße; ein na⸗ ten ind les em on igt ei⸗ ſen el, 163 dem die menſchlichen Kräfte nicht lange zu wider⸗ ſtehen vermöchten, dieſes Uebel, das die Arzneiwiſſen⸗ ſchaft nicht heilen kann, ein entſetzliches unerbittliches, grauſames Uebel, das ſich des Körpers vom Schei⸗ tel bis zur Fußſohle bemächtigt, das keinen Theil gefund läßt, das die Nerven durch unerträgliche Schmerzen zuſammenzieht, das die Knochen durch⸗ dringt, das Mark vereiſt, das in feſte Kreide jenes wohlthätige, von der Natur in unſern Gliederfugen, um die Bewegungen zu erleichtern, verbreitete Hel verwandelt; dieſes Uebel, das den Menſchen, Glied für Glied, grauſamer, ſicherer verſtümmelt, als es das Feuer thut, als es alle Verheerungen des Krie⸗ ges thun, und das die Heiterkeit, die Kraft und die Freiheit der Seele unter den Qualen der Materie bricht; dieſes Uebel, das unabläſſig ſchreit:„„Genug der Gewalt, genug der Macht, genug der Regierung! Kehre in das Nichts des Lebens zurück, ehe Du in das Nichts des Grabes zurücktehrſt! Karl, durch die Gnade Gottes Kaiſer der Römer, Karl, immer Meh⸗ rer des Reichs, Karl, König von Deutſchland, von Caſtilien, von Leon, von Granada, von Aragonien, von Neapel, von Sicilien, von Majorca, von Sar⸗ dinien, den Inſeln und den Indien des Stillen Meeres und des Atlantiſchen Meeres, einem Andern, einem Andern!““ Emanuel wollte ſprechen. Der Kaiſer hielt ihn durch eine Geberde zurück. „Und dann, und dann,“ fuhr der Kaiſer fort, „noch etwas Anderes, was ich Dir zu ſagen ver⸗ geſſen! Als wäre die Auflöſung dieſes armen Kör⸗ pers zu langſam nach den Wünſchen meiner Feinde, 16⁴ als hätte ich nicht genug an den Niederlagen, an den Ketzereien, an der Gicht, miſcht ſich der Dolch darein!“ „Wie, der Dolch?“ rief Emanuel. Das Geſicht von Karl V. verdüſterte ſich. „Man hat heute mich zu ermorden verſucht,“ ſagte er. „Man hat Eure Mojeſtät ermorden wollen?“ fragte Emanuel ganz erſchrocken. „Warum nicht?“ erwiederte Karl V. mit einem Lächeln.„Haſt Du mir nicht ſo eben geſagt, ich ſoll mich erinnern, daß ich ein Menſch ſei?“ „Oh!“ rief Emanuel, der ſich noch nicht von der Gemüthserſchütterung, die ihm dieſe Kunde verur⸗ ſacht, erholt hatte,„und wer iſt der Elende?“ „Ah! ja!“ verſetzte der Kaiſer,„wer iſt der Elende?.. Ich halte den Dolch, aber nicht die Hand.“ „In der That,“ ſprach Emanuel,„der Menſch, den ich ſo eben im Vorzimmer gebunden geſehen habe.. „Das iſt der Elende, wie Du ihn nennſt, Ema⸗ nuel. Nur fragt es ſich, durch wen iſt er gegen mich abgeſandt? Durch den Türken? ich glaube es nicht: Soliman iſt ein redlicher Feind. Heinrich II.? Ich habe ihn nicht einmal im Verdachte. Paul IV.? Er iſt noch nicht lange genug erwählt, und dann die Päpſte. das zieht im Allgemeinen das Gift dem Dolche vor: Bcclesia abhorret a Sanguine. Octavio Farneſe? Das iſt ein zu kleiner Geſelle, um mit mir anzubinden, einem kaiſerlichen Vogel, den Moritz nicht zu nehmen wagte, weil er, wie er ſagte, keinen Käſich kenne, der groß genug, um ihn einzuſperren. Etwa Sr S aco—— ——— — an lch 6 2 em ſoll der die dem wio mir icht äfich twa 165 die Lutheraner von Augsburg, die Calviniſten von Genf? Hier ſteht mir der Verſtand ſtille. Höre, Emanuel, dieſer Menſch hat ſich geweigert, auf meine Fragen zu antworten; nimm ihn und führe ihn in Dein Zelt, befrage ihn ebenfalls, mache mit ihm, was Dir beliebt: ich gebe ihn Dir; doch Du hörſt mich? er muß ſprechen! Je mächtiger und näher mir der Feind iſt, deſto mehr liegt mir daran, ihn zu kennen.“ Dann, nach einer Pauſe von einigen Secunden, heftete er ſeinen Blick auf Emanuel Philibert, der, nachdenkend, ſeine Augen zur Erde niedergeſchlagen hielt, und ſagte: „Ah! höre, Dein Vetter Philipp lI. iſt in Brüſſel angekommen.“ 4 Der Uebergang war ſo ungeſtüm, daß Emanuel ebte. Er richtete den Kopf auf, und ſein Blick begeg⸗ nete dem des Kaiſers. Diesmal ſchauerte er. „Nun?“ fragte Emanuel Philibert. „Nun,“ erwiederte Karl v.,„ich werde glücklich ſein, meinen Sohn wiederzuſehen!... Sollte man nicht glauben, er errathe, der Augenblick ſei günſtig, und die Stunde, mir in der Regierung zu folgen, ſei für ihn gekommen? Doch ehe ich ihn wiederſehe, Emanuel, empfehle ich Dir meinen Mörder!“ „In einer Stunde wird Eure Majeſtät Alles was ſie zu wiſſen wünſcht,“ antwortete Ema⸗ nue Und ſich verbeugend vor dem Kaiſer, der ihm ſeine verſtümmelte Hand reichte, zog ſich Emanuel zurück, überzeugt, die Sache, von der der Kaiſer mit 166 ihm wie über einen Anhang der Unterredung geſpro⸗ chen, ſei von allen Ereigniſſen des Tages dasjenige, auf welches er in Wirklichkeit am meiſten Gewicht lege. „ XI. Odoardo Maraviglia. Indem er ſich zurückzog, warf Emanuel Philibert einen neuen Blick auf den Gefangenen, und dieſer Blick beſtärkte ihn in ſeiner erſten Idee, er habe es mit einem Edelmanne zu thun. Er winkte dem Anführer der vier Soldaten, ſich ihm zu nähern. „Mein Freund,“ ſagte er,„in fünf Minuten wirſt Du auf Befehl des Kaiſers dieſen Menſchen unter mein Zelt führen.“ Emanuel hätte es unterlaſſen können, ſich auf den Namen von Karl V. zu berufen: man wußte, daß dieſer ihm jede Machtvollkommenheit ertheilt hatte, und im Allgemeinen gehorchten ihm die Soldaten, die ihn anbeteten, als ob ſie dem Kaiſer ſelbſt ge⸗ horcht hätten. „Euer Befehl wird vollzogen werden, Hoheit,“ antwortete der Sergent. Der Herzog ſchlug wieder den Weg nach ſeiner Wohnung ein. Das Zelt von Emanuel war nicht wie das des Kaiſers ein herrlicher Pavillon mit vier Abtheilun⸗ gen; es war das Zelt eines Soldaten, durch eine einfache Leinwand entzwei geſchnitten. Scianca Ferro ſaß vor der Thüre. * ro⸗ ige, ge. ert ſer es ich 167 „Bleibe, wo Du biſt,“ ſagte Emanuel zu ihm; „nur nimm irgend eine Waffe.“ „Wozu?“ „Man wird einen Menſchen hierher bringen, der den Kaiſer zu ermorden verſucht hat. Ich gedenke ihn unter vier Augen zu befragen. Schau ihn an, wenn er eintritt, und bricht er das Wort, das er mir ohne Zweifel geben wird, dadurch, daß er zu entfliehen ſucht, ſo nimm ihn feſt, aber lebendig, Du verſtehſt? es iſt wichtig, daß er lebt.“ „Dann brauche ich keine Waffen,“ verſetzte Scianca Ferro:„meine Arme werden genügen.“ „Thue, was Dir beliebt: ich habe Dich aufmerk⸗ ſam gemacht.“ „Sei unbeſorgt,“ erwiederte Scianca Ferro. Scianca Ferro duzte fortwährend ſeinen Milch⸗ bruder, oder dieſer hatte vielmehr, den heiligen Tra⸗ ditionen der Kindheit getreu, von Scianca Ferro verlangt, daß er ihn zu duzen fortfahre. Der Prinz trat in ſein Zelt ein und fand Leone, oder vielmehr Leona, die ihn erwartete. Da er allein zurückkehrte, und da der Vorhang des Zeltes wieder hinter ihm niedergefallen war, ſo kam ihm Leona mit offenen Armen entgegen. „Freund,“ ſprach ſie,„biſt Du endlich da! Mein Gott! welch eine entſetzliche Scene war das! Ach! Du hatteſt wohl Recht, als Du mir ſagteſt, nach meiner Erſchütterung und meiner Bläſſe zu urtheilen, habe man mich für ein Weib halten müſſen.“ „Was willſt Du, Leona, das ſind die gewöhn⸗ lichen Scenen im Leben eines Soldaten, und Du müßteſt nun varan gewöhnt ſein.“ 168 Lächelnd fügte er dann bei: „Sieh Scianca Ferro an und nimm ein Muſter an ihm.“ „Wie kannſt Du ſolche Worte auch nur lachend ſprechen? Scianca Ferro iſt ein Mann; ich weiß wohl, er liebt Dich ſo ſehr, als ein Mann einen andern Mann lieben kann; ich aber liebe Dich, Ema⸗ nuel, wie ich es nicht zu ſagen vermöchte, daß ich Dich liebe, wie das, ohne was man nicht leben kann! Ich liebe Dich, wie die Blume den Thau liebt, wie der Vogel den Wald liebt, wie die Morgenröthe die Sonne liebt... Mit Dir lebe ich, exiſtire ich, liebe ich! Ohne Dich bin ich nicht mehr!“ „Theure Geliebte,“ ſprach Emanuel,„ja, ich weiß wohl, daß Du zugleich die Anmuth, die Hin⸗ gebung und die Liebe biſt; ich weiß, daß Du an meiner Seite gehſt, daß Du aber in Wirklichkeit in mir lebſt; darum habe ich gegen Dich keinen Rück⸗ halt, kein Geheimniß.“ „Warum ſagſt Du mir das?“ „Weil man einen Menſchen hierher bringt; weil dieſer Menſch ein großer Frevler iſt, den ich ver⸗ hören werde; weil er vielleicht wichtige, wer weiß? die höchſten Perſonen compromittirende Offenbarun⸗ gen machen wird. Gehe auf dieſe Seite meines Zeltes. Horche, wenn Du willſt, mir gleichviel! ich weiß, daß ich das, was ich gehört, allein gehört haben werde.“ Leona zuckte ſanft die Achſeln und erwiederte „Was liegt mir, Dich ausgenommen, an der ganzen Welt?“ Und den letzten Kuß mit der Hand dem Gelieb⸗ ge ſp ſie I m ſter end eiß nen ma⸗ ich nn! wie die ebe ich in⸗ an keit ück⸗ veil ver⸗ nes ich ört der ieb⸗ iß? 169 ten zuſendend, verſchwand das Mädchen hinter dem Vorhange. Es war Zeit, die fünf Minuten waren abge⸗ laufen, und mit einer ganz militäriſchen Pünktlichkeit kam der Sergent, ſeinen Gefangenen herbeiführend. Emanuel empfing ihn ſitzend und halb im Schat⸗ ten verloren. Aus dieſem Schatten heraus konnte er einen dritten tieferen, längeren Blick auf den Mörder werfen. Es war ein Mann von dreißig bis fünfunddreißig Jahren. Seine Geſtalt war hoch und ſein Geſicht ſo ausgezeichnet, daß, wie geſagt, ſeine Verkleidung Emanuel Philibert nicht abgehalten hatte, einen Edel⸗ mann in ihm zu erkennen. „Laßt den Herrn allein mit mir,“ ſagte der Prinz zum Sergenten. Der Sergent wußte nur zu gehorchen und ging mit ſeinen Leuten ab. Der Gefangene heftete ſein lebhaftes, durchdrin⸗ gendes Auge auf Emanuel Philibert. Dieſer ſtand auf, ging gerade auf ihn zu und ſprach: „Mein Herr, dieſe Leute wußten nicht, mit wem ſie es zu thun hatten, und ſie haben Euch gebunden. Ihr werdet mir Euer Ehrenwort als Edelmann geben, daß Ihr nicht zu fliehen verſuchen wollt, und ich mache Eure Hände frei.“ „Ich bin ein Bauer und kein Edelmann,“ er⸗ wiederte der Mörder;„ich kann Euch folglich nicht mein Ehrenwort als Edelmann geben.“ „Wenn Ihr ein Bauer ſeid, ſo verpflichtet Euch dieſes Ehrenwort des Edelmanns zu nichts. Gebt 170 es alſo, da es das einzige Unterpfand iſt, das ich Eu von Euch verlange.“ ein Der Gefangene antwortete nichts. „Dann werde ich Euch die Hände ohne Ehren⸗ wort losbinden,“ ſprach Emanuel.„Ich fürchte mich, da nicht, unter vier Augen mit einem Manne zu ſein, ein und hätte dieſer Mann auch keine Ehre zu ver⸗ En pfänden!“ ſchl Und der Prinz fing an die Hände des Unbe⸗ wer kannten loszubinden. der Dieſer machte eine Bewegung rückwärts und ſagte: „Wartet: ſo wahr ich ein Edelmann bin, ich werde zzun nicht zu fliehen verſuchen!“ „Ah!“ rief Emanuel lächelnd,„was Teufels! Ihr man verſteht ſich auf die Hunde, auf die Pferde und wä die Menſchen!“ Cu⸗ Und er machte den Strick vollends los. Pei „Nun ſeid Ihr frei; laßt uns mit einander ich ſprechen!“ vill Der Gefangene ſchaute kalt ſeine gequetſchten Hände Ger an und ließ ſie an ſich hinabfallen. ſag „Sprechen!“ wiederholte er mit Ironie;„und Eue worüber?“ zu „Ei!“ erwiederte Emanuel Philibert,„über die den Urſache, die Euch angetrieben, dieſes Verbrechen zu„ hal begehen.“ geh „Ich habe nichts geſagt,“ verſetzte der Unbe⸗ kannte;„folglich habe ich nichts zu ſagen.“ bra „Ihr habt dem Kaiſer nichts geſagt, den Ihr tödten wolltet, das begreift ſich; Ihr habt den Sol⸗ Sa daten nichts ſagen wollen, die Euch feſtgenommen, öu ich begreife das; doch mir, dem Edelmanne, der ich ren⸗ mich ſein, ver⸗ nbe⸗ gte: erde els! und nder inde und die zu be⸗ Ihr ol⸗ en, ich 171 Euch nicht wie einen gemeinen Mörder, ſondern wie einen Edelmann behandle, werdet Ihr Alles ſagen.“ „Wozu?“ „Wozu? Ich will es Euch erklären, mein Herr: damit ich Euch nicht als einen Menſchen bezahlt von einem Feigen betrachte, der Euren Arm an das Ende des ſeinigen geſetzt hat, weil er nicht ſelbſt zu ſchlagen wagte. Wozu? damit Ihr nicht gehenkt werdet wie ein Dieb und ein Stroßenräuber, ſon⸗ dern enthauptet, wie ein Adeliger und ein Herr.“ „Man hat mich mit der Folter bedroht, um mich zum Sprechen zu bringen, man gebe ſie mir!“ „Die Folter wäre eine vergebliche Grauſamkeit: Ihr würdet ſie aushalten und nicht ſprechen; Ihr wäret verſtümmelt und nicht beſiegt; Ihr würdet Euer Geheimniß bewahren und die Schmach Euren Peinigern laſſen; nein, das iſt es nicht, was ich will: ich will ein Geſtändniß, ich will die Wahrheit, ich will, daß Ihr mir ſaget, mir, dem Cdelmanne, dem General und dem Fürſten, was Ihr einem Prieſter ſagen würdet; und haltet Ihr mich für unwürdig, Euch zu hören, ſo ſeid Ihr nicht würdig, mit mir zu reden, ſo ſeid Ihr einer von den Elenden, mit denen ich Euch nicht gern vermengen möchte, Ihr habt unter dem Einfluſſe einer gemeinen Leidenſchaft gehandelt, die Ihr nicht zu geſtehen wagt, Ihr...“ Der Gefangene richtete ſich hoch auf und unter⸗ brach den Prinzen: „Ich heiße Odoardo Maraviglia, mein Herr! Sammelt Eure Erinnerungen und höret auf mich zu ſchmähen.“ Beim Namen Odvardo Maraviglia glaubte Ema⸗ 172 nuel etwas wie einen erſtickten Schrei im anſtoßen⸗ den Gelaſſe des Zeltes zu hören; das aber, woran er nicht zweifeln konnte, war eine Bewegung, der Lein⸗ wand gegeben, welche die Trennung bildete. Emanuel hatte ſeinerſeits dieſen Namen tief in ſeinen Erinnerungen vibriren gefühlt. Dieſer Name hatte in der That als Vorwand für den Krieg gedient, der ihn ſeiner Staaten beraubt. „Odvardo Maraviglia!“ ſagte er,„ſolltet Ihr der Sohn des Geſandten von Frankreich in Mailand, der Sohn von Francesco Maraviglia ſein?“ „Ich bin ſein Sohn.“ Emanuel heftete ſeinen Geiſt auf die Fernen ſei⸗ ner Jugend. Dieſer Name war darin eingeſchrieben, doch er klärte in keiner Hinſicht die gegenwärtige Lage auf. „Euer Name,“ ſprach Emanuel,„iſt wohl der Name eines Edelmanns; doch er ruft in mir keine Erinnerung zurück, die ſich mit dem Verbrechen ver⸗ bindet, deſſen Ihr angeklagt ſeid.“ Odvardo lächelte verächtlich und erwiederte: „Fragt den erhabenen Kaiſer, ob in ſeinen Er⸗ innerungen dieſelbe Finſterniß herrſche, wie in den Euren.“ „Entſchuldigt mich, mein Herr; zur Zeit, wo der Graf Francesco Maraviglia verſchwand, war ich noch ein Kind, ich zählte kaum acht Jahre; man darf ſich alſo nicht wundern, daß ich die einzelnen Umſtände eines Verſchwindens nicht weiß, das, ſoviel ich mich erinnere, ein Geheimniß für Jedermann geblieben iſt.“ „Nun wohl! Durchlaucht, dieſes Geheimniß will ich Euch aufklären... Ihr wißt, welch ein elender — — Für Fra Gen gün ſand Der von mit men hatt Kirc Wer dreh er r hatt Här Da⸗ vigl men Me her zoſe gen reic opf bez St zwe ein pfo 173 ßen⸗ Fürſt dieſer letzte Sforza war, der immer zwiſchen ner Franz I. und Karl V. ſchwankte, je nachdem der Lein⸗ Genius des Sieges den Einen oder den Andern be⸗ günſtigte. Mein Vater war außerordentlicher Ge⸗ f in, ſandter von König Franz I. bei ihm im Jahre 1534. Der Kaiſer war in Africa beſchäftigt; der Herzog vand von Sachſen, ein Verbündeter von Franz I., hatte ubt. mit dem König der Römer Frieden gemacht; Cle⸗ Ihr mens VII., ein anderer Verbündeter von Frankreich, and, hatte Heinrich VIII., König von England, in den Kirchenbann gethan; Alles nahm in Italien eine Wendung zum Nachtheile des Kaiſers. Der Sforza ſei⸗ drehte ſich wie die ganze Welt, verließ Karl V., dem ben, er noch viermalhunderttauſend Ducaten zu bezahlen rtige hatte, und legte ſein ganzes politiſches Glück in die Hände des außerordentlichen Abgeſandten von FranzI. der Das war ein großer Triumph. Francesco Mara⸗ keine viglia beging die Unklugheit, ſich deſſelben zu rüh⸗ ver⸗ men. Die Worte, die er geſagt, zogen über die Meere und machten vor Tunis Karl V. beben!.. Ach! das Glück iſt veränderlich! Zwei Monate nach⸗ Er⸗ her ſtarb Clemens VII., der die Stärke der Fran⸗ den zoſen in Italien war; Tunis wurde von Karl V. genommen, und der Kaiſer landete mit ſeinem ſieg⸗ der reichen Heere in Italien. Es bedurfte eines Sühn⸗ noch opfers; Francesco Maraviglia ward vom Schickſal ſich bezeichnet, um dieſes Opfer zu ſein. In Folge eines inde Streites mit Leuten von geringem Stande wurden mich zwei Mailänder von den Dienern des Grafen von iſt.“ Maraviglia getödtet. Der Herzog wartete nur auf will eine Gelegenheit, um ſein dem erhabenen Kaiſer ver⸗ nder pfändetes Wort zu löſen; der Mann, der ſeit einem 174 Jahre mehr Herr in Mailand war, als der Herzog ſelbſt, wurde wie ein gemeiner Uebelthäter verhaftet und in die Citadelle abgeführt. Meine Mutter war da; ſie hatte bei ſich meine Schweſter, ein vierjähri⸗ ges Kind. Ich, ich war in Paris im Louvre: ich! gehörte zu den Pagen von Franz I. Man riß den Grafen aus den Armen meiner Mutter, man ſchleppte ihn fort, ohne der armen Frau zu ſagen, was man von ihrem Gatten wollte, oder wohin man ihn führte. Es vergingen acht Tage, während welcher, trotz aller Schritte, die ſie that, die Gräfin nichts über das Loos ihres Gatten erfahren konnte. Maraviglia war ungeheuer reich, das wußte man; ſeine Frau konnte ſeine Freiheit mit Gold aufwiegen. In einer Nacht klopfte ein Mann an die Thüre des Palaſtes meiner Mutter; manöffnete dieſem Manne; er verlangte ohne Zeugen mit der Gräfin zu ſprechen. Alles war wich⸗ tig unter den Umſtänden, in denen man ſich befand. Durch ihre Freunde, die Franzoſen, hatte meine Mutter in der Stadt verbreiten laſſen, ſie würde fünfhundert Ducaten demjenigen geben, welcher ihr auf eine ſichere Art ſagen könnte, wo ihr Gatte ſei. Ohne Zweifel brachte ihr der Mann, der ohne Zeu⸗ gen mit ihr zu ſprechen verlangte, Kunde vom Gra⸗ fen, und er wollte ſich, befürchtend, verrathen zu werden, durch ein Zuſammenſein unter vier Augen das Geheimniß ſichern. „Sie täuſchte ſich nicht: dieſer Mann war einer von den Kerkermeiſtern der Feſtung von Mailand, wohin man meinen Vater geführt hatte; er kam nicht nur, um zu ſagen, wo er war, ſondern er brachte ſogar einen Brief von ihm. Als ſie die Handſchrit der ein rich Mi Ker ren hat un zur we fün der zwe ner rift 175 ihres Gatten erkannte, bezahlte meine Mutter dem Manne die fünfhundert Ducaten. „Der Brief meines Vaters theilte ſeine Verhaf⸗ tung, ſeine Einſperrung mit, drückte aber im Uebri⸗ gen nicht zu lebhafte Beſorgniſſe aus. Meine Mut⸗ ter antwortete ihrem Gatten, er möge über ſie ver⸗ fügen: ihr Leben und ihr Vermögen gehören ihm. Es vergingen fünf weitere Tage. Mitten in der Nacht klopfte derſelbe Menſch an den Palaſt; man öffnete ihm; ſein Signalement war gegeben, und er wurde auf der Stelle bei der Gräfin eingeführt. Die Lage des Gefangenen hatte ſich erſchwert; er war in einen andern Kerker gebracht worden, wo man ihn im engſten Gewahrſam hielt. „Sein Leben, ſagte der Kerkermeiſter, ſei in Gefahr. „Wollte dieſer Menſch eine große Summe aus der Gräfin ziehen, oder ſprach er die Wahrheit? Die eine oder die andere von dieſen Hypotheſen konnte richtig ſein. Die Furcht gewann im Herzen meiner Mutter die Oberhand. Ueberdies befragte ſie den Kerkermeiſter, und die Antworten von dieſem, wäh⸗ rend ſie den Charakter der Habgier an ſich trugen, hatten zugleich auch den Ausdruck der Offenherzigkeit. „Sie gab ihm dieſelbe Summe wie das erſte Mal und ſagte ihm, er möge für jeden Fall auf Mittel zur Flucht des Grafen bedacht ſein. Wäre der Ent⸗ weichungsplan feſtgeſtellt, ſo würde der Kerkermeiſter fünftauſend Ducaten baar erhalten, und ſobald ſich der Graf außer Gefahr befände, ſollten ihm weitere zwanzigtauſend Ducaten ausbezahlt werden. „Das war ein Vermögen!— Der Kerkermeiſter 176 verließ die Gräfin und verſprach, auf das, was er gehört, bedacht zu ſein. Die Gräfin ihrerſeits er⸗ kundigte ſich nach der Lage der Dinge; ſie hatte Freunde beim Herzog und erfuhr durch ſie, die Lage ſei noch ſchlimmer, als der Kerkermeiſter geſagt hatte. Es handelte ſich darum, dem Grafen als Spion den Proceß zu machen. Sie erwartete ungeduldig den Beſuch des Kerkermeiſters; ſie wußte nicht einmal ſeinen Namen; müßte nicht die Gräfin von Mara⸗ viglia, nach einem Kerkermeiſter fragend, dieſen Men⸗ ſchen und ſich ſelbſt ins Verderben geſtürzt haben? Eines beruhigte ſie indeſſen ein wenig: der Proceß, von dem die Rede war. Was konnte man meinem Vater Schuld geben? Den Tod der zwei Mailänder? Das war eine Sache unter Bedienten und Bauern, mit der ein Edelmann, ein Geſandter nichts zu thun hatte. Nur ſagten einige Stimmen, es werde kein Proceß ſtattfinden, und dieſe Stimmen waren die traurigſten von allen, denn ſie gaben zu verſtehen, der Graf werde nichtsdeſtoweniger verurtheilt wer⸗ den. Endlich, in einer Nacht, bebte meine Mutter beim Schalle des Klopfers an der Thüre; ſie fing an ihren nächtlichen Beſuch an der Art, wie er ſich hörbar machte, zu erkennen, und ſie erwartete ihn auf der Schwelle ihres Schlafzimmers. Er näherte ſich ihr noch geheimnißvoller als gewöhnlich; er hatte ein Mittel zur Flucht gefunden und kam, um es der Gräfin vorzuſchlagen. Folgendes war das Mittel zur Flucht. „Der Kerker des Gefangenen war von der Woh⸗ nung des Kerkermeiſters durch ein einziges Häus⸗ ver De Zel die Ste kön mat ren wo los. das in wür er in t den war Pfe Der da getò gere bei ſter einz Sch er chen*) getrennt, das mittelſt einer eiſernen, oben er⸗ vergitterten Thüre in den Kerker des Grafen ging. atte Der Kerkermeiſter hatte den Schlüſſel dieſer zweiten age Zelle, wie den der erſten. Er machte den Vorſchlag, atte. die Wand ſeines Zimmers hinter dem Bette, an einer den Stelle, welche vor Aller Augen verborgen bleiben den könnte, zu durchbrechen. Durch dieſe Oeffnung würde mal man in das leere Häuschen eintreten; aus dem lee⸗ ara⸗ ren Häuschen würde man in den Kerker gelangen, te⸗ wo der Graf war. Sobald die Ketten des Grafen en losgemacht wären, würde er aus ſeinem Kerker in ceß, das anſtoßende Häuschen, und aus dem Häuschen nem in das Zimmer des Kerkermeiſters ſchlüpfen. Hier der? würde er eine Strickleiter finden, mit deren Hülfe ern, er am dunkelſten und einſamſten Theile der Mauer hun in die Gräben hinabſteigen könnte; ein Wagen würde kein den Grafen hundert Schritte von den Gräben er⸗ die warten und mit der ganzen Schnelligkeit von zwei hen, Pferden aus den Staaten des Herzogs führen.. wer⸗ Der Plan war gut, die Gräfin nahm ihn an. Nur, tter da ſie befürchtete, ſie könnte hinſichtlich des Grafen fing getäuſcht werden, und man könnte ihr ſagen, er ſei ſich gerettet, während er gefangen bliebe, verlangte ſie ihn bei der Flucht gegenwärtig zu ſein. Der Kerkermei⸗ erte ſter hielt ihr die Schwierigkeit, ſie in die Feſtung at einzuführen, entgegen; doch die Gräfin hob dieſe Schwierigkeit mit einem Worte. Sie hatte für ſich ittel Poh⸗ äus⸗ Eine Art von ſehr dunklen, kleinen Kerkern, in welche in gewiſſen Fällen Gefangene, z. B. wenn ſie toben, eingeſperrt werden. Dumas, der Page. I. 12 178 und ihre Tochter eine Erlaubniß, ihren Gatten zu beſuchen, erhalten, von der ſie noch keinen Gebrauch gemacht, und dieſe Erlaubniß war alſo noch gültig. An dem für die Flucht des Grafen feſtgeſetzten Tage würde ſie bei Einbruch der Nacht in die Feſtung gehen; ſie würde den Grafen ſehen. Sodann, wenn ſie ihn verließe, würde ſie, ſtatt ſich aus der Feſtung zu entfernen, die Dunkelheit benützen, um beim Ker⸗ kermeiſter einzutreten: hier würde ſie den Augenblick der Entweichung des Gefangenen abwarten. Der mit dem Grafen abgehende Kerkermeiſter würde von dieſem den Reſt der verſprochenen Summe empfan⸗ gen. Der Wagen, den man würde warten laſſen, ſollte hunderttauſend Ducaten enthalten. „Der Kerkermeiſter war redlich in ſeinen Anerbie⸗ tungen, und es wurde die Uebereinkunft geſchloſſen. Die Flucht ſollte in der Nacht des zweiten Tages nachher ſtattfinden. Ehe er die Gräfin verließ, empfing der Kerkermeiſter ſeine fünftauſend Ducaten, und er bezeichnete den Ort, wo der Wagen halten ſollte; mit der Bewachung dieſes Wagens betraute die Gräfin einen ihrer Diener, einen Mann von erprobter Treue. „Doch verzeiht, Durchlaucht,“ unterbrach ſich Odvardo,„ich vergeſſe, daß ich mit einem Fremden ſpreche, und daß alle dieſe Einzelheiten, voll Leben und Bewegung für mich, demjenigen, welcher mich hört, gleichgültig ſind.“ „Ihr täuſcht Euch, mein Herr,“ erwiederte Emanuel:„ich wünſche, Ihr möget Euer Gedächtniß ganz in Anſpruch nehmen, damit ich ſelbſt alle Eure Frinnerungen theilen kann... Ich höre.“ zu auch ltig. Lage tung venn tung Ker⸗ blick Der von fan⸗ ſſen, rbie⸗ oſſen. aes rließ, aten, alten raute von ſich mden Leben mich ederte htniß Eure 179 Odoardo fuhr fort. „Die Tage vergingen in den Bangigkeiten, welche gewöhnlich der Vollführung eines großen Planes vorhergehen. Eines beruhigte indeſſen die Gräfin: das Intereſſe, das der Kerkermeiſter ſelbſt beim Ge⸗ lingen der Flucht hatte: hundert Jahre der Treue gaben dieſem Menſchen nicht, was ihm eine Viertel⸗ ſtunde des Verraths eintrug. Zehnmal fragte ſich die Gräfin, warum ſie ſo ſehr, dieſe Flucht auf acht⸗ undvierzig Stunden feſtſetzend, ſtatt ſie auf vierund⸗ zwanzig Stunden feſtzuſetzen, gezögert habe. Es ſchien ihr, dieſe letzten vierundzwanzig Stunden wer⸗ den nie ablaufen oder während ihrer Dauer eine Kataſtrophe herbeiführen, die den Plan ſcheitern mache, ſo gut und ſinnreich er entworfen ſei... Die Zeit verging abgemeſſen durch die Hand der Ewig⸗ keit. Die Stunden ſchlugen mit ihrer gewöhnlichen Unempfindlichkeit. Endlich kam die, ſich ins Gefäng⸗ niß zu begeben. In Gegenwart der Gräfin wurde der Wagen mit allen für die Flucht des Grafen, damit er nicht anzuhalten gezwungen wäre, noth⸗ wendigen Gegenſtänden beladen; zwei Pferde waren jenſeits Pavia geführt worden, ſo doß er, ohne einen Verzug zu erleiden, etwa zwanzig Meilen machen konnte. Um elf Uhr ſollte der Wagen angeſpannt ſein; um Mitternacht würde er am verabredeten Orte warten. „Sobald er außer Gefahr wäre, ſollte der Flücht⸗ ling die Gräfin benachrichtigen, und dieſe würde ihm an jeden Ort, wo er wäre, nachfolgen. Die Stunde ſchlug. Im Angeſichte der Vollführung fand die Gräfin, ſie ſei ſehr raſch gekommen! Sie nahm ihr 180 Töchterchen bei der Hand und ging nach dem Ge⸗ fängniß. Während ihres Ganges ergriff ſie eine Furcht: da ihr Paſſirſchein ſchon über acht Tage alt, ſo könnte man ſich weigern, ſie zu ihrem Gatten zuzulaſſen. „Die Gräfin täuſchte ſicht ſie wurde ohne Schwie⸗ rigkeit beim Gefangenen Lingeführt. Man hatte ihr nicht zu viel geſagt, und nach der Art, wie ein Mann vom Stande des Grafen behandelt wurde, konnte man ſich keine Illuſion über das Loos, das ſeiner harrte, machen. Der Geſandte des Königs von Frankreich hatte eine Kette am Fuße wie ein gemeiner Galeerenſtlave. Die Zuſammenkunft müßte ſehr ſchmerzlich geworden ſein, wäre die Flucht nicht nahe und gewiß geweſen. Während dieſer Zuſam⸗ menkunft wurde Alles, was noch nicht feſtgeſetzt, vollends verabredet. 5 „Der Graf war zu Allem entſchloſſen; er wußte, daß er keine Gnade erwarten durfte: der Kaiſer hatte entſchieden ſeinen Tod verlangt.“ Emanuel Philibert machte eine Bewegung. „Seid Ihr ſicher deſſen, was Ihr ſagt, mein Herr?“ fragte er mit Strenge.„Wißt Ihr, daß es eine ſchwere Anſchuldigung iſt, die Ihr gegen einen ſo großen Fürſten wie Kaiſer Karl V. erhebt?“ „Beſiehlt Eure Durchlaucht, daß ich inne halte, oder geſtattet ſie, daß ich fortfahre?“ „Fahret fort! Doch warum antwortet Ihr mir nicht vor Allem auf meine Frage?“ „Weil die Folge meiner Erzählung, wie ich denke, meine Antwort unnöthig machen wird.“ Ph Wa for wer hal geh ma bal ver unt wie mei dur ohr mei Gr ern Be ſeh unt Be Ge⸗ eine Lage rem wie⸗ ihr ein urde, das nigs ein üßte nicht ſam⸗ ſetzt, ußte, hatte mein ß es einen halte, mir e ich 181 „Fahret fort, mein Herr,“ ſprach Emanuel Philibert. XI. Was in einem Kerker der Feſtung von Mailand in der Nacht vom 14. auf den 15. November 1534 vorging. „Einige Minuten vor neun Uhr,“ fuhr Odoardo fort,„kam der Kerkermeiſter, um der Gräfin zu ſagen, es ſei Zeit, daß ſie ſich entferne; die Wachen werden abgelöſt, und die Schildwache, welche ſie habe eintreten ſehen, müſſe ſie auch wieder weg⸗ gehen ſehen. Die Trennung war grauſam, und man ſollte ſich doch in drei Stunden wiederſehen und bald wiedervereinigt ſein, um ſich nicht mehr zu verlaſſen. Das Kind ſtieß ſchmerzliche Schreie aus und wollte ſich nicht von ſeinem Vater trennen; die Gräfin zog es faſt mit Gewalt fort. Man ging wieder an der Schildwache vorüber, und der Kerker⸗ meiſter, die Frau und das Kind verloren ſich in den dunkelſten Tiefen des Hofes. Von dem Orte aus, wo ſie waren, gelangten ſie mit unendlicher Vorſicht, ohne bemerkt zu werden, in das Haus des Kerker⸗ meiſters. Sobald man hier war, ſchloß man die Gräfin und ihre Tochter in ein Cabinet ein und ermahnte ſie, nicht ein Wort zu ſprechen, nicht eine Bewegung zu machen, da jeden Augenblick ein Auf⸗ ſeher zum Kerkermeiſter kommen könne. Die Gräfin und das Kind blieben unbeweglich: eine unvorſichtige Bewegung, ein halblaut geſprochenes Wort, mehr 182 brauchte es nicht, um einem Gatten und Vater das Leben zu nehmen. „Die drei Stunden, die ſie noch von Mitternacht trennten, dünkten der Gräfin ſo lang, als ihr die abgelaufenen achtundvierzig Stunden geſchienen hatten. Endlich öffnete der Kerkermeiſter die Thüre wieder. „Kommt,“ ſagte er ſo leiſe, daß die Gräfin und ihre Tochter am vorüberziehenden Hauche erriethen, nicht was dieſer Menſch ſagte, ſondern was er zu ſagen beabſichtigte. „Die Mutter hatte ihr Kind nicht verlaſſen wollen, damit ihm ſein Vater fliehend einen letzten Kuß ge⸗ ben könnte. Ueberdies gibt es Augenblicke, wo man ſich nicht für ein Reich von dem, was man liebt, trennen würde. „Wußte ſie, was ſich ereignen ſollte, dieſe arme Mutter, die das Leben ihres Gatten den Henkern ſtreitig machte? konnte ſie nicht auch genöthigt ſein, entweder mit dem Grafen oder ihrerſeits zu fliehen? und wenn ſie fliehen mußte, war es möglich, daß ſie ohne ihr Kind ging? „Der Kerkermeiſter zog das Bett zurück: eine zwei und einen halben Fuß hohe und zwei Fuß breite Heffnung war hinter demſelben angebracht. „Das war mehr, als man brauchte, um Einen nach dem Andern alle Gefangene der Feſtung ent⸗ weichen zu laſſen. Die Mutter und die Tochter ſchlüpften hinter dem Kerkermeiſter in die erſte Zelle. Nachdem ſie durchgeſchlüpft waren, rückte die Frau des Kerkermeiſters das Bett, in welchem ein kleiner vierjähriger Knabe ſchlief, wieder an die Wand. Der Kerkermeiſter hatte, wie geſagt, den Schlüſſel von acht die ten. der. und hen, zu llen, ge⸗ man iebt, arme ikern ſein, hen? doß eine Fiß t. Finen ent⸗ ochter Zelle. Frau leiner Der von 183 dieſer erſten Zelle; er öffnete die Thüre, deren Schloß und Angeln er einzuſchmieren beſorgt geweſen war, und man befand ſich im Kerker des Grafen. Dieſer hatte eine Stunde vorher eine Feile erhalten, um ſeine Kette zu durchfeilen, doch ungeſchickt zu der Arbeit, und überdies befürchtend, er könnte von der Schildwache, welche in der Flur auf und abging, gehört werden, war er kaum bei der Hälfte ſeiner Arbeit. Der Kerkermeiſter nahm nun die Feile, und während der Graf ſeine Frau und ſeine Tochter in ſeine Arme ſchloß, fing er an die Kette zu durch⸗ feilen. Plötzlich richtete er den Kopf auf und blieb, ein Knie auf der Erde, den Körper auf die Hand geſtützt, welche die Feile hielt, die andere Hand in der Richtung der Thüre ausgeſtreckt, und horchend. Der Graf wollte ihn fragen. „Stille,““ ſagte er,„„es geht etwas Ungewöhn⸗ liches in der Feſtung vor.““ „Omein Gott!““ murmelte die Gräfin erſchrocken. „„Stille!““ wiederholte der Kerkermeiſter. „Jedermann ſchwieg: der gehemmte Athem ſchien für immer ſtille zu ſtehen. Die vier Perſonen wa⸗ ren wie eine Gruppe von Erz, alle Nuancen der Furcht, vom Erſtaunen bis zum Schrecken, vorſtellend. Man hörte ein langſames, fortwährendes Geräuſch, das immer näher kam; es war das mehrerer mar⸗ ſchirenden Perſonen; an der abgemeſſenen Art, wie die Tritte niederfielen, erkannte man, daß unter die⸗ ſen Perſonen eine gewiſſe Anzahl Soldaten war. „„Kommt,““ ſprach der Kerkermeiſter, indem er die Gräfin und ihre Tochter mit dem Arme umſchlang und mit ſich zog,„kommt. Es iſt ohne Zweifel 184 eine Nachtviſitation, eine Runde des Gouverneurs; in jedem Falle aber dürft Ihr nicht geſehen werden. Sind dieſe Leute aus dem Kerker des Herrn Grafen weggegangen,— wenn ſie überhaupt eintreten,— ſo werden wir die Arbeit wieder aufnehmen, wo wir ſie gelaſſen haben.““ „Die Gräfin und ihre Tochter leiſteten nur einen ſchwachen Widerſtand; überdies ſchob ſie der Gefan⸗ gene ſelbſt gegen die Thüre. Sie gingen durch dieſe Thüre hinaus, gefolgt vom Kerkermeiſter, der ſie hinter ihnen ſchloß. Es war, wie ich Eurer Durchlaucht geſagt habe, an dieſem zweiten Kerker eine vergitterte Heffnung, welche auf den erſten ging, und durch die man vermöge der Dunkelheit und des nahen Bei⸗ ſammenſtehens der Gitterſtangen Alles ſehen konnte, ohne geſehen zu werden. „Die Gräfin hielt ihre Tochter in ihren Armen. Kaum athmend, drückten die Mutter und das Kind ihr Geſicht an das Gitter, um zu ſehen, was vor⸗ gehen ſollte. „Die Hoffnung, die man einen Augenblick gehabt, die Ankommenden werden es nicht mit dem Grafen zu thun haben, war verſchwunden. Der Zug hatte vor der Thüre des Kerkers angehalten, und man hörte den Schlüſſel im Schloſſe knirſchen. Die Thüre öffnete ſich. Bei dem Schauſpiele, das ſich ihren Augen bot, war die Gräfin auf dem Punkte, einen Schre⸗ ckensſchrei auszuſtoßen; doch es war, als erriethe der Kerkermeiſter dieſen Schrei. „„Nicht ein Wort, Frau Gräfin! nicht eine Sylbe! nicht eine Geberde, was auch geſchehen mag! oder...““ „Er ſuchte, welche Drohung er der Gräfin machen bt, atte tan üre gen re⸗ der be! . hen 185 könnte, um ihr Stillſchweigen aufzuerlegen, zog aus ſeiner Bruſt eine ſchmale, ſpitzige Klinge und ſprach: „„Oder ich erdolche Euer Kind!““ „„Unglücklicher!...“ ſtammelte die Gräfin. „„Oh!““ erwiederte der Kerkermeiſter,„„Jeder iſt hier für ſein Leben, und das eines armen Gefan⸗ genwärters iſt in den Augen von dieſem ſo viel werth, als das einer edlen Gräfin.““ „Die Gräfin legte eine Hand auf den Mund ihrer Tochter, damit das Kind ſchwieg. Sie war für ſich, nach der Drohung des Kerkermeiſters, ſicher, daß ihr kein Hauch entſchlüpfte. „Vernehmet, was die Gräfin auf der andern Seite der Thüre geſehen, und was ihr den durch die Dro⸗ hung des Kerkermeiſters erſtickten Schrei entriſſen hatte. „Zuerſt zwei ſchwarz gekleidete Männer, jeder eine Fackel in der Hand haltend; hinter ihnen ein Mann, ein abgerolltes Pergament tragend, an welchem un⸗ ten ein großes rothes Siegel hing; hinter dieſem Manne ein anderer verlarvter Mann, in einen brau⸗ nen Mantel gehüllt; hinter dem Verlarpten ein Prie⸗ ſter.. Sie traten einer nach dem andern in den Kerker ein, ohne daß die Gräfin durch ein Wort oder eine Geberde ihre Gemüthsbewegung verrieth, und die arme Frau erſchaute doch, ſo wie ſie eintraten, im Halbſchatten des Flurganges noch eine ganz andere Unheil verkündende Gruppe. Der Thüre gegenüber ſtand ein halb ſchwarz halb roth gekleideter Mann, der beide Hände auf den Griff eines langen, breiten, geraden Schwertes ohne Scheide ſtützte; hin⸗ ter ihm trugen bekleidet mit ſchwarzen Capuzen und 186 mit Heffnungen an den Augen ſechs barmherzige Brüder einen Sarg auf ihren Schultern; über Allem dem ſah man das Ende der Musketen von ungefähr zehn längs der Mauer aufgeſtellten Soldaten glän⸗ zen. Die zwei Fackeln tragenden Männer, der ein Pergament haltende Mann, der Verlarvte und der Prieſter traten, wie geſagt, in den Kerker ein; dann ſchloß ſich die Thüre wieder, und der Henker, die barmherzigen Brüder und die Soldaten blieben außen. „Der Graf ſtand angelehnt an die dunkle Wand des Gefängniſſes, von der ſein bleicher Kopf vortrat. Sein Auge ſuchte hinter dem Gitter der Thüre einen Blick mit den erſchrockenen Augen zu kreuzen, die er nicht ſah, aber ganz nahe am Gitter errieth. Die Erſcheinung, ſo unerwartet und ſo ſtumm ſie war, ließ ihm keinen Zweifel über das Lvos, das ſeiner harrte. Ueberdies, hätte er das Glück gehabt, zu zweifeln, wäre dieſer Zweifel nicht von langer Dauer geweſen. „Die zwei Fackeln tragenden Männer ſtellten ſich der Eine auf ſeine Rechte, der Andere auf ſeine Linke; der Verlarvte und der Prieſter blieben bei der Thüre; der Mann, der das Pergament hielt, trat vor und fragte: „„Graf, glaubt Ihr gut mit Gott zu ſein?““ „„So gut, als man es ſein kann, wenn man ſich nichts vorzuwerfen hat,““ antwortete der Graf mit ruhigem Tone. „„Deſto beſſer,““ verſetzte der Mann mit dem Pergamente,„denn Ihr ſeid verurtheilt, und ich komme, um Euch Euren Todesſpruch vorzuleſen.““ 187 „„Durch welches Tribunal gefällt?““ fragte ſpöt⸗ tiſch der Graf. „„Durch die allmächtige Juſtiz des Herzogs.““ Auf welche Anklage?““ „„Auf die des erhabenen Kaiſers Karl V.““ „„Es iſt gut.. ich bin bereit, den Spruch zu hören.““ „„Auf die Kniee, Graf! auf den Knieen geziemt es ſich für einen Mann, welcher dem Sterben nahe, den Spruch, der ihn verurtheilt, zu hören.““ „„Wenn er ſchuldig iſt, ja, doch nicht, wenn er unſchuldig iſt.““ „„Graf, Ihr ſeid nicht außer dem gemeinen Ge⸗ ſetze: auf die Kniee! oder wir ſind gezwungen, Ge⸗ walt anzuwenden.““ „„Verſucht es,““ ſprach der Graf. „„Laßt ihn ſtehen,“ ſagte der Verlarpte;„„er bekreuze ſich nur, um ſich unter den Schutz des Herrn zu ſtellen!““ „Der Graf bebte beim Tone dieſer Stimme. „„Herzog Sforza,““ ſprach er, indem er ſich an den Verlarvten wandte,„„ich danke Dir.““ „„Oh! wenn es der Herzog iſt,““ murmelte die Gräfin,„„man könnte vielleicht von ihm Begnadi⸗ gung erlangen.““ „„Stille, Frau Gräfin, wenn Euch etwas am Leben Eures Kindes gelegen iſt,““ flüſterte ihr der Kerkermeiſter zu. „Die Gräfin ſtieß einen Seufzer aus, der vom Grafen gehört wurde, ſo daß er bebte. Er machte eine Geberde mit der Hand, welche beſagen wollte: 188 „„Muth!““ Dann ſprach er laut, wie ihn der Ver⸗ larvte hiezu aufgefordert, indem er ſich bekreuzte: „„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes.““ „„Amen!““ murmelten die Anweſenden. „Hiernach fing der Verlarvte an das Urtheil zu leſen. Es war geſprochen im Namen des Herzogs Francesco Maria Sforza, auf die Anklage von Kai⸗ ſer Karl V., und verdammte Francesco Maraviglia, Agenten des Königs von Frankreich, zur Hinrichtung bei Nacht in einem Kerker, als Verräther, Spion und Verbreiter von Staatsgeheimniſſen. „Ein zweiter Seufzer gelangte zum Ohre des Grafen, ein Seufzer ſo ſchwach, daß er allein ihn nicht auffaſſen, aber errathen konnte. „Er wandte ſeinen Blick nach der Seite, von der dieſer ſchmerzliche Hauch kam. „„So ungerecht der Spruch des Herzogs iſt,““ ſagte er,„ſo nehme ich ihn doch ohne Zorn an; da aber der Menſch, der ſein Leben nicht mehr ver⸗ theidigen kann, noch ſeine Ehre vertheidigen muß, ſo appellire ich.““ „„An wen?““ fragte der Verlarpte. „„Einmal an meinen Herrn und König Franz I., und ſodann an die Zukunft und an Gott! an Gott, von dem alle Menſchen abhängig ſind, beſonders die Fürſten, die Könige und die Kaiſer.““ „„Das iſt das einzige Tribunal, dem Du Dich empfiehlſt?““ ſagte der Verlarvte. „„Ja,““ antwortete der Graf,„„und ich fordere Dich auf, vor dieſem Tribunal zu erſcheinen, Herzog Francesco Maria Sforza!““ ————,— S— S 8 8 +——,—„J— er⸗ es 98 ai⸗ ng n hn x⸗ ß, t, e h — 189 „„Und wann dies?“ fragte der Verlarvte. „„In demſelben Termin, in welchem Jacques von Molay, Großmeiſter der Templer, ſeinen Richter vorlud, das heißt, in einem Jahre und einem Tag. Wir haben heute den 15. November 1534; alſo am 16. November 1535, Herzog Francesco Maria Sforza, verſtehſt Du mich?““ „Und er ſtreckte die Hand gegen den Verlarvten aus, zugleich als Zeichen der Vorladung und der Drohung. Ohne die Larve, die ſein Geſicht bedeckte, hätte man ſicherlich die Bläſſe des Herzogs geſehen, denn er war es,— das ließ ſich nicht bezweifeln, —der ſo dem Todeskampfe ſeines Opfers beiwohnte. Einen Augenblick war es der Verurtheilte, der trium⸗ phirte, und der Richter, der vor ihm zitterte. „„Es iſt gut,““ ſprach der Herzog,„„Du haſt eine Viertelſtunde mit dieſem frommen Manne zuzu⸗ bringen, ehe das Urtheil an Dir vollzogen wird.““ „Und er deutete auf den Prieſter. „„Suche in einer Viertelſtunde fertig zu werden, denn es wird Dir nicht eine Minute mehr bewilligt.““ „Dann wandte er ſich an den Mann Gottes und ſprach: „„Mein Vater, thut Eure Pflicht.““ „Und er ging hinaus und nahm die zwei Fackel⸗ träger und den Mann mit dem Pergamente mit ſich. „Hinter ſich ließ er aber die Thüre weit offen, damit ſein Blick und der ſeiner Soldaten in das Innere des Kerkers dringen und jeder Bewegung des Verurtheilten folgen könnten, von dem er ſich aus Ehrfurcht vor der Beichte ſo entfernt hatte, daß er außer dem Bereiche der Stimme war. 190 „Ein neuer Seufzer zog durch das Gitter und ſtreifte am pochenden Herzen des Grafen hin. Die Gräfin hatte gehofft, die Thüre werde ſich hinter ihm und dem Prieſter ſchließen, und wer weiß? durch Bitten und Thränen wäre der Mann Gottes, der zu ſeinen Füßen eine für ihren Gatten flehende Frau, ein für ſeinen Vater flehendes Kind geſehen hätte, bewogen worden, den Kopf abzuwenden und den Grafen fliehen zu laſſen. „Das war die letzte Hoffnung meiner armen Mutter: ſie entſchwand ihr.“ Emanuel Philibert ſchauerte. Zuweilen vergaß er, daß ihm dieſe Mittheilung von einem Sohne ge⸗ macht wurde, der die letzten Augenblicke ſeines Vaters erzählte. Es ſchien ihm, als läſe er nur einige Blätter einer entſetzlichen Legende. Da erinnerte ihn ein Wort plötzlich an die Wirk⸗ lichkeit und machte ihm begreiflich, daß die Erzählung nicht aus der Feder eines kalten Geſchichtſchreibers kam, ſondern daß ſie aus dem Munde eines Sohnes fiel,— eine lebende Chronik vom Todeskampfe ſei⸗ nes Vaters. „Das war die letzte Hoffnung meiner armen Mutter: ſie entſchwand ihr!“ wiederholte Odoardo, der in ſeiner Erzählung durch die Bewegung, die er Emanuel hatte machen ſehen, unterbrochen worden war.„Denn,“ fuhr er fort,„jenſeits der Thüre blieb, beleuchtet durch die zwei Fackeln und den Schein der rauchigen Lampen der Flur, das unheilvolle Schauſpiel, gräßlich wie eine Viſion, tödtlich wie die Wirklichkeit. Der Prieſter allein war beim Grafen geblieben. Der Graf kniete vor ihm nieder, ohne — ind Die ter rch der au, tte, en ten aß ge⸗ rs ter ng rs es ei⸗ en , er en re in le ie n te 191 ſich darum zu bekümmern, von welcher Seite ihm der letzte Tröſter zugeſchict wurde. Da begann die Beichte; eine ſeltſame Beichte, bei der derjenige, welcher ſterben ſollte, nicht an ſich ſelbſt zu denken und ſich nur mit den Andern zu beſchäftigen ſchien; bei der die Worte, die dem Prieſter geſagt zu ſein ſchie⸗ nen, in Wirklichkeit an die Frau und das Kind ge⸗ richtet waren und nur zu Gott aufſtiegen, nachdem ſie durch das Herz einer Mutter und ihrer Tochter gegangen! Meine Schweſter allein, wenn ſie noch lebt, könnte ſagen, mit welchen Thränen dieſe Beichte empfangen wurde, denn ich, ich war nicht da! denn ich, ein munteres Kind, das nichts von dem wußte, was dreihundert Meilen von ihm vorging, ich ſpielte, ich lachte, ich ſang vielleicht in demſelben Augen⸗ blicke, wo mein Vater auf der Schwelle des Todes von ſeinem abweſenden Sohne zu meiner Mutter und meiner Schweſter in Thränen ſprach!“ Ganz beklommen durch dieſe Erinnerung, unter⸗ brach ſich Odoardo einen Augenblick; dann fuhr er, einen Seufzer unterdrückend, fort: „Die Viertelſtunde war bald vorüber. Der Ver⸗ larvte folgte mit einer Uhr in der Hand den Fort⸗ ſchritten der Beichte auf dem Geſichte des Prieſters und des Sünders, und als die fünfzehn Minuten abgelaufen waren, ſprach er: „„Graf, die Zeit, die Dir unter den Lebenden zu weilen gegeben worden, iſt um! Der Prieſter hat ſein Geſchäft beendigt: es iſt am Henker, das ſeine zu verrichten.““ „Der Prieſter gab dem Grafen die Abſolution und ſtand auf. Dann wich er, indem er ihm das 192 Kreuz vorhielt, gegen die Thüre zurück, indeß mit demſelben Schritte, mit dem der Prieſter zurückwich, der Henker vortrat. Der Graf war auf den Knieen geblieben. „„Haſt Du vor Deinem Ende noch eine Empfeh⸗ lung an den Herzog Sforza oder den Kaiſer Karl V. zu richten?““ fragte der Verlarvte. „„Ich habe nur eine Empfehlung an Gott zu richten,““ antwortete der Graf. „„Du biſt alſo bereit?““ fragte der Verlarvte. „„Du ſiehſt es, da ich auf den Knieen liege.““ „Der Graf lag in der That auf den Knieen, das Geſicht nach dem Gitter der finſtern Thüre gewen⸗ det, durch welche ſeine Frau und ſeine Tochter ſchau⸗ ten. Sein Mund, der fortwährend zu beten ſchien, ſandte ihnen Worte der Liebe zu,— was auch ein letztes Gebet war. „„Graf,““ ſprach eine Stimme hinter dem Ver⸗ dammten,„„wenn Euch meine Hand nicht beflecken ſoll, ſchlagt ſelbſt den Kragen Eures Hemdes zurück. Ihr ſeid Edelmann, und ich habe nur das Recht, Euch mit der Schneide meines Schwertes zu berüh⸗ ren.“ „Der Graf ſchlug, ohne zu antworten, ſein Hemd bis auf ſeine Schultern zurück und blieb mit ent⸗ blößtem Halſe. „„Empfehlt Euch Gott,“ ſagte der Henker. „„Allbarmherziger,““ ſprach der Graf,„„All⸗ mächtiger, in Deine Hände übergebe ich meine Seele!““ „Kaum hatte er das letzte Wort vollendet, als das Schwert des Scharfrichters in der Finſterniß, einem Blitze ähnlich, flammte und ziſchte, und der Ko wi un der hö ſei die die da me che ble zu rei lan un der lar die iſt 193 mit Kopf des Verurtheilten, von ſeinen Schultern gelöſt, ich, wie in einem letzten Liebesaufſchwung fortrollend, een unten an die vergitterte Thüre ſchlug. „Ein dumpfer Schrei wurde zu gleicher Zeit mit feh⸗ dem“ Geräuſch eines rückwärts fallenden Körpers V. hörbar. „Doch die Anweſenden glaubten, dieſer Schrei zu ſei das letzte Röcheln des Enthaupteten; ſie dachten, dieſes Geräuſch ſei das, welches der Leichnam auf tenr die Platten des Kerkers niederſinkend mache. „Verzeiht,“ unterbrach ſich Odvardo,„wenn Ihr da Uebrige wiſſen wollt, müßt Ihr mir ein Glas en⸗ Waſſer geben laſſen, denn ich fühle mich einer Ohn⸗ au⸗ macht nahe.“ en Emanuel Philibert ſah wirklich denjenigen, wel⸗ ein cer ihm dieſe entſetzliche Geſchichte erzählt hatte, er⸗ bleichen und wanken; er eilte hinzu, um ihn auf⸗ er⸗ zuhalten, ließ ihn auf einen Haufen Kiſſen ſitzen und ken reichte ihm ſelbſt das Glas Waſſer, das er ver⸗ ck. langte. ht, Der Schweiß floß von der Stirne des Prinzen, h⸗ und ein an die Schlachtfelder gewöhnter Soldat, ſchien er ſelbſt einer Ohnmacht ſo nahe, als der Unglückliche, nd dem er Hülfe leiſtete. Nach fünf Minuten kam Odvardo wieder zu ſich. „Wollt Ihr mehr von der Sache wiſſen, Durch⸗ laucht?“ fragte er. l⸗„Ich will Alles wiſſen, mein Herr,“ erwiederte Emanuel;„ſolche Erzählungen ſind große Lehren für s die Prinzen, welche eines Tages regieren ſollen.“ „Wohl, es ſei,“ ſagte der junge Mann;„auch iſt das Gräßlichſte vorüber.“ Dumas, der Page. I. 13 194 Er trocknete mit ſeiner hohlen Hand ſeine mit Schweiß bedeckte Stirne und vielleicht zu gleicher Zeit auch ſeine von Thränen befeuchteten Augen, und fuhr dann fort: „Als meine Mutter wieder zum Bewußtſein kam, war Alles wie eine Viſion verſchwunden, und ſie hätte glauben können, ſie habe einen ſchlimmen Traum gehabt, würde ſie ſich nicht auf dem Bette des Ge⸗ fangenwärters wiedergefunden haben. Sie hatte meine Schweſter ſo ſtrenge ermahnt, nicht zu weinen, aus Furcht, ihr Schluchzen könnte gehört werden, daß das arme Kind, obgleich es zugleich ſeinen Vater und ſeine Mutter verloren zu haben glaubte, dieſe mit großen erſchrockenen Augen anſchaute, aus denen Thrä⸗ nen floſſen; doch dieſe Thränen floſſen fortwährend aus den Augen des Kindes ſo ſtill, als ſie es für den Vater geweſen... Der Kerkermeiſter war nicht mehr da; es blieb nur ſeine Frau: ſie hatte Mitleid mit der Gräfin und ließ ſie eines von ihren Kleidern an⸗ ziehen; ſie kleidete meine Schweſter in ein Gewand von ihrem Sohne, ging bei Tagesanbruch mit ihnen aus ihrer Wohnung weg und führte ſie bis auf die Straße nach Novara; hier gab ſie der Gräfin zwei Ducaten und empfahl ſie Gott. „Meine arme Mutter ſchien von einer entſetzlichen Viſion verfolgt. „Sie dachte weder daran, in den Palaſt zurück⸗ zukehren, um Geld zu holen, noch ſich nach dem Wa⸗ gen zu erkundigen, der den Grafen fortführen ſollte; ſie war wahnſinnig vor Schrecken. Ihre einzige Sorge war, zu fliehen, über die Gränze zu kommen, das Gebiet des Herzogs Sforza zu verlaſſen. Sie ver⸗ mit Zeit fuhr kam, d ſie aum Ge⸗ hatte inen, rden, Bater e mit hrä⸗ as den mehr mit an⸗ wand hnen f die zwei ichen wück⸗ Wa⸗ ollte; orge das ver⸗ 195 ſchwand mit ihrem Kinde gegen Novara zu, und man hörte nie mehr etwas von ihr... Was iſt aus meiner Mutter geworden? was iſt aus meiner Schweſter geworden? Ich weiß es nicht!... Die Kunde vom Tode meines Vaters kam mir in Paris zu. Der König ſelbſt theilte mir die Nachricht mit, indem er mir ſagte, ſeine Protection werde mir nicht entgehen, und ein Krieg ſollte die Ermordung des Grafen rächen. „Ich bat den König um Erlaubniß, ihn begleiten zu dürfen. Das Glück fing an die Waffen Frank⸗ reichs zu begünſtigen: wir zogen durch die Staaten des Herzogs, Eures Vaters, deren ſich der König bemächtigte; dann kamen wir nach Mailand. „Der Herzog Sforza hatte ſich nach Rom zu Papſt Paul IMI. geflüchtet. „Man ſtellte Nachforſchungen über die Ermordung meines Vaters an. Doch es war unmöglich, Einen von denjenigen aufzufinden, welche dieſem Morde beigewohnt oder daran Theil genommen hatten. Drei Tage nach der Hinrichtung war der Henker plötzlich geſtorben. Man wußte den Namen des Ge⸗ richtsboten nicht, der das Urtheil vorgeleſen hatte. Der Prieſter, der die Beichte des Verurtheilten em⸗ pfangen, war unbekannt. Der Kerkermeiſter, ſeine Frau und ſein Sohn hatten die Flucht ergriffen. „So konnte ich, trotz meiner Nachforſchungen, nicht einmal entdecken, wo der Leib meines Vaters ruhte. Zwanzig Jahre waren ſeit dieſen vergeblichen Nach⸗ forſchungen verlaufen, als ich einen Brief datirt von Avignon erhielt. „Ein Mann, der ſich nur mit einem Anfangs⸗ 196 buchſtaben unterſchrieb, lud mich ein, ſogleich nach Avignon zu kommen, wenn ich ſichere und vollſtän⸗ dige Offenbarungen den Tod meines Vaters, des Grafen Francesco Maraviglia, betreffend haben wollte. Er gab mir den Namen und die Adreſſe des Prieſters, der den Auftrag habe, mich zu ihm zu führen, wenn ich dieſer Einladung entſpreche. „Was mir dieſer Brief anbot, war das Verlan⸗ gen meines ganzen Lebens; ich reiſte auf der Stelle ab. Bei meiner Ankunft begab ich mich zu dem Prieſter: er war in Kenntniß geſetzt und führte mich zu dem Manne, der mir geſchrieben. Es war der Kerkermeiſter der Feſtung von Mailand. Da er meinen Vater todt ſah und wußte, wo ihn der Wa⸗ gen mit den hunderttauſend Ducaten erwartete, hatte ihn der böſe Geiſt in Verſuchung geführt. Er hatte meine Mutter, ſie ſeiner Frau empfehlend, auf ſein Bett gelegt; dann war er mittelſt der Strickleiter hinabgeſtiegen, zu dem Kutſcher gelaufen, der auf ſeinem Sitze wartete, hatte ihm geſagt, er komme im Auftrage meines Vaters, hatte ihn erdolcht, in einen Graben geworfen, und war mit dem Wagen abgefahren. „An der Gränze hatte er Poſt genommen, er hatte Avignon erreicht, den Wagen verkauft und, da nie Jemand ſeinen Inhalt zurückgefordert, ſich die hunderttauſend Ducaten angeeignet, und ſeiner Frau und ſeinem Sohne geſchrieben, ſie ſollen ihm nach⸗ folgen. „Doch die Hand Gottes lag auf dieſem Menſchen. Seine Frau ſtarb zuerſt, dann, nach zehn Jahren des Hinſiechens, folgte der Sohn ſeiner Mutter; end⸗ ver nach ſtän⸗ des llte. ters, venn lan⸗ telle dem mich der er Wa⸗ hatte hatte ſein eiter auf mme „in agen und, hdie Frau nach⸗ chen. hren end⸗ 197 lich fühlte er, die Reihe werde bald an ihn kommen, Gott Rechenſchaft von dem zu geben, was er während ſeines Wandels auf Erden gethan. Auf dieſen Ruf von oben hatte er bereut und an mich gedacht. Ihr werdet nun begreifen, in welcher Abſicht er mich zu ſehen verlangte. „Es geſchah, um mir Alles zu erzählen, um meine Verzeihung zu erflehen, nicht wegen des Todes meines Vaters, denn er hatte keinen Theil an dieſem Tode, ſondern wegen der Ermordung des Kutſchers und des Diebſtahls der hunderttauſend Ducaten. Was den Ermordeten betrifft, ſo gab es kein Mittel für dieſes Verbrechen: der Mann war todt. „Was aber die hunderttauſend Ducaten betrifft, ſo hatte er hiefür in Villeneuve les Avignon ein Schloß und ein herrliches Gut gekauft, von deſſen Einkünften er lebte. „Ich fing damit an, daß ich mir alle Einzelheiten vom Tode meines Vaters, nicht einmal, ſondern zehn⸗ mal erzählen ließ. Dieſe Nacht hatte ihm übrigens ſelbſt ſo gräßlich geſchienen, daß ihm nicht ein eins ziger Vorfall entgangen war, und daß er ſich der geringſten Umſtände dieſes unſeligen Ereigniſſes er⸗ innerte, als hätte es ſich am Tage vorher zugetragen. Leider wußte er von meiner Mutter und meiner Schweſter nicht mehr, als was ihm von ihnen ſeine Frau erzählt hatte, die ſie beide auf der Straße nach Novara aus dem Geſichte verloren. Sie werden vor Ermattung oder Hunger geſtorben ſein! „Ich war reich und bedurfte dieſer Vermögens⸗ verniehrung nicht, doch es konnte ein Tag kommen, wo meine Mutter oder meine Schweſter wieder er⸗ 198 ſcheinen würde. Da ich dieſen Menſchen nicht durch ein öffentliches Geſtändniß ſeines Verbrechens ent⸗ ehren wollte, ſo ließ ich ihn eine Schenkung von dieſem Schloſſe und dieſem Gute an die Gräfin Ma⸗ raviglia und ihre Tochter machen; dann verzieh ich ihm, ſo viel an mir war, und in dem Maße der Gewalt, die ich vom Herrn erhalten hatte. „Hierauf beſchränkte ſich aber meine Barmherzig⸗ keit. Francesco Sforza war im Jahre 1535 geſtor⸗ ben,— ein Jahr und einen Tag nach der an ihn von meinem Vater ergangenen Ladung, vor dem Tribunal Gottes zu erſcheinen. Mit Dieſem hatte man ſich alſo nicht zu beſchäftigen; Dieſer war be⸗ ſtraft für ſeine Schwäche, wenn nicht für ſein Ver⸗ brechen. S „Es blieb aber Kaiſer Karl V., der Kaiſer auf dem Gipfel ſein Macht, auf dem Gipfel des Ruhmes, auf dem Gipfel des Glückes! Dieſer war ungeſtraft geblieben; Dieſer war es, den ich zu ſchlagen beſchloß. „Ihr werdet mir ſagen, die Menſchen, welche Krone und Sccpter tragen, ſeien nur der Gerichts⸗ barkeit Gottes unterworfen, Gott ſcheint aber manch⸗ mal zu vergeſſen. „Dann iſt es an den Menſchen, ſich zu erinnern: ich habe mich erinnert. Nur wußte ich nicht, daß der Kaiſer unter ſeinen Kleidern ein Panzerhemd trug. Er erinnerte ſich auch!.. Ihr wolltet wiſſen, wer ich ſei, und warum ich dieſes Verbrechen began⸗ gen. Ich bin Odvardo Maraviglia, und ich wollte den Kaiſer tödten, weil er nächtlicher Weile meinen Vater ermorden und vor Müdigkeit und Hunger meine Mutter und meine Schweſter ſterben ließ. fli br de zu la wi ch ent⸗ von Na⸗ hm, alt, zig⸗ tor⸗ ihn em atte er⸗ auf es, raft loß. lche ts⸗ nch⸗ rn: daß md ſen, an⸗ lte nen ger 199 „Ich habe geſprochen. Ihr wißt nun die Wahr⸗ heit, Durchlaucht. Ich wollte tödten, ich verdiene getödtet zu werden; doch ich bin Edelmann, und ich verlange den Tod eines Edelmanns.“ Emanuel Philibert nickte mit dem Kopfe zum Zeichen der Beiſtimmung. „Das iſt gerecht, und Eure Bitte ſoll Euch ge⸗ währt werden,“ ſagte er...„Wünſcht Ihr bis zur Stunde der Hinrichtung frei zu bleiben? Ich verſtehe unter frei bleiben nicht gebunden ſein.“ „Was muß ich zu dieſem Ende thun?“ „Mir Euer Wort geben, daß Ihr nicht zu ent⸗ fliehen ſuchen wollt.“ „Ihr habt es ſchon.“ „Ihr müßt es mir erneuern.“ „Ich wiederhole es, nur beeilt Euch. Das Ver⸗ brechen iſt öffentlich, das Geſtändniß vollſtändig. Wozu mich warten laſſen?“ „Es iſt nicht an mir, die Todesſtunde eines Men⸗ ſchen zu beſtimmen. 6 wird in dieſer Hinſicht nach dem Belieben von Kaiſer Karl V. geſchehen.“ 4 Hienach rief Emanuel den Sergenten und ſagte zu ihm: „Führt den Herrn in ein beſonderes Zelt und laßt es ihm an nichts fehlen! Eine einzige Wache wird bei ihm genügen: ich habe ſein Ehrenwort. Geht!“ Der Sergent ging mit dem Gefangenen ab. Emanuel Philibert folgte ihm mit den Augen, bis er ſein Zelt verlaſſen hatte. Alsdann, da er ein ſchwaches Geräuſch hinter ſich zu hören glaubte, wandte er ſich um. 200 Leona ſtand auf der Schwelle des zweiten Ge⸗ laſſes, deſſen Vorhang hinter ihr niedergefallen war. Das Geräuſch, das dieſer Vorhang fallend ge⸗ macht, war es, was die Aufmerkſamkeit von Emanuel Philibert erregt hatte. Leona ſtand mit gefalteten Händen da; ihr Ge⸗ ſicht trug die Spur von Thränen an ſich, die ſie ohne Zweifel bei der Erzählung des Gefangenen ver⸗ goſſen. „Was willſt Du?“ fragte der Prinz. „Ich will Dir ſagen, Emanuel,“ erwiederte Leona, „ich will Dir ſagen, daß es unmöglich iſt, daß dieſer junge Mann ſtirbt.“ Das Geſicht von Emanuel Philibert verdüſterte ſich. „Leona,“ ſprach der Prinz,„Du haſt nicht über⸗ legt, was Du verlangſt. Dieſer junge Mann hat ein entſetzliches Verbrechen, wenn nicht durch die That, doch durch die Abſicht begangen.“ „Gleichviel,“ verſetzte Leona, indem ſie ihre beiden Arme um den Hals des Prinzen ſchlang,„ich wie⸗ derhole Dir, daß dieſer junge Mann nicht ſterben wird.“ 2 „Der Kaiſer wird über ſein Loos entſcheiden, Leona. Was ich thun kann, das Einzige, was ich thun kann, iſt, daß ich dem Kaiſer Alles berichte.“ „Und ich, ich ſage Dir, mein Emanuel, daß, wenn der Kaiſer dieſen jungen Mann zur Todesſtrafe verurtheilte, Du ſeine Begnadigung erlangen würdeſt, nicht wahr?“ „Leona, Du glaubſt, ich habe eine Macht über den Kaiſer, die ich nicht habe. Die kaiſerliche Ge⸗ 201 rechtigkeit muß ihren Lauf nehmen. Wenn ſie ver⸗ urtheilt...“ „Sollte ſie auch verurtheilen, Odoardo Mara⸗ viglia muß dennoch leben, hörſt Du? er muß, mein geliebter Emanuel!“ „Und warum muß dies ſein?“ „Weil,“ erwiederte Leona,„weil es mein Bru⸗ der iſt!...“ Emanuel gab einen Schrei des Erſtaunens von ſich. Dieſe vor Müdigkeit und Hunger am Ufer der Seſia ſterbende Frau, dieſes beharrlich das Geheim⸗ niß ſeiner Geburt und ſeines Geſchlechtes bewahrende Kind, dieſer Page, der den Diamant von Kaiſer Karl V. ausſchlug, Alles war ihm erklärt durch die vier Worte, welche Leona über Odvardo Maraviglia entſchlüpft:„Es iſt mein Bruder!“ XIII. Der Dämon des Süden. Während ſich die von uns erzählte Scene unter dem Zelte von Emanuel Philibert zutrug, brachte ein durch die Fanfaren der Trompeter und die Vivats der Soldaten verkündigtes großes Ereigniß das ganze kaiſerliche Lager in Aufruhr. Ein kleiner Reitertrupp war von der Seite von Brüſſel ſignaliſirt worden; man hatte Läufer dieſem Trupp entgegengeſchickt, und dieſe Läufer waren in aller Eile mit großen Freudenzeichen zurückgekehrt und hatten verkündigt, der Anführer der Cavalcade 202 ſei kein Anderer, als der einzige Sohn des erha⸗ benen Kaiſers, Philipp Prinz von Spanien, König von Neapel, und Gemahl der Königin von England. Beim Lärmen der Fanfaren, bei den Vivats der Erſten, welche den Prinzen erblickten, trat Jeder aus ſeinem Zelte und lief an den Weg des hohen An⸗ kömmlings. Philipp ritt ein ſchönes weißes Roß, das er höchſt anmuthig führte. Er trug einen veilchenblauen Man⸗ tel und ein ſchwarzes Wamms,— doppelte Trauer⸗ farbe bei den Königen,— Hoſen veilchenblau wie der Mantel, große büffellederne Stiefel, und auf dem Kopfe ein kleines ſchwarzes Toquet, wie ſie damals Mode waren, an ſeiner Haube umgeben von einer ſeidenen Schnur und geſchmückt mit einer ſchwarzen Feder. Er hatte am Halſe das Collier vom goldenen Vließ. Es war damals ein Mann von achtundzwanzig Jahren, von mittlerem Wuchſe, eher fett als ma⸗ ger, mit ein wenig aufgedunſenen Backen, woran ein blonder Bart, mit zuſammengepreßtem, ſelten lächelndem Munde, gerader Naſe und Augen, welche unter ihren Deckeln wie die eines Haſen zitterten. Obgleich er eher ſchön als häßlich war, hatte doch das Geſammtweſen ſeiner Phyſiognomie nichts Ein⸗ nehmendes, und man begriff, daß unter dieſer vor dem Alter gefalteten Stirne mehr finſtere, als heitere Gedanken ſich bewegten. Der Kaiſer hegte eine große Zärtlichkeit für den Prinzen. Wie er ſeine Mutter geliebt hatte, ſo liebte er ſeinen Sohn; doch in dem Augenblicke, wo ſich eine ha⸗ nig nd. der aus An⸗ chſt an⸗ ler⸗ wie em als ner zen nen tzig na⸗ ran ten ſche en. och in⸗ vor ere den bte ine 203 Liebkoſung ihren zwei Herzen nähern wollte, hatte er immer das des Prinzen umhüllt von jener Eislage gefühlt, welche nie in irgend einer Umarmung ge⸗ ſchmolzen war. Zuweilen, wenn er ſeinen Sohn lange nicht ge⸗ ſehen, wenn er aus den Augen den hinter dem trüben und blinzelnden Blicke des jungen Prinzen verborge⸗ nen Gedanken verloren hatte, beunruhigte es ihn, von welcher Seite der, ewig mit unterirdiſchen In⸗ triguen beſchäftigte, düſtere Minirer die Sappe ſeines Ehrgeizes führe. War es gegen ihre gemeinſchaft⸗ lichen Feinde? war es gegen ihn ſelbſt? Und im Zweifel ſeines Herzens entſchlüpften ihm ſodann von jenen furchtbaren Worten, wie er ſie an demſelben Morgen in Betreff des Gefangenen zu Emanuel Phi⸗ libert geſprochen. Die Geburt des Prinzen war düſter geweſen, wie ſein Leben ſein ſollte. Es gibt traurige Morgen⸗ röthen, die auf einen ganzen Tag wiederſcheinen. Der Kaiſer hatte die Nachricht von ſeiner Geburt, welche am Dienſtag dem 31. Mai 1527 ſtattgefunden, zu gleicher Zeit mit der vom Tode des Connetable von Bourbon, der Plünderung von Rom und der Gefangennehmung von Papſt Clemens VII. erhalten. Jede Freudenfeier aus Anlaß dieſer Geburt war alſo verboten worden, aus Furcht, ſie könnte mit der Trauer der Chriſtenheit contraſtiren. Erſt ein Jahr nachher war der königliche Spröß⸗ ling als Prinz von Spanien anerkannt worden. Da hatte es große Feſte gegeben; doch das Kind, das Mann geworden ſo viele Thränen vergießen machen ſollte, das Kind hatte während dieſer Feſte nur geweint. 20⁴ Philipp hatte ſein ſechzehntes Jahr erreicht, als der Kaiſer, der es mit ihm im Kriege verſuchen wollte, ihn beauftragte, die vom Dauphin befehligten Franzoſen zu nöthigen, die Belagerung von Perpig⸗ nan aufzuheben; damit er aber nicht Gefahr laufe, eine Niederlage bei dieſem Unternehmen zu erleiden, hatte man ihn von ſechs Granden Spaniens, vierzehn Baronen, achthundert Edelleuten, zweitauſend Reitern und fünftauſend Mann Fußvolk begleiten laſſen. Gegen eine ſolche Verſtärkung durch friſche Trup⸗ pen war nichts zu machen. Die Franzoſen hoben die Belagerung auf, und der Infant von Spanien debutirte auf ſeiner militäriſchen Laufbahn mit einem Siege. Doch nach dem Berichte, den er ſich über dieſen Feldzug hatte geben laſſen, hatte der Kaiſer leicht erkannt, die Inſtincte ſeines Sohnes ſeien durchaus nicht kriegeriſch; er hatte alſo für ſich ſelbſt die Zu⸗ fälle des Krieges und der verſchiedenen Geſchicke der Schlachten vorbehalten und dem Erben ſeiner Macht das Studium der Politik, für die er ſpecieller geboren ſchien, überlaſſen. Mit ſechzehn Jahren hatte der junge Prinz ſolche Fortſchritte in dieſer großen Kunſt des Regierens ge⸗ macht, daß Karl V. keinen Anſtand nahm, ihn zum Statthalter aller Königreiche Spaniens zu ernennen. Im Jahre 1545 hatte er Donna Maria von Portugal, ſein Geſchwiſterkind, geheirathet, welche in demſelben Jahre wie er, an demſelben Tage wie er, in derſelben Stunde wie er geboren war. Sie hatte von ihm einen Sohn, Don Carlos, den Helden einer kläglichen Geſchichte und von zwei als chen gten pig⸗ ufe, den, zehn tern rup⸗ ben nien nem eſen icht aus Zu⸗ der acht ren lche ge⸗ um en. on in os, vei 205 bis drei Trauerſpielen. Dieſer Sohn war geboren 1545. Im Jahre 1548 verließ Philipp, um Italien zu beſuchen, Barcelona unter einem erſchrecklichen Sturme, der die Flotte von Doria zerſtreute und ihn nöthigte, für den Augenblick wieder in den Hafen zurückzukehren; mit einem entgegengeſetzten Winde verſuchte er die Reiſe aufs Neue, landete in Genua, begab ſich von Genua nach Mailand, beſuchte das Schlachtfeld von Pavig, ließ ſich den Platz zeigen, wo Franz I. ſeinen Degen übergeben hatte, und maß mit den Augen die Tiefe des Grabens, in welchem beinahe die franzöſiſche Monarchie verſunken wäre; immer ſtill und ſchweigſam, verließ er ſodann Mailand, durchzog Mittel⸗Italien, und reiſte zum Kaiſer nach Worms. Karl V., ein Flamänder der Geburt und dem Herzen nach, ſtellte ihn ſeinen Landsleuten in Na⸗ mur und Brüſſel vor. In Namur empfing ihn Emanuel Philibert und machte ihm die Honneurs der Stadt. Die zwei Vetter umarmten ſich zärtlich, als ſie zuſammentra⸗ fen; dann gab ihm Emanuel das Schauſpiel eines kleinen Krieges, an welchem Philipp, wohlverſtan⸗ den, keinen Theil nahm. Die Feſte waren nicht minder prunkvoll in Brüſſel als in Namur. Siebenhundert Prinzen, Barone und Edelleute empfingen vor den Thoren der Stadt den Erben der größten Monarchie der Welt. Als dieſer Erbe wohl geſehen, wohl anerkannt war, ſchickte ihn ſein Vater nach Spanien zurück. Emanuel Philibert begleitete ihn bis Genua.. 206 Auf dieſer Reiſe ſah der Prinz von Piemont ſeinen Vater zum letzten Male. ſei Drei Jahre nach der Rückkehr von Philipp nach Spanien ſtarb König Eduard VI. von England und ſei hinterließ die Krone ſeiner Schweſter Maria, der Br Tochter von Katharina, dieſer Tante des Kaiſers, Ki die der Kaiſer ſo ſehr liebte, daß er, wie er ſagte, lip das Engliſche nur gelernt, um mit ihr zu ſprechen. Die neue Königin hatte Eile, einen Gemahl zu He wählen: ſie zählte ſechsundvierzig Jahre, und es Ar war folglich keine Zeit zu verlieren. Karl V. ſchlug ſeinen Sohn Philipp vor. ſtü Philipp war Witwer von der reizenden Maria von Portugal geworden, welche nur das Alter der i Blumen gelebt hatte. Vier Tage nach der Geburt ha von Don Carlos ließen die Frauen der Königin, neu⸗ gierig, ein herrliches Auto da Fe von Proteſtanten liki zu ſehen, die Wöchnerin allein bei einem mit Früchten Ein bedeckten Tiſche. Es war der Kranken verboten, vvn lar dieſen Früchten zu eſſen. Eine Tochter Cvas in allen Punkten, wurde die arme Prinzeſſin ungehorſam gegen Pr das Verbot: ſie ſtand auf, biß mit ihren ſchönen zw jungen Zähnen nicht in einen Apfel, ſondern in eine wi Melone, und war vierundzwanzig Stunden nachher ſei todt! die Es hinderte alſo den Infanten Philipp nichts, jen Maria Tudor zu heirathen, England mit Spanien He zu verbinden und zwiſchen der Inſel des Norden bej und der Halbinſel des Süden Frankreich zu er⸗ Po drücken. der Das war der große Zweck dieſer Verbindung. einen nach und der ſers, igte, en. l zu es hlug aria der burt ieu⸗ iten ten von llen gen nen ine her s, ien den er⸗ „ 207 Philipp hatte zwei Mitbewerber um die Hand ſeiner Couſine. Den Cardinal Polus, Cardinal ohne Prieſter zu ſein,— Sohn von Georg, Herzog von Clarence, Bruder von Eduard IV.;— folglich Vetter der Königin, ungefähr in demſelben Grade wie Phi⸗ lipp; Und den Prinzen von Courtenay, Neffen von Heinrich VIII.; folglich ebenſo nahe als die zwei Anderen mit der Königin Maria verwandt. Karl V. fing damit an, daß er ſich die Unter⸗ ſtützung der Königin ſelbſt ſicherte, und, ſicher dieſer Unterſtützung, die er durch den Beichtvater der kö⸗ niglichen Witwe erlangt hatte, zögerte er nicht, zu handeln. Die Prinzeſſin Maria war eine eifrige Katho⸗ likin. Der Titel die blutige Maria, den ihr Einer nach dem Andern alle Geſchichtſchreiber Eng⸗ lands gegeben haben, bezeugt dies. Der Kaiſer entfernte alſo zuerſt von ihr den Prinzen von Courtenay, einen jungen Mann von zweiunddreißig Jahren, ſchön wie ein Engel, tapfer wie ein Courtenay, indem er ihn beſchuldigte, er ſei ein leidenſchaftlicher Begünſtiger der Ketzerei, und die Königin Maria bemerkte in der That, daß die⸗ jenigen von ihren Miniſtern, welche ihr zu dieſer Heirath riethen, zugleich die waren, welche ſie als befleckt von der falſchen Religion betrachtete, zu deren Papſt ſich Heinrich VIII., damit er nichts mehr mit den Biſchöfen von Rom, wie er ſie nannte, zu thun habe, erklärt hatte. Nachdem dieſer Punkt im Geiſte der Königin 208 feſtgeſtellt war, hatte man nichts mehr vom Prinzen von Cvurtenay zu befürchten. Es blieb der Cardinal Polus, vielleicht minder muthig als der Prinz von Courtenay, doch eben ſo ſchön als er, und ſicherlich ein größerer Politiker, da er in der Schule der Päpſte erzogen worden. Der Cardinal war um ſo mehr zu fürchten, als Maria Tudor, ehe ſie gekrönt worden, mit oder ohne Abſicht, an den Poapſt Julius III. geſchrieben, er möge ihr den Cardinal Polus als apoſtoliſchen Le⸗ gaten ſchicken, damit dieſer mit ihr an dem frommen Werke der Wiederherſtellung der Religion arbeite. Der Popſt, da er wußte, was Polus unter Hein⸗ rich VIMI. zu leiden gehabt hatte, und welche Ge⸗ fahren er gelaufen war, zögerte zum Glück für KarlV. von Anfang, unter der in England herrſchenden Gäh⸗ rung einen Prälaten von dieſer Bedeutung zu ſchicken. Er ließ ihm daher Jean Frangvis Commendon vor⸗ angehen. Doch Polus, und nicht Commendon hatte Maria verlangt; ſie ſchickte den Letzten zurück und bat ihn, die Ankunft des Cardinals zu beſchleunigen. Polus reiſte ab; doch der Kaiſer hatte ſeine Spione in Rom; er wurde von dieſer Abreiſe unterrichtet, und da der Legat a latere durch Deutſchland ziehen und nach Innsbruck kommen mußte, ſo gab Karl V. Mendoza, der ein Reitercorps in dieſer Stadt com⸗ mandirte, Befehl, den Cardinal Polus bei ſeiner An⸗ kunft zu verhaften, unter dem Vorwand, er ſei zu nahe mit der Königin verwandt, um ihr unparteiiſche Rathſchläge in der Angelegenheit ihrer Verheirathung mit dem Infanten Don Philipp zu geben. Mendoza war ein ächter Kapitän, wie ihn die ———,———— inzen inder n ſo tiker, n. als ohne „er Le⸗ men eite. ein⸗ Ge⸗ VW. äh⸗ cken. vor⸗ atte und gen. ione tet, hen om⸗ An⸗ zu ſche ung die 209 Fürſten unter ſolchen Umſtänden brauchen. Er kannte nur ſeinen Befehl. Sein Befehl war, den Cardinal Polus zu verhaften: er verhaftete ihn und hielt ihn gefangen, bis die Artikel des Heirathsvertrags zwi⸗ ſchen Philipp von Spanien und Maria von England unterzeichnet waren. Nachdem dieſe Artikel unterzeichnet waren, ließ man ihn wieder frei. Polus faßte ſeinen Entſchluß als ein Mann von Verſtand, und erfüllte ſeine Auf⸗ gabe als Legat a latere nicht nur bei Maria, ſon⸗ dern auch bei Philipp. Einer von den Artikeln enthielt die Beſtimmung, Maria Tudor, Königin von England, könne nur einen König heirathen. Das war keine Verlegenheit für Karl V.: er machte ſeinen Sohn Philipp zum König von Neapel. Dieſer glückliche Erfolg tröſtete ein wenig den Kaiſer, der ſehr mißſtimmt war über zwei Schläge, die er erlitten, den einen in Innsbruck, wo er, bei Nacht vom Herzog Moritz überfallen, ſo haſtig ent⸗ floh, daß er nicht einmal bemerkte, er habe ſein Wehr⸗ gehänge angezogen und ſeinen Degen vergeſſen, den andern vor Metz, deſſen Belagerung er aufzuheben genöthigt war, und wo er im Moraſte eines Thau⸗ wetters ſeine Kanonen, ſeine Munitionswagen, ſein Kriegsmaterial und das Drittel ſeines Heeres zu⸗ rückließ. „Oh!“ rief er,„das Glück kehrt alſo wieder zu mir zurück!“ Am 24. Juli 1554 endlich, das heißt, neun Mo⸗ nate vor der Epoche, zu der wir gelangt ſind, am Feſttage des heiligen Jacob, des Beſchützers von Dumas, der Page. I. 14 210 Spanien, ward Maria von England mit Philipp I. vermählt. Diejenige, welche man die Tigerin des Norden nennen könnte, heirathete den Mann, den man den Dämon des Süden nennen ſollte. Philipp reiſte von Spanien in Begleitung von zweiundzwanzig Kriegsſchiffen mit ſechstauſend Mann ab. Doch ehe er in den Hafen von Hampton einlief, ſchickte er alle dieſe Schiffe zurück, um in England nur mit denen zu landen, welche ihm die Königin, ſeine Braut, entgegengeſandt hatte. Dies waren achtzehn. Es ſegelte ihnen das größte Schiff voran, das die Engländer je erbaut hatten, und das bei dieſer Veranlaſſung vom Stapel gelaſſen worden war. Dieſe Schiffe fuhren dem Prinzen drei Meilen weit in offener See entgegen, und hier, unter Ar⸗ tillerieſalven, beim Raſſeln der Trommeln beim Schmettern der Trompeten, ging Philipp von ſeinem Schiffe auf das über, das ihm ſeine Braut ſchickte. Sein Gefolge bildeten ſechzig Edelleute, von denen zwölf Granden Spaniens waren; vier von ihnen, der Großadmiral von Caſtilien, der Herzog von Me⸗ dina Celi, Ruy Gomez de Silva und der Herzog von Alba hatten jeder vierzig Pagen und Diener bei ſich. Man zählte endlich, was wunder⸗ bar und nie geſehen worden, ſagt Gregorio Loti, der Geſchichtſchreiber von Karl V., daß dieſe ſechzig Herren unter ſich zwölfhundert und dreißig Pagen und Staffiere hatten. Die Vermählung fand in Winceſter ſtatt. Die⸗ jenigen, welche wiſſen wollen, wie die Königin Maria Tudor ihrem Bräutigam entgegenkam, welches Kleid ſie Fo we we wo zur vo He fal rü in be un Pl Ve un er be fa un MI. des den von ann lief, land gin, das baut apel ilen Ar⸗ eim nem kte. enen nen, Me⸗ rzog ener er⸗ orio eſe und Die⸗ aria leid . 21¹ ſie anhatte, welchen Schmuck ſie trug, von welcher Form das Amphitheater überragt von zwei Thronen war, die der Neuvermählten harrten; diejenigen, welche noch tiefer eindringen und die Art kennen wollen, wie die Meſſe gefeiert wurde, wie man ſich zur Tafel ſetzte, wie Ihre Majeſtäten„ſo geſchickt von Tiſche aufſtanden, daß ſie, obgleich eine Menge Herren und Damen vor ihnen war, durch eine falſche Thüre verſchwanden und ſich in ihr Gemach zu⸗ rückzogen,“ werden dieſe Details und noch viele andere in dem von uns erwähnten Geſchichtſchreiber finden. Uns würden dieſe Details, ſo intereſſant und beſonders pittoresk ſie auch ſind, zu weit führen, und wir kehren zum König von England und Neapel Philipp II. zurück, der, neun Monate nach ſeiner Verheirathung, wieder auf dem Continent erſchien, und in dem Augenblicke, wo man es am wenigſten erwartete, wie geſagt, vor den Schranken des Lagers, begrüßt vom Raſſeln der Trommeln, von den Fan⸗ faren der Trompeten und den Vivats der deutſchen und ſpaniſchen Soldaten, ankam. Karl V. war Einer der Erſten, der von der un⸗ vermutheten Ankunft ſeines Sohnes unterrichtet wor⸗ den, und freudig darüber, daß Philipp(ſo ſchien es wenigſtens) keinen Grund hatte, ſeine Anweſenheit in Flandern vor ihm zu verbergen, da er ihn in ſeinem Lager aufſuchte, machte er eine Anſtrengung und ſchleppte ſich, geſtützt auf den Arm von einem ſeiner Officiere, bis zur Thüre des Zeltes. Er war kaum hier, da ſah er Philipp mit Ge⸗ ſchrei, Trommeln und Trompeten, als wäre er ſchon der Herr und Meiſter, herbeikommen. 2¹2 „Nun wohl,“ murmelte Karl v.,„Gott will es!“ Doch ſobald er ſeinen Vater erblickte, hielt Phi⸗ lipp ſein Pferd an und ſtieg ab; er trat raſch, mit ausgeſtreckten Armen, mit entblößtem und geſenktem Haupte, auf den Kaiſer zu und warf ſich ihm zu Füßen. Dieſe Demuth verjagte jeden ſchlimmen Gedan⸗ ken aus dem Geiſte von Karl v. Er hob Philipp auf, ſchloß ihn in ſeine Arme, wandte ſich ſodann an diejenigen, welche dem Prinzen das Geleite gebildet hatten, und ſprach: „Ich danke Euch, meine Herren, daß Ihr erra⸗ then, welche Freude mir die Gegenwart meines ge⸗ liebten Sohnes bereiten ſollte, und daß Ihr mir ſie zum Voraus durch Eure Vivats und Eure Jubel⸗ rufe verkündigt habt.“ Und zu ſeinem Sohne: „Don Philipp, es ſind wohl fünf Jahre, daß wir uns nicht mehr geſehen; kommt, wir müſſen ein⸗ ander viel zu ſagen haben.“ Und er grüßte dieſe ganze Menge,— vor ſei⸗ nem Zelte verſammelte Soldaten und Officiere,— ſtützte ſich auf den Arm ſeines Sohnes und kehrte in den Pavillon zurück, unter den tauſendfach wie⸗ derholten Rufen:„Es lebe der König von England! Es lebe der Kaiſer von Deutſchland! Es lebe Don Philipp! Es lebe Karl V.!“ Wie es der Kaiſer vermuthet, hatten ſich Phi⸗ lipp und er in der That viele Dinge zu ſagen. Und dennoch, nachdem Karl V. ſich auf den Divan geſetzt und Philipp, die Ehre, ſich an die Seite ſei⸗ mes Vaters zu ſetzen, ausſchlagend, auf einem Stuhle —— ,— P be 213 s1“ Platz genommen hatte, trat ein Augenblick des Still⸗ hi⸗ ſchweigens ein. mit Karl V. brach zuerſt dieſes Stillſchweigen, das tem Philipp vielleicht aus Ehrfurcht gegen ſeinen Vater zü beobachtete. „Mein Sohn,“ ſprach der Kaiſer,„es brauchte an⸗ nicht weniger, als Eure theure Gegenwart, um den ſchlimmen Eindruck zu zerſtreuen, den auf mich die me, Nachrichten, die ich heute empfangen, hervorgebracht zen haben.“ „Eine von dieſen Nachrichten, und zwar die be⸗ ra⸗ trüblichſte von allen, iſt mir ſchon bekannt, wie Ihr ge⸗ an meinem Kleide ſehen könnt, mein Vater,“ erwie⸗ ſie derte Philipp;„wir haben das Unglück gehabt, Ihr 1“ e eine Mutter, ich eine Großmutter zu verlieren „Ihr habt dieſe Kunde in Belgien vernommen, mein Sohn?“ aß Philipp verbeugte ſich. in⸗„In England, Sire; wir ſtehen mit Spanien in unmittelbarem Verkehr, während der Courier, den ei⸗ Eure Majeſtät erhalten hat, genöthigt war, zu Lande — von Genua hieher zu reiſen, was ſeine Ankunft ver⸗ rte zögert haben wird.“ ie⸗„In der That,“ verſetzte Karl V.,„das muß ſo ſein; doch abgeſehen von dieſem ſchmerzlichen Gegen⸗ on ſtand, mein Sohn, habe ich eine andere Beſorgniß.“ „Geruht Eure Majeſtät von der Wahl von Papſt hi⸗ Pauk IV. und von dem Bündniß zu ſprechen, das er dem König von Frankreich vorgeſchlagen hat, wel— an ches Bündniß zu dieſer Stunde unterzeichnet ſein ei⸗ muß?“ Karl V. ſchaute Don Philipp mit Erſtaunen an. 2¹⁴ „Mein Sohn,“ ſagte er,„iſt es abermals ein engliſches Schiff, das Euch ſo gut unterrichtet hat, als Ihr es ſeid? Die Fahrt von Civita Veccchia nach Portsmouth iſt doch lang!“ „Nein, Sire, die Nachricht iſt uns durch Frank⸗ reich zugekommen: davon rührt es her, daß ich die Sache vor Euch wiſſen konnte. Die Paſſagen der Alpen und von Tyrol ſind noch durch den Schnee verſperrt, und das hat Euren Boten aufgehalten, während der unſere geraden Wegs von Oſtia nach Marſeille, von Marſeille nach Boulogne, und von Boulogne nach London gekommen iſt.“ Karl V. faltete die Stirne; lange hatte er ge⸗ glaubt, es ſei ſein Recht, zuerſt von jedem ernſten Ereigniß, das in der Welt vorging, unterrichtet zu ſein, und nun hatte ſein Sohn nicht nur vor ihm den Tod der Königin Juanna und die Wahl von Paul IV. gekannt, ſondern er theilte ihm ſogar eine Sache mit, die er nicht wußte: das zwiſchen Heinrich II. und dem neuen Papſte unterzeichnete Bündniß. Philipp ſchien aber das Erſtaunen ſeines Vaters nicht zu bemerken und fuhr fort: „Uebrigens waren alle Maßregeln von den Ca⸗ raffa und ihren Parteigängern ſo gut getroffen, daß der Vertrag dem König von Frankreich während des Conclave zugeſchickt worden iſt. Das erklärt die Kühnheit, mit der, nachdem er Marienbourg genom⸗ men, Heinrich II. gegen Bouvines und Dinant mar⸗ ſchirte, ohne Zweifel in der Abſicht, Euch den Rückzug abzuſchneiden.“ „Ho! ho!“ rief Kaiſer Karl V.,„iſt er ſo weit —— ——— — 2¹5 vorgerückt, und wäre ich mit einem neuen Ueberfalle in der Art des von Innsbruck bedroht?“ „Nein,“ erwiederte Philipp,„denn ich hoffe, Eure Mazeſtät wird ſich nicht weigern, einen Waffenſtill⸗ ſtand mit Heinrich II. zu ſchließen.“ „Bei meiner Seele!“ rief der Kaiſer,„ich wäre ein großer Narr, wenn ich mich weigerte, und ſogar, wenn ich ihn nicht vorſchlüge.“ „Sire,“ verſetzte Philipp,„dieſer von Euch vor⸗ geſchlagene Waffenſtillſtand würde den König von Frankreich zu ſtolz machen. Darum haben wir, die Königin Maria und ich, den Gedanken gehabt, die Sache im Intereſſe Eurer Würde zu vermitteln.“ „Und Du willſt von mir Vollmacht, um zu han⸗ deln, verlangen? Gut! handle, verliere keine Zeit, ſchicke nach Frankreich die gewandteſten Botſchafter; ſie werden nie früh genug ankommen.“ „Das iſt es, was wir dachten, Sire, und wir haben, indem wir Eurer Majeſtät jede Freiheit uns zu verleugnen vorbehielten, den Cardinal Polus an König Heinrich geſchickt, um einen Waffenſtillſtand von ihm zu verlangen.“ Karl V. ſchüttelte den Kopf und erwiederte: „Er wird nicht rechtzeitig ankommen, und Hein⸗ rich wird in Brüſſel ſein, ehe der Cardinal Polus in Calais gelandet iſt.“ „Der Cardinal Polus iſt auch über Oſtende ge⸗ reiſt und mit dem König von Frankreich in Dinant zuſammengetroffen.“ „Ein ſo geſchickter Unterhändler er ſein mag,“ verſetzte Karl v. mit einem Seufzer,„ich bezweifle, daß er in einer ſolchen Unterhandlung reuſſirt.“ 216 „Dann bin ich ganz glücklich, Eurer Majeſtät zu verkündigen, daß er reuſſirt hat,“ ſprach Philipp. „Der König von Frankreich nimmt, wenn nicht einen Waffenſtillſtund, doch eine Unterbrechung der Feind⸗ ſeligkeiten an, während welcher die Bedingungen dieſes Waffenſtillſtands geregelt werden ſollen. Das Kloſter Vocelles bei Cambray iſt von ihm als Ort der Conferenzen gewählt worden, und der Cardinal Polus, als er zu mir nach Brüſſel kam, um mir den Erfolg ſeiner Sendung zu melden, ſagte mir, er habe über dieſen Punkt keine Schwierigkeit machen zu müſſen geglaubt.“ Karl V. ſchaute Don Philipp mit einer gewiſſen Bewunderung an: dieſer hatte ihm auf das Allerde⸗ müthigſte den glücklichen Ausgang einer Unterhand⸗ lung gemeldet, die er, Karl V., als unmöglich be⸗ trachtete.. „Dieſer Waffenſtillſtand,“ ſagte er,„wie lange wäre ſeine Dauer?“ „Die wirkliche oder die vertragsmäßige?“ „Die vertragsmäßige.“ „Fünf Jahre, Sire.“ „Und die wirkliche?“ „So lange es Gott gefiele!“ „Und wie lange glaubt Ihr, Don Philipp, daß es Gott gefiele, den Waffenſtillſtand dauern zu laſſen.“ „Ei!“ erwiederte der König von England und Neapel mit einem unmerklichen Lächeln,„die Zeit, die man brauchte, daß Ihr aus Spanien eine Ver⸗ ſtärkung von zehntauſend Mann ziehen könntet, und daß ich Euch von England eine Hülfe von zehntauſend Engländern ſchicken könnte.“ —,. ſoll Ja von im ſtill der lich von 217 „Mein Sohn,“ ſprach Karl v.,„dieſer Waffen⸗ ſtillſtand war mein theuerſter Wunſch, und... und da ihr ihn verlangt habt, nun wohl, ſo verſpreche ich Euch, daß Ihr es ſein ſollt, der ihn nach ſeinem Belieben halten oder brechen wird.“ „Ich verſtehe nicht, was mein erhabener Kaiſer hiemit ſagen will,“ verſetzte Philipp, deſſen Selbſt⸗ beherrſchung nicht ſo weit ging, daß ſie ſeine Augen verhinderte, einen Blitz der Hoffnung und der Gierde zu ſchleudern. Er hatte faſt im Bereiche ſeiner Hand den Scep⸗ ter von Spanien und den Niederlanden und, wer wußte? vielleicht die Kaiſerkrone erſchaut. Acht Tage nachher war ein alſo abgefaßter Waffenſtillſtand unterzeichnet: „Es wird ein Waffenſtillſtand auf fünf Jahre ſowohl zu Waſſer als zu Land ſtattfinden, deſſen gleichmäßig alle Völker, Staaten, Königreiche und Provinzen ſowohl des Kaiſers, als des Königs von und des Königs Philipp theilhaftig ſein ſollen. „Während dieſes ganzen Zeitraumes von fünf Jahren ſollen die Waffen ruhen, es ſoll jedoch Jeder von dieſen Potentaten Alles das behalten, was er im Verlaufe des Krieges genommen hat. „Seine Heiligkeit Paul 1V. iſt in dieſen Waffen⸗ ſtillſtand einbegriffen.“ Philipp überreichte ſelbſt den Vertrag dem Kaiſer, der einen faſt erſchrockenen Blick auf das unempfind⸗ liche Geſicht ſeines Sohnes warf. Es fehlte dem Vertrage nur noch die Unterſchrift von Karl V. 218 Karl V. unterzeichnete. Sodann, als er mit einer unendlichen Mühe die paar Buchſtaben ſeines Namens unterſchrieben hatte, ſagte er: „Sire,(er gab dieſen Titel ſeinem Sohne zum erſten Male) Sire, kehret nach London zurück und haltet Euch bereit, auf mein erſtes Gebot nach Brüſſel zu kommen.“ XIV. Wo Karl V. das ſeinem Sohne Don Philipp gegebene Ver⸗ ſprechen hält. Am 25. October des Jahres 1555 war ein großer Zuſammenfluß in den Straßen von Brüſſel, nicht allein vom Volke der Hauptſtadt von Süd⸗Brabant, ſondern auch von dem der andern flämiſchen Staaten von Kaiſer Karl V. Dieſe ganze Menge drängte ſich nach dem könig⸗ lichen Palaſt, der heute nicht mehr exiſtirt, damals aber ſich oben in der Stadt auf dem Gipfel des Caudenberg erhob. Es war eine große Verſammlung, deren Urſache man noch nicht kannte, vom Kaiſer zuſammenberufen worden und ſollte, ſchon einmal verſchoben, an die⸗ ſem Tage ſtattfinden. Man hatte zu dieſem Ende das Innere des großen Saales auf der Weſtſeite, das heißt auf der Seite der Barriéren, geſchmückt und tapezirt und hier eine Art von Gerüſte von ſechs bis ſieben Stufen, bedeckt mit herrlichen Teppichen, errichtet; dieſes Gerüſte die tte, zum und iſſel Ver⸗ oßer icht ant, aten nig⸗ nals des ſache ufen die⸗ oßen Seite eine edeckt vüſte 2¹9 überragte ein Thronhimmel mit den kaiſ erlichen Wappen, drei Fauteuils beſchirmend, welche für den Augen⸗ blick leer, offenbar aber der in der Mitte für den Kaiſer, der rechts für den König Don Philipp, wel⸗ cher am Tage vorher angekommen, der links für die Königin Witwe von Ungarn, Maria von Oeſterreich, Schweſter von Karl v., beſtimmt waren. Parallel aufgeſtellte Bänke begleiteten dieſe drei Fauteuils und bildeten mit ihnen eine Art von Halbkreis. Andere Sitze ſtanden der Eſtrade gegenüber, wie die Bänke im Saale eines Theaters der Bühne gegenüber. König Philipp, die Königin Maria, die Königin Cleonore, Witwe von Franz I., Maximilian, König von Böhmen, Chriſtine, Herzogin von Lothringen, hatten ihre Wohnungen im Palaſt genommen. Karl v. allein bewohnte fortwährend das, was er ſein kleines Haus im Parke nannte. Um vier Uhr Nachmittags verließ er dieſes kleine Haus und beſtieg ein Maulthier, deſſen ſanfter Gang ihn weniger leiden machte, als jedes andere Locomotionsmittel. Was das zu Fuße Gehen betrifft, ſo durfte man nicht hieran denken. Die Gichtanfälle hatten ihre Heftigkeit verdoppelt, und der Kaiſer wußte nicht einmal, ob er werde von der Thürſchwelle bis zum Gerüſte des großen Saales gehen können, oder ob man, nicht werde genöthigt ſein, ihn auf dieſem kurzen Wege zu tragen. Könige und Prinzen folgten zu Fuße dem Maul⸗ thiere des Kaiſers. Karl V. war bekleidet mit dem kaiſerlichen Man⸗ 220 tel von Goldſtoff, an welchem das große Halsband vom goldenen Vließe herabfiel. Er hatte die Krone auf dem Haupte; doch man trug vor ihm auf einem Kiſſen von rothem Sammet ſeinen Scepter, den ſeine Hand nicht mehr zu halten die Kraft beſaß. Die Perſonen, welche die auf beiden Seiten der Fauteuils und der Eſtrade gegenüber ſtehenden Bänke einnehmen ſollten, waren vorher ſchon eingeführt worden. Das waren rechts von den Fauteuils die Ritter vom goldenen Vließe, auf einer beteppichten Bank ſitzend. Auf der gleichfalls beteppichten Bank links die Prinzen, die Granden Spaniens und die Herren vom hohen Adel. Hinter ihnen auf andern nicht beteppichten Bän⸗ ken die drei Räthe, der Staatsrath, der geheime Rath und der Rath der Finanzen. Auf andern Bänken gegenüber endlich ſaßen ein⸗ mal die Staaten von Brabant, ſodann die Staaten von Flandern und jeder von den andern Staaten je nach dem Range, den er einnehmen ſollte. Rings um den Saal gehende Gallerien waren vom Morgen an von Zuſchauern überfüllt. Der Kaiſer trat gegen ein Viertel auf fünf Uhr ein; er ſtützte ſich auf die Schulter von Wilhelm von Hranien, ſpäter genannt der Schweigſame. Neben Wilhelm von Oranien ging Emanuel Philibert, begleitet von ſeinem Waffenträger und ſeinem Pagen. Auf der andern Seite, vor Königen und Fürſten, ein paar Schritte rechts vom Kaiſer, kam ein Mann von ungefähr zweiunddreißig Jahren, der, Jeder⸗ —,. man hier dieſe ſein dieſe hin Gef auf. ſtüt daß grof bei ſtoß der daſ nier wel Ma her ſtau Phi Nu em dieſ and one tem ine der nke hrt om nd. die ren än⸗ ime ein⸗ ten ten ren lhr oon uel nd en, mnn er⸗ 221 mann unbekannt, eben ſo ſehr erſtaunt ſchien, ſich hier zu finden, als es die Zuſchauer waren, ihn an dieſem Orte zu ſehen. Das war Odvardo Maraviglia, den man aus ſeinem Gefängniß geholt, prächtig gekleidet und an dieſen Platz geführt hatte, ohne daß er wußte, wo⸗ hin er ging, noch was man von ihm wollte. Bei der Erſcheinung des Kaiſers und des hohen Gefolges, das er mit ſich führte, ſtand Jedermann auf. Der Kaiſer ſchritt, mühſam gehend, obſchon unter⸗ ſtützt, auf die Eſtrade zu. Man konnte leicht ſehen, daß er eines äußerſten Muthes und beſonders einer großen Gewohnheit des Leidens bedurfte, um nicht bei jedem Tritte, den er that, einen Schrei auszu⸗ ſtoßen. Er ſetzte ſich mit Philipp zu ſeiner Rechten und der Königin Maria zu ſeiner Linken. Auf ein Zeichen von ihm that ſodann ein Jeder daſſelbe, außer einerſeits dem Prinzen von Ora⸗ nien, Emanuel Philibert und den zwei Perſonen, welche ſein Gefolge bildeten, und andererſeits Odvardo Maraviglia, der frei und, wie geſagt, angethan mit herrlichen Kleidern, auf dieſem Schauſpiele einen er⸗ ſtaunten Blick umherlaufen ließ. Als Jedermann ſaß, winkte der Kaiſer dem Rathe Philibert Bruſſellius das Wort zu nehmen. Die ganze Verſammlung wartete mit Bangigkeit. Nur das Geſicht von Philipp blieb ruhig und un⸗ empfindlich. Sein verſchleiertes Auge ſchien nichts zu ſehen; man errieth kaum, daß das Blut unter dieſer bleichen, lebloſen Haut kreiſte. Der Redner 222 erklärte mit wenigen Worten, die im Saale gegen⸗ er v wärtigen Könige, Prinzen, Granden Spaniens, Ritter auß vom goldenen Vließe, Mitglieder der Staaten Flan⸗ derns ſeien zuſammenberufen worden, um der Ab⸗ Fort dankung von Kaiſer Karl V. zu Gunſten ſeines Sohnes den Don Philipp beizuwohnen, der ihm von dieſem ner Augenblicke ſuccedire in ſeinen Titeln König vvn der Caſtilien, Leon, Granada, Navarra, Aragonien, Neapel, Sicilien, Majorca, den Inſeln, Indien und Scht Gebieten des Stillen und des Atlantiſchen Meeres, und woll in denen Erzherzog von Heſterreich, Herzog von Bur⸗ auf gund, von Lothringen, von Brabant, von Luisbourg, daß von Luremburg, von Geldern, von Flandern, von Artois, von Hennegau, von Seeland, von Holland, zu von Hagenan, von Namur, Zütphen, endlich Fürſt den von Zwane, Markgraf des heiligen Reichs, Herr von dur Friesland, Mecheln, und der Städte und Dörfer ſo von Ober-Yſſel, Utrecht und Gröningen. den Die kaiſerliche Krone war Ferdinand, der ſchon dem König der Römer, vorbehalten. Rer Nur bei dieſem Vorbehalte zog eine Leichenbläſſe Leb über das Geſicht von Don Philipp, und ein leichter ſeir Schauer machte die Muskeln ſeiner Wangen zittern. ſein Dieſe Abdankung, welche vor Erſtaunen jeden ein Athem hemmte, wurde vom Redner dem Wunſche 8 die des Kaiſers, Spanien wiederzuſehen, das er ſeit der zwölf Jahren nicht geſehen, und beſonders den Leiden zugeſchrieben, die ihn die Gicht erdulden laſſe, welche hö Leiden ſich noch durch das ſtrenge Klima von Flan⸗ Sc dern und Deutſchland vermehren. ab⸗ Er endigte, indem er im Namen des Kaiſers die Staaten von Flandern bat, dieſe Abtretung, die en⸗ ter an⸗ 1es em on en, nd nd ur⸗ rg, on nd, rſt n fer on iſſe ter rn. en che ſeit en che an⸗ ers die 223 * er vor ihnen ſeinem Sohne Don Philipp mache, gut aufzunehmen. Nachdem er dieſe Rede geſprochen und Gott in Form eines Schluſſes beſchworen hatte, er möge ſtets den erhabenen Kaiſer unter ſeinem Schutze und ſei⸗ ner Obhut halten, ſchwieg Philibert und nahm wie⸗ der ſeinen Platz auf ſeinem Sitze. Da ſtand der Kaiſer auf; er war bleich und der Schweiß des Schmerzes befeuchtete ſeine Stirne; er wollte ſprechen und hielt in der Hand ein Papier, auf das ſeine Rede geſchrieben war, für den Fall, daß ihn ſein Gedächtniß verlaſſen würde. Beim erſten Zeichen, welches er von ſeinem Wunſche, zu ſprechen, gab, hörte das ungeheure Geräuſch, das den Saal am Ende der Rede des Rathes Bruſſellius durchlaufen hatte, wie durch einen Zauber auf, und ſo ſchwach die Stimme des Kaiſers war, ſobald er den Mund aufthat, verlor man nicht ein Wort von dem, was er ſagte. Allerdings, ſo wie er in ſeiner Rede vorrückte und, einen Blick auf ſein vergangenes Leben werfend, an ſeine Arbeiten, ſeine Gefahren, ſeine Handlungen, ſeine Pläne erinnerte, erhob ſich ſeine Stimme, wuchs ſeine Geberde, nahm ſein Auge eine ſeltſame Belebtheit an, und ſein Ausdruck fand die feierlichen Töne wieder, wie ſie die letzten Worte der Sterbenden haben. „Theure Freunde,“ ſprach er*),„Ihr habt ge⸗ hört, aus welchen Gründen ich mich entſchloſſen, den Scepter und die Krone dem König, meinem Sohne, abzutreten. Laßt mich ein paar Worte beifügen, *) Hiſtoriſch. 224 welche in Euren Augen meinen Gedanken und mei⸗ nen Entſchluß klarer machen werden. Theure Freunde, Mehrere von denen, die mich heute hören, müſſen ſich erinnern, daß gerade vor vierzig Jahren, am vergangenen 5. Januar, mein Großvater der Kaiſer Marimilian glorreichen Andenkens mich von ſeiner Vormundſchaft frei ſprach und in eben dieſem Saale hier, zu eben dieſer Stunde, da ich kaum fünfzehn Jahre zählte, zum Herrn aller meiner Rechte machte. Als im darauf folgenden Jahre König Ferdinand der Katholiſche ſtarb, empfing ich, erſt ſechzehn Jahre alt, die Krone. „Meine Mutter lebte; doch, obgleich lebend und noch jung, war ſie, wie Ihr wißt, in ihrem Geiſte dergeſtalt vom Tode meines Vaters betroffen worden, daß ſie ſich nicht im Stande fand, ſelbſt die König⸗ reiche ihres Vaters und ihrer Mutter zu regieren, und daß ich mit ſiebenzehn Jahren meine Fahrten über die Meere anfangen mußte, um von Spanien Beſitz zu ergreifen. Als endlich mein Großvater der Kaiſer Maximilian vor ſechsunddreißig Jah⸗ ren ſtarb,— ich zählte damals neunzehn,— wagte ich es, mich um die Kaiſerkrone, die er getragen, zu bewerben, nicht aus Begierde, über eine größere Länderzahl zu herrſchen, ſondern um wirkſamer über das Heil Deutſchlands, meiner andern Reiche und beſonders meines geliebten Flanderns zu wachen. Zu dieſem Ende habe ich ſo viele Reiſen unternom⸗ men und vollbracht. Zählen wir ſie, und Ihr wer⸗ det erſtaunt ſein. „Ich bin neunmal in Oberdeutſchland geweſen, ſechsmal in Spanien, ſiebenmal in Italien, zehn⸗ * ma in vie tio rer unt das der Me dur nac wel hei vin wä abe wiſ led gle ner un bet dar hin 8„ mei⸗ nde, iſſen am aiſer iner aale zehn chte. and ahre und eiſte den, nig⸗ ren, rten nien ater Jah⸗ agte „zu ßere über und hen. om⸗ wer⸗ ſen, ehn⸗ 225 mal in Belgien, viermal in Frankreich, zweimal in England und zweimal in Africa; was im Ganzen vierzig Reiſen oder Expeditionen macht. „Und unter dieſen vierzig Reiſen oder Expedi⸗ tionen ſind nicht begriffen die Fahrten von geringe⸗ rer Bedeutung, die ich gemacht habe, um Inſeln oder unterworfene Provinzen zu beſuchen. „Um dieſe zu vollbringen, bin ich achtmal über das Mittelländiſche Meer gefahren, dreimal über den weſtlichen Ocean, über den ich heute zum letzten Male zu ſegeln mich anſchicke. „Ich übergehe mit Stillſchweigen meine Reiſe durch Frankreich, die ich, von Spanien kommend und nach den Niederlanden gehend, machte, eine Reiſe, welche mir, wie Ihr wißt, ernſte Motive geboten*). „Wegen dieſer zahlreichen und häufigen Abweſen⸗ heiten war ich genöthigt, die Regierung dieſer Pro⸗ vinzen meiner guten Frau Schweſter, der hier gegen⸗ wärtigen Frau Königin, zu übertragen. Ich weiß aber, und die verſchiedenen Claſſen des Staates wiſſen es wie ich, wie ſie ſich ihrer Functionen ent⸗ ledigt hat. „Während ich dieſe Reiſen machte, habe ich zu⸗ gleich mehrere Kriege geführt; alle ſind gegen mei⸗ nen Willen angenommen oder unternommen worden, und heute, indem ich von Euch ſcheide, iſt, was mich betrübt, theure Freunde, daß ich Euch nicht einen dauerhafteren Frieden, eine mehr geſicherte Ruhe hinterlaſſe. Alle dieſe Dinge ſind, wie Ihr wohl *) Der Aufruhr der Genter. Dumas, der Page. l. 15 226 denken möget, nicht ohne lange Arbeiten, ohne große Strapazen geſchehen, und man kann nach meiner Bläſſe und meiner Schwäche das Gewicht dieſer Strapazen, die Schwere dieſer Arbeiten ſchätzen. Man halte mich auch nicht für ſo unwiſſend über mich ſelbſt, daß ich die Aufgabe, die mir die Ereigniſſe ſtellten, nach der Kraft meſſend, die mir Gott bewilligt, nicht begriffen habe, ich ſei unzulänglich für die mir ertheilte Sendung. Doch mir ſcheint, wegen des Wahnſinns, der meine Mutter gefeſſelt hielt, und wegen der Ju⸗ gend meines Sohnes wäre es ein Verbrechen ge⸗ weſen, vor der Stunde die Bürde, ſo ſchwer ſie auch war, niederzulegen, mit der die Vorſehung, indem ſie mir Krone und Scepter gab, meinen Kopf und meinen Arm belaſtet hatte. „Als ich das letzte Mal Flandern verließ, um nach Deutſchland zu gehen, hatte ich ſchon die Ab⸗ ſicht, den Plan ins Werk zu ſetzen, den ich heute vollführe; da ich aber den elenden Zuſtand der An⸗ gelegenheiten ſah, da ich noch einen Reſt von Kräf⸗ ten in mir fühlte, da ich mich aufgeboten fand durch die Umſturzbeſtrebungen, welche die, zugleich von den Türken und den Lutheranern angegriffene, chriſtliche Republik erſchütterten, ſo glaubte ich, es ſei meine Pflicht, die Ruhe auf ſpäter zu verſchieben und mei⸗ nen Völkern das, was mir an Kraft und Eriſtenz blieb, zu opfern. Ich war auf gutem Wege, um zu meinem Ziele zu gelangen, als die deutſchen Fürſten und der König von Frankreich, das gegebene Wort verletzend, mich mitten in die Unruhen und die Kämpfe zurückwarfen. Die Einen griffen meine Perſon an und hätten mich beinahe in Innsbruck gefangen ge⸗ He we de na O Je Ki roße iner eſer Nan lbſt, lten, nicht eilte uns, ge⸗ auch idem und um Ab⸗ eute An⸗ Kräf⸗ urch den tliche neine mei⸗ iſtenz m zu rſten Wort mpfe nan n ge⸗ nommen; der Andere bemächtigte ſich der Stadt Metz, welche zum Eigenthum des Reiches gehörte. Da eilte ich herbei, um ſie ſelbſt mit einem zahlreichen Heere zu belagern. Ich wurde beſiegt, mein Heer ward uert, doch nicht durch die Menſchen, ſon⸗ dern durch die Elemente. Für das verlorene Metz nahm ich den eſe Thérouanne und Hesdin. Ich rang noch mehr, ich ging bis Valenciennes dem König von Frankreich entgegen und zwang ihn, ſich zurückzuziehen, indem ich in der Schlacht bei ienty that, was ich konnte, und nur in Verzweiflung war, nichts Beſſeres thun zu können. „Doch, abgeſehen von der Unzulänglichkeit, die ich ſtets an mir erkannt habe, verdoppelt ſich heute die Krankheit und drückt mich zu Boden. In dem Augen⸗ blicke, wo mir Gott die Mutter nimmt, gibt er mir zum Glücke dagegen einen Sohn, der im Alter iſt, zu regieren. Nun, da mir die Kräfte mangeln und ich mich dem Tode nähere, bin ich weit entfernt, die Liebe und die Leidenſchaft für das Regieren der Wohlfahrt und der Ruhe meiner Unterthanen vor⸗ zuziehen. Statt eines ſchwächlichen Greiſes, der ſchon den beſten Theil von ſich ſelbſt hat ins Grab ſteigen ſehen, gebe ich Euch einen kräftigen und durch blühende Jugend und Tugend empfehlenswer⸗ then Fürſten. Schwöret ihm alſo die Zuneigung und die Treue, die Ihr mir geſchworen und ſo red⸗ lich bewahrt habt. Hütet Euch beſonders wohl, daß ſich, die Bruderliebe ſtörend, die Euch einigen ſoll, die Ketzereien, welche Euch umgeben, nicht bei Euch ein ſchleichen, und wenn Ihr ſeht, daß ſie einige Wurzeln treiben, ſo beeilt Euch, ſie auszurotten, 228 ſie aus der Erde zu reißen und in die Ferne zu werfen. „Und um ein letztes Wort über mich ſelbſt zu ſagen, füge ich Allem dem, was ich ſchon geſagt habe, bei, daß ich in viele Fehler verfallen bin, ſei es durch Unwiſſenheit in meiner Jugend, ſei es durch Hochmuth in meinem reiferen Alter, ſei es durch irgend eine andere der menſchlichen Natur an⸗ klebende Schwäche. Ich erkläre indeſſen hier, daß ich nie Jemand wiſſentlich oder willkürlich Schimpf oder Gewalt angethan habe, oder daß ich, wenn die Verletzung geſchehen war, und ich habe es gewußt, ſie immer wieder gut gemacht habe, wie ich es ſo⸗ gleich im Angeſichte Aller in Betreff einer der hier anweſenden Perſonen thun will, welche Perſon ich die Genugthuung mit Geduld und Barmherzigkeit zu erwarten bitte.“ Hienach wandte er ſich an Don Philipp, der ſich ihm am Ende ſeiner Rede zu Füßen geworfen hatte, und ſprach:„ „Mein Sohn, wäret Ihr erſt durch meinen Tod in den Beſitz ſo vieler Königreiche und Provinzen getreten, ſo hätte ich mich ohne Zweifel ſchon um Fuch verdient gemacht, daß ich Euch ein ſo reiches und durch mich um ſo viele Güter vermehrtes Erbe hinterlaſſen. Da Euch aber heute dieſe große Erb⸗ ſchaft nicht durch den Tod, ſondern einzig und allein durch meinen Willen zufällt; da Euer Vater ſterben wollte, ehe ſein Leib ins Grab ſtieg, um Euch zu ſeinen Lebzeiten die Wohlthat ſeiner Erbfolge ge⸗ nießen zu laſſen: ſo bitte ich Euch,— und ich habe das Recht, Euch dies zu bitten,— ich bitte Euch, — zu zu ſagt ſei es es an⸗ daß mpf die ußt, ſo⸗ hier ich t zu ſich atte, Tod nzen um ches Erbe Erb⸗ lein rben zu ge⸗ habe Fuch,. — 229 den Beſtrebungen und der Liebe Eurer Völker Alles zu geben, was Ihr mir dafür ſchuldig zu ſein ſcheint, daß ich den Genuß der Herrſchaft beſchleunigt habe. „Die anderen Könige freuen ſich, ihren Kindern das Leben gegeben zu haben und ihnen Königreiche zu hinterlaſſen; ich, ich wollte dem Tod den Ruhm nehmen, Euch dieſes Geſchenk zu machen, indem ich mir einbildete, es müſſe mir eine doppelte Freude gewähren, wenn ich Euch, wie ich Euch durch mich leben ſehe, durch mich regieren ſehe. Wenige wer⸗ den ſich finden, um meinem Beiſpiele nachzuahmen, wie ich Wenige in den vergangenen Jahrhunderten ge⸗ funden habe, deren Beiſpiele gut nachzuahmen wa⸗ ren; man wird aber wenigſtens meine Abſicht loben, wenn man ſieht, Ihr verdienet es, daß man in Euch den erſten Verſuch gemacht; und Ihr werdet dieſen Vortheil erlangen, mein Sohn, wenn Ihr die Weis⸗ heit bewahret, die Ihr bis jetzt beobachtet und ver⸗ folgt habt, wenn Ihr immer in der Seele die Furcht vor dem oberſten Herrn aller Dinge hegt, wenn Ihr die Vertheidigung der katholiſchen Religion und den Schutz der Rechte und der Geſetze übernehmet, die die größten Kräfte und die beſten Stützen der Reiche ſind. Es bleibt mir endlich nur noch zu Euren Gun⸗ ſten zu wünſchen, Eure Kinder mögen ſo glücklich heranwachſen, daß Ihr ihnen Euer Reich und Eure Macht frei und ohne anders dazu gezwungen zu ſein, als ich es bin, übertragen könnet.“ Nachdem er dieſe Worte geſprochen,— waren ſie nun wirklich das Ende ſeiner Rede, oder wurde die Rede durch die Gemüthsbewegung unterbrochen,— ſtockte die Stimme von Karl V. in der Kehle; er legte die 230 Hand auf das Haupt ſeines vor ihm knieenden Soh⸗ nes, blieb einen Augenblick ſtumm, unbeweglich, und die Thränen floſſen reichlich und ſtill über ſeine Wangen. Sodann, nach einer Minute dieſes Stillſchwei⸗ gens, das beredter als die Rede, die er gehalten, da die Kräfte ihm völlig zu entſchwinden ſchienen, ſtreckte er die Hand gegen ſeine Schweſter aus, indeß Don Philipp ſich von den Knieen erhob und, um ihn zu unterſtützen, ſeinen Leib mit dem Arme um⸗ ſchlang. Raſch zog die Königin Maria aus ihrer Taſche ein Kryſtallfläſchchen, das eine roſenfarbige Flüſſig⸗ keit enthielt, goß den Inhalt in einen kleinen golde⸗ nen Kelch und reichte ihn dem Kaiſer. Während der Kaiſer trank, ließ Jeder im Saale ſeiner Gemüthsbewegung ihren Lauf. Es fanden ſich unter den Anweſenden, mochten ſie dem Throne durch ihren Rang nahe oder fern ſtehen, wenige Herzen, welche nicht gerührt, wenige Blicke, welche nicht durch die Thränen getrübt waren. Es war in der That ein der Welt gegebenes großes Schauſpiel, das Schauſpiel dieſes Souverain, dieſes Kriegers, der nach vierzig Jahren einer Macht, wie wenige Menſchen eine ähnliche von der Vorſehung erhalten, freiwillig vom Throne herabſtieg und, mü⸗ den Körpers, niedergebeugten Geiſtes, mit lauter Stimme die Nichtigkeiten der menſchlichen Größen vor dem Nachfolger, dem er ſie überließ, proclamirte. Der Kaiſer begriff, daß man dies von ihm er⸗ wartete, und ſeine Kräfte zuſammenraffend ſchob er ſachte ſeinen Sohn von ſich zurück. oh⸗ und eine wei⸗ ten, ren, ideß um um⸗ ſche ſſig⸗ de⸗ aale iden rone nige elche enes rain, acht, un mü⸗ uter ößen uirte. er⸗ b er 231 Man ſah, daß er zum zweiten Male ſprechen wollte, und man ſchwieg. „Theure Freunde,“ fing der Kaiſer wieder an, „ich habe ſo eben eine öffentliche Genugthuung einem Manne, den ich beleidigt, verſprochen. Seid alſo Alle Zeugen, daß ich mich, nachdem ich mich deſſen gerühmt, was ich Gutes gethan zu haben glaubte, deſſen, was ich Schlimmes gethan, angeklagt habe.“ Hienach wandte er ſich an den Unbekannten mit den herrlichen Kleidern und ſprach mit feſter Stimme: „Odoardo Maraviglia, nähert Euch.“ Der junge Mann, an den dieſe förmliche Ein⸗ ladung gerichtet war, erbleichte und näherte ſich ganz wankend dem Kaiſer. „Graf,“ ſagte der Kaiſer,„ich habe Euch will⸗ kürlich oder unwillkürlich großes Unrecht in der Per⸗ ſon Eures Vaters angethan, der in den Gefängniſ⸗ ſen von Mailand einen grauſamen Tod erlitten hat. Oft hat ſich dieſe Handlung mit dem Schleier des Zweifels vor mein Gedächtniß geſtellt. Heute er⸗ ſcheint ſie mir als ein Geſpenſt mit dem Leichentuche der Gewiſſensbiſſe. Graf Maraviglia, im Angeſichte Aller, unter dem Blicke der Menſchen und unter dem Gottes, in dem Momente, wo ich den kaiſerlichen Mantel niederlege, der ſeit ſechsunddreißig Jahren auf meinen Schultern laſtet, demüthige ich mich vor Euch und bitte Euch, nicht nur mir Verzeihung zu gewähren, ſondern dieſe auch für mich vom Herrn zu verlangen, der ſie eher den Bitten des Opfers, als dem Flehen des Mörders bewilligen wird.“ Odvardo Maraviglia gab einen Schrei von ſich, fiel auf die Kniee und ſprach: 232 „Erhabener Kaiſer, nicht ohne Grund hat Dir die Welt den Namen Auguſtus gegeben. Ohl ja, ja, ich verzeihe Dir in meinem Namen und im Namen meines Vaters! Oh! ja, Gott wird Dir verzeihen! Doch ich, ich, erhabener Kaiſer, wen ſoll ich um eine Verzeihung bitten, die ich mir ſelbſt nicht mehr ge⸗ währe?“ Sodann, ſich erhebend, zu der Verſammlung: „Meine Herren, Ihr ſeht in mir einen Mann, der den Kaiſer ermorden wollte, und dem der Kaiſer nicht nur verziehen, ſondern den er ſogar um Ver⸗ zeihung gebeten hat... König Don Philipp,“ fügte er bei, indem er ſich vor dem Sohne des Kaiſers verbeugte, der von dieſem Augenblicke an Philipp 1I. heißen ſollte,„der Mörder übergibt ſich in Eure Hände.“ „Mein Sohn,“ ſagte Karl V., dem die Kräfte zum zweiten Male entſchwanden,„ich empfehle Euch dieſen Mann: ſein Leben ſei heilig!“ Und er ſank faſt ohnmächtig auf ſeinen Stuhl zurück. „O mein geliebter Emanuel!“ ſprach der Page des Herzogs von Savoyen, indem er, begünſtigt von der durch den Anfall des Kaiſers veranlaßten Be⸗ wegung, zu ſeinem Herrn ſchlüpfte,„wie gut biſt Du! wie groß biſt Du! und wie erkenne ich Dich an dem, was ſo eben vorgefallen.“ Und ehe ſich Emanuel Philibert widerſetzen konnte, hatte Leone Levna, das Herz angeſchwellt von tiefer Rührung, die Augen voll von Thränen, ihm mit eben ſo viel Ehrfurcht als Liebe die Hand geküßt. Die einen Augenblick durch den von uns erzählten Zw fent bro mer mu neh die beu ſpa weſ ein Nu hab kön daß geb her hin Eh erft lich erh me ble thu all ich der ſein Dir ja, nen en! eine nn, iſer zer⸗ igte ers II. ure äfte uch uhl age von Be⸗ biſt an nte, efer mit lten 233 Zwiſchenfall, welcher keine von den am wenigſten ergrei⸗ fenden Scenen dieſes feierlichen Tages war, unter⸗ brochene Ceremonie ſollte wieder ihren Fortgang neh⸗ men, denn damit die Abdankung vollſtändig war, mußte, nachdem Karl V. gegeben, Philipp I. an⸗ nehmen. Philipp, der durch ein Zeichen des Verſprechens die Ermahnung ſeines Vaters erwiedert hatte, ver⸗ beugte ſich abermals demüthig vor ihm und ſagte ſpaniſch,— eine Sprache, welche Viele von den An⸗ weſenden nicht ſprachen, aber wohl verſtanden,— mit einer Stimme, in der zum erſten Male vielleicht eine Nuance von Gemüthsbewegung bemerkbar war: „Unüberwindlicher Kaiſer, mein guter Vater, nie habe ich ſie verdient, nie würde ich ſie verdienen zu tönnen geglaubt haben, eine ſo große väterliche Liebe, daß es ſicherlich nie eine ähnliche auf der Welt ge⸗ geben, nie wenigſtens eine, welche ſolche Wirkungen hervorgebracht hat, was mich zugleich tief beſchämt hinſichtlich meines geringen Verdienſtes, und mit Ehrfurcht und Dankbarkeit Eurer Größe gegenüber erfüllt. Da es Euch aber gefallen hat, mich ſo zärt⸗ lich und ſo großmüthig durch einen Ausfluß Eurer erhabenen Güte zu behandeln, ſo übet dieſe Güte, mein geliebter Vater, auch darin, daß Ihr überzeugt bleibt, ich werde Alles, was in meiner Macht liegt, thun, damit Eure Entſchließung zu meinen Gunſten allgemein gebilligt werde und angenehm ſei, indem ich mich anſtrenge, ſo zu regieren, daß die Staaten der Zuneigung, die ich ſtets für ſie gehegt, verſichert ſein können.“ 5 234 Nach dieſen Worten küßte er wiederholt die Hand ſeines Vaters, während dieſer ausrief: „Mein theurer Sohn, ich wünſche Dir die köſt⸗ lichſten Segnungen des Himmels und ſeinen gött⸗ lichen Beiſtand.“ Da drückte Don Philipp zum letzten Male die Hand ſeines Vaters an ſeine Lippen, wiſchte eine wahrſcheinlich abweſende Thräne von ſeinem Augen⸗ lide, ſtand auf, wandte ſich gegen die Staaten um, begrüßte ſie, und ſprach, mit dem Hute in der Hand, — eine Stellung, in der ſich Alle, die ihn hörten, befanden, den Kaiſer ausgenommen, welcher allein be⸗ deckt war und ſaß,— er ſprach, ſagen wir, franzö⸗ ſiſch die paar folgenden Worte, deren Form wir beibehalten, um ihnen nichts von ihrem Charakter zu benehmen: „Meine Herren, ich möchte gern beſſer die Sprache dieſes Landes ſprechen können, als ich es kann, um Euch beſſer begreiflich zu machen, welche Zuneigung und Gewogenheit ich für Euch hege; da ich es aber nicht ſo gut kann, als dies nöthig wäre, ſo verlaſſe ich mich auf den Biſchof von Arras, der es für mich thun wird.“ Sogleich nahm Anton Perrenot de Granvella, derſelbe, der ſpäter Cardinal wurde, den Gefühlen des Prinzen als Dolmetſcher dienend, das Wort, rühmte den Eifer von Don Philipp für das Wohl ſeiner Unterthanen und ſetzte ſeinen Entſchluß, ſich genau nach den guten und weiſen Inſtructionen, die ihm ſein Vater gegeben, zu richten, auseinander. Dann erhob ſich die Königin Maria, die Schwe⸗ ſter des Kaiſers, ſechsundzwanzig Jahre lang Statt⸗ halt und Nef der er tha Ver von ren mei ſtan ſeir die St Au O Vr Ka wit der ihn Ri Ve S S and öſt ött⸗ die eine en⸗ um, nd, ten, be⸗ nzö⸗ wir kter die lche da äre, der ella, hlen ort, Lohl ſich nen, der. we⸗ tatt⸗ 235 halterin der Provinzen der Niederlande, ebenfalls und legte mit ein paar Worten in die Hände ihres Neffen die Regentſchaft, mit der ſie von ihrem Bru⸗ der beauftragt geweſen war. Wonach der König Don Philipp den Eid leiſtete, er werde die Rechte und Privilegien ſeiner Unter⸗ thanen aufrecht erhalten, und alle Mitglieder der Verſammlung, Fürſten, Granden Spaniens, Ritter vom goldenen Vließe, Abgeordnete der Staaten, ſchwo⸗ ren ihm Gehorſam in ihrem Namen, oder im Na⸗ men derer, welche ſie vertraten. Nachdem dieſer doppelte Eid geſchworen war, ſtand Karl V. auf, ließ den König Don Philipp ſeinen Platz auf dem Throne einnehmen, ſetzte ihm die Krone auf das Haupt und ſprach mit lauter Stimme die Worte: „Mein Gott! gib, daß dieſe Krone für Deinen Auserwählten nicht eine Dornenkrone ſei.“ Hienach machte er einen Schritt gegen die Thüre. Sogleich eilten Don Philipp, der Prinz von Hranien, Emanuel Philibert und die Fürſten und Herren, Alle, ſo viel da waren, hinzu, um den Kaiſer in ſeinem Gange zu unterſtützen; doch er winkte Maraviglia, der ſich ihm zögernd näherte, denn er konnte nicht begreifen, was der Kaiſer von ihm wollte. Der Kaiſer wollte keine andere Stütze bei ſeinem Rückzuge haben, als eben dieſen Maraviglia, deſſen Vater er hatte ſterben laſſen, und der ihn, zur Sühne dieſer blutigen Handlung, zu ermorden verſucht. Als aber ſodann der zweite Arm des Kaiſers träge an ihm niederfiel, da ſagte Emanuel Philibert: 236 „Sire, erlaubt meinem Pagen Leone, die zweite Stütze zu ſein, auf der Eure Majeſtät ruht, und die Ehre, die Ihr ihm erweiſt, werde ich als mir erwieſen betrachten.“ Und er ſchob Leone gegen den Kaiſer. Karl V. ſchaute den Pagen an und erkannte ihn. „Ah! ah!“ ſprach er, während er den Arm auf⸗ hov, damit ihm dieſer ſeine Schulter bieten konnte, „es iſt der junge Mann mit dem Diamant... Du willſt Dich alſo mit mir verſöhnen, mein ſchöner Page?“ Und ſeine Hand anſchauend, an deren kleinem Finger er wegen der Schmerzen, die er litt, nur einen einfachen goldenen Ring hatte behalten kön⸗ nen, fügte er bei: „Du haſt durch das Warten verloren, mein ſchöner Page; ſtatt eines Diamants wirſt Du nur dieſen einfachen Ring haben. Allerdings iſt mein Namenszug darauf, was Dir hoffentlich eine Ent⸗ ſchädigung dünken wird.“ Und er zog den Ring von ſeinem kleinen Finger und ſteckte ihn an den Daumen von Leone, da der Daumen der einzige Finger dieſer zarten Hand war, welcher ſtark genug, um den Ring zu halten. Dann verließ er den Saal unter den Blicken und den Acclamationen der Menge, Blicke, welche noch viel neugieriger, Acclamationen, welche noch viel enthuſiaſtiſcher geweſen wären, hätten die An⸗ weſenden errathen können, dieſer Kaiſer, der vom Throne herabſtieg, dieſer Chriſt, der nach der Ein⸗ ſamkeit wanderte, dieſer Sünder, der ſich unter der Vergebung beugte, ſchreite ſeinem nahen Grabe zu, geſti die den Jah land das ſtus das Thů thiet nich teter Dor nuel ein als Thi Hau welc erri Abd und Hau nah Rep rück er e eite und mir ihn. auf⸗ nte, Du ner nem nur ön⸗ tein nur lein nt⸗ ger der ar, cken lche och An⸗ m in⸗ der zu, 237 geſtützt nicht nur auf den Sohn, ſondern auch auf die Tochter des unglücklichen Francesco Maraviglia, den er in einer düſtern Septembernacht zwanzig Jahre vorher in einem Kerker der Feſtung von Mai⸗ land hatte ermorden laſſen. Das war die Reue unterſtützt durch das Gebet, das heißt, wenn man den Worten von Jeſus Chri⸗ ſtus glauben darf, das Schauſpiel, das hienieden das angenehmſte in den Augen des Herrn. Als er aber zu der auf die Straße gehenden Thüre des Palaſtes gelangte, wo ihn das Maul⸗ thier, das ihn gebracht, erwartete, wollte der Kaiſer nicht, daß ihn die zwei jungen Leute weiter beglei⸗ teten, und er ſchickte Odoardo zu ſeinem neuen Herrn Don Philipp und Leone zu ſeinem alten Herrn Ema⸗ nuel Philibert zurück. Dann ſchlug er, ohne eine andere Wache, ohne ein anderes Gefolge, ohne einen andern Cortége, als den Stallknecht, der den Zaum ſeines friedlichen Thieres hielt, wieder den Weg nach ſeinem kleinen Hauſe im Park ein, ſo daß Keiner von denjenigen, welche ihn ſo in der Dunkelheit hinreiten ſahen, errieth, der demüthige Pilger ſei der Mann, deſſen Abdankung zu dieſer Stunde Brüſſel beſchäftigte und bald die ganze Welt beſchäftigen ſollte. Karl V., als er vor die Thüre dieſes kleinen Hauſes vom Parke kam, das damals den Platz ein⸗ nahm, wo ſich heute der Palaſt der Kammer der Repräſentanten erhebt, fand das Gitter offen. Der Stallknecht hatte alſo nur dieſes Gitter zu⸗ rückzuſchieben, daß das Maulthier, der Reiter und er eingehen konnten. —————————————————————— 238 Nachdem er ſodann, auf den Befehl des Kaiſers, das Thier ganz nahe zur Thüre hatte gehen laſſen, damit, wenn er einmal abgeſtiegen, der Weg, den er, um ſich von dieſem Thiere zum Salon zu bege⸗ ben, zu machen hätte, ſo kurz als möglich wäre, empfing der Diener den Kaiſer in ſeinen Armen und ſtellte ihn auf die Schwelle. Die zweite Thüre war offen wie die erſte. Der Kaiſer merkte nicht auf dieſen Umſtand, verſunken, wie er war, in Reflexionen, welche zu begreifen für unſere Leſer leichter iſt, als es für uns wäre, ſie zu berichten. Geſtützt einerſeits auf ſeinen Stock, den er an demſelben Orte wiederfand, wo er ihn zwei Stunden vorher gelaſſen, nämlich hinter der Thüre,— andererſeits auf den Arm des Dieners, kam er in den mit warmen Vorhängen und dichten Teppichen verſehenen Salon zurück, in deſſen Kamin ein großes Feuer brannte. Der Salon war nur erleuchtet durch den Schein der Flamme, die, indem ſie dieſelben verzehrte, ſich gierig um die Brände wand; doch dieſes Halbdunkel entſprach mehr als eine große Helle der Lage des Geiſtes, in der ſich der erhabene Kaiſer befand. Er legte ſich auf ein Canapé, ſchickte den Diener in ſeinen Stall, und rief in ſeine Erinnerung jede von den Phaſen dieſes Lebens zurück, das die Er⸗ eigniſſe von einem halben Jahrhundert überfluthet hatten, und von welchem halben Jahrhundert! von dem, wo Heinrich vIII., Marximilian, Clemens VI., Franz I., Soliman und Luther gelebt! Er zwang ſein Ge⸗ dächtniß auf dem vollbrachten Wege zurückzugehen, den Lau ſent mit wünr ſie Ace den eine eine die roll erh viel zur hier der Stt ein ma als zu „ſo ſers, ſſen, den ege⸗ äre, und and, e zu für auf fand, mlich des ngen in chein ſich unkel des iener jede uthet von VII., Ge⸗ „den 239 Lauf der Jahre wieder hinaufzuſteigen, wie ein Rei⸗ ſender, der am Ende ſeines Lebens wieder den Fluß mit den blühenden, duftenden Ufern hinauffahren würde, den er in ſeiner Jugend hinabgefahren war. Die Reiſe war unermeßlich, herrlich, wunderbar; ſie geſchah durch die Anbetungen der Höflinge, die Acclamationen der Welt, die Kniebeugungen der an den Weg dieſes rieſigen Glückes gelaufenen Völker. Plötzlich, unter dieſem Traume, der weniger der eines Menſchen, als der eines Gottes war, zerbrach einer der Brände des Herdes, und ein Stück fiel in die Aſche, während das andere auf den Teppich rollte, von dem ſich ſogleich ein dicker Rauch erhob. Dieſer Vorfall, ſo alltäglich er war, und gerade vielleicht weil es etwas Alltägliches, führte Karl v. zur Wirklichkeit zurück. „He!“ rief er;„he! wer hat denn den Dienſt hier? Geſchwinde Jemand zu mir.“ Niemand antwortete. „Iſt denn Niemand in den Vorzimmern?“ rief der Kaiſer, der ungeduldig wurde und mit ſeinem Stocke auf den Boden ſtieß. Auf den zweiten Ruf erfolgte eben ſo wenig eine Antwort, als auf den erſten. „He da! man mache dieſes Feuer zurecht, und man beeile ſich!“ rief Karl v. noch ungeduldiger, als die zwei erſten Male. Daſſelbe Stillſchweigen. „Oh!“ murmelte er, indem er ſich von Meuble zu Meuble ſchleppte, um den Kamin zu erreichen, „ſchon verlaſſen, allein! Wollte mir die Vorſehung, 240 die Reue über das, was ich gethan, eingeben, ſo iſt mit die Lection ſehr ſchnell gekommen.“ Euch Und er ſelbſt nahm mit ſeinen von Schmerzen zu geplagten Händen die Zange, und brachte mit einer Nad peinlichen Anſtrengung das Feuer wieder in Ordnung, Mor welches zurecht zu machen Niemand da war. Ind Alle, von den Fürſten bis zu den Dienern, wa⸗ ren um den neuen König Don Philipp beſchäftigt. erbie Der Kaiſer ſtieß mit dem Fuße die letzten auf verb dem Teppich rauchenden Kohlen zurück, als ein Tritt von im Vorzimmer hörbar wurde, und eine menſchliche zwa Geſtalt, ſich vom Halbſchatten abhebend, mitten im imm Rahmen der Thüre erſchien. allet „Endlich!“ murmelte der Kaiſer. Kaiſ „Sire,“ ſagte der Eintretende, welcher ſah, daß meit Karl v. ſich über ſeine Identität täuſchte,„ich bitte Gur Eure Majeſtät um Verzeihung, daß ich ſo vor ihr erſcheine; doch da ich alle Thüren offen fand und hel Niemand, um mich zu melden, in den Vorzimmern zun ſah, ſo wagte ich es, mich ſelbſt zu melden.“ letzt „Meldet Euch alſo, mein Herr,“ erwiederte Karl v., der, wie man ſieht, raſch die Lehre des Kaij einfachen Privatmanns machte.„Sprecht, wer ſeid Wat „Sire,“ ſagte der Unbekannte mit dem ehrer⸗ es i bietigſten Ausdrucke, indem er ſich bis auf den Boden Joh verbeugte,„ich bin Gaſpard von Chatillon, Sire von Coligny, Admiral von Frankreich und außer⸗ zut ordentlicher Geſandter Seiner Majeſtät des Königs acht Heinrich II.“ hhaſt „Außerordentlicher Herr Geſandter Seiner Ma⸗ woh jeſtät des Königs Heinrich II.,“ verſetzte Karl v. ſchr o iſt rzen iner ung, wa⸗ gt. auf ritt liche im daß bitte ihr und nern erte des ſeid rer⸗ oden Sire ßer⸗ nigs Ma⸗ lV. 24¹ mit einer gewiſſen Bitterkeit lächelnd:„Ihr habt Euch in der Thüre geirrt. Nicht mit mir habt Ihr zu thun, ſondern mit König Philipp I., meinem Nachfolger auf dem Throne von Neapel ſeit neun Monaten, und auf dem Throne von Spanien und Indien ſeit zwanzig Minuten.“ „Sire,“ erwiederte Coligny mit demſelben ehr⸗ erbietigen Ausdruck, indem er ſich zum zweiten Male verbeugte,„welche Veränderung auch im Glücke von König Philipp II. ſeit neun Monaten oder ſeit zwanzig Minuten vorgegangen ſein mag, Ihr ſeid immer für mich der Erwählte Deutſchlands, der allergrößte, der allerheiligſte und der allererhabenſte Kaiſer Karl v., und da an Eure Majeſtät der Brief meines Königs gerichtet iſt, ſo erlaubt, daß ich ihn Eurer Majeſtät übergebe.“ „In dieſem Falle, Herr Admiral,“ ſprach Karl V., „helſt mir die Kerzen anzünden, da die Thronbeſtei⸗ gung meines Sohnes Philipp II. mir auch meinen letzten Lackei genommen hat.“ Und mit der Hülfe des Admirals zündete der Kaiſer die ſchon in den Candelabern aufgeſteckten Wachskerzen an, um den Brief, den ihm König Hein⸗ rich II. ſchrieb, zu leſen, und vielleicht auch, weil es ihn drängte, den Mann zu ſehen, welcher ſeit drei Jahren ein ſo gewaltiger Gegner von ihm war. Gaſpard von Chatillon, Sire von Coligny, war zu der Zeit, zu der wir gelangt ſind, ein Mann von achtunddreißig bis neununddreißig Jahren, mit leb⸗ haftem Auge, martialiſchem Geſichte, und von hoher, wohlgebauter Geſtalt. Ein redliches und uner⸗ ſchrockenes Herz, war er in ebenſo großer Achtung Dumas, der Page. 1. 16 242 bei Franz I. geſtanden, als er nun bei Heinrich I. ſtand und ſpäter bei Franz II. ſtehen ſollte. Um einen ſolchen Mann elendiglich zu ermorden, bedurfte es, ſo ungeheuer auch die Schlächterei am 24. Auguſt 1572 war, des erblichen Haſſes von Heinrich Herzog von Guiſe, in Verbindung mit der Heuchelei von Catharina von Medicis und der Schwäche von Karl M. Dieſer Haß, der ihn an dem Tage, wo wir den trefflichen Admiral in Scene bringen, von ſeinem alten Freunde Franz von Guiſe zu trennen anfing, war auf dem Schlachtfelde von Renty entſtanden. In ihrer Jugend waren dieſe zwei großen Kapitäne, deren vereintes Genie ſo wunderbare Dinge hätte vollführen können, innig verbunden geweſen; keine Luſtbarkeiten, keine Arbeiten, keine Uebungen, die ſie nicht theilten. In ihren Studien des Alterthums ſetzten ſie ſich als Muſter nicht nur die Männer vor, welche ſchöne Beiſpiele der Tapferkeit, ſondern auch die, welche ſchöne Beiſpiele der Brüderlichkeit hinter⸗ laſſen haben. Dieſe gegenſeitige Zärtlichkeit der zwei jungen Leute ging ſo weit, daß ſie, wie Brentano ſagt, denſelben Schmuck und dieſelbe Livree trugen. Wenn König Heinrich II. einen Boten an Kaiſer Karl v. ſchickte, und dieſer Bote nicht der Connetable von Montmorency war, ſo konnte es nur der Admiral von Coligny oder der Herzog von Guiſe ſein. Der Kaiſer ſchaute den Admiral mit einer ge⸗ wiſſen Bewunderung an. Es war nicht möglich, verſichern alle Geſchichtſchreiber jener Zeit, einen Ma gro ſei ihm hiel kam Die ein gen hatt Hei gel ſo ſ und zu l gute nicht Adm Han II. en, am von der der den em ng, en. ine, ätte ine die m or, uch ter⸗ gen agt, enn V. oon ral ge⸗ ich, nen . 243 Mann zu ſehen, der beſſer den Begriff von einem großen Feldherrn gab. Nur kam Karl v. ſogleich der Gedanke, Coligny ſei nicht gerade nach Brüſſel geſchickt worden, um ihm den Brief zu übergeben, den er in der Hand hielt, ſondern vielmehr um dem Hofe von Frankreich zu berichten, was im Palaſte von Brüſſel am be⸗ kannten Tage des 25. October 1555 vorgefallen. Die erſte Frage des Kaiſers an Coligny, als ihm ein auf den Boten von Heinrich II. geworfenen lan⸗ gen Blick ſeine Neugierde zu befriedigen geſtattet hatte, war auch: „Wann ſeid Ihr angekommen, Herr Admiral?“ „Dieſen Morgen, Sire,“ antwortete Coligny. „Und Ihr bringt mir?“ „Dieſen Brief von Seiner Majeſtät dem König Heinrich I.“ Und er überreichte den Brief dem Kaiſer. Der Kaiſer nahm ihn und machte, um das Sie⸗ gel zu erbrechen, einige vergebliche Anſtrengungen, ſo ſehr waren ſeine Hände mit Schmerzen behaftet und von der Gicht verkrümmt. Da erbot ſich der Admiral, ihm dieſen Dienſt zu leiſten. Karl V. reichte ihm lachend den Brief und ſagte: „In der That, Herr Admiral, bin ich nicht ein guter Ritter, um eine Lanze zu brechen, ich, der ich nicht einmal ein Siegel brechen kann?“ Der Admiral gab Karl V. den Brief offen zurück. „Nein, nein,“ ſprach der Kaiſer,„leſet, Herr Admiral: das Geſicht iſt eben ſo ſchlecht, als die Hand. Ich denke alſo, Ihr werdet wie ich anerken⸗ 244 nen, ich habe wohl daran gethan, Alles, Kraft und Macht, einem Jüngeren und Geſchickteren abzutreten.“ Er legte einen beſonderen Nachdruck auf das Wort Geſchickteren. Der Admiral antwortete nicht, ſondern begann die Vorleſung des Briefes. Während dieſer Leſung verſchlang Karl V., der nicht mehr zu ſehen behaup⸗ tete, Coligny mit ſeinem Adlerblicke. Die Botſchaft war ganz einfach ein Benachrich⸗ tigungsſchreiben des Königs von Frankreich an den Kaiſer, in welchem der Erſte dem Zweiten anzeigte, er ſchicke die definitive Arbeit des Waffenſtillſtandes; die vorbereitende Arbeit war ſchon ſeit fünf bis ſechs Monaten beendigt. Nachdem der Brief geleſen war, zog Coligny aus ſeiner Bruſt die von den Bevollmächtigten unter⸗ zeichneten und mit dem Siegel von Frankreich ver⸗ ſehenen Pergamente. Das war der Austauſch gegen die vorher ſchon von Karl V. an Heinrich II. überſchickten, von den ſpaniſchen, engliſchen und deutſchen Bevollmächtigten unterzeichneten und mit dem Siegel des Kaiſers ver⸗ ſehenen analogen Papiere. Der Kaiſer warf einen Blick auf die politiſchen Verträge und legte ſie, als hätte er errathen, es werde kaum ein Jahr vergehen, bis ſie gebrochen ſeien, auf einen großen, mit einem ſchwarzen Tep⸗ pich bedeckten Tiſch; dann nahm er den Arm des Admirals, daß ihm dieſer ſeinen Platz wieder errei⸗ chen helfe, und ſagte: „Herr Admiral, iſt es nicht ein Wunder der Vor⸗ ſehung, welches mir geſtattet, daß ich mich heute, ſchwach 245 und aus der Welt zurückgezogen, auf den Arm ſtütze, der mich in meiner größten Macht beinahe nieder⸗ geworfen hätte?“ „Oh! Sire,“ erwiederte der Admiral,„es gab nur einen Menſchen, der Karl V. niederwerfen konnte: das war Karl V. ſelbſt; und war es uns Pygmäen beſchieden, gegen einen Rieſen zu kämpfen, ſo wollte Gott der Welt überreichlich unſere Schwäche und Eure Macht darthun.“ Karl V. lächelte. Das Compliment mißfiel ihm offenbar nicht, da es von einem Manne wie der Admiral kam. Er ſetzte ſich indeſſen, ſtreckte die Hand aus, um Coligny zu bedeuten, er möge ſich ebenfalls ſetzen, und erwiederte: „Genug, Admiral, genug! ich bin nicht mehr Kaiſer, ich bin nicht mehr König, ich bin nicht mehr Fürſt: ich muß mit der Schmeichelei brechen.. Loßt uns von etwas Anderem reden. Wie befindet ſich mein Bruder Heinrich?“ „Vortrefflich, Sire!“ erwiederte der Admiral, in⸗ dem er der zum dritten Male vom Kaiſer wieder⸗ holten Einladung, ſich zu ſetzen, gehorchte. „Ah! wie froh bin ich hierüber!“ ſprach Karl V.; „ſo froh, daß das Herz mir lacht, und nicht ohne Grund, denn ich ſchätze es mir zu einer großen Ehre, von mütterlicher Seite von dieſem Blumenwerk ab⸗ zuſtammen, das die berühmteſte Krone der Welt ſtützt und trägt. Aber,“ fuhr er fort, indem er das Ge⸗ ſpräch auf die gewöhnlichen Dinge des Lebens zu⸗ rückzuführen ſich beſtrebte,„män hat mir geſagt, dieſer geliebte Bruder fange an grau zu werden, während 246 es mir ſcheint, es ſeien erſt drei Tage, daß ich ihn noch ein Kind und ohne ein Barthaar in Spanien geſehen! Ah! es ſind doch bald zwanzig Jahre ſeitdem verlaufen!“ Hier ſeufzte Karl V., als ob ſchon dieſe ſeinem Munde entſchlüpften Worte allein ihm den weiten Horizont der Vergangenheit wiedereröffnet hätten. „Es iſt Thatſache, Sire,“ antwortete der Admi⸗ ral auf die Frage des Kaiſers,„Seine Majeſtät der König Heinrich fängt an die weißen Haare zu zäh⸗ len, doch höchſtens zu zwei und drei. Wer hat aber nicht, wenn er auch jünger als er, ſeine weißen Haare?“ „Oh! was Ihr mir da ſagt, iſt richtig, mein lieber Admiral!“ rief der Kaiſer.„Ich, der ich Euch über die erſten weißen Haare meines Bruders Hein⸗ rich befrage, will Euch die Geſchichte der meinen erzählen. Ich war ungefähr ſo alt als er, kaum ſechsunddreißig bis ſiebenunddreißig Jahre; das war bei meiner Rückkehr von Goletta*), als ich in Nea⸗ pel ankam. Ihr kennt die bewunderungswürdige Stadt Neapel, Herr Admiral, die Schönheit und die Anmuth der Damen, die ſie bewohnen?“ Coligny verbeugte ſich lächelnd. „Ich bin ein Menſch,“ fuhr Karl V. fort,„ich wollte mir Gunſt verdienen, wie die Anderen. Schon am Tage nach meiner Ankunft ließ ich auch meinen Bar⸗ bier rufen, um mich zu friſiren und zu parfümiren. Die⸗ ſer Mann reichte mir einen Spiegel, damit ich der *) Befeſtigte Meerenge von Tunis. D. Ueberſ. ful wi ric de ihn nien dem nem iten n. dmi⸗ der zäh⸗ aber ißen nein Fuch ein⸗ inen aum war Nea⸗ dige 247 Operation folge, während er ſie vollbrachte. Ich hatte mich lange nicht angeſchaut. Es war ein ge⸗ waltiger Krieg, der Krieg, den ich gegen die Türken, die Verbündeten meines guten Bruders Franz L., führte! Plötzlich rief ich:„He! Barbier, mein Freund, was iſt denn das?““„„Sire,““ antwor⸗ tete mir der Barbier,„das ſind zwei oder drei weiße Haare!““ Ich muß Euch aber ſagen, daß der Schmeichler log; es waren nicht zwei oder drei, wie er behauptete, ſondern im Gegentheil ein Du⸗ tzend.„Ei! geſchwinde, geſchwinde, Meiſter Bar⸗ bier, reißt mir dieſe Haare aus und laßt mir nicht ein einziges!““ Das that er; wißt Ihr aber, was geſchah? Als ich mich einige Zeit nachher wieder im Spiegel beſchauen wollte, bemerkte ich, daß für einen Silberfaden, den ich mir hatte ausreißen laſſen, zehn gekommen waren; ſo daß ich, wenn ich mir dieſe hätte ebenfalls ausreißen laſſen, in weniger als einem Jahre weiß wie ein Schwan geweſen wäre. Sagt alſo meinem Bruder Heinrich, Herr Admiral, er möge ſeine drei weißen Haare ſorgfältig bewahren und nicht einmal geſtatten, daß ſie von den ſchönen Händen von Frau von Valentinois ausgeriſſen wer⸗ den.“ „Ich werde es nicht unterlaſſen,“ erwiederte lachend Coligny. „Und da wir von Frau von Valentinvis reden,“ fuhr Karl v. fort, der durch dieſen Uebergang be⸗ wies, daß ihm die ſchlimmen Gerüchte vom Hofe von Heinrich 1I. nicht fremd waren,„was für Nach⸗ richten, Herr Admiral, habt Ihr von Eurem Oheim, dem großen Connetable?“ 248 „Vortreffliche,“ erwiederte Coligny,„obgleich er einen ganz weißen Kopf hat.“ „Ja,“ verſetzte Karl V.,„er hat einen weißen Kopf; doch er iſt von der Natur der Lauche, welche auch einen weißen Kopf haben, der übrige Körper iſt aber grün. Und er braucht das, um noch, wie er dies thut, den ſchönen Damen des Hofes zu die⸗ nen. Ah! ſprecht, denn ich will Euch nicht gehen laſſen, mein lieber Admiral, ohne mich bei Euch nach Jedermann zu erkundigen,— wie befindet ſich die Tochter unſeres alten Freundes Franz I.?“ Lächelnd legte Karl v. einen beſonderen Nachdruck auf die drei Worte unſeres alten Freundes. „Seine Majeſtät meint Madame Margarethe von Frankreich?“ „Nennt man ſie immer noch die vierte Grazie, die zehnte Muſe?“ „Immer, Sire, und ſie verdient jeden Tag mehr dieſen doppelten Titel, durch die Protection, die ſie unſeren großen Geiſtern, wie den Herren de lHoſpi⸗ tal, Ronſard, Daurat, gewährt. „Ei! ei!“ ſagte Karl V.„es ſcheint, als wollte unſer Bruder Heinrich II., eiferfüchtig auf die Könige ſeine Nachbarn, für ſich allein dieſe ſchöne Perle behal⸗ ten; ich höre noch nicht von einer Heirath für Ma⸗ dame Margarethe ſprechen, und ſie muß doch... (Garl V. gab ſich den Anſchein, als ſuchte er) nahe an zweiunddreißig ſein.“ „Ja, Sire; doch ſie ſcheint kaum zwanzig zu zäh⸗ len: ſie iſt jeden Tag ſchöner und friſcher!“ „Es iſt das Privilegium der Roſen, jeden Früh⸗ ling wieder grün zu werden und Knoſpen zu treiben. Do mei Ho Köt nut Ad das kan gel die vor ſoll daſ ſch He obe ſtij vo ral de ße Ka na eit ch er eißen elche rer wie die⸗ ehen Euch ſich ruck es. ethe azie, nehr e ſie oſpi⸗ ollte nige hal⸗ Ma⸗ nahe zäh⸗ rüh⸗ ben. 249 Doch was die Roſen und Knoſpen betrifft, ſagt mir, mein lieber Admiral, was macht man am franzöſiſchen Hofe mit unſerer jungen Königin von Schottland? Könnte ich Euch nicht ihre Angelegenheiten mit meiner Schwiegertochter der Königin von England in Ord⸗ nung bringen helfen?“ „Oh! Sire, das hat keine Eile,“ erwiederte der Admiral,„und es iſt Eurer Majeſtät, die ſo gut das Alter unſerer Prinzeſſinnen weiß, nicht unbe⸗ kannt, daß die Königin Maria Stuart kaum dreizehn Jahre zählt;— ſie iſt aber,— ich glaube kein Staats⸗ geheimniß zu offenbaren, wenn ich Eurer Majeſtät dieſes Geſtändniß mache,— ſie iſt für den Dauphin von Frankreich beſtimmt, und die Hochzeit kann und ſoll erſt in einem oder zwei Jahren ſtattfinden.“ „Wartet doch, wartet doch, mein lieber Admiral, daß ich mich erinnere,“ ſprach Karl V.,„denn mir ſcheint, ich finde im Grunde meines Gedächtniſſes Heinrich II. etwas wie einen guten Rath zu geben, obgleich dies eine einfache Suppoſition der cabbali⸗ ſtiſchen Wiſſenſchaft iſt... Ah! ich habe es.. Doch vor Allein, könnt Ihr mir ſagen, mein lieber Admi⸗ ral, was aus einem jungen Herrn Namens Gabriel de Lorges, Graf von Montgomery, geworden iſt?“ „Ja, gewiß; er iſt am Hofe des Königs, in gro⸗ ßer Gunſt bei dieſem, und nimmt den Grad eines Kapitäns in der ſchottiſchen Garde ein.“ „In großer Gunſt! Ihr glaubt?“ verſetzte Karl v. nachdenkend. „Habt Ihr etwas gegen dieſen jungen Herrn einzuwenden?“ fragte ehrerbietig der Admiral. „Nein... Nur höret eine Geſchichte.“ 250 „Ich höre, Sire.“ „Als ich durch Frankreich zog, mit Erlaubniß meines Bruders Franz l., um die Empörung mei⸗ ner vielgeliebten Landsleute und Unterthanen der Genter zu züchtigen, da erwies mir der König von Frankreich,— wie Ihr Euch erinnern könnt, obſchon ihr zu jener Zeit noch ein Milchbart waret,— der König von Frankreich erwies mir alle Arten von Ehren; er ſchickte mir zum Beiſpiel bis Fontainebleau den Dauphin mit einer Menge junger adeliger Her⸗ ren und Pagen entgegen. Ich muß Euch ſagen, mein lieber Admiral, daß es die harte Nothwendig⸗ keit war, die mich zwang, durch Frankreich zu ziehen, und daß ich lieber jeden andern Weg genommen hätte. Man hatte Alles, was man konnte, gethan, um mir Mißtrauen gegen die Redlichkeit von König Franz I. einzuflößen, und ich ſelbſt, ich geſtehe es, hegte einige Furcht(ſehr mit Unrecht, der Erfolg hat es bewieſen), mein Bruder von Frankreich werde die Gelegenheit benützen, um ſeine Genugthuung für den Vertrag von Madrid zu nehmen. Ich hatte deshalb, als ob die menſchliche Wiſſenſchaft etwas gegen die göttlichen Rathſchlüſſe vermöchte, einen ſehr ge⸗ ſchickten Mann, einen ſehr geruhmten Aſtrologen mitgenommen, der, beim erſten Anſchauen des Ge⸗ ſichtes der Leute, nach den Zeichen dieſes Geſichtes beurtheilte, ob das Leben oder die Freiheit desjeni⸗ gen bedroht war, welcher ſich mit ſeinem Leben und ſeiner Freiheit vor dieſe Leute wagte.“ Der Admiral erwiederte lächelnd: „Das war eine gute, eines ſo weiſen Kaiſers, wie Ihr ſeid, würdige Vorſicht; doch Eure Majeſtät hat unn dem plöt ſahe Her lige wir der von wir dete Gol fein wei Bal der mir Da ger dem daß Brr ich, jun gab hat gn ſche ubniß mei⸗ der on ſchon der von bleau Her⸗ agen, ndig⸗ ehen, nmen than, önig e es, rfolg erde rden halb, die ogen Ge⸗ chtes jeni⸗ und ſers, eſtät 251 hat geſehen, daß zuweilen eine gute Vorſicht eine unnütze Vorſicht werden kann.“ „Wartet, Herr Admiral... Wir waren alſo auf dem Wege von Orleans nach Fontainebleau, als wir plötzlich einen großen Cortége uns entgegenkommen ſahen. Das war, wie ich Euch geſagt habe, der Herr Dauphin von Frankreich mit einer Menge ade⸗ liger Herren und Pagen. Anfangs, von fern, als wir nur den Staub gewahrten, der unter den Füßen der Pferde aufſtieg, glaubten wir, es ſei ein Trupp von Reiſigen, und wir hielten an; bald aber ſahen wir, durch die graue Wolke, die dieſer Staub bil⸗ dete, den Atlas ſpiegeln, den Sammet glänzen, das Gold funkeln. Offenbar war dieſer Trupp, ſtatt feindlich zu ſein, ein Ehrengeleite. Wir zogen alſo weiter voll Vertrauen zum Worte von Franz J. Bald trafen die beiden Cavalcaden zuſammen, und der Herr Dauphin ritt auf mich zu und machte mir das Compliment im Auftrage ſeines Vaters. Das Compliment war ſo anmuthig und kam ſo gerade recht, um zu beruhigen, nicht mich,— Gott, dem ich mein Leben weihen werde, iſt mein Zeuge, daß ich nie eine Secunde lang meinen guten Bruder beargwohnt habe!— das Compliment, ſage ich, war ſo anmuthig, daß ich auf der Stelle den jungen Prinzen, der es mir gemacht, umarmen wollte. Während ich ihm aber eine ſo zärtliche Umhalſung gab, daß es, glaube ich, eine gute Minute dauerte, hatten ſich die zwei Truppe vermengt, und die jun⸗ gen Edelleute und Pagen vom Gefolge des Herrn Dauphin waren, ohne Zweifel neugierig, mich zu ſehen, wegen des Bischens Lärmen, das ich in der 25² Welt gemacht, ſo nahe als möglich auf mich zuge⸗ kommen und hatten mich ganz umzingelt. Da be⸗ merkte ich, daß mein Aſtrolog, der Angelo Policaſtro hieß und ein Italiener aus Mailand war, ſein Pferd dergeſtalt angetrieben hatte, daß er meine Linke völlig deckte. Es dünkte mir vermeſſen, daß dieſer Menſch ſich ſo unter einen ſo ſchönen und reichen Adel miſchte. „Ho! Signor Angelo,““ ſagte ich,„„was macht „„Sire,““ antwortete er mir,„„ich bin an mei⸗ nem Platze!““ „„Gleichviel! weicht ein wenig zurück, Signor Angelo.““ „„Ich kann nicht, ich darf nicht, mein hoher Herr,““ erwiederte er mir. „Da vermuthete ich, es ſei etwas, was ihn in der Harmonie meiner Reiſe ſtöre; befürchtend, er werde meiner erſten Ermahnung nicht gehorchen, ſagte ich auch zu ihm: „„Bleibt alſo, Signor Angelo, bleibt, da Ihr Euch in guter Abſicht hierher geſtellt habt. Nur werdet Ihr mir bei unſerer Ankunft im Schloſſe ſagen, warum Ihr dies gethan, nicht wahr?““ „„Oh! Sire, ich werde es nicht unterlaſſen, da es meine Pflicht iſt; dreht aber den Kopf auf Eure linke Seite und ſchaut wohl dieſen blonden jungen Mann an, der in meiner Nähe iſt und lange Haare trägt.““ „Ich ſchaute aus dem Augenwinkel; der junge —— Mann war um ſo merkwürdiger und mein Blick konnte ſich um ſo weniger irren, als dieſer junge Mar Aus ſten— Eurt wirk ſeln folgt von jung zzic Ihr Cab junc Hau fahr meit Hac ſcha zuge⸗ a be⸗ aſtro Pferd Linke ieſer ichen nacht mei⸗ ignor oer nin er chen, Ihr Nur oſſe da Eure ngen aare unge Blick unge 253 Mann, der ein fremdes Ausſehen, ein engliſches Ausſehen hatte, allein lange Haare trug. Gut, ich ſehe ihn,““ erwiederte ich. „„Das iſt Alles.. für den Augenblick wenig⸗ ſtens,““ ſagte der Aſtrolog;„ſpäter werde ich mit Eurer Majeſtät ſprechen.““ „Wir waren kaum im Schloſſe, da zog ich mich wirklich unter dem Vorwande, die Kleider zu wech⸗ ſeln, in mein Gemach zurück; der Signor Angelo folgte mir dahin. „„Nun,““ fragte ich ihn,„„was habt Ihr mir von dieſem jungen Manne zu ſagen?““ Sire, habt Ihr die Falte bemerkt, die er, ſo 2 . jung er iſt, zwiſchen den zwei Augenbrauen trägt „Bei meiner Treue, nein,““ erwiederte ich; „ich habe ihn nicht von ſo nahe angeſchaut wie p A Ihr „„Wohl! dieſe Falte iſt das, was die Leute der Cabbala die Todeslinie nennen... Sire, dieſer junge Mann wird einen König tödten!““ „„Einen König oder einen Kaiſer?““ fragte ich. „„Ich kann es nicht ſagen, doch er wird ein Haupt ſchlagen, das eine Krone trägt.““ „„Ah! ah! und es gibt kein Mittel, daß Ihr er⸗ fahret, ob das Haupt, das er ſchlagen wird, das meinige iſt?““ Doch, Sire; hiezu müßte ich aber von ſeinen . 7 Haaren haben. „„Gut, von ſeinen Haaren.., und wie ſich ver⸗ ſchaffen?““ „„Ich weiß es nicht; doch das müßte ich haben.““ „Ich überlegte. Gerade in dieſem Augenblicke 254 trat die Tochter des Gärtners mit einem Arm voll der ſchönſten Blumen ein, die ſie in die Vaſen des Kamins und in die der Conſoles ſetzen wollte. Als ſie ihr Geſchäft beendigt hatte, faßte ich ſie bei der Hand und zog ſie an mich; dann nahm ich aus der Taſche zwei ſchöne, ganz neue Max d'or und gab ſie ihr; ſie dankte mir, ich küßte ſie auf die Stirne und fragte: „„Mein ſchönes Mädchen, willſt Du zehnmal ſo viel verdienen?““ „Sie ſchlug die Augen nieder und erröthete. „„Ah! nein!““ ſagte ich,„„es iſt nicht dies. es handelt ſich nicht um dies!““ „„Um was handelt es ſich denn, Herr Kaiſer?““ fragte ſie. „„Höre,“ ſprach ich, indem ich ſie zum Fenſter führte und ihr den jungen Mann zeigte, der im Hofe nach dem Wurfpfahl rannte:„„Du ſiehſt wohl dieſen jungen Herrn?““ „„Ja, ich ſehe ihn.““ „„Wie findeſt Du ihn?““ „„Ich finde ihn ſehr ſchön und ſehr galant ge— kleidet.““ „„Wohl, Du mußt mir morgen früh von ſeinen Haaren bringen, und ſtatt zwei Mar dor ſollſt Du zwanzig haben.““ „„Wie ſollte ich es aber machen, um Haare von dieſem jungen Manne zu bekommen?““ fragte ſie mich, indem ſie mich ganz naiv anſchaute. „„Ah! mein ſchönes Kind, das geht mich nichts anz es iſt Deine Sache, das Mittel zu finden. Alles, was ich thun kann, iſt, daß ich Dir eine Bibel gebe.““ . voll des i der der b ſie und al ſo 2 nſter im vohl ge⸗ nen Du von ſie hts les, . 255 „„Eine Bibel?““ „„Ja, damit Du ſiehſt, auf welche Art Delila ſich benommen hat, um dem Simſon die Haare ab⸗ zuſchneiden.““ „Die ſchöne Gärtnerstochter erröthete abermals, doch es ſcheint, daß die Inſtructionen genügten, denn ſie ging ganz nachdenkend und zugleich ganz lächelnd weg, und am andern Morgen kam ſie wieder mit einer goldblonden Haarlocke!... Ah! das naipſte Weibchen iſt geſchickter, als der Schlauſte von uns, Herr Admiral!“ „Und Eure Majeſtät vollendet die Geſchichte nicht?“ „Oh! doch. Ich übergab die blonde Haarlocke dem Signor Angelo, der an dieſer Locke ſeine cab⸗ baliſtiſchen Erperimente machte und mir ſagte, nicht ich ſei es, ſondern ein Fürſt, welcher Lilien in ſeinem Wappen führe, den das Horoſcop bedrohe. Nun wohl, mein lieber Admiral, dieſer blonde junge Mann, der zwiſchen den Augenbrauen die Todeslinie hat, iſt der Herr de Lorges, Graf von Montgomery, Kapi⸗ tän der ſchottiſchen Garde meines Bruders Heinrich.“ „Wie! Eure Majeſtät könnte argwohnen?.. „Ich?“ verſetzte Karl V., indem er aufſtand, um dem Admiral zu bedeuten, ſeine Audienz ſei beendigt, „ich argwohne nicht, Gott behüte mich! Ich wieder⸗ hole Euch nur Wort für Wort als Etwas, was meinem Bruder Heinrich II. nützlich ſein könnte, das Horoſcop des Signor Angelo Policaſtro, und ich ſage Seiner Allerchriſtlichſten Majeſtät, ſie möge wohl Acht geben auf die Linie, die ſich zwiſchen den beiden Augenbrauen ihres Kapitäns der ſchottiſchen Garde 256 findet, und die man die Todeslinie nennt; erinnert ſie auch daran, daß ſie ganz beſonders einen Fürſten bedrohe, der Lilien im Wappen führt.“ „Sire,“ ſprach Coligny,„dieſer gute Rath wird in Eurem Namen dem König von Frankreich gegeben werden.“ „Und hier, damit Ihr es nicht vergeſſet, mein lieber Admiral!“ ſagte Karl v., indem er um den Hals des Geſandten die herrliche goldene Kette ſchlang, welche er an dem ſeinen trug, und an der der Stern in Diamanten hing, den man den Ab endſtern zur Erinnerung an die weſtlichen Beſitzungen der Könige von Spanien nannte. Coligny wollte das Geſchenk knieend empfangen, Karl V. geſtattete aber nicht, daß er ihm auf dieſe Weiſe ſeine Ehrfurcht bezeugte, hielt ihn in ſeinen Armen zurück und küßte ihn auf beide Wangen. An der Thüre begegnete man Emanuel Philibert, der, nachdem die Ceremonie kaum beendigt war, Alles verließ, um ſeine Huldigung zu den Füßen dieſes Kaiſers niederzulegen, welcher um ſo größer in ſeinen Augen, als er jeder Größe entſagt hatte. Die zwei Feldherren begrüßten ſich höflich; Beide hatten ſich in der Schlacht geſehen und ſchätzten ſich nach ihrem Werthe, das heißt hoch und groß. „Hat mir Eure Majeſtät nichts Anderes für den König meinen Herrn zu ſagen?“ fragte Coligny. „Nein, nichts,“ erwiederte Karl V. Er ſchaute Emanuel Philibert an und lächelte. „Wenn nicht, mein lieber Admiral, wir werden uns, ſobald uns die Sorge für unſer Heil einen Augenblick Muße läßt, damit beſchäſtigen, daß wir eine reic und lon ich Kro niſſ tige Aue abe Bli ſein ner von zu gele Jal den des Ger gen ihre mert rſten wird eben nein den ang, tern zur nige gen, ieſe mnen ert, les nen eide ſich den e den nen wir 257 einen Gemahl für Madame Margarethe von Frank⸗ reich ſuchen.“ Und er ſtützte ſich auf den Arm von Emanuel und ſagte zu dieſem, indem er mit ihm in den Sa⸗ lon zurückkehrte: „Komm, mein geliebter Emanuel; mir ſcheint, ich habe Dich ein Jahrhundert nicht geſehen!“ XV. Nach der Abdankung. Für diejenigen von unſeren Leſern, welche die Krone jeder Sache und die Philoſophie jedes Ereig⸗ niſſes ſehen wollen, entſchließen wir uns, gegenwär⸗ tiges Kapitel zu ſchreiben, das vielleicht für einige Augenblicke den Gang unſerer Handlung hemmt, aber dem, momentan auf Kaiſer Karl V. gehefteten, Blicke erlaubt, dieſes große durch die Dunkelheit ſeines neuen Lebens erloſchene Glück vom Tage ſei⸗ ner Abdankung bis zu dem ſeines Todes, das heißt vom 25. October 1555 bis zum 21. September 1558 zu verfolgen. Nachdem der Beſieger von Franz I. ins Grab gelegt iſt, wohin ihm ſein Nebenbuhler ſeit neun Jahren vorangegangen, werden wir zum Leben, zu den Kämpfen, zu den Feſten, zu den Leidenſchaften des Haſſes und der Liebe, kurz zu dem ungeheuren Gemurmel zurückkehren, das, in Erwartung der ewi⸗ gen Auferſtehung, die Hingeſchiedenen in der Tiefe ihrer Gräber wiegt. Die verſchiedenen politiſchen Angelegenheiten, Dumas, der Page. I. 17 258 welche Karl v. in den Riederlanden zu ordnen hatte, die Niederlegung der Regierung des Reiches zu Gunſten ſei⸗ nes Bruders Ferdinand,— welche Niederlegung auf die Abtretung ſeiner erblichen Staaten an ſeinen Sohn Philipp folgen ſollte,— hielten den Exkaiſer noch beinahe ein Jahr in Brüſſel zurück, ſo daß er erſt am Anfang des Septembers 1556 dieſe Stadt verlaſſen und nach Gent, escortirt von allen Großen, Geſandten, Adeligen, Magiſtraten, Kapitänen und Officieren Belgiens, reiſen konnte. Der König Don Philipp hatte ausdrücklich ſeinen Vater bis nach dem Orte ſeiner Einſchiffung, das heißt bis nach Vließingen führen wollen, wohin ſich der Exkaiſer in einer Sänſte begab, und wohin ihn die zwei Königinnen ſeine Schweſtern mit ihren Damen, der König Don Philipp mit ſeinem Hofe und Emanuel Philibert mit ſeinen beiden unzertrenn⸗ lichen Gefährten Leone und Scianca Ferro be⸗ gleiteten. Der Abſchied war lang und traurig: dieſer Mann, der die Welt mit ſeinen zwei Armen umſchlungen hatte, trennte ſich nicht nur von ſeinen beiden Schwe⸗ ſtern, von ſeinem Sohne, von einem dankbaren und ergebenen Reffen, ſondern er ſchied auch von der Welt, beinahe vom Leben, da es ſeine Abſicht war, ſich ſogleich nach ſeiner Ankunft in Spanien in ein Kloſter zurückzuziehen. Der Kaiſer wollte auch, daß dieſer Abſchied am Vorabend ſeiner Abreiſe ſtattfinde, denn er ſagte, fände er am andern Tage, in der Stunde, wo er ſich einſchiffen ſollte, ſtatt, ſo würde er nie den Muth in ſich fühlen, den Fuß auf das Schiff zu ſetzen. vie ſei So vor Sp wel wa dete Fre tent in nich ſtan Vet ſein nich Auc gege Ind was Euc die und ſind inde eine „die ſei⸗ auf inen aiſer ß er tadt ßen, und inen das ſich ihn hren Hofe enn⸗ be⸗ ann, igen hwe⸗ und der war, ein am agte, ſich hin 259 Der Erſte, von dem Karl v. Abſchied nahm,— vielleicht, weil er derjenige, welchen er im Grunde ſeines Herzens am wenigſten liebte,— war ſein Sohn Don Philipp. Nachdem er den Abſchiedskuß von ſeinem Vater empfangen, kniete der König von Spanien nieder und bat ihn um ſeinen Segen. Karl V. gab ihm den Segen mit jener Majeſtät, welche ihm bei ſolchen Veranlaſſungen eigenthümlich war, und empfahl ihm den Frieden mit den verbün⸗ deten Mächten und beſonders, wenn es möglich, mit Frankreich. Don Philipp verſprach ſeinem Vater, ſeinen In⸗ tentionen nachzukommen; bezweifelte indeſſen, daß dies in Beziehung auf Frankreich möglich ſei, ſchwor aber nichtsdeſtoweniger, ſeinerſeits getreu den Waffenſtill⸗ ſtand zu halten, ſo lange ihn König Heinrich II., ſein Vetter, nicht breche. Wonach Karl v. Emanuel Philibert lange mit ſeinen Armen umfangen hielt, denn er konnte ſich nicht entſchließen, von ihm zu ſcheiden. Dann rief er Don Philipp mit Thränen in den Augen und in der Stimme und ſprach: „Mein lieber Sohn, ich habe Euch viele Dinge gegeben.. Ich habe Euch Neapel, Flandern, beide Indien gegeben; ich habe mich für Euch Alles deſſen, was ich hatte, beraubt; doch behaltet wohl, was ich Euch ſage: weder Neapel und ſeine Paläſte, noch die Niederlande und ihr Handel, noch beide Indien und ihre Minen von Gold, Silber und Edelſteinen ſind ſo viel werth, als der Schatz, den ich Euch gebe, indem ich Euch Euren Vetter Emanuel Philibert, einen Mann von Kopf und Ausführung, einen guten 260 Politiker und großen Feldherrn, hinterlaſſe! Ich er⸗ mahne Euch alſo, ihn nicht als einen Unterthanen, ſondern als einen Bruder zu behandeln, und kaum wird er, das ſage ich Euch, nach ſeinen Verdienſten behandelt ſein.“ Emanuel Philibert wollte ſeinem Oheim die Kniee küſſen, doch dieſer hielt ihn in ſeinen Armen zurück; bald aber ſchob er ihn aus ſeinen Armen in die von Don Philipp und ſprach: „Geht! geht! es iſt ſchmählich für Männer, ſo zu ſeufzen und zu weinen wegen einer kurzen Tren⸗ nung auf dieſer Welt. Richten wir es durch gute Handlungen, ſchöne Tugenden und ein chriſtliches Leben ſo ein, daß wir uns einſt in der andern wie⸗ dervereinigt finden. Das iſt die Hauptſache.“ Und er winkte den zwei jungen Leuten, ſich zu entfernen, wandte ſich von ihnen ab, um zu ſeinen Schweſtern zu gehen, und blieb, den Rücken der Thüre zugekehrt, bis ſie das Gemach verlaſſen hatten. Don Philipp und Emanuel Philibert ſtiegen zu Pferde und ritten unverzüglich nach Brüſſel. Der Erxkaiſer ſchiffte ſich am andern Tage, am 10. September 1556, auf einem, wie Gregorio Leti, der Geſchichtſchreiber von Karl V., ſagt,„in Größe und Verzierung wahrhaft königlichen“ Fahrzeuge ein; doch kaum war man in See, da kam ein engliſches Schiff herbei. Dieſes Schiff hatte den Grafen von Arondel an Bord, der von der Königin Maria an ihren Schwiegervater abgeſandt war, um ihn zu bitten, er möge nicht ſo nahe an der Küſte von Großbritannien vorbeifahren, ohne ihr einen Beſuch zu machen. ſelt vor 3 del Ka ſich hä der er⸗ nen, aum iſten niee ück; von ſo ren⸗ gute ches wie⸗ inen der tten. zu am Leti, röße ein; ſches von an zu von ſuch 261 Doch auf dieſe Einladung zuckte Karl v. die Ach⸗ ſeln und ſagte mit einem Stimmtone, der nicht ganz von Bitterkeit frei war, zum Grafen: „Ei! welches Vergnügen kann eine ſo große Kö⸗ nigin haben, ſich als Schwiegertochter eines einfachen Edelmanns zu ſehen?“ Trotz dieſer Antwort drang der Graf von Aron⸗ del mit ſo viel höflichen und ehrerbietigen Bitten in Karl V., daß dieſer;, da er nicht mehr wußte, wie er ſich dagegen wehren ſollte, erwiederte: „Herr Graf, Alles wird von den Winden ab⸗ hängen.“ Die zwei Königinnen hatten ſich mit ihrem Bru⸗ der eingeſchifft. Sechzig Fahrzeuge geleiteten das königliche Schiff, und als der Graf von Arondel ſah, daß der Kaiſer, obgleich die Winde durchaus nicht ungünſtig waren, an Yarmouth, an London und an Portsmouth ohne anzuhalten vorüberfuhr, da drang er nicht weiter in ihn: er ſchloß ſich ehr⸗ furchtsvoll dem Gefolge des kaiſerlichen Schiffes an und begleitete ihn bis Laredo, einem Hafen von Biscaya, wo Karl v. vom Großconnetable von Ca⸗ ſtilien empfangen wurde. Doch kaum hatte er die Erde Spaniens berührt, auf der er ſo glorreich regiert, als er, bevor er et⸗ was von der Rede hören wollte, die der Großconne⸗ table an ihn zu halten ſich anſchickte, niederkniete, den Boden dieſes für ihn ein zweites Vaterland ge⸗ wordenen Königreiches küßte und ſprach: „Ich begrüße dich mit jeglicher Ehrfurcht, ge⸗ meinſchaftliche Mutter! und wie ich nackt aus dem Leibe meiner Mutter hervorgegangen bin, um von 262 der Welt ſo viele Schätze zu empfangen, ſo will ich nun auch nackt in deinen Schooß zurückkehren, ge⸗ liebte Mutter! Und wenn es damals eine Pflicht der Natur war, ſo iſt es heute eine Wirkung der Gnade auf meinen Willen.“ Er hatte dieſes Gebet noch nicht vollendet, da fing der Wind an zu wehen, und es erhob ſich ein Sturm mit ſolcher Heftigkeit, daß die ganze Flotte, die ihn begleitet hatte, im Hafen unterging, mit dem kaiſerlichen Schiffe, beladen mit ſeinen Schätzen und herrlichen Geſchenken, welche der Kaiſer von Belgien und Deutſchland mitbrachte, um ſie den Kirchen Spa⸗ niens anzubieten; was eine der Perſonen vom Ge⸗ folge von Karl V. zu der Aeußerung veranlaßte, vor⸗ herſehend, nie werde eine ſolche Glorie es verherr⸗ lichen, ſei das Schiff ins Meer verſunken, um zugleich ſeine Ehrfurcht und ſeinen Schmerz zu bezeichnen. Es war in der That kein Uebel, daß die unbe⸗ ſeelten Dinge Karl v. ſolche Beweiſe von Ehrfurcht und Schmerz gaben; denn die Menſchen waren ſehr kalt vor dieſem gefallenen Glücke. In Burgos, zum Beiſpiel, zog der Erkaiſer durch die Stadt, ohne daß ihm eine Deputation entgegenging, und ohne daß die Bürger ſich nur die Mühe gaben, bis unter ihre Thüre zu laufen und ihn vorüberkommen zu ſehen. Als der Kaiſer dies wahrnahm, ſchüttelte er den Kopf und murmelte: „Wahrhaftig, man ſollte glauben, die Einwohner von Burgos haben mich gehört, als ich in Laredo ſagte, ich kehre nackt nach Spanien zurück.“ An demſelben Tage machte ihm indeſſen ein ade⸗ liger Herr Namens Bartolomeo Miranda einen Be⸗ ner de⸗ Be⸗ 263 ſuch und ſprach zu ihm:„Es iſt heute gerade ein volles Jahr, daß Eure Majeſtät die Welt zu ver⸗ laſſen angefangen, um ſich ganz dem Dienſte Gottes weihen zu können.“ „Ja,“ erwiederte Karl,„und es iſt heute gerade ein Jahr, daß ich es bereut habe.“ Karl V. erinnerte ſich des traurigen, einſamen Abends ſeiner Abdankung, wo er Niemand gehabt hatte, als den Admiral Coligny, um ihm in den Herd die Brände, welche von den Feuerböcken auf ſeinen Teppich gerollt waren, zurückſchaffen zu helfen. Von Burgos gelangte der Kaiſer nach Valladolid, was zu jener Zeit die Hauptſtadt Spaniens war. Eine halbe Stunde vor der Stadt traf er einen Zug, der ihm entgegenkam. Das waren die Vor⸗ nehmen und Adeligen, geführt von ſeinem Enkel Don Carlos, der damals elf Jahre alt. Der Knabe handhabte auf eine bewunderungs⸗ würdige Weiſe ſein Pferd und ritt am linken Schlage der Sänfte des Kaiſers. Es war das erſte Mal, daß er ſeinen Großvater ſah, und dieſer ſchaute ihn mit einer Aufmerkſamkeit an, die jeden Andern als den jungen Prinzen in Verlegenheit gebracht hätte. Don Carlos ſchlug nicht einmal die Augen nie⸗ der: er nahm nur, ſo oft der Blick des alten Kaiſers ſich auf ihn heftete, ehrerbietig ſeine Toque ab und ſetzte ſie wieder auf, ſobald der Kaiſer ihn anzu⸗ ſchauen aufhörte. Der Kaiſer ließ ihn auch, als er kaum in ſein Zimmer eingetreten war, kommen, um ihn näher zu ſehen und mit ihm zu plaudern. 264 Der Knabe erſchien in ehrfurchtsvoller Haltung, doch ohne die geringſte Verlegenheit. „Es iſt gut von Euch, mein Enkel, daß Ihr mir entgegengekommen ſeid,“ ſprach Karl V. zu ihm. „Das war meine Pflicht,“ erwiederte der Knabe, „da ich doppelt Euer Unterthan bin, denn Ihr ſeid mein Großvater und mein Kaiſer.“ „Ah! ah!“ machte Karl v., erſtaunt, da er ſo ſe Sicherheit und Feſtigkeit in einem ſo zarten Alter and. „Wäre ich übrigens Eurer kaiſerlichen Majeſtät nicht aus Pflicht entgegengeritten, ſo würde ich es aus Neugierde gethan haben,“ fügte der Knabe bei. „Und warum dies?“ „Weil ich oft ſagen hörte, Ihr ſeiet ein hochbe⸗ rühmter Kaiſer, und Ihr habet große Dinge gethan.“ „Ah! wahrhaftig?“ verſetzte Karl V., den das ſeltſame Naturell des Knaben beluſtigte;„und ſoll ich ſie Dir erzählen, dieſe großen Dinge?“ „Das wäre ein außerordentliches Vergnügen und ein ungeheures Glück für mich!“ antwortete der junge Prinz. „Wohl, ſo ſetze Dich.“ „Mit der Erlaubniß Eurer Majeſtät werde ich ſtehend hören.“ Da erzählte ihm Karl v. alle ſeine Kriege gegen König Franz I., gegen die Türken und gegen die Proteſtanten. Don Carlos hörte ihm mit großer Aufmerkſam⸗ keit zu, und als ſein Großvater geendigt hatte, ſprach er, beweiſend, daß ihm die Erzählung nicht neu war: ſta Pr ein noe zun leg ung, Ihr ihm. abe, ſeid r ſo liter eſtät h es bei. chbe⸗ an. das ll ich und unge e ich egen die ſam⸗ atte, nicht 265 „Ja, ſo iſt es.“ „Aber ihr ſagt mir nicht, mein Herr Enkel, was Ihr von meinen Abenteuern haltet, und ob Ihr fin⸗ det, daß ich mich als ein Braver benommen?“ ver⸗ ſetzte der Kaiſer. „Oh!“ erwiederte der Prinz,„ich bin ziemlich zufrieden mit dem, was Ihr gethan; es iſt nur Eines, was ich Euch nicht zu verzeihen wüßte...“ „Bah!“ machte der Kaiſer erſtaunt,„was denn?“ „Daß Ihr in einer Nacht von Innsbruck halb nackt vor dem Herzog Moritz geflohen ſeid.“ „Oh! was das betrifft,“ ſprach lachend der Kaiſer,„es geſchah ſehr wider meinen Willen, das ſchwöre ich Euch... Er überfiel mich, und ich hatte nur meine Dienerſchaft.“ „Ich wäre aber nicht geflohen,“ ſagte Don Carlos. „Wie, Ihr wäret nicht geflohen?“ „Nein.“ „Ich mußte wohl fliehen, da ich keinen Wider⸗ ſtand leiſten konnte.“ „Ich wäre nicht geflohen,“ wiederholte der junge Prinz. „Ich mußte mich alſo fangen laſſen? Das wäre eine große Unklugheit geweſen, über die man mich noch mehr getadelt hätte.“ „Gleichviel! ich wäre nicht geflohen,“ wiederholte zum dritten Male der Knabe. „Sagt mir doch, was Ihr bei einer ſolchen Ge⸗ legenheit gethan hättet, und um Euch antworten zu helfen: was würdet Ihr gegenwärtig thun, wenn ich Euch von dreißig Pagen verfolgen ließe?“ 266 „Ich würde nicht fliehen,“ antwortete einfach der Knabe. Der Kaiſer faltete die Stirne, rief den Gouver⸗ neur des jungen Prinzen und ſprach zu ihm: „Mein Herr, nehmt meinen Enkel mit: ich mache Euch mein Compliment über die Erziehung, die er erhält; fährt er ſo fort, ſo wird er der größte Krie⸗ ger unſerer Familie ſein.“ An demſelben Abend ſagte er zu ſeiner Schweſter, der Königin Eleonore, die er in Valladolid ließ: „Meine Schweſter, mir ſcheint der König Don Philipp iſt ſchlecht mit einem Sohne in Don Car⸗ los verſorgt; ſein Ausſehen und ſein Naturell in dieſer frühen Jugend gefallen mir nicht, denn ſie entſprechen nicht ſeinem Alter. Ich weiß nicht, was in der Folge geſchehen kann, wenn er fünfundzwan⸗ zig Jahre alt iſt. Studirt alſo die Worte und die Handlungen des Kindes, und ſagt mir, wenn Ihr mir ſchreibt, aufrichtig Eure Meinung über dieſen Gegenſtand.“ Am zweiten Tage hierauf reiſte Karl v. nach Palencia ab, und am Tage nachher ſchrieb ihm die Königin Eleonore: „Mein Bruder, wenn Euch die Manieren unſeres Großneffen mißfallen haben, da Ihr ihn nur einen Tag geſehen, ſo mißfallen ſie noch viel mehr mir, die ich ihn drei Tage geſehen. Dieſes kleine Männchen, das in Innsbruck nicht geflohen wäre, war derſelbe Don Carlos, den ſein Vater Philipp H. zwölf Jahre ſpäter, unter dem Vorwande, er conſpirire mit den Aufrührern der Niederlande, tödten ließ. Hof Pfe die er 1 nom Juſ nem Jah geſc bau und dies Kai liche von war bäut erha mit 154 iſt e zwei Kloſt war für fach ver⸗ ache e er rie⸗ ſter, don ar⸗ in ſie vas an⸗ die Ihr eſen rach die res nen nir, icht ſein em der 267 In Voalladolid hatte der Kaiſer ſeinen ganzen Hof mit Ausnahme von zwölf Dienern und zwölf Pferden entlaſſen, nur einige ſeltene und koſtbare Meubles für ſich behalten, und alles Uebrige unter die Edelleute, die ihn begleitet, vertheilt; dann hatte er von den Königinnen ſeinen Schweſtern Abſchied ge⸗ nommen und war nach Palencia abgereiſt. Palencia lag nur achtzehn Meilen vom Kloſter St. Juſt, vom Orden der Hieronymiten, das Karl V. zu ſei⸗ nem Aufenthaltsorte gewählt, und wohin er ſchon ein Jahr vorher einen Architekten mit dem Auftrage geſchickt hatte, ihm ſechs Zimmer zu ebener Erde zu bauen, wovon vier den Zellen der Mönche ähnlich und zwei ein wenig höher. Der Künſtler ſollte über⸗ dies einen Garten nach einer Zeichnung, die der Kaiſer ſelbſt gemacht, anlegen. Dieſer Garten war die reizende Seite der kaiſer⸗ lichen Einſamkeit; er wurde auf ſeinen zwei Flanken von einem klaren, murmelnden Bache beſpült, und war ganz bepflanzt mit Orangenbäumen, Limonen⸗ bäumen und Cedern, deren Zweige die Fenſter des erhabenen Einſiedlers beſchatteten und ſeine Zimmer mit ihren Wohlgerüchen erfüllten. Karl V. hatte dieſes Kloſter St. Juſt im Jahre 1542 beſucht und, als er wegging, geſagt:„Das iſt ein wahrer Ort der Zurückgezogenheit für einen zweiten Diocletian.“ Der Kaiſer nahm Beſitz von ſeiner Wohnung im Kloſter St. Juſt am 24. Februar 1557. Das war ſein Geburtstag, und dieſer Tag war immer für ihn glücklich geweſen. Als er über die Schwelle ſchritt, ſagte er: 268 „Ich will für den Himmel an demſelben Tage wiedergeboren werden, an dem ich für die Erde ge⸗ boren worden bin.“ Von den zwölf Pferden, die er behalten, ſchickte er elf zurück; das zwölfte diente ihm, um zuweilen in dem köſtlichen, nur eine Meile entfernten, Thale von Serandilla, welches man das Paradies von Eſtramadura nennt, ſpazieren zu reiten. Von dieſem Augenblicke an unterhielt er wenig Verkehr mit der Welt; er empfing nur ſeltene Be⸗ ſuche von ſeinen ehemaligen Höflingen, und ein Mal oder zwei Mal im Jahr Briefe von König Philipp, von Kaiſer Ferdinand und von den zwei Königinnen ſeinen Schweſtern; die einzigen Zerſtreuungen waren die erwähnten Spazierritte, die Mahle, die er zu⸗ fällig Einigen von den Höflingen gab, welche ihn beſuchten, und die er bis zum Abend zurückhielt, indem er ihnen ſagte:„Meine Freunde, bleibt bei mir, um das Kloſterleben mitzumachen,“ und das Vergnügen, das er an der Pflege kleiner Vögel aller Art fand, die in Vogelhäuschen eingeſchloſſen waren. lauf eines Jahres ſchien es dem erhabenen Klausner Dieſes Leben dauerte ein Jahr; doch nach Ver⸗ noch zu weltlich, und an ſeinem Geburtstage, welcher, wie man ſich erinnert, auch der des Eintritts von Karl V. ins Kloſter war, ſagte er zum Erzbiſchof von Toledo, der gekommen, um ihm einen Beglück⸗ wünſchungsbeſuch zu machen: „Mein Herr, ich habe ſiebenundfünfzig Jahre für die Welt gelebt, ein Jahr für meine vertrauteſten Freunde und Diener an dieſem einſamen Orte, und nur mir ſein noc ew der gro ihn erle leſe Se Die vier geſt die kom Alt daß Rul ſchä zu 157 beg trat erdi um nen bar Tage e ge⸗ hickte eilen thale von venig Be⸗ Mal ilipp, nnen aren r zu⸗ e ihn hielt, t bei das Bögel loſſen Ver⸗ 8ner lcher, von iſchof glück e für teſten und 269 nun will ich dem Herrn die paar Monate geben, die mir noch zu leben bleiben.“ Und dem zu Folge, indem er dem Prälaten für ſeinen Beſuch dankte, bat er ihn zugleich, ſich nur noch die Mühe zu geben, zu ihm zu kommen, wenn er ihn für das Heil ſeiner Seele rufen laſſe. Vom 25. Februar 1558 an führte der Kaiſer in der That eine Lebensart, welche hinſichtlich ihrer großen Strenge der der Mönche glich: er aß mit ihnen, er geißelte ſich, ging pünktlich zum Chor und erlaubte ſich keine andere Zerſtreuung, als die, Meſſen leſen zu laſſen für die zahlloſe Menge Soldaten, Seeleute, Officiere und Heerführer, welche in ſeinem Dienſte in den verſchiedenen Kriegen, die er in den vier Welttheilen geführt oder hatte führen laſſen, geſtorben waren. Für die Generale, die Räthe, die Miniſter und die Geſandten, von deren Todestagen er ein voll⸗ kommen genaues Regiſter hielt, ließ er beſondere Altäre errichten und nominative Meſſen feiern, ſo daß man hätte glauben ſollen, nachdem er einſt ſeinen Ruhm darein geſetzt, über die Lebenden zu regieren, ſchätze er es ſich nun zum Ruhme, über die Todten zu regieren. Am Anfange des Monats Juli in demſelben Jahre 1558 beſchloß endlich Karl v., müde, den Leichen⸗ begängniſſen der Andern beizuwohnen und dieſer traurigen Zerſtreuung überdrüßig, ſeine eigene Be⸗ erdigung zu feiern. Er brauchte aber einige Zeit, um ſich an dieſe ein wenig bizarre Idee zu gewöh⸗ nen; er befürchtete, der Hoffart oder der Sonder⸗ barkeit beſchuldigt zu werden, wenn er dieſem Ver⸗ 270 langen nachgebe; doch die Begierde wurde bei ihm ſo unwiderſtehlich, daß er ſich einem Mönche deſſelben Kloſters Namens Pater Regola eröffnete. Nur zitternd, ſo ſehr befürchtete er, der Mönch könnte etwas Unziemliches in der Ausführung dieſes Planes finden, wagte Karl v. das Geſtändniß; doch der Mönch antwortete ihm im Gegentheil zur großen Freude des Kaiſers, obgleich es eine außerordent⸗ liche Handlung und ohne Beiſpiel ſei, ſehe er doch nichts Schlimmes hiebei, und er betrachte ſie ſogar als fromm und muſterhaft. Dieſe Beipflichtung eines einfachen Mönches ſchien indeſſen dem Kaiſer bei einem ſo ernſten Um⸗ ſtande nicht genügend: der Pater Regola erbot ſich ſodann, den Erzbiſchof von Toledo um ſeine Meinung zu befragen. Karl V. fand den Rath gut; er ernannte den Mönch zum Geſandten bei dem Prälaten, und ließ ihn auf einem Maulthier und mit einer Escorte ab⸗ gehen, um die ſo ſehr erſehnte Erlaubniß zu holen. Nie, in den Tagen der weltlichen Macht von Karl v., und ſo wichtig auch die Botſchaft war, wurde die Rückkehr des Boten von ihm mit einer ſolchen Ungeduld erwartet. Endlich, nach vierzehn Tagen, kam der Mönch zurück; die Antwort war günſtig: der Erzbiſchof von Toledo betrachtete den Wunſch des Kaiſers als ſehr fromm und ſehr chriſtlich. Von dieſer Rückkehr an, welche ein wahres Feſt war, beſchäftigte man ſich im Kloſter nur mit den Anſtal⸗ ten zur Leichenfeier, um ſie würdig des großen Kaiſers zu machen, den man lebendig begraben ſollte. rich der Bil der ver von wel Na die verl zig uml auf eine des ſelb Dec ſein dieſe Aug nach gefä um gekle Han ine von ihm elben tönch ieſes doch oßen dent⸗ doch rals ches Um⸗ ſich nung den ließ ab⸗ olen. von war, einer önch von ſehr war, ſtal⸗ ſers 271 Das Erſte, was man unternahm, war die Er⸗ richtung eines prachtvollen Mauſoleums mitten in der Kirche; der Pater Vargas, der Baumeiſter und Bildhauer war, machte eine Zeichnung dazu, die der Kaiſer, abgeſehen von einigen Details, welche er verbeſſerte, entſprechend fand. Als die Zeichnung gut geheißen war, ließ man von Palencia Zimmermeiſter und Maler kommen, welche fünf Wochen lang bei der Verfertigung dieſes Mauſoleums zwanzig Perſonen täglich beſchäftigten. Nach fünf Wochen war durch die Thätigkeit, die Jedem die Gegenwart und die Aufmunterungen des Kaiſers verliehen, das Monument vollendet. Es war vier⸗ zig Fuß lang, fünßzig hoch und dreißig breit; rings umher waren Gallerien angebracht, zu denen man auf verſchiedenen Stufen hinaufſtieg; man ſah dabei eine Reihenfolge von Bildern, die berühmteſten Kaiſer des Hauſes Oeſterreich und die Schlachten von Karl V. ſelbſt vorſtellend; ganz oben lag endlich der Sarg ohne Deckel: er hatte zu ſeiner Linken den Ruhm und zu ſeiner Rechten die Unſterblichkeit. Alles war vollendet, und man beſtimmte für dieſes Scheinleichenbegängniß den Morgen des 24. Auguſt. Schon um fünf Uhr, das heißt anderthalb Stunden nach Sonnenaufgang, wurden vierhundert ſchwarz gefärbte dicke Kerzen auf dem Sarkophag angezündet, um welchen alle Diener des Exkaiſers, in Trauer gekleidet, mit bloßem Haupte und eine Fackel in der Hand haltend, ſtanden. Um ſieben Uhr trat Karl v. in einem langen Trauerrocke ein; er hatte auf jeder von ſeinen Seiten einen wie er in Trauer gekleideten 272 Mönch, trug auch eine Fackel in der Hand und ſetzte ſich auf einen für ihn vor dem Altar bereit ſtehen⸗ den Stuhl. Hier hörte er unbeweglich, ſeine Fackel auf die Erde ſtützend, lebendig, alle die für die Hin⸗ geſchiedenen gemachten Geſänge an,— vom Re⸗ quiem bis zum Requiescat,— während ſechs Mönche von verſchiedenen Orden ſechs ſtille Meſſen an ſechs Seitenaltären der Kirche laſen. In einem gegebenen Augenblicke ſtand er ſodann auf, trat, immer begleitet von ſeinen zwei Mönchen, vor, verbeugte ſich vor dem Hochaltar, kniete vor dem Prior nieder und ſprach: „Ich bitte und flehe Dich an, o Gebieter und Beherrſcher unſeres Lebens und unſeres Todes, wie der Prieſter aus meinen Händen mit den ſeinen die Kerze nimmt, die ich ihm in aller Demuth darbiete, ſo wolleſt Du meine Seele empfangen, die ich Deiner göttlichen Nachſicht empfehle, und ſie, wenn es Dir beliebt, im Schvoße Deiner Güte und Deiner un⸗ endlichen Barmherzigkeit aufnehmen!“ Da ſteckte der Prior die Kerze in einen Leuchter von maſſivem Silber, den der falſche Geſtorbene für dieſe große Veranlaſſung dem Kloſter geſchenkt hatte. Wonach Karl v. aufſtand und, immer begleitet von den zwei Mönchen, die ihm wie ſein Schatten folgten, ſich wieder auf ſeinen Stuhl ſetzte. Nach beendigter Meſſe dachte der Kaiſer, es bleibe ihm noch etwas zu thun, und man habe das Wichtigſte der Ceremonie vergeſſen: er ließ alſo eine Platte vom Chor aufheben und in der Tiefe eines zu dieſem Ende bereiteten Grabes eine Decke von ſchwarzem Sammet nebſt einem Kopfkiſſen ebenfalls von ſich Aug ihm das Cho gekle dieſe Han Prie Todt und zahlt ſprer Robe dem — e empr ternd Mön zurü 2 der E Müh 2 That einme daß Du: biete, einer Dir un⸗ uchter re für hatte. eitet atten *0 „e e das eine eines von nfalls 8o 273 von Sammet ausbreiten. Unterſtützt von den zwei Mönchen ſtieg er ſodann in das Grab hinab, legte ſich ſteif, die Hände auf der Bruſt gefaltet und die Augen geſchloſſen, nieder und machte ſo gut, als es ihm nur immer möglich, den Todten nach. Sogleich ſtimmte der das Amt haltende Prieſter das De Profundis clamavi an, und indeß der ganze Chor dies zu ſingen fortfuhr, gingen alle dieſe ſchwarz gekleideten Mönche, alle dieſe Edelleute und alle dieſe Diener in Trauerkleidern, mit der Kerze in der Hand und Thränen vergießend, in der Reihe, den Prieſter, der die Meſſe las, an der Spitze, um den Todten, und Jeder beſprengte ihn mit Weihwaſſer und wünſchte ſeiner Seele die ewige Ruhe. Die Ceremonie dauerte über zwei Stunden, ſo zahlreich waren diejenigen, welche das Weihwaſſer ſprengten; der Kaiſer wurde auch durch ſeine ſchwarze Robe benäßt, und dies machte, in Verbindung mit dem Winde, den die Spalten der Steine durchließen, — ein kalter, aus den Todtengewölben der Abtei emporſteigender Wind,— daß er ſich ganz ſchnat⸗ ternd erhob, als er, der Letzte mit ſeinen beiden Mönchen, der in der Kirche geblieben, in ſeine Zelle zurückkehren wollte. Da er ſich ſo erſtarrt und ſchauernd fühlte, ſagte der Kaiſer: „Meine Väter, ich weiß nicht, ob es wirklich der Mühe werth iſt, daß ich wieder auſſtehe!“ Als er in ſeine Zelle eintrat, war Karl V. in der That genöthigt, ſich zu Bette zu legen, und ſobald er einmal im Bette lag, ſtand er nicht mehr auf; ſo daß man in weniger als einem Monat nach der Dumas, der Page. 1. 18 — 274 Scheinceremonie die wirkliche Ceremonie feierte, und daß Alles, was man für den falſchen Tod bereitet hatte, für den wahren Tod diente. Am 21. September 1558 hauchte der Kaiſer den letzten Athem in den Armen des Erzbiſchofs von Toledo aus, der ſich zum Glück in Palencia befand, und den er zum letzten Male holen ließ, nach dem Verſprechen, das er ihm ſechs Monate vorher ge— macht, ihn in der Stunde ſeines Todes rufen zu laſſen. Er hatte ſiebenundfünfzig Jahre, ſieben Monate und einundzwanzig Tage gelebt; er hatte vierundvier⸗ zig Jahre geherrſcht, achtunddreißig Jahre das Reich regiert, und wie er am Feiertage eines Apoſtels, des heiligen Mathias, geboren war, ſo ſtarb er am Feiertage eines andern Apoſtels, des heiligen Mathäus, das heißt am 21. September. Der Pater Strada erzählt in ſeiner Geſchichte von Flandern, in der Nacht des Todes von Karl v. habe eine Lilie im Garten des Kloſters St. Juſt geblüht; hievon benachrichtigt, haben die Mönche die Lilie auf dem Hochaltare als einen unleugbaren Beweis von der Seelenreinheit des Kaiſers aus⸗ geſetzt. Es iſt etwas ſehr Schönes um die Geſchichte! Da wir uns nicht würdig erachteten, Geſchichtſchrei⸗ ber zu ſein, ſo ſind wir auch Romanendichter ge⸗ worden. Kar ſich genl Ger die Azu cade Par Tint anfit Hein von ſeine ſten jung den Herr und reitet rden von fand, dem r ge⸗ nzu onate wier⸗ Reich ſtels, ram häus, ichte arl v. Juſt önche baren aus⸗ ichte chrei⸗ ge⸗ Bweite Abtheilung. Der Hof von Frankreich. Etwas über ein Jahr nach der Abdankung von Karl v. in Brüſſel, um die Zeit, wo der Exkaiſer ſich in das Kloſter St. Juſt einſchloß, in dem Au⸗ genblicke, wo man von den Anhöhen von Saint⸗ Germain die Ernten der Ebene gelben ſah, und als die letzten Tage des Juli ihre Flammenwolken am Azurhimmel hinrollten, kam eine glänzende Caval⸗ cade aus dem alten Schloſſe hervor und ritt in den Park, deſſen große, ſchöne Bäume ſich in die warmen Tinten, welche die Maler ſo ſehr lieben, zu kleiden anfingen. Eine glänzende Cavalcade! denn ſie beſtand aus Heinrich II., ſeiner Schweſter Madame Margarethe von Frankreich, der ſchönen Herzogin von Valentinvis, ſeiner Geliebten, dem Dauphin Franz, ſeinem älte⸗ ſten Sohne, ſeiner Tochter Eliſabeth von Valvis, der jungen Königin von Schottland Maria Stuart und den ausgezeichnetſten Damen und den vornehmſten Herren, welche damals die Zierde und den Stolz des 276 Hauſes Valois bildeten, das zum Throne in der Perſon von König Franz I., der, wie geſagt, am 31. Mai 1547 ſtarb, gelangt war. Ueberdies verweilte auf dem luftigen Balcon des Schloſſes, geſtützt auf ein ſpitzenartig zartes, wun⸗ dervoll gearbeitetes Gitter, die Königin Catharina mit den zwei jungen Prinzen, welche ſpäter, der Eine König Karl IX. und der Andere König Heinrich III. waren,— der Prinz Karl damals ſieben Jahre alt, der Prinz Heinrich ſechs,— und derkleinen Margarethe, welche einſt Königin von Navarra ſein ſollte und erſt fünf Jahre zählte. Alle Drei, wie man ſieht, zu jung, um König Heinrich, ihren Vater, auf die Hetzjagd, welche ſtattfinden ſollte, zu begleiten. Die Königin Catharina hatte, um nicht an der Jagd Theil zu nehmen, eine leichte Unpäßlichkeit vor⸗ geſchützt, und da die Königin Catharina zu den Frauen gehörte, welche nichts ohne Grund thun, ſo hatte ſie ſicherlich, wenn nicht eine Unpäßlichkeit, doch einen Grund, um unpäßlich zu ſein. Da alle hier von uns genannte Perſonen beru⸗ fen ſind, eine höchſt thätige Rolle in der Geſchichte zu ſpielen, die wir zu erzählen unternommen, ſo wird der Leſer uns, ehe wir den abgebrochenen Faden der gleichzeitigen Ereigniſſe wiederanknüpfen, erlau⸗ ben, daß wir ihm ein phyſiſches und moraliſches Portrait von jeder dieſer Perſonen vor Augen ſtellen. Fangen wir mit Heinrich Il. an, der an der Spitze ritt und zu ſeiner Rechten Madame Margarethe, ſeine Schweſter, und zu ſeiner Linken die ſchöne Her⸗ zogin von Valentinvis hatte. Das war damals ein ſchöner, ſtattlicher Cavalier von ſchn mit wen bew übe Kri nen das ſein der er: Dic ſcho Ma oder hiel nig ſeine ſchä ten hört gute erklä Par Vert er ſe terhe zwöl der des vun⸗ rina Eine HM. alt, ethe, und ieht, die der vor⸗ uen ſie inen eru⸗ ichte wird aden lau⸗ ches llen. der ethe, Her⸗ alier 277 von neununddreißig Jahren, mit ſchwarzen Brauen, ſchwarzen Augen, ſchwarzem Bart, dunklem Teint, mit einer Adlernaſe und ſchönen weißen Zähnen; weniger groß, weniger muskelig, als ſein Vater, aber bewunderungswürdig gebaut in ſeiner Taille, welche über der mittleren Größe; dergeſtalt verliebt in den Krieg, daß er, wenn er nicht die Wirklichkeit in ſei⸗ nen Staaten oder in denen ſeiner Rachbarn hatte, das Bild davon an ſeinem Hofe oder mitten unter ſeinen Luſtbarkeiten haben wollte. Selbſt in Friedenszeiten war König Heinrich,— der von den Wiſſenſchaften nur ſo viel beachtete, als er nöthig hatte, um auf eine ehrenhafte Weiſe die Dichter zu belohnen, über welche er ſeine Anſichten ſchon ganz gemacht von ſeiner Schweſter Madame Margarethe, von ſeiner Geliebten, der ſchönen Diana, oder von ſeiner reizenden Mündel Maria Stuart er⸗ hielt,— auch in Friedenszeiten, ſagen wir, war Kö— nig Heinrich II. der am wenigſten müßige Menſch ſeines Reiches. Er theilte ſeine Tage auf folgende Art ein. Seine Morgen und ſeine Abende waren den Ge⸗ ſchäften geweiht; zwei Stunden am Morgen genüg⸗ ten ihm gewöhnlich, um ſie zu erpediren. Dann hörte er ſehr andächtig die Meſſe; denn er war ein guter Katholik, wie er dies dadurch bewies, daß er erklärte, er wolle mit ſeinen Augen den Rath im Parlamente Anna Dubourg verbrennen ſehen, ein Vergnügen, das er indeſſen nicht haben konnte, da er ſechs Monate, ehe der arme Hugenott zum Schei⸗ terhaufen geführt wurde, ſtarb. Auf den Schlag zwölf Uhr ſpeiſte er zu Mittag; wonach er mit den 278 Herren ſeines Hofes bei der Königin Catharina von Medici Beſuch machte, bei der er, wie Brantome ſagt, eine Menge menſchlicher Göttinnen fand, von denen die Einen immer ſchöner, als die Anderen. Hier, während er ſich mit der Königin oder ſeiner Schweſter, oder mit der kleinen Königin Dauphine Maria Stuart, oder den Prinzeſſinen ſeinen älteren Töchtern unterhielt, that jeder Herr von Hofe das⸗ ſelbe wie der König und plauderte mit der Dame, die ihm am beſten gefiel. Das währte ungefähr zwei Stunden; dann ging der König zu ſeinen Uebun⸗ gen über. Im Winter waren dieſe Uebungen das Ballſpiel, der Ballon oder das Mailleſpiel. Heinrich II. liebte leidenſchaftlich das Ballſpiel und war ſehr ſtark darin; er hielt übrigens das Spiel nie, ſondern er ſecundirte oder tiercirte“), das heißt, er wählte immer, vermöge ſeines abenteuerlichen Cha⸗ racters, die gefährlichſten und ſchwierigſten Plätze; er war auch der beſte Second und der beſte Tiers ſeines Königreichs, wie man damals ſagte. Indeſſen, obgleich er nie das Spiel hielt, war doch er es, den die Koſten des Spieles angingen: gewann er, ſo überließ er den Gewinn ſeinen Partnern; verloren dieſe, ſo bezahlte er für ſie. Die Partien betrugen gewöhnlich fünf bis ſechs⸗ *) Seeundiren heißt beim Ballſpiele dem erſten Spie⸗ ler, welcher ſich den Ball zuſpielen läßt, beiſtehen; tierciren den dritten Mann auf einer Seite bei der Corde abgeben. Der Ueberſ. hu ſeir tau vor bac vie ab un vo grr od gle kär fri der car no Ar un wi Kö nie Kö von ſagt, von eren. iner hine eren ame, fähr bun⸗ piel, ſpiel piel eißt, Cha⸗ ätze; ſſen, den „ſo oren pie⸗ hen; bei 279 hundert Thaler, und nicht, wie unter den Königen ſeinen Nachfolgern, viertauſend, ſechstauſend, zehn⸗ tauſend Thaler.„Doch,“ ſagt Brantome,„zur Zeit von Heinrich II. waren die Zahlungen ſchön und baar, während man in unſeren Tagen genöthigt iſt, viele anſtändige Vergleiche zu machen.“ Die anderen Lieblingsſpiele des Königs, welche aber nach dem Ballſpiele kamen, waren der Ballon und das Mailleſpiel, in welchen Uebungen er auch von erſter Stärke. Hatte ſich der Winter eingefunden, herrſchte eine große Kälte, und es war gefroren, ſo ging man nach Fontainebleau, und man glitt entweder in den Alleen oder auf den Teichen; gab es zu viel Schnee, um gleiten zu können, ſo machte man Baſteien, und man kämpfte mit Schneeballen; regnete es, ſtatt zu ge⸗ frieren oder zu ſchneien, ſo verbreitete man ſich in den unteren Sälen und beluſtigte ſich mit Fecht⸗ übungen. Von dieſer letzten Uebung war Herr von Bou⸗ card das Opfer geweſen: als der König, der damals noch Dauphin, einſt mit ihm focht, ſtach er ihm das Auge aus, ein Unfall, wofür er ihn redlich um Verzeihung bat, ſagt der Schriftſteller, dem wir dieſe Details entnehmen. Die Damen des Hofes wohnten allen dieſen Uebungen im Sommer und im Winter bei, denn der König meinte, die Gegenwart der Damen verderbe nie ein Ding, und verſchönere es ſogar. Am Abend, nach dem Mahle, kehrte man zur Königin zurück, und wenn dort kein Ball ſtattfand, — eine übrigens zu jener Zeit ziemlich ſeltene Be⸗ 280 luſtigung,— ſo blieb man zwei Stunden und plauderte. Das war der Augenblick, wo man die Dichter und die Männer der Wiſſenſchaft einführte, nämlich die Herren Ronſard, Daurat und Muret, ſo gelehrte Limouſins als je Rüben knarpelten, und die Herren Daneſius und Amyot, Hofmeiſter, der Eine vom Prinzen Franz und der Andere vom Prinzen Karl, und dann entſtanden unter dieſen berühmten Kämpen Gefechte der Wiſſenſchaft und der Poeſie, welche die Damen ſehr ergötzten. Eine einzige Sache,— wenn man zufällig daran dachte,— warf einen Trauerſchleier auf dieſen edlen Hof: das war eine am Tage der Thronbeſteigung von König Heinrich gemachte unglückliche Prophe⸗ zeiung. Ein Wahrſager, den man ins Schloß berufen, um ſeine Nativität zu ſtellen, hatte in Gegenwart des Connetable von Montmorency verkündigt, der König werde im Einzelnkampfe ſterben. Da hatte ſich dieſer ganz freudig, daß ihm ein ſolcher Tod verheißen war, gegen den Connetable umgedreht und zu ihm geſagt: „Höret Ihr, Gevatter, was dieſer Menſch mir verſpricht?“ Der Connetable, im Glauben, der König ſei er⸗ ſchrocken über dieſe Wahrſagung, erwiederte mit ſeiner gewöhnlichen Brutalität: „Wollt Ihr dieſen Halunken glauben, welche nur Schwätzer und Lügner ſind! Laßt mich die Prophe⸗ zeiung dieſes Burſchen und ihn damit in ein gutes Feuer werfen, daß er Euch ſolche grobe Lügen er⸗ zählen lerne!“ till tiſc gon ung Pri Hei ein wer Zal ſam unn ſich de 281 derte. Doch der König ſprach: und„Durchaus nicht, Gevatter; es geſchieht im Ge⸗ h die gentheile zuweilen, daß ſolche Leute die Wahrheit hrte ſagen. Und überdies iſt die Prophezeiung meiner d die Meinung nach nicht ſchlecht: ich will lieber dieſen Eine Tod ſterben, als einen andern, vorausgeſetzt indeſſen, nzen daß ich einem braven, tapferen Edelmann unterliege, mten und daß mir der Ruhm davon bleibt.“ eſie, Und ſtatt die Wahrſagung und den Aſtrologen ins Feuer zu werfen, belohnte er dieſen großmüthig, aran und gab die Prophezeiung zum Aufbewahren Herrn dlen de Aubeſpine, einem ſeiner guten Räthe, den er be⸗ ung ſonders in diplomatiſchen Angelegenheiten verwandte. phe⸗ Dieſe Wahrſagung war einen Augenblick wieder auf das Tapet gebracht worden, als Herr von Cha⸗ fen, tillon von Brüſſel zurückkam; denn man erinnert ſich, vart daß in ſeinem kleinen Hauſe im Park Kaiſer Karl v. den der Admiral erſucht hatte, ſeinen ſchönen Vetter Heinrich atte darauf aufmerſam zu machen, der Kapitän der ſchot⸗ Tod tiſchen Garde Gabriel de Lorges, Graf von Mont⸗ und gomery, habe zwiſchen beiden Augen ein gewiſſes unglückliches Zeichen, das den Tod von einem der mir Prinzen von der Lilie prophezeie. Doch nach einiger Ueberlegung erkannte König er⸗ Heinrich II., es ſei ſehr unwahrſcheinlich, daß er je iner ein Duell mit ſeinem Kapitän der Garden haben werde, und nachdem er die erſte Prophezeiung der nur Zahl der möglichen Dinge angereiht, welche Aufmerk⸗ he⸗ ſamkeit verdienen, reihte er die zweite zur Zahl der ites unmöglichen Dinge, welche nicht verdienen, daß man er⸗ ſich mit ihnen beſchäftigt, ſo daß er, ſtatt Gabriel de Lorges von ſich zu entfernen, wie es vielleicht ein 282 furchtſamerer Fürſt gethan hätte, Vertraulichkeit und Gunſt gegen ihn verdoppelte. Wir haben geſagt, zur Rechten des Königs ſei Madame Margarethe von Frankreich, die Tochter von Franz I., geritten. Beſchäftigen wir uns ein wenig mit dieſer Prin⸗ zeſſin, einer der vollendetſten Damen ihrer Zeit, welche mehr als jede Andere mit unſerem Gegen⸗ ſtande in Verbindung ſteht. Die Prinzeſſin Margarethe von Frankreich war geboren am 5. Juni 1523, in demſelben Schloſſe Saint⸗Germain, aus deſſen Thor wir ſie haben kommen ſehen, woraus hervorgeht, daß ſie in dem Momente, wo wir ſie vor den Augen des Leſers vorüberführen, dreiunddreißig Jahre und neun Mo⸗ nate zählte. Warum war eine ſo große und ſo ſchöne Prin⸗ zeſſin bis dahin ohne Gemahl geblieben? Dafür gab es zwei Gründe: den erſten hatte ſie laut und vor Allen geſagt, den zweiten wagte ſie vielleicht nicht einmal ſich ſelbſt leiſe zu ſagen. König Franz l. hatte ſie, als ſie noch ein junges Mädchen, an Herrn von Vendome, erſten Prinzen von Geblüt, verheirathen wollen; doch ſie, ſtolz bis zur Verachtung, hatte geantwortet, ſie würde nie einen Mann heirathen, der eines Tags der Unter⸗ than ihres Bruders wäre. Das iſt der Grund, den ſie laut angegeben, um Mädchen zu bleiben und nicht von ihrem Range als Prinzeſſin von Frankreich abzufallen. Vernehmen wir nun den, welchen ſie ſich ſelbſt gal We der fan vo un De unt nu En ſei Fre kau die tief har auf den ein auf Th wa die unt und ein tien die unt 283 und gab, und der ohne Zweifel die wahre Urſache ihrer Weigerung war. ſei Bei der Zuſammenkunft, welche in Nizza zwiſchen von dem Papſt Paul III. und dem König Franz I. ſtatt⸗ fand, beſuchte die Königin von Navarra den Herzog zrin⸗ von Savoyen, den Vater, im Schloſſe von Nizza Zeit, und brachte Madame Margarethe, ihre Nichte, mit. gen⸗ Der alte Herzog fand die junge Prinzeſſin reizend und ſprach von einer Heirath zwiſchen ihr und Ema⸗ war nuel Philibert. Die zwei Kinder ſahen ſich alſo; loſſe Emanuel aber, der ſich ganz und gar den Uebungen aben ſeines Alters, ſeiner Zärtlichkeit für Leona, ſeiner dem Freundſchaft für Scianca Ferro hingab, bemerkte eſers kaum die junge Prinzeſſin. Nicht daſſelbe war bei Mo⸗ dieſer der Fall: das Bild des jungen Prinzen war tief in ihr Herz eingedrungen, und als die Unter⸗ rin⸗ handlungen abgebrochen wurden und der Krieg ſich gab aufs Neue zwiſchen dem König von Frankreich und vor dem Herzog von Savoyen entſpann, empfand ſie nicht eine wahre Verzweiflung, eine Kindesverzweiflung, auf die Niemand merkte, und die ſich, lange von ihren nges Thränen genährt, in eine ſanfte Melancholie ver⸗ nzen wandelte, welche von der unbeſtimmten Hoffnung, bis die nie die zärtlichen und gläubigen Herzen verläßt, nie unterhalten wurde. nter⸗ Zwanzig Jahre waren ſeit jener Zeit verlaufen, und die Prinzeſſin Margarethe hatte bald unter dem um einen, bald unter dem andern Vorwand alle Par⸗ ange tien ausgeſchlagen, die ſich ihr geboten. Mittlerweile, bis die Zufälle des Schickſals oder elbſt die Beſchlüſſe der Vorſehung ihre geheimen Wünſche unterſtützten, war ſie herangewachſen, im Alter vor⸗ 284 gerückt, eine reizende Prinzeſſin voll Anmuth, Freund⸗ lichkeit und Mildherzigkeit, mit ſchönen goldblonden Haaren, kaſtanienbraunen Augen, einer etwas ſtarken Naſe, dicken Lippen und milchweißer Haut mit roſen⸗ farbigem Anflug geworden. Auf der andern Seite des Königs ritt, wie ge⸗ ſagt, Diana von Pvoitiers, Gräfin von Brezé, Toch⸗ ter von jenem Herrn von Saint Vallier, der, ein Mitſchuldiger des Connetable von Bourbon, zur Enthauptung auf der Grove verurtheilt worden war, und ſchon auf dem Schaffot, unter dem Schwerte des Henkers knieend als Gnade erlangt hatte,— wenn dies eine Gnade genannt werden kann,— die Ver⸗ wandlung ſeiner Strafe in ein lebenslängliches Ge⸗ fängniß beſtehend aus vier oben und unten zugemauertenſteinernen Wänden, an denen nur ein kleines Fenſter ſein ſollte, durch welches man ihm ſein Eſſen und ſein Trin⸗ ken reichen würde. Alles war Geheimniß und Wunder bei Diana, welche, 1499 geboren, in der Zeit, zu der wir ge⸗ langt ſind, achtundfünfzig Jahre alt war, und durch ihre ſcheinbare Jugend und ihre wirkliche Schönheit die ſchönſten Damen und die jüngſten Prinzeſſinnen des Hofes in den Schatten ſtellte; ſo daß der König ſie vor Allen und über Alle liebte. Man höre, was man Geheimnißvolles und Wun⸗ derbares von dieſer ſchönen Dame ſagte, welche 1548 von König Heinrich II. zur Herzogin von Valen⸗ tinois gemacht worden war. Vor Allem ſtammte ſie, wie man verſicherte, von der Fee Meluſine ab, und die Liebe, die der Kör die Abſ ihre Gel ſag Mao alle bert die ſol Gla zähl die von Zur ſetze plar link gege für gew weil ſie, 285 und⸗ König für ſie hegte, ſo wie dieſe ſeltſame Schönheit, nden die ſie bewahrt hatte, waren eine Wirkung dieſer rken Abſtammung. Diana von Saint Vallier hatte von oſen⸗ ihrer Ahnfrau, der großen Zauberin, das doppelte Geheimniß,— ein ſeltenes, magiſches Geheimniß, ge⸗— immer ſchön und immer geliebt zu ſein, geerbt. Loch⸗ Dieſe ewige Schönheit verdankte Diana, wie man ein ſagte, aus trinkbarem Golde beſtehenden Brühen.— zur Man weiß, welche Rolle das trinkbare Gold in war, allen chemiſchen Präparaten des Mittelalters ſpielte. des Dieſe Liebe ohne Ende verdankte ſie einem Zau⸗ enn berring, den der König von ihr erhalten, und der Ver⸗ die Kraft beſaß, den König ſie lieben zu machen, Ge⸗ ſo lange dieſer ihn tragen würde. ten Dieſes letzte Gerücht beſonders hatte großen nen Glauben gefunden, denn Frau von Nemours er⸗ urch zählte Jedem, der es hören wollte, die Anekdote, in⸗ die wir ſogleich auch erzählen werden. Der König wurde krank, die Königin Catharina na, von Medici ſagte zu Frau von Nemours: ge⸗„Meine liebe Herzogin, der König hat eine große urch Zuneigung für Euch; beſuchet ihn in ſeinem Zimmer, heit ſetzet Euch an ſein Bett, und während Ihr mit ihm nen plaudert, bemüht Euch, ihm vom dritten Finger der nig linken Hand den Ring zu ziehen, den er daran trägt: es iſt ein Talisman, den ihm Frau von Valentinois un⸗ gegeben hat, um ſich von ihm lieben zu machen.“ 48 Niemand bei Hofe hegte ein tiefes Wohlwollen len⸗ für Frau von Valentinvis, nicht als ob ſie böſe geweſen wäre, doch die Jungen liebten ſie nicht, rte, weil ſie beharrlich jung blieb, und die Alten haßten der ſie, weil ſie nicht alt werden wollte. Frau von Ne⸗ 286 mours unterzog ſich alſo gern dem Auftrage; ſie be⸗ gab ſich in das Gemach des Königs, ſetzte ſich an ſein Bett, und es gelang ihr, vom Finger von Heinrich den Ring zu ziehen, deſſen Kraft er ſelbſt nicht kannte; doch kaum war der Ring vom Finger des Kranken, da bat dieſer Frau von Nemours ſei⸗ nem Kammerdiener zu pfeifen.— Bekanntlich war dies bis auf Frau von Maintenon, welche die Klin⸗ geln erfand, für die Könige, die Prinzen und die vornehmen Herren die Art, ihren Leuten zu rufen. — Der Kranke bat alſo Frau von Nemours, ſeinem Kammerdiener zu pfeifen, welcher ſogleich eintrat und vom König den Befehl erhielt, ſeine Thüre für Jedermann zu ſchließen. „Selbſt für Frau von Valentinvis?“ fragte er⸗ ſtaunt der Kammerdiener. „Selbſt für Frau von Valentinois,“ erwiederte mit hartem Tone der König;„der Befehl geſtattet keine Ausnahme.“ Eine Viertelſtunde nachher erſchien Frau von Valentinvis an der Thüre des Königs, und der Ein⸗ tritt wurde ihr verweigert. Sie kam nach einer Stunde wieder: dieſelbe Wei⸗ gerung; nach zwei Stunden endlich öffnete ſie, trotz einer dritten Weigerung, mit Gewalt die Thüre, trat ein, ging gerade auf den König zu, nahm ſeine Hand, bemerkte, daß der Ring daran fehlte, erhielt das Geſtändniß deſſen, was vorgefallen war, und forderte Heinrich ſogleich auf, den Ring von Frau von Nemours zurückzuverlangen. Der Befehl des Königs, das koſtbare Juwel zurückzugeben, war ſo peremptoriſch, daß Frau von Nemours, die es noch nich vor ſan nig lan zun Ge es Go niß um las daß Dio ſpä ſint mit der We Ba Mo zwe wie ode zur ern in ſchie zu e be⸗ an von ſelbſt nger ſei⸗ war lin⸗ die fen. nem trat für er⸗ erte ttet von Fin⸗ Lei⸗ rotz trat eine ielt und rau des ſo och 287 nicht der Königin Catharina eingehändigt, aus Furcht vor dem, was geſchehen könnte, den Ring zurück⸗ ſandte. Sobald der Ring am Finger des Kö⸗ nigs war, hatte die Fee wieder ihre Macht er⸗ langt, welche überdies von dieſem Tage an beſtändig zunahm. Trotz der gewichtigen Autoritäten, welche dieſe Geſchichte mittheilen,— und man bemerke wohl, es handelt ſich, was die Brühen von trinkbarem Golde betrifft, um nicht weniger, als um das Zeug⸗ niß von Brantome, und bei der Sache mit dem Ringe um die Zeugſchaſt“ der Herren von Thou und Nico⸗ las Pasquier,— ſind wir verſucht, zu glauben, daß kein Zauber bei dieſem Wunder der ſchönen Diana von Paizias ſtattfand, das hundert Jahre ſpäter Ninon de Lenclos erneuern ſollte, und wir ſind geneigt, als ihr einziges und wahres Zauber⸗ mittel das Recept anzunehmen, das ſie Jedem gab, der es von ihr verlangte, nämlich, wie auch das Wetter war, und ſelbſt bei der größten Kälte, ein Bad in Brunnenwaſſer. Dabei ſtand jeden Morgen die Herzogin bei Tages auf, ritt zwei Stunden ſpazieren, legte ſich bei ihrer Rückehr wieder zu Bette und blieb darin bis Mittag leſend oder mit ihren Frauen plaudernd. Das war noch nicht Alles: jedes Ding war Stoff zur Discuſſion bei der ſchönen Diana, und die ernſteſten Geſchichtſchreiber haben, wie es ſcheint, in Beziehung auf ſie die erſte Bedingung der Ge⸗ ſchichte: die, den Beweis immer hinter der Anklage zu haben, vergeſſen. Mezeray erzählt,— und es iſt uns nicht unange⸗ 288 nehm, Möézeray bei einer Blöße zu faſſen,— Mäé⸗ zeray erzählt, Franz 1. habe die Begnadigung von Jean von Poitiers, dem Vater von Diana, nur bewilligt, nachdem er von ſeiner Tochter genommen, was ſie Koſtbarſtes gehabt. Dies ereignete ſich aber 1523; geboren 1499 war Diana vierund⸗ zwanzig Jahre alt, und ſeit zehn Jahren an Louis von Brezé verheirathet! Wir ſagen nicht, Franz I., der gewohnt, dies zu thun, habe der ſchönen Dame nicht gewiſſe Bedingungen auferlegt; doch es wurden von ihm nicht einem jungen Mädchen, wie Meézeray ſagt, dieſe Bedingungen auferlegt, und will man nicht den armen Herrn von Brezé, dem ſeine Witwe das herrliche Grabmal errichten ließ, das man in Rouen noch bewundert, ſehr verleumden, ſo kann man nicht annehmen, er habe den König der vier⸗ undzwanzigjährigen Frau nehmen laſſen, was das vierzehnjährige Mädchen Koſtbarſtes beſeſſen. Alles, was wir geſagt, hat übrigens nur Eines zum Zwecke: nämlich unſeren ſchönen Leſerinnen zu beweiſen, daß die von den Romanendichtern geſchrie⸗ bene Geſchichte mehr werth iſt, als die von den Hiſtorikern geſchriebene, einmal weil ſie wahrer, und dann weil ſie unterhaltender iſt. Kurz,— zu dieſer Zeit Witwe ſeit ſechsund⸗ zwanzig Jahren von ihrem Gatten, Geliebte von Heinrich II. ſeit einundzwanzig Jahren, hatte Diana, trotz ihrer wohlgezählten achtundfünfzig Jahre, den glatteſten, ſchönſten Teint, den man ſehen konnte, ſchöne gelockte Haare vom glänzendſten Schwarz, eine bewunderungswürdig geformte Taille, einen Hals und eine Bruſt ohne Fehler. von Jal rech mac die eſſir nich Abſ ſo Hof Wit Lieb ſchör als zu n der Frq Vale ner Bra c drei Drei c Knal matt auße denn druck Du Mé⸗ von nur nen, nete ind⸗ is B ame den ray nan twe in mnn ier⸗ das nes zu rie⸗ en nd nd⸗ on na, en te, rz, ls 289 Das war wenigſtens die Anſicht des Connetable von Montmorency, der, obgleich ſelbſt vierundſechzig Jahre alt, bei der ſchönen Herzogin gewiſſe Vor⸗ rechte genoß, welche den König ſehr eiferſüchtig ge⸗ macht hätten, wäre es nicht abgemacht, daß immer die Leute, welche eine Sache zuerſt zu wiſſen inter⸗ eſſirt ſind, dieſelbe zuletzt erfahren oder ſogar gar nicht erfahren. Man verzeihe uns dieſe lange hiſtoriſch⸗kritiſche Abſchweifung; verdiente aber eine Frau von dieſem ſo anmuthreichen, ſo gebildeten und ſo galanten Hofe die Mühe, ſo war es ſicherlich die, welche ihre Witwenfarben, Weiß und Schwarz, ihren königlichen Liebhaber hatte tragen laſſen und ihm durch ihren ſchönen, heidniſchen Namen den Gedanken eingeflößt, als Wappen einen Halbmond mit dem Wahlſpruche zu nehmen: Ponec totum impleat orbem! Wir haben geſagt, hinter König Heinrich II., der zu ſeiner Rechten Madame Margarethe von Frankreich und zu ſeiner Linken die Herzogin von Valentinois gehabt, ſei der Dauphin Franz mit ſei⸗ ner Schweſter Eliſabeth zur Rechten und ſeiner Braut Maria Stuart zur Linken gekommen. Der Dauphin zählte vierzehn Jahre, Eliſabeth dreizehn, Maria Stuart dreizehn,— vierzig alle Drei miteinander. Der Dauphin war ein ſchwacher, kränklicher Knabe mit bleicher Geſichtsfarbe, braunen Haaren, matten Augen ohne einen beſtimmten Ausdruck, außer wenn ſie die junge Maria Stuart anſchauten, denn dann belebten ſie ſich und nahmen einen Aus⸗ druck des Verlangens an, der aus dem Kinde einen Dumas, der Page. I. 19 290 jungen Mann machte. Wenig geneigt zu den ge⸗ waltigen Uebungen, die ſein Vater beſonders liebte, ſchien er einer unabläßigen Abzehrung preisgegeben, deren Urſache die Aerzte vergebens ſuchten, aber vielleicht, geleitet durch die Pamphlete der Zeit, in dem Kapitel der zwölf Cäſaren, wo Sueton die Luſtfahrten in der Sänfte von Nero mit ſeiner Mutter Agrippina erzählt, gefunden hätten. Be⸗ merken wir indeſſen ſogleich, daß in ihrer doppelten Eigenſchaft als Fremde und als Katholikin Catharina von Medici ſehr gehaßt war, und daß man nicht ohne Prüfung Alles glauben darf, was die Pas⸗ quille und Satyren jener Zeit ſagten, welche faſt ins⸗ geſammt aus der calviniſtiſchen Preſſe hervorgingen. Der frühzeitige Tod der jungen Prinzen Franz und Karl, denen ihre Mutter Heinrich vorzog, trug nicht wenig dazu bei, allen dieſen boshaften Gerüchten, welche durch die Jahrhunderte bis zu uns, bekleidet mit einer beinahe geſchichtlichen Authenticität, gelangt ſind, Glauben zu verſchaffen. Die Prinzeſſin Eliſabeth, obgleich ſie ein Jahr weniger als der Dauphin zählte, war viel mehr eine Jungfrau, als er ein Jüngling war. Ihre Geburt war zugleich eine Privatfreude und ein öffentliches Glück geweſen; denn in dem Momente, wo ſie das Tageslicht erblickte, wurde der Friede zwiſchen Franz I. und König Heinrich vIII. unterzeichnet. So brachte diejenige, welche ſich verheirathend den Frieden mit Spanien bringen ſollte, bei ihrer Geburt den Frie⸗ den mit England. Ihr Vater Heinrich II. ſchätzte ſie übrigens ſo hoch wegen ihrer Schönheit und wegen ihres Charakters, daß er, als er ihre jüngere ge⸗ ebte, eben, aber in die einer Be⸗ elten wina nicht Pas⸗ ins⸗ igen. und nicht hten, eidet angt Jahr eine burt iches das nz I. achte mit Frie⸗ ätzte und gere 291 Schweſter, Madame Claude, an den Herzog von Lothringen verheirathet hatte, Einem, der ihm vor⸗ ſtellte, welches Unrecht er ſeiner älteren Tochter durch dieſe Heirath anthue, antwortete:„Meine Tochter Eliſabeth gehört nicht zu denjenigen, welche ſich da⸗ mit begnügen, daß ſie ein Herzogthum zur Mitgift erhalten; ſie braucht ein Königreich, und zwar keines von den geringſten, ſondern eines der größten und edelſten, ſo edel und groß iſt ſie in Allem!“ Sie bekam das verſprochene Königreich, und mit ihm das Unglück und den Tod. Ach! es erwartete kein beſſeres Lvos die ſchöne Maria, welche zur Rechten des Dauphin, ihres Bräutigams, ritt. Es gibt Mißgeſchicke von einem ſolchen Wieder⸗ hall, daß ſie ein Echo durch die ganze Velt erweckt haben, und nachdem ſie auf diejenigen, welche der Gegenſtand verſelben waren, die Blicke ihrer Zeit⸗ genoſſen gezogen, wieder auf ſie durch die Jahr⸗ hunderte, ſo oft ein ausgeſprochener Name an ſie er⸗ innert, die Augen der Nachwelt ziehen. So ſind die ein wenig verdienten Mißgeſchicke der ſchönen Maria, Mißgeſchicke, welche dergeſtalt das gewöhnliche Maß überſchritten, daß die Fehler und ſogar die Verbrechen vor der übertriebenen Strafe verſchwunden ſind. Doch damals verfolgte die kleine Königin von Schottland freudig ihren Weg in einem bei ſeinem Eingange durch den Tod ihres Vaters, des ritter⸗ lichen Jacob v., getrübten Leben: ihre Mutter trug für ſie die dornenvolle Krone von Schottland, welche nach dem letzten Worte ihres Vaters,„durch eine 292 Tochter gekommen war und durch eine Tochter gehen ſo ge ſollte!“ Am 20. Auguſt 1548 war ſie in Morlair eingetroffen, und hatte zum erſten Male die Erde Frankreichs betreten, wo ihre einzigen ſchönen Tage vergingen. Sie brachte mit ſich jene Guirlande von ſchottiſchen Roſen, welche man die vier Marien nannte, die von demſelben Alter, von demſelben Jahre, von demſelben Monate waren wie ſie, und Maria Fle⸗ ming, Maria Livingſton, Maria Seaton und Maria Beaton hießen. Es war zu jener Zeit ein anbetungs⸗ würdiges Kind, und allmälig heranwachſend war ſie ein anbetungswürdiges Mädchen geworden. Ihre Oheime, die Guiſe, welche in ihr die Verwirklichung ihrer weitumfaſſenden ehrgeizigen Pläne zu ſehen glaubten, und nicht zufrieden, ihre Herrſchaft über Frankreich zu erſtrecken, dieſelbe durch Maria über Schottland, vielleicht ſogar über England erſtreckten, umgaben ſie mit einem wahren Cultus. So ſchrieb der Cardinal von Lothringen an ſeine Schweſter Maria von Guiſe: „Eure Tochter iſt gewachſen und wächſt alle Tage an Güte, Schönheit und Tugend. Der König bringt ſeine Zeit damit zu, daß er mit ihr plaudert, und ſie weiß eben ſowohl gute und vernünftige Reden zu führen, als es eine Frau von fünfundzwanzig Jah⸗ ren thun würde.“ Uebrigens war es wohl die Knoſpe dieſer glühen⸗ den Roſe, die ſich der Liebe und der Wolluſt öffnen ſollte. Während ſie nichts von dem zu thun wußte, was ihr nicht gefiel, that ſie im Gegentheile mit Leidenſchaft Alles, was ihr gefiel. Tanzte ſie, ſo geſchah es gerade, bis ſie erſchöpft niederfiel; ritt ſie, ner e veru kelnd gebet Wun Wun ihven ſere um e 1 welch ſten ſie d heimt liſch, und ten ihren führt von bleau Plaft den nardt den ten, Delo reizer des( eine ſonde een rlaix Erde Tage von nnte, von Fle⸗ taria ngs⸗ r ſie Ihre hung ſehen über über ckten, ſeine Tage ringt und n zu Jah⸗ ühen⸗ ffnen ußte, mit e, ſo tt ſie, 293 ſo geſchah es im Galopp und bis ſich der beſte Ren⸗ ner ergeben hatte; wohnte ſie einem Concerte bei, ſo verurſachte ihr die Muſik elektriſche Schauer. Fun⸗ kelnd von Edelſteinen, gehätſchelt, umſchmeichelt, an⸗ gebetet, war ſie mit dreizehn Jahren eines der Wunder dieſes Hofes der Valvis, der ſo voll von Wundern. Catharina von Medici, welche außer ihrem Sohne Heinrich nicht viel liebte, ſagte:„Un⸗ ſere kleine ſchottiſche Königin braucht nur zu lächeln, um alle franzöſiſchen Köpfe zu verdrehen.“ Und von allen den reizenden Lobeserhebungen, welche die Vornehmſten des Hofes und die trefflich⸗ ſten Dichter der Zeit an ſie verſchwendeten, begriff ſie die Feinheiten; Proſa und Verſe hatten keine Ge⸗ heimniſſe für ſie; ſie ſprach Griechiſch, Lateiniſch, Eng⸗ liſch, Spaniſch und Franzöſiſch; wie ihr die Poeſie und die Wiſſenſchaft eine Krone bildeten, ſo forder⸗ ten die anderen Künſte ihre Aufmunterung. Bei ihren Hofreiſen, die ſie von Reſidenz zu Reſidenz führten, ging ſie von Saint⸗Germain nach Chambord, von Chambord nach Fontainebleau, von Fontaine⸗ bleau nach dem Louvre; hier blühte ſie unter den Plafonds von Primaticcio, den Bildern von Titian, den Fresken von Roſſo, den Meiſterwerken von Leo⸗ nardo da Vinci, den Statuen von Germain Pilon, den Sculpturen von Jean Goujon, den Monumen⸗ ten, den Säulenhallen, den Kapellen von Philibert Delorme, ſo daß man, ſah man ſie ſo ppetiſch, ſo reizend, ſo vollkommen unter allen dieſen Wundern des Genies, verſucht war, zu glauben, es ſei nicht eine dem Menſchengeſchlechte angehörende Schöpfung, ſondern eine Verwandlung der von Galatea ähnlich, 294 eine Venus, die ſich von der Leinwand losgemacht, eine Hebe, die von ihrem Piedeſtal herabgeſtiegen. Und nun wollen wir, da uns der Pinſel des Malers fehlt, es verſuchen, mit der Feder des Ro⸗ manendichters eine Idee von dieſer berauſchenden Schönheit zu geben. Sie war, wie geſagt, im vierzehnten Jahre. Ihr Teint hatte Theil an der Lilie, an der Pfirſiche und an der Roſe, ein wenig mehr vielleicht an der Lilie, als an allem Uebrigen. Ihre hohe, am oberen Theile gewölbte Stirne ſchien der Sitz einer ſtolzen Würde, zugleich— ſeltſame Miſchung!— voll Sanftmuth, Verſtand und Kühnheit zu ſein. Man fühlte, zu⸗ ſammengepreßt durch dieſe Stirne, hingeſpannt gegen die Liebe und das Vergnügen, werde die Wolluſt über die gewöhnlichen Leidenſchaften hinausſpringen und, wenn es ſein müſſe, um ihre deſpotiſchen In⸗ ſtincte zu befriedigen, bis zum Verbrechen gehen. Fein, zart, aber dennoch feſt, war ihre Naſe adler⸗ artig wie die der Guiſe. Ihr Ohr zeichnete ſich klein und gerollt wie eine Muſchel von Perlmutter mit roſigem Schimmer unter ihrem beweglichen Schlafe. Ihre braunen Augen, deren Tinte zwiſchen der Kaſtanienfarbe und dem Veilchenblau ſchwebte, waren von einer feuchten und dennoch flammenden Durch⸗ ſichtigkeit unter ihren braunen Wimpern, unter ihren mit einer antiken Reinheit gezeichneten Brauen. Zwei reizende Falten vollendeten an ſeinen beiden Winkeln einen Mund mit purpurnen, bebenden, leicht geöff⸗ neten Lippen, der lächelnd die Freude um ſich her zu verbreiten ſchien, und darunter fand ſich ein Kinn friſch, weiß, gerundet und verloren in Conturen, deren um len an ihr ſich rin ker— der unt Ge ſal die har ner leut ode ten von Ger lier zurt Me blie acht, egen. des Ro⸗ nden Ihr und Lilie, heile ürde, uth, zu⸗ een luſt ngen In⸗ hen. dler⸗ klein mit lafe. der aren uch⸗ hren Zwei keln eöff⸗ her inn eren 295 unmerkliches Zurücklaufen ſich an einen Hals wel⸗ lenförmig und ſammetartig wie der eines Schwans anſchloß. Das war diejenige, welche Ronſard und du Bellay ihre zehnte Muſe nannten; das war der Kopf, der ſich zwanzig Jahre ſpäter auf den Block von Fothe⸗ ringay legen, und den vom Leibe das Beil des Hen⸗ kers von Eliſabeth trennen ſollte. Ach! wäre ein Magier gekommen und würde 3 der ganzen Menge, welche die glänzende Cavalcade 3 unter die großen Bäume des Parkes von Saint⸗ Germain eindringen ſah, geſagt haben, welches Schick⸗ ſal dieſer Könige, dieſer Prinzen, dieſer Prinzeſſinnen, dieſer adeligen Herren und dieſer vornehmen Damen harrte, hätte wohl ein Zwillichkittel oder ein wolle⸗ ner Rock ſein Geſchick gegen das dieſer ſchönen Edel⸗ leute mit ihren Wämmſern von Sammet und Seide, oder dieſer ſchönen Damen mit ihren von angeſtick⸗ ten Perlen glänzenden Leibern und ihren Kleidern 3 von Goldbrocat vertauſchen wollen? 3 Laſſen wir die Cavalcade ſich unter den dunklen Gewölben der Kaſtanienbäume und der Buchen ver⸗ 6 lieren und kehren wir in das Schloß Saint⸗Germain 3 zurück, wo, wie wir erwähnt haben, Catharina von Medici unter dem Vorwande einer Unpäßlichkeit ge⸗ blieben war. IH. Die Jagd des Königs. Kaum waren die Pagen und die Stallmeiſter, 296 welche die letzten Reihen des Cortége bildeten, im Dickicht der auf die großen Bäume foigenden Schläge verſchwunden, als Catharina ſich vom Balcon zurück⸗ zog, Karl wieder zu ſeinem Hofmeiſter, Heinrich zu ſeinen Frauen ſchickte, und mit der kleinen Marga⸗ rethe blieb, welche noch zu jung war, als daß man ſich um das, was ſie ſehen oder hören konnte, be⸗ kümmert hätte. Sie hatte ſich eben von ihren zwei Söhnen ent⸗ fernt, als ihr vertrauter Kammerdiener eintrat und ihr meldete, die zwei von ihr erwarteten Perſonen ſeien in ihrem Cabinet zu ihren Befehlen. Sie ſtand ſogleich auf, ſchwankte einen Augen⸗ blick, ob ſie nicht die Prinzeſſin wegſchicken ſollte, wie ſie die kleinen Prinzen weggeſchickt hatte, da ſie aber ohne Zweifel ihre Gegenwart für wenig gefährlich erachtete, ſo nahm ſie Margarethe bei der Hand und ging mit ihr in ihr Cabinet. Catharina von Medici war damals eine Frau von achtunddreißig Jahren, von ſchöner, reicher Ge⸗ ſtalt und großer Majeſtät. Sie hatte ein angeneh⸗ mes Geſicht, einen ſehr hübſchen Hals und herrliche Hände. Ihre ſchwarzen Augen waren faſt immer verſchleiert, ausgenommen, wenn ſie im Grunde des Herzens ihrer Gegner zu leſen nöthig hatte: dann hatte ihr Blick den doppelten Glanz und die doppelte Schärfe zweier aus der Scheide gezogener und gleichzeitig in dieſelbe Bruſt getauchter Schwer⸗ ter, in welcher Bruſt ſie blieben, bis ſie ſeine letzten Tiefen erforſcht hatten. Sie hatte viel gelitten und viel gelächelt, um ihre Leiden zu verbergen. Anfangs, während der zehn erſt ren ver zu unt erb rai geb der ein ſen Kö ihr ein dur ihr Sd ſen wa der übe wie mit ſtre Ca im läge rück⸗ h zu rga⸗ man be⸗ ent⸗ und nen gen⸗ wie aber rlich und rau Ge⸗ neh⸗ liche mer nde tte: die ner ver⸗ zten ihre 297 erſten Jahre ihrer Ehe,— welche unfruchtbar wa⸗ ren, und wo zwanzig Mal davon die Rede, ſie zu verſtoßen und dem Dauphin eine andere Gemahlin zu geben,— beſchützte ſie die Liebe von dieſem allein und kämpfte beharrlich gegen den furchtbarſten, un⸗ erbittlichſten von allen Gründen, gegen die Staats⸗ raiſon. Endlich, 1544, nach einer elfjährigen Che, gebar ſie den Prinzen Franz. Doch ſchon ſeit neun Jahren war ihr Gemahl der Liebhaber von Diana von Poitiers. Vielleicht, wenn ſie vom Anfange ihrer Ehe an eine glückliche Mutter, eine fruchtbare Gattin gewe⸗ ſen wäre, vielleicht hätte ſie als Frau und als Königin gekämpft gegen die ſchöne Herzogin; doch ihre Unfruchtbarkeit erniedrigte ſie unter den Rang einer Maitreſſe: ſtatt zu kämpfen beugte ſie ſich, und durch ihre Demuth erkaufte ſie ſich die Protection ihrer Nebenbuhlerin. Mehr noch, dieſe ganze ſchöne Herrlichkeit vom Schwerte, alle dieſe glänzenden Kriegsleute, die den Adel nur ſchätzten, wenn es eine im Blute gewach⸗ ſene und auf dem Schlachtfelde gepflückte Blume war, hielten wenig auf die Handel treibende Race der Medici. Man machte Wortſpiele über den Namen und über das Wappen; ihre Vorfahren waren Medieciner, Medici; ihr Wappen waren, nicht Kanonenkugeln, wie ſie ſagten, ſondern Pillen. Selbſt Maria Stuart, die mit ihrer hübſchen Kindeshand Frau von Valentinvis ſtreichelte, machte zuweilen eine Kralle daraus, um Catharina zu kratzen. „Geht Ihr mit uns zu der Florentiner Krä⸗ A R 298 merin?“ ſagte ſie zum Connetable von Montmo⸗ rench. Catharine verſchluckte alle dieſe Beleidigungen: ſie wartete. Worauf wartete ſie? Sie wußte es ſicherlich ſelbſt nicht. Heinrich II., ihr königlicher Gemahl, war von demſelben Alter wie ſie, und von einer Geſundheit, die ihm lange Tage verſprach. Gleichviel, ſie wartete mit der Hartnäckigkeit des Genies, das, ſeinen eigenen Werth fühlend und ſchätzend, begreift, daß ihm, da Gott nichts Unnützes macht, die Zukunft nicht fehlen kann. Sie hatte ſich ſodann auf die Seite der Guiſe gewandt. Heinrich, ein ſchwacher Charakter, wußte nie allein Herr zu ſein: bald war er der Herr mit dem Connetable, und es waren die Guiſe, die den Kür⸗ zeren zogen, bald war er Herr mit den Guiſe, und der Connetable ſtand in Ungnade. Man hatte auch auf König Heinrich II. folgen⸗ den Viervers gemacht: „Sire, si vous laissez, comme Charles désire, Comme Diane veut, par trop vons gouverner, Fondre, pétrir, mollir, refondre et retourner, Sire, vous nétes plus, vous wétes plus que cire*) le *) Wir können nur den Sinn dieſes Verſes geben, da das Wortſpiel Sire und cire ſich nicht überſetzen läßt. Der Sinn iſt:„Sire, wenn Ihr Euch, wie Karl es wünſcht, wie Diana will, zu viel be⸗ herrſchen, ſchmelzen, kneten, erweichen, umſchmelzen und umdrehen laßt, Sire, dann ſeid Ihr nur noch Wachs.“ er, en ie e⸗ en 299 Man weiß, wer Diana war; Karl war der Car⸗ dinal von Lothringen. Uebrigens eine edle und ſtolze Familie, die Fa⸗ milie dieſer Guiſe! Als einſt der Herzog Claudius, in Begleitung ſeiner ſechs Söhne, um Franz 1. ſeine Huldigung darzubringen, zum Lever im Louvre kam, ſagte der König zu ihm:„Mein Vetter, ich halte Euch für einen ſehr glücklichen Mann, da ich Euch ehe Ihr ſterbt, in einer ſo ſchönen und ſo reichen Familie wiedergeboren werden ſehe!“ Und der Herzog Claudius hinterließ in der That, als er ſtarb, die reichſte, die gewandteſte und die ehrgeizigſte Familie des Königreichs. Dieſe von ihrem Vater dem König Franz I. vorgeſtellten ſechs Brüder hatten für ſich ungefähr achtmalhunderttauſend Livres Einkünfte, das heißt über vier Millionen von un⸗ ſerer gegenwärtigen Münze. Zuerſt kam der Aelteſte, der, welchen man den Herzog Franz den Balafré, den großen Herzog von Guiſe nannte. Seine Stellung bei Hofe war bei⸗ nahe die eines Prinzen von Geblüt. Er hatte einen Almoſenier, einen Zahlmeiſter, acht Secretäre, zwan⸗ zig Pagen, achtzig Officianten oder Dienſtleute, eine Jägerei, deren Hunde nur der grauen Race des Königs, genannt königliche Race, nachgaben; Ställe voll von berberiſchen Pferden, die er aus Africa, der Türkei und aus Spanien bezog; Höfe voll von un⸗ ſchätzbaren Falken, die ihm von Soliman und von allen anderen ungläubigen Fürſten, um ſeinem Ruhme zu huldigen, zugeſchickt wurden. Der König von Navarra ſchrieb an ihn, um ihm die Geburt ſeines Sohnes zu melden, der ſpäter Heinrich W. wurde. 300 Selbſt der Connetable von Montmorench, der hoch⸗ müthigſte Baron ſeiner Zeit, fing, wenn er ihm ſchrieb, ſeinen Brief an: Monſeigneur, und endigte ihn mit: Euer unterthänigſter, gehorſamſter Diener; und der Herzog Franz antwortete: Herr Connetable, und: Euer ſehr guter Freund; was übrigens nicht der Wahrheit entſprach, denn das Haus Guiſe und das Haus Montmorency lebten in ewigem Krieg. Man muß die Chroniken der Zeit geleſen haben, mögen ſie ſich unter der ariſtokratiſchen Feder von Herrn von Brantome entrollen, oder ſich Stunde für Stunde in das Tagebuch des Großberichterſtatters Pierre de lEſtville einregiſtriren, um ſich einen Be⸗ griff von der Macht dieſes privilegirten und tragiſchen Geſchlechts zu machen, das ſtark war auf der Straße, wie auf dem Schlachtfelde, das gehört wurde mitten auf den Kreuzwegen, in den Hallen, wie in den Cabineten des Louvre, von Windſor oder vom Vati⸗ can, wenn es durch den Mund des Herzogs Franz beſonders ſprach. Laſſen Sie ſich im Muſée d'Ar⸗ tillerie den Bruſtharniſch zeigen, den dieſer Aelteſte von den Guiſe bei der Belagerung von Metz trug, und Sie werden daran die Spur von fünf Kugeln ſehen, von denen drei ſicherlich tödtlich geweſen wä⸗ ren, wären ſie nicht an dem ſtählernen Walle matt geworden. Es war auch eine Freude für die Bevölkerung von Paris, wenn er aus dem Hotel Guiſe hervor⸗ kam, und bekannter und populärer als ſelbſt der König, auf Fleur⸗de⸗Lys oder Mouton reitend, — dies waren ſeine Lieblingspferde,— mit ſeinem Se der St ſei Ar wa Ro och⸗ hm gte ter rr d; nn ten 301 Wamms und ſeinen Beinkleidern von carmeſinrother Seide, ſeinem Sammetmantel, ſeiner Toque, auf der eine Feder von der Farbe ſeines Wammſes wogte, gefolgt von vierhundert Edelleuten, durch die Straßen der Hauptſtadt ritt. Da liefen Alle an ſeinen Weg, die Einen brachen Baumzweige ab, die Andern riſſen Blumen von ihren Stängeln, und ſie warfen Zweige und Blumen unter die Füße ſeines Roſſes und riefen:„Es lebe unſer Herzog!“ Und er, der ſich auf den Steigbügeln erhob, wie er es an Schlachttagen that, um weiter zu ſehen und die Streiche auf ſich zu ziehen, oder ſich nach rechts und nach links neigte, die Weiber, die Männer und die Greiſe höflich grüßte, den Mädchen zulä⸗ chelte, die Kinder ſtreichelte, er war der wahre König nicht vom Louvre, von Saint⸗Germain, von Fon⸗ tainebleau oder den Tournelles, ſondern der König der Straßen, der Kreuzwege, der Hallen; ein wahrer König, ein ächter König, da er der König der Her⸗ zen war! Auf die Gefahr, den Waffenſtillſtand zu brechen, den Frankreich ſo ſehr nöthig hatte, zögerte auch, als der Papſt Paul III.,— aus Veranlaſſung eines Privat⸗ ſtreites mit den Colonna, welche die Unterſtützung, die ſie in Philipp II. zu finden gehofft, ſo kühn ge⸗ macht hatte, die Waffen gegen den heiligen Stuhl zu ergreifen,— als der Papſt, ſagen wir, aus Ver⸗ anlaſſung dieſes Streites, den König von Spanien ſeines Königreiches Neapel verluſtig erklärte und dieſes Reich Heinrich II. anbot, zögerte der König auch nicht, zum Obergeneral des Heeres, das er 302 nach Italien ſchickte, den Herzog Franz von Guiſe zu ernennen. Allerdings ſtimmten bei dieſer Gelegenheit, zum erſten Male vielleicht, Guiſe und Montmorench über⸗ ein. Befand ſich Franz von Guiſe außer Frankreich, ſo war Anna von Montmorency die erſte Perſon des Königreichs, und während der große Feldhauptmann jenſeits der Berge ſeine Ruhmespläne verfolgte, ver⸗ folgte er, der ſich für einen Politiker hielt, am Hofe ſeine Pläne des Ehrgeizes, von denen der glühendſte im Augenblicke der war, ſeinen Sohn an Madame Diana zu verheirathen, eine legitime Tochter der Herzogin von Valentinvis und Witwe des Herzogs de Caſtro, aus dem Hauſe Farneſe, der beim Sturme von Hesdin getödtet worden. Der Herr Herzog Franz war alſo in Rom und führte Krieg gegen den Herzog von Alba. Nach dem Herzog Franz von Guiſe kam der Cardinal von Lothringen, ein großer Kirchenfürſt, der ſeinem Bruder wenig nachſtand und den Papſt Pius V. den Papſt jenſeits der Berge nannte. Das war, wie der Verfaſſer der Geſchichte von Maria Stuart ſagt, ein zweiſchneidiger Unterhändler, ſtolz wie ein Guiſe, verſchmitzt wie ein Italiener. Später ſollte er den großen Gedanken der Ligue faſſen, zur Reife bringen und ausführen, ein Gedanke, der ſeinen Neffen Schritt für Schritt die Stufen des Thrones erſteigen machte, bis zu dem Augenblicke, wo Oheim und Neffe vom Schwerte der Fünfund⸗ vierzig getroffen worden. Waren die ſechs Guiſe bei Hofe, ſo verfehlten die vier Jüngeren, der Her⸗ zog von Aumale, der Großprior, der Marquis d'El Leve Alle Kön man rege hatt dina mac daß ſen „hat dina ging nanr Scht beſu er v das betri Verl ihre alſo, Herz entw ( ſich auf ben ihrem uiſe zum ber⸗ eich, des ann ver⸗ ofe dſte ue der 98 me nd der ſt, 303 d'Elbeuf und der Cardinal von Guiſe nie, zuerſt zum Lever des Cardinals Karl zu kommen, dann gingen Alle zum Lever des Herzogs Franz, der ſie zum König führte. Uebrigens hatten Beide, der Eine als Kriegs⸗ mann, der Andere als Mann der Kirche, ihre Maß⸗ regeln für die Zukunft ergriffen: der Herzog Franz hatte ſich zum Herrn des Königs gemacht, der Car⸗ dinal Karl hatte ſich zum Liebhaber der Königin ge⸗ macht. Der ernſte lEſtoille erzählt die Sache ſo, daß der ungläubigſte Leſer keinen Zweifel über die⸗ ſen Punkt behält.„Einer meiner Freunde,“ ſagt er, „hat mir erzählt, als er mit dem Diener des Car⸗ dinals in einem Zimmer, welches in das der Königin ging, gelegen ſei, habe er gegen Mitternacht den ge⸗ nannten Cardinal, nur mit einem Schlafrocke auf den Schultern, vorüberkommen ſehen, um die Königin zu beſuchen, und ſein Freund habe ihm geſagt, wenn er von dem, was er geſehen, ſpräche, ſo würde er das Leben verlieren.“ Was die vier anderen Prinzen des Hauſes Guiſe betrifft, welche eine faſt bedeutungsloſe Rolle im Verlaufe dieſer Geſchichte ſpielen, ſo würden uns ihre Portraits zu weit führen. Beſchränken wir uns alſo, ſo ungenügend ſie find, auf die, welche wir vom Herzog Franz und vom Cardinal von Lothringen entworfen haben. Eben dieſen Cardinal von Lothringen, den man ſich bei Nacht nur mit einem Schlafrocke auf den Schultern zur Königin hatte bege⸗ ben ſehen, erwartete Catharina von Medici in ihrem Cabinet. 304 Catharina wußte, daß ſie ihn hier fand, doch ſie wußte nicht, daß er nicht allein war. Er hatte in der That einen jungen Mann von fünfundzwanzig bis ſechsundzwanzig Jahren bei ſich, der ſehr elegant, jedoch ſichtbar in Reiſekleidern war. „Ah! Ihr ſeid es, Herr von Nemours!“ rief die Königin, als ſie den jungen Mann erblicke; „Ihr kommt aus Italien. Was für Rachrichten von Rom?“ „Schlechte, Madame,“ erwiederte der Cardinal, während ſich der Herzog von Nemours vor der Kö⸗ nigin verbeugte. „Schlechte!... Sollte unſer lieber Vetter der Herzog von Guiſe geſchlagen worden ſein? Kehmt Euch in Acht! ſagtet Ihr mir ja, ſo würde ich nein antworten, ſo ſehr halte ich dies für unmöglich!“ „Nein, Madame,“ erwiederte der Herzog von Nemours„Herr von Guiſe iſt nicht geſchlagen; das iſt, wie Ihr ſagt, etwas Unmögliches! Doch er iſt verrathen von den Caraffa, verlaſſen vom Papſte ſelbſt, und er hat mich an den König abgeſandt, um ihm zu melden, die Stellung ſei weder für ſeinen Ruhm, noch für den von Frankreich länger haltbar, und er verlange entweder Verſtärkung oder ſeine Zu⸗ rückberufung.“ „Und nach unſerer Uebereinkunft, Madame, habe ich Herrn von Nemours zuerſt zu Euch geführt,“ ſprach der Cardinal. „Aber,“ verſetzte Catharina,„die Zurückberufung von Herrn von Guiſe, das iſt das Aufgeben der Anſprüche Frankreichs auf das Königreich Neapel und meiner Anſprüche auf das Herzogthum Toscana.“ ch ſie n ſich, war. rief ickte; chten inal, der ehmt nein von das r iſt pſte um nen bar, Zu⸗ abe rt,“ ing der pel a. 305 „Ja,“ ſagte der Cardinal;„doch bemerkt wohl, Madame, daß wir binnen Kurzem den Krieg in Frankreich haben müſſen, und dann handelt es ſich nicht mehr um die Wiedereroberung von Neapel und Florenz, ſondern um die Beſchützung von Paris.“ „Wie, Paris? Ihr ſcherzt, Herr Cardinal. Mir ſcheint, Frankreich kann Frankreich vertheidigen, und Paris beſchützt ſich ganz allein.“ „Ich befürchte, Ihr ſeid in einem Irrthum be⸗ griffen,“ entgegnete der Cardinal.„Das Beſte von unſeren Truppen iſt, auf den Waffenſtillſtand zäh⸗ lend, mit meinem Bruder nach Italien gezogen, und allerdings, ohne das zweideutige Benehmen des Car⸗ dinals Caraffa, ohne den Verrath des Herzogs von Parma, der vergeſſen hat, was er dem König von Frankreich ſchuldig war, um zur Partei des Kaiſers überzugehen, hätten uns die Fortſchritte, die man auf der Seite von Neapel gemacht, und die Noth⸗ wendigkeit, in der ſich König Philipp II. befand, ſich zu entblößen, um Neapel zu beſchirmen, vor einem Angriffe geſchützt. Doch heute, da Philipp II. verſichert iſt, daß das, was er an Mannſchaft in Italien hat, genügt, um uns im Schach zu halten, wird er die Augen gegen Frankreich wenden und unfehlbar ſeine Schwäche benützen; abgeſehen davon, daß der Reffe des Herrn Connetable eine Unbeſon⸗ nenheit begangen hat, welche dieſem Waffenſtillſtands⸗ bruche durch den König von Spanien einen Anſchein von Gerechtigkeit geben wird.“ „Ihr meint ſein Unternehmen auf Douai?“ ſagte Catharina. „Ganz richtig.“ Dumas, der Page. I. 20 306 „Hört,“ ſprach die Königin,„Ihr wißt, daß ich den Admiral nicht mehr liebe, als Ihr ihn ſelbſt liebet: demolirt alſo, ich verhindere Euch nicht daran; im Gegentheil, ich werde Euch mit meiner ganzen Macht unterſtützen.“ „Was beſchließt Ihr mittlerweile?“ fragte der Cardinal. Und als er ſah, daß Catharina zögerte, fügte er bei: „Oh! Ihr könnt vor Herrn von Nemours ſpre⸗ chen; er iſt auch von Savoyen doch eben ſo ſehr unſer Freund, als der Prinz Emanuel Philibert un⸗ ſer Feind iſt.“ „Beſchließt ſelbſt, mein lieber Cardinal,“ erwie⸗ derte Cathatina, indem ſie einen ſchiefen Blick auf den Prälaten warf;„ich bin nur ein Weib, deſſen ſchwacher Geiſt nicht viel von der Politik verſteht... Beſchließt alſo.“ Der Cardinal hatte den Blick von Catharina be⸗ griffen: für ſie gab es keine Freunde, es gab nur Genoſſen. „Gleichviel,“ ſagte Karl von Guiſe,„ſprecht immerhin eine Meinung aus, Madame, und ich werde mir erlauben, ſie zu bekämpfen, wenn ich ſie im Wi⸗ derſpruche mit der meinen finde.“ „Nun, ich denke, der König, der das einzige Oberhaupt des Staates, iſt der Einzige, der vor Allen von den wichtigen Dingen unterrichtet werden muß. Meiner Anſicht nach muß alſo der Herr Her⸗ zog, wenn er nicht zu müde, ein Pferd nehmen, ſich zum König begeben, wo er ſich auch finden mag, und ihm vor irgend Jemand die Nachrichten mittheilen, — aß ſt en er te re⸗ hr n⸗ ie⸗ uf ——— 307 zu deren Herrin mich Eure wohlwollende Freundſchaft, mein lieber Cardinal, zu meinem großen Bedauern vor ihm gemacht hat.“ Der Cardinal wandte ſich gegen den Herzog von Nemours um, als wollte er ihn befragen. Doch dieſer verbeugte ſich und ſagte: „Monſeigneur, ich bin nie müde, wenn es ſich um den Dienſt des Königs handelt.“ „Dann will ich Euch ein Pferd geben laſſen,“ ſprach der Cardinal,„und für jeden Fall die Secre⸗ täre benachrichten, es werde beim König bei ſeiner Rückkehr von der Jagd Rath gehalten werden... Kommt, Herr von Nemours.“ Der junge Herzog verbeugte ſich ehrerbietig vor der Königin und ſchickte ſich an, dem Herrn Cardi⸗ nal von Lothringen zu folgen, als Catharina leicht den Arm von dieſem berührte. „Geht voran, Herr von Nemours,“ ſagte Karl von Guiſe. „Monſeigneur...“ verſetzte der Herzog von Nemours. „Ich bitte Euch.“ „Und ich,“ ſprach die Königin, indem ſie ihm ihre ſchöne Hand reichte,„ich befehle es Euch, Herr Herzog.“ Der Herzog, der ohne Zweifel einſah, die Köni⸗ gin habe ein letztes Wort dem Cardinal zu ſagen, machte keine Schwierigkeit mehr, zu gehorchen: er küßte der Königin die Hand, ging zuerſt hinaus und ließ abſichtlich den Vorhang hinter ſich fallen. „Was wolltet Ihr mir ſagen, meine theure Kö⸗ nigin?“ fragte der Cardinal. 308 „Ich wollte Euch ſagen,“ erwiederte Catharina: „der gute König Ludwig der Elfte, der gegen fünf⸗ malhunderttauſend Thaler, die er ihm geliehen, un⸗ ſerem Ahnherrn Lorenz von Medici die Erlaubniß gab, drei Lilien in unſer Wappen zu ſetzen, pflegte zu wiederholen:„„Wenn meine Nachtmütze mein Ge⸗ heimniß beſäße, ſo würde ich meine Nachtmütze ver⸗ brennen!““ Ueberlegt dieſe Marime des guten Königs Ludwig des Elften... Ihr ſeid zu ver⸗ traulich.“ Der Cardinal lächelte über den Rath, den man ihm gab: er, der für den mißtrauiſchſten Politiker ſeiner Zeit galt, hatte ein größeres Mißtrauen als das ſeine gefunden. Allerdings war es in der Florentinerin Catha⸗ rina von Medici. Der Cardinal drang ebenfalls durch den Thür⸗ vorhang, und er ſah den klugen jungen Mann, der ihn, um nicht der Neugierde beſchuldigt zu werden, zehn Schritte voraus im Corridor erwartete. Beide gingen in den Hof hinab, und Karl von Guiſe gab hier einem Pagen der Ställe Befehl, ſo⸗ gleich ein geſatteltes Pferd zu bringen. Der Page kam nach fünf Minuten, das Pferd an der Hand führend, zurück. Nemours ſchwang ſich mit der Eleganz eines vollendeten Reiters in den Sattel und ſprengte im Galopp durch die große Allee des Parkes. Der junge Mann hatte ſich erkundigt, welche Richtung die Jagd genommen, und man hatte ihm geantwortet, das Thier werde bei der Straße nach Poiſſy angegriffen werden. 5 er ho be ſtr ei un hie zu m wo jun vor Jä dac der noe ſell ind in⸗ tiß gte e⸗ en er⸗ an ker s in ße he m ch 309 Er nahm alſo ſeinen Lauf nach dieſer Seite in der Hoffnung, ſobald er zum Lanciren gekommen, werde ihn der Lärm der Hörner nach dem Punkte leiten, wo der König ſei. Doch in der Gegend der Straße nach Poiſſy ſah er und hörte er nichts. Ein Holzhauer, den er befragte, ſagte, die Jagd habe ſich raſch gegen Conflans gewendet. Er drehte ſogleich ſein Pferd nach der angege⸗ benen Seite. Kach einer Viertelſtunde, als er über eine Quer⸗ ſtraße ritt, erblickte er mitten auf einem Kreuzwege einen Reiter, der ſich auf ſeinen Steigbügeln erhob, um weiter zu ſehen, und ſeine Hand an ſein Ohr hielt, um beſſer zu hören. Dieſer Reiter war ein Jäger, welcher ſich offenbar zu orientiren ſuchte. So ſehr ſich dieſer Jäger auch verirrt haben mochte, er mußte über den Ort, wo ſich der König wahrſcheinlich finden würde, mehr wiſſen, als der junge Herzog, der kaum eine halbe Stunde vorher von Italien angekommen war. Herr von Nemours ritt auch gerade auf den Jäger zu. Dieſer, als er einen Reiter ſich ihm nähern ſah, dachte, er habe es mit Einem zu thun, der ihn über den Gang der Jagd unterrichten könnte, und ritt noch ein paar Schritte, vorwärts. Bald aber ſpornten Beide mit einer und der⸗ ſelben Bewegung ihre Pferde: ſie hatten ſich erkannt. Der verirrte Reiter, der ſich zu vrientiren ſuchte, indem er ſich auf den Steigbügeln erhob, um weiter 310 zu ſehen, und die Hand an ſein Ohr hielt, um zu hören, war der Kapitän der ſchottiſchen Garde. Die zwei Reiter begrüßten ſich mit der höflichen Vertraulichkeit, welche die vornehmen Herren jener Zeit bezeichnete. Der Eine, der Herzog von Ne⸗ mours, war allerdings von fürſtlichem Hauſe, der Andere, der Graf von Montgomery, war aber vom älteſten normänniſchen Adel, denn er ſtammte von jenem Roger von Montgomery ab, der Wilhelm den Baſtard bei der Eroberung von England begleitet hatte. Zu jener Zeit gab es in Frankreich einige Na⸗ men, die ſich den mächtigſten und glorreichſten Na⸗ men gleich glaubten, trotz der geringeren Titel, die ſie führten. So war es mit den Montmorency, die ſich nur Barone betitelten, mit den Rohan, welche nur Seigneurs, mit den Couch, welche nur Sires, und mit den Montgomery, welche nur Grafen waren. Montgomery hatte, wie es der Herzog von Ne⸗ mours gedacht, die Jagd verloren und ſuchte ſich zu orientiren. Der Ort, wo ſie ſich fanden, war übrigens gut hiefür gewählt, denn es war ein Kreuzweg auf einer Anhöhe, zu dem alle Geräuſche emporſteigen mußten, und der fünf bis ſechs Straßen beherrſchte, auf wel⸗ chen das Thier, wenn es getrieben wurde, unfehlbar paſſirte. Die jungen Leute, die ſich ſchon vor ſechs Mo⸗ naten verlaſſen, hatten tauſend wichtige Fragen an einander zu richten: Montgomery in Betreff des Hee⸗ res und der ſchönen Kriegsunternehmungen, welche Herr von Guiſe natürlich verſuchen mußte; der An⸗ — * — 60—* — ner ten, vel⸗ bar Mo⸗ an ee⸗ lche 31¹ dere in Betreff des franzöſiſchen Hofes und der ſchönen Liebesabenteuer, die ſich hier ereignen mußten. Sie waren ganz im Feuer dieſes intereſſanten Geſpräches, als der Graf von Montgomery ſeine Hand auf den Arm des Herzogs legte. Er hatte das entfernte Gebell der Meute zu hören geglaubt. Beide horchten; der Graf hatte ſich nicht ge⸗ täuſcht: am Ende einer langen Allee ſahen ſie plötz⸗ lich einen ungeheuren Keiler vorüberlaufen; fünßzig Schritte hinter ihm erſchienen die hitzigſten Hunde, dann kam der Kern der Meute, dem die Nachzügler folgten. Sogleich nahm Montgomery ſein Horn an den Mund und blies ein Signal, um diejenigen zu ver⸗ ſammeln, welche wie er verirrt ſein mochten; und ihre Zahl mußte groß ſein, denn auf der Fährte des Thieres paſſirten nun drei Perſonen: ein Mann und zwei Frauen. In dem Manne glaubten die zwei Officiere nach der Hitze, mit der er ſein Pferd antrieb, den König zu erkennen; doch die Entfernung war ſo groß, daß ſie unmöglich ſagen konnten, wer die zwei kühnen Amazonen waren, die ihm ſo nahe folgten. Die ganze übrige Jagd ſchien ſich verirrt zu haben. Der Herzog von Nemours und der Graf von Montgomery ſprengten in eine Allee, welche ihnen, in Betracht der vom Thiere verfolgten Richtung, die Jagd an der rechten Ecke abzuſchneiden erlaubte. Der König hatte in der That bei der Straße nach Poiſſy das Thier angejagt, das nach dem Jäger⸗ 312 Ausdrucke ein Bacher*) war. Das Schwein war mit der Steifheit, die dieſe Thiere charakteriſirt, aus dem Lager gewichen und gerade gegen Conflans zu gelaufen. Der König war ſogleich zum Lanciren blaſend auf der Fährte nachgeritten, und der ganze Hof war ihm gefolgt. Doch die Wildſchweine ſind ſchlechte Höflinge; das, mit welchem man es für den Augenblick zu thun hatte, ſtürzte ſich, ſtatt den Hochwald und die ſchönen Straßen zu wählen, in die buſchigſten Schläge und in das dichteſte Geſtrüppe, und ſo kam es, daß nach einer Viertelſtunde hinter dem Konig nur noch die hitzigſten Jäger waren und von allen Damen nur drei aushielten: Madame Margarethe, die Schweſter des Königs, Diana von Poitiers und die kleine Kö⸗ nigin von Schottland. Trotz des Muthes der von uns genannten hohen Jäger und Jägerinnen, hatten die Schwierigkeiten des Terrain, das Dickicht des Waldes, das die Rei⸗ ter Umwege zu machen nöthigte, und die großen ſta⸗ cheligen Stauden, über welche man unmöglich hinweg⸗ ſetzen konnte, dem Keiler und den Hunden bald er⸗ laubt, ſich in der Ferne zu verlieren; doch am Ende des Waldes hatte das Thier die Mauer gefunden und ſich zur Umkehr gezwungen geſehen. Einen Augenblick zurückgeblieben, aber ſicher ſei⸗ ner Race der grauen Hunde, hatte der König ange⸗ halten, was einigen Jägern Zeit gegeben, ihn ein⸗ zuholen; bald aber hatte ſich das Gebell der Hunde aufs Neue hören laſſen. *) Zweijähriger Keiler. ar zu en ze e; ie ge ch ==— 313 Der Theil des Waldes, nach welchem ſich das Thier wandte, war lichter als der andere, und ſo konnte der König ſeine Verfolgung mit der Chance, ſie zu Ende zu führen, wieder aufnehmen. Doch es geſchah, was ſchon zehn Minuten vorher geſchehen war: Jeder hielt nur nach ſeiner Stärke und ſeinem Muthe aus. Unter dieſem Hofe, der ganz aus ſchönen jungen Herren und galanten Da⸗ men beſtand, blieben übrigens auch Viele zurück, welche nicht gerade hiezu durch die Trägheit ihrer Pferde, durch das Dickicht des Waldes oder die Un⸗ ebenheiten des Terrain genöthigt waren, und dies bewieſen klar die Gruppen, die man an der Ecke der Alleen oder mitten auf Kreuzwegen ſtillſtehend fand, und die viel aufmerkſamer den angeknüpften Geſprächen zu folgen, als auf das Gebell der Hunde oder das Horn der Piqueurs zu horchen ſchienen. Darum wurde das Thier, als es vor dem Blicke von Montgomery und Nemours vorübergelaufen war, nur von einem Reiter, in welchem die jungen Leute den König zu erkennen geglaubt, und von zwei Da⸗ men verfolgt, die ſie nicht erkannt hatten. Es war in der That der König, der zuerſt, wenn das Thier in die Enge getrieben wäre, das heißt, in dem Augenblicke, wo es ſich mit dem Rücken an einen Baum, an ein Geſtrüppe, an einen Felſen anlehnen und den Hunden Stand halten würde, ankommen wollte. Die zwei Amazonen, die ihm folgten, waren Frau von Valentinois und die kleine Königin Maria, die Eine die beſte, die Andere die kühnſte Reiterin des ganzen Hofes. 31⁴ Der Keiler fing indeſſen an müde zu werden, und es war augenſcheinlich, er werde ſich bald ſtellen; die hitzigſten Hunde waren ihm ſchon ſo nahe, daß ſie ihn mit der Schnauze berühren konnten. Noch eine Viertelſtunde ſuchte er indeſſen durch die Flucht ſeinen Feinden zu entkommen; da er ſich aber immer näher bedrängt ſah, beſchloß er einen ſchönen Tod zu machen,— einen wahren Wildſchweins⸗ tod,— und als er eine Baumwurzel nach ſeiner Bequemlichkeit gefunden, lehnte er ſich grunzend daran an und ließ ſeine Kinnbacken an einander knirſchen. Kaum war er hier, als ſich die ganze Meute auf ihn ſtürzte und durch ihr verdoppeltes Gebell andeutete, das Thier ſtelle ſich. Mit dieſem Gebelle vermiſchte ſich bald das Horn des Königs. Heinrich war den Hunden ſo nahe folgend, als die Hunde dem Thiere folgten, ange⸗ kommen. Er ſchaute, während er blies, umher und ſuchte ſeinen Büchſenſpanner; doch er hatte weit hinter ſich ſelbſt die hitzigſten Piqueurs, ſogar diejenigen ge⸗ laſſen, deren Pflicht es war, ſich nie von ihm zu tren⸗ nen, und ſah nur mit der ganzen Geſchwindigkeit ihrer Pferde Diana und Maria Stuart, welche, wie geſagt, ausgehalten hatten, herbeireiten. Nicht eine Locke vom Haare der ſchönen Herzogin von Valentinois war in Unordnung gebracht, und ihr Sammettoquet ſaß oben auf ihrem Kopfe ſo feſt, als im Augenblicke ihres Abgangs. Die kleine Maria aber hatte Schleier und Toquet verloren, und ihre, im Winde zerſtreuten, ſchönen — — 31⁵ kaſtanienbraunen Haare zeugten, wie der reizende Purpur ihrer Wangen, vom Ungeſtüm ihres Rittes. Auf die gedehnten Töne, die der König mit ſei⸗ nem Horn blies, eilte der Büchſenſpanner, eine Büchſe in der Fauſt, die andere am Sattelbogen, herbei. Hinter ihm, durch das Dickicht des Waldes, ſah man, näher kommend, die goldenen Stickereien und die lebhaften Farben der Roben, der Wämmſer und der Mäntel glänzen. Das waren die Jäger, welche von allen Seiten ankamen. Das Thier that ſein Möglichſtes: von ſechzig Hunden zugleich angegriffen, hielt es allen ſeinen Feinden Stand. Während ſich die ſchärfſten Zähne an ſeiner borſtigen Haut abſtumpften, machte aller⸗ dings jeder von ſeinen Rüſſelſchlägen eine tiefe Wunde demjenigen von ſeinen Gegnern, welcher davon ge⸗ troffen wurde; aber, obgleich tödtlich verwundet, ob⸗ gleich all ihr Blut verlierend, obgleich die Einge⸗ weide ſchleppend, waren doch die Grauen des Königs, wie man ſie nannte, eine ſo edle Race, daß ſie nur um ſo hitziger zum Kampfe zurückkehr⸗ ten, und daß man die Verwundeten bloß an den zahlreichen Blutflecken erkannte, die dieſen beweg⸗ lichen Teppich beſprenkelten. Der König begriff, daß es Zeit war, der Schläch⸗ terei ein Ende zu machen, oder er würde ſeine beſten Hunde verlieren. Er warf ſein Horn weg und winkte, daß man ihm ſeine Büchſe gebe. Die Lunte war zum Voraus angezündet; der 316 Büchſenſpanner hatte alſo nur dem König das Ge⸗ wehr zu überreichen. Heinrich war ein vortrefflicher Schütze, der ſel— ten fehlſchoß. Mit der Büchſe in der Hand rückte er auf eine Entfernung von ungefähr fünfundzwanzig Schritten zu dem Thiere vor, deſſen Augen wie glühende Koh⸗ len glänzten. Er zielte zwiſchen die Augen des Thieres und ſchoß. Das Thier bekam die Ladung an den Kopf, doch eine Bewegung, die es in dem Momente machte, wo der König an den Drücker griff, bot ſeine Stirne ſchräge dar: die Kugel glitt am Knochen ab und tödtete einen von den Hunden. Man konnte auf dem Kopfe des Keilers, zwiſchen dem Ohre und dem Auge, den Blutſtreifen ſehen, der den Durchzug der Kugel bezeichnete. Heinrich blieb einen Augenblick erſtaunt, daß das Thier nicht auf der Stelle gefallen war, wäh⸗ rend ſein Pferd bebend ſich auf den Hinterhälſen bog und mit den Vorderfüßen ſtrampfte. Er reichte dem Piqueur die abgefeuerte Büchſe und verlangte eine andere. Die andere war mit Zündkraut und der bren⸗ nenden Lunte verſehen. Der König nahm ſie und legte den Kolben an ſeine Schulter. Doch ehe er Zeit gehabt, zu zielen, gab der Kei⸗ ler, der ohne Zweifel nicht den Zufall eines zweiten Schuſſes abwarten wollte, den Hunden, die ihn um⸗ ringten, einen heftigen Stoß, öffnete mitten durch — 8—— — 317 die Meute eine blutige Furche und lief raſch wie der Blitz zwiſchen den Beinen des königlichen Pfer⸗ des durch; dieſes erhob ſich ein ſchmerzliches Gewie⸗ her ausſtoßend auf den Hinterfüßen, zeigte ſeinen offenen Bauch, aus dem das Blut rieſelte und die Eingeweide fielen, und drückte, alsbald niederſinkend, den König unter ſich. Alles dies war ſo augenblicklich geſchehen, daß es keinem der Zuſchauer eingefallen, ſich dem Keiler entgegenzuwerfen, der auf den König zurückgekommen, ehe dieſer nur Zeit gehabt hatte, ſein Jagdmeſſer zu ziehen. Heinrich verſuchte es, danach zu greifen; doch das war unmöglich: das Jagdmeſſer wurde ſelbſt unter der linken Seite des Königs feſtgehalten. So muthig der König war, er that doch ſchon den Mund auf, um nach Hülfe zu rufen, denn der häßliche Kopf des Wildſchweines, mit ſeinen Gluth⸗ augen, ſeinem blutigen Rachen und ſeinem ſcharfen Gewerf, war nur noch ein paar Zoll von ſeiner Bruſt entfernt, als er plötzlich an ſeinem Ohr eine Stimme hörte, welche mit dem feſten Ausdrucke, in dem man ſich nicht täuſchen kann, zu ihm ſagte: „Rührt Euch nicht, Sire; ich ſtehe für Alles.“ Dann fühlte er einen kräftigen Arm den ſeinen aufheben, und er ſah wie einen Blitz eine breite und zugleich ſpitzige Klinge vorüberfahren und bei der Weiche des Bugs bis in das Heft in den Leib des Keilers eindringen. Zu gleicher Zeit zogen zwei kräftige Arme Hein⸗ rich zurück und ließen den Schlägen des verenden⸗ 318 den Thieres nur den neuen Gegner, der es ins Herz getroffen, ausgeſetzt. Derjenige, welcher den König zurückzog, war der Herzog von Nemours. Derjenige, welcher, ein Knie auf der Erde und den Arm ausgeſtreckt, dem Keiler ins Herz geſtoßen, war der Graf von Montgomery. Der Graf von Montgomery zog ſeine Klinge aus dem Leibe des Thieres, wiſchte ſie auf dem grünen Raſen ab, ſteckte ſie wieder in die Scheide, näherte ſich Heinrich II., als ob nichts Außerordentliches vor⸗ gefallen wäre, und ſprach: „Sire, ich habe die Ehre, dem König den Her⸗ zog von Nemours vorzuſtellen, der von jenſeits der Berge kommt und dem König Nachrichten vom Her⸗ zog von Guiſe und ſeinem braven Heere in Italien bringt.“