3. 7 S— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und öſiſcher Literatur Cduard Oilmann in S Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 25 4 Seih- und S n 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— N 2— auf 1 Monat:— f 1 W. 5 Pf 2 W— Pf 5. Auswärtige ahonnenten“ haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Rupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleiheneit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf gufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— —— i ſ ſ — — S Olympia von Cléves von Alerandre Dumas. Aus dem Franzoöſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. . Erſtes bis viertes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1852. T. Rvignon. Neapel ſehen und dann ſterben, ſagt der Neapoli⸗ taner. Wer Sevilla nicht geſehen hat, hat nichts ge⸗ ſehen, ſagt der Andaluſier. Vor dem Thore von Avig⸗ non bleiben heißt vor dem Thore des Paradieſes bleiben, ſagt der Provengal. Wenn man dem Geſchichtſchreiber der päpſtlichen Stadt glauben darf, iſt Avignon in der That nicht nur die erſte Stadt des Süden, ſondern auch von Frankreich, ſondern auch der Weit. Man höre, was er darüber ſagt: „Avignon iſt edel durch ſein Alterthum, angenehm durch ſeine Lage, herrlich durch ſeine Mauern, lachend durch die Fruchtbarkeit ſeines Bodens, reizend durch die Sanftheit ſeiner Einwohner, prächtig durch ſeine Paläſte, ſchön durch ſeine großen Straßen, wunderbar durch den Bau ſeiner Brücke, reich durch ſeinen Handel und be⸗ kannt auf der ganzen Erde.“ Das iſt hoffentlich ein ſchönes Lob! Nun! dieſem Lobe, obgleich wir hundert Jahre nach dem, welcher es ausgeſprochen hat, kommen, werden wir beinahe nichts benehmen, und ſogar etwas beifügen. In der That, für den Reiſenden, der den Fluß her⸗ abfährt, welchem Tibull das Epitheton Celer, Auſonius das Praeceps und Florus das Impiger gegeben hat; Olympia von Cléves. 1. 1 2 für denjenigen, welcher von Montélimart an dem wärmeren Tone des Terrain, an der durchſichtigeren Luft, an den feſteren Conturen der Gegenſtände wahrzunehmen anfängt, daß er im Süden iſt, für denjenigen, welcher endlich ſchauernd unter den mörderiſchen Bögen der Heiligen-Geiſt-Brücke paſſirt, von denen jeder ſeinen Namen hat, damit man im Augenblick, wo ein Schiff an einem derſelben ſcheitert, weiß, anwelchen Ort man Hülfe bringen ſoll; für den, der Roquemaure, wo Hannibal mit ſeinen vierzig Elephanten über die Rhone ſetzte, zu ſeiner Rechten, das Schloß Mornas, von welchem herab der Baron des Adrets eine ganze katholiſche Gar⸗ niſon ſpringen ließ, zu ſeiner Linken läßt, bietet ſich Avignon bei einer der Wendungen des Fluſſes plötzlich mit einer wahrhaft königlichen Pracht. Allerdings iſt das Einzige, was man von Avignon in dem Augenblick erſchaut, wo man Avignon erſchaut, ſein rieſiges Schloß, der Palaſt der Päpſte, ein Ge⸗ bäude aus dem vierzehnten Jahrhundert, das einzige vollkommene Muſter der militäriſchen Architectur jener Zeit, erbaut auf dem Platze, wo ſich einſt der Tempel der Diana erhob, welcher der Stadt ſeinen Namen ge⸗ geben hat. Wie hat nun ein Tempel der Diana ſeinen Namen dem zukünftigen Wohnſitze der Päpſte geben können? Wir werden es ſagen, wobei wir für uns die Nachſicht in Anſpruch nehmen, mit der wir die Leſerinnen ſehr verſchwenderiſch gegen die Etymologen geſehen haben. Ave Diana! gegrüßet ſeiſt du, Diana! ſagte der Reiſende, wenn er in der Ferne den Tempel der keuſchen Göttin zur Zeit der ſchönen Latinität, im Jahrhundert vor Cicero, Virgil und Auguſtus, erblickte. Ave Miana! fingen an die Schiffer im Jahrhundert vor Conſtantin, das heißt in einer Zeit zu ſagen, wo das Idiom des Landes ſchon die Reinheit der lateiniſchen Sprache verdorben hatte. 3 Ave Nio, ſagten die Soldaten der Grafen von Toulvuſe, von Provence, von Forcalquier: daher Avignon. Man bemerke wohl, daß dies Geſchichte iſt; wir wären viel voſitiver, als wir es find, wenn wir ſtatt Geſchichte Roman machten. Man ſieht alſo, daß zu allen Zeiten Avignon eine bevorzugte Stadt geweſen iſt; überdies hat ſie, eine der erſten, eine herrliche Brücke gehabt, eine Brücke erbaut 1177“ von einem jungen Hirten Namens Bennezet, der, nachdem er Lämmer gehütet, Seelenhirte wurde und das Glück hatte, heilig geſprochen zu werden; frei⸗ lich ſind heute nur noch drei bis vier Bögen von dieſer Brücke übrig, welche unter der Regierung Ludwig XIV, im Jahre der Gnade 1669, das heißt, ungefähr acht und fünfzig Jahre vor der Zeit, wo die Geſchichte beginnt, die wir erzählen wollen, zerſtört worden iſt. Aber vornehmlich gegen das Ende des vierzehnten Jahrhunderts war Avignon glänzend anzuſchauen. Philipp der Schöne, der Clemens V. und ſeinen Nach⸗ folgern Wachen, ein Gefängniß und ein Aſyl zu geben geglaubt hatte, hatte ihnen einen Hof, einen Palaſt und ein Königreich gegeben. Es war in der That ein Hof, ein Palaſt und ein Königreich, was dieſe Königin des Luxus, der Ueppig⸗ keit und der Schwelgerei beſaß, die man Avignon nannte; ſie hatte einen Gürtel von Mauern, welche um ihre prallen Flanken von Hernaudy von Herodia, dem Groß⸗ meiſter des Ordens der Johanniter von Jeruſalem, ge⸗ ſchloſſen worden war; ſie hatte ausſchweifende Prieſter, die den Leib Chriſti mit Händen glühend vor Unkeuſch⸗ heit berührten; ſie hatte ſchöne Buhlerinnen, Schweſtern, Nichten und Concubinen der Päpſte, welche die Diamanten aus der Tiara brachen, um ſich Armſpangen und Hals⸗ bänder daraus zu machen; ſie hatte endlich Echos der Quelle von Vaueluſe, welche verliebt den ſüßen Namen Laura wiederholten und ſie beim Klange der weichen, wol⸗ lüſtigen Lieder von Petrarca einwiegten . ——— Allerbings, als auf die Bitte der heiligen Brigitta von Schweden und der heiligen Catharina von Siena Gregor IX Avignon im Jahre 1376 verließ und nach Rom abreiſte, wo er am 17. Februar 1377 ankam, al⸗ lerdings war Avignon, ſeines Glanzes beraubt, während es ſein Wappen behielt, was drei goldene Schlüſſel in rothem Feld, getragen von einem Adler mit dem Wahl⸗ ſpruche: Unguibus et rostris, ſind, nur noch eine trauernde Witwe, ein einſamer Palaſt, ein leeres Grab. Die Päpſte behielten wohl Avignon, deſſen Ertrag ſehr groß war, aber wie man ein Schloß behält, das man nicht mehr bewohnt: ſie ſchickten wohl einen Legaten dahin, um ihre Stelle zu vertreten, doch der Legat er⸗ ſetzte ſie, wie der Verwalter den Herrn, wie die Nacht den Tag erſetzt. Avignon blieb indeſſen die vorzugsweiſe religiöſe Stadt, da man zur Zeit, wo dieſe Geſchichte beginnt, daſelbſt noch 109 Chorherren, 41 Beneſiciare, 350 Mönche und 350 Nonnen zählte, welche, nebſt mehreren unter⸗ geordneten, dem Dienſte der acht Kapitel beigegebenen Geiſtlichen eine Geſammtſumme von 900 für die Be⸗ dienung der Altäre beſtimmten Perſonen, das heißt den achtundzwanzigſten Theil der Bevölkerung, bildeten. Dabei beſaß Avignon, nachdem es ſiebenmal ſieben Päpſte gehabt, welche ſiebenmal zehn Jahre regiert hatten, noch im Jahre 1727 ſiebenmal ſieben für die Schönheit, die Annehmlichkeit und die Moralität einer Stadt wichtige Dinge. Es hatte ſieben Thore, ſieben Paläſte, ſieben Kirch⸗ ſpiele, ſieben Collegialkirchen, ſteben Hoſpitäler, ſieben Mannsklöſter und ſieben Nonnenklöſter. Was den Reiz betrifft, der für Avignon aus der von ſeinem Geſchichtſchreiber Frangois Nouguier gerühmten Sanftheit ſeiner Bewohner entſpringt, ſo ſcheint uns dies weniger begründet als das Uebrige, und in dieſem Punkte müſſen wit dem Urtheile des na⸗ tionglen Schriftſtellers entgegentreten und ihn an die — — S—* ———-„ ce— n 3— itta ena ach al⸗ end in hl⸗ ine ab. ſehr nan ten er⸗ acht iöſe nnt, nche ter⸗ nen Be⸗ den eben iert die iner rch⸗ ben aus uier „ſo ige, na⸗ die 5 ewigen Zwiſtigkeiten der weißen Büßer und der ſchwar⸗ zen Büßer erinnern, die einander bei jever Gelegenheit umbringen und die Stadt in zwei ſtets mit derben Püf⸗ fen verproviantirte Lager theilen. Wohlverſtanden, wir werden ihm gegenüber weder von denSchlächtereien der Glaciöre im Jahre 1791, noch von der Ermordung des Marſchall Brune im Jahre 1815 ſprechen. Das ſind zwei Ereigniſſe, welche der gute Frangois Nouguier, ſo gelehrt er auch war, in der Zeit, wo er ſchrieb, nicht vorherſehen konnte. Abgeſehen jedoch von der, im neunzehnten Jahr⸗ hundert ein wenig beſtreitbaren, reizenden Sanftheit, bot ſich Avignon am Anfange des achtzehnten Jahr⸗ hunderts unter dem Auge und dem Geiſte des Reiſenden ſehr angenehmen Verhältniſſen. Außer den Dominicanern, die ſich in dieſer Stadt 1226 feſtgeſetzt hatten, außer den Franciscanern, welche 1227 aufgenommen worden waren, außer ſeinen großen Auguſtinern, ſeinen großen Carmelitern, ſeinen Mathu⸗ rinen, ſeinen Benedictinern, ſeinen Cöleſtinern, ſeinen Minimen, ſeinen Capucinern, ſeinen Recollecten, ſeinen Vätern von der chriſtlichen Doctrine, ſeinen Carmelitern⸗ Barfüßern, ſeinen Antoninern, ſeinen Auguſtinern, ſeinen Prieſtern des Oratorii und ſeinen Obſervanten hatte Avignon ſein Collegium und ſein Noviciat der Jeſuiten, gegründet im Jahre 1587 durch Lonis von Anezune. Wer aber zu jener Zeit Jeſuiten ſagte, der ſagte gelehrte Leute, liebenswürdige Leute, Leute, die an jeder Bewegung des Jahrhunderts Theil nahmen, mochte ſie der Handel als Vermittler nach den entfernten, unbe⸗ kannten Meeren fortführen, in die ſich der Ganges und der Blaue Fluß, dieſe Rhonen Indiens und Chinas, ergießen; mochte ſie der Eifer der Miſſion nach einer neuen Welt treiben und auf die Ebenen Braſiliens und in die Gebirge von Chili werfen; mochte ihnen, wo ſie in Europa ſtationär waren, die Politik, ein Buch ohne Ende, ihre Blätter entrollen, von denen jedes Wort eine 6 getäuſchte Hoffnung oder ein befriedigter Ehrgeiz, ein gegründeter Thron oder eine zerbrochene Krone iſt; mochte ſie endlich die Poeſie oder die Literatur, als ſanfte Erben der Benedictiner, unter die weißen Bogen des Kloſters, zwiſchen einen magern, an Blumen geizigen Raſen und einen glänzenden, durch die hohen Profile der Collegialkirche ausgeſchnittenen Sonnenſtrahl, ver⸗ bannen. Avignon, dieſe bevorzugte Stadt, welche Alles das hatte, was die andern Städte haben, und tauſend Dinge noch dazu, Avignon hatte alſo ſeine Jeſuiten, und in die Kapelle des Noviciats führen wir vor Allem unſere Leſer, indem wir ihnen bemerken, daß wir uns in den erſten Tagen des Monats Mai 1727 unter der Regierung von König Ludwig XKV., der damals ſiebenzehn Jahre alt, befinden. Auf dem Gipfel einer Straße, die man die Novizen⸗ Straße nannte, wir ſagen auf dem Gipfel, weil die Straßen von Avignon, einer gegen den Miſtral und die Sonne gebauten Stadt, meiſtens von ſteilen Steigen und jähen Abhängen gebildet werden, in der Novizen⸗ Straße erhob ſich das Gebäude des Noviciats, Wohnung und Kapelle. Der Form und beſonders dem Gedanken nach allen denjenigen ähnlich, welche die Jeſuiten in Frankreich und ſogar außerhalb Frankreich errichtet haben, affectirte das Gebäude den nüchternen, beſcheidenen Styl, der keiner Periode angehört und diejenigen, welche ihn anwenden, nicht gefährden kann, weil er nichts den Augen materiell offenbart und man ein ſehr gelehrter Archäolog ſein muß, um die Seele der Steine in einer Geſellſchaft zu ſuchen, wo viele Lente die Seele der Menſchen leugnen. Die Jeſuiten, Schmarotzerreiſende, verlarvte Erobe⸗ rer mußten, während es ihnen von der Herrſchaft der Schritt für Schritt eroberten Welt träumte, wenn ſie ſich niederließen, wo ſie ſich niederließen, darüber — ½c9 7 wachen, daß ihr Zelt, beſtimmt, eines Tags eine Cita⸗ delle zu werden, nicht das Licht benahm. Jeder Schma⸗ rotzer, wenn er ſich an einen Tiſch ſetzt, iſt darauf bedacht, ſich nicht zu kleiden wie der Reiche oder nicht in Lumpen zu gehen wie der Arme: er würde den Blick auf ſeinen Reichthum oder auf ſeine Armuth ziehen. Jeder Ehr⸗ geizige muß Beſcheidenheit, wenn nicht Demuth, heucheln, entſchloſſen, im gegebenen Augenblick ſeine Klaue aus⸗ zuſtrecken wie der Tiger oder ſeinen Rachen aufzuſperren wie der Hai. Die Geſellſchaft Jeſu hatte auch in Flandern, in Frankreich oder in Spanien, wo ihre bedeutendſten Häuſer waren, den Schöpfern dieſer Anſtalten nur die unſchein⸗ bare Bauart des Kloſters oder der Kaſerne erlaubt, welche in jener Zeit aus großen Mauern von Backſtein oder Stein, mit langen vergitterten Fenſtern, einigen in der Verzierung ſehr nüchternen Hallen und ein paar Halbſäulen beſtand, als ob die Säule mit hocherhabener Arbeit ein zu ſehr in die Augen fallender Lurus ge⸗ weſen wäre. Dieſelbe Strenge im Innern, verbunden mit einer ängſtlichen Sorge für die Erhaltung der Geſundheit und die Tagesordnung, und die gerade Linie überall, wo die Väter ihre Novizen zu überwachen hatten, Schatten und Krümmungen überall, wo die Väter dem Publikum zu begegnen hatten. Wir unternehmen es übrigens nicht, das Innere der Jeſuiten von Avignon zu beſchreiben; eine von unſeren Perſonen erwartet uns in der Kapelle der No⸗ ſ und, in Betracht ihrer Wichtigkeit, eilen wir zu ihr. Da indeſſen jedes Drama ſeine Inſcenirung braucht, ſo werden wir ein Wort von dieſer Kapelle ſagen, in vie wir unſere Leſer einführen, wie wir ihnen ein Wort von der Stadt, die ſie mit uns ſo eben durchſchritten, geſagt haben. Sie mögen alſo auf der Schwelle ſlehen bleiben, 8 und ſie werden ein kreisförmiges Schiff von mäßigem Durchmeſſer mit Fenſtern ohne Figuren ſehen, welche, das Licht unter der Kuppel empfangend, dasſelbe ganz nach den Gewölben ſandten, aber es ſtufenweiſe dämpften, daß es gemildert auf die Platten des Bodens kam; ein langer und wenig geſchmückter Altar, wie eine Sehne am Bogen des gewölbten Chors ausgeſpannt; hinter dieſem Altar einige eichene Chorſtühle, dunkel und be⸗ deckt zur Erleichterung der Beaufſichtigung oder der Meditation der Väter, wenn ſie ſich während des Gottes⸗ vienſtes darein ſetzten. Das iſt mit wenigen Zügen die Zeichnung der Oertlichkeit. Es war ein Uhr und jeder Gottesdienſt beendigt; während die Sonne die Stadt verzehrte, war die Kirche veröbet. Nur links vom Altar, neben einem engen Gange, der zu den erwähnten Chorſtühlen führte, ſaß ein junger Noviz mit dem ſchwarzen Ordenskleide auf einem Stuhle an einer Säule, den Kopf halb in ein Buch begraben, das er nicht las, ſondern verſchlang. Dieſer junge Mann war indeſſen nicht ſo ſehr in ſeine Leſung vertieft, daß er nicht zuweilen einen verſtohlenen Blick nach ſeiner Rechten und nach ſeiner Linken warf. Nach ſeiner Linken, das heißt nach der kleinen Thüre, durch welche die Väter vom Novieiat in die Kapelle gehen konnten. Nach ſeiner Rechten, das heißt nach der Seite der großen Thüre, durch welche die Gläubigen in die Kirche eintreten konnten. War es Neugierde, war es Zerſtreuung, Zerſtreuung, ach! ſo natürlich bei der Jugend, für welche Brevier und Ritual nur leeres, einförmiges Futter find! Wir ſagten aber, der junge Noviz habe die Blätter ſeines Buches zu verſchlingen geſchienen; ſchaute er ſo nach rechts und links, um die Bewunderung eines Auf⸗ ——— e— 1„—— S 8 a8 G 8 — gem ſche, anz ten, ein hne nter be⸗ der es⸗ der gt; ge⸗ ger hle n, en er 9 ſehers zu belauern, und war er, ſtatt ein Zerſtreuter zu ſein, ein Heuchler? Weder das Eine, noch das Andere. Wer hinter ihn getreten wäre und hätte zugleich mit ihm in dem Buche geleſen, würde bemerkt haben, daß in dem Miſſal eine Brochure von kleinerem Format, von weißerem und friſcherem Papier verborgen war; eine Brochure, deren typographiſche Juſtirung unregel⸗ mäßig, das heißt von jenen ungleichen Zeilen gebildet war, welche neun und zwanzig Jahre ſpäter Meiſter André als Kriterion dienen ſollten, um die Verſe von der Proſa zu unterſcheiden, wenn er ſie mit einem Bindfaden maß, um ſie nicht zu lang und nicht zu kurz zu machen. Man durfte ſich alſo nicht wundern, daß dieſer Noviz die Ueberraſchungen befürchtete.— Das iſt das Eigenthümliche von jedem Schüler, der in der Klaſſe ein verbotenes Buch in ſeinem Lehrbuche verbirgt. — Nur iſt ein Unterſchied zwiſchen den verbotenen Büchern, wie ein Unterſchied zwiſchen den Menſchen iſt; es gibt das ein wenig verbotene Buch und es gibt das ſehr verbotene Buch; es gibt, welche die Strafauf⸗ gabe von hundert Verſen nach ſich ziehen, und es gibt, welche die Zurückbehaltung des Schülers oder gar das Gefängniß zur Folge haben. Zu welcher Klaſſe gehörte das Buch, das der Jünger von Loyola las, und in das er ſeine Augen und ſeinen Geiſt ſo glühend tauchte? Um dieſes Problem zu löſen, hätte ein Beobachter nicht einmal nöthig gehabt, ſich ihm zu nähernz er hätte Alles an der ſchaukelnden Bewegung ſeines Kopfes, an einer gewiſſen geheimnißvollen Cadenz ſeiner Stimme, die ſich von der Pſalmodie entfernte, um ſich jener da⸗ mals im Theater angenommenen Art von Geſang zu nähern, erkannt. Seine Ueberzeugung hätte endlich vollſtändig werden können bei gewiſſen Geberden, welche unvorſichtig der Arm und die Finger des Novizen entwickelten, nicht 10 wie die weichen Arme und die ſanften Finger eines Pre⸗ digers, der eine Rede hält, ſondern wie der drohende Arm und die krampfhaften Finger eines Schauſpielers, der eine Rolle ſpielt. Und ſeit mehr als einer halben Stunde pſalmodirte und geſticulirte der Noviz ſo, als die plötzliche Ankunft eines Fremden, welcher an der Thüre der Kirche er⸗ ſchien, und deſſen haſtige, ungleiche Tritte auf den Plat⸗ ten erſchollen, den Pſalmodiſten unterhrach und die Ge⸗ berde der zweiköpfigen Armmuskel auf das Handgelenk als das einzige Gelenk einſchränkte, welche den Gläu⸗ bigen in einer Kirche nebſt der Knieſcheibe in Thätigkeit zu ſetzen geſtattet iſt, indem die letztere bei der Knie⸗ beugung und das erſtere für die Operation des mea culpa zu functioniren haben. Wo ſich die Wahrheit des alten franzöſiſchen Sprüchworts:„Vas Rleid macht nicht den Mänch“, erweiſt. Der Eintretende war ein Mann von acht und zwan⸗ zig bis dreißig Jahren, von einer nervöſen, kränklichen Organiſation, bleich, groß, anmuthig in ſeinen Bewe⸗ gungen, ausgezeichnet in ſeiner Haltung; reinlich ge⸗ kleidet, jedoch mit einer gewiſſen Nachläßigkeit, die nicht ohne Reiz war und die Mitte hielt zwiſchen der Ent⸗ blößung der vornehmen Herren und dem Sichgehenlaſſen der Künſtler. In einem Zuſtande tiefer Aufregung be⸗ griffen, zerdrückte er für den Augenblick ſeinen Hut unter ſeinem Arm und fuhr mit ſeiner weißen, gepflegten Hand durch ſeine in Schweiß gebadeten Haare. re⸗ nde rs, rte uft er⸗ He⸗ enk ju⸗ eit ie⸗ ea en n⸗ en e⸗ e⸗ ht t⸗ en e⸗ er id 11 Sein angenehmes, ſanftes, ſchwermüthiges Geſicht trug einen gewiſſen Charakter von Unruhe, beinahe von Irrſinn an ſich, den der Noviz leicht hätte bemerken können, ohne die tiefe Aufmerkſamkeit, mit der er ſeit der Ankunft der Perſon, welche wir in Scene gebracht, weder mehr rechts, noch links zu ſchauen bemüht war. Nachdem er ziemlich raſch in die Kirche eingetreten, dann ſtehen geblieben war und umhergeſchaut hatte, ſchien der Fremde es zu verſuchen, ſeine Lebensgeiſter wieder zu ſammeln, und fing an in der Kapelle hin und her zu gehen, bis er im Strahle ſeines Auges dem Novizen begegnend plötzlich ſeinen Entſchluß faßte und gerade auf ihn zutrat. Der Noviz, der dies mehr errieth, als ſah, ſchloß raſch ſein doppeltes Buch, begrub ſein Geſicht in ſeine beiden gefalteten Hände und verſenkte ſich diesmal heuch⸗ leriſch in eine Litanei von Gebeten. Der Unbekannte war indeſſen ſo nahe auf ihn zuge⸗ treten, daß er beinahe die Schultern des Novizen be⸗ rührte, welcher bei dieſer Annäherung plötzlich zu er⸗ wachen und ſich aus dem Abgrunde von Frömmigkeit, in den er ſich geſtürzt hatte, zu erheben ſchien. „Verzeihen Sie, mein Bruder, wenn ich Sie in Ihren Gebeten ſtöre,“ ſagte der Fremde, zuerſt das Geſpräch anknüpfend. „Mein Bruder,“ erwiederte der Noviz, während er aufſtand und ſein Buch hinter ſeinem Rücken verbarg, „ich bin zu Ihren Befehlen.“ „Mein Bruder, vernehmen Sie, was mich hierher führt. Ich bedarf eines Beichtigers: darum habe ich mich Ihnen genähert und Sie in Ihren Gebeten ge⸗ ſtört, worüber ich Sie demüthig um Verzeihung bitte.“ „Achl ich bin nur Noviz,“ antwortete der junge Mann,„und da ich die Weihen nicht erhalten, ſo kann ich nicht die Beichte hören. Sie müßten einen unſerer Väter haben.“ „Ja, ja, ſo iſt es,“ verſetzte der Fremde, ſeinen Hut 12 mehr als je marternd;„ja, ja, ich müßte einen von den Vätern haben. Würden Sie mir wohl den Ge⸗ fallen erweiſen, mich bei demjenigen einzuführen, von welchem Sie glauben, er könnte mir einige Augenblicke bewilligen, oder ihn zu veranlaſſen, hierher zu mir zu kommen?“ „Es iſt gerade die Stunde des Mittagsmahles, und in dieſem Augenblick find alle Väter im Refec⸗ torium.“ „Ah! Teufel!“ murmelte der Unbekannte mit einer ſichtbaren Unzufriedenheit,„alle im Refectorium; ahl Teufel!“ Dann bemerkte er ohne Zweifel, daß er den Namen vom Feinde des Menſchengeſchlechts in einer Kirche an⸗ gerufen hatte, und ſprach: „Was habe ich denn geſagt?. Mein Gott, ver⸗ zeihe mir!“ Und er machte raſch, beinahe verſtohlen, das Zeichen des Kreuzes. „Die Schwierigkeit, einen Beichtiger zu bekommen, iſt Ihnen ärgerlich,“ fragte theilnehmend der Noviz. „Oh! ja, ja, ſehr.“ „Sie haben alſo große Eile?“ „Große Eile.“ „Welch ein Unglück, daß ich nur Noviz bin!“ „Ja, das iſt ein Unglück! Doch Sie ſind bald im Alter, ordinirt zu werden, und Sie werden es ſein, und dann, dann„ Ohl! mein Bruder, wie glücklich finde ich Sie!“ „Glücklich! und warum?“ fragte naiv der Noviz. „Weil Sie in einem Jahre das Ziel erreicht haben werden, das ſich jede chriſtliche Seele vorſetzen muß, nämlich das Heil, und weil Sie mittlerweile, im Noviciat der Jeſuiten wohnend, dieſen würdigen Vätern, wann Sie wollen und ſo oft ſie wollen, beichten können.“ „Oh! ja, das iſt wahr, wann ich will und ſo oft ich will,“ erwiederts der Noviz mit einem Seußzer, n e⸗ n ke u m d E 13 durch den er bewies, daß er nicht zu demſelben Werthe, wie der Fremde, die ausnehmende Gunſt, die er vom Himmel empfangen, ſchätzte. „Und dann,“ fuhr der Fremde mit wachſender Be⸗ geiſterung fort,„und dann ſind Sie hier zu Hauſe; dieſe Kirche, dieſer Altar, dieſe heiligen Gefäße, Alles dies gehört Ihnen.“ Der Noviz ſchaute den Fremden mit einem Erſtau⸗ nen an, das nicht ganz von Bangigkeit frei war. Offen⸗ bar fing er an zu befürchten, er habe es mit einem Manne von leicht verrücktem Gehirn zu thun. Der Fremde aber fuhr, immer mehr ſich belebend, fort: „Dieſes Kleid gehört Ihnen; dieſer Roſenkranz gehört Ihnen; dieſes Buch, ein heiliges Buch, in dem Sie vom Morgen bis zum Abend leſen können, gehört Ihnen.“ Und während er dieſe Worte mit einem leiden⸗ ſchaftlichen Tone ſprach, ſchüttelte er ſo kräftig den Arm des Novizen, daß aus der Hand, die dieſen Arm ſchloß, das ſo beneidete Buch und zugleich mit dem Buche die von uns beſchriebene Brochure ſielen. Als er dieſe Trennung zwiſchen dem Buche und der Brochure gewahrte, fürzte der Noviz ganz betreten auf die Brochure los und ließ ſie von den myſteriöſen Tiefen einer der Taſchen ſeiner Sutane verſchlingen; wo⸗ nach er, noch ganz ſchauernd von einer Gemüthsbewegung, die dem Schrecken glich, das Buch aufhob. Dann richtete er ſchüchtern ſeinen Blick wieder auf den Fremden. Doch der Unbekannte hatte nichts bemerkt, ſo groß war ſeine religiöſe Begeiſterung. Die Augen der zwei Männer begegneten ſich, und beinahe zu gleicher Zeit ergriff der Unbekannte die bei⸗ den Hände des Novizen. „Hören Sie, mein lieber Bruder,“ rief er,„Gott hat mich in Ihre Kirche geſchickt, die Vorſehung hat 14 Sie auf meinen Weg geſtellt: Sie flößen mir das zarteſte Vertrauen ein. Verzeihen Sie dieſen Erguß einem Manne, der ſehr zu beklagen iſt, aber wahrhaftig, Ihr Geſicht gibt mir Muth.“ Das Geſicht des Novizen, von dem wir noch nichts geſagt haben, war in der That eines der reizendſten Geſichter, die man ſehen konnte, und folglich ſehr wür⸗ dig des Lobes, das man ihm geſpendet. „Sie nennen ſich unglücklich, mein Bruder, und Sie wollen beichten?“ verſetzte der Noviz. „Oh! ich bin ſehr unglücklich!“ rief der Unbekannte. „Oh! ja, ich möchte gern beichten.“ „Sollten Sie unglücklicher Weiſe einen Fehler be⸗ gangen haben 2“ „Einen Fehler! Ei! mein ganzes Leben iſt ein Feß⸗ ler, ein Fehler, der vom Morgen bis zum Abend dauert!“ rief der Unbekannte mit einem Seufzer, welcher andeu⸗ tete, daß er in einem Zuſtande völliger Zerknirſchung war. „So ſpreche ich mit einem Schuldigen?“ fragte der junge Mann mit einer Art von Angſt. „Oh! ja, mit einem Schuldigen, mit einem großen Schuldigen.“ Der junge Mann machte unwillkürlich einen Schritt rückwärts. „Urtheilen Sie ſelbſt!“ fuhr der Unbekannte mit einer Geberde der Verzweiflung fort:„ich bin Schau⸗ ſpieler.“ „Sie!“ rief der junge Mann mit dem freunblichſten Tone, indem er ſich dem Fremden näherte, während ſich der unglückliche Künſtler im Gegentheil entfernte, als wäre er nach dem Geſtändniß, das er gemacht, nicht mehr würdig der Berührung von ſeines Gleichen;„Sie, Schauſpieler!“ „Mein Gott! ja.“ „Ah! Sie ſind Schauſpieler.“ Und der junge Mann rückte immer näher auf ihn zu. ſte em hr hts ten ür⸗ ind te. h⸗ u⸗ ng te en nit u⸗ en nd e, ht je, u. 15 „Wie!“ rief der Künſtler,„Sie wiſſen, wer ich bin, und Sie ſliehen mich nicht, wie man einen Peſt⸗ kranken flieht?“ „Nein“ erwiederte der Noviz;„ich haſſe die Schauſpieler nicht.“ Und er fügte ſo leiſe bei, daß ihn ſelbſt der An⸗ dere nicht hören konnte: „Im Gegentheil.“ „Wie!“ wiederholte der Künſtler,„Sie empören ſich nicht beim Anblick eines Ketzers, eines Ercommunicirten, eines Verdammten!“ „Nein!“ „Ah! Sie ſind noch ſo jung! doch eines Tags.. „Mein Bruder,“ verſetzte der Noviz,„ich gehöre nicht zu denjenigen, welche aus Vorurtheil haſſen.“ „Ach! mein Bruder,“ erwiederte der Künſtler,„die Schauſpieler ſchleppen eine Art von Urſünde nach ſich, welche, einfach für die Anderen, doppelt, dreifach, vier⸗ fach für mich iſt, der ich der Sohn, der Enkel, der Ur⸗ enkel von Komödianten bin. Bin ich verdammt, ſo werde ich es an der Seite von Adam und Eva ſein.“ 8„Ich verſtehe Sie nicht recht,“ ſprach neugierig der oviz. „Damit will ich ſagen, mein Bruder, ich ſei Schau⸗ ſpieler von Geburt, und ich werde verdammt ſein durch meinen Vater und durch meine Mutter, durch meinen Großvater und durch meine Großmutter, kurz durch meine väterlichen und mütterlichen Vorfahren bis in die dritte und vierte Generation; mit einem Wort, mein Herr, ich heiße Champmeslé. Der Noviz riß weit ſeine Augen auf, in denen ein tiefes Erſtaunen gemiſcht mit einer leichten Nuance von Bewunderung hervortrat. „Wie! mein Herr,“ rief er, die bei den Orden ge⸗ bräuchliche Benennung Bruder vergeſſend,„ſollten Sie zufällig der Enkel der berühmten Schauſpielerin ſein?“ 16 „Ganz richtig, mein Herr. Ach! meine arme Groß⸗ mutter, das iſt eine ſehr verdammte Frau.“ „Dann war Ihr Herr Großvater der Schauſpieler Champmeslé, der die Könige ſpielte?“ „Sie haben es geſagt. Marie Desmares, meine Groß⸗ mutter, heirathete Charles Chevillet, Herrn von Champ⸗ meslé; er hatte den berühmten Latorillieére im Hotel von Burgund erſetzt. Wds ſeine Frau betrifft, ſo de⸗ butirte ſie mit der Rolle von Hermione, welche vor ihr die Desveuillet, deren Fach ſie übernahm, ſpielte.“ „Somit,“ fuhr der Noviz fort, der ſich mit allem Eifer in das Geſpräch vertiefte,„ſomit war Ihr Vater Joſeph Champmeslé, der die Bedienten ſpielte, und Ihre Mutter Marie Descombes, welche die jugendlichen Lieb⸗ haberinnen ſpielte?“ „Ganz richtig. Aber ſagen Sie mir, mein Bruder,“ rief Champmeslé,„wiſſen Sie, daß ich Sie ein wenig weit vorgerückt in der Wiſſenſchaft der Couliſſen für einen Novizen finde?“ „Mein Herr,“ erwiederte der junge Mann erſchro⸗ cken, daß er ſich ſo auf dem Abhang der Converſation habe fortreißen laſſen,„ſo ſehr wir auch von der Welt entfernt ſind, ſo haben wir doch immer eine Vorſtellung von dem, was darin geſchieht; übrigens bin ich nicht bei den Jeſuiten geboren, und ich habe meine erſte Erziehung in meiner Familie erhalten.“ „Mit wem habe ich zu ſprechen die Ehre, mein Bruder?“ „Ich heiße Jacques Bannière, unwürdiger Noviz.“ Champmeslé verbeugte ſich höflich vor ſeinem neuen Bekannten, der ſeinen Gruß nicht minder höflich er⸗ wiederte. nat Per der fun gen un Gr der leic ehe rad vor He hör der tre höt ſpie oß⸗ ler oß⸗ np⸗ tel de⸗ ihr em ter hre eb⸗ ig für ro⸗ on elt ng bei ng ein F en r⸗ 17 III. Der Schauſpieler und der Jeſuit. Das Geſpräch nahm ſeinen Fortgang und wurde natürlich bei jedem Worte intereſſanter für die beiden Perſonen. „Sie möchten alſo gern beichten?“ ſagte Bannière, der das Geſpräch da wieder aufnahm, wo es war, ehe Champmeslé in Betreff ſeiner Vorfahren die Abſchwei⸗ fung unternahm, die wir mitgetheilt haben. „Mein Gott! ja, mein Bruder, und zwar aus fol⸗ genden Gründen: Sie, der Sie ein wenig die Geſchichte unſerer Familie fennen, wiſſen auch wohl, daß mein Großvater der vertraute Freund von Herrn Raeine war?“ „Ja, und auch von Herrn la Fontaine;“ erwie⸗ derte haſtig Banniére, indem er erröthete bei der ein wenig leichten Erinnerung, welche ſich für Madame Desmares, ver⸗ ehelichte Champmeslé, mit dieſen zwei Namen verband. „Obgleich ein mittelmäßiger Schauſpieler, und ge⸗ rade vielleicht deshalb, war mein Großvater ein Mann von Geiſt. Er hatte dieſen Vorzug von ſeinem Vater, Chevillet, von dem Sie vielleicht haben reden ören.“ „Nein, mein Herr,“ antwortete ſchüchtern Banniére, der ſich ſchämte, daß ſein chronologiſches Wiſſen in Be⸗ e der Champmeslé bei der dritten Generation auf⸗ örte. „Ah! mein Urgroßvater Chevillet, auch ein Schau⸗ ſpieler, hatte allen Geiſt meines Ururgroßvaters, eines ſehr liebenswürdigen und ſehr frommen Dichters, der Myſterien*) ſchrieb und zur Noth ſpielte.“ *) Geiſtliche Schauſpiele, zu denen der Stoff aus der Bi⸗ bel genommen war. Olympia von Clsves. 1. 2 18 „Wahrhaftig!“ rief Bannière erſtaunt,„Dichter und Schauſpieler wie Herr Molidre?“ „Ei! mein Gott, ja! Nur bitte ich Sie, zu bemer⸗ ken, was ihn von Herrn Molière unterſcheidet, iſt das, was ich in der Converſation mit den Worten, auf die ich einen beſonderen Nachdruck legte: liebenswürdiger und ſehr frommer Dichter, habe einfließen laſſen, wäh⸗ rend Herr Moliere im Gegentheil mürriſch und durch⸗ aus nicht gottesfürchtig war.“ „Ja, mein Herr, ich werde mir das merken und mich, das verſpreche ich Ihnen, dieſes Umſtandes erin⸗ nern, wann ich mich deſſelben erinnern muß. Doch wa⸗ rum ſollten Sie nicht mittlerweile einen Stuhl nehmen? Unſere Prieſter werden noch eine Viertelſtunde bei Tiſche bleiben, und Sie haben keinen Grund, um zu ſiehen.“ „Keinen, mein Herr verzeihen Sie mein Bruder. Ich werde alſo ſehr gern ſowohl den Stuhl, als das Vergnügen Ihrer Unterhaltung annehmen, vor⸗ ausgeſetzt, daß die meinige Sie nicht ermüdet.“ „Wie denn! glauben Sie im Gegentheil, daß ich ein lebhaftes Intereſſe daran finde. Wir waren alſo bei Ihrem Großvater.“ „Bei meinem Großvater, das iſt vollkommen wahr. Wir kommen auf meinen Großvater zurück, und Sie werden ſehen, daß ich keine unnöthige Abſchweifungen mache!“ „Oh! ich habe alles Vertrauen.“ „Ich ſagte alſo, Herr Chevillet von Champmeslé, mein Großvater „Derjenige, welcher die Könige ſpielte?“ „Ja, der Freund von Herrn Raeine.“ „Und der Freund von Herrn la Fontaine?“ „Und von Herrn la Fontaine, ſo iſt es. Ich ſagte alſo Herr Chevillet von Champmeslé habe viel Kummer in ſeinem Leben gehabt, einmal den Verluſt ſeiner Frau⸗ welche 1693 ſtarb, dann den von Herrn Raeine, welcher 1695 ſtarb. Ich ſpreche nicht von dem von Herrn la Fonte im J arbei ihm tine und Gele einer es iſt mein anzu mit Fam nen Beki den man Dur allei die ermi zu 3 Verf wie ſam, Wäl Trä bei Frat auf er und bemer⸗ das, uf die rdiger wäh⸗ durch⸗ und erin⸗ ch wa⸗ hmen Tiſche ehen. „mein Stuhl, vor⸗ aß ich alſo wahr. d Sie fungen meslé, h ſagte ummer Frau, welcher errn la 19 Fontaine, der Beiden vorangegangen und ſehr chriſtlich im Jahre 1695 geſtorben war.“ „War im Ganzen Ihr Großvater nicht der Mit⸗ arbeiter von Herrn la Fontaine, und hat er nicht mit ihm vier Luſiſpiele gemacht, ich glaube: die Floren⸗ tiner, den Zauberbecher, das verlorene Kalb und Ich überraſche Euch unvermuthet?“ „Mein Herr, während ich Ihre tiefe dramatiſche Gelehrſamkeit bewundere, was mich fortwährend bei einem Novizen in Erſtaunen ſetzt, bemerke ich Ihnen: es iſt meine Ueberzeugung, daß der gute la Fontaine meinem Großvater aus Gefälligkeit und um ihm Ehre anzuthun, erlaubt hat, in der Welt zu ſagen, ſie arbeiten mit einander.“ „Ah! ja.“ „So iſt es, mein Großvater ließ ihn bei unſerer Familie betheiligt ſein, und Herr la Fontaine ließ mei⸗ nen Großvater bei ſeinen Stücken betheiligt ſein.“ Banniore erröthete unmerklich. „Sie ſagen alſo,“ ſprach er,„Ihr Großvater habe Bekümmerniſſe gehabt: den Tod von Herrn la Fontaine den Tod ſeiner Frau und den Tod von Herrn Raeine?“ „Bekümmerniſſe,“ fuhr Champmeslé fort,„denen man den ger ingen Succeß, ich möchte ſogar ſagen, das Durchfallen gewiſſer Stücke beifügen muß, die er wohl allein gemacht hatte, als da ſind; die Schäferſtunde, die Saint⸗Denis⸗Straße, der Pariſerz es ermüdet am Ende einen Menſchen, wenn er von Zeit zu Zeit fällt, beſonders, wenn er in fünf Acten und in Verſen fällt. Kurz mein Großvater wurde nach 1700, wie König Ludwig XIV, ſehr grämlich: er war ſchweig⸗ ſam, ſtumm und kräumte vom Morgen bis zum Abend. Während er aber, mein Bruder, bei Tage wunderliche Träume hatte, träumte Chevillet von Champmeslé auch bei Nacht, und er ſah dann die Champmeslé, ſeine Frau, und Mademoiſelle Chevillet, ſeine Mutter, welche auf einander geſtützt, bleich und weiß wie Schatten, mit einer ganz ſchmerzlichen und ganz traurigen Miene, mit dem Finger jenes Zeichen machten, welches beſagen will: Komm mit uns.“ „Ah! mein Gott!“ rief Bannieère. „Mein Herr, das ereignete ſich in der Nacht von einem Freitag auf den Sonnabend des Monats Auguſt 1700. Auf dieſen Traum, der ſich ſo tief in ſeinen Geiſt eingegraben hatte, daß er ihn als eine Wirklich⸗ keit behauptete, fängt mein Großvater an verworrenes Zeug zu reden, und von dieſem unſeligen Angenblicke an hat er in ſeinen Ideen nur noch das ſanfte Antlitz der Champmeslé mit ihren ſchwarzen Haaren und das ſtrenge Geſicht von Frau von Chevillet mit ihren wei⸗ ßen Haaren, und ihr ſchwermüthiges Lächeln und ihr trauriges Winken, dergeſtalt, daß er unabläſſig bei jeder Gelegenheit ſang: Adieu paniers, vendanges sont faites!*) „Mein Herr Großvater, der damals den Aga⸗ memnon vor König Ludwig XKIV. ſpielte, und dem nach der Vorſtellung von Ludwig XIV. die Ehre zu Theil wurde, daß er zu ihm ſagte:„„Nun! Champmesléè, Sie werden alſo immer ſchlecht ſein?““ mein Groß⸗ vater, der, als ein Mann von Geiſt, immer über ſich ſelbſt der Anſicht von Ludwig XV. geweſen war, mein Großvater beſchloß, das Rollenfach der Könige aufzu⸗ geben und die erſten komiſchen Alten zu übernehmen.“ „Erlauben Sie mir, mein Herr, Ihnen zu ſagen, daß, wenn Ihr Großvater wirklich ſo ſehr durch die Unglücksfälle, die ihn betroffen, niedergebeugt war, wie Sie behaupten, der Augenblick die erſten komiſchen Alten zu übernehmen, ſchlecht gewählt ſein mußte.“ „Sie haben Recht, mein Herr; die Leute, die den armen Teufel ſahen, haben mich auch verſichert, nichts *) Lebet wohl, ihr Körbe, die Weinleſe iſt gehalten. auf t ung Gefi lache er ſie die es in mem welch daß mel haup Jahr gez heißt bitte Sie Dun konn ſicht abert zudri mein mein ſeine das Jeſu mit will: von uguſt einen klich⸗ renes blicke ntlitz das wei⸗ ihr jeder sont Aga⸗ nach Theil neslé, Hroß⸗ ſich mein ufzu⸗ n.“ agen, hdie wie Alten e den nichts 21 auf der Welt ſei ſonderbarer geweſen, als die Verbind⸗ ung dieſer ſpaßhaften Rollen mit ſeinem verzweifelten Geſichte. Er weinte ſo ſehr, während er die Andern lachen machte, daß es zum Herzzerreißen war, weshalb er ſich genöthigt ſah, zu den Agamemnons zurückzukehren, die man immer ohne Gefahr ſpielen kann, und wäre es in der völligſten Abſtumpfung.“ „Ah!“ fragte Banniére nalv,„man kann die Aga⸗ memnons ſpielen, ſelbſt wenn man abgeſtumpft iſt?“ „Eil mein Bruder, ſehen Sie doch alle diejenigen, welche Sie ſpielen... Ah! verzeihen Sie, ich vergaß, daß die Novizen nicht in's Theater gehen können.“ „Leider!“ murmelte Banniére, die Augen zum Him⸗ mel aufſchlagend. „Nun denn! zum Beweiſe für das, was ich be⸗ haupte, dient, daß mein Großvater ſie beinahe noch ein Jahr ſpielte, nachdem er die Erſcheinung gehabt hatte, und während dieſes Jahres nur fünf bis ſechsmal aus⸗ geziſcht wurde, ſo daß wir ganz ſanft zu 1701, das heißt, zum Ende meiner Geſchichte gelangen. Doch ich bitte Sie ſehr um Verzeihung, mein Bruder, ich glaube, Sie werden Ihr Taſchentuch verlieren.“ Es ſtand in der That etwas Weißes, was in der Dunkelheit der Kirche für Leinwand gehalten werden konnte, aus der Taſche von Banniere hervor. Das war immer die verdammte, mit ſo viel Vor⸗ ſicht eingeſchobene Brochure, welche Allem zum Trotze abermals ihre Naſenſpitze zeigte. Der Noviz beeilte ſich, ſie mit ſeiner Hand nieder⸗ zudrucken, und verſetzte:„Im Jahre 1701, ſagten Sie, mein Bruder?“ „Im Jahre 1701, an demſelben 19. Auguſt, ſieht mein Großvater wieder im Traume ſeine Frau und ſeine Mutter, welche noch bleicher, noch trauriger, als das erſte Mal, ihm hartnäckig dasſelbe Zeichen machten.“ „Sinnentäuſchung, ohne Zweifel,“ murmelte der Jeſuiten⸗Lehrling. 22 „Nein, Wirklichkeit, mein Bruder, Wirklichkeit; er erwachte, er riß die Augen auf; er zündete ſeine Nacht⸗ lampe, ſein Licht an; er machte Geräuſch, indem er mit ſeinem Löffel an den Wänden ſeines Glaſes Zuckerwaſſer rieb, und immer, immer, trotz der Nachtlampe, trotz des Lichtes, trotz des Geräuſches, ſah er in der dunkelſten Ecke ſeines Zimmers die zwei Frauen, welche den un⸗ glücklichen Zeigefinger krümmten und, zugleich mit dem Kopfe und mit dem Finger winkend, ſagten: „Komm mit uns, komm mit uns.“ „Das war erſchrecklich,“ ſprach Bannière, der un⸗ willkürlich den Schweiß auf ſeiner Stirne perlen fühlte. „Ich geſtehe auch, daß das tödtlich war,“ erwie⸗ derte der Künſtler, der Anſicht von Bannisre beitretend, wie man ſieht.„Herr von Champmeslé ſtand ſogleich auf und ging auf der Stelle, mitten in der Nacht, halb angekleidet, weg, um ſeine Freunde aufzuwecken und ihnen das Abenkeuer zu erzählen. „Einige, die falſchen Freunde, die Hiobs⸗Freunde ſpotteten über ihn und wieſen ihm die Thüre; Andere, die guten Herzen, tröſteten ihn, führten ihm Beiſpiele von lügenhaften Träumen an und ſuchten ihn zu über⸗ reden, der ſeinige ſei durch das elfenbeinene Thor her⸗ vorgekommen; ein Einziger, ein ächter Freund, ließ ihn zu ſich ins Bett liegen, ſprach mit ihm bis zum Tage von der ſchönen und guten Marie Desmares und von der tugendhaften Demoiſelle Chevillet von Champmeslé, ſeiner Mutter, und überzeugte ihn am Ende, zwei ſo vortreffliche Perſonen können nicht die Eine ihrem Sohne, die Andere ihrem Manne übel wollen. „So lange Champmeslé bei dieſem Freunde lag oder in ſeiner Gegenwart blieb, war er, wie geſagt, ein wenig beruhigt: doch der Schlag hatte getroffen. Kaum hatte er ſeinen Tröſter verlaſſen, als vieſelbe fire Idee bei ihm wiederkehrte. Dieſer Tag war ein Sonntag, man gab die Iphigenie von Herrn Racine und irgend ein kleines Stück, mit dem man anfing. Während z er acht⸗ rmit aſſer des lſten un⸗ dem un⸗ hlte. wie⸗ tend, gleich halb und eunde dere, iſpiele über⸗ her⸗ ß ihn Tage d von neslé, wei ſo ohne, e lag t, ein Kaum Idee nntag, un ihrend 23 ves kleinen Stücks ging mein Großvater, als Grieche gekleidet, im Foyer auf und ab. Er hatte den Helm auf den Augen; ſein ſammetnes Panzerhemd war ganz beſternt von Thränen, welche wie flüſſige Diamanten bis auf ſeine Kothurne rollten; und es war zum Er⸗ barmen, ihn auf eine Melodie, welche alle Tage trauri⸗ ger wurde, ſeinen ewigen Refrain: Adieu paniers, vendanges sont faites l trällern zu hören. Jeder ſagte auch zu ſich, wenn er dieſe klägliche Melodie hörte: „Mein Gott! wie traurig wird heute Abend Champmeslé den Ulyſſes ſpielen!““ „Ulyſſes iſt nicht gerade eine heitere Rolle,“ ver⸗ ſetzte mit einem tiefen Phlegma Bannière, den dieſe Erzählung bis in's Innerſte ergriff. „Heiter oder nicht, mein Herr, ich verſichere Sie, daß die Rolle an dieſem Abend erſchrecklich gegeben wurde. Baron, der den Achilles ſpielte, wußte nicht mehr, wie er ſich verhalten ſollte, und Sallé, der den Agamemnon ſpielte und ſeit einem Monat mit Baron entzweit war, konnte ſich nicht erwehren, ihn, als er zu ihm ſagte: Seigneur, qu'a donc ce bruit, qui vous doive étonner 2*) zu fragen: „„Iſt Champmeslé krank.““ „Während,“ unterbrach Banniere,„während die Antwort heißt: Juste ciell saurait il mon funeste artifice 2*) *) Herr, was kann Euch bei dieſem Lärm ſo in Er⸗ ſtaunen ſetzen?“. **) Gerechter Himmel! ſollte er meine unglückliche Argliſt kennen? „Ganz richtig. Aber wahrhaftig, mein Bruder, ich finde Sie ungeheuer gelehrt.“ „Ja, man hat mich Alles dies in meiner Familie lernen laſſen,“ antwortete Bannisre beſcheiden. „Als das Schauſpiel zu Ende war,“ fuhr Champ⸗ meslè fort,„hütete ſich mein Großvater wohl, zu Bette zu gehen und es zu verſuchen, zu ſchlafen. Er hatte zu ſehr Angſt, ſobald er die Augen geſchloſſen, und ſogar bei offenen Augen abermals ſeine Mutter und ſeine Frau zu ſehen. Er irrte auf den Straßen umher, wobei er es vermied, in die dunkeln Stellen zu ſchauen, und am Morgen, ſobald die Kirchen geöffnet waren, gab er dreißig Sous dem Sacriſtan von Saint⸗Euſtache, um eine Meſſe für ſeine Mutter und eine Meſſe für ſeine Frau leſen zu laſſen.“ „Ich werde Ihnen alſo zehn Sous zurückgeben?““ fragte der Sacriſtan. „„Nein, denn Sie werden eine dritte für mich leſen laſſen. Behalten Sie das Ganze.““ „Ihr Großvater war ein beharrlicher Mann,“ ſagte der Noviz. „Eil Sie werden ſehen, daß er Recht hatte,“ fuhr der Künſtler fort. „Als er an das Gaſthaus beim Theater zurückkam, wo die Schauſpieler zuweilen vor der Probe frühſtückten, war die erſte Perſon, welche Herr von Champmeslé traf, Baron. „Baron ſcherzte über ſein trauriges Geſicht. „Doch nichts vermochte meinen Großvater aufzu⸗ heitern. Bei allen Scherzen von Baron ſchüttelte er den Kopf mit einer Miene, welche beſagen wollte: „„Ah! wenn Du wüßteſt!““ „Baron begriff. „„Du haſt alſo einen wirklichen Kummer fragte er. „„Ob ich einen habe, beim Henker! ich glaube uder, milie am⸗ Bette hatte und und mher, auen, aren, tache, e für mich ſagte fuhr ckkam, ickten, meslé aufzu⸗ lte er er?““ glaube 25 wohl!““ antwortete mein Großvater:„„den größten Kummer, den ich je gehabt habe.““ „Und er murmelte leiſe: „„Komm mit uns, komm mit uns. „„Nun, ſo groß auch Dein Kummer ſein mag,““ ſagte Baron, der das Geſpräch in dieſem ſcherzhaften Tone zu erhalten ſuchte,„Dein Schmerz, Champmeslé, kann nicht ewig währen.““ „„Ah!““ verſetzte mein Großvater.„„doch wohl, denn er wird nur mit mir endigen.““ „„Auf, theile ihn mir mit; wenn das ernſt iſt, ſo will ich ihn kennen.““ „„Du willſt ihn kennen?““ Ja „„Nun, mein Schmerz iſt, daß ich Dich mit dem guten Sallé entzweit weiß.““ „„Ah! ja wohl! ein Tropf, welcher behauptet, ich altere, und das überall ausſpricht.““ „„Er hat Unrecht, man iſt ſo alt, als man zu ſein ſcheint, und Du ſcheinſt kaum dreißig zu ſein.““ „„Du ſiehſt wohl, daß das ein erbärmlicher Kerl, ein Schuft iſt.“ „„Mehr wirſt Du nicht verlangen, Baron; doch ich will nicht ſterben, während ich Euch entzweit weiß, und da es nicht mehr lange anſtehen kann„.4 „„Was kann nicht mehr lange anſtehen?““ „„Daß ich ſterbe.““ „„Nun! es ſei! ich werde mich mit Sallé an Deinem Todestage ausſöhnen, mein alter Champmeslé,“ ſagte Baron. X „„Vorwärts alſo, denn das iſt heute,““ erwiederte mein Großvater. „Und trotz der wenn und aber und denn von Baron, der nicht leicht zu überreden war, nöthigte mein Großvater Baron, in das Wirthshaus einzutreten. „Sallé ſaß am Tiſche und frühſtückte. „Mein Großvater nöthigte Baron auch, ſeinem A Si gegenüber Platz zu nehmen, und ſetzte ſich zwiſchen eide.“ „Bei Tiſche vergeht die Schwermuth,“ ſagte Bannisère. „Ah! junger Mann, junger Mann,“ rief ſchmerz⸗ lich der Schauſpieler,„Sie werden ſehen, wie ſehr Sie ſich täuſchen. Obgleich Beide an demſelben Tiſche ſaßen, ſchmollten doch Baron und Sallé fortwäh⸗ rend mit einander und zeigten ſich Anfangs die Zähne. Doch ohne einen Augenblick ſein Leichengeſicht abzulegen, goß ihnen Champmeslé ſo viel guten Wein in den Hals, daß ſie am Ende nachgaben. Als er dieſe Erweichung ihrer Herzen ſah, nahm mein Großvater die Hände von Beiden und vereinigte ſie auf dem Tiſche; dann, als ob er ſeine Pflicht auf dieſer Welt erfüllt hätte, als ob ihm nichts mehr auf der Erde zu thun bliebe, ließ er ſeinen Kopf in ſeine Hände fallen. „Vielleicht verbarg er ſich auch ſo wegen der Vi⸗ ſion, die ihn verfolgte?“ bemerkte Bannière. „Ach! das iſt eine Betrachtung, welche beweiſt, daß Sie ein junger Mann von Verſtand ſind,“ erwiederte der Schauſpieler;„das war es gerade. „Gewiß iſt, daß mein Großvater in der Stellung, die er angenommen, alle Thränen ſeines Leibes zu ver⸗ gießen ſchien. „„Gut,““ ſagte Sallé,„„nun, da wir lachen, weint Champmeslé.““ „„Oh! nein,““ entgegnete Baron heiter,„„Champ⸗ meslé hat ſich verbindlich gemacht, zu ſterben, wenn er ſo glücklich wäre, uns zu verſöhnen; er hat uns ver⸗ ſöhnt, und nun ſtirbt er bei, Gott!““ „Mein Großvater ſtieß einen Seufzer aus. „Dieſer Seufzer hatte etwas Eiſiges. „Die zwei Freunde ſchauten einander an; ſie hat⸗ ten ſich unwillkürlich ſchauern gefühlt. „Dann richteten ſie ihre Augen wieder auf Champ⸗ meslé. 5— ———„ 8„ chen agte erz⸗ ſehr iſche väh⸗ die ſicht Pein dieſe ater ſche; füllt thun Vi⸗ daß derte lung, ver⸗ weint amp⸗ nn er ver⸗ hat⸗ mm⸗ 27 „Seine Unbeweglichkeit, welche bis zur Abweſenheit des Athems ging, erſchreckte ſie. „Er hielt immer ſeinen Kopf zwiſchen ſeinen beiden Händen. Baron zog eine davon zurück, Sallé die an⸗ vere, und man ſah Champmeslé mit bleichem Geſichte, ſtarren Augen und verzerrtem Munde auf den Tiſch fallen. „Er war todt.“ „Oh! mein Herr,“ rief Bannière,„was Sie da erzählen, iſt herzzerreißend.“ „Nicht wahr, mein Bruder?“ verſetzte der Künſt⸗ ler mit einem ſchweren Seufzer. „Doch Alles dies,“ fuhr Bannière fort, der ein logiſcher Geiſt war,„Alles dies erklärt mir nicht, warum Sie beichten wollen?“ „Warum aber begreifen Sie doch, mein lieber Bruder: man ſtirbt plötzlich in der Familie der Champ⸗ meslé. Mein Großvater iſt, wie Sie ſehen, plötzlich geſtorben, meine Großmutter iſt plötzlich geſtorben, mein Vater iſt plötzlich geſtorben, alle Drei, nachdem ſie eine neue Rolle gegeben hatten, denn mein Großvater ſpielte zum erſten Mal die Rolle des Ulyſſes, da er den Aga⸗ memnon Sallé, welcher längſt darnach trachtete, abge⸗ treten hatte. „Nun denn! ſo oft ich eine neue Rolle gebe, be⸗ fürchte ich ebenfalls, plötzlich zu ſterben, wie mein Va⸗ t mein Großvater und meine Großmutter geſtorben d.„ „Sie ſind alſo im Begriffe, eine neue Rolle zu ſpielen?“ fragte Bannière ſchüchtern. „Achl ja, mein Bruder,“ antwortete Champmeslé mit einer verzweifelten Geberde. „Wann dies?“. „Morgen!“ „Morgen, ſagen Sie?“ „Morgen!“ „Und welche Rolle ſpielen Sie?“ 28 „Ohl eine ſehr ſchwierige Rolle.“ „Welche?“ „Herodes.“ „Herodes! Herodes in Herodes und Marianna von Herrn von Voltaire!“ rief Banniére, indem er einen Sprung rückwärts machte und vor Verwunderung die Hände faltete. „Oh! machen Sie es mir nicht zum Vorwurf,“ verſetzte mit kläglichem Tone der Schauſpieler,„ich bin darüber troſtlos.“ „Sie ſind troſtlos, Komödie zu ſpielen, und ſpielen dennoch?“ verſetzte Bannieère, der ſich dieſen Widerſpruch nicht recht erklären konnte. „Cil mein Gott! ja,“ Champmeslé,„nicht wahr, eine unerklärliche Anomalie, doch es iſt ſo. Was ſoll ich thun? Nichts, denn ich habe allen Aberglauben meiner Familie; es gehen mir in dieſer Hinſicht oft Gedanken durch den Kopf... „Was für Gedanken?“ „Gedanken, die ich nicht ausſprechen kann, weil ſie die Ehre meiner Großmutter angreifen würden.“ „Sprechen Sie, ich bin nicht die ganze Welt.“ „Es kommt mir der Gedanke, ich ſei nicht ganz und gar der Enkel meines Großvaters.“ „Bah!“ „Es kommt mir der Gedanke, die Wuth, die ich für das Theater habe, und die macht, daß ich, wenn ich nicht Komödie ſpiele, glaube, ich verleugne mein Blut, und daß ich, wenn ich ſpiele, glaube, ich ziehe mir die Verdammniß zu, rühre davon her, daß ich zur Hälfte Schauſpieler, zur Hälfte Autor ſei. Man hat einſt viel darüber geſchwatzt, daß Herr Raeine alle ſeine Rollen meiner Großmutter gab. Man hat nicht weni⸗ ger darüber geſchwatzt, daß Herr la Fontaine meinen Großvater ſeinen Namen neben den ſeinigen ſetzen ließ. Oh! wenn das wäre, ich wäre noch ganz anders nen die bin elen ruch ahr, ſoll ben oft lſie an ich enn ein ehe zur hat eine eni⸗ nen tzen ers 29 verdammt, als der Enkel einer Schauſpielerin und eines Mannes, der Liebestragödien gemacht hat!“ „Oh!“ ſagte Bannidre naiv,„es ſind eben ſo viel Chancen vorhanden, daß Sie der Enkel von Herrn Ra⸗ eine, als daß Sie der von Herrn la Fontaine ſind.“ „Dann wäre es noch viel ſchlimmer, denn ich wäre der Enkel einer Schauſpielerin und eines Mannes, der ſehr leichtfertige Fabeln gemacht hat.“ „Das iſt allerdings ein Gewiſſensfall,“ ſprach Ban⸗ nidre,„doch uns kommt es nicht zu, ihn zu erörtern, und ſobald einer von unſern ehrwürdigen Vätern von Tiſche aufgeſtanden ſein wird... „Oh! ja, einen Beichtiger, einen Beichtiger,“ rief Champmeslé;„einen Beichtger, der mir das letzte Wort über Alles dies ſagt; einen Beichtiger, der mir ſagt ob ich der Enkel von Herrn Chevillet, von Herrn Ra⸗ eine oder von Herrn la Fontaine binz einen Beichtiger, der mir ſagt, ob man durchaus verdammt ſein muß, wenn man Schauſpieler, Sohn eines Schauſpielers, Enkel und Urenkel von Schauſpielern iſt. Oh! einen Beichtiger, einen Beichtiger, denn ich werde morgen eine neue Rolle ſpielen, und ich will beichten in articulo mortis.“ „Beruhigen Sie ſich, mein Lieber. Sie ſind nicht in dem Alter, ein ſolches Ereigniß zu befürchten.“ „Ach! wie glücklich finde ich Euch, Euch heilige Männer,“ rief Champmeslé;„wie glücklich finde ich Euch, die Ihr Euch weder Weiß, noch Roth auf die Wangen zu legen habt, wie in Pyramus nnd Thisbe, noch einen Bart an's Kinn zu binden, wie in Hero⸗ des; wie glücklich finde ich Euch, die Ihr, ſtatt von einer dreifachen Generation von Schauſpielern abzu⸗ ſtammen, Jeſuiten vom Vater auf den Sohn ſeid.“ „Mein Herr,“ rief Bannière,„was ſagen Sie denn da? Jeſuiten vom Vater auf den Sohn! Sie reden irre, mein theuerſter Bruder.“ „Ich bitte um Verzeihung, hundertmal um Ver⸗ 30 zeihung; ſehen Sie, wenn ich eine neue Rolle ſpielen ſoll, weiß ich nicht mehr, was ich thue, nicht mehr, was ich ſage. Jeſult vom Vater auf den Sohn, ich weiß wohl, daß dies nicht möglich iſt. Oh! erlauben Sie mir, Sie chriſtlich zu umarmen, mein Bruder, damit ich überzeugt ſein kann, Sie haben mir verziehen.“ Und er ſchloß den Novizen ſo feſt und ſo zärtlich in ſeine Arme, daß die vielerwähnte Brochure, welche ihrerſeits nach dem Lichte zu trachten ſchien, diesmal aus der Taſche von Banniöre ſprang und in die Hände von Champmesleé fiel, der ganz unwillkürlich auf der erſten Seite las: Herodes und Marianna, Trauerſpiel in fünf Arten von Herrn Aronet von Voltaire. W. Abrahams Opfer. Das Erſtaunen, das auf dieſe Entdeckung folgte, das Gemurmel, welches dieſes Erſtaunen bei dem gewiſ⸗ ſensängſtlichen Schauſpieler hervorrief, der ſein Herz vor Banniore erſchloſſen hatte, würden dieſen gedemü⸗ thigt haben, wäre nicht durch ein unerwartetes Ereig⸗ niß eine Diverſion bei dem, was vorging, eingetreten. Dieſes Ereigniß war die Erſcheinung eines Pater von der Geſellſchaft Jeſu am Ende des kleinen Ganges, der, wie wir erwähnt haben, vom Noviciat in die Kirche führte. 3 „ len vas eiß Sie mit lich lche mal inde der lgte, ewiſ⸗ Herz emü⸗ reig⸗ ten. zater nges, irche 31 Dieſe Erſcheinung gab dem unglücklichen Banniére wieder ſeine ganze Stärke. „Stille, ich bitte, Herr von Champmeslé!“ rief er; „dort tritt einer von unſern Vätern in die Kapelle ein.“ Und um den Verdacht, der im Geiſte des Pater entſtehen konnte, kurz abzuſchneiden, eilte ihm Banniore entgegen und rief ihm zu: „Ehrwürdiger, dieſer Herr wünſchte, wenn es Ihnen gefällig wäre, daß Sie ihn Beichte hören würden.“ Der Jeſuit ging weiter gegen die zwei jungen Leute. „Verbergen Sie das Buch,“ flüſterte Banniere dem Schauſpieler zu,„verbergen Sie das Buch, verbergen Sie es doch.“ Bannière vergaß, daß man ſich nicht wundern konnte, wenn ein Schauſpieler eine Komödie oder eine Tragödie in der Hand hielt. Champmeslé beeilte ſich nichtsdeſtoweniger, die ihm von Bannière gegebene Inſtruction zu befolgen, und lenkte hinter ſeinen Rücken die Hand, welche das Buch hielt. Während er aber dieſe Bewegung mit der Genauig⸗ feit und Gewandtheit eines Schauſpielers machte, der mit allen Bewegungen vertraut ſein muß, heftete er aufmerkſam ſeinen Blick auf denjenigen, welcher ſich ihm näherte. Denn dieſer ſollte ſein Richter ſein. „Mir ſcheint, er hat ein gutes Geſicht,“ſagte Champ⸗ meslé leiſe zu Bannisre. „Ohl ja, das iſt einer von den Guten,“ erwiederte Banniére,„und einer der Nachſichtigſten und zugleich einer unſerer gelehrteſten Profeſſoren: es iſt der Pater de la Sante.“ Es lag vielleicht in der ein wenig ſtarken Intona⸗ tion, welche Banniére ſeiner Stimme gegeben hatte, die Abſicht, vom Jeſuiten gehört zu werden, um ſo ſeinen Zorn durch eine Schmeichelei zu entwaffnen, die für um ſo zarter gelten konnte, als ſie nicht unmittelbar an ihre Abreſſe gerichtet war und nur durch einen Prellſchuß zu demjenigen kam, welchen ſie liebkoſen ſollte. Auf die Kunde, der Unbekannte, der mit Banniére ſprach, ſei ein Bußfertiger, der ihn erwarte, unterbrach auch der Pater de la Sante ſeinen Gang gegen die zwei jungen Leute, wandte ſich nach einem Beichtſtuhle und winkte Champmeslé, ihm zu folgen. Champmeslé grüßte Bannisre freundlich, und wäh⸗ rend er ihn grüßte, fand er Gelegenheit, ihm, ohne geſehen zu werden, die profane Brochure zurückzugeben, die ſo zur Unzeit aus ſeiner Taſche gefallen war. Indem er ſie aber zurückgab, konnte er ſich nicht enthalten, mit einer durch die Mildherzigkeit gepreßten Stimme zu ihm zu ſagen: „Oh! mein theuerſter Bruder, warum ſetzen Sie ſich der Gefahr aus, ſich ins Verderben zu ſtürzen, wäh⸗ rend Sie in einer ſo guten Lage find, um Ihr Heil zu gründen?“ Doch dieſer orthodore Rath brachte, wie es ſchien, keine große Wirkung auf den Novizen hervor: diesmal ſicher, weder vom Beichtiger, noch von dem Bufßferti⸗ gen beobachtet und überwacht zu werden, verſenkte er ſich wieder mit aller Leidenſchaft in die Leſung von Herodes und Marianna, bis zu dem Augenblicke, wo, abſolvirt und geſegnet, Champmeslé aus dem Beicht⸗ ſtuhle und dann aus der Kirche mit der Leichtigkeit eines Korkes trat, der, befreit von dem Blei, das ihn nieder⸗ riß, wieder auf das Waſſer emporfteigt. Der Pater Jeſuit verließ auch den Beichtſtuhl, und da er ihn erſt verließ, nachdem er ſchwer gehuſtet und ſich geräuſpert hatte, blieb Bannière alle Zeit, ihn zu erwarten und ohne Gefahr für ſeine Brochure auf ſich zukommen zu laſſen. Sagen wir ein wenig, was der Pater de la Sante war, der zu jener Zeit einen großen Ruf in Paris und in der Provinz genoß, einen ganz ſcholaſtiſchen Ruf, lbar inen te. iere rach die uhle väh⸗ ohne ben, nicht ßten Sie wäh⸗ l zu hien⸗ smal erti⸗ e er von licke, icht⸗ eines eder⸗ und und tzu ſich ante und Ruf, 33 wohlverſtanden, der nicht aus den vier Mauern der Je⸗ ſuiten⸗Collegien ging, und den die andern religiöſen Orden leugneten, weil ſie alle weſentlich eiferſüchtig auf denjenigen waren, mit welchem wir uns beſchäftigen, auf den Mann, der in ſo kurzer Zeit ſo große Fortſchritte gemacht hatte. Der Pater de la Sante war ein dicker Mann mit blühendem Geſichte, ungeheuren ergrauenden Augen⸗ brauen, welche ihm eine widerwärtige Miene gaben, die ſich aber in den Blicken eines Phyſiognomikers ſchnell durch das zarte Blan ſeiner Augen und durch die Treu⸗ herzigkeit ſeiner dicken Lippen milderte. Es war etwas Seltenes, ein von der Poeſie durch⸗ drungener und erfüllter Gelehrter, ein antiker Philoſoph, der, ſtatt Plato und Sokrates als Curioſitäten zu ſtu⸗ diren, ſie als gründliche Lehrer genommen hatte und in ſeinen Studien den finſteren Schulen der modernen Theologie den beſchränkten Platz gab, den der Praktiker den Luxustheorien gibt. Im Uebrigen ein guter Chriſt, ein eifriger, aber duldſamer Katholik, ließ er ſich nur langſam zu Thätlichkeiten herausfordern, und er ſah in Boſſuet, wie im Cardinal von Roailles bewunderungs⸗ würdige Stoffe für lateiniſche Verſe. Dieſem leutſeligen Jeſuiten bezeigte Banniöre, ein wenig befangen durch ſein Geſpräch mit Champmeslé, auf eine demüthige, aber nüchterne Art den Reſpect, den jeder Noviz ſeinem Obern ſchuldig iſt. Banniere wollte jedoch zu einem Ziele gelangen, er wollte ſich Aufklärung über Befürchtungen von Champ⸗ meslé in Betreff der ewigen Verdammniß verſchaffen, und ſein Verlangen war ſogar ſo lebhaft, daß man vermu⸗ then konnte, er werde nicht allein von der Liebe inſpirirt, die er für ſeinen Nebenmenſchen hege, ſondern Banniére, ein leichter Sklave der Gebote der Kirche, liebe ſeinen Nebenmenſchen wie ſich ſelbſt, und beſonders ſich ſelbſt wie ſeinen Nebenmenſchen. Oiympig von Cſépes. 1. 3 Als er ſeinen Reſpect dem Jeſuiten bezeigt hatte, fragte auch Banniére: „Mein Vater, mir ſcheint, ich habe Ihren Bußfer⸗ tigen ſehr leichten Schrittes weggehen ſehen?“ „Der Schritt iſt immer leicht, mein Kind, wenn das Gewiſſen leicht iſt,“ antwortete der Jeſuit. „Dann iſt es geſtattet, zu glauben, mein Vater, daß Sie dieſem armen Menſchen die Abſolution gegeben haben?“ „Gegen eine kleine Buße, die er pünktlich zu voll⸗ bringen geſchworen hat, ja, mein Sohn.“ „Mir ſchien jedoch,“ verſetzte Bannière bebarrlich, „mir ſchien, nach einigen Worten, die er mir im Verlaufe des Geſprächs geſogt hat, er ſei Schauſpieler.“ „Ja, mein Sohn, er iſt es,“ erwiederte der Pater ve la Sante, indem er Banniöre mit Erſtaunen anſchaute. . 7 „Dann dünkte mir auch, mein Vater, daß es, da die Schauſpieler ercommunicirt ſind, unnütz ſei, ſie zu abſolviren.“ Der Pater de la Sante ſchien, obgleich ein Gelehr⸗ ter, ein wenig in Verlegenheit zu ſein. „Ercommunicirt! excommunieirt! allerdings ſind die Schauſpieler excommunicirt, mit Vorbehalt der Be⸗ kehrung und der Buße.“ „Ah! ja,“ ſagte Bannière,„und da dieſer ohne Zweifel bereut und ſich bekehrt.. 34 „Dieſer,“ erwiederte der Pater de la Sante,„dieſer macht auf mich den Eindruck eines vollkommen recht⸗ ſchaffenen Mannes.“ „Oh! gewiß.“ „Denken Sie nicht wie ich, mein Sohn?“ „Doch, in jeder Hinſicht.“ „Sie haben, wie ich glaube, lange mit ihm ge⸗ ſprochen?“ ſagte der Pater de la Sante, Bannière mit den Augen befragend. „Ich könnte nicht genau die Zeit ſagen, die ich mit Sch aus hab füh Voi Exe Zeic ein Läck er f göd Tra Ab Tra errö gödi la 6 nem atte, ßfer⸗ venn ter, eben voll⸗ rlich, rlaufe Pater haute. s, da ſie zu elehr⸗ z ſind e Be⸗ ohne „dieſer recht⸗ hm ge⸗ ere mit ich mit 35 ihm geplaudert habe,“ erwiederte der Noviz, einer Ant⸗ wort mit jener Geſchicklichkeit ausweichend, welche die Schule von Loyala in kurzer Zeit ihren am wenigſten ausgezeichneten Zöglingen gibt. „So wenig Sie aber auch mit ihm geſprochen haben, ſo mußten Sie doch bemerken, daß er gute Ge⸗ fühle hat?“ „Ja, mein Vater; doch ich glaubte immer, mit Vorbehalt der Abſchwörung und der Buße mache die Ercommunication Alles dies zu nichte.“ Der Pater de la Sante kratzte ſich leicht mit dem Zeigefinger an der Naſenſpitze, was für ſeine Vertrauten ein ſichtbares Zeichen von Verlegenheit war. „Es gibt ausgezeichnete Arten im Gewerbe des Schauſpielers,“ ſagte er;„die Tragödie zum Beiſpiel, iſt eine von den am wenigſten gefährlichen.“ Banniére lächelte, als hätte ihn der Pater de la Sante einen Vortheil über ſich gewinnen laſſen. Ohne Zweifel ſah der Pater de la Sante das Lächeln und deutete es, wie wir es gethan haben, denn er fügte raſch bei: „Ich ſpreche beſonders von der lateiniſchen Tra⸗ godie.“ „Ja, ja, Trauerſpiele, wie Sie ſolche dichtenz Trauerſpiele wie Abrahams Opfer, zum Beiſpiel, Abrahami sacrificium. „Wie dieſes, mein Sohn, oder wie mein anderes Trauerſpiel, die Erben,“ ſagte der Jeſuit, ein wenig erröthend. „Ich kenne das letztere nicht, mein Vater.“ „Ich werde es Ihnen geben, mein Sohn.“ „Allerdings,“ ſprach der Noviz,„bei heiligen Tra⸗ gödien, gedichtet in einer frommen, moraliſchen Abſicht.. „Geſpielt von jungen Leuten,“ ſagte der Pater de la Sante ſich belebend, wie jeder Dichter, der von ſei⸗ nem Werke ſpricht,„mit Ausſchluß jedes weltlichen Gefühls, das die Interpretation des andern Geſchlechts nothwendig macht.“ „Solche Tragödien, mein Vater, ſind übrigens keine Theaterſtücke, ſondern Gedichte,“ verſetzte Banniére. „Die ich nicht einmal jambiſch machen wollte,“ fuhr der Dichter⸗Jeſuit fort,„aus Furcht, ſie würden denen von Terenz und Seneca zu ähnlich ſein. Was das Maß betrifft, mein Sohn, nun, ich glaube, daß ſolche Stücke, daß ähnliche Werke Gott eher angenehm, als unangenehm ſein müſſen.“ „Es iſt wahr,“ rief Bannière, die Begeiſterung des Dichters theilend,„es iſt wahr. Die Rolle von Iſaak iſt ſehr ſchön.“ „Sie ſpielten Sie, wie mir ſcheint, mein Sohn.“ „Ja, Sie hatten die Güte, mich unter allen meinen Kameraden auszuwählen.“ „Als denjenigen, deſſen Kopf ſich am beſten zu der Rolle ſchickte. Sie haben dieſe Rolle nicht ſchlecht ge⸗ ſpielt, wiſſen Sie?“ „Ach! mein Vater, es ſind drei Jahre her; jetzt. Banniöre machte ein Zeichen mit dem Kopf, welches beſagen wollte: „Jetzt wäre es etwas ganz Anderes.“ „Und dann,“ fuhr Bannisre fort,„wie ſollte man nicht gut Verſe ſprechen wie dieſen: Si placet innoeno firmatum sanguine foedus, Jungere „In der That, Sie ſagten dieſen Vers nicht ſchlecht, doch jetzt ſagen Sie ihn beſſer. Ah! Sie haben ſich meine Bemerkung in Betreff des Wortes placet erinnerts Sie ſprachen es ſchlecht aus. Sie ſprachen es aus wie Einer vom Norden, und Sie ſind doch im Gegentheil von „Von Toulouſe, mein Vater.“ „Ahl die Nordländer, ſie ſpielen vielleicht gut die franzöſiſche Tragödie, aber nie werden ſie die lateiniſche Tragödie zu ſpielen verſtehen. Für ſie gibt es weder Syl gibt lang gem auch das der Jeſu diger ſehr alle habe ter d „die Wort que ſitivn, Virgi weil nicht rungt von 2 regis dub chts eine te, rden man edus, n ſich mertt s wie ntheil ut die iniſche weder 37 lange, noch kurze Sylben, weder Vocale, noch Conſo⸗ nanten; ſo, zum Beiſpiel, beſteht placet aus zwei kurzen Sylben, nicht wahr?“ „Ja, mein Vater, da si placet einen Dactylus ibt.“ „Nun denn! Sie ſprachen placet aus, als ob pla lang wäre. Ich habe Ihnen eine Bemerkung hierüber gemacht, und Sie haben ſich verbeſſert. Abraham machte auch einen ähnlichen Fehler in der Ausſprache. Doch das begreift ſich, er war von Rouen. Ah! es war bei der Anrufung: O qui terrarum spatia immensum Pelagusque Aeternis regis imperiis. „Erinnern Sie ſich dieſer Stelle?“ „Et fulmine terras,“ fuhr Banniére fort. „Oh! Sie haben ein gutes Gedächtniß,“ rief der Jeſuit entzückt. „Das iſt nicht ſchwierig bei ſo bewunderungswür⸗ digen Verſen! Oh! die Rolle von Abraham war auch ſehr ſchön; alle Rollen waren ſchön. Ich hätte gern alle Rollen ſpielen mögen.“ „Es freut mich, daß Sie den erſten Vers behalten haben, dem es nicht an Größe mangelt,“ ſagte der Pa⸗ ter de la Sante, in ſeiner Dichtereitelkeit geſchmeichelt; „die Behandlung der Cäſur beim dritten Fuß in einem Worte von drei langen iſt vriginell und dem Pelagus- que fehlt es nicht am Pittoresken.“ „Es iſt herrlich!“ „Ich ſpreche nicht vom zweiten Verſe als Compo⸗ ſition,“ fuhr beſcheiden der Dichter fort,„denn er iſt von Virgil, und von ihm habe ich ihn einfach genommen, weil er mir anſtand, und weil ich glaube, daß ich ihn nicht beſſer gemacht hätte. Doch um auf den Accentui⸗ rungsfehler zurückzukommen, den der mit der Rolle von Abraham beauftragte junge Mann machte, er ſprach regis, das gewiß aus zwei kurzen beſteht und bedeutet du befiehiſt, als ob regis des Koͤnigs geheißen hätte in welchem Falle es allerdings aus einer langen und aus einer ſchwebenden beſtanden haben würde... Doch wir ſind nun ſehr weit vom Gegenſtande unſeres Ge⸗ ſpräches entfernt,“ ſagte plötzlich der Dichter, der noch drei Jahren noch den Accentuirungsfehler, welchen ihm die zwei Zöglinge gemacht, auf dem Herzen hatte. „Zum Glück läßt ſich das entſchuldigen; es iſt eine ſo ſchoͤne Sache um einen ſchönen lateiniſchen Vers! Wir ſagten alſo, ſo viel ich mich erinnern kann, es ſei keine große Gefahr, ich möchte ſogar behaupten, es ſei gar keine Gefahr dabei, daß man lateiniſche Stücke ſpiele.“ „Ja, mein Vater; doch der wackere Herr von Champmeslé, deſſen Beichte Sie ſo eben gehört haben, ſpielt nicht lateiniſche Tragödie, ſondern franzoſiſche; er ſpricht nicht heilige Poeſie, ſondern profane.“ „Das iſt ein Fall, wie der ſelige große König ſagte,“ erwiederte der Pater de la Sante;„darum möchte ich nicht behaupten, der arme Teufel, indem er franzöſiſche Tragödien ſpielt, ſei im Zuſtande der Gnade; denn,“ fügte der Jeſuit den Kopf ſchüttelnd bei,„die franzöſiſchen Tragödien ſind ein ſehr gefährdetes Genre, ſeitdem ſich der abſcheuliche Arouet darein gemiſcht hat.“ Bei dieſen Worten durchlief ein Schauer den gan⸗ zen Leib des Novizen, und er fuhr raſch mit ſeiner Hand nach ſeiner Taſche, um ſich zu verſichern, daß ihn vieſe nicht verrathen werde. Aller Wahrſcheinlichkeit nach ging das Gefühl, das ſich des Novizen bemächtigt hatte, unbemerkt für den Pater de la Sante vorüber, denn er ſprach weiter: „Ah! das iſt Einer, vieſer Herr Arouet von Vol⸗ taire, der ſich ſicherlich nicht im Zuſtande der Gnade befindet. Und dennoch,“ fügte er ſeufzend bei,„was für ein hübſcher Jeſuit wäre er, mit Hülfe des Pater Porée geworden, dieſer Schurke Arvuet!“ Bannidre wäre beinahe rückwärts gefallen, als er vie fayenceblauen Augen des Pater de la Sante ſich helehen und ſeine grauen Augenbrauen ſich ſträuben ſah⸗ müt en miſe „de erw was Sie mit und och Ge⸗ noch ihm atte ne ſo Wir keine gar ele.“ von aben, ſche; dönig arum m er nade; „die enre, hat.“ gan⸗ Hand dieſe l, das r den r: Vol⸗ Gnade 08 für Porée als er te ſich en ſah⸗ 39 Diesmal war ſein Schrecken ſo ſichtbar, daß er die Aufmerkſamkeit des Jeſuiten erregte, der wie von einem plötzlichen Lichte erleuchtet wurde. „Aber Sie,“ ſprach er ungeſtüm zu dem Novizen, „Sie, von dem wir nichts ſagen, ſollten Sie zufällig an die Tragödie denken?“ „Sie vergeſſen nicht, mein Vater, daß Sie mir die Rolle des Iſaak zugetheilt haben,“ erwiederte Banniöre ſchuchtern. „Ja; doch in Abrahams Opfer, in einem lateiniſchen Trauerſpiel; das iſt es auch nicht, was ich ſagen will.“ „Mein Vater... „Sollten Sie an die franzöfiſche Tragödie denken?“ „Ah! mein Vater,“ rief der Noviz,„Sie ſind im⸗ mer zu gut gegen mich geweſen, als daß es mir je ein⸗ fallen ſollte, Sie zu belügen.“ „Mendax omnis homo!“ rief ſinnreich der Pater de la Sante. „Pravus!“ fügte Bannieère raſch bei:„doch ich, ich bin kein böſer Menſch und will folglich nicht lügen. Be⸗ fragen Sie mich über meinen Beruf?“ „Allerdings.“ „Wohl denn, mein Vater, ich will Ihnen frei⸗ müthig antworten. Seitdem ich in Ihrem Abrahams Opfer geſpielt, ſeitdem ich Ihre ſchönen Verſe geſpro⸗ chen, ſeitdem ich dieſen Reichthum Ihrer Ideen, ver⸗ miſcht mit dem Adel Ihrer Gefühle, gekoſtet habe...“ „Man wird ſehen,“ rief der Pater de la Sante, „der Unglückliche ſchiebt Alles auf mich.“ „Gewiß, mein Vater, und das iſt Gerechtigkeit,“ erwiederte Bannière.„Ich dachte nicht an das Theater. Wer hat mir die Idee gegeben? Sie. Ich wußte nicht, was eine Rolle iſt. Wer hat mir den Iſaak zugetheilt? Sie. Wer hat ihn mich probiren laſſen, wer hat mich mit ſeinem Rathe geleitet, wer hat mich durch ſeinen Beifall aufgemuntert? Abermals Sie, mein Vater, im⸗ mer Sie.“ „Aber, Unglücklicher! Unglücklicher! was ſagſt Du denn da?“ „Ich ſage, mein Vater, wenn Sie aus Abrahams Opfer ein franzöſiſches Trauerſpiel gemacht hätten, ſtatt eines lateiniſchen„ „Ich ſage, daß zu dieſer Stunde, ſtatt in einem armen Jeſuitencollegium geſpielt zu werden, Ihre Tra⸗ gödie auf allen Theatern Frankreichs geſpielt würde.“ „Stille doch!“ „Vor dem Hofe, vor dem König geſpielt würde. Oh! was für ſchöne franzöſiſche Verſe hätte man aus ſolchen lateiniſchen Verſen gemacht.“ Si placet innocuo firmatum sanguine foedus, Jungere. „Ich habe ſie gemacht, Unglücklicher!“ rief der Pater de la Sante. Und er fing an zu declamiren: S'il faut, pour consacrer la divine alliance, Bepandre dans ce jour lesang de l'innocence.*) Dann ſich unterbrechend rief der Jeſuit: „Mein Gott! was mache ich denn da? Es iſt wahr,“ fuhr er, indem er einen Seufzer ausſtieß, fort,„ich würde eben ſo gut franzöſiſche Tragödien gedichtet haben, als dieſer verruchte Arouet, wenn ich gewollt hätte.“ „Dann, mein Vater,“ erwiederte Banniöre, der während dieſes ganzen Geſprächs fortwährend Vortheile errungen hatte,„dann können Sie mir nicht grollen, Sie, der Sie franzöſiſche Tragödien machen, daf ich den Wunſch habe, ſie zu ſpielen. Ich habe immer ſagen hören, ohne Anfang würde es kein Ende, ohne Urſachen *) Muß man, um den Bund mit Gott zu heillgen, an dieſem Tag der Unſchuld Blut en? viz inem Tra⸗ rde.“ ürde. man lus, ßater ce, ce.*) ahr,“ „ich aben, e.“ „der theile ollen, ich ſagen achen n, an — 4¹ keine Wirkung geben. Sie find der Anfang, ich bin nur das Ende; Sie ſind die Urſache, ich bin nur die Wir⸗ kung.“ 8, Dies, mein Sohn,“ erwiederte der Pater de la Sante, erſchrocken über die Wendung, die das Geſpräch genommen hatte, und beſonders über die Verantwort⸗ lichkeit, die man ihm zuſchieben wollte,„dies iſt eine zu ernſte Frage, als daß ich nur ſo ex abrupto darauf ant⸗ worten ſollte. Morgen, übermorgen, ſpäter werden wir das Geſpräch wieder aufnehmen.“ „Ich bitte, mein Vater, noch einige Minuten,“ ſagte dringend Banniöre, indem er den Jeſuiten beim Gür⸗ tel faßte. „Nicht eine Secunde!“ rief der Pater de la Sante, „horch! horch! es ſchlägt zwei Uhr, und der ehrwür⸗ Pater Proviſor Mordon erwartet mich zur Mel⸗ ung.“ Und der Autor von Abrahams Opfer machte ſeinen Gürtel von den Händen des jungen Mannes frei, verſchwand im Gange und ließ Iſaak Banniöre in der tiefſten Verlegenheit zurück. Ver ehrwürdige Pater Mordon. Die Verlegenheit war um ſo größer bei dem No⸗ vizen, als der Pater de la Sante das Wort Meldung ausgeſprochen hatte. Dieſe Meldung war der Schrecken der Novizen. Man nannte in der That Meldung eine Art von 42 Revue, bei der der Superior singulatim die Melbungen jedes beim Noviciat angeſtellten oder demſelben beige⸗ gebenen Profeſſors empfing, abgeſehen von gewiſſen Meldungen von Zöglingen, welche mehr geneigt waren, als die Anderen, das Licht der Gnade oder die Gnade des Lichtes, wie man will, auf die Werke ihrer Ka⸗ meraden herabzurufen. Der unglückliche Bannidre kannte dieſe jeſuitiſche Gewohnheit. Den venetianiſchen Denunciationen oder der portugieſiſchen Ingquiſition ähnlich, erſchien die Mel⸗ dung den Opfern, die ſie machte, mit den erſchreckli⸗ chen Verhältniſſen des Unbekannten; es war eine Woike, die man nie ſich bilden ſah, aus der aber in einem ge⸗ gebenen Augenblick, und beinahe immer in dem, wo man es am wenigſien erwartete, ohne Blitze oder Rauch der Donner und der Hagel hervorgingen. Es war in der That der Gebrauch, daß jedes Wort, jeder Gedanke, jede Handlung der Novizen vor das unverſöhnliche Tribunal des Superiors gebracht wurden. Die Folge der Meldung war aber für diejenigen, welche ſie betraf, das Vorurtheil vor Allem, die Erklärung zuweilen, die Strafe immer. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß jeder vom Superior befragte Jeſuit dieſem einen getreuen Bericht über Alles das ſchuldig war, was ihn der Superior fragte, und ſollte dieſer Bericht auch die ihm theuerſten Perſonen, einen Freund, einen Verwandten, einen, Bruder, ge⸗ fährden. Kaum war auch Banniore, den, wir wir geſehen, der Pater de la Sante in der Kirche verlaſſen hatte, in ſeine Zellezurückgekehrt, als ein Cuiſtre, ſo nannte man die Diener, ſeine Thüre öffnete, welche dem Novi⸗ zen unter keinen Umſtänden geſchloſſen zu halten ge⸗ ſtattet war. 8 Das Noviclat der Jeſuiten war eine gräßliche Probe⸗ zeit: es handelte ſich darum, das Werk der Natur, das man den Menſchen nennt, zu brechen, zu zerſtoͤren gen ige⸗ iſſen ren, ade Ka⸗ iſche oder Kel⸗ ckli⸗ otke, ge⸗ wo auch Lort, das den. elche rung erior Alles und nen, ge⸗ hen, atte, inte kovi⸗ ge⸗ robe⸗ das ören 43 zu vernichten, um daraus den Sklaven des Ordens zu machen, den man den Jeſuiten nannte. Für dieſe Verwandlung wurde kein Mittel vernachläßigt, von der berauſchendſten Verführung bis zu den grauſamften Martern. So macht man es mit den Thieren, die man zähmt und, um zu dieſem Ziele zu gelangen, der drei erſten Bedürfniſſe der belebten Materie, nämlich des Lichtes, der Nahrung und des Schlafes beraubt. Man entnervte jeden Widerſtand durch die Dunkel⸗ heit, durch die Nachtwachen und durch den Hunger. Der Noviz ſchlief jenen in der Jugend ſo ſanften Schlaf, man entzog ihn plötzlich dieſer Ruhe, und ohne Beweg⸗ grund, ohne Nutzen, ohne einen andern Zweck, als den, den Leib und den Geiſt zum paſſiven Gehorſam zu führen, befahl man ihm, hundertmal im Garten auf und abzu⸗ gehen, oder das Amt der Jungfrau zu ſprechen. Starb er faſt Hungers, und er war im Begriff, ein gutes Mahl einzunehmen, ſo kam in dem Augenblick, wo er das erſte Stück in den Mund ſchieben wollte, der Befehl, einer Conferenz von zwei, von drei, von vier, von fünf Stun⸗ den beizuwohnen. Strebte er mit zu großem Verlangen nach den erſten Sonnenſtrahlen des Mai, nach den erſten Frühlingsblüthen, welche mit den Wohlgerüchen der jungen Blumen auf ihren Flügeln das Leben und die Geſundheit zu bringen ſcheinen, ſo ſteckte man ihn auf einen Tag, auf zwei Tage, oft auf eine Woche, zuweilen auf einen Monat in ein finſteres Gewölbe, wo ihm ſtatt jedes Duftes die Ausſtrömung des Grabes, ſtatt jeder Luft jener unterirdiſche Wind zukam, der ſo traurig an den Ecken der Pfeiler klagt, welche die Gruftgewölbe tragen. Dann, wenn die Seele und der Geiſt einge⸗ ſchläfert waren und zum Willen nur noch den höheren Willen hatten, der bei der großen, wunderbaren Ver⸗ bindung präſidirte, die man die Geſellſchaft Jeſu nannte, ward der Noviz in den Schooß des Ordens auf⸗ genommen, und da wurde er nach ſeinem Verſtande, nach ſeinem Wiſſen, nach ſeiner Fähigkeit, nach ſeinem 44 Genie entweder einfacher Bruchſtein, oder Eckſtein, oder Gewölbſchlüſſel des ungeheuren Gebäudes, errichtet im Schatten durch die ſchwarzen Arbeiter, welche nach der Weltherrſchaft ſtrebten. In dem Moment, wo der Diener an der Thüre von Banniére erſchien, hatte dieſer noch nicht Zeit ge⸗ habt, ſeinen unglücklichen Herodes zu verhergen, und er ſuchte mit allen Augen einen Winkel, dem er ihn an⸗ vertrauen könnte. Der Cuiſtre unterbrach ihn in dieſer wichtigen Operation und ſagte Bannière, der Pater Proviſor rufe ihn. Worauf Bannière nur dadurch antwortete, daß er ſeine Taſche platt machte und dem Diener zu folgen ſich entſchloß. Zwei Minuten nachher ſtand er dem Superior gegenüber. Der Pater Mordon, der Superior der Jeſuiten von Avignon, war in phyſiſcher und moraliſcher Hinſicht der vollkommenſte Gegenſatz, den man für den Pater de la Sante finden konnte; groß, mager, blaß in jener Bläſſe des Elfenbeins, Beſitzer eines Kopfes mit un⸗ geheurer Stirne, mit zwei ſtarren Augen, welche, wenn ſie ſich lange auf denſelben Gegenſtand hefteten, einen Glanz annahmen, den man nicht zu ertragen vermochte, mit einer Spalte über einer langen, geraden, ſpitzigen Naſe, unter welcher man einen Mund ſah, der mit der Schneide eines Raſirmeſſers geöffnet worden zu ſein ſchien, ſo wenig Vorſprung boten die gleichſam an ein⸗ ander geklebten Lippen, dies war der Pater Mordon. Immensus fronte, atque oculis bipatentibus. Nie hatte Banniöre die Gegenwart ſeines Provi⸗ ſors geliebt, doch an dieſem Tage, ſagen wir es, ohne ihm Unrecht zu thun, war ſie ihm verhaßt. Die Stirne des Jeſuiten ſchien ihm einen doppelten Un töt ger ble wa bil bre ind nä als tre der me daß bre ſtul wie heu gar Zw fon fan din fral beft oder im der üre ge⸗ er an⸗ gen iſor er gen rior iten icht ater ener un⸗ enn nen hte, gen der ſein ein⸗ n. ovi⸗ hne ten 4⁵ Umfang bekommen zu haben, ſeine Augen hatten den tödtlichen Glanz der Augen des Baſilisks, bleicher als gewöhnlich, wurde ſeine Naſe gegen ihre Spitze immer bleicher, und ſeine krampfhaft zuſammengepreßten Lippen waren einwärts gezogen, ſtatt einen Vorſprung zu bilden. Der Jeſuit bemerkte die Wirkung, die er hervor⸗ brachte, und ſuchte den Glanz ſeines Blickes auszulöſchen, indem er ihn halb unter den Brauen verſchleierte. Er hieß Banniöre durch einen Wink mit dem Finger näher kommen: Bannieère gehorchte und blieb erſt ſtehen, als er den Tiſch vor ſich fand, der ihn vom Superior trennte. Der junge Noviz war blaß und zitterte, doch an der doppelten Falte ſeiner Stirne, am nahen Beiſam⸗ menſtehen ſeiner Augenbrauen ließ ſich leicht erkennen, daß er auch Beſitzer eines Willens war, der nicht leicht brechen würde. „Banniere,“ ſagte der Jeſuit, der in ſeinem Lehn⸗ ſtuhle ſaß wie ein Richter auf ſeinem Tribunal oder wie ein Kaiſer auf ſeinem Throne,„was haben Sie heute gethan?“ Banniöre begriff, daß dieſe Frageform, welche den ganzen Tag würde die Revue paſſiren laſſen, nur zum Zwecke hatte, zu ſeinem Aufenthalt in die Kirche zu kommen. „Mein Vater,“ fragte Banniore,„wo ſoll ich an⸗ fangen?“ „Fangen Sie beim Morgen an, secundum or- ihem. „Iſt das nothwendig?“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Sie wollen mich nur über einen einzigen Punkt fragen, mein Vater 2“ „Und über welchen Punkt glanben Sie, daß ich Sie befragen will?“ „Ueber den, zum Beiſpiel, was ich von Mittag bis zwei Uhr gethan habe.“ „Guti“ ſagte der Prieſter.„Sie ſind ſcharſſinnig, gut. Ich werde Sie alſo nicht befragen, ich werde Sie anklagen.“ „Ich warte, mein Vater.“ „Schon zweimal findet man bei Ihnen, das erſte Mal zwiſchen Ihren Matratzen, das zweite Mal unter einer Platte ihrer Zelle, ein Trauerſpiel von dem Schändlichen, der Arouet heißt und ſich Herr von Vol⸗ taire nennen läßt.“ „Ja, mein Vater, und jedes Mal hat man es mir confiscirt und mich beſtraft.“ „Und jedes Mal haben Sie ein anderes gekauft?“ „Das iſt wahr, mein Vater.“ „So daß Sie dieſen Morgen, während Sie ſich den Anſchein gaben, als läſen Sie Ihr Brevier, abermals dieſes Werk des Teufels in der Kirche laſen?“ „Ich leugne es nicht.“ „Wo haben Sie dieſe dritte Brochure verborgen?“ „Ich habe ſie nicht verborgen: ſie ſteckt in meiner Taſche, und hier iſt ſie.“ „Sie übergeben ſie mir alſo freiwillig, mit Reue und mit dem Verſprechen, daß Sie ſich keine andere zu verſchaffen ſuchen werden 2 „Ich übergebe ſie Ihnen freiwillig, mein Vater, doch ohne Reue. Was den Punkt betrifft, daß ich mir eine andere zu verſchaffen ſuchen ſollte, ſo wäre dies unnöthig. Ich kann dieſe auswendig.“ Der Superior zerknitterte die Brochure in ſeinen knochigen Händen; doch immer ruhig ſagte er: „Sie ſind beharrlich, Bannière, pervicax. „Ja, mein Vater,“ erwiederte Banniere, ſich ver⸗ beugend,„und das iſt ein Fehler, deſſen ich mich be⸗ züchtige.“ „Es iſt aber auch eine lobenswerthe Eigenſchaft, wenn man die Beharrlichfeit zum Guten lenft. Die bis nig, Sie erſte unter dem Vol⸗ mir ft?“ den rmals n 2 neiner Reue ere zu Bater, hmir dies ſeinen h ver⸗ ich be⸗ ſchaft, Die 47 Geduld, welche ihr die beſchränkten Geiſter vorziehen können, iſt nur eine negative Tugend; die Beharrlich⸗ keit iſt eine glückliche Thätigkeit: die zwei Zuſtände bei einem einzigen Individuum vereinigt nennt man Be⸗ rufz es ſcheint, daß Sie den Beruf haben.“ Banmöre erröthete; jedes Wort des Pater Mordon hatte einen Schweißtropfen auf ſeiner Stirne perlen gemacht. „Nun! antworten Sie,“ ſagte der Superior, der auf dem Geſichte von Banniöre dem Fortſchritte ſeiner Gemüthsbewegung folgte:„iſt Ihr Geſchmack für das Theater entſchieden ein Beruf oder nur eine einfache Phantaſie?“ „Mein Vater!“ „Iſt es nur eine einfache Phantaſie, wie ich ſagte, „eine Laune, eine Velleität? Iſt es nur die vorgeb⸗ liche Fähigkeit der Faulenzer zu Allem dem, was nicht die vorgeſchriebene Aufgabe iſt? Nehmen Sie ſich in Acht, mein Sohn, wäre es ſo, ſo wären Sie nur ein Träger darauf bedacht, die Arbeit zu fliehen, und die Trägheit iſt ſtrafbar nach dem Gebote Gottes.“ „Ich bin kein Träger, mein Vater, aber.. „Aber was?“ fragte der Jeſuit, ohne daß ſich eine einzige Muskel ſeines Geſichtes rührte, ohne daß eine einzige Falte auf ſeiner breiten Stirne hervortrat. „Aber,“ fuhr Banniore fort,„das Noviciat flößt mir Beſorgniſſe ein.“ „Sie wollen ſagen Widerwillen, mein Sohn.“ „Verzeihen Sie, mein Vater; ich ſage das nicht.“ „Deſto ſchlimmer, wenn Sie es nicht ſagen,“ er⸗ wiederte Mordon unbeugſam:„denn wenn Sie es nicht ſagen, ſo werde ich mich überzeugen, daß Sie vorhin, die Beaufſichtigung Ihrer Vorgeſetzten und die Maje⸗ ſtät Gottes in unſerer Kirche durch die unzeitgemäße, unerlaubte betrügliche Leſung eines profanen Buches täuſchend, nur einer ſchlimmen Verſuchung des böſen Geiſtes nachgegeben haben, der in der Finſterniß der undurchſichtigen Charaktere, der trägen Seelen lauert, und ſich damit zu füttern ſucht, quaerens quem devoret, und in dieſem Falle, da Sie einer groben, leicht zu über⸗ windenden Verſuchung unterlegen wären, da Sie ohne Dringlichkeit nachgegeben hätten, da Sie ohne Kampf beſiegt worden wären, würde ich mich zu meinem großen Bedauern genöthigt ſehen, mein lieber Sohn, eine der härteſten Strafen an Ihnen vollziehen zu laſſen, welche zu verhängen in unſerer Macht liegt, und die um ſo härter würde, als bei Ihnen ein Rückfall ſtattfindet.“ Bannlöre wich erſchrocken zurück; doch beinahe in demſelben Augenblick belebte ſich wieder der Muth in ihm. Er hatte begriffen, daß er ſich in eine Polemik eingelaſſen, wobei ſeine ganze Zukunft auf dem Spiele war, und daß er auf die Gefahr, zu unterliegen, den Streit bis zum Ende führen mußte. „Nun denn, mein Vater,“ ſagte er,„ich will lie⸗ ber dreimal, ſechsmal, zehnmal beſtraft werden, indem ich geſtehe, daß ich mit Willen oder, beſſer geſagt, aus Inſtinet geſündigt habe, als argwohnen laſſen, ehe ich dahin gekommen, wo ich bin, habe ich nicht alle meine Kräfte im Kampfe erſchöpft. gekämpft, ja, mein Vater, ich habe gerungen, doch wie Jacob bin ich immer vom Engel zu Boden geworfen In dieſem Leſen der Tragödien liegen für mich ein Reiz, eine Wolluſt, eine Gluth der Begierde, die mich verzehren. Verzeihen Sie mir, wenn Sie meine Offenherzigkeit verletzt, aber Sie ſehen, ich bin nicht mehr Herr über mich, ſobald dieſes Kapitel auf die Bahn gebracht wird, und den Beweis hievon gebe ich Ihnen dadurch, daß ich Ihnen ſage, was ich ſage.“ „Vocatio vocatur,“ ſprach der Jeſuit mit ſeiner unſtörbaren Kaltblütigkeit;„ich laſſe dieſen Text zu⸗ Nun, da dieſer Text einmal zugelaſſen iſt, wollen wir die Sache erörtern. Wir ſagen alſo, mein Sohn, Sie haben einen Beruf für die Darſtellungskunſt, welche man das Theater nennt?“ Ja, mein Vater, ich habe und vici dieſe mit Stä Mor ten um zu b wäh wert führ Ban wir und beſtit fort, ein, Jeſu Da ten, und der f Hly mert, oret, über⸗ ohne ampf roßen e der elche m ſo et.“ he in th in lemitk piele den llie⸗ ndem „aus e ich meine habe wie orfen für ierde, meine nicht f die gebe age⸗ ſeiner zu⸗ n wir „Sie welche 49 „Ja, mein Vater, und ich glanbe an dieſen Beruf.“ „Zugegeben. Doch zu gleicher Zeit, daß dieſes iſt und Ihre Fähigkfeit ſich offenbart, ſtudiren Sie im No⸗ vicilat Jeſu?“ „Mein Vater... „Oh! das iſt auch zuläßig, wie mir ſcheint!“ Bannière bebte, als er den ehrwürdigen Pater kalt dieſe erſchrecklichen Prämiſſen ſtellen ſah; er errieth, mit Hülfe einer unbekannten Beweisführung, deren Stärke er aber zum Voraus zu ſchätzen vermochte, würde Mordon ſeinen Gegner niederwerfen, wie jene geſchick⸗ ten Ringer, die ſich an irgend einer Stelle packen laſſen, um den Feind anzulocken und ihn dann um ſo leichter zu bemeiftern. Banniere hauchte auch mehr, als er ſie ſprach, die Worte: „Ja, das iſt zugegeben.“ „Sehr gut,“ erwiederte der Jeſuit;„wir ſagen alſo, während Sie bei der Geſellſchaft der Jeſuiten ſeien, i Sie durch das Gewerbe des Schauſpielers ver⸗ ührt. „Mein Vater, ich bin nur Noviz,“ entgegnete Banniöre haſtig. „Noviz, um Jeſuit zu werden, iſt gerade, als ob wir ſagten Jeſuit, da wir durch Anticipirung ſchließen und die Zukunft an die Stelle der Gegenwart ſetzen.“ Banniöre ſeufzte und ließ den Kopf ſinken. „Ich ſage alſo, Sie ſeien durch Ihre Verwandten beſtimmt, in den Orden einzutreten,“ fuhr der Superior fort,„aber Sie treten ohne Zweifel nicht in denſelben ein, ohne zum Voraus zu wiſſen, was die mit dieſem Jeſuitentiiel verbundenen Vortheile und Nachtheile ſind. Da Sie indeſſen nicht vollſtändig unterrichtet fein könn⸗ ten, mein Sohn, ſo will ich Ihnen ſelbſt kurz die einen und die anderen analyſtren. Hören Sie, mein Sohn?“ „Ja, mein Vater, ich höre,“ antwortete Bannidre, der ſich auf den Tiſch ſtützte, um nicht zu fallen. Hlympig von Clsves. 1. 4 5⁰ „Die Nachtheile ſind der Cölibat, die canoniſche Armuth und die visciplinariſche Demuth!“ ſuhr der Superior fort.„Sie begreifen mich wohl, nicht wahr?“ „Vollkommen, mein Vater.“. „Die Vortheile ſind die Aſſociation, die Unterſtütz⸗ ung beinahe aller menſchlichen Jntelligenzen in Thätig⸗ keit geſetzt durch ein verhorgenes, ſtets mit der Exiſtenz und dem inneren Glücke jedes Affiliirten eng verbunde⸗ nes Intereſſe, da unſere Conſtitutionen ſo ſind, daß der einfache Geſellſchaftsgenoſſe nie Güter beſitzt, ohne daß die gunze Geſellſchaft in moraliſcher wie in phyſiſcher Hinſicht daran Theil hat. Sie begreifen immer, nicht wahr, mein Sohn?“ „Vollkommen, meln Vater.“ „Es folgt hieraus, daß das Glück von Jedem von uns im Verhältniß ſteht zu dem Glücke, das wir Allen verſchaffen und reciproce. Unter dem Worte Glück begreife ich zwei Worte: Wohlſtand und Ruhm, Worte, welche die Haupttriebfedern aller Organiſatio⸗ nen ſind: Wohlſtand, die Triebfeder der materiellen Organiſationen, Ruhm, vie Triebfeder der idealiſtiſchen Hrganiſationen. Ich füge dem, indem ich mich zuſammen⸗ faſſe, bei, daß jeder Jeſuit um ſo mehr von der Ge⸗ ſellſchaft auserwählt und geehrt iſt, je mehr er Wohl⸗ ſtand und Ruhm der Geſellſchaft ſelbſt verſchafft, und daß die Geſellſchaft um ſo mehr Ruhm und Wohlſtand hat, je mehr ſie ehrenwerthe und glückliche Subjecte enthält. Für den Jeſuiten handelt es ſich alſo darum, nützlich zu ſein, um geſchätzt zu werden; iſt er einmal geſchätzt, ſo wird er belohnt.“ „Ich begreife fortwährend, mein ehrwürdiger Vater,“ ſagte der junge Mann, als er ſah, daß der Superior eine Pauſe der Erwartung machte. „Wahnſinnig,“ fuhr der Pater Mordon fort,„wahn⸗ finnig wären nun die Directoren einer Geſellſchaft, wenn ſie, den Zweck ihrer Gründung vergeſſend, es vernach⸗ ſche der icht tütz⸗ itig⸗ ſtenz nde⸗ der daß ſcher nicht von Allen Glück hm, ſatio⸗ iellen iſchen men⸗ Ge⸗ Wohl⸗ und lſtand bjecte arum, inmal zater,“ perior wahn⸗ wenn rnach⸗ 51 läßigen würden, über alle Zweige dieſes Frucht tra⸗ genden Baumes, der das Glück und den Ruhm erzeugt, die verſchiedenartig geſchickten Hände aller im heiligen Namen Jeſu verbundenen Leute auszuſtrecken. Es ge⸗ nügt, um die Oberen zu erleuchten, welche, wie Sie wiſſen, immer unter den Capacitäten gewählt werden, es genügt, ihnen bemerkbar zu machen, nicht nur, daß alle Menſchen mit Verſchiedenheiten von Anlagen ge⸗ boren werden, ſondern daß Alle, von den Kleinſten bis zu den Größten, irgend eine Fähigkeit haben, da es im Naturgeſetze liegt, daß jede Sache oder jedes Weſen auf der Welt ſeinen Nutzen in ſich trägt. Schlimm iſt es für diejenigen, welche nicht benützen und nicht be⸗ nützt werden; ſo ſterben oft an Leere, Kälte, Vereinze⸗ lung die befruchtbaren oder befruchtenden Keime, welche der Wind den Pflanzen oder den Bäumen entführt, um ſie auf uncultivirtes Land zu werfen. Aber bei uns, mein Sohn, bei uns, die wir alle Anlagen und Fähig⸗ keiten zu unterſcheiden und aus allen Nutzen zu ziehen wiſſen, bei uns gibt es keine Leere, keine Kälte, keine Vereinzelung. Jeder Keim iſt für uns gut, denn aus jedem Keime ziehen wir den Nutzen, ſicher, ihn Frucht tragend anzuwenden. Ich, der ich Vorgeſetzter von einer Anzahl Geiſter und Seelen bin, ich erkläre Ihnen, daß ich durchaus nicht in Verlegenheit gerathe über dieſe Verſchiedenheit der Anlagen, die ſich unter meinen Hän⸗ den erſchließen, und daß ich ebenſo gern in dieſem Gar⸗ ten der Intelligenz, der mir anvertraut worden iſt, einen Gelehrten, als einen Dichter, einen Ingenieur, als einen Muſiker, einen Mathematiker, als einen Künſtler blühen ſehe. Sie können, da Sie es ſtark wollen, ein geſchickter Schauſpieler werden; gut, ich gebe meine Ein willigung dazu; werden Sie alſo Schauſpieler, wenn Sie Ihr Temperament dazu antreibt, wenn es ihr Beruf heiſcht.“ „Aber dann, mein Vater, bin ich nicht mehr No⸗ viz,“ rief Banniere ganz betänbt vor Freude;„ich ſiu⸗ dire nicht mehr, ich verlaſſe die Jeſuiten.“ 52 „Warum dies? „Weil das Leben des Schauſpielers unverträglich mit dem Leben des Klausners iſt, weil der Eine ein mit dem Kirchenbann belegter, zum Voraus für die Hölle beſtimmter Gottloſer und der Andere eine heilige, zum Voraus für die Canoniſirung beſtimmte Perſon iſt. Ich muß wählen, das ſühle ich wohl, da man nicht zu⸗ gleich zweien Herren dienen kann. Ste ſind ſo gut, mir die Freiheit zu laſſen, mein Vater; wohl denn, ich ge⸗ ſtehe Ihnen, daß die friſche Luft, die Uebungen der Ge⸗ berde, das Studium der Eindrücke des Publicums für mich beherrſchende Reize, unwiderſtehliche Anziehungs⸗ kräfte haben.“ „Gut, ſehr gut, mein Sohn.“ „Und daß ich dann die Jeſuiten verlaſſen werde, um mich beharrlich den Uebungen meines neuen Stan⸗ des zu widmen.“ „Die Jeſuiten verlaſſen?“ verſetzte der ehrwürdige Pater mit ruhigem Tone; vich bitte, warum dies?“ Banniöre ſchaute den Superior mit Erſtaunen an. „Wie, mein Vater,“ ſagte er,„Sie würden wollen, vaß ich halb im Thrater, halb im Kloſler lebe, einen Fuß auf der Scene, den andern in der Kirche? Das iſt ja unmöglich, mein Vater! das wäre eine Ruchloſigkeit, wie mir ſcheint.“ „Ich ſage Ihnen das aber ganz und gar nicht, mein Sohn; die Jeſuiten verlaſſen, das wäre nicht nur Un⸗ dank, ſondern Albernheit.“ „Sie alſo nicht verlaſſen. Entſchuldigen Sie, mein Vater, mein Geiſt iſt ohne Zweifel verwirrt, denn wahrhaftig, ich verſtehe nicht recht,“ ſagte der unglück⸗ liche Noviz, der ſich auf dem allmälig durch die hinter⸗ hältiſche Dialektik des Superior heiß gemachten Roſt krümmte. „Es kann doch nichts leichter zu begreifen ſein, mein Sohn; denn nichts iſt klarer, und wenige Worte werden genügen, um Ihnen zu beweiſen, daß die volle lich mit lle um Ich zu⸗ mir ge⸗ Ge⸗ für rde, an⸗ dige . mn. len, nen z iſt keit, nein Un⸗ Sie, enmn lück⸗ ter⸗ Roſt ſein, zorte volle Vernunft auf meiner Seite iſt. Ich bitte, geben Sie mir die Definition des Schauſpielers.“ „Mein Vater,“ erwiederte Bannisre, Anfangs ver⸗ legen,„der Schauſpieler.. der Schauſpieler. „Sagen Sie es, mein Sohn, ſagen Sie es.“ „Das iſt ein Menſch, der öffentlich ſpricht.“ „Gut. Der öffentlich ſpricht, behalten wir das.“ „Mein Gott! mein Gott! was will er denn von mir mit den Fußangeln, die er mir legt?“ murmelte Bannisre. „Fahren Sie fort in Ihrer Definition des Schau⸗ ſpielers,“ ſprach Mordon. „Nun denn! der Schauſpieler, mein Vater, iſt ein Menſch, der vor den um ihn zu hören verſammelten Leuten die ſchönſten Gemeinſprüche vorträgt, welche die Moral über die Tugenden und die Laſter, über die Verbrechen und die Strafen, über die Schwächen und über die Leivenſchaften liefern kann.“ „Sehr gut,“ ſagte Mordon, der jedes der Worte der Definition mit niedergeſchlagenen Augen, mit zu⸗ ſtmmendem Nicken des Kopfes und einer völlig billi⸗ genden Pantomime verfolgt und wiederholt hatte. „Der Schauſpieler,“ ſprach Bannisre,„iſt endlich derjenige, welcher in einem Coſtume, das geeignet iſt, ſein Aeußeres geltend zu machen, dem Publifum Ge⸗ müthsbewegungen einflößt, deren Zweck es iſt, zu ge⸗ fallen, zu unterrichten, zu beſſern.“ „Das iſt wohl Alles, nicht wahr?“ fragte Mordon. „Ich ſehe nichts Anderes,“ erwiederte Banniöre, dem es bei dieſer Billigung unbehaglicher war, als es ihm bei einem Streite geweſen wäre. „Nun, mein Sohn,“ ſprach Mordon,„ich hatte Recht, als ich Ihnen die Verſicherung gab, Sie können voll⸗ kommen Alles das thun, was Sie geſagt haben, ohne die Geſellſchaft Jeſu zu vetlaſſen. Ich werde weiter gehen: bei dem Berufe, den Sie zeigen, um alle die Reſultate herbeizuführen, welche Sie ſelbſt bezeichnet haben, 54 könnten Sie ſich unmöglich zurückziehen, ohne die Ge⸗ ſellſchaft einer bedeutenden Summe von Ruhm und Wohlfahrt zu berauben. Darum, mein lieber Sohn, wer⸗ den Sie nicht aus ihrem Schvoße treten.“ „Aber, mein Vater,“ entgegnete erſchrocken über dieſe furchtbare Nachſicht Bannidte, bei dem die Geduld, wenn auch nicht Beharrlichkeit und Beruf, ein Ende erreicht hatte,„man hat nie einen Jeſuiten als Schau⸗ ſpieler geſehen.“ „Nie hat man einen Jeſuiten als Schauſpieler ge⸗ ſehen, das iſt wahr,“ erwiederte Mordon phlegmatiſch, „doch man hat Jeſuiten als Prediger geſehen. Warum ſollten Sie nicht ein Prediger, und zwar ein ausge⸗ zeichneter Prediger ſein?“ „Ich, Prediger!“ rief Bannisre erſtaunt, indem er auf jede Sylbe einen beſondern Nachdruck legte. „Allerdings; mir ſcheint, Sie haben ſelbſt vor ei⸗ nem Augenblick mit Meiſterhand das Protrait des Pre⸗ digers 2 2/ * „Ganz gewiß, Sie.“ „Des Schauſpielers!“ „Oder des Predigers. Laſſen Sie mich Wort für Wort Ihre Definition wiederholen.“ „1. Ein Menſch, der öffentlich ſpricht. „Die Prediger ſprechen öffentlich, wie mir ſcheint. „2. Ein Menſch, der vor den um ihn zu hören ver⸗ verſammelten Leuten die ſchönſten Gemeinſprüche vorträgt, welche die Moral über die Tugenden und über die Laſter⸗ über die Verbrechen und die Strafen, über die Schwä⸗ chen und die Leidenſchaften liefern kann. „Mein lieber Sohn, ich glaube, daß die Prediger nichts Anderes thun. „3. Der Menſch, der in einem Coſtume, das ge⸗ eignet iſt, ſein Aeußeres geltend zu machen, dem Pu⸗ blitum Gemüthsbewegungen einflößt, deren Zweck es iſt,. zu unterrichten, zu gefallen und zu beſſern. Ge⸗ und ver⸗ über u, Ende hau⸗ ge⸗ tiſch, arum sge⸗ r ei⸗ Pre⸗ rt für eint. n ver⸗ trägt, Laſter, chwä⸗ reviger as ge m Pu⸗ es iſt,. 55 „Das iſt Ihre dreifache Definition; Sie ſehen, daß ich ſie wohl behalten habe, mein Sohn, da ich nicht ein Wort daran ändere. Würde aber je eine Definition richtig auf Jemand angewendet, ſo iſt es die Ihrige, mein Sohn, auf den Prediger angewandt. In der That, in die prieſterliche Tracht gekleidet, welche die edelſte, die impoſanteſte und am meiſten geeignet iſt, um die äußeren Vorzüge eines ſchoͤnen Mannes geltend zu machen, decente Vorzüge, wir ſetzen nie andere voraus, nicht wahr, mein Sohn? die Haare, wohl geglättet, die Hand halb verloren unter dem Spitzenärmel, kann der Prediger, wenn er angenehm von Geſicht iſt, wie Herr von Fönelon war, die glücklichſten Eindrücke auf eine Verſammlung hervorbringen. Ich ſage nicht, mer⸗ ken Sie ſich das wohl, mein lieber Sohn, ich ſage nicht, ich billige die Gefühle und die Theologie von Herrn von Fénelon. Nein, ich bin im Gegentheil weit hievon entfernt, ſondern ich ſpreche nur vom Auftreten. Es iſt alſo allen Punkten Ihrer Definition Genüge geleiſtet, und ich erwarte Ihre Antwort.“ „Verzeihen Sie, mein Ehrwürdiger,“ erwiederte Banniere,„ich glaubte, indem ich Ihnen ſo aufrichtig antwortete, Sie von meinem Berufe, Schauſpieler zu werden, zu überzeugen.“ „Oder Prediger, mein Sohn. Ich habe wohl ver⸗ ſtanden.“ „Aber, mein Vater, was Sie auch ſagen mögen, das iſt nicht daſſelbe.“ „Durchaus daſſelbe, nach Ihren Deſinitionen wenig⸗ ſtens, mein Sohn, und nach eben dieſen Deſinitionen, wenn die wahre zu Gunſten von irgend Einem iſt, ſo iſt ſie zu Gunſten des Predigers.“ „Aber, mein Vater, laſſen Sie mich doch meine Deſinition vollenden,“ rief Banniöre. „Oh! ſehr gern, mein Sohn; vollenden Sie im⸗ merhin.“ „Ich füge alſo bei,“ ſagte Bannisre mit dem nai⸗ „ 56 ven Triumvh eines jungen Lammes, das für den Augen⸗ blick dem Zahne des Wolfes entwiſcht iſt,„ich füge bei, daß der Schauſpieler derjenige iſt, welcher geſchichtliche Stücke, Werke ſpielt, die Großthaten darſtellen, an Er⸗ eigniſſe erinnern, durch die das Angeſicht der Welt ver⸗ ändert worden iſt.“ „Hiebei halte ich Sie feſt,“ ſprach ruhig der Pater Mordon.„Mein Sohn, Sie haben in der That mit einem ſehr merkwürdigen Pinſelſtrich dos Gemälde des Predigers vollendet, und ich wünſche Ihnen aufrichtig hiezu Glück.“ „Wie!“ rief Bannisre niedergeſchmettert. „Wollen Sie mir doch gefälligſt ſagen, welches Stück, welches Trauerſpiel, welches Drama mit einem Wort, was den Styl, das Intereſſe der Triebfedern, den Umfang der Ereigniſſe, die Entwickelung, die Einzelheiten der Situationen betrifft, ſich mit den Leiden unſeres Herrn Jeſu Chriſti vergleichen läßt. Stellen Sie ſich vor, Sie ſeien auf der Kanzel, und Sie ganz allein, der einzige Schauſpieler, hoͤren Sie wohl, ohne Vorge⸗ ſetzten und ohne Theilung. beauſtragt, dieſen erhabenen Act zu verdolmetſchen, wo der Himmel, um die Erde zu erlöſen, ihr den Sohn ſeines Gottes leiht, ſtellen Sie ſich vor, Sie repräſentiren die Schwankungen von Pon⸗ tius Pilatus, die Ränke von Kaiphas, den Haß der Pha⸗ riſäer, die Abtrünnigkeit von Petrus, ſprechen Sie, kennen Sie im Theater von Corneille und Racine, im engliſchen Theater von Shakeſpeare und Johnſon, im Theater der alten griechiſchen Meiſter, eine wunderbarere Scene, einen göttlicheren Monolog, als die Meditation von Jeſus im Oelgarten, eine prächtigere, pittoreskere In⸗ ſcenirung, als die Gefangennehmung unſeres Herrn in eben dieſem Garten* „Wo laſſen ſich großartigere Schauſpiele finden, als das Urtheil des hohen Raths, lyriſchere und von einem höheren moraliſchen Werthe, als die Zuſammen⸗ ſtellung von Jeſus mit Barnabas? Fügen Sie dieſem ſpie gen⸗ bei, liche Er⸗ ver⸗ ater mit des htig ches nem den iten eres lein, rge⸗ enen ezu zon⸗ ha⸗ nen chen der ene, von In⸗ in den, von en⸗ ſem 57 die Entwickelung von jeder dieſer Martern mit ihrem religiöſen und moraliſchen Sinne bei... Endlich die Kreuzſchleppung, inmitten der frommen Frauen, mit ihren Stationen und Ohnmachten... Und die Kreuzigung ſelbſt, mein Sohn, und die Erzählung ohne Gleichen, neben der die Erzählung von Theramenes oder die von Ulyſſes, oder ſogar die im alten Aeſchylos, dieſem großen Meiſter, von der Schlacht bei Salamis kaum ſchätzbar ſind. Dies, mein theuerſter Sohn, dies iſt eine Tragödie, wo die Laſter und die Leidenſchaften in Thä⸗ tigkeit geſetzt ſind. Dies iſt ein geſchichtliches Werk, dies iſt ein Ereigniß, welches das Angeſicht der Welt ver⸗ ändert, ein Drama, in welchem Sie, wenn Sie wollen, die Hauptrolle, die einzige Rolle ſpielen werden, zum Beifall der Geſellſchaft, zum Beifall der Welt, vor Königen und Königinnen, wenn es Ihnen gutdünkt, und mit der Ausſicht auf ein Bisthum, auf ein Erz⸗ bisthum, auf einen Cardinalshut ſogar, der päpſitlichen Tiara, einer zweifelhaften, aber möglichen Chance, nicht zu erwähnen auf welche meines Wiſſens nie ein Schau⸗ ſpieler hat rechnen können.“ Nach dieſen Worten, während welcher ſich der ehr⸗ würdige Pater, nach der oratoriſchen Gewohnheit, einen Redeſchluß zu erwärmen, ein wenig belebt hatte, ſchlug er ſeine Augenlider auf, offnete ſeine Augen in ihrer ganzen Größe und umhüllte den Novizen mit den ge⸗ kreuzten Strahlen, welche daraus hervorſprangen. Aber gereizt durch all dieſen Widerſtand, verletzt durch dieſe finſteren Umwege, auf denen ihn die hinter⸗ liſtige Bereptſamkeit von Mordon umhergeführt hatte, rief Banniöre: „Mein Vater, weder die Kirche, noch die Kanzel, noch die Predigt reißen meinen Geiſt fort; ich bin nicht empfänglich für den Beifall einer frommen Menge; mein unglücklicher, verhängnißvoller, verdammter Beruf zieht mich zu profanen Dingen hin: mein Streben iſt, Schau⸗ ſpieler zu ſein, auf den Brettern eines Theaters, wo 58 Schauſpieler.. und Schauſpielerinnen auftreten, Schau⸗ ſpieler wie Herr Baron, Schauſpielerinnen wie Fräulein von Champmeslé! Das iſt es, wonach ich begehre, mein Vater, das iſt es, was ich verlange, das iſt es, was ich will.“ „Genug, genug, mein Sohn,“ ſagte der Jeſuit, während er über ſeine breite Stirne ſtrich, auf der ſich einen Augenblick Falten den ſtürmiſchen Wellen des Rittelländiſchen Meeres ähnlich gebildet hatten;„ich glaube entſchieden, daß Sie ſich über Ihren angeblichen Beruf geirrt haben; ich befürchte, Sie haben da ein Symptom von jenen teufliſchen Verſuchungen, mittelſt deren der Feind des Menſchengeſchlechts die ſchwachen Seelen an ſich lockt. Zum Glück iſt mir Ihr Seelen⸗ heil theuer, und um Sie in der Wiederbefeſtigung zu unterfiützen, bitte ich Sie, ſich ſogleich in die Medita⸗ tionsſtube zu begeben, wo Sie die ganze Zeit bleiben werden, die zur Rückkehr der geſunden Ideen, welche die Grundlage jeder zur Verherrlichung Gottes geleite⸗ ten Erziehung bilden, nothwendig iſt.“ Nachdem er ſo geſprochen, klingelte der Pater Mor⸗ don, wiederholte vor dem Guiſtre den Befehl, mit dem er Bannisre bedroht hatte, und vernichtet, roth vor Scham, keuchend vor Schmerz, folgte der junge Mann mit geſenktem Kopfe und zitternden Knieen dem Diener, der beauftragt war, ihn in die Meditationsſtube zu führen. hau⸗ ulein mein was ſuit, ſich des „ich ichen ein ttelſt achen elen⸗ g zu dita⸗ eiben elche leite⸗ Mor⸗ dem vor Nann iener, e z 59 VI. Die Meditationsſtube. Die Klöſter hatten ihre in pace, ihre Gefängniſſe, ihre Carcer. Bei den Jeſuiten, Leuten, welche zu ſehr civiliſirt waren, um ſich nur an das Phyſiſche zu wen⸗ den, gab es die Meditationsſtube. Im erſten Stocke, gegen den hinteren Theil des Hauſes, wo ein an ſeinen Enden ganz vergitterter, ganz verriegelter Gang angebracht war, öffnete oder ſchloß ſich vielmehr eine große Stube von einer Gewölbs⸗ höhe, welche beträchtlich genug war, daß die Meditativ⸗ nen der Gefangenen nicht die der Spinnen ſtörten, die ihr Domicil in den Ecken der ſchwarz angemalten Karnieße gewählt hatten, beträchtlich genug beſonders, daß eben dieſe Gefangenen nie den Fenſterrahmen er⸗ reichen konnten, der mit einer einzigen Scheibe verſehen war, welche dieſes Gewölbe wie ein Cyklopenauge durch⸗ höhlte und hier ein mageres Licht ganz getrübt durch den äußern Staub und Rauch einſiekern ließ. Wenn aber das Licht traurig und ſchüchtern in das Innere dieſes häßlichen Käfichs herabſtieg, ſo muß man ſagen, daß Apollo, der Gott des Tages und zu gleicher Zeit der Meditation, nicht das geringſte Vergnügen beim Beſuchen des Innern dieſes Winkels gehabt hätte, deſ⸗ ſen vier Wände mit ſchwarzen Tapeten ausgeſchlagen waren, die man mit Todtenköpfen und Knochen im Kreuze von einem weißen Stoffe, befeſtigt auf dem ſchwar⸗ zen mittelſt eines ſoliden, an den beiden Farben Theil habenden Fadens, beſät hatte. Zwiſchen dieſen düſtern Emblemen hoben ſich überdies weiß auf die Tapeten geſlickte Inſchriften hervor, und auch hier fand ſich wieder der eigenthümliche Geſchmack, der es ſich zur 60 Aufgabe gemacht hatte, dieſen gezwungenen Meditativ⸗ nen, welche die Jeſuiten den widerſpänſtigſten Novizen auferlegten, einen der franzöſiſchen Heiterkeit ganz ent⸗ gegengeſetzten Charakter zu geben. Alles, was die alten Dichter Sckwärzeſtes in der Hefe ihrer leeren Amphora gefunden, Alles, was die Weiſen wahnſinnigſt Verzweiflungsvolles getroffen haben, von dem O bios esti parodos skias bis zum Serius ocyus von Horaz, von den kläglichen Verſen des Pies iræ bis zu den commentirten Formeln des Perinde ac cadaver der Ge⸗ ſellſchaft Jeſu. Alles breitete ſich aus, entrollte ſich weiß auf dieſer traurigen ſchwarzen, todes farbigen Tapete. Dieſe zahlreichen Sprüche von verſchiedener Größe und Schrift zogen dos Auge an wie Offenbarungen aus dieſer Mauer vorſpringend und ſich im Relief hervor⸗ hebend, ols ob aus den Tieſen der unbekannten Welt, welche ſie bewohnen, alle dieſe düſteren Moraliſten, alle dieſe kläglichen Versmacher gerade mit einem unſicht⸗ baren Finger dem meditirenden Novizen ihre Meditatio⸗ nen, durchgeſehen, verbeſſert und vermehrt, je nach den Umſtänden, aufgezeichnet hätten. Bannisre wurde alſo in dieſen Kerker geworfen, der ihm völlig fremd war, denn er kannte ihn nur aus den Mittheilungen von denjenigen feiner Komeraden, welche man dahin geführt hatte. Banniore war ein guter Noviz, das heißt, er kam regelmäßig ſeinen Schulpflichten nach, erliebte die latei⸗ niſchen Verſe und ſogar die franzöſiſchen Verſe des Pater de la Sante und trieb bis zum Enthuſiasmus ſeine Bewunderung für Herrn Arouet, dergeſtalt, daß er ſich, wie wir geſehen, zwei Brochuren von Marianna hatte confisciren laſſen, und die dritte dem Superior erſt über⸗ gab, als er alle Rollen auswendig wußte, von der von Herodes, König von Paläſtina, bis zu der von Narbas, Officier der amorräiſchen Könige, und von der von gef lern geft dieſ atio⸗ vizen ent⸗ der eiſen dem von den Ge⸗ ſich igen röße aus vor⸗ Lelt, alle icht⸗ atio⸗ den rfen, aus den, kam tei⸗ des eine atte ber⸗ von as, von 61 Marianna, der Frau von Herodes, bis zu der von Eliſa, der Vertrauten dieſer Fürſtin. Man erräth, daß von dem Augenblick an, wo Bannidre dieſe Begeiſterung für Herrn von Voltairefühlte und dieſe Begeiſterung in ſprudelnden Cascaden der Bewunderung auf die paar Trauerſpiele zurückfiel, welche der junge Philoſoph ſchon veröffentlicht hatte, man erräth, daß Bannière den erſchrecklichen Fall nicht begriff, den bei ihrer erſten Erſcheinung auf dem Theater am 5. Januar 1724, nämlich drei Jahre vor der Epoche, in welcher die Ereigniſſe vorgehen, die wir in dieſem Augenblick zu erzählen beſchäftigt ſind, die Tragödie Marianna gemacht hatte. Dieſer Fall war ſo ſchwer geweſen, daß man geglaubt hatte, die Tragödie ſei durch den Schlag getödtet worden. Aber Arouet war zähe; er hatte die Stücke der armen Königin aufgehoben und ſie, ſo gut es eben ging, zuſammengeleimt; er hatte die Scene zwiſchen Varus und Herodes weggeſchnitten, er hatte eine rüh⸗ rende Erzählung an die Stelle der thätigen Entwicke⸗ lung geſetzt, bei der ſich Marianna auf der Scene ver⸗ giftet, welche Entwickelung ſo traurig für den Verfaſſer durch den ſchlechten Spaß eines Zuſchauers, dem es einfiel, zu rufen:„Die Königin trinkt!“ erheitert worden war, und durch dieſe Verbeſſerung und viele andere, welche der Autor in ſeiner Vorrede aufzählt, an die wir, wenn ſie ſich weiter unterrichten wollen, unſere Leſer verweiſen, durch dieſe Verbeſſerungen hatte das Stück im Jahre 1725 einen Succeß eben ſo rieſen⸗ haft gehabt, als 1724 ſein Fall tief geweſen war. Dies beweiſt nicht, daß das Publikum ſehr logiſch iſt, ſondern es beweiſt, daß das Stück, nachdem es zuerſt gefallen war, hernach reuſſirt hatte. Banniére hatte nicht nur das Stück, ſondern auch die Varianten ge⸗ lernt, welche der Verfaſſer am Ende des Stückes an⸗ gefügt hatte, ohne Zweifel, vamit nicht ein Vers von dieſer ſchönen Poeſie, die noch zu dieſer Stunde drei —— —— 62 Viertel der Academiker vor Vergnügen ſich aufblähen macht, für die Nachwelt verloren gehe. Bannire kannte alſo bis dahin keine andere jeſui⸗ tiſche Strenge, als die Confiscation der Brochuren von Herrn Arouet. Sein Beruf, eine ſanfte und leuchtende Fackel, hatte ihm bis jetzt dazu gedient, die Finſterniß des Noviciats mit allen Arten von liebenswürdigen Schatten und an⸗ muthigen Geſpenſtern zu bevölkern. Er hatte ſich Freunde unter ſeinen Mitſchülern gemacht und ſeine Lehrer ge⸗ nöthigt, ſeinen vriginellen Charakter zu bewundern. Mit einem Worte, er hatte jene unerklärliche Achtung ge⸗ noſſen, die bei jedem Induſtriezweige den unabhängigen und neuernden Geiſtern zu Theil wird. Darum hatte er, gefangen mit den andern ſchwar⸗ zen Vogeln in dieſem Käfich des Noviciats, mehr als die Anderen befreundete Hände ſeinem Gitter ſich nähern ſehen, er hatte mehr als die Anderen ſich der Luft und des Raumes erfreut, und, vertrauensvoll wie alle gute Naturen, fühlte er ſich nun von ſo hoch herab in dieſen Kerker der Meditationen gefallen, daß ihm keine andere Zuflucht mehr blieb, als die Falſchen zu verfluchen, die ihn zu einem ſo ſchweren Falle gebracht hatten. Die erſte Bewegung von Banniere war das Erſtau⸗ nen geweſen, die zweite war die Entrüſtung. Bannidre war jedoch ein Junge von Geiſt, er be⸗ vachte raſch, daß die Jeſuiten mit den Schauſpielern keinen Vertrag ſchließen konnten, und daß es, wenn die Jeſuiten und die Schauſpieler gemeinſchaftliche Sache machten, unanſländig und ungerecht erſcheinen müßte, daß die Einen Beichtväter von Königen, Gouverneurs und Prinzen, Staatsinquiſitoren unter ſo häßlichen und traurigen Kleidern ſeien, indeß die Andern, nicht nur von allen Ehren ausgeſchloſſen, ſondern auch ercommu⸗ nicirt, mit Schmach belegt, elend, unter geſtickten Kiei⸗ dern, Sammetmänteln und Federbüſchen; daß Gott, der die hchſte Weisheit und die ewige Gerechtig⸗ 75— — c— 63 lähen keit iſt, Ausgleichungen gemacht habe, daß der Jeſuit ſeinen Käfich liebe, weil er ſich an denſelben gewöhnt, jeſui⸗ weil er ſein Gitter vergolde, während der Schau⸗ von ſpieler im Gegentheil die Käſiche nicht lieben könne, weil es ihm nicht gelungen, ſie zu vergolden. hatte Dieſe Logik führte Bannière zu einem ſo unmäßi⸗ iciats gen Verlangen nach Freiheit, daß er ſich dieſe Freiheit d an⸗ durch alle mögliche Mittel zu verſchaffen beſchloß. eunde Nachdem er alle die Terte, die ihm die Wände ee recitirten, geleſen und ironiſch erläutert hatte, empörte Mit er ſich gegen die Oberen, die ihn verfolgten, und da er ge⸗ die Gelegenheit günſtig fand, ſich ohne Zwang der De⸗ igigen clamation hinzugeben, ſo fing er an ganz allein Hero⸗ des und Marianna zu ſpielen. hwar⸗ Gewohnt, von Klagen und Verwünſchungen jedes ls die Meditanten zu wiederhallen, ertönte das Gewölbe ganz rähern erſtaunt von den Hemiſtichen eines Trauerſpiels. In ft und ſeine Soutane gehüllt, auf welche er in Form eines e gute Mantels ſeine Bettdecke geworfen hatte, ſpielte, brüllte dieſen! und ſtöhnte Bannidre die verſchiedenen Rollen des andere Stückes, machte die Trompete, welche die Herolde ver⸗ die kündigte, ahmte die verſchiedenen Geräuſche des Volks nach und führte endlich das Werk von Voltaire bis zum Frſtau⸗ letzten Verſe der Varianten und der Noten durch. Das dauerte wohl vier Stunden. er be⸗ Während dieſer vier Stunden beluſtigte ſich Ban⸗ pielern nibre in ſeiner dreifachen Eigenſchaft als Zuſchauer, als nn die Schauſpieler und als eingeſperrter Jeſuit. Sache Doch Alles hat ein Ziel hinieden: brachte die Me⸗ müßte, ditationsſtube ihre Wirkung hervor, trug die Müdigkeit erneurs den Sieg über den unglücklichen Gefangenen davon, en und oder hatte die zarte Marianna nichts mehr mit ihrem cht nur grauſamen Tyrannen zu bebattiren, Bannidre wurde ommu⸗ von großer Schläfrigkeit befallen. n Kiei⸗ Das war noch nicht das Ganze. Wir haben ge⸗ Gott, ſagt, daß die Jeſuiten zuweilen die widerſpänſtigen rechtig⸗ Novizen durch den Hunger packten; was Tiger, Löwen und Elephanten bändigt, konnte auch wohl Bannisre bändigen. Volles Gehirn macht den Magen leer, aber leerer Magen füllt ſchlecht das Gehirn oder füllt es nur mit Dünſten. Endlich, nach zwei weiteren Stunden von Kämpfen, während welcher die moraliſche Stärke von Bannière immer mehr abnahm, als er nicht mehr die Kraft hatte, auch nur die kleinſte von den Rollen ſeiner Lieblings⸗ tragödie zu declamiren oder mit Erfolg die weißen In⸗ ſchriften zu leſen, leßte er ſich auf ſein Bett ohne Ma⸗ tratze, hüllte ſich in ſeine Decke und fing an eine Vergleichung zwiſchen ſeinem gegenwärtigen Zuſtand und ſeinem vergangenen Zuſtand zu ziehen. Hiebei blieb er ſtehen, denn die Zukunft war für ihn mit ſo viel Finſterniß bedeckt, daß er ſie nicht ein⸗ mal zu errathen ſuchte. Die Nacht, eine gute Rathgeberin der guten Gei⸗ ſter, dieſe Nacht, welche die alten Gothen die Mutter der Gelegenheiten nannten, dieſe Nacht, welche die Jeſuiten als Beiſtand benützten und die Rebellen zu überreden beauftragten, dieſe Nacht ſtieg langſam vom Himmel herab und bedeckte die einzige Fenſterſcheibe, vas Auge des Gefängniſſes, mit einer ſtufenweiſen Blindheit. Allmälig erloſchen ſodann an den Wänden die wei⸗ ßen Buchſtaben der Inſchriften; allmälig verſanken in das Nichts, aus dem man ſie ausgegraben, die mora⸗ liſchen Sentenzen, welche den Menſchen verdammen, zu entfliegen wie Aſche, zu verfaulen wie Materie und ſich zu biegen wie Rohr unter der Hand der Nothwen⸗ digkeit. Bannidre unterſchied bald nichts mehr und blieb auf den Querhölzern ſeines Bettes, immer mehr erkal⸗ tend und immer trauriger werdend, liegen. Zwei Stun⸗ den vergingen noch ſo, und während dieſer zwei Stunden bemerkte er beſonders, daß die über der Thüre der Stube, in welche man ihn eingeſperrt hatte, angebrachte In⸗ ſch wa ſtu trä Hä den ſam dite das ſich ſing erke Die fäh glei glü ſo« Phi Une ſche alte nidre aber lt es pfen, nidre hat, ings⸗ In⸗ Ma⸗ eine und r für ein⸗ Gei⸗ ttter velche en zu vom heibe, veiſen e wei⸗ ken in mora⸗ en, zu id ſich hwen⸗ blieb erkal⸗ Stun⸗ unden Stube, e In⸗ 65 ſchrift keine leere Zuſammenſtellung von Buchſtaben war, ſondern daß dieſe Stube wirklich die Meditations⸗ ſtube genannt werden konnte. „Was thun ir einem Bette, wenn man nicht darin träumt?“ hat la Fontaine geſagt. 5 Bannidre träumte in ſeinem Bette. Dann, nachdem er geträumt hatte, entſchlief er. Die Nacht, wie der alte Homer ſagt, hatte die Hälfte des Himmels auf ihrem ebenholzenen Wagen mit den ſilbernen Rädern durchlaufen, als ein ſcharfes, ſelt⸗ ſames, anhaltendes Geräuſche den Novizen aus der Schlafſucht erweckte, welche der Hunger und die Me⸗ ditationen in ſeinem Gehirne hervorgebracht hatten. Dieſes Geräuſch, ein wohlbekanntes Kratzen, kam von der Tapete links. Wach geworden, öffnete Bannidre ein Auge, dann das andere, wandte ſich auf ſeinem Lager mit dem Ge⸗ fichte gegen das Geräuſch um und horchte. Das ſcharfe Echo fuhr, fort, ſein monotones Lied zu ſingen. Es war keine Täuſchung möglich, der Noviz erkannte das Geräuſch, das der Zahn einer Maus macht. Dieſes Geräuſch erzeugte ſich in einer Höhe von unge⸗ fähr zehn Fuß und lag zwiſchen der Tapete und der Mauer. Banniöre ſtieß einen Seuſzer aus. Was machte Banniöre ſeufzen? Ach! die Ver⸗ gleichung; in ſeiner Demuth fand er dieſe Maus ſehr glücklich. Glücklich war in der That die Maus, die ſich ſo ein Abendbrod und ſogar einen Mitternachtsſchmaus aus den Inſchriften der Moraliſten und der ftoiſchen Philoſophen machte, welche die Enthaltſamkeit und die Uneigennützigkeit predigen. Glücklich war dieſe Maus, die in Freiheit zwi⸗ ſchen der Täpete und der Mauer durchſchlüpfte, um ſo altes Tuch und altes Leder zu knaupeln. Olympia von Clepes, 1, 66 Doch nein, es war weber Tuch, noch Leder, was die Maus knaupelte. Das Echo war ſonor: die Maus tnaupelte Holz. Holz,— man höre wohl,— das war ernſt. Nicht für Sie, lieber Leſer, nicht für Sie, liebe Leſerin, die Sie mich in einen guten Schlafrock einge⸗ wickelt, die Füße auf Ihren Feuerboöcken, mit dem Bewußt⸗ ſein leſen, daß Sie nur zu wollen brauchen, um einen Spaziergang in Gottes freier Natur zu machen, ſondern für Banmöre, den armen Gefangenen, für deſſen Ohr das geringſte Geräuſch eine Wichtigkeit nach Maßgabe ſeines Verdruſſes, gefangen zu ſein, und ſeines Wunſches, frei zu werden, annahm. Es war alſo für Banniöre ein großer Unterſchied, ob die Maus Holz oder Leder knaupelte. Denn er machte ſich folgendes Raiſonnement: „Holz!.. Dieſe Maus knaupelt entſchieden Holz. „Wie Teufels kann dieſe Maus ein Stück Holz ſo hoch hinaufgebracht haben? Und wenn ſie es hinaufge⸗ pracht hat, was ſehr indußriös von ihr iſt, da ſie keine Maſchine vom Werthe derjenigen beſitzt, welcher ſich Antonius bediente, um ſeine Galeeren vom Mittellän⸗ diſchen Meere in das Rothe Meer überzuſchaffen, wie hält ſie ſich an der Wand von Stein oder Gyps feſt, um ſo ruhig zu Nacht zu ſpeiſen, wie ſie es zu thun ſcheint? Hat ſie ein Loch, eine Randleiſte, einen Sockel, der ihr als Tiſch dient? „Vielleicht lehnt ſie ſich an die Wand an und macht ſich mit ihren Klauen einen Strebepfeiler in der Tapete⸗ So ſchwebend, würde ſie zugleich mit Tiſch und Hänge⸗ matte verſehen knaupeln. „Doch nein! dieſes Echo iſt ſo ſonor, ſo hart für das Ohr, es vibrirt mit ſo viel Schärfe, vaß es nicht von einem einfachen, von der Maus losgemachten Bruch⸗ ſtücke herrühren kann. Es iſt ſicherlich das Product eines unabläſſigen Angriffs, ausgeführt von der kleinen Nagerin gegen einen holzartigen, hartnäckigen, ſixen Kört Dick niör unte an d ſie n doch von Zwec jeder Pate iſt, b gibt, ditat zutaz Rahr Fuß der hob, was aus iebe nge⸗ ußt⸗ inen dern Ohr gabe ches, hied, Holz. lz ſo ufge⸗ keine län⸗ wie feſt, thun ockel, macht apete⸗ änge⸗ t für nicht roduct leinen ſixen 67 Körper, der, wie alle feſte Körper, Länge, Breite und Dicke hat. „Es muß da oben ein Täfelwerk ſein,“ ſagte Ban⸗ niöre zu ſich ſelbſt. Dann fügte er in Form einer Betrachtung bei: „Uebrigens iſt vielleicht die ganze Wand Täfelwerk unter der Tapete.“ Nachdem er ſo geſprochen, ſtand er auf und klopfte an die Wand; doch ſie gab keinen Ton von ſich, venn ſie war von maſſivem Siein. „Gut,“ murmelte der Noviz,„darum kann aber doch Täfelwerk da oben ſein. „Ein Rahmen vielleicht!“ Und hierauf baute Bannisre ein ganzes Gedicht von Muthmaßungen. Wozu konnte dieſer Rahmen dienen? zu welchem Zwecke ein Rahmen unter einer Tapete? Es gibt Oeffnungen, genannt Judas, durch welche jeder meditirende Noviz von einem Pion*), der dem Pater Superior ſeinen Bericht zu erſtatten beauftragt iſt, beſpäht zu werden ſicher ſein darf. Es gibt geheime Thüren... Hiebei blieb Bannidre ſtehen. „Aber,“ ſagte er zu ſich,„wenn es geheime Thüren gibt, ſo gibt es alſo einen Ausweg, um aus der Me⸗ ditationsſtube hinauszukommen.“ Bannisre fing abermals an, an der Mauer umher⸗ zutappen, und überzeugte ſich, daß die Thüre oder der Rahmen in der ultralegalen Höhe von wenigſtens zehn Fuß angebracht war, da er die Wand voll fühlte bis zu der Hohe, die er, indem er ſich auf den Fußſpitzen er⸗ hob, mit dem Ende ſeiner Finger erreichen konnte. „Iſt es eine Thüre und dieſe Thüre iſt in der Luft,“ *) Pion, ein bei den Schülern der franzöſiſchen Lehr⸗ ͤnſtalten gebräuchlicher Ansdruck für Aufſeher. 68 dachte Banniore ſehr vernünftig,„ſo kann ſie nicht die⸗ nen, wenn nicht,“ fügte er bei,„wenn nicht der An⸗ fommende ſeine Leiter mitbringt. „Es muß alſo nicht ein Thürrahmen, ſondern ein Fenſterrahmen ſein.“ Das Fenſter war wahrſcheinlich; Bannisre hielt ſich alſo an das Fenſter. Nur, da die Dunkelheit jede Forſchung unmöglich machte, verſchob Banniere auf den andern Tag die Fortſetzung ſeiner Unterſuchungen. Die Folge dieſes Entſchluſſes war, daß die Maus eine köſtliche Nacht zubrachte und erſt bei Tagesanbruch zu knaupeln auf⸗ hörte. Ganz im Gegenſatz zu ſeinem nagenden Gaſte, brachte Bannidre eine Nacht voller Bangigkeiten und beſonders voller inneren Reißungen zu, die ſich durch das Geknurre des Hungers überſetzten und harmoniſch auf das Knaupeln der Maus antworteten. VI. Die Proceſſion von Herodes und Mlarianna. Wir haben geſagt, daß mit dem Tage das Mahl der Maus aufhörte; mit dem Tag begann die Arbeit des Novizen. Seine erſte Sorge war, daß er ſich verſicherte, ſein Arm und ſeine Hand würden nie bis zur Höhe des muthmaßlichen Rahmens reichen. So ſehr aber auch von Geräthe entblößt die Me⸗ vitationsſtube war, ſo hot ſie doch Alles, was ein Menſch bra ein we die die ſtel bei füg eilf wü die wü ma bed auf den ſein ver an ein ma auf Và ſell dur au M rat die⸗ An⸗ ein n6. Mahl rbeit „ſein des Me⸗ tenſch 69 braucht, der nicht Angſt hat, den Hals zu brechen, um eine Höhe von zehn bis zwölf Fuß zu erreichen. Die Utenſilien, mit deren Hülfe das Gerüſte gebaut werden konnte, waren die Lagerſtatt, welche als Bett diente, und darauf geſtellt der Schämel, der als Stuhl diente. Dieſe zwei Gegenſtände bildeten über einander ge⸗ ſtellt vier Fuß; fügte man dem den zweiten Schämel bei, ſo kam man bis zu fünf und einem halben Fuß; fügte man dieſen fünf und einem halben Fuß die fünf Fuß vier Zoll von Banniore bei, ſo hatte man beinahe eilf Fuß Höhe. Hätte man nothig, höher hinauf zu reichen, ſo würde man ſich an die Tapete anklammern, man würde die weißen Inſchriften als Steigbügel benützen. Man würde die Tapete zerreißen, wohl möglich; doch indem man ſie zerriſſe, würde man weniaſtens erfahren, woran man ſich in Betreff der Geheimniſſe, welche die Wand bedeckte, zu halten hätte. Was Banniore vorhergeſehen hatte, geſchah. Er ſtieg zuerſt auf ſein Lager, ſodann von ſeinem Lager auf den erſten Schämel, und vom erſten Schämel auf den zweiten; hier angelangt zerriß er die Tapete, um ſeinen Fuß aufzuſetzen, was ihn noch um zwei Zoll vergrößerte und ihm, indem er mit der rechten Fauſt an die Wand ſchlug, ein Geräuſch dem ähnlich, welches ein unter einer neugierigen Hand ertönender Fenſterladen macht, zu hören erlaubte. Bannisre ſuchte einen Stützpunkt für ſeinen zweiten Fuß, betaſtete die Tapete an einer andern Stelle, und auf der einen Seite unterſtützt durch das„Vanitas vanitatum“, auf der andern durch das„Lerne Dich ſelbſt kennen“, die linke Hand hinter einem Todtenkopfe durchſchlingend, ſchlitzte er mit der Rechten den Stoff auf und entdeckte, was ihn ſein vom ehrwürdigen Pater Mordon gerühmter Scharfſinn zum Voraus hatte er⸗ rathen laſſen, nämlich ein altes, vermauertes, durch 70 einen mittelſt einer eiſernen Stange verſtärkten Laden geſchloſſenes Fenſter, das zur Zeit, wo es ſich gegen eine Stube öffnete, die ohne Zweifel noch nicht die Ehre hatte, die Meditationsſtube zu ſein, eine Dimenſivn bot, welche anſtändig genug war, um dieſes Zimmer gehörig zu erleuchten, das in Ermangelung des ſo eben erwähn⸗ ten Fenſters ſein Licht nur durch eine bleiche Oeffnung, durch ein Auge ohne Augenſterne empfing, welche den Pla⸗ fond durchhöhlte und den Gefangenen traurig anſchautt. „Ein Fenſter!“ rief freudig Bannisre. Doch plötzlich hielt er inne. „Gut! aber auf was geht es? „O! Meduſenhaupt! Wenn ich dieſen Laden durch⸗ hreche, wenn ich dieſen Vorhang auf die Seite ſchiebe, wenn ich mir eine Perſpective öffne, gegen was wird dieſe Perſpective ausmünden? Werde ich nicht hinter dieſem Fenſter entweder das ſpöttiſche Geſicht eines Spions des Superior oder die übermüthige Miene des Superior ſelbſt finden? Warum ſollte dieſer Jeſuit nicht ein an dieſe Stube anſtoßendes Zimmer haben? warum ſollte er nicht eine Phraſe für den Augenblick bereit halten, wo ich die Naſe durch ſeinen Laden ſtrecken werde? „Das iſt erſchrecklich. „Doch nein, eine Maus wird immer mehr Inſtinct beſitzen, als ein Superior, und wäre es auch ein Je⸗ ſuiten⸗Superior, Genie hat. Eine Maus hat nur der Strafloſigkeit ſicher hier geknaupelt. Wenn ſie hierher gekommen iſt, ſo wußte ſie, daß ſie weder eine Ueber⸗ raſchung, noch eine Falle zu fürchten hatte.“ Plötzlich vereiſte ein kalter Schweiß den Rücken von Bannisre. „Der Pater Mordon, der mir ſchon zwei Herv⸗ des und Marianna weggenommen, der mich beim Studiren eines dritten ertappt, der mich hier eingeſperrt hat und ſeit achtzehn Stunden faſten läßt, um den wahren teligiöſen und morsliſchen Sinn in ſeinen Schü⸗ 7¹ ler zurückzuführen; der Pater Mordon, vieſer ſchar f⸗ ſinnige und univerſelle Geiſt, kann er ſich nicht zur Er⸗ findung eines Inſtruments erniedrigt haben, welches das Knaupeln der Maus nachahmt? Es gibt ſolche Erſcheinungen in der Naturgeſchichte, warum ſollte es nicht auch in der Mechanik geben? Schlangen pfeifen wie Vögel, Hyänen ahmen das Geſchrei des Kindes nach, um die Menſchen anzulocken, man hat Füchſe wie Hunde jagen ſehen, um den Haſen aufzutreiben, den einer ihrer Collegen, ein Fuchs wie ſie, auf dem Wech⸗ ſel erwartet. Ein Jeſuit iſt aber nicht ungeſchickter als eine Schlange, nicht dummer als eine Hyäne und nicht einfältiger als ein Fuchs; er wird, wenn es Noth thäte, ſicherlich einen Novizen in die Falle eines ſchwe⸗ ren Fehlers zu locken wiſſen. Was braucht es hiezu? ein zweiſtündiges Geknaupel an einem Stücke Holz?“ Banniöre hielt erſchrocken inne; bald aber kehrie er zu ſeiner erſten Kühnheit zurück, und er ſagte: „Ich, ſchwach werden! ich, eingeſperrt, ich, ausge⸗ hungert, vor einer Plackerei mehr bange haben! Bei meiner Treue, nein! Ich werde dieſes Fenfler öffnen; es iſt ein Fenſter, oder es iſt keines; aber in jedem Fall iſt es irgend ein Ausgang, und finde ich hinter dieſem Fenſter einen Jeſuiten, und dieſer Jeſuit ruft mir zu: „„Was wollen Sie?““ ſo antworte ich ihm: Brod!“ Und als wollte er ſich ermuthigen, ehe der Hunger zu groß wäre, kletterte Bannidre auf das Geſims, zog die eiſerne Stang? zurück und öffnete den Laden. Unausſprechliche Frende! kein Jeſuit lauerte hinter dem Rahmen: die Sonne allein mit ihren goldenen Haaren, die ſie am blauen Horizont knüpfte, drang in die düſtere Werkſtätte der Meditationen ein. Und durch die Oeffnung, die er gemacht, ſchlürfte Banniöre die köſtliche Morgenluft und den feuchten Geruch des Gewäſſers der Rhone, der in leichten Dün⸗ ſten vom Bette des Fluſſes bis zu den Dächern der Haͤuſer aufſtieg. 72 Nachdem er geathmet hatte, ſchaute er. Das Fenſter ging ſenkrecht auf eine Straße, die ſchräge eine andere Straße durchſchnitt, deren Ausmün⸗ dung ein Platz war. In Folge der Abhängigkeit ber geraden Straße ſah Bannibre auf dem Flatze die Vorübergehenden, welche noch ſpärlich erſchienen. Doch er ſah ſie. Er ſättigte ſich an dieſem für einen Gefangenen glänzenden Schauſpiel, nahm ſeinen Vorrath an friſcher Luft ein und berechnete die Höhe des Fenſters. Dieſe Höhe betrug ungefähr dreißig Fuß. Was die Straße betrifft, ſo war ſie mit jener den Städten des Südens eigenthümlichen Art von Kieſelſteinen ge⸗ pflaſtert. Als er alle dieſe Einzelheiten mit einem Blick er⸗ faßt hatte, warf ſich Banniöre, der, ehe er etwas be⸗ ſchloſſen, ertappt zu werden befürchtete, zurück, ſchloß den Laden, richtete die Inſchriften wieder zurecht, und heftete die Tapeten zuſammen, wonach er das Lager an ſeinen Platz ſchleppte und zu ſeinem Schämel zurück⸗ kehrte wie ein Hund an ſeine Keite. Gegen ſieben Uhr horte Banniöre Geräuſch im Gange, und er ſah die Thüre ſich öffnen. Es war der Diener, der ihm eine um ſo magerere Portion brachte, je verzehrender der Hunger war. Banniöre ſpielte nicht den Delicaten; er bedachte, daß er Kraft nöthig hatte, und verſchlang ſeine Portion bis auf das letzte Krümchen. Sodann der Ruhe ſicher bis zum andern Tage, da ihm der Cuiſtre geſagt hatte, er müſſe ſeinen Pro⸗ viant in drei Mahle theilen, weil er erſt am andern Tage wieder kommen werde, ſtieg der Gefangene abermals auf ſein Obſervatorium. Es war die Stunde, wo die Einkäufe gemacht werden, wo die Hausfrauen auf den Fiſchmarkt gehen, wo die Klappern der Hippenhändler und die Schnarren der Almoſenſommler auf den Straßen ſich hören laſſen. die nün⸗ traße iden, enen ſcher Was dten ge⸗ er⸗ be⸗ hloß und an rück⸗ im der chte, chte, tion age, ßro⸗ age auf acht en, ren ſen. 73 Das Kinn auf den Ranb des Fenſters geſtützt, ſchaute Bannidre alle dieſe ſüßen Dinge mit eben ſo großem Erſtaunen an, als ob er ſie nie geſehen hätte. Plötzlich hörte er einen gewaltigen Lärmen von Trommeln, Flöten, Cymbeln und chineſiſchen Hüten. Dann ſah er am Eude der geraden Straße eine lange Reihe von ſeltſam coſtumirten Leuten mit Fahnen und rieſigen Schrifttafeln ausmünden. Eine von dieſen Schrifttafeln verkündigte mit ſchwar⸗ zen Buchſtaben auf rothem Grunde; Proceſſion von Herodes und Marianna, Trauerſpiel von Herrn Aronet. Auf dieſe erſte Schrifttafel folgte eine zweite, auf der die bezaubernden Worte zu leſen waren: „Die Schauſpieler der Stadt werden heute vie ſchöne und fromme Tragödie Herodes und Marianna, ein Werk von Herrn Arouet von Voltaire, eben ſo merk⸗ würdig durch ſeinen reizenden Styl, als durch die Rein⸗ heit der Gefühle, geben.“ Hierauf kamen die Schauſpieler in zwei Reihen in ihren Theaterkleidern, dann die Comparſen mit Tur⸗ banen auf dem Kopf, und dann die Leibwachen von Herodes mit ihren Harniſchen und Beinſchienen. Es waren Römer, Aſiaten und Inden in ziemlich großer Anzahl dabei. Die Roßſchweife, die Standarten in Halbmondform, welche andeuteten, daß der Director mehr für den Reich⸗ thum der Inſcenirung, als für die chronologiſche Wahr⸗ heit that, und die von Flittern funkelnden Gewänder machten, daß alle Gaſſenjungen der Stadt in Freuden⸗ ſchreie ausbrachen. An der Spitze der Schauſpieler ſchleppte ſich Champ⸗ meslé auf den Tod traurig. Die guten Worte bes Pater de la Sante waren ohne Zweifel ſchon verſchwun⸗ den, denn er glich in jeder Hinſicht einem Märtyrer, 74 der nach dem Richtplatze wandert, obne noch die Palme erblickt zu haben. Doch trotz dieſer tiefen Traurigkeit war er ſo mu⸗ thig mit einer rothen Chlamys, einem Turban⸗Helme, offenen Stiefeln mit Sporen und einem weißen Mantel mit goldenen Sternen bekleivet, daß ihn die Menge gierig betrachtete, die Frauen beſonders, weshalb ihn ihrer⸗ ſeits die Männer mit jener falſchen Verachtung, dem Schleier des Neides, anſchauten. Und trotz ſeiner Traurigkeit, welche Bannisre allein begriff, lag ſo viel Adel in ſeinem königlichen Gange, daß der Noviz, der es als den höchſten Grad von Glück betrach⸗ tete, eine ſolche Proceſſion zu führen und in ein ſolches oſtume gekleidet zu ſein, unwillkürlich beinahe mit beiden Händen Beifall geklatſcht hätte. Doch in dieſem Augen⸗ blick erſchaute er unter ihren langen weißen Schleiern Marianna, umgeben nicht nur von den Leibwachen von König Herodes, ſondern auch von einer Menge von Officieren der Garniſon von Nimes und Hrange, welche herbeigekommen waren, um dem Feſte beizuwohnen, das der Stadt Avignon die Gegenwart einer ſo reichen und beträchtlichen Truppe gab. Dieſe Officiere verſuch⸗ ten es, als wahre Neugierige und wahre Heiden, von Zeit zu Zeit, die züchtigen Schleier aufzuhe⸗ ben, unter denen ſich die Königin von Paläſtina, ähnlich einer Sonne in ihrem Alcoven von Wolken, begraben hatte. Plötzlich wich einer von den Schleiern zurück, um die Sonne einem ſchönen Kapitain zulächeln zu laſſen, der unter ſeiner Uniform eines königlichen Gendarmen ganz das Ausſehen eines vornehmen Man⸗ nes hatte, und geblendet durch die Strahlen, die dem ſchoͤnen Geſtirne entſtrömten, welches ſich allerdings für einen Andern, als für ihn ſichtbar gemacht, das er aber bei dieſer Gelegenheit geſehen hatte, vergaß Bannisre, ſich länger feſtzuhalten, und das Gleichgewicht verlierend, das er nur mit Hülfe ſeiner Hände erhielt, rollte er in die Meditationsſtube hinab und riß mit ſich das u —„„e— c—— er— —— alme mu⸗ lme, antel ierig rer⸗ dem llein daß ach⸗ ſches iden gen⸗ eiern von von elche das ichen uch⸗ den, uhe⸗ ina, en, iern heln chen kan⸗ dem für aber iöre, end, e er das 75 Blatt der Topete fort, an welches er angeklammert war, und das, indem er es zerriß, die Mauer entblößte. Die Wirkung war indeſſen hervorgebracht. Bannisre ſchwur ſich, nicht Gefangener in einer Stadt zu bleiben, wo ſolche Wunder vor ſich gingen. Er ſtieg alſo im Sturme wieder hinauf und pflanzte ſein Kinn auf die Randleiſte des Fenſters in dem Augenblick, wo in der Straße links der letzte Mann von den Leibwachen von Herodes verſchwand, deſſen rieſige Hellebarde noch drei Sekunden, nachdem der Mann verſchwunden, ſichtbar war. „Gut,“ dachte Bannidre,„heute Abend zerreiße ich ein Blatt meiner Tapete und befeſtige es ſolid am Fenſter⸗ rahmen; ich laſſe mich an der Mauer hinabgleiten und gehe frei und glücklich hin, um dieſes Stück im Theater von währen Schauſpielern und wahren Schauſpielerinnen aufführen zu ſehen. „Die Väter werden ſchreien, gut; ſie werden mich verfolgen laſſen, gut; ſie werden mich wieder erwiſchen, vas iſt ſicher; doch, bei meiner Treue, ich werde das Schauſpiel geſehen haben; und wenn man mich leiden läßt, nun wohl! bei meiner Treue, ich werde wenigſtens für etwas leiden.“ VIII. Der Gang der Schauſpieler. Banniore hielt ſich Punkt für Punkt Wort. Als der Tag ſich neigte, zerriß er breit die Tapete, machte ſich daraus einen Strick von zwanzig Fuß, indem er in 76 gewiſſen Entfernungen von einander Knoten anbrachte, übergab ſich dieſem Stricke, ſprang die ſechs bis acht Fuß Entfernung, welche zwiſchen ihm und der Erde beſtan⸗ den, als er am Ende des Strickes angekommen war, hinab, erreichte die Kieſelſteine, ſchoß gegen die Lichter zu und rannte ganz berauſcht, ganz verwirrt, ganz wahn⸗ finnig in der Richtung des Theaters fort, das der Porte de [Ousle gegenüber lag und ihm überdies durch die Aus⸗ rufungen des Thüpſtehers und die Flöten der Spielleute bezeichnet wurde. Das war gerade die Stunde, wo alle ſchöne Da⸗ men von Avignon ins Theater kamen, und die Reihe der Wagen, die der Sänften und die der Vinaigrettes*) fingen an den Platz zu füllen. Bannisre, als er an Ort und Stelle, als er mit dieſer ganzen Menge vermiſcht war, fühlte ſich ſehr be⸗ ſchämt, ſehr in Verlegenheit in ſeinem Novizenkleide. Allerdings erlaubte der Gebrauch den Geiſtlichen und beſonders den Jeſuiten, den dramatiſchen Vorſtellungen beizuwohnen. Aber Bannisre hatte keinen Sou Geld. Wohl hätte er eines von den guten Geſichtern— und dieſe trifft man beſonders vor den Thüren der Schau⸗ ſpiehäuſer— gebeten, ihn als Supplement in eine Loge eintreten zu laſſen; doch ſein verdammtes Gewand würde Aller Augen auf ihn ziehen, und befanden ſich unter allen dieſen Augen nur zwei im Dienſte des Pa⸗ ter Mordon, ſo war er verloren. Er hätte wohl ſeine unglückliche Soutane ausgezogen, aber wenn er ſie aus⸗ gezogen, wäre er in Hemdärmeln geweſen, und wie in Hemdärmeln anderswo als in die gemeinſten Galle⸗ rien eindringen? Seine Verlegenheit war groß; die Minuten verlie⸗ fen raſch. Hinter einer Säule verborgen, ſah Bannisre *) Vinaigrette, eine zweiräderige Caleche, welche von einem Menſchen gezogen wird. chte, Fuß ſtan⸗ war, chter ahn⸗ e de Aus⸗ leute Da⸗ der igen mit be⸗ eide. und igen eld. und a⸗ eine and ſich Pa⸗ eine us⸗ in lle⸗ rlie⸗ iöre von 77 mit einer gräßlichen Herzbeklemmung die hübſcheſten Füße unter den weißeſten Röcken vorübergehen, und von den Treppen der Carroſſen und dem Brettchen der Sänften ſprangen ſo runde Beine, ſo zarte Knöchel herab, daß alle Inſchriften der Meditationsſtube in dieſem Augen⸗ blick dem armen Jeſuiten nicht die hinreichende Philoſo⸗ phie hätten geben können. Plötzlich erblickte Bannidre in ihrem ſchwarzen Wa⸗ gen zwei von den Vätern des Jeſuitenordens, welche mit frommer Miene ihres Weges fuhren und der Reihe der Carroſſen folgten. Vor der Thüre angelangt, hielt ihr Wagen an. Um einzutreten, mußten ſie auf vier Schritte an Banniöre vorübergehen. Durch den dreiſachen Teufel der Neugierde, der Lü⸗ ſternheit und der Furcht geplagt, benützte Banniöre den Augenblick, wo der Wagean ſtill hielt, um ſeinen Rück⸗ zug geſchickt zu bewerkſtelligen; er fing damit an, daß er die Säule zwiſchen ſich und die Väter ſtellte, und in⸗ dem er ſich beſchützt durch ihren deckenden Schatten entfernte, warf er ſich in den Gang der Schauſpieler. Kaum hatte er ſich aber in dieſen düſtern, ſtaubi⸗ gen Corridor geflüchtet, den ein übelriechendes Stümpf⸗ chen allein mit einem kränklichen Scheine erleuchtete, als ſich Bannière gewaltig von zwei kräftigen Händen geſtoßen fühlte, die ihn in Folge der Verwirrung, in der er ſchon war, beinahe das Gleichgewicht verlieren gemacht hätten. Aber Banniöre war jung, behende und ſtark; fiel er, ſo lief er Gefahr, ſeine zerriſſene Hoſe zu zeigen: er klammerte ſich alſo entſchloſſen an dem Unver⸗ ſchämten an, der eine Manier, ſich Platz zu machen, hatte, welche ſo ſeltſam außer den artigen Gewohnheiten jener Zeit lag. Es war ein Mann, und als er ſich umwandte, ſah ſich Banniöre Naſe an Raſe mit dieſem Mannezuſammen. „Ei! laſſen Sie mich doch vorbei, Tod und alle Teufel!“ ſchrie er, indem er Bannidre gegen die Wand zu ſtoßen ſuchte. 78 „Sieh da, Herr Champmeslé!“ rief Bannieère. „Sieh da, mein kleiner Jeſuit 1 rief Champmeslé. Beide haiten ſich bei dem Scheine des Lichtſtümpf⸗ chens erkannt. „Ahl Herr Champmeslé!“ machte der Eine. „Ah! mein lieber Bannière!“ machte der Andere. „Sie ſind es alſo!“ „Ach! ja, ich bin es.“ „Aber wohin laufen Sie denn ſo? fehlte Ihnen etwas für Ihr Coſtume?“ „Ach! ja wohl, mein Coſtume! ich bekümmere mich etwas um mein Coſtume!“ „Es war doch herrlich!“ verſetzte Bannidre lüſtern. „Ja,“ ſprach Champmeslé ſchwermüthig,„ſo ſchön, vaß es dasjenige iſt, welches ich in der Hölle tragen werde.“ „In der Hölle? was wollen Sie damit ſagen?“ „Nichts, laſſen Sie mich vorbei.“ „Man ſollte glauben, Sie entfliehen?“ „Ich glaube wohl, daß ich entfliehe!“ „Aber die Vorſtellung?“ u die Vorſtellung, das iſt es gerade, warum ich iehe.“ „Oh! ja, ich begreife.“ „Laſſen Sie mich doch vorbei, ſage ich Ihnen.“ „Immer Ihre Ideen?“ „Mehr als je. Wiſſen Sie, was mir begegnet?“ „Sie erſchrecken mich.“ „Mein Herr,“ ſagte Champmeslé mit verſtörten Au⸗ gen,„ich habe zu Mittag geſpeiſt, nicht wahr?“ „Ich glaube Ihnen.“ „Nach dem Mittagsbrode habe ich meine Sieſta gemacht.“ „Nun wohl! mein Bruder, während meiner Sieſta...“ Champmesls ſchaute ängſtlich nach allen Seiten. „Während Ihrer Sieſta...“ verſetzte Banniöre. e. ich rn. ön, en eſta . — 79 i ich auch eine Erſcheinung gehabt.“ „Eine Erſcheinung wie mein Vater und mein Groß⸗ vater jeder eine gehabt haben.“ „Aber, mein Gott! was für eine Erſcheinung?“ „Ich habe mich ſelbſt geſehen, mein lieber Bruder..“ „Sie haben ſich ſelbſt geſehen?“ „Ja, in der Hölle, auf einem glühenden Roſte, in meinem Coſtume als Herodes, von einem Teufel umge⸗ dreht, der, wie ein Tropfen Waſſer dem andern, Herrn von Voltaire glich. Oh! das war erſchrecklich! Laſſen Sie mich vorbei, laſſen Sie mich vorbei!“ „Aber, mein lieber Herr Champmeslé, Sie denken nicht daran.“ „Ich denke im Gegentheil nur hieran, laſſen Sie mich vorbei.“ „Sie werden das Schauſpiel verſäumen!“ „Ich will lieber das Schauſpiel verſäumen, als die Ewigkeit hindurch auf einem Roſte, im Coſtume des He⸗ rodes, von einem Teufel, der mit Herrn von Voltaire Aehnlichkeit hat, umgedreht werden.“ „Aber Sie richten Ihre Kameraden zu Grunde!“ „Im Gegentheil, ich rette ſie, ich rette mich und ich rette mit uns alle die Unglücklichen, die ſich dadurch, daß ſie kamen, um uns zu ſehen, der Verdammniß überant⸗ worteten. Gott befohlen!“ Und diesmal verband Champmeslé den Willen ſo gut mit der Bewegung, daß er Banniore drei Drehungen um ſich ſelbſt machen ließ, während dieſer Sekunde vor⸗ beiſchoß und verſchwand. „Herr von Champmeslé! Herr von Champmeslé!“ rief Banniöre, der ihm ein paar Schritte folgte. Aber Banniöre mochte immerhin rufen, Banniöre mochte immerhin folgen, der Schauſpieler hatte Tritte auf der Treppe gehört, welche nach dem Theater führte, und bei dem Geräuſch dieſer Tritte war er davon gerannt, wie ein Hirſch, der die Meute verſpürt. 80 Bannisre blieb allein, erſtaunt und verwirrt. Doch dieſe Tritte, doch dieſe Stimmen welche Champ⸗ meslé wie durch innere Erkenntniß gehört hatte, fingen an auf den holverigen Stufen zu erſchallen. Die Tritte beſchleunigten ſich und die Stimmen riefen:„Champ⸗ meslé! Champmeslé!“ Es waren dabei Männerflimmen und Frauenſtimmen. Plötzlich öffnete ſich die Thüre der Treppe, die auf den Corridor ging, und man ſah eine ſtürmiſche Lau⸗ wine von Schauſpielern und Schauſpielerinnen heranrol⸗ len, welche aus Leibeskräften, mit verzweifelten Geber⸗ den und kläglichen Stimmen:„Champmeslé! Champ⸗ meslé!“ riefen. Und dieſer ganze Schwarm umringte Bannidre und heulte: „Champmeslé! Haben Sie Champmeslé geſehen?“ „Ei! meine Herren, gewiß habe ich ihn geſehen,“ erwiederte Bannisre. „Was haben Sie mit ihm gemacht?“ „Ich! nichts.“ „Nun! wo iſt er?“ „Er iſt weggelaufen.“ „Weggelaufen!“ riefen die Frauen. „Sie haben ihn weglaufen laſſen?“ ſagten die Männer. „Ach! ja, meine Herren, ach! ja, meine Damen, er iſt ſo eben entflohen.“ Bannidre hatte nicht ſo bald dieſes Wort ausgeſpro⸗ chen, als er umzingelt, gepackt, nach zehn Seiten von zehn Händen gezerrt wurde, von denen die einen ſanft und reizend, die andern rauh und beinahe drohend waren⸗ „Er iſt entflohen! er iſt entflohen!“ ſchrieen Schau⸗ ſpieler und Schauſpielerinnen;„der Jeſuit hat ihn ent⸗ fliehen ſehen. Mein Herr Jeſuit, iſt es wirklich wahr, iſt es ſicher daß Champmeslé entflohen?“ Banniöre konnte nicht Jedermann antworten. Dieje⸗ nigen, welche ihn befragten, hegriffen ſelbſt dieſe Unmög⸗ lich gro zu unt er Her ſeh hei nid dit rei ſag p⸗ en tte p⸗ nen auf u⸗ ol⸗ er⸗ np⸗ und 2 die en, oro⸗ von anft ren. au⸗ ent⸗ ahr, ieje⸗ ög⸗ 81 lichkeit. Der Redner der Truvpe, derjenige, welcher bei großen Veranlaſſungen den Auftrag hatte, das Publikum zu haranguiren, erhob die Stimme, verlangte Stille, und die Stille trat ein. „Mein Bruder,“ fragte er,„Sie haben alſo Champ⸗ meslé weggehen ſehen?“ „Wie ich Sie ſehe, mein Herr.“ „Er hat mit Ihnen geſprochen?“ „Er hat mir dieſe Ehre erwieſen.“ „Um Ihnen zu ſagen?“ „Er habe eine Erſcheinung gehabt.“ „Eine Erſcheinung.. eine Erſcheinung Iſt er verrückt? Was für eine Erſcheinung?“ „Er hat ſich als Verdammten auf einem Roſte von Herrn von Voltaire als Teufel coſtumirt umdrehen ſehen.“ „Ach! ja, er hat mit mir davon geſprochen.“ „Und mit mir auch.“ „Und mit mir auch.“ „Aber wohin geht er denn?“ fragte der Redner. „Ach! mein Herr, ich weiß es nicht.“ „Wann wird er zurückkommen?“ fragte die Duenna. „Ach! Madame, er hat mich hierüber in Unwiſſen⸗ heit gelaſſen.“ „Aber das iſt gräßlich!“ „Aber das iſt ſchändlich!“ „Aber das iſt ein Verrath!“ „Er wird ſeinen Eintritt verſäumen.“ „Er wird das Publikum ärgerlich machen.“ „Ah! meine Herren, ah! meine Damen,“ rief Ban⸗ nidre mit einer kläglichen Stimme, geeignet, ſein Au⸗ auf die erſchrecklichſten Offenbarungen vorzube⸗ reiten. „Nun! was?“ „Wenn ich es wagte, Ihnen die volle Wahrheit zu ſagen. Olympia von Clsves. 1. 6 82 „Sagen Sie! ſagen Sie!“ „Ich würde Sie verſichern, daß Sie Herrn von Champmeslé nicht mehr ſehen werden.“ „Wir werden ihn nicht mehr ſehen?“ „Heute Abend wenigſtens.“ Bei dieſen Worten erfüllte ein verzweifeltes Geſchrei den Gang und erreichte wie ein Unglück bringendes Lauf⸗ feuer die Treppe des Theaters, von wo es ſich in den oberen Corridors verbreitete. „Aber warum? warum dies?“ rief man von allen Seiten. „Meine Herren, ich habe Ihnen geſagt, meine Da⸗ men, ich wiederhole Ihnen,“ erwiederte Bannière:„weil Herr von Champmeslé ein furchtſames Gewiſſen hat, und weil er verdammt zu werden befürchtet, wenn er heute Abend ſpielt.“ „Mein Herr,“ ſagte der Redner der Truppe,„wir haben hier einen ſchlechten Plotz, um von unſern Ange⸗ legenheiten zu ſprechen;“ man kann uns hören. Das Gerücht von der Flucht von Champmeslé kann ſich ver⸗ preiten, ehe wir dieſe Flucht haben pariren können. Er⸗ weiſen Sie uns die Ehre, mein Herr, ins Foyer herauf⸗ zukommen.“ „Ins Foyer!“ rief Bannibre,„ins Foyer der Schau⸗ ſpieler und Schauſpielerinnen!“ Ja, Sie werden uns alle Einzelnheiten geben, die Sie uns hier nicht geben können, und ſelbſt vielleicht einen guten Rath.“ „Ja, ja, kommen Sie,“ ſagten die Frauen, indem ſie ch an die Arme von Bannière hingen, während ſich der Reſt der Truppe in zwei Fractionen theilte, von denen ihn die eine vorwärts zog und die andere von hinten ſchob. von rei uf⸗ den llen Da⸗ veil und ute wir ige⸗ Das er⸗ Er⸗ uf⸗ a⸗ die icht n ſie ſich von von 83 HX. Dus Foyer. Bannière, man muß es zu ſeinem Lobe ſagen, Ban⸗ nidre widerſtand heldenmüthig; zum Unglück war er aber nicht der Stärkere, und man zog ihn oder trug ihn vielmehr in das Foyer als Beweis der unglücklichen Neuigkeit. Dann war Bannière gezwungen, vor der ganzen ſchon für dus Schauſpiel bereiten Truppe zum zweiten Mal nicht nur Alles vas zu erzählen, was im Gange der Künſtler vor zehn Minuten orgefallen war, ſondern auch als unerläßlichen Vorbericht für das Ereigniß, welches ſo eben in Erfüllung gegangen, und das die komiſche Truppe in Verzweiflung brachte, den Beſuch, den Champmeslé am Tage vorher in der Kapelle des Noviciats gemacht hatte, und das Geſpräch, welches eine Folge davon ge⸗ weſen war. Dieſe Erzählung, gegeben mit einer leicht begreifli⸗ chen Gemüthsbewegung von dem Novizen, den ſeine Flucht in ein Fieber verſetzt, das Feuer der Lampen entzündet, die Berührung der Wohlgerüche und des Hauches der Damen der Komödie berauſcht hatten, der Damen, die ihm ſeit einem Augenblick eine Atmosphäre machten, ge⸗ gen welche die der, von Champmeslé ſo ſehr gefürchte⸗ ten, Hölle ein lappländiſcher Wind war, dieſe Erzählung brachte eine traurige Wirkung auf die Verſammelten hervor. „Ach! die Einnahme iſt entſchieden verloren!“ rief der Redner ver Truppe, während er den Arm in Ver⸗ zweiftung fallen ließ. „Wir find zu Grunde gerichtet!“ ſagte der erſte komiſche Alte. 84 „Das Theater wird ſchließen,“ verſetzte die Duenna. „Und die ganze Stadt iſt im Saale!“ rief die Zofe von Marianna, eine junge Soubrette von achtzehn Jah⸗ ren, welche die ganze Stadt zu kennen ſchien. „Und Herr von Mailly hat uns einen Imbiß ge⸗ ſchickt und uns ſagen laſſen, er werde ihn mit uns ver⸗ zehren!“ „Und Olympia hat keinen Herodes!“ rief der ko⸗ miſche Alte.„ „Weiß ſie nicht, was vorgeht?“ „Nein, ſie iſt noch in ihrer Loge und kleidet ſich vollends an. So eben, als er bei ihr vorüberging, hörte ich Champmeslé ihr guten Abend zurufen.“ „Ei! benachrichtigen wir ſie!“ ſagten einige Frauen, die perſönliche Eitelkeit unter dieſem großen öffentlichen Unglück vergeſſend. Und es trat eine gewoltige Bewegung unter den Leuten ein, welche alle mit einander nach der Thüre ſtürzten. Bannidre, der einen Augenblick verlaſſen war, be⸗ ihie dieſe Zeit, um ſich beſcheiden in einen Winkel zu ellen. In demſelben Moment wich die Menge, die ſich vor der Thüre drängte, zurück. „Was gibt es 2 was will man?“ fragte auf der Schwelle des Foyer erſcheinend eine Frau von ausgezeich⸗ neter Schönheit, die in ein prächtiges Coſtume einer Kö⸗ nigin gekleidet, mit Reifröcken von ſechs Fuß im Umfang und einer einen Fuß hohen Friſur, majeſtätiſch, gefolgt von zwei Ehrendamen, welche die Schleppe ihres Klei⸗ des trugen, vortrat. Sie hatte ſchwarze Augen, noch ſchwärzer unter ih⸗ rem Puder, volle, unter der Schminke roſige Wangen von einem eirunden Schnitt, Zähne blau wie Porzellan, ſo durchſichtig waren ſie, ſaftig rothe, ſinnliche Appen, den Arm und die Hand einer prientaliſchen Königin, den Fuß eines Kindes. na. ofe ah⸗ ge⸗ er⸗ ſich zrte en, hen den üre be⸗ zu vor der ich⸗ Kö⸗ ang olgt lei⸗ ih⸗ gen lan, pen, den 85⁵5 Banniore, als er ſie ſah, ſuchte die Stütze der Mauer; hätte er ſie nicht hinter ſich gefunden, ſo fiel er, wie er in der Meditationsſtube gefallen war. Das war das zweite Mal an dieſem Tage, daß die glänzende Schönheit die⸗ ſer Frau ihn niederſchmetterte. „Meine liebe Olympia,“ erwiederte der Redner der Truppe,„Du kannſt wieder in Deine Loge hinaufgehen und Dich auskleiden.“ „Mich auskleiden! und warum dies?“ „Weil wir heute Abend nicht ſpielen werden.“ „Wiel!“ verſetzte ſie mit ſtoizer Miene,„wir wer⸗ den heute nicht ſpielen? Und wer wird uns verhindern zu ſpielen, wenn's beliebt?“ „Schau' umher, liebe Freundin.“ „Ich ſchaue!“ Die Augen von Olympia machten wirklich die Runde im Foyer, umfaßten in dem von ihrem Geſichtsſtrahle durchlaufenen Umkreis Bannidre wie die Andern, ver⸗ weilten jedoch eben ſo wenig bei Banniöre als bei den Andern. Nur, als dieſe zwei Sterne an dem Novizen vor⸗ überliefen, warf jeder einen Strahl aus. Der eine von dieſen Strahlen entflammte das Gehirn. Der andere verſengte das Herz. „Sind wir Alle da?“ fragte der Redner. „Ja, Alle, wie mir ſcheint,“ antwortete nachläßig Olympia. „Schau' wohl, Einer von uns fehlt.“ Die Augen von Olympia kehrten von ihrem Leibe, wo ſie eine Spitze zurecht richtete, zu der Geſellſchaft zurück, die ſie umgab. „Ach! ja,“ ſagte ſie,„Champmeslé. Wo iſt Champ⸗ meslé?“ „Frage dieſen Herrn!“ antwortete der Redner. Und er nahm den Novizen beim Handgelenke und bei der Schulter und ſchob ihn gerade vor Olympia. 86 Es war ein ſeltſames Schauſpiel, dieſer Jeſuiten⸗ zögling, ganz ſchmutzig ſchwarz, der goldenen Schönheits⸗ königin gegenüber geſtellt. Die Lippen des jungen Mannes zitterten, aber ver⸗ gebens: ſie konnten keinen Ton artikuliren. „Nun! ſo ſprechen Sie doch!“ ſagte Olympia gebie⸗ teriſch zu ihm. Und ſie bezauberte ihn mit einem Blick. „Madame,“ ſtammelte Bannidre, vom Dunkelroth zur bläulichen Bläſſe eines Todten übergehend,„Ma⸗ dame, entſchuldigen Sie mich, ich hin nur ein armer Kloſterſtudent und nicht gewohnt, das zu ſehen, was ich in dieſem Augenblick ſehe.“ Der Redner ſetzte Olympia mit ein paar Worten von Allem, was vorgefallen war, in Kenntniß. „Iſt das wahr, was Sie mir da erzählen?“ ſagte ſie. „Fragen Sie den Herrn.“ Sie wandte ſich gegen Bannidre und befragte ihn mit ihrem Königinblicke. „Es iſt wahr,“ ſprach Banniore, ſich verbeugend, als ob die Schuld von Champmeslé auf ihm laſtete. Olympia blieb einen Moment ſtumm und nachden⸗ kend, die Stirne gefaltet, aber das Auge immer zerſtreut auf Banniore geheftet. Dann ſagte ſie plötzlich mit einer zunehmenden in⸗ neren Aufregung: „Nein, nein, der Abgang von Champmeslé varf, kann die Vorſtellung nicht hindern.“ Jeder ſchaute ſie mit erſtaunter Miene an. „Nein,“ ſagte ſie,„nein; es iſt unmöglich, daß ich heute Abend nicht ſpiele, und ich werde ſpielen.“ „Ganz allein,“ verſetzte der Redner. „Es fehlt ja nur Champmeslé, wie mir ſcheint!“ „Das iſt genug. Wer wird Herodes ſpielen?“ „Nun, wenn es ſein muß... „Was?“ „Man wird die Rolle leſen.“ ten⸗ its⸗ oer⸗ bie⸗ 7 87 „Bei einer erſten Vorſtellung eine Rolle leſen? Das iſt unmöglich!“ „Eil ei!“ fuhr Olympia fort,„es iſt keine Zeit zu verlieren, das Publicum wartet und wird ungedul⸗ dig werden.“ „Aber man kann eine ſo wichtige Rolle nicht leſen,“ murmelten mehrere Schauſpieler.„Kündigt man dem Publicum an, die Rolle des Herodes werde geleſen werden, ſo wird es ſein Geld zurückverlangen.“ „Ich muß aber heute Abend ſpielen,“ rief Olym⸗ pia;„es muß ſein.“ „Warum ſollte man nicht eine Ankündigung machen? Warum ſollte man nicht eine Unpäßlichkeit vorſchützen? Mit dieſer Ankündigung wird man eine halbe Stunde gewinnen, und während dieſer Zeit läuft man dem ver⸗ vammten frommen Champmeslé nach, man führt ihn gutwillig oder mit Gewalt zurück, und müßte man ihn knebelnz man kleidet ihn gegen ſeinen Willen an, man ſtößt ihn auf die Bühne hinaus. Auf! auf! eine An⸗ kündigung!“ „Wenn man ihn aber nicht wiedererwiſcht?“ be⸗ merkte eine Stimme. „Nun! dann wird das Publicum in Kenntniß ge⸗ ſetzt ſein; man ſagt ihm, die Unpäßlichkeit verſchlimmere ſich; man wird Champmeslé morgen im Verlaufe des Tages wiedererwiſchen, und wir werden morgen den Succeß haben, den wir heute haben ſollten. Mit der Sicherheit einer Vorſtellung für morgen wird das Pu⸗ blicum vielleicht ſein Geld nicht zurückverlangen und ſich mit Contremarquen begnügen.“ „Nein,“ erwiederte Olympia,„nein; nicht morgen will ich ſpielen, ſondern heute, nicht morgen will ich einen Succeß haben, ſondern heute Abend. Man lieſt die Rolle heute, oder ich werde morgen nicht ſpielen.“ „Aus welchen Gründen?“ fragte der Redner. „Mein Lieber,“ erwiederte Olympia,„meine Gründe ſind meine Sache; würde ich ſie Ihnen angeben, ſo 88 fänden Sie dieſelben vielleicht nicht gut, während ich ſie finde. Ich will heute ſpielen, heute! heute!“ Und nachdem ſie ihren Willen auf dieſe entſchiedene Weiſe ausgeſprochen, fing Olympia an mit dem Fuße auf den Boden zu ſtoßen und ihren Fächer zu zerſtückeln, und dies mit jenem heftigen Zittern, dos bei nervöſen Frauen das Herannahen einer furchtbaren Kriſe an⸗ deutet. Banniöre war jeder Bewegung ber ſchönen Königen gefolgt; ſeine Augen verſchlangen ſie, ſein Athem hing an jedem ihrer Worte, und die Nervenerregung, welche ſie ergriff, empfand er aus Sympathie. „Aber, meine Herrn,“ ſagte er,„Sie ſehen wohl, daß es dieſer Dame unwohl werden, daß ſie in Ohn⸗ macht fallen, vielleicht vor Zorn ſterben wird, wenn Sie die Rolle des Herodes nicht leſen. Mein Gott! leſen Sie doch dieſe Rolle! Iſt es ſo ſchwierig, eine Rolle zu leſen? Ah! ſollte ich nicht Jeſuit ſein! ah! wäre ich nicht Noviz!“ „Nun! wenn Sie nicht Noviz wären,“ fragte der Redner,„was würden Sie thun?“ „Ich würde ſie, bei Gott! ſpielen,“ rief Bannière fortgeriſſen von der Gemüthsbewegung, die bei ihm die wachſende Ungeduld von Olympia verurſachte. „Wie! Sie würpen ſie ſpielen?“ fragte der Redner; „was ſagen Sie da?“ „Warum nicht!“ verſetzte Bannieère ſtolz. „Sie müßten ſie zuvor können.“ „Ohl wenn es nur das wäre: ich kann ſie.“ „Wie! Sie können fie?“ rief Olympio. „Nicht nur die Rolle von Herodes, ſondern alle Rollen des Werkes.“ „Sie können die Rolle von Herodes?“ wieder⸗ holte Olympia, indem ſle einen Schritt gegen Banniére machte. „Zum Beweiſe,“ ſprach Bannière, den Arm aus⸗ ich ute! enme uße eln, öſen an⸗ gen ing che ohl, hn⸗ Sie eſen olle äre der ere die alle er ère 89 ſtreckend und vorwärts ſchreitend, wie man dies damals that. Zum Beweiſe gebe ich Ihnen hier den Eintritt von Herodes.“ Und er fing an zu declamiren: Eh quoi! Sohème aussi semble éviter ma vue; Quelle horreur devant moi s'est partout répandue. Ciel! ne puisje inspirer que la haine et leffroi? Tous les coeurs des humains sont ils fermés pour moi**) Erſtaunt, umringten alle Schauſpieler Bannisre, der bis zum. Ende der Scene gegangen wäre, hätten ihn Olympia nicht dadurch, daß ſie ausgerufen:„Er kann es! er kann es!“ und die Schauſpieler durch Beifall⸗ klatſchen unterbrochen. „Nun!“ rief der Redner,„das iſt ein Glücksfall!“ „Mein lieber Herr,“ ſagte Olympia,„es iſt kein Augenblick zu verlieren; legen Sie dieſen abſcheulichen Jeſuitenrock ab, der Sie ſo häßlich macht, daß man Angſt bekommt; ziehen Sie das Coſtume von Herodes an, und auf die Bühne, geſchwinde, geſchwinde!“ „Aber, Madame. „Sie haben den Beruf, mein Freund,“ fuhr Olym⸗ pia fort,„das iſt Alles, was man braucht; das Uebrige wird nachher kommen.“ „Abgeſehen dayon, daß Sie nie eine ſo gute Ge⸗ legenheit, zu debutiren, finden werden,“ ſprach der Redner. „Vorwärts,“ rief Olympia,„raſch eine Ankündi⸗ gung, raſch die Kleider von Champmeslé. Schaut ihn * Wie! Sohemos ſcheint auch meinen Anblick zu mei⸗ den; welches Entſetzen hat ſich überall vor mir ver⸗ breitet. Himmel! kann ich nur Haß und Schrecken einflößen! Haben ſich aller Menſchen Herzen vor mir verſchloſſen! 90 doch an; er iſt ſehr hübſch, der Junge; das iſt kein Kalbskopf wie Champmeslé.“ „Das iſt einmal ein König des Orients! das iſt eine Geſtalt! das iſt eine Stimme!“ „Oh! geſchwinde, geſchwinde!“ Bannidre gab einen Schrei unſäglichen Schreckens von ſich. Er fühlte, daß ſich in dieſem Augenblick das Geſchick ſeines ganzen Lebens entſchied. Er wollte wi⸗ derſtehen. Olympia nahm ihn bei ſeinen Händen. Er wollte ſprechen, Olympia drückte ihm ihre roſigen Finger auf die Lippen. Betäubt, berauſcht, verrückt, ließ er ſich endlich durch die Ankleider fortführen, welche aus ihm in zehn Minuten einen König Herodes in der Loge von Champmeslé machten. Und an der Thüre dieſer Loge trieb Olympia die Coſtumiers, die Friſeurs an, unterſtützte ſie ihre Verführung durch neue Worte, trippelte unabläſſig und rief:„Vor⸗ wärts! vorwärts!“ Stück um Stück entkleidet, ſah Banniöre ſein Je⸗ ſuitengewand in eine Ecke werfen, und nach zehn Minu⸗ ten trat er aus ſeiner Loge, glänzend, ſtrahlend, wirklich ſchön, verwandelt, herrlich wie die Königin, die ihn da⸗ durch, daß ſie ihn umarmte, vollends verführte. Unterjocht, beſiegt, bezähmt, ſprach Bannisre von dieſem Augenblick an kein Wort mehr; er drückte ſeine heiden Hände auf ſein in der Empörung begriffenes Herz und ließ ſich in die Couliſſen führen, wohin er gerade kam, um folgende Ankündigung zu hören, die der Redner an das Publicum zu ſprechen im Zuge war: „Meine Herren, unſer Kamerad Champmeslé, der im Verlaufe des Tages einige Zeichen von Unpäßlich⸗ keit gegeben hatte, iſt von einer plötzlichen Erkältung befallen worden. Die Unpäßlichkeit iſt ſo ernſt, daß wir ihn für uns und für das Theater verloren zu ſehen befürchten mußten. Zum Glück will einer unſerer Freunde, der die Rolle kann, die Güte haben, ſie an ſeiner Stelle zu ſprechen, damit das Schauſpiel kein Hinderniß er⸗ leit unt ſo me der klat En han Er! Clè Me der ſchö nen der Ma eine hatt das als kein s iſt kens das wi⸗ den. igen ückt, elche der die rung zor⸗ Je⸗ inu⸗ klich da⸗ von ſeine enes n er die der lich⸗ ung daß hen nde, telle er⸗ 9¹ leide; da er aber nie auf einem Theater geſpielt hat, und durchaus nicht auf dieſes Debut vorbereitet war, ſo nimmt er Ihre ganze Nachſicht in Anſpruch.“ Glücklicher Weiſe für den Debutanten war Champ⸗ meslé beim Publicum nicht angebetet; der ganze Saal, der wohl gefühlt hatte, daß jenſeits des Vorhangs etwas Außerordentliches vorging, brach auch in ein Beifall⸗ klatſchen aus. Dieſes Klatſchen dauerte noch fort, als, um den Enthuſiasmus der Zuſchaver nicht erkalten zu laſſen, die drei Glockenzeichen ertönten, und es ging der Vor⸗ hang unter einer tiefen Stille und einer allgemeinen Erwartung auf. Erklären wir nun, warum Fräulein Olympia von Clöves ſo hartnäckig an dieſem Abend Herodes und Marianna ſpielen wollte. S8 Olympia von Cleves. Mademoiſelle Olympia von Clsves, die man bei der Schauſpielertruppe kurz Olympia nannte, dieſe ſchöne Perſon, welche wir ſchon zweimal haben erſchei⸗ nen ſehen, das erſte Mal auf der Straße, im Gefolge der Proceſſion von Herodes und Marianna, vas zweite Mal auf der Treppe des Foyer, und die jedes Mal einen ſo lebhaften Eindruck auf Banniöre hervorgebracht hatte, Olympia von Clöves war ein Fräulein von Stande, das ein Liebhaber, ein Musfetier, im Jahre 1720, als Olympia kaum ſechzehn Jahre alt war, aus dem Kloſter entführt hatte. 92 Dieſer Musketier, nachdem er ſeiner Geliebten bei⸗ nahe ein Jahr treu geblieben war, was faſt unerhört in den Annalen der Compagnie, hatte ſie an einem ſchönen Morgen verlaſſen, und man hatte ihn nicht wieder geſehen. Nun allein, verlaſſen, ohne Zukunft, verkaufte Olympia, welche es nicht wagte, zu ihrer Familie zu⸗ rückzukehren, und ohne Mitgift nicht wieder ins Kloſter gehen wollte, die wenigen Juwelen, die ihr blieben, und debutirte, nachdem ſie ein Jahr ſtudirt hatte, auf einer Provinzbühne. Sie war ſo ſchön, daß ſie ausgepfiffen wurde. Olympia begriff, daß, wenn die Natur ſo viel für eine Frau gethan hatte, ihrerſeits die Kunſt auch viel für ſie thun müſſe. Sie fing an zu arbeiten, diesmal mit Ernſt, und nach Verlauf eines Jahres wechſelte ſie das Theater und brachte es dahin, daß man ihr wegen ihres Talentes applaudirte, nachdem man ſie wegen ihrer Schönheit ausgepfiffen hatte. Allmälig und von Truppe zu Truppe, ſtieg Olym⸗ pia bis zu den Theatern der großen Städte empor, und, ein lebendiges Problem für die Verliebten wie für die Geldmänner, genoß ſie einen doppelten Ruf als gute Schauſpielerin und als vernünftige Frau. Nicht als ob Olympia von einem tugendhaften Naturell geweſen wäre, ſondern nach einem Mann hatte fie alle Männer haſſen gelernt; und da die Wunden in den zärtlichen Herzen tiefer ſind, ſo lebte eine Wunde noch blutend nach fünf Jahren im Herzen der ſchönen Verlaſſenen. Abbés, Ofſiciere, Geldmänner, Schauſpieler, Schön⸗ linge, Alles behandelte Olympia drei Jahre lang mit derſelben Gleichgültigkeit. Endlich eines Tags, oder vielmehr eines Abends, es war in Marſeille, ſah Olympia in den Couliſſen einen Mann von großer Schoͤnheit und beſonders von großer Diſtinetion: er war in die Uniform der ſchotti⸗ ſch ein ma vot höe Ha Liv trot Eir gef ſech bei⸗ hört inem nicht ufte zu⸗ oſter eben, auf l für viel smal te ſie een ihrer ym⸗ npor, e für gute aften hatte en in unde önen chön⸗ mit ends, liſſen von hotti⸗ 93 ſchen Gendarmen gekleidet und trug die Auszeichnung eines Kapitäns. Olympia hatte eine kleine Rolle geſpielt, in der man ihr viel Beifall geſpendet, und bei ihrem Abgange von der Scene hatten ſie viele Menſchen umringt. Wenigſtens zwanzig Edelleute, und zwar von den höchſigeſtellten, näherten ſich ihr, um ihr zu ſagen: „Mademviſelle, ich finde Sie reizend.“ Oder: „Mademoiſelle, Sie ſind anbetungswürdig.“ Der Cavalier allein, von dem wir geſprochen, trat auf ſie zu und ſprach ehrerbietig vor aller Welt: „Madame, ich liebe Sie.“ Dann, ohne etwas Anderes beizufügen, verbeugte er ſich, machte drei Schritte rückwärts und war wieder mit der Menge der Bewunderer von Olympia vermengt. Dieſe ſo ſeltſam hingeworfene Erklärung beunru⸗ higte Olympia zuerſt durch ihre Bizarrerie, ſodann durch die Wirkung, die ſie auf die Anweſenden hervorgebracht hatte. Olympia fragte die Leute, die ſie umgaben, nach dem Namen des fremden Liebesritters. Man antwortete ihr, es ſei Louis Alerandre, Graf von Mailly, Herr von Rubempré Rieur, Avecourt, Bohard, Coudray und anderen Orten, Kapitän⸗Lieute⸗ nant der Compagnie der ſchottiſchen Gendarmen. „Ahl“ machte ſie. Und das war Alles. Dann begab ſie ſich allein, wie gewöhnlich, nach Hauſe. Slie hatte damals ein Engagement von achttauſend Livres jährlich. Ferner hatte ſie von einem alten Verwandten, der trotz ihrer Entweichung mit dem Musketier und ihres Eintritts beim Theater ihr Freund geblieben war, un⸗ gefähr dreißigtauſend Livres bekommen, von denen ſie ſechstauſend jährlich ausgab, was ihr, mit ihrem Ge⸗ 94 halte, fünf Jahre zu vierzehntauſend Livres, in Erwar⸗ tung von Beſſerem, verſprach. Sie empfing daher zuweilen bei ſich und zwar auf eine ſehr liebenswürdige Art. Die Geſellſchaften, die ſie gab, hatten ſogar allmälig eine gewiſſe Berühmtheit in der ganzen Provinz erlangt; es war auch die erſte Sorge jedes Mannes nach der Mode, ſich bei Fräulein Olympia vorſtellen zu laſſen. Nicht ein Schmachten⸗ der fehlte. Allerdings waren alle Galanterien, die man der ſchönen Gebieterin des Hauſes ſagen konnte, rein ver⸗ loren: Jedermann wurde gut aufgenommen, aber Nie⸗ mand begünſtigt. Und was noch viel außerordentlicher: Niemand rühmte ſich, begünſtigt worden zu ſein. Als Olympia nach Hauſe kam, dachte ſie unwill⸗ kürlich an Herrn von Mailly. „Er wird den gewöhnlichen Weg gehen,“ ſagte ſie. „Ich werde ihn an meinem erſten Empfangstage, das heißt, am erſten Tage, wo ich nicht zu ſpielen habe, bei mir ſehen.“ Sie täuſchte ſich. Der Graf, der keine Vorſtellung verſäumte, wenn Olympia ſpielte, kam nach jeder Vorſtellung herbei, um die ſchöne Künſtlerin zu begrüßen. Doch dies, ohne ein einziges Wort zu ſagen, ohne einen einzigen Schritt zu thun. Dieſes Benehmen ſetzte Olympia ſehr in Erſtaunen; ſie konnte nicht bezweifeln, daß der Graf ernſtlich in ſie verliebt war. Die Liebe ſcheint deutlich für die Frau in jeder Bewegung des wahrhaft verliebten Mannes durch. Sollte er ſchüchtern ſein, dieſer Kapitän der ſchot⸗ tiſchen Gendarmen? Das war nicht wahrſcheinlich. Warum, nachdem er ſich ſo entſchieden erklärt hatte, wartete er denn? Auf was wartete er? „Bildet er ſich etwa ein,“ dachte Olympia,„weil war⸗ auf die theit erſte ulein ten⸗ der ver⸗ Nie⸗ and ill⸗ ſie. das abe, en um hne en; ſie rau rch. hot⸗ tte, weil 95 ich eine Frau vom Theater ſei, werde ich ihn für einen ſo hohen Herrn halten, daß ich ihm von ſelbſt Erklä⸗ rung durch Erklärung erwiedere?“ Sie wartete, bis ſich der Graf weiter wagen würde. Der Graf machte nicht einen Schritt mehr. Olympia faßte den Entſchluß, ihm den Rücken zu⸗ zuwenden, wenn er am Abend käme, um ſie zu begrüßen. Der Entſchluß war heroiſch, gefährlich vielleicht. Herr von Mailly, damals ein Mann von drei und drei— ßig Jahren, gut geſtellt bei Hofe, ein guter Ebelmann durch ſich ſelbſt, vollkommen befreundet, einen Rang in der Welt, einen Grad in der Armee einnehmend, war von Männern und Frauen vortrefflich aufgenommen. Die Beleidigung einer Schauſpielerin konnte nicht nur ihn ſelbſt verletzen und empören, ſondern auch viele Leute um ihn her verletzen und empören. Aber es war eine Unerſchrockene, dieſe Olympia. Sie ließ Herrn von Mailly auß ſich zugehen und ſchaute ihm wohl ins Geſicht; dann, nachdem er ſie nach ſeiner Gewohnheit gegrüßt hatte, drehte ſie ihm den Rücken zu, ohne ſeinen Bückling zu erwiedern. Der Graf fühlte den Schlag, erröthete ſehr, rich⸗ tete ſich auf und ging weg, ohne daß er die Aufregung zu bemerken ſchien, welche der zurückſtoßende Empfang von Olympia in der Gruppe ihrer Hofmacher hervor⸗ gebracht hatte. Am andern Tag erſchien Herr von Mailly abermals. Viele Leute hatten ſchon am Abend vorher Olympia auf die Gefahr aufmerkſam gemacht, der ſie ſich durch ihre Ungezogenheit ausſetze. Aber die Eigenfinnige nahm ſo wenig hierauf Rück⸗ ſicht, daß ſie nun, als Herr von Mailly wiederkam, ſogar zurückwich, ehe er gegrüßt hatte. Der Graf ließ ſich nicht aus der Faſſung bringen. Er ging im Gegentheil gerade auf ſie zu und ſagte mit kurzem, aber artigem Tone: 96 „Guten Abend, mein Fräulein.“ Und er ſtellte ſich ſo, vaß ſie nicht entfliehen konnte. Jeder ſchaute dieſer Scene mit einer leicht begreif⸗ lichen Neugierde zu. Olympia erwiederte nichts. „Ich habe die Ehre gehabt, Ihnen einen guten Abend zu wünſchen, mein Fräulein,“ ſagte Mailly. „Und Sie haben Unrecht gehabt, da Sie errathen mußten, ich würde Ihnen nicht antworten,“ erwiederte ſie laut. „Wären Sie eine gewöhnliche Schauſpielerin ge⸗ weſen,“ fuhr Herr von Mailly mit der äußerſten Artig⸗ keit fort,„und Sie hätten mir den Schimpf angethan, den ich erleide, ſo würde ich ein Wort an den Gouver⸗ neur dieſer Stadt ſchreiben, daß er Sie für Ihre Unge⸗ zogenheit beſtrafen ließe, da Sie aber nicht einfach eine Schauſpielerin ſind, ſo entſchuldige ich Sie.“ „Wenn ich aber nicht einfach eine Schauſpielerin bin, was bin ich denn?“ fragte Olympia, ihre großen Augen erſtaunt auf den Grafen heftend. „Ich glaube nicht, daß dies der Ort iſt, es Ihnen zu ſagen, mein Fräulein,“ erwiederte Herr von Mailly, der fortwährend die ausgezeichnete Höflichkeit behaup⸗ tete, aus welcher er ſich bei dieſem Vorfalle ſeine Ver⸗ theidigungswaffe gemacht hatte.„Die Geheimniſſe des Adels wirft man nicht ſo in den Wind der Couliſſen.“ Olympia hette zu viel gehört, um nicht zu wollen, daß ihr Herr von Mailly mehr ſage. Sie ging entſchloſſen in eine Ecke des Theaters und winkte ihm, ihr zu folgen. Er gehorchte. „Sprechen Sie nun,“ ſagte ſie. „Mein Fräulein,“ verſetzte Herr von Mailly,„Sie ſind von Stande.“ „Ich?“ erwiederte Olympia erſtaunt. „Ich weiß es, und vaher die Achtung, die ich Ihnen immer bezeigt habe, ſelbſt als Sie mich beleidigten, ohne Ur nic ber der ſter vor au hat Si vor me die unte. reif⸗ uten then erte ge⸗ tig⸗ han, ver⸗ nge⸗ eine erin ßen nen illy, up⸗ Ber⸗ des .0 len, ſſen zu Sie nen hne 97 Urſache beleidigten; ich kenne Ihr ganzes Leben, und nichts wird machen, daß ich mein Benehmen gegen Sie bereue, nicht einmal Ihre Strenge.“ „Aber, mein Herr...“ ſagte Olympia ganz bewegt. „Sie heißen Olympia von Cloves,“ fuhr Herr von Mailly unſtörbar fort.„Sie ſind in einem Kloſter in der Rue de Vaugirard erzogen worden. Meine Schwe⸗ ſter war mit Ihnen in dieſem Kloſter. Sie haben es vor drei und einem halben Jahre verlaſſen, und ich weiß, auf welche Art Sie es verlaſſen haben.“ Olympia erbleichte. Nur, da ſie noch ihre Schminke hatte, wurden bloß ihre Lippen weiß. „Mein Herr,“ erwiederte Olympia,„alſo trieben Sie neulich Ihr Spiel mit mir, als Ste mir ſagten...“ Olympia hielt inne. „Als ich Ihnen ſagte, ich liebe Sie,“ fuhr Herr von Mailly fort.„Nun, mein Fräulein, ich trieb nicht mein Spiel mit Ihnen, ich ſagte Ihnen im Gegentheil die volle Wahrheit.“ Olympia entſchlüpfte eine Geberde des Zweifels. „Erlauben Sie mir, über eine ſtumme Leidenſchaft, — Herr von Mailly machte eine Bewegung,— oder über eine Leidenſchaft, welche nur einmal ſpricht, zu la⸗ chen,“ fuhr Olympia fort. „Mein Fräulein, ich bemerke wohl, Sie haben mich nicht verſtanden,“ erwiederte Herr von Mailly.„Ich habe Sie geſehen und ich kannte Sie; ich kannte Sie und ich habe Sie geliebt, ich habe Sie geliebt und ich habe es Ihnen geſagt, ich habe es Ihnen geſagt und ich habe es Ihnen bewieſen.“ „Bewieſen!“ rief Olympia, die endlich ihren Geg⸗ ner bei einer Blöße zu packen glaubte.„Bewieſen! Sie haben mir bewieſen, daß Sie mich lieben, Sie!“ „Allerdings. Wenn man eine Schauſpielerin liebt, ſo ſagt man zu ihr:„„Sie gefallen mir ſehr, Olympia, und, bet meiner Treue, ich werde Sie lieben, wenn Sie Olympig pon Clsves, 1. 7 98 wollen.““ Wendet man ſich aber an ein Mädchen von Stand,“ an Fräulein von Clsves, ſo ſpricht man einfach: „„Mein Fräulein, ich liebe Sie.““ „Und wenn man dies geſagt hat, da man ohne Zweifel genug gethan hat,““ erwiederte Olympia ver⸗ ächtlich lachend,„ſo erwartet man, daß dieſes Mädchen von Stande einem ſeine Antwort bringt!“ „Man erwartet nicht das, was Sie ſagen, mein Fräulein, ſondern man erwartet, daß eine Frau, welche dadurch, daß ſie von einem Manne verlaſſen worden iſt, gelitten hat, die nie einen Zweiten hat anhören wollen, weil ſie die Männer haßt, man erwartet, ſage ich, daß dieſe Frau, verwandelt, entwaffnet durch die Achtung und das Benehmen eines wackern Mannes, allmälig den Haß verjagt, um auf die Liebe zu hören. Das iſt es, was man erwartet, mein Fräulein.“ „Mir ſcheint,“ entgegnete Olympia zitternd,„mir ſcheint, es wäre dann beſſer geweſen, nichts zu dieſer Frau zu ſagen.“ „Warum denn, mein Fräulein? Die Huldigung eines Edelmanns kann nicht unangenehm ſein, und zeugt vor Allem von ſeiner Höflichkeit; ſodann iſt ſie ein Vor⸗ behalt für die beſſeren Tage, und endlich bezeichnet ſie, vaß die Frau, welche der Gegenſtand derſelben war, eine ſchlechtere Wahl treffen könnte. Dies iſt es, was ich Ihnen Alles zu beweiſen ſuchte,— zu glücklich, wenn es mir gelungen iſt.“ Während dieſer, durch eine ſeltene Diſtinction der Stimme und der Geberde erhöhten, Rede hatte Olympia ihr Herz von einer ſanften und belebenden Wärme ſich anſchwellen gefühlt. Sie ſenkte einige Secunden die Augen und ſchlug ſie dann zärtlich wieder auf. Der Graf hatte nicht nöthig, daß ſie ſprach. „Bin ich verſtanden?“ ſagte er. „Fragen ſie mich das in acht Tagen,“ antwortete wü ent das obe die war ſeill von fach: ohne ver⸗ chen mein elche niſt, llen, daß tung den es, „mir ieſer ung eugt Bor⸗ ſie, eine ich enn der pia lug tete 99 ſie,„und wenn ich daran gewöhnt ſein werde, fragen Sie mich, ob Sie geliebt ſeien.“ Und indem ſie ſo ſprach, hob ſie die Hand bis zu den Lippen des Grafen empor, der vor Freude bebte, und verſchwand. Der Graf, ſtatt ihr zu folgen, verbeugte ſich ehr⸗ erbietig und kehrte zu den Ofſicieren zurück, die ihn über die Erklärung befragten. „Sie iſt ſtürmiſch geweſen?“ ſagte der Eine. „Hagel?“ fragte der Andere. „Donner oder Regen?“ ſprach ein Dritter. „Meine Herren,“ antwortete der Graf von Mailly, „Mademoiſelle Olympia iſt in der That ein anbetungs⸗ würdiges Frauenzimmer.“ Und er verließ ſie nach dieſen Worten. Sie ſchauten ihm mit Erſtaunen nach, als er ſich entfernte, doch einige Tage ſollten genügen, um ihnen das Geheimniß zu erklären. XI. Ein Debut. Drei Jahre waren ſeit vieſer Erklärung verlaufen. Drei ober viermal von ihrem Liebhaber durch die Kriege oder die Garniſonen getrennt, hatte Olympia allmälig die Kette ihrer Liebe ſchlaff werden gefühlt. Im Jahre 1727 war Herr von Mailly abermals in Garniſon in Mar⸗ ſeille; aber Olympia ſpielte Tragödie und Komöbie in vignon. Seit zwei Monaten hatte ſie den Graſen nicht 100 erblickt; erſt am Tage vorher hatte er ſie benachrichtigt, genöthigt durch die Pflichten ſeiner neuen Stelle,— Herr von Mailly war Commandant der Gendarmerie geworden,— genöthigt durch die Pflichten ſeiner neuen Stelle, ſagen wir, ſich nach Lyon zu begeben, werde er durch Avignon reiſen, um der erſten Aufführung von Herodes und Marianna beizuwohnen. Man wird vielleicht fragen, warum Herr von Mailly, reich und verliebt, geduldet habe, daß Mademoiſelle Olympia von Clöves beim Theater blieb. Wir antwor⸗ ten hierauf, daß dies nicht von Herrn von Mailly ab⸗ hing. Er hatte der Schauſpielerin wirklich den Vor⸗ ſchlag gemacht, ihr Gewerbe aufzugeben; aber nachdem ſie aus Noth Künſllerin geworden, hatte ſie in ihr von Liebe leeres Herz eine Liebe weit verzehrender als die andere, die Liebe für die Kunſt, eindringen laſſen. Sie hatte daher jeden Vorſchlag dieſer Art zurückgewieſen und erklärt, nichts in der Welt würde ſie bewegen, auf ihre Unabhängigkeit zu verzichten; ſie hatte dem zu Folge fortwährend ihre vierzehntauſend Livres jährlich aus⸗ gegeben, von Herrn von Mailly nur die Geſchenke an⸗ genommen, wie ſie der Liebhaber der Geliebten zu ma⸗ chen pflegt, und ihr Gewerbe als eine Hülfsquelle gegen die ſchlimmen Tage fortgeſetzt. Zwanzigmal hatte der Graf ſeine dringenden Bitten in dieſer Hinſicht wiederholt, zwanzigmal hatte ihn Olym⸗ pia zurückgewieſen. Man weiß, daß Olympia das, was ſie wollte, ſehr wollte, und beſonders ſehr wollte, wenn ſie nicht wollte. Auf den Brief, den ſie vom Grafen erhalten, hatte ſie nur geantwortet, der Graf könne am andern Tage in voller Sicherheit nach Avignon kommen, Herodes und Marianna werde am andern Tage gegeben werden. Dieſer andere Tag war ein Donnerſtag; Herodes und Marianna mußte alſo durchaus am Donners⸗ tag geſpieit werden. Darum hatte Olympia ſo ſehr darauf gedr ungen, ſtigt, U nerie een de er von illy, ſelle wor⸗ ab⸗ Bor⸗ dem von die Sie eſen auf olge aus⸗ an⸗ ma⸗ egen itten ym⸗ was enmn atte e in und n. des ers⸗ gen, 101¹ daß man die Rolle leſe, darum hatte ſie Bannisre um⸗ armt, als er ſie zu ſpielen eingewilligt. Olympia rechnete vielleicht auf den Succeß, den fie in dieſer Rolle haben ſollte, um die Zärtlichkeit ihres Liebhabers, die ſie ſeit einiger Zeit abnehmen zu fühlen glaubte, wiederzubeleben; vielleicht ſetzen wir auch ein Verlangen bei ihr voraus, das ſie nicht hatte, und ſie rechnete auf nichts, denn die Nacht iſt ſchwarz im Herzen der Frauen in Betreff Alles deſſen, was die Myſterien der Liebe bildet. Wir haben Bannidre als Herodes gekleidet in dem Augenblick verlaſſen, wo das dreimalige Zeichen gegeben worden war, wonach der Vorhang aufgehen ſollte. Herr von Mailly befand ſich mit ſeinem ganzen Generalſtabe im Saale und hatte die große Mittelloge inne. Er hatte mit dem Publikum die Couliſſenangſt getheilt, Jeder fragte ſich: Wird Schauſpiel ſein oder wird keines ſein? Zahlreich, glänzend und voll Unge⸗ duld, athmete daher die Verſammlung hoch auf, als ſie, nachdem ſie das dreimalige Zeichen hatte geben hören, den Vorhang aufgehen ſah. Wir vermöchten nicht zu ſagen, ob es ein Glück oder ein Unglück für Banniöre war, daß er weder im erſten, noch im zweiten Aet etwas zu thun hatte, wir wiſſen nur, daß er es zwiſchen jedem Act ſehr bedurfte, durch die Gegenwart von Olhmpia wiedergeſtärkt zu werden, welche, um ihn in ſeiner guten Stimmung zu erhalten, hinter den Vorhang kam und mit ihm die Hauptſcene probirte. Was den unglücklichen Novizen beſonders mit Be⸗ ſorgniſſen erfüllte, war nicht der päpſtliche Legat, der dieſer feierlichen Vorſtellung beiwohnte, es war nicht Herr von Mailly mit ſeinem Generalſtab, es waren nicht die Behörden der Stadt auf den erſten Bänken des Saales, es waren die zwei Jeſuiten⸗Väter, von denen er wußte, ſie ſeien anweſend, als wären ſie gekommen, um ſeine Erſcheinung zu belauern, und die ihn vielleicht, 102 trotz ſeines Bartes und ſeines königlichen Mantels er⸗ kennen würden. Banniore wurde auch mehr als einmal von einem unwiderſtehlichen Verlangen, zu entfliehen, ergriffen. Doch zwei Dinge widerſetzten ſich dieſem: einmal die Anziehungskraft, die ihn an Olympia feſſelte, und dann die Bewachung, die man um ihn her übte. Niemand, vom erſten Schauſpieler bis zum letzten Comparſen, war es unbekannt, daß der Debutant beinahe durch Ueber⸗ rumpelung debutirte, daß er das Novizenkleid abgelegt hatte, um das Coſtume von Herodes anzuziehen, und da er, im Ganzen genommen und mit noch viel mehr Grund, von einem Gewiſſensbiſſe, dem ähnlich, welcher Champ⸗ meslé fortgetrieben hatte, gepackt werden konnte, ſo wollte man nicht, daß eine und dieſelbe Urſache ein und daſſelbe Reſultat herbeiführe, und daß das Stück, wel⸗ ches beinahe nicht angefangen hätte, nachdem es ange⸗ fangen, der Gefahr, nicht zu endigen, ausgeſetzt ſei. Herodes war alſo in der That durch die Wachen bewacht, welche bei jedem Schritte, den er in den Cou⸗ liſſen machte, ihren Platz verließen und ihm mit eben ſo viel Regelmäßigkeit folgten, als wir ſeitdem in dem vor⸗ trefflichen Drama Marion de Lorme die Garden k Herrn von Nangis ihrem Oberherrn haben folgen ehen. Endlich ging der Vorhang, den man nach dem erſten und zweiten Act heruntergelaſſen hatte, zum dritten Male auf; der furchtbare Augenblick nahte heran. Ban⸗ nière hörte, mehr todt als lebendig, einen Vers nach dem andern entfliegen, und bei jedem Verſe, der entflog, fühlte er ſeinen Eintritt näher kommen. Obgleich die Schauſpieler die gewöhnlichen Tempi nahmen, ſchien es ihm doch, als beſchleunigten ſie ihren Vortrag auf eine wahnfinnige Art. Die Scenen gingen eine nach der andern an ſeinen Augen vorüber, wie jene dunkeln Dünſte, welche an einem niedrigen Himmel die ſtürmiſchen Weſtwinde fortreißen. Endlich kam die dritte Se den gen blic ſich ſten nur kalt Art her, aber und her Har hint zu: glei S tauſ Zuſ von Vät jedet dens trug Mel Aug zu k zu Par wide unte ſchw Aug ls er⸗ inem iffen. l die dann nand, war eber⸗ elegt d da tund, amp⸗ „ſo und wel⸗ inge⸗ chen Cou⸗ en ſo vor⸗ rden lgen rſten itten Zan⸗ noch log, die hien trag eine jene die itte 103 Scene des dritten Aels, diejenige, welche unmittelbar dem Eintritte von Herodes vorhergeht. Wie eine ſtei⸗ gende Fluth ſah der unglückliche Bannisre den Augen⸗ blick, wo er vor dem Publikum zu erſcheinen hatte, auf ſich zukommen; bald waren zwiſchen ihm und dieſem äußer⸗ ſten Augenblicke nur noch vier Verſe, bald nur noch zwei, nur noch einer! Mit dem letzten Halbverſe floß ein kalter Schweiß über die Stirne von Bannisre. Eine Art von Schwindel bemächtigte ſich ſeiner, er ſchaute um⸗ her, ob ein Weg für ſeine Flucht offen ſei; als er ſich aber umwandte, ſah er Olympia, die ihm zulächelte und ihn mit einem Blicke ermuthigte. Er hörte um ſich her leiſe ſagen:„Aufl auf!“ er fühlte, wie eine kleine Hand, mächtiger als die Hand eines Rieſen, ihn von hinten ſchob, und eine Stimme voll Harmonie rief ihm zu:„Muth! Muth!“ Der Hauch, der dieſes Wort be⸗ gleitete, brannte auf ſeiner Wange. Er machte einen Schritt und fand ſich den Lichtern, dem Luſtre und drei⸗ tauſend Blitzen gegenüber, welche aus den Augen der Zuſchauer hervorſprangen, und unter denen er ſchimmernd von ihrem hölliſchen Glanze die der zwei ehrwürdigen Väter der Geſellſchaft Jeſu funkeln zu ſehen glaubte. Er trat langſam, keuchend, geblendet und bereit, bei jedem Schritte auf dem unmerklichen Abhange des Bo⸗ dens zu ſtolpern, ein. Doch er war ſo ſchön von Geſtalt und Geſicht, er trug in ſeinen Zügen einen Charakter von ſo düſterer Melancholie, er hatte ein ſo wohlgeformtes Bein, ein Auge ſo voll Flammen, daß, um ihn gleich von Anfang zu beruhigen, und dann, um ihm für ſeine Gefälligkeit zu danken, ein Beifallsdonner in dieſem ſtehenden Parterre losbrach, das die Neugierde unter ihrer un⸗ wiverſtehlichen Anziehungskraft ſchwanken machte, wie unter einem Sommerwinde ein Kornfeld ſich beugt und ſchwankt. Die Wirkung war raſch; die Wolke, welche die Augen von Bannisre bedeckte, hellte ſich auf; das Blut, 104 vas in ſeinen Ohren brauſte, unterbrach ſein Klingen, und eleckrifirt durch dieſe Bravos, wie der Renner durch das Lob oder durch die Peitſche angeflachelt wird, griff er muthig ſeinen erſten Vers an. Das, worauf er ſich verlaſſen konnte, war ſein Ge⸗ vächtniß, das, worauf er ſich nicht verlaſſen konnte, war ſeine Perſon. Seine Perſon machte Effect. Die Hälfte der Partie war alſo gewonnen. Unter den Bravos ſtählte ſich Banniöre wieder; er ſagte ſich, im Ganzen ſei er ein Menſch wie alle andere Menſchen, durch den Verſtand den Leuten des Saales gleich, durch ſein Talent vielleicht Meiſter der Leute der Scene. Bannidre ſprach daher ſeine Tiraden beinahe ſo be⸗ herzt auf dem Theater, als er ſie im Foyer geſprochen atte. In Ermangelung des Wiſſens hatte er die Stärke, in Ermangelung des Detail hatte er das Feuer, und da in ſeiner erſten Scene mit Olympia dieſe ihm leiſe zwei oder dreimal ſagte:„Gut! ſehr gut!“ ſo ſpielte er in der That ſehr gut, denn er ſpielte, wie er es in der Meditationsſtube gethan hätte, ohne die Gefahr zu kennen. Was Olympia betrifft, welche ihr Theater ſeit lan⸗ ger Zeit kannte, was Olympia betrifft, die ſtatt bös⸗ willige Jeſuiten im Saale zu haben, hier Herrn von Mailly und einen ganzen Generalſtab von Anbetern hatte, ſo ließ ſie ſich fortreißen, wie ſie es vielleicht nie bei Champmeslé gethan hatte, und machte alle ihre Effecte, ohne einen einzigen zu verfehlen, unterſtützt, wie ſie war, durch das billigende Gemurmel des ganzen Saales und durch die geräuſchvolleren Bravos der Garniſon. Die Vorſtellung war ſchön. Banniore haite ſich nicht nur nicht geirrt, ſondern er hatte auch die Stich⸗ wörter den Wachen, den Vertrauten, den Schauſpielern, den Mimen eingeblaſen. —————„8— 8„— gen, urch griff Ge⸗ war älfte z er dere rales eute o be⸗ chen ärke, nd da zwei er in nder r zu lan⸗ bös⸗ von etern t enie ihre ſtützt, anzen z der e ſich Stich⸗ elern, 105 Man erinnert ſich, daß Bannisre das ganze Stück auswendig konnte. Nach ſeinem erſten Auftreten wurde er auch von allen Frauen und allen Männern der Truppe mit Com⸗ plimenten überſchüttet. Nach ſeinem zweiten Auftreten hatte er auch nur noch die Frauen für ſich, welche ihm, man muß es ſagen, in ihrer Bewunderung bis zum Ende des Stückes treu blieben. Als das Stück beendigt war, umarmte Olympia Bannidre nicht mehr, ſie dankte ihm. Bannidre fühlte dieſe Nuance nicht. Er war zu ſehr betäubt. Der Menſch, der ſich mit ſchwerem Weine berauſcht hat, kennt des Aroma der zarten Weine nicht mehr. Man wünſchte alſo Bannidre Glück, man ſchmei⸗ chelte ihm, man umringte ihn; er entzog ſich allen die⸗ ſen Glückwünſchen, denn er hegte immer noch auf eine unbeſtimmte Art die Hoffnung, in das Noviciat zurück⸗ zukommen, und floh nach der Loge, wo er ſich aus⸗ und angekleidet hatte. Er hatte viel Mühe, ſie wieder zu finden, doch er fand ſie am Ende. Das Erſte, was Banniöre beim Eintritt in ſeine Loge bemerkte, war ein Bad beſtimmt, die Befleckung des Körpers durch das Waſſer zu tilgen, wie man die Befleckungen der Seele durch die Beichte tilgt. Champ⸗ meslé hatte die Gewohnheit, ein Bad nach jeder neuen Leiſtung zu nehmen. Banntdre ſchaute dieſes Bad mit Begierde an. Bannlore dachte, da er die Rolle von Champmeslé geſpielt habe, ſo könne er wohl das Bad von Champmeslé nehmen. Von Folgerung zu Folge⸗ rung kam er ſogar dahin, daß er ſich bewies, er habe alle Rechte auf dieſes Bad, während Champmeslé keines darauf habe. Banniöre legte alſo ſein Herodes⸗Coſtume ab und ſtreckte ſich wollüſtig in dieſem Bade aus. Er war hier ſeit zehn Minuten, rieb ſich nach Her⸗ 106 zensluſt mit der Seife von Champmeslé und ſah, wie einen vergangenen Traum, vor ſich bis auf die kleinſten Einzelheiten alle Ereigniſſe dieſer feierlichen Vorſtel⸗ lung, als man an die Thüre ſeiner Loge klopfte. Bannldre bebte in ſeinem Bade wie ein Dieb, der auf friſcher That ertoppt wird. „He! was will man von mir?“ fragte er.„Man kann nicht herein.“ Banniére war voll Schamhaftigkeit. „Man verlangt nicht hineinzukommen,“ antwortete die Stimme des Friſeur.„Man verlangt den König Herodes.“ „Wo?“ „Im Foyer.“ „Und was will man vom König Herodes?“ „Der Herr Graf von Mailly gibt den Herren und Damen ein Abendeſſen und ſagt, dieſes Abendeſſen wäre unvollſtändig, wenn es die Königin Marianna ohne den König Herodes hätte.“ Banniere antwortete einen Augenblick nichts; er vachte, er habe keine andere Kleider anzuziehen, als ſeine Jeſuitenkleider, und er würde eine traurige Figur bei dieſem heiteren Abendbrode mit ſeiner ſchwarzen Tracht ſpielen. „Sagen Sie, ich danke von ganzem Herzen dem Herrn Grafen von Mailly für die Ehre, die er mir er⸗ weiſen wolle,“ erwiederte Bannisre,„aber ich könne ſie nicht annehmen, da ich kein Kleid habe.“ „Wie, kein Kleid?“ rief der Friſeur;„haben Sie nicht das Coſtume des Königs Herodes, ganz von Her⸗ melin, Sammet und Seide?“ „Ja,“ verſetzte Banniore,„doch das iſt ein Coſtume und kein Kleid.“ „Ei! Jedermann iſt im Coſtume,“ ſagte der Fri⸗ ſeur;„das iſt im Gegentheil eine der Bedingungen des Abendbrods.“ „Fräulein Olympia auch?“ fragte Banniöre. „In großem Coſtume. Sie hat nur ihre Schminke die s. und äre den er als gur zen dem er⸗ ſie Sie der⸗ ume Fri⸗ des inke 107 und ihre Schönfleckchen weggemacht und ein Bad ge⸗ nommen; darum iſt man noch nicht bei Tiſche.“ Ein Abendbrod mit Herrn von Mailly, ein Abend⸗ brod unter dem Vorſitze von Olympia, ein Abendbrod, wo er ſie wiederſehen ſollte, wo ſie ihm fagen würde, er habe gut geſpielt, ein Abendbrod beſonders, wobei er nicht mit ſeinem ſchmutzigen Novizenkleide, ſondern mit ſeinem glänzenden Coſtume des Herodes erſcheinen würdel Das war mehr, als es brauchte, um Bannisre zu beſtimmen, zwei Stunden ſpäter in das Noviciat zurückzukehren. Ueberdies wußte man entweder ſeinen Ausgang oder man wußte ihn nicht; wußte man ihn nicht, ſo machten die zwei Stunden nichts; wußte man ihn, ſo machten die zwei Stunden nicht viel, und die Strafe würde ſo erſchrecklich ſein, daß die zwei Stunden mehr ſie kaum erſchweren könnten. Bannidre war in der Lage eines Menſchen, der gehenkt zu werden verurtheilt iſt, und der, indem er ſich einen großen Genuß erlaubt, Gefahr läuft, gerädert zu werden. Sterben, um zu ſterben— Bannidre wollte ſich vor ſeinem Tod das Vergnügen eines Gottes machen. Er antwortete daher ziemlich hoffärtig: „Nun denn, ſo ſagen Sie Herrn von Mailly, ich werde die Ehre haben, ſeiner Einladung zu entſprechen.“ Bannidre ging in der That ſtrahlend und duftend aus ſeinem Bade hervor. Auf das Roth des Theaters war das matte Braun ſeiner Haut dieſe Schminke der Leute des Süden, gefolgt; an der Stelle ſeiner flattern⸗ den Perrücke wogten ſeine ſchwarzen Haare, denen das Waſſer den hläulichen Glanz des Rabenflügels gegeben hatte. Er beſchaute ſich im Spiegel von Champmeslé und bemerkte zum erſten Mal, daß er ſchön war. Doch beinahe in demſelben Augenblick ſagte er mit einem Seufzer: „Ah! ſie auch, ſie iſt ſehr ſchön!“ Und er begab ſich nach dem großen Foher, wo das Abendbrod zugerichtet war. 108 Das Abendbrod. Olympia war, wie man es Banniore geſagt hatte, in das Foyer herabgegangen. Aber hier erwartete ſie eine Ueberraſchung. Sie fand Herrn von Mailly und ſeine Officiere geſtiefelt und geſpornt und in Reiſe⸗ kleidern. Während der zehn Minuten, welche Olympia in ihrer Loge geblieben war, hatten der Graf und ſein Generalſtab dieſen raſchen Wechſel in ihren Anzügen vorgenommen. Der Graf eröffnete Olympia nun mit der ſchwer⸗ müthigſten Miene, die er annehmen konnte, er habe während des Schauſpiels eine Staffette vom König er⸗ halten; Seine Majeſtät berufe ihn ohne Verzug nach Verſailles, und er wäre ſogar ſogleich nach Empfang dieſer Staffette, gemäß der Ehrfurcht, die er den könig⸗ lichen Befehlen ſchuldig ſei, abgereiſt, hätte er nicht vor die Ehrfurcht vor dem Königthum die Ehrfurcht der Liebe geſetzt; dem zu Folge habe er ſeinen Officieren, ſobald der Vorhang gefallen, Befehl gegeben, ſich wie für eine Erpedition zu ſtiefeln, wozu er ihnen nur zehn Minuten bewilligt. Alle waren, wie geſagt, ſchon im Foyer, als Olym⸗ pia eintrat. Nachdem er ſich vor ihr verbeugt hatte, wandte er ſich gegen die andern Damen um und ſprach: „Meine Damen, wir kommen, um Sie zu begrüßen und Ihnen zu danken; ſetzen Sie ſich zu Tiſche.“ In dieſem Augenblick erſchien Bannidre an der Thüre; bei dem Ausrufe der Verwunderung, den ein paar Frauen von ſich gaben, wandte ſich Olympia um. Bannidre verdiente in der That dieſen Ausruf, den te, ſie und eiſe⸗ npia ſein igen wer⸗ habe er⸗ nach fang nig⸗ vor der eren, wie zehn lym⸗ te er üßen der nein um. den 109 ſeine Gegenwart veranlaßt hatte; man konnte unmög⸗ lich regelmäßiger ſchön und auf eine ausgezeichnetere Art ſchön ſein, als er es war. Olympia gab keinen Ausruf von ſich; ſie ſchaute ihn nur mit Erſtaunen an. Herr von Mailly grüßte leicht. Banniöre kreuzte die Hände über ſeiner Bruſt, wie es die Orientalen und die Jeſuiten machen, und ver⸗ beugte ſich. Er hatte auf eine ganz natürliche Art eine der ehrerbietigſten und eleganteſten Begrüßungen gefunden, die man erfinden konnte. Herr von Mailly richtete an den jungen Mann mit ein paar Worten, welche Olympia durch ein Lächeln billigte, ein Compliment. Dann nahm er ein Glas, füllte es mit Champagner, bot es Olympia, ſchenkte ſich ein zweites ein, hob dieſes empor und ſprach: „Auf die Geſundheit des Königs, meine Damen und meine Herren.“ Die Ofſiciere ahmten ihren Commandanten nach; jeder nahm ſein Glas, hob es zuerſt empor und leerte es dann auf die Geſundheit des Königs. Herr von Mailly ſchenkte ſich ſein Glas abermals voll, wandte ſich gegen Olympia und ſprach: „Und nun, Madame, auf Ihre Anmuth, auf Ihre Schönheit.“ Dieſer Toaſt wurde, wie man leicht begreift, mit ſtürmiſchem Beifall von aller Welt überſchüttet, Ban⸗ niöre ausgenommen, der nicht den Muth hatte, ein zweites Glas zu trinken, obgleich er das erſte ſehr gut gefunden. Nicht als hätte ihm Olympia nicht ſchön wie Venus ſelbſt geſchienen, aber Herr von Mailly hatte, ſo höflich er auch war, den Toaſt mit einer gewiſſen Eigenthü⸗ mersmiene ausgebracht, die ihm das Herz beklomm. Herr von Mailly, der im Gegentheil alle Gründe 11⁰ hatte, zu trinken, fiellte ſein Glas auf den Tiſch, nach⸗ dem er es bis auf den letzten Tropfen geleert, nahm die Hand von Olympia, küßte ſie und ſagte: „Auf baldiges Wiederſehen, mein liebes Herz.“ Olympia antwortete nichts; es ſchien ihr, als ſähe ſie etwas Seltſames in den Manieren, die der Graf an dieſem Abend gegen ſie hatte. Sie beſchränkte ſich darauf, daß ſie ihm mit den Augen bis zur Thüre folgte, lenkte dann ihren Blick in den Saal zurück und heftete ihre Augen auf Bannisre. Er war ſehr bleich und flützte ſich auf einen Stuhl, ohne welche Stütze man hätte glauben können, er werde fallen. „Auf, mein König,“ ſagte ſie zu dem jungen Mann, indem ſie auf einen Sitz zu ihrer Rechten deutete,„neh⸗ men Sie dieſen Stuhl, der für den Grafen beſtimmt war. Ehre dem Ehre gebührt.“ Bannidre gehorchte mit einer maſchinenmäßigen Be⸗ wegung und ſetzte ſich zitternd. In dieſem Augenblick hörte man den Tritt der Pferde der Officiere auf dem Pflaſter erſchallen und ſich in der Richtung von Lyon entfernen. Bannidre athmete. Olympia ſtieß im Gegentheil einen Seufzer aus. Sie ſetzte ſich indeſſen zu Tiſche, und da ſie eine große Selbſtbeherrſchung beſaß, ſo ſchüttelte ſie den Kopf und ſchien ihre Beklommenheit zu vertreiben. Das Abendhrod war vortrefflich; ſich ſelbſt über⸗ laſſen, wurden dieſe Herren und dieſe Damen um ſo heiterer. Bannisre beſonders hatte Mailly mit einem Vergnügen weggehen ſehen, von dem er ſich keine Re⸗ chenſchaft geben konnte, das er aber zu verbergen ſich nicht bemühte. Die Schauſpieler, und beſonders die Provinzſchau⸗ ſpieler, welche nicht alle Tage eſſen, haben im Allge⸗ meinen einen guten Appetit. Das Abendbrod von Herrn von Mailly wurde verſchlungen. Tiſ ach⸗ lahm ſähe f an den ck in idre. verde kann, „neh⸗ immt Be⸗ der und us. eine den über⸗ m ſo inem Re⸗ n ſich chau⸗ Ulge⸗ Herrn 114 Bannisre, der neben Olympia ſaß, trank, aß, wurde gereizt, geneckt, ſagte kein Wort, und während er mit dem Munde und ſeinen beiden Händen aß und trank, — man erinnert ſich, daß Bannisre ſeit ſechsunddreißig Stunden nur ein Mahl gemacht hatte,— verſchlang er mit den Augen ſeine ſchöne Gefährtin. Als eine Frau von Geiſt ſchien dieſe den Abgang der Herren Officiere nicht zu bedauern; ſie machte die Honneurs des Schmauſes mit der größten Anmuth, ſie trieb ſogar ihre Freundlichkeit ſo weit, daß ſie alle Män⸗ ner berauſchte, indem ſie die Zahl der beſtellten Flaſchen verdoppelte und das Supplement auf ihre Koſten nahm. Jeder Moment exaltirte Bannisre, denn jeden Mo⸗ ment begegneten ſeine Augen den Augen, begegnete ſeine Hand der Hand ſeiner ſchönen Nachbarin. Am Ende des Mahles war Bannisre auch kein Menſch mehr: er nannte ſich Roscius, er nannte ſich Baron. Nur war er tief verliebt und leicht betrunken. Seine bleiche, melancholiſche Schönheit hatte ſich in eine glüh⸗ ende Schönheit verwandelt. Seine Augen ſchleuderten zugleich alle Feuer der Liebe und des Weines. Dann war er es, der Olympla die Augen nieder⸗ ſchlagen machte; ſobald dies die züchtige Königin bemerkte, begriff ſie, daß es Zeit war, den Tiſch zu verlaſſen; ſie ſtand daher auf, grüßte ihre Gefährten, wünſchte ihnen viel Vergnügen und ging ohne Zorn, aber auch ohne Schwäche weg. Sie hatte nur Waſſer getrunken. Als ſie die Männer aufftehen und weggehen ſahen, verſuchten ſie es auch, aufzuſtehen, und ihr Artigkeit zu erweiſen; doch in dem Augenblick, wo es ſich darum handelte, dieſe Bewegung auszuführen, ſtolperte die eine Hälfte, die ſich nur mit Mühe ſitzend erhalten hatte, und rollte auf die andere Hälfte, deren Beine unter dem Tiſche hervorkamen. Die Frauen ahmten Olympia nach; nur fand der 112 Unterſchied ſtatt, daß ſie, als ſie ſich zurückzogen, vor dem jungen Manne defilirten und, da es ſich um eine ewige Trennung handelte, weil Banniöre in ſein Kloſter zurückkehren ſollte, ihn zum Abſchied alle umarmten. Bei der Letzten wandte ſich Olympia, welche eben über die Schwelle ſchritt, um und ſah den ſchamhaften Joſeph die Lippen abwiſchen. Sie lächelte und verſchwand. Da wurde Bannidre, der allein unter dieſen Trin⸗ kern blieb, welche auf dem Boden des Foyer zerſtreut umher lagen, wie entwurzelte Bäume auf der Erde eines Waldes liegen, wieder von einer unausſprechlichen Traurigkeit erfaßt. Mit dem Abgange von Olympia war in der That der Traum entflohen, und die Wirklichkeit war wieder⸗ gekehrt. Die Wirklichkeit, das heißt: ſtatt des goldenen Him⸗ mels, in welchem er in Geſellſchaft der Götter und der Göttinnen gelebt hatte, das Kloſter, wo er wieder ſchwarze Menſchen finden ſollte; ſtatt des von Lichtern funkelnden Foyer, wo noch das Beifallklatſchen des Saales und das Anſtoßen der Gläſer erſcholl, die Meditationsſtube mit ihrem trockenen Brode, ihrem klaren Waſſer und ihren finſtern Inſchriften. Alles dies war nicht ſehr anziehend, und dennoch mußte er Alles dies wieder aufſuchen. Er durchſchritt den Speiſeſaal langſam und mit großer Vorſicht, um nicht auf die Leiber der unglück⸗ lichen Streiter zu treten, welche dem Rottenfeuer des Chambertin und des Champagners unterlegen. Er war ſchwermüthig wie ein ſiegender General, der das Schlacht⸗ feld beſucht, auf dem er die Hälfte ſeines Heeres ge⸗ laſſen hat. Man hätte glauben ſollen, es wäre Pyrr⸗ hus nach dem Siege von Heraclea. Er kehrte in die Loge zurück, wo er ſich angekleidet hatte: die Lampen waren im Verſcheiden begriffen; er fachte die dem Erlöſchen nahe Flamme wieder an und da nie me vor eine loſter 5 eben aften Trin⸗ ſtreut Erde lichen That ieder⸗ Him⸗ id der warze elnden s und sſtube und ennoch d mit nglück⸗ er des er war hlacht⸗ tes ge⸗ Pyrr⸗ ekleidet en; er n und 113 ſchritt zur Aufſuchung ſeiner Novizenkleider, die er in einem Winkel gelaſſen hatte. Zu ſeinem großen Erſtaunen waren ſie verſchwunden. Bannidre glaubte Anfangs, der Schneider habe die Kleider hinter eine Thüre oder in einen Schrank ge⸗ worfen; er ſtieß alle Thüren auf, er öffnete alle Schränke, aber vergebens. Nachdem er eine Viertelſtunde geſucht hatte, ver⸗ zweifelte er und ging hinab. Der Hausmeiſter wachte allein noch im Theater: Schneider, Friſeur, Aufwärter und Diener, Alles war weggegangen. Der Hausmeiſter ſchaute ihn an und ſagte: „Das gehörte alſo Ihnen, ein ſchwarzer Rock, eine ſchwarze Hoſe und ein Hut wie ein vierpfündiger Laib Brod?“ „Allerdings, das gehörte mir.“ „Eil eil es muß Ihnen nicht ſo gut ſtehen, als das Coſtume, das Sie noch haben.“ „Sie haben die Kleider alſo geſehen?“ ſagte Ban⸗ nisre zur Erklärung antreibend. „Gewiß habe ich ſie geſehen,“ antwortete der Haus⸗ meiſter. „Und wo dies.“ „Auf dem Rücken von Herrn Champmeslé, bei Gott!“ „Wie, auf dem Rücken von Herrn Champmeslé2“ „Ja; er iſt in ſeine Loge zurückgegangen; als er in ſeine Loge zurückkam, ſah er Ihre Kleider, und als er ſie ſah, machte er das Zeichen des Kreuzes.“ „Ohne etwas zu ſagen?“ „Doch. Er hat geſagt:„„Es iſt entſchieden der Wille Gottes, da er mir nicht nur den Beruf, ſondern auch das Kleid ſchickt.““ „Und dann?“ „Dann hat er ſeine weltlichen Kleider ausgezogen und Ihre Novizenkleider angezogen.“ Hlympia von Cléves. 1. 8 114 „Aber was iſt aus ſeinen Kleidern geworden?“ „Er hat ſie dem Schneider geſchenkt, unter der Be⸗ vdingung, daß ſeine Frau acht Tage lang fünf Pater und fünf Ave für ihn bete.“ „Und er iſt ſchon lange weggegangen?“ „Oh! über eine Stunde.“ Das war, um den Kopf zu verlieren: Banniöre blieb auch ganz verblüfft durch dieſen Vorfall. Wenn es ſchon eine ernſte Sache war, um zwei Uhr Morgens in das Noviciat im Jeſuitenkleide zurück⸗ zukehren, ſo war es noch viel ernſter, dies im Coſtume von Herodes zu thun. Es kam ihm indeſſen ein Gedanke. Das war keine Stunde, um in den Straßen herumzulaufen, nicht einmal in Jeſuitenkleidern. Champ⸗ meslé mußte nach Hauſe gegangen ſein. „Wo wohnt Herr Champmesle?“ fragte Bannidre. „In der Grande⸗Rue, der Niſche des heiligen Be⸗ nediet gegenüber, unmittelbar neben Fräulein Olympia.“ „Fräulein Olympia!“ wiederholte unwillkührlich Banniöre, indem er einen Seufzer ausſtieß.„Fräulein Olympla! Ah!“ Dann, da er unbeweglich blieb, fragte der Haus⸗ meiſter: „Nun, wozu entſcheiden Sie ſich? Ich muß ſchließenz es iſt Zeit. Morgen werden Sie den ganzen lieben, langen Morgen in Ihrem Bette ſchlafen, während ich um ſechs Uhr bei meinem Geſchäfte ſein muß.“ Bannidre lächelte bitter. Den ganzen lieben, langen Morgen in ſeinem Beite ſchlafen! Es war wohl hievon für ihn die Rede! „Nun!“ wiederholte der Hausmeiſter,„haben Sie nicht gehört? Champmeslé wohnt in der Grande⸗Rue der Statue des heiligen Benedict gegenüber, unmittel⸗ bar neben Fräulein Olympia.“ „Doch, ich habe gehört,“ erwiederte Banniöre; „zum Beweiſe mag dienen, daß ich dahin gehe.“ n 2“ Be⸗ ater nidre zwei rück⸗ tume ßen amp⸗ nidre. Be⸗ pia.“ hrlich ulein aus⸗ eßen; ieben, id ich Bette Sie „Rue nittel⸗ niöre; 115 Und als ein Menſch, der ſeinen Entſchluß gefaßt hat, ſtürzte er muthig auf die Straße, immer im Cu⸗ ſtume des Herodes. Der Hausmeiſter ſchloß die Thüre hinter ihm. XIII. Wo ſich Jannitre in eine große Perlegenheit ſetz. Banniöre folgte der ihm vom Hausmeiſter bezeich⸗ neten Richtung. Er fand die Statue des heiligen Be⸗ nedict und gegenüber ein Haus, von dem er dachte, es müſſe das von Champmeslé ſein. Doch dieſes Haus war traurig und finſter wie das Herz voller Gewiſſensbiſſe und Bangigkeiten, das darin wohnte. Alle Läden waren geſchloſſen, einen einzigen ausgenommen,— ein offenes, aber erloſchenes Auge, das die Nacht im Innern wie außen ſehen ließ. Das Haus daneben, das der Hausmeiſter als das von Olympia bewohnte bezeichnet hatte, ſchien dagegen jenes ſanfte nächtliche Leben, welches ſchon nicht mehr das Wachen und noch nicht der Schlaf iſt, zu leben. Wohl waren die Jalouſien im erſten Stocke, dem einzi⸗ gen, der für den Augenblick bewohnt zu ſein ſchien, ge⸗ ſchloſſen, aber durch die Zwiſchenräume der Jalouſien ſah Ban ein roſiges Licht dringen, das, gemildert durch ſeidene Vorhänge, entweder das Schlafzimmer oder das Boudoir einer hübſchen Frau bezeichnete. Bannidre⸗Herodes betrachtete dieſes reizende roſige ſeufzte und klopfte an die Thüre von Champ⸗ meslé. 116 Aber nach dem von ihm gegebenen Proſpectus,— ein diesmal getreuer Proſpectus,— war das Haus ein⸗ ſam, denn auf die drei unter der Hand von Bannière ſchallenden Schläge antwortete kein Geräuſch. Bannidre klopfte ſechsmal. Dieſelbe Stille. Bannidre klopfte neunmal. Bis jetzt war Bannisre die Zahl drei, welche, wie man weiß, den Göttern gefällt, verdoppelnd und verdrei⸗ fachend zu Werke gegangen; als er aber ſah, daß man auf ſeine neun Schläge nicht antwortete, fing er an ungeduldig zu werden und unternahm ein Getrommel, das bald die Hunde der drei bis vier benachbarten Häufer aufgeweckt hatte, welche Hunde ein Concert an⸗ ſtimmten, wobei alle tiefe und alle hohe Noten der Hundetonleiter vertreten waren. Ohne Zweifel hatten das Geräuſch des Klopfens und das Concert, das dadurch erfolgt war, mehr oder minder unangenehm die Mietherin des Nachbarhauſes berührt, denn eine von den mit einem ſo ſchönen Roſa gefütterten Jalouſten öffnete ſich, eine Kammerjungfer, eine wahre Marton der Komödie, mit ihrer blauen Haube auf dem Ohr, ſtreckte ihren Kopf durch den Zwiſchen⸗ raum der Jalvuſie und fragte mit einem ſüßſauren Stimmchen: „Wer macht denn einen ſolchen Lärmen zu einer ſolchen Stunde?“ „Ach! Mademoiſelle Claire, ich bin es,“ antwortete Bannisre. Banniöre hatte eine von den Zofen von Olympia erkannt, und da ſie Olympia in ſeiner Gegenwart genannt und er nicht ein Wort von dem, was Olympia geſagt, vergeſſen hatte, ſo erinnerte er ſich des Namens dieſer Kammerjungfer. „Wer, Sie?“ fragte das Mädchen, das mit ſeinen Katzenaugen die Finſterniß zu durchdringen ſuchte. „Ich, Bannière, der Debutant.“ „Ah Madame,“ rief die tolle Soubtette, indem in⸗ dre wie rei⸗ nan an nel, ten an⸗ der ens der uſes toſa fer, ube hen⸗ uren iner rtete npia wart mpia nens inen dem 1¹7 ſie ſich umwandte, um zu ihrer unſichtbar gebliebenen Gebieterin zu ſprechen:„ah! Madame, es iſt Herr Bannière!“ „Wie, Herr Banniöre?“ fragte Olympia. „Ja, und ſogar, ſogar ah! Madame, entſchul⸗ digen Sie mich, wenn ich mich des Lachens nicht er⸗ wehren kann, aber der arme Junge iſt noch in ſeinem Coſtume des König Herodes.“ „Unmöglich!“ rief Olympia, denn ſie konnte nicht begreifen, welche Nothwendigkeit Bannière zwang, ſo verkleidet in den Straßen herumzulaufen. „Doch! doch!“ erwiederte Claire.„Nicht wahr, Herr Bannisre, Sie ſind noch als Herodes gekleidet?“ „Ach! jo, Mademoiſelle,“ antwortete der Unglück⸗ liche. „Oh! Madame will mir nicht glauben.“ Bannisre kam eine Hoffnung. „Sie hat ſich nur dem Fenſter zu nähern, und ſie wird ſich durch ihre eigenen Augen überzeugen,“ ſagte er. Bannidre hatte, um dieſe Worte zu ſprechen, die rührendſten Noten ſeiner Stimme benützt. Dieſe Noten klangen bis in den Grund des Herzens von Olympia, und, halb lachend, halb gerührt, trat ſie ebenfalls ans Fenſter, wo ihr aus Reſpect Claire den Platz abtrat, während ſie aus Neugierde hinter ihrer Gebieterin blieb, ſich auf den Fußſpitzen erhob und über die Schul⸗ ter von Olympia ſchaute. „In der That, Herr Bannidre, Sie ſind es?“ „Ja, mein Fräulein.“ „Aber was machen Sie denn da?“ „Sie ſehen es wohl, mein Fräulein; ich klopfe an die Thüre von Herrn von Champmeslé.“ „Herr von Champmeslé iſt nicht zu Hauſe.“ „Ach! ich befürchte es, mein Fräulein.“ „Was haben Sie venn zu dieſer Stunde bei Herrn von Champmeslé zu thun?“ 118 „Mein Fräulein, ich habe meine Kleider von ihWm ſeht zurückzufordern.“— „Welche Kleider?“ „Meine Novizenkleider, die er in ſeiner Loge ge⸗ funden und angezogen hat, und mit denen er, wie es Ma ſcheint, weggegangen iſt.“ geſt „Ohl armer Junge!“ murmelte Olympia. Bannidre hörte die Worte nicht, aber er ſah die den! Bewegung und begriff die Geberde. An „Mein Fräulein,“ ſagte er,„es iſt wahr, Herr von Champmeslé iſt nicht nach Hauſe gekommen, doch er Si muß nach Hauſe kommen.“ „Gewiß muß er nach Hauſe kommen, zu einer oder Hl einer andern Stunde.“ Zin „Das iſt auch meine Ueberzeugung, mein Fräulein; aber'ich kann ihn nicht vor ſeiner Thüre und ſo ge⸗ Zir kleidet erwarten.“ „Warum nicht?“ fragte Olympia. ſeb „Weil der Tag kommen wird, mein Fräulein; es iſt wenigſtens drei Uhr, und wenn man mich in dieſem Be Coſtume ſieht, ſo bin ich verloren.“ Bl „Verloren!“ ſie „Und zwar verloren, weil ich Ihnen einen Dienſt thr geleiſtet habe.“ „Warum ſind Sie verloren?“ wa „Weil ich Noviz bei den Jeſuiten bin.“ ein „Ahl es iſt wahr; armer Junge!“ ſee „Mein Fräulein, wenn Sie erlaubten, daß ich bei vö Ihnen einträte?“ „Wie beliebt 2“ zw „Ich würde warten, wo Sie nich wollten warten me laſſen: in Ihrem Speiſezimmer, in Ihrem Salon, in Ihrem Vorzi mmer.“ er, Olympia wandte ſich um, als wollte ſie Claire un befragen. „Ei!“ rief die Zofe,„ich ſage, man müßte ein ſat bei rten in laire ein 119 ſehr ſchlechtes Herz haben, um einen ſo ſchönen Jungen vor der Thüre zu laſſen.“ „Ah! wahrhaftig?“ „Ich glaubte, Madame frage mich. Ich bitte Madame um Verzeihung, wenn ich meine Anſicht aus⸗ geſprochen habe, ohne dazu befugt zu ſein.“ „Nein; im Gegentheil, Sie haben wohl gethan, denn ich fragte Sie wirklich um Ihre Anſicht, und Ihre Anſicht iſt auch die meinige.“ „Mein Fräulein,“ rief Banniöre,„was entſcheiden Sie über mich?“ „Laſſen Sie den Jungen heraufkommen,“ ſagte Olympia zu ihrer Kammerjungfer,„und er ſoll im Zimmer nebenan bleiben.“ „Madame weiß, daß das Zimmer nebenan mein Zimmer iſt.“ „Nun! wenn er in Ihrem Zimmer iſt, werden wir ſehen, was ſich thun läßt.“ Claire rannte nach der Stubenthüre, um dieſen Befehl zu vollziehen. Olympia warf aber einen letzten Blick auf den unglücklichen Banniöre, der ſeine Arme gegen ſie ausſtreckte, wie ein Schiffbrüchiger gegen den Leucht⸗ thurm am Ufer, und ſchloß wieder ihr Fenſter. Banniöre hatte einen Augenblick der Verzweiflung; während er ſeine Bitte ausgeſprochen, hatte er ſie ſelbſt ein wenig vermeſſen gefunden, ſo daß er, als er die⸗ ſes reizende, roſa gefütterte Fenſter ſchließen ſah, ſich völlig abgewieſen glaubte. In dieſem Augenblick einer ſehr natürlichen Ver⸗ zweiflung begann er wieder an die Thüre von Champ⸗ meslé zu klopfen. Während er mit aller Heftigkeit anklopfte, hörte er, daß die benachbarte Thüre ganz ſachte geöffnet wurde. Derſelbe Kopf mit einer blauen Haube erſchien, und aus zwei roſigen, lächelnden Lippen ſah er, ſo zu ſagen, das Wort:„Kommen Sie!“ hervorgehen. Banniore ließ ſich dieſes Wort nicht wiederholen; 120 er ſtürzte in den Gang, deſſen Thüre Mademoiſelle Claire hinter ihm ſchloß; dann, da er ſich in einer vollkomme⸗ nen Finſterniß befand, ſuchte eine kleine Hand die ſei⸗ nige, und als ſie dieſe gefunden, zog ſie ihn vorwärts, während dieſelbe ſanfte Stimme, welche im Ohre von Bannidre wie die eines himmliſchen Vermittlers klang, leiſe zu ihm ſagte: „Folgen Sie mir.“ Nichts war leichter, als dieſem ſeidenen, wohlrie⸗ chenden Führer zu folgen, der voranging. Am Ende des Ganges fand Bannidre eine Treppe, dann eine Wendung, doch bei jeder Veränderung des Terrain wurde Bannisöre durch einen Händedruck benachrichtigt. Es konnte alſo unmöglich Banniore ein Unfall ge⸗ ſchehen. Oben auf der Treppe angelangt, wurde er in das Zimmer von Mademviſelle Claire eingeführt. Eine einzige Thüre, welche man aber doppelt ge⸗ ſchloſſen ſah, trennte ihn nun vom Zimmer von Olympia. Claire näherte ſich dieſer Thüre und ſagte: „Madame, wir ſind da.“ „Gut, Mademoiſelle,“ antwortete von der andern Seite der Thüre Olympia, welche horchte.„Und Sie, Herr Bannidre, Sie ſind auch da“ „Ja, mein Fräulein,“ erwiederte Bannidre;„und ſehr dankbar für die Gunſt, die Sie mir bewilligen.“ „Es bedarf keines Dankes. Sie ſagen alſo, es fehlen Ihnen die Kleider, um in Ihr Kloſter zurückzu⸗ kehren, und es ſei ſchwierig für Sie, als König Hero⸗ des dahin zu gehen?“ „Ich glaube, daß dies unmöglich iſt, mein Fräulein.“ „Nun! ich will Ihnen andere geben.“ „Kleider?“ u „Teufel!“ ſagte leiſe Bannière, der mehr und mehr das Verlangen, nach dem Noviciat zurückzukehren, verlor, „das iſt nicht mein Wunſch.“ „w nis Ar kei aire me⸗ ſei⸗ rts, von ng⸗ rie⸗ nde eine rain igt. ge das ge⸗ pia. dern Sie, „und es zu⸗ er⸗ ein.“ mehr rlor, 121 Dann ſprach er laut: „Ich danke Ihnen aufrichtig, mein Fräulein.“ „Ah!“ unterbrach ihn leiſe Mademoiſelle Claire, „werden Sie die Kleider annehmen?“ Sehr erfreut, ſich unterſtützt zu ſehen, machte Ban⸗ nidre ein Zeichen mit der Hand, welches beſagen wollte: „Seien Sie ruhig.“ „Aber,“ fuhr er fort,„ich bin auf eine ſonderbare Art aus dem Kloſter weggegangen.“ „Wie denn?“ fragte Olympia. „Ich bin zum Fenſter hinausgegangen.“ „Zum Fenſter hinaus?“ „Ich muß Ihnen ſagen, mein Fräulein, daß ich Gefangener in der Meditationsſtube war.“ „Wegen Verletzung der Regeln des Ordens?“ ver⸗ ſetzte Olympia lachend. „Weil ich das Trauerſpiel Herodes auswendig gelernt habe, mein Fräulein.“ „Ah! wahrhaftig!“ „Ich entdeckte, daß die Stube ein maskirtes Fenſter hatte, ich machte dieſes frei, und durch das Fenfler ſah ich.. Oh! mein Fräulein, was ich durch das Fenſter geſehen habe, iſt mein Verderben geweſen.“ „Ei! was haben Sie denn geſehen, guter Gott!“ „Ich habe die Proceſſion von Herodes und Marianna geſehen, ich habe geſehen„ich habe ge⸗ ſehen, daß Sie Ihren Schleier aufhoben, um Herrn von Mailly zu grüßen, und.. „Und was?“ fragte Olympia. „Und ich habe Sie ſo ſchön gefunden, daß ich ſchwor, Sie am Abend ſpielen zu ſehen.“ Mademoiſelle Claire machte eine Grimaſſe. „Ah! wahrhaftig!“ verſetzte Olympia. „Ich zerriß alſo die Tapete der Meditationsſtube, ich ſtieg zum Fenſter hinaus, ich lief wie ein Wahn⸗ ſinniger nach dem Theater, ohne zu bedenken, daß ich kein Geld hatte, um meinen Platz zu bezahlen; plötzlich 122 erblickte ich zwei Jeſuiten, welche ins Schauſpiel kamen, ich flüchtete mich in den Gang, im Gang begegnete ich Herrn von Champmeslé, der eben entfloh, hinter ihm kamen ſeine Kameraden, die ihm nachliefen; da ich der Einzige war, der beſtimmte Auskunft geben konnte, ſo ſchlevpte man mich ins Foyer; dort ſagte ich, erzählte ich Alles; Sie traten ein, ich ſah Sie in Verzweiflung varüber, daß die Vorſtellung nicht ſtattfinden konnte, ich fand Sie noch ſchöner, als bei der Proceſſion. Ihre Verzweiflung zerriß mir die Seele, ich vergaß Alles im Angeſicht Ihrer ſtrahlenden Gegenwart; ich ſagte, es iſt wahr, ich werde mich ins Verderben ſtürzen, doch es wird keine Thräne aus dieſen ſchönen Augen fallen, und ich habe ſiich ins Verderben geſtürzt, mein Fräulein. So iſtes 6 „Oh! die Schlange!“ murmelte Mademoiſelle Claire. „Wahrhaftig,“ erwiederte Olympia mit bewegter Stimme,„wahrhaftig, ſo iſt die Sache gegangen?“ „Ohl bei meiner Ehre, mein Fräulein.“ Man hörle etwas wie einen Seufzer jenſeits der Thüre. „Nun,“ verſetzte Mademoiſelle Claire, ſich in das Geſpräch miſchend,„mir ſcheint, die Dinge ſtehen nicht ſo verzweifelt, als Herr Bannière ſagt.“ „Ohl ſehr verzweifelt, Mademoiſelle Claire,“ ent⸗ gegnete Bannire,„ich ſchwöre Ihnen, ſehr verzweifelt.“ „Erklären Sie ſich,“ fragte Olympia. „Herr Banniore iſt durch ein Fenſter weggegangen.“ „Ja,“ ſagte Bannisre. „Es war Nacht, als Herr Bannière wegging.“ „Beinahe Nacht.“ „Man wird ſeine Flucht noch nicht bemerkt haben.“ „Das iſt wahrſcheinlich.“ „Wohl denn! er kehre durch daſſelbe Fenſter, durch welches er weggegangen iſt, in das Kloſter zurück.“ rief Ma ſag ſten zu Arg trat dur hoc niè hal ſtoſ der das icht ent⸗ elt.“ en. 123 „Im Ganzen, ja,“ vorſetzte Olympia,„er kehre durch daſſelbe Fenſter ins Kloſter zurück.“ Und man hörte etwas wie einen zweiten Seufzer. „Darin liegt gerade die Unmöglichkeit,“ ſagte Ban⸗ nidre. „Die Unmöglichkeit?“ fragte lebhaft Olympia; „ſprechen Sie, wie ſo?“ „Dieſes Fenſter iſt ſehr hoch.“ „Man wird eine Leiter finden,“ rief Mademoi⸗ ſelle Claire. „Eine Leiter, wo dies?“ fragte Olympia. „Ohl! und dann müßte dieſe Leiter ſehr lang ſein,“ rief Bannisre. „Wir haben eine ſehr lange im Garten,“ erwiederte Mademoiſelle Claire. „Sie müßte wenigſtens dreißig Fuß lang ſein,“ ſagte Banniore. „Oh! das iſt ſie wohl.“ „Ja,“ verſetzte Bannisre,„doch man müßte wenig⸗ ſtens zwei Männer haben, um eine Leiter von dreißig Fuß zu tragen, aufzurichten und zu halten.“ Mademviſelle Claire fand keine Antwort auf dieſes Argument. Eine ähnliche Stille, aber von anderer Natur, trat in dem roſenfarbigen Zimmer ein. Dann, nach einem Augenblick, ſagte Olympia: „In der That, mir ſcheint es ſehr ſchwierig, daß Sie durch das Fenſter zurückkehren, da das Fenſter ſo hoch iß.“ „Oh! noch höher, als ich geſagt habe,“ rief Ban⸗ nidre. „Was iſt dann zu machen?“ verſetzte Olympia. „Mein Fräulein,“ ſprach Banniöre,„ich hoffe, Sie haben nicht den Muth, mich, nachdem Sie mir einen Augenblick Aſyl gegönnt, aus Ihrem Hauſe hinauszu⸗ ſtoßen und mich außen der Ungunſt der Witterung und dem Zorne der Jeſuiten preiszugeben.“ 124 „Herr Bannidre kann doch nicht hier bleiben, da dies mein Zimmer iſt,“ ſagte mit empfindlichem Tone Mademoiſelle Claire. „Sie haben Beide Recht,“ ſprach Olympia, die Thüre ihres Zimmers öffnend,„Sie haben Recht, Ma⸗ demviſelle Claire, führen Sie den Herrn in mein Anklei⸗ dezimmer.“ Und während ſie dieſe Worte ſprach, bezeichnete ſie mit der Hand auf der andern Seite des Zimmers eine Thüre parallel mit der, welche zu Mademoiſelle Claire ging. ß„Es iſt dort ein Canapée,“ fügte ſie bei,„und eine Nacht vergeht bald, wenn es halb vier Uhr Morgens im Monat Mai iſt.“ Mademoiſelle Claire hatte keine Einwendungen zu machen; die gebieteriſche, ſogar königliche Geberde, welche das letzte Wort begleitet hatte, ließ keine Erwie⸗ derung zu. Statt Mademoviſelle Claire zu folgen, ſchritt ihr überdies Bannidre diesmal voran. Er ging leicht, trat kaum auf den Teppich, ver⸗ beugte ſich vor der ſchönen Fee, die ſeit einem halben Tage einen andern Menſchen aus ihm machte, und ver⸗ ſchwand im Ankleidecabinet. Mademoiſelle Claire folgte ihm, und als ſie an der Thüre war, fragte ſie: „Was iſt nun zu thun, Madame?“ „Schieben Sie den Riegel auf meiner Seite vor, und kleiden Sie mich dann aus,“ antwortete Olympia. „Ich denke, es iſt Zeit.“ Mademviſelle Claire ſchob den Riegel vor und kehrte zu ihrer Gebieterin zurück, die ihr den Aermel ihres Pudermantels darbot, damit ſie ihr ſich auskleiden helfe. „Aber, Mavame,“ fragte Claire, während ſie am Aermel des Pudermantels zog,„wenn Herr von Mailly zurückkäme, wie er geſagt hat?“ „Nun! wenn Herr don Mailly zurückkäme?“ Ol und zeic niör dere zuv zum ſym ſn Hät beg Trò thu Un zuſc Flu da one die Ma⸗ klei⸗ e ſie eine laire eine gens nzu erde, wie⸗ chritt ver⸗ alben ver⸗ e an voe, mpia. und den r ſich ie am Nailly 12⁵ „Was werde ich ihm ſagen?“ „Sie werden ihm einfach ſagen, was iſt,“ erwiederte Olympia. Und ſie zog ihren Pudermantel ſelbſt vollends aus und entließ mit einem Winke Mademoiſelle Claire; dieſe entfernte ſich mit geſenktem Kopfe und die Geberde zeichnend, welche ſagen wollte: „Bei meiner Treue! ich begreife es nicht mehr.“ XIV. Die Meditationsſtube. Als er in das Cabinet eingetreten war, ſank Ban⸗ nidre auf eine große Bergore, auf deren Lehne und in deren Fond noch laue Kleidungsſtücke ausgebreitet lagen; es waren die Straßenkleider, welche Olympia kurz zuvor ausgezogen hatte. Dieſe ſanfte Wärme war im Cabinet vom Boden zum Plafond aufgeſtiegen und erfüllte die Luft mit ſympathetiſchen Wohlgerüchen. Exaltirt, ſchauernd, in einem fieberhaften Zuſtande, fing Banniöre damit an, kaß er ſeinen Kopf in ſeine beiden Hände nahm, und ſich fragte, ob Alles das, was ihm begegne, nicht ein Traum ſei, einer von jenen teufliſchen Träumen, wie ſie, in den erſten Zeiten des Chriſten⸗ thums, in ihre Zellen den in ein Kloſter eingeſperrten Unglücklichen die höhniſchen Feinde des Allerheiligſten zuſandten. Die Proceſſion von Herodes und Marianna, ſeine Flucht aus dem Kloſter, der Gang der Schauſpieler, 126 das Foher des Theaters, das Abenbbrod, die Llebesblice De der Komödienfräulein, der Chambertin und der Cham⸗ ſeh pagner, dann die Augen von Olympia, dann ihre weiße nervige Hand, die ſeinen Arm preßte, dann ihre Perl⸗ nu zähne, denen Gott ein ſo reiches Etui gegeben hatte, ſich ihre verborgenen Zähne, welche ſich aber plötzlich in ſch einem Lächeln auf der Schwelle des Feſtinſaales ver⸗ rathen hatten. vor Ohl und dann der Weg durch das roſenfarbige Zimmer; Olymvia in einem einfachen Pudermantel⸗ wa mit ihren entpuderten und auf ihre Schultern herab⸗ fallenden Haaren; Alles dies machte im Kopfe des troſt⸗ St . loſen Bannidre, mit den Tiraden von Herodes, mit den in Bravos des Publikums, mit einem Reſte von Angſt, der von Zeit zu Zeit in das Herz des Novizen biß, Fu ein ſolches Getöſe, daß der Weiſeſte darüber ein Narr du 5 geworden wäre. Banniore hörte Olhmpia ihre Dienerin weg⸗ ſchicken. zur Er ſchaute umher. ble Eine am Plafond an einer ſilbernen Kette hän⸗ 3 gende Alabaſterlampe erleuchtete ein reizendes Ankleide⸗ tat cabinet, dem Sachſen nicht nur die Gefäße des Toilette⸗ un tiſches, ſondern auch die Spiegel und die Conſoles ge⸗ gli ſchickt hatte, und das in den Augen von Bannidre, nach einer kurzen Prüfung, an einem kleinen Fehler litt, t an der Undurchſichtigkeit ſeiner Wände. Bannidre bedachte, daß, da das Cabinet eine Thüre hatte, die Thüre ein Schloß, und das Schloß ein Loch Ra haben müſſe. Erwähnter Maßen trieb ihn der Dämon St an, der Dämon der Neugierde. Er wollte Olympia, t noch einmal in ihrem einfachen Negligs anſchauen⸗ au Bannidre bückte ſich vor der Thüre und hielt ſein Auge an das Schlüſſelloch, aber es waltete ein unglück⸗ get liches Verhängniß über dem armen Novizen. Dur S das Schlüſſelloch ſah man nur einen Lehnſtuhl, und dieſer St Lehnſtuhl begrenzte den Hortzont, als ob eben derſelbe licke am⸗ eiße ßerl⸗ atte, ch in ver⸗ rbige ntel, erab⸗ troſt⸗ t den ngſt, biß, Narr weg⸗ hän⸗ kleide⸗ ilette⸗ 8 ge⸗ nach litt, Thüre n Loch dämon ympia n. lt ſein nglück⸗ Durch d dieſer derſelbe 127 Dämon ihm hätte ſagen wollen: Du wirſt ſie nicht ſehen. Er erhob ſich und ſuchte umher eine andere Oeff⸗ nung. Da erblickte er über dieſer vollen und undurch⸗ ſichtigen Thüre eine, mit einem Moufſelinevorhange ge⸗ ſchloſſene, rautenförmige Fenſterſcheibe. Er erblickte ſie und ſtieß in ſeiner Freude eine Art von Gebrülle aus. Der Dämon der Reugierde trieb Bannlsre fort⸗ während an. „Auf!“ flüſterte ihm dieſer böſe Geiſt zu„auf zum Sturme!“ Banniöre nahm einen geſtickten Schemel, den er in einer Ecke fand; in einer andern entdeckte er einen Fußwärmer, den er auf den Schemel ſtellte, und als das bewegliche Piedeftal zurecht gerichtet war, hißte er ſich hinauf. Aber es waren zehn bis eilf Fuß vom Boden bis zur Fenſterſcheibe, und Bannidre und die zwei Meu⸗ bles bildeten nur neun. Der Noviz erinnerte ſich des Fenſters der Medi⸗ tationsſtube. Er wollte ſich mit den Händen anhängen und hob ſich mit der Kraft der Fauſtgelenke bis zu der glückſeligen Glasſcheibe empor. Als er aber ſeine Sproſſen verlaſſen hatte, trenn⸗ ten ſich dieſe, verloren das Gleichgewicht und rollten mit großem Geräuſch auf den Boden. Bannisre blieb mit den erſten Fingergliedern am Rande der Leiſte hängen. Zu gleicher Zeit ſchlugen ſeine Füße, welche der Stütze enibehrten, an die Thüre, wie es die Schlägel auf einer Trommel thun. Er hatte ſelbſt bange vor dem Geräuſche, das er gemacht; mußte darüber wüthend werden, denn es war ein lächerliches Geräuſch. Doch es wurde noch viel ſchlimmer, als er die Stimme von Olympia ihn fragen hörte: nidre? Zertrümmern Sie die Scheidewand?“ 128 „Aber, was machen Sie denn da innen, Herr Ban⸗ „Ach! mein Fräulein,“ erwiederte der unglückliche mit einer ſchmerzlichen Stimme, indem er dieſem Ausruf den ganzen Werih eines Seufzers gab. „Nun! wie? ſollte Ihnen zufällig unwohl ſein?“ „Ahl mein Fräulein,“ fuhr Bannisre mit derſel⸗ ben Betonung fort,„eine grauſame Angſt bedrückt mich.“ „Armer Herr Bannidre!“ fagte Olympia mit einem Tone voll ſpöttiſchen Mitleids;„was widerfährt Ihnen denn? ſprechen Sie.“ ſehr ſchwer, zu ſagen, mein Fräulein.“ „Bah!“ „Ich weiß nur, daß ich ſicherlich verdammt bin.“ „Wie! weil Sie eine Tragödie geſpielt haben? Oh! ich habe mehr als hundert geſpielt, und ich hoffe deſſen ungeachtet ſelig zu werden.“ „Ah! Sie, mein Fräulein, das iſt ein großer Un⸗ terſchied, Sie waren nicht Noviz bei den Jeſuiten.“ Olympia lachte. Banniöre, der wieder auf ſeine Füße gefallen war, fühlte ſeine ganze Verzweiflung ſich verdoppeln, und er drückte dieſe Verzweiflung durch Seufzer aus, welche von traurig kläglich wurden. „Nun, nun, mein lieber Kamerad, Sie müſſen doch ſchlafen,“ ſprach ⁴Olympia ernſt;„es wird ſogleich vier Uhr ſein.“ „Unmöglich, mein Fräulein, unmöglich. Mein Kopf geräth in Verwirrung.“ „Eil mein Gott, das iſt ja beinahe eine Erklärung „Mein Fräulein!“ rief Bannidre die Hände faltend, als könnte man ihn von jenſeits der Thüre ſehen. „Ohl“ fuhr Olympia fort,„ich bin Ihrer Anſicht, Sie ziehen ſich in der That die Verdammniß zuz neh⸗ men Sie ſich in Acht. „Mein Fräulein,“ rief Bannidre außer ſich;„ pot⸗ ten Sie nicht über mich. Ich ſchnattere, ich ſchaudere, ich brenne zu gleicher Zeit. Oh! ich glaube wohl, das iſt 1. lie an⸗ liche sruf n?“ rſel⸗ ich.“ inem hnen 1 bin.“ ben? hoffe Un⸗ ſeine gſich durch n doch ier Kopf ung!“ altend, nſicht, z neh⸗ audere, das iſt 1²9 das, was man verliebt und wahnfinnig verliebt ſein nennt.“ „Wäre es nicht eher das, was man betrunken ſein nennt, mein armer Kamerad?“ „Oh! nein. Wenn Sie wüßten! mein Kopf iſt im Vergleich ruhig. Es iſt meine Herz, mein Herz, das immer mehr in Flammen geräth! Wenn ich Ihre Stimme höre, iſt es mir, als ſtürbe ich.“ „Schlafen wir, ſchlafen wir, lieber Herr Bannisre.“ „Mein Fräulein, ſeit dem Augenblick, wo ich Sie habe ich begriffen, vaß ich nicht mehr mir ge⸗ örte.“ „Mein lieber Bannidre, alle Briefe, die ich em⸗ pfange, und ich empfange viele, fangen mit dieſen Wor⸗ ten an.“ „Glücklich ſind diejenigen, welche Ihnen ihre Auf⸗ richtigkeit beweiſen konnten, mein Fräulein!“ „Armer Junge! Sollten Sie zufällig Witz haben, lieber Herr Banniöre?“ „Achl ich weiß es nicht, mein Fräulein.“ „Nun! ich beklage Sie von ganzer Seele, wenn das, was Sie ſagen, wahr iſt. Schlafen wir.“ „Oh!“ rief Bannidre,„nun fangen Sie wieder an zu ſpotten. Wenn Sie wüßten, daß es nur eines Wortes von Ihnen bedürfte, ummich zu tröſten ein Wort, ich bedarf deſſelben ſehr. Sie haben keine Idee, wie toll ich ſein muß, um mit dieſer Dreiſtigkeit zu Ihnen zu ſpre⸗ chen; nein, ich gehöre nicht mehr mir; nein, ich bin ein Wahnfinniger! Ah! mein Fräulein, Gott beſtraft ſchon ie Sünde, zu der mich der Teufel verleitet hat Liebe! Ach! nicht mir iſt die Ihrige vorbehalten! Was bin ich? ein Erdenwurm, ein Atom, ein Elender! Oh! ich bin unwiderruflich verloren, dafür ſtehe ich Ihnen.“ „Herr Bannidre,“ ſagte Olympia mit dem ernſte⸗ ſten Tone, denn ſie ſah, daß ein wirkliches Leiden im Grunde dieſer komiſchen Scene obwaltete,„Herr Ban⸗ Olympia von Elsves. 1. 9 130 nidre, Sie haben Unrecht, ſich ſo zu mißhandeln: es iſt in Ihnen der Stoff zu einem liebenswürdigen Menſchen und einem Jungen von Geiſt; ich glaube mehr noch, es iſt in Ihnen ein redliches und aufrichtiges Herz.“ „Oh!“ machte Banniére. „Sie haben ſogar ein hübſches Geſicht,“ fuhr Olym⸗ pia fort;„glauben Sie mir, Sie werden den Weibern gefallen.“ „Ich will nur Ihnen auf der Welt gefallen, nur Ihnen, nur Ihnen.“ „Sie ſind aber Noviz bei den Jeſuiten!“ „Ahl ja.“ „Und ſo lange Sie nicht Ihre Kutte in die Neſſeln geworfen haben 4 „Ei! was liegt daran, ob ich ſie behalte oder nicht behalte, diejenige, welcher ich gefallen möchte, wird mich nie anſchauen.“ „Diejenige, welcher Sie gefallen wollen, bin ich, nicht wahr?“ „Oh! mein Fräulein, Sie ſind es! Sie, Sie!“ „Ich danke! denn Sie ſagen das auf eine Art, vaß ich nicht daran zweifle, und glauben Sie mir, eine Frau iſt immer dankbar gegen denjenigen, welcher ſie wahrhaft liebt. Dieſem Manne iſt ſie alſo, wenn nicht eine der ſeinigen gleiche Liebe,— die Frau iſt nicht immer Gebieterin über ihre Liebe,— aber die volle Wahrheit ſchuldig. Wohl denn, Herr Bannidre, ich werde geliebt von einem wackern Manne, den man Herr von Mailly nennt.“ „Ach!“ ſeufzte Bannidre, welcher fühlte, vaß hier wirklich das unüberſteigliche Hinderniß war. „Und da ich Niemand etwas ſtehle, Herr Bannisre,“ fuhr Dlympia fort,„da ich ein eben ſo gutes Wort habe, als es mit einander ein ehrlicher Mann und eine ehrliche Frau haben können, ſo bitte ich Sie, um Ihrer ſelbſt willen, an nichts von dem, was Sie beſchäftigt, mehr zu denken.“ — 131 s iſt„Beſchäftigt!“ rief Banniöre gedemüthigt, verdutzt, chen„ſie nennt dieſe Qual eine Beſchäftigung!“ och,„Sie haben mich gehört, mein lieber Nachbar,“ . ſagte Olympia mit ſeſter Stimme;„in zehn Minuten haben Sie mehr über mich erfahren, als Andere je in ym⸗ zehn Jahren erfahren werden. Ich bin Wetb und kann bern ſchwach ſein. Ich begreife alſo den Wahlſpruch: Dem Einen oder dem Andern! nach meinem Geſchmacke nur oder nachmeinem Rechte; aber dem Einen und dem Andern, nie! Nehmen Sie daher Ihre Qualen in Ge⸗ duld hin, mein lieber Herr Bannisre, ſtrecken Sie ſich auf Ihren Kiſſen aus und ſchlafen Sie.“ ſſeln„Gute Nacht, mein Fräulein,“ antwortete Banniöre mit traurigem Tone;„ich habe Sie tauſendmal um Ver⸗ nicht zeihung zu bitten wegen aller Unruhe, die ich Ihnen mich verurſacht, wegen aller Albernheiten, die ich Ihnen ge⸗ ſagt, wegen aller lächerlichen Ungebührlichkeiten, die ich ich, Sie habe ausſtehen laſſen. Jetzt, mein Fräulein, be⸗ greife ich den ganzen Umfang meines Unglücks. Von . dieſem Augenblick an ſeien Sie auch unbeſorgt, mein Art, Fräulein, Sie werden mir nichts mehr vorzuwerfen eine haben. Schlafen Sie, mein Fräulein, ſchlafen Sie; ich er ſie bin in einer ſtummen Verzweiflung, der grauſamſten von nicht allen für denjenigen, welcher ſie empfindet, aber der am nicht wenigſten läſtigen für denjenigen oder diejenige, welche volle ſie fühlen macht.“ , ich Olympia antwortete diesmal nur durch einen kleinen Herr Ausruf, den Bannlère, wenn er eingebildeter geweſen wäre, für einen Seufzer hätte halten können. hier Der unglückliche Banniore aber verſenkte ſich in den Lehnſtuhl, begrub ſich in die Kleider, welche Olympia idre,“ urz zuvor ausgezogen, und die den berauſchenden Wohl⸗ Wort geruch bewahrt hatten, welchen die junge und ſchöne eine rau um ſich her verbreitet, und wä Ihrer iftigt, Er war kaum mehr in ſeinem Willen, als im 132 Schlofe erſtarrt, als des Geräuſch des Klopfens an der Gangthüre erſcholl. Bannisre bebte und horchte mit allen ſeinen Ohren: jedes Geräuſch war für ihn ein Ereigniß. Es kam ihm vor, als hätte Olympia ihrerſeits eine Bewegung gemacht, was bewies, daß ſeine ſchoͤne Nach⸗ barin auch horchte. Nach einem Augenblick wurde die Hausthüre gesff⸗ net und wieder geſchloſſen; dann hörte Bannisre die Thüre des Zimmers von Olympia öffnen und Tritte auf dem Boden krachen. Das war für Bannisre ein erſchrecklicher Schlag. Olympia log alſo; ſie bewilligte alſo ganz leiſe einen Vorzug, den ſie ganz laut von ſich ablehnte; ſie bewahrte alſo Herrn von Mailly, der auf der Straße nach Lyon galopirte, die beſchworene Treue nicht. Bannisre hielt es nicht mehr aus, er ſank aus dem Lehnſtuhl auf den Teppich und wälzte ſich vor Ver⸗ zweiflung im Mantel von Herodes. Nie hatte er ſo viel gelitten. Plötzlich hörte er im Zimmer von Olympia einen Ausruf des Erſtaunens. Feige, wie alle Verliebte ſind, horchte er wieder. „Aber wer hat denn dieſen Brief gebracht?“ fragte Olympia. „Gut! es iſt nur ein Brief,“ dachte Bannisre. „Ein Dragoner, mein Fräulein; er kam mit ver⸗ hängten Zügeln, und ſobald ich das Billet in der Hand hatte, entfloh er ſo raſch, als er gekommen war.“ „Die Stimme von Mademoiſelle Claire!“ rief Ban⸗ nidte;„immer beſſer!“ „Das iſt ein ſeltſamer Bote,“ ſagte Olympia mit zitternder Stimme. Dann nach einem Stillſchweigen: „Oeffnen Sie die Riegel dieſes Cabinets.“ „Des Cabinets, wo der Jeſuit iſt?“ fragte Made⸗ eine ach⸗ öff⸗ die auf g. eiſe ſie aße dem er⸗ nen 2 gte er⸗ and an⸗ mit de⸗ 133 moiſelle Claire mit dem Ausdrucke bes tiefſten Erſtau⸗ nens. Claire zog die Riegel, und Banntörr bebte, während er ſich erhob. „Und dann?“ fragte Claire. „Und dann,“ antwortete Olympia mit ihrem ruhigen Tone,„bitten Sie Herrn Banniöre, wenn er nicht ſchläft, mir das Vergnügen zu machen, herauszukommen und einen Augenblick mit mir zu plaudern.“ Banniöre ſtand auf ſeinen Beinen, ehe dieſe Worte vollendet waren. Claire öffnete die Thüre, hinter welcher der Noviz ſo viel geſchnattert hatte. Sie ſah Bannidre ſtehen. hiü„Er ſchläft gar nicht,“ ſagte Claire zu ihrer Ge⸗ eterin. „Deſto beſſer. Ich bitte, wollen Sie näher kom⸗ men, Herr Bannisre.“ „Mein Fräulein..5 „Vorausgeſetzt jedoch, daß Ihnen das nicht unan⸗ genehm iſt?“ fragte Olympia lächelnd. Bannisre trat mit bleicher Stirne und hüpfendem Herzen in das Zimmer ein. Olympia hatte purpurrothe Wangen, eine gefaltete Stirne und ein Auge voll von düſteren Flammen. Sie hielt einen entfiegelten Brief in ihren, wie die von Aurora, roſigen Fingern. „Nähern Sie ſich, mein Herr,“ ſagte ſie. „Oh weh!“ dachte Banniöre;„ſie wird mlich vor die Thüre werfen laſſen. Dieſer Brief iſt ein Befehl von Herrn von Mailly. Ich bin ein weggejagter Menſch.“ Banniöre, als er bei Olympia war, wurde von einem wahren Schwindel befallen; zum Tode verurtheilt und bei dem verhängnißvollen Blocke, wäre er weniger bleich und bebend geweſen. 134 Olympia ſchlug ihre noch von Zorn glänzenden Augen zu dem Novizen auf. „Mein Herr,“ ſagte ſie,„ich bitte, leſen Sie diefen Brief.“ „Da haben wir es,“ dachte Bannidre. Er nahm indeſſen den Brief und las: „Meine theure Olympia, Alles hat auf dieſer Welt ein Ziel, die Liebe wie das Uebrige. Sie lieben mich aus Zartgefühl, und ich meinerſeits mache es mir zum Vorwurf, daß ich nicht mehr für Sie die glühende Liebe hege, die Sie einzuflößen verdienen; aber meine volle Freundſchaft hat meine Liebe überlebt, und der König, indem er mich zurückberuft, macht durch das Bedauern, mit dem ich Sie verlaſſe, daß ich ſehe, wie lebhaft und tief dieſe Freundſchaft für Sie iſt. „Sie wären die Frau geweſen, die immer auf mich gewartet hätte, denn Sie ſind die Redlichkeit in Perſon. Ich löſe ſelbſt die Bande, welche Sie hemmten. Oeffnen Sie Ihre Flügel, ſchöne Taube. „Ich habe in Ihrem Secretaire tauſend Louis d'or gelaſſen, die ich Ihnen ſchuldig war, und einen Ring, den ich Ihnen anbiete. „Wundern Sie ſich nicht, wenn ich Ihnen ſchreibe, ich hätte nie den Muth gehabt, Ihnen ſo viele harte Dinge ins Geſicht zu ſagen. „Auf Wiederſehen und ohne Groll. 2„Graf von Mailly.“ „Oh! mein Gott,“ rief im erſten Aufſchwung ſeines Herzens Bannlsre, nachdem er geleſen hatte.„Oh! mein Fräulein, Sie ſind nun ſehr unglücklich!“ „Ich? Sie irren ſich. Ich bin frei, das iſt das Ganze,“ erwiederte Olympia lächelnd. In dieſem Augenblick klopfte man zum zweiten Male an die Hausthüre, diesmal jedoch auf eine viel kräf⸗ tigere Art als das erſte Mal. * elt ich um be lle ig, rn, nd ich n. en ig be, rte 1es h! as le if⸗ 135 XV. Die Jeſuiten im Schauſpiel. Ehe wir unſern Leſern ſagen, welcher neue Ueber⸗ läſtige den Helden und die Heldin dieſer Geſchichte ge⸗ rade in dem zarten Augenblick, zu dem wir ſie geführt, ſtörte iſt es, wir denken dies wenigſtens, unerläßlich, auf einige Augenblicke zu den Perſonen zurückzukehren, die, obgleich allerdings minder wichtig, doch nicht ganz von uns verlaſſen werden dürfen, da ſie bei dieſer ein wenig romanhaften Handlung betheiligte Parteien find. Wir ſprechen von der Geſellſchaft Jeſu, welche wäh⸗ rend der drei bis vier letzten Kapitel ein wenig von uns geopfert worden iſt. Wir wollen mit unſern Leſern vom Pater Mordon und vom Pater de la Sante ſprechen, die uns zu mächtige Schauſpieler zu ſein ſcheinen, um ſo ihre Rollen ſich beſchneiden zu ſehen. Wir haben geſagt, die Jeſuiten ſeien ins Theater gegangen; in jenen Zeiten war es den Prieſtern erlaubt, die Literatur anzuhören und die Moral zu beurtheilen. Es war eine angenommene Idee, der Prediger könne vom Hiſtrio einige ſeiner Geberden und ſeiner Dar⸗ ſtellungsmittel entlehnen. Alles, was zur Verherrlichung Gottes zu dienen vermochte, wurde als gute Priſe be⸗ trachtet, beſonders von der Geſellſchaft Jeſu. „Ad majorem Dei gloriam,“ ſagte der Geſell⸗ ſchaftswahlſpruch. Es konnte alſo für die Verherrlichung Gottes wich⸗ tig ſein, daß die ehrwürdigen Väter Mordon und de la Sante die Verſe des Heiden Voltaire, vorgetragen von den abtrünnigen Komödianten, anhörten. Man durfte nicht bezweifeln, es würden der Pater 136 Mordon in einer ſeiner Predigten und der Pater ve la Sante in einem ſeiner heiligen Trauerſpiele mit Nutzen einige in dieſem Miſthaufen gefundene Goldtheilchen anwenden. Margaritas in sterquilinio. Darum hatte Banniöre hinter ſeiner Säule verbor⸗ gen, zur Stunde, wo das Schauſpiel anfing, zwei Je⸗ ſuiten im Wagen vor der Thüre des Theaters ankommen ſehen. Wir haben geſagt, Bannidre ſei bei dieſem Anblick von einem ſolchen Schrecken ergriffen worden, daß er ſich auf der Stelle in den Gang des Theaters geflüchtet. Sein Schrecken war ſo groß geweſen, daß er ſich nur Zeit gelaſſen hatte, das Ende des Rockes und die Spitze des Hutes zu erſchauen. Dieſe zwei Brüche der Kleidung der ehrwürdigen Väter hatten genügt, ihn ſei⸗ nen Poſten mit der Haſt, von der wir geſprochen, ver⸗ laſſen zu machen. Es wäre, wie man leicht begreift, etwas Anderes geweſen, hätte er errathen können, wer die wichtigen Perſonen waren, deren Leib dieſe Röcke bekleideten, deren Kopf dieſe Hüte bedeckten. Was die guten Väter betrifft, ſo hatten ſie nicht einmal das Ende des Rockes und die Spitze des Hutes von Banniore geſehen, und ſo ſehr wir auch von ihrem Scharfſinne überzeugt ſind, ſo ſogen wir doch, hätten ſie dies auch geſehen, ſie wären weit entfernt ge⸗ weſen, zu errathen, von den dreihundert ihrem Orden untergebenen jungen Leuten ſei derjenige, welcher ſo be⸗ hende vor ihnen fliehe, der Gefangene der Meditations⸗ ſtube. Die guten Väter traten alſo ein, ohne auch nur im Geringßen an Bannidre zu denken, und nahmen Be⸗ fitz von einer kleinen vergitterten Loge,— eine Batterie von wo aus ſie mit glühenden Kugeln auf Voltaire, ſchießen und in aller Ruhe ihre Beute machen konnten, was der Religion einen doppelten Vortheil bot. e e la tzen chen bor⸗ Je⸗ men lick er tet. ſich die der ſei⸗ er⸗ res en en cht tes em ten e⸗ en be⸗ 8⸗ 137 Der Pater de la Sante beſonders, der am Tage vorher Champmeslé Beichte gehört hatte, der Pater de la Sante verſprach ſich ein gewiſſes Vergnügen, ſeinen Bußfertigen in der Ausübung ſeiner Schwächen und in der Begehung ſeiner Sünden zu ſehen, und während der Beichtiger nachſichtig geweſen, drohte der Kritiker, es nicht zu ſein. Es geſchah in dieſem Moment, wo unter ſeinen dicken, grauen Brauen ſeine Augen von einer Feindſe⸗ ligkeit, welche bei dieſem vortrefflichen Manne noch etwas Wohlwollendes hatte, zu glänzen anfingen, daß der Redner der Truppe ſein Vergnügen dadurch ſtörte, daß er die Unpäßlichkeit von Champmeslé und das Anerbieten der Gefälligkeit eines Stellvertreters an⸗ kündigte. Die guten Väter brummten ein wenig, aber ſie mußten, wie alle Welt, dieſen Unfall in Geduld hin⸗ nehmen, und belebt durch die Vorſtellung der zwei erſten Acte, in denen man viel von Herodes ſpricht, ohne daß Herodes in denſelben erſcheint, hatten fie dieſe Subſli⸗ tution beinahe vergeſſen, als der ſyriſche König im drit⸗ ten Acte auftrat. Dieſes Auftreten, das wir an ſeiner Stelle beſchrie⸗ ben haben, machte den Eindruck auf die ehrwürdigen Väter, den es auf die übrigen Zuſchauer machte, aber nach einigen Secunden fingen ſeltſame Empfindlichkeiten an im Geiſte von jedem derſelben zu erwachen. Dieſe Stimme, dieſer Gang, was man von dieſem Geſichte ſah,— der Bart und die Perrücke verbargen, wie man ſich erinnert, einen großen Theil davon,— Alles dies, ſagen wir, rief ins Gedächtniß der zwei Jeſuiten ein Individuum ihrer Bekanntſchaft, aber auf eine ſo ſchwankende, ſo unbeſtimmte Art, ſo groß war die Entfernung von dem mit Sammet und Seide be⸗ deckten Herodes bis zu Banniöre in ſeiner ſchwarzen Robe und mit dem dreieckigen Hute, daß Beide den Kreis ihrer Bekannten erſchöpften, ohne bei Bannisre 138 ſtehen zu bleiben; dann verrieth ſich plötzlich durch eine Geberde, durch eine Betonung, durch eine angenommene Gewohnheit der Debutant jedem von ihnen, ſo daß ſich jeder von ihnen augenblicklich, noch leiſe aber, ſagte, denn weder der Eine, noch der Andere wagte es, einen ſo ungereimten Gedanken an den Tag zu legen:„Das iſt Banniöre!“ Eine Folge hievon war, daß, als einige Secunden, nachdem dieſes Licht in ihrem Geiſte aufgegangen, He⸗ rodes durch eine richtige Intonation und einen leiden⸗ ſchaftlichen Aufſchwung den Beifall des Parterre ge⸗ wonnen und einen Sturm von Bravos erregt hatte, der Pater de la Sante, der ſich von ſeiner Künſtlernatur hinreißen ließ, an dieſem ſür das Ohr des Schauſpie⸗ lers ſo ſüßen Concerte Theil zu nehmen, ausrief: „Der Burſche ſpielte den Iſaak zu gut, als daß es ihm nicht hätte gelingen ſollen, eines Tags den Hero⸗ des trefflich zu geben.“ Dieſer Ausruf antwortete ſo gut dem Gedanken, der ſich ganz leiſe im Geiſte des Pater Mordon bildete, daß er ſein flammendes Auge auf de la Sante heftete, ihn beim Handgelenke packte und zu ihm ſagte: „Nicht wahr, er iſt es?“ „Ich geſtehe,“ erwiederte der lateiniſche Tragiker, „wenn Sie von einer Aehnlichkeit ſprechen wollen... „Nicht wahr, unerhört?“ „Fabelhaft.“ „Zwiſchen dieſem Schauſpieler und dem kleinen Bannisre?“ „Sie finden alſo wie ich?“ „Das heißt, ich würde darauf ſchwören, wenn...“ „Gerade wie ich, wenn ich nicht durch einen Zwei⸗ fel zurückgehalten würde...“ „Durch welchen Zweifel?“ „Daß ich Banniöre in die Meditationsſtube einge⸗ ſperrt habe.“ „Sie ſelbſt?“ mei geſe Gel prol Es Beſ Her ſch i deſti Seh ner der eine wir keit, habe den eine nene ſich gte, inen Das den, He⸗ den⸗ ge⸗ tte, atur ſpie⸗ es ero⸗ ken, dete, tete, iker, inen .. wei⸗ ige⸗ 139 „Ich ſelbſt.“ „Nun?“ „Nun!“ erwiederte Mordon lächelnd.„Sie wiſſen, mein Bruder, daß dieſe Stube mit vortrefflichen Riegeln geſchloſſen iſt.“ „Das iſt ein Grund,“ murmelte der Pater de la Sante,„jedoch.0 „Jedoch?“ „Es ſind ſo ſehr ſeine Stimme, ſein Gang, ſeine Geberde, beſonders für mich, der ich den Jungen habe probiren laſſen„. „Thun Sie mir einen Gefallen, mein Bruder.“ „Zu Ihren Befehlen, mein Ehrwürdiger.“ „Gehen Sie ins Noviciat und ſehen Sie nach.“ Der Pater de la Sante machte ein ſaures Geſicht. Es war nicht ſehr anziehend für ihn, ſich in ſeiner ſüßen Beſchäftigung ſtören zu laſſen. Seine Ueberzeugung, Herodes und Bannidre ſeien ein und derſelbe Menſch, ſch ien auch plötzlich gewaltig erſchüttert zu werden. „Mein Ehrwürdiger,“ ſagte er,„je mehr ich ſchaue, deſto mehr glaube ich, daß wir uns geirrt haben. Sehen Sie doch den Menſchen, der dort ſpielt.“ „Ich ſehe ihn,“ verſetzte der Pater Mordon. „Nun wohl! derjenige, welcher dort ſpielt, iſt mei⸗ ner Anſicht nach ein vollendeter Schauſpieler, während der kleine Bannidre die Bretter nie betreten hatte.“ „Ausgenommen unter Ihrer Leitung.“ „Ohl eine Schultragödie kann nicht genügen, um eine dramatiſche Bildung zu machen.“ „Das iſt wahr; aber... „Schauen Sie, Ehrwürdiger: berjenige, welchen wir ſehen, hat Geberde, Majeſtät, mimiſche Beredtſam⸗ keit, und der kleine Bannidre konnte Alles dies nicht haben.“ „Hm!“ machte der Pater Mordon,„der Beruf gibt den Einen, was Uebung und Gewohnheit den Andern nicht immer geben.“ 140 „Einverſtanden, einverſtunden; doch ſehen Sie, wie die Augen dieſes Schauſpielers Marianna verſchlingen; ſehen Sie, wie ſchmachtend und ſanſt Marianna iſt, während ſie dieſen Herodes anſchaut, den ſie haſſen und verabſcheuen muß. Ich kann Sie verſichern, ich, der ich vieler Verliebten Beichte höre, daß dieſe Augen ſich ſchon lange kennen.“ „Nun,“ fragte der Pater Mordon,„warum ſollte Bannibre, der ſo verdorben iſt, dieſe Schauſpieler nicht ſeit langer Zeit kennen?“ „Weil, wenn er ſie kennete, ich es wüßte.“ „Sie wüßten es?“ „Allerdings, da ich ſein Beichtvater bin.“ Dieſes Wort endigte die Debatte, und der latei⸗ niſche Trauerſpieldichter konnte nach ſeinem Wohlge⸗ fallen die franzöſiſche Tragödie anſchauen. Nach einem „Ah!“ das keinen Zweifel mehr bezeichnete, wandte ſich der Pater Mordon auch wieder dem Schauſpiele zu, jedoch mit um ſo offenherzigeren Schwankungen, als er keinen Grund hatte, ſie zu verbergen. Dieſe Schwankungen dauerten ſo lange, als das Schauſpiel dauerte. Als der Vorhang heruntergelaſſen war, kehrten die zwei Jeſuiten in voller Eile in das Noviciat zurück. Alles war ruhig in der Umgebung des Hauſes; nichts verkündigte jene Art von Verwirrung, welche immer bei den Aufſehern eine Entweichung oder ein entdeckter Scandal verurſachen. All dieſer Anſchein beruhigte indeſſen nur ſchwach den Pater Mordon, da er immer von dem Gedanken er⸗ füllt war, Bannisre und Herodes ſeien ein und der⸗ ſelbe Menſch. Kaum war er auch in der Hausflur, als er ſich Gewißheit verſchaffen wollte. „Hat man dem Novizen in der Meditatioy Abend⸗ brod gebracht?“ fragte er. „Mein Vater,“ antwortete derjenige, an welchen er foh! als ſehr die „in wer dur geg nidt die an, ſchi Auf ge Fen getr des ſag „wie igen; iſt nd der ſich ſollte nicht atei⸗ hlge⸗ inem ſich s er 141 wandte,„Euer Ehrwürden hatte es nicht be⸗ ohlen.“ „Das iſt wahr. Iſt Jemand im Gange?“ „Der Wächter, wie gewöhnlich.“ „Man bringe eine Laterne und führe mich.“ Die dienenden Brüder gehorchten. Als er die ſo wohl vorgeſchobenen Riegel erblickte, als er das Schloß und die Thüre ſo vollkommen unver⸗ ſehrt ſah, lächelte Mordon und de la Sante rieb ſich die Hände. „Wir hoben uns getäuſcht,“ ſagte der Letztere, „induxit nos diabolus in errorem.“ „Wenn man entweicht,“ erwiederte Mordon, der weniger leicht zu beruhigen war,„ſo geſchieht es ſelten durch die Thüre.“ „Aber,“ verſetzte der Pater de la Sante,„die Meditationsſtube hat keine Fenſter.“ „Fingit diabolus fenestras ad libitum,“ ent⸗ gegnete Mordon. „Banniöre!“ rief der Pater de la Sante,„Ban⸗ nidre! Banniöre!“ Und ſo oft er dem jungen Manne rief, erhöhte er die Stimme um einen Ton. Doch Bannisre konnte nicht antworten. Die zwei Jeſuiten ſchauten ſich mit einer Miene an, welche beſagen wollte: „Ho! ho! Herodes und Banniöre waren alſo ent⸗ ſchieden verſelbe Menſch.“ Dieſer Ungewißheit ſollte ein Ende gemacht werden. Auf einen Befehl des Pater Mordon wurde die Thäre geöffnet. Da traf das traurige Schauſpiel des eingeſtoßenen Fenſters, der zerriſſenen Tapete, der zerſtückelten und auf⸗ getrennten Inſchriften die Blicke des Pater Mordon und des Pater de la Sante. t „Er war es, den wir Herodes haben ſpielen ſehen,“ ſagte Mordon mit einem Seufzer der Wuth. Ich vermuthete 142 es nicht nur, als ich ihn ſeine Rolle vortragen, ſondern auch, als ich ihn den Andern ihre Rolle einblaſen hörte. Der Elende hat geſtanden, da er die Brochure abgeben mußte, er könne das ganze Stück auswendig.“ „Mea culpa, mea culpa,“ wiederholte der Pater de la Sante, indem er an ſeine Bruſt ſchlug. „Abermals ein Burſche, der uns gern entwiſchen möchte, wie uns der verfluchte Arouet entwiſcht iſt,“ ſagte der Pater Mordon. „Oh! was das betrifft,“ etwiederte der Pater de la Sante,„ſeien Sie ohne Furcht.. Der Burſche hat nur ein Hülfsmittel: Kaninchen oder Fuchs, muß er in den Bau zurückkehren. Wohl denn, um ihn ſolche muthwillige Streiche machen zu lehren, nehmen Sie ihm ſeinen Strick weg: er wird ſehr dumm ſein, denn er rechnet ohne Zweifel darauf, da hinaufſteigen zu können, wo er herabgeſtiegen iſt. Schneiden Sie dieſe flatternden Fetzen ab, und der Flüchtling wird gezwun⸗ gen ſein, mit hängenden Ohren und zerknirſchter Miene an die Thüre zu kiopfen.“ „Ihm ſeinen Strick entziehen!“ rief Mordon leb⸗ haft.„Ah! Sie ſind verrückt! eher als daß ich ihm den⸗ ſelben entzöge, würde ich ihm eine Leiter von Seide und mit Abſätzen reichen laſſen, wenn ich eine finden könnte. Aber wird er auch nur zurückkommen?“ „Was ſoll denn aus ihm werden 2“ verſetzte der Pater de la Sante wahrhaft erſchrocken bei dem Ge⸗ danken, der ſich ihm zum erſten Male bot, Bannlore ſei für immer entflohen. „Ich weiß nicht, was aus ihm werden könnte,“ erwiederte der Pater Mordon;„aber ich weiß, daß er ſchon zurückgekehrt ſein müßte.“ „Vielleicht ſieht er unſer Licht, und das erſchreckt ihn,“ ſagte der Pater de la Sante. „Ja, das iſt möglich, und doch... Gleichviel, blaſen Sie die Laterne aus.“ Man blies die Laterne aus und wartete ungefähr eir ten M die ſei ge ſch ndern hörte. geben Pater ſchen iſt,“ e de rſche muß olche Sie denn zu dieſe vun⸗ tiene leb⸗ den⸗ eide den der Ge⸗ ſei te“ er eckt iel, ihr 143 eine Viertelſtunde, ohne daß der Pater Mordon ein Wort auf die ungeduldigen Aeußerungen ſeines Gefähr⸗ ten erwiederte. Dann nach einer Viertelſtunde ſagte der Pater Mordon: „Es iſt gut, er wird nun nicht mehr zurückkehren; es gibt nur noch eine Hoffnung, die, daß er die Zeit, die wir mit Warten zugebracht, dazu angewandt hat, ſeine profanen Kleider auszuziehen und ſein Jeſuiten⸗ gewand wieder anzuziehen. Wollen Sie ins Theater gehen, de la Sante?“ „Ich?“ verſetzte der Pater;„das dünkt mir ſchwierig.“ „In wie fern?“ „In ſo fern, als man mich erkennen und ihn be⸗ nachrichtigen wird.“ „Sie haben Recht. Schicken Sie die zwei dienen⸗ den Brüder ab; nur ſollen ſie keine Minute verlieren.“ Die zwei Väter verließen die Meditationsſtube und fanden die zwei dienenden Brüder beim Eingange der Flur. „Lauft ins Theater,“ ſagte Mordon zu ihnen:„er⸗ kundigt Euch, ob der Jeſuit, der durch den Gang der Schauſpieler eingetreten iſt, ſich wieder entfernt oder nicht entfernt hat; hat er ſich nicht entfernt, ſo lauert auf ihn im Gange; und wenn er vorübergeht, packt ihn und bringt ihn hierher, geknebelt, wenn es ſein muß, aber bringt ihn.“ Der Pater Mordon ſprach dieſe Worte mit der einſchneidenden Kürze eines Richters, der ein Urtheil fällt, und der will, daß der Spruch ohne Verzug, wie ohne Abänderung vollſtreckt werde. Auf dieſen beſtimmten Befehl enteilten auch die zwei dienenden Brüder und liefen nach dem Theater. Sie kamen an, als die letzten Feuer erloſchen, und da ſie vom Hausmeiſter erfuhren, er habe den Novizen, der eingetreten, nicht herauskommen ſehen, ſo legten ſie 144 Beute. XVI. Eine Seele, die ſich rettet, für eine Seele, die ſich ins Verderben ſtürzt. Aber es ſtand da oben im Buche der kleinen Urſa⸗ chen und der großen Wirkungen geſchrieben, daß an dieſem Tage eben ſo viel burleske oder tragiſche Ereig⸗ niſſe geboren werden ſollten, als er Stunden zählte. Während des letzten Actes der Vorſtellung, gerabe in dem Augenblick, wo der Vorhang gefallen war, und wo man ſich um den Debutanten drängte, um ihm Glück zu wünſchen, kam ein finſterer, bleicher Mann, in nach⸗ läſſiger Kleidung, in den noch öden Gang, ſtieg langſam die holperigen Stufen der Treppe hinauf und gelangte, ohne rechts oder links, ohne vor ſich oder hinter ſich zu ſchauen, geleitet durch den maſchinenmäßigen Inſtinet, welcher macht, daß die Natur beinahe ohne die Theil⸗ nahme der Seele die Sache vollbringt, die ſie zu voll⸗ bringen gewohnt iſt, er gelangte, ſagen wir, in den Corridor, auf den ſich die Logen der Schauſpieler öffneten. Dieſer Mann war Champmeslé, müde, gelähmt, ver⸗ nichtet durch ein wahnſinniges Umherlaufen in den ſchwär⸗ zeſten und einſamſten Straßen von Avignon; Champ⸗ meslé, der am Abend vielleicht mehr als zweitauſend ſich in dem Gange, durch den ſich gewöhnlich die Schau⸗ ſpieler einer nach dem Andern entfernten, in den Hinter⸗ halt und lauerten im Schatten verborgen auf ihre chau⸗ nter⸗ ihre rſa⸗ an eig⸗ ade und lück ch⸗ ſam gte, zu net, eil⸗ oll⸗ den ler er⸗ är⸗ np⸗ end 145 Stufen auf und abgeſtiegen war, Champmeslé, der, nachdem er Träume, Schreckniſſe und Gebete, beſonders aber ſeine Kräfte erſchöpft, ſich entſchloſſen hatte, zurück⸗ zukehren, einmal, um zu erfahren, was vorgegangen, ſodann, um ſeine Kameraden wegen des Schadens, den er ihnen dadurch zugefügt, daß er ihnen den Verluſt ihrer Einnahme zugezogen, um Verzeihung zu bitten, und endlich, um, wenn er dieſe Verzeihung erhalten hätte, zu ſchlafen und beim Erwachen mit der Friſche der Ideen eine Goit entfloſſene Eingebung zu finden. Wohl hörte Champmeslé in der Ferne, in der Rich⸗ tung der Bühne, Geräuſche und Bravos; aber dieſe Geräuſche hatten keinen entſchiedenen Charakter und konnten in dieſer Entfernung eben ſo wohl für Gemurre und Weheklagen, als für Applaus gelten. Champmeslé ging alſo weiter nach ſeiner Loge. Mit den Gefühlen, die wir geſchildert, trat er in dieſe Loge, das Tabernakel ſeiner Miſſethaten, mehr als je geneigt, Buße zu thun, ein. Doch kaum war er hfer eingetreten, da war das Erſte, was er auf einem Stuhle ſauber zuſammengelegt erblickte, das Kleid des Jeſuiten, eine Pyramide bildend, und auf dieſer Pyramide der dreieckige Hut ebendeſſelben Jeſuiten, den die Theaterdiener frommer Weiſe ausge⸗ bürſtet hatten. Bei dieſem Anblick gab Champmeslé einen Schrei des Erſtaunens von ſich: er konnte ſeinen Augen nicht trauen, ſchaute näher, befühlte, und als er ſich überzeugt hatte, daß es keine Malerei war, ſondern, daß er prac⸗ tikable Kleider, wie man mit dem Theaterausdrucke ſagt, vor ſich hatte, hob er ſeine beiden Hände zum Himmel empor und ſiel auf die Kniee. Die Kleider, welche die Stelle von denen von He⸗ rodes einnahmen und auf Champmeslé in ſeiner Loge warteten, das war ganz einfach für ihn eine Hindeutung des Himmels auf den Weg, dem er zu folgen hatte. Hlympia von Clsves. 1. 10 146 Er erinnerte ſich nicht mehr, Bannisre als Jeſuiten ge⸗ ſehen zu haben; er errieth entfernt nicht, mit Gewalt ins Foyer geführt, ſei Banniere unwillkürlich durch die ſchönen Augen von Olympia dazu gebracht worden, daß er die Rolle des Herodes geſpieit habe. Dieſes Kleid war das Zeichen ſeiner Vorherbeſtimmung, es war das Unterpfand des göttlichen Willens; ein Jeſui⸗ tenrock vom Himmel in die Loge eines Schauſpielers herabgekommen, das war eine ganz andere Offenbarung, als ein Traum; die Vorſehung war in einem Fortſchritte bei den Viſionen der Champmeslé begriffen. Kein Zwei⸗ fel! feine Schwankungen mehr! das Ordenskleid! ins Kloſter! Von dieſem Augenblick an verſchwand die Müdig⸗ keit, hörte die Unentſchloſſenheit auf. In einem Nu hatte Champmeslé ſeine Kleider abgeworfen; et nahm die Soutane und die kurze Hoſe von Bannisre, ſetzte ſeinen Hut auf und ging mit einer begeiſterten Miene hinaus, während ſich alle ſeine Kameraden in das Foyer begaben, um dem Mahle von Herrn von Mailly Ehre anzuthun. Kaum hatte Champmeslé in dem finſteren Gange, die fünf Pater und die fünf Ave ſprechend, die ihm de la Sante als Buße auferlegt, zehn Schritte gemacht, als die dienenden Brüder des Pater Mordon, welche einen Jeſuiten auf ſich zukommen ſahen und nicht be⸗ griffen, daß auswärts um Mitternacht andere Jeſuiten ſeien, als ſie oder Banniöre, über ihn herfielen, wobei ihm der Eine ſeinen Hut auf die Augen niederdrückte, der Andere ein Taſchentuch um den Mund knüpfte, Beide ihm aber eine gute Anzahl Rippenſtöße gaben, und ihn dann fortſchleppten, wie es zwei Sperber mit 6 Sperlinge thun, den ſie in Geſellſchaft gejagt haben. Zehn Minuten nachher waren ſie im Noviciat, ohne die Aufmerkſamkeit, der, um dieſe vorgerückte Stunde nge⸗ walt urch rden, ieſes „es eſui⸗ elers ung, ritte wei⸗ ins dig⸗ Nu ahm etzte iene oyer Fhre nge⸗ ihm cht, lche be⸗ iten obei kte, fte, en, mit agt hne nde — 147 der Nacht allerdings nur ſeltener, Vorübergehenden er⸗ regt zu haben. Da ſie erwartet wurden, ſo hatten ſie kaum ange⸗ klopft, als man die Thüre öffnete und wieder hinter ihnen ſchloß. In demſelben Augenblick verkündigte das Triumph⸗ geſchrei, das die zwei dienenden Brüder und der Bruder Pförtner ertönen ließen, daß Bannidre wieder gefangen und in das Noviciat eingebracht war. „Wer iſt es?“ fragte der Pater Mordon von der Thürſchwelle aus, wo er wartete. „Cs iſt der Flüchtling! es iſt Bannisre!“ riefen acht bis zehn Stimmen. „Gut!“ ſprach der Ehrwürdige,„bringt ihn in die Meditationsſtube hinauf.“ Der Befehl des Pater Mordon wurde buchſtäblich vollzogen; man führte den unglücklichen Champmeslé, den man immer für Banntöre hielt, in die Meditations⸗ ſtube und legte ihn auf den Boden nieder, nach welcher Operation auf einen Wink die dienenden Brüder, ein Lächeln und ein Optime ihres Superior mit ſich neh⸗ mend, weggingen. Geknebelt, gebunden, bis über die Augen mit dem Hute bedeckt, war indeſſen ber arme Sünder kaum von ſeinen Henkern losgelaſſen, als er röchelte, ſich wälzte und ſich von dem Taſchentuche, das ihn erſtickte, zu befreien ſuchte. De la Sante, der ein mildes Herz hatte, half ihm hiebei, ſo gut er konnte, und es wurde zuerſt das Sacktuch und dann der Hut weggenommen. „Es iſt nicht Banniore!“ rief der Superior. „Es iſt Champmeslé!“ rief de la Sante. Und Beide betrachteten ganz verblüfft den Schau⸗ ſpieler, der, auf dem Boden ſitzend, die Hände hängend, die Kniee in der Höhe der Naſe, abwechſelnd den Pater ordon und den Pater de la Sante anſtarrte, ohne den Einen oder den Andern zu erkennen, ohne zu wiſſen, wohin man ihn geführt, ohne zu begreifen, was mit 148 8 ihm vorging, und vergebens ſich fragend, wer die zwei Perſonen ſeien, die ihm als guter und böſer Schächer dienten. Endlich erkannte er das Kleid, und durch das Kleid die Menſchen, und durch die Menſchen das Haus. Gott offenbarte ſich ihm fortwährend, da er ihn mit Gewalt dahin geführt, wohin zu gehen er ſich ſo glücklich ge⸗ fühlt hätte, wäre er ſicher geweſen, aufgenommen zu werden. Er ſprang in die Höhe, ſiel wieder auf die Kniee mit der Geſchicklichkeit eines Aequilibriſten, nahm eine Hand von jedem der Väter und rief: „Ah! gelobt ſei Gott, der mich in Ihre Arme wirft.“ Bei dieſem Ausruf kreuzten Mordon und de la Sante die ihrigen und befragten ſich mit einem ſium⸗ men Blicke. Und wie die dunkelſten Dinge am Ende ſich, ſelbſt in den ſpaniſchen Imbroglios, aufklären, ſo wickelten die zwei Jeſuiten den ſo verworrenen Faden dieſer Intrigue aus einander. Man ließ Champmeslé in der Meditations⸗ ſtube, hei weit geöffneten Thüren, ohne Furcht, ihn ent⸗ weichen zu ſehen, und während de la Sante mit be⸗ ſtimmten Befehlen für den Fall eines Ereigniſſes zurück⸗ blieb, lief der Pater Mordon zum Gouverneur, um feinere und officiellere Spürhunde, als die des Noviciats, Bannisre nachſetzen zu laſſen. Der Beamte, der ſich im Theater ſehr beluſtigt hatte, belufligte ſich noch viel mehr, als er erfuhr, was für ein Menſch ſein Schauſpieler war, und unter einem ſchallenden Gelächter befahl er, Bannidre überall, wo man ihn treffen würde, in Verhaft zu nehmen. Ob der Gouverneur Bannidre lachend oder ohne zu lachen verhaften ließ, das war dem Pater Mordon gleichgültig, wenn Bannidre nur verhaftet wurde. Er dankte alſo dem Gouverneur für ſeine Gefälligkeit, und dieſer begleitete beſtändig lachend den Zefniten bis zur Thüre zurück. zwei cher leid ott valt ge⸗ zu die hm rme 149 Zur Stunde war es alſo Jedem nach ſeinen Wün⸗ ſchen geglückt. Banniöre befand ſich bei Fräulein Olym⸗ pia; Champmeslé ging mit großen Schritten auf dein Pfade des Heils der Pater Mordon hatte alle Ausſicht, ſeinen Novizen wieder zu erwiſchen. Der Gouverneur, während er ſeine Schützen auf den Schuldigen hetzte, lachte aus vollem Halſe, ſo daß Voltaire, die erſte Ur⸗ ſache dieſer ganzen Verwirrung, dies ſehend, wie er es zwanzig Jahre ſpäter that, ausgerufen hätte, Alles ſtehe auf das Beſte in dieſer beſten der möglichen Welten. Derjenige, welcher dieſe Maxime zuerſt für falſch erklären ſollte, war der arme Banniore. Man erinnert ſich, daß wir ihn ſtrahlend, mit ge⸗ falteten Händen und bereit, auf die Knie zu fallen, im Zimmer der ſchönen Olympia verlaſſen hahen, als ihn das Geräuſch eines vlötzlichen, heftigen Schlages an die Thüre beben machte. Ohne Zweifel verfündigte dieſe Unterbrechung ein ernſtes Ereigniß, denn Olympia bebte ebenfalls und be⸗ deutete Bannière durch ein Zeichen mit der Hand, er möge horchen. Ein zweiter Schlag, noch heftiger als der erſte, erſcholl unmittelbar darauf. Olympia lief ans Fenſter, während Banniöre, der inſtinetartig errieth, er ſei bei dieſem nächtlichen Beſuche betheiligt, unbeweglich in der Stellung blieb, in der ihn der erſte Schlag des Klopfers üherraſcht hatte. Olympia hob den Vorhang auf, öffnete ganz zart Fenſter und ſchaute durch die Zwiſchenräume des adens. Durch dieſes offene Fenuſter gelangte zu Bannidre etwas wie ein verworrenes Geräuſch von abgemeſſenen Schritten und leiſe geſprochenen Worten. Ohne eine Sylbe zu ſagen, winkte Olympia dem jungen Manne zu ſich. Mit drei Schritten war er an ihrer Seite, und 15⁰ er ſchaute durch dieſelbe Oeffnung, durch welche ſie ſchaute. Unter dem Fenſter war ein Dutzend Männer, von denen die Einen bewaffnet, die Andern ohne Waffen, indeß in der Vertiefung eines Thorwegs ein mit zwei Pferden beſpannter Wagen fland. „Was ſagen Sie hiezu?“ fragte Olympia Banniöre mit ſo leiſer Stimme, daß er die Worte mehr an ihrem Hauche, der ſein Geſicht liebkoſte, als am Geräuſche ihrer Artikulirung verrieth. „Ahl mein Fräulein,“ erwiederte Bannidre mit einem Seufzer,„ich ſage, alle dieſe Leute kommen mir vor, als hätten Sie es auf den König Herodes abge⸗ ſehen.“ „Ja, nicht wahr,“ verſetzte Olympia,„vas riecht auf eine Meile nach dem Jeſuiten? Haben Sie im Ge⸗ ringſten Luſt, zu dieſen abſcheulichen ſchwarzen Menſchen zurückzukehren?“ „Oh! mein Fräulein,“ rief Bannlöre lauter, als es zu thun klug war,„ich würde bis an das Ende der Welt gehen, um ſie zu fliehen!“ „Stille doch!“ flüſterte Olympia,„man hat Sie gehört.“ Ein Commiſſär, leicht zu erkennen an ſeinem fleifen Beamtenweſen und der üblen Laune, in der er ſich da⸗ rüber befand, daß man ihn im Schlafe geſtört hatte, ein häßlicher, ſchwarzer Commiſſär, mit zwei Adjutanten in grauen Röcken an ſeiner Seite, ſchaute in der That empor, trennte ſich von der Gruppe und trat bis unter den Balcon vor. „Ahl ah!“ ſagte Olympia,„es iſt keine Zeit zu verlieren; man hat es wohl auf Sie abgeſehen. Zum Glück iſt die Thüre ſolid, und wir haben zehn Minuten vor uns, ehe man ſie ſprengt.“ „Sie glauben alſo, man werde ſie ſprengen?“ „Sie werden es nicht unterlaſſen; in zehn Minuten ner ſich lier hal noc ma mäc pia e ſie von affen, zwei nière hrem ihrer mit mir bge⸗ iecht Ge⸗ ſchen als der Sie eifen da⸗ atte, nten hat nter tzu zum ten ten 151 macht man aber viel, vorausgeſetzt,“ fügte Olympia bei, „vorausgeſetzt, daß man den Kopf nicht verliert.“ „Mein Fräulein,“ erwiederte Bannidre,„nur Eines wäre im Stande, es dahin zu bringen, daß ich den Kopf verlöre; wenn ich das Unglück hätte, Ihnen zu miß⸗ allen; doch Ihrer Billigung und Ihrer Sympathie ſicher, würde ich der ganzen Welt trotz bieten.“ „Gut geantwortet,“ ſagte Olympia.„Kommen e „Aber,“ erwiederte Bannisre, auf ſein unglückliches Coſtume des König Herodes deutend,„dieſes Kleid ſetzt mich in Verlegenheit.“ „Sie werden es auch wechſeln,“ ſagte Olympia, indem ſie Banniöre in das Ankleidecabinet fortzog. Als ſie zu einem großen, in der Tapete verborge⸗ nen Schranke kam, öffnete ſie ihn, und Banniöre befand ſich vor einer vollſtändigen Kleiderkammer. „Kleiden Sie ſich um, ohne eine Secunde zu ver⸗ lieren,“ ſagte Olympia,„ich werde daſſelbe thun. Sie haben fünf Minuten für Ihre Toilette.“ In demſelben Augenblick erſcholl ein dritter Schlag, noch kräftiger als die zwei erſten, an der Thüre, und man vernahm die feierlichen Worte: „Im Namen des Königs, öffnet!“ XVII. Die Kucht. Dieſe Worte waren für Banniöre ein noch viel mächtigerer Stachel, als es die Ermahnung von Olym⸗ pia geweſen. 152 In fünf Minuten hatte er ſeinen Anzug beendigt, und er war im Begriffe, triumphirend in das Zimmer von Olympia zurückzukehren, als er auf der Schwelle dieſes Zimmers einen reizenden kleinen Cavalier er⸗ ſcheinen ſah. Bannière gab einen Schrei des Erſtaunens von ſich, denn erſt mit dem zweiten Blicke erkannte er Olympia unter ihren Männerkleidern. „Oh! wie ſchön ſind Sie!“ rief Bannidre. „Sie werden mir das ſpäter ſagen, mein lieber Banniore, und ich werde Sie mit einem großen Ver⸗ gnügen anhören, das geſtehe ich Ihnen, denn die Aeuße⸗ rung, die Ihnen entſchlüpfte, iſt eine von denjenigen, deren eine Frau nie müde wird; doch für den Augenblick haben wir keine Zeit mit Complimenten zu verlieren. Kommen Sie.“ „Wohin?“ „Was weiß ich? wohin es dem Zufall uns zu füh⸗ ren gefällt.“ 2 zu führen, ſagen Sie? Sie kommen alſo mit mir?“ „Gewiß,“ erwiederte Olympia. „Sie lieben mich alſo?“ fragte Banniste. „Ich weiß nicht, ob ich Sie liebe, aber ich weiß, daß Sie weggehen, und daß ich weggehe. Sind Sie bereit?“ „Oh! ich bin es,“ rief Bannidre,„ich glaube wohl, daß ich es bin.“ „Dann kein Wort mehr,“ ſagte Olympio,„machen Sie es wie ich und folgen Sie mir.“ Sie ging an den Secretaire und öffnete ihn. Die zweitauſend Louis d'or von Herrn von Mailly waren me⸗ thodiſch geordnet: tauſend in Rollen, jede von hundert Louis d'or, tauſend in Anweifungen auf den Inhaber. „Nehmen Sie das Gold,“ ſagte Olympia,„ich nehme die Papiere.“ Und während Olympia wirklich ihre Taſchen mit — — d digt, mmer welle er⸗ ſich, mpia ieber Ver⸗ uße⸗ igen, blick eren. füh⸗ mit veiß, Sie vohl, chen Die me⸗ dert ber „ich 153 Papieren voll ſtopfte, ſtopfte Bannisre die ſeinigen mit Gold voll. „Iſt es geſchehen?“ fragte Olympia. „Ja,“ antwortete Bannisre. „Nun nehmen Sie dieſes.“ „Was iſt das noch?“ „Mein Schmuckkäſtchen, ich empfehle es Ihnen.“ „Seien Sie ruhig, ich habe es: doch Sie, was ſu⸗ chen Sie?“ „Einen Ring.“ „Ach! ja,“ murmelte Bannisre ſeufzend,„ben von Herrn von Mailly.“ „Ich glaube ihn auf dem Kamin geſehen zu haben.“ Bannisre ſtreckte die Hand aus, griff auf der Mar⸗ morplatte umher und ſagte: „Hier iſt er.“ „Geben Sie,“ verſetzte Olympia; und ſie ſteckte den Ring an ihren Finger. „Hören Sie?“ ſagte Bannisre. „Oh! geſchwinde, geſchwinde,“ rief Olympia,„die Thüre weicht.“ „Und wir, was machen wir?“ „Machen wir es wie die Thüre,“ erwiederte Olym⸗ pia mit einem anbetungswürdigen Lächeln. Und ſie nahm Bannisre bei der Hand und zog ihn ort. „Aber Sie bedenken nicht,“ verſetzte Banniöre ängſt⸗ lich,„wir gehen ihnen entgegen!“ „Laſſen Sie mich machen,“ antwortete Olympia. Er folgte alſo Olympia in einen nach der Treppe aus⸗ mündenden Corridor. Auf dieſen Corridor ging ein Cabinet, in das Olym⸗ pia Banmire zuerſt hineinſchob und dann ſelbſt eintrat. Sie waren kaum in dieſem Cabinet, als auf der Treppe die haſtigen Schritte des Commiſſärs und der Schützen erſchollen, welche, das ganze Haue aufweckend, 154 Claire und die andern Dienſtboten Angſtſchreie ausſtoßen machten. Dann, als der Orkan, ohne anzuhalten, an der Thüre des Cabinets vorübergezogen war, öffnete Olym⸗ pia in eben dieſem Cabinet, nachdem ſie die erſte Thüre mit Riegeln verſchloſſen, eine zweite Thüre, welche auf eine kleine Treppe ging. Dieſe kleine Treppe führte zu einem ſchwarzen Gang und dieſer ſchwarze Gang in einen Garten. Sobald er nur die friſche Luft fühlte, athmete Ban⸗ nidre behaglicher. Die zwei Flüchtlinge ſchlüpften unter die Linden, erreichten eine äußere Thüre und befanden ſich auf ei⸗ ner verödeten, abſchüſſigen Gaſſe, durch welche Olympia raſch ihren Gefährten fortzog. eide liefen zu ſtark, um mit einander zu ſprechen, da ſie ſich aber an den Händen hielten, ſo ſprachen ihre Hände in Ermangelung des Mundes. Sie gingen im⸗ mer weiter, von Gaſſe zu Gaſſe, von Platz zu Platz, von Kreuzweg zu Kreuzweg, bis zur Porte de POulle, welche die ganze Nacht offen blieb. Sobald ſie aus dem Thore waren, befanden ſie ſich am Ufer des Fluſſes, der ſich ihnen noch viel mehr durch ſeine Kühle verkündigte, als durch den perlmutternen Refler, den man glänzend durch die ſchwarzen Bäume der Promenade erblickte. Banniöre ellte ſchon gegen die hölzerne Brücke; doch flatt dem gegebenen Impulſe zu folgen, zog Olympia ihren Gefährten nach rechts und fing an am ſteilen Rande hinabzuſteigen, wie ein Schüler, der auf Beute ausgeht. Bannidre folgte ihr ohne Widerſtand. Der arme Banniöre! Sie hätte ihn an einem ſeidenen Faden bis in den fiebenten Kreis der Hölle geführt. Die jungen Leute machten ſo am Ufer der Rhone ungefähr hundert Schritte; dann ging Olympia gerade apf einen kleinen Nachen zu, deſſen Schloß ſie mit einem oßen der ym⸗ hüre auf zu in an⸗ den, ei⸗ pia en, hre im⸗ atz, lle, ſich rch len me ch ia en te me is ne de 15⁵ Schlüſſel öffnete, welchen ſie fliehend mitzunehmen be⸗ ſorgt geweſen war. Banniöre war bei ihr im Nachen. „Können Sie rudern?“fragte ſie den jungen Mann. „Ja, zum Gluck,“ erwiederte Banniöre.„Wenn wir eine Spazierfahrt machten, war ich es, der ruderte.“ „Gut,“ ſagte Olympia laconiſch.„Rudern Sie alſo.“ Bannidre nahm ein Ruder mit jeder Hand und ging muthig ans Werk. Das war eine harte Aufgabe. Die Rhone iſt breit und reißend an der Stelle, wo unſere Flüchtlinge über⸗ zuſetzen unternahmea, aber Bannisre hatte die Wahr⸗ heit geſprochen; er war nicht nur ſtark und kräftig, ſon⸗ dern es fehlte ihm auch nicht an einer gewiſſen Geſchick⸗ lichkeit in Handhabung des Ruders: Schweigend, ſchnaufend, die Hände geröthet, voll⸗ brachte er die Ueberfahrt, ohne daß er ſeinen Nachen zu ſehr hatte abfallen laſſen. Nichts war hinter den Flüchtlingen erſchienen, was vermuthen ließ, ſie werden verfolgt. Am entgegengeſetzten Ufer angelangt, band Olym⸗ pia, welche während der Ueberfahrt als Lootſe functio⸗ nirt hatte, die Kette an eines von den Stücken einer Batterie an, die ſie kannte, ließ ſich von Bannisre die Hand geben, ſprang auf das feſte Land und lief in der Richtung von Villeneuve⸗les⸗Avignon fort. Banniöre lief neben ihr her, immer ohne zu fragen. Die zwei Flüchtlinge hatten nicht nöthig, bis zum Dorfe zu laufen, das man weiß in der Nacht auf dem Abhange des Hügels erblickte. Olympia blieb zwei⸗ hundert Schritte von den erſten Häuſern, athemlos, er⸗ ſchöpft, aber immer lachend, vor einer halb von Wein⸗ ranken bedeckten, maleriſchen Hütte ſtehen. Banniore blieb bei ihr ſtehen. „Klopfen Sie an dieſen Laden,“ ſagte Olympia. 156 Bannisre wußte nur zu gehorchen. Er klopfte, um die Wand einzuſtoßen. „Rufen Sie: Vater Philemon!“ fuhr Olympia fort. Und Banniore ſchrie mit einer Stentorſtimme: „Vater Philemon!“ Die Stimme eines Greiſes antwortete von innen. „Stille! warten wir!“ ſagte Olympia. Und ſie ſetzte ſich auf eine an der Wand befeſtigte hölzerne Bank. Da vernahm man ein neues Geräuſch im Innern des Hauſes. Das war das Geräuſch der ſchweren Tritte und der ſchleppenden Sandalen des Vaters Philemon. Als ſie dies hörte, klopfte Olympia dreimal ſachte an den Laden. „Oh! Sie ſind es, Fräulein Olympia,“ ſagte die meckernde Stimme des Greiſes. „Ja, ich bin es, Vater Philemon,“ antwortete Olympia. „Gut, ich werde öffnen.“ „Bemüht Euch nicht. Weckt nur Laurent und heißt ihn, ohne eine Minute zu verlieren, zwei Pferde ſatteln.“ „Und Sie?“ „Ich, ich warte hier.“ „Sehr wohl,“ erwiederte der Greis. Und die Sandalen kehrten ſchleppend nach dem Hin⸗ tergrunde des Hauſes zurück. „Olympia! Olympia!“ ſagte Banntöre, der erſt zum zweiten Male athmete, ſeitdem die Schützen an die Thüre geklopft hatten,„mein Gott! was widerfährt uns? und was für ein verborgener Gang iſt es, durch den es uns aus dem Hauſe zu kommen gelungen iſt?“ „Das iſt die geheime Thüre, mein lieber Bannidre.“ „Dieſe Thüre war alſo den Leuten unbekannt?“ „Ja, mit Ausnahme von Claire, mir und Herrn von Mailly.“ Banniore ſeufzte. kan dor Eſſ fah No meh gem betr mit das ſein lant zu⸗ heut thig desh auf Oly bis ren die grul feſiſt ,m fort. 3 nnen. ſtigte nnern ritte won. achte die rtete und ferde Hin⸗ zum hüre und uns re.“ . rern 157 „Doch der Nachen im Fluſſe?“ „Dieſer Nachen gehört zu dem kleinen Wirthshauſe am Ufer, ein, das begreife ich, den Novizen wenig be⸗ kannter Ort, wohlbekannt aber den Verliebten, welche dort unter den Lauben zu Mittag ſpeiſen und nach dem Eſſen den Nachen losbinden, um nach den Inſeln zu ahren.“ „Sie fuhren alſo nach den Inſeln?“ verſetzte der Noviz, deſſen Herz bei jeder Offenbarung von Olympia mehr anſchwoll. „Ja, Herr von Mailly liebte dieſe Promenade un⸗ gemein,“ antwortete ruhig die junge Frau. „Und der Vater Philemon,“ fagte Banniöre ganz betrübt,„iſt es unbeſcheiden, Sie zu fragen, wie es ſich mit dem Vater Philemon verhält?“ „Nein, ganz und gar nicht: der Vater Philemon, das iſt ein alter Diener von Herrn von Mailly, dem ſein Herr die hübſche Hütte hier, zwei Morgen Wein⸗ land und zwei Pferde gegeben hat, welche wir von Zeit zu Zeit zu unſern Spazierritten benützen, und die wir heute für unſere Flucht benützen werden.“. Bannisre ſeufzte abermals und tiefer als je. „Nun?“ fragte Olympia. „Nun!“ erwiederte Bannidre, indem er ſchwermü⸗ thig ſeine Aermel anſchaute,„ich weiß wohl, daß ich deshalb nicht ſeufzen ſollte, da Alles, was ich habe, bis auf meine Kleider, dieſem Herrn genommen iſt.“ Und indem er dieſe Worte ſprach, ſah Bannisre Olympia an, als wollte er zu ihr ſagen: Alles, Alles, bis auf meine Kleider, bis auf Sie⸗ Olympia faltete ihre Stirne, als wollte ſie in ih⸗ ren eigenen Geiſte eine Furche graben, der gleich, welche die Eiferſucht ſo ſchmerzlich in das Herz des Novizen grub. Aber Banniöre, als er dieſe Wolke auf ihrer Stirne feſiſtehen ſah, ließ ihr nicht Zeit zum Nachdenken, warf 158 ſich ihr zu Füßen und rief mit einer wirklichen Begei⸗ ſterung: „Wohlan! Olympia, was auch geſchehen mag, em⸗ pfangen Sie den Schwur, den ich Ihnen leiſte. Sie haben für mich Alles geopfert, mein Leben gehört Ihnen. Wenn Sie mich lieben, was ich in der That nicht zu glauben wage, denn durch welche Mittel hätte ich Ih⸗ nen gefallen können? wenn Sie mich lieben, ich, ich bete Sie an. Wenn Sie mich nicht mehr lieben wer⸗ den, und dieſer Tag iſt gewiß der unglücklichſte meines Lebens, werden Sie nichtsdeſtoweniger für mich eine Gottheit, die Königin meiner ganzen Exiſtenz ſein. Sie haben mich von unten heraufgezogen, Sie haben mich bis zu Ihnen erhoben. Ich werde Ihrer würdig ſein, und Sie werden es nicht bereuen, das ſchwöre ich Ih⸗ nen, einen armen Novizen gegen einen ſchönen, elegan⸗ ten Edelmann vertauſcht zu haben.“ „Der mich verlaſſen hatte,“ ſagte zärtlich und groß⸗ müthig Olympia, indem ſie Bannidre ihre Hand zum Küſſen reichte.„Seien Sie alſo unbeſorgt,“ fuhr die junge Frau fort,„und halten Sie ſich in der Zukunft nur für gebunden durch Ihre Liebe. Sie ſind ohne Ver⸗ pflichtung gegen mich, und an dem Tage, wo Sie mich, wie Herr von Mailly, nicht mehr lieben, werden Sie, wie Herr von Mailly, frei ſein. Hören Sie wohl, mein theurer Banntöre: Sie haben mir gefallen, ich glaube, daß ich Sie liebe, ich hoffe, daß ich Sie lieben werde. Würde Herr von Mailly mein Gebieter geblieben ſein, ſo wären Sie nie etwas für mich geweſen. Nun bin ich frei. Lieben Sie mich, wenn Sie wollen, lieben Sie mich ſo ſehr, als Sie wollen, das wird nichts an der Sache verderben. Ich halte Sie für einen jungen Mann von Geiſt und Herz und nehme Sie als einen ſolchen. Alles, was Sie von den Menſchen, den Dingen und der Welt nicht wiſſen, werden Sie lernen. Seien Sie ru⸗ hig, das ſind Sachen, die man ſchnell lernt. Sind Sie, wenn Sie unterrichtet ſein werden, noch nicht beſſer als 159 heute, ſo werde ich mich getäuſcht haben, ich werde einen Fehler begangen haben. Die Strafe wird mich treffen. Das iſt abgemacht. Sprechen wir nicht mehr von die⸗ ſen Erbärmlichkeiten. Das Leben von zwei Liebenden muß erſt von dem Tage anfangen, wo ſie ſich kennen gelernt haben, vorher exiſtirten ſie nicht, da ſie ſich nicht kannten. Die Vergangenheit iſt alſo das Nichts. Se⸗ hen Sie, der Tag kommt glänzend und mild: dieſer Tag wird der erſte von unſerem Leben der Liebe ſein. Alles Uebrige iſt, wie man im Theater ſagt, in die Ferne ge⸗ rückt. Heben wir den Vorhang des Hintergrundes nicht auf; hinter dieſem Vorhang verbirgt man die zerbro⸗ chenen Couliſſen und die alten Nebenſachen. Hören Sie das Stampfen der Pferde? Sie ſind im Hofe bereit. Geben Sie mir Ihre Hand und ſchauen Sie mich an. Gut, Sie lieben mich. Wenn Sie mich nicht mehr lie⸗ ben, werden Sie nicht nöthig haben, es mir zu ſagen.“ Banniöre warf ſich vor der ſchönen Olympia auf die Kniee, küßte eine Million mal ihre Füße und ihre Hände, und der Vater Philemon, der ſeinen Laden öff⸗ nete, bot im Nachtgewande eines Landmanns Olympia mit einem gaftfreundlichen Lächeln ein Glas Cahors⸗Wein und ein Stück Kuchen. Dann erwies er Banniöre, der ihn ſchüchtern an⸗ ſchaute, dieſelbe Artigkeit, abgeſehen von der Größe des Glaſes und der Breite des Kuchens. Olympia verlangte von Banniöre eine von den Rollen, mit denen ſeine Taſchen gefüllt waren, brach ſe an, legte einen Doppel⸗Louis d'or in die Hand des Vater Philemon, einen Louis d'or in die von Laurent, ſchwang ſich muthig auf ihr Roß, während Bannisre ſchüchtern das ſeinige beſtieg, und vollkommen unterrichtet, ſchlugen Beide den Weg ein, der ſich am rechten Ufer der Rhone hinaufzieht und nach Roquemaure führt, nachdem ſie mit Vater Philemon das Wirthshaus beſtimmt hatten, wo man die Pferde zurücklaſſen würde. 160 Und während ſie auf den ſchönen Wegen galoppiren, aus denen der Sommer Staubbäche zu machen noch nicht Zeit gehabt hat,— ſchöne Wege, ganz eingefaßt von Böſchungen mit Raſen bewachſen, von Oelbäumen mit ſilbernem Blätterwerk und grünen Gärten,— während ſie freudig, mit flatternden Haaren, die Luft des Morgens und der Freiheit trinkend, gegen die unbekannte Zukunft rennen, welche unabläſſig wie ein Geſpenſt verſchwindend flieht, werden wir durch einige Zeilen heuchleriſchen Mit⸗ leids zu den armen Schützen und dem unglücklichen Com⸗ miſſär zurückkehren, welche um die Wette Cabinets, Bett⸗ gänge und Schränke durchſuchten, welche Treppen, Keller, Speicher, Ställe durchſuchten, welche Höfe, Gärten, Schoppen durchſuchten, und am Ende, aber zum Glück eine Stunde zu ſpät, die geheime Thüre fanden, ein Fund, der ſie Schreie der Wuth, Verwünſchungen und Schwüre ausſtoßen machte, um ſelbſt bei den Jeſuiten Aergerniß zu bereiten, zu deren Vortheil ſie dieſes trau⸗ rige Geſchäft, das ihnen ſo ſchlecht gelang, unternommen hatten. Es iſt beinahe überflüſſig, beizufügen, daß der Gou⸗ verneur, als er dieſen Unſtern des Pater Mordon erfuhr, wieder auf das Herzlichſte lachte. Er war ein Mann von einem reizenden Charakter, der Gouverneur der guten römiſch⸗katholiſch⸗apoſtoli⸗ ſchen Stadt Avignon. iren, noch t von mit id fie gens kunft dend Mit⸗ om⸗ Bett⸗ eller, rten, lück ein und titen rau⸗ men Hou⸗ uhr, kter, toli⸗ 161 KVIII. Aufenthalt. Man wundere ſich nicht über die Schnelligkeit, mit der unſere Liebenden, und ſelbſt Bannisre, ſo wenig er im Sattel feſt war, auf den Wegen ſorteilten, die ſich vor ihnen in den erſten Strahlen der Sonne entrollten. Es war für ſie von der größten Wichtigkeit, das Gebiet der Gerichtsbarkeit zu verlaſſen, in der das Vergehen begangen worden war, ein viel ernſteres Vergehen in Avignon, einer römiſchen Stadt, als in jeder andern Stadt. Olympia und Bannisre erfriſchten ſich ein wenig in Roquemaure, wo ſie in einem von Vater Philemon bezeichneten Wirthshauſe ihre Pferde ließen, ſetzten dann über die Rhone, eilten nach Orange und fuhren von Drange in einem guten Poſtwagen nach Lyon, einer Stadt, welche groß, volkreich und frei genug, daß hier ein reiches und glückliches Liebespaur eben ſo wenig beläſtiget werden, als beläſtigen würde. Olympia hatte die Gewohnheit, auszuziehen und ſich einzuquartieren. Sie unternahm es daher ſelbſt, eine Wohnung zu ſuchen, und fand bei der, durch die Hinrichtung von Cing⸗Mars und de Thon berühmten, Place des Terreaur ein ganz meublirtes, ganz eingerich⸗ tetes Häuschen, das nur auf reiche Miethleute wartete, ſie aber mit Holz im Schoppen, mit Wein im Keller, mit Wäſche in den Schränken erwartete; ein Haus, ge⸗ macht nicht für einen nüchternen, religiöſen und alter⸗ thümlichen Einſiedler, ſondern für zwei lüſterne, lecker⸗ hafte, träge und lachende Eremiten. Oiympia von Cſeves. 1. 11¹ 162 Der Preis dieſer ganz meublirten Wohnung, ſo wie ſie war und bei offenen Thüren, den Braten am Spieße, ihre Gäſte erwartete, belief ſich auf viertauſend Livres jährlich. Olympia belehrte Bannisre, der über die runde Summe erſchrak, das ſei ein Geldhandel für die Miethleute und ein Gimpelhandel für die Eigenthü⸗ mer, und ſie begreife nicht, warum ein ſolcher Vortheil ſogleich zwei Verworfenen zufalle, für welche die Jeſui⸗ ten keine ganz vollkommene Hochachtung hegen müſſen, und die ſie ſicherlich durch ihre Verfluchungen auf ewig mit der Vorſehung entzweit haben. Man bezahlte zwei Miethtermine zum Voraus, man bezahlte das Holz, man bezahlte den Wein, man bezahlte Alles, um ſich ſelbſt Monate unſtörbaren Glückes zu machen, und wenn Bannisre, was, es iſt nicht zu leug⸗ nen, jeden Augenblick geſchah, einen Louis d'or aus ſeiner Rolle weggehen ſah, um den Weg nach einer fremden Taſche zu nehmen, wenn er mit den Augen ſo weit als möglich ſeinem Fluge ohne Rückkehr folgte, ſagte Olym⸗ pia lachend zu ihm: „Was wir gekauft haben, war nothwendig, nicht wahr?“ „Ja wohl,“ antwortete Banniore, der keiner andern Anſicht zu ſein vermochte, als der Olympias. „Was nothwendig iſt, trägt zum Glück bei, nicht wahr?“ „Allerdings,“ antwortete Bannidre, während er Olympia auf eine Art anſchaute, durch die er ihr be⸗ weiſen wollte, ſie ſei ihm nothwendig, durchaus noth⸗ wendig. „Das Glück iſt das Ziel, das der Menſch hienieden ſucher muß.“ „Und wir haben es gefunden,“ rief Bannisre. „Nun wohl!“ ſagte Olympia,„wenn wir glücklich find, worüber beunruhigen Sie ſich, mein Freund?“ „Oh!“ erwiederte Bannisre,„ich mache mir Sor⸗ gen über die Dauer dieſes Glücks.“ 4 1 ſ am uſend über el für nthü⸗ rtheil eſui⸗ üſſen, ewig man zahlte zu leug⸗ ſeiner mden t als Uym⸗ nicht ndern nicht id er be⸗ noth⸗ ieden cklich 2“ Sor⸗ 163 „Und Sie haben Unrecht; Sie geſtehen, daß Sie glücklich find; es iſt etwas Seltenes, daß ein menſchli⸗ ches Weſen dies geſteht; danken Sie der Vorſehung, und verlangen Sie nichts Anderes von ihr.“ „Meine Vorſehung ſind Sie!“ flüſterte Bannisre. Banniöre war ein verſtändiger Schüler, voll guter Anlagen. Er begriff im Verlaufe von acht Tagen die ganze Philoſophie von Olympia, er begriff ſie ſogar ſo gut, daß ſie ihm am Ende dieſer acht Tage keine Lectionen mehr zu geben hatte, und daß er ſeinerſeits die Hand an das Geld zu legen und es ſo gut und ſo nothwendig als ſeine Geliebte auszugehen anfing. Das Nothwendige für Bannföre, man muß es zu ſeinem Lobe geſtehen, war der unbeſchränkte, ideale, glän⸗ zende Cultus ſeiner Liebe. Er wollte vor Allem Olympia mit Juwelen und Edelſteinen bedecken. Sie bemerkte ihm, daß ſte, was die Juwelen betreffe, ſo ſchöne habe, als irgend eine Frau der Welt. Bannisre beharrte aber nichtsdeſtoweni⸗ ger hiebei; da drohte Olympia, ihm das Doppelte von Allem zu kaufen, was er ihr kaufen würde. „Gut,“ ſagte Bannisre,„keine neue Einkäufe. Ich liebe die Juwelen, doch für Sie. Wenn ich Juwelen hätte, ſo möchte ich ſie von Ihnen haben. Schenken 6 mir nur dieſen Ring, welchen Sie am Finger ragen.“ „Welchen Ring?“ fragte Olympia. „Dieſen hier,“ antworkete Bannisre. Und er deutete auf den Ring, den Herr von Mailly mit den zweitauſend Louis d'or zurückgelaſſen, und den Bannière unter dem haſtigen Aufbruche zur Flucht mit e Augen der Eiferſucht auf dem Kamin hatte glänzen ehen. Es war ein ſchöner Rubin ganz von Diamanten umgeben. Banniore deutete auf den Ring mit jener Entſchie⸗ * 164 denheit der Abſicht, welche mehr bezeichnet, als einen Wunſch. Und ſchon ſtreckte er die Hand aus, um ihn in Em⸗ pfang zu nehmen, denn nie hatte ihm Olympia etwas verweigert. Sie würde ihm alſo den Ring nicht verweigern; was war für Olympia dieſer Rubin, den Bannisce zu haben wünſchte? K Man muß ſagen, ſeit einem Monat, daß ſie bei⸗ ſammen lebten, hatten unſere Liebenden nicht den Schat⸗ ten einer Wolke über ihren Azurhimmel hingehen ſehen. Bannidre war daber ſehr erſtaunt, als er auf dieſe Bitte die Augen von Olympia ſich auf die ſeinigen hef⸗ ten ſah und ſie zu ihm ſagte: „Warum wünſchen Sie dieſen Ring, mein Freund?“ Bannidre erwartete dieſe Frage ſo wenig, daß er ganz dadurch aus der Faſſung gebracht wurde. „Ei! weil antwortete er. „Das iſt kein Grund,“ ſagte Olympia. Und ſie lächelte. Banniöre lächelte wie ſie und erwiederte: „Ich glaubte, das ſei der beſte, den ich Ihnen an⸗ geben könnte.“ „Sie wünſchen alſo einen Ring?“ „Ich wünſche einen Ring, doch einen wie dieſen.“ „Nun wohl, dieſer Ring iſt ungefähr hundert Louis d'or werth: nehmen Sie hundert Louis d'or, mein Freund, und kaufen Sie einen ähnlichen.“ „Mein Gott!“ rief Bannisre,„welch ein koſtbarer Ring iſt das! man ſieht wohl, daß er von Herrn von Mailly kommt!“ Er hatte einen ganzen Hauch von Zorn in das Wort gelegt, deſſen Wirkung er erwartete. Doch ſie erwiederte ganz einfach: „Allerdings kommt er von Herrn von Mailly. Hernach?“ „Nun! dann begreife ich, daß Sie mir dieſen Ring einen Em⸗ twas E e zu bei⸗ chat⸗ ehen. dieſe hef⸗ nd?“ ß er n⸗ ſen.“ ndert mein barer von das illy. Ring 165 nicht ſchenken, aber ich begreife nicht, daß Sie ihn an Ihrem Finger tragen, der ſo oft die meinigen ſtreift.“ „In dieſer Hinſicht, mein Freund, haben Sie voll⸗ kommen Recht,“ erwiederte Olympia. Und ſie zog den Ring von ihrem Finger und ver⸗ ſchloß ihn in den doppelten Boden des Käſtchens, das ihr zum Aufbewahren ihrer Juwelen diente. Bannidre ſah den Ring verſchwinden, und ſogleich bereute er, eine ſo ſchmerzliche Scene zwiſchen ihm und ſeiner Geliebten hervorgerufen zu haben, eine Scene, welche eine Ungeſchicklichkeit war, da ſie ſo die ſchlecht erloſchene Erinnerung an ihre erſte Leidenſchaft wieder⸗ belebte. Sie ſchmollte, er ſchmollte; die Lage von Bannlöre war lächerlich; er nahm ſeinen Hut, ſeinen Degen und entfernte ſich, um einen Spaziergang auf den Quais in der friſchen Abendluft zu machen. Olympia aber ließ ſich auskleiden, legte ſich zu Bette und ſchloß ihre Thüre, auf deren Schwelle als Schildwache Claire, die Kammerfrau, geſtellt wurde, welche der Vater Philemon, nach dem Befehle von Olympia, von dem neuen Domiecil ihrer Gebieterin un⸗ terrichtet hatte. Claire hatte ſich, ohne zu ſehr bei den Jeſuiten Verdacht zu erregen, aus Avignon wegge⸗ ſchlichen, und es war ihr geglückt, unter der Kleidung einer Bäuerin zu Olympia in Lyon zu gelangen. Als Banniöre am Abend nach Hauſe kam, hatte er einen großen Smaragd um hundert und zwanzig Louis d'or gekauft; dahin hatten ihn ſeine Betrachtungen geführt. Dieſer unglückliche Verliebte war für den Au⸗ genblick auf der Jagd nach Ringen, und er wollte Olym⸗ pia ihren Rubin vergeſſen machen. Zu gleicher Zeit wollte er Worte vergeſſen machen und beſonders ſelbſt vergeſſen, die ihm Olympia auf der Bank des Vater Philemon geſagt hatte, Worte ganz ſchwarz von Tiefe und in deren Finſterniß ſeine ängfiliche Liebe nur Unglückweiſſagende Feuer glänzen ſah. 166 „Sind Sie, wenn Sie von den Dingen des Lebens unterrichtet ſein werden,“ hatte Olympia zu ihm geſagt, „ſind Sie nicht beſſer als heute, ſo werde ich mich ge⸗ täuſcht haben, ich werde einen Fehler begangen haben, und ich werde ihn bezahlen.“ Bannidre hatte ſich ſeit dieſer Zeit ſehr in der Wiſſenſchaft des Lebens unterrichtet; war er beſſer ge⸗ worden? er befürchtete ſehr, das Gewiſſen oder die Scharfſichtigkeit von Olympia würde nein antworten. „Ich bin alſo ſchlecht,“ wiederholte er ſich;„ich bin alſo gemein; ich habe alſo für dieſe Frau nur einen Anſchein von Verdienſt; ſie macht ſich alſo Illuſion über mich, und zwar eine verdiente Illuſion;z es kann alſo ſein, vaß ſie, nachdem ſie eine Zeit lang geglaubt hat, ich ſei von reinem Golde, mich als falſch wie ein falſches Geldſtück, als falſch wie ein Geſchmeide am ſchlechten Gehalte erkennt. An dieſem Tage wird ſie mich ſicher⸗ lich nicht mehr lieben.“ Er hatte dem zu Folge den Smaragd gekauft, um ſeiner Geliebten zu beweiſen, er habe einen guten Cha⸗ rakter und er komme zuerſt zurück. Aber, wie geſagt, Claire war als Schildwache aufgeſtellt. Er fand Claire auf der Schwelle, und Claire ver⸗ wehrte ihm den Eintritt, in Betracht, daß Madame ruhe⸗ Von Wuth und Scham ergriffen, beinahe in Ver⸗ zweiflung, ſchloß ſich Bannisre in ſein Zimmer ein und brachte einen Theil der Nacht damit zu, daß er Briefe ſchrieb und ſie zerriß, nachdem er ſie geſchrieben hatte⸗ Gelähmt von Müdigkeit, wir möchten beinahe ſagen von Gewiſſensbiſſen, entſchlief er endlich, die Ellenbogen auf dem Tiſche, den Kopf in ſeinen Händen, während ſeine Kerze zerſchmolz und am Leuchter herabrann. Gegen zwei Uhr trat Olympia ein, ſah die zer⸗ riſſenen Briefe, ſah die fließende Kerze, ſah den ſchla⸗ fenden Banniöre. 3 Sie ſchaute ihn einen Augenblick an; anmuthig wi ſel oht ger den von und rief als Tag Zeig Sie dete auf pia Olyr gen, Läche ihrer ich be Ueber zu he Glück ebens ſagt, h ge⸗ aben, n der r ge⸗ r die rten. „ich einen über ſein, „ich lſches chten icher⸗ „um Cha⸗ vache ver⸗ ruhe⸗ Ver⸗ und riefe atte. ſagen oen hrend zer⸗ chla⸗ ithig 167 wie ein Schatten in ihrem weißen Nachtgewande, neigte ſie ſich zu ihm hinab, berührte mit ihren Lippen ſeine, ſelbſt im Schlafe, ſorgenvolle Stirne und ſetzte ſich, ohne ihn aufzuwecken, zu ihm in einen Lehnſtuhl. Es geſchah, daß der Schläfer, als er in der Mor⸗ gendämmerung rwachte, und zwar durchkältet, unzufrie⸗ den, fluchend erwachte, gegen dieſen Lehnſtuhl ſtolperte, von dem er den Reſt ſeines Schlafes fordern wollte, und daß er hier das lächelnde Geſicht von Olympia ſah. Da fiel er auf die Kniee, zerfloß in Thränen und rief, indem er ſich mit der Fauſt an die Bruſt ſchlug: „Oh! ja, ja, ſie iſt beſſer, hundertmal beſſer als ich.“ Olympia nahm den Smaragd an, trug ihn einen Tag an ihrem Finger und ſagte dann zu Bannidre: „Ihr kleiner Finger iſt gerade ſo dick als mein Zeigefinger; ich ſchenke Ihnen dieſen Smaragd, tragen Sie ihn aus Liebe für mich.“ Banniöre ſchlug das Rad wie ein Pfau und blen⸗ dete unter ſeiner Manchette alle galante Frauen, welche auf dem großen Mail ſpazieren gingen. Am andern Tage nach dieſem Abenteuer ſah Olym⸗ pia Bannisre befangen. „Was haben Sie?“ fragte ſie ihn. Bannisre ſchaute ſie ſchüchtern an. „Sie haben etwas von mir zu verlangen?“ ſagte Olympia. „Ja,“ erwiederte Banniöre,„ich habe Sie zu fra⸗ gen, ob Sie meine Frau ſein wollen? Olympia lächelte, doch alsbald verſchwand dieſes Lächeln, und eine ernſte Färbung verbreitete ſich über ihrer ganzen Phyſiognomie. „Sie ſind ein gutes Herz.“ ſprach ſie zu ihm,„und ich begreife nicht einen Augenblick, daß Sie mich in der eberzeugung, eine glückliche Frau aus mir zu machen, zu heirathen verlangen; aber zum Unglück oder zum Glück iſt das, was Sie von mir fordern, unmöglich.“ 168 „Warum?“ „Wenn der Liebhaber eiferſüchtig auf den Ring von Herrn von Mailly geweſen iſt,“ erwiederte Olympia, „ſo wäre der Mann noch auf etwas ganz Anderes eifer⸗ ſüchtig.“ „Oh!“ rief Bannisre,„ich ſchwöre Ihnen.“ „Keine Schwüre, mein Freund,“ ſagte Olympia. Und ſie verſchloß ihm den Mund mit der Hand und fügte bei: „Bleiben wir, wie wir ſind, wir ſind gut ſo.“ Bannidre wollte etwas einwenden, Olympia hob abermals lächelnd den Finger empor, und Alles war abgethan. Rede. Welch ein reizendes Leben iſt doch das Leben der wahrhaft verliebten Liebenden! wie wiſſen ſie Anderer zu entbehren, wie vertreiben ſie mit Kunſt allen Staub, alle dürre Blätter, alle Inſecten, welche in den Nectar thres Glückes fallen! Während der ſechs erſten Monate ihres Aufenthal⸗ tes in Lyon ſahen Olympta und Bannisre nicht ein fremdes Geſicht in ihrem Hauſe; allerdings hatten ſie ihrerſeits bange, ſich ſehen zu laſſen, aus Furcht, erkannt zu werden; aber ihr Hauptgrund, ſich zu verbergen, war unleugbar der Wunſch, allein zu ſein. Und dann hatte Olympla eine Menge von Ibeen, welche Bannisre entzückten: ſie wußte Muſiker in ihre Vorzimmer heraufkommen und während der Hitze Sym⸗ phonien ſpielen zu laſſen, ohne daß ſie nöthig hatte, ſich den Symphoniſten zu zeigen. Sie liebte die Ausflüge zu Pferde, und die kleinen Wanderungen von zwei bis drei Tagen auf das Land umher, und dies in einem guten, mit Mundvorräthen und Kiſſen wohl verſehenen Wagen. und u 2. Sie liebte Alles, was Bannisre beluſtigte, ſer heluſtigte ſich mit Allem. Nie mehr war vom Heirathen unter ihnen die 8 ve B Ring mpia, eifer⸗ pia. dnd a hob war n die n der derer taub, dectar thal⸗ t ein en ſie kannt ergen, een, ihre Sym⸗ , ſich leinen Land äthen 169 Als nach Verlauf von ſechs Monaten von Ideen, von denen die einen immer geiſtreicher waren, als die an⸗ deren, die zwei Liebenden in der gemeinſchaftlichen Börſe nach einer neuen Idee ſuchten, bemerkten ſie, daß nur hundert und fünfzig Louis d'or darin blieben. Das reichte für einen Monat, um das Leben der ſechs vorhergehenden Monate zu führen. Banniöre ſchaute Olympia an und Olympia ſchaute Banmore an, und dieſer ſagte, indem er das Gold in ſeiner Hand wog: „Hundert und fünfzig Louis d'or, das find dreitau⸗ ſend ſechshundert Livres.“ „Ich machte gerade dieſelbe Rechnung,“ erwiederte Olympia lächelnd. „Das iſt das, was viele glückliche, ſehr glückliche Leute in einem Jahre ausgeben. Wir haben alſo in ſechs Monaten unſeres Glückes ſechs Jahre des Glückes ſolcher Leute gehabt.“ „Vollkommen,“ ſagte Olympia. „Nur,“ fuhr Bannisce fort,„nur bleibt uns bloß ein Monat von eben dieſem Glück.“ „Gut,“ verſetzte Olympia,„für Träge, aber für Leute, welche arbeiten!“ „Welche arbeiten?“ fragte Bannière erſtaunt.„Sie wollen arbeiten?“ „Allerdings.“ „Und, mein Gott! in was?“ „In meinem Berufe. Bin ich nicht Schauſpielerin? Sind Sie nicht Schauſpieler? Gibt es nicht zwei Theater in Lyon? Haben wir nicht hundert Theater in Frankreich, wenn die zwei Theater in Lyon nichts von uns wollen? Haben wir nicht ein Dutzend tauſend Livres im Gehalte des König Herodes und der Königin Marianna?“ „Bei allen Sternen, Sie ſind eine Zauberin!“ rief o Ben nidre freudetrunken,„und Alles, was Sie berühren, verwandelt ſich in Gold.“ 170 „Und dann ſing das Leben an fad zu werden,“ fügte Olympia bei;„wir wurden dick.“ „Das iſt, bei meiner Treue, wahr.“ „Ah! die Fahrten von Stadt zu Stadt, die Aus⸗ züge, die Bravos, die Studien, die Kunſt, die Aufre⸗ gung„4 „Sie electrifiren mich, Olympia!“ „Uud wir machen Erſparniſſe; der Müßiggang rich⸗ tete uns zu Grunde; wir verloren dabei das, was wir ausgaben, und das, was wir nicht verdienten.“ „Bei meiner Treue, ja.“ „Schon morgen, Bannidre, ſuchen Sie den Thea⸗ terdirector auf und führen Sie ihn zu mir.“ „Ich werde das thun, meine Liebe.“ „Und in Erwartung von morgen, ein gutes Mahl heute Abend; Concert auf dem Waſſer für uns allein; Alles dies und„ „Und unſere Liebe!“ rief Banniöre.„Ah! wie reich ſind wir!“ XX. Das Provinzleben. Der Director des Theaters kam am zweiten Tage zu Olympia, auf welche ihn Banniöre auf der Prome⸗ nade aufmerkſam gemacht hatte. Unſer Leſer ſtelle ſich nicht vor, in der Zeit, die wir zu ſchildern ſuchen, ſei ein Theaterdirector geweſen, wie wir ihn heute mit ſeinem Harem, mit ſeiner Polizei und ſeinen Mädchenlieferanten kennen. en, lus⸗ fre⸗ ich⸗ wir e⸗ ahl in; ich 17¹ Im fiebenzehnten und achtzehnten Jahrhundert hieß ein Theater dirigiren conſlitutionell bei den Geſchicken eines von dem vereinigten Talente eines Dutzends no⸗ madiſcher Schauſpieler und zuweilen eines der Geſell⸗ ſchaft beigeſellten Dichters unterſtützten Unternehmens präſidiren. Der Director war alſo ganz einfach der Erſte der Schauſpieler ſeines Theaters. hinſichtlich des Rech⸗ nungsweſens. Banniöre hatte genug Schauſpieler geſehen; er hatte Olympia genug ſprechen hören; er hatte genug natürlichen Scharfſinn und Zigeunerinſtinct, daß er ſich bei dieſer großen Angelegenheit zu benehmen und den Chef eines Theaterunternehmens anzulocken wußte. Er hütete ſich wohl, dieſem zu ſagen, Olympia ſei eine ſchon bekannte Schauſpielerin. Er ſchilderte ſie als ein in das Theater vernarrtes Mädchen von Stande, das bereit ſei, blindlings in das Garn eines Directors zu gehen. Er rühmte nicht das ausgezeichnete Weſen, die Schönheit, die Perſon von Olympia; er führte, wie geſagt, den Director auf die Promenade und zeigte ihm Olympia. Der Director ſah ſie, wurde ihr vorgeſtellt, verab⸗ redete mit ihr eine Zuſammenkunft und erſchien bei Olympia zu der hiefür feſtgeſetzten Stunde, was die zwei Liebenden mit Recht als ein gutes Vorzeichen be⸗ trachteten. An Geſchichten, wie die, welche ihm Bannisre er⸗ zählt, gewöhnt, hatte ihm der Director von ſeiner Er⸗ zählung geglaubt, was er gewollt; als er aber in die glänzende Wohnung der zwei jungen Leute eingeführt worden war, als er ſich in dem weichen Fauteuil, das man ihm anbot, feſtgeſetzt hatte, als er ſich inmitten der Blumen und Wohlgerüche des Boudoir befand, als er vom Bondvir in das Speiſezimmer gegangen war, um hier den Imbiß einzunehmen, als er Tafelgeſchirr, Sil⸗ 172 berzeug und Kryflalle erblickte, als er die ausgeſuch⸗ ten Weine und die feinen Confituren gekoſtet hatte, war er dergeſtalt geblendet, daß er ſogleich annahm, die zukünftige Debutantin wäre nicht im Stande, den erſten Schritt auf der Bühne zu machen. Er faßte alſo den Vorſatz, ſich mit den Wohlgerü⸗ chen zu berauſchen, ſich mit dem alten Wein zu erhei⸗ tern, kurz, eine gute Stunde materieller Glückſeligkeit hinzubringen und nach der Zuſammenkunft in jeder Hin⸗ ſicht der freigebigen Wirthin zu danken, welche närriſch genug, ſich auf den Brettern herum treiben zu wollen, während ſie ſo gute Teppiche hätte. Bannidre und Olympia wußten aber ſo viel als erz ſie ließen ihn ſich in Muthmaßungen verlieren; dann beim Nachtiſche, als er den gehörigen Wärmegrad erreicht hatte, bat man ihn, gütigſt eine Probe von der Geſchicklichkeit der neuen Bewerber um Antheil an der Geſellſchaft annehmen zu wollen. Der Schauſpieler warf ſich bei dieſem Vorſchlag in die Bruſt, leerte ſein Glas und präludirte in den Feindſeligkeiten durch ein verächtliches Lächeln. Olympia ſah das Lächeln, begriff die Verachtung und wartete, des Sieges ſicher, geduldig. „Wohlan, ich will Ihnen das Stichwort geben,“ ſagte der Kommödiant mit einer ſonoren Stimme.„Was können Sie?“ „Was können Sie?“ fragte Banniöre. „Ich, ich kann Alles, ich ſpiele die erſten Rollen. Wählen Sie Ihre beſten Stücke und halten Sie ſich gut.“ „Können Sie Herodes und Marian na?“ fragte Olympia mit ihrer ſanften Stimme. „Vei Gott!“ erwiederte der Schauſpieler halb trunken. „Nun! ſo nehmen Sie auf das Gerathewohl!“ ſprach Olympia. „Und ich,“ ſagte Banniöre,„ich werde ſouffliren.“ „Haben Sie das Buch?“ fragte der Director. ſpri 6 den glül Rol geſt zu! find Ueb die läch ter went ſuch⸗ atte, „die rſten erü⸗ hei⸗ gkeit Hin⸗ riſch llen, als ren; ra der der in den 173 „Oh! unnöthig, ich kann das Stück auswendig.“ „Es iſt gut,“ verſetzte der Kommödiant,„ich ſpiele Herodes.“ „Mein Fach,“ ſprach Bannisre mit einem Lächeln. Der Schauſpieler bekümmerte ſich nichts um die Bemerkung von Banniöre und begann ſeine Rolle mit einer heiſeren Stimme. Olympia antwortete ihm. Doch ſie hatte nicht ſobald zwanzig Verſe ge⸗ ſprochen, als der alte Burſche das Ohr aufthat. „Ho! ho!“ machte er. „Was denn?“ unterbrach ihn beſcheiden Olympia; „irre ich mich?“ „Nein! nein! im Gegentheil! immer zu!“ Und der Schauſpieler ſtützte ſeine Ellenbogen auf den Tiſch und heftete ſeine wie zwei feurige Kohlen glühenden Augen auf Marianna, welche den Faden ihrer Rolle wieder aufnahm. „Ah! ah,“ ſagte er,„Sie haben ſchon Kommödie geſpielt!“ „Dann und wann, ja,“ antwortete Olympia. „Wo denn?“ „Da und dort,“ antwortete Banniöre, um nicht zu lügen. „Aber wiſſen Sie, daß Sie ganz einfach herrlich find, Mademoiſelle,“ brüllte der alte Trunkenbold im Uebermaße der Bewunderung.„Sie erinnern mich an die Champmeslé.“ „Sie haben mit ihr geſpielt?“ fragte Olympia lächelnd. „Ohl“ verſetzte der Director,„ich war beim Thea⸗ ter angeſtellt.“ „Aber Sie, mein Herr,“ ſagte er, ſich an Bannisre wendend. „Sie wünſchen mich zu hören?“ „Ja.“ „Das iſt nur zu billig.“ 174 Und mit einer ſoliden Stimme, mit jener furcht⸗ baren Geberde, welche eigenthümlich der alten Schule angehörte, begann Bannisre ſeinen Auftritt als Herodes. Der alte Schauſpieler horchte mit protectormäßigem Stillſchweigen; dann verzog er die Lippen und ſagte: „Der Herr iſt nicht gerade ſchlecht, er hat aber noch viel zu lernen.“ „Ich werde lernen,“ erwiederte Bannisre. „Zu ſtudiren.“ „Ich werde ſtudiren.“ „Nicht ſchlecht?“ verſetzte Olympia, welche der beleidigten Eitelkeit ihres Freundes beiſtehen wollte. „Ah! mein guter Freund, man ſieht wohl, daß Sie daſſelbe Fach ſpielen.“ „Uebrigens,“ bemerkte Bannisre, ein wenig gereizt „übrigens handelt es ſich nur um Madame, wie mir ſcheint.“ „Sie täuſchen ſich, mein Freund,“ fagte raſch Olympia,„es handelt ſich im Gegentheil um uns Beide: wer mich haben wird, wird Sie haben, oder mich nicht haben!“ „Ah!“ rief der Komödiant,„das verwickelt die Sache.“ „Wahrhaftig!“ verſetzte Olympia. „Ja, ich muß mich mit meinen Geſellſchaftsmit⸗ gliedern berathen. Handelte es ſich nur um Madame, ſo ſchloß ich allein ab, weil unſere erſte Schau⸗ ſpielerin, die Catalane, nicht ſtark genug iſt, doch was das Fach des Herrn betrifft, das iſt etwas Anderes.“ „Ihr Fach?“ fragte Bannisre. „Unſer Fach, wohl!“ erwiederte der alte Fuchs. „Nun! Ihr Fach?“ ſagte Banniöre. „Unſer Fach iſt ſchon unter drei vertheilt, und ich muß mich berathen.“ „Hören Sie,“ ſagte Olympia, welche die Schau⸗ ſpieler durch ihren langen Aufenthalt unter ihnen kannte, „unſere Flaſchen ſind allerdings leer, doch der Keller iſt nicht weit entfernt. Holen Sie diejenigen von Ihren 177 Dann, als Alle weggegangen waren, ſagte Olym⸗ pia, ohne auf dieſe fünffache Umarmung anzuſpielen, indem ſie ſich nur an den Erfolg des Abenteuers hielt: „Sie ſehen, mein Liebſter, daß wir nun mit Sicher⸗ heit ungefähr ſechs tauſend Liores jährlich einnehmen.“ „Ja, aber ſie haben Sie ſo viel umarmt,“ erwie⸗ derte Banniore. Ein letztes Wort, das Olympia überreichlich bewies, ſie hätte Unrecht gehabt, der Catalane zu grollen. Von dieſem Augenblick an befümmerte ſich Olympia nur noch um ihre Rollen und um ihre Debuts, die durch den Rath der Sechs auf den folgenden Donnerſtag fefigeſetzt waren. XX. Eine neue Perſon erſcheint am Horizont. Leider iſt das Glück eine von den Gottheiten von wunderlicher Laune und unbeſtändigem Charakter, deren Flügel zu binden kein Sterblicher ſich ſchmeicheln kann. Eine problematiſche Operation, die kein Eroberer, Cäſar ausgenommen, in Betreff des Sieges zu voll⸗ führen gewußt hat. Es geſchah aber, daß Olympia debutirte; Daß ſie glücklich debutirte, und zwar in einem Stücke von einem unbekannten Verfaſſer; Daß ſie großes Aufſehen bei dieſem Dehut erregte, und daß dieſes Aufſehen die Leute ins Theater führte; Daß das Theater, da die Menge daſſelbe befuchte, reichliche Einnahmen machte. Hlympia von Cläpes. 1. 12 178 Es geſchah endlich, daß Herr und Frau von Ban⸗ nidre, ſo nannte man ſie, auf die Lyoner den günſtig⸗ ſten Eindiuck hervorbrachten. Sie wurden alſo berühmt, während ſie vorher nur glücklich waren. Doch ihre Berühmtheit veranlaßte ſie natürlich, viel mehr Geld auszugeben, als ſie vorher ausgegeben hatten. Man mußte empfangen, man mußte einen äußern Aufwand machen, während bis dahin das Leben gleich⸗ ſam vermauert geweſen war. Es kam das Ende der Louis d'or. Die Einnahmen gingen mit ziemlich großer Mühe aus der Börſe der Geſellſchaft in die von Herrn und Frau von Bannisre über. Am Ende jedes Monats gab es endloſe Strei⸗ tigkeiten. Nach der Behauptung der Geſellſchafter war das Engagement von Olympia und Bannisre läſtig für die Truppe. Abgeſehen von dieſen kleinen Schwierigkeiten gin⸗ gen die Dinge ihren Weg. Am Ende jedes Monats mußte nur Bannisre die Zähne zeigen, und die Männer bezahlten, weil ſie ſolid waren, und die Weiber bezahlten, weil ſie weiß waren. Es geſchah aber, daß der König um dieſe Zeit er⸗ krankte; daß ſeine Krankheit einen empfindlichen Schlag in allen Theilen Franfreichs verſetzte; daß bei dieſer Nachricht überall die Luſtbarkeiten einen Stillſtand nah⸗ men und daß die Theater, vie vorzugsweiſe Luſtbarkeit, je mehr die Kirchen beſucht wurden, deſto mehr ver⸗ laſſen waren. Die Dinge ſchleppten ſich ſo ein paar Monate hinz dann, nach einem Todeskampfe des Elends, machte die Truppe Banferott. Der Geſellſchaftsvertrag wurde ſogleich zerriſſen. Als die Theater mit der Geneſung des Königs wieder einige Kräfte gewonnen hatten, dictirten zan⸗ ſtig⸗ nur lich, eben ßern eich⸗ men örſe von trei⸗ war für gin⸗ nats nner lten, ter⸗ hlag ieſer nah⸗ ver⸗ die nigs irten 179 die Geſellſchafter, welche Herren ver Stellung ge⸗ worden, nun Olympia und Bannisre Bedingungen, die ſie eingehen mußten. Man eröffnete auf's Neue. Olympia hatte wieder die Gewohnheit angenommen, zu ſpielen, und ſie war zum Theater mit dem Eifer zurückgekehrt, mit dem bei ihrer Arbeit die ächten Künſtler zu Werke gehen. Banniöre ſeinerſeits hatte an den Bravos angebiſſen, und ſo hohl dieſes Fleiſch war,— im Vergleiche mit den feinen Braten, welche den Geruchsſinn des Unternehmers am Tage ſeines erſten Beſuches bei Olympia in Anſpruch genommen hatten, er verſchlang es. Eher, als nicht zu ſpielen, ſpielten ſie auf Theilung, denn ſie ſchämten ſich des Gehaltes, den die Geſellſchaft, eine freie Gemeinde, in ihrer unpar⸗ teiiſchen Gerechtigkeit in gleichen Proportionen dem außer der Linie ſtehenden Künſtler und dem gemeinen herumziehenden Komödianten bewilligte. Der Mangel trat mit verſchleiertem Geſichte und unſicherem Fuße in die Haushaltung von Bannisr ein. An den Tagen, wo Olympia nicht ſpielte, wo Ban⸗ niöre nicht ſpielte, entſchädigten ſich die zwei Liebenden mit der Liebe. Banniöre bemerkte aber die Entbehrungen, die ſich Olympia auferlegte; für ſie, die an den Lurus gewöhnt, war der Mangel ein wahres Unglück. Er fah ihre Augen ſich ſchwarz umkreiſen, ihren Mund erbleichen, ihre Hände kraftlos an ihren Seiten niederfallen. Er hatte, wie es Olympia Banniore vorhergeſagt, raſch gelebt und viel in kurzer Zeit gelernt. Er hatte in einem Jahre die Umſchiffung des Lebens vollbracht. Er wußte, was die Freude in einem Herzen wiegt, und wußte beſonders, wie viel Freuden ein einziger Schmerz verwelken machen kann. Dann, von Zeit zu Zeit, biß die Eiferſucht, eine Eifer⸗ ſucht, welche nichts motivirte, aber bekanntlich ſind die erſchrecklichſten Eiferſüchtigen diejenigen, welche keinen 180 Grund haben, es zu ſein; dann, von Zeit zu Zeit, ſagen wir, biß die Eiferſucht an einem kleinen Winkel des Herzens von Banniore an. Dies geſchah, wenn Olympia auf der Bühne Bravos und verſchiedenartiges Zulächeln einerntete. Er war zuweilen während dieſer Zeit unbeſchäftigt in den Cou⸗ liſſen; er zählte ſodann die Galans, welche um die Schöne her ihre Thaler und ihre Verſprechungen klingen ließen. Dann zitterte er, es könnte ſich unter allen dieſen Federhüten, welche unabläßig von den Vorbühnen zu den Bühnen umherſchweiften, ein Herr von Mailly mit ſeinen Rollen allenthalben, ſeinen Bedienten allenthal⸗ ben, ſeinen Häuſern allenthalben, ſeinen Pferden und ſeiner Liebe allenthalben finden.... Sollte Bannisre je ein ſolches Unglück begegnen, was würde aus ihm werden, aus ihm, einem aufge⸗ dunſenen Atom, einem durch das Mikrofkop der Seeie, das man die Liebe nennt, vergrößerten Nichts? Oft, während die anbetungswürdige und angebetete Frau ſich unter den Blumen und den Bravos neigte, fragte ſich Banniöre, wie es allen dieſen Leuten, welche um ſie her prunkten, gelungen ſei, reicher zu werden, als er. Er erinnerte ſich, irgendwo die Maxime geleſen zu haben, die, obgleich ſchlecht, nichtsdeſtoweniger ver⸗ lockend iſt: „Diejenigen, welche die Vorſehung vergißt, ſind be⸗ rechtigt, das Glück zu verſuchen; wer Gott nicht für ſich hat, wäre ſehr dumm, wenn er ſich nicht den Teufel zum Freunde machen würve.“ Er erinnerte ſich einer ganzen Philoſophie, die er ſich in den düſteren Tagen ſeines Roviciats gemacht, einer ganzen Willkürtheorie, die er ſich in den wolkigen Ta⸗ gen des Theaters gemacht hatte. Er ſagte ſich, unter der Bedingung, daß ein Menſch über ſeine Haut verfüge, ſei diefer Menſch ſo viel werth als ein anderer Menſch; dieſe Haut ſei ein Einſatz wie ein anderer; ſei ein Lonis d'or vorhanden, ſo könne es ——— en es s ar u⸗ ne en. ſen liy al⸗ n, ge⸗ le, te te, er. zu er⸗ be⸗ ür fel 181 ein Menſch wagen, dieſen Louis d'or zu verlieren, ent⸗ ſchloſſen, mit ſeiner Haut, wenn er ihn verliere, den zweiten Louis d'or zu bezahlen, den er nicht habe, um den erſten Louis d'or wiederzuerwiſchen, den er nicht mehr habe. Bannlère nahm alſo den einzigen Louis d'or, der noch im Hauſe war, und ging weg, um damit zu ſpielen. Er gewann, wie die Neulinge immer gewinnen. Eines von den Ariomen, das Bannisre nicht kannte, weil dieſes vielleicht der Wahrheit entſprach, iſt, daß der Teufel nur für die Neulinge Verſuchungen hat. Mit ſeinem Louis d'or gewann Bannidre fünfzig Louis d'or, und Olympia fand ſie zu ihrem Erſtaunen, als ſie vom Theater zurückkam, in der Schublade ihrer Commode an der Stelle des einzigen Louis d'or, den fie zurückgelaſſen, und den ſie nicht wieder zu ſehen hoffte, da ſie Claire geſagt hatte, ſie möge ihn nehmen, um ihre Ausgaben am folgenden und am zweiten Tage damit zu beſtreiten. Man begreift, daß ein ſolches Debut Bannière an⸗ lockte. So lange indeſſen die fünfzig Louis d'or währten und er nicht durchaus zu ſpielen nöthig hatte, ſpielte er nicht; allerdings ging ihm das Spiel, obgleich er von der Academie abweſend, unabläſſig im Kopfe herum: auf der Scene hörte er das Klingen des Goldes, und er wandte ſich um oder ließ ſein Stichwort aus der Acht. Zwei Leidenſchaften können nicht bequem im Herzen eines Menſchen leben, die eine muß die andere verzehren. Das Spiel verzehrte das Theater. Banniöre wurde ausgeziſcht und ging, um ſich zu tröſten, in die Academie. Drei Monale genügten, um aus Banniöre einen Pfeiler des Spielhauſes zu machen. Olympia fuhr indeſſen fort, für ihre Geſellſchafts⸗ mitglieder zu arbeiten; fie arbeitete für die Bedienten, fie arbeitete für die Bonvivants, für die zärtlichen Väter, die ſich Wein und Holz um den Preis ihrer Arbeit kauften; ſie arbeitete für die Catalane, welche, ab⸗ 182 geſehen von ihren Profitchen außer dem Theater, durch Olympia zweihundert Livres monatlich einſteckte, was ihre Toilette ausfüllte. Olympia leerte im Gegentheil die ihrige. Was Wohlhabenheit für die Catalane war, war Mittel⸗ mäßigkeit für Fräulein von Clöves. Das Aeußere hatte nicht aufgehört, comfortable zu ſein, aber der wirkliche Ueberfluß war aus dem Hauſe verſchwunden. Olympia ſagte ſich mit Recht, der höchſte Grad der Noth ſei die Verlaſſenheit, und ſie rief Leute in dieſes Haus, das mit dem Tode rang, damit das Geräuſch der Leute das Elend entfliehen mache. Sie rief Leute, weil ſie Banniöre ſich entfernen ſah, weil ſie ſich allein fühlte, und weil Leute zurück⸗ rufen Bannisre zurückrufen hieß. Sie hoffte, Banniöre werde eiferſüchtig ſein, und nachdem der Spieler den Künſtler getödtet, werde der Liebhaber den Spieler tödten. Der Kampf war ernſt und der Sieg zweifelhaft. Bannidre war ein Spieler von Profeſſion geworden; er brachte zu der Augübung dieſes Gewerbes Alles, was ein vernünftiger Menſch an Kunſt zum Gelingen von Allem anwendet, was er unternimmt; er gewann allerdings nicht mehr, als ein Anderer gewonnen hatte, aber er verlor weniger. Olympia war auch eiferſüchtig geweſen, Für Ban⸗ nidre war das Spiel vielleicht nur ein Vorwand, um die Liebe zu verdecken. Sie rief Mademoiſelle Claire und ließ ſich den Cavalieranzug bringen, in dem ſie ſo reizend mit Bannière geflohen war. Sie kleidete ſich traurig und beinahe ſich deſſen, was ſie that ſchämend wieder darein und folhte ihrem Liebhaber. Banniöre ging wirklich zum Spiele. Olympia zögerte einen Augenblick, ihm dahin zu folgen; dann faßte ſie ihren Entſchluß und ſtürzte ſich hinter ihm in dieſe Hölle. Nachdem ſie eine halbe Stunde lang, in einer Fen⸗ ſter iſt, ihn em unt red ſetzt des ſen, mit ang nun pia wirt win ſpie ſtene doch edel wir rch vas as tel⸗ tte pia ſei us, ute en ck⸗ er es, 183 ſtervertiefung verborgen, geſehen hatte, was das Spiel iſt, entfloh ſie bleich und verwirrt. Als Bannisre zurückkam, nahm fie ihn auch, ſtatt ihn mit der kalten Miene der vorhergehenden Tage zu empfangen, bei der Hand, ließ ihn zu ihren Füßen ſitzen und ſagte zu ihm, ſchmeichelnd wie eine Geliebte, über⸗ redend wie eine Mutter: „Sie haben geſpielt?“ „Ei! mein Gott, ja,“ antwortete Bannisre. „Sie haben verloren?“ „Nein!“ rief er. „Aber Sie haben nicht gewonnen?“ „Oh! ich hätte tauſend Louis d'or gewonnen,“ ver⸗ ſetzte Banniöre. Und er erklärte ihr mit dem unaufhörlichen Fieber des Spielers alle Coups, die er hätte gewinnen müſ⸗ ſen, wäre nicht das Glück gegen ihn geweſen. „Armer Junge,“ ſagte Olympia, nachdem ſie ihn mit einer Aufmerkſamkeit gemiſcht mit tiefem Mitleid angehört hatte,„ſo viel Gemütsbewegungen, Berech⸗ nungen, Anſtrengungen und Leiden!“. Olympia war immer die gute, die zärtliche Olym⸗ pia: die Thränen traten ihr in die Augen. „Schließen Sie,“ ſprach er. „Oh! mein Gott!“ rief Olympia,„der Schluß wird ſehr einfach ſein. Sie ſpielen, um weder zu ge⸗ winnen, noch zu verlieren: eben ſo gut iſt es, nicht zu ſpielen. Laſſen Sie das abgemacht ſein: erhitzen Sie ſich nicht mehr hiedurch das Blutz Sie werden wenig⸗ ſtens Ihr Leben ſparen.“ Banniöre wollte ausrufen:„Ich thue es für Sie!“ doch er enthielt ſich. Banniöre war immer verliebt; er war auch immer edelmüthig und discret. Olympia fügte bei: „Wir haben die letzten Mittel noch nicht angerührt: wir beſitzen Geſchmeide, das wir verkaufen können.“ 184 „Oh!“ rief Banniöre,„vor dem Geſchmeide iſt das Silbergeſchirr da, wie mir ſcheint.“ „Das Silbergeſchirr? oh! nein,“ ſagte Olympia. „Ich kann ſehr gut ohne Geſchmeide mich kleiden und ausgehen, doch ohne Silbergeſchirr könnten wir nicht mehr empfangen.“ „Ei! mein Gott, wen wollen Sie denn empfangen?“ verſetzte Banniöte, der, da er nie zu Hauſe war und nur zurückkam, wenn Jedermann weggegangen, nicht wußte, daß ſeine Frau empfing. „Ich habe meinen Plan,“ ſagte Olympla.„Sie werden eben ſo wenig Spieler bleiben, als Sie Schau⸗ ſpieler geblieben ſind. Wechſeln iſt für Sie eine Noth⸗ wendigkeit. Vom Novizen ſind Sie Schauſpieler ge⸗ worden, vom Schauſpieler Spieler; vom Spieler wer⸗ den Sie Weltmann, was weiß ich, vielleicht Kriegsmann werden, und Sie werden ſo wechſeln, bis Sie die letzte Verwandlung erreicht haben, bis Sie glänzender Schmet⸗ terling geworden ſind.“ „Ach!“ erwiederte Bannisre,„bis jetzt, arme Olym⸗ pia, bin ich für Sie nur die Raupe geweſen.“ „Mein Freund,“ ſagte Olympia,„Sie haben Geiſt, Bildung, Tournure, Sie ſind ein ausgezeichneter Logiker, Sie ſprechen ſüt „Wohin des Teufels wird mich Alles dies führen, wenn ich nicht Jemand habe, der mich vorwärts bringt?“ „Es wird Sie gerade Jemand vorwärts bringen, mein lieber Joſeph.“ „Und wer wird dieſer Jemand ſein?“ „Der Abbé d'Hoirac.“ „Der Abbé d'Hoirac?“ „Sie wiſſen nicht, von wem ich ſpreche?“ „Bei meiner Treue, nein, iſt es nicht der Pfaffe, der alle Abende, wenn Sie ſpielten, in den äußeren Couliſſen ſak und mir immer auf die Füße trat.“ „Er iſt es.“ „Wie! dieſer beſtändig ſummende, trällernde, her⸗ nic all zu, ſuch mit gew Abb 185 umflatternde Burſche, der ausſieht wie ein verrückter Maikäfer?“ „In der That, das hat ziemlich viel Aehnlichkeit,“ fagte Olympia lachend. „Wie! um vorwärts zu kommen, muß ich mich von dieſer Mißgeburt protegiren laſſen 2“ „Ah! diesmal ſind Sie ungerecht, Bannidre: Mai⸗ käfer, ja; Mißgeburt, nein. Der Abbé iſt, im Ganzen genommen, eine reizende Puppe, und man ſieht wohl, daß Sie ihn nicht angeſchaut haben.“ „Dagegen,“ erwiederte Banniöre, der nicht wußte, wie er die Dringlichkeit ſeiner Geliebten nehmen ſollte, „dagegen ſollte man glauben, Sie haben ihn viel an⸗ geſchaut.“ „Albernheiten!“ „Aber woher des Teufels kennen Sie ihn?“ „Wie ich eine Menge von Leuten kenne, die Sie nicht kennen. Alle Ahende gehen Sie zum Spiele, und alle Abende bringt der Abbé d'Hoirac ſeine Zeit damit zu, daß er mit mir Schach ſpielt.“ Bannidre ſchüttelte traurig den Kopf und erwiederte: „Sie haben mich von der Nutzloſigkeit meiner Ver⸗ ſuche in der Academie überzeugt. Worgen werde ich mit dem Herrn Abbé d'Hoirar Schach ſpielen.“ „Und bei dieſem Spiele, lirber Freund, werden Sie gewinnen, ſtatt zn verlieren! dafür ſtehe ich Ihnen.“ „Er iſt alſo ein ſehr vollkommener Mann, dieſer Abbé d'Hoirac?“ ſagte Banniöre gereizt. „Er iſt kein vollkommener Mann, lieber Freund, in Betracht, daß die Vollkommenheit nicht von die⸗ ſer Welt iſt. Da ich aber an den Tagen, wo ich nicht ſpiele, auf die Gefellſchaft meiner Coiffeuſe*) *) Wir müſſen das franzöſiſche Wort beibehalten, da die deutſche Sprache keinen entſprechenden Ausdruck für dieſe Art von dienſtbaren Geiſtern hat, deren Ha upt⸗ geſchäft die Schmückung des Kopfes ihrer Gebiete⸗ rinnen iſt. 186 und auf die von Claire beſchränkt bin, ſo ſchien es mir, als wäre die Geſellſchaft von dieſem verrückten Maikäfer nicht ganz zu verachten.“ „Es iſt drollig, daß ich das Verdienſt des Herrn Abbé d'Hoirac nie wahrgenommen habe. Allerdings gab ich nur auf ihn Acht, wenn er mir auf die Füße trat. „Sie kommen immer auf dieſe Ungeſchicklichkeit des Abbs zurück, lieber Freund; ſie iſt doch ſehr natürlich. Der Abbé iſt kurzſichtig, ſo kurzſichtig, daß er die Spitze ſeiner Naſe nicht ſieht. Wie ſoll er ſeine Füße ſehen, welche noch viel weiter von ſeinen Augen entfernt find, als ſeine Naſenſpitze, die er nicht ſieht?“ „Sie haben Recht, Olympia, und das erſte Mal, wo ich wieder mit dem Abbé d'Hoirac zuſammentreffe, werde ich ihm ins Geſicht ſchauen.“ „Wohl! Sie werden eine ſchöne Puppe ſehen,“ er⸗ wiederte ruhig Olympia, während ſie in ihr Boudoir ing. wann wird der Herr Abbé kommen?“ fragte Bannidre.„Heute Abend?“ „Nein. Ich ſpiele heute Abend.“ „Morgen alſo?“ „Ja, morgen.“ „Um welche Stunde?“ „Um ſechs Uhr, wie immer.“ „Sehr gut, Madame.“ Olympia ſchaute ihren Geliebten von der Seite an, zuckte die Achſeln und überließ ſich ihrer Kammer⸗ jungfer. üße des Der itze en, ind, tal, ffe, er⸗ doir gte eite ler⸗ XXI. Ver Abbe d'Hoirac. Es kam der Abend und mit dem Abend die ge⸗ wöhnliche Geſellſchaft von Frau von Bannisre. Bannisre hatte ſich nicht, wie gewöhnlich, in die Academie begeben. Er wollte durchaus den Abbé d'Hoirac ſehen, von dem man ihm ſo viel geſprochen. Er ſah ihn auf den Schlag ſechs Uhr erſcheinen. Der reizende Abbé ließ ſich zuerſt unten von der Treppe durch zwei Bedienten und ſodann durch einen köſtlichen Muscadille⸗Geruch ankündigen, der zum erſten Stocke auffſtieg, als der Abbé den Fuß auf die erſte Stufe ſetzte. Hinter dem Abbé kamen zwei andere große Lackeien, welche ein ungeheures Plateau beladen mit Blumen, Muſikrollen und Backwerk trugen. Der Abbé trat mit Grazie ein; er ging allerdings mit ausgeſtreckten Armen, wie Einer, der blinde Kuh 3 ſpielt, doch dieſem Zögern gebrach es nicht an einer gewiſſen Annehmlichkeit. Er hatte ein hübſches, roſiges, volles Geſicht, große, von langen Wimpern eingefaßte Augen; dieſen Augen fehlte es am Blitze, doch die Art, auf welche die Au⸗ genlider ſpielten, gaben dem Augenſtern den ganzen Schimmer und die ganze Durchſichtigkeit, welche die Bewegung der Finger dem Opal gibt. Der Abbé ſchloß ſeine Augen und öffnete ſeine Lippen, verbarg ſeinen Augenſtern und zeigte ſeine Zähne. Er wußte geiſtreich genug zu lächeln, um ſeine aufge⸗ ſtülpte Naſe witzig ſcheinen zu laſſen, während ſie bei einem Herrn von weniger guten Manieren und beſon⸗ —— — 188 6 von weniger gutem Hauſe nur albern geſchienen hätte. Seinen Gewohnheiten getreu grüßte er Olympia, indem er ihr die Hand küßte, wie man damals in Ver⸗ ſailles eine Hand küßte, und ebenfalls aus Gewohnheit trat er mit ſeinen beiden Füßen auf die zwei Füße von Banniöre, der ihn von zu nahe anſchaute. „Herr von Bannidre, der Herr von dieſem Hauſe,“ ſagte Olympia, die ſich beeilte, den Ernovizen dem Abbé vorzuſtellen, um die üble Laune des Einen kurz abzu⸗ und das ſchlechte Geſicht des Andern zu unter⸗ ützen. „Ah! mein Herr, ich bitte tauſendmal um Ver⸗ zeihung,“ rief der Abbé,„ich bin ein ſehr unglücklicher Menſch.“ „Ich verſichere Sie, mein Herr, daß Sie mir durch⸗ aus nicht wehe gethan haben,“ erwiederte Banniöre. „Ei! nein, mein Herr, nein, ich bitte Sie wahr⸗ haftig nicht meiner unwillkürlichen Ungeſchicklichkeit wegen um Verzeihung.“ „Aber warum denn, mein Herr?“ fragte erſtaunt Banniöre, der kaum ſeine Schnallen abzuwiſchen wagte. „Mein Herr, ich wußte nicht, daß ich die Ehre ha⸗ ben ſollte, Sie zu ſehen, und ich erlaubte mir, Frau von Banniöre einige Blumen und einiges Zuckerwerk anzu⸗ bieten.“ „Sehr ſchöne Blumen und Zuckerwerk, das mir vor⸗ trefflich zu ſein ſcheint,“ ſagte Banniöre. „Es mag ſein, doch es iſt nicht ſchicklich, daß ein Anderer als Sie Madame etwas anbietet,“ rief der Abbé. „Mein Herr„ „Darum, mein Herr, werden meine zwei Lackeien Alles aus dem Fenſter werfen.“ „Oh! mein Herr, das wäre ein Mord,“ verſetzte anniöre. „Werft, werft,“ rief der Abbé. Die Lackeien gehorchten und ſchütteten in der That das zur der in Pat arti zur ienen npia, Ver⸗ nheit on uſe,“ Abbé abzu⸗ nter⸗ Ver⸗ licher rch⸗ . ahr⸗ hkeit aunt agte. hu⸗ von nzu⸗ vor⸗ ein bbé. eien etzte hat 189 das mit den Galanterien ihres Herrn beladene Plateau zum Fenſter hinaus. Bannidre war ſehr erſtaunt über dieſe Handlung, deren Glanz ihn bedeutend verkleinerte. Olympia lächelte nur. Sie war mit dem Auge den in den Raum fliegenden Blumen gefolgt und hatte ein Papier ſich von einem der Sträuße losmachen ſehen. Banniöre verbeugte ſich wiederholt vor dieſem ſo artigen und zugleich ſo prunkvollen Abbé, der es ſich zur Aufgabe machte, immer zu ſprechen und immer zu lächeln. Er ſang Duette mit Olympia, er ſang Solos, er ſpielte ſeine Viole, die ſein Lackei gebracht hatte, er trug endlich die Koſten der Unterhaltung des ganzen Abends mit einem ſo eifrigen Beſtreben gegen Bannisre, daß dieſer ganz verwirrt war. Was Olympia betrifft, ſo gähnte ſie häufig wäh⸗ rend dieſes ganzen Abends. Häufig gab ſie auch dem Herrn vom Hauſe ihre ſchönen Hände zum Küſſen; mit einem Worte, ſie be⸗ ruhigte Banniöre, wie eine würdige, redliche Frau ih⸗ ren Geliebten zu beruhigen weiß. Sie beruhigte ihn mehr, als ſie es vielleicht hätte thun müſſen, denn es gibt gewiſſe Herzen, deren Treue immer von der Furcht oder von der Sklaverei abhängt, in der man ſie erhält. Als der Abbé drei Stunden lang geflattert und nach Herzensluſt die Saiten ſeiner Viole und die ſeiner Stimme zerriſſen hatte, ſagte er: „Madame, ich muß Sie wahrhaftig die Bekannt⸗ ſchaft eines ſehr wackern Mannes machen lafſen.“ Und er lachte. „Von wem ſprechen Sie?“ fragte Olympia. „Sie beſonders, Herr von Banniöre,“ fuhr der Abbé immer lachend ſort. „Wer iſt der Mann?“ fragte Bannisre. 190 „Sind Sie ſehr religiös, Herr von Bannisre?“ ſagte der Abbé. „Ich?“ „Ja ſehr ſerupulös?“ „Nun mäßig. Doch warum dieſe Frage?“ „Ah! der wackere Mann, von dem ich rede...“ „Derjenige, deſſen Bekanntſchaft Sie uns wollen machen laſſen?“ „Ja es iſt ein Jude,“ erwiederte der Abbé. Und er lachte fortwährend. „Oh! Abbé, was ſagen Sie da!“ rief Olympia. „Ein Inde! mein Gott! wozu nützt das?“ „Ein Jude ein wackerer Mann!“ ſagte Bannisre, mit einem etwas gezwungenen Lächeln.„Sie müſſen ſehr heilig ſein, Herr Abbé, um ein ſolches Wunder geſehen zu haben.“ „Wenn Sie wüßten, was für eine reizende Perle er heute Abend an mich verkauft hat, und wahrhaftig um nichts.“ „Ah! laſſen Sie ſehen, Herr Abbé!“ rief Olympia mit der kindiſchen Freude, welche die Frauen an Juwe⸗ len haben. „Ich habe ſie nicht mehr,“ erwiederte der Abbé. „Was haben Sie damit gemacht?“ fragte Bannisre. „Läßt ſich das vor einer Dame ſagen?“ „Eil mein Gott!“ antwortete der Abbé mit dem einfachſten Tone,„ich glaube, ich hatte ſie an einen von dieſen Sträußen gebunden, und ſie liegt nun wahrſchein⸗ lich gendwo da unten in einer Goſſe.“ Der Abbé ſagte dies mit demſelben relzenden Lächeln. „Der Herr Abbé iſt Gasconier oder Millionär,“ verſetzte Olympia. „Das Eine oder das Andere,“ erwiederte ruhig der Abbé.„Ich ſagte alſo, ich werde eines Tags meinen Juden bringen, und wenn er mit ſeiner vergoldeten Zunge nicht für zehntauſend Thaler in einer Stunde an Sie ſeh hal den ihr ner pia geg weſ dan kel, The ratl ſo 1 Thi geſa an nich The grif te?“ P len pia. idre, iſſen nder erle ftig npia we⸗ dre. dem von ein⸗ eln. är der nen nge Sie 191 zu verkaufen weiß, ſo will ich meinen Namen d'Hoirae ver⸗ lieren, Madame. Das iſt ein unvergleichlicher Mann.“ „Dieſe Perle,“ dachte Bannisre,„dieſe Perle! Es gibt alſo Menſchen, welche reich genug find, um ſo Perlen zum Fenſter hinauszuwerfen? Cleopatra trank doch wenigſtens die ihrige.“ Und er ſchaute, diesmal nicht ohne Bewunderung, die aufgeſtülpte Naſe des Abbé an. Dieſer ging gegen zehn Uhr weg. „Sie werden vielleicht finden, daß ich Sie heute ſehr frühzeitig verlaſſe,“ ſagte er zu Olympia,„aber ich habe der Catalane verſprochen, ihr Abendbrod mit den Herren dAbenas zu geben: das ſind zwei mir von ihren hohen Verwandten empfohlene Edelleute aus mei⸗ ner Heimath, die ich in die Welt ſchlendere.“ Und während er dieſe Worte ſprach, ſchaute Olym⸗ pia mit Zufriedenheit das unempfindliche Geſicht von Bannisre an, der tauſend Tropfen von ſeinem Blute gegeben hätte, wenn dieſer Schwätzer weggegangen ge⸗ weſen wäre, daß er die Perle hätte ſuchen können. Doch vor ihm hatte lelder die Coiffeuſe von Ma⸗ dame den Abbé gehört. Dieſe Coiffeuſe, das ſouveräne und deſpotiſche Ora⸗ kel, machte oft Claire unterliegen, wenn es ſich um hohe Theaterpolitik handelte; ſie wurde gewöhnlich allen Be⸗ rathungen beigezogen, und ließ man ſie dabei nicht zu, ſo machte ſie das Verſehen dadurch gut, daß ſie an den Thüren horchte. Es war alſo für ſie genug, zu hören, was der Abbé geſagt hatte; ſie wußte, daß die Straße von ſechs Uhr an verödet war. Warum ſollte ſie, wenn ſie ſuchte, nicht finden? Banniöre hatte ſie weggehen ſehen, ſo gut ſie, als Theatergenoſfin, ihren Abgang verhehlt hatte. Er be⸗ griff, während er an ſeinen Fingern nagte, daß, wie ſehr er auch mit ſeinen Wünſchen den Abgang des Abbé beſchleunigte, dieſer immer noch zu ſpät weggehen werde. 192 Was uns auf den Gedanken bringt, Bannisöre ſei zu ſpät weggegangen, iſt der Umſtand, daß an demſel⸗ ben Abend, indeß Banniöre ſich auskleidete, die Coiffeuſe Olympia einen Brief übergab, den ſie, wie ſie ſagte, auf der Straße gefunden, und der nichts Anderes war, als das Billet, das Olympia von dem Strauße hatte fliegen ſehen. Dieſen Brief, ſo ſeltſam iſt das Herz der Frauen! dieſen Brief zu leſen wäre Olympia vielleicht nicht un⸗ angenehm geweſen, hätte die Perle nicht ein wenig Alles dies verdorben. Während ſie den Brief in ihrem Cabinet las, hörte Fihi Bannidre leiſe die Thüre ſeines Zimmers öffnen. Olympia errieth, daß er dieſe Thüre öffnete, um hinab zu gehen, und daß er hinabging, um die Perle zu ſuchen. Olympia faßte eine ſchlimme Meinung von Ban⸗ nidre. „Wohin gehen Sie, mein Freund?“ fragte ſie, während ſie den Brief in ihr Nachtgewand ſieckte. „Ich?“ verſetzte Banniöre.„An keinen Ori. Ich wollte nur ein wenig ausgehen.“ „Sie wollten ſo mit bloßem Kopfe ausgehen, als Nachbar? Und warum wollten Ste ausgehen „Um Luft zu ſchöpfen.“ „Bleiben Sie doch, mein Freund,“ ſagte Olympia. „Wahrhaftig, mein Freund, ſähe Sie der Abbé heute Abend auf der Straße, er würde glauben, Sie ſuchen ſeine Perle.“ Bannisre erröthete, als hätte er durch den Mund von Olympia ſein Gewiſſen reden hören. Er kehrte in ſein Zimmer zurück, legte ſich nieder, ſchlief aher ſchlecht. Die ganze Nacht drehte er ſich in ſeinem Bette hin und her. Der arme Banniöre träumte von Perlen und Diamanten. ver vor viell hell liebe groß gege bilde Ja, baksv als pia. eute chen und e in cht. hin und 193 Am andern Tage aber ſuchte Banniere den Abbs auf der Promenade auf, wo man ihn jeden Tag traf. Nach den unerläßlichen Umarmungen und einigen Verirrungen der Füße des Abbé auf die von Bannisre, fragte dieſer: „Waren Sie vorhin nicht mit Ihrem Juden?“ „Nein.“ „Gut! es ſchien mir„ „Ich war mit dem ſardiniſchen Geſandten.“ „Ah! ich bitte um Verzeihung, nur ich kann ſolche Mißgriffe machen. Einen Geſandten mit einem Juden verwechſeln!“ „Sie brauchen ihn vielleicht.“ „Den fardiniſchen Geſandten?“ „Nein, meinen Juden.“ „Nun! ich geſtehe es, da es nicht möglich iſt, etwas vor Ihnen zu verbergen,“ erwiederte Banniöre. „Ja, es iſt wahr, trotz meiner Kurzſichtigkeit, oder vielleicht wegen meiner Kurzſichtigkeit, bin ich ſehr hellſehend. Wollen Sie zufällig die Adreffe dieſes Juden, lieber Herr Banniöre2“ „Wenn es Ihnen beliebte, würden Sie mir ein großes Vergnügen machen.“ „Jacob, Rue des Minimes, der goldenen Weide gegenüber.“ „Die goldene Weide?“ „Ja, ein großer Baum von vergoldetem Holze, er bildet einen Vorſprung am Laden eines. Kunſtdrechslers. a, ich erinnere mich der Billardkugeln und der Ta⸗ baksdoſen.“ „Ich danke.“ „Sie wollen etwas für Frau von Bannisre kaufen 2“ „Ja, doch ſtille.“ „Bei Gott!“ ſagte der Abbé. Dann, da ihm plötzlich ein Gedanke kam, fragte er: „Haben Sie eine Sänfte?“ Slympia von Cleves. I. 13 194 „Nein, ich werde eine auf dem Platze nehmen.“ „Nehmen Sie doch die meinige.“ „Oh! Herr Abbé 4 „Nehmen Sie doch, mein Lieber. Holla! meine Träger!“ Bannidre ließ ſich in die ſchöne Säufte des Abbé ſchieben, der den Lackeien einen Wink gab. Sobald der Mann eingepackt war, lief der Abbé ſpornſtreichs zur Frau, welche im Theater Probe hatte. Als er ſich aber um die Straßenecke wandte, fühlte er einen ſo heftigen Stoß, daß er einen Schrei des Schmerzes von ſich gab. Dann, da er den Mann erkannte, an dem er ſich geſtoßen, gab der Abbs einen Schrei des Erſtaunens von ſich. „Jacob! Ah! Schlingel, kannſt Du nicht vor Dich ſchauen?“ „Verzeihen Sie, Herr Abbé, ich war ſelbſt ſehr in Gedanken; ich drehte mich um eine Straßenecke und hatte nicht die Ehre, Sie zu ſehen.“ „Wie! Du hatteſt nicht die Ehre, mich zu ſehen?“ „Nein, Herr Abbé.“ „Aber Du weißt wohl, daß ich das Monopol der Blindheit habe, Burſche?“ „Der Herr Abbé wird mich entſchuldigen, ich wollte nicht mit ihm wetteifern, aber dieſer Kaſten beugte mich nieder.“ „Was iſt in dieſem Kaſten? gewiß Silberzeug?“ „Ja, Herr Abbé, Silberzeug.“ „Das Du verkaufen willſt?“ „Nein, im Gegentheil, das ich ſo eben gekauft habe.“ „Gehe raſch nach Hauſe, Unglücklicher! Ich habe Dir einen Kunden geſchickt! Haite ihn ſo lange als möglich auf. Es iſt ein mir befreundeter Edelmann, der Dir ſo viel, als dieſer Kaſten werth iſt, abkaufen wird. Laß ſehen, der Kaſten iſt hübſch, wie mir ſcheins“ „ei Lie hal Ka von Jud Abb iſt genu geſch Piſto biſt n . macht 7 neine Abbé Abbé atte. ühlte des ſich mens Dich hr in und en?“ der ollte mich ug?“ kauft habe e als rann, ufen in“ 195 „Ich glaube wohl, ſchauen Sie ihn an man den Namenszug ändern würde, für Sie, Herr Abbé“ Und er hob den Kaſten bis zur Höhe der Augen des Abbé empor. „Was für ein Namenszug iſt es 2“ fragte der Abbé; „ein O und ein C.“ „Oh! ohne Zweifel der Namenszug irgend eines Liebhabers, der den Kaſten der Schauſpielerin geſchenkt haben wird.“ „Der Schauſpielerin, ſagſt Du? Du haſt den Kaſten alſo einer Schauſpielerin abgekauft2“ „Ja, Herr Abbé, Frau von Banniöre.“ „Oh! Jacob, was ſagſt Du mir da? Wie! Frau von Banniöre verkauft ihr Silberzeug?“ „Wie Sie ſehen, Herr Abbé.“ Der Abbé nahm den Kaſten aus den Händen des Juden und ließ ihn beinahe fallen, ſo ſchwer war er. „Wie theuer haſt Du das gekauft?“ fragte der Abbs.„Sprich, aber lüge nicht.“ „Um zweihundert Piſtolen, Herr Abbé.“ „Elender! Du haſt um die Hälfte betrogen. Es iſt für vierhundert Piſtolen Silberzeug in dieſem Kaſten. Laß ihn zu mir tragen.“ „Sie kaufen ihn?“ „Um dreihundert Piſtolen.“ „Dreihundert Piſtolen, Herr Abbé, das iſt nicht genug; Sie haben den Kaſten ſelbſt zu vierhundert geſchätzt.“ „Unverſchämter Schurke! ich gebe Dir hundert Piſtolen Nutzen von einer Hand in die andere, und Du biſt nicht zufrieden?“ „Oh! die Zeiten ſind ſo ſchlecht.“ „Wohlan! trage den Kaſten zu mir.“ „Ich gehe, Herr Abbé,“ ſagte der Inde; und er machte eine Bewegung, um ſich zu entfernen. „Warte noch.“ wenn wäre das etwas 196 „Ich warte, Herr Abbs;“ und der Jude blieb ehen. „Sage mir, wie Du die Bekanntſchaft dieſer Dame gemacht haſt?“ „Durch ihre Coiffeuſe.“ „Ah! es iſt eine Coiffeuſe da! ich habe ſie noch nicht geſehen; es iſt wahr, ich ſehe nichts. Halte meinen Freund recht lange auf. Vorwärts!“ rief der Abbé. Und er ging nach dem Theater und ſagte:„Jude, Coiffeuſe, Gatte, Silberzeug verkauft, Juwelen gekauftz Alles dies geht wie auf Rädchen.“ XXII. Der Ring von Herrn von Mailly. Bannidre hatte nichts bei dem Juden Jacob zu kaufen; aber er hatte viel zu verkaufen. Er verkaufte alle Juwelen, die ihm Olympia ge⸗ ſchenkt, und ſelbſt die, welche er Olympia geſchenkt hatte. Er verkaufte für fünfhundert Louis d'or, die er in ſeine Taſche ſteckte. Er hatte ein Spiel, ein ſicheres Spiel, eine unfehl⸗ bare Martingale gefunden; doch um ſie vortheilhaft zu unterſtützen, hätte er müſſen über achthundert Louis d'or verfügen können, und Bannire beſaß nur fünfhundert. Mit achthundert Louis d'or wäre er zwei Millionen zu gewinnen verſichert geweſen. Auf zwölftauſend Livres beſchränkt, ſeufzte Ban⸗ nidre bei dem Gedanken, er werde für ſeine theure O ta wi Lir ohr füt tau kau Hů wa er auf Ol aus hüb Bat der! Pla unte tech er z nière Louie Frau die C point wenn lieb ame ſie ate der de, uft; fen; ge⸗ atte. er in fehl⸗ ft zu d'or dert. onen Ban⸗ eure 197 Olympia nur eine elende Summe von eilfmalhundert⸗ tauſend Livres gewinnen. Das war wenig, doch bei einiger Sparſamkeit würden, ſo wenig es war, dieſe eilfmalhunderttauſend Livres die Haushaltung ohne Abbé, ohne Coiffeuſe und ohne Genoſſen beim Theater fünf bis zehn Jahre fort⸗ führen laſſen. Bannisre ſagte ſich, im Ganzen ſeien eilfmalhundert⸗ tauſend Livres ein ſchöner Pfennig, in Gold würde das kaum in zehn Abbéhüten, welche die größten von allen Hüten ſind, Raum haben. Hätte er dieſes Gold gewonnen, was das Geringſte war, da ſeine Berechnung nicht fehlen konnte, ſo würde er es einem ſtarken Commiſſionär, zur Noth zweien, auf den Rücken laden, die Säcke in das Zimmer von Olympia tragen laſſen, ſie während ihrer Abweſenheit ausleeren, den Teppich damit beſtreuen und ſie ihre hübſchen nackten Füße bis an die Knöchel in dieſes kalte Bad mit den röthlichgelben Wellen tauchen machen. Es war an dieſem Abend zahlreiche Geſellſchaft in der Academie; Bannidre ſetzte ſich zerſtreut an den erſten Platz, den er fand; ſein Sack mit den Louis d'or war unter ſeiner Hand. Er nahm eine Karte und fing an ſein Spiel zu ſtechen. Als alle ſeine Berechnungen gemacht waren, begann er zu ſpielen. Die Berechnungen waren gut, wie es ſcheint; Ban⸗ nière gewann. In dem Augenblick, wo er ungefähr zwanzig Louis d'or an ſich zog, erregte der freudige Ausruf einer Frau ſeine Aufmerkfamkeit. Er ſchaute und erkannte die Catalane, welche ihm gegenüber und gegen ihn pointirte. Dieſe Frau lachte, wenn ſie gewann, ſie lachte, wenn ſie verlor, ſie lachte immer. ——— 198 Das war gerade wie der Abbé: nur lachte ſie lau⸗ ter als er. Bannidre gewann immer, die Catalane pointirte immer. Bannidre gewann ſchon eine Summe von fünf⸗ hundert Louis d'or. Die Catalane hatte Alles bis auf ihren letzten Louis d'or verloren. Sie borgte zehn Louisd'or von ihrem Nachbar, ge⸗ rade wie es die Zerſtreuung thut, und fuhr fort, ihre zehn Louis d'or mit derſelben Heiterkeit zu verlieren. Dann zehn andere Louis d'or, die ſie auch verlor, während Bannidre immer gewann. Unwillig, wechſelte ſie den Platz und legte ihre beiden fleiſchigen Hände auf die Schultern von Ban⸗ niere, ohne daß dieſer nur auf ſie merkte. Sie reizte ihn, ſie neckte ihn, ſie küßte ihn. Aber Bannidre war kalt wie die gelben Stücke, die der Banquier traurig mit ſeinem Rechen gegen ihn ſchob. Es kam ein Coup, auf den Bannisre rechnete, um dreihundert Louis d'or zu gewinnen. Er zählte darauf, daß Schwarz herauskomme, und ſpielte auf Schwarz. Roth kam heraus. Die Catalane ſchlug ein Gelächter auf. Bannibre ſchaute ſie von der Seite an und ſagte: „Sie ſtören mich, meine Liebe; ich bitte, nehmen Sie ſich in Acht.“ Den folgenden Coup verlor er auch. Das waren ſechshundert Louls d'or auf zweimal. Er verdoppelte und verlor auf einen Coup, den er für unfehlbar hielt. Dann ſchüttelte er ſeine Schultern, um die Hände der Catalane zu vertreiben, und ſagte: „Zum Teufel! Sie bringen mir Ihr Unglück.“ beleidigte ſchone Mädchen wich einen Schritt zurück. erh ſie and blei ein eine ſicht und zuri rückg ſchaf aufn dere gew ſchre kenbi erwie len, Nicht zwiſc hinau „ lau⸗ tirte inf⸗ bis ge⸗ ihre lor, ihre an⸗ icke, gen um und te: nen eer nde ritt 199 Banniöre verlor noch zweimal. Das war ein un⸗ erhörtes Mißgeſchick. Es blieben ihm noch hundert Louis d'or: er wagte ſie auf einen einzigen Coup und verlor ſie, wie die anderen. „Leihen Sie mir einen Louis dor,“ ſagte er ſehr bleich zu der Schauſpielerin. „Einen Louis d'or 2“ erwiederte dieſe;„wenn ich noch einen hätte, ſo würde ich ſelbſt darum ſpielen. Seit einer halben Stunde habe ich keinen Sou mehr.“ Banniöre ſtand, die Stirne leichenbleich, das Ge⸗ ſicht in Schweiß gebadet, mit verwirrtem Kopfe auf und verließ den Saal, um zu athmen. Sein Kopf war brennend. Er kehrte zu Olympia zurück, die ihn an ihrem Fenſter erwartete. Nach der Art, wie Banniöre die Catalane zu⸗ rückgeſtoßen, hätte man glauben ſollen, er ſei leiden⸗ ſchaftlich in Olympia verliebt. Nach der Art, wie er die Fragen von Olympia aufnahm, hätte man geglaubt, er ſei in eine ganz an⸗ dere Frau verliebt. Als ſie dies ſah, fragte ihn Olympia mit ihrer gewöhnlichen Freundlichkeit: „Sollten Sie Durſt haben, mein Lieber?“ „Durſt! und warum dies?“ verſetzte Bannisre ſchreiend wie ein Wüthender.„Bin ich denn ein Trun⸗ kenbold?“ „Die Spieler ſind gewöhnlich keine Trunkenbolde,“ erwieberte Olympia;„doch ſie ſpielen, und indem ſie ſpie⸗ len, bekommen ſie Durſt, beſonders wenn ſie verlieren. Nicht wahr. Sie haben verloren?“ Banniöre ſank auf einen Stuhl, nahm ſeinen Kopf zwiſchen ſeine beiden Hände und rief: „Oh! Sie wiſſen es wohl.“ Olympia winkte Mlle. Claire, und dieſe ging hinaus. Die Coiffeuſe aber, welche ſich im Ankleibecabinet 200 befand, verhielt ſich ruhig, wodurch ihre Gebieterin ver⸗ gaß, daß ſie da war. Nach den Worten, welche die zwei Liebenden mit einander geſprochen hatten, trat ein Stillſchweigen ein. Dieſes Stillſchweigen laſtete auf Bannisre, und dennoch wagte er nicht, es zu brechen. Er ſchlug einen Mittelweg ein, ſtand auf und ging im Zimmer auf und ab. „Wie viel haben Sie verloren?“ fragte ihn Olym⸗ pia mit Ruhe. „Sechzigtauſend Livres!“ erwiederte in Verzweif⸗ lung Bannière, der dem Einſatze die gewonnene Summe beifügte und ſo aus Allem einen einzigen Verluſt machte. „Ho! ho!“ rief Olympia;„woher haben Sie denn ſechzigtauſend Livres genommen? und wenn Sie ſo viel hatten, ſo frage ich Sie, warum Sie damit ſpielten? Sechzigtauſend Livres, das iſt ſo ſchön! Ich fühle die ganze Bedeutung dieſer Summe, ich, die ich in den Ta⸗ gen meines größten Glückes nicht die Hälfte davon hatte.“ „Gut,“ rief Banniöre, raſch den Vorwand aufgrei⸗ fend,„ſagen Sie mir harte Dinge, werfen Sie mir vor, ich habe Sie zu Grunde gerichtet.“ „Ich thue das nicht, mein Freund, doch wenn ich es thäte, hätte ich vielleicht nicht ſo ſehr Unrecht, beſon⸗ ders wenn dieſer Vorwurf Sie beſſern könnte.“ „Ei! Madame,“ erwiederte Bannidre, weinend vor Wuth,„wenn Sie zu unglücklich ſind, wird Sie der Herr Abbé d'Hpirac tröſten; wenn Sie ſich zu arm fin⸗ den, wird Sie der Herr Abbs d»Hoirac bereichern.“ Olympia ließ den kleinen trockenen Huſten hören, der bei den nervöſen Leuten gewöhnlich das Symptom einer heftigen, durch den Willen allein bewältigten Ge⸗ reiztheit iſt. „Warum der Herr Abbé d'Hoirac?“ fragte ſie. „Weil er abermals heute Abend hier geweſen iſt.“ „Woran ſehen Sie dies?“ vor der in⸗ ren, tom Ge⸗ 201 „Ich ſehe es nicht, ich rieche es an den Parfums, welche die Luft verpeſten,“ erwiederte Banniére. Und er öffnete eine Thüre und ein Fenſter. „Es iſt ſonderbar, daß Sie fich an den armen Abbé d'Hoirac halten, weil Sie ſechzigtauſend Livres verloren haben,“ ſagte Olympia lachend.„Und dann Sie erklären mir nicht, woher Sie ſo viel Geld genommen haben können.“ „Madame,“ rief Bannisre,„wenn je der Abbs wieder einen Fuß hierher ſetzt... „Ich glaube, Sie drohen!“ rief Olympia mit einer Majeſtät, welche Bannisre erſchreckte. Und ſie ſtand auf und fügte bei: „Mein Freund, Sie wiſſen nicht, was Sie reden! der Verluſt hat Ihr Gehirn ganz und gar in Verwir⸗ rung gebracht.“. „Madame!“ „Haben Sie noch etwas zum Spielen?“ „Oh!“ murmelte er,„ſie glaubt, es ſei das Spiel! ſie ſieht nicht ein, daß ich eiferſüchtig bin!“ Olympia hatte nicht gehört. „Ich begreife,“ ſagte ſie,„Sie müſſen etwas zum Spielen oder zum Brechen haben. Soll ich Sie mein Herz brechen laſſen? Nein, Banniöre, ich will lieber meine letzte Perle, als meine letzte Illuſion verlieren. Ich würde Ihnen mein Silberzeug anbieten, doch ich habe es heute verkauft, um ein Semeſter unſerer Miethe zu bezahlen.“ „Nun! und dann?“ fragte Bannisre. „Dann bleibt mir der Ring von Herrn von Mailly. Es iſt das letzte Andenken von einem Manne, der mich viel geliebt, zuweilen angebetet, nie beleidigt hat. Ich habe mich geweigert, Ihnen dieſen Ring zu geben, doch heute biete ich Ihnen denſelben an. Nehmen Sie ihn doch und gewähren Sie mir dagegen die Ruhe.“ Wegen dieſes Ringes hatte, wie man ſich erinnert, 202 der erſte Eiferſuchtsſtreit zwiſchen den zwei Liebenden ſtattgehabt. „Nein!“ rief Banniore, die junge Frau zurückhal⸗ tend, welche aufſtand, um das Anerbieten auszuführen, das ſie ihm gemacht hatte;„nein!“ „Doch! doch!“ erwiederte die junge Frau. „Nein! liebe Olympla, nein!“ rief Bannidre, in⸗ dem er ſich an ſie anhing;„nein! ich beſchwöre Sie, nein! holen Sie dieſen Ring nicht.“ „Warum nicht?“ erwiederte Olympia beharrlich; „er iſt hundert Louis d'or werth; Sie werden damit ſpie⸗ len, Sie werden ſie verlieren, und es wird Ihnen die Befriedigung zu Theil werden, zwei und ſechzigtauſend vierhundert Libres wie ein vornehmer Mann verloren zu haben.“ Und während ſie dieſe Worte ſprach, machte ſie ſich von Bannidre los, ging an ihr Schmuckkäſtchen, trotz ſeiner dringenden Bitten, trotz ſeiner Anſtrengungen, um ſie zurückzuhalten, und ſeiner abgebrochenen Worte, die ſie nicht hören wollte. Olympia hatte Willen und Stärke; ſie ſtieß den jungen Mann zum zweiten Male zurück und öffnete ihr Käſichen. Bannière gab einen halb erſtickten Schrei von ſich. Ohne ſich mehr um dieſen Schrei zu bekümmern, als ſie ſich um das Uebrige bekümmert hatte, drückte Olympia auf die Feder, welche den doppelten Boden ſchloß, und der verborgene Winkel öffnete ſich. Er war leer. Ihre Beftürzung, ihre Bläſſe, der ſeltſame Blitz, der aus ihren Augen hervorſprang und ſich verwandelte, um von der Wuth zur Verachtung übergehend zu Ban⸗ nière zu gelangen, das ſind von jenen Ruancen, welche der Maler, der Dichter nicht wiederzugeben vermögen. Olympia ließ den Deckel des Käſtchens, und auf den Deckel des Käſichens ihre Hand zurückfallen. Si fen hal Um Go Kri pia fäh zu kla eine ſein Sie wor Ich mei Sti Gol aus ſchö Hau mei Sät ſchle 203 Dann entwaffnete ſich allmälig ihr Blick: es wat etwas in ihr geſtorben. Banniöre ſtürzte vor ihr nieder, umfaßte ihre Kniee und rief weinend: „Verzeihung, Olympia, Verzeihung! ich habe den Ring genommen, wie ich Ihre übrigen Juwelen, wie ich die meinigen genommen habe; ich liebte dieſen Ring nicht, er machte mir das Leben unerträglich, denn die Eiferfucht iſt noch unerträglicher, als die Armuth.“ Olympia erwiederte nichts; ſie wandte ſich ab und hielt, wie Dido, fortwährend ihre Augen auf den Boden geheftet. „Oh! Mitleid!“ ſagte der Unglückliche.„Glauben Sle, ich habe den Ring genommen, um ihn zu verkau⸗ fen und mich mit dem Ertrage zu beluſtigen? Nein, ich habe ihn verkauft, um zu ſpielen. Warum ſpielte ich? Um zu gewinnen gewinnen, um Olympia, meine Gottheit, mein Leben zu bereichern! Ich wollte eine Krone gewinnen, um Sie zur Königin zu machen, Olym⸗ pia. Ich glaubte, ich werde gewinnen, weil mir nichts fähig ſcheint, meiner Liebe und dem Willen dieſer Liebe zu widerſtehen, nicht einmal das Verhängniß. Oh! be⸗ klagen Sie mich! das Schickſal iſt eine Bildſäule mit einem ehernen Piedeſtal, an dem die tollen Hoffnungen ſeiner Anbeter anſtoßen und zurückſpringen. O! wenn Sie wüßten! Ich hatte ſchon ſechzigtauſend Livres ge⸗ wonnen! Ich hätte fünfmal hunderttauſend gewonnen! Ich hätte eine Million in vier Stunden gewonnen! Oh! mein theures Leben, wenn Sie vorhin, vor kaum einer Stunde geſehen hätten! ich hielt vor mir einen Haufen Gold, und das Glück begann, und ich war im Begriff, aus dieſem Haufen einen Berg zu machen: es war ſo ſchön, als dies immer größer wurde! Plötzlich zog ein Hauch zwiſchen mir und der Feenwelt durch, in der ich mein Glück erſchaute. Das Portal mit den goldenen Säulen verſchwand, die Grotte mit den Schätzen ver⸗ ſchleierte ſich; ich verlor die Spur des Genius, der mich 204 führte; ich vermochte nicht mehr in meinem Geſchicke zu leſen; Alles verſinſterte ſich, erloſch, wie wenn der Vor⸗ hang nach einer heißen, glühenden Vorſtellung fällt. Da verſank ich in die kalten, ſchauernden Bangigkeiten des gemeinen Menſchen, des Menſchen, der Furcht hat und zweifelt. All mein Gold zerfloß Flocken um Flocken, wie eine Wolke, die ſich am Himmel zerreißt, wie ein Schnee, der in ber lauen Aprilſonne zerſchmilzt. Und bei jedem Stücke, das mich verließ, fühlte ich eine Hoff⸗ nung, eine Freude, eine Wonne mich verlaſſen. Als Alles verloren war, begriff ich zum erſten Mal mein Elend; denn was ich in Wirklichkeit verloren hatte, war weder das Gold, noch die Hoffnung, noch die Freude, noch das Glück; was ich verloren hatte, das waren Sie, Olympia! Sie! ja, Sie! denn ich ſehe wohl, daß ich Sie verloren habe!“ Beim Anblick dieſes Schmerzes, der gerade in ſeiner Eraltation eine ſo tiefe Beredtſamkeit ſchöpfte, beim Anblick dieſer Verzweiflung, die ſich zu ihren Füßen krümmte, richtete Olympia den Kopf wieder auf und ließ ihr Herz ſich mit einem edlen Vergeſſen füllen. Sie hatte ſich überzeugt, daß der Menſch, der dieſe ſchlimme Handlung begangen, nur der Liebe ſchuldig war. Immer großmüthig, immer unfähig zu kleinlichen Berechnungen, nahm Olympia die beiden Hände von Bannisre, drückte ſie an ihr Herz und küßte ihn innig. Bei dieſer Kundgebung einer Rückkehr zur Zärtlich⸗ keit, ſtieß die Coiffeuſe mit Heftigkeit die Thüre des Cabinets auf und kam heraus, ohne ihre üble Laune zu verbergen, auf welche indeſſen die heiden jungen Leute durchaus nicht Acht gaben, denn ſie hatten wieder ein freundliches, ſüßes Blatt in dem düſteren Buche ihrer Liebe gefunden. zu or⸗ illt. iten hat ken, ein Ind Als ein var de, ren aß ner im en nd ſe r. en on g. es zu te in er 205 XXIII. Das Platt verſchwindet. Doch Alles nutzt ſich ab, ſelbſt das Gute, das durch das Boͤſe hervorgebracht wird. Ehe vierzehn Tage ver⸗ gingen, bemerkte Olympia, daß ihr Geliebter ſie mehr als je liebte: aber ſie bemerkte auch, daß Bannisre mehr Spieler war, als er es je geweſen. Bannidre war, um uns einer ganz modernen Phraſe zu bedienen, die wir anwenden, weil ſie unſern Gedan⸗ ken vortrefflich ausdrückt, Bannidre war unmöglich ge⸗ worden. Kein Theater mehr, keine Converſativn mehr. Ban⸗ niore träumte oder ſeufzte, wenn er nicht ſpielte, oder wenn er nicht, um Verzeihung für einen neuen Fehler zu erhalten, mit gefalteten Händen um Liebe bat. Und während er ſich ſo ſelbſt zu Grunde richtete, warf der Abbé, mit dem Bewußtſein des Uebergewichts ſeiner Stellung, jeden Tag einen Stein in den Garten der ſchoͤnen Chimären ſeines Nebenbuhlers. Olympia fand eines Abends ihr Siberzeug an ſei⸗ nem gewöhnlichen Platze. Sie konnte ſich eines Freudenſchreis nicht erwehren; ſeit drei Tagen wußte ſie nicht, wie ſie ſich in ihrer Philoſophie wenden und drehen ſollte, um ſich an dieſe Entbehrung zu gewöhnen. Sie rief Clatre, um zu erfahren, wer dieſes Sil⸗ berzeug während ihres Schlafs oder während ihrer Ab⸗ weſenheit zurückgebracht habe. Claire wußte nicht, was man ſagen wollte. Sie rief die Coiffeuſe. 206 Die Coiffeuſe behauptete, der Kaſten mit dem Sil⸗ berzeug ſei nie vom Buffet gekommen. „Ich habe aber dieſes Silberzeug verkauft, an den Juden Jacob verkauft,“ entgegnete Olympia. „Das iſt unmöglich, Madame, da es ſich an dem⸗ ſelben Platze findet, wohin es Madame zu ſtellen pflegte,“ erwiederte die Coiffeuſe;„Madame hat es nicht verkauft.“ „Jacob,“ ſagte ganz leiſe Bannisre,„derjenige, an welchen ich die Juwelen und den Ring verkauft habe, der gewöhnliche Handelsmann des Herrn Abbé d'Hoirac?“ Ein Schauer und ein Verdacht liefen mit einander über das Herz von Bannisre, doch er hielt ſeine Ein⸗ bildungskraft, welche umherzuſchweifen bereit war, zu⸗ rück, da er ſich nicht der ganzen Bitterkeit ſeiner Ver⸗ muthungen hingeben wollte. „Olympia hatte einiges Geld verborgen, mit dem ſie das Silberzeug wiedererfauft haben wird,“ dachte er.„Wer ſagt ſogar, daß ſie es verkauſt hat? Kann ſie mir nicht mit dieſem Opfer bange gemacht haben? Es liegt im Charakter der Frauen, ſich beklagen zu laſſen.“ Und dieſes Sophisma genügte, nicht um den Arg⸗ Se von Banniöre einzuſchläfern, doch um ihn zu be⸗ täuben. Dieſen Abend kam der Abbé, wie gewöhnlich, um ſeine Partie Triktrak und ſeine Partie am Muſifpulte zu machen. Der Abbé wurde von Herrn und Madame Banniöre ſehr gut aufgenommen. Es war ein herrlicher Mann, der immer einen friſchen Gedanken hatte, dieſer Abbé d'Hoirac. Unfähig, bei etwas ſtehen zu bleiben, ohne einen großen natür⸗ lichen Geiſt zu haben, fand er durch beſtändiges Suchen dieſen Geiſt, den er nicht hatte. Er beſaß überdies reizende Mittel für Alles; war ihm eine Promenade als Thema gegeben, ſo fand er ſteh Lou Gen „ich den neut Abbe il⸗ en m⸗ len cht an be, 2“ er n⸗ u⸗ m te 207 Haltpunkte, um Erfriſchungen dahin bringen zu laſſenz er fand Spiele, Tänzerinnen, Bärenführer, Schaukeln, Wahrſager. Er wußte, wie man einen Fiſch in allen Ländern der Erde zurichtet; er hatte achtzehn Mittel, um die Eier ſieden zu machen; er roch auf eine Meile den guten Wein und das gute Lager; er gab eine Blume nicht, wie ein Anderer ſie gegeben hätte; er würzte ſie immer mit irgend einem Geſchenke, das die Blume koſt⸗ har machte; er würde, hätte er zur Zeit von Auguſtus gelebt, die Strauß⸗Etuis erfunden haben, welche die rö⸗ miſchen Damen als Scheide den Blumen gaben, die Lucullus aus Aſien zurückgebracht hatte, und deren milchartiger, ätzender Saſt die patriziſchen Hände gelb machte. Nie trat der Abbé in eine Geſellſchaft, welche es auch war, ein, ohne eine Neuigkeit zu bringen oder einen Vergnügensplan zu entwickeln. An dieſem Abend gewann er Olympia einen Louis d'or ab, und er ſagte zu ihr: „Das macht uur noch hundert und neun und neun⸗ zig Louis d'or, Madame Banniöre.“ „Was wollen Ste damit ſagen?“ fragte O'ympia. „Ja, Herr Abbé,“ verſetzte Bannière,„was ver⸗ ſtehen Sie unter dieſen hundert und neun und neunzig Louis d'or?“ „Ich will damit ſagen,“ erwiederte der Abbé, ſeiner Gewohnheit gemäß auf die Füße von Banniore tretend, „ich werde Ihnen am Montag, wenn Sie den Louis d'or, den Sie ſo eben verloren, behalten, hundert und neun und neunzig weitere Louis d'or zu bringen haben.“ „Wie beliebt?“ fragte Olympia erröthend. „Wie beliebt?“ fragte Banniore erbleichend. es iſt wahr, Sie wiſſen nicht!“ ſagte der „Was?“ fragten gleichzeitig die zwei jungen Leute. „Sie wiſſen nicht, vaß ich eine Benefire⸗Vorſtellung 208 auf nächſten Sonntag veranſtaltet habe,“ fuhr der Abbé ruhig fort. „Wie ſo?“ rief Olynipia ganz erſtaunt. „Ah! hören Sie. Baron kommt in dieſer Woche nach Chalons. Ich habe ihm durch meinen Intendanten ſchreiben laſſen, um ihn zu bitten, bis nach Lyon zu reiſen und zu Ihrem Benefice zu ſpielen.“ „Nun?“ fragte Olympia. „Nun! er hat geantwortet, er werde ſehr gern mit Ihnen und für Sie ſpielen, Madame.“ „Dies Alles ſagt mir aber nicht, wie Sie mir Montag gerade zweihundert Louis d'or ſchuldig ſein werden.“ „Warten Sie doch.“ Das Geſicht von Banniore erheiterte ſich wieder, das von Olympia blieb allein ſorglich. „Sobald ich die Antwort von Baron gehabt habe, habe ich eine Speeulation gemacht,“ fuhr der Abbé fort. „Eine Speculation! Sie!“ rief Olympia;„ohl Sie ſehen mir gerade aus wie ein Speculant!“ „Es iſt aber, wie ich Ihnen zu ſagen die Ehre habe, Madame.“ Olympia ſchüttelte den Kopf, doch der Abbs, wel⸗ cher kurzſichtig war, gewahrte die Bewegung nicht. Er fuhr fort; „Urtheilen Sie, ob ich richtig vorhergeſehen habe. Ich fing damit an, daß ich den ganzen Saal miethete, und zwar um einen ſehr niedrigen Preis, denn man wußte nicht, was ich damit machen wollte. Beim erſten Wort, das ich in der Geſellſchaft in Betreff dieſer außerordentlichen Vorſtellung ſagte, hat man von mir dreimal ſo viel Logen und Plätze verlangt, als der Saal enthält. Ich habe die Preiſe verdreifacht,— nichts Anderes. Das find vierhundert Louis d'or, welche die Vorſtellung eintragen wird. Da ich den erſten Ge⸗ danken dieſes Beneſice gehabt habe, ſo werde ich es mit Ihnen theilen. Das iſt arabiſch, das iſt türkiſch, das die liel Co in nid die Glü ſic bin als Qu mit aus, die„ dem, nach Oly lbbs oche nten zu mit mir ſein der, abe, ort. oh 1 hre vel⸗ abe. ete, nan ſten eſer mir der lche Ge⸗ mit das 209 iſt mohriſch, das iſt genueſiſch, das iſt jüdiſch, ich weiß dies Alles wohl; aber hören Sie doch, derjenige, wel⸗ cher die Idee findet, verdient auch wohl Etwas. Ich ſchätze nun dieſes Etwas zur Hälfte, und da die Idee vierhundert Louis d'or werth iſt, ſo werden zweihundert Louis d'or für mich und zweihundert für Sie ſein.“ Olympia bewunderte und überlegte. Banniore hörte nur das, was man ihm ſagte. Er klatſchte in die Hände und umarmte den Abbs. „Ich wette,“ ſagte dieſer, während er ihm abermals die Füße zerquetſchte,„ich wette.. verzeihen Sie, lieber Herr Bannidre.. Madame Banniöre verbunkelt Baron, und Baron wird machen, daß man ſie bei der Comédie⸗Frangaiſe engagirt, ſo daß wir Alle Millionen in der Hauptſtadt gewinnen werden.“ „Oh! Schmeichler!“ rief Olympia. „Sprechen Sie, habe ich nicht Recht, Herr Banniöre?“ „Hundertmal Recht, Herr Abbs!“ erwiederte Ban⸗ niore mit Begeiſterung. Denn er ſah in den zweihundert Louis d'or, welche die Vorſtellung eintragen ſollte, ein Vierteljahr des Glücks mit Olympia. „So lange ſie nichts wünſcht,“ ſagte Banniöre zu ſich ſelbſt,„oder ſo lange ſie haben kann, was ſie wünſcht, bin ich ſicher, daß ſie mich eben ſo ſehr und ſogar mehr als einen Andern lieben wird.“ Ach! der arme Bannisre hatte das Ende ſeiner Qualen noch nicht erreicht. Von dieſem Augenblick an beſchäftigte ſich der Abbé mit der Vorſtellung wie der Director einer Truppe. Er componirte das Schauſpiel, theilte die Rollen aus, ließ die Schneider und die Sticker arbeiten, ordnete die Inſcenirung und fehlte bei keiner Probe. Nie hatte ein König einen Leibwachmann ähnllch dem, welchen Olympia bis zu dieſem ſeligen Sonntag nach ſich ſchleppte. Olympia von Clsves, 1, 14 210 Mit Hülfe dieſes Leibwachmannes, der zu gleicher Zeit ein mit ſeinem Stabe bewaffneter Genius zu ſein ſchien, hatte ſie nicht einmal einen Wunſch auszuſpre⸗ chen, oder wenn ſie einen ausſprach, war er auf der Stelle erfüllt. Eine Folge hievon war, daß Bannisre als er den Abbé ſo eifrig um Olympia bemüht ſah, wieder eifer⸗ ſüchtig wurde. Er erlaubte ſich verſchiedene Kritiken über die In⸗ ſcenirung und den Geſchmack des Abbé. Doch der Abbé hatte einen äußerſt gut gearteten Geiſt; er nahm ohne irgend einen Aerger die boshaften Bemerkungen von Banniöre auf. Er gab ſich den Anſchein, als hörte er gar nicht diejenigen, welche die offenbare Abſicht hatten, unange⸗ nehm zu ſein. „Wie glücklich ſind Sie, daß Sie gute Augen haben, mein lieber Herr Bannidre,“ ſagte der Abbé.„Von meinem ſchlechten Geſichte rührt die Hälfte der Dumm⸗ heiten her, die ich mache.“ Der Tag der Vorſtellung kam endlich. An dieſem Tage machte ſich der Abbs zum Anführer der Claqueurs. Der Abbs war offenbar ein Mann, der zu Allem taugte. Wie Bannisre, hatte er ſeinen Beruf verfehlt, und dennoch ſtanden ſein ſchwarzer Rock, ſein Mäntel⸗ chen und ſein Ueberſchlag ſo gut zu ſeinen weißen, flei⸗ ſchigen Händen, zu ſeiner aufgeſtülpten Naſe, zu ſeinen Wangen, die ſo friſch wie die einer Blutpfirſich, daß es Schade geweſen wäre, ihn in einer andern Tracht, als der ſeinigen, zu ſehen. Er machte ſich alſo zum Anführer der Claqueurs und leitete den Enthuſiasmus ſo, daß Baron zufrieden, Olympia aber entzückt war. Die Blumen, die Kränze, die Freunde zum wüthen⸗ den Klatſchen mit den Händen und Stampfen mit den Füßen beſchäftigten ihn viel mehr, als die Einnahme. beſor welch ſeine eicher ſein ſpre⸗ f der den eifer⸗ In⸗ teten aften nicht nge⸗ aben, Von mm⸗ ihrer lUlem ehlt, ntel⸗ flei⸗ einen daß acht, eurs eden, hen⸗ den e 2¹¹ Aber Bannisre bekümmerte ſich um bieſen Punkt, der, nur Nebenſache für den Abbé, dies für ihn nicht war. Vor Allem erhob er von dieſer Einnahme zwan⸗ zig Louis d'or, die er in ſeine Taſche ſteckte, um in die Academie zu laufen und ein wenig ſeine Martingale zu verſuchen, und zwar immer in der Abſicht, ein hun⸗ derttauſend Livres reinen Gewinn zu machen, während man Olympia dort beklatſchte. Doch man kann nicht zugleich auf allen Seiten ge⸗ winnen. Die zwanzig Lonis dior währten keine Stunde. Beim zwanzigſten ſtand er auf und ſuchte mit den Au⸗ gen ſeinen böſen Genius die Catalane. Zum Glück war ſie nicht da, ſonſt hätte er ihr unfehlbar den Hals umgedreht, um ſich einmal ihrer zu entledigen. Während Bannidre mit ſeinen von der Einnahme erhobenen zwanzig Louis d'or zum Spiel lief, ſtürmte der Abbé an der Spitze der Beklatſcher und ſicherte den Sieg von Olympia über Baron. Das ließ ſich nicht ſo leicht durchführen, obgleich um jene Zeit der berühmte Tragiker, nahe daran, nicht nur von der theatraliſchen Scene, ſondern auch von der Scene der Welt zu verſchwinden, ſieben und ſtebenzig Jahre alt war. Was ihn nicht abhielt, den Achilles in Iphigenie zu ſpielen. Als die Vorſtellung beendigt war, ſetzte Baron, ein Mann von Geiſt, den Kranz, den man ihm zuge⸗ worfen, Olympia auf den Kopf; nur ſchlug er es aus, bei ſeiner Genoffin zu Nacht zu ſpeiſen, indem er ſeinen ſchwachen Magen vorſchützte. Olympia ließ Banniöre überall ſuchen. Sie war unruhig, daß ſie ihn nicht ſah, unruhig beſonders über das Verſchwinden der fünfhundert Livres, welches Verſchwinden andeutete, daß Bannieère, trotz ſeiner Schwüre, wahrer Spielerſchwüre, in die Academie zurückgekehrt war. 212 Dieſer Verluſt von zwanzig Louis d'or war nichts für Olympia, aber der ſüufenweiſe Verluſt des Zartge⸗ fähls ihres Geliebten war viel für ſie. Von Zeit zu Zeit, mitten unter ihrem Triumphe, ſeufzte ſie, als ob ſie ein Unglück geahnet hätte. Wir haben geſagt, Bannière ſei aufgeſtanden, um zu ſehen, ob er die Catalane nicht erblicke. Er erblickte ſie nicht, doch er erblickte einen Freund vom Spiele. Der Freund war bei Mitteln und lieh Bannière zwanzig andere Louis d'or. Bannieère fing wieder an nach Herzensluſt zu ſpielen. XXIV. Die Serenade. Beſſer zu Rathe gehalten, währten die zwanzig Louis d'or von Bannière, oder vielmehr von ſeinem Freunde, diesmal vier Stunden. Nach Verlauf von vier Stunden, nachdem er zwan⸗ zigmal beinahe die hunderttauſend Livres gewonnen ge⸗ habt hätte, auf die er ſein Trachten zu beſchränken genöthigt war, hatte Banniere die zwanzig Louis d'or verloren. Er ging wüthend weg. Dieſe Wuth werden wir nicht zu ſchildern verſuchen: ſie verdoppelte ſich durch alle Leiden der Eitelkeit. Schon verſpottet, ſchon gedemüthigt, ſchon begna⸗ digt wegen eines ähnlichen Verbrechens, kehrte er mit der Scham eines Spitzbuben zurück, nachdem er ge⸗ ſchworen, kein Dieb mehr zu ſein. erſt lier Bar Gel zuri ichts rtge⸗ phe, um eund lieh elen. nig nem van⸗ ge⸗ nken d'or hen: gna⸗ mit ge⸗ 213 Die Verzweiflung bemächtigte ſich ſeiner. Als er über eine Brücke kam, hatte er faſt Luſt, ſich zu er⸗ tränken. Doch um ſich zu ertränken, war Bannibre noch zu ſehr verliebt. Bei Banniore beherrſchte die Liebe alle Gefühle. Was iſt die Ehre für einen Wahnſinnigen? Bannieère ertränkte ſich alſo nicht und kehrte mit langſamen Schritten zu Olympia zurück. „Arme Frau,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ich bin der Einzige, der bei ihrem Triumphe gefehlt haben wird; ich bin der Einzige, der ſie nicht beklatſcht, nicht beglück⸗ wünſcht haben wird. Sie erwartet mich wie das letzte Mal, ſie wird mich ausſchelten, doch ich werde mich unter ihrem Schelten beugen; ich werde mich zu ihren Füßen legen, und ſie wird mir abermals verzeihen. Sie wird wohl ſehen, daß ich verflucht bin. Und dann, fortan keine Verſuche mehr, um aus unſerer Noth her⸗ auszukommen! Nein, ſie gelingen zu ſchlecht. Olym⸗ pia zeigt mir den Weg: ſie arheitet; ich werde ihr nach⸗ ahmen. Dieſes Glück, das wir verfolgen, und das uns flieht, wird vlelleicht kommen, wenn wir es nicht mehr ſuchen.“ Und er fuhr mit einer eiskalten Hand über ſeine brennende Stirne. „Tauſend Livres!“ rief erz„zwei von unſeren Mo⸗ naten in vier Stunden verbraucht! Oh! diesmal wird mich Olympia wenigſtens nicht beſchuldigen, ich habe ſie zu Grunde gerichtet; denn von den hundert Louis d'or, zu welchen die Einnahme verſichert war, habe ich nur zwanzig genommen. Allerdings bin ich zwanzig andere ſchuldig. Bah! dieſe zwanzig gebe ich von meinem erſten Gewinnſt zurück. Man kann nicht immer ver⸗ lieren.“ Man ſieht, in weniger als zehn Minuten ſchwor Banniore, nicht mehr zu ſpielen, und gelobte ſich, das Geld, das er geborgt hatte, von ſeinen Spielgewinnſten zurückzubezahlen. 2¹4 Während Banniére dieſe Gedanken in ſeinem Geiſte hin und her wälzte, ging er immer weiter nach ſeiner Wohnung. Die Nacht war finſter; es ſchlug ein Uhr im Carmeliter-Kloſter, deſſen Thürme die Ausſicht vom Balcon von Olympia begrenzten. Als die letzten Klänge des Erzes in der Luft ver⸗ ſtummt waren, horchte Banniére noch fortwährend. Es kum ihm vor, als folgte ein anderer Ton, wel⸗ cher nicht der der Glocken war, auf dieſen. Bannière blieb nicht lange im Zweifel. Es war der Schall von Inſtrumenten, mit dem ſich eine ziemlich harmoniſche Stimme vermiſchte. Bannisre hörte die ganze Symphonie, als er in ſeine Straße gelangte. Als er die Symphonie gehört hatte, ſuchte er die Symphoniſten. Sie hatten ſich unter den Fenſtern des Schlaf⸗ zimmers vou Olympia aufgeſtellt. Banniöre liebte in dieſem Augenblick nicht viel in der Welt, und die Muſik noch weniger als das Uebrige. Nichts konnte in der That ſeine Nerven unangenehmer reizen, als der ſchmerzliche und zugleich ſüßliche Aus⸗ druck der Flöten und der Geigen, welche die Guitarre des Hauptmuſikers begleiteten. Dieſe Guitarre ſelbſt begleitete die Stimme, welche Bannidre beim Eintritt in die Straße bemerkt hatte, eine Stimme, die er ſchon irgendwo gehört zu haben glaubte. Als er näher kam, erkannte er wirklich im Guitarriſten, Sänger und zugleich Orcheſterchef, als Ca⸗ valier gekleidet, den Abbé dHoirac, der eine ſchmach⸗ tende Miene angenommen hatte, ſchmachtende Stellun⸗ gen affectirte und ſeinen Hals gegen den Balcon drehte. Die Arie war lang, ſchwierig, und, es iſt nicht zu leugnen, der Abbé ſang ſie ſehr gut. Hinter ihrer halb aufgehobenen Jalouſie erſchien, leicht erkennbar, da ſie ſich nicht zu verbergen ſuchte, eiſte iner im vom ver⸗ wel⸗ dem 21¹⁵ Olympia, weiß gekleidet, und obgleich Bannidre ben Ausdruck ihres Geſichtes nicht zu unterſcheiden ver⸗ mochte, bezweifelte er doch nicht, ſie müſſe lächeln. Die Einbildungskraft und beſonders eine eiferſüch⸗ tige Einbildungskraft iſt ſo mächtig, daß Vannisre dieſes Lächeln durch die Jalouſie ſah. Die Wuth drang ſo raſch in ſein Herz ein, als die Harmonie in ſeine Ohren. Das ſchwierige Stück endigte gerade mit den Worten: Belle Philis, dis moi: Je t'aime! Et je n'ai plus rien à chauter.*) Der Abbs d'Hotrac, nachdem er, wie es bei jedem Finale der Gebrauch iſt, die zwei letzten Verſe ein Du⸗ tzend Mal wiederholt hatte, hielt inne und ſchloß mit einem Orgelpunkte, der Bannidre vollends in Verzweif⸗ lung brachte. Er ſtürzte auf d'Hoirac los und rief mit einer Donnerſtimme: „Ah! Sie haben nichts mehr zu fingen! nun, ſo tanzen Sie!“ Wonach er ihn an der Gurgel packte. Der Abbé ſah nichts und hatte überdies den Nachtheil, daß er überfallen wurde, was ihn indeſſen, denn er war muthig, nicht abhielt, ſich mit ſeiner Guitarre gegen dieſen Feind der Muſik zu vertheidigen, der ſo aus dem Boden hervorkam. Die Symphoniſten wollten ihrem Chef Hülfe lei⸗ ſten, allein Banniöre hatte hundert Arme wie Bria⸗ reus; er zerbrach zwei bis drei Geigen, verdrehte fünf bis ſechs Flöten, was auf der Stelle alle Mufiker in die Flucht ſchlug, denn im Allgemeinen fürchtet ein Muſiker mehr für ſein Inſtrument, als für ſeine Haut. Schöne Philis, ſage mir:„Ich liebe vich!“ und ich habe nichts mehr zu ſingen. 216 Am Geſchrei von Olympia erkannte der Abbé am Ende Banntöre. Er griff ihn muthig mit Guitarrſtrei⸗ chen an, denn der Abbé war reich genug, um nicht für ſein Inſtrument zu fürchten; doch Bannisre entriß die Guitarre ſeinen Händen und ſchlug ſie ihm auf ſeinem Kopf entzwei. „Sie find ſehr glücklich, daß ich keinen Degen habe,“ ſagte der Abbé, als er den Schlag empfing. „Oh! daran ſoll es nicht fehlen,“ erwiederte Ban⸗ niore,„Sie können in zehn Minuten einen haben.“ „Dreifacher Dummkopf!“ ſagte der Abbés,„drei⸗ facher Tölpel! Sie wiſſen wohl, daß ich mich nicht mit Ihnen ſchlagen werde.“ „Und warum nicht?“ brüllte Bannlère,„ſpre⸗ chen Sie.“ „Einmal, weil ich Sie tödten würde, ſo kurzſichtig ich bin, da Sie nie einen Degen geführt haben.“ „Wer hat Ihnen das geſagt?“ „Wahrhaftig! das ſieht man an Ihren bäuriſchen Manierenz und dann, Sie wiſſen wohl, daß ich Abbé bin, und daß ich folglich nicht das Recht habe, das Kleid zu tragen, unter welchem Sie mich beleidigen, ſo daß ich, wenn ich Sie tödten oder mir auf eine andere Art Gerechtigkeit verſchaffen würde, einer doppelten Verur⸗ theilung durch die bürgerliche Behörde und durch die kirchliche Behörde ausgeſetzt wäre. In dieſer Hinſicht alſo, Herr Burſche, haben Sie als ein Ungezogener und Feiger gehandelt. Doch ſeien Sie unbeſorgt, ich werde Sie wiedererwiſchen.“ Bannidre ſah ſein Unrecht ein, und die Drohung fürchtend, ſo leer ſie war, ließ er den Abbé los, wonach dieſer entfloh. Die wenigen Fenſter, welche die Häuſer gegen die Straße hatten, waren auf den Lärmen, den Bannisre gemacht, geöffnet worden. Man zündete Lichter an, man ſchrie, man ſchmähte. Das roch nach Scharwache und Gefängniß. re tig en b6 as aß Art ur⸗ die ie re n 217 Man ſah in der That, aus ber in der Ecke der Carmeliter⸗Kirche angehäuften Finſterniß hervorkommend, das Lederwerk der Schützen erſcheinen, und Ban⸗ niere hatte nur noch Zeit, in ſein Haus durch die Thüre zu ſchlüpfen, die ihm Olympia ganz erſchrocken offen hielt. Die Scharwache kam nach ihrer merkwürdigen Gewohnheit um zehn Minuten zu ſpät; ſie fand daher auf dem Schlachtfelde nur Geigenſtücke, Flötentrümmer und den Hals einer Guitarre. Die ehrenwerthen Mi⸗ litäre verwickelten ſich in die Darmſaiten, fluchten, und dabei blieb die Sache. Aber ſobald er gerettet, war Bannidre nur um ſo wüthender. Er, der zehn Minuten vorher ein Mittel ſuchte, um Olympia zu beſänftigen, hatte das Mittel gefun⸗ den, ſie anzuklagen. Er nahm, als er in ſeiner Wohnung war, die majeſtätiſchſte Stellung an, die er annehmen konnte, kreuzte die Arme und begann zu verhören. Olympia, die ſich Anfangs zärtlich erkundigt hatte, ob er verwundet ſei, wandte ihm, plötzlich in dem In⸗ tereſſe gehemmt, das fie dieſem Beſeſſenen bezeigte, den Rücken zu, ſobald er den Händelſucher machen wollte. Banniöre ärgerte ſich über dieſes verächtliche Stillſchweigen noch viel mehr, als er ſich über eine hitzige Antwort geärgert hätte. Er lief Olympia, die wieder in ihr Zimmer ging, nach und hielt ſie un⸗ geſchlacht am Arm zurück. Die junge Frau erbleichte zugleich vor Schmerz und vor Scham und ſtieß einen Schrei wie eine ver⸗ wundete Löwin aus, worauf ihre drei Dienerinnen her⸗ beiliefen. Banniöre hätte ſein Leben gegeben, um dieſe drei ſchwachen Geſchöpfe zu zermalmen, welche vor ihm ſtanden und ſeiner Wuth Trotz bieten zu wollen ſchienen. Nach dem Schrei von Olympia trat auf allen Seiten tiefes Stillſchweigen ein. 218 Unter dieſem Stillſchweigen ſchlug Olympia den Aermel ihres Nachtgewandes zurück, und man ſah über dem Ellenbogen das bläulich rothe Mahl von den Fin⸗ gern von Banniöre. Die Coiffeuſe ſtürzte ſich weinend auf den ſchönen gequetſchten Arm, bedeckte ihn mit Küſſen und ergoß ſich in Verwünſchungen gegen Bannisre. Von Schmerz, Gewiſſensbiſſen und Schrecken er⸗ griffen, verſchwand Banniöre in ſeinem Zimmer. is am andern Morgen um zehn Uhr herrſchte die tiefſte Stille im Hauſe. Um zehn Uhr klingelte Olympia Claire, und dieſe eilte in Begleitung der Coiffenſe herbei. Die Coiſſeuſe hatte wohl das Haus nach der von uns beſchriebenen Scene verlaſſen, aber ſie war am Morgen zurückgekommen. Claire erhielt den Befehl, das Frühſtück bereiten zu laſſen. Die Coiffeuſe blieb allein bei ihrer Gebieterin, die ſie fragte, was er gemacht habe. „Oh!“ anwortete die Coiffeuſe,„er iſt ſchon am frühen Morgen weggegangen.“ Olympia fand, die Antwort der Coiffeuſe ſei von einer ſeltſamen Betonung begleitet geweſen, ſie habe einen ſonderbaren Nachdruck auf dieſes er gelegt, und ſie dachte vielleicht, dieſes er zeige— anzeigendes Fürwort geworden— nicht genug an. „Von wem ſprechen Sie?“ fragte Olympia tro⸗ cken,„und wen bezeichnen Sie mit dem er?“ Die Coiffeuſe begriff, daß ſie einen falſchen Weg einſchlug, und daß der Abbé d'Hoirae noch nicht beim er war. „Ich wollte ſagen, der Herr ſei ausgegangen,“ erwiederte demüthig die Coiffeuſe,„Aber,“ fuhr dieſe Frau ſich belebend fort,„Madame iſt bei ihrer Schoͤn⸗ heit, bei ihrem Talent, hei ihren Triumphen ſehr gut, daß ſie ſich ſo unglücklich macht.“ fra von cher Gel Leu von ſche war Lob Sei nicht Ihr Veri Sär Qus und wart Sie nicht den über Fin⸗ önen ergoß er⸗ ſchte dieſe von am eiten „die am von ae und des tro⸗ Beg ar. ieſe ön⸗ ut, 2¹9 „Wer ſagt Ihnen, ich ſei unglücklich, meine Beſte?“ fragte verächtlich Olympia. „Ei! Madame, ſieht man es nicht?“ „Woran?“ „Daran, daß Sie die ganze Nacht geweint haben.“ „Sie irren ſich.“ „Ihre Augen ſind halb erloſchen,— Augen, welche von der ganzen Stadt bewundert werden.“ Olympia zuckte die Achſeln. „Sie zweifeln daran, Madame?“ fuhr die Verſu⸗ cherin fort. Olympia antwortete nicht einmal mehr durch eine Geberde. „Erfahren Sie alſo,“ ſagte die Coiffeuſe,„daß es Leute gibt, welche ſich tödten ließen, um einen Blick von dieſen Augen zu erhalten, denen Sie zu mißtrauen ſcheinen.“ „Oh!“ murmelte Olympia, ſo ausgezeichnet ſie war, durch die Schmeichelei oder vielmehr durch das Lob gekitzelt,„oh! ich glaube wenig an ſo viel Macht.. Das Lob iſt wie der Wohlgeruch; von welcher Seite es kommt, die Frau fühlt es und ſchätzt es. „Wenn Sie es verſuchen wollten, Sie würden nicht lange daran zweifeln.“ „Was verſuchen?“ „Oh! Madame, überlegen Sie ein wenig; iſt es Ihrer würdig, würdig einer Künſtlerin von Ihrem Verdienſte, einer Frau von Ihrer Schönheit, ſich in der Sänfte in das Theater zu begeben, in dieſem abgelegenen Quartier zu wohnen, feine Diamanten mehr zu haben, und auf den Tag nach einer Beneſice⸗Vorſtellung zu warten, um drel Kletder zu kaufen?“ „Das geht Sie nichts an, meine Werthe.“ „So iſt es,“ rief die Coiffeuſe weinend,„machen Sie mir ein Verbrechen daraus, daß ich Sie liebe, und nicht diejenigen liebe, welche ſich Ihrem Glücke widerſetzen.“ 220 „Ich verbiete Ihnen, von dieſen Schlimmes zu ſagen, hören Sie?“ „Verbieten Sie denſelben doch, Ihren ſchönen Kör⸗ per zu ſchwärzen, verbieten Sie denſelben, Ihnen Ihr Geld zu ſtehlen, nicht um es zu verſpielen, das wäre nichts, ſondern um es, wer weiß mit wem, zu ver⸗ geuden.“ Olympia richtete den Kopf auf und fragte: „Wer belehrt Sie ſo gut?“ „Wohlunterrichtete Leute, darüber ſeien Sie unbe⸗ ſorgt, Madame.“ „Nicht wahr, diejenigen, welche ihr Leben geben würden, um einen von meinen Blicken zu erhalten?“ „Und die überdies, was noch ſolider und folglich noch ſeltener zu finden iſt, Madame, monatlich zehn tauſend Livres geben würden, um Sie in Behauptung Ihres Ranges zu unterſtützen.“ „Zehntauſend Livres monatlich,“ verſetzte Olympia, ihren Ekel verhehlend;„Sie haben mir alſo Anträge zu machen?“ „Officielle, ja, Madame,“ erwiederte die Coiffeuſe, kühn gemacht durch das, was ſie für den Anfang einer Capitulation hielt;„ja, hundert und zwanzig tauſend Livres jährlich, und dies zahlbar vierteljährlich; das erſte Vierteljahr liegt bereit, ich habe es geſehen.“ Olympia ſtand auf, zog ihre ſchönen Haare aus den Händen der Coiffeuſe und ſagte zu ihr: „Mademoiſelle, man hat Sie mit einem zu zarten und zu wichtigen Auftrage betraut, als daß man Ihnen nicht eine ſchöne Belohnung verſprochen haben ſollte. Holen Sie vieſelbe, ich bitte Sie, und zwar ohne eine Min ute zu verlieren. Gehen Sie!“ „Wie?“ rief die Coiffeuſe erſtaunt. „Ich denke, Sie begreifen mich wohl?“ „Nein.“ „Ich ſage Ihnen, Sie ſollen mein Haus verlaſſen, Mademviſelle, und keinen Fuß mehr in daſſelbe ſetzen.“ Kör⸗ Ihr wäre ver⸗ nbe⸗ eben E glich zehn tung pia, räge euſe, iner ſend das aus zu man ben war 221 „Aber, Madame,“ erwiederte die Dienfifertige mit leiſer Stimme,„der Herr iſt nicht dort verborgen, der Herr iſt ausgegangen.“ „Ahl ja, Sie können nicht begreifen, daß man im Ernſte hundert und zwanzig tauſend Livers vierteljährlich zahlbar ausſchlägt,“ ſagte Olympia ſchwermüthig.„Für wen halten Sie mich, wenn ich fragen darf?“ „Aber, Madame, wie mir Claire geſagt hat, empfingen Sie doch von Herrn von Mailly...“ „Was ich von ihm forderte, Mademoiſelle, und ich forderte viel von Herrn von Mailly, weil ich ihn ſehr liebte. Und ich ſchlage viel aus, um Herrn von Banniöre zu behalten, weil ich Herrn von Bannisre ſehr liebe. Laſſen Sie ſich das geſagt ſein, Mademoi⸗ ſelle, und gehen Sie aus meinem Hauſe.“ Die Coiffeuſe ſuchte ſich, ganz bleich vor Zorn, zu vertheidigen. „Unnöthig, ich verſtehe Sie,“ unterbrach ſie Olym⸗ pia.„Was Sie vor Allem in dieſem Augenblicke be⸗ fürchten, iſt, Sie könnten die Prämie verlieren, die Ihnen verſprochen worden iſt. Ich bin Ihnen alſo etwas als Entſchädigung ſchuldig. Nehmen Sie dieſe zehn Louis d'or und... leben Sie wohl.“ Die Coiffeuſe ſtreckte zuerſt die Hand aus, um das Gold in Empfang zu nehmen, aber raſch gewann der Zorn die Oberhand, und fie rief: „Wie viel Tugend bei einer Frau, die vor einem Jahr mit einem Manne durchging, den ſie kaum ſeit einer Stunde kannte!“ „Ja, ich begreife,“ ſagte Olympia,„ich begreife ſehr gut Ihren Aerger, meine Liebe. Man hat Ihnen zwanzigmal ſo viel angeboten, als ich Ihnen gebe. Doch nehmen Sie immerhin, und da ich ſie ausſchlage, ſo bieten Sie Ihre Dienſte der Catalane an: ſie wer⸗ den Ihnen mehr Geld mit weniger Schwierigkeit ein⸗ tragen.“ Die Angen der Cviffenſe entflammten ſich plötzlich. 222 „Ha!“ ſagte ſie,„Du jagſt mich fort und gibſt mir ſolche Ideen ein! Es iſt gut, ich werde davon Ge⸗ brauch machen!“ Und ſie warf die zehn Louis d'or auf den Teppich des Boudoir und enteilte zu der Catalane, welche in der Gegend des Theaters wohnte. Olympia war, als die Coiffeuſe weggegangen, glücklich, nicht das geringſte Bedauern darüber zu em⸗ pfinden, daß ſie eine ſchöne Handlung vollführt hatte. XXV. Wozu die Coiffeuſes dienen. Die Catalane, zu der Olympia die Coiffeuſe ſchickte, war durchaus nicht günſtig für Fräulein von Cleves geſinnt. Es iſt ſelten, daß eine Frau ihre Augen auf den Liebhaber einen andern Frau geworfen hat, ohne böſe auf ſie zu ſein, wenn ſie ihr dieſen Liebhaber ſtiehlt, ohne ſie tödtlich zu haſſen, wenn der Liebhaber ſich nicht hat ſtehlen laſſen. Allerdings kann ſie ein wenig von ihrem Haß auf den treu gebliebenen Liebhaber werfen. Wir wollen ſehen, was die Gefühle von Fräulein von Cloves nach der Auslegung der Coiffeuſe waren. Wir werden ſodann, und zwar unverſchleiert, die Anſicht der Catalane über dieſen Gegenſtand zeigen. „Wetten wir,“ ſagte ſie,„ich errathe, was Du ſo eben gethan haſt.“ Die Catalane, wie die Königinnen von Spanien „ nich beſi Gel ver der ſieh ſtat ſie mac liebe chent eine noch, liere gibſt 1 Ge⸗ ppich elche nen, em⸗ ate. 223 aller Zeiten und wie die Theaterfräulein jener Zeit, dutzte Jedermann. „Sie errathen?“ rief die Coiffeuſe. „Ja.“ „Was errathen Sie“ „Daß Dich Olympia vor die Thüre geworfen hat.“ „Und woran errathen Sie es?“ „Oh! das iſt nicht ſchwer: Du haſt den Abbé d'Hoirac dieſen Morgen empfangen; er iſt wahnſinnig in Olympia verliebt. Hat er Dich beſucht, ſo iſt es nicht Deinetwegen geſchehen, nicht wahr? Wenn er Dich beſucht hat, ſo iſt es nicht geſchehen, ohne daß er Dir Geld gegeben Du ſeufzeſt? alſo ohne daß er Dir verſprochen hat. Darum mußteſt Du heute die Erklärung der ſchönen Olympia zubringen; und da Du roth aus⸗ ſiehſt, da Du das Maul hängſt, da Du bei mir biſt, ſtatt bei ihr zu ſein, ſo iſt es Dir nicht geglückt.“ „Begreift man das!“ rief die Coiffeuſe, während ſie ſich ohne Umſtände vor die Catalane ſetzte, die ſie machen ließ. „Und welchen Grund gibt ſie an 2“ fragte dieſe. „Einen unglaublichen!“ „Welchen denn?“ „Sie ſagt, ſie liebe Banniöre, dieſen Bettelkerl!“ „Oh! ein hübſcher Junge, Agathe.“ „Ich weiß es wohl.“ „Hierauf wirſt Du mir ſagen, ſie könnte Bannière lieben und auch.. „Bei Gott!“ „Mademoiſelle Agathe,“ rief die Catalane la⸗ chend,„Sie haben eine ſo ſchlaffe Moral, als ob Sie eine Herzogin wären; nehmen Sie ſich in Acht!“ „Wiſſen Sie, daß ich zwei tauſend Livres, mehr noch, hundert Louisd'or durch dieſe Beſtändigkeit ver⸗ liere?“ „Was willſt Du, Du mußt beweiſen, daß Du ein 224 großes Herz haſt. Du mußt beweiſen, daß Du das Geld verachteſt, Du mußt als Philoſophin verlieren.“ „Ich, hundert Louts d'or verlieren, die ich faſt in der Hand hielt!“ rief Agathe, ihr glaſiges Auge, das die Hoffnung auf den Gewinn entzündete, erweiternd. „Oh! nie! nie!“ „Ich nehme nicht an, Du hoffeſt, Olympia zu zwin⸗ gen, ſich närriſch in den Abbé zu verlieben?“ Agathe ſtieß einen großen Seufzer des Zornes aus, der für ein kleines Gebrülle gelten konnte. „Nicht wahr, Du hätteſt es lieber mit mir zu thun?“ ſagte die Catalane lachend.„Ich bin nicht die Frau, die ihren Freunden ſo viel Kummer macht. Doch was willſt Du! gewiſſe Köpfe ziehen das Glück an, wie der Magnet die Nadeln!.. Ich habe kein Glück, und dennoch, wenn man mich wohl anſchauen würde. Ich habe wenigſtens einen lebendigen Kopf. Und dieſer Fuß! und dieſe Hand! und bieſe Taille! und dieſe Haare!“ „Ei! mein Fräulein,“ verſetzte die Coiffeuſe,„mei⸗ ner Meinung nach iſt eine ſchöne Frau ſo viel werth als die andere.“ „Du ſiehſt wohl, daß dies nicht ſo iſt, Agathe, da der Abbé Olympia ſein Herz anbietet, das er mir nicht anbietet. Wie Schade, daß dieſer Junge, der kurzſichtig iſt, nicht ganz blind wird!“ „Wartum dies?“ „Weil Du ihn zu mir führen würdeſt, als ob Du ihn zu Olympia führteſt; weil ich meine flötenartige Stimme, meine Stimme mit dem Silberklang, anneh⸗ men würde, Du weißt, die Stimme von Olympia, die ich ſo gut im Foyer nachahme, wenn ich alle Welt lachen mache; und ich würde zum Abbé mit Gefühl, wie Olympia, ſagen: Mein Herr, ich bete Sie än!“ „Oh!“ machte Agathe. „Und Du, Du bekämeſt Deine zweitauſend vier⸗ hundert Livres.“ den ihm ſche in's erſti zu g Ban haup Herz Aug möch wir zu b Geld iſt in das ernd. win⸗ aus, n?“ rau, was der und ieſer dieſe mei⸗ erth „da ticht htig tige eh⸗ die elt ihl, ℳ ier⸗ 225 Die Coiffeuſe packte ihre Haare mit beiden Hän⸗ den und hätte ſich dieſelben beinahe ausgerauft. „Verzweifle nicht,“ ſprach die Catalane,„ſtich ihm die Augen aus.“ „Ach! mein Fräulein, Sie haben den Muth, zu ſcherzen!“ „Was des Teufels ſoll ich denn thun? ſoll ich mich in's Waſſer ſtürzen, ſoll ich mich erhenken, ſoll ich mich erſticken?“ „Oh! nein, nichts von Allem dem; das wäre eine zu große Sünde; Sie ſollen entrüſtet ſein, daß ein Bannitöre uns verhindert. „Das heißt, Dich verhindert. Geſtehe, daß Dir hauptſächlich Deine zweitauſend vierhundert Livres am Herzen liegen?“ „Hören Sie, an Ihrer Stelle,“ ſagte Agathe, deren Augen vor Zorn und Gierde glänzten,„an Ihrer Stelle möchte ich nicht die Schmach haben, daß mir das, was wir complottiren, fehlſchlüge, und um Fräulein Olympia zu beſtimmen, den Abbé d'Hoirac zu lieben „Was würdeſt Du thun?“ „Nun, ich die Catalane, ich würde den Liebhaber von Fräulein Olympia ſtehlen.“ Die Catalane ſchlug ein Gelächter auf. „Ja, ja,“ fuhr die Coiffeuſe fort,„ich ſage Ihnen, daß dies das Mittel iſt, das wahre Mittel! Sie würde es ſehr ſchnell erfahren; ihre Freunde würden es ihr ſagen, und wenn ihre Freunde es ihr nicht ſagten, ſo würden Sie es ihr ſelbſt ſagen. Sie iſt ſiolz wie Rorane, ſie würde eine Untreue nicht verzeihen, ſie würde ſich mit dem Ungetreuen entzweien, und aus Aerger vielleicht würde ſie mich unſere zweitauſend vierhundert Livres verdienen laſſen.“ „Du ſagſt immer unſere; ſage doch ein wenig meine.“ „Ich ſage unſere, weil ich mit Ihnen theilen werde, Olympia von Cloves. 1. 15⁵ 226 was mir der Abbé gibt. Ich bitte Sie, ich flehe Sie an, verſuchen Sie es, Bannière unbeſtändig zu machen. Das iſt Ihnen leicht.“ „Ei!“ rief das tolle Mädchen, noch ſtärker als das erſte Mal lachend,„glaubſt Du, heute erſt habe ich die Vorzüge dieſes jungen Mannes erkannt?“ „Nun wohl,“ ſprach die Coiffeuſe begeiſtert,„dann iſt es abgemacht!“ „Einfältige,“ entgegnete die Catalane,„wenn es möglich wäre, ſo wäre es ſchon ſeit ſechs Monaten geſchehen.“ „Aber warum iſt es nicht geſchehen?“ „Weil eine gewichtigere Schwierigkeit obwaltet. Wir ſind in der Lage von Arlequin, der Colombine heirathen will; die Heirath hätte ſtattgefunden, wenn Alles von Arlequin abhinge. Leider bedarf es der Beiſtimmung von Colombine, und Colombine will ihre Beiſtimmung nicht geben.“ „Ah! ah!“ „Es iſt wie ich Dir ſage, meine Liebe. Colombine Banniöre liebt Arlequin Catalane nicht.“ „Und Sie haben ihm geliebäugelt?“ „Nicht nur geliebäugelt, ſondern geliebangelt.“ „Und er iſt gleichgültig geblieben? Dann hin ich verloren!“ rief die Coiffeuſe in Verzweiflung. „Ah!“ erwiederte die Catalane,„haſt Du die Ge⸗ wandtheit, mich eines Abends insgeheim bei Olympia einzuführen, in ein Zimmer, wo Bannisre ſein wird, und Du ſetzſt Olympia von dieſem vorgeblichen Rendez⸗ vous in Kenntniß, ſo braucht es nicht mehr, um ihn in ihren Augen zu compromittiren.“ „Ohl das wäre bewunderungswürdig,“ ſagte die Coiffeuſe träumend. „Bewunderungswürdig, das iſt vas richtige Wort.“ „Doch wie läßt ſich das machen?“ „Ei! das iſt Deine Sache. Wähle einen Abend, wo Olympia ſpielt, oder wo ſie im Theater durch eine Ver mitt rück wen men entz die mir „da ich dank gen, nichte nicht verze Scha Sie chen. das h die dann wenn naten altet. nbine wenn der ihre bine 227 Verſammlung zurückgehalten iſt; finde, erfinde, erſinne; mittlerweile ſchlüpfe ich in ihr Zimmerz ſie kommt zu⸗ rück; ſie überraſcht mich dort. Das iſt ſchlimmer, als wenn Bannisre zu mir gekommen wäre. Es gibt Lär⸗ men, Geſchrei, Scandal. Ich wiederhole Dir, dadurch entzweit man ſie nicht nur für dieſe, ſondern auch für die andere Welt... Worüber denkſt Du nach?“ „Ah! ich denke darüber nach, daß das, was Sie mir vorſchlagen, ſehr ſchwierig iſt, mein Fräulein.“ „Nun wohl, meine Liebe,“ verſetzte die Catalane, „da Du auf die Sache für Dich verzichteſt, ſo wili ich. „Ah!l mein Gott!“ rief plotzlich die Coiffeuſe. „Was denn?“ „Oh! welcher Gedanke!“ „Wirſt Du toll?“ „Oh! mein Fräulein, das iſt ein ſehr ſchöner Ge⸗ danke!“ „So ſprich geſchwinde.“ „Ja, ſo iſt es, mein Fräulein; es iſt georbnet.“ „Du faſelſt.“ „Durchaus nicht, durchaus nicht.“ „Was machſt Du denn?“ „Ich kehre die Lage um.“ „Ich verſtehe Dich nicht.“ „Sie werden ſehen, Sie werden ſehen!“ „Es kann mir nichts lieber ſein, als zu ſehen, doch Du zeigſt mir nichts.“ „Statt Sie in die Wohnung von Olympia zu Prin⸗ gen, was uns tauſend Schwierigkeiten bietet und zu nichts führt, oder wenigſtens nicht zu viel. „Wie! zu nicht viel?“ „Nein. Denn angenommen, Alles glücke, kann nicht Olympia, nachdem ſie Sie überraſcht, Banniéère verzeihen? kann die Erklärung ſich nicht zu unſerer Schande wenden? kann es endlich nicht ſein, daß Olym⸗ 228 pia, während ſie Bannidre ſchuldig glaubt, ihn nachher wie vorher liebt?“ „Du hältſt ſie alſo für tugendhaft?“ „Leider!“ „Das wäre im Ganzen möglich!“ ſagte die Ca⸗ talane. „Nein! Ich denke an etwas Beſſeres; ich gedenke Ihnen die zehntauſend Livres zu geben. Hören Sie meinen Plan.“ „Ich höre.“ „Der Abbé, indem er mich mit der bewußten Sen⸗ dung beauftragte, hat mir Vollmacht im Falle des Gelingens gegeben. Das heißt, er hat mir befohlen, ein gut meublirtes Haus zu miethen, um dort Olympia zu empfangen, welche, in den erſten Tagen dieſer neuen Verbindung, vielleicht Bedenklichkeiten genug in Betreff der alten hegen würde, um Bannieére nicht auf der Stelle fortzujagen. Ueberdies hat der Abbé Rückſichten zu beobachten!“ „Oh! unſere Abbés haben ſeit der Regentſchaft die Gewohnheit angenommen, ganz nach ihrem Gefallen zu leben.“ „Gleichviel, ich weiß, was ich ſage, und ich ſehe, wohin ich gehe.“ „Gehe alſo.“ „Wobei war ich?“ „Du warſt beim Hauſe.“ „Ja, ſo iſt es; ſtatt dem Abbé zu ſagen, Olympia weigere ſich, ſage ich ihm, Olympia willige ein.“ „Nimm Dich in Acht!“ „Unterbrechen Sie mich nicht.“ „Aber die Tugend von Olympia?“ „Sie dient mir gerade:; mit dieſer Tugend mache ich meine Falle; ich umgebe die Sache mit allen Arten von Mousquetaden und Paliſſaben, wie es bei der Be⸗ lagerung von ſchwierigen Feſtungen geſchieht; ich brauche, wer ſag ſo ſ eine dabi Dae ſchre 'Ev von gen ärge dies wirt der klag recht wird chher Ca⸗ denke Sie Sen⸗ des hlen, mpia reuen etreff f der chten chaft allen ſehe, npia ache rten Be⸗ 229 wenn es ſein muß, ſechs Tage, um dem Abbs ja zu ſagen, drei Tage für jeden Buchſtaben des Wortes.“ „Das gefällt mir.“ „Iſt das Haus gemiethet und Alles vorbereitet, ſo ſage ich, die Schöne nehme eine geheime Unterredung, eine Erklärung, eine Zuſammenkunft im Verborgenen an.“ „Immer gut! doch wie wirſt Du Dich herausziehen?“ „Iſt das Rendez⸗vous beſtimmt, ſo wollen Sie ſich dabei einfinden. Derſelbe Wuchs, dieſelbe Stimme! Das iſt, glaube ich, ein Plan, wie?“ „Ja doch wenn er mich erkennt, wird der Abbé ſchreien, wird uns der Abbé in irgend ein Fort— b'Eveque*) ſchicken.“ „Wie ſoll ſich ein Abbé, der die Guitarreſtreiche von Bannière ausgehalten hat, ohne ein Wort zu ſa⸗ gen, wegen eines unſchuldigen Betrugs, wie dieſer, ärgern?“ „Es iſt in der That wunderbar zu ſehen, wie Du dies Alles ordneſt.“ „Piquant,“ bemerkte die Coiffeuſe nebenbei,„piquant wird es ſein, daß, während der Abbé aus Furcht vor der Lächerlichkeit ſchweigt, Alles ſo ſehr Olympia an⸗ klagen muß, daß ſie nicht mehr wiſſen wird, wie ſie ſich rechtfertigen ſoll!“ „Oh! das ſetzt mich in Verſuchung.“ „Bannidre, dem es durchaus nicht an Herz fehlt, wird Olympia verlaſſen.“ „Es iſt möglich, und ich glaube es.“ „Das beſtimmt Sie?“ „Bei meiner Treue, ja.“ „Soll ich das Eiſen ins Feuer legen?“ „Lege es darein.“ „Sie geben mir Vollmacht?“ „Gewiß.“ Ein Gefänguiß. 230 „Bei Ihrem Wort als ehrliche Frau.“ „Bei meinem Ehrenwort! ich will Dich nicht be⸗ trügen.“ „Schlagen Sie ein!“ „Topp!“ rief die Catalane, indem ſie kräftig mit ihrer kleinen Hand in die dicke, breite Hand der Coif⸗ feuſe ſchlug. XXVI. Liebe und Kurzſichtigkeit. Sobald pas Complott zwiſchen den zwei weiblichen Dämonen verabredet war, handelte es ſich nur noch darum, es in Ausführung zu bringen. Das war etwas Leichtes. Auf das Verſprechen der Coiffeuſe hatte der Abbé dieſer, welche er zu ſeinem Factotum und zu ſeiner Be⸗ vollmächtigten gemacht, befohlen, eine Wohnung zu miethen, um Olhmpia darin zu empfangen. Die Coiffeuſe war zu gewandt, um mit dem Abbs von der vollſtändigen Niederlage, die ſie erlitten, oder von einer zu raſchen Hoffnung zu ſprechen. Sie theilte ihrem Mandanten mit, ſie ſei aller⸗ dings zurückgeſchlagen worden, aber auf dem Rückzug habe ſie eine gewiſſe Stellung ſtudirt, die ſie allmälig wiedererobern könne. Ueberdies fonnte der Abbé, der die Zuneigung von Olympia für Bannisre zu beurtheilen im Stande geweſen, Zweifel hahen, dieſe Zweifel mußten nach und nach verſchwinden. Die Coiffeuſe war dem geübten Fiſe der Olt bele der ſah, hatt wür die hör blin Gen mer feuſ Oly von riſch wen nicht Coi latir lichf ſie ſeuf nur Ehr der be⸗ mit Coif⸗ 231 Fiſcher ähnlich, der ſeine Leine nur ziehen will, wenn der Fiſch gut angebiſſen hat. Es fand daher auf eine erdichtete Weiſe um Olympia eine Arbeit wie die ſtatt, welche um eine belagerte Feſtung ſtattfindet. Man machte dem Abbé, der, wie Ludwig XKIV., nicht viel durch ſich ſelbſt ſah, Bericht über die Fortſchritte der Belagerung: heute hatte man die Einſchließungslinie gezogen; morgen würde die Tranchée beginnen, übermorgen würde man die Sappe betreiben, und an dem darauf folgenden Tage wollte man die Mine ſpielen laſſen. Und der Abbs hörte dies Alles an wie ein eitler General oder wie ein blinder Liebhaber, was ſich ſehr gleicht. Ein Monat verging in Belagerungsarbeiten. Der General wurde immer ungeduldiger, der Liebhaber im⸗ mer verliebter. Endlich, an einem ſchönen Morgen, trat die Coif⸗ feuſe ganz ſtrahlend beim Abbé ein. Das Herz von Olympia fing an die Chamade zu ſchlagen und ſprach von Uebergabe; nur wünſchte ſie ſich mit allen kriege⸗ riſchen Ehrenbezeigungen zu ergeben. Wenn ſich die Citadelle nur ergab, dem Abbs lag wenig daran, auf welche Art es geſchah. Er war alſo nicht eigenſinnig hinſichtlich der Bedingungen. Noch am Tage vorher hatte er geſagt(und die Coiffeuſe hatte dieſe Worte als Grundlage der Capitu⸗ lation, die ſie vorſchlagen wollte, aufgenommen): „Wenn ich ihr gefallen kann, werde ich der glück⸗ lichſte Menſch auf Erden ſein. Ich weiß wohl, daß ſie im Grunde dieſen Kerl den Bannisre liebt.“ „Ach! das iſt ihr Fehler,“ hatte die Coiffeuſe ge⸗ ſeufzt. „Aber,“ hatte der Abbé beigefügt,„ich verlange nur ein wenig Zärtlichkeit von ihr, ich habe keinen Ehrgeiz in der Liebe.“ Endlich brachte die Parlamentärin das Ultimatum der Citadelle. 232 Olympia würde den Tag ber Unterredung beſtimmen⸗ Bewilligt. Olympia würde den Augenblick wählen, wo Ban⸗ nière ſpiele, denn Olympia könne nur frei ſein, wenn Bannière ſpiele. Bewilligt. Die Unterredung ſollte in einem geheimnißvollen Helldunkel ſtattfinden. Der Abbs empörte ſich. Die Coiffenſe rief die Fabel von Awor und Pſyche zu Hülfe. Nur waren die Rollen verkehrt: der Abbs ſpielte die Rolle von Pſyche, Olympia ſpielte die von Amor. Gebrauchte der Abbé die kleinſte Lamve, die ge⸗ ringſte Blendlaterne, ſo würde Amor entfliehen, und zwar, wie der Sohn von Venus, für immer. Ueber dieſe Bedingung wurde ſechs und dreißig Stun⸗ den lang geſtritten, doch die Coiffeuſe blieb im Namen von Olympia ſtandhaft. Endlich gab der Abbé nach, doch er gab nach, indem er bemerkte, ſeine Kurzſichtig⸗ keit allein bewege ihn, dieſe demüthigende Bedingung zu geſtatten, welche für ihn weniger unglücklich ſei, als ſie es für jeden Andern wäre. Der Artikel 3 wurde alſo bewilligt, wie die andern. Olympia würde nicht ſchreiben, um den Tag der Unterredung feſtzuſetzen, denn die Briefe ſeien ein vom Teufel ſelb zu Gunſten der betrogenen Ehemänner und der eiferſüchtigen Vormünder erfundenes Mittel. Olympia würde ſich darauf beſchränken, daß ſie Herrn d'Hoirac den Schlüſſel ſchicke, und Herr d'Hoirae würde wiſſen, was dies bedeute. Dieſer Artikel ging durch wie die andern, doch unter einer Bedingung, nämlich, daß der Schlüſſel am andern Tag oder ſpäteſtens am zweiten geſchickt würde. Drei Tage nachher erhielt der Abbé den Schlüſſel aus der Hand der Cviffeuſe nur mit der Bemerfung: „Heute Abend um eilf Uhr.“ 233 nen. Der Abbé ſprang vor Freude, nahm den Schlüſſel und tanzte, eine Arie aus der komiſchen Oper ſingend, Ban⸗ im Zimmer herum. venn Als es Nacht geworden war, als die Stunde ſchlug, ſchlüpfte der Triumphator, ganz geputzt, ganz duftend, ganz trunken vor Glück, mit hüpfendem Herzen in einen llen kleinen Gang des geheimnißvollen Hauſes, ſtieg einen Stock hinauf und fand im Vorzimmer die wohlwollende Coiffeuſe, die ihn ſo ſicher führte, als der Leitfaden che von Ariadne. bbe Hätte man ihm den Antrag gemacht, er möge für von einen Erzbiſchofsſtab oder für einem Cardinalshut auf dieſe Unterredung verzichten, er würde es ficherlich aus⸗ ge⸗ geſchlagen haben. und Wir wiſſen übrigens, daß die Beſtrebungen des Abbé nicht nach der Seite der Kirche gerichtet waren. un⸗ Gemäß den Bedingungen und dem Vertrage getreu, nen hatte der Abbé den Schlüſſel in der Thüre ſtecken laſſen. ch, Es verſteht ſich, daß Herr d'Hoirac, der kurzſich⸗ ig⸗ tigſte der Menſchen, ohne Lichter und mit Entzücken die ng ſüßen Geſtändniſſe hörte, die ihm mit einer Stimme ſo als leiſe und ſo verſtellt, als nur möglich, die Catalane rde machte, welche ſich auch mit Eiſenkraut, dem Lieb⸗ lingsgeruche von Olympia, parfumirt hatte. der In Folge dieſer einfachen Unterholtung wurde die m Liebe des Abbé ſo leidenſchaftlich, daß er ſchon am an⸗ er dern Tage die Coiffeuſe bedrängte, um den Schlüſſel, el. den er der Uebereinkunft gemäß in der Thüre gelaſſen rn hatte, zurückgeſchickt zu erhalten. Er ſtützte ſich haupt⸗ ſächlich darauf, daß er ſich des beengten Zuſtandes a ſchäme, in dem er Olympia durch den Fehler des elenden ch Banniore ſehe. m Er ſprach weitläuſig von dem Gebrauche, den er e von ſeinen Reichthümern zu machen gedachte, und von el dem glücklichen Looſe, das er Olympia beſtimmte, an welchem Looſe, wohl verſtanden, ſeine Vertraute Theil nehmen ſollte. 234 Es brauchte nicht ſo viel, um bie Cviffeuſe zu be⸗ ſtimmen. Die Catalane liebte gleich ſehr das Geld und die Rache; man kam überein, dieſe Unterredungen zu regeln, ſie nach der Freigebigkeit des Abbé d'Hoirac zu vervielfältigen und ſich in Betreff aller dieſer kleinen Intriguen nach der Summe der Ruhe zu richten, welche die Unklugheiten, die er unfehlbar begehe, den beiden Fälſcherinnen laſſen würde. Die zweite Unterredung wurde alſo in einem ver⸗ nünftigen Zwiſchenraume von der erſten bewilligt. Der Erfolg derſelben war, daß ſie die Leidenſchaft von d'Hoirac in Wahnſinn verwandelte, und daß in die Hände der Catalane die tauſend Piſtolen und in die der Coiffeuſe die zwei hundert Louis d'or, welche ver⸗ ſprochen und ſo ungeduldig erwartet worden waren, übergingen. Doch man begreift leicht, dieſe nächtlichen Zuſam⸗ menkünfte mochten ſich immerhin vervielfältigen, ſie hinterließen nur ein unbeſtimmtes Glück im Grunde des Herzens von d'Hoirac. Es war beinahe das Glück eines Diebes; ſicherlich war es nicht das eines Lieb⸗ habers. Der Tag verging auch in der Aufſuchung dieſer Olympia, mit der er nur in der Dunkelheit ſpre⸗ chen konnte, und die er am hellen Tage ſehen und he⸗ wundern wollte. Die Liebe unterſcheidet ſich von den einfachen Phan⸗ tafien dadurch, daß ſie ſich durch die beſtändige Gegenwart des geliebten Gegenſtandes entwickelt. Es war alſo nach brei Wochen oder einem Monat von Unterhaltungen auf der Seite des Abbé eine Liebe, für welche das ganze Leben von Olympia nicht hätte genügen können: Bannière lebte indeſſen glücklich und zufrieden. Eines Tags, da er nichts mehr bei Jacob zu verkau⸗ fen oder zu verpfänden hatte, wagte er es, ihn um Geld auf einen einfachen Schuldſchein zu bitten, und der Jude entſchloß ſich, ihm zu zehn Procent zu leihen, be⸗ eld gen irac nen lche den er⸗ aft die die r⸗ en, m⸗ ſie de ick b⸗ ng e⸗ e⸗ 235 was gleichſam nichts war, in Betracht des Grades der Zahlungsfähigkeit von Bannisre. Dieſe unerwartete Crediteröffnung kam, wie man erräth, von der Goldquelle, die man den Abbé d'Hoirac nannte. Die Coiffeuſe hatte ihm geſaat, Olympia ſei frei, wenn Bannisre ſpiele, und um Olympia zu ſehen, erleichterte der Abbé Bannidre den Weg zum Spiel⸗ hauſe. Nur die arme Olympia fühlte nichts von Allem dem, wenn nicht die größere Einſamkeit, in die ſie ver⸗ ſetzt war: der Abké d'Hoirac kam nicht mehr zu ihr, und Banniöre ging nicht mehr aus der Academie. Ueberdies legte jede neue Zuſammenkunft, während ſie die Liebe von d'Hoirac für Olympia verdoppelte, dieſer Liebe einen neuen Zaum an, denn bei jeder neuen Zuſammenkunft beſtand die vorgebliche Olympia auf der Bedingung sine qua non, ihn nur noch in dem geheimen Hauſe zu ſprechen. D'Hoirac hatte, wie wir geſehen, von Anfang verſprochen; er liebte zu ſehr, um nicht Alles zu ver⸗ ſprechen, was man von ihm verlangte, und da er dieſes Verſprechen wiederholte, ſo oft er dazu aufgefordert wurde, da er es auch hielt, ſo ſicherte er vorläufig das Gelingen des Planes der zwei Genoſſinnen. Man hatte ihm ſogar eingeſchärft, er habe Olympia gegenüber, wenn er zufällig mit ihr zuſammentreffe, die Haltung eines verjagten, ausgetriebenen, beſiegten Men⸗ ſchen zu beobachten. Man hatte ihn ſchwören laſſen, daß er ſie kaum auf der Promenade grüßen, ohne dazu aufgefordert worden zu ſein, nic anreden und beſonders ihr nie ſchreiben werde. Wir haben der Theorie der Coiffeuſe und der Catalane in Betreff der Briefe erwähnt. D'Hoirac hatte alſo Olympia nicht angeſchaut. Er hatte ſie ſehr leicht, wenn er ihr begegnet war, gegrüßt. 236 Er hatte ſie nie mehr in ihrem Hauſe, in ihrer Loge oder in ihrer Sänfie beſucht. Er hatte weder mehr Blumen„ noch Briefe, noch Boten zu ihr geſchickt. Und Alles ging nach dem Gefallen der Catalane und ihres erſten Miniſters— der Coiffeuſe. Doch ein Ereigniß, einfach, wie alle die, welche die Pläne, die glücklichen Verhältniſſe und die Reiche umftürzen, gab beinahe den geſchickten Combinationen dieſer zwei ehrlichen Damen Unrecht. XXVII. Frnuenherz. Olympia hatte nichts perſonlich zum Abbs geſagt, doch indem ſie die Coiffeuſe in Folge der Anträge, die dieſe ihr gemacht, aus ihrem Hauſe gejogt, hatte ſie auch den Abbé verjagt. Seitdem er aus ihrem Hauſe verjagt worden, hatte ſich aber, wie wir geſehen, der Abbé, der ſich für den glücklichſten Menſchen der Erde hielt, mit einer Zurück⸗ haltung, mit einem Geſchmack, mit einer Zartheit be⸗ nommen, welche Olympia entfernt nicht ihrer wahren Urſache zuſchrieb. Nur hatten dieſe guten Manieren des Abbé bei einem Unglück, das zugleich ihre Liebe und ihre Eitel⸗ keit treffen mußte, Olympia gerührt. ie guten Manieren üben einen unwibderſtehlichen Magnetismus auf die ausgezeichneten Menſchen. Sie war ſo weit gekommen, daß ſie es ſich zum en t, ie ie 237 Vorwurf machte, ſo brutal aus ihrem Hauſe einen ga⸗ lanten Mann gejagt zu haben, der auf eine ſo unge⸗ ſchliffene Art von Bannière behandelt worden, und gegen den ſie eher zu Entſchuldigungen, als zu einer ſo über⸗ triebenen Strenge verbunden war. Denn dieſer galante Mann war nur einer Sache ſchuldig, der, daß er ein galanter Mann geweſen. So oft ſie ihn auf der Promenade ſich entfernen, im Theater, wenn ſie vorüberkam, auf die Seite gehen, auf der Straße, um fie zu fliehen, ſich umwenden ſah, und Alles dies mit ſo ehrerbietigen Grüßen und Verbeugungen, um das härteſte Herz zu zerreißen, ſo oft ſie ihn zu den gewohnten Stunden,— ſie, die für ihre Tugend ſo ſchlecht belohnte, arme Verlaſſene,— nicht in ihr Haus, ſo zierlich, ſo heiter, ſo geiſtreich, mit ſeinen Sträußen und ſeinen Muſiken, eintreten ſah, regte ſich auch in ihrem Innerſten ein Gefühl, das faſt Gewiſſens⸗ biſſen glich. Nicht als hätte Olympia die geringſte Luſt gehabt, ſich mit dieſem jungen Manne zu beſchäftigen„ eil mein Gott, nein! Doch eine Frau vergißt nie einen jungen, reichen, angenehmen Mann von guten Manie⸗ ren, der ſich mit ihr beſchäftigt hat. Ueberdies ſah ſie, wie geſagt, bei dieſem Verhältniß den Abbé ihr gegenüber mit einem edlen und ruhigen Stolze handeln, der ihr gefiel. Das ſetzte ſie in Erſtaunen und verführte ſie folg⸗ lich um ſo mehr, als ſie, bei ſeinem ein wenig prahle⸗ riſchen und ganz brauſenden Charakter, unangenehme Repreſſalien hätte erwarten können. Wie viele Männer hätten an der Stelle von d'Hoirac von ihren alten Beziehun⸗ gen Lärm gemacht, die Liebe in Haß, die Unterthänig⸗ keiten in Frechheiten, die Geſchenke in Feindſeligkeiten verwandelt! Acht Tage lang hatte Olympia ausgeziſcht und gequält zu werden erwartet, wie es ſo oft geſchieht 238 nach Executionen von der Art derjenigen, welche fie ge⸗ macht hatte. Schwieg der Abbé bloß aus Furcht vor Banniéte2 Das ließ ſich nicht glauben, trotz des Abenteuers bei der Serenade. Man wußte, daß der kleine Mann ebenſo muthig, als kurzſichtig; man wußte beſonders, daß er genug guter Edelmann und folglich bei Hofe wohl genug gelitten war, um böſeren Köpfen und ſchlim⸗ meren Degen, als es der Kopf und der eingeroſtete Spieß von Bannidre waren, Angſt zu machen. Seine Zurückhaltung und ſeinr Sanftmuth konnten alſo nur ſeinem Wohlanſtand und dem Adel ſeiner Seele zugeſchrieben werden. Olympia war gerührt von Allem dem, ſo gerührt, daß ſie es nicht mehr duldete, wenn Jemand in ihrer Gegenwart Herrn d'Hoirac lächerlich machen wollte; ſo gerührt, daß ſie ſich vornahm, dieſem galanten Mann früher oder ſpäter Genugthuung zu geben.* Die Gelegenheit bietet ſich immer denienigen, welche ſo Genugthuung galanten Leuten, die ſie beleidigt haben, geben wollen. Banniöre ſprach eines Abends davon, er wolle mit zwei Freunden von ſeiner Academie auf den Feldern Rothhühner ſchießen gehen. Olympia ſagte, ſie wolle die drei Freunde bis vor die Stadt begleiten. Die Partie wurde in Ausführung gebracht, und Olympia, in ihrem Wagen, verließ die Herren erſt ganz außerhalb der Barridren und als ſie die Hunde die Lu⸗ cerne und den Klee durchſuchen ſah. Sie kam allein, zerſtreut und träumeriſch zurück, fuhr im Schritt, während ſie nur noch von Zeit zu Zeit den ſchon entfernten Knall derFlinte von Banniere hörte, als ſie an der Ecke einer Mauer, auf einem vortreff⸗ lichen Pferde reitend und in einem Cavalierskleide, den Abbé d'Hoirac erblickte. Es folgte ihm ſein Lackei, ber einen Degen trug. Mit ſeiner guten Miene und ſeiner ſchmucken Tracht, — oh ken wo der bei nac bot zwe nich ſehe neir Alle wäl „W ich 239 hatte der Abbé ganz das Ausſehen eines Edelmannes, welcher auf Liebesabenteuer geht, oder eines verkleideten Prinzen. Er ritt nach engliſcher Art, auf ſeinen Steig⸗ bügeln aufgerichtet, und führte ſein Pferd ſehr geſchickt. Aber trotz ſeiner Geſchicklichkeit war er nichtsdeſtowe⸗ niger der kurzſichtigſte der Menſchen, und er wäre an Olympia vorübergeritten, ohne ſie zu ſehen, hätte dieſe, welche auf eine Gelegenheit lauerte, nicht gefunden, ſie biete ſich zu ſchön, um ſie zu verſäumen, und mit ihrer kleinen Falſettſtimme gerufen: „He! Abbé! Abbé!“ Der Abbé erkannte dieſe Stimme, und beinahe ohne etwas Anderes zu ſehen, als eine Wolke, jedoch eine Wolke, welche wie die von Virgil eine Gottheit enthielt, ſtieß er die Sporen ſo gewaltig in die Flan⸗ ken ſeines Pferdes, indem er es nach der Seite lenkte, woher die Stimme kam, daß er das Thier beinahe über den Wagen ſpringen gemacht hätte. „Sie,“ ſchrie er,„Sie rufen mich! wo ſind Sie, Madame, wo ſind Sie?“ „Ich muß Sie wohl rufen, da Sie ſo ſtolz vor⸗ beireiten!“ erwiederte Olympia. „Ei!“ verſetzte der Abbé,„richte ich mich nicht nur nach Ihren Befehlen, und haben Sie mir nicht ver⸗ boten, Sie anzureden?“ „Gemach!“ ſprach ſie ein wenig bewegt von dieſen zwei Augen, welche, trotz ihrer Kurzſichtigkeit, durch die Macht innerer Flammen ſo viele Dinge ſagten, die ſie nicht begriff;„können wir uns nicht als gute Freunde ſehen, ohne zu ſtreiten oder von Liebe zu reden? Ei! nein, ſeien wir vernünftig; glauben Sie mir, Abbé, Alles iſt gut mit der Vernunft.“ „Madame, Sie entzücken mich,“ erwiederte d'Hoirac, während er die Hand juchte, die ihm Olympia reichte. „Wie, ich hätte das Glück, Sie zu ſehen, nicht nur wie ich ſehe, ſondern Sie auch bei Ihnen zu ſehen?“ Olympia hatte dieſes auch nicht verſtanden und 240 wollte ſich Erklärung darüber erbitten, aber ein Luft⸗ ſprung des Pferdes erſparte ihm die Commentare; ſie gab einen Schrei von ſich, als ſie den Abbé ſo den Sätzen des hitzigen Thieres preisgegeben ſah. Er führte es indeſſen zurück, denn der Abbé war ein vortrefflicher Reiter, nur führte er es zu ſpät zurück, denn man näherte ſich der Stadt, und Olympia begnügte ſich damit, daß ſie zu ihm ſagte: „Verlaſſen Sie mich, denn es würbe ein Geſchwätz zur Folge haben, ſähe man, daß ich mit Herrn Ban⸗ niore weggegangen bin und mit Herrn d'Hoirac zurück⸗ kehre. Verlaſſen Sie mich und kommen Sie zu mir, wann Sie wollen.“ „Oh!“ rief der Abbé aus. „Doch unter einer Bedingung,“ fügte Olympia bei. „Unter welcher?“ „Daß Sie mir nie ein Wort ſagen, welches Herr Banniore, den ich liebe, nicht mit Vergnügen hören könnte.“ Der Abés machte eine Grimaſſe, doch überzeugt, auch bei dieſem Umſtande werde der Nutzen den Schaden über⸗ wiegen, erwiederte er: „Dank! Dank! ich verſpreche es Ihnen.“ Und ſein Pferd trug ihn diesmal ganz freudig quer⸗ feldein, während Olympia in die Stadt zurückkehrte. Der Abbé hatte nichts Eiligeres zu thun, als ſein Glück der Corffeuſe zu erzählen, und die Coiffeuſe lief zur Catalane und erzählte dieſer ihre Verlegenheit. „Wir ſind verloren, wenn dieſe zwei Weſen ſich wiederſehen,“ ſagte die Coiffeuſe zur Catalane,„denn indem ſie ſich wiederſehen, werden ſie Alles verderben.“ „Sie dürfen ſich nicht wiederſehen.“ „Unmöglich, da er die Erlaubniß von Olympia hat. Nur, ſobald er wieder dahin kommt, muß ich auch wieder zu ihr kommen.“ „Wie iſt das zu machen.“ „Ich werde darauf denken.“ — n c—„——„ ℳ uft⸗ gab tzen var ück, gte ätz an⸗ ick⸗ nir, bei. err ren uch er⸗ er⸗ te. ein ief ich nn ia 241 Die Cviffeuſe fing damit an, daß ſie den Abbs bHoirar aufſuchte und ihm eröffnete, durch ihren Ein⸗ fluß habe er die Rückkehr in das Haus von Olympia erlangt. Doch dieſe Rücktehr ſei mit furchtbaren For⸗ derungen verbunden; nie werde ein Wort auf die Zu⸗ ſammenkünfte im geheimen Hauſe anſpielen. Die Augen allein können reden; die Augen ſagen viele Dinge, aber einer Frau ſtehe es immer frei, zu behaupten, ſie ver⸗ ſtehe die Sprache der Augen nicht. Der Abbé legte in die Hände der Coiffeuſe einen Eid in allen ſacramentlichen Formen nieder. Herrin dieſes Eides, ſchrieb die Coiffeuſe an Olympio. Ihr Brief war ein Muſter von Demuth und drin⸗ gendem Flehen. Seit dem ſie unglücklicher Weiſe den einfachen Gedanken gehabt, eine unredliche Frau zu wer⸗ den, habe Alles eine ſchlimme Wendung für ſie genommen, ſie habe ihre beſten Kunden in der Stadt verloren; ihre Theaterkunden bezahlen ſie nicht; nur bei der Catalane allein habe ſie eine ungeheure Forderung, ohne je einen Pfennig davon bekommen zu können. Ihre einzige Hoff⸗ nung beruhe darauf, daß Olympia, welche ſo ſchön und ſo gut, ihr verzeihe; mit ihrer Ungnade ſei das Unglück gekommen, mit ihrer Verzeihung werde das Glück wie⸗ derkehren. Olympia war ſtolz; ſie hatte den Abbs und ſeine Bötin beſtraft, und ſtatt gegen ſie zu ſpielen, lagen Beide vor ihr auf den Knieen. Sie dachte, es wäre unlogiſch, dem Einen zu ver⸗ zeihen und der Anderen nicht auch zu verzeihen. Um logiſch zu ſein, verzieh ſie alſo Beiden. Es iſt zuweilen etwas ſehr Gefährliches für eine Frau, zu logiſch zu ſein. Die Coiffeuſe erlangte ihre Rückkehr zu Olympia, gerade eine Stunde vor dem Augenblick, wo der Abbs ſelbſt zu ihr zurückkehren ſollte. Vor dieſer Rückkehr war noch eine Unterhandlung zum Olympia von Clöves. 1. 16 242 guten Ziele zu führen geweſen. Banniére hatte beſtimmt werden müſſen, den Abbé d'Hoirac wieder erſcheinen zu ſehen; doch da er während der zwei bis drei Monate Abweſenheit des Abbé wahrgenommen, welche Achtung dieſer beſtändig in Beziehung auf Olympia bewieſen, ſo hatte er ſich völlig beruhigt. Was ihn aber vor Allem beruhigte, war die wohlbekannte Redlichkeit von Olympia. Bannisre hatte den Abbé am Abend der Serenade viel weniger geprügelt, weil er eiferſüchtig war, als weil er verloren batte. Was die Augen in Gegenwaet von Zeugen ver⸗ bergen, was die Augen ſagen, wenn ſich die Zeugen entfernen, ein Verfahren, das die Gleichgültigen Coquet⸗ terie und die Intereſſirten verliebtes Schmachten nen⸗ nen, eine Art von magnetiſchem Einfluß, der von der liebenden Perſon zu der geliebten ſtrahlt, das war es, was der Abbé, in das Haus wiedereingeſetzt und feſt⸗ gehalten durch die Gegenwart der Coiffeuſe, vom Mor⸗ gen bis zum Abend bei Olympia zu üben ſich bemühte. obgleich Olympia, wie man erräth, nichts davon begriff und mit leichter Heiterkeit die zärtlichen und ſchwer⸗ müthigen Seufzer bezahlte. D'Hoirac, wie alle diejenige, welche man ſehr betrogen hat, und die muthig auf ihrem falſchen Wege vorwärts gehen, indem ſie auf dem rechten zu ſein glauben, d'Hoirac bewunderte die Klugheit, die Zurück⸗ haltung dieſer liebenswürdigen Frau; er bedauerte es ungemein in ſeinem Herzen, ſie ſo ängſtlich in Beziehung auf Bannière zu ſehen, doch er hatte noch nicht genug die Gewohnheit angenommen, zu herrſchen, um es zu wagen, mit entblößtem Geſichte gegen eine Gewohnheit, welche älter als die ſeinige, zu kämpfen. Es läßt ſich leicht begreifen, wie und bis zu wel⸗ chem Grade die Coiffeuſe, bei Olympia durch ihre Un⸗ terwürfigkeit wieder in Gnaden aufgenommen, den armen d'Hoirac überwachte und mäßigte. mt zu te 243 Sie dachte wohl, daß, trotz des verpfändeten Wor⸗ tes, der erſte Augenblick, den man zu lange mit Olym⸗ pia unter vier Augen unſeren Turteltauber ließe, von ihm zu einem Geruckſe angewendet werden würde, welches Olympia in Erſtaunen ſetzen und eine Erklärung her⸗ beiführen müßte. Die Coiffeuſe ſpielte übrigens ihre Rolle vortreff⸗ lich; ſie war zu Olympia als Feindin des Abbs zurück⸗ gekehrt, und in ihrer Eigenſchaft als Feindin des Abbé war ſie natürlich die Freundin von Herrn Bannieère. Bei dieſem doppelten Titel mußte es ihr aber am meiſten am Herzen liegen, die Intereſſen des Letzteren vor jedem Angriff zu bewahren. Nichts war alſo Olympia angenehmer und zu glei⸗ cher Zeit der Coiffeuſe nützlicher, als die fortwährende Anweſenheit oder der unabläſſige Eintritt von dieſer in dem Zimmer, wo der Abbé und Olympia ſich aufhiel⸗ ten, ſo daß die Gewandtheit dieſer Perſon alle zu einem glücklichen Erfolge auslaufende Wege durch die Leute ſelbſt hatte ebnen laſſen, welche dabei intereſſirt waren, daß es ihr nicht gelingen konnte. Der Abbé hatte den Geſchmack der Coiffeuſe ſtudirt und glaubte zu bemerken, daß ſie eine ganz beſondere Werthſchätzung für den Marasquin hegte. Um ſie ſich immer mehr geneigt zu machen, ſchickte er ihr durch ſeinen Lackei ſechs Flaſchen davon. Eine Stunde nachher klingelte er, ging an Claire vorüber, der er ſechs Louis d'or in die Hand drückte, und glaubte durch die halb geöffnete Küchenthüre die Coiffeuſe zu erblicken, welche den Marasquin aus der Flaſche koſtete. Achl man kann nicht Alles vorherſehen. Der Haus⸗ marder, das ſchlauſte der Thiere, läßt ſich in der Falle fangenz die Coiffeuſe, die ſchlauſte ihrer Gattung, ließ ſich in der Falle fangen, wie ein Marder. Banniöre war nach ſeiner Gewohnheit ſpielen ge⸗ gangen. D'Hoirac fand daher Olympia allein und nahm ſie zärtlich bei der Hand. 244 Olympia war guter Laune. Sie bemerkte nicht, wie der Abbé unter ſeinen ſchwarzen Wimpern ſeine blauen Augen verdrehte, welche trotz ihrer Kurzſichtigkeit elek⸗ triſche Funken zu ſprühen ſchienen. Die ſchöne Celimène hatte durch Claire die Sen⸗ dung des Marasquin erfahren. Sie verſpottete ſogleich den Abbé über den Proviant, den er geſchickt. Er aber verſicherte ſich, ſo gut er es mit ſeinen durch eine Brille verſtärkten ſchlechten Augen thun konnte, daß Niemand im Zimmer war, und ſagte dann: „Sie ſind ganz allein?“ „Ja, ich glaube,“ antwortete Olympia, erſtaunt über die Frage. „Ich kann alſo offenherzig mit Ihnen reden?“ „Nichts hindert Sie.“ „Oh! wie eiferſüchtig bin ich!“ rief der Abbé. „Gut! Eiferſüchtig! und auf was?“ fragte Olympia. „Errathen Sie es nicht?“ „Bei meiner Treue, nein.“ „Eiferſüchtig auf den, welcher mir mein Glück nimmt, eiferſüchtig auf den, welcher mir mein Leben ſtiehlt. „Ah! gut!“ verſetzte Olympia,„das packt Sie wieder!“ „Das hat mich nie verlaſſen.“ „Nun wollen Sie alſo wieder anfangen!“ „Wir ſind ja allein, meine liebe Seele.“ Olympia gab einen Ausruf der Verwunderung von ſich, ſie glaubte ſchlecht gehört zu haben. Der Abbé hielt inne und ſchaute ſie mit ſeinen großen Augen an. »Haben Sie nicht geſagt meine Seele?“ fragte Olympia. „Ja wohl,“ erwiederte der Abbé,„Sie ſind meine Liebe, mein Leben, meine Seele.“ Olympia ſchlug ein Gelächter auf. Der Abbé ſchaute ganz erſtaunt umher und ſuchte, —— 245 ob Jemand im Zimmer ſei, den er mit ſeinem kurzſichti⸗ gen Auge nicht erblickt habe. „Wie viel Krüge Marasquin haben Sie für Ihren Gebrauch behalten, mein lieber Herr d'Hoirac?“ fragte Olympia fortſpottend. „Oh! laſſen Sie mich ein wenig vernünftig mit Ihnen reden,“ ſagte flehend der Abbé. „Das wird in der That nichts ſchaden, denn bis jetzt haben Sie nur närriſch mit mir geſprochen.“ „Wahrhaftig, Oihmpia, legen Sie dieſe Maske ab, in der ich mich ſelbſt täuſche.“ „Dieſe Maske?“ „Wenn Sie wüßten, wie ſie mich leiden macht!“ „Welche Maske?“ „Oh! hören Sie,“ rief der Abbé, während er auf⸗ ſtand, um ſich vor Olympia auf die Kniee zu werfen; „es iſt mir unmöglich, Sie länger eine ſolche Komödie ſpielen zu ſehen, und„ Er hatte ſeinen Satz nicht geſchloſſen, er hatte ſeine Bewegung nicht vollendet, als die Coiffeuſe ins Zim⸗ mer ſtürzte und beinahe zwiſchen den Kurzſichtigen und ihre Gebieterin rollte. Der erhabene Zorn von Olympia, die flehende Hal⸗ tung des Abbeé ſagten der Coiffeuſe, daß ſie im rechten Angenblick kam, und daß es eine Minute ſpäter um ihr Geheimniß geſchehen geweſen wäre. Olympia, als ſie die Coiffeuſe ſo beſtürzt ſah, konnte ſich des Lachens nicht enthalten. „Sie haben mich gerufen, Madame?“ ſagte die viffeuſe. „Nein, aber ich war im Begriffe, Sie zu rufen,“ erwiederte Olympia mit einem niederſchmetternden Blicke an die Adreſſe von Herrn d'Hoirac. Der Abbé wollte ſich vertheidigen. „Mein Herr,“ ſagte Olympia,„Sie wußten doch, unter welcher Bedingung ich Sie bei mir empfing.“ „Nun?“ 246 „Nun! Sie haben Sie ganz einfach überſchritten.“ „Ah! meine Theure!“ rief der Abbe erſchrocken über den Ton, in dem Olympia zu ihm ſprach. „Abermals!“ ſagte dieſe. „Es geſchieht ja vor ihr!“ rief der Abbé in Ver⸗ zweiflung,„vor Ihrer Vertrauten! das iſt alſo gerade, als ob wir allein wären!“ „Sind Sie denn verrückt!“ ſagte die Coiffeuſe, die ihn beim Arm packte und drei Drehungen um ſich ſelbſt machen ließ. „Führe den Abbé zurück,“ fügte Olympia bei, „und fordere ihn auf, nicht keinen Marasquin mehr zu ſchicken, ſondern keinen mehr an den Tagen, wo er hier⸗ her kommen werde, zu trinken.“ Die Coiffeuſe beeilte ſich, Herrn d'Hoirac mehr fortzuziehen, als fortzuführen. Olympia, als ſie dieſen Eifer ſah, in dem ſie ſich täuſchte, in dem ſich alle Welt, die Catalane ausge⸗ nommen, getäuſcht hätte, Olympia brach in ein Geläch⸗ ter mit einer ſolchen Heftigkeit aus, daß der Abbé, als er ſchon im Vorzimmer war, dieſes ſcharfe, ſpöt⸗ tiſche Lachen noch hören konnte. Sobald er ſich aber in dieſem Vorzimmer befand, ſagte die Coiffeuſe zu ihm: „Oh! Sie ſind ein unglücklicher Menſch, Sie ver⸗ derben Alles!“ „Was denn?“ fragte der Kurzſichtige,„war denn Jemand verborgen? warum hat man mir vas nicht ſo⸗ gleich geſagt?“ „Mein, es war Niemand da.“ „Warum dann alle dieſe Umſtände, wenn wir allein waren?“ „Oh! wie plump ſind die Männer!“ „Weshalb? Sprich oder ich werde raſend!“ „War ich denn nicht da?“ „Nun wohl! biſt Du nicht unſere Mittelsperſon, unſere Vertraute?“ n.“ ken er⸗ de, die bſt ei, er⸗ hr ich ge⸗ ch⸗ 6, zt⸗ d, nn ſo⸗ ein n, 247 „Plump! plump!“ murmelte die Coiffenſe, entzückt über dieſes Wort, das den Abbé betäubte.„Plump, veiſit das ganze Zartgefühl dieſer armen Frau be⸗ greift.“ „Das war aber ebenſo, ehe Du kamſt, als wir allein waren!“ „Ei! mein Herr, wiſſen Sie nicht, daß es Geheim⸗ niſſe gibt, die eine Frau ſich ſelbſt nicht geſtehen will!“ Dieſe Erwiederung ſchloß dem Abbé den Mund. Er ſeufzte. „Ich hielt Sie für einen Mann von Geiſt,“ fuhr die Coiffeuſe fort,„und nun ſind Sie ein Einfältiger wie alle Andere.“ „Oh! wahrhaftig, man wird am Ende müde.“ „Ja, dergeſtalt, daß Sie Ihre Sache für immer verderben.“ „Wie ſo?“ „Bei Gott! Sie ärgern ſie, und ſie gibt Ihnen den Abſchied.“ „Ah! was höre ich!“ „Sie wird ſich wohl Zwang anthun!“ „Ich bezeige ihr aber Liebe; wie kann es ſie be⸗ läſtigen, daß ſie mich anhört? Ich verlange nur dieſes von ihr.“ „Sie wird Sie gewiß anhören, Sie wiſſen das, doch nicht hier, nicht bei Herrn Banniére, nicht in die⸗ ſem Hauſe, wo ſte Alles an ihren Liebesfrühling erin⸗ nert, nicht in dieſem Zimmer, wo ſie ſo oft vom poeti⸗ ſchen Herodes geträumt hat.“ „Das iſt wahr, ich habe Unrecht.“ „Ah! es iſt ein Glück, daß Sie es zugeſtehen.“ „Laß hören, was wirſt Du ihr ſagen?“ „Ich, nichts.“ „Du wirſt nicht mit ihr von meinem Schmerz ſprechen?“ „Nie.“ „Wie werden wir uns aber wieder vereinigen?“ 248 „Man muß ſehen, wie ſich das machen wird.“ „Wird es bald geſchehen?“ „Wenn Sie vernünftig ſind.“ „Was muß ich thun, um vernünftig zu ſein?“ „Sie müſſen den Umſtänden und beſonders den Oertlichkeiten gemäß handeln. Hier find Sie, der Herr Abbé d'Hoirac, zum Beſuche bei Fräulein Olympia, oder vielmehr bei Herrn Bannière! Begreifen Sie mich „Ah! nur zu gut! Doch geſtehe, das iſt eine Sonderbarfeit ohne Gleichen!“ „Bah!“ verſetzte die Coiffeuſe,„wenn Sie nicht kurzſichtig wären, hätten Sie noch viel ſonderbarere Sonderbarkeiten geſehen, und Sie würden ſich nicht über Nichts wundern.“ „Es mag ſein; doch nicht wahr, Du intereſſirſt Dich für mich?“ „Ich glaube es wohl! Wenn ich mich nicht für Sie intereſſirte, würde ich Ihnen predigen, wie ich es thue?“ „Nun wohl alſo, ſöhne mich ſo bald als möglich mit Olympia aus.“ „Und wann wollen Sie, daß dieſes ſo bald als möglich ſein ſoll?“ „Morgen, meine Tochter!“ „Teufel! welche Eile haben Sie!“ „Hier ſind zwanzig Louis d'or.“ „Man wird ſich Mühe geben!“ „Oh!“ rief der Abbé,„wenn Du ſo ſprichſt, möchte ich Dich küſſen.“ „Wenn ich hübſcher wäre 2“ „Bah! ich bin kurzſichtig.“ „Das heißt, Sie find ein Unverſchämter!“ Hienach entließ die Coiffeuſe den Abbe, und dieſer ging durch die kleine Thüre weg. Der menſchliche Geiſt iſt ſo ſeltſam beſchaffen, daß der Abbé ſich vielleicht begeiſierter über dieſes Abentener, en err ia, ich ne ht re er — 249 als wenn es ſich nach ſeinen Wünſchen gewendet hätte, entfernte. Statt nach Hauſe zurückzukehren, ging er auch zu Jacob, weckte ihn auf und kaufte ihm, unter anderen Juwelen, den vielerwähnten Ring von Herrn von Mailly ab, den Banniöre Olympia entwendet und an den ehr⸗ lichen Sohn Iſraels verkauft hatte. XXVIII. Der Zahrestag von Herodes und Marianna. Die Coiffeuſe hielt dem Abbe d'Hoirac Wort. Jedermann hatte zu viel Intereſſe dabei, daß die Rendez⸗vous wiederbegannen, als daß die Strenge di falſchen Olympia von langer Dauer hätte ſein ollen. Am Abend des folgenden Tages hrachte ein Com⸗ miſſionär dem Abbé in ſeine Wohnung eine Botſchaft, in der er ſich nicht täuſchen konnte: es war der Schlüſſel des geheimen Hauſes, welchen er, den Bedingungen des Vertrags gemäß, nach jeder Zuſammenkunft in der Thüre ſtecken ließ, damit man das Vergnügen hatte, ihm den⸗ ſelben zurückzuſchicken. Der Abbé, nachdem er ſeine Vorbereitungen ge⸗ troffen, kam, das Herz von Freude angeſchwollen, in der Finſterniß zehn Minulen vor der bezeichneten Stunde an. Man ſieß ihn warten, ohne ein Wort zu ſagen, und als die Glocke ſchlug, verkündigte ihm das Streifen 250 eines ſeidenen Kleides auf dem Boden die Ankunft der⸗ jenigen, welche er ſo ungeduldig erwartete. Vorſtürzen, eine friſche, fleiſchige Hand ergreifen, den vom Juden am vorhergehenden Tag erkauften Ring daran ſtecken, ſeine Lippen darauf drücken, um Verzei⸗ hung bitten, das war der Eingang des Abbé. Man kam auf das Abenteuer am Abend vorher zu ſprechen; es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Catalane von Allem, was vorgefallen, durch die Coiffeuſe benach⸗ richtigt worden war. Die falſche Olympia erklärte auch, beinahe eben ſo gut unterrichtet, als wäre ſie die ächte geweſen, ſehr natürlich dem Abbé, er habe ſich auf eine unwürdige Art benommen, und dort, das heißt, bei Herrn Banniöre, ſeien gewiſſe Geſpräche verboten, welche hier, bei Herrn d'Hoirac, als völlig legitim betrachtet werden müſſen. Es gibt gewiſſe Erklärungen, welche immer begrif⸗ fen werden, oft weniger durch den Grund, als durch die Einzelheiten. Durch die Einzelheiten begriff der Abbé ſeinen Fehler, er geſtand ihn zu, bat auf's Neue um Verzeihung und erhielt ſie. Er hatte übrigens gute Urſachen anzugeben. „Es bedurfte einer Linderung für die Schmerzen der Abweſenheit,“ ſagte er. Mit Olympia nur ver⸗ ſtohlen, in der Finſterniß, in einem geheimen Hauſe ſprechen, war das ein vollſtändiges Glück? Man wand ihm ein, die Finſterniß oder die Helle haben keinen Werth vor ſeiner Kurzſichtigkeit. Er erwiederte, in Betreff des Kapitels Finſterniß unterwerfe er ſich dem Ausſpruche; doch das Kapitel Abweſenheit habe eine ganz andere Bedeutung. Die falſche Olympia erhob ein Geſchrei über das Wort Abweſenheit. Der Abbs d'Hoirac war aber ein ſubtiler Geiſt; er entgegnete, es gebe eine phyſiſche und eine moraliſche Abweſenheit, und die moraliſche Abweſenheit ſei die ſchmerzlichſte von allen, der⸗ fen, ing zei⸗ zu ane ach⸗ chte eine bei lche htet rif⸗ urch bbe um zen er⸗ uſe elle niß itel iſt; ſche die 25¹ Ein kleines Lachen antwortete ihm. „Habe ich wahr geſprochen?“ fragte der Abbs. „Ei! mit nichten.“ „Wie! dieſer Herr Bannibre, dieſer unumſchränkte Gebieter, dieſer unwürdige Gebieter... „Ich bitte Sie, ſprechen wir nicht mehr von Herrn Banniöre bei Herrn d'Hoirac, damit ich nicht von Herrn d'Hoirac bei Herrn Banniére ſprechen höre.“ „Aber ich empöre mich am Ende!“ rief der Abbé. „Man liebt alſo dort dieſen Herrn Banniére? Wahr⸗ ſi man wird mich zwingen, mich von ihm zu be⸗ reien.“ „Man liebt ihn nicht, das wiſſen Sie wohl,“ wurde ihm leiſe geantwortet. „Warum brechen Sie dann nicht ganz mit ihm?“ „Eil gemach! gemach! wir werden dazu kommen.“ „Ja, und ich ſterbe mittlerweile.“ „Bedenken Sie ein wenig, Ungedulbiger!“ „Das iſt ſo natürlich!“ „Nein, denn wenn man auf Sie hörte, müßte man den armen Jungen fortjagen.“ „Was liegt daran, wenn Sie ihn nicht lieben?“ „Reinen Mund gehalten!“ „Ich bin eiferſüchtig.“ „In dieſem Augenblick, Undankbarer!“ „In dieſem Augenblick, das ſage ich nicht. Doch ich werde es nächſtens ſein, ich werde es morgen ſein, ic werde es ſein, ſobald ich Sie nicht mehr bei mir a 2 „Was ſoll ich dann thun?“ „Nun denn! verſprechen Sie mir, dieſen Ban⸗ niere ſo verächtlich zu behandeln, daß er fühlt, Sie lieben ihn nicht mehr.“ „Was das betrifft, das iſt leicht. Wohl! genügt Ihnen das? Sind Sie ruhiger?“ „Ja, doch ſpäter werde ich weniger duldſam ſein.“ „Ho! ho!“ 252 „Weil ich noch mehr lieben werde.“ „Gut alſo.“ Doch dieſes Verſprechen war nicht ſobald von der falſchen Olympia gegeben, als die ächte ſich beeilte, es nicht zu halten, wie wir ſogleich ſehen werden. Während das Verhältniß des Abbé und der Cata⸗ lane ſo von den heimlichen Unterhaltungen fortlebte, nahm die Wirthſchaft von Olympia und Banniére auf ihre Weiſe, nämlich auf eine unregelmäßige Weiſe, ihren Fortgang. Olympia hatte darauf verzichtet, Bannière zu katechiſiren, dieſer aber hatte weder darauf verzichtet, ſie zu lieben, noch, ſich von ihr lieben zu machen, ſo daß er ſie im Augenblicke, nachdem er ſie zur Verzweiflung gebracht, ſo hartnäckig ſie war, zu einem Anfall von Liebe oder Nachſicht zurückführte. Olympia war nur auf der Oberfläche hartnäckig, im Grunde war ſie gut. Die Güte iſt die Stärke des Mannes und die Schwäche des Weibes. Nachdem die Catalane ſich dem Abbe gegenüber anheiſchig gemacht hatte, daß Olympia Bannisre nie genug Liebe zeigen ſollte, um den andern Schmachtenden eiferſüchtig zu machen, gingen Olympia und Bannidre, den man nicht in das Geheimniß hatte einweihen können, einen neuen Liehesvertrag bei Gelegenheit des Jahrestags der erſten Vorſtellung von König Herodes ein. Der Abbé kam zu den zwei Liebenden beim Nach⸗ tiſch des Schmauſes, den ſie ihrer Liebe gegeben. Der Schmaus hatte länger gedauert, weil Olym⸗ pia an dieſem Abend nicht ſpielte. Die Catalane gab eine neue Rolle. Die Coiffeuſe aber, als ob alle Dinge zum Voraus geordnet worden wären, um eine Kataſtrophe herbeizu⸗ führen, die Coiffenſe war im Theater, um ihren Dienſt zu verſehen. D'Hoirac trat bei Olympia in dem Augenblick ein, 6 lat det au nic nic rät wie Zu Hei ver ſich den ſten eine der her der es ta⸗ bte, auf ren ère tet, aß g on 6. 253 wo er hier nach dem, was zwei Tage vorher vorge⸗ fallen, am wenigſten erwartet wurde. Es iſt zu bemerken, daß er ſeinerſeits durchaus nicht erwartete, was er finden ſollte. Zu dieſer Stunde war Banniére faſt immer beim Spiele. Der Abbs wußte wohl, daß jedes Ereigniß ſeinen Jahrestag hat, aber er kannte den Jahrestag des Ereigniſſes von Olympia und Banniöre nicht. Als er bei Olympia mit ſeiner gewöhnlichen Un⸗ beſonnenheit eintrat,— auch unbeſonnen, hatten die Liebenden den Schlüſſel in der Thüre gelaſſen,— ſtieß er an einen Spiegel des Vorzimmers, den er für eine Thüre hielt, und der Olympia und Banntère mit einem Glaſe Champagner in der Hand reflectirte. Der Abbé blieb wie verdutzt mit der Naſe auf dem Spiegel. Ein einziger Diener, den man ohne Zweifel beur⸗ laubt hatte, verzehrte die übrig gebliebenen Brocken in der Küche. Wüthend über das, was er ſah, und dieſes Ge⸗ mälde für einen Verrath haltend, drehte ſich der Abbé auf dem Abſatz um und drang in das Speiſezimmer ein, nicht wie ein Neugieriger, nicht wie ein Eiferſüchtiger, nicht wie ein Beſuch, ſondern wie ein Gebieter. Er machte Geräuſch mit ſeiner Stimme und Ge⸗ räuſch mit den Thüren und erſchien vor den Liebenden wie Kalchas, bleich und mit geſträubten Haaren. Olympia und Banntöre, welche der Jahrestag, die Zuckerbrode und der Champagner in eine begeiſterte Heiterkeit verſetzt hatten, gaben bei dieſem Anblick in verſchiedenen Tonarten einen Ausruf des Erſtaunens von ſich und ſchlugen ein unmäßiges Gelächter auf, was den Zorn und die Verwirrung des Abbé auf den höch⸗ ſien Grad ſteigerte. Nie, man wird das zugeſtehen, war eine Myſtiſtcation ſo grauſam für einen Verließten wie der Abbs geweſen, der durch die Unterredung vom vor⸗ hergehenden Tag ſich ſo ſehr beruhigt hatte. 254 Er kehrte auch, mit den Zähnen knirſchend, zur Thüre zurück, während in ſeinem Kopfe alle Arten von Rache⸗ plänen auftauchten, welche, noch unfinnig im Chaos der Wuth, im Model der Ueberlegung eine Form annehmen konnten. Doch in dem Augenblick, wo er die Hand nach dem Knopf der Thüre ausſtrecken wollte, kam ihm Banniöre an Schnelligkeit zuvor, faßte ihn bei der Hand und ſagte: „Ei! ſind Sie ſo wenig weltlich, daß Sie ein Aer⸗ gerniß nehmen, wenn Sie einen Liebenden glücklich bei ſeiner Geliebten ſehen!“ D'Hoirae ſchauerte vom Scheitel bis zu den Zehen; er erwartete ein Wort von Olympia. „Oh!“ ſagte dieſe,„der Herr Abbé kann nicht ſo ſehr Angſt vor einem Glücke haben, das er, wie ich glaube, aus Erfahrung kennt.“ „Wohlan, meine Theure,“ ſprach Bannisre,„über⸗ nehmen Sie es, unſern Frieden mit Herrn d'Hoirae zu ſchließen.“ Und nachdem er einen Blick des Verfiändnſſſes mit Olympia gewechſelt hatte, ging er hinaus und ließ Olympia mit dem Abbé, der ganz in Verzweiflung, allein. Sein erſtes Wort war eine Verwünſchung. „Oh! wie ruchlos ſind die Weiber!“ rief er auf den Tiſch ſchlagend. Olympia fuhr auf, als ob ſie ſelbſt geſchlagen wor⸗ den wäre. „Was ſagen Sie da, mein Herr!“ rief ſie belei⸗ digt; zſprechen Sie in Beziehung auf mich ſo?“ „In Beziehung auf wen ſollte ich denn ſo ſprechen, wenn nicht in Beziehung auf Sie?“ verſetzte ungeſchlacht der Abbs. „Ich denke, Sie täuſchen ſich wohl!“ „Ich täuſche mich nicht; ich bin wüthend.“ „Gut!“ ſagte Olympia verächtlich,„Ihr Narrheits⸗ anfali packt Sie wieder, wie es ſcheint?“ 3 4. ire e⸗ der en 255 „Narrheit, ſo lange es Ihnen beliebt. Ja, Narr⸗ heit! doch wüthende Narrheit, nehmen Sie ſich in Acht.“ Und er ſchlug zum zweiten Mal auf den Tiſch. „Ah! ah! Abbé,“ rief Olympia,„mich dünkt, Sie werden den Tiſch und die Porzellane zerbrechen!“ „Gut! ſchöne Bagatellen! Tiſche und Kryſtalle kauft man wieder für Gold, doch nichts erkauft wieder die geſchmähte Liebe und die verlorenen Illuſionen eines ehrlichen Mannes.“ „Wiſſen Sie,“ ſprach Olympia, die Stirne faltend, „wiſſen Sie, mein Herr, daß ich kein Wort von dem, was Sie ſagen, verſtehe2“ „Oh! genug der Würde, Madame, oder vielmehr genug der Komödie, beſonders derjenigen, welche darin beſteht, daß man mir einen Knebel in den Mund ſteckt, wenn ich mich beklagen will.“ „Sie wollen ſich beklagen! worüber, wenn ich bit⸗ ten darf?“ „Was haben Sie mir verſprochen?“ „Ich?“ „Ja; hatte ich das Recht, auf Sie zu zählen?“ „Ich, ich habe Ihnen etwas verſprochen?“ „Ich weiß wohl, was Sie antworten werden; ich weiß wohl, daß ich hier nicht bei mir, ſondern bei Herrn Banniöre bin.“ „Allerdings.“ „Sie werden aber zugeſtehen, die Geduld hat ein Ziel, und mein Zorn 4A „Ihr Zorn, mein Herr,“ verſetzte Olympia,„Ihr Zorn wird am Ende den meinigen erregen, und ſtehen der Zorn von Ihnen und der meinige einmal einander gegenüber, ſo wird der meinige, darauf mache ich Sie aufmerkſam, den Ihrigen bitten, wegzugehen.“ „Madame,“ erwiederte der Abbé die Stimme er⸗ hebend,„Sie brechen Ihre Zuſagen; dulden Sie, daß ich Sie an dieſelben erinnere.“ 256 „Oh! gut; erinnern Sie mich datan und Sie werden mir ein Vergnügen machen.“ „Sie erlauben es mir?“ „Ich bitte Sie darum.“ „Nun denn, war es nicht Uebereinkunft, Sie wer⸗ den mir nie Gelegenheit geben, eiferſüchtig zu ſein?“ „Eiferſüchtig! Sie, und auf wen?“ „Wie!“ rief der Abbé den Kopf ſenkend und beide Arme ausſtreckend,„ich finde Sie hier unter vier Augen mit Herrn Banniöre!“ „Bei meinem Ehrenwort, er iſt verrückt,“ ſagte Olympia mit ſich ſelbſt ſprechend.“ „Ohl wenn Sie ſo raſch vergeſſen,“ ſprach der Abbé, bei dem der Zorn in Schwermuth überging,„oh“ ich ſehe viel Unglück vorher!“ Olympin zuckte die Achſeln; die Schwermuth des Abbé war offenbar toll wie ſein Zorn. „Neulich war es am Ende der Marasquin,“ ſagte Olympia,„aber heute gibt es keine Entſchuldigung.“ Der Abbé wandte ſich gegen ſie um, faltete die Hände und ſprach: „Seien Sie ernſthaft, Olympia, ich bitte Sie in⸗ ſtändig.“ „Olympial“ rief die junge Frau aufſpringend; „Sie nennen mich Olympia!“ „Ah! ah! das iſt zu ſtarl!“ ſagte der Abbs er⸗ bleichend, weil er ſo lange an ſich gehalten oder viel⸗ mehr verſchluckt hatte,„Sie machen ſich Ihre Mittel, Ihre Verträge, Ihre Gewiſſensfälle zu Nutze. Ich werfe Alles dies in den Wind, weil Sie ſo raſch Ihr Wort vergeſſen. Ja, ich bin hier bei Herrn Bannisre, das iſt wahr; doch ich werde, da Sie mich dazu zwingen, hier ſprechen, wie ich dort ſpreche!“ „Dort! und was nennen Sie dort?“ „Oh! ſpielen Sie die Unſchuldige, Madame; doch diesmal werde ich Sie nicht verlaſſen, ohne Ihnen die volle Wahrheit geſagt zu haben.“ Sie ver⸗ E eide gen gte der oh“ 257 „Welches dort meinen Sie, mein Herr?“ wieverholte Olympia. „Das dort, wo Herr d'Hoirae bei ſich iſt; das dort, wo Sie, das Gegentheil von Penelope, am Abend wie⸗ derherſtellen, was Sie am Tage zu nichte gemacht haben; das dort, wo ich ſo ſchwach bin, das zu lieben, was mich anderswo hintergeht.“ Olympia ſtieß einen Schrei aus, der der Vorläufer eines heftigen Zorns war, einen Schrei, wie ihn die verwundeten Löwinnen ausſtoßen müſſen. Dieſer Schrei machte den Abbé darauf aufmerkſam, daß er vielleicht zu weit gegangen war. Er wandte ſich daher von der Drohung der Beilegung zu und ſagte: „Wohlan, der Augenblick iſt gekommen, offenherzig zu ſprechen: ergreifen wir ein Verfahren, das uns aus dieſer zweideutigen Stellung herausbringt, ſpielen wir ein unverdecktes Spiel: keine Zweideutigkeit mehr.“ „Ja, ein offenes Spiel,“ erwiederte Olympia, welche mit allen ihren Kräften hörte, um wahrzunehmen, wo⸗ rauf dieſer Anfall von Wahnſinn hinauslaufe. „Nun denn, nicht wahr, ich habe mich als ein Gei⸗ ziger benommen?“ „Sie„bei welcher Gelegenheit?“ „Sie ſind nicht zufrieden mit dem, was ich Ihnen gegeben habe?“* „Wie,“ verſetzte Olympia,„was iſt das? mir ſcheint, Sie gehen vom Unverſchämten zum Unfläthigen über.“ „Erlauben Sie, liebe Olympia, laſſen Sie uns ein Malvon den materiellen Angelegenheiten reden, um nie mehr darauf zurückzukommen, und unſere Liebe wird ſich wohl dabei befinden.“ Und ohne ſich um den Blick der Beſtürzung von Olympia zu hekümmeru, den er übrigens vielleicht mit ſeinen ſchlechten Augen nicht ſah, fuhr er fort: „Ich ſage alſo, Sie find gewahr geworden, daß Sie nicht genug mit dem haben, was die Coiffeuſe in Ihrem Namen von mir verlangt hat.“ Olympia von Cléves. I. 17 258 „In meinem Namen, die Coiffeuſe!““ verſetzte Olympia. Und Sie nahm ihren Kopf zwiſchen ihre Hände, als wäre ſie es geweſen, welche verrückt wurde. „Oh! ich bitte, unterbrechen Sie mich nicht,“ rief der Abbé;„ich weiß Alles, was Sſe mir ſagen wollen, doch für mich, wie für Sie, hedarf es einer Gewißheit. Bauen wir dieſe Gewißheit im Einklang, mit gleichen Kräften. Vernehmen Sie die Artikel, die ich Ihnen vorſchlagen werde.„ Olympia hatte den Entſchluß gefaßt, bis zum Schluſſe zu hörenz ſie wollte einmal ein Ende machen mit dieſer Geiſtesverrückung, die ſich vor ihr aufpflanzte wie eine wirkliche Ueberzeugung. „Gut,“ ſagte ſie, auf ihren Stuhl zurückfallend, „laſſen Sie die Artikel hören.“ „Erſter Artikel: Sie werden das Theater verlaſſen.“ „Ich, ich werde das Theater verlaſſen 2 „Warten Sie doch.“ „Oh! ich warte, wie Sie ſehen. Nur beeilen Sie ſich, denn ich werde vielleicht nicht die Geduld haben, lange zu warten.“ „Sie werden das Theater verlaſſen, weil Ihre Exi⸗ ſtenz, indem ſie dem Publikum gehort, nicht genug Ihrem Geliebten gehört.“ Olympia kreuzte die Arme, um ihren Zorn in ihre Bruſt zu verſchließen. „Sind Sie einmal nicht mehr beim Theater,“ fuhr der Abbé fort,„ſo wird nichts leichter ſein, als den Andern zu verlaſſen.“ „Den Andern!“ fragte Olympia zu einem neuen Erſtaunen übergehend.„Welchen Andern?⸗ „Ei! nennen wir ihn nicht, meine Liebe. Iſt er nicht im Grunde aller unſerer Gedanken, der Unglück⸗ liche!“ „Der Andere? der Andere, der im Grunde aller unſerer Gedanken iſt? hören Sie, mein lieber Abbé, —— —— jä lat Ab nich dem des ten den, beri ſend von ſo ſe deſſe 259 Sie machen mir entſchieden am Ende bange. Iſt es ein bei Ihnen gewöhnlicher Scherz, ſo Verrückthert zu ſpielen? Ich muß Ihnen bemerken, daß ich mich entſetz⸗ lich vor den Narren fürchte. Wenn Sie alſo die Wahl. haben, ſo wählen Sie eine Andere und ſcherzen Sie nicht mehr ſo.“ „Ich ſcherze ja nicht; ich will... ich bin nicht... Gehen wir zum zweiten Artikel über.“ „Gehen wir über.“ „Der Andere wird verabſchiedet: man ſetzt ihm eine Penſton aus.“ Olympia machte eine Bewegung. „Mit einer von einem Notar ungefähr in folgenden Worten abgefaßten Urkunde:„Herr Bannidre wird jährlich erhalten...“ Olympia ſchlug ihre Hände an einander und rief laut auflachend: „Ha! ha! das iſt reizend! Der Andere iſt alſo Bannisre?“. „Du biſt's, die ihn genannt!“ erwiederte der Abké Olympia ſtand auf. „Mein Herr, ich liebe es nicht, daß man mich duzt, nicht einmal mit Verſen von Racine,“ ſprach ſie, die Naſenflügel mit ihrem ganzen Stolze und beſonders mit dem ganzen Zorne anſchwellend, den ſie ſeit dem Anfange des Geſpräches in ihrem gereizten Herzen brütete. „Dritter Artikel,“ fuhr der Abbé fort:„Sie erhal⸗ ten ſelbſt zwei tauſend Louis d'or, um rückſtändige Schul⸗ den, kleine Verbindlichkeiten oder Abfindungsſummen zu berichtigen; ferner einen Rentenvertrag von ſechs tau⸗ ſend Livres, zahlbar auf das Gut d'Hoirac, das mir von meinem verſtorbenen Vater vermacht worden iſt. Olympia ging gerade auf den Abbé zu und ſagte: „Derjenige, welcher ſo vom Gelde ſpricht, iſt nicht ſo ſehr verrückt. Wer iſt der Gegenſtand des Handels, deſſen Zahlen Sie vor mir ausbreiten? nicht wahr, ich?“ 260 „Ja.“ „Mich wollen Sie alſo kaufen?“ „Bezahlen, das heißt, wenn man je ein unſchätz⸗ bares Gut bezahlen könnte.“ „Und Sie würden zum Voraus bezahlen?“ fragte Olympia ironiſch;„Sie befürchteten nicht, betrogen zu werden!“ „Oh! mir ſcheint, bei den Verſprechungen, die Sie mir gemacht, habe ich nichts zu befürchten.“ Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als man zwei Thüren zugleich öffnete. Eine in einem Cabinet dem Abbé gegenüber. Bannière trat leichenbleich und mit zitternden Lip⸗ pen heraus. Die andere im Vorzimmer. Die Coiffeuſe zeigte ſich hier ganz beſtürzt, denn zwei Worte hatten für ſie genügt, um die ganze Lage der Dinge zu begreifen.