Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von S Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens e e. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 21 Stun den ſ 3. Gaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entge eines Buches, eine dem Werthe deſſelben te ee e⸗ welche bei deſſen Zurückgabe on mir zurückerſtattet wird. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 5. Auswärtige ahounenten haben für Sin- und Zurkckſendung. der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Man erinnert ſich, daß unſer Freund Camille, als er am Schluſſe des vorletzten Kapitels Su⸗ ſanne von Valgeneuſe verließ, ein ſehr einfaches Mittel zu finden geglaubt hatte, ſich Salvator's, oder wenn man lieber will, Conrad's, das heißt des rechtmäßigen Erben der Volgeneuſe zu ent⸗ it Aber es genügt in dieſer Welt von Widerſprü⸗ chen nicht, ein Mittel zu finden, ſich deſſen ent⸗ ledigen zu wollen, was uns im Wege iſt: zwiſchen dem Mittel und der Ausführung iſt oft ein großer Abgrund. In Folge des gefaßten Entſchluſſes hatte Ca⸗ mille von Rozan bei Salvator vorgoſprochen, und ihn nicht zu Hauſe traf, ſeine Karte abge⸗ geben. Am Tage nach der häuslichen Szene, die wir ſo eben erzählt, ließ ſich Salvator— unter ſeinem wahren Namen Conrad von Valgeneuſe— bei dem amerikaniſchen Gentleman melden. 1. 4 Dieſer, leicht bewegt, wie es im entſcheidenden Augenblicke alle Menſchen ſind, welche raſche Ent⸗ ſchlüſſe faſſen, und mehr ihrem Temperamente, als ihrer Vernunft folgen, dieſer, ſagen wir, befahl ſeinem Diener, den Fremden in den Salon zu führen und trat kurz darauf ſelbſt dort ein. Damit man jedoch verſtehe, was folgt, wollen wir ſagen, woher Salvator kam, als er ſich bei Camille melden ließ. Er kam von ſeiner Couſine Fräulein Sufanne von Valgeneuſe. Auf ſein erſtes Verlangen, bei dem jungen Mäd⸗ chen vorſprechen zu dürfen, hatte man ihm geant⸗ wortet, Fräulein von Valgeneuſe empfange nicht. Er hatte darauf beſtanden, und war abermals qigetieen worden. Aber er war geduldig, unſer Freund Salvator, und was er wollte, das wollte er feſt. Er hatte deßhalb eine zweite Karte genommen und unter ſeinen Namen Conrad von Valgeneuſe mit Blei geſchrieben: „Kommt ſich wegen der Erbſchaft zu verſtändigen.“ Nie hatte ein Zauberwort, nie ein Wunder⸗ talisman die Thore eines Feenſchloſſes raſcher ge⸗ öffnet. Man ließ ihn in den Salon eintreten, wo Fräulein von Volgeneuſe nach einigen Augenblicken ebenfalls erſchien. Die Verzweiflung, in die ſie der Verluſt ihres Vermögens geſtürzt, hatte ſie außerordentlich ver⸗ ändert: ihre Stirne war blaß, ihre Wange hager, ihr Auge glanzlos. Sie glich jenen ſchönen, aber fieberverzehrten Mädchen in den pontiniſchen Süm⸗ — 5 pfen, deren ſchwimmender Blick in einer uns frem⸗ den Welt zu weilen ſcheint. Die Schauer der Melodie, die ſie zu durchzittern ſchienen, theilten ſich auch Salvator mit, denn als er eintrat, ſchauerte er unwillkürlich. Salvator hatte ſich, um bei ſeiner Couſine zu erſcheinen, als Mann von Welt nicht blos, ſon⸗ dern ſogar als Elegant nach der ſtrengſten Etikette gekleidet. Als ſie ihn in ſo feiner und gien lt Toi⸗ lette erblickte, leuchteten die Augen des jungen Mädchens wieder auf und Haß und Zorn blitzten daraus hervor. „Sie haben mit mir zu ſprechen, mein Herr?“ ſagte ſie trocken und mit verächtlichem Stolze. „Ja, Couſine,“ antwortete Salvator. Fräulein von Valgeneuſe zuckte zornig mit den Lippen, als ſie das Wort Couſine hörte, das ihr wie eine beleidigende Vertraulichkeit klang. „Und was können Sie von mir wollen?“ ant⸗ wortete ſie in demſelben Tone. „Ich wollte Ihnen ſagen,“ fuhr Salvator fort, den die ſtolze Miene des Fräuleins von Valge⸗ neuſe nicht im Geringſten kümmerte,„in welche ſt Sie durch den Tod Ihres Bruders verſetzt ind.“ „Es iſt alſo die Erbſchaftsfrage, von der Sie mit mir ſprechen wollen?“ „Sie begreifen die Wichtigkeit derſelben, nicht wahr?“ „Sie behaupten, glaube ich, daß dieſe Erbſchaft Ihnen gehört?“ ————— „Ich behaupte nicht blos, ich weiß es zu be⸗ gründen.“ „Das koſtet wenig, wir werden prozeſſiren.“ „Jenes koſtet allerdings nichts,“ ſagte Salva⸗ tor,„aber prozeſſiren koſtet viel; Sie werden nicht prozeſſiren, meine Couſine.“ „Und wer wird mich hindern? Sie?“ „Gott behüte mich!“ „Wer denn?“ „Ihre Vernunft, und vor Allem Ihr Notar.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich will damit ſagen, daß Sie geſtern Ihren Notar kommen ließen, der zugleich auch der meine iſt, Herrn Baratteau, einen ſehr braven Mann! daß Sie ihm ſagten, er ſolle Sie über den Stand Ihrer Angelegenheiten in's Reine ſetzen, und daß Sie ihn, als Sie erfuhren, Sie haben nichts mehr, ihn um ſeinen Rath baten; er hat Ihnen gerathen, nicht zu prozeſſiren, weil das Teſtament, das ich ſe einem Prozeſſe nicht die geringſte Chance aſſe.“ „Ich werde meinen Advocaten zu Rathe ziehen.“ „Die Schlla wird Ihnen keinen beſſern Rath geben, als die Charybdis.“ „Was wollen Sie aber denn von mir, mein Herr? Ich begreife den Zweck Ihres Beſuches nicht, wenn Sie nicht etwa die Abſicht hätten, ſich an einer Frau für den Haß zu rächen, den Sie gegen ihren Bruder hegten.“ Salvator ſchüttelte mit ſanfter Melancholie den opf. „Ich haſſe Niemanden,“ ſagte er,„nicht mal K — 7 Loredan habe ich gehaßt; wie wäre es deßhalb möglich, daß ich Sie haßte? Es hätte ein Wort hingereicht, uns einander zu nähern, Ihren Bru⸗ der und mich. Es war ein unbedeutendes Wort, das Wort Gewiſſen, und er durfte es niemals ausſprechen. Ich komme indeß nicht, um Sie zu beleidigen, weit entfernt: wenn Sie mich anhören wollen, ſo werden Sie erfahren, daß das Herz, das Sie von Hoß erfüllt glauben, nur von den reſpectvollſten Gefühlen für Sie erfüllt iſt.“ „Ich danke Ihnen herzlich für Ihr liebenswür⸗ diges Mitleid, mein lieber Herr; aber Frauen mei⸗ ner Art erniedrigen ſich nicht zum Almoſen, ſie er⸗ heben ſich zum Tode.“ „Wollen Sie mich anhören, mein Fräulein?“ ſagte Salvator reſpectvoll. „Jo, ich begreife, Sie wollen mir eine lebens⸗ längliche Penſion ausſetzen, damit man in der Weit nicht ſage, Sie hätten eine Verwandte im Spital ſterben laſſen.“ „Ich biete Ihnen nichts an,“ antwortete Sal⸗ vator, ohne weiter auf die Vermuthungen des jun⸗ gen Mädchens zu achten;„ich bin mit der Abſicht zu Ihnen gekommen, mich von Ihren Bedürfniſſen zu unterrichten, und mit dem Wunſch und der Hoffnung, ſie zu befriedigen.“ „Dann ſprechen Sie ſich deutlicher aus,“ ſagte Suſanne erſtaunt,„denn ich weiß nicht, wo hin⸗ aus Sie damit wollen.“ „Es iſt jedoch ſehr einfach: Wie viel brauchen Sie jährlich? mit andern Worten, welche Summe geben Sie durchſchnittlich im Jahre aus d oder mit — 1 andern Worten, welcher Summe bedürfen Sie jährlich, um Ihr Haus auf dem Fuße fortzuführen, auf dem es jetzt iſt?“ „Ich weiß es durchaus nicht,“ ſagte Fräulein von Valgeneuſe,„ich habe mich niemals um der⸗ gleichen bekümmert.“ „Nun gut, ſo will ich es Ihnen ſagen,“ ver⸗ ſetzte Salvätor;„ſo lange Ihr Bruder lebte, brauch⸗ ten Sie beide hundert kauſend Franken jährlich.“ „Hundert kauſend Franken!“ rief das junge Mädchen beſtürzt. „Ich nehme nun an, meine Couſine, daß Sie ungefähr für ein Drittel bei dieſer Summe bethei⸗ ligt waren; Sie brauchten alſo dreißig bis fünf⸗ unddreißig tauſend Franken jährlich.“ „Aber, mein Herr,“ unterbrach ihn Suſanne noch einmal befremdet, und diesmal aus einer an⸗ dern Urſache, denn es kam ihr der Gedanke, daß ihr Vetter aus dem einen oder andern Grunde ſie be⸗ reichern wolle und daß ſie dann auf dem großen Fuße wie Camille fortleben konnte,„aber, mein Herr, ich brauche kaum dieſe Summe.“ „Wohl,“ dachte Salvator,„aber es gibt ſchlechte Jahre. Ich ſetze Ihnen deßhalb in der Voraus⸗ ſicht ſolcher ſchlimmen Zeiten fünfzigtauſend Fran⸗ ken jährlich aus; das Kapital bleibt in den Hän⸗ den des Herrn Baratteau und Sie nehmen die Re⸗ venue monatlich oder vierteljährlich, ganz wie es Ihnen beliebt, in Empfang. Scheint Ihnen meine Propoſition annehmbar?“ „Aber, mein Herr!“ verſetzte Suſanne, deren Geſicht ſich vor Freude röthete,„vorausgeſetzt, daß 9 ich annehme, ſollte ich doch wiſſen, welches Recht ich habe, ein ſolches Geſchenk anzunehmen.“ „Was Ihre Rechte betrifft, mein Fräulein,“ ſagte Salvator lächelnd,„ſo iſt es, wie ich Ihnen bereits zu ſagen die Ehre hatte, Sie beſitzen durch⸗ aus gar keines.“ „So will ich ſagen, in welcher Eigenſchaft?“ verſetzte das Mädchen. „Als die Nichte meines Vaters, mein Fräu⸗ lein,“ verſetzte Salvator feierlich.„Nehmen Sie an.“ Eine ganze Welt von Gedanken durchkreuzte den Kopf des jungen Mädchens bei dem ſo un⸗ umwunden gemachten Vorſchlag; es war ihr, als ob ſie es mit Menſchen höherer Art, als alle, die ſie bis dahin gekannt, zu thun hätte; als ob dieſe Geſchöpfe, welche ohne Zweifel unmittelbar von Gott ausgehen und vom Himmel die belebende Kraft des Guten erhalten, auf dieſe Erde geſandt wären, um das Uebel der niedrigeren Geſchöpfe zu verbeſſern. Sie ſah hier wie durch einen Sturm⸗ nebel die roſigen Wolken, die ſich über dem Him⸗ mel wölbten; ihr bis zum Tode ihres Bruders ver⸗ ſchwommenes, unklares Leben, das ſeit drei Tagen von einem finſtern, ſchwarzen Sturme überzogen war, leuchtete plötzlich in den Farben des Regen⸗ bogens; tauſend liebkoſende Gedanken und Aus⸗ ſichten, die wie linde Sommerlüfte ihre Stirne kühlten; nur mit dieſem vom Rauſche der Hoff⸗ nungen erfüllten Herzen hob ſie den Blick, auf dem 6. Kheſeſ Dankbarkeit ſtrahlte, zu Salva⸗ or auf. Sie hatte ihn bis dahin mit dem angeſtammten 11 „Ich habe nichts vergeſſen, Suſanne,“ ſagte Salvator traurig,„nicht mal die Pläne, die unſre Väter mit uns hatten, und gerade weil ich mich alles deſſen erinnerte, ſehen Sie mich heute bei Ihnen.“ „Sprechen Sie wahr, Conrad?“ „Ich lüge nie.“ „Aber glauben Sie genng für die Nichte Ihres Vaters gethan zu haben, indem Sie, ſelbſt auf ſo wohlwollende Weiſe wie Sie es thun, das ma⸗ terielle Wohl derſelben ſichern? Ich ſtehe allein auf der Welt, Conrad; allein von dieſem Tage an. Ich habe weder Verwandte, noch Freunde, noch ſonſt eine Stütze.“ „Gott iſt's, der Sie ſtraft, Suſanne,“ ſagte der junge Mann ernſt. „O Sie ſind ſtreng, zu hart.“ „Haben Sie ſich nichts vorzuwerfen, Su⸗ ſanne?“ „Kein ſchweres Vergehen, Conrad, wenn Sie nicht etwa die Coquetterien eines jungen Mädchens oder die Launen einer Frau ſo nennen ſollten.“ „Nennen Sie das Coquetterie oder Laune,“ verſetzte Conrad feierlich,„daß Sie die Hand zu einer abſcheulichen Machination boten, deren Re⸗ ſultat der Raub eines jungen Mädchens aus Ihrem Penſionate war, ein Raub, der vor Ihren Augen und mit Ihrer Beihülfe vollzogen wurde? Glauben Sie, daß Gott nicht eines Tages eine ſolche Laune beſtraft? Nun gut, Suſanne, dieſer Tag iſt ge⸗ kommen und Gott beſtraft Sie durch die Verlaſſen⸗ heit, Einſamkeit, durch die Zerreißung aller Fa⸗ ———.——— 12 milienbande, eine ſtrenge, wohlverdiente und darum gerechte Strafe.“ Fräulein von Valgeneuſe ſenkte den Kopf, eine Fohe die ſie nicht bemeiſtern konnte, überflog ihr eſicht. Einen Augenblick ſpäter hob ſie die Stirne leicht wieder, und als ob ſie die Worte ſuchte, ſagte ſie: „So verweigern Sie alſo, mein nächſter und einziger Verwandter, nicht nur Ihre Freundſchaft, ſondern auch Ihre Stütze. Ich bin keine verhärtete Sünderin, Conrad. Der Grund meines Herzens iſt gut, glauben Sie mir, und ich könnte vielleicht mit Ihrer Hülfe ein allerdings verabſcheuungs⸗ würdiges Vergehen, das ſeine Seciliſc in den Urſachen hat, wieder gut machen. eine ſchweſterliche Zärtlichkeit ließ mich dieſe abſcheu⸗ liche Handlung begehen. Wo iſt dieſes junge Mäd⸗ chen? Ich werde mich ihr zu Füßen werfen, ſie um Vergebung anflehen. Sie war verwaist und ohne Vermögen; ich werde ſie zu mir nehmen, ſie zu meiner Freundin, meiner Schweſter machen; ich werde ſie ausſteuern, ſie verheirathen, kurz, die wenigen unheilvollen Jahre vergeſſen zu machen, werde ich mein Leben dem Wohle Anderer widmen. Aber deßhalb bitte ich Sie um Ihre Güte, Ihre Ermuthigung, Ihre Unterſtützung!“ „Es iſt zu ſpät,“ ſagte Salvator. „Conrad,“ drängte das Mädchen,„ſeien Sie nicht der Strafengel. Ich habe häufig den Namen Salvator's als den eines rechtſchaffenen Mannes nennen hören. Seien Sie nicht ſo ſtreng wie Gott, 13 Sie, der Sie nur eines ſeiner Geſchöpfe ſind. Bieten Sie der die Hand, die Sie bittet, ſie nicht weiter in den Abgrund hinabzuſtoßen. Wenn Sie auch keine Freundſchaft fühlen, ſo haben ſie doch wenigſtens Mitleid, Conrad; wir ſind beide noch jung, man darf deßhalb nicht an Allem ver⸗ zweifeln. Studiren Sie mich, ſetzen Sie mich auf die Probe, ſuchen Sie mich auszuholen, und wenn ich im Guten denſelben Eifer an den Tag lege, den ich im Böſen gezeigt, ſo werden Sie ſehen, Conrad, welcher Aufopferung und aufrichtigen Liebe ein im Guten noch jungfräuliches Herz fähig iſt.“ „Es iſt zu ſpät!“ wiederholte Salvator melancho⸗ liſch.„Ich bin eine Art von Geiſt in der morali⸗ ſchen Welt, Suſanne, ich habe das Amt über⸗ nommen, alle, welche die Geſellſchaft ſtündlich ver⸗ wundet und verletzt, zu verbinden und zu heilen. Die Zeit, welche ich bei Ihnen zubrachte, iſt mei⸗ nen Kranken geſtohlen. Laſſen Sie mich deßhalb zu ihnen zurückkehren, vergeſſen Sie, daß Sie mich geſehen.“ „Nein,“ rief das junge Mädchen ungeſtüm,„es ſoll nicht geſagt werden, daß ich nicht Alles ver⸗ ſuchte. Ich bitte Sie fußfällig, Conrad, verſu⸗ chen Sie es, mein Freund zu werden.“ „Nie!“ antwortete der junge Mann bitter. „Gut,“ murmelte Suſanne, indem Sie eine Bewegung der Verachtung unterdrückte;„aber wenn es Ihnen gefallen, mich auf ſo edle Weiſe zu ver⸗ binden, ſo weiß ich nicht, warum Sie mich über⸗ haupt verbinden wollten?“ 14 „Die Urſache iſt die, die ich Ihnen ſagte, Su⸗ ſanne,“ verſetzte Salvator ſtreng;„ich ſchwöre es Ihnen vor Gott. Ich wünſche Sie aus keinem andern Grunde zu verbinden; aber erklären Sie ſich, ich verſtehe Sie nicht. Haben Sie die Vor⸗ ausbezahlung einer Jahresrente nöthig?“ „Ich will Paris verlaſſen,“ antwortete Su⸗ ſanne,„aber nicht blos Paris, ſondern Europa. Ich will mich in eine Einöde zurückziehen, ſei es in Amerika oder in Aſien; ich habe einen Abſcheu vor der Welt; ich brauche deßhalb das ganze Ver⸗ mnn das Sie mir auszuwerfen die Gnade aben.“ „Wo Sie auch ſein mögen wird Ihnen die Revenue zukommen, Suſanne, ſeien Sie darob ganz unbeſorgt.“ „Nein,“ ſagte Suſanne, welche zu zögern ſchien, „ich muß mein ganzes Vermögen in Händen ha⸗ ben und man darf hier den Ort nicht wiſſen, wo⸗ hin ich mich zurückgezogen.“ „Wenn ich Sie recht verſtehe, Suſanne, ſo heißt das Ihr ganzes Capital, das iſt eine Million, die Sie von mir verlangen.“ „Haben Sie nicht ſo eben geſagt, daß dieſe Million bei Herrn Baratteau deponirt ſei?“ „Ich wiederhole es Ihnen, Suſanne; wann wollen Sie ſie?“ „So bald als möglich.“ „Wann gedenken Sie abzureiſen?“ „Heute, wenn ich kann.“ „Heute iſt es zu ſpät, dieſe Summe zu rea⸗ liſiren.“ W W S S W w 8S S M — — S 15 „Wie lange braucht es denn?“ „Höchſtens vierundzwanzig Stnnden.“ „Alſo morgen zur gleichen Stunde,“ ſagte Fräulein von Palzeherſe deren Augen vor Glück ſtrahlten,„könnte ich mit einer Million Paris ver⸗ laſſen?“ „Morgen zur ſelben Stunde.“ „O Conrad,“ rief das junge Mädchen in einer Art von verliebter Aufregung,„warum haben wir uns nicht auf einem beſſern Wege begegnet! Welch' eine Frau wäre ich in Ihren Händen geworden! Mit welch' glühender Liebe hätte ich Sie um⸗ fangen! „Leben Sie wohl, meine Couſine,“ ſagte Sal⸗ vator, der nicht weiter hören wollte.„Gott ver⸗ gebe Ihnen, was Sie Schlimmes gethan und be⸗ hüte Sie vor dem, was Sie vielleicht noch zu thun im Sinne haben.“ Fräulein von Valgeneuſe ſchauerte unwillkürlich. „Leben Sie wohl, Conrad,“ ſagte ſie, kaum wagend, ihn anzuſchauen:„ich wünſche Ihnen alles Glück, das Sie verdienen, und was auch kommen mag, ich werde nie vergeſſen, daß ich durch eine mit Ihnen zugebrachte Viertelſtunde eine ehrbare Frau und ein gutes Herz geworden bin.“ Salvator verbeugte ſich vor Fräulein von Val⸗ geneuſe und begab ſich, wie wir am Anfang dieſes Kapitels ſagten, zu Camille de Rozan. „Mein Herr,“ ſagte er, ſobald er des Ameri⸗ kaners anſichtig wurde,„ich habe zu Hauſe Ihre Karte gefunden und kam nun, ſobald es mir mög⸗ 16 lich wurde, Sie aufzuſuchen und zu jragen was mir die Ehre Ihres Beſuches verſchaffte?“ „Mein Herr,“ antwortete Camille,„Sie nen⸗ nen ſich Conrad von Valgeneuſe?“ 30 mein Herr.“ „Sie ſind ſomit der Vetter von Fräulein von Valgeneuſe?“ „Allerdings.“ „Nun denn, mein Herr, mein Beſuch hatte kei⸗ nen andern Zweck, als von Ihnen zu erfahren, der Sie der rechtmäßige Erbe ſind, was Sie in Beziehung auf Fräulein von Valgeneuſe für Ab⸗ ſichten haben?“ „Ich will Ihnen gerne antworten, mein Herr; zuvor aber möchte ich wiſſen, welches Recht Sie haben, mich zu fragen. Sind Sie der Bevoll⸗ mächtigte meiner Couſine, ihr Advocat, ihr Rath? Auf welchen Grund hin erweiſen Sie mir die Ehre, mich zu fragen? auf ihre Rechte hin oder im Hinblick auf meine Gefühle?“ „Auf Grund beider.“ „So ſind Sie, mein lieber Herr, zu gleicher Zeit ihr Verwandter und ihr Srite „Weder das Eine, noch das Andere. Ich war der intime Freund Lorédan's und ich glaube deß⸗ halb vollkommen im Rechte zu ſein, mich über das Schickſal ſeiner Schweſter, die nunmehr Waiſe iſt, zu unterrichten.“ „Sehr gut, mein lieber Herr. Sie waren der Freund des Herrn von Valgeneuſe; warum wen⸗ den S ſich denn aber an mich, deſſen Todfeind er war?“ —— — er P 2 ſe 4 1. d 47 „Weil ich keinen andern Verwandten weiß, als ie „Sie wenden ſich alſo an meine Wohlthätig⸗ keit.“ „An Ihre Wohlthätigkeit, wenn Ihnen das Wort gefüällt.“ „In dieſem Fall, mein Herr, möchte ich Sie fragen, warum Sie in ſolchem Tone mit mir ſpre⸗ chen? Warum ſind Sie ſo aufgeregt, ſo nervös, ſo fieberhaft? Ein Mann, der eine ſo ſchöne Pflicht übt, wie Sie in dieſem Moment, iſt nicht ſo aufgeregt wie Sie. Eine gute Handlung kann man kalt vollziehen: was iſt Ihnen geſchehen?“ „Mein Herr, wir ſind nicht hier, um uns über mein Temperament zu ſtreiten.“ „Allerdings nicht; aber wir ſind hier, um die Intereſſen einer Abweſenden zu verhandeln; wir können deßhalb ganz ruhig die Sache beſprechen. Mit einem Worte, warum erzeigen Sie mir die Ehre, mich zu fragen?“ „Ich frage Sie,“ ſagte Camille heftig,„was Sie in Rückſicht auf Fräulein von Valgeneuſe zu thun gedenken?“ „Ich habe die Ehre, mein Herr, Ihnen zu ant⸗ worten, daß dies eine Sache zwiſchen meiner Cou⸗ ſine und mir iſt.“ „Mit andern Worten, Sie verweigern mir eine Antwort?“. „Ich verweigere Ihnen allerdings eine ſolche und ich gebe der Sache keinen andern Namen, als welchen ſe hat.“ Dumas, Salvator. VIII. 2 18 „Nun denn, mein Herr, da ich im Namen des Bruders von Fräulein von Valgeneuſe ſpreche, ſo betrachte ich Ihre Weigerung als einen Mangel an Herz.“ .„*„* „Was wollen Sie, mein lieber Herr, mein Herz iſt nicht ſo verſteinert, wie das Ihre.“ „Ich, mein Herr, ſpreche offen meine Gedan⸗ ken aus und wenn ein Freund mich fragte, ſo würde ich ihn nicht über das Schickſal einer Waiſe im Zweifel laſſen.“ „Warum haben Sie denn, mein lieber Herr, Colombau über das Schickſal Carmelitens in Un⸗ ruhe gelaſſen?“ fragte Salvator in ſtrengem Tone. Der Amerikaner wurde blaß und ſchauerte; er hatte kratzen wollen und wurde gebiſſen. „Jeder Menſch wird mir noch dieſen Namen Colombau an den Kopf werfen!“ rief Camille voll Wuth.„Gut denn! ſo werden Sie für Alle be⸗ zahlen,“ fuhr er fort, indem er Salvator mit dro⸗ hender Miene anſah,„und mir Rechenſchaft geben.“ Salvator lächelte, wie die Eiche, wn Roſenſtrauch ſich bewegen ſieht. Aber Camille, der ſich nicht mehr kannte, ſtürzte auf ihn los und ſchien die That der Drohung fol⸗ gen laſſen zu wollen, als Salvator mit der ener⸗ giſchen inhe, von der wir ihn drei bis vier Mal in dieſem Drama haben Beweiſe geben ſehen, die Hand ergriff, die Camille vorſtreckte, und ſie kräf⸗ tig drückend, den Amerikaner zurück warf, indem er ſch wieder an ſeinen vorigen Platz ſtellte und ſagte: „Sie ſehen wohl, baß Sie nicht kaltblütig ge⸗ nug ſind, mein lieber Herr.“ ie den. n⸗ iſe n⸗ 19 Sie waren ſo weit gekommen, als ein Diener eintrat, der einen Brief in der Hand hielt, welchen ein Commiſſionär in großer Eile gebracht. Camille warf den Brief auf den Tiſch; auf das Drängen des Dieners jedoch nahm er ihn, bat Sal⸗ vator ihn leſen zu dürfen und las wie folgt: „Conrad iſt ſo eben bei mir geweſen. Wir ha⸗ ben ihn falſch beurtheilt. Er hat ein edles und großes Herz. Er gibt mir eine Million: das heißt ſo viel als, alle Bemühungen in dieſer Richtung ſind fortan unnöthig. Packen Sie deßhalb ſo raſch als möglich ein: wir gehen zuerſt nach Havre und zwar morgen um drei Uhr. Ihre Suſanne.“ „Antworten Sie, es ſei recht,“ ſagte Camille dem Diener, indem er den Brief zerriß und die Stücke in den Kamin warf.„Herr Conrad,“ fügte er hinzu, indem er den Kopf erhob und auf Sal⸗ vator zuging,„ich bitte Sie wegen des Geſagten um Vergebung: meine Worte haben ihre Entſchul⸗ digung iur in der Freundſchaft für Lorédan. Fräu⸗ lein von Valgeneuſe hat mich in Kenntniß geſetzt, wie brüderlich Sie ſich gegen ſie erzeigt. Es bleibt mir nichts, als Ihnen mein Bedauern über mein Benehmen gegen Sie auszuſprechen.“ „Leben Sie wohl, mein Herr,“ ſagte Salvator kalt;„und damit mein Beſuch nicht unnütz gewe⸗ ſen ſei, ſo brechen Sie, wenn Sie meiner Mahnung folgen wollen, nicht wieder ſo leichtfinnig das Herz einer Frau. Nicht Alle haben die engelhafte Re⸗ ſignation Carmelitens.“ 3 2 20 Und nachdem er Camille gegrüßt, entfernte ſich Salvator und ließ den Amerikaner etwas verlegen über die Szene, welche eben geſpielt hatte, zurück. 5 CXIV. Herr Montanſier und Herr Tartuffe. Die Erzbiſchöfe ſind ſterblich! Es wird Niemand einfallen, dies zu beſtreiten. Zedenfalls ſprechen wir nur den Gedanken aus, der Monſeigneur Co⸗ letti lebhaft in Aufregung verſetzt, als er von Herrn Rappt die Nachricht von der gefährlichen Krank⸗ heit des Erzbiſchofs von Paris, Herrn von Que⸗ len, erhielt. Sobald Herr Rappt fort war, ließ Monſeigneur Coletti anſpannen, und ſich mit verhängtem Zügel ſe dem Arzte des Erzbiſchofs fahren. Der Arzt eſtätigte die Ausſage des Herrn Rappt und Mon⸗ ſignur Coletti war mit einem Herzen voll unaus⸗ prechlichen Glücks in ſein Hötel zurückgekehrt. In dieſem Momente hatte er ſich den Gedanken gebildet, daß alle Erzbiſchöfe ſterblich ſeien, ein Ge⸗ danke, der in dem Munde des Monſeigneur Coletti die höchſt unerfreuliche Bedeutung eines Todesur⸗ theils erhielt. Während der Unruhen, welche den Wahlen folgten, verſäumte Monſeigneur Coletti nicht, we⸗ nigſtens dreimal in der Woche ſelbſt nach dem erz⸗ 8 d en 0⸗ rn E⸗ ur el n⸗ 8⸗ en E⸗ tti r= en E⸗ 3* 21 biſchöflichen Palaſte zu gehen oder zu ſchicken, und ſich nach dem Geſundheitszuſtand des Prälaten zu erkundigen. Das Fieber wurde von Tag zu Tage ſtärker und die Hoffnung Monſeigneur Coletti's wuchs in gleichem Grade wie das Fieber des Monſeigneur e Quelen. Die Krankheit befand ſich auf dieſem Stand⸗ punkte an dem Tage, als der König, um Herrn Rappt für ſeine guten Dienſte in den Straßen zu belohnen, den Gatten Regina's zum Pair von Frankreich und Feldmarſchall ernannt hatte. Monſeigneur Coletti ließ ſich zu Herrn Rappt fahren und unter dem Vorwande, ihm Glück zu wünſchen, fragte er ihn, ob er Nachrichten in Be⸗ zug auf ſeine Nomination von Rom habe. Der Papſt hatte noch nicht geantwortet. Es verfloſſen einige Tage und eines Morgens, als er in die Tuilerien trat, gewahrte Monſeigneur Coletti zu ſeinem großen Erſtaunen und zu ſeinem großen Aerger den Wagen des Erzbiſchofs, der zu gleicher Zeit, wie der ſeinige, in den Hof des Pa⸗ lais fuhr. Er ließ raſch das Fenſter herab und den Kopf durch den Vorhang ſteckend, betrachtete er von ferne den Wagen des Erzbiſchofs, um ſich zu vergewiſ⸗ ſern, daß er nicht falſch geſehen. Monſeigneur de Quelen, der ſeinerſeits eben⸗ falls den Wagen des Monſeigneur Coletti erkannt, hatte denſelben Gedanken, wie dieſer: und ſo er⸗ kannte er, den Kopf durch den Vorhang ſteckend, den Biſchof im ſelben Moment, wie dieſer ihn. 22 Der Anblick des Monſeigneur Coletti ſchien Monſeigneur de Quelen keinen Kummer zu berei⸗ ten; aber der Anblick Monſeigneur de Quelen's in voller Geſundheit ſchien Monſeigneur de Coletti um ſo tiefer zu ſchmerzen. So hatte das Schickſal es alſo gewollt: Sie fata voluerunt. Der Erzbiſchof, der ſich nach den Tuilerien begab, machte allen ehrgeizigen Muſio⸗ nen ein Ende; damit fiel ein Erzbisthum ins Waſ⸗ ſer oder war zum mindeſten ad calendas griecas verſchoben. Die beiden Prälaten begrüßten ſich und nach⸗ dem ſie ſich gegenſeitig nach ihrem Befinden er⸗ kundigt, ſchritten ſie die Treppe hinauf, die nach dem Appartement des Königs führte. Die Begegnung war kurz, wenigſtens für Mon⸗ ſeigneur Coletti, der die Sonne der Geſundheit auf den Wangen und in den Augen des Erzbiſchofs leuchten ſah. Er machte ſeine Aufwartung bei dem König, unter dem Vorwande, ihn mit Monſeigneur de Quelen conferiren laſſen zu wollen, kurz ab und ließ ſich im Galopp zum Grafen Rappt fahren. Ein ſo guter Schauſpieler der neue Pair von Frankreich auch war, er konnte doch nur mühſam den tiefen Aerger verbergen, den ihm der Beſuch Monſeigneur Coletti's bereitete. Dieſer bemerkte, wie die Brauen des Grafen ſich zuſammenzogen, aber ſchien ſich weder darum zu kümmern, noch darüber erſtaunt zu ſein. Er begrüßte den Gra⸗ fen reſpeetvoll und dieſer gab die Begrüßun auf gleiche Weiſe zurück. en ei⸗ in tti Sic en io⸗ aſ⸗ càas er⸗ ach n⸗ ſeit ofs ig, . ind oon am uch kte, en, 23 Nachdem ſie ſich geſetzt, ſchien der Biſchof ſich zu ſammeln, und die Worte, die er ſprechen wollte, u überlegen und abzuwägen. Sie hatten auf dieſe eiſe, obgleich mehre Augenblicke ſchon bei einan⸗ der, noch nicht ein Wort ausgetauſcht, als Bor⸗ dier, der Secretär des Herrn Rappt, mit einem Briefe in das Zimmer trat, den er dem Grafen übergab, worauf er das Zimmer wieder verließ. „Ah, da erhalte ich einen Brief, der nicht ge⸗ legener kommen könnte,“ fagte der Pair von Frank⸗ reich, indem er dem Biſchof Stempel und Enve⸗ loppe zeigte. „Ein Brief von Rom!“ ſagte Monſeigneur Coletti vor Freude erröthend, während ſeine Blicke den Brief hätten verſchlingen mögen. „Allerdings, Monſeigneur, ein Brief von Rom,“ ſagte der Graf,„und nach dem Siegel zu urthei⸗ len,“ fügte er hinzu, indem er die Enveloppe um⸗ wandte,„iſt es ein Brief vom heiligen Vater.“ Der Biſchof machte das Kreuz und der Graf lächelte unbemerkbar. „Erlauben Sie mir, den Brief unfres heiligen Vaters zu entſiegeln?“ fragte dieſer. „Thun Sie, thun Sie das, Herr Graf,“ beeilte ſich der Biſchof zu antworten. Herr Rappt öffnete den Brief und überflog ihn raſch, während Monſeigneur Coletti, auf das hei⸗ lige Schreiben einen verzehrenden Blick werfend, in der fieberhaften Aufregung der Verdammten ſich befand, welche ihr Urtheil vorleſen hören. War der Brief lang oder ſchwer zu verſtehen, oder machte ſich der Pair von Frankreich das ab⸗ 24 ſcheuliche Vergnügen, die Aufregung des Biſchofs u verlängern, kurz Herr Rappt war ſo lange in ſet Lecküre vertieft, daß Monſeigneur Coletti eine Bemerkung machen zu müſſen glaubte. „Die Handſchrift des Papſtes iſt wohl ſehr ſchwer zu leſen?“ ſagte er, um anzuknüpfen. „Doch nicht, ich verſichere Sie,“ antwortete Graf Rappt, indem er ihm den Brief hinbot, „leſen Sie ſelbſt.“ Der Biſchof ergriff begierig den Brief und las ihn mit einem einzigen Blick. Er war kurz und doch ſehr deutlich und entſchieden. Es war eine klare, kurze, einfache Weigerung, Etwas für einen Menſchen zu thun, deſſen Lebensweiſe die ganze Strenge des römiſchen Hofes laut herausfordre. Monſeigneur Coletti erblaßte und ſagte, den Brief dem Grafen zurückgebend: „Herr Graf, iſt es zu viel, wenn ich Sie um Ihre Unterſtützung in dieſer unglückſeligen Con⸗ junctur bitte?“ „Ich verſtehe Sie nicht, Monſeigneur.“ „Man mir ſichtlich übel mitgeſpielt.“ „Das iſt wahrſcheinlich.“ „Man hat mich verleumdet.“ „Vielleicht.“ „Es hat Jemand ſeinen Einfluß bei Seiner Hei⸗ ligkeit mißbraucht, um mich bei ihm anzuſchwärzen.“ „Das glaube ich auch.“ „Nun gut, Herr Graf, ich habe die Ehre, Sie zu bitten, Ihren ganzen Einfluß geltend zu ma⸗ chen und dieſer Einfluß iſt unermeßlich, um mir dieſe Gnade wieder zuzuwenden.“ re w ze m n⸗ i⸗ . ie ir 25 „Das iſt unmöglich,“ ſagte der Pair von Frank⸗ reich trocken. „Nichts iſt für einen Mann Ihres Geiſtes, Herr Graf, unmöglich,“ warf der Biſchof ein. „Ein Mann meines Geiſtes, Monſeigneur, über⸗ wirſt ſich nie, was auch geſchehen möge, mit dem Hofe von Rom.“ „Selbſt nicht für einen Freund?“ „Auch für einen ſolchen nicht.“ „Selbſt nicht, um einen Unſchuldigen zu retten „Die Unſchuld trägt ihr eignes Heil in ſich, Monſeigneur.“ „Sie behaupten alſo,“ ſagte der Biſchof, in⸗ dem er den Grafen mit einem finſtern Blick anſah, „nichts für mich thun zu können?“ „Ich behaupte nicht blos, Monſeigneur, ich verſichere Sie.“ „Mit einem Worte, Sie verweigern es mir abſolut, ſich zu meinen Gunſten zu verwenden?“ „Ich verweigere es abſolut, Monſeigneur.“ „Sie ſuchen alſo Krieg?“ „Ich ſuche ihn nicht und fliehe ihn nicht, Mon⸗ ſeigneur; ich nehme ihn an und erwarte ihn ruhig.“ „Auf baldiges Wiederſehen alſo, Herr Graf,“ ſagte der Biſchof, indem er ſich raſch entfernte. „Wann Sie wollen, Monſeigneur,“ antwortete der Graf lächelnd. „Du haſt es ſelbſt gewollt,“ murmelte dumpf der Biſchof, indem er mit einem drohenden Blicke nach dem Pavillon des Grafen ſah. Und er ging voll Haß und Rachſucht, während tauſend Pläne ſeinen Kopf durchkreuzten. 26 Als er nach Hauſe kam, war ſein Entſchluß gefaßt, ſein Racheplan ausgebrütet. Er begab ſich nach ſeinem Arbeitscabinete und nahm aus einem der Schiebfücher ſeines Schreibtiſches ein Papier, das er raſch öffnete. Es war das einige Stunden vor ſeiner Wahl vom Grafen Rappt geſchriebene Verſprechen, Mon⸗ ſeigneur Coletti, falls er Miniſter werde, zum Erz⸗ biſchof ernennen zu laſſen. Monſeigneur Coletti lächelte mit diaboliſcher Miene, als er das Papier las. Hätte Göthe ihn in dieſem Augenblicke ſehen können, er würde in ihm die Fleiſchwerdung ſeines Mephiſtopheles er⸗ kannt haben. Er faltete den Brief, und ihn in ſeine Taſche ſteckend, ging er raſch die Stufen der Treppe hinab, ſprang in ſeinen Wagen und ließ ſich zum Kriegsminiſter führen, wo er nach dem Marſchall von Lamothe Houdan fragte. Nach einigen Minuten meldete ihm ein Huiſſier, daß der Marſchall ihn erwarte. Der Marſchall Lamothe Houdan war durchaus kein Diplomat von der— ſeines Schwie⸗ erſohnes und noch weniger ein b von dem Jaliber des Monſeigneur Coletti; aber er beſaß eine Eigenſchaft, welche die Heuchelei und die Schlauheit aufwog. Seine Stärke war ſeine Offen⸗ heit; ſein Talent ſeine Geradheit. Er kannte den Biſchof nur als den Beichtvater und Leiter ſeiner Frau. Aber von ſeinem politiſch religiöſen Trei⸗ ben, von ſeinen unterirdiſchen Arbeiten für den Orden, von ſeinem ſcandalöſen Gebahren und Thun, obgleich allgemein bekannt, wußte er nichts, ſo ſehr luß ſich tem ier, ahl on⸗ rz⸗ her ihn in er⸗ in der ieß em ier, us ie⸗ em ſaß die n⸗ en er ei⸗ en in, hr 27 war ſeine hohe Loyalität für alles Gute wahr⸗ für das Schlechte hermetiſch ver⸗ hloſſen. Er empfing daher den Biſchof als den Prie⸗ ſter, in deſſen Hände er das koſtbare Gut des Gewiſſens ſeiner Frau niedergelegt: er begrüßte ihn reſpectvoll, und an einen Fauteuil tretend, gab er ihm das Zeichen, ſich zu ſetzen. „Verzeihen Sie mir, Herr Marſchall,“ ſagte der Biſchof,„daß ich Sie in Ihren wichtigen Ge⸗ ſchäften ſtöre.“ „Ich habe zu ſelten Gelegenheit, Sie zu ſehen, Monſeigneur,“ antwortete der Marſchall,„um ſie nicht mit Freuden zu ergreifen, wo ſie ſich bietet. Welchem glücklichen Umſtande verdanke ich die Ehre Ihres Beſuches?“ „Herr Marſchall,“ ſagte der Biſchof,„ich bin ein ehrenhafter Mann.“ „Ich zweifle nicht daran, Monſeigneur.“ „Ich habe nie etwas Schlechtes gethan und ich könnte Niemand etwas Schlimmes zufügen.“ „Das bin ich überzengt.“ „Alle meine Handlungen können von der Rein⸗ heit meines Lebens zeugen.“ „Sie ſind der Beichtvater der Frau Marſchallin, Monſeigneur, mehr brauche ich nicht zu ſagen.“ „Gut, eben Herr Marſchall, weil ich der Beicht⸗ vater der Frau Marſchallin bin, habe ich die Ehre, Sie um eine Unterredung zu bitten.“ „Ich höre, Monſeigneur.“ „Was würden Sie ſagen, Herr Marſchall, wenn Sie plötzlich erführen, daß der Beichtvater Ihrer 28 tugendhaften Gattin ein abſcheulicher Menſch, ohne hre und ohne Schaam ſei; ein Verbrecher, der mit den ſchmählichſten Schandthaten befleckt iſt?“ „Ich verſtehe Sie nicht, Monſeigneur.“ „Was würben Sie ſagen, wenn der, von dem ich Ihnen ſpreche, der abſcheulichſte, ſchamloſeſte, gefährlichſte Schurke der Chriſtenheit wäre?“ „Ich würde ihm ſagen, daß ſein Platz nicht mehr neben meiner Frau ſei, und wenn er darauf wollte, würde ich ihn zur Thüre hinaus⸗ werfen.“ „Nun gut, Herr Marſchall, der, von dem ich Ihnen ſpreche, iſt, wenn auch kein ſolcher Ver⸗ brecher, doch angeklagt, ein ſolcher zü ſein, und von IZhnen, der Loyalität und der Ehre ſelbſt, fordere ich Gerechtigkeit.“ „Wenn ich Sie recht verſtehe, Monſeigneur, ſo ſind Sie, ich weiß nicht, welches Vergehens ange⸗ klagt und Sie wenden ſich an mich, um die Süh⸗ nung der Ihnen angethanen Kränkung zu fordern. Unglücklicher Weiſe, Monſeigneur, und ich bedaure das lebhaft, kann ich nichts thun. Wenn Sie Mi⸗ litär wären, ſo würde dies ein anderer Fall ſein; aber Sie ſind Geiſtlicher und Sie müſſen ſich an den Kultminiſter wenden.“ „Sie verſtehen mich nicht, Herr Marſchall.“ „Dann erklären Sie ſich deutlicher.“ Ich bin bei dem heiligen Vater von einem Ih⸗ Familienglieder angeklagt, verleumdet.“ „Von wem?“ „Von Ihrem Schwiegerſohne.“ „Von dem Grafen Rappt?“ re — ne er em te, cht uf ich r⸗ on re e⸗ ⸗ n. re 1 n 29 „Ja, Herr Marſchall.“ „Aber welche Beziehung kann zwiſchen dem Grafen Rappt und Ihnen obwalten und weßhalb ſollte er Sie verleumdet haben?“ „Sie kennen, Herr Marſchall, den allmächtigen Einfluß der Geiſtlichkeit auf die Bourgeviſie?“ „Ja!“ murmelte der Marſchall de Lamothe⸗ Hondan in dem Tone, in welchem er etwa geſagt hätte:„Leider! nur zu ſehr!“ „In dem Augenblicke der Wahlen,“ fuhr der Biſchof fort,„hat die Geiſtlichkeit ihren ganzen Einfluß, den ihr das öffentliche Vertrauen bietet, benützt, um die Candidaten Seiner Majeſtät in die Kammer zu lanciren. Eines der Mitglieder der Geiſtlichkeit, welchem ein fleckenloſes Leben mehr als wahres Verdienſt einen großen Einfluß auf die Wahlen von Paris verlieh, bin ich, Exzellenz, Ihr ei reſpectvoller, getreuer Diener...“ „Aber ich ſehe nicht,“ ſagte der Marſchall, der ungeduldig zu werden begann,„welche Beziehun zwiſchen den Verleumdungen, deren Gegenſtan Sie ſind, den Wahlen und meinem Schwiegerſohn obwalten ſollte.“ „Eine ſehr nahe Beziehung, Herr Marſchall. Am Vorabend der Wahlen nämlich ſuchte mich der Graf Rappt auf, um mir, wenn ich in meinen Bemühungen für ſeine Wahl glücklich wäre, das Erzbisthum von Paris anzubieten, falls die Krank⸗ heit des Erzbiſchofs tödtlich werden würde, oder jedes andere vacante Erzbisthum, im Falle Mon⸗ ſeigneur wieder aufkäme.“ „Pfui!“ ſagte der Marſchall, mit dem Aus⸗ „ 30 druck des Abſcheues,„das war ein häßlicher Vor⸗ ſchlag, ein gemeiner Handel.“ „Das habe ich auch gedacht, Herr Marſchall,“ beeilte ſich der Biſchof zu ſagen;„ich habe mir auch erlaubt, dem Herrn Grafen ernſte Vorwürfe zu machen.“ „Daran haben Sie wohlgethan!“ ſagte der Marſchall lebhaft. „Aber der Herr Graf beſtand darauf,“ fuhr der Biſchof fort,„er hat mir vorgeſtellt, und nicht ohne Gründe, daß die Männer von ſeinem Ta⸗ lent und ſeiner geprüften Treue ſelten ſeien; daß Seine Majeſtät Fehleiche rohe Feinde zu bekämpfen habe und,“ fuhr Monſeigneur Coletti beſcheiden fort, „indem er mir ein Erzbisthum anbot, ſagte er mir, er habe keinen andern Zweck, als den reli⸗ Sinn wieder zu beleben, der von Tag zu ag kälter werde. Das ſind ſeine eigenen Worte, Herr Marſchall.“ „Und was für eine Folge hatte dieſer abſcheu⸗ liche Vorſchlag?“ „Ganz abſcheulich allerdings, Herr aber mehr abſcheulich dem Schein, als der Wirk⸗ lichkeit nach; denn, es iſt leider nur zu wahr, daß die Hydra der Freiheit ihr Haupt wieder erhebt. Wenn wir uns nicht vorſehen, ſo iſt es, ehe ein Jahr vergeht, um das menſchliche Gewiſſen ge⸗ than, und auf dieſe Weiſe ſah ich mich gezwungen, das Anerbieten des Herrn Grafen anzunehmen.“ „Auf dieſe Weiſe,“ ſagte der Marſchall ſtreng, „wenn ich Sie recht verſtehe, hat mein Schwieger⸗ ſohn ſich verbindlich gemacht, Sie zum Erzbiſchoſ or⸗ l,“ mir ürfe der uhr icht Ta⸗ daß ofen ort, eli⸗ e rte, e⸗ all, irk⸗ daß ebt. ein ge⸗ en, ng, er⸗ hoſ 31 ernennen zu laſſen, und Sie machten ſich verbind⸗ lich, ihn als Deputirten durchzuſetzen.“ „Im Intereſſe des Himmels und des Staates. Ja, Herr Marſchall.“ „Gut denn, Herr Abbé,“ ſagte der Marſchall, „als Sie ſo eben bei mir eintraten, wußte ich ſchon, was ich von der Moralität des Grafen Rappt zu halten habe...“ „Ich zweifle nicht daran, Exzellenz,“ unterbrach ihn der Biſchof. „Wenn Sie von hier weggehen, Herr Abbé,“ fuhr der Marſchall fort,„ſo werde ich wiſſen, weſſen ich mich bei Ihnen zu verſehen habe.“ ee Marſchall,“ rief Monſeigneur Coletti eftig. „Was gibt es?“ fragte der Marſchall mit ſtolzer Miene. „Eure Exzellenz mögen mein Erſtaunen ent⸗ ſchuldigen; aber ich war, als ich hier eintrat, nicht auf das gefaßt, was daraus entſtehen ſollte.“ „Was wird denn entſtehen, Herr Abbé?“ „Eure Exzellenz weiß das ebenſogut, als ich; wenn Eure Exzellenz nicht all' ihren Einfluß an⸗ wendet, um mich beim Papſte wieder in Gunſt zu ſetzen, bei dem ich angeſchwärzt worden bin, ſo ſehe ich mich genöthigt, die ſchriftlichen Beweiſe von der Schmach des Herrn Grafen der Oeffentlich⸗ keit zu übergeben, und ich glaube nicht, daß der Herr Marſchall ſehr erfreut ſein werde, ſeinen vornehmen Namen durch eine ſo ſchmutzige Ge⸗ ſchichte entehrt zu ſehen.“ 32 ſüernn Sie ſich deutlicher, wenn es Ihnen efällig.“ „Nehmen Sie, Exzellenz,“ ſagte der Biſchof, indem er aus ſeiner Taſche den Brief des Herrn Rappt zog und ihn dem Marſchall darbot. Das Geſicht des Marſchalls wurde bei der Lectüre des Briefes purpurroth. „Nehmen Sie,“ ſagte er, indem er den Brief mit Verachtung zurückgab.„Ich begreife Sie jetzt ganz und weiß, was Sie von mir zu fordern ge⸗ kommen ſind.“ Dann wandte er ſich um und läutete. „Gehen Sie,“ ſagte er,„und danken Sie Gott für das Kleid, das Sie tragen und den Ort, wo wir uns befinden.“ „Exzellenz!“ rief der Biſchof wüthend. „Stille!“ ſagte der Marſchall in gebieteriſchem Tone.„Vernehmen Sie einen guten Rath, damit Sie wenigſtens ganz Ihre Zeit verloren ha⸗ ben. Ueberlaſſen Sie das Seelenheil der Frau Marſchallin einem Andern; mit deutlicheren Wor⸗ ten, wagen Sie es nicht mehr, einen Fuß in das Hötel de Lamothe Houdan zu ſetzen, es könnte Ihnen, wenn auch kein Unglück, doch Schmach und Schande werden.“ Monſeigneur Coletti wollte antworten, ſein Auge ſtand in Feuer, ſeine Wangen glühten. Er warf dem Marſchall ſeine furchtbarſten Blicke zu, als der Huiſſier eintrat. „Begleiten Sie dieſen Herrn hinab,“ ſagte der Marſchall.. „Du haſt's gewollt,“ murmelte Monſeigneur en of, rn der ief etzt ge⸗ ott wo em mit or⸗ s nte ach ein Er zu, der eur 33 Coletti, als er den Marſchall de Lamothe Houdan verließ, wie er geſagt, als er vom Grafen Rappt wegging. Nur war ſein Lächeln am Nachmittag noch ſchlimmer, als am Vormittag. „Zu Frau von la Tournelle!“ rief er ſeinem Kutſcher zu.. Nach Verfluß von einer Viertelſtunde ſaß er im Boudoir der Marquiſe, die, ſeit iwe Stun⸗ den abweſend, in wenigen Augenblicken zurück kommen mußte. Das war gerade die Zeit, die er nöthig hatte, um ſeinen Schlachtenplan zu entwerfen. Und das war wirklich ein Schlachtenplan. Nie hatte ein Eroberer mit mehr Geduld und mehr Geiſt die Einnahme einer Stadt ſtudirt. So ſicher das Reſultat, ſo ſchwierig war der Angriff. Von welcher Seite ſollte er die Belagerung beginnen? Welcher Waffen follte er ſich bedienen? Der Mar⸗ quiſe die Szene erzählen, die er ſo eben mit dem Grafen Rappt gehabt, das war unmöglich: zwi⸗ ſchen dem Grafen und ihm würde die Marquiſe nicht zu wählen gezögert haben. Der Biſchof wußte das wohl, denn er kannte ihren Ehrgeiz ſo gut, als ihre Frömmigkeit, und dieſe erſchien ihm ge⸗ ringer als jener. Er konnte ihr auch nicht ſeine Unterredung mit dem Marſchall de Lamothe Hondan erzählen. Das hätte ſich mit dem im Augenblick mächtigſten Fmiliengliede verfeinden heißen, und doch mußte ans Werk geſchritten werden, und das ſo bald als Dumas, Salvator. VIII. 3 34 Aitit Der Ehrgeiz kann warten, die Rache nie. Und das Herz des Biſchofs war voll Rache. Er war mit ſeinen Bedenken ſo weit ge⸗ kommen, als die Marquiſe nach Hauſe zurückkehrte. „Ich erwartete nicht, Monſeigneur,“ ſagte die Marquiſe, das Glück zu haben, Sie heute zu ſehen. Was verſchafft mir die Freude des Beſuchs?“ „Es iſt gewiſſermaßen ein Abſchiedsbeſuch, Mar⸗ quiſe,“ antwortete Monſeigneur Coletti, indem er aufſtand und mit wehr geihelt Zärtlichkeit, als Reſpekt die Hand der Gläubigen küßte. „Wie! Ein Abſchiedsbeſuch?“ rief die Mar⸗ quiſe, auf welche dieſe Worte dieſelbe Wirkung machten, als würde ihr das Ende der Welt ver⸗ kündet. „Leider, ja, Marquiſe,“ ſagte der Biſchof me⸗ lancholiſch;„ich gehe von hier fort, oder vielmehr ich werde von hier fortgehen.“ „Für lange?“ fragte Frau von la Tournelle erſchrocken. „Wer weiß, liebe Marquiſe, vielleicht für immer; kennt man denn die Stunde der Heimkehr?“ „Aber Sie haben mir noch nie von dieſem Weggange geſprochen.“ „Ich kenne Sie, liebe Marquiſe, ich kenne das anze Wohlwollen, das Sie für mich hegen. Es mir deßhalb die Bitterkeit zu mildern, wenn ich Ihnen meinen Weggang bis zum letzten Mo⸗ mente verſchwiege. Wenn ich mich getäuſcht, ſo ent⸗ ſchuldigen Sie meinen Irrthum.“ „Und was iſt die Urſache Ihres Weggangs?“ fragte Frau von la Tournelle.„Was iſt der Zweck.“ ie. ge⸗ rte. die en. ar⸗ er eit, ar⸗ ng er⸗ ne⸗ ehr elle er; ſem das nn No⸗ nt⸗ F c „Die Urſache,“ antwortete der Biſchof ſalbungs⸗ voll,„iſt die Nächſtenliebe, der Zweck der Triumph des Glaubens.“ „Sie gehen alſo auf eine Miſſion?“ „Ja, Marquiſe.“ „Weit?“ „Nach China.“ Die Marquiſe ſtieß einen Schrei des Schreckens aus. „Sie haben Recht,“ ſagte ſie traurig,„Sie ſcheiden vielleicht für immer.“ „Es muß ſein, Marquiſe!“ rief der Biſchof mit der emphatiſchen Feierlichkeit, zu der Peter der Eremit ihm Vorbild geweſen, als er ſagte:„Gott will es!“ „Leider!“ ſeufzte Frau von la Tournelle. „Machen Sie mich nicht muthlos, liebe Mar⸗ quiſe,“ ſagte der Biſchof, eine tiefe Rührung heuchelnd.„Mein Herz iſt ohnedies ſchon zu ſehr zur Schwäche geneigt, wenn ich daran denke, daß ich Gläubige, wie Sie, zurücklaſſe.“ „Und wann wollen Sie gehen, Monſeigneur?“ fragte Frau von la Tournelle. „Morgen vielleicht, jedenfalls übermorgen. Mein Beſuch iſt, wie Ihnen ſagte, gewiſſermaßen ein Abſchiedsbeſuch. Ich ſage gewiſſermaßen, denn ich habe Ihnen eine Miſſion zu geben und ich ſcheide auch mit beruhigtem Herzen, wenn ſie vollzo⸗ gen iſt.“ „Was wollen Sie ſagen, Monſeigneur? Sie wiſ⸗ ſen, daß Sie keine ſo ergebene und treue Dienerin haben, als mich.“ „Ich weiß es, Marquiſe, und ich iit es 36 Ihnen, indem ich Ihnen einen Auftrag von der höchſten Wichtigkeit gebe.“ „Sprechen Sie, Monſeigneur.“ „Auf dem Punkte, abzureiſen, bin ich natürlich über das Wohl der Seelen, die mir Gott anzu⸗ vertrauen mich würdigte, in Sorgen.“ „Ja, Sie haben Recht!“ murmelte die Mar⸗ e. „Nicht, daß es keine ehrenwerthen Männer gäbe, welche meine Schaafe hüten könnten,“ fuhr der Biſchof fort,„ſondern ich fürchte, es werden ge⸗ wiſſe Seelen in der Abweſenheit ihres gewöhnlichen Hirten über dieſe und jene Lebensregel, die ich ihnen als Quelle künftigen Glückes bezeichnete, in Ungewißheit und Schwanken gerathen; unter dieſen glänbigen Lämmern dachte ich natürlich an das gläubigſte, an Sie, Frau Marquiſe.“ „Ich habe dies von Ihrem Wohlwollen, Ihrem beſorgten Herzen erwartet.“ „Ich habe mich lebhaft damit beſchäftigt, einen Stellvertreter für mich zu finden und ich wählte einen Mann, der Ihnen genügend bekannt iſt. Wenn meine Wahl nicht nach Ihrem Sinne it, ſo dürfen Sie nur ſprechen, Marquiſe. Mein Empfohlener iſt ein ſehr frommer, ein ſehr vorzüglicher Mann: der Abbé Se „Ihre Wahl konnte nicht beſſer ausfallen, Mon⸗ ſeigneur, der Abbé Bouquemont iſt nach Ihnen ei⸗ ner der tugendhafteſten Männer, die ich kenne.“ Dieſes Compliment ſchien Monſeigneur Coletti nicht ſonderlich zu freuen, denn er kannte in Be⸗ ziehung auf Tugend keinen Rivalen. 37 Er fuhr fort: „Sie nehmen alſo den Herrn Abbé als Beicht⸗ vater an?“ „Von ganzem Herzen iſt er mir willkommen und ich danke Ihnen auf's Innigſte dafür, daß Sie das Schickſal Ihrer ergebenen Dienerin ſo ſorg⸗ fältiger Erwägung gewürdigt haben.“ „Einer andern erſon, Frau Marquiſe, wird meine Wahl vielleicht nicht in gleichem Grade ge⸗ fallen, wie Ihnen.“ „Von wem wollen Sie ſprechen?“ „Von der Gräfin Rappt. Ich habe ihre Fröm⸗ migkeit ſeit einigen Wochen ſehr kalt, ſehr läſſig gefunden. Dieſe Frau ſchreitet lächelnd an tiefen Abgründen hin. Gott weiß, wer ſie retten kann!“ „Ich werde es verſuchen, Monſeigneur, obgleich ich zweifle, daß es mir gelingen werde. Es iſt ein verfinſtert Herz und nur ein Wunder kann ſie ret⸗ ten; ich werde jedoch all' meinen Einfluß auf ſie anwenden, und wenn ich nicht reüſſire, ſo glauben Sie mir, Monſeigneur, daß nicht die ſchwache Hin⸗ gebung für unſere heilige Religion daran die Schuld trägt.“ „Ich kenne Ihre Frömmigkeit, Ihren Eifer, und wenn ich Ihre Aufmerkſamkeit auf den mitleidens⸗ werthen Zuſtand dieſer Seele richte, ſo geſchieht es nur, weil ich weiß, wie ſehr Sie unſerer heiligen Mutter Kirche ergeben ſind; auch wollte ich Ihnen die Gelegenheit bieten, mir einen neuen Beweis da⸗ von zu geben, indem ich Sie mit einer Sendung von ſo hoher Wichtigkeit betraute. Was die Gräfin Rappt betrifft, ſo handeln und ſprechen Sie, wie 38 es Ihnen Ihr Herz befiehlt, und wenn Sie keinen Erfolg haben, ſo möge Gott dieſer Sünderin ver⸗ geben. Aber es exiſtirt noch eine andere Perſon, bei der Sie einen großen Einfluß genießen, und auf dieſe Perſon möchte ich Ihr wachſames Augen⸗ merk richten.“ „Sie wollen von der Prinzeſſin Rina ſprechen, Monſeigneur.“ „Allerdings, von der Frau Marſchallin Lamothe Hondan möchte ich mit Ihnen reden. Ich habe ſie ſeit zwei Tagen nicht geſehen; aber vor zwei Tagen fand ich ſie ſo blaß, ſo ſchwach, ſo matt, daß, wenn ich mich nicht ſehr täuſche, eine tödtliche Krankheit an ihrem Herzen nagt, und ſie, ehe ein paar Tage vergehen, vor Gott ſtehen wird.“ „Die Prinzeſſin iſt ſehr gefährlich krank, wie Sie ſagen, Monſeigneur, ſe will keinen Arzt empfangen.“ „Ich weiß es; auch kann ich Ihnen, ohne befürch⸗ ten zu müſſen, mich zu täuſchen, ſagen, daß die Prin⸗ zeſſin in Kurzem ihre ſterbliche Hülle abſtreifen wird. Aber es iſt ihr Seelenzuſtand, der mich be⸗ unruhigt! Wem ſoll ich ſie in dieſen letzten Augen⸗ blicken anvertrauen? Außer Ihnen, Frau Mar⸗ quiſe, vernichtet Alles, was ſie umgibt, das wieder, was wir für ihr Seelenheil gethan. Da ſie ohne Widerſtandskraft, ohne Willen, ohne Feſtigkeit iſt, wird man ſie bedrängen und wer weiß, was dieſe Abſcheulichen mit dieſer armen Creatur beginnen?“ „Niemand hat Macht über die Prinzeſſin,“ ver⸗ ſetzte Frau von la Tournelle;„ihre Indolenz und ihre Schwäche ſind eine Garantie ihres Seelen⸗ n, d 1. e e t, e e t M 5— — 5 ——— W — 39 heils. Man kann ſie Alles ſagen und thun laſſen, was man will.“ „Still, Frau Marquiſe, das iſt möglich. Ich hätte es vielleicht auch gekonnt; aber gerade, weil ſie Alles thut und ſagt, was man ſie thun und ſagen laſſen will, wird ſie auch das Schlechte thun, wenn man es ihr anräth.“ „Wer würde dieſe Kühnheit, oder vielmehr dieſe Frechheit beſitzen?“ fragte die Frau Marquiſe. „Der, welcher die größte Macht über ihren Geiſt hat, weil ſich vor ihm ihr Gewiſſen am meiſten beunruhigt fühlt: ihr Gemahl, mit einem Worte, der Morſchl de Lamothe Hondan.“ „Aber mein Bruder hat nie daran gedacht, auf die Stimmungen der Marſchallin Einfluß üben zu wollen.“ „Sie täuſchen ſich, Frau Marguiſe, er quält ſie, er verletzt ſie, er wirft den Keim ſeiner Gottloſigkeit in ihr Herz. Die arme Frau hat tauſend Wunden empfangen. Glauben Sie mir, wenn wir nicht treffen, wird er ſie noch morden.“ „Das dürfen nur Sie ausſprechen, Monſeig⸗ neur, ſonſt würde ich dieſen Worten keinen Glau⸗ ben ſchenken.“ „Das durfte nur er ausſprechen, ſonſt hätte ich der Sache auch keinen Glauben geſchenkt... Ich komme ſo eben von ihm, und aus einem ſtürmi⸗ ſchen Geſpräche, in welchem er mir ſein Glaubens⸗ bekenntniß ablegte, habe ich ſeine Grauſamkeit er⸗ kannt; aber das war nur der Anfang des Geſprächs. Wiſſen Sie, was das Reſultat war? Der Mar⸗ ſchall hat mir nach einigen nicht näher zu bezeich⸗ 40 nenden und wirklich auch für ihn ganz unbegreif⸗ lichen Worten, ganz entſchieden, es iſt kaum zu glauben, erklärt, daß ich in's Künftige mich nichts 6 um das Seelenheil der Prinzeſſin zu kümmern habe.“ „Großer Gott!“ rief die Frau Marquiſe im höchſten Staunen und Schrecken. „Das macht Sie ſchauern, Frau Margquiſe?“ „Das erfüllt mich mit Schmerz,“ antwortete die fromme Frau. „Nun,“ fuhr der Biſchof fort,„da gilt es eine ſchöne Miſſion zu erfüllen, liebe Marquiſe: es handelt ſich darum, dieſe Seele ihrem Joch zu ent⸗ reißen! es handelt ſich darum, ein tiefbekümmertes Geſchöpf um jeden Preis, mit Aufopferung Ihrer ſelbſt ſogar zu retten. Ich habe auf Sie gezählt, meine liebe Büßerin, und ich wage zu glauben, daß ich mich nicht getäuſcht.“ „Monſeigneur,“ rief die Marquiſe, in der heftigſten Exaltation,„es dauert keine Viertel⸗ ſtunde, ſo bin ich bei dem Marſchall, und ſo wahr ich an Gott glaube, ehe eine Stunde ver⸗ geht, werde ich den Marſchall zur Faſſung ge⸗ bracht haben und zu Ihren Füßen ſehen als de⸗ mhige Sünder.“ „Sie verſtehen mich nicht, Marquiſe,“ verſetzte der Biſchof etwas ungeduldig; es handelt ſich nicht um den Marſchall, und unter uns geſagt, ich bitte Sie, ihn von Allem dem nicht das Mindeſte mer⸗ ken zu laſſen, nicht die geringſte Anſpielung zu machen. Ich brauche die Entſchuldigungen des Marſchalls nicht. Ich weiß aus langer te T⸗ zu es 9, 41 wie eitel der Zorn der Menſchen iſt; ich ſcheide, und ſcheidend vergebe ich ihm.“ „Heiliger Mann!“ murmelte die Marquiſe mit bewegter Stimme und finſtern Augen. „Was ich Sie bitte,“ fuhr Monſeigneur Co⸗ letti fort,„iſt, daß Sie mir vor meinem Scheiden die Gewißheit geben, daß dieſe arme Seele in gu⸗ ten Händen iſt; mit andern Worten, ich erſuche Sie, ohne einen Moment zu verlieren, zur Mar⸗ ſchallin zu gehen und ihr an meiner Statt den ehrwürdigen Abbé Bouquemont als Beichtiger zu empfehlen. Ich werde die Ehre haben, ihn dieſen Abend zu ſehen und ihm in dieſer Richtung meine vertraulichen Inſtructionen zu geben.“ „Ehe eine Stunde vergeht, Monſeigneur,“ ſagte die Marquiſe,„wird der Abbé Bouquemont von der Prinzeſſin Rina als Beichtiger willkommen ge⸗ heißen ſein und ich würde eine Viertelſtunde ſagen, wenn ich nicht gerade in dieſem Augenblick den Beſuch des würdigen Abbé erwartete.“ Sie hatte kaum dieſe Worte ausgeſprochen, als eine Kammerfrau in das Boudoir trat und den Abbé Bouquemont meldete. „Laſſen Sie den Herrn Abbs eintreten!“ ſagte die Marquiſe mit triumphirender Stimme. Die Kammerfrau ging und kam einen Augen⸗ blick ſpäter gefolgt von dem Abbé Bouquemont wieder. Man ſetzte ihn ſogleich von der Sachlage in Kenntniß: nämlich daß Monſeigneur das Lond verlaſſe und die Frau Marſchallin de Lamothe Houdan ſich dadurch ohne Beichtiger ſehe. 42 Der Abbé Bouquemont, der nicht zu hoffen wagte, daß man ihn dazu beſtimme, verrieth laut ſeine Freude, als er erfuhr, daß die Wahl auf ihn gefallen ſei. So mit beiden Füßen in dieſe vor⸗ nehme Familie und in das reiche Hötel der La⸗ mothe Houdan verſetzt zu werden! dieſes glän⸗ ende Haus leiten zu dürfen, welch'ſchöner Traum! iemals hatte der würdige Abbé gewagt einen ſol⸗ chen Wunſch zu hegen, und er war wie aus den Wolken gefallen, als man ihm ſein Glück an⸗ kündigte. Die Margquiſe de la Tournelle bat die beiden Geiſtlichen, ſich einen Augenblick in ihr Toiletten⸗ zimmer zurückziehen zu dürfen und ließ ſie allein. „Herr Abbs,“ ſagte der Biſchof,„ich habe Ih⸗ nen verſprochen, Ihnen bei erſter Gelegenheit das Mittel an die Hond zu geben, ſich nach Ihrem Verdienſte zu lanciren;— dieſe Gelegenheit bietet ſich jetzt und Sie haben das Mittel nun in Händen.“ „Monſeigneur,“ rief der Abbé,„glauben Sie an die ewige Dankbarkeit Ihres ergebenſten Die⸗ ners.“ „Ihrer Ergebenheit bedarf ich allerdings in dieſem Falle, Herr Abbe, nicht für mich, ſondern für unſere heilige Religion. Ich mache Sie an meiner Statt zum unumſchränkten Herrn eines Schickſals und ich wage zu glauben, daß Sie han⸗ deln werden, wie ich gehandelt hätte.“ Dieſe Worte, welche ein wenig feierlich geſpro⸗ chen waren, warfen ein wahres Mißtrauen in das Gemüth des Abbé Bouquemont, der von Hauſe aus ſchon mißtrauiſch war. — l⸗ 43 Er betrachtete den Biſchof mit einem Blicke, welcher deutlich den Gedanken ausſprach:„Wo zum Teufel will er mich denn hinführen? Wir müſſen uns feſthalten.“ Der Biſchof, zum mindeſten eben ſo mißtrauiſch, als ſein Partner, ahnte ſeine Zweifel, und um ſie zu zerſtreuen, bedurfte es nur einiger Worte. „Sie ſind ein großer Sünder, Herr Abbé,“ ſagte er,„und indem ich Ihnen dieſen glänzenden Poſten biete, gebe ich Ihnen das Mittel, Ihre größten Sünden zu tilgen. Die Leitung des Ge⸗ wiſſens der Marſchallin de Lamothe Houdan iſt für die Religion eines der nützlichſten und frucht⸗ bringendſten Werke. Was Sie deßhalb für ſie thun, iſt auch für Sie ſelbſt gethan. In drei Ta⸗ gen werde ich reiſen. Für alle Welt gehe ich nach China; für Sie allein bin ich in Rom. Dorthin werden Sie Ihre Briefe an mich richten, in denen Sie mir auf's Genaueſte Ihre Einwirkung auf das Herz der Marſchallin und auf die Lage der Dinge ſchildern.“ „Aber, Monſeigneur,“ warf der Abbé ein,„wie ſoll ich auf das Herz der Frau Manſchallin ein⸗ wirken? Ich habe nur die Ehre, ſie vom Hören⸗ agen zu kennen und werde ſehr in Verlegenheit in dem Sinne zu handeln, wie Sie es wün⸗ en.“ „Herr Abbe, ſehen Sie mir in's Geſicht,“ ſagte der Biſchof. 3 Der Abbé erhob den Kopf, er hatte jedoch Laſe Mühe, den Biſchof anders, als mit ſchielem licke anzuſehen. 44 „Ob Sie mir ergeben ſind, oder nicht, Herr Abbé,“ ſagte Monſeigneur Coletti ſtreng,„das iſt gleichgültig. Ich habe mich ſeit langer Zeit an die ündankbarkeit der Menſchen gewöhnt. Was mir aber wichtig, iſt, daß Sie wenigſtens den Schein der Ergebenheit annehmen, das heißt ſtumm und blind ſind, daß Sie meinem Willen Folge leiſten, das Werkzeug meiner Plane ſind. Fühlen Sie den Muth in ſich, wie groß auch Ihr Ehrgeiz iſt(und er iſt groß), mir unbedingt zu gehorchen? Bemer⸗ ken Sie wohl, daß Ihr Intereſſe im Spiele iſt, daß Ihre Sünden Ihnen nur unter dieſer Bedin⸗ gung erlaſſen werden können.“ Der Abbé wollte antworten. Der Biſchof hielt ihn zurück. „Ueberlegen Sie, ehe Sie antworten,“ ſagte er zu ihm,„bedenken Sie einfach, zu was Sie ſich verpflichten, und antworten Sie mir nur, wenn Si die Kraft in ſich fühlen, Ihr Verſprechen zu alten. „Wohin Sie mir zu gehen befehlen, ich werde folgen, Monſeigneur; wie Sie mir zu handeln be⸗ fehlen, werde ich handeln,“ antwortete Abbé Bou⸗ quemont mit zuverſichtlichem Tone, nachdem er einen Augenblick nachgedacht. „Gut!“ ſagte der Biſchof, indem er aufſtand. „Wenn Sie von der Marſchallin von Lamothe Houdan kommen, ſo beſuchen Sie mich, ich werde Ihnen die weiteren Inſtructionen geben.“ „Und ich ſchwöre Ihnen, ſie zu Ihrer voll⸗ ſtändigen Zufriedenheit zu erfüllen, Monſeigneur,“ ſagte der Abbé, indem er ſich verbeugte. ———-—— ,—— c. ——+ err iſt Las hein und ten, den und ner⸗ iſt, din⸗ agte ſich enn tzu erde be⸗ ⸗ er and. othe erde oll⸗ ur, 45⁵ In dieſem Momente kehrte die Marquiſe zu⸗ rück und nachdem ſie von dem Biſchof ehrfurchts⸗ vollen Abſchied genommen, führte Sie den Abbé zu der Marſchallin de Lamothe Hondan. CXV. In welchem man die Prinzeſſin Rina wiever findet, wie man ſie verlaſſen. Ihr erinnert euch, oder wir bitten euch we⸗ nigſtens, liebe Leſer, jener anbetungswürdigen Cir⸗ taſtert⸗ euch zu erinnern, welche wir nur flüchtig ſtizzirt und die ihr noch flüchtiger kennen gelernt, der Prinzeſſin Tſchuwadiesky, Marſchallin von La⸗ mothe Houdan, die im Halbſchimmer nachläſſig auf den üppigen Kiſſen ihrer Ottomane ausgeſtreckt, ihr Leben mit Träumen verbrachte, halb wie die Periis Roſenconſerven alb die ſüßduf⸗ tenden Körner ihres Tſchotky me aniſch durch die Hände gleiten laſſend. An dem blauen Himmel von Paris, an wel⸗ chem ihr Gemahl, der Marſchall de Lamothe Hou⸗ dan einer der glänzendſten Planeten war, hatte man die Prirzeſſin Tſchuwadiesky kaum wie einen e⸗ halbverſchleierten und beinahe beſtändig für ie Pariſer unſichtbaren Stern erſcheinen ſehen. Man hatte viel von ihr in der Welt geſpro⸗ en, ſeit ſe am pariſer Horizonte erſchienen, aber wie von den Bewohnern der phantaſtiſchen Län⸗ 46 ze von Willis oder Elfen, von Tſchins oder Ko⸗ olden. Man mochte ſie ſuchen, wo man wollte, man fand ſie nirgend. Nirgend war ſie zu ſehen: kaum eine flüchtige Begegnung; oder richtiger geſagt, man ſah ſie nicht, man ahnke nur ihr Daſein. Tauſend ſeltſame Erzählungen hatten ohne Zwei⸗ fel über ſie circulirt, über die wirkliche Urſache ihres zurückgezogenen Lebens, aber Erzählungen, die aller Vernunft und Begründung entbehrten, lügneriſche Berichte, erfunden von den neidiſchen Coterien der Salons. Sagen wir es gleich, daß nicht mal das Echo dieſes abſcheulichen Gemurmels die Schwelle des ſtillen Palaſtes der Prinzeſſin erreicht hatte, die auf ihr Boudoir ſich einſchränkte oder vielmehr in ihr Boudoir eingeſargt, die Schwelle deſſelben nicht verließ, weder um die freie Luft zu athmen, noch den Tag zu ſehen. Da ſie nichts gethan und geſagt, was von An⸗ dern hätte bemerkt werden können, ſo hatte ſie auch nichts von dem gehört, was Andere von ihr ſagten. Sie empfing nur wenig Beſuche: ihren Gemahl, ihre Tochter, die argiſe de la Tournelle, Mon⸗ ſeigneur Coletti, ihren Beichtiger, und Herrn Rappt; und die Beſuche des Letzteren waren überdies im⸗ mer ſeltener geworden. Sie lebte, abgeſehen von dieſen Beſuchen, in beinahe vollſtändiger Einſamkeit, wie eine iſolirte Pflanze zwiſchen vier bis fünf entfernt ſtehenden Gewächſen, von ihnen weder wohlthätiges Licht, noch erfriſchenden Duft, noch belebenden Hauch an um lan ei⸗ res ller der ch des die in icht noch An⸗ auch ten. ahl, ton⸗ ppt; im⸗ „in lirte nden icht, au 47 empfangend, aber ſolchen auch nicht zurückgebend. Man hätte ſagen können, ſie ſehe nie unter ſich, noch um ſich, ſondern nur über ſich. Ihre leiblichen Augen, wie ihre ſeeliſchen Blicke, das heißt ihre Gedanken ſchienen durch unendliche Räume in höhere Sphären zu tauchen. Wohin 6. ihren Blick heftete, ſo entfernt das Ziel für ndere auch war, ſie ſchien doch Alles zu ſehen. Sie vergaß in ihrer Berechnung die Erde, ſie brei⸗ tete die Flügel aus und flog, Gott weiß wohin! höher als der Himmel, über die bekannte Welt hinaus! Es war mit einem Worte die Frau gewordene Indolenz, Weichlichkeit, Träumerei, Beſchaulichkeit. Sie lebte in ihren Träumereien bis ſie ſtürbe, und ſie erwartete von Stunde zu Stunde darin zu ſterben. Nichts hielt ſie zurück und Alles rief ſie fort; Gott hätte ſie jeden Augenblick zu ſich rufen und ſie hätte dieſem Rufe jeden Augenblick folgen können, denn ſie war ſeit lange bereit, wie den Trapper in den Mohicanern Cooper's im Augen⸗ blick ſeines Todes, zu ſagen:„Hier bin ich, Herr! was willſt Du von mr⸗ Wenn ſich außerdem unſere Leſer erinnern wol⸗ len, daß dieſe junge, edle, ſchöne Fürſtin, welche von den alten Khans, das heißt von der älteſten Linie, äbſtammte, den Marſchall de Lamothe Hou⸗ dan beinahe ohne ihr Wiſſen, ohne daß man ſie auch nur im Mindeſten befragt, nur auf den Wil⸗ len des Kaiſers von Rußland und des Königs von Frankreich geheirathet, ſo werden ſie begreifen, daß der Muſchall de Lamothe Houdan, in der ——— 48 glühenden Sonne des Schlachtfeldes frühzeitig alt Sen nicht gerade gemacht war, den ſüßen raum eines jungen Mädchens von glühendem Geiſt und Körper zu verwirklichen. Aber die Götter des Augenblicks wollten es ſo. Wir kommen übrigens auf alle dieſe Details nur deßhalb zurück, weil die Dimenſionen unfres Buches die Perſonen, welche darin eine Rolle ſpie⸗ len, bisweilen aus den Augen und damit aus dem Geiſte unſerer Leſer rücken, und dieſe Perſonen, wenn ſie wieder auftreten, in ihrem Gedächtniſſe etwas verwiſcht ſein können. Das war alſo die Prinzeſſin Rina, als Graf Rappt bei ihr erſchien. Graf Rappt, jung, ſchön, mit einem Blick voll Kühnheit, welche in den Augen einer Frau für Leidenſchaft gelten konnte, Graf Rappt hatte das Mittel gefunden, dieſes vertrocknete Herz wieder aufzufriſchen und die Hoffnung in ihm wieder kei⸗ men zu machen. Die Prinzeſſin glaubte einen Augenblick die Liebe gefunden zu haben, dieſes gelobte Land der Frauen, und ſie unternahm freudig die Pilgerſchaft dahin. Auf der Hälfte des Weges, der bergan ging, erkannte ſie jedoch, mit welchem Reiſegeführ⸗ ten ſie es ju thun hatte. Der Stolz, der Ehr⸗ geiz, die Kälte, der Egoismus des Grafen enthüll⸗ ten ſich ihr raſch. Der Grof war für ſie ein zwei⸗ ter Gemahl, nur weniger gut, weniger edel, weni⸗ nachſichtig oder vielmehr tyranniſcher, als der erſte. Die Geburt Regina's hatte einen Augenblick alt zen em ſo. ils res ie⸗ em en, iſſe raf voll für das der kei⸗ die haft gan ihr⸗ hr⸗ üll⸗ wei⸗ eni⸗ der blick 49 einen Funken aus der Aſche dieſes erloſchenen Herzens hervorgelockt. Aber dieſer Augenblick hatte die Dauer eines Blitzes. Der erſte Kuß, den der Marſchall de Lamothe Houdan auf die Stirne des Kindes drückte, hatte ſie bis in ihr Inner⸗ ſtes erbeben machen. Ihre ganze Seele hatte ſich empört und von dieſem Augenblicke war die arme Regina ihr nicht verhaßt, aber gleichgültig geworden. Die Geburt der kleinen Abeille einige Jahre ſpäter hatte auf ſie keinen andern Eindruck ge⸗ macht. Ihr Herz war für immer verſchloſſen. Das war die Urſache ihres Alleinſtehens: es war ein langer Act voll ſtummen tiefen Herzens⸗ kummers, ohne Murren und Jammern. er einzige Vertraute diefer leidenden Seele war Monſeigneur Coletti. Ihm allein hatte ſie ihre Seele anvertraut, und er allein hatte ihren ſtummen Schmerz verſtanden. Um zu ſagen, bis zu welchem Punkte ſie an den letzten Grenzen der Gefühlloſigkeit gekommen, müſſen wir unſern Leſern nun geſtehen, daß ſie bei der Nachricht, ihre Tochter heirathe den Grafen Rappt, nur innerlich gezittert, ohne die Gründe zu ekämpfen, mit denen der Graf ſein ungeheures Verbrechen zu entſchuldigen ſuchte. Es lag in dieſer Reſignation etwas von mos⸗ lemitiſchem Fatalismus. Seit dieſem Augenblicke brach, ohne daß eine Klage über ihre Lippen kam, ihr Körper in gleichem Schritte mit ihrer Seele. Sie fühlte, daß k dem Dumas, Salvator. VIII. 50 Tode nahe ſei und der Gedanke an dieſen machte feinen andern Eindruck auf ſie, als die Erinnerung an das Leben. Auf dieſem Punkte war ſie angekommen, als der Marſchall de Lamothe Monſeigneur Coletti verabſchiedete. Obgleich noch jung, waren ihre ſchwarzen Haare bereits gebleicht; ihre Stirne, ihre Wangen, ihr Kinn, ihr ganzes Geſicht war von derſelben Weiße, wie ihre Haare, daß man hätte glauben ſollen, man habe die Todtenmaske ei⸗ ner dem Tode Zuvorgekommenen vor ſich. Da man ſie nicht klagen hörte, beunruhigte ſich Niemand darüber, als Regina, die ihr zweimal ihren Arzt geſchickt, aber die Prinzeſſin hatte ent⸗ ſchieden ſich geweigert, ihn zu empfangen. Worin beſtand ihre Krankheit? Niemand hatte es je ge⸗ ſagt, weil Niemand es je gewußt. Sie untergrub ſich ſelbſt. Es war ein Gebäude, das in ſeinen Grundfeſten verrottet war, ohne daß Jemand einen Grund ſeines Ruins wußte; einer jener Palm⸗ bäume Africa's, die nach und nach verdorren, wenn es ihnen an Waſſer fehlt, das ſie erfrifchte, oder an Luft, die ſie belebte. In dieſer Geiſtesverfaſſung ſchien die Prin⸗ zeſſin Regina der Erde bereits nicht mehr anzu⸗ gehören und verlangte nichts, als die letzten Tage ihres Lebens in Ruhe zuzubringen oder vielmehr in Ruhe zu ſterben. Aber die Marquiſe von la Tournelle oder viel⸗ mehr Monſeigneur Coletti hatte anders beſchloſſen. Als in Folge der Verabſchiedung des Prälaten aus dem Hotel de Lamothe Houdan, und der Stellver⸗ te ng s ur ren ne, oar an ei⸗ ſich nal nt⸗ rin E= 4 nen nen lm⸗ enn oder rin⸗ tzu⸗ age nehr iel⸗ ſſen. aten ver⸗ 51 tretung, die Monſeigneur Coletti angeordnet, in⸗ dem er wie die Parther fliehend ſeinen Pfeil ab⸗ ſchoß, die Marquiſe, gefolgt von dem Abbs ouquemont bei der Prinzeſſin erſchien, weigerte dieſe ſich dreimal, ſie zu empfangen, indem ſie ſagte, ſie wolle im Beten nicht geſtört ſein. Aber die Marquiſe war nicht die Frau, die ſich auf ſolche Weiſe ſchlagen ließ; ſie antwortete der Kam⸗ merfrau, indem e dem Abbé auf einen Fautenil deutete, und ſich ſelbſt ſetzte: „Nun, ſo werde ich warten, bis die Prinzeſſin ihre Gebete beendigt hat.“ Die arme Marſchallin ſah ſich genöthigt, die Marquiſe und ihren Begleiter, ſo ſchwer ſie es an⸗ kam, gu empfangen. „Ich komme, Ihnen eine traurige Neuigkeit zu bringen,“ ſagte die Marquiſe, indem ſie den la⸗ mentabelſten Ton anſchlug. Die Prinzeſſin, welche auf ihrer Chaiſe longue lag, wandte nicht mal den Kopf um. ie Margquiſe fuhr fort: Eine Neuigfeit die Sie mit Kummer erfüllen wird, meine liebe Schweſter.“ Die Prinzeſſin rührte ſich nicht. Monſeigneur Coletti verläßt Frankreich,“ fuhr die Frömmlerin im Tone der Verzweiflung fort. „Er geht nach China.“ Die Prinzeſſin hatte, als ſie dieſe traurige Nachricht empfing, eine Empfindung, ähnlich der, als wenn ſie im Vorbeigehen an ZJemand ſagen hörte;„Das Wetter wirb ſich ändern.“ „Ich hoffe, daß Sie den Schmerz 5 der 52 alle wahren Gläubigen ergreifen wird, wenn ſie erfahren, daß dieſer fromme Mann uns vielleicht für immer verläßt; denn in den wilden Ländern China's wird das Leben dieſes Märtyrers den größ⸗ ten Gefahren ausgeſetzt ſein.“ Die Prinzeſſin antwortete nichts. Sie be⸗ gnügte ſich, den Kopf langſam und auf die gleich⸗ gültigſte Weiſe zu bewegen. „In ſeiner wahrhaft väterlichen Beſorgtheit für das Wohl der ihm anvertrauten Seelen,“ fuhr die Marquiſe fort, ohne ſich aus der Faſſung bringen zu laſſen,„hat Monſeigneur Coletti daran gedacht, daß Sie mehr als je einer Stütze bedürften und daß ſeine Stütze Ihnen fehlen werde.“ Bei dieſen Worten begann die Prinzeſſin ihr Tſchotky mit einer Art von Fieber zu drehen. Sie ſchien die Ungeduld, in die dieſe Unterhaltung ſie verſetzte, an dem erſten beſten Gegenſtand auslaſſen zu wollen. „Monſeigneur Coletti,“ fuhr Frau von la Tournelle unerſchrocken fort,„hat den ſelbſt ge⸗ wählt, der ſein Nachfolger ſein ſoll. Ich habe deß⸗ halb die Ehre, Ihnen den Herrn Abbé Bouquemont vorzuſtellen, der ein in jeder Hinſicht würdiger Er⸗ ſatz für den heiligen Mann iſt, der uns verläßt.“ Der Abbé erhob ſich und verbeugte ſich vor der Prinzeſſin ſo ſervil, als möglich, ebenſo ſer⸗ vil, als unnöthig, denn die indolente Circaſſierin begnügte ſich damit, zum zweiten Male den Kopf zu bewegen, ohne daß dieſe Begwegung irgend ein Gefühl ausdrückte. Die Matquiſe ſah ihren Begleiter mit einem ſie cht rn ß⸗ be⸗ für die en ht, nd ihr Sie ſie ſſen E⸗ ont Er⸗ ßt vor ſer⸗ erin dopf ein nem 53 Winke auf die Prinzeſſin an, während ihre Miene zu ſagen ſchien:„was für eine Idiotin.“ Der Abbs hob die Blicke mit heuchleriſchem Vertrauen zum Himmel empor, als wollte er ſagen:„Gott möge ihr gnädig ſein.“ Nach dieſer religiöſen Bitte ſetzte er ſich wie⸗ der, indem er fand, daß es ſehr albern wäre, da ihn die Prinzeſſin doch nicht ſah, ſtehen zu bleiben, während er ſitzen konnte. Die Röthe und das Fieber der Unſchuld ſtiegen der Marquiſe endlich doch zu Geſichte; ſie machte einen Schritt nach der Ottomane hin und ſich auf die Seite ſtellend, wo die Füße der Prinzeſſin herabhingen, befand ſie ſich ihr gerade gegenüber. Sie rief den Abbs Bouquemont mit dem Finger herbei, der ſich erhob und neben ſie ſtellte. „Hier,“ ſagte Madame de la Tournelle, indem 6 den Abbé Bouqnemont nach der Ottomane rängte;„wollen Sie mir ſagen, ob Sie ihn für würdig halten und die Wahl billigen?“ Die Circaſſierin ðffnete langſam die Angen und gewahrte kaum zwei Schritte von ihrem Geſichte, tatt des weißen Engels ihrer Träume, einen in Schwarz gekleideten Mann, der ihr den Eindruck machte, als wäre er der Todtengräber, der ſie ſuchte. Sie ſchauerte Anfangs; dann aber einen längern Blick auf ihn heftend, lächelte ſie, ſtatt zu ſchauern. Aber welch ein Lächeln bitterer Trauer!„Der Tod iſt nicht ſo häßlich,“ ſchien dieſes Lächeln ſagen zu wollen. 54 Aber ſie antwortete nicht. „Ja oder nein, Prinzeſſin,“ rief die Marquiſe auf's Höchſte gereizt,„nehmen Sie den Herrn Abbé als Beichtvater und Stellvertreter des Mon⸗ ſeigneur Coletti an?“ „Ja,“ murmelte die Prinzeſſin mit halb er⸗ ſtickter Stimme, und als wollte ſie ſagen:„Ich nehme Alles an, was Sie wollen, vorausgeſetzt, Sie beide gehen und mich in Frieden ſterben aſſen.“ Die Marquiſe ſtrahlte. Der Abbé Bouquemont glaubte, der Augenblick ſei gekommen, durch ein Wort die Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, welche die Prinzeſſin ſeiner Pantomime verſagke. Er be⸗ gann deßhalb eine ſalbungsvolle Homilie, der die Prinzeſſin geduldig von Anfang bis zu Ende zu⸗ hörte, wahrſcheinlich, weil ſie, horchend, ihn nicht hörte, da ſie, wie gewöhnlich, nur für den Leichen⸗ gang. den ſie im Innern ſang, Ohr hatte. Die Marquiſe de la Tournelle bekreuzte ſich demüthig, nachdem ſie Amen geſagt und einen Schritt nä⸗ trat, während der Abbé Bouquemont ſich zu⸗ rückzog. „Ihr Schickſal,“ ſagte ſie, die Sterbende mit einem ſchiefen Blicke anſehend,„iſt von nun an in den Händen des Herrn Abbé. Wenn ich ſage, Ihr Schickſal, ſo verſtehe ich darunter auch das Ihrer Familie. Sie tragen den Namen eines Ge⸗ ſchlechtes, das ſeit Jahrhunderten ein Gegenſtand der Verehrung für jeden wahren Chriſten war. Es handelt ſich deßhalb darum— wir ſind alle Sterbliche!— mit religiöſem Sinne zu unterſuchen, it in e, 18 E= id le 55 ob ein ſolcher Act unſeres Lebens nicht, wenn wir einſt nicht mehr ſind, einen böſen Schatten auf den leuchtenden Schild unſrer Ahnen werfen kann. Der Herr Abbé Bouquemont iſt der tugendhafte Mann, dem in Ihnen aller fleckenloſe Ruhm der Familie übergeben iſt; wollen Sie deßhalb, Prin⸗ zeſſin, vor Ihrem Weggang, dem Herrn Abbé Bou⸗ quemont für die Aufopferung danken, von der er einen Beweis gibt, indem er ſich einer ſo ſchweren Aufgabe unterzieht?“ „Ich danke!“ murmelte die Prinzeſſin laconiſch, ohne den Kopf umzuwenden. „Und ihm einen Tag zu beſtimmen,“ fuhr die Marquiſe entrüſtet fort. „Morgen!“ antwortete die Marſchallin de La⸗ mothe Houdan mit derſelben Gleichgültigkeit. „Kommen Sie, Herr Abbé,“ ſagte Madame de la Tournelle, indem ihr das Roth auf die Stirne ſtieg;„und bis die Frau Prinzeſſin Ihnen den Dank weiht, der Ihnen gebührt, empfangen Sie an ihrer Statt meinen glühendſten Dank.“ Damit gab ſie dem Abbé einen Wink und führte ihn mit dem kalten und trockenen Worte weg: „Leben Sie wohl, Prinzeſſin.“ „Adieu,“ antwortete dieſe in einem Tone, in welchem man ſchwer auch nur die geringſte Unge⸗ haltenheit entdecken konnte.. Dann zog ſie ein Cryſtallglas an ſich, in das ſie einen Löffel von vergoldetem Silber tauchte und begann wieder von ihren Roſenconſerven zu eſſen. CXVI. Der Partherpfeil. Auf den Abend deſſelben Tages hatte der ita⸗ lieniſche Prälat, wie man ſich erinnert, den Abbé Bouguemont zu ſich beſtellt. Der Abbs fand den Biſchof mitten in den letz⸗ ten Vorbereitungen zu der Reiſe. „Treten Sie in mein Kabinet,“ ſagte der Prä⸗ lat,„ich werde in einem Augenblicke bei Ihnen ein.* Der Abbs gehorchte. Darauf ſagte Monſeigneur Coletti, an ſeinen Diener gewandt: „Iſt die Perſon, die ich rufen ließ, in meinem Oratorium?“ „Jä, antwortete der Diener. „Gut. Ich bin für Niemand zu ſprechen, als für die Marquiſe de la Tournelle.“ Der Diener verbeugte ſich. Monſeigneur ging in ſein Oratorium. Dort wartete in einer Ecke ſtehend eine ma⸗ gere, blaſſe Geſtalt, mit langem Haare, welche dem, der ſie trug, den Vortheil bot, eine frappante Aehn⸗ lichkeit mit Baſil in der„Hochzeit des Figaro“ oder dem Pierrot der Pantomime zu haben. Dieſe Perſon werden unſere Leſer vergeſſen ha⸗ ben; aber mit zwei Worten rufen wir ſie ihnen wieder in's Gedächtniß zurück: es iſt der Geliebte der Stuhlvermietherin, einer der Vertrauten des Herrn Jackal, der ſogenannte Longue Avoine, der, nachdem er durch ein Wunder aus den Emeuten der Rue St. Denis glücklich entkommen, ſiegreich in ſeine Heimath, Rue de Jeruſalem, zurückgekehrt war. Man wird ohne Zweifel erſtaunt ſein, dieſe eigenthümliche Perſönkichkeit bei unſerem italieni⸗ ſchen Jeſuiten zu finden; wenn man uns jedoch in ſein Oratorium folgen will, ſo wird man in dieſer Richtung ſehr raſch aufgeklärt ſein. Bei dem Anblick Monſeigneur Coletti's kreuzte Longue Avoine ſeine beiden Hände auf der Bruſt. „Nun denn,“ fragte der Raliener,„was iſt das Reſultat Ihrer Nachforſchungen? Seien Sie kurz und ſprechen Sie leiſe.“ „Das Reſultat iſt vortrefflich, Monſeigneur, und hat keine langen Nachforſchungen erfordert; es ſind die größten Intriguanten der Chriſtenheit.“ „Woher konmen ſie?“ „Von demſelben Lande wie ich, Monſeigneur.“ „Und woher kommen Sie?“ „Aus meiner Heimath: aus Lothringen.“ „Aus Lothringen?“ „Ja, und Sie kennen das Sprüchwort: Lor- rain traitre à Dieu eteà son Prochain*)2“ „Das iſt ſehr ſchmeichelhaft für Sie und für die Beiden. Und wo haben ſie ihre Studien ge⸗ macht?“ „Im Seminar zu Nancy; nur wurde der Abbé fortgejagt.“ „Warum?“ Ein Lothringer verräth Gott unb ſeinen Nächſten. 58 „Es genügt, wenn Eure Eminenz ihm ſagne, daß Sie wiſſen, weßhalb; er wird, dafür ſtehe ich, nicht auf einer Erklärung beharren.“ „Und ſein Bruder?“ „Ah, mit dem iſt's eine andere Sache; ich kenne von ihm die genauſten Details. Der König Sta⸗ nislaus, welcher Patron einer kleinen Kirche in der Umgegend von Nancy geweſen, hatte dieſer einen Chetus von Van Dhk geſchenkt. Nach und nach hatte man den Werth dieſes Bildes vergeſſen, welchen Bonquemont, der Maler, gar wohl kannte. Er bat um die Erlaubniß und erhielt ſie, eine Copie von demſelben zu machen; als er ſie fertig hatte, unterſchob er die Copie dem Original und ver⸗ kaufte das Original um 7000 Franken an das Antwerpner Muſeum. Die Sache wurde ruchbar und hätte ohne Zweifel ſehr unangenehme Folgen für den Künſtler haben können, wenn der Abbeé, der bereits dem Hauſe von Saint Acheul aggregirt war, nicht von dem Obern dieſes Hauſes gehalten worden wäre. Die Geſchichte wurde vertuſcht; ſo⸗ bald ſie jedoch von einem Manne Ihrer Stellung wieder auf das Tapet gebracht würde, bekäme ſie ihre ganze Bedeutung wieder.“ „Gut; ich habe gehört, die Namen, die ſie führ⸗ ten, ſeien nicht ihre wahren Namen. Wiſſen Sie etwas in dieſer Beziehung?“ „Ganz wahr. Ihr wirklicher Name iſt Madou und nicht Bouquemont.“ „Wie haben ſie gelebt, ſeit dem Tage, als ſie Nanch verließen?“ „Phyſiſch ziemlich gut; moraliſch ſehr ſchlecht: r⸗ ie ou ſie ſie dupirten die Leute und wenn ſie keine Dupes fanden, machten ſie Schulden. Wenn Monſeigneur mir nur vierundzwanzig Stunden gönnen wollten, könnte ich Sie verſichern, daß Sie ganz zufrieden geſtellt werden ſollten.“ „Unnütz, ich reiſe dieſen Abend und ich reiſe, indem ich weiß, was ich wiſſen wollte.“ Damit zog er fünf Louisd'or aus der Börſe und ſagte, indem er ſie Longue Avoine gab: „Hier eine Abſchlagszahlung; vielleicht erhal⸗ ten Sie nicht unterzeichnete Ordres; jede dieſer Ordres, die Sie erhalten, wird von einem kleinen Mandate begleitet ſein, das zum Zwecke hat, Sie für Ihre Bemühungen zu belohnen; Sie ſchicken die Antwort auf dieſe Ordres Poste restante nach Rom; drei † auf Ihren Briefen werden das Er⸗ kennungszeichen für mich ſein.“ ongue Avoine verbeugte ſich mit einer Geberde, F jagen wollte:„Iſt das für den Augenblick es N. Monſeigneur Coletti verſtand die Geberde. „Suchen Sie alle Spuren unſrer beiden Män⸗ ner zu verfolgen, um mir genaue Auskunft geben zu können, wenn ich ſolche brauche. Gehen Sie.“ Longue Avoine ging rückwärts hinaus. Monſeigneur Coletti wartete, bis die Thüre verſchloſſen war und ſagte dann, nachdem er einen Augenblick gewartet und nachgedacht: „Und nun zu dem Andern.“ Er verließ ſein Hratorium, ging durch den Salon und trat in ſein Cabinet.. r fand dort den Abbé Bouquemont, der, in 60 einen großen Fauteuil ausgeſtreckt, die Daumen um einander bewegte und zum Plafond empor⸗ ſchaute. „Nun, Monſeigneur Abbé,“ fragte er,„können Sie mir ſagen, was bei der Marſchallin de La⸗ mothe Houdan vorgegangen?“ „Die Prinzeſſin ſchien mich als Beichtvater an⸗ nehmen zu wollen,“ antwortete der Abbs. „Wie! ſchien?“ fragte der Jeſuit erſtaunt. „Die Prinzeſſin iſt nicht ſonderlich geſprächig,“ verſetzte der Abbé,„Eure Eminenz müſſen davon zu erzählen wiſſen. Ich kann nicht genau ſagen, welchen Eindruck ich auf ſie gemacht, deßhalb ſage ich: ſchien mich annehmen zu wollen.“ „Kurz, haben Sie im Hauſe Anker gefaßt?“ „Die Frau Marquiſe de la Tournelle iſt der Anſicht, daß es der Fall ſei.“ „Dann müſſen auch Sie der Anſicht ſein. Sprechen wir nicht weiter davon. Nachdem dies abgemacht, ließ ich Sie kommen, um Ihnen In⸗ ſtructionen in Beziehung auf das Benehmen, das Sie gegenüber der Frau Marſchallin de Lamothe Houdan einzuhalten haben, zu ertheilen.“ „Ich erwarte Ihre Befehle, Monſeigneur.“ „Ehe ich auf die Sache ſelbſt eingehe, zwei Worte, die ich in meiner Macht habe, Ihre Skru⸗ pel zu beſiegen— falls Sie noch welche hätten, was ich bezweifle— und ſogar die Aufopferung an die Stelle des Zögerns treten zu laſſen. Sie ſind aus dem Seminar von Nanch weggeſchickt worden. Ich weiß weßhalb. Das iſt, was Sie betrifft. Was Ihren Bruder angeht, ſo wiſſen ℳ en L= en a⸗ ei u⸗ n, 9 ie ckt ie en 61 Sie wohl, daß im Muſeum von Antwerpen ein gewiſſer Chriſtus von Van Dyk iſt. „Monſeigneur,“ unterbrach ihn der Abbg Bou⸗ quemont erröthend.„Warum glauben Sie zu Drohungen Zuflucht nehmen zu müſſen, um Ihre ergebenen Diener das thun zu machen, was Sie fordern?“ „Ich glaube das nicht. Ich habe ein gutes Spiel; ich bin in der Vorhand und lege meine Karten auf den Tiſch. Das iſt Alles.“ Der Abbs biß ſich auf die Lippen, aber nicht ſo ſanft, daß man nicht das Knirſchen der Zähne gehört hätte; er ſenkte den Blick, aber nicht ſo raſch, daß der Prälat nicht einen Blitz hätte hervorleuch⸗ ten ſehen. Monſeigneur Coletti wartete einen Augenblick, bis der Abbé die Stellung eingenommen, die er wünſchte. „Ah!“ machte der Zeſuit,„jetzt, da wir ein⸗ verſtanden ſind, hören Sie mich: die Marſchallin de Lamothe Houdan iſt eine Sterbende; Sie ha⸗ ben nicht lange Zeit, in der Sie ihr Beichtvater ſein werden; aber mit Eifer und Intelligenz kann man die Minuten zu Tagen, die Tage zu Jahren machen.“ „Ich höre, Monſeigneur.“ „Wenn Sie die Beichte der Prinzeſſin gehört, werden Sie die Inſtructionen verſtehen, die ich Ihnen gebe und die Ihnen bis dahin etwas ver⸗ wirrt erſcheinen können.“ „Ich werde verſuchen, darin klar zu ſehen,“ machte der Abbé Bouquemont mit einem Lächeln. 62 „Die Marſchallin hat einen Fehl begangen,“ ſagte der Prälat,„einen Fehl von ſolcher Schwere, daß, wenn ſie nicht hier auf Erden Vergebung von der Perſon erlangt, die ſie gekränkt, ſie vom Him⸗ mel wohl ſchwerlich Verzeihung erlangen wird; das iſt's, was ich ihr klar zu machen Sie beauf⸗ trage.“ „Ich müßte aber doch wiſſen, Monſeigneur, welcher Art dieſer Fehl geweſen, um ihr die Noth⸗ wendigkeit der Vergebung hier auf Erden zu be⸗ weiſen.“ . werden es wiſſen, wenn die Prinzeſſin es Ihnen geſagt.“ „Ich hätte gerne Zeit gehabt, meine Dilemmen vorzubereiten.“ „Nehmen Sie zum Beiſpiel eines jener ſchwe⸗ ren Vergehen an, zu deren Sühne nicht weniger, als das Wort Jeſu Chriſti noth wäre.“ „Eine Ehebrecherin?“ warf der Abbs ein. „Bemerken Sie wohl, daß ich nichts Beſtimm⸗ tes ſage,“ machte der Italiener.„Aber im Falle, daß es ein Ehebruch wäre, glauben Sie wohl, daß die Gräfin ihre Verzeihung vom Himmel erlangen würde, wenn ſie nicht zuvor die ihres Gemahls ätte?“ Unwillkürlich ſchauerte der Abbé; er erkannte von ungefähr den Zweck des Ztalieners, und ſo verdorben er auch war, dieſe florentiniſche Rache erſchreckte ihn doch. Er hätte vielleicht das Gift der Medicis und der Borgia beſſer verſtanden und weige⸗ gefürchtet. Aber ſo ungeheuerlich auch die Aufgabe war, 63 er wagte es nicht, den geringſten Einwurf zu ma⸗ chen; er fühlte ſich wie der Haſe in den Krallen des Tigers. „Nun denn,“ fragte der Italiener,„Sie über⸗ nehmen es?“ „Ich wünſche nichts mehr, Monſeigneur; nur möchte ich auch verſtehen!“ „Verſtehen! und warum? Iſt es ſo lange, ſeit Sie in die heilige Geſellſchaft aufgenommen wur⸗ den, um das erſte eſeh vergeſſen zu haben: herinde ac cadaver? Gehorche ohne Frage, ohne Ueberlegung, blind; gehorche, wie eine Leiche.“ „Ich bin bereit,“ ſagte der Abbé feierlich, als er ſo an das Geſetz des Ordens erinnert wurde, „die Miſſion, die Sie mir anvertrauen, getreu zu erfüllen und perinde ac cadaver zu gehorchen.“ „Das iſt ſchön!“ ſagte Monſeigneur Coletti. Und, indem er an ſeinen Schreibtiſch trat, nahm er ein kleines Portefeuille heraus, das, wie man durch ſeine Hülſe hindurch ſah, dick geſpickt war. „Ich weiß, daß Sie arm und bedürftig ſind,“ ſagte der Prälat;„Sie können durch die die ich Ihnen gegeben habe, zu außerordentlichen Ausgaben veranlaßt ſein. Ich glaube Ihnen ge⸗ genüber noch in Schulden zu ſtehen, ſelbſt wenn ich auch alle Koſten auf mich nehme. Nach der glüclichen Ausführung der Miſſion werden Sie als Dank für die guten Dienſte, die Sie geleiſtet, eine ebenſo große Summe erhalten, wie die in dieſem Porteſeuille enthaltene.“ Der Abbé Bouquemont erröthete und zitterte zugleich vor Freude, und es bedurfte all' der 64 Kraft, die er über ſich beſaß, um das Portefeuille mit den Fingerſpitzen zu nehmen und es in die Taſche zu ſtecken, ohne ſich der Summe zu verge⸗ wiſſern, die es enthielt. „Kann ich mich nun verabſchieden?“ fragte der Abbeé, der eine große Eile hatte, den Italiener zu verlaſſen. „Noch ein letztes Wort,“ machte dieſer. Der Abbé verbeugte ſich. „Wie ſtehen Sie mit der Marquiſe de la Tour⸗ nelle?“ „Sehr gut, Monſeigneur.“ „Und mit dem 8 Rappt?“ „Sehr ſchlecht.“ „So haben Sie alſo keinen Grund und keine Luſt, ihm angenehm zu ſein?“ „Durchaus keine, Monſeigneur, im Gegentheil.“ „Und wenn Jemanden ein unvermeidliches Uebel begegnen ſollte, ſo würden Sie wünſchen, daß es eher ihm, als irgend Jemand ſonſt begegnete?“ „D, was das betrifft, ganz entſchieden, Mon⸗ ſeigneur.“ „Nun gut, Herr Abbés, befolgen Sie meine Inſtructionen, Punkt für Punkt, und ich glaube, daß ſie gut gerächt ſein werden.“ „Ah!“ rief der Abbe, deſſen Geſicht die Freude roth färbte,„ich verſtehe jetzt Alles.“ „Stille, mein Herr, ich brauche das nicht zu wiſſen.“ „Ehe acht Tage vergehen, Monſeigneur, ſollen Sie Nachricht haben.. Wohin muß ich Ihnen ſchreiben?“ lle e E⸗ er zu T⸗ ne el es ne e, de zu en „Nach Rom, Straße Umilta.“ „Ich danke, Monſeigneur, und Gott ſtehe Ihnen auf Ihrer Reiſe bei.“ „Ich danke, Herr Abbé, wenn der Wunſch auch gewagt iſt, ſo iſt die Abſicht gut.“ Der Abbé grüßte und ging durch eine kleine Geheimtreppe, die der Prälat ihm ſelbſt öffnete. In den Salon zurückkehrend, fand Monſeignenr Coletti dort die Marquiſe de la Tournelle. Die alte Frömmlerin wollte ihrem Beichtvater Lebewohl ſagen. Dieſer, der nun Alles abgemacht, was ihm noch in Paris zu thun geblieben, und nun ſo raſch als möglich abreiſen wollte, hatte ein Mittel, die lar⸗ moyante Szene abzukürzen, welche die alte Mar⸗ quiſe ihm ſpielen wollte, und er war eben im Be⸗ griffe, da er kein anderes Mittel ſah, den Wunſch und das Bedürfniß geltend zu machen, das er habe, ſich in dem Augenblick vor einer ſo gefähr⸗ lichen Reiſe, wie die einer chineſiſchen Miſſion, et⸗ was zu ſammeln, als der Kammerdiener der Frau Marquiſe haſtig eintrat und ihr meldete, daß die Marſchallin de Lamothe Houdan ſoeben einen ſo heftigen Nervenanfall gehabt, daß man befürchtet, ſie werde während des Anfalls ſterben. „Marguiſe,“ ſagte Monſeigneur Coletti, deſſen Wangen ſich bei dieſer Nachricht dunkel färbten, „Sie ſehen ein, es iſt nicht eine Minute zu ver⸗ lieren.“ „Ich eile zu meiner Schwägerin,“ rief die Mar⸗ guiſe, indem ſie raſch aufſtand. Dumas, Salvator. VIII. 66 „Sie täuſchen ſich!“ machte der Prälat,„nicht zur Marquiſe gilt es zu eilen.“ „Wohin denn?“ „Zum Abbé Bouquemont.“ „Sie haben Recht, Monſeigneur; ihre Seele iſt noch kranker, als ihr Körper. Leben Sie wohl denn, mein würdiger Freund, Gott ſtehe Ihnen bei auf Ihrer langen Reiſe!“ „Ich werde auf meinem langen Wege für Sie und Ihre Familie beten,“ antwortete der Prälat, ſeine Hände auf der Bruſt kreuzend. Die Marquiſe fuhr in ihrem Coupe weg. Eine Viertelſtunde ſpäter führte eine Caleſche mit vier Poſtpferden Monſeigneur Coletti auf den Weg nach Rom. CXVII. Wo der Abbe Vouquemont fortfährt, ſeine Streiche zu machen. Die Marſchallin de Lamothe Houdan war aller⸗ dings einige Augenblicke nach dem Weggange der Marquiſe de la Tournelle und des würdigen Abbé Bouquemont von einem ſolchen Krampfe erfaßt worden, daß die Kammerzofe, die in jenem Augen⸗ blicke bei ihr war, durch das ganze Hötel rief: „Die gnädige Frau ſtirbt.“ Der alte Arzt des Marſchalls, den die Prin⸗ zeſſin beſtändig abgewieſen, eilte, von Gruska davon unterrichtet, in aller Eile herbei und erkannte an icht eele vohl nen Sie ilat, ine vier Veg hen. er⸗ der bbé aßt en⸗ ef: in⸗ on 67 einigen beunruhigenden Symptomen, daß es eine gefährliche Kriſis ſei und daß die Prinzeſſin, ehe vierundzwanzig Stunden vergingen, den letzten Seußzer ausgehaucht haben wuͤrde. DBer Marſchall kam in dem Augenblicke, wo der Arzt das Zimmer der Circaſſierin verließ. Als er das düſtere Geſicht des Doctors ſah, ahnte Herr von Lamothe Houdan Alles. „Die Prinzeſſin ſchwebt in Gefahr?“ fragte er. Der Arzt ſchüttelte traurig den Kopf. ite kann ſie retten?“ fragte der Mar⸗ a „Nichts,“ antwortete der Arzt. „Und welcher Urſache ſchreiben Sie ihren Tod zu?“ „Dem Schmerze.“ Die Stirne des Marſchalls verfinſterte ſich plötzlich. „Glauben Sie, Doctor,“ ſagte er traurig,„daß ich perſönlich der Prinzeſſin einen ſolchen Schmerz bereiten konnte?“ „Nein,“ antwortete der Arzt. „Sie kennen ſie ſeit zwanzig Jahren,“ fuhr Herr von Lamothe Hondan fort;„Sie haben, wie ich, dieſe beharrliche Lethargie beobachtet, in der die Frau Marſchallin beſtändig gelebt. Als ich Sie in dieſer Richtung fragte, haben Sie mir tauſend Beiſpiele von ähnlichen Fällen genannt, und ich glaubte, wie Sie mir ſagten, daß dieſe Schlaffucht, in welche die Prinzeſſin ſo oft verfiel, die Folge eines Conſtitutionsfehlers ſei; in dieſem Augenblicke dagegen ſchreiben Sie ihren Tod dem Schmerze 5 68 zu; erklären Sie ſich deßhalb, mein Freund, und wenn Sie in dieſer Beziehung eine Bemerkung ge⸗ macht, ſo laſſen Sie mich die Sache wiſſen.“ „Marſchall,“ ſagte der Arzt,„ich habe keine einzelne Thatſache beobachtet, bemerkt, erkannt, welche dieſe Anſicht motiviren könnte; aber aus allen einzelnen Anzeichen geht für mich die An⸗ ſicht hervor, daß keine andere Urſache als der Schmerz die tödtliche Krankheit der Frau Mar⸗ ſchallin hervorgerufen haben kann.“ „Das iſt die Anſicht eines Weltmannes und Philoſophen, Doctor, aber ich verlange Ihre wiſ⸗ ſenſchaftliche Anſicht, Ihre Anſicht als Arzt.“ „Marſchall, ein wahrer Arzt iſt ein Philoſoph, der den Körper nur ſtudirt, um die Seele beſſer kennen zu lernen. Das Studium war in Be⸗ ziehung auf die Prinzeſſin ſehr ſiitet und an⸗ ſtrengend; aber das Reſultat iſt darum doch ſicher, und ſo wahr wir einander gegenüber ſtehen, ver⸗ ſichere ich, ſoweit ein Menſch etwas verſichern kann, ohne beſtimmtes Wiſſen auf die bloße Kunde von allgemeinen Thatſachen, verſichere ich Sie, daß ein tiefer, ſchwerer Kummer, eine furchtbare Kränkung die Frau Marſchallin in's Grab brin⸗ gen wird.“ „Ich verlange nicht weiter von Ihnen zu wiſſen, mein Freund,“ ſagte der Marſchall in bewegtem Tone, indem er dem alten Arzte beide Hände bot; „und wenn ich Sie fragte, ſo geſchah es weniger, um Ihre Anſicht, als um die meinige beſtätigt zu hören. Vor wenigen Jahren, mein Freund, kam mir der Gedanke bereits; und wenn ich ihn nicht nd ne nt, us er r⸗ nd iſ⸗ h, ſer e⸗ n⸗ er, er⸗ rn de ie, we n⸗ en, em t; er, m cht 69 ausgeſprochen, nicht mal vor Ihnen, auf den ich doch ein ſo unbedingtes, unbegrenztes Vertrauen habe, ſo geſchah es, weil ich dachte, der Schmerz einer von ihrem Gatten geliebten Frau könne nur eine Urſache haben, ein Vergehen!“ „Marſchall,“ unterbrach ihn der Arzt erröthend, „glauben Sie mir, daß ich nie, auch nur einen Augenblick einen ähnlichen Gedanken gehegt!“ „Das bin ich überzeugt, mein Freund,“ ſagte der Marſchall, indem er die Hände des Doctors kräftig ſchüttelte,„doch jetzt Adien! Sie haben keine beſondern Befehle in Beziehung auf die Behand⸗ lung der Prinzeſſin zu geben?“ „Nein, Marſchall,“ antwortete der Arzt.„Das Leben der Frau Prinzeſſin wird geräuſchlos er⸗ löſchen; zwiſchen ihrem Tod und ihrem Leben wird kein anderer Unterſchied ſein als zwiſchen der brennenden und der erlöſchenden Kerze; ſie wird ruhig die Augen ſchließen, um zu ſterben, als wenn ſie ſchlafen wollte, und der Tod wird von ihrem Schlaf nur den Unterſchied haben, daß es ein ewiger Schlaf iſt.“ Der Marſchall de Lamothe Houdan neigte trau⸗ rig den Kopf und drückte dem ſcheidenden Doctor noch einmal gerührt die Hand. Einen Augenblick ſpäter trat der Marſchall in das Zimmer der Prinzeſſin; ſie lag auf ihrem Bette, in Weiß gekleidet wie eine Braut, und mit einem Geſichte von ſo zarter Farbe, wie ihre Klei⸗ der; ja ſie machte mit ihren Haaren, ihrem Ge⸗ ſichte, ihren Kleidern, den Draperien ihres Bettes den Eindruck, als ob ſie bereits in ihrem Leichen⸗ 70 tuche läge. Es fehlte, um zu glauben, daß man eine Todte aufſuche, in dieſem Zimmer nichts mehr, als ein Prieſter, Kerzen und die ſilberne Vaſe, welche das Weihwaſſer enthielt. Dieſer Anblick machte den Marſchall de La⸗ mothe Houdan zittern. Er hatte viele Menſchen im Kriege ſterben ſehen. Der Anblick des Todes war durchaus nichts Neues für ihn; aber als ein tapferer Mann konnte er nicht begreifen, daß man dem Tode nicht wider⸗ ſehe daß man ſich nicht gegen ihn vertheidigte, aß man ihn nicht wie einen Feind zurückjagte. Dieſer ſtumme, ruhige Tod, ohne Proteſtation, ohne Widerſtand, ohne Empörung auf die eine oder andere Art, erfüllte ihn mit Staunen. Er fühlte, wie ſeine Kniee wankten, als wäre er ein Kind von ein paar Monaten, das ein Ge⸗ wicht aufheben will; er näherte ſich reſpektvoll dem Bette der Kranken und ſagte mit ſeiner ſanfteſten Stimme zu ihr: „Leiden Sie?“ 6 „Nein,“ ſagte die Prinzeſſin Rina, indem ſie dem Marſchall den Kopf zuwandte. „Fühlen Sie ſich krank?“ „Nein,“ antwortete ſie noch einmal. „Ich habe ſo eben den Arzt begegnet, der von Ihnen wegging,“ fuhr der Marſchall fort. „Ja,“ machte der Kopf der Circaſſierin. „Wünſchen Sie Etwas?“ „Was wünſchen Sie?“ „Einen Geiſtlichen.“ 4 en m en 71 In dieſem Augenblicke meldete die Kammerfrau das Erſcheinen der Marquiſe de la Tournelle und des Abbé Bouquemont. Man ließ den Abbé ein⸗ treten, und während dieſes Zwiegeſprächs Jog ſich der Marſchall mit der Marquiſe in das Boudoir der Prinzeſſin zurück. Wir kennen die Sünden der Marſchallin de Lamothe Houdan, wir werden ſie deßhalb nicht wiederholen, indem wir die Beichte derſelben un⸗ ſern Leſern wieder vorlegen. „Meine Schweſter,“ ſagte der Abbé Bouque⸗ mont, der während der Aufzählung der Fehle der Prinzeſſin die ganze Bedeutung der Miſſion, die ihm ene Coletti gegeben, erkannte, und ſah, welche Rache er an dem Grafen Rappt neh⸗ men konnte,„meine Schweſter, erkennen Sie die Größe Ihrer Sünde?“ „Ja,“ antwortete die Prinzeſſin. „Haben Sie geſucht, Ihren Fehler wieder gut zu machen?“ „Auf welche Weiſe?“ „Durch Reue.“ „Das iſt viel, aber noch nicht genug, und es gibt noch wirkſamere Mittel.“ „Laſſen Sie mich ſie wiſſen.“ „Wenn ein Menſch geſtohlen hat,“ verſetzte der Abbé nach einigem Nachdenken,„glauben Sie, daß ſeine Reue dem Wiedererſatze des Geſtohlenen gleich komme?“ „Nein,“ antwortete die Marſchallin, ohne zu wiſſen, wo der Prieſter damit hinaus wollte. 72 „Nun, es gibt für Ihre Vergehen, meine liebe Sſ ein analoges Mittel des Wiederer⸗ atzes.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Sie haben die Ehre Ihres Gemahles geſtoh⸗ len; wo eine Wiederherſtellung derſelben nicht mög⸗ lch iſt, wiegt ein freies, offenes, ehrliches Ge⸗ ſtändniß Ihres Vergehens in einem ſolchen Fall eine Wiederherſtellung auf.“ „Und wie?“ rief die Marſchallin. Aber ſie hielt plötzlich inne, als fürchtete ſie, man möchte ihre Stimme hören. Sie erhob ſich in ihren Kiſſen und den Kopf nach dem Abbé wendend, ſah ſie ihn ſo ausdrucksvoll an, daß er, deſſen Nerven⸗ ſyſtem nicht gerade ſehr empfindlich war, unwill⸗ kürlich ſchauerte. „Sie ſchauern, Herr Abbé?“ ſagte die Prin⸗ zeſſin, indem ſie ihn mit der gleichen Feſtigkeit an⸗ zuſehen fortfuhr. „Gewiß, meine Schweſter!“ antwortete der Abbé Bouquemont ganz verlegen. „Sie ſchauern ſelbſt bei dem Gedanken an eine ſo furchtbare Art, ſein Vergehen zu ſühnen,“ fuhr die Sterbende tief bewegt fort. „Weil ich wirklich, meine Schweſter, wenn ich die Folgen bedenke, die ein ſolches Geſtändniß kann, lebhaft von Mitleid für Sie bewegt in.“ „Alſo für mich allein beunruhigen Sie ſich, Herr Abbé?“ „Gewiß, meine Schweſter.“ „Das iſt ſchön,“ ſagte die Prinzeſſin, nachdem er ne hr ich iß gt h, 73 ſie einen Augenblick nachgedacht,„ſprechen wir nicht weiter davon und kommen wir auf die Art der Sühne zurück, die Sie mir vorſchlagen.“ Die arme Frau hatte nie ſo lange geſprochen, ſie hielt einen Augenblick, wie es ſchien, erſchöpft inne und Schweißtropfen überſtrömten ihre Stirne. Der Abbé glaubte nichts Beſſeres thun zu können, als zu ſchweigen; ſie unterbrach die Stille. „Herr Abbé,“ ſagte ſie,„wenn ich das Ge⸗ ſtändniß nicht mache, das Sie fordern, was wird die Folge ſein?“ „Ewige Strafe für Sie in der andern Welt.“ „Und abſolute Ruhe für den Herrn Mar⸗ ſchall in dieſer?“ „Natürlich, meine Schweſter, aber.. „Aber, Herr Abbé, glauben Sie nicht, daß meine Sühne größer ſein werde, wenn ich um den Preis einer ewigen Strafe die Ruhe meines Gat⸗ ten erkaufe?“ „Nein,“ ſagte der Abbé, den dieſe Frage nicht wenig in Verlegenheit brachte;„nein,“ wiederholte er, um durch die Wiederholung des Wortes, in Ermanglung von Gründen, ſeiner Antwort mehr Gewicht zu verleihen. „Wollen Sie mir ſagen weßhalb?“ drängte die Marſchallin. „Man hondelt nicht um ſein Seelenheil, meine Schweſter,“ antwortete der Abbs hart, indem er die arme Frau dadurch einzuſchüchtern ſuchte. „Heißt das nicht ſein Seelenheil verdienen, wenn man das eines andern ſichert?“ „Nein, meine Schweſter; wenn Sie noch einige 74 Jahre zu leben hätten, ſo würde ich es der Vor⸗ ſehung überlaſſen, Ihr Gewiſſen aufzuklären; aber da Sie ſo nahe daran ſtehen, Ihre Seele in Got⸗ tes Hände zurückzugeben, ſo dürfen Sie nicht zö⸗ gern, ſie von aller Befleckung zu reinigen. Ich gebe zu, daß das Mittel, Ihre Sünden abzuwa⸗ ſchen, ein furchtbares iſt; aber Sie haben keine Wohl in den Mitteln und Sie müſſen das annehmen, na Ihnen als eine göttliche Gnade angeboten wird.“ „So ſoll alſo,“ murmelte die arme Prinzeſſin, „das durch meine Vergehen beſchmutzte Leben eines ehrenhaften Mannes mit rauher Hand gebrochen werden; und ein Diener Gottes räth mir dazu! O mein Gott, gib mir Klarheit und laß einen Deiner Lichtſtrahlen in dieſes Herz dringen, das ſo finſter wie ein Gefängniß iſt.“ „So ſei es,“ ſtotterte der Abbé. „Herr Abbé,“ ſagte die Marſchallin in ent⸗ ſchiedenem Tone,„ſchwören Sie mir vor Gott, daß dieſe Sühne nöthig iſt.“ „Jeder Schwur iſt unerlaubt, meine Schweſter,“ ſagte der Geiſtliche ſtreng. „So geben Sie mir Gründe zur Unterſtützung Ihres Rathes, Herr Abbs; geben Sie mir nur einen einzigen. Ich wünſche nichts mehr, als mich in Demuth zu unterwerfen; aber ich möchte wiſſen, warum ich es thue.“ „Das iſt eine Schwäche des Geiſtes und Stolz. Das Gerechte und Rechte wird nicht bewieſen, man es.“ „Eben, weil ich es nicht fühle, Herr Abbé, bitte 8 75 ich Sie mit gefalteten Händen, es mich begreifen zu machen.“ Ich wiederhole Ihnen, daß das Ihr Stolz iſt, Ihr Geiſt, der ſich empört gegen Ihr Gewiſ⸗ ſen; denn Ihr Gewiſſen ruft Ihnen zu, ohne daß ich nöthig hätte, dieſe Worte zu wiederholen: „Alles Böſe, was Du gethan, mußt Du wieder gut machen!“ Das iſt das göttliche Geſetz, das höchſte Geſetz. Aber was gilt den verkehrten Men⸗ ſchen der Ruf ihres Gewiſſens? Denken Sie ſich nur, daß Sie befleckt mit dieſem Vergehen vor den Richterſtuhl Gottes kommen, während Sie doch gereinigt hätten davor treten können! Glauben Sie, daß Gott in ſeiner ſtrengen Gerechtigkeit, nicht einen Boten erwecken wird, der zu dieſem ge⸗ kränkten Gatten ſagt:„Mann, die Frau, die Dir vor Gott gehörte, hat Dich unter den Menſchen verrathen.““ „Gnade, Herr Abbé!“ rief die arme Frau in ummer aufgelbſt. „Mann!“ fuhr der Abbé mit geller Stimme fort,„dieſe Frau hat den Rath von mir erhalten, Dich um Vergebung anzuflehen, und ſie war Ver⸗ brecherin genug, auf den Stufen meines Thrones niederzuknieen mit einer befleckten Stirne.“ „Gnade! Gnade!“ wiederholte die Prinzeſſin. „Nein, keine Gnade! wird die Stimme Gottes ſagen. Mann, ſei ohne Barmherzigkeit für das Verbrechen dieſer Ruchloſen und verwünſche ihren Namen auf Erden, wie ich ihre Seele ſtrafen werde im Himmel. Das iſt die furchtbare Strafe, welche ott Ihnen aufbewahrt— hier auf Erden, wie K7 76 im Himmel;— denn ich wiederhole Ihnen, Gott wird nicht geſtatten, daß der Mann, den er Ihnen vo Ihre Vergehen und ſeine Schande nicht wiſſe.“ Henug, Herr Abbé,“ rief die Marſchallin, die für einen Augenblick alle Kräfte zuſammenraffend, ſich raſch erhob und mit dem Finger auf die Thüre zeigend, mit ruhiger Stimme hinzufügte:„Ich werde Niemand das Recht geben, meinen Gemahl jn unterrichten. Gehen Sie und melden Sie dem arſchall, daß ich ihn erwarte.“ „Aber, gnädige Frau,“ rief der Abbé, den dieſe ſtolze Verabſchiedung blaß machte,„Sie ſprechen mit einer Bitterkeit mit mir, deren Urſache ich mir nicht erklären kann.“ „Ich ſpreche mit Ihnen, Herr Abbe,“ antwor⸗ tete die Prinzeſſin ſtolz,„wie mit einem Menſchen, deſſen Pläne ich dunkel ahne, ohne ſie zu verſte⸗ hen. Wollen Sie gejürigſt wenn Sie weggehen, den Herrn Marſchall bitten, bei mir einzutreten?“ Und ihm den Rücken kehrend, ſank ſie auf ihr Bett zurück.. Der Abbeé ging, nachdem er der armen Frau einen Blick voll Zorn und Bosheit zugeworfen. Aber es war Su viel für die unglückliche Prin⸗ ze geweſen. er Kampf, den ſie gegen den bbé kämpfte, ſo lange dieſer furchtbare Streit gedauert, hatte ihre letzten Kräfte gebrochen, und als der Marſchall in das Schlafzimmer trat, ſtieß er einen dumpfen Seufzer aus, da er ſie ſo ge⸗ brochen ſah, daß er glaubte, ſie habe kaum noch ein paar Angenblicke zu leben. 77 Er rief der Kammerfrau, welche an das Bett ihrer Herrin eilte und ihr die Schläfen reibend, ſie nach und nach wieder zum Bewußtſein brachte. Kaum waren die Augen der Sterbenden offen, ſo wandte ſie ſich mit unheimlichem Blicke nach der Thüre des Zimmers. „Wonach ſehen Sie, meine Freundin?“ fragte der Marſchall ſanft. „Iſt er fort?“ fragte die Prinzeſſin mit zittern⸗ der Stimme. „Wer, Madame?“ fragte ihre treue Gruska mit thränenvollem Blicke. „Der Geiſtliche!“ antwortete die Marſchallin, auf deren Geſicht ſich ein tiefer Schreck malte, als hätte ſie eine Legion Teufel, von dem Abbé Bou⸗ quemont geführt, in's Zimmer treten ſehen. „Ja,“ ſagte der Marſchall, deſſen Brauen ſich finſter zuſammenzogen bei dem Gedanken, daß der bbs ohne Zweifel dieſen beunruhigenden Zuſtand ſeiner Frau hervorgerufen. „Ah!“ machte die Prinzeſſin, als wäre eine ſchwere Laſt von ihrer Bruſt gefallen. Dann ſich an die Kammerfrau wendend, ſagte ſie: „Ziehe Dich zurück, Gruska, ich habe mit dem Marſchall zu ſprechen.“ Die Kammerfrau zog ſich zurück und ließ die Prinzeſſin mit ihrem Gemahie allein. 78 CXVIII. Lo die.— To sleep. „Kommen Sie ganz nahe, Herr Marſchall,“ murmelte die Prinzeſſin ſo leiſe, daß Herr von Lamothe Hondan es kaum hören konnte;„denn meine Stimme iſt ſehr ſchwach und ich habe Ihnen viel zu ſagen.“ Der Marſchall rückte einen Stuhl herbei und ſetzte ſich an das Bett. „Sie ſind nicht im Stand zu ſprechen,“ machte er,„gönnen Sie ſich Ruhe. Geben Sie mir Ihre Hand und ſuchen Sie auf dieſe Weiſe einzuſchlafen.“ „Nein, Herr Marſchall,“ ſagte die Prinzeſſin, „ich habe keinen andern Schlaf mehr zu ſchlafen, als den ewigen, und vor meinem Tode muß ich Ihnen noch ein Geſtändniß machen.“— „Nein,“ verſetzte ſeinerſeits der Marſchall, „nein, Rina, Sie werden nicht ſterben; Ihre Auf⸗ gabe auf dieſer Erde iſt noch nicht erfüllt, meine Freundin, und wir dürfen nicht ſterben, ehe unſer Werk vollendet iſt. Die kleine Abeille bedarf Ihrer ſorgenden Hand.“ „Abeille!“ murmelte die Sterbende ſchauernd. „Ja,“ fuhr Herr von Lamothe Houdan fort, „Ihnen verdanken wir, daß es jetzt beſſer mit ihr geht; durch Ihren vortrefflichen Rath iſt das Leben unſeres lieben Kindes beinahe geſichert. Sie wer⸗ den Ihr Werk nicht unvollendet laſſen wollen, meine liebe Rina, und wenn Gott Sie zu ſich ruft, werden Sie nicht allein von hinnen gehen, „ on in en nd te re 79 denn er wird mir die Gnade erzeigen, auch mich zu ſich zu rufen.“ „Herr Marſchall,“ fagte die Prinzeſſin, in deren Augen die Zärtlichkeit ihres Gemahls Thränen der Rührung hervorriefen,„ich bin Ihrer Liebe unwerth und deßhalb bitte ich Sie, mich zu hören.“ „Nein, Rina, ich werde Nichts hören, ich werde Nichts hören. Schlummre im Frieden, mein Kind, und Gott ſegne Deinen Schlaf.“ Die Thränen, welche ſeit einem Augenblick ſo reichlich den Augen der Prinzeſſin entquollen, über⸗ ſtrömten die Hand, mit welcher der Marſchall die ſeiner Frau hielt. „Du weinſt, meine Rina,“ ſagte er mit beweg⸗ ter Stimme.„Haſt Du einen Kummer, den ich lindern könnte s“ „Ja,“ machte der Kopf der Sterbenden,„einen großen Kummer, einen tiefen Schmerz.“ „Sprich, meine Freundin.“ „Vor Allem, Herr Marſchall,“ ſagte die Prin⸗ zeſſin, indem ſie ihre Hand aus der ihres Gatten zog und einen kleinen goldenen Schlüſſel an einem Collier aus ihrer Bruſt hervornahm,„öffnen Sie mit dieſem Schlüſſel mein Chiffonnier.“ Der Marſchall nahm den Schlüſſel, ſtand auf, um den Chiffonnier zu öffnen. „Ziehen Sie die zweite Schieblade heraus,“ fuhr Frau von Lamothe Houdan fort. „Es iſt geſchehen,“ ſagte der Marſchall. „Sie werden dort ein Paket mit Briefen fin⸗ den, das von einem ſchwarzen Band umgeben iſt.“ 80⁰ Paket in die Höhe hob und es der Prinzeſſin zeigte. „Nehmen Sie es und ſetzen Sie ſich zu mir.“ Der Marſchall that wie ihm befohlen. „Dieſes Paket Briefe enthält meine Bekennt⸗ niſſe,“ ſagte die arme Frau. Der Marſchall wollte die Briefe ſeiner Frau übergeben, dieſe ſchob ſie jedoch zurück und ſagte: „Leſen Sie ſie, denn ich werde nicht die Kraft haben, Ihnen den Inhalt davon zu ſagen.“ „Was enthalten dieſe Briefe?“ fragke der Mar⸗ ſchall verlegen. „Das Geſtändniß und den Beweis all' meiner Vergehen, Herr Marſchall.“. „Dann,“ verſetzte der Marſchall bewegt,„er⸗ lauben Sie mir, dieſe Lectüre auf eine andere Zeit aufzuſchieben. Sie ſind zu ſchwach in dieſem Au⸗ genblick, um ſich mit Ihren Vergehen zu beſchäf⸗ tigen, und ich werde Ihre Heilung erwarten.“ Dann öffnete er ſeine Redingote und ſteckte die Briefe in ſeine Taſche. „Aber ich bin im Begriff zu ſterben, Herr Marſchall,“ ſagte die Prinzeſſin in herzzerreißen⸗ dem Tone,„und ich will nicht mit einer ſo ſchwe⸗ ren Laſt auf meinem Gewiſſen zu Gott gehen.“ „Wenn Gott Sie zu ſich ruft, Rina,“ mur⸗ melte der Marſchall mit düſterem Tone,„ſo wird Gott Ihnen im Himmel all' Ihre Fehler verge⸗ ben, wie ich ſie Ihnen hier auf Erden vergebe.“ „Aber es ſind mehr als Fehler, Herr Mar⸗ ſchall“ fuhr Frau von Lamothe Houdan mit bei⸗ nahe erlöſchender Stimme fort,„es ſind Verbre⸗ „Hier,“ ſagte der Marſchall, indem er das⸗ . c c c—— — N W N ie r⸗ i⸗ E. 81 chen, und ich will die Erde nicht verlaſſen, ohne Ihnen vorher ein Geſtändniß gemacht zu haben; denn es iſt Ihre Ehre, Herr Marſchall, die ich ſchändlich befleckt.“ „Genug, Rina,“ rief der Marſchall ſchauernd, zgenug, genug!“ fügte er hinzu, indem er ſeinen Ton milderte,„ich wiederhole Ihnen, daß ich nichts hören will, ich vergebe Ihnen und ſegne Sie und rufe auf Ihr Haupt alle Gnade Gottes herab.“ Thränen der Dankbarkeit entſtrömten auf's Neue den Augen der Prinzeſſin. Sie wandte ihre Au⸗ gen nach dem Marſchall und indem ſie ihn mit einem unausſprechlichen Ausdruck von Zärtlichkeit und Bewunderung anſah, ſagte ſie zu ihm:„Wol⸗ len Sie mir die Hand geben?“ Der Marſchall bot ihr ſeine beiden Hände, die Prinzeſſin nahm eine derſelben in die ihrigen, hob ſie an ihre Lippen und ſagte, indem ſie ſie glühend küßte in einer gewiſſen religiöſen Aufre⸗ gung und Ertaſe: „Gott ruft mich zu ſich ich werde für Sie eten.“ Dann ließ ſie den Kopf auf das Kiſſen ſinken, ſchloß ſanft die Augen und entſchlief mit der maje⸗ ſtätiſchen Heiterkeit eines ſchönen Sommertages, der in dem Schatten der Nacht erliſcht. „Rina! Rina! meine arme und heißgeliebte Rina!“ rief der Marſchall in der heftigen Aufre⸗ gung, in die ihn dieſe Szene verſetzt hatte;„öffne ie Augen, ſieh mich an, antworte mir, ich habe Dir vetziehen, 6 verzeihe Dir, arme Frau. Hörſt Du mich?— i verzeihe Dir!“ Dumgs, Sgſogtor. VMr. 6 82 Er war ſo ſehr an das Schweigen der Prin⸗ zeſſin gewöhnt, daß er, nichts auf dieſem ruhigen Geſichte ſehend, was den Tod anzeigte, ſie an ſich zog und auf die Stirne küßte. Als er jedoch die Marmorkälte dieſer Stirne fühlte, und die bereits erkalteten Lippen mit den ſeinigen berührte, und ihren Athem nicht mehr fühlte, ſah er ein, daß es mit ſeiner unglücklichen Frau zu Ende war, und indem er Khſat ihren Kopf auf das Kiſſen ſinken ließ, erhob er beide Hände über ihr und ſagte: „Was Du auch gethan haben magſt, ich ver⸗ eihe Dir in dieſer letzten Stunde, armes und ſezctahes Geſchöpf! Was auch Dein Fehl, ja ſelbſt Dein Verbrechen geweſen, ich rufe den Segen Got⸗ tes auf Dein Haupt herab.“ In dieſem Augenblicke ließ ſich eine kleine Kin⸗ derſtimme hören. „Mutter, Mutter!“ rief dieſe Stimme,„ich will Dich ſehen.“ Es war die Stimme Abeille's, welche ängſt⸗ lich in dem Boudoir das Ende des vertraulichen Geſprächs zwiſchen der Marſchallin und ihrem emahl erwartete. Die beiden Schweſtern traten raſch in das Schlafzimmer, denn Regina begleitete Abeille. „Tretet nicht ein, meine Kinder,“ rief der Mar⸗ ſchall mit einer von Schluchzen erſtickten Stimme. „Ich will Mama ſehen,“ ſagte Abeille weinend, indem ſie nach dem Bette der Prinzeſſin lief. Aber der Marſchall verſperrte ihr den Weg; n⸗ en ich ne en en en r⸗ bſt t⸗ en m as v⸗ e. d, 93 83 er nahm ſie in ſeine Arme und ſagte, indem er ſie zur Prinzeſſin Regina führte: &„Bringe ſie fort im Namen des Himmels, mein ind.“ „Wie geht eso fragte Regina. „Nun heſer ſie iſt eingeſchlummert,“ ſagte der Marſchall in einem Tone, der ſeine Worte Lügen ſtrafte;„bringe Abeille weg.“ „Die Mutter iſt todt,“ ſeufzte das Kind. Die Prinzeſſin Regina ſtürzte ſich mit Abeille auf den Armen auf dies Wort an das Bett der Marſchallin. „Unglückliche Kinder,“ ſagte Herr von Lamothe Hondan, indem er einen Schmerzensſeufzer aus⸗ ſtieß,„ihr habt keine Mutter mehr.“ Es war ein einziger Schrei, welchen beide Kin⸗ der ausſtießen. Auf dieſen Schrei traten die Marquiſe de la ournelle und die Kammerfrau, gefolgt von dem Abbs Bouquemont, in das Zimmer. Als der Marſchall das heuchleriſche Geſicht des bbé Bouquemont erblickte, ſchien er ſeine eigene Aufregung zu vergeſſen und nur ſich der zu er⸗ innern, welche die Prinzeſſin in dem Augenblick ezeigt, wo der Abbé das Schlafzimmer verlaſſen. Er trat auf den Geiſtlichen zu, und indem er ihn mit ſtrenger Miene anſah, ſagte er in ernſtem Tone zu ihm: „Sie ſind es, mein Herr, der Monſeigneur Coletti erſetzen ſoll?“ ic„Ja, Herr Marſchall,“ antwortete der Geiſt⸗ iche. 6* 84 „Gut denn, mein Herr, Ihre Pflicht iſt er⸗ f Frau, deren Beichtvater Sie ſein ſollten, iſt todt.“ „Wenn der Herr Marſchall es erlaubt,“ ſagte der Abbs,„ſo werde ich die Nacht bei der unglück⸗ lichen Prinzeſſin zubringen.“ „Das iſt unnütz, mein Herr; ich werde dieſe Sorge ſelbſt übernehmen.“ „Aber gewöhnlich, Herr Marſchall,“ drängte der Abbé, der ſich heute zum zweiten Male ver⸗ abſchiedet ſah,„kömmt dieſer Leichendienſt einem Geiſtlichen zu.“ „Das iſt möglich, mein Herr Abbé,“ ſagte der Marſchall in einem Ton, der keine Einrede zuließ. „Aber ich wiederhole Ihnen, daß Ihre Gegenwart hier von jetzt an durchaus unnütz iſt. Ich habe deßhalb die Ehre, Sie zu grüßen.“ Dann trat er, dem Abbé Bouquemont den Rücken zukehrend, wieder an das Bett zu den beiden Schweſtern, welche ſchluchzend die Hände ihrer Mutter küßten, während der Abbé wüthend über den Empfang ſeinen Hut zornig in die Stirne drückte, wie Tartuffe, der das Herz voll von Dro⸗ hungen das Haus Orgon's mit den Worten: „Du, der als Herr ſpricht, ſollteſt ſelber gehen“ verließ, und die Thüre des Boudoirs heftig hinter ſich zuſchlg Dieſes Benehmen hätte allerdings eine Rüge verdient, aber der Marſchall von Lamothe Houdan war zu ſehr mit ſich beſchäftigt, um das impertinente Weggehen des Abbe Bouquemont zu bemerken. Me Se 8— 85 Die Nacht war inzwiſchen eingetreten und man ſah kaum mehr klar in dem Zimmer der Prinzeſſin. Todtenſtille herrſchte rings umher. Man meldete, daß das Diner ſervirt ſei, aber der Marſchall wollte nicht daran Theil nehmen. Er verabſchiedete alle Welt, nachdem man ihm eine Lampe gebracht, und als er ſich allein ſah, ſetzte er ſich neben den Chiffonnier, vor welchem die Prinzeſſin gewöhnlich ſaß; dann zog er aus der Taſche das Briefpaket, löste mit zitternder Hand das Band, das es umwand, und begann mit einem Auge, welches der Schmerz umwölkte, zu leſen. Der erſte Brief war von ihm; er war aus dem Bivouak am Abend vor einer Schlacht. Der zweite war aus einem Lager geſchrieben am Tage nach einem Sieg. Alle trugen das Datum des Kriegs, ein Wort faßte den Inhalt aller zuſammen:„Wann werden wir nach Frankreich zurückkommen?“ Mit andern Worten, alle Briefe des Gatten conſtatir⸗ ten ſeine Abweſenheit und zeugten von der Sehn⸗ ſucht nach ihr. Das war das Thor, durch welches er das große Schlachtfeld des Lebens der Prinzeſſin betrat: er war fort, ſie allein. Er hielt einen Augenblick inne, da er eine an⸗ dere Schrift als die ſeine ſah, als wollte er, ehe er weiter ginge, ſich den Weg, den er bereits ge⸗ gangen, noch einmal klar überſchauen. Auf dieſem Wege ſah er ſeine Frau, d. h. ein ſchwaches We⸗ ſen, allein, ohne Stütze und Halt, die Beute des nächſten Wolfs, der in der Hürde erſchien. 86 Er wandte ſich nach der Leiche und auf ſie zu⸗ gehend, ſagte er: „Vergebung, liebe Frau, der erſte Fehler iſt nfin Fehler; Gott vergebe mir, ich nehme ihn auf mich.“ Dann ſetzte er ſich wieder an den Chiffonnier und begann die Lectüre der Briefe des Herrn Rappt. Wunderbar! als ob er es inſtinktmäßig vor⸗ ausgeſehen, daß hinter dieſem Vergehen ein Ver⸗ brechen ruhe, machte die Kunde ſeiner Unehre nicht den furchtbaren Effekt auf ihn, den ſie gewöhnlich auf jeden Menſchen in ähnlicher Situation macht, welcher Art auch ſein Temperament ſei. Seine Stirne bedauerte ſie zwar mit einer Röthe; èr zitterte zwar, ſo lange dies Leſen dauerte; er hätte den Grafen Rappt, wenn er ihn in Händen gehabt, ſicherlich erdroſſelt, aber die Enthüllung ſeines Un⸗ glücks, das ſeinen Haß gegen ſeinen Schützling her⸗ vorrief, ſtimmte ihn zum Mitleid mit ſeiner Gattin. Er bedauerte ſie innig und aufrichtig und klagte ſich als den Urheber ſeiner Schande, den Verräther an ſich ſelbſt an und rief das Mitleid Gottes auf die Leiche herab. Dies war die doppelte Wirkung, die der erſte Brief des Herrn Rappt auf ihn hatte: Mitleid mit ſeiner Frau, Entrüſtung über ſeinen Schütz⸗ ling; die Frau hat ihren Mann getäuſcht, der Ad⸗ jutant ſeinen Herrn verrathen. Er ſetzte dieſe düſtere Lectüre fort, während ſein Herz von tauſend Qualen gemartert wurde. Er las Anfangs nur Umſchreibungen der erſten — — —— — 8 M 87 Briefe, kein Unglück wurde ihm angezeigt und doch ahnte er nur zu gewiß, daß er ein noch größeres Unglück zu erfahren habe, und blätterte mit fie⸗ chnſter Hand in allen Briefen. Er verſchlang ſie wie ein Menſch, der die Mäündung auf ſich ge⸗ richtet ſieht und ſich der Kugel entgegenwirft. Er ſtieß einen furchtbaren, unausſprechlich ſchreck⸗ lichen Schrei aus, als er zu den Worten kam: „Wir werden unſere Tochter Regina neunen. Wird ſie nicht wie Du eine königliche Schönheit werden!“ Der Blitz richtet keine ſolche Verwüſtung an, wo er einſchlägt, als dieſe Linien in dem Herzen des Marſchall von Lamothe Houdan. Es war nicht das Herz des Liebenden oder Gatten, ja nicht das des Vaters, das ſich bei dieſen Worten in ſeiner ganzen Höhe aufrichtete, es war das Herz des Mannes, ſeine Selbſtachtung, ſein Selbſtbewußt⸗ ſein. Es ſchien ihm, als wäre er nicht mehr er ſelbſt, oder ſchon ſelbſt ein Verbrecher, weil er nur mit dem Verbrechen in Berührung geſtanden. Er vergaß, daß er als Gatte, als Herr, als Freund, als Vater verrathen worden; er vergaß endlich ſeine Schmach und ſein Unglück und dachte nur an die empörende Ungeheuerlichkeit, an die Heirath des Liebenden mit der Tochter ſeiner Geliebten, an den ſchamloſen, frechen und ungeſtraften Vater⸗ mord! Er wandte das Auge voll Zorn nach dem Bette, als er aber die Leiche ſeiner Gattin mit den gefalteten Händen, die zum Himmel empor gekehrte Stirne der Todten in der Haltung feierlicher Samm⸗ lung gewahrte, nahmen ſeine Augen den Ausdruck 88 tiefen Schmerzes an und er rief mit herzzerreißen⸗ dem Tone: „O was haſt Du gethan, Weib?“ Dann nahm er die Briefe und ſuchte ſeine Kaltblütigkeit wieder zu bekommen, um ſie bis zu Ende leſen zu können. Furchtbarer Verſuch, auf den er beinahe verzichtet, wenn ihn nicht ein an⸗ derer Gedanke, der Gedanke an ein weiteres Un⸗ glück unheimlich erfaßt hätte. Wir haben die kleine Abeille in dem Atelier von Regina auftreten laſſen, während Petrus ihr Portrait malte und ſahen ſie ſo eben wieder in dem Sterbezimmer. Die Geburt dieſes Kindes beſchäf⸗ tigte den Marſchall in dieſem Augenblick lebhaft. Er hatte es ſo zu ſagen in die Welt gebracht; es war unter ſeinen Augen geboren worden, es war neben ihm groß geworden. Er hatte es, als es noch ein ganz kleines Kind war, auf ſeinem großen rtt ſpazieren geführt, indem er es an der Hand hielt, und es war ein herrliches Schau⸗ ſpiel, auf das er ſelbſt ſtolz war, den alten Mar⸗ ſchall in den Tuilerien mit dem kleinen Mädchen ſpielen zu ſehen. Die frühſte Jugend fühlt ſich ympathiſcher mit dem Greiſe, als mit dem reifen ann. Die blonden Haare der Kindheit harmo⸗ niren beſſer mit den weißen Haaren des Greiſes. Abeille war darum die Krone des Alters des Marſchalls geweſen, der letzte Geſang, den er ge⸗ hört, der letzte Wohlgeruch, den er eingeathmet; er liebte ſie wie das letzte Lächeln ſeines Lebens, wie den letzten Strahl ſeiner untergehenden Sonne. „Wo iſt Abeille?“„Warum iſt Abeille nicht da?“ 89 „Warum hat man ſie bei ſolchem Wetter ausgehen laſſen?“„Wer hat ſich erlaubt, Abeille ſprechen zu laſſen?“„Warum habe ich Abeille heute nur ein einziges Mal ſingen hören?“„Abeille iſt alſo traurig?“„Abeille iſt alſo krank?“ Und von Morgens bis Abends hörte man nur den Namen Abeille; ſie war gleichſam der belebende Hauch des Hauſes; wo ſie nicht war, wurde man traurig; wo ſie erſchien, trat die Freude mit ihr ein. Mit einem unausſprechlichen Schreck nahm deß⸗ halb der Marſchall die Lectüre der Briefe wieder auf, die ſein Inneres bereits ſchon ſo tief aufge⸗ wühlt. Leider durfte nichts vor dem alten Manne ſte⸗ hen bleiben. Er hatte nach und nach all' ſeinen Glauben wie Schlöſſer in Ruinen ſinken ſehen. Ein. einziges blieb ihm und er ſollte es gleichfalls zu⸗ ſammenbrechen ſehen müſſen. O furchtbares Schick⸗ ſal! Dieſer Mann beſaß Schönheit, Güte, Muth, Ehre, Stolz und Alles, was den Menſchen groß und glücklich macht; es hatte ihm nichts geman⸗ gelt, um auch der Liebe theilhaft zu werden, und nun ſollte er am Ende ſeines Lebens Qualen er⸗ dulden, neben denen ſelbſt die der größten Ver⸗ brecher verſchwanden. Als er ſeines Schickſals gewiß war, als er ſeine moraliſche Niederlage conſtatirt hatte, das heißt den Tod ſeines Glaubens, da verhüllte er ſein Geſicht und weinte bitterlich. Die Thränen ſind wohlthätig. Sie machen aus Gift Honig und lindern die Wunden der Sckle. 90 Als er lange genug geweint, ſtand er auf und an dem Bette der Leiche ſtehend, prach er: „Ich habe Dich heiß geliebt, inal.. und war unter Vielen werth, von Dir geliebt zu werden. Aber der Wagen des Lebens hat mich raſch mit ſich fortgeriſſen und in der Staubwolke, die er aufwühlte, ſah ich neben mir die zarte Pflanze nicht, die ich zertrat. Du haſt gerufen. Ich bin Dir nicht zu Hülfe gekommen und Du nahmſt die erſte beſte Hand, uin Dich an ihr auf⸗ zurichten. Das iſt meine Schuld, Rina, das iſt meine große Schuld und ich klage mich deſſen an vor Deiner Leiche und bitte Gott um Vergebung. Daraus entſtand all' Dein Unglück BPu haſt mit Deinem Leben meine erſten Fehler bezahlt, und ich werde mit meinem Leben Dein letztes Ver⸗ gehen bezahlen. Gott war ſtreng gegen Dich, arme Frau! Ich hätte zuerſt ſterben ſollen. Aber wir haben bei all' unſrem Unglück einen Mitſchul⸗ digen und dieſer hatte keine Entſchuldigung. Dieſer war ein Schuft, ein Ehr⸗ und Treuloſer, ein fei⸗ ger Verräther, der Dich einen dornigen Pfad hin⸗ abriß, um Dich in den Abgrund zu ſtürzen; dieſer wird durch die Vergebung, die ich auf Dein Haupt herabrufe, Rina, als ein feiger Schuft geſtraft werden; und wenn ich dies Werk der Gerechtig⸗ keit gethan, dann, Rino, werde ich mir von Gott erbitten, ſeinen Zorn, wenn er ihn noch nicht ganz entwaffnet, auf mich fallen zu laſſen.. Lebe wohl, arme Frau! oder vielmehr auf Wieder⸗ ſehen, denn der Körper überlebt den Tod der Sekle nicht lang.“ — N 91 Nach dieſen Worten trat der Greis an den Chiffonnier, nahm die Briefe, ſteckte ſie in ſeine Taſche und wollte eben weggehen, als er die Por⸗ tiere des Schlafzimmers zur Seite ſchieben ſah und ein Mann, den er nicht ſogleich erkannte, im Schatten näher kam. Er trat auf ihn zu: es war der Graf Rappt. CXIX. Wo der Stern des Herrn Rappt zu bleichen beginnt. „Er!“ murmelte der Marſchall de Lamothe Hou⸗ dan dumpf, als er den Grafen Rappt erblickte. Sein Geſicht, das ſonſt einen ſo milden Ausdruck hatte, verfinſterte ſich.„Er!“ wiederholte er, indem er Blitze aus ſeinen Augen auf ihn ſchleuderte und ihn auf die Weiſe anſah, wie das Gewitter das Feld, das es zerſtören will. Der Graf war, wie wir bereits geſehen, ein tapferer, kühner, ja kecker Mann, voll Kaltblütig⸗ keit und Muth und, erkläre wer es erklären kann, ſeine Kaltblütigkeit, ſein Muth, ſeine Kühnheit brachen plötzlich vor dem Marſchall zuſammen, wie die Mauern einer belagerten Stadt vor dem ſiegreichen Feinde. Soviel Blitze leuchteten aus den Augen des empörten Greiſes, ſoviel furchtbare Drohungen ſchlenderte ſein Blick, daß dem Grafen, ohne etwas errathen zu können, alle möglichen Vermuthungen in den Kopf kamen, und er unwillkürlich ſchauerte. 92 Er glaubte, Herr von Lamothe Hondan ſei nach dem Tode ſeiner Gemahlin ein Narr gewor⸗ den. Er ſchrieb den ſtarren Blick ſeiner Geiſtes⸗ verwirrung zu,— er nahm ſeinen Zorn für Ver⸗ zweiflung und wollte ihn tröſten.— Er ſuchte deß⸗ halb wieder alle nöthige Kaltblütigkeit zu bekommen, um dem Kummer Worte zu leihen, den ihm der Tod der Prirzeſſin verurſachte, und dem Antheil, den er an dem Schmerze des Marſchall nehme. Er näherte ſich Herrn von Lamothe Houdan mit geſenktem Haupte, zum Zeichen ſeiner Trauer und Theilnahme. Der Marſchall ließ ihn drei bis vier Schritte im Zimmer machen. Herr Rappt ſagte mit einem Tone, dem er etwas Gerührtes zu geben ſuchte: „Herr Marſchall, ſeien Sie überzeugt, daß ich die innigſte Theilnahme für das Unglück fühle, das Sie truß⸗ Der Marſchall ließ ihn ausſprechen. Herr Rappt fuhr fort: „Das Unglück hat wenigſtens das Tröſtliche, 4 uns die Freunde, die uns bleiben, theurer macht.“ Der Marſchall ſchwieg noch immer. Der Graf fuhr fort: „In dieſem traurigen Augenblicke wie in jedem andern, Herr Marſchall, glauben Sie mir, daß ich ganz zu Ihren Dienſten ſtehe.“ Das war zu viel!— Als er dieſe Worte hörte, fuhl Herr von Lamothe Houdan auf. 93 „Was haben Sie, Herr Marſchall?“ rief der Graf beſtürzt. „Was ich habe, Elender?“ murmelte der Mar⸗ i92 halblaut, indem er auf den Grafen zu⸗ ritt. Dieſer trat drei bis vier Schritte zurück. „Wos ich habe, Elender, Verräther, Feigling?“ fuhr der Marſchall fort, indem er den Grafen anſah, als wenn er ihn verſchlingen wollte. „Herr Marſchall...“ rief der Graf, der end⸗ lich die Sachlage zu errathen ſchien. „Verräther! infamer Menſch!“ wiederholte Herr von Lamothe Houdan. „Ich fürchte, Herr Marſchall,“ ſagte Graf Rappt, indem er ſich nach der Thüre zurückzog, „daß Ihr großer Schmerz Ihren Verſtand etwas geſtört und ich bitte deßhalb um Erlaubniß, mich zu entfernen.“ „Sie werden nicht von hier weggehen!“ ſagte der Marſchall, indem er nach der Thüre eilte und ihm den Weg verſperrte. „Herr Marſchall,“ warf der Graf ein, in⸗ dem er nach dem Todtenbette zeigte,„eine ſolche Szene an einem ſolchen Orte wird ebenſowenig in Ihrem Sinne liegen, als in dem meinen;— ich bitte Sie deßhalb, mich gehen z laſſen.“ „Nein!“ ſagte der Marſchall,„hier bin ich be⸗ liitt worden, von hier muß die Sühne aus⸗ gehen.“ „Wenn ich Sie recht verſtehe, Herr Marſchall,“ ſagte der Graf kalt,„ſo haben Sie aus irgend einem Grunde eine Erklärung von mir zu fordern. 94 Ich ſtehe zu Ihren Dienſten; aber ich wiederhole Ihnen, in einem andern Augenblicke und an einem andern Orte.“ „Nein, in dieſer Stunde und hier!“ antwortete der Marſchall mit gebieteriſchem Tone, welcher keinen Einwand zuließ. „Wie Sie wollen,“ ſagte der Graf laconiſch. „Kennen Sie dieſe Handſchrift?“ fragte der ſhan indem er dem Grafen das Paket Briefe inhielt. Der Graf nahm die Briefe, ſah ſie an und erblaßte. „Kennen Sie dieſe Handſchrift?“ wiederholte Herr von Lamothe Houdan.. S wurde blaß wie der Tod und ſenkte en Kopf. „Sie geben ſich alſo als den Schreiber dieſer Briefe zu erkennen?“ fuhr der Marſchall fort. „Ja,“ antwortete der Graf dumpf. „Somit iſt die Prinzeſſin Regina Ihre Tochter?“ Der Graf drückte die Stirne in ſeine Hand; es war als ob er dem Blitze ausweichen wollte, der, ſeit er in das Leichenzimmer eingetreten, über ſeinem Haupte drohte. „Somit iſt,“ fuhr der Marſchall de Lamothe Houdan fort, der dieſe Worte kaum auszuſprechen „ſomit iſt Ihre Tochter.. Ihre rau?“ „Vor Gott iſt ſie meine Tochter geblieben, Herr Marſchall!“ rief der Graf lebhaft. „Verräther! Schuft!“ murmelte der Marſchall; „ein Menſch, den ich aus dem Staube gezogen, Me m te er . E * te, er re den ich mit Wohlthaten überhäuft, deſſen Hand ich ſeit zwanzig Jahren herzlich gedrückt, dieſer Menſch tritt als ehrbarer Mann in meine Familie und plündert mich ſeit zwanzig Jahren. Elender! aber keine Furcht, keine Reue iſt in all' den zwanzig Jahren je an Ihr Herz getreten! Ihre Seele iſt alſo ein Sündenpfuhl, in den die reine Luft nie dringen konnte! Verräther! Dieb an meinem Gut! Meuchelmörder meines Glücks!... Und der Ge⸗ danke iſt Ihnen nicht einen Augenblick gekom⸗ men, daß ich Alles erfahren könnte und daß ich furchtbare Rechenſchaft für dieſe zwanzig Jahre voll Lüge und Treuloſigkeit von Ihnen fordern e Narſcha ſ Guf N „Perr Marſchall ſtotterte Graf Rappt. „Schweigen Sie, Elender!“ ſagte Herr de La⸗ mothe Houdan hart,„und hören Sie mich zu Ende. — Zch habe Sie gelehrt den Degen halten.“ Der Graf antwortete nicht. „Bin ich's oder nicht?“ fragte der Greis. Sie, Herr Marſchall,“ antwortete der raf. „Sie kennen alſo die Art, wie ich mich ſeiner ſete kann,“ fuhr der Marſchall in kurzem Tone ort „Herr Marſchall!...“ unterbrach ihn der Graf. „Schweigen Sie, ſage ich Ihnen! Ich bin ſicher, daß ich Sie tödten würhe „Sie können mich auf der Stelle tödten, Herr Marſchall,“ rief der Graf;„denn ich werde mich auf meine Ehre nicht gegen Sie vertheidigen.“ 96 „Sie weigern ſich, ſich mit einem Greiſe zu ſchlagen,“ ſagte der Marſchall, indem er dumpf lachte,„aus Achtung vor ſeinen weißen Haaren, nicht wahr?“ „Ja,“ ſagte der Graf in entſchiedenem Tone. „Aber, Unglücklicher, der Sie ſind,“ ſagte der Greis, indem er auf den Grafen zuſchritt und ſich mit gekreuzten Armen in ſeiner ganzen Höhe auf⸗ richtete: zuiſſen Sie denn nicht, daß der Zorn übermenſchliche Kräfte verleiht, und daß dieſer Arm,“ fuhr er fort, indem er ſeinen rechten Arm ausſtreckte und ihn auf die Schulter des Grafen legte,„daß, wenn dieſer Arm ſich auf Sie herab⸗ he er Sie zwingt, ſich zur Erde zu beugen?“ Sei es nun, daß der Arm des Greiſes wirk⸗ lich eine außergewöhnliche Schwere hatte oder der Zorn ſie ihm verlieh, kurz, wie er Peſo t, die Beine des Grafen ſanken unter dem Bruck einer übermenſchlichen Kraft ein und er ſtürzte vor dem Bette der Todten auf dem Teppich zu Boden. „So iſt es recht, die Kniee!“ ſagte der Marſchall ſtreng,„das iſt die Haltung, die Scham⸗ loſen und Verräthern ziemtl Verflucht ſeiſt Du, der Du in mein Haus Lüge und Schmach gebracht! Verflucht ſeiſt Du, der Du mich mit überhäuft, der Du mich den Haß gelehrt, der Du mich durch Deine Beleidigung an der ganzen Menſch⸗ heit ließeſt, verflucht ſeiſt Du!“ Verzweiflung! dieſer tapfere Mann, dieſer Reheßt Mann erbloßte, als er ſich dem Gra⸗ ſen nähern wollte, um ihn zu beohrfeigen, und ank zu Boden, als wenn der elende Verräther, 97 den er bedrohte und beſtrafen wollte, ihn nieder⸗ geworfen. Ein wildes Lächeln fuhr über die Lippen des Grafen und erhellte ſein Geſicht.— Er betrachtete den Greis, der am Boden lag, wie der Holzhauer die n Eiche. r beugte ſich auf ihn hinab und betrachtete ihn kalt, wie der Arzt einen Leichnam. „Herr Marſchall,“ ſagte er halblaut. Aber der Greis hörte ihn nicht. „Herr Marſchall,“ wiederholte er mit dumpfer Stimme, indem er ihn leicht ſchüttelte. Aber Herr von Lamothe Houdan blieb unbe⸗ weglich und ſtumm. Graf Rappr ſtreckte ſeine Hand nach der Bruſt des Marſchalls aus; ſeine Stirne aber verfinſterte ſich wieder, als er das Pochen ſeines Herzens fühlte. „Er lebt!“ murmelte er, indem er ihn mit einem wilden Blicke anſah. Dann ſtand er raſch auf, ſah nach allen Sei⸗ ten, indem er ich weiß nicht was ſuchte,— wahr⸗ ſcheinlich ein Mordinſtrument. Aber das Frauengemach enthielt kein Piſtol, keinen Dolch, überhaupt keine Waffe. Er trat an das Todtenbett und zog das Tuch an ſich, das es bedeckte;— aber zu ſeinem großen Schrecken erhob ſich der rechte Arm der Todten, der mit einem Finger eine Ecke des Tuches feſthielt. Er fuhr erſchrocken zurück... In dieſem Augenblicke erhob ſich ein Schatten vor ihm. Dumas, Salvator. VIII. 7 98 „Was machen Sie hier?“ ſagte ſie. Er ſchauerte, als er die Stimme der Prinzeſſin Regina erkannte. „Nichts!“ antwortete er rauh, indem er der Prinzeſſin einen furchtbaren Blick zuſchleuderte. Bann verließ er raſch das Zimmer, indem er die arme Regina zwiſchen der Leiche ihrer Mutter und dem lebloſen Körper des Marſchalls de La⸗ mothe Houdan zurückließ. Die Prinzeſſin läutete und Gruska erſchien, gefolgt von dem Kammerdiener des alten Mannes. Man brachte den Marſchall zu ſich und trug ihn nach ſeinem Schlafzimmer, wo die Pflege ſei⸗ nes eiligſt herbeigeholten Arztes ihn bald wieder in's Leben zurückrief. Er ſah rings um ſich, indem er ſagte: „Wo iſt er?“ 3 „Wer, mein Vater?“ fragte die Prinzeſſin. Das Wort Vater, das Regina ausſprach, machte den Marſchall ſchauern. „Dein Gatte...“ ſagte er mit einiger An⸗ ſtrengung,„Graf Rappt.“ F Sie ihn ſprechen?“ fragte die Prin⸗ zeſſin. „Ja,“ antwortete Herr von Lamothe Houdan. 1 werde nach ihm ſchicken, wenn Sie beſſer ind.“ „Ich befinde mich ſchon ganz gut,“ ſagte der Marſchall, indem er ſich erhob und ſtolz in die Bruſt warf. „Ich werde nach ihm ſchicken, mein Vater,“ ſagte die Prinzeſſin, indem ſie in den Augen des 99 alten Mannes zu leſen ſuchte, was er in dieſem Momente dem Grafen Rappt zu ſagen hätte. Sie verließ das Schlafzimmer und einen Au⸗ genblick ſpäter erſchien der Graf. „Sie verlangten, mich zu ſprechen?“ ſagte er in trockenem Tone. „Ja,“ antwortete der Marſchall laconiſch.„Ich ließ mich eben zu Drohungen und heftigen Aeuße⸗ rungen, welche doch unnütz ſind, hinreißen; ich hatte Ihnen nur ein Wort zu ſagen und gerade dieſes eine habe ich Ihnen nicht geſagt.“ „Ich ſtehe zu Ihrem Befehle, Herr Marſchall,“ antwortete der Graf. „Sie werden ſich mit mir ſchlagen?“ machte der Greis verächtlich. „Ja,“ antwortete der Graf entſchloſſen. „Natürlich, auf Degen?“ „Auf Degen.“ „Ohne Zeugen?“ „Ohne Zeugen, Herr Marſchall.“ „Hier im Garten?“ „Wo es Zhnen beliebt, Herr Marſchall.“ Der Marſchall warf einen ſtrengen Blick auf den Grafen. „Sie haben Ihren Entſchluß ſehr raſch geän⸗ dert,“ ſagte er. „Ich habe erkannt, Herr Marſchall, daß meine eigerung eine neue Beleidigung wäre,“ antwor⸗ tete der Graf. „Sie werden mir vielleicht die Kränkung an⸗ thun, ſich nicht zu vertheidigen?“ 7* 100 „Ich werde mich vertheidigen, Herr Marſchall ich ſchwöre es Ihnen..“ fügte er hinzu. „Wie es Ihnen beliebt, mein Herr. Aber Sie mögen ſich vertheidigen oder nicht, ich werde Sie nicht ſchonen.“ „Der Wille Gottes geſchehe!“ ſagte der Grof heuchleriſch, indem er den Blick mit einer Salbung zum Himmel erhob, auf die der Abbé Bouquemont hätte ſtolz ſein können. „Was den Tag betrifft, nahm der Marſchall das Wort,„ſo ſei dazu der des Leichenbegängniſſes der Frau Marſchallin beſtimmt. Wir werden die Leichenfeierlichkeiten mitmachen und auf dem Heim⸗ weg treffen wir uns an dem Rondel im Garten.— Halten Sie ſich alſo bis zu dieſer Stunde bereit.“ „Ich werde bereit ſein, Herr Marſchall.“ „Gut!“ machte Herr von Lamothe Houdan mit dem Kopfe, indem er dem Grafen den Rücken zu⸗ wandte. „Sie haben mir nichts mehr zu ſagen, Herr Marſchall?“ fragte dieſer. „Nein,“ antwortete der Greis,„Sie können ſich entfernen.“ Der Graf verbeugte ſich reſpectvoll und ging. Auf der Schwelle fand er die Prinzeſſin. „Sie hier?“ rief er. „Ja,“ ſagte die Prinzeſſin mit gedämpfter Stimme. „Ich habe Alles gehört und verſtanden, ich weiß Alles. Sie wollen ſich mit dem Marſchall ſchlagen.“ „Allerdings,“ ſagte der Graf kalt. „Sie werden den alten Mann tödten,“ fuhr Regina fort. all ie ie ng nt ull ie n⸗ nit rr ich te. 8. hr 101 „Vielleicht,“ antwortete der Graf. „Sie ſind ein Schuft!“ rief die Prinzeſſin. „Und ein größerer Schuft, als Sie vielleicht glauben, Prinzeſſin; denn ich beabſichtige, vor dem Duell den Marſchall von Allem in Kenntniß zu ſetzen, was er noch nicht weiß.“ „Was wollen Sie ſagen?“ fragte die Prin⸗ zeſſin erſchrocken. „Wollen Sie mit mir kommen, ſo werde ich Ihnen Alles ſagen,“ verſetzte der Graf.„Der Ort, wo wir ſind, ſcheint mir nicht ganz geeignet für eine ſolche Unterhaltung.“ „Ich folge Ihnen,“ antwortete die Prinzeſſin. Wir werden im nächſten Kapitel das Reſul⸗ tat der Verhandlung zwiſchen dem Grafen Rappt und der Prinzeſſin Regina mittheilen. CXX. Nächtliches Zwiegeſpräch zwiſchen dem Herrn Grafen und der Frau Gräfin Rappt. „Sprechen Sie, mein Herr!“ rief die Prin⸗ zeſſin, nachdem ſie die Portiere des Schlafzimmers hatte zurückfallen laſſen und ſich in einen Fauteuil geworfen. „Das iſt ein trauriges Geſpräch, das wir zu⸗ ſammen führen werden,“ ſagte Herr Rappt, indem er den tiefſten Kummer heuchelte. 102 „Was es auch ſei,“ unterbrach ihn die Prin⸗ zeſſin,„beginnen Sie, ich bin auf Alles gefaßt.“ „Ich ſchlage mich, wie Sie ſagten,“ begann der Graf,„übermorgen mit dem Marſchall de La⸗ mothe Houdan.“ Die arme Regina ſchauerte an allen Gliedern. Herr Rappt fuhr fort, ohne die Aufregung der Prinzeſſin zu bemerken zu ſcheinen. „Welches Reſultat glauben Sie, daß dieſes Duell haben könne?“ „Mein Herr,“ rief die Prinzeſſin, indem ſie erblaßte,„Ihre Frage iſt furchtbar und ich gebe keine Antwort.“ „Indeß,“ verſetzte der Graf, indem er ſie mit ſeinem häßlichſten Lächeln anſah,„nachdem die ab⸗ ſolute Nothwendigkeit dieſes Duells nachgewieſen iſt, müſſen Sie für den Einen oder den Andern der beiden Kämpfer Partei ergreifen.“ „Die Nothwendigkeit dieſes Duells iſt mir kei⸗ neswegs erwieſen,“ ſagte die Prinzeſſin Regina, indem ſie ſich das Geſicht bedeckte. „Wenn ich ſehe, wie Sie roth werden, Regina, ſo bin ich des Gegentheils gewiß. Ich kenne Sie — ich kenne Ihr edles Herz; ich weiß, daß nichts, was die Ehre betrifft, Ihnen fremd iſt, und daß Sie an meiner Stelle ebenſo gehandelt haben würden.“ „O Schande!“ murmelte die arme Frau leiſe. „Kommen wir nicht mehr auf die Urſachen zu⸗ rück,“ ſagte Herr Rappt,„und ſprechen wir von den Wirkungen. Ich ſchlage mich mit dem Mar⸗ ſchall. Für wen entſcheiden Sie ſich? Das iſt n⸗ . n ⸗ — —= 103 di Frage, die ich an Sie zu richten die Ehre abe.“ „Mein Herr, ich weigere mich ganz entſchieden, zu antworten.“ „Es muß ſein, Prinzeſſin, denn von Ihrer Antwort wird das Glück oder Unglück Ihres Le⸗ bens abhängen.“ „Was wollen Sie ſagen?“ „Ich werde mich nicht weiter erklären, ehe ich Ihre Antwort kenne.“ „Mein Herr, Ihr Drängen iſt keck und ich muß Sie daran erinnern, daß meine Mutter heute ge⸗ ſtorben iſt.“ „Ich erinnere mich wohl, Regina, wenn ich daran denke, daß ich mich übermorgen ſchlage.“ „Was kann ich dabei thun?“ rief die Prin⸗ eſſn in verzweiflungsvollem Tone,„wollen Sie, daß ich den Marſchall aufſuchen ſoll, daß ich mich ihm zu Füßen werfe und daß ich ihn bitte, auf dieſen Zweikampf zu verzichten?“ „Sie verſtehen mich nicht, Prinzeſſin,“ verſetzte der Graf, indem er die arme Frau mit ſtolzer Miene anſah.„Habe ich Ihnen das Recht gege⸗ ben, an meinem Muthe zu zweifeln und glauben Sie, daß ich feig genug ſei, eine Frau zu bitten, meine Ehrenſachen in's Reine zu bringen? Ich bitte Sie einfach, meine Frage zu beantworten.“ „Schweigen Sie!“ rief Regina zitternd. „Ich bitte Sie mit einem Worte, mir zu ſa⸗ gen, von wem Sie wünſchen, daß er ſterbe, von Vater oder von dem Gatten Ihrer Mut⸗ er. 104 „Das iſt empörend!“ murmelte die Prinzeſſin weinend. „Das iſt empörend,“ wiederholte der Graf kalt, „das gebe ich zu; aber was wollen Sie machen? Die Sache iſt ſo. Antworten Sie mir deßhalb.“ „Mein Herr,“ ſagte die Prinzeſſin bittend und die Hände faltend,„im Namen meiner Mutter be⸗ ſchwöre ich Sie, keine Antwort in dieſer Sache von mir zu fordern.“ „Ich wiederhole Ihnen, Regina, daß Ihr Le⸗ ben und das meine von der Antwort abhängt, die Sie mir geben werden. Ich beharre deßhalb darauf.“ „Sie wollen es?“ rief die junge Frau, indem ſie ihn feſt anſah und ſich langſam erhob, um auf ihn zuzugehen. „Ich verlange es, Regina!.. Verzeihung, ich bitte Sie darum.“ „Gut!“ ſagte die Prinzeſſin, indem ſie mit ge⸗ kreuzten Armen auf den Grafen zuging.„Da Sie es verlangen, ſo vernehmen Sie meine Antwort: ich haſſe Sie... „Regina! Regina!“ „Ich haſſe Sie,“ fuhr die Prinzeſſin fort,„ſo ſehr, als ein Herz haſſen kann.“ „Regina! Regina!“ wiederholte der Graf, in⸗ 3 er purpurroth wurde,„nehmen Sie ſich in 9 ht!“ „Ich fünchte nichts,“ ſagte Regina,„denn ich habe nur Sie zu fürchten und Sie wiſſen ſeit langer Zeit, woran Sie ſich in dieſer Richtung zu halten haben.“ nd 105 „Regina, die Geduld hat ihre Grenzen!“ „Wem ſagen Sie das, mein Herr? Kenne ich etwa die Grenzen der Geduld nicht, und doch ſind Sie bei mir und ich höre Sie an!“. „Regina, ich kann Sie vernichten, oder Sie retten!“ „Sie können mich nur auf eine Weiſe retten, mein Herr,“ ſagte die junge Frau ſtolz:„das iſt, wenn Sie ſterben!“ „Regina!“ ſagte der Graf, indem er auf die Prinzeſſin losſtürzte, als wenn er ſie ermorden wollte. Dieſe aber ſah ihn mit kaltem Blicke an und hielt ihn mit den Worten zurück: „Nun, was gibt es, mein Vater?“ Der Graf fuhr zurück. „Hören Sie mich,“ ſagte er. „Ich will Sie nicht mehr anhören.“ „Sie müſſen.“ Regina ſtürzte nach der Glockenſchnur. „Rufen Sie nicht,“ ſagte der Graf blaß wer⸗ dend;—„ich werde gehen; aber wenn ich gehe, werde ich dem Marſchall Alles enthüllen.“ „Was wollen Sie ihm ſagen?“ fragte die Prin⸗ zeſſin, indem ſie auf ihn zutrat. „Ich will ihn enttäuſchen.“ „Mein Herr,“ rief die arme Frau,„wenn Sie jemals das geringſte Gefühl für gut oder böſe ge⸗ habt, ſo werden Sie es nicht thun.“ „Ich werde es thun, wie ich Ihnen zu ſagen die Ehre habe,“ machte der Graf, indem er ſich umwandte und nach der Thüre ging. 106 „Mein Herr, mein Herr,“ rief Regina, indem ſie auf ihn zuging,„was wollen Sie, was ver⸗ langen Sie von mir für die Ruhe dieſes achtungs⸗ würdigen Mannes?“ Der Graf wandte ſich um und lächelte un⸗ merklich.. „Sie ſehen wohl,“ ſagte er,„daß es nöthig iſt, wir ſprechen mit einander.“ „Ich höre.“ „Ich werde nicht auf die Frage zurückkommen, für wen Sie ſich entſcheiden,“ verſetzte der Graf in höhniſchem Tone;„Sie haben mich hinlänglich darüber aufgeklärt; ich wollte es nur wiſſen,“ fuhr er fort,„ehe ich ſterbe; denn Sie können ſich wohl denken, daß ich mich nicht gegen einen Greis ver⸗ theidigen werde; ich wollte wiſſen, ſagte ich, ob Sie nach meinem Tode nicht einige Nachſicht mit meinen Fehlern haben würden, wenn Sie ſehen, daß ich ſie ſo muthig geſühnt. Ihre Anſicht dar⸗ über wollte ich kennen, ſo zu ſagen von jenſeits des Grabes! Der Mann, der mit Ihnen ſpricht, Regino, iſt, ein ſo groher Verbrecher er auch ſein mag, doch immer Ihr Vater.— Ich wollte wiſſen, nicht ob Sie Ihren Vater vermiſſen,(ach! ich ver⸗ diene Ihr Vermiſſen nicht!) ſondern ob Sie ihn von Grund Ihrer Seele beklagen und beweinen. — Ich wollte endlich wiſſen, ehe ich ſterbe, ob Ihnen der Gedanke nicht käme, daß ich elender ſei, als ſchändlich und ob ich nicht durch meinen Tod Verzeihung für mein Leben ile könnte. Das war meine Abſicht, Regina! Entſchuldigen Sie mich, daß ich es Ihnen nicht deutlicher erklärt.“ er⸗ 107 Dieſe Worte, welche freilich mit mehr Emphaſe als Gefühl geſprochen waren, rührten dennoch die Prinzeſſin Nrhh.. Und es iſt hier, wenn je, der Ort, lieber Leſer, die Güte der Frauen und die Abſcheulichkeit der Männer hervorzuheben: Man ſehe dieſes gute, ehr⸗ bare, durch und durch ehrbare, bis zur Grauſam⸗ keit offene, bis zur Barbarei loyale Geſchöpf, dieſe Frau, die ſo eben noch die furchtbaren Worte aus⸗ geſprochen: Sie haben nur eine Art mir das Leben zu retten, das iſt zu ſterben; nun, und dieſe Frau läßt ſich von einem ſolchen Manne rühren. Ihr Herz wird tief bewegt durch die Rolle, die der Comodiant vor ihr ſpielt. Sie frägt ſich: war ich nicht zu ſtreng, zu hart, zu ungerecht gegen dieſen Mann, der doch am Ende mein Vater* Das iſt das Gefühl, das ſie bewegt, als ſie das von dem Hiſtrionen geſungene Couplet hörte. „Herr Graf,“ ſagte ſie,„verzeihen Sie mir die Härte meiner Worte. Ich bin ſterblich und habe keine Wünſche.— Ich ergebe mich ganz in die Gerechtigkeit Gottes.“ Ein zufriedenes Lächeln erhellte die Geſichts⸗ züge des Grafen. „Regina,“ ſagte er,„ich danke Ihnen für dieſe guten Worte; aber ſeien ſie überzeugt, daß ich ihrer würdig bin! Das Wort des Mannes, der in den Tod geht, iſt heilig: Regina, vergeben Sie mir Leben und haben Sie Mitleid mit meinem ode.“ „Was wünſchen Sie von mir, mein Herr?“ fragte die Prinzeffin. 108 Nur etwas ſehr Einfaches, Regina, Ihr Glück!“ „Ich begreife Sie nicht,“ ſagte die Geliebte von Petrus. „Regina, verſetzte der Graf in dem affektvollſten Tone,„was für einen Fehl ich auch begangen haben mag, ich habe Sie immer geliebt, wie meine Tochter, und wenn Sie bisweilen daran gezweifelt, ſo war das weit mehr mein Fehler, als der Ihre. — Ich denke in dieſer feierlichen Stunde nur an Sie und will Ihr Glück begründen.“ „Erklären Sie ſich, mein Herr,“ ſagte die Prin⸗ zeſn welche inſtinktmäßig die Abſicht des Herrn Rappt erkannte. „Sie lieben,“ ſagte dieſer,„einen der ange⸗ nehmſten Menſchen, die ich kenne. Seit dem letzten Geſpräch, das wir zuſammen über dieſen Gegen⸗ ſtand führten, habe ich Erkundigungen über ihn eingezogen und ich habe erfahren, daß Ihre Liebe keinem Beſſeren zugewandt ſin könnte.“ „Mein Herr,“ rief die Prinzeſſin,„je weiter ich Sie anhöre, deſto weniger begreife ich, wo Sie hinauswollen.“ „Wir kommen ſchon ſo weit.“ „Ich bitte Sie, mir um den Preis meines Le⸗ bens zwiſchen heute und morgen eine Unterredung Zuit dieſem jungen Manne verſchaffen zu wollen.“ Das iſt doch nicht Ihre wirkliche Abſicht?“ unterbrach ihn die Prinzeſſin. „Ich denke nichts Anderes, Prinzeſſin, als dies, ſeit ich die Ehre habe, mit Ihnen zu ſprechen.“ „Aber was wollen Sie von ihm? Doch nicht etwa ihn herausfordern?“ — — rn——— ck!“ bte ſten gen ine elt, hre. an in⸗ rrn ge⸗ zten en⸗ ihn iebe iter wo Le⸗ ung en. ies, icht 109 „Beim Andenken an Ihre Mutter, Regina, ii ich Ihnen, daß ich ihn nicht herausfordern werde.“ „Was können Sie ihm aber dann zu ſagen haben?“ „Das iſt mein Geheimniß, Regina! Aber ſeien Sie überzeugt, daß ich bei dieſer Sache nur in Ihrem Intereſſe allein handeln werde. Das Un⸗ glück, zu deſſen Opfer ich Sie gemacht, rührt mich tief und ich will mein Verbrechen wieder gut machen.“ „Wenn dem ſo iſt, mein Herr, warum gehen Sie nicht, ihn auſzuſuchen, obgleich ich mir, offen geſagt, den rechten Zweck Ihres Benehmens nicht denken kann.“ „Das iſt unmöglich, Regina, man würde mich bei ihm eintreten ſehen, und welche Rolle würde ich in den Augen der Welt ſpielen? Ich frage Sie. Nein! mein Vorſchlag iſt ganz einfach: Ich bitte Sie mir eine Unterredung mit ihm zu verſchaffen, morgen, zu einer Stunde, die Sie für geeignet halten, Abends zum Beiſpiel.“ „Mein Herr,“ ſagte die Prinzeſſin, indem ſie ihn feſt und lang anſah,„ich verſtehe Ihre Ab⸗ ſicht nicht; aber ich kenne die Loyalität des Herrn Petrus Herbel. Was Sie auch über ihn denken mögen, morgen um fünf Uhr wird er hier ſein.“ „Nein!“ ſagte Graf Rappt,„denn morgen u fünf Uhr werden Leute hier ſein; die ganze Die⸗ nerſchaft wird ihn eintreten ſehen; ich wünſche, daß man ſein Hierſein nicht wiſſe. Sie müſſen die ganze Delicateſſe eines ſolchen Zuſammentreffens einſehen. Haben Sie deßhalb die Güte, mir eine andere Gelegenheit zu verſchaffen. Sie haben bei⸗ nahe jeden Abend ein Rendezvous mit ihm im Garten? Gut, ſo erlauben Sie mir, ihn incog⸗ nito, ohne daß Jemand etwas davon weiß, dort zu empfangen;— es iſt allerdings eine Phantaſie, aber es iſt die Phantaſie eines Sterbenden und ich bitte Sie, ſie zu reſpectiren.“ „Aber weßhalb im Garten?“ bemerkte die Fruiſn.„Warum nicht hier, oder im Gewächs⸗ auſe?“ „Weil man ihn, ich muß es wiederholen, ſehen könnte und wir das Beide nicht wollen. Beweis dafür iſt, daß Sie ihn beinahe jeden Abend im Garten empfangen, was im Vorbeigehen geſagt, eine große Unklugheit iſt, die ſich mit Ihrer zarten Geſundheit nicht verträgt.. „Aber,“ unterbrach ihn die Prinzeſſin lebhaft. „Aber,“ unterbrach ſie der Graf noch lebhafter, vich begreife Ihre Einwendungen nicht, wenn Sie nicht ein Mißtrauen in mich ſetzen, dem ich keine Worte geben kann.“ Er hätte dieſem der Prinzeſſin ſehr gut Worte geben koͤnnen,— es war ſehr leicht begreiflich. Die arme Frau dachte nämlich:„Da er ihn Abend ſprechen will, bereitet er ihm einen hin⸗ rliſtigen Ueberfall vor.“ „Wenn, wenn ich mißtrauiſch wäre?“ ſagte ſie. „Ich würde Sie beruhigen, Regina,“ antwor⸗ tete der Graf,„indem ich Ihnen ſagte, Sie können unſerer Unterredung in der Ferne oder Nähe, wie es Ihnen beliebt, anwohnen.“ 111 „Gut,“ ſagte Regina nach kurzer Ueberlegung; Abend um 10 Uhr ſollen Sie ihn ſehen.“ „Im Garten?“ „Im Garten.“ 3 „Auf welche Weiſe werden Sie ihm davon Mittheilung machen?“ „Ich erwarte ihn.“ „Wenn er nicht käme?“ „Er kommt.“ „Das iſt die Antwort einer verliebten Frau,“ ſagte Graf Rappt in leichtem Tone. Die arme Regina erröthete bis unter die Stirne. Der Graf fuhr fort: „Es kann geſchehen, daß er nicht kömmt, ge⸗ rade an einem Tage, wo Sie ſeiner am meiſten bedürfen— man muß Alles vorſehen. Haben Sie deßhalb die Güte, ihm zu ſchreiben.“ „Gut!“ ſagte die Prinzeſſin entſchloſſen,„ich werde ihm ſchreiben.“ „Es wird gleich für Sie ſein, wenn Sie ihm ſogleich ſchreiben, Prinzeſſin.“ „Ich werde ihm ſchreiben, ſobald Sie wegge⸗ gangen ſind.“ „Nein,“ machte der Graf mit Humor;“ ich würde nicht ruhig ſein. Schreiben Sie ihm ganz einfach die Worte:„Kommen Sie um jeden Preis morge Abend.“ Geben Sie dann mir den Brief und ich werde das Uebrige beſorgen.“ Die Prinzeſſin ſah ihn erſchrocken an. „Nie!“ rief ſie. „Gut!“ machte der Graf, indem er ſich zum 112 zweiten Male nach der Thüre umwandte,„ich weiß, was mir zu thun bleibt.“ „Mein Herr,“ rief die arme Frau, die einſah, was er wollte,„ich werde ſchreiben.“ „Das laß ich mir gefallen!“ murmelte der Graf, deſſen Blicke von einer unheimlichen Freude auf⸗ leuchteten. Die Prinzeſſin nahm ein Blatt Papier aus ihrem Chiffonnier; ſie ſchrieb genau die Worte, die ihr der Graf angedeutet, ſteckte den S in eine En⸗ veloppe, ohne dieſe zu ſiegeln, und gab ihm denſel⸗ ben mit den Worten: „Wenn dahinter eine Falle ſteckte, dann wehe Ihnen, Herr Graf!“ „Sie ſind ein Kind, Regina,“ ſagte der Graf, indem er den Brief nahm,„und wenn ich mich mit Ihrem Glück beſchäftige, ſo vergeſſen Sie, daß ich Ihr Vater bin.“ Der Graf zog ſich zurück, nachdem er die Prin⸗ zeſſin reſpectvoll gegrüßt, und kaum hatte er die Portiere hinter ſich fallen laſſen, als die arme Re⸗ gina, unter Thränen und die Hände ſchmerzlich ringend, ausrief: „O meine arme Mukter! O meine arme Mutter!“ W NM M8— — N 113 CXXI. Diplomatie des Zufalls. Herr Rappt ſchloß, wie man ſich denken kann⸗ die ganze Nacht kein Auge.— Man rüſtet ſich nicht, eine ſolche furchtbare Rolle zu ſpielen, ohne ſich vorzubereiten, ohne ſein Stück zu memoriren. In ſeinem Voltaire ſitzend, die Stirne in beide Hände geſtützt, die Augen ſchließend, ſchien er für Alles, was um ihn her vorging, gleichgültig. Das Reſultat dieſes Nachdenkens war das To⸗ desurtheil des armen Petrus. Gegen ſieben Uhr Morgens, als der Tag an⸗ brach, ſtand er auf, ging fünf bis ſechs Mal in ſeinem Zimmer auf und ab und blieb dann vor einer Komode ſtehen, deſſen Thüre er öffnete. Aus einer der Schiebladen nahm er ein ungeheu⸗ res Paket Briefe, die er beim Licht der Lampe be⸗ trachtete. Er nahm auf's Ungefähr einen heraus, entfaltete ihn und durchflog ihn raſch mit dem Blicke. Eine Wolke verdunkelte ſeine Stirne: der ganze Schmerz, der ſich ſeit Jahren in ſeinem Gewiſſen angehäuft, trat gewiſſermaßen auf ſein Geſicht. r drückte fieberhaft das Paket Briefe zuſam⸗ men und langſam nach dem Kamin gehend, warf er Alles, was ihm von der Prinzeſſin Rina blieb, in die Flamme. Er betrachtete bitter lächelnd das Feuer, das die Briefe verzehrte. Dumas, Salvator. VIII. 8 .„ 114 „So ſind,“ murmelte er,„in einem Augenblicke all' meine Hoffnungen verſchwunden!“ Dann fuhr er raſch mit der Hand über ſeine Stirne, als wollte er die Wolken verſcheuchen, die ſie umdunkelte, und zoh heftig an der Glockenſchnur, die über dem Kamin hing. Bei dieſem Klange erſchien Baptiſte, ſein Kam⸗ merdiener, in dem Kabinete. „Baptiſte,“ ſagte der Graf,„wollen Sie nach⸗ ſehen, ob Herr Bordier da iſt und bitten Sie ihn, daß er ſich hierher begebe.“ Baptiſte ging. Herr Rappt trat wieder an die Komode, zog eine zweite Schieblade heraus und nahm zwei Pi⸗ ſtolen, welche darin lagen. Er unterſuchte ſie, ließ den Hahnen ſpielen und n er ſich verſichert, daß ſie geladen waren, agte er: „Gut!“ und legte ſie wieder an ihre Stelle, indem er die Schieblade hinein ſchob. Er hatte eben die Komode geſchloſſen, als er dreimal leiſe pochen hörte. „Herein!“ ſagte er. Bordier trat ein. „Setzen Sie ſich, Bordier,“ ſagte Graf Rappt; „wir haben ernſte Dinge zu beſprechen.“ „Sie ſind doch nicht krank, Herr Graf?“ fragte Bordier, als er das verſtörte Geſicht ſeines Herrn fah. „Nein, Bordier. Sie haben ohne Zweifel die Ereigniſſe dieſer Nacht erfahren und dürfen nicht erſtaunt ſein, daß ich nach einem ſolchen Stoß nicht in meiner gewöhnlichen Faſſung bin.“ 115 „Ich habe allerdings, Herr Graf, ſoeben zu meinem großen Erſtaunen und zu meinem großen Bedauern erfahren, daß die Frau Marſchallin de Lamothe Houdan geſtorben iſt.“ „Davon wollte ich mit Ihnen ſprechen, Bor⸗ dier. Aus Gründen, die ich Ihnen nicht mitzu⸗ theilen brauche, ſchlage ich mich morgen.“. „Sie, Herr Graf?“ rief der Secretär er⸗ ſchrocken. „Allerdings, ich! und Sie brauchen darüber nicht zu erſchrecken; Sie kennen mich und wiſſen, daß ich mein Leben zu vertheidigen verſtehe. Auch wollte ich Ihnen nicht von dem Duell ſpre⸗ chen, ſondern von den Folgen, die es haben kann. — Einige Beobachtungen, die ich gemacht, laſſen mich eine Schlinge fürchten; ich bedarf Ihrer Un⸗ terſtützung und Ihres Beiſtandes, um nicht hinein⸗ zufallen.“ „Sprechen Sie, Herr Graf; Sie wiſſen, daß mein Leben Ihnen t⸗ „Ich habe nie daran gezweifelt, Bordier;— aber vor Allem,“ fügte er hinzu, indem er ein Pa⸗ pier von ſeinem Schreibtiſche nahm,„hier Ihre Ernennung zum Präfecten: ich habe ſie dieſen Abend erhalten.“ Das Geſicht des künftigen Präfecten leuchtete plötzlich auf und ſeine Augen ſtrahlten vor Freude. „O, Herr Graf,“ ſtotterte er,„wie vielen Dank bin ich Ihnen ſchuldig und wie ſoll ich Ihnen den⸗ ſelben beweiſen?„ „Das will ich Ihnen eben ſagen.— Sie ken⸗ nen Herrn Petrus Herbel?“ 6. eeeeeee 116 „Ja, Herr Graf.“ „Ich bedarf eines ſichern Menſchen, um ihm einen Brief zukommen zu laſſen und ich habe auf Sie gezählt.“ „Iſt es nur das, Herr Graf?“ fragte Bordier erſtaunt. Warten Sie.— Haben Sie auf Ihrem Bu⸗ reau zwei Leute, auf die Sie zählen können?“ „Wie auf mich ſelbſt, Herr Graf. Der Eine will ein Tabaksbureau, der Andere ein Stempel⸗ bureau.“ „Gut, Sie ſagen dem Einen, daß er ſich auf dem Boulevard des Invalides aufſtellt und nicht von der Stelle geht, bis er Nanon, die Amme der Gräfin, aus dem Gitterthor des Hötels herausge⸗ hen ſieht. Er wird ihr in einiger Entferuung fol⸗ gen und wenn er ſie ſich nach der Rue Notre Dame des Champs begeben ſieht, wo Herr Petrus wohnt, wird er auf ſie zugehen und zu ihr ſagen: „Im Namen des Herrn Grafen Rappt, geben Sie mir den Brief, den Sie haben, oder ich arretire Sie.“ Nanon iſt der Gräfin ſehr ergeben, aber es iſt eine alte Frau, ſie iſt noch furchtſamer, als ergeben.“ „Es ſoll geſchehen, wie Sie verlangen, Herr Graf, und es wird um ſo leichter gehen, als meine beiden Leute ein ziemlich einſchüchterndes Ausſehen aben.“ „Was Ihren zweiten Mann betrifft, ſo geben Sie ihm dieſelbe Ordre; nur ſoll ſich dieſer, ſtatt auf dem Boulevard ſich aufzuſtellen, in der Rue Plumet verſtecken, gegenüber dem Hötel, und war⸗ N 117 ten, bis die Amme herauskömmt, der er dann folgt und die er anredet, wie ich Ihnen für den andern befohlen.“ „Und wann ſollen Sie ſich auf ihren Poſten begeben, Herr Graf?“ „Sogleich, Bordier, und ohne eine Minute zu verlieren.“ „Zählen Sie auf mich, Herr Graf,“ ſagte Bordier, indem er nach der Thüre des Cabinets ing. en Augenblick, Bordier!“ ſagte Herr Rappt, „Sie vergeſſen die Hauptſache.“ Damit zog er aus der Taſche den an Petrus von der Prinzeſſin Regina gerichteten Brief und gab ihn ſeinem Secretär mit den Worten: „Es iſt unnütz, Herrn Petrus Herbel zu wecken; Sie geben ganz einfach ſeinem Diener den Brief, indem Sie ihn bitten, ihn ſobald als möglich zu übergeben. Sobald Sie zurück ſind, geben Sie mir Nachricht, wie Sie Ihren Auftrag vollzogen.“ Bordier ging, um ſeine beiden Leute in ihrem Hinterhalte aufzuſtellen; dann hüllte er ſich bis über's Kinn in einen weiten Mantel und begab ſich nach der Rue Notre Dame des Champs. Während Bordier ſich eiligen Schrittes nach der Wohnung von Petrus begab, brachte ein we⸗ niger als er eingehüllter und als ächter Regie⸗ rungsbeamter langſam ſchreitender Mann, wir mei⸗ nen ein Briefträger, nach dem Hötel Rappt un⸗ ter andern Briefen auch eine von Petrus an die Prinzeſſin Regina gerichtete Epiſtel. Obgleich der Graf während der Nacht alle Ar⸗ 118 ten von Combinationen gemacht und Alles vor⸗ zuſehen geglaubt, hatte er nicht an den Brief⸗ träger, das heißt an das Einfachſte gedacht; und die Prinzeſſin erhielt auf dieſe Weiſe wie gewöhn⸗ lich durch Nanon unter andern Briefen auch den von Petrus. Hier der Inhalt: „Ich beginne, womit ich enden werde, meine Regina: Ich liebe Sie. Aber leider ſchreibe ich Ihnen nicht, um von Liebe zu plaudern. Ich habe Ihnen eine furchtbare, grauſame, ſchreckliche Neuig⸗ keit mitzutheilen, eine Neuigkeit, die ihres Gleichen nicht hat; eine Neuigkeit, die Ihr Herz bluten ma⸗ chen wird, wenn Ihr Herz aus demſelben Stoffe, wie das meine:„Wir werden uns drei Tage lang nicht ſehen!“ „Kennen Sie ein Wort in allen Sprachen, das ſchmerzlicher klänge als:„Sich nicht ſehen!“ Und doch bin ich verdammt, es zu ſchreiben, und Sie, meine Heißgeliebte, es zu hören. „Und was mich ſchmerzt, mitten in dieſen Qua⸗ len, daß ich nicht mal das Recht habe, die Urſache unſerer Trennung zu haſſen und zu verwünſchen. „Hören Sie, was geſchehen: Geſtern um Mit⸗ tag hielt ein Wagen vor meiner Thüre; ich ſehe durch das Fenſter meines Ateliers in der vagen Hoffnung, Sie ſeien es, obwohl ich wußte, daß die Krankheit Ihrer Mutter Sie zurückhalte; ich hofjte, Sie würden es ſein, meine liebe Prinzeſſin, Sie würden, einen Sonnenſtrahl benützend, Bhran betrübten Geliebten einen Beſuch abſtatten. e S 68 1. he he en ich in, em 119 „Aber denken Sie ſich meine Verzweiflung, als ich ſtatt Ihrer aus dem Wagen den Kammerdiener meines Onkels ſteigen ſehe, der mir blaſſen und verſtörten Geſichtes meldet, daß ein zweiter hef⸗ tiger Gichtanfall meinen armen Onkel auf's Kran⸗ kenlager geworfen. „O kommen Sie, ohne lange zu zögern, ſagte er zu mir, der General iſt ſehr ſchlimm daran.“ „Meinen Rock anziehen, meinen Hut nehmen, in den Wagen ſpringen, war die Sache einer Se⸗ cunde, das werden Sie einſehen, meine Regina. „Ich habe den armen Mann in einem be⸗ dauernswürdigen Zuſtand gefunden, er wälzte ſich auf ſeinem Bette wie ein Epileptiker und ſtieß ein Geſchrei aus, wie ein wildes Thier. „In einem Augenblicke der Ruhe, als er mich neben ſeinem Bette ſitzen ſah, drückte er mir lebhaft die Hände und zwei große Thränen der Donkbarkeit roll⸗ ten aus ſeinen Augen. Er fragte mich, ob ich nicht einige Zeit bei ihm bleiben würde.— Ich ließ ihn nicht zu Ende kommen und verpflichtete mich, bis zu ſeiner vollſtändigen Geneſung bei ihm zu bleiben. „Ich kann Ihnen nicht ſagen, meine geliebte Freundin, welche Freude ſein Geſicht überſtrömte, als ich ihm dieſe Verſicherung gab. „So bin ich nun Krankenwärter für einige Zeit,— für eine Zeit, deren Ende ich nicht ab⸗ ſehe. Aber verſtehen Sie mich wohl, meine Re⸗ gina, ich bin Krankenwärter und nicht Gefangener; das heißt, ſobald der Anfall vorüber, werde ich wieder frei ſein, freilich mit Beſchränkung, aber doch iſt mir dieſes Freiſein ſehr theuer und lieb, 120 weil ich es benützen kann, um Ihnen zu ſagen, was ich Ihnen im Anfang des Briefes geſchrie⸗ ben:„Regina, ich liebe Sie!“ „Sie ſehen, daß ich damit ſchließe, womit ich begonnen;— ich ſage Ihnen nicht, Sie ſollen mir ſchreiben, ich flehe Sie darum an; denn ich brauche nur Ihre Briefe, um meinem armen Onkel das glückliche Geſicht zu zeigen, das den Kranken ſo wohl thut. „Auf baldiges Wiederſehen alſo, meine ange⸗ betele Lebe: bitten Sie Gott, daß es baldmög⸗ lichſt ſei! „Petrus.“ Dieſe Nachricht, die in jedem andern Falle, wie Petrus ſagte, das Herz von Regina bluten gemacht würde, machte einen ganz entgegengeſetzten Eindruck auf ſie. Ihr Schlaf war von jenen ſchwarzen Träumen, den Vorläufern großer Cataſtrophen beunruhigt ge⸗ weſen, welche ſo zu ſagen, die Ahnungen davon ſind. Sie hatte die Leiche ihres Geliebten auf dem Schnee ausgeſtreckt geſehen, der den Raſen des Parks bedeckte, eine Leiche, ſo blaß und kalt wie ſelten.— Sie hatte ſich ihm genähert und einen Schrei des Schmerzes ausgeſtoßen, als ſie ſeine Bruſt an zehn Orten von dem Dolch eines Mör⸗ ders durchſtochen ſah.— Im Hintergrund eines Boskets hatte ſie wie zwei Katzenaugen zwei feu⸗ rige Augen leuchten ſehen, ſie hatte einen ſurcht⸗ baren Schrei ausgeſtoßen, ſie hattte das Lächeln und den Blick des Grafen Rappt erkannt. — 121 In dieſem Moment war ſie erwacht, und am Ronde ihres Bettes ſitzend, mit aufgelöſten Haa⸗ ren, feuchter Stirne, pochendem Herzen, fiebern⸗ der Bruſt, hatte ſie mit ſcheuem Auge um ſich ge⸗ ſechen und als ſie nichts erblickte, ihr Haupt auf as Kiſſen ſinken laſſen, indem ſie murmelte: „Mein Gott! was wird geſchehen?“ In dieſem Augenblick war hent mit dem Briefe von Petrus eingetreten. Bei der Lecture deſſelben nahm das leichen⸗ blaſſe Geſicht der Prinzeſſin die ſanfteſte Roſen⸗ röthe an. „Gerettet!“ rief ſie, indem ſie die Hände fal⸗ tete und den Blick zum Himmel erhob, um Gott zu danken. Dann ſtand ſie auf, trat an ihr Chiffonnier, nähm ein Blatt Papier und ſchrieb raſch die Worte: „Gott ſegne Sie, mein Vielgeliebter! Ihr Brief iſt mir wie ein Lichtſtrahl in ſchwarzer Nacht er⸗ ſchienen. Meine arme Mutter ſtarb dieſe Nacht und als ich Ihren Brief erhielt, habe ich nur an Eines gedacht: Die Liebe, die ich für Sie hege, ſu mehren um die Liebe, die ich für meine Mutter e „Wir wollen alſo darauf reſigniren, mein Pe⸗ trus, uns einige Tage nicht zu ſehen; aber glau⸗ ben Sie mir, daß ich nah oder fern, Sie liebe, nein,— es iſt nicht genug,— daß ich Dich liebe!“ „Regina.“ Sie übergab den geſiegelten Brief Nanon, in⸗ dem ſie ſagte: 122 „Bring dies Petrus.“ „Rue Notre Dame des Champs?“ ſagte Nanon. „Nein,“ fagte die Prinzeſſin,„Rue de Varen⸗ nes, zum Grafen Herbel.“ Nanon ging. In demſelben Angenblicke, als Nanon über die Schwelle des Hötels ſchritt, hatten ſich die beiden Söldlinge des Herrn Rappt oder vielmehr Bor⸗ dier's an ihren reſpectiven Poſten aufgeſtellt. Der, welcher Rue Plumet Wache ſtand, folgte Nanon, als er ſie die Straße zur Rechten einſchlagen und an der rechten Ecke des Boulevards verſchwinden ſah, in einiger Entfernung, wie Graf Rappt ihm empfohlen hatte. Auf dem Boulevard angekommen, fand der Mann der Rue Plumet ſeinen Kameraden un ſagte zu ihm: „Die Alte geht nicht nach der Rue Notre Dame des Sanpec daß hr ſol „Sie fürchtet, daß man ihr folgt,“ ſagte der Andere,„und macht einen Uhbe „In dieſem Falle wollen wir ihr folgen!“ ver⸗ ſetzte der Erſte. „Gut!“ wiederholte der Zweite. Sie folgten der Amme in einer Entfernung von fünfzehn bis zwanzig Schritten. Sie ſahen ſie am Hötel Courtenay läuten und eine Minute ſpäter eintreten. Und da nur die Rede davon geweſen, ſie in der Rue Notre Dame des Champs anzuhalten, ſo fiel es den beiden Geführten nicht ein, ſie in der Rue de Varennes feſtzuhalten. 123 Sie entfernten ſich vom Hötel und berath⸗ ſchlagten ſich. „Offenbar,“ ſagte der Eine,„iſt ſie hier hin⸗ eingegangen, um eine Commiſſion zu beſorgen und wenn ſie von hier weggeht, wird ſie ſich nach dem Boulevard Montparnaſſe begeben.“ „Das iſt wahrſcheinlich,“ ſagte der Andere. Aber ihm war nicht ſo. Fünf Minuten ſpäter ſahen ſie die Amme genau denſelben Weg einſchla⸗ gen, den ſie gekommen, und in das Hötel Lamothe Houdan zurückkehren. „Umſonſt!“ ſagte der Erſte, indem er ſeinen Platz auf dem Boulevard wieder einnahm. „Sie kommt ſpäter,“ ſagte der Andere, indem er ſich in der Rue Plumet poſtirte. Sehen wir, was bei Petrus vorging, während die Einen und Andern ſich ſo eifrig mit ihm be⸗ ſchäftigten. Bordier kam nach der Rue Notre Dame des Champs, gerade als Regina den Brief von Petrus empfing. „Herr Petrus Herbel?“ fragte er den Diener des Malers. Herr iſt nicht zu Hauſe,“ antwortete ieſer. „So geben Sie ihm dieſen Brief, ſobald er nach Hauſe kömmt.“ Bordier gab ihm den Brief und ging. Als er die Treppe hinabging, ſtieß er an einen Commiſſionär. „Geben Sie doch Achtung!“ ſagte er zornig. Der Commiſſionär war Salvator. Als Sal⸗ 124 vator einen bis unter die Naſe in ſeinen ungeheu⸗ ren Mantel gehüllten Mann ſah, während das Wetter eine ſolche Vorſicht durchaus nicht rechtfer⸗ igte⸗ ſah er den, der ihn auf ſolche Weiſe ange⸗ redet. „Sie könnten ſelbſt Achtung geben, Mann im Mantel,“ ſagte er, und ſuchte den Secretär ſich näher in's Auge zu faſſen. „Ich habe keine Lectionen von Ihnen zu em⸗ pfangen,“ ſagte Bordier verächtlich. „Das iſt möglich,“ ſagte Salvator, indem er ihm die Hand an den Kragen legte und den Man⸗ tel vom Geſichte zog,„und da Sie ſich bei mir zu entſchuldigen haben, ſo laſſe ich Sie nicht los, bis Sie ſich wirklich entſchuldigt.“ „Lächerlich!“ murmelte Bordier zwiſchen den Zähnen. „Es iſt hier nichts lächerlich, als die, die das Geſicht verſtecken, um nicht erkannt zu werden und doch erkannt ſind, Herr Bordier,“ ſagte der Com⸗ miſſionär, indem er ihm noch feſter den Arm drückte. Dieſer machte vergeblich Anſtrengungen, um ſich aber er war wie von einer Zange gepackt. „Ich halte mich für zufrieden geſtellt,“ ſagte Salvator, indem er den Arm losließ;„gehen Sie im Frieden und ſündigen Sie nicht mehr.“ Salvator trat bei Petrus ein, indem er ſagte: „Was hat dieſer Schuft hier gewollt?“ „Mein Herr iſt nicht zu Hauſe,“ ſagte der Die⸗ ner, als er Salvator eintreten ſah. „Ich weiß es,“ antwortete dieſer,„gib mir ſeine Schlüſſel und ſeine Briefe.“ Salvator trat mit den Briefen und dem Schlüſſel von Petrus in das Atelier des jungen Mannes. Manche Leſer könnten das Benehmen des Com⸗ miſſionärs in Beziehung auf ſeinen Freund Petrus mehr als vertraulich finden, da die innigſte Freund⸗ ſchaft ſelbſt nicht zum Bruch eines Siegels auto⸗ riſirt, welchen Vorwand man auch haben möge; aber wir wollen ſie beruhigen, indem wir ihnen ſagen, welches Recht Salvator hatte, die Briefe ſeines Freundes zu öffnen. Abgeſehen davon, daß Petrus, wie man weiß, fein Geheimniß vor Salvator hatte, hatte jener ihm zu gleicher Zeit, wie der Prinzeſſin geſchrieben und der Inhalt des Briefes lautete: „Lieber Freund, ich bin für einige Zeit an das Bett meines Onkels gefeſſelt, welcher ehr gefähr⸗ lich erkrankt iſt. Wollen Sie bei Empfan dieſes ſich zu mir begeben und für Ihren Freun thun, was dieſer für Sie thun würde, nämlich meine Briefe öffnen und ſie beantworten, wie es Ihnen gutdünkt. „Sie mir ſo oft geſagt, ich ſoll von Jh⸗ rer Freundſchaft Gebrauch machen; daß Sie mir verzeihen, davon bin ich überzeugt, wenn ich ſie einmal mißbrauche. „Tauſend Dank und von Herzen der Ihrige „Petrus.“ Salvator, welcher in dem Atelier inſtallirt war, öffnete die Briefe. 126 Der Erſte war von Jean Robert, welcher Pe⸗ trus davon unterrichtete, daß ſein Drama, die Wel⸗ fen und Ghibellinen, unabänderlich am Ende der Woche aufgeführt würde und daß man nur noch der Hauptprobe beiwohnen könne. Der zweite Brief war von Ludovic. Es war eine Paſtorale, eine Idylle in Proſa von der Liebe des jungen Mannes und Roſe de Noels. Der Letzte, welcher keinem der andern glich, weil er auf zartes, duftendes Papier geſchrieben und die Schrift ſehr fein und elegant war, war der der Prinzeſſin Regina abgenöthigte Brief. Salvator hatte die Handſchrift der Prinzeſſin nie geſehen und doch ahnte er augenblicklich, daß er von ihr käme, ſo natürlich läßt ſich Alles er⸗ kennen, was eine geliebte Frau berührt hat. Er drehte ihn auf alle Seiten, ehe er ihn ent⸗ ſiegelte. Briefe öffnen iſt nichts, namentlich wenn man dazu autoriſirt iſt. Aber Briefe einer Frau und einer geliebten Frau!— Er ſcheute ſich den Blick in dieſes Heiligthum zu tauchen. Petrus hatte ohne Zweifel nur an Briefe ge⸗ dacht, die er von ſeinen Freunden oder Feinden empfange, aber nicht an einen Brief von der Prin⸗ zeſſin. „Folglich,“ ſagte Salvator,„kann ich ihn nicht öffnen.“ Dann ſtand er auf und läutete dem Diener. Wer hat dieſen Brief gebracht?“ fragte er ihn, indem er Regina's Brief zeigte. —— — —„ N— — v t 127 „Ein in einen Mantel gehüllter Mann,“ ant⸗ wortete der Diener. „Der, welcher eben hinausging, als ich eintrat?“ „Ja, mein Herr.“ „Ich danke,“ machte Salvator,„Sie können gehen.— Ah! Alſo der Vertraute des Herrn Rappt, der arme Bordier iſt's, der dieſen Brief gebracht. Aber gewöhnlich überbringt nicht der Secretär des Gatten die Liebesbriefe der Frau.— Wenn ich meinen Petrus kenne, das heißt einen Verliebten, ſo hat er ganz ſicherlich der ſnſein zu wiſſen gethan, wo er ſich im Augenblick befindet und ſie braucht ihm die Briefe nicht hierher zu ſchicken. Außerdem hätte ſie auch nicht einen Bordier mit einer ſolchen Miſſion beauftragt.— Und wenn ſie es nicht iſt, die den Brief geſandt, ſo kann es nur der Mann ſein.— Das ändert bedeutend die Theſe und benimmt mir jeden Serupel. Ich weiß nicht warum, aber ich wittre eine Schlange unter dieſen Blumen.— Entblättern wir ſie dehalb“ Und mit dieſen Worten oder vielmehr dieſen Gedanken, erbrach Salvator das Siegel mit dem Wappen des Grafen Rappt und las den Brief, den wir im vorhergehenden Kapitel unſern Leſern nil lber es iſt ein Unterſchied zwiſchen Leſen und Leſen, und der beſte Beweis davon, daß zwanzig Advocaten, die man an einen Code ſpannt, den Buchſtaben des Geſetzes jeder nach einer andern Seite ziehen wird;— mit andern Worten, es iſt ein Unterſchied zwiſchen die Worte leſen und den Geiſt herausfinden.— Das gelang jedoch Salvator. 128 Schon, als er nur die Schrift des Briefes be⸗ ſuc ſah er, daß die Hand gezittert, welche rieb. Und da er auch nicht die Ausdrücke fand, deren Liebende mit ſolcher Verſchwendung ſich bedienen, ahnteer, daß der Brief aus dem einen oder an⸗ dern Grunde, unter irgend einem Druck geſchrie⸗ ben worden. „Ich habe nur zweierlei, was ich thun kann,“ dachte Salvator:„entweder dieſen Brief an Petrus u ſchicken(und das hieße ihm bittere Schmerzen ereiten, da er nicht zu dem Rendezvous kommen kann)— oder ſelbſt ſtatt ſeiner zu gehen, um die Löſung des Räthſels zu jinden.“ Salvator ſteckte die Briefe in die Taſche, ging fünf bis ſechs Mal im Atelier auf und ab und nachdem er das Für oder Wider hinlänglich erwo⸗ gen, beſchloß er, ſich am Abend ſtatt ſeines Freun⸗ des nach dem Rendezvous zu begeben. Er ging raſch die Treppe hinab und begab ſich nach der Nue aur Fers, wo ſeine Kinder ihn er⸗ warteten, erſtaunt, ihn nicht wie gewöhnlich um neun Uhr Morgens dort zu finden. — 8 8 8 v X S — * 129 CXXII. Wo bewieſen iſt, daß der Stand eines Commiſſionärs wirklich ein privilegirter Stand iſt. An dieſem Abend um die zehnte Stunde glich der Garten oder vielmehr der Park von Lamothe Houdan, der mit Schnee bedeckt war und über den der Mond ſeine bläulichen Lichter warf, in der Mitte einem Schweizerſee. Der Raſen glänzte wie von Perlen, die Geſträuche hatten Büſche von Dia⸗ manten.— Von der Stirne der Bäume hing lan⸗ ges Haar mit Juwelen durchſäet hernieder.— Es war eine jener ſtrahlenden und heiteren Winter⸗ nächte, wo die Kälte ſelbſt den Enthuſiasmus wah⸗ rer Naturfreunde nicht erſtarren macht. Ein Poet hätte hier den ſchönſten und größten Vorwurf für ſeine Betrachtung gefunden;— ein Liebender Stoff zur höchſten Träumerei. Als Salvator auf den Boulevard des Inva⸗ lides kam und durch das Gitterwerk den ſchönen, gleichſam weiß illuminirten Park ſah, war er ganz von Bewunderung hingeriſſen; aber ſeine Bewun⸗ derung dauerte nur kurz, denn er war ungeduldig, den Ausgang dieſes Rendezvous kennen zu lernen, zu dem man ſeinen Freund eingeladen und das aller Anſicht nach nichts Anderes als ein Fallſtrick war, in welchen man denſelben lockte. Wir wollen mit wenigen Worten ſagen, wie der Zufall ihm, abgeſehen von ſeinem natürlichen Inſtinkt, der Sache auf die Spur geholfen hatte. Dumas, Salvator. VIII. 9 130 Als er das Atelier von Petrus verlaſſen, war er nach Haufe gegangen, ehe er ſeine Haken für die Rue aux Fers holte.— In der Rue Macon angekommen, hatte er Fragola die Geſchichte von dem Abenteuer mitgetheilt. Die junge Frau hatte, wie wir ſie in einem ähnlichen Fall bereits han⸗ delnd geſehen, raſch ihren Capuzenmantel umgewor⸗ fen, einen Pelz über die Schultern gelegt und ſich in aller Eile 12 Prinzeſſin Regina begeben, um ſie um die Erklärung des Briefes zu bitten. Die Antwort der Prinzeſſin, die von Beileids⸗ bezeugungen wegen des Todes der Marſchallin, ihrer Mutter, war, hatte ſich auf wenige aber bedeutſame Worte beſchränkt. Sie hatte geſagt: „Ich war gezwungen worden zu ſchreiben.— Petrus ſoll nicht kommen, es könnte gefährlich für ihn werden.“ Dies war der Grund, weßhalb Salvator, da Gefahr für Petrus zu drohen ſchien, für jeden Fall gerüſtet und bewaffnet ſich an der Stelle ſeines Freundes zum Rendezv ous begeben. Nachdem er in den Park einen Blick geworfen, mit welchem ein Poet ein ſolches Schauſpiel be⸗ trachtet, unterſuchte er das Gitter und fragte ſich, wie da hinein kommen. Er brauchte ſich jedoch nicht lange zu fragen; die kleine Thüre des Gitters ſtand offen. Ein ſchlechter Eingang, dachte er, indem er, um für jeden Fall gerüſtet zu ſein, ein Piſtol aus ſeiner Taſche zog, deſſen Hahnen er ſpannte und unter ſeinem Mantel verſteckte. Er ſtieß langſam das Gitterthor auf, nicht ohne — vwW— 8 8 8— —— N 131 ſich zuvor nach rechts und nach links in dem Ge⸗ hölz und in den Boskets umgeſehen zu haben.— Nachdem er acht bis zehn Schritte in der Allee gegangen war, ſah er in einem der Boskets zur Linken eine weiße Geſtalt, die er von ferne ſchon als die Prinzeſfin Regina erkannte. Er näherte ſich ihr, aber klug wie ein Mohi⸗ caner wandte er den Kopf um und tauchte den Blick in das Bosket zur Rechten. Es war ein großes Gehölz von Syringen, welche eine gerade Allee durchſchnitt, an deren Ende er die Augen eines Mannes funkeln ſah, deſſen Kör⸗ per hinter einem dicken Kaſtanienbaum verſteckt war. Das iſt der Feind, ſagte er bei ſich, indem er den Finger an den Hahnen ſeines Piſtols legte. Er hielt plötzlich inne und ſtemmte ſich feſt wie ein Menſch, der ſein Leben vertheidigen muß. Es war allerdings der Feind; es war der Graf Rappt, der, hinter den Bäumen verſteckt, ein Piſtol in jeder Hand in fieberhafter Aufregung den Geliebten der Prinzeſſin erwartete. Um halb zehn Uhr war er herabgekommen, um das Gitterthor ſelbſt zu öffnen und wollte ſich gerade in ein Bosket verſtecken, als er drei Schritte von ſich die Prinzeſſin Regina, weiß und unbeweglich wie ein Phantom daſtehend, gewahrte. Seit ſie Fragola geſehen, war die Prinzeſſin nicht mehr für Petrus beſorgt; aber ſie kannte die Aufopferungsfähigkeit Salvator's, und ſie zitterte deßhalb in dieſem Augenblicke für ihn. „Sie hier?“ rief Graf Rappt. „Allerdings,“ antwortete die Prinzeſſin kalt; 9 3 132 „haben Sie mir nicht geſagt, daß ich dieſer Zu⸗ ſammenkunft anwohnen könne?“ „Das iſt doch nicht wirklich Ihre Abſicht?“ verſetzte der Graf;„Ihre Geſundheit iſt ſo außer⸗ ordentlich zart und dieſe Nacht eiskalt. Ich habe nur wenige Worte mit dieſem jungen Mann zu reden; gehen Sie deßhalb in's Haus zurück.“ „Nein,“ ſagte die Prinzeſſin,„ich war die ganze Nacht von den düſterſten Ahnungen geängſtigt; nichts in der Welt wird mich veranlaſſen, den Park in dieſem Augenblicke zu verlaſſen.“ „Ahnungen,“ wiederholte Herr Rappt, indem er mit den Achſeln zuckte und lachte.„Da ſieht man wieder die Frauen. Wahrhaftig, Prinzeſſin, Sie kommen noch um den Verſtand, und wenn Sie etwa denken, wie ich Ihnen bereits geſagt, daß ich dieſem jungen Mann an's Leben wolle, ſo haben Ihre Ahnungen auch nicht einen Schatten von Vernunft.“ „Und wenn ich es dächte?“ ſagte Regina. „In dieſem Fall, Prinzeſſin, würde ich Sie aufrichtig beklagen, denn Sie hätten eine noch ſchlechtere Meinung von mir, als ich ſelbſt.“ „So ſchwören Sie mir alſo, mein Herr. 7 „Nein, ich ſchwöre Ihnen nichts, Prinzeſſin, die Schwüre ſind nur da für die, welche ſie bre⸗ chen wollen. Ich verlange, daß Sie mir ganz und gar vertrauen.— Sie wollen im Parke bleiben und unſerer Unterredung anwohnen; gut! es mag ſein, aber aus der Ferne. Sie begreifen, welch' traurige Figur ich gegenüber von Ihnen und die⸗ ſem jungen Manne ſeielen könnte. Hüllen Sie . ——* * 133 ſich wohl in Ihren Mantel, daß Sie nicht frieren und gehen Sie hier in dem Bosket auf und ab, wir werden nicht lange zu warten haben, es iſt ſogleich zehn Uhr. Wenn Pünktlichkeit die Höf⸗ lichkeit der Könige iſt, ſo iſt ſie namentlich die Tugend Verliebter.“ Mit dieſen Worten führte der Graf die Prin⸗ zeſſin in das Bosket zur Linken, wo Salvator ſie gleich bei ſeinem Eintreten gewahrt hatte, und ging nun in dem Bosket zur Rechten auf und nieder bis zu dem Augenblick, wo er, den für Petrus Ge⸗ haltenen gewahrend, ſich hinter dem Kaſtanienbaum verſteckte. Die Prinzeſſin ſah aus der Ferne dieſe Be⸗ wegung, und die Bedeutung derſelben ahnend, ſtürzte ſie ſich raſch aus dem Bosket nach der Allee und eilte auf Salvator zu. Sie war noch zehn Schritte von ihm entfernt, als man einen Schuß hörte. Die Puinzeſſin ſtieß einen heftigen Schrei aus und ſtürzte zu Boden. Die Kugel des Grafen, welche Salvator mit⸗ ten auf die Bruſt traf, gab einen metalliſchen Ton von ſich. Er blieb jedoch unbeweglich ſtehen, als ob ſie zehn Schritte von ihm vorbeigeflogen wäre. Sie war von ſeiner Commiſſionärsinſignie abgeprallt. „Ich habe entſchieden einen guten Stand ge⸗ wählt,“ ſagte er, indem er durch die Dunkelheit auf den Grafen zielte, als dieſer eben den Arm ausſtreckte, um ſein zweites Piſtol abzuſchießen. Der Schuß ging los, der Graf ſtürzte zur Erde und Salvator, welcher ihn fallen ſah, ſteckte ſein 134 Piſtol in die Taſche und wandte ſich nach der Allee, wo die Prinzeſſin ausgeſtreckt lag. „Nach dem Fall zu urtheilen, wird uns der Graf für einige Zeit in Ruhe laſſen, Prinzeſſin,“ ſagte er halblaut, indem er den Kopf der jungen ohnmächtigen Frau emporhob;„Prinzeſſin, kommen Sie zu ſich.“ Aber die Prinzeſſin hörte ihn nicht. Er nahm etwas Schnee und rieb die Schläfe von Regina, welche nach und nach zu ſich kom⸗ mend die Augen öffnete und mit einem traurigen Blick auf Salvator ſagte: „Was iſt geſchehen?“ „Nichts,“ antwortete der junge Mann;„nichts wenigſtens, was Ihnen Kummer bereiten könnte.“ „Aber dieſer Schuß?“ fragte Regina, indem ſie Salvator näher betrachtete, um ſich zu verſichern, daß er nicht verwundet war. „Dieſer Schuß,“ antwortete dieſer,„wurde von einem hinter einem Baume verſteckten Manne auf mich abgeſchoſſen. Aber er traf mich nicht.“ „Dieſer Mann war der Graf,“ ſagte Regina lebhaft, indem ſie aufſtand und ſich k den Arm ihres Retters ſtützte. Ich war deſſen nicht gewiß.“ „Er war es,“ ſagte die Prinzeſſin, auf ihrer Behauptung beharrend. „Dann beklage ich ihn,“ ſagte Salvator,„denn ich ſchoß auf ihn und er wird nicht wie ich eine Commiſſionärsplatte gehabt haben, die ihn ſchützte.“ „Sie haben den Grafen getödtet?“ fragte Re⸗ gina erſchrocken. n e 135 „Ich weiß es nicht,“ antwortete Salvator, „aber ich bin gewiß, daß es ihn getroffen, denn ich ſah ihn auf den Raſen ſtürzen. Wenn Sie er⸗ lauben, Prinzeſſin, ſo werde ich mir über ſeinen Zuſtand Gewißheit verſchaffen.“ Und Salvator eilte raſch nach der Allee, an deren Ende der Graf zu Boden geſtürzt war. Er gewahrte zuerſt ſein Geſicht, das, gewöhnlich ſchon bleich, jetzt von einer Todesbläſſe überzogen war, mochte nun der Tod ſelbſt an ſein Herz ge⸗ treten ſein oder das bläuliche Mondlicht dieſe Wir⸗ kung machen; rings um ihn her war der Schnee von Blut getränkt. Er näherte ſich, beugte ſich zum Grafen herab und da er ihn nicht athmen hörte, legte er die Hand auf die Bruſt deſſelben:— ſie hob ſich nicht mehr!— die Kugel hatte das Herz durchbohrt! „Gott ſei ſeiner Seele gnädig,“ ſagte er mit philoſophiſcher Ruhe, indem er aufſtand. Dann ging er zu der Prinzeſſin zurück und ſagte laconiſch: „Er iſt todt!“ Regina ließ das Haupt ſinken. Plötzlich erhob ſich zwiſchen ihnen, als ob er aus der Erde ſtiege, ein hochgewachſener Mann, der mit über der Bruſt gekreuzten Armen den Com⸗ miſſionär und die junge Frau betrachtete und in ernſtem Tone ſagte: „Was geht hier vor?“ „Mein Vater!“ rief die Prinzeſſin, erſchrocken über dieſe Erſcheinung. 136 „Herr Marſchall,“ ſagte Salvator, indem er ſich verbeugte. Es war wirklich der Marſchall de Lamothe Houdan. Die ganze vorhergehende Nacht hatten die Be⸗ dienten gewacht. Die beiden Schüſſe vermochten deßhalb, ob⸗ leich dicht neben ihren Ohren abgeſchoſſen, die Leute, welche eine verlorene Nacht einholten, nicht aufzuwecken. Der Marſchall allein wachte. Als er die beiden Schüſſe hörte, war er zu⸗ ſammengefahren und in den Park geſtürzt, von wo ſie zu kommen ſchienen. Er war beſtürzt, als er zu dieſer Stunde der Nacht und bei dieſer furchtbaren Kälte die Prin⸗ zeſſin Regina allein mit dem Commiſſionär fand. Er konnte ſeinem Erſtaunen keinen andern Aus⸗ druck geben, als die Worte: „Was geht hier vor?“ Die Prinzeſſin ſchwieg. Salvator machte einen Schritt auf den Mar⸗ ſchall zu, und nachdem er ſich zum zweiten Male vor ihm verbeugt, ſagte er zu ihm: „Wenn der Herr Marſchall mich gefälligſt hö⸗ ren wollen, ſo werde ich ihm die Erklärung deſſen, was hier vorging, geben.“ „Sprechen Sie, mein Herr,“ ſagte der Mar⸗ ſchall ſtreng,„obgleich Sie es nicht ſind, den ich ſtahte und es mir mindeſtens ſonderbar dünkt, Sie in dieſer Stunde und mit der Prinzeſſin hier bei mir zu finden.“ —— 137 „Mein Vater,“ rief die junge Frau,„Sie ſol⸗ len Alles wiſſen; aber ſeien Sie zum Voraus ver⸗ ſichert, daß nichts geſchehen, worüber Sie zu er⸗ röthen brauchten.“ „Dann ſprechen Sie, mein Herr, oder Du, meine Tochter,“ ſagte Herr von Lamothe Houdan⸗ „Da Sie es erlauben, Herr Marſchall, ſo werde ich die Ehre haben, Ihnen die verlangte Erklärung zu geben.“ „Gut, mein Herr,“ ſagte der Marſchall,„aber beeilen Sie ſich, und vor Allem ſagen Sie mir mit wem ich zu ſprechen die Ehre habe.“ „Ich heiße Conrad von Valgeneuſe.“ „Sie?“ rief Herr von Lamothe Houdan, indem er den jungen Mann feſter in's Auge faßte. „Ja, Herr Marſchall,“ antwortete Salvator. „In dieſen Kleidern?“ fragte Herr von La⸗ mothe Houdan, indem er einen Blick auf die ſammtne Weſte und Hoſe des Commiſſionärs warf. „Ich werde Ihrem Erſtaunen bei einer andern Gelegenheit Aufklärung geben, Herr Marſchall; für heute werden Sie die Güte haben, ſich mit der guten Meinung der Frau Prinzeſſin zu begnügen, die mich ſeit lange kennt.“ Der Marſchall wandte ſich nach der jungen Frau hin und befragte ſie mit dem Blicke. „Mein Vater,“ ſagte Regina,„ich ſtelle Ihnen hier Herrn Conrad von Valgeneuſe vor, den wür⸗ digſten und edelſten Mann, den ich kenne.“ „So ſprechen Sie,“ ſagte der Greis, indem er ſich wieder nach Salvator umwandte. „Herr Marſchall,“ ſagte dieſer,„einer von 138 meinen Freunden wurde von dem Herrn Grafen Rappt brieflich aufgefordert, ſich um zehn Uhr hierher in den Park zu begeben. Da dieſer Freund abweſend war, ſo kam ich;— aber in dem Au⸗ genblicke, als ich mich hierher begeben wollte, haben mir gewiſſe Anzeichen, welche die Frau Prinzeſſin kennt, die Vermuthung gegeben, daß ich in einen Hin⸗ terhalt fallen würde. Ich bewaffnete mich und kam.“ „Wen konnte aber Herr Rappt hierher be⸗ unterbrach ihn der Marſchall de Lamothe Houdan. „Einen Mann, Herr Marſchall, der weder die Schlinge ahnen, noch die Loyalität des Grafen verdächtigen wollte.“ „Mir, mein Vater,“ ſagte die Prinzeſſin leb⸗ haft,„hat der Graf den Befehl gegeben, indem er Gewalt brauchte, auf dieſen Abend Herrn Petrus Herbel, ich weiß nicht, zu welchem Ende, hierher zu beſtellen.“ ſ zu welchem Ende?“ fragte der Mar⸗ all. „Ich wußte es nicht, ich weiß es aber jetzt: um ihn meuchlings zu ermorden, mein Vater!“ „O!“ machte der Alte voll Entrüſtung. „Ich bin deßhalb,“ verſetzte Salvator,„zu der beſtimmten Stunde ſtatt meines Freundes Petrus hier erſchienen. Kaum hatte ich den Park betreten, deſſen Thüre abſichtlich halb offen ſtand, als ich mitten in die Bruſt, das heißt auf meine Com⸗ miſſionärmedaille, den Schuß eines Mannes em⸗ pfing, den ich im Schatten ſtehen ſah.— Ich war bewaffnet, ich wiederhole es Ihnen, und da ich 139 einen neuen Angriff fürchtete, ſo kam ich ihm zu⸗ vor, indem ich auf meinen Mann ſchoß.“ „Und dieſer Mann...“ fragte Herr von La⸗ mothe Houdan mit einer unausſprechlichen Angſt, „und dieſer Mann?...“ „Ich wußte nicht, wer er war, Herr Marſchall; aber die Fran Prinzeſſin, die, wie ich, eine Schlinge befürchtete, hatte ſich hinter einem der Boskets verſteckt, um zu beobachten, was geſchehen; die Frau Prinzeſſin hat mir geſagt, daß dieſer Mann der Herr Graf Rappt war.“ murmelte Herr von Lamothe Hondan umpf. „Er ſelbſt, Herr Marſchall; ich weiß ſeitdem gewiß, daß er es iſt.“ „Er!“ wiederholte der Greis mit einer furcht⸗ baren Wuth. „Ich ging auf ihn zu,“ fuhr Salvator fort, „in der Hoffnung, ihm noch Hülfe bringen zu können.— Es war zu ſpät, Herr Marſchall. Die Kugel hatte die Bruſt durchbohrt, Graf Rappt war todt.“ „Todt!. Todt!...“ rief der Greis in dem Tone des heftigſten Schmerzes.—„Todt!... und ſöbei durch die Hand eines Andern!... Was haben Sie gethan?“ ſagte er dem jungen Mann, während aus ſeinen Augen Thränen des Zornes rollten. „Verzeihen Sie mir, Herr Marſchall,“ ſagte Salvator, der ſich über den Schmerz des alten Mannes täuſchte;—„aber vor Gott ſchwöre ich Ihnen, daß ich nur mein Leben vertheidigte.“ 140 Herr von Lamothe Hondan ſchien ihn nicht zu hören; Thränen liefen ihm über die Wangen und ſich in den Haaren raufend, ſagte er mit gedämpfter Stim⸗ me, als ob er mit ſich ſelbſt ſpräche, doch ſo laut, daß Salvator und Regina ſeine Worte hören konnten: „So wäre ich alſo ſein Spielzeng, ſeit zwanzig Jahren ſein Dupe geweſen;— er hätte meine arme Frau ins Grab gebracht, mein armes Herz in Verzweiflung geſtürzt;— er hätte mir mein Glück geraubt, meinen Namen befleckt und im Augenblick, wo er all' ſeine Verbrechen büßen, im Augenblick, wo er den Tod von meiner Hand empfangen ſollte, muß er von eines Andern Hand fallen!— wo iſten? wo iſter? „Mein Vater! mein Vater!...“ rief die Prinzeſſin. „Wo iſt er?“ wiederholte der Marſchall wüthend. „Mein Vater!“ ſagte Regina, indem ſie ihn umſchlang,„Ihre Stirne iſt eiſig kalt.— Wir wollen 1 Park verlaſſen und in's Haus zurückgehen, mein ter „Ich will ihn ſehen, ſage ich Ihnen: Wo iſt er?“ ſagte Herr von Lamothe Houdan energiſch, in⸗ dem er mit gierigen Blicken nach allen Seiten ſah. „Ich bitte Sie, gehen wir in's Haus zurück, Vater!“ drängte Regina. „Ich bin nicht DBein Vater!“ ſagte der Greis mit einer furchtbaren Stimwe, indem er ſie mit kräftigem Arme zurückhielt. Die arme junge Frau ſtieß einen ſo ſchmerz⸗ vollen, ſo klagenden Schrei aus, daß man hätte glauben ſollen, es ſei ihr letzter Ton geweſen. . 141 Sie barg ihr Geſicht in den Händen und weinte itter. „Herr Marſchall,“ ſagte Salvator,„die Frau Prinzeſſin hat recht. Die Nacht iſt eiſig kalt, und die Kulte könnte Ihnen ſchaden.“ „Was kümmert mich die Nacht! was kümmert mich die Kälte!“ ſagte der Greis energiſch.„Daß die Kälte aus meinem Körper einen Marmor machte, daß der Schnee mein Leichentuch wäre! Daß die Nacht meine Schmach in ihr Dunkel hüllte!“ „Im Namen des Himmels, Herr Marſchall, beruhigen Sie ſich! Dieſe Aufregung iſt gefährlich!“ ſagte Salvator ſanft. „Aber Sie ſehen nicht, daß mein Kopf brennt, daß mein Blut kocht, daß ich das Fieber habe, und daß dieſe Stunde, in der ich mit Ihnen ſpreche, eine meiner letzten iſt!... Hören Sie mich deß⸗ halb an, wie man einen Sterbenden anhört.. Sie haben meinen Feind getödtet, ich will ihn ehen.“ „Herr Marſchall,“ ſagte die arme Regina ſchluchzend,„wenn ich nicht das Recht habe, Sie Vater zu nennen, ſo habe ich doch das Recht, Sie wie eine Tochter zu lieben. Im Namen der Liebe, die ich ſtets für Sie gehegt, laſſen Sie uns dieſen traurigen Ort verlaſſen.“ „Nein, ſage ich!“ antwortete der Marſchall hef⸗ tig, indem er ſe zum zweiten Male zurückſtieß.„Ich will ihn ſehen.— Da Sie mich nicht zu ihm führen wollen, ſo werde ich wohl ſelbſt ihn mir aufſuchen müſſen.“ Und, indem er ſich raſch umwandte, ging er 142 nach dem Bosket zur Linken, wo wir die Prinzeſſin Regina geſehen. Salvator folgte ihm und als er ihn eingeholt, nahm er ihn am Arme und ſagte: ſu„Kommen Sie, Herr Marſchall, ich will Sie ühren.“ Sie ſchritten raſch durch die Allee, welche ſie von der Leiche trennte, und auf dem Platze ange⸗ kommen, wo ſie ausgeſtreckt lag, kniete der Greis halb nieder, hob den Kopf der Leiche, neigte ihr Geſicht nach dem Monde und ſagte, indem er ihn mit Blicken voll Wuth und Haß betrachtete: „Und Du biſt nichts mehr als eine Leiche! Ich kann Dich nicht mehr beohrfeigen, Dir nicht mehr in's Geſicht ſpucken; Dein Körper iſt ge⸗ ſ Deine Unempfindlichkeit nimmt mir meine ache!“ ließ er den Leichnam ſinken, ſtand auf und ſah Solvator mit thränenfeuchten Augen an. „O! Unglückſeliger!“ ſagte er,„warum haben Sie ihn getödtet?“ „Die Wege Gottes ſind unerforſchlich,“ ſagte der junge Mann ernſt. Aber es war zu viel für den alten Mann. Ein Schauer überkam ihn plötziich und durchrieſelte ſeinen ganzen Körper. „Stützen Sie ſich auf meinen Arm, Herr Mar⸗ ſchall,“ ſagte Salvator, indem er ſich ihm näherte. „Ja ja.. ſtotterte Herr von Lamothe Houdan, der etwas ſagen wollte, aber nur unarticu⸗ ürte Laute hervorzubringen vermochte. Salvator ſah ihn näher an und da er ge⸗ 143 wahrte, wie auf ſeinem blaſſen Geſichte der kalte Schweiß ſtand, wie ſeine Augen ſich ſchloſſen, ſeine Lippen blaß wurden, nahm er ihn auf den Arm, wie ein Kind, und trug ihn durch die Allee, an deren Ende die Prinzeſſin Regina mit geſenktem Haupte und über die Bruſt gekreuzten Armen das Reſultat dieſes traurigen Ganges erwartete. „Prinzeſſin,“ ſagte Salvator,„das Leben des Marſchalls iſt in Gefahr; führen Sie mich nach ſeinem Zimmer.“ Sie begaben ſich nach dem Pavillon, in dem ſich die Wohnung des Marſchalls befand. uhegin ſuchte ihn zu ſich zu bringen, aber ver⸗ geblich. Solvator läutete dem Kammerdiener, aber ver⸗ eblich; wie wir früher geſagt, ſuchte die Diener⸗ ſhaſt die verlorne Nacht wieder einzuholen. „Ich werde Nanon wecken,“ ſagte die Prinzeſſin. „Gehen Sie zurück auf Ihre Zimmer Madame,“ ſagte Salvator,„und bringen Sie, was Sie von belebenden Eſſenzen haben.“ Die Prinzeſſin entfernte ſich raſch; als ſie mit den von Salvator verlangten Flacons zurückkam, fand ſie ihn mit dem Marſchall plaudernd, den die Feihs. des jungen Mannes wieder zu ſich ge⸗ racht. „Kommen Sie,“ ſagte Herr von Lamothe Hou⸗ dan ſtotternd, ſobald er die Prinzeſſin gensie „verzeihen Sie mir meine Härte. ch war eben ſehr grauſam gegen Sie, verzeihen Sie mir, mein Kind— ich bin ſo unglücklich! wollen Sie mich küſſen?“ 144 „Mein Vater!“ rief die Prinzeſſin aus Ge⸗ wohnheit,„ich werde mein Leben lang ſuchen, Sie Ihre Schmerzen vergeſſen zu machen.“ „Dein Leben wäre von kurzer Dauer, armes Kind, wenn Du es nach dem meinen mäßeſt,“ ſagte der alte Mann, den Kopf ſchüttelnd;„Du ſiehſt wohl, daß mir kaum noch einige Stunden zu leben bleiben.“ „Sprechen Sie nicht ſo, mein Vater!“ rief die junge Frau. Salvator betrachtete ſie mit einem Ausdruck, 3 wollte er ſagen:„Geben Sie alle Hoffnung auf.“ Regina ſchauerte und ſenkte das Haupt, um zu verbergen, die ihr aus den Augen oſſen. Der Alte machte Salvator ein Zeichen, ſich ihm zu nähern, denn vor ſeinen Augen begann es zu ſchwimmen. „Geben Sie mir,“ ſagte er mit ſo ſchwacher Stimme, daß man ihn kaum hörte,„geben Sie mir Alles, was man zum Schreiben braucht.“ Der junge Mann ſchob den Tiſch zu ihm hin, zog eine Lage Papier aus dem Portefeuille, und die Feder in die Tinte tauchend, gab er ſie dem Mar⸗ ſchall. In dem Augenblick, als er zu ſchreiben be⸗ ginnen wollte, wandte er ſich nach der Prinzeſſin um, und ſie mit unendlicher Zärtlichkeit betrachtend, ſagte er mit väterlicher Stimme zu ihr: „Dieſen jungen Mann, dem Graf Rappt die Falle ſtellte, ebßt Du, ohne Zweifel, mein Kind?“ 145 „Ja,“ ſagte die Prinzeſſin unter Thränen. „Empfange den Segen eines alten Mannes. Sei glücklich, meine Tochter!“ Dann wandte er ſich an Salvator und bot ihm die Hand mit den Worten: „Sie haben Ihr Leben auf's Spiel geſetzt, um das Ihres Freundes zu retten!... Sie ſind der würdigſte Sohn Ihres Vaters; empfangen Sie den Pank eines Ehrenmannes.“ In dieſem Augenblick färbte ſich das Geſicht des Marſchalls purpurroth, ſeine Augen überzog das Blut. „Raſch— raſch,“ ſagte er,„das Papier!“ Salvator reichte es ihm. Herr von Lamothe Houdan näherte ſich dem Tiſche und ſchrieb mit einer feſtern Hand, als man in dieſem letzten Augenblick hätte erwarten ſollen, folgende Zeilen: „Man beſchuldige Niemanden des Mordes am Grafen Rappt; ic habe ihn dieſen Abend um zehn Uhr in meinem Garten getödtet, um ihn für eine Beleidigung zu ſtrafen, für die ich Rechen⸗ ſchaft forderte. Marſchall de Lamothe Houdan.“ Man hätte glauben können, der Tod warte nur, bis dieſer t Act des Ehrenmannes vollzogen ſei, um ſich ſeiner zu bemächtigen. Kaum hatte er die Schrift unterzeichnet, ſo er⸗ hob er ſich, wie von einer Springfeder bewegt, Dumas, Salvator. VIII. 10 146 raſch auf ſeinem Bette, ſtieß einen furchtbaren Schrei aus— den letzten ſeines Todeskampfes— und ſun ſchwer auf das Lager zurück, vom Schlage ge⸗ tſ Am andern Tage meldeten alle miniſteriellen Journale, daß der Schmerz über den Verluſt ſei⸗ ner Gemahlin den Marſchall ins Grab gebracht. Man begrub ſie beide am ſelben Tage, auf demſelben Kirchhofe, in demſelben Grabe!... Die Leiche des Grafen Rappt wurde einer von dem Marſchall de Lamothe Houdan ſeinem Teſta⸗ mente angefügten Bitte an den König zufolge nach Ungarn gebracht und in dem Porß⸗ Rappt, ſeinem Geburtsorte, von dem er ſeinen Namen hatte, begraben. CXXIII. Die Meditationen des Herrn Jackal. Sollten wir unſere paradoxe Anſicht ſagen, ſo verſichern wir, daß die beſte Regierung die wäre, wo man die Miniſter entbehren könnte. Die Leute unſerer Zeit, welche die politiſchen Kämpfe, die miniſteriellen Intriguen vom Ende des Jahres 1827 miterlebt, werden, wenn ſich die letzten Seufzer der Reſtauration auch wenig in ihrem Ge⸗ bzehuiſe eingeprägt, ganz ſicher unſere Anſicht theilen. Nach dem proviſoriſchen Miniſterium, in das — — — — 147 der Herr Marſchall von Lamothe Houdan und Herr von Marande getreten waren, hatte der König Herrn von Chabrol mit der Bildung eines defini⸗ tiven Miniſteriums beauftragt. Als man in den Journalen vom 26. Dezember angekündiht ſah, daß Herr von Chabrol nach der Bretagne gehe, glaubte man allgemein, das Cabinet ſei conſtituirt, und erwartete mit Bangigkeit die Mittheilung dieſer Nachricht im Moniteur. Wir ſagen mit Bangigkeit, denn ſeit den Emeuten vom 19. und 20. Dezember, wo ganz Paris völlig be⸗ täubt, und der Sturz des Miniſteriums Villole, der dem allgemeinen Haſſe einige Satisfaction gab, machte weder die Vergangenheit vergeſſen, noch prophezeite er eine beſſere Zukunft. Alle Parteien waren in Bewegung und es entſtand daraus eine neue, welche laut rief, der Herzog von Orleans ſolle der Vormund Frankreichs ſein und das König⸗ reich vor einer drohenden Gefahr ſchützen. Aber vergeblich ſuchte man dieſe Ordre im Moniteur vom 27., 28., 29., 30. und 31. Dezember. Der Moniteur war ſtumm, er ſchien einge⸗ ſchlafen, wie die Belle au bois dormant. Man hoffte, er werde am 1. Januar 1828 aufwachen, aber es war nichts. Man erfuhr nur, daß Carl X., gegen die Royaliſten gereizt, welche den Sturz des Herrn von Villole beſchleunigt, die einen und die andern, ſämmtliche Namen von allen miniſteriellen Condidaten geſtrichen; unter andern, um nur zwei u nennen, Herrn von Chateaubriand und von abourdonnaie. Auf der andern Seite kannten die Staats⸗ 10 148 männer, welche berufen wurden, ſich an dem neuen Cabinet zu betheiligen, den Einfluß, den Herr von Villele noch auf den rit übte, und da ſie nicht Zeit hatten, während ſie den Widerwillen erbten, den der Conſeilspräſident hinterließ, die Rolle von Staatsmännern zu ſpielen, ſo weigerten ſie ſich ab⸗ ſolut, ſich an einer ſolchen Combination zu bethei⸗ ligen. Daher die Verlegenheit, in der ſich Herr von Chabrol befand und dies der Grund, weßhalb wir unſere freundlichen Leſer um die Erlaubniß bitten, ihnen zu ſagen: Es gibt kein gutes Mini⸗ ſterium, ſo lange es Miniſter gibt. Am 2. Januar endlich(expéctata dies) kündigte man an, daß der Berg kreiſe, mit andern Worten, daß es Herrn von Chabrol gelungen ſei, ein Mini⸗ ſterium zuſammen zu bringen. Die Kriſis dauerte zwei Tage, den 3. und 4., eine furchtbare Kriſis, nach dem Ausdruck der Ver⸗ zweiflung zu urtheilen, welcher auf den Geſichtern der Höflinge lag. Am Abend des 7. ging das Gerücht durch die Stadt, das neue von Bechn von Chabrol präſen⸗ tirte Miniſterium ſei definitiv vom König ange⸗ nommen. Der Moniteur vom 5. Januar publicirte wirk⸗ lich eine vom 6. datirte Ordonnanz, deren erſter Artikel folgende Ernennungen enthielt: Herr Portalis, Miniſterium der Juſtiz; Herr de la Ferronnahs, Miniſterium der aus⸗ wärtigen Angelegenheiten; Herr von Coux, Miniſterium der Kriegsver⸗ waltung. Denn die Präſentation zu den in der 149 Armee vacanten Aemtern war dem Dauphin vor⸗ behalten; Herr von Martignac, Miniſterium des Innern, von dem man die Handels⸗ und Induſtriebranche trennte, welche dem Bureau für Handel und Co⸗ lonieen übergeben wurden; 3 Herr von Saint Cricg, Präſident des oberſten Handels⸗ und Colonieen⸗Rathes, mit dem Titel Staatsſecretär; Herr Roy, Miniſter der Finanzen u. ſ. w. Dieſes Miniſterium, welches überdies den Zweck hatte, die Gemüther zu beruhigen, brachte nur Miß⸗ trauen und Furcht in alle Parteien; es war auch wirklich nur ein Abklatſch, ein Schatten des vor⸗ hergehenden Miniſteriums. Die Herren von Villele, Corbiere, Peyronnet, von Damas und von Cler⸗ mont⸗Tonnere verließen allerdings ihre Poſten. Da jedoch die Herren von Martignac, von Conx und de la Ferronnays der Verwaltung angehört, der Eine als Staatsrath, der Andre als Director eines Kriegskollegiums, der Dritte als Geſandter in Petersburg, ſo waren ſie nichts weniger als neue Perſonen und ſchienen nur da zu ſein, um den günſtigen Moment zu erwarten, wo Herr von Villole die officielle Direction übernehmen ſollte. „Es fehlt ein beſtimmter Grund zu exiſtiren,“ ſugten die Liberalen,„es iſt nicht lebensfähig ge⸗ oren.“ Man ſuchte die Unzufriedenen zu beſchwichtigen, indem man den Polizeipräfecten Delaveau beſeitigte und ihn durch Herrn von Belleyme erſetzte, der bisher Procurator des Königs geweſen; man ging 15⁰ ſogar ſo weit, die Generalpolizei beim Miniſterium des Innern aufzuheben, was die Abdankung des Herrn Franchet herbeiführte;— aber dieſe doppelte Satisfaction, welche gebieteriſch verlangt wurde, und die man der öffentlichen Meinung gab, ließ gerade wenig Vertrauen auf die Kraft und Dauer des neuen Miniſteriums haben. Einer der Männer, welche am aufmerkſamſten das unſichere und verlegene Gebahren des Königs Herrn von Chabrol's beobachteten, war Herr ackal. Nachdem Herr Delaveau beſeitigt war, mußte natürlich Herr Jackal ſeinem Patrone folgen. Obgleich die Rolle, die er auf der Polizeiprä⸗ fectur ſpielte, ohne beſtimmte Bezeichnung und ernſte Folge für den neuen politiſchen Weg der Regierung war, erließ Herr Jackal doch, als er im Moniteur die Ordonnanz las, die Herrn von Belleyme die Ver⸗ waltung der Polizeipräfectur übertrug, ſein Haupt melaucholiſch auf die Bruſt ſinken, und dachte ernſt⸗ lich über die Eitelkeit der menſchlichen Dinge nach. Er war eben in ſolches Nachdenken verſunken, als ein Huiſſier ihm meldete, daß der neue, ſeit einer Stunde inſtallirte Präfect ihn in ſein Cabi⸗ net zu treten bitte. Herr von Belleyme, ein Mann von Geiſt,— er hat es ſpäter durch die Erfindung des Referats bewieſen,— Herr von Belleyme, ein großer Rechts⸗ gelehrter und eben ſo tiefer Philoſoph, brauchte nicht lange mit Herrn Jockal zu ſprechen, um zu wiſſen, mit wem er zu thun hatte, und wenn er einen Augenblick Miene machte, ihn ſeiner Funk⸗ 151 tionen zu entheben, ſo geſchah es weniger, um ihm Angſt einzujagen, als um ſich ſeiner Treue zu ver⸗ ern. Er kannte ihn ſchon lange und wußte, welch' ein Schatz von Reſſourcen in dieſem fruchtbaren Kopfe ſteckte. Er ſtellte Herrn Jackal nur eine Bedingung. Er bat ihn, ſeine Funktionen als Gentleman und Mann von Geiſt zu verrichten. „Sobald,“ ſagte er zu ihm,„die, welche die Polizei verwalten, Geiſt beſitzen, wird es keine Diebe mehr in Frankreich geben, und ſobald die Polizei keine Barricaden mehr macht, gibt es auch keine Aufſtände mehr in Paris.“ Bei dieſen Worten ſenkte Herr Jackal, welcher wohl wußte, daß der neue Präfect auf die von ihm im November organiſirten Aufſtände anſpiele, den Kopf und erröthete ſchamhaft. „Was ich Ihnen vor Allem empfehle,“ fuhr Herr von Belleyme fort,„iſt, ſo ſchnell als möglich dieſe Galgengeſichter, die den Hof des Hötels emailliren, verſchwinden zu laſſen und nach den Bagnos zu⸗ rück zu ſchaffen, von wo ſie ſtammen; denn wenn es nöthig iſt, um ein Haſenragout zu machen, einen Haſen zu nehmen, ſo wird man mich doch nie von der Nothwendigkeit überzeugen, daß man, um Diebe zu arretiren, Galeerenſträflinge brauche. Ich gebe zu, daß es ein Mittel iſt, aber es iſt nicht infallibel und ich halte es für gefährlich.— Ich bitte Sie, eine Wahl unter den Ihnen zu Gebote Stehenden zu treffen und die Uebrigen ohne Geräuſch dahin zu⸗ rück zu ſchicken, woher ſie kommen.“ 152 Herr Jackal war ganz der Anſicht des neuen Präfecten, und nachdem er ihn ſeines Eifers und ſeiner Ergebenheit verſichert, verbeugte er ſich re⸗ ſpectvollſt und ging. In ſein Kabinet Jurüchiehrt. 4 er ſich in ſeinen Feutenil, wiſchte die beiden Gläſer ſeiner Brille, zog ſeine Tabaksdoſe heraus, ſtopfte ſich die Naſe mit Tabak und ſann abermals nach, in⸗ dem er Arme und Beine kreuzte. Sagen wir es gleich, daß dieſer zweite Gegen⸗ ſtand ſeiner Erwägung weit angenehmer für ihn war, als der erſte, ſo ärgerlich auch die Folgen für Nächſten ſein konnten. Aete waren ſeine Gedanken: „Ich hatte den neuen Präfecten ganj richtig beurtheilt; es iſt ein Mann von guter inſicht; der Beweis dafür, daß er mich behalten, obgleich er ganz gewiß wiſſen muß, daß ich nicht wenig zum Sturze des Miniſteriums keißenngen aber viel⸗ leicht geſchahs gerade deßhalb.— So ſtehe ich alſo wieder auf den Füßen, und durch die Aufhe⸗ bung der Polizei im Miniſterium des Innern und den Rücktritt des Herrn Franchet nehme ich eine weit wichtigere Stellung ein.— Auf der andern Seite iſt er beinahe ganz auf meine Anſichten in Beziehung auf die ehrenwerthen Perſonen einge⸗ gangen, welche den Hof der Präfectur tagtäglich anfüllen. Freilich thut es mir leid um die ehr⸗ lichen Leute. Der arme Carmagnole! der arme Papillon! der arme Longue Avoine! der arme Brin dAcier! der arme Gibaſſier vor Allen! Dich be⸗ klage ich von allen am meiſten; Du wirſt mich un⸗ 153 dankbar ſchmähen: aber was willſt Du? habent sua fata lbelli! ſo ſteht geſchrieben! Mit andern Worten: es gibt keine ſo gute Geſellſchaft, die man nicht zuletzt verlaſſen müßte.“ Mit dieſen letzten Worten nahm Herr Jockal, um die Rührung zu erſticken, in die ihn dieſe trau⸗ rigen Gedanken verſetzten, ſeine Doſe heraus und ſchnupfte mit einer gewiſſen Heftigkeit eine zweite Priſe Tabak. „Bah!“ ſagte er philoſophiſch, indem er auf⸗ ſtand,„der Buſſche hat, was er verdiente. Ich weiß wohl, daß er mich geſtern um meine Zuſtimmung zu ſeiner Heirath bat und Gibaſſier wird nie ein rechter Haushammel werden; er iſt für die Land⸗ ſtraßen gemacht, und ich glaube, daß die von Paris nach Toulon ſeiner Natur beſſer entſpricht, als die Landſtraße der Ehe. Wie wird er dieſe neue Stellung aufnehmen?“ Während er dieſe Reflexionen machte, zog er an der Glocke. Ein Huiſſier erſchien. „Man hole mir Gibaſſier!“ ſagte er,„wenn er nicht da iſt, Papillon, Carmagnole, Longue Avoine oder Brin d'Acier.“ Der Huiſſier ging und Herr Jackal drückte an einem beinahe unſichtbar in der Ecke der Wand angebrachten Glockenknopf. Einen Augenblick ſpäter erſchien ein Polizeiagent mit abſchreckendem Ge⸗ ſichte und in bürgerlicher Kleidung auf der Schwelle einer kleinen durch Draperieen verſteckten Thüre. „Treten Sie ein, Colombier,“ ſagte Herr Jockal. 15⁴ Der Mann mit der wilden Miene, der dieſen zarten Namen trug, trat näher. „Ueber wie viele Leute können Sie im Augen⸗ blicke diſponiren?“ fragte Jackal. „Ueber acht,“ antwortete Colombier. „Sie eingerechnet?“ „Ohne mich zu zählen; mit mir neun.“ „Sichere Leute?“ „Wie ich ſelbſt,“ antwortete Colombier mit einer tiefen Baßſtimme, die von einer coloſſalen Con⸗ ſtitution zeugte, wenn man von der Kraft der Stimme auf die des Körpers ſchließen darf. „Laſſen Sie ſie heraufkommen,“ fuhr Herr Jackal fort,„und bleiben Sie mit denſelben im Corridor hinter meiner Thüre.“ „Bewaffnet?“ „Gut bewaffnet. Beim erſten Glockenſchlag tre⸗ ten Sie ein, ohne zu pochen, und fordern den Mann, der ſich in meinem Zimmer befindet, auf, Ihnen zu folgen; Sie übergeben ihn vier von Ihren Leu⸗ ten, die ihn nach dem Depot bringen.— Iſt der Gefangene am ſichern Ort, ſo kommen Ihre Leute wieder herauf und bleiben im Corridor, bis ein zweiter Glockenſchlag ertönt, der Sie zu einer weitern Arretation ruft und ſo fort, bis ich Ihnen Contreordre gebe. Sie haben mich verſtanden?“ „Ganz!“ antwortete Colombier,—„ganz,“ wiederholte er, indem er ſich wie ein Menſch räu⸗ ſperte, der ſtolz iſt, eine ſo leichte Faſſungsgabe zu beſitzen. „Jetzt, ſagte Herr Jackal ſtreng,„werde ich — W W 155⁵ mich an Sie halten, wenn ein einziger der Gefan⸗ genen entkömmt.“ In dieſem Augenblicke pochte man an die Thüre des Cabinets. „Das iſt ohne Zweifel einer Ihrer künftigen Gefangenen; eilen Sie, Ihre Leute zu holen.“ „Ich eile,“ ſagte Colombier, indem er mit einem Sprung aus dem Zimmer war. Herr Jockal ließ die Draperie hinter ihm her⸗ abfallen, machte ſich's in ſeinem Fauteuil bequem und ſagte: „Herein.“ Der Huiſſier führte Longue Avoine herein. CXXIV. Liquidation. Der Geliebte der Stuhlvermietherin von Saint Jacques du Haut⸗Pas trat, ebenſo lang und ebenſo blaß als Baſil, mit gemeſſenem Schritte und mit tauſend Kniebeugungen in das Cabinet, gerade als wenn er vor dem Hochaltar vorüberginge. „Sie ließen mich rufen, mein edler Herr?“ ſagte er mit leidender Stimme. „Ja, Longue Avoine, ich ließ Sie rufen.“ „Worin kann ich die Ehre haben, Ihnen nütz⸗ lich zu ſein? Sie wiſſen, daß mein Blut und mein Leben zu Ihren Dienſten ſteht.“ „Ich will das ſehen, Longue Avoine; aber vor 156 Allem ſagen Sie mir, ob ich, ſeit Sie in meinen Dienſten ſind, Ihnen irgend einen Grund zur Un⸗ zufriedenheit gegeben?“ „O, Herr Jeſus! niemals, mein würdiger Herr,“ beeilte ſich der Geliebte Barbettens mit einem Tone voll Salbung zu ſagen. „Nun gut; ich aber, Longue Avoine, habe Grund zu großer Unzufriedenheit mit Ihnen.“ 5 ge Maria! iſt es möglich, mein guter Er „Es iſt mehr, als möglich, Longue Avoine, ja wohl; das heißt Sie haben ſich in Beziehung auf mich der größten Undankbarkeit ſchuldig gemacht.“ „Gott, der mich hört,“ ſagte der Jeſuit im rührendſten Tone,„Gott ſtrafe mich mit dem Tode, wenn ich mich nicht zu jeder Stunde meines Lebens Ihrer Wohlthaten erinnerte.“ „Und doch, Longue Avoine, befürchte ich, daß Sie ſie vergeſſen haben. Erinnern Sie mich dar⸗ an, damit ich ſehe, ob Sie ſie im Gedächtniſſe be⸗ wahrt haben.“ „Mein guter Herr, Sie wiſſen, daß ich in der Rue Saint Jacques du Haut⸗Pas vor der kleinen Kirchthüre mit einem ſilbernen Kreuze und einer vergoldeten Monſtranz verhaftet wurde und nach dem Bagno geſchickt werden ſollte, wenn Ihre väterliche Theilnahme nicht noch zur rechten Zeit wach gerufen worden wäre, um mich vor dieſem ſchlimmen Gange zu bewahren?“ „Seit jenem Tage,“ ſagte Herr Jockal,„habe ich Sie in meinen Dienſten; und wie haben Sie die Wohlthat vergolten?“ 157 „Aber mein edler Herr...“ unterbrach ihn Lon⸗ gue Avoine. „Unterbrechen Sie mich nicht,“ ſagte Herr Jackal ſtreng.—„Ich weiß Alles. Seit ſechs Monaten verſehen Sie die Polizei für den Pater Roncin von der Congregation.“ „Im Intereſſe unſerer heiligen Religion,“ ſagte Longue Avoine demüthig, indein er die Augen mit einem jeligen Ausdruck zum Himmel erhob. „Ein ſchlecht verſtandenes Intereſſe, Longue Avoine,“ ſagte Herr Jackal, indem er eine ärger⸗ liche Miene annahm,„denn der Pater Roncin und ſeine Congregation hahen Herrn von Villele ge⸗ ſtürzt und Herr von Billole hat das Miniſterium in ſeinen Sturz hineingezogen; auf dieſe Weiſe, Unglücklicher, der Sie ſind, haben Sie, unbewußt, das will ich annehmen, die öffentliche Ruhe geſtört und ohne es zu wiſſen, die Baſis des Thrones Sei⸗ ner Majeſtät erſchüttert.“ Iſt es möglich?“ rief Longue Avoine, indem er Herrn Jackal beſtürzt anſah. „Sie wiſſen ohne Zweifel nicht, daß wir ſeit dieſem ein anderes Miniſterium haben? Nun denn, nglücklicher, der Sie ſind, Sie tragen mit an der Schuld, eine adminiſtrative Revolution hervorgerufen zu haben. Sie wurden mir als ein eführ icher Menſch bezeichnet; ich habe deßhalb eſchloſſen, bis die Auftegung der Hauptſtadt vor⸗ über, Sie an einen ſichern Ort bringen zu laſſen, wo Sie ruhig ſich ſammeln und darüber nachden⸗ ken können.“ „Ach! mein guter Herr,“ rief Longue Avoine, 158 indem er ſich Herrn Jackal zu Füßen warf;„bei Gott, dem Allmächtigen, ſchwöre ich Ihnen, den Fuß nicht mehr nach Mont⸗rouge zu ſetzen.“ „Es iſt zu ſpät,“ ſagte Herr Jackal, indem er aufſtand und den Glockenknopf zog. „Gnade! mein guter Herr! Gnade!“ heulte Longue Avoine, indem er heiße Thränen weinte. Colombier erſchien. „Gnade!“ wiederholte Longue Avoine, der ſchauerte, als er den abſtoßenden Agenten eintre⸗ ten ſah, deſſen Stellung er kannte. „Es iſt zu ſpät,“ ſagte er in ſtrengem Tone; „ſtehen Sie auf und folgen Sie dieſem Manne.“ Longue Avoine, welcher das gereizte Geſicht des Herrn Jackal ſah und begriff, daß hier nicht mehr zu parlamentiren ſei, folgte dem Agenten, indem er die Hände faltete, und ſich das Ausſehen eines Märtyrers gab.. ne Avoine ging, Herr Jackal läutete aber⸗ mals. Der Huiſſier erſchien und meldete Carmagnole. „Er ſoll eintreten,“ ſagte Herr Jackal. Der Provencale ſtürzte mehr in das Zimmer, als daß er eintrat. „Was ſteht zu Dienſten, Patron?“ ſagte er mit einer ete Stimme. „Etwas ſehr Einfaches, Carmagnole,“ antwor⸗ tete Herr Jackal.„Wie viel Diebſtähle haben Sie ſich vorzuwerfen?“ „Vierunddreißig, gerade ſoviel als ich Jahre zähle,“ antwortete Carmagnole ziemlich heiter. — 159 „Und complizirte Diebſtähle, das heißt mit Einbruch?“ „Zwölf, ſoviel als der Monate im Jahre ſind,“ antwortete der Marſeiller im ſelben Tone. „Und Mordanfälle?“ „Sieben, ſoviel als Tage in der Woche ſind.“ „Sie haben alſo,“ ſagte Herr Zackal reſumi⸗ rend,„vierunddreißig Mal das Gefängniß ver⸗ dient, zwölf Mal das Bagno und ſieben Mal die Hinrichtung. In Allem, dreiundfünfzig mehr oder minder angenehme Verurtheilungen.— Iſt die Rech⸗ nung richtig?“ „Allerdings, antwortete der argloſe Carmagnole. „Nun gut! mein lieber Freund, Ihre Abenteuer beginnen zu viel Lärm in der Welt zu machen und ich habe deßhalb beſchloſſen, Sie für den Augen⸗ blick zu verbannen.“ „In welchen Welttheil?“ fragte Carmagnole, ohne ſich beunruhigen zu laſſen. „Ich glaube, daß der Winkel der Erde, den Sie bewohnen werden, Ihnen ziemlich gleichgültig ſein kann.“ „Allerdings, vorausgeſetzt, daß dieſer Winkel der Erde nicht am Meeresufer ſei,“ antwortete der Provencale, der plötzlich in der Ausſicht, die ihm Herr Jackal eröffnete, die ſchwarzen Nebel von Breſt und die Sonne von Toulon aufſteigen ſah. „Nun gut, geiſtvoller Carmagnole, Sie haben ſt wenn auch nicht mit Freuden, den maleri⸗ be Verbannungsort, den ich für Sie ausgedacht, geahnt.“ „Ah! Herr Jackal,“ ſagte der luſtige Marſeil⸗ „160 ler, indem er ſich zu lachen zwang,„Sie wollen mich gewiß erſchrecken?“ „Ich, Sie erſchrecken, mein lieber Carmagnole,“ ſagte Herr Jackal erſtaunt;„iſt es meine Art, ehr⸗ bare Diener, wie Sie, zu erſchrecken?“ „Wenn ich Sie recht verſtehe,“ ſagte der Pro⸗ vencale halb heiter, halb traurig,„ſo iſt es eine Partie nach dem Bagno, die Sie mir vorſchlagen?“ „Sie haben das richtige Wort gefunden, ſinn⸗ reicher Carmagnole; es iſt eine Partie nach dem Bagno; aber ich will Ihnen den Einſatz ſagen. Sie ſind eine Waiſe?“ „Von Geburt an.“ „Sie haben weder Freunde, noch Familie, noch Vaterland. Nun, ich will Ihnen ein Vaterland, ſa⸗ Freunde geben. Worüber beklagen ie N „Machen wir's kurz,“ ſagte der Marſeiller barſch, „Sie wollen mich n Roheſort Breſt oder Tou⸗ lon ſchicken?“ „Ich laſſe Ihnen die freie Wahl zwiſchen die⸗ ſen drei Orten, Sie können wählen, was Ihnen am beſten gefällt; aber verſtehen Sie mich wohl, geſcheuter Carmagnole: nicht wegen Ihrer Sün⸗ den verbanne ich Sie ſo weit von hier, ſondern um Ihren Eifer und Ihre Ergebenheit mir zu Nutzen zu machen.“ „Ich begreife Sie nicht,“ warf der Provencale ein, der nicht einſah, wo Herr Jackal damit hin⸗ aus wollte. „Ich will mich erklären, heißblütiger Carmag⸗ nole.— Sie wiſſen wohl, daßdie wachſame und —„—— —— — M 66 W— M — N 161 kluge Beobachtung des Thuns und Treibens der Herren von Breſt oder Toulon ein traditionelles Mittel von großer Bedeutung für die Erhaltung der Ordnung in dieſen Pönitentiarhäuſern iſt.“ „Ich verſtehe Sie,“ ſagte der Marſeiller, die Stirne leicht runzelnd,„vom Rang eines Spio⸗ nen erheben Sie mich zu dem eines Fuchſes oder Schafes.“ „Sie haben es getroffen, ſcharfſichtiger Car⸗ magnole.“ „Ich denke,“ jahte der Provencale nichts we⸗ niger, als heiter,„ aß Sie von der furchtbaren Rache gehört haben werden, welche die Gefange⸗ nen an dem Schafe üben.“ „Ich 23 es,“ ſagte Herr Jackal;„weil die Schafe gewöhnlich Eſel find⸗ Deßhalb ſagen wir: ſeien Sie nicht Schaf, ſondern Fuchs.“ „Und wie viel Zeit ungefähr kann dieſe außer⸗ ordentliche Miſſion dauern?“ fragte Carmagnole mit einem erbarmungswürdigen Geſichte. „So lange, als nöthig iſt, um den Rumor, der ſich Ihretwegen erhoben, zu erſticken.— Glau⸗ ben Sie mir, daß ich Ihre Abweſenheit bald füh⸗ len werde.“ Carmagnole ſenkte den Kopf und ſann nach. kachdem er eine Minute geſchwiegen, fuhr er fort: „Iſt es ein ehrliches, ernſthaftes Anerbieten, das Sie mir da machen?“ „Nichts ehrlicher, ernſthafter, mein guter Freund, ich will Ihnen den Beweis dabon geben.“ Herr Jackal drückte zweiten Male an dem Glockenknopf. Colombier erſchien auf's Neue. Dumas, Salvator. VII. 11 162 „Sie werden dieſen Herrn begleiten,“ ſagte Herr Jackal zu dem Agenten, indem er auf Car⸗ magnole zeigte,„und ihn dahin bringen, wohin ich Ihnen geſagt, mit allen Rückſichten jedoch, die ihm gebühren.“ „Aber,“ rief der unglückliche Carmagnole,„Co⸗ lombier wird mich nach dem Depot bringen.“ „Gewiß! Und was weiter?“ ſagte Herr Jackal, indem er die Arme kreuzte und ſtreng in das Weiße der Augen ſeines Gefangenen blickte. „Ah! Verzeihung,“ ſagte der Provencale, der die Bedeutung dieſes Blickes begriff,„ich glaubte, wir ſcherzen.“ Und ſich an Colombier wendend, wie ein Mann, der überzeugt iſt, daß es ihm bald gelingen werde, aus dem Bagno zu entſpringen, ſagte er: „Ich folge Ihnen.“ „Dieſer Carmagnole iſt wahrhaftig luſtiger, als in einer ſolchen Lage eigentlich erlaubt iſt, mur⸗ melte Herr Zackal, indem er den Marſeiller ver⸗ ächtlich hinausſchreiten ſah. Dann zog er zum dritten Male die Glocke am Kamin und ſetzi⸗ ſich in ſeinen Fauteuil. Der Huiſſier erſchien und meldete Papillon und Brin d'Acier, welche auf der Flur warteten, bis die Reihe der Audienz an ſie käme. „Wer iſt der Ungeduldigſte von beiden?“ fragte Herr Jockal. „Sie ſind beide gleich ungeduldig,“ verſetzte der Huiſſier. 3 „Dann laſſen Sie beide eintreten.“ M—— W — 163 Der Huiſſier ging und erſchien nach einigen Augenblicken mit Papillon und Brin d'Acier. Papillon ſah ſchmächtig aus und war bartlos;— Brin d'Acier war von unterſetzter Geſtalt und hatte einen endloſen Bart. Um den Contraſt zu vervollſtändigen, Brin dAcier war melancholiſch wie Longue Avoine und Papillon jovial wie Carmagnole. Beeilen wir uns zu ſagen, Brin d'Acier war aus dem Elſaß, Papillon aus der Gironde. Der Erſte verbeugte ſich mit dem ganzen Kör⸗ per vor Herrn Jackal, der Andere machte einen acrobatiſchen Sprung, ſtatt einer Verbeugung. Herr Jackal lächelte unmerklich, als er dieſe Eiche und dieſes Bäumchen neben einander ſah. „Brin dAcier,“ ſagte er,„und Sie, Papillon, was haben Sie während der denkwürdigen Abende des 19. und 20. Dezembers gethan?“ „Ich habe,“ antwortete Brin d'Acier,„ſo viel Karren, Pflaſterſteine und Balken nach der Rue St. Denis geſchafft, als man mir anzuvertrauen die Ehre erzeigte.“ „Gut,“ ſagte Herr Jackal;„und Sie, Papillon?“ „Ich,“ antwortete der kecke Papillon,„ich habe, wie mir Eure Exzellenz befohlen, den größten Theil der Fenſter der genannten Straße eingeſchlagen.“ „Und dann, Brin d'Acier?“ fuhr Herr Jockal fort. „Dann habe ich mit Hülfe einiger ergebenen Freunde alle Barricaden vernichtet, welche das Quartier der Hullor verſperrten.“ „Und Sie, Papillon?“ it 164 „Ich,“ antwortete der Befragte,„ich ließ vor den Naſen der Bürger alles Feuerwerk los, das mir Eure Exzellenz anzuvertrauen die Gnade hatten.“ „Iſt das Alles?“ fragte Herr Jackal. „Ich rief: Nieder mit dem Miniſterium!“ ſagte Brin d'Acier. „Ich: Nieder mit den Zeſuiten,“ fügte Pa⸗ pillon hinzu. „Und dann?“ „Zogen wir uns in der Stille zurück,“ ſagte Brin d'Acier, ſeinen Freund anſehend. „Wie die unſchuldigſten Leute von der Welt,“ bekräftigte Papillon. „So erinnern Sie ſich alſo nicht,“ verſetzte Herr Jackal, indem er ſich an beide wandte,„etwas gethan zu haben, was nicht von mir befohlen worden?“. „Durchaus nicht,“ ſagte der Rieſe. „Ganz und gar nicht,“ wiederholte der Zwerg, indem er ſeinen Kameraden anſah. „Gut denn, ſo will ich Ihr Gedächtniß auf⸗ friſchen,“ machte Herr Jackal, indem er einen dicken Actenſtoß an ſich zog und ein doppeltes Blatt Pa⸗ pier darunter hervornahm, welches er auf den Tiſch legte, nachdem er es flüchtig durchlaufen hatte⸗ „Es geht hieraus hervor,“ er,„daß Sie primo in der Nacht vom 19. November unter dem Vorwande, einer kranken Frau Hilfe bringen zu wollen, den Laden eines Juweliers der Rue Saint Denis ſ. Theile ausgeleert.“ „O!“ machte Brin d'Acier erſchrocken. „O!“ wiederholte Papillon entrüſtet. 165 „Secundo,“ fuhr Herr Jackal fort,„in der Nacht vom 20. November ſind Sie beide, mit Hülfe von falſchen Schlüſſeln, unterſtützt von Bar⸗ bette, der Concubine des Herrn Longue Avoine, Zhres Genoſſen, in den Laden eines Wechslers derſelben Straße gedrungen und haben ſowohl in ſardiniſchen Louisdor's, bairiſchen Gulden, preußi⸗ ſchen Thalern, als in engliſchen Guineen, ſpani⸗ ſchen Dublonen und franzöſiſchen Bankbillets die Summe von dreiundſechzigtauſend ſiebenhundert und einem Franken, ſiebenzig Centimen entwendet.“ „Das iſt eine abſcheuliche Verleumdung!“ fügte Papillon hinzu. „Tertio,“ fagte Herr Jackal, ohne die Entrüſtung zu bemerken zu ſcheinen, welche ſeine beiden Ge⸗ fangenen an den Tag legten,„in der Nacht vom 21. deſſelben Monates haben Sie beide, in Ge⸗ ſellſchaft Ihres Freundes Gibaſſier mit bewaffneter Hand zwiſchen Nemours und Chateau Landon die Mallepoſt angefallen, welche einen Engländer und ſeine Lady führte, und nachdem Sie dem Poſtillon und dem Courrier das Piſtol unter die Naſe ge⸗ halten, haben Sie die Koffer geleert, welche ſieben⸗ undzwanzigtauſend Franken enthielten. Ich ſpreche nicht von der Kaſſe und Uhr des Engländers und den Ringen und Zuwelen der Engländerin.“ „Das iſt unwahr!“ rief der Elſäßer. „Reine Unwahrheit!“ wiederholte der Bordeleſe. „Quarto und zum Schluß,“ fuhr Herr Zackal fort, ohne ſich aus der Faſſung bringen zu laſſen, „und um mich nicht länger bei den kleinen Schur⸗ kereien aufzuhalten, die ſeit jener Nacht bis zum 166 31. Dezember begangen wurden, ſo haben Sie am 1. Januar 1828, wahrſcheinlich um das ZJahr gut zu beginnen, alle Laternen des Montmartre aus⸗ gelöſcht und unter dem Deckmantel der Nacht allen verſpäteten Fußgängern die Börſe oder die Uhr ab⸗ genommen; und zwar mit ſolchem Glück, daß die Zahl der Beraubten ſich auf neununddreißig be⸗ äuft.“ „O!“ ſeufzte der Rieſe. „O!“ ſeufzte der Zwerg. „Aus dieſen Gründen,“ fuhr Herr Jackal mit obrigkeitlicher Würde fort,„ſage ich, in Anbetracht, daß mir trotz Ihres Läugnens ung trotz Ihres ent⸗ rüſteten Ausrufens klar und erwieſen iſt, daß Sie das Vertrauen, das ich in Sie ſetzte, auf das Schmählichſte mißbraucht; „In Anbetracht,“ ſage ich,„daß Sie, den drit⸗ ten und vierten beraubend, ſich nicht wie würdige und ehrbare Polizeiagenten, ſondern wie gemeine Diebe benommen; „Aus dieſen Gründen: „Sind Sie aufgefordert, ſich unverzüglich in das Kabinet hier zu begeben, wo ein Mann, den Sie beide kennen, der ſogenannte Colombier, ſich Ihrer vergewiſſern und Sie an einen ſichern Ort bringen wird, bis ich die Mittel und die Zeit ge⸗ funden haben werde, Ihren Ueberſchwemmungen einen Damm zu ſetzen.“ Während Herr Jackal dieſe Worte ſprach, läu⸗ tete er Colombier, der zum drittenmal erſchien und ſeinen Kummer nicht verbergen konnte, als er die 167 erbarmungswürdige Miene 6 beiden Freunde Brin d'Acier und Papillon ſah. Aber als Soldat, der ſeine Ordre ſtreng be⸗ folgt, faßte er ſich augenblicklich wieder, und auf einen Wink von Herrn Jackal nahm er den Rieſen unter dem einen Arm, den Zwerg unter dem an⸗ dern und zog ſie mehr als er ſie führte, um ſie zu Carmagnole und Longue Avoine zu bringen. Es entſtand eine Pauſe in dieſer Liquidation. Dieſe vierfache Arretirung hatte Herrn Jackal weder in Aufregung verſetzt, noch intereſſirt. Er hatte freilich mit Carmagnole etwas Mitleid, und ſein Verluſt war zu bedauern, aber er kannte den Marſeiller genau, er wußte, daß er auf die eine oder andre Weiſe(der Provencale war von dem Züchtlingsſtoff, aus welchem man die Achtziger macht) ſich früher oder ſpäter frei machen würde. Was die Andern betrifft, ſo waren ſie nicht mal mehr Räder in ſeiner Maſchine. Er ſah ſie mehr für ſich arbeiten, als daß ſie ihm geholfen hät⸗ ten.— Longue Avoine war nichts als ein Heuch⸗ ler; Brin dAcier war ein grober Stier; Papillon, obgleich er die Leichtigkeit des Staubflüglers be⸗ ſaß, deſſen Namen er trug, ſo war er doch nur die blaſſe und ſchlechte Copie Carmagnoles. Man begreift deßhalb, daß die Zukunft dieſer Menſchen einen Philoſophen wie Herrn Jackal wenig intereſſiren konnte. Von welch' untergeordneter Bedeutung waren in der That dieſe geringen Menſchen gegenüber der unbeſtreitbaren und unbeſtrittenen Superiorität Gi⸗ baſſiers? 168 Gibaſſier! dieſer Phönir von Agent,— dieſe rara avis! dieſer menſchgewordene Spion! dieſer Mann mit den unerwarteten Mitteln!— dieſer Mann mit den unerſchöpflichen Hülfsquellen!— dieſer Mann mit den vielfachen Incarnationen, die ſo zahlreich waren, als die eines Hindugottes!“ Das war's, woran der Chef der geheimen Po⸗ lizei dachte, während er nach dem Abgang von Brin d'Acier und Papillon das Erſcheinen Gibaſ⸗ ſiers erwartete! „Endlich,“ murmelte er,„es nuß ſein!...“ Und nachdem er dem Huiſſier geläutet, ſetzte er ſich in ſeinen Feuteuil und ließ die Stirne in der Hand ausruhen. Der Huiſſier führte Gibaſſier ein. Heute war Gibaſſier in Stadttoilette; ſeidne Strümpfe ſchmückten ſeine Füße und ſeine Hände trugen weiße Handſchuhe. Sein Geſicht war roſig angeflogen, und ſeine Augen, ſonſt ziemlich matt, waren in dieſem Augenblick von einer außerordent⸗ lichen Lebhaftigkeit und ungewöhnlichem Glanz. Herr Jackal hob den Kopf und war erſtaunt über die Eleganz ſeines Anzugs und die Friſche ſeines Geſichtes. „Sind Sie heute bei einer Hochzeit oder einer Beerdigung?“ fragte er. „Bei einer Hochzeit, lieber Herr Jackal,“ ant⸗ wortete Gibaſſier. „Bei der Zhrigen vielleicht?“ „Nicht ganz, mein lieber Herr; Sie kennen meine Anſicht über die Ehe; aber es iſt gerade ſo,“ W N R 169 fügte er frivol hinzu:„die Verheirathete iſt eine alte Freundin von mir.“ Herr Jackal ſtopfte ſich die Naſe voll mit Ta⸗ bak, als wollte er die unterdrücken, die er wegen ſeiner Theorie über die Frauen an ibaſſier zu richten im Begriffe war. „Habe ich das Vergnügen, den Mann zu ken⸗ nen d“ fragte er nach einer Pauſe. „Sie kennen ihn höchſtens vom Hörenſagen,“ antwortete der Sträfling:„er iſt mein Gefährte von Toulon; der, mit dem ich ſo ſchlau aus dem Gefüngniſſe ausgebrochen, Ange Gabriel.“ „Ich erinnere mich,“ ſagte Herr Jackal, indem er den Kopf ſchüttelte;„Sie haben mir die Anec⸗ dote am Puits⸗qui⸗parle erzählt, wo ich das Glück hatte, Sie wieder aufzufiſchen, was freilich für mich einen Rheumatismus zur Folge hatte, den ich bis heute nicht mehr los wurde.“ Und, wie um ſeinen Worten mehr Nachdruck zu geben, begann Herr Jackal zu huſten. „Ein fetter Huſten,“ ſagte Gibaſſier„ein guter Huſten,“ fügte er als Troſt hinzu.„Einer meiner Vorfahren iſt mit einem ſolchen Huſten im hun⸗ dert und ſiebenten Jahre geſtorben, und nur weil er zum fünften Stocke hinausfiel.“ „Apropos,“ ſagte Herr Zackal.„Sie haben mir nie genau Ihr Entkommen berichtet; ich weiß nur ganz obenhin, daß ein Krankenwärter Ange Gabriel und Ihnen geholfen; aber um einen Kran⸗ kenwärter zu beſtechen, muß man Geld haben. Wo haben Sie das Ihrige hergehabt? Denn ich 170 weiß nicht, daß die„große Anſtrengung“ Sie ſehr bereichert hat.“ Bei dieſen Worten wurde das angeröthete Ge⸗ ſicht Gibaſſier's purpurroth. „Sie erröthen,“ bemerkte Herr Jockal erſtaunt. „Verzeihen Sie, Herr Jackal,“ ſagte der Sträf⸗ ling,„aber eine der ſchlimmſten Erinnerungen mei⸗ nes Lebens kommt mir in dieſem Augenblicke in den Sinn; ich muß unwillkürlich erröthen.“ „Eine ſchlimme Erinnerung bezüglich des Ba⸗ gno?“ fragte Herr Jackal. „Nein,“ antwortete Gibaſſier, indem er die Augbrauen zuſammenzog,„in Bezug auf mein Ent⸗ oder vielmehr die Dame, die es erleichtert er „Pah!“ machte Herr Jackal, indem er Gibaſ⸗ ſier mit einer verächtlichen Miene anſah,„da könnte man ja auf ewig einen Widerwillen gegen das ſchöne Geſchlecht bekommen.“ „Und gerade dieſe geheimnißvolle Dame,“ fuhr der Sträfling fort, ohne die Verachtung ſeines Pa⸗ trons zu bemerken,„gerade ſie iſt's, welche heute Ange Gabriel heirathet.“ „Sie haben mich ja verſichert, Gibaſſier,“ ſagte der Chef der Polizei ſtreng,„duß dieſer Sträfling in der Fremde ſei.“ „Das iſt wahr,“ antwortete Gibaſſier mit einem gewiſſen Stolz, zer war weggereiſt, um die Ein⸗ willigung ſeiner Familie einzuholen und ſeine Pa⸗ piere beizuſchaffen.“ wurden, glaube ich, beide zugleich arre⸗ tirt?“ M M— M— 5 171 „Allerdings, lieber Herr Jackal.“ „Als Falſchmünzer?“ „Entſchuldigen Sie, mein edler Patron: es war Ange Gabriel, welcher falſchmünzte; ich bin von einer bedauernswürdigen Kenntnißloſigkeit in der Metallurgie.“. „Entſchuldigen Sie gleichfalls, lieber Herr Gi⸗ baſſier: ich verwechsle die Falſchmünzerei mit der Nachahmung von Papieren.“ „Das iſt ein großer Unterſchied,“ ſagte Gibaſ⸗ ſier ernſt. „Wenn ich mich recht erinnere, ſo kam eines Tages, von Seiner Ezellenz dem Herrn Miniſter der Zuſtiz ein Pack Papiere, welches an den Direc⸗ tor des Bagno von Toulon gerichtet war; dieſes Pack enthielt alle nöthigen Papiere zur Infreiheit⸗ ſetzung eines Sträflin 8; ſämmtliche Papiere tru⸗ gen das Amtsſiegel. Piſl Papiere ſtammten von Ihnen, nicht wahr?“ „Es galt die Freilaſſung des Ange Gabriel, lieber Herr Jackal; das iſt eine der menſchen⸗ freundlichſten Handlungen meines Lebens und ich würde die Beſcheidenheit haben, darüber zu ſchwei⸗ Sie mich nicht zwängen, darüber zu prechen.“ „Das ſind nur Bagatellen,“ ſagte Herr Jackal, und das erklärt mir nicht, wie Sie zum dritten Male in das Bagno kamen; wollen Sie mein Ge⸗ dächtniß auffriſchen?“ „Ich⸗ verſtehe Sie,“ ſagte der Sträfling,„Sie bitten mich, mein Gewiſſen zu prüfen: Sie ver⸗ langen meine Beichte.“ 172 „„Allerdings, Gibaſſier, und wenn Sie nicht ein ernſtliches Hinderniß ſehen. „Ich ſehe keines,“ ſagte Gibaſſier.„Ich brauche um ſo weniger zu zögern, als Sie nur die Jour⸗ nale jener Zeit zu leſen brauchten, um ſich genü⸗ gerd davon zu unterrichten.“ „So beginnen Sie.“ „Es war im Jahre 1822 oder 1823, das weiß ich nicht mehr genau.“ „Das Datum macht nichts zur Sache.“ „Es war ein fruchtbares Jahr, nie hatte die Ernte goldnere Aehren gezeigt, nie die Weingelände grüneres Lgab.“ „Ich muß Ihnen bemerken, Gibaſſier, daß die Ernte und das Laub der Weinreben der vorlie⸗ genden Frage gänzlich fremd ſind.“ Ich wollte Ihnen damit nur ſagen, mein lie⸗ ber Herr Jackal, daß die Hitze jenes Jahres un⸗ erträglich war. Seit drei Tagen befand ich mich in Freiheit, glücklich entkommen aus dem Bagno von Breſt; ſeit drei Tagen war ich in einer Höhle jener Felſen verborgen, welche den Gürtel der Küſte von Bretagne bilden; ich aß nicht, ich trank nicht, weil ich nichts hatte; unter mir ſprach eine Gruppe von mit Lumpen bedeckten Zigeunern von meiner Flucht und den hundert Franken, die für meine Gefangennehmung ausgeſetzt waren. Sie wiſſen nicht, daß das Bagno für jene umherſchweifenden Banden eine reichliche Einkommensquelle iſt; wie ſie ſich von den todten Fiſchen nähren, die das Meer an die Küſte wirft, leben ſie auch von der Jagd auf den Galeerenſträfling; ſie kennen die —,—— — 8„c ec c„—— e—9— 5 — 8 6 7 ie 173 dichten Wälder, die geheimen Wege, die tiefen Thä⸗ ler, die verlaſſenen Bauwerke, wo der athemloſe Flüchtling auf ſeinem Marſche Athem holt. Beim erſten Kanonenſchuß, der eine Flucht ankündigt, ſcheinen ſie aus der Erde aufzuſteigen, mit Stöcken, Stricken, Steinen, Meſſern n und begeben ſich mit einer Freude, mit einer Habgier auf die Jagd, die den Zigeunern angeboren ſcheint. Ich befand mich ſeit drei Tagen an jenem Orte, als des Abends ein Kanonenſchuß ertönte, der eine zweite Flucht verkündete. Augenblicklich großer Jagdlärm unter den Zigeunern. Jeder nimint die nächſte beſte Waffe, die ihm in die Hand füällt, und läßt mich, indem er die Fährte meines unglücklichen Kameraden verfolgt, allein auf meinem Felſen, wie den Prometheus des Alterthums, von den Geiern des Hungers und des Durſtes gemartert.“ „Ihre Erzählung iſt außerordentlich intereſſant, Gibaſſier,“ ſagte Herr Jackal mit unverwüſtlicher Kaltblütigkeit;„fahren Sie fort.“ „Der Hunger,“ nahm Gibaſſier wieder das Wort,„gleicht dem Gusman, er kennt kein Hin⸗ derniß. it zwei Sprüngen war ich unten; mit drei Sätzen in der Tiefe eines Thales. Ich ge⸗ in der Entfernung von ſieben bis acht Schritten ein Gebäude, aus deſſen Fenſter ein kleines Licht ſchimmerte.— Ich war gerade im Begriffe, anzuklopfen, um Waſſer und Brod zu verlangen, als mir der Gedanke kam, daß dieſes Häuschen einem Gitano oder wenigſtens einem Bauern gehören könnte, der nicht verſehlen würde, mich zu verkaufen. Ich zauderte einen Augenblick, 174 ober mein Entſchluß war bald gefaßt. Ich pochte an die Thüre der Hütte mit dem Griffe eines Meſſers, feſt entſchloſſen, mein Leben theuer zu verkaufen, wenn es bedroht würde. „Wer da?“ fragte eine Frau, die ich an ihrer gebrochenen Stimme als ein altes Weib und an ihrem Accente als eine Gitana erkannte. „Ein armer Reiſender, der nichts als ein Glas Loſe und ein Stück Brod verlangt,“ antwor⸗ tete ich. „Geht Eurer Wege!“ ſchnaubte die Alte, indem ſie das Fenſter zuwarf. „Gute Frau, im Namen der Barmherzigkeit, Brod und Waſſer!“ rief ich mit bittender Stimme. „Aber die Alte antwortete nicht. „Du haſt's gewollt,“ ſagte ich und gab der Thüre einen ſo ſfügen Tritt, daß ſie in die Flur hineinflog, welche als Eingang zum Hauſe diente. „Bei dem Geräuſch, das die fallende Thüre machte, erſchien die alte Zigeunerin mit einer Lampe in der Hand an der Leiter oben, die ihr als Treppe diente. Sie hielt die rechte Hand hinter die Lampe, um mein Geſicht beſſer zu beleuchten; da ſie aber in dem dunkeln Raume nichts unterſcheiden konnte, ſo ſie mit meckernder Stimme: „Wer iſt da?“ „Der unglückliche Reiſende,“ antwortete ich. „Warte,“ ſagte ſie, indem ſie die Stufen der Leiter mit einer für ihr Alter ungewöhnlichen Schnelligkeit hinabging;„warte, ich will Dich rei⸗ ſen machen.“ „Da ich ſah, daß ich leichten Kauf mit dieſer 3 5 — —— 175 alten Zauberin haben würde, eilte ich an den Speiſekaſten und nahm ein Stück ſchwarzen Bro⸗ des, das dort lag und das ich gierig verſchlang. „In dieſem Augenblicke ſetzte ich den Fuß auf den Boden. „Sie kam gerade auf mich zu, und mich an der Schulter packend, ſuchte ſie mich zur Thüre hinauszuwerfen. „Ich bitte Euch, laßt mich trinken,“ ſagte ich, als ich im Hintergrund der Flur einen Alcarazas entdeckte. „Aber ſie fuhr erſchrocken und ſtieß einen heftigen Schrei aus, halb Eule, halb Käuzchen, als e mich in den Kleidern eines Sträflings ſah. „Bei dieſem Schrei erſchien eine andere Ge⸗ ſtalt oben an der Leiter. „Es war die Geſtalt eines großen und häßlichen jungen Mädchens, von ſechzehn bis ſiebenzehn Jahren. „Was gibt es, Mama?“ rief ſie. „Der Galeerenſträfling!“ heulte die Alte, in⸗ dem ſie mit dem he auf mich deutete. „Das junge Mädchen hüpfte mehr von der Leiter herab, als daß ſie ging, und ſich mit der Gier eines wilden Thieres auf mich ſtürzend, ehe ich ihre Bewegung bemerken konnte, packte ſie mich mit einer für eine Frau ihres Alters unbegreiflichen Energie von hinten um den Hals und warf mich rückwärts auf die Platten, indem ſie: „Mama!“ rief. „Auf dieſen Ruf ſprang die Mutter wie ein 176 Schackal auf mich zu, kniete auf meine Bruſt und ſchrie mit vollen Backen: „Zu Hülfe! zu Hülfe!“ „Laßt mich los,“ ſagte ich, indem ich dieſe Fu⸗ rien zurückzuſtoßen ſuchte. „Zu Hülfel zu Hülfe!“ blöckten Mutter und Tochter zu gleicher Zeit. .„Schweigt und laßt mich los!“ wiederholte ich mit einer Stentorſtimme. „Der Sträfling! der Sträfling!“ heulten ſie immer lauter. „Ihr wollt nicht ſchweigen?“ rief ich und packte die Alte dabei an der Gurgel, indem ich ſie ſo kräftig auf den Rücken warf, daß ich nun meiner⸗ ſeits auf ihrer Bruſt kniete. S „Das junge Mädchen ſprang jetzt auf mich; und indem ſie mir den Kopf zurückzog(eine Be⸗ wegung, die ihr ganz gewohnt ſchien), ergriff ſie mich beim Ohre, das ſie mit ihren Zähnen zu zer⸗ beißen ſuchte. „Ich ſah, daß ich mit dieſen wüthenden Dämo⸗ nen ein Ende machen mußte. Väter, Brüder, Männer konnten jeden Augenblick kommen.— Ich drückte meine zehn Finger immer in den Hals der Alten und an dem Röcheln, das aus ihrer Bruſt kam, merkte ich, daß ſie nicht mehr lange ſchreien würde. Während dieſer Zeit biß das junge Mädchen immer fort. „Laßt mich los oder ich bringe Euch um!“ ſagte ich mit großer Energie. „Aber ſei es nun, deß ſie mein Idiom nicht —— c———— 177 verſtand, oder es nicht verſtehen wollte, ſie hatte ſich ſo wild verbiſſen, daß ich, als ich mein Meſſer zog und meinen rechten Arm nach ihr kehrte, die ſünge bis an den Schaft in ihre linke Bruſt ſtieß. „Sie ſank. „Ich ſprang nach dem Alcarazas und trank gierig das Waſſer, das darin war. „Ich weiß das Weitere,“ ſagte Herr Jackal, deſſen Stirne ſich immer mehr verfinſterte, je näher der Erzähler der düſtern Entwicklung ſeiner traurigen Geſchichte kam.—„Sie wurden acht Tage ſpäter verhaftet und nach Toulon gebracht und durch einen jener Zufälle, bei denen die Hand der Vorſehung ſich deutlich zeigt, begnadigt.“ Nach dieſen Worten entſtand eine Pauſe.— Jackal ſchien in eine tiefe Träumerei zu ver⸗ fallen. Gibaſſier, der trotz ſeiner ſeidnen Kleidung bei der Erzählung ſeiner Geſchichte immer trauriger geworden,— Gibaſſier, fagen wir, begann ſich zu fragen, weßhalb ſein Patron ſich habe ein Aben⸗ teuer erzählen laſſen, das er bereits kannte. Als dieſer Gedanke mal in ſeinen Kopf ge⸗ kommen, fragte er ſich, welches Intereſſe der Poli⸗ zeichef bei dieſer Gewiſſensprüfung haben könne. Er wußte es nicht, aber ahnte von ungefähr, was da kommen konnte. ſ F ſchüttelte den Kopf und murmelte vor ich hin: „Teufel, das iſt ſchlimm für mich.“ Dumas, Salvator. vIII. 12 178 Was ihn in dieſem Gedanken zu beſtärken ſchien, war der geſenkte Kopf, die umwölkte Stirne, mit Worte, die nachdenkliche Haltung des Herrn ackal. Dieſer erhob plötzlich den Kopf, fuhr mit der Hand über die Stirne, wie um die Wolken zu ver⸗ ſcheuchen, und betrachtete den Sträfling mit einer Art von Theilnahme, indem er ſagte: „Hören Sie mich, Gibaſſier, ich will einen ſo ſchönen Tag nicht durch Vorwürfe ſtören, die Ihnen heute als unzeitig erſcheinen konnten; gehen Sie deßhalb zur Hochzeit von Ange Gabriel, mein guter Freund, amüſiren Sie ſich gut. Ich hatte Ihnen in Ihrem Intereſſe eine Sache von der höchſten Wichtigkeit zu ſagen; aber in Betracht dieſes brü⸗ derlichen Bankets verſchiebe ich die Sache auf mor⸗ gen. Apropos, mein lieber Gibaſſier, wo findet die Hochzeit ſtatt?“ „Im Cadran Bleu, mein lieber Jackal.“ „Ausgezeichneter Reſtaurant, mein lieber Freund; amüſiren Sie ſich gut und dann morgen die ernſten Angelegenheiten.“ „Um welche Stunde, wenn's gefällig? fragte Gibaſſier. „Morgen Mittag, wenn Sie nicht zu müde ſind.“ „Um Mittag, pünklich zur Stunde!“ ſagte er, ſich verbeugend, erſtaunt und entzückt, daß das Ge⸗ ſpräch, das ſo fatal begonnen, ein ſo gutes Ende genommen. Am andern Tage pünktlich um Zwölf, wie er geſ agt erſchien Gibaſſier in dem Zimmer von Herrn Jackal. v —— vv—— 8 ̃ — 179 Heute war ſein Anzug ſehr einfach, ſein Geſicht ſehr blaß. Bei näherer Prüfung hätte ein guter Beobachter in den tiefen Furchen ſeiner Stirne und dem ſchwarzen Ring um die Augen die Spuren einer in Angſt durchwachten Nacht entdeckt. Das bemerkte Herr Juckal auch ſogleich, denn er täuſchte ſich nicht über die Urſachen der Schlaf⸗ loſigkeit des Sträflings. Nach dem Eſſen kam der Ball, während des Balls kam der Punſch; nach dem Punſch die Or⸗ gie und Gott weiß, wohin die Orgie ſeine Ge⸗ treuen führte. Gibaſſier hatte dieſe aufregende Pilgerwan⸗ derung, die von dem Salon des Reſtaurateurs in das Zimmer der Orgie führt, ſtreng mitgemacht. Aber weder der Pein noch der Punſch, noch die Orgie vermochten einen Mann von der Stärke Gibaſſiers zu beugen, und Herr Zackal hätte auf der Stirne des Sträflings die gewöhnliche Heiter⸗ keit leuchten ſehen, wenn nicht ein Ereigniß, das bei ſeinem kleinen Lever eintrat, ihm zu gleicher Zeit den Verſtand und die Röthe ſeiner Wangen geraubt hätte. Und der Leſer wird uns ſogleich zugeſtehen, daß dabei noch mehr zu verlieren war“ Man höre, was geſchah: Um acht Uhr Morgens, als er noch ſchlief, wurde er durch plötzlich geweckt. Er rief aus dem Bette heraus: „Wer iſt da?“ Eine weibliche Stimme antwortete: „Ich bin's!“ heftige Schläge an ſemer Thüre 12* 180 Und Gibaſſier war, als er die Stimme er⸗ kannte, nach der Thüre gegangen, um ſie zu öff⸗ 1e augenblicklich wieder in das Bett zurück⸗ ekehrt. 5 4 Man denke ſich ſein Erſtaunen, als er eine Frau von dreißig Jahren, blaß, mit aufgelösten Haaren und wüthenden Blicken, bei ſich eintreten ſah, eine Frau, die Niemand anders war, als die Neuverheirathete, die Gattin Ange Gabriels, eine alte Freundin von ihm, wie er Herrn Jackai geſagt. „Was gibt es, Eliſe!“ ſagte er, als ſie einge⸗ treten war. „Man hat mir Gabriel geraubt!“ antwortete die Frau. „Wie? Gabriel geraubt?“ fragte der Sträf⸗ ling beſtürzt.„Wer das?“ „Ich weiß es nicht.“ Wann das?“ „Ich weiß es ebenſowenig.“ „Ach, was! liebe Freundin,“ ſagte Gibaſſier, indem er ſich die Augen rieb, um ſich zu verſichern, daß er wache,„ich bin doch nicht mehr im Schlafe, und ich träume nicht, daß Sie hier ſind und daß man Gabriel entführt, und was will das ſagen? Wie iſt das zugegangen?“ „Sehen Sie,“ ſagte Eliſe,„als wir vom Cadran Bleu weggingen, begaben wir uns nach unſerer Wohnung, nicht wahr?“ „Ich denke wohl.“ „Ein junger Mann, einer von den Freunden Gabriels und ein Anderer, den wir nicht kannten, im Uebigen ſehr gut gekleidet, brachten uns bis 3 * N W M M — S— —— 181 an unſere Thüre. Als wir dort ankamen und ich eben den Thürhammer aufheben wollte, ſagte der Freund zu ihm: „Ich bin genöthigt, morgen zu früher Stunde abzureiſen; ich kann nicht wieder kommen und doch hätte ich Dir etwas ſehr Wichtiges zu ſagen.“ „Nun gut,“ antwortete Gabriel,„wenn es et⸗ was Wichtiges iſt, ſo ſage es mir ſogleich.“ „Es iſt ein Geheimniß,“ ſagte ſein Freund eiſe. „Nun, hat nichts zu ſagen,“ antwortete Gabriel, „Eliſe legt ſich zu Bette und Du erzählſt mir die Sache.“ „Ich gehe wirklich hinauf, um mich zu Bette zu legen, bin aber ſo müde vom Tanze, daß ich auf einem Klotze einſchlafe. Dieſen Morgen, als ich um 8 Uhr erwache, rufe ich Gabriel; Gabriel antwortet nicht. Ich gehe zur Portiere hinab und frage nach ihm. Aber ſie hat ihn mit keinem Ange geſehen: er war nicht nach Hauſe zurückgekehrt!“ „Eine Hochzeitnacht!“ ſagte Gibaſſier, indem er die Brauen zuſammenzog. „Das ſagte ich mir auch,“ machte Eliſe.„Wenn es nicht die Hochzeitnacht wäre, ließe ſich die Sache vielleicht erklären.“ „Das wird ſich aufklären,“ bemerkte der Sträf⸗ ling, welcher ſich etwas darauf zu Gute that, daß er die unerklärlichſten Dinge erklärte. „Ich lief nach dem Cadran Bleu und in die Kneipe, wohin er gewöhnlich geht, um mich nach ihm zu erkundigen, und da ich von Niemand etwas erfahren konnte, ſo kam ich zu Dir.“ 182 „Du biſt ziemlich hurtig für den Tag nach der Hochzeit,“ ſagte Gibaſſier.. „Wir hatten ja keine Hochzeitnacht, wieder⸗ hole ich Dir.“ „Das iſt wahr,“ gab der Sträfling zu, der von dieſem Augenblicke an ſeine alte Freundin be⸗ trachtete, wie er eine neue betrachtet hätte.„Und Du haſt keinen Verdacht?“ verſetzte er nach dieſer nähern Beaugenſcheinigung. „Auf wen ſoll ich Verdacht haben?“ „Auf alle Leute!“ „Das iſt viel,“ warf Eliſe naiv ein. „Sage mir vor Allem,“ ſagte Gibaſſier,„den Namen dieſes Freundes, der Dich heimbegleitet.“ „Ich kenne ſeinen Namen nicht.“ „Beſchreibe mir ihn.“ Es iſt ein kleiner brauner Mann mit einem arte.“ „Das iſt keine Beſchreibung, das: die Hälfte der Männer iſt klein, braun und trägt einen Bart.“ ch wollte ſagen, daß er aus dem Süden zu ſtammen ſcheine.“ „Von welchem Süden? Vom Süden von Mar⸗ ſeille oder vom Süden von Toulon? Es gibt einen ganzen Süden und einen Dreiviertelſüden.“ „Ich kann Dir's nicht ſagen; er trug einen Frack.“ „Woher kannte ihn Gabriel?“ „Von Deutſchland, wie es ſchien. Sie kamen von Mainz, wo ſie in demſelben Wirthshauſe mit einander geſpeiſt, und von Frankreich, wo ſie Ge⸗ ſchäfte auf gemeinſchaftliche Rechnung gemacht.“ „Was für Geſchäfte?“ n it ₰ 183* „Ich weiß es nicht.“ „Du weißt zu wenig, liebe Freundin, und ich finde in alle dem, was Du mir ſagſt, kein Indi⸗ cium, was mir auf die Spur helfen könnte.“ „Was ſoll man thun?“ „Laß mich darüber nachdenken.“ „Du glaubſt nicht, daß er ſonſt die Nacht an⸗ derwärts zuzubringen im Stande geweſen wäre?“ „Im Gegentheil, liebe Freundin, es iſt meine feſte Ueberzeugung, daß, wenn er nicht bei Dir war, er die Nacht anderwärts zugebracht.“ „O! unter anderwärts verſtehe ich bei einer ehemaligen Geliebten!“ „Was das betrifft, ſo verſichere ich Dich des Gegentheils. Das wäre erſtens eine Feigheit, zwei⸗ tens eine Dummheit, und Gabriel iſt weder feig, noch dumm.“— „Das iſt wahr,“ ſagte Eliſe ſeufzend;„aber was ſoll man machen?“ ℳ „Wie ich Dir ſage, ich will darüber nachdenken.“ Der Sträfling kreuzte wirklich die Arme, zog die Brauen zuſammen und ſtatt ſeine alte Freundin anzuſehen, wie er bis zu dieſem Moment gethan, ſchloß er die Augen und ſah ſo zu ſagen in ſich hinein. Während dieſer Zeit drehte Eliſe ihre Daumen um einander und betrachtete ſich das Schlafzimmer Gibaſſier's. Das Sinnen des Letztern ſchien Eliſen in's Unendliche ſich fortſetzen zu wollen und in einen Schlaf überzugehen. „ 184 „He, he, Freund Gibaſſier,“ jahte ſie, indem ſie aufſtand und ihn am Hemdärme zupfte. „Was?“ „Sind wir eingeſchlafen?“ „Ich habe nachgedacht,“ machte Gibaſſier mit dem Ausdruck verdrießlicher Stimmung, denn er com⸗ mentirte Wort für Wort das Geſpräch, das er am vorhergehenden Tage mit Herrn Jackal gehabt, und begann Mißtrauen zu ſchöpfen, als er ſich ſeiner letzten Worte erinnerte:„Wo ſpeiſen Sie?“ der Polizeichef möchte dem Verſchwinden Ange Gabriels nicht ganz fremd ſein. Nachdem ihm dieſer Gedanke einmal durch den Kopf gegangen, ſprang er ohne die geringſte Schaam aus dem Bette und ſchlüpfte raſch in ſeine Hoſe. „Was machſt Du?“ fragte Eliſe erſtaunt; viel⸗ leicht war ſie zu dem Sträfling weniger um Er⸗ kundigungen einzuziehen, als um Troſt zu holen, gekommen. „Du ſiehſt es ja, ich kleide mich an,“ antwor⸗ tete Gibaſſier, indem er wirklich mit ſolcher Eile ſeine Kleider anzog, daß man glauben konnte, man wolle ihn arretiren, oder das Haus ſtehe in Brand. In zwei Minuten war er vom Kopf bis zu Fuß angekleidet. „Ei““ fragte Eliſe,„was kommt Dich an, hegſt Du irgend welche Befürchtungen?“ „Ich fürchte Alles, liebe Eliſe, und noch tau⸗ ſendmal mehr,“ ſagte emphatiſch der Sträfling, der trotz der Gefahr, die ihm drohte, mit ſeinem Pedantismus um ſich hieb. S——— v M M — 185 „Du biſt ihm alſo auf der Spur?“ fragte Frau von Gabriel. „Allerdings,“ antwortete der elaſſiſche Gibaſſier, indem er aus ſeinem Secretär ſämmtliche Bank⸗ billets und Goldſtücke nahm, die ſich darin befanden. „Du nimmſt Dir Geld,“ ſagte Eliſe erſtaunt, „Du willſt alſo auf Reiſen gehen?“ „Allerdings.“ „Weit? ſehr weit?“ „Wahrſcheinlich an's Ende der Welt.“ „Für lange?“ „Für immer, wenn es möglich iſt,“ antwortete Gibaſſier, indem er aus einer andern Schieblade ein paar Piſtolen, Patronen und einen Dolch nahm, die er in die Taſchen ſeines Rockes ſteckte. „Dein Leben iſt alſo bedroht?“ fragte Eliſe ſ erſtaunter, als ſie all' dieſe Vorbereitungen ah. „Mehr als bedroht,“ antwortete der Sträfling, indem er ſeinen Hut in den Kopf drückte. „Aber Du dachteſt nicht an's Reiſen, als ich bei Dir eintrat,“ warf die Frau von Gabriel ein⸗ „Nein, aber die Arretirung Deines Mannes brachte mich auf den Gedanken.“ „Du glaubſt alſo, daß er arretirt worden?“ „Ich glaube es nicht, ich weiß es gewiß; ich bringe Dir deßhalb, meine angebetete Liebe, meine reſpektvollſten Wünſche dar, ünd fordere Dich auf, es wie ich zu machen, das heißt Dich an einen ſicheren Ort zurückzuziehen.“ Mit dieſen Worten nahm der Sträfling Eliſe in ſeine Arme, küßte ſie lebhaft, ſtieg die Treppen 186 hinunter, indem er immer vier Stufen nahm, und ließ die Frau von Ange Gabriel in der höchſten Beſtürzung zurück. Unten an der Treppe eilte Gibaſſier an der Loge des Concierge vorüber, ohne auf die gute Frau zu achten, die ihm ſeine Briefe und Journale zuſtellen wollte. Er ſtürzte ſo raſch durch den Gang, der ihn von der Straße trennte, daß er nicht bemerkte, daß ein Fiaker vor der Thüre hielt,— ein ganz ungewöhnliches Phänom in einer ſolchen Straße, vor einem ſolchen Hauſe. Noch weniger bemerkte er vier Männer, die zu beiden Seiten der Thüre ſtanden, und die, ſobald ſie ihn gewahrten, ihn am Kragen packten und in den Wagen trugen, ehe er noch einen Fuß auf das Pflaſter geſetzt. Einer von dieſen Vieren war der unfreundliche Colombier und einer von denen, die ihn an den Armgelenken hielten, ein kleiner brauner Mann mit Backenbart, den er fogleich nach den flüchtigen An⸗ deutungen Eliſens als den erkannte, der dem Ange Gaobriel die Flügel geſchnitten. Nach Verfluß von zehn Minuten hielt der Wa⸗ gen vor der Polizeipräfectur, und nachdem er an⸗ derthalb Stunden auf dem Depot zugebracht, wo er ſeine Mitarbeiter und Freunde Brin d'Acier, Carmagnole, Longue Avoine und Papillon getrof⸗ fen, trat er, wie wir erzählt, Punkt zwölf Uhr Mittags in das Cabinet des Herrn Jackal. Man begreift, daß Gibaſſier von ſeinen Ka⸗ meraden über die Arreſtationen am vorigen Tag 187 hinlänglich unterrichtet, mit ziemlich trauriger Miene vor dem Polizei⸗Chef ſtand. „Gibaſſier,“ ſagte Herr Jackal mit tief betrüb⸗ ter Miene,„ich bedauere lebhaft, glauben Sie mir, Sie für einige Zeit in den Schatten ſtellen zu müſſen. Die Sonne großer Städte hat Ihnen das Hirn etwas in Unordnung gebracht, mein gu⸗ ter Freund, und als Sie die Mallepoſt mit dem Engländer und ſeiner Frau zwiſchen Namours und Chateau⸗Landon anfielen, vergaßen Sie zu ſehr, daß Sie den Hof von London mit dem von Frank⸗ reich dadurch broulliren konnten; mit andern Wor⸗ ten: Sie haben die Freiheit, die ich Ihnen ſo groß⸗ müthig und unumſchränkt detroyirt, allzuſehr miß⸗ braucht.“ „Aber, mein Herr Jackal,“ unterbrach ihn Gi⸗ baſſier,„glauben Sie mir, daß es mir bei dem Anfall auf die Mallepoſt nicht in den Sinn kam, jenen Inſulanern irgend übel mitzuſpielen.“ „Was ich an Ihnen liebe, Gibaſſier, iſt, daß Sie wenigſtens den Muth Ihrer Meinung haben. — Ein Anderer an Ihrer Stelle, Papillon oder Brin d'Acier zum Beiſpiel, würden laut aufſchreien, die ſüßen Lämmer, wenn man ihnen von einer nächtlicher Weiſe durch ſie zwiſchen Namours und Chateau⸗Landon überfallenen Mallepoſte ſpräche; aber Sie, Sie ſagen die Wahrheit gerade heraus. Ein Poſtwagen wurde angefallen, von wem? Von mir, mir Gibaſſier, ſage ich, und damit genug! Eine außerordentliche Offenheit, das iſt Ihre we⸗ ſentlichſte und vorherrſchendſte Eigenſchaft, und ich mache mir eine wahre Freude daraus, ſie vor Ihnen 188 zu conſtatiren. Unglücklicher Weiſe erſetzt die Offen⸗ heit, ſo wichtig ſie auch iſt, nicht alle Eigenſchaf⸗ ten, die für einen Weiſen nöthig ſind, und ich ſehe mich deßhalb zu meinem Bedauern gezwungen, Ih⸗ nen zu ſagen, daß Sie bei der Geſchichte mit der Mallepoſte aller Klugheit in's Geſicht geſchlagen. Wie zum Teufel! ein Mann von Geiſt wie Sie wagt es, Engländer zu überfallen?“ „Ich hielt ſie für Elſäßer,“ antwortete Gi⸗ baſſier. „Das iſt ein mildernder Umſtand, obgleich, da Brin d'Acier vom Elſaß iſt, es eine Schlechtigkeit wäre, einen Elſäßer zu überfallen. Es war deß⸗ halb ein doppeltes Vergehen und deßhalb glaube ich, daß ein bischen Schatten Ihnen wohlthätig ſein wird.“ „So ſchicken Sie mich alſo,“ ſaate der Sträf⸗ ling, der ſeine Faſſung zu verlieren begann,„ganz einfach nach dem Bagno?“ „Ganz einfach, wie Sie ſagen.“ „Nach Rochefort, Breſt oder Toulon?“ „Wie Sie wollen, mein Freund. Sie ſehen, daß ich väterlich mit Ihnen verfahre.“ „Und auf lange?“ „Ebenfalls, wie es Ihnen beliebt. Sie brau⸗ chen ſich nur gut zu halten; denn Sie ſind mir zu koſtbar, als daß ich Sie nicht zu mir rufen würde, ſobald ich Gelegenheit dazu finde.“ „Und zuſammengejocht?“ „Ganz nach Ihrer Wahl, man kann nicht nach⸗ giebiger ſein.“ „Nun denn,“ ſagte Gibaſſier, der, einſehend, 189 daß ſich nichts dagegen machen ließ, endlich einen Entſchluß gefaßt hatte,„nun denn, abgemacht, ich wähle Toulon, ohne Zuſammenjochung.“* „Ach!“ machte Herr Jackal ſeufzend,„wieder eine Ihrer koſtbaren Eigenſchaften, die zum Teufel geht, Gibaſſier. Ich will von der Dankbarkeit oder Freundſchaft reden, wie Sie es lieber wollen. Ihr Herz kann ohne zu brechen einen Bruder aus dem Bagno an eine andere Kette gefeſſelt ſehen, als die Ihrige?“ „Was wollen Sie ſagen?“ fragte der Sträf⸗ ling, der nicht wußte, wo Herr Jackal damit hin⸗ aus wollte. „Iſt es möglich, undankbarer Gibaſſier⸗ daß Sie Ange Gabriel ganz aus dem Gedächtniß ver⸗ loren, während Sie kaum vor vierundzwanzig Stun⸗ den ſeine Hochzeitsfackel trugen?“ . ſid harte mich nicht getäuſcht,“ murmelte Gi⸗ aſſier. „Sie täuſchen ſich ſelten, lieber Freund; darin muß man Ihnen gerecht werden. „Ich war gewiß, daß er auf Ihren Befehl ar⸗ retirt wurde.“ „Auf meinen Befehl allerdings, ſcharfſichtiger Gibaſſier. Aber wiſſen Sie, warum ich ihn arre⸗ tiren ließ?“ „Nein,“ antwortete der Sträfling offen. „Wegen einer kleinen Sünde, die, wenn Sie wollen, im Allgemeinen nicht viel zu bedeuten hat, und die dennoch eine kleine Züchtigung verdient, um ihn zu lehren, daß er ſich beſſer aufführe. Sollten Sie glauben, daß, während der Geiſtliche 190 von Saint Jacques du Haut Pas, der ihn traute, ihn das Keichſchüſſelchen küſſen ließ, er ihm ſein Taſchentuch und ſeine Tabatidre ſtahl? Das iſt denn doch zu liederlich. Der Geiſtliche, der kei⸗ nen Skandal in ſeiner Kirche machen wollte, voll⸗ zog ruhig die Ceremonie und machte mir eine halbe Stunde ſpäter die Anzeige. Glauben Sie jetzt noch an die Tugend der Engel? Und deßhalb, Gibaſ⸗ ſier, nenne ich Sie einen Undankbaren, da Sie nicht an dieſelbe Kette gefeſſelt ſein wollen, wie dieſer junge Staar, deſſen Erziehung Sie hätten vollen⸗ den können.“ „Wenn dem ſo iſt,“ ſagte Gibaſſier,„ſo nehme ich meine Bitte zurück; ich verlange Toulon und die Zuſammenkoppelung.“ „Ach! jetzt erkenne ich den Gibaſſier meines Herzens! Ach, was für ein Mann würden Sie ge⸗ worden ſein, wenn Sie in beſſerer Schule geweſen wären! Aber man hat Sie von früheſter Kindheit an durch die Lectüre der Claſſiker abgeſtumpft und Sie kennen nicht mal die erſten Elemente der moder⸗ nen Schule. Das hat Sie zu Grunde gerichtet. Aber noch iſt nicht Alles verloren, und der Schaden kann vielleicht wieder gut gemacht werden. Im Augenblick nämlich, als Sie eintraten, dachte ich daran, eine große Bibliothek zum Gebrauch aller Enterbten Ihrer Art zu gründen, und ob ich ſtatt Sie mit Ange Gabriel zuſammen zu koppeln, nicht lieber Beide auf Halbkette ſetzen ſollte, und ob ich Ihnen bei Ihrem Eintritt in das Bagno nicht ſo⸗ gleich den geſuchteſten, einträglichſten Poſten, den eines Payole, d. h. Schreibers, geben ſollte? Iſt es 182 nicht eine reizende Miſſion, die die Correſpondenz ſeiner nicht gelehrten Kameraden zum Gegenſtand hat, wodurch man der Vertraute ihrer geheimſten Geheimniſſe, ihr Rath und ihre Stütze wird? Was würden Sie zu einer ſolchen Gunſt ſagen?“ „Sie überhäufen mich mit Güte,“ ſagte der Sträfling mit halb ironiſcher, halb ernſter Miene. „Sie verdienen es,“ ſagte Herr Jackal mit affek⸗ tirter Höflichkeit.„Nun denn, es iſt abgemacht, Sie konnen ſich Beide als angeſtellte Payolen be⸗ trachten. Haben Sie für die Zeit Ihres Dort⸗ ſeins noch andere Bitten an mich zu richten?“ „Eine einzige,“ ſagte Gibaſſier ernſt. „Sprechen Sie, lieber Freund; ich zerbreche mir den Kopf, um etwas zu finden, was Ihnen angenehm ſein könnte.“ „Do Gabriel,“ ſagte der Sträfling,„geſtern Abend arretirt wurde, ſo hatte er keine Zeit, nähere Bekanntſchaft mit ſeiner Frau zu machen. Würde ich deßhalb zu viel von Ihnen verlangen, wenn ich Sie bitte, ihr zu erlauben, ihren Gatten vor ſeiner Abreiſe nach dem Süden zu ſehen?“ „Nein, es iſt durchaus nicht zu viel verlangt, lieber Freund. Sie ſoll ihn alle Tage vor ſeiner Abreiſe ſehen. Iſt das alles, Gibaſſier?“ „Es iſt nur der erſte Theil meiner Bitte!“ „Nun, ſo laſſen Sie den zweiten hören.“ „Werden Sie ihm erlauben, unter demſelben Breitegrad wie ſeine Gattin zu leben?“ „Zugeſtanden, Gibaſſier, obgleich der zweite Theil Ihrer Bitte mir eben ſo leid thut, als der erſte mich gefreut. In dem erſten Theil legten Sie 192 Uneigennützigkeit an den Tag, Sie ſprachen für einen abweſenden Freund, während Sie beim zwei⸗ ten Theile etwas intereſſirt zu ſein ſcheinen.“ „Ich begreife Sie nicht,“ ſagte Gibaſſier. „Und dennoch iſt es ſehr einfach. Haben Sie mir nicht geſagt, daß die Frau Ihres Freundes Ihre ehe⸗ malige Freundin geweſen? Ich fürchte deßhalb, daß es mindeſtens eben ſo ſehr für Sie als für Ihren Freund geſorgt heißt, wenn Sie daran denken, ſeine Frau in Ihre Nähe zu bringen.“ Der Sträfling erröthete ſchamhaft. „Nun, nun,“ ſagte Herr Jackat melancholiſch, „man iſt nicht vollkommen... Sie haben mich um nichts mehr zu bitten?“ „Noch etwas.“ „Fahren Sie fort, ſo lange Sie daran ſind.“ „Wie wird unſere Reiſe vor ſich gehen?“ „Das müſſen Sie ſelbſt wiſſen, Gibaſſier, ganz auf die gewöhnliche Weiſe.“ „Durch Bicetre?“ fragte der Sträfling, indem er eine furchtbare Grimaſſe ſchnitt. „Natürlich.“ „Das thut mir außerordentlich leid.“ „Und weßhalb dies, mein guter Freund?“ „Was wollen Sie, Herr Jackal; ich kann mich einmal nicht an Bicetre gewöhnen. Sie haben es ſelbſt geſagt, man iſt nicht vollkommen; der Ge⸗ danke ſchon, daß ich mit Narren zuſammen kommen ſoll, verurſacht mir Nervenzufülle.“ „Warum,“ ſagte Herr Jackal, indem er ſich erhob,„ſind Sie ſo ängſtlich? Unglücklicher Weiſe, Gibaſſier,“ fuhr er fort, indem er an dem Glocken⸗ 193 knopf drückte,„kann ich Ihrer Bitte keine Rechnung tragen. Ich begreife ganz die Trauer, in die Sie dieſer Gedanke verſetzen kann, und es iſt eine ſchreckliche Nothwendigkeit, aber es iſt einmal eine ſolche, und wie Sie wiſſen, ſtellte das Alterthum die Nothwendigkeit mit eiſernen Feſſeln dar.“ Herr Jackal hatte gerade ausgeſprochen, als Colombier eintrat. „Colombier,“ ſagte der Chef der Polizei, in⸗ dem er eine große Priſe Tabak nahm, die er, zu⸗ frieden mit der Art, wie die Sachen gegangen waren, wollüſtig einſog,„Colombier, ich empfehle Ihnen ganz beſonders— Sie verſtehen mich wohl, ganz beſonders Herrn Gibaſſier. Sie werden ihn vorderhand, ſtatt ihn nach dem Depot zu bringen, in das Gefängniß ſchaffen, wohin Sie den Ge⸗ fangenen gebracht, den Sie geſtern Abend arre⸗ tirt. Dann ſich nach Gibaſſier umwendend, ſagte er: „Ich ſprach von Ange Gabriel, und ſagen Sie jetzt noch, daß ich nicht an Alles denke 2 „Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken ſoll,“ ſagte der Sträfling ſich verbeugend. „Sie werden mir danken, wenn Sie zurückkeh⸗ ren,“ ſagte Herr Jackal, ihn verabſchiedend. ſah ihn mit einer gewiſſen Melancholie weg⸗ gehen. „Jetzt bin ich ein Krüppel,“ ſagte er,„denn mein rechter Arm iſt fort.“ Dumas, Salvator. VIII. 13 194 CXXV. Die Kette. Das alte Schloß Bicetre, an dem Abhang von Villejuif bei dem Dorfe Gentilly auf der rechten Seite des Weges von Fontainebleau, eine Meile ſüdlich von Paris gelegen, bietet dem Reiſenden, der ſich in dieſe Gegend verirrt, eines der düſter⸗ ſten Schauſpiele, die man ſich denken kann. Dieſe ſchwere, finſtre Steinmaſſe hat, aus einer gewiſſen Entfernung geſehen, etwas Befremdendes, Schauerliches, Phantaſtiſches und Abſtoßendes. Man glaubt mit aufgelöſtem Haar und grin⸗ ſenden Zähnen alle Krankheiten, alles Elend, alle Laſter und Verbrechen, die ſich hier ſeit Ludwig dem Heiligen bis auf unſere Tage angehäuft, be⸗ ſtändig an ſich vorüberhuſchen zu ſehen. Zu gleicher Zeit Ruheſitz und Gefängniß, Ho⸗ ſpital und Strafanſtalt, gleicht das Schloß von Bicetre einer jener alten verödeten Burgen Deutſch⸗ lands, die zu gewiſſen Stunden von den Hexen und Zauberinnen der Hölle heimgeſucht werden. Der Doctor Pariſet ſagte von Bicetre in ſei⸗ nem Bericht an das Strafgefängnißcollegium:„Bice⸗ tre verwirkliche die Hölle der Dichter.“ Diejenigen von unſern Zeitgenoſſen, welche die⸗ ſes Pandämonium vor zwanzig Jahren beſucht, können die Wahrheit unſerer Behauptung beſtätigen. Damals fand im Hof von Bicetre die Ceremo⸗ nie des Einſchmiedens ſtatt. Dieſes Schauſpiel, das in dem düſtern Hofe begann, um erſt in Breſt, N— — M —— XSS v S X 8* 195 Rochefort, Toulon ſich zu vollenden, war von der düſterſten Wirkung, und man begriff ganz gut, daß Gibaſſier, der die Szene kannte, ſo wenig Luſt hatte, ſeine Rolle in dieſem traurigen Melodrama zu ſpielen. Die erſten Zurüſtungen zum Einſchmieden wur⸗ den, wie wir ſagten, im großen Hofe des Schloſſes gemacht. An dieſem Morgen machte der Hof, durch den dichten Nebel, der darin herwehte, einen noch trau⸗ rigeren Eindruck denn gewöhnlich. Der Himmel war grau, die Luft ſcharf, der Koth ſchwarz. Einige Leute mit wahren Galgen⸗ eßctt und abſtoßendem Aeußern liefen im Hofe hin und her, wie klagende Schatten, von Zeit zu Zeit ein Wort austauſchend, in einer Sprache, die für jeden Andern, als einen ſolchen Schatten, un⸗ verſtändlich war. Dieſer Spaziergang dauerte eine halbe Stunde, als andere Individuen, mit nicht minder abſtoßen⸗ dem Aeußern zu den erſten traten, und nachdem ſie ſie in ihrer Sprache begrüßt, die ſchweren Ket⸗ ten und zahlreichen Eiſen, mit denen ſie beladen waren, auf den Boden warfen. Es waren die Strafgefangenen, welche im Ge⸗ fängniß von Bicetre den Dienſt verſahen. „Ihr habt's heute ſchlimm!“ ſagte einer der Männer aus der erſten Gruppe zu einem der Neu⸗ ankommenden, welcher ſein von Schweiß triefendes Geſicht trocknete. „Sprecht mir nicht davon,“ 196 auf die Eiſen deutend, die er eben niedergelegt, „ich hatte dreimal meine Ladung!“ „Es ſind ihrer alſo viele?“ verſetzte der Erſte. „Beinahe dreihundert.“ „Noch nie wird man eine ſolche Kette geſehen haben.“ „Ohne die fliegenden Ketten zu zählen, die man ihnen auf dem Wege anlegt.“ „Aber man hat ihnen ja gar nicht mal den Prozeß gemacht. Ich leſe die Journale aufmerk⸗ ſam und fand nur neun Verurtheilte.“ S ſcheint, daß alle Uebrigen alte Kunden ind. „Ihr kennet ſie?“ „Ich?“ antwortete der Strafgefangene.„O! pfui!“ In dieſem Augenblick hörte man einen Pififf vom Schloſſe den Hof durchgellen. „Auf eure Poſten!“ ſagte ein Mann von der erſten Gruppe zu den Neuangekommenen. Sie ſtellten ſich an der Mauer des Hofes auf, jeder vor ſeinen Eiſen. Im ſelben Augenblick, als man das Pfeifen hörte, ſtrömten aus der Thüre, welche in den zwei⸗ ten Hof führte, dreißig bis vierzig Verurtheilte her⸗ aus, welche von einer Truppe Soldaten gleichſam an der Koppel geführt wurden. Kaum waren die Sträflinge in den Hof ein⸗ getreten, als ſie, die freie Luft einathmend, einen langen Freudenſchrei ausſtießen, dem ein dumpfes Gemurmel antwortete: es waren die andern Sträf⸗ linge, welche die Stunde der Erholung erwarteten. — NMMW— VS= v — W * 197 Die Erſten, welche wir vor dem Pfeifen in dem Hofe umhergehen ſahen, ſtürzten ſich auf die Ver⸗ urtheilten, und zogen ihnen die Kleider des Hau⸗ ſes aus, um ſie genau zu unterſuchen, ob ſie nicht irgend eine Waffe, einen Werkzeug, Geld, oder ſonſt eine Contrebande bei ſich verſteckten. Nochdem dies geſchehen, warfen ihnen andere Leute, wie man dem Hund ein Bein hinwirft, eine Art von grauem Kittel zu, um ihre Blöße zu be⸗ decken. Während man die Gefangenen auf dieſe Weiſe entkleidete und ſie ſich wieder ankleideten, hatten die Gefängnißwärter, welche das Einſchmieden be⸗ ſorgten, eine Reihe ſchwerer Ketten auf das Pfla⸗ ſter niedergelegt. Man war eben damit zu Ende, als man wie⸗ der pfeifen hörte. Auf dieſen Ton wurde jeder Sträfling hinter eine Art von dreieckigem Halseiſen geſtellt, das der Gefängnißwärter ihm bis an den Hals heraufhob. Nachdem die Gefangenen mit dieſen Halseiſen be⸗ kleidet waren, kam ein Mann von rieſiger Geſtalt und wildem Ausſehen aus dem finſtern Winkel, in welchem er bislang geſtanden,(man hätte glau⸗ ben können, er löſe ſich von der Mauer los) mit einem ſo ſchweren Hammer hervor, daß er ſelbſt Tubalkain und Vulcan erſchreckt hätte. Es war der Schließer. Bei dem Anblick des rieſigen Hammerträgers durchlief ein heftiger Schauer die ganze Bande und gab ihr einen Augenblick einige Aehnlichkeit mit dem Graſe, das neben dem ſteht, das eben 398 gemäht worden: es wurde von der Wurzel bis zur Spitze erſchüttert. Und es war auch Grund genug vorhanden, zu ſchauern. Der Schließer, mit ſeinem ſchweren Werkzeuge bewaffnet, ging hinter jedem der Verurtheilten vor⸗ über, und mit einem ſtarken Schlag der be ren Maſſe nietete er den Knopf, der das Dreieck ſchloß, eine Operation, unter der ſich die Köpfe der Sträflinge erſchrocken beugten. Nachdem dies mit dem erſten Haufen geſchehen war, hörte man ein zweites Pfeifen, dann ein drit⸗ tes und ſo fort, bis zur Zahl von dreihundert. Als alle im Hofe waren, koppelte man ſie zu⸗ ſammen. Die Kette, welche ſie feſſelte, ging vom Halsband zum Gürtel und vom Gürtel zum Hals⸗ band des Nächſten, bis zum Ende der Colonne, welche eine Kette band, die an der ganzen Reihe hinablief. Aber die ſchrecklichſte Seite dieſes Schauſpiels beſtand noch nicht darin. Was am meiſten ein un⸗ heimliches Gefühl einflößte und, wenn man uns das Wort erlauben will, das Maleriſche der Sache bildete, das war die Haltung der Leute. Obgleich Genoſſen des Verbrechens, obgleich Genoſſen der Strafe, obgleich feſt aneinander ge⸗ feſſelt, und beſtimmt, aller Wahrſcheinlichkeit nach, ihr ganzes Leben zuſammen zuzubringen, ſahen ſich die Sträflinge doch kaum an; ſie ſchienen völlig fremd für einander. Sie verleugneten ſich gegen⸗ eitig. Unter ihnen boten zwei unſerer Bekanntſchaft, 199 (Eteocles und Polyneikes) das traurige Schauſpiel einer in der Stunde der größten Gefahr gebro⸗ chenen Freundſchaft. Wir ſprechen von Papillon und Carmagnole, welche wahrſcheinlich durch die Hand der Vorſehung hier aneinander gefeſſelt waren. Papillon ſchimpfte auf Carmagnole, Carmagnole auf Papillon. Sollte man es glauben? Daß ſie unter demſelben Breitegrad geboren waren, bildete gewiſſermaßen den Grund ihrer groben Aeußerun⸗ gen gegen einander. er Südländer von Marſeille ſuchte den Süd⸗ länder von Bordeaux ſo ſtark er konnte zu beſchim⸗ pfen und dieſer nannte ſeinen Kameraden Bouche du Rhone! Brin dAcier und Longue Avoine, welche gleich⸗ falls in dieſer Szene figurirten, boten ein nicht minder trauriges Koppeljoch dar. Longue Avoine nannte Brin d Acier„Kriegsknecht“ und Brin d'Acier Longue Avoine„Jeſuit.“ Auf der andern Seite erweckte der im Halb⸗ dunkel beim Pförtchen, beinahe am Ende der Co⸗ lonne ſtehende raphaeliſche Gabriel, der die Stirne ebeugt und ganz in die Arme ſeines ergebenen Frenndes Gibaſſier verſunken ſtand, durch ſeine Fiſcherarien das Mitleid der Zuſchauer. Der erfahrene und bläſtrte Gibaſſier ſchien der Vater der Bande, die Sdele der Kette! Alle Au⸗ gen welche auf ihn gerichtet waten, würden ſeine erven furchtbar gereizt haben; aber er ſchien dieſe Neugierde der Menge nicht zu bemerken oder viel⸗ mehr er verachtete ſie ſichtlich. Seine heitere Stirne, ſein ruhiger Blick, ſein 200 halb lächelnder Mund ſchien auf eine ſüße Träu⸗ merei zu deuten, eine Art von Ertaſe, in der ſich Hoffnung und Schmerz miſchte. Ließ er nicht trgerſſche Hoffnungen hinter ſich? War er nicht in zwanzig Zirkeln angebetet, die ſich um die Ehre ſtritten, ihn zu ihrem Präſidenten zu haben? Riſſen ſich nicht die vornehmſten Frauen der Hauptſtadt um ihn? Trauerte der Himmel nicht an dieſem Tage in ſeinem tiefſten Schwarz um den Weggang dieſes vielgeliebten Sohnes?“ Die übrigen, welche ohne Zweifel nicht dieſel⸗ ben Vorwürfe zur Träumerei hatten, wie er, waren weit entfernt, dieſelbe Ruhe zu heucheln. Im Gegentheil, ſobald die Knöpfe genietet wa⸗ ren, erhoben, wie die Stimme des Sturms, zwei⸗ hundert Kehlen ein wildes Geſchrei aus allen Ton⸗ arten der Skala, eine hölliſche Symphonie, durch⸗ miſcht mit Heulen, Pfeifen, ierſirhtun, Flüchen und Unflätigkeiten. Plötzlich trat auf das Zeichen eines der Män⸗ ner der Bande wie durch ein Zauberwort Stille ein, nur eine Stimme ließ ein Gelegenheitslied im reinſten Jargon ertönen, ein Lied, das jeder Sträf⸗ ling mit dem Schütteln ſeiner Kette begleitete, was einen furchtbaren und uſheimlichen Eindruck machte. Man hätte es für ein Conzert von Geſpenſtern halten können.„ Soweit war man gekommen, als eine neue Perſon zur großen Beſtürzung der Menge im Hofe erſchien, vor welcher ſich dieſe reſpectvoll verbeugte. Es war der Abbé Dominique. Er warf einen melancholiſchen Blick auf die M — NMMM N — NM S N 201 Kette und ſchien, die Augen zum Himmel erhe⸗ bend, auf dieſe Unglücklichen das göttliche Mitleid herabzurufen. Dann trat er zum Anführer der Kette und ag te „Mein Herr, weßhalb bin ich nicht auch ange⸗ kettet, wie dieſe Unglücklichen, da ich Verbrecher und Verurtheilter wie ſie bin?“ „Herr Abbé,“ antwortete der Anführer,„ich vollziehe damit nur die Befehle, die ich in dieſer Richtung empfangen habe.“ „Man hat Ihnen alſo den Befehl gegeben, mich frei zu laſſen?“ „Ja, Herr Abbé.“ S wer konnte Ihnen einen ſolchen Befehl geben?“ „Der Herr Polizeipräfect.“ In dieſem Augenblicke fuhr ein Wagen in den Hof von Bicetre; ein Herr in Schwarz gekleidet und mit weißer Cravatte ſtieg aus und auf den Abbé Dominique zugehend, verbeugte er ſich re⸗ ſpectvoll vor ihm und grüßte ihn ſchon von Weitem. Mein Herr,“ ſagte er zu dem armen Mönche, indem er ihm ein Pergament übergab,„Sie ſind von dieſem Augenblicke an frei. Hier iſt Ihre Be⸗ nadigung, mit deren Ueberbringung mich Seine Majeſtät beauftragte.“ „Vollſtändige Begnadigung?“ fragte der Abbé, mehr überraſcht, als heiter. „Ja, vollſtändige, Herr Abbé.“ „Seine Majeſtät beſchränkt meine Freiheit in keiner Weiſe?“ 202 „In keiner, Herr Abbé, und Seine Majeſtät beauftragt mich außerdem, jeden Wunſch, den Sie etwa haben könnten, zu erfüllen.“ Der Abbé Dominique ſenkte den Kopf und ſann einen Augenblick nach. Er erinnerte ſich einer großen mildthätigen Miſſion, welche ein Mönch, wie er, Sanct Vincenz de Paula unter Ludwig Klll. übernommen und für den die Stelle eines Generalalmoſeniners der Goleeren geſchaffen wurde. „Das iſt's,“ ſagte er,„ich werde der Troſt dieſer Verbannten werden; ich werde ſie hoffen leh⸗ ren! Wer weiß, ob all' dieſe Menſchen ſchlechter ſind, als die andern.“ Dann erhob er den Kopf und ſagte: „Mein Herr, da Seine Majeſtät mir einen Wunſch zu äußern erlaubt, ſo bitte ich um die Gnade, zum Almoſenier des Bagno ernannt zu werden.“ „Seine Majeſtät hat Ihren Wunſch voraus⸗ geſehen,“ ſagte der Abgeſandte des Königs, in⸗ dem er ein zweites Pergament aus der Luſche zog und es dem Abbé Dominique gab;„hier Ihre Er⸗ nennung und Sie können, wenn es Ihnen beliebt, Ihre Funktionen ſogleich antreten.“ „Wie das?“ fragte der Abbé, der die Rotte zum Abmarſch bereit ſah. „Es iſt Gebrauch, Herr Abbé, eine Meſſe in der Kapelle des Hauſes zu leſen und die Gnade Gottes auf die Gefangenen vor ihrem Abgang nach dem Bagno herabzurufen.“ „Zeigen Sie mir den Weg, mein Herr,“ ſagte 203 der Abbé Dominique, indem er ſich, gefolgt von dem Abgeſandten, nach dem Mittelgebäude begab, wo die Kapelle ſich befand. Die Kette ſetzte ſich in Bewegung und folgte dem Mönche. Nachdem die Maſſe vorüber war, ertönte ein neues Pfeifen. Die Sträflinge wurden, als ſie in den Hof zu⸗ rückkehrten, auf lange Wagen geſetzt und die unge⸗ heure Gefängnißthüre öffnete ihre beiden Flügel. Die Wagen rollten ſchwer auf dem Fflaſter zum Hofe hinaus, gefolgt von Küchenfourgons und ei⸗ nem Cabriolet, in welchem der Anführer der Kette, der Chirurg, ein Beamter des Miniſteriums des Innern, der den Titel eines Commiſſärs hatte, und der Abbé Dominique ſaßen, während eine ſtarke Gendarmerieescorte nebenher ritt. Dem Abmarſch der Kette wohnen gewöhnlich, wie man ſich erinnert, jene Pariſer Müſſiggänger bei, die ihre Freude an dem Schauſpiel der Un⸗ glücklichen haben. Als die Wagen erſchienen, entſtand ein Hurrah von Verwünſchungen, welche die Maſſe der Bande nachſchleuderte, ein Hurrah, auf das alle Sträf⸗ linge mit einem Schrei oder vielmehr mit einem finſtern Kriegsgeſang antworteten, jenem Refrain, der in allen Bagnos gäng und gäbe iſt, und gleich⸗ ſam eine Herausforderung der Sträflinge gegen die Geſellſchaft bildet: „La pogre ne périra pas 1*) 6 Die Diebe ſterben nicht aus. 20 Aber der Abbs ſtreckte beide Hände nach der Maſſe und den Sträflingen aus und der Zug konnte ſich unter tiefer Stille in Bewegung ſetzen. CXXVI. Wo Camille de Rozan auf das beſte Mittel ſinnt, ſich zu rächen. Unſere Leſer erinnern ſich vielleicht der Worte, welche Madame Camille de Rozan geſprochen, als ſie ihrem Manne die acht Tage gewährte, die er gefordert, um einzupacken und ſeine Päſſe in Ord⸗ nung zu bringen. Frinnern wir uns der letzten Worte, die dieſem Kapitel, ſowie dem nächſten zur Nachſchrift dienen können. „Acht Tage, gut!“ hatte die Creolin geſagt; „acht Tage; aber,“ hatte ſie hinzugefügt, indem ſie auf die Schieblade blickte, in der ihr Dolch und die Piſtolen eingeſchloſſen waren,„ſo wahr mein Entſchiuß vor Deinem Eintreten in dieſes Zimmer gefaßt war, wenn wir von hier in acht Tagen nicht abgereist ſind, ſo ſtehen wir am neunten, Du, ſe und ich Camille, vor Gott, um Rechenſchaft über unſer Leben abzulegen.“ 3 Und am andern Tage hatte Camille mitten während ſeiner Unterredung mit Salvator einen Brief von Fräulein Suſanne von Valgeneuſe em⸗ pfangen, in welchem ſtand: M 8— n n 1. 205 „Salvator gibt mir eine Million. Packen Sie ſo raſch als möglich ein: wir gehen zuerſt nach Havre und reiſen um drei Uhr ab.“ Nachdem er dem Ueberbringer des Briefes ge⸗ antwortet: er ſei einverſtanden, hatte Camille den Brief zerriſſen, die Stücke in den Kamin geworfen und war ausgegangen. Aber hinter ihm wurde raſch eine Portiere des Salons geöffnet, und Frau von Rozan trat ein. Sie ging raſch auf den Kamin zu und hob die Stücke des Briefes auf. Nachdem ſie die Aſche des Kamins genau un⸗ terſucht, und ſich vergewiſſert, daß keine Spur von Brief mehr da ſei, p Frau von Rozan aber⸗ mals die Portiere zur Seite und trat in ihr Schlaf⸗ kabinet. Nach Verfluß von fünf Minuten, hatte ſie alle in Ordnung gebracht und den Brief geleſen. Zwei Thränen rollten auf ihre Wangen, Thrä⸗ nen mehr der Schaam, als der Trauer; ſie war betrogen! Sie ſaß einige Augenblicke, die beiden Hände auf Augen, weinend und ſinnend in dem Fau⸗ teuil. Dann erhob ſie ſich raſch, ging in dem Salon mit verſchlungenen Armen und zuſammengezogenen Brauen auf und ab, blieb zuweilen ſtehen und legte die Hand an die Stirne, wie um ſich beſſer zu ſammeln. „Sie werden nicht mit einander reiſen oder ſollen mich die Räder ihres Wagens zermalmen.“ 206 Sie läutete ihrer Kammerfrau. Die Kammerfrau trat ein. „Was befehlen Sie?“ fragte ſie. „Was ich befehle,“ antwortete die Creolin in erſtauntem Tone.„Ich befehle nichts! Warum fragen Sie mich, was ich befehle?“ „Haben Sie nicht geläutet?“ „O ja, doch, aber ich weiß nicht mehr, warum?“ „Sind Sie nicht wohl?“ fragte die Kammer⸗ frau, als ſie das blaſſe Geſicht ihrer Herrin ſah. „Nein, nein, ich bin krank,“ antwortete Frau von Rozan mit einer Art von Stolz. „Wenn Sie meiner nicht bedürfen,“ verſetzte die Kammerfrau,„ſo will ich gehen.“ „Nein, ich brauche Sie nicht; das heißt, warten Sie einen Augenblick. ja, ich habe Sie um etwas zu bitten: Sie ſind in der Normandie ge⸗ boren?“ „Ja, Madame.“ „Wo?“ „In Rouen.“ „Iſt das weit von Paris?“ „Dreißig Stunden ungefähr.“ „Und von Havre?“ „Ungefähr die gleiche Entfernung.“ „Gut! Sie können gehen.“ „Warum ſie hindern abzureiſen?“ dachte die Creolin:„habe ich den ſichern Beweis ſeiner Treu⸗ loſigkeit und ſeines Verrathes anders als in meinem Herzen? Ich brauche einen unwiderleglicheren, einen materielleren Beweis! wo dieſen finden? wenn ich ihm ſage:„Ich weiß alles: Du gehſt morgen mit — M 207 ihr fort! Du wirſt nicht gehen, oder wehe Dir!“ ſo leugnet er Alles, wie er bereits geleugnet hat! Dieſe Suſanne aufſuchen und ihr ſagen:„Sie ſind ein infames Geſchöpf; Sie entführen mir mei⸗ nen Mann!“ ſetzt mich der Gefahr aus, daß ſie mich auslacht! Sie würde ihm ihr Abenteuer er⸗ zählen und ſie lachten beide über Camille über mich lachen!... Aber worin beſteht das Geheimniß dieſes abenteuerlichen Weſens? Wie konnte ſie eine ſo heftige und zarte Liebe hervor⸗ rufen? was iſt ihr Zauber? Sie iſt nicht ſo jung, nicht ſo braun, nicht ſo ſchön wie ich!“ Während ſie ſo dachte, war die Creolin an eine Pfyche gekommen, und betrachtete ſich lange, um ſich zu überzeugen, daß der Schmerz ihr nichts von ihrer Schönheit genommen und daß ſie ohne Scheu einen Vergleich mit Fräulein Suſanne von Valgeneuſe aushalten könne. Nach einer langen Selbſtprüfung floſſen wie⸗ derum zwei Thränen aus ihren Augen. „Nein,“ rief ſie ſchluchzend,„nein, ich werde es nie begreifen, daß er dieſe Frau geliebt! Aber was thun: ſuche ich ihn wider ſeinen Willen von hier fortzubringen, ſo entkömmt er mir unterwegs und ſie inden ſich wieder. Gibt er ſeine Einwilli⸗ zung und folgt er mir, ſchleppe ich dann nicht die keiche meiner Vergangenheit hinter mir drein, wäre es nicht das gefeſſelte Phantom unſrer Liebe? Und er wird heiter und ſorglos dieſen Abend heimkeh⸗ ren, wie gewöhnlich. Er wird mich, wie jeden Abend, auß die Stirne küſſen! O verrätheriſcher, lügneriſcher, feiger Camille! Nein, ich werde Dir 208 nicht ſagen, Du ſolleſt mir folgen! Ich werde Dir folgen wie Dein Schatten, bis zu dem Augenblicke, da ich den Beweis Deines Verbrechens habe! Beruhige Dich, mein Herz, und ſchlage nicht wieder, bis Du gerächt biſt.“ Mit dieſen Worten trocknete die junge Frau raſch ihre Thränen und begann ſich den Racheplan zu überlegen. Wir überſpringen dieſe Gedanken und finden ſie wieder in dem Augenblick, da Camille, leicht und roſig, und ſorglos, wie ſie geſagt, in ihr Schlaf⸗ zimmer trat. Er fand ſie, wie am vorhergehenden Tage, noch auf, und wie am Borhicett Tage ſagte er mit einem Kuſſe auf ihre Stirne: „Wie, Du biſt noch nicht zu Bette, mein Kind? Aber es iſt ja ein Uhr, mein lieber Engel.“ „Was thut es?“ ſagte Frau von Rozan kalt. „Aber es it mir nicht gleichgiltig, meine Liebe!“ verſetzte Camille, indem er ſeinen Worten den Ton der innigſten Zärtlichkeit verlieh;„wir wollen in acht Tagen eine große Reiſe unternehmen und Du bedarfſt dazu all Deiner Kräfte.“ „Wer weiß, ob dieſe Reiſe ſo lang ſein wird!“ ſagte die Creolin, wie mit ſich ſelbſt redend. „Ich weiß es!“ antwortete Camille, der die Amerikanerin nicht verſtand,„ich, der die Reiſe von Paris nach Louiſiana vier bis fünfmal ge⸗ macht; und auch Du, die ſie mit mir gemacht, mußt die Entfernung kennen.“ „Wir liebten uns, Camille!“ antwortete die 209 Creolin bitter lächelnd,„deßhalb ſchien mir die Reiſe ſo kurz.“ „Ich werde mir Mühe geben, daß ſie Dir noch kürzer erſcheine!“ ſagte Camille galant, indem er ſie wieder auf die Stirne küßte.„Doch jetzt gute Nacht, mein Kind; ich bin den ganzen Tag umher⸗ gefahren, bin müde und ſterbe beinahe vor Schlaf.“ „Gute Nacht, Camille,“ ſagte Frau von Rozan kalt. Und der Amerikaner kehrte in ſeine Zimmer zurück, ohne im Geringſten die Aufregung ſeiner Frau bemerkt zu haben. Am andern Morgen ſtieg die Creolin, begleitet von ihrer Kammerfrau, in einen Wagen und ließ ſich zu einem Buchhändler im Palais Royal fah⸗ ren, wo ſie das Poſtbuch kaufte. Dann ſtieg ſie wieder in den Wagen und rief dem Kutſcher, der fragte, wohin er fahren ſolle, zu: „Zu einem Wagenhändler.“ Der Kutſcher peitſchte ſeine Pferde und führte ſie nach der Rue de la Pepinidre. „Mein Herr,“ ſagte die Creolin zu dem Kauf⸗ mann,„ich wünſche eine Reiſe⸗Caleſche.“ „Ich habe mehre in meinem Magazin,“ ant⸗ wortete dieſer;„wenn Sie ſich die Mühe nehmen wollen, ſie anzuſehen.“ „Das iſt unnütz, mein Herr, ich verlaſſe mich ganz auf Sie.“ „Von welcher Farbe?“ „Die Farbe iſt mir gleichgültig.“ „Von wie viel Plätzen?“ Dumas, Salvator. VIII. 14 210 „Zwei.“ „Vollen Sie einen ſehr ſoliden Wagen?“ „Das iſt mir einerlei.“ „Für eine lange Reiſe?“ „Nein, ſechzig Stunden.“ „Sie haben vielleicht große Eile an Ort und Stelle anzukommen?“ „Allerdings große Eile,“ ſagte die Creolin kopf⸗ nickend. „Dann iſt ein ſehr leichter Wagen am beſten,“ verſetzte der Kaufmann;„ich habe, was Sie brau⸗ chen.“ „Gut! Wo nehme ich jetzt die Pferde?“ „Auf der Poſt, Madame, antwortete der Kauf⸗ mann, über die Frage von Frau von Rozan lächelnd. „Wollen Sie es übernehmen, mir dieſelben zu verſchaffen?“ „Ja, Madame.“ „Und ſchicken mir dann den Wagen angeſchirrt vor das Haus?“ „Gewiß, Madame. Um wie viel Uhr?“ Frau von Rozan beſann ſich einen Augenblick. Das Rendezvous oder vielmehr die Abreiſe Ca⸗ mille's und Suſannens war auf drei Uhr feſtge⸗ ſetzt. Sie mußte deßhalb eine Stunde oder wenig⸗ ſtens eine halbe Stunde ſpäter abfahren. „Um halb vier Uhr,“ ſogte ſie, indem ſie dem Kaufmann ihre Karte gab. Und ſie wollte ſich entfernen, als dieſer zu ihr agte: „Es iſt noch eine kleine Formalität zu erfüllen.“ „Welche?“ fragte die Creolin erſtaunt. ge⸗ ig⸗ E 211 „Den Preis auszumachen,“ antwortete der Kauf⸗ mann lachend. 5 „Das iſt nicht meine Sache, mein Herr,“ ſagte die Creolin, indem ſie ein Portefeuille aus ihrer Taſche zog.„Wie viel bin ich Ihnen ſchuldig?“ „Zwei tauſend Franken,“ antwortete der Kauf⸗ mann,„aber ſeien Sie überzengt, daß Sie einen guten Wagen erhalten, elegant, leicht und ſolid zu gleicher Zeit. Mit dieſem Wagen können Sie bis an's Ende der Welt kommen.“ „Machen Sie ſich bezahlt,“ ſagte die Creolin, indem ſie ihm ihr Portefeuille hinbot. Der Kaufmann nahm zwei Tauſendfrankbillets, nachdem er ſich mit der Unterwürfigkeit verbengt, welche den Kaufmann characteriſirt, wenn er einen Käufer dupirt hält. „Präcis halb vier Uhr,“ ſagte die Creolin, in⸗ dem ſie das Magazin verließ. „Präcis halb vier Uhr,“ wiederholte der Kauf⸗ mann, indem er ſich wieder bis zum Boden ver⸗ beugte. Frau von Rozan fand, als ſie nach Hauſe kam, Camille, der ſie zum Frühſtück erwartete. „Du haſt Einkäufe gemacht, mein Kind?“ fragte er, ſie küſſend. „Ja,“ ſagte die Creolin. „Für unſere Reiſe?“ „Für unſere Reiſe,“ wiederholte die Creolin. Beim Frühſtück war Camille voll Witz; er ließ alle Minen ſeines Geiſtes ſpringen, um ſeine Frau zu unterhalten. Die Creolin zwong ſich, zu la⸗ chen; aber zwei bis dreimal ergriff ſie ii 4 — 212 das Meſſer, und ſah dabei ihren Mann an; dieſer ſchien jedoch die Aufregung der Creolin nicht zu bemerken. Nachdem das Frühſtück vorüber war— gegen halb drei— ſtand Camille plötzlich auf und ſagte: „Ich gehe nach dem Bois de Boulogne.“ „Du kömmſt nicht zum Diner?“ fragte Frau von Rozan. „Wir haben zu ſpät gefrühſtückt,“ warf Camille ein;„aber wenn Du willſt, meine Liebe, werden wir zu Nacht ſpeiſen; in Deinem Zimmer,“ ſügte er mit einem verliebten Tone hinzu:„das wird uns an die ſchönen Nächte in der Louiſiana er⸗ innern.“ „Gut, Camille, wir werden zu Nacht ſpeiſen!“ ſagte die Creolin in düſterem Tone. „Adieu denn, bis dieſen Abend, meine Liebe!“ ſagte der Creole, indem er ſie lebhafter und län⸗ ger umarmte, als ſeit einigen Wochen, daß die Creolin unwillkürlich unter dieſem Kuſſe ſchauerte. Eine Frau täuſcht ſich ſelten über den wirk⸗ lichen Werth eines Kuſſes. Frau von Rozan bil⸗ dete ſich aber im Momente ein, ſie ſei noch geliebt, und empfand eine Art von wilder Freude. Sie ging in ihr Zimmer zurück, warf einige Efſecten in einen Nachtſack, und den Dolch und die Piſtolen aus der Tiſchſchieblade nehmend, mur⸗ melte ſie, den erſtern mit einem Blicke betrachtend, aus welchem Blitze leuchteten: „O Camille, Camille! der Geiſt der Rache iſt in mich eingekehrt und es iſt keine Zeit mehr, ihm die Flügel zu ſchneiden. Ich wollte Dich retten, iſt m 213 ehe es zu ſpät iſt! Die Stimme, die mir ſagt: „Stoß' zu!“ muß Dir in einigen Stunden ſagen: „Sühne!“ O Camille, und ich habe Dich ſo ſehr geliebt und liebe Dich noch immer. Aber ach! ein Wille, der ſtärker iſt, als der meine, zieht mich, mich zu rächen! Du weißt, daß ich Dich gewarnt, daß ich Dich gegen meinen gerechten Zorn ſchützen wollte! Ich ſagte zu Dir:„Laß uns von hier fortgehen! Wir wollen in unſere Heimath zurück⸗ kehren! Beim erſten Baume des Weges werden wir unſere Liebe wieder in Blüthe ſehen,“ aber Du wollteſt nichts hören und warſt entſchloſſen, mir zu entfliehen, indem Du mich belogſt. O Ca⸗ mille, Camille, ich ſollte Deinen Namen tragen; denn ich fühle in meinem Herzen alle Gefühle der Rache kochen und wie die römiſche Camilla fluche ich, indem ich liebe!“ In dieſem Augenblick trat die Kammerfrau ein und meldete, daß Alles zur Abreiſe bereit ſei. „Gut!“ ſagte die Creolin lakoniſch, indem ſie Dolch wieder nahm und ihn in ihre Taſche teckte. Dann faltete ſie die Hände und rief in einer religiöſen Exaltation: „Herr, gib mir die nöthige Kraft, um das Werk der Rache zu Ende führen zu können.“ Für ihre Kammerfrau ließ ſie, einen großen Mantel umwerfend, das Wort fallen: „Wir wollen gehen!“ Mit feſtem Schritt verließ ſie das Zimmer, nachdem ſie noch einen letzten traurigen Blick auf die Möbel, Bilder und die verſchiedenen Gegen⸗ — 214 ſtände warf, welche Zeugen der erſten und letzten Stunden ihrer Liebe geweſen. Sie ſtieg raſch die Treppe hinab und kam im Hofe an, wo die Poſtpferde auf dem Fflaſter ſtampften. „Dreifaches Trinkgeld, wenn Sie dreimal ſo ſchnell fahren,“ ſagte ſie zu dem Poſtillon, indem ſie in den Wagen ſtieg. Und der Poſtillon fuhr mit ſeinen Pferden durch das große Thor des Hotels, daß man ſagen konnte, er wolle ſein Geld ehrlich verdienen. Wir übergehen die Eindrücke, welche die Creo⸗ lin unterwegs bekam. Ganz in ihren tiefen Schmerz verloren, ſah ſie weder die Dächer der Häuſer, noch die Glockenthürme der Kirchen, noch die Bäume des Weges. Nur mit ſich beſchäftigt, ſah ſie nichts als die Blutstropfen, die aus ſeinem Munde floſſen, und die Thränen, die aus ihren Augen traten. Um ſechs Uhr hatte ſie den Wagen der Flüch⸗ tigen eingeholt. Sie kam beinahe zur ſelben Stunde der Nacht in Havre an und erfuhr von dem Po⸗ ſtillon, der ſie gefahren, daß ſie im Hötel Royal am Kai abgeſtiegen waren. „Nach dem Hötel Royal,“ ſagte ſie zu ihrem Poſtillon. Nach Verfluß von zehn Minuten war ſie in einem der Zimmer des Hotels einlogirt. Wir werden im nächſten Capitel ſagen, was ſie dort ſah und was ſie dort hörte. — N , e ie d E e l m in ir t 215 CXXVII. Was man hören kann, wenn man an den Thüren horcht. „Geben Sie Madame Nro. 10, ſagte die Wir⸗ thin zu dem Stubenmädchen. Nro. Zehn war in der Mitte der erſten Etage agh as Stubenmädchen inſtallirte Frau von Rozan in ihrem Appartement. Sie wollte eben wieder weggehen, als die Creolin ihr ein Zeichen machte, zu bleiben. „Schließen Sie die Thüre und hören Sie mich an,“ ſagte ſie zu ihr. Das Stubenmädchen gehorchte und kehrte zur Creolin zurück. „Wie groß iſt Ihre Einnahme jährlich in die⸗ ſem Hötel?“ fragte ſie ſie. Das Stubenmädchen war auf dieſe Frage nicht vorbereitet; ſie zögerte deßhalb mit der Antwort. Ohne Zweifel dachte ſie, die junge und reiche Fremde wolle ſie in ihre Dienſte nehmen. Sie machte es wie der Wagenverkäufer und dachte, das Doppelte von ihren Einkünften zu fordern. Es entſtand daher von ihrer Seite eine Pauſe. „Verſtehen Sie mich?“ ſagte Frau von. Rozan ungeduldig.„Ich fragte, wie viel Sie hier ein⸗ nehmen?“ „Fünf hundert Franken,“ antwortete das Stuben⸗ mädchen.„Abgeſehen von den kleinen Geſchenken der Reiſenden; außerdem habe ich Koſt, Wohnung und Wäſche frei.“ „Das kümmert mich wenig,“ antwortete die 216 Creolin, die, wie alle von einem Gedanken einge⸗ nommenen Perſonen, vollſtändig gleichgültig gegen die Intereſſen des Stubenmädchens war;„wollen Sie dieſe fünf hundert Franken in fünf Minuten verdienen?“ „Fünf hundert Franken in fünf Minuten,“ wie⸗ derholte das Stubenmädchen, indem ſie Frau von Rozan verächtlich anſah. „Gewiß,“ ſagte ſie. „Und was habe ich zu thun?“ fragte das Stuben⸗ mädchen,„um ſo raſch ſo viel Geld zu verdienen?“ „Etwas ganz Einfaches, Mademoiſelle; vor zwanzig Minuten oder höchſtens einer halben Stunde ſind hier zwei Reiſende abgeſtiegen?“ „Ja, Madame.“ „Ein junger Mann und eine junge Dame, nicht wahr?“ „Mann und Frau, ja, Madame.“ „Mann und Frau!...“ murmelte die Creolin zwiſchen den zuſammengepreßten Zähnen.„Wohin hat man ſie logirt?“ „An das Ende des Corridors, Nro. 23.“ „Gibt es ein Zimmer, das an das Schlafzim⸗ mer der Beiden ſtößt?“ „Allerdings, aber es iſt beſetzt.“ „Ich will das Zimmer, Mademoiſelle.“ „Aber das iſt unmöglich, Madame.“ „Warum?“ „Es iſt von einem Handlungsreiſenden beſetzt, dem man dies Zimmer reſervirt und da er es ge⸗ hat, wird er nicht Luſt zeigen, es zu ver⸗ aſſen.“ — 8 8„ W , e⸗ T⸗ 217 „Er muß es aber verlaſſen; erfinden Sie ein Mittel; wenn Sie mir das Zimmer verſchaffen, ſind dieſe fünfundzwanzig Louisd'ors Ihnen.“ Und die Creolin nahm fünfundzwanzig Louis⸗ d'or aus einer Börſe und zeigte ſie dem Stuben⸗ mädchen. Dieſe wurde roth vor Begierde. Dann ſann ſie von Neuem nach. „Nun,“ fragte Frau von Rozan, welche die Ge⸗ duld zu verlieren begann,„ſind Sie entſchloſſen?“ „Es gibt vielleicht ein Mittel, Alles zu arran⸗ giren, Madame.“ „Raſch, raſch. Worin beſteht dieſes Mittel? Laſſen Sie hören.“ „Dieſer Reiſende nimmt jeden Samſtag um fünf Uhr Morgens die Mallepoſte, welche nach Paris fährt, und kömmt erſt Montags zurück.“ „Heute iſt es Samſtag,“ verſetzte Frau von Rozan,„denn es iſt ein Uhr Morgens.“ „Ja, aber ich weiß nicht, ob er eingeſchrieben iſt, damit man ihn wecke.“ „Sehen Sie augenblicklich nach.“ Das Stubenmädchen ging und kam nach eini⸗ gen Minuten wieder. „Er iſt eingeſchrieben,“ ſagte ſie ganz vergnügt. „So können Sie mir alſo um fünf Uhr das Zimmer geben?“ „Sogar ſchon um halb fünf, denn er braucht doch Zeit, um auf die Poſt zu gehen.“ „Gut, hier ſind zehn Louisd'or auf Abſchlag. Und nun laſſen Sie mich allein.“ „Madame brauchen nichts mehr?“ 218 „Nein, ich danke.“ „Wenn Sie etwas eſſen wollen, der Herr und die Dame haben ſoeben ein Nachteſſen be⸗ ſtellt und man könnte das Ihre zu gleicher Zeit machen; Sie brauchten nicht zu warten.“ „Ich habe keinen Hunger.“ „So will ich abdecken.“ „Thun Sie, wie Sie wollen, aber ich lege mich nicht zu Bette.“ „Wie Sie wollen,“ ſagte das Stubenmädchen, indem ſie das Zimmer verließ. Wer im Jardin des Plantes eine gefangene und von ihrem Männchen und ihren Jungen ge⸗ trennte Löwin in ihrem engen Käſig mit wildem Ange und fliegender Mähne hat auf und nieder laufen ſehen, kann ſich eine Idee machen, wie ſich Frau vön Rozan in der Zwiſchenzeit gebehrdete, bis die beſtimmte Stunde ſchlug. Um halb fünf hörte ſie ein Gerinſch im Corri⸗ dor; der Kellner pochte an die Thüre des Hand⸗ lungsreiſenden. Eine Viertelſtunde ſpäter hörte Frau von Ro⸗ zan, welche das Ohr an die Thüre gelegt, jeman⸗ den vorübergehen. Hinter ihm vernahm ſie das Geräuſch der ver⸗ ſtohlenen Tritte des Stubenmädchens; ſie hielt vor ihrem Zimmer. „Das Zimmer iſt frei, Madame,“ ſagte das Mädchen. „Führen Sie mich.“ „Sie dürfen mir nur folgen.“ Und ſie ging voran. M NW N — M 2¹9 Die Creolin folgte ihr durch die Windungen des Corridors bis vor Nro. 22. „Hier, Madame,“ ſagte das Stubenmädchen ſo laut, daß wer nicht ſchlief es hören konnte oder wer ſchlief geweckt werden konnte. „Sprechen Sie doch leiſe!“ ſagte die Creolin in beinahe drohendem Tone. ſich raſch dieſes Mädchens zu entledigen, agte ſie: ſind fünfzehn Louisd'or, die ich Ihnen noch ſchuldig bin; laſſen Sie mich jetzt allein.“ Das Stubenmädchen hielt die Hand hin und empfing die fünfzehn Louisd'or; aber ſie ſah in dieſem Augenblicke die Leichenbläſſe der jungen Frau und die Blitze, die aus ihren Angen leuchteten. „Ah, jetzt weiß ich,“ dachte ſie,„das iſt eine Frau, der der junge Mann auf Nro. 23 ein Ren⸗ dezvous gegeben; während ſeine Frau dieſe Nacht ſchläft oder wenn ſie morgen ausgeht, wird ſie mit ihm zuſammenkommen.“ „Gute Nacht, Madame!“ ſagte ſie mit einem verſchmitzten Lächeln. Und ſie entfernte ſich. Sobald das Stubenmädchen weggegangen war, warf Frau von Rozan einen raſchen Blick auf die Topographie des Zimmers. Es war ein ächtes Gaſthofszimmer. Im Allgemeinen gehen alle Gaſthofzimmer auf einen und denſelben Corridor, gehen ebenſo inein⸗ ander und können nur abgeſchieden werden, wenn man die Verbindungsthüren ſchließt; ſie folgen auf einander ſo gerade und ſo dicht wie die Körner 220 eines Roſenkranzes; das bemerkte Frau von Ro⸗ zan voll Freude auf den erſten Blick. Zur Rechten war eine Thüre, welche zu Nro. 21 führte, zur Linken, welche zu Nro. 23 führte, das heißt eine, welche mit dem von Camille und Suſanne beſetzten Schlafzimmer communizirte. Sie ging augenblicklich auf die Thüre zu und legte ihr Ohr an das Schlüſſelloch. Die beiden Flüchtlinge lagen noch nicht zu Bette; ſie waren eben mit ihrem Nachteſſen zu Ende, das nicht ſo raſch ſervirt worden, als es das Stuben⸗ mädchen verſprochen oder das ſie durch alle jene kleinen Muthwilligkeiten verlängert, denen ſich zwei Liebende hingeben, welche zuſammen ſpeiſen. Si kam gerade zu einem ſehr lebhaften Ge⸗ präche. „Sprichſt Du wahr, Camille?“ fragte Suſanne von Valgeneuſe. „Ich habe Frauen gegenüber nie gelogen,“ ant⸗ wortete Camille. „Ausgenommen der Deinen.“ „Dazu hatte ich einen guten Grund,“ ſagte Camille lachend. Den letzten Worten folgte ein langes und lau⸗ tes Geräuſch, das Frau von Rozan in allen Glie⸗ dern ſchauern machte. „Und wenn Du mich täuſchteſt, wie ſie, indem Du einen guten Grund vorſchützteſt?“ verſetzte Suſanne. „Dich täuſchen, Dich? Das iſt ein großer Un⸗ terſchied; ich habe keinen Grund, Dich zu täuſchen.“ „Und weßhalb?“ — 221 „Weil wir nicht verheirathet ſind.“ „Ja; aber hundert Mal haſt Du mir geſagt, daß Du mich heirathen würdeſt, wenn Du Witt⸗ wer wäreſt.“ „Allerdings.“ „Nun denn, von dem Augenblick, da ich Deine Frau wäre, würdeſt Du mich täuſchen.“ „Das iſt ſehr wahrſcheinlich, mein Kind.“ „Camille, Du 5 ein Ungeheuer.“ „Zu wem ſagſt Du das?“ „Du biſt bereits Schuld an dem Unglück einer Frau und dem Tode eines Mannes.“ Die Stimme Camilles nahm einen düſterern Ton an. „Schweigen wir darüber!“ ſagte er;„Dir iſt es weniger, als irzend Jemand geſtattet, von Car⸗ melite zu ſprechen!“ „Im Gegentheil, Camille, ich will davon ſpre⸗ chen und ſpreche davon: denn das iſt Deine ſchwache Stelle, ſiehſt Du: was Du auch thuſt und was Du auch ſagſt, Du haſt einen Gewiſſensbiß und das iſt der. daß Dein Herz nicht ſo feſt verſchloſſen iſt, als Du ſagen willſt.“ „Schweige, Suſanne! wenn das, was Du ſagſt, wahr iſt, wenn ich bei Namen, die Du ſo eben ge⸗ nannt, Kummer empfinde, warum dieſe Namen nennen, die mir Kummer bereiten? Sind wir im Zweikampf oder verliebt? Schlagen oder lieben wir uns? Nein, wir lieben uns! gut denn; ſprich mir nie mehr von dieſer traurigen Epiſode meines Lebens; es wäre mehr als ein Gegenſtand des 222 Kummers, es wäre ein Gegenſtand des Streites zwiſchen uns!“ „Gut, ſprechen wir nicht weiter darüber,“ ſagte Suſanne,„nie mehr, aber für dies Verſprechen ſchwöre mir.“ „Was Du willſt,“ antwortete Camille, indem er wieder heiter wurde. „Ich verlange nur einen Schwur, aber einen ernſten.“ „Es gibt keinen ernſten Schwur.“ „Du ſiehſt, Du lachſt zu Allem.“ „Was willſt Du! das Leben iſt ſo kurz.“ „Wie, verſprichſt Du mir den Schwur zu hal⸗ ten, den Du thuſt.“ „So lange, als möglich.“ „Wie Du einen reizen kannſt!“ „Nun, den Schwur.“ „Schwöre mir, nie mehr von Deiner Frau zu ſprechen.“ „Siehe, was ich für ein gewiſſenhafter Mann bin, Suſanne, ich werde das nie ſchwören.“ „Nun, warum?“ „Ganz einfach: weil ich den Schwur nicht hal⸗ ten würde.“ „Du liebſt ſie alſo? ſagte Suſanne in finſterem Tone. „Ich liebe ſie nicht, wie Du es verſtehſt.“ „Es gibt nicht zwei Arten zu lieben.“ „Welch' ein Irrthum, meine liebe Liebe! Es gibt ſo viele Arten zu lieben, als Formen der Schönheit. Iſt die Erde nicht anders ſchön als der Himmel? iſt die Schönheit des Feuers nicht ht 223 verſchieden von der des Waſſers? Liebt man eine Brünette, wie man eine Blondine liebt? eine ſan⸗ guiniſche Frau wie eine nervöſe? So habe ich unter andern Frauen ein reizendes Mädchen, die letzte Griſette, die aus den Händen des Schöpfers gefallen, Chante Lilas, die heute Dank dem Herrn von Marande ein Hötel, einen Wägen, Pferde be⸗ ſitzt; nun gut, dieſe habe ich doch ganz anders als Dich geliebt.“ „Mehr? „Nein, auf eine andere Art.“ „Und Deine Frau, da Du willſt, daß wir von ihr ſprechen, wie haſt Du ſie geliebt?“ „Wieder auf eine andere Weiſe.“ „Ah! Du ſiehſt alſo, daß Du ſie geliebt!“ „Nun, ſie war auch hübſch genug dafür!“ „Das heißt, Du liebſt ſie noch, Elender!“ „Das iſt eine andere Geſchichte, Suſanne, und Du würdeſt mir eine große Freude machen, wenn Du nicht mehr davon ſprächeſt.“ „Höre, Camille, ſeit unſrer Abreiſe von Paris iſt ihr Name fünfzig Mal über Deine Lippen ge⸗ kommen.“ „Nun, das iſt ganz natürlich: eine Frau von achtzehn Jahren, die hübſch iſt und die man ver⸗ läßt, um ſie nie wieder zu ſehen, nachdem man kaum ein Jahr verheirathet war.“ „Nein! Sage, was Du willſt, es iſt nicht na⸗ türlich, daß ein Mann mit der Frau, die er liebt, von einer andern Frau ſpreche, die er geliebt hat und die er noch immer mehr oder weniger liebt. Es 224 ſpringt für keines von beiden ein Nutzen daraus hervor, Du mich, Camille?“ „Pu „Verſtehe mich ganz. Ich ſchwöre vor Gott, daß Du der erſte Mann biſt, den ich liebe, der Eir den ich geliebt habe.“ enn Frau von Rozan durch die Thüre hätte ſehen können, wie ſie durch die Thüre hörte, würde ſie gewiß von dem frivolen Ausdruck frappirt ge⸗ weſen ſein, den das Geſicht ihres Gatten bei dieſem Schwure Suſannens annahm. „Ich ſchwöre alſo, Camille,“ fuhr Suſanne fort, ohne die ſpöttiſche Miene des jungen Mannes zu bemerken,„ich ſchwöre alſo, daß ich Dich leiden⸗ ſchaftlich liebe. Und nachdem ich Dir geſchworen, bitte ich Dich, nicht mehr von Frau von Rozan u ſprechen, wie Du mich gebeten, nicht mehr von armeliten zu ſprechen.“ „Was mag ſie wohl in dieſem Augenblicke thun?“ ſagte Camille, einer Antwort ausweichend. „Camille! Camille! das iſt abſcheulich!“ rief Suſanne. „Hm? Was gibt's?“ fragte der junge Mann, mit der zerſtreuten Miene eines aus dem Schlafe Erwachenden,„was iſt abſcheulich?“ „Du biſt abſcheulich, Camille! Du, der von ſeiner Frau träumt, während er bei mir iſt! Du, der keinen andern Gedanken hat, und der mich ſelbſt dann nicht hört, wenn ich ihn bitte, nicht mehr von ihr zu ſprechen. Camille! Camille! Du liebſt mich nicht!“ „Ich liebe Dich nicht, meine Geliebte!“ rief 225 Cawille, ſie mehrmals küſſend.„Ich liebe Dich nicht!“ wiederholte er, indem er ſie ſo ſtürmiſch küßte, daß k Kuß auf das Herz von Frau von Rozan den Eindruck eines in's offene Fleiſch gefallenen glühenden Bleitropfens machte. Dann entſtand eine Pauſe, während welcher die arme Frau beinahe das Bewußtſein verloren und auf den Boden geſunken wäre; aber ſie ſtützte ſich auf den Marmor einer Conſole und da dieſe Stütze nicht genügte, ließ ſie ſich auf einen Stuhl nieder, wo ſie einige Augenblicke unbeweglich, mit geſchloſſenen Augen und zurückgehaltenem Athem, nur ſo viel Kraft hatte, um Gott um ſeinen Bei⸗ ſtand bei ihrem Entſchluſſe, mochte dieſer auch noch ſo furchtbar ſein, zu bitten. Aber ſie hatte bald ihre Energie wieder ge⸗ funden, als ſie die Worte hörte: „Weißt Du, wie viel Uhr es iſt?“ So fragte Camille Suſanne. „Nein, was gilt mir die Stunde!“ fagte das junge Mädchen. „Es iſt fünf Uhr.“ „Nun, das heißt, daß wir beſſer dort, als hier ſind,“ verſetzte Camille in ſeinem verliebten Tone. Das Wort„dort“ machte die Creolin von Kopf bis zu Fuß ſchauern.„Hier“ war der Tiſch, „dort“ war der Alcoven.. „Nun, komm' doch!“ ſagte Camille. „Du liebſt mich?“ fragte Suſanne mit unend⸗ licher Zärtlichkeit. Dumas, Salvator. VM. 15 225 „Ich bete Dich an!“ antwortete Camille. „Du ſchwörſt mir?“ „Bei Dir muß man immer ſchwören.“ „Du ſchwörſt?“ „Ja, hundert mal, ja.“ „Bei was?“ „Bei Deinen ſchwarzen Augen, bei Deinen blaſſen Lippen, bei Deinen weißen Schultern.“ Und durch das Schlüſſelloch ſah Frau von Ro⸗ zan, wie Camille Suſanne nach dem Alcoven zog. „Gott möge mir vergeben!“ murmelte ſie. Und ſich von der Thine entfernend, ging ſie nach dem Kamine, nahm dort ein Glas Waſſer, das ſie auf einen Zug leerte, und nachdem ſie ſich verſichert, daß ſie gut bewaffnet war, öff⸗ 4 die Thüre ihres Zimmers und ging nach r. 23. Aber ſie ſuchte vergeblich den Schlüſſel, er ſtak nicht in dem Schloſſe. Sie kehrte zurück und war einen Augenblick wie vernichtet. Auf ihrer Seite waren die Schlöſſer der Ver⸗ bindungsthüre, auf der andern der Schlüſſel. Aber ſie gewahrte im nächſten Augenblick, daß auf ihrer Seite auch die beiden Vorſchiebriegel waren, welche die Thüre feſthielten, der eine am Plafond, der andere am Boden. Sie ſah nun, daß nichts verloren war. begann ohne Geräuſch den Riegel vorzu⸗ ziehen. Die Thüre war dadurch nicht mehr feſtgehalten, nur das Schloß hielt noch. 227 Sie ſtemmte ſich mit aller Kraft gegen die Thüre, und die Flügelthüre öffnete ſich. Mit gemeſſenem Schritte ging ſie auf den Al⸗ coven zu, und die beiden Arme auf die Bruſt kreuzend, rief ſie zur Beſtürzung und zum Schrecken der Liebenden, die ſich gerade umſchlungen hielten: „Ich bin es.“ oxxvn. Wo geſagt iſt, wie ſich eine Frau rächt, welche liebt. Der Eintritt von Frau von Rozan in das Zimmer, welches Suſanne und Camille einnahmen, war ſo unerwartet, daß er auf Beide einen blitz⸗ artig niederſchmetternden Eindruck machte. Wenn man ſie ſo unbeweglich und blaß daſtehen ſah, ſo hätte man ſie für Statuen halten können. „Nun,“ fuhr die Creolin mit dumpfer Stimme fort,„ich ſage; ich bin es! Erkennt ihr mich nicht?“ Pie beiden Liebenden ſenkten den Kopf und ſchwiegen. „Eamille,“ fuhr Frau von Rozan fort, indem ſie ihren Mann feſt anſah,„Du haſt mich ſchmäh⸗ lich getäuſcht, Du haſt mich feig verrathen, und ich komme, Rechenſchaft für dieſe Feigheit und dieſen Verrath zu fordern.“ Suſanne erhob den Kopf, als ſie dieſe Worte e ſie wollte ſogar mehr als den Kopf erhe⸗ en, ſie wollte antworten, als Camille ihr die Hand auf den Mund legte und halblaut, doch ſo, daß es die Creolin hören konnte, zu ihr hgie. 5 228 „Schweige.“. Frau von Rozan wurde blaß und ſchloß einen Augenblick die Augen. Dann, als wenn ſie den Aerger überwunden, den ihr dieſe Worte verur⸗ ſachten, ſagte ſie: „Der Elende! er dutzt ſie vor mir.“ Camille dachte, jetzt ſei es Zeit, ſich in die Sache zu miſchen. „Höre mich, Dolores,“ ſagte er mit ſeinem ſüßeſten Tone,„ich ſuche meinen Verrath weder zu bemänteln noch zu entſchuldigen; aber dieſer Ort ſcheint mir nicht für eine Erklärung geeignet wie die, welche Du zu erwarten das Recht haſt.“ „Eine Erklärung!“ rief die Creolin zitternd. „Du ſprichſt von einer Erklärung zwiſchen uns! Was willſt Du mir erklären? Laß hören! Dein Verbrechen? Bin ich etwa nicht hier? Stehe ich nicht vor Dir? Habe ich Dir etwa zuerſt ewige Liebe geſchworen? Habe ich Dir abſolute Treue geſchworen? Habe ich meinen Schwur gebrochen? Was kannſt Du alſo ſagen, was ich nicht wüßte?“ „Ich wiederhole Dir,“ verſetzte Camille, die Brauen zuſammenziehend,„daß dieſe Szene, wenn Du ſo lieber willſt, in einem Gaſthofszimmer von ſehr ſchlechtem Geſchmacke zeugt. Geh' deßhalb in Dein Zimmer zurück, von wo Du kommſt, denn in einem Augenblick bin ich bei Dir.“ „Biſt Du ein Narr, Camille?“ ſagte die junge Frau mit ſchneidendem Lachen;„Du glaubſt, daß ich in dieſe grobe Schlinge fallen werde. Hatteſt Du mir nicht ebenfalls verſprochen, daß wir in acht Tagen abreiſen würden?“ W 8 8 e n 2 rt ie 229 „Ich ſchwöre Dir vor Gott, Dolores, daß ich in zehn Minuten bei Dir ſein werde.“ „Ich glaube nicht mehr an Gott, Camille, und Du, Du haſt nie an ihn geglaubt,“ antwortete die Creolin ernſt. „Aber was wollen Sie dann?“ rief Fräulein von Valgeneuſe. Frau von Rozan würdigte ſie keiner Antwort. „Noch einmal, ſchweigen Sie, Suſanne,“ ſagte Camille und wandte ſich wieder an ſeine Frau. „Wenn Du nicht willſt, daß ich irgend wohin zu Dir komme, wenn Du nicht willſt, daß ich mich gegen Dich erkläre, was willſt Du dann?“ „Camille,“ ſagte Frau von Rozan, indem ſie mit finſterer Ruhe den Dolch aus ihrer Bruſt zog, „ich war mit der feſten Abſicht gekommen, Dich und dieſe Frau zu tödten, aber einige Worte, die ich von dem Zimmer aus hörte, wo ich verborgen war, änderten meinen Entſchluß.“ Der unheimliche Ton, mit dem Frau von Ro⸗ zun die letzten Worte ſprach, ihre ſtrenge Haltung, der Sturm, der auf ihrer Stirne drohend lag, ihre blitzſchleudernden Blicke, der Dolch, den ihre Hand convulſiviſch preßte, kurz, die finſtere Wuth, die ſie beherrſchte, machten auf die beiden Schuldigen, deren Hände ſich unwillkürlich feſter in einander ſchlangen, einen erſchütternden Eindruck. Der erſte Gedanke Suſannens oder vielmehr die Selbſter⸗ haltung trieb ſie an, auf Frau von Rozan zuzu⸗ ſtürzen und ihr mit Hülfe Camille's den Dolch zu entwinden, mit dem ſie bewaffnet war. Aber der Druck der Hand Camille's hatte ſie zurückgehalten. 230 Camille aber, als er ſah, daß nicht mehr zu be⸗ fürchten war, was Anfangs zu befürchten ſtand, ſprang aus dem Bette und ſtreckte die Hand aus, um den Gedanken Suſannens zu verwirklichen. t die Creolin hielt ihn mit einem Blicke urück. „Komm' mir nicht nahe, Camille,“ ſagte ſie. „Wage es nicht, mir meinen Dolch zu entreißen, oder bei meiner Ehre— und Du weißt, daß ich meine Schwüre halte— bei meiner Ehre, ich tödte Dich wie ein giftiges Thier!“ Camille trat einen Schritt zurück, als er die Entſchloſſenheit in dem Blicke von Frau von Ro⸗ zan bemerkte. „Ich bitte Dich, Dolores, höre mich an,“ ſagte er. „Ah! Du haſt Angſt.“ rief Fräulein von Val⸗ geneuſe höhniſch. „Noch einmal, ſchweige, Suſanne,“ ſagte der Amerikaner ſtreng;„Du ſiehſt, daß ich mit dieſem armen Geſchöpfe ſprechen muß.“ „Du brauchſt nicht mit mir zu ſprechen, Ca⸗ mille, denn ich will nichts hören,“ antwortete Frau von Rozan. „Nun, was verlangſt Du denn von mir, Do⸗ lores?“ fragte Camille die Stirne ſenkend.„Ich bin bereit, Alles zu thun, was Du willſt.“ Feiger! Feiger!“ murmelte Suſanne umpf. Camille hörte dieſe Worte nicht, oder that we⸗ niiens als wenn er ſie nicht hörte und wieder⸗ holte: ——„— m 231 „Sprich, was verlangſt Du von mir?“ „Ich verlange,“ ſagte Frau von Rozan mit dem Lächeln einer Frau, welche überzeugt iſt, daß die Strafe ſich in ihren Händen befindet,„ich verlange, daß Du langund ſchmerzlich Dein Verbrechen ſühnſt.“ „Ich werde es ſühnen,“ antwortete Camille. „O ja, ja, ja,“ murmelte die Creolin,„länger und früher als Du denkſt.“ „Ich beginne jetzt ſchon, Dolores,“ ſagte Ca⸗ mille,„denn ich erröthe darüber.“ „Das iſt nicht genug, Camille,“ ſprach Dolo⸗ res kopfſchüttelnd. „Ich weiß, daß ich ſtrafbar, ſehr ſtrafbar bin; ich werde mein ganzes Leben tiefer Sühne weihen.“ „Und ich, Camille,“ ſagte Suſanne lachend; „weiche Stelle gibſt Du mir in dieſer Sühne?“ „Höre mich, Dolores, und laß ſie ſprechen,“ rief der junge Mann,„ich, ich ſchwöre Dir, Alles zu thun, was in meiner Macht liegt, daß Du einen Augenblick der Verwirrung vergeſſeſt.“ „ Dolores ſchüttelte zum zweiten Mal den Kopf. „Das iſt nicht genug,“ wiederholte ſie. „Was verlangſt Du denn?“ „Ich will es Dir ſagen.“ Frau von Rozan ſchien einen Augenblick nach⸗ zudenken. „Ich habe Dir geſagt, Camille, daß ich von dem Zimmer aus, wo ich verborgen war, Alles vernommen.“ „Ja, ich höre Dich, ſprich, ſprich.“ „Camille,“ murmelte Suſanne. „Du weißt alſo,“ fuhr die Creolin fort,„Alles, was ich hören konnte. Ohne daß Du es wußteſt, Camille, ohne daß Du daran dachteſt, ſprachſt Du unwillkürlich mit dieſer Frau, für die Du mich verriethſt, nur von mir.“ „Das iſt wahr!“ rief Camille, lebhaft entzückt, daß ſeine Frau den Streit gehört, den er mit Fräulein von Valgeneuſe ihretwegen gehabt.„Du ſiehſt alſo, Dolores, daß ich Dich ſtets geliebt.“ Suſanne ließ eine Art von Röcheln hören. „Von mir ſprechen in einem ſolchen Momente,“ ſagte Dolores,„das hieß eine Art von Gewiſſens⸗ biſſen fühlen.“ „Es war eine Erinnerung, mehr als eine Er⸗ innerung, ein Schrei meines Herzens,“ rief Camille. „O der Elende,“ murmelte Suſanne. Camille zuckte mit den Schultern. „Ich glaube allerdings, daß es ein Schrei des Herzens war,“ wiederholte Dolores in ernſtem Tone;„Du liebteſt mich, und Du erinnerteſt Dich meiner ſelbſt gegenüber von der, für welche Du mich verriethſt.“ „O ja, ich liebte Dich, ich ſchwöre es Dir,“ rief Camille. „Du brauchſt diesmal nicht zu ſchwören,“ ver⸗ ſetzte die Creolin bitter;„Du ſprichſt die Wahr⸗ heit, ich weiß es, und ich will Dir nun die Rache Deiner Liebe, die Du nicht erſticken konnteſt, ſagen.“ „Was willſt Du ſagen?“ fragte Camille, deſſen Unruhe erwachte, obgleich er weit entfernt war, zu ahnen, wo Dolores damit hinaus wollte. „Dein Tod, Camille, wäre eine kurze und thö⸗ 8 m S W W S 8 M 233 richte Rache, nein, was ich will, iſt, daß Du lebeſt, damit Deine Sühne furchtbar ſei wie Dein Ver⸗ brechen und damit meine Rache ſich in unauslöſch⸗ lichen und ewigen Buchſtaben Deinem Herzen ein⸗ präge.“ In dieſem Augenblicke zeigte Fräulein von Valgeneuſe, die zu begreifen ſchien, welche Art von Rache Frau von Rozan erſonnen, den Kopf, und eine Art von freudiger Wolluſt blitzte aus ihren Augen, umſpielte ihre Lippen und leuchtete auf ihrem ganzen Geſichte. Aber weder Camille noch ſeine Frau bemerkten dieſe Bewegung. „Ich will, fuhr Dolores fort, indem ſie ſich immer mehr aufregte und zuletzt in den Enthu⸗ ſiasmus hineinarbeitete, der von der Stirne des Märtyrers ſtrahlt,„ich will, daß Dein Leben ein langſamer und ſchmerzlicher Tod ſei; ich will, daß Du ſo viele Tage, als ich gelitten, Strafe erdul⸗ deſt; ich will, daß Du mich zu jeder Stunde, in jeder Minute Dir zur Seite, vor Dir, hinter Dir, an Deinem Bette, an Deinem Tiſche ſeheſt; ich will Dein unverſöhnlicher Schatten, Dein furcht⸗ bares Phantom ſein; ich will, daß Du bis zu Dei⸗ nem letzten Augenblicke weineſt. Um Dir Dein ganzes Leben gegenwärtig zu ſein, ziehe ich mich in den Tod zurück, und da Dir das Geſpenſt Colom⸗ bau's nicht genug iſt, ſoll Dich auch das Geſpenſt von Dolores umſchweben.“ Und mit dieſen Worten drückte die Creolin, welche ſeit einem Augenblicke mit ihrer linken Hand den Ort ſuchte, wo ihr Herz ſchlug, die Spitze des 234 Dolches, den ſie in der rechten Hand hielt, hinein und ſcheinbar ohne eine Anſtrengung, ohne einen Schrei auszuſtoßen, tauchte ſie die Klinge bis an das Heft in das Herz. Das Blut ſpritzte in's Geſicht Camille's, der dieſe Lauigkeit fühlend, mit beiden Händen hinauf⸗ fuhr und ſie feucht und geröthet ſah, als er ſie wieder zurückzog. Sufanne halte keine Bewegung der jungen Frau aus den Augen verloren; ſeit einigen Momenten hatte ſie Alles geahnt. Beide, Suſanne und Camille, ſtießen einen ſehr verſchiedenartigen Schrei aus. Bei Camille war es Staunen, Schrecken, Be⸗ ſtürzung. Bei Suſanne der Ausdruck wilder Freude. Frau von Rozan fiel ſo raſch auf den Boden, daß Camille, der auf ſie zuſtürzte, ſie nicht mehr aufzufangen im Stande geweſen. „Dolores! Dolores!“ rief er mit einem Schauer in ſeinem Tone. „Lebe wohl!“ ſagte die junge Frau mit ſchwa⸗ cher Stimme. „O! komm' zu Dir!“ murmelte Camille, indem er ſich über ihren Körper warf, der ohne Todes⸗ kampf zu ſterben ſchien, und ihren Hals und die Schultern küßte, denen das der Wunde entſtrö⸗ mende Blut die Glätte und Weiße des Marmors gab. „Lebe wohl!“ wiederholte die Creolin, daß Ca⸗ mille es kaum hörte. Aber mit einer Anſtrengung und einer vollkom⸗ men deutlichen Stimme fügte ſie hinzu: „Ich fluche Dir!“ ünd ſie ſank bewegungslos zurück. Ihre Au⸗ gen ſchloſſen ſich, wie der Kelch der Eintagsblu⸗ men, wenn der Abend kommt. Sie war todt. „Dolores, meine Liebe!“ rief der junge Mann, den dieſer gewaltſame, ſo plötzliche, ſo unerwartete, und, ſagen wir es, ſo muthige Schritt mit Schrecken und Bewunderung erfüllte.„Dolores, ich liebe Dich, ich lebe nur Dich, Dolores! Dolores!“ Und er vergaß Suſanne, welche am Rande des Bettes ſitzend, kalt auf dieſe furchtbare Szene blickte, als dieſe ihn an ihre Gegenwart durch ein ſo gottesläſterliches Lachen erinnerte, daß er ſich nach ihr umwandte und ihr zurief; „Ich befehle Dir zu ſchweigen, hörſt Du? ich befehle es Dir.“ Suſanne zuckte mit den Schultern und ſagte: „Camille, Du thuſt mir leid.“ „O Suſanne, Suſanne!“ ſagte Camille,„Du mußt wirklich das elende Geſchöpf ſein, als das man Dich mir geſchildert, wenn Du vor dieſer noch blutenden Leiche lachen kannſt.“ „Nun,“ ſagte Suſanne kalt,„willſt Du etwa, daß ich Todtengebete für die Ruhe ihrer Seele ſpreche?“ „Wie!“ ſagte Camille, beſtürzt über dieſe kalte Grauſamkeit,„Du ſiehſt, was ſo eben geſchehen, n haſt weder Erbarmen noch Gewiſſens⸗ iſſe?“ „Du willſt wohl, daß ich Deine vielgeliebte 236 Dolores beklage?“ ſagte Suſanne.„Nun gut, es ſei, ich beklage ſie; biſt Du uun zufrieden?“ „Suſanne, Du biſt ein unwürdiges Weib!“ rief Camille,„reſpectire wenigſtens die Leiche derer, die wir getödtet.“ „So, jetzt haben wir ſie getödtet!“ ſagte Su⸗ ſanne mit einer Geberde des Mitleids. „Armes Kind,“ murmelte der Amerikaner, indem er die bereits eiskalte Stirne der Todten küßte, varmes Kind! das ich ſeiner Mutter, ſeinen Schwe⸗ ſtern, ſeiner Amme, ſeinem Vaterlande, kurz ſeiner ganzen Familie entriſſen, und das ich ſich tödten laſſen mußte ohne Gebet, ohne Thräne. Und ich liebe Bich noch immer, Du warſt die letzte Blüthe meiner Ju end, die ſüßeſte, friſcheſte, duftigſte Blüthe; Du murßt für meine von ſchuldigen Ge⸗ danken beladenen Stirne, die eine blitzſchwangre olke umzog, eine Krone der Sühne; bei Deiner Berührung wurde ich beinahe wieder gut; wenn ich bei Dir gelebt, hätte ich beſſer werden können. O Dolores Dolores!“ Und dieſer leichtſinnige, dieſer kalte, dieſer ge⸗ fühlloſe Creole, den wir am Anfang unfres Buches ſo ſorglos, ſo egviſtiſch gefunden, vergoß Thränen in Strömen, als er ſeinen Blick auf dem lebloſen Körper ſeiner Frau ruhen ließ. Dann erhob er ihr den Kopf und küßte ſie mit ſo verliebtem Entzücken, als wenn ſie gelebt. „O Dolores! Dolores!“ rief er,„wie ſchön Du biſt!“ Der Ausdruck der Verachtung, der Wuth und des Haſſes, der in dieſem Angenblicke das Geſicht 237 Suſannens durchwühlte, war unbeſchreiblich. Ihre Wangen wurden purpurroth, ihre Augen ſchienen ſich mit Blut zu überziehen. Die Worte fehlten ihr ſo ſehr, den befremdenden Eindruck dieſer Szene auszudrücken, daß ſie nichts ſagen konnte, als: „O, ich muß träumen!“ „Nein, ich träumte, und einen böſen Traum, als ich Dich zum erſten Male ſah,“ rief Camille wüthend, indem er ſich nach Suſanne umwandte; „ich träumte an dem Tage, wo ich glaubte, ich könne Dich lieben; ja, glaubte, Dich zu lie⸗ ben; iſt die werth geliebt zu werden, deren Mund ſich in dem Hauſe zu Küſſen öffnet, wo das Blut ihres Bruders fließt? An jenem Tage, Suſanne, fühlte ich, ſo gefühllos und verdorben ich bin, einen kalten Schauer meinen ganzen Körper überrieſeln; mein Herz bäumte ſich, und als mein Mund zu Dir ſagte:„Ich liebe Dich!“ ſagte er zu mir: „Nein, Du lig Du liebſt ſie nicht.“ „Camille! Camille! Du biſt im Delirium,“ ſagte Fräulein von Valgeneuſe:„Du kannſt mich nicht mehr lieben; aber ich, ich liebe Dich noch immer, und in Ermanglung der Liebe,“ fuhr ſie fort, in⸗ dem ſie auf die Leiche von Frau von Rozan zeigte, „bindet uns der Tod weit ſtärker, als die Liebe, für immer an einander.“ „Nein! nein! nein!“ rief Camille ſchäumend. Mit einem Sprunge war Suſanne bei ihm und umſchlang ihn mit ihren Armen. „Ich liebe Dich!“ ſagte ſie, indem ſie ihren Augen und ihrer Stimme den leidenſchaftlichſten Ausdruck verlieh. 238 „Laß mich, laß mich!“ ſagte Camille, ſich los⸗ zumachen ſuchend. Aber ſie umſchlang ihn wieder, preßte ihn an ihr Herz und hielt ihn feſt, wie eine Schlange mit ihren Ringeln. „Zurück, ſage ich Dir!“ rief Camille, indem er ſie dießmal ſo hefag zurückſtieß, daß ſie zu Boden geſtürzt wäre.. wenn ſie ſich nicht an der Ecke des Kamins hätte halten können. „Ah!. ſteht es!“ ſagte ſie, die Brauen zu⸗ ſammenziehend und ihren Geliebten mit einem Blicke der Verachtung betrachtend, während ſie leichenblaß wurde;„gut denn, ſo bitte ich nicht mehr, ich will, ich veſehlel⸗ Und mit gebietendem Tone, ſagte ſie, während ſie die Hand nach ihm ausſtreckte: „Der Tag bricht an, Camille, Du wirſt dieſen Koffer ſchließen und mir folgen.“ „Nie!“ rief Camille,„nie!“ „Gut, ſo gehe ich allein!“ ſagte Suſanne ent⸗ ſchloſſen;„aber wenn ich das Hötel verlaſſe, werde ich Dich des Mordes Deiner Frau anklagen.“ Comille ſtieß einen Schrei des Schreckens aus. „Vor dem Gerichte werde ich Dich anklagen; vor dem Schaffot werde ich Dich anklagen!“ „Das wirſt Du nicht thun, Suſanne,“ rief Camille erſchrocken. „So wahr, als ich Dich vor fünf Minuten liebte, als ich Dich jetzt haſſe,“ ſagte Fräulein von Valgeneuſe kalt,„ich werde es thun, oder vielmehr ich thue es ſogleich.“ N n t —— 239 Und das junge Mädchen ſchritt drohend nach der Thüre. „Du wirſt nicht gehen!“ rief Camille, indem er ſie heftig am Arme ergriff und ſie nach dem Kamine zurückführte. „Du wirſt nicht von hier weggehen!“ rief Ca⸗ mille. „So werde ich rufen,“ ſagte Suſanne, indem ſie ſich von Camille loswand und nach dem Fenſter ſtürzte. Camille zog ſie an den Haaren zurück, die bei ihren Liebkoſungen aufgegangen waren. Aber Suſanne hatte Zeit gehabt, den Rie⸗ gel des Fenſters zu faſſen und ſich daran an⸗ zuklammern; Camille machte vergebliche Verſuche, ſie davon loszureißen. In dieſem Kampfe zerſchlug ein Arm Suſannens eines der Fenſter. Durch die Scherben der Scheiben verwundet, färbte ſich der Arm mit Blut. Bei dem Anblicke deſſelben kam Suſanne in eine ſolche Wuth, daß ſie, vielleicht ohne Ueber⸗ legung, ohne zu wiſſen, was ſie that, mit aller Gewalt den Schrei ausſtieß: „Zu Hülfe! ergreift den Mörder!“ „Schweige!“ ſagte Camille, indem er ihr den Mund mit der Hand zuhielt. „Ergreift den Mörder! Zu Hülfe!“ fuhr Su⸗ ſanne zu ſchreien fort, indem ſie ihm mit aller Gewalt ihrer Zähne die Hände zerfleiſchte. „Wirſt Du ſchweigen, ſchweige!“ ſagte Camille 240 dumpf, indem er ihr mit der andern Hand den Hals zudrückte und ſie loszulaſſen zwang. „Mörder! Mörder“ ſtammelte Fräulein von Valgeneuſe mit erſtickter Stimme. Camille, welcher kein anderes Mittel mehr fand, ſie zum Schweigen zu bringen, warf ſie zu Bo⸗ den, indem er ih⸗ immer feſter den Hals zudrückte, während ſie dicht neben Frau von Rozan lag. Es war ein furchtbarer Kampf. Suſanne krümmte ſich in den Convulſionen des Todes⸗ kampfes, indem ſie ſich loszuringen ſuchte. Camille, welcher einſah, daß er verloren wäre, wenn es ihr gelänge, emporzukommen, drückte ſie immer ſtärker; endlich war er ihrer Herr und ihr das Knie auf die Bruſt ſtemmend, ſagte er: „Suſanne, wir kämpfen um Leben und Tod; ſchwöre mir, daß Du ſchweigen willſt, oder ich mache bei meiner Seele zwei Leichen jtatt einer.“ Suſanne ſtieß ein dumpfes Röcheln aus; dieſes Röcheln war ofſenbar eine Drohung. „Nun, es ſei, wie Du willſt, Viper!“ ſagte der junge Mann, indem er mit gleicher Schwere auf der Bruſt und dem Halſe des Fräuleins von Val⸗ geneuſe lag. So einige Sekunden. Plötzlich glaubte Camille die Schritte mehrerer Perſonen zu hören: er wandte ſich um. Durch die Thüre des Zimmers von Dolores, welches nach dem Corridor zu offen geblieben unz in das von Camille führte, erſchien der Wirth mit einer Doppelflinte, gefolgt von drei bis vier Per⸗ M, 241 ſonen, zur Hälfte Reiſenden, zur Hälfte Diener⸗ ſchaft, welche auf den Schrei herbeigeeilt waren. Er erhob ſich unwillkürlich und ließ Suſanne von Valgeneuſe liegen. Aber ſie blieb ebenſo unbeweglich als Frau von Rozan. Camille hatte ſie im Ringen erdroſſelt. Sie war todt. Fünf bis ſechs Jahre ſpäter, das heißt im Jahre 1835, als wir das Bagno von Rochefort beſuchten, wo wir dem heiligen Vincenz von Paula des 19. Jahr⸗ hundert, dem Abbé Dominique einen Beſuch mach⸗ ten, zeigte uns dieſer den Geliebten von Chante⸗ ilas, den Mörder von Colombau und den Meu⸗ chelmörder Suſannens. Seine Haare, ſonſt ſo ſchwarz, waren weiß geworden wie der Schnee, ſein ſonſt ſo heiteres Geſicht trug das Gepräge finſterer Verzweiflung. Gibaſſier, der noch immer muntere, friſche, la⸗ chende Junge, behauptete, Camille von Rozan ſei etwas über hundert Jahre älter, als er⸗ CXXIX. Wo eine Fromme einen Voltairianer tödtet. Wir haben unſern Freund Petrus bei ſeinem Onkel, dem Grafen Herbel, in der Eigenſchaft eines Krankenwärters zurückgelaſſen; von dort hatte er 16 Dumas, Salvator. VIII 242 an Regina geſchrieben, daß, ſobald der Gichtan⸗ fall vorüber ſei, er ſeine Freiheit wieder bekommen würde und ſeine ſchöne Freundin aufſuchen könnte. Aber die Gicht hat leider viel Aehnliches mit den Gläubigern: ſie verläßt uns nur in der Stunde des Todes, das heißt, wenn ſie nichts Anderes mehr thun kann. Und der Gichtanfall des Grafen Herbel war weit entfernt, ſo raſch vorüber zu gehen, als ſein Neffe geträumt hatte; im Gegentheit, er erneute ſich von Stunde zu Stunde, und der General hatte in einem dieſer ſchlimmen Augenblicke ſchon den Entſchluß gefaßt, ſeiner Gicht einen Scha⸗ bernack zu ſpielen, und ſich eine Kugel durch den Kopf zu ſchießen. Petrus liebte ſeinen Onkel zärtlich; er hatte ſeinen Gedanken geahnt, und einige gute Worte, die von Herzen kamen, von mehreren Thränen be⸗ gleitet, hatten den General ſo weit erweicht, daß er auf ſeinen finſtern Plan verzichtete. Sie waren auf dieſem Punkte angekommen, als ſie die Margquiſe de la Tournelle, von Kopf bis zu Fuß ſchwarz gekleidet, hereinſtürmen ſahen. „Oh!“ rief der Graf Herbel,„iſt der Tod ſo nahe, daß er mir die größte Qual meines Lebens ſchickt?“ „Lieber General,“ ſagte die Marquiſe de la Tournelle mit einer Stimme, der ſie einen beweg⸗ ten Ausdruck zu verleihen verſuchte. „Nun, was gibt es?“ fragte der Graf barſch. „Können Sie mich nicht in Frieden ſterben laſſen, Marquiſe?“ S8 243 „General, Sie wiſſen, was für ein Unglück über 6 der de Lamothe Houdan hereingebro⸗ hen iſt.“ „Ich ſehe, was es iſt,“ ſagte der General Graf Herbel, indem er die Augenbrauen zuſammenzog und ſich auf die Lippen biß;„Sie ahnten, daß mein Neffe und ich den kürzeſten Weg ſuchten, um aus dieſem Leben zu kommen, und Sie eilten her⸗ bei, um ihn abzukürzen.“ „Sie ſind heute nicht ſonderlich gut gelaunt, General.“ „Geſtehen Sie, daß ich keinen Grund dazu habe,“ antwortete der Graf, indem er zuerſt die Marquiſe und dann ſein Bein anſah:„die Gicht und Er wollte ſagen: und Sie, aber er hielt inne und fuhr dann fort: „Nun, was wollen Sie?“ „Sie willigen alſo ein, mich anzuhören?“ ſagte die Marquiſe heiter. „Was ſoll ich anders thun?“ antwortete der Graf, indem er mit den Achſeln zuckte.. Bann wandte er ſich nach ſeinem Neffen um und ſagte: „Petrus, Du haſt drei Tage lang die Luft von Paris nicht mehr geathmet, ich gebe Dir für zwei Stunden Deine Freiheit, mein Kind; denn ich kenne die Plaudereien der Frau Marquiſe, und ich zweifle nicht, daß ſie mir das Vergnügen machen werde, dieſe bis zu Deiner Zurücktehr zu verlängern Aber nicht länger als zwei Stunden, hörſt Du? oder ich ſtehe nicht für mich ein.“ 244 „In einer Stunde werde ich hier ſein, mein Oheim,“ rief Petrus, indem er die Hände des Generals herzlich drückte;„ſo viel Zeit brauche ich, um zu mir nach Hauſe zu gehen.“ Bah!“ rief dieſer,„wenn Du einen Beſuch zu machen haſt, genire Dich nicht.“ „Ich danke, Oheim!“ ſagte der junge Mann, indem er ſich vor der Marquiſe verbeugte und ging. „Jetzt find wir beide allein, Marquiſe!“ ſu der Graf Herbel, nachdem ſein Nefſe weggegangen war, in halb ernſtem, halb ſpöttiſchem Tone.„Sie wollen mein Leben abkürzen, nicht wahr?“ „Ich will nicht den Tod des Sünders, Gene⸗ ral!“ fagte die Frömmlerin ſalbungsvoll. „Nun, da Herr Rappt, Ihr Sohn...“ „Unſer Sohn,“ unterbrach ihn die Marquiſe de la Tournelle lebhaft. „Nun, ſagte ich,“ fuhr der General ruhig fort, „da Herr Rappt, Ihr Sohn, vor dem Richterſtuhl des Cwigen Rechenſchaft abzulegen gegangen iſt, brauchen Sie mein Erbe nicht mehr für ihn.“ „Es handelt ſich nicht um Ihr Erbe, General.“ „Jetzt, fuhr der Graf Herbel fort, ohne den Worten der Marquiſe die geringſte Aufmertſamkeit zu ſchenken zu ſcheinen,„jetzt, da der erlauchte und berühmte Marſchall de Lamothe Hondan, Ihr Bru⸗ der, todt iſt, brauchen Sie meine Unterſtützung nicht mehr zu verlangen, wie bei Ihrem letzten Beſuche, um für eines jener monſtruoſen Geſetze ſtimmen zu laſſen, deren ſich die Völker bedienen, die Könige in's Gefängniß zu werfen oder zu verbannen, die löniglichen Kronen in die vier Winde zu ſtreuen —— ——— ein es 245 und die Throne in den Fluß zu ſchleudern. Wenn Sie mir alſo weder vom Grafen Rappt, noch vom Marſchall de Lamothe Houdan ſprechen wol⸗ len, was kann mir dann die Ehre Ihres Beſuches verſchaffen?“ „General,“ ſagte die Marquiſe de la Tournelle in klagendem Tone,„ich habe viel gelitten, bin ſehr gealtert, habe mich ſeit dieſem doppelten Unglücks⸗ fall ſehr verändert. Ich komme nicht, um mit Ih⸗ nen von meinem Bruder oder unſerem Sohne zu ſprechen „Ihrem Sohn!“ unterbrach ſie Graf Herbel mit ungeduldiger Miene. „Ich wollte Ihnen von mir ſprechen, General.“ „Von Ihnen, Marquiſe?“ fragte der General, indem er die Frömmlerin mit mißtrauiſchem Blicke anſah. „Von mir und von Ihnen, General.“ „Nun olſo, halten wir aus,“ mummelte der Graf Herbel.„Welche angenehme Theſe können wir mü einander zu beſprechen haben, Marquiſe? über welches intereſſante Sujet?“ „Mein Freund,“ begann die Marquiſe de la Tournelle mit der ſüßeſten Stimme, indem ſie dem Grafen Herbel verliebte Taubenblicke zuwarf,„mein Freund, wir ſind nicht mehr jung.“ „Wem ſagen Sie das, Marquiſe?“ antwortete oder flüſterte vielmehr der General. „Die Stunde, die Fehler unſerer Jugend zu ſühnen,“ fuhr die Marquiſe de la Tournelle in ſal⸗ bungsvollem Frömmlertone fort,„hat für mich 246 ſchon lange geſchlagen; wird ſie nicht auch endlich für Sie ſchlagen, mein Freund?“ „Was nennen Sie die richtige Stunde der Sühne, Marquiſe?“ fragte der Graf Herbel in mißtrauiſchem Tone und die Stirne runzelnd;„auf welchem Kirchthurm haben Sie ſie ſchlagen hören?“ „Iſt es nicht Zeit, General, uns zu erinnern, daß wir uns in unſerer Jugend zärtlich geliebt?“ „Offen geſagt, Marquiſe, ich glaube nicht, daß es Zeit ſei, ſich deſſen zu erinnern.“ „Sie leugnen, daß Sie mich geliebt?“ „Ich leugne es nicht, ich vergeſſe es, Marquiſe.“ „Sie beſtreiten mir die Rechte, welche ich an Ihre Erinnerung habe?“ „Durchaus, Marquiſe.“ „Sie ſind ein ſehr verachtungswerther Menſch geworden.“ „Sie wiſſen, daßs die alten Teufel Eremiten werden und die Menſchen, wenn ſie alt werden, Teufel. Wenn Sie nicht daran glauben, Mar⸗ quiſe, ſo will ich Ihnen mein Bein zeigen.“ „Sie machen ſich alſo keine Vorwürfe?“ „Verzeihen Sie, Marquiſe, ich mache mir einen.“ „Und welchen?“ „Daß ich Ihnen ſo viel koſtbare Zeit raube.“ „Das heißt mich auf eine indirecte Weiſe ver⸗ obſchieden,“ ſagte die Marquiſe entrüſtet. „Sie verabſchieden, Marquiſe!“ rief der Graf Herbel gutmüthig.„Sie verabſchieden!“ wieder⸗ holte er.„Was für ein obſcheuliches Wort ſpre⸗ chen Sie da aus? Wer zum Teufel denkt daran, Sie zu verabſchieden?“ 247 „Sie!“ antwortete die Marquiſe de la Tour⸗ nelle,„Sie, der Sie wir ſeit meinem Eintreten nichts als Impertinenzen ſagen.“ „Geſtehen Sie, Marquiſe, daß Sie lieber mir welche machen würden.“ „Ich begreife Sie nicht!“ unterbrach ihn die Marquiſe de la Tournelle lebhaft. „Das beweiſt zur Genüge, Marquiſe, daß wir beide das Alter überſchritten haben, wo man ſich Sottiſen macht, ſtatt ſich welche zu ſagen.“ „Ich wiederhole Ihnen, daß Sie ein abſcheu⸗ licher Menſch ſind, und daß meine Gelübde und Gebete Sie nicht retten werden.“ „Ich bin alſo wirklich in Gefahr, Marquiſe?“ „Sie ſind mehr als halb verdammt.“ „Wirklich?“ „Ich ſehe von hier ſchon die Region, in der Sie Ihr ewiges Leben zubringen werden.“ „Sprechen Sie von der Hölle, Marquiſe?“ „Ich ſpreche nicht vom Paradieſe.“ „Zwiſchen der Hölle und dem Paradieſe, Mar⸗ quiſe, iſt das Fegefeuer, und wenn Sie es mich hier nicht thun laſſen, ſo wird es mir doch dort oben geſtattet ſein, über meine Sünden nachzudenken.“ „Ja, wenn Sie ſich beſſern.“ „Auf welche Weiſe?“ „Wenn Sie Ihre Sünden eingeſehen und büßen.“ „Es iſt alſo eine Sünde, Sie geliebt zu ha⸗ ben?“ ſagte der Graf Herbel galant.„Geſtehen Sie ſelbſt, es wäre nicht ſehr höflich, wenn ich es bereuen wollte.“ „Es wäre nur gerecht, es zu ſühnen.“ 248 „Ich weiß, was es iſt, Marquiſe; Sie wollen mich beichten machen und mir eine Strafe aufer⸗ legen; wenn dieſe meine Kräfte nicht überſteigt, ſo ſchwöre ich Ihnen auf mein Ehrenwort, daß ich ſie über mich ergehen laſſen will.“ „Sie werden bis zu Ihrem letzten Augenblicke ſcherzen!“ ſagte die Marquiſe unwillig. „D, noch viel länger, Marquiſe.“ zun wollen Sie Ihre Sünden ſühnen oder nicht?“ „Sagen Sie mir das Mittel.“ „Heirathen Sie mich.“ „Man ſühnt nicht eine Sünde durch eine andere, liebe Freundin!“ „Sie ſind ein Unwürdiger!“ „Unwürdig, Sie zu heirathen, gewiß.“ „Sie weigern ſich alſo?“ „Entſchieden. Wenn es ein Erſatz wäre, ſo fände ich ihn zu ſchwach; wenn es eine Strafe, ſo finde ich ſie zu ſtark.“ In dieſem Augenblicke zog ſich das Geſicht des alten Edelmannes ſo heftig zuſammen, daß die Marquiſe de la Tournelle unwillkürlich ſchauerte. „Was haben Sie, General?“ rief ſie. „Einen Vorſchmack der Hölle, Marquiſe,“ ſagte der Graf Herbel melancholiſch lachend. „Sie leiden viel.“ „Furchtbar, Marquiſe.“ „Wollen Sie, daß ich rufe?“ „Es iſt unnöthig.“ „Kann ich Ihnen mit etwas dienen?“ „Gewiß.“ 249 „Womit?“ „Wenn Sie gehen, Marquiſe.“ Die frivole Weiſe, in der dieſe drei Worte aus⸗ wurden, machten die Marquiſe de la Tournelle erblaſſen. Sie erhob ſich raſch und ſah den alten General mit jenem giftigen Blicke an, auf den die Frömmler allein ein Privilegium haben. „Gut!“ ſagte ſie;„der Teufel hole Ihre Seele!“ „Ach! Marquiſe,“ ſagte der alte Edelmann, traurig ſeufzend,„ich ſehe, daß ich ewig der Ihre bleiben werde!“ In dieſem Augenblicke trat Petrus in das Schlaf⸗ zimmer, deſſen Thüre die Marquiſe gerade halb geöffnet. Ohne auf die Marquiſe zu achten, und nur das verſtörte Geſicht des Grafen ſehend, lief er auf ſeinen Oheim zu, umſchlang ihn mit ſeinen Armen und ſagte: „Mein Oheim, mein lieber Oheim!“ Dieſer ſah Petrus mit einem Auge voll Trauer an, indem er ſagte: „Iſt ſie fort?“ In dieſem Augenblicke ſchloß die Marquiſe ge⸗ rade die Thüre. „Ja, Oheim!“ antwortete Petrus. „Die Unglückliche!“ ſeufzte der General,„ſie hat mir den Todesſtoß gegeben.“ „Kommen Sie zu ſich, mein lieber Oheim!“ rief der junge Mann, den die Bläſſe des Grafen erſchreckte;„ich habe den Doctor Ludovic mitge⸗ bracht; erlauben Sie, daß er eintritt?“ „Allerdings, mein Kind!“ ſagte der Graf,„ob⸗ 25⁰ eich die Anweſenheit eines Arztes unnütz iſt... s iſt zu ſpät.“ „Mein Oheim! mein Oheim!“ rief der junge Mann,„ſprechen Sie nicht ſo!“ „Muth, Junge! und wenn ich immer als Edel⸗ mann gelebt, laß mich nicht ſo bürgerlich ſterben, daß ich über dieſen Schritt weich werden ſollte. Hole Deinen Freund.“ Ludovic trat ein. Nach Verfluß von fünf Minuten konnte Petrus in den Augen Ludovie's das Todesurtheil des Gra⸗ fen Herbel leſen. Nachdem er dem i Doctor ſeine Hand gereicht, ſagte der General, indem er die Hand ſei⸗ nes Neffen lebhaft erregt ergriff, in ſeinem rüh⸗ rendſten Tone: „Mein Kind, die Marquiſe de la Tournelle forderte mich ſoeben auf, da ſie meinen Tod her⸗ annahen fühlte, daß ich ihr die Vergehen meines Lebens beichten ſolle. Ich habe, ſo viel ich weiß, nur eines begangen; es iſt freilich nicht zu ſühnen; ich habe verſäumt, den ehrenwertheſten Menſchen, dem ich in meinem Leben begegnet, aufzuſuchen; ich ſpreche von Deinem Corſaren von Vater. Du wirſt dieſem alten Jacobiner ſagen, daß mein ein⸗ ziger Schmerz im Augenblick des Todes der gewe⸗ ſen, daß ich ihm die Hand nicht mehr drücken konnte.“ Die beiden jungen Leute wandten den Blick ab, um dem guten alten Mann die Thränen zu ver⸗ bergen, die aus ihren Augen rollten. „Nun, Petrus,“ ſagte der Graf Herbel, der M — — M v Sd — v— — 251 3 dieſe Bewegung bemerkte und die Bedeutung ver⸗ ſtand, iſ Du kein Mann und iſt der Anblick einer erlöſchenden Lampe ein ſo außergewöhnlich Schauſpiel, daß Du mir Dein treues Geſicht in dieſem letzten Augenblicke verbirgſt? Komm näher zu mir, mein Kind; auch Sie, Doctor, ſein Freund. Ich habe viel und lang gelebt und habe, ohne mir das Ausſehen zu geben, das letzte Wort des Da⸗ ſeins geſucht; jucht es nicht, meine Kinder, denn ihr kommt ſonſt, wie ich, zu dem melancholiſchen Schluſſe, daß mit Ausnahme von ein oder zwei ſei Gefühlen, wie die, welche Du und Dein ater mir eingeflößt, der ſüßeſte Augenblick des Lebens der iſt, wo man es verläßt.“ „Mein Oheim! mein Oheim!“ rief Petrus ſchluchzend;„um des Himmels willen, laſſen Sie mich glauben, daß wir noch viele Tage haben, um über Tod und Leben zu philoſophiren.“ „Kind!“ ſagte der Graf Herbel, indem er ſei⸗ nen Neffen mit einem Blicke voll Schmerz, Jronie und Reſignation anſah,„Kind, ſieh!“ Dann erhob er ſich, wie wenn er von einem obern Militär aufgerufen würde und ſagte, wie der alte Mohicaner der Prairie: So ſtarb der Abkömmling der Courtenay, der General Graf Herbel! 252 CXXX. Ende gut, Alles gut. Die Zauberinnen haben ein Herz, wie beinahe alle Naturmenſchen und ihr Herz ſtrömt bisweilen über, und um ſo reichlicher, je tiefer es gegraben iſt. Der Leſer, der ſich der abſtoßenden Häßlichkeit Brocante's erinnert, wird vielleicht ſehr erſtaunt ſein, wenn wir ihm ſagen, daß die Brocante zwei⸗ mal während ihres phantaſtiſchen Lebens von Leu⸗ ten, die ſich auf Schönheit verſtanden, von Jean Robert und Petrus, ſo ſchön gefunden wurde, daß ſie die Erinnerung an ſie feſtzuhalten ſuchten, der Eine auf dem Papier, der Andere auf der Leinwand. Aber als getreuer Erzähler gſauben wir die Wahr⸗ heit ſagen zu müſſen, wie groß auch das Staunen und die Ungläubigkeit unſerer Leſer ſein mag. Die Brocante war bei zwei Gelegenheiten ſchön geweſen: das erſte Mal am Tage des Verſchwin⸗ dens von Roſe de Noel, das zweite Mal am Tage der Rückkehr des jungen Mädchens in das Haus der Rue dUlm. Man weiß, daß wenn Salvator etwas von der Brocante erreichen wollte, er nur drei Worte aus⸗ zuſprechen brauchte, nämlich:„Seuſam, öffne Dich!“ Er ſagte:„Ich entführe Roſe de Noel“ und au⸗ genblicklich ließ ſie es geſchehen. Sie betete den Findling an. Jeder Verbrecher, jeder Egoiſt hat— ſo ſehr ſie auch verborgen ſein mag— eine Fiber, die die Jugend eines Tages vibriren machen kann. Dieſe alte, finſtre, egoiſtiſche Natur betete Roſe de Noel an, wie wir beim Beginne unſerer Erzäh⸗ lung ſagten. Erinnert Ihr euch jenes bewundernswürdigen Pianto von Triboulet in le Roi Samuse unſres lieben Hugo? Nun, der Schrei des Schreckens und der Beſtürzung, welchen Brocante ausſtieß, als ſie bei ihrer Heimkehr erfuhr, daß Roſe de Noel ver⸗ ſchwunden, war nicht minder groß, als jener. Jener alte Narr, der Triboulet iſt von einer erhabenen Schönheit, als er die Entführung ſeiner Tochter erfährt; ſo ſchön war auch die Brocante, als ſie die Entführung Roſe des Noels erfuhr. Wenn ich nicht fürchtete für parador zu er⸗ ſcheinen, ſo würde ich zu zeigen ſuchen, daß der Verluſt eines Kindes ebenſo grauſam und fürch⸗ terlich für eine Adoptivmutter iſt, als für die wirk⸗ liche Mutter. Bei der Einen kömmt der Schmerzensſchrei aus dem Innern des Körpers: es iſt ein Stück Fleiſch, das ſich losreißt; bei der Andern kömmt es aus dem Herzen: es iſt das Leben, das entflieht. Ich kannte einen alten alten Mann, der ein Kind fünfundzwanzig Jahre lang erzogen hatte; er war augenblicklich des Todes, als er erfuhr, daß ſein Sohn im Spiele betrogen. Der wirkliche Vater hätte ihm Vorwürfe gemacht und ihn nach Belgien oder Amerika geſchickt, um dort die Verjährung ſeines Verbrechens abzuwarten. Die Trauer war wirklich groß, als ſie dieſe Nachricht erhielt. Sie wiegelte das ganze Zigeu⸗ nercorps auf; ſie bot, wenn es nöthig ſei, für die 254 Wiederauffindung des koſtbaren Steines, den man Adoptivkind nennt, den Hauptjuwel der Krone des erſten Königs von Böhmen, welchen ſie im denk⸗ würdigen Kampfe mit dem Satanas ſelbſt errun⸗ gen. Ihr Schmerz war mit einem Worte auf's Höchſte geſtiegen, und nur die Freude konnte ihm gleichen, als ſie das Kind wiederfand. An jenem Tage brachen Jean Robert, Petrus, Ludovic und vor allem Salvator über die trium⸗ phirende Schönheit der Zauberin in Bewunde⸗ rung aus. Deßhalb erlaubten wir uns zu ſagen, jene häß⸗ i Alte ſei zweimal in ihrem Leben ſchön ge⸗ weſen. Ihre Schönheit dauerte freilich nicht lange. Man erinnert ſich, daß Roſe de Noel bis zu dem für die Heirath mit Ludovic beſtimmten Au⸗ genblicke in eine Penſion treten ſollte. Als Sal⸗ vator der Brocante dieſe Kunde mittheilte, vergoß die Zauberin Thränen; dann ſtand ſie auf und ſah Salvator mit einem drohenden Blicke an, in⸗ dem ausrief: „Nie!“ „Brocante,“ machte Salvator ſanft, und im tiefſten Herzen von dem Gefühle bewegt, das dieſe Worte dictirte,„Brocante, das Kind muß die Welt kennen lernen, in die es eintreten ſoll. Es iſt. nicht damit gethan, daß man die Namen der Krähen und der Hunde kennt; die Geſellſchaft verlangt eine vielſeitige Bildung. An dem Tage, wo das arme Mädchen den Fuß in den kleinſten Salon ſetzte, würde ſie ſich ſo unbehaglich fühlen, wie ein ſi ——— 1 3 t 2 t nur noch ein Jahr.“ 255 Wilder aus den Urwäldern in einem Salon der Tuilerien.“ „Es iſt meine Tochter,“ ſagte die Brocante bitter. „Gewiß!“ ſagte Salvator in ernſtem Tone, „Und was dann?“ „Sie gehört mir,“ fuhr die Brocante fort, als ſie Salvator von ihren mütterlichen Rechten ſo überzeugt ſah. „Nein!“ antwortete Salvator;„ſie gehört der Welt, ſie gehört namentlich und vor Allem dem Manne, der ſie aus Liebe gerettet oder ſie geliebt, indem er ſie rettete; er iſt ihr Adoptivvater(ein Arzt iſt ein Vater!), wie Du ihre Mutter biſt! Man muß ſie für die Welt erziehen, in der ſie le⸗ ben ſoll, und Du, Brocante, kannſt ſie nicht un⸗ terrichten. Ich nehme ſie alſo fort.“ „Nie!“ wiederholte die Brocante mit einem herzzerreißenden Tone. „Es muß ſein, Brocante,“ ſagte Salvator ſtreng. „Herr Salvator!“ rief die Zauberin mit bit⸗ tendem Tone,„laſſen Sie ſie mir noch ein Jahr, nur noch ein Jahr!“ „Es iſt unmöglich!“ „Ein kleines Jahr, ich flehe Sie darum an! ich hatte viele Sorge mit dem Kinde, ich verſichere Sie; ich werde noch mehr ſorgen für ſie! Ich werde ſie in Sammet und Seide kleiden; es ſoll kein ſchöneres Mädchen geben, als ſie. Ich bitte Sie, Herr Salvator, laſſen Sie ſie mir noch ein Jahr, 256 Die arme Hexe weinte, als ſie dieſe Worte ſprach. Salvator, auf's Tiefſte gerührt, wollte noch nichts von ſeiner innern Bewegung merken laſſen. Weit entfernt, that er ſogar, als wenn er gereizt wäre. Er zog die Brauen zuſammen und ſagte laconiſch: „Es iſt entſchieden!“ „Nein! nein! nein!“ wiederholte die Brocante Schlag auf Schlag.„Nein, Herr Salvator, Sie werden das nicht thun. Sie iſt noch kränklich, vorgeſtern hatte ſie einen furchtbaren Anfall. Herr Ludovic hatte ſie kaum verlaſſen. Eine Viertel⸗ ſtunde nach ſeinem Weggang ſtieß ſie einen Schrei aus und ſagte:„Ich erſticke!“ Das Blut ſtieg ihr bis in die Augen. Arme kleine Roſe! In dieſem Angenblicke, Herr Salvator, glaubte ich, ſie ver⸗ lieren zu müſſen. Wenig hat gefehlt. Sie fiel auf den Stuhl zurück, ſie ſchloß die Augen und ſtieß Schreie aus!... was für Schreie, guter Gott; Schreie aus der andern Welt, Herr Salvator! Dann nahm ich ſie in meine Arme, legte ſie auf die Erde, wie mir Herr Ludovic befohlen und ſagte: „Roſe! mein Röschen! meine kleine Roſe!“ kurz Alles, was ich ihr ſagen konnte. Man mußte ſehen, wie die kleine Bruſt zuckte, wie wenn ſie in einen Schraubſtock gethan geweſen, und die Adern ihres Halſes ſchwollen an, daß man hätte glauben kön⸗ nen, ſie würden berſten. O! Herr Salvator, ich habe viel Trauriges in der Welt geſehen, aber nichts Traurigeres, als das. Endlich hat ſie ge⸗ weint; ihre Thränen haben ſie erfriſcht, wie ein guter Regen; ſie hat ihre ſchönen Augen wieder —— S— 8 8— d „—— 257 geöffnet und gelacht; ſie war für diesmal gerettet; aber ſie hören mich ja gar nicht, Herr Salvator! Die naive Erzählung der größten Kriſis des Weibes vor und nach der Geburt, welche man das Spasma nennt, hatte auf unſern Freund Salvator einen ſo tiefen Eindruck gemacht, daß er den Kopf abgewandt, um ſeine Bewegung zu verbergen. „Ich weiß das, Brocante,“ Salvator, mit einem Tone, den er trocken zu machen ſuchte,„Lu⸗ dovic hat es mir dieſen Morgen erzählt und deß⸗ halb will ich ſie fortbringen. Das Kind bedarf größerer Pflege.“ „Und wollen Sie ſie bringen?“ fragte die Brocante. „Ich habe Dir's bereits geſagt, in ein Pen⸗ ſionnat!“ „Das iſt doch nicht Ihre Abſicht, Herr Sal⸗ vator! Nicht wahr in ein Penſionnat hat man die kleine Mina gebracht?“ „Allerdings“ „Hat man ſie nicht entführt?“ dieſem Penſionnat wird man ſie nicht ent⸗ ühren.“ „Wer wird ſie denn bewachen?“ „Du ſollſt es ſogleich erfahren. Wo iſt ſie denn?“ „Wo ſie iſt?“ ſagte die Zauberin, indem ſie Salvator mit ſcheuem Blicke anſah und ſchauerte, als ſie merkte, daß der Augenblick der Trennung herannahte. „Nun ja! wo iſt ſie?“ „Sie iſt nicht hier,“ ſtotterte die alte Frau: „für den Augenblick iſt ſie abweſend. Sie iſt“.. Dumas, Salvator. VIIM. 17 258 „Du lügſt, Brocante!“ unterbrach ſie Salvator. „Ich ſchwöre es Ihnen, Herr Salvator.“ „Du lügſt, ſage ich!“ wiederholte der junge indem er die Brocante mit ſtrengem Blicke anſah. „Gnade, Herr Salvator!“ rief die arme Alte und fiel, ſeine Hände küſſend, Salvator zu Füßen. „Gnade, nehmen Sie ſie nicht fort! Sie tödten mich! es iſt mein Tod!“ „Auf! erhebe Dich!“ ſagte Solvator immer ge⸗ rührter;„wenn Du ſie wahrhaft liebſt, mußt Du wünſchen, ſtolz auf ſie ſein zu können. Und dazu muß ſie Unterricht erhalten; Du kannſt ſie ſehen, wann Du willſt.“ „Sie verſprechen es mir, Herr Salvator?“ „Ich ſchivöre es Dir,“ ſagte der junge Mann feierlich.„Rufe ſie.“ „O Dank! Dank!“ rief die alte Frau, indem 6 ie Hände Salvator's mit Thränen und Küſſen edeckte. Dann erhob ſie ſich mit einer Lebhaftigkeit, die man nicht von ihrem Alter erwarten durfte. „Roſe, Röschen, meine liebe Roſe!“ rief ſie. Auf dieſen Ruf erſchien Roſe de Noel. Die Hunde bellten luſtig, die Krähe ſchlug mit den Flügeln. Es war nicht mehr das Kind, das wir beim Beginne dieſer Geſchichte, in dem Capernaum der Rue Tripperet ſahen; es war nicht mehr das junge, wie die Mignon unſres tiefbeweinten Ary Scheffer tee Mädchen; es war nicht mehr das kränk⸗ ſche Geſicht des armen Kindes unſrer Faubourgs; 259 es war ein großes, hochaufgeſchoſſenes Mädchen, mit tief unter den ſchwarzen und dicken Brauen liegenden Augen, welche vielleicht etwas ſcheu aus⸗ ſahen, aus denen aber belebende Flammen ſchoſſen. Bei ihrem Eintritt in das Empfangzimmer der Brocante färbten ſich ihre Wangen mit einem ſanf⸗ ten Rothe, das bei dem Anblicke Salvator's in ein tiefes Roth überging. Sie aing auf ihn zu, fiel ihm um den Hals, umſchlang ihn und küßte ihn zärtlich. „Und ich?“ ſagte die Brocante, indem ſie mit einem eiferſüchtigen Blicke auf dieſe Szene ſah. Roſe de Noel eilte auf die Brocante zu und rief, iudem ſie ſie in ihren Arm preßte und küßte: „Liebe Mutter!“ In dieſem Augenblicke trat eine neue Perſön⸗ lichkeit ein oder vielmehr ſprang wie ein Gummi⸗ ball in den Solon. „Hah! Brocante!“ ſagte dieſe Perſon, indem F ein Rad ſchlug, vermuthlich, um raſcher bei der erſon zu ſein, an die ſie ſich wandte,„ich melde Dir, daß Geſellſchaft kömmt, vier Frauen von der haute, die ſich wollen Karten ſchlagen laſſen für ihre blanken Thaler.“ Und Solvator bemerkend, fuhr der Genannte fort, indem er ſich wieder auf die Füße ſtellte und die Augen ſenkte: „Verzeihung, Herr Salvator, ich ſah Sie nicht.“ „Du biſt es, Taugenichts!“ ſagte Salvator zu Babolein, den auch der wenigſt ſcharfſinnige Leſer erkannt haben wird. „Ich bin es!“ ſagte Babolein, wie in und 260 nach ihm der berühmte Sire von Framboiſy geſagt! „Von welcher Geſellſchaft ſprichſt Du?“ fragte Salvator. „Vier Damen,“ antwortete Babolein,„die ſich ohne Zweifel ihr Glück prophezeien laſſen wollen.“ „Bringe ſie herauf!“ ſagte Salvator. Und ſchon nach einem Augenblick traten vier junge Frauen in das Zimmer. „Hier!“ ſagte Salbator zu der Brocante, in⸗ dem er auf die vier Damen eutete,„hier ſind die vier mit der Erziehung Roſe de Noeb's beauftragten Damen.“ Die Zauberin zitterte. „Dieſe Dame,“ ſagte Salvator, indem er auf Regina deutete,„wird das Kind das Zeichnen leh⸗ ren, don dem Petrus ihr ſchon die Anfangsgründe beigebracht; dieſe Dame,“ fuhr er mit einem me⸗ lancholiſchen Blicke auf Carmeliten fort,„wird ihr die Muſik lehren; dieſe Dame,“ fügte er hinzu, indem er auf Frau von Marande deutete, und ſie beinahe lächelnd anſah,„wird ihr die Haushal⸗ tung führen lehren. Was dieſe Dame endlich be⸗ trifft,“ ſchloß er mit einem zärtlichen Blicke auf Fragola,„ſo wird ſie 5 egina, Carmelite und Lydia ließen ihn nicht ausſprechen, ſie ſagten zu gleicher Zeit: „Die Liebe lehren!“ Salvator dankte mit dem Blicke. „Wollen Sie mit uns kommen, Kind?“ ſagte egina. „Jo, gute Fee Carita!“ antwortete Roſe de Noel. — v 261 Die Brocante zitterte an allen Gliedern; ihre Wangen wurden ſo roth, daß Salvator einen Au⸗ genblick fürchtete, ſie habe einen Schlagfluß be⸗ kommen. Er eilte auf ſie zu. „Brocante,“ ſagte er, ihre Hand faſſend,„Muth! hier ſind vier Engel, welche Gott ſendet, Dich aus der Hölle zu erretten. Betrachte ſie. Glaubſt Du nicht, daß dieſes Kind, das Du liebſt, beſſer unter ihren weißen Flügeln aufbewahrt ſei, als unter Dei⸗ nen ſchwarzen Klauen? Auf, Muth, arme Alte! ich wiederhole Dir, Du wirſt ſie nicht verlaſſen! und einer der guten Geiſter wird Dich adoptiren, wie ſie Dein Kind adoptiren. Welche von euch wird Brocante adoptiren?“ fügte er hinzu, indem er ſich in dem Kreiſe umſah. „Ich!“ ſagten ſie alle zu gleicher Zeit. „Du ſiehſt, Brocante,“ ſagte Salvator. Die alte Frau ſenkte den Blick. „Das beweiſt,“ fügte der junge Mann philo⸗ ſophiſch hinzu, indem er die Zauberin und die vier Frauen anſah,„daß es in der künftigen Welt keine Waiſen mehr geben wird, denn die Geſellſchaft wird ihre Mutter ſein!“ „So ſei es!“ rief nicht minder prophetiſch Ba⸗ bolein, indem er ironiſch das Zeichen des Kreuzes machte. Ein Jahr nach dieſer Szene heirathete Roſe de Noel, welche nunmehr zwei Millionen beſaß, die ———— — ———— 262 ihr Herr Gerard wider ſeinen Willen hinterlaſſen, unſern Freund Ludovic, der einer unſerer berühm⸗ teſten Aerzte und eine unſerer größten wiſſenſchaft⸗ lichen Notabilitäten geworden. Und wie um das Sprüchwort zu rechtfertigen: „Ende gut, Alles gut,“ hat Roſe de Noel ihre Geſundheit durch die Liebe wieder gewonnen; was beweiſt, daß Molidre, wie Jean Robert ſagte, noch immer der berühmteſte Arzt iſt, den man kennt, da er„die Liebe als Arzt“ geſchaffen. CXXXI. „Ehre dem Muthe im Unglück!“ Herr von Marande war es, der Chante Lilas den Tod von Madame de Rozan und die Arre⸗ tirung des amerikaniſchen Gentleman anzeigte. Pie Prinzeſſin von Vanvres vergoß eine Thräne der Erinnerung für ihren Geliebten und ging dann raſch zu einem andern Geſprächsgegenſtande über. Das iſt das Eigenthümliche unſerer unglücklichen Griſetten von Paris, däß ſie das Hemde für ihren erſten Geliebten hergeben, aber kaum eine Thräne für die übrigen haben, die ihm folgen. „So mußte dieſer Menſch enden!“ ſagte ſie, als ihr Herr von Marande meldete, daß Camille zum mindeſten und nur durch viele Protection auf mehre Jahre zu den Galeeren verurtheilt werden würde. te n n te le f 263 „Und warum, liebe Freundin,“ fragte Herr von Matande,„glauben Sie, daß Alle, die die Ehre haben, Sie zu lieben, ſo traurig enden? Das iſt ein ſehr grauſamer Schluß.“ „Sie wechſeln nur die Karten,“ antwortete die Griſette lachend.„Und dann,“ fügte ſie mit einem ſpöttiſchen Blicke auf den neuen 2 iniſter der Fi⸗ nanzen hinzu,„ich ſage auch nicht, daß Alle ſo enden! Zum Beiſpiele Du, mein Augapfel, Du viel zu wenig auf Erden geſündigt, daß man Dir nicht eine Loge im Paradieſe miethen ſollte. Apropos, Loge und Paradies, wann debutirt denn endlich mal die Signora Carmelite?“ „Uebermorgen,“ antwortete Herr von Marande. „Haſt Du mir die Loge reſervirt, um die ich Dich gebeten?“ „Natürlich,“ antwortete der Banquier galant. „Laß ſehen,“ ſagte ſie mit einem ſchmeichelnden Ausdruck, indem ſie den Hols von Herrn von Marande umſchlang. „Hier,“ machte dieſer, indem er das Billet aus der Taſche zog. Chante Lilas ergriff das Billet und betrachtete es vor Freuden erröthend. „Alſo werde ich den Prinzeſſinnen gegenüber ſitzen?“ rief ſie. „Biſt Du nicht ſelbſt eine Prinzeſſin?“ „Da haben wir's, jetzt moquirt er ſich über mich,“ ſagte die Prinzeſſin von Vanvres ſchmol⸗ lend;„aber ich habe vor drei Monaten die Bro⸗ cante befragt und ſie hat mir geſchworen, daß ich die Tochter eines Fürſten und einer Fürſtin ſei.“ 264 „Das iſt nicht genug, Mignonne, und ſie hat Dir die Wahrheit Du biſt nicht blos Prinzeſſin, Du biſt Königin; die Findelkinder ſind die Könige der Erde.“ „Und die verlorenen Männer ſind ihre Mini⸗ ſter!“ ſagte Chante Lilas maliziös, indem ſie den Banquier anſah.„Aber ich werde doch die Prin⸗ zeſſinnen in der Nähe ſehen; denn ich war vor⸗ geſtern ſehr ſchlecht in das Porte Saint Martin placirt, als man das Stück Ihres Freundes Jean gab: ich erinnere mich des Titels nicht mehr.“ „Die Welfen und Ghibellinen!“ ſagte Herr von Marande lächelnd. „Ja ja, die Weſpen und Giffelinen!“ rief die Prinzeſſin von Vanvres.„Diesmal werde ich den Namen behalten. Wo warſt Du denn am Ende des Stücks, mein Leber?“ „Ich ging in die Loge der Frau von Marande hinab, um ihr zum Erfolg unſeres Freundes Jean Robert Glück zu wünſchen.“ „Oder um eine Untreue an mir zu begehen, Elender!“ unterbrach ihn Chante Lilas.„Iſt es wahr, daß Du allen Frauen nachlaufſt?“ „Man ſagt es!“ antwortete Herr von Marande iemlich albern;„aber wenn ich mir erlaube, allen 8iee nachzulaufen, ſo bleibe ich doch nur bei einer ſtehen.“ „Einer großen Dame?“ „Der größten von meiner ganzen Bekanntſ chaft.“ „Einer Prinzeſſin?“ „Von Geburt.“ nicht lkinder Mini⸗ ie den Prin⸗ vor⸗ kartin Jean nicht Herr 265 „Und ich kenne ſie?“ „Natürlich, weil Du es biſt, Prinzeſſin.“ rd Sie ſagen, daß Sie zu meinen Füßen iegen2“ 9Bu ſiehſt es,“ ſagte Herr von Marande, indem er vor Chante Lilas niederkniete. „So iſt's recht,“ ſagte ſie kopfſchüttelnd,„ſo mußt Du büßen, Du haſt es wohl verdient.“ „Das iſt eine Belohnung, Prinzeſſin. Sagteſt Du nicht ſo eben noch, daß ich wegen meines Ver⸗ dienſtes direct in den Himmel kommen würde?“ „Dann habe ich mich ſchlecht ausgedrückt,“ un⸗ terbrach ihn die Griſette. „Es iſt ein Unterſchied Stiſen Tugend und Tugend, und Sünde und ünde. Mit andern Worten, es gibt Tugenden, die Sünden ſind, und Sünden, die Tugenden ſind.“ „Zum Beiſpiel, Prinzeſſin?“ „Ich wußte nicht, daß Du eine ſolche Caſui⸗ ſtin ſeieſt, mein Liebling.“ „Ich habe einige Zeit⸗ ſagte die Prinzeſſin von Vanvres die Angen ſenkend und erröthend,„ich habe bei den Jeſuiten von Montrouge Wäſche aus⸗ und eingeh und dieſe haben mich. Meber den Gegenſtand belehrt,“ unterbrach ſie der Banquier. „Ja,“ murmelte Chante Lilas halblaut,„ja,“ wiederholte ſie, einen Seufzer erſtickend. „Du konnteſt Dich an keine beſſer Unterrichteten wenden. Und was haben ſie Dich mehr gelehrt, als was Du nicht von Natur aus wußteſt?“ „Tauſend Dinge, die ich nicht— behalten,“ 266 antwortete die Griſette erröthend, obgleich ſie nicht leicht roth wurde. „Zum Teufel,“ rief der Miniſter aufſtehend, „ich gehe, um Sie nicht an das zu erinnern, was Sie ſo ehrbar vergeſſen.“ „Das iſt eine ächt jeſuitiſche Ausflucht!“ ſagte Chante Lilas und biß ſich auf die Lippen,„damit ſind Ihre Sünden nicht abgekauft,“ fügte ſie hinzu, Herrn von Marande feſt anſehend.. „Beſtimmen Sie ſelbſt den Preis der Sühne,“ ſagte der Banquier. „Zuerſt knieen Sie nieder.“ „Das bin ich.“ „Bitten Sie mich um Vergebung, daß Sie mich beleidigt haben.“ „Ich bitte Sie demüthig wegen meiner Belei⸗ digungen um Vergebung, aber ich möchte dieſe Be⸗ leidigung auch kennen.“ „Sie wiſſen ſie nicht?“ nicht, ich frage Sie ja.“ „Sie ſind ein verkehrterer Menſch als ich glaubte.“ „Richten Sie mich wieder zurecht, Prinzeſſin.“ „Das Mittel?“ ſeufzte Chante Lilas. „Gib mir den Glauben, meine Liebe.“. „Ich fürchte ſehr, daß der Glaube Sie nicht rettet.“ „Verſuche es,“ ſagte Herr von Marande etwas verlegen überdie Wendung, welche das Geſpräch nahm. „Sieh mich an,“ ſagte Chante Lilas, indem ſie ihre ſchwimmenden Augen voll Wolluſt auf den Banquier richtete. nicht hend, was ſagte damit hinzu, hne,“ e mich Belei⸗ e Be⸗ s ich ſſin.“ nicht etwas nahm. em ſie ſt auf 267 Herr von Marande ſenkte die Augen unter dem Feuer dieſes Blickes. „Nun denn,“ ſagte die Griſette,„was iſt Ih⸗ nen? Sollten Sie zufällig Maltheſerritter ſein und das Gelübde der Renſchheit abgelegt haben?“ Herr von Marande lächelte, aber nicht ſonder⸗ lich anmuthig. „Kind!“ ſagte er, indem er die Hände der Prinzeſſin von Vanvres nahm und ſie küßte; wiederholte er, da er nicht mehr zu ſagen wußte. „Geſtehen Sie, daß Sie mich nicht lieben,“ ſagte Chante Lilas. „Ich werde das nie zugeſtehen,“ ſagte der Banquier. „So bekennen Sie, daß Sie mich lieben.“ „Das will ich lieber.“ „Und. beweiſen Sie es mir auch.“ Herr von Marande machte ein Mäulchen, was deutlich ſagte: „Das will ich weniger.“ „Erwarten Sie nicht etwa Geſellſchaft?“ fragte er, ſei es um den Gegenſtand des Geſpräches zu wechſeln, ſei es, weil er hoffte, der Gefahr zu ent⸗ gehen, die ihm drohte, eine Gefahr, die mit jedem Augenblicke durch die verzehrenden Blicke der Prin⸗ zeſſin größer wurde. 3„Ich erwarte nur Sie,“ antwortete Chante ilas. Sie war heute entzückend ſchön, die Prinzeſſin von Vanvres; die anmuthigſten Roſen lagen auf ihren Wangen, weiße Roſen waren in ihr Haar 268 geflochten, von ihren Ergei ſtrömte Feuer, Flam⸗ men ſchlugen aus ihren Augen; ihr weißer, etwas langer Hals bewegte ſich weich und biegſam wie der eines Schwans; 5 weiße Bruſt hob und ſenkte ſich in ſchönen Wellen. Eingeſchloſſen genug, um Wünſche rege zu ma⸗ chen, und doch ſo entblößt, um ſie zum höchſten Verlangen zu ſteigern, verhüllt endlich von einer blauen Gaze, die ihr bis auf die Füße herabfiel, machte ſie den unausſprechlichen Eindruck, welchen der Anblick der Azurgrotte hervorbringt, in deren blauen Aether man ſich ſtürzt, ohne zu wiſſen, ob man je wieder err von Marande war weit entfernt, die Schönheiten dieſes Schauſpiels zu verkennen; er war aber noch weiter entfernt, ſie zu koſten. Das Wichtige für ihn war nicht das Herauskommen oder Nichtherauskommen aus der Azurgrotte, ſondern das Hineingehen; aber er beſchloß wenigſtens ſich nichts merken zu laſſen, und that Alles, um ſich ein leidenſchaftliches Anfehen zu geben. Die Prinzeſſin von Vanvres, ſo ſehr ſie auch Frau war— und ſie war es bis in die Nägel⸗ ſpitzen,— ließ ſich einige Zeit täuſchen. Sie klagte innerlich über die Kälte des Herrn vor Marande, indem ſie ſeine Zurückhaltung auf Koſten der Ver⸗ achtung ſchrieb, die der Banquier gegen ſie fühlen mußte. Sie ſuchte ih auf dies Gefühl einzugehen, indem ſie ſich des Leichtſinns anklagte, die Sünden zre⸗ Lebens bekannte, und ſich zu beſſern und in ukunft würdiger zu leben verſprach, um ſich die re 269 Let eines ehrenhaften Mannes zu verdienen. Eitler Verſuch, unfruchtbare Bemühung. Herr von Marande drückte ſie in einem leiden⸗ ſchaftlichen Momente in ſeine Arme und rief: „Wie ſchön Du biſt, Mignon!“ „Schmeichler!“ ſagte Chante Lilas beſcheiden. „Ich kenne wenige Geſchöpfe, die ſo ſchön wä⸗ ren, wie Du.“ „Du willſt mich täuſchen?“ „Dich täuſchen, Prinzeſſin?“ ſagte der Ban⸗ nier, indem er ihr den Arm vom Gelenke bis zur Schuer küßte. „Du liebſt mich alſo ein wenig?“ „Ob ich Dich liebe, meine Schöne! Ich liebe Dich nur zu ſehr!“ Er nahm den Hals der jungen Frau in ſeine Hände und ſagte mit einem ſo verliebten Blicke, als ihm nur möglich war: „Bei dem Frühling, deſſen Farben Du trägſt, bei der Blume, deren Namen Bu führſt, liebe ich Dich ganz unausſprechlich, theſ Ich halte Dich für eines der reizendſten Geſchöpfe, die ich in meinem Leben geſehen. Du geichſ zum Täu⸗ ſchen ähnlich einem der hübſchen Mädchen, die das Feſt der Hochzeit zu Cana von Paul Veroneſe ſchmücken. Aber ich habe Unrecht, zu ſuchen, wem Du gleichſt, Du gleichſt Niemand, Du gleichſt nur Dir ſelbſt und deßhalb fühle ich eine ſo innige Liebe für Dich; mit ein weni gutem Willen wirſt Du ſie in meinen Augen finden.“ „In Deinen Augen!. ja.. ſagte Chante Lilas melancholiſch lächelnd. 270 Inzwiſchen war Herr von Marande aufgeſtan⸗ den, und dadurch in die Nähe der Lippen der Prin⸗ zeſſin von Vanvres gekommen, küßte er ſie, um ſie zu tröſten, lebhafter, denn gewöhnlich. Dieſe ließ den Kopf zurückſinken und murmelte leiſe oder ſeufzte vielmehr mit halb erſtickter Stimme die drei in einem verliebten Munde ſo ausdrucks⸗ vollen Worte: „O mein Freund! o mein Freund!“ Aber der Freund, der unter dieſen Conjunctu⸗ ren gewiß dieſes Titels nicht würdig war, weil er aus ihm bekannten Urſachen fürchtete, ſich zu weit einzulaſſen oder weil er ſicher war, ſich nicht genug einzulaſſen, der Freund, ſagen wir, wollte den Rück⸗ weg antreten, als der Mitarbeiter der Leute von Geiſt, den man den Zufall nennt, ihm Verſtärkung ſchickte unter der Geſtalt einer Glocke, deren Ton bis in das Boudoir der Griſette drang. „Man hat geläutet, Prinzeſſin,“ ſagte Herr von Marande, deſſen Geſicht vor Freude ſtrahlte. „Ich glaube wirklich, daß man geläutet hat!“ antwortete Chante Lilas etwas verwirrt. „Sie erwarten Leute?“ fragte der Banquier, der ſich die Miene gab, als wenn ihm das unan⸗ genehm wäre. „Ich ſchwöre Ihnen, nein,“ antwortete die Gri⸗ ſette,„und wenn Sie ſich die Mühe nehmen woll⸗ ten, die Perſon, welche geläutet, fortzuſchicken, ſo würden Sie mir einen wahren Gefallen erweiſen. Ich habe meine Kammerfrau verabſchiedet, und ſen doch nicht ſelbſt ſagen, daß ich nicht zu Hauſe 6 ſi ⸗ . e te te ⸗ 2* it 6 n 9 n 271 „Das iſt ganz richtig, Prinzeſſin,“ ſagte Herr von Marande ttheln; ich e alſo ke Un⸗ bequemen fortſchicken.“ Er ging nach der Thüre, während er das We⸗ ſen, das ihn aus einer ſo fatalen Lage riß, ſegnete. Er kam nach einem Augenblicke wieder. „Rathen Sie, wer es war, Prinzeſſin,“ ſagte er. „Die Gräfin von Battoir ohne Zweifel?“ „Nein, Prinzeſſin.“ „Vielleicht meine Amme?“ „Noch weniger.“ „Meine Rahterin?“ „Nein, ein junger Mann.“ „Ein Glüubigel?“ „Die Gläubiger ſind immer alt! Ein junger kann nur der Schuldner einer ſchönen Frau ein.“ „Alſo vielleicht mein Vetter Alphonſe?“ ſagte Chante Lilas erröthend. „Nein, Prinzeſſin! es iſt ein junger und hüb⸗ ſcer Knabe,“ ſagte er,„den Herr Jean Robert ickt.“ „Ah! ich weiß, wer es iſt. Es iſt ein armer Junge, der kein Geld hat, ſeinen Platz in der Porte Saint Martin zu bezahlen und der meine Protec⸗ tion bei Herrn Jean Robert nachſucht. Sie ſind aus einer Provinz, aber er iſt ſehr ſchüchtern und wagt es nicht, ſeine Bitte direct anzubringen.. „Deßhalb kommt er, Sie darum anzugehen,“ fuhr Herr von Marande fort,„und er hat meiner Treu recht, Prinzeſſin. Er iſt charmant, Prinzeſ⸗ ſin, der Junge. Und Sie ſagen, er ſei arm?“ 272 „So arm, als jung.“ „Und was will er in Paris?“ „Sein Glück machen.“ „Ein großes Glück machen, Prinzeſſin, da er ſich an Sie gewandt. Und weiß er etwas, außer ſeiner natürlichen Kenntniß?“ „Er kann leſen und ſchreiben.. wie alle Welt.“ „Wie alle Welt, das will viel ſagen,“ dachte der Banquier, der die Schrift und den Styl der Prinzeſſin kannte.„Verſteht er auch vielleicht zu rechnen?“ 6„Er iſt Batelier des lettres!“*) ſagte Chante ilas. „Wenn er wirklich Batelier iſt,“ fuhr der Ban⸗ quier fort,„ſo will ich ihm eine Barke geben, daß er damit fahren kann.“ „Sie würden das für ihn thun, während Sie ihn gar nicht kennen?“ rief Chante Lilas. „Ich thue das für Sie, den ich nicht genug kenne,“ antwortete Herr von Marande höflich. „Sie können ihn morgen zu mir auf das Mini⸗ ſterium ſchicken. Wenn er p geſcheut, wie ange⸗ nehm iſt, ſo erg ich für ſeine Zukunft. Und in dieſer Rückſicht, Prinzeſſin, möchte ich ein wenig von der Ihrigen ſprechen, um nicht derangirt zu werden, wie eben. Ich fürchte, daß Sie ſich über die Rolle täuſchen, die ich Sie in meinem Leben u ſpielen bat. Ich bin ein ſehr beſchäftigter Mann, rizeſſun, und die Staatsgeſchäfte, abgeſehen von den meinen, abſorbiren i ſo ausſchließlich, daß Baccalaure. Batelier„ Schiffer. c 9— N— 6 „—— er . te er zu te 273 es mir nicht erlaubt iſt, mich mit Kleinigkeiten zu amuſiren. Auf der andern Seite bin ich aus po⸗ litiſchen Gründen, die ich Ihnen jetzt nicht aus⸗ einander ſetzen kann, genöthigt, den Schein zu ha⸗ ben, als beſitze ich eine Maitreſſe. Wollen Sie mir die Ehre erzeigen, mich zu verſtehen?“ „Vollſtändig!“ antwortete Chante Lilas. „Nun denn, meine liebe Freundin, Sie haben das übernommen. Aber damit Sie es nicht ver⸗ geſſen, habe ich den wahren Sinn unſerer Bezie⸗ hungen in einer Art von Vertrag formulirt, den ich Ihnen hier laſſe, damit Sie ihn nach Muße durchgehen können; Sie werden, hoffe ich, mit dem Preis, den ich für unſer originelles Verhältniß feſt⸗ eſetzt, zufrieden ſein. Und jetzt, Prinzeſſin, erlau⸗ en Sie mir, Ihre Haare zurecht zu rücken, die ich etwas aus der Ordnung gebracht.“ Und Herr von Marande zog aus ſeiner Brief⸗ taſche mehre Tauſendfrankenbillets und ſteckte ſie in Form von Papilloten in die Haare der Prinzeſſin von Vanvres. „Leben Sie wohl, Prinzeſſin,“ ſagte er, nach⸗ dem er ſie väterlich auf die Stirne geküßt;„ich werde Ihnen den Landsmann Jean Robert's ſen⸗ den, und ſeien Sie überzeugt, daß der Junge uns Beiden die größte Ehre machen wird. Und wenn ſein Geſang ſeinen Federn gleicht, ſo haben Sie ganz entſchieden den Phönir gefunden, von dem Juvenal ſpricht.“ Und Herr von Marande verließ das Snti 1 Dumas, Salvator. VIII. 274 5. ſeiner Griſette, hoch erfreut, ſo billigen Kaufs weggekommen zu ſein. CXXXII. Colombe. Drei Jahre nach dem Drama, welches wir ſo eben erzählt und drei Tage nach dem Beſuch des Herrn von Marande bei Chante Lilas, das heißt, am Ende des Winters von 1830 gab das Théätre italien eine außerordentliche Vorſtellung des Othello zu den Debuts einer Sängerin, welche zwei Jahre ſpäter in Italien als Signora Carmelite berühmt wurde, und welche die öffentliche Stimme noch aus⸗ drucksvoller Signora Colomba nannte. Ganz Paris, wie man gegenwärtig ſchreibt, aber wie man zu jener Zeit nur ſagte, das ganze vornehme, intelligente, reiche Paris, kurz, das kunſt⸗ liebende Paris, ſchien ſich an jenem Abend bei den Italienern ein Rendezvous gegeben zu haben. Sobald dieſes Debut annoncirt war, war auch der ganze Saal von oben bis unten verkauft, und die jungen Leute, welche an der Thüre Queue mach⸗ ten, riskirten keinen Eintritt zu bekommen. Was dieſes Drängen, dieſen anticipirten Enthuſiasmus rechtfertigt, war, offen geſagt, nicht allein das aner⸗ kannte Talent der Debutantin, ſondern auch ihr Charakter und das Intereſſe, das ſie Allen ein⸗ flößte, die einen Theil ihrer Lebensgeſchichte kannten. —— ————— ——— — 275 Schriftſteller jeden Genres, Lyriker, Roman⸗ ſchreiber, Dramatiker, Journaliſten hatten ſie un⸗ ter allen Formen und in allen Tonarten beſungen. Jean Robert und Petrus hatten zum Erfolg Carmelitens viel beigetragen. Wir wiſſen, daß ſie deſſelben würdig war. Nach einem Jahre ſchwerer Prüfung, während welcher ſie moraliſch zwiſchen Leben und Tod ge⸗ ſchwebt, hatte ſie ihre drei Freundinnen, Regina, Lydia und Fragola über die zu ergreifende Lebens⸗ ſtellung befragt, welche ihr die Mittel an die Hand gebe, ihren Schmerz einzuſchläfern. Fräu von Marande hatte zur großen Welt gerathen. Regina zum Kloſter. Fragola zum Theater. Sie hatten alle drei Recht; von irgend einem Standpunkte aus ſind die große Welt, das Klo⸗ ſter und das Theater drei Abgründe, in die man ſich ſtürzt, wenn man den Weg verloren hat. Die Perſönlichkeit verſchwindet, man gehört ott, dem Vergnügen oder der Kunſt an; nur ſich ſelbſt gehört man nicht mehr an. Wir ſehen Carmelite ſich bei Frau von Ma⸗ rande verſuchen, an jenem Abend, wo ſie Camille von Rozan wieder fand und ſich ſeinen Blicken ebenſo plötzlich entzog. Der alte Müller kam eines Tages zu Carme⸗ lite und ſagte ihr: „Folge mir.“ Und er führte ſie fort, ohne ihr zu ſagen, wohin. 18* 276 Eines Morgens erwachte ſie in Italien. In Mailand angekommen, führte ſie Müller in die Scala. Man ſpielte die Semiramide.- „Sieh, das iſt Dein Kloſter,“ ſagte er, au das Theater deutend. Dann zeigte er ihr Roſſini im Hintergrunde einer Loge und fügte hinzu: „Sieh, das iſt Dein Gott.“ Vierzehn Tage ſpäter debutirte ſie in der Scala in der Rolle der Arſace in der Semiramide, und Roſſini erklärte ſie für die prima Prima⸗Donna Italiens. Drei Monate ſpäter ſpielte ſie in Venedig die Donna del Lago und die jungen edeln Venetia⸗ ner veranſtalteten ihr auf dem großen Kanal un⸗ ter den Fenſtern ihres Palaſtes eine Serenade, von der noch alle Gondoliere ſprechen. Während der beiden Jahre, die ſie in dem Lande der Melodie zugebracht, war ſie, wie unge⸗ ſehen, von Triumph zu Triumph geflogen; ſie hatte ſich zum Rang der diva erhoben; Roſſini hatte ſie geküßt, Bellini eine Oper für ſie geſchrieben, und Rußland, das ſchon zu jener Zeit uns die großen Künſtler zu entführen ſuchte, die wir verkennen oder ſchlecht bezahlen, machte Carmelite den An⸗ trag eines Engagements mit einer Gage, welche der Civilliſte eines königlichen Prinzen gleich kamen. Palieniſche Marquis, deutſche Barone, ruſſi⸗ ſche Fürſten, kurz hundert Prätendenten hatten um ihre Hand geworben; aber dieſe Hand ſollte ewig den kalten Druck Colombaus fühlen. Der Enthuſiasmus der Menge war deßhalb, 277 wie wir im Beginn dieſes Kapitels ſagten, wohl gerechtfertigt. Der Saal ſtrahlte von Blumen, Diamanten und Lichtern. Der Hof nahm die Baronen, die Geſandtinnen die Balkonlogen, die Frauen der Miniſter die Logen gegenüber der Bühne ein. In der fünften Loge zur Linken des Schauſpie⸗ lers ſaßen drei Perſonen, deren Schönheit das Auge der ganzen Welt auf ſich zog, und deren Glück den Neid der ganzen Verſammlung erregte. Es war unſer Freund Petrus Herbel, welcher ſeit einem Jahr mit der Prinzeſſin von Lamothe Houdan verheirathet war; es war die junge und reizende Prinzeſſin Regina und die kleine Abeille, die ſeit einigen Wochen zur jungen Dame entfaltet, von der Kindheit nichts mehr hatte als jenen letz⸗ ten Strahl, welchen die warmen Tage des Früh⸗ lings vom Morgen bewahren. Gegenüber dieſer Loge, auf der andern Seite des Saals, zur Rechten des Schauſpielers, zog ebenfalls ein Paar, aus deſſen Augen das unaus⸗ ſprechlichſte Glück leuchtete, den Blick der Menge auf ſich: es war unſer Freund Ludovic, der erſt kürzlich die kleine Roſe de Noel geheirathet, welche durch den Tod des Herrn Gerard zur Millionä⸗ rin, durch die Liebe Ludovic's das glücklichſte Weſen auf der Erde geworden. In der Mitte des Saals gegenüber der Szene zogen zwei Logen, oder vielmehr die Perſonen, die darin ſaßen, die Aufmerkſamkeit auf eine eigenthüm⸗ liche Weiſe auf ſich. Wir müſſen jedoch ſogleich 278 ſagen, daß die Aufmerkſamkeit, welche man der Loge zur Rechten zuwandte, anderer Art war, als die, welche man der Loge zur Linken zuwandte. In der Loge zur Linken ſpreizte ſich in einer wie die Sonne glänzenden Robe, deren Umfang alle Crinolinen der Zukunft übertraf, die Prinzeſſin von Vanvres, die hübſche Chante Lilas, welche von Zeit zu Zeit den Kopf langſam umwandte, um Herrn von Marande zu antworten, der ſich im Hintergrund der Loge verſteckte oder ſich wenigſtens den Schein davon gab. Aber was den höchſten Grad von Aufmerkſam⸗ keit der Zuſchauer feſſelte, waren die Perſonen in der Loge zur Linken. Der liebe Leſer erinnert ſich vielleicht nicht mehr, oder geſtehen wir es offen, wir erinnern uns ſelbſt kaum mehr jener reizenden Tänzerin, Namens Roſenha Engel, bei deren Benefice im kaiſerlichen Theater zu Wien wir zugegen waren. Sie ſaß in der Mitte der Loge in einer Robe von weißer Gaze, welche von Perlen, Steinen und Diamanten funkelte. Zu ihrer Rechten, diesmal in Schwarz, der Mann, den wir im Wiener Theater in einem mit Gold und Perlen durchwirkten weißen Kaſchemir, den Kopf mit einem Turban von Brokat umwun⸗ den, aus welchem Pfauenfedern herabhingen, geſe⸗ hen; der, welchen man damals für den Geiſt des Genius der Diamantminen von Puna gehalten, der General Lebaſtard de Premont. Zur Linken der Signora Roſenha Engel ſtand in Schwarz gekleidet wie der General, gleichſam 279 der Schatten der Tänzerin und ernſt wie der Schmerz, Herr Sarranti. Wenn man von dieſer Loge ſeine Blicke auf die Logen des Parterres warf, ſo konnte man an der Haltung der Perſonen, die darin ſaßen, leicht erkennen, daß ſie nicht weniger als dieſe bei den Succes der Debutantin intereſſirt waren. Wirklich waren es Juſtin und Mina, neuer⸗ dings verheirathet, welche den alten Müller zu be⸗ ruhigen ſuchten, deſſen Herz vor Furcht bei dem Gedanken ſchlug, das franzöſiſche Publikum könne den Erfolg ſeiner Schüler nicht ratificiren. Neben ihnen ſaß ein reizendes Paar, Salvator und Fragola, d. h. die ungetrübte, wolkenloſe, hei⸗ tere Liebe, das Doppelglück, friſch wie die erſte Liebe, ſtark und ſolid wie die letzte. Gegenüber von dieſen Logen ſaßen zwei Per⸗ ſonen, welche die Aufmerkſamkeit weder auf ſich zogen, noch auf ſich zu ziehen den Wunſch zu hegen ſchienen. Wir ſprechen von Jean Robert und Frau von Marande. Wenn ihr je, meine lieben Leſer, zwei Stunden mit der Frau, die ihr liebtet, in einer dunkeln Loge zugebracht und ihr in die Au⸗ gen geſchaut, während ihr eine gute Muſik hörtet; wenn ihr je, meine ſchönen Leſerinnen, für zwei Stunden abgeſchieden von der Welt und téte-téte in aller Ruhe und Sicherheit die Schätze des Gei⸗ ſtes und des Herzens eures Geliebten genießen konntet, ſo werdet ihr begreifen, wie der Abend für unſern Freund Jean Robert und für Frau von Marande verfloß. Wenn wir endlich berichtet, daß mitten in den 280 Orcheſterplätzen, allein wie ein Paria, Herr Jackal ſaß, die Naſe mit Tabak ſich philoſophiſch ſtopfend, ohne Zweifel, um ſich über ſeine Verlaſſenheit und über die Undankbarkeit der Menſchen zu tröſten, ſo haben wir alle wichtigen Schauſpieler genannt, welche in dieſem Drama mitwirkten. Der Erfolg Carmelitens(oder vielmehr Co⸗ lomba's; denn von dieſem Tage an blieb ihr der Name) übertraf alle Erwartungen. Nie hatte die Paſta, wie die Pizzaroni, die Mainvielle, die Cata⸗ lani, die Malibran und in unſern Tagen die Griſi, Pauline Viardot, Frezzolini, nie hat eine dieſer großen Sängerinnen die Räume eines Theaters von wärmeren Bravo's, von begeiſterterem Applaus erdröhnen hören. Die Romanze des letzten Actes: Al pid d'un salice wurde dreimal wieder verlangt: man hätte glauben ſollen, die Zuſchauer könnten ſich nicht von dem Saal trennen, die Stimme Colomba's umklammerte ſie an rief ſie zehnmal; die Männer brachen in einen wahren Jubel aus und die Frauen warfen ihr Bouguets und Kränze zu. Tauſend Perſonen erwarteten ſie an der Thüre, um ſie zu beglückwünſchen, das ſchöne und ernſte junge Mädchen, in welcher die Kunſt der Muſik ihre wahre Form und Farbe zu gewinnen ſchien, in der Nähe zu ſehen und wo möglich zu berühren. Unter den Perſonen, welche ſie an der Thüre erwarteten, war der alte Müller, der vor Freuden weinte, indem er den Hut abnahm. 281 Sie zeichnete ihn unter Allen aus, und auf ihn zugehend, ohne ſich um die Bewunderung der Menge zu bekümmern, ſagte ſie: „Meiſter, ſind Sie mit mir zufrieden?“ „Du ſingſt die Muſik, wie Gott ſie dictirt und wie Weber ſie ſchreibt, meine Tochter, d. h. tadellos.“ Dieſe einfache und ehrfurchtsvolle Huldigung, welche der Alte dem jungen Mädchen darbrachte, wurde von der Menge ſo gut begriffen, daß Jeder⸗ mann das Haupt entblößte und ſich verbeugte, als ſie vorüberging. Sie aber nahm den Arm ihres alten Lehrers und verſchwand mit den Worten: „Warum hat mich Colombeau ſtatt zu ſterben, nicht wie Othello die Desdemona erſtickt?“ — CXXXIII. Schluß. Für diejenigen unſerer Leſer, welche die epiſo⸗ diſchen Perſonen dieſer Geſchichte intereſſirt haben ſollten, wollen wir das Buch nicht ſchließen, ohne ſie kurz, aber vollſtändig über ihr Schickſal zu beruhigen. Jean Taureau(Ehre der Kraft!) hat vollſtän⸗ dig auf Fifine verzichtet und iſt nunmehr Beſitzer eines baumloſen Gartens in Colombes. Dieſe er⸗ an einem Carneval⸗Abend, als ſie von der ourtille herabging, einen ſchweren Schlag. Au⸗ genblicklich nach dem Hoſpital Saint Louis gebracht, ſtarb ſie dort einige Tage ſpäter. 282 Fafiou, der Rival von Zean Taureau, heira⸗ thete die Colombine des Theaters Galileo Coper⸗ nico. Sie ſind alle drei an einem der Theater der Boulevards engagirt, wo ſie ungeheure Erfolge haben, der Eine, wie man uns ſagt, der Sire Ga⸗ lileo Copernico unter dem Namen Boutin, die Andere, die ewig junge Fafiou, unter dem Namen Colbrun. Touſſaint Louverture iſt in eine Gasfabrik ein⸗ etreten, wo er nach Verfluß von fünf Jahren Bherruſſehe geworden. Sac à Platre ſtieg von dem unterſten Grad eines Maurergeſellen zu dem eines Maurermeiſters und baute unter der Aufſicht eines Architekten jene abgreten Häuſer, welche Kaſernen gleichen, und mit denen man heutzutage die Umgegend von Paris zu ſchmücken glaubt. Croc au Jambes, der Lumpenſammler, iſt der Freund jenes Felicide oder Katzenmörders gewor⸗ den, den man die Gibelotte nennt. Sie aſſocirten ſich zur Ausbeutung der Katzen aller zwölf Arron⸗ diſſements. Croc au Jambes beſitzt in der Umgegend von Paris eine Kneipe mit dem Schilde zum Lapin pleu. La Chibelot hat in der Rue St. Denis eine Bude eröffnet, mit dem anziehenden Schilde der chatte blanche. Monſeigneur Coletti wurde in Rom zum Car⸗ dinal ernannt— nicht wir haben ihn dazu ernannt. Breſil Roland endlich, nicht die unintereſſan⸗ teſte Perſönlichkeit dieſer Geſchichte, hat die Tage, die ihm blieben, halb bei Salvator, halb bei Roſe 283 de Noel zugebracht, wo man ihm das Leben für ſeine guten und treuen Dienſte ſo angenehm wie möglich machte.*2 Moral. Am 31. Juli 1830 ließ der Herzog von Orleans, zum Generallieutenant des Königreichs ernannt, Salvator rufen, einen von denen, welche mit Pou⸗ bert, Godefroy, Cavaignac, Baſtide, Thomas, Gui⸗ nard und zwanzig andern nach der Schlacht vom 29. Juli die tricolore Fahne auf den Tuilerien aufgepflanzt. „Wenn der Wunſch der Nation mich zum Throne erhebt,“ ſagte der Herzog von Orleans,„glauben Sie, daß die Republikaner ſich gegen mich verbin⸗ den werden?“ „Sicherlich nein,“ antwortete Salvator im Na⸗ men ſeiner Begleiter. „Was werden ſie ſonſt thun?“ „Das, was Ihre Hoheit mit uns thaten, wir werden conſpiriren.“ 8„Das iſt Starrköpfigkeit,“ ſagte der künftige önig. „Rein, es iſt Beharrlichkeit,“ ſagte Salvator, ſich verbeugend. Ende des Romans. Bumoriſtiſche Lektüre, beſonders für Kaufleute und Handlungsreiſende. Freuden und Teiden eines Commis Voyagenr. Dritte Auflage.. Eleg. geh. mit Titelbild. 20 Ngr. od. fl. 1. rhein. Allen Freunden einer heitern und angenehmen Lek⸗ türe wird ein Buch willkommen ſein, in welchem ein bekannter deutſcher Dichter ſich ein Exemplar des „deutſchen Commis Voyageur“ aus der ſoeialen Ordnung der Welt zum Vorwurf ſeines Studiums machte und auf ſolch' originelle Weiſe charakteriſirte, daß das Werk gewiß jeden Leſer vollkommen befriedigen wird. Reiſende können ſich keine angenehmere Beſchäf⸗ tigung auf ihren Reiſen gewähren, als die Lektüre die⸗ ſes Buchs. Kurzer Auszug aus dem reichen Inhalt des Buchs: Zacharias Hartmann.— Scheiden und Meiden thut weh. Die Revolution im Omnibus.— Küſſe und Stoßſeufzer.— Moraliſcher Katzenjammer.— Die Abfütterung.— Der Blick in das Paradies.— Die Bergſtraße.— Heivelberg und ſein Schloß.— Der Frankfurter.— Der Heimgang vom Bier und der Einzug zum Wein.— Ein Bachusfeſt und deſſen Folgen. — Die Fulder.— Schlechte Geſchäfte.— Die Schwaba⸗ mädle.— Die Reichsſtädter.— Stuttgart.— Degerloch.— Der Lieutenant.— Nachtwandler oder Dieb.— Abſchied von Stuttgart.— Der Ehninger Congreß.— Die Ehninger Krä⸗ mer.— Gaſthaus zur Traube.— Der goldene Ochſe in Reut⸗ lingen.— Urach.— Die rauhe Alp.— Blaubeuren.— Um. — Ein Weinreiſender.— Der glückliche Bräutigam.— Günz⸗ burg.— Die Schinkengeſchichte.— Die ſchöne Wäſcherin.— Augsburg.— Trinkgelder.— München.— Der Männerſang. — München, Liebe und Rüböl.— Münchens Sehenswürdig⸗ keiten.— Der Wiſcher.— Bräutigam.— Das Räuſchchen.— Handgemenge und Prügel.— Der fatale Mantel.— Wirth und Fremdenbuch.— Die Geſchichte vom Frack.— Das Ren⸗ dezovus.— Die ſchöne Proceſſion.— Der Brief mit einer Naſe.— Das Sängerfeſt.— Der Berliner.— Die Baroneſſe und der Schnurrbart.— Das Vielliebchen.— Auf dem Ball und nach dem Ball.— Eine Mutter.— Darmſtadt.— Krä⸗ merſeelen, merkantiliſche Thiere, Geldſäcke und wahre Kauf⸗ leute.— Frankfurt.— Frankfurt, ein klein Paris.— Hom⸗ burg.— Die aufgezwungene Braut.— Die Hochzeit ꝛc. 2c. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. In unſerem Verlage ſind erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Fämmtliche Romane von Alexander Dumas. In ſorgfältiger Uebertragung aus dem Franzöſiſchen. Erſte Abtheilung: Hiſtoriſche Romane. Claſſiker⸗Format. In Lieferungen von 5 Bogen à 4 Ngr. oder 12 kr. Dieſe neue Auflage der Romane des unſtreitig jetzt in Deutſchland beliebteſten franzöſiſchen Schriftſtellers wird ſich in Betreff der Ausſtattung ganz an unſere Claſſiker⸗ Ausgabe von Flygare⸗Carlén's Romanen anſchließen und ſomit die ſchönſte und zugleich billigſte aller bis jetzt erſchienenen Ausgaben werden. Die Sammlung hat begonnen mit dem unübertroffe⸗ nen Romane: Die drei Musketiere, und den dazu gehörigen zwei Fortſetzungen: Zwanzig Jahre nachher, nd Der Graf von Bragelonne. Jeden Monat erſcheinen 3 bis 4 Lieferungen, und geben wir jede Lieferung einzeln ab; jedoch erhalten diejenigen Abnehmer, welche ſich zur Abnahme der im Laufe dieſes Jahres erſcheinenden Lieferungen verpflichten, zu Ende dieſes Jahres das nach einer Photographie treff⸗ lich ausgeführte Porträt des Verfaſſers gratis. Biographien berühmter Erfinder und Entdecker der Neuzeit. Erſter Band. Georg Stephenſon, . geſchildert in ſeinem Leben und Wirken als Menſch und Erfinder. Nebſt einer Geſchichte der Eiſenbahnen, der Loko⸗ motive und der Sicherheitslampe. Frei bearbeitet nach der fünften Auflage des engliſchen Originals. 32 Bogen 8. eleg. broch. Rthlr. 1. 18 Sgr.— fl. 2. 42 kr. Unſere Sammlung von„Biographien“ hat ſich zur Auf⸗ gabe gemacht, dem Vorwärtsſtreben auf der Bahn praktiſcher Erfindungen und Entbeckungen einen kräftigen Anſtoß zu geben, ſie iſt darauf berechnet, den Nacheifer zu ſpornen, die vorhande⸗ neu Kräfte zu ſpannen, verborgene zu wecken. Dazu kann wohl nichts geeigneter ſein, als das Beiſpiel von Männern, die, meiſt den niedrigſten Ständen entſproſſen, durch Nachcenken, Sparſam⸗ keit, Fleiß und Ausdauer auf eine Stufe mit den merkwürdig⸗ ſten Männern der Weltgeſchichte ſich erhoben haben. Und wie hätten wir unſere Sammlung beſſer eröffnen können, als mit dem berühmten Stephenſon, deſſen an iehende Lebens⸗ geſchichte mit der Erfindung und Geſchichte der Eifenbahnen und ber wichtigſten ortsverändernden Maſchinen auf's Inniaſte ver⸗ woben iſt? Jedermann wird parin Belehrung und Unterhaltung in vollen Maaße finden. 5 zweite Band wird die Biographie von James Watt enthalten. Die Sammlung erſcheint in zwangloſen Bänden, von benen jeder einzeln verkauft wird. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 20