. i— ——— 00 623 e Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 8 Eduard Ottmann in Gieſien, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und weſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Büchen: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 2— 3 „„„ 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersztz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kutßfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene; beſchmltzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren kes, ſo iſt der Leſer n Erſatz des Ganzen verpflichtet. 8 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden varf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— 5 — Die Mohicaner von Paris. Salvator. Von Alerander Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Edmund Zoller. Siebenter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1858. Druck der K. Hofbuchdruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. MC. Andante der Revolution von 1830. Während Herr Jackal Salvator ſeine väterli⸗ chen Rathſchlüſſe ertheilte, gingen die Bürger von Paris auf die unſchuldigſte Weiſe ſpazieren: die Einen mit ihren Frauen, die Andern mit ihren Kindern, noch Andere endiich ganz allein, wie es in dem edeln Liede von Herrn Marlborough heißt. Nie⸗ mand dachte etwas Uebles, ohne daß wir deßhalb ſagen wollten, es habe Jemand etwas Gutes ge⸗ dacht; die Idee, daß es an dieſem Tage etwas ge⸗ ben könne— obgleich es ein etwas friſcher Sonn⸗ tag, aber voll Sonnenſchein war— war nicht einem von dieſen guten Köpfen in den Sinn gekommen. Sie flohen das Haus und wollten Luft und Sonne haben, wäre es auch Luft und Sonne eines Dezembertages. Das iſt das natürliche Verlangen aller Men⸗ ſchen, die die ganze Woche im Schatten arbeilen. Plötzlich erſcholl auf den Boulevards, auf den Quais, in den Champs Elyſses die Nachricht:„Die Regierung iſt unterlegen.“ Und wer war der Sieger? Das war eben dieſe Menge. 18 — Die Menge, entzückt von ihrem Siege, begann den Beſiegten zu verhöhnen. Anfangs ganz leiſe. Man verläſterte das Miniſterium, man ſchimpfte auf die Jeſuiten, auf die kurzen Röcke oder die lan⸗ gen Röcke; man beklagte den König; man überließ ſich allen Arten von Verwünſchungen. „Es iſt die Schuld des Herrn von Villele,“ ſagte der Eine. „Es iſt die Schuld des Herrn von Peyronnet,“ ſagte der Andere. „Es iſt die Schuld des Herrn von Corbidre,“ ſagte ein Dritter. „Des Herrn von Clermont Tonnerre,“ ſagte ein Vierter. „Des Herrn von Damas,“ ſagte ein Fünfter. „Der Congregation,“ ſagte ein Sechster. „Sie täuſchen ſich alle,“ ſagte ein Vorüberge⸗ hender,„es iſt die Schuld der Monarchie.“ Dieſe letztere Stimme ſetzte die Maſſe wirklich in Beſtürzung. Wohin gelangte man mit dieſer in's Blaue hin⸗ eingeworfenen Behauptung:„Es iſt die Schuld der Monarchie!“ Man wußte es nicht, und das war eben der Grund, weßhalb man erſchrack. Sind mal die Brillengläſer der Kurzſichtigen zerbrochen, ſo fürchten ſie immer, in einen Abgrund zu ſtürzen. Und die Bürger, von denen wir ſprechen— dieſe Race iſt vielleicht heutzutage ausgeſtorben,— die Bürger, von denen wir ſprechen, waren Kurzſichtige. — N 5 Das Wort:„Es iſt die Schuld der Monarchie!“ hatte eben ihre Brillen zerbrochen. Einer lachte verſtohlen: das war Salvator. Vielleicht hatte er dieſe furchtbaren Worte aus⸗ geſtoßen. Kaum war nämlich Herr Jackal weggegangen, als er einen Mantel umwarf und auf der Seite der Rue Saint Denis ſpazieren ging. Am Tage vorher hatte man, als man die un⸗ geheuere Majorität ſah, welche die Oppoſition in Paris erhielt, in der Eile die verſchiedenen Frei⸗ maurerlogen zuſammenberufen, und ſo raſch es da⸗ mit ging, man hätte glauben ſollen, die Zuſammen⸗ berufung ſei vorausgeſeten, im Voraus befohlen, ungeduldig erwartet geweſen. Der Zuſtrom war ungeheuer. Die Einen ſagten: „Die Stunde iſt gekommen, zu handeln; wir wollen handeln.“ „Wir ſind bereit,“ antworteten Viele unter den Andern. Man ſprach von der günſtigen Gelegenheit für die Revolution. Salvator ſchüttelte traurig den Kopf. „Nun!“ ſagten die Ungeſtümſten;„iſt die Ma⸗ jorität in Paris nicht die Majorität in Frankreich? Iſt Paris nicht der Kopf, welcher denkt, beräth, handelt? Nun gut, die Gelegenheit iſt da, Paris ſoll ſie ergreifen und die Provinz wird Paris folgen.“ „Gewiß iſt das eine Gelegenheit,“ ſagte Salva⸗ tor melancholiſch;„aber glaubt mir, Freunde, ſie iſt ſchlecht. Ich wittere dunkel ich weiß nicht welche Schlinge, in die man uns ziehen will und in der wir zu Grunde gehen werden. Ich halte es deß⸗ halb für meine Pflicht, euch zu warnen: Ihr ſeid gute und brave Holzhauer, aber der Baum, den ihr fällen wollt, iſt noch nicht reif für die Axt; ihr verwechſelt in dieſem Augenblicke das Miniſterium mit dem König, wie man vielleicht ſpäter den Kö⸗ nig mit der Monarchie verwechſeln wird. Ihr bil⸗ det euch vielleicht ein, daß man durch die Fällung des Einen das Andere vernichten wird; das iſt ein Irrthum, meine Freunde, ein großer Irrthum! Die ſocialen Revolutionen ſind keine Zufälle, glaubt es mir, ſie geſchehen mit derſelben mathemathiſchen Präziſion, wie die Revolutionen des Erdballs. Das Meer überſteigt ſeine ufer nicht, außer wenn Gott zu ihm ſagt:„Ebne die Berge und fülle die Thä⸗ ler!“ Nun gut, ich ſage es euch und ihr könnt mir um ſo mehr glauben, als ich es euch mit gro⸗ ßem Bedauern ſage, die Stunde iſt noch nicht ge⸗ fommen, die Monarchie zu nivelliren. Wartet, hoffet, aber enthaltet euch, entfernt oder näher an dem Theil zu nehmen, was in den nächſten Tagen geſchehen wird; ihr würdet, wenn ihr anders han⸗ delt, als ich euch rathe, nicht nur die Opfer, ſon⸗ dern die Mitſchuldigen der Handlungen der Re⸗ gierung ſein. Was ſie thun wird? Ich weiß es nicht; aber ich bitte euch, nicht durch Einmiſchung dem Unglück einen Vorwand zu geben.“ Dieſe Worte ſprach Salvator mit ſolcher Trauer, daß alle den Kopf ſenkten und ſchwiegen. Und dies war der Grund, weßhalb Salvator — 7 durchaus nicht erſtaunt war über das, was ihm Herr Jackal am ſelben Morgen geſagt; denn den Rath, den ihm Herr Jackal gab, hatte er am Tage vor⸗ her ſchon ſeinen Freunden gegeben. Und deßhalb lachte auch Salvator auf die Seite, als er das Miniſterium verwünſchen und den König bedauern hörte. Indeß war die Nacht angebrochen und man be⸗ gann die Spiegellampen anzuzünden. Plötzlich entſtand unter der Menge eine außer⸗ ordentliche Bewegung, eine Bewegung, welche nur die Fluthen und die Menſchenmaſſen hervorbringen. Alles, was in Bewegung war, drängte ſich in unruhiger Haſt. Die Urſache dieſer Bewegung war ſehr einfach: wir kennen ſie bereits. Man erfuhr durch die Abend⸗ Zeitungen das Reſultat der Wahlen in den Provinzen. Gewiſſe Nachrichten dringen mit Blitzesſchnellig⸗ keit unter die Maſſe. Die Maſſe wogte. Auch in den Häuſern war ein Wogen, wie un⸗ ter der Maſſe. Bei dem Rufe eines Straßenjungen:„Die Lämp⸗ chen!“ erhellte ſich ein Fenſter, dann ein Zweites, endlich ein Drittes. Eine illuminirte Stadt iſt ein ſehr ſchöner An⸗ blick, namentlich Paris; es gibt ihr etwas ähnliches mit den Träumen, die man ſich von chineſiſchen Städten während des berühmten Lampenfeſtes macht. Aber ſo maleriſch eine derartige Scene iſt, gewiſſe Perſonen erſchrecken davor. Das war auch bei der Bürgermaſſe der Fall, welche an jenem Abende durch die Rue Saint Denis, Rue Saint Martin und die anliegenden kleineren Straßen ſtrömte; denn es iſt eine anerkennenswerthe Sache, daß, je kleiner die Straßen ſind, deſto größer ſind die Illuminationen an den Tagen öffentlicher Be⸗ leuchtungen. Und der 18. November des Jahres der Gnade 1827 war einer jener Tage. Obgleich man noch nicht vollſtändig unterrichtet war über das definitive Reſultat der Wahlen in den Departements, wußte man, wie wir bereits ſagten, genug davon, um ſich darüber zu freuen; der Beweis davon iſt, daß man jubelte. Man illuminirte alſo und die Straßen Saint Denis und Saint Martin unter andern ſchienen zwei phosphoreszirende Ströme. Im Uebrigen war der Abend ruhig; das Herz der Liberalen war im Grunde ſehr bewegt; aber Dank den Mahnungen Salvators ſchien alles an der Oberfläche ruhig. Es gibt indeß kein ordentliches Feſt ohne ſeinen Montag; ein Sprüchwort ſagt das, ſonſt würde ich es mir nicht erlauben. Herr Jackal hatte ſich getäuſcht; die Ruhe war ſo groß, daß nichts im Stande war, ſie zu ſtören. Am andern Tage, das heißt am 19., berichteten die Zeitungen von den Illuminationen des vorher⸗ gehenden Tages und verkündeten, daß man Abends abermols beleuchten werde, daß dießmal jedoch aller Wahrſcheinlichkeit nach die Beleuchtung wachſen n wie der Triumph, das heißt allgemein ſein werde. 9 Die miniſteriellen Zeitungen ihrerſeits gezwun⸗ gen, ihre Niederlage zu conſtatiren, thaten dieß in bittern Ausdrücken. Sie ſprachen von dem trauri⸗ gen Reſultate und von der Art, wie man dieſe be⸗ klagenswerthe Nachricht in der Hauptſtadt aufge⸗ nommen. „Die Partei der Maſſe triumphirt,“ ſagten ſie, „wehe dem Vaterland! Mann wird nun bald die Revolutionspartei an der Spitze ſehen.“ Aber Paris ſchien die Trauer des Miniſteriums nicht zu theilen; es ging wie gewöhnlich an ſeine Geſchäfte, und war während des Tages ruhig, wenn auch vergnügt. Anders war dieß am Abend. Am Abend, wie die liberalen Journalen es ver⸗ kündigt, warf Paris ſeine Arbeitskleider auf die Seite und zog ſein Feſtgewand an. Die Rue Saint Martin, die Rue Saint Denis und die anliegenden Straßen illuminirten ſich wie unter dem Zauberſtabe einer Fee. Bei dem Anblick dieſes Lampenſtromes erhob ſich ein Jubel, der im tiefſten Herzen der Miniſter, wie das Echo einer Leichenmuſik nachklingen mußte; Tauſende von Menſchen gingen mit einander, rede⸗ ten ſich an, ſprachen zuſammen, ohne ſich zu kennen; ja man ſchüttelte ſich die Hand, man verſtand ſich, ohne zu ſprechen. Die Freude drang mit dem Athem aus jeder Bruſt; man ſchlürfte die erſten Lüfte einer größeren, namentlich nationaleren Freiheit und die gepreßten Lungenflügel dehnten ſich aus. Bis dahin war der Menge nichts vorzuwerfen; es war eine gute und ehrenwerthe Menge, die ſich 10 des Sieges freute, aber ohne den vorbedachten Plan, ihn zu mißbrauchen. Einige wohl ſtießen antiminiſterielle Verwün⸗ ſchungen aus; aber die Zahl dieſer war klein. Der Proteſt war größer durch das Schweigen, als durch den Lärm; die Ruhe war impoſanter, als der Sturm. Plötzlich ließ ein Menſch mitten in der Maſſe den Ruf vernehmen: „Kauft Raketen und Schwärmer, meine Herren! feiert die Wahlen!“ Man kaufte. Man ſah ſie anfangs mechaniſch, vielleicht ſogar ängſtlich an, ohne daran zu denken, ſie anzuzünden. Dann näherte ſich ein Gamin einem Bürger und ſteckte in ſeinem Muthwillen ein angezündetes Stück Schwamm in die Taſche, in welche der Bürger ſo eben ein Paket Schwärmer gethan. Das Paket Schwärmer fing Feuer, der Bürger knallte. Das war wie ein Signal. Von dieſem Moment an krachten die Schwärmer auf allen Seiten, tauſend Raketen ſtiegen wie Ko⸗ meten in die Luft. Der größere Theil der Bürger dachte daran, ſich zurück zu ziehen; aber das war keine leichte Sache, mitten in dieſer compacten Maſſez auch be⸗ kamen in wenigen Augenblicken die Dinge ein ganz anderes Ausſehen. Kinder, junge Leute, Männer erſchienen;— das war alles in zerriſſene Kleider gehüllt, wie um Intereſſe zu erregen; jenes Elend, das ſich ſonſt in der tiefſten Finſterniß verbirgt, machte — *— 8 v* — — — 11 ſich hier in den a giorno erleuchteten Straßen breit; eine wunderliche phantaſtiſche Maſſe, den Umriſſen, wenn auch nicht der Zahl nach jenem Schatten ähn⸗ lich, die wir durch die Rue des Poſtes, ganz nahe an dem Impaſſe des Vignes, einige Schritte vom Puits⸗qui⸗parle, gegenüber von dem geheimnißvollen Hauſe, von deſſen höchſtem Giebel, mie man ſich er⸗ innert, der arme Volauvent gefallen war, ſich drän⸗ gen ſahen. Mitten in der Maſſe konnte ein geübtes Auge jene braven Agenten des Herrn Jackal erkennen, die wir bereits die Ehre hatten, unſern Leſern un⸗ ter den maleriſchen Namen Papillon, Carmagnole, Longue Avoine und Brin d'Acier vorzuſtellen, unter der Leitung Gibaſſiers ſich bewegen ſehen, ohne daß ſie im Entfernteſten das Anſehen hatten, als kenn⸗ ten ſie ihn. Salvator war auf ſeinem Poſten an der Ecke der Rue aux fers; er lachte, wie er am vorher⸗ gehenden Tage gelacht, als er alle jene Geſichter erkannte, denen er ihre Namen hätte geben können. Motive, die nicht bis zu uns gedrungen ſind, die jedoch ihre Bedeutung haben mußten, hatten den Aufſtand, der am Tage vorher ausbrechen ſollte, wie Herr Jackal gegenüber von Salvator gemeint, verſchoben. Dieſer hatte ihn erwartet, und da er ſah, daß er nicht ausbrach, gedacht, er werde auf den andern Tag verſchoben ſein. Als er aber die Maſſe, von der wir ſprechen, in ihrem zerlumpten Anzuge, die Fackel in der Hand, mit geröthetem Geſichte, trunkenen Blicken, ſchwankendem Gange, und geleitet von den Anführern mit den Galgenge⸗ 12 ſichtern, deren Namen wir ſo eben genannt, ankom⸗ men ſah, da wurde es für Salvator klar, daß dieß die Miſſionäre des Aufruhrs ſeien und daß das wahre, das blutige Feſt beginne. Dieſe neuen Akteure drängten ſich in der That unter die Maſſe und brachten die tollſten, wider⸗ ſprechendſten Vivats aus: „Es lebe Lafayette!“ „Es lebe der Kaiſer!“ „Es lebe Benjamin Conſtant!“ „Es lebe Dupont(de L'Eure)!“ „Es lebe Napoleon 1I.!“ „Es lebe die Republik!“ Aber zwiſchen dieſem Geſchrei hörte man den Hauptruf, den die Gamins von 1848 zu erfinden glaubten, den ſie aber nur wieder ausgruben: „Die Lämpchen! die Lämpchen!“ Das war das Hauptmotiv dieſer Leichenſym⸗ phonie. Der Spaziergang dieſer Enthuſiaſten dauerte eine Stunde. Wenn jedoch, auf ihre patriotiſche Aufforderung einige verſpätete Lämpchen ſich entzündeten, ſo wa⸗ ren andere haſtigere beim Ende ihres Oeles ange⸗ kommen und erloſchen. Das war jedoch nicht die Schuld der Lampionnaires. Die Maſſe deutete auf ein Haus, das in der tiefſten Dunkelheit da lag, und forderte mit wildem Geſchrei die Bewohner dieſes Hauſes auf, zu illu⸗ miniren. Das Geſchrei ſchloß immer mit ſolchen Ver⸗ — * — 13 wünſchungen:— jede Zeit politiſcher Aufregung hat die ihrigen; wir berichten die von 1827,— „Nieder mit den Jeſuiten!“ „Nieder mit den Bigotten!“ „Nieder mit den Miniſteriellen!“ „Nieder mit den Villdliſten!“ Keiner der Hausbeſitzer gab ein Lebenszeichen von ſich. Dieß Schweigen brachte die Maſſe zur Verzweiflung. „Sie antworten ſogar nicht mal!“ rief einer aus der Menge. „Das iſt eine Beleidigung des Volkes,“ ſagte ein Anderer. „Man inſultirt die Patrioten!“ rief ein Dritter. „Nieder mit den Jeſuiten!“ heulte ein Vierter. „Nieder mit ihnen! nieder mit ihnen!“ wieder⸗ holten die Straßenjungen mit ihren Fiſtelſtimmen. Und als ob dieſer Ruf ein Signal geweſen, zog der ganze Haufen aus den Taſchen der Weſte, oder den Taſchen der Blouſe, oder den Taſchen der Schürze Steine von allen Formen und Größen und ſchleuderte ſie in die Fenſter des ſtillen Hauſes. Nach Verfluß von einigen Minuten war kein Fenſter mehr ganz. Das Haus war ganz durchbrochen zum großen Gelächter der meiſten Umſtehenden, die in dieſen Ereigniſſen nur eine paſſende Lection für die ſahen, welche man damals ſchlechte Franzoſen nannte. Der Aufſtand begann. Man ſtürzte in das Haus, es war leer. Es war ein Haus, das im Augenblick im Innern 14 ganz neu reſtaurirt wurde und das gerade unbe⸗ wohnt war. Wirkliche Aufrührer hätten ſich bei dem Grunde beruhigt, daß in Abweſenheit von Miethsbewohnern nicht beleuchtet werden könne; unſere Aufrührer aber, oder vielmehr die des Herrn Jackal, waren ohne Zweifel naiver oder geſchickter als gewöhnliche Aufrührer; denn als ſie das Haus ohne Möbel und Bewohner fanden, ſtießen ſie ein ſo wildes Geſchrei aus, daß die, welche auf der Straße ge⸗ blieben, zu heulen begannen: „Rache! Man ermordet unſere Brüder!“ Unſere Leſer wiſſen ſo gut als wir, daß man Niemanden ermordete. Aber es war ein Vorwand oder vielmehr ein Signal, um die bewohnten Häuſer zu überfallen, deren Lämpchen das Unglück hatten, zu erlöſchen. Die Lämpchen wurden zu großer Freude der Maſſe wieder angezündet. In dieſem Momente kamen Wagen durch die Straße Saint Denis, welche nach dem Marché des Innocents fuhren oder von dort kamen. Die Fuhrleute, welche die Wagen führten, wa⸗ ren mit gutem Rechte erſtaunt, in dieſer gewöhnlich ſo ruhigen Straße, zu ſolcher Stunde eine ſolche Maſſe Schreiender, Singender, Jauchzender zu fin⸗ den, die Tauſende von Schwärmern nach allen Sei⸗ ten warfen. Die Pferde waren noch weit erſtaunter, als die, welche ſie führten; nicht nur, daß das Geſchrei der Menge im Allgemeinen den Pferden unangenehm iſt; ſondern was dieſe Vierfüßer überraſchte, ſcheu W 15 machte, in ihrem Laufe aufhielt, das war der Ge⸗ ruch, die Helle und der Lärm dieſes Feuerwerks. Ein Gemüſegärtnerspferd iſt kein Kriegsroß; kein Renner, der die Bellona athmet, wie der Abbé De⸗ lille geſagt hätte. Die Pferde der Gemüſegärtner blieben deßhalb mit langem Gewieher ſtehen, das ſich mit dem Geſchrei der Maſſe vermiſchte, wodurch der wildeſte Lärm, das unharmoniſchſte Conzert entſtand. Die Fuhrleute gaben ihren Pferden die beſten S aber ſtatt vorwärts zu gehen, huf⸗ ten ſie. „Sie werden ſchon gehen!“ riefen die Einen. „Sie werden nicht gehen!“ riefen die Andern. „Ich ſage euch, ſie werden gehen,“ ſagte ein Straßenjunge, indem er einem Pferde, das der gan⸗ zen Reihe voranging, einen Schwärmer unter den Schwanz hielt. Das Pferd ſchlug hinten aus, wieherte und hufte, ſtatt vorwärts zu gehen. Die Maſſe ſtieß ein homeriſches Gelächter aus. „Ihr verſperrt die öffentliche Straße!“ rief Gi⸗ baſſier mit einer Baßſtimme. „Seht, das iſt Herr Prudhomme!“ rief ein Straßenjunge. Henry Monnier hatte gerade zu jener Zeit den Typus erfunden, der ſpäter ſo populär wurde. „Ihr hindert die Manifeſtation der allgemeinen Freude!“ rief Carmagnole als Echo von Gibaſſier. „Im Namen des Allmächtigen!“ murmelte Lon⸗ gue Avoine, den ſeine Beziehungen zur Seſſelver⸗ mietherin von Saint Sulpice fromm gemacht,„wi⸗ derſetzt euch nicht den Vorſchriften der Vorſehung!“ „Aber tauſend Donnerwetter!“ rief der Fuhr⸗ mann, an den dieſe Worte gerichtet waren,„ihr ſeht doch, daß ich nicht vorwärts kann, mein Pferd weigert ſich.“ „So hufe, mein Bruder,“ antwortete Longue Avoine in frömmelndem Tone. „Aber zum Teufel! ich kann ja ſo wenig hufen, als vorwärts kommen!“ rief der Fuhrmann.„Sie ſehen wohl, daß vornen und hinten die Straße mit Menſchen überfüllt iſt.“ „So ſteigt ab und ſpannt aus,“ machte Car⸗ magnole. „Aber, dummes Geſchwätz!“ rief der Fuhrmann, „wenn ich mein Pferd ausſpannte, würde mein Wa⸗ gen dadurch weder vor⸗ noch rückwärts kommen.“ „Es iſt ſchon genug geſchwatzt,“ ſagte Gibaſſier Prudhomme mit erſchreckender Baßſtimme. Und indem er einem halben Dutzend Perſonen, die nur auf dieſes Zeichen zu warten ſchienen, winkte, ſtürzte er ſich auf den widerſpenſtigen Wa⸗ gen, den er mit Leichtigkeit umwarf, während ſeine Gefährten das Pferd mit ſolcher Schnelligkeit aus⸗ ſpannten, daß man hätte glauben ſollen, ſie ſeien Leute vom Handwerk. Dies Beiſpiel wurde allgemein befolgt. Wozu dienten die Beiſpiele, wenn man ſie nicht befolgte? Dieſes Beiſpiel wurde alſo befolgt; man ſetzte die Fuhrleute auf den Boden und ſpannte die Pferde aus, die ſich in der Straße befanden. 17 Zehn Minuten ſpäter erhob ſich eine prachtvolle Barrikade. Es war die erſte ſeit dem berühmten 12. Mai 88 Vir wiſſen alle, daß es nicht die letzte war. ——————— C. Wo der Aufſtand ſeinen Fortgang nimmt. Nachdem einmal die Straße verſperrt war, mußte alles, was hinter den angehaltenen Wagen kam, ebenfalls anhalten. MWitten aus dieſem Haufen von Waſſertonnen, Baumwagen und kleiner Karren ſah man wie eine Armee von Skeletten die großen fleiſchloſen Arme der Gemüſegärtnerwagen emporragen, welche ihrer Laſt entledigt waren. Straßenjungen, welche auf den Pflaſterſteinen, die in der Umgegend der Rue Grenetat aufgehäuft waren, Kätzchen ſpielten, hatten, als ſie hörten, daß man die Straße verſperre, die Idee, ihren Stein zu dieſem Gebäude, das man Barrikade nennt und deſſen beſte Architekten die Straßenjungen ſind, her⸗ beizuſchleppen. Jeder bemächtigte ſich deßhalb deſſen, was er gerade zur Hand fand und ſeiner Kraft entſprach; die einen nahmen Thürpfeiler, die andern die der Gerüſte; die kleineren die zur Herſtellung der Chauſſee aufgehäuften Steine. Kurz, man fand alles, was man brauchen konnte, zur Hand,— wie Dumas, Salvator. VII. 2 18 es in ſolchen Fällen immer geſchieht— eine große Bartikade zu conſtruiren, die Embryonen unſerer modernen Barrikaden. Als die Maſſe ſich dieß Monument erheben ſah, ſtieß ſie die ganze Rue Saint Denis entlang, ein ungeheures Siegsgeſchrei aus. Man hätte glauben ſollen, auf dieſem Haufen von Holz und Steinen werde ſich der Dom der Freiheit erheben. Es war ungefähr zehn Uhr; ſeit beinahe einer Stunde erhoben ſich auf allen Seiten Barrikaden; die aufrühreriſchſten Rufe ertönten aus der Mitte der Maſſe; Schwärmer aller Arten und Feuerwerk wurde den Vorübergehenden unter der Naſe ange⸗ zündet oder durch die zerbrochenen in alle der Lauig⸗ keit berüchtigten oder der Unentſchiedenheit bei die⸗ ſer patriotiſchen Manifeſtation verdächtigen Häuſer geworfen. Dieſer Tumult dauerte drei bis vier Stunden; die Unordnung erreichte ihren höchſten Grad und doch war noch immer kein Agent der bewaffneten Macht erſchienen, nicht ein Gendarm hatte ſich am Hori⸗ zonte gezeigt. Wir haben bereits ein Sprüchwort angeführt. Wenn wir nicht befürchteten, Mißbrauch mit dieſer Weisheit der Völker zu treiben, ſo würden wir ſa⸗ gen, wenn die Katze aus dem Hauſe, ſo tanzen die Mäuſe. Das that die Maſſe. Sie bildete Kreiſe und begann nach mehr oder minder verbotenen, nämlich ſeit der Revolution ver⸗ botenen Liedern zu tanzen. Jedermann gab ſich der ungebundenſten Freiheit hin bau glei ſtin gro geg dige Rue ein ein junt dere ginn den ruhi 2 die man, aus gleite 19 große hin: der Eine ſang, der Andere tanzte, die Einen nſerer bauten Barrikaden, die Andern plünderten ihres gleichen aus, jeder nach ſeiner Neigung, ſeinem In⸗ ſah, ſtinkte, ſeiner Phantaſie, als man plötzlich zum ein großen Erſtaunen dieſer Menge, die ohne Zweifel auben geglaubt hatte, ſich die ganze Nacht dieſen unſchul⸗ teinen digen Vergnügungen hingeben zu können, aus der Rue Grenetat, gerade als ſtiege ſie aus der Erde, einer ein Detachement Gendarmerie hervor kommen ſah. aden; Aber der Gendarm iſt ein gutmüthiger Menſch, Mitte ein Freund der Maſſe, ein Beſchützer der Straßen⸗ rwerk jungen, mit welchen er ſich zuweilen in eine Plau⸗ ange⸗ derei einläßt. auig⸗ Wenn man dieſe unſchuldigen Krieger ſieht, be⸗ die ginnt deßhalb die Maſſe ſogleich ihr bekanntes Lied: äuſer äuſ Dans la gendarmerie, Quand un gendarme rit, j die Tous les gendarmes rient, doch Du gendarme, qui rit. ²) Macht Hori⸗ Und die Gendarmen lachten wirklich. Aber während ſie lachten, gaben ſie der Maſſe ührt. den väterlichen Rath, nach Hauſe zu gehen und ſich dieſer ruhig zu verhalten. r ſa⸗ Alles ging bis dahin gut, und vielleicht hätte ndie die Maſſe dieſem Rathe Folge geleiſtet, da hörte man, als man nach der Rue Saint Denis kam, aus dem Chore heraus, der die Gendarmen be⸗ oder gleitete, beleidigende Solis. ⸗ .*) Wenn unter ben Gendarmen ein Genbarme lacht, ſo lachen iheit alle andern über ben, der zuerſt gelacht. 3 — 2 20 Dieſen beleidigenden Solis folgten einige Steine, dann viele Steine. Man hätte glauben können, mein College Scribe habe für dieſe Krieger den ſchö nen Vers gemacht: „Ein alter Soldat weiß zu leiden und zu ſchweigen, Ohne zu murren.⸗ Das Detachement Gendarmerie ſchwieg und murrte nicht. Es marſchirte ruhig nach den Barrikaden und begann ſie, eine um die andere, zu zerſtören. Bis dahin war alles ſehr einfach, das heißt nichts ſonderlich gefährlich; wenn unſere Leſer jedoch nach einer Ecke der Rue aux Fers blicken wollen, ſo werden ſie ſehen, daß die Situation, ſo einfach ſie in dieſem Augenblicke war, ſehr bald verwickelt zu werden drohte. Einer der erbittertſten Barrikadenbauer der Rue Saint Denis, gegenüber der Rue Grenetat, war nämlich unſer Freund Jean Taureau. Unter der Zahl derjenigen, welche ſich bei dem Ausſpannen der Wagen betheiligt, waren einige ufrührer unſerer Bekanntſchaft. Dieſe Aufrührer waren unſere alten Freunde Sac⸗a⸗Platre, Touſſaint Louverture und Gibelotte. In einiger Entfernung von dieſen operirte der kleine Fafiou für ſich. Zeder hatte ſein Beſtes gethan und nach der Anſicht von Kennern war die Sache gelungen. An einer Ecke der Rue aux Fers beobachtete alvator mit jenem verächtlichen Blicke, den wir bereits kennen, die verſchiedenen Scenen, die wir⸗ er di all lel al— kal iht wa hal ple ord Ver chol ſo ma gefé führ teine, cribe cht: en, und und heißt doch ir ir⸗ 21 erzählt; er wollte ſich zurückziehen, traurig über die Rolle, welche unglückliche Arbeiter, die ſich trotz aller Vernunft, durch den unglückſeligen Ruf:„Es lebe die Freiheit!“ hinreißen ließen, dabei ſpielten, als er Jean Taureau und ſeinen Troß ihre Barri⸗ kade befeſtigen ſah. Er ging gerade auf den Zimmermann zu, nahm ihn am Arme und ſagte leiſe: „ean. „Herr Salvator!“ rief der Zimmermann. „Schweig,“ antwortete dieſer,„und komm'.“ „Es ſcheint mir, Herr Salvator, wenn das, was Sie mir zu ſagen haben, nicht wichtig iſt, ſo haben wir in dieſem Augenblick keine Zeit zu plaudern.“ „Doch, was ich Dir zu ſagen habe, iſt außer⸗ ordentlich wichtig, komm“ ohne Verzug.“ Und Salvator zog Jean Taureau fort, zum großen Verdruß des Letztern, wenn man nach dem melan⸗ choliſchen Blicke urtheilen darf, den er auf die mit ſo großer Mühe errichtete Barrikade warf und die man ihn ſo peremptoriſch zu verlaſſen zwang. „Jean,“ ſagte Salvator zu ihm, als er ihn un⸗ gefähr dreißig Schritte von der Barrikade wegge⸗ führt,„habe ich Dir je einen ſchlechten Rath ge⸗ geben?“„ „Nein, Herr Salvator, aber... „Haſt Du volles Vertrauen in mich?“ „Ich glaube wohl, Herr Salvator, aber.. „Glaubſt Du, däß ich Dir eine ſchlechte Hand⸗ lung vorſchlagen könnte 2½ „O gewiß nicht, Herr Salvator, aber —————— 22 „Nun, ſo geh' augenblicklich nach Hauſe.“ „Unmöglich, Herr Salvator.“ „Und warum iſt das unmöglich?“ „Weil wir entſchloſſen ſind.“ „Entſchloſſen, zu was?“ „Den Jeſuiten und Pfaffen den Garaus zu machen.“ „Biſt Du betrunken, Jean?“ „O bei Gott, Herr Salvator, ich habe den gan⸗ zen Tag keinen Tropfen Wein getrunken.“ „Deßhalb biſt Du ſo unvernünftig.“ „Ja, wenn ich's wagte,“ ſagte Jean Taureau, „würde ich Ihnen etwas anvertrauen, Herr Salvator.“ „Was?“ „Daß ich einen furchtbaren Durſt habe.“ „Um ſo beſſer!“ „Wie, um ſo beſſer! Sie ſagen mir das?“ „Ja; komm' hier herein mit mir.“ Und den Zimmermann an der Schulter packend, führte er ihn in eine Kneipe, ſchob ihn auf einen Stuhl und ſetzte ſich ihm gegenüber. Salvator verlangte eine Flaſche Wein, die der Zimmermann im Umſehen getrunken hatte. Nachdem er dieſem Schlingkunſtſtücke mit dem Intereſſe eines Naturforſchers gefolgt war, ſagte der Commiſſionär: „Höre, Jean, Du biſt ein guter, braver, ehrli⸗ cher Junge; Du haſt es mir unter vielen Um⸗ ſtänden bewieſen; aber glaube mir, laß die Jeſui⸗ ten und Pfaffen einige Zeit in Ruhe.“ „Aber, Herr Salvator,“ ſagte der Zimmermann, „iſt denn nicht eine Revolution im Werke?“ zu n⸗ au, nd, nen der em gte li⸗ m⸗ Ui⸗ in, 23 „Eine Evolution, wollteſt Du ſagen, mein ar⸗ mer Freund, und nichts weiter,“ ſagte Salvator; „ja, Du kannſt großen Lärm machen, glaube mir, aber Du wirſt nichts Ordentliches zu Stande brin⸗ gen. Wer hat Dich in einem Augenblicke hierher gebracht, wo Du zu Bette liegen ſollteſt? Sei offen.“ „Fifine,“ antwortete Jean Taureau,„ich dachte nicht daran, hierher zu kommen.“ „Was hat ſie geſagt, um Dich zu beſtimmen?“ „Sie ſagte:„Wir wollen die Beleuchtung ſehen.“ „Sonſt nichts?“ fragte Salvator. „Doch, ſie hat hinzugefügt:„Es gibt wahrſchein⸗ ſcheinlich Spektakel und das iſt ſehr amüſant.“ „Ja; und Du, ein friedlicher, verhältnißmäßig reicher Mann, denn Du haſt jetzt von General Le⸗ baſtard de Premont zwölf hundert Livres Rente, Du, der ſich gerne nach einem Tage der Arbeit ausruht, Du haſt gefunden, das Vergnügen da⸗ ran gefunden, einem Spektakel nicht nur zuzuſehen, ſondern ſelbſt Spektakel zu machen. Und woher wußte Fifine, daß es Spektakel geben würde?“ „Sie hat einen Herrn begegnet, der zu ihr ſagte:„Das wird heute Abend heiß werden in der Rue Saint Denis; bring' Deinen Mann mit!““ „Und wer iſt jener Herr?“ „Sie kennt ihn nicht.“ „Ich aber kenne ihn.“ „Wie! Sie kennen ihn? Sie haben ihn alſo geſehen?“ „Ich brauche einen Polizeiagenten nicht zu ſehen, ich wittre ihn.“ 24 „Wie! Sie glauben, daß es ein ſen?“ rief Jean Taureau, inde Stirne runzelte, ein Runzeln, gleichkam:„Ich bedaure, das ni ben; ich hätte dieſem Beamten chlagen.“ Spion gewe⸗ m er zornig die das den Worten cht gewußt zu ha⸗ den Kopf einge⸗ „Es gibt einen Rechtsg ean Taureau, welcher ſ „Was bedeutet?“ „Daß man nicht zweimal mit demſelben Indivi⸗ duum zu Gerichte geht.“ „Ich bin alſo ſchon einmal mit ihm zu Gerichte gegangen?“ fragte Jean Taureau naiv. „Allerdings, mein Freund; Du hätteſt ihn bei⸗ nahe erdroſſelt in jener Nacht auf dem Boulevard des Invalides, nichts weiter.“ „Wie!“ rief Jean Taureau blaßwerdend,„Sie glauben, daß es Gibaſſier war?“ „Es iſt nichts wahrſcheinlicher, mein armer Freund.“ „Er, den das ganze Quartier beſchuldigt, daß er mit Fifine liebäugelt? O ich werde ihn wieder finden.“ Und Jean Taureau zeigte mit einer Fauſt, ſo groß wie ein Kinderkopf, nach dem Himmel, wo jener ſich übrigens nicht befand. „Nun, es handelt ſich jetzt nicht um ihn, ſon⸗ ern um Dich,“ ſagte Salvator;„da Du die Dumm⸗ heit begingſt, zu kommen, ſo mußt Du wenigſtens ſo geſcheidt ſein, Dich mit heiler Haut aus der Sache zu ziehen und wenn Du eine halbe Stunde länger „ rundſatz, mein lieber agt: Non pis in idem.““ — 25 ewe⸗ hier bleibſt, ſo wirſt Du wie ein Hund hingeſchlach⸗ die tet werden.“ rten„Jedenfalls,“ heulte der Zimmermann außer ſich, ha⸗„werde ich ihnen mein Leben theuer verkaufen.“ nge⸗„Es iſt aber beſſer, Dein Leben zu erhalten, um es für die gute Sache zu opfern,“ ſagte Sal⸗ ber vator energiſch. F„Heute Abend gilt's alſo nicht der guten Sache?“ fragte Jean Taureau erſtaunt. vi⸗„Heute Abend gilt's der Sache der Polizei und ohne es zu ahnen, arbeiteſt Du der Regierung in hte die Hände.“ „Puh!“ machte Jean Taureau.„Aber nein,“ ei⸗ fügte er hinzu, nachdem er einen Augenblick nach⸗ rd gedacht,„ich bin mit Freunden da.“ „Welchen Freunden?“ fragte Salvator, der in ie der Gruppe Niemanden als den Athleten entdeckt. „Nun Sac⸗a⸗Platre, Touſſaint Louverture, die er Gibelotte.. und Anderen.“ Fafiou, gegen welchen der Zimmermann eifer⸗ ſüchtige Gefühle gehegt, gehörte zu den Andern. r„Und Du haſt ſie mitgebracht?“ „Zum Teufel! als man mir ſagte, daß es heiß o werden würde, ſuchte ich Kameraden.“ „Das iſt gut; Du wirſt eine zweite Flaſche lee⸗ ren und damit nach den Barrikaden zurückkehren.“ Salvator machte ein Zeichen und nachdem die zweite Flaſche gebracht und geleert war, erhob ſich Jean Taureau. „Ja,“ ſagte er,„ich kehre zur Barrikade zurück, aber nur um zu rufen:„Nieder mit den Polizei⸗ agenten! nieder mit den Spionen!““ — 26 „Hüte Dich davor, Unglücklicher!“ „Aber was ſoll ich denn dort thun auf der da ich weder rufen noch mich ſchlagen oll?“ „Du wirſt ganz einfach, ſo leiſe Du kannſt, zu Sac⸗a⸗Platre, zu Touſſaint, zu Gibelotte und ſelbſt zu Fafiou ſagen, daß ich ihnen befehle, ſich nicht nur ruhig zu verhalten, ſondern auch den Andern zu verſtehen zu geben, daß ſie in einen Hinterhalt gefallen ſind, und daß man, wenn ſie nicht vor einer halben Stunde ſich zurückziehen, Feuer auf ſie geben wird.“ „Iſt es möglich, Herr Salvator?“ rief der Zim⸗ mermann entrüſtet;„auf unbewaffnete Menſchen ſchießen?“ „Das ſoll Dir beweiſen, einfältiger Menſch, daß ihr keine Revolution machen könnt, da ihr unbe⸗ waffnet ſeid.“ „Das iſt wahr,“ mußte Jean Taureau zuge⸗ ſtehen. „So geh' und benachrichtige ſie davon,“ ſagte Salvator aufſtehend. Sie ſtanden auf der Schwelle, als das Detache⸗ ment Gendarmerie erſchien. „Die Gendarmerie!.. Nieder mit den Gen⸗ darmen!“ rief Jean Taureau mit der ganzen Kraft ſeiner Lungen. „Ah! wirſt Du ſchweigen,“ ſagte Salvator, in⸗ dem er ihn an dem Armknöchel packte.„Marſch, nach der Barrikade, man ſoll ſie langſam räumen.“ Jean Taureau ließ ſich das nicht zweimal ſa⸗ gen; er ſtürzte ſich mitten unter die Menge, und n⸗ aft in⸗ 4 e⸗ nd 27 drang bis zur Barrikade vor, wo ſeine Gefährten aus vollen Kräften ſchrieen: „Es lebe die Freiheit! Rieder mit den Gen⸗ darmen!“ Die Gendarmen zerſtörten mit derſelben Ruhe, mit der ſie die Beleidigungen angehört und die Steine aufgenommen, die Barrikade. Der Erfolg war, daß der Zimmermann, da ſich alle vor der bewaffneten Macht zurückgezogen, nie⸗ mand mehr fand, dem er einen Wink hätte geben können. Aber die Barrikaden haben das mit den abge⸗ hauenen Stücken der Schlangen gemein, daß ſie ſich, ſobald ſie auseinander gehauen ſind, ſogleich wieder zuſammen fügen. Nachdem die erſte Barrikade zerſtört war, ſetz⸗ ten die Gendarmen ihren Weg nach der Rue Saint Denis fort und demolirten eine zweite, während die Freunde Jean Taureau's die erſte wieder aufbauten. Man kann ſich das Hurrahgeſchrei der Maſſe bei der Zerſtörung und dem Wiederaufbau dieſer Gebäude denken. Dieſe Scene, deren Tragweite man einſehen wird und von denen man damals doch nur die ko⸗ miſche Seite ſah, war wirklich der Art, um die all⸗ gemeine Heiterkeit hervorzurufen. Aber die Hurrahs begannen ſich zu mäßigen, das Lachen zu verſtummen, als man plötzlich von den beiden Enden der Rue Saint Denis von der Seite des Boulevard und der Place du Chatelet zwei Abtheilungen Gendarmen anrücken ſah, die, mit 28 finſterer Miene einander entgegen marſchirend, nichts mehr zu lachen boten, wie ihre Kameraden. Es entſtand eine momentane Ungewißheit. Man ſah ſich an. Man gewahrte die gerunzelte Stirne der bewaffneten Macht und blieb einen Augenblick unentſchloſſen ſtehen. Endlich rief eine kühnere, oder der Polizei mehr, als die Uebrigen angehörende Perſon mit furchtba⸗ rer Stimme: „Nieder mit den Gendarmen!“ Dieſer Ruf mitten in der Stille klang wie ein Donnerſchlag. Wie ein Donnerſchlag brachte es auch das Ge⸗ witter zum Ausbruch. Die Maſſe, als ob ſie nur dieſen Ruf erwartet hätte, wiederholte ihn einſtimmig und um die That mit dem Worte zu verbinden, ſtürzte ſie der Gen⸗ darmerie entgegen, die ſie Schritt um Schritt vom Marché des Innocents nach dem Chatelet, vom Chatelet nach dem Pont au Change und vom Pont au Change nach der Polizeipräfectur trieb. Aber während man die Gendarmen, welche von der Place du Chatelet gekommen waren, zurücktrieb, marſchirte die weit impoſantere Maſſe von Gendar⸗ men zu Fuß und zu Pferde, welche von den Bou⸗ levards kam, ſchweigend die Straße in der ganzen Breite hinab, räumte ruhig, zwiſchen Hohngeſchrei und Steinen hindurchſchreitend, alle Hinderniſſe, auf die ſie ſtieß, Menſchen und Dinge, aus dem Wege, bis zu dem Augenblicke, wo ſie vor dem Marché Innocents angekommen, anhielt und Poſto aßte. —,— — S V X— S c*— 29 Inzwiſchen baute man hinter ihr, unfern von ihr, gegenüber der Paſſage du Grand Cerf eine Barrikade wieder auf, aber auf breiterer und ſoli⸗ derer Grundlage, als die, welche man bisher errich⸗ tet hatte. Zum großen Erſtaunen Aller, hinderte ſie nie⸗ mand an dieſer Arbeit; man ſah in der Ferne die Gendarmen, welche jetzt unbeweglich wie hölzerne Gendarmen daſtanden. Plötzlich aber ſchritt über ben Quai eine andere Truppe in feindſeligerer Haltung. Sie beſtand aus k. Garde und Linientruppen. Ein Mann zu Pferde mit Oberſtsepauletten com⸗ mandirte ſie. Was ſollte geſchehen? Das ließ ſich leicht ſagen, als man den Oberſt den Befehl geben ſah, Patro⸗ nen an die Mannſchaft zu vertheilen und zu laden. Was die Unglaubigen hatte überzeugen können, daß etwas Verdächtiges, um nicht mehr zu ſagen, im Anzuge ſei, das war das von dem Oberſten mit dem durch ſeinen bis tief auf die Brauen her⸗ eingezogenen, Hut verdeckten, Geſichte, befohlene Ma⸗ noeuvre; mit dumpfer und drohender Stimme ver⸗ theilte er ſeine Truppen in drei Colonnen, denen er einen Polizeicommiſſär vorangehen ließ, und warf ſie auf die Barrikaden der Rue Saint Denis, der Paſſage du Grand Cerf und der Kirche Saint Leu. Hohngeſchrei, Schmähungen und Steine, empfin⸗ gen, wie früher, die auf die Barrikade der Paſſage du Grand Cerf geworfenen Colonnen. Als Salvator die Colonne geſchloſſen, kalt, ent⸗ ſchieden vorwärts marſchiren ſah, blickte er um⸗ 30 her, ob er nicht ein ihm bekanntes Geſicht ſehe, er den guten Rath geben könnte, ſich zurückzu⸗ ziehen. Aber ſtatt der Geſichter, die er ſuchte, gewahrte er an der Ecke einer Straße nur das ſpöttiſche Geſicht eines Mannes, der, in ſeinen Mantel ge⸗ hüllt, den Ereigniſſen mit einem Intereſſe zu folgen ſchien, das nicht weniger groß war, als das, wel⸗ ches ihnen Salvator ſelbſt ſchenkte. Er zitterte, als er Herrn Jackal erkannte, der ſeine Sache überſah. Ihre Blicke begegneten ſich. „Ah! ah! ſind Sie es, Herr Salvator?“ ſagte der Polizeimann. „Wie Sie ſehen, mein Herr,“ antwortete die⸗ ſer kalt. Aber Herr Jackal ſchien dieſe Kälte nicht zu be⸗ merken. „Ah! wahrhaftig!“ machte er,„ich bin entzückt, Sie zu ſehen, um Ihnen den Beweis zu geben, daß ich Ihnen geſtern Morgen einen freundſchaftli⸗ chen Rath ertheilte.“ „Ich fange an, es zu glauben,“ ſagte Salvator. „Und Sie werden bald davon überzeugt ſein; zuvor jedoch betrachten Sie ſich dieſe Menſchen, die dort unten heranmarſchiren.“ „Die k. Garde und die Linie; ich ſehe es wohl.“ „Aber ſehen Sie auch, wer ſie commandirt?“ „Das iſt ein Oberſt.“ „Ich wollte ſagen, kennen Sie den Oberſt?“ „Ja!“ machte Salvator erſtaunt,„ich täuſche mich nicht,“ 5 he, zu⸗ rte che ge⸗ en el⸗ er 31 „Nun, wer iſt es?“ „Der Oberſt Rappt.“ „In Perſon.“ „Er hat alſo wieder Dienſt genommen?“ „Für dieſen Abend.“ „Er wurde allerdings nicht zum Deputirten ge⸗ wählt.“ „Er will zum Pair ernannt ſein.“ n iſt er alſo im außerordentlichen Dienſte ier?“ „Außerordentlich, das iſt das Wort.“ „Und was wird er thun?“ „Was er thun wird?“ „Das frage ich Sie.“ „Er wird ganz einfach, ganz kalt, ganz ruhig, wenn er vor die Barrikade kömmt, ein einfaches Wort aus fünf Buchſtaben ausſprechen,„Feuer!“ und dreihundert Flinten werden gehorchen.“ „Das muß ich ſehen!“ ſagte Salvator;„viel⸗ leicht iſt es nöthig, daß ich dieſen Menſchen haſſe.“ „Was thun Sie denn bis jetzt?“ „Ihn verachten.“ „So folgen Sie ihm, das iſt geſcheidter, als ihm voranzugehen.“ Salvator folgte in der That Herrn Rappt, der gerade auf die Barrikade zuſchritt und mit einer kalten und klaren Stimme, ohne ſich die Mühe ge⸗ geben zu haben, die drei gewöhnlichen Aufforderun⸗ gen zu laſſen, das furchtbare Wort aus⸗ prach: „Feuer!“ 32 Cl. Noch einmal der Aufſtand!„ Dieſem furchtbaren Worte„Feuer!“ folgte ein ungeheurer Knall; aber der Schrei des Schreckens und der Angſt, welchen die Menge ausſtieß, war noch furchtbarer. Es war eine ungéheure Verwünſchung, welche Prieſter und Soldaten, Miniſterium und König in ſich ſchloß. „Feuer!“ wiederholte Graf Rappt, in dem Au⸗ genblicke, wo dieſer Fluch zu verſtummen und ſich unter der Maſſe zu verlieren begann, welche ihn ausgegoſſen. Die Soldaten, welche ihre Waffen wieder gela⸗ den, gehorchten. Ein zweiter Schreckensſchrei erhob ſich; aber dießmal ſagte man nicht mehr:„Nieder mit den Miniſtern! nieder mit dem König!“ man rief: „Mord!“ Dies Wort, vielleicht furchtbarer, als dieß dop⸗ pelte Gewehrfeuer, erdröhnte die ganze Straße ent⸗ lang mit der Schnelligkeit, der Gewalt und dem Getöſe des Donners. Die Barrikade der Paſſage du Grand Cerf wurde von den Aufrührern verlaſſen und von den Solda⸗ ten des Herrn Rappt beſetzt. Dieſer, an der Spitze ſeiner Leute, ſchleuderte Blicke voll Haß und Rachſucht auf die Bevölke⸗ rung, welche ihm ſo eben eine ſo derbe Schlappe verſetzt. Er hätte viel gegeben, wenn er alle Wähler, in ar he n — S XN M. 33 die er ſeit drei Tagen empfangen— den Apotheker und den Brauer, die beiben Bouquemont und Mon⸗ ſeigneur Coletti nicht gerechnet— vor ſich gehabt, mit welcher Freude hätte er ſie auf der friſchen That der Empörung ertappt und ſich für ſeine Rie⸗ derlage an ihnen gerächt! Aber keiner von Denen, welche Herr Rappt gerne hier geſehen, war anweſend; der Apotheker verkehrte vertraulich mit ſeinem Bruder dem Brauer; die beiden Bouquemonts wärmten ſich in aller De⸗ muth an einem großen Feuer und Monſeigneur Co⸗ letti lag weich und warm in ſeinem Bette und träumte ganz wach, Monſeigneur de Quelen ſei ge⸗ ſtorben und er Coletti ſoeben zum Erzbiſchof von Paris ernannt worden. So viel hatte Herr Rappt bei einem Ueberblick geſehen, daß kein Feind, den er kannte, zugegen war; aber in Ermangelung ſolcher, blickte er zor⸗ nig auf alle natürlichen Feinde der Ehrgeizigen, auf Arbeiter und Bürger. Man hätte glauben ſol⸗ len, er wolle ſie alle mit einem Blick ſeines blitzen⸗ den Auges niederſchmettern, und mit dem Befehl auf die Menge zu ſchießen, ſprengte er an die Spitze eines Detachements Reiter, um ſo viel als möglich ſeinen Befehl zum Vollzug zu bringen. Er verfolgte deßhalb galoppirend die Flüchtigen, indem er alles niederwarf, auf was er ſtieß, mit ſeinem Pferde die unglücklichen zu Boden Gefalle⸗ nen überritt, und mit dem Säbel niederhieb, was noch ſtand; mit feuerſprühendem Auge, den Säbel in der Hand, ſein Pferd blutig ſpornend, Dumas, Salvator. VII. 3 ——— 34 glich er nicht ſo ſehr dem Engel des jüngſten Ge⸗ richts— dazu fehlte ihm die göttliche Ruhe— ſon⸗ dern dem Dämon der Rache, als er in der Hitze ſeines Rittes auf eine Barrikade ſprengen wollte; da die Barrikade unbeſetzt ſchien, nahm er den Zü⸗ gel zuſammen und wollte das Thier über das un⸗ erwartete Hinderniß, das ſich ihm bot, ſetzen laſſen. „Halt, Oberſt!“ rief plötzlich eine Stimme, die aus der Erde zu kommen ſchien. Der Oberſt beugte ſich über den Hals ſeines Pferdes vor, um den zu erkennen zu ſuchen, der dieſe Aufforderung an ihn richtete, als durch ein für ihn unerklärliches Phänomen,— mit ſolcher Energie und Kraft war dies Kraftſtück ausgeführt worden,— ſein Pferd, von dem Boden aufgeho⸗ ben, auf das Pflaſter ſtürzte, und ihn natürlich in ſeinem Sturze mit ſich riß. Man vernehme, was bis dahin geſchehen und welche Umſtände den Unfall herbei führten, den Herr Rappt einen Augenblick für eine Erderſchütte⸗ rung hätte halten können. Wie groß auch der Wunſch der Reiter des Herrn Rappt war, ihm zu folgen, ſo hatte der Oberſt, der weit ungeſtümer war, als ſie, und überdieß viel beſ⸗ ſer beritten, nachdem die Barrikade mal zerſtört war, mit ſolcher Geſchwindigkeii darüber geſetzt, daß zwiſchen ihm und ſeinen Soldaten eine Entfernung von mehr als dreißig Schritten entſtand. Und hinter dieſer Barrikade— denn wie es kein Feuer ohne Rauch gibt, ſo gibt es auch keine Bar⸗ rikaden ohne Barrikadenmacher,— hinter dieſer Barrikade, ſagen wir, war Jean Taureau beſchäf⸗ ind den te⸗ ern er eſ⸗ 35 tigt; er ſuchte Touſſaint Louverture und Sac⸗a⸗Platre, welche das Feuer der Soldaten des Herrn Rappt natürlicherweiſe zerſtreut hatte. Salvator hatte ihm den Befehl gegeben, ſie auf⸗ zuſuchen und zum Heimgehen zu bewegen und Jean Taureau ſuchte ſie, um ſie, wenn es ſein müßte, mit Gewalt zur Befolgung des Befehls zu zwingen, den er erhalten. Nachdem er mit dem größten Eifer, wenn auch fruchtlos, überall nach ſeinen Freunden geforſcht, wollte der ehrenwerthe Zimmermann ſich gerade zurückziehen, als er das erſte Kleingewehrfeuer hörte, das Herr Rappt commandirt hatte. „Es ſcheint, Herr Salvator hatte Recht,“ mur⸗ melte Jean Taureau,„man metzelt die Vorbeige⸗ henden ein klein wenig.“ Man verzeihe uns den Ausdruck metzeln, der etwas gar zu familiär klingen mag; aber Jean Taureau war nicht von der Schule des Abbé De⸗ lille und dieſes Wort drückte ſo vortrefflich ſeinen Gedanken aus, und gibt genau genommen den un⸗ ſerigen ſo gut wieder, daß man uns die Form um der Sache willen verzeihen wird. „Nun, da die Sachen ſo ſtehen,“ fuhr der Zim⸗ mermann für ſich fort,„ſo glaube ich, es wäre klug, wenn ich thun würde, was die Freunde mir bereits gethan zu haben ſcheinen, das heißt mich zurück⸗ ziehen.“ Unglücklicher Weiſe war dieſer Entſchluß leichter zu faſſen, als auszuführen. „Verdammt! verdammt!“ fuhr der Zimmermann 3* fort, indem er einen Blick um ſich her warf,„wie das machen?“ Vor Jean Taureau her floh nämlich eine dichte und ſchwer zu durchſchneidende Maſſe; der Zimmer⸗ mann wollte überdies weder fliehen, noch das An⸗ ſehen haben, als ob er fliehe. Hinter ihm drein kamen die Reiter mit dem Sä⸗ bel in der Hand und im Galoppe. Endlich war rechts und links in den umliegen⸗ den Straßen die Circulation unterſagt, indem jeder dieſer Ausgänge von einem Piket Soldaten mit aufgeſetztem Bajonette verſperrt war. nd wir wiſſen, daß unſer Freund Jean Tau⸗ reau nicht gerade die eingefleiſchte Geiſtesgegenwart war; er warf deßhalb verzweifelte Blicke nach bei⸗ den Seiten, als er eine zweite in der Mitte durch⸗ brochene Barrikade ſah, hinter welcher ſich zu ver⸗ ſtecken er für das Klügſte hielt. Zwei bis drei Menſchen, welche in einem Win⸗ kel dieſer Barrikade verſteckt waren, ſchienen den⸗ ſelben Gedanken gehabt zu haben, wie er. In dieſem Augenblick ſuchte Jean Taureau je⸗ doch Niemand ſeines Gleichen; er ſuchte einen Bal⸗ ken, ein Gerüſte, einen Stein, um die Heffnung der erwähnten Barrikade zu ſchließen, den Reitern Ein⸗ halt zu thun und ſich Zeit zu geben, mit heiler Haut davon zu kommen. Er gewahrte einen kleinen Karren und machte ſich ans Werk; das heißt er zog ihn nicht, das hätte zu lange gedauert, da die Straße mit Trüm⸗ mern überhäuft war, ſondern er trug ihn nach der OHeffnung. wie hte er⸗ ln⸗ ä⸗ n⸗ er it U⸗ rt i⸗ h⸗ r⸗ l⸗ — — v— 37 Er war gerade im Begriff, ſo künſtlich als mög⸗ lich die aufgelöste Ordnung wieder herzuſtellen, als ihn ein unerwarteter Angriff die Beſtimmung des Wagens zu ändern und aus der Vertheidigungs⸗ waffe eine Angriffswaffe zu machen zwang. Sagen wir, wer die drei bis vier Menſchen wa⸗ ren, welche Jean Taureau erblickte, was ſie hier thaten und über was ſie ſtritten. Sie ſtritten über die Identität Jean Taureau's. „Er iſt es,“ hatte zuerſt ein Mann mit langem und blaſſem Geſichte geſagt. „Wer, er?“ fragte ein Anderer mit ausgeſpro⸗ chen Provencaliſchem Dialekte. „Der Zimmermann.“ „Ach was! es gibt ſechs tauſend Zimmerleute in Paris.“ „Nun, Jean Taureau.“ „Du glaubſt?“ „Ich weiß gewiß.“ „Hm!“ „O! es gibt kein Hm!“ „Nun,“ fagte einer der Männer,„es gibt eine ſehr einfache Art ſich der Wahrheit zu vergewiſſern.“ S 365 gibt verſchiedene Arten; von welcher ſprichſt u 24 „Wenn ich von der einfachſten ſpreche, ſo ſpreche ich von der beſten.“ „Nun, ſo ſprich, was Du meinſt; aber ſprich leiſe und raſ„der Schuft könnte uns entkommen.“ „So hört,“ fuhr der fort, deſſen Accent bereits den Südländer verrathen.„Was machſt Du, Lon⸗ gue Avoine⸗ wenn Du wiſſen willſt, wie viel Uhr es iſt?“ „Gewöhne Dir doch ein für allemal ab, die Leute bei ihrem Namen zu nennen.“ „Biſt Du ſo eitel, zu glauben, Dein Name ſei ſo populär?“ „Nein; aber thut nichts. Du fragteſt, was ich ich wiſſen wollte, wie viel Uhr es ſei?“ „Ich frage die Einfältigen, die eine Uhr haben.“ „Nun gut, um Dich der Identität eines Men⸗ ſchen zu verſichern, genügt es. „Ihn darum zu befragen.“ „Dummkopf, der Du biſt! Du haſt gerade das einzige Mittel gefunden, um es nicht zu erfahren.“ „Was muß man dann thun?“ „Man muß ihn nicht um ſeinen Namen fra⸗ gen, man muß ihn ihm ſagen.“ „Ich begreife das nicht.“ „Weil Du auch kein Stäubchen von Chriſtoph Columbus biſt, lieber Freund; aber folge mir auf⸗ merkſam. Ich gewahre Dich in der Menge, ich glaube Dich zu erkennen und doch zweifle ich.“ „Was thuſt Du dann?“ „Ich gehe ganz ſachte zu Dir hin; ich nähere mich Dir freundlich; ich nehme höflich meinen Hut ab und ſage mit einer unendlich weichen Stimme: Guten Morgen, lieber Herr Longue Avoinel““ „Das iſt wahr; aber ich antworte Dir mit nicht minder weicher Stimme: Mein lieber Herr, Sie ſind im Irrthume; ich heiße Chriſtoſtomus oder Bo⸗ naventura. Was haſt Du darauf zu antworten?“ . 39 „Du täuſcheſt Dich, lieber Freund, Du antwor⸗ teſt das nicht, denn— es ſei dies geſagt, ohne Dich zu beleidigen— es gehört viel Geiſt dazu, Ueberraſchungen vorauszuſehen. Du machſt im Ge⸗ gentheile irgend eine Bewegung, wenn Du Dich rufen hörſt, während Du Grund dazu haſt, nicht erkannt ſein zu wollen. In Folge dieſer Bewegung drückt Dein Geſicht eine Beſtürzung irgend einer Art aus; Du ſchauerſt, Du beſonders, Longue Avoine, denn Du biſt verteufelt nerveus. Bemerke wohl, künftiger Kirchenälteſter meines Herzens, daß dieſer Coloß da beinahe eben ſo empfindungslos iſt, als es der Coloß von Rhodus oder jeder Coloß jeder andern Stadt ſein konnte. Es genügt, daß Du Dich ihm näherſt und mit jener ſalbungs⸗ vollen Höflichkeit, die Dir eigen, zu ihm ſagſt: Guten Morgen, lieber Herr Jean Taureau.““ „Ja,“ antwortete Longue Avoine,„nur befürchte ich, daß unſer Zimmermann nicht eben ſo viel Ur⸗ banität in ſeine Antwort legt, als ich in meine Frage legen könnte.“ „Sagen wir's deutlicher: Du fürchteſt, daß er Dir einen Schlag verſetzt.“ „Heiße das Gefühl, das ich habe, Furcht oder Argwohn, gleichgültig; aber... „Aber Du zauderſt.“ „Allerdings.“ Unſere drei Gefährten waren eben recht im Zuge, als eine vierte Perſon, welche ungefähr eben ſo groß, als Longue Avoine war, zwiſchen die Spre⸗ chenden trat und fragte: „Darf man ſich in eure Unterhaltung miſchen, Freunde?“ „Gibaſſier!“ machten die drei Agenten in einem Athemzuge. „Pſcht!“ ſagte Gibaſſier;„wo ſtehen wir?“ „Wir ſtehen bei Deinem Abenteuer auf dem Boulevard des Invalides,“ ſagte Charmagnole; „bei dem Menſchen, der Dir den Hals zuſchnürt um Dir einen Vorſchmack der Seligkeit zu geben, die man beim Hängen, wie man wenigſtens ver⸗ ſichert, empfindet.“ „O! der Schuft,“ ſagte Gibaſſier, indem er mit Zähnen knirſchte,„wenn ich ihn je wieder üse „Nun,“ ſagte Carmagnole,„er iſt gefunden.“ „Wie! gefunden?“ „Sieh,“ fuhr Carmagnole fort, indem er Gi⸗ baſſier den zeigte, der ſeit fünf Minuten der Gegen⸗ ſtand des Streites war,„iſt es der?“ „Freilich iſt er's,“ rief der Sträfling und das Piſtol in der Hand ſtürzte er ſich auf Jean Taureau. Als Carmagnole Gibaſſier auf Jean Taureau ſtürzen ſah, folgte er Gibaſſier und gab Longue Avoine ein Zeichen, ihm ebenfalls zu folgen. Longue Avoine gab dem vierten Gefährten ein Sihe das Beiſpiel nachzuahmen, das ſie ihm gaben. Jean Taureau hatte ſo eben den Karren an den Schwanzbäumen aufgehoben und trug ihn mit aus⸗ geſtreckten Armen, als Gibaſſier ſich, gefolgt von ſeinen drei Freunden, auf ihn ſtürzte. ——— M 41 Der Sträfling richtete ſeine Waffe auf den Zim⸗ mermann und gab Feuer. Der Schuß ging los; aber die Kugel traf die Mitte eines Brettes des Karrens, der ſchwer auf Gibaſſier fallend, ſeinen Kopf an einer ſeiner Run⸗ zeln traf, auf ſeine Schultern fiel, den Sträf⸗ ling niederwarf und ihm das Ausſehen eines Men⸗ ſchen gab, der im Halseiſen ſteckt, um den Hals jedoch ſtatt eines einfachen Eichenbrettes einen ſo ſchweren Karren trug, daß das Meteor des Boule⸗ vard des Invalides ihm wie ein Wollball dagegen erſchien. Dies Schauſpiel erſchreckte Longue Avoine, be⸗ ſtürzte Carmagnole und machte den dritten Gefähr⸗ ten ſchauern. Alle drei liefen deßhalb, ſo raſch ſie ihre Beine tragen konnten, davon und überließen Gibaſſier ſei⸗ nem Schickſale. Aber Jean Taureau war kein Mann, dem man ſo leicht entfloh. Ohne ſich weiter um den von ſei⸗ nen vier Gegnern zu kümmern, der unter der Laſt des Wagens ſein Gefangener blieb, ſprang er über die Schwanzbäume und hatte mit vier bis fünf Sätzen einen der Flüchtigen eingeholt. Dies war Longue Avoine. Mit Longue Avoine, den er bei den Füßen packte, wie einen Dreſchflegel, ſchlug er Carmagnole nieder. Dann ſchleppte er die beiden Ohnmächtigen— der Eine war von dem Schlag, den er gegeben, der Andere von dem Schlag, den er empfangen, ohn⸗ mächtig,— fort, warf ſie in den Karren und ſchob die⸗ 42 ſen, ohne ſich um die veinliche Lage zu kümmern, in die er Gibaſſier durch dieſe Bewegung verſetzt, in die Heffnung der Barrikade, die mitten unter dem Pelotonfeuer des Oberſt Rappt dadurch wieder hergeſtellt wurde, während dieſer keine Ahnung hatte, als er mit ſeinen Leuten auf ſie losſprengte, daß ſie durch einen einzigen Menſchen plötzlich wie⸗ der ausgebeſſert und verſtärkt werden würde. Während dieſer Zeit bewegte ſich Gibaſſier un⸗ ruhig unter dem Karren hin und her, wie Enkela⸗ des unter dem Aetna. Das war's, was ihn verdarb. Jean Taureau ſchwang ſich in den Karren, um zu ſehen, was die Urſache dieſer Schwankung ſei. Er ſah den Kopf Gibaſſiers durch einen der eiche⸗ nen Speicher hervorſtecken. Erſt jetzt erkannte er Gibaſſier wirklich. „Ha, Elender,“ rief er,„Du biſt es alſo?...“ „Wie! ich?“ ſagte der Sträfling. „Ja, Du. Du der Geliebte von Fifine!“ „Ich ſchwöre Ihnen,“ ſagte Gibaſſier,„daß ich nicht weiß, was Sie ſagen wollen.“ „Nun, ſo will ich Dir's ſagen,“ heulte Jean Taureau. Und ohne ſich um das zu kümmern, was um, vor und hinter ihm geſchah, hob ſich ſeine Fauſt wie eine ſchwere Maſſe, und fiel mit dumpfem Ge⸗ räuſche auf das Haupt Gibaſſiers. Im ſelben Augenblick bekam Jean Taureau einen heftigen Stoß und ſah ſich unter dem Bauche eines Pferdes. Der Oberſt ſprengte auf die Barrikade. 43 Die hintern Beine des Pferdes ſtacken zwiſchen den Holzſtücken und Pflaſterſteinen, während die Beine auf die Schwanzbäume des Karrens elen. Jean Taureau brauchte nur eine Anſtrengung mit ſeinen ſtarken Hüften zu muchen, um das Thier, das auf dem beweglichen Boden nicht ſicher ſtand, umzuwerfen. Er machte dieſe Anſtrengung und ſagte: „Halt, Oberſt!“ Und da er dies mit aller Kraft gethan, ſo ſtürz⸗ ten Pferd und Reiter auf das Pflaſter. Jean Taureau wollte eben auf den Oberſt Rappt ſtürzen, um ihn aller Wahrſcheinlichkeit nach in der Art wie Gibaſſier zuzurichten, als die Reiter, welche dem Oberſt folgten, und die, von Anfang etwas entfernt von ihm, einige Schritte zurück wa⸗ ren, mit dem Säbel in der Hand ſechs oder neun Fuß von der Barrikade erſchienen. „Hierher, hierher, Alter!“ rief eine heiſere Stimme, welche Jean Taureau als ihm nicht ganz fremd erkannte. Und zu gleicher Zeit fühlte ſich der Zimmermann an dem Zipfel ſeines Wammſes gepackt. Er erhob ſich raſch und ſprang mit einem Satz auf den Weg, ohne ſich weiter um den zu küm⸗ mern, der ihm dieſen freundlichen Rath ertheilt, indem er den lebloſen Körper Carmagnoles und Longue Avoines als Stücke der Barrikade zurück ließ, gegen welche die Cavallerie des Oberſt Rappt anſprengte. 44 Er kümmerte ſich nicht weiter um Gibaſſier, der noch immer unter dem Wagen lag. Er hatte nur das unklare Gefühl, daß er ſich um ſich ſelbſt kümmern müſſe. Dieſer inſtinctliche Selbſterhaltungstrieb ließ ihn nach der Straße eilen. Dort hörte er wieder dieſelbe heiſere Stimme, welche ihm zurief: „Näher an den Häuſern, näher an den Häu⸗ ſern, oder Ihr ſeid des Todes!“ Er drehte ſich um und gewahrte Fafiou. Ein guter Rath und gäbe ihn auch ein Feind, bleibt doch immer ein guter Rath; aber Jean Tau⸗ reau war zu ſehr ein Menſch der erſten Eingebun⸗ gen, um die Wahrheit dieſes Grundſatzes zu erken⸗ nenz er ſah in Fafiou nur jenen ehemaligen Freund von Mademoiſelle Fifine, die ihm ſo grauſame Stunden der Eiferſucht verurſacht. Er ging gerade auf den armen Menſchen zu, indem er mit den Zähnen knirſchte, die Fäuſte ballte und ihn mit drohendem Blicke anſah. „Du biſt es alſo, elender Hanswurſt,“ ſagte er zu ihm,„der ſich erlaubt, zu mir zu ſagen: Hier⸗ her, mein Alter?«“ „Freilich bin ich es, Herr Barthelemy,“ ſagte afiou;„denn ich möchte nicht, daß Euch ein Un⸗ glück begegnete.“ „Und warum möchteſt Du nicht, daß mir ein Unglück begegnet?“ „Weil Ihr ein braver Menſch ſeid!“ „So war alſo Deine Abſicht, als Du zu mir 45 ſagteſt:„Hierher, Alter! keine Herausfordernde?“ fragte Jean Taureau. „Euch herausfordern, Euch?“ rief Fafiou zit⸗ ternd.„Nein, ich wollte Euch von dem in Kennt⸗ niß ſetzen, was geſchieht. Seht, ſeht dort die Sol⸗ daten, welche Feuer geben werden! kommt raſch in dieſen Gang; ich habe eine Bekannte in dieſem Hauſe; wir können ruhig bei ihr warten, bis Alles vorbei iſt.“ „Gut, gut,“ ſagte Jean Taureau,„ich bedarf weder Deines Rathes, noch Deines Schutzes.“ „So ſtellt Euch doch wenigſtens auf die Seite!“ ſagte Fafiou, indem er den Rieſen zu ſich heran⸗ zuziehen ſuchte. In dem Augenblicke jedoch, wo Fafiou dieſe Worte ausſprach, ſah ſich Jean Taureau von einer Rauchwolke umgeben; ein furchtbarer Knall ertönte, die Kugeln pfiffen und er ſah Faſiou zu ſeinen Fü⸗ ßen zuſammenſtürzen. „Tauſend, Donnerwetter!“ ſagte Jean Taureau, indem er den Soldaten die Fauſt wies,„man metzelt die Leute nur ſo mir nichts dir nichts nieder!“ „Helfen Sie mir, Herr Barthelemy, helfen Sie mir!“ murmelte Fafiou mit ſo ſchwacher Stimme, daß man hätte glauben ſollen, er ſei dem Tode nahe. Dieſer Ruf ging dem braven Zimmermann zu Herzen; er beugte ſich tief herab, nahm Fafiou auf die Arme und ſtieß mit einem Fußtritt die Thüre des Ganges auf, die ihm Fafiou bezeichnet hatte und die ſich während des Geſpräches unglücklicher Weiſe geſchloſſen. 46 Er verſchwand gerade in dem Augenblicke in dem Gange, wo Herr Rappt, der ſein Pferd wie⸗ der auf die Beine gehoben und ſich in den Sattel geworfen, mit wüthender Stimme rief: „Haut die Schufte mit dem Säbel nieder oder erſchießt ſie!“ Die Truppe ſprengte auf die Barrikade. Achtzig in Galopp geſetzte Pferde ſprengten über die Leichen Carmagnoles und Longue Avoines. Bittet für ihre Seelen! Als es Gibaſſier gelungen, ſich aus ſeinem Halseiſen zu ziehen, war er bis zum Pflaſter hin⸗ abgekrochen und hatte mit großer Mühe das Trot⸗ toir gegenüber von dem erreicht, wo Jean Taureau mit Fafiou verſchwunden war. „Nun,“ hatte Jean Taureau geſagt,„alſo ſind in dem Gange; was weiter?“ „In den fünften Stock,“ hatte Faſiou geant⸗ wortet. Er war ohnmächtig geworden. Der Rieſe erkletterte die fünf Stockwerke, ohne nöthig zu haben, Halt zu machen; Fafiou wog in ſeinen Armen nicht mehr als ein Kind in denen eines gewöhnlichen Menſchen. In dieſem Stockwerk angekommen, das oben am Ende der Treppe war, ſah ſich Jean Taureau zwi⸗ ſchen ſieben bis acht Thüren, die den Treppenabſatz rings umgaben. Da er nicht wußte, an welche er klopfen ſollte, ſo fragte er Fafiou; der Unglückliche aber mit ſei⸗ nen weißen Wangen, blauen Lippen und geſchloſſe⸗ nen Augen gab kein Zeichen des Lebens von ſich. wir er n⸗ t⸗ u d 47 „Armer Junge!“ ſagte Jean Taureau bewegt, „armer Junge!“ Aber Fafion blieb unbeweglich. Dieſe Bläſſe und dieſe Unbeweglichkeit rührten den Zimmermann tief, der, um ſich ſeine Bewegung nicht merken zu laſſen, vor ſich hinmurmelte: „Junge! nun! armer Junge! komm zu Dir, Du biſt ja nicht todt! Was iſt das für eine Ge⸗ ſchichte, ſolch dummes Zeug zu treiben!“ Aber der arme Fafiou war weit entfernt, Poſ⸗ ſen mit Jean Taureau zu treiben; er hatte eine Kugel durch die Schulter bekommen und lag wirk⸗ lich in Folge des Schmerzes oder des Blutverluſtes in einer Ohnmacht. Fafiou beobachtete darum das tiefſte Still⸗ ſchweigen. „Donnerwetter!“ wiederholte Jean Taureau. Dieſer Fluch konnte mit der Frage überſetzt werden:„Was thun?“ Er faßte die nächſte Thüre ins Auge und ſtieß mit der Ferſe daran, indem er rief: „Jemand da! holla! Jemand da!“ Zwei oder drei Sekunden ſpäter drehte ſich ein Schlüſſel im Schloſſe und ein beſtürzter Bürger er⸗ ſchien in Hemd und Baumwollmütze auf der Schwelle ſeines Zimmers. Er hielt in der Hand einen Leuchter, der zwi⸗ ſchen ſeinen Fingern nicht mehr und nicht weniger ſchwankte, als die Fackel in der Hand Sganarello's, wenn dieſer dem Comthur im Don Juan voran⸗ ſchreitet. „Ich habe beleuchtet, meine Herren, ich habe beleuchtet,“ ſagte der Bürger, welcher glaubte, man ſei gekommen, um ihn zu mahnen, ſeine Sympathie für die Wahlen zu manifeſtiren. „Es handelt ſich nicht darum,“ unterbrach ihn Jean Taureau.„Hier iſt ein Kamerade(und er deutete auf Fafiou), der ziemlich ſchwer verwundet iſt; er hat, wie es ſcheint, eine Bekanntſchaft hier auf Ihrem Stockwerk und ich möchte ihn niederle⸗ 1 gen. Sie, der Sie zum Hauſe gehören, können mir ohne Zweifel ſagen, an welche Thüre ich klopfen muß.“ Der Bürger warf einen flüchtigen Blick auf den Fremden. „Ah! das iſt Herr Fafiou,“ ſagte er. 4„Nun?“ fragte Jean Taureau.“ „Nun, das iſt wahrſcheinlich hier,“ ſagte der Bürger. Und er deutete auf eine Thüre gegenüber der ſeinigen. „Ich danke,“ ſagte Jean Taureau, indem er ſich nach der bezeichneten Thüre begab. Und er pochte. Einige Sekunden verfloſſen und man hörte leichte und ſchüchterne Schritte, die ſich dem Treppenabſatz näherten. Jean Taureau pochte noch einmal. „Wer iſt da?“ fragte eine weibliche Stimme. „Fafiou,“ ſagte der Zimmermann, dem es ganz natürlich ſchien, dieſen Namen ſtatt des ſeinigen zu nennen. Aber er täuſchte ſich in ſeiner Berechnung; die an ie n er et er e⸗ ir n n r r — — 49 Bekannte Fafious kannte nicht nur Fafiou, ſon⸗ dern auch ſeine Stimme und ſie rief deßhalb: „Das iſt falſch! ich erkenne ſeine Stimme nicht.“ „Teufel!“ ſagte Jean Taureau,„ſie hat voll⸗ kommen Recht; ſie kann die Stimme Fafious nicht erkennen, weil es die meine iſt.“ Er ſann einen Augenblick nach; aber wir haben bereits geſagt, das Denken war nicht das größte Talent Jean Taureau's. Zum Glück kam ihm der Bürger zu Hülfe. „Mademoiſelle,“ ſagte er,„Sie erkennen die Stimme Fafious nicht; kennen Sie die meinige?“ „Ja,“ antwortete das junge Mädchen, welches angeredet wurde;„Sie ſind Herr Guyomard, mein Nachbar.“ „Sie trauen mir alſo?“ fragte Herr Guyomard. „Gewiß; ich habe keinen Grund, Ihnen zu miß⸗ trauen.“ „Nun gut, Mademoiſelle, öffnen Sie Ihre Thüre, um Gotteswillen; Herr Fafiou, Ihr Freund, iſt verwundet und bedarf der Unterſtützung.“ Die Thüre öffnete ſich ſo raſch, daß kein Zwei⸗ fel über den Grad des Intereſſes ſein konnte, wel⸗ ches das junge Mädchen für den Verwundeten ha⸗ ben konnte. Das junge Mädchen war wirklich niemand an⸗ ders, als die Colombine des Theaters von Meiſter Galileo Copernicus. Sie ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung aus, als ſie ihren Freund ohnmächtig und in ſeinem Blut gebadet ſah, und warf ſich auf den armen Fafiou, Dumas, Salvator. VII. 4 ohne ſich um Jean Taureau, der den armen halb lebloſen Körper trug, noch um den Bürger zu küm⸗ mern, der, mit etwas ſichererer Hand, ſeitdem er wußte, daß er perſönlich keine Gefahr lief, die Scene beleuchtete. „Sie wollen alſo den armen Teufel bei ſich auf⸗ nehmen, Mademoiſelle?“ fragte der Zimmermann. „O, mein Gott, nur raſch!“ rief die Colombine. Der bürgerliche Träger der Leuchte ſchritt ihnen in das Zimmer voran; Jean Taureau folgte mit ſeiner Laſt; das junge Mädchen kam zuletzt. Der Zimmermann warf einen fluͤchtigen Blick über das Zimmer; das Ameublement beſtand aus einigen Stühlen, einem Tiſche und einem Bette. Er hatte keine Wahl und legte Fafiou auf das Bett, ohne die Herrin des Zimmers weiter darum zu befragen. „Kleiden Sie ihn nur recht ſanft aus,“ ſagte er.„Ich will einen Arzt holen; wenn er nicht gleich kommen ſollte, ſo werden Sie nicht zu ſehr ungeduldig; es iſt ſchwer heute durch die Straßen zu kommen.“ Und der muthige Jean Taureau ſtieg raſch die Treppe hinab und eilte zu Ludovic. Ludovic war nicht zu Hauſe; aber ſeit den zwei Tagen, ſo lange Ludovic nicht zu Hauſe war, wußte man, wo er zu finden. Seit zwei Tagen war Roſe de Noel wieder in der Rue d'Ulm. Die Brocante hatte eines Morgens den Käſig Roſe de Noels leer gefunden, der reizende Vogel, der ihn ſonſt belebte, war ausgeflogenz an einem alb m⸗ die E ne. en nit ick us as m ht hr en ei 51 andern Morgen fand man, wie Salvator voraus⸗ geſehen, das junge Mädchen friedlich eingeſchlafen in ſeinem Bette. Als Gerard todt war, hatte unſer Freund, Herr Jackal, keinen Grund mehr, das Kind entfernt zu hal⸗ ten, das im Stande war, wenn auch nicht volles Licht, ſo doch einen Dämmerſchein auf die Sarrantiſche Angelegenheit zu werfen. Als man Roſe de Noel bei ihrem Erwachen be⸗ fragte, antwortete ſie, daß man ſie nach einem Hauſe gebracht, wo gute Nonnen ſich mit größter Sorgfalt um ſie mühten, wo ſie mit Confect und Bonbons überfüttert worden und wo ſie keinen an⸗ dern Schmerz gehabt, als von ihrem guten Freunde Ludovic getrennt zu ſein. Da ſie fürchtete, etwas Aehnliches möchte ſich wiederholen, wurde ſie von Salvator beruhigt, der ihr ſagte, daß ſie nichts dergleichen zu fürchten habe, ſondern daß ſie in eine gute Penſion kommen werde, wo ſie alles lernen ſollte, was ſie noch nicht wüßte, und daß Herr Ludovic ſie zweimal in der Woche beſuchen könnte, bis der Tag käme, wo ſie die Pen⸗ ſion verließe, um die Frau Ludovics zu werden. All' das war nicht ſehr erſchreckend. Roſe de Noel hatte überdies ihren Entſchluß gefaßt, namentlich, als Ludovic ihr gefagt, daß er die Dispoſitionen Sal⸗ vator's vollkommen billige. Das war der Grund, weßhalb Ludovic in der Rue d'Ulm, ſtatt bei ſich zu Hauſe war. In einem Augenblick hatte Ludovic den Weg von der Rue d'Ulm nach der Rue Saint Denis zu⸗ rückgelegt und war bei Fafiou. 4 Man geſtatte uns, zu dem Aufſtande zurückzu⸗ kehren, der übrigens ſeinem Ende entgegen ging. Von dem Augenblicke, wo Jean Taureau ſie verlaſſen, war die Straße ein Schlachtfeld gewor⸗ den, wenn man dieſen Namen dem Orte geben kann, wo eine Metzelei aufgeführt wurde und einem Zu⸗ ſammenſtoß, bei dem die eine der Parteien mit Säbel und Flinte wüthet, während die andere ſchreit und ſich zu retten ſucht. Da kein Widerſtand organiſirt war, wurde auch kein Widerſtand geleiſtet. Die Hoſpitäler nahmen die Verwundeten auf. Die Morgue nahm die Todten auf. Die Journale vom nächſten Tag enthielten nur einen Theil der Ereigniſſe, aber die öffentliche Stimme erzählte das Uebrige. Das Schießen der Cavallerie, welches der Herr Oberſt Rappt commandirt, wurde als Dragonnade der Rue Saint Denis bezeichnet. Das Miniſterium Villole, das ſich durch den Schrecken zu conſolidiren dachte, gleitete in dem Blute aus und fiel, um einem Miniſterium von gemäßigterer Anſicht Platz zu machen, in welches Herr von Marande als Miniſter der Finanzen und Herr von Lamothe Houdan als Kriegsminiſter eintraten. Herr Rappt wurde in Folge ſeiner guten und loyalen Dienſte in der Rue Saint Denis zum Feld⸗ marſchall und Pair von Frankreich ernannt. — — MN 53 CII. Wo man den Vater findet, während man die Tochter zu finden hofft. Einige Tage nach den Ereigniſſen, die wir ſo eben erzählt— und die für unſer Buch ſind, was gewiſſe öde Steppen für die fruchtbarſten Länder und die ſchönſten Landſchaften, das heißt Wüſten, die man nothwendig durchwandern muß, um zu den Haſen zu kommen— einige Tage nach jenen Er⸗ eigniſſen nahm der General Lebaſtard de Premont, welcher auf das von Salvator dem Herrn Jackal gegebene Wort, daß er, nachdem Herr Sarranti ge⸗ rettet war, keine verderblichen Plane gegen die Re⸗ gierung beabſichtige, in Paris geduldet wurde, Herr Lebaſtard de Premont, ſagen wir, nahm mit Herrn Sarranti Abſchied von dem, welchen wir von nun ab immer ſeltener den Commiſſionär nennen wol⸗ len, um ihm ſeinen wahren Namen Conrad von Valgeneuſe zu nennen. Er ſoß in Salvators Salon, neben ſich zur Lin⸗ ken ſeinen jungen, zur Rechten ſeinen alten Freund. Nach Verfluß einer halben Stunde vertraulicher Plauderei erhob ſich der General Lebaſtard und bot Salvator zum Zeichen des Abſchieds die Hand; dieſer aber, der ſeit ſeinem Eintreten von einem beſtimmten Gedanken beherrſcht ſchien, hielt ihn und bat ihn mit ſeinem ſanften und ruhigen Lächeln, ihm noch einige Minuten zu einer bis dahin zurück⸗ gehalfenen Mittheilung zu gönnen, zu der, wie er ſagte, jetzt der rechte Augenblick gekommen ſei. ———— 54 Herr Sarranti machte eine Bewegung, um ſich zurückzuziehen und den General mit Salvator allein zu laſſen. „O, nein,“ ſagte der junge Mann,„Sie haben allen Kummer und alle Gefahren des Generals ge⸗ theilt; es iſt gerecht, daß Sie ſeine Freude theilen, wenn der Tag der Freude gekommen iſt „Was wollen Sie ſagen, Salvator?“ fragte lebhaft der General,„und welche Freude kann mir noch werden, als die, Napoleon II. auf dem Throne ſeines Vaters zu ſehen?“ „Es gibt doch noch anderes Glück für Sie, Ge⸗ neral,“ verſetzte Salvator. „Ach! ich kenne keines,“ antwortete dieſer, in⸗ dem er traurig den Kopf ſchüttelte. „Gut, General, zählen Sie zuerſt Ihre Schmer⸗ zen und dann zählen Sie Ihre Freuden.“ „Ich habe nur drei große Schmerzen in dieſer Welt gehabt,“ ſagte Herr Lebaſtard de Premont; „der erſte und größte war der Tod meines Herrn; der zweite,“ fügte er hinzu, indem er ſich nach Herrn Sarranti hinwandte und ihm die Hand bot, „die Verurtheilung meines Freundes; der dritte...“ Der General zog die Brauen heftig zuſammen und hielt inne. „Der dritte?“ fragte Salvator. „Der dritte iſt der Verluſt meines Kindes, das ich geliebt hätte, wie ich ſeine Mutter liebte.“ „Nun, General,“ ſagte Salvator,„da Sie die Zahl Ihrer Schmerzen kennen, ſollen Sie die Zahl Ihrer Freuden kennen lernen. Gs iſt ſchon eine Freude, die Wiederkehr des Sohnes Ihres Herrn, n n e⸗ te ir te ⸗ w 55 wie Sie ihn nennen, zu erwarten; eine zweite Freude iſt das Glück und die Freiheit Ihres Freun⸗ des; endlich wäre eine dritte Freude das Wieder⸗ finden Ihres geliebten Kindes.“ „Was wollen Sie ſagen?“ rief der General. „Nun, wer weiß!“ ſagte Salvator,„ich kann ue dieſe höchſte Freude bereiten.“ „Sie?“ ich.“ „O ſprechen Sie, ſprechen Sie, mein Freund,“ ſagte der General. „Sprechen Sie raſch,“ ſagte Herr Sarranti. „Alles hängt davon ab,“ fuhr Salvator fort, „welche Antworten Sie auf die Fragen geben, die ich an Sie richten werde. Sind Sie jemals in Rouen geweſen?“ „Ja,“ ſagte der General zitternd. „Mehrmals?“ „Einmal.“ „Schon lange?“ „Vor fünfzehn Jahren.“ „Das wäre alſo 18127“ ſagte Salvator. „1812, ja.“ „War's bei Tag oder bei Nacht?“ „Bei Nacht.“ Sie kamen in einem Poſtwagen?“ „Sie haben ſich nur einen Augenblick in Rouen aufgehalten?“ „Allerdings,“ antwortete der General immer erſtaunter,„um die Pferde ausſchnaufen zu laſſen 56 und nach dem Weg zu einem kleinen Dorfe zu fra⸗ gen, nach welchem ich mich begab.“ „Dieſes kleine Dorf,“ ſagte Salvator,„hieß La Bouille.“ „Wie!“ rief der General,„Sie wiſſen?“ „Ja,“ ſagte Salvator lachend,„ja, ich weiß das, General, und noch viele andere Dinge; aber erlau⸗ ben Sie mir fortzufahren. In La Buuille ange⸗ kommen, hielt dieſe Poſtchaiſe vor einem Hauſe von armſeligem Ausſehen; ein Mann ſtieg aus dem Wagen und trug in ſeinen Armen eine unförmige und ziemlich umfangreiche Laſt; es iſt unnöthig zu ſagen, daß Sie dieſer Mann waren, General.“ „Allerdings, das war ich.“ „Als Sie vor dem Hauſe ſtanden, unterſuchten Sie aufmerkſam Mauer und Thüre, zogen einen Schlüſſel aus Ihrer Taſche, öffneten die Thüre und fanden taſtend ein Bett, auf das Sie die Laſt nie⸗ derlegten, die Sie in Ihren Armen hielten.“ „Das iſt richtig,“ fagte der General. „Sie legten alſo die Laſt nieder,“ fuhr Salva⸗ tor fort,„zogen aus Ihrer Taſche eine Börſe und einen Brief, den Sie auf das nächſte Möbel nieder⸗ legten, das Ihnen unter die Hand kam. Nachdem Sie dann leiſe die Thüre geſchloſſen, ſtiegen Sie wieder in den Wagen und die Pferde ſchlugen den Weg nach Havre ein. Iſt all' dies genau?“ „Von ſolcher Genauigkeit,“ ſagte der General, „daß wenn Sie nicht Alles ſelbſt geſehen, ich nicht wüßte, wie Sie die Sache ſo kennen ſollten.“ „Und doch iſt nichts einfacher. Sie werden es ſogleich begreifen. Ich fahre alſo fort; das ſind — N B— v 57 Thatſachen, die Sie kennen und die mir beweiſen, daß meine Erkundigungen gut ſind und meine Hoff⸗ nungen mich nicht täuſchen werden. So hören Sie jetzt die Thatſachen, die Sie nicht kennen.“ Der General verdoppelte ſeine Aufmerkſamkeit. „Hinter Ihnen drein, ungefähr eine Stunde nach Ihrem Weggehen, hielt eine gute Frau, die vom Markte von Rouen zurückkam, vor demſelben Hauſe, wo Sie gehalten, zog ebenfalls einen Schlüſ⸗ ſel aus der Taſche, öffnete die Thüre und ſtieß ei⸗ nen Schrei des Entſetzens aus, als ſie bei ihrem Eintritte in das Zimmer das Gewimmer eines Kin⸗ des hörte.“ „Arme Mina!“ murmelte der General. Ohne die Unterbrechung zu bemerken zu ſchei⸗ nen, fuhr Salvator fort: „Die gute Frau beeilte ſich, eine Lampe anzu⸗ zünden und, geleitet von dem Geſchrei, ſah ſie einen weißen Gegenſtand, der ſich bewegte und auf ſeinem Bette hin und herwälzte; ſie hob einen langen Mouſſe⸗ linſchleier und entdeckte friſch und roſig und von Thrä⸗ nen übergoſſen, ein reizendes kleines Mädchen von ungefähr einem Jahre.“ Der General fuhr mit der Hand über die Au⸗ gen; er trocknete zwei dicke Thränen. „Groß war die Ueberraſchung der guten Frau, als ſie das Zimmer, das ſie leer gefunden, ſo ſelt⸗ ſam bewohnt fand. Sie nahm das Kind in ihre Arme, beſah es näher und drehte es nach allen Seiten. Sie ſuchte in ſeinen Kleidern irgend ein Zeichen ſeines Urſprungs, aber ſie entdeckte nichts, als daß die Windeln des kleinen Kindes vom fein⸗ ſten Battiſt waren und der Schleier, der es bebeckte, von den feinſten Alenconer Spitzen; das Ganze war, wie wir bereits ſagten, in ein Stück indiſchen Mouſſe⸗ lines gewickelt. Das waren freilich ſehr unbe⸗ ſtimmte Merkmale. Aber die gute Frau erhielt bald poſitivere Aufklärung, als ſie den Brief und die Börſe auf dem Tiſche fand, welche Sie dort niedergelegt hatten. Die Börſe enthielt zwölfhun⸗ dert Franken. Der Brief lautete ungefähr folgen⸗ dermaßen: „Vom 28. Oktober des nächſten Jahres an, dem Jahrestag des Heutigen, erhalten Sie durch Vermittlung des Geiſtlichen von La Bouille monat⸗ lich die Summe von hundert Franken. „Geben Sie dem Kinde die beſte Erziehung, die Sie ihm geben können und namentlich die einer treuen Hausfrau. Gott weiß, welche Prüfungen er ihm aufbewahrt hat. „Des Kindes Taufname iſt Mina; ſie ſoll kei⸗ nen andern tragen, bis ich ihr den wieder gegeben, der ihr gehört.“ „Es war dies der Name ihrer Mutter,“ mur⸗ melte der General in der höchſten Aufregung. „Das Datum dieſes Briefes,“ fuhr Salvator fort, ſcheinbar ohne die Aufregung deſſen zu be⸗ merken, an den er ſeine Worte richtete,„war der 28. Oktober 1812; Sie kennen dies Datum ſo gut, als Ihre Worte, nicht wahr?“ „Das Datum iſt richtig, die Worte ſind tert⸗ getreu.“ v—— NMN———„ —— 59 „Wenn wir übrigens daran zweifeln würden,“ fuhr Salvator fort,„ſo brauchten wir uns nur zu vergewiſſern, ob dieſe Schrift wirklich die Ihrige iſt.“ Und Salvator zog aus ſeiner Taſche einen Brief, den er dem General vor Augen hielt. Der General öffnete ihn raſch, und ihn noch einmal überleſend, ſtrömten ihm, als wenn all' ſeine Kraft dahin wäre, die Thränen aus den Augen. Herr Sarranti und Salvator ließen ſchweigend dieſen Thränen ihren Lauf. Nach Verfluß von einigen Augenblicken fuhr Salvator fort: „Jetzt, nachdem ich überzeugt bin, daß kein Irr⸗ thum obwaltet, kann ich Ihnen die ganze Wahrheit ſagen; Ihre Tochter lebt, General.“ Der General ſtieß einen Schrei der Ueberra⸗ ſchung aus. „Sie lebt!“ ſagte er;„und ſind Sie deſſen gewiß?“ „Ich habe vor drei Tagen Nachricht von ihr erhalten,“ ſagte Salvator einfach. „Sie lebt! ſie lebt!“ rief der General.„Wo iſt ſie?“ „Warten Sie einen Augenblick, General,“ machte Salvator mit einem Lächeln und legte ſeine Hand auf den Arm des Generals;„ehe ich Ihnen ſage, wo ſie iſt, erlauben Sie mir Ihnen eine Geſchichte zu erzählen, oder Sie an eine ſolche zu erinnern.“ „O! ſprechen Sie,“ ſagte der General;„nur laſſen Sie mich nicht unnöthig warten.“ 60 „Ich werde nicht ein Wort ſagen, das nicht nöthig wäre,“ verſetzte Salvator. „Ja, ja, aber ſprechen Sie.“ „Sie erinnern ſich der Nacht des 21. Mai?“ „Ob ich mich ihrer erinnere!“ rief der General, indem er Salvator die Hand bot,„ich glaube es wohl! Es iſt jene Nacht, wo ich das Glück hatte, Sie kennen zu lernen, mein Freund.“ „Sie erinnern ſich, General, daß während Sie die Beweiſe der Unſchuld des Herrn Sarranti im Park von Vichy ſuchten, wir aus den Händen eines Elenden ein junges Mädchen retteten, das entführt worden war und das wir ſeinem Bräutigam wie⸗ dergaben.“ „O ich glaube wohl, daß ich mich deſſen erin⸗ nere! Dieſer Elende nannte ſich Lorsdan de Val⸗ geneuſe, nach dem Namen ſeines Vaters, den er entehrte. Das junge Mädchen hieß Mina, wie mein Kind; der junge Mann endlich hieß Juſtin. Sie ſehen, daß ich nichts vergeſſen habe.“ „Nun, General,“ ſagte Salvator;„erinnern Sie ſich einer letzten Einzelheit; vielleicht einer der wich⸗ tigſten in der Geſchichte dieſer beiden jungen Leute und ich brauche keine weitere Frage an Sie zu richten.“ „Ich erinnere mich,“ ſagte der General,„daß ſie, von einem Erzieher gefunden, aufgenommen und erzogen, von Herrn von Valgeneuſe aus dem Pen⸗ ſionat entführt wurde. Dieſes Penſionat befand ſich in Verſailles. Iſt es das, weſſen ich mich er⸗ innern ſoll?“ „Nein; das, General, iſt eine Thatſache, iſt ig il, 61 Geſchichte; was ich wünſche, daß Sie ſich erinnern ſollen, iſt eine Einzelheit; aber dieſe Einzelheit iſt ganz einfach die Moral des Abenteuers; nehmen Sie, ich bitte Sie darum, Ihr Gedächtniß zu Hülfe.“ „Ich weiß nicht, was Sie mir ſagen wollen, mein Freund.“ „Dann iſt es an mir, Sie auf den rechten Weg zu leiten. Was iſt aus den beiden jungen Leuten geworden?“ „Sie ſind in's Ausland gegangen.“ „Ganz richtig; ſie ſind allerdings fortgegangen und Sie, General, Sie haben das für die Abreiſe, die Reiſe und den Unterhalt der beiden jungen Leute nöthige Geld hergegeben.“ „Sprechen wir nicht davon, mein Freund.“ „Sprechen wir nicht mehr davon, wenn Sie wollen. Aber wir ſind dadurch auf jene intereſſante Einzelheit gekommen.„Ein Scrupel quält mich, habe ich Ihnen in dem Augenblicke geſagt, als wir die beiden jungen Leute fortſchafften; man wird ei⸗ nes Tages die Eltern des jungen Mädchens erfah⸗ ren; wenn die Eltern nobel, reich, mächtig ſind, werden Sie ſich nicht an Juſtin rächen?“ Sie ant⸗ worteten mir... „Ich antwortete Ihnen,“ unterbrach ihn lebhaft der General,„daß die Eltern des jungen Mädchens an dem Manne ſich nicht rächen könnten, der ihr Kind, das ſie verlaſſen, aufgenommen, es wie das Kind ſeiner Mutter erzogen und es zuerſt vor dem Elende und dann vor der Schande gerettet.“ „Und ich fügte hinzu, General, erinnern Sie ſich meiner Worte: Und wenn Sie der Vater des jun⸗ gen Mädchens wären?““ Der General zitterte; in dieſem Augenblicke erſt ſah er der Wahrheit in's Geſicht, die er bis dahin nur halb geahnt. „Vollenden Sie,“ ſagte der General. „Wenn alſo,“ fuhr Salvator fort,„Ihr Kind in Ihrer Abweſenheit die Gefahr gelaufen wäre, welche Juſtins Braut lief, ſo würden Sic dem Manne verzeihen, der ferne von Ihnen über das Schickſal Ihrer Tochter verfügt hätte?“ „Nicht allein, mein Freund, würde ich ihm die Arme öffnen, als dem Gatten meines Kindes, ſagte ich Ihnen, ſondern ich würde ihn auch ſegnen, als ſeinen Retter.“ „Allerdings, das waren genau Ihre Worte, General: aber würden Sie dieſe Worte auch wie⸗ derholen, wenn ich Ihnen heute ſagte:„General, es 1 handelt ſich um Ihr eigenes Kind!““ ¹„Mein Freund,“ ſagte der General feierlich, 1„ich hatte dem Kaiſer Treue geſchworen, das heißt, ich habe einen Schwur gethan, für ihn zu ieben und zu ſterben. Ich konnte nicht ſterben; ich lebe für ſeinen Sohn.“ „Nun gut, General,“ ſagte Salvator,„leben Sie auch für Ihre Tochter, denn ſie hat Juſtin gerettet.“ „Wie! jenes hübſche Kind, das ich in der Nacht vom 21. Mai geſehen,“ rief der General,„das war das iſt?„ „Das iſt Ihre Tochter, General,“ ſagte Sal⸗ vator. rſt in in he ne al ie te 8 63 „Meine Tochter, meine Tochter!“ rief der Ge⸗ neral, berauſcht vor Freuden. „O! mein Freund!“ ſagte Sarranti, indem er die Hand des Generals ergriff, und ihm durch die⸗ ſen Druck den Antheil bewies, den er an ſeinem Glücke nahm. „Aber,“ ſagte der General, der noch immer zweifelte,„beruhigen Sie mich, mein Freund; was wollen Sie, man gewöhnt ſich nicht ſo ſchnell an das Glück. Wie ſind Sie, ich ſage nicht zur Kennt⸗ niß, ſondern zur Gewißheit dieſer Thatſachen ge⸗ kommen?“ „Ja,“ ſagte Salvator mit einem Lächeln,„ich begreife, daß Sie überzeugt ſein wollen.“ „Aber, wenn Sie ſelbſt überzeugt waren, warum haben Sie bis heute gewartet?“ „Weil ich ſelbſt erſt über allen Zweifel wegge⸗ hoben ſein wollte. War es nicht beſſer zu warten, als Ihnen durch eine falſche Freude das Herz zu zerreißen? Sobald mir es möglich war, begab ich mich nach Rouen. Ich fragte nach dem Pfarrer von La Bouille. Er war todt. Eine Dienerin ſagte mir, daß einige Tage vorher ein Herr aus Paris, den man nach ſeiner Tournure für einen Militär halten konnte, obgleich er einen bürgerlichen Anzug trug, gekommen ſei, um nach dem Geiſtlichen zu fragen, und da dieſer nicht mehr lebte, ſich erkun⸗ digt habe, ob ihm Jemand über das Schickfal eines kleinen Mädchens Auskunft geben könne, das im Dorfe erzogen worden, ſeit fünf bis ſechs Tagen jedoch verſchwunden ſei. Ich ahnte leicht, daß der 64 Herr Sie waren, General, und daß Ihre Nachfor⸗ ſchungen zu keinem Zieie führten.“ „Sie täuſchen ſich allerdings nicht,“ ſagte der General. „Ich erkundigte mich dann bei dem Maire der Gemeinde, ob es nicht in der Gegend Leute mit Namen Boivin gebe; man bezeichnete mir vier bis fünf Boivin, die zu Rouen wohnten. Ich habe ſie Eines um das Andere aufgeſucht und zuletzt eine alte Jungfer von dieſem Namen gefunden, die von ihrer Großtante kleine Erſparniſſe, Möbel und Pa⸗ piere geerbt. Dieſe alte Jungfer hatte Mina wäh⸗ rend fünf Jahren bei ſich gehabt; ſie kannte ſie deßhalb ganz genau; und wenn ich noch einen Zweifel gehabt, würde ihn der Brief, den ſie fand, und den ich Ihnen ſo eben übergeben, verſcheucht haben.“ „Und wo iſt mein Kind! wo iſt meine Tochter?“ „Sie iſt, oder vielmehr, denn von jetzt an müſ⸗ ſen Sie in der Mehrzahl ſprechen, General, ſie ſind in Holland, wo jedes in ſeinem Käfig, gegenüber von dem andern wohnt, wie die Enten, welche die Holländer dem Zellenſyſtem unterwerfen, um ſie ſingen zu lehren.“ „Ich reiſe nach dem Haag,“ ſagte der General, indem er aufſprang. „Sie wollen ſagen, wir reiſen, nicht wahr, mein lieber General?“ ſagte Sarranti. „Ich bedauere, daß ich nicht mit Ihnen gehen kann,“ ſagte Salvator;„unglücklicher Weiſe iſt die politiſche Lage für den Augenblick zu complizirt, als daß ich Paris verlaſſen könnte.“ 65 „Auf Wiederſehen, mein lieber Salvator, denn Sie begreifen, daß ich Ihnen nicht Adieu ſage. Aber,“ fügte der General hinzu, indem er die Stirne faltete,„ich muß vor meiner Abreiſe einen Beſuch machen und würde dieſer Beſuch meine Abreiſe auch um vierundzwanzig Stunden verzögern.“ Bei dieſem Zuſammenziehen der Brauen hatte Salvator geahnt, um was es ſich handelte. „Sie wiſſen wohl, von wem ich ſprechen will, nicht wahr?“ ſagte der General. „Ja, General; aber wird Sie dieſer Beſuch nicht zu lange aufhalten? Herr von Valgeneuſe iſt in dieſem Augenblicke von Paris abweſend.“ „Ich werde ihn erwarten,“ ſagte der General entſchieden. „Das könnte Sie in's Unendliche aufhalten. Mein lieber Vetter Lorédan iſt vorgeſtern von Pa⸗ ris abgereist und wird nicht früher zurückkehren, als die Verſon, der er nachgereist iſt. Dieſe Perſon iſt Frau von Marande, als deren Anbeter er ſich erklärt hat; eine Manifeſtation, die eines Tages nicht ſonderlich nach dem Geſchmacke Jean Roberts oder ſelbſt Herrn von Marandes ſein könnte, der ſeine Frau zwar autoriſirt, einen Lieb⸗ haber zu haben, aber Niemanden autoriſirt, es an die große Glocke zu hängen. Das thut aber in dieſem Augenblick Herr von Valgeneuſe, der, als er erfuhr, daß Frau von Marande in der Pi⸗ cardie bei einer ihrer Tante, welche ſehr krank iſt, einen Beſuch mache, ihr nachgereist iſt. Da die Rücktehr des Herrn von Valgeneuſe ſomit von der Dumas, Salvator. vII. 5 66 Rückkehr der Frau von Marande abhängt, ſo möchte ich Ihnen rathen, mein lieber General, ſobald als möglich abzureiſen, das heißt heute.. Bei Ihrer Rückkehr wird Herr von Valgeneuſe aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach in Paris ſein; Sie können ſich dann mit ihm beſchäftigen. Aber ich weiß nicht, welcher Inſtinct mir ſagt, daß Sie ſich nicht mit Herrn von Valgeneuſe zu beſchäftigen haben werden.“ „Mein lieber Salvator,“ ſagte der General, der die Worte des jungen Mannes mißverſtand,„ich würde den nicht als meinen Freund betrachten, der ſich unter ſolchen Umſtänden an meine Stelle drängte.“ „Beruhigen Sie ſich, General, und betrachten Sie mich ſtets als einen Freund; denn ſo wahr meine Liebe zur Freiheit Ihrer Ergebenheit für den Kaiſer gleichkömmt, ſo gewiß werde ich Herrn von Valgeneuſe nicht ein Haar auf ſeinem Kopfe krümmen.“ „Ich danke,“ ſagte der General, indem er Sal⸗ vator herzlich die Hand drückte.„Für diesmal, Adieu!“ „Erlauben Sie mir wenigſtens, Sie bis zur Barriere zu begleiten,“ ſagte Salvator, indem er aufſtand und ſeinen Hut nahm;z„Sie brauchen einen Wagen und ich will den für Sie ſuchen, welcher Juſtin und Mina nach Holland gebracht hat und vielleicht auch, wer weiß! den Mann, der ſie führte, und der Ihnen während des ganzen Weges von bei⸗ den erzählen kann.“ „O Salvator,“ ſagte der General melancholiſch, „warum lernte ich Sie ſo ſpät kennen!... — te l8 er r⸗ ch t, lit er ch er en hr on fe U⸗ U, ur en er te, ei⸗ h, 67 „Wir drei,“ fügte er hinzu, indem er Sarranti die Hand gab,„hätten die Welt umgedreht.“ „Das kann noch geſchehen,“ ſagte Salvator, „und es iſt nur wenig Zeit verloren.“ Und die drei Freunde gingen nach der Rue d'Enfer. In der Nähe des Hoſpice des Enfants Trouvées lag das Haus des Wagners, wo Salvator die Poſt⸗ chaiſe gemiethet, in welcher Juſtin und Mina nach Holland gereist waren. Man fand Wagen und Poſtillon wieder. Eine Stunde ſpäter umarmte der General Leba⸗ ſtard de Premont und Herr Sarranti Salvator und der Wagen fuhr in raſchem Trabe nach der Barriere Saint Denis. Laſſen wir ſie die Route nach Belgien verfolgen und begleiten wir den Wagen, dem ſie bei der Saint Laurent⸗Kirche begegneten. Dieſer Wagen hätte, wenn der General ihn er⸗ kannt, ſeine Reiſe wohl etwas verzögern können, denn es war der der Frau von Marande, die, zu ſpät gekommen, um ihrer Tante ein letztes Lebewohl zu ſagen, in aller Eile nach Paris zurückgekehrt war, wo Jean Robert ſie mit fieberhafter Ungeduld erwartete. Man erinnert ſich, was Salvator von der Rück⸗ kehr der Frau von Marande geſagt, welche natür⸗ lich die des Herrn von Valgeneuſe zur Folge hatte. Aber der General kannte weder Frau von Ma⸗ rande, noch den Wagen; er ſetzte deßhalb ſeinen Weg raſch und heiter fort. —— —— 4— 68 CIII. Wo bewieſen iſt, daß das Gehör nicht der werthloſeſte Sinn iſt. Ihr erinnert euch, meine lieben Leſer, jenes rei⸗ zenden kleinen, ganz mit perſiſchem Teppiche aus⸗ geſchlagenen Zimmers, das Frau von Marande zu gewiſſen Stunden bewohnte und in welches wir euch eindringen zu laſſen, die Indiskretion hatten? Wenn ihr verliebt waret, ſo habt ihr die Erinnerung da⸗ ran bewahrt. Wenn ihr noch verliebt ſeid, ſo ſchwebt euch ſein Duft vor. Nun gut, in die⸗ ſes Zimmer, in dieſes Neſt, in dieſe Capelle der Liebe wollen wir euch wieder führen, ohne befürch⸗ ten zu müſſen, euch zu mißfallen, wäret ihr nun im Augenblick verliebt oder verliebt geweſen. Es iſt der Abend, an welchem Frau von Ma⸗ rande nach Paris zurückgekehrt. Frau von Marande, von dem Rechte Gebrauch machend, das ihr ihr Gemahl eingeräumt und das er nicht zurückgezogen, ſeit er bei der neuen mini⸗ ſteriellen Combination das Portefeuille der Finan⸗ zen übernommen, iſt in ein verliebtes Geplauder mit unſerem Freund Jean Robert vertieft, der ſitzend oder vielmehr knieend,— denn wir ſagten ja, daß das Zimmer eine Capelle war— vor der Gottheit des Ortes, ihr eine jener langen und zärtlichen Ge⸗ ſchichten erzählt, welche alle Verliebten ſo gut er⸗ zählen, daß das Ohr der Frau, welche liebt, nicht müde wird, ſie erzählen zu hören. In dem Augenblicke, wo wir euch in dieſes Hei⸗ 69 ligthum einführen, umſchlingt Jean Robert mit ſei⸗ nem Arm die ſchlanke und weiche Hüfte der jungen Frau und Auge in Auge, als ob es nicht genug wäre, in dem Geſichte zu leſen und als ob er bis in's Herz dringen wollte, fragt er ſie: „Was iſt nach Ihrer Anſicht der wenigſte werth⸗ vollſte Sinn, meine Liebe?“ „Alle Sinne erſcheinen mir gleich werthvoll, wenn Sie da ſind, mein Freund.“ „Ich danke. Aber gibt es nach Ihrer Anſicht nicht mehr oder minder werthvolle, wäre der eine nicht wichtiger und bedeutender als der andere?“ „Doch, es gibt einen, der nicht zu den fünf Sin⸗ nen gehört, und den ich entdeckt habe.“ „Welcher wäre das, mein lieber Chriſtoph Co⸗ lumbus im Lande des Zarten?“ „Der, welcher mochte, daß, wenn ich Sie erwarte, mein Vielgeliebter, ich nicht mehr ſehe, nicht mehr höre, nicht mehr athme, nicht mehr fühle, nicht mehr empfinde:— der Sinn der Erwartung, mit einem Worte, ſcheint mir der zu ſein, der weniger werth⸗ voll als die übrigen.“ „Sie haben mich alſo wirklich erwartet?“ „Undankbarer! Erwarte ich Sie nicht immer?“ „Liebe Lydia, wenn Sie wahr ſprächen.“ „Gott der Güte! er zweifelt daran!“ „Nein, meine Liebe, ich zweifle nicht, ich fürchte...“ „Und was können Sie fürchten?“ „Was der wirklich glückliche Menſch fürchtet, der Menſch, der nichts zu wünſchen, nichts vom Himmel zu fordern hat, nicht mal den Himmel— alles!“ „Dichter!“ ſagte Frau von Marande coquett, in⸗ dem ſie die Stirne Jean Robert's mit den Lippen ſe„Sie erinnern ſich Ihres Ahnen Jean acine: „Ich fürchte Gott, mein lieber Abner, und kenne keine andere Furcht.“ „Allerdings, ich fürchte Gott und kenne keine andere Furcht. Aber wer iſt Ihr Gott, mein lie⸗ ber Engel?“ „Du!“ ſagte ſie. Jean Robert umſchlang ſe bei dieſem Geſtänd⸗ niß noch zärtlicher. „Ich,“ antwortete ihr Jean Robert lachend,„ich bin nur einer, der in Sie verliebt iſt; aber Ihr wirklicher Geliebter, Ihr wahrhafter Gott, Lydia, das iſt die Welt da Sie dieſem Gotte mehr als die Hälfte Ihres Lebens weihen, ſo geht dar⸗ aus herwor, daß ich nichts, als eines Ihrer Opfer bin. „Meineidiger! Renegat! Verleumder!“ rief die junge Frau, indem ſie zurückfuhr.„Was iſt mir die Welt ohne Sie?“ „Sie wollen ſagen, ſchöne Freundin:„Was bin ich für Sie ohne die Welt?““ „Er beharrt!“ ſagte Frau von Marande, indem ſie eine neue Bewegung nach rückwärts machte. „Ja, meine Inniggeliebte, ich beharre; ja ich glaube, daß Sie ultraweltlich ſind und daß Sie mit⸗ ten in einer Quadrille, einem Walzer, wenn Sie der Tanz bezaubert und mit ſich fortreißt, nicht mehr an mich denken, als an eines der Staubatome, die Ihre kleinen Atlasfüße aufheben. Der Walzer —— NM ——— — gefällt Ihnen, er ſteht Ihnen und Sie nehmen ſich allerliebſt aus, wenn Sie ihn tanzen. Aber iſt es nicht ein furchtbares Opfer für mich, Sie von zwan⸗ zig jungen Laffen, über die Sie ſich vielleicht mö⸗ quiren, die aber in dem Augenblick, wo Sie ſich Ihnen hingeben, Sie in Gedanken beſitzen, Sie umſchlungen zu ſehen oder zu wiſſen, und in welchem Zuſtande— mit tief athmender Bruſt, mit entblößtem Halſe, Armen, Schultern?“ „O fahren Sie fort, fahren Sie fort,“ ſagte Frau von Marande, ihn liebevoll anblickend, denn die Eiferſucht des jungen Mannes entzückte ſie. „Sie finden mich ungerecht, egviſtiſch vielleicht,“ fuhr Jean Robert wirklich fort.„Sie ſagten ſich— ich greife Ihren Gedanken vor,— daß meine Thea⸗ ter⸗ und Romanerfolge, in Beziehung auf Zerſtreu⸗ ung, Ihre Soireenerfolge aufwiegen. Ach! meine Freundin, ich zeige nicht die Jungfräulichkeit mei⸗ ner Seele dem Publikum, wie Sie den jungfräuli⸗ chen Schatz Ihrer Schultern; ich gebe nur meinen Gedanken, meine Reflexion, meine Beobachtung, mein Studium zum Beſten. Die Welt zeigt mir ihre Wunden und ich ſuche ſie, wenn auch nicht zu heilen, ſo doch ſie unſern Geſetzgebern zu zeigen, welche für die Geſellſchaft ſind, was die Aerzte für den Körper. Sie aber, Lydia, Sie geben ſich ganz der Maſſe hin. Die Blumen, die Perlen, die Ru⸗ binen, die Diamanten, mit denen Sie Ihren ſchö⸗ nen Körper einhüllen, ſind eben ſo viele Magnet⸗ ſteine, um den Blick auf ſich zu ziehen. Habe ich Sie nicht zehn Mal geſehen, wie Sie ſich auf den Ball vorbereiteten? Man hätte glauben ſollen, Sie wollen ein Königreich erobern. Nie hat ein Capi⸗ tän, der ſich zum Krieg einſchiffte, nie hat Wilhelm der Eroberer auf ſeinem Schiffe, nie Ferdinand Cortes, als er ſeine Schiffe verbrannte, feſter ſei⸗ nen Schlachtenplan entworfſen, und deßhalb beharre ich auf meinem Zweifel an Ihrer Liebe, trotz aller unberechenbarer Beweiſe.“ „Ich liebe Dich,“ ſagte Frau von Marande, in⸗ dem ſie ihn an ſich zog und glühend küßte. „Ja, Du liebſt mich,“ verſetzte der Dichter,„Du liebſt mich ſehr; aber in der Liebe iſt ſehr nicht ſo viel wie genug.“ „Höre mich an,“ antwortete ſie ernſt,„wir wol⸗ len vernünftig ſprechen; einmal iſt nicht immer. Glaubſt Du, daß es auf der Welt eine Frau von Welt gibt, die eine Freihoit genöſſe, wie ich?“ „Nein, gewiß nicht, aber... „Laſſe mich fortfahren und unterbrich mich nicht. ie Vernunft iſt ein menſchenſcheuer Vogel, der Schatten eines Geräuſches erſchreckt ihn. Ich ſagte alſo, daß ich für eine Frau die unbegrenzteſte Frei⸗ heit genieße, deren eine Frau genießen kann. Weißt Du nun das Einzige, was mein Mann als Erſatz für dieſe Freiheit von mir verlangt? Nichts, als daß ich die Herrin eines angenehmen Hauſes, nichts, als daß ich eine vollkommene Frau von Welt ſei. Weißt Du, was er verlangt, wenn er kömmt? Ein lächelndes, freundliches Geſicht, auf dem er von ſei⸗ nen Zahlen und Berechnungen ausruhen kann. Weißt Du, was er verlangt, wenn er geht? Einen herzlichen Händedruck, der ihm Gewißheit gibt, daß S v* NM 73 er eine Freundin zu Hauſe läßt. Ich bin deßhalb mit vollen Segeln auf den Ocean hinausgeſteuert, welchen man die Welt nennt und habe, ſo viel an mir war, gethan, um zwiſchen den Klippen durchzu⸗ ſchiffen. Eines Abends, beim Mondlicht, gewahrte ich am Horizonte ein ſchönes in Silber getauchtes Land, deſſen Sternblumen mich zu ſich hinzogen. Ich rief: Land!“ ich warf Anker und den Fuß an das Ufer ſetzend, dankte ich Gott, denn ich fand das 4 meiner Träume, und dieſes Land bewohnteſt 3 u.“ „O, meine Liebe! meine Liebe!“ murmelte Jean Robert, indem er ſie küßte und den Kopf ſchüttelte. „Laß mich vollenden,“ ſagte ſie, indem ſie ihn ſanft zurückſchob.„Als ich mich in dieſem ſchönen Lande meiner Träume ſah, war mein erſter Ge⸗ danke, es nicht wieder zu verlaſſen; aber der Ocean umſpülte es; der habgierige Ocean, der ſeine Beute nicht laſſen wollte, wie ihr Dichter ſagen würdet; er zog mich zu ſich hin, eine Woge von Seide, Spitzen und Atlas rief mir zu: Komm wieder zu uns, nicht für immer, nur zeitweiſe, wenn Du Deine Freiheit bewahren willſt! Und ich kam wieder, ſo oft dieſe gebieteriſche Stimme mich rief, ich kam wieder, um meinen Tribut zu bezahlen; ich bezahle ihn weinend; aber ich erkaufe damit meine Freiheit. Das iſt mein Bekenntniß und ich werde ausgeſpro⸗ chen haben, wenn ich einem miſanthropiſchen Dich⸗ ter die drei Verſe eines noch miſanthropiſcheren Dich⸗ ters, als er, geſagt haben werde: Wenn man der Welt gehört, gebührts, daß äußerem Schein Wir, wenn auch ungern, lächelnd doch uns weihn; Doch wird Vernunft uns Maß zu halten lehren.“ „O ſchweige! ich liebe Dich! ich liebe Dich!“ rief Jean Robert leidenſchaftlich. „Gut,“ ſagte ſie, indem ſie ſich küſſen ließ, ohne die Küſſe Jean Robert's zu erwidern, als ob ſie in ihrem Innern noch einen Groll gegen ihn trüge. „Da wir jedoch noch nicht über die Sache im Rei⸗ nen ſind, ſo wollen wir auf unſern Ausgangspunkt zurückkommen. Sie fragten mich, welches der we⸗ nigſt werthvolle Sinn ſei, und ich antwortete, in⸗ dem ich ihn erſt ſchuf, um Ihnen zu gefallen, daß es der Erwartungsſinn ſei. Was antworten Sie mir darauf?“ „Nichts und ich werde fortfahren nichts zu ſagen, wenn Sie fortfahren Sie zu ſagen.“ „Nun gut, ich ſage Du.“ „Das iſt nicht genug; als ich dieſe Frage an Dich richtete, legteſt Du Deine Lippen auf meine Stirne und an dieſen Halbkuß denkend, fragte ich Dich, welches der wenigſt werthvolle oder der unnützeſte oder der überflüſſigſte Sinn ſei.“ „Vor Allem bitte mich um Verzeihung, daß Du zu mir ſagteſt, ich gebe mich irgend Jemand in der Welt hin, und ich werde Dir vergeben.“ „Gerne, unter der Bedingung, daß Du mir ſagſt, der Gedanke bleibe bei mir, während Du den Kör⸗ per hingibſt.“ Eine tolle Umarmung war die Antwort der rei⸗ zenden Frau. 75 „Halt!“ ſagte Jean Robert,„wenn ich Dich küſſe, ſehe ich Dich, berühre ich Dich, fühle ich Dich, athme ich Dich, aber ich höre Dich nicht, weil meine Lip⸗ pen auf Deinen Lippen ruhen, und kein Wort aus⸗ drücken könnte, was ich fühle; das Gehör alſo iſt unter dieſen Umſtänden, der wenigſt werthvolle Sinn.“ „Nein, nein,“ ſagte ſie,„keine ſolche Ketzerei: es iſt ein eben ſo koſtbarer Sinn, als die Andern, denn er macht es mir möglich, Deine lieben Worte zu hören.“ Frau von Marande hatte Recht, als ſie ſagte, daß das Gehör ein eben ſo koſtbarer Sinn ſei, als die Andern. Ja, er ſollte unter den gegenwärtigen Umſtänden ein noch koſtbarerer, als die andern werden. Denn während ſie ſo um Worte ſtritten, ſich ins Auge blickten und küßten, hatten unſere beiden Lie⸗ benden nicht bemerkt,— die Liebenden ſind nichts we⸗ niger, als vollkommen— daß von Zeit zu Zeit die Ta⸗ pete des Alkoven ſich wie von dem Winde einer halb⸗ offenen Thüre bewegte. Woher dieſe Bewegung kam, war ſchwer zu be⸗ greifen, denn die Thüre des Alkoven war hermetiſch verſchloſſen. Hätte man freilich den Geſichtsſinn zu Hülfe genommen, und hinter dieſe Vorhänge geſehen, ſo würden unſere Liebenden einen Mann erblickt haben, der hinter dem Bette kauernd, ſich alle Mühe gab, um den Krämpfen vorzubeugen, die aus der unan⸗ genehmen Lage entſtanden, in der er ſich befand, was ihm aber nur mäßig zu gelingen ſchien. 76 In dem Augenblicke jedoch, wo Jean Robert das Geſpräch über die ſechs Sinne mit ſechs Küſ⸗ ſen ſchloß, machte der Mann, der ſich hinter dem Bette befand, ſei es nun, daß die Küſſe ihm miß⸗ behagten, oder daß die Lage, in der er ſich befand, zu peinlich wurde, der Mann hinter dem Bette, ſa⸗ gen wir, machte eine Bewegung, welche Frau von Marande zittern ließ. Jean Robert, als wollte er ſeine Behauptung über den Werth des Gehörs auf die Spitze treiben, hörte nichts oder that wenigſtens, als hörte er nichts jn fragte Frau von Marande, als er ſie zittern ah: „Was haben Sie, meine Liebe?“ „Du haſt es nicht gehört?“ ſagte Frau von Marande ſchauernd. S Reiti““ „So höre doch,“ verſetzte ſie, das Ohr nach der Seite des Bettes hinhaltend. Jean Robert horchte; da er jedoch nichts hörte, nahm er die Hand der jungen Frau wieder und drückte einen Kuß darauf. Ein Kuß iſt eine Muſik. Hundert Küſſe ſind eine Symphonie. Die Wölbung der Kapelle ertönte von tauſend Küſſen. Wenn die Vernunft jedoch ein leicht aufzuſcheu⸗ chender Vogel iſt, wie Frau von Marande einen Augenblick früher ſagte, ſo wird der Engel der Küſſe noch weit raſcher aufgeſcheucht. Das Geräuſch, das die junge Frau hatte zittern machen, drang von Neuem an ihre Ohren und ließ ſie diesmal einen Schrei ausſtoßen. 77 Jean Robert hatte diesmal gehört und mit ei⸗ nem Sprung ſich erhebend, ging er gerade auf das St zu, von wo ihm das Geräuſch zu kommen chien. In dem Augenblicke, als er aufſprang, bewegte ſich der Vorhang lebhafter. Mit dem erſten Sprung war er am Bette; mit dem zweiten war er hin⸗ über und ſtand vor Herrn Lorédan von Valgeneuſe. „Sie hier?“ rief Jean Robert. Frau von Marande erhob ſich ſchauernd. Nach ihrem ungeheuren Erſtaunen zu urtheilen, erkannte auch ſie den jungen Mann, den Jean Robert er⸗ kannt hatte. Man erinnert ſich des väterlichen Rathes, den Herr von Marande ſeiner Frau wegen Monſeigneur Coletti und Herrn von Valgeneuſe gegeben; ſo ſehr der junge Dichter ihm die Ehrbarkeit ſelbſt in Sa⸗ chen der Liebe zu ſein ſchien, ſo compromittirend erſchienen ihm der Biſchof und der Wüſtling. Er hatte Frau von Marande freundlich vor ihm gewarnt, und die junge Frau hatte auf dieſe Frage ihres Mannes:„Gefällt er Ihnen?“ geantwortet:„Er iſt mir vollſtändig gleichgültig.“ Man erinnert ſich auch, daß der Banquier in dem Capitel:„Ehliche Plauderei“, als er von Herrn Lorsdan von Volgeneuſe ſprach, geſagt: „Was ſeine Succeſſe betrifft, ſo ſcheint es, daß ſie ſich auf Frauen von der großen Welt beſchrän⸗ ken, und daß, wenn er ſich an das wendet, was man Mädchen aus dem Volke nennt, trotz des edel⸗ müthigen Beiſtandes, den ihm bei ſolchen Gelegen⸗ heiten ſeine Schweſter Fräulein von Valgeneuſe lei⸗ 78 ſtet, der junge Mann zuweilen genöthigt iſt, Ge⸗ walt anzuwenden.“ Und man erinnert ſich wirklich des Antheils, den Fräulein Suſanne von Valgeneuſe an der Ent⸗ führung der Braut Juſtins genommen. Man wird ſehen, daß die gefällige Schweſter nicht nur ihren Beiſtand zur Entführung der Mäd⸗ chen aus dem Volke leiſtete. Sie hatte eine Kammerfrau, ein großes und hübſches Mädchen, der wir bereits Jean Robert die Thüre des Taubenneſtes, von Frau von Marande öffnen ſahen. Dieſes Mädchen, das Nathalie hieß, war ihm ganz und gar ergeben. Und als eines Abends Herr von Valgeneuſe ſei⸗ ner Schweſter die Gefühle der Liebe, die er für Frau von Marande hege, mitgetheilt, hatte Made⸗ moiſelle Suſanne ſogleich eine Gelegenheit geſucht, eine Creatur in die Umgebung des Banquiers zu bringen, welche Herr von Valgeneuſe in einem gün⸗ ſtigen Moment bei ihr einführen könnte. Dieſe Gelegenheit hatte ſich geboten. Bei einer Zurückkunft aus dem Bade hatte Frau von Ma⸗ rande überall nach einer Kammerfrau ſich umgeſehen und Fräulein von Valgeneuſe war ſo freundlich, ihr die ihrige anzubieten. Das war Nathalie. Man kennt im Allgemeinen die Macht der Kam⸗ merfrauen über den Geiſt ihrer Herrinnen doch noch nicht genug. Nathalie kämmte nicht eines der Haare der Frau von Marande, ohne ihr nicht eine der Großthaten des Herrn von Valgeneuſe zu erzählen.* W N w— 79 Frau von Marande, welche das Mädchen von der Schweſter des Helden ſo vieler verliebten Helden⸗ thaten hatte, erſtaunte nicht darüber, ſo viel Gutes von ihm zu hören und ſah nur Dankbarkeit, wo nichts als überlegte Abſicht zu reizen war. Aber aus den früheren Scenen und namentlich aus der, welche wir ſo eben dem Leſer vor Augen geſtellt, kennt man die wahre Liebe, welche Frau von Marande für Jean Robert fühlte, und es iſt unnütz, zu ſagen, daß die Bewunderung Mademoi⸗ ſelle Nathalies keinen Einfluß auf ſie ausgeübt. An dieſem Abende hatte Herr von Valgeneuſe, durch die Gleichgültigkeit von Frau von Ma⸗ rande auf's Aeußerſte getrieben, beſchloſſen, eine jener kühnen Handlungen zu verſuchen, welche bis⸗ weilen gelingen. Nathalie hatte ihn im Alkoven verborgen und er befand ſich dort ſeit zwei Stun⸗ den, Zeuge des zärtlichen téte-Ntéte von Jean Ro⸗ bert und Frau von Marande, als dieſe das Geräuſch gehört, das ſie hatte ſchauern machen. Wahrhaftig, wenn es eine Strafe nach der, nicht geliebt zu ſein, gibt, ſo iſt es die Gewißheit, daß dos Herz, das uns verſchloſſen iſt, ſich für an⸗ dere öffnet. Dieſe Strafe wird eine Qual, wenn man zwi⸗ ſchen zwei Küſſen die grauſamen Worte:„Ich liebe Dich!“ an einen andern richten hört. Einen Augenblick hatte Herr von Valgeneuſe die Idee gehabt, den beiden Liebenden wie ein Meduſen⸗ haupt zu erſcheinen. Aber wohin mußte dieſe Erſcheinung führen. Zu einem Duell zwiſchen Jean Robert und Herrn von Valgeneuſe. Und nahm man auch für den Edelmann den günſtigſten Fall an, nämlich, daß der Dichter getödtet würde, ſo war der Tod Jean Robert's nicht das Mittel, ſich die Liebe Frau von Marande's zu erringen. Während im Gegentheil, wenn er andern Tags zu der jungen Frau kam und ſagte:„Ich habe den Abend hinter Ihrem Bette zugebracht. Ich habe alles geſehen, alles gehört, erkaufen Sie meine Verſchwiegenheit,“ immer noch die Chance übrig bleibt, daß Frau von Marande, für ihren Geliebten und ihren Gatten erſchreckend, der Drohung ge⸗ währte, was ſie ſo hartnäckig den zärtlichſten Bitten verſagte. Das war es, was für Herrn von Valgeneuſe entſcheidend wurde. Er dachte jetzt nur daran, ſich zurückzuziehen, nachdem er geſehen und gehört, was zu ſehen und zu hören war; aber man kömmt nicht ſo leicht hin⸗ ter einem Bette fort und man mag noch ſo leiſe gehen, menn man Glanzſtiefeln trägt, der Boden ächzt, die Vorhänge bewegen ſich und Geräuſch und ſis ſtören die harmoniſche Stille einer Liebes⸗ cene. Das war auch hier der Fall; Herr von Valge⸗ neuſe hatte, als er ſich zurückziehen wollte, den Fuß⸗ boden ächzen machen und die Vorhänge bewegt. Jean Robert ſtürzte herbei und rief, als er den jungen Edelmann erkannte:„Sie!“ „Ja, ich,“ antwortete Herr von Valgeneuſe, der gegenüber von einem Menſchen folglich auch von einer Gefahr ſich ſtolz aufrichtete. — 8S 8 8 — W— 81 „Elender!“ ſagte Jean Robert, indem er ihn am Halſe packte. „Leiſe, Herr Poet,“ ſagte Herr von Valgeneuſe, „es iſt vielleicht hier im Hauſe und ganz in der Nähe ein dritter Betheiligter, der unſeren Streit hören könnte, was ohne Zweifel für Madame ſehr ſchmerz⸗ lich wäre.“ „Erbärmlicher Wicht!“ ſagte Jean Robert mit gedämpfter Stimme. „Noch einmal, leiſe,“ wiederholte Herr von Val⸗ geneuſe. „O! ich mag leiſe oder laut ſprechen,“ ſagte Jean Robert,„ich werde Sie doch umbringen.“ „Wir ſind in dem Zimmer einer Frau, mein Herr.“ „Gut, ſo wollen wir gehen.“ „Unnütz! kein Geräuſch. Sie wiſſen, wo ich wohne, nicht wahr? Wenn Sie es vergeſſen, werde ich kommen und Sie daran erinnern; ich ſtehe zu Ihrer Dispoſition.“ „Und warum nicht ſogleich?“ „O, ſogleich! es iſt ja dunkle Nacht, Sie kön⸗ nen nicht daran denken. Man muß klar ſehen, um ſeine Sache gut zu machen und dann ſehen Sie, Frau von Marande iſt ja unwohl.“ Die junge Frau war wirklich in einen Fauteuil geſunken. „Gut, mein Herr, morgen!“ ſagte Jean Robert. „Morgen, mein Herr, und mit großem Vergnügen.“ Jean Robert ſprang wieder über das Bett und warf ſich Frau von Marande zu Füßen. Dumas, Salvator. VII. 82 Herr Lorédan von Valgeneuſe eilte zur Alko⸗ venthüre hinaus, die er hinter ſich ſchloß, und durch den geheimen Gang. „Verzeihung, Verzeihung! meine geliebte Lydia!“ ſagte Jean Robert, indem er die junge Frau in ſeine Arme ſchloß und lebhaft küßte. „Und was ſoll ich Dir verzeihen?“ fragte ſie; „welches Verbrechen haſt Du beggngen?. O dieſer Menſch, wie kam er hierher?“ „Sei ruhig, Du wirſt ihn nicht wieder ſehen!“ rief Jean Robert energiſch. „O mein innig Geliebter,“ ſagte die arme Frau, indem ſie den Dichter feſt an's Herz drückte,„ſetze Dein koſtbares Leben nicht gegen das nutzloſe Leben eines Schurken auf's Spiel!“ „Fürchte nichts, fürchte nichts. Gott wird für uns ſein!“ „So verſtehe ich es nicht; Du wirſt mir ſchwö⸗ ren, Dich nicht mit dieſem Menſchen zu ſchlagen.“ „Wie, Du willſt, daß ich Dir das ſchwöre?“ „Wenn Du mich liebſt, ſo ſchwöre es.“ „Aber das iſt unmöglich; begreife doch,“ ſagte Jean Robert. „So liebſt Du mich alſo nicht,“ ſagte ſie. „Ich Dich nicht lieben? O, mein Gott!“ „Mein Freund,“ ſagte Frau von Marande,„ich glaube, daß ich ſterben werde.“ Das Leben der jungen Frau ſchien wirklich in Gefahr zu ſein; ſie athmete nicht mehr, ſie war blaß und ſo zu ſagen leblos. Ihr Zuſtand ſetzte Jean Robert in die größte Beſtürzung. 83 o„Alles, was Du willſt,“ ſagte er. ch„Du wirſt thun, was ich will?“ „Ja.“ 1„Du ſchwörſt es?“ in„Bei meinem Leben,“ ſagte Jean Robert. „H! ich wäre glücklicher, wenn Du bei dem mei⸗ e; nen ſchwörteſt,“ ſagte Frau von Marande,„ich hätte O wenigſtens die Hoffnung zu ſterben, wenn Du Dein Wort brächeſt.“ 1 Und mit dieſen Worten ſchlang die junge Frau die Arme um ſeinen Hals, preßte ihn zum Erſticken u, an ſich, umarmte ihn heftig, und während eines tze Augenblickes ſchweiften die beiden Herzen in ſo ſüßen en Räumen, daß ſie die furchtbare Scene vergaßen, die ſo eben geſpielt. ür 5⸗ cww. 1 Wo der Verfaſſer Herrn von Marande, wenn auch nicht als phyſiſches, ſo doch wenigſtens moraliſches Muſter für alle früheren, gegenwärtigen und zukünftigen Ehemänner te. aufſtellt. Sobald Jean Robert fortgegangen war, begab ſich Frau von Marande raſch in ihr wirkliches Schlaf⸗ ich zimmer, wo Nathalie ſie zur Nachttoilette erwartete. An ihr vorüberſchreitend, ſagte jedoch Frau von in Marande: ar„Ich bedarf Ihrer Dienſte nicht, Mademoiſelle.“ „Wäre ich ſo unglücklich, der gnädigen Frau te Grund zur Unzufriedenheit gegeben zu haben?“ fragte die Kammerzofe frech. 84 „Sie?“ machte Frau von Marande verächtlich. „Nun,“ fuhr Mademoiſelle Nathalie fort,„weil die gnädige Frau ſonſt ſo gut gegen mich iſt und heute ſo ſtreng mit mir ſpricht, deßhalb glaubte ich „Genug!“ ſagte Frau von Marande;„gehen Sie und kommen Sie mir nie mehr vor die Augen! Hier ſind fünfundzwanzig Louisdors,“ fügte ſie hin⸗ zu, indem ſie aus einem Chiffonnier eine Goldrolle nahm;„Sie verlaſſen morgen früh das Hötel.“ „Aber gnädige Frau,“ machte die Kammerfrau lauter ſprechend,„wenn man die Leute fortſchickt, ſo gibt man ihnen wenigſtens einen Grund an.“ „Es beliebt mir aber nicht, Ihnen einen Grund anzugeben. Nehmen Sie dieſes Geld und gehen Si „Gut, gnädige Frau,“ ſagte die Kammerfrau, indem ſie die Rolle nahm und Frau von Marande mit einem Blick voll Haß anſah;„ich werde mich an Herrn von Marande zu wenden die Ehre haben.“ „Herr von Marande,“ ſagte die junge Frau ſtreng,„wird Ihnen wiederholen, was ich Ihnen ſo eben geſagt. Indeſſen gehen Sie.“ Der Ton, in welchem Frau von Marande dieſe Worte ſprach, die Geberde, mit der ſie ſie beglei⸗ tete, machten jeden weiteren Einwurf unmöglich. Mademoiſelle Nathalie ging deßhalb weg, indem ſie die Thüre heftig hinter ſich in's Schloß warf. Als ſie allein war, kleidete ſich Frau von Ma⸗ rande aus und legte ſich raſch zu Bette, von tau⸗ ſend aufregenden Gefühlen durchbebt, wie man eben ſo leicht begreifen, als ſchwer beſchreiben wird. d M—— —— — d 85 Sie lag keine fünf Minuten zu Bette, als ſie leiſe an die Thüre pochen hörte. Sie ſchauerte unwillkürlich. Einem natürlichen Gefühle folgend, ſetzte ſie das Löſchhütchen von ver⸗ goldetem Silber auf das Licht und das köſtliche Zimmer war nur noch von dem Opalglanze der Lampe mit dem böhmiſchen Glaſe erhellt, welche in dem kleinen Gewächshaus brannte. Wer konnte zu dieſer Stunde pochen? Es war nicht die Kammerfrau; ſie hätte dieſe Keckheit nicht gehabt. Es war nicht Jean Robert; er ſetzte nie, we⸗ nigſtens nicht bei Nacht, den Fuß in dieſes Zimmer, das gewiſſermaßen einen Theil der Gemächer der ehelichen Gemeinſchaft bildete. Es war nicht Herr von Marande, in dieſer Beziehung war er ebenſo diskret als Jean Robert und hatte nach zehn Uhr Abends dieſes Zimmer nie mehr ſeit jener Nacht betreten, in der er ſeiner Frau den Rath gegeben, Monſeigneur Coletti und Herrn von Valgeneuſe nicht zu trauen. Sollte es alſo Herr von Valgeneuſe ſein? Bei dem Gedanken ſchon zitterte die junge Frau an allen Gliedern, ſie hatte nicht die Kraft zu ant⸗ worten. Glücklicher Weiſe beruhigte ſie hald die Stimme deſſen, der pochte. Ich bin es,“ ſagte dieſe Stimme. Frau von Marande erkannte ihren Gatten. „Treten Sie ein,“ ſagte ſie, plötzlich beruhigt und beinahe vergnügt. Herr von Marande trat, das ausgelöſchte Licht in der Hand ein und ging gerade auf das Bett ſeiner Frau zu. Dann nahm er ihre Hand und küßte ſie, indem er ſagte: „Verzeihen Sie mir, daß ich mich um dieſe Stunde bei Ihnen einfinde, aber ich habe zugleich mit Ihrer Zurückkunft den ſchmerzlichen Verluſt Ihrer Tante erfahren, und wollte Ihnen meine Theilnahme bezeugen.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr,“ ſagte die junge Frau, etwas überraſcht durch dieſen nächtlichen Be⸗ ſuch und ſich beſinnend, was die Urſache deſſelben oder vielmehr, was der Zweck deſſelben ſein könne. „Aber,“ fuhr ſie mit einem Zögern fort, das die gewöhnliche Nachſicht ihres Gatten nicht ganz beſei⸗ tigen konnte,„kommen Sie nur, um mir Ihr Bei⸗ leid zu bezeugen und haben Sie mir ſonſt nichts zu ſagen?“ „Doch, liebe Lydia, ich habe Ihnen noch Meh⸗ reres zu ſagen.“ Frau von Marande ſah ihren Gatten mit einer gewiſſen Unruhe an. Dieſe Unruhe entging dem Banquier nicht und er ſuchte ſeine Frau anfangs mit einem Lächeln zu beruhigen; dann fügte er hinzu: „Ich habe Sie zuerſt um Feuer zu bitten.“ „Wie! um Feuer?“ machte die junge Frau erſtaunt. „Nun, ja; ſehen Sie nicht, daß mein Licht aus⸗ gelöſcht iſt?“ „Wozu wollen Sie es wieder anzünden, mein 87 Herr? Genügt Ihnen die Helle der Lampe nicht zum Plaudern?“ „Gewiß; aber ehe wir plaudern, habe ich eine ziemlich wichtige Nachſuchung anzuſtellen.“ „Eine ziemlich wichtige Nachſuchung?“ wieder⸗ holte Frau von Marande in fragendem Tone. „Sie haben vielleicht ſagen hören, meine liebe Lydia, ſei es nun unterwegs, oder hier im Hötel, daß ich zum Finanzminiſter ernannt worden bin?“ „Ja, mein Herr, und ich gratulire Ihnen auf⸗ richtig dazu.“ „Nun, aufrichtig geſagt, liebe Freundin, es iſt nicht der Mühe werth; aber nicht um Ihnen dieſe Nachricht mitzutheilen, habe ich Sie um dieſe Stunde geſtört. Ich bin alſo Finanzminiſter. Und ein Mi⸗ niſter ohne Portefeuille iſt beinahe gleichbedeutend mit einem Finanzminiſter ohne Finanzen. Nun, liebe Freundin, ich habe mein Portefeuille verloren.“ „Ich begreife nicht,“ ſagte Frau von Marande, die wirklich nicht einſah, wo ihr Gatte hinaus wollte. „Es iſt jedoch ſehr einfach,“ verſetzte Herr von Marande.„Ich kam zu Ihnen mit der Abſicht, einige Augenblicke mit Ihnen zu plaudern, wie ich Ihnen zu ſagen die Ehre hatte; ich ſtieg ruhig die Treppe herauf, das Licht in der Hand und das Portefeuille unter dem Arme, als ein Menſch, der Ihre Treppe herabeilte, heftig an mich ſtieß; mein Portefeuille entfiel mir und mein Licht erloſch. Ich bitte Sie deßhalb um Erlaubniß, mein Licht wieder anzuzünden und mein Portefeuille zu ſuchen.“ „Aber,“ fragte Frau von Maran Zögern,„wer war dieſer Menſch?“ „Ich weiß es nicht. Jedenfalls war ich anfangs im Begriffe, ihm einen ſchlimmen Streich zu ſpie⸗ len,“ verſetzte der Banquier,„denn ich glaubte an⸗ fangs, es ſei ein Dieb und er wolle mir an die Kaſſe. Ich änderte jedoch meinen Plan, als ich dachte, man wollte vielleicht an Sie, und ich kam, um Sie zu befragen, und mich mit Ihnen zu be⸗ rathen, was wir in dieſem Falle thun ſollten.“ „Und Sie haben den Menſchen erkannt?“ fragte Frau von Marande ſtotternd. „Ja, ich glaube wenigſtens.“ „Und und.. darf ich Sie fragen?“ Die Stimme verſagte der jungen Frau. Sie zitterte bei dem Gedanken, es könnte Jean Robert ſein, den ihr Gatte begegnet hatte. „Gewiß können Sie mich fragen, wer es war,“ verſetzte Herr von Marande;„denn ich nehme an, daß es das iſt, was Sie mir ſagen wollen. Es wat ganz einfach Herr von Valgeneuſe.“ „Herr von Valgeneuſe!“ wiederholte die junge Frau. „Er ſelbſt, ſagte Herr von Marande.„Und jetzt, liebe Lydia, wollen Sie mir erlauben, mein Licht wieder anzuzünden?“ Und Herr von Marande zündete wirklich ſein Licht an der kleinen Lampe des Gewächshauſes an; dann hob er die Portiere und verſchwand, indem er ſagte; „Ich komme ſogleich wieder, Madame.“ m 8 1⸗ e h 8 „ 89 „Ich komme wieder wiederholte Frau von Marande mechaniſch. Was ſollte vor ſich gehen? Was ſollte der Gegenſtand des Geſpräches ſein, das Herr von Ma⸗ rande mit ſeiner Frau haben wollte? Das Geſicht des Banquiers war freilich nicht ſonderlich drohend; aber wer kann dem Geſichte eines Banquiers trauen? Wovon ſollte die Rede ſein? Ohne Zweifel hatte der verdrießliche Zufall mit Herrn von Val⸗ geneuſe's Begegnung das Herz des Herrn von Ma⸗ rande in Aufregung und Ungewißheit verſetzt. Er gab ſeiner Frau alle Freiheit, unter der Bedingung, daß der Scandal ſtreng vermieden werde. Aber war denn die junge Frau an dieſem Scan⸗ dal ſchuldig? Und wenn ſie nicht daran ſchuldig war, konnte ein ſo billig denkender, oder ſagen wir vielmehr ein ſo nachſichtiger Mann, wie Herr von Marande, ſie dafür verantwortlich machen? Deſſen ungeachtetet, trotz dieſer beruhigenden Reflexionen, trotz der Vorgänge, die ſie nichts fürch⸗ ten ließen, fühlte Frau von Marande einen Schauer durch ihre Adern gehen und mit erſtickter Stimme antwortete ſie, als ſie ihren Gatten zum zweiten Male„Ich bins!“ rufen hörte, ebenfalls zum zwei⸗ ten Male: „Herein!“ Herr von Marande trat ein, ſtellte ſein Licht und ſein Portefeuille auf eine Conſole und ſetzte ſich auf einen Stuhl neben das Bett ſeiner Frau. „Verzeihen Sie mir, meine liebe Lydia, die Störung, welche ich Ihnen verurſache,“ ſagte er mit der weichſten Stimme zu ihr;„aber der König erwartet mich morgen früh um neun Uhr und es wird mir vielleicht morgen den ganzen Tag unmöglich ſein, eine einzige Minute mit Ihnen ruhig plau⸗ dern zu können.“ „Ich ſtehe zu Ihrem Befehle, mein Herr,“ ſagte Frau von Marande im ſelben Tone. „Ah! zu meinem Befehle!“ murmelte der Ban⸗ quier in ſchmerzlich bewegtem Tone, indem er zum zweiten Male die Hand ſeiner Frau nahm und ſie nicht weniger reſpectvoll, als das erſte Mal küßte; „zu meinem Befehle! das häßliche Wort, ich kann ja nur bitten. Wenn irgend Jemand ein Recht hat, hier zu befehlen, meine liebe Freundin, ſo ſind Sie es und nicht ich. Ich bitte Sie, das wohl im Auge zu haben.“ „Ich bin beſchämt durch Ihre Güte, mein Herr,“ ſtotterte die junge Frau. „Wahrhaftig, Sie machen mich verlegen; was Sie meine Güte nennen, iſt ja nur Gerechtigkeit, das verſichere ich Sie; aber ich werde Ihre koſtbaren Augenblicke nicht mißbrauchen. Ich komme deßhalb ſogleich zum Hauptgegenſtande unſerer Plauderei. Nur erlauben Sie mir, eine Frage an Sie zu rich⸗ ten, welche ich Ihnen bereits ſchon einmal gemacht zu haben glaube. Lieben Sie Herrn von Val⸗ geneuſe?“ „Sie haben dieſe Frage allerdings ſchon einmal an mich gerichtet und ich antwortete Ihnen nein! Weßhalb kommen Sie wieder darauf?“ „Nun, weil es ſchon ſechs Monate iſt, daß ich dieſe Frage an Sie richtete und weil ſechs Monate 91 oft große Veränderungen im Herzen einer Frau hervorbringen.“ „Nun, ich liebe ihn heute ſo wenig, als damals.“ „Sie haben nicht die geringſte Zuneigung für ihn?“ „Nein,“ wiederholte Frau von Marande. „Sie ſind deſſen ganz gewiß?“ „Ich verſichere es Ihnen, ich ſchwöre es Ihnen. Ja, weit entfernt, ich fühle ſogar eine Art von...“ „Von Haß?“ „Mehr als das... von Verachtung.“ „Das iſt eigenthümlich, wie wir dieſelben Sa⸗ chen lieben und haſſen, ja, ich möchte noch mehr ſagen, nicht blos Sachen, ſondern Menſchen, liebe Lydia! Das wäre alſo ein erſter Punkt, über den wir einverſtanden ſind; ſeien Sie überzeugt, wir werden es auch in Beziehung auf die anderen ſein. Nun denn, da wir Herrn von Valgeneuſe ſo ſtark haſſen und verachten, wie kommt es, daß wir ihn um dieſe vorgerückte Stunde der Nacht auf unſerer Treppe begegnen? Wenn ich ſage wir, ſo nehme ich an, daß Sie ihn eben ſo gut, als ich, hätten begegnen können; denn er befindet ſich weder mit Ihrem Willen, noch auf Ihre Einladung hin, im Hötel, nicht wahr?“ „Nein, mein Herr; dafür ſtehe ich Ihnen.“ „Da ich es nun nicht war, der in autoriſirte, hierher zu kommen,“ fuhr der Banquier fort,„wol⸗ len Sie mir beiſtehen, zu entdecken, weßhalb und unter welchem Vorwande er ſich ohne Einladung, gegen unſeren Willen, in dieſer Stunds hier befand?“ „Mein Herr,“ ſagte die junge Frau ganz ver⸗ legen,„wie groß auch Ihre Güte iſt, es macht mir große Pein und ich ſcheue mich, Ihnen zu ant⸗ worten.“ „Sprechen Sie nicht von meiner Güte, liebe Lydia, und glauben Sie, daß die Frage, die ich an Sie richte, mehr die Abſicht hat, Sie zu beru⸗ higen, als Sie zu beunruhigen. Ich weiß Vieles, obgleich ich mir die Miene gebe, als wenn ich es nicht wüßte; ich kenne eine Menge von Ihren größten Geheimniſſen, die ich nicht zu ahnen ſcheine; wenn die Pein, die Ihnen meine Antwort verurſachte, ihre Quelle in einem dieſer Geheimniſſe hat, ſo erlauben Sie mir, Ihnen zu helfen; geſtützt auf mich, wird Ihnen der Veg leicht erſcheinen.“ „O, mein Herr,“ rief die junge Frau,„Sie ſind von einer erhabenen Nachſicht.“ „Nein, Lydia,“ antwortete Herr von Marande mit ſanftem und traurigem Lächeln;„ich habe nur die Vorſchrift des Weiſen geübt:„Kenne Dich ſelbſt!“ und das hat mich, nicht nachſichtig, aber zum Phi⸗ loſophen gemacht.“ „Nun gut, mein Herr,“ verſetzte Frau von Marande, ermuthigt durch die väterliche Milde ihres Gatten,„vor einer halben Stunde war ich nicht allein.“ „Ich weiß das, Lydia. Sie kamen an. Herr Jean Robert, der Sie ſeit einer Woche nicht geſe⸗ hen, machte Ihnen einen Beſuch. Sie waren alſo mit Herrn Jean Robert zuſammen; das war's, was Sie ſagen wollten, nicht wahr?“ Fmn „Ja,“ antwortete die junge Frau, leicht er⸗ röthend. — ir t⸗ e h 1⸗ 5 t ——— 93 „Wohl, was gibt es Natürlicheres? Und bqun? „Und dann,“ fuhr Frau von Marande fort, „hörten wir plötzlich hinter uns den Boden krachen, wir wandten uns um und ſahen einen Vorhang ſich bewegen..“ „Es war alſo eine dritte Perſon in Ihrem Zim⸗ mer?“ fragte Herr von Marande. „Ja, mein Herr,“ ſagte die junge Frau,„Herr von Valgeneuſe war da.“ „Pah!“ machte der Banquier mit der größten Entrüſtung;„dieſer Herr belauſchte Sie?“ Frau von Marande ſenkte den Kopf, ohne zu antworten. Es entſtand eine Pauſe. Der Banquier unterbrach ſie. „Und was that Herr Jean Robert, als er den Elenden ſah?“ fragte er. „Er iſt auf ihn losgeſtürzt,“ ſagte Frau von Marande lebhaft. Und als ſie die Stirne ihres Gatten ſich ver⸗ finſtern ſah, fügte ſie hinzu: „Wie Sie ſo eben gethan, nannte er ihn einen Flenden.“ „Das iſt eine ſchlimme, beklagenswerthe Scene,“ ſagte der Banguier. „Allerdings, mein Herr,“ rief die Frau, die den Gedanken ihres Gatten nicht begriff,„ſehr be⸗ klagenswerth, da ſie einen Skandal zur Folge ha⸗ ben könnte, deſſen erſte Urſache ich war, und der auf Sie zurückfallen könnte.“ „Wer ſpricht Ihnen davon, liebe Lydia?“ ver⸗ ſetzte Herr von Marande ſanft.„Wenn ich ſage: 94 „Das iſt eine beklagenswerthe Scene,“ ſo, glauben Sie mir, denke ich nicht an mich.“ „Wie, mein Herr,“ rief Frau von Marande, „Sie denken jetzt nur an mich?“ „Nun, natürlich, liebe Freundin; ich ſehe Sie zwiſchen zwei Männern, dem Einen, welchen Sie lieben, dem Andern, welchen wir verachten. Ich ſehe dieſe beiden Männer ſich ſo zu ſagen am Halſe packen, in Ihrer Gegenwart, vor Ihnen, und ich ſage mir: Die gute Frau iſt wirklich zu beklagen, daß ſie einer ſolchen Scene anwohnen muß!“ denn ich nehme an, daß trotz des Reſpectes, den Herr Jean Robert vor Ihnen haben muß,— was wol⸗ len Sie, die Männer ſind immer die Männer,— eine Herausforderung, ein Austauſch der Karten ſtattgefunden haben muß.“ „Leider! ja, mein Herr; ich glaube, daß etwas der Art ſtattgefunden.“ „Zuerſt? Und dann?“ „Verließ Herr von Valgeneuſe den Ort, und entfloh durch mein Toilettencabinet.“ „Jetzt erkläre ich mir, wie ich Herrn von Val⸗ geneuſe begegnen konnte, denn Ihr Toilettencabinet führt auf meine Treppe.— Aber erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß er einigermaßen im Hauſe bewandert ſein muß, erſtens weil er ohne Ihre Er⸗ laubniß hereingekommen und zweitens, weil er ohne die meine weggegangen. Mit andern Worten, nach⸗ dem mein Licht verlöſcht war, verſchwand er; und zwar ſo raſch, daß ich nicht mal die Hand an ihn legen konnte.— Der Schuft kennt das Haus beſſer, als ich.“ 95 „Nathalie, meine Kammerzofe, hat ihn hier her⸗ eingelaſſen.“ „Und von wem bekamen Sie dies Geſchöpf, liebe Freundin?“ „Von Fräulein Suſanne von Valgeneuſe.“ „Noch eine, mit der es zu einem ſchlimmen Ende führen wird,“ murmelte der Banquier, indem er die Stirne runzelte.„Aber was wird nach Ihrer Anſicht das Reſultat dieſes Abenteuers ſein? Herr Jean Robert muß ſich nothwendig mit Herrn von Valgeneuſe ſchlagen.“ „O nein, mein Herr,“ ſagte die junge Frau. „Wiefern nein?“ verſetzte Herr von Marande in zweifelndem Tone;„Sie geſtehen zu, daß eine Ausforderung, ein Austauſch der Karten ſtattgefun⸗ den und Sie ſagen, daß er ſich nicht ſchlagen werde?“ „Nein; denn Herr Jean Robert hat mir ver⸗ ſprochen, ſich nicht zu ſchlagen. Er hat es mir ge⸗ ſchworen.“ „Das iſt unmöglich, liebe Lydia!“ „Ich wiederhole Ihnen, daß er es mir ge⸗ ſchworen.“ „Und ich wiederhole Ihnen, daß es mir unmög⸗ lich iſt.“ „Aber, mein Herr,“ drängte Frau von Ma⸗ rande,„er hat es mir geſchworen, und Sie ſelbſt haben mir hundert Male geſagt, daß Jean Robert ein Ehrenmann ſei.“ „Und ich werde es wiederholen, bis ich den Beweis vom Gegentheile habe. Aber es gibt Schwüre, auf die ein Ehrenmann nicht achtet, weil 96 er ein Ehrenmann iſt. Und der Schwur, ſich nicht zu ſchlagen, iſt unter den Umſtänden, in welchen ſich Herr Jean Robert befand, einer von dieſen.“ „Wie, mein Herr, Sie glauben...“ „Ich glaube, daß Herr Jean Robert ſich ſchla⸗ gen wird. Ich glaube es nicht nur, ſondern ich gebe Ihnen die Verſicherung.“ Unwillkürlich ließ Frau von Marande den Kopf auf die Bruſt ſinken. Sie blieb in dieſer Haltung des tiefſten Schmerzes. „Die arme Frau,“ ſagte Herr von Marande, „ſie fürchtet, daß man ihr den tödte, den ſie liebti — Liebe Freundin,“ ſagte er, indem er die Hand ſeiner Frau nahm,„wollen Sie mich ruhig anhören, das heißt ohne Aufregung, ohne Unruhe, ohne Furcht? Mein Beſuch, ich ſchwöre es Ihnen, hat keinen andern Zweck, als Sie zu beruhigen.“ „Ich höre,“ ſagte Frau von Marande und ſtieß einen Seufzer aus. „Nun gut,“ fuhr Herr von Marande fort, „welche Meinung würden Sie von Herrn Jean Ro⸗ bert haben,— bemerken Sie wohl, daß ich wie ein Vater, wie ein Prieſter zu Ihnen ſpreche und daß ich Sie bitte, gewiſſenhaft mit ſich zu Rathe zu ge⸗ hen,— welche Meinung würden Sie von Herrn Jean Robert haben, wenn er Sie nicht gegen einen Mann ſchützte, der Sie ſo gröblich beleidigte und der dieſe Beleidigung jeden Tag wiederholen kann? Welche Meinung hätten Sie von ſeinem Stolz, ſeiner Ehre, ſeinem Muthe, ſeiner Eigenliebe, wenn er ſich nicht ſchlüge, blos auf eine einfache Bitte )„— 2 S e— von Ihnen hin, gegen den Mann, der Sie auf eine ſolche Weiſe beleidigt hat?“ „Fragen Sie mich nicht, mein Herr,“ rief die arme Frau;„mein Geiſt iſt zu aufgeregt, und wenn ich mein Gewiſſen befrage, ſehe ich nicht klarer, als mit meiner Vernunft.“ „Ich wiederhole Ihnen zum drittenmal, Lydia, daß ich nur hierhergekommen, um Sie zu beruhigen. Kehmen Sie mit mir an, daß Jean Robert ſich ſchlagen wird, was doch der geringſte Beweis von Liebe iſt, den er Ihnen geben kann, und ich ſchwöre Ihnen, daß er ſich nicht ſchlagen wird.“ „Sie ſchwören mir das, Sie?“ rief Frau von Marande, indem ſie ihren Gatten feſt anſah. „Ich,“ ſagte der Banquier,„und auf meine Schwüre können Sie bauen, Lydia; denn,“ fügte er melancholiſch hinzu,„meine Schwüre ſind keine Liebesſchwüre.“ Das Geſicht von Frau von Marande ſtrahlte vor Glück; der Banquier ſchien dieſe egoiſtiſche Freude nicht zu bemerken. Er fuhr fort: „Ich frage Sie, liebe Lydia, was würde man in der Welt von der Geſchichte eines Duells zwi⸗ ſchen Herrn Jean Robert und Herrn von Valge⸗ neuſe ſagen? Welche Urſache würde man dabei vermuthen? Man würde damit beginnen, die ge⸗ wagteſten Vermuthungen aufzuſtellen, bis man end⸗ lich die Wahrheit entdeckte; denn zwiſchen einem Dichter und einem Laffen kann keine geiſtige Riva⸗ lität obwalten. Ich würde mich alſo gewaltſam in Dumas, Salvator. vII. 7 dieſes Abenteuer hineingezogen ſehen, und das iſt weder nach Ihrem Sinne, noch nach dem meinen, nicht wahr? ich bin überzeugt, daß es auch nicht nach dem von Herrn Jean Robert iſt. Seien Sie deßhalb ganz ruhig, liebe Freundin, verlaſſen Sie ſich auf mich und verzeihen Sie mir, daß ich Sie unfreiwillig um dieſe Stunde der Nocht geſtört. „Aber was wird jetzt geſchehen?“ fragte Frau von Marande, deren Geſicht den Ausdruck tiefen Schreckens annahm, denn ſie begann auf die dunkle Vermuthung zu kommen, daß ihr Gatte in der gan⸗ zen Geſchichte an die Stelle ihres Geliebten treten wolle. „Es wird etwas ganz Einfaches geſchehen, liebe Lydia,“ verſetzte der Bangquier,„und ich übernehme es, die Sachen auf's beſte zu arrangiren.“ „Mein Herr, mein Herr!“ rief Frau von Ma⸗ rande, indem ſie ſich halb im Bette erhob, ſo daß ihr weißer Hals und ihre üppigen Schultern dem Banquier wie ein herrlicher Schatz erſchienen;„mein Herr, Sie wollen ſich für mich ſchlagen?“ von Marande zitterte vor Bewunderung. Liebe Freundin,“ ſagte er,„ich ſchwöre Ih⸗ nen, alles thun zu wollen, um Sie ſo lange als möglich meiner achtungsvollen Zärtlichkeit zu erhalten.“ Dann ſtand er auf, küßte ihr zum dritten Male die Hand und ſagte: „Schlafen Sie wohl.“ Frau von Marande ergriff ſeine beiden Hände ſie zu küſſen und ſagte mit einer Stimme voll eiz: iſt n, cht ie ie ie au en kle n⸗ be ne aß m in 99 „O, mein Herr, warum haben Sie mich nicht geliebt?“ „Scht!“ machte Herr von Marande, indem er einen Finger auf den Mund legte,„ſcht! wir wol⸗ len im Hauſe des Gehenkten nicht von einem Strick ſprechen.“ Und ſein Licht und ſein Portefeuille ergreifend, ging Herr von Marande leiſe weg, wie er gekommen. CV. Wo Herr von Marande conſequent gegen ſich iſt. Herr von Humboldt, dieſer große Philoſoph und große Geolog, ſagt irgendwo in Bezug auf den Eindruck, den Erdbeben hervorbringen: „Dieſer Eindruck kommt nicht davon, daß die Bilder der Cataſtrophen, die uns die Geſchichte aufbewahrt hat, ſich in Maſſe unſerer Phantaſie aufdrängten. Was uns ergreift, das iſt, daß wir plötzlich unſer angeborenes Vertrauen auf die Sta⸗ bilität des Bodens verlieren; von unſerer Kindheit waren wir an den Contraſt der Beweglichkeit des Heeans mit der Unbeweglichkeit der Erde gewohnt. Alle Zeugniſſe unſerer Sinne haben unſere Sicher⸗ heit beſtärkt; kommt der Boden zum Zittern, ſo genügt dieſer Moment, um die Erfahrung des gan⸗ zen Lebens zu zerſtören. Es iſt eine unbekannte Macht, die ſich plötzlich entwickelt; die Ruhe der Natur war nur eine Illuſion und wir fühlen uns gewaltſam in ein Choas zerſtörender Kräfte zurück⸗ geworfen.“ 7 Nun, dieſer phyſiſche Eindruck hat ſein Aequiva⸗ lent en moraliſchen Eindrucke, den es auf den Mann machen muß, der nach Verfluß von einigen Jah⸗ ren glücklicher Che, während welcher er ſeine Frau angebetet und das vollſte Vertrauen auf ſie gehabt, plötzlich unter ſich den Abgrund des Zweifels auf⸗ gethan ſieht. Und wirklich, kann man ſich eine ernſtere, ſchmerz⸗ lichere und bemitleidenswerthere Lage denken, als die eines Mannes, der eng und unlösbar mit einer Frau verbunden, nachdem er jahrelang in vollſter Sicherheit mit ihr gelebt, ſich plötzlich in ſeinem Glauben erſchüttert, in ſeiner Ruhe aufgeſtört ſieht. Der Zweifel, der bei der Frau begonnen, die er liebt, umfaßt zuletzt die ganze Schöpfung. Er zwei⸗ felt an ſich, an den Andern, am Lichte, an Gott; er iſt zuletzt dem ganz ähnlich, von welchem Herr von Humboldt ſprach, der, nachdem er dreißig Jahre lang die Erde für feſt gehalten, ſie plötzlich unter ſeinen Füßen zittern fühlt, ſie plötzlich ſich vor ihm öffnen ſieht. Glücklicher Weiſe war das nicht die Lage des Herrn von Marande; eine Lage, die übrigens ſehr ſchwer zu ſchildern. Wie er zu ſeiner Frau geſagt, die Selbſtkenntniß hatte ihn ſehr nachſichtig gegen die ſchöne Sünderin gemacht, die in Folge der Um⸗ ſtände, von denen wir geſprochen, ihr Schickſal an das ſeinige gebunden ſah; und für die Nachſicht, die ihn Frau von Marande alle Freiheit hatte zu⸗ geſtehen laſſen, mußte man ihm um ſo mehr Dank wiſſen, als er ſeine Frau ſichtlich liebte und keine Frau der Welt ihm würdiger erſchien, geliebt, ja — S v8S* wW v— 8 8 N S— w— v 8— 8— 8 8— 101 angebetet zu werden. Und da es keine Liebe ohne Eiferſucht gibt, ſo war es klar, daß Herr von Marande im Innern auf Jean Robert eiferſüchtig ſein mußte. Und er war wirklich im höchſten Grade auf ihn eiferſüchtig. Aber wäre es der Mühe werth, ein Mann von Geiſt zu ſein, wenn der Geiſt nicht eine Maske wäre, um diejenigen unſerer Schmerzen zu verbergen, über welche die Geſellſchaft lacht, ſtatt ihnen ihr Mitleid zu weihen? Herr von Marande handelte deßhalb nicht blos als Philoſoph, ſondern auch als Mann von Herz; da er eine Frau hatte, von der er vernünftigerweiſe jenes phyſiſche und ſinnliche Gefühl nicht verlangen konnte, das wir Liebe nennen, ſo ſuchte er es dahin zu bringen, daß ſie gezwungen war, ihm wenigſtens jenes moraliſche Gefühl zu weihen, das wir Dank⸗ barkeit nennen. So war Herr von Marande vielleicht der eifer⸗ ſüchtigſte Mann von der Welt, während er es gerne am wenigſten zu ſein ſchien. Man darf deßhalb nicht erſtaunen, w nachdem er einmal entſchloſſen, der Freund Jean Robert's zu ſein, mit ſo großem Eifer ſich mühte, der Feind des Herrn von Valgeneuſe zu werden; ſein Haß gegen den Letzteren war eine Art von Sicherheitsventil, welches ſeine Eiferſucht für den Erſteren hinausließ, eine Eiferſucht, die ohne dieſen Vorſichtsmechanismus Gefahr lief, eines Tages die Maſchine zu zerſprengen. Und die Gelegenheit war jetzt ge Saß hinauszulaſſen. Am Tage nach der nächtlichen Scene, welche enn er, kommen, dieſen wir erzählt haben, verließ Herr von Marande ſtatt um neun Uhr in den Wagen zu ſteigen und nach den Tuillerien zu fahren, um ſieben Uhr zu Fuße das Haus, nahm auf dem Boulevard ein Cabriolet und ließ ſich nach der Rue de LUniverſité fahren, wo Jean Robert wohnte. Herr von Marande ſtieg die drei Etagen des jungen Poeten hinauf und klingelte. Der Diener kam, um ihm zu öffnen. Während er fragte, ob Herr Jean Robert zu Hauſe ſei, warf Herr von Marande einen Blick in das Vorzimmer. Auf einem Tiſche lag eine Piſtolencapſel; in einer Ecke ſtand ein Paar Duelldegen. Herr von Marande war feſt in ſeinem Ent⸗ ſchluſſe. Der Diener antwortete, ſein Herr ſei nicht zu ſprechen. Unglücklicherweiſe hörte Herr von Marande, der ein eben ſo feines Gehör, als einen raſchen Blick hatte, ganz deutlich zwei oder drei Männerſtimmen, die in dem Schlafzimmer Jean Robert's ſich zu ſtreiten ſchienen. Er gab dem Diener ſeine Karte, indem er dem⸗ ſelben ſagte, er ſolle ſie ſeinem Herrn geben, wenn dieſer allein ſei und hinzufügen, daß er, Herr von Marande, gegen zehn Uhr wieder kommen werde, wenn er vom König käme. Dieſe Worte, wenn er vom König käme, ſchienen die größte Wirkung auf den Diener Jean Robert's zu machen, denn er verſicherte Herrn von tt h e et 103 Marande, daß ſein Auftrag pünktlich ausgerichtet werden ſolle. Der Banquier ging weg. Aber vier Schritte von der Thüre Jean Ro⸗ bert's ließ er ſein Cabriolet halten und umkehren, um zu ſehen, wer von unſerem Dichter wegginge, oder vielmehr das Haus verlaſſe, das unſer Poet bewohnte. Er ſah auch eheſtens zwei junge Männer weg⸗ gehen, von denen er den Einen als Ludovic, den Andern als Petrus erkannte. Sie gingen nach ſeiner Seite hin, ſo daß Herr von Marande nur aus ſeinem Wagen zu ſteigen brauchte, um ſich ihnen gegenüber zu befinden. Die beiden jungen Leute traten etwas bei Seite, um den Banquier höflich zu grüßen, für den ſie eine große moraliſche Sympathie und eine nicht minder große politiſche Achtung hegten. Sie ließen ſich nicht entfernt träumen, daß Herr von Marande etwas von ihnen wolle; er hielt ſie jedoch lächelnd an. „Verzeihung, meine Herren,“ ſagte er,„aber ich erwartete Sie.“ „Uns?“ antworteten zu gleicher Zeit die beiden jungen Männer, indem ſie ſich erſtaunt anſahen. „Ja, Sie; ich ahnte, daß Ihr Freund Sie die⸗ ſen Morgen rufen laſſen werde und wollte Ihnen zwei Worte bezüglich der Miſſion ſagen, die er Ih⸗ nen ſo eben gegeben.“ Die beiden jungen Männer ſahen ſich mit wach⸗ ſendem Erſtaunen an. „Sie kennen mich, meine Herren,“ fuhr Herr von Marande mit ſeinem reizenden Lächeln fortz „ich bin ein ernſter Mann, gewöhnt alle Ehrenſa⸗ chen zu achten; Sie können mich deßhalb nicht im Verdachte haben, daß ich im Geringſten die Abſicht habe, die Ihres Freundes ſtören zu wollen.“ Die beiden jungen Männer verbeugten ſich. „Nun,“ fuhr Herr von Marande fort,„erwei⸗ ſen Sie mir eine Gefälligkeit.“ „Welche?“ „Offen auf meine Frage zu antworten.“ „Wir werden unſer Beſtes thun, mein Herr,“ ſagte Petrus ebenfalls lächelnd. „Sie gehen zu Herrn von Valgeneuſe, nicht wahr?“ „Ja, mein Herr,“ antworteten die beiden jungen Männer immer erſtaunter. „Sie gehen zu ihm, um mit ihm oder ſeinen Zeugen die Bedingungen eines Duells in's Reine zu bringen?“. „Mein Herr...“ „O! antworten Sie mir offen. Ich bin Finanz⸗ miniſter und nicht Polizeipräfect. Es handelt ſich um ein Duell?“ „Allerdings, mein Herr.“ „Ein Duell, deſſen Urſache Sie nicht kennen?“ Und Herr von Marande heftete bei dieſer Frage ſeinen Blick feſt auf die beiden jungen Männer. „Dos iſt ebenfalls wahr, mein Herr,“ antwor⸗ teten ſie. „Ja,“ murmelte Herr von Marande lächelnd, „ich hielt Herrn Jean Robert für einen vollkomme⸗ nen Ehrenmann.“ t 1⸗ m t 105 Und da Petrus und Ludovic warteten, fuhr er ort: „Nun, ich kenne die Urſache, und ich habe Herrn Jean Robert zu ſagen, daß ich die Ehre habe, in einer Stunde Dinge zu ſehen, welche wahrſcheinlich ſeinen Entſchluß ändern werden.“ „Das glaube ich nicht, mein Herr; unſer Freund ſchien uns ſehr entſchieden und feſt entſchloſſen.“ „Erzeigen Sie mir eine Gefälligkeit, meine Herren?“ „Sehr gerne,“ antworteten die beiden jungen Männer zu gleicher Zeit. „Gehen Sie nicht früher zu Herrn von Valge⸗ neuſe als bis ich Herrn Jean Robert geſprochen und bis er, nachdem er mich geſehen, mit Ihnen geſprochen.“ „Mein Herr, das heißt ſo ſehr gegen die In⸗ ſtruction unſeres Freundes handeln, daß wir nicht wiſſen.. „Es iſt eine Sache von zwei Stunden.“ „In gewiſſen Fällen, mein Herr, ſind zwei Stunden ſehr gewichtig.. es iſt die Initiative.“ „Ich verſichere Sie, meine Herren, daß Ihr Freund, ſtatt Ihnen darob zu grollen, Ihnen Dank für dieſe Verzögerung wiſſen wird.“ „Sie verſichern uns das?“ ſeie Ihnen mein Ehrenwort.“ ie jungen Leute ſahenſich an. Dann ſagte Petrus: „Aber warum, mein Herr, gehen Sie nicht ſo⸗ gleich zu Herrn Jean Robert?“ Herr von Marande zog ſeine Uhr. „Weil es zehn Minuten weniger, als neun Uhr iſt; um neun Uhr präcis muß ich in den Tuillerien ſein, denn ich bin noch nicht lange genug Miniſter, um den König warten zu laſſen.“ „Erlauben Sie uns wenigſtens, unſern Freund von dieſem veränderten Stand der Dinge in Kennt⸗ niß zu ſetzen?“ „Nein, meine Herren, nein, ich bitte Sie; die Abſichten Herrn Jean Robert's müſſen ſich nach dem richten, was ich ihm ſagen werde; ſeien Sie jedoch um eilf Uhr bei ihm.“ „Aber...“ drängte Ludovic. „Nehmen Sie an,“ machte Herr von Marande, „daß Sie Herrn von Valgeneuſe nicht zu Hauſe ge⸗ troffen, ſo müſſen Sie ſich ja auch in einen ſolchen Verzug finden.“ „Mein Freund,“ ſagte Petrus,„wenn ein Mann wie Herr von Marande uns vor jedem Tadel ſichert, ſo können wir, meiner Anſicht nach, uns bei ſeinem Worte beruhigen.“ Dann verbeugte er ſich vor dem Banquier⸗Mi⸗ niſter und fuhr fort: „Wir werden um eilf Uhr bei unſerem Freunde ſein, mein Herr, und bis dahin ſoll nichts geſche⸗ hen, was Ihre Abſichten beeinträchtigen könnte.“ Und zum zweiten Male grüßend, deuteten die beiden jungen Männer Herrn von Marande an, daß ſie ihn nicht l ger in der Straße aufhalten wollten. 5 Herr von Marande ſtieg denn auch wirklich raſch in den Wagen, der ebenfalls raſch nach den Tuille⸗ rien fuhr. r n id t⸗ ie ch 107 Die beiden jungen Leute traten in das Café Desmares, wo ſie ſich ein Frühſtück ſerviren ließen, um die Zeit zu benützen, die ihnen Herr von Ma⸗ rande gegeben. Indeſſen hatte der Diener Jean Robert's ſei⸗ nem Herrn die Karte des Miniſters übergeben, na⸗ türlich, ohne zu vergeſſen, zu ſagen, daß der Letztere bei Herrn Jean Robert ſein wolle, wenn er vom König käme. Jean Robert ließ ſich zweimal die Worte wie⸗ derholen, die an ihn gerichtet worden, nahm die Karte, las ſie und zog, während er ſie las, unwill⸗ kürlich die Augbrauen zuſammen; nicht daß er Furcht gehabt, der junge Mann war tapfer wie eine Feder ein Schwert, aber das Unbekannte beunruhigte ihn. Was konnte Herr von Marande Morgens ocht Uhr von ihm wollen, zu einer Stunde, wo die Ban⸗ quiers und die Miniſter freilich wachen, wo die Poeten jedoch ſchlafen? Glücklicher Weiſe durfte er nicht lange warten. Punkt zehn Uhr läutete man an der Thüre und zwei Sekunden ſpäter führte der Diener Herrn von Marande herein. Jean Robert ſtand auf. „Bitte mich ſehr zu entſchuldigen, mein Herr,“ ſagte er,„Sie haben mir die Ehre erwieſen, ſich um halb neun dieſen Morgen bei mir einzufinden...“ „Und Sie konnten mich nicht empfangen, mein Herr,“ verſetzte Herr von Marande;„das iſt ganz einfach: Sie waren mit Ihren Freunden, den Her⸗ ren Petrus und Ludovic, beſchäftigt und da gilt 108 für uns Finanzleute, was das Sprüchwort ſagt: Geſchäft geht vor Vergnügen. Sie haben das Ver⸗ gnügen, das ich habe, Sie zu ſehen, etwas verzö⸗ gert, mein Herr, aber das Vergnügen iſt darum nur größer.“ Dieſe Worte konnten eben ſo gut Spott, als Höflichkeit ſein. Ohne im Augenblick zu wiſſen, was er davon halten ſollte, bot Jean Robert Herrn von Marande einen Fauteuil an. Herr von Marande ſetzte ſich und gab Jean Robert ein Zeichen, neben ihm Platz zu nehmen. „Mein Beſuch ſcheint Sie zu befremden, mein Herr,“ ſagte der Banquier. „Mein Herr,“ ſagte Jean Robert,„er ehrt mich ſo ſehr...“ Der Banquier unterbrach ihn. „Nun gut,“ ſagte er,„was mich befremdet, iſt, daß ich Sie nicht früher ſchon beſuchte. Aber, was wollen Sie, wir Finanzleute ſind die Undankbarkeit ſelbſt und wir vergeſſen ſchändlicher Weiſe im Drang unſerer Arbeiten die Menſchen, bie uns die größte Freude bereiten. Das will ſagen, mein Herr, daß, ſeit Sie mir die Ehre erweiſen, das Hötel in der Rue Lufitte zu beſuchen, ich mich ſchäme, Sie noch nicht einmal beſucht zu haben.“ „Mein Herr,“ ſtotterte Jean Robert, ganz ver⸗ legen über das Compliment des Banquiers, und vergeblich ſich fragend, wo er damit hinaus wolle. „Nun, laſſen Sie hören,“ fuhr Herr von Ma⸗ rande fort,„woher kommt es, daß Sie mir zu dan⸗ ken ſcheinen, ſtatt alle Vorwürfe, die ich verdiene, an mich zu richten? Sie behandeln mich, verzeihen — en—— c—— e——— — —.0— —8 8c t: er⸗ ⸗ im 18 n, rn an in ich ſt, as it ig te ß, er ch r⸗ id e. 1⸗ 1. 109 Sie mir dieſen finanziellen Ausbruck, wie einen Gläubiger, ſtatt mich wie einen Schuldner zu be⸗ handeln. Ich bin Ihnen eine unberechenbare An⸗ zahl von Beſuchen ſchuldig und ich ſagte es noch geſtern Abend zu Frau von Marande in dem Au⸗ genblick, da Sie ſie verlaſſen hatten.“ „Ah, darauf wollte er hinaus,“ ſagte Jean Ro⸗ bert;„er ſah mich geſtern zu ungeeigneter Zeit ſein Hötel verlaſſen und will nun Rechenſchaft von mir forbern.“ „Frau von Marande,“ fuhr der Banquier fort, der ſich wirklich nicht bei dem„bei Seite“ Jean Robert's aufhalten konnte.„Frau von Marande hat eine tiefe Neigung für Sie.“ „Mein Herr!... „Sie liebt Sie wie einen Bruder.“ Und Herr von Marande legte einen beſonderen Nachdruck auf die drei letzten Worte. „Was mich in Erſtaunen und Kummer verſetzt,“ fuhr er fort,„iſt das, daß es ihr nicht gelungen, Ihnen etwas von dieſer Neigung, die ſie für Sie hat, für mich einzuflößen.“ „Mein Herr,“ beeilte ſich Jean Robert zu ſa⸗ gen, erſtaunt über die Wendung, die das Geſpräch nahm und weit entfernt, den Zweck deſſelben zu ahnen,„die Verſchiedenheit unſerer Beſchäftigungen hindert mich ohne Zweifel...“ „Freundſchaft für mich zu beſitzen?“ unterbrach ihn Herr von Marande.„Glauben Sie alſo, mein lieber Dichter, daß die Intelligenz mit den Arbei⸗ ten der Bank ganz unvereinbar ſei. Glauben Sie, wie diejenigen, welche vom Finanzſpiel nur die Verluſte kennen, daß alle Banquiers Dummköpfe ader„ „O, mein Herr,“ rief der Dichter,„fern ſei von mir ein ſolcher Gedanke.“ „Ich war zum Voraus davon überzeugt,“ fuhr der Banquier fort,„deßhalb ſage ich Ihnen: Un⸗ ſere Arbeiten haben, ohne daß es den Schein hat, eine gewiſſe Aehnlichkeit, eine gewiſſe Gemeinſchaft. Die Finanz gibt, ſo zu ſagen, das Leben; die Poeſie lehrt es genießen. Wir ſind die beiden Pole und folglich beide nothwendig für die Bewegung des Globus.“ „Aber,“ ſagte Jean Robert,„Sie geben mir durch dieſe wenigen Worte den Beweis, daß Sie ſet eben ſo ſehr Poet ſind, als ich, mein err.“ „Sie ſchmeicheln mir,“ antwortete Herr von Marande,„und ich verdiene dieſen hübſchen Titel nicht, obgleich ich ihn zu erringen verſucht.“ „Sie?“ „Ich; das ſetzt Sie in Erſtaunen?“ „Keineswegs. Aber...“ „Ja, die Vank erſcheint Ihnen unerträglich mit der Poeſie?“ „Ich ſage das nicht, mein Herr.“ „Aber Sie denken es; das kömmt auf eins heraus.“ „Nein, ich ſage nur, daß ich nichts von Ihnen weiß 6. „Was Ihnen beweist, daß ich den Beruf ge⸗ habt? Nehmen Sie ſich in Acht! Wenn ich mich mol —— —— 1— e ) Se— 1— n8 en e⸗ tal 111 über Sie zu beklagen habe, ſo komme ich mit einem Manuſcript in der Hand. Aber heute bin ich weit davon entfernt, da ich es bin, der ſich bei Ihnen entſchuldigen will. Ah! Sie zweifeln, junger Mann! So vernehmen Sie denn, daß ich meine Tragödie geſchrieben, wie alle Welt: einen Coriolan; dann die ſechs erſten Geſänge eines Gedichtes, das die Humanität betitelt war, dann einen Band lyriſcher Gedichte, dann dann was weiß ich? Da die Poeſie je⸗ doch ein Cultus iſt, der ſeine Prieſter nicht nährt, ſo mußte ich materielle Dinge arbeiten, ſtatt geiſtige zu betreiben, und auf dieſe Weiſe bin ich ganz ein⸗ fach Banquier geworden, während ich, erlauben Sie mir, es Ihnen allein zu ſagen, damit man mich nicht des Stolzes beſchuldige, während ich Ihr College hätte werden können.“ Jean Robert verbeugte ſich tief, immer erſtaun⸗ ter über die unerwartete Wendung, welche das Ge⸗ ſpräch mehr und mehr nahm. „Auf Grund dieſer Thatſache,“ fuhr Herr von Marande fort,„wage ich es, Ihre Freundſchaft. zu beanſpruchen und, was mehr iſt, Sie um einen Beweis derſelben zu bitten.“ „Mich!— Sprechen Sie, ſprechen Sie, mein Herr!“ rief Jean Robert im höchſten Erſtaunen. „Wenn es glücklicher Weiſe,“ verſetzte Herr von Marande, auf dieſer Welt noch Menſchen gibt, die, wie wir, die Poeſie kultiviren oder ihr huldigen, ſo gibt es andere, die, alles Ideal verachtend, von dieſer Welt nur grobe Vergnügungen, phyſiſche Freuden, materielle Genüſſe verlangen. Dieſe Gat⸗ tung von Menſchen iſt es, die den natürlichen Fort⸗ ſchritt der Civiliſation am meiſten hemmen. Den Menſchen zum Thiere herabwürdigen, nur den ro⸗ hen Appetit befriedigen, von der Frau nichts als die Befriedigung einer gierigen Sinnlichkeit for⸗ dern, das iſt, meiner Anſicht nach, eine der Wun⸗ den unſerer Geſellſchaft. Theilen Sie meine An⸗ ſicht, mein lieber Poet?“ „Ganz und gar, mein Herr,“ antwortete Jean Robert. „Nun gut, es exiſtirt ein Menſch, in welchem alle Fehler dieſer Art incarnirt zu ſein ſcheinen, ein Wüſt⸗ ling, der ſeinen Kopf auf alle Kiſſen gelegt zu ha⸗ ben behauptet, und der vor keiner Unmöglichkeit zurückſchreckt, gelte es nun einen Sieg davon zu tragen oder einer Niederlage den Schein eines Sie⸗ ges zu geben. Dieſer Menſch, dieſer Wüſtling, die⸗ ſer Fant, Sie kennen ihn, iſt Herr Lorédan von Valgeneuſe.“ „Herr von Valgeneuſe!“ tief Jean Robert,„o ja, ich kenne ihn.“ Und ein Blitz des Haſſes leuchtete aus ſeinen Augen. „Nun denn, mein lieber Poet, denken Sie ſich, geſtern Abend hat mir Frau von Marande Wort für Wort die Scene erzählt, die ſich bei ihr zwi⸗ ſchen Ihnen und ihm ereignete.“ Jean Robert zitterte. Aber der Banquier fuhr im ſelben freundlichen und höflichen Tone fort: „Ich wußte ſeit lange durch Frau von Marande ſelbſt, daß er ihr den Hof machte. Ich wartete deßhalb in meiner Eigenſchaft als geſetzmäßiger ——— t⸗ n 0. 8 r⸗ 1⸗ 1⸗ n le t⸗ 1⸗ it e⸗ e⸗ n 9 rt i⸗ r de te er 113 Beſchützer von Frau von Marande nur auf eine Gelegenheit, um dieſem Laffen eine Lection zu ge⸗ ben, wie er ſie verdient; obgleich ich glaube, daß ihm dieſe Lection nicht viel nützen wird, da ſich dieſe Gelegenheit ganz unerwartet bot.“ „Was wollen Sie damit ſagen, mein Herr?“ rief Jean Robert, der die Abſicht ſeines Mitunter⸗ redners endlich dunkel zu ahnen begann. „Ich will ganz einfach ſagen, daß ich Herrn von Valgeneuſe tödten werde, da er Frau von Marande beleidigt hat; nichts iſt einfacher.“ „Aber, mein Herr,“ rief Jean Robert,„es ſcheint mir doch, daß es an mir iſt, dieſe Beleidi⸗ gung zu beſtrafen, da ich Zeuge der Beleidigung war, welche Frau von Marande widerfahren.“ „Erlauben Sie, mein lieber Dichter,“ ſagte Herr von Marande lachend,„ich verlange von Ihrer Freundſchaft nicht Aufopferung!— Laſſen Sié uns ernſthaft ſprechen.— Die Beleidigung fand ſtatt. Aber um welche Stunde? Um Mitternacht. Wo fand ſie ſtatt? In einem Zimmer, wo Frau von Marande bisweilen ſchläft— aus Laune.— Wo war Herr von Valgeneuſe verſteckt? Im Alkoven dieſes Zimmers.— Das alles zeugt von Vertrau⸗ lichkeit— von der intimſten Vertraulichkeit. Ich war nicht zu jener Stunde bei Frau von Marande; ich habe nicht Herrn von Valgeneuſe in dem Al⸗ koven entdeckt; aber ich hätte ſollen in dem Zimmer ſein; ich hätte ſollen Herrn von Volgeneuſe ent⸗ decken. Sie kennen unſere Journale,— und na⸗ mentlich unſere Journaliſten; welch' eigenthümliche Dumas, Salvator. VII. 8 114 Commentare würde man, ſagen Sie ſelbſt, über Ihr Duell mit Herrn von Valgeneuſe machen? Glau⸗ ben Sie, daß der Name der Frau von Marande, das heißt ein ehrenhafter Name, der ehrenhaft blei⸗ ben muß, ſo verſchieden auch die Anſichten ſein mö⸗ gen, von der Bosheit unberührt bleiben werde?— Denken Sie einen Augenblick nach, ehe Sie mir antworten.“ „Und dennoch, mein Herr,“ ſagte Jean Robert, obgleich er die Richtigkeit dieſes Raiſonnements aner⸗ kannte,„kann ich Ihnen nicht geſtatten, ſich mit einem Manne zu ſchlagen, der eine Frau in meiner Ge⸗ genwart beleidigt hat.“ „Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen widerſpre⸗ chen muß, mein Freund,— Sie erlauben mir doch, daß ich Ihnen dieſen Titel gebe?— aber die Frau die man vor Ihnen, dem Beſuchenden beleidigt— be⸗ merken Sie wohl, daß Sie für mich nur ein Beſuchender ſind,— dieſe Frau iſt die meinige; ich will ſagen, ſie trägt meinen Namen und aus dieſem Grunde, hätten Sie auch hundert Mal Recht, iſt es an mir, ſie zu vertheidigen.“ „Aber mein Herr...“ ſtotterte Jean Robert. „Sie ſehen, mein lieber Poet, Sie, der Sie ſonſt das Wort ſo leicht handhaben, Sie ſind in Verle⸗ genheit mir zu antworten.“ „Aber mein Herr... „Ich habe Sie um einen Freundſchaftsbeweis gebeten, wollen Sie mir ihn geben?“ Jean Robert ſchwieg. „Ich bitte Sie, tiefes Schweigen über dieſes Abenteuer zu bewahren,“ fuhr der Banquier fort. hr U⸗ e, i⸗ ö⸗ ir 115 Jean Robert ſenkte den Kopf. „Und wenn es ſein muß, mein Freund, Frau von Marande bittet Sie mit mir darum.“ Der Banquier ſtand auf. „Aber, mein Herr,“ rief plötzlich Jean Robert, „ich habe es mir überlegt; was Sie von mir ver⸗ langen, iſt unmöglich.“ „Weßhalb?“ „In dieſem Augenblicke müſſen ſich zwei meiner Freunde bei Herrn von Valgeneuſe befinden und ihn um den Namen der Zeugen gebeten haben, mit welchen ſie ſich verſtändigen ſollen.“ „Sind dieſe beiden Freunde nicht die Herren Petrus und Ludovic?“ „Nun gut, ſeien Sie ohne Sorgen in dieſer Richtung; ich habe ſie begegnet, als ich von Ihnen wegging und von ihnen, auf meine Verantwortlich⸗ keit erwirkt, daß ſie bis eilf Uhr warten und Sie dann um neue Ordre bitten. Sehen Sie, ſie ſchei⸗ nen ihre Uhren nach Ihrer Standuhr gerichtet zu haben. Ihre Uhr ſchlägt zehn und die Herren läu⸗ ten an Ihrer Thüre.“ „Ich habe nichts mehr zu ſagen,“ verſetzte Jean Robert. „Gut denn!“ ſagte Herr von Marande, indem er dem Dichter die Hand bot. Dann machte er einige Schritte nach der Thüre und ſagte, indem er plötzlich ſtehen blieb: „Ah! bei Gott, ich vergaß den Hauptzweck mei⸗ nes Beſuchs.“ 8* Jean Robert ſah den Banquier mit einem neuen Ausdruck von Staunen, der den früheren noch über⸗ wog, an. „Ich wollte Sie im Namen von Frau von Marande, welche der erſten Vorſtellung Ihres Stückes um jeden Preis, aber ungeſehen, beiwohnen möchte, bitten, daß Sie ihr die erſte Loge de face in ein Baignoire der Prosceniumsloge umtauſchen laſſen. Das iſt doch möglich, nicht wahr?“ „Gewiß, mein Herr.“ „Nun gut, wenn man Sie fragte, weßhalb ich zu Ihnen gekommen, ſo haben Sie die Güte, den wahren Grund, nämlich den des Logenumtauſches anzugeben.“ „Ich werde das pünktlich thun, mein Herr.“ „Und jetzt,“ ſagte Herr von Marande,„bitte ich Sie um Verzeihung, daß ich wegen einer ſo einfa⸗ chen Sache meinen Beſuch ſo lange ausgedehnt.“ Dann verließ Herr von Marande mit einer tie⸗ fen Verbeugung Jean Robert zu ſeinem großen Erſtaunen. Der Dichter konnte ſich, als er ihn weggehen ſah, eines Gefühls ehrfurchtsvoller Sym⸗ pathie nicht entſchlagen. Der Mann erſchien ihm groß, der Gatte erhaben. Hinter Herrn von Marande erſchienen die beiden jungen Männer. „Nun?“ fragten ſie Jean Robert. „Nun,“ ſagte dieſer,„ich bin in Verzweiflung, daß ich euch ſo frühzeitig bemüht, ich habe nichts mehr mit Herrn von Valgeneuſe zu thun.“ N— * 117 CVI. Wo die Reſultate der Seeſchlacht von Ravarin unter einem neuen Geſichtspunkt betrachtet werden. Während Herr von Marande Jean Robert die Urſache ſeines Beſuches ſo hübſch erklärte, wollen wir ſehen, was bei Herrn von Valgeneuſe oder vielmehr außerhalb ſeines Hauſes mit ihm vorging. Lorédan hatte ſich, wie wir ſagten, aus dem Hötel von Frau von Marande davongeſchlichen; er hatte jedoch, wie wir ebenfalls ſagten, die Unge⸗ ſchicklichkeit gehabt, als er in der Eile die Treppe hinabſtürzte, an Herrn von Marande zu ſtoßen, deſſen Licht dadurch erloſch, während ſein Porte⸗ feuille zu Boden fiel. Wie raſch er auch zu verſchwinden ſich Mühe gegeben, er war beinahe ſicher, daß ihn der Ban⸗ quier erkannt haben mußte; in jedem Falle konnte ihm darüber kein Zweifel bleiben, daß Jean Robert ihn erkannt; er war deßhalb darauf gefaßt, im Ver⸗ laufe des Morgens den Beſuch eines der beiden Herren und vielleicht ſogar beider zu empfangen. Er zählte jedoch auf dieſe Beſuche nur von neun bis zehn Uhr Morgens. Er hatte deßhalb inzwi⸗ ſchen Zeit genug, gewiſſe Erkundigungen einzuziehen, die ihm in der Lage, in der er ſich befand, vor allem von Wichtigkeit zu ſein ſchienen. Dieſe Aufſchlüſſe erwartete er von Mademoiſelle Nathalie. Gegen ſieben Uhr Morgens verließ er deßhalb das Hötel, ſprang in ein Cabriolet und ließ ſich nach der Rue Lafitte fahren, wo er dachte, die Herrſchaft werde noch nicht aufgeſtanden ſein. Er würde dann um ſo leichter mit der Kammerfrau ſprechen können. Der Zufall kam Herrn von Valgeneuſe weit über ſeine Wünſche entgegen; in dem Augenblicke, als er vor dem Hötel ankam, verließ es Mademoi⸗ ſelle Nathalie mit ihrem Koffer. Herr von Valgeneuſe machte ihr von ſeinem Cabriolet aus ein Zeichen. Die Kammerfrau erkannte ihn und kam auf das Zeichen herbei. „Ah! mein Herr,“ ſagte ſie,„welches Glück, daß ich Sie finde.“ „Ich wollte Dir das Gleiche ſagen,“ antwortete der junge Mann;„denn ich ſuchte Dich. Nun?“ „Nun, ſie hat mich fortgeſchickt,“ ſagte die Kam⸗ merfrau. „Und wohin wollteſt Du?“ „In ein Hötel, um bis zu Mittag zu warten.“ „Und wohin wollteſt Du zu Mittag gehen?“ „Ich wollte zu Mademoiſelle gehen und ſie bit⸗ ten, ſich meiner anzunehmen; denn wegen Ihrer und weil ich nach Ihren Inſtruktionen gehandelt, hat man mich fortgeſchickt.“ „Du brauchſt deßhalb nicht bis Mittag zu war⸗ ten; Suſanne ſteht fehr früh auf; ſage ihr, was Dir begegnet, ſie wird Dich wieder nehmen; ich bin Dir eine Entſchädigung ſchuldig und werde ſie Dir geben, verlaſſe Dich darauf.“ „O ich war darum nicht beſorgt, ich wußte, daß Sie zu gerecht ſind, um mich auf der Straße zu laſſen.“ 119 „Aber ſage mir, was iſt nach meinem Weggange geſchehen?“ „Es gab eine große Scene zwiſchen Frau von Marande und Herrn Jean Robert, und am Schluſſe derſelben hat Herr Jean Robert geſchworen, ſich nicht mit Ihnen zu ſchlagen.“ „Glaubſt Du an die Schwüre eines Dichters?“ „Nein; er muß in dieſem Augenblicke bei Ihnen ſein.“ „Nein, ich komme von Hauſe. Er war noch nicht bei mir. Und dann?“ „Dann ging die gnädige Frau in ihr Zimmer; dort verabſchiedete ſie mich.“ „Und dann?“ „Dann hatte ſie ſich kaum zu Bette gelegt, als Herr von Marande eintrat.“ „Wo?“ „In dem Zimmer ſeiner Frau.“ „In dem Zimmer ſeiner Frau? Du ſagteſt mir doch, daß er nie dahin komme.“ „Es ſcheint, daß in Fällen von großer Wichtig⸗ keit eine Ausnahme eintritt.“ „Und weißt Du, aus welchem Grunde er zu ſei⸗ ner Frau kam?“ „O, ſeien Sie ruhig,“ ſagte Nathalie, indem ſie mit der Schamloſigkeit eines Marton aus den Zei⸗ ten Ludwig XV. lachte,„es geſchah nicht aus dem richtigen Grunde.“ „Ah! Du befreiſt mich von einer ſchweren Laſt, mein Kind. Und warum kam er? Sage mir das.“ „Um Frau von Marande zu beruhigen.“ „Was verſtehſt Du darunter? Wie, vollende, 120 Du haſt doch ſicher ein wenig an der Thüre im er⸗ ſten Stock gelauſcht, wie Du an der Thüre des zweiten gelauſcht.“ „Wenn ich es gethan, ſo geſchah es nur, um Ihnen einen Dienſt zu erzeigen, das ſchwöre ich Ihnen.“ „Gewiß! aber was haben ſie geſprochen?“ „Nun denn, es ſchien mir, als ob Herr von die Partei von Herrn Jean Robert er⸗ griffe.“ „Wahrhaftig, das fehlte noch, Nathalie! der Mann iſt eine Perle.— Und was hat er dann ge⸗ than, nachdem er ſeine Frau beruhigt und zu Gun⸗ ſten des Herrn Jean Robert geſprochen?“ „Er hat die Hand ſeiner Frau reſpectvoll ge⸗ küßt und zog ſich auf den Zehenſpitzen nach ſeinem Zimmer zurück.“ „Ah, ah, alſo habe ich es mit ihm zu thun?“ „Ich möchte darauf ſchwören.“ „Nun, ſo darf ich ihn nicht warten laſſen. Wenn ich einen geſchloſſenen Wagen hätte, würde ich Dich mit mir nehmen, mein Kind; aber Du begreifſt, im Cabriolet iſt es unmöglich. Steige in einen Fiaker und folge mir.“ „Sie wiſſen alſo, was Ihnen droht?“ „Ja, Nathalie, und ein Mann, der weiß, was ihm droht, gilt für zwei.“ Herr von Valgeneuſe gab dem Kutſcher ſeine f⸗ und das Cabriolet fuhr raſch nach dem Hötel zurück. Man höre, was während der Spazierfahrt des Herrn von Valgeneuſe geſchah. —— —— 121 Mademoiſelle Suſanne,— die wir ſeit der Soiree im Hötel Marande, wo ſie mit Camille von Rozan zu coquettiren angefangen, nicht mehr geſehen— Mademoiſelle Suſanne hatte ihre Zeit nicht verlo⸗ ren, während Carmelite dagegen die ihrige damit verlor, daß ſie in Ohnmacht fiel, als ſie den Mann, der Urſache an dem Tode Colombau's geweſen, heiter, glücklich und ſorglos ſeine ſüßen Reden nach rechts und links austheilen ſah. Seit der Nacht, in welcher Suſanne von Val⸗ geneuſe trotz der ſchwarzen Augen von Madame Camille von Rozan, die ſich voll ſpaniſcher Drohun⸗ gen auf ſie gerichtet, ihr Retz nach dem Amerikaner ausgeworfen, war kein Tag vergangen, ohne daß Camille, wie durch Zufall, Mademoiſelle Suſanne in der Oper, bei den Buouffes, bei den Wettrennen, im Bois, in den Tuillerien und in zwanzig Salons begegnet, wo Beide Zugang hatten. Nach und nach wurden aus den zufälligen Be⸗ gegnungen förmliche Rendezvous. Camille machte ſeine Liebe offenkundig und Fräulein von Valgeneuſe ließ ſich compromittiren, ohne ſich viel darum zu kümmern. Eines Morgens that ſie mehr,— ſie geſtand, daß ſie die Liebe des Creolen theile. Eines Abends that ſie noch mehr— ſie gab da⸗ von den deutlichen Beweis. Seit jenem Abend kam Camille von Rozan nach dem Hötel Valgeneuſe, ſo oft es die Eiferſucht ſei⸗ ner Ehehälfte geſtattete. Es war dies gewöhnlich orgens, wenn die Spanierin noch ſchlief. Auf dieſe Weiſe hatte Herr von Marande, als 122 er von Jean Robert wegging, um ſich nach den Tuillerien zu begeben, Camille von Rozan am Ende der Rue du Bai begegnet. Und da der Creole, der ſich trotz ſeiner gewöhn⸗ lichen Discretion wenig darum kümmerte, ob er ge⸗ ſehen wurde, ihn gegrüßt hatte, ſo fragte ihn der Banquier: 5 3Wo zum Teufel kommen Sie zu ſolcher Stunde er?“ „Von Herrn von Valgeneuſe,“ antwortete dieſer. „Sie kennen ſich alſo?“ „Sie haben uns ja vorgeſtellt.“ „Das iſt wahr, ich hatte es vergeſſen.“ Und nachdem ſich der Creole und der Banquier gegrüßt, gingen beide in entgegengeſetzter Richtung. Lorédan war, als er nach Hauſe kam, in hohem Grade erſtaunt, weder von Jean Robert, noch von Herrn von Marande eine Botſchaft vorzufinden. Man weiß die Urſache dieſes Umſtandes. Die Freunde, oder geben wir ihnen den wahren Titel, den ſie in dieſem Momente verdienen, die Zeugen Jean Robert's hatten dem Banquier ver⸗ ſprochen, auf neue Inſtructionen zu warten und frühſtückten deßhalb im Cafs Desmares, während Herr von Marande nicht zu Herrn von Volgeneuſe gehen wollte, ehe er Jean Robert geſprochen. Um halb zwölf, als Herr Lorédan von Valge⸗ neuſe gerade ſein Frühſtück beendigt, meldete man ihm Herrn von Marande. Er befahl, ihn in den Salon zu führen, und um das Verſprechen zu halten, das er Nathalie gegeben, — V M—M d— 123 ihn nicht lange warten zu laſſen, trat er ſelbſt dort alsbald ein. Nach den gewöhnlichen Begrüßungen ergriff Herr von Valgeneuſe zuerſt das Wort. „Ich habe geſtern Abend erſt,“ ſagte er,„Ihre Ernennung zum Miniſter erfahren und hatte mir vorgenommen, Ihnen heute einen Glückwunſch dar⸗ zubringen.“ „Herr von Valgeneuſe,“ antwortete der Banquier trocken,„ich nehme an, daß Sie den Grund meines Beſuches nicht kennen. Ich bitte Sie, mir denſelben abkürzen zu helfen, denn wir haben beide keine Zeit in unnützen Complimenten zu verlieren.“ „Ich ſtehe ganz zu Ihrem Befehl, mein Herr,“ ſagte Lorédan,„obgleich ich nicht im Geringſten ahne, was Sie mir zu ſagen haben.“ „Sie waren geſtern Abend ohne meine Einla⸗ dung in meinem Hauſe, zu einer Stunde, wo man ſich gewöhnlich nur dann bei den Leuten einfindet, wenn man eingeladen iſt.“ Lorédan brauchte, da die Frage ſo ohne Um⸗ ſchweife geſtellt war, nur einfach zu antworten. Er that mehr als einfach antworten, er antwor⸗ tete unverſchämt. „Es iſt wahr,“ ſagte er,„ich muß geſtehen, daß ich keine Einladung erhalten— namentlich nicht von Ihnen.“ „Sie haben von Riemanden eine ſolche erhalten, mein Herr.“ Herr von Valgeneuſe verbeugte ſich, ohne zu antworten, wie Jemand, der ſagen will:„Fahren Sie fort.“ 124 err von Marande fuhr fort: „Nachdem Sie mal im Hötel waren, drangen Sie bis in eines der Schlafzimmer von Frau von Marande und verſteckten ſich im Alkoven.“ „Ich ſehe mit Bedauern,“ ſagte in poſſenhaftem Tone Herr von Valgeneuſe,„daß Sie vortrefflich unterrichtet ſind.“ „Nun gut, mein Herr, da Sie dieſe Thatſache nicht beſtreiten, werden Sie ohne Zweifel auch ge⸗ gen die Folgen keine Einwendung machen können.“ „Sagen Sie ſie mir, mein Herr, und ich will ſehen, ob ich nichts einzuwenden habe.“ „Nun gut, mein Herr, die Folgen dieſer That⸗ khe ſind, daß Sie meine Frau abſichtlich beleidigt aben.“ „Nun freilich!“ machte Herr von Valgeneuſe in prahleriſchem Tone,„ich muß dies eingeſtehen, da Zeugen zugegen waren.“ „So werden Sie es ganz natürlich finden, mein Herr,“ fuhr der Banquier fort,„daß ich von Ihnen Rechenſchaft für dieſe Beleidigung fordere.“ „Ich ſtehe zu Befehl und ſogleich, wenn Sie wollen; ich habe gerade am Ende des Gartens eine welche für einen Zweikampf wie gemacht ien.“ „Ich bedaure, für den Augenblick von Ihrer liebenswürdigen Propoſition keinen Gebrauch ma⸗ chen zu können, unglücklicher Weiſe können die Sa⸗ chen nicht ſo ſchnell gehen.“ „Ah!“ machte Herr von Valgeneuſe,„Sie ha⸗ ben vielleicht noch nicht gefrühſtückt; ich kenne Per⸗ ——— e— — 1— 125 ſonen, die ſich nicht gerne nüchtern ſchlagen, mir wäre das vollkommen gleichgültig.“ „Ich habe einen wichtigen Grund zum Warten,“ antwortete der Banquier, ohne auf den mittelmäßi⸗ gen Scherz ſeines Mitunterredners zu achten zu ſcheinen.„Es gilt die Ehre eines Namens zu ſcho⸗ nen, und ich bedaure, genöthigt zu ſein, Sie daran erinnern zu müſſen.“ „Bah!“ ſagte Herr von Valgeneuſe,„was liegt an einem Namen? Aprds nous le déluge!“ Der Banquier verſetzte ernſt: „Es ſteht Ihnen ganz frei, mein Herr, mit Ih⸗ rem Namen zu machen, was Sie wollen. Aber mir liegt daran, daß der meinige geachtet ſei, und ihn nicht lächerlich werden zu laſſen; ich habe deß⸗ halb die Ehre, Ihnen einen Vorſchlag zu machen.“ „Sprechen Sie mein Herr, ich höre.“ „Es iſt, glaube ich, lange her, daß Sie das Wort in der Pairskammer nicht mehr ergriffen haben.“ „Allerdings, mein Herr.. Aber welche Bezie⸗ hung kann die Pairskammer zu der Sache haben, die uns beſchäftigt?“ 5 „Eine directe Beziehung, wie Sie ſehen werden. Man hat in dieſen Tagen die Nachricht von der Seeſchlacht von Navarin erhalten.“ „Allerdings; aber...“ „Warten Sie. Man wird ſich morgen in der Kammer mit den türkiſchen und griechiſchen Angele⸗ genheiten beſchäftigen, die durch die Wahlen und die Folgen derſelben unglücklicher Weiſe in den Hin⸗ tergrund getreten ſind.“ 126 „Ich glaube mich wirklich zu erinnern, daß Ze⸗ mand das Wort in dieſer Frage verlangt hat.“ „Nun, ich komme, Ihnen den Vorſchlag zu ma⸗ chen, es ebenfalls zu verlangen.“ „Aber wo zum Teufel wollen Sie damit hin⸗ aus?“ machte der junge Pair, indem er dem Ban⸗ quier ziemlich unverſchämt in's Geſicht lachte. Dieſer that, als ob er dieſe neue Unziemlichkeit nicht bemerkte und fuhr in demſelben kalten und ernſten Tone fort: „Die griechiſche Frage iſt von der höchſten Wich⸗ tigkeit und dem größten Intereſſe, wenn man ſie von allen Seiten betrachtet. Es läßt ſich aus einem ſolchen Vorwurf der größte Nutzen ziehen und ich bin überzeugt, daß wenn Sie ſich die Mühe geben wollen, Sie dieſe Gelegenheit ergreifen werden, um eine ausgezeichnete Rede zu halten. Verſtehen Sie mich jetzt?“ „Weniger als je, muß ich Ihnen ſagen.“ „So ſoll ich Ihnen alſo Alles ſagen?“ „Sprechen Sie.“ „Nun gut, mein lieber Herr von Valgeneuſe, ich bin ein leidenſchaftlicher Parteigänger der Grie⸗ chen. Ich habe ſogar irgendwo etwas darüber ge⸗ ſchrieben. Sie, der Sie noch keine Partei in dieſer Sache ergriffen haben, werfen Sie ſich zum Tür⸗ kenfreund auf und fallen Sie über die Philhellenen her; bei Gelegenheit der Türken und Griechen fin⸗ den Sie einen Grund, mich zu inſultiren und das auf eine Weiſe, daß ich öffentlich von Ihnen Rechen⸗ ſchaft fordern kann. Bin ich Ihnen diesmal klar?“ „O! vollkommen, und ſo wunderlich auch Ihr — g it 127 Vorſchlag iſt, ich nehme es mit Freuden an, weil es Ihnen ſo angenehm iſt.“ „Auf morgen alſo, mein Herr; nach der Sitzung werde ich die Ehre haben, Ihnen meine Zeugen zu ſchicken.“ „Warum morgen? Es iſt noch nicht ein Uhr. Ich habe noch Zeit, mich in die Kammer zu bege⸗ ben und heute zu ſprechen.“ „Ich wagte nicht, Ihnen dieſen Vorſchlag zu machen, da ich fürchtete, Sie möchten bereits über Ihren Tag verfügt haben.“ „O! Unſtände mit mir zu machen.“ „Sie ſehen, daß ich keine mache, da ich annehme,“ ſagte Herr von Marande raſch, indem er ſich ver⸗ beugte;„aber beeilen Sie ſich.“ „Ich fordere nur ſo viel Zeit, um anſpannen zu laſſen.“ „Ein Anderer könnte Ihnen zuvorkommen, das Wort wird nach der Reihe der Einzeichnungen er⸗ theilt. Anſpannen laſſen, hieße unnütz eine Viertel⸗ ſtunde verlieren.“ „Aber ein Mittel zu finden, es anders zu ma⸗ chen. Sie ſchlagen mir doch nicht vor, den Weg von hier nach dem Luxembourg zu Fuß zu machen, falls nicht Ihr Wagen unten iſt und Sie mir einen Platz anbieten?... „Ich wollte Ihnen eben den Vorſchlag machen,“ ſagte Herr von Marande. „Ich nehme dankbar an,“ verſetzte Herr von Valgeneuſe. Und die beiden Männer, welche eben mit ein⸗ ander verabredet, ſich den andern Tag umzu⸗ bringen, verließen Arm in Arm das Hötel wie Freunde. Als ſie aus dem Hötel traten, begegnete Herr von Marande wie am Morgen Camille von Rozan. Der Creole ſtieg aus dem Wagen. „Es iſt heute zum zweiten Male, daß ich das Vergnügen habe, Sie beinahe am ſelben Platze zu begegnen,“ ſagte Herr von Marande. „Und ich deßhalb natürlich ebenfalls,“ antwor⸗ tete Camille;„es iſt keiner von jenen Zufällen, welche es immer in der Welt gab, und Molidre hat einen Vers darauf gemacht; ich glaube: „Der Ort iſt mir günſtig u. ſ. w., u. ſtw)“ „Wenn Sie Herrn von Valgeneuſe etwas zu ſagen haben,“ verſetzte der Banquier,„ſo beeilen Sie ſich, denn er wird Ihnen ſelbſt beſtätigen, daß er große Eile hat.“ „Wollen Sie wirklich mich beſuchen, lieber Freund?“ ſagte Lorédan, indem er Camille die Hand bot. „Gewiß,“ verſetzte der Creole, leicht erröthend. „Nun, da thut es mir leid; Sie finden mich nicht, ich muß eben weggehen,“ ſagte Lorédan in den Wa⸗ gen ſteigend;„aber treten Sie nur ein, Sie werden meine Schweſter finden, deren Anblick Ihnen, wie ich glaube, ſo angenehm ſein wird, als der meine. Leben Sie wohl, auf baldiges Wiederſehen!“ Und der Wagen fuhr im Galopp davon. Zehn Minuten ſpäter trat Herr von Valgeneuſe in die Pairskammer und verlangte das Wort. ——— S, c.— — ie r 1. 8 1. t — * 129 CVI. Von der Rede des Herrn Loredan von Valgeneuſe in der Pairskammer und ihren Folgen. Der Sieg von Navarin, die letzte Reaction Eu⸗ ropas gegen Aſien, war eben mit ſechsjährigen un⸗ aufhörlichen und rieſenhaften Kämpfen erkauft wor⸗ den. Die modernen Epaminondas, Alcibiades, The⸗ miſtocles ſetzten die ganze Welt in Staunen; man hätte glauben können, ſie haben wie Theſeus die ſchweren Schrecken ihrer Väter, welche auf den Schlachtfeldern von Marathon, Leuctra und Man⸗ tinea begraben lagen, aufgefunden. Als das Unabhängigkeitsgefühl plötzlich wieder nach ſo vielen Jahren des Schlummers unter dem turmwinde der franzöſiſchen Revolution erwachte, ſchlug das Herz von ganz Europa. Hugo und La“ martine hatten ſie beſungen, Byron war für ſie geſtorben. Ihre Sache war gewiſſermaßen die Sache von Frankreich geworden und man hatte ihr Unter⸗ liegen beweint, wie man bei ihren Siegen jauchzte. Aber je allgemeiner und nationaler dieſer Sieg war, deſto weniger war er nach dem Geſchmack des Herrn von Villole, und man wird ſich erinnern, daß ſich Niemand gegen die griechiſche Revolution feindlicher gezeigt, als er. Als deßhalb Herr Lorédan von Valgeneuſe, deſſen ultraroyaliſtiſchen Geſinnungen bekannt waren, das Wort verlangte, rief die Hälfte oder vielmehr zwei Drittheile der Pairs, welche die Anſichten des ehrenwerthen Pairs theilten, wie mit einer Stimme: Dumas, Salvator. VII. 9 130 „Sprechen Sie! Sprechen Sie!“ Nachdem er kurz die Hauptphaſen der Inſurrec⸗ tion reſumirt, kam Herr von Valgeneuſe unter dem Beifall des ganzen Saales zu dem Punkte ſeiner Rede, wo er die unheilvollen Ereigniſſe beklagte, die man mit dem Namen Siege verherrliche. „Und dennoch,“ fuhr er fort,„wüßten wir der Regierung, der Majorität keinen Vorwurf zu ma⸗ chen; aus einem chevaleresken Gefühle, das bis zu den Kreuzzügen zurück datirt, hat ſie die unglückſe⸗ lige Coalition gegen die Türken geſtattet. Bewah⸗ ren wir unſern ganzen Zorn, unſere ganze Strenge für die, welche ſie verdient, für die, welche aus Un⸗ überlegtheit oder Intereſſe Revolutionen bei andern unterhalten, da ſie ſie im eigenen Lande nicht ſchü⸗ ren können. Ich will niemanden nennen,“ fügte der Redner hinzu,„und doch iſt der Name eines berühmten Banquiers auf Aller Lippen. Man weiß, aus welcher Kaſſe die Revolution die Schätze ſchöpft, mit denen ſie exiſtirt. Und ich frage Sie, meine Herren, müßte ich auch die Frage mit meinem Blute bezahlen, wenn ich an die Aufſtände der jüngſten Tage denke, iſt es nicht erlaubt zu ſagen, daß der, welcher die Aufſtändiſchen Griechenlands ſubventio⸗ nirt, eben ſo gut die Griechen von Paris ſubven⸗ tioniren kann?“ Dieſe Antitheſe erregte einen donnernden App⸗ laus; der Name des Herrn von Marande flog von Munde zu Munde; der Banquier war in der Pairs⸗ kammer nicht beliebt; ſeine plötzliche, unerwartete Ernennung zum Finanzminiſter hatte die Anſicht, die man von ihm hegte, nicht geändert. Man war X —— X X 131 deßhalb entzückt, ihn ſo öffentlich von Herrn von Valgeneuſe angeklagt zu ſehen. Es entſtand indeſſen mitten unter den Beifalls⸗ bezeugungen ein Gemurmel. Der General Herbel unterbrach den jungen Pair, und proteſtirte von ſeinem Platze aus gegen das, was eben geſagt wurde, indem er Herrn von Valgeneuſe aufforderte, ſein Wort zurückzunehmen, das ganz den Charakter einer groben Beleidigung habe. „Beleidigung, allerdings!“ verſetzte Herr von Valgeneuſe,„wenn die Wahrheit Ihnen eine Be⸗ leidigung ſcheint...“ „Aber,“ rief ein anderer Pair,„es iſt nicht möglich, daß Sie Herrn von Marande ernſtlich be⸗ ſchuldigen, die Aufrührer der Rue Saint Denis un⸗ terſtützt zu haben.“ „Sie ſind es, der ihn nennt, und nicht ich, mein Herr,“ antwortete Herr von Valgeneuſe auf die im⸗ pertinenteſte Weiſe. „Jeſuit!“ murmelte der General laut genug, um gehört werden zu können. Herr von Valgeneuſe nahm das Wort lebhaft auf, gerieth jedoch nicht in Zorn, wie man hätte glauben ſollen. „Wenn der General,“ ſagte er,„mich durch das Wort Jeſuit zu beleidigen glaubt, ſo begeht er den größten Irrthum. Das iſt gerade wie wenn ich ihn Soldat nennte. Ich glaube nicht, daß er darin eine Beleidigung ſähe.“ Die Verhandlung wurde dabei abgebrochen und man ging zur Tagesordnung über. 132 Als General Herbel gegen fünf Uhr nach Hauſe kam, fand er Herrn von Marande, der ihn erwartete. Der Banquier war bereits von dem Vorfall in der Kammer und den begleitenden Umſtänden un⸗ terrichtet. Der General ahnte, als er ſeiner anſichtig wurbe, ſogleich die Urſache, die ihn herführte, bot ihm die Hand und ließ ihn ſitzen. „General!“ ſagte der Banquier,„ich habe mit dem größten Erſtaunen erfahren, daß Herr von Val⸗ geneuſe, freilich ohne mich zu nennen, indem er mich jedoch ſo deutlich als möglich bezeichnete, mich in der Pairskammer beleidigt hat; freilich erfuhr ich zu gleicher Zeit, zu meiner großen Befriedigung, ja zu meinem Stolze, daß Sie mich vertheidigten. Von Herrn von Valgeneuſe beleidigt und von Ih⸗ nen vertheidigt zu werden, iſt eine doppelte Ehre, die ich in hohem Grade zu würdigen weiß. Ich wollte deßhalb keine Minute verlieren, ehe ich zu Ihnen käme, um Ihnen für Ihre Intervention in dieſer Sache zu danken.“ Der General verbeugte ſich mit der Miene eines Mannes, welcher ſagen will:„Ich habe nur meine Pflicht gethan.“ „Es hat mir ferner,“ fuhr der Banquier fort, „die Hoffnung gegeben, daß Sie, indem Sie ſich mit mir verbinden, ohne von mir gebeten zu ſein, mich in der Folge, die ich der Beleidigung zu geben gedenke, nicht verlaſſen wollen.“ „Ich ſtehe zu Befehl, mein lieber Herr von Marande, und wahrhaftig, da ich Sie kenne, wie ich Sie kenne, war ich auf dem Punkte, den a en n e, en — 133 Gang, den Sie zu mir machen, nicht abzuwarten, ſondern ſogleich beim Verlaſſen der Kammer in Ih⸗ rem Namen Genugthuung von Ihrem Beleidiger zu fordern.“ „Dieſe Abſicht macht das Maaß Ihrer Güte ge⸗ gen mich voll, General, denn ſie ſagt mir, welch' freundliche Geſinnungen Sie für mich hegen.“ „Sie kennen Ihren Gegner?“ fragte der General. „Wenig.“ „Es iſt ein junger Geck, der mit ſeinen Ideen nicht im Reinen iſt.“ „H!“ machte Herr von Marande, indem er die Stirne runzelte und ſeinem Geſichte einen Ausdruck von Haß verlieh, deſſen man es gar nicht für fähig gehalten. „Dieſe Art von Buben,“ machte der General, „haben ſelten nach Tiſche dieſelbe Anſicht, wie vor Tiſche.“ „Nun, General,“ ſagte Herr von Marande la⸗ chend,„es gibt ein Mittel, ihn daran zu hindern, ſeine Meinung bis nach Tiſche zu ändern.“ „Welches?“ „Alles vor Tiſche mit ihm in's Reine zu bringen.“ Der Banquier zog ſeine Uhr heraus. „Es iſt erſt fünf Uhr; er ſpeist nicht vor ſechs ein halb; wenn Sie mir als Secundant dienen wollen, ſo ſteigen wir in den Wagen, um einen zweiten zu ſuchen; unterwegs können wir die Be⸗ dingungen des Zweikampfs ausmachen.“ „Von ganzem Herzen ſtehe ich zu Dienſten,“ antwortete der General,„nur befürchte ich, daß man ausgeſpannt.“ 134 „Thut nichts! ich habe meinen Wagen,“ machte Herr von Marande.—„Rue Macon No. 4,“ ſagte er zum Kutſcher. „Rue Macon?...“ wiederholte der General, welcher die Miene hatte, als fragte er ſich, was die Rue Macon bedeuten ſollte. Der Wagen fuhr im Galopp davon. „Wo zum Teufel ſind wir?“ fragte der Gene⸗ ral, als er den Wagen vor der Thüre Salvator's halten ſah. „Wir ſind, wohin ich meinem Kutſcher zu fah⸗ ren befahl.“ „O, die häßliche Straße!“ Dann ſah er ſich das Haus an und fragte: „Dahin gehen wir?“ „Ja, General,“ antwortete Herr von Marande lächelnd. „O, das häßliche Haus!“ „Nun,“ ſagte Herr von Marande,„in dieſer Straße und dieſem Hauſe wohnt einer der ehren⸗ wertheſten und beſten Menſchen, die ich kenne.“ „Wie nennen Sie ihn?“ „Salvator.“ „Salvator... Und was ſind ſeine Functionen?“ Herr von Marande lächelte.— „Nun, man behauptet, er ſei Commiſſionär.“ „Ah! ich fange an, mich auszukennenz ja, ja, ich hörte von dieſer Art von Philoſophen durch den General Lafayette ſprechen, der großes Weſen aus ihm machte.“ Sie hörten nicht nur von ihm ſprechen, Gene⸗ er ⸗ ch n 135 ral, ſondern Sie haben mehr als einmal mit ihm geſprochen.“ „Wo das?“ fragte der General erſtaunt. „Bei mir.“ „Ich ſprach bei Ihnen mit einem Commiſſionär?“ „Nun, Sie können ſich denken, daß er bei mir nicht ſeine Weſte und ſeine Häckchen hatte; er war im ſchwarzen Fracke wie Sie ſind, und man nennt ihn Herrn von Valſigny.“ „Jetzt weiß ich,“ rief der General,„ein reizen⸗ der junger Mann.“ „Nun gut, ihn will ich auffordern, mein zweiter Secundant zu ſein. Er iſt ein ſehr einflußreicher Mann bei den Wahlen und ich wäre ſehr zufrieden, wenn er einer ganzen Seite der Welt ſecundiren die nur durch die Fenſter meines Wagens ieht.“ „Sehr gut!“ ſagte der General, indem er dem Banquier folgte. Sie ſtiegen die drei Etagen hinauf und kamen vor der Thüre Salvator's an. Der junge Mann war ſo eben nach Hauſe ge⸗ kommen. Er trug noch die Weſte und die Bein⸗ kleider von Sammt. „Mein lieber Valſigny,“ ſagte Herr von Ma⸗ rande,„ich komme, Sie um einen Dienſt zu bitten.“ „Sprechen Sie,“ machte Salvator. „Sie haben mir ſo oft Ihre Freundſchaft für die meine angeboten. Nun gut, ich komme, Sie um einen Beweis dieſer Freundſchaft zu bitten.“ „Ich ſtehe zu Ihrem Befehle.“ „Ich ſchlage mich morgen: hier, der Herr Ge⸗ neral von Herbel hat ſich bereit erklärt, der eine meiner Zeugen zu ſein; wollen Sie mir die Ehre erweiſen, der andere zu ſein?“ „Gerne, mein Herr: und ich verlange nur zwei Dinge von Ihnen zu wiſſen: die Urſache des Duells und den Namen deſſen, der Sie beleidigt hat.“ „Herr Lorédan von Valgeneuſe hat mich ſo eben in der Kammer auf eine ſo impertinente Weiſe be⸗ leidigt, daß ich nicht umhin kann, ihn zur Rechen⸗ ſchaft zu ziehen.“ „Lorédan!“ rief Salvator. „Sie kennen ihn?“ fragte Herr von Marande. „Ja,“ antwortete Salvator, indem er traurig den Kopf ſchüttelte.„O, ja, ich kenne ihn.“ „Oder kennen Sie ihn ſo genau, um mir den Dienſt zu verſagen, mein Secundant zu ſein?“ „Hören Sie mich an,“ ſagte Salvator langſam und ernſt;„ich haſſe Herrn von Valgenenſe aus Gründen, die Sie einſt erfahren ſollen, und dies bald, wenn ich meinen Ahnungen trauen darf. Ich hätte ſogar eine perſönliche Beleidigung an ihm zu rächen; aber es erxiſtirt in der Welt ein Menſch, dem ich verſprochen, kein Haar auf ſeinem Haupte zu berühren; es ſcheint mir deßhalb, meine Herren, wenn ich die Rolle eines Secundanten ſpielte und bei dem Zuſammentreffen mit ihm unſerem Feinde ein Unglück begegnete, daß ich das Wort, das ich gegeben, nicht ſtreng halte.“ „Sie haben Recht, mein lieber Valſigny,“ ſagte Herr von Marande,„es bleibt mir nichts, als Sie zu Verzeihung zu bitten, daß ich Sie ab ——— —„— 137 „Wenn ich Ihnen nicht als Secundant dienen kann,“ ſagte Salvator,„kann ich Ihnen vielleicht als Chirurg nützlich ſein und wenn Sie ſich meiner bedienen wollen, ſo ſtehe ich zu Ihrer Dispoſition.“ „Ich wußte wohl, daß Sie mir einen Dienſt er⸗ weiſen würden,“ ſagte Herr von Marande, indem er Salvator die Hand bot. Und er verließ ihn mit dem General, der am andern Morgen den jungen Mann abzuholen ver⸗ ſprach, welcher als Chirurg, ohne ein Unrecht zu be⸗ gehen, dem Zweikampf anwohnen zu können glaubte. Von der Rue Macon begab man ſich nach der Rue du Luxembourg, wo der General Pajol wohnte, der ohne Zögern den Vorſchlag des Herrn von Ma⸗ rande annahm. Eine Viertelſtunde ſpäter traten die beiden Ge⸗ nerale in den Salon des Herrn von Valgeneuſe, den ſie auf einem Canape liegend und aus vollem Halſe über die Witze lachend fanden, die Camille von Rozan und ein anderer junger Laffe zum Be⸗ ſten gaben. „Mein Herr,“ ſagte der Graf Herbel,„der Ge⸗ neral Pajol und ich wünſchen einen Augenblick mit Ihnen privatim zu ſprechen.“ „Aber warum denn privatim, meine Herren?“ rief Lorédan;„Sie können im Gegentheil vor mei⸗ nen Freunden ſprechen; ich habe keine Geheimniſſe vor ihnen.“ „In dieſem Falle,“ verſetzte Graf Herbel trocken, „haben wir die Ehre, im Auftrag des Herrn von Marande Genugthuung für die Beleidigung, die Sie ihm angethan, von Ihnen zu fordern.“ „Sie ſind die Secundanten des Herrn von Ma⸗ rande?“ fragte Lorédan. „Ja, mein Herr,“ antworteten zu gleicher Zeit die beiden Generale. „Nun gut, meine Herren,“ ſagte Herr von Val⸗ geneuſe, indem er aufſtand und auf die beiden jun⸗ gen Männer deutete,„hier ſind die Meinigen. Wollen Sie ſich mit ihnen verſtändigen; ich gebe ihnen meine Vollmacht.“ Dann grüßte er ziemlich verächtlich die beiden Secundanten des Herrn von Marande und verließ das Zimmer, indem er zu Camille ſagte: „Ich werde ſerviren laſſen. Beeile Dich, die Sache in's Reine zu bringen, Camille; ich ſterbe vor Hunger.“ „Meine Herren,“ ſagte der General Herbel; „Sie kennen die Beleidigung, für die wir Genug⸗ thuung fordern?“ „Ja,“ ſagte Camille, indem er unmerklich lächelte. „Ich halte es deßhalb für unnütz,“ fuhr der General fort,„auf weitere Details einzugehen.“ „Allerdings, vollkommen unnütz,“ fuhr Camille mit demſelben Lächeln fort. „Haben Sie die Abſicht, die Beleidigung, die uns geworden, wieder gut zu machen?“ „Das hängt von der Art ab, wie wir ſie gut machen ſollen.“ „Ich verlange, wenn Sie dazu geneigt ſind, Entſchuldigungen.“ „O! unter dieſer Bedingung, nein,“ ſagte Ca⸗ mille;„jede Entſchuldigung im Gegentheil iſt uns ausdrücklich verboten.“ —— — 139 „Dann,“ antwortete der General,„bleibt uns nichts, als die verſchiedenen Bedingungen des Kam⸗ pfes feſtzuſetzen.“ „Sie ſind der beleidigte Theil,“ ſagte Camille; „machen Sie die Bedingungen.“ „Hören Sie, was wir die Ehre haben, Ihnen vorzuſchlagen; man wird ſich auf Piſtolen ſchlagen.“ „Auf Piſtolen: ſehr gut.“ „Die Gegner ſtehen vierzig Schritte auseinan⸗ der und können, wenn ſie wollen, fünfzehn Schritte machen.“ „So daß, wenn jeder ſeine fünfzehn Schritte macht, man ſich auf zehn Schritte ſchlägt.“ „Auf zehn Schritte, ja, mein Herr.“ „Das iſt eine hübſche Entfernung; zehn Schritte, gut.“ „Die Piſtolen werden bei Lepage genommen, damit ſie den Gegnern vollſtändig unbekannt ſind.“ „Wer wird ſie holen?“ „Jeder von uns holt ein Paar, oder wenn Sie lieber wollen, wird der Büchſenmachersgehülfe, der die Waffen ladet, zwei Paare mitbringen; man zieht nach dem Zufall dasjenige, deſſen man ſich bedienen will.“ „Alles geht gut. Jetzt, meine Herren, den Ort des Rendezvous.“ „Allee de la Muette, wenn es Ihnen recht iſt.“ „Allee de la Muette. Am Ende der Allee iſt ein kleiner freier Platz, wo nichts dem Auge als Führer dienen kann und der ausdrücklich für ein ſolches Rendezvous gemacht zu ſein ſcheint.“ „Alſo auf dem kleinen freien Platze.“ 140 „Ah, wir vergeſſen die Stunde.“ „Es wird vor ſieben Uhr nicht hell; ſetzen wir deßhalb das Rendezvous auf neun Uhr feſt.“ „Um neun Uhr; ganz recht, mein Herr. Man kann doch wenigſtens ein Bischen Toilette machen.“ „Es bleibt uns nichts mehr, meine Herren, als Ihnen unſere Glückwünſche darzubringen,“ ſagten die beiden Militärs. „Empfangen Sie die unſrigen,“ machten die bei⸗ den jungen Leute, indem ſie aufſtanden. Kaum waren dieſe weggegangen, als Herr von Valgeneuſe wieder in den Salon trat und ſagte: „Hah! Trödler, die ihr ſeid; ich glaubte, ihr kämet zu gar keinem Ende.“ „Höre unſer Uebereinkommen,“ ſagte Camille. „Unſer Uebereinkommen,“ machte Lorédan,„ich kenne es: wir ſind übereingekommen, um ſechs ein halb Uhr zu ſpeiſen und jetzt iſt es ſechs Uhr fünf⸗ unddreißig Minuten.“ „Aber ich ſpreche Dir ja von dem Duell.“ „Und ich von dem Diner. Ein Duell läßt ſich aufſchieben, ein Diner nie. Zu Tiſche denn!“ „Zu Tiſche!“ ſagten zu gleicher Zeit die beiden jungen Männer. Und alle drei eilten nach dem Speiſezimmer, wo Fräulein Suſanne von Valgeneuſe ſie erwartete. Das Diner war ein lautes Gelächter von drei Gängen; man verläſterte ganz Paris und beſonders den Banquier; man überbot ſich, Herrn von Ma⸗ rande lächerlich zu machen; man vernichtete ihn politiſch, finanziell, moraliſch und zum Ueberfluſſe auch noch phyſiſch. ———— — 141 Es war von dem Duell ſo wenig mehr die Rede, als von dem Kaiſer von China. Geſchah es aus Achtung vor der Anweſenheit einer Frau, aus Sorgloſigkeit oder in der ſtolzen Sicherheit des Reſultates? Wir wiſſen es nicht, oder wir glauben vielmehr, daß in dem Schweigen der dréi jungen Leute ein wenig von Allem lag. Man war beim Deſſert, als der Diener des Herrn von Valgeneuſe ſeinem Herrn auf einem ſil⸗ bernen Teller eine Karte präſentirte. Lorédan warf einen Blick auf die Karte. „Conrad!“ rief er. „Conrad!“ murmelte Fräulein von Valgeneuſe leiſe, indem ſie leicht erblaßte;„was will er?“ Lorédan wurde unwillkürlich blaß wie die Taſſe von Sevres, die er eben an den Mund ſetzte. Camille ſah dieſe doppelte Unruhe, die ſich des Bruders und der Schweſter zugleich bemächtigte. „Ich bedaure, Sie einen Augenblick verlaſſen zu müſſen,“ ſtotterte Herr von Valgeneuſe. Und ſich nach dem Diener umwendend, ſagte er: „Laſſen Sie ihn in mein Cabinet eintreten.“ Dann ſtand er auf und fügte hinzu „Ich komme ſogleich wiedes, meine Herren.“ Damit ging er nach der Thüre, die von dem Speiſezimmer in ſein Cabinet führte. Salvator erwartete ihn ſtehend. Es war wirflich unmöglich, eleganter gekleidet zu ſein, als Salvator, und einen ruhigeren und edleren Ausdruck zu haben, als dieſer junge Mann. Diesmal war es wirklich Conrad von Valſigny, wie er ſich hatte melden laſſen. 142 „Was wollen Sie von mir?“ fragte Lorédan mit einem Blicke voll Haß. „Ich wünſche einen Augenblick mit Ihnen zu ſprechen,“ antwortete Salvator. „Vergeſſen Sie, daß zwiſchen uns gar kein Ge⸗ ſprächsgegenſtund möglich iſt?“ „Der Haß, den wir gegen einander hegen. Nein, mein Vetter, ich vergeſſe ihn nicht und mein Beſuch iſt der Beweis davon.“ „Kommen Sie, daß wir dieſem Haſſe endlich ein Ende machen?“ „Keineswegs.“ „Was wollen Sie dann von mir?“ „Ich will es Ihnen ſagen, mein Vetter. Sie ſchlagen ſich morgen, nicht wahr?“ „Was geht das Sie an?“ „Das geht nicht nur mich, ſondern uns beide an, wie Sie ſehen werden. Sie ſchlagen ſich alſo morgen mit Herrn von Marande um neun Uhr im Bois de Boulogne auf Piſtolen. Sie ſehen, daß ich gut unterrichtet bin.“ „Ja; ich möchte jedoch wiſſen, aus welcher Quelle Sie Ihr Wiſſen ſchöpfen.“ Salvator zuckte mit den Achſeln. „Auf welche Weiſe ich Ihr Duell erfahren, iſt gleichgültig, genug, daß ich es weiß, und das wird der Gegenſtand unſeres Geſprächs ſein, wenn es Ihnen beliebt.“ „Sollten Sie zufällig kommen, um mir eine moraliſche Vorleſung zu halten?“ „Ich? Ol nein! ich nehme im Gegentheile an, daß Sie das ſelbſt und zur Genüge thun! Rein, — 143 ich komme ganz einfach, Ihnen einen Dienſt zu er⸗ weiſen.“ „Sie?“ „Das ſetzt Sie in Erſtaunen?“ „Wenn Sie gekommen ſind, um zu ſcherzen, ſo ſage ich Ihnen, daß Sie die Zeit ſchlecht gewählt.“ „Ich ſcherze nie mit meinen Feinden,“ ſagte Salvator ernſt. „So laſſen Sie uns zu Ende kommen; was wollen Sie von mir? Sprechen Sie!“ „Kennen Sie Herrn von Marande genau?“ „Ich kenne ihn genau genug, um ihm, ſo hoffe ich, morgen eine Lection zu geben, deren er ſich er⸗ innern wird, wenn er überhaupt die Zeit hat, ſich zu erinnern.“ „Nun,“ machte Salvator,„ich ſehe, daß Sie ihn nicht genau kennen. Herr von Marande hat bis jetzt bisweilen Lectionen gegeben, aber er hat keine empfangen.“ Lorsdan ſah ſeinen Vetter mitleidig an und zuckte nun ebenfalls mit den Schultern. „Ah! Sie zucken mit den Schultern!“ verſetzte Conrad;„ich erkläre mir, daß Sie Vertrauen zu ſich haben. Haben Sie einen Augenblick Vertrauen zu mir und hören Sie, was ich Ihnen ſage: Herr von Marande wird Sie tödten.“ „Herr von Marande!“ rief der junge Mann laut auflachend. „Ah! das amüſirt Sie. Freilich! ein Banquier ſollte einen Mann von Ihrer Geburt und Ihren Verdienſten tödten! das wäre hübſch; ein Piſtol ge⸗ gen einen Sack Thaler! Nun gut! eben darin ſollen 144 Sie die Größe des Dienſtes erkennen, den ich Ih⸗ nen leiſte. Herr von Marande hat ſich, ſo viel ich weiß, bereits viermal geſchlagen und jedesmal ſei⸗ nen Begner getödtet; unter Anderen in Livorno Herrn von Bedmar, der, ſo viel ich mich erinnern kann, Ihr Freund war.“ „Herr von Bedmar ſtarb an Apoplerie, ant⸗ wortete Lorédan etwas unruhig. „Herr von Bedmar ſtarb an en Piſtolen⸗ ſchuß. Mein Vetter, wiſſen Sie eines: jedes Mal, ſo oft eine Familie aus irgend einem Grunde die Todesart eines ihrer Glieder verheimlichen will, ruft ſie die Apoplexie zu Hülfe, das iſt eine ein⸗ fache Geſchichte. Nun, ſo wiſſen Sie denn, morgen zwiſchen neun und neun ein Viertel ſterben Sie, wie Herrn von Bedmar an einer Apoplexie, und ich füge hinzu, wenn Ihnen das angenehm ſein kann, daß ich in alle Journale die Todesart ſetzen laſſen werde, die Sie gewählt haben.“ „Nun genug des Scherzes,“ ſagte Herr von Valgeneuſe immer aufgeregter werdend,„ich bitte Sie, es dabei bewenden zu laſſen, wenn Sie nicht wollen, daß das Geſpräch eine andere Wendung nehmen ſoll.“ „Welche Wendung wollen Sie, daß es nimmt? Sie bilden ſich vielleicht ein, mein Vetter, daß Sie die Größe haben, um mich aus dem Fenſter zu werfen? Wenn das der Fall ſein ſollte, ſo ſehen Sie mich an.“ Mit dieſen Worten breitete Salvator beide urnn aus, deren Muskeln ſich auf dem Tuche ſeines Frackes abhoben. n d ſ f C X 2 1 — 8 8 t⸗ 145 Lorsdan trat mechaniſch einen Schritt zurück. „Kommen wir zum Schluß,“ ſagte er;„was wollen Sie?“ „Ich komme, Sie zu fragen, was Ihr letzter Wille iſt, und Ihnen zu verſprechen, ihn pünktlich zum Vollzug zu bringen.“ „Gewiß,“ ſagte Lorédan,„haben Sie mit einem von Ihren Freunden gewettet, mich auf ſolche Art zu myſtificiren.“ „Ich wette nie, mein Herr, und myſtificire Nie⸗ manden. Ich ſage Ihnen, daß Sie erſchoſſen wer⸗ den, weil der Mann, mit welchem Sie ſich morgen ſchlagen, abgeſehen davon, daß er bereits Proben abgelegt, von Grund aus tapfer iſt; während Sie, — ſehen Sie in jenen Spiegel— während Sie feige ſind und Ihr Geſicht in Schweiß gebadet iſt. Ich möchte übrigens hinzufügen, daß, wenn Sie morgen nicht ganz todt ſind, ein Menſch in der Welt exiſtirt, welcher vollendet, was Herr von Ma⸗ rande begonnen.“ „Sie, ohne Zweifel?“ verſetzte Lorédan, ſeinem Vetter einen Blick voll Haß zuwerfend. § n antwortete Salvator, ich bin erſt „Von wem ſprechen Sie dann?“ „Von dem Bäter des jungen Mädchens, das Sie erihrt haben, und das ſich aus Ihren Hän⸗ den rettete, von dem Vater Mina's; hören Sie mich deßhalb ſo ernſt an, als ich ernſt zu Ihnen ſpreche,“ ſagte Conrad;„ich habe bereits zu viel Zeit hier verloren. Ihr Tod iſt gewiß; denn wenn Dumas, Salvator. VII. 10 146 Sie nicht unter den Schüſſen des Einen fallen, ſo fallen Sie unter denen des Andernz im Namen Ihres Vaters, der der Reinſte unter den Reinen war, im Namen Ihrer Mutter, die der Schmerz in's Grab gebracht, im Namen Ihrer Ahnen, jener tugendhaften Edelleute, deren Wappen keinen Flecken kennt, im Namen der menſchlichen Achtung, wenn Sie noch eine Tugend kennen, im Namen des ge⸗ rechten Gottes, wenn Sie noch einen Glauben ha⸗ ben, beſchwöre ich Sie, mir zu ſagen, welche Hand⸗ lungen ich wieder gut zu machen habe.“ „Mein Herr, das iſt zu viel der Tollheit oder Impertinenz!“ rief Lorédan;„ich befehle Ihnen, mich zu verlaſſen.“ „Und ich beſchwöre Sie zum zweiten Male, nicht einen Act zu verſäumen, der tauſend Jahre der Tugend beflecken kann.“ „Genug des Scherzes, mein Herr, gehen Sie!“ ſagte Herr von Valgeneuſe gebieteriſch. Aber Conrad blieb ruhig und unbeweglich auf ſeinem Platze. Zum dritten Male,“ verſetzte er,„beſchwöre ich Sie, zu ſagen, was Sie ſchlecht gemacht, damit ich es, dieſes Schlechte, in Gutes umwandle.“ „Gehen Sie, gehen Sie!“ rief Lorédan, indem er nach der Klingelſchnur ſprang und ſie heftig anzog. „Golt ſei Ihnen in der Sterbeſtunde gnädig!“ ſagte Conrad ernſt. Damit verließ er das Zimmer. —, 147 CVIII. Der König wartet. Das Rendezvous war, wie wir ſagten, das Bois de Boulogne. Leider! verſchwindet alles. Wieder eine unſerer Jugenderinnerungen verſchwunden! wieder ein be⸗ wohnter Wald ſtatt eines einſamen Waldes! Und wenn unſere Enkel dieſen engliſchen Park, der ge⸗ bahnt, gefirnißt, glatt und glänzend iſt, wie ein von einem Bourgois beſtelltes Bild auf der Aus⸗ ſtellung, wenn ſie dieſen Park ſehen, werden ſie den alten Beſchreibungen nicht mehr glauben wollen, welche wir von den Reſten dieſes alten Waldes von Louvois gemacht, den der königliche Plünderer, wel⸗ chen man Franz I. nannte, mit Mauern umgeben ließ, um das Vergnügen der Jagd bequemer genießen zu können. Sie werden eben ſo wenig begreifen können, daß es eine Zeit gab, wo man ſich hier, weil man gewiß ſein konnte, Niemanden zu begegnen, Rendez⸗ vous gab, um ſich zu duelliren, und das ſo ſelbſt⸗ verſtändlich, daß die Secundanten deſſen, der die Bedingungen ſeines Gegners fordern ließ, diejeni⸗ gen für verrückt gehalten, welche ein anderes Ren⸗ dezvous beſtimmt, als die Porte Maillot oder die Allee de la Muette. Es lag ein Fluch auf andern Orten— auf Clignaneourt oder Saint Mandé— die Duelle wa⸗ ren dort beinahe immer unglücklich. 02 148 Dagegen war's, als ob die Nymphen des Bois de Boulogne, gewöhnt an das Piſtolenladen und Degenziehen, die Kugeln fortbließen, die Degen aus der Richtung brächten. An der Porte Maillot war ein Reſtaurant, der ſein Glück mit lauter nicht zu Stande gekommenen oder glücklich verlaufenen Duellen gemacht. Sagen wir es ſogleich, daß nicht der Gedanke der Erhaltung die Secundanten des Herrn von Ma⸗ rande und des Herrn Lorédan von Valgeneuſe das Bois de Boulogne hatte wählen laſſen. Auf beiden Seiten hatte man das Gefühl, daß man einem jener Duelle anwohnen werde, wo die Erde Blut trinkt. Am Morgen des für das Duell beſtimmten Ta⸗ ges machte das Gehölz den maleriſchſten Eindruck. Es war im Monat Januar, das heißt mitten im Winter, und das Gehölz war in vollkommener Harmonie mit der Jahreszeit. Der Himmel hing ſchneeweiß herab; die At⸗ mosphäre war trocken und klar, der Boden funkelte von einem Reif, der die Funken zurück ſtrahlte, welche die Sonne ihm von dem Wipfel der Bäume bis zum Stamme hinabträufelte; die Bäume ließen mit anmuthiger Nachläſſigkeit die langen wie Sta⸗ lactiten ſtrahlenden Zweige hinabhängen, was dem Gehölz das Ausſehen einer ungeheuren aus einer Salzgrotte gebildeten Decoration gab.. Der Erſte auf dem Platze war Salvator, der ſeinen Wagen in der Seitenallee halten ließ und ſich dann in das Gehölz vertiefte, um den bezeich⸗ neten Ort zu ſuchen. Er war ſeit einigen Minuten —— S N r d 149 an der richtigen Stelle, als er plötzlich ein Geräuſch von Schritten und Stimmen vernahm. Er wandte ſich um und ſah Herrn von Marande mit dem General Pajol und dem Grafen Herbel herankommen. Ihnen folgte ein Diener in der Livree des Herrn von Morande, der ein Portefeuille unter dem Arme trug. Der Banquier hielt ein Paquet Briefe in der Hand, welche offenbar in dem Augenblicke ſeiner Wegfahrt angekommen waren; er las ſie im Gehen, indem er diejenigen zerriß, die ihm ohne Werth ſchie⸗ nen und die Andern ſeinem Diener gab, nachdem er ſeine Bemerkungen mit dem Blei auf dem Deckel ſeines Hutes darauf geſchrieben. Als er Salvator ſah, ging er auf ihn zu, drückte ihm herzlich die Hand und ſagte: „Sind die Herren noch nicht gekommen?“ „Nein,“ antwortete Salvator,„Sie ſind zehn Minuten zu früh da.“ „Um ſo beſſer!“ ſagte der Banquier,„ich be⸗ fürchtete ſo ſehr, zu ſpät zu kommen, daß ich, trotz aller Eile, die ich meinen Sekretären anbefahl, ſechs bis ſieben Ordonnanzen im Hötel zurückließ, zi man mir, ſobald ſie copirt ſind, hierher bringen oll.“ Er ſah auf ſeine Uhr. „Wenn dieſe Herren erſt um neun Uhr kommen, ſo werde ich, da mein Cabinetschef mir verſprochen, daß die Ordonnanzen um neun Uhr hier ſein wer⸗ den, Zeit haben, während Sie die Diſtanzen meſ⸗ ſen und die Waffen laden, zu unterzeichnen. Sie leſe?“ entſchuldigen mich indeſſen, wenn ich meine Briefe „Hätten Sie die Ordonnanzen nicht auf ſpäter verſchieben können?“ fragte der General Herbel. „Unmöglich! der König erwartet ſie dieſen Mor⸗ gen; und Sie wiſſen, daß der König nicht die ein⸗ gefleiſchte Geduld iſt.“ „Nun, ſo beſorgen Sie die Sachen,“ antworte⸗ ten die beiden Generale. „Apropos, Herr Salvator,“ ſagte Herr von Ma⸗ „wo glauben Sie, daß man ſich ſchlagen wird?“ „Hier,“ ſagte Salvator. „Ich möchte mich ſogleich auf meinen Poſten ſtellen,“ ſagte Herr von Marande,„um mich nicht derangiren zu müſſen.“ „Sie können ſich hierher ſtellen,“ ſagte Salva⸗ tor;„nur iſt das der ſchlechte Platz; die Bäume, die Sie hinter ſich haben, können als Zielpunkt dienen.“ „Ach, das iſt mir ganz gleichgültig,“ ſagte Herr von Marande, indem er an den von Salvator be⸗ zeichneten Platz trat, und fortfuhr, ſeine Briefe zu leſen und zu zerreißen, oder Notizen darauf zu machen. Die beiden Generale hatten den militäriſchen Muth gründlich kennen lernen, ſo wie Salvator den bürgerlichen Muth, und doch ſahen ſie mit ſtummer Bewunderung die Kaltblütigkeit dieſes Mannes, der in dem Augenblicke, wo es galt, einen ſo feierlichen Act zu vollziehen, wie der, um ſein Leben zu ſpie⸗ len, ruhig ſeine Morgencorreſpondenz las. 151 Sein Geſicht, das man ganz gut ſehen konnte, weil er den Hut abgenommen, der ihm als Pult diente, war nicht belebter, als wenn er eine Addi⸗ tion machte; ſeine Hand lief ohne Aufregung über 3 das Papier, als wenn er in ſeinem Fauteuil, vor ⸗ ſeinem Schreibtiſch neben ſeiner Kaſſe ſäße. Und ſeine Seelenruhe ſtammte offenbar daher, . daß er nicht an ſeinen Tod glaubte. Dieſer Glaube 5 an die Vorbeſtimmung des Schickſals, welchen die Vorſehung den Ehrgeizigen und den Narren gibt, und die ſie blind und ohne von ihrem Wege abzu⸗ weichen, ohne über die Steine zu ſtraucheln, gerade auf ihr Ziel zugehen läßt, iſt wirklich eine unendlich große Macht. Wir haben Alle annähernd das Be⸗ wußtſein der Aufgabe, die wir hier auf Erden er⸗ füllen ſollen, und der, welcher es ganz hat, 3 kann lächelnd dem Tode in's Auge ſehen; denn der 3 Tod wird ſicher an ihm vorübergehen, wenn er jene t Aufgabe noch nicht erfüllt hat. Das iſt's, was die Ruhe der großen Eroberer 3 gegenüber der Gefahr erklärt. 5 Punkt neun Uhr kamen die drei jungen Leute 3 auf dem für das Duell beſtimmten Platze an, Herr von Vaolgeneuſe mit gleichgültigem Ausdruck, die beiden Secundanten mit ernſterer Miene, als man von ſo leichtfertigen Menſchen hätte glauben können. 4 Zu gleicher Zeit erſchien am Ende der Allee ein 6 Courrier, der in geſprengtem Galoppe ritt. 6 Er brachte die Ordonnanzen, welche Herr von Marande erwartete. Die jungen Leute warfen einen Blick auf den 6 Reiter; als ſie jedoch ſahen, daß dieſer es mit 152 dem Banquier zu thun habe, achteten ſie nicht wei⸗ ter auf ihn. „Da ſind wir,“ ſagte der Creole, indem er auf die beiden Generale zuging;„wir bedauern, Sie haben warten zu laſſen.“ „Sie haben kein Bedauern auszudrücken, meine Herren, Sie ſind keineswegs im Verzuge,“ antwor⸗ tete ziemlich trocken der General Herbel, im Ge⸗ an die Impertinenzen des vorhergehenden ages. „In dieſem Falle ſtehen wir zu Ihrem Befehl,“ ſagte der zweite Secundant des Herrn von Val⸗ geneuſe. Der Letztere trat tiefer in das Gebüſch, um den Secundanten Zeit zur Verſtändigung zu laſſen, als er Salvator gewahrte. Er ſchauerte unwillkürlich, indem er den kleinen Spazierſtock mit dem Lapislazuliknopf, den er in der Hand hielt, ſieberhaft durch die Luft pfeifen ließ. „Ah! ah! Sie hier!“ ſagte er mit einem ver⸗ ächtlichen Blicke auf Salvator. „Ich ſelbſt,“ antwortete dieſer ernſt. „Meine Herren,“ ſagte Lorédan, indem er ſich nach ſeinen Secundanten umwandte,„ich weiß nicht, ob man uns beleidigen wollte, indem man dieſen Commiſſionär hierhergebracht; aber, wenn er nicht etwa gekommen, um den Verwundeten auf ſeinen fortzutragen, ſo weiſe ich ihn als Secundan⸗ ten ab.“ n „Ich bin nicht als Secundant gekommen, mein Herr,“ ſagte Salvator kalt. 30. y. c. ———— 153 „Als Liebhaber alſo?“ „Nein, als Chirurg, und ſtehe ganz zu Ihren Dienſten.“ Herr von Valgeneuſe wandte ſich mit verächtli⸗ cher Miene weg und entfernte ſich, indem er mit den Achſeln zuckte. Die vier Zeugen ſtellten einige Schritte von Herrn von Marande die Piſtolencapſeln, die ſie in der Hand hielten, nieder. Herr von Marande, der ſich an dem Orte be⸗ fand, wo er dem Feuer die Stirne bieten ſollte, hatte ein Knie auf dem Boden und unterzeichnete mit ſeiner Feder, die er in das Tintenzeug tauchte, das ihm der Courrier hielt, die Ordonnanzen, nach⸗ dem er ſie haſtig geleſen. Wenn man dieſe beiden Männer in dieſem ent⸗ ſcheidenden Augenblicke betrachtete, wie der Eine kaltblütig ſeine täglichen Geſchäfte beſorgte, während der Andere fieberhaft aufgeregt, ſeine Unruhe zu verbergen ſuchte, wäre es nicht ſchwer geweſen, zu entſcheiden, welcher von den beiden Männern der „Muthige und Starke ſei. Salvator ſah ſie beide prüfend an, indem er über die wichtige Frage philoſophirte, welches der lächerliche Theil, die Weilt, die das Duell befiehlt, oder der Mann, der ſich dieſem Befehl unterwirft. „Die irrende Kugel dieſes Laffen kann dem Le⸗ ben dieſes Tapfern ein Ende machen,“ ſagte er bei ſich.„Da ſteht ein Mann, der in ſeiner Sphäre Großes geleiſtet, der die ſchwierigen finanziellen Fragen gelöst, ein Mann, der ſeinem Vaterlande nützlich war und der es noch lange ſein kann; dort 154 dagegen ein leerer Kopf, ein ſchlechtes Herz, ein für Seinesgleichen nicht nur unnützes Weſen, ſondern ſogar ein Menſch, deſſen Handlungen verderblich, deſſen Beiſpiel gefährlich. Kurz, ein ſchändlicher Menſch; das iſt wirklich hier der Fall, und im näch⸗ ſten Moment vielleicht tödtet die Dummheit die In⸗ telligenz, die Schwäche die Stärke; Ariman trägt den Sieg über Oruzo davon.. Und wir ſind im neunzehnten Jahrhundert und glauben noch an das Gottesurtheil.“ In dieſem Augenblicke näherte ſich General Her⸗ bel Herrn von Marande. „Mein Herr,“ ſagte er zum Banquier,„haben Sie die Güte ſich vorzubereiten.“ „Ich bin bereit,“ ſagte Herr von Marande. Und damit las er weiter und unterzeichnete Ordon⸗ nanzen. „Sie verſtehen mich falſch,“ verſetzte der Gene⸗ ral lächelnd,„ich ſagte Ihnen, Sie möchten auf⸗ ſtehen.“ „Will Herr von Valgeneuſe ſchießen?“ „Nein; aber damit wieder die Circulation des Blules eintrete und ins Gleichgewicht komme, die durch ihre Stellung geſtört iſt.. „Ah! bah!“ ſagte Herr von Marande kopf⸗ ſchüttelnd. „Fragen Sie unſern Chirurgen,“ ſagte der Ge⸗ neral, indem er Salvator anſah. „Es wäre allerdings beſſer,“ antwortete dieſer, indem er näher zu dem Banquier heran trat. „Glauben Sie denn, daß mein Blut aufgeregt ſei?“ verſetzte Herr von Marande.„Auf Ehre, c n, —— c ——— ir n h, er h⸗ n⸗ die 155 wenn ich Zeit hätte, würde ich Sie meinen Puls fühlen laſſen und Sie würden ſehen, daß ich in der Minute nicht zwei Pulsſchläge mehr habe.“ Er zeigte, was er noch von Ordonnanzen aus⸗ zufertigen habe. „Unglücklicher Weiſe,“ fügte er hinzu,„müſſen dieſe Papiere in fünf Minuten geleſen und unter⸗ zeichnet ſein.“ „Das iſt unſinnig, was Sie da thun!“ ſagte der General;„die Bewegung, die Sie Ihrer Hand geben, wird Ihre Hand außer Stand ſetzen, richtig zu zielen.“ „Bah!“ antwortete Herr von Marande gleich⸗ gültig, indem er die Papiere unterzeichnete;„ich glaube nicht, daß er mich todtſchießt; General, Sie eben ſo wenig, nicht wahr? Laſſen Sie deßhalb die Piſtolen laden. Haben Sie Acht, daß man die Kugeln nicht vergißt, und meſſen Sie die vierzig Schritte genau ab.“ Der General Herbel ließ den Kopf ſinken, ohne zu antworten und trat dann wieder zu den Secun⸗ danten. Salvator ſah den Banquier mit dem Ausdruck der größten Bewunderung an. Es war ausgemacht, ſich auf vierzig Schritte zu ſchießen und jeder ſollte fünfzehn Schritte auf ſei⸗ nen Gegner zugehen dürfen. Nachdem die Piſtolen viſitirt und geladen wa⸗ ren, maß man die Schritte ab. Herr von Valgeneuſe ſtand auf dem Wege, als General Pajol die Schritte zählte. 156 „Bitte, mein Herr,“ ſagte er zu Lorédan,„ha⸗ ben Sie die Güte mich vorüber zu laſſen.“ „Thun Sie das, mein Herr,“ ſagte Lorsdan, auf den Abſätzen pirouettirend, indem er mit ſeiner Reitpeitſche die Köpfe der hohen Gräſer abſchlug, wie Tarquinius. „Bube!“ murmelte der General. S ſetzte ſeinen Weg fort, indem er die Schritte zählte. Nachdem dies geſchehen, wiederholte man Herrn von Valgeneuſe die Uebereinkunftspunkte, indem man ihm ſein Piſtol übergab. Beim dritten Handſchlag konnten die Gegner auf einander zugehen, oder von ihrem Platze aus ſchie⸗ ßen, wie es ihnen beliebte. „Sehr gut, meine Herren,“ ſagte Herr von Valgeneuſe, indem er ſeine Reitpeitſche wegwarf. „Ich bin bereit.“ „Wenn Sie wollen, mein Herr,“ ſagte Graf Herbel zu Herrn von Marande, indem er ihm das Piſtol anbot. „Nun, ſobald Herr von Valgeneuſe will,“ ſagte dieſer, indem er das Piſtol nahm, unter den linken Arm ſteckte und zu unterzeichnen fortfuhr. „Hier ſteht er bereits.“ „Haben wir nicht das Recht, Herr Lorsdan und ich, jeder fünfzehn Schritte auf den Andern zuzu⸗ gehen und nach Belieben zu ſchießen?“ „Ja,“ antwortete der General. „Nun gut, er ſoll gehen und ſchießen; ich werde nachher ſchießen. Sie ſehen, ich habe nur noch zwei Ordonnanzen zu unterzeichnen.“ — c S S —— 157 a⸗„Wollen Sie ſich denn wie ein Haſe im Lager ſchießen laſſen?“ ſagte der General. n,„Er!“ antwortete Herr von Marande, indem er er zum Grafen zwei Augen erhob, aus denen die Ge⸗ g, wißheit des Erfolges leuchtete;„er,“ wiederholte er, „ich wette hundert Louisdors, daß die Kugel mich nicht mal ſtreifen wird. Doch, wenn Sie wollen, tte General.“. „Es iſt alſo entſchieden?“ 3 rn„Der König wartet,“ ſagte Herr von Marande, an indem er ſeine vorletzte Ordonnanz unterzeichnete 7 und ſeine letzte zu leſen begann. uf„Er wird nicht davon ablaſſen,“ murmelte Sal⸗ ie⸗ vator. „Er iſt ein Mann des Todes,“ ſagte der Gene⸗ on ral Pajol. rf.„Wir wollen ſehen,“ verſetzte Graf Herbel, den die Zuverſicht des Banquiers ebenfalls zuverſichtlich raf zu machen begann. s Und ſie traten von Herrn von Marande weg, der auf ſeine Knie geſtützt blieb, während der Die⸗ gte ner mit der Tinte neben ihm ſtand. ken„Ei, ei!“ ſagte Herr von Valgeneuſe,„hat un⸗ ſer Gegner etwa die Abſicht, ſich in der Lage der knieenden Venus zu ſchlagen?“ ind„Stehen Sie auf, wenns gefällig, mein Herr,“ zu⸗ die beiden Secundanten Lorédans zu gleicher Zeit. „Wenn Sie es durchaus wollen, meine Her⸗ rde ren.. ſagte der Banquier. wei Und er ſtand auf. „Gib mir eine eingetauchte Feder, Comtoi, und 158 ſtelle Dich auf die Seite,“ ſagte Herr von Marande zu ſeinem Diener. Dann wandte er ſich zu Herrn von Valgeneuſe in. „Ich ſtehe, mein Herr, und bin ganz zu Ihrem Befehle,“ ſagte er und las die Ordonnanz weiter. „Das iſt eine Myſtification,“ rief Herr von Val⸗ geneuſe, indem er Miene machte, das Piſtol auf die Seite zu werfen. „Keineswegs, mein Herr,“ antwortete der Ge⸗ neral Herbel;„wir wollen däs Zeichen geben; ge⸗ hen Sie und ſchießen Sie.“ „Aber das geht nicht,“ ſagte Lorédan. „Sie ſehen doch, daß es geht,“ ſagte der zweite Zeuge des Herrn von Marande, indem er auf die⸗ ſen deutete, der ſein Piſtol unter dem Arme und die Feder zwiſchen den Lippen, ruhig die Ordon⸗ nanz weiter las, ehe er unterzeichnete. „Ich ſage Ihnen, daß mich dieſe ganze Comödie nicht im Mindeſten kümmert, und daß ich den Herrn wie einen Hund zuſammenſchießen werde,“ ſagte Herr von Valgeneuſe zähneknirſchend. 6 3 glaube nicht, mein Herr,“ antwortete der raf. Lorédan ließ die Augen vor dem unheimlichen Blick des Grafen ſinken. „Nun, mein Herr,“ ſagte Herr von Marande, ohne den Kopf zu erheben,„wenn's gefällig!“ „Geben Sie das Zeichen!“ machte Lorédan. Die Secundanten ſahen ſich an, um zu gleicher Zeit zu handeln. 8 Man mußte dreimal in die Hand ſchlagen. ite ie⸗ nd n⸗ die rn err der en de, her 159 Beim erſten Schlag ſollten die Gegner den Hah⸗ nen ſpannen; beim zweiten zielen; beim dritten auf einander zugehen. Beim erſten Schlag ſteckte wirklich Herr von Marande die rechte Hand unter den linken Arm und ſpannte den Hahnen. Aber beim zweiten und dritten Schlag machte er keine andere Bewegung, als daß er die Feder in den Mund nahm und unterzeichnete. „Hum! hum!“ huſtete der Eeneral von Pajol, um Herrn von Marande bemerklich zu machen, daß der Augenblick gekommen ſei und ſein Gegner auf ihn zugehe. In dieſem Momente hatte Herr von Marande ſeine letzte Ordonnanz zu Ende geleſen und unter⸗ zeichnet. Er ließ ſie aus der linken Hand fallen, während er mit der Rechten die Feder wegwarf. Er erhob den Kopf und warf mit dieſer Bewe⸗ gung ſeine Haare zurück, welche ſich dadurch auf ſeiner Stirne ſo legten, wie ſie gewöhnlich lagen. Sein Geſicht war tuhig, ja beinahe heiter. „Halten Sie die hundert Louisdors, General?“ fragte er lächelnd und ohne ſich umzuwenden. „Ja,“ ſagte der Graf,„und könnte ich ſie doch verlieren!“ In dieſem Augenblicke hatte Lorédan ſein Ziel erreicht und gab Feuer. „Sie haben verloren, General,“ ſagte Herr von Marande. Und ſein Piſtol unter dem Arm hervornehmend, ſchoß er, ohne zu zielen zu ſcheinen. 160 Herr von Valgeneuſe drehte ſich im Kreiſe und fiel mit dem Geſichte auf die Erde. „Nun,“ ſagte der Banquier, die Piſtole weg⸗ werfend und ſeine Ordonnanz wieder aufnehmend, „ich habe meinen Tag nicht ganz verloren. Um neun ein Viertel habe ich ſchon hundert Louisdors gewonnen und die Erde von einem Schufte befreit.“ Während bieſer Zeit war Salvator, gefolgt von den en jungen Leuten, dem Verwundeten zu Hülfe geeilt. Herr von Volgeneuſe wälzte ſich mit geballter Fauſt, leichenblaſſem Geſichte und ſchäumendem Munde auf dem Graſe, während ſeine halberloſche⸗ nen Blicke in der Irre ſchweiften. Salvator öffnete den Frack, die Weſte, zerriß Hemb des Verwundeten und legte die Wunde bloß. Die Kugel war unter der rechten Bruſtwarze eingedrungen und hatte, die Bruſt durchbohrend, wahrſcheinlich das Herz geſucht. Nachdem er die Wunde aufmerkſam betrachtet, ſtund Salvator auf, ohne ein Wort zu ſprechen. „Iſt Gefahr vorhanden?“ fragte Camille de Rozan. „Mehr als Gefahr, der Tod,“ ſagte Salvator. „Wie! keine Hoffnung?“ fragte der zweite Se⸗ cundant. Salvator warf noch einen Blick auf den Ver⸗ wundeten und ſchüttelte verneinend den Kopf. „Sie verſichern alſo,“ fragte Camille,„deß un⸗ ſer Freund ſeine Wunde nicht überleben wird?“ — 161 d„So wenig, mein Herr,“ ſagte Salvator ſtreng, „als Colombau ſeinen Schmerz überlebt hat.“ ⸗ Camille zitterte und trat einen Schritt zurück. Salvator grüßte und trat zu den beiden Gene⸗ n ralen, die ihn um den Zuſtand des Verwundeten 5 befragten. 6„Er hat keine zehn Minuten mehr zu leben,“ E antwortete Salvator. fe„Sie können nichts für ihn thun?“ fragten die beiden Secundanten. er„Durchaus nichts.“ m„Dann ſei Gott ihm gnädig!“ ſagte Herr von 5 Marande.„Wir wollen gehen, der König wartet.“ de CIX. i Paſtoralſymphonie. 1 Die Stadt Amſterdam, die wohl einmal der t, große Centralhafen der Welt werden könnte, wenn man dort eine andere Sprache ſpräche, als die hol⸗ de ländiſche, iſt ein rieſenhaftes Venedig. Tauſend Canäle beſpülen den Fuß ſeiner Häuſer, wie lange r. Moirebänder; tauſend glänzende Farben funkeln e auf den Firſten ihrer Dächer. Ein roth, grün oder gelb bemaltes Haus iſt, er⸗ allein geſehen, ein pretenziöſes, häßliches Haus; aber all' dieſe Farben verbunden, harmoniren köſt⸗ n⸗ lich unter einander und machen aus dieſer großen Stadt einen ungeheuren Steinregenbogen. Dumas, Sglvatyr. VII. 162 Aber nicht nur die Farbe, auch die Form all' dieſer Häuſer iſt angenehm, denn ſie bietet ſo un⸗ endlich viel Verſchiedenheit, Hriginalität, ſo viel Un⸗ erwartetes, Maleriſches. Mit einem Worte, man möchte ſagen, alle Schüler der großen hölländiſchen WMalerſchule haben ſelbſt ihre Stadt zunächſt zur Freude ihrer Augen und dann zu noch größerem Ergötzen der Fremden bemalt. Wenn Amſterdam einerſeits durch ſeine Tauſende von Canälen Venedig gleicht, ſo gleicht es anderer⸗ ſeits durch ſeine bunten Farben einer chineſiſchen Stadt, wie man ſie ſich wenigſtens vorſtellt, das heißt großen Porzellanmagazinen. Jedes Haus gleicht aus einiger Entfernung wirklich jenen phan⸗ taſtiſchen Häuſern, die ihre naive Architectur auf der zweiten Fläche unſerer Theekannen zur Schau ſtellen. Man geht nur ſchüchtern über die Schwelle, ſo ſehr ſetzt uns die ſcheinbare Zerbrechlichkeit auf den erſten Anblick in Verlegenheit. Und wenn das Kleid auch nicht den Mönch macht, ſo macht die Wohnung doch den Bewohner. Es iſt unmöglich, nicht ruhig, ſtille, ehrbar in dieſen ehrbaren Häuſern zu ſein. Durch die ganze Stadt weht den Fremden eine beſchauliche Behaglichkeit an, welche ihn wünſchen läßt, hier zu leben und zu ſterben. Wenn ein Solcher, als er Neapel ſah, ausrief; „Neapel ſehen und ſterben,“ zuerſt Amſterdam ge⸗ ſehen, hätte er ſicherlich geſagt:„Amſterdam ſehen und leben!“ Das war wenigſtens die Anſicht der beiden Lie⸗ venden, welche wir Juſtin und Mina genannt und die L— r⸗ en as us n⸗ uf au lle, auf cht, iſt ren den lche en. ief; ge⸗ hen Lie⸗ die 163 in Holland lebten, wie zwei Tauben in einem eſte. Sie hatten ſich Anfangs in einer der Vorſtädte eingemiethet; aber der Hauseigenthümer konnte ih⸗ nen nur eine Wohnung vermiethen, deren Zimmer alle in einander gingen, und dieſes Wohnen Thür an Thür war nicht, was in Salvator's Sinn lag, dem Juſtin ſich doch in allen Wünſchen unterordnen wollte.. Sie bewohnten proviſoriſch dieſe Zimmer und der Schulmeiſter ſuchte ein Penſionat für Mina, aber vergeblich. Die franzöſiſchen Lehrerinnen waren ſelten, und was ſie lehrten, hätte die Braut Juſtins eben ſo gut ſelbſt lehren können. Das war die Anſicht von Frau van Slyper, der Vorſteherin des größten Penſionats von Amſterdam. Frau van Slyper war eine ausgezeichnete Dame. Tochter eines Kaufmanns von Bordeaur, hatte ſie einen reichen holländiſchen Rheder, Namens van Slyper geheirathet, von dem ſie vier Töchter bekam. Bei dem Tode des Herrn van Slyper hatte ſie aus Frankreich ein ziemlich unterrichtetes Mädchen kom⸗ men laſſen, um ihre Kinder die erſten Elemente der franzöſiſchen Sprache zu lehren. Nachbarn hatten Frau van Slyper gebeten, ihnen ihre Erzieherin für ihre Kinder zu borgen; nach und nach war jedoch die Zahl der Nachbarin⸗ nen ſo groß geworden, daß die vier jungen van Slyper ihre Erzieherin nur noch ſelten ſahen. Eines Abends verſammelte Frau van Slyper ihre Nachbarinnen und theilte ihnen daß ſie 1 164 vom künftigen Monate an ihrer Gouvernante nicht mehr geſtatten könne, den Kindern Anderer, zum Nachtheil ihrer eigenen, Unterricht zu geben, da die Erziehung der letzteren dadurch ſichtlich zu leiden beginne. „Ah!“ ſagte eine der Damen, welche fünf Töch⸗ ter hatte(kein Weltbürger verſteht zu bevölkern wie ein Holländer),„ah!“ ſagte die Nachbarin mit den fünf Kindern,„wäre es nicht möglich, die Sache zu Ihrer und unſerer Zufriedenheit zu arrangiren?“ „Ich ſehe kein Mittel,“ antwortete Frau van Slyper. „Wenn wir, ſtatt daß Sie Ihre Erzieherin zu uns ſchicken,“ meinte die Nachbarin,„unſere Kin⸗ der zu Ihnen ſchickten.“ 3„Ja, das iſt ganz gut!“ riefen alle Nach⸗ c„ 6,— barinnen. „Glauben Sie?“ fragte Frau van Slyper.„Iſt 3 mein Haus groß genug, um dreißig Kindern ein Aſyl zu bieten, abgeſehen davon, daß es dadurch zu 3 einem wahren Penſionate würde?“ „Nun, was liegt darin Schlimmes? Iſt die Stellung einer Penſionsvorſteherin nicht eine der ſ ſchönſten, der reſpectabelſten?“ 3„Ich gebe das zu; aber mein Haus wird nie groß genug dazu ſein.“ „Sie miethen ein Anderes.“ „Wie Sie das mir ſo geſchickt ausdenken!“ „Weil mir der Plan gefällt.“ „Ich werde mir die Sache überlegen,“ ſagte Frau van Slyper. „Es iſt überlegt,“ verſetzte die Nachbarin;„Sie ——.—— 165 ht brauchen ſich nicht den Kopf zu zerbrechen; ich gebe m die Fonds dazu her; ich aſſoeire mich mit Ihnen. ie Ich bitte Sie um acht Tage, das Haus ausfindig en zu machen und es anzukaufen, nicht wahr?“ „Aber,“ warf Frau van Slyper ein, der dieſer h⸗ Gedanke durchaus nicht mißfiel, die nur das raſche ie Vorgehen ihrer Nachbarin etwas in Unruhe ver⸗ en ſetzte,„aber erlauben Sie mir doch, daß ich mich zu etwas faſſe und mit mir zu Rathe gehe.“ „Nicht einen Augenblick,“ rief die Nachbarin;„die n großen Entſchlüſſe muß man ohne langes Nachden⸗ ken faſſen. Iſt das nicht Ihre Anſicht?“ fragte zu ſie und wandte ſich an die übrigen Damen. in⸗ Alle Nachbarinnen bildeten Chorus. Und auf dieſe Weiſe wurde Frau van Slyper ch⸗ Vorſteherin eines der größten Penſionate von Am⸗ ſterdam. Iſt Sie leitete das Penſionat ſeit ungefähr achtzehn ein Monaten, als Juſtin ihr ſeinen Beſuch machte. zu Nach Verfluß von einer halben Stunde wußte ſie von Juſtin und Mina alles, was der Schulmei⸗ die ſter ihr davon mitzutheilen für geeignet hielt. der Und Frau van Slyper hatte, als ihr die ausge⸗ zeichneten Manieren, das feine Benehmen, die be⸗ nie ſcheidene Zurückhaltung und das tiefe Wiſſen Juſtin's in's Auge traten, als ſie erfuhr, welch' eifriges Studium er ſeit Jahren der Erziehung der Kinder zugewandt, ſie hatte nur einen Gedanken, einen Wunſch, einen Traum, Juſtin als Lehrer der fran⸗ igte zöſiſchen Sprache für ihr Penſionat zu gewinnen. Die Erzieherin, welche dreißig Schülerinnen hatte, Sie konnte nicht mehr annehmen; auch drohte ihr wiſſen⸗ 166 ſchaftlicher Vorrath, der ohnedies nicht groß war, ſich zu erſchöpfen. Sie hatte das Frau van Slyper offen geſtanden und dieſe hatte ihr verſprochen, nach Frankreich ſich wegen einer Lehrerin für den höheren Unterricht zu wenden. Die Ankunft Juſtin's ſchien deßhalb eine Fügung des Himmels und die Vorſteherin der Penſton nahm ihn mit wahrer Freude auf. Sie war überglücklich, als ſie erfuhr, daß die Penſionnaire, welche man ſie bei ſich aufzunehmen bat, ſtatt Juſtins die jungen Mädchen in der Geo⸗ graphie, Geſchichte, Botanik, dem Engliſchen und Italieniſchen unterrichten könne. Unglücklicher Weiſe war das nicht Juſtin's Sache. „Mein Herr,“ rief Frau van Slyper in dem Augenblicke, als der junge Mann, unglücklich, daß er nichts mit ihr abſchließen könne, ſich zurückziehen wollte,„mein Herr, können Sie mir noch einige Augenblicke ſchenken?“ „Mit Vergnügen,“ antwortete Juſtin, indem er ſich wieder ſetzte. „Mein Herr,“ verſetzte Frau van Slyper,„was iſt Ihr Zweck, indem Sie dieſes junge Mädchen hierher bringen?“ „Ich habe es Ihnen geſagt, Madame; ich will warten auf Nachrichten von ihrem Vater, oder, wenn ſie majorenn geworden, ſie heirathen.“ „Sie hat alſo keine Familie?“ „Sie hat nur eine Adoptivfamilie, die Meinige: meine Mutter, meine Schweſter und mich.“ „Wer hindert Sie denn, da Sie die Abſicht haben, ſich hier zu Amſterdam niederzulaſſen, bis 167 r, das Mädchen majorenn iſt, ſie mir ganz anzuver⸗ r trauen?“ ch„Ich hätte gerne gewollt,“ antwortete Juſtin, n„daß ſie ihre Bildung, die allerdings ſchon vortreff⸗ lich, aber noch nicht ganz abgeſchloſſen iſt, hier vol⸗ ig lende. Und Sie haben mir ſelbſt zugeſtanden, daß m der Unterricht Ihrer Erzieherin nicht hinreichend iſt für dieſes Reſultat.“ ie„Allerdings, mein Herr; aber wenn ich eine en Perſon fände, welche die Bildung von Fräulein o⸗ Mina vollenden könnte, würden Sie dann einwilli⸗ id gen, ſie mir anzuvertrauen?“ „Mit Vergnügen, Madame.“ e.„Nun denn, mein Herr, ich glaube, daß ich dieſe m Perſon gefunden.“ aß„Iſt es möglich?“ en„Das hängt von Ihnen allein ab.“ ge„Was wollen Sie damit ſagen?“ „Der Penſionspreis iſt tauſend Franken jähr⸗ er üuch. Finden Sie dieſen Preis zu groß für Ihr Vermögen?“ as„Nein, Madame.“ en„Wie viel gibt man in Paris einem Lehrer für drei Stunden in der Woche?“ ill„Tauſend bis zwölfhundert Franken.“ „Nun gut, mein Herr, das iſt es, was ich Ih⸗ nn nen vorſchlagen will; werden Sie Lehrer des Fran⸗ zöſiſchen in dieſer Penſion; Sie geben ſechs Stun⸗ e: den in der Woche und ich gebe Ihnen zwölfhundert Franken. Auf dieſe Weiſe können Sie, wenn Sie cht mal in dem Inſtitute ſind, nach Luſt und Liebe die bis Bildung von Fräulein Mina vollenden.“ 168 „Das iſt ein Traum, Madame!“ rief Juſtin entzückt. „Es hängt von Ihnen ab, daraus eine Wirk⸗ lichkeit zu machen.“ „Was muß ich zu dieſem Ende thun, Madame?“ „Einfach annehmen, was ich Ihnen vorſchlage.“ „Von ganzem Herzen, Madame, und mit einem von tiefſter Dankbarkeit bewegten Herzen.“ „Alſo abgemacht!“ ſagte Frau van Slyper. „Laſſen Sie uns jetzt von Fräulein Mina ſprechen. Glauben Sie, daß ſie einwilligt, ſich mit meiner Erzieherin in den Elementarunterricht meiner jungen Zöglinge zu theilen?“ „Ich garantire für ihre Zuſtimmung, Madame.“ „Nun gut, ſo biete ich Ihnen für ſie ſechshun⸗ dert Franken Honorar an und gebe ihr Tiſch und Wohnung bei mir gratis. Glauben Sie, daß ſie damit einverſtanden iſt?“ „O, Madame,“ rief Juſtin mit Augen voll Freu⸗ denthränen;„ich kann Ihnen nicht ſagen, wie ſehr Ihre Güte mich rührt; aber ich nehme Ihre Wohl⸗ thaten nur unter einer Bedingung an.“ „Sprechen Sie, mein Herr,“ antwortete Frau van Slyper, den Bruch des Handels befürchtend. „Daß Sie mir erlauben, ſtatt wöchentlich ſechs, täglich zwei Stunden zu geben,“ verſetzte Juſtin. „Ich kann das nicht annehmen,“ ſagte die Vor⸗ ſteherin der Penſion ganz verlegen;„zwei Stun⸗ den täglichen Unterrichts, das wäre eine peinliche Arbeit.“ „Die Arbeit des Unterrichts iſt der Arbeit der Erde zu vergleichen,“ ſagte Juſtin;„jeder Schweiß⸗ — M MW8 N 5 — — 169 tropfen gibt einer reizenden Blume das Leben. Nehmen Sie an, Madame; ſonſt müſſen wir ab⸗ brechen. Es wäre mir, als wenn ich nur empfan⸗ gen, nichts geben ſollte.“ „Ich muß wohl thun, was Sie wollen, mein Herr,“ ſagte Frau van Slyper, indem ſie dem jun⸗ gen Manne die Hand bot. Andern Tages ward Mina im Penſionate ein⸗ geführt, und am dritten Tage gaben die beiden Ver⸗ kobten ihre erſten Stunden. Von dieſem Momente an war es ein täglicher goldener Traum. Ihre reine, ſeit ſo lange zurück⸗ gehaltene Liebe trat plötzlich zu Tage und entfal⸗ tete ſich ſo mächtig und ſo prächtig, wie ein ſchöner Cactus an der Sonne. Sich alle Tage, beinahe jede Stunde ſehen, nachdem man ſo lange getrennt geweſen! ſich trennen und ſich in ſeine ſtille Häus⸗ lichkeit zurückzuziehen mit der Erinnerung, ſich geſe⸗ hen zu haben und der füßen Hoffnung, ſich wieder zu ſehen! gewiß zu ſein, daß man ſich liebt, es ſich zu ſagen, zu wiederholen und es ſich noch einmal zu ſagen! denſelben Gedanken bei Tag, denſelben Traum bei Nacht zu haben; gleichſam zwiſchen zwei blühenden Hecken Hand in Hand und Aug' in Aug' zu gehen, das Herz voll Seligkeit! mit einem Worte ſich zu lieben! ſich aufrichtig, gleich innig zu lieben; zwei Herzen, die, mit dem goldenen Schlüſſel der Liebe aufgezogen, zur ſelben Stunde laut ſchlagen, das war die glückliche Lage der beiden jungen Leute. Wenn die Tage der Woche ſich wie ein Hals⸗ band von weißen Perlen auskörnten, ſo ließ der 170 Sonntag aus dem Füllhorn ſeines Reichthums ſeine ſeltenſten Blumenkronen auf ihre Häupter fallen. Frau van Slyper beſaß in der Umgegend von Anmſterdam, nahe bei dem kleinen Dorfe Huizen ein Landhaus, nach welchem ſie Sonntags diejenigen ihrer Penſionnaires führte, die ihre Aeltern in ihrer Penſion ließen. Es war ein reizendes Haus, voll von jenen exotiſchen Blumen und Vögeln, für die die Hollän⸗ der ein Privilegium zu haben ſcheinen. Von dem Fenſter aus hatte man das reizende Bild einer von dem Nordwind gekräuſelten Fläche wie die Zuiderſee; zahlreiche kleine Eichengebüſche wiegten ihre Blätterfächer in der Luft, was ſie von Weitem in dieſer ungeheuren Ebene ſchwimmenden Inſeln in einem Smaragdmeere gleichen ließ. In Süd⸗ weſten ſah man durch leichte Nebel Amſterdam, die tauſendfarbige Stadt, wie ein großes Bouquet in einer Vaſe. Im Oſten Huizen, Blaricum und an⸗ dere freundliche kleine Dörfer, die Stirne im Schatten der Bäume, die Füße in der Sonne ausgeſtreckt. Im Norden einen Blumenhügel, der ſich ſanft zur Zui⸗ derſee hinabſenkte, wo tauſend Gebäude aller Art und aller Dimenſionen, aller Formen und aller Farben auf der ruhigen und glatten Ebene zerſtreut lagen, ſo daß die Ebene zur Rechten ein Meer, das Meer zur Linken eine Ebene ſchien. Es war eine ächt holländiſche Landſchaft voll Anmuth und Reiz; alles war harmoniſch. Vergeb⸗ lich hätte das Auge oder Ohr eine Mißfarbe oder einen Mißton geſucht; die ganze Welt hätte in dem Horizonte dieſes Winkels der Erde ihre Grenze ha⸗ —— 171 e ben ſollen. Sie ſchloß ſich für unſere beiden Lie⸗ benden damit ab. Freilich fehlten Juſtin's Mutter n und Schweſter für dieſes Bild; freilich war Mina n Waiſe; aber man hatte bereits Briefe von Madame n Corbin, von der Schweſter Cöleſtine und von Sal⸗ r vator. Die Briefe der Mutter und der Schweſter waren voll Glück; der Geiſt der Mutter war ruhig; n die Geſundheit der Schweſter war gut; der Brief 1⸗ Salvator's voll Verſprechungen: man durfte ſich darum nicht grämen und konnte das Glück, das die d Vorſehung mit vollen Händen bot, genießen. ie Alle Sonntage, wenn ſie mit den Penſionnaires n nach dem Landhauſe der Frau van Slyper gingen, m waren eben ſo viele heitere Feſte für die Verlob⸗ n ten: ſie genoſſen die Vergnügungen mit der Freude ⸗ Neugeborener, die das Licht ſehen, oder der Wol⸗ ie luſt von Vögeln, die ihre Flügel verſuchen. n Der Pochthof, der zu dem Landhaus gehörte, ⸗ war mit Kühen, Ziegen, Schafen bevölkert; ſie n ſpielten Schäfer und Schäferin und führten die m Heerde mit der Einfachheit und Anmuth von thev⸗ i⸗ kritiſchen und virgiliſchen Hirten auf die Waide. rt Kurz, ihr Leben war eine lange Idylle, eine er berauſchende Ekloge, ähnlich den wahren Idyllen ut des Sonntags. Ihr Herz ſpielte uniſono das Lie⸗ 18 besconzert des erſten Maitages, das man die Pa⸗ ſtoralſymphonie nennt. ll Den ganzen Sommer ging es ſo fort. Wäh⸗ b⸗ rend des Winters, wenn die Natur nicht ihre Poeſie er mit der Poeſie ihrer Herzen verband, genoſſen ſie m daher die Freuden des häuslichen Herdes bei Frau a⸗ van Slyper. 172 Selbſt während der ſchlechten Jahreszeit ging man zuweilen nach dem Landhauſe, das hermetiſch verſchloſſen und herrlich geheizt, im Herbſte durch die tauſend Blumen des Gewächshauſes an die wärmſten und heiterſten Tage des Sommers er⸗ innerte. In den erſten Tagen des Januar, an einem Sonntag, als alle Penſionnaires, Juſtin, Mina und die Vorſteherin der Penſion in dem Gewächshauſe plaudernd beiſammen ſaßen, meldete der Diener Juſtin, daß zwei Herren aus Paris im Auftrag von Salvator ihn zu ſprechen wünſchen. Juſtin und Mina zitterten. Dieſe beiden Herren, wir werden es unſern Le⸗ ſern nicht zu ſagen brauchen, waren der General Lebaſtard de Premont und Herr Sarranti. (X. Sentimentale Symphonie. Juſtin folgte dem Diener und gewahrte, als er in den Speiſeſaal kam, zwei Männer von großer Geſtalt, von denen der Eine in einen langen Man⸗ tel, der Andere von Kopf bis zu Fuß in eine un⸗ geheure Polonaiſe gehüllt war. Als dieſer Juſtin eintreten ſah, ging er auf ihn zu, grüßte ihn höflich und den Kragen ſeines Ueber⸗ ziehers herabſchlagend, zeigte er ſeinen ſchönen und ſtolzen Kopf, der zwar etwas ermüdet ausſah, aber doch die volle Nobleſſe und Energie ſeines Charak⸗ ters bekundete.. v d——— S 8— 173 Es war der General Lebaſtard de Premont. Der Andere, welcher in einen langen Mantel gehüllt war, verbeugte ſich im Hintergrunde reſpect⸗ voll, aber ohne ſich vom Platze zu bewegen. Der Lehrer zeigte ihnen Stühle und bat ſie, ſich zu ſetzen. „Wie Ihr Diener Ihnen gemeldet haben wird,“ ſagte der General,„komme ich von Herrn Sal⸗ vator.“ „Wie geht es ihm?“ rief Juſtin.„Es iſt län⸗ ger, als einen Monat, daß ich nichts von ihm weiß.“ „Daran iſt die Unruhe und die Sorge ſchuldig, die ihn ſeit einem Monat in beſtändiger Aufregung erhielt,“ antwortete der General,„ganz abgeſehen von den politiſchen Angelegenheiten, denen er ſeine ganze Zeit widmen mußte, da die Wahlen im An⸗ zuge waren. Sie haben ohne Zweifel erfahren, daß ich ſeiner Geduld und Ausdauer das Leben meines Freundes Sarranti verdanke?“ „Wir haben dies freudige Ereigniß geſtern er⸗ fahren,“ ſagte Juſtin,„und ich würde mich glücklich gefühlt haben, wäre ich in Paris geweſen, Herrn Sarranti zu gratuliren.“ „Das wäre eine unnöthige Reiſe,“ ſagte der General lächelnd,„Sie würden ihn nicht in Paris finden.“ „Hat man ihn verbannt?“ „Noch nicht,“ antwortete der General melancho⸗ liſch,„aber das wird vielleicht geſchehen... Für den Augenblick iſt er in Holland.“ 174 „Ich werde ihn aufſuchen,“ beeilte ſich Juſtin zu ſagen. „Da würden Sie nicht weit zu gehen haben,“ antwortete der General, indem er ſich nach Herrn Sarranti hinwandte und mit dem Finger auf ihn deutete,„hier iſt er.“ Herr Sarranti und der Lehrer ſtanden zu glei⸗ cher Zeit auf und umarmten ſich brüderlich. Der General nahm wieder das Wort. „Ich habe Ihnen geſagt, daß ich von unſerem Freunde Salvator komme; hier iſt ein Brief, der beſtätigt, was ich ſage; aber ich habe Ihnen noch nicht geſagt, wer ich bin; Sie kennen mich wohl nicht mehr?“ „Nein, mein Herr,“ antwortete Juſtin. „Sehen Sie mich genau an; erinnern Sie ſich nicht, mich je geſehen zu haben?“ Juſtin heftete ſeinen Blick auf den General, jedoch vergeblich. „Sie haben mich dennoch geſehen,“ verſetzte der General,„und zwar in einer Nacht, welche für uns beide gleich merkwürdig, denn Sie fanden Ihre Braut wieder, und ich umarmte, ohne es zu wiſſen, zum erſten Male meine...“ Juſtin unterbrach ihn. „Ah! ich habe es!“ rief er lebhaft.„Ich habe Sie in der Nacht meiner Abreiſe geſehen in dem Park des Schloſſes Viry; Sie haben uns gemein⸗ ſchaftlich mit Salvator gerettet; ich erkenne Sie jetzt wieder, als wenn ich Sie niemals verlaſſen; Sie ſind der General Lebaſtard de Premont.“ Mit dieſen Worten warf er ſich in die Arme e m ⸗ zt ie e —— 175 des Generals, der ihn innig an ſich ſchloß, indem er voll Rührung murmelt e „Juſtin! mein Freund! mein lieber Freund! mein Er hielt inne, er Sohn! hätte gerne geſagt, mein Juſtin, ohne die Urſache zu ahnen, war unbe⸗ ſchreiblich gerührt. Er ſah Herrn Lebaſtard de Premont an; dieſer hatte die Augen voll Thränen. „Mein Freund,“ verſetzte er,„hat Ihnen Sal⸗ vator je von dem Vater Mina's geſprochen?“ „Nein,“ antwortete der junge Mann, indem er den General erſtaunt „Er hat es Ihnen anſah. wenigſtens geſagt,“ fuhr der General fort,„daß dieſer Vater lebt?“ „Er gab mir die kennen, General?“ Hoffnung; ſollten Sie ihn „Ja,“ murmelte der General kaum hörbar;„und was könnten Sie von einem Voter denken, der ſein Kind auf ſolche Weiſe verlaſſen hat?“ „Ich ſagte, er ſeie unglücklich,“ antwortete der junge Mann einfach. „O, ſehr unglücklich,“ ſagte Sarranti, indem er langſam den Kopf ſchüttelte. „Sie haben alſo keine Anklage gegen ihn erho⸗ ben?“ verſetzte der General. „Niemals verdien te ein Mann mehr Mitleid,“ „murmelte Herr Sarranti traurig. Der Lehrer ſah General angeſehen. ihm, daß einer der be den Corſen an, wie er den Ein geheimer Inſtinct ſagte iden Männer der Vater Minas 176 ſei; aber welcher von beiden? Seine Augen liefen vom Einen zum Andern, und ſuchten in dem Ge⸗ ſichte die Schläge des Herzens zu erkennen. „Der Vater Minas iſt zurück,“ fuhr der Gene⸗ ral fort,„und kann jeden Augenblick ſeine Tochter von Ihnen fordern.“ Der junge Mann ſchauerte. Die letzten Worte ſchienen ihm eine Drohung zu enthalten. Der General gewahrte den Schauer Juſtins und begriff ſeinen geheimen Schrecken; weit entfernt, ihn zu beruhigen, mehrte er ſeine Unruhe, indem er ihm mit einer Stimme, der er einen ruhigen Ausdruck zu geben ſuchte, ſagte: „Wenn der Vater Minas ſeine Tochter von Ihnen fordern würde, ſo würden Sie ſie ihm rein ohne Bedauern ohne Gewiſſensbiſſe zurück⸗ geben? Nicht wahr?“ „Ohne Gewiſſensbiſſe, ja!“ ſchwur der junge Mann feierlich.„Ohne Bedauern, nein, nein,“ fügte er mit bewegter Stimme hinzu. „Sie lieben ſie alſo ſehr?..“ fügte der Ge⸗ neral hinzu. „Aus tiefſter Seele,“ antwortete Juſtin. „Wie eine Schweſter?“ fragte der Vater Minas. „Mehr als wie eine Schweſter,“ antwortete der Lehrer erröthend. „Und Sie können verſichern, daß der Va⸗ ter Minas über dieſe Liebe nicht erröthen darf?“ „Ich ſchwöre es!“ antwortete der junge Mann, indem er Hände und Blicke zum Himmel erhob. „Mit andern Worten,“ fuhr der General fort, —— 8 — —„— S.—„— S S— — 8 — X —— 177 „Mina wird des Gatten würdig ſein, den ihr ihr Vater beſtimmt?“ Juſtin zitterte an allen Gliedern und antwortete nicht; er ließ den Kopf ſinken. Herr Sarranti ſah den General mit bittendem Blicke an. Dieſer Blick wollte ſagen:„Die Probe iſt zu ſtark, das heißt den armen Jungen zu ſehr leiden laſſen.“ Zwiſchen einem Todesurtheil und einer Begna⸗ digung gibt es eine Reihe unbeſchreiblicher Gemüths⸗ bewegungen; alles was in uns lebt, iſt aufgeregt, geſpannt, ſchmerzlich bewegt; Seele und Körper empfangen zu gleicher Zeit den Stoß und werden gleichmäßig erſchüttert. Dies Gefühl hatte Juſtin, als er die Worte vernahm:„Der Gatte, den ihr ihr Vater be⸗ ſtimmt.“ In einem Augenblicke ging ſein ganzes Leben, von dem Abend, wo er das kleine Mädchen einge⸗ ſchlafen im Korn gefunden, bis zu dem Momente, wo er heiter, lächeind, glücklich und von den Augen mit ihr plaudernd, den Diener hatte melden hören, daß zwei Fremde von Paris mit ihm im Auftrag von Salvator zu ſprechen wünſchten— ſein ganzes Leben ging Korn um Korn, Blatt um Blatt, Tro⸗ pfen um Tropfen, Minute um Minute an ihm vor⸗ über; er koſtete noch einmal all' die ſüßen Augen⸗ blicke, athmete all' den ſüßen Duft, hörte all' die Lieder noch einmal und fiel dann plötzlich, ohne Uebergang, aus dem Zauberwalde der Hoffnung in den düſtern Abgrund des Zweifels. Dumas, Salvator. VII. 178 Er hob den Kopf mit den blaſſen zitternden Lippen und ſah die beiden Fremden mit Augen an, in denen ſich ein furchtbarer Schrecken malte. Der General empfand in dieſem Augenblicke ſelbſt den Schmerz, den der junge Mann fühlte, in⸗ deß ſchien ihm eine letzte Probe nöthig und er ſagte, trotz der ſtummen Bitten des Herrn Sarranti: „Sie haben Fräulein Mina wie ihre eigene Schweſter érzogen. Ihr Vater dankt Ihnen durch meinen Mund dafür und ſegnet Sie wie ſeinen ei⸗ genen Sohn. Nehmen Sie jedoch an, daß er in Folge eines Vermögensumſchlages, durch ein feier⸗ liches Verſprechen gegen eine Familie, die Hand des Mädchens dieſer zugeſagt, was würden Sie in einem ſolchen Falle thun? Antworten Sie mir, wie Sie dem Valer Minas antworten würden, denn er iſt es, der durch meinen Mund dieſe Worte an Sie richtet. Was würden Sie thun?“ „General,“ ſtotterte Juſtin, der beinahe nicht mehr athmen konnte;„ſeit dem Tode meines Vaters bin ich an das Dulden gewöhnt; ich würde dulden.“ „Und Sie würden ſich nicht empören gegen die Grauſamkeit dieſes Vaters?“ „General,“ antwortete der junge Mann edel, „über den Liebenden ſtehen die Väter, wie über den Vätern Gott. Ich würde zu Mina ſagen: Gott hatte Dich mir in Abweſenheit Deines Vaters anvertraut; Dein Vater iſt zurück, gehe zu Deinem Vater.“ „Mein Sohn! mein Sohn!“ rief der General, der ſeine Thränen nicht zurückhalten konnte, indem er , ke 1 ne in r⸗ es m ie iſt ie cht e die el, ber en: ers em ral, er 179 aufſtand und die Arme gegen den jungen Mann ausbreitete. Juſtin ſtieß einen herzzerreißenden Schrei aus und fiel in die Arme des Herrn Lebaſtard de Pre⸗ mont, indem er:„Vater, mein Vater!“ ſtammelte. Dann riß er ſich aus der Umarmung des Gene⸗ rals, eilte nach der Thüre und rief ſo laut er konnte: „Mina! Mina!“ Aber der General, eben ſo raſch als er, hielt ihn in dem Augenblick zurück, wo er die Thürklinke faßte und ſagte, indem er ihm die Hand auf den Mund legte: „Stille! fürchten Sie nicht, daß ihr die Aufre⸗ gung dieſer Rachricht ſchaden könnte?“ „Das Glück richtet kein Unglück an,“ ſagte Ju⸗ ſi. deſſen Geſicht vor Freude leuchtete;„ſehen Sie mich!“ „Sie! Sie ſind ein Mann, mein Freund,“ ſagte der General,„aber ein junges Mädchen, ein Kind, denn ſie iſt beinahe noch ein Kind... Iſt ſie hübſch?“ „Wie eine Maria.“ „Und...“ fragte Herr Lebaſtard de Premont zögernd,„iſt ſie hier. da Sie ſie rufen?“ „Ja, ich will Sie ſuchen,“ antwortete der Leh⸗ rer.„Ich würde mir einen Vorwurf daraus ma⸗ chen, wenn ich ihr eine Minute des Glücks raubte.“ „Ja, ſuchen Sie ſie...“ ſagte der General mit einer Stimme, welche vor Rührung zitterte;„aber verſprechen Sie mir, ihr nicht zu ſagen, wer ich bin; ich will es ihr ſelbſt ſagen, wenn ſie vorbereitet iſt, wenn ich es für geeignet halte, nicht wahr, es iſt ſo beſſer?“ fügte er hinzu, indem er den jungen Mann und Herrn Sarranti zu gleicher Zeit anſah. „Ganz wie Sie wollen,“ antworteten dieſe. „So gehen Sie!“ Juſtin ging und einen Augenblick ſpäter führte er Mina in das Speiſezimmer. „Meine Freundin,“ ſagte er,„ich ſtelle Dir zwei Freunde von mir vor, die bald auch die Deinen ſein werden.“ Mina grüßte die beiden Fremden mit einer an⸗ muthigen Verbeugung. Als der General dies reizende Weſen, das ſeine Tochter war, eintreten ſah, fühlte er ſein Herz ſo heftig ſchlagen, daß er glaubte, er werde ohnmäch⸗ tig werden; er ſtützte ſich auf den Schrank des Speiſezimmers und betrachtete lange mit Augen, die von Glück feucht waren, das junge Mädchen. „Dieſe beiden Freunde,“ fuhr Juſtin fort,„brin⸗ gen Dir eine ſehr gute Nachricht, auf die Du nicht gefaßt ſein kannſt, die beſte Nochricht, die man Dir bringen kann.“ „Sie werden mir von meinem Vater ſprechen!“ rief das junge Mädchen. Der General fühlte, daß ihm zwei Thränen langſam über die Wangen rollten. „Ja, meine Freundin,“ antwortete Juſtin,„ſie bringen Dir Nachricht von Deinem Vater.“ „Sie haben meinen Vater gekannt?“ fragte das junge Mädchen, indem ſie die beiden Männer zu⸗ gleich anſah, als wollte ſie nicht eine einzige Sylbe ihrer Antwort verlieren. 181 Die beiden Freunde machten, ohne zu ſprechen — ſie waren zu bewegt, um antworten zu können — mit dem Kopfe ein beſtätigendes Zeichen. Dieſe ſtumme Antwort, deren Urſache ſie nicht begreifen konnte, brachte in dem Herzen Minas eine peinliche Bewegung hervor und mit einer Stimme voll Schmerz rief ſie: „Mein Vater lebt noch, nicht wahr?“ Die beiden Freunde machten wieder ein beja⸗ hendes Zeichen mit dem Kopfe. „So ſprechen Sie mir raſch von ihm!“ ſagte Mina ungeſtüm.„Wo iſt er? Liebt er mich?“ Der General fuhr mit der Hand über das Ge⸗ ſicht und dem jungen Mädchen einen Stuhl anbie⸗ tend, ſetzte er ſich gegenüber von ihr, indem er je⸗ doch ihre Hände in den ſeinen behielt. „Ihr Vater lebt und liebt Sie, Fräulein, und ich hätte es Ihnen ſchon an jenem Abend geſagt, wo Sie aus dem Park von Viry flohen, wenn ich Sie damals gekannt.“ „Ich kenne Ihre Stimme wieder,“ ſagte Mina zuſammenſchauernd.„Sie haben mich damals, in dem Augenblick, als ich die Mauer erſtieg, auf die Stirne geküßt und mit einer Stimme voll Thränen zu mir geſagt: Sei glücklich, Kind! ein Vater, der ſeine Tochter ſeit vierzehn Jahren nicht mehr geſe⸗ hen, ſegnet Dich. Lebe wohl!“ Ihr Wunſch ging in Erfüllung,“ fügte ſie hinzu, indem ſie ab⸗ wechſelnd Juſtin und die beiden Freunde anſah; „ich bin glücklich, ſehr glücklich, denn es fehlt mei⸗ nem Glücke nichts mehr, da Sie mir von meinem Vater ſprechen! Wo iſt er?“ 182 „Ganz nahe bei Ihnen,“ antwortete der Gene⸗ ral, auf deſſen Geſichte dicke Schweißtropfen zu per⸗ len begannen. „Und warum iſt er nicht hier?“ Der General antwortete nicht. Herr Sarranti trat dazwiſchen. „Er fürchtet vielleicht,“ ſagte er,„daß wenn er ſo plötzlich, ſo unerwartet vor Sie träte, Sie in zu große Aufregung verſetzt werden könnten, mein Fräulein.“ Seltſam! ſtatt Herrn Sarranti anzuſehen, der dieſe Worte an Sie richtete, betrachtete das Mäd⸗ chen nur den General, der nichts ſagte, deſſen ge⸗ rührte Züge jedoch den heftigſten inneren Kampf verriethen. „Glauben Sie denn,“ ſagte ſie,„daß das Glück, meinen Vater zu ſehen, mir einen größeren Schmerz bereiten könnte, als den, ihn nicht zu ſehen?“ „Meine Tochter! meine Tochter! meine liebe Tochter!“ rief Herr Lebaſtard de Premont, der den Schrei ſeines Herzens nicht länger zurückhalten konnte. „Mein Vater!“ ſagte Mina, indem ſie in ſeine Arme ſtürzte. Und der General umfaßte ihre Hüfte, drückte ſie an ſein Herz und bedeckte ſie mit Küſſen und Thränen. In dieſem Momente machte Juſtin Herrn Sar⸗ rantt ein Zeichen, zu ihm zu kommen; der Corſe kam auf den Zehenſpitzen, um nicht durch ein Geräuſch die Harmonie dieſer zärtlichen Scene zu ſtören. — — * „ 183 Juſtin öffnete leiſe die Thüre des Speiſezimmers und Herrn Sarranti ein Zeichen gebend, daß er ihm folge, ließen ſie Vater und Tochter ihr doppeltes Glück ohne Zeugen koſten. Der General erzählte Mina, wie er, nachdem ſie ihre Mutter verloren, welche mit ihrem Eintritt in die Welt geſtorben ſei, gezwungen geweſen, ſie einer Fremden anzuvertrauen, um dem Glück oder vielmehr dem Unglück des Kaiſers nach Rußland zu folgen. Er erzählte ſeine Schlachten, ſeine Kämpfe, ſeine Verſchwörungen, ſein Unglück ſeit der Geburt Minas. Seine Erzählung war eine große Epopoe, die den Augen des jungen Mädchens tauſend Thrãä⸗ nen der Liebe, der Bewunderung und Rührung er⸗ preßte. Ihre Erzählung war eine ſüße Idylle; ſie ent⸗ faltete vor ihrem Vater ihr ganzes Leben, wie man einen Teppich auf einem Altare ausbreitet. Ihre Geſchichte hatte die Reinheit eines ſchönen Himmels, die Durchſichtigkeit eines Sees, die Jung⸗ fräulichkeit einer weißen Roſe. Die Vorſteherin der Penſion, welcher Juſtin Herrn Sarranti vorſtellte, wollte⸗ daß man Vater und Tochter bis zum Abend beiſammen laſſe. Die Nacht überraſchte ſie mitten in dieſen füßen Her⸗ zensergießungen. Man mußte rufen, um Licht zu haben. Als Frau van Styper die Glocke erklingen hörte, traten ſie, Juſtin und Herr Sarranti in das Speiſe⸗ zimmer. „Mein Vater!“ rief das Mädchen heiter, indem 184 ſie den General der Vorſteherin der Penſion als ſolchen bezeichnete. Der General trat näher und nachdem er die Hand von Frau van Slyper reſpectvoll geküßt, dankte er herzlich der guten Frau für die liebevolle Behandlung ſeiner Tochter. „Erlauben Sie mir jetzt, Madame,“ ſagte er, „mich bei Ihnen nach der nächſten Gelegenheit nach Frankreich zu reiſen, zu erkundigen.“ „Wie iſt das?“ fragten Mina, Juſtin und Frau van Slyper zu gleicher Zeit, erſchrocken über dieſe plötzliche Abreiſe,„Sie wollen ſo raſch wieder von hier fort?“ „Ich? Nein!“ antwortete der General,„ich will einige Zeit bei Ihnen zubringen! Aber dieſer brave Freund, der mich nie verlaſſen,“ fügte er hinzu, indem er ſich nach Herrn Sarranti hinwandte und ihm die Hand bot,„und der mich begleiten wollte, bis ich meine Tochter wieder gefunden, will nach Paris zurückkehren, um ſeinen Sohn aufzuſuchen, den ſeine kindliche Liebe in's Gefängniß brachte.“ Die Brauen des Herrn Sarranti zog mehr der Zorn als der Kummer zuſammen. Die Wolken, welche den großen Stürmen vorangehen, haben kein drohenderes Anſehen. Die Umſtehenden verbeugten ſich reſpectvoll vor dieſem großen und ſtummen Unglücklichen. Er ging am andern Tage nach Frankreich zu⸗ rück, während er ſeinen Freund glücklich bei ſeiner Tochter und ſeinem Bräutigam zurückließ. Die Tage, welche der General, Juſtin und Mina mit einander in Amſterdam zubrachten, waren un⸗ ——— e——— e 5 — —— — —— — 5 185 endlich heitere, geſegnete Tage; nach ſo vielen Wi⸗ derwärtigkeiten, ſo viel Jahren des Unglücks koſte⸗ ten ſie ihr Glück mit derſelben Wolluſt, wie der Reiſende, der, nachdem er in der Sonnenhitze den ganzen Tag einen hohen Berg hinangeſtiegen, auf der Höhe angekommen, die friſche Luft und den Duft athmet, der vom Thale aufſteigt. Unglücklicherweiſe— denn es ſteht geſchrieben, daß das Glück des Einen das Unglück des Andern iſt— rief die Freude dieſes Trios von Glüklichen den Schmerz der Vorſteherin der Penſion hervor. Sie dachte mit Schrecken an den Augenblick, wo Juſtin und Mina, das heißt ein Lehrer und eine Lehrerin, ſie verloſſen würden, um dem General nach Paris zu folgen. Der General ahnte ihren Kummer, und ſuchte ihn zu mildern, indem er ihr verſprach, daß er, ſo bald ſie nach Frankreich zurück ſeien, ihr auf die Prüfung Juſtins hin, die beiden beſten Lehrerinnen von Paris ſchicken werde. Eines Morgens erhielt der General einen Brief von Salvator und zog die Brauen traurig zuſam⸗ men, als er ihn geleſen. „Was haben Sie, mein Vater?“ riefen die bei⸗ den jungen Leute erſchrocken. „Leſet,“ ſagte der General und bot Juſtin den Brief hin. Sie laſen zu gleicher Zeit den kurzen Brief: „General, damit nichts des Glück ſtöre, das der Beſitz Ihrer Tochter Ihnen bereiten muß, beeile ich mich, Ihnen anzuzeigen, daß Herr Lorédan von 186 Valgeneuſe, ihr Räuber, geſtern in meiner Gegen⸗ wart von Herrn von Marande im Duell getödtet wurde. „Ich gratulire Ihnen bei dieſer Gelegenheit, daß Sie nicht die Mühe hatten, Ihr nützliches Leben der Gefahr auszuſetzen, um einen Elenden dieſer Art zu ſtrafen. „Meine herzlichſten Grüße an die beiden Ver⸗ lobten, und Ihnen, General, die Verſicherung mei⸗ ner aufrichtigſten Freundſchaft. Conrad von Valgeneuſe.“ „Nun, mein Vater?“ fragte Mina. „Was enthält der Brief, was Ihnen Kummer bereiten könnte, General?“ ſagte Juſtin. „Es war meine Sache, dieſen Elenden zu ſtra⸗ fen,“ ſagte der General;„ich bedaure, daß ein Anderer ſich dieſe Mühe genommen.“ „Mein Vater,“ ſagte Mina traurig,„Sie be⸗ dauern alſo, mich wieder gefunden zu haben, weil Sie bedauern, nicht Gefahr gelaufen zu ſein, mich zu verlieren?“ „Liebes Kind!“ rief Herr Lebaſtard de Premont, indem er ſeine Tochter küßte, deren Geſicht wieder ſeine gewöhnliche Heiterkeit annahm. Es war jetzt nur noch die Frage über die Wahl des Tages der Abreiſe. Man ſetzte ihn auf den nächſten Samſtag, das heißt den üͤbernächſten Tag feſt; und am Samſtag Morgen, nachdem Mina die Vorſteherin der Penſion und alle Penſionnaires zärt⸗ lich umarmt, welche zu gleicher Zeit ihre Zöglinge und ihre Freundinnen waren, begab ſie ſich am ———* — hl n 19 ie t⸗ ge m 187 Arme ihres Vaters, gefolgt von ihrem Bräutigam, nicht ohne hundert Male auf dem Wege ſich umge⸗ wandt zu haben, um mit Thränen der Dankbarkeit in den Augen nach dieſer gaſtfreundlichen Stadt zu⸗ rückzublicken, welche ihr wie ihre Vaterſtadt erſchien, da ſie hier zum erſten Male ihren Vater kennen gelernt. Am Tage der Abreiſe des Generals übergab man Frau van Slyper einen Brief mit einem Wech⸗ ſelswon drei tauſend Franken nach Sicht auf einen Banquier von Amſterdam. Dieſer Wechſel bildete eine Stiftung für den Freitiſch von ſechs jungen, vermögensloſen Mädchen, von welchen Frau van Slyper drei, drei der Bürgermeiſter zu wählen hatte. Unter dieſer zarten Form machte der General der Feit der Penſion ein Geſchenk der Dank⸗ barkeit. CKI. Die würdige Schweſter des verſtorbenen Herrn Lorédan. Kehren wir zu Herrn Lorédan von Valgeneuſe zurück, den wir tödtlich verwundet auf dem Graſe des Bois de Boulogne zurückließen. Die beiden Zeugen hörten ſeinen letzten Seufzer, kurze Zeit, nachdem Salvator, Herr von Marande und die beiden Generale weggegangen waren: Es iſt eine ernſte Sache, eine feierliche Minute, der Augenblick, wo der Freund, den Du lachend, lebensfroh, die Verachtung auf den Lippen hierher⸗ gebracht, in Deinen Armen ſtirbt, mit verzogenem 188 6 Munde, ſtarren Gliedern, verſtörten und verdrehten Augen. Die Gemüthsbewegung iſt freilich je nach dem Menſchen, der ſtirbt, und denen, die ihn ſterben ſehen, eine ſehr verſchiedene. Die Vorſehung wollte, daß die Freundſchaft, dieſer fleckenloſe Diamant, wenn auch nicht die Mitgift reiner Herzen,— wer kann ſich der Rein⸗ heit ſeines Herzens rühmen— wenigſtens die Herzen ſei. Frivole laſterhafte Menſchen kennen die heilige Göttin dem Namen nach, und lachen über ſie, wie über jene ehrbaren Frauen, welche die Leichtſinni⸗ gen verſpotten, weil ſie ſie nicht ſchlecht machen können. Wir dürfen nun deßhalb den Schmerz nicht übertreiben, welchen die beiden— wir können nicht ſagen Freunde— die beiden Begleiter des Herrn von Valgeneuſe empfanden, als es für ſie zur Ge⸗ wißheit wurde, daß ſich Solvator in ſeinem Aus⸗ ſpruch nicht getäuſcht, und daß Lorédan den letzten Seufzer ausſtieß. Sie waren ſehr verdrießlich über dieſen Tod, das iſt das Wort, das für die Situation paßt, aber vielleicht noch mehr verlegen, was ſie mit der Leiche anfangen ſollten. Mit dem Todten nach Pa⸗ ris gehen, das hatte ſeine Schwierigkeit. Die Ge⸗ ſetze des Duells, welche zu jenen Zeiten ſehr ſtreng waren, beſtraften die Secundanten weit härter als den überlebenden Gegner, welcher als einer, der ſein Leben vertheidigt hatte, angeſehen wurde; auch mußten ſie an der Barriere ohne Zweifel, wegen mn en ie R⸗ er ge ie i⸗ en cht cht e⸗ 18⸗ en od, der a⸗ e⸗ ng als der uch gen 189 des Eingangs der Leiche alle Arten von unangeneh⸗ men Formalitäten abmachen; kurz, ſagen wir es mit einem Worte, das Duell hatte etwas lange gedauert und die beiden Freunde hatten Hunger. Dieſes realiſtiſche Geſtändniß, das wir zu ma⸗ chen uns gezwungen ſehen, gibt genau das Maaß ihres Schmerzes. Sie waren alle drei in dem Wagen des Herrn Lorédan gekommen; man beſchloß, daß der Wagen und die beiden Diener die Leiche nach Paris zurück⸗ bringen ſollten; Camille und ſein Begleiter wollten auf einem andern Wege heimgehen. Man ließ den Wagen näher kommen; die bei⸗ den Diener ſaßen vuhig auf dem Bock, als wenn es ſich um eine Morgenpromenade handelte. Ca⸗ mille rief ſie. Sie hatten die beiden Schüſſe gehört; ſie hatten Salvator, Herrn von Marande und ſeine beiden Secundanten ſich entfernen ſehen; aber all' das hatte ihnen nichts Entſcheidendes über den Ausgang des Duells geſagt. Man kann ſich jedoch über die Aufregung der beiden Diener bei dem Anblick der Leiche ihres Herrn beruhigen. Lorédan, ein harter, heftiger, brutaler Menſch, war von ſeinen Dienern nicht ſon⸗ derlich geliebt. Man gehorchte ihm pünktlich, weil er ſtreng war und zur Stunde bezahlte. Das war aber auch Alles. Und das iſt auch wirklich genug für die, welche, dem, was ihnen näher tritt, keine Liebe zu ſchenken haben, und es deßhalb auch von andern nicht ver⸗ langen, was ſie ihnen doch nicht geben würden. 190 Die beiden Diener begnügten ſich deßhalb mit einigen Ausrufungen mehr der Ueberraſchung, als der Theilnahme; worauf ſie, gegen den Todten ſich für quitt haltend, den jungen Männern die Leiche in den Wagen ſchaffen halfen. Camille befahl ihnen, langſam zurückzufahren. Er brauchte Zeit, ſich ein Cabriolet zu verſchaffen und Suſanne auf den Schlag vorzubereiten, der ſie erwartete. 6 An der Porte Maillot fanden die beiden jungen Männer einen Fiaker, der von Neuilly zurückkam; ſie hielten ihn an und ließen ſich nach der Barriere de l'Etoile fahren. Dort ſchieden ſie; Camille beauftragte ſeinen Begleiter, im Vorübergehen bei ſeiner Frau vorzu⸗ ſprechen, ihr das Ereigniß mitzutheilen und ſeine verzögerte Zurückkunft zu erklären. Sicher, daß ſein Auſtrag beſorgt werde, begab ſich Camille nach der Rue du Bac. Es konnte zehn ein halb Morgens ſein. Das Hötel Valgeneuſe hatte ſeine gewöhnliche Phyſiognomie; der Schweizer ſcherzte im Hofe mit der Wäſcherin; Fräulein Nathalie, die wieder in Dienſten genommene Kammerfrau, coquettirte im Vorzimmer mit dem jungen Groom, der erſt ſeit einigen Tagen in Lorédans Dienſte getreten war. Als Camille die Thüre öffnete, lachte Nathalie aus voller Seele über die Bonmots des neuen Kam⸗ merdieners. Er machte Nathalie ein Zeichen, und fragte ſie, nachdem ſie ihm entgegen geeilt, ob er Suſanne ſprechen könne. — c— tit ls ch he en ſie en nz re en u⸗ ne in er 191 „Mein gnädiges Fräulein ſchläft noch, Herr von Rozan,“ antwortete die Kammerfrau;„iſt das, was Sie ihr zu ſagen haben, von Wichtigkeit?“ Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Mademoiſelle Nathalie dieſe Frage, die zum mindeſten indiskret war, mit dem impertinenteſten Lächeln begleitete. „Von der größten Wichtigkeit,“ antwortete Ca⸗ mille ernſt. „In dieſem Falle und wenn der Herr es wünſcht, werde ich meine Herrin wecken.“ „Thun Sie es und ſo bald als möglich! ich werde im Salon warten.“ Und Camille trat, während die Kammerfrau durch den Gang ging, der nach dem Zimmer Su⸗ ſannens führte, in den Salon. Die Kammerfrau näherte ſich dem Bette ihrer Herrin, der die warme Luft des Zimmers geſtattete, die Arme und die Bruſt außerhalb des Bettes zu haben; ihre ſchwarzen Haare waren aufgelöst; ihr Kopf mit dem matten Teint hob ſich vor der ſchwar⸗ zen Maſſe ab und ihre Bruſt wogte von einem ſü⸗ ßen Traume bewegt. „Gnädiges Fräulein,“ murmelte Nathalie in's Ohr des jungen Mädchens,„gnädiges Fräulein...“ „Camille!.. lieber Camille!...“ ſtammelte Suſanne. „Nun, ja, er iſt da,“ fuhr Nathalie fort, indem B leiſe an ihrer Herrin rüttelte;„er erwartet ie. „Er?“ fragte Suſanne, die Augen öffnend und ſich umſchauend,„wo iſt er?“ „Im Salon.“ 192 „Er ſoll kommen! oder vielmehr nein,“ ſagte ſie. „Iſt mein Bruder zurück?“ „Nein, noch nicht.“ „Laſſe Camille in's Boudoir treten und ſich dort einſchließen.“ Die Kammerfrau wollte gehen. „Warte, warte,“ ſagte Suſanne. Nathalie wartete. „Komm,“ ſagte das junge Mädchen. Die Kammerfrau gehorchte. Fräulein von Valgeneuſe ſtreckte die Hand aus, nahm einen Handſpiegel von feiner Schnitzarbeit, der auf dem Nachttiſch lag, beſah ſich darin und ſagte, ohne die Augen nach ihrer Kammerfrau um⸗ zuwenden, mit der matteſten Stimme von der Welt: „Wie findeſt Du mich dieſen Morgen, Nathalie?“ „Schön wie geſtern, wie vorgeſtern, wie immer,“ antwortete dieſe. „Sei offen gegen mich, Nathalie, findeſt Du mich nicht etwas matt?“ „Etwas blaß in der That; aber die Lilien ſind auch blaß und Niemand kam bis jetzt auf den Ge⸗ danken, ihre Bläſſe ihnen vorzuwerfen.“ „So,“ ſagte das junge Mädchen. Und nach einem von nächtlicher Wolluſt durch⸗ hauchten Seufzer fügte ſie hinzu: „Nun, da Du mich nicht zu häßlich findeſt, ſo laſſe Camille, wie ich Dir ſagte, in's Boudoir treten.“ Nathalie ging. Hinter ihr ſtand Suſanne langſam auf, zog Strümpfe von Roſaſeide an, ſchob ihre Füße in — 8 — —— o ir 8 n — — „ Pantoffeln von blauem mit Gold geſticktem Atlas, warf ſich in eine große Robe von Caſchmir, die durch eine Kordel um die Hüfte feſtgehalten wurde, band ihre langen Haare oben auf ihrem Kopfe zu⸗ ſammen, warf einen zweiten Blick in eine Pſyche, um ſich des Enſemble zu verſichern, wie ſie ihr Geſicht früher betrachtet hatte, und trat dann in das Boudoir, deſſen Helle Nathalie, als erfahrene Kam⸗ merfrau dadurch gedämpft hatte, daß ſie die dreifa⸗ chen Vorhänge von Gas, Muſſellin und Roſataffet zuſammenzog. „Camille!“ rief ſie, indem ſie Camille de Rozan mehr mit dem Blicke ihres Herzens, als mit den Augen ihres Körpers unterſchied. Er ſaß in einer Cauſeuſe im Hintergrund des Boudoirs. „Ja, liebe Suſanne,“ antwortete Camille, indem er aufſtand und ihr entgegen ging. Er umarmte ſie. „Du küſſeſt mich nicht?“ ſagte ſie, indem ſie ihn mit ihren beiden bloßen Armen umſchlang. „Verzeihe mir,“ antwortete Camille, indem er mit ſeinen Lippen die matten Augen des jungen Mädchens küßte,„aber ich habe Dir eine traurige Nachricht zu bringen, Suſanne.“ „Deine Frau weiß Alles?“ rief das junge Mädchen. „Nein,“ antwortete Camille,„im Gegentheil, ich glaube, ſie iſt hundert Meilen davon, irgend etwas zu ahnen.“ „Du liebſt mich nicht mehr?“ fuhr das junge Mädchen lächelnd fort. Diesmal war ein Kuß die einzige Antwort. Dumas, Salvator. VII. 13 194 „Dann willſt Du gewiß fortreiſen,“ ſagte Fräu⸗ lein von Valgeneuſe,„Du willſt nach America aus irgend einem Grunde zurückkehren; kurz, Du biſt ge⸗ zwungen, mich zu verlaſſen, zu ſcheiden, nicht wahr?“ „Nein, Suſanne, nein, das iſt es nicht.“ „Nun, weßhalb ſagſt Du denn, Du bringeſt mir eine ſchlimme Nachricht, da Du mich noch immer liebſt und wir uns nicht zu trennen brauchen?“ „Es iſt eine ſehr traurige Nachricht, Suſanne,“ ſagte der junge Mann mit einem Seufzer. „Ah! jetzt weiß ich's,“ rief das junge Mädchen, „Du biſt ruinirt; was thut das, mein geliebter Freund; bin ich nicht reich für zwei, für drei, für vier?“ „Das iſt es immer noch nicht, Suſanne,“ ant⸗ wortete Camille. Es entſtand eine Pauſe, während welcher Su⸗ ſanne, indem ſie ihren Geliebten nach dem Fenſter zog, einen der Vorhänge raſch hob. Das Licht von Außen drang in das Zimmer und beleuchtete den jungen Mann. Suſanne tauchte ihren Blick in den von Camille und las wirklich in den Augen ihres Geliebten einen tiefen Ausdruck von Unruhe. Aber all das ſagte ihr nichts Beſtimmtes. „Nun,“ ſagte ſie,„ſehe mir in's Geſicht; was iſt Dir für ein Unglück begegnet?“ „Mir perſönlich keines!“ ſagte Camille. „Alſo mir?“ Der Creole zögerte einen Augenblick; dann ſagte er: Ich * ——— —„ 4c8 195 ⸗„Nun, wenn es mich betrifft, ſo kannſt Du ru⸗ 8 hig ſprechen, Camille, ich verachte alles Unglück die⸗ ⸗ ſer Welt, weil ich Deine Liebe beſitze!“ 4„Aber wir ſind nicht allein auf der Welt, Su⸗ ſanne.“ ir„Außer uns, Camille,“ ſagte das junge Mäd⸗ r chen in leidenſchaftlichem Tone,„habe ich Dir ſchon oft verſichert, kann mich nichts berühren.“ L„Nicht mal der Tod eines Freundes?“ „Hab' ich denn Freunde?“ antwortete Suſanne. n,„Ich glaubte, Lorédan ſeie Dir, Suſanne, nicht er nur ein Bruder, ſondern auch ein Freund.“ ir„Lorédan!“ rief Suſanne,„willſt Du von ihm ſprechen?“ t⸗„Ja,“ machte Camille mit einem beſtätigenden Zeichen des Kopfes, und als ob ſich ſein Mund wei⸗ u⸗ gerte, in weitere Erklärungen ſich einzulaſſen. er„Ah!“ ſagte ſie,„ich weiß alles, es handelt ſich um das Duell Lorédan's; ich weiß alles.“ nd„Wie! Du weißt alles?“ fragte der junge Mann beſtürzt. lle„Ja, ich weiß, daß er Herrn von Marande in en der Pairskammer beleidigt hat und daß er ſich heute oder morgen ſchlagen muß. Aber,“⸗ fügte ſie mit einem Lächeln hinzu,„ich bedaure Herrn von as Marande.“ „Suſanne,“ ſagte der Creole mit gedämpfter Stimme,„weißt Du nur das?“ Jan nn„Dann weißt Du nicht Alles.“ Das junge Mädchen ſah ihren Geliebten mit einem unruhigen Blicke an. 196 „Sie haben ſich geſchlagen,“ fügte Camille hinzu. Ja.“ „Nun?“ „Nun, Lorédan.... Camille hielt inne, er wagte nicht zu Ende zu ſprechen. „Lorédan iſt verwundet?“ rief ſie. Rozan antwortete nicht. „Getödtet?“ fragte das junge Mädchen. Leider „Unmöglich!“ Camille ſenkte den Kopf zum Zeichen der Be⸗ ſtätigung. Suſanne ſtieß einen Schrei aus, in dem mehr Wuth als Schmerz lag, und ſank auf die Cauſeuſe. Camille läutete nach Nathalie, und nach Ver⸗ fluß von einigen Secunden war es ihren vereinig⸗ ten Bemühungen gelungen, Suſanne wieder zu ſich zu bringen. Das junge Mädchen ſchickte Nathalie fort und weinte, in Camille's Arme ſinkend, aus vollem Herzen. Kurze Zeit ſpäter pochte der Kammerdiener. Von dem Kutſcher in Kenntniß geſetzt, eilte er herbei, um den Creolen zu benachrichtigen, daß die Leiche Lorédans ſo eben in das Hötel hereinfahre. In dieſem Augenblicke erſchien Nathalie wieder an der Thüre von Suſannens Schlafzimmer. Camille legte das junge Mädchen auf die Cau⸗ krſe rins auf Nathalie zu und gab ihr leiſe einen efehl. ſi ſe — —— 197 „Was haben Sie ſo leiſe geſagt, Camille?“ „Einen Augenblick, meine liebe Suſanne!.. ſagte Camille. „Ich will ihn ſehen!“ rief Suſanne, indem ſie ſich aufrichtete. 1„Ich habe den Befehl gegeben, daß man ihn in ſein Schlafzimmer bringe.“ Sufanne ließ einen Seufzer hören; nicht eine Thräne war über ihre Augen getreten. Nathalie erſchien eheſtens wieder. Bei dem Geräuſch, das ſie machte, wandte ſich Suſanne um. „Iſt er auf ſein Bett gebracht?“ fragte das junge Mädchen. v .„Ja, gnädiges Fräulein,“ antwortete die Kam⸗ * merfrau. „Nun gut, ich habe Ihnen geſagt, daß ich ihn ſehen wolle.“ h„Gut, ſo wollen wir gehen,“ ſagte Camille. d ünd Suſanne den Arm gebend, ſuchte er ſich zu faſſen, um das Schauſpiel, das er ſeiner Beglei⸗ 8 terin bereiten mußte, ruhig ertragen zu können. Suſanne öffnete die Thüre des Boudoirs, die in den Salon führte, ſchritt durch dieſen, und ging mit n feſtem Schritte nach dem Schlafzimmer ihres Bruders. Ehe ſie in das Schlafzimmer kamen, mußte man durch ein kleines Zimmer gehen, das mit indiſchen e Matten ausgeſchlagen war, welche von Bambus ein⸗ 73 gefaßt wurden. Das war das Rauchzimmer Lorédans. Bis zwei Uhr Morgens hatten die drei jungen Leute hier geraucht und getrunken. 6— 198 Alles in dieſem kleinen Zimmer, deſſen Atmos⸗ phäre von dem dreifachen Geruche des Tabaks, des Alcohols und des Eiſenkrautes geſchwängert war, ſtand noch gerade ſo, wie es die jungen Leute ver⸗ laſſen hatten. Cigarrenenden lagen auf dem Tep⸗ pich; kleine, halbvolle Liqueurgläſer, halbleere Thee⸗ taſſen, ein bis zwei auf dem Boden liegende Fla⸗ ſchen deuteten an, daß die jungen Leute, ſtatt wie Jarnack an Gott und ernſte Sachen zu denken, wie die Chateigneraie nur an frivole Dinge gedacht. Suſanne ſchauerte, als ſie eine Blutſpur ſah, die über das ganze Zimmer von einer Thüre bis zur andern ging. Sie zeigte, ohne etwas zu ſagen, Camille dieſe Blutſpur. Und einen Seufzer unterdrückend, barg ſie den Kopf an der Bruſt des jungen Mannes, indem ſie ihre Schritte beſchleunigte und von dem geraden Wege abwich, da ſie ſonſt hätte auf dem Blute ihres Bruders gehen müſſen. Camille fühlte beim Anblick dieſer Unordnung unwillkürlich das Blut in ſeine Stirne ſteigen. Eine Stimme ſagte ihm leiſe, daß dies eine ab⸗ ſcheuliche Art ſei, ſich auf einen ſo ernſten Act, wie ein Duell, vorzubereiten, indem man unter tollen Scherzen rauchte und trank. Es war ihm, als wenn er nicht mehr bloß Zeuge, ſondern Mitſchuldiger am Morde Lorédans wäre. Mit dieſen Gefühlen trat er in das Schlafzim⸗ mer, wo die Leiche lag. Das Schlafzimmer bot die Summe jenes Con⸗ traſtes, welchen in gewiſſen Augenblicken die leblo⸗ 55 8 r⸗ b⸗ e⸗ a⸗ ie ie en ie en te b⸗ ie en — — — 199 ſen Dinge in ihrer Berührung mit den Lebensereig⸗ niſſen vor Augen ſtellen. Es war mehr das Zimmer einer Coquette, als eines Mannes. Es war mit Lyoner Stoff von zartem Azurblau, mit großen Blumenbouquets in den natürlichen Far⸗ ben, mit ſilbernen Bändern gebunden, tapezirt. Der Plafont, die Fenſtervorhänge und die Bett⸗ vorhänge waren vom gleichen Stoffe, die Möbel von Roſenholz. Die Teppiche, von einem matten Tone, welken Blumen ähnlich, ließen die Farbe der Möbel und Tapeten in's volle Licht treten. Ein Spiegel im Hintergrunde des Bettes, wel⸗ cher die üppigſten Bilder widerzuſtrahlen beſtimmt war, zeigte eine Leiche in ihrer ganzen Bläſſe und Starrheit. Suſanne warf ſich auf das Bett und den Kopf erhebend, rief ſie mit einem Tone, in welchem ſich die Thränen Luft machten: „Mein Bruder! mein Bruder!“ Camille, welcher bei der Thüre ſtand, die Arme auf der Bruſt gekreuzt, den Kopf etwas geſenkt, in der Stellung der Sammlung, betrachtete dieſe Scene mit einer Rührung, deren er ſich ſelbſt nicht für fähig gehalten. Freilich wurde dieſe Rührung mehr durch das Schluchzen und Jammern ſeiner Geliebten, als durch den Anblick der marmornen Leiche ſeines Freundes hervorgerufen. Camille ließ das junge Mädchen ihren Schmerz austoben; erſt als ſich der ſtürmiſche Ausbruch deſ⸗ 200 ſelben etwas gelegt, näherte er ſich ihr und ſagte in theilnehmendem Tone: „Suſanne! meine liebe Suſanne!“ Das junge Mädchen ſtieß einen Seufzer aus, alle Nerven zitterten; und ſie ſank auf die Kniee. Camille nahm ſie an der Hand; dann hob er ſie, indem er einen Arm unter ihre Schulter hielt, auf, zog ſie nach der Thüre, und führte ſie durch das Rauchzimmer nach dem Salon. Beide kehrten düſter in das Boudoir zurück. Camille, welcher noch immer Suſanne in ſeinen Armen hielt, ſank mit ihr auf ein Canape. Einen Augenblick war es in dem Gemache, wo ſich die beiden Lebenden befanden, ſo ſtill, wie in dem Todtenzimmer, wo ſich die Leiche befand, die ſie ſo eben verlaſſen. Suſanne unterbrach zuerſt das Schweigen. „So bin ich denn allein auf der Welt,“ ſagte ſie mit düſterem Tone,„allein ohne Familie, ohne Verwandte, ohne Freunde.“ „Du vergiſſeſt, daß ich da bin, Suſanne!“ ſagte der junge Mann, indem er das letzte Wort auf den Lippen des jungen Mädchens mit einem Kuſſe er⸗ ſtickte. „Du,“ ſagte ſie,„Du, freilich, Du bleibſt mir, Du liebſt mich, Du ſagſt es wenigſtens.“ „Gib mir Gelegenheit, es Dir zu beweiſen.“ „Sprichſt Du wahr?“ rief das junge Mädchen. „So wahr, als ich, bis ich Dich kennen lernte, kein Weib wahrhaft geliebt,“ ſagte der Creole. „So wahr,“ verſetzte Suſanne,„daß, wenn in meinem Unglück ſelbſt eine Gelegenheit ſich böte, 1ð NM 201 mir Deine Liebe zu beweiſen, Du nicht zögern würdeſt?“ „Ich würde ſie mit Begierde ergreifen, dankbar, glücklich ſein!“ „Nun denn, ſo höre!“ Camille ſchauerte unwillkürlich. Es war ihm, als ob mit dieſen Worten eine Art von Ahnung ihn mit ihrem Todtenflügel be⸗ rührte; aber er hatte die Kraft, dies Gefühl zu verbergen, das nichts rechtfertigte und mit einem Lächeln auf ſeinen Lippen, antwortete er: „Sprich.“ „Mein Bruder iſt todt, ich hänge von Nieman⸗ den mehr ab, ich habe auf Niemanden mehr Rück⸗ ſicht zu nehmen, keine Furcht, kein Reſpect vor ir⸗ gend wem oder irgend was tritt mir mehr hindernd in den Weg. Ich bin frei, ich hänge nur von mir ab, ich kann mit mir machen, was ich will.“ „Gewiß, Suſanne; aber wo willſt Du damit hinaus?“ „Ich will damit ſagen, daß ich von heute an ganz Dein bin, daß ich Dir mit Leib und Seele angehöre.“ „Nun?“ „Nun, wir werden Eins für das Andere leben. Ich verlaſſe Dich keine Stunde mehr!“ „Iſt das Dein Ernſt, Suſanne?“ rief der junge Mann;„vergiſſeſt Du?... „Daß Du verheirathet biſt? Nein; aber was thut das mir?“ Camille fuhr mit ſeinem Taſchentuch über ſeine mit Schweiß bedeckte Stirne. 202 „Höre, Camille,“ fuhr die junge Frau fort, „antworte mir, wie Du Gott antworten würdeſt: liebſt Du ſie oder mich?“ Der junge Mann zögerte. „H! antworte,“ ſagte ſie,„denn mein ganzes Leben hängt vielleicht von den Worten ab, die aus Deinem Munde kommen; für wen von uns beiden lebſt Du; mit wem von uns beiden willſt Du leben?“ „Suſanne! meine liebe Suſanne!“ rief der Creole, indem er ſie in ſeine Arme ſchloß. Aber die junge Frau ſtieß ihn ſanft zurück. „Ein Kuß iſt meine Antwort,“ ſagte ſie mit eis⸗ kaltem Tone. „So iſt wahrhaftig Deine Frage auch keine Frage,“ antwortete der Creole. „Ich begreife Dich nicht.“ „O!“ machte der junge Mann, die Hände fal⸗ tend,„Du zweifelſt an mir?“ „Du liebſt alſo mich?“ ſagte ſie und zog ihn an ihre Bruſt. „Ja, ja, Dich allein,“ antwortete der Creole 3 erſtickter Stimme,„Dich allein, niemand als i h „Nun gut,“ ſagte Suſanne,„wir verlaſſen Pa⸗ ris in acht Tagen: wir gehen nach Havre, nach Marſeille, nach Bordeaux, nach Breſt, wohin Du willſt; dort nehmen wir Plätze auf dem nächſten Schiffe, das nach Amerika, Indien, Oceanien geht. Wenn ein Land uns mißfällt, gehen wir in ein an⸗ deres; wenn ein Welttheil uns langweilt, gehen wir in einen andern. Wir gehen, ſo lange uns ole als a⸗ ach Du ſten eht. an⸗ hen uns die Wellen tragen, ſo lange der Wind uns treibt; wir ſuchen ein Paradies und wo wir dies Paradies gefunden, da bleiben wir.“ „Aber Suſanne,“ rief der junge Mann,„be⸗ denkſt Du auch, welch' ein Vermögen dazu gehört?“ „Kümmere Dich nicht darum.“ „Meine Freundin, mein Vermögen kommt zum größten Theil von meiner Frau. ſagte Camille. „Du läſſeſt ihr Alles; wir realiſiren das mei⸗ nige; wir verkaufen dies Hötel und haben dann un⸗ gefähr zwei Millionen: hundert tauſend Livres Rente. Mit hundert tauſend Livres Rente verfügt man über die Zukunft.“ „Aber dieſe beiden Millionen,“ fragte Camille, „biſt Du auch ſicher, ſie wirklich zu beſitzen?“ Suſanne zitterte; ein furchtbarer Gedanke durch⸗ bebte ſie, als ſie dieſe Worte hörte. Sie ſchauerte vom Kopf bis zu den Füßen; ihre Hände, ihre Wangen, ihre Stirne wurden weiß und kalt wie Marmor. „Ah!“ ſagte ſie,„haſt auch Du davon ſprechen hören?“ „Wovon?“ „Von nichts, von Niemand,“ ſagte Suſanne, indem ſie mit der Hand über die Stirne fuhr, als wollte ſie ſich aus einem ſchlimmen Traume auf⸗ wecken. „Suſanne, Suſanne, Deine Hände ſind eiskalt,“ ſagte der junge Mann. „Ja, das iſt wahr, ich friere, Camille.“ „Geh' nach Deinem Zimmer, mein liebes Kind! Dieſe Aufregungen werden Dir das Herz brechen.“ 204 „O Camille,“ rief Suſanne mit einem furchtba⸗ ren Tone,„wir ſind auf ewig geſchieden.“ „Suſanne,“ ſagte der junge Mann, wirklich ge⸗ rührt,„komm' zu Dir, der Schmerz verwirrt Dich; ich bin's, Camille; ich bin bei Dir, ich küſſe Dich, ich liebe Dich!“ „Nein! Du weißt wohl, daß ich wahr ſpreche; auch Du haſt von ihm ſprechen hören.“ „So iſt es alſo wahr, was man geſagt hat?“ fragte Camille. „Was ſagt man?“ „Die Teſtamentsgeſchichte, von der in der Welt die Rede iſt, wäre wahr?“ „Du ſiehſt wohl! Ja, ſie iſt wahr; ja, wenn dieſer Menſch will, bin ich ärmer, als das Kind, das in die Welt kommt, weil das Kind einen Vater und eine Mutter hat, während ich Niemanden be.“ „So exiſtirt alſo ein anderer Erbe?“ „Ja, Camille ja; ich hatte ihn vergeſſen; es exiſtirt ein berechtigter Erbe; mein Bruder wollte realiſiren, wollte verkaufen, wollte... Der arme Unglückliche machte Plane, aber er eilte nicht, ſie auszuführen; der Tod hat um ſo mehr geeilt.“ „Und dieſer Erbe heißt?... „Für uns Conrad von Valgeneuſe— wir hielten ihn für todt— für die Welt Salvator.“ „Salvator! der geheimnißvolle Commiſſionär, der ſeltſame Menſch,“ rief der Amerikaner.„Dann geht alles gut, Suſanne,“ ſagte Camille.„Dieſer Menſch hat auch meinen Lebensweg durchkreuzt, er hat mit roher Hand an meine Ehre gerührt. Ich c—c S 8 8 — e— 2 * elt nn d, er en lte me ſie en i⸗ nn ſer er 205 habe eine Rechnung mit ihm abzumachen, mit die⸗ ſem Herrn Conrad von Valgeneuſe.“ „Was wirſt Du thun?“ fragte Suſanne, vor Furcht und Hoffnung zitternd. „Ich werde ihn tödten,“ antwortete der Creole entſchloſſen. CXII. Wo die Sonne Camille's zu bleichen beginnt. Ihr erinnert euch vielleicht, liebe Leſer— oder wenn ihr euch nicht erinnert, ſo will ich eure Erin⸗ nerung auffriſchen— der jungen ſchönen Creolin von Havannah, die euch freilich nur ein einziges Mal vorgeſtellt wurde, aber doch unter dem Namen Frau von Rozan vorgeſtellt wurde, und die die Sa⸗ lons der Frau von Marande an jenem Abende zum erſten Male betrat, wo Carmelite die Romanze von der Weide ſang. Dieſes Auftreten der Creolin hatte, wie wir geſagt und wiederholen, auf alle Eingeladenen die außerordentlichſte Wirkung hervorgebracht. Unter den Auſpizien von Frau von Marande in die große Welt eingeführt, jener Frau, die zu den anmuthigſten Herrſcherinnen zählte, war die ſchöne Creolin in wenigen Tagen die„Beauté à la mode“ geworden und man riß ſich in allen Salons von Paris um ſie. Braun wie die Nacht, roſig wie der Orient, mit Augen voll Feuer, Lippen voll Verlangen, zog Frau von Rozan mit einem Blick, einem Lächeln, 206 nicht nur die Männer, ſondern auch die Frauen an ſich; und ſie glich inmitten eines Salons einem von Sternen umgebenen Planeten. Man ſchrieb ihr tauſend Siege, und nicht eine Niederlage zu. Das war die volle Wahrheit: leb⸗ haft, feurig, leidenſchaftlich, vielleicht ohne es zu wiſſen, herausfordernd, lag zwar in ihrem Weſen eine ziemlich ausgeſprochene Coquetterie, aber nichts weiter, und wenn ſie, wie Camille, mehr bezeich⸗ nend, als tactvoll ſagte, die Leute ſich mit den Kleinigkeiten des Vorzimmers amüſiren ließ, ſo wußte ſie ſie dort zu bannen, ehe ſie noch die Schwelle berührt. Das Geheimniß ihrer Tugend lag in ihrer Liebe zu Camille, und wir möchten es im Vorübergehen ſagen, da ſich eine ſo gute Ge⸗ legenheit bietet, das Geheimniß aller weiblichen — iſt: ein liebendes Herz, ein tugendhafter eib. Frau von Rozan war dies in vollem Sinne; — ſie liebte ihren Mann, ja, ſie betete ihn an: eine ſchlecht angebrachte Anbetung, wir geben das zu, namentlich wenn wir an das denken, was wir im vorhergehenden Capitel erzählt, aber vollkom⸗ men begreiflich für diejenigen, welche jenen äußer⸗ lichen Glanz, jene zauberhafte Anziehungskraft, mit der die Natur Camille beſchenkt, nicht vergeſſen. Und wir haben es im Verlauf unſerer Geſchichte geſehen, Camille, jung, ſchön, launenhaft mehr, als diſtinguirt, mehr unterhaltend als geiſtreich, mit dem pariſer Esprit hinlänglich gefirnißt, der leicht⸗ fertige, frivole, phantaſtiſche, ausgelaſſen heitere Camille mußte allen Frauen gefallen und beſonders S S X—— 8 X it t⸗ re s 207 einem jungen Mädchen, das indolent und leiden⸗ ſchaftlich zugleich, vergnügungsſüchtig im höchſten Grade war und nur an Unterhaltung dachte. Die Triumphe von Frau von Rozan waren, wie wir ſahen, nur äußerliche, oberflächliche. Sie ließ den Glanz derſelben ganz auf ihren Mann fallen, und doch wird man ſogleich ſehen, weßhalb dieſe verliebte und triumphirende Creolin, trotz ihrer glänzenden Erfolge, ſo tief melancholiſch war, daß man hätte glauben ſollen, ſie leide unter irgend einem geheimen geiſtigen oder körperlichen Uebel. Man hatte in mehreren Salons dieſe Bemerkung gemacht, als man die Bläſſe ihrer Wangen und die dunkeln Ringe um ihre Augen ſah: eine eifer⸗ ſüchtige Wittwe behauptete, ſie ſeie bruſtleidend; eine verſchmähte Liebende, ſie habe einen Liebhaber; eine andere, mitleidigere Seele hatte entdeckt, daß ihr Mann ſie ſchlage: ein materialiſtiſcher Arzt be⸗ ſchuldigte oder vielmehr beklagte ſie, daß ſie zu ſtreng ihren ehelichen Pflichten nachkomme; kurz, alle Welt ſprach ihr Urtheil aus, aber niemand das richtige. Und wenn uns der Leſer jetzt in das Schlaf⸗ zimmer der jungen ſchönen Frau folgen will, wird er in wenigen Augenblicken, wenn er es nicht be⸗ reits geahnt, das Geheimniß dieſes Kummers er⸗ fahren, das ganz Paris zu beunruhigen begann. Am Abende des Begräbniſſes von Herrn Loré⸗ dan von Valgeneuſe, das heißt vierundzwanzig Stunden nach der Scene, die wir im vorhergehen⸗ den Capitel erzählten, war Frau Camille von Ro⸗ zan, welche in einer roſaſammtnen Bergdre lag, 208 für eine hübſche Frau in einem Schlafzimmer, um ein Uhr Morgens, einer Stunde, wo jede Frau von dem Alter und dem Ausſehen der ſchönen Do⸗ lores, die Stirne voll Träume und den Mund voll Verſprechungen, in ihrem Bette liegen ſollte, auf die wunderlichſte Weiſe beſchäftigt. Vor einem kleinen Laquedechinetiſche ſaß ſie und lud ein prachtvolles Paar Piſtolen mit Ebenholz⸗ ſchaft und mit Gold damascirtem Laufe, die ſich von ihren marmorweißen Händen wunderbar ab⸗ oben. Nachdem ſie die Piſtolen mit einer Pünktlichkeit und Sorgfalt geladen, die einem Schützen Ehre ge⸗ macht, unterſuchte Frau von Rozan auf's genaueſte die Hahnen und ließ ſie einen nach dem andern ſpielen; nach dieſer Unterſuchung legte ſie die Pi⸗ ſtolen neben ſich zur Rechten und nahm einen klei⸗ nen Dolch, der auf ihrer linken Seite lag. In den Händen dieſer hübſchen Creolin dürfte dieſer Dolch nicht in Erſtaunen ſetzen; die Kette war von mit Gold niellirtem Silber; der Knopf war von wunderbar getriebenem, mit Stein eingelegtem Stahl und das Meiſterſtück der Goldſchmiedekunſt ſchien mehr ein Frauenbijou als eine Mordwaffe; und doch, wenn man die Blitze ſah, die aus ihren Au⸗ gen leuchteten, wenn ſie auf die Klinge ſah, hätte man ſich fürchten mögen und wäre in Verlegenheit geweſen zu ſagen, wer die unheimlichſten Strahlen ausſtrömte, der Dolch oder die Augen. Nachdem ſie den Dolch mit derſelben Sorgfalt unterſucht, wie die Piſtolen, legte ſie ihn wieder auf den Tiſch, zog die Brauen zuſammen und legte, —————— 209 ſich, die Arme kreuzend und in tiefes Nachdenken verſunken, in ihre Bergère zurück. Zehn Minuten ungefähr waren auf dieſe Weiſe verfloſſen, als ſie einen ihr wohlbekannten Schritt in dem Corridore hörte, der zu ihrem Schlafzimmer führte. „Das iſt er,“ ſagte ſie. Und mit der Schnelligkeit des Gedankens die Schieblade an ſich ziehend, legte ſie die Piſtolen und den Dolch hinein, warf die Schieblade wieder zu, zog den Schlüſſel ab und barg ihn in ihren Schlafrock. Sie ſtand lebhaft auf. Camille trat ein. „Ich bin es,“ ſagte er;„wie, Du liegſt zu dieſer Stunde noch nicht zu Bette, liebes Kind?“ „Nein,“ antwortete Frau von Rozan kalt. „Aber es iſt ein Uhr, meine Liebe,“ ſagte Ca⸗ mille und küßte ſie auf die Stirne. „Ich weiß es,“ antwortete dieſe in demſelben Tone und mit demſelben eiſigen Accente. „Du warſt alſo aus?“ fragte Camille, indem er ſeinen Mantel auf eine Cauſeuſe warf. „Ich war nicht aus,“ antwortete Frau von Rozan lakoniſch. „So war Beſuch bei Dir?“ „Niemand.“ „Und Du haſt bis jetzt gewacht?“ „Wie Du ſiehſt.“ „Was thateſt Du?“ „Ich wartete auf Dich.“ „Das iſt nicht Deine Gewohnheit.“ Dumas, Salvator. VII. 2¹0 „Wenn die Gewohnheiten ſchlecht ſind, muß man ſie ändern.“ „O! in welch' tragiſchem Tone Du das ſagſt!“ machte Camille, indem er ſich auszukleiden begann. Frau von Rozan ſetzte ſich, ohne zu antworten, wieder in ihre Bergdre. „Nun gut,“ fragte Camille,„legſt Du Dich nicht zu Bette?“ „Nein, ich habe mit Ihnen zu ſprechen,“ ſagte die Creolin in düſterem Tone. „Zum Teufel! was Du mir zu ſagen haſt, muß ſehr traurig ſein, daß Du es mir in ſolchem Tone ankündigſt.“ „Sehr traurig.“ „Was iſt es denn, meine Liebe?“ fragte Ca⸗ mille, indem er näher trat;„biſt Du krank? haſt Du eine ſchlimme Nachricht erhalten? was iſt denn in den letzten Stunden geſchehen?“ „Es iſt nichts in den letzten Stunden geſchehen,“ antwortete die Creolin,„was nicht alle Tage ge⸗ ſchähe; ich habe keine Nachricht erhalten, ich bin nicht krank, wenigſtens nicht, wie Sie es meinen.“ „Warum dann dieſe düſtere Miene?“ fragte Camille lächelnd.„Oder,“ ſetzte er hinzu, indem er ſie küſſen wollte,„denkſt Du etwa an unſern armen Freund Lorédan?“ „Herr Lorsdan war nicht unſer Freund; Herr Lorédan war Ihr Freund; es kann deßhalb das nicht ſein.“ „Dann weiß ich nicht mehr, was ich ſagen ſoll,“ verſetzte Camille, indem er ſeinen Frack auf ein — 211 Fautenil legte, des langen Geſpräches über eine ſo unerklärliche Sache müde. „Camille,“ fragte Frau von Rozan,„haben Sie ſeit einigen Wochen keine Veränderung bei mir wahrgenommen?“ „NRein, wahrhaftig nicht,“ antwortete Camille, „Du biſt immer reizend.“ „Sie haben meine Bläſſe nicht bemerkt?“ „Das Clima von Paris iſt ſo verrätheriſch. Aber ich will Dir etwas ſagen: dieſe Bläſſe ſteht Dir entzückend; und wenn ich etwas bemerkte, ſo war es das, daß Du alle Tage ſchöner wurdeſt.“ „Der Ring um meine Augen, hat er Dir nicht von meinen ſchlafloſen Nächten gezeugt?“ „Wahrhaftig nein! Ich glaubte, Du legteſt Ko⸗ hol an, wie es jetzt Mode iſt.“ „Camille, Sie ſind entweder ſehr egoiſtiſch oder ſehr frivol, mein armer Freund,“ machte die junge Frau kopfſchüttelnd. Und zwei Thränen rollten über ihre Wangen. „Du weinſt, meine Liebe?“ fragte Camille be⸗ ſtürzt. „Aber ſieh mich doch an,“ ſagte ſie und ging mit gekreuzten Armen auf ihn zu;„ich ſterbe!“ „O,“ machte Camille, betroffen von der Bläſſe und dem düſteren Ausdruck des Geſichts ſeiner Frau. „Wahrhaftig, meine arme Dolores, Du ſcheinſt mir leidend.“ Und indem er ſie um die Hüfte faßte, ſetzte er ſich und ſuchte ſie auf ſeine Kniee zu ziehen. Aber die junge Frau machte ſich aus ſeiner Um⸗ 14 armung los, ſtieß ihn ungeſtüm von ſich, und warf ihm einen Blick voll Zorn zu. „Genug ſolcher Lügen!“ ſagte ſie energiſch,„ich bin meines Schweigens müde und dürſte nach einer Erklärung.“ „Und welche Erklärung willſt Du, daß ich Dir gebe?“ fragte Camille in einem ſo natürlichen Tone, daß man hätte glauben ſollen, die Frage überraſche ihn wirklich. „Aber das iſt ſehr einfach: die Erklärung Dei⸗ nes Benehmens ſeit dem Tage, wo Du zum erſten Mal den Fuß in das Hötel Valgeneuſe geſetzt.“ „Immer wieder Deine Zweifel,“ ſagte Camille mit Ungeduld;„ich glaubte Dich in dieſer Beziehung beruhigt zu haben.“ „Camille, mein Vertrauen auf Dich war ſo groß äls meine Liebe. Als ich Dich über Deine Bezie⸗ hungen zu Fräulein Suſanne von Valgeneuſe be⸗ fragte, und Du mich verſicherteſt, daß ſie für Dich und Du für ſie nur die Gefühle der Freundſchaft oder höchſtens geſchwiſterliche Gefühle hegeſt, da liebte ich Dich und glaubte Dir.“ „Nun alſo?“ ſagte der Amerikaner. „Warte, Camille, dieſen Schwur, den Du mir vor vier Monaten thateſt, könnteſt Du ihn heute wiederholen?“ „Gewiß.“ „So liebſt Du mich alſo heute wie vor einem Jahr, das heißt am Tage unſerer Hochzeit?“ „Etwas mehr als vor einem Jahr,“ antwortete Camille mit einem Tone der Galanterie, der ſelt⸗ ſam mit der düſtern Miene ſeiner Frau contraſtirte. *— M. 217 „Reiſen wir ab.“ „Wie— reiſen?“ rief Camille erſtaunt.„Und weßhalb reiſen?“ „Weil es nicht ehrenhaft iſt, Fräulein von Val⸗ geneuſe ſo irre zu führen; ſie liebt Dich, ſagſt Du, alſo hofft ſie, Du liebſt ſie nicht, alſo leidet ſie. Hoffnung und Leiden, es gibt ein Mittel, Beiden ein Ende zu machen. Laß' uns gehen.“ Camille ſuchte zu ſcherzen. „Ich gebe zu, daß eine Abreiſe eine Löſung des Knotens wäre,“ ſagte er.„Wir ſehen das Beiſpiel davon in einer Menge von Komödien. Aber man muß wiſſen, wohin man geht.“ „Man geht dahin, wo man geliebt wird. Der Ort, wo man geliebt wird, iſt unſere wahre Hei⸗ math. Wohin Du willſt, werde ich gehen, hundert Meilen von Frankreich, tauſend Meilen von Frank⸗ reich, aber laß uns dieſen Ort meiden.“ „Gewiß,“ antwortete Camille,„und ich hätte Dir ſelbſt ſeit lange eine Reiſe nach Italien oder Spa⸗ nien vorgeſchlagen, wenn ich nicht Deine Vorwürfe gefürchtet.“ „Meine Vorwürfe?“ „Ja, höre meine Gründe. Ich, der ich ſeit Jahren in Paris lebe, ſagte ich mir, habe nichts Befonderes mehr zu ſehen, aber Sie, meine arme Dolores, die wie alle jungen Mädchen unſerer Hei⸗ math ſeit lange dieſen ſüßen Traum gehegt— Paris ſehen und ſterben, Sie ſoll ich ungeſtüm aus dem Schlafe reißen, ehe Sie dieſen Traum zu Ende ge⸗ träumt?“ „Wenn dieſe zarte Aufmerkſamkeit Dich allein 218 noch zurückhält, Camille, dann laß' uns nicht län⸗ ger unſere Abreiſe verſchieben. Ich habe von Paris geſehen, was ich ſehen wollte.“ „Nun denn, meine Liebe,“ ſagte Camille,„wir wollen abreiſen.“ „Wann das?“ „Wann Du willſt.“ „Gut, alſo morgen.“ „Oh!“ machte der Amerikaner beſtürzt.„Mor⸗ gen2“ „Gewiß, da Dich nichts in Paris zurückhält, als die Furcht, mich aus meinem Traume aufzuwecken.“ „Nichts, nichts,“ ſagte Camille,„das iſt bald geſagt; und hätte man auch nur ſeine Koffer zu packen, ſo würde das ſchon mehr als einen Tag ausmachen. Morgen,“ wiederholte Camille,„und ihie Beſuche! unſere Einkäufe! unſere Rechnun⸗ gen?“ „Meine Foffer ſind gepackt, meine Einkäufe ſind gemacht, meine Rechnungen ſind bezahlt; und ich habe geſtern, um Abſchied zu nehmen, nach allen Häu⸗ ſern, wo wir empfangen wurden, Karten geſchickt.“ „Aber man bedarf doch immer noch einige Tage, um ſeinen Freunden die Hand zum Abſchied zu drücken.“ „Mit Deinem Charakter, Camille, hat man keine Freunde; man hat nur Bekanntſchaften. Dein in⸗ timſter Bekannter war Lorsdan. Lorédan wurde geſtern getödtet, heute begraben. Du haſt keine ein⸗ zige mehr in Paris zu drücken; laß uns deßhalb morgen gehen.“ „Es iſt unmöglich.“ —,— 219 „Bedenke wohl, was Du mir antworteſt, Ca⸗ nilkv.“ „Gewiß, und meine Lieferanten, was würden ſie ſagen, wenn ich auf ſolche Weiſe ginge? Es hätte das Ausſehen eines Bankerotts. Ich veiſe ab, aber ich gehe nicht durch.“ „Wie viel Zeit verlangſt Du, damit Deine Ab⸗ reiſe nicht das Ausſehen einer Flucht habe? Ant⸗ worte.“ „Ich weiß nicht.. „Sind drei Tage genügend?“ „Wahrhaftig, ein ſolches Verlangen iſt unver⸗ nünftig, meine Liebe.“ „Vier Tage, fünf Tage, ſechs Tage,“ wieder⸗ holte die junge Frau, deren Zorn den höchſten Grad erreicht hatte, in heftigem Tone.„Iſt das genug?“ „Du beſtehſt darauf?“ fragte Camille, den das Gereiztſein ſeiner Frau zu beunruhigen begann. „Nun denn, acht Tage.“ „Acht Tage, gut,“ ſagte Frau von Rozan ent⸗ ſchloſſen.„Aber ſo wahr,“ fügte ſie hinzu, indem ſie auf die Schieblade ſah, in der der Dolch und die Piſtolen eingeſchloſſen waren,„ſo wahr mein Entſchluß vor Deinem Eintreten in dieſes Zimmer gefaßt war, wenn wir heute in acht Tagen nicht abgereist ſind, ſo ſtehſt Du, ſie und ich am neunten Tage vor Gott, um ihm Rechenſchaft über unſer Thun abzulegen.“ Die junge Frau ſprach dieſe Worte mit ſolcher Energie, daß Camille unwillkürlich ſchauerte. „Es iſt gut,“ ſagte er und faltete die Stirne, wie von einem doppelten Gedanken beherrſcht iſt gut; in acht Tagen gehen wir. Nun 6eb Dir mein Ehrenwort darauf.“ Und ſeinen Frack nehmend, den er, wie wir ge⸗ ſagt, auf einen Fauteuil geworfen, zog er ſich in ſein Zimmer zurück, das an das ſeiner Frau ſtieß, und ohne ſich Rechenſchaft von dem zu geben, was er that, ſchloß er die Thüre und den Riegel vor. Ende ves ſiebenten Theils.