* S————, Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur. von Ednard Ottmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 2 ceih und Geſebedingungen. 1. Oflensein der Bihliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird ijedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe N hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 MWr. 50 Pf. 2 Mi.— Pf. N 3 4 von Tages iſt zu 24 Stun⸗ bei Entgegennahme 5. Auswürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſ Erſatz des Ganzen verpflichtet. B 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— Die Mohicaner von Paris. Salvator. Von Alerandre Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Ebmund Zoller. Sechster Band. = Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1858. erei Zu Guttenberg in Stuttgart. Druck der K. Hofbuchdruck LXXXI. Was Herr Gerard fand, oder vielmehr nicht fand, als er nach Vanvres kam. Allein und zu dem melancholiſchen Trott zweier kreuzlahmer Pferde verdammt, ſtürzte ſich Herr Gerard in ein Meer von Vermuthungen. Sein erſter Gedanke war, zu Herrn Jackal zu eilen und Satisfaction für den ſchlechten Spaß, den ihm ſein Agent geſpielt, von ihm zu fordern. Aber Herr Jackal ſchlug gewöhnlich, wenn er mit dem würdigen Herrn Gerard ſprach, einen ungemein ſpöttiſchen Ton an, der dieſem ſo unbehaglich zu Muthe machte, daß die Augenblicke, die er bei dem Chef der Sicherheitspolizei zubrachte, genau genom⸗ men, die peinlichſten ſeines Lebens waren. Und was für eine Rolle würde er ſpielen? Die eines maulenden Schulknaben, der einen ſeiner Ka⸗ meraden bei dem Lehrer verklagt. Denn ſo weit auch Herr Gerard den Titel Ka⸗ meraden in Beziehung auf Gibaſſier von ſich ab⸗ wies, er mußte ſich dennoch geſtehen, daß je ferner und weiter er ihn von ſich werfe, deſto ſchwerer würde er, gleich dem Felſen der Siſyphus, auf ihn herabfallen. 1 4 Er war deßhalb nicht lange unentſchloſſen und kehrte nach Vanvres zurück. Er hatte Herrn Jackal am Tage vorher geſe⸗ hen, und der Augenblick kam immer noch bald genug, Herrn Jackal wieder zu ſehen, bei dem er, woran ihn Gibaſſier erinnerte, ſich jede Woche zweimal zu mel⸗ den hatte. Eine unbeſtimmte Unruhe ſagte ihm ferner, daß er in Vanvres bedroht ſei. So viel Schein auch die Gründe hatten, welche Gibaſſier genannt, Herr Gerard konnte doch nicht glauben, daß Gibaſſier ſich je in ſolchem Grade als ſein Freund gefühlt, um ein ganz natürliches Ver⸗ geſſen ſo ſehr übel zu nehmen. Etwas Beſonderes blieb deßhalb im Grunde die⸗ ſes Geheimniſſes verborgen. Und dann, in der Lage, in der ſich Herr Gerard am Tage vor der Hinrichtung eines Mannes befand, der mit ſeinem Kopfe das Verbrechen bezahlte, das er, Herr Gerard⸗ begangen, iſt alles, was dunkel, auch gefährlich. Er wünſchte deßhalb in Vanvres zurück zu ſein und fürchtete ſich doch zu gleicher Zeit davor. Aber die Pferde, welche den Weg von Vanvres nach der Barridre dEnfer in einer und einer Vier⸗ telſtunde gemacht, machten natürlich jetzt ihre Ermüdung fühlbar und brauchten ein und eine halbe Stunde, um von der Barridre d'Enfer nach Vanvres zurück zu kommen. Umſonſt drohte der Sturm immer gewaltiger, umſonſt drang trotz des Rollens des Wagens das Grollen des Donners bis zu Herrn Gerards Ohren, 5 umſonſt erhellten die Blitze die im Dunkel verlorene Landſchaft oft plötzlich mit grellen Flammen, der Kutſcher gab ſeinen Pferden nicht einen Peitſchenhieb mehr und die Pferde gingen keinen Schritt raſcher. Im Augenblick, als es zehn Uhr ſchlug, ſtieg Herr Gerard vor ſeinem Hauſe ab und machte die Bezahlung mit dem Kutſcher richtig. Herr Gerard wartete geduldig, bis dieſer ſeine Berechnung aufs Genaueſte wiederholt, und ſeine Pferde endlich in der Richtung nach Paris trieb. Erſt dann wandte er ſich nach ſeinem Hauſe um. Es lag im tiefſten Dunkel da. Obgleich kein Laden geſchloſſen war, ſah man doch an keinem Fenſter Licht. Es war dabei nichts zu verwundern, denn es war ſpät; die Gäſte mußten das Haus verlaſſen haben und die Dienerſchaft befand ſich vermuthlich in der Offiz. Die Offiz bildete einen Theil der Hintergebäude und ging auf den Garten hinaus. Herr Gerard ſtieg die Treppe hinan, welche von der Straße zu der Hauptthüre führte. Während er die Stufen hinaufſtieg, glaubte er 2 der Dunkelheit zu ſehen, daß die Thüre offen tand. Er ſtreckte die Hand aus; die Thüre ſtand wirk⸗ lich offen. Es war eine große Unvorſichtigkeit von der Die⸗ nerſchaft, in ſolcher Nacht, wo der Himmel mit der Erde einen ſo heftigen Kampf auszukämpfen ſich rü⸗ ſtete, die Thüre offen zu laſſen und die Läden nicht zu ſchließen. 6 Herr Gerard nahm ſich vor, ſie tüchtig auszu⸗ ſchelten. Er trat ein, ſchloß die Thüre und befand ſich in der tiefſten Dunkelheit. Er näherte ſich taſtenden Schrittes der Loge des Portiers. Die Thüre ſtand offen. Herr Gerard rief nach dem Portier, niemand antwortete. Herr Gerard machte einige Schritte, taſtete mit dem Fuße, fand die erſte Stufe der Treppe und rief, den Kopf erhebend, dem Kammerdiener. Er erhielt keine Antwort. „Sie eſſen wohl alle in der Küche,“ ſagte Herr Gerard laut zu ſich, als wenn durch das laute Sprechen die Sache an Wahrſcheinlichkeit gewänne. In dieſem Augenblicke hörte man einen heftigen Donnerſchlag, ein Blitz leuchtete und Herr Gerard ſah, daß die Thüre des Perrons, welcher in den Garten führte, weit offen ſtand, wie die Straßen⸗ thüre. „O, o!“ murmelte er,„was ſoll das bedeuten? man ſollte glauben, das ganze Haus ſei verlaſſen und leer.“ Er gelangte taſtend an das Ende des Veſtibules, denn man ſah nur während der kurzen Dauer der Blitze, und von dort aus gewahrte er in der Offiz ein brennendes Licht. „Ah!“ ſagte er,„ich hatte es ja gedacht, meine Leute ſind da!“ Und brummend ging er nach der Küche. Auf der Schwelle der Offiz blieb er jedoch ſtehen; — 7 das Tiſchtuch war wie zum Abendeſſen der Dienſt⸗ leute aufgelegt, nur die Leute ſelbſt waren ver⸗ ſchwunden. „H!“ machte Herr Gerard,„es geht hier etwas Wunderbares vor.“ Er nahm das Licht, und kehrte durch den Corridor in den Speiſeſaal zurück. Der Speiſeſaal war leer. Er ging durch das ganze Erdgeſchoß. Das Erdgeſchoß war leer. Von dem Erdgeſchoß ging er nach dem erſten Stock; der erſte Stock war leer wie das Erdgeſchoß; er ging in den zweiten; der zweite war leer wie der erſte. Er rief nochmals: ein unheimliches Echo war die ganze Antwort. Als er an einem Spiegel vorüber kam, fuhr Herr Gerard vor Schrecken zurück. Er fürchtete ſich vor ſich ſelbſt, ſo blaß war er. Er ſtieg langſam die Stufen hinab, indem er ſich am Geländer hielt; ſeine Beine wankten bei jedem Schritte. Endlich befand er ſich wieder im Veſtibule und trat von da auf den Perron hinaus, indem er ſein Licht in die Höhe hob, um auf den Raſen hinaus zu ſehen. Aber in dem Augenblicke, als er das Licht in die Höhe hob, kam ein Windſtoß, der das Licht auslöſchte. Herr Gerard befand ſich wieder im Dunkeln. Ein Schrecken, von dem er ſich keine Rechenſchaft geben konnte, der aber ſo unüberwindlich war, als wenn der ſtärkſte Grund dazu vorhanden wäre, be⸗ mächtigte ſich ſeiner. Er hatte einen Augenblick den 8 Gedanken, in ſein Zimmer hinauf zu gehen und ſich dort zu verbarricadiren, als er plötzlich einen furchtbaren Schrei ausſtieß und, wie wenn ſeine Füße an die Platten des Perrons angewurzelt wären, ſtehen blieb. Der Himmel hatte ſich aufgethan, um einem Blitze Raum zu geben und bei dem Leuchten dieſes Blitzes hatte Herr Gerard geſehen, daß der Tiſch umgeworfen war und das Tiſchtuch wie ein Leichen⸗ tuch im Winde flatterte. Wer hatte den Tiſch auf dem Raſen umſtürzen können? Aber vielleicht hatte auch Herr Gerard falſch geſehen; der Blitz hatte ſo flüchtig geleuchtet. Er ſtieg den Perron Stufe um Stufe hinab, indem er ſich die Stirne trocknete, und ging auf den Tiſch zu, den man kaum als eine formloſe Maſſe in der Dunkelheit unterſcheiden konnte. In dem Augenblicke, als er die Hand ausſtreckte, um den Geſichtsſinn durch das Gefühl zu erſetzen, war es ihm, als wenn die Erde unter ihm wiche. Er machte einen raſchen Sprung rückwärts. Im ſelben Augenblick erhellte ſich der Himmel und Herr Gerard ſah zu ſeinen Füßen ein Loch, das die Geſtalt einer Grube hatte. Etwas, das wie ein Schrei klang, drang aus ſeiner Bruſt; aber es war kein menſchlicher Schrei; es war zu gleicher Zeit der Ausdruck des Schreckens und etwas, was Schrecken einjagt. „Nein, nein!“ murmelte Herr Gerard,„es iſt unmöglich, ich träume!“ Und da der Blitz, der ihn allein aus dieſer Un⸗ ——— 9 gewißheit reißen konnte, immer noch ſäumte, aufs Neue zu leuchten, warf er ſich auf die Kniee. Es war ihm, als wenn ſeine Kniee in die friſch aufgeworfene Erde einſänken. Er taſtete mit der Hand. Sein Auge hatte ihn nicht getäuſcht; neben der friſch aufgeworfenen Erde befand ſich ein friſch ge⸗ grabenes Loch. Seine Zähne klapperten vor Schrecken. „O,“ ſagte er,„ich bin verloren! In meiner Abweſenheit hat man die Grube entdeckt, ſie aufge⸗ graben!“. Er ſtreckte die Arme in ihrer ganzen Länge aus, ohne auf den Grund kommen zu können. man hat den Leichnam mit fortgenommen!“ rief er. Dann fuhr er zuſammen und legte die Hand auf den Mund, wie um ſich am Sprechen zu hindern. Und durch ſeine Finger lies ſeine Stimme ein unheimliches Schluchzen hören. Er richtete ſich auf, indem er murmelte: „Was thun, mein Gott? Was thun?“ Er konnte nicht umhin, laut zu ſprechen. „Fliehen, fliehen, fliehen! ſtotterte er. Dann ſtürzte er äußerlich athemlos und von Schweiß triefend fort, ohne zu wiſſen wohin. Etwas Aehnliches, wie ein Winſeln ließ ſich hören. Herr Gerard, der ſich bereits erhoben und im Fliehen begriffen war, blieb plötzlich ſtehen. Dies Winſeln war das Jammern eines Menſchen. Es war alſo ein Menſch da, wer war es? was that er hier? 10 Sobald ein Menſch da war, war es auch ein Feind. Der erſte Gedanke des Herrn Gerard war, dieſen Menſchen ſich vom Halſe zu ſchaffen. Er ſuchte nach einer Waffe. Er hatte keine. Der Schopf für die Gartenwerkzeuge war in der Nähe. Herr Gerard ſtürzte mit einem Sprunge auf dieſe zu, bewaffnete ſich mit einem Spaten, und kam zu dem Menſchen zurück, furchtbar wie Cain, als er Abel zu tödten im Begriffe war. Ein Blitz führte ihn. Ganz aller Beſinnung baar, hob er den Spaten. „Recht ſo, mein guter Herr Gerard,“ ſagte eine angetrunkene Stimme;„vertreiben Sie dieſe ver⸗ dammten Fliegen.“ Herr Gerard blieb augenblicklich ſtehen. Die Stimme zeugte von der vollſtändigſten Be⸗ trunkenheit! „O!“ machte Herr Gerard,„es iſt ein unglück⸗ licher Berauſchter.“ Und er ließ ſeinen Spaten ſinken. „Denken Sie ſich dieſe Schufte von Türken!“ ſagte der Mann, indem er ſich auf ein Knie erhob und ſich an die Kleider des von Kopf bis zu Fuß ſchauernden Herrn Gerard anklammerte;„ſtellen Sie ſich vor, daß ſie mich wegen eines elenden Burſchen von zehn Jahren, den ich ermordet, und ich weiß es nicht einmal gewiß, denken Sie ſich, daß ſie mich lebendig verſcharrt, daß ſie mich mit Honig beſtrichen, und nun von dieſen elenden Fliegen auffreſſen laſſen. Glücklicherweiſe ſind Sie gekommen ——, ———— c— e— —— 1“ ob uß en nd ch, mit en en 11 Herr, mein guter Herr Gerard,“ fuhr der Betrun⸗ kene fort, der die Wirklichkeit mit dem Traume ver⸗ miſchte,„lücklicherweiſe ſind Sie mit Ihrem Spaten gekommen und haben mich aus meiner Grube be⸗ freit. Ah! Gott ſei Dank, daß ich heraus bin; wahrhaftig, das hat Mühe gekoſtet, Herr Gerard, mein guter Herr Gerard, mein ehrenwerther Herr Gerard, und wenn ich hundert Jahre lebte, würde ich den Dienſt nimmermehr vergeſſen, den Sie mir erwieſen!“ Trotz des unaufhörlichen Hin⸗ und Herwankens und der angetrunkenen Stimme, erkannte Herr Gerard einen ſeiner Gäſte. Es war der Landwirth. Was wußte er? Was hatte er geſehen? Weſſen konnte er ſich erinnern? Das ganze Leben des Elenden beruhte darauf. „Ei der Tauſend!“ fragte der Landwirth,„wo zum Teufel ſind denn die Andern?“ „Das frage ich Sie?“ ſagte Herr Gerard. „Nein, entſchuldigen Sie,“ beharrte der Land⸗ wirth,„ich bin's, der Sie fragt. Wo ſind ſie?“ „Das müſſen Sie wiſſen, ſuchen Sie doch Ihr Gedächtniß aufzufriſchen; was haben Sie ſeit mei⸗ nem Weggange gemacht?“ „Ich habe es Ihnen ja bereits geſagt, ehren⸗ werther Herr Gerard. Die Fliegen haben mich ge⸗ freſſen!“ „Aber ehe Sie die Fliegen fraßen,— erinnern Sie ſich denn nicht mehr?“ „Ich glaube, ich habe ein Kind getödtet!“ Hr. Gerard ſchwankte, er war nahe am Umſinken. 12 „Nun,“ ſagte der Betrunkene,„ſind Sie es, oder hin ich's, der ſich nicht auf den Beinen halten kann?“ „Sie ſind es,“ ſagte Herr Gerard:„aber ſeien Sie ruhig, ich werde Ihnen meinen Arm zum Fort⸗ kommen geben, wenn Sie mir zuvor erzählt, was nach meinem Weggange geſchehen iſt.“ „Ah, ja, das iſt wahr,“ ſagte der Landwirth, „ich erinnere mich warten Sie doch... Herr Jackal ließ Sie ſuchen, damit Sie der Hinrichtung jenes infamen Herrn Sarranti beiwohnen.“ „Schon gut,“ ſagte Herr Gerard, indem er ei⸗ nen letzten Verſuch machte, um aus dieſem Thier emas herauszubringen;„aber nach meinem Weg⸗ gang?“ „Nach Ihrem Weggang? warten Sie, warten Sie, warten Sie doch.. Ah! Da kam der junge Mann, den Sie ſchickten.“ „Ich,“ machte Herr Gerard, ſich an dieſen Fa⸗ den klammernd,„ich hätte einen jungen Mann ge⸗ ſchickt?“ „Ja, einen hübſchen Jungen mit ſchwarzen Haa⸗ ren, weißer Cravatte, ſchwarzem Fracke, ganz wie ein Notar gekleidet, nur beſſer.“ „Und ex war allein?“ „Das habe ich nicht geſagt, daß er allein war; er hatte einen Hund bei ſich, einen wüthenden Hund. In jenem Augenblicke rettete ich mich; aber die Erde zitterte, ſo ſcharrte der verwünſchte Hund.“ „Wo das?“ fragte Herr Gerard. „Unter dem Tiſche,“ machte der Landwirth,„und ——0— c—— —„— — ar; und 13 als die Erde zitterte, fiel ich. Von da ab fraßen die Fliegen an mir.“ „Und Sie können ſich auf nichts weiteres be⸗ ſinnen?“ fragte Herr Gerard ängſtlich beſorgt. „Weiteres? Sie glauben, man könne ſich auf etwas beſinnen, wenn die Fliegen an einem freſſen. Ah! Sie haben's gut vor, Sie!“ „Nun,“ ſagte Herr Gerard beinahe bittend, „ſuchen Sie ſich doch zu beſinnen, mein guter Freund.“ Der Betrunkene begann zu ſuchen, indem er an ſeinen Fingern zählte. „Nein,“ ſagte er,„das iſt Alles: Herr Sarranti, Herr Jackal, der junge ſchwarzgekleidete Mann mit der weißen Cravatte und der Hund Braſil.“ „Braſil! Braſil!“ rief Herr Gerard und ſprang dem Landwirth an die Gurgel.„Sie ſagen, der Hund habe Braſil geheißen?“ „Aber geben Sie doch Acht, was Sie thun, Sie! Sie erdroſſeln mich ja. Zu Hilfe! Zu Hilfe!“ „Unglücklicher! Unglücklicher!“ machte Herr Gerard, indem er auf die Kniee fiel,„ſchreien Sie doch nicht, ſchreien Sie doch nicht!“ „So laſſen Sie los, laſſen Sie mich gehen.“ „Ja, ja, gehen Sie,“ ſagte Herr Gerard;„ich werde Sie führen.“ „Das laß' ich mir gefallen!“ ſagte der Betrun⸗ kene.„Aber wie! Sie ſind ja betrunken?“ „Wie das?“ „Sie können ſich nicht mehr aufrecht auf den Beinen halten.“ Das war wirklich der Fall: ſtatt den Landwirth zu ſtützen, hätte es Noth gethan, daß dieſer Herrn Gerard geführt. Mit unausſprechlicher Mühe und Angſt gelang es Herrn Gerard den Landwirth nach der andern Seite der Straße zu ziehen; aber er war nicht ruhig, bis er ihn ſich hatte entfernen ſehen; der Betrunkene ſtolperte bei jedem Schritt, blieb jedoch den Beinen und ſtotterte bei jeder Schwan⸗ ung: „Verfluchte Fliegen!“ Als der Betrunkene ſich in der Dunkelheit ver⸗ loren und man ſeine Stimme in der Entfernung nicht mehr hören konnte, kehrte Herr Gerard wie das erſte Mal nach ſeinem Hauſe zurück; er ſchloß die Straßenthüre hinter ſich; dann ging er, nach und nach abgehärtet durch die auf einander folgen⸗ den und wachſenden Aufregungen, die er ſeit ſeiner erſten Entfernung durchgemacht, nach der Grube, ſieg, in einem letzten Seufzer ſeinen Muth zu⸗ ſtammen nehmend, in das Loch, und taſtete mit den Händen ringsumher. Er fand bas Loch bei der Unterſuchung mit der Hand leer. Ein Blitz, der vom Himmel zuckte, begleitet von einem furchtbaren Donnerſchlag und große Regen⸗ tropfen zeigten ihm, daß auch das Auge nichts finden konnte. Herr Gerard hörte den Donner nicht und fühlte nichts vom Regen und ſah nichts, als die offene Grube, die ihre Beute preisgegeben. Er ſetzte ſich an den Rand, und ließ die Füße 18 rn ht ch n er⸗ ng vie loß ach en⸗ ner be, zu⸗ den der von en⸗ chts hlte fene 15 in die Grube hängen, wie der Todtengräber im Hamlet. Er kreuzte die Arme, ließ den Kopf ſinken und ſuchte ſeine Lage zu überdenken. Während dieſer zweiſtündigen Abweſenheit, welche einen frechen Scherz zum Vorwande hatte, waren ihm die theuerſten Hoffnungen der Ruhe und des Friedens geraubt worden; von allen Qualen, die er erduldet, um ſein Verbrechen zu verbergen, blieb ihm nur, wir ſagen nicht, die Reue, ſondern die Erinnerung, daß er ein Mörder ſei, und die Furcht vor dem Schaffot! Und in welchem Momente trat die Cataſtrophe ein? In dem Augenblicke, als er ſich auf dem Gipfel der Ehre, auf dem Punkt des Ehrgeizes angekommen glaubte. Am Morgen noch ſah er ſich in Gedanken auf der Abgeordnetenbank; am Abend ſah er ſich, die Füße in die Grube hän⸗ gen laſſend, auf der Aſſiſſenbank, rechts und links einen Gensd'armen neben ſich und das Haupt ſen⸗ kend, um den höhniſchen Blicken der Menge zu ent⸗ gehen, die mit aller Gewalt Herrn Gerard, den Ehrenmann ſehen wollte; und weiter in der Ferne, auf einem Platze, den ein Gebäude mit ſpitzigen Glockenthürmchen beherrſcht, inmitten der Maſſe die beiden rothen und ſcheußlichen Arme der furchtbaren Maſchine, welche die Mörder in ihre Träume hinein verfolgt... Zum Glücke war der Philoſoph von Vanvres ein abgehärteter Mann, wie man ſo eben geſehen, als er den Spaten gegen den Landwirth erhob: er hätte nicht zurückgeſcheut vor einem zweiten Mord, um ſich den Folgen des erſten zu entziehen; aber es fällt uns nicht alle Tage einer zum Umbringen unter die Hände, um ſich aus der Affaire zu ziehen. Und er mußte ein neues Mittel finden, um ſi ohne ein neues Verbrechen aus der Affaire zu ziehen. Es gab nicht eines, ſondern zwei. Fliehen, fliehen in aller Eile, fliehen, ohne um⸗ zuſehen, fliehen, ohne irgend Jemand Lebewohl zu ſagen; nicht eher, als in einer Entfernung von zwanzig Stunden, wenn das Pferd zuſammen bräche, anhalten, ein anderes nehmen, bei jeder Station wechſeln, die Grenze überſchreiten, über das Meer ſchiffen und erſt in Amerika anhalten. a, aber wie das machen ohne Paß? Auf der erſten Poſtſtation würde der Poſtmeiſter das Pferd verweigern und nach der Gensd'armerie ſchicken. Ein anderes war, Herrn Jackal aufzuſuchen, die Sache zu erzählen und ihn um ſeinen Rath zu itten. Es ſchlug eilf Uhr. Mit einem guten Läufer, — und Herr Gerard hatte zwei gute Läufer in ſeinem Stalle— konnte man um eilf ein halb im Hofe der Präfektur ſein. Das war entſchieden das Beſte. Herr Gerard ſtand auf, lief nach dem Stalle, ſattelte ſelbſt das beſte ſeiner beiden Pferde, führte es ſelbſt zur Geſindethüre hinaus, ſchloß dieſe Thüre ſorgfältig, ſchwang ſich mit der Leichtigkeit eines jungen Mannes in den Sattel, drückte ſeinem Pferde die Sporen in den Leib und ritt ohne Hut und ohne ſich um den Regen und Wind zu kümmern, 17 die ſeinen nackten Schädel peitſchten, im vollen Carriere nach Paris. Laſſen wir ihn mit ſeinem Pferde dahinſprin⸗ gen und folgen wir Salvator, der im Triumphe die Gebeine des Opfers davon trägt. —— LXXXII. Die Beweismittel. Salvator kam mit dieſen traurigen Reliquien verſehen, gerade in dem Augenblicke bei Herrn Jackal an, als Herr Gerard ſeinen wilden Ritt he⸗ gann. Für Herrn Jackal gab es, wie wir wiſſen, we⸗ der Tag noch Nacht. Wann ſchlief er? Niemand wußte es: er ſchlief wie Leute, die Eile haben, eſſen, auf dem Daumen. Einmal für allemal war der Befehl gegeben worden, daß Salvator, wann er auch kommen möge, vorgelaſſen werde. Herr Jackal ließ ſich einen Rapport erſtatten, der ihm ohne Zweifel von einigem Intereſſe ſein mochte, denn er hieß Salvator erſuchen, ihm fünf Minuten zu vergönnen. Nach Verfluß von fünf Minuten trat Salvator gerade in dem Augenblicke in die Thüre, in wel⸗ chem der Agent zur andern hinausging. Salvator legte ſein an den vier Enden zuſam⸗ mengebundenes Tiſchtuch, welches die Ueberreſte des indes enthielt, in eine Ecke und Roland ſetzte ſich mit einem Klagegeheul daneben. Dumas, Salvator. VI. 2 —— 18 Herr Jackal ſah dem jungen Manne zu, indem er die Brille hinaufſchob, fragte jedoch nicht, was er thue. Salvator trat näher. Das Kabinet war nur von einer Lampe mit grünem Deckel beleuchtet; dieſer bildete einen Licht⸗ kreis auf dem Schreibtiſche des Herrn Jackal, aber der Kreis verbreitete ſich nicht weiter. Als deßhalb die beiden Männer ſaßen, waren ihre Kniee vollſtändig beleuchtet, aber die Köpfe verloren ſich im Dunkel. „Ah, ah!“ ſagte Herr Jackal zuerſt,„Sie ſind es, lieber Herr Salvator, ich wußte nicht, daß Sie in Paris ſeien.“ „Ich bin allerdings erſt ſeit einigen Tagen hie⸗ her zurückgekehrt,“ antwortete Salvator. „Und welcher neuen Veranlaſſung danke ich das Vergnügen, Sie zu ſehen? denn man ſieht Sie Un⸗ dankbaren nur, wenn Sie nicht anders können.“ Salvator lächelte. „Man iſt nicht immer Herr, um ſeinen Sympo⸗ thien folgen zu können,“ ſagte er:„und dann habe ich viel zu thun.“ „Und woher kommen Sie in dieſem Augenblick!“ „Ich komme von Vanvres.“ „Ei, ei! machen Sie etwa der Geliebten de Herrn von Marande den Hof, wie Ihr Freund Jean Robert ſeiner Frau? Dem armen Mam bleibt am Ende gar nichts mehr übrig.“ Und Herr Jackal ſchob eine ungeheure Pri Tabak in ſeine Naſenhöhlen. ein Jac Get lieb wor wär eine ſagt von inde bis Wa Her meh recht Verl Hert groß „ſind gen einen „ koſtb gleich 19 „Nein,“ ſagte Salvator,„nein, ich komme von einem Ihrer Freunde.“ „Von einem meiner Freunde?“ wiederholte Herr Jackal mit einer Miene, als ſuchte er in ſeinem Gedächtniſſe. „Oder von einem Ihrer Bekannten, will ich lieber ſagen.“ „Sie wollen mich in Verlegenheit ſetzen,“ ant⸗ wortete Jackal;„ich habe wenig Freunde und es wäre mir leicht geweſen, zu errathen; aber ich habe eine große Anzahl von Bekannten.“ „Ah! ich will Sie nicht lange ſuchen laſſen,“ ſagte der junge Mann in ernſtem Tone;„ich komme von Herrn Gerard.“ „Herrn Gerard?“ machte der Chef der Polizei, indem er ſeine Tabatiere öffnete und ſeine Finger bis auf den Boden hineintauchte;„Herrn Gerard! Was ſoll das heißen? Sie täuſchen ſich, lieber Herr Salvator, ich kenne durchaus keinen Gerard.“ „Schon recht, aber ein einziges Wort oder viel⸗ mehr eine einzige Bezeichnung wird Sie auf die rechte Spur führen: ich meine den Mann, der das Verbrechen begangen, wegen deſſen Sie morgen Herr Sarranti hinrichten laſſen wollen.“ „Ah! bah!“ rief Herr Jockal, indem er mit großem Geräuſche ſeine Priſe Tabak hinaufzog, „ſind Sie auch deſſen ganz ſicher, was Sie da ſa⸗ gen? Sie glauben, daß ich dieſen Menſchen kenne, einen Mörder? Puh!“ „Herr Jackal,“ ſagte Salvator,„unſere Zeit iſt koſtbarz wir haben beide keine zu verlieren, ob wir gleich beide ſehr verſchieden beſchäftigt ind und 2 nach zwei entgegengeſetzten Zielen hinſtreben; be⸗ ſchäftigen wir uns daher mit Nützlichem. Hören Sie mich an, ohne mich zu unterbrechen; wir ken⸗ nen uns überdieß ſchon zu lang, um uns gegen⸗ ſeitig zu betrügen; wenn Sie eine Macht ſind, ſo bin ich auch eine, das wiſſen Sie. Ich will Sie nicht daran erinnern, daß ich Ihnen das Leben ge⸗ rettet, ich will Ihnen nur ſagen, daß der, der die Hand an mich legt, mich nicht vier und zwanzig Stunden überleben wird.“ „Ich weiß es,“ ſagte Herr Jackal;„aber glau⸗ ben Sie mir, daß ich meine Pflicht über mein Le⸗ ben ſetze, und daß Drohen... „Ich drohe Ihnen nicht, und zum Beweis da⸗ für will ich ſtatt der beſtimmten Rede die fragende Form wählen. Glauben Sie, daß der, der die Hand an mich legt, mich vier und zwanzig Stunden überleben wird?“ „Ich glaube es nicht,“ ſagte Herr Jackal ruhig. „Ich wollte Ihnen nichts anderes ſagen, kom⸗ men wir jetzt zur Sache: morgen wird Herr Sar⸗ ranti hingerichtet.“ „Ich hatte nicht mehr daran gedacht.“ „Sie haben ein kurzes Gedächtniß; denn um fünf Uhr, noch dieſen Abend, ließen Sie den Scharf⸗ richter benachrichtigen, daß er ſich für morgen be⸗ reit halten ſolle.“ „Aber weßhalb, zum Teufel, liegt Ihnen dieſer Sarranti ſo ſehr am Herzen?“ „Er iſt der Vater meines beſten Freundes, des Abbé Dominique.“ „Ach ja, ich weiß es: der arme junge Mann M che gen nich ſag and jene z zeiti deſſe nen für be⸗ ören ken⸗ gen⸗ Sie ge⸗ die nzig lau⸗ Le⸗ da⸗ ende die nden hig. kom⸗ Sar⸗ um harf⸗ be⸗ ieſer des kann 21 hat ſogar vom Könige einen Aufſchub von brei Monaten erwirkt; denn ohne das wäre ſein Vater ſchon ſeit ſechs Wochen todt. Er ging nach Rom, ich weiß nicht wozu; aber er hat ohne Zweifel nicht reuſſirt oder iſt er unterwegs geſtorben, man hat ihn nicht wieder geſehen. Das iſt ſehr ſchlimm!“ „Nicht ſo ſchlimm, als Sie glauben, Herr Jackal; denn während er nach Rom ging, ohne Zweifel, um dort um Gnade zu flehen, ließ er mich hier, um die Gerechtigkeit wach zu rufen. Ich habe das Meine gethan und mit Gottes Hilfe, der die Guten niemals verläßt, iſt es mir gelungen.“ „Es iſt Ihnen gelungen?“ „Ja, und Ihnen zum Trotz; es iſt das zweite Mal, Herr Jackal.“ „Wann war es denn das erſte Mal?“ „Sie haben Mina und Juſtin, das junge Mäd⸗ chen, vergeſſen, die mein Vetter, Loredan von Val⸗ geneuſe, entführte. Ich glaube, daß ich Ihnen nichts Neues mittheile, nicht wahr, wenn ich Ihnen ſage, daß ich Conrad bin?“ „Ich muß Ihnen geſtehen, daß ich es ahnte.“ „Seit ich es Ihnen in Ihrem Wagen ſagte oder andeutete, als wir von Meudon zurück kehrten, an jenem Tage, oder vielmehr in der Nacht, da wir zu ſpät kamen, um Colom bau zu retten, aber noch zeitig genug, um Carmelite zu retten, nicht wahr?“ „Ja,“ fagte Herr Jackal;„ich erinnere mich deſſen; und Sie ſagen „Ich ſage, Sie kennen die Geſchichte, die ich Ih⸗ nen erzählen will, beſſer, als ich; aber ich halte es für wichtig, daß Sie wiſſen, wie gut ich von Allem 22 5 unterrichtet bin. Zwei Kinder ſind aus dem Schloß von Vichy verſchwunden. Man klagte Herrn Sar⸗ ranti an, ſie bei Seite geſchafft zu haben: das war falſch! Das Eine der Kinder, der Knabe, Victor, wurde von Herrn Gerard umgebracht und im Park am Fuße einer Eiche eingeſcharrt; das Andere, das junge Mädchen, Leonie, hat in dem Augenblick, als es von der Concubine Orſola erwürgt werden ſollte, ein ſolches Geſchrei erhoben, daß ein Hund ihm zu Hilfe kam und die erwürgte, welche es erdroſſeln wollte. Das Kind hat ſich ganz beſtürzt gerettet und fand auf der Landſtraße nach Fontainebleau eine Zigeunerin, die es aufnahm; Sie kennen dieſe Zigeunerin: ſie nennt ſich die Brocante und wohnt Rue d'Ulm, Nro. 4. Sie waren mit Meiſter Gibaſ⸗ ſier am Abende vor dem Tage, an welchem Roſe de Nool verſchwand, bei ihr und Roſe de Noöl iſt Nie⸗ mand Anders, als die kleine Leonie. Ich war ihret⸗ wegen nicht in Unruhe, denn ich wußte, daß ſie ſich in Ihren Händen befindet; ich ſpreche mit Ihnen nur davon, um Ihr Gedächtniß aufzufriſchen.“ Herr Jackal ließ ein ihm eigenthümliches Knur⸗ ren hören, das dem des Thieres nicht unähnlich war, deſſen Namen er trug. „Was den am Fuße eines Baumes begrabenen Knaben betrifft, ſo brauche ich Ihnen nicht zu ſagen, wie ich ihn mit Hilfe Braſils, der jetzt Roland heißt, aufgefunden habe, als ich etwas ganz anderes ſuchte. Sie wiſſen den Ort, nicht wahr? ich habe Sie dorthin geführt; nur war der Leichnam nicht mehr vorhanden.“ „Glauben Sie, daß ich es geweſen, der ihn fort⸗ F chloß Sar⸗ war ictor, Park „das „als ſollte, m zu oſſeln rettet bleau dieſe omnt ibaſ⸗ ſe de Nie⸗ hret⸗ e ſich hnen nur⸗ nlich enen igen, eißt, eres habe nicht fort⸗ 23 geſchafft hat?“ fragte Herr Jackal, inbem er eine ungeheure Priſe ſchnupfte. „Nicht Sie; aber Sie haben Herrn Gerard da⸗ von in Kenntniß geſetzt.“ „Ehrenwerther Gerard,“ ſagte Herr Jackal, „wenn Du hörteſt, was man von Dir ſagt, wie würdeſt Du entrüſtet ſein!“ „Sie täuſchen ſich, er würde nicht entrüſtet ſein, er würde zittern.“ „Aber wer hat Sie denn auf die Vermuthung gebracht, daß Herr Gerard das Kind fortgeſchafft?“ „O, es war keine Vermuthung, es war Gewiß⸗ heit für mich und das auf den erſten Blick. Ich war meiner Sache ſo gewiß, daß ich mir ſagte, Herr Gerard hat das arme Skelett, um ruhiger zu ſein, nur nach ſeinem Hauſe in Vanvres bringen können. In einer ſchönen Nacht, wie dieſe, wo man weder Himmel noch Erde ſah, half ich nun Roland über die Gartenmauer des Hauſes ſpringen, welches Herr Gerard in Vanvres bewohnt, ſprang dann ſelbſt nach und ſagte zu dem Thier:„Suche, mein guter Hund, ſuche!“ Roland ſuchte und, obgleich ich nicht die Worte des Evangeliums auf den Vierfüßer anwenden will, fand auch. Nach Verfluß von zehn Minuten ſcharrte er mit ſolcher Wuth den Raſen auf, daß ich ihn am Halsband fortreißen mußte, damit man nicht am andern Tage ſeine Spur finde. Wie wir gekommen, gingen wir auch wieder; nur, ſtatt daß ich früher Roland von draußen hineinge⸗ worfen, warf ich ihn jetzt von drinnen hinaus, und folgte ihm; das iſt die ganze Geſchichte; Sie ahnen das Uebrige, Herr Jackal, nicht wahr? Nicht Herr Sarranti, der ſeit ſechs Monaten gefangen ſitzt, nicht er hat vor drei Monaten die Leiche am Fuße der Eiche von Viry ausgegraben, um ſie nach dem Raſen des Hauſes von Vanvres zu bringen; und wenn es nicht Herr Sarranti iſt, ſo iſt es Herr Gerard.“ „Hm!“ machte Herr Jackal, ohne anders, als durch einen Ausruf zu antworten;„aber. nein nichts.“ „O, vollenden Sie; Sie wollten mich frägen, warum ich, da ich doch wußte, daß die Leiche ſich bei dem Hauſe des Herrn Gerard befinde, nicht frü⸗ her gehandelt?“ „Allerdings,“ ſagte Herr Jackal,„ich geſtehe, daß ich dieſe Frage an Sie richten wollte, und zwar aus reiner Neugierde, denn das, was Sie uns er⸗ zählen, gleicht weit mehr einem Roman, als einer Geſchichte.“ „Und dennoch iſt es eine Geſchichte, lieber Herr Jackal, und eine der authentiſchſten ſogar. Sie wol⸗ len wiſſen, warum ich nicht früher gehandelt; ich will es Ihnen ſagen. Ich bin ein Narr, lieber Herr Jackal; ich halte den Menſchen immer für beſ⸗ ſer, als er iſt. Ich bildete mir ein, Herr Gerard habe nicht den Muth, einen Unſchuldigen an ſeiner Statt ſterben zu laſſen; er werde Frankreich verlaſſen und von Deutſchland, England oder America aus alles enthüllen; aber das geſchah nicht! Die gemeine Canaille hat ſich nicht geſichert!“ „Pah!“ machte Herr Jackal;„das iſt vielleicht nicht ganz ihm in die Schuhe zu ſchieben und man ße d rr ls in ch i⸗ e, r ⸗ d——— —— darf ihn nicht unbedingt dafür zur Rechenſchaft ziehen.“ „Ich ſagte mir deßhalb dieſen Abend:„Es iſt Zeit.“ „Und Sie kamen, mich aufzuſuchen, damit wir gemeinſchaftlich an die Ausgrabung der Leiche gehen.“ „Keineswegs! o, da habe ich mich wohl gehütet: wie wir Jäger ſagen, man fängt einen Fuchs nicht zweimal im nämlichen Loch. Nein, dießmal habe ich meine Sache ſelbſt gethan.“ „Wie! Sie ſelbſt?“ „Allerdings; hören Sie mit zwei Worten. wußte, daß dieſen Abend ein großes Wähler⸗Diner bei Herrn Jackal ſtattfinden würde. Ich arrangirte mir die Sache nun ſo, daß ich Herrn Gerard auf eine bis zwei Stunden von ſeinen Gäſten entfernte. Dann begab ich mich an Ort und Stelle; ich nahm ſeinen Platz bei Tiſche ein, während Braſil unten ſcharrte; kurz, Braſil hat ſo gut gekratzt, daß ich nach Verfluß von einer Viertelſtunde nur den Tiſch auf die Seite ſchieben und den Gäſten des Herrn Gerard die Arbeit meines Hundes zu zeigen brauchte. Es waren ihrer zehn, der elfte trank ſeinen Wein ich weiß nicht wo. Sie unterzeichneten ein ganz nach der Regel abgefaßtes Protocoll, denn unter den Unterzeichnern befindet ſich ein Arzt, ein No⸗ tar und ein Huiſſier. Sehen Sie, hier iſt das Protokoll und das Skelett,“ fügte Salvator hinzu, indem er aufſtand und das zuſammengebundene Tiſch⸗ tuch auf dem Schreibtiſche des Herrn Jackal öffnete, —„das Skelett iſt hier!“ So ſehr Herr Jackal an die Wechſelfälle der 26 täglich ſich vor ihm entrollenden Dramen ge⸗ wöhnt war, ſo erwartete er doch ſo wenig dieſe Lö⸗ ſung des Dramas, daß er erblaſſend in ſein Fau⸗ teuil zurückſank und wider ſeine Gewohnheit, die Bewegung, die in ſeinem Innern vorging, durchaus nicht zu verheimlichen ſuchte. „Nun, hören Sie mich,“ ſagte Salvator.„Ich ſchwöre Ihnen vor Gott, daß wenn Herr Sarranti morgen hingerichtet wird, ich Sie, Sie allein, Herr Jackal, für ſeinen Tod verantwortlich mache! Das iſt klar, nicht wahr? Und Sie werden mich keiner zweideutigen Sprache beſchuldigen? Hier alſo ſind die Beweismittel“ Er zeigte auf die Gebeine.„Ich laſſe ſie Ihnen zurück; das Protocoll genügt mirz es iſt von drei öffentlichen Perſönlichkeiten unter⸗ zeichnet: einem Arzte, einem Notar, einem Huiſſier. Ich werde nun ſtehenden Fußes meine Klage bei dem Procurator des Königs einreichen; wenn es nöthig, gehe ich zum Großſiegelbewahrer, ja ich gehe zum König, wenn es ſein muß.“ Und Salvator verließ, gefolgt von Braſil, mit einem trockenen Gruß den Chef der Polizei, der zwar ganz beſtürzt über das, was er gehört, und aufs höchſte beunruhigt durch die Drohung war, die ſo eben gegen ihn ausgeſprochen worden. Herr Jackal kannte Salvator von lange her, er hatte ihn mehr als einmal ſich um eine Sache mühen ſehen, er kannte ihn als einen entſchloſſenen Mann und war überzeugt, daß er nichts verſpreche, was er nicht auch halten könne. Salvator ging und als die Thüre ſich hinter ihm ver⸗ ſchloſſen, fragte er ſich ſehr ernſtlich, was er thun könne. ge⸗ Lö⸗ u⸗ die u Ich nti err as ner die Ich ir; ter⸗ ier. bei ee mit der und die her, ache 27 Es gab ein ſehr einfaches Mittel, alles zu Wege zu bringen; dieß war: Herrn Gerard ſich aus der Sache ziehen zu laſſen, wie er konnte; aber das hieße mit eigenen Händen einen ſo künſtlich angezet⸗ telten Eintrag zerreißen; das hieß einen Bo⸗ napartiſten zum Helden ſtempeln, mehr als einen Helden, einen Märtyrer; das hieß am Tage vor der Wahl einen von der Regierung einigermaßen be⸗ günſtigten Candidaten zum Meuchelmörder machen. Abgeſehen davon, daß Herr Gerard nicht ermangeln würde, ſo bald er ſich gefangen genommen ſähe, Alles zu geſtehen und Herrn Jackal der Mitſchuld zu zeihen; dieß Mittel war entſchieden ein eben ſo leichtes, als ſchlechtes Mittel. Es gab ein anderes und Herr Jackal entſchied ſich für dieſes. Er ſtand raſch auf, ging gerade auf das Fenſter zu und zog an einem Knopfe, der in einer Vertie⸗ fung verborgen war. Sogleich erklangen zehn bis zwölf Glocken vom Corps de Logis, das Herr Zackal bewohnte, bis zur Thüre der Präfectur. „Auf dieſe Weiſe,“ murmelte er, indem er ſich wieder ſetzte,„habe ich wenigſtens Zeit, die Befehle des Juſtizminiſters zu empfangen.“ Als er dieſe Worte halblaut vor ſich hin geſagt, meldete ein Huiſſier Herrn Gerard. 28 LXXXIII. Wo Herr Jackal für das wechſelvolle Leben des Herrn Gerard eine Löſung ſucht. Herr Gerard trat blaß, grün, leichenfahl, ſchweiß⸗ triefend und zitternd in das Zimmer. „O Gott, Herr Jackal!“ rief er;„Herr Jockal!“ Und er ſank in einen Fauteuil. „Schon gut! ſchon gut!“ ſagte Herr Jackal; „erholen Sie ſich, ehrenwerther Herr Gerard; wir haben Zeit, an Sie zu denken.“ Dann ſagte er, an den Huiſſier gewandt, halb⸗ aut: „Gehen Sie raſch hinab; Sie ſahen einen jun⸗ gen Mann und einen Hund weggehen, nicht wahr?“ „Ja, mein Herr.“ „Man ſoll beide feſtnehmen, den Mann wie den Hund; denn der Eine iſt ſo gefährlich als der An⸗ 1 dere; aber es gilt den Kopf derer, die ihn feſtneh⸗ men, daß weder dem Manne noch dem Hunde eine Unbill widerfährt; Sie verſtehen?“ „Ja, mein Herr.“ „So beeilen Sie ſich; ich bin für Niemanden zu Pe Man ſoll den Wagen anſpannen. Gehen ie Der Huiſſier verſchwand wie eine Viſion. Herr Jackal wandte ſich nach Herrn Gerard um. Der Elende ſchien einer Ohnmacht nahe. Er hatte nicht mehr die Kraft zu ſprechen und faltete die Hände. „Schon gut, ſchon gut!“ ſagte Herr Jackal mit — d N* — 29 Abſcheu;„man wird uns die Meldung machen, ſeien Sie ruhig; ſtellen Sie ſich indeſſen an das Fenſter und ſagen Sie mir, was in dem Hof vor ſich geht.“ „Wie! Sie wollen, daß ich in dem Zuſtande, in dem ich mich befinde 2“ „Ehrenwerther Herr Gerard,“ ſagte der Polizei⸗ chef,„Sie kommen, mich um einen Dienſt zu bitten, nicht wahr?“ „Allerdings, um einen großen Dienſt, Herr Jackal.“ „Nun denn, das Leben iſt nur ein Austauſch von Dienſten; ich bedarf Ihrer, Sie bedürfen mei⸗ ner, unterſtützen wir uns gegenſeitig.“ „Das iſt ja mein höchſter Wunſch.“ „Wenn das Ihr höchſter Wunſch iſt, ſo gehen Sie an das Fenſter.“ „ 27 „Ja Sie, Ihre Angelegenheit kann ſpäter ver⸗ handelt werden; jetzt gilt es das Dringendſte. Wenn ich nicht jeder Sache ihre Stelle in der Reihenfolge anwieſe, ich würde erliegen. Die Ordnung, ehren⸗ werther Herr Gerard, die Ordnung vor allem. Gehen Sie an das Fenſter.“ Herr Gerard trat an das Fenſter, indem er ſich auf die Meubel ſtützte, die er unterwegs fand: es war ihm, als wenn ſeine Beine zuſammenbrechen wollten, er ging nicht mehr, er kroch. „Da bin ich,“ murmelte er. „Nun, ſo öffnen Sie.“ Während Herr Gerard das Fenſter öffnete, machte err Jackal ſich's in ſeinem Fauteuil bequem, zog 30 ſeine Tabacksdoſe heraus, nahm eine Priſe und ſtieß einen Seufzer der Zufriedenheit aus. Im Kampfe war er wahrhaft groß und dießmal hatte er in Salvator einen ſeiner würdigen Athleten gefunden.. „Das Fenſter iſt offen,“ ſagte Herr Gerard. ſehen Sie, was unten im Hofe vor ſich geht.“ „Ein junger Mann geht über den Hof.“ „Vier Agenten ſtürzen ſich auf ihn.“ „Gut.“ „Ein Kampf entwickelt ſich.“ „Gut. Geben Sie genau Acht, was geſchehen wird, ehrenwerther Herr Gerard; denn dieſer junge Mann hält Ihr Leben in der Hand.“ Herr Gerard ſchauerte. „O! aber er hat einen Hund!“ rief er. „Ja, ja, und einen Hund, der eine feine Naſe beſitzt.“ „Der Hund vertheidigt ihn.“ „Das erwartete ich.“ „Die Agenten rufen um Hilfe.“ „Aber ſie laſſen doch den jungen Mann nicht los, nicht wahr?“ „Nein, es ſind ihrer acht an ihm.“ „Das iſt nicht genug, zum Teufel.“ „Er wehrt ſich, wie ein Löwe.“ „Brav, Salvator.“ „Er hat einen zu Boden geworfen, er erſticht einen andern; der Hund erwürgt einen Dritten.“ —— e „—„ ich hen nge icht ticht 31 „Teufel! das wird ſchlimm. Was thun denn die Soldaten?“ „Sie kommen.“ . „Und binden ihn.“ „Und der Hund!“ „Man hat ihm den Kopf in einen Sack geſteckt und bindet ihm denſelben um den Hals.“ „Dieſe Burſche ſind ſehr erfinderiſch, wenn es ſich um ihre Haut handelt.“ „Man trägt den jungen Mann weg.“ „Und der Hund?“ „Der Hund folgt.“ „Und dann?“ „Der Mann, der Hund und die Agenten ver⸗ ſchwinden in einem Gange.“ „Alles iſt in Ordnung; ſchließen Sie das Fenſter wieder, ehrenwerther Herr Gerard; nun kommen Sie und ſetzen Sie ſich in dieſen Fauteuil.“ Herr Gerard ſchloß das Fenſter und ſetzte ſich oder ließ ſich vielmehr in den Fauteuil fallen. „O,“ machte Herr Gerard,„nun wollen wir etwas über Ihre Angelegenheit plaudern Sie haben alſo ein großes Wählerdiner gegeben, ehren⸗ werther Herr Gerard?“ „Ich glaubte, in der Lage, in der ich mich be⸗ fand, und da ich mich der Deputation vorſchlug... „Ja wohl, Sie glaubten dieſe kleine culinariſche Beſtechung verſuchen zu dürfen. Ich tadle Sie nicht, lieber Herr Gerard, das kommt ſo: nur begingen Sie ein Unrecht.“ „Welches?“ 32 „Daß Sie Ihre Gäſte mitten während des Mahles verließen.“ „Aber Herr Jackal, man meldete mir, daß Sie mich ſogleich ſprechen wollten.“ „Sie mußten die Geſchäfte auf den andern Tag verſchieben und wie Horaz ſagen: Valeat res ludicra?“ „Ich wagte es nicht, Herr Jackal.“ „Und Sie ließen während Ihrer Abweſenheit Ihre Gäſte bei Tiſche zurück?“ „Leider! ja.“ „Ohne daran zu denken, daß der Tiſch gerade an dem Orte aufgeſtellt ſei, wohin Sie die Leiche des unglücklichen Kindes gebracht.“ „Herr Jackal,“ rief der Mörder,„wie wiſſen Sie „Iſt es denn nicht meine Aufgabe, alles in Er⸗ fahrung zu bringen?“ „Nein, Sie wiſſen!!7“ „Ich weiß, daß Sie bei Ihrer Rückkehr Ihre Gäſte auf der Flucht, das Haus verlaſſen, den Tiſch umgeworfen und die Grube leer gefunden.“ „Herr Jackal,“ rief der Elende,„wo kann das Skelett ſein?“ Herr Jockal hob eine Ecke des Tiſchtuchs auf ſeinem Schreibtiſch und legte die Gebeine blos. „Hier iſt es!“ ſagte er. Herr Gerard ſtieß einen furchtbaren Schrei aus, ſprang wie ein Narr auf und ſtürzte nach der Thüre. „Nun, was machen Sie denn?“ fragte Herr Jackal. „Ich weiß nicht.. ich will mich retten.“ „Gut! wo das? Sie werden in dieſem Zuſtande, des Sie Tag a2 heit rade eiche us, üre. err nde, 33 in dem Sie ſich befinden, keine vier Schritte machen ohne arretirt zu werden. O, Herr Gerard, zu einem Dieb, einem Mörder, einem Meineidigen braucht man einen andern Kopf, als den Ihrigen; ich fange an zu glauben, daß Sie zum ehrlichen Manne geboren waren. Kommen Sie hierher und laſſen Sie uns überlegen, wie man die Sache an⸗ greifen muß, wenn die Situatſon gefährlich iſt.“ Herr Gerard kam ſchwankend zurück und ſetzte ſich in den Fauteuil, den er einen Augenblick vorher verlaſſen hatte. Herr Jackal ſchoh die Brille zurück und betrach⸗ tete den Elenden mit denſelben Blicken, wie die Katze die Maus, die ſie zwiſchen den Krallen hölt. MNachdem er ihn ſo einen Augenblick mit dieſem forſchenden Ausdruck angeſehen, der den Schweiß auf die kahle Stirne des Mörders rief, fuhr Herr Jackal fort: „Wiſſen Sie, daß Sie wirklich eine koſtbare. Figur für einen Melodramenſchreiber wie Herr Guilbert de Pirerecourt oder einen Romanſchreiber wie Herr Ducray Duminil wären; gibt es ein an dramatiſchen Vorfällen reicheres Leben als das Ihre? welche picante Scenen, welch erſchütternde Acte enthält das unbekannte Drama Ihres Lebens, ganz abgeſehen von dieſem Hunde! aber wo haben Sie denn mit dieſem Hunde Bekanntſchaft gemacht? das iſt ja ein Abkömmling des Hundes von Mon⸗ targis! Dieſer verteufelte Braſil muß perſönlich et⸗ was gegen Sie haben.“ Herr Gerard ſtieß einen Seufzer aus. Dumas, Salvator. VI. 3 34 Herr Jackal ſchien ihn nicht zu hören und fuhr ort. „Auf meine Ehre, ganz Paris würde einem Drama bieſes unvergleichlichen Thieres applaudiren. Es hat freilich noch keine Löſung; aber wir ſind da, um ihm eine ſolche zu geben; nicht wahr, ehrenwerther Herr Gerard? Der Vorhang iſt ſoeben nach dem vierten Acte gefallen: umgeſtürzter Tiſch, Gäſte und Dienerſchaft das verwünſchte Haus fliehend,— Tableau!“ „Herr Jackal,“ murmelte der Mörder mit bit⸗ tender Stimme,„Herr Jackal.. „O, ich weiß wohl, was Sie ſagen wollen: daß Sie nicht mehr wiſſen, wie Sie ſich aus der Sache ziehen ſollen! Zum Teufel, das iſt Ihre Sache: bei Mitarbeiterſchaft muß jeder ſein Theil thun, oder der Eine iſt beſtohlen; ich habe das Meine gethan, ich habe den Vertheidiger der Unſchuld und den tugendhaften Hund verhaftet.“ „Wie?“ „Den jungen Mann, der meine Agenten zu Bo⸗ den warf und würgte, den Hund, der ſie erdroſſelte. Um weſſen willen glauben Sie, daß man dem Einen den Kopf in einen Sack ſteckte und dem Andern die Handſchellen anlegte? Das geſchah um Ihret⸗ willen, Sie Undankbarer!“ „Dieſer junge Mann? Dieſer Hund?. „Dieſer junge Mann, ehrenwerther Herr Gerard iſt Salvator, der Commiſſionär der Rue aur Fers, der Freund des Abbé Dominique, des Sohns des Herrn Sarranti: dieſer Hund iſt Braſil, der Hund Ihres armen Bruders, der Freund Ihres armen Neffen, fuhr ama hat um ther dem äſte 0— bit⸗ daß ache ache: hun, teine und Bo⸗ ſelte. inen dern hret⸗ rd iſt der errn hres ffen, 35 Braſil, den Sie todt geglaubt und den Sie, unge⸗ ſchickt wie Sie ſind, verfehlt oder an die unrechte Stelle getroffen und der Sie lebendig zerreißen wird, wenn er Sie jemals findet; darauf können Sie zählen.“ „OH, mein Gott, mein Gott!“ machte Herr Gerard, indem er ſeinen Kopf in beide Hände ſinken ließ. „Gut!“ ſagte Herr Jackal,„ſehen Sie, wie unklug Sie ſind, den guten Gott anzurufen; Unglücklicher, wenn er ſeinen Blick auf Sie richtete, gerade in einem Moment, wo er einen Sturm wie dieſen in der Hand hat, ſo wären Sie im Augenblick zer⸗ ſchmettert. Ach! ja, das wäre ſchon eine Löſung, und eine moraliſche Löſung; was ſagen Sie?“ „Herr Jackal, im Namen des Mitleids, das noch in Ihnen wohnt, ſcherzen Sie nicht auf ſolche Weiſe, Sie tödten mich.“ Und er ließ ſeine Arme am Fauteuil hinab⸗ hängen, indem er ſeinen leichenfahlen Kopf auf den Rücken deſſelben zurücklegte. „Nun, nun, beunruhigen Sie ſich nicht ſo ſehr,“ ſagte Herr Jackal;„das iſt nicht die richtige Zeit, blaß zu werden, ſich unwohl zu fühlen und meinen Boden mit Schweiß zu bedecken. Phantaſie, Herr Gerard, Phantaſie!“ Der Mörder ſchüttelte den Kopf ohne zu ant⸗ worten. Er war vernichtet. „Nehmen Sie ſich in Acht,“ ſagte Herr Jackal, „wenn Sie mich das Drama allein zum Schluſſe bringen laſſen, ſo könnte ich leicht einen Schluß ma⸗ chen, der Ihnen nicht gefiele. Hören Sie denn, was ich als moraliſcher Autor und logiſcher Polizeichef 36 rathe: ich finde durch irgend eine dramatiſche Feder das Mittel, den jungen Mann und den Hund ent⸗ kommen zu laſſen; ich laſſe ſie zum Procurator des Königs, zum Großſiegelbewahrer, zum Groß⸗ kanzler gehen, wohin ſie nur wollen; ich laſſe die Unſchuld des Unſchuldigen, die Schuld des Schuldigen in dem Augenblicke zu Tage kommen, wo der Henker den Verurtheilten zum Richtſtuhl vorbereitet, ich laſſe durch hundert Comparſen rufen:„Herr Sarranti iſt frei! Herr Gerard iſt der wirklich Schuldige: da iſt er! da iſt er!“ Ich laſſe Hrn. Gerard in's Gefängniß ſtoßen, das Hr. Sarranti ſo eben thriumphirend unter dem Bravo und dem Applaus der Menge verlaſſen!“ Herr Gerard konnte einen Seufzer nicht unter⸗ drücken, während ein Schauer über ſeinen Körper lief. „O, wie nervös Sie ſind!“ ſagte Herr Jackal; wenn ich nur drei ſolche Mitarbeiter hätte, wie Sie, es währte nicht acht Tage, ohne daß ich den Veits⸗ tanz bekäme. Sprechen Sie nun! Zum Teufel! ich ſage Ihnen:„das iſt meine Löſung,“ ich ſage nicht, daß ſie gut ſei. Sprechen Sie nun, machen Sie mir Ihren Vorſchlag und wenn er beſſer iſt, ſo werde ich ihn annehmen.“ „Aber ich weiß keine Löſung,“ rief Herr Gerard. „Schon recht! aber das glaube ich nicht, Sie ſind nicht hierher gekommen, ohne eine beſtimmte Abſicht!“ „O nein, ich kam, Sie um einen Rath zu bitten.“ „Das iſt gering, was Sie mir da ſagen!“ —— z ri da eer ent⸗ rator zroß⸗ e die igen enker laſſe ti iſt a iſt gniß inter en!“ nter⸗ rper ckal; Sie, eits⸗ ufel! ſage chen iſt, Herr Sie nmte langen?“ 37 „Ich habe mir die Sache unterwegs überlegt.“ 5„So laſſen Sie das Reſultat Ihrer Ueberlegung ören.“ „Nun denn, es ſchien mir, als ob Sie ebenſo ſehr wie ich dabei intereſſirt ſeien, daß mir keine Unbill geſchieht.“ „Keineswegs, doch gleichgültig, fahren Sie ort.“ „Ich ſagte mir, daß ich mindeſtens zwölf Stun⸗ den vor mir habe.“ „Zwölf Stunden, das iſt viel! aber wir wollen einmal zwölf Stunden annehmen.“ „Daß man in zwölf Stunden einen großen Weg zurücklegen kann.“ „Man macht vierzig Stunden; man bezahlt drei ranken Trinkgeld für die Station.“ „Daß ich in achtzehn Stunden in einem See⸗ in vierundzwanzig Stunden in England in.“ „Nur braucht man dazu einen Paß.“ „Gewiß.“ „Und Sie kommen, um mich um einen ſolchen zu bitten?“ „Allerdings.“ 8„Indem Sie mir freien Spielraum geben, wenn ie we ie weg ſind. Herrn Sarranti zu retten, oder hin⸗ richten zu laſſen.“ „Ich habe nie nach ſeinem Tode getrachtet... 4 ſoweit er Ihr Leben ſicherte; ich verſtehe a 2. „Nun gut, was ſagen Sie von meinem Ver⸗ 38 „Von Ihrer Löſung meinen Sie.“ „Von meiner Löſung, wenn Sie wollen.“ „Ich ſage, daß das platt wäre, daß die Tugend allerdings nicht geſtraft iſt, aber das Verbrechen ebenſo wenig.“ „Herr Jackal!“ „Aber da wir nichts Beſſeres finden.“ „Sie nehmen an?“ rief Herr Gerard, vor Freude aufſpringend. „Zum Teufel, ich muß wohl!“ „O lieber Herr Jackal!“ Und der Mörder ſtreckte dem Polizeibeamten beide Hände hin; aber der Polizeibeamte zog die ſeinen zurück und läutete. Der Huiſſier trat ein. „Einen unausgefüllten Paß!“ verlangte Herr Jackal. „Für das Ausland,“ fügte Herr Gerard ſchüchtern inzu. „Für das Ausland,“ wiederholte Herr Jackal. „Ah,“ machte Herr Gerard, indem er ſich in ſei⸗ nem Fauteuil ausſtreckte, und ſich die Stirne trocknete. Es entſtand eine eiſige Stille zwiſchen den bei⸗ den Männern, da Herr Gerard Herrn Jackal nicht anzublicken wagte, während dieſer mit ſeinen kleinen grauen Augen den Elenden anſtarrte, von deſſen innerer Todesangſt er keinen Moment verlieren zu wollen ſchien. Die Thüre öffnete ſich wieder und als ſie aufging, zitterte Herr Gerard heftig. „Nehmen Sie ſich vor dem Starrkrampf in —— ugend rechen rede amten g die Herr chtern ckal. n ſei⸗ cknete. n bei⸗ nicht leinen deſſen en zu fging, of in 39 Acht,“ ſagte Herr Jackal;„denn wenn mich nicht Alles täuſcht, werden Sie daran ſterben.“ „Ich glaubte ſagte Herr Gerard ſtotternd. „Sie glaubten, es ſei ein Gendarm; Sie haben ſich getäuſcht, es iſt Ihr Paß.“ „Aber!“ machte Herr Gerard ſchüchtern,„er iſt nicht viſirt.“ „D, Mann der Vorſicht, der Sie ſind!“ ant⸗ wortete Herr Jackal.„Nein, er iſt nicht viſirt und braucht es auch nicht zu ſein: es iſt ein Paß für meine Specialagenten und wenn Sie ſich nicht ſchämen, für Rechnung der Regierung zu reiſen...“ „Nein, nein,“ rief Herr Gerard!„das wäre zu viel Ehre für mich.“ „In dieſem Falle iſt hier Ihr Diplom:„die Be⸗ hörden werden erſucht, frei und ungehindert.. „Danke, danke, Herr Jackal,“ unterbrach ihn der Unglückliche, indem er den Paß mit zitternder Hand ergriff, und dem Polizeichef nicht Zeit ließ, weiter zu leſen.„Und jetzt Gott befohlen!“ Damit ſtürzte er aus dem Cabinete. „Dem Teufel befohlen!“ rief Herr Jackal, „wenn der gute Gott ſich in Deine Sachen miſchte, elender Schuft, wäreſt Du ein verlorener Menſch!“ Er läutete abermals. „Iſt der Wagen bereit?“ fragte Herr Jackal den Huiſſier. „Er wartet ſeit zehn Minuten.“ Herr Jackal warf einen Blick an ſich hinab: ſeine Kleidung war untadelhaft, ſchwarzer Frack, ſchwarzes Beinkleid, Ercarpins, weiße Weſte und weiße Halsbinde. Er lächelte zufrieden, zog einen weiten Ueber⸗ Zzieher an, ging in ſeinem genöhnlichen Schritte hinab, ſtieg in den Wagen und ſagte: „Zum Juſtizminiſter Place Vendome.“ Aber beinahe eben ſo bald ſich verbeſſernd, ſagte er: „Was will ich? es iſt ja große Fete im Schloſſe Saint Cloud; bis zwei Uhr werden die Miniſter dort ſein.“ Und den Kopf durch die Thüre ſteckend, rief er: 1 ſ„Nach Saint Cloud, Kutſcher!“ 3 Dann mit ſich ſelbſt ſprechend und ſich's in ſeiner Ecke ſo bequem als möglich machend, ſagte ſ er gähnend. v „Ah, meiner Treu das geht gut: ich werde unter⸗ r wegs ſchlafen.“ Der Wagen fuhr fort und Herr Jackal, der über den Schlaf gebieten zu können ſchien, war noch nicht bis zum Louvre gekommen, als er ſchon ei 1 tief im Schlummer lag. N Er wurde dagegen am Cours⸗la⸗Reine auf die th unerwartetſte Weiſe aufgeweckt. Der Wagen wurde angehalten, und durch jede ve der offenen Thüren ſetzten zwei auf dem Tritt da 6 ſtehende Männer ein Piſtol auf die Bruſt des au Herrn Jackal, während zwei andere den Kutſcher Zi feſthielten. ſtie Die vier Männer waren maskirt. Herr Jackal fuhr aus dem Schlafe auf. In 6„Hm? Was gibt es, was will man?“ Be „Nicht ein Wort, keine Bewegung,“ ſagte einer 1 der beiden Männer,„oder Sie ſind des Todes.“ gen „Wie!“ rief Herr Jackal, der noch nicht ganz eber⸗ ritte e loſſe iſter er: in agte ter⸗ der war hon die ede ritt des her ner . 41 aufgewacht war,„man füllt die Leute um Mitter⸗ nacht in den Champs⸗Elyſées an? Wer lenkt denn die Polizei?“* „Sie, Herr Jackal; aber beruhigen Sie ſich, es fällt keine Schuld auf Sie. Wir ſind keine Diebe.“ „Wer ſeid Ihr denn?“ „Wir ſind Feinde, die ihr Leben zu opfern be⸗ reit ſind, und die das Ihre in den Händen halten; darum nicht ein Wort, nicht eine Bewegung, oder, wir wiederholen es, Sie ſind des Todes.“ Herr Jackal wurde überfallen, er wußte nicht von wem; er hatte auf keine Hilfe zu hoffen und reſignirte deßhalb. „Machen Sie mit mir, was Sie wollen, meine Herren,“ ſagte er. Einer der Männer verband ihm die Augen mit einem Taſchentuche, während der Andere ihm das Piſtol noch immer auf die Bruſt hielt; das Gleiche thaten die beiden Andern dem Kutſcher. Als Herrn Jackal und dem Kutſcher die Augen verbunden waren, ſtieg einer der vier Männer in das Innere des Wagens und der zweite ſetzte ſich auf den Kutſchenbock neben den Kutſcher, dem er die Zügel aus den Händen nahm; die beiden Andern ſtiegen hinten auf. „Sie wiſſen wohin,“ ſagte der Mann, der im nnern des Wagens ſaß, mit dem Accente des Befehls. Der Wagen drehte ſich und durch einen kräfti⸗ gen Peitſchenhieb angetrieben, ſprengten die Pferde davon. 42 LXXXIV. Reiſeeindrücke des Herrn Jackal. Derjenige von den vier maskirten Männern, der den Sitz des Kutſchers eingenommen, verſtand ſein Geſchäft ſicher in ſehr hohem Grade: denn ſeit zehn Minuten in geſtrecktem Trabe fahrend, hatte der Wagen ſo viele Kreuz⸗ und Quer⸗Touren ge⸗ macht, daß Herr Jackal, ſo ſcharfſüchtig er auch war, und ſo genaue Kenntniß er von dem Terrain be⸗ ſaß, gar nicht mehr wußte, wo ſie ſich befanden und ſich fragte, wohin man ihn führen könne. Nachdem nämlich der Wagen umgewandt und ſomit auf dem alten Wege zurückkehrend, vom Cours⸗la⸗Reine nach dem Quai de la Conference gefahren war, wandte er ſich links und kam zum Ausgangspunkt zurück; darauf machte er das näm⸗ liche Manveuvre und fuhr über den Pont Louis XV. Am Klingen der Räder hatte Herr Jackal er⸗ kannt, daß man über eine Brücke fuhr. Der Wagen hatte ſich links gewandt und fuhr über den Quai d'Orſay. Hier kannte ſich Herr Jackal wieder aus. Er ſagte ſich, daß man den Fluß entlang fahre, denn er ſah die Ausdünſtungen des Waſſers. Als der Wogen rechts abbog, ahnte er, daß man in die Rue du Bac fahre, und als er nochmals links einbog, war kein Zweifel, daß man in die Rue de[Univerſité fuhr. Bei der Rue de Bellechaſſe fuhr der Wagen aufwärts; dann bog er, in die Rue de Grenelle, darauf fuhr er wieder die Rue de l'Univerſité hinab, und hielt ſich dann rechts. „ der ſein ſeit hatte n ge⸗ war, n be⸗ und und vom rence zum näm⸗ XV. ler⸗ fuhr Er denn daß nals die gen elle, ſité 43 Herr Jackal wurde durch all“ dieß Kreuz⸗ und Querfahren ganz verwirrt. Als er auf den Boulevard des Invalides kam, fand er die gleiche Ausdünſtung wie am Seineufer; dieſe Ausdünſtungen kamen von den mit Thau be⸗ deckten Bäumen. Er ſagte ſich, daß er wieder am Fluſſe ſei oder auf einem Boulevard hinab fahre. Der Wagen, der einige Zeit auf der bloßen Erde ſtatt auf dem Pflaſter fuhr, brachte ihn auf dieſen Gedanken. Er ſah, daß er ſich auf einem Boulevard befand. Der Wagen fuhr mit einer Schnelligkeit von vier Meilen die Stunde. Auf der Höhe der Rue Vaugirard angekommen, hielt der Wagen. „Sind wir an Ort und Stelle?“ fragte Herr Jackal, welcher die Reiſe etwas lang fand. „Nein,“ antwortete lakoniſch ſein Nachbar. „Und ohne Indiscretion,“ fragte Herr Jackal, „haben wir noch lange zu fahren?“ „Ja,“ antwortete dieſelbe Perſon mit demſelben Laconismus, um den ihn der laconiſchſte Spartaner hätte beneiden können. „So werden Sie mir erlauben, mein Herr,“ fuhr err Jackal fort, ſei es aus wirklichem Bedürfniß, ei es, um ſeinen Gefährten reden zu machen und an der Stimme oder der Art, ſich auszudrücken, die Menſchenklaſſe zu erkennen, mit der er es zu thun abe,„Sie werden mir erlauben, dieſen Moment zu benützen, um eine Priſe Tabak zu nehmen.“ „Gerne, mein Herr,“ ſagte der Gefährte des Herrn Jackal;„aber Sie werden mir erlauben, 44 zuvor die Waffen zu fordern, die Sie in der rechten Taſche Ihres Ueberziehers tragen.“ „Ei! ei!“ „Ja! ein Paar Taſchen⸗Piſtolen und einen Dolch.“ „Mein Herr, wenn Sie meine Taſchen durch⸗ ſucht, könnten Sie den Inhalt nicht heſſer kennen; laſſen Sie meine Hand los und ich werde Ihnen jene drei Gegenſtände geben.“ „Unnöthig, mein Herr, ich werde Sie mir ſelbſt holen. Wenn ich ſie Ihnen nicht früher abverlangt, ſo geſchah es, weil ich Ihnen ſagte, daß ich Sie bei der erſten Bewegung töbte und ich wollte ſehen, wie Sie meine Worte reſpektiren.“ Der Unbekannte ſuchte in der Taſche des Herrn Jackal und zog daraus drei Waffen heraus, die er in die Taſche ſeiner Redingote ſteckte. „Und jetzt,“ ſagte er zu Herrn Jockal,„können Sie mit Ihren Händen machen, was Ihnen beliebt; aber ich rathe Ihnen, machen Sie einen vernünfti⸗ gen Gebrauch davon.“ „Ich danke Ihnen für Ihre Güte,“ ſagte Herr Jackal mit der ausgeſuchteſten Höflichkeit,„und ſeien Sie überzeugt, daß, wenn ſich mir die Gelegenheit bietet, Ihnen einen ähnlichen Dienſt zu erzeigen, ich das kleine Vergnügen, das Sie mir verſchafft, nicht vergeſſen werde.“ „Dieſe Gelegenheit wird ſich nicht bieten,“ ſagte der Unbekannte.„Sie wünſchen es daher unnöthi⸗ gerweiſe.“ Herr Jackal, der eben ſeine Priſe nehmen wollte, hielt bei dieſen Worten inne, die ſeine Frage ſo rund abſchnitten. chten lch.“ rch⸗ nen; nen elbſt ngt, Sie hen, rrn er nen bt; fti⸗ err ien heit en, fft, gte hi⸗ te, „holte, den Elenden! Aber w 45 „Donner und Wetter!“ rocken;„ſollte der Spaß meinte? wer konnte nur mir ſolch' ſpielen? Ich wüßte nicht, daß Feind auf der Welt hätte, Untergebenen; und wer iſt gebenen, der einen ſolchen hinterliſtigen Streich wagte? Alle dieſe Menſchen, ſo keck und ſtark ſie in Maſſe und unter dem Auge des Meiſters ſind, ſind eben ſo feig und dumm, wenn Sie allein ſtehen. Nur zwei Menſchen in Frankreich können ſich mit mir meſſen und das iſt Salvator und der Polizei⸗ präfekt. Aber der Polizeipräfekt hat mich zu jeder ich zur Zeit der Wahlen ſo nöthig, ützerweiſe von Mitternacht bis ein Uhr auf der Straße herumjagen wird: und da es nicht der Polizeipräfekt iſt, ſo iſt es Salva⸗ tor. Elender Gerard! er iſt es, der mich in dies eſpenneſt geſperrt; ſeine Feigheit, ſeine Jämmer⸗ lichkeit, ſeine Ungeſchicklichkeit iſt es; wenn ich zu⸗ rückkomme, ſoll er mir die Sache theuer bezahlen! und wäre er ſelbſt ein Monomotapa, ich würde ihn o gut zu verfolgen wiſſen, daß ich ihn ſicher ein⸗ as kann der Plan Salvator's ſein? Wiefern kann ihim meine Ent⸗ führung und mein Verſchwinden zur Rettung Sar⸗ ranti's dienen? enn nur in dieſer Abſicht läßt er mich von ſeinen Freunden um dieſe vorgerückte Stunde in der Irre herumführen: wenn er nicht etwa Thor, der ich war, das iſt's! wenn er nicht etwa vorausgeſehen, daß ich ihn arretiren laſſen werde und zu ſeinen Freunden geſagt: Wenn murmelte er leicht er⸗ weiter gehen, als ich einen Streich ich irgend einen mit Ausnahme meiner der von meinen Unter⸗ 46 Ihr mich nicht zu der und der Stunde herauskom⸗ men ſeht, ſo bin ich gefangen genommen; bemäch⸗ tigt Euch dann des Herrn Jackal, der Euch für 35 gut iſt. Das iſt's, Donnerwetter! jetzt hab' ich's.“ Und Herr Joackal war ſo zufrieden mit ſich ſelbſt, daß er ſich die Hände rieb, als wenn er in ſeinem Cabinete wäre oder mit ſeiner gewöhnlichen Ge⸗ einen ſeiner glücklichſten Erfolge erreicht ätte. Es war ein ächter Künſtler, dieſer Herr Jockal, der die Kunſt um der Kunſt willen trieb. Er war mit dem Händereiben im beſten Zuge, als eine ſchwere Laſt auf die Wagendecke fiel und ein Geräuſch hervor brachte, daß Herr Jackal zitterte. „O, o! was bedeutet das?“ fragte er ſeinen Nachbar. „Nichts,“ antwortete dieſer mit ſeinem gewöhn⸗ lichen Laconismus. Und wirklich, als wenn das Gewicht, das man dem Wagen ſo eben aufgeladen, gegen alle Geſetze der Dynamik ſpeziell dazu beſtimmt wäre, das Ge⸗ fährt leichter zu machen, fuhr der Wagen mit einer Geſchwindigkeit, welche Herr Jackal mit der der Ei⸗ ſenbahn verglichen hätte,— die doch ſchnell geht— wenn es damals ſchon Eiſenbahnen gegeben. „Sonderbar! höchſt ſonderbar!“ murmelte Herr Jackal, indem er Zug um Zug zwei ungeheure Priſen Tabak ſchnupfte;„ein Wagen mit einem beträchtlichen Gewichte,— wenn man die Schwere nach dem Geräuſche bemißt,— der leichter rollt als vor dieſer neuen Beladung; eine Friſche, die S co—9——„ kom⸗ näch⸗ für hab' elbſt, inem Ge⸗ eicht ckal, uge, und erte. inen öhn⸗ man ſetze Ge⸗ iner Ei⸗ t— Herr eure nem were rollt die 47 von der Seine zu kommen ſcheint Seite, und, auf der andern Seite, „auf der einen das Rollen eines agens ſo leicht, als⸗ wäre es der Schritt einer rau auf dem Raſen... Sonderbar! höchſt ſon⸗ derbar!.. Offenbar ſind wir auf friſch gemähtem Felde; aber nach welcher Seite hin? nach Norden, nach Süden, nach Oſten oder nach Weſten?“ Die Hoffnung, ſich wegen dieſer Entführung rächen zu können, war ſo groß bei Herrn Jackal, daß das Land, das er durchmaß, ihn in bieſem Augenblicke weit mehr intereſſirte, als das End⸗ reſultat der Reiſe. Auf dieſer Höhe der Aufre⸗ gung angekommen, wurde ſein Kitzel ſo groß, ſeine Neugierde ſo unmäßig, daß er die Warnung ſeiner Gefährten vergaß, und die linke Hand zu der Binde führte, die ihm das Geſicht bedeckte; als er jedoch das Geräuſch hörte, das ſein Nachbar beim Span⸗ nen des Piſtoles machte, der, ihn nicht aus den Augen laſſend, dieſer unbedachten Bewegung ge⸗ olgt war, ließ Herr Jackal den Arm wieder ſinken, und rief ſcheinbar ohne das Krachen des Zünd⸗ pfannbeckels gehört zu haben, auf die natürlichſte eiſe von der Welt: „Mein Herr, noch einen Dienſt: ich erſticke wirk⸗ lich; Luft, um Gottes Willen.“ „Das iſt leicht,“ antwortete der Unbekannte, in⸗ em er das Fenſter öffnete, vas ſich zu ſeiner Fech⸗ ten befand;„nur aus Rückſicht für Sie und aus Furcht vor der Zugluft hatte man ein einziges Fenſter geöffnet.“ „Sie ſind viel zu gut,“ beeilte ſich Herr Jackal zu ſagen, der nun einen ſtarken Luftzug fühlte; „aber ich will Ihre Güte nicht mißbrauchen und ſo wenig auch dieſer Luftzug— denn ich fühle einen ſolchen,— Ihnen ſchaden oder auch nur unange⸗ nehm ſein kann, bitte ich Sie doch, mein Verlangen als nicht geſchehen anzuſehen.“ „Keineswegs, mein Herr,“ antwortete der Un⸗ bekannte,„Sie haben gewünſcht, daß dies Fenſter geöffnet werde, und ſo bleibe es auch offen.“ „Tauſend Dank, mein Herr,“ verſetzte Herr Jackal, ohne zu verſuchen, ein Geſpräch fortzuſetzen, das offenbar ſein Gefährte nur ungern führte. Und der Polizeimann verſenkte ſich in ſeine Ge⸗ danken. „Ja,“ ſagte er zu ſich, der Streich kommt von Salvator und ich wäre ein Thor, wenn ich länger daran zweifeln wollte; die Männer, mit denen ich es zu thun habe, ſind keine gewöhnlichen Menſchen; ſie drücken ſich mit großem Anſtand, obgleich etwas kurz aus: ſie ſind höflich in der Form und wie mir ſcheint, ſehr entſchloſſenen Charafters, was nicht gerade allen Chriſten meiner Bekanntſchaft eigen iſt. Die Entführung kommt ſomit von Salvator; er wird, wie ich mir bereits geſagt, berechnet haben, daß er arretirt werden könne; welch' ein Unalück, daß ein ſo gewandter Menſch ein ſo ehrbarer Menſch iſt; dieſer verſchmitzte Kerl kennt ganz Paris: was ſage ich, ganz Paris! ganz Frankreich, von den Carbonaris in Italien und den Illuminaten in Deutſchland nicht zu ſprechen. Ein Teufel von einem Menſchen! Ich hätte mich klüger benehmen ſollen; er hat es mir ja geſagt, ehe er weaging: „Sie wiſſen, was dem geſchehen wird, der mich co — S.— d ſo inen nge⸗ igen Un⸗ nſter Herr tzen, von iger ich en; was mir nicht iſt. e ben, lück, nſch was den i von men ing: mich 49 arretiren läßt. Ich war gewarnt; es läßt ſich nichts ſagen. Verwünſchter Salvator! verfluchter Gerard!“ Plötzlich ſtieß Herr Jackal einen Ausruf aus. Es war ein Gedanke der ihm kam, und den er trotz ſeiner Selbſtbeherrſchung nicht in ſich verſchlie⸗ ßen konnte. „Ah!“ machte er. „Was gibt es wieder?“ fragte ſein Nachbar. Herr Jackal hielt es für geeignet, ſeine Unvor⸗ ſichtigkeit ſich zu Nutzen zu machen. „Mein Herr,“ ſagte er,„eine ſehr wichtige Sache fährt mir da durch den Kopf; Sie werden ſicher nicht wollen, daß die ſehr angenehme Prome⸗ nade, welche Sie mich machen laſſen, für eine dritte Perſon unangenehme Folgen habe. Denken Sie ſich, mein Herr, daß ich im Augenblick meiner Weg⸗ fahrt präventiv und aus Vorſicht einen ausgezeich⸗ neten jungen Mann verhaften ließ, den ich nach Verfluß von zwei Stunden, das heißt, wenn ich von St. Cloud zurück wäve, freilaſſen wollte; denn ich fuhr nach St. Cloud, als Sie mir die Ehre erzeig⸗ ten, mir den Weg abzuſchneiden. Es hat nun nichts zu bedeuten, wenn ich nur in einer Stunde auf der Polizeipräfectur bin; werde ich das ſein, mein Herr?“ „Nein,“ antwortete der Unbekannte mit ſeinem gewöhnlichen Laconismus. „Nun gut, Sie ſehen, daß meine Reiſe ernſte Folgen haben kann, nämlich, daß ein Unſchuldiger länger gefangen ſitzt, als es meine Abſicht war. Erlauben Sie mein Herr, daß ich unter Ihren Augen eine Ordre ſchreibe, die mein Kutſcher beſorgen wird, Dumas, Salvator. VI. 4 50 daß man nämlich Herrn Salvator augenblicklich in Freiheit ſetze.“ Herr Jackal hatte, indem er den Namen unſeres Freundes zu nennen, bis zuletzt verſchob, wie man beim Theater ſagt, ſeinen Effect gut berechnet. Das merkte er an dem unwillkürlichen Zufammenfahren ſeines Nachbars. „Top!“ rief dieſer dem Kutſcher oder vielmehr dem zu, der ſeine Functionen verſah. Der Wagen hielt augenblicklich an. „Das iſt die leichteſte Sache von der Welt,“ warf Herr Jackal nachläſſig hin;„ich ſchreibe beim Mondlicht auf meiner Agende einige Worte...“ Und wie dazu genügend ermächtigt, hob Herr Jackal bereits die Hand an die Binde, welche ſeine Augen bedeckte, als ſein Nachbar die Hand packte. „Nicht zuerſt, mein Herr. Es iſt an mir, nicht an Ihnen, die Form, wie die Sachen vor ſich gehen ſollen, zu beſtimmen.“ Und die Fenſter ſchließend, zog der Unbekannte mit der größten Sorgfalt die rothſeidenen Vorhänge zu, welche für die Außenwelt den Einblick in das Innere und für die Inſaſſen den Blick nach Außen unmöglich machen ſollten. Dann nahm er aus ſeiner Taſche eine kleine Blend⸗Laterne, die er mit einem Zündhölzchen anzündete. Herr Jackal hörte das Knattern des Zündhölz⸗ chens, das Feuer fing, und roch den ſchlechten Ge⸗ ruch des Phosphors, der ſich mit der Luft zum Ath⸗ men vermiſchte. „Ich bin entſchieden mit Leuten beiſammen,“ ſagte er,„die nicht wollen, daß ich mir die Land⸗ 51 ſchaft näher anſehe; es ſind ſehr verſchmitzte Leute, das. Es iſt ein wahres Vergnügen mit dieſen Leu⸗ ten zu thun zu haben.“ „Mein Herr,“ ſagte ſein Nachbar zu ihm,„Sie können Ihre Binde jetzt abnehmen.“ Herr Jackal ließ ſich das nicht zweimal ſagen und mit einer Langſamkeit, wie Einer, der nicht gedrängt iſt, nahm er das Hinderniß ab, das ihn für einen Augenblick blind gemacht, wie Fortuna und Amor. Er befand ſich in einem hermetiſch verſchloſſenen Kaſten. Er ſah ein, daß hier durch keine Heffnung irgend etwas von der Außenwelt zu ſehen ſei und augen⸗ blicklich reſignirt, wie alle entſchloſſenen Menſchen, zog er aus ſeiner Taſche ſeine Agende, auf welche er ſchrieb: „Ich befehle Herrn Kanler, der in der Salle Saint⸗ artin anweſend iſt, augenblicklich Herrn Salvator in Freiheit zu ſetzen.“ Er datirte und unterzeichnete. „Wollen Sie nun,“ ſagte er,„dieſen Befehl meinem Kutſcher geben; es iſt ein ausgezeichneter Menſch, an meine philanthropiſchen Handlungen ge⸗ wöhnt; er wird keine Minute mit der Beſorgung meines Auftrags verziehen.“ „Mein Herr,“ antwortete der Nachbar des Herrn Jackal mit ſeiner gewöhnlichen Höflichkeit,„Sie wer⸗ den es billigen, daß wir die Dienſte Ihres Kut⸗ ſchers ein ander Mal in Anſpruch nehmen; wir ha⸗ ben für derlei Beſorgungen Leute, welche alle Kut⸗ ſcher der Welt aufwiegen.“ 4* 52 Der Unbekannte löſchte die Laterne aus, band mit der größten Gewandtheit das Taſchentuch wie⸗ der um die Augen des Herrn Jackal, befahl ihm, angelegentlicher als je, ſich ruhig zu verhalten, öff⸗ nete einen Schlag und rief hinaus. Der Name, den der Unbekannte ausſprach, hatte nicht die mindeſte Aehnlichkeit mit den gewöhnlichen Namen. Herr Jackal merkte, daß einer von den beiden Männern, welche hinten auf dem Wagen ſtanden, ſeinen Poſten verließ; er hörte einen Schritt ſich dem offenen Schlage nähern, und nun begann in einer weichen, klangvollen und wohlklingenden Spra⸗ che, die ihm trotz ſeiner Kenntniß aller Idiome der Welt vollſtändig fremd war, ein Geſpräch von eini⸗ gen Sekunden, das mit der Uebergabe des von Herrn Jackal geſchriebenen Befehls, der Schließung des Schlags und den beiden engliſchen Worten„All right!“ endigte, welche nichts anderes bedeuten, als „Alles iſt in Ordnung!“ Und überzeugt, daß alles in Ordnung ſei, wie der Inſaſſe es geſagt, ſetzte der Kutſcher mit einem Peitſchenſchlage die Pferde wieder in den früheren raſchen Trab. Der Wagen war noch nicht fünf Minuten im Gange, als eine neue Laſt auf ihn geladen wurde und ihn erſchütterte und zwar auf höchſt eigenthüm⸗ liche Weiſe: Herr Jockal erkannte nämlich mit dem ihm eigenthümlichen innern Scharfblick, an dem Ge⸗ räuſch, das die fallende Laſt auf der Decke hervor⸗ brachte, daß jene lang war und nicht kurz, wie die 53 erſte; er erkannte ſogar an dem Geräuſch, daß es Holz war.. „Der erſte Pack machte nur den Eindruck, als wenn es ein zuſammengerollter Strick wäre,“ ſagte Herr Jackal zu ſich;„die zweite Laſt macht mir aber den Eindruck einer Leiter. Es ſcheint alſo, daß wir hin⸗ auf und hinab ſteigen müſſen. Ich habe es ent⸗ ſchieden mit ſehr vorſichtigen Menſchen zu thun.“ Und wie beim erſten Male ſchien der Wagen, als er ſich wieder in Bewegung ſetzte, mehr als je allen dynamiſchen Geſetzen zum Trotze, ſeine Schnel⸗ ligkeit zu verdoppeln. „Seht mal die Spitzbuben,“ ſagte Herr Jackal, „ſie haben ſicherlich eine neue bewegende Kraft ent⸗ deckt; ſie haben Unrecht, Reiſende zu überfallen; ſie würden mit ihrer Erfindung weit mehr Glück ma⸗ chen. Aber welche verteufelte Sprache hat denn mein Nachbar ſo eben geſprochen? das iſt nicht Eng⸗ liſch, das iſt nicht Italieniſch, das iſt nicht Spaniſch, das iſt nicht Deutſch, das iſt nicht Ungariſch, nicht Polniſch, nicht Ruſſiſch; die ſlaviſchen Sprachen ha⸗ ben mehr Conſonanten, als ich hier vernahm. Es iſt nicht Arabiſch, es ſind im Arabiſchen gewiſſe Gutturrallaute, die ich ſicher erkannt hätte; es muß Türkiſch, Perſiſch oder Hindoſtaniſch ſein; ich möchte mich für das Hindoſtaniſche entſcheiden.“ Und als ſich Herr Jackal für das Hindoſtaniſche entſchieden, hielt der Wagen an. 54 LXXXV. Wo Herr Zackal hinauf und hinab ſteigt, wie er voraus geſehen. Und als Herr Jackal, der nach und nach mit ſeinen Räubern vertraut zu werden begann, fühlte, daß der Wagen hielt, wagte er zu fragen: „Sollten wir etwa Jemand hier in den Wagen aufzunehmen haben?“ „Nein,“ antwortete die laconiſche Stimme;„wir müſſen Jemand ausſteigen laſſen.“ Und wirklich, nachdem er eine Bewegung auf dem Kutſchſitze vernommen, fühlte Herr Jackal, daß der Wagen auf ſeiner Seite raſch geöffnet wurde. „Ihre Hand,“ ſagte die Stimme eines der drei Männer, aber es war weder die des Mannes, der als Kutſcher fungirte, noch die deſſen, der neben ihm ſaß „Meine Hand? wozu denn?“ fragte Herr Jackal. „Es iſt nicht die Ihre, welche wir fordern, ſon⸗ dern die Ihres einfältigen Kutſchers, der im Begriffe ſtehend, ſich vielleicht für immer von Ihnen zu tren⸗ nen, Ihnen Lebewohl ſagen will.“ „Wie! der arme Menſch!“ rief Herr Jackal, „ſoll ihm denn ein Unglück geſchehen?“ „Ihm? Welch' ein Ungluck ſollte ihm denn be⸗ gegnen? Nein; man wird ihn ſehr artig bis an den beſtimmten Ort führen und ihm dort die Erlaubniß geben, ſeine Binde abzunehmen.“ „Was bedeutet das, was Sie mir da eben ſag⸗ en Menſch ſoll mich vielleicht nicht wieder ehen?“ +—— en. nit 55. „Das heißt, es muß nicht gerade ihm ein Un⸗ glück geſchehen, daß er Sie nicht wieder ſieht.“ „Ah! wirklich!“ ſagte Herr Jackal;„wir ſind freilich unſerer zwei.“ „Allerdings! Das Unglück kann nur Ihnen be⸗ gegnen.“ „So, ſo!“ machte Herr Jackal;„und der Burſche muß mich durchaus verlaſſen?“ „Allerdings.“ „Wenn es mir indeſſen erlaubt wäre, einen Wunſch auszuſprechen, ſo wäre es der, den Bur⸗ ſchen bei mir zu behalten, was auch geſchehen mag.“ „Mein Herr,“ antwortete der Unbekannte,„ich werde einen Mann, wie Sie ſind, nichts Neues leh⸗ ren, wenn ich ihm ſage, daß wir, wie die Sache auch verlaufen mag,“— und er legte einen beſon⸗ dern Nachdruck auf die letzten Worte—„keine Zeu⸗ gen brauchen.“ Dieſe Worte und namentlich der Ton, in wel⸗ chem ſie geſprochen wurden, machten Herrn Jackal zittern. Es iſt immerhin ein ſchlimmes Abenteuer, wenn man ſich des Zeugen zu entſchlagen ſucht. Wie viel gefährliche Verbrecher hatte er in der Nacht vor der Barriere in einem Graben, hinter einer Mauer und in einem Waldverſteck ohne Zeu⸗ gen hinmorden ſehen. „Nun,“ ſagte er,„da wir uns mal trennen müſſen, mein armer Junge, ſo haſt Du hier meine Hand.“ Der Kutſcher küßte die Hand des Herrn Jackal und ſagte: 56 „Wäre es unbeſcheiden, den Herrn paran zu erinnern, daß der Monat morgen um iſt?“ „O Du Schuft!“ ſagte Herr Jackal,„das be⸗ ſchäftigt Dich alſo in dieſem Augenblicke! Meine Herren, erlauben Sie, daß ich die Binde abnehme, damit ich ihm ſeinen Lohn bis auf Heller und Pfen⸗ nig ausbezahle.“ „Unnöthig, mein Herr,“ ſagte der Unbekannte, „ich werde ihn bezahlen. Da“, ſagte er zu dem Kut⸗ ſcher,„da ſind fünf Louisdors für Deinen Monat.“ „Mein Herr,“ ſagte der Kutſcher,„es ſind dreißig Franken zu viel.“ „Vertrinke Sie auf die Geſundheit Deines Herrn,“ ſagte eine höhniſche Stimme, welche Herr Jackal als die erkannte, welche bereits einmal geſprochen. „Nun, ſchon genug,“ ſagte der Nachbar des Herrn Jackal,„ſchließen Sie ſchnell wieder und dann fortgefahren.“ Der Schlag ſchloß ſich und der Wagen fuhr im gleichen Trott fort. Wir wollen die nächtlichen Reiſeeindrücke des Herrn Jackal nicht länger verfolgen. Von dieſem Augenblicke an mochte er eine Frage an ſeinen Reiſegefährten richten, welche er wollte, er erhielt ſtets ſo ſchrecklich laconiſche Antworten, daß er es vorzog, zu ſchweigen; aber tauſend Phan⸗ tome quälten ihn und je raſcher der Wagen auf der Straße dahinrollte, deſto größer wurde ſeine Angſt. So ging ſeine Unruhe in Bangigkeit, ſeine Bangigkeit in Furcht, ſeine Furcht in Schauer und ſein Schauer in Schrecken über, als er zuletzt ſeinen Ge⸗ — zu be⸗ eine me, fen⸗ nte, Kut⸗ Rt ißig n, ckal en. des und des age lte, en, an⸗ uf ine ine ein e⸗ 57 fährten nach Verfluß einer halbſtündigen Fahrt ſa⸗ gen hörte: „Wir ſind an Ort und Stelle.“ Der Wagen hielt wirklich an, aber zum großen Erſtaunen des Herrn Jackal wurde der Schlag nicht geöffnet. „Sagten Sie nicht, mein Herr, daß wir an Ort und Stelle ſeien?“ wagte Herr Jackal ſeinen Nachbar zu fragen. „Ja,“ antwortete dieſer. „Nun, warum wird denn die Wagenthüre nicht geöffnet?“ „Weil es noch nicht Zeit iſt, daß man uns öffnet.“ Er hörte, wie man die zweite Laſt, die auf den Wagen geladen worden, hinabgehoben und das lang⸗ ſame Streifen an dem Wagen beſtärkte ihn in ber Idee, daß es eine Leiter ſein müſſe. Es war wirklich eine Leiter, welche derjenige der maskirten Männer, der den Kutſcher erſetzte, an ein Haus geſtellt. Die Leiter reichte gerade bis zur Höhe eines Fenſters der erſten Etage. Nachdem dieß geſchehen, öffnete der, welcher die Leiter aufgeſtellt, die Wagenthüre und ſagte auf deutſch: „Es iſt fertig.“ „Steigen Sie aus, mein Herr,“ ſagte der Ge⸗ fährte des Herrn Jackal;„man gibt Ihnen die Hand.“ Herr Jackal ſtieg ohne Einrede, ja ohne ſich zu beſinnen, aus. 58 Der falſche Kutſcher nahm ſeine Hand, unter⸗ ſtützte ihn, während er ausſtieg und führte ihn bis auf zwei Schritte von der Leiter. Der Nachbar des Herrn Jackal war nach ihm ausgeſtiegen und folgte ihm. Er legte ihm, damit er ſich nicht verlaſſen fühle, die Hand auf die Schulter. Der andere Unbekannte war bereits oben auf der Leiter und ſchnitt mit einem Diamant ein Viereck in das Fenſter. Nachdem dieß geſchehen, ſteckte er ſeinen Arm durch das Loch und öffnete das Fenſter. Darauf gab er ſeinem unten gebliebenen Gefähr⸗ ten ein Zeichen. „Sie haben eine Leiter vor ſich,“ ſagte er zu ihm,„ſteigen Sie herauf.“ Herr Jackal ließ ſich das nicht zweimal ſagen; er hob den Fuß und fühlte die erſte Sproſſe. „Sie ſind mehr, als je des Todes,“ fuhr er fort,„wenn Sie den leiſeſten Schrei ausſtoßen.“ Herr Jackal machte mit dem Kopfe das Zeichen, daß er verſtehe. Dann ſagte er bei ſich: „Nun, mein Schickſal wird ſich jetzt entſcheiden; ich bin der Entwicklung nahe.“ Dies vermochte ihn, ſchweigend und bedächtig die Sproſſen hinanzuſteigen; ein Manöver, das er ausführte, als wenn er beide Augen gebrauchen könnte und als wäre es heller Tag, ſo einfach war für ihn das Hinaufſteigen. Als er oben an der Leiter angekommen, nach⸗ dem er auf's Gerathewohl ſiebenzehn Stufen ge⸗ ob die ent an nter⸗ n bis ihm ühle, auf ereck Arm ähr⸗ zu gen; „ hen, en; htig er chen war ach⸗ ge⸗ 59 zählt, wurde er von dem Mann empfangen, welcher das Fenſter geöffnet und der, ihn ſanft am Arme nehmend, zu ihm ſagte: „Setzen Sie ſich rücklings über die Brüſtung.“ Herr Jackal war von einer eremplariſchen Ge⸗ lehrigkeit. Er ſetzte ſich querüber. Der Mann, welcher ihm folgte, that das Gleiche. Der, welcher ihnen vorangegangen und ohne Zweifel keinen andern Zweck hatte, indem er dieß that, als ihnen den⸗ Weg zu bahnen und Herrn Jackal beim Hinaufſteigen behülflich zu ſein, ſtieg nun wieder hinab und legte die Leiter auf die Decke des Wagens, welchen Herr Jackal, deſſen Bangig⸗ keit mit jedem Augenblicke wuchs, in geſtrecktem Galopp wegfahren hörte. „So bin ich eingeſchloſſen,“ dachte er,„aber wo und in was? Es iſt kein Keller, ſonſt hätte ich nicht ſiebenzehn Stufen hinaufſteigen müſſen. Die ituation wird jeden Moment peinlicher.“ Dann ſagte er zu ſeinem Gefährten: „Wäre es vielleicht unbeſcheiden, Sie zu fragen, ob wir mit unſerer kleinen Promenade am Ziele ſind?“ „Nein,“ antwortete eine Stimme, die er als die ſeines Nachbars zur Rechten erkannte, der ſich entſchieden zu ſeiner Leibwache gemacht. „Haben wir noch einen großen Weg zu machen?“ „In drei Viertelſtunden ungefähr werden wir an Ort und Stelle ſein.“ „Wir ſteigen alſo wieder in einen Wagen?“ „Nein.“ „Alſo ein Spaziergang zu Fuß?“ 60 „Allerdings.“ „Ach! ach!“ dachte Herr Jackal bei ſich,„die Sache wird jetzt unklarer denn je. Eine dreivier⸗ telſtündige Promenade in einem Zimmer erſten Stocks; ſo groß und ſo maleriſch auch ein Zimmer ſein mag, eine dreiviertelſtündige Promenade darin muß monoton werden. Die Sache wird immer ſelt⸗ ſamer; wohin werden wir noch kommen?“ In dieſem Augenblicke ſah Herr Jackal durch das Taſchentuch, das ihm die Augen verband, einen Lichtglanz, was ihn glauben ließ, daß ſein Gefährte ſeine Laterne wieder angezündet. Dann fühlte er, daß man ſeinen Arm ergriff. „Kommen Sie,“ ſagte ſein Führer zu ihm. „Wohin gehen wir?“ fragte Herr Jackal. „Sie ſind ſehr neugierig,“ antwortete ſein Führer. „Wohl, ich drücke mich falſch aus,“ antwortete der Polizeichef;„ich wollte ſagen:„Wie gehen wir?“ „Sprechen Sie leiſe, mein Herr,“ antwortete die Stimme. „O, o! es ſcheint, wir ſind in einem bewohnten Hauſe,“ ſagte er. Dann fügte er in demſelben Tone, wie ſein Mitunterredner, das heißt leiſer, wie er ihm anbe⸗ fohlen, hinzu: „Ich wollte Sie fragen, mein Herr, wie wir gehen, das heißt, auf was für einem Terrain, ob wir hinauf⸗ oder hinabgehen werden?“ „Wir werden hinabgehen.“ „ gep „die wier⸗ rſten nmer arin ſelt⸗ durch inen ihrte riff. ſein rtete ehen rtete nten ſein nbe⸗ wir ob 61 „Gutz es handelt ſich alſo blos darum, hinab⸗ zugehen; es ſei.“— Herr Jackal ſuchte einen ſcherzhaften Ton an⸗ zuſchlagen, um kaltblütig zu erſcheinen; im Grunde des Herzens war er jedoch nichts weniger als ru⸗ hig; ſein Puls ſchlug heftig und er dachte mitten in der Dunkelheit, die ihn überall umgab, an die Glücklichen, welche frei und ungehindert reiſen, an das klare helle Mondlicht, per amica silentia lunae, wie Virgil ſagt. Man muß hinzuſetzen, daß dieſe Rückkehr zur Melancholie nur vorübergehend war. Um ſo mehr, als Herr Jackal ſich etwas zu zer⸗ ſtreuen begann. Es war ihm, als ob ein Geräuſch von Schritten ſich näherte; dann wechſelte ſein Führer einige Worte mit einem Neuhinzugekommenen, den man ohne Zweifel als Führer in dieſem Labyrinthe er⸗ wartet hatte, öffnete eine Thüre und ſtieg die erſten Stufen einer Treppe hinab. Es konnte darüber kein Zweifel ſein, als der Gefährte des Herrn Jackal zu ihm ſagte: „Halten Sie ſich am Treppengeländer, mein Err. Herr Jackal hielt ſich am Treppengeländer und ſtieg hinab. Wie er die Stufen beim Heraufgehen zählte, ſo zählte er auch die Stufen beim Hinabgehen. Es waren drei und vierzig Stufen. Dieſe drei und vierzig Stufen führten in einen gepflaſterten Hof. In dieſem Hofe war ein Brunnen. ſeine Schritte nach dem Brunnen. Herr Jackal, den ſein Gefährte leitete, folgte ihm. An dem Brunnen angekommen, beugte ſich der Mann mit der Laterne, über die Brüſtung und rief: „Sind Sie unten?“ „Ja,“ antnortete eine Stimme, die Herrn Jackal ſchauern machte, ſo tief aus der Erde ſchien ſie zu kommen. Der Mann mit der Laterne ſtellte dann ſein Licht auf die Brüſtung, nahm das Ende des Stricks und zog es mit der Bewegung eines Menſchen an ſich, der einen Waſſereimer heraufzieht; ſtatt eines Waſſereimers brachte er jedoch einen Korb herauf, der groß genug war, um einen oder auch zwei Menſchen aufzunehmen. Aber ſo ſanft auch der Gefährte an dem Brun⸗ nenkorbe gezogen, die Rolle, nelche aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach ſeit langer Zeit nicht mehr geölt worden, hatte kläglich geächzt. Herr Jackal erkannte deutlich das Aechzen der Maſchine und ein kalter Schweiß begann ihm über den ganzen Körper zu rieſeln. Er hatte jedoch nicht die Zeit, ſeiner Gefühle Herr zu werden, wie ſehr ihm auch daran gelegen geweſen, denn kaum hatte der Korb den Boden be⸗ rührt, als er ſich hineingeſetzt, von der Erde auf⸗ gehoben, im Freien ſchweben, und dann mit einer Leichtigkeit und Geſchicklichkeit in den Brunnen hinab gefahren ſah, daß er hätte glauben können, er habe es mit Bergleuten zu thun. Der Mann, welcher die Laterne hielt, wandte ird Nu Kr irre Leb ſche ren von 1 daß aus 63 Herr Jacal ſtieß unwillkürlich einen Ton aus, den der einem Angſtſchrei glich. „Sie ſind verloren, wenn Sie rufen,“ ſagte die der ittr Stimme ſeines Begleiters;„ich laſſe ie los.“ ti Dieſe Warnung machte Herrn Jackal ſchauern, ackal aber ſie machte ihn zu gleicher Zeit auch ſchweigen. zu„Im Ganzen genommen,“ ſagte er bei ſich, „wenn es ihre Abſicht wäre, mich in einen Brun⸗ ſein nen zu werfen, ſo würden ſie ſich nicht die Mühe ricks geben, ir zu drohen, und mich nicht in einem t Korbe hinabſteigen laſſen. Aber wo zum Teufel zies ühren ſie mich auf dieſem abgeſchmackten Wege hin? rauf, In der Tiefe eines Brunnens iſt doch nichts als Waſſer.“ ei Plölich ſagte er, durch die Erinnerung an die zeſchichte von dem„Sprechenden Brunnen“ auf 4i einen andern Gedanken geführt: ahr⸗„Nein, nein, ich tauſchte mich, als ich ſagte, es eblt ſei nichts anderes als Waſſer in der Tiefe eines Brunnens; es gibt ja auch noch jene großen unter⸗ t irdiſchen Gänge, welche man die Katacomben nennt. über Nur, um mich irre zu führen, ließ man mich dieſe Kreuz⸗ und Querzüge machen; wenn man mich aber ühle irre führen will, ſo laufe ich nicht Gefahr, mein egen Leben laſſen zu müſſen; man braucht einen Men⸗ ho⸗ chen, den man morden will, nicht irre zu füh⸗ aſ ren; man hat Brune, Ney, die vier Sergenten ini von La Rochelle nicht in der Irre herumgeführt. n s am klarſten an der ganzen Geſchichte, das iſt, abe daß ich in den Händen d er Carbonari bin. Aber aus welchem Grund haben ſie mich entführt? 64 Ach ja, die Arreſtation Salvators. Immer dieſer Salvator! Teufel von Salvator! Verfluchter Gerard!“ Und während er dieſe Bemerkungen machte, ſtieg Herr Jackal, in ſeinem Korbe zuſammenge⸗ kauert und mit beiden Händen ſich an dem Stricke haltend, in die Tiefe des Brunnens hinab, wäh⸗ rend, von den oben im Hofe gebliebenen geleitet, ein Korb, mit Steinen von ähnlichem Gewicht wie der ſeine, nach der Oeffnung hinaufſtieg. In dieſem Augenblicke kam von oben ein Ruf, dem unten, beinahe an den Ohren des Herrn Jackal ein anderer Ruf antwortete. Der Erſte wollte ſagen:„Halten Sie ihn?“ und der Zweite:„Wir halten ihn.“ Jackal berührte auch wirklich eben die rde. Man ließ ihn aus ſeinem Korbe herausſteigen, der wieder hinaufgezogen wurde und zweimal herab kam; jedes Mal brachte er Herrn Jackal eine ſeiner Leibwachen. LXXXVI. Wo Herr Jackal weiß, woran er iſt und einſieht, daß die Urwälder Amerikas weniger gefährlich ſind, als die Urwälder von Paris. Man ſetzte ſich in Bewegung durch die langen und ungeheuern unterirdiſchen Gänge, deren Be⸗ ſchreibung wir bereits in einem unſerer frühern Bände gegeben. Es ging langſam vorwärts durch die tauſend ₰ eſer d chte, nge⸗ ricke väh⸗ itet, wie Ruf, ackal und die igen, er einer die ingen Be⸗ ühern uſend 65 und einen Kreuz⸗ und Querweg„welcher die Ge⸗ fährten des Herrn Jackal freiwillig oder unfreiwil⸗ lig mit ihm machten; der Weg dauerte drei Vier⸗ telſtunden, welche dem Gefangenen wie Jahrhun⸗ derte erſchienen, ſo ſehr machte die feuchte Friſche der unterirdiſchen Gewölbe, der gemeſſene Gang und das tiefe Schweigen ſeiner Führer aus dieſem nächtlichen Gang einen Leichencondukt. Vor einer niedern Thür angekommen, hielt die Truppe. „Sind wir an Ort und Stelle?“ fragte mit einem Seufzer Herr Jackal, der zu glauben begann, daß das tiefe Geheimniß, mit dem man ſeine Ent⸗ führung umgab, eine große Gefahr in ſich ſchließe. „In einem Augenblicke,“ antwortete eine Stimme, die er zum erſten Male hörte. Der, welcher dieſe Worte geſprochen, öffnete die Thüre, durch welche zwei der Begleiter des Herrn Jackal eintraten. Dann ſagte ein Dritter, der den Arm des Herrn Jackal nahm: „Wir ſteigen jetzt hinan.“ Und Herr Jackal fühlte wirklich, daß er an die erſte Stufe einer Treppe ſtieß. Er hatte die dritte noch nicht betreten, als die Thüre, durch die er gerade gekommen, ſich hinter ihm ſchloß. Herr Jackal, welchem ſeine Leibwachen immer vorangingen und folgten, ſtieg vierzig Stufen hinan. „Gut!“ ſagte er,„man führt mich wieder in das Zimmer im erſten Stocke zurück, um mich alle und jede Spur verlieren zu laſſen.“ Dumas, Salvator. VI. 5 66 Aber dießmal täuſchte ſich Herr Jackal, und er merkte dies bald, als er auf einem Plateau von feſter Erde angekommen, eine friſche, weiche und wohlriechende Luft athmen konnte, die ihm kräftig und erquickend wie Woldesduft in die Bruſt drang. Er machte jetzt zehn Schritte auf weichem Graſe 4 die bekannte Stimme ſeines Nachbars ſagte zu ihm: „Jetzt ſind Sie an Ort und Stelle und mögen Ihre Binde abnehmen.“ Herr Jackal ließ ſich das nicht zweimal ſagen und mit einer ſo raſchen Bewegung, daß er mehr Aufregung verrieth, als er zeigen wollte, riß er die Binde ab. Ein Schrei des Erſtaunens entflog ihm, als er Schauſpiel vor ſich ſah, das ſich ſeinen Blicken ot Er befand ſich in der Mitte eines von ungefähr hundert Männern gebildeten Kreiſes, der ſelbſt wie⸗ der den Mittelpunkt eines von einem Walde gebil⸗ deten unendlichen Kreiſes bildete. Er ſah um ſich und war beſtürzt, vernichtet. Er ſuchte eines der Geſichter unter all' den oben vom Monde und unten von zwanzig in der Erde befeſtigten Fackeln beleuchteten Geſichtern zu er⸗ kennen. Aber all' dieſe Geſichter waren ihm unbekannt. Wo war er denn? Er wußte es durchaus nicht zu ſagen. Er kannte auf zwei Meilen in der Runde von Paris keinen ſo wilden Ort, als den, an welchem er ſich befand. er on ind ftig ng. aſe zu gen gen ehr die er ken ähr ie⸗ bil⸗ . ben rde er⸗ nt. icht on em 67 Er ſuchte ein Merkzeichen, an dem er die Ge⸗ gend wieder erkennen konnte, einen Horizont in die⸗ ſem Walde; aber der Rauch, der von den Fackeln aufſtieg, vermiſcht mit dem Nebel, der die Umriſſe der Bäume verwiſchte, bildete gewiſſermaßen einen Vorhang, den ſelbſt der Blick des Herrn Jackal nicht zu durchdringen vermochte. Was ihn jedoch am meiſten befremdete, war das finſtere Stillſchweigen, das rings um ihn, über ihm und ſo zu ſagen unter ihm herrſchte, ein Still⸗ ſchweigen, das aus all' dieſen Perſonen eine Ver⸗ ſammlung von Phantomen gemacht, wenn die Blitze, die in der Dunkelheit aus aller Blicke leuch⸗ teten, ihn nicht an die Worte erinnert hätten, welche auf eine ſo düſtere Weiſe an ſein Ohr geklungen: „Wir ſind keine Räuber! wir ſind Feinde!“ Und ſolcher Feinde zählte er, wie wir bereits ſagten, mit flüchtigem Blicke ungefähr hundert, und er ſah ſich mitten unter dieſen hundert Feinden, mitten in der Nacht, mitten in einem Walde! Herr Jackal war, wie man weiß, ein großer Philoſoph, ein großer Voltairianer, ein großer Atheiſt, drei verſchiedene Worte, welche ungefähr das Gleiche bedeuten; und doch, ſagen wir es zu ſeiner Schande oder zu ſeinem Lobe, in dieſem feierlichen Augenblicke machte er eine letzte An⸗ ſtrengung, ſich zuſammenzunehmen und die Blicke zum Himmel erhoben, empfahl er Gott ſeine Seele! Unſere Leſer haben ohne Zweifel den Ort er⸗ kannt, wohin Herr Jackal geführt worden und wenn es Herrn Jackal trotz ſeiner Anſtrengungen nicht gelang, ihn zu erkennen, ſo wollen wir ganz naiv 5 geſtehen, daß dies daher kam, weil er ihn, obgleich im Innern von Paris gelegen, niemals geſehen. Es war wirklich kein anderer Ort, als der Ur⸗ wald der Rue d'Enfer, weniger friſch und grün, ohne Zweifel, als in jener Frühlingsnacht, in der wir zum erſten Male dort eingedrungen, aber nicht minder pittoresk in dieſer vorgeſchrittenen Herbſt⸗ zeit und zu dieſer Stunde der Nacht. Von hier waren Salvator und der General Lebaſtard de Premont aufgebrochen, Mina den Ar⸗ men des Herrn v. Valgeneuſe zu entreißen; hier hatten ſie ſich ein Rendezvous gegeben, Herrn Sar⸗ ranti dem Arme des Henkers zu entreißen. Nur ſahen wir, wie Soalvator nicht bei dem Rendezvous erſchien und durch Herrn Jackal erſetzt wurde. Wir kennen alſo ziemlich genau einige der Per⸗ ſonen, welche in dem öden Hauſe verſammelt ſind. Es iſt die Venta der Carbonari, bei dieſem An⸗ laß durch vier andere Ventas verſtärkt, welche der General Lebaſtard de Premont in der Nacht vom 21. Mai zur Befreiung ſeines Freundes um Hilfe und Schutz zu bitten gekommen war. Man erin⸗ nert ſich der Antwort der Carbonari bei jener Ge⸗ legenheit: wir theilten ſie in dem Kapitel mit, das überſchrieben iſt:„Hilf dir ſelbſt, ſo wird dir Gott helfen.“ Es war die vollſtändige, abſolute, ein⸗ ſtimmige Verweigerung irgend eines Antheils an der Befreiung des Gefangenen. Wir täuſchen uns, wenn wir ſagen, eine ein⸗ ſtimmige Verweigerung; einer von den zwanzig, eich Ur⸗ ün, der icht bſt⸗ eral Ar⸗ hier ar⸗ dem ſetzt ßer⸗ ind. An⸗ der vom ilfe rin⸗ Ge⸗ das ott ein⸗ an ein⸗ zig, 69 Salvator, hatte dem General ſeine Unterſtützung angeboten. Man weiß, was darauf geſchah. Man erinnert ſich auch des rigoröſen, obgleich gerechten Grundes, durch welchen das Tribunal ſein ſtrenges Urtheil motivirte; da wir jedoch befürchten, unſere Leſer möchten es vergeſſen haben, wieder⸗ holen wir den Text ſelbſt. Der Redner, welcher im Namen des Bruders das Wort zu führen beauftragt war, hatte geſagt: „Mit Bedauern gebe ich Ihnen die Antwort; aber werden nicht evidente, unverwerfliche, leuchtende Beweiſe von der Unſchuld des Herrn von Sarranti geliefert, ſo vermöchten wir die Hand nicht einem Unternehmen zu bieten, deſſen Zweck es iſt, dem Geſetze denjenigen zu entziehen, welchen das Geſetz mit Recht verurtheilt hat. Ich ſage mit Recht, verſtehen Sie wohl, General, bis der Beweis vom Gegentheil gegeben wird.“ Am Morgen jenes Tages war Salvator, über ſeine Expedition von Vanvres nachdenkend, an dem Hauſe des Generals Lebaſtard de Premont vorüber⸗ gekommen und hatte folgende Inſtruktion hinter⸗ laſſen: „Dieſen Abend findet im Urwald der Rue d'En⸗ er eine Verſammlung ſtatt; gehen Sie dahin, und ſagen ſie den Brüdern, daß wir den Beweis der Unſchuld des Herrn Sarranti in Händen haben; dieſen Beweis gegen Mitternacht bringen werde.“ „Verſtecken Sie ſich jedoch von neun Uhr Abends mit ungefähr zehn ſichern Menſchen in der Umge⸗ 70 gend der Rue de Jeruſalem; Sie werden mich in die Polizei treten ſehen; bis dahin bin ich ganz ſicher; bin ich aber einmal im Innern der Präfek⸗ tur, ſo kann ich arretirt werden, obgleich ich zweifle, daß Herr Jackal, ſowie er mich kennt, dieſe Kühn⸗ heit haben wird.“ „Wenn ich um zehn Uhr die Präfektur nicht verlaſſen, ſo bin ich gefangen.“ „Aber meine Gefangennehmung wird von Sei⸗ ten des Herrn Jockal gewiſſe Schritte nöthig ma⸗ chen, die ihn zum Ausgehen zwingen.“ „Treffen Sie daher Ihre Maßregeln als ein an Hinterhalte gewöhnter Mann; bemächtigen Sie ſich des Herrn Jackal und des Kutſchers, entledi⸗ gen Sie ſich des Kutſchers, wie Sie können und führen Sie Herrn Jackal auf ſo complicitten We⸗ gen, daß er jede Spur verliert, nach dem Urwald.“ „Bin ich frei, ſo werde ich ihn auf mich nehmen.“ Man hat geſehen, daß der General Lebaſtard de Premont— denn dieſer war der Nachbar zur Rechten des Herrn Jackal— man hat geſehen, ſagen wir, daß der General Lebaſtard de Premont, unterſtützt von ſeinen Freunden, die Anträge Sal⸗ vators Punkt für Punkt erfüllt hatte. Die Venta oder vielmehr die fünf Venten, welche an dieſem Abende verſammelt waren, um ſich über die Wahlen zu beſprechen, waren gegen zehn Uhr Abends durch einen Boten des Generals von der Arreſtation Salvator's, der Unſchuld Sarrantis und der Rothwendigkeit, in der man ſich befinde, Herrn Jackal aufzuheben, unterrichtet worden. Eine ganze Venta, das heißt zwanzig Menſchen, ——— — S G S— in n ifek⸗ ifle, ihn⸗ cht ei⸗ ma⸗ ein Sie edi⸗ und d ent tard zur hen, ont, Sal⸗ che über Uhr der und errn hen, hatten dann in einem Augenblicke alle nöthigen Diſpoſitionen getroffen, damit Herr Jackal nicht ent⸗ kommen könne. Er entkam auch nicht. Wir ſind ihm auf allen Kreuz⸗ und Querwegen gefolgt, welche man ihn auf Salvators Mahnung hin geführt, wir haben ihn inmitten der Carbonari verlaſſen, wo er mit Bangigkeit einen Urtheils⸗ ſpruch erwartete, der allem Anſcheine nach einem Todesurtheile ſehr nahe kommen mußte. „Brüder,“ ſagte der General Lebaſtard de Pre⸗ mont mit feierlichem Tone,„Sie haben den Mann vor ſich, den Sie erwarteten. Wie unſer Bruder Salvator ſich verſprach, iſt er arretirt worden, wie er im Falle ſeiner Arretirung befahl, iſt der, der die Kühnheit hatte, die Hand an ihn zu legen, auf⸗ gehoben worden und ſteht vor Ihnen.“ „Er gebe zuerſt und vor Allem den Befehl, Salvator in Freiheit zu ſetzen,“ ſagte eine Stimme. „Ich habe es gethan, meine Herren,“ beeilte ſich Herr Jackal zu ſagen. „Iſt das wahr?“ fragten fünf bis ſechs Stim⸗ men mit einem Ungeſtüm, welches von dem unge⸗ meinen Intereſſe zeugte, das alle an Salvator nahmen. „Warten Sie,“ ſagte Herr Lebaſtard de Pre⸗ mont.„Er iſt ein ſehr gewandter Mann, an den wir die Hand zu legen das Glück hatten; ſobald er unſer Gefangener war, hat er bei ſich erwogen und überlegt, aus welchem Grunde man ihn wohl ent⸗ führt haben möchte. Es iſt in die Augen fallend, * 72 daß ihm die Idee kommen mußte, er bürge mit ſeinem Kopfe für unſern Freund und daß dies erſte Verlangen, das man an ihn richten werde, ſobald er an Ort und Stelle, die Freilaſſung Salvator's ſein werde. Er wollte deßhalb das Verdienſt der Initiative haben und gab allerdings, wie er ſagt, dieſen Befehl; nur hätte er ihn meiner Anſicht nach vor ſeinem Weggang von der Präfektur geben ſollen, nicht nachdem er uns in die Hände gefallen war.“ „Aber,“ rief Herr Jackal,„habe ich Ihnen nicht geſagt, meine Herren, daß der Befehl aus reinem einfachem Vergeſſen nicht vor meinem Weggange von der Präfektur gegeben worden war?“ „Ein bedauerliches Vergeſſen, das die Brüder zu würdigen wiſſen werden,“ ſagte der General. „Ueberdies,“ verſetzte die Stimme, die bereits den General gefragt, ob der Chef der Polizei die Wahrheit geſprochen,„überdies ſind Sie nicht allein aus dem Grunde hier, um ſich wegen der Arreti⸗ rung Salvators zu verantworten. Sie ſind hier, weil wir tauſenderlei Beſchwerden gegen Sie haben.“ Herr Jockal machte eine Bewegung, um zu ant⸗ worten; aber der Redner gebot ihm mit einer Ge⸗ berde zu ſchweigen und fuhr fort: „Ich ſpreche nicht blos von politiſchen Beſchwer⸗ den; daß Sie die Monarchie lieben und wir die Republik iſt gleichgültig; Sie haben das Recht, einem Menſchen zu vienen, wie wir das Recht ha⸗ ben, uns einem Prinzipe zu weihen; Sie ſind nicht als politiſcher Agent arretirt, ſondern als Ueber⸗ — cS„ 8——— c 18 mit ſte ald r's der gt, ach en len cht em ge der its die ein ti⸗ er, ie nt⸗ e⸗ r⸗ ie t, U⸗ cht r⸗ 73 ſchreiter der Macht Ihrer Stellung, als ein Mann, der mit ſeiner Gewalt Mißbrauch treibt. Es gibt keinen Tag, an dem nicht eine Beſchwerde gegen Sie bei dem geheimen Tribunal vorgebracht würde; es gibt keinen Tag, an dem nicht ein Bruder Rache gegen Sie forderte. Seit lange, mein Herr, iſt deßhalb Ihr Tod beſchloſſen und wenn er bis jetzt noch verſchoben worden, ſo danken Sie es Sal⸗ vator.“ Der ruhige Ton, die Langſamkeit, die große Milde, mit der dieſe Worte von dem Redner aus⸗ geſprochen worden waren, machten auf Herrn Jackal einen um ſo furchtbareren Eindruck, als er die Po⸗ ſaunen des Engels am jüngſten Gericht zu hören erwartet hatte. Er hatte tauſend Bemerkungen zu machen; er war zuweilen beredt und ſeine letzte Stunde, welche ſo unverſehens und vor der Zeit gekommen, war gewiß eine prachtvolle Gelegenheit, ſeine Beredtſamkeit zu entfalten. Aber es kam ihm nicht einmal der Gedanke, ſie zu verſuchen, ſo ſehr machte die feierliche Stille, die unter den Um⸗ ſtehenden herrſche, aus dieſer zahlreichen Verſamm⸗ lung eine impofante und furchtbare Einſamkeit. Das Schweigen, das Herr Jackal beobachtete, gab einem andern Redner Gelegenheit, das Wort zu ergreifen, das er nicht reklamirte. „Der Mann, den Sie haben arretiren laſſen,“ ſagte er,„obgleich Sie ihm mehr als zehn Mal das Leben verdanken, iſt uns über alles theuer, und für dieſe Arreſtation allein, dafür, daß Sie die Hand an dieſen Mann legten, den Sie in ſo vieler Hinſicht achten und reſpettiren ſollten, haben X 74 Sie den Tod verdient. Ihren Tod alſo wollen wir in Berathung ziehen. Man wird Ihnen einen Tiſch, Papier, Federn und Tinte bringen, und wenn Sie während dieſer Berathung, die Sie als Todes⸗ gericht betrachten mögen, einige teſtamentariſche Verfügungen treffen wollen, wenn Sie einige letzt⸗ willige Anordnungen zu machen haben oder Ihren Verwandten und Freunden einige Legate auszu⸗ ſetzen gedenken, ſo ſchreiben Sie Ihren Willen nie⸗ der, und wir verpflichten uns, bei unſerer Ehre, daß alles pünktlich geſchehen ſoll.“ „Aber,“ rief Herr Jackal,„um ein gültiges Teſtament zu machen, bedarf es eines Notars; ja ſogar zweier.“ „Nicht bei einem von dem Erblaſſer ſelbſt ge⸗ ſchriebenen Teſtamente, mein Herr. Sie wiſſen, das ſelbſtgeſchriebene Teſtament, das ganz von der Hand des Teſtators iſt, iſt durchaus unantaſtbar, wenn der Unterzeichner körperlich und geiſtig völlig ge⸗ ſund war. Es ſind hier hundert Zeugen, die im othfall beſtätigen werden, daß Sie in dem Augen⸗ blicke, wo Ihr Teſtament geſchrieben und unter⸗ zeichnet wurde, im vollſtändigſten Beſitz all' Ihrer Körper⸗ und Geiſteskräfte waren. Hier iſt der Tiſch, die Tinte, das Papier und die Federn; ſchreiben Sie, mein Herr, ſchreiben Sie, wir wer⸗ den uns, um Sie nicht zu ſtören, zurückziehen.“ Der Redner machte ein Zeichen und, wie wenn die Menge nur auf dieſes Zeichen gewartet, kaum war es gegeben, als alle zu gleicher Zeit ſich zu⸗ rückzogen und wie durch einen Zauber in de Gehölz verſchwanden. 9 llen inen enmn des⸗ iſche etzt⸗ ren szu⸗ nie⸗ hre, iges ge⸗ das and enn ge⸗ en⸗ ter⸗ hrer der rnz ver⸗ enn mum zu⸗ dem 75 Herr Jackal befand ſich allein dem Tiſche ge⸗ genüber und hatte einen Stuhl zur Hand. Es war kein Zweifel mehr, das Papier, das er vor ſich hatte, war geſtempeltes Papier, dieſe Menſchen, die ſich zurückgezogen, zogen ſich nur zu⸗ rück, um über ſeinen Tod zu berathen. Es war ein wirkliches Teſtament, um das es ſich handelte. Herr Jackal ſah dies wohl ein und krazte ſich an dem Kopfe, indem er ſagte: „Teufel! Teufel! Die Sache iſt noch ſchlimmer, als ich glaubte.“ Und doch, woran dachte Herr Jackal jetzt und ſo bald er ſich klar wurde, daß er ſeinem Tode ent⸗ gegen gehe? an ſein Teſtament? Nein. An das Gute, das er hätte wirken können und an das Böſe, das er gethan? Nein. An Gott! nein. An den Teufel? Rein. Er dachte ganz einfach daran, eine Priſe zu nehmen, nahm ſie langſam, ſchnupfte ſie mit Wol⸗ luſt in die Naſe und genoß ſie ſo recht von Grunde aus; dann ſchloß er die Doſe mit der Spitze ſeines Fingers und wiederholte in einem fort: S Sache iſt doch ſchlimmer, als ich mir ge⸗ acht.“ In dieſem Augenblicke ſagte er ſich mit einer gewiſſen Bitterkeit, die Urwälder Amerikas mit ihren Pumas, Jaguars und Klapperſchlangen ſeien doch hundert Mal weniger gefährlich, als der phantaſti⸗ ſche Wald, in dem er ſich befinde. Was aber thun? In Ermanglung von etwas Beſſerem ſah er auf die Uhr. 76 Aber er hatte nicht mal die Freude, die Stunde zu wiſſen: ſeine Uhr, die er bei der Geſchäftsüber⸗ häufung am vorhergehenden Tage aufzuziehen ver⸗ geſſen, war ſtehen geblieben. Endlich warf er den Blick auf das Papier, die Feder und die Tinte, und mechaniſch ſetzte er ſich auf den Stuhl und ſtemmte den Arm auf den Tiſch. Herr Jackal war nicht entſchloſſen, ſein Teſta⸗ ment zu machen; nein, es war ihm gleichgültig, ob er ſtarb, nachdem er ſein Teſtament gemacht, oder ob er ohne Teſtament ſterbe! Aber er konnte ſich nicht mehr auf den Beinen halten, das war der Grund. Und ſtatt die Feder zu nehmen und auf das Papier einige Worte zu zeichnen, ließ er den Kopf in beide Hände ſinken. So blieb er eine Viertelſtunde in ſeine Gedan⸗ ken verſunken und allem, was um ihn her vorging, vollſtändig fremd. Er erwachte nicht früher aus ſeinen Gedanken, als bis er den Druck einer Hand auf ſeiner Schul⸗ ter fühlte. Er zitterte, hob den Kopf und ſah ſich wieder mitten in der trüben Geſellſchaft. Nur waren die Stirnen finſterer. Die Augen blitzten lebhafter. „Nun?“ ſagte der Mann, der ihm die Schulter berührte, zu Herrn Jockal. „Was wollen Sie von mir?“ fragte der Poli⸗ zeichef. „Iſt es Ihre Abſicht, Ihr Teſtament zu machen oder nicht?“ ——„ S, S— c— S— 8 zu n⸗ 19, n, ul⸗ er 77 „Ich brauche doch Zeit, es zu ſchreiben.“ Der Unbekannte zog ſeine Uhr heraus; weniger mit Geſchäften überhäuft, als Herr Jockal, hatte er ſie aufgezogen und ſie ging. „Es iſt drei Uhr und zehn Minuten,“ ſagte er: „Sie haben Zeit bis drei und ein halb, das iſt zwanzig Minuten, falls Sie nicht vorziehen ſollten, ſogleich der Sache ein Ende zu machen, in welchem Falle man Sie nicht warten laſſen wird.“ „Nein, nein!“ rief Herr Jackal, indem er an die Maſſe von Ereigniſſen dachte, die innerhalb von zwanzig Minuten möglich waren.„Ich habe im Gegentheile Dinge von der höchſten Wichtigkeit in dieſem letztwilligen Acte zu verzeichnen, ſo wichtig, daß ich zweifle, ob zwanzig Minuten genügen.“ „Sie müſſen aber genügen, es iſt Ihnen keine Sekunde mehr vergönnt,“ fagte der Mann mit der indem er ſie auf den Tiſch vor Herrn Jackal egte. Dann zog er ſich zurück und nahm wieder ſei⸗ nen Platz in dem Kreiſe ein. Herr Jackal warf den Blick auf die Uhr: eine Minute von den zwanzig war bereits verfloſſen. Es war ihm, als wenn die Uhr ihre Schläge be⸗ ſchleunigte und der Zeiger für das Auge ſichtlich ſich bewegte. Eine Wolke verdunkelte ſeinen Blick. „Nun, Sie ſchreiben ja nicht!“ ſagte der Mann mit der Uhr. „Doch, doch!“ antwortete Herr Jackal. Und convulſiviſch die Feder drückend, begann er zu ſchreiben. 78 Gab er ſich wohl Rechenſchaft von dem, was er ſchrieb? das wüßten wir in' der That nicht zu ſagen: denn das Blut begann ihm zu Kopfe zu ſteigen. Er fühlte ein heftiges Pochen an ſeinen Schläfen, wie ein vom Schlage Bedrohter. Seine Füße dagegen ſchienen mit erſchreckender Schnellig⸗ keit kalt zu werden. Im Uebrigen athmete die Bruſt der Männer kaum, kein Geräuſch in den Bäumen, kein Vogel, kein Inſekt, kein Grashalm, der ſich bewegt hätte. Man hörte nur das Kniſtern der Feder, die auf dem Papier hinlief und zuweilen es zerſtach, ſo nervös, unruhig und fieberhaft unſicher war die Hand deſſen, der ſie führte. Herr Jackal, als wollte er von dieſer Arbeit ausruhen, erhob den Kopf und ſah um ſih, oder verſuchte vielmehr, um ſich zu ſehen, aber er ſenkte die Blicke wieder auf das Papier, erſchrocken über den finſtern Ausdruck auf allen ihn umgebenden Geſichtern. Herr Joackal hörte jedoch auf zu ſchreiben. Der Mann mit der Uhr näherte ſich ihm und agte: „Genug, mein Herr, die zwanzig Minuten ſind um.“ Herr Jackal ſchauerte: er machte den Einwurf, daß er friere, daß er nicht die Gewohnheit habe, in freier Luft zu arbeiten, namentlich nicht bei Nacht; daß ſeine Hand zittere, wie man deutlich ſehen könne, und daß er in Anſehung dieſer Um⸗ ſtände die Nachſicht der Verſammlung in Anſpruch nehme; endlich brachte er all' die ſchlechten Gründe Fel nd ind rf, be, bei ich m⸗ uch de 79 auf, die man im Augenblicke des Todes findet, um den letzten Moment noch um einige Sekunden hin⸗ auszuſchieben.—„Sie haben fünf Minuten,“ ſagte der Mann, welcher vorgetreten war, indem er in die Reihen zurüͤcktrat.—„Fünf Minuten!“ rief Herr Jackal:„was denken Sie? um ein Teſtament zu machen, es zu ſchreiben, zu unterzeichnen, ſeinen Schnörkel darunter zu machen, es durchzuſehen, zu collationiren!... Fünf Minuten für eine Arbeit, die einen Monat und vollkommene Ruhe des Gei⸗ ſtes erfordert!— Offen geſagt, meine Herren, geſtehen Sie, das iſt nicht vernünftig!“ Die Carbonari ließen ihn ſprechen; dann trat der Mann mit der Uhr näher zu ihm hin, warf einen Blick auf ſein Chronometer und ſagte: „Die fünf Minuten ſind vorüber!“ Herr Jackal ſtieß einen Schrei aus. Der Kreis ſchloß ſich ſo feſt, daß es Herrn Jackal war, als ob er zwiſchen einer lebendigen Mauer erſtickte. „Unterzeichnen Sie dies Teſtament,“ ſagte der ann mit der Uhr,„und machen wir der Sache ein Ende, wenn's gefällig iſt.“ „Wir haben Dringenderes und Wichtigeres zu tu als Ihre Geſchichte,“ ſagte ein zweiter Car⸗ onaro. „Und es iſt bereits ſchon ſo viele Zeit verlo⸗ ren,“ ſagte ein Dritter. Der Mann mit der Uhr bot Herrn Jackal die Feder und ſagte: „Unterzeichnen Sie.“ 80⁰ Herr Jackal nahm die Feder und unterzeichnete, indem er gegen dies Verfahren proteſtirte. „Iſt es geſchehen?“ fragte man. „Ja,“ ſagte der Mann mit der Uhr. Dann fügte er, an Herrn Jackal gewandt, hinzu: „Mein Herr, im Namen aller anweſenden Brüder ſchwöre ich vor Gott, daß Ihr Teſtament punktlich vollſtreckt werden ſoll.“ „Kommen Sie,“ ſagte einer der Männer, der bis jetzt noch kein Wort geſprochen und der nach ſeiner athletiſchen Geſtalt zu urtheilen, ohne daß man ſich täuſchte, für den gelten konnte, welchen . Tribunal zum Vollſtrecker des Urtheils auser⸗ eſen. „Kommen Sie.“ Dann kräftig Herrn Jackal an dem Kragen er⸗ greifend, zog er ihn fort und ließ ihn durch den Kreis ſchreiten, der ſich öffnete, um Opfer und Hen⸗ ker durchzulaſſen. Herr Jackal hatte, von dem Coloſſe fortgezogen, bereits auf dieſe Weiſe acht bis zehn Schritte in dem Gehölz gemacht und gewahrte in dem Halb⸗ dunkel an dem Aſte eines Baumes einen Strick, der über einer friſch gegrabenen Grube baumelte, als zwei Männer, die plötzlich in der Tiefe des Waoldes erſchienen, ihm den Weg verſperrten. te, dt, den ent der ach daß hen zer⸗ er⸗ den en⸗ en, in alb⸗ elte, des 81 LXXXVII. Wo verſchiedene Mittel, Herrn Sarranti zu retten, Herrn Jackal zur Annahme vorgeſchlagen werden. In dem Augenblicke, als Herr Jockal jene un⸗ heilvolle Liane, den Strick baumeln ſah, der, wie Berr Prudhomme geſagt hätte, für ihn nicht der ſchönſte, aber der letzte Tag ſeines Lebens werden ſollte; in dem Augenblicke, als er, kräftig am Kra⸗ gen gepackt und vom Boden aufgehoben, den fata⸗ len Strick ſich um ſeinen Hals ſchlingen ſah; mit einem Worte im letzten Augenblicke erſchienen plötz⸗ lich, wie wir ſagten, zwei Männer, die, man weiß nicht von wo, kamen. Vermuthlich aus der Erde, aber von welcher Seite, das konnte Niemand ſagen, namentlich nicht Herr Jackal, der, wie man ſich denken kann, in dieſem Augenblicke nicht im Beſitze ſeiner gewöhnlichen Geiſtesgegenwart war. Einer der beiden Männer ſtreckte die Hand aus und ſprach das einzige Wort: „Halt!“ Bei dieſem Worte ließ der Bruder, der für den Augenblick das Geſchäft des Nachrichters beſorgte, — und der Niemand anders war, als unſer Freund Jean Taureau— Herrn Jackal los. Dieſer ſiel auf die Füße und ſtieß einen Schrei der Freude und der Ueberraſchung aus, als er Salvator in dem Manne erkannte, welcher„Halt!“ gerufen. Es war wirklich Salvator, gefolgt von dem Bruder, welchen der General Lebaſtard de Premont mit dem Papier des Polizeichefs abgeordnet, um Salvator in Freiheit zu ſetzen. Dumas, Salvator. VI. 6 82 „Ah! lieber Herr Salvator,“ rief Jackal außer ſich vor Dankbarkeit;„ich verdanke Ihnen das Leben.“ „Und zwar zum zweiten Male, ſo viel ich mich errinnern kann,“ antwoitete der junge Mann ſtreng. „Zum zweiten, zum dritten Male,“ becilte ſich Herr Jackal zu ſagen,„ich bekenne es im Angeſicht des Himmels, in Gegenwart dieſes Strafwerkzeugs. Setzen Sie meine Dankbarkeit auf die Probe und Sie ſollen ſehen, ob ich undankbar bin.“ „Es ſei und ſogleich... Bei Menſchen, wie Ihnen, Herr Jackal, darf man ſolche Art von Ge⸗ fühlen nicht kalt werden laſſen, folgen Sie uns, wenn es gefällig.“ „O, mit Vergnügen,“ ſagte Herr Jackal, indem er einen letzten Blick auf die Grube und den Strick warf, der über ihm ſchwankte. Und er ging hinter Salvator drein, nicht ohne einen leichten Schauer zu empfinden, als er an Jean Taureau vorüberkam, der den Zug ſchloß, gleichſam, um Herrn Jackal anzuzeigen, daß er mit der Grube und dem Stricke, von dem man ſich entfernte, noch nicht ganz abgeſchloſſen. Nach Verfluß von einigen Sekunden kamen ſie an den Ort, wo Herr Jackal ſo viel Umſtände ge⸗ macht, um ſein Teſtament zu ſchreiben. Die Carbonari waren noch immer beiſammen und ſprachen leiſe. Die Gruppe öffnete ſich und lies Salvator durch, welchem Jean Taureau folgte, der ihn ſo wenig wie ſein Schatten verlies, ein furchtbarer Schatten, der Herrn Jackal vor Furcht erſtarren machte. — 8— er 8 ch ht nd ie e⸗ , m ick ne an , er te, ſie 83 Herr Jackal bemerkte zu ſeinem großen Kummer, als er alle Blicke auf ſich geheftet und alle Stirnen bei ſeinem Anblick ſich falten ſah, daß ſeine Gegen⸗ wart, die für jeden ein Gegenſtand der Ueberra⸗ ſchung ſchien, für Niemanden etwas Befriedigendes hatte. Alle Blicke, welche auf ihn geheftet waren, drückten einmüthig denſelben Gedanken aus:„Wa⸗ rum bringen Sie uns dieſen Menſchen wieder?“ „Ja, ja, ich begreife Sie vollkommen, meine Freunde,“ ſagte Salvator,„Sie ſtaunen, daß Sie Herrn Jackal in Ihrer Mitte ſehen, in dem Au⸗ genblicke, wo Sie ihn damit beſchäftigt glaubten, ſeine Seele in Gottes oder des Teufels Hände zu befehlen. Nun wohl, vernehmen Sie meine Gründe, denen Herr Jackal ſein Leben, wenigſtens momen⸗ tan, dankt; ich will mich nicht verpflichten; ich dachte, Herr Jackal könne uns todt doch nichts mehr nützen, während der lebende Herr Jackal uns von großem Nutzen ſein kann, wenn er nur Luſt dazu hat, woran ich bei meiner Kenntniß ſeines Charakters nicht zweifle. Nicht wahr, Herr Jackal?“ fügte Salvator hinzu, indem er ſich nach ihm umwandte, „nicht wahr, Sie werden ſich alle erdenkliche Mühe geben?“ „Sie haben für mich geſprochen, Herr Salva⸗ tor, ich werde Sie nicht Lügen ſtrafen; ich wende mich indeſſen an Ihre Billigkeit, daß Sie nichts anderes von mir verlangen, als was im Bereiche meiner Mittel ſteht.“ Salvator machte ein Zeichen mit dem Kopfe, welches ſagen wollte:„Seien Sie ruhig.“ 84 Dann wandte er ſich an die Carbonari und ſagte: kreuzen könnte, vor uns ſteht, ſo ſehe ich nicht ein, weßhalb wir dieſe Plane nicht in ſeiner Gegenwart verhandeln; Herr Jackal weiß guten Rath und ich bin überzeugt, daß er uns auf den rechten Weg führen wird, wenn wir irren ſollten.“ Herr Jackal billigte dieſe Worte, indem er be⸗ ſtätigend mit dem Kopfe nickte. Der junge Mann wandte ſich nach ihm um⸗ „Iſt die Hinrichtung noch immer auf morgen feſtgeſetzt?“ fragte er ihn. „Ja,“ antwortete Herr Jackal. „Auf morgen vier Uhr?“ „Auf vier Uhr!“ wiederholte Herr Jackal. „Wohl,“ ſagte Salvator. Dann einen Blick nach rechts und nach links wendend und an den Gefährten des Herrn Jackal das Wort richtend, fuhr er fort: „Was haben Sie in dieſer Vorausſetzung gethan?“ „Hören Sie,“ antwortete der Carbonaro;„ich habe alle Fenſter des erſten Stockwerks auf dem Quai Pelletier und alle Fenſter des Groveplatzes von den Manſarden bis zu dem Erdgeſchoſſe ge⸗ miethet.“ „Aber,“ machte Herr Jackal,„Sie werden da⸗ für eine bedeutende Summe haben zahlen müſſen?“ „Eine Lumperei; es koſtet mich hundert fünfzig tauſend Franken.“ „Fahren Sie fort, Bruder,“ ſagte Salvator, „Ich habe vierhundert Fenſter,“ fuhr der Car⸗ „Brüder, da der Mann, der unſere Plane durch⸗. —„—— — nd h⸗. rt ch en e⸗ en ks kal 2 ich em zes ge⸗ da⸗ 20 zig ar⸗ 85 bonati fort;„drei Menſchen für das Fenſter ſind zwölfhundert Menſchen; ich habe vierhundert in der Rue du Mouton, der Rue Jean de Leſpine, der Rue de la Vannerie, der Rue du Martroy und der Rue de la Tannerie zerſtreut, das heißt an allen Ausmündungen des Stadthausplatzes; zwei hundert werden von dem Thor der Conciergerie bis auf den Groveplatz aufgeſtellt; jeder von dieſen Menſchen mit einem Dolche und zwei Piſtolen bewaffnet ein.“ „Teufel! das kam Sie noch theurer zu ſtehen als Ihre vierhundert Fenſter.“ „Sie täuſchen ſich, mein Herr,“ antwortete der Carbonaro;„es hat mich nichts gekoſtet; die Fen⸗ ſter muß man miethen, aber die Herzen geben ſich freiwillig.“ „Fahren Sie fort,“ ſagte Salvator. „Hören Sie, wie die Sache vor ſich gehen wird,“ fuhr der Carbonaro fort.„Die Bürger, die Maul⸗ affen, die Frauen werden, je näher man dem Platze kommt, von der Seite des Quai de Gdvres und des Pont Saint Michel durch unſere Leute wegge⸗ drängt, die ihre Reihen unter keinem Vorwande durchbrechen laſſen.“ Herr Jackal hörte mit der größten Aufmerkſam⸗ keit und dem größten Erſtaunen zu. „Der Wagen,“ fuhr der Carbonaro fort,„wird, gefolgt von einem Piquet Gendarmerie, gegen drei ein halb die Conciergerie verlaſſen und ſeine Rich⸗ tung nach dem Grdveplatz über den Quai aux Fleurs nehmen; es wird ihm kein Hinderniß bis zum Pont Saint Michel in den Weg gelegt werdenz dort 86 wird ſich einer meiner Indianer unter die Räder werfen und ſich zermalmen laſſen.“ „Ah!“ unterbrach ihn Herr Jackal;„ich habe, wie es ſcheint, die Ehre, mit dem Herrn General Lebaſtard de Premont zu ſprechen.“ „Allerdings,“ antwortete dieſer;„Sie zweifelten alſo, daß ich in Paris ſei.“ „Ich wußte es im Gegentheile gewiß... Aber erzeigen Sie mir die Güte fortzufahren, mein Herr. Sie ſagten alſo, einer Ihrer Indianer werde ſich unter die Räder des Wagens werfen und ſich zer⸗ malmen laſſen.“ Herr Jackal benützte die Unterbrechung, welche er ſelbſt veranlaßt hatte, ſuchte in ſeiner Taſche, zog ſeine Tabaksdoſe heraus, öffnete ſie, ſchnupfte mit ſeiner gewöhnlichen Sinnlichkeit eine ungeheure Priſe Tabak und horchte, wie wenn er durch die Verſtopfung der Raſe ſich die Ohren geöffnet hätte. „Angeſichts dieſes Zwiſchenfalls, der ein lautes Geſchrei bei der Menge hervorrufen und einen Au⸗ genblick die Aufmerkſamkeit von der Escorte ablen⸗ ken muß,“ fuhr der General fort,„werden die Leute, die ſich in der Nähe des Wagens befinden, dieſen umwerfen, indem ſie einen verabredeten Schrei ausſtoßen, der alle unſere Leute aus den umliegen⸗ den Straßen und von den Fenſtern herbeirufen ſoll; nehmen Sie auch an, daß mir ſieben bis acht hun⸗ dert Menſchen fehlen, ſo ſtehen mir doch einige tau⸗ ſend Menſchen zu Gebote, die in einer Minute den Wagen rechts und links, vornen und hinten umge⸗ ben und die Paſſage abſchneiden. Sind die Stränge der Pferde durchſchnitten, iſt der Wagen umge⸗ be, ral ten ber rr. ſich er⸗ che fte ure die tte. tes Au⸗ en⸗ die en, hrei en⸗ oll; un⸗ au⸗ den ige⸗ nge 87 worfen, ſo werden zehn Berittene den Verurtheil⸗ ten entführen: ich werde einer von den zehn ſein. Ich ſtehe für eines von beiden, entweder laſſe ich mich tödten oder ich entführe Herrn Sarranti. Bru⸗ der,“ ſchloß der General, indem er ſich an Salvator wandte,„das iſt mein Plan; halten Sie ihn für ausführbar?“ „Ich frage den Herrn Jackal,“ ſagte Salvator, indem er ſich nach dem Polizeichef hinwandte;„er allein kann uns ſagen, wie groß unſere Ausſicht iſt, zu reuſſiren oder nicht zu reuſſiren. Sagen Sie uns deßhalb Ihre Meinung, Herr Jackal, aber geben Sie ſie ganz aufrichtig.“ „Mein Gott, Herr Salvator,“ antwortete Herr Jackal, der, als er die Gefahr nicht gerade ver⸗ ſchwunden, aber ſich doch etwas entfernen ſah, wie⸗ der einige Kaltblütigkeit gewann,„ich ſchwöre Ih⸗ nen bei Allem, was mir theuer auf der Welt iſt, das heißt bei meinem Leben, daß, wenn ich ein Mittel wüßte, Herrn Sarranti zu retten, ich es Ihnen an die Hand geben würde; unglücklicher Weiſe jedoch habe ich gerade die Maßregeln getrof⸗ fen, daß er nicht gerettet werden kann; es geht daraus hervor, daß ich mit allem Eifer, das ſchwöre ich Ihnen, dieſes Mittel ſuche, aber ſo ſehr ich auch alle Quellen meiner Phantaſie in Anſpruch nehmen mag, ſo ſehr ich auch alle Befreiungen und Entführungen von Gefangenen in meinem Gedächt⸗ niſſe heraufbeſchwöre, vermag ich doch durchaus nichts zu finden.“ „Verzeihung, mein Herr,“ antwortete Salvator; „aber Sie umgehen, wie es ſcheint, die Frage; ich 88⁸ verlange von Ihnen nicht ein Mittel, Herrn Sar⸗ ranti zu retten, ſondern ich frage Sie einfach, ob Sie das des Generals für gut finden.“ „Erlauben Sie, lieber Herr Salvator,“ verſetzte Herr Jackal,„es ſcheint mir im Gegentheil, daß ich aufs kategoriſchſte Ihre Frage beantworte. Wenn ich Ihnen ſage, daß ich kein Mittel finde, ſo heißt das, S ich das des ehrenwerthen Vorredners nicht illige.“ „Und weßhalb das?“ fragte der General. „Erklären Sie ſich,“ drängte Salvator. „Das iſt ganz einfach, meine Herren,“ fuhr Herr Jackal fort;„nach dem Wunſche, den Sie haben, Herrn Sarranti zu befreien, können Sie den Wunſch beurtheilen, den die Regierung hat, daß man ihr ihn nicht entreiße; und zu dieſem Ende, ich bitte demüthigſt um Vergebung, wurde ich mit der Sicherung der Hinrichtung des Herrn Sarranti be⸗ auftragt; ich habe deßhalb meine Vorkehrungsmaß⸗ regeln getroffen und einen Plan entworfen, der ganz und gar ein Bruder des Ihren iſt, aber wohl⸗ verſtanden, ein feindlicher Bruder.“ „Wir verzeihen Ihnen, es war Ihre Pflicht; aber ſagen Sie uns nun die ganze Wahrheit; es iſt Ihr Intereſſe.“ „Nun gut!“ fuhr Herr Jackal mit etwas größe⸗ rer Zuverſicht fort,„als ich die Ankunft des Gene⸗ rals Lebaſtard de Premont in Folge der mißlunge⸗ nen Flucht des Königs von Rom erfuhr...“ „Sie wußten ſchon ſeit ſo lange, daß ich in Paris bin?“ fragte der General. 8S S S 8 8 8 er e⸗ ß⸗ er 5 t; ze⸗ ie⸗ e⸗ 89 „Ich wußte es eine Viertelſtunde nach Ihrer Ankunft,“ antwortete Herr Jackal. „Und Sie haben mich nicht feſtnehmen laſſen?“ „Erlauben Sie, Herr General, das wäre ein vollſtändiges Kinderſtück meiner Kunſt geweſen: wenn ich Sie bei Ihrer Ankunft in Paris hätte arretiren laſſen, ſo hätte ich ja nicht erfahren, was Sie hier wollten, oder hätte nicht mehr gewußt, als Ihnen mir zu ſagen beliebt; während dagegen, wenn ich Sie handeln ließ, ich mich in Allem auf's Laufende ſetzte. So glaubte ich anfangs, Sie wollten für Rechnung Napoleon Il. werben: ich täuſchte mich; aber Dank der Freiheit, die ich Ihnen gönnte, lernte ich die Freundſchaft kennen, die Sie mit Herrn Sarranti verband; ich wurde von dem Beſuche in Kenntniß geſetzt, den Sie zuſammen im Parke von Viry machten; als ich endlich erfuhr, daß der General, der mit den Carbonari in Flo⸗ renz in Verbindung ſtand, ſich als Freimaurer in der Loge Pot⸗du⸗Fer habe aufnehmen laſſen, ſagte ich mir, der General könne durch dieſe doppelte Verbindung und im Namen des Herrn Sarranti handelnd, fünf hundert, tauſend, zwei tauſend Men⸗ ſchen ſogar auf die Beine bringen, um Herrn Sar⸗ ranti zu retten; Sie ſehen, daß ich mich nur um zweihundert getäuſcht. Ich ſagte mir ferner:„der General iſt reich, wie ein Nabob, er wird alle un⸗ ſere Waffenſchmibe auskaufen, aber durch die Waf⸗ fenſchmide ſelbſt kann ich erfahren, woran ich mich in Beziehung auf die Zahl der Waffen und folglich auch auf die Zahl der Leute zu halten habe; es wurden nun in den letzten acht Tagen in Paris dreizehnhundert Paar Piſtolen und achthundert Jagoflinten gekauft, und wenn man die vom Pub⸗ litum gekauften Piſtolen zu hundert, zu zweihun⸗ dert die vom Publikum gekauften Jagdflinten an⸗ ſchlägt, ſo bleiben ſechshundert Flinten und zwölf⸗ hundert Paar Piſtolen für Sie; was die Dolche betrifft, ſo müſſen Sie acht bis neun hundert ge⸗ kauft haben.“ „Ganz richtig,“ ſagte der General. „Was habe ich nun gethan?“ fuhr Herr Jackal fort,„was Sie an meiner Stelle auch gethan ha⸗ ben würden. Ich ſagte mir: der General wird zwei tauſend Leute bewaffnen, wir wollen ſechs tauſend bewaffnen. Zwei von dieſen ſechs tauſend ſtationi⸗ ren ſeit geſtern in den Kellern des Hotel de Ville; weitere zwei tauſend ſind dieſe Nacht in Notre Dame einmarſchirt, deren Thüren heute den ganzen Tag wegen Reparaturen verſchloſſen ſein werden. Noch zwei taufend, die letzten, welche den Anſchein haben werden, als marſchiren ſie durch Paris, um ſich nach Courbevoie zu begeben, werden auf der Place Royale Halt machen und um halb vier auf den Greveplatz marſchiren; Sie ſehen, daß Ihre achtzehnhundert Leute durch meine ſechstauſend wie in einem Netz eingeſchloſſen werden. Daher mein Einwurf, General, ſowohl als Strategiker, wie als Philanthrop. Als Strategiker, ſchlage ich Sie; ich habe den Vortheil der Waffen, der Fahne, der Uniform und endlich des Feldgeſchreis für mich. Als Philanthrop ſage ich Ihnen: Sie wagen einen unnützen Angriff, der nichts anders als ein unbe⸗ ſonnenes Wageſtück ſein kann, da man es voraus⸗ ——„—— dert ub⸗ un⸗ an⸗ ölf⸗ lche ge⸗ ckal ha⸗ wei end oni⸗ lle; otre izen en. hein der auf hre wie nein als der nich. inen nbe⸗ us⸗ 91 geſehen, und dann,— was wohl der Mühe lohnt, daß Sie es ſich überdenken,— Ihre Leute werden Ihnen im rechten Momente fehlen. Die Bürger, denen Sie Angſt eingejagt und die vier Tage lang Ihre Buden verſchloſſen haben, werden ſich von Ihnen zurückiehen; die Royaliſten werden ſchreien, Napoleon II. verbinde ſich mit den Jakobinern und jeder gute Bürger müſſe gegen die Revolution auf⸗ ſtehen. das glaube ich, werden die Folgen dieſer Cataſtrophe ſein. Machen Sie jetzt von meinem Rath einen Gebrauch, welchen Sie wollen; ich ſage Ihnen jedoch aufrichtig, zum Voraus, daß dies Auskunftsmittel Herrn Sarranti nicht rettet und Sie für immer zu Grunde richtet, um ſo mehr als das, was Sie zu thun wagen, nicht für einen Bonapar⸗ tiſten geſchieht; Sie haben es für einen Mörder, einen Dieb gethun. Der Prozeß iſt da.“ Salvator und der General Lebaſtard de Pre⸗ mont tauſchten einen Blick aus, den alle Carbonari verſtanden. „Sie haben Recht, Herr Jackal“ ſagte Salvator. „Und obgleich Sie die einzige Urſache von all' dem Unglück ſind, das uns begegnen könnte, danke ich Ihnen doch nichts deſto weniger im Namen aller anweſenden und abweſenden Brüder. Hat Jemand einen beſſern Plan?“ fragte er, im ganzen Kreiſe umherblickend. Niemand antwortete. Herr Jackal ſtieß einen tiefen Seufzer aus: er war wirklich in Verzweiflung. Dieſe Verzweiflung ſchien der größere Theil der Carbonari zu theilen. 92 Salvator allein bewahrte ſeine unerſchütterliche Seelenruhe. Wie der Adler über den Wolken ſchwebt, ſo ſchien er über den menſchlichen Schickſalen zu ſchweben. LXXXVIII. Wo das Mittel gefunden wird. Nach einer kurzen Pauſe hörte man die Stimme Salvators aus der Höhe, wo ſie zu ſchweben ſchien, herabſteigen. „Es gibt doch ein Mittel, Herr Jackal,“ ſagte er. „Bah! und welches?“ fragte dieſer, der ganz erſtaunt ſchien, daß es ein Mittel geben ſollte, das er nicht aufgefunden. „Ein ganz einfaches Mittel,“ fuhr Salvator fort,„und gerade deßhalb haben Sie ohne Zweifel nicht daran gedacht.“ „Nun, ſo ſagen Sie raſch,“ machte Herr Jackal, der größere Eile zu haben ſchien, es kennen zu ler⸗ nen, als einer von denen, welche auf Salvator hörten. „Ich werde mich wiederholen,“ ſagte Salva⸗ tor:„aber da Sie das erſte Mal nicht begriffen haben, werden Sie vielleicht das zweite Mal um ſo beſſer begreifen.“ Herr Jackal ſchien ſeine Aufmerkſamkeit zu ver⸗ doppeln. ——— —— Sc S— — — 6 me en, gte inz as tor fel al, er⸗ tor u⸗ fen um er⸗ 93 „Was habe ich bei Ihnen gethon, kurz ehe Sie mich arretiren ließen?“ „Sie legten auf meinen Schreibtiſch die Be⸗ weismittel für die Unſchuld des Herrn Sarranti, — ſo ſagten Sie wenigſtens— ein Kinderſkelett, das in einem Garten von Vanvres, bei einem Herrn Gerard, gefunden wurde, das iſt es wohl, nicht wahr?“ „Das iſt es allerdings,“ antwortete Salvator. „Und weßhalb habe ich Ihnen dieſe Stücke ge⸗ bracht?“ „Um Sie bei dem Herrn Prokurator des Königs zu deponiren.“ „Haben Sie es gethan?“ fragte der junge Mann in ſtrengem Tone. „Ich ſchwöre Ihnen, Herr Salvator,“ beeilte ſich Herr Jackal in gerührtem Tone zu antworten, daß ich nach St. Cloud zu Sr. Majeſtät in der Abſicht ging, mit dem Herrn Juſtizminiſter, der ſich dort befand, von den Dingen, die Sie mir gebracht, zu ſprechen. „Machen wir es kurz,“ ſagte Salvator,„die Zeit eilt; Sie haben es nicht gethan?“ „Nein,“ antwortete Herr Jackal,„weil ich in dem Augenblicke, wo ich mich nach Saint Ckoud begab, feſtgenommen wurde.“ „Nun denn, was Sie nicht allein gethan, wol⸗ len wir jetzt zuſammen thun.“ „Ich verſtehe Sie nicht, Herr Salvator.“ „Sie werden mich zu dem Prokurator des Königs begleiten, wo Sie die Sachen, wie Sie ſie jetzt ken⸗ nen, vorlegen werden.“ So ſehr es im Intereſſe des Herrn Jackal ſchien, dieſen Rath anzunehmen, ſo war er doch weit ent⸗ fernt, ſo raſch darauf einzugehen, wie Salvator er⸗ wartet hatte. „Ich will es wohl thun,“ antwortete Herr Jackal nachläſſig, indem er den Kopf ſchüttelte, wie Je⸗ mand, der nicht das geringſte Vertrauen in das hat, was er zu thun im Begriffe ſteht. „Sie ſcheinen nicht meiner Anſicht zu ſein,“ fragte Salvator;„mißbilligen Sie meinen Plan?“ „Vollſtändig,“ antwortete Herr Jackal. „Laſſen Sie mich Ihre Gründe wiſſen.“ „Wenn wir dem Herrn Prokurator des Königs nicht die unabweisbarſten Beweiſe von der Unſchuld des Herrn Sarranti geben, ſo wird Herr Sarranti trotzdem durch ein Urtheil der Jury, ein nach un⸗ ſern Geſetzen unumſtößliches Urtheil, verdammt werden; ſo klar die Beweiſe auch ſein mögen, man wird ihn doch nicht in Freiheit ſetzen. Es wird ein neuer Prozeß eingeleitet werden müſſen; inzwi⸗ ſchen bleibt Herr Sarranti im Gefängniſſe. Ein Prozeß hat ſeine beſtimmten Grenzen; ein Prozeß dauert ein Jahr, zwei Jahre, zehn Jahre; ein Prozeß dauert immer fort, wenn man ein Intereſſe dabei hat, daß er nicht aufhöre. Gut denn, neh⸗ nen Sie eines an, nämlich, daß dieß ewige Hin⸗ ausſchieben Herrn Sarranti ermüdet: ermüdet ver⸗ liert er den Muth, er zehrt ab, kämpft eine Zeit⸗ lang gegen den Spleen; endlich eines ſchönen Ta⸗ ges kommt es ihm in den Sinn, ſeinem Leben ein Ende zu machen.“ Dieſe Worte, nach welchen Herr Jackal inne 95 n, hielt, um die Wirkung zu beurtheilen, hatten unge⸗ it⸗ fähr den Erfolg einer elektriſchen Erſchütterung: die r⸗ hundert Männer ſchauerten wie ein Körper. Hers Jackal war ſeblſt erſtaunt über die Auf⸗ al regung, die er hervorgebracht. Er dachte, ſie fönnte e⸗ ihm ungünſtig ſein und um allen Zorn abzuwen⸗ at, den, der in einen Sturm vereint gegen ihn los⸗ brechen konnte, fügte er lebhaft hinzu: „Bemerken Sie wohl, Herr Salvator, und machen 4 Sie es dieſen Herren bemerklich, daß ich nur ein Unterhändler, ein Rad in einer Maſchine bin; ich empfange den Impuls, ich gebe ihn nicht; ich be⸗ g8 fehle nicht, ich führe nur aus, man ſagt mir, thun Ud Sie das, und ich gehorche.“ nti„Fahren Sie fort, mein Herr, fahren Sie fort; n⸗ weit entfernt, Ihnen darüber zu Leibe gehen zu mt wollen, ſind dieſe Herren und ich Ihnen dankbar, an daß ſie uns aufklären.“ ird Dieſe Worte ſchienen Herrn Jackal augenblick⸗ vi⸗ lich wieder Muth zu geben. in„Ich ſagte Ihnen alſo,“ fuhr er fort,„daß in zeß dem Augenblick, wo der Prozeß ſeinem Ende zu⸗ ein geht— wenn es überhaupt ſoweit kommt,— es ſſe höchſt wahrſcheinlich iſt, daß man in den Morgen⸗ eh⸗ Zeitungen liest, der Schließer der Conciergerie habe, in⸗ als er in das Gefängniß des Herrn Sarranti trat, er⸗ ihn wie Touſſaint⸗Louvertüre erhängt, oder wie eit⸗ Pichegru, erdroſſelt gefunden; denn,“ fügte Herr 3 Jackal mit furchtbarer Naivetät hinzu,„Sie können ein ſich wohl denken, daß, wenn eine Regierung ſich in Bewegung ſetzt, ſie nicht am erſten Grenzſtein des ne Weges inne hält.“ 96 „Genug!“ ſagte Salvator mit finſterer Miene:„Sie haben Recht, Herr Jackal, es iſt ein ſchlechtes Mittel. Glücklicherweiſe,“ beeilte er ſich hinzuzufügen,„habe ich, indem ich ſowohl Auf das Mittel des General Lebaſtard de Premont, wie auf das Zweite verzichte, ein Drittes, das ich für beſſer als die beiden andern halte.“ Die Verſammlung athmete wieder auf. „Ich will Sie darüber urtheilen laſſen,“ fuhr Salvator fort. Jedermann lauſchte athemlos: wir brauchen nicht zu ſagen, daß Herr Jackal nicht der unauf⸗ merkſamſte Zuhörer des jungen Mannes war. „Wie Sie,“ fuhr Salvator fort, indem er das Wort an Herrn Jackal richtete,„Ihre Zeit ſeit der Gefangennehmung des Herrn Sarranti nicht unnütz verbraucht haben, ſo habe auch ich die meinige nicht verloren; es iſt drei Monate her, daß ich, voraus⸗ ſehend, oder wenigſtens ahnend, was in dieſem Augenblicke geſchieht, mir den Plan bildete, den ich Ihnen mittheilen will.“ „Sie haben keine Idee von dem Intereſſe, mit welchem ich Sie höre,“ ſagte Herr Jackal. Salvator lächelte unmerklich. „Sie kennen die Conciergerie ſo genau wie Ihren kleinen Finger, nicht wahr, Herr Jackal,“ fuhr er fort. „Natürlich,“ antwortete dieſer, erſtaunt, daß man eine ſo einfache Frage machen konnte. „Kommt man durch das Gitter, das zwiſchen den beiden Thürmen liegt, das heißt durch den ge⸗ wöhnlichen Ein⸗ und Ausgang des Gefangenen, ſo — e c— — 8S c— S——— S— — rer ein ſich das auf ſſer uhr hen uf⸗ das der nütz icht us⸗ ſem ich mit geht man über den Hof und befindet ſich, hat man das Pförtchen hinter ſich, in dem Gefängniß, das heißt im Veſtibule des Gefängniſſes.“ „Ganz richtig,“ machte Herr Jackal mit einem Zeichen des Kopfes. „Mitten in dem Gefängniſſe iſt ein Ofen, um welchen her die Schließer, Polizeiägenten und Gen⸗ darmen plaudern; gerade gegenüber der Eingangs⸗ thüre öffnet ſich die hintere Thüre, welche auf einen Corridor führt, an dem ſich die gewöhnlichen Ge⸗ fängniſſe befinden und mit dieſen haben wir nichts zu ſchaffen. Links von der Eingangsthüre, links von dem Ofen, in einem mit ſteinernen Platten belegten Zimmer, deſſen mit einem Gitter verſehe⸗ nen Thüre auf einen beſondern Corridor führt, befindet ſich das Zimmer der zum Tode Verur⸗ theilten.“ Herr Jackal beſtätigte dieſe Angabe wieder durch ein Nicken des Kopfes; die topographiſche Beſchrei⸗ bung war außerordentlich genau. „Hier natürlich mußte Herr Sarranti einge⸗ ſchloſſen ſein, wenn auch nicht ſeit der Verurthei⸗ lung, ſo doch wenigſtens ſeit drei bis vier Tagen.“ „Seit drei Tagen,“ ſagte Herr Jackal. „Und dort befindet er ſich zu dieſer Stunde, nicht wahr, und wird dort bleiben bis zur Stunde ſeiner Hinrichtung?“ Herr Jackal antwortete wieder durch ein beſtä⸗ tigendes Zeichen. „So iſt denn ein Punkt feſtgeſtellt; gehen wir zum zweiten über.“ Es entſtand eine Pauſe. Dumas, Salvator. VI. 98 „Sehen Sie, welche Rolle der Zufall ſpielt,“ fuhr Salvator fort:„und wie er, was auch die Peſſimiſten ſagen mögen, die ehrlichen Leute be⸗ günſtigt! Als ich eines Tages gegen vier Uhr Abends, aus dem Palais herauskommend, wo ich einer der Sitzungen des Prozeſſes Sarranti an⸗ gewohnt, an das Ufer des Fluſſes hinabſteige, wende ich mich nach der Seite des Pfeilers der St. Mi⸗ chelbrücke, wo ich gewöhnlich ein Boot angebunden habe. Während ich den Fluß hinunterrudere, ge⸗ wahre ich über dem Ufer und unter dem Quai de PHorloge vier oder fünf mit eiſernen Gittern und großen Querſtangen verſehene Heffnungen; ich hatte nie auf dieſe Oeffnungen geachtet, die nichts ande⸗ res ſind, als einfache Dohlen; aber diesmal ganz von dem peinlichen Gefühle beherrſcht, in das mich die wahrſcheinliche Verurtheilung des Herrn Sar⸗ ranti verſetzte, näherte ich mich denſelben und un⸗ terſuchte ſie zuerſt im Allgemeinen, dann im Ein⸗ zelnen. Das Reſultat dieſer Unterſuchungen war, daß nichts leichter ſei, als dieſe Gitter zu öffnen und auf dieſe Weiſe unter den Quai zu kommen und damit aller Wahrſcheinlichkeit nach auch unter das Gefängniß; aber in welcher Tiefe? Das war mir unmöglich zu ahnen. Ich beſchäftigte mich anfangs, das heißt an dieſem Tage, nicht damit; das hin⸗ derte mich jedoch nur, die ganze Nacht daran zu denken. Am andern Tage, gegen acht Uhr Mor⸗ gens befand ich mich in der Conciergerie. Ich muß Ihnen ſagen, daß ich einen Freund in der Con⸗ ciergerie habe; Sie ſollen ſogleich ſehen, daß es gut iſt, überall einen Freund zu haben;— ich 99 ſuchte ihn auf: und während ich mit ihm ſprach und auf und ab ging, erhielt ich die Gewißheit, daß eine der Heffnungen, welche auf das Ufer des Fluſſes hinausgingen, auf den grünen Platz im Hofe des Gefängniſſes führte. Die Hauptſache war nun, den Weg kennen zu lernen, welchen dieſe Art von Canal unter der Erde machte, der nicht ſehr weit von dem Gefängniß der zum Tode Verurtheilten hinlaufen konnte. Gut! ſagte ich mir, hier iſt eine Mine zu graben und unſere Catacombenſteinbrecher ſind nicht die Menſchen, die vor ſolch' einer Unbedeuten⸗ heit zurückſchrecken.“ Fünf bis ſechs der Zuhörer Salvators machten mit dem Kopfe ein Zeichen der Zuſtimmung. Es waren die Steinbrecher, an welche der junge Mann ſeine Appellation gerichtet hatte. Salvator fuhr fort: „Ich verſchaffte mir nun den Plan der Con⸗ ciergerie, was mir leicht wurde, indem ich einen alten Plan, den ich in der Bibliothek des Palaſtes fand, durchpaußte; und nachdem ich mal von der Richtigkeit meiner Meinung überzeugt war, ſuchte ich mir drei unſerer Brüder aus, welche mir folgen ſollten. In derſelben Nacht noch,“ fuhr Salvator fort,„einer Nacht, welche glücklicherweiſe dunkel war, drang ich, nachdem ich ohne Geräuſch das Gitter der Dohle geöffnet, in das verpeſtete Sou⸗ terrain, aber nachdem ich zehn Schritte gemacht, war ich gezwungen ſtehen zu bleiben; das Souterrain war in ſeiner ganzen Höhe und Breite durch ein ähnliches Gitter, wie das, welches auf die Seine ging, verſperrt. Ich ging zurück und ſt einen meiner Leute, welche mit Werkzeugen verſehen wa⸗ ren, in den dunkeln und engen Gang; nach Ver⸗ fluß von zehn Mmuten kam er wieder und fiel vor meinen Füßen nieder. Er lag in einer Todesohn⸗ macht da; die verpeſtete Luft hatte ihn halb er⸗ ſtict und er wollte doch nicht früher zurückgehen, als bis er ſeine Aufgabe gelöst. Auf die Gewiß⸗ heit hin, daß das Hinderniß beſeitigt ſei, ging ich auf's neue in das dumpfe und düſtere Loch; dieß⸗ mal machte ich ungefähr zwanzig Schritte; aber hier ſtieß ich wieder auf ein Gitter. Ich ging an das Waſſer zurück, ſelbſt beinahe athemlos, und forderte einen andern meiner Begleiter auf, mir den Durchgang zu ermöglichen. Er kam halb⸗ todt zurück, aber er hatte, wie der Erſte, ſeine Auf⸗ gabe gelöst, das zweite Gitter war geöffnet. Ich ging wieder in den unterirdiſchen Gang und zehn Schritte weiter als das zweite Gitter ſtieß ich auf ein drittes; ich kehrte traurig aber nicht entmuthigt zu meinen Leuten zurück. Zwei von dreien waren entkräftet, man konnte nicht mehr auf ſie zählen. Ein dritter war jedoch noch friſch und voll Eifer; ehe ich mein Verlangen ausgeſprochen, hatte er ſich in den dunkeln Gang geſtürzt.. zehn Minuten verfloſſen, dann eine Viertelſtunde, der Mann kam nicht zurück. Ich ging ſelbſt hinein, um ihn zu ſuchen. Nach zehn Schritten ſtieß ich auf ein Hin⸗ derniß, das ich nicht kannte, ich ſtreckte die Hände aus und fand einen Körper; ich zog den Körper an der Blouſe nach dem Eingang, es war zu ſpät, der Körper war nur noch eine Leiche; der arme Teufel war erſtickt!... Das waren die Arbeiten Sc S— S— S d er⸗ oor n⸗ er⸗ en, iß⸗ eß⸗ ber ing los, uf, lb⸗ luf⸗ ehn auf higt wen len. fer; ſich uten kam Hin⸗ ände rper ſpät, me 101 des erſten Tages oder vielmehr der erſten Nacht,“ ſchloß Salvator kalt. Alle Umſtehenden hörten die Erzählung dieſer heroiſchen Arbeit mit einer Aufmerkſamkeit und einem Intereſſe, welche wir nicht zu ſchildern brauchen. Herr Jackal namentlich betrachtete den Erzähler mit ſprachloſem Staunen: er fühlte ſich feige und klein gegenüber dieſem tapfern jungen Mann, der ihm zehn Ellen hoch erſchien. Der General Lebaſtard de Premont hatte kaum die letzten Worte Salvators gehört, als er auf den jungen Mann zutrat und fragte: „Ohne Zweifel hatte der, welcher ſtarb, Frau und Kinder?“ „Kümmern Sie ſich nicht darum, General,“ ſagte er,„alles iſt in Ordnung von dieſer Seite. Die Frau erhält zwölfhundert Franken Penſion, was für ſie ein Vermögen iſt; die beiden Kinder ſind in der Schule von Amiens.“ Der General trat einen Schritt zurück. „Fahren Sie fort, mein Freund,“ ſagte er. „Am andern Tage,“ fuhr Salvator fort,„be⸗ gab ich mich mit den beiden andern Männern wie⸗ der an Ort und Stelle; ich trat allein in das Ge⸗ wölbe, eine Flaſche mit Chlor in jeder Hand. Das dritte Gitter war entfernt, ich konnte alſo meinen Weg fortſetzen. Nach dem dritten Gitter drehte ſich die Dohle nach rechts. Je weiter ich ging, deſto enger wurde ſie, bald hörte ich, daß man über meinem Kopfe ging; es war offenbar eine Runde der Schließer oder der Soldaten, welche über den Hof ging. Ich hatte in dieſer Richtung nichts zu 102 thun. Ich hatte meine Entfernungen ſo genau be⸗ rechnet, daß ich mich nicht täuſchen konnte; ich wußte, daß ich mich nach dem dreißigſten Metre nach links wenden müſſe; meine Curve oder viel⸗ mehr mein Winkel war mit der Genauigkeit einer ſtrategiſchen Mine berechnet. Ich kehrte um, indem ich auf dem ganzen Wege Chlor ausgoß, das un⸗ terirdiſche Genölbe ſoviel möglich von der verpeſte⸗ ten Luft zu reinigen; wir ſchloſſen das erſte Gitter wieder und entfernten uns, wie das erſte Mal. Die topographiſchen Studien waren gemacht, es blieben nur noch die praktiſchen Arbeiten. Arbeiten, deren Schwierigkeiten Sie werden beurtheilen kön⸗ nen, wenn ich Ihnen ſage, daß drei Männer ſich ſtündlich ablöſend und jeder zwei Stunden in der Nacht arbeitend, ſiebenundſechzig Nächte brauchten, um ihre Arbeit zu Ende zu bringen.“ Ein Schrei der Dankbarkeit, ein Murmeln der Bewunderung drang aus aller Munde. Nur drei Männer ſchwiegen. Es waren der Zimmermann Jean Taureau und ſeine Gefährten, der Maurer Sac⸗a⸗Platre und der Köhler Touſſaint Louverture. Sie traten einen Schritt zurück, als ſie die Car⸗ bonari ſo laut ihre Bewunderung an den Tag legen hörten. „Das ſind die drei Urheber dieſer Rieſenarbeit,“ ſagte Salvator, indem er ſie der Verſammlung be⸗ zeichnete.. Die drei Mohicaner hätten viel gegeben, wenn ſie in die tiefſte Tiefe der Mine hätten unterſinken önnen. — 103 Sie ſenkten die Augen, wie Kinder. „Mögen wir nun Herrn Sarranti retten oder nicht, ſagte ganz leiſe der General Lebaſtard zu Salvator,„das Glück dieſer drei Männer iſt ge⸗ macht.“ Salvator drückte dem General die Hand. „Nach Verfluß von zwei Monaten,“ fuhr der junge Mann fort,„waren wir gerade unter dem Ge⸗ fängniſſe der zum Tode Verurtheilten, einem bei⸗ nahe immer leeren Gefängniſſe, weil man die Ver⸗ urtheilten erſt zwei oder drei Tage vor ihrer Hin⸗ richtung dahin bringt. Wir konnten deßhalb, als wir ſo weit gekommen waren, fortarbeiten, ohne befürchten zu müſſen, die Aufmerkſamkeit der Schlie⸗ ßer auf uns zu ziehen; nach Verfluß von ſieben Tagen hatten wir eine Steinplatte losgemacht, oder, es genügte vielmehr, etwas ſtark an dieſe Platte zu drücken, um ſie zu heben und durch dieſe Oeff⸗ nung den Gefangenen zu befreien. Um der größe⸗ ren Sicherheit willen und für den Fall, daß der Schließer bei dem Geräuſch, das der Gefangene beim Entfliehen machte, eintreten ſollte, hat Sac⸗a⸗ Platre in die Platte einen Ring genietet, welchen Jean Taureau mit ſeiner ganzen Kraft von unten halten wird, bis Herr Sarranti das Ufer erreicht hat, wo ich ihn in einer Barke erwarten werde. Iſt Herr Sarranti mal in der Barke, ſo ſtehe ich für Alles! Das iſt mein Plan, meine Herren,“ fuhr Salvator fort:„Alles iſt bereit; es handelt ſich nur noch darum, ihn auszuführen, wenn uns nicht Herr Jackal auf's Entſchiedenſte beweiſen würde, daß wir ſcheitern können. Sprechen Sie, Herr 104 Jackal, ſprechen Sie raſch; denn wir haben nur genau ſo viel Zeit, um uns an's Werk zu machen.“ „Herr Salvator,“ antwortete der Chef der Si⸗ cherheitspolizei ernſt,„wenn ich nicht fürchtete, für einen Menſchen zu gelten, der den Leuten ſchmei⸗ chelt, um ſie für ſich zu gewinnen, ſo würde ich Ihnen die tiefe Bewunderung ausdrücken, welche ich für dieſen Rieſenplan hege.“ „Ich verlange von Ihnen keine Complimente, mein Herr,“ antwortete der junge Mann;„ich ver⸗ lange Ihren Rath.“ „Ihren Plan bewundern, das heißt ihm zu⸗ ſtimmen, mein Herr,“ antnortete der Polizeimann. „Ja, Herr Salvator, ſo wahr ich mich wie ein Thor benommen, als ich Sie arretiren ließ, ſo ſehr finde ich Ihren Plan ausgezeichnet, unmangelhaft; ich verſichere Sie, daß es gelingen wird, aber erlau⸗ ben Sie mir eine Frage an Sie zu richten. Iſt der Gefangene in Freiheit, was gedenken Sie dann mit ihm zu thun?“ „Ich habe Ihnen geſagt, daß ich für ſeine Per⸗ ſon ſtehe, Herr Jackal.“ Herr Jackal ſchüttelte den Kopf, als wollte er ſagen, dieſe Verſicherung genüge ihm nicht. „Nun gut, ich werde Ihnen Alles ſagen, mein Herr, und ich hoffe, Sie werden, wie über das Entkommen aus dem Gefängniß, auch in Beziehung auf die Flucht einer Anſicht mit mir ſein. Eine Poſtchaiſe wartet in einer der kleinen Straßen, welche auf den Quai führen; Relais ſind auf dem ganzen Wege gelegt; ich habe einen Courier vor⸗ ausgeſchickt; es ſind dreiundfünfzig Stunden von 10⁵ hier nach Havre; man macht ſie in zehn Stunden, nicht wahr? In Havre wartet ein geheiztes eng⸗ liſches Dampfboot; auf dieſe Weiſe' wird Herr Sar⸗ ranti in dem Augenblick, wo man ſich auf dem Grdveplatz drängt, um ihn hinrichten zu ſehen, wird Sarranti, ſagen wir, Frankreich in Begleitung des General Lebaſtard de Premont verlaſſen, der, wenn Herr Sarranti fort iſt, keinen Grund mehr hat, in Paris zu bleiben.“ „Sie vergeſſen den Telegraphen,“ ſagte Herr Jackal. „Durchaus nicht; wer kann Allarm ſchlagen, den genommenen Weg anzeigen, den Telegraphen ſpielen laſſen? Die Polizei, das iſt Herr Jackal. Nun, da Herr Jackal bei uns bleibt, ſo iſt Alles damit geſagt.“ „Allerdings,“ machte Herr Jackl. „Sie werden deßhalb die Güte haben, dieſen Herren in das für Sie beſtimmte Zimmer zu folgen.“ „Ich ſtehe zu Befehl, Herr Salvator,“ ſagte der Polizeimann, ſich verbeugend. Aber Salvator hielt ihn an, indem er die Hand ausſtreckte, ohne ihn zu berühren. „Ich habe nicht nöthig, Ihnen eine außeror⸗ dentliche Klugheit, ſei es in Ihren Handlungen, ſei es in Ihren Worten anzuempfehlen; jeder Flucht⸗ verſuch zum Beiſpiel würde, wie Sie wiſſen, auf eine nicht wieder gut zu machende Weiſe unter⸗ drückt; denn ich werde nicht da ſein, um Sie zu ſchützen, wie ich es ſo eben gethan. Gehen Sie jetzt, Herr Jackal, und Gott leite Sie.“ Zwei Männer nahmen Herrn Jackal, jeder an* 106 einem Arme, und verſchwanden im Dunkel des Ur⸗ waldes.— Als man ihn nicht mehr ſah, nahm Salvator ſeinerſeits den General Lebaſtard de Premont mit ſich, machte Jean Taureau, Touſſaint Louverture und Sac⸗a⸗Platre ein Zeichen, ihm zu folgen und alle fünf verſchwanden unter dem Boden. Wir werden ſie nicht durch die Irrgänge der Catacomben begleiten, durch die wir bereits mit Herrn Jackal gekommen ſind und die ſie durch ein Haus in der Rue Saint Jacques verließen, welche neben der Rue des Noyers liegt. Dort angekommen, trennten ſie ſich— Salva⸗ tor und der General ſetzten ihren Weg zuſammen fort— um ſich an dem Ufer des Quai de l'Hor⸗ loge wieder zu finden, wo, wie wir geſagt, die Barke Salvators angebunden war. Man hielt unter dem Schatten, welchen der Brückenbogen warf. Der General Lebaſtard, Touſſaint Louverture und Sac⸗a⸗Platre ſetzten ſich in die Barke und man brauchte ſie nur loszulaſſen.— Salvator und Jean Taureau blieben allein am Ufer. „Jetzt,“ ſagte Salvator mit leiſer Stimme, aber ſo, daß er nicht nur von dem Zimmermann, ſon⸗ dern auch von den drei übrigen Gefährten gehört wurde,„jetzt Jean Taureau, höre mich wohl und verliere nicht ein Wort, denn es ſind meine letzten Inſtruktionen.“ „Ich höre,“ ſagte der Zimmermann. „Du wirſt, ohne Dich aufzuhalten, und ſo ſchnell 107 als möglich bis an das Ende des Ganges vor⸗ ſchreiten.“ „Ja, mein Herr.“ „Wenn wir uns verſichert haben, daß wir nichts zu fürchten brauchen, ſo wirſt Du Deine Schultern an die Steinplatte ſtemmen und kräftig, aber doch langſam drücken, um ſo die Steinplatte aufzuheben . und ſie nicht in das Gefängniß umzuſtürzen, was den Wächter aufwecken würde; wenn Du ſo weit biſt, das heißt, wenn Du fühlſt, daß mit einer letz⸗ ten Anſtrengung die Steinplatte gehoben iſt, ſo ziehſt Du mich am Aermel, ich werde das Uebrige thun. Haſt Du mich wohl verſtanden?“ „Ja, Herr Salvator.“ „Dann vorwärts!“ ſagte Salvator. Jean Taureau hob das erſte Gitter weg und trat in das Gewölbe, das er ſo raſch durchſchritt, als es für einen Mann von ſeinem Wuchſe mög⸗ „lich war. Salvator folgte ihm einige Sekunden ſpäter. Sie kamen einen Schritt von einander entfernt unter dem Gefängniß der zum Tode Verurtheil⸗ ten an. Hier drehte ſich Jean Taureau um und horchte, während Salvator ſeinerſeits ebenfalls horchte. S Die tiefſte Stille herrſchte ringsum, unter und über ihnen. Als er nichts hörte, krümmte ſich Jean Taurean ſo gut er konnte, drückte den Kopf in den Hals und Minen in die Schultern und ſeine beiden Hände feſt auf die Kniee ſtemmend, drückte er die Platte ſo kräftig, daß nach Verfluß von einigen Secunden er ſie weichen fühlte. Er zog Salvator am Aermel. „Iſt es geſchehen?“ fragte dieſer. “ murmelte Jean Taureau, tief Athem holend. „Gut!“ ſagte der junge Mann, indem er ſich rüſtete, da jetzt an ihn die Reihe kam;„Fjetzt iſt's an mir. Drücke, Jean Taureau, drücke!“ Jean Taureau drückte, die Steinplatte löste ſich los und hob ſich langſam; ein ſchwacher Lichtglanz, der von einer Todtenlampe kam, drang in das un⸗ terirdiſche Gewölbe. Salvator ſteckte den Kopf durch die Heffnung, warf einen raſchen Blick im ganzen Gefängniß umher und ſtieß einen Schrei des Schreckens aus. Das Gefängniß war leer. LXXXIX. Was geſchehen, während Herr Jackal Salvator und Salvator Herr Jackal hatte arretiren laſſen. Damit wir die Erklärung des Geheimniſſes fin⸗ den, das Herrn Salvator ſo furchtbar erſchreckte, müſſen wir zu Herrn Gerard zurückkommen, wie er mit dem Paſſe verſehen und voll Eile, Frankreich zu verlaſſen, aus dem Bureau des Herrn Jackal weggeht. Wir ſprechen nicht von den ſich durchkreuzenden bangen Gefühlen, deren Beute der Philantrop von Vanvres wurde, als er den langen Corridor und 109 die dunkle und winklige Treppe hinab ging, die von dem Cabinet des Herrn Jackal nach dem Hof der Präfectur führten. Die Genoſſen dieſer ehrenwer⸗ then Perſönlichkeit, welche unter dem dunkeln Ge⸗ wölbe entweder in Gruppen umherſtanden oder hin und her gingen, jenem Gewölbe, das heutzutage verſchwunden oder nahe daran iſt zu verſchwinden, und das, ohne zu übertreiben, einem Luftloch der Hölle verglichen werden konnte, machten ihm den Eindruck von eben ſo vielen Teufeln, die im Be⸗ griffe ſeien, ſich auf ihn zu ſtürzen und ihm ihre Krallen in das Fleiſch zu drücken. Er ging deßhalb raſch über den Hof, als wenn er fürchtete, von den Agenten erkannt und feſtge⸗ halten zu werden, noch raſcher durch das Gitterthor und als wenn er fürchtete, das Hofthor möchte ſich vor ihm ſchließen und ihn zum Gefangenen machen. An dem Thore fand er ſein Pferd wieder— deſſen Zügel er in die Hände eines Commiſſionärs gegeben,— ſchenkte dieſem etwas und ſchwang ſich mit der Leichtigkeit eines Renners von Newmarket oder Epſom auf das Pferd. Der Weg war ein langer Alp, ein forcirter Ritt in dreifachem Galopp; etwas ähnliches wie der phantaſtiſche Ritt des Erlkönigs durch den Wald. Von dem Gewitter, das ſich mit ſo großer Hef⸗ tigkeit entladen, blieb noch eine tiefſchwarze Wolke, welche den Mond bedeckte; flüchtige Blitze, die letz⸗ ten Zuckungen des Gewitters, warfen allein und von Zeit zu Zeit, ohne daß ihnen ein Donner folate, ihre gelben und unheimlichen Lichter auf den phan⸗ taſtiſchen Reiter, der, an die Schrecken der Jugend erinnert, wenn er es gewagt, bei jedem Blitze das Zeichen des Kreuzes gemacht hätte. Kurz, es war eine düſtere Nacht, gemacht, um das Gewiſſen des Unſchuldigſten zu erſchüttern; ſelbſt der Philantrop von Vanvres, der gerecht gegen ſich war und ſich durchaus nicht in die Reihe der unſchuldigen Herzen ſtellte, fühlte einen kalten Schweiß über ſeinen Kör⸗ per rieſeln, während all ſein Blut immer mehr in den Adern erſtarrte. Noch zehn Minuten dieſes Rittes mit verhängten Zügeln und er hatte Vanvres erreicht. Aber ſein Pferd, ſo ſtark es auch war, von der Rue de Jeru⸗ ſalem an, mit Spornſtreichen gefoltert, und vom erſten Ritte ſchon ermüdet, ſchien zu wanken und bei jedem Schritte zuſammenſtürzen zu wollenz der Wind fing ſich in ſeinen weit geöffneten Nüſtern, aber ſchien nicht mehr bis zu den Lungen vordrin⸗ gen zu können. Herr Gerard warf einen durchbohrenden Blick auf den undurchdringlichen Himmel, um zu beur⸗ theilen, wann er ankommen könnte, hielt das Pferd mit dem Zügel und den Knieen aufrecht und da er einſah, daß, wenn er einen Augenblick inne hielte, ſein Pferd da fallen würde, wo er halte, ſo drückte er ihm unbarmherzig die Sporen in den Leib. Nach Verfluß von fünf oder ſechs Minuten, die ihm ganze Stunden erſchienen, begann er in der Dunkelheit die finſtern Umriſſe ſeines Schloſſes zu erkennen; einige Secunden ſpäter befand er ſich vor der Thüre. Was er vorausgeſehen, geſchah; im Augenblicke, —— ——„———— c ———— — S— 0 — — 111 wo er vor dieſer Thüre hielt, brach ſein Pferd unter ihm zuſammen. Er war auf dies Ereigniß gefaßt, er traf deß⸗ halb ſeine Vorſichtsmaßregeln, ſo daß er in dem Augenblick auf den Beinen ſtand, wo dieſes fiel. Dies Ereigniß, das in jedem andern Augenblicke eine Rührung bei Herrn Gerard hervorgerufen, deſ⸗ ſen Philanthropie ſich gewöhnlich von den Menſchen auf die Thiere übertrug, machte in dieſem Momente nicht die geringſte Wirkung auf ihn; ſein Gedanke, ſein einziger Gedanke war, ſo weit als möglich den Dienern des Herrn Jockal voranzukommen, wenn etwa die Laune des Herrn Jackal— und Herr Gerard wußte, wie launiſch ſein Beſchützer war— ſich anders beſinnend, ihm auf den Ferſen nachſchicken ſollte. Er war zu Hauſe angekommen; ſein Zweck war erreicht; gleichgültig war ihm deßhalb das Le⸗ ben oder der Tod des edeln Thiers, das ihn geret⸗ tet hatte. Man weiß, daß der Philanthrop von Vanvres gerade kein Muſter von Dankbarkeit war. Er ließ deßhalb das Pferd, wo es war, liegen, ohne es abzuſatteln, gleichgültig, was aus dem Thiere werden würde, das, aller Wahrſcheinlichkeit nach, erſt am andern Tage gefunden ward, da das Thier am Hauſe und nicht auf dem Wege gefallen; dann öffnete er raſch die Thüre, ſchloß ſie noch raſcher doppelt und dreifach hinter ſich, ſtieg ſchnell zwei Stockwerke hinauf, holte aus einem Cabinet, das ihm als Stiefelzimmer diente, einen ungeheuren ledernen Koffer, trug ihn in ſein Schlafzimmer und zündete ein Licht an. Hier athmete er wieder eine Secunde lang; ſein Herz ſchlug ſo heftig, daß er einen Augenblick fürch⸗ ten konnte, es werde berſten, während dieſer Se⸗ cunde blieb er aufrecht ſtehen, die Hand auf die Bruſt drückend, als verſuchte er, Herr ſeines Athems zu werden; nachdem er dieſem Unfall glücklich ent⸗ kommen war, begann er ſich mit den letzten Vorbe⸗ reitungen ſeiner Reiſe, mit dem Einpacken des Koſ⸗ fers zu beſchäftigen. Ein noch ſo wenig ſcharfſinniger Beobachter, der in einer Ecke dieſes Schlafzimmers verborgen ge⸗ weſen, würde in Herrn Gerard einen Verbrecher entdeckt haben, wenn er nichts anderes als die wahnſinnige Art geſehen, wie er dieſes Geſchäft be⸗ ſorgte, das gewöhnlich ſo viel Nachdenken erfordert — indem er, wie die Sachen gerade kamen, die Wäſche und die Kleider, die er aus einem Glas⸗ ſchrank und aus den Schiebladen der Kommode zog, in den Koffer packte, die Strümpfe mit den Krägen, die Hemden mit den Weſten durcheinander warf, Stiefel in die Fracktaſchen, Schuhe in die Rockär⸗ mel ſchob, bei jedem Geräuſche zitterte, und ſich bald mit einem Hemde, bald mit einer Serviette den Schweiß von ſeiner blaſſen Stirne wiſchte. Als er endlich den Koffer ſchließen wollte, war er ſo überfüllt, daß es ihm unmöglich wurde, die Schließkappe dem Schloſſe zu nähern; er wandte alle ſeine Kräfte an, aber vergeblich. Er riß deß⸗ halb Wäſche und Kleider, wie es gerade kam, aus dem Koffer, warf ſie im Zimmer umher uud ſchloß endlich zu. Dann öffnete er den Secretär, nahm aus einer 113 doppelt verſchloſſenen Schieblade ein Portefeuille, ⸗ das zwei bis drei Millionen öſtreichiſche und engli⸗ ⸗ ſche Werthpapiere enthielt, Papiere, die er für eine ſolche Flucht in Bereitſchaft hatte. 3 Er nahm zwei doppelläufige Piſtolen, die neben ⸗ ſeinem Bette hingen, ſtieg dann raſch die Treppe ⸗ hinab, lief in die Ställe und ſpannte ſelbſt die zwei ⸗ Wagenpferde an ſeine Kaleſche, die er nach Saint Cloud fahren wollte; dort konnte er Poſtpferde zu nehmen, die ſeinigen zurücklaſſen, und wollte dem ⸗ Poſtmeiſter empfehlen, bis zu ſeiner Rückkehr gut r für ſie zu ſorgen, und dann den Weg nach Belgien e einſchlagen. ⸗ In zwanzig Stunden, wenn er den Poſtillons rt doppeltes Trinkgeld gab, konnte er die Grenze hin⸗ ie ter ſich haben. S⸗ Nachdem die Pferde geſattelt waren, ſteckte er die Piſtolen in die Wagentaſchen, öffnete das Straßen⸗ n, gitterthor, um nicht mehr von ſeinem Sitze herab⸗ f. ſteigen zu müſſen und ſtieg auf, um den Koffer hin⸗ r⸗ aufzuziehen. ch 3 Der Koffer war furchtbar ſchwer, Herr Gerard te machte einige Verſuche ihn auf ſeine Schulter zu laden; aber er ſah ein, daß es unnütze Arbeit ſei. ar Er entſchloß ſich daher, ihn nach ſich zu ziehen. ie In dem Augenblicke jedoch, wo er ſich herab⸗ 1 t beugte, um ihn an dem Handgriffe zu faſſen, glaubte 1 ß er auf der Seite der Treppe ein leiſes Geräuſch zu u hören, wie das eines Kleides. oß Er drehte ſich raſch um. Unter der dunkeln Einfaſſung der Thüre war eeine weiße Geſtalt erſchienen. Dumas, Salvator. VI. 8 114 Die Thüre bildete die Niſchez die weiße Geſtalt die Statue. Was ſollte dieſe Erſcheinung bedeuten? Was es auch ſein mochte, Herr Gerard ſchauerte vor ihr zurück. Die Erſcheinung ſchien ihre Füße mühſam vom Boden aufzuheben und machte zwei Schritte vor⸗ wärts. Wenn nicht die gemeine Geſtalt des Mörders zugegen geweſen, hätte man glauben können, einer Vorſtellung des Don Juan anzuwohnen, und zwar in dem Augenblicke, wo der Comthur mit ſtummen Schritten über die Platten des Feſtſaales hinſchrei⸗ tend, ſeinen erſchrockenen Wirth vor ſich zurück⸗ ſchauern macht. „Wer da?“ fragte endlich Herr Gerard, deſſen Zähne vor Schrecken klapperten. „Ich,“ antwortete das Phantom mit einer ſo ernſten Stimme, daß ſie aus der Tiefe eines Gra⸗ bes zu kommen ſchien. „Sie?“ fragte Herr Gerard, mit vorgeſtrecktem Halſe und ſtarrem Auge, indem er den Neuankömm⸗ ling zu erkennen ſuchte, ohne daß es ihm gelungen wäre, einen ſo dichten Schleier warf der Schrecken über ſeinen Blick:„wer ſind Sie?“ Das Phantom antwortete nicht, ſondern machte abermals zwei Schritte vorwärts und in den Licht⸗ kreis der Kerze tretend, ſenkte er ſeine Kaputze. Es war wirklich ein Phantom; nie hatte ſich verzehrende Magerkeit ſo despotiſch eines menſchli⸗ chen Geſchöpfes bemächtigt; nie war eine leichen⸗ haftere Bläſſe über ein menſchliches Geſicht ergoſſen⸗ „ ni i⸗ n⸗ n. 115 „Der Mönch!“ rief der Mörder in demſelben Tone, als hätte er geſagt:„Ich bin des Todes!“ „Ah! Sie erkennen mich endlich!“ ſagte der Abbé Dominique. „Ja. ja ja ich erkenne Sie,“ ſtotterte Herr Gerard. Aber die offenbare Schwäche des Mönches und oie demüthige und fromme Sendung, die er auf Erden zu erfüllen hatte, in's Auge faſſend, gewann er wieder einigen Muth. „Was wollen Sie von mir?“ „Ich will es Ihnen ſagen,“ antwortete ſanft der Abbé. „Nicht in dieſem Augenblick,“ ſagte Herr Gerard; „morgen... übermorgen.“ „Weßhalb nicht ſogleich?“ „Weil ich Paris für vierundzwanzig Stunden verlaſſe, weil ich große Eile habe und meine Abreiſe nicht einen Moment verſchieben kann.“ „Sie müſſen mich aber hören,“ ſagte der Mönch in feſtem Tone. „Ein andermal, aber nicht heute, nicht dieſen Abend, nicht in dieſem Augenblicke.“ Und Herr Gerard nahm ſeinen Koffer; er machte zwei Schritte, indem er ihn nach ſich zog und nach der Thüre ging. Der Mönch wich zurück, indem er dadurch die Thüre mit ſeinem Körper ſchloß. „Sie werden nicht vorüberkommen!“ ſagte er. „Laſſen Sie mich durch!“ heulte der Mörder. „Nein,“ ſagte der Mönch mit ruhiger aber feſter 8* Stimme. 116 Herr Gerard begriff, daß zwiſchen ihm und die⸗ ſem lebendigen Phantome eine furchtbare Scene im Anzuge ſei. Er richtete den Blick auf den Platz, wo gewöhn⸗ lich ſeine Piſtolen aufgehängt waren. Er hatte ſie ſo eben weggenommen und in die Taſchen der Kaleſche geſteckt. Er ſah ſich um, ob er nicht irgendwo eine Waffe entdeckte, die zur Hand wäre. Nirgend war etwas zu ſehen. Er wühlte convulſiviſch in den Taſchen, um dort ein Meſſer zu finden. Nichts. „Ja, nicht wahr?“ ſagte der Mönch,„Sie wür⸗ den mich morden, wie Sie meinen Neffen gemordet! aber hätten Sie auch eine Waffe, Sie würden mich dennoch nicht morden! Gott will, daß ich lebe!“ Als er dies ſtarre Geſicht ſah, dieſe feierliche Stimme hörte, fühlte Herr Gerard, daß ſich ſein erſter Schrecken wieder ſeiner bemeiſterte. „Und jetzt,“ ſagte der Mönch,„wollen Sie mich hören?“ „So ſprechen Sie,“ ſagte Herr Gerard, mit den Zähnen knirſchend. „Ich komme zum letzten Male, ſagte der Mönch mit düſterem Tone,„um Sie um Erlaubniß zu bit⸗ ten, Ihre Beichte bekannt machen zu dürfen.“ „Aber das iſt mein Tod, was Sie von mir verlangen! das heißt mich an der Hand auf das Schaffot führen!— Nie, nie!—“ „Nein, ich fordere nicht Ihren Tod; denn ſo „60 S— — S— 8— — ch en ch it⸗ ir as 117 bald Sie dieſe Erlaubniß gegeben, die mich meines Gelübdes entbindet, laſſe ich Sie frei.“ „Ja, und hinter mir werden Sie mich denun⸗ ciren, hinter mir laſſen Sie den Telegraphen ſpielen und ich bin noch nicht zehn Stunden ent⸗ fernt, ſo werde ich arretirt!... Nie! nie!“ „Ich gebe Ihnen mein Wort, mein Herr— und Sie wiſſen ob ich Sclave meines Wortes bin— daß ich erſt morgen Mittag von meiner Erlaubniß Gebrauch machen werde.“ „Nein, nein, nein!“ wiederholte Herr Gerard, indem er ſich durch das Ungeſtüm ſeiner Weigerung Muth zu machen ſuchte. „Morgen Mittag können Sie Frankreich verlaſ⸗ ſen haben.“ „Und wenn Sie die Auslieferung verlangen?“ „Ich werde Sie nicht verlangen, ich bin ein Maonn des Friedens, mein Herr; ich verlange, daß der Sünder bereue, nicht daß er beſtraft werde. Ich will nicht, daß Sie ſterben, ſondern daß mein Vater am Leben bleibe.“ „Nie! nie!“ ſtammelte der Mörder. „O, das iſt furchtbar!“ ſagte der Abbé Domi⸗ nique, als wenn er mit ſich ſelbſt ſpräche.„Aber Sie hören ja nicht, Sie begreifen meine Worte nicht, Sie ſehen meinen Schmerz nicht? Sie wiſſen nicht, daß ich achthundert Stunden zu Fuße gemacht, daß ich in Rom war und daß ich hierher zurück⸗ kehrte, um von dem heiligen Vater das Recht zu erhalten, Ihre Beichte zu enthüllen und... daß ich es nicht erhalten?...“ Herr Gerard hatte geglaubt, er fühle den Flü⸗ gel des Todes über ſich wehen, aber diesmal noch entfernte ſich der Flügel, ohne ſeine Stirne zu be⸗ rühren. Sein Haupt, das ſich einen Augenblick gebeugt, hob ſich wieder. „O! Sie wiſſen,“ ſagte er,„die Verpflichtung, die Sie gegenüber von mir übernommen, iſt eine formelle. Nach meinem Tode, ja! aber ſo lange ich lebe, nein!...“ Der Mönch ſchauerte und wiederholte mechaniſch: „Nach ſeinem Tode, ja! aber ſo lange er lebt, ſein „So laſſen Sie mich jetzt vorbei,“ verſetzte Herr Gerard,„da Sie nichts über mich vermögen.“ „Mein Herr,“ ſagte der Mönch, indem er ſeine beiden weißen Arme ausbreitete, um ihm die Thüre zu verſperren, was ihm das Ausſehen eines Cruzi⸗ fixes gab, von dem er ſchon die Bläſſe hatte,„wiſ⸗ ſen Sie, daß die Execution meines Vaters auf morgen um vier Uhr anberaumt iſt?“ Herr Gerard antwortete nicht. „Wiſſen Sie, daß ich in Lyon durch die An⸗ ſtrengung krank lag? Wiſſen Sie, daß ich glaubte, ſterben zu müſſen? Wiſſen Sie, daß ich, da ich das Gelübde that, den ganzen Weg zu Fuß zu machen und ich erſt vor acht Tagen wieder aufbrechen konnte, heute beinahe zwanzig Stunden machte?“ Herr Gerard beharrte auf ſeinem Schweigen. „Wiſſen Sie,“ fuhr der Mönch fort,„daß ich all das als frommer Sohn gethan, ebenſo ſehr um die Ehre als um das Leben meines Vaters zu ret⸗ ten? Wiſſen Sie, daß, je mehr die Hinderniſſe ſich —„ S 8S 8 SG N 119 vor mir aufthürmten, ich den Schwur that, kein Hinderniß ſoll mich davon abbringen, meinen Vater zu retten? Wiſſen Sie, daß ich nach dieſem furcht⸗ baren Schwur, während ich Ihr Gitter geſchloſſen finden konnte, ich daſſelbe offen fand; daß, während ich Sie abweſend finden konnte, ich Sie anweſend finde; daß, während ich Sie nie wieder finden konnte, ich Ihnen von Angeſicht zu Angeſicht gegen⸗ über ſtehe? Sehen Sie nicht die Hand Gottes in allen dieſen Dingen, mein Herr?“ „Ich ſehe im Gegentheil, daß Gott nicht will, daß ich geſtraft werde, Mönch, weil die Religion Dir verbietet, meine Beichte zu enthüllen und daß Du umſonſt in Rom warſt, eine Dispenſation vom Papſte zu erlangen!“ Und mit einer drohenden Bewegung, welche an⸗ deutete, daß er in Ermanglung von Waffen ſich handgemein zu machen entſchloſſen ſei, fügte er hinzu: „Laſſen Sie mich durch!“ Aber der Mönch ſtreckte von Neuem die Arme aus, um die Thüre für ihn zu ſchließen und ſagte dann in demſelben ruhigen und feſten Tone: „Mein Herr, glauben Sie, daß ich, um Sie zu überreden, alle Worte, alle Bitten verſchwendet habe, die im Herzen eines Menſchen ein Echo fin⸗ den können? Glauben Sie, daß es ein Mittel gibt, meinen Vater zu retten, außer dem, welches ich Ih⸗ nen vorgeſchlagen? Wenn es eines gibt, ſagen Sie es, ich verlange nicht mehr, als es anwenden zu dürfen— ſollte auch mein Leib auf dieſer Erde, meine Seele in jener Welt dabei verloren gehen!— O! wenn Sie eines wiſſen, ſagen Sie es! ſagen Sie es! ich werfe mich zu Ihren Füßen, um Sie zu bitten, meinen Vater zu retten.. Und der Mönch ſiel auf die Kniee, indem er mit bittendem Blicke die Hände ausſtreckte. „Ich kenne keines,“ ſagte der Elende in ſeiner Unverſchämtheit;„laſſen Sie mich durch!“ „Ich kenne eines,“ ſagte der Mönch,„Gott ver⸗ zeihe mir, daß ich es anwende... Da ich Deine S erſt nach Deinem Tode enthüllen darf, ſo tirb!“ Und indem er ein Meſſer aus ſeinem Buſen zog, ſtieß er es in das Herz des Mörders. Herr Gerard gab keinen Laut von ſich. Er ſtürzte todt zu Boden. Der Abbé Dominique erhob ſich, trat zu der Leiche hin und ſah, daß alles Leben aus ihr gewi⸗ chen war. „Mein Gott!“ ſagte er,„ſei ſeiner Seele gnä⸗ dig, und vergebe ihm im Himmel, wie ich ihm auf Erden vergebe.“ Dann das blutige Meſſer in ſeinen Buſen ſteckend, verlies er das Zimmer, ohne ſich umzuſehen, ſtieg die Treppe hinab, ſchritt langſam durch den Park und verlies ihn durch das Gitterthor, durch welches er hereingekommen. Der Himmel war ruhig, die Nacht heiter, der Mond glänzte wie eine Topaskugel, die Sterne funkelten wie Diamanten. r i⸗ i⸗ n n n er e XC. Wo der König ſich nicht amüſirt. Wie geſagt, es war eine Soirée, das heißt ein Feſt im Schloſſe von Saint Cloud. Ein trauriges Feſt! Die gewöhnlich traurigen, verdrießlichen und ſauertöpfiſchen Geſichter der Herren de Villéle, de Corbiére, de Damas, de Chabrol, de Doudeauville und des Marſchalls HOudinos— obgleich das lächelnde und zufriedene Geſicht des Herrn de Peyronnet ih⸗ nen als Gegengewicht diente— waren nicht geeignet, eine ausnehmende Heiterkeit zu unterhalten; aber auch die Phyſiognomie der übrigen Höflinge war in jener Nacht von einer weit ausdrucksvolleren Melancholie denn gewöhnlich; die Unruhe lag in ihren Blicken, ihren Worten, ihren Geberden, ihrer Haltung, in ihren geringſten Bewegungen ausgeſprochen. Sie ſahen ſich unter einander an, als wenn ſie ſich fra⸗ gen wollten, was man thun ſollte, um aus der ſchlimmen Lage heraus zu kommen, in der ſich die ganze Welt befinde. Karl X., in der Uniform eines Generals, den blauen Cordon über der Schulter, den Degen an der Seite, ging melancholiſch von Saal zu Saal, indem er auf die Zeichen des Reſpectes, welche ſein Vorüberkommen veranlaßte, mit einem nichtsſagen⸗ den Lächeln, einem zerſtreuten Gruße antwortete. Von Zeit zu Zeit näherte er ſich einem Fenſter und ſah mit der größten Aufmerkſamkeit hinaus. Wonach ſah er? 122 Er betrachtete den hellen Himmel dieſer ſchönen Nacht und ſchien ſeine königliche, aber traurige 1 Soirée mit dem glänzenden und heitern Feſt zu vergleichen, das der Mond den Sternen gab— na⸗ türlich zum Nachtheil der Erſtern. Von Zeit zu Zeit ſtieß er einen tiefen Seufzer aus, ganz als wenn er allein in ſeinem Schlafzim⸗ mer wäre und ſtatt Charles X. Louis Xlll. hieße. Woran dachte er? An das traurige Reſultat der Kammerſitzung von 18272 An das ungerechte Geſetz gegen die Preſſe? 3 An die Beſchimpfung der irdiſchen Ueberreſte des Herrn de la Rochefoucauld⸗Liancourt? An die Be⸗ ſchimpfungen, die er bei der Revue auf dem Mars⸗ felde hatte erleben müſſen? An die Frechheit der Nationalgarde und an die Gährung, die davon die Folge war? An das Geſetz über die Geſchworenen⸗ liſte oder an das Geſetz über die Wahlliſten, die 3 Paris in ſo große Aufregung verſetzten? An die Conſequenzen der Auflöſung der Deputirtenkammer 1 oder an die Wiedereinſetzung der Cenſur? An dieſe neue Uebertretung der Verſprechungen, welche in Paris ſo großes Aufſehen machte und die Bevöl⸗ kerung in fieberhafte Beſtürzung verſetzt hatte? An⸗ das Todesurtheil des Herrn Sarranti endlich, den man den andern Tag hinrichten wollte und der, wie wir aus dem Geſpräche zwiſchen Salvator und Herrn Jackal erſehen, die Hauptſtadt in ſo große Aufregung verſetzen konnte? Nein.— Was König Karl X. beſchäftigte, beunruhigte und traurig machte, war eine letzte ſchwarze Wolke, —— 123 welche von dem Gewitter zurückgeblieben und die weiße Stirne des Mondes verdunkelte. Es war das vorübergezogene Gewitter, deſſen Wiederkehr er fürchtete. Es war für den andern Tag großes Treib⸗ jagen im Walde von Compiegne angeordnet und Seine Majeſtät Karl X., der, wie Jedermann weiß, der größte Jäger vor Gott war, welcher ſeit Nimrod erſchienen, ſeufzte tief bei dem Gedanken, daß die Jagd unmöglich gemacht oder wenigſtens durch das ſchechte Wetter beeinträchtigt werden könnte. „Verteufelte Wolke!“ brummte er vor ſich hinz „verfluchter Mond!“ murmelte er dumpf. Und bei dieſem Gedanken faltete ſich ſo traurig ſeine olympiſche Stirne, daß die Hoflinge ſich leiſe fragten: „Wiſſen Sie, was Seiner Majeſtät iſt?“ „Haben Sie keine Ahnung, was Seiner Maje⸗ ſtät fehlen mag?“ „Freilich!“ ſagte man ſich,„Manuel iſt todt! Aber dieſer für die Oppoſition ſchmerzliche Tod iſt für die Monarchie kein Unglück, das den König ſo ſehr beſchäftigen dürfte!“ „Es iſt nur ein Franzoſe weniger in Frankreich!“ fügte man, das ächte nationale Wort Karl X. bei ſeinem Einzuge in Paris:„Es iſt nur ein Fran⸗ zoſe mehr in Frankreich!“ parodirend, hinzu. „Freilich,“ ſagte man ſich ferner;„wird mor⸗ gen Herr Sarranti hingerichtet, der, wie man ver⸗ ſichert, weder des Diebſtahls, noch des Mordes fä⸗ hig iſt, deſſen man ihn anklagt; aber wenn er auch kein Dieb, noch Mörder iſt, ſo iſt er, was noch viel 124 ſchlimmer, ein Bonapartiſt und wenn er auf der einen Seite auch nur den halben Tod verdient hat, ſo hat er ſicher auf der andern Seite den dreifachen Tod verdient! Darin läge alſo kein Grund, die erhabene Stirne Seiner Majeſtät zu furchen.“ In dieſem Augenblicke, während eine ſo tödtliche Unruhe ſich unter den Anweſenden zu verbreiten begann, daß ſie die Flucht zu ergreifen dachten, ſtieß der König, der noch immer an eine der Schei⸗ ben des Fenſters gelehnt war, einen ſo ausdrucks⸗ vollen Freudenſchrei aus, daß er wie ein electriſcher Funken in die Bruſt jedes Umſtehenden ſtrömte und von Saal zu Saal ſich verbreitend, ſich bis in die Vorzimmer erſtreckte. „Seine Majeſtät amüſirt ſich,“ ſagte die Menge, deren gepreßter Athem wieder frei wurde. Und wirklich der König amüſirte ſich ganz außer⸗ ordentlich. Die ſchwarze Wolke, welche den Mond verdun⸗ kelte, ohne total zu verſchwinden, hatte den Platz verlaſſen, den ſie ſchon ſo lange einnahm und ging, von zwei Luftſtrömungen hin und her geworfen, mit der Anmuth eines Federballs zwiſchen zwei Rake⸗ ten, von Oſt nach Weſt und von Weſt nach Oſt. Das war es, was Seine Majeſtät ſo heiter machte; dieſes Schauſpiel war's, das ihn zu dem freudigen Ausruf veranlaßt hatte, der das Herz der Höflinge beruhigte. Aber ſein Glück— das Glück iſt nicht für Sterb⸗ liche gemacht— ſein Glück war ſehr kurz. Während der Himmel ſich aufhellte, verdunkelte ſich die Erde. 1⸗ 3 it — r er b⸗ te 125 Man meldete den Polizeipräfecten. Der Polizeipräfect trat mit noch finſterem Blicke, als der Blick des Königs je geweſen, ein. Er ging gerade auf den König zu und ſagte, ſich mit dem Reſpecte verbeugend, den die doppelte Majeſtät des Alters und des Ranges verlangten: „Sire, ich habe die Ehre, Angeſichts der Bedenk⸗ lichkeit der Umſtände, vom Könige die Erlaubniß zu erbitten, alle Maßregeln ergreifen zu dürfen, welche die wichtigen Ereigniſſe fordern, deren Schauplatz die Hauptſtadt morgen vielleicht ſein wird.“ „Wodurch ſind die Umſtände bedenklich und von welchen Ereigniſſen wollen Sie ſprechen?“ fragte der König, der nicht begreifen konnte, daß in dieſem Augenblicke auf dem Globus etwas Intereſſanteres geſchehen konnte, als was zwiſchen dem Monde, der ſchwarzen Wolke und den beiden Luftſtrömungen vor ſich ging. „Sire,“ ſagte Herr Delavau,„ich ſage Eurer Majeſtät nichts Neues, wenn ich Ihnen ſage, daß Manuel todt iſt.“ „Ich weiß es allerdings,“ unterbrach ihn Karl X. ungeduldig;„er war ein Mann von großem Ver⸗ dienſte, wie man mich verſichert; aber wie man mich zu gleicher Zeit verſichert, war er ein Revolutionär und dieſer Tod braucht uns alſo nicht ſo ernſtlich zu grämen.“ „Der Tod Manuels betrübt oder erſchreckt mich auch nicht in dieſer Richtung.“ „In welcher denn? Sprechen Sie, Herr Präfect.“ „Der König erinnert ſich,“ fuhr dieſer fort,„je⸗ ner bedauerlichen Scenen, zu denen das Leichenbe⸗ gängniß des Herrn La Rochefoucauld Liancourt Ver⸗ anlaſſung gab, oder vielmehr der Vorwand wurde?“ „Ich erinnere mich,“ ſagte der König.„Es iſt noch nicht ſo lange her, ſeit jene Dinge geſchehen, daß ich ſie ſchon vergeſſen haben ſollte.“ „Jene unglücklichen Ereigniſſe,“ fuhr der Prä⸗ fect fort,„haben in der Kammer eine Aufregung hervorgerufen, welche ſich einem bedeutenden Theile Ihrer guten Stadt Paris mittheilte.“ „Meiner guten Stadt Paris!... meiner guten Stadt Paris!“ murmelte der König.„Nun, fahren Sie fort.“ „Die Kammer...“ „Die Kammer iſt aufgelöst, Herr Präfect. Sprechen wir nicht weiter von ihr.“ „Gut!“ ſagte der Präfect etwas entmuthigt; „aber gerade, weil ſie aufgelöst iſt und wir uns nicht mehr auf ſie ſtützen können, erbitte ich mir unmittelbar vom Könige die Erlaubniß, Paris in Be⸗ lagerungszuſtand erklären zu dürfen, um den Ereig⸗ niſſen vorzubeugen, welche das Begräbniß Manuels hervorrufen könnte.“ Nun ſchien der König den Worten des Polizei⸗ präfecten eine lebhaftere Aufmerkſamkeit zu ſchenken und in etwas unruhigem Tone fragte er ihn: „Die Gefahr iſt alſo ſo drohend, Herr Präfeect?“ „Ja, Sire,“ antwortete mit feſter Stimme Herr ——, ——„ 8 e—,——. — — Delavau, deſſen Muth in gleichem Grade wuchs, in welchem er die Unruhe auf der Stirne des Königs ſich ſteigern ſah. „Erklären Sie ſich,“ ſagte Karl X. Dann ſich an die Miniſter wendend, fuhr er — e— 127 fort, indem er ihnen das Zeichen gab, ihm zu folgen: t„Kommen Sie, meine Herren.“ Er führte ſie in eine Fenſtervertiefung und ſagte dann, als er mit ihnen dort angekommen und den . Conſeil nahezu vollſtändig ſah, abermals zum Prä⸗ fecten: 3„Erklären Sie ſich.“ „Sire,“ begann dieſer,„wenn ich nur das Lei⸗ * chenbegängniß Manuels zu fürchten hätte, ſo würde ich den König nicht mit meinen Beſorgniſſen beläſti⸗ gen, denn wenn man das Begräbniß auf Mittag ankündigte und die Leiche um ſieben oder acht Uhr des Morgens fort bringen ließe, ſo hätte man leich⸗ . tes Spiel mit der Gährung des Volks; aber der König möge bedenken, daß wenn es ſchon ſchwer iſt, eine revolutionäre Bewegung zu unterdrücken, es ſo zu ſagen unmöglich iſt, ihrer Herr zu werden, wenn mit dieſer erſten Bewegung ſich eine zweite ver⸗ bindet.“ „Und von welcher Bewegung ſprechen Sie?“ fragte der König erſtaunt. „Von einer bonapartiſtiſchen Bewegung, Sire,“ antwortete der Polizeipräfect. „Phantom!“ rief der König,„ein Ammenmähr⸗ chen, mit dem man Frauen und Kinder ſchreckt! Der Bonapartismus hat ſeine Zeit gehabt, er hat M N — N mit Herrn von Bonaparte ausgeſpielt; ſprechen wir alſo davon ſo wenig, als von den Agitationen der Kammer, die auch ausgeſpielt hat. Requiescat in ſ pace!“ „Erlauben Sie mir, auf meiner Bitte zu be⸗ S— 8 harren, Sire;“ ſagte der Präfect feſt.„Die bona⸗ partiſtiſche Partei lebt ſo gut, daß ſie ſeit einem Monat alle Waffenläden ausgeplündert hat, und die Waffenfabriken von Saint Etienne und Lüttich für ihre Rechnung arbeiten.“ „Was ſagen Sie mir da?“ fragte der Kö⸗ nig erſtaunt. „Die Wahrheit, Sire.“ „Sprechen Sie ſich deutlicher und umſtändlicher darüber aus,“ ſagte der König. „Sire, morgen wird Herr Sarranti hinge⸗ richtet.“ „Herr Sarranti?... warten Sie,“ ſagte der König in ſeinem Gedächtniß ſuchend,„ich habe auf die Bitte eines Mönches dieſem Verurtheilten etwas wie eine Gnade zu Theil werden laſſen.“ „Auf die Bitte ſeines Sohnes, der Sie um eine Friſt von drei Monaten erſuchte, um nach Rom rei⸗ ſen zu können, von wo er die Beweiſe der Unſchuld ſeines Vaters bringen wollte, haben Sie ihm einen Aufſchub gewährt.“ „Ganz richtig.“ „Die drei Monate, Sire, gehen heute zu Ende und in Folge der Befehle, die ich erhalten, ſoll die Hinrichtung morgen ſtattfinden.“ „Jener Mönch ſchien mir ein würdiger junger Mann,“ ſagte der König nachdenklich,„und war von der Unſchuld ſeines Vaters ſehr überzeugt.“ „Ja, Sire; ober er hat ſie nicht bewieſen, er iſt ſogar noch nicht mal wiedergekehrt.“ „Und morgen iſt der letzte von ihm geforderte, von mir gewährte Tag?“ — e— 129 „Morgen, ja, Sire.“ n„Fahren Sie fort.“ d„Nun gut, einer der dem Kaiſer ergebenſten h WMänner, der, welcher ſogar den König von Rom entführen wollte, hat ſeit acht Tagen mehr als eine ⸗ Million aufgewendet, um Herrn Sarranti, ſeinen Waffengefährten und Freund, zu retten.“ „Glauben Sie, mein Herr,“ fragte Karl X., „daß ein Menſch, der wirklich ein Dieb und ein Meu⸗ chelmörder wäre, ſolche Liebe einzuflößen im Stande e⸗ ſein könnte?“ „Sire, er wurde verurtheilt.“ er„Wohl,“ ſagte Karl X.„Und Sie wiſſen, über f welche Kräfte der General Lebaſtard de Premont 8 verfügt?“ „Ueber eine beträchtliche Macht, Sire.“ e„Nun gut, ſo ſtellen Sie ihm eine doppelte, i⸗ dreifache, vierfache entgegen.“ ld„Dieſe Maßregeln ſind getroffen, Sire.“ en„Was fürchten Sie dann?“ fragte der König ungeduldig und den Himmel durch die Fenſterſchei⸗ ben betrachtend. d Die Wolke war gänzlich verſchwunden; das Ge⸗ ie ſicht des Königs klärte ſich mit dem Hellwerden des Himmels auf. er„Was ich fürchte, Sire,“ fuhr der Polizeiprä⸗ on fect fort,„das iſt das Zuſammentreffen des Leichen⸗ begängniſſes von Manuel und der Hinrichtung des er Herrn Sarranti; es entſteht dadurch eine Verbin⸗ dung der Bonapartiſten und Jacobiner; das Anſe⸗ te, hen ferner, das beide Männer bei beiden Parteien genießen; endlich die verſchiedenen beunruhigenden Dumas, Salvator. VI. 9 Symptome, wie die Aufhebung und das Verſchwin⸗ den eines der geſchickteſten und ergebenſten Agenten Eurer Majeſtät.“ „Wer wurde aufgehoben?“ fragte der König. „Herr Jackal, Sire.“ „Wie?“ fragte der König beſtürzt,„man hat Herrn Jackal entführt?“ „Ja, Sire.“ „Wann?“ „Vor ungefähr drei Stunden, Sire, auf dem Wege von Paris nach Saint Cloud, als er ſich nach dem Palais des Königs begab, um mit mir und dem Juſtizminiſter über neue Thatſachen zu conferiren, die, wie es ſcheint, zu ſeiner Kenntniß gekommen. Ich habe deßhalb die Ehre, Sire,“ fuhr der Polizeipräfect fort, indem er ſein Geſpräch wieder aufnahin,„Sie zu bitten, um unberechenba⸗ rem Unfuge vorzubeugen, Paris in Belagerungszu⸗ ſtand zu erklären.“ Der König ſchüttelte den Kopf, ohne zu ant⸗ worten. Als die Miniſter ſahen, daß der König nicht antwortete, ſchwiegen auch ſie. König antwortete aus zweierlei Gründen nicht. Erſtens ſchien ihm die Maßregel eine ſehr ernſte. Dann erinnert man ſich des ſchönen Treibjagens von Compiegne, das ſchon ſeit drei Tagen angeſagt war und auf das ſich der König ſo ſehr freutez es war ſchwierig mit großem Lärm zu jagen an einem Tage, wo man Paris in Belagerungszuſtand ſetzte. König Karl X. kannte die Oppoſitionsjournale — —— t 131 und wußte wohl, daß ſie nicht ſchweigen würden, wenn ſich eine ſo gute Gelegenheit zu ſprechen böte. Paris in Belagerungszuſtand verſetzt und der König am ſelben Tage in Compiegne jagend, das war unmöglich; er mußte auf die Jagd oder den Belagerungszuſtand verzichten. „Nun dann, meine Herren,“ fragte der König, „was denken Ihre Exzellenzen über den Vorſchlag des Herrn Polizeipräfecten?“ Man war zum großen Erſtaunen des Königs einſtimmig für den Belagerungszuſtand. Das Miniſterium Villole, das ſeit fünf Jahren auf den Felſen gekittet war, fühlte an dem dumpfen Zittern der Erde eine fortſchreitende Erſchütterung und wartete, beſſer geſagt, ſuchte nur eine Gelegen⸗ heit, um dem Lande eine große Schlacht zu liefern. Dieſe äußerſte Maßregel ſchien keineswegs nach dem Geſchmacke des Königs. Er ſchüttelte zum zweiten Male den Kopf, was bedeuten wollte, daß er durchaus nicht der Anſicht des Rathes ſei. Plötzlich und wie von einem kühnen Gedanken durchzuckt, rief der König: „Wenn ich Herrn Sarranti begnadigte! ſo würde ich nicht nur die Chancen des Aufſtandes vermin⸗ dern, ſondern ich würde mir auch durch dieſe Gnade eine gute Zahl Parteigänger zugeſellen.“ „Sire,“ ſagte Herr v. Peyronnet,„Sterne hatte Recht, wenn er ſagte,„im Herzen der Bourbonen ſei nicht ein Gran Haß.“ „Wer hat das geſagt, mein Herr?“ fragte Karl X., ſichtlich geſchmeichelt durch das Sompliment. S 132 „Ein engliſcher Schriftſteller, Sire.“ „Der noch lebt?“ „Nein, er iſt ſeit ſechzig Jahren todt, Sire.“ „Dieſer Schriftſteller kannte uns gut, mein Herr, und ich bedaure, daß ich ihn nicht gekannt; aber entfernen wir uns nicht von der Frage. Ich wiederhole, die Geſchichte des Herrn Sarranti erſcheint mir nicht klar. Ich will nicht, daß man meiner Regierung vorwerfe, ſie habe ihre Calas und Leſur⸗ ques gehabt. Ich wiederhole, ich habe große Luſt, Herrn Sarranti zu begnadigen.“ Sher die Exzellenzen ſchwiegen wie das erſte al. „Nun,“ ſagte der König. Man hätte glauben können, die Wachsexzellen⸗ zen aus dem Salon von Curtius exiſtirten noch. „Nun,“ ſagte der König leicht gereizt,„Sie ant⸗ worten nicht, meine Herren?“ Der Juſtizminiſter, mochte er nun kühner ſein, als ſeine Collegen, oder die Begnadigung des Ver⸗ urtheilten ihn perſönlicher berühren, machte einen Schritt auf den König zu und ſagte ſich verbeugend: „Sire, wenn Eure Majeſtät mir geſtatten, offen meine Meinung zu ſagen, ſo würde ich zu behaup⸗ ten wagen, daß die Begnadigung des Verurtheilten die traurigſte Wirkung auf den Geiſt der treuen Un⸗ terthanen des Königs machen müßte; man erwartet die Hinrichtung des Herrn Sarranti, als wenn er der letzte Sprößling der bonapartiſtiſchen Partei wäre und ſeine Begnadigung ſtatt als ein Act der Humanität angeſehen zu werden, würde ſicher als eine Schwachheit betrachtet werden. Ich bitte deß⸗ halb den König,— und ich glaube darin im Sinne aller meiner Collegen zu ſprechen,— ich bitte den König, der Gerechtigkeit ihren Lauf zu laſſen.“ „Iſt das wirklich die Anſicht des Conſeils?“ fragte der König. Alle Miniſter antworteten einſtimmig, daß ſie die Anſicht des Juſtizminiſters theilten. „So geſchehe, wie Sie wollen,“ ſagte der König mit verzweifeltem Ausdrucke. „Und der König erlaubt mir,“ ſagte der Poli⸗ zeipräfect, indem er einen Blick mit dem Präſidenten des Conſeils austauſchte,„der König erlaubt mir, daß ich die Stadt Paris in Belagerungszuſtand erkläre?“ „Leider! muß ich wohl,“ antwortete langſam der König,„da es Ihrer Aller Anſicht iſt; obgleich offen geſagt, dieſer Belagerungszuſtand mir als eine ſehr rigoröſe Art der Unterdrückung erſcheint.“ „Es gibt eine nothwendige Rigoroſität, Sire,“ ſagte Herr von Villole,„und der Geiſt des Königs iſt zu gerecht, um nicht zu begreifen, daß der Au⸗ genblick gekommen iſt, zu ſtrengen Maßregeln zu greifen.“ Der König ſtieß einen tiefen Seufzer aus. „Nun,“ ſagte der Polizeipräfect,„werde ich dem König einen tiefen Wunſch auszuſprechen wagen.“ „Welcher wäre das?“ „Ich weiß nicht, was die Abſichten des Königs für morgen ſind?“ „Wahrhaftig!“ ſagte der König,„ich wollte in Compiegne jagen und hätte ein prächtiges Wetter gehabt.“ „Nun gut, ich werde meinen Wunſch in eine 134 Bitte umwandeln und den König erſuchen, Paris nicht zu verlaſſen.“ „Hm!“ machte der König, indem er ein Mitglied des Conſeils nach dem andern anſah. „Das iſt auch unſer Rath, Sire!“ ſagten die Miniſter.„Wir um den König, aber der König in unſerer Mitte.“ „Nun gut,“ ſagte der König,„ſprechen wir nicht weiter davon.“ Und mit einem Seufzer, ſchmerzlicher als die, welche er bisher ausgeſtoßen, ſagte er: „Man rufe meinen Oberjägermeiſter.“ „Eure Majeſtät wird den Befehl geben..2“ „Die Jagd auf ein ander Mal zu verſchieben, meine Herren, da Sie es durchaus wollen.“ Dann die Augen zum Himmel erhehend, mur⸗ melte er: „O! was für ein ſchönes Wetter! welch' ein Unglück!“ In dieſem Augenblick näherte ſich ein Huiſſier dem König. „Sire,“ ſagte er,„ein Mönch, der von Eurer Majeſtät die Ermächtigung zu haben behauptet, bei Tage wie bei Nacht vor Sie zu kommen, ſteht draußen in dem Vorzimmer.“ „Hat er ſeinen Namen geſagt?“ „Abbé Dominique, Sire.“ „Er iſt es!“ rief der König;„laſſen Sie ihn in mein Cabinet kommen.“ Dann wandte er ſich nach den erſtaunten Mini⸗ ſtern um und ſagte: „Meine Herren, niemand gehe von hier weg, 135 bis ich wieder komme; man meldet mir einen Mann, deſſen Ankunft vielleicht alles ändern kann.“ Die Miniſter ſahen ſich erſtaunt an; aber der Befehl war ſo peremptoriſch, daß man ſich ihm nicht entziehen konnte. Unterwegs begegnete der König ſeinem Ober⸗ jägermeiſter. „Sire, was ſagt man mir?“ fragte dieſer,„die Jagd von morgen kann nicht ſtattfinden?“ „Das werden wir ſogleich wiſſen,“ antwortete Karl X.,„indeſſen nehmen Sie keine Befehle, als von mir an.“ Und er ſetzte ſeinen Weg, halb beruhigt durch die Hoffnung fort, daß dieſe unerwartete Ankunft vielleicht die furchtbaren Anordnungen für den an⸗ dern Tag modifiziren könnte. XCI. Wo erklärt iſt, warum Herr Sarranti ſich nicht mehr im Gefängniß der zum Tode Verurtheilten befand. Als er in ſein Cabinet kam, war das Erſte, was dem Könige in die Augen fiel, der Mönch, welcher aufrecht, blaß, unbeweglich und ſtarr wie ſ Marmorſäule am andern Ende des Zimmers tand. Da er ſich nicht ſetzen konnte, war die ſtrenge und finſtere Geſtalt an das Lambris gelehnt, um nicht zu follen. Der König blieb plötzlich ſtehen, als er dieſe Art von Geſpenſt ſah. 136 „Ah!“ machte Karl X.„Sie ſind es, mein Vater?“ „Ja, Sire,“ äntwortete der Prieſter mit ſo ſchwacher Stimme, daß man glauben konnte, ſie komme aus dem Munde eines Geſpenſtes. „Aber Sie ſcheinen ja am Sterben zu ſein?“ „Am Sterben, allerdings Sire. Ich habe, mei⸗ nem Gelübde zu Folge, mehr als achthundert Stun⸗ den zu Fuß gemacht. In den Engpäſſen des Mont Cenis wurde ich krank; ich hatte in den pontini⸗ ſchen Sümpfen das Fieber geholt. Ich ſchwebte einen Tag zwiſchen Leben und Tod. Da aber die Zeit drängte, der Tag der Hinrichtung meines Va⸗ ters immer näher rückte, machte ich mich wieder auf den Weg. Mit der Gefahr, an irgend einer Quelle des Weges zu ſterben, habe ich in vierzig Tagen hundert fünfzig Stunden gemacht und bin vor zwei Stunden angekommen.“ „Aber warum haben Sie nicht irgend einen Wagen genommen? Und wäre es auch nur aus Mitleid geſchehen, man hätte Ihnen den Weg ab⸗ gekürzt.“ „Ich hatte das Gelübde gethan, zu Fuß nach Rom zu gehen und ſo auch den Rückweg zu ma⸗ chen, Sire; ich mußte vor allem meinem Gelübde genügen.“ „Und Sie haben es erfüllt?“ Si „Sie ſind ein Heiliger.“ Ein Lächeln tiefer Trauer flog über die Lippen des Mönches. „Dl geben Sie nicht voreilig mir dieſen Titel,“ 3 — h 1⸗ e ſagte er.„Ich bin im Gegentheil ein Verbrecher, der Gerechtigkeit für Andere und Gerechtigkeit für ſich zu fordern kommt!“ „Ein Wort vor Allem, mein Herr.“ „Der König geruhe zu ſprechen,“ ſagte der Abbé Dominique, indem er ſich verbeugte. „Sie waren nach Rom gegangen.. in welcher Abſicht? können Sie es mir jetzt ſagen?“ „Ja, Sire. Ich war nach Rom gegangen, um Seine Heiligkeit zu bitten, das auf meine Lippen gelegte Siegel zu brechen, und mich zu autoriſiren, das Geheimniß der Beichte zu offenbaren.“ „Auf dieſe Weiſe,“ ſagte der König mit einem Seufzer,„bringen Sie, obgleich noch immer von der Unſchuld Ihres Vaters überzeugt, keinen Be⸗ weis dieſer Unſchuld bei?“ „Doch, Sire, einen unverwerflichen Beweis.“ „So ſprechen Sie.“ „Kann mir der König fünf Minuten gönnen?“ „So viel Zeit als Sie wollen, mein Herr; Sie intereſſiren mich lebhaft. Aber ſetzen Sie ſich. Ich zweifle, daß Sie die Kraft haben, ſtehend zu ſprechen.“ „Die Kraft, die mir beinahe gebrach, gibt mir die Gnade des Königs wieder. Ich werde ſtehend ſprechen, Sire, wie es einem Unterthanen zukömmt, der mit ſeinem König ſpricht, oder vielmehr, ich werde knieend ſprechen, wie es einem Verbrecher zukömmt, der mit ſeinem Richter ſpricht.“ „Halten Sie ein, mein Herr,“ ſagte der König. „Warum, Sire?“ „Sie wollen mir ſagen, was Ihnen zu enthül⸗ 138 len verboten iſt: das Geheimniß der Beichte. Ich will nicht bei einem Meineide betheiligt ſein.“ „Der König verzeihe mir. So furchtbar auch die kurze Erzählung ſein mag, die ich Ew. Majeſtät zu machen habe, Sie können ſie jetzt ohne irgend einen Meineid vernehmen.“ „So will ich Sie alſo anhören, mein Herr.“ „Sire, ich ſtand an einem Todtenbette, als man mich an ein Sterbebette rief. Der Todte bedurfte meiner Gebete nicht mehr, der Sterbende aber be⸗ durfte meiner Abſolution; ich ging zu dem Ster⸗ benden... Der König näherte ſich dem Prieſter, deſſen Stimme kaum bis zu ihm drang, und ohne ſich zu ſetzen, ſtützte er ſeine Hände auf den Tiſch. Er war offenbar mit dem größten Intereſſe bei der Sache. „Der Sterbende begann ſeine Beichte, aber kaum hatte er zwei Worte geſprochen, als ich ihm in's Wort fiel.“ „Sie ſind Gerard Tardieu,“ ſagte ich zu ihm, „ich kann kein Wort weiter von dem hören, was Sie mir ſagen wollen.“ „Und weßhalb?“ fragte der Sterbende. „Weil ich Dominique Sarranti bin, der Sohn deſſen, den Sie des Diebſtahls und Meuchelmords angeklagt.“ „Und ich rückte meinen Fauteuil von ſeinem Bette weg.“ „Aber er hielt mich an meinem Rocke zurück.“ „Mein Vater,“ ſagte er,„im Gegentheil, die Vorſehung führt Sie zu mir. Ich hätte Sie am Se— ——— ———— Ende der Welt aufſuchen laſſen, wenn ich gewußt, wo Sie finden, um Ihnen zu ſagen, was Sie nun vernehmen ſollen... Mönch, ich vertraue mein Verbrechen Ihrem Buſen an. Sohn, ich gebe Ihnen die Unſchuld Ihres Vaters zurück. Ich werde ſterben; bin ich todt, ſo ſagen Sie, was ich Ihnen erzählen werde „Und dann, Sire, erzählte er mir eine furcht⸗ bare Geſchichte: erſtens, daß er ſich ſelbſt beſtohlen, um den Verdacht auf meinen Vater zu werfen, der an jenem Tage, nachdem er gegen Ihren Bruder conſpirirt, zu fliehen gezwungen war.“ „Dann erzählte er mir das Verbrechen, das wirkliche Verbrechen, Sire.. „Aber wie können Sie mir das Alles ſagen, mein Herr, da Sie das Alles nur unter dem Sie⸗ gel des Beichtgeheimniſſes wiſſen?“ „Laſſen Sie mich vollenden, Sire.. Ich ſage Ihnen, ich betheure Ihnen, ich ſchwöre Ihnen, daß ich Ihre Seele in keine Sünde verwickeln will, daß meine Seele allein Gefahr läuft, verloren zu ge⸗ hen. oder vielmehr— Hert des Himmels!“ fügte der Mönch hinzu, indem er die Blicke zum Himmel erhob,„bereits verloren iſt.“ „Fahren Sie fort,“ machte der König. „Dann erzählte mir Gerard Tardieu, daß er, den Rathſchlägen einer Frau nachgebend, mit wel⸗ cher er lebte, den Entſchluß gefaßt habe, ſeine bei⸗ den Reffen bei Seite zu ſchaffen. Er ſei allerdings nicht ohne Zagen, nicht ohne Kämpfe, nicht ohne Gewiſſensbiſſe zu dieſem Entſchluſſe gekommen, aber 140 er kam dazu.. Die beiden Mitſchuldigen theil⸗ ten ſich in das furchtbare Geſchäft: er nahm den Knaben auf ſich, ſie das kleine Mädchen. Ihm gelang es, indem er ſeinen Neffen in einen Teich warf, und ihn, ſo oft er auftauchte, auf den Kopf ſchlug... „Wiſſen Sie, daß das furchtbar iſt, was Sie mir da ſagen!“ „Furchtbar! ja, Sire, ich weiß es!“ „ünd daß Sie mir den Beweis von alle dem, was Sie da vorbringen, liefern müſſen.“ „Ich werde ihn liefern, Sire.“ „Die Frau ſcheiterte,“ fuhr der Mönch fort; „in dem Augenblicke, als ſie das arme Kind er⸗ würgen wollte, brach ein Hund, von dem Geſchrei der Kleinen angelockt, die Kette, ſprang durch das Fenſter und an den Hals der Frau, die er erdroſ⸗ ſelte, das kleine Mädchen floh, von Blut über⸗ goſſen. „Und es lebt?“ fragte der König. „Ich weiß es nicht; Ihre Polizei hat es ver⸗ ſchwinden laſſen, um dies Zeugniß zu Gunſten mei⸗ nes Vaters zu vernichten.“ „Mein Herr, ich ſchwöre Ihnen bei der Ehre eines Edelmannes, daß die Gerechtigkeit hier ihr Amt üben ſoll. Aber den Beweis! den Beweis!“ „Den Beweis,“ ſagte der Mönch, indem er ein Manuſcript aus ſeiner Taſche zog.„Hier iſt er.“ Und ſich vor dem König verbeugend, übergab er ihm die Papierrolle, auf welcher die Worte ge⸗ ſchrieben ſtanden: — X—— ———— —— re hr ein ab ge⸗ „Dies iſt meine Generalbeichte vor Gott und vor den Menſchen, welche, wenn es nöthig, nach meinem Tode veröffentlicht werden kann. Gerard Tardieu.“ „Und ſeit wann haben Sie dieſes Papier?“ fragte der König. „Ich hatte es immer, Sire,“ antwortete der Mönch;„der Mörder gab es mir, da er ſich dem Tode nahe glaubte.“ „Und trotzdem, daß Sie dieſes Papier beſaßen, haben Sie nichts geſagt? Sie haben es nicht dem Gerichte unterbreitet? Sie haben es mir nicht ge⸗ geben?“ „Sire, ſehen Sie nicht auf dem Papier ſelbſt, daß die Beichte des Verbrechers erſt nach ſeinem Tode veröffentlicht werden durfte?“ „Er iſt alſo todt?“ „Ja, Sire,“ antwortete der Mönch. „Seit wann?“ „Seit drei Viertelſtunden; ſo lange als ich brauchte, um von Vanvres nach Saint Cloud zu kommen.“ „O! der Elende!“ ſagte der König,„das hat Gott gnädig gefügt, daß er ihn zur rechten Zeit ſterben ließ.“ „Ja, ich glaube, daß es eine gnädige Fügung iſt, Sire. Aber ich kenne,“ fuhr der Mönch fort, indem er auf ein Knie ſank,„einen noch Elenderen, als den, welcher ſtarb.“ „Was wollen Sie ſagen?“ fragte der König. 142 „Ich will ſagen, daß Herr Gerard keines na⸗ türlichen Todes geſtorben iſt, Sire.“ „Er hat ſich ſelbſt gemordet?“ rief der König. „Nein, Sire, er wurde ermordet!“ „Ermordet!“ rief der König, der mitten in dem Dunkel eine Helle, wie die eines Blitzes gewahrte; „ermordet und von wem?“ Der Mönch zog aus ſeinem Buſen das Meſſer, mit welchem er Herrn Gerard getödtet und legte es zu den Füßen des Königs nieder. Das Meſſer war noch ganz blutig. Die Hand des Mönchs war blutig. „H!“ machte der König, indem er einen Schritt zurückthat,„der Mörder ſind...“ Er wagte es nicht zu vollenden. „Bin ich, Sire,“ ſagte der Mönch, den Kopf beugend;„das war das einzige Mittel, die Ehre und den Kopf meines Vaters zu retten. Das Schaffot iſt errichtet, Sire; befehlen Sie, daß ich es beſteige!“ Es entſtand eine Pauſe, während welcher der Mönch ſein Urtheil gebeugten Hauptes erwartete. Aber zum großen Erſtaunen des Mönches ſagte der König, der beim Anblick des blutbeſpritzten Dolches einen Schritt zurückgetreten war, mit ſanf⸗ tem Tone, ohne jedoch näher zu kommen:„Stehen Sie auf, mein Herr, Ihr Verbrechen iſt allerdings ein furchtbares, ſchreckliches Verbrechen; aber es findet ſeine Erklärung, wenn auch nicht ſeine Ent⸗ ſchuldigung in Ihrer Kindesliebe; dieſe hat Ihnen das Meſſer in die Hand gegeben, und obgleich es Niemand erlaubt ſein kann, Richter in eigener Sache „ S W W W— 8 e — 143 zu ſein, ſo wird das Geſetz doch hieſen Umſtand in Betracht ziehen, und ich habe nichts zu ſagen, nichts zu thun, bis zur Stunde des Gerichts, das über Sie richten wird.“ „Aber mein Vater, Sire! mein Vater!“ rief der junge Mann. „Das iſt eine andere Sache.“ Der König läutete; ein Huiſſier erſchien an der Thüre. „Benachrichtigen Sie den Herrn Polizeipräfekten und den Herrn Großſiegelbewahrer, daß ich ſie hier erwarte.“ Und da der Mönch trotz der Aufforderung, auf⸗ zuſtehen, am Voden knieen geblieben war, ſagte der König zum zweiten Male: „Erheben Sie ſich, mein Herr.“ Der Mönch gehorchte; er war jedoch ſo ſchwach, daß er ſich auf den Tiſch ſtützen mußte, um nicht umzuſinken. „Setzen Sie ſich, mein Herr,“ ſagte der König. „Sire!“ ſtotterte der Mönch. „Ich ſehe wohl, daß Sie einen Befehl brauchen. Ich befehle Ihnen deßhalb, ſich zu ſetzen.“ Der Mönch fiel halb erſchöpft auf einen Fau⸗ teuil. In dieſem Augenblicke erſchienen der Polizei⸗ präfekt und der Juſtizminiſter an der Thüre, um ſich dem König zu Befehl zu ſtellen. „Meine Herren,“ ſagte der König beinahe hei⸗ ter,„ich hatte Recht, als ich Ihnen eben noch ſagte, die Ankunft der Perſon, die man mir meldete, könne den Dingen ein ganz anderes Geſicht geben.“ 144 „Was will Eure Majeſtät ſagen?“ fragte der Juſtizminiſter. „Ich will ſagen, daß ich großartig Recht hatte, als ich behauptete, es bedürfe des Belagerungszu⸗ ſtandes nur im äußerſten Nothfalle; wir ſind aber nun nicht ſo weit, Gott ſei Dank!“ Dann ſich an den Polizeipräfekten wendend, fügte er hinzu: „Sie haben mir geſagt, daß ohne dies Zuſam⸗ mentreffen von Manuels Leichenbegängniß und Herrn Sarrantis Hinrichtung Sie Herr der Situation zu bleiben ſich getrauten.“ „Ja, Sive.“ „Nun gut, Sie' haben kein Zuſammentreffen mehr zu fürchten. Von dieſem Augenblicke an iſt Herr Sarranti frei; ich habe die Beweiſe ſeiner Unſchuld in Händen.“ „Aber...“ ſagte der Polizeipräfekt beſtürzt. „Sie werden den Herrn in Ihren Wagen neh⸗ men,“ ſagte der König auf Bruder Dominique deu⸗ tend:„Sie gehen mit ihm nach der Conciergerie, Sie ſetzen Herrn Sarranti augenblicklich in Frei⸗ heit. Ich wiederhole Ihnen, er iſt unſchuldig und ich will nicht, daß ein Unſchuldiger, ſobald ſeine Unſchuld bewieſen iſt, einen Augenblick länger hin⸗ ter Schloß und Riegel bleibe.“ „D, Sire, Sire!“ ſagte der Mönch, indem er ſeine Hände dankbar gegen den König ausſtreckte. „Gehen Sie, mein Herr,“ ſagte König Karl X., „und verlieren Sie keinen Augenblick.“ Dann wandte er ſich an den Mönch und ſagte: „Sie haben acht Tage, um ſich von den An⸗ —————— „— b ſtrengungen Ihrer Reiſe zu erholen,“ ſagte er zu ihm;„in acht Tagen werden Sie ſich als Gefan⸗ gener ſtellen.“ „Ja, Sire!“ rief der Mönch;„ſoll ich ſchwö⸗ ren?“ „Ich verlange keinen Schwur von Ihnen, Ihr Wort genügt mir.“ Dann wandte er ſich an den Präfelten und ſagte: „Gehen Sie, mein Herr, es geſchehe, wie ich befohlen.“ Der Polizeipräfekt verbeugte ſich und ging, ge⸗ folgt von dem Mönch. „Wollen Eure Majeſtät mir die Gnade erzeigen, zu erklören..“ wagte der Juſtizminiſter zu ſagen. „Die Erklärung wird kurz ſein, mein Herr,“ ſagte der König.„Sehen Sie dies Papier, es enthält den Beweis der Unſchuld des Herrn Sar⸗ ranti. Ich verpflichte Sie, es dem Miniſter des Innern mitzutheilen. Aller Wahrſcheinlichkeit nach wird ihn ein peinliches Gefühl anwandeln, wenn er den Namen des wahren Mörders liest und in dieſem Namen den eines Mannes findet, deſſen Candidatur er unterſtützte. Was den Mönch be⸗ trifft, ſo werden Sie, da Gerechtigkeit ſein muß, dafür Sorge tragen, daß ſeine Sache vor die näch⸗ ſten Aſſiſen kömmt... Ah! ſehen Sie mein Herr, nehmen Sie das Meſſer: es iſt ein Beweismittel.“ Und indem er dem Großſiegelbewahrer die Wahl ließ, ſich zurückzuziehen oder ihm zu folgen, kehrte der König heiter in den Saal zurück, wo ihn der Oberjägermeiſter erwartete. Dumas, Salvator. VI. 10 146 „Nun, Sire?“ fragte dieſer. „Es bleibt bei der Jagd von Morgen, mein lieber Graf,“ ſagte der König,„ſorgen Sie, daß ſie gut wird!“ „Der König erlaube mir zu ſagen,“ machte der Oberjägermeiſter,„daß ich ſeine Majeſtät nie hei⸗ tereren Ausſehens gefunden.“ „Allerdings, mein lieber Graf,“ antwortete Karl X.,„ſeit einer Viertelſtunde fühle ich mich um zwanzig Jahre jünger.“ Dann ſagte er zu den Miniſtern, die ihn ganz erſtaunt anhörten: „Meine Herren, nach den Rachrichten, die ich ſo eben erhalten, ſteht der Herr Polizeipräfekt für die Ruhe der Stadt Paris.“ Und indem er ſie mit der Hand grüßte, machte er einen letzten Gang durch die Salons, theilte dem Dauphin mit, daß die Jagd abgehalten werde, ſagte ein galantes Wort zur Frau Herzogin von Angouleme, küßte die Frau Herzogin von Berry, gab einen Großvaterklaps dem Herzog von Bor⸗ deaux, wie es ein Bürger aus der Rue Saint Denis oder vom Boulevard du Temple gemacht und kehrte zu ſeinem Schlafzimmer zurück. Dort ging er an das Barometer, gegenüber von ſeinem Bette, ſtieß einen Freudenſchrei aus, als er ſah, daß es auf„beſtändig ſchön“ ſtand, legte ſich nie⸗ der und ſchlief mit den tröſtlichen Worten ein: „Ah! Gott ſei Dank! wir werden morgen ſchö⸗ nes Wetter für die Jagd haben!“ In Folge der Ereigniſſe, welche wir ſo eben ———„—— S—„ —— 147 erzählt, fand Salvator das Gefängniß des Herrn Sarranti leer. XCII. Einen Augenblick Politik. Unter den Perſonen, welche eine unglückliche Rolle in dem Drama ſpielten, das wir an den Augen des Leſers vorüberführten, iſt eine, welche ſie, wie wir hoffen, nicht ganz vergeſſen haben werden. Wir wollen von dem Oberſt Rappt, dem Vater und Gatten von Regina de la Mothe Houdan, ſprechen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß, Dank der Meiſter Baratteau gemachten Anleihe und dem Er⸗ ſatz Gibaſſiers, nichts von der Geſchichte mit den Briefen transpirirte. Deſſenungeachtet, damit man die nachfolgenden Scenen beſſer verſtehe, bitten wir unſere Leſer um die Erlaubniß, ihnen in einigen Worten wieder zu ſagen, was wir vor längerer Zeit ihnen von dem Grafen Rappt geſagt. Petrus hatte ſein phyſiſches Portrait folgender⸗ maßen entworfen: „Alles iſt kalt, unbeweglich wie Marmor an dieſem Menſchen, und ſcheint durch einen materiellen Trieb nach der Erde zu ſtreben; ſeine Augen ſind matt, wie unpolirtes Glas; ſeine Lippen ſind dünn und auf einander gepreßt; die Naſe iſt rund; der 148 Teint hat eine Aſchenfarbe; der Kopf bewegt ſich, niemals die Züge. Wenn man eine Glasmaske mit friſcher Haut überziehen könnte, die jedoch nicht mehr durch die Zirkulation des Blutes belebt wäre, ſo könnte dieſes Meiſterwerk der Natur eine ſchwache Idee von dem Geſichte dieſes Menſchen geben.“ Regina hatte ſein moraliſches oder vielmehr un⸗ moraliſches Portrait entworfen. Sie hatte ihm am Abend ihrer Hochzeit, in der furchtbaren Scene, die wir erzählt, geſagt: „Sie ſind zu gleicher Zeit ehrgeizig und ver⸗ ſchwenderiſch; ſie haben große Bedürfniſſe und dieſe großen Bedürfniſſe bringen Sie in Verſuchung, große Verbrechen zu begehen. Vor dieſen Verbrechen würde ein Anderer vielleicht zurückſchaudern; Sie nicht! Sie heirathen Ihre Tochter um zweier Mil⸗ lionen willen; Sie werden Ihre Frau verkaufen, um Miniſter zu werden..“ Dann hatte ſie hinzugefügt: „Nun, mein Herr, wollen Sie meinen ganzen Gedanken wiſſen? wollen Sie auf einmal wiſſen, was im Grunde meines Herzens für Sie ruht? Gut, es iſt das Gefühl, das Sie gegen alle Welt hegen, und das ich nie zuvor gekannt: der Haß. Ich haſſe Ihren Ehrgeiz; ich haſſe Ihren Stolz; ich haſſe Ihre Freiheit. Ich haſſe Sie von Kopf bis zu Fuß. Denn Sie ſind von Kopf bis zu Fuße nichts als eine Lüge!“ Der Graf Rappt hatte alſo vor ſeiner Abreiſe nach St. Petersburg, wohin er, wie man ſich er⸗ innert, in außerordentlicher Miſſion geſandt worden, phyſiſch ein Marmorgeſicht, moroliſch ein Steinhers. —— 9— * 149 Wir wollen ſehen, ob ſeine Reiſe nach dem Pole das eine oder andere verändert, modificirt oder be⸗ lebt hat. Es war am Freitag, dem 16. November, das heißt am Tage vor den Wahlen, ungefähr zwei Monate nach den Freigniſſen, die wir in den vor⸗ hergehenden Kapiteln erzählt. Am 16. November war im Moniteur die Or⸗ donnanz der Auflöſung der Kammer und der Zu⸗ ſammenberufung der Wahlcollegien für den 27. deſſelben Monats erſchienen. Man gönnte alſo nur 10 Tage den Wählern, um ſich zu verſammeln, ſich zu berathen und ihre Candidaten zu wählen. Dieſe beſchleunigte Zu⸗ ſammenberufung würde, ſo dachte wenigſtens Herr von Villole, das ſichere Reſultat haben, die Wähler der Oppoſition zu zerſplittern, da ſie, ſo überraſcht, die Zeit mit Disputiren verlieren würden, während die miniſteriellen Wähler als eine geſchloſſene, verei⸗ nigte, disciplinirte und doch paſſive Maſſe, wie ein einziger Mann ſtimmen würden. Aber ganz Paris witterte ſeit langer Zeit die Auflöſung der Kammer und freute ſich darauf, den Traum des Herrn von Villdle nicht zu erfüllen; denn es iſt etwas ſchwierig, das große Paris zu blenden; es hat hundert Augen, wie Argus, und durchdringt die Finſterniß; man mag es zu Boden werfen, wie Antäus, es bekömmt ſeine Kraft wie⸗ der, ſobald es die Erde berührt; man mag es wie Enkelados begraben, wenn man es todt glaubt: ſo oft es ſich in ſeinem Grabe bewegt, erſchüttert es die Welt. — Ganz Paris, ohne ein Wort zu ſagen— es iſt ſeine Beredtſamkeit, zu ſchweigen, es iſt ſeine Di⸗ plomatie, Stillſchweigen, zu beobachten— ganz Paris, ohne ein Wort zu ſagen, ſchweigſam, aufmerkſam, mit ſchamrother Stirne, blutendem und gebrochenem Herzen, ganz Paris, der ganze unterdrückte, zu Boden getretene und ſcheinbar ſclaviſche Paris, be⸗ reitete ſich zum Kampfe vor und wählte in der Stille und mit Vorſicht ſeine Kämpen. Einer der Candidaten, und es war nicht der, welcher den kleinſten Effekt auf die Bevölkerung machte, einer der Candidaten war der Oberſt Graf Rappt. Man erinnert ſich, daß er oſtenſibler Eigenthü⸗ mer eines Journals war, das die legitime Mo⸗ narchie energiſch vertheidigte und daß er zu gleicher Zeit Hauptredakteur einer Revue war, welche die Regierung auf's heftigſte angriff, und gegen ſie zu Gunſten des Herzogs von Orleans conſpirirte. In dem Journal hatte er das Geſetz gegen die Freiheit der Preſſe kräftig unterſtützt, geprieſen und vertheidigt; in der darauffolgenden Nummer der Revue hatte er die Geſpräche Royer⸗Collards wie⸗ dergegeben, wo man unter Anderem die beredten und höhniſchen Worte las: „Der Angriff iſt nicht nur gegen die Freiheit der Preſſe, ſondern gegen jede natürliche, politiſche und bürgerliche Freiheit, als weſentlich ſchädlich und unheilvoll, gerichtet. Nach dem Grundgedanken des Geſetzes war es eine Unklugheit der Schöpfung, daß ſie den Menſchen frei und geiſtig in die Welt ſtellte; daher ſtammt alles Unglück, aller Irrthum. 5 5 151 Eine höhere Weisheit ſucht den Fehler der Vorſe⸗ hung wieder gut zu machen, ihre unvorſichtige Frei⸗ heit wieder zu beſchränken, und der weiſe verſtüm⸗ melten Menſchheit den Dienſt zu erzeigen, ſie zur glücklichen Unſchuld des Thieres zu erheben.“ Handelte es ſich um die Expropriation, um be⸗ trügeriſche, wranniſche oder Gewaitsmaßregeln, die den Ruin einer nützlichen Unternehmung zum Zweck hatten, ſo griff die Revue mit aller Energie den Urheber und die Immoralität dieſer Maßregeln an, was das Journal ſeinerſeits wieder auf's heftigſte vertheidigte. Mehr als einmal hatte Herr Rappt mit Stolz die Feder niedergelegt, die in dem Einen angegrif⸗ fen, im Andern vertheidigt hatte, und ſich innerlich zu der Geſchmeidigkeit des Talentes und Geiſtes gratulirt, die ihm erlaubten, zwei ſo verſchiedenen Anſichten ſo ausgezeichnete Gründe zu leihen. Das war der Oberſt Rappt zu allen Zeiten, aber beſonders am Tage vor den Wahlen. Am Tage ſeiner Ankunft noch hatte er dem Könige über das Reſultat ſeiner Unterhandlungen Bericht erſtattet, und der König, enthuſiasmirt von dem Eifer und der Geſchicklichkeit, mit denen er ſeine Miſſion erfüllt, hatte ihm Ausſicht auf ein Miniſter⸗ portefeuille eröffnet. Graf Rappt war, entzückt von ſeiner Audienz in den Tuillerien, nach dem Boulevard des Inva⸗ lides zurückgekehrt. Er hatte ſich ſogleich daran gemacht, ein Wahl⸗ cirkulär aufzuſetzen, das ſelbſt den älteſten und er⸗ fahrenſten Diplomaten in Verlegenheit geſetzt, wenn er es hätte erklären ſollen. Es gab wirklich nichts Vageres, nichts Zwei⸗ deutigeres, nichts Doppelſinnigeres, als dieſes Cir⸗ kulär. Der König mußte entzuͤckt, die Congrega⸗ niſten zufrieden und die Wähler der Oppoſition an⸗ genehm überraſcht ſein, wenn ſie es zu Geſichte be⸗ kamen. Die Leſer werden übrigens das Meiſterwerk von Amphibologie würdigen, wenn ſie den verſchiedenen Scenen anwohnen wollen, welche dieſer große Ko⸗ mödiant vor einigen ſeiner Wähler ſpielte. Das Theater ſtellt das Arbeitskabinet des Herrn Rappt vor: in der Mitte ſteht ein mit grünem Teppich und Papier bedeckter Tiſch, vor welchem der Oberſt ſitzt. Rechts beim Eingang vor dem Fenſter ein anderer Tiſch, vor welchem der Sekre⸗ tär des künftigen Deputirten, Herr Bordier, ſitzt. Ein Wort über Herrn Bordier. Er iſt ein Mann von fünfunddreißig Jahren, mager, blaß, mit hohlem Auge, wie Baſile: das iſt ſein Aeußeres. In moraliſcher Hinſicht beſitzt er die Falſchheit, Schlauheit und Bosheit Tartüffes. Herr Rappt hat lange geſucht, wie Diogenes, nicht um einen Menſchen zu finden, ſondern dieſen Menſchen zu finden. Endlich fand er ihn: es gibt Menſchen, welche Glück haben. Es iſt ungefähr drei Uhr Nachmittags in dem Augenblick, da wir den Vorhang vor dieſen beiden Perſonen aufziehen, von denen die Eine dem Leſer 153 wohl bekannt iſt: wir erſuchen ihn, der Andern nicht mehr Wichtigkeit beizulegen, als ſie verdient. Mit frühem Morgen empfängt Herr Rappt Wähler um Wähler; im Jahre 1848 ſuchte ſie der Candidat und zwanzig Jahre früher ſuchten ſie den Candidaten. Die Stirne des Herrn Rappt trieft von Schweiß; er hat das ermüdete Ausſehen eines Schauſpielers, der ſeine fünfzehn Tableaux geſpielt. „Sind noch viele Leute im Vorzimmer, Bor⸗ dier?“ fragte er ſeinen Secretär muthlos. „Ich weiß es nicht, Herr Graf, aber man kann nachſehen,“ antwortete dieſer. Und er ging, um die Thüre zu öffnen. „Es ſind mindeſtens noch zwanzig Perſonen,“ ſagte er, beinahe eben ſo muthlos, als ſein Herr. „Ich werde die Geduld nicht mehr haben, all dieſe NRichtigkeiten auzuhören!“ ſagte der Oberſt, in⸗ dem er ſich die Stirne trocknete;„da möchte man ja ein Narr werden! Ich habe auf Ehre Luſt, Nie⸗ manden mehr zu empfangen.“ „Nun, Herr Graf,“ ſagte der Secretär in kraft⸗ loſem Tone:„bedenken Sie doch, daß Wähler dar⸗ unter ſind, die über fünfundzwanzig, dreißig, ja vierzig Stimmen verfügen.“ „Und Sie ſind überzeugt, Bordier, daß unter dieſen allen keine ſchleichhändleriſchen Wähler ſind? Bedenken Sie, daß nicht ein Einziger exiſtirt, der mir ſeine Stimme verſpräche, ohne mir das Piſtol auf die Bruſt zu ſetzen, oder deutlicher geſprochen, der nicht etwas für ſich oder die Seinen verlangte!“ „Ich glaube, daß der Herr Graf nicht erſt heute die Uneigennützigkeit der Menſchen in ihrem ganzen Werthe kennen lernt!“ ſagte Bordier mit einem Ausdruck des Geſichtes, der für Laurent gegenüber von Baptiſte oder für Bazin gegenüber von Aramis geeignet geweſen wäre. „Nun, laſſen Sie ſehen, Bordier; kennen Sie dieſe Wähler?“ ſagte der Graf ſich aufraffend. „Ich kenne ſie zum größten Theil, Herr Graf; jedenfalls habe ich Notizen über Alle.“ „Gut denn, ſo wollen wir fortfahren. Läuten Sie Baptiſte.“ Bordier läutete; ein Diener erſchien. „Wie heißt der Erſte, Baptiſte?“ fragte der Secretär. „Herr Morin.“ „Warten Sie.“ Und der Secretär las halblaut die Rotizen, die er über Herrn Morin erhalten hatte. „Herr Morin, Tuchhändler en gros. Er beſitzt eine Fabrik in Louviers. Ein ſehr einflußreicher Mann, welcher über achtzehn bis zwanzig Stimmen verfügt; ſchwacher Charakter, der von Roth zu Tricolore und von Tricolore zu Weiß übergegangen; er iſt, wenn es ſein Intereſſe gilt, alle Farben des Prismas anzunehmen gemacht. Er hat einen Sohn, mau vais sujet, unwiſſend, unfähig, der ſein ganzes väterliches Erbe vorher aufbraucht. Er ſchrieb vor einigen Tagen an den Herrn Grafen, um ihn zu bitten, ſeinen Sohn zu placiren.“ „Iſt das Alles, Bordier?“ „Ja, Herr Graf.“ „Welcher von den beiden Bordiers iſt da, Baptiſte?“ „Ein junger Mann von achtundzwanzig bis drei⸗ ßig Jahren.“ „Das iſt der Sohn.“ „Er will eine Antwort auf den Brief ſeines Vaters holen,“ ſetzte Bordier hinzu. „Laſſen Sie ihn eintreten,“ ſagte der Graf mild. Baptiſte öffnete die Thüre und meldete Herrn Morin. Ein junger Mann von achtundzwanzig bis dreißig Jahren, wie der Bediente geſagt, trat mit offener Miene in das Zimmer des Grafen Rappt, als die letzte Silbe ſeines Namens noch auf den Lippen deſſen lag, der ihn meldete. „Mein Herr,“ ſagte der junge Mann, ohne ab⸗ zuwarten, bis Herr von Rappt oder ſein Secretär das Wort an ihn richteten,„ich bin der Sohn des Herrn Morin, Tuchhändlers, Wahlmanns und Wäh⸗ lers in Ihrem Bezirk. Mein Vater hat Ihnen kürzlich geſchrieben, um Sie zu bitten. Herr v. Rappt, der nicht vergeßlich erſcheinen wollte, unterbrach ihn. „Allerdings, mein Herr,“ ſagte er,„ich habe einen Brief von Ihrem Herrn Vater erhalten. Er wandte ſich an mich, daß ich Ihnen eine Stelle ver⸗ ſchaffe. Und er verſprach mir, daß, wenn ich das Glück hätte, Ihnen nützlich zu ſein, ich auf ſeine Stimme und auf die ſeiner Freunde zählen könnte.“ „Mein Vater iſt der einflußreichſte Mann der Quartiers. Er gilt im ganzen Arrondiſſement als der eifrigſte Vertheidiger des Thrones und des Al⸗ 156 tares.. ja, obgleich er ſelten zur Meſſe geht, ſeine Geſchäfte halten ihn davon ab. Aber Sie wiſſen, die auswärtigen Kunden, dummes Zeug, nicht wahr? Uebrigens iſt er außerdem die eingefleiſchte Ord⸗ nung. Er würde ſich für den Mann ſeiner Wahl umbringen laſſen; das heißt, wenn er Sie gewählt, Herr Graf, wird er Ihre Gegner aufs Aeußerſte verfolgen.“ „Ich bin ſehr glücklich, mein Herr, die gute Meinung zu kennen, welche Ihr Herr Vater von mir hat; ich wünſche ſie auch zu verdienen; aber kommen wir auf Sie zurück; welche Stelle wünſchen Sie, mein Herr?“ „Offen geſagt, Herr Graf,“ ſagte der junge Mann, verlegen mit ſeiner Reitpeitſche die Wade peitſchend,„ich weiß nicht, was ich Ihnen antwor⸗ ten ſoll.“ „Was verſtehen Sie?“ „Wahrhaftig nicht viel.“ „Sie haben Ihre Rechtsſchule durchgemacht?“ „Nein, ich verabſcheue die Advokaten.“ „Sie haben Medizin ſtudirt?“ „Nein, mein Vater verabſcheut die Aerzte.“ „Sie ſind vielleicht Künſtler?“ „Als Kind lernte ich das Flageolett ſpielen und Landſchaften zeichnen; aber ich ließ das alles wieder liegen. Mein Vater wird mir dreißig tauſend Li⸗ vres Renten hinterlaſſen, mein Herr.“ „So haben Sie doch wenigſtens, wie alle Welt, Ihre Studien gemacht?“ „Etwas weniger, als alle Welt, mein Herr.“ „Sie waren im Colldge?“ +—— „Man iſt ſo ſchlecht behandelt bei dieſen Sup⸗ penhändlern; meine Geſundheit litt darunter und mein Vater nahm mich zurück.“ „Aber was treiben Sie denn gegenwärtig?“ „Ich? „Ja, Sie, mein Herr.“ „Durchaus nichts... Das iſt ja der Grund, weßhalb mein Vater wollte, daß ich etwas anfange.“ „So ſetzen Sie alſo Ihre Studien fort?“ ſagte Herr v. Rappt lächelnd. „Ah!“ machte Herr Morin Sohn, indem er ſich umdrehte, um nach Herzensluſt zu lachen,„das Bonmot iſt reizend! ja, ich ſetze meine Studien fort. Ah, Herr Graf, ich werde Ihr Bonmot heute Abend im Cercle wieder erzählen.“ Herr v. Rappt ſah den jungen Mann mit dem Ausdruck tiefer Verachtung an und begann, ſich die Sache zu überlegen. Dann ſagte er nach einer Pauſe: „Sind Sie ein Freund vom Reiſen?“ „Das iſt meine Leidenſchaft.“ „So haben Sie alſo ſchon gereist?“ „Nie; ſonſt würde ich wohl einen Eckel am Rei⸗ ſen haben.“ „Gut denn, ſo werde ich Ihnen eine Sendung 5 nach Thibet geben.“ „Mit einem Titel?“ „Gewiß! was iſt die Stelle ohne Titel?“ „Das dacht' ich auch. Und was werden Sie mit mir anfangen? wir wollen doch ſehen!“ ſagte Herr Morin Sohn mit der Miene eines Menſchen, 158 der ſeinen Mitunterredner in große Verlegenheit zu bringen glaubt. „Man wird Sie zum Generalinſpector der me⸗ teorologiſchen Beobachtungen von Thibet machen. Sie wiſſen, daß Thibet das Land der Phänomene iſt?“ „Nein. Ich kenne nur die Thibetziegen, von denen man die Caſchemirs macht, und ich habe mir nicht mal die Mühe genommen, die anzuſehen, für den Jardin des Plantes angekommen ind.“ „Gut. Sie werden ſie in ihrem Vaterlande ſehen, was immer intereſſanter iſt.“ „Gewiß; ſchon weil man dort mehr ſieht. Aber ſollten Sie meinetwegen Jemand von ſeiner Stelle vertreiben müſſen?“ Sie ſich, die Stelle exiſtirt noch gar nicht.“ „Aber wenn Sie nicht exiſtirt, mein Herr,“ rief der junge Mann, der ſich myſtifizirt glaubte,„wie kann ich ſie denn ausfüllen?“ „Man wird ſie ausdrücklich für Sie ſchaffen,“ ſagte der Graf Rappt, indem er aufſtand und mit dieſer Bewegung Herrn Morin verabſchiedete. Der Graf hatte dieſe letzten Worte mit ſolchem Ernſte geſprochen, daß der junge Mann von ihrer Wohrheit überzeugt war. „Mein Herr,“ ſagte er, indem er die Hand auf's Herz legte,„ſeien Sie von meiner perſönlichen Dank⸗ barkeit und der noch wichtigeren Dankbarkeit meines Vaters überzeugt.“ „Auf das Vergnügen, Sie wieder zu ſehen, er le ar ief vie . , nit em rer f's nk⸗ nes en, 159 mein Herr,“ ſagte der Graf Rappt, während Bor⸗ dier läutete. Der Bediente trat ein, indem er an Herr Mo⸗ rin Sohn vorüber ging, als dieſer ausrief: „Welch' großer Mann!“ „Welcher Dummkopf!“ machte Herr v. Rappt; „und ſolchen Menſchen muß ein Mann wie ich den Hof machen...“ „Wer iſt da, Baptiſte?“ fragte der Secretär. „Herr Louis Renaud, Apotheker.“ Unſere Leſer erinnern ſich ohne Zweifel des braven Apothekers vom Foubourg Saint Jacques, der mit ſo großem Eifer Salvator und Jean Robert beiſprang, um Barthelemy Lelong zur Ader zu laſ⸗ ſen, als er in der Nacht des Aſchermittwochs von einem Schlagfluſſe bedroht war. Vor ſeinem Hofe, wenn man ſich erinnert, hatten die beiden jungen Leute die ſanften Violon⸗ cellaccorde gehört, welche ſie zu unſerem Freunde Juſtin geführt, den wir eines Tages an dem Zu⸗ fluchtsorte, wo er mit Mina verborgen iſt, wieder finden werden. „Wer iſt Herr Louis Renaud?“ fragte der Graf Rappt, während der Bediente den Apotheker her⸗ ein führte. XCIII. Ein Voltairianer. Der Secretär nahm das auf Herrn Louis Re⸗ naud bezügliche Papier und las: 160 „Herr Louis Renaud, Apotheker, Faubourg St. Jacques, Beſitzer von zwei bis drei Immobilien, und namentlich eines Hauſes in der Rue Vanneau, wo er ſelbſt als Hausbeſitzer wählt und wo ein Dutzend Wähler wohnen, über deren Stimmen er verfügt; eingefleiſchter Bourgeois, ehemaliger Gi⸗ rondiſt, Verwünſcher des Namens Napoleon, den er nie anders, als Herr von Buonaparte nennt, un⸗ fähig, einem Mitgliede der Kirche in's Geſicht zu ſehen, die er unter dem Collectivnamen Calotins zu⸗ ſammenfaßt, ſparſam, claſſiſcher Voltairianer, auf alle Touquetiſchen Publikationen, Edition Voltaire, abonnirt, und die Tabatiere beſtändig auf der Charte.“ „Was zum Teufel kann dieſer Menſch wollen?“ machte der Graf Rappt. „Man konnte es nicht wiſſen,“ antwortete Bor⸗ dierz aber. „Stille! da iſt er,“ ſagte der Graf. Der Apotheker erſchien. „Treten Sie ein, treten Sie ein, Herr Renaud,“ ſagte mit freundlichem Tone der künftige Deputirte, der, als er ſah, daß der Apotheker voll Beſcheiden⸗ heit auf der Schwelle ſtehen blieb, ihm entgegen ging, ihn an der Hand nahm und ihn gewiſſermaßen zwang, einzutreten. Indem er ihn näher heranzog, drückte ihm der Graf Rappt lebhaft die Hand. „Das iſt zu viel Ehre, mein Herr,“ murmelte der Apotheker;„wahrhaftig zu viel Ehre.“ „Wiei zu viel Ehre? Die braven Leute, wie Sie, ſind eine Seltenheit, Herr Renaud, und es iſt 161 ein Vergnügen, wenn man ihnen begegnet, ihnen die Hand zu drücken. Hat nicht ein großer Dichter ſchon geſagt: Die Sterblichen ſind alle gleich; nicht die Geburt, Die Tugend nur macht hoch und nieder. Sie kennen den großen Dichter, nicht wahr, Herr Louis Renaud?“ „Allerdings, Herr Graf, es iſt der unſterbliche Arouet de Voltaire. Aber daß ich Herrn Arouet de Voltaire kenne und bewundere, das iſt kein Wun⸗ der; dagegen muß ich erſtaunen, daß Sie mich kennen.“ „Ob ich Sie kenne, lieber Herr Renaud?“ ſagte Graf Rappt in demſelben Tone, wie Don Juan ſagt:„Lieber Herr Sonntag, ob ich Sie kenne, das will ich meinen, von lange her!“„Ich war ent⸗ zückt, als ich erfuhr, daß Sie die Rue St. Jacques verlaſſen, um ſich uns zu nähern, denn wenn ich mich nicht täuſche, ſo bewohnen Sie jetzt die Rue Vannerau.“ „Allerdings, mein Herr,“ ſagte der Apotheker, immer erſtaunter. „Und welcher Umſtand verſchafft mir das Ver⸗ gnügen, Sie zu ſehen, lieber Herr Renaud?“ „Ich habe Ihr Circulär geleſen, Herr Graf.“ Der Graf verbeugte ſich. „Ja, ich habe es geleſen und ſogar zweimal ge⸗ leſen, und die Stelle, wo Sie von Ungerechtigkeiten ſprechen, die unter dem Mantel der Religion began⸗ gen werden, hat mich beſtimmt, trotz meines Wider⸗ ſtrebens, aus meiner Sphäre herauszugehen— denn Dumgs, Salvator. VI. 11 162 ich bin Philoſoph, Herr Graf,— und Ihnen einen Beſuch zu machen, um Ihnen einige Thatſachen zur Ati Ihrer Behauptungen an die Hand zu geben.“ „Sprechen Sie, lieber Herr Renaud, und glau⸗ ben Sie, daß ich Ihnen unendlich dankbar ſein werde für die Mittheilungen, die Sie mir zu ma⸗ chen ſo gütig ſein wollen. Ah! lieber Herr Re⸗ naud, wir leben in einer traurigen Zeit!“ „In einer Zeit der Heuchelei und Scheinheilig⸗ keit, mein Herr,“ antwortete der Apotheker halb⸗ leiſe,„und unter der Herrſchaft von Calotins! Sie wiſſen, was jüngſt in Saint⸗Acheul geſchehen?“ „Ja, mein Herr, ja.“ „Man ſah Beamte, Marſchälle mit Kerzèn der Prozeſſion folgen.“ „Das iſt bedauerlich; aber ich glaube, Sie wollten mir nicht von Saint⸗Acheul ſprechen.“ „Nein, mein Herr, nein.“ „Nun gut, ſo wollen wir von unſern Privat⸗ angelegenheiten ſprechen; denn Ihre Sache iſt auch die meine, lieber Nachbar. Aber wir wollen uns ſetzen.“ „Nein, durchaus nicht, mein Herr!“ „Wie, durchaus nicht?“ „Verlangen Sie von mir, was Sie wollen, Herr Graf, aber nicht, daß ich mich vor Ihnen ſe ſoll; ich weiß zu gut, was ich Ihnen ſchuldig in.“ „Nun, ich will Sie nicht zwingen. Sagen Sie mir jetzt, was Sie zu mir führt, aber ſprechen Sie ———— ,„— —„———— — en ur zu u⸗ in a⸗ e⸗ ig⸗ b⸗ ie der Sie a⸗ uch ns len, nen ldig Sie Sie 163 offen, wie zu einem Kameraden, wie zu einem Freunde.“ „Mein Herr, ich bin Häuſerbeſitzer und Apothe⸗ ker und fülle meine Stellung in beider Hinſicht, wie Sie zu wiſſen ſcheinen, vollſtändig aus.“ „Ich weiß es, in der That, ich weiß es, mein Herr.“ „Ich bin ſeit dreißig Jahren Apotheker.“ „Ja, ich verſtehe Sie; Sie haben mit dem Letztern begonnen, und dies führte Sie zum An⸗ deren.“ „Man könnte nichts vor Ihnen geheim halten, mein Herr; nun gut, ich wage zu behaupten, daß man ſeit dreißig Jahren, obgleich wir das Conſulat und das Kaiſerreich des Herrn von Buonaparte er⸗ lebt, ich wage zu behaupten, daß man ſeit dreißig Jahren, Herr Graf, nichts Aehnliches, wie das, was jetzt geſchieht, geſehen hat.“ „Was wollen Sie ſagen? Sie erſchrecken mich, lieber Herr Renaud!“ „Der Handel geht nicht mehr; man verdient kaum ſo viel, um ſein Leben zu friſten, mein Herr!“ „Und woher kommt eine ſolche Stagnation, na⸗ mentlich in Ihrem Geſchäfte, lieber Herr Renaud?“ „Es iſt nicht mein Geſchäft, Herr Graf, und daß ich ganz unintereſſirt bei der Sache bin, mag Ihnen das beweiſen, daß es meines Neffen Geſchäft iſt; ich habe es ihm ſeit drei Monaten abgetreten.“ „Und zwar zu guten Bedingungen, zu väterli⸗ chen Bedingungen.“ „Väterlichen, das iſt das Wort: ½ habe ihm ratenweiſe Zahlungen eingeräumt. Nun Herr Graf, das Geſchäft meines Reffen ſteht augenblick⸗ lich ſtill; wenn ich ſage augenblicklich, ſo iſt das mehr eine Hoffnung, als eine Ueberzeugung, Sie können ſich denken, daß man aus nichts nichts macht, mein Herr!“ „Zum Teufel!“ machte der künftige Deputirte, ſcheinbar beſtürzt.„Wer kann dem Geſchäfte Ihres Herrn Neffen Feſſeln anlegen? das frage ich Sie, lieber Herr Renaud. Seine oder Ihre etwas zu ſchroffen politiſchen Anſichten— vielleicht?“ „Keineswegs, mein Herr, keineswegs; die poli⸗ tiſchen Anſichten haben nichts damit zu ſchaffen.“ „Ah!“ verſetzte der Graf mit ſchlauer Miene, indem er ſeinen Worten und ſeinem Accente eine gewiſſe vulgäre Betonung verlieh, welche freilich nicht in ſeinem Weſen lag, die er aber annehmen zu müſſen glaubte, um ſich ſeinem Clienten etwas zu nähern,„wir haben Apotheker, welche Tauge⸗ nichtſe „Ja, Herr Gaſſicourt zum Beiſpiel, der Apo⸗ theker des ſogenannten Kaiſers, Herrn von Buona⸗ parte; denn Sie müſſen wiſſen, ich nenne ihn im⸗ mer Herr von Buonaparte.“ „Das war ein Lieblingsausdruck Seiner Maje⸗ ſtät Ludwig XVIII.“ „Ich wußte das nicht; ein philoſophiſcher König, der, dem wir die Charte verdanken. Aber um wie⸗ der auf das Geſchäft meines Reffen zurück zu kom⸗ mn „Ich hätte es nicht gewagt, Sie wieder darauf zu bringen, lieber Herr Renaud; aber da Sie ſelbſt 165 darauf zurückkommen, machen Sie mir ein Ver⸗ gnügen.“ „Nun gut, ich ſagte alſo, man möge Girondiſt oder Jakobiner, Royaliſt oder Empiriſt ſein, ſo nenne ich nämlich die Napoleoniſten, mein Herr...“ „Dieſe Bezeichnung ſcheint mir ſehr treffend.“ „Ich ſagte alſo, die Meinungen möchten ſein, welcher Art ſie wollen, es werde doch immer Bruſt⸗ und Kopfrheumatismen geben.“ „Ja wohl,“ mein lieber Herr Renaud,„ich be⸗ greife auch in der That nicht, was den Verkauf von Medikamenten an enrhumirte Perſonen hindern könnte.“ „Indeß,“ murmelte der Apotheker, der in tiefes Nachdenken verſunken ſchien, halb beiſeit,„indeß habe ich Ihr Circulär geleſen; ich glaube den innerſten Sinn verſtanden zu haben und deßhalb ſcheint es mir, daß wir uns auf das erſte Wort verſtehen ſollten.“ „Erklären Sie ſich gefälligſt, lieber Herr Re⸗ naud,“ ſagte Graf Rappt, der ungeduldig zu wer⸗ den begann;„denn, offen geſagt, ich ſehe nicht recht ein, welche Bezügniß mein Circulär mit dem Stillſtand in dem Geſchäfte Ihres Herrn Neffen haben ſoll.“ „Sie ſehen das nicht?“ fragte der Apotheker erſtaunt. „Wirklich, nein,“ antwortete der künftige Depu⸗ tirte ziemlich trocken. „Haben Sie nicht eine leichte Anſpielung auf die von den Calotins begangenen Schändlichkeiten 166 fallen laſſen: Calotins nenne ich nämlich die Geiſt⸗ lichen. „Verſtehen wir uns recht, mein Herr,“ erwi⸗ derte Herr Rappt, der ſich nicht zu weit zum Libe⸗ ralismus hinreißen laſſen wollte, indem er erröthete. „Ich habe allerdings von Ungerechtigkeiten geſpro⸗ chen, welche gewiſſe Perſonen unter dem Deckman⸗ tel der Religion begingen, allein ich habe mich kei⸗ nes ſo ſtrengen Ausdrucks bedient, wie der eben von Ihnen gebrauchte.“ „Verzeihen Sie mir den Ausdruck, Herr Graf, wie Voltaire ſagt: „Ich nenne Katze eine Katze und Rollet einen Schuft.“ Graf Rappt war im Begriffe, dem würdigen Apotheler zu bemerken, daß ſein Citat bezüglich des Autors unrichtig ſei, wenn auch bezüglich der Worte getreu; aber er überlegte ſich, daß es doch nicht der richtige Augenblick wäre, eine literariſche Polemik zu eröffnen und ſchwieg. „Ich weiß nicht mit den Worten zu ſpielen,“ fuhr der Arzt fort:„Ich habe keine beſſere Bil⸗ dung genoſſen, als ſo viel ich nöthig hatte, um meine Familie honett zu erziehen, und ich maße mir auch nicht an, wie ein Akademiker zu ſprechen; aber ich komme auf Ihr Cirkulär zurück und be⸗ haupte noch, daß wir einverſtanden ſind, wenn ich die Sache richtig verſtanden.“ Dieſe nicht ohne eine gewiſſe Härte ausgeſpro⸗ chenen Worte ſetzten den Candidaten einen Augen⸗ blic in Verlegenheit, und der Anſicht, daß ſein n⸗ Wähler ihn zu weit treiben könnte, beeilte er ſich, ihn durch die heuchleriſchen Worte zurückzuhalten: „Man iſt mit ehrenwerthen Leuten immer ein⸗ verſtanden, Herr Louis Renaud.“ „Nun gut, da wir einverſtanden ſind,“ ſagte Louis Renaud,„ſo kann ich Ihnen erzählen, was vorgeht.“ „Sprechen Sie, mein Herr.“ „In dem Hauſe, welches ich bewohnte, als ich es meinem Neffen abtrat, ein Haus, von dem ich reden kann, weil ich der Beſitzer bin, wohnte noch vor einigen Tagen ein armer alter Schulmeiſter; das heißt, urſprünglich war er nicht Schulmeiſter, ſondern Muſiker.“ „Das hat nichts zu ſagen.“ „Allerdings, das hat nichts zu ſagen! Er hieß Müller und unterrichtete beinahe umſonſt etwa zwan⸗ zig Kinder, indem er in dieſer edeln und beſchwer⸗ lichen Aufgabe den wirklichen Lehrer erſetzte, wel⸗ cher Juſtin hieß und in's Ausland gegangen war, nicht wegen ſchlechter Geſchäfte, ſondern Familien⸗ angelegenheiten halber. Der würdige Herr Müller nun genoß die Achtung des ganzen Quartiers; aber die ſchwarzen Männer vom Mont Rouge gingen häufig an der Schule vorüber und ſahen nicht ohne Aerger und Neid, daß Kinder von andern Leuten, als ihnen, unterrichtet werden. Eines Morgens kam man, um dem armen interimiſtiſchen Schulmei⸗ ſter zu bedeuten, daß er von dem Unterricht abſte⸗ hen müſſe und ſeit vierzehn Tagen ſind es die Brüder Ignoranten, welche die Schule halten; alles 168 im Intereſſe der Moral, Sie begreifen, wie das zugeht, nicht wahr?“ „Ich begreife nicht ganz,“ machte Herr Rappt verlegen. „Wie, Sie begreifen nicht ganz,“ ſagte Herr Renaud und ſich dem Grafen nähernd, indem er mit den Augen zwinkerte, ſetzte er hinzu: Sie kennen doch das neue Lied von Beran⸗ ger?“ „Ich werde es doch kennen,“ ſagte Rappt;„aber man müßte mir verzeihen, wenn ich es nicht kenne, denn ſeit zwei und einem halben Monat bin ich außerhalb Frankreichs, am Hofe des Czaren.“ „Ah! wenn Voltaire lebte, der große Philoſoph würde nicht mehr, wie zu Zeiten Catharina II. ſagen: 3 „Vom Norden kommt uns jetzt das Licht.“ „Herr Louis Renaud,“ machte der Graf unge⸗ duldig,„bitte, kommen wir wieder auf... „Auf das neue Lied von Beranger; Sie wollen, daß ich es Ihnen ſinge, Herr Graf? gerne.“ Und der Apotheker begann: „Schwarze Männer, woher kommt Ihr? Wir kommen aus der Erde„ „Nein,“ ſagte der Graf,„kommen wir wieder auf Ihren Herrn Müller zurück: Sie verlangen für ihn eine Entſchädigung, nicht wahr?“ „O! dafür gibt es alle Arten von Rechten,“ antwortete der Apotheker;„aber ich will Ihnen nicht von ihm allein ſprechen: ich verlaſſe mich auf Sie, daß Sie dieſe Ungerechtigkeit wieder gut ma⸗ N „———— — 169 chen, die Sie wirklich überraſcht hat, wie ich ſehe; nein, ich wollte Ihnen von dem Geſchäfte meines Neffen ſprechen.“ „Bemerken Sie wohl, mein lieber Herr, daß ich Sie beſtändig und mit aller Macht darauf hinfüh⸗ ren wollte.“ „Nun denn, erſtens iſt das Geſchäft meines Neffen geſtört, weil die Brüder Ignoranten die Kinder den ganzen Tag ſingen laſſen und die Kun⸗ den davon laufen, wenn ſie das erzwungene Ge⸗ ſchrei hören.“ „Ich werde auf Mittel denken, ſie zur Mäßi⸗ gung zu bringen, Herr Renaud.“ „Warten Sie einen Augenblick,“ verſetzte der Apotheker;„denn das iſt noch nicht Alles; dieſe Brüder haben ferner Schweſtern, das heißt, bei dieſen Brüdern ſind Schweſtern, welche die Medi⸗ camente, die ſie verfertigen, ächte Droguen, vierzig Prozent unter dem Preis verkaufen, ſo daß Tage vergehen, wo in der Apotheke nicht für einen Sou verkauft wird, und mein Reffe, der mir noch drei Zahlungen zu machen hat, ſich gezwungen ſieht, den Laden zu ſchließen, falls Sie nicht Mittel finden, dem Uebel zu ſteuern, das ihm die Brüder und Schweſtern zufügen.“ „Was der Tauſend!“ rief Herr Rappt mit ent⸗ rüſteter Miene, denn er ſah wohl, daß er mit dem geſchwätzigen Apotheker nicht zu Ende kommen würde, wenn er nicht in ſeiner Weiſe ſpräche,„wie! die Schweſtern Ignoranten erlauben ſich Medica⸗ mente zum Schaden eines der ehrenwertheſten Apo⸗ theker der Stadt Paris zu verkaufen?“ 170 „Ja, mein Herr',“ ſagte Louis Renaud, lebhaft gerührt durch das große Intereſſe, welches Graf Rappt an ſeiner Sache zu nehmen ſchien,„ja, mein Herr, ſie haben dieſe Kühnheit, dieſe Pfäffinnen.“ „Es iſt unglaublich!“ rief Graf Rappt, indem er den Kopf auf die Bruſt und ſeine Hände auf die Kniee ſinlen ließ.„In was für einer Zeit leben wir, mein Gott! mein Gott!“ Und er fügte, wie voll Zweifel hinzu: „Und Sie könnten mir den Beweis von dem liefern, was Sie mir da ſagten, lieber Herr Re⸗ naud?“ „Hier iſt er, mein Herr,“ verſetzte der Apothe⸗ ker, indem er ein vierfach zuſammengefaltetes Pa⸗ pier aus ſeiner Taſche zog,„ich habe hier eine von den zwölf bedeutendſten Apothekern des Arron⸗ diſſement unterſchriebene Petition.“ „Das empört mich wirklich,“ erwiderte Herr Rappt.„Geben Sie mir das Aktenſtück, lieber Herr Renaud: ich werde Ihnen genaue Rechen⸗ ſchaft ablegen; es ſoll Ihnen Recht in dieſer Sache werden, das ſchwöre ich Ihnen, oder ich will mei⸗ nen Namen als ehrlicher Mann verlieren.“ „Ah! man hatte mir's zum Voraus geſagt, daß ich mich auf Sie verlaſſen könne!“ rief der ſ gerührt durch das Reſultat ſeines Be⸗ uches. „O! wenn ich eine Ungerechtigkeit ſehe, bin ich unbarmherzig,“ ſagte der Graf, indem er aufſtand, und ſeinen Wähler nach der Thüre begleitete,„Sie ſollen in Kurzem von mir hören und werden ſehen, wie ich halte, was ich verſpreche!“ —+— —— NXe W X N 171 „Mein Herr,“ ſagte der Apotheker, indem er ſich umwandte und wie ein geſchickter Schauſpieler ſein letztes Wort auf die Thüre verſparte,„ich weiß nicht, wie ich Ihnen für Ihre Offenheit und Geradheit danken ſoll; ich fürchtete, als ich kam, nicht, wie ich wünſchte, von Ihnen verſtanden zu werden.“ „Verſteht man ſich nicht immer, wenn Menſchen von Herz zuſammenkommen?“ beeilte ſich Herr Rappt zu ſagen, indem er Louis Renaud nach der Thüre drängte. Der brave Mann ging und Baptiſt meldete: „Der Herr Abbé Bouquemont und Herr avier Bouquemont, ſein Bruder.“ „Wer ſind dieſe Herren Bouquemont?“ fragte der Graf ſeinen Berichterſtatter Bordier. Bordier las: „Abbé Bouquemont, fünfundvierzig Jahre alt; er hat eine Pfarrei in der Umgegend von Paris; ein ſchlauer Menſch und unerſchütterlicher Intrikant. Er redigirt eine beabſichtigte, noch nicht erſchienene bretanniſche Revue, betitelt: lHermine. Er hat alles gethan, um Abbé zu werden und jetzt, da er Abbé iſt, würde er alles thun, um Biſchof zu wer⸗ den; ſein Bruder iſt religiöſer Maler, das heißt, er macht nur Kirchenbilder; er flieht das Nackte. Er iſt heuchleriſch, eitel und neidiſch, wie alle Künſt⸗ ler ohne Talent.“ ² „Peſt!“ ſagte Graf Rappt,„laſſen Sie ſie nicht watten.“ XCIV. Ein Trio von Masken. Baptiſt führte den Abbé Bouquemont und Herrn Lavier Bouquemont ein. Graf Rappt, der ſich eben geſetzt hatte, erhob ſich und begrüßte die Neueintretenden. „Herr Graf,“ ſagte der Abbé mit kreiſchender Stimme— der Abbé war ein kleiner unterſetzter fetter und blatternarbiger Mann von großer Häß⸗ lichteit—;„Herr Graf, ich bin der Beſitzer und Hauptredakteur einer beſcheidenen Revue, deren Na⸗ men, oller Wahrſcheinlichkeit nach, noch nicht die Ehre gehabt hat, bis zu Ihnen zu dringen.“ „Ich bitte um Vergebung, Herr Abbé,“ unter⸗ brach ihn der künftige Deputirte,„ich bin im Ge⸗ gentheile einer der eifrigſten Leſer der Hermine; denn ſo heißt ja wohl die Revue, welche Sie redi⸗ giren, nicht wahr?“ „Ja, Herr Graf,“ ſagte der Abbé verlegen, aber ſtark bezweifelnd, daß Herr Rappt wirklich einer der eifrigſten Leſer einer Zeitſchrift ſei, die noch gar nicht erſchienen. Aber Bordier, der ohne die Miene zu machen, als ob er die Augen öffnete und die Ohren ſpitzte, alles hörte und ſah, Bordier begriff das Mißtrauen des Abbé und ſagte, indem er Herrn Rappt eine gelb eingebundene Broſchüre bot: — e—— c. —„ 6 G— ——— e—„——— te, en ne 173 „Hier iſt die letzte Nummer.“ Herr Rappt warf einen Blick auf die Broſchüre, vergewiſſerte ſich, daß ſie aufgeſchnitten war, und bot ſie dem Herrn Abbé Bouquemont hin. Dieſer aber wies ſie mit der Hand ab und ſagte: „Gott behüte mich, an Ihren Worten zu zwei⸗ feln, Herr Graf.“ Im Grunde ſeines Herzens hatte er aber ſehr gezweifelt. „Teufel!“ ſagte er bei Seite,„wir müſſen auf der Hut ſein, wir haben es mit ſchlauen Leuten zu thun. Wenn der Mann ein Exemplar einer Revue hat, die noch nicht mal ausgegeben iſt, muß er ſchon ein ganz verſchlagener Patron ſein. Wir wollen uns tüchtig zuſammen nehmen!“ „Ihr Name,“ fuhr Herr Rappt fort,„wird, wenn er es noch nicht ſein ſollte, ſicher ba'd einer der berühmteſten in der„kämpfenden Preſſe“ ſein. In Beziehung auf ſcharfe Polemik kenne ich wenige Publiciſten, die eine ſolche Höhe zu er limmen be⸗ ſtimmt ſind. Wenn alle Kämpen der guten Sache ſo tapfer wären, als Sie, Herr Abbé, ſo müßte mich alles täuſchen, wenn wir noch lange zu kämpfen hätten.“ „Wirklich, mit Generalen, wie Sie, Oberſt,“ antwortete der Abbs im gleichen Tone,„ſcheint mir der Sieg leicht; das ſagten wir noch dieſen Mor⸗ gen, mein Bruder und ich, als wir die Stelle in Ihrem Circulär laſen, wo Sie daran erinnern, daß alle Mittel gut ſeien, wenn es gilt, die Feinde der Kirche niederzuwerfen. Bei dieſer Gelegenheit er⸗ 174 laube ich mir, Ihnen meinen Bruder vorzuſtellen, Herr Graf.“ Und, indem er ſeinen Bruder vorführte, ſetzte er hinzu: „Herr Favier Bouquemont.“ „Maler von großem Talente,“ ſagte Graf Rappt, mit ſeinem liebenswürdigſten Lächeln. „Wie! Sie kennen auch meinen Bruder?“ fragte der Abbé erſtaunt. „Ich habe die Ehre, von Ihnen gekannt zu ſein, Herr Graf?“ ſagte Herr Favier Bouquemont halblaut und in einem widerlichen Fiſteltone. „Ich kenne Sie, wie ganz Paris, mein junger Meiſter,“ antwortete Herr Rappt;„dem Rufe nach. Wer kennt die berühmten Maler nicht?“ „Nicht die Berühmtheit iſt's, der mein Bruder nachſtrebt,“ ſagte der Abbé Bouquemont, indem er die Hände demüthig in einander legte und die Augen zu Boden ſenkte.„Was iſt die Berühmt⸗ heit? Das eitle Vergnügen, von denen gekannt zu ſein, die Sie nicht kennen. Nein, Herr Graf, mein Bruder hat den Glauben. Nicht wahr, Du haſt den Glauben, Favier? Mein Bruder kennt nur die große Kunſt der chriſtlichen Maler des 14. und 15. Jahrhunderts.“ „Ich thue alles, was ich kann, Herr Graf,“ ſagte der Maler mit heuchleriſchem Tone;„aber ich geſtehe, daß ich niemals gehofft, mein armer Ruf würde bis zu Ihnen dringen.“ „Hören Sie ihn nicht an, Herr Graf,“ beeilte ſich der Abbé hinzuzufügenz;„er iſt von einer empö⸗ renden Schüchternheit und Beſcheidenheit, und wenn 175⁵ ich ihm nicht immer auf den Ferſen wäre, um ihn anzuſpornen, er würde keinen Schritt vorwärts kom⸗ men. Glauben Sie wohl, zum Beiſpiel, daß er ſich energiſch weigerte, Ihnen mit mir einen Beſuch ab⸗ zuſtatten, unter dem Vorwande, Sie um einen klei⸗ nen Dienſt zu bitten.“ „Wirklich, mein Herr?“ ſagte Graf Rappt, er⸗ ſtaunt über die unverſchämte Frechheit des Geiſt⸗ lichen. „Nicht wahr, Favier; nun, ſei offen, Tavier; nicht wahr, Du weigerteſt Dich, zu kommen?“ „Allerdings,“ antwortete der Maler, den Blick zu Boden geſenkt. „Ich wiederholte ihm umſonſt, daß Sie einer der ausgezeichnetſten Offiziere der jetzigen Zeit, einer der größten Staatsmänner Europas, einer der einſichtsvollſten Beſchützer der Künſte in Frank⸗ reich ſeien; ſeine verwünſchte Schüchternheit, ſeine troſtloſe Empfindlichkeit wollten nichts davon wiſſen, und ich wiederhole Ihnen, ich war beinahe gezmun⸗ gen, Gewalt zu brauchen, um ihn hierher zu bringen.“ „Leider, meine Herren,“ ſagte Graf Rappt, ent⸗ ſchloſſen, die Heuchelei mit ihnen bis aufs Aeußerſte zu treiben,„habe ich nicht die Ehre, Künſtler zu ſein und das iſt ein tiefer Kummer für mich. Was iſt der kriegeriſche Ruhm, was iſt das politiſche An⸗ ſehen neben der unſterblichen Krone, welche Gott um die Stirne Raphaels und Michel Angelos ſchlingt? Aber wenn ich auch dieſen Ruhm nicht habe, ſo habe ich wenigſtens das Glück, in naher Beziehung zu den berühmteſten Künſtlern Europas zu ſtehen. Einige von ihnen ſogar, und das iſt eine 176 Ehre, auf die ich ſtolz bin, haben die Güte, einige Freundſchaft für mich zu hegen und ich habe nicht nöthig, Ihnen zu ſagen, Herr Pavier, daß ich glück⸗ lich ſein würde, wenn ich Sie unter dieſe zählen dürfte.“ „Nun, Favier,“ machte der Abbs mit gerührtem Tone, indem er mit der Hand über die Augen fuhr, wie um eine Thräne zu trocknen,„nun, Fa⸗ vier, was ſagte ich Dir? Habe ich die Verdienſte dieſes unvergleichlichen Mannes übertrieben?“ „Mein Herr!“ ſagte Graf Rappt, als käme er über ein ſolches Lob in Verlegenheit. „Unvergleichlich! ich habe mich nicht verſprochen und ich erkläre, daß ich nicht wüßte, wie ich Ihnen danken ſollte, wenn Sie für Lavier den Auftrag von ſechs Fresken erwirkten, mit denen wir die Wände unſerer armen Kirche ſchmücken wollen.“ „Ach! mein Bruder, Du gehſt zu weit! Du weißt wohl, daß ich bei der Krankheit unſerer armen utter ein Gelübde gethan, dieſe Fresken zu ma⸗ len und daß Du ſie, ob ſie bezahlt werden oder nicht, ſicher bekömmſt.“ „Gewiß; aber dieſes Gelübde geht über Deine Kräfte, Unglücklicher! und Du wirſt Hungers ſter⸗ ben, wenn Du es erfüllſt; denn ich, Herr Graf, habe nichts, als meine Pfarrei, deren Einkommen meinen armen Beichtkindern gehört; und Du, La⸗ vier, haſt nichts als Deinen Pinſel.“ „Du täuſcheſt Dich, mein Bruder, ich habe den Glauben,“ ſagte der Maler, den Blick zum Himmel erhebend. L0 S— 8 — w— v —— X — l „Sie hören ihn, Herr Graf, Sie hören ihn. Ich frage Sie, iſt das nicht troſtlos?“ „Meine Herren,“ ſagte Graf Rappt, indem er ſich erhob, um den beiden Brüdern anzuzeigen, daß die Audienz geſchloſſen ſei,„in acht Tagen werden Sie die Ausfertigung des offiziellen Auftrags der ſechs Fresten erhalten.“ „Nachdem wir Sie hundert Mal, tauſend Mal, Millionen Mal unſeres vollſten Dankes und des thätigſten Antheils verſichert, den wir morgen an der großen Schlacht nehmen,“ ſagte der Abbé,„wer⸗ den Sie uns erlauben, uns ihre ergebenſten Diener zu nennen und uns zu empfehlen.“ Mit dieſen Worten wollte ſich Abbé Bonque⸗ mont, nachdem er ſich vor dem Grafen tief verbeugt, wirklich zurückziehen, als ſein Bruder Kavier ihn einem gewiſſen Ungeſtüm feſthielt, und zu ihm agte: „Noch einen Augenblick, mein Bruder, ich habe meinerſeits auch einige Worte an den Herrn Gra⸗ fen zu richten. Erlauben Sie, Herr Graf?“ „Sprechen Sie, mein Herr,“ ſagte der Graf, ohne einen gewiſſen Unwillen verbergen zu können. Die beiden Brüder waren ſicher zu ſcharfſichtig, um dieſe Bewegung nicht zu bemerken; ſie thaten jedoch, als wenn ſie dieſe Pantomime nicht verſtän⸗ den, und der Maler begann nun in unerſchrockenem Tone: „Mein Bruder Sulpice,“— dabei deutete er auf den Abbé,—„hat Ihnen ſo eben von meiner Schüchternheit und Beſcheidenheit geſprochen; und erlauben Sie mir nun auch, Herr Graf, Ihnen von Dumas, Salvator. VI. 12 178 ſeiner Uneigennützigkeit, ſeiner unheilbaren Uneigen⸗ nützigkeit zu ſprechen. So wiſſen Sie denn vor Allem: ich habe, obgleich ich Sie um alles nicht ſtören wollte, nur in der beſtimmten Abſicht einge⸗ willigt, ihm hier zu folgen, um ihm zu helfen und Ihr Intereſſe für ihn in Anſpruch zu nehmen. O wenn es ſich nur um mich gehandelt, glauben Sie mir, Herr Graf, ich hätte niemals eingewilligt, Ihre Ruhe zu ſtören. Ich für mich brauche nichts, ich habe den Glauben! und wenn ich etwas brauchte, wüßte ich zu warten. Habe ich mir nicht überdies jeden Augenblick geſagt, daß wir in einem Zeitalter und in einem Lande leben, wo die, welche man die großen Meiſter nennt, kaum werth ſind, die Pinſel Beato Angelicos und Fra Bartolomeos zu reinigen? und weßhalb das, Herr Graf? Weil die Künſtler unſerer Zeit keinen Glauben haben. Ich, ich habe den Glauben; das iſt ſchuld, daß ich nichts brauche, daß ich Niemanden brauche und daß ich demzufolge Niemanden zu bitten brauche, wenigſtens nicht für mich. Aberwennich meinen Bruder ſehe, meinen urmen Bruder, mein Herr, den Heiligen, der vor Ihnen ſteht; wenn ich ihn den Armen die zwölfhundert Franken ſei⸗ ner Pfarre geben und nicht ſo viel zurück behalten ſehe, als er für den Wein braucht, mit dem er Morgens communizirt, ſehen Sie, Herr Graf, dann ſchnürt ſich mein Herz zuſammen, meine Zunge entfeſſelt ſich und ich fürchte nicht mehr aufdringlich zu ſein, denn ich bitte nicht für mich, ſondern für meinen Bruder.“ „Favier, mein Freund!“ machte der Abbẽ heuch⸗ leriſch. „O, ich habe geſprochen. Sie wiſſen jetzt, Herr ür en t ei⸗ rt 179 Graf, was Sie zu thun haben. Ich ſchreibe Ihnen nichts vor, ich auferlege Ihnen nichts; ich überlaſſe alles Ihrem edeln Herzen. Ach! wir gehören nicht zu den Leuten, welche zu einem Candidaten kommen und ſagen:„Wir ſind Beſitzer und Redakteure eines Journals; Sie brauchen die Unterſtützung unſeres Blattes, bezahlen Sie. Wir wollen den Preis des Dienſtes voraus beſtimmen und wir werden Ihnen dieſen Dienſt erweiſen.“ Nein, Herr Graf, nein, Gott ſei Dank! wir gehören nicht zu dieſen Leuten.“ „Kann es ſolche Menſchen geben, mein Bruder?“ fragte der Abbé. „Leider, ja, Herr Abbé, ſie exiſtiren,“ ſagte Graf Rappt.„Aber wie Ihr Bruder ſagt, Sie gehören nicht zu dieſen Leuten. Ich werde mich mit Ihrer Angelegenheit beſchäftigen, Herr Abbé. Ich werde den Cultminiſter ſprechen und wir wollen ſu⸗ chen, Ihre armſeligen Einkünfte wenigſtens auf das Doppelte zu erhöhen.“ „Mein Gott, Sie wiſſen, Herr Graf,“ ſagte der Abbé,„wenn man mal am Bitten iſt, muß man auch etwas bitten, was der Mühe lohnt. Der Miniſter, welcher Ihnen nichts abſchlagen kann, weil Sie als Deputirter ihn in der Hand haben, wird Ihnen eben ſo gut eine Pfarrei von ſechstauſend Franken bewilligen, als eine von drei. Es iſt nicht für mich, mein Gott, denn ich lebe von Waſſer und Brod; aber meine Armen oder vielmehr die Armen des lieben Got⸗ tes!“ fügte der Abbé, mit dem Blick zum Himmel, hinzu:„die Armen werden Sie ſegnen, und werden, durch mich belehrt, woher die Wohlthat kommt, für Sie beten.“ 1 180 „Ich befehle mich Ihren Bitten wie denen Ihres würdigen Pfarrers,“ ſagte Graf Rappt, indem er ſich zum zweiten Male erhob.„Sehen Sie ſich an, als wenn Sie die Pfarrei ſchon hätten.“ Die beiden Brüder machten daſſelbe Manöver, das ſie ſchon einmal gemacht. Sie gingen, gefolgt von dem Candidaten, der es für ſeine Pflicht hielt, ſie zu begleiten, nach der als der Abbé ſich plötzlich umwandte und agte: „Apropos, Herr Graf, ich vergaß „Was, Herr Abbé?“ „Es iſt kürzlich in meiner Pfarrei Saint⸗Mandé,“ antwortete der Abbé in einem Tone voll Zerknir⸗ ſchung,„einer der ehrenwertheſten Männer der Chri⸗ ſtenheit Frankreichs, ein Mann von unerſchöpflicher Wohlthätigkeit, die ſich nie verleugnete, und von aufgeklärter Frömmigkeit geſtorben; der Namen dieſer heiligen Perſon iſt gewiß bis zu Ihnen ge⸗ drungen.“ „Wie heißt er?“ fragte der Graf, der vergeblich ſuchte, wo hinaus der Abbé wollte und welch' einen Tribut er ihm aufzuerlegen gedachte. „Es war der Stiftsamtmann Gourdon de Saint⸗ Herem.“ „O! ja, Sulpice! Du haſt Recht,“ unterbrach ihn Lavier.„Ja, der Mann war ein ächter Chriſt!“ „Ich wäre unwürdig zu leben,“ ſagte Herr Rappt,„wenn ich den Namen dieſes frommen Man⸗ nes nicht kennte.“ „Nun gut,“ ſagte der Abbé,„der arme würdige Mann iſt geſtorben, indem er eine unwürdige Fa⸗ — ch 18 er er nd „ ir⸗ ri⸗ er on en ge⸗ lich en t 1. err an⸗ ige Fa⸗ 181 milie enterbte und all' ſein Beſitzthum, bewegliches wie unbewegliches, der Kirche vermachte.“ „Ach! warum erinnerſt Du mich an dieſe ſchmerz⸗ lichen Dinge?“ ſagte avier, indem er ſein Ta⸗ ſchentuch an die Augen hielt. „Weil die Kirche keine undankbare Erbin iſt, mein Bruder.“ Und zu Herrn Rappt ſich umwendend, nachdem er ſeinem Bruder dieſe Lection der Dankbarkeit ge⸗ geben, ſagte er: „Herr Graf, er hat ſechs Bände ungedruckter reli⸗ giöſer Briefe hinterlaſſen, ächte Belehrungen für einen Chriſten, eine zweite Ausaabe der„Nachfolae Chriſti“. Wir werden dieſe ſechs Bände hinter einander er⸗ ſcheinen laſſen; Sie ſollen ein Fragment in der nächſten Nummer der Revue ſehen. Ich glaubte, mein theurer Bruder in Gott, Ihren Wünſchen zu⸗ vorzukommen, indem ich Sie bei dieſem ſchönen und guten Werfe betheiligte, und habe Sie zu dieſem Ende 3 die Subſcriptionsliſte mit vierzig Exemplaren geſetzt.“ haben Sie Recht gethan, Herr Abbs,“ ſagte der künftige Deputirte, indem er ſich vor Wuth die Lippen blutig biß, zum Scheine aber beſtändig lächelte. „Ich war deſſen gewiß!“ ſagte Sulpice, indem er wieder nach der Thüre ging. Favier aber blieb wie an den Boden genagelt, ſtehen. „Nun, was willſt Du denn?“ fragte ihn Sulpice. „Ich möchte Dich fragen, was Du machſt?“ antwortete Favier. 182 „Nun, ich gehe; ich verlaſſe den Herrn Grafen; es ſcheint mir, wir nehmen ſchon zu lange ſeine Zeit in Anſpruch.“ „Und Du gehſt, vergiſſeſt ſogar die Sache, we⸗ gen der wir gekommen ſind; ja, ja, man beſchäftigt mit Kleinigkeiten und vergißt darüber die Haupt⸗ ache.“ „Sage vielmehr, Sulpice, daß Du in Deiner beklagenswerthen Schüchternheit nicht wagteſt, dem Grafen mit einer neuen Bitte beſchwerlich zu allen.“ „Gut denn, ja,“ ſagte der Abbé,„ja, ich geſtehe; das iſt's.“ „Er wird ſich niemals ändern, Herr Graf, und wenn Sie ihm nicht mit einem Korkzieher die Worte aus dem Munde ziehen, wird er nicht ſprechen.“ „Sprechen Sie, laſſen Sie hören,“ ſagte Herr Rappt.„Da wir mal dabei ſind, lieber Abbé, wollen wir's auch ganz abmachen.“ „Sie ſind es, der mich dazu ermuthigt, Herr Graf,“ ſagte der Abbé in ſchmeichelndem Tone, in⸗ dem er übermenſchliche Anſtrengungen zu machen ſchien, um ſeine Schüchternheit zu überwinden.„Nun denn, es hondelt ſich um eine Schule, die wir, ich und einige Brüder, mit tauſend Mühen und Sor⸗ gen in der Vorſtadt Saint Jacques gegründet ha⸗ ben; wir wollen mit den größten Opfer, die wir uns auferlegen, das ſehr theure Haus kaufen und es dann vom Erdgeſchoß bis zum dritten Stock be⸗ ſetzen; aber ein Apotheker wohnt im Erdgeſchoß und einem Theil des Entreſol. Es befindet ſich ein La⸗ boratorium dort, aus welchem Dünſte aufſteigen, un or⸗ a⸗ vir nd be⸗ nd La⸗ 183 die für die Geſundheit der Kinder unzuträglich ſind⸗ Wir möchten nun ein anſtändiges Mittel finden, um dieſen unbequemen Gaſt ſo raſch als möglich aus dem Hauſe zu bringen, denn, wie man ſieht, es liegt Gefahr im Verzuge.“ „Ich bin über dieſe Sache genau unterrichtet, Herr Abbs,“ unterbrach ihn der Graf;„ich habe den Apotheker geſprochen.“ „Sie haben ihn geſprochen?“ rief der Abbé. „Ich habe es Dir doch geſagt, Tavier, daß er es war, welcher wegging, als wir eintraten.“ „Ich ſagte, er ſei es nicht, weil ich mir nicht denken konnte, daß er die Kühnheit haben werde, ſich bei dem Herrn Grafen einzufinden.“ „Er hatte die Kühnheit,“ antwortete der künf⸗ tige Deputirte. „Allerdings, ſagte der Abbé,„wenn Du ihn nur anſahſt, mußteſt Du erkennen, was das für ein Menſch iſt.“ „Ich bin ein ziemlich guter Phyſiognom, meine Herren, und ich glaube es erkannt zu haben.“ „In dieſem Falle werden Sie ſeine großen Na⸗ ſenflügel bemerkt haben?“ „Er hat allerdings eine enorme Naſe.“ „Das iſt das Zeugniß der ſchlimmſten Leiden⸗ ſchaften.“ „So ſagt Lavater.“ „Man erkennt daran den gefährlichen Menſchen.“ „Ich glaube.“ „Wenn man ihn nur ſieht, weiß man ſchon, daß er ſich zu den gefährlichſten politiſchen Anſich⸗ ten bekennt.“ 184 „Er iſt allerdings ein Voltairianer.“ „Das heißt ſo viel als Atheiſt.“ „Er war Girondiſt.“ „Das heißt er war Königsmörder.“ „Er haßt die Geiſtlichen.“ „Und wer die Prieſter haßt, liebt auch Gott nicht, und wer Gott nicht liebt, liebt den König nicht, weil der König von Gottes Gnaden regiert.“ „Er iſt alſo entſchieden ein ſchlechter Menſch.“ „Ein ſchlechter Menſch, das heißt ſo viel, als ein Revolutionär!“ ſagte der Abbé. „Ein Blutſauger,“ ſagte der Maler,„der nur an den Umſturz der menſchlichen Ordnung denkt.“ „Ich war davon überzeugt,“ ſagte Herr Rappt; „er hat ein zu ruhiges Ausſehen, um nicht ein ge⸗ waltthätiger Menſch zu ſein... Ich bin Ihnen für dieſe Charakteriſtik zu großem Danke verpflichtet, meine Herren.“ „Keineswegs, Herr Graf,“ ſagte Favier,„wir haben nur unſere Pflicht gethan.“ „Die Pflicht jedes guten Bürgers,“ fügte Sul⸗ pice hinzu. „Wenn Sie, meine Herren, mir ſchriftliche und unzweifelhafte Beweiſe der Bösartigkeit dieſes Men⸗ ſchen geben können, ſo wäre es vielleicht möglich, ihn verſchwinden zu machen, ſich ſeiner auf die eine oder andere Weiſe zu entledigen; können Sie mir dieſe Beweiſe geben?“ „Nichts leichter,“ ſagte der Abbé, mit einem vipernartigen Lächeln;„wir haben glücklicher Weiſe alle Beweiſe in Händen.“ „Alle!“ verſicherte der Maler. ht, ht, als an pt; ge⸗ für tet, wir Sul⸗ und Nen⸗ lich, eine mir inem Weiſe 185 Der Abbé zog aus ſeiner Taſche, gerade wie es der Apotheker gemacht, ein vierfach gefaltetes Pa⸗ pier und ſagte, indem er es Herrn Rappt darbot: „Sehen Sie hier eine von zwölf der bedeutend⸗ ſten Aerzte des Quartiers unterzeichnete Petition, welche beweist, daß die von dieſem Giftmiſcher ver⸗ kauften Medicamente nicht mit der in ſolchen Dingen nöthigen Vorſicht präparirt ſind; ſo daß einige von dieſen Droguen unzweifelhaft den Tod herbeigeführt haben.“ „Tod und Teufel, das iſt ja furchtbar!“ ſagte Herr Rappt,„geben Sie mir dieſe Petition, meine Herren und glauben Sie mir, daß ich guten Ge⸗ brauch von derſelben machen werde.“ „Das Geringſte, was man für einen ſolchen Menſchen reclamiren kann, Herr Graf, da es nicht möglich iſt, ihn in ein Gefängniß von Rochefort oder Breſt zu bringen, iſt wenigſtens eine Zelle in Bicetre.“ „O! Herr Abbé, welch großes Beiſpiel chriſtli⸗ cher Liebe ſind Sie!“ ſagte der Graf,„Sie wollen die Reue, nicht den Tod des Sünders.“ „Herr Graf,“ ſagte der Abbé, ſich verbeugend, „ich arbeite ſeit langer Zeit mit Hilfe von Nach⸗ forſchungen, die ich mit großer Mühe anſtellte, an Ihrer Biographie. Ich wartete nur noch eine Un⸗ terredung ab, wie die, welche wir eben hatten, um ſie erſcheinen zu laſſen. Ich werde ſie in der näch⸗ ſten Nummer der Hermine ankündigen. Ich habe noch einen weitern Zug zu Ihrer Charakteriſtik, die Liebe zur Humanität, hinzuzufügen.“ „Herr Graf,“ fügte Kavier hinzu,„ich werde 186 dieſen Beſuch nie vergeſſen und wenn ich den Ge⸗ rechten male, bitte ich um die Erlaubniß, mich der Züge Ihres edlen Geſichtes erinnern zu dürfen.“ Während dieſer Unterredung hatte der Oberſt, in ſeiner Eigenſchaft als großer General, ein Titel, den ihm der Abbé gegeben, wie ein geſchickter Strate⸗ giker gehandelt, und die beiden Brüder bis an die Thüre gedrängt. Sei es nun, daß er das Manöver verſtanden, oder nichts mehr zu ſagen hatte, der Abbé entſchloß ſich, die Hand auf den Knopf zu legen. In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thüre, nicht durch den Druck des Abbé, ſondern durch einen Druck von Außen, und die alte Marquiſe von la Tournelle, welche unſere Leſer nicht vergeſſen haben, wie ich hoffe, und die durch mehr als ein verwand⸗ ſchaftliches Band mit dem Grafen Rappt verbunden war, ſtürzte athemlos in das Zimmer. „Gott ſei Dank!“ murmelte Rappt, indem er ſich endlich aus den Klauen ber beiden Brüder be⸗ freit glaubte. XCV. Wo offen geſagt iſt, was an der Aufregung der Frau von la Tournelle ſchuldig war. „Zu Hilfe! ich ſterbe!“ rief die Marquiſe mit ſchwacher Stimme, indem ſie mit geſchloſſenen Augen in die Arme des Abbé Bouquemont ſank. „Mein Gott! Frau Marquiſe,“ machte dieſer, „was iſt geſchehen?“ e—— e, n la n, d⸗ en er e⸗ nit en 187 „Wie! Sie kennen die Frau Marquiſe?“ ſagte Graf Rappt, der näher getreten war, um Frau von la Tournelle zu unterſtützen und zurücktrat, als er ſie in den Armen eines Freundes ſah. Nichts in der Welt konnte ihm mehr Schrecken verurſachen, als zu ſehen, daß Frau von la Tour⸗ nelle die Freundin eines ſo giftigen Menſchen, wie der Abbé ſei. Er kannte die Leichtfertigkeit der Marquiſe und bisweilen in der Nacht fuhr er von Schweiß bedeckt auf, wenn er daran dachte, daß ſeine Geheimniſſe in den Händen einer Frau ſeien, die ihn von gan⸗ zem Herzen liebte, die ihn jedoch wie der Bär des Lafontaine, eines Tages zermalmen konnte, indem ſie ihm, um eine Mücke zu verſcheuchen, eines ſei⸗ ner Geheimniſſe an den Kopf warf. Wenn die Marquiſe die Freundin der beiden Brüder war, ſo kannte er die Marquiſe zu gut, um zu wiſſen, daß ſie, ſtatt eine Stütze für ihn zu ſein, eine Stütze für die Männer der Kirche ſein werde. Er wurde deßhalb immer beſtürzter, als Abbé Bouquemont auf die Worte:„Wie, Sie kennen die Marquiſe?“ die ihm beinahe unwillkürlich entſchlüpft waren, die Frage des Grafen bezüglich des Herrn von Saint Herem parodirend, antwortete: „Ich wäre nicht würdig, zu leben, wenn ich nicht eine der frömmſten Perſonen von Paris kennte!“ Der Graf ſah, daß er in Bezug auf dieſe Be⸗ kanntſchaft einen Entſchluß faſſen müſſe, und auf die Marquiſe zutretend, die aus Gewohnheit in ihrem —— 188 ſechzigſten Jahre eine jener Ohnmachten erkünſtelte, die ihr im zwanzigſten ſo gut ſtanden, fragte er ſie: „Was haben Sie, Madame? laſſen Sie uns nicht länger in Unruhe, ich bitte Siei „Ich werde ſterben,“ antwortete die Marquiſe, ohne die Augen zu öffnen. Das hieß zu gleicher Zeit antworten und nicht antworten.* Graf Rappt, welcher ſah, daß die Sache keines⸗ wegs ſo beunruhigend ſei, als er anfangs gefürch⸗ tet, begnügte ſich, zu ſeinem Secretär zu ſagen: „Man muß ärztliche Hilfe herbeirufen, Bordier.“ „Unnütz,“ antwortete die Marquiſe, indem ſie die Augen öffnete, und mit Schrecken um ſich ſah. Sie gewahrte den Abbé. „Ah! Sie ſind es, Herr Abbé,“ ſagte die alte Betſchweſter im zärtlichſten Tone. Dieſer Ton machte den Grafen ſchauern. „Ja, Frau Marquiſe, ich bin es,“ antwortete der Abbö heiter;„und ich habe die Ehre, Ihnen meinen Bruder, Herrn Lavier Bouquemont, vorzuſtellen.“ „Einen Maler von großem Verdienſte,“ ſagte die Marquiſe mit dem anmuthigſten Lächeln,„den ich unſerem künftigen Deputirten von ganzem Her⸗ zen empfehle.“ „Unnöthig, Madame,“ antwortete Herr Rappt, Fdieſe Herren empfehlen ſich durch ſich ſelbſt.“ Die beiden Brüder ſenkten die Blicke und ver⸗ beugten ſich beſcheiden und mit einer ſo vollkommen gleichen Bewegung, daß man hätte glauben ſollen, ſie geben dem gleichen Drucke nach. „Was iſt Ihnen denn geſchehen, Marquiſe?“ te er en te r⸗ pt, er⸗ len en, 189 fragte Herr Rappt halblaut, als wollte er den bei⸗ den Fremden bedeuten, daß längeres Verweilen un⸗ beſcheiden ſein würde. Der Abbé begriff die Abſicht und machte eine Miene, als wollte er ſich zurückziehen. „Mein Bruder,“ ſagte er,„ich bemerke, daß wir die Zeit des Herrn Grafen ungebührlich in Anſpruch nehmen.“ Aber die Marquiſe hielt ihn an ſeinem Rockflü⸗ gel zurück. „Keineswegs, Herr Abbé,“ ſagte ſie;„die Ur⸗ ſache meines Schmerzes iſt für Niemanden ein Ge⸗ heimniß. Da Sie dem, was mir begegnet, überdies nicht ganz fremd ſind, ſo bin ich entzückt, Sie hier zu finden.“ Die Stirne des künftigen Abgeordneten verdü⸗ ſterte ſich und die Stirne des Abbé leuchtete vor Freude. „Was wollen Sie ſagen, Frau Marquiſe?“ rief er.„Wie ich, der ich mein Leben für Sie gäbe, ſollte den Kummer haben, Ihdem Schmerze nicht ganz fremd zu ſein?“ „O! Herr Abbé,“ ſagte die Marquiſe mit einem verzweifelten Tone:„Sie kennen doch Croupette?“ „Croupette!“ rief der Abbé in einem Tone, der offenbar ſagen wollte:„Wer iſt das?“ Der Graf, welcher wußte, wer Croupette war, und die Urſache dieſes großen Schmerzes der Mar⸗ quiſe ahnte, ſank in einen Fauteuil, indem er einen Seufzer der Muthloſigkeit ausſtieß, wie ein Mann, der des Krieges müde, ſeinen Feinden die Stellung überläßt. 190 „Ja, Croupette,“ verſetzte die Marquiſe in weh⸗ müthigem Tone.„Sie kennen ſie ganz gewiß; Sie haben mich zwanzig Male mit ihr geſehen.“ „Wo das, Frau Marquiſe?“ verſetzte der Abbé. „Nun, auf Ihrer Pfarrei, Herr Abbé, bei der Brüderſchaft, in Montrouge. Ich habe ſie, oder vielmehr ich hatte ſie immer bei mir. O! großer Gott, das arme Thier, es hätte ſchön geheult, wenn ich es allein zu Hauſe gelaſſen.“ „Ah! nun weiß ich,“ rief der Abbé, der durch den Ausruf: das arme Thier! auf die Spur ge⸗ bracht war.„Nun weiß ich!“ Und ſich wie ein Verzweifelter auf die Stirne ſchlagend, rief er: „Es handelt ſich um Ihre reizende kleine Hün⸗ dini ein allerliebſtes, kleines Thier, anmuthig und klug! Ihm wäre ein Unglück begegnet, Frau Mar⸗ quiſe, dieſer lieben, kleinen Croupette.“ „Ein Unglück! allerdings iſt ihm ein Unglück begegnet,“ rief die Marquiſe ſchluchzend;„es iſt todt, Herr Abbé!“ „Todt!“ riefen die beiden Brüder im Chor. „Das Opfer eines ſchändlichen Verbrechens, eines abſcheulichen hinterliſtigen Streiches.“ „O Himmel!“ rief Tavier. „Und wer iſt der Urheber dieſer verwünſchten Miſſethat?“ fragte der Abbé. „Wer? Sie fragen?“ machte die Marquiſe. „Ja, wir fragen,“ ſagte Lavier. „Nun denn,“ ſagte die Marquiſe,„es iſt unſer gemeinſchaftlicher Feind, der Feind der Regierung, ⸗ T⸗ ick t, ſer ng, 191 der Feind des Königs, der Apotheker des Faubourg Saint Jacques!“ „Ich war davon überzeugt!“ rief der Abbé. „Ich hätte darauf ſchwören mögen,“ ſagte der Maler. „Aber wie iſt das gekommen, mein Gott?“ „Ich war zu unſern guten Schweſtern gegan⸗ gen,“ machte die Marquiſe:„als ich an dem Apo⸗ theker vorüber komme, bleibt die arme Croupette, die ich an der Leine führe, ſtehen— ich glaube das arme Thier müſſe einen Augenblick ſtehen bleiben.— Ich bleibe auch ſtehen... Plötzlich ſtößt es einen Angſtſchrei aus, ſieht mich ſchmerzlich an und fällt todt auf das Pflaſter.“ „Furchtbar!“ rief der Abbé, indem er den Blick zur Decke erhob.“ „Schrecklich!“ ſagte der Maler, ſich das Geſicht bedeckend. Während dieſer Erzählung hatte der Graf ſeine Ungeduld an einem Packet Federn ausgelaſſen, de⸗ ren Poſen er ſammt und ſonders ausgeſchnitten. Die Frau Marquiſe von la Tournelle bemerkte plötzlich, welch' geringes Intereſſe er an der Er⸗ zählung dieſer rührenden Cataſtrophe nahm und wie ungeduldig ihn die Anweſenheit der beiden Brü⸗ der machte. Sie ſtand auf. „Meine Herren,“ ſagte ſie mit kalter Würde, „ich bin Ihnen um ſo dankbarer für die Beweiſe von Theilnahme, welche Sie der unglücklichen Crou⸗ pette geben, als dieſe lebhaft contraſtiren mit der tiefen Gleichgültigkeit meines Herrn Neffen, der nur 192 mit ſeinen ehrgeizigen Planen beſchäftigt, keine Zeit hat, Angelegenheiten des Herzens die geringſte Auf⸗ merkſamkeit zu ſchenken.“ Die beiden Brüder ſahen den Grafen Rappt entrüſtet an. „Kröte und Viper!“ murmelte dieſer. Dann ſich an die Marguiſe wendend, ſagte er zu ihr: „Keineswegs, Madame, und Beweis vom Ge⸗ gentheil, daß ich nämlich den lebhafteſten Antheil an Ihrem Kummer nahm, mag Ihnen das ſein, daß ich mich zu Ihrer Dispoſition ſtelle, um den Urheber des Vergehens zu verfolgen.“ „Haben wir es Ihnen nicht geſagt, Herr Graf,“ machte der Abbé,„daß dieſer Menſch ein Elender ſei, der jedes Verbrechens fähig iſt?“ „Ein großer Miſſethäter!“ machte Favier. „Sie haben es mir allerdings geſagt, meine Herren,“ verſetzte der Deputirte, indem er aufſtand und die beiden Brüder grüßte, als wollte er ſagen: „Da wir uns nunmehr verſtehen, da wir jetzt der⸗ ſelben Anſicht ſind, da keine Meinungsverſchiedenheit uns fortan trennt, ſo gehen Sie nach Hauſe und laſſen Sie mich in Ruhe.“ Die beiden Brüder verſtanden die Bewegung und namentlich den Blick. „Leben Sie wohl denn, Herr Graf,“ ſagte der Abbé Bouquemont mit etwas kaltem Ausdruck.„Ich bedaure, daß Sie uns nicht noch einige Augenblicke widmen konnten; wir hatten Ihnen noch einige wichtige Fragen vorzulegen.“ „Von höchſter Wichtigkeit, fügte Kavier bei. er E⸗ il n, en . er nd n: er⸗ heit und und der Ich licke nige 193 „Es iſt nur aufgeſchoben,“ ſagte der künftige Deputirte,„und ich ſchmeichle mir, daß ich das Ver⸗ gnügen haben werde, Sie wieder zu ſehen.“ „Es iſt unſer glühendſter Wunſch,“ machte der Maler. baldiges Wiederſehen alſo,“ machte der Abbé. Und ſich vor dem Grafen verbeugend, ging der Abbé zuerſt weg; ſein Bruder, nachdem er ſei⸗ nem ältern Bruder in allem nachgeahmt, folgte ihm. Graf Rappt ſchloß die Thüre hinter ihnen und blieb einige Zeit, die Hand auf die Klinke ſtützend, ſtehen, um ſich zu verſichern, daß ſie nicht zurück⸗ kehrten. Dann wandte er ſich an ſeinen Secretär und ſagte mit einer Stimme, die nur ſo viel Kraft übrig behalten zu haben ſchien, um dieſen letzten Befehl zu geben: „Bordier, Sie kennen doch dieſe beiden Men⸗ ſchen?“ „Ja, Herr Graf,“ machte Bordier. „Gut denn, Bordier, ich jage Sie fort, wenn dieſe noch einmal den Fuß in mein Cabinet ſetzen.“ „Welche Wuth gegen Männer Gottes, mein lie⸗ ber Rappt!“ ſagte die Marquiſe in frömmelndem Tone. „Männer Gottes, ſie?“ rief der künftige Depu⸗ tirte vor Zorn roth werdend.„Helfershelfer des Satan, Abgeſandte des Teufels! wollten Sie ſagen.“ „Sie täuſchen ſich, mein Herr, und zwar ganz und gar, das ſchwöre ich Ihnen,“ ſagte die Marquiſe. Dumas, Salvator, VI. 13 194 „Ah! das iſt wahr, ich vergaß, daß es Ihre Freunde ſind.“ „Und ich habe für die Frömmigkeit des Einen die tiefſte Bewunderung und für das Talent des Andern die herzlichſte Sympathie.“ „Wohl, ich mache Ihnen mein aufrichtigſtes Compliment, Marquiſe,“ ſagte der Graf, indem er ſich die Stirne trocknete:„Ihre Sympathie und Ihre Bewunderung ſind gut angebracht. Ich habe eine große Anzahl von Schuften kennen gelernt, ſeit ich im öffentlichen Amte bin; aber zum erſten Male in meiner ganzen Carrière habe ich Intrikanten von dieſem Kaliber getroffen. O! die Kirche wählt ihre Leviten gut. Es ſetzt mich nicht in Erſtaunen, daß ſie ſo unpopulär iſt.“ „Mein Herr,“ rief die Marquiſe heftig erzürnt, „Sie blasphemiren.“ „Sie haben Recht; wir wollen nicht mehr von ihnen ſprechen; laſſen Sie uns zu etwas Anderem kommen.“ Dann wandte er ſich an ſeinen Secretär und ſagte, indem er wieder auf den Weg zu kommen ſuchte, den er eben verloren hatte: „Bordier, ich habe mit meiner lieben Tante eine Sache von höchſter Wichtigkeit zu beſprechen. Es iſt mir deßhalb unmöglich, weitere Beſuche zu empfan⸗ gen. Gehen Sie in das Vorzimmer, und ſchicken Sie mit Ausnahme von zwei bis drei Perſonen, deren Auswahl ich Ihrem Scharfblick überlaſſe, die Uebrigen weg. Auf Ehre, ich bin ganz gebrochen von Anſtrengung.“ n es es er nd be eit le on re ß nt, on em und nen ine iſt an⸗ cken nen, die chen 195 Der Secretär ging und Graf Rappt blieb mit der Marquiſe von la Tournelle allein. „O, wie abſcheulich die Menſchen ſind,“ murmelte die Marquiſe dumpf vor ſich hin, indem ſie halb ohnmächtig in einen Fauteuil zurückſank. Herr Rappt hatte gute Luſt, es ebenſo zu ma⸗ chen; aber der Wunſch, jene wichtige Unterredung mit ſeiner Tante zu haben, von welcher er Bordier geſprochen, hielt ihn zurück. „Liebe Marquiſe,“ ſagte er, indem er auf ſie zuging und leicht mit der Hand ihre Schulter be⸗ rührte,„ich wäre bereit, namentlich in dieſem Augen⸗ blicke, ganz auf Ihre Intereſſen einzugehen; aber Sie wiſſen, daß es nicht der rechte Augenblick iſt, uns in allgemeine Betrachtungen zu verlieren; die Wahlen finden übermorgen ſtatt.“ „Das iſt der Grund,“ verſetzte die Marquiſe, „weßhalb ich es unklug finde, daß Sie ſich zwei Menſchen zu Feinden machen, die bei der clericalen Partei ſolchen Einfluß haben, wie der Abbs Bou⸗ quemont und ſein Bruder.“ „Wie! zwei Feinde?“ rief der Graf;„zwei Feinde aus dieſen beiden Schuften.“ „O! Sie können darauf zählen. Ich habe ge⸗ ſehen, welcher Haß aus ihren Blicken ſprühte, als dieſe beiden würdigen jungen Männer Abſchied nahmen.“ „Dieſe beiden würdigen jungen Männer!.. Wahrhaftig, Sie machen mich fluchen, meine Tante Feinbe!... Ich ſollte mir Feinde aus dieſen beiden Schurken gemacht haben?.. Ein Blick des Haſſes! Sie hätten mir einen Blick 1* 196 zugeworfen, als ſie mich verließen... Aber, wann haben ſie mich verlaſſen, Frau Marquiſe; wiſſen Sie, daß ſie ſeit mehr als einer Stunde hier waren? Wiſſen Sie, daß ſie dieſe Stunde damit zugebracht, abwechſelnd mir zu ſchmeicheln und mir zu drohen? Wiſſen Sie, daß ich dem Einen eine Pfarrei mit fünf bis ſechstauſend Franken, dem Andern die Ausmalung einer Kirche verſprochen; und nun, nachdem ich ihre Habgier geſättigt, ſoll ich ihren Haß erndten müſſen? H! meiner Treue, ſo wenig reizbar ich bin, das Herz hat ſich mir zuletzt vor Widerwillen umgedreht, und wenn ſie nicht ſelbſt ge⸗ gangen wären, ich glaube, Gott verzeihe mir, ich hätte ſie vor die Thüre geſetzt.“ „Und Sie hätten ſehr großes Unrecht gehabt; Abbé Bouquemont iſt der Vertraute des Monſeigneur Coletti, der mir bereits ſehr ſchlecht auf Sie zu ſprechen ſcheint.“ „Ah! da ſind wir bei dem rechten Thema, es iſt Zeit. Was ſagen Sie mir da, MWonſeigneur Co⸗ letti ſollte ſchlecht auf mich zu ſprechen ſein?“ „Sehr ſchlecht.“ „Sie haben ihn alſo geſprochen?“ „Haben Sie mich nicht darum gebeten?“ „Gewiß, denn dieſer Beſuch iſt ja gerade die wichtige Sache, von der ich mit Ihnen ſprechen wollte.“ „Es muß Ihnen Jemand bei dem geſchadet haben, mein lieber Graf.“ „Nur keine Umſchweife, Marquiſe; erklären wir uns. Sie lieben mich von ganzem Herzen, nicht wahr?“ die en t vir icht 197 „Mein lieber Rappt, können Sie daran zweifeln?“ „Ich zweifle nicht daran. Deßhalb ſpreche ich auch offen mit Ihnen. Ich muß berühmt werden. Ich will es ſein. Es iſt für mich das to be or not to be; meine ganze Zukunft beruht darauf. Der Ehrgeiz wird mir das Glück erſetzen. Aber dieſer Ehrgeiz muß befriedigt werden. Ich muß Deputir⸗ ter werden, um Miniſter zu ſein; ich will Miniſter ſein; ich muß Miniſter ſein. Nun denn, Monſeig⸗ neur Coletti hatte verſprochen, daß er durch die Herzogin von Angouldme, deren Beichtvater er iſt, den König zu dieſer Ernennung bringen werde. Hat er gethan, was er verſprochen?“ „Nein,“ ſagte die Marquiſe. „Er hat es nicht gethan?“ rief der Graf erſtaunt. „Und,“ ſagte die Marquiſe,„ich glaube ſogar, daß er gar nicht geneigt iſt, es zu thun.“ „Wie— wahrhaftig, der Kopf möchte mir zer⸗ ſpringen!— er weigert ſich, mich zu unterſtützen?“ „Durchaus.“ „Er hat es Ihnen geſagt?“ „. „So! er hat alſo vergeſſen, wer ihn zum Biſchof gemacht, und daß Sie es ſind, durch die er in das Haus der Frau Herzogin von Angouldme kam?“ „Er erinnert ſich alles deſſen, aber all' das, ſagt er, werde ihn nicht gegen ſein Gewiſſen han⸗ deln laſſen.“ „Sein Gewiſſen! ſein Gewiſſen!“ murmelte der Graf Rappt.„Bei welchem Wucherer hatte er es denn verſetzt und welcher meiner Feinde hatte ihm das Geld geliehen, um es auszulöſen?“ 198 „Mein lieber Graf! mein lieber Graf!“ rief die Marquiſe ſich bekreuzend,„ich kenne Sie nicht wie⸗ der; die Leidenſchaft hat Sie ganz wirr gemacht!“ „Das iſt ja um ſich den Kopf gegen die Wand zu rennen. Wieder Einer, den ich erkauft glaubte, und der ſeinen Preis machen will, ehe er ſich ver⸗ kauft! Meine liebe Marquiſe, ſetzen Sie ſich in Ihren Wagen.. Sie ſehen heute Welt bei ſich, nicht wahr?“ „J. „Nun, ſo gehen Sie laden Sie ihn ein.“ zu Monſeigneur Coletti, „Sie denken doch nicht, es iſt ja zu ſpät.⸗ „Sie ſagen, Sie hätten ihn in eigener Perſon einladen wollen.“ „Ich komme eben von ihm und habe ihm nicht ein Wort davon geſagt.“ „Wie, Sie wiſſen, wie wenig Zeit ich habe und vermochten ihn nicht, mit Ihnen zu kommen?“ „Er hat ſich geweigert, indem er ſagte, daß, wenn Sie glaubten, etwas mit ihm zu thun zu haben, es an Ihnen ſei nicht an ihm, zu Ihnen „Ich werde ihn morg zu ihm zu kommen und zu kommen.“ en beſuchen.“ „Es wird zu ſpät ſein.“ „Wie das?“ „Die Journale werden erſchienen ſein und was man gegen Sie zu ſagen „Was kann er gegen „Wer weiß?“ „Wie! Wer weiß? hat, wird gedruckt ſein.“ mich zu ſagen haben?“ Erklären Sie ſich.“ „Monſeigneur Coletti iſt, wie Sie wiſſen, im 7 d n h, ti, on ht nd ß, nd 199 Begriff die Prinzeſſin Rina zum Katholizismus zu bekehren.“ „Sie hat noch nicht convertirt?“ „Nein; aber ihre Geſundheit wird täglich ſchwä⸗ cher; er iſt überdieß der Beichtvater Ihrer Frau.“ „H! Regina hat nichts gegen mich ſagen können.“ „Wer weiß! in der Beichte..“ „Madame!“ machte der Graf entrüſtet,„für die ſchlechteſten Sünder iſt die Beichte heilig.“ „Nun, was weiß ich! aber wenn ich Ihnen einen Rath geben ſoll...“ „Nun?“ „So ſteigen Sie in Ihren Wagen und ma⸗ chen Sie Frieden mit ihm.“ „Aber ich habe noch einige Wähler zu em⸗ pfangen.“ „Verſchieben Sie ſie auf morgen.“ „Ich werde ihre Stimme verlieren.“ „Beſſer drei Stimmen verlieren, als tauſend.“ „Sie haben Recht.— Baptiſte!“ rief Herr Rappt, indem er ſich an die Glocke hing.„Baptiſte!“ Baptiſte erſchien. „Meinen Wagen,“ ſagte der Graf,„und ſchicken Sie mir Bordier.“ Einen Augenblick ſpäter trat der Secretär in das Cabinet. „Bordier,“ ſagte der Graf,„ich gehe über die Hintertreppe weg; ſchicken Sie alles fort.“ Und nachdem er lebhaft die Hand der Marquiſe geküßt, ſtürzte Herr Rappt aus ſeinem Cabinet, je⸗ doch nicht ſo lebhaft, daß er nicht Frau von la Tournelle zu ſeinem Secretär hätte ſagen hören: 200 „Und jetzt, Bordier, wollen wir den Tod Crou⸗ pettes zu rächen ſuchen, nicht wahr?“ XCVI. Wo gezeigt iſt, daß zwei Auguren ſich nicht anſehen können, ohne zu lachen. Graf Rappt kam raſch nach der Rue St. Guil⸗ laume, wo das Hötel lag, das Monſeigneur Coletti inne hatte. Monſeigneur bewohnte einen Pavillon zwiſchen Hof und Garten. Es gab nichts Reizenderes als dieſe Wohnung; es war das ächte Reſt für einen Poeten, Liebenden oder Abbé, offen da liegend für die Mittagsſonne und hermetiſch verſchloſſen für die grauſomen Nordwinde. Das Innere dieſes Pavillons verrieth auf den erſten Blick die raffinirte Sinnlichkeit der heiligen Perſon, die ihn bewohnte. Eine laue, balſamiſche, wollüſtige Luft umfing den Eintretenden, und ein Menſch, den man mit verbundenen Augen dahin gebracht, hätte, wenn er nur den Duft der Athmos⸗ phäre eingeathmet, ſich in einem jener geheimnißvollen berauſchenden Boudoirs glauben müſſen, wo die Beaus des Directoriums ihre Hohenlieder ſangen und ihren Weihrauch verbrannten. Ein Diener, halb Huiſſier, halb Geiſtlicher, führte den Grafen Rappt in einen kleinen, halb erleuchteten oder vielmehr halb dunkeln Salon, durch den man in das Empfangszimmer kam. „Seine Eminenz iſt in dieſem Augenblicke ſehr 201 beſchäftigt,“ ſagte der Diener,„und ich weiß nicht, ob Sie empfangen werden; aber wenn Sie mir Ihren Namen ſagen wollen..“ „Melden Sie den Grafen Rappt,“ antwortete der künftige Deputirte. Der Diener verbeugte ſich tief und trat in den Salon. Er kehrte einige Augenblicke ſpäter zurück und ſagte: „Seine Eminenz werden den Herrn Grafen em⸗ pfangen.“ Der Oberſt wartete nicht lange. Nach Verfluß von fünf Minuten ſah er aus dem Salon, begleitet von Monſeigneur Coletti, zwei Perſonen treten, de⸗ ren Geſicht er anfangs wegen der Dunkelheit, die in dem Zimmer herrſchte, nicht unterſcheiden konnte, die er aber bald erkannte, als er ſie ſich mit einer Servilität, von der nur die Brüder Bouquemont ſein konnten, vor ihm verbeugen ſah. Es war wirklich Sulpice und Lavier Bouquemont. Herr Rappt grüßte ſie ſo höflich er nur konnte und trat, gefolgt von dem Biſchof, der durchaus nicht vorangehen wollte, in den Salon. „Ich war nicht auf die Ehre und das Vergnü⸗ gen gefaßt, Sie heute zu ſehen, Herr Graf,“ ſagte Seine Eminenz, indem er den Grafen Rappt auf eine Cauſeuſe ſitzen ließ und ſich dann gleichfalls ſetzte. „Und weßhalb, Monſeigneur?“ fragte dieſer. „Weil ein Staatsmann, wie Sie,“ antwortete Monſeigneur Coletti mit demüthiger Miene,„am 202 Tage vor der Wahl anderes zu thun haben muß, als einen armen Einſiedler wie mich zu beſuchen.“ „Monſeigneur,“ ſagte der Graf lebhaft, da er ſah, daß ihn dieſe heuchleriſche Comödie zu weit führen könnte,„die Frau Marquiſe Tournelle hatte die Freundlichkeit mir mitzutheilen, daß ich, was mich ſehr überraſchte und bekümmerte, allen Credit bei Ihnen verloren.“ „Die Frau Marquiſe von la Tournelle ging vielleicht etwas zu weit, als ſie ſagte: allen Credit,“ warf der Abbé ein. „Sie wollen damit ſagen, Monſeigneur, daß wenig fehlt.“ „Ich geſtehe, Herr Graf,“ antwortete der Abbé, die Stirne mit einem ſchmerzlichen Ausdrucke run⸗ zelnd und die Augen zum Himmel erhebend, als wenn er auf den Sünder, der vor ihm ſaß, die ganze göttliche Barmherzigkeit herabrufen wollte,„ich ge⸗ ſtehe, daß in dem Augenblicke, wo Seine Majeſtät mich um meine offene Meinung über Ihre Wieder⸗ erwählung und Ihren Eintritt in's Miniſterium be⸗ fragte, ich geſtehe.. daß ich, ohne alles zu ſagen, was ich dachte, mich gezwungen fühlte, den König zu bitten, ſich die Sache zu überlegen und nicht einen Entſchluß zu faſſen, ehe ich zuvor mit Ihnen geſprochen.“ „Ich bin auch nur zu dem einen Zwecke hier, Monſeigneur,“ ſagte der künftige Deputirte ziemlich trocken. „Nun gut.. ſo laſſen Sie uns plaudern, Herr Graf.“ „Was haben Sie mir vorzuwerfen, Monſeig⸗ it h ei 8 , n⸗ in ze e⸗ ät r⸗ e⸗ n, ig cht en er, ich err 203 neur?“ fragte Herr Rappt;„wohlverſtanden per⸗ ſönlich.“ „Ich!“ rief der Biſchof mit unſchuldiger Miene; „ich ſollte Ihnen perſönlich etwas vorzuwerfen ha⸗ ben? Sie machen mich in der That verlegen; denn ſo bald es ſich nur um mich handelt, Herr Graf, ſo habe ich nur zu loben! Ich habe es dem Könige geſagt, ich geſtehe es laut; ich ſage es jedermann, der es hören will, ich bin Ihr dankbarſter Diener.“ „Um was handelt es ſich aber denn? Da Sie, wie Sie ſagen, nur zu loben haben, woher kommt denn der Mißcredit, in welchem ich bei Ihnen ſtehe?“ „Das läßt ſich Ihnen ſehr ſchwer ſagen,“ machte der Biſchof, indem er mit verlegener Miene den Kopf ſchüttelte. „Ich kann Ihnen vielleicht helfen, Monſeigneur.“ „Das iſt mein ſehnlichſter Wunſch, Herr Graf; Sie ahnen auch vielleicht, wie mich dünkt, um was es ſich handelt?“ „Keineswegs; ich verſichere Sie,“ verſetzte Herr Rappt;„aber indem wir beide ſuchen, werden wir vielleicht auf das Richtige kommen.“ „Ich bin ganz Ohr.“ „Es ſind in Ihnen zwei Menſchen, Monſeigneur: der Geiſtliche und der Staatsmann,“ ſagte der Graf, indem er den Biſchof feſt anſah;„welchen von beiden habe ich beleidigt?“ „Keinen von beiden,“ antwortete der Biſchof, indem er ſich ſtellte, als zögerte er. „Ich bitte um Vergebung, Monſeigneur,“ fuhr Graf Rappt fort;„wir wollen offen ſprechen, ſagen 204 Sie mir, welchem von beiden ich eine Rechtfertigung und Sühne ſchuldig bin.“ „Hören Sie mich an, Herr Graf,“ ſagte der Biſchof;„ich werde wirklich offen mit Ihnen reden; und um damit zu beginnen, erlauben Sie mir, Sie daran zu erinnern, welche Bewunderung ich für Ihr ſchönes Talent habe. Kein Mann ſchien mir bis jetzt würdiger, als Sie, ſich zu den höchſten Würden des Staates emporzuſchwingen; unglückli⸗ cher Weiſe hat ein Flecken den Glanz, mit dem ich Sie bis jetzt ſo gerne umgab, verdunkelt.“ „Erklären Sie ſich, Monſeigneur. Ich wünſche nichts mehr, als zu beichten.“ „Nun gut,“ ſagte langſam und kalt der Biſchof, „ich nehme Sie beim Wort; ich will Sie beichten laſſen. Der Zufall hat mich zum Mitwiſſer eines Vergehens gemacht, das Sie begangen; geſtehen Sie, als ſtänden Sie vor dem Bußgericht; und müßte ich ſelbſt meine Kniee brauchen, um für Sie zu bitten, ich würde Tag und Nacht die göttliche Gnade anrufen, bis ich Verzeihung für Sie erlangt.“ „Heuchler!“ dachte Graf Rappt,„Heuchler und Dummkopf! Wie kannſt Du glauben, daß ich ſo einfältig ſein werde, mich im Retze fangen zu laſ⸗ ſen? Im Gegentheil, ich werde Dich beichten laſ⸗ ſen... Monſeigneur,“ fuhr er laut fort,„wenn ich Sie recht verſtanden, ſo ſind Sie durch Zufall (und er legte abſichtlich Nachdruck auf dieſes Wort) durch Zufall zur Kenntniß eines Vergehens gekom⸗ men, das ich begangen. Bringen Sie mich ein we⸗ nig auf die Spur! Iſt es eine lösliche Sünde.. oder.. eine Todſünde? Darauf beruht die ganze Frage?“ „Prüfen Sie ſich, Herr Graf, fragen Sie ſich,“ ſagte der Biſchof mit einer Miene voll Zerknir⸗ ſchung,„erforſchen Sie Ihr Gewiſſen, haben Sie etwas Schweres. ſehr Schweres ſich vorzuwer⸗ fen? Sie wiſſen, daß ich für Ihre Familie und für Sie insbeſondere eine wahrhaft väterliche Zunei⸗ gung fühle; ich werde alle Nachſicht walten laſſen. Sprechen Sie deßhalb mit Vertrauen; Sie haben keinen ergebeneren Freund, als mich.“ „So hören Sie denn, Monſeigneur,“ verſetzte Graf Rappt, indem er den Biſchof ſtreng anſah: „wir kennen beide die Menſchen, wir kennen, um uns nicht zu täuſchen, der Eine wie der Andere, der Eine ſo gut, wie der Andere, die menſchlichen Leidenſchaften. Wir wiſſen, daß Wenige in unſer Alter kommen, mit unſern Anſprüchen auf das Le⸗ ben und mit unſerem Ehrgeize, ohne, wenn ſie hin⸗ ter ſich blicken, Schwachheiten zu entdecken!“ „Gewiß!“ unterbrach ihn der Biſchof, indem er die Augen ſenkte, denn er konnte den feſten Blick des Deputirten nicht aushalten,„die menſchliche Na⸗ tur iſt unvollkommen; gewiß, wir haben hinter uns, in unſerem Gefolge, auf unſern Ferſen einen gan⸗ zen Cortege von Verwirrungen und Schwächen... Aber,“ verſetzte er, indem er den Kopf erhob,„es ſind Schwächen, die, wenn wir ſie ſich ausbreiten ließen, ernſtlich gefährlich werden könnten! Wenn es ein derartiges Vergehen iſt, ſo müſſen Sie geſtehen, Herr Graf, daß wir unſerer zwei nicht zu viel wä⸗ 206 ren, um die Gefahren zu beſchwören, die daraus hervorgehen könnten. Fragen Sie ſich deßhalb.“ Der Graf betrachtete den Biſchof mit einem Blick voll Haß. Er hatte Luſt ihn mit Schmähun⸗ gen zu überhäufen; er dachte jedoch, daß es kluger gehandelt ſein würde, wenn er, nach ſeinem Beiſpiel, den Jeſuiten ſpielte; und er antwortete mit zer⸗ knirſchtem Ausdruck: „Ach! Monſeigneur, erinnert man ſich alles deſ⸗ ſen genau, was man Böſes oder Gutes in dieſer Welt thun konnte? Ein Fehler, der uns leicht und von geringer Bedeutung erſcheinen kann, weil wir wiſſen, daß der Erfolg die Mittel rechtfertigt, kann ein ungeheurer Fehler, ein furchtbares Verbrechen in den Augen der Geſellſchaft werden. Die menſch⸗ liche Natur iſt ſo unvollkommen, wie Sie ſelbſt ſo eben ſagten; unſer Ehrgeiz iſt ſo groß! unſere Ab⸗ ſichten ſind ſo weitſichtig! unſer Loben iſt ſo kurz! wir ſind ſo ſehr daran gewöhnt, um zu unſerem Ziele zu gelangen, jeden Tag unvermutheten Dor⸗ nen auszuweichen, durch neue Uebel uns zu ſchla⸗ gen, daß wir leicht das Elend des vorhergehenden Tages vergeſſen gegenüber den Mißhelligkeiten des Augenblicks. Und dann, wer von uns trüge nicht in der Tiefe ſeines Herzens ſein gefährliches Ge⸗ heimniß, ſeine Reue, ſeine Befürchtungen? wer könnte, wenn er in unſer Alter gekommen, mit gu⸗ tem Gewiſſen ſagen:„Ich ging bis heute auf dem geraden Wege, ohne einen Tropfen meines Blutes an den Dornen des Weges zu laſſen! Ich habe meine Aufgabe glänzend vollendet, ohne dieſen oder jenen Fehler, dieſes oder jenes Verbrechen ſogar ⸗ es cht e⸗ er u⸗ em tes be der 207 auf mir laſten zu wiſſen!“ Ein ſolcher möge ſich vor mir zeigen, wenn er den geringſten Ehrgeiz im Herzen hat, und vor einem ſolchen will ich mich demüthig beugen, zu einem ſolchen will ich, mir auf die Bruſt ſchlagend, ſagen:„Ich bin unwürdig, Dein Bruder zu ſein.“ Das Herz des Mannes gleicht den großen Flüſſen, die den Himmel an der Oberfläche widerſtrahlen, und den Schmutz ihres Bettes den Blicken verbergen. Verlangen Sie deß⸗ halb nicht die Beichte dieſes oder jenes Geheimniſ⸗ ſes von mir, Monſeigneur! Ich habe mehr Ge⸗ heimniſſe, als Jahre! Sagen Sie mir vielmehr, welches von jenen Geheimniſſen Sie erfahren ha⸗ ben und wir werden beide das Mittel ſuchen, wie dieſe Sünde vergeben werden kann.“ „Ich wünſche nichts mehr, als Ihnen angenehm zu ſein, Herr Graf,“ ſagte der Biſchof;„indeſſen, wenn Ihr Geheimniß mir anvertraut wurde und zwar unter dem Gelöbniß, es zu bewahren, wie, wollen Sie dann, daß ich meinen Schwur breche?“ „Geſchah dies in der Beichte?“ fragte Herr Rappt. „Nein. nicht gerade,“ ſagte der Biſchof zögernd. „Dann können Sie ſprechen,“ ſagte der künftige Deputirte trocken.„Ehrliche Leute, wie wir, müſ⸗ ſen ſich gegenſeitig unterſtützen. Ich erinnere Sie beiläufig daran,“ fuhr Graf Rappt trocken fort, „um Ihr Gewiſſen zu erleichtern, daß dies nicht Ihr erſter Eid wäre.“ „Aber, Herr Graf,“ unterbrach ihn der Bi⸗ ſchof erröthend. 208 „Aber, Monſeigneur,“ verſetzte der Deputirte, „abgeſehen von politiſchen Eiden, die nur geſchwo⸗ ren werden, um ſie zu brechen, ſo haben Sie mehrere andere gebrochen..“ „Herr Graf!“ rief der Biſchof mit entrüſtetem Tone. „Sie haben das Gelübde der Kenſchheit abge⸗ legt, Monſeigneur,“ fuhr der Graf fort,„und Sie ſind, wie ich und die ganze Welt weiß, der galan⸗ teſte Abbé von Paris.“ „Herr Graf, Sie beleidigen mich,“ ſagte der Biſchof, indem er ſein Geſicht in den Händen barg. „Sie haben das Gelübde der Armuth abgelegt,“ fuhr der Diplomat fort,„und Sie ſind reicher als ich; denn Sie haben hundert tauſend Franken Schulden. Sie haben das Gelübde.. „Herr Graf!“ ſagte der Biſchof, indem er auf⸗ ſtand,„ich kann Sie nicht länger anhören. Ich glaubte, Sie wollten hier den Frieden ſuchen, und Sie haben mir den Krieg gebracht. Es ſei!“ „Hören Sie mich an, Monſeigneur,“ verſetzte der künftige Deputirte ſanfter;„wir haben nichts zu gewinnen, weder der Eine, noch der Andere, wenn wir uns bekriegen. Ich bringe den Krieg nicht, wie Sie behaupten. Wenn das meine Abſicht wäre, ſo hätte ich nicht die Ehre, in dieſem Augenblicke mit Ihnen meine Meinung auszutauſchen.“ „Aber was verlangen Sie von mir?“ fragte der Biſchof, indem er einen mildern Ton anſchlug. „Ich verlange zu wiſſen,“ antwortete Graf Rappt einfach,„welches von meinen Vergehen Ihnen zur Kenntniß gekommen?“ „Ein furchtbares Vergehen,“ murmelte der Bi⸗ ſchof, indem er die Augen zum Himmel erhob. „Welches?“ drängte der Graf. „Sie haben Ihre Tochter geheirathet!“ ſagte Monſeigneur Coletti, indem er ſich das Geſicht be⸗ deckte und ſich auf die Cauſeuſe ſinken ließ. Der Graf betrachtete ihn mit einer Art von Verachtung, mit einem Ausdruck, welcher ſagen wollte:„Nun ja, was weiter?“ „Haben Sie von der Gräfin dies Geheimniß?“ „Nein,“ antwortete der Biſchof. „Von der Marquiſe von la Tournelle?“ „Nein,“ wiederholte Monſeigneur. „So wiſſen Sie es von der Frau Marſchallin de la Mothe Houdan?“ „Ich kann Ihnen nicht ſagen, von wem,“ machte der Geiſtliche, indem er den Kopf ſchüttelte. „Ich hätte daran denken ſollen. Sie ſind ihr Beichtvater.“ „Glauben Sie mir, nicht in der Beichte habe ich es erfahren,“ beeilte ſich der Prälat zu ſagen. „Ich glaube es,“ ſagte Herr Rappt,„ich zweifle nicht daran, Monſeigneur. Gut denn,“ fügte er hinzu, indem er dem Geiſtlichen ins Geſicht ſah, „es iſt die volle Wahrheit. Sie iſt allerdings furchtbar, wie Sie ſagten; aber ich geſtehe ſie mu⸗ thig. Ja, ich habe meine Tochter geheirathet, aber geiſtig, Monſeigneur, wenn Sie mir geſtatten, mich ſo auszudrücken, und nicht ſinnlich, wie Sie zu glauben ſcheinen. Ja, ich habe dieſes Verbre⸗ chen begangen, furchtbar in den Augen der Geſell⸗ ſchaft, vor dem Code. Aber Sie wiſſen, 2 Code 1 Dumas, Salvator. VI. 210 iſt für zweierlei Arten von Menſchen nicht gemacht: für ſolche, welche unter ihm ſtehen, wie die Ver⸗ brecher der gemeinſten Art und ſolche, welche über ihm ſtehen, wie Sie und ich, Monſeigneur.“ „Herr Graf,“ rief der Biſchof lebhaft, indem er ſich rings umſah, als fürchtete er ſich, daß Jemand dieſe Worte hören könnte. „Nun gut, Monſeigneur,“ verſetzte Graf Rappt, nachdem er einen Augenblick gezögert,„als Aus⸗ tauſch für Ihr Geheimniß will ich Ihnen ein ande⸗ res anvertrauen, das, wie ich überzeugt bin, Ihnen ſicher angenehm ſein wird.“ „Was wollen Sie ſagen?“ fragte der Biſchof, indem er die Ohren vorſtreckte. „Sie erinnern ſich einer Unterredung, die wir eines Abends mit einander hatten, wenige Stunden vor meiner Abreiſe nach Rußland, als wir unter den großen Bäumen des Parkes von Saint Cloud ſpazieren gingen. Es war ungefähr ſieben ein halb Uhr.“ „Ich erinnere mich allerdings des Spaziergangs,“ ſagte der Biſchof erröthend;„aber ich erinnere mich nur ſehr unbeſtimmt unſeres Geſpräches.“ „In dieſem Falle will ich Sie daran erinnern oder vielmehr Ihnen den kurzen Inhalt deſſelben mittheilen. Sie haben mich gebeten, mich für Ihre Ernennung zum Erzbiſchof zu verwenden. Ich er⸗ innerte mich Ihrer Worte und habe gehandelt. Am Tage nach meiner Rückkehr von St. Petersburg ſchrieb ich an unſern heiligen Vater, und indem ich ihn daran erinnerte, daß Sie Mazariniſches Blut in den Adern haben— und namentlich von ſeinem nd pt, 18⸗ de⸗ len of, wir den ter oud alb nich ern ben hre er⸗ Am ug ich Blut nem 211 Geiſte beſitzen, bat ich ihn dringend, um eine bal⸗ dige Antwort. Ich erwarte ſie in wenigen Tagen.“ „Glauben Sie, daß mich Ihre Güte verlegen macht,“ ſtotterte der Biſchof;„ich dachte nicht, daß ich je ein ſo ehrgeiziges Verlangen geäußert. Ich bedaure, daß das Vergehen, das uns ſcheidet, mir nicht erlaubt, Ihnen zu danken, wie ich ſo gerne gewollt. Denn ein Sünder, wie.. Graf Rappt fiel ihm ins Wort. „Warten Sie einen Augenblick, Monſeigneur,“ ſagte er, den Biſchof mit einem Lächeln auf den Lippen anblickend,„ich habe Ihnen nur etwas ſehr Einfaches geſagt. Sie wünſchen Erzbiſchof zu wer⸗ den, ich ſchreibe an unſern heiligen Vater; wir er⸗ warten ſeine Antwort. Bis dahin geht alles ganz natürlich. Aber das Geheimniß, vernehmen Sie es denn; ich zähle jedoch ganz und gar auf Sie, Mon⸗ ſeigneur, wenn ich es Ihnen enthülle, denn es iſt ein Staatsgeheimniß...“ „Was wollen Sie ſagen?“ rief der Biſchof leb⸗ haft— vielleicht etwas zu lebhaft, denn der Diplo⸗ mat lächelte mitleidig. „Während die Marquiſe von la Tournelle bei Ihnen war,“ fuhr der Graf fort,„war der Arzt des Monſeigneur de Quelen bei mir.“ Der Biſchof öffnete, als er dies Wort ausſpre⸗ chen hörte, die Augen weit, um zu ſehen, ob der, welcher ihm den Beſuch des erzbiſchöflichen Arztes mittheilte, ein Bote guter Nachricht ſei. Graf Rappt ſchien nicht zu bemerken, mit wel⸗ cher Aufmerkſamkeit Monſeigneur Coletti ſeinen Worten lauſchte und fuhr fort: 6 1 212 „Der Arzt des Erzbiſchofs, der ſonſt ein ziem⸗ lich heiteres Temperament beſitzt, wie alle Leute ſeines Standes, die Geiſt genug haben, um heiter hinzunehmen, was ſie nicht ändern können, ſchien mir ſo ſehr angegriffen, daß ich nicht umhin zu kön⸗ nen glaubte, ihn um die Urſache ſeines Kummers zu befragen.“ „Was hatte denn der Doctor?“ fragte der Bi⸗ ſchof mit erheuchelter Theilnahme, die er etwas wahrſcheinlich zu machen ſuchte.„Ohne gerade die Ehre zu haben, ſein Freund zu ſein, kenne ich ihn doch genug, um mich für ihn ganz beſonders zu intereſſiren, abgeſehen davon, daß er einer der edelſten Chriſten iſt, denn er wird von unſern ehr⸗ würdigen Brüdern von Montrouge in beſondern Schutz genommen.“ „Die Urſache ſeines Kummers iſt leicht zu be⸗ greifen,“ antwortete Herr Rappt, und Sie werden ſie beſſer begreifen, als irgend Jemand, Monſeig⸗ neur, wenn ich Ihnen ſage, daß unſer heiliger Prä⸗ lat krank iſt.“ „Monſeigneur iſt trank?“ rief der Abbé mit einem Schrecken, der in den Augen jedes andern, als eines Comödianten, wie Graf Rappt, ſehr gut geſpielt geweſen wäre. „Ja,“ antwortete dieſer. „Gefährlich?“... fragte der Biſchof, indem er ſeinen Mitunterredner feſt anſah. In dieſem Blicke lag ein ganzes Geſpräch, eine ganze Frage, eine ausdrucksvolle, dringende Auf⸗ forderung zu ſprechen. Dieſer Blick wollte ſagen: „Ich begreife Sie; Sie bieten mir das Erzbisthum nu al R de H te ſei kö 1 te P n⸗ 3 rS i⸗ as ie hn er r⸗ n be⸗ en ig⸗ rä⸗ mit rn, gut er eine luf⸗ 213 Paris als Sühne für Ihr Vergehen an. Wir ver⸗ ſtehen uns beide. Aber täuſchen Sie mich nicht: fürchten Sie ſich, mich zu täuſchen, oder wehe Ihnen! denn, ſeien Sie überzeugt, ich werde all' meine Kräfte anſtrengen, Sie zu vernichten.“ wollte dieſer Blick ſagen und vielleicht noch mehr. Graf Rappt verſtand ihn und antwortete bejahend. Der Biſchof fuhr fort: „Glauben Sie, daß die Krankheit gefährlich ge⸗ nug ſei, um befürchten zu müſſen, dieſen heiligen Mann zu verlieren.“ Das Wort befürchten wollte ſo viel heißen als hoffen. „Der Doctor war ſehr unruhig,“ ſagte Herr Rappt mit bewegter Stimme. „Sehr unruhig!“ ſagte Monſeigneur Coletti in demſelben Tone. „Ja, ſehr unruhig.“ „Die Medizin hat ſo viele Mittel, daß wir die Hoffnung hegen dürfen, dieſen heiligen Mann geret⸗ tet zu ſehen!“ „Heiliger Mann, das iſt das rechte Wort, Mon⸗ ſeigneur.“ „Einen Mann, den man nicht wird erſetzen können!“ „Den man wenigſtens ſchwer wird erſetzen können.“ „Wer könnte ihn erſetzen?“ fragte der Biſchof mit ſchmerzlichem Tone. „Der, welcher bereits das ganze Vertrauen Sr. Majeſtät genießt,“ ſagte der Graf,„würde dem Kö⸗ 214 nige als der würdige Nachfolger des Prälaten prä⸗ ſentirt werden.“ „Exiſtirt ein ſolcher Mann?“ fragte der Biſchof beſcheiden. „Ja,“ antwortete der künftige Deputirte,„er exiſtirt.“ „Und Sie kennen ihn, Herr Graf?“ „Ja,“ wiederholte Herr Rappt,„ich kenne ihn.“ Und bei dieſen Worten ſah der Diplomat den Biſchof auf dieſelbe Weiſe an, wie dieſer ihn vor⸗ her angeſehen, das heißt, er ſetzte ihm den Stuhl vor die Thüre. Monſeigneur Coletti verſtand ihn und den Blick demüthig ſenkend, ſagte er: „Ich kenne ihn nicht!“ „Gut denn, Monſeigneur, erlauben Sie mir, Sie mit ihm bekannt zu machen,“ ſagte Herr Rappt. Der Biſchof zitterte. „Sie ſind es, Monſeigneur.“ „Ich!“ rief der Biſchof;„ich, der Unwürdige! ich! ich!“ Und er wiederholte das Wort ich, um ein leb⸗ haftes Erſtaunen zu heucheln. „Sie, Monſeigneur,“ ſagte der Graf,„wenn Ihre Ernennung von mir abhängt, wie dies der Fall iſt, wenn ich Miniſter bin.“ Der Biſchof wäre vor Freude beinahe in Ohn⸗ macht geſunken. „Wie!“ ſtotterte er. Der künftige Deputirte ließ ihn nicht weiter reden. „Sie haben mich verſtanden, Monſeigneur,“ ſagte er,„es iſt ein Erzbisthum, das ich Ihnen als Lohn für Ihr Schweigen biete. Ich glaube, daß unſere beiderſeitigen Geheimniſſe ſich aufwiegen.“ „So verbinden Sie ſich alſo feierlich,“ ſagte der Biſchof, indem er ſich rings umſah,„mich im betreffenden Falle des Erzbisthums von Paris für würdig finden zu wollen?“ „Ja,“ ſagte Herr Rappt. „Und würden im betreffenden Falle,“ wiederholte der Biſchof,„Ihr Wort nicht verleugnen.“ „Kennen wir denn nicht beide die Bedeutung und den Werth des Schwurs?“ ſagte der Graf lächelnd. „Gewiß! gewiß!“ machte der Biſchof;„unter ehrbaren Leuten verſtändigt man ſich immer! So gut,“ fügte er hinzu,„daß, wenn ich Sie bitte, Sie mir dies Verſprechen bekräftigen würden?“ Gewiß, Monſeigneur.“ „Söſt ſchriftlich?“ fragte der Biſchof mit einer Miene des Zweifels. „Selbſt ſchriftlich!“ beſtätigte der Graf. „But denn,“ machte der Biſchof, indem er ſich nach ſeinem Tiſch hinwandte, auf welchem ſich Pa⸗ pier, Feder und Tinte, oder wie man im Theater⸗ jargon ſagt, alles zum Schreiben Nöthige, befand. Das Wort Gut denn war ſo ausdrucksvoll, daß Graf Rappt, ohne um eine weitere Erklärung zu bitten, nach dem Tiſche ging und ſchriftlich das mündliche Verſprechen beſtätigte. Er bot dem Biſchof das Papier hin, dieſer nahm es, las den Inhalt, beſtreute es mit Sand, faltete es zuſammen, legte es in eine Schieblade und ſagte, indem er Herrn Rappt mit einem Lächeln anſah⸗ 216 das ihm gewiß ſeine Ahne Mephiſtopheles oder ſein Amtsbruder, der Biſchof von Autun, verrathen: „Herr Graf, von dieſer Stunde an haben Sie keinen ergebeneren Freund, als mich.“ „Monſeigneur,“ antwortete Graf Rappt,„Gott, der uns hört, möge mich ſtrafen, wenn ich je an Ihrer Zuneigung gezweifelt.“ Und dieſe beiden rechtſchaffenen Männer ſchie⸗ den, nachdem ſie ſich aufrichtig die Hand gedrückt. XCVII. Von der Einfachheit und Mäßigkeit des Herrn Rappt. Die Miniſter gleichen den alten Schauſtie ſie wiſſen nicht, ſich zur rechten Zeit zurückzuhe Die Abſtimmungen in der Pairskammes Herrn von Villole vor der Gefahr warnen die dem Könige drohte. Seit vier Jahren war dis erbliche Kammer in beſtändiger Oppoſition mit den Wünſchen der Regierung. Aber ſei es nun, deß Herr von Villole aus übermäßigem Stolz und Be⸗ ſchränktheit dieſe beharrliche Oppoſition gar nicht merkte oder ſie zu bemerken verſchmähte, er dachte nicht nur nicht daran, abzutreten, ſondern die Wahl von achtzig neuen Pairs ſchien ihm das ſichere Mittel, der Pairskammer den wahren Geiſt wieder einzuflößen. Eine Majorität indeß, zugegeben, daß er ſie in der Pairskammer gewann, ſicherte ihm noch keines⸗ wegs die Majorität in der Deputirtenkammer. Die Oppoſition hatte raſche Fortſchritte in der gewählten — e P te r 3. ie — v 3— 8 Kammer gemacht. Von zehn bis zwölf Stimmen Majorität hatte ſie ſich nach und nach zu hundert fünfzig Stimmen erhoben. Sechs Neuwahlen hat⸗ ten im Verlauf des Jahres in verſchiedenen Pro⸗ vinzen ſtattgehabt, nämlich in Rouen, Orleans, Bayonne, Mamers, Meaux, Saintes und überall drangen die Candidaten der Oppoſition mit großer Majorität durch. In Rouen hatte der Candidat der Regierung nur ſieben und dreißig von neun⸗ hundert ſieben und ſechzig Stimmen auf ſich ver⸗ einigen können. Und man konnte ſich über den drohenden Charakter dieſer Wahlen nicht täuſchen, denn unter den Neugewählten befanden ſich La Fayette und Lafitte. Und daran ſind alle früheren und gegenwärti⸗ gen Regierungen geſcheitert. Daran werden auch alle ünftigen Regierungen ſcheitern. Wenn man der oſition nicht voran geht, muß man ihr fol⸗ gen! Es heißt ſich ſchlecht an dem Meere rächen, wen man es peitſchen läßt. Der Appetit wird dadurch nicht geſtillt, wenn man ihn zerſtreut.„Der Hunger iſt ein ſchlechter Rathgeber,“ ſagt das Sprüchwort. Man wird daher auch von dieſem Augenblicke an das alte Schiff der Monarchie, ſo gut es eben geht, von Diplomaten, welche Frankreich fremd ſind und einem Miniſter, welcher der Nation fremd iſt, aus⸗ gebeſſert, einen Augenblick umſchlagen, ſich eine Minute lang erheben, einunddreißig Monate lang zwiſchen tauſend Klippen laviren und dann hoff⸗ nungslos unterſinken ſehen. Herr Rappt war jedoch weit entfernt, auf dem 218 Heimwege von Monſeigneur Coletti all' dieſe Re⸗ flexionen anzuſtellen. Er wollte an Herrn von Villoles Stelle treten und hatte gehandelt, wie Herr von Villèle an ſeiner Stelle gehandelt, das heißt, er war für ſeine alleinige Rechnung, für ſein alleiniges Intereſſe thätig geweſen. Er wollte vor allem Deputirter, dann Miniſter ſein, und um das zu werden, ſcheute er vor keinem Mittel zurück. Er ſah freilich auf die Hinderniſſe, auf die er ſtieß, mit ſolcher Verachtung herab, daß es kein großes Verdienſt war, wenn er ſie zu vermeiden ſuchte. Als er in das Hötel zurückkam, ging er über die kleine Treppe und trat in ſein Cabinet. Frau von la Tournelle hatte es ſo eben ver⸗ laſſen; er fand nur Bordier. „Sie kommen eben recht, Herr Graf,“ ſaßte der Secretär;„ich erwartete Sie mit Ungeduld. „Was gibt es, Bordier?“ fragte der Deßlirte, indem er ſeinen Hut auf einen Tiſch warf ünd in einen Fauteuil ſank. „Wir ſind mit den Wählern noch nicht fertig,“ antwortete Bordier. „Wie das?“ „Ich habe alles weggeſchickt, was noch da war; nur eine Perſon will ſich nicht wegſchicken laſſen.“ „Iſt der Menſch bekannt?“ „Wie es ein Bürger ſein kann. Er verfügt über hundert Stimmen.“ „Wie heißt er?“ „Brewer.“ „Was macht dieſer Brewer?“ „Bier. 219 „Deßhalb nennt man ihn alſo den Cromwell des Quartiers.“ „Ja, Herr Graf.“ „Pah!“ machte Herr Rappt mit verächtlichem Ausdruck.„Und was will dieſer Bierbrauer?“ „Ich weiß nicht genau, was er will, aber ich weiß, was er nicht will; er will nicht von hier weg⸗ gehen.“ „Was verlangt er denn?“ „Er verlangt, Sie zu ſehen und beſteht darauf, das Hötel nicht verlaſſen zu wollen, ohne Sie ge⸗ ſehen zu haben, müßte er auch die ganze Nacht auf Sie warten.“ „Und Sie ſagen, daß er hundert Stimmen in ſeiner Taſche hat?“ „Hundert Stimmen mindeſtens, Herr Graf.“ „Dann muß man ihn durchaus empfangen.“ „Ich glaube, Sie werden ſich deſſen nicht ent⸗ ſchlagen können, Herr Graf.“ „Wir werden ihn empfangen,“ ſagte der künf⸗ tige Deputirte mit einer Märtyrermiene.„Zuvor jedoch klingeln Sie Baptiſte, ich habe ſeit dieſem Morgen nichts gegeſſen und ſterbe vor Hunger.“ Der Secretär läutete Baptiſte und der Diener trat ein. „Bringen Sie mir Bouillon und ein Stück Brot,“ ſagte Graf Rappt.„Wenn Sie nach der Küche gehen, laſſen Sie den Herrn eintreten, der im Vor⸗ zimmer iſt.“ Dann wandte er ſich nach dem Secretär um und agte: „Sie haben genaue Notizen über dieſen Mann?“ 220 „Ziemlich genaue,“ ſagte der Secretär, indem er folgende Notizen von einem Blatte Papier ablas: „Brewer, Bierbrauer, ein offener, ehrlicher Mann; Freund des Apothekers Renaud; Sohn von Bauern, durch fünfunddreißigjährige angeſtrengte Arbeit emporgekommen; Feind von Schmeicheleien und zu großer Höflichkeit; vertrauensvoll gegen ſeines Gleichen; mißtrauiſch gegen alle Andern, ſehr geſchätzt im ganzen Quartier. Hundert Stimmen.“ „Gut,“ ſagte Graf Rappt;„das wird nicht lange dauern. Wir werden bald mit ihm zurecht kommen.“ Der Diener meldete: „Herr Brewer.“ Ein Mann von fünfzig und einigen Jahren, von großer Statur und biederem Geſicht, trat in das Cabinet. „Mein Herr,“ ſagte der Neuankömmling, ſich verbeugend,„verzeihen Sie einem Unbekannten, daß er ſich mit ſo viel Beharrlichkeit zu Ihnen drängt.“ „Herr Brewer!“ antwortete der Deputirte, in⸗ dem er aufmerkſam das Geſicht des Fremden be⸗ trachtete, als ſollte er in den Linien ſeines Geſich⸗ tes die Richtungslinie des Benehmens entdecken, das er gegen ihn einſchlagen müſſe,„Herr Brewer,“ ſagte er,„Sie ſind kein Unbekannter für mich, weit gefehlt; denn ich kenne den Namen meiner Feinde(und Sie zählen zu dieſen) beinahe eben ſo gut, als den meiner Freunde.“ „Ich bin durchaus nicht Ihr Freund, mein Herr; aber ich bin eben ſo wenig auch Ihr Feind. Ich bin ganz gegen Ihre Candidatur und werde es r wahrſcheinlich immer ſein, nicht wegen Ihrer Per⸗ ſon, ſondern wegen des Syſtems(ein unheilvolles r Syſtem meiner Anſicht nach), dem Sie huldigen. n Abgeſehen von dieſer rein politiſchen Feindſchaft, e huldige ich Ihren großen Talenten.“ n„Sie ſchmeicheln mir, mein Herr,“ ſagte Graf n Rappt, Verlegenheit heuchelnd. r„Ich ſchmeichle nie, mein Herr,“ ſagte der . Brauer mit ärgerlicher Miene;„ich ſchmeichle ſo t wenig, als ich es gerne habe, wenn man mir ſchmei⸗ t chelt. Aber es iſt, glaube ich, Zeit, Ihnen die Ur⸗ ſache meines Beſuches zu ſagen, wenn Sie es er⸗ lauben.“ „Sprechen Sie, Herr Brewer.“ 1,„Mein Herr, ich las geſtern in meinem Journal n zu meinem großen Erſtaunen, denn der Conſtitutio⸗ nell iſt nicht gerade das Organ der Regierung, ich ch las, ſage ich, ein Wahlmanifeſt, ein Glaubensbe⸗ 1ß kenntniß, das mit Ihrem Namen unterzeichnet war. Iſt es wirklich von Ihnen?“ n⸗„Zweifeln Sie daran, mein Herr?“ rief Graf e⸗ Rappt. h⸗„Ich werde ſo lange daran zweifeln, mein Herr, n, bis Sie es mir perſönlich verſichert haben,“ ant⸗ wortete der Wähler kalt. h,„Gut denn, mein Herr,“ ſagte der Graf,„ich er verſichere Sie, daß es von mir iſt.“ ſo„Ich fand dieſes Glaubensbekenntniß,“ fuhr der Bierbrauer fort,„ſo patriotiſch, ſo mit den Gedan⸗ in ken der liberalen Partei übereinſtimmend, ſo mit d. den Ueberzeugungen, für welche ich gelebt und für es welche ich ſterben würde, im Einklang, daß ich mich 222 tief gerührt fühlte, und daß die Meinung, die ich bisher von Ihnen hatte, dadurch erſchüttert wor⸗ den iſt.“ „Mein Herr!“ unterbrach ihn der künftige De⸗ putirte. „Ja, mein Herr,“ fuhr der Wähler unbeküm⸗ mert darum fort,„ich hätte viel gegeben, wenn ich, nachdem ich jene Zeilen geleſen, die Hand deſſen hätte drücken können, der ſie geſchrieben.“ „Mein Herr,“ unterbrach ihn Herr Rappt wie⸗ der,; indem er verſchämt die Augen ſenkte,„Sie rüh⸗ ren mich wirklich; die Sympathie eines Mannes, wie Sie, iſt mir werthvoller als alle öffentlichen Gunſtbezeugungen.“ „Ich hätte mich indeß nicht zu dieſem Schritte entſchloſſen,“ fuhr der Bierbrauer fort, ohne durch das Compliment, das ihm der Graf an den Kopf ſchleuderte, im Mindeſten gerührt zu ſein,„ich hätte mich, wie geſagt, nicht entſchloſſen, Ihnen einen Beſuch zu machen, wenn mein alter Freund Renaud, vormals Apotheker im Faubourg Saint Jacques, nicht zu mir gekommen wäre, als er von Ihnen wegging.“ „Ein großer Bürger, Ihr Freund Renaud!“ ſagte der Graf mit einem gewiſſen Enthuſiasmus. „Ein guter Bürger!“ wiederholte Herr Brewer; „einer von denen, welche die Revolutionen machen und keinen Nutzen daraus ziehen. Die Loyalität, von der Sie meinem alten Freunde Beweiſe gaben, hat mich entſchieden, zu Ihnen zu gehen und Ih⸗ nen dieſen Beſuch zu machen. Der Zweck, um alles zu ſagen, welchen dieſer Beſuch und dieſe Unterre⸗ — * 1⸗ , n e⸗ h⸗ 223 dung haben ſoll, iſt der, die Gewißheit mit mir fortzunehmen, daß ich Ihnen mit allem Vertrauen meine Stimme geben, und meine Freunde veran⸗ laſſen kann, das Gleiche zu thun.“ „Hören Sie mich an, Herr Brewer,“ ſagte der Candidat, indem er plötzlich den Ton wechſelte, denn er ſah ein, daß er bisher den falſchen Weg einge⸗ ſchlagen, und daß der rauhe, militäriſche Ton beſ⸗ ſer für Herrn Brewer paſſe, als der ſanfte Ton des Höflings.„Hören Sie mich an, ich werde ganz offen mit Ihnen ſprechen.“ Ein Anderer, als Herr Brewer, wäre, wenn er aus dem Munde des Grafen die Worte gehört: „Ich werde ganz offen mit Ihnen ſprechen,“ miß⸗ trauiſch geworden und auf ſeiner Hut geweſen; aber Herr Brewer war zu naiver Natur. Ge⸗ rade die, welche am mißtrauiſchſten gegen die Regierungen ſind, laſſen ſich am naivſten von der Heuchelei derer, die ſie repräſentiren, fangen. Der Brauer war deßhalb ganz Ohr. „Ich bin kein Stimmenbettler, mein Herr,“ fuhr der Graf fort;„ich bitte Niemanden um ſeine Stimme; ich werde mir nicht Ihre Stimme erbet⸗ teln, wie es vielleicht mein Gegner gethan oder thun wird, der liberaler als ich zu ſein vorgibt. Nein, nein; ich wende mich an das Gewiſſen; um die Stimme des öffentlichen Gewiſſens werbe ich. Alle die, welche mir die Ehre erzeigen, mir ihre Stimme zu geben, müſſen mich von Grund aus kennen. Der Mann, der ſeine Mitbürger vertreten ſoll, darf kein zweifelhafter Charakter ſein. Das Ver⸗ trauen muß zwiſchen Wähler und Gewähltem ein 224 gegenſeitiges ſein. Ich nehme das Mandat nur unter dieſer Bedingung an; und ich gebe Ihnen das Recht, wenn ich ein andermal wieder vor Ihnen erſcheine, Re⸗ chenſchaft über die Art zu fordern, wie ich Sie repräſen⸗ tirt. Verzeihen Sie mir, mein Herr, daß ich ſo mit Ih⸗ nen ſpreche; Sie finden vielleicht ſogar, daß ich etwas ungezwungen mit Ihnen verfahre; aber die Offenheit zwingt mich, ſo zu handeln.“ „Sie kränken mich durchaus nicht, mein Herr,“ ſagte der Bierbrauer;„weit entfernt. Fahren Sie fort, ich bitte Sie.“ In dieſem Moment trat Baptiſte ein und brachte eine Platte, auf der eine Taſſe Bouillon, ein Stück Brot, eine Flaſche Bordeaux und ein Glas ſtanden, welche er auf den Tiſch ſtellte. „Setzen Sie ſich doch, lieber Herr Brewer,“ ſagte der Candidat, indem er nach dem Tiſche ging. „Achten Sie nicht auf mich, ich bitte Sie, mein Herr,“ ſagte der Wähler. „Sie werden mir erlauben, mein Mahl einzu⸗ nehmen?“ fragte der Graf, indem er ſich ſetzte. „Ich bitte Sie, thun Sie das, mein Herr.“ „Ich bitte tauſendmal um Vergebung wegen der Art, wie ich Sie empfange, lieber Herr; aber ich bin ein ganz einfacher Mann, das ſehen Sie; ich habe einen tiefen Abſcheu gegen alles, was nach Eitelkeit ſchmeckt. Ich ſpeiſe, wenn ich kann, ganz einfach und frugal. Man kommt nicht zu ſich; ich habe einfache Bedürfniſſe; mein Großvater war Ar⸗ beiter und ich bin ſtolz darauf.“ „Der meinige auch,“ ſagte der Bierbrauer ein⸗ fach,„ich war fünfzehn Jahre ſein Hofknecht.“ en er e ich nz ich r⸗ 6 225 „Das iſt eine weitere Sympathie, lieber Herr Brewer! eine Sympathie, der ich mich rühme, denn es verbindet den Gedanken zweier Menſchen, die frühzeitig das Elend, die Nüchternheit kennen ge⸗ lernt! Mein Mahl iſt zu beſcheiden, um Ihnen anbieten zu können, es zu theilen. Wenn Sie mir jedoch die Freundſchaft erzeigen wollen, etwas zu genießen. „Ich danke Ihnen tauſend Mal,“ unterbrach ihn der Brauer verlegen.„Aber wie,“ fügte er er⸗ ſtaunt, beinahe beſtürzt, hinzu,„iſt das wirklich Ihr ganzes Mahl?“ „Allerdings, lieber Herr Brewer! haben wir denn Zeit zu ſpeiſen? Können Männer, welchen ihr Vaterland wirklich am Herzen liegt, ſich um materielle Intereſſen kümmern? Und dann, ich wiederhole Ih⸗ nen, ich verabſcheue die Genüſſe der Tafel aus tau⸗ ſend Gründen, unter anderem aus einem, den Sie billigen werden, das bin ich gewiß; es blutet mir das Herz, wenn ich daran denke, daß in einem ein⸗ zigen Diner, das ohne Bedürfniß, ohne Grund, aus reiner Oſtentation, aus reinem Vorurtheil gegeben wird, Summen Geldes vergendet werden, mit denen man zwanzig Familien ſpeiſen könnte.“ „Das iſt ſehr wahr, mein Herr,“ unterbrach ihn der Wähler gerührt. „Ich wurde in der Schule des Unglücks erzo⸗ 4 mein Herr!“ fuhr der Candidat fort;„ich kam n Holzſchuhen nach Paris und ich bin ſtolz darauf, Nat darüber zu erröthen. Ich weiß deßhalb, was die Leiden der arbeitenden Klaſſe bedeuten wollen. Ach! wenn alle Menſchen wie ich den Werth des Dumas, Salvator. IV. 15 — 226 Geldes zu ſchätzen wüßten, man würde ſich zweimal beſinnen, ehe man den unglücklichen Steuerpflichti⸗ gen, die bereits ſo ſchwer belaſtet ſind, neue Steuern auferlegte.“ „Nun, mein Herr, das iſt's, worauf ich hinaus wollte wir verſtehen uns; ich haſſe die Regie⸗ rung wegen der übertriebenen, tollen Verſchwen⸗ dung der Diener der Monarchie.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „In der vorletzten Sitzung, mein Herr,— er⸗ lauben Sie, daß ich es Ihnen jetzt ſage, nachdem wir uns verſtehen,— waren Sie einer der eifrigſten Vertheidiger neuer Steuern, mit denen man das Volk bedrohte. Ihr ganzes Syſtem, und ich habe es aufmerkſam ſtudirt, zielte auf die Vermehrung des Budgets, ſtatt auf die Verminderung deſſelben. Sie ſahen das Glück des Landes nur in der Ver⸗ mehrung und der Bereicherung der Beamten, wie es die kaiſerliche Regierung gemacht; kurz, Sie ſuchten die größte Anzahl von Individuen durch das Intereſſe an ſich zu feſſeln, ſtatt das Vertrauen aller durch die Liebe zu gewinnen.“ „Hören Sie mich an, lieber Herr Brewer; denn abgeſeheß davon, daß Sie ein ehrbarer Mann ſind, ſind Sichauch noch ein Mann von Geiſt. Ich werde deßhalb noch offener gegen Sie ſein, wenn es möglich, als ich es bisher war.“ Ein anderer Mann als Brewer wäre immer mißtrauiſcher geworden; Herr Brewer dagegen wurdt immer weniger mißtrauiſch. „Vor bald zwei Jahren, ich geſtehe es, lieber Herr Brewer, vertheidigte ich dieſes Syſtem; warum 227 ſoll man ſeine Irrthümer nicht offen eingeſtehen? Aber es iſt der einzige Fehler, den ich mir in mei⸗ nem ganzen Leben vorzuwerfen habe. Was wollen Sie? ich trat in die politiſche Carriere. Ich war nur Militär und wußte nichts von den bürgerlichen Angelegenheiten. Ich hatte bis dahin im Lager, in der Fremde, auf dem Schlachtfelde gelebt. Und dann hatte ich es mit einer mit dem Tode ringen⸗ den Regierung zu thun, die uns ihren despotiſchen Willen aufzwang. Was ſoll ich Ihnen ſagen, der Strom riß mich mit ſich fort, und ich ließ mich fortreißen! Ich habe mehr der Nothwendigkeit, als der Ueberzeugung nachgegeben; ich wußte, daß das Syſtem ſchlecht, verwerflich war. Aber um ein al⸗ tes Syſtem über den Haufen zu werfen, bedarf es einer neuen Regierung.“ „Das iſt wahr,“ ſagte der Bierbrauer aus Ueber⸗ zeugung. „Wozu die Bretter zu einem neuen Schiffe ver⸗ wenden?“ fuhr Herr Rappt lebhafter fort;„man muß ſie ſchwimmen, untergehen laſſen und ein neues conſtruiren. Das thue ich im Stillen! Ich laſſe dieſe alte, wurmſtichige Monarchie untergehen und kehre, wie der verlorene Sohn, voll Scham und Reue, aber auch geſtählt und voll Kraft und Muth zur Freiheit zurück.“ „D, wie ſchön das iſt, mein Herr!“ rief der Wähler bis zu Thränen gerührt;„wenn Sie wüß⸗ ten, wie glücklich ich bin, Sie ſo ſprechen zu hören und wie wohl es mir thut.“ „Ehemals, wie Sie ſagten,“ fuhr der Graf im⸗ mer wärmer werdend fort, denn er i die 228 Veſte eingenommen ſei und daß es gelte, ſich ganz und gar in ihren Beſitz zu ſetzen,„ehmals wollte ich die Zahl der Beamten verringern und die Be⸗ ſoldungen erhöhen; jetzt bin ich ganz anderer An⸗ ſicht, ich will die Beſoldungen verringern und die Zahl der Beamten erhöhen. Je mehr Menſchen bei der Staatsmaſchine betheiligt ſind, deſto mehr wird die Regierung gezwungen ſein, der Stimme des Volks zu gehorchen oder zu weichen. Je mehr eine Maſchine Räder hat, deſto größer iſt ihre Kraft; denn wenn ein Rad bricht, erſetzt es das andere; das iſt ein mathematiſches Geſetz. Ich will die Maſchine nicht mehr durch das Intereſſe feſſeln, ſondern durch die Liebe. Das iſt mein Wunſch, das iſt mein Ziel, bis zu dem Augenblicke, wo ſich die Gelegenheit bieten wird, Frankreich zu geben, was allen Menſchen gebührt, die Freiheit, welche Gott uns gegeben und die Monarchien uns nehmen.“ „Ich kann Ihnen nicht ſagen, mein Herr, wie gerührt ich bin,“ rief der Bierbrauer, indem er plötzlich aufſtand.„Ich bitte Sie tauſendmal um Vergebung, daß ich Ihnen eine ſo koſtbare Zeit ge⸗ raubt. Aber ich gehe vollkommen aufgeklärt, ent⸗ zückt, bezaubert, voll Vertrauen und Hoffnung auf Sie von hier. Sie haben einen Ton voll Bieder⸗ keit und Offenheit, der mir keinen Zweifel läßt. Wenn Sie mich getäuſcht hätten, mein Herr, ſo würde ich an nichts mehr glauben; ich würde Gott leugnen.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr,“ ſagte der Can⸗ didat, indem er aufſtand,„und um alles, was wir geſprochen, zu beſiegeln, geben Sie mir die Hand.“ 7— 7— 229 „Von ganzem Herzen, mein Herr,“ antwortete der Wähler, indem er Herrn Rappt die Hand bot, „und mit ihr die ganze Dankbarkeit eines Ehren⸗ mannes.“ In dieſem Augenblick erſchien Baptiſte, welchem Bordier geläutet hatte und geleitete Herrn Brewer hinaus, welcher im Weggehen ſagte: „Wie man mich über dieſen braven Mann ge⸗ täuſcht hat! Alles iſt ſo einfach an ihm, bis auf ſein frugales Mahl.“ Baptiſte kehrte, nachdem er Herrn Brewer be⸗ gleitet, zurück und meldete: „Das Diner für den Herrn Oberſten iſt ſervirt.“ „Nun laſſen Sie uns ſpeiſen, Bordier,“ ſagte Herr Rappt lächelnd. XCVIIMI. Wo Herr Jackal ſich für den Dienſt, den ihm Salvator geleiſtet, erkenntlich zeigt. Endlich erſchien der große Tag der Wahlenz es war der 17. Dezember, ein Samſtag; der Leſer ſieht, daß wir genau ſind. Wir haben ihm vielleicht auf eine zu weitſchwei⸗ fige Art durch unſere drei Beſuche bei dem Grafen Rappt gezeigt, wie die Sachen für den Candidaten der Regierung ſtanden. Vervollſtändigen wir dieſes Bild durch ein Rund⸗ ſchreiben, welches wir bei einem der Präfecten un⸗ ſerer ſechsundachtzig Departements nehmen. Wir wählen nicht, wir nehmen, wie ſich der 230 „Zufall bietet: man wird übrigens ſehen, daß dieſes das Verdienſt der Naivität hat. Es gab zu jenen Zeiten noch naive Präfecten. „Seine Majeſtät,“ ſagte das fragliche Rund⸗ ſchreiben,„Seine Majeſtät wünſcht, daß der größere Theil der Mitglieder der Kammer, welche ihre Ar⸗ beiten beendet, wieder gewählt werde. „Die Collegienpräſidenten ſind die Candidaten. „Alle Beamten ſind dem König das Zuſammen⸗ wirken ihrer Thätigkeit und ihrer Bemühungen ſchuldig. „Wenn ſie Wähler ſind, müſſen ſie nach der Anſicht des Königs wählen, die durch die Wahl der Präſidenten angedeutet iſt, und alle Wähler, auf die ſie Einfluß haben können, in ähnlicher Weiſe zu ſtimmen veranlaſſen. „Wenn ſie nicht Wähler ſind, müſſen ſie durch diskrete aber beharrliche Maßregeln, die Wäh⸗ ler, die ſie kennen, zu beſtimmen ſuchen, daß ſie ihre Stimmen dem Präſidenten geben. Anders handeln oder ſogar unthätig bleiben, hieße der Re⸗ gierung die Mitwirkung verſagen, die man ihr ſchuldig iſt; es hieße, ſich von ihr losreißen und auf ſein Amt verzichten. „Theilen Sie dieſe Gedanken Ihren Unterge⸗ benen mit u. ſ. w. u. ſ. w.“ Was die liberale Partei betrifft, ſo war ihre Dppoſition minder öſſentlich, aber wirkſamer. Der Conſtitutionnel, der Courrier Francais und die Débats verbanden ſich zu einem Gedanken, ſo ſehr ſie ſich auch ſonſt den Krieg machten, denn es — galt, einen gemeinſchaftlichen Feind zu bekämpfen, nämlich ein verhaßtes, abgenütztes, unmögliches Mi⸗ niſterium. Salvator, wie man ſich denken kann, war in dieſem großem Kampfe nicht unthätig geblieben. Er hatte nach und nach, abgeſehen von den An⸗ führern der Venta und den Logenmeiſtern, die Par⸗ teihäupter: Lafayette, Dupont(de LEure), Benja⸗ min Conſtant und Caſimir Perrier beſucht. Als die Wahlreſultate in Paris nicht mehr zweifelhaft für ihn waren, ging er in die Provinz, um gegen das Miniſterium genau das zu thun, was das Miniſterium ſeinerſeits gegen die Oppoſi⸗ tion that. Das war die Urſache ſeiner Abweſenheit, von der wir in einem früheren Capitel die Thatſache, nicht aber die Urſache angegeben haben. Bei ſeiner Zurückkunft hatte er die Nachricht verbreitet, daß die Departements beinahe einſtim⸗ mig mit Paris zuſammenwirken würden, und man erwartete nur noch den entſcheidenden Tag. Am 17. Dezember begannen alſo die pariſer Wahlen. Der Tag war ziemlich ruhig; jeder Wäh⸗ ler begab ſich ſtill nach ſeiner reſpectiven Mairie und nichts deutete darauf hin, daß der andere Tag, ein Sonntag, und ſomit ein Tag der Ruhe, ein ſtürmiſcher Tag oder vielmehr Abend werden würde. Ein altes Sprüchwort ſagt, daß die Tage ſich folgen, aber ſich nicht gleichen. Der folgende Tag war ein Tag des Sturmes. Die Vorläuferblitze dieſes furchtbaren Juliſturmes, der drei Tage dauern ſollte, zerriſſen den Himmel. 232 Es war am Morgen des berüchtigten Sonntags; Salvator ſaß mit Fragola beim Frühſtücke— einem jener idylliſchen Frühſtücke, wie ſie bei Liebenden ſtattfinden,— als man die Glocke ertönen hörte und Roland bellte. Das Bellen Rolands, das mit dem Zittern der Glocke verſtummte, deutete auf einen zweifelhaften Beſuch. Es war eine jener tauſend ſchamhaften Vorſichts⸗ maßregeln Fragolas, in den Hintergrund ihres Zimmers zu fliehen und ſich dort zu verſtecken, wenn ſie die Glocke ertönen hörte. Fragola ſtand deßhalb vom Tiſche auf, floh in ihr Zimmer und verſteckte ſich dort. Salvator öffnete. Ein Mann in einer ungeheuren Polonaiſe, das heißt in einer großen, mit breitem Pelzwerk ver⸗ brämten Redingote erſchien auf der Schwelle. „Sie ſind der Commiſſionär der Rue aux fers?“ fragte er. „Ja,“ antwortete Salvator, indem er das Geſicht des Fremden zu erkennen ſuchte, was ihm jedoch unmöglich war, da dieſer das Geſicht mit einer drei⸗ fachen Binde von braunem Wollzeug umſchlungen hatte, wodurch wir den Erfinder unſerer modernen Cachenez in jener Zeit zu ſuchen genöthigt ſind. „Ich habe mit Ihnen zu ſprechen,“ ſagte der Unbekannte, indem er eintrat und die Thüre hinter ſich ſchloß. „Was wollen Sie von mir?“ fragte der Com⸗ miſſionär, indem er den dichten Schleier zu durch⸗ — „ibitte dringen ſuchte, der das Geſicht ſeines Mitunterred⸗ ners bedeckte. „Sind Sie allein?“ fragte dieſer, indem er ſich rings umſah. „Ja,“ antwortete Salvator. „So wird dieſe Verkleidung unnöthig,“ machte der Fremde, indem er ohne Weiteres ſeine Polo⸗ naiſe abnahm und die ungeheure Binde, die ihm das Geſicht bedeckte, loslöste. Nachdem die Polonaiſe abgenommen und die Binde losgelöst war, erkannte Salvator zu ſeinem großen Erſtaunen Herrn Jackal. „Sie?“ rief er. „Ja, ich,“ antwortete Herr Jackal mit großer Bonhomie,„woher kommt Ihr Erſtaunen?— Bin ich Ihnen nicht einen Dankbeſuch für die wenigen Tage ſchuldig, die Sie mir noch auf der Erde zu⸗ zubringen geſtatteten. Denn ich ſpreche es laut aus und ich möchte es der ganzen Welt ſagen kön⸗ nen, Sie haben mich aus einer verflucht ſchlimmen Affaire gezogen. Prrr! Mich ſchauert noch, wenn ich nur daran denke.“ „Wenn Sie mir Ihren Beſuch erklären,“ ſagte Salvator,„ſo erklären Sie mir damit noch nicht Ihre Verkleidung.“ „Nichts iſt einfacher, lieber Herr Salvator. Er⸗ ſtens habe ich eine außerordentliche Vorliebe für die polniſche Tracht, namentlich im Winter, und Sie werden mir zugeben, daß dieſen Morgen eine wahre Dezemberkälte herrſcht;— und dann fürchtete ich, unterwegs zu Ihnen erkannt zu werden.“ „Gut, was wollten Sie ſagen?“ 234 „Es wäre mir ſchwer geweſen, ich will nicht ſagen unmöglich, einen ſolchen Beſuch an einem Tage wie heute zu erklären.“ „Iſt denn der heutige Tag nicht ein Tag wie alle andern?“ „Keineswegs.— Erſtens iſt er ein Sonntag, und da der Sonntag der einzige Tag der Woche iſt, wo unſere heilige Religion uns Ruhe auferlegt, kann dieſer Tag nicht ein Tag wie alle andern ſein; ferner iſt heute der zweite und folglich der letzte Wahltag.“ „Ich begreife noch immer nicht.“ „Etwas Geduld. Sie werden alles begreifen. Nur wäre ich Ihnen ſehr verbunden, wenn Sie mich einen Stuhl nehmen laſſen wollten, da ich in einer wichtigen Angelegenheit komme, die einiger Auseinanderſetzung bedarf.“ „O, ich bitte tauſend Mal um Vergebung, lie⸗ ber Herr Jackal; treten Sie doch ein.“ Und der junge Mann zeigte Herrn Jackal den kleinen Salon, deſſen Thüre halb geöffnet ge⸗ blieben. Herr Jackal trat ein und machte ſich's in einem am Kamin ſtehenden Fauteuil bequem. Salvator blieb ſtehen. Durch die zweite Thüre des Salons, welche in das Speiſezimmer ging, wie die andere in das Vor⸗ zimmer, ſah Herr Jackal die beiden Couverts. „Sie frühſtückten?“ fragte er. „Ich war gerade damit fertig,“ antwortete Sal⸗ vator;„wenn Sie nun zum Zweck Ihres Beſuches kommen wollten...“ 25 235 „Augenblicklich. Ich ſagte Ihnen alſo,“ fuhr Herr Jockal fort,„daß es mir unmöglich geweſen wäre, meinen Beſuch bei Ihnen an einem Tage wie der heutige zu erklären.“ „Ich antwortete, daß ich das nicht begreife.“ „Wohlan, Sie werden begreifen, denn Sie wiſſen, daß alle Candidaten der Oppoſition in Paris gewählt ſind,— das wiſſen Sie, ja, und ich gehe darüber weg,— doch nicht, daß die Majorität der liberalen Candidaten in ganz Frankreich durch⸗ gegangen iſt. Sie werden zugeſtehen, daß wenn der Sonntag für Sie ein Tag wie alle andern iſt, er es nicht auch für die Regierung ſein kann.“ „Ah! was theilen Sie mir da mit?“ rief Sal⸗ vator vergnügt. „Was noch Niemand weiß, was der Telegraph jedoch zu unſerer Kenntniß gebracht; und erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß, wenn ich nach der Freude urtheile, die Ihnen dieſe Nachricht bereitet, ich meine Zeit nicht ganz verloren habe, indem ich Ihnen dieſen kleinen Beſuch abſtatte; aber das iſt nur die Hälfte von dem, was ich Ihnen zu ſagen habe, mein lieber Herr Salvator.“ Salvator ſtreckte die Hand aus. „Erſtens und vor allem, Herr Jackal, wollen wir uns über dieſen Punkt in's Reine ſetzen,“ ſagte er;„Sie verſichern, die Candidaten der Oppoſition ſeien der Majorität nach in den Departements ge⸗ wählt worden?“ „Ich ſchwöre es Ihnen,“ antwortete Herr Jackal feierlich und traurig, indem er ſeinerſeits die Hand ausſtreckte. „Ich danke für die gute Nachricht, lieber Herr Jackal, und ich ſtehe ganz zu Ihren Dienſten, wenn ich das Glück haben ſollte, Ihnen noch einmal un⸗ ter dem Aſte eines Baumes zu begegnen.“ Herr Jackal ſchauerte. Das wars, was er gewiſſenhaft jedes Mal that, wenn er an ſein Abenteuer dachte oder ein Anderer darauf anſpielte. „Sie halten mich alſo für quitt, lieber Herr Salvator?“ „Ganz quitt, Herr Jackal,“ antwortete der junge Mann,„und Sie werden es bei der erſten Gelegen⸗ heit ſehen.“ „Aber ich,“ ſagte der Polizeichef geheimnißvoll, „ich halte mich nur zur Hälfte für quitt und deß⸗ halb, einzig und allein deßhalb bitte ich Sie um die Erlaubniß, in meiner Erzählung fortfahren zu dürfen.“ „Ich höre und mit dem größten Intereſſe.“ „Erlauben Sie, eine Frage an Sie zu richten.“ „Sprechen Sie.“ „Was würden Sie thun, lieber Herr Salvator, wenn Sie die Regierung oder ganz einfach der Kö⸗ nig wären und ſähen, daß trotz Ihrer und Ihrer Beamten Bemühungen die Partei ſiegt, die Sie bekämpfen?“ „Ich würde zu erforſchen ſuchen, lieber Herr Jackal,“ antwortete Salvator einfach,„weßhalb die Partei, die ich bekämpfe, ſiegt, und wenn die Partei, die ich bekämpfe, wirklich die der Majorität wäre, ſo würde ich mich mit der Majorität verbinden. Das iſt nicht ſchwer.“ „Gewiß, gewiß, und wenn wir nur die abſolute Vernunft zu Rathe ziehen, ſo haben Sie ganz Recht. Man muß ſich vor allem über die Elemente des Epfolgs, den die feindliche Partei hatte, Rechen⸗ ſchaft geben und ſich dieſer Elemente bemeiſtern; wir ſtimmen darin überein. Unglücklicher Weiſe ſieht die Regierung die Sachen nicht ſo einfach an, wie wir; die Regierung verſteht nur Einhalt zu thun.“ „Zu unterdrücken!“ ſagte Salvator lächelnd. „Unterdrücken, wenn Sie wollen, ich ſtreite nicht um das Wort. Die Regierung alſo, welche ohne Zweifel im Intereſſe der Majorität zu handeln glaubt, hat den Beſchluß gefaßt, zu unterdrücken, und in dieſer Rückſicht, mein lieber Herr, bitte ich Sie, mir Ihre Aufmerkſamkeit zu ſchenken; zuge⸗ geben, daß die Regierung mit Unrecht oder Recht ſo handeln muß, wie ſoll ſie ſich dabei benehmen?“ „Ich bin darüber im Zweifel,“ ſagte Salvator mit dem Kopfe ſchüttelnd. „Sie können allerdings darüber im Zweifel ſein; aber ich kann Ihre Zweifel löſen und darum bin ich hier. Was glauben Sie, daß die Re⸗ gierung thun wird, um dieſen ſchlimmen Streich zu pariren?“ „Ich glaube, daß ſie Paris in den Belage⸗ rungszuſtand erklären wird, wie ſie es bereits an dem Tage im Sinne hatte, als die Hinrichtung des Herrn Sarranti und das Begräbniß Manuels ſtatt⸗ haben ſollte. In Ermangelung eines militäriſchen Belagerungszuſtandes, denke ich mir, wird Herr von Villdle die Maßregel zu einem moraliſchen Belage⸗ 238 rungszuſtande ausdehnen, das heißt alle Oppoſi⸗ tionsjournale unterdrücken, was genau denſelben Dienſt thun wird, wie das Auslöſchen aller Lichter, wenn man deutlicher ſprechen will.“ „Es ſind dies alles nur wahrſcheinliche und künftige Maßregeln. Aber ich möchte von den ge⸗ wiſſen und gegenwärtigen Maßregeln ſprechen.“ „Sie werden zugeſtehen, Herr Jackal, daß das Alles nicht klar iſt.“ „Wollen Sie, daß ich es ſei.“ „Ich geſtehe Ihnen, daß Sie mir ein Vergnü⸗ gen bereiten würden.“ „Was gedenken Sie dieſen Abend zu thun?“ „Bemerken Sie wohl, daß Sie mich fragen, ſtatt mir Mittheilungen zu machen.“ 5 in Verfahren wie das andere bringt mich zum iele.“ „Gut. Ich habe meinen Abend noch nicht ver⸗ Dann fügte er lächelnd hinzu: „Ich werde thun, was ich alle Abende thue, an denen ich freie Zeit habe; ich werde im Homer, Virgil oder Lucian leſen.“ „Das iſt eine edle Zerſtreuung, der ich mich wohl auch von Zeit zu Zeit hingeben möchte und der ich Ihnen rathe, ſich heute Abend mehr denn je zu widmen.“ „Weßhalb das?“ „Weil, wenn ich Sie recht kenne, Sie den Lärm, das Geräuſch, die Volksmaſſen nicht lieben.“ „Ah! ah! ich beginne zu begreifen— Sie glau⸗ ben, daß dieſen Abend in Paris Lärm, Geräuſch, Volksmaſſen ſein werden?“ „Ich fürchte.“ „Etwas wie ein Auflauf?“ fragte Salvator, indem er ſeinen Mitunterredner feſt anſah. „Ein Auflauf, wenn Sie wollen,“ machte Herr Jackal.„Ich wiederhole Ihnen, daß ich nicht um Worte mäckle; aber ich möchte Sie überzeugen, daß für einen Menſchen wie Sie, die Lectüre der Dichter des Alterthums einer Promenade in der Stadt von ſieben oder acht Uhr an weit vorzuzie⸗ hen ſein dürfte.“ „Ah! ah!“ „Wie ich Ihnen zu ſagen die Ehre habe.“ „Sie ſind alſo gewiß, daß heute Abend ein Auflauf ſein wird?“ „Mein Gott, lieber Herr Salvator, man iſt nie einer Sache ganz gewiß und namentlich nicht der Launen der Menge; wenn es jedoch auf Grund einiger aus guter Quelle geſchöpfter Erkundigun⸗ gen erlaubt iſt, die eine oder andere Conjectur zu machen, ſo wage ich zu behaupten, daß die Mani⸗ feſtationen des Volksjubels dieſen Abend ſehr laut und ſogar feindſelig werden.“ „Ja! und das gerade zwiſchen ſieben und acht Uhr?“ machte Salvator. „Gerade zwiſchen ſieben und acht Uhr.“ „So kommen Sie alſo,“ ſagte Salvator,„um mir anzukünden, daß für dieſen Abend ein Auf⸗ ſtand beſtimmt iſt.“ „Allerdings. Sie begreifen wohl, daß ich das Herz und den Geiſt der Menge gut genug kenne, 240 um verſichern zu können, wenn die Nachricht von dem Sieg der Oppoſition durch Paris läuft, Paris erbeben wird; und nachdem es gezittert, wird es ſingen. Und vom Geſang zur Pechpfanne iſt nur ein Schritt; wenn Paris geſungen, wird es beleuch⸗ ten. Iſt Paris beleuchtet, ſo iſt zwiſchen den Pech⸗ fackeln und dem Schwärmer nur eine Handbreite. Paris wird deßhalb mit Schwärmer und Zündrake⸗ ten ſchießen. Zufällig wird ein Soldat oder ein Geiſtlicher durch die Straßen gehen, wo man ſich dieſem unſchuldigen Exerzitium hingibt; ein Ga⸗ min(dieſes Alter iſt ohne Mitleid, ſagt der Dichter) wird wieder ganz zufällig einen Schwärmer oder eine Zündrakete auf dieſen ehrenwerthen Vorüber⸗ gehenden werfen. Dadurch entſteht große Freude und helles Lachen auf der einen Seite, auf der andern ein Ausbruch des Zornes oder Lärmge⸗ ſchrei. Man wird heftige Worte, Beleidigungen, vielleicht Schläge austauſchen; die Bewegungen der Maſſe ſind ſo unerwartet.“ „Sie glauben, daß es bis zu Schlägen kommen werde?“ „Ja; Sie begreifen; irgend Jemand erhebt ſeinen Stock gegen den herausfordernden Gamin, der Gamin bückt ſich, um dem Schlag auszuwei⸗ chen; indem er ſich bückt, wird er, wieder durch den größten Zufall auf einen Pflaſterſtein ſtoßen. Und es braucht nur den erſten Pflaſterſtein; iſt der erſte Pflaſterſtein ausgebrochen, ſo folgen die übrigen; und bald iſt ein ganzer Haufen beiſam⸗ men. Was mit einem Haufen Pflaſterſteine ma⸗ chen, als Barrikaden? Man wird anfangs kleinere, v dann bald größere Barrikaden machen, vorausge⸗ ſetzt, daß ein Dummkopf von Kärrner den unglück⸗ lichen Gedanken hat, mit ſeinem Karren hier vor⸗ über zu fahren. Die Polizei wird hier einen Beweis ächter väterlicher Fürſorge geben. Statt die Rädelsführer zu arretiren, und es gibt, wie Sie ſich denken können, immer welche, wird ſie die Blicke wegwenden und ſagen:„Bah! die ar⸗ men Kinder, ſie müſſen ſich amüſiren!“ und ſie wird ſie ruhig Barrikaden machen laſſen, ohne die Barrikadenmacher zu beläſtigen.“ „Aber das iſt ganz einfach ſchändlich.“ „Muß man das Volk ſich nicht freuen laſſen? Ich weiß wohl, daß mitten in dem Tumulte man auf den Gedanken kommen kann, ich weiß ſogar, daß Jemand auf den Gedanken kommen wird, ſtatt einen Schwärmer ein Piſtol, ſtatt einer Zündrakete eine Flinte abzuſchießen; dann wird, wie Sie ſich den⸗ ken können, die Polizei die Verpflichtung haben, um nicht der Schwäche oder der Mitſchuld ange⸗ klagt zu werden, einzuſchreiten. Aber es wird erſt im letzten Augenblick ſo weit kommen, ſeien Sie überzeugt, wenn bereits ſehr bedauerliche Ereig⸗ niſſe eingetreten ſind. Sehen Sie, lieber Herr Salvator, wenn es Ihre urſprüngliche Abſicht war, dieſen Abend mit der Lectüre Ihrer Lieblings⸗ ſchriftſteller zuzubringen, ſo möchte ich Ihnen den Rath geben, nichts in Ihrem Entſchluſſe zu ändern.“ „Ich danke Ihnen für den Rath, mein Herr,“ ſagte Salvator ernſt,„und dießmal ſind wir wirk⸗ Dumas, Salvator. VI. 16 242 lich quitt, obgleich ich, offen geſagt, dieſen Morgen um neun Uhr von der jüngſten Neuigkeit unter⸗ richtet war, die Sie mitzutheilen mir die Ehre erwieſen.“ „Ich bedaure zu ſpät gekommen zu ſein, lieber Herr Salvator.“ „Es iſt teine verlorene Zeit.“ Herr Jockal ſtand auf. „Ich verlaſſe Sie jetzt,“ ſagte er,„mit der Ueberzeugung, daß weder Sie noch Ihre Freunde ſich in dieſes Weſpenneſt wagen werden, nicht wahr?“ „Ah! was das betrifft, ſo verſpreche ich Ihnen nichts. Ich bin im Gegentheil entſchloſſen, mich in dieſes Weſpenneſt zu wagen, wo es am unru⸗ higſten iſt.“ „Iſt das wirklich Ihre Abſicht?“ „Man muß alles ſehen, um auf alles gefaßt zu ein.“ „Es bleibt mir ſomit nichts übrig, lieber Herr Salvator, als den aufrichtigſten Wunſch auszu⸗ ſprechen, daß Ihnen keine Unbill widerfahre,“ ſagte Herr Jackal, indem er aufſtand und nach dem Vorzimmer ging, wo er ſeine Polonaiſe und ſein Cachenez wieder anzog. „Ich danke Ihnen für Ihre Wünſche,“ ſagte Salvator, indem er ihn begleitete;„erlauben Sie mir, Ihnen meinerſeits den eben ſo lebhaften Wunſch auszuſprechen, daß Ihnen ebenfalls keine Unbill zuſtoße, falls das Miniſterium das Opfer ſeiner Erfindung würde.“ 243 „Das iſt das Schickſal aller Erfinder,“ ſagte Herr Jackal melancholiſch, indem er ſich verab⸗ ſchiedete. Ende des ſechsten Theils.