deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher von 6 Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Veih- und Veſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lescpreis. Bei Rü abe eines geliehenen Buc jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt beträgt: 2 für wöchentlich 2 Büchen: zur Em⸗ Morgens Buches wird von iſt zu 24 Stun werden und 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf 1 W. 5 Pf. 2 Mi.— 3 2 Pf. „ 4 Auswärtige Abonnenten haben füt Hin⸗ und Zuri 5 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersgtz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam Lemacht, daß das Weiterverleihen er Bücher nicht ſtattfinden darf indem Diejenigen, welche die⸗ ben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ickſendung Die Mohicaner von Paris. Salvator. Von Alerander Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Edmund Zoller. Fünfter Band. S Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1858. 3 Druck der K. Hofbuchdruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. LN. Ein Gemäldeliebhaber. Der Andrang von Fremden, welche das Atelier von Petrus beſuchten, und von denen die Einen aus bloßer einfacher Neugierde kamen, die Andern mit dem wirklichen Wunſche zu kaufen, war ſo groß, daß man wörtlich Queue an der Thüre machte. Am folgenden Sonntage ſollte der Verkauf be⸗ ginnen, das will ſagen in drei Tagen. Es war Donnerstag. Gegen 11 Uhr Morgens bot deßhalb das Atelier den Anblick einer Flut. Es war die Bewegung von Wogen, die ſich immer gewaltiger drängten, immer höher ſtiegen; es war ſogar ihr Geräuſch. In dem anſtoßenden Zimmer dicht daneben herrſchte dagegen Unbeweglichkeit, Einſamkeit, Stille. Wir hätten ſagen ſollen Abgeſchiedenheit, denn die Einſamkeit war nicht vollſtändig: Petrus befand ſich in dem Zimmer. Er ſaß in der Nähe des Fenſters, auf einen kleinen Gueridon geſtützt, auf welchem ein offener Brief lag, den er nur ein einzig Mal geleſen, von 1 —8— dem jedes Wort jedoch ihm bis in die Tiefe der Seele gedrungen war. Es war leicht zu ſehen, daß der junge Mann gebrochen war. Von Zeit zu Zeit hielt er ſeine Hände an die Ohren, um das Geräuſch im anſtoßenden Zimmer nicht zu hören. Von Zeit zu Zeit rollten große Thränen über ſeine Wangen und fielen auf den offen vor ihm liegenden Brief. Warum war Petrus, der auf den Ruf Salva⸗ tors ſo raſch ſeinen Entſchluß gefaßt, warum war Petrus blaſſer und unſchlüſſiger geworden, denn je? Daran war der Brief Schuld, den er ſoeben von Regina erhalten, und der den Entſchluß des jungen Mannes wie Glas gebrochen. Man erinnert ſich, daß in dem Augenblick, wo er Regina verlaſſen, dieſe ihm ein ſüßes Verſprechen für den andern Tag gegeben,— einen Brief. Nur hatte ſie ihm nicht ſagen wollen, was dieſer Brief enthalten würde. Sie wollte mit ächt weiblicher Zartheit, daß ein Duft des Glückes, der um ſo lieblicher, weil unbekannt, dem folge, den ſie liebte. Dieſen Brief hatte Petrus erhalten. Er war derſelbe, auf den ſich ſeine Augen hef⸗ teten; er war derſelbe, auf den ſeine Thränen floſſen. Und wirklich, man wird ſehen, daß er viel Glück verſprach und daß man lang und ernſtlich über den Verluſt eines ſolchen Glückes weinen konnte. en ick en Hier iſt er: „Mein vielgeliebter Van Dyk! „Ich habe Ihnen geſtern, als ich Sie verließ, eine gute Nachricht verſprochen. „Dieſe Nachricht iſt folgende: „In einem Monate iſt der Geburtstag meines Vaters, und meine Tante und ich entſchieden uns dahin, daß das Geſchenk, das wir dem Marſchall geben wollten, das Portrait der kleinen Abeille ſein ſollte. „Außerdem wurde geſtern der Herr Graf Rappt vom Schloſſe mit einer Sendung an den Hof von St. Petersburg beauftragt, einer Sendung, die ihn auf mehrere Wochen entfernen muß... „Sie ahnen, nicht wahr? „Nachdem nun einmal entſchieden, daß das Ge⸗ ſchenk für den Marſchall in dem Portrait des klei⸗ nen Lieblings beſtehe, war es nicht ſchwer die Wahl zu treffen und zu beſtimmen, daß der Maler, der dies Portrait machte, Herr Petrus Herbel von Cour⸗ tenay ſein ſoll. „Sie wiſſen, daß dieſer letztre Name einen un⸗ geheuren Einfluß auf die Marquiſe de la Tournelle hat, die einen großen Reſpect vor den geſchloſſenen Kronen beſitzt. „Vernehmen Sie nun, was mir Ihnen noch mitzutheilen übrig bleibt. „Von nächſten Sonntag Mittag wird jeden Tag eine Sitzung in dem Atelier von Herrn Petrus Her⸗ bel de Courtenay ſtattfinden. „Die kleine Abeille wird gewöhnlich zu ihrem —2— —8 6 Maler durch die Marquiſin de la Tournelle, ihre Großtante, und die Gräfin Regina, ihre ältere Schweſter, gebracht werden. „Es wird Tage geben, an welchen die Marqui⸗ ſin de la Tournelle durch ihre Geſundheitsrück⸗ ſichten und die Rflichten der Frömmigkeit abgehalten ſein wird. „An dieſen Tagen wird die kleine Abeille Nie⸗ mand haben, der ſie begleitet, als ihre Schweſter Regina. „Ihre Schweſter Regina wird ſie alſo allein begleiten. „Je nach der Geſchicklichkeit des Malers wird das Bild in einigen Sitzungen fertig ſein oder einen Monat brauchen. „Vorausgeſetzt, daß das Bild ähnlich iſt, wird man ſich nicht über die Zeit beklagen, die der Ma⸗ ler darauf verwendet hat. „Damit kein Streit über den Preis entſtehen kann, iſt derſelbe zum Voraus auf zweihundert Louis⸗ d'or fixirt. „Da Herr Petrus Herbel de Courtenay jedoch viel⸗ leicht zu ſtolz ſein wird, ſie anzunehmen, iſt zum Voraus beſtimmt, daß dieſe Summe zu Almoſen, ſowie zum Ankauf von Pretioſen und eines himmel⸗ blauen Kleides, ähnlich dem, welches die arme Roſe de Noel ſo ſehr gewünſcht, verwendet werden ſoll. „So erwarten Sie denn, mein lieber Van Dyk, am Sonntag, um Mittag, die kleine Abeille, die Marquiſin de la Tournelle und Ihre Sie zärt⸗ lich liebende „Regina.“ ——— — 8 S X N — X * 3. 5. n, 7 Das war nun der Brief, der trotz der guten Nachricht oder vielmehr wegen der guten Nachricht, die er enthielt, Petrus zur Verzweiflung brachte. Sonntag um Mittag wollte Regina mit ihrer Tante und ihrer Schweſter kommen, und was wür⸗ den die drei Frauen finden? Den Schätzungs⸗Commiſſär, der die Bilder und Meubels von Petrus verkaufte! Und Petrus hatte nichts davon geſagt! Wie wollte er dieſe Schande ertragen? Einen Augenblick kam ihm der Gedanke, zu flie⸗ hen, ſich zu verbannen, Regina nie wieder zu ſehen. Aber Regina nicht wieder ſehen, hieß auf das Leben verzichten. Es war noch mehr: es war der Tod des Her⸗ zens in einem lebendigen Körper. Einen Augenblick bedauerte Petrus, nicht, ſeinen Vater vom Ruine gerettet zu haben— wir müſſen es ſagen, dieſer Gedanke kam ihm nicht ein⸗ mal in den Sinn— ſondern das Anerbieten Jean Roberts nicht angenommen zu haben. Petrus brauchte wirklich nur angeſtrengt zu arbeiten, wie er ehedem gearbeitet, um Jean Ro⸗ bert in kürzeſter Zeit das Geld zurückzugeben, das dieſer ihm geliehen. Seine augenblickliche Ruhe, ſein Luxus, ſeine Pferde, ſein Wagen hatten ſogar, kaufmänniſch ge⸗ ſprochen, eine ausgezeichnete Wirkung hervorge⸗ bracht.. Nan hatte geglaubt, er habe von einem unbe⸗ kannten Onkel geerbt, er brauche das Geld nicht —8— mehr und von dieſem Augenblicke an hatten ſeine Bilder doppelten Werth. Aber Petrus machte nur, weil er für nichts 6 Sinn hatte, als ſeine Liebe, keine Bilder mehr. Konnte er nur eine Summe von zehntauſend Franken entlehnen, ſo konnte er damit Bilder ma⸗ len und in drei Monaten die Summe zurückgeben, wie hoch auch der Kurs war, zu welchem ſie ihm geliehen wurde. Warum ſollte er nicht Salvator bitten, ihm dieſe Summe zu verſchaffen? Nein: das ſtrenge Geſicht Salvator's würde ein ſolches Verlangen unterſagen. Hatte nicht überdies die Stimme Salvator's, wie ein Echo des unerbittlichen Geſetzes, geantwor⸗ tet:„Am 4. April!“ Petrus ſchüttelte deshalb den Kopf und wie wenn er ſich auf ſeine eigenen Gedanken antwortete, ſagte er: „Nein, nein: alles eher, als mich an Solvator zu wenden!“ Er fügte freilich hinzu: „Aber auch alles eher, als Regina zu ver⸗ lieren!“. In demſelben Momente trat ein neuer Beſuch in das Atelier. Da dieſer neue Beſuch eine große Rolle in den folgenden Scenen zu ſpielen beſtimmt iſt, mögen uns die Leſer erlauben, Petrus ſeinen düſtern Ge⸗ danken zu überlaſſen, und einen Blick auf den Neuankömmling zu werfen. ——.— ——— c————— — —— en en e⸗ en 9 Es war ein Mann von achtundvierzig bis fünf⸗ zig Jahren, von ziemlich hoher Geſtalt, breiten Schultern, robuſtem Halſe und breiter Bruſt. Sein Kopf war bedeckt mit einem Walde von rothen Haaren, welche friſirt und beinahe gekräu⸗ ſelt waren; ſeine Augenbrauen, von einem Eben⸗ holzſchwarz— ein ſeltſamer Contraſt mit ſeinen Haaren— waren dicht und weich, und waren wie mit langen großen und nadelſpitzen Haaren be⸗ waffnet. Sein Backenbart, der ſich bis unter den Hals verlängerte, war von einem Braun, das in's Röth⸗ liche ſpielte und mit einigen grauen und weißen Haaren untermiſcht, wodurch man beim erſten An⸗ blick außer Stande war, die Farbe genau anzu⸗ geben. Kurz das Geſicht dieſes Unbekannten deutete auf Offenheit, ſogar auf rauhes Weſen, aber nicht auf Bösartigkeit. Im Gegentheil, das Lächeln, das beſtändig auf ſeinen Lippen zu ſchweben ſchien, verkündete eine Art jovialer Gutmüthigkeit, eine Art ſcheinbar rauhen Humors, der im Grunde jedoch gut und mild war. Auf den erſten Anblick würde man ſich von ihm fern gehalten haben. Dann aber, wenn man ihn noch einmal ange⸗ ſehen, würde man ihm die Hand geboten haben, ſo viel Sympathie für ihn flößte der heitere Aus⸗ druck ein, der in ſeinem Geſichte lag. Wir haben das Alter genannt, in dem er zu ſtehen ſchien. —— — 10 Dieſes Alter wurde nahezu durch eine doppelte Falte in Circumflexform, welche ſich dicht über der Naſe hinzog, conſtatirt. Der Stand des Mannes war nach mehreren Anzeichen leicht zu beſtimmen. Sein Gang verrieth den Seemann durch die eigenthümliche Hüftenlahmheit, welche für Leute characteriſtiſch iſt, die lange Zeit auf dem Meere gereist ſind und die ſelbſt auf dem feſten Elemente ein Spreizen der Beine beibehalten, mit dem die Söhne des Neptun, wie ein Mitglied der franzöſi⸗ ſchen Academie ſaßen würde, die Gewohnheit haben, gegen das Schlingern und Stampfen der Schiffe Stand zu halten. Außerdem wäre, wenn man dies Zeichen nicht erkannt, der forſchende Blick des Neugierigen durch ein anderes nicht minder deutliches auf die Spur geführt worden. Der Unbekannte trug an ſeinen Ohren zwei kleine goldene Anker. Seine Kleidung war ziemlich ausgeſucht, ob⸗ gleich ſie, ſelbſt für Leute von wenig Anſprüchen, einen etwas zweideutigen Geſchmack verrieth. Sie beſtand aus einem blauen Frack mit metal⸗ lenen Knöpfen, über die Maßen weit offen, um eine Sammtweſte ſehen zu laſſen, an welcher eine ungeheure Kette kreuzweiſe herabhing. Außerdem trug er ein weites faltiges Beinkleid, das ſich bis zum Stiefel verengte und zu jener Zeit unter dem Namen Koſakenhoſe bekannt war. Die Stiefel ſelbſt endlich, im Gegenſatz zur Hoſe, die ſich verengte, erweiterten ſich unter ihr, te er en ie te re te ie ſi⸗ ffe ne 11 um die Umriſſe eines Fußes zu zeichnen, welchen die Natur in ihrer mütterlichen Vorſehung offenbar gebildet hatte, um ſeinen Beſitzer mitten unter den phantaſtiſchen Bewegungen des Ozeans im Gleich⸗ gewichte zu erhalten. Am andern Ende entfaltete ſich ſein Geſicht in einer weißen Kravatte, aus der ein breiter Hals hervorſah, wie eine Gichtroſe aus einer Düte von weißem Papier. Ein Foulard mit rothen und grünen Carreaux, welches mittelſt eines jener Knoten, die man à la marinidre nennt, um den Hals geſchlungen war, und ein ſchwarzer Filzhut mit breiten Rändern und langen Haaren vervollſtändigte dieſe Tracht. Fügen wir hinzu, daß er in der Hand einen ungeheuren Rotang hielt, den er ohne Zweifel ſelbſt aus Oſt⸗ oder Weſtindien mitgebracht, welche beide den Vorzug haben, dieſe intereſſante Pflanze her⸗ vorzubringen, und den er zu Ehren einer Erinne⸗ rung, welche dieſer Stock in ihm weckte, mit einem rieſigen Größe entſprechenden Knopfe verſehen atte. Was konnte dieſe eigenthümliche Perſönlichkeit zu einem Bilderverkauf locken? Wenn Petrus ein Marinemaler geweſen wäre, ſo würde der Beſuch eines reichen Seemanns, der ſich zurückgezogen und eine Galerie von Seeſtücken anlegen wollte, nichts Ueberraſchendes gehabt haben. Aber ein Seemann in dem Atelier eines Hiſto⸗ rienmalers und ſogar eines Genremalers war etwas, was die ächten Liebhaber mit vollem Rechte in Er⸗ ſtaunen ſetzen konnte. Bei der Ankunft des Seemanns in dem Atelier richtete ſich die Aufmerkſamkeit der anweſenden Per⸗ ſonen, die einzig bis jetzt auf die Bilder concentirt geweſen, größtentheils auf den Neuankömmling. Dieſer, ohne ſich dadurch ſtören zu laſſen, blieb mitten im Zimmer ſtehen, warf einen forſchenden Blick um ſich her, zog ein Etui aus ſeiner Taſche, nahm aus dem Etui eine Brille mit goldenen Hal⸗ tern, ſetzte die Brille auf ſeine Naſe und ſchritt ge⸗ rade auf ein Gemälde von Chardin zu, das ihn, ſobald er es gewahrte, beſonders anzuziehen ſchien. Dieſes Gemälde ſtellte eine Haushälterin vor, welche die Gemüſe reinigt, die ſie in ihren Topf am Feuer werfen will. Das Feuer, der Topf und die Gemüſe waren mit ſolcher Wahrheit gemalt, daß der Seemann bei dem Anblick des Topfes, deſſen Deckel auf dem Heerde lag, laut ausrief, indem er ſeine Naſe der Leinwand näherte und laut athmete: hm! hin Dann ließ er ſeine Zunge ſchnalzen nnd fuhr ort: „Das Waſſer lauft einem im Munde zuſam⸗ men.“ Dann hob er die linke Hand mit einer Bewe⸗ gung in die Luft, welche deutlich die vollkommenſte Bewunderung an den Tag legte: „Prachtvoll!“ ſagte er, immer in demſelben ge⸗ hobenen Tone und ganz, als ob er allein wäre, „prachtvoll in jeder Beziehung!“ Einige Fremde, welche die Anſicht des Neuan⸗ kömmlings von dem Bilde Chardin's theilten, näher⸗ ——,————— — er T⸗ rt eb en e, l⸗ e⸗ n, p bei em er m⸗ e⸗ ſte e⸗ 13 ten ſich ihm, während die, welche dieſe Anſicht nicht theilten, ſich entfernten. Nachdem er lange und genau das Bild betrach⸗ tet, ſeine Brille bald abnehmend, bald wieder auf⸗ ſetzend, verließ er es, obgleich mit dem Ausdruck tie⸗ fen Bedauerns, und eines der erſten Marinebilder Gudin's gewahrend, ſagte er: „O, o! das iſt Waſſer; das wollen wir uns etwas näher betrachten.“ Und in der That trat er ſo nahe heran, daß er das Bild mit der Naſenſpitze berühren konnte. „Tauſend Stückpforten noch einmal! Das iſt Waſſer und Salzwaſſer dazu DOl o! aber von wem iſt denn dieß Bild?“. „Von einem jungen Manne, mein Herr, von einem jungen Manne,“ ſagte ein alter Herr, der eine Priſe Tabak vor dem Marinebild einſog, wel⸗ ches der Seemann betrachtete. „Gudin,“ verſetzte der Liebhaber, der eben die Unterſchrift des Bildes entdeckte.„Ich habe wirk⸗ lich dieſen Namen in Amerika nennen hören, aber ich ſehe zum erſten Male ein Bild von dieſem Mei⸗ ter; denn ſo jung er iſt, wie Sie ſagen, mein Herr, iſt der Maler, der dieſe Barke und dieſe Welle, da gemacht, nach meiner Anſicht ein Meiſter. Ich bin weniger zufrieden mit den Matroſen darauf; aber man kann nicht in Allem exzelliren. Muß mir's näher anſehen Und der Seemann ſah ſich das Bild ganz in der Nähe an. „Und was ſagen Sie von dieſer Brick, die man da im Hintergrunde ſieht?“ „Mein Herr, entſchuldigen Sie, ich ſage, das iſt eine Corvette, keine Brick. eine Corvette, die vor dem Winde geht, die Backborbshalſen zu, mit ihrem großen Segel, ſeinem Fockſegel und den beiden Marsſegeln, was ſehr beſcheiden von ihr iſt, denn bei einem ſolchen Winde könnten ſie wohl ihre Bramſegel und Leiſegel hiſſen. Ich hatte bei ſolchem Wetter die Gewohnheit, zu rufen:„Alle Segel aufgezogen!“ Und nach ſeiner Gewohnheit, die er auch dieß⸗ mal beibehielt, rief er dieſen Befehl, ſo laut er konnte. Alles drehte ſich um. Einige Liebhaber ſetzten ihre beſondern Unterſuchungen fort: aber der größte Theil der Zuhörer ſammelte ſich um den Seemann, und fuhr, um uns eines dem poetiſchen Beruf, dem er angehörte, entnommenen Ausdrucks zu be⸗ dienen, in Admiralsſchaft mit ihm. Der Unbekannte hatte, wie wir ſehen, nicht vor tauben Ohren geſprochen. Der alte Herr, welcher bereits einige Worte mit ihm gewechſelt, faßte ſeine Worte raſch auf und ſagte: „Ah, ah, mein Herr, es ſcheint, daß Sie ein Schiff commandirt?“ „Ich hatte dieſe Ehre, mein Herr,“ antwortete der Fremde. „Einen Dreimaſter, eine Brick, eine Corvette?“ „Eine Corvette.“ Dann, als wenn er die Converſation nicht wei⸗ ter fortführen möchte, wenigſtens in nautiſcher Rich⸗ tung nicht, verließ der Seemann die Wellen, die 8 1Sc Barke und die Corvette Gudin's, um ſich mit einem Boucher zu beſchäftigen. Aber der alte Liebhaber, der ohne Zweifel gern gewußt hätte, was ein in der Kunſt ſo erfahrener Mann von dem gewöhnlichen Maler der Madame du Barry dachte, verließ ihn nicht bei dem Kreiſe, den er beſchrieb. Wie ein Stern ſeine Satelliten in einem Wir⸗ bel nach ſich zieht, begleiteten alle Zuhörer den Seemann. „Obgleich dieß keine Unterſchrift hat,“ ſagte unſer Mann, indem er das Bild des Nachfolgers von Vanloo betrachtete,„braucht man doch nicht zu fra⸗ gen, von wem es iſt: es iſt die Toilette der Venus von Boucher. Der Maler hat aus Schmeichelei ſeiner Venus die Züge der unglücklichen Courti⸗ lane gegeben, welche in jener Zeit die franzöſiſche Monarchie entehrte... „Schlechte Malerei! ſchlechter Maler! Ich liebe oucher nicht! Und Sie, meine Herren?“ Und ohne abzuwarten, bis die, welche er an⸗ redete, ihm antworteten, fügte er mit lauter Stimme hinzu: „Er iſt ein ſchätzbarer Coloriſt, ich weiß es; aber er iſt ein pretentiöſer und manierirter Maler, wie die Menſchen ſeiner Zeit... Clende Epoche! geringe Nachahmung der Manieren der Renaiſſance. Es iſt weder das Fleiſch Tizian's, noch die Carna⸗ tion von Rubens. 1 Dann wandte er ſich an ſeine Zuhörer und ſagte: Und nun wiſſen Sie auch, meine Herren, weßhalb ich Chardin liebe er iſt der einzig wahrhaft kräſtige Künſtler, weil er wahrhaft einfach iſt inmitten der Affectation und conventionellen Manier ſeines Jahrhunderts. O die Einfachheit, meine Herren, die Einfachheit, Sie mögen ſagen, was Sie wollen. Darauf muß man immer wieder zurückkommen.“ Niemand beſtritt die Wahrheit dieſes Axioms. Der Liebhaber, der bereits mit dem Seemann geſprochen, ſah um ſich, als wollte er um das Wort bitten, und als er ſah, daß Niemand einen Ein⸗ wurf machte, ſagte er: „Ganz richtig, mein Herr, ganz richtig.“ Der Liebhaber begann an dem brüsken, aber offenen, brutalen, aber philoſophiſchen Seemann einen Narren zu freſſen. „Wenn ich lange genug lebe, um meinen Traum zu realiſiren,“ fuhr der Capitän in melancholiſchem Tone fort,„ſo werde ich als der glücklichſte Menſch ſter⸗ ben, denn ich werde meinen Namen an ein großes Werk geknüpft haben.“ „Und wäre es unbeſcheiden, mein Herr,“ fragte der alte Liebhaber,„wenn man dieſen Traum zu kennen wünſchte?“ „Keineswegs, mein Herr, keineswegs,“ antwor⸗ tete der Capitän.„Ich will eine Freiſchule für das Zeichnen gründen, wo die Lehrer keine andere Aufgabe haben, als die Einfachheit in der Kunſt zu lehren.“ „Eine große Idee, mein Herr!“ „Nicht wahr?“ „Sehr groß, ſehr groß und ächt philanthropiſch. Der Herr bewohnt die Hauptſtadt?“ „Nein, aber ich hoffe mich hier niederzulaſſen: rie eit ſa ge me en es en, n. nn ort n⸗ er nn m em er⸗ zes te zu or⸗ ür ere nſt 17 ich beginne, der Reiſe um die Welt müde zu wer⸗ den.“ Sie haben die Reiſe um die Welt gemacht?“ rief der Herr voll Verwunderung. „Sechsmal, mein Herr,“ antwortete der Capitän einfach. Der Liebhaber trat einen Schritt zurück. „Das iſt ja noch ärger, als Herr de la Perouſe,“ ſagte er. „Herr de la Perouſe hat ſie nur zweimal gemacht,“ antwortete der Seemann mit derſelben Einfachheit. „Ich ſpreche vielleicht mit einem berühmten See⸗ mann?“ „Pah!“ machte der Unbekannte beſcheiden. „Nun, mein Herr. Darf ich Sie um Ihren Namen fragen?“ „Ich heiße Lazare Pierre Berthaud, genannt Monte⸗Hauban.“ „Sollten Sie mit dem berühmten Berthaud de Montauban, dem Neffen Carl des Großen, ver⸗ wandt ſein?“ „Renaud de Montauban, wollten Sie ſagen!“ „Ach ja, das iſt richtig.— Renaud... Ber⸗ thi „Ja, man verwechſelt leicht einen mit dem an⸗ dern; ich glaube nicht, dieſe Ehre zu haben, es wäre denn weiblicherſeits. Dann iſt in unſerem Namen ein H, das die Renaud de Montauban nie⸗ mals zu führen die Ehre gehabt.“ Der Liebhaber, der nicht begriff, an welchem Orte ſeines Namens der Capitän Monte⸗Hauban Dumas, Salvator. V. 2 das H habe, verſuchte vergeblich, Montauban aus⸗ zuſprechen, indem er das H vor das M ſetzte. Aber nach dreien vergeblichen Verſuchen ver⸗ zichtete er darauf, redete ſich ein, daß er falſch ge⸗ hört und daß man dem Wappen des Seemanns, nicht ſeinem Namen dieſen Buchſtaben zuſchreiben müſſe. Dann zog er eine Viſitenkarte aus der Taſche, gab ſie dem Capitän und ſagte zu ihm: „Capitän, man findet mich Montag, Mittwoch und Freitag von drei bis fünf Uhr zu Hauſe. Um fünf Uhr ſpeiſe ich zu Mittag und wenn Sie mir bisweilen die Ehre geben wollen, mein einfaches Mal zu theilen, ich habe eine Frau, welche ganz vernarrt in Seekämpfe iſt, ſo werden Sie dieſe und mich glücklich machen, indem Sie uns welche erzählen.“ „Mit Vergnügen, mein Herr,“ ſagte der Capi⸗ tän, indem er die Karte in ſeine Taſche ſteckte;„die Kämpfe ſind, meiner Anſicht nach, blos dazu da, um erzählt zu werden. „Ganz richtig, mein Herr, ganz richtig,“ ſagte der Liebhaber mit einer Verbeugung, indem er ſich zurückzog. Nachdem der Liebhaber durch den Capitän er⸗ obert war, begann dieſer wieder von Neuem vor jedem Bilde ſeine Meinung laut kund zu geben, und eroberte zwei bis drei andere Liebhaber, die er wie den erſten durch die Richtigkeit ſeines Urtheils und ſeinen leidenſchaftlichen Enthuſiasmus für das Einfache in Erſtaunen ſetzte. Nach Verfluß von zwei Stunden hatte er die Bewunderung Aller. zw aus⸗ ver⸗ ge⸗ inns, eiben ſche, woch Um mir aches ganz und len.“ api⸗ „die da, ſagte ſich er⸗ vor ben, ber, eines mus die 19 Man folgte ihm in allen Wendungen, die er durch das Atelier beſchrieb und hörte ihn mit der Aufmerkſamkeit und Sammlung an, welche fleißigen Schülern eigen iſt, wenn ſie vor einem berühmten Profeſſor ſtehen. Dieſe Manege— und es war eine ſolche in der ganzen Bedeutung des Wortes— dauerte bis gegen fünf Uhr, um welche Stunde, wie wir bereits ſag⸗ ten, die Beſucher ſich zurückzogen. In dem Augenblicke, in welchem der Diener von Petrus die Thüre öffnete, um anzudeuten, daß die Stunde des Aufbruchs gekommen ſei, hatte der Ca⸗ pitän ſo eben ein Bild umgedreht, das gegen die Wand geſtellt war, und das nach ſeiner Stellung, wie zu ſehen, nicht wie die übrigen zum Verkauf beſtimmt war. Dieſes Bild war eine Skizze des Kampfes der Belle⸗Thereſe mit der Kalypſo, eine Skizze, welche Petrus nach einer lebhaften Erzählung ſei⸗ nes Vaters einſt auf die Leinwand zu werfen ſich den Spaß gemacht. Kaum hatte er das Bild geſehen, als der Ca⸗ pitän Pierre Berthaud Schreie der Bewunderung ausſtieß, welche diejenigen an die Schwelle feſſel⸗ ten, die bereits am Hinausgehen waren. uc zBeim Gott der Meere,“ rief er,„iſt das glaub⸗ ich?“ Trotz der Aufforderung des Dieners gruppirten ſich die Umſtehenden um den Capitän. „Was wollen Sie ſagen, mein Herr?“ fragten zwanzig Stimmen zu gleicher Zeit. „O meine Herren,“ rief der Capitän, indem er 2 20 ſich die Augen trocknete,„entſchuldigen Sie meine Rührung; als ich jedoch einen der erſten Kämpfe, an denen ich Theil nahm und, das darf ich wohl ſagen, auf ehrenvolle Weiſe Theil nahm, ſo treu dargeſtellt ſah, floſſen die Thränen aus meinen Augen.“ „Weinen Sie, Capitän, weinen Sie!“ ſagten die Umſtehenden. „Ein Einziger,“ fügte der Capitän hinzu, wäre im Stande geweſen, mit dieſer außerordentlichen Treue den Kampf der Kalypſo und der Belle Thereſe zu malen, und dieſer hat nie einen Pinſel ge⸗ führt.“ „Aber,“ fragten die Umſtehenden, deren Neu⸗ gierde durch dieſe dramatiſche Epiſode auf's höchſte geſpannt war,„wer iſt denn dieſer Mann?“ „Es iſt der Capitän, der die Belle Thereſe commandirte.“ „Und der Capitän der BVelle Thereſe,“ ſagten mehrere Stimmen,„der waren Sie, nicht wahr, mein Herr?“ „Nein, das war nicht ich,“ verſetzte Monte⸗ Hauban mit einer ſtolzen Miene,„das war mein treuer Freund, der Capitän Herbel. Was iſt aus ihm geworden, ſeit wir uns in Rochefort trennten, nachdem wir vergeblich den Kaiſer... wollte ſa⸗ gen Bonaparte zu retten geſucht?“ „O, ſagen Sie den Kaiſer, ſagen Sie den Kai⸗ ſer!“ drängten einige Zuhörer, die kühner, als die Andern waren. 5 „Nun ja, den Kaiſer!“ rief der Kapitän,„denn man mag ihm dieſen Titel beſtreiten, wie man will, zu rer „ic ab ger ein neine npfe, wohl treu einen gten wäre ichen ereſe ge⸗ Neu⸗ chſte ereſe gten ahr, nte⸗ mein aus iten, ſa— Kai⸗ die enn will, 21 er hat ihn geführt und glorreich geführt; verzeihen Sie einem alten Diener dieſen vielleicht unüberleg⸗ ten Enthuſiasmus.“ „Ja, ja,“ ſagten mehrere Stimmen;„aber auf den Capitän Herbel zurückzukommen„ „Gott weiß, wo er jetzt iſt, der arme Alte,“ fuhr der Capitan fort, indem er Augen und Arme zum Himmel erhob. „Mein Herr!“ ſagte der Diener, den dieſe rüh⸗ rende Scene hinderte, die Beſucher fortzuweiſen, „ich weiß nicht, wo der Capitän Herbel jetzt iſt, aber was ich weiß, iſt, daß er vor kaum acht Ta⸗ gen hier war.“ „Der Capitän Herbel?“ rief der Liebhaber mit einer Donnerſtimme. „Er ſelbſt,“ antwortete der Diener. nd Sie ſagen, Sie wiſſen nicht, wo er ſei?“ „Wenn ich das ſage, mein Herr, ſo iſt das eine Redensart: er muß in Saint Malb ſein.“ „Ich eile zu ihm!“ rief der Capitän, indem er, noch immer von der Woge der Liebhaber gefolgt, nach der Thüre ſtürzte. Dann blieb er plötzlich ſtehen und verurſachte dadurch eine Ebbe unter denen, die ihm folgten: „Aber täuſchen Sie ſich nicht?“ ſagte er zu dem Diener;„Sie haben hier den Capitän geſehen?“ „Hier ſelbſt.“ „In dieſem Atelier?“ „In dieſem Atelier.“ „Und Sie ſind deſſen gewiß, was Sie ſagen?“ „Ich glaube wohl, daß ich deſſen gewiß bin; 22 ich habe ihn hier heraufgeführt, oder vielmehr ich bin zu ihm hinabgegangen.“ „Warum das?“ 5 „Weil ich ihn nicht heraufkommen ließ.“ „Und,“ fragte der Capitän,„weßhalb kam mein alter Freund nach dem Atelier eines Malers?“ „Nun, weil dieſer Maler ſein Sohn war,“ ant⸗ wortete der Diener. „Wie!“ rief der Capitän, indem er zwei Schritte vorwärts machte,„wie, der berühmte Maler Petrus iſt der Sohn des ausgezeichneten Capitän Herbel?“ „Ja, mein Herr, ſein eigener Sohn,“ ſagte der Diener,„und der eigne Reffe des General von Courtenay.“ „Schon recht: ich bin ein Seemann und kenne die Landgenerale nicht, namentlich wenn ſie Generale in der Armee von Conds geworden.“ Aber ſich ſogleich faſſend, ſagte er: „Verzeihung, meine Herren, vielleicht kränkt meine brüske Offenheit irgend einen Empfindlichen; aber das iſt durchaus nicht meine Abſicht, ich be⸗ theure es.“ „Nein, Capitän, nein. Beruhigen Sie ſich,“ verſetzten mehrere Stimmen. „Aber,“ ſagte der Capitän, deſſen Geſicht von Freude übergoſſen zu werden ſchien,—„wenn dieſer junge Petrus der Sohn meines Freundes Herbel it „Nun,“ wiederholten die Umſtehenden lebhaft geſpannt. „Laſſen Sie dieſen jungen Mann rufen!“ ſagte der Capitän brüsk. „der gan weg für ſtim als pitã Gru ſei Fre tõte ſpre das der wür ume fras ſagt ich mein ant⸗ ritte trus e der von enne rale änkt hen; be⸗ von eſer rbel haft gte „ „Entſchuldigen Sie,“ antwortete der Diener, „der Herr empfängt Niemanden.“ Das EGeſicht verzerrte ſich und die Muskeln be⸗ gannen unruhig zu werden, als ahmten ſie die Be⸗ wegung der Wogen nach. „Du hältſt mich alſo für Niemand. oder für alle Welt?“ rief der Capitän mit einer Donner⸗ ſtimme, indem er auf den armen Teufel zuſchritt, als ob er ihn am Kragen packen wollte. Der Diener erinnerte ſich des Eintritts des Ca⸗ pitän Herbel bei ſeinem Sohne, und da er keinen Grund zu glauben hatte, der Capitän Monte Hauban ſei beſſeren Humors als ſein Gefährte, bat er die Fremden höflich, zu gehen, damit der Capitän ein téte-Atéte mit dem haben könne, den er ſo ſehr zu ſprechen wünſchte. Zu ihrem großen Bedauern mußten die Fremden das Atelier leeren. Sie hätten ſich gerne den Genuß des Anblicks der Freude verſchafft, die der brave Capitän haben würde, nenn er den Sohn eines alten Freundes umarmte. Als der Diener mit dem Capitän allein war, fragte er dieſen: „Wen ſoll ich melden, mein Herr?“ „Melde einen der Helden der Belle Thereſe,“ ſagte der Capitän, ſich räuſpernd. Der Diener trat bei Petrus ein. 24 TLXI. Entern. Der Capitän Berthaud, genannt Monte Hauban, warf ſich, als er allein war, in eine Cauſeuſe, ſtrich mit der Hand durch die Haare und ſeinen Backen⸗ bart, der unter dem Kinn herabhing; dann kreuzte er eines ſeiner Beine mit dem andern, ſtützte ſich auf die Wirbel ſeines Knies, und blieb ſo ſcheinbar in das tiefſte Nachdenken verſunken, bis zu dem Augenblick, wo Petrus aus ſeinem Zimmer tretend die Portiere aufhebend auf der Schwelle des Ate⸗ lier erſchien. Er gewahrte den Capitän in der Stellung, die wir ſoeben beſchrieben haben. Das ſtille Eintreten von Petrus wurde ohne Zweifel von dem Capitän nicht bemerkt, denn er blieb, die Stirne auf die Hand geſtützt, und die Haltung eines ganz in Gedanken Verſunkenen beob⸗ achtend, ſitzen. Petrus betrachtete ihn einen Augenblick und huſtete dann, um den Fremden aus ſeinem Nach⸗ denken zu reißen.. Der Capitän ſchauerte, als er dieſe Stimme hörte, und den Kopf erhebend, öffnete er ſeine Au⸗ gen, wie Einer, der erwacht, indem er Petrus be⸗ trachtete, ohne ſich aus der Cauſeuſe zu erheben. „Sie wollen mit mir ſprechen, mein Herr?“ fragte Petrus. „Das iſt die Stimme, ganz die Stimme ſeines — ſtar ind um der ihn der fach nen Um fra den kan pit lich daſ uban, ſtrich cken⸗ euzte e ſich nbar dem tend Ate⸗ die ohne ner die eob⸗ und ach⸗ ime Au⸗ be⸗ 25 Vaters!“ rief der Capitän, indem er aufſtand und auf den jungen Mann zuging. „Sie haben meinen Vater gekannt, mein Herr?“ fragte Petrus, näher tretend. „Das iſt der Gang, ganz der Gang ſeines Va⸗ ters!“ rief der Capitän wieder.„Ob ich Deinen Vater.. Ihren Vater gekannt? Das will ich glauben!“ Dann ſagte er, die Arme kreuzend: „Aber ſieh' mich doch an!“ „Ich ſehe Sie an, mein Herr,“ ſagte Petrus er⸗ ſtaunt. „Wahrhaftig, das iſt das leibhafte Bild ſeines Vaters im gleichen Alter,“ fuhr der Capitän fort, indem er den jungen Mann liebevoll anſah, oder, um uns eines populären Ausdrucks zu bedienen, der unſere Gedanken noch beſſer gibt,— indem er ihn mit den Augen aufaß.„Ja, ja, und Jedem, der mir das Gegentheil davon ſagt, werde ich ein⸗ fach antworten, er habe gelogen. Du gleichſt Dei⸗ nem Vater, wie ein Tropfen Waſſer dem andern. Umarme mich doch, mein Junge!“ „Aber mit wem habe ich zu ſprechen die Ehre?“ fragte Petrus, immer erſtaunter über die Miene, den Ton und die vertraulichen Manieren des Unbe⸗ kannten. „Mit wem Du ſprichſt, Petrus?“ fuhr der Ca⸗ pitän fort, indem er beide Arme ausbreitete;„und Du haſt mich angeſehen und nicht erkannt! Frei⸗ lich,“ fügte er melancholiſch hinzu,„das letzte Mal, daß Du mich ſahſt, warſt Du nicht größer, als ſo!“ 26 „Und der Capitän maß mit der Hand die Größe eines Kindes von fünf bis ſechs Jahren. „Ich geſtehe, mein Herr,“ ſagte Petrus, immer verlegener werdend,„trotz der neuen Andeutungen, die Sie mir ſoebengegeben, erkenne ich Sie nicht.“ „Ich verzeihe Dir,“ ſagte der Capitän mit einem Ausdruck voll Güte,„und doch,“ fuhr er mit einem leichten Schatten von Trauer in der Stimme fort, „hätte ich es lieber geſehen, wenn Du mich erkannt: man vergißt gewöhnlich einen zweiten Vater nicht.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ indem er den Seemann feſt in's Auge faßte. Denn er glaubte ſich endlich auf der Spur. „Ich will damit ſagen, Undankbarer,“ antwor⸗ tete der Capitän,„daß das Kriegsleben und die tropiſche Sonne mich ſehr verändert haben müſſen, weil Du Deinen Pathen nicht wieder erkennſt.“ „Wie! Sie wären der Freund meines Vaters, Berthaud, genannt Monte⸗Hauban, der ſich in Rochefort von ihm getrennt und den er ſeit jener Zeit nicht mehr geſehen?“ „Nun ja, ſo biſt du endlich ſo weit! Stückpforten, das hat Mühe gekoſtet. und umarme mich, mein kleiner Pierre; denn Du heißeſt Pierre, wie ich, weil ich es bin, der Dir meinen Namen gegeben.“ Es war eine unbeſtreitbare Thatſache, der Taufname des Veränderung erlitten. „Von ganzem Herzen, mein Pathe!“ antwor⸗ tetete Petrus lächelnd. Und als der Capitän ihm ſeine beiden Tauſend Nun komme obgleich jungen Mannes eine leichte Arme fragte Petrus, öffn hine er l der frei geſe Alte ich nei ter Pie jun⸗ zi9 mit Au Har ſelb blic meit die neh immer ungen, nicht.“ einem einem fort, annt: icht.“ etrus, Denn twor⸗ die üſſen, 7. ters, h in jener ſend mme Du Dir leich ichte r⸗ me 27 öffnete, warf er ſich mit jugendlicher Begeiſterung hinein. Der Capitän drückte ihn an ſeine Bruſt, daß er beinahe erſtickt wäre. 6 „HO, zum Henker! was das wohl thut!“ rief der Capitän. Dann ihn loslaſſend, ohne jedoch ſein Hand frei zu geben, ſagte er voll Bewunderung: „Du biſt Deinem Vater wie aus dem Geſicht geſchnitten. Ach! Dein Vater hatte gerade Dein Alter, als ich ihn kannte... Aber nein, nein, ich bin vergeblich partheiiſch für ihn, Sacrebleu! nein, er war nicht ſo hübſch, wie Du. Deine Mut⸗ ter hat das Ihrige dazu gegeben, mein kleiner Pierre, und das hat nichts geſchadet. Ach! Dein jungendlich Geſicht verjüngt mich um fünfundzwan⸗ zig Jahre, mein Junge. Setze Dich, damit ich Dich mit mehr Bequemlichkeit anſehen kann.“ Und indem er mit dem Revers des Aermels die Augen trocknete, nöthigte er ihn mit der andern Hand auf das Canapee. „Ach! genire Dich nicht,“ ſagte er, ehe er ſich ſelbſt ſetzte.„Ich hoffe, daß Du mir einige Augen⸗ blicke zu gönnen haſt.“ „Den ganzen übrigen Tag, wenn Sie wollen, mein Herr; hätte ich die wenigen Augenblicke nicht, die Sie von mir verlangen, ſo würde ich ſie mir nehmen.“ „Mein Herr, was ſoll das heißen, mein Herr? Ach, ja ſo, die Civiliſation, die Stadt, die Hauptſtadt. Ja, wenn Du ein Bauer wäreſt, wür⸗ deſt Du mich Deinen Pathen Berthaud kurzweg ————————————— 28 heißen. Sie ſind ein Caballero und nennen mich: 4 mein Herr.“ Der Capitän ſtieß einen Seufzer aus. pit „Ach“, ſagte er,„wenn Dein Vater, mein ar⸗ der mer alter Herbel wüßte, daß ſein Sohn mich mein Herr nennt!“ „Verſprechen Sie mir, ihm nicht zu ſagen, daß läc ich Sie mein Herr genannt und ich werde Sie kurzweg Berthaud nennen.“ „Ah, das laß ich mir gefallen! Was mich be⸗ trifft, nun, ſo iſt es ein alter Seemannsbrauch, ich der muß Dich dutzen; ich dutzte Deinen Vater, der mein ſche Vorgeſetzter war. Urtheile nun, was das wäre, 7 wenn ein Straßenjunge wie Du, denn Du biſt ein All Straßenjunge, mich nöthigen wollte, Sie zu ſagen.“ MWr „Aber ich nöthige Sie ja auch durchaus nicht dazu,“ ſagte Petrus lachend. 3 „Und daran thuſt Du recht. Ueberdieß wüßte ich auch gar nicht, wenn ich Sie ſagte, wie ich Dir das Uebrige ſagen ſollte, was ich noch zu ſagen habe.“ cher „Sie haben mir alſo noch etwas zu ſagen?“ Dei „Allerdings, mein Herr Pathe.“ dieſ „Mein Pathe, o ſagen Sie es.“ vre Pierre Berthaud ſah Petrus einen Augenblick an. Sa Dann, als ob er ſich einen Zwang anthäte, hab brachte er endlich die Worte hervor: gla „Nun, mein armer Junge, wir liegen alſo auf⸗ lig gebraßt?“ Petrus zitterte, indem er erröthete. Pet „Wie, aufgebraßt? Was verſtehen Sie darun⸗ ſuch ter?“ fragte Petrus, der auf dieſe Frage und na⸗ 29 mentlich auf die barſche Weiſe, wie ſie gemacht wurde, gefaßt war. „Allerdings aufgebraßt,“ wiederholte der Ca⸗ pitän;„mit andern Worten, die Engländer haben den Enterhacken auf unſer Mobiliar geworfen?“ „Leider, mein lieber Pathe,“ ſagte Petrus, in⸗ dem er ſeine Kaltblütigkeit wieder gewann und zu lächeln verſuchte,„die Engländer auf dem Lande ſind weit furchtbarer, als die Engländer auf dem Meere.“ „Ich hatte immer das Gegentheil gehört,“ machte der Capitän mit einer falſchen Bonhomie;„es ſcheint, man hat mich getäuſcht.“ „Indeß,“ ſagte Petrus lebhaft,„Sie müſſen Alles wiſſen: ich bin keineswegs gezwungen, mein Mobiliar zu verkaufen.“ * Pierre Berthaud ſchüttelte verneinend den Kopf. „Wie, nein?“ ſagte Petrus. „Nein,“ wiederholte der Capitän. „Aber ich verſichere Sie... „Wie, Pathe, Du hoffſt mich glauben zu ma⸗ chen, daß, wenn man eine Sammlung, wie die Deine, gemacht, daß, wenn man in Deinem Alter dieſe Vaſen von Japan, dieſes Porzellan von Se⸗ vres, dieſe Kiſtchen von Holland, dieſe Figuren von Sachſen zuſammengebracht— auch ich bin ein Lieb⸗ haber von dieſen alten Sachen— Du willſt mich glauben machen, daß man ſich alles deſſen freiwil⸗ lig und mit Freuden entſchlägt. „Ich ſage Ihnen nicht, Capitän,“ antwortete Petrus, indem er das Wort Pathe zu vermeiden ſuchte, das ihm lächerlich erſchien,„ich ſage nicht, 30 daß ich al' dus freiwilig und nit Fteuben ver, un kaufe; aber ich bin dazu weder genöthigt, gezwun⸗ 5 gen noch verbunden, wenigſtens in dieſem Augen⸗ blic nicht.“ ſet „Ja, das heißt, wir haben noch kein geſtem⸗ peltes Papier erhalten, es exiſtirt noch kein gericht⸗ liches Erkenntniß, es iſt ein gütlicher Verkauf, um einen Verkauf im Namen der Juſtiz zu vermeiben; ich begreife das alles vollkommen. Pathe Petrus iſt ein ehrbarer Menſch, der es vorzieht, lieber ſeinen Gläubigern die Koſten zu erſparen, als die Huiſſiers zu bereichern; aber ich ſage deßhalb doch: bie das Schiff liegt aufgebraßt.“ ſac „Nun, von dieſem Geſichtspuncte aus geſtehe ich, daß etwas Wahres an dem iſt, was Sie mir Vo ſagen, verſetzte Petrus. mie „Dann,“ ſagte Pierre Berthaud,„iſt es ein 3 großes Glück, daß ich vor dem Winbe hier herein raß geſegelt bin. Unfre liebe Frau von der Rettung hat mich hierher gebracht.“ ſer „Ich begreife Sie nicht, mein Herr,“ ſagte Petrus. „Mein Herr... was ſoll das?“ rief Pierre grö Berthaud, indem er auffuhr und um ſich ſah;„wo iſt hier ein Herr und wer hat dieſen Herrn ange⸗ arn redet 27 Ger „Nun, nun, ſetzen Sie ſich wieder, Pathe, das Rie iſt ein lapsus linguæ.“ „Ah, gut! Du ſprichſt arabiſch mit mir, die einzige Sprache, die ich nicht verſtehe. Potz Wetter! e den ſprich franzöſiſch, engliſch, ſpaniſch, niederbretagniſch, ver⸗ wun⸗ ugen⸗ ſtem⸗ richt⸗ „um en; etrus ieber s die doch: ſte he mir ein rein tung agte erre „wo nge⸗ das die ter! iſch, 31 und ich werde Dir antworten, aber kein lapse lin- guis, ich weiß nicht, was das heißen ſoll.“ „Ich ſagte Ihnen einfach, Sie möchten ſich ſetzen, Pathe.“ Und Petrus legte einen Nachdruck auf den Titel. „Ich will wohl, aber unter einer Bedingung.“ „Welche?“ „Daß Du mich anhöreſt.“ „Auf's Gewiſſenhafteſte.“ „So beginne ich.“ „Und ich höre.“ Und Petrus, den, was er auch ſagen mochte, dieſes Geſpräch lebhaft intereſſirte, öffnete, ſozu⸗ ſagen, beide Flügel ſeiner Ohren. „Nun,“ begann der Capitän,„Dein tapferer Vater hat alſo keinen Sou mehr.— Das ſetzt mich nicht in Erſtaunen.— Als ich ihn verließ, war er im Zuge und die Aufopferung, das geht raſcher, als die Roulette.“ „Wirklich hat ihm die Aufopferung für den Kai⸗ ſer fünf Sechstel ſeines Vermögens gekoſtet.“ „Und das letzte Sechstel?“ „Hat ihm meine Erziehung, wenigſtens zum größten Theile, gekoſtet. „Auf dieſe Weiſe haſt Du, da Du Deinen armen Vater nicht vollends ruiniren und doch als Gentleman leben wollteſt, Schulden gemacht... Nicht wahr?. ſprich!“ „Leider!“ „Dahinter müſſen wir wohl eine Liebe ſuchen, den Wunſch, in den Augen der Frau, die man liebt, zu glänzen, im Gehölz ihr auf einem ſchönen Pferde voranzureiten, ſie auf dem Ball in einem ſchönen Wagen aufſuchen?“ „Es iſt unglaublich, Pathe, welchen Scharfblick Sie für einen Seemann haben!“ „Wenn man auch Seemann iſt, mein Freund, hat man deßhalb doch ein Herz und bisweilen auch deren zwei.“ ——— Malheureux que nous sommes, G'est toujours cet amour, qui tourmente les hommes. ²) „Wie, Pathe, Sie wiſſen Verſe von Chenier auswendig?“ „Warum nicht? In meiner Jugend kam ich nach Paris; ich wollte Talma ſehen; man ſagte mir:„Sie kommen gerade recht; er ſpielt in einer Tragödie von Chenier, Charles IX.e Ich ſagte: Nun, ſo will ich Charles IX ſehen. Während der Vorſtellung ſtreitet man ſich, bort ſich, ſchlägt die Köpfe zuſammen; die Wache tritt ein, man bringt mich nach der„Violine, wo ich bis zum andern Morgen bleibe. Am andern Morgen ſagt man mir, daß man ſich getäuſcht und ſetzt mich vor die Thüre; in Folge deſſen reiſe ich ab, um erſt dreißig Jahre ſpäter wieder nach Paris zu kommen. Ich frage nach Talma:„Todt; ich frage nach Chenier: Todt“; ich frage nach Charles X: Durch hohen Befehl verboten.— Ha, zum Teufel! ſage ich, ich hätte doch gerne das Ende von Charles IX geſehen, von dem ich nur den erſten Act kenne. Das iſt unmöglich, antwortet man mir, aaber ) Wir Unglücklichen! immer iſt es die Liebe, die den Menſchen quält. ſep! Che inde betr den inem fblick und, auch es.4) nier ich agte iner gte: rend lägt man zum ſagt vor erſt nen. nach urch ſage IX ie. ber den 33 wenn Sie ihn leſen wollen, nichts leichter.— Was muß ich thun?— Ihn kaufen. Es war aller⸗ dings nichts leichter: ich trete bei einem Buchhänd⸗ ler ein. Die Werke von Chenier?—„Hier, mein Herr. Gut! ſage ich zu mir, ich werde ſie an Vord leſen. Ich kehre an Bold zurück, ich öffne mein Buch, ich ſuche: keine Tragödie, nichts als Verſe: Idyllen, Madrigalen an Mademoiſelle Ca⸗ mille. Ich habe keine Bibliothek an Bord, ich las meinen Chenier, ich las ihn wieder und auf dieſe Art habe ich das unglückliche Citat gemacht. Aber ich war geprellt; ich hatte Chenier gekauft, um Charles IK zu leſen und Charles IX war, wie es ſcheint, nicht von Chenier. O! die Buchhändler! die Buchhändler! Welche Flibuſtier!“ „Armer Pathe,“ ſagte Petrus lachend.„Das iſt nicht der Fehler des Buchhändlers.“ „Wie! Das iſt nicht der Fehler des Buchhändlers?“ „Nein, ſondern der Ih „Mein Fehler?“ „Erkläre mir das.“ (Die Tragödie Charles IR iſt von Marie Jo⸗ ſeph Chenier, dem Conventsmitgliede.“ t Gu 7 6 „Und das Buch, das Sie gekauft, iſt von André Chenier, dem Dichter.“ Fa ha! ha! ha! ha!“ machte der Capitän, indem er dieſen Ausruf auf fünf verſchiedene Arten betonte. Und nachdem er einen Augenblick in tiefes Nach⸗ denken verſunken geweſen, ſagte Pierre Berthaud: Dumas, Salvator. V. 3 ——— . 34 „So ht ſich das; aber die Buchhändler ſind deßhalb doch Flibuſtier.“ Da Petrus ſah, daß ſein Pathe auf ſeiner Meinung über die Buchhändler beharrte, und kei⸗ nen Grund hatte, dieſe ehrenwerthe Corporation zu vertheidigen, ſo beſchloß er, nicht hartnäckiger dagegen anzukäm pfen und wartete, bis Pierre Ber⸗ thaud das Geſpräch da wieder aufnehmen würde, wo er es gelaſſen, ein Geſpräch, an dem er Ge⸗ fallen zu finden ſchien. „Nun,“ verſetzte der Seemann,„wir ſagten alſo, daß Du Schulden gemacht; wir ſtanden doch wohl dabei, Pathe Petrus?“ „Allerdings, dabei blieben wir ſtehen,“ ſagte der junge Mann. LXII. Ein Pathe aus Amerika. Es entſtand eine momentane Pauſe, während welcher Pierre Berthaud auf ſeinen Pathen einen Blick heftete, der in der tiefſten Tiefe ſeiner Seele leſen zu wollen ſchien. „Und wie hoch belaufen ſich unſre Schulden.. ungefähr?“ „Ungefähr?“ fragte Petrus lächelnd. „Ja, die Schulden, mein Junge; das heißt ſoviel als, woran gebricht es Dir,“ ſagte der Ca⸗ pitän,„man weiß die Summe nie ganz genau.“ „Ich weiß indeß die der meinen,“ ſagte Petrus. der geſe der ſind einer kei⸗ ation kiger Ber⸗ ürde, Ge⸗ gten doch ſagte rend inen eele heißt Ca⸗ trus. „Nun, das beweist, daß Du ein geordneter Menſch biſt, Pathe. Laß die Zahl hören.“ Und Pierre Berthaud warf ſich in ſeinen Fau⸗ teuil zurüͤck, blinzte die Augen, und drehte die Daumen um einander. „Meine Schulden belaufen ſich auf dreiund⸗ dreißigtauſend Franken,“ ſagte Petrus. „Auf dreiunddreißigtauſend Franken!“ rief der Capitän. „Ja, ja!“ machte Petrus, welchen die Origi⸗ nalität ſeines zweiten Vaters, wie ſich der See⸗ mann betitelte, zu amüſiren ſchien.„Sie finden die Summe erorbitant, nicht wahr?“ „Erorbitant! ja: das will heißen, ich kann mir nicht erklären, wie Du nicht Hungers geſtorben biſt, mein armer Junge!.. Dreiunddreißigtauſend Fran⸗ ken! aber in Deinem Alter, wenn ich am Lande gelebt, hätte ich zehn Mal dieſe Summe gebraucht. Und es wäre noch immer wenig gegenüber von dem geweſen, was Cäſar ſchuldig war!“ „Wir ſind, weder der Eine, noch der Andere, Cäſar, mein lieber Pathe; Sie werden mir deß⸗ halb erlauben, wie ich ſchon geſagt, die Summe erorbitant zu finden.“ „Exorbitant? wenn man hunderttauſend Fran⸗ ken in jedem Haar ſeines Pinſels hat; denn ich ſah Deine Bilder und verſtehe mich darauf, ich, der ich die Flamänder, die Italiener, die Spanier geſehen. Deine Malerei iſt ganz einfach die Malerei der großen Schule.“ 3* „Zu viel, zu viel, Pathe!“ antwortete Petrus beſcheiden. „Es iſt die große Schule, ſage ich Dir,“ be⸗ harrte der Seemann.„Wenn man die Ehre hat, ein großer Maler zu ſein, ſo malt man nicht wohl⸗ feiler, als um dreiunddreißigtauſend Franken Schul⸗ den jährlich. Das iſt eine fixe Zahl; das Talent repräſentirt gut ein Capital von einer Million und nach den Reductionen des Hrn. von Villelle machen dreiunddreißigtauſend Franken gerade die Rente einer Million.“ „Ja, ja! mein Pathe, wiſſen Sie etwas?“ ſagte Petrus. „Was, Pathe?“ Daß Sie Geiſt haben.“ S „Pah!“ machte Pierre Berthaud. „Machen Sie nicht Pah; ich kenne ſehr ehren⸗ werthe Leute, die damit zufrieden wären.“ „Schriftſteller?“ „Allerdings.“ „Nein, laß gut ſein; wir wollen auf Deine Schulden zurückkommen.“ „Sie bleiben alſo dabei?“ „Ja, denn ich habe Dir einen Vorſchlag zu machen.“ „Bezüglich meiner Schulden?“ „Ja.“ „Nun, ſo machen Sie; Sie ſind ein ſo orißi⸗ neller Mann, Pathe, daß ich bei Ihnen auf alles gefaßt bin.“ „Nun, ſo höre meinen Vorſchlag; ich mache Dir das Anerbieten, alsbald Dein einziger Gläubi⸗ ger zu werden.“ un ka D nit ſch ꝙ ſel wi De die mit ſec wir trus be⸗ hat, ohl⸗ chul⸗ alent und chen iente as7 ren⸗ deine hen.“ origi⸗ alles mache äubi⸗ 37 „Wie?“ „Du biſt dreiunddreißigtauſend Franken ſchuldig und um ſie bezahlen zu können, nicht wahr, ver⸗ kaufſt Du Deine Möbeln, Deine Bilder, all' Deinen Trödel.“ „Leider!“ machte Petrus;„das Evangelium iſt nicht wahrer.“ „Nun, ich bezahle die dreiunddreißigtauſend Franken, die Bilder und die Meubeln.“ Petrus ſah den Seemann ernſt an. „Was wollen Sie ſagen, mein Herr?“ fragte er ihn. „Wohl! es ſcheint, ich habe meinen Pathen falſch genommen,“ ſagte Pierre Berthaud.„Ent⸗ ſchuldigen Sie Herr Vicomte von Courtenay; ich glaubte mit dem Sohne meines alten Freundes Herbel zu ſprechen.“ „Nun ja, ja, ja,“ ſagte Petrus lebhaft,„ja, mein lieber Pathe, Sie ſprechen mit dem Sohn Ihres guten, alten Freundes und er antwortet Ihnen und ſagt Ihnen: damit iſt's nicht gethan, daß man dreiunddreißigtauſend Franken entlehnt, ſelbſt bei ſeinem Pathen, man muß auch wiſſen, wie man ſie ihm heimzahlen kann.“ 6„Wie Du ſie mir heimzahlen kannſt, Pathe! Das iſt ſehr leicht: Du machſt mir ein Bild nach dieſer Skizze.“ Und er deutete auf den Kampf der Belle Thereſe mit der Calypſo. „Ein Bild von dreiunddreißig Fuß Länge und ſechzehn ein halb Fuß Höhe,“ fuhr er fort.„Du wirſt mich auf das Verdeck neben Deinen Vater 6 ſtellen, in dem Augenblick, wo ich zu ihm ſage: Ich werde der Pathe Deines Erſtgebornen, Herbel, und wir ſind quitt!““ „Aber wo wollen Sie mit einem Bilde von dreiunddreißig Fuß Länge hin?“ „In meinen Salon.“ „Aber Sie werden kein Haus finden mit einem Salon von dreiunddreißig Fuß Länge.“ „Ich werde expreß eines bauen laſſen.“ „So ſind Sie alſo Millionär, Pathe.“ „Wenn ich ein Millionär wäre, mein Kind,“ ſagte Pierre Berthaud, in verächtlichem Tone,„ſo würde ich mir Dreiprozentige kaufen, vierzig⸗ bis fünfzigtauſend Livre Renten erzielen und kümmerlich leben.“ „O! o! o!“ machte Petrus. „Mein lieber Freund,“ verſetzte der Capitän, „laß mich Dir in zwei Worten meine Geſchichte erzählen.“ „Erzählen Sie.“ „Als ich mich von Deinem braven Vater in Rochefort trennte, ſagte ich mir: Sieh Pierre Ber⸗ thaud, mit dem ehrlichen Privatanſtand iſt in Frank⸗ reich nichts me hr zu machenz wir wollen deßhalb Handel treiben. Ich nahm Ballaſt ein in meinen Canot und begann einen Ebenholzhandel.“ „Das heißt, Sie trieben Ausfuhrhandel, lieber Pathe. 4 „Das heißt man Ausfuhrhandeltreiben?“ fragte der Capitän naiv. „Ich glaube, ja,“ antwortete Petrus. „Von dieſem kleinen Handel lebte ich drei bis —-„—,——„—,—.—, e ———— ge bel, oon lem d,“ „0 bis lich tän, ichte Ber⸗ ank⸗ halb inen eber agte 39 vier Jahre, und ſetzte mich außerdem in Verbindung mit Südamerika; ſo daß ich, als der Aufſtand aus⸗ brach, an dem Glücke Spaniens, dieſer wurmſtichi⸗ gen und decrepiten Nation, verzweifelnd, in die Dienſte Bolivars trat. Ich hatte den großen Mann geahnt.“ „Dann, mein lieber Pathe,“ ſagte Petrus, „ſind Sie alſo einer der Befreier von Venezuela und Neugranada, einer der Gründer von Colum⸗ bien?“ „Ich rühme mich deſſen, Pathe! als jedoch die Aufhebung der Sclaverei proclamirt wurde, beſchloß ich, mein Glück auf andre Weiſe zu machen zu ſuchen. Ich hatte in der Umgegend von Quito einen Boden mit Goldpepiten zu entdecken ge⸗ glaubt, ich unterſuchte den Ort aufs Genaueſte, fand eine Mine und verlangte eine Conzeſſion. Für die der Republik von mir geleiſteten Dienſte erhielt ich genannte Conceſſion. Nach Verfluß von ſechs Jahren, während welcher ich die Mine ausbeutete, hatte ich die beſcheidene Summe von vier Millionen realiſirt und trat die weitere Ausbeutung, für hun⸗ derttauſend Piaſter, oder fünfmalhunderttauſend Livres, jährlich ab. Nachdem dies geſchehen, kehrte ich nach Frankreich zurück, wo es meine Abſicht iſt, mir mit meinen vier Millionen eine angenehme Eriſtenz zu grunden und von meinen fünfmalhundert⸗ tauſend Livres Renten zu leben. Billigſt Du dieſen Plan, Pathe?“ „Vollkommen.“ „Ich habe keine Kinder, keine Verwandten.. ausgenommen Großneffen, die ich nicht einmal vom Sehen kenne; ich werde niemals heirathen; was ſoll ich nun mit meinem Vermögen anfangen, wenn Du, dem es von Rechtswegen g „Capitän!“ „Wieder!. Wenn Du, dem es von Rechts⸗ wegen gehört, damit anfängſt, daß Du die dreiund⸗ dreißigtauſend Franken ausſchlägſt, die ich Dir anbiete?“ „Ich hoffe, daß Sie mein Widerſtreben begrei⸗ fen werden, lieber Pathe.“ „Nein, ich geſtehe, daß ich es nicht begreife; ich bin Junggeſelle; ich bin unermeßlich reich; ich bin Dein zweiter Vater; ich biete Dir eine Baga⸗ telle an: Du ſchlägſt ſie aus. Aber weißt Du Junge, daß Du mir da, bei unſrem erſten Wieder⸗ ſehen, eine tödtliche Beleidigung zufügſt?“ „Das iſt nicht meine Abſicht.“ „Mag es Deine Abſicht ſein oder nicht,“ ſagte der Capitän mit gereiztem Tone,„Du haſt mir jedenfalls einen großen Schmerz bereitet; Du haſt mein Herz verwundet!“ „Verzeihen Sie, lieber Pathe,“ ſagte Petrus in großer Unruhe;„aber ich erwartete dies Aner⸗ bieten ſo wenig, daß ich meiner nicht Herr war, als ich Sie es mir machen hörte, und es vielmehr nicht mit der Dankbarkeit annahm, die ich Ihnen ſchulde.“ „Und Du nimmſt es an?“ „Ich ſage das nicht.“ „Wenn Du mein Anerbieten ausſchlägſt, weißt Du, was ich thue?“ n.“ ei was venn chts⸗ und⸗ Dir rei⸗ eife; ich aga⸗ Du der⸗ agte mir haſt trus ner⸗ var, tehr nen eißt 41 „Nun, ich will es Dir ſagen.“ Petrus wartete. Der Capitän zog aus der Seitentaſche ſeines Rockes ein Portefeuille, das dick geſpickt ſchien und öffnete es. „Ich nehme dreiunddreißig Bankbillets aus die⸗ ſem Poptefeuille, in welchem zweihundert enthalten ſind, ich rolle ſie wie einen Kork zuſammen, öffne das Fenſter und werfe ſie auf die Straße hinaus.“ „Und warum das?“ fragte Petrus. „Um Dir zu beweiſen, was ich mit dieſen Pa⸗ pierfetzen anfange.“ Und der Capitän begann ein Dutzend ſolcher Bankbillets zuſammenzurollen, als wenn er es mit einfachem Schreibpapier zu thun hätte. Dann ſtand er auf und trat auf die ernſthaf⸗ teſte Weiſe von der Welt an das Fenſter. Petrus hielt ihn zurück. „Nein,“ ſagte er,„keine Thorheit, wir wollen uns vergleichen.“ „Dreißigtauſend Franken oder den Tod,“ ſagte der Capitän. „Nein, nicht dreißigtauſend Franken, weil ich keine dreißigtauſend Franken brauche.“ „Dreißigtauſend Franken oder. „Zum Teufel auch! hören Sie mich nun mal an, oder ich fluche wie ein Matroſe; ich werde Ihnen beweiſen, daß ich der Sohn eines Corſaren bin, tauſend Stückpforten noch ein mal!“ „Das Kind ſagt ſchon Papa!“ rief Pierre Ber⸗ thand;„Gott iſt groß! wir wollen mal ſeine Vor⸗ ſchläge hören.“ „Ja, hören Sie mich an. Ich bin in Ver⸗ S legenheit, weil ich, wie Sie ſagten, lieber Pathe, po tolle Ausgaben gemacht habe.“ „Nun, die Jugend muß austoben.“ be „Aber ich wäre nicht in Verlegenheit durch dieſe tollen Ausgaben gerathen, wenn ich zu glei⸗ de 3 cher Zeit, während ich ſie machte, nicht auch träge geweſen.“ „Man kann nicht immer arbeiten.“ ge „Aber ich bin entſchloſſen, mich wieder an die ka Arbeit zu machen.“ „Und die Liebſchaften?“ Petrus erröthete. de „Liebſchaften und Arbeit können Hand in Hand gehen; ich bin entſchloſſen, mich ungeheuer anzu⸗ ſtrengen.“ te „Gut, wir wollen uns ungeheuer anſtrengen; aber die Engländer, das heißt die Gläubiger, muß man, bis der Pinſel uns etwas abgeworfen, be⸗ ch gießen, wie es in der Gärtnerſprache heißt.“ „Allerdings.“ „Nun gut,“ ſagte der Capitän, indem er Petrus hi ſein Portefeuille anbot,„hier iſt die Gießkanne, mein Junge; ich zwinge Dir's nicht auf, nimm, ſoviel Du willſt.“ w „Gut!“ ſagte Petrus,„Sie werden vernünftig und ich ſage, daß wir uns verſtehen werden.“ Petrus nahm zehntauſend Franken und gab das de 7 Portefeuille Pierre Berthaud zurück, der ihm mit m dem Blicke folgte.„ „Zehntauſend Franken,“ machte der Capitän, P „der nächſte beſte Haſenfellhändler hätte Dir dieſe Ver⸗ the, urch glei⸗ räge die an nzu⸗ gen; muß be⸗ trus nne, mm, nftig das mit itän, dieſe 43 Summe gegen ſechs Prozent geliehen... Apro⸗ pos, warum ſprichſt Du nichts von den Zinſen?“ „Lieber Pathe, ganz einfach, weil ich Sie zu beleidigen glaubte.“ „Keineswegs, ich werde ſogar ſelbſt Zinſen for⸗ dern.“ „Thun Sie das.“ „Ich bin geſtern in Paris mit der Abſicht an⸗ gekommen, ein Haus zu kaufen und es, ſo gut ich kann, einzurichten.“ „Wohl.“ „Ehe ich jedoch einen Schiffsrumpf gefunden, der mir behagt, brauche ich wohl acht Tage.“ „Mindeſtens.“ „Ehe dieſes Haus möblirt iſt, braucht es wei⸗ tere acht Tage.“ „Sagen wir vierzehn.“ „Wohl, vierzehn, ich will Dir nicht widerſpre⸗ chen; das macht drei Wochen.“ „Zweiundzwanzig Tage.“ „Wenn Du mich mit ſolchen Spitzfindigkeiten hinausziehſt, ſo ziehe ich meinen Vorſchlag zurück.“ „Welchen Vorſchlag?“ S „Den, welchen ich Dir zu machen im Begriffe war.“ „Und warum wollen Sie ihn zurückziehen?“ „Weil bei einem ſo trotzigen Character, wie dem Deinen, und einem ſo ſtarrköpfigen, wie dem meinen, wir nicht zuſammen leben können.“ „Sie wollten alſo bei mir wohnen?“ fragte Petrus. „Allerdings,“ ſagte der Capitän.„Denn ob⸗ gleich erſt ſeit geſtern im Hotel du Havre angekom⸗ men, habe ich es doch ſchon ganz ſatt. Ich wollte deßhalb zu Dir ſagen: O mein lieber Pathe, mein braver Junge, haſt Du ein Zimmer, ein Cabinet, eine Manſarde, einen großen Raum, wie dieſen, wo man ein Hamak aufhängen könnte; haſt Du das für den armen Capitän Berthaud Monte⸗Hauban?“ „Wie, das?..“ rief Petrus entzückt, ſeiner⸗ ſeits etwas für einen Mann thun zu können, der mit ſo viel Einfachheit ein Vermögen zu ſeiner Ver⸗ fügung ſtellte. „Ja,“ verſetzte der Capitän;„aber Du be⸗ greifſt, wenn Dir das auf die eine oder andere Weiſe unangenehm iſt, wenn es Dich im Gering⸗ ſten genirte Teufel, ſo mußt Du's eben ſagen.“ „Wie können Sie das nur glauben?“ „Ach! ſiehſt Du, bei mir heißt es ja oder nein; die Offenheit auf den Lippen, das Herz auf der Hand.“ „Nun gut, das Herz auf der Hand, die Offen⸗ heit auf den Lippen, ſage ich Ihnen, lieber Pathe: nichts kann mir angenehmer ſein, als der Vor⸗ ſchlag, den Sie mir machen; nur.. „Nur was?“ „Ja, an den Tagen, wo ich ein Modell habe, wo ich Sitzungen habe. „Verſtehe... verſtehe.. Freiheit, Li- pertas!“ „Nun, ſehen Sie, jetzt ſprechen Sie arabiſch!“ „Ich ſpreche arabiſch, das geſchieht, ohne es zu wiſſen, wie M. Jourdain Proſa machte.“ Pe kei me zu m m om⸗ lte nein net, wo das n?“ ner⸗ der Ver⸗ be⸗ dere ring⸗ eben ein; der 7ffen⸗ athe: Vor⸗ habe, Li- ſch!“ es zu 45 „Ei! Sie citiren ja Moliere. Wahrhaftig, lieber Pathe, Sie ſind bisweilen von einer Gelehrſam⸗ keit, die mich in Staunen verſetzt. Ich fürchte, man hat Sie in Columbien ausgetauſcht. Aber kommen wir wieder auf Ihren Wunſch zurück.“ „Nun gut, ja, auf meinen Wunſch, auf meinen lebhaften Wunſch. Ich bin nicht an die Einſam⸗ keit gewöhnt: ich hatte immer ein Dutzend Lebe⸗ männer um mich, die ſich's wohl ſein ließen und will mich nicht in meinem Hotel de Havre choliſch ſtimmen laſſen. Ich liebe die Geſellſchaft und namentlich die der Jugend. Du hier Künſtler und Gelehrte empfangen. Ich verehre die Gelehrten und die Künſtler; die erſten, weil ich ſie nicht verſtehe, die letztern, weil ich ſie verſtehe. Siehſt Du, Pathe, ein Seemann, der nicht gerade⸗ zu ein Tölpel iſt, weiß von Allem ein wenig. Er hat die Aſtronomie durch den großen Bären und den Prlarſtetn gelernt; die Muſik durch das Pfei⸗ fen des Windes in dem Strickwerk; die Malerei durch die untergehende Sonne. Wir werden von ne Muſ ſik, Malerei ſprechen und Du wirſt ſehen, daß ich in dieſen verſchiedenen Richtungen nicht weniger verſtehe, als die, welche ihr Hand⸗ werk daraus machen. O, ſei ruhig! abgeſehen von einigen Schiffsausdrücken wirſt Du nicht über mich zu ſehr zu erröthen brauchen. Uebrigens, wenn ich mich zu ſehr gehen laſſe, wollen wir uns über eine Flagge verſtändigen, die Du aufziehſt, und ich werde meine Segel einziehen.“ „Was ſagen Sie da?“ 46 „Die Wahrheit; nun zum letzten Male, gefällt Dir die Sache ſo?“ „Das heißt, ich nehme ſie mit Freuden an.“ „Bravo! ſo bin ich der glücklichſte Menſch von der Welt; aber Du weißt, wenn Du allein ſein willſt, wenn die hübſchen Modelle und die vorneh⸗ men Damen kommen, ſo viere ich ab.“ „Abgemacht.“ „Gut!“ Der Capitän zog ſeine Uhr heraus. „Ha, ha! ſechs ein halb,“ machte er. „Ja,“ ſagte Petrus. „Nun, wo dinirſt Du gewöhnlich, Junge?“ „Ein wenig überall.“ „Du haſt Recht, man muß nirgends ſterben; ißt man noch immer gut im Palais Royal. „Wie man beim Reſtaurant ißt.. Sie wiſſen.“ Vefour, Very, die Frores Provengaur exiſtiren ſie noch immer?“ „Mehr als je.“ „So wollen wir dort ſpeiſen.“ „Sie geben mir alſo zu eſſen?“ „Ich gebe Dir heute zu eſſen, Du gibſt mir morgen zu eſſen, ſo ſind wir quitt, mein Herr Em⸗ pfindlich.“ „Laſſen Sie mich nur Rock, Hoſe und Hand⸗ ſchuhe wechſeln.“ „Wechsle, Junge, wechsle.“ Petrus ging nach ſeinem Zimmer. „Apropos.“ ge kle iren mir Em⸗ and⸗ 47 Petrus drehte ſich um. „Du wirſt mir die Adreſſe deines Schneiders geben; ich will mich nach dem neueſten Geſchmacke kleiden.“ Und als er Petrus' Hut durch die halbgeöffnete Thüre ſeines Zimmers ſah, machte der Capitän: „Ha, ha! man trägt alſo die Hüte à la Bolivar nicht mehr?“ „Nein, man trägt ſie jetzt à la Murillo.“ „Ich werde den meinen jedoch beibehalten zur Erinnerung an den großen Mann, dem ich mein Glück verdanke.“ „Das zeigt von einem guten Herzen und gro⸗ ßen Geiſt, mein lieber Pathe.“ „Ha, Du ſpotteſt über mich?“ „Nicht im Geringſten.“ „Geh, geh, geh! o, ich habe einen guten Rücken, ich, und kann mehr ertragen, als Du je darauf häufen wirſt. Aber wir wollen zuerſt ſehen, wo⸗ hin Du mich logirſt?“ „Unter mir, wenn Sie wollen: ich habe dort eine Garcon⸗Wohnung, die Ihnen ausgezeichnet paſſen wird.“ „Behalte Deine Garcon-Wohnung für eine Maitreſſe, die eine eigene Wohnung verlangt; ich brauche nur ein Zimmer und vorausgeſetzt, daß in dieſem Zimmer ein Matratzrahmen, Bücher, vier Stühle und ein Atlas ſind, brauche ich nichts weiter.“ „Erſtens erkläre ich Ihnen, mein ſehr lieber Pathe, daß ich keine Maitreſſe habe, der ich eine Wohnung zu geben brauche, und daß Sie mich in keiner Weiſe berauben, wenn Sie eine Wohnung beziehen, die ich nicht benütze, und die für Jean Robert am Tage der erſten Vorſtellungen ſeiner Stücke als Zufluchtsort dient.“ „Ha, ha! Jean Robert, ein Poet, der in der Mode iſt. ja, ja, ja, bekannt.“ „Wie, bekannt? Sie kennen Jean Robert?/“ „Ich ſah ſein Drama, in's Spaniſche überſétzt, in Rio Janeiro; ich kenne es Aber mein lie⸗ ber Pathe, ſo ſehr ich Seewolf bin, Du mußt wiſſen: daß ich unendlich viele Menſchen und Dinge kenne. Unter meinem Seemannsäußern werde ich Dich mehr als einmal in Staunen ſetzen! Die Wohnung alſo unter Dir..7 „Gehört Ihnen.“ „Du biſt dadurch in keiner Weiſe genirt?“ „Durchaus nicht.“ „So nehme ich denn die Wohnung unten im Beſitz.“ „Und wann wollen Sie das thun?“ „Morgen.. heute Abend.“ „Wollen Sie dieſe Nacht hier ſchlafen?“ „Allerdings, Junge, wenn Dich das nicht de⸗ vãngitt „Bravo, Pathe!“ ſagte Petrus, indem er an der Klingelſchnur zog. „Was thuſt Du?“ „Ich rufe meinen Diener, daß er Ihre Woh⸗ nung in Stand ſetze. Der Diener trat ein und Petrus gab ihm die nöthigen Befehle. tr in 3 me ein „u nut Pir wä zu öffr wei Sti ung ean iner der ſetzt, lie⸗ mußt ine e ich Die im de⸗ er an Woh⸗ m die — 49 „Wo ſoll Jean Ihre Koffer holen?“ fragte Pe⸗ trus den Capitän. „Das werde ich beſorgen,“ ſagte der Seemann. Dann fügte er mit halblauter Stimme hinzu, indem er Petrus mit bezeichnender Miene anſah: „Ich habe meiner Wirthin Adieu zu ſagen.“ „Pathe,“ ſagte Petrus,„Sie wiſſen, daß Sie Jedermann bei ſich ſehen können; das Haus iſt kein Kloſter.“ „Ich danke.“ Dann fügte Petrus halblaut hinzu: „Es ſcheint, daß Sie Ihre Zeit in Paris nicht ganz verloren haben.“ „Ich hatte Dich noch nicht wieder gefunden, mein Kind,“ ſagte der Capitän,„ich mußte mir eine Familie machen.“ Der Diener kam zurück. „Die Wohnung iſt in Stand geſetzt,“ ſagte er, „und man braucht nur das Bett zu überziehen.“ „Vortrefflich!— So ſpanne an!“ Dann zum Capitän gewandt, ſagte er: „Wollen Sie im Vorübergehen in Ihre Woh⸗ nung treten?“ „Das iſt mir ſehr angenehm, obgleich wir alten Piraten, wie ich wiederholen muß, nicht ſonderlich wähleriſch ſind.“ Petrus ging voran, um ſeinem Gaſte den Weg zu zeigen und, indem er die Thüre des Entreſol öffnete, ließ er ihn in eine Wohnung treten, die weit eher das Neſt eines Modedämchens, als ein Studenten⸗ oder Poetenlogis war. Der Capitän ſchien vor dieſen tauſend Kleinig⸗ Dumas, Salvatyr. V. 4 50 keiten, welche die Etageren füllten, in Extaſe zu ge⸗ rathen. „Das iſt ja die Wohnung eines königlichen Prinzen, die Du mir anbieteſt.“ „Nun,“ ſagte Petrus,„was iſt die Wohnung eines königlichen Prinzen für einen Nabob, wie Sie?“ Nach Verfluß von zehn Minuten, während welcher der Capitän nicht aus ſeiner Extaſe heraus⸗ kam, erſchien der Diener, um zu melden, daß der Wagen angeſpannt ſei. Der Capitän und Petrus gingen Arm in Arm hinab. Als ſie vor die Loge des Concierge kamen, blieb der Capitän ſtehen. „Komm heraus, Schuft!“ ſagte er zu dem Por⸗ tier. „Was ſteht zu Dienſten, mein Herr?“ fragte dieſer. „Thue mir das Vergnügen und reiße alle Affi⸗ chen ab, die den Verkauf für Sonntag ankündigen, und ſage den Liebhabern, welche morgen kom⸗ men „Nun?“ fragte der Concierge. „Du ſagſt ihnen, daß mein Pathe ſeine Möbel behält.— Vorwärts!“ Und in das Coupé ſpringend, das unter ſeiner Laſt beinahe zuſammenbrach, rief er: „Zu den frères Provengaux!“ Petrus ſtieg hinter dem Capitän ein und der Wagen flog davon. Bei dem Gerippe der Calypſo, die dein Vater — n e e)——.— ge⸗ ichen nung wie ren aus⸗ der Arm blieb Por⸗ ragte Affi⸗ igen, kom⸗ Nöbel ſeiner der Vater und ich durchlöchert, Du haſt da ein hübſches Pferd, Petrus, und es wäre ſchade geweſen, es zu ver⸗ kaufen.“ IXIII. Wo der Capitän Berthaud Monte⸗Hauban rieſenhafte Propor⸗ tionen annimmt. Der Capitän und der Pathe richteten ſich in einem der Cabinete der krdres Provengaux ein und auf die Bitte des Capitän Monte⸗Hauban, der ſich hier nicht auszukennen vorgab, befahl Petrus das Diner. „Alles, was es Gutes gibt, Junge, nicht wahr?“ ſagte er zu Petrus,„Du ſollſt mit den reizendſten Soupers, den theuerſten Speiſen, den edelſten Weinen bekannt werden, Junge. Ich hörte von einem gewiſſen Syracuſer Wein ſprechen, den man ehedem hier trank. Erkundige Dich, Petrus, ob der Wein exiſtirt: ich bin des Madeira müde, ich habe in fünf Jahren eine ganze Ladung getrunfen und nun habe ich ihn ſatt.“ 3 Petrus verlangte Syracuſer Wein. Wir werden das Verzeichniß der Speiſen, die Petrus auf das Drängen ſeines Pathen befahl, nicht mittheilen. Es war ein wahres Nabobeſſen, und der Capi⸗ ————————— 52 tän geſtand beim Deſſert, daß er nicht zu ſchlecht gegeſſen. Petrus betrachtete ihn mit Erſtaunen; denn in ſeinem ganzen Leben, ſelbſt bei dem General nicht, der ſich ziemlich darauf verſtand, hatte er ſo luru⸗ riös geſpeist. Es war indeß nicht das erſte Erſtaunen, das der Capitän Petrus verurſachte. Er hatte ihn dem Portier, der die Thüre bei ben krdres Provengaux öffnete, einen Piaſter zuwer⸗ fen ſehen; als ſie am Theater Frangais vorüber⸗ kamen, hatte er ihn eine Loge miethen ſehen, und als er zum Capitän ſagte, das Theater ſei ſchlecht, hatte dieſer einfach geantwortet: „Nun, wir können ja hingehen oder nicht; aber ich will mir gerne einen Platz ſichern, wo ich nach dem Eſſen ſchlafen kann.“ Als die Speiſen beſtellt waren, hatte er ihn dem Garcon einen Louisd'or geben ſehen, damit der Bordeaux lau, der Champagner kalt ſei und die Bedienung raſch vor ſich gehe. Mit einem Worte, ſeit der Seemann das erſte Wort an Petrus gerichtet, hatte dieſer ſich von Erſtaunen und Ueberraſchung nicht mehr erholt. Der Capitän Monte⸗Hauban nahm die Propor⸗ tionen des antiken Plutus an: das Gold drang ihm aus dem Munde, den Augen, den Händen, wie Sonnenſtrahlen. Es war, als ob er nur ſeine Kleider zu ſchüt⸗ teln brauchte, daß die Goldſtücke herausfielen. Kurz, er war der ächte claſſiſche Nabob. Petrus, etwas erhitzt durch die verſchiedenen —, S c„————„—— 53 Weine, die er auf die Bitten ſeines Pathen nach und nach getrunken, er, der ſonſt nur Waſſer trank, glaubte am Ende des Eſſens geträumt zu haben, und er ſah ſich genöthigt, ſeinen Pathen zu fragen, um ſich zu vergewiſſern, daß alle Ereigniſſe, welche ſeit fünf Stunden auf einander folgten, nicht die Verhandlungen einer Scenerie des Cirque oder des Theaters Porte⸗Saint⸗Martin ſeien. Durch das, was er ſah, in das regenbogen⸗ farbige Land der Chimäre verſetzt, verfiel Petrus in eine ſtille Träumerei, was ſein Pathe, der ihn mit einem Winkel ſeines Auges betrachtete, ihm für einige Augenblicke gerne geſtattete. Der ſchwarze und tief herabhängende Himmel, unter dem er ſeit einigen Tagen umhergewandert, hellte ſich nach und nach auf, und ſtrahlte zuletzt, Dank der glänzenden Phantaſie des jungen Malers, plötzich von den brillanteſten Feuern. Dieſes luru⸗ riöſe Leben, das ihm die nothwendige Bedingung ſeiner fürſtlichen Liebe ſchien, goß ſeinen ſüßeſten Duft, ſeine ſchmeichelndſten Lüfte über ihn aus. Was fehlte ihm noch? Beſaß er nicht, wie die aus vier Diademen geſchloſſene Krone der Dauphins von Frankreich jene vierfache Krone der Jugend, des Talentes, des Reichthums und der Liebe? Man konnte kaum daran glauben. Am Tage vorher ſo tief gefallen und heute plötzlich auf die höchſte Höhe gehoben! Und doch war dem ſo. Man mußte ſich an das Glück gewöhnen, ſo unvorhergeſehen und ſo unwahrſcheinlich war es. Aber, werden die Zartfühlenden und Empfind⸗ lichen ſagen, Petrus wollte alſo ſein Glück und ſein Genie von der Laune eines Unbekannten abhängig machen; er wollte das Almoſen des Reichthums t aus fremder Hand empfangen: ſo haben Sie, mein d Herr Poet, Ihren jungen Freund bis jetzt nicht 5 geſchildert. l Nun, mein Gott! meine Herren Puritaner, ich habe Ihnen ein Herz und ein Temperament von te ſechsundzwanzig Jahren geſchildert; ich habe Ihnen n einen Mann von Genie und glühenden Leidenſchaf⸗ ir ten geſchildert; ich habe Ihnen geſagt, daß er z Van Dyk dem Jüngern gleiche. Erinnern Sie ſich d der Liebſchaften Van Dyk's in Genua, erinnern Sie ſich Van Dyl's, wie er in London den Stein 0 der Weiſen ſuchte. ſt Ehe Petrus das Eingreifen des Seemanns in d ſein Leben geſtattete, hatte er ſich dieſelben Ein⸗ te würfe gemacht, die Sie uns machen; aber er hette ſe ſich geſagt, daß dieſer Mann kein Fremder ſei, daß dieſe Hand keine unbekannte Hand: dieſer Mann war der Freund ſeines Vaters; dieſe Hand war u die, welche, während das Taufwaſſer über ihn aus⸗ v gegoſſen wurde, die Verpflichtung übernommen, in de dieſer und der andern Welt über ſeinem Glück zu z wachen. V Auch war die Hülfe, die ihm der Capitän an⸗ bot, nur eine momentane. de Petrus nahm an, aber unter der Bedingung Y der Rückgabe. Wir ſagten, ſeine Bilder hätten gerade durch ſeine Muße einen großen Werth bekommen; Petrus konnte, wenn er auf vernünftige Weiſe arbeitete, te ng rch us t8 55 ſeine fünfzigtauſend Franken jährlich verdienen: er konnte alſo auch mit dieſer Summe bald dem Pa⸗ then die zehntauſend Franken zurückgegeben haben, die dieſer ihm lieh, und ſeinen Gläubigern die zwan⸗ zig⸗ bis fünfundzwanzigtauſend, die er ihnen viel⸗ leicht ſchuldig war. Und dann, man nehme mal an, dieſer unerwar⸗ tete Verwandte, deſſen Cxiſtenz man übrigens kannte, wäre in Valparaiſo, in Bogota, auf den Sandwichs⸗ inſeln geſtorben, er hätte bei ſeinem Tode ſein gan⸗ zes Vermögen Petrus hinterlaſſen, hätte Petrus es dann zurückweiſen ſollen? Würdeſt Du, mein ſtrenger Leſer, magſt Du auch noch ſo ſtreng ſein, unter den gleichen Um⸗ ſtänden vier Millionen Capital und fünfmal hun⸗ dert tauſend Livres Renten, die Dir ein Verwand⸗ ter hinterließe, er möchte noch ſo unbekannt, noch ſo fremd, noch ſo unerwartet ſein, zurückweiſen? Nein, Du würdeſt ſie annehmen. Nun gut, wenn Du die vier Millionen Capital und fünfmalhunderttauſend Livres Renten von einem verſtorbenen Verwandten annähmeſt, warum wür⸗ deſt Du nicht zehn, zwanzig, dreißig, vierzig, fünf⸗ zig, hundert tauſend Franken von einem lebenden Verwandten annehmen? Es wäre eben ſo falſch, alle antiken Löſungen des Knotens ſchlecht zu finden, weil ſie in einer Maſchine vom Himmel herabkommen! Man wird mir einwenden, der Capitän Monte⸗ Hauban ſei kein Gott geweſen. Wenn das Gold kein Gott iſt, ſo ſind die Göt⸗ ter von Gold. Und dann nehme man dazu eine Leidenſchaft, das heißt eine Thorheit, Alles was das Herz aufregt, Alles was die Vernunft verwirrt. Und von welcher Zukunft träumte er, während dieſer einige Minuten dauernden Pauſe! welcher gol⸗ dene Horizont zeigte ſich ſeinen Augen! wie wiegte er ſich auf den azurblauen Wolken der Hoffnung! Der Capitän riß ihn zuletzt aus ſeiner Träu⸗ merei. „Nun?“ fragte er ihn. Petrus zitterte, machte eine Anſtrengung und fiel vom Himmel auf die Erde. „Nun,“ ſagte er,„ich bin zu Ihrem Befehle, mein Pathe.“ „Selbſt wenn ich nach dem Théatre frangais gehen wollte?“ fragte dieſer lachend. „Wohin Sie wollen.“ „Deine Aufopferung iſt ſo groß, daß ſie belohnt zu werden verdient. Nun denn, wir gehen nicht nach dem Théatre frangais: tragiſche Verſe, nach⸗ dem man getrunken und ſelbſt ehe man getrunken, würden von mäßigem Intereſſe ſein. Ich will mein Gepäck holen, meiner Wirthin danken und in einer Stunde bin ich bei Dir.“ „Ich werde Sie begleiten.“ „Nein, ich gebe Dir Deine Freiheit; gehe Dei⸗ nen Sachen nach, wenn Du nächtliche Geſchäfte zu beſorgen haſt; und Du mußt welche haben, mein Junge, denn mit einer Tournüre und einer Phy⸗ ſiognomie, wie die Deine, müſſen alle Frauen in Dich vernarrt ſein.“ „O, o!“ ſagte Petrus,„Sie ſehen mich mit den gt, end ol⸗ te äu⸗ und hle, ais hnt icht ach⸗ ken, ein ner ei⸗ äfte ein hy⸗ in den ächten Pathenaugen, das heißt wie ein zweiter Va⸗ ter an.“ „Und wollen wir wetten,“ fuhr der Capitän mit ſeinem plumpen, halb gemeinen Lachen fort, „Du liebſt ſie alle, ſonſt wäreſt Du nicht der Sohn Deines Vaters. Gob es nicht einen römiſchen Kai⸗ ſer, welcher wünſchte, alle Menſchen hätten nur Einen Kopf, um die ganze Welt auf Einen Schlag enthaupten zu können.“ „Ja, Caligula.“ „Nun gut, Dein braver Vater wünſchte gerade im Gegenſatz zu dieſem Banditen nichts weniger, als das Ende der Welt, ſondern ſeinen Mund ver⸗ hundertfachen zu können, um hundert Frauen zu gleicher Zeit zu küſſen.“ „Ich bin kein ſo großer Gourmand, wie mein Vater,“ ſagte Petrus lachend,„und ein einziger Mund genügt mir.“ „So ſind wir alſo verliebt?“ „Leider!“ machte Petrus. „Bravo! ich hätte Dich enterbt, wenn Du nicht verliebt geweſen.. Und unſere Liebe wird er⸗ widert, das verſteht ſich von ſelbſt.“ „Ja o! ich bin ſehr geliebt und danke dem Himmel dafür. „Immer beſſer.. und ſchön?“ „Schön wie ein Engel.“. „Nun gut, mein Junge, ich komme, wie die Seefiſche zur Faſtenzeit, das heißt im rechten Augen⸗ blicke. War das mangelnde Heirathsgut das Chehinderniß? Ich bringe eines, zwei, wenn es nöthig iſt.“ 58 „Dank, tauſendmal Dank, mein Pathe: ſie iſt verheirathet.“ „Wie, Unglücklicher, Du liebſt eine verheirathete Frau! und die Moral?“ „Mein lieber Pathe, die Umſtände erlauben, daß ich ſie, obgleich ſie verheirathet iſt, liebe, ohne daß die Moral dadurch im mindeſten verletzt würde.“ „Nun, nun, Du wirſt mir dieſen Roman er⸗ zählen. Nein, wir wollen nicht weiter davon ſpre⸗ chen; behalte Dein Geheimniß, mein Junge; Du wirſt es mir erzählen, wenn wir uns beſſer kennen und Du wirſt vielleicht Deine Zeit nicht ganz ver⸗ loren haben; ich bin ein Mann von Ritteln, geh! wir alten Meerwölfe, wir haben Zeit, um Kriegs⸗ liſt aller Art zu ſtudiren; ich könnte Dir bei Ge⸗ legenheit nützlich ſein; vorläufig ſtille davon:„Es iſt leichter ganz zu ſchweigen, als nicht zu ſprechen anzufangen, wenn man den Mund geöffnet hat, wie es in der Naochfolge Chriſti, Buch 1, Cap. XX heißt.“ Dieſe Citation mußte Petrus, der ſich eben er⸗ hoben, wieder zurückwerfen. Dieſer Pathe Pierre war ein Born von Weis⸗ heit und wenn der berühmte„ſprechende Brunnen wirklich geſprochen, hätte er gewiß nicht beſſer ge⸗ ſprochen als der Capitän Berthaud de Monte⸗Hauban. Er ſprach von allem, ſah alles, wußte alles wie der Einſiedler: Aſtronomie und Gaſtronomie, Malerei und Medicin, Philoſophie und Literatur; er beſaß univerſelle Kenntniſſe und man konnte vermuthen, daß er noch mehr Dinge verſchwieg, als von denen er ſprach. Fi — Petrus ſtrich mit einer ſeiner Hände über ſeine Stirne, um den Schweiß abzutrocknen, der darauf zu perlen begann, und mit der andern Hand über die Augen, um, wenn es möglich wäre, klarer in dieſem Abenteuer zu ſehen. „O, o!“ machte der Seemann, indem er ein ungeheures Chronometer aus ſeiner Hoſentaſche zog, „es iſt zehn Uhr: es iſt Zeit, ſich ſegelfertig zu machen, mein Junge.“ Die beiden Speiſenden nahmen ihre Hüte und gingen. Die Rechnung machte hundertſiebenzig Franken. Der Capitän gab zweihundert Franken und ließ die dreißig Franken dem Kellner. Der Wagen hielt vor der Thüre. Petrus forderte den Capitän auf, einzuſteigen; dieſer ſchlug es jedoch aus, indem er ſagte, er habe durch den Garcon nach einem andern Wagen ſchicken laſſen, um Petrus des ſeinigen nicht zu berauben. Petrus mochte Einwendungen machen, welche er wollte der Capitän war unerſchütterlich. Der Wagen kam. „Auf Wiederſehen dieſen Abend, mein Junge,“ lagte Pierre Berthaud, indem er in den Fiaker ſprang, den ihm der Gargon beſorgt hatte;„aber genire Dich nicht mit dem Nachhauſekommen; wenn ich Dir heute Abend nicht gute Nacht ſage, ſo werde ich Dir morgen frühe guten Morgen ſagen.— Kutſcher, Chausée d'Antin, Hotel du Havre,“ ſagte er. „Auf Wiederſehen!“ antwortete Petrus, indem 60 er dem Capitän mit der Hand ſein Adieu zu⸗ winkte. Dann ſich zum Ohr des Kutſchers herabbeugend, ſagte er: „Sie wiſſen, wohin.“ Und die beiden Wagen fuhren nach den ent⸗ gegengeſetzten Richtungen, indem der Wagen des Capitän am rechten Ufer hinauffuhr, während der Wagen von Petrus über die Tuilerienbrücke und am linken Ufer bis zum Boulevard des Invalides hinfuhr. Der unſcharfſichtigſte Leſer zweifelt, wie wir hoffen, daß der junge Mann dahin gehe. Der Wagen hielt an der Ecke des Boulevard und der Rue de Sevres, welche, wie man weiß, mit der Rue Plümet parallel lauft. Dort angekommen öffnete Petrus ſelbſt ſein Coupe und ſprang leicht heraus. Dann dem Kut⸗ ſcher die Sorge überlaſſend, ſelbſt den Schlag zu ſchließen, begann er unter den Fenſtern Regina's ſeine gewohnte Promenade. Alle Perſiennes waren geſchloſſen, mit Aus⸗ nahme der beiden Perſiennes des Schlafzimmers. Es war Regina's Gewohnheit, ihre Perſiennes offen zu laſſen, damit die erſten Sonnenſtrahlen ſie weckten. Die doppelten Vorhänge waren herabgelaſſen; aber die Lampe, welche an der Einſatzroſe des Plafons hing, warf einen ſo hellen Schein auf die Vorhänge, daß er die Umriſſe einer jungen Frau hin⸗ und hergehen ſehen konnte, wie man 61 auf weißen Tüchern die gläſernen Perſonen der Zauberlampen ſieht. Die Stirne der jungen Frau war gebeugt und ſie ging langſam den rechten Ellbogen in der linken Hand und das Kinn in die rechte Hand geſtützt in dem Zimmer auf und nieder. Es war die Haltung einer Träumerin in ihrem reizendſten Ausdruck. Wovon träumte ſie? H, das iſt ſehr leicht zu ahnen. Von der Liebe, die ſie für Petrus fühlte, von der Liebe, die Petrus für ſie fühlte. Wovon kann überhaupt eine junge Frau träu⸗ men, wenn der betende Engel, den man einen Ge⸗ liebten nennt, ſeine beiden ſchützenden Arme gegen ſie ausbreitet? Und er, was ſagte er dieſer ſchönen Träumerin, die nicht wußte, daß er in ihrer Nähe war? Er erzählte ihr die Zaubereien dieſes Abends, ſchilderte ihr ſeine Freude, lies ſie in Gedanken, wenn nicht in Worten an ſeinem Glücke theilnehmen, gewöhnt, wie er war, da er nur in ihr, durch ſie, für ſie lebte, ihr alles zu erzählen, was ihm Hei⸗ teres und Trauriges, Glückliches oder Unglückliches begegnete. Er ging ungefähr eine Stunde auf und ab und entfernte ſich nicht früher, als bis er die Lampe Regina's hatte auslöſchen ſehen. „ Nachdem die Dunkelheit eingetreten, ſandte er ihr mit beiden Händen, alles was glückliche Träume heißt, und begab ſich auf den Weg nach der Rue de ueſt, das Herz voll der heißeſten Empfindungen. 62 Als er nach Hauſe kam, fand er den Capitän Pierre Berthaud bereits in ſeiner Wohnung voll⸗ ſtändig eingerichtet. LXIV. Die Träume von Petrus. Als Petrus nach Hauſe kam, war er neugierig, zu ſehen, wie ſich's ſein Gaſt behaglich gemacht. Er klopfte leiſe an die Thüre, da er ſeinen Pathen nicht aus dem Schlafe wecken wollte, wenn dieſer bereits ſchlief; ohne Zweifel ſchlief er jedoch noch nicht, oder hatte er einen leichten Schlaf, denn kaum waren die drei gewöhnlichen Schläge in glei⸗ chen Zwiſchenräumen an der Thüre vernommen worden, als ein kräftiger hoher Baß„Herein“ rief. Der Capitän lag bereits in ſeinem Bette, und hatte den Kopf mit einem Tuche umwickelt, das unter dem Halſe zuſammengebunden war. Dieſe nächtliche Vorſicht war zweifelsohne ge⸗ troffen, um den Haaren und dem Barte den Pli zu verleihen, den ſie am Tage annehmen ſollten. Er hielt in ſeiner Hand ein Buch, das er aus der Bibliothek genommen und an dem er Geſchmack zu finden ſchien. Petrus warf einen verſtohlenen Blick auf das Buch, um ſich eine Idee von dem literariſchen Ge⸗ itän voll⸗ erig, t. inen venn doch denn glei⸗ men rief. und das ge⸗ Pli en. aus mack das Ge⸗ 63 ſchmack ſeines Pathen zu machen, und ſich Rechen⸗ ſchaft von dem Probleme zu geben: ob nämlich Pierre Berthaud für die alte oder neue Schule ſei. Das Buch, welches Pierre Berthaud las, waren die Fabeln la Fontaines. „Ah, ah!“ machte Petrus,„ſchon zu Bette, lieber Pathe?“ „Ja,“ antwortete dieſer,„und tief in den Fe⸗ dern, wie Du ſiehſt, Pathe.“ „Sie finden das Bett gut?“ „Nein.“ „Wie, nein?“ „Wir Seewölfe ſind gewöhnt, auf dem Harten zu ſchlafen: das will ſagen, mein Pathe, ich liege hier vielleicht etwas zu weich; doch, ich werde mich daran gewöhnen: man gewöhnt ſich an alles, ſelbſt an das Gute.“ Petrus machte für ſich die Bemerkung, daß ſein Pathe vielleicht ein wenig zu häufig die Redensart: „wir Seewölfe“ gebrauche. Da Pierre Berthaud jedoch im Geſpräch, wie man ſehen konnte, mit den übrigen Marineaus⸗ drücken ſehr ſparſam war, ſo ging er darüber weg und es war dies nicht mehr als billig, denn dieſe Gewohnheit wurde durch ſo viele und ſo ſchöne Eigen⸗ ſchaften wieder gut gemacht, daß es von Petrus unrecht geweſen wäre, wenn er ihm den geringſten Vorwurf darüber hätte machen wollen. Und die leichte Wolke, die ſich über ſeinen Geiſt legen wollte, verſcheuchend, fragte Petrus: „So fehlt Ihnen alſo nichts?“ „Durchaus nichts! Die Cajüte eines Admiral⸗ ſchiffes iſt beinahe nicht ſo gut eingerichtet, als dieſes vorgebliche Garconzimmer, und das macht mich um vier bis fünf Lüſtren jünger.“ „Es ſteht Ihnen frei, lieber Pathe,“ ſagte Petrus lachend,„ſich bis zum Ende Ihrer Tage zu verjüngen.“ „Wahrhaftig! jetzt, da ich es gekoſtet, ſage ich nicht nein, obgleich wir Seewölfe die Veränderung nicht ſonderlich lieben.“ Petrus konnte eine leichte Grimaſſe nicht unter⸗ drücken. „Ach, ja,“ machte der Capitän,„meine Ge⸗ wohnheit; ja wir alten.. ober ſei ruhig, ich werde mich beſſern.“ „O! Sie können ganz thun, was Sie wollen.“ „Nein, nein, ich kenne meine Fehler genau; Du biſt nicht der Erſte, der mir dieſe ſchlechte Ge⸗ wohnheit vorwirft.“ „Bemerken Sie wohl, daß ich Ihnen im Gegen⸗ theil nicht das Geringſte vorwerfe.“ „Mein Junge, ein Menſch, der gewohnt iſt, den Sturm vierundzwanzig Stunden vorher am Himmel zu erkennen, gibt ſich von der kleinſten Wolke Rechenſchaft. Sei deßhalb ganz ruhig: von dieſem Augenblick werde ich über mich wachen, na⸗ mentlich wenn wir Leute um uns haben.“ „Aber wahrhaftig, ich bin in Verlegenheit. „Worüber? Daß Dein Pathe, ſo ſehr er ſich rühmt, Capitän zu ſein, doch nur ein ſchlechter, aus dem Gröbſten gehauener Matroſe iſt! Aber das Herz iſt gut, und man wird Dir die Probe davon geben, hörſt Du, Junge?... Jetzt, geh' zur Ruhe; na ein ber ein da ich das der Ve tait den er beſt Abf D als cht gte ich ung ter⸗ Ge⸗ ich . au; Ge⸗ en⸗ iſt, am ſten von na⸗ ſich aus das won uhe; 65 morgen, bei Tage, wollen wir von Deinen kleinen Angelegenheiten ſprechen; nur geſtehe, daß Du die⸗ ſen Morgen nicht daran dachteſt, Deinen Pathen zu Pferd auf einer Galione ankommen zu ſehen.“ „Sie ſehen mich davon betäubt, geblendet, be⸗ zaubert; ich geſtehe, daß wenn ich Sie nicht in Fleiſch und Blut vor mir ſähe, ich ſteif und feſt behaupten würde, geträumt zu haben.“ „Nicht wahr?“ ſagte der Capitän ohne einen Schatten von Stolz. Dann ſprach er traurig, den Kopf ſenkend und nachdenklich werdend, die folgenden Worte mit einer tiefen Melancholie: „Nun denn, mein Pathe, Du magſt mir glau⸗ ben, wenn Du willſt, aber ich wünſchte lieber irgend ein Talent zu beſitzen, was es auch wäre, oder, da ich einmal im Zuge bin, zu wünſchen, ſo will ich das Unmögliche wünſchen— ein Talent, wie das Deine, ſtatt dieſer unerſchöpflichen Schätze. Ich denke nicht ein einziges Mak an dieſes ungeheure Sermögen, ohne mir die Verſe des guten Lafon⸗ taine zu repetiren.. Und indem er auf das Buch deutete, das auf dem Nachttiſch lag, rief er: „Nicht Gold, nicht Größe macht uns glücklich! Nur ungewiſſe Güter, ruheloſe Freuden Beut uns dies Zwiegeſtirn der Götter.“ „Nun! nun!“ machte Petrus, andeutend, daß er ziemlich geneigt ſei, die Anſicht des Capitän zu beſtreiten. „Nun! nun!“ wiederholte dieſer mit derſelben Abſicht;„das will ſagen, wenn ich Dich nicht ge⸗ Dumas, Salvator. v. 5 funden, hätte ich mich tüchtig verwickelt; ich wußte nicht, was mit all' dieſem Gelde anfangen; ich hätte ohne Zweifel eine wohlthätige Stiftung ge⸗ gründet, ein Zufluchtshaus für kranke Seeleute oder verbannte Könige; aber ich habe Dich gefunden und kann wie Oreſt ſagen: „Mein Glück gewinnt ein neu' Geſicht.“ Aber nun lege Dich zu Bette!“ „Gut denn, ich gehorche Ihnen, und ſogar ſehr gerne: denn ich muß morgen frühzeitig aufſtehen: der Verkauf iſt für Sonntag angekündigt und ich muß den Auctioneur davon unterrichten; ſonſt holt er Samſtag alles ab.“ „Abholen, was?“ „Die Meubel!“ „Die Meubel!“ wiederholte der Capitän. „O, beruhigen Sie ſich,“ machte Petrus lachend, „Ihr Zimmer iſt reſervirt.“ „Thut nichts! Deine Meubel abholen, mein Junge!“ ſagte der Capitän energiſch die Stirne runzelnd;„ich wollte doch mal ſehen, daß ein Pri⸗ vatmann, und wäre es auch der Schiffsjunge eines Auctioneurs, etwas ohne meine Erlaubniß abholte! Tauſend Stückpforten! ich würde aus ſeiner Haut ein tüchtig Stück Segeltuch machen!“ „Sie brauchen ſich dieſe Mühe nicht zu geben, mein Pathe.“ „Es wäre keine Mühe, ſondern ein Vergnügen. Nun denn, gute Nacht, auf Wiederſehen morgen früh! warte indeſſen, bis ich Dich aufwecke, denn wir alten See...— nun: ſieh, da falle ich ſchon nd, ein rne ri⸗ nes lte! at en, gen. gen enn chon 67 wieder in meine alte Gewohnheit zurück!— wir Seeleute haben die Gewohnheit, beim erſten Mor⸗ genſtrahl aufzuſtehen. Umarme mich und dann lege Dich zu Bette.“ Diesmal gehorchte Petrus. Er umarmte lebhaft den Capitän und begab ſich nach ſeinem Zimmer. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß er die ganze Nacht von Potoſien, Golconda und Eldorado träumte. In ſeinem Traume, oder vielmehr im erſten Theile ſeines Traumes erſchien ihm der Capitän, in einer ſchimmernden Wolke, als der Genius der Diamanten und der Minen! Dann ging er während des erſten Theils der Nacht in einen Traum über, der entzückend, feen⸗ haft, bunt, wie ein arabiſches Märchen war, aber wer dieſe ganze Phantasmagorie beherrſchte, der Stern, der an dieſem leuchtenden Himmel ſtrahlte, war Regina, in deren Haare Petrus funkelnde Blumen, die Diamanten der beiden Indien flocht. Wir müſſen jedoch ſagen, daß die Lieblings⸗ redensart ſeines Pathen„wir alten Seewölfe“ ihm gar nicht oder vielmehr beſtändig wie ein häßlicher Fleck in einem Diamanten vom ſchönſten Waſſer in die Erinnerung trat. Am Morgen nach dieſem phantaſtiſchen Tage, beim erſten Sonnenſtrahl, der durch ſeine Jölou⸗ ſien drang, öffnete der Capitän Monte⸗Hauban, wie er geſagt, die Augen; er ſah nach ſeinem Chronometer. Es war noch nicht vier Uhr. Er machte ſich ohne Zweifel einen Scrupel, ſei⸗ nen Pathen zu ſo früher Stunde zu wecken,— denn d* 68 es war mehr Nacht, als Tag,— und entſchloſſen, gegen dieſen triumphirenden Sonnenſtrahl anzu⸗ kämpfen, der ſich unangekündigt eindrängte, kehrte er ſich nach der Wand um, und ſchloß die Augen mit einer Art von Schnarchen, das auf den feſten Entſchluß deutete, ſeinen Schlaf wieder aufzunehmen. Der Menſch denkt und Gott lenkt. Sei es, daß dies ſeine gewöhnliche Stunde war, in der er aufwachte, oder daß er kein gutes Ge⸗ wiſſen hatte, der Capitän konnte nicht wieder ein⸗ ſchlafen, und nach Verfluß von zehn Minuten ſprang er mit einem ſeiner kräftigſten Flüche aus dem Bette. Die Sorge für ſeine Toilette beſchäftigte ihn anfangs ziemlich lange. Er machte ſeine Haare zurecht, und wichste den Bart; dann kleidete er ſich von Kopf bis zu Fuß an. Es war halb fünf, als der Capitän die letzte Hand an ſeine Toilette legte. Als dies geſchehen war, ſchien er in derſelben Verlegenheit zu ſein. Was thun bis zu einer weniger excentriſchen Stunde? Auf⸗ und abgehen. Der Capitän ging eine Viertelſtunde ungefähr auf⸗ und ab;z er machte ungefähr zehn bis zwölf Mal die Runde in ſeinem Zimmer, wie der„Ein⸗ gebildete Kranke“; dann, ohne Zweifel von dieſer Leibesübung ermüdet, öffnete er das Fenſter, das auf den Boulevard Montparnaſſe hinausging und athmete die friſche Morgenluft ein, indem er dem Geſang der Vögel lauſchte, welche ſingend ihre Morgentvilette in den Bäumen machten. ar, e⸗ in⸗ ng te. hn en an. tzte en hen ähr ölf in⸗ eſer das und dem ihre 69 Aber er war bald von der Morgenluft geſättigt, bald für den Geſang der Vögel abgeſtumpft. Er durchmaß auf's Neue ſein Zimmer; aber dieſe Zerſtreuung, die er kannte, war bald erſchöpft. Sich rittlings über ſeinen Stuhl zu ſetzen, er⸗ ſchien ihm eine neue Zerſtreuung; denn, einen hohen eichenen Stuhl gewahrend, ſetzte er ſich ritt⸗ lings darauf und pfiff eines jener Matroſenlieder, welche die Mannſchaft ſeiner Corvette entzückten; die Vögel des Boulevard ſchwiegen wie die Meer⸗ vögel, um ihm zu lauſchen. Nachdem auch dieſe Lippengymnaſtik erſchöpft war, ſchnalzte der Capitän mit der Zunge, als wenn die Symphonie ſeinen Gaumen ausgetrocknet. Nachdem er dies Erercitium fünf⸗ oder ſechsmal hinter einander wiederholt hatte, ſprach er in me⸗ lancholiſchem Tone die fünf Silben aus: „Ich habe ſehr Durſt!“ Dann ſchien er nachzudenken und ein Mittel zu ſuchen, dieſer Unannehmlichkeit, die er ſo eben bezeichnet, entgegen zu wirken. Plötzlich ſchlug er ſich ſo heftig vor die Stirne, daß er ſelbſt einen Augenblick über die Kraft des Schlages, den er führte, erſtaunt war: „Aber,“ ſagte er,„was bin ich unverſtändig und dumm! Wie, mein Capitän, Du biſt eine Stunde auf dem Deck und haſt ſchon vergeſſen, daß die Weinkammer, oder wie das ſonſt heißt, der Keller, ſich gerade unter Dir befindet.“ Er öffnete leiſe die Thüre und ſtieg auf der Zehenſpitze die zwölf oder fünfzehn Stufen hinab, welche in den Keller führten. 70 Es war dies für einen Garcon ein ſehr ſchöner Keller, wohl verſehen... wenn auch nicht mit einer großen Auswahl von Sorten. Es waren drei bis vier Sorten Bordeaux und Burgunder, aber die feinſten, vorhanden. Es genügte dem Capitän bei dem Scheine einer Kellerratte, die er aus der Taſche zog, einen flüch⸗ tigen Blick auf einen Stoß von Flaſchen zu werfen, um an ihren langen Hälſen eine Auswahl von Bordeaux zu erkennen. Er zog ſachte eine Flaſche heraus, hob ſie an ſein Auge, hielt die Kellerratte dahinter und er⸗ kannte, daß es weißer Wein war. „Gut, um Würmer abzutreiben!“ ſagte er. Dann zog er eine zweite Flaſche aus demſelben Stoß hervor, ſchloß leiſe die Thüre des Kellers und ſtieg wieder, ohne daß man ihn hören konnte, hinauf. „Wenn der Wein gut iſt,“ ſagte der Capitän, indem er die Thüre ſeines Zimmers ſchloß und mit unendlicher Vorſicht die Flaſchen auf den Tiſch ſtellte,„ſo könnte ich mit etwas größerer Geduld das Erwachen meines Pathen abwarten.“ Er nahm von ſeinem Toilettentiſch das Glas, das ihm zum Mundausſpülen gedient, reinigte es mit der größten Sorgfalt, damit der Geruch des Bototwaſſers nicht den Duſt des Bordeaur neutra⸗ liſire und ſetzte ſich vor den Tiſch, indem er einen Stuhl näher rückte. „Ein anderer,“ ſagte er, indem er mit ſeiner Hand in die Taſche ſeiner ungeheuren Koſakenhoſe tauchte und ein Meſſer mit Hornſchale herauszog, ter nit nd ler en, on an er⸗ ben und nte, än, mit iſch ud las, es des tra⸗ inen iner hoſe 0g, 71 das mehrere Klingen und alle Arten von Beiwerk hatte,„ein anderer wäre ſehr in Verlegenheit, wenn er ſo wie ich zwei Flaſchen vor ſich hätte, ſie, wie der alte Tantalus, in Ermangelung eines Korkziehers nicht koſten zu können; aber uns al⸗ ten Seewölfe,“ fuhr der Capitän fort, indem er mit ſpoßhafter Miene lächelte,„uns ſetzt nichts in Verlegenheit und wir haben die Gewohnheit, uns mit Waffen und Bagage einzuſchiffen.“ Mit dieſen Worten zog er mit unendlicher Sorgfalt und größ⸗ tem Reſpect den ungeheuren Kork aus der Flaſche; dann hielt er ſeine Naſe an die Mündung des Halſes und rief: „Ah, welch' eine Blume, eine prachtvolle Blume! Wenn ſein Geſang ſeinem Gefieder gleicht, ſo wer⸗ den wir zuſammen ein Geſpräch führen, das nicht ohne Reiz ſein ſoll!“ Er goß ſich ein halbes Glas ein und roch noch einen Augenblick daran, ehe er es an ſeine Lippen ſetzte. „Ausgezeichnetes Parfüm!“ murmelte er, indem er den Wein trank. Dann ſtellte er das Glas auf den Tiſch und fügte hinzu: „Das iſt wahrhaftig Graveswein erſter Quali⸗ tät! O, wenn der rothe Wein dem weißen Wein gleicht, ſo habe ich wahrhaftig einen Pathen, an dem ich nicht zu erröthen brauche. Ich werde ihm, ſobald er aufwacht, ſagen, daß er einige Körbe dieſes Weines in mein Zimmer ſchaffen läßt: auf dieſe Weiſe kann ich beim Schlafengehen und beim Aufſtehen davon trinken, denn ich ſehe nicht ein, 72 wenn der weiße Wein Morgens die Würmer töd⸗ tet, warum er ſie nicht am Abend begraben ſollte.“ Und der Capitän verſchlang auf dieſe Weiſe, ohne daß er es zu merken ſchien, die beiden Fla⸗ ſchen Bordeaux, indem er ſich nur ſo viel Ruhe gönnte, um über den weißen Wein insbeſondere die klügſten Reflexionen anzuſtellen. Dieſes Selbſtgeſpräch und dieſes Selbſtge⸗ trinke, wenn es uns erlaubt iſt, ein Wort zu bil⸗ den, um die Handlung eines Menſchen zu bezeich⸗ nen, der ganz allein trinkt, verſcheuchten dem Ca⸗ pitän die Stunden bis zu ſechs Uhr. Als er bis zu dieſem Zeitpunct gekommen, wurde er ungeduldig und begann wieder ſein Zimmer zu durchmeſſen. Er ſah auf ſeine Uhr. Sie zeigte auf halb ſieben. Gerade in dieſem Augenblicke ſchlug es auf der Glocke von Val⸗de⸗Grace ſechs Uhr. Der Capitän ſchüttelte den Kopf. „Es iſt halb ſieben Uhr,“ ſagte er,„und die Uhr von Val⸗de⸗Grace muß Unrecht haben.“ Dann fügte er philoſophiſch hinzu: „Uebrigens, was kann man Gutes von einer Spitaluhr erwarten?“ Endlich, nachdem er einige Augenblicke gewartet, ſagte er: „Nun, nun, mein Pathe hat mir geſagt, daß er früh geweckt ſein wolle: ich handle deßhalb ganz nach ſeiner Abſicht, wenn ich ſein Zimmer betrete. Ich werde ihn freilich in einem goldnen Traume ſtören, aber das gilt mir gleich!“ — W S— r e 73 Mit dieſen Worten ſtieg er ein Lied pfeifend die Treppe hinauf, welche den erſten Stock vom Entreſol trennte. Der Schlüſſel ſtack in der Thüre des Atelier und des Schlafzimmers. „D, o!“ rief der Capitän, als er dieſe Sicher⸗ heit ſah:„Jugend, unvorſichtige Jugend!“ Dann öffnete er leiſe zuerſt die Thüre des Ate⸗ liers, ſteckte den Kopf hinein und ſah ſich um. Das Atelier war leer. Der Capitän athmete laut und ſchloß die Thüre wieder ſo leiſe, als möglich. Aber ſo ſachte er ſie auch ſchloß, die Angeln ächzten dennoch. „Dieſe Thüre bedarf des Oelens,“ murmelte der Capitän. Dann ging er an Petrus' Zimmerthüre und öffnete ſie mit der gleichen Vorſicht. Dieſe machte nicht das mindeſte Geräuſch, als ſie ſich öffnete und ſchloß, und da der Boden mit einem ausgezeichnet weichen und ſtummen ſmyrner Teppich belegt war, ſo konnte der alte Seewolf in das Schlafzimmer treten und bis an das Bett von Petrus kommen, ohne daß dieſer aufgewacht wäre. Petrus lag mit Armen und Beinen außerhalb des Bettes, wie wenn er in dem Traum, der ihn beunruhigte, den Verſuch gemacht hätte, aufzu⸗ ſtehen. In dieſer Lage hatte Petrus eine unbeſtreitbare Aehnlichkeit mit dem Kinde in der Fabel, das an einem Brunnen ſchläft. Der Capitän, der in gewiſſen Momenten ge⸗ lehrt bis zum Pedantismus war, ergriff die Gele⸗ genheit und, den Arm ſeines Pathen ſchüttelnd, als wenn dieſer das Kind und er die Fortuna wäre, rieß ert „Mein Kind, ich rette Dir das Leben, Ein andermal laß größre Klugheit walten, Wärſt Du gefallen, hätt' man für Deinen Mörder mich gehalten.“ Vielleicht wollte er das Citat weiter fortſetzen; aber Petrus öffnete plötzlich erwachend die großen erſchrockenen Augen, und da er den Capitän vor ſich ſtehen ſah, ſtreckte er die Hände nach einer Waffentrophäe aus, die am Kopfende ſeines Bettes einen Schmuck bildete und ihm Vertheidigungsmittel bot, ergriff einen Patagan, und hätte ohne Zweifel den„ Seemann ohne Weiteres niedergeſtreckt, wenn dieſer nicht ſeinen Arm erfaßt hätte. „Ganz hübſch, Junge! ganz hübſch, wie Cor⸗ neille ſagt. Peſt! was treibſt Du, wenn Dich der Alp drückt, denn Du haſt den Alp, geſtehe es!“ „Ach Pathe,“ rief Petrus,„wie froh bin ich, daß Sie mich aufgeweckt!“ „Wirklich?“ „Ja, Sie haben Recht, mich drückte der Alp und ein furchtbarer Alp.“ „Was träumteſt Du denn, Junge?“ d „Ach, das iſt abgeſchmackt!“ „Nun, ich wette, Du träumteſt, ich ſeie wieder nach Indien zurückgekehrt?“ „Rein, wenn ich das geträumt, ſo wäre ich ſehr zufrieden, im Gegentheil.“ der ſehr — „Wie! ſehr zufrieden! weißt Du, daß das nicht ſehr galant iſt, was Du mir da ſagſt?“ „Ach! wenn Sie wüßten, was ich träumte!“ fuhr Petrus fort, indem er den Schweiß trocknete, der ihm von der Stirne floß. „Nun, erzähle mir das, während Du Dich an⸗ kleideſt,“ ſagte der Capitän mit einem Ton voll Bonhomie, den er zur rechten Zeit ſo gut anzu⸗ ſchlagen verſtand;„das wird mich unterhalten.“ „O nein, mein Traum iſt zu thöricht.“ „Gut: glaubſt Du, Junge, wir Seewölfe könnten nicht Alles anhören?“ „Ach!“ ſagte Petrus leiſe,„da iſt der verteu⸗ felte Seewolf ſchon wieder.“ Dann ſagte er laut: „Sie wollen es?“ „Gewiß will ich es, ſonſt würde ich es nicht verlangen.“ „Wie Sie befehlen: aber ich hätte es lieber für mich behalten.“ „Du haſt ſicherlich geträumt, ich eſſe Menſchen⸗ fleiſch,“ ſagte der Seemann lachend. „Wenn es nur das wäre.. „Steuerbord⸗Backbord!“ rief der Capitän;„aber das wäre ſchon ein hübſcher Traum.“ „Es iſt ſchlimmer!“ „Geh' doch!“ „Nun, als Sie mich aufweckten...“ „Als ich Dich aufweckte?“ „Träumte ich, Sie bringen mich um.“ „Du haſt geträumt, ich bringe Dich um?“ „Die reine Wahrheit. „ 76 „Auf Ehre?“ „Auf Ehre.“ „Nun, Du kannſt ſagen, Du habeſt eine ſtolze Ausſicht, Junge.“ „Wie das?“ 2 „Mord im Traume bedeutet Gold, ſagen die Indier, die ſich auf Beides verſtehen. Du biſt wahrhaftig ein Glücksjunge, Petrus.“ „Wirklich?“ „Ich habe das auch einmal geträumt, Junge, und weißt Du, was mir am andern Tage begegnet iſt?“ „Nein, ich weiß es nicht.“ „Nun, den Tag nach der Nacht, wo ich im Traume ermordet wurde,— und das war Dein Vater, der mich ermordete, daraus kannſt Du ſehen, was Träume ſind,— half ich Deinem Vater den San Sebaſtian kapern, ein portugieſiſches Schiff, das von Sumatra kam und mit Rupien befrachtet war. Dein Vater allein erhielt für ſeinen Theil ſechsmalhunderttauſend Livres und ich hundertau⸗ ſend Thaler. Das trifft dreimal gegen einmal ein, wenn man das Glück hat, zu träumen, man werde ermordet.“ LXV. Petrus und ſeine Gäſte. Petrus ſtand auf und läutete, ehe er ſich an⸗ zog. ie iſt e, E im ein en, en iff, tet eil au⸗ in, rde 77 Der Diener trat ein. „Man ſoll anſpannen,“ ſagte Petrus,„ich werde vor dem Frühſtück ausfahren.“ Dann begab ſich der junge Mann an ſeine Toi⸗ ette. Um acht Uhr meldete man ihm, der Wagen ſei eingeſpannt. „Sie ſind hier zu Hauſe,“ ſagte Petrus zum Capitän:„Schlafzimmer, Atelier, Boudoir ſtehen zu Ihrer Verfügung.“ „O, o! Junge, auch das Atelier?“ ſagte der Capitän. „Das Atelier namentlich.— Das iſt ja das Wenigſte, daß Sie ſich an den Anblick der Truhen, Potichen und Bilder ergötzen, die Sie mir erhalten haben.“ „Nun gut, ſo bitte ich Dich, ſo lange es Dich nicht genirt, mich im Atelier aufhalten zu dürfen.“ „Halten Sie ſich im Atelier auf, ausgenommen wenn— Sie wiſſen?“ „Ja, wenn Du ein Modell oder Sitzung haſt. Abgemacht!“ „Abgemacht; ich danke. So habe ich von Sonn⸗ tag an ein Portrait zu malen, das mich wohl zwan⸗ zig Sitzungen koſten wird.“ 3d⸗ o. Einen Großwürdenträger des Staa⸗ „Nein, ein kleines Mädchen,“ ſagte er und fügte i indem er die größte Gleichgültigkeit heuchelte, hinzu: „Die Enkelin des Marſchall de Lamothe⸗ Houdan. 78 „Ah!“ „Die Schweſter der Frau Gräfin Rappt. „Ich kenne ſie nicht,“ ſagte der Capitän..„Du haſt wohl Bücher?... „Hier und unten. Ich fand Sie geſtern Abend mit einem Lafontaine in der Hand.“ „Das iſt wahr; Lafontaine und Bernardin de Saint⸗Pierre ſind meine Lieblingsſchriftſteller.“ „Sie werden außerdem alle modernen Romane und eine ziemlich gute Sammlung von Reiſen treffen.“ „Du ſprichſt mir da gerade von zwei Claſſen von Büchern, die ich nicht leſen kann.“ „Warum das?“ „Weil ich Reiſen ſelbſt mache, und, da ich bei⸗ nahe in allen Winkeln der vier Welttheile und ſelbſt des fünften geweſen, über die Berichte em⸗ pört bin, welche uns die Reiſenden davon geben. Was die Romane betrifft, lieber Freund, ſo ver⸗ achte ich ſie aus tiefſter Seele, wie ich die verachte, welche ſie ſchreiben.“ „Weßhalb das?“ „Nun, weil ich einigermaßen Beobachter bin und in Folge meiner Beobachtungen die Bemerkung gemacht habe, daß die Phantaſie nie ſo weit geht, als die Wirklichkeit. Um nun Lügen zu leſen, die weniger intereſſant ſind, als die Ereigniſſe, welche ganz einfach und naiv vor unſeren Augen geſchehen, erkläre ich, daß ſich das nicht der Mühe lohnt und daß ich nicht Henker genug meiner Zeit bin, um ſie mit ſolchen Nichtigkeiten zu vergeuden. Deßhalb, lieber Pathe, ziehe ich die Philoſophie vor. Plato, Epictet, Socrates bei den Alten; Malebranche, Mon⸗ de id 7 n r⸗ in ng ht, die n, nd ſie lb, * 79 taigne, Descartes, Kant, Spinoza bei den Neueren — das iſt meine Lieblingslecture.!“ „Mein lieber Pathe,“ ſagte Petrus lachend, „ich geſtehe Ihnen, daß ich viel von den Herren gehört, die Ihnen ſo viel Genuß bereiten, aber mit Ausnahme von Plato und Socrates bei den Al⸗ ten und Montaigne bei den Neueren ſtehe ich in keinem Verkehr mit ihnen. Da ich jedoch einen Buchhändler habe, der die Stücke meines Freun⸗ des Jean Robert kauft und mir die Oden und Balladen Hugo's, die Meditationen von La⸗ martine und die Gedichte Alfred de Vigny's ver⸗ kauft, ſo werde ich ihm im Vorübergehen ſa⸗ gen, daß er Ihnen eine Anzahl Philoſophen ſchicken ſoll. Ich werde ſie nicht mehr leſen, als ich ſie bisher geleſen, aber ich werde ſie binden laſ⸗ ſen und ihre Namen werden in meiner Biblio⸗ thek wie Firſterne inmitten der nebelhaften Sterne glänzen.“ „Nun, Junge, geh! und gib dem Commis von mir zehn Livres, daß er die Bücher aufſchneidet: ich habe ſo reizbare Nerven, daß ich dieß nie über mich vermochte.“ Petrus winkte dem Pathen mit der Hand noch einen Gruß zu und eilte dann aus dem Zimmer. Der Pathe Pierre blieb unverrückt mit zerſtreu⸗ ten Augen und Ohren ſtehen, bis er das Rollen des ſich entfernenden Wagens hörte. Dann ſteckte er, den Kopf erhebend und ihn ſchüttelnd, die Hände in ſeine Taſche und ging trällernd von dem Schlafzimmer in das Atelier. 80 Dort war jedes Möbel Gegenſtand der beſon⸗ dern Prüfung dieſes ächten Kunſtkenners. Er öffnete alle Schiebladen eines alten Secre⸗ tärs aus den Zeiten Ludwigs XV und ſondirte ſie, um zu ſehen, ob ſie nicht einen doppelten Boden hätten. Ein Chiffonier von Roſenholz wurde ebenſo unterſucht, und da er ſehr geſchickt in der Entdeckung von Geheimniſſen ſchien, machte der Capitän, indem er ſich an dieſes Chiffonier ſtemmte, eine vollkommen unſichtbare Schieblade hervorſpringen, eine ſo un⸗ ſichtbare Schieblade, daß aller Wahrſcheinlichkeit nach weder der Kaufmann, der es an Petrus ver⸗ kauft, noch Petrus ſelbſt je von dem Daſein der⸗ ſelben eine Ahnung gehabt. Dieſes Chiffonier enthielt Papiere und Briefe. Die Papiere waren Aſſignatenrollen. Es waren ihrer ungefähr für fünfmalhundert⸗ tauſend Franken. Die Briefe waren eine politiſche Correſpondenz und trugen das Datum von 1793 bis 1798. Der Capitän ſchien die größte Verachtung für die Papiere und die Briefe mit revolutionärem Da⸗ tum zu hegen: denn nachdem er ſich von der Iden⸗ tität der einen und andern überzeugt hatte, ſtieß er die Schieblade mit ſolcher Geſchicklichkeit mit dem Fuße zu, daß die Schieblade ſich ſchloß, um vielleicht erſt fünfzehn oder dreißig Jahre ſpäter wieder ge⸗ öffnet zu werden, wie ihr ſoeben geſchehen. Aber das Meubel, auf das der Capitän eine beſondere Aufmerkſamkeit heftete, war die Truhe, ſo m en n⸗ eit r⸗ r⸗ nz ür a⸗ en⸗ er em icht ge⸗ ine he, 81 6 welcher Petrus die Briefe Regina's verſchloſſen hatte. Dieſe Briefe, wie wir ſagten, lagen in einem kleinen eiſernen Käſtchen, einem Wunderwerk aus der Zeit Ludwig XIII. Dieſes Käſtchen war im Innern der Truhe feſt⸗ geriegelt und konnte nicht herausgenommen werden; eine gute Vorſicht für den Fall, daß ein Kunſtlieb⸗ haber durch dieſes Meiſterwerk der Schloſſerkunſt gereizt würde. Der Capitän war ohne Zweifel ein großer Lieb⸗ haber dieſer Art von Juwelen; denn nachdem er verſucht, es herauszuheben— ohne Zweifel, um es an's Licht zu halten, und bemerkt hatte, daß es unbeweglich war, unterſuchte er die einzelnen Theile namentlich das Schloß mit der größten Sorg⸗ alt. Dieß beſchäftigte ihn bis zu dem Augenblick, wo er den Wagen von Petrus vor der Thüre hal⸗ ten hörte. Er ſchloß raſch die Truhe, nahm das nächſte beſte Buch aus der Bibliothek und vertiefte ſich in eine Cauſeuſe. Petrus kehrte ganz überglücklich nach Hauſe zu⸗ rück: er war bei allen Lieferanten geweſen, um Jedem eine Abſchlagszahlung auf ſeine Schuld zu bringen und jeder war gerührt von der Mühe, die ſich der Herr Vicomte Herbel machte, ſelbſt eine Summe zu bringen, die man ſehr gut bei dem Herrn Vicomte hätte abholen können, und wegen der man übrigens keinen Augenblick in Sorge ge⸗ weſen. Dumas, Salvator. V. 82 Einige ließen ein Wort von dem Verkaufe fal⸗ len, von dem ſie hatten ſprechen hören; aber Pe⸗ trus, welcher leicht erröthete, antwortete, daß aller⸗ dings etwas Wahres daran geweſen ſei, daß er einen Augenblick die Abſicht gehabt, ſein Mobiliar zu erneuern, indem er das alte verkaufte; daß ihn jedoch, als er ſich von den Meubeln trennen ſollte, die er wie alte Freunde liebte, ein Schmerz erfaßt, der mit Gewiſſensbiſſen Aehnlichkeit gehabt habe. Man rühmte begeiſtert das gute Herz des Herrn Vicomte und bot ihm ſeine Dienſte an für den Fall, daß er wieder auf ſeinen Entſchluß zurück⸗ komme, ein altes Mobiliar zu bekommen. Petrus brachte beinahe dreitauſend Franken zu⸗ rück und hatte ſich einen neuen Credit von vier bis fünf Monaten geſchaffen. In vier bis fünf Monaten konnte er vierzig tauſend Franken gewinnen. Wunderbare Macht des Geldes! Petrus konnte, Dank dem Pack Billets, den man in ſeiner Hand geſehen, jetzt, für hundertauſend Franken Meubel auf drei Jahre Credit kaufen! Pe⸗ trus mit leeren Händen hatte für die gekauften nicht vierzehn Tage Friſt bekommen können. Der junge Mann bot dem Capitän die beiden Hände hin; er hatte ein Herz voll Freude und ſeine letzten Scrupel waren eingeſchlafen. Der Capitän ſchien aus einer tiefen Träumerei zu erwachen, und zu ollem, was ihm ſein Pathe ſagen konnte, antwortete er nur: „Um wie viel Uhr frühſtüͤckt man hier?“ den end Pe⸗ ften den eine erei athe 83 zann man will, lieber Pathe,“ antwortete Petrus. „Dann wollen wir frühſtücken,“ ſagte Pierre Berthaud. Vorher hatte Petrus noch etwas zu beſorgen. Er läutete einem Bedienten. Jean trat ein. Petrus tauſchte einen flüchtigen Blick mit ihm aus. Jean machte ein bejahendes Zeichen. „Nun denn?“ fragte Petrus. Jean deutete mit einem flüchtigen Blick auf den Seemann. „Bah!“ ſagte Petrus,„gib, gib!“ Jean näherte ſich ſeinem Herrn und aus einem kleinen Portefeuille von Juchtenleder, das ausdrück⸗ lich zu dem Zwecke gemacht zu ſein ſchien, den es erfüllte, zog er einen kleinen, coquett gefalteten Brief hervor. Petrus nahm ihn begierig, entſiegelte ihn und las. a Vann zog er aus ſeiner Taſche ein ähnliches Portefeuille, nahm daraus einen Brief, wahrſchein⸗ lich vom vorhergehenden Tage, erſetzte ihn durch den, welchen er ſo eben empfangen hatte, und an die Truhe tretend, öffnete er mit einem kleinen Schlüſ⸗ ſel, den er an ſeinem Halſe trug, das eiſerne Käſt⸗ chen, in welches er, nachdem er ihn verſtohlen ge⸗ küßt, den Brief fallen ließ, von dem er ſich trennte. Dann das Käſtchen ſorgfältig ſchließend, drehte er ſich nach dem Capitän um, der ihn mit der größten Aufmerkſamkeit beobachtet hatte. 84 „Jetzt,“ ſagte er zu ihm,„wenn Sie frühſtücken wollten, Pathe... „Um zehn Uhr Morgens will ich immer,“ ant⸗ wortete dieſer. „Nun denn, der Wagen ſteht unten und ich mache Ihnen den Vorſchlag zu einem Studenten⸗ frühſtück im Café de'Odeon.“ „Bei Risbecq?“ antwortete der Seemann. „Ah, ah, Sie kennen das?“ „Mein lieber Freund,“ ſagte der Seemann, „die Reſtaurants und die Philoſophen ſind die bei⸗ den Sachen, die ich am tiefſten ſtudirte: davon werde ich Dir ein Beiſpiel geben, indem ich dies⸗ mal ſelbſt die Speiſekarte dictire.“ Die beiden Männer ſtiegen in den Wagen und hielten vor dem Café Risbecq an. Der Seemann ſtieg augenblicklich die Treppen hinan und ſagte zu dem Garcon, indem er die Karte zurückwies, welche dieſer ihm bot: „Zwölf Dutzend Auſtern, zwei Beefſteacks mit Kartoffeln, zwei Steinbutten in Hel, Birnen, Trau⸗ ben und Chocolade.“ „Sie haben Recht, Pathe,“ ſagte Petrus,„Sie ſind ein großer Philoſoph und ein ächter Gour⸗ mand.“ Worauf der Capitän mit derſelben Kaltblütig⸗ keit hinzufügte: „Sauterne erſte Qualität mit den Auſtern, Beaune erſte Qualität mit dem übrigen Frühſtück.“ „Eine Flaſche von Jedem?“ fragte der Garcon. „Je nachdem das Gewächs iſt, wird es ſich zeigen.“ — /— ₰ n i⸗ n 8⸗ d n ie it u⸗ — 85⁵ Während dieſer Zeit ſchickte der Concierge von Petrus die zahlreichen enttäuſchten Liebhaber zu⸗ rück, indem er erklärte, daß ſein Herr andern Sinnes geworden ſei und der Verkauf deßhalb nicht ſtattfinden werde. LXVI. Wie die Anſichten der drei Freunve über den Capitän lauteten. Nach dem Frühſtück ſchickte der Capitän durch den Garcon nach einer Voiture de Remiſe, als ihn Petrus fragte: „Fahren wir nicht zuſammen nach Hauſe?“ „Schon recht!“ ſagte der Capitän:„aber das Hotel, das ich kaufen ſoll?“ „Ganz recht!“ antwortete Petrus;„wollen Sie, daß ich Sie bei Ihren Nachforſchungen unterſtütze?“ „Ich habe meine Angelegenheiten, Du haſt die Deinen,— und wär' es auch nur eine Antwort auf den kleinen Brief, den Du dieſen Morgen er⸗ hielteſt; außerdem bin ich ein ziemlich wunderlicher Menſch, ich weiß nicht einmal, ob ein Hotel nach meinen Planen gebaut mir nur acht Tage gefallen würde; urtheile, was ein Hotel wäre, das ich nach dem Geſchmack eines andern kaufte:.. ich würde dort nicht meine Koffer öffnen.“ Petrus begann ſeinen Pathen nach und nach genau genug zu kennen, um zu begreifen, daß, um gut mit ihm zu bleiben, man ihm abſolut ſeinen Willen laſſen mußte. Er begnügte ſich deßhalb, ihm zu ſagen: „Gehen Sie, Pathe, Sie wiſſen, daß Sie mir zu jeder Stunde willkommen ſein werden.“ Der Capitän nickte mit dem Kopfe, was ſoviel ſagen wollte, als:„Schön!“ und ſprang in ſeinen Wagen. Petrus fuhr mit federleichtem Herzen nach Hauſe. Er traf dort Ludovic und ſah augenblicklich an ſeinem traurigen Geſichte, daß ihm ein Unglück be⸗ gegnet ſein mußte. Ludovic zeigte auch wirklich ſeinem Freunde das Verſchwinden Roſe de Noel's an. Petrus beklagte anfangs den jungen Doctor.— Dann entſchlüpften unwillkürlich ſeinem Munde die Worte: „Haſt Du Salvator geſehen?“ „Ja,“ antwortete Ludovic. „Nun!“ „Nun, ich fand Salvator ruhig und ernſt wie immer; er wußte bereits die Neuigkeit, die ich ihm mittheilen wollte.“ „Was ſagte er zu Pit „Er ſagte: Ich werde Roſe de Noel wieder finden, Ludovic: aber um ſie in ein Kloſter zu bringen, wo Sie ſie nicht ſehen werden, außer als Arzt, oder um ſie zu heirathen. Lieben Sie ſie?““ „Und was haſt Du ihm geantwortet?“ fragte Petrus. „Die Wahrheit, Freund: daß ich das Kind von ganzer Seele liebe. Ich habe mich an ſie ange⸗ e n 87 ſchmiegt, nicht wie der Epheu an die Eiche, ſondern wie die Eiche an den Epheu; ich habe deßhalb nicht gezögert. Salvator, ſagte ich, wenn Sie mir Roſe de Noel wiederbringen, ſo ſoll ſie am Tage, an dem ſie fünfzehn Jahre alt iſt, auf meine Ehre meine Frau werden!— Reich oder arm?“ fügte Salvator hinzu. Ich zögerte; nicht das Wort arm war es, was mich unſchlüſſig machte, ſondern das Wort reich... Wie! reich oder arm? wiederholte ich.— Ja, reich oder arm? verſetzte Salvator. Sie wiſſen wohl, daß Roſe de Noel ein Findelkind iſt; Sie wiſſen, daß ſie früher Roland gekannt: Roland iſt ein ariſtokratiſcher Hundz es könnte ſein, daß Roſe de Noel eines Tages erführe, wer ſie iſt und es exiſtirt eben ſoviel Wahrſcheinlichkeit dafür, daß ſie reich, als daß ſie arm iſt: würden Sie ſie mit geſchloſſenen Augen nehmen?! Würden die Aeltern, wenn ſie Roſe de Noel's Lage ahnten, in der ſie ſie finden, mich auch zum Schwiegerſohn haben wollen?—„Ludovic, ſagte Salvator, das iſt meine Sache; nehmen Sie Roſe de Noel arm oder reich, wie ſie iſt, wenn ſie fünfzehn Jahre alt, zur Frau?“ Ich bot Salvator die Hand und ſo bin ich denn verlobt, mein Lieber; aber Gott weiß, wo das arme Kind iſt!“ „Und wo iſt Salvator?“ „Ich weiß es nicht: er verläßt, glaube ich, Paris; er verlangte ſieben bis acht Tage, um ſich mit Nachforſchungen zu beſchäftigen, welche das Verſchwinden Roſe de Noel's erheiſchten, und hat ein Rendezvous auf nächſten Donnerstag in ſeinem Hauſe, Rue Macon, mit mir ausgemacht. Aber 88 Du, was machſt Du? Was iſt Dir begegnet? Du haſt, wie es ſcheint, Deinen Plan geändert?“ Petrus erzählte in ſeinem Enthuſiasmus Ludo⸗ vic das Ereigniß des vorhergehenden Tages mit allen Details; der Letztere jedoch, ſceptiſch, wie ein Mediziner, begnügte ſich mit dem einfachen Worte, er wolle Beweiſe. Petrus zeigte ihm die beiden Bankbillets, die ihm von den zehn übrig blieben, welche ihm der Capitän geliehen. Ludovic nahm eines der beiden Billets und be⸗ ſah es mit der ſcrupulöſeſten Aufmerkſamkeit. „Nun,“ fragte Petrus,„iſt es etwa zufällig verdächtig? und wäre die Unterſchrift Garat falſch?“ „Nein,“ antwortete Ludovic;„obgleich ich in meinem Leben wenig Bankbillets geſehen und in Händen gehabt, ſcheint mir dieſes doch ächt.“ „Nun, alſo?“ „Ich will Dir ſagen, lieber Freund, ich habe keinen großen Glauben an die Onkel aus Amerika und noch weniger an die Pathen; man müßte die Sache Salvator erzählen.“ „Aber,“ verſetzte Petrus lebhaft,„haſt Du mir nicht ſoeben geſagt, daß Salvator einige Tagè von Paris abweſend ſei, und erſt Donnerstag zurück⸗ kehren werde?“ „Das iſt wahr,“ antwortete Ludovic;„aber Du wirſt uns doch mit Deinem Nabob bekannt machen?“ „Gewiß! das iſt nicht mehr als billig,“ machte Petrus.„Wer aber ſieht von uns Jean Robert zuerſt?“ — — 89 „Ich,“ ſagte Ludovic:„ich gehe auf die Probe ſeines Stückes.“ „Nun, ſo erzähle ihm die Geſchichte von dem Capitän.“ „Welchem Capitän?“ „Dem Capitän Pierre Berthaud Monte⸗Hauban, meinem Pathen.“. „Haſt Du Deinem Vater davon geſchrieben!“ „Von wem?“ „Von Deinem Pathen.“ „Du begreifſt wohl, daß das mein erſter Ge⸗ danke war; aber Pierre Berthaud will ihm eine Ueberraſchung bereiten und hat mich gebeten, gegen meinen Vater zu ſchweigen.“ Ludovie ſchüttelte den Kopf. „Du zweifelſt noch?“ fragte Petrus. „Die Sache ſcheint mir ſo außergewöhnlich!“ „Sie ſchien mir noch außergewöhnlicher, als Dir: es ſchien mir und ſcheint mir noch, als wenn ich ganz einfach träumte. Kitzle mich, Ludovic, ob⸗ gleich ich Dir geſtehen muß, daß ich mich vor dem Aufwachen ſehr fürchte.“ „Thut nichts,“ verſetzte Ludovic, ein poſitiverer Geiſt, als ſeine beiden Freunde,„es iſt fatal, daß Salvator nicht hier iſt.“ „Ganz gewiß,“ ſagte Petrus, indem er die Hand auf die Schulter ſeines Freundes legte,„ja, es iſt allerdings fatal: aber was willſt Du, Ludo⸗ vic, es kann für mich kein größeres Unglück geben, als das, zu welchem ich verurtheilt war. Ich weiß nicht, wohin mich die neuen Ereigniſſe führen wer⸗ den; aber ich weiß eines: daß ſie mich von dem 90 Abgrunde wegreißen, an den mich die früheren ge⸗ bracht. Und am Fuße des Abgrundes war das Elend. Iſt der andere Abhang ebenſo jäh? Endigt er in einen Abſturz? Ich weiß es nicht: aber in dieſen ſehe ich mich mit geſchloſſenen Augen führen und wenn ich in der Tiefe des Abgrundes erwache, ſo werde ich wenigſtens, ehe ich dahin kam, das Land der Hoffnung und des Glücks durchwandert haben.“ „Gut denn, es ſei! Erinnerſt Du Dich Jean Robert's, der am Abend des Faſtendienſtags von Salvator einen Roman verlangte? Nun höre. Zählen wir: erſtens Salvators Fragole,— Ver⸗ gangenheit unbekannt— aber im Augenblick ein Romanz Juſtin und Mina ein Roman: Carmelite und Colombau ein Roman, düſtrer und trauriger Roman, aber Roman; Jean Robert und Frau von Marande, ein Roman, der heiterſte von allen, ein Roman mit Saphiraugen und Roſenlippen, aber ein Roman: Du und...“ „Ludovic!“ „Es iſt wahr.. ein geheimnißvoller, düſtrer und doch vergoldeter Roman, aber ein Roman, mein Lieber, ein Roman! Endlich ich und Roſe de Noel, ich, Bräutigam eines Findelkindes, das wieder verloren ging, und das Salvator wiederzu⸗ finden verſprach, ein Roman, mein Lieber, ein Roman! Alle bis auf die Prinzeſſin von Vanvres bis auf die ſchöne Chante Lilas, die ebenfalls ihren Roman ſpielt.“ „Wie das?“ „Ich ſah ſie vorgeſtern auf den Boulevards in einer Kaleſche mit vier Perſonen, à la Daumont 8 5— . N Bw n n t 91 von zwei Jokeys in weißen Hoſen und kirſchrother Sammtweſte geführt. Ich wollte ſie nicht erkennen, Du begreifſt wohl, und war erſtaunt über die Aehnlichkeit; aber ſie machte mir ein Zeichen mit der Hand, und dieſe Hand, mit Handſchuhen von Privat oder Boivre hielt ein Taſchentuch von drei⸗ hundert Franken... ein Roman, Petrus, ein Ro⸗ man! Welche von dieſen Romanen werden nun gut und welche ſchlecht endigen? Gott weiß es! Lebewohl Petrus; ich gehe auf die Probe von Jean Robert's Stück.“ „Bringe ihn mit Dir.“ „Ich werde es verſuchen; aber warum kommſt Du nicht mit mir?“ „Unmöglich! ich muß das Atelier in Ordnung bringen: ich habe Sonntag Sitzung.“ „Alſo Sonntag...2 „Sonntag iſt die Thüre verſchloſſen, lieber Freund, von Mittag bis vier Uhr: die ganze übrige Zeit iſt Thüre, Herz, Hand, alles offen.“ Die beiden jungen Leute tauſchten noch ein Adieu aus und ſchieden. Petrus begann das Atelier in Ordnung zu 3 bringen. Es war etwas für ihn, Regina zu empfangen.. Regina war ſeit jenem einzigen Mole, da ſie zu ihm gekommen, das heißt, ſeit dem Beſuche mit der Marquiſin de la Tournelle, nicht mehr bei ihm geweſen. Jener Tag hatte auf das Leben von Petrus einen entſcheidenden Einfluß gehabt. 92 Nach Verfluß einer Stunde war alles in Ord⸗ nung. Nach Verfluß einer Stunde ſtand nicht nur die Leinwand auf der Staffelei, ſondern das Porträt war ſogar ſkizzirt. Die kleine Abeille unter einer Banane, an eine Fächerpalme gelehnt, inmitten der tropiſchen Vege⸗ tation des Petrus wohlbekannten Gewächshauſes, auf einem friſchen Raſen, unterhielt ſich mit dem Binden eines Straußes aus phantaſtiſchen Blu⸗ men, wie ſie die Kinder im Traume ſammeln, und dies, während ſie dem Geſang eines halb im Laube einer Mimoſa verſteckten blauen Vogels lauſcht. Wenn Petrus ſeinem Drange nachgegeben, nachdem die Skizze gemacht war, hätte er ſeine Polette ergriffen und noch am ſelben Tage das Gemälde begonnen, das acht Tage ſpäter fertig geweſen wäre. Aber er ſah ein, daß er auf dieſe Weiſe ſein Glück verkürzte und alles vernichtete. Er ſetzte ſich deßhalb ruhig vor ſeine weiße Lein⸗ wand und ſah ſein Bild bereits vollendet vor ſich, wie bisweilen der Dichter ehe ein Wort ſeines Dra⸗ mas geſchrieben iſt, es von der erſten bis zur letz⸗ ten Scene aufführen ſieht. Das iſt, was man mit gutem Rechte die fata morgana des Genies nennen könnte.. Der Capitän kehrte erſt um acht Uhr Abends nach Hauſe zurück. Er war durch alle neuen Quartiere gelaufen, um ein feiles Haus zu finden; er hatte ſich auf allen Aushängezetteln umgeſehen. — 93 Er hatte jedoch nichts gefunden, was ihm con⸗ venirte. Er nahm ſich vor, am andern Tag die gleichen Gänge noch einmal zu machen. Von dieſem Augenblick inſtallirte ſich der Capi⸗ tän Monte⸗Hauban bei ſeinem Pathen, wie wenn er zu Hauſe wäre. Petrus ſtellte ihn Ludovic und Jean Robert vor. Die drei jungen Leute brachten den Abend des Samſtags mit ihm zu und es wurde ausgemacht, daß man ihm, ſo lange er bei Petrus bleibe, einen Abend in der Woche widmen wolle. Was den Tag betraf, ſo ließ ſich nicht daran denken. Unter dem Vorwande, eine Wohnung oder viel⸗ mehr ein Haus zu ſuchen, war der Capitän von Morgens nach dem Frühſtück und häufig auch ſchon bei Anbruch des Tages, außer dem Hauſe. Wo ging er hin? Gott oder der Teufel wußten es ohne Zweifel; aber Petrus wußte es durchaus nicht. Er hatte es indeß zu erfahren geſucht und ein⸗ oder zweimal ſeinen Pathen darum befragt. Aber dieſer hatte ihm mit den Worten den Mund geſchloſſen: „Frage mich nicht, Junge: denn ich kcnn Dir nicht antworten: es iſt ein Geheimniß. Indeſſen muß ich Dir ſagen, daß die Liebe der Geſchichte nicht ganz fremd iſt. Beunruhige Dich deßhalb nicht, wenn Du mich ganze Tage abweſend ſiehſtz ich kann plötzlich für einen Tag, für eine Nacht, für einige Tage, für einige Nächte verſchwinden. 94 Wie alle alten Seewölfe im Allgemeinen, bleibe ich, wenn ich irgendwo bin.„Wo Dir's gefällt, da magſt Du Hütten bauen,“ ſagt das Sprichwort. Ich will Dir damit ſagen, wenn ich mich zufällig an einem der nächſten Abende bei einer gewiſſen Bekanntſchaft angenehm fühlen ſollte, ſo werde ich erſt am folgenden Morgen zurückkommen.“ „Ich begreife Sie vollkommen,“ hatte Petrus geſagt;„aber Sie thun ſehr gut daran, daß Sie es mir ſagen.“ „Es iſt alſo abgemacht, Junge: wir wollen uns nicht läſtig fallen; aber es kann mir etwas begeg⸗ nen, daß ich ganze Tage zu Hauſe zubringe; ich muß mich zu gewiſſen Stunden ſammeln und mei⸗ nen Gedanken hingeben. Du wäreſt deßhalb ſehr freundlich, wenn Du mir einige Bücher über Stra⸗ tegie, falls Du welche haſt, oder auch einfach welche über Geſchichte und Philoſophie und ein Dutzend Flaſchen Deines Gravesweins auf mein Zimmer bringen ließeſt.“ „Alles ſoll in einer Stunde bei Ihnen ſein.“ Nachdem man ſich ſo abgeredet hatte, ging die Sache wie auf Rädern. Im Uebrigen war die Anſicht der drei jungen Leute über den Capitän ſehr verſchiedener Art. Er war Ludovic in der Seele zuwider, ſei es, daß Ludovic, ein Anhänger des Syſtemes von Gall und Lavater, die Linien ſeines Geſichtes und die hervorſtehenden Theile ſeiner Stirne nicht im Ein⸗ klang mit ſeinen Worten fand, ſei es, daß, wäh⸗ rend ſein Herz voll der reinſten Gedanken war, das Geſpräch des Capitän, ſo ſehr dieſer Seemann war, 18 g⸗ ch i⸗ hr ch in ie en all ie n⸗ h⸗ 95 ihn zu ſehr auf die Erde zukückwarf. Kurz, wie er beim erſten Anblick geſagt, er konnte dieſen Ka⸗ meraden nicht verdauen. Jean Robert, jeder Zoll ein Phantaſt, ein lei⸗ denſchaftlicher Liebhaber des Maleriſchen, hatte in dieſem Charakter ein gewiſſes originelles Gepräge gefunden, und ohne ihn gerade anzubeten, fühlte er doch für ihn ein gewiſſes Intereſſe. Was Petrus betraf, ſo war er bezahlt, ihn zu lieben. Man wird zugeben, es wäre nicht Recht gewe⸗ ſen, wenn er ſo, wie es Ludovic that, einen Mann zergliedert hätte, der nichts von ihm verlangte, als ſich mit Reichthümern überhäufen zu laſſen. Wir wollen indeß geſtehen, daß gewiſſe Lieb⸗ lingsredensarten des Capitäns und namentlich„See⸗ wolf“ ihm furchtbar in den Ohren wehe thaten. Kurz, wie man ſieht, hatte der Capitän bei den drei jungen Leuten keine abſolute Sympathie her⸗ vorgerufen; und in der That ſelbſt für Jean Ro⸗ bert und Petrus, die am geneigteſten waren, mit ihm zu fraterniſiren, war es ſchwer, ſich ganz einer ſo phantaſtiſchen, ſich innerlich ſo widerſprechenden Perſönlichkeit hinzugeben, wie es Pierre Berthaud Monte⸗Hauban war, der wie es ſchien, naiv, Alles be⸗ wundernd, alles liebend, ſich offen allen ſeinen Ein⸗ drücken hingab. Gewiſſe Worte indeſſen verriethen einen völlig blaſirten Menſchen, der nichts liebte und an nichts glaubte; in einzelnen Augenblicken jovial, hätte man ihn bei andern Gelegenheiten für einen Lei⸗ chenführer halten können; es war eine Miſchung der heterogenſten Elemente, eine unerklärliche Zu⸗ ſammenſetzung der glänzendſten Eigenſchaften und der ungeheuerlichſten Fehler, der edelſten Gefühle und der niedrigſten Leidenſchaften: gelehrt, wie wir ſagten, bisweilen bis zum Pedantismus, ſchien er in einzelnen Momenten der unwiſſendſte Menſch der Schöpfung; er ſprach bewundernswürdig von der Malerei und verſtand nicht ein Ohr zu zeichnen; er ſprach bewundernswürdig von der Muſik und kannte nicht eine Note; er hatte eines Morgens für den Abend eine Vorleſung der„Guelfen und Ghibellinen“ verlangt und nach dieſer Vorleſung Jean Robert den Hauptfehler dieſes Drama's mit einer Richtigkeit und einer Genauigkeit nachgewie⸗ ſen, daß dieſer ihn fragte: „Habe ich die Ehre, einen Collegen vor mir zu ſehen?“ „Höchſtens einen aſpirirenden Collegen,“ hatte der Capitän beſcheiden geantwortet,„obgleich ich mein Recht als Mitarbeiter an einigen Tragödien in Anſpruch nehmen könnte, welche gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts aufgeführt wurden, na⸗ mentlich an der Tragödie„Geneviève de Brabant?, welche ich in Verbindung mit dem Citoyen Cecile verfaßt und die zum erſten Male am 14. Brumaire des Jahres 17.. auf dem Odeon aufgeführt wurde.“ Acht Tage verfloſſen auf ſolche Weiſe: man führte den Capitän in alle Theater von Paris; man machte einen Spazierritt im Bois de Bou⸗ logne mit ihm, bei welcher Gelegenheit er ſich als vollendeter Stallmeiſter erwies; endlich erdachte man tit e⸗ zu tte in de a⸗ 1, ile ire hrt an is; ou⸗ als an 97 für ihn alle möglichen Zerſtreuungen und der Ca⸗ pitän, bis zu Thränen gerührt, theilte Petrus mit, daß ſeine beiden Freunde Beweiſe der Dankbarkeit und Freundſchaft erhalten ſollten. LXVII. Die Einze neabinette. Am Sonntag, an welchem die erſte Sitzung für das Portrait der kleinen Abeille ſtattfinden ſollte, wartete Petrus von acht Uhr Morgens in ſeinem Atelier, obgleich die Beſucherinnen erſt um Mit⸗ tag kommen wollten. Um zehn Uhr ließ er den Capitän fragen, ob er mit ihm frühſtücken wollte. Jean jedoch theilte ihm mit vorſichtiger Miene mit, daß der Capitän ſeit geſtern nicht zurückge⸗ kommen ſei. Petrus fühlte ſich behaglich, als er dieſe Ab⸗ weſenheit erfuhr. Er hatte gefürchtet, Regina möchte dem Capitän begegnen. Wenn Naturen, wie die von Ludovic, wie die von Jean Robert, ſelbſt wie die ſeine, bisweilen einen Widerwillen gegen dieſen Menſchen empfan⸗ den, was wäre dann von der ariſtokratiſchen Na⸗ tur Regina's zu erwarten? Dumas, Salvator. V. 7 Es war ihm jetzt, als wenn er lieber geſtanden, er ſei ruinirt und genöthigt, ſeine Meubel zu ver⸗ kaufen, als zu geſtehen, daß er Ausſicht habe, vier Millionen von ſeinem Pathen zu erben. Deßhalb gab er Jean Befehl, falls der ge⸗ nannte Pathe, während Regina in ſeinem Atelier wäre, zurückkommen ſollte, dem Capitän zu ſagen, daß er eine Sitzung habe. Nachdem dieſe Vorſichtsmaßregeln getroffen wa⸗ ren, frühſtückte er, die Augen auf die Standuhr geheftet. Um elf Uhr machte er ſo langſam als möglich ſeine Palette. Um halb zwölf Uhr begann er ſeine Compoſi⸗ tion mit weißem Crayon auf die Leinwand zu zeichnen. Um zwölf Uhr hielt ein Wagen vor der Thüre⸗ Petrus legte ſeine Palette auf einen Stuhl und eilte oben an die Treppe. Am erſten Tage ſchon begunſtigte ihn der Zufall. Regina begleitete die kleine Abeille allein. Wir ſagten, Regina habe für den erſten Tag einen Sonntag gewählt. Die Marquiſin de la Tournelle hatte ſich nicht dispenſiren zu können geglaubt, die große Meſſe in ihrer Pfarrkirche von Saint Germain des Pres zu hören. Die kleine Abeille lief auf ihren Freund Petrus mit allen Freundſchaftsbezeugungen zu. Es war ſehr lange, daß ſie ihn nicht mehr ge⸗ ſehen. —— n,, — 99 Regina bot dem Maler die Hand. Petrus nahm dieſe Hand, ſchob mit den Lippen den Aermel des Handſchuhs zurück und küßte ſie durch die Heffnung lange, zärtlich, mit jenem heitern Gemurmel, deſſen Glück ſo groß iſt, daß es nicht ſtumm zu bleiben vermöchte. Dann zeigte er ihnen die gemachten Vorberei⸗ tungen. Regina war vollſtändig mit der Anlage des Ge⸗ mäldes einverſtanden. Abeille war entzückt über die Blumen, welche ſie erwarteten. Petrus hatte am Tage vorher, um ſie ſich zu verſchaffen, die Gewächshäuſer des Luxembourg und des Jardin des Plantes geplündert. Man begann die Sitzung. Das Portrait von Regina zu malen, war eine Freude geweſen. Das von Abeille zu malen, war ein Rauſch! Beim erſteren war Regina das Modell ge⸗ weſen. Beim zweiten war ſie Beratherin. Dieſe Stellung als Beratherin gab ihr das Recht, ſich Petrus zu nahen, ſich auf ſeine Schulter zu ſtützen, mit ihm hinter der Leinwand zu ver⸗ ſchwinden. Und in jenen Momenten raſch, wie der Blitz, aber auch zündend wie er, berührten die Haare der jungen Frau das Geſicht von Petrus; ihre Augen erzählten ihm alle Zaubereien der Liebe, ihre Lip⸗ pen liebkosten ihn mit einem Hauche, der ihn hätte vom Tode auferwecken, dem Leben wiederſchenken 7* 100 der ihn, da er noch lebte, in den Himmel hob. Petrus nahm, wenn der Rath gegeben war, mit zitternder Hand und einem Blicke auf Regina ſeine Arbeit wieder auf. Aber was brauchte er Abeille anzuſehen? Hätte er nicht mit geſchloſſenen Augen das Portrait des kleinen Mädchens malen können? Man mußte etwas ſagen: nicht daß die jungen Leute das Bedürfniß dazu gefühlt hätten; ihnen würde es genügt haben, ſich ewig anzuſehen und anzulächeln; ihre Blicke und ihr Lächeln ſagten weit mehr als ihre Worte. Indeß man mußte ſprechen. Petrus erzählte deßhalb das Verſchwinden Roſe de Noels, die Verzweiflung Ludovics, das Ver⸗ ſprechen Salvators, ſie wieder aufzufinden, den ſelt⸗ ſamen Schwur Ludovics, ſie zu heirathen, wenn ſie auch reich wäre! Regina erzählte dagegen, daß Carmelite ſich bei ihr vor Herrn Soſthene de la Rochefoucauld habe hören laſſen, enthuſiaſtiſchen Beifall gefunden, und den Befehl zum Debut in der Oper erhalten habe. Petrus fragte nach Neuigkeiten von Frau von Marande. Frau von Marande ſei noch immer die glück⸗ lichſte Frau von der Welt. Herr von Marande machte allerdings alle mög⸗ lichen dummen Streiche wegen einer neuen Gelieb⸗ ten; aber er ſei zu gleicher Zeit ſo voll Rückſicht für ſeine Frau, er laſſe ſie ſo frei ſchalten und walten, daß, in der Herzens⸗ und Geiſtesſituation, P t g⸗ eb⸗ cht nd on, 101 in der ſich Frau von Marande befinde, ſie nur eine tiefe Dankbarkeit für ihn fühlen müſſe. Im Uebrigen gingen die pecuniären und poli⸗ tiſchen Angelegenheiten des Banquiers ganz vor⸗ trefflich; er werde nach London reiſen, um für Spa⸗ nien eine Anleihe von 60 Millionen zu effectuiren, und es ſei gewiß, daß er bei dem erſten Umſchlag der Anſichten des Königs zur liberalen Partei Mi⸗ niſter werden würde. Dann fragte Regina nach Fragola. Sie ſehe das junge Mädchen ſelten: wie die Frucht, deren Namen ſie führe, ſich unter dem Graſe verberge, ſo ſcheine ſich auch Fragola in ihrem Glücke zu verbergen. Um ſie zu ſehen, mußte Re⸗ gina ſie in ihrem Hauſe aufſuchen. Wenn aber ſie dahin ginge, komme ſie auch mit ruhigem Herzen und lächelndem Geſichte zurück, wie eine Undine, die ſich in einem See geſpiegelt, wie ein Engel, der ſich im Himmel geſpiegelt. Petrus erhielt durch Salvator häufig Kunde von ihr. Es war deßhalb nicht erſtaunlich, daß Regina ſich bei Petrus nach Fragola erkundigte. Man kann ſich denken, wie raſch die Zeit bei dieſer füßen Beſchäftigung verfloß. Ein reizendes Kindergeſicht zu malen, das rei⸗ zende Geſicht einer jungen Frau zu betrochten, mit dem Kinde freundliches Lächeln, mit der jungen Frau Winke, Worte, beinahe Küſſe auszutauſchen! Die Standuhr zog durch ihren Schlag die Auf⸗ merkſamkeit Regina's auf ſich. „Vier Uhr!“ rief ſie. Die jungen Leute ſahen ſich an. Es war ihnen, als wenn ſie keine zwanzig Mi⸗ nuten bei einander geweſen. Man mußte ſich trennen. Aber es war eine Sitzung für den übernächſten„ Tag angeſetzt, und am Abend von Montag auf Dienſtag, d. h. von morgen auf übermorgen, glaubte Regina Petrus eine Stunde in dem Gewächshauſe 1 des Boulevard des Invalides ſchenken zu können. 4 Regina ging mit der kleinen Abeille weg. 3 Petrus ſah ihnen, über die Treppe hinabge⸗ beugt, nach, bis ſie unter der großen Thüre ver⸗ ſchwunden waren. Dann eilte er an das Fenſter, um ſie noch ein⸗ mal in dem Augenblick zu ſehen, wo ſie in den Wagen ſteigen würden.„ Endlich folgte er dem Wagen mit den Blicken, ſo lange er ihn ſehen konnte. Dann ſchloß er die Thüre und das Fenſter des Atelier, als ob er fürchtete, der Duft dieſes 1 reizenden Beſuches möchte verfliegen. Er berührte alle Gegenſtände, welche Regina berührt hatte, und als er ihr Battiſttaſchentuch mit brüſſeler Spitzen gefunden, ihr Taſchentuch, das ſie vergeſſen oder abſichtlich hatte liegen gelaſſen, nahm er es in beide Hände und tauchte ſein Geſicht hin⸗ ein, um den Duft deſſelben einzuathmen. Er war ganz in dieſen ſüßen Traum verſunken, als der Capitän raſch und mit großem Jubel eintrat. Er hatte endlich in Nonveau Athones ein Haus gefunden, das ihm convenirte. m in⸗ en, bel 103 Am drittfolgenden Tage ſollte die Verkaufsacte bei dem Notar aufgeſetzt und in der folgenden Woche das neue Haus durch einen Schmaus eingeweiht werden. Petrus gratulirte dem Capitän aufrichtig. „So, Junge?“ ſagte der Seemann,„es ſcheint, Du biſt ſehr zufrieden damit, daß ich ausziehe.“ „Ich?“ ſagte Petrus,„im Gegentheil und als Beweis dafür bitte ich Sie, Ihre meublirte Woh⸗ nung bei mir als Landhaus beizubehalten. „Wahrhaftig, ich ſage nicht nein,“ machte der Capitän;„aber unter der Bedingung, daß ich Dir Miethe bezahle und ſelbſt den Miethzins feſtſetze.“ Das Arrangement wurde von beiden Seiten an⸗ genommen. Die drei Freunde hatten ſich zum Diner ver⸗ abredet. Jean Robert und Ludovic kamen um fünf Uhr. Ludovic war ſehr traurig: man hatte keine ſichere Nachricht von Roſe de Noel; Salvator war nur ab und zu und ſehr kurz nach Hauſe gekommen, um Fragola Nochricht zu bringen; ſie erwartete ihn am Abend des folgenden oder am Morgen des nächſtfolgenden Tages. „Um Ludovic zu zerſtreuen, an deſſen Kummer der Capitän das lebhafteſte Intereſſe zu, nehmen ſchien, wurde beſchloſſen, daß man bei Legriel in Saint Cloud diniren wolle. Ludovic und Petrus ſollten im Coups fahren, Jean Robert und der Capitän reiten. Um ſechs Uhr machte man ſich auf den Weg: um drei viertel auf ſieben hatten die vier Freunde in einem Cabinette bei Legriel ſich's bequem ge⸗ macht. Es war zahreiche und heitere Geſellſchaft bei dem Reſtaurant; in dem an das ihrige ſtoßenden Cabinet hörte man namentlich lautes Schwatzen und helles Lachen. Neuankömmlinge gaben jedoch nicht darauf Sie hatten Hunger und das Geräuſch der Löf⸗ fel und Teller übertönte beinahe den Lärm der Stimmen und des Gelächters. Bald jedoch horchte Ludovic aufmerkſamer. Er war in Folge beſſen der traurigſte und aufmerk⸗ ſamſte der Drei. Er lächelte flüchtig. „Ei!“ ſagte er,„eine Stimme, ich könnte ſagen, zwei Stimmen, die ich kenne!“ „Wäre es vielleicht die Stimme der reizenden Noel?“ fragte der Capitän. „Nein, unglücklicher Weiſe nicht,“ antwortete Ludovic mit einem Seufzer;„es iſt eine heitere, aber weniger reine Stimme.“ „Und was für eine Stimme iſt es denn?“ fragte Petrus. Ein Lachen, das durch alle Töne der Scala variirte, drang von einem Cabinet in das andere. Alle Cabinette, welche bei großen Gelegenheiten einen einzigen Salon bildeten, waren durch Bretter⸗ wände getrennt, welche mit Tapeten auf Leinwand tapezirt waren. 105 „Jedenfalls iſt das Lachen ächt,“ ſagte Jean Robert,„dafür ſtehe ich.“ „O! Du kannſt dafür ſtehen, lieber Freund; denn die beiden Frauen im anſtoßenden Zimmer ſind die Fürſtin von Vanvres und die Gräfin du Battvir.“ „Chante⸗Lilas?“ ſagten die Stimmen der beiden Freunde zu gleicher Zeit. „Chante⸗Lilas ſelbſt, hört nur.“ „Meine Herren,“ ſagte Jean Robert, welcher etwas verlegen ſchien,„iſt es uns wohl erlaubt, zu hören, was im anſtoßenden Zimmer geſprochen wird?“ „Gewiß,“ ſagte Petrus,„ſobald ſo laut geſpro⸗ chen wird, daß wir es hören können, will es ſo viel bedeuten, als die, welche ſprechen, haben keine Geheimniſſe.“ „Richtig geurtheilt, mein Pathe,“ ſagte Pierre Verthaud,„ich habe in dieſer Hinſicht eine ähnliche Theorie, wie die Deine. Ich glaubte jedoch außer den Stimmen der Frauen auch eine Männerſtimme zu hören.“ „Sie werden doch wiſſen, mein lieber Capitän,“ ſagte Jean Robert,„daß jede Stimme ihr Echo hat; nur iſt gewöhnlich das Echo einer Frauen⸗ ſtimme eine Männerſtimme, während das Echo der Männerſtimme eine Frauenſtimme iſt.“ „Da Du ſo geſchickt im Erkennen der Stimmen biſt,“ ſagte Petrus zu Ludovic,„weißt Du, weſſen die Männerſtimme iſt?“ „Ich glaube,“ ſagte Ludovic,„daß ich den Ca⸗ valier nennen könnte, ohne mich mehr zu täuſchen, 106 als da ich die Namen der Frauen nannte und Ihr ſelbſt, wenn Ihr genau hören wollt, werdet, glaube ich, ſo wenig im Zweifel ſein, als ich.“ Die jungen Leute horchten. „Laß mich Dich in dieſer Rückſicht, ſo höflich es möglich iſt, Lügen ſtrafen für ſie,“ ſagte die Stimme. „Aber wenn ich Dir ſchwöre, daß es die reine Wahrheit iſt, die lautre Wahrheit?“ „Was hilft es mir, daß es die Wahrheit, wenn die Wahrheit unwahrſcheinlich iſt. Sage mir eine glaubwürdige Lüge und ich werde Dir glauben.“ vielmehr Paquerette und Du wirſt ſehen.“ „O die gute Vorſicht! Sophie Arnould, die für Madame du Barry ſteht, die Gräfin du Battvir, welche für die Fürſtin von Vanvres ſteht, Paque⸗ rette, die für Chante⸗Lilas ſteht.“ „Ihr hört?“ ſagte Ludoviec. „Wir brennen alſo immer Petarden los, Herr Camille?“ ſagte Chante⸗Lilas. „Mehr als je, Fürſtin! und dießmal habe ich einen Grund: es geſchieht zu Ehren Ihres Hotels in der Rue de la Bruydre, Ihrer vier Brandfuch⸗ ſen und Ihrer zwei kirſchrothen Jokey's, Alles umſonſt. „Sprich mir nicht davon; ich glaube er ſucht Roſenzweige und hat die Abſicht mich damit zu krönen.“ „O nein, er reſervirt Dich vielleicht für die Heirath.“ „Einfältiger Menſch! er iſt ja verheirathet.“ 107 „Pfui! Fürſtin! Mit einem verheiratheten Manne leben, das iſt ja ganz unmoraliſch.“ „Gut, aber was ſind denn Sie?“ „O, ich bin es ſo wenig! und dann lebe ich nicht mit Dir!“ „Nein, Sie diniren mit mir, das iſt Alles! H! Herr Camille, Sie hätten beſſer daran gethan, die arme Carmelite zu heirathen oder ihr zur rechten Zeit zu ſchreiben, daß Sie ſie nicht mehr lieben; ſie hätte Herrn Colombau geheirathet, und trüge jetzt nicht Trauer.“ Und Chante⸗Lilas ſtieß einen Seufzer aus. „Aber, wer zum Teufel kann das auch ahnen?“ antwortete der ſorgloſe Creole;„man macht einer Frau die Cour, man iſt ihr Geliebter, aber man iſt nicht verpflichtet, ſie zu heirathen.“ „Dieſe Ungeheuer!“ machte die Gräfin du Battoir. „Ich habe Carmelite nicht mit Gewalt genom⸗ men,“ fuhr der junge Mann fort,„ſo wenig als Dich, Chante⸗Lilas; ſei offen, habe ich Dich mit Gewalt genommen?“ „O, mein Herr Camille! vergleichen Sie uns nicht mit einander; Fräulein Carmelite iſt ein ehr⸗ bares Mädchen.“ „Nun und was biſt Du?“ „O, ich bin nur ein gutes Mädchen.“ ⸗ „Ja, Du haſt Recht, ein gutes, ein ausgezeich⸗ netes Mädchen.“ „Und dann, wenn ich nicht von meinem Eſel gefallen und ohnmächtig auf dem Raſen liegen ge⸗ blieben, wäre es auch nicht ſo weit gekommen.“ „Und mit Deinem Banquier?“ „Mit meinem Banquier, nun, da iſt es gar nicht ſo weit gekommen.“ „Du beſteheſt darauf, Du weißt, daß Salomo ſagt, es gebe drei Dinge in der Welt, die keine Spur zurücklaſſen: der Flug des Vogels in der Luft, der Weg der Schlange auf dem Felſen und der „Ich weiß,“ unterbrach ihn Chante⸗Lilas,„daß Sie mit all' Ihrem Geiſte ein Thor ſind, Herr Camille de Rozan, und daß ich meinen Banquier zweimal mehr liebe, obgleich er mir hunderttauſend Franken gegeben, als Sie, der Sie mir nichts gegeben.“ „Wie! ich hätte Dir nichts gegeben, Undank⸗ bare? Und mein Herz, wofür hältſt Du das?“ „O, Ihr Herz,“ ſagte Chante⸗Lilas, indem ſie aufſtand und den Stuhl zurückſtieß,„das iſt wie das Huhn aus Pappe, das ich geſtern im Theatre de la Porte Soint⸗Martin ſerviren ſah: man ſer⸗ virt es bei allen Vorſtellungen und Niemand ſchneidet es an. Fragen Sie, ob mein Wagen bereit iſt.“ Camille läutete. Der Garcon erſchien. „Zuerſt die Rechnung,“ machte der Creole,„und dann fragen Sie, ob der Wagen der Frau Fürſtin bereit iſt.“ „Er ſteht vor der Thüre.“ „Führſt Du mich nach Poris zurück, Fürſtin?“ „Weßhalb nicht?“ „Und Dein Banquier?“ „Mein Banquier läßt mir alle Freiheit; über⸗ dieß muß er zu dieſer Stunde bereits unterwegs nach England ſein.“ 5 N 109 „Dann wirſt Du dieſe Gelegenheit benutzen, um mir Dein Hotel in der Rue de la Bruydre zu zeigen.“ „Mit Vergnügen.“ „Nun! Gräfin du Battoir,“ ſagte Camille,„ich hoffe, daß Dir dies Hoffnung einflößen wird.“ „Ja!“ machte Paquerette,„gibt es denn zwei Marande auf der Welt?“ „Wie?“ riefen Petrus und Ludovic zugleich, „Herr von Marande macht alſo dieſe Tollheiten um der Fürſtin von Vanvres willen. Iſt das wahr, Jean Robert?“ „Gewiß!“ ſagte Jean Robert,„ich wollte ſie euch nur nicht nennen; da Paquerette jedoch die Indiscretion begangen hat, ſo muß ich ſagen, daß ich die Sache von Jemand erzählen hörte, der gut unterrichtet ſein muß.“ In dieſem Augenblick kam die Fürſtin von Van⸗ vres in auffallender Toilette an dem Fenſter des Cabinets vorüber und hatte Camille de Rozan den Arm gegeben, während Paquerette folgte, da der Weg nicht breit genug war, um den weitabſtehen⸗ den Röcken der beiden Frauen Raum zu geben. LXVIII. Kataſtrophe. An dem Tage hatte ſich Petrus Abends zehn Uhr in der Hoffnung, Regina werde ihr freundlich gegebenes Verſprechen halten, hinter den dickſten Baum des Boulevards des Invalides verſteckt, der ſich in der Nähe der kleinen Thüre des Hotel des Marſchall de Lamothe Houdan befand. Fünf Minuten nach zehn Uhr öffnete ſich ſachte die Thüre und die alte Manon erſchien. Petrus ſchlich in die große Lindenallee. „Nun, nun!“ fragte die alte Amme. „Am Rondell, nicht wahr?. nicht wahr, am Rondell?“ „O, Sie werden nicht ſoweit zu gehen brauchen, um ſie zu treffen.“ Und wirklich, ehe Petrus das Ende der Allee erreicht hatte, ſchlang ſich ſein Arm in den von Regina. „O, wie gut, wie reizend Sie ſind, meine ſchöne Regina, daß Sie Ihr Verſprechen gehalten! und wie ſehr ich Ihnen danke und wie ich ſie liebe!“ rief der junge Mann. „Nun, nun,“ ſagte die junge Frau,„Sie wer⸗ den das noch ganz laut rufen!“ Und ſie legte ihm auf den Mund eine Hand, welche Petrus leidenſchaftlich küßte. „O mein Gott! was haben Sie dieſen Abend?“ machte Regina. „Nichts, als daß ich aus lauter Liebe ein Narr bin, Regina; nichts, als daß die Ausſicht auf das Glück, die Sie mir eröffnet, Sie einen ganzen Mo⸗ alle zwei Tage bei mir zu ſehen und Abends hie „Richt alle zwei Tage. „So oft als möglich, Regina. Wie, hätten 111 Sie den Muth, wenn mein Glück in ihren Händen liegt, damit zu ſpielen?“ „Ach! mein Gott,“ verſetzte die junge Frau, „Ihr Glück, Freund, iſt das meine.“ „Nun, Sie fragten mich, was ich habe.“ . „Ich habe Furcht; ich zittre. Eben während ich nach der Thüre kam, während ich wartete...“ „O, Sie haben nicht lange gewartet.“ „Nein und ich danke Ihnen von ganzer Seele dafür, Regina!.. Während ich kam, während ich wartete, lief mir ein Schauer über das Herz.““ „Armer Freund!“ „Und ich ſagte mir: O ich werde ſie in Thrä⸗ nen, in Verzweiflung finden; ſie wird mir ſagen: Petrus, unmöglich! Ich habe Sie empfangen, um Ihnen heute zu ſagen, Ich kann Sie morgen nicht ſehen!““ „Nun, Sie ſehen, Freund, ſtatt mich in Ver⸗ zweiflung und Thränen zu finden, bin ich heiter und lache; ſtatt Ihnen zu ſagen: Ich werde Sie morgen nicht ſehen, ſage ich Ihnen:„Morgen Punkt zwölf Uhr werde ich bei Ihnen ſein, Petrus.“ Nur werde ich diesmal nicht allein ſein, mit der kleinen Abeille: die Tante wird zugegen ſein; aber die Tante ſieht ſchlecht ohne Brille und ſie»iſt ſo coquett, daß ſie ſie nicht aufſetzt, wenn ſie nicht abſolut dazu gezwungen iſt; die Tante ſchläft von Zeit zu Zeit ein und wenn ſie ſchläft ſieht ſie noch weniger, als wenn ſie keine Brille hat: unſre Augen, unſre Hände, die Berührung meines Klei⸗ des, mein Hinabbeugen über Ihre Schulter, um die Aehnlichkeit genauer zu beobachten iſt all' das nicht Freude, Glück, berauſchende Seligkeit, gegen⸗ über von dem Schmerz, ſich nicht zu ſehen?“ „O, ſich nicht zu ſehen, Regina! ſprechen Sie das Wort nicht aus: das iſt's, was unaufhörlich mein Herz quält: es möchte ein Augenblick kom⸗ men, wo ich Sie nicht mehr ſehen kann.“ Regina zuckte leicht mit den Achſeln. „Mich nicht mehr ſehen!“ ſagte ſie;„und welche Macht der Welt könnte mich hindern, Sie zu ſehen? Jener Menſch? Sie wiſſen ja, daß ich nichts von ihm zu fürchten habe. Der Marſchall, der Mar⸗ ſchall allein, wenn er von unſrer Liebe erführe... aber wer wird es ihm ſagen? niemand und ſagt man es ihm, ſo werde ich es leugnen, ich werde lügen, ich werde ſagen, daß es nicht wahr ſei. O! es wird mich hart ankommen, Petrus, zu ſagen, daß ich Sie nicht liebe, und ich weiß nicht, ob ich den Muth dazu habe.“ „Liebe Regina! ſo hat ſich alſo nichts bezüglich der Geſandtſchaft geändert?“ „Nichts.“ „Er geht noch immer am Ende dieſer Woche.“ „Er iſt im Augenblick in den Tuillerien, um ſeine letzten Inſtructionen zu empfangen.“ „Vorausgeſetzt, daß es dabei bleibt.“ „Es bleibt dabei; es ſcheint im Rathe der Mi⸗ niſter beſchloſſen zu ſein; und wenn es nicht ſo langweilig wäre, von Politik zu ſprechen, ſo würde ich Ihnen das Geſpräch erzählen, das ich zwiſchen meinem Vater und Herrn Rappt hörte und das würde Sie ganz und gar beruhigen.“ — —— cc z Se 1 ⸗ as 113 „O erzählen Sie, erzählen Sie, liebe Regina! ſobald die Politik den Einfluß haben kann, daß ich Sie ſehe, wird die Politik für mich das intereſſan⸗ teſte Studium, dem ſich der menſchliche Geiſt hin⸗ geben kann.“ „Nun denn, man iſt im Augenblick im Begriffe, ein neues Miniſterium zu bilden.“ „Ha, Teufel! das erklärt mir die Abweſenheit meines Freundes Salvator,“ ſagte Petrus ernſt: „er arbeitet daran.“ „Was ſagen Sie?“ „Nichts: fahren Sie fort, liebe Regina.“ „Dieſes Miniſterium beſteht aus Herrn von Martignac, Herrn Portalis, Herrn von Caux und Herrn Roy;— man hatte das Finanzminiſterium dem Herrn von Marande angeboten, aber er hat es ausgeſchlagen;— aus Herrn de la Perronnays und vielleicht aus meinem Vater; aber mein Vater will nicht in ein gemiſchtes Miniſterium, in ein Ueber⸗ gangsminiſterium, wie er es nannte, eintreten.“ „D. Regina, Regina, es iſt eine ſchöne Sache um die Politik, wenn Sie davon ſprechen. Fah⸗ ren Sie fort, ich höre Ihnen zu.“ „Herr von Chateaubriand, der ſeit einem Brief, en er drei Tage vor der berühmten Revue der Vationalgarden, bei der man:„Nieder mit den Miniſtern! rief, an den König geſchrieben, in Un⸗ gnade war, Herr von Chateaubriand, der ſich nach Rom, unter die Ruinen zurückgezogen, wird dort ſein Geſandtſchaftsbeglaubigungsſchreiben erhalten: urz. es tritt, wie man ſagt, ein Umſchlag in der Politik ein.“ Dumas, Salvatrr. V. 8 „Und Sie, liebe Regina, wozu ſind Sie bei alle dem ernannt?“ „Ich bin zur Hüterin des Hotel auf dem Boule⸗ vard des Invalides ernannt, während mein Vater wahrſcheinlich zum Gouverneur des Schloſſes er⸗ nannt werden wird und Herr Rappt bereits zum außerordentlichen Geſandten am Hofe Seiner Ma⸗ jeſtät Nicolaus 1 ernannt iſt.“ „Das iſt's, was ich fürchte: daß die Geſandt⸗ ſchaft ſcheitere.“ „Im Gegentheil, ſie iſt ſicher: man will ſich von der engliſchen Allianz losmachen und ſich der ruſſiſchen Allianz nähern der Marſchall arbeitet mit aller Macht darauf hin: man würde dadurch die Provinzen am Rhein gewinnen, und Preußen auf Koſten Englands entſchädigen... Das iſt alles ganz klar!“ „Sie ſehen mich ganz beſtürzt! mein Gott: wie kann dieſer reizende Kopf all' das beherbergen; wenn Sie mich nicht Ihre Stirne küſſen laſſen, liebe Regina, ſo würde ich glauben, ſie ſei runzlich geworden.“ Regina warf den Kopf zurück, damit Petrus ſich verſichern könne, daß ſie ſeit dieſem Morgen nicht um fünfzig Jahre gealtert. Petrus küßte nicht blos dieſe ſchöne Stirne, ſondern auch die Augen. Etwas wie ein Seufzer entſchlüpfte dem Munde des jungen Mannes. Regina trat lebhaft zurück. Sie hatte auf ihren Lippen den Hauch von Petrus zittern fühlen. — e⸗ er r⸗ m U⸗ t⸗ ich er tet rch en les wie n en, lich rus gen ne, nde von hören. 115 Petrus ſah ſie mit bittender Miene an und ſie hing ſich von ſelbſt wieder an ſeinen Hals. „So wird er alſo,“ murmelte Petrus,„am Ende der Woche abreiſen und Sie ſind frei.“ „Ja, mein Freund.“ „O, wie lange iſt es noch von jetzt bis zum Ende des Monates! Wie viel Raum für ein Un⸗ glück von jetzt bis dahin, zwiſchen den Tagen, zwi⸗ ſchen den Nächten, zwiſchen den Stunden, zwiſchen den Minuten!“ Und der junge Mann, der von einer furchtbaren Ahnung gedrückt ſchien, ſetzte ſich auf eine Raſen⸗ bank, indem er Regina neben ſich niederzog. Die reizende Gruppe ſchmiegte ſich weich an einander, als bildeten dieſe beiden Körper nur einen. Der Kopf Regina's ruhte auf Petrus' Schulter. Sie wollte eine Bewegung machen, um ihn zu⸗ rückzuziehen. „D, Regina!“ murmelte Petrus. Und der Kopf ſenkte ſich wieder. Sie fühlten ſich ſo angenehm in dieſer Stellung, daß die Zeit verfloß, ohne daß dos Eine oder An⸗ dere den Flug derſelben bemerkt hätte. Plötzlich ließ ſich das Rollen eines Wagens Regina erhob den Kopf und lauſchte. Man hörte die Stimme des Kutſchers, welcher rief: „Die Thüre auf!“ Das Gitterthor öffnete ſich. Das Rollen kam näher. Der Wagen fuhr in den Hof. „Da ſind ſie!“ ſagte Regina;„ich muß meinem Vater entgegengehen. Bis morgen, lieber Petrus.“ „D, mein Gott!“ murmelte Petrus,„wie ſehr wünſchte ich, bis morgen hier bleiben zu können.“ „Aber was haben Sie denn?“ „Ich weiß nicht; ich ahne ein Unglück!“ „Find“ Und Regina bot Petrus zum zweiten Male ihre Stirne. Petrus berührte ſie mit den Lippen und die junge Frau verſchwand in den dunkeln Alleen, in⸗ dem ſie dem, welchen ſie verließ, als Troſt die beiden Worte zuwarf: „Bis morgen!“ „Bis morgen!“ murmelte Petrus traurig, wie wenn dieſes Wort, ſtatt ein Liebesverſprechen zu ſein, eine Unglücksprophezeihung wäre. Fünf Minuten ſpäter hörte Petrus Schritte, welche auf ihn zukamen, und eine Stimme, die ihn leicht rief. Es waren die Schritte und die Stimme Manons. „Die kleine Thüre iſt offen,“ ſagte ſie. „Ja, ja, meine gute Manon,“ antwortete Petrus, indem er eine Anſtrengung machte, um ſich von ſeinem Platze loszureißen. Und ſein Herz, ſein Leben, ſeine Seele Regina in einem Kuſſe zuwerfend, eilte er nach der kleinen Thüre und ging hinaus, ohne daß er geſehen wurde. Sein Wagen erwartete ihn hundert Schritte von da. Beim Nachhauſekommen fragte er ſeinen Diener nach dem Capitän, re die in⸗ die vie ihn ns. tete ina nen rde. ritte ener 117 Der Capitän war gegen zehn Uhr gekommen, hatte nach Petrus gefragt und als er erfahren, daß er ausgegangen ſei, ihn mehr als eine Stunde im Atelier erwartet. Als er geſehen, daß Petrus nicht nach Hauſe komme, war er auf ſein Zimmer gegangen. Petrus, welchen eine unklare Unruhe quälte, ſtieg hinab und pochte an die Thüre. Man antwortete nicht. Petrus ſuchte den Schlüſſel, um zu öffnen. Der Schlüſſel ſteckte nicht. Er pochte abermals. Dieſelbe Stille. Entweder ſchlief der Capitän, oder er war aus⸗ gegangen. Petrus ſtieg wieder hinauf. Er ging lange zwiſchen ſeinem Atelier und ſeinem Wohnzimmer hin und her. Der Capitän hatte eine Spur von ſich in dem Atelier zurückgelaſſen. Die Lampe brannte. Ein Band von Malebranche lag offen auf dem Tiſche. Petrus entſchloß ſich endlich, in ſein Zimmer zurückzukehrén. Es war zum Erſticken: er öffnete ein Fenſter und athmete einen Augenblick die bereits kühle Luft der Nacht. Dieſe nächtliche Friſche beruhigte ihn ein wenig. Endlich legte er ſich zu Bette. Es dauerte lang, bis er einſchlief, und als ihn endlich der Schlaf überkam, war dieſer unruhig, fieberhaft und unterbrochen. Gegen fünf Uhr Morgens überwältigte ihn je⸗ doch die Müdigkeit. Um ſieben Uhr Morgens pochte man lebhaft an der Thüre. Er ſah ſeinen Diener eintreten. Er fuhr raſch auf. „Was gibt's, Jean?“ fragte er. „Eine verſchleierte Dame verlangt mit dem Herrn zu ſprechen,“ antwortete der Diener ganz be⸗ ſtürzt.. „Eine verſchleierte Dame, mich!“ „Eine verſchleierte Dame, Sie!“ „Kennſt Du ſie?“ fragte Petrus. „O, mein Herr, ſie hat ihren Namen nicht ge⸗ ſannt aber „Was aber?“ c ga „Du glaubſt? Vollende.“ „Ich glaube, daß es die Frau Fürſtin iſt.“ „Du glaubſt, daß es Regina iſt?“ „Ich bin ſogar gewiß.“ „Regina!“ rief Petrus aus ſeinem Bette ſprin⸗ gend und raſch in ein Beinkleid und ſeinen Schlaf⸗ rock fahrend;„Regina hier! zu dieſer Stunde! Es muß eine Cataſtrophe eingetreten ſein! O meine Ahnungen! meine Ahnungen!“ Petrus hatte ſich in der Eile angekleidet. „Sie möge ſich heraufbemühen,“ ſagte er,„ich erwarte ſie im Atelier.“ Der Diener ging hinab. e⸗ in⸗ af⸗ de ine ich 119 „Mein Gott! mein Gott!“ murmelte Petrus beinahe wahnſinng,„Du gabſt mir die Ahnung mei⸗ nes Unglücks; aber was kann geſchehen ſein?“ In dieſem Augenblick erſchien die verſchleierte Frau auf der Schwelle. Der Diener folgte ihr. Er hatte ſich nicht getäuſcht: Petrus erkannte Regina durch den Schleier. „Gehen Sie!“ ſagte er zu dem Diener. Jean gehorchte und ſchloß die Thüre hinter dèr, welche er hereingeführt hatte. „Regina!“ rief Petrus, indem er auf die junge Frau zuſchritt, welche ihm zu wanken ſchien.„Re⸗ gina! Sind Sie es?“ Regina— denn ſie war es— hob ihren Schleier und ſagte: „Ich bin es, Petrus.“ Petrus trat zwei Schritte zurück, als er die Maske von Marmor, das leichenblaſſe Geſicht der Gräfin Rappt, ſah. Was war geſchehen? LXIX.. Rom. Unſere Leſer werden uns wohl— wenigſtens hoffen wir dieß— für einige Augenblicke die Er⸗ klärung, welche zwiſchen Petrus und Regina ſtatt⸗ ſinden wird, vertagen laſſen, um einem Helden die⸗ ſer Geſchichte, welchen wir ſeit lange verlaſſen ha⸗ ben, und an welchem ſie, wie uns dünkt, eini⸗ ges Intereſſe nehmen, auf ſeiner Pilgerreiſe zu folgen. Da es uns unmöglich iſt, ihm auf ſeinem lan⸗ gen Wege über die Alpen und die Apenninnen zu folgen, ſo nehmen wir an, daß ſechs Wochen ver⸗ floſſen ſind, ſeit Bruder Dominique auf dem Wege von Fontainebleau Abſchied von Salvator genom⸗ men; daß er ſeit acht Tagen in Rom angekommen iſt; daß, ſei es durch Zufall, ſei es in Folge zuvor getroffener Vorſichtsmaßregeln, er ſich vergeblich bemüht, zum Pobſte Leo Xll zu gelangen, und daß er in der Verzweiflung darüber entſchloſſen iſt, ſeine Zuflucht zu dem Briefe zu nehmen, den ihm Salvator zu dieſem Ende mitgegeben. Der Leſer wird deßhalb mit uns den Hof des Pallazzo Colonna auf der Via dei Santi Apoſtoli betreten; er wird mit uns al Piano nobile, das heißt in den erſten Stock ſteigen; er wird, Dank dem Privilegium, das der Romanſchreiber hat, über⸗ all einzudringen, durch die Flügel einer ſelbſtgeöff⸗ neten Thüre ſchleichen und befindet ſich nun in dem Cabinet des franzöſiſchen Geſandten. Das Cabinet iſt einfach, grün tapeziert, mit Damaſtvorhängen und Meubeln von demſelben Stoff und derſelben Farbe. Die einzige Zierde, die ſich in dieſem Cabinete, ehemals einem der bilderreichſten von Rom, befindet iſt ein Portrait des Königs von Frankreich, Carl X. Rings im Zimmer umher an die Wände gelehnt S X —— =— 8 li 3 k k⸗ E n it ſ 121 befanden ſich verſtümmelte Säulenſtücke, ein Frauen⸗ arm, ein Männertorſo, welche bei den neueren Ausgrabungen im Boden gefunden worden; neben ihnen ein ungeheurer griechiſcher Marmorblock und gegenüber von dem Arbeitstiſch ein Grabmodell. Dieſes Grab von ſehr einfacher Form überragt eine Büſte Pouſſins. Das Basrelief ſtellt die arcadiſchen Schä⸗ fer dar. Unter dem Basrelief liest man folgende In⸗ ſchrift. F. R. de Ch. A Nicolas Poussin. Pour la Gloiré des arts et[Honneur de la France. n dem Arbeitstiſch ſitzt ein Mann und ſchreibt eine Depeſche mit langer und leſerlicher Schrift. Dieſer Mann iſt ungefähr ſechzig Jahre alt; ſeine breite und vorſtehende Stirne wird von eini⸗ gen grauen Haaren beſchattet; ſeine ſchwarzen Aug⸗ braunen bergen ein Auge, das Blicke wie Blitze ſchleudert; die Naſe iſt dünn und lang; der Mund dünn und fein; das Kinn ſchön gezeichnet; die von der Sonne auf den langen Reiſen gebräunten angen ſind mit leichten Blatternarben gebrand⸗ markt: das Enſemble der Phyſiognomie iſt zu glei⸗ cher Zeit ſtolz und fanft; Alles deutet auf einen Mann von hoher Intelligenz, raſcher Ueberſicht und ſchnellfertigem Entſchluſſe; Dichter oder Soldat, gehört er zur alten franzbſiſchen Race, zur kriege⸗ riſchen Race. Dieſer Mann iſt Niemand anders, als der Dich⸗ ter, welcher„Rens“,„Atala“, die„Märtyrer“ ge⸗ ſchrieben; er iſt der Staatsmann, der das Pam⸗ phlet:„Bonaparte und die Bourbonen“ herausge⸗ geben, der die berühmte Ordonnanz vom 8. Sep⸗ tember in der Broſchüre:„Von der Monarchie nach der Charte“ kritiſirt: es iſt der Miniſter, der im Jahre 1823 Spanien den Krieg erklärt, der Diplo⸗ mat, der Frankreich hintereinander in Berlin und London repräſentirt; es iſt der Vicomte Francois Rens de Chateaubriand, Geſandter in Rom. Sein Adel iſt alt, wie Frankreich. Bis zum dreizehnten Jahrhundert hatten ſeine Ahnen im Wappen ein gelbes Feld mit Pfauenfe⸗ dern: als jedoch in der Schlacht bei Manſurah Geoffroy, der vierte des Namens, welcher vor dem h. Ludwig die Fahne Frankreichs trug, ſich eher in ſeine Fahne gehüllt, als daß er ſie den Saraze⸗ nen ausgeliefert und mehrere Wunden erhalten, welche zu gleicher Zeit die Standarte und das Fleiſch zerriſſen, ertheilte der h. Ludwig dieſem das Pri⸗ vilegium, das Wappen mit Mäulern zu ſchmücken, aus denen zahlloſe goldene Lilien hervorſahen, und die Deviſe darum zu ſetzen: „Mein Blut hat das Banner von Frankreich gefürbt.“ Dieſer Mann iſt der Grand Seigneur und Dich⸗ ter par excellence; die Vorſehung hat ihn auf den Weg der Monarchie geſtellt, wie jenen Propheten, von dem der Geſchichtsſchreiber Joſephus ſpricht, der ſieben Tage um die Mauern von Jeruſalem her ging und beſtändig rief:„Jeruſalem, Fluch über w —,—— * n e⸗ ch n, id en er er 123 Dich!“ und am ſiebenten Tage rief:„Fluch über mich!“ da ein Stein, der von den Mauern ſich losmachte, ihn zerſchmetterte. Die Monarchie haßt ihn, wie Alles, was ge⸗ recht iſt und die Wahrheit ſagt: auch hat ſie ihn von ſich entfernt, indem ſie ſich die Miene gibt, ſeine Hingebung zu belohnen. Man hat auf den Künſtler ſpeculirt: man hat ihm die Geſandtſchaft in Rom angeboten: er konnte ſeiner Liebhaberei zu den Ruinen nicht widerſtehen und ſo iſt er Geſand⸗ ter in Rom. Was thut er in Rom? Er verfolgt mit den Blicken das Leben Leo's XII, das am Erlöſchen iſt. Er ſchreibt an Madame Recamier, die Beatrie dieſes zweiten Dante, die Leonore dieſes zweiten Petrarca; er bereitet ein Monument für Pouſ⸗ ſin vor, deſſen Basrelief Desprez und deſſen Büſte Lemoyne machen wird; endlich ſtellt er in ſeinen verlorenen Augenblicken Nachgrabungen in Torre Vergata an, nicht mit dem Gelde der Regierung, ſondern wohl verſtanden mit ſeinem eigenen, und die Trümmer von Alterthümern, die man in ſeinem Zimmer findet, ſind die Reſultate dieſer Nachgrabungen. Man findet ihn glücklich, wie ein Kind: am Tage vorher hat er in dieſer Loterie der Tod⸗ ten, wie er es nennt, einen ziemlich bedeutenden Block von griechiſchem Marmor gewonnen, aus dem er eine Pouſſinbüſte meißeln laſſen kann. In dieſem Augenblick der Freude öffnet ſich die Thüre, er ſieht auf und fragt den Huiſſier, der die Thüre hütet: „Was gibt es, Gactano 27 „Excellenz,“ antwortete der Huiſſier,„es iſt ein franzöſiſcher Mönch, der zu Fuß den Weg von Pa⸗ ris nach Rom gemacht, und der mit Ihnen, wie er ſagt, in einer höchſt wichtigen Angelegenheit ſpre⸗ chen möchte.“ „Ein Mönch!“ wiederholte der Geſandte erſtaunt, „und von welchem Orden?“ „Dominicauer.“ „Laſſen Sie ihn eintreten.“ Er ſtand augenblicklich auf. Er hatte, wie alle großen Herzen, wie alle großen Dichter, den tiefſten Reſpect vor heiligen Dingen und Menſchen. Man lonnte jetzt ſehen, daß et von kleiner Ge⸗ ſtalt, daß ſein Kopf etwas zu groß für ſeinen Kör⸗ per war, und daß er wie alle Abtömmlinge krie⸗ geriſcher Geſchlechter, deren Vorfahren zu viel den Helm getragen, den Kopf etwas zu tief in den Schultern ſitzen hatte. Der Mönch fand ihn, als er auf der Thür⸗ ſchwelle erſchien, bereits ſtehend. Die beiden Männer brauchten nur einen Blick auszutauſchen, um ſich zu kennen oder ſagen wir vielmehr, um ſich wieder zu erkennen. Gewiſſe Herzen und gewiſſe Geiſter ſind von derſelben Familie; überall, wo ſie ſich begegnen, erkennen ſie ſich: ſie haben ſich allerdings nie ge⸗ ſehen, aber die Seelen, die ſich nie geſehen, werden ſie ſich im Himmel nicht erkennen? — r⸗ e⸗ n n r⸗ ick ir on n, e⸗ en 125 Der Aeltere von Beiden ſtreckte die Hände aus. Der Jüngere verbeugte ſich. Dann ſagte der Aeltere zu dem Jüngeren mit dem Gefühl des tiefſten Reſpectes: „Treten Sie ein, mein Vater.“ Bruder Dominique trat ein. Der Geſandte gab dem Huiſſier ein Zeichen, daß er die Thüre ſchließe und ſie durch Niemanden ſtören laſſe. Der Mönch zog aus ſeiner Taſche einen Brief und gab ihn Herrn von Chateaubriand, der kaum den Blick darauf geworfen, als er ſeine eigene Handſchrift erkannte. „Ein Brief von mir?“ ſagte er. Ich habe keine beſſere Einführung bei Eurer Excellenz gefunden,“ antwortete der Mönch. „An meinen Freund Valgeneuſe!. Wie kommt dieſer Brief in Ihre Hände, mein Vater?“ „Ich habe ihn von ſeinem Sohne, Excellenz.“ „Von ſeinem Sohne?“ rief der Geſandte;„von Conrad?“ Der Mönch machte ein bejahendes Zeichen mit dem Kopf. „Der arme junge Mann,“ ſagte der Greis me⸗ lancholiſch;„ich kannte ihn jung, ſchön, voll Hoff⸗ nungen; er ſtarb ſehr unglücklich, ſehr traurig.“ „Wie alle Andern glauben Sie, daß er todt iſt, Ex⸗ cellenz; Ihnen jedoch, dem Freunde ſeines Vaters, kann ich ſagen Er iſt nicht todt; er lebt und legt ſeinen Reſpect zu Ihren Füßen.“ Der Geſandte ſah den Mönch mit beſtürzter Miene an. 126 Er zweifelte, daß der letztere bei geſunder Ver⸗ nunft ſei. Der Mönch begriff den Zweifel, der in dem Geiſte ſeines Mitunterredners aufſtieg. Er lächelte traurig. „Ich bin kein Narr,“ ſagte er;„fürchten Sie nichts und vor Allem zweifeln Sie nicht: Sie, der Mann, der in alle Geheimniſſe eingeweiht iſt, Sie müſſen wiſſen, daß die Wahrheit über alle Geheim⸗ niſſe geht.“ „Conrad lebt?“ „Und was thut er?“ „Das iſt nicht mein Geheimniß, es iſt das Seine, Excellenz.“ „Was er auch thun mag, es iſt etwas Bedeu⸗ tendes; ich habe ihn gekännt, er beſaß ein großes Herz. Nun aber ſagen Sie mir, wie und weßhalb hat er Ihnen dieſen Brief gegeben: Was verlan⸗ gen Sie? Verfügen Sie über mich.“ „Und Eure Excellenz ſtellt ſich mir zur Verfü⸗ gung, ohne zu wiſſen, mit wem ſie ſpricht, ohne zu fragen, was ich bin.“ Sie ſind ein Menſch, alſo mein Bruder; Sie ſind ein Prieſter, alſo kommen Sie von Gott; ich brauche nicht mehr zu wiſſen.“ „Ja; aber ich muß Ihnen Alles ſagen: es iſt möglich, daß meine Berührung für den, der mich berührt, unheilvoll werden kann.“ „Mein Vater, erinnern Sie ſich des Cid: der heilige Martin, in die Lumpen eines armen Aus⸗ ſätigen gehüllt, rief ihn aus einem Graben an und he iſt ch er 127 ſagte:„Herr Ritter, habt Mitleid mit einem armen Ausſätzigen, der in dieſen Graben gefallen, aus dem er nicht heraus kann, gebt ihm Eure Hand ſie lauft keine Gefahr dabei, da ſie einen Eiſenhandſchuh trägt.“ Der Cid ſtieg vom Pferde, näherte ſich dem Graben und ſagte, den Handſchuh ausziehend:„Mit Gottes Hilfe werde ich Dir die bloße Hand geben.“ Und er gab ihm die nackte Hand und der arme Ausſätzige verwandelte ſich in einen Heiligen, der ihn zum ewigen Leben führte. Hier iſt meine Hand, Vater, wenn man nicht will, daß ich der Gefahr trotze, muß man nicht ſagen: Hier iſt die Gefahr.“ Der Mönch behielt ſeine Hand in ſeinem lan⸗ gen Aermel verſteckt. „Excellenz,“ ſagte er,„ich bin der Sohn eines Mannes, deſſen Name ohne Zweifel bis zu Ihnen gedrungen iſt.“ „Nennen Sie den Namen.“ „Ich bin der Sohn von... Sarranti, der vor zwei Monaten vom Aſſiſenhof der Seine zum Tode verurtheilt wurde.“ Geſandte trat unwillkürlich einen Schritt zurück. „Man kann zum Tode verurtheilt und unſchul⸗ dig ſein.“ „Wegen Diebſtahls und Meuchelmordes!“ mur⸗ melte der Geſandte. „Erinnern Sie ſich Calas, erinnern Sie ſich eſurques; ſeien Sie nicht ſtrenger, oder viel⸗ mehr, ſeien Sie nicht ungläubiger, als der König Carl X.“ 128 „König Carl X?“ „Ja; als ich zu ihm eilte, als ich mich zu ſei⸗ nen Füßen warf, als ich zu ihm ſagte:„Sire, ich bedarf drei Monate, um die Unſchuld meines Va⸗ ters zu beweiſen,“ antwortete er mir:„Sie haben drei Monate; nicht ein Hagr ſoll vor Ablauf der drei Monate vom Haupte Ihres Vaters fallen.“ Und ich wanderte fort und ſtehe nun vor Eurer Ercellenz, zu der ich ſage:„Bei meinem Schwur, bei der Heiligkeit meines Bundes, bei dem Blute unſeres Herrn Jeſu Chriſti, das er für uns ver⸗ goſſen, ſchwöre ich Eurer Excellenz, daß mein Va⸗ ter unſchuldig iſt und daß der Beweis der Unſchuld hier iſt.“ Der Mönch ſchlug ſich auf die Bruſt. „Sie haben hier auf Ihrem Herzen den Be⸗ weis der Unſchuld Ihres Vaters und Sie vexöffent⸗ lichen ihn nicht?“ rief der Dichter. Der Mönch ſchüttelte den Kopf. „Ich kann nicht,“ ſagte er. „Was hindert Sie?“ „Meine Pflicht, das Kleid, das ich trage: das eiſerne Siegel des Gelübdes iſt durch die Hand des Unglücks wieder auf meine Lippen gelegt.“ „Dann muß man den heiligen Vater aufſuchen, den Pabſt, Seine Heiligkeit Leo Xll um eine Au⸗ dienz bitten. Der h. Petrus, deſſen Nachfolger er iſt, hat von Chriſtus ſelbſt das Recht erhalten, zu binden und zu löſen. „Nun,“ rief der junge Mönch, und eine plötz⸗ liche Freude erhellte ſeine Stirne,„das iſt es ja, was ich in Rom ſuche; deßhalb bin ich hier bei Ihnen, — as es en, lu⸗ ger en, ötz⸗ vas 129 in Ihrem Pallaſte; ich will es Ihnen ſagen: Seit acht Tagen mehrt man die Hinderniſſe untèr meinen Füßen: man verweigert mir den Ein⸗ tritt in den Vatican; und doch verfließt die Zeit; das Meſſer hängt über dem Kopfe meines Vaters; jede Minute nähert es ſich mehr; mächtige Feinde wol⸗ len ſeinen Tod! Ich hatte mir vorgenommen, erſt im äußerſten Falle zu Eurer Erzellenz meine Zu⸗ flucht zu nehmen: aber dieſer Augenblick iſt ge⸗ kommen; hier bin ich zu Ihren Füßen, wie ich zu den Füßen des Königs lag, den Sie vertreten: ich muß Seine Heiligkeit ſo bald als möglich ſehen, denn was ich auch thun mag, iſt ſonſt zu ſpät.“ „In einer halben Stunde, mein Bruder, werden Sie zu den Füßen Seiner Heiligkeit ſein.“ Der Geſandte läutete. Der Huiſſier erſchien wieder. „Man ſpanne meinen Wagen an,“ ſagte er, „und helfe mir in meinem Zimmer beim An⸗ kleiden.“ Dann ſich nach dem Mönche umwendend, ſagte er: „Ich will meine Geſandtenuniform anziehen; ei Sie mich, mein Vater, in Ihrer Rü⸗ ung.“ Zehn Minuten ſpäter fuhren der Mönch und der Geſandte über die Via Paſſeio und Engels⸗ brücke nach dem St. Peterplatze. Dumas, Salvator. V. 130 LXR. Der Nachfolger des h. Petrus. Leo XII,— Annibale della Genga, geboren bei Spoleto am 17. Auguſt 1760, zum Papſte gewählt am 28. September 1823,— ſaß auf dem päpſtlichen Throne ſeit beinahe fünf Jahren. Er war an dem Tage, von welchem wir jetzt ſprechen, ein Greis von achtundſechzig Jahren, groß, ſchmächtig, ernſt und heiter zu gleicher Zeit: er hielt ſich gewöhnlich in einem ärmſeligen Kabi⸗ nete, das beinahe ohne Meubel war, auf, und lebte, mit ſeiner Katze, ſeiner treuſten Gefährtin, von etwas Polenta; er wußte, daß er ſehr krank war, und ſah ſich mit beinahe heiterer Reſignation dem Tode entgegengehen; denn er hatte ſchon zwei⸗ undzwanzigmal die letzte Oelung erhalten, das heißt war ſchon zweiundzwanzigmal in Todesgefahr geweſen und befand ſich ganz in der Stimmung, wie Benedict XIll ſeinen Sarg unter ſein Bett ſtellen zu laſſen. Annibale della Genga war auf die Hinweiſung ſeines Collegen, des Cardinal Severoli, hin, der, nachdem er dutch die Ausſchließung Oeſtreichs be⸗ beſeitigt war, ihn als ſeinen Erſatzmann bezeichnete, zum Papſt erwählt worden. In dem Augenblicke, als vierunddreißig Stimmen ihn zum Papſte machten, und die Cardinäle, die ihn ernannt, ihre Glückwünſche an ihn richteten, hob er ſeinen Purpurmantel in die Höhe, und den bei ählt chen jetzt ren, eit: abi⸗ und tin, ank tion wei⸗ das fahr ing, Bett ung der, be⸗ ete, men die ten, den 131 Wählern der Conclave ſeine geſchwollenen Füße zei⸗ gend, rief er: „Wie könnt Ihr glauben, daß ich meine Zu⸗ ſtimmung geben werde, mich mit der Laſt beladen zu laſſen, die Ihr mir auferlegen wollt? Sie iſt zu ſchwer für mich! Was ſoll aus der Kirche in⸗ mitten dieſes wirren Treibens werden, wenn ihre Leitung in die Hände eines kranken, ſterbenden Papſtes gelegt wird?“ Gerade dieſe Eigenſchaft des Kranken und Ster⸗ benden erhob Leo XII auf den päpſtlichen Stuhl. Man wählt einen neuen Papſt nur unter der Bedingung, daß er bald möglichſt ſterbe, und noch keiner der zweihundertvierundfünfzig Nachfolger des h. Petrus hatte das Alter des Fürſten der Apo⸗ ſtel, das heißt, ein fünfundzwanzigjähriges Ponti⸗ ficat erreicht. „Non videbis annos Petri!« das iſt das Sprüch⸗ wort oder die Prophezeiung, mit der man die Wahl jedes neuen Papſtes begrüßt. Indem er den Namen Leo XII annahm, ſchien Annibale della Genga die doppelte Verpflichtung, raſch zu ſterben, übernommen zu haben. Der Florentiner Leo XI, 1605 erwählt, hatte nur ſiebenundzwanzig Tage regiert. Und doch ſchien dieſer gebrechliche Menſch mit den geſchwollenen Füßen einen Augenblick, aus den Händen des heiligen Paulus das Schwert der Kirche erhalten zu haben. Er machte der Räuberei einen furchtbaren Krieg, indem er alle Bauern eines Dorfes aufhob, um ſie in ſeine Vaterſtadt Spoleto zu transportiren. 9 132 Dieſe Bauern waren angeklagt, Verbindungen mit den Bonditen zu unterhalten und ſelbſt ein wenig Banditen zu ſein. Von dieſem Augenblicke an hörte man nicht mehr von ihnen ſprechen, als bis ſie nach Botany⸗Bay transportirt waren. Aus anderen Rückſichten hielt er ſehr ſtreng auf Religionsübungen, indem er die Schauſpiele und andere Unterhaltungen während des Jubeljahres verbot. Er hatte eine Wüſte aus Rom gemacht. Die Römer in der Stadt haben nur eine Ein⸗ kommensquelle: das Vermiethen ihrer Häuſer. Die Römer in den Bergen haben nur einen Handel: ihre Verbindung mit den Banditen. Daher kam es, daß der Papſt Leo XKlI, da er die Römer von Rom und die Römer von den Ber⸗ gen zu gleicher Zeit ruinirt hatte, von den Bewoh⸗ nern der Stadt und der Berge zugleich verflucht wurde. Bei ſeinem Tode wären zwei Bewohner von Oſtia, welche das Verbrechen begangen, ihre Sym⸗ pathie für den Verſtorbenen zu zeigen, beinahe ge⸗ ſteinigt worden. In ſeiner Jugend, wo er noch nicht der Kirche angehörte und il Marcheſino— der kleine Mar⸗ quis— genannt wurde, war ihm von einem Aſtro⸗ logen prophezeiht worden, daß er einſt Papſt werden würde. In Folge dieſer Prophezeiung ließ ihn ſeine Familie in den Orden eintreten. Velches Ereigniß hatte zu der Prophezeiung Anlaß gegeben? —-——„— ei nit ig te ſie uf nd 3 in⸗ en er er⸗ cht on m⸗ ge⸗ che ar⸗ r⸗ pſt eine ung — 133 Ein ziemlich ſeltſames Ereigniß, das nur einem wirklich mit dem Doppelgeſicht begabten Menſchen die Zukunft enthüllen konnte. Als er noch im Collegium zu Spoleto war, veranſtalteten die Schüler ohne Wiſſen ihrer Lehrer eine Prozeſſion, indem ſie die Statue der Mädonna auf einer Bahre trugen. Der kleine Marquis de la Genga,— ſeine Ahnen hatten Titel und Güter von Leo X erhalten,— der kleine Marquis de la Genga, welcher der ſchönſte von allen Knaben war, mußte die Rolle der Ma⸗ donna übernehmen. Plötzlich hört man einen Profeſſor lommen; die Schüler, welche ihre Bahre trugen, ergriffen die Flucht, die Jungfrau gleitet von ihren Schultern und fällt zur Erde, ohne indeſſen von der für ſie improviſirten Sänfte zu ſtürzen. Ein Zauberer prophezeit auf dies, daß der Knabe, der von den Schultern ſeiner Kameraden gefallen, indem er die Rolle der Madonna ſpielte, einſt Papſt werden würde. Fünfzig Jahre ſpäter, als der Zauberer längſt todt war, erfüllte ſich die Prophezeiung. Dieſe Schönheit, welche dem Knaben die Ehre eingetragen, die Rolle der Jungfrau zu ſpielen, hatte die Seele des Prieſters mehr als einmal in Gefahr gebracht. WMan ſprach von zwei großen Leidenſchaften, die ſein Leben geläutert, vorausgeſetzt, daß ſie es einſt beſudelt: die eine für eine edle Römerin, die andere eine vornehme Bairin. ls man ihm den Beſuch des franzöſiſchen Ge⸗ ſandten meldete, war er mit der Jagd auf kleine Vögel im Garten des Vatican beſchäftigt. Die Jagd war die einzige Leidenſchaft— der h. Voter geſtand das ſelbſt— die Jagd war die einzige Leidenſchaft, die er nicht überwinden konnte.„ Die Zelanti machten ihm ein Verbrechen aus die⸗ ſem Vergnügen. Leo Xll war für Herrn v. Chateaubriant ſehr eingenommen. Als man ihm den Beſuch des franzöſiſchen Ge⸗ ſandten meldete, beeilte er ſich die einläufige Flinte, mit der er jagte, ſeinem Kammerdiener zu geben,( und begab ſich mit dem Befehle, daß man den be⸗ rühmten Fremden unverzüglich bei ihm einführe, nach ſeinem Kabinet. Man führte den Geſandten und ſeinen Klienten) durch einen ſchwarzen Corridor nach dem Gemache b Seiner Heiligkeit. g Als ſie auf der Schwelle erſchienen, hatte ſich 0 der Popſt bereits geſetzt und wartete. Er ſtand auf und ging dem Dichter entgegen. f Der Poet ſetzte nach dem gewöhnlichen Cere⸗ a moniel und des hohen Ranges nicht achtend, den n er ſelbſt einnahm, ein Knie auf die Erde. Leo XII aber hob ihn raſch auf, indem er durch⸗ m aus nicht duldete, daß er in dieſer demüthigen Stel⸗ te lung bliebe, nahm ihn bei der Hand und führte, et ihn zu einem Fauteuil. in Mit Dominique war es jedoch nicht der gleiche w Fall. de Der Papſt ließ ihn ruhig niederknien und den V Rand ſeiner Kleider küſſen. e⸗ te, e⸗ re, en che ich re⸗ en ch⸗ el⸗ rte che den 135 Als der Papſt ſich umwandte, ſah er Herrn von Chateaubriant immer noch ſtehen und gab ihm von neuem ein Zeichen, daß er ſich ſetzen ſolle. Dieſer aber ſagte: „Allerheiligſter Vater, geſtatten Eure Heiligkeit, daß ich nicht nur ſtehen bleibe, ſondern mich ſogar entferne. Ich habe Ihnen dieſen jungen Mann gebracht, der das Leben ſeines Vaters von Ihnen erflehen will. Er hat vierhundert Meilen hierher gemacht, er wird vierhundert Meilen nach Hauſe machen. Er kam voll Hoffnung und je nachdem Sie ja oder nein ſagen, wird er in Freude oder in Thränen ſcheiden.“ Dann ſich nach dem jungen Manne umwendend, der noch immer auf den Knieen lag, ſagte er: „Habt Muth, mein Sohn! ich laſſe Euch mit dem allein, der ſo hoch über den Königen ſteht, als die Könige über dem armen Bettler, welcher uns an der Thüre des Vatican um ein Almoſen bat.“ „Kehren Sie alſo nach der Geſandtſchaft zurück,“ fragte der junge Mann, beinahe erſchrocken, ganz auf ſeine eignen Kräfte angewieſen zu ſein,„und werde ich Sie nicht wiederſehen?“ „O doch,“ ſagte der Beſchützer des Bruder Do⸗ minique lächelnd;„ich fühle ein zu lebhaftes In⸗ tereſſe für Cuch, um mich ſo zu entfernen. Ich erwarte Euch mit der Erlaubniß Seiner Heiligkeit in den Stanzen. Fürchtet nicht, mich zu lange Zeit warten zu laſſen, ich werde ſie vor den Werken deſſen vergeſſen, der ſie überwunden hat.“ Der Papſt bot ihm die Hand, und trotz ſeines Widerſtrebens, küßte ſie ihm der Gefandte. 136 Dann ging er weg, indem er die höchſte und die niederſte geiſtliche Stufe mit einander allein ließ: Den Papſt und den Mönch. Moſes wurde nicht bläſſer und zitterte nicht mehr, als er, von den Sonnenſtrahlen der göttlichen Herr⸗ lichteit geblendet, auf dem Sinai ſtand, denn der Bruder Dominique, als er ſich mit Leo XII allein ſah. Je weiter er gekommen, um den zu ſuchen, der das Leben ſeines Vaters in der Hand hielt, deſto mehr war ſein Herz voll Angſt und Zweifel, als er am Ziele ſtand. Der Papſt brauchte nur einen Blick auf den ſchönen Mönch zu werfen, um zu ſehen, daß er einer Ohnmacht nahe war. Er bot ihm die Hand. „Muth, mein Sohn!“ ſagte er zu ihm;„welchen Fehler, welche Sünde, welches Verbrechen Du auch begangen haben magſt, das Mitleid Gottes iſt größer, als jede menſchliche Bosheit.“ „Ich bin ein Sünder, denn ich bin ein Menſch, heiliger Vater,“ antwortete der Dominicaner;„aber wenn ich auch nicht ohne Sünde bin, ſo hoffe ich doch ohne Fehler zu ſein, und bin gewiß, daß ich noch kein Verbrechen begangen.“ „Allerdings glaube ich, daß Dein berühmter Gön⸗ ner mir ſagte, mein Sohn, daß Du für Deinen Vater zu bitten gekommen.“ „Ja, Eure Heiligkeit, allerdings komme ich wegen meines Vaters zu Ihnen.“ „Wo iſt Dein Vater?“ „In Frankreich, in Paris.“ „Was iſt mit ihm?“ 137 „Er iſt durch die Gerechtigkeit oder vielmehr durch die Schändlichkeit der Menſchen verurtheilt, er erwartet den Tod.“ „Mein Sohn, wir wollen uns nicht zu Anklä⸗ gern unſrer Richter machen; Gott wird ſie ohne Anklage richten.“ „Aber, mein Vater iſt unſchuldig und mein Vater ſoll ſterben.“ „Der König von Frankreich iſt ein frommer Fürſt, mein Sohn; warum haſt Du Dich nicht an ihn gewandt.“ „Ich habe mich an ihn gewandt, und er hat für mich gethan, was in ſeiner Macht lag: Er hat das Meſſer der Gerechtigkeit auf drei Monate in die Scheide geſteckt, ſo lange, als ich brauchte, um von Paris nach Rom und von Rom nach Paris zu kommen.“ „Und was willſt Du hier in Rom?“ „Sie ſehen es, heiliger Vater, mich zu Ihren Füßen werfen.“ „Ich halte das zeitliche Leben der Unterthanen Carls X nicht in meiner Hand, meine Macht erſtreckt ſich blos auf das geiſtliche Leben.“ „Ich verlange keine Gnade, heiliger Vater, nur Gerechtigkeit.“ „Weſſen iſt Dein Vater angeklagt, mein Sohn?“ „Des Diebſtahls und Meuchelmords.“ „Und Du ſagſt, daß er an beiden Verbrechen unſchuldig iſt.“ „Ich kenne den Dieb und kenne den Meuchel⸗ mörder.“ 138 „Aber warum enthüllſt Du dieſes furchtbare „ Geheimniß nicht?“ „Es iſt nicht mein Geheimniß: es iſt Gottes Geheimniß, es iſt das Geheimniß des h. Beichtſtuhls.“ Und ſchluchzend ſchlug Dominique, zu den Füßen des h. Vaters ſich niederwerfend, den Boden mit ſeiner Stirne. Leo XII betrachtete den jungen Mann mit dem Ausdrucke tiefen Mitleids. „Und Du wollteſt mir ſagen, mein Sohn?...“ „Ich wollte Sie fragen, heiliger Vater, Sie den Biſchof von Rom, den Stellvertreter Chriſti, den Diener Gottes, ich wollte Sie fragen:„Soll ich meinen Vater ſterben laſſen, während ich hier, auf meiner Bruſt, in meiner Hand, zu Ihren Füßen den Beweis ſeiner Unſchuld habe?“ Und der Mönch legte vor die Füße des päpſt⸗ lichen Herrſchers in einer Enveloppe und geſiegelt, die Beichte des Herrn Gerard, von der Hand des Herrn Gerard, und unterzeichnet von Herrn Gerard. Dann noch immer auf den Knieen, die beiden Hände nach dem Manuſeript ausgeſtreckt, mit bitten⸗ dem Blicke, Thränen in den Augen, und mit zittern⸗ den Lippen erwartete der Mönch die Antwort ſeines Richters. „Du ſagteſt, mein Sohn,“ machte Leo Xll mit bewegter Stimme,„daß dies Bekenntniß in Deine Hände übergeben wurde.“ „Von dem Schuldigen ſelbſt, heiligſter Vater.“ „Unter welcher Bedingung?“ Der Mönch ſtieß einen Seufzer aus. „Unter welcher Bedingung?“ wiederholte Leo XII. 139 „Unter der, es erſt nach ſeinem Tode zu ver⸗ öffentlichen.“ „Nun, ſo erwarte ſeinen Tod, mein Sohn.“ „Aber mein Vater... mein Vater.“ Der päpſtliche Herrſcher ſchwieg. „Mein Vater wird ſterben,“ ſchluchzte der Mönch, „und mein Vater iſt unſchuldig!“. „Mein Sohn,“ antwortete der Papſt, mit lang⸗ ſamer, aber feſter Stimme,„mein Sohn, eher ſoll ein Unſchuldiger, eher zehn Unſchuldige, eher die Welt zu Grunde gehen, als ein Dogma vernichtet werden!“ Dominique ſtand mit der Verzweiflung in der Seele, aber wunderbarer Weiſe mit ruhigem Ge⸗ ſichte auf. Seine Lippen, von dem Lächeln der Verach⸗ tung zuſammengezogen, tranken ſeine beiden letzten Thränen. Seine Augen trockneten, wie wenn man ein glühendes Eiſen an ihnen vorüber bewegte. „Gut, heiliger Vater,“ ſagte er,„ich ſehe, daß ich in dieſer Welt nichts mehr, als von mir zu hoffen habe.“ „Du täuſcheſt Dich, mein Sohn,“ ſagte der Papſt,„denn ich will Dir ſagen:„Du wirſt das Bekenntniß des Schuldigen nicht veröffentlichen und doch wird Dein Vater leben.“ „Leben wir in den Zeiten der Wunder, heiliger Vater? denn ich ſehe, daß jetzt nur noch ein Wunder mich retten kann.“ „Du täuſcheſt Dich, mein Sohn; denn ohne daß Du mir etwas enthüllſt— das Geheimniß der 7 140⁰ Beichte iſt heilig für mich, wie für jeden Andern, — ohne daß Du mir etwas enthüllſt, kann ich an den König von Frankreich ſchreiben, daß Dein Vater unſchuldig iſt, daß ich es weiß,— wenn es eine Lüge iſt, werde ich ſie auf mich nehmen, und ich hoffe, Gott vergibt ſie mir— und daß ich ihn um Gnade bitte.“ „Um Gnade? Sie haben kein anderes Wort gefunden, heiliger Vater, und es gibt wirklich kein anderes Wort als Gnade? aber man übt Gnade nur gegen Schuldige; mein Vater iſt unſchuldig und für die Unſchuldigen gibt es keine Gnade. Mein Vater wird alſo ſterben.“ Und der Mönch verbeugte ſich reſpectvoll vor dem Stellvertreter Chriſti. „Noch nicht,“ rief Leo XII;„gehe noch nicht, mein Sohn, überlege die Sache.“ Aber Dominique ließ ſich auf die Kniee nieder und ſagte: „Eine einzige Gunſt, heiliger Vater, Ihren Segen!“ „O gerne, mein Sohn!“ rief Leo XII. Und er ſtreckte die Hände aus. „Ihren Segen in articulo mortis,“ murmelte der Mönch. „Was gedenkſt Du denn zu thun, mein Sohn?“ fragte er. „Das, heiliger Vater, iſt mein Geheimniß, ein noch tieferes, noch ſchlimmeres, noch furchtbareres Geheimniß, als die Beichte.“ Leo XII ließ ſeine Hände ſinken. „Ich kann den nicht ſegnen, der mich verläßt,“ 141 ſagte er,„mit einem Geheimniß, das er dem Vicar Chriſti nicht anvertrauen kann.“ „Dann bitte ich Sie nicht um Ihren Segen, hei⸗ liger Vater, ſondern um Ihre Fürbitte.“ „Geh', mein Sohn, ſie ſoll Dir nicht fehlen.“ Der Mönch verbeugte ſich und ging feſten Schrit⸗ tes, er, der mit zitterndem Schritte eingetreten war. Dem päpſtlichen Herrſcher verſagte die Kraft, er ſank in ſeinen hölzernen Stuhl und murmelte“. „O mein Gott, wache über dieſem Kinde; denn es gehört zum Geſchlechte derer, aus welchen man ehedem die Märtyrer machte.“ LXXI. Porre-Vergata. 8 Der Mönch ging mit ernſtem langſamem Schritte hinaus. Im Vorzimmer fand er einen Thürſteher Sr. Heiligkeit. „Seine Exzellenz der Vicomte von Chateau⸗ briant?“ fragte der Mönch. „Ich bin beauftragt, Sie zu ihm zu führen,“ antwortete der Thürſteher. Und er ging voran; der Mönch folgte ihm. Der Dichter wartete, wie er geſagt, in den Stan⸗ zen Raphaels. Er ſaß vor dem„h. Petrus, den der Engel befreit“. Sobald er auf den Dielen das Geräuſch einer Sandale hörte, wandte er ſich um. 142 Er hatte geahnt, daß es der Mönch ſei. Und wirklich ſtand der Mönch vor ihm. Er warf einen xaſchen Blick auf ſein Geſicht, es war ruhig, wie eine Marmormaske, aber auch eis⸗ kalt, wie eine ſolche. Der Mann mit dem tiefen Gefühl empfand ei⸗ nen Schauer gegenüber von dieſem Menſchen, der ganz Eis war. „Nun?“ fragte der Dichter. „Nun, ich weiß jetzt, woran ich mich zu halten habe,“ antwortete der Mönch. „Er hat Ihre Bitte abgeſchlagen!“ ſtotterte Herr von Chateaubriant. „Ja, und er konnte nicht anders handeln. Ich habe wie ein Sinnloſer gehandelt, daß ich einen Augenblick glauben konnte, man werde um meinet⸗ willen, das heißt eines armen Mönches willen, um meines Vaters, das heißt eines Dieners von Na⸗ poleon willen, an einem Grundgeſetze der Kirche, einem Dogma rütteln, das aus Chriſti eigenem Munde ſtammt.“ „So wird alſo,“ fragte der Dichter ſeinen Blick in die Augen des Mönches tauchend,„ſo wird Ihr Vater alſo ſterben?“ Der Mönch antwortete nicht. „So hören Sie,“ verſetzte Herr von Chateau⸗ briant,„wollen Sie mich verſichern, daß Ihr Vater unſchuldig iſt?“ „Ich habe Sie bereits einmal deſſen verſichert. mein Voater ſchuldig wäre, ſo hätte ich ge⸗ ogen.“ 143 „Das iſt wahr, Sie haben Recht; entſchuldigen Sie mich, hören Sie, was ich Ihnen ſagen wollte.“ Das Schweigen des Mönches deutete an, daß er hörte. „Ich kenne Carl X perſönlich; er iſt ein gutes, edles Herz. Ich war im Begriffe zu ſagen, ein großes Herz, aber auch ich will nicht lügen; über⸗ dies werden vor Gott Die, welche gut waren, viel⸗ leicht mehr werth ſein, als Die, welche groß waren.“ „Sie haben die Abſicht,“ unterbrach ihn Bruder Dominique,„mir anzubieten, bei ihm um Gnade für Vater zu bitten.“ a „Ich danke Ihnen. Dieſes Anerbieten machte mir bereits der Papſt ſelbſt und ich habe es aus⸗ geſchlagen.“ „Und welchen Grund führten Sie für Ihre Wei⸗ gerung an?“ „Weil der König nur Schuldige begnadigen kann. Von ihm begnadigt, würde mein Vater, wie ich ihn kenne, den erſten freien Gebrauch ſeiner Rechten nur dazu benutzen, ſich das Hirn zu zerſchmettern.“ „Aber was wird nun geſchehen?“ fragte der Vicomte. „Gott, der in der Zukunft und in meinem Her⸗ zen liest, weiß es allein. Wenn der Plan, den ich gefaßt, Gott mißfällt, wird Er, der mit einem Winke mich vernichten kann, dieſes Zeichen geben und ich zerfalle in Staub... Billigt dagegen Gott meinen 3 ſo wird er den Weg, den ich zu gehen habe, ebnen.“ „Erlauben Sie, mein Vater,“ ſagte der Ge⸗ 144 ſandte,„daß ich dieſen Weg weniger rauh und an⸗ ſtrengend mache.“ „Indem Sie meine Reiſe auf einem Schiffe oder mit einem Vetturin bezahlen?“ „Sie gehören einem armen Orden an, mein Vater, und es heißt nicht, Sie beleidigen, wenn ich Ihnen ein Almoſen im Namen des Landes anbiete.“ „Unter allen andern Umſtänden,“ antwortete der Mönch,„würde ich dieſes Almoſen von Frankreich oder von Ihnen annehmen, und die Hand küſſen, die es mir gäbe. Aber ich bin zur Mühſeligkeit geboren, und in der Geiſtes⸗ und Gemüthsverfaſ⸗ ſung, in der ich mich befinde, iſt die Anſtrengung ein Genuß für mich.“ „Gewiß, aber auf einem Schiffe oder mit einem Wagen würden Sie ſchneller das Ziel Ihrer Reiſe erreichen.“ „Weßhalb ſollte ich raſcher gehen, welches Be⸗ dürfniß habe ich, das Ziel zu erreichen. Alles, was ich bedarf, iſt, daß ich am Tage vor der Hinrich⸗ tung meines Vaters ankomme. Ich habe das Wort König Carls K für drei Monate; ich verlaſſe mich auf ſein Wort, komme ich am neunundachtzigſten Tage in Paris an, ſo komme ich zur rechten Zeit.“ „Da Sie ſomit keine Eile haben, ſo laſſen Sie mich Ihnen die Gaſtfreundſchaft des Hotels der franzöſiſchen Geſandtſchaft anbieten.“. „Eure Exzellenz mögen mir verzeihen, wenn ich S. gütigen Anerbietungen ausſchlage; aber ich gehe.“ „Wann?“ „Heute.“ . 145⁵ „Um welche Stunde?“ „Sogleich.“ „Ohne in St. Peter Ihr Gebet verrichtet zu haben?“ „Mein Gebet iſt verrichtet und dann bete ich unterwegs im Gehen.“ „So laſſen Sie mich wenigſtens Sie begleiten.“ „Sie ſo ſpät als möglich zu verlaſſen, nachdem ich Ihnen ſo vielfach verpflichtet bin, wird ein gro⸗ ßes Glück für mich ſein.“ „Sie werden mir wohl die Zeit gönnen, meine Geſandtenuniform abzulegen?“ „Euer Exzellenz perſönlich werde ich gerne die Zeit gönnen, die Sie von mir zu fordern mir die Ehre erzeigen.“ „Nun ſo wollen wir einſteigen und nach der Geſandtſchaft zurückfahren.“ Der Mönch machte ein zuſtimmendes Zeichen. Der Wagen wartete am Thore des Vatican: der Mönch und der Geſandte ſtiegen ein. Nicht ein Wort wurde auf der Fahrt zwiſchen ihnen gewechſelt. Man kam beim Geſandtſchafts⸗ hotel an. Herr von Chateaubriant trat mit dem Mönche in ſein Cabinet, nachdem er mit dem Thürſteher einige Worte gewechſelt hatte. Von ſeinem Cabinete begab er ſich in ſein Zimmer. Kaum hatte ſich die Thüre ſeines Zimmers ge⸗ ſchloſſen, als man einen vollſtändig ſervirten Tiſch mit zwei Gedecken hereinbrachte. Zehn Minuten ſpäter kehrte Herr von Chateau⸗ Dumas, Salvatvr. V. 10 146 briant zurück, der ſich ſeiner Uniform entledigt und wieder in die gewöhnliche Kleidung geworfen. Er lud den Bruder Dominique ein, ſich mit ihm zu Tiſche zu ſetzen und zu eſſen. „Ich habe ein Gelübde gethan, als ich von Pa⸗ ris wegging,“ ſagte der Mönch,„mein Mahl ſtehend zu verzehren, nur Brot zu eſſen und nur Waſſer zu trinken, bis ich wieder nach Paris zurückgekehrt wäre.“ „Für diesmal, mein Vater,“ ſagte der Poet, zwerde ich Ihr Gelübde theilen; auch ich eſſe nur Brot und trinke nur Waſſer. Freilich iſt das Waſ⸗ ſer won der Treviquelle!“ Beide aßen ſtehend ein Stück Brot und tranken ein Glas Waſſer. „Wir wollen aufbrechen!“ ſagte der Poet zuerſt zum Mönche. „Ja, wir wollen aufbrechen!“ antwortete dieſer. Der Wagen wartete. „Nach Torre Vergata,“ ſagte der Geſandte. Dann ſich nach dem Mönche umwendend, ſetzte er hinzu: „Das iſt meine tägliche Promenade; ich brauche alſo nicht mal um Ihretwillen von meiner Gewohn⸗ heit abzuweichen.“ Der Wagen fuhr durch die Corſoſtraße über die Piazza del Popolo und dann auf die Straße nach Frankreich. Man kam an der Ruine vorüber, welche den Namen„das Grab des Nero“ führt. In Rom iſt alles Nero. Voltaire ſagte von Heinrich 1V.: 147 „Der einz'ge König, deſſen ſich das Volk erinnert.“ Nero iſt der einzige Kaiſer, deſſen ſich die Rö⸗ mer erinnern„Wer iſt dieſer Coloß?“— Das iſt die Statue des Nero.—„Was iſt das für ein Thurm?“ — Das iſt der Thurm des Nero.—„Was iſt das für ein Grab?“— Das iſt das Grab des Nero. Und all' das hört man ohne die geringſte Verwünſchung ſagen, ohne eine Spur von Haß. Die Römer von heutzutage leſen wenig im Tacitus. Was konnte dem Mörder ſeines Bruders Bri⸗ tannieus, ſeiner Gemahlin Octavia und ſeiner Mut⸗ ter Agrippina dieſe ungeheure Popularität ver⸗ ſchaffen? War es nicht das, daß Nero mitten unter ſei⸗ nen Verbrechen Künſtler war? Des Virtuoſen, nicht des Kaiſers erinnert ſich das Volk; nicht des Cäſars mit dem goldenen Dia⸗ deme, ſondern des Hiſtrionen mit der Roſenkrone. Eine Meile ungefähr von dem Grabe des Nero hielt der Wagen. „Bis hierher fahre ich gewöhnlich,“ ſagte der Poet;„wollen Sie, daß der Wagen Sie weiter fahre!“ „Wo Euer Erzellenz anhält, halte auch ich an, aber nur ſo lange, als ich brauche, um Ihnen Lebe⸗ wohl zu ſagen.“ „So leben Sie wohl, mein Vater,“ ſagte der Poet,„Gott geleite Sie!“ Leben Sie wohl, mein erlauchter Beſchützer!“ ſagk der junge Mann.„Ich werde nie vergeſſen, was Eure Exzellenz für mich gethan, und nament⸗ lich, was Sie für mich zu thun beabſichtigten. 10 148 Und der Mönch trat mit auf der Bruſt gekreuz⸗ ten Händen einen Schritt zurück. „Geben Sie mir nicht Ihren Segen, ehe Sie mich verlaſſen?“ ſagte der Greis zu dem jungen Manne. Der Mönch ſchüttelte den Kopf. „Dieſen Morgen,“ ſagte er,„konnte ich noch ſegnen; aber dieſen Nachmittag, mit den Gedanken, die ich im Herzen trage, wäre der Segen Fluch und könnte Ihnen Unglück bringen.“ „So ſei es denn,“ ſagte der Poet.„Laſſen Sie mich Sie ſegnen. Ich mache von dem Rechte Ge⸗ brauch, das mir mein Alter gibt. Gehen Sie und Gott ſei mit Ihnen!“ Der Mönch verbeugte ſich zum letzten Male und ſchlug den Weg nach Spoleto ein. Er ging eine halbe Stunde lang fort, ohne ſich ein einziges Mal nach Rom umzuſehen, das er ver⸗ ließ, um es ohne Zweifel nie wieder zu ſehen und das nicht mehr Raum in ſeinem Geiſte einzunehmen ſchien, als das letzte Dorf in Frankreich. Der Poet folgte ihm mit den Blicken, unbeweg⸗ lich ſtumm, ſo lange er ihn ſehen konnte, indem er ihn mit ſeinen Augen bei der Heimkehr aus Italien begleitete, wie Salvator ihn beim Weggehen nach Italien begleitet hatte. Endlich verſchwand Dominique hinter der kleinen Anhöhe von Storta. Nicht ein einzig Mal hatte der Schmerzenspil⸗ ger den Kopf umgewandt. Der Poet ſandte ihm einen letzten Seufzer nach und mit geſenktem Haupte und ſchlaff herabhängenden Armen trat er zu einer Gruppe von Leuten, die 149 ihn links vom Wege bei einer begonnenen Aus⸗ grabung zu erwarten ſchienen. Am ſelben Abende ſchrieb er an Madame Re⸗ camier: „Ich muß Ihnen ſchreiben, denn mein Herz iſt traurig.“ „Ich werde Ihnen indeſſen nicht von dem ſchrei⸗ ben, was mein Herz traurig macht, ſondern von dem, was meinen Geiſt beſchäftigt, von meinen Ausgrabungen. Torre⸗Vergata iſt ein Beſitzthum von Mönchen, ungefähr eine Meile vom Grabe des Nero, auf der linken Seite, wenn man von Rom kömmt, am ſchönſten und einſamſten Punkte. Dort befindet ſich eine ungeheure Maſſe von Ruinen, welche beinahe zu Tage liegen und nur mit Gras und Diſteln bedeckt ſind. Ich habe vorgeſtern, Din⸗ ſtag, eine Ausgrabung vorgenommen, indem ich mei⸗ nen Briefwechſel mit Ihnen unterbrach; Visconti begleitete mich, da er die Ausgrabungen leitet. Es war das ſchönſte Wetter von der Welt; ein Dutzend Menſchen, mit Spaten und Hacken verſehen, welche Gräber und Häuſertrümmer und Paläſte in der tiefſten Einſamkeit aufgruben, boten ein Ihrer wür⸗ diges Schauſpiel; ich hatte einen einzigen Wunſch: Sie möchten da ſein. Ich würde gerne mit Ihnen unter einem Zelte inmitten dieſer Trümmer leben. „Ich habe ſelbſt Hand an's Werk gelegt; die Anzeichen ſind vortrefflich; ich hoffe etwas zu fin⸗ den, was mich für das Geld entſchädigen wirb, das ich in dieſe Lotterie der Todten ſetze. Am erſten Tage ſchon fand ich einen Block von griechiſchem Marmor, der groß genug iſt, um die Büſte des 15⁰ Pouſſin daraus zu meiſeln. Geſtern haben wir das Skelett eines gothiſchen Soldaten und den Atm ei⸗ ner weiblichen Statue aufgefunden. Das hieß ge⸗ wiſſermaßen den Zerſtörer mit der Ruine, die er gemacht, finden; wir haben große Hoffnung, dieſen Morgen die Statue ſelbſt zu finden. Wenn die ar⸗ chitectoniſchen Trümmer, die ich zu Tage fördere, der Mühe lohnen, ſo werde ich ſie nicht zerſtückeln laſſen, um die Mauerſteine zu verkaufen, wie dies gewöhnlich geſchieht; ſondern ich laſſe ſie ganz und ſie ſollen meinen Namen tragen; ſie ſtammen aus der Zeit des Domizian; wir haben eine Inſchrift, welche darauf hindeutet. Es iſt die gute Zeit der Römiſchen Kunſt. „Dieſe Ausgrabungen werden das Ziel meiner Spaziergänge werden; ich werde mich alle Tage inmitten dieſer Trümmer niederlaſſen und wenn ich mit meinen zwölf halbnackten Bauern den Ort mal verlaſſe, wird alles wieder in Vergeſſenheit und Stille zurückſinken. Können Sie ſich all' die Leiden⸗ ſchaften, all' die Intereſſen denken, die einſt an die⸗ ſem verlaſſenen Orte ſpielten? Hier wohnten Herren und Sklaven, Glückliche und Unglückliche, ſchöne Verſonen, die man liebte und Ehrgeizige, die Mini⸗ ſter werden wollten; jetzt niſten dort nur einige Vögel und ich habe meinen Sitz für kurze Zeit an dieſer Stelle aufgeſchlagen: wir werden bald wie⸗ der davonfliegen. Sagen Sie mir, glauben Sie, daß es ſich der Mühe lohnt, eines der Glieder des Rathes eines kleinen galliſchen Königs zu ſein, für mich, den Barbaren der Armorika, den Reiſenden bei den Wilden einer unbekannten Römerwelt, und — M 151 den Geſandten bei den Prieſtern, die man den Lö⸗ wen vorwarf? Als ich Leonidas in Lacedämonien rief,antwortete er mir nicht; das Geräuſch meiner Schritte in Torre Vergata wird niemand geweckt haben, und wenn ich im Grabe liege, werde ich ſelbſt den Ton Ihrer Stimme nicht mal hören. Ich muß deßhalb eilen, mich Ihnen zu nahen und all' den Chimären des Menſchenlebens ein Ende zu ma⸗ chen. Es gibt nichts Gutes, als den Rückzug und nichts Wahres, als eine Anhänglichkeit wie die Ihre.“ F. von Chateaubriant. Die Poſt, welche jeden Abend um ſechs Uhr von Rom abgeht, nahm dieſen Brief mit und gegen eilf Uhr in der Nacht kam ſie zwiſchen Baccano und Nepi an einem Pilger vorüber, der am Rand des Weges auf einem Steine ſaß. Dieſer Pilger war Bruder Dominique, der ſei⸗ nen erſten Halt auf dem Wege von Rom nach Pa⸗ ris machte. LXXII. Epiſtel eines Geſangmeiſters. Während der Abbé Dominique mit einem durch das düſtere Reſultat ſeiner Pilgerfahrt gebrochenen Herzen nach Paris zurücktehrt, wollen unſere Leſer uns geſtatten, ſie nach der Rue Mäcon zu Salvator zu führen. Dort ſollen ſie erfahren, welch' furchtbares Er⸗ eigniß Regina Morgens ſieben Uhr zu Petrus führte. Salvator, welcher ſeit einigen Tagen abweſend geweſen, war ſo eben nach Hauſe zurückgekehrt, als er mitten in den Zärtlichkeiten Fragola's und den Liebkoſungen Roland's durch drei Schläge an die Thüre unterbrochen wurde. An dieſer Art zu pochen, erkannte er einen ſei⸗ ner drei Freunde; er öffnete: es war Petrus. Salvator trat zwei Schritte zurück, als er das entſtellte Geſicht des jungen Menſchen ſah. Er ergriff lebhaft ſeine beiden Hände. „Mein Freund,“ ſagte er,„es iſt Ihnen ein großes Unglück begegnet, nicht wahr?“ „Ein nicht wieder gut zu machendes Unglück,“ verſetzte Petrus mit beinahe tonloſer Stimme. „Ich kenne nur ein nicht wieder gut zu ma⸗ chendes Unglück,“ antwortete Salvator ernſt:„es iſt dies der Verluſt unſerer Ehre und ich brauche nicht hinzuzufügen, daß ich eben ſo großes Ver⸗ trauen zu der Ihren, als zu der Meinigen habe.“ „Dank,“ antwortete Petrus gerührt, indem er die Hände ſeines Freundes herzlich drückte. „Nun, ſo laſſen Sie hören; wir ſind Männer, laſſen Sie uns als Männer ſprechen. Was iſt Ihnen begegnet, Petrus?“ fragte Salvator. „Leſen Sie,“ antwortete der junge Mann, in⸗ dem er ſeinem Freunde einen ganz zerknitterten und von Thränen durchnäßten Brief übergab. Salvator nahm den Brief, entfaltete ihn und ſah dabei Petrus an. — — — N 153 Dann die Augen von dem jungen Manne auf den Brief richtend, las er: An die Fürſtin Regina de la Motte⸗Hou⸗ dan, Gräfin Rappt. „Madame! „Einer der ergebenſten und reſpectvollſten Die⸗ ner der edeln und alten Familie de la Motte⸗Hou⸗ dan fand durch einen jener Zufälle, in welcher ſich die Hand der Vorſehung ſichtbar offenbart, Gelegen⸗ heit, Ihnen anonym den größten Dienſt zu erwei⸗ ſen, den ein Menſch einem andern Menſchen er⸗ weiſen kann. „Sie werden meine Anſicht theilen, deß bin ich gewiß, Madame, wenn Sie wiſſen, daß es ſich nicht allein um das Glück und die Ruhe Ihrer ganzen Exiſtenz, ſondern auch um die Ehre des Herrn Gra⸗ fen Rappt und vielleicht ſogar um etwas weit Koſt⸗ bareres, das Leben des erlauchten Marſchalls, Ihres Vaters, handelt. „Ich bitte Sie um die Erlaubniß, Ihnen die Mittel zu verſchweigen, mit Hilfe deren ich zu der Entdeckung der Gefahr gelangt bin, die Ihnen droht, ſowie zu der Hoffnung, Sie für immer da⸗ vor zu bewahren. Die wahre Ergebenheit iſt be⸗ ſcheiden; erlauben Sie mir, es zu wiederholen, ich habe die Ehre, mich einen der ergebenſten Diener der Familie de la Motte⸗Houdan zu nennen. „Vernehmen Sie denn, Madame, die Sache in ihrer ganzen Schrecklichkeit: 15⁴ „Ein Mann, ein Böſewicht, ein Elender, ein Schuft, der die furchtbarſte Strafe verdient, hat durch Zufall, ſagt er, bei Herrn Petrus elf mit dem Namen Regina, Gräfin von Brignolles, unter⸗ zeichnete Briefe gefunden. Er weiß genau, Madame,. daß Sie nicht Gräfin von Brignolles ſind; Ihr Adel iſt von ganz anderem Alter, als der jener würdigen Pflaumenhändler; aber er ſagt, wenn Sie auch den Namen verläugnen könnten, ſo könnten Sie nicht die Schrift verläugnen. Ich weiß nicht, durch welch' unglücklichen Zufall dieſe Briefe in ſeine Hände gefallen ſind; aber ich bin im Stande, Sie von dem exorbitanten Preiſe in Kenntniß zu ſetzen, den er für ihre Zurückgabe verlangt...“ Salvator ſah Petrus an, als wollte er ihn fra⸗ gen, was an dem Anfang dieſes Briefes Wahres ſein könnte. „O leſen Sie, leſen Sie,“ ſagte Petrus,„wir ſind noch nicht zu Ende.“ Salvator fuhr fort: „Er verlangt nicht weniger, als die wahnſinnige Summe von fünfmalhunderttauſend Franken, die, 3 bei einem Vermögen, wie das Ihre, ein kaum be⸗ merkbares Defizit ſein würden, während ſie in ſei⸗ nen Händen die Ruhe ſeines ganzen Lebens be⸗ gründete... Als er dieſe Ziffer ſah, zog Salvator die Brauen„ ſo bedenklich zuſammen, daß Petrus mit halberſtick⸗ ter Stimme und das Geſicht in den Händen ber⸗ gend, ausrief: „Nicht wahr, das iſt furchtbar?“ ge ie, e⸗ ei⸗ e⸗ en ck⸗ er⸗ 155 „Allerdings, furchtbar!“ antwortete Salvator, traurig den Kopf ſchüttelnd. Aber mit jener ruhigen Stimme, die ſelbſt der Untergang der Welt nicht erſchüttern zu können ſchien, fuhr er fort: „Dieſer Elende, Madame, ſagt, um den exorbi⸗ tanten Preis zu rechtfertigen, den er für dieſe koſt⸗ baren Briefe ſtellt, daß jede der Epiſteln, welche durchſchnittlich fünfzig Zeilen enthalten, in Anſehung der Schönheit und der Stellung der Perſon, welche ſie geſchrieben, nicht unter fünfzigtauſend Franken im Werthe geſchätzt werden dürfe, was für jede Zeile tauſend Franken und für eilf Briefe fünfmal⸗ hundertfünfzigtauſend Franken machte. „Erſchrecken Sie indeß nicht zu ſehr, Madame; Sie werden ſogleich ſehen, daß mein Freund— habe ich geſagt, mein Freund?— ich wollte ſagen, daß der Elende ſeine Anmaßungen auf fünfmal⸗ hunderttauſend Franken reducirte. „Welche Bemerkungen ich ihm auch machte, welche Bitten, Mahnungen, ja Drohungen ich an ihn richtete, er beharrte nicht nur auf ſeinem ab⸗ ſcheulichen Plane, ſondern er behauptete ſogar, daß angeſichts der wahren Gefühle, welche in dieſen Briefen ſich ausſprechen und deren Veröffentlichung die Ehre des Herrn Grafen Rappt und die koſt⸗ baren Tage des Herrn Marſchall de la Motte Hou⸗ dan auf's Spiel ſetzte, fünfmalhunderttauſend Fran⸗ ken eine wahre Bagatelle ſeien. „Ich ſuchte ihn dadurch zu ſchrecken, daß ich ihm die Gefahr vorhielt, die er ſelbſt dabei laufe, in⸗ dem er ein ſolches Spiel ſpiele; ich wies ihn darauf 156 hin, daß ſie ſichere Polizeibeamte aufſtellen laſſen würden, um ihn in dem Momente ergreifen zu laſſen, wo er Hand an dieſe Summe lege, die er ſo nothwendig zu haben ſcheint, daß er gegen ihre Ziffer nicht den geringſten Einwand duldete; ich ſagte ihm, daß jede andere Frau, als Sie, welche ſich in ihren theuerſten Neigungen bedroht ſähe, noch weiter gehen und ihn ermorden laſſen würde, aber bei dieſer Bemerkung, welche mein voller Ernſt war, lachte der Bube laut auf, indem er ſagte, daß in dem einen, wie in dem andern Falle, ein Prozeß entſtehen würde, daß die Briefe bei dem Prozeſſe natürlich auf den Tiſch des Gerichts gelegt, von dem Procurator des Königs zitirt, von den Jour⸗ nalen abgedruckt werden würden und in Folge deſ⸗ ſen mehr als je, ganz abgeſehen von Ihrem guten Rufe, die Ehre des Herrn Rappt und die koſtbaren Tage des Herrn Marſchalls in Gefahr wären. „Ich mußte mich dieſem peremptoriſchen Grunde fügen. „Ach! Madame, es gibt in unſerer armen Welt ſehr große Schufte! „Ich habe daher den Schmerz, Ihnen anzuzeigen, daß, nachdem ich vergeblich alle erdenklichen Mittel aufgeſucht, dieſe Cataſtrophe abzuwenden, Sie nach meiner Anſicht nur ein einziges Mittel haben, die Ruhe Ihrer Familie zu ſichern: nämlich das Ver⸗ langen dieſes unwürdigen Menſchen zu erfüllen. „So vernehmen Sie denn die Vorſchläge, die er die Ehre hat, Ihnen zu machen, und die ich die Ehre habe, Ihnen in ſeinem Namen zu unter⸗ breiten, indem ich hoffe und wünſche, Madame, daß — S N S 68 S —— — N 157 die Worte dieſes Erzſchuftes, indem ſie durch den Mund eines loyalen und ehrenhaften Mannes gehen, einen Theil ihrer Bitterkeit verlieren werden. „Er verlangt alſo fünfmalhunderttauſend Fran⸗ ken, und um Ihnen ſeine Loyalität und ſeine Un⸗ eigennützigkeit zu beweiſen— das menſchliche Herz iſt ein unerforſchliches Labyrinth, das nicht ſeines Gleichen hat, es ſei denn der Mißbrauch, den man zuweilen von der Sprache macht— und um Ihnen, wie geſagt, ſeine Loyalität und Uneigen⸗ nützigkeit zu beweiſen, macht er Ihnen das Aner⸗ bieten, Ihnen einen der Briefe ohne Bedingung zu⸗ rückzugeben, damit, wenn Sie ſo blind ſein ſollten, irgend einen Zweifel zu behalten, dieſer Zweifel Ihnen benommen ſei, und er beauftragt mich, ihn dieſem Briefe beizuſchließen. „Auf dieſe Weiſe ſetzt er ſeine Forderung, die er auf fünfmalhundertfünfzigtauſend Franken ſtel⸗ len könnte, nicht höher als fünfmalhunderttauſend Franken. „Er denkt übrigens, daß, nachdem er Ihnen einen ſo eclatanten Beweis ſeines Vertrauens ge⸗ geben, Sie nicht mehr an der fernerweitigen Offen⸗ heit ſeiner Beziehungen zu Ihnen zweifeln werden. „Wenn Sie dieſe Bedingungen annehmen, woran er nicht zweifelt, ſo bittet er Sie, dieſen Abend zum Zeichen Ihrer Einwilligung ein Licht an das letzte Fenſter Ihres Pavillons zu ſtellen. „Er wird pünktlich um Mitternacht unter dieſem Fenſter ſein. „Iſt dieſer erſte Punkt angenommn, ſo bittet er Sie, ſich am andern Tage zur ſelben Stunde 158 hinter dem Gitter Ihres Gartens, auf der Seite des Boulevard des Invalides einzufinden. „Ein Mann, deſſen Anblick Sie durchaus nickt erſchrecken darf,— denn ſo ſehr ſein Herz von ſchwarzer Treuloſigkeit erfüllt iſt, ſo ſehr trägt ſein trügeriſches Geſicht das Gepräge der Sanftmuth und Unſchuld,— ein Mann wird ſich dem Gitter nahen und Ihnen von weitem ein Paket Briefe zeigen. „Sie, Madame, werden dann das erſte Paket mit fünfzigtauſend Franken in Bankbillets von tau⸗ ſend oder fünftauſend zeigen. Dies wird von Ihrer Seite der Beweis ſein, daß Sie begriffen haben. Er wird dann drei Schritte auf Sie zu machen, Sie machen drei Schritte gegen ihn und zu gleicher Zeit, während er ſeine Hand ausſtreckt, ſtrecken Sie die Ihre aus; Sie werden ihm dann den Preis des erſten Briefes geben und er gibt Ihnen den Brief. „Daſſelbe wird mit gleicher Regelmäßigkeit beim zweiten, dritten bis zum letzten Male einſchließlich ſtattfinden. „Er glaubt, Madame, daß die ſchlimmen Tage, die er in Gemeinſchaft mit gunz Frankreich durch⸗ zumachen hat, die Theurung der Lebensmittel, der erorbitante Aufſchlag der Wohnpreiſe, der herzzer⸗ reißende Schrei einer zahlreichen und hungrigen Familie ebenſo viele, wenn auch nicht zureichende, ſo doch ſcheinbare Gründe ſind, die Kühnheit ſeiner Bitte zu rechtfertigen oder wenigſtens zu mildern. „Derjenige aber, der es auf eine ganz uneigen⸗ nützige Weiſegüber ſich nimmt, der Vermittler dieſes Elenden bei Ihnen zu ſein, wirft ſich demüthig zu * —— N— —— 8 v8 Ihren Füßen und bittet Sie zum dritten Male, Madame, ihn unter die Zahl Ihrer ergebenſten und reſpectvollſten Diener zu rechnen. „Graf Ercolano***.“ „Das iſt allerdings ein großer Schuft,“ ſagte Salvator mit ſeiner fanften und ruhigen Stimme. „Ja wohl, ein heilloſer Bube,“ verſetzte Petrus mit knirſchenden Zähnen und geballten Händen. „Und was gedenken Sie zu thun?“ fragte Sal⸗ vator, indem er Petrus feſt anſah. „Ich weiß nicht,“ antwortete Petrus, außer ſich. „Ich glaubte, daß ich ein Narr würde; zum Glücke dachte ich ganz natürlich an Sie und eilte herbei, um Sie um Rath und Hülfe zu bitten.“ „So haben Sie alſo kein Mittel gefunden?“ „Ich geſtehe, daß ich bis jetzt nur auf ein ein⸗ ziges gekommen bin.“ „Welches?“ „Mir das Hirn zu zerſchmettern.“ „Das iſt kein Mittel, das iſt ein Verbrechen,“ antwortete Salvator kalt,„und ein Verbrechen hat nie einen Schmerz geheilt.“ „Verzeihen Sie,“ antwortete der junge Mann, „aber Sie müſſen bedenken, daß ich nicht mehr bei Sinnen bin.“ „Und doch, wenn Sie je Ihres Kopfes bedurf⸗ ten, ſo iſt es heute.“ „O mein Freund, mein lieber Salvator,“ ſagte der junge Mann, indem er ſich in ſeine Arme warf, während Fragola ſie mit gefalteten Händen, den Kopf auf die Schulter geneigt und einer Statue des Mitleids ähnlich, anſah,„o mein Freund, retten Sie mich.“ „Ich werde es verſuchen,“ ſagte Salvator,„da⸗ mit mir dies jedoch gelinge, muß ich die Umſtände in all“ ihren Einzelheiten kennen. Sie ſehen ein, daß es nicht Neugierde iſt, nicht wahr, wenn ich Sie bitte, mich in Ihre Geheimniſſe einzuweihen?“ „O! Gott behüte mich, daß ich vor Ihnen welche hätte, hat Regina welche vor Fragola?“ Und Petrus bot dem jungen Mädchen die Hand. „Warum iſt ſie denn nicht gekommen, mich auf⸗ zuſuchen?“ ſagte Fragola. „Was konnten Sie in einem ſolchen Falle thun?“ fragte Petrus. „Mit ihr weinen,“ antwortete Fragola einfach. „Sie ſind ein Engel!“ murmelte Petrus. „Nun laſſen Sie hören,“ ſagte Salvator,„es iſt keine Zeit zu verlieren. Wie kam dieſer Brief, der an die Frau Gräfin Rappt gerichtet iſt, in Ihre Hände? wie kamen die Briefe der Frau Gräfin Rappt in die Hände dieſes Banditen? und wen haben Sie im Verdacht, daß er ſie Ihnen geſtohlen 2 „Ich werde verſuchen, ſoviel Ordnung in meine Antworten zu bringen, als Sie in Ihre Fragen brachten, mein lieber Salvator, aber tadeln Sie mich nicht, wenn ich, da ich nicht die Gewalt über mich habe, wie Sie über ſich, von der Linie ent⸗ ferne, die Sie mir gezogen.“ e „Sprechen Sie, mein Freund, ſprechen Sie,“ verſetzte Salvator in ſeinem weichſten und ermuthi⸗ gendſten Tone. „Sprechen Sie und haben Sie Vertrauen auf 161 Gott,“ fügte Fragola hinzu, indem ſie eine Bewe⸗ gung machte, als wollte ſie ſich entfernen. „O bleiben Sie, bleiben Sie,“ ſagte Petrus, „ſind Sie nicht ſeit weit längerer Zeit Regina's Freundin, als Salvator der meinige iſt?“ Fragola verneigte ſich zum Zeichen der Zu⸗ ſtimmung. „Nun denn, dieſen Morgen, vor einer halben Stunde,“ ſagte Petrus nach einer Pauſe, während welcher er ſich geſammelt hatte, kam Regina in der größten Beſtürzung, die aus allen ihren Zügen ſprach, zu mir.“ „„Haben Sie meine Briefe?““ fragte ſie mich. „Ich war ſo weit entfernt, an das, was ge⸗ ſchehen, zu denken, daß ich ſie fragte: „„Welche Briefe?““ „„Die Briefe, die ich an Sie geſchrieben, mein Freund; elf Briefe!““ „„Sie ſind hier,“ antwortete ich. Wo2 „„In dieſer Truhe, in dieſem Kiſtchen.““ „„Deffnen Sie, ſehen Sie nach und zeigen Sie ie niir „Ich hatte den Schlüſſel an meinem Halſe hän⸗ gen; ich lies ihn nie von mir. Das Kiſtchen war an die Truhe geſiegelt. Ich glaubte deßhalb be⸗ jahend antworten zu dürfen.“ „„Zeigen Sie ſie mir raſch, raſch!““ wieber⸗ holte ſie. „Ich trat an die Truhe, öffnete den Deckel, das Kiſtchen war an ſeinem Platze.“ Dumas, Salvato. V. 1 „Sehen Sie!““ ſagte ich zu ihr. „In der That,““ antwortete ſie,„„ich ſehe das Kiſtchen; aber die Briefe, die Briefe?““ „Die Briefe ſind drinnen.“ „Zeigen Sie ſie mir, Petrus.““ „Ich öffne das Kiſtchen voll Zuverſicht und mit einem Lächeln auf den Lippen.“. „Das Kiſtchen war leer!“ „Ich ſtieß einen Schrei der Verzweiflung aus, Regina jammerte.“ „„Ha!““ ſagte ſie,„ſo iſt es alſo doch wahr!““ „Ich war vernichtet, ich wagte nicht, den Kopf zu erheben, ich ſank vor ihr auf die Kniee.“ „Nun erſt bot ſie mir den Brief, den Sie kennen. „Ich las ihn„ „Mein Freund, ich begreife jetzt, wie leicht man ein Mörder werden kann.“ „Haben Sie Jemand im Verdachte? Sind Sie Ihres Dieners ſicher?“ „Mein Diener iſt ein Dummkopf; aber er iſt einer ſchlechten Handlung durchaus unfähig.“ „Es iſt aber doch unmöglich, daß Sie auf gar Niemanden Verdacht haben ſollten.““ „Ich habe allerdings einen Verdacht, aber keine Gewißheit.“ „Man kommt von dem Bekannten auf das Un⸗ bekannte. Auf wen haben Sie Verdacht?““ „Einen Mann, den Sie bei mir geſehen hätten, wenn Sie mich in letzter Zeit beſucht haben würden.“ Salvator, ſtatt ſich zu entſchuldigen, daß er ſei⸗ nen Freund nicht beſucht habe, ſchwieg. „Ein Mann,“ ſagte Petrus, welcher die Urſache pf n. m ie iſt ar ne 163 von Salvator's Schweigen begriff,„ein Mann, der ſich meinen Pathen nannte.“ „Ihren Pathen? Ah, ja, eine Art von Schiffs⸗ capitän, nicht wahr?“ „Ganz recht.“ „Großer Bilderliebhaber?“ „Allerdings, ein alter Camerade meines Vaters: kennen Sie ihn?“ „Nein; aber vor meiner Abreiſe ſagte mir Jean Robert zwei Worte von ihm und nach dem Signale⸗ ment, das er mir von ihm gab, hatte ich ein dunkles Vorgefühl, daß Sie der Dupe einer Gaunerei oder wenigſtens einer Myſtification werden würden; un⸗ glücklicher Weiſe mußte ich auf einige Tage verreiſen; aber noch heute wollte ich zu Ihnen kommen, um die Bekanntſchaft dieſer Perſon zu machen.. Und Sie ſagen, daß dieſer Menſch. 2 „Sich mir als ein alter Freund meines Vaters vorgeſtellt, indem er einen Namen nannte, der mir wohl bekannt war, und den ich ſchon als Knabe als den eines tapfern und braven Seemannes hatte achten lernen.“ „Aber hatte der, welcher ſich bei Ihnen einführte, Recht dieſen Namen zu führen?“ „„Wie hätte ich daran zweifeln ſollen und was konnte ſein Zweck ſein?“ „Sie ſehen es jetzt: Ihnen die Briefe zu rauben.“ „Warum hätte ich dieſen Verdacht ſchöpfen ſol⸗ len: Er ſtellte ſich mir reich wie ein Nabob vor und begann damit, mir einen Dienſt zu leiſten.“ „Einen Dienſt?“ fragte Salvator, Petrus feſt anblickend.„Welchen Dienſt?“ das Petrus fühlte, daß er vor dem Blicke Salvator's bis in's Weiße ſeiner Augen erröthete. „Er trat in's Mittel,“ ſtotterte Petrus,„daß ich meine Möbel und meine Bilder nicht verkaufte, indem er mir zehntauſend Franken lieh.“ „Gut, und für dieſe verlangt er fünfmalhundert⸗ tauſend von der Gräfin Rappt. Sie müſſen mir zugeſtehen, mein lieber Petrus, ein Spitzbube, der ſein Geld zu verwerthen weiß.“ Petrus konnte nicht umhin, Salvator einen vor⸗ wurfsvollen Blick zuzuwerfen. „Nun,“ ſagte der junge Maler,„es iſt ein Feh⸗ ler, ich muß das zugeben; aber dieſe zehntauſend Franken habe ich nun einmal angenommen.“ „Auf dieſe Weiſe ſind Sie alſo jenem zehn⸗ tauſend Franken ſchuldig,“ ſagte Salvator. „O,“ ſagte Petrus,„von dieſen zehntauſend Franken habe ich ſechs⸗ bis ſiebentauſend Franken dringender Schulden bezahlt.“ „Darum handelt es ſich nicht,“ ſagte Salvator, „wir wollen auf das wirkliche Unglück zurückkommen. i Mann iſt alſo verſchwunden?“ „Ja.“ „Seit wann?“ „Seit geſtern Morgen.“ „Hat Sie dies Verſchwinden nicht beunruhigt?“ „Rein; er ſchlief manchmal auswärts.“ „Das iſt der Mann!“ Aber „Ich ſage Ihnen, er iſt es; wir würden von der rechten Spur abkommen, wenn wir anderweit ſuchten.“ e———— — 2 on eit 165 „Ich glaube das auch, mein Freund.“ „Was hat die Gräfin gethan, als ſie den Brief erhielt?“ „Sie hat ihre Mittel berechnet.“ „Sie iſt ungeheuer reich?“ „Ja, aber ſie kann weder verkaufen, noch bor⸗ gen ohne die Zuſtimmung ihres Mannes, und ſie kann dieſe nicht einholen, da er achthundert Meilen von ihr entfernt iſt. Sie hat deßhalb ihre Diaman⸗ ten, ihre Spitzen, ihre Juwelen zuſammengenommen, aber all' dieſe Sachen, ſo theuer ſie ſind, wenn man ſie kauft, verlieren die Hälfte ihres Werthes, wenn man ſie verkaufen will; ſie kann höchſtens fünfund⸗ ſiebenzig⸗ bis achtzigtauſend Franken effectuiren.“ „Sie hat Freunde?“ „Madame de Marande Sie iſt allerdings zu ihr geeilt: Herr von Marande iſt in Wien! Sollte man nicht glauben, Alles habe ſich gegen uns verſchworen? Frau von Marande hat ihr alles gegeben, was ſie von Gold beſaß und außerdem einen Smaragdſchmuck; dies wird ungefähr weitere ſechzigtauſend Franken betragen. An die arme Car⸗ melite dürfen wir nicht denken, es hieße ihr einen Schmerz bereiten, ohne etwas zu nützen.“ „Sie haben Ihren Oheim,“ wandte Salvator ein:„der General iſt reich, er liebt Sie, er iſt ein ächter Cavalier, er würde gewiß ſein Leben dafür geben, um die Ehre einer Frau, wie die Gräfin Rappt zu erkaufen.“ „Ja,“ ſagte Petrus,„er würde ſein Leben geben, aber er gäbe nicht den zehnten Theil ſeines Ver⸗ mögens. Ich dachte ganz natürlich an ihn, wie Sie ſagten; aber der General iſt ein ungeſtümer Charakter und kennt nur Gewaltsmittel: er würde ſich mit Stockdegen hinter einen Baum ſtellen und auf den erſten beſten zweideutigen Vorübergehenden losſtürzen, den er um jene Stunde auf dem Boule⸗ vard des Invalides träfe.“ „Und wenn dieſer Vorübergehende,“ verſetzte Salvator,„unſer Gauner ſelbſt wäre, er könnte doch vielleicht die Briefe nicht in der Taſche haben; überdies, wie der Bube ſelbſt ſagt, jeder Verſuch der Arretirung oder des Mordes würde einen Pro⸗ zeß herbeiführen, und damit die Veröffentlichung der Briefe, dieſe Veröffentlichung natürlich auch die Entehrung der Gräfin.“ „Vielleicht gäbe es doch noch ein Mittel,“ ſagte Petrus. „Welches?“ fragte Salvator. „Sie kennen Herrn Jackal...“ „Nun?“ „Ich meine, wenn man ihn davon in Kenntniß ſetzte.“ Salvator lächelte. „Ja, in der That,“ ſagte er,„das iſt ſcheinbar das einfachſte und natürlichſte Mittel; aber in Wirk⸗ lichkeit das gefährlichſte.“ „Wie das?“ „Wozu haben uns unſere gerichtlichen Nachfor⸗ ſchungen in der Angelegenheit der Entführung Mi⸗ na's genützt? Ohne den Zufall, ich wollte ſagen, ohne die Vorſehung, welche es fügte, daß ich ſie auf eine unerwartete Weiſe fand, wäre ſie noch die Gefangene des Herrn von Valgeneuſe. Wozu haben S— — X ß P — r⸗ i⸗ n, ie ie n 167 dieſe Nachforſchungen in Sachen des Herrn Sarranti geführt? Roſe de Noel verſchwinden zu machen, wie Mina verſchwunden iſt. Merken Sie ſich wohl, mein Freund: unſere Polizei von 1828 entdeckt keine Sache, wenn ſie nicht Urſache hat, ſie zu entdecken: in der Sache aber, um die es ſich handelt, bin ich beinahe ſicher, daß ſie nichts entdecken wird, und noch mehr, daß ſie, weit entfernt uns zu Hilfe zu kommen, uns mit aller Macht entgegenhandeln wird.“ „Aber warum das?“ „Weil, wenn mich nicht alles täuſcht, die Polizei keiner Sache, die uns betrifft, ganz fremd iſt.“ „Die Polizei?“ „Oder die Polizeibeamten; wir ſind im Buche des Herrn Delavau ſchlecht angeſchrieben, lieber Freund.“ „Aber welches Intereſſe kann die Polizei an der Unehre der Gräfin Rappt haben?“ „Ich habe geſagt, die Polizei, oder die Polizei⸗ beamten. Es gibt Polizei und Polizeibeamte, wie es Religion und Prieſter gibt; das ſind zwei ganz verſchiedene Sachen: die Polizei iſt ein wohlthätiges Inſtitut, das von ſehr ſchwarzbefleckten Perſonen ver⸗ waltet wird. Sie fragen mich, welches Intereſſe die Polizei an der Unehre von Regina haben könne? welches Intereſſe konnte ſie an der Entführung Mina's haben? welches Intereſſe hat ſie an der Hinrichtung des Herrn Sarranti, deſſen Schaffot in acht Tagen auf dem Greveplatz errichtet wird? wel⸗ ches Intereſſe hat ſie, daß Herr Gerard für einen ehrbaren Menſchen gilt und den Monthyonpreis erhält? welches Intereſſe hat ſie endlich, daß Roſe 168 de Noel bei der Brocante verſchwindet? Die Polizei, lieber Freund, iſt eine geharniſchte und wunderliche Göttin, welche auf dunkeln und unterirdiſchen Wegen ſchleicht: nach welchem Ziele? Niemand weiß es, als ſie ſelbſt, wenn ſie's weiß. Sie hat ſo viele In⸗ tereſſen, dieſe würdige Polizei, daß man nie weiß, um welches es ſich gerade handelt: politiſche In⸗ tereſſen, moraliſche Intereſſen, philoſophiſche Intereſ⸗ ſen, literariſche Intereſſen, humoriſtiſche Intereſſen. Es gibt Menſchen von Erfindung, wie Herr von Sartine, Menſchen von Phantaſie, wie Herr Jackal, die aus der Polizei bald eine Kunſt, bald ein Spiel machen: es iſt ein verteufelt phantaſiereicher Menſch, dieſer Herr Jackal, ſehen Sie! Sie kennen ſeine Maxime, wenn er irgend ein Geheimniß entdecken will:„Sucht die Frau!“ In dieſem Falle war die Frau unſchwer zu finden. Uberdies exiſtirt in dieſem Augen⸗ blick eine Polizei und eine Contrepolizei: eine Polizei des Königs, eine Polizei des Herrn Dauphin, eine roya⸗ liſtiſche Polizei, eine ultraroyaliſtiſche Polizei. Der Herr Graf Rappt iſt nach St. Petersburg geſandt; das Gerücht geht, er ſolle bei verſchloſſenen Thüren mit dem Kaiſer verhandeln, und zwar ein großes Pro⸗ ject, das nichts geringeres zum Zwecke hat, als eine Allianz gegen England, eine Allianz, bei der wir unſre Rheingrenzen wieder herausbekämen. Außer⸗ dem wurde der Herr de la Motte⸗Houdan in die Tuilerien berufen; man will ihn dazu bringen, an einem neuen Miniſterium Theil zu nehmen, das aus den Herren von Martignac, von Portales, von Caus, Roy, von Lafferronays, wer weiß ich, be⸗ ſtände; aber der Marſchall läßt ſich zu dieſem elen⸗ — 169 den Poſſen nicht herbei. Er weigert ſich, an einem Uebergangsminiſterium ſich zu betheiligen; vielleicht will man den Marſchall zwingen und ihn zwiſchen ein Portefeuille und einen Scandal ſtellen! Lieber Gott, in jetziger Zeit iſt Alles möglich, mein Freund.“ „Ja,“ ſagte Petrus mit einem Seufzer,„ausge⸗ nommen fünfmalhunderttauſend Franken zu finden.“ Salvator that, als wenn er nicht gehört hätte. Dann ſeinen Gedanken verfolgend, ſagte er: „Bemerken Sie jedoch wohl, daß ich nichts be⸗ haupte, ich ſuche mit Ihnen...“ „O, ich,“ ſagte Petrus entmuthigt,„ich ſuche nicht mehr.“ „Dann,“ ſagte Salvator mit einem Lächeln, das Petrus in Erſtaunen ſetzen mußte,„ſchwatze ich blos. Entweder täuſche ich mich jedoch ſeltſam, oder es ſteckt die Polizei oder wenigſtens ein Polizeibeamter darunter. Dieſer Seemann, der ſich bei Ihnen ein⸗ gerichtet, der Sie ſeit Ihrer Kindheit kennt, der in ſeiner Eigenſchaft als alter Freund des Capitän Herbel alle Ihre Familiengeheimniſſe weiß, dieſer Menſch ſcheint mir einmal aus der Rue des Jeru⸗ ſalem zu kommen. Nur der Vater oder die Mut⸗ ter, oder die Polizei, dieſe Mutter der Geſellſchaft, kennt ſo das Leben eines Menſchen von der Wiege bis zum Atelier; und dann glaube ich immer, man könne aus der Handſchrift den Charakter eines Men⸗ ſchen erkennen; ſehen Sie die Hand, die dieſe Zei⸗ ken geſchrieben.. Salvator zeigte Petrus den Brief. „Die Hand, welche dieſe Zeilen geſchrieben, hat nicht gezittert; ſie iſt breit, gerade, feſt, durchaus 170 nicht verſtellt; ein Beweis, daß der Schreiber keine Furcht hat, man werde ihn erkennen; der Mann, der dieſen Brief aufgeſetzt, iſt deßhalb nicht blos ein ſehr gewandter Menſch, ſondern auch ein ſehr entſchloſſener Menſch; er weiß genau, daß er die Galeeren riskirt; und dennoch iſt kein Buchſtabe ungleich, keine Linie krumm; es iſt klar und gerade geſchrieben, wie ein Buchführer ſchreiben würde. Wir ſtehen ſomit einem kühnen, entſchloſſenen und feſten Burſchen gegenüber; wohlan denn, es ſei, ich liebe den Kampf, ſo ſehr als ich die Liſt haſſe, wir werden demgemäß handeln.“ „Wir werden handeln?“ fragte Petrus. „Ich wollte ſagen, ich werde handeln.“ „Aber wenn Sie nur zu handeln verſprechen,“ verſetzte Petrus,„ſo haben Sie natürlich auch ir⸗ gend eine Hoffnung?“ „Ich habe mehr als eine Hoffnung, ich habe eine Gewißheit.“ „Salvator!“ rief Petrus, indem er beinahe ſo blaß vor Freude wurde, als er es vor Schrecken geweſen,„Salvator, überlegen Sie wohl, was Sie mir ſagen.“ „Ich ſage Ihnen, mein Freund, daß wir es mit einem rohen Kämpen zu thun haben; aber Sie haben mich an der Arbeit geſehen und Sie wiſſen, daß ich ſtarke Sehnen habe. Wo iſt Regina?“ „Sie iſt nach Hauſe zurückgekehrt, wo ſie mit Angſt erwartet, daß Fragola ihr eine Antwort bringe.“ „Sie hat alſo auf Fragola gerechnet?“ „Wie ich auf ſie gezählt.“ 171 „Nun, Sie hatten beide Recht, und es macht mir Vergnügen, Freunde zu haben, die ein gleiches Vertrauen in uns ſetzen.“ „Mein Gott, mein Gott, Salvator, ich wage Sie nicht zu fragen.“ „Lege Deinen Mantel um und ſetze Deinen Hut auf, Fragola; nimm einen Wagen, eile zu Regina, ſage ihr, ſie ſolle Frau von Marande ihren Schmuck und ihre Bankbillets zurückgeben; ſage ihr, ſie möge ihre Diamänten in ihr Juwelenkäſtchen und ihr Geld in ihre Börſe zurückthun; ſage ihr namentlich, ſie ſolle ruhig ſein, ſich nicht quälen und heute um Mitternacht das verlangte Licht an das letzte Fen⸗ ſter ihres Pavillons ſtellen.“ „Ich gehe,“ antwortete das junge Mädchen, ohne im geringſten über die Sendung erſtaunt zu ſein, welche ihr Salvator gab. Und ſie trat in das Nebenzimmer, um Mantel und Hut zu holen. „Aber,“ ſagte Petrus,„wenn Regina dieſe Nacht das verlangte Zeichen gibt, ſo wird Morgen um dieſelbe Stunde der Mann erſcheinen, um die fünf⸗ malhunderttauſend Franken zu verlangen.“ „Ohne allen Zweifel.“ „Was wird ſie dann thun?“ „Sie wird ſie ihm geben.“ „Und wer wird ſie ihr borgen, um ſie ihm geben zu können?“ „Ich,“ ſagte Salvator. „Sie!“ rief Petrus beinahe erſchrocken über dieſe Verſicherung und nahe daran, zu glauben, Salvator ſei ein Narr. 172 „Allerdings, ich.“ „Aber wo wollen Sie ſie finden?“ „Das mag Ihnen gleichgültig ſein, wenn ich ſie nur finde.“ „O mein Freund, wenn ich Sie nicht ſehe, ge⸗ ſtehe ich Ihnen...“ „Sie ſind ſehr ungläubig, Petrus; Sie haben indeß einen Vorgänger, den h. Thomas! Nun gut, wie der h. Thomas ſollen Sie ſehen.“ „Wann?“ „Morgen.“ „Morgen werde ich die fünfmalhunderttauſend Franken ſehen!“ „In zehn Pakete eingetheilt, um Regina die Mühe zu erſparen, ſie ſelbſt zu vertheilen; jedes Paket wird, wie in dem Briefe angedeutet, zehn Bankbillets, jedes von fünftauſend Franken ent⸗ halten.“ „Aber,“ ſtotterte Petrus,„das werden keine ächten Bankbillets ſein.“ „So! wofür halten Sie mich?“ fragte Salva⸗ tor;„ich habe nicht Luſt, daß mich unſer Mann auf die Galeere ſchicke; es werden ächte richtige Billets von fünftauſend Franken ſein, mit rother Dinte und mit den Worten verſehen:„Das Ge⸗ ſetz beſtraft ven Fälſcher mit dem Tode!“ „Da bin ich,“ ſagte Fragola, zurückkehrend,„und will nun gehen.“ „Du erinnerſt Dich, was Du zu ſagen haſt?“ „Gebe Frau v. Marande ihren Schmuck und ihre Bankbillets zurück, thue Deine Diamanten wie⸗ der in Dein Juwelenkäſtchen und Dein Geld in 173 Deine Börſe und gib Morgen zur beſtimmten Stunde das verabredete Zeichen.“ „Das worin beſteht?“ „Welches darin beſteht, daß ſie ein angezündetes Licht hinter das Fenſter des Pavillons ſtellt.“ „Hm?“ machte Salvator lachend,„das heißt die Geliebte eines Commiſſionärs ſein; ſo macht man Commiſſionen. Geh, meine Brieftaube, geh!“ Und Salvator ſah Fragola mit einem Auge voll Liebe nach. Petrus hatte mit Freuden die kleinen Füße ge⸗ küßt, welche ſich zu tummeln ſchienen, einer Freun⸗ din eine gute Nachricht zu bringen. „Ach, Salvator,“ rief Petrus, indem er ſich in die Arme ſeines Freundes warf, als die Thüre ſich hinter Fragola geſchloſſen,„wie ſoll ich Ihnen je für den Dienſt danken, den Sie mir erweiſen!“ „Indem Sie ihn vergeſſen,“ antwortete Salva⸗ tor mit ſeinem ſanften und ruhigen Lächeln. „Aber,“ drängte Petrus,„kann ich Ihnen denn gar keinen Dienſt erzeigen?“ „Durchaus keinen, mein Freund.“ „Sagen Sie mir jedoch, was ich thun muß.“ „Sich vollkommen xuhig verhalten.“ „Wo?“ „Wo Sie wollen; zu Hauſe zum Beiſpiel.“ „O, das werde ich nicht können.“ „So gehen Sie ſpazieren; gehen Sie zu Fuß, ſteigen Sie zu Pferde, gehen Sie nach Belleville, nach Fontenay⸗aux⸗Roſes, nach Bondy, nach Mont⸗ martre, nach Saint Germain, nach Verſailles; über⸗ 174 all, wohin Sie wollen, nur nicht nach dem Boule⸗ vard des Invalides.“ „Aber Regina, Regina!“ „Regina wird durch Fragola vollkommen be⸗ ruhigt werden und ich bin überzeugt, vernünftiger ſein, als Sie; ſie wird zu Hauſe bleiben.“ „Sehen Sie, Salvator, das klingt wie ein Traum.“ „Ja, ein kleiner Traum, aber ein Traum, der beſſer endigen wird, wollen wir hoffen, als er be⸗ gonnen.“ „Und Sie ſagen, vorher werde ich die fünfmal⸗ hunderttauſend Franken in Bankbillets ſehen?“ „Um welche Stunde werden Sie zu Hauſe ſein?“ „O, wann Sie wollenz den ganzen Tag, wenn es ſein muß.“ „Gut! Sie ſagten aber, daß Sie nicht im Stande ſein würden, zu Hauſe zu bleiben.“ „Sie haben Recht, ich weiß nicht, was ich ſage; nun gut alſo, auf Morgen um zehn Uhr, wenn Sie wollen, mein lieber Salvator.“ „Morgen Abend um zehn Uhr.“ „Sie erlauben, daß ich Sie verlaſſet Ich muß Luft ſchöpfen, ſonſt erſticke ich!“ „Warten Sie, ich muß ſelbſt auch ausgehen; wir gehen dann zuſammen.“ „O, mein Gott, mein Gott!“ ſagte Petrus, in⸗ dem er mit den Armen in der Luft herum fuhr, „bin ich denn wach? iſt es wirklich wahr? wir ſind gerettet.“ Und er füllte ſeine Lungen, indem er tief und lang aufathmete. — 175 Während dieſer Zeit trat Salvator in das Schlaf⸗ zimmer und nahm aus der Geheimſchublade eines kleinen Möbels von Roſenholz ein mit doppeltem Stempel verſehenes Papier, das er in die Seiten⸗ taſche ſeiner Sammtweſte ſteckte. Die jungen Leute ſtiegen raſch die Treppen hin⸗ ab, indem ſie Roland die Bewachung des Hauſes anvertrauten. 5 der Straßenthüre bot Salvator Petrus die Hand. „Wir gehen nicht denſelben Weg?“ fragte dieſer. „Ich glaube nicht,“ ſagte Salvator.„Sie gehen aller Wahrſcheinlichkeit nach der Rue Notre Dame Champs, während ich nach der Rue aux Fers gehe.“ „Wie! Sie gehen 7 „An meinen Markſtein,“ ſagte Salvator lachend; „es iſt lange, daß die Damen der Halle mich nicht geſehen, ſie müſſen meinetwegen in Unruhe ſein; und dann muß ich Ihnen geſtehen, ich habe noch ein oder zwei Commiſſionen zu machen, um Ihre fünfmalhunderttauſend Franken zu completiren.“ Und ein Lächeln auf den Lippen, grüßte Sal⸗ vator Petrus mit der Hand. Dieſer ſchlug, in den Gedanken, an das, was ſo eben geſchehen, den Weg ein, der nach der Rue Notre Dame des Champs führte. Da wir in dem Atelier des Malers nichts zu thun haben, ſo wollen wir Salvator folgen, nicht in der Richtung der Rue aux Fers, wohin er gar nicht die Abſicht hatte zu gehen, obgleich er es Petrus geſagt, ſondern nach der Rue de Varennes, in welcher ſich das Bureau des würdigen Notars befand, den wir bereits unſern Leſern unter dem Namen Pierre Nicolas Barratteau vorzuſtellen die Ehre hatten. LXXIII. Der Stellionotar. Es iſt mit den Notaren, wie mit den Hühnern, nur mit dem Unterſchiede, daß man die einen auf⸗ zehrt, während man von den Andern aufgezehrt wird. Es gibt alſo gute und ſchlechte Notare, wie es gute und ſchlechte Hühner gibt. Herr Barratteau gehörte zu der letzteren Cate⸗ gorie; er war ein ſchlechter Notar in der ganzen Bedeutung des Wortes und um ſo ſchlechter, als er im ganzen Faubourg Saint Germain jenes Ru⸗ fes der Rechtlichkeit genoß, mindeſtens dem ähnlich, welches ſich in Vanvres der ehrbare Gerard erfreute. Es war davon die Rede, ihn zur Belohnung für dieſe ſprüchwörtliche Rechtlichkeit zum Maire, zum Deputirten, zum Staatsrath oder irgend etwas Derartigem zu ernennen. Herr Loredan Valgeneuſe protegirte Meiſter Barratteau ſehr ſtark. Er hatte ſeinen Einfluß bei dem Miniſter des Innern geltend gemacht, um ihm das Ritterkreuz der Ehrenlegion zu verſchaffen; man weiß, daß der Einfluß des Herrn Loredan von Val⸗ 177 geneuſe groß war; er hatte das verlangte Kreuz erhalten; der ehrenwerthe Notar war alſo decorirt worden zum großen Scandale ſeiner Bureauſchrei⸗ ber, welche eine unbeſtimmte Kunde davon hatten, daß er ein unbewegliches Gut, von dem er nicht ganz entſchieden ſich Beſitzer nennen konnte, hypo⸗ thezirt hatte, ihn deßhalb leiſe des Verbrechens des Stellionates beſchuldigten und ironiſch unter ſich ihren würdigen Patron den Stellionotar nannten. Die Anklage war nicht ganz gerecht; das Stel⸗ lionat beſteht, nach der juridiſchen Terminologie darin, daß man etwas, was uns gehört, zweimal, nämlich an zwei verſchiedene Käufer veräußert. Meiſter Barratteau hatte ſich, ſo gut die Chronique ſcandaleuſe auch unterrichtet zu ſein glaubte, ſtreng⸗ genommen dieſes Verbrechens nicht ſchuldig gemacht; er hatte eine Sache, die ihm nicht gehörte, hypo⸗ thezirt; ſügen wir hinzu, daß, als er dieſe kleine ünde beging, er nicht Notar, ſondern erſter Schrei⸗ ber war; daß er jene Sünde nur beging, um ſich das Amt eines Notars zu erkaufen; daß, nachdem er auf das Heirathsgut ſeiner Frau hin dies Amt eines Notars erkauft, die Schuld und durch gute und gewichtige Quittungen das urſprüngliche Ver⸗ gehen getilgt. Die Bezeichnung Stellionotar, welche die Schreiber ihrem Patrone gaben, war deßhalb in doppelter Beziehung mangelhaft. Aber man muß jungen Praktikanten etwas zu Gute halten, wenn ſie von einem rothen Bande gereizt werden, wie die Thiere im Circus durch den Scharlachmantel des Torero. Dumas, Salvator. V. 12 1 Zu dieſer zweifelhaften Perſönlichkeit,— nach dem, was wir berichtet, wird dieſes Beiwort nicht übertrieben erſcheinen— zu dieſer zweifelhaften Perſönlichkeit begab ſich Salvator. Er kam in dem Augenblicke an, wo Meiſter Baratteau einen alten Ritter des h. Ludwig zur Thüre begleitete und mit den tiefſten Bücklingen ſich von ihm verabſchiedete. Als er Salvator an der Stelle ſah, wo er ſo⸗ eben ſeinen vornehmen Clienten ſo demüthig ver⸗ abſchiedet hatte, warf Meiſter Baratteau auf den Commiſſionär einen verächtlichen Blick, der bedeuten wollte:„Wer iſt dieſer Bauer?“ Und als Salvator dieſe verächtliche und ſtumme Frage nicht zu begreifen ſchien, erneuerte er ſie laut, indem er an Salvator, ohne zu grüßen, vorüber⸗ ging und ſich an einen ſeiner Schreiber mit der Variante wandte: „Was will dieſer Menſch?“ „Ich wünſche mit Ihnen zu ſprechen, mein Herr,“ antwortete der Commiſſionär. „Haben Sie den Auftrag, mir einen Brief zu überbringen?“ „Nein, mein Herr, ich wollte ſelbſt mit Ihnen ſprechen.“ eigener Angelegenheit?“ a.“ „Sie haben etwas auf meinem Bureau abzu⸗ ſchließen?“ „Ich habe mit Ihnen zu ſprechen.“ „Sagen Sie meinem erſten Schreiber, was Sie — 8 U e 179 mir zu ſagen haben, Freund; es wird das gleiche ſein.“ „Ich kann es nur Ihnen ſagen.“ „Dann kommen Sie ein andermal vorüber, heute habe ich keine Zeit.“ „Ich bitte um Entſchuldigung, mein Herr, aber ich muß heute und nicht ein andermal mit Ihnen ſprechen.“ „Mit mir ſelbſt?“ „Mit Ihnen ſelbſt.“ er Ton ernſter Feſtigkeit, mit welchem Sal⸗ vator die wenigen Worte geſprochen, die wir ſoeben berichtet, mußten unwillkürlich auf Meiſter Baratteau einen großen Eindruck machen. Er wandte ſich deßhalb erſtaunt um und als ob er einen Entſchluß faßte, ohne jedoch Salvator in ſein Cabinet zu führen, ſagte er: „Nun, laſſen Sie hören, was wollen Sie; er⸗ zählen Sie mir Ihre Sache mit kurzen Worten.“ „Unmöglich,“ ſagte Salvator,„meine Sache ge⸗ hört nicht zu denen, welche man zwiſchen Thür und Angel abmacht.“ „Sie werden ſich wenigſtens kurz faſſen.“ „Ich brauche ein gutes viertelſtündiges Geſpräch mit Ihnen und noch weiß ich nicht, ob Sie nach Verfluß von einer Viertelſtunde thun werden, was ich wünſche.“ „Aber, mein Freund, wenn die Sache, die Sie verlangen, ſo ſchwierig iſt...“ „Sie iſt ſchwierig, aber ſie läßt ſich machen.“ „So, ſo! Aber Sie drängen gar zu ſehr, wiſ⸗ 180 ſen Sie, daß ein Mann, wie ich, keine Zeit zu ver⸗ lieren hat?“ „Das iſt wahr; aber ich verſpreche Ihnen zum Voraus, daß Sie die mit mir verlorene Zeit nicht bereuen ſollen; ich komme von Herr v. Valgeneuſe.“ „Sie?“ fragte der Notar erſtaunt, indem er Salvator auf eine Weiſe anſah, welche ſagen wollte: „Welche Beziehungen kann dieſer Commiſſionär zu einem Manne, wie Herr von Valgeneuſe haben?“ „Ja, ich,“ antwortete Salvator. „Treten Sie in mein Cabinet ein,“ ſagte Mei⸗ ſter Baratteau, den die Beharrlichkeit Salvator's endlich auf andere Gedanken brachte,„obgleich ich nicht begreife, welche Bezügniſſe zwiſchen Ihnen und Herr von Valgeneuſe beſtehen können.“ „Sie werden begreifen,“ ſagte Salvator, indem er Meiſter Barratteau in ſein Cabinet folgte, und hinter ſich die Thüre ſchloß, welche das Cabinet von der Schreibſtube ſchied. Bei dem Geräuſch, welches Salvator machte, wandte ſich der Notar um. „Warum ſchließen Sie dieſe Thüre?“ fragte er. „Damit Ihre Schreiber nicht hören, was ich Ihnen zu ſagen habe,“ antwortete Salvator. „Es iſt alſo ſehr geheimnißvoll?“ „Sie werden ſelbſt urtheilen können.“ „Hm!“ machte Meiſter Baratteau, indem er den Commiſſionär mit einer gewiſſen Unruhe anſah und ſich hinter ſein Bureau ſetzte, wie ein Artilleriſt ſich hinter eine Verſchanzung aufpflanzt. Nachdem er hierauf, ohne zu einem Reſultate zu kommen, ihn forſchend angeſehen, ſagte er: „Sprechen Sie.“ Salvator ſah um ſich her, erblickte einen Stuhl, zog ihn an den Schreibtiſch und ſetzte ſich. „Sie ſetzen ſich?“ fragte der Notar erſtaunt. „Habe ich Ihnen nicht geſagt, daß ich eine gute Viertelſtunde zu thun haben würde?“ „Aber ich habe Ihnen nicht geſagt, daß Sie ſich ſetzen ſollen.“ „Ich weiß es wohl; ich nahm jedoch an, daß das nur ein Vergeſſen war.“ „Warum haben Sie das vorausgeſetzt?“ „Weil hier der Fauteuil ſteht, auf dem der Herr ſaß, welcher vor mir hier war.“ „Aber dieſer Herr war der Graf von Noire⸗ terre, Ritter des h. Ludwig.“ „Wohl möglich; da jedoch im Code ſteht:„Alle Franzoſen ſind gleich vor dem Geſetz, ich ferner ein Franzoſe bin, wie der Herr Graf von Noire⸗ terre, und vielleicht ſogar ein beſſerer Franzoſe, als er, ſo ſetze ich mich, wie er ſich geſetzt hat; nur ſetze ich mich, da ich blos vierunddreißig Jahre alt bin, während er ſiebenzig zählt, auf einen Stuhl, ſtatt auf einen Fauteuil.“ Das Geſicht des Notars zeugte von wachſendem Staunen. Endlich ſagte er, wie mit ſich ſelbſt ſprechend: „Nun, das ſieht wie eine Wette aus. Sprechen Sie, junger Mann.“ „Ganz recht. Ich habe mit einem meiner Freunde gewettet, daß Sie die Freundlichkeit haben würden, mir für vierundzwanzig Stunden eine Summe zu leihen, deren ich bedarf.“ 182 „Das iſt die Sache!“ ſagte Meiſter Baratteau mit einem höhniſchen Lächeln, wie es Geſchäftsleu⸗ ten entſchlüpft, wenn man ihnen gewiſſe Propoſitio⸗ nen macht, welche etwas ungewöhnlicher Art ſind. „Ja, das iſt's,“ ſagte Salvator,„und es iſt Ihr Fehler, wenn wir nicht ſchon früher ſo weit waren, das müſſen Sie zugeſtehen: ich wollte ja immer ſprechen.“ „Ich begreife.“ „Ich habe alſo dieſe Wette gemacht.“ „Sie hatten Unrecht.“ „Daß Sie mir die Summe leihen würden, deren mein Freund bedarf.“ „Mein Lieber, ich habe in dieſem Augenblicke kein disponibles Geld.“ „O Sie wiſſen, wenn die Notare keines haben, ſo machen ſie welches.“ „Und wenn ich welches habe, leihe ich nur auf unbewegliche Güter und erſte Hypotheken. Haben Sie unbelaſtete unbewegliche Güter?“ „Ich habe, in dieſem Momente wenigſtens, nicht einen Zoll Erde.“ „Nun, was haben Sie dann zum Teufel hier zu ſchaffen?“ „Ich wollte es Ihnen eben ſagen.“ „Mein Freund,“ ſagte Meiſter Baratteau, indem er die ganze Majeſtät zu Hilfe rief, die er zu ent⸗ falten im Stande war,„machen wir dieſem Scherz ein Ende, ich bitte Sie; meine Clienten ſind kluge und vernünftige Leute, die ihr Geld nicht dem er⸗ ſten Beſten leihen.“ „Aber es iſt ja auch gar nicht das Geld eines 183 Ihrer Clienten, das ich von Ihnen verlangen wollte,“ antwortete Salvator, ohne im mindeſten von der Würde eingeſchüchtert zu ſcheinen, welche man vor ihm entwickelte. „Es wäre alſo vielleicht das Meine?“ fragte der Notar. „Ohne Zweifel.“ „Mein guter Mann, Sie ſind ein Narr.“ „Weßhalb?“ „Es iſt den Notaren verboten, mit ihrem eige⸗ nen Vermögen zu ſpeculiren.“ „Gut,“ ſagte Salvator,„es gibt aber ſo viele Dinge, die zu thun verboten ſind, und die die Notare doch thun.“ „So, ſo! mein Schlaukopf,“ machte Meiſter Ba⸗ ratteau, indem er aufſtand und nach der Glocke ging. „Erſtens bin ich kein Schlaukopf,“ machte Sal⸗ vator, indem er die Arme ausbreitete und ihm den Weg verſperrte,„und da ich ferner noch nicht alles geſagt, was ich Ihnen zu ſagen habe, ſo wollen Sie ſo freundlich ſein, wieder Ihren Platz einzu⸗ nehmen und mich zu Ende zu hören.“ Meiſter Baratteau ſah den Commiſſionär mit blitzenden Blicken an; aber die ganze Erſcheinung, Haltung, Phyſiognomie, der Blick, hatte ſo ſehr das Gepräge der Kraft und des Rechtes, ſo ſehr den Charakter eines ruhenden Löwen, daß der Notar ſich wieder ſetzte. Aber indem er ſich ſetzte, zog ein Lächeln ſeine Lippen zuſammen; er bereitete offenbar einen Schlag ſ den zu pariren ſeinem Gegner ſchwer werden ſollte. 184 „Sie haben mir wirklich noch nicht geſagt,“ fuhr er fort,„wie Sie von Herrn Loredan von Valge⸗ neuſe kommen.“ „Ihr Gedächtniß trügt Sie, würdiger Meiſter Baratteau,“ antwortete Salvatorz„ich habe Ihnen nicht geſagt, daß ich von Herrn Loredan von Valge⸗ neuſe komme.“ „Ei, das wäre!“ „Ich habe Ihnen nur ſchlechtweg geſagt, daß ich von Herrn von Valgeneuſe komme.“ „Das iſt daſſelbe, wie mir ſcheint.“ „Ja, nur daß es gerade das Gegentheil iſt.“ „Erklären Sie ſich, denn ich fange an des Han⸗ dels überdrüſſig zu werden.“ „Ich habe die Ehre, Ihnen zu wiederholen, mein Herr, daß, wenn ich noch nicht mit Ihnen in's Reine gekommen bin, dies Ihre Schuld iſt.“ „So wollen wir zu Ende kommen.“ „Ich wünſche nichts ſehnlicher. Trotz des ausge⸗ zeichneten Gedächtniſſes, das Sie zu beſitzen ſchei⸗ nen, mein Herr,“ fuhr Salvator fort,„ſcheinen Sie mir doch vergeſſen zu haben, daß es zwei Val⸗ geneuſe gibt.“ „Wie! zwei Valgeneuſe?“ antwortete der Notar zitternd. „Gewiß, der Eine nennt ſich Loredan von Val⸗ geneuſe, und der Andere Conrad von Valgeneuſe.“ „Und Sie kommen von?...5 „Von Dem, welcher ſich Conrad nennt.“ „Gut! Sie kannten ihn alſo früher?“ „Ich habe ihn immer gekannt.“ „Ich wollte ſagen vor ſeinem Tode.“ „Sind Sie ſicher, daß er todt iſt?“ Bei dieſer ſo einfachen Frage fuhr Herr Barat⸗ teau von ſeinem Tiſche empor. „Wie! ob ich ſicher ſei?“ rief der Notar. „Ja, ich frage Sie,“ antwortete der junge Mann ruhig. „Gewiß bin ich ſicher!“ „Sehen Sie mich wohl an.“ „Ich ſoll Sie anſehen?“ „Weßhalb?“ „Nun, ich ſage Ihnen: ich weiß, daß Herr Con⸗ rad von Volgeneuſe lebt.“ Sie antworten mir dar⸗ auf:„Ich bin gewiß, daß Herr Conrad von Valge⸗ neuſe todt iſt,“ und ich ſage Ihnen:„Sehen Sie mich wohl an,“ vielleicht wird die Prüfung die Frage abſchneiden.“ „Aber wie ſollte dieſe Prüfung die Frage ab⸗ ſchneiden?“ fragte der Notar. „Aus dem unendlich einfachen Grunde, weil ich Herr Conrad von Valgeneuſe bin.“ „Sie!“ rief Baratteau, deſſen Wangen ſich mit einer Leichenbläſſe überzogen. „Ich,“ antwortete Salvator, mit demſelben Phlegma. „Das iſt eine Betrügerei!“ ſtotterte der Notar; „Herr Conrad von Valgeneuſe iſt todt.“ „Conrad von Valgeneuſe ſteht vor Ihnen.“ Während dieſes kurzen Geſprächs hatten ſich die verſtörten Blicke Meiſter Baratteaus auf den jungen Mann gerichtet, und ohne Zweifel, an das Gedächt⸗ niß des Notars appellirend, wirklich die unwider⸗ 186 ſprechliche Identität feſtgeſtellt, denn der Notar, plötz⸗ lich aufhörend, entſchieden zu leugnen, ging zu einer andern Geſprächsform über. „Nun, und wenn Sie es wären?“ „Ah!“ ſagte Salvator,„geſtehen Sie, daß das ſchon etwas heißen würde.“ „Was würden Sie dabei gewinnen?“ „Ich würde dabei zunächſt gewinnen, daß ich lebte und dann, daß ich Ihnen beweiſen könnte, ich lüge nicht, indem ich Ihnen ſage, ich komme von Herrn von Valgeneuſe, da Herr von Valgeneuſe ich ſelbſt bin; endlich würde ich dabei gewinnen und gewinne bereits, daß ich von Ihnen mit größerer Höflichkeit behandelt, mit mehr Aufmerkſamkeit an⸗ gehört würde.“ „Aber ſo ſagen Sie doch endlich, Herr Conrad...“ „Conrad von Valgeneuſe,“ ergänzte Salvator. Der Notar ſchien zu ſagen:„wenn ſie ſo wollen“ und fuhr fort: „Aber, Herr Conrad von Valgeneuſe, Sie wiſſen beſſer, als irgend Jemand, was beim Tode Ihres Herrn Vaters geſchehen iſt.“ „Beſſer als irgend Jemand, in der That,“ ant⸗ wortete der junge Mann in einem Tone, der den Notar durch alle Adern ſchauern machte. Er nahm ſich deſſenungeachtet vor, keck zu ant⸗ worten und ſagte mit einem abgefeimten Lächeln: „Und doch nicht beſſer, als ich.“ „Nicht beſſer, aber ebenſo gut.“ Es entſtand eine Pauſe, während welcher Sal⸗ vator auf den Beamten einen jener Blicke heftete, mit welchem die Schlange den Vogel bezaubert, — „— as ich ich on ſe nd rer n⸗ or. n“ en es nt⸗ en nt⸗ al⸗ Aber wie der Vogel nicht ohne Kampf in den Rachen der Schlange fällt, verſuchte Herr Baratteau noch zu kämpfen. „Nun, was wollen Sie alſo?“ fragte er. „Erſtens, ſind Sie feſt überzeugt von meiner Identität?“ fragte Salvator. „So feſt, als man von der Gegenwart eines Menſchen überzeugt ſein kann, deſſen Beerdigung man angewohnt,“ ſagte der Notar, in der Hoffnung, dem Zweifel dadurch wieder Thür und Thor zu öffnen. „Das heißt,“ verſetzte Salvator,„daß Sie der Beerdigung einer Leiche angewohnt, die ich in der Anatomie gekauft und für meinen Kadaver ausge⸗ geben, aus Gründen, die ich Ihnen nicht auseinander zu ſetzen brauche.“ Das war der letzte Stoß; der Notar verſuchte nicht länger die Sache ſtreitig zu machen. „Wirklich,“ ſagte er, indem er ſeiner Verlegen⸗ heit Herr zu werden ſuchte und es nicht übel auf⸗ nahm, daß Salvator ihm eine Art Friſt gönnte, „Jje mehr ich Sie anſehe, deſto mehr entſinne ich mich Ihres Geſichtes; aber ich geſtehe, daß ich Sie auf den erſten Blick nicht erkannt hätte, erſtens, weil ich Sie wirklich todt glaubte, und dann, weil Sie ſich ſehr verändert haben.“ „Man verändert ſich ſo ſehr in ſechs Jahren!“ ſagte Salvator mit einer Art von Melancholie. „Wie! es ſind ſchon ſechs Jahre? Es iſt ſchreck⸗ lich, wie die Zeit verfliegt!“ machte der Notar, in Ermangelung von etwas Beſſerem ſich in Gemein⸗ plätzen ergehend. 188 Und während er ſo ſprach, betrachtete Baratteau mit prüfendem Auge den Anzug des jungen Mannes. Nachdem er ſich vergewiſſert, daß es ganz die Klei⸗ dung eines Commiſſionärs ſei, an der nichts mangle, nicht mal die Medaille, kehrte ſeine Ruhe nach und nach wieder zurück, und er glaubte vollkommen klar in dem Verlangen zu ſehen, das Salvator an ihn ſtellte. Er ſchloß aus ſeiner Prüfung ganz natür⸗ lich, daß, obgleich die Kleidung ſehr proper ſei, der welcher ſie trug, ſich in bedrängten Umſtänden be⸗ finde und, wie er ihm bereits geſagt, gekommen ſei, um eine kleine Anleihe zu machen; in dieſem Falle war Meiſter Baratteau ein Mann, der auf ſeiner Hut blieb, und er hatte ſich bereits geſagt, wenn Solvator ſehr artig wäre, ſo ſolle man nicht ſagen, daß der Notar der Familie Valgeneuſe den Sohn des Marquis von Valgeneuſe, obgleich dieſer Sohn ein Baſtard, wegen einiger Louisdors Hun⸗ gers ſterben laſſe. Auf dieſe Weiſe beruhigt und durch dieſe Ueber⸗ zeugung in eine beſſere Stimmung verſetzt, vertiefte ſich Meiſter Baratteau in ſeinen Fauteuil, kreuzte das rechte Bein mit dem linken, nahm einen der auf ſeinem Schreibtiſche zerſtreuten Actenpäcke und begann ihn zu durchlaufen, indem er die Zeit be⸗ nutzen wollte, welche der verlegene junge Mann dazu brauchte, ihm ſein Verlangen auseinander zu ſetzen. Salvator lies ihn gewähren, ohne ein Wort zu ſagen; hätte der Notar jedoch in dieſem Augenblicke die Augen zu ihm erhoben, ſo würde er ſicher über ,— — S — au es. lei⸗ le, den Ausdruck von Verachtung erſchrocken ſein, der auf dem Geſichte des jungen Mannes lag. Der Notar erhob jedoch die Stirne nicht; er las oder that, als ob er ein geſtempeltes und von oben bis unten bekritzeltes Papier durchläſe und mit auf das Papier gehefteten Blicken ſagte er im Tone ächt chriſtlichen Mitleids: „Und Sie ſind Commiſſionär geworden, mein armer Junge?“ „Mein Gott, ja,“ antwortete Salvator unwill⸗ kürlich lächelnd. „Friſten Sie dadurch wenigſtens Ihr Leben?“ fuhr der Notar fort, ohne den Blick abzuwenden. „Ja wohl,“ erwiderte Salvator, indem er den Aplomb Meiſter Baratteau's bewunderte,„ich habe mich nicht zu beklagen.“ „Und wie viel kann das Commiſſionenmachen täglich eintragen?“ „Fünf bis ſechs Franken; Sie begreifen, es gibt gute und ſchlimme Tage.“ „H, o!“ machte der Notar,„das iſt ein gutes Geſchäft, mit fünf Franken täglich kann man, wenn man noch ſo wenig ökonomiſch lebt, immerhin noch n bis fünfhundert Franken jährlich bei Seite egen.“ „Glauben Sie?“ fragte Salvator, indem er be⸗ ſtändig den Notar in's Auge gefaßt behielt, wie die Katze die Maus, die ſie zwiſchen ihre Tatzen hält. „Ja wohl, ja wohl!“ fuhr Meiſter Baratteau fort.„Nehmen Sie zum Beiſpiel mal mich, der mit Ihnen ſpricht: ich habe als erſter Schreiber in eben dieſem Büreau zweitauſend Franken von mei⸗ 190 nem Einkommen erſpart, das in fünfzehnhundert Franken beſtand: das bildete den kleinen Anfang meines kleinen Knäuels. O, die Oeconomie, mein Lieber, die Oeconomie! es gibt kein wirkliches Glück ohne Sparſamkeit! auch ich war jungz; ich habe wie die Andern meine tollen Streiche gemacht; aber ich habe nie mein Budget überſchritten, nie die kleinſte Geldſumme geliehen, nie die kleinſte Schuld gemacht: mit ſolchen Grundſätzen ſichert man ſich für ſeine alten Tage ein ruhiges Leben. Wer weiß! vielleicht werden Sie auch noch mal mit der Zeit Millionär!“ „Wer weiß?“ machte Salvator. „Ja; aber indeſſen ſind wir etwas in Verlegen⸗ heit, nicht wahr? Wir haben unſre muthwilligen Streiche gemacht und da wir uns auf dem Trocke⸗ nen ſahen, erinnerten wir uns des braven Meiſter Baratteau und ſagten uns:„Der iſt ein guter Junge, der uns nicht in der Noth ſtecken laſſen wird.““ „Allerdings, mein Herr,“ ſagte Salvator,„ich muß geſtehen, daß Sie in meinen Gedanken wie mit einer Loupe leſen.“ „Leider!“ machte der Notar ſentenziös,„wir ſind unglücklicher Weiſe gewöhnt, das menſchliche Elend zu ſondiren: was mir mit Ihnen begegnet, begegnet mir alle Tage mit fünfzig armen Leuten, die alle ihre alte Leier in demſelben Tone beginnen und die ich, ſobald ſie dieſe alte Leier beginnen, zur Thüre hinauswerfe.“ „Ja,“ ſagte Salvator,„ich habe wohl geſehen, n bei Ihnen eintrat, daß dies Ihre Gewohn⸗ eit iſt.“ d ert ng ein ück wie ich iſte ht: ine icht r 1 en⸗ en cke⸗ ter ter ſen ich mit wir che tet, en, en en, en, hn⸗ 191 „Was wollen Sie! wenn man allen beiſtehen müßte, die unſere Unterſtützung in Anſpruch nehmen, ſo würde ſelbſt die Caſſe Rothſchilds nicht ausreichen, aber Sie, mein Lieber,“ beeilte ſich Meiſter Barat⸗ teau hinzuzufügen,„Sie ſind nicht„alle Welt“: Sie ſind der natüliche Sohn meines ehemaligen Clienten, des Marquis von Valgeneuſe: und ſo un⸗ vernünftig Sie auch ſein mögen, wünſche ich doch nichts mehr, als Ihnen einen Dienſt zu erzeigen. Wie viel haben Sie, genau berechnet, nöthig? laſſen Sie hören,“ fuhr der Notar fort, indem er, ſich zurückbeugend, die Schublade ſeines Schreibtiſches, in dem er ſein Geld hatte, langſam herauszog. „Ich brauche fünfmalhunderttauſend Franken,“ ſagte Salvator. Der Notar ſtieß einen Schrei des Schreckens aus und wäre beinahe zurückgefallen. „Aber Sie ſind ein Narr, mein Lieber!“ rief er, die Schublade in ihre Heffnung zurückwerfend und den Schlüſſel in ſeine Taſche ſteckend. „Ich bin ebenſo wenig ein Narr, als ich geſtor⸗ ben bin,“ ſagte der junge Mann;„ich brauche fünf⸗ malhunderttauſend Franken und zwar in den näch⸗ ſten vierundzwanzig Stunden.“ Meiſter Baratteau richtete einen verſtörten Blick auf Salvator; es war, als ob er ihn mit einem Dolch oder einer Piſtole in der Hand drohen ſähe. Salvator ſaß ganz ruhig auf ſeinem Seſſel und ſein Geſicht trug das volle Gepräge des Wohlwol⸗ lens und der Ruhe. „O, o!“ machte der Notar.„Sie haben ſicher den Verſtand verloren, junger Mann.“ 192 Aber Salvator fuhr fort, als ob er ihn nicht gehört hätte: „Zwiſchen jetzt und morgen früh neun Uhr,“ ſagte Salvator, jedes Wort langſam und nachdrück⸗ lich betonend,„zwiſchen jetzt und morgen früh neun Uhr brauche ich fünfmalhunderttauſend Franken. Haben Sie gehört?“ Der Notar ſchüttelte verzweifelnd den Kopf, wie ein Menſch, der ſagen will:„der arme Junge, er weiß ſich nicht mehr zu helfen.“ „Sie haben gehört?“ wiederholte Salvator. „Nun, nun, laſſen Sie mit ſich ſprechen, mein Lieber,“ ſagte Meiſter Baratteau, der zwar wohl den Zweck Salvator's, aber nicht die Mittel begriff, wie er dazu gelangen wollte, und doch eine große Gefahr unter dem Pflegma des jungen Mannes brüten zu ſehen glaubte,„wie kann Ihnen in den Sinn kommen, daß, ſelbſt im Hinblicke auf Ihren Vater, für welchen ich allerdings eine große Freund⸗ ſchaft und eine hohe Verehrung beſaß, ein unglück⸗ licher Notar, wie ich, eine ſolche Summe ſollte borgen können?“ „Das iſt wahr,“ verſetzte Salvator,„ich habe mich eines unpaſſenden Wortes bedient, ich hätte von Zurückgabe ſprechen ſollen: damit aber daraus kein Mißverſtändniß entſtehe, wiederhole ich mein Verlangen: ich reclamire alſo von Ihnen vorerſt fünfmalhunderttauſend Franken kraft meines Rechts auf Reſtitution.“ „Reſtitution?“ wiederholte Meiſter Baratteau mit zitternder Stimme, denn er begann zu begrei⸗ k⸗ n n. ie er fen, weßhalb der Marquis von Valgeneuſe die Thüre hinter ſich geſchloſſen hatte. „Ja, mein Herr, kraft meines Rechtes auf Reſti⸗ tution,“ wiederholte Salvator zum dritten Male in ſtrengem Tone. „Aber was wollen Sie denn ſagen?“ fragte mit halb erſtickter Stimme und jedes Wort einzeln her⸗ vorſtoßend der Notar, über deſſen Stirne der Schweiß rieſelte. „Hören Sie wohl,“ ſagte Salvator. „Ich höre,“ antwortete der Notar. „Der Marquis von Valgeneuſe, mein Vater,“ fuhr Salvator fort,„ließ Sie vor bald ſieben Jahren kommen... „Sieben Jahren!“ wiederholte der Notar me⸗ chaniſch. „Allerdings, es war am 11. Juni 1821.. Rechnen Sie.“ Der Notar antwortete nicht und ſchien auch nicht zu rechnen. Er wartete. zEs geſchah,“ fuhr Salvator fort,„um Ihnen ein Teſtament zu übergeben, durch welches der Mar⸗ quis, indem er mich als ſeinen Sohn adoptirte, mich zu ſeinem Univerſalerben ernannte.“ „Das iſt falſch!“ rief der Notar, der augen⸗ blicklich ganz grün wurbe. „Ich habe jenes Teſtament geleſen,“ fuhr Sal⸗ vator fort, ohne das Leugnen des Meiſter Barat⸗ teau gehört zu haben.„Es waren zwei Exemplare von der eigenen Hand meines Vaters geſchrieben worden: eine dieſer Copien ward Ihnen übergeben; Dumas, Salvator. V. 13 194 die andere iſt verſchwunden. Ich komme, Sie um die Mittheilung dieſes Teſtamentes zu erſuchen.“ „Das iſt falſch, ganz und gar falſch!“ heulte der Notar, an allen Gliedern ſchauernd.„Ich hörte allerdings Ihren Herrn Vater von dem Plane, ein Teſtament aufzuſetzen, ſprechen, aber Sie wiſſen, Ihr Herr Vater iſt ſo plötzlich geſtorben; es iſt wohl möglich, daß ein ſolches Teſtament gemacht worden, ohne daß es mir übergeben wäre.“ „Können Sie es beſchwören?“ fragte Salvator. „Ich gebe mein Ehrenwort!“ rief der Notar, indem er die Hand erhob, als ob er das Crucifix des Aſſiſenhofes vor ſich hätte,„ich ſchwöre darauf!“ „Gut denn, wenn Sie es vor Gott beſchwören, Herr Baratteau,“ ſagte Salvator, ohne im gering⸗ ſten dadurch außer Faſſung gebracht zu werden,„ſo ſu Sie der infamſte Schuft, den ich jemals ge⸗ ſehen.“ „Herr Conrad!“ ſtotterte der Notar, indem er auffuhr, als ob er auf Salvator losſtürzen wollte. Dieſer nahm ihn jedoch am Arme und ſetzte ihn wieder in ſeinen Fauteuil, wie er es etwa mit einem Kinde gemacht hätte. Nun begriff Meiſter Baratteau ganz, weßhalb Salvator die Thüre hinter ſich geſchloſſen hatte. „Zum letzten Male,“ ſagte Salvator in ernſtem Tone,„fordere ich ſie auf, mich von dem Teſta⸗ mente meines Vaters Einſicht nehmen laſſen zu wollen.“ „Es exiſtirt kein ſolches, exiſtirt kein ſolches, ſage ich Ihnen!“ rief der Notar, wie ein Kind mit den Füßen ſtampfend. m a⸗ zu ge n 195 „Gut, Herr Baratteau,“ ſagte Salvator,„ich gebe für einen Augenblick, aber nur für einen Augenblick zu, daß Sie von dieſem Act keine Kennt⸗ niß haben.“ Der Notar athmete wieder auf. LXXXIV. Wo Meiſter Pierre Nicolas Baratteau unter Anleitung Sal⸗ vator's den Code civil und Code penal ſtuvirt. Die Erleichterung, welche in dem moraliſchen und phyſiſchen Zuſtande des würdigen Meiſter Ba⸗ ratteau eingetreten war, dauerte nicht lange, denn beinahe ebenſo bald begann Salvator wieder. „Sagen Sie mir,“ fuhr Salvator fort,„zu welcher Strafe würde ein öffentlicher Beamter ver⸗ urtheilt, der ein Teſtament unterſchlagen hätte?“ „Ich weiß es nicht, ich erinnere mich nichts,“ ſagte der Notar, deſſen Augen ſich ſchloſſen, als wollte er ſich den glühenden Blicken des jungen Mannes entziehen. „Nun gut,“ ſagte Salvator, indem er die Hand nach einem Buche ausſtreckte, deſſen Schnitt in fünf verſchiedene Farben abgetheilt war,„wenn Sie es nicht wiſſen, ſo will ich es Ihnen ſagen; wenn Sie ſich nicht mehr erinnern, ſo will ich Ihr Gedächtniß auffriſchen.“ „O!“ ſagte der Notar lebhaft,„das iſt unnöthig.“ „Ich bitte um Verzeihung,“ ſagte Salvator, den Code ergreifend,„es iſt im Gegentheil durchaus 13 196 nothwendig: überdies wird es nicht lange dauern: ohne Notar zu ſein, habe ich dies Buch tüchtig ſtudirt, und werde nur einen Augenblick nöthig haben, um zu finden, was ich ſuche. Artikel 254 des Code penal, Buch III.“ Meiſter Baratteau ſuchte Salvator Einhalt zu thun, denn er kannte ebenſo gut, als dieſer, den fraglichen Artikel: aber Salvator hielt die Hand zurück, die der Notar nach ihm ausſtreckte, um den Code zu ergreifen, und, den Artikel endlich findend, den er ſuchte, ſagte er: „Artikel 254; der iſt's: hm! hören Sie denn!“ Die Aufforderung war unnöthig, denn der Notar war ganz Ohr. „Bei Unterſchlagung, Vernichtung, Beiſeiteſchaf⸗ fung von Urkunden oder Criminalacten, oder andern Papieren, Regiſtern, Acten oder Werthpapieren, welche in Archiven, Kanzleien, oder öffentlichen De⸗ pots aufbewahrt werden, oder einem öffentlichen Verwahrer übergeben ſind, wird der nachläſſige Kanzliſt, Archivar, Notar oder ſonſt Verwahrer mit drei Monaten bis zu einem Jahre Gefängniß und Geldbuße von 100 bis 300 Franken be⸗ ſtraft.“ „Pah!“ ſchien Meiſter Baratteau zu ſagen,„neh⸗ men wir auch das Maximum der Strafe an, das heißt ein Jahr Gefängniß und dreihundert Franken Geldbuße, ſo hätte ich da immer noch ein gutes Geſchäft gemacht.“ Salvator las auf dem Geſichte Meiſter Barat⸗ teau's wie in einem weitgeöffneten Buche. „Warten Sie, warten Sie, ehrlicher Hert Ba⸗ ig ig 4 zu en d en ar f⸗ rn e⸗ en ge nit nd e⸗ h⸗ as es ratteau,“ ſagte er;„es iſt noch ein Artikel da, welcher die nämliche Strafe betrifft.“ Meiſter Baratteau ſtieß einen Seufzer aus. „„Artikel 255,““ fuhr er fort. Und er las: „„Wer ſich der Unterſchlagung, Vernichtung oder Beiſeiteſchaffung, die im vorhergehenden Artikel ge⸗ nannt ſind, ſchuldig macht, wird mit Einſchließung beſtraft.““ „Bah!“ ſchien der Notar zu ſagen.„Nennen wir das Gefängniß oder Einſchließung, das iſt ein und daſſelbe, gehüpft wie geſprungen. voraus⸗ geſetzt, daß man überhaupt das andere Teſtament fände, was mir unmöglich erſcheint, denn Herr von Valgeneuſe hat mir ja verſichert, daß er es in's Feuer geworfen,— und es bleibt immer noch ein gutes Geſchäft.“ Zum Unglück für den würdigen Mann ließ ihn Salvator nicht lange in dieſer Ruhe. Die Situation war auch wirklich, wie man ſehen wird, durchaus nicht der Art, wie ſie ſich Meiſter Baratteau ausgedacht. Salvator las den zweiten Abſatz des Artikels 255. „Wenn das Verbrechen das Werk des Depoſi⸗ tärs ſelbſt iſt, ſo wird er mit zeitweiſer Zwangs⸗ arbeit beſtraft.“ Das Geſicht des Notars entſtellte ſich ſo raſch und ſo vollſtändig, daß Salvator befürchtete, er möchte einen epileptiſchen Anfall bekommen, und die S nach der Glocke ausſtreckte, um nach Hülfe zu rufen. Aber der Notar hielt ihn zurück. 198 „Was wollen Sie thun?“ rief er. „Ich will nach einem Arzte ſchicken: Sie ſchei⸗ nen mir nicht wohl zu ſein, mein lieber Herr.“ „Es iſt nichts, es iſt nichts,“ ſagte der Notar, „achten Sie nicht darauf: ich habe hier und da Magenüblichkeiten; ich hatte heute ſo viel zu thun, daß ich mir nicht die Zeit nahm, zu frühſtücken.“ „Da hatten Sie Unrecht,“ ſagte der junge Mann, „es iſt gut, daß man ſeine Geſchäfte beſorgt, aber nicht auf Koſten der Geſundheit, und wenn Sie frühſtücken wollen, ſo werde ich geduldig warten, bis Sie fertig ſind; wir werden dann unſer Ge⸗ ſpräch ſpäter wieder aufnehmen.“ „Nein, nein, fahren Sie fort,“ ſagte der Notar, „ich denke, Sie haben mir nichts Wichtiges mehr zu ſagen, merken Sie wohl,— das iſt eine Bemer⸗ kung, nicht ein Vorwurf,— wir ſprechen bereits zehn Minuten von Criminalſachen, gerade als wenn Sie ein Unterſuchungsrichter wären und ich ein Ver⸗ brecher. Faſſen Sie ſich kurz, wenn's beliebt.“ „Ei, lieber Herr Baratteau,“ rief Salvator,„ich glaube, daß nicht ich es bin, der die Sache in die Länge zieht, ſondern Sie, der alle Arten von Schwierigkeiten macht.“ „Ah! Sie begreifen,“ ſagte der Notar,„daran iſt nur das Schuld, daß Ihnen ſoeben ein harter Ausdruck in Rückſicht auf mich entſchlüpft iſt.“ „Ich glaube geſagt zu haben, daß Sie...“ „Es iſt unnöthig, zu wiederholen,“ unterbrach der Notar;„ich will gerne vergeſſen, und Ihnen ſelbſt in der Erinnerung an Ihren Vater meine Dienſte anbieten; aber ſtellen Sie Ihr Verlangen 109 vernünftiger! Sie könnten mich in vier Stücke ſchnei⸗ den und ich wäre doch nicht im Stande, Ihnen zu geben, was ich nicht habe. Erklären Sie ſich deß⸗ halb categoriſch.“ „Nun gut, das will ich eben thun,“ antwortete Salvator,„und um mich kurz zu faſſen, gehe ich raſch vom Artikel 255 des Code penal zu Artikel 1382 und 1383 des Code civil, Buch 3, Titel IV., Capitel 2 über. Seien Sie ohne Sorgen, ich habe dieſen Punkt bereits.“ Der Notar wollte Salvator noch zuvor unter⸗ brechen; dieſer ließ ihm jedoch nicht die Zeit und fuhr fort: „Artikel 1382. Jede Handlung eines Menſchen, welche einem Andern Nachtheil bringt, verpflichtet Den, durch deſſen Fehler dies geſchehen, zum Erſatz. „Artikel 1383. Jeder iſt für den Schaden ver⸗ antwortlich, den er verurſacht, ſei es durch ſeine Handlung, oder auch durch ſeine Nachläſſigkeit oder Unvorſichtigkeit.“ Salvator ſah auf und ſagte, indem er den Fin⸗ ger auf die Artikel hielt, langſam und feierlich: „Sehen Sie, wie das Geſetz die Unterſchlagung beſtraft; ich ſpreche vom bürgerlichen Tod, vom Verluſt der bürgerlichen Ehren- undd Dienſtrechte, nur um Sie daran zu erinnern, es iſt ein Einzel⸗ nes im Ganzen. Und jetzt, nachdem ich Sie an das Geſetz erinnert, erlauben Sie mir, meine Bitte zu wiederholen:„wollen Sie ſo gütig ſein, mir von jetzt bis morgen früh neun Uhr fünfmalhunderttau⸗ ſend Franken zu verſchaffen?“ „Aber,“ rief der Notar, indem er that, als ob 200 er ſich die Stirne an den Schreibtiſch ſtoßen, das heißt mit dem Kopf wider die Wand rennen wollte, „dabei könnte man den Verſtand verlieren, wenn ich ihn nicht bereits verloren, denn die Sprache, die Sie mit mir ſprechen, erſcheint mir ſo wahnſinnig, daß ich an einen furchtbaren Alp glauben muß.“ „Beruhigen Sie ſich, ehrenwerther Herr Barat⸗ teau, Sie ſind vollſtändig wach und ich glaube, daß Sie den Beweis davon geben.“ Der Notar wußte noch nicht, was Salvator ihm ſagen wollte; aber er zitterte unwillkürlich, als wenn er es wüßte. „Zum letzten Male,“ ſagte der junge Mann, „können Sie mir ſchwören, daß Sie das Teſtament des Marquis von Valgeneuſe weder geſehen, noch empfangen.“ „Ja, ich ſchwöre es Ihnen vor Gott und den Menſchen, daß ich dieſes Teſtament weder geſehen, noch empfangen?“ „Nun,“ ſagte Salvator kalt, indem er ein Pa⸗ pier aus ſeiner Taſche zog,„ſo wiederhole ich Ihnen meinerſeits, damit Sie es nicht vergeſſen, daß Sie der infamſte Schuft ſind, den ich jemals gekannt. Sehen Sie!“ Und Salvator, welcher mit der linken Hand Herrn Baratteau, der zum zweiten Male aufſpringen zu wollen ſchien, zurückhielt, zeigte ihm mit der Rechten das Teſtament, das er ſchon einmal, wie man ſich erinnern wird, Loredan von Valgeneuſe in dem Wirthshauſe von Chatillon gezeigt, wo Jean Taureau und ſein Freund Touſſaint Louverture mit „—— ———— dem armen jungen Mann ſo ſchlimm umgegangen waren. Dann las er folgende Zeilen, welche auf dem Couverte ſtanden: „Dies iſt das Duplicat meines eigenhändig ge⸗ ſchriebenen Teſtamentes, deſſen zweite Copie in die Hände des Herrn Pierre Nicolas Baratteau, Notars, Rue de Varennes, in Paris niedergelegt werden wird. Jede Copie iſt von meiner eigenen Hand geſchrieben und gilt mit dem Original gleich. 11. Juli 1821. Marquis von Valgeneuſe. „Es heißt werden wird, aber nicht iſt!“ rief der Notar. „Das iſt wahr,“ ſagte Salvator;„aber hier unter meinem Finger ſteht ein einfaches Wort, wel⸗ ches die Lücke ausfüllt.“ Er nahm den Finger weg und Meiſter Barat⸗ teau konnte, während ihm der Schweiß auf der Stirne ſtand, das einzige Wort leſen, das unter den Zeilen ſtand, die wir ſo eben citirt: „Erhalten P. N. Baratteau.“ Dieſe koſtbare Unterſchrift war von einem jener Federzüge begleitet, welche die Notare nur allein zu machen verſtehen. Meiſter Baratteau ſuchte mit ungeſtümer Haſt das Teſtament zu erfaſſen, wie es unter ähnlichen Umſtänden Loredan de Valgeneuſe verſucht; Salva⸗ tor jedoch, die Abſicht ahnend und der Bewegung 202 zuvorkommend, drückte ihm ſo kräftig den Arm, daß dieſer in bitterem Tone ſagte: „Oh! Herr Conrad, Sie zerbrechen mir den „Elender!“ machte Salvator, indem er ihn ver⸗ ächtlich losließ und das Papier wieder in ſeine Taſche ſteckte,„beſchwöre jetzt vor Gott und den Menſchen, daß Du das Teſtament des Marquis von Valge⸗ neuſe nie geſehen, noch empfangen.“ Dann zurücktretend und die Arme kreuzend, ſagte er mit einem Blick auf den Notar: „Wahrhaftig, ich ſtaune, wie weit das menſch⸗ liche Gewiſſen ſich betäuben läßt! Ich habe vor mir einen Elenden, welcher glauben mußte, in Folge ſeines Verbrechens habe ſich ein unglücklicher junger Mann von fünf⸗ bis ſechsundzwanzig Jahren das Hirn zerſchmettert und dieſer Elende folgte ſeinem Leichenzug, lebte ohne Gewiſſensbiſſe, im Genuſſe der öffentlichen Achtung, die ſich von dieſem Schufte täuſchen ließ; er lebte von dem Leben eines An⸗ dern, hatte eine Frau, Kinder, Freunde, lachte, aß, ſchlief, ohne ſich zu ſagen, daß er eigentlich nicht in ein elegantes Cabinet, vor einen Schreibtiſch in Boullefacon gehörte, ſondern an den Pranger, in das Bagno, auf die Galeeren; wahrhaftig die Ge⸗ ſellſchaft, die uns ſolche Ungeheuerlichkeiten bietet, iſt eine ſchlechte und bedarf grauſamer Reformen!“ Dann den Ton ändernd, fuhr er fort, indem er die Augbrauen ſtark zuſammenzog:„Machen wir der Sache ein Ende. Mein Vater hat mir durch Teſtament all' ſein Beſitzthum, bewegliches, wie un⸗ bewegliches Gut, hinterlaſſen. Sie ſind mir ſonach, — 8——— S kraft meines Rechtes auf Zurückgabe und Erſatz, ohne Präjudiz für die im Criminalgeſetzbuch vorge⸗ ſehenen Strafen, die Geſammtheit des Beſitzthums meines Vaters ſchuldig, welche in dem Teſtamente auf vier Millionen geſchätzt ward; ferner das In⸗ tereſſe dieſer vier Millionen während ſieben Jahren, beſtehend in vierzehnmalhunderttauſend Franken, wobei Zins aus Zins nicht gerechnet und auch der Schadenerſatz, zu dem mich die Artikel 1382 und 1383 berechtigen, nicht in Anſchlag genommen iſt. Sie ſchulden mir ſonach, ohne für den Augenblick von dieſem Schadenerſatz zu ſprechen, die runde Summe von fünf Millionen viermalhunderttauſend Franken. Sie ſehen, daß mein Verlangen beſchei⸗ dener und vernünftiger iſt, als Sie behaupten, weil das, was ich verlange, nicht den zehnten Theil mei⸗ nes Vermögens beträgt. Faſſen Sie ſich deßhalb und bringen wir dieſe ſchmutzige Sache ſobald als möglich in's Reine.“ Der Notar ſchien nichts gehört zu haben: die Blicke auf die Erde geheftet, den Kopf auf die Bruſt herabgebeugt, die Arme ſtarr am Körper hängen laſſend, wie die eines Gliedermannes, niedergeſchlagen, zu Boden geſchmettert, ver⸗ nichtet, hätte man ihn für den größten Ver⸗ brecher halten können, der vor dem ſtrafenden Erz⸗ engel des jüngſten Gerichtes ſteht. Salvator klopfte ihm auf die Schulter, um ihn aus dieſer Betäubung zu reißen und ſagte ihm: „Nun, woran denken wir 2 Der Notar zitterte, als ob ihn die Hand des Gensd'armen des Gerichtshofes berührte; er hob die 204 wirren, ſcheuen und bewußtloſen Blicke zu ſeinem Mitunterredner auf; dann ließ er ſeinen Kopf auf ſeine Bruſt ſinken, und nahm ſeine düſtere und ver⸗ zweifelte Haltung wieder an. „Holla, Meiſter Gaudieb,“ ſagte Salvator, dem der Anblick dieſer Menſchen nur Abſcheu einflößte, „holla, Meiſter Gaudieb, wir wollen die Sache kurz und gut abmachen. Ich ſagte Ihnen und wieder⸗ hole Ihnen, daß ich fünfmalhunderttauſend Franken für Morgen früh neun Uhr brauche.“ „Aber es iſt unmöglich!“ ſtotterte der Notar leiſe, ohne den Kopf zu erheben, aus Furcht, dem Blick des jungen Mannes zu begegnen. „Das iſt Ihr letztes Wort?“ fragte Salvator. „Sobald es ſich um's Nehmen handelt, ſollte ein wie Sie nicht in Verlegenheit ſein; ich brauche ie „Ich ſchwöre Ihnen,...“ begann der Notar zu ſagen. „Ah, gut, noch ein Schwur,“ machte Salvator mit einem Lächeln, voll der tiefſten Verachtung;„es iſt der dritte ſeit einer halben Stunde und ich glaube an dieſen dritten ſo wenig, als an die erſten. Zum letzten Male— verſtehen Sie wohl; zum letzten Male— wollen Sie die fünfmalhunderttauſend Franken, die ich von Ihnen verlange, mir geben oder nicht?“ „So gönnen Sie mir wenigſtens einen Monat, ſie aufzutreiben!“ „Ich habe Ihnen bereits geſagt, daß ich ihrer Morgen um neun Uhr bedarf; ich habe geſagt, um neun Uhr, nicht um zehn Uhr, das wäre zu ſpät.“ — — ——— 8—— „Nur eine Woche!“ „Nicht eine Stunde, ſage ich Ihnen.“ „Dann iſt es unmöglich!“ rief der Notar mit verzweifelter Stimme. „In dieſem Falle weiß ich, was mir zu thun bleibt,“ verſetzte Salvator, indem er nach der Thüre ging. Als er den jungen Mann dieſe Richtung ein⸗ ſchlagen ſah, fand der Notar alle ſeine Kräfte wie⸗ der und ſprang zwiſchen die Thüre und ihn: „Um Gotteswillen, Herr von Valgeneuſe, ent⸗ ehren Sie mich nicht,“ ſagte er mit bittender Stimme. Aber den Kopf abwendend, als ob er ihn nicht anſehen könnte, wies Salvator ihn zurück und ſetzte ſeinen Weg fort. Der Notar holte ihn zum zweiten Male ein und i auf den Knopf der Thürklinke haltend, rief er: „Herr Conrad, im Namen Ihres Vaters, der große Freundſchaft für mich beſaß, erſparen Sie mir die Schande.“ Und er ſprach dieſe Worte mit ſo ſchwacher Stimme, daß man ſie kaum hören konnte. Salvator war unerſchütterlich. „Nun, laſſen Sie mich gehen.“ „Noch ein Wort,“ ſagte der Notar;„es iſt nicht blos der bürgerliche Tod, ſondern auch der wirkliche Tod, der durch dieſe Thüre tritt, die Sie ſie mit ſo ſchrecklichen Abſichten öffnen; ich ſage Ihnen zum voraus, daß ich meine Schande nicht nur nicht über⸗ leben, ſondern daß ich keinen Augenblick zögern werde: hinter Ihnen zerſchmettere ich mir das Hirn.“ 206 „Sie?“ ſagte Salvator, indem er ihn verächtlich anblickte;„das wäre das einzige Gute, was Sie thun könnten und deßhalb werden Sie es nicht thun.“ „Ich werde mich umbringen,“ ſagte der Notar, „und ſterbend Ihr Vermögen mit mir nehmen, während wenn ſie mir Zeit gönnen...“ „Sie ſind ein Einfaltspinſel,“ antwortete Sal⸗ vator.„Iſt mir nicht mein Vetter Loredan de Val⸗ geneuſe Bürge für Sie, wie Sie mir Bürge für ihn ſind? Darum, zurück, ſage ich Ihnen!“ Der Notar warf ſich zu ſeinen Füßen, umfaßte ſchluchzend ſeine Kniee, bedeckte ſie mit Thränen und rief: „Gnade, mein guter Herr Conrad, Gnade!“ „Zurück, Elender!“ ſagte der junge Mann, in⸗ dem er ihn mit dem Fuße zurückſtieß. Und er machte noch einen Schritt nach der Thüre. „Nun gut, ich gebe meine Zuſtimmung zu Allem, zu Allem, was Sie wollen!“ rief der Notar, indem er die Weſte des Commiſſionärs faßte, um ihn am Weggehen zu hindern. Es war Zeit: Salvator hatte bereits die Thür⸗ klinke in der Hand. „Endlich! Das hat Mühe gekoſtet,“ ſagte Sal⸗ vator, indem er ſeinen Platz beim Kamin wieder einnahm, während der Notar ſich an den Schreib⸗ tiſch ſetzte. Als er ſaß, ſtieß er einen tiefen Seufzer aus und ſchien in ſeine frühere Apathie zurückſinken zu wollen. Das war nicht, was Salvator wünſchte. „Nun denn, machen wir die Sache raſch ab,“ 207 ſagte er;„es iſt für eine ſolche Geſchichte ſchon viel zu viel Zeit vergeudet. Haben Sie die Summe in Geld oder Werthpapieren im Hauſe?“ „Ich habe ungefähr hunderttauſend Franken in Silber, Gold und Bankbillets,“ ſagte der Notar. Und ſeine Kaſſe öffnend zählte er die hundert⸗ tauſend Franken auf den Schreibtiſch. „Und die weiteren viermalhunderttauſend Fran⸗ ken?“ fragte Salvator. „Ich habe hierfür ungefähr achtmalhunderttau⸗ ſend Franken Coupons, Obligationen, Schuldver⸗ ſchreibungen u. ſ. w. u. ſ. w.,“ antwortete Meiſter Baratteau. „Gut; Sie haben den ganzen Tag, um dieſe zu verwerthen; nur ſage ich Ihnen zum Voraus, ich muß dieſes Geld in Bankbillets von tauſend oder fünftauſend Franken haben, und nicht in Baarem.“ „Ganz wie Sie wünſchen.“ „Nun gut, ſo geben Sie mir Alles in Billets von tauſend Franken.“ „Es ſei.“ „Sie werden dieſe fünfmalhunderttauſend Fran⸗ ken in zehn Päckchen von je fünfzigtauſend Franken vertheilen.“ „Ganz, wie es Ihnen beliebt,“ ſagte der Notar. „Gut.“ „Und Sie brauchen dieſes Geld?.. „Morgen vor neun Uhr, ſagte ich Ihnen ſchon früher.“ „Es wird heute Abend in Ihren Händen ſein.“ „Noch beſſer.“ „Wohin ſoll man es Ihnen bringen?“ 208 „Rue Macon, Nr. 4.“ „Wollen Sie mir ſagen, unter welchem Namen ich nach Ihnen fragen ſoll, denn ich ſetze voraus, daß Sie den Ihren nicht beibehalten, da man Sie für todt hält?“ „Sie fragen nach dem Commiſſionär der Rue aux Fers, Herrn Salvator.“ „Mein Herr,“ ſagte der Notar feierlich,„ich verſpreche Ihnen, heute Abend um neun Uhr bei Ihnen zu ſein.“ „H! ich zweifle nicht daran,“ antwortete Sal⸗ vator. „Aber darf ich auch hoffen, mein lieber Herr Conrad, daß ich nichts mehr von Ihnen zu fürchten habe, nachdem ich Ihre Aufträge pünktlich voll⸗ zogen?“ „Ich werde mein Verfahren nach dem Ihren bemeſſen, mein Herr; je nachdem Sie thun, werde ich thun. Für den Augenblick gedenke ich, Sie in Ruhe zu laſſen; mein Vermögen iſt bei Ihnen zu gut placirt, als daß ich es anders zu placiren ſuchte; ich laſſe alſo vier Millionen neunmalhunderttauſend Franken vor der Hand bei Ihnen ſtehen; brauchen Sie ſie einſtweilen, aber verbrauchen Sie ſie nicht.“ „Ah! Herr Marquis, Sie laſſen mir das Leben,“ ſagte Meiſter Baratteau, die Augen in Thränen der Freude und Dankbarkeit gebadet. „Vor der Hand,“ ſagte Salvator. Und er verlies das Cabinet, wo ſein Herz, ſeit er eingetreten war, ſo oft ſich vor Schaam und Abſcheu gebäumt hatte. —— /—„—— c——„ 6—————— — — n e h ei 209 LXXV. Der Meteor. Am Tage nach der Szene, welche wir ſo eben erzählt, bot der Boulevard des Invalides, der ver⸗ laſſen, ſtill und in tiefem Schatten da lag, um eilf ein halb in der Nacht, den Anblick eines dichtbe⸗ laubten Waldes in den Ardennen. Der Reiſende, welcher um dieſe Stunde Paris durch die Barriere de Vaugirard oder die Barriere der Paillaſſons be⸗ treten,— vorausgeſetzt, daß überhaupt ein Reiſen⸗ der auf den Gedanken käme, die Hauptſtadt durch eine dieſer beiden Barrieren zu betreten, welche nirgend hin und von nirgendwo herführen,— ein ſolcher Reiſender würde ſich gewiß hundert Meilen von Paris entfernt geglaubt haben, ſo ſehr bot der Anblick dieſer vier langen Reihen von hohen, ſtar⸗ ken, kräftigen, vom Monde phantaſtiſch beleuchteten Bäumen mit ihren leuchtenden Stirnen und ihren dunkeln Füßen das Bild einer Armee von Rieſen⸗ ſoldaten, welche um die Mauer einer babyloniſchen Stadt Wache ſtanden. Aber die Perſon, auf deren Stirne der unge⸗ heure Schatten fiel, ſchien durchaus nicht von dem Staunen ergriffen, das ſich eines Hewohners unſe⸗ rer fernen Provinzen, der nach Paris gekommen wäre, bemeiſtert hätte. Im Gegentheil die ſchatti⸗ gen Alleen, welche wir mit einem Ardennenwald verglichen, ſchienen für die Perſon, welche dieſe ge⸗ heimnißvolle Einſamkeit belebte, ein vertrautes Dumas, Salvator. V. 14 210 Schauſpiel zu ſein, ja, wir ſagen nochmals,— nach der Art, wie ſie die tiefſten Schatten dieſer Dunkelheit aufſuchte— ſchien ſie ſogar etwas für ihre Plane äußerſt Günſtiges in dieſer Finſterniß zu finden. Der Freund der Dunkelheit ging über den Bou⸗ levard hin, wie ein Menſch, der aus einem wichti⸗ gen Grund zu dieſer nächtlichen Promenade ge⸗ zwungen iſt, indem er den Gegenſtänden, die er auf ſeinem Wege begegnete, die größte Aufmerk⸗ ſamkeit widmete, über ſich und unter ſich, vor ſich und hinter ſich, rechts und links ſah, melancholiſch hin und her irrte und, ganz das Gegentheil von Pierrot's Freunde, die wenigen Orte vermied, wo⸗ hin der Mond ſchien. Auf den erſten Anblick wäre man ſehr in Ver⸗ legenheit geweſen, zu ſagen, welcher Claſſe der Ge⸗ ſellſchaft dieſe Perſon angehörte; beobachtete man ſie jedoch mit Aufmerkſamkeit, folgte man ihr in den Kreuz⸗ und Quergängen ihrer Promenade, faßte man ihre Bewegungen und Gebehrden in's Auge, indem man ihr auf Schritt und Tritt folgte, beach⸗ tete man, wie ſorgfältig ſie dies und jenes betrach⸗ tete und über dies und jenes wegſah, ſo hätte man bald gewußt, was die Urſache war, welche ſie zu ſo vorgerückter Stunde der Nacht auf den Böule⸗ vard des Invalides geführt. Der Gegenſtand, den der Spaziergänger mit der größten Aufmerkſamkeit zu beobachten ſchien, und von welchem er, ſoweit er ſich auch von Zeit zu Zeit entfernte, unwiderſtehlich angezogen zu ſein ſchien, war das Gitter der Gräfin Rappt. — ,——— — er ür iß u⸗ ti⸗ e⸗ er k⸗ ch n O0⸗ r⸗ in 211 Indem er ſich an der Mauer hinſchlich und den Kopf vorſichtig vorſtreckte, bis er die Gitterſtangen berührte, tauchte er ſeinen forſchenden Blick in das kleine Gehölz, welches ungefähr zehn Schritte von der andern Seite des Gitters ſeine tiefen Schatten ausbreitete. Nur zwei Menſchen konnten einen plauſibeln Grund oder ein genügendes Intereſſe haben, um Mitternacht vor dem Gitter Regina's auf⸗ und ab⸗ zugehen: ein Verliebter oder ein Dieb. Der Verliebte, weil er über den Geſetzen ſteht und der Dieb, weil er unter den Geſetzen ſteht. Der Fragliche hatte durchaus nicht das Anſehen eines Verliebten. Und dann, der Verliebte, welcher allein einen plauſibeln Gründ gehabt, hier auf⸗ und abzugehen, das wäre Petrus geweſen, und man weiß, daß Sal⸗ vator ihm die Weiſung ertheilt, entweder zu Hauſe zu bleiben, oder irgendwo anders, nur nicht hier, ſpazieren zu gehen. Sagen wir es ſogleich, daß Petrus ſich ſtreng an die Vorſchrift Salvator's gehalten und zwar an die ſtrenge, indem er zu Hauſe geblieben. Er war freilich vollkommen beruhigt durch Sal⸗ vator, der von Morgens bis Abends im Atelier geweſen und ihm die fünfmalhundertauſend Franken gezeigt, welche Meiſter Baratteau ſeinem Verſpre⸗ en gemäß ihm um neun Uhr gebracht hatte. Wir ſagten, daß der nächtliche Spaziergänger nichts von einem Verliebten gehabt, fügen wir hin⸗ zu, daß er außerdem nichts von Petrus hatte. Es war ein Mann von mittlerem der 212 vom Rücken, wie von vornen, und von beiden Sei⸗ ten ein ſehr gerundetes Ausſehen hatte. Er trug einen langen Rock, der ihm bis auf die Knöchel hinabging und der, vom Halſe bis auf die Stiefel fallend, mehr einer Levite oder einem perſiſchen Kaftan glich, als einer gewöhnlichen Redingote; er trug ferner einen niedern Hut mit breiter Krämpe, die ihm das Ausſehen eines proteſtantiſchen Geiſt⸗ lichen oder eines amerikaniſchen Quäckers gab; end⸗ lich war ſein Geſicht von einem dicken Backenbarte umſäumt, der bis unter die Augenbrauen hinauf⸗ gehend, nur einen ſehr kleinen Theil ſeines Geſich⸗ tes frei ließ. Da es nicht Petrus war, ſo war es alſo der Graf Ercolano*. es kein Verliebter war, ſo war es alſo ein ieb. Es war zu gleicher Zeit der Graf Ercolano und ein Dieb. Nachdem dieſer Punkt klar erhärtet iſt, wiſſen unſere Leſer auch, was er erwartete und begreifen, warum das Gartengitter der Gräfin Rappt ſeine Aufmerkſamkeit beſonders in Anſpruch nahm. Als er um halb eilf auf den Boulevard ge⸗ kommen, hatte er ſich an allen Ecken umgeſehen und die Straßen rechts und links hinauf⸗ und hin⸗ abgeſchaut, und dann ſich im Schatten gehalten, nachdem er das Terrain wohl ſtudirt; endlich hatte er den letzten verdächtigen Vorübergehenden, der ſich in dieſem öden Quartier verſpätet, ſo weit er ging, begleitet; ſobald die Nacht angebrochen, und er ſich Herr des Platzes fühlte, promenirte er wie⸗ in nd en n, ne e⸗ en n⸗ n, te er nd e⸗ 213 der, in ernſtes Nachdenken verſunken, auf dem an den Park der Gräfin Rappt ſtoßenden Trottoir. Man konnte ihn auf drei verſchiedene Weiſen überraſchen und dieſer dreifachen Gefahr zu begeg⸗ nen war er um Jehn Uhr Abends erſchienen, und hatte ſich vor dem Gitter aufgeſtellt, um in aller Ruhe die Angriffsmittel und die ſicherſten Verthei⸗ digungsmittel zu ſtudiren. Man konnte von links und von rechts kommen, und ihn unverſehens überfallen, während er die Briefe gegen Bankbillets austauſchte; aber Leute von ſolchem Schlage, wie der, welchen wir hier auf⸗ treten ſehen, laſſen ſich nicht überfallen, ſelbſt nicht ganz unerwarteter Weiſe. Wir haben geſagt, daß er auf's genaueſte die Localitäten in Augenſchein genommen und ſich verſichert habe, daß nirgend ein Verſtecken in einem Hinterhalte wöglich war; über⸗ dies hatte er für einen ſolchen Fall— denn der Graf Ercolano war ein Mann von großer Vor⸗ ſicht— für dieſen Fall hatte er in einem unter ſei⸗ ner großen Levite vollſtändig verborgenen Gürtel ein Paar doppelläufige Piſtolen und einen langen und ſpitzen Dolch geſteckt; er konnte alſo hoffen, im Stande zu ſein, ſich zu vertheidigen oder wenig⸗ ſtens ſein Leben ſo theuer zu verkaufen, daß die, welche ihm an den Leib wollten, es zu bereuen haben würden. Von dieſer erſten Seite hatte er folglich nichts zu befürchten. Freilich war von der andern Seite die Gefahr um ſo größer. Die Gefahr war größer von der Seite der Rue 214 Plumet, wo das große Thor des Hotel de la Motte Houdan ſich befand, jenes Thor, vox welchem die Wagen halten mußten: man konnte im Hotel hinter dieſer Thüre ein halbes Dutzend mit Flinten, Säbeln und Hellebarden bewaffneter Burſche verſteckt haben; — in ſeiner Vorausſicht träumte Graf Ercolano** von den phantaſtiſchſten Waffen— und dieſes halbe Dutzend bewaffneter Burſche konnte ihn überfallen, während er die Briefe gegen die Bankbillets aus⸗ tauſchte. Aber Graf Ercolano*** war ein Mann von ungewöhnlich fruchtbarer Phantaſie und ein Edel⸗ mann von ſeinem Schlage durfte ſich durch ein ſol⸗ ches Hinderniß nicht lange beängſtigen laſſen. Er ſchlich ſich deßhalb in die Rue Plumet, um ſie in Augenſchein zu nehmen, wie er es mit dem Boulevard gemacht, und nachdem er ſich vergewiſſert, daß die Straße ganz öde und verlaſſen war, nahm er die Straßenthüre in Augenſchein, wie er dies am vorhergehenden Tage bereits auf's ſorgfältigſte gethan. Der Zweck dieſes Vorgehens war, ſich zu ver⸗ ſichern, daß in den letzten vierundzwanzig Stunden keine Veränderung vorgegangen war. Die Thüre befand ſich in demſelben Zuſtande wie am Tage vorher. Es war eine ungeheuer große eichne Thüre mit zwei Flügeln und vier Füllungen: auf jeder Seite zwiſchen der obern Füllung und der untern Füllung war ein eiſerner Knopf von der Größe einer Hrange. Graf Ercolano** begann damit, daß er die Knöpfe berührte, um ſich zu überzeugen, daß ſie un⸗ tte die ter eln en; 3* lbe en, u8⸗ on el⸗ ol⸗ um em t, hm ies ſte er⸗ en nit ite ng e. ie 215 beweglich ſeien; darauf zog er aus ſeinem weiten Aermel ein eiſernes Wertzeug, das die Form einer 8 gehabt, wenn die Enden dieſer 8 nicht oben und unten einen vollſtändigen Kreis ſtatt des Oval ge⸗ bildet und dieſe beiden Kreiſe ſtatt ſich zu berühren, eine gewiſſe Entfernung von einander gehabt, was dieſem Inſtrumente, wenn man es vertical ſah, fol⸗ gende Form gab! Er ſetzte dieſe 8 oder dieſes geſchloſſene§ auf die beiden Thürknöpfe, das heißt er umklammerte jeden der beiden Thürknöpfe mit einem der beiden Enden des Inſtrumentes; dieſes packte die Knöpfe dergeſtalt, drückte ſie ſo ſtark und feſt, daß der Geſangmeiſter in ſtolzer Zufriedenheit mit der Zunge ſchnalzte. „Ja,“ machte er, indem er an den berühmten Schmid und Rath des König Dagobert dachte und das zu jener Zeit allbekannte Couplet eines ſehr be⸗ liebten Vaudevilles parodirte: Im hohen Himmel, Deiner letzten Stätte, Wirſt Du zufrieden ſein, h. Aloyſius.“ Dieſes ſinnreiche Inſtrument hatte wirklich, vorne angebracht, dieſelbe Wirkung, wie die eiſernen Rie⸗ gel von hinten, nämlich, daß man mit vier Pfer⸗ den an der Thüre ziehen konnte, ohne im Stande zu ſein, ſie zu öffnen. Aber die dritte Gefahr, die größte, die wirklichſte, wenn ſie auch von dem Hotel ausging, drohte nicht von der Rue Plumet. Die Marderfalle, durch welche Graf Ercolano*** am leichteſten gefangen werden konnte, war, ohne 216 Widerſpruch, das Gitter, durch welches der Aus⸗ tauſch ſtattfinden ſollte. Nachdem Graf Ercolano*** ſein Inſtrument an der Thüre der Rue Plumet verſucht, ging er wieder nach dem Boulevard, den er von Neuem mit noch minuziöſerer Genauigkeit in Augenſchein nahm: denn die Stunde rückte immer näher heran, ſo langſam die Zeit auch verfloß. Es hatte ſo eben eilf drei Viertel geſchlagen. Es war deßhalb keine Zeit zu verlieren. Der Abenteurer ging vor dem Gitter auf und nieder und tauchte ſeinen Blick ſo tief er konnte in den Garten, der ſo dicht belaubt war, wie ein Wald. Aber es gibt keinen Wald für den Mond, wie keinen großen Mann für ſeinen Kammerdiener. Graf Ercolano***, von dieſem himmliſchen Führer be⸗ gunſtigt, konnte deßhalb mit ſeinem Blicke bis in die dichteſten Tiefen des Gartens dringen und ſich vergewiſſern, daß dieſer ebenſo leer war, als der Boulevard. Dieſer momentan öde Garten konnte ſich jedoch plötzlich und in einem Augenblicke mit einer Welt von bis an die Zähne bewaffneten Dienern bevöl⸗ kern. Das war wenigſtens der Gedanke unſeres Mannes; er beeilte ſich deßhalb, ſich auf dieſen Fall vorzubereiten.* Er rüttelte an einer der Staketen des Gitters nach der andern, um ſich zu überzeugen, daß ſie, wie die eiſernen Knöpfe der Thüre ihre gewöhnliche Feſtigkeit noch hätten; mit andern Worten, er wollte ſich überzeugen, daß man nicht mit Hülfe einer im rechten Augenblicke ausgehobenen beweglichen —————.— ie e⸗ in ich ch lt ⸗ es il 8 e te er 217 Gitterſtange ſich auf ihn ſtürze und ihm das Geld wieder abnehme. Nach einer genauen Unterſuchung gewann er die Gewißheit, daß dies nicht möglich ſei. Es blieb noch die Thüre des Gitters, die, ihre Pflicht als Thüre erfüllend, ſich auf die erſte beſte Requiſition eines oder mehrer Bewohner des Hotel ſich öffnen konnte. Unſer Mann ſchüttelte mit kräftigem Arme daran; die Thüre ſchien wie am vorhergehenden Tage ge⸗ ſchloſſen. Er erhielt den Beweis, daß ſie nicht nur ge⸗ ſchloſſen, ſondern ſogar doppelt verſchloſſen war, indem er den Arm auf die andere Seite des Gitters durchſchob und ſich überzeugte, daß der Riegel tief in der Schließkappe ſteckte und die Schließkappe ſolid in die Mauer genietet war. „Thut nichts,“ ſagte er, indem er vergeblich den Kopf zwiſchen zwei Gitterſtangen zu ſchieben dachte, um den Beweis des Augenſcheins zu dem des Ge⸗ fühls zu ſetzen,„ich habe nur ſehr geringes Ver⸗ trauen zur Solidität der Schließkappen; ach! ich ſah ſchon ſo viele um mich her fallen.“ Bei dieſen Worten zog er aus der Taſche ſeiner Levite eine Art von Bratenwenderkette von vier bis fühf Fuß Länge. Dieſe wickelte er um die Schließkappe, indem er den Knopf des Riegels als Stützpunkt benutzte, zog ſie dann um eine der Gitterſtangen, machte es mit dem andern Ende der Kette ebenſo, wand ſie dop⸗ pelt um die Schließkappe und den Knopf, zog die beiden Enden der Kette feſt an ſich und machte einen 218 ſogenannten Matroſenknoten, ohne daran zu denken, (man denkt nicht an alles) daß dieſer Knoten, den Graf Ercolano*** gemacht, im gegebenen Falle den würdigen Capitän Monte Hauban compromit⸗ tiren konnte. „Balthaſar Casmajou, der mich die erſten Ele⸗ mente des Schloſſerhandwerks gelehrt, möge im Himmel zur Rechten des h. Aloyſius ſtehen,“ mur⸗ melte der dankbare Abenteurer, indem er zu größerer Sicherheit ein Schloß an die beiden zuſammenge⸗ fügten Enden der Kette legte. Und er hob dabei einen dankbaren Blick zum Sternenzelt empor. 5 Die Augen wieder ſenkend gewahrte er drei Schritte von ſich einen weißen Schatten. Es war die Gräfin Rappt. Der Engel der Ruhe, der unſichtbar an den Gräbern wacht, konnte nicht leiſer über den Raſen hingleiten, als es die junge Frau that. Sie war wirklich ſo leiſe bis auf drei Schritte dem Gitter genaht, daß Graf Ercolano*6, obgleich ſeine Ohren ſehr geübt waren, ſie nicht hatte kom⸗ men hören. Obgleich er auf dieſe Begegnung vorbereitet war: und zwar ſchon lange, brachte der unerwartete An⸗ blick der jungen Frau ganz die Wirkung einer Gei⸗ ſtererſcheinung auf ihn hervor. Er fühlte eine ähn⸗ liche Erſchütterung, als wenn er den Faden einer voltaiſchen Säule berührt hätte; unwillkürlich fuhr er zwei Schritte zurück und ſah um ſich, als wenn dieſe plötzliche Erſcheinung das Signal einer Gefahr ſein müßte, en lle it⸗ le⸗ im r⸗ er e⸗ m Da er nichts ſah, als die weiße Geſtalt, kein anderes Geräuſch hörte, als das Gemurmel des Windes in den Blättern, ſo machte er einen Schritt, um ſich zu nähern. Aber er vollendete dieſen erſten Schritt nicht. „Hm! hm!“ ſagte er,„wenn es ein als Frau verkleideter Mann wäre und dieſer Mann einen wohlgezielten Schuß auf mich abfeuerte. Teufel! man hat dergleichen ſchon erlebt, und weit Schlim⸗ meres noch!“ „Sind Sie es, Frau Gräfin?“ fragte er, ſich hinter einen Baum ſtellend. „Ich bin es,“ antwortete Regina mit ſo ſanfter Stimme, daß dieſer Ton jeden Vordacht und jede Furcht im Geiſte dieſes Abenteurers verſcheuchen mußte. Er näherte ſich deßhalb augenblicklich und ſich reſpectvoll verbeugend, fagte er? „Madame, ich bin Ihr ergebenſter Diener.“ Da Regina jedoch nicht in der Abſicht gekommen war, Artigkeiten mit dem Grafen Ercolano* aus⸗ zutauſchen, ſo begnügte ſie ſich, mit einer leichten Neigung des Kopfes und den Arm nach dem Gitter ausſtreckend, zu antworten: „Hier ſind die erſten fünfzigtauſend Franken; Sie können ſich überzeugen, ob die Billets gut ſind und die Zahl richtig iſt.“ „Gott behüte mich, Ihnen nachzuzählen,“ ſagte der Gauner, während er die erſten fünfzigtauſend Franken in ſeine rechte Taſche ſteckte. Indem er ſich umſah und dann einen Brief aus ſeiner linken Taſche nahm, ſagte er: 220 - „Hier der Brief.“ Die Fürſtin, weniger zuverſichtlich, als der Graf Ercolano**, nahm den Brief, hob ihn an's Licht des Mondes und ſteckte ihn erſt, nachdem ſie ſich verſichert, daß es ihre Handſchrift war, in den Buſen, worauf ſie dem Abenteurer ein zweites Paket von fünfzigtauſend Franken übergab. „Das gleiche Vertrauen, Madame,“ ſagte dieſer, indem er ihr den zweiten Brief übergab. „Laſſen Sie uns eilen,“ ſagte Regina, indem ſie verächtlich den Brief nahm und ihn wie den erſten an's Licht hielt, eine Probe, die ſie abermals zu beruhigen ſchien, denn ſie gab dem Grafen Erco⸗ lano*** ein drittes Paket Billets. „Das unveränderte Vertrauen,“ wiederholte dieſer. Und das dritte Paket mit Bankbillets, welches den beiden erſten folgte, hatte das Uebergeben des dritten Briefes zur Folge. Als ſie beim ſechſten Pakete angekommen waren, und er im Begriffe ſtand, ihr den ſechſten Brief zu übergeben, glaubte der Abenteurer ein Geräuſch, ähnlich dem Kniſtern der Blätter, zu hören; ſo ſchwach dies Geräuſch auch war, überlief ihn doch ein kalter Schauer. Das Geräuſch erſchreckte ihn um ſo mehr, als er die Urſache nicht ahnen konnte. „Einen Augenblick, Fürſtin!“ rief er zurückfah⸗ rend:„es kommt mir vor, als ob etwas im Anzuge iſt; erlauben Sie, daß ich mich vergewiſſere.“ Mit dieſen Worten zog er ein Piſtol hervor, und ſpannte den Hahn, während der Mondſtrahl über den Lauf hinblitzte. 221 Regina ſtieß, als ſie das Piſtol in der Hand des Banditen ſah, einen ſchwachen Schrei aus und fuhr zurück. Dieſer Schrei, ſo ſchwach er war, konnte ein Signal ſein. Und der Gauner trat auf den Weg, um weiter zu ſehen. „O, mein Gott!“ murmelte Regina,„geht er gar, um nicht wieder zu kommen?“ hnd ſie folgte ihm voll Angſt mit den Blicken. Der Bandit begann auf's Neue ſeine Nachfor⸗ ſchungen, das Piſtol beſtändig in der Hand. Er ging über den Boulevard, ſah, ſoweit ſein Auge reichte, und kehrte dann in die Rue Plumet zurück, um ſich zu vergewiſſern, daß die Thüre noch immer verbarrikadirt ſei, und keine Miene mache, ſich zu öffnen. Die Sachen befanden ſich noch in demſelben Zu⸗ ſtande, in welchem er ſie verlaſſen hatte. „Thut nichts,“ ſagte er, indem er auf ſeinen alten Poſten zurückkehrte,„das iſt ein fatales Ge⸗ räuſch, da ich nicht weiß, woher es kömmt. Ob ich ſo dumm bin, und weggehe?.. Ich habe bereits dreimalhunderttauſend Franken in der Taſche, ein ůhübſcher Pfennig; auf der andern Seite ſind die beiden reſtirenden hunderttauſend Franken auch ver⸗ teufelt angenehm... Und ſich mit einer Miene umſchauend, welche darauf hindeutete, daß er ſich zu beruhigen begann, fuhr er fort: „Nach allem ſehe ich nicht ein, weßhalb ich ſo ſtark über ein ſo leichtes Geräuſch erſchrecke; die 222 Sache hat zu gut angefangen, um nicht ebenſo zu endigen. Nehmen wir das Geſpräch wieder auf, wo wir es gelaſſen.“ Und der Abenteurer, nachdem er einen ſcheuen und fahlen Blick wie eine Hyäne nach Rechts und nach Links geworfen, kehrte wieder zu dem Gitter zurück, wo die arme Regina, zitternd bei dem Ge⸗ danken, daß der Elende ſich mit ihren vier letzten Briefen davon machen wolle, mit zuſammengepreß⸗ ten Zähnen und verzweiflungsvoll händeringend wartete. Sie athmete wieder auf, als ſie den Abenteurer ſich ihr nahen ſah, und die Augen mit dem Aus⸗ druck tiefer Dankbarkeit zum Himmel erhebend, mur⸗ melte ſie: „O mein Gott, ich danke Dir!“ „Entſchuldigen Sie, Madame, aber ich hatte ein drohendes Geräuſch zu hören geglaubt. Es iſt nichts: alles iſt ruhig rings um uns her und wenn Sie wollen, ſo fahren wir fort. Hier iſt Ihr ſiebenter Brief. „Und hier Ihr ſiebentes Paket.“ Der Graf Ercolano** nahm es, und während er es zu den übrigen ſechs in die Taſche ſteckte, unterwarf Regina den Brief der gleichen Prüfung, wie die übrigen. „Wahrhaftig,“ dachte der Abenteurer, indem er den achten Brief aus ſeiner Taſche zog,„dieſe Gräfin Rappt iſt von einem übertriebenen Argwohn; ich glaubte doch bei dieſem Handel alle erdenkliche Rückſicht und Loyalität walten gelaſſen zu haben.. Endlich!. — Und den neunten Brief herausziehend, ſagte er, gewiſſermaßen um ſich für den Argwohn Regina's zu rächen: „Neunter Brief von derſelben an denſelben.“ Das Eeſicht Regina's, blaß wie der Mond, der es beleuchtete, färbte ſich mit den rothen Tinten der untergehenden Sonne. Sie tauſchte raſch den neunten Brief gegen das neunte Paket ein und nachdem ſie dieſen Brief ebenſo ſorgfältig wie die andern betrachtet, ſteckte ſie ihn in ihren Buſen. „Sie bleibt dabei,“ dachte der Abenteurer, die Billets einſteckend. Dann ſagte er in höhniſchem Tone: „Zehnter und letzter Brief, zum ſelben Preiſe, wie ſeine älteren Brüder, obgleich dieſer Brief ſo viel werth iſt, als alle zuſammen; aber Sie kennen unſere Bedingungen für dieſen, geben Sie!“ „Ja,“ ſagte Regina, indem ſie ihm das letzte Paket zu gleicher Zeit gab, während ſie die Hand nach dem letzten Briefe ausſtreckt:„geben Sie und nehmen Sie!“ „Ein Vertrauen, das mich ehrt,„ſagte der Abenteurer, indem er den Brief gab und das Paket nahm;„hier!“ Und der Abenteurer athmete hoch auf. Man hörte den Athem von Regina nicht: ſie vergewiſſerte ſich, daß der letzte Brief, wie die neun andern, von ihrer Hand war. „Und jetzt,“ fuhr der ſchamloſe Gauner fort, „jetzt iſt es meine Pflicht, Frau Gräfin, Ihnen, nachdem Sie mich bereichert, den Rath eines Mannes von Welt zu geben. Glauben Sie der Erfahrung eines alten Routiniers, lieben Sie, ſoviel Sie wol⸗ len, aber ſchreiben Sie nicht!“ Genug, Elender! wir ſind quitt!“ rief die 7. Gräfin. Und ſie entfernte ſich raſch. Zur gleichen Zeit und als wenn dieſe Worte ein zwiſchen ihr und einer höhern Macht verab⸗ redetes Zeichen wären, fühlte der Graf Ercolano*** auf ſeinen Kopf, ähnlich einem vom Himmel fallen⸗ den Meteor, einen Gegenſtand von ſolcher Größe, namentlich ſolcher Schwere herabſtürzen, daß der Abenteurer am Boden ausgeſtreckt lag, ehe er ſah, daß er gefallen war. LXXVI. Worin erwieſen iſt, daß ſchlecht erworben Gut nicht geveiht. Die Sache war ſo raſch gegangen, daß der Aben⸗ teurer nicht gefallen, ſondern geſtürzt war. Er konnte ſich deßhalb auch von dem Vorfalle keine Rechenſchaft geben; er fühlte nur, daß eine unwiderſtehliche Kraft ſeine Hände packte, ſie auf ſeinem Rücken zuſammendrückte und ſie mit einer Art Schraubenmutter feſtbog, die ſich ſchloß, ungefähr wie das ſinnreiche Inſtrument, das er erfunden, ſich an den Knöpfen der Thüre in der Rue Plumet ge⸗ ſchloſſen hatte. Nachdem dieſe Vorſichtsmaßregel getroffen und Graf Ercolano*** ſo unſchädlich gemacht war, wie 1 e, er h, n⸗ lle ine uf Art ihr ſich ge⸗ nd wie ein Kind, fühlte ſich dieſer von der Erde aufgehoben, und von der horizontalen Lage, in der er ſich be⸗ fand, in die verticale Lage, das heißt auf ſeine Füße gebracht, die dem Menſchen, dem die Natur das os sublime den Himmel anzuſchauen gegeben, allein natürliche Lage. Wir müſſen es geſtehen, Graf Ercolano***, der wieder in dieſe Lage gebracht war, ſah nicht den Himmel an: er ſuchte vielmehr den in's Auge zu faſſen, mit dem er es zu thun hatte und der ihn auf eine ſo barſche, wir können ſogar ſagen, brutale Weiſe, ſeine Kraft fühlen lies. Aber er ſah durchaus nichts: der Menſch, wenn es ein ſolcher war, wußte ſich vollſtändig hinter ihm unſichtbar zu machen. Da jedoch eine von den Händen dieſes Menſchen genügte, ſeine beiden Hände feſtzuhalten, ſo fühlte er, wie die andere auf die indiscreteſte Weiſe an ihm herumtaſtete. Dieſe Hand hielt an ſeinem Gürtel inne, nahm eines der Piſtolen, die darin ſteckten, und warf es über die Mauer. Dann machte ſie es mit der andern ebenſo. Darauf ſchickte ſie auch den Dolch zu den Piſtolen. Nachdem ſie ſich ferner vergewiſſert, daß die beiden Piſtolen und der Dolch die einzigen Waffen ſeien, welche Graf Ercolano** an ſich trug, fuhr ſie von dem Gürtel nach dem Halſe, den ſie auf dieſelbe Weiſe packte, wie die andere Hand die bei⸗ den Handgelenke und begann den Hals zu drücken, wie es ungefähr eine Schraube gethan, die von Dumas, Salvator. V. 15 einet ſtarken und gleichmäßigen Kraft in Bewegung geſetzt wird. Je mehr die Halsſchraube ſich zudrückte, deſto mehr ließ die Schraube an den Händen nach, ſo daß Graf Ercolano*** nach und nach wieder den Gebrauch ſeiner Hände bekam, dagegen den ſeiner Sinne verlor. Vielleicht wird man ſich fragen, wie dieſes menſch⸗ liche Meteor, das den Grafen Ercolano*** in eine ſo peinliche Lage brachte, den lauernden Blicken eines Mannes entgehen konnte, der ſo ſehr gewöhnt war, das Terrain zu ſondiren, auf dem er ſich bewegte: darauf antworten wir, daß Graf Ercolano***, als ächter Materialiſt, ſich nur mit der Erde beſchäftigt und darob den Himmel ganz verſäumt hatte. Wie man geſehen, war das Meteor vom Himmel gefallen oder wenigſtens von den dichtbelaubten Aeſten eines der Kaſtanienbäume, welche die Gartenthüre Regi⸗ na's beſchatteten. Wenn unſere Leſer jetzt zu wiſſen wünſchen, welcher Art dieſes unerwartete Meteor war, das auf eine für unſern Abenteurer ſo unangenehme Weiſe auf ſeine Schultern herabfiel und deſſen Hand ſich ſeinem Hals ſo genau anpaßte, ſo ſagen wir ihnen, was ſie vielleicht bereits ſelbſt ahnen, daß dieſer Meteorſtein Niemand anders war, als der Schmerzensdulder von Mademoiſelle Fifine, das heißt unſre alte Bekanntſchaft, der rauhe Zimmermann Barthelemy Lelong, genannt Jean Taureau. Als Salvator nämlich am Tage vorher Abends um Zehn von Petrus weggegangen, den er durch die Vorzeigung der fünfhundert Tauſendfranken⸗ XM —* ir ißt nn ds rch billets beruhigt hatte, begab er ſich zu dem Zimmer⸗ mann, der, als er ihn ſah, ihm ſogleich anbot, zwei oder drei Tage, ja eine ganze Woche ſeiner Arbeit, wenn es ſein müſſe, opfern zu wollen. „Ich verlange nur einen Deiner Abende,“ hatte Salvator geantwortet. Nachdem er ihn dann unterrichtet, daß er ſeines Armes bedürfe, ohne ihm eine weitere Erklärung zu geben, hatte er für den andern Abend um neun Uhr ein Rendezvous auf dem Boulevard des In⸗ valides mit ihm ausgemacht. Nachdem er ihm dort einen dichtbelaubten Ka⸗ ſtanienbaum bezeichnet, der ſich an einer Seite des Gitters des Hotels befand, hatte er zu ihm geſagt: „Du ſteigſt auf dieſen Baum: Du bleibſt darauf, ohne Dich zu rühren, ohne die mindeſte Bewegung zu machen, und hältſt Dich ſo verborgen, als Du kannſt, bis Mitternacht. Um dieſe Zeit oder vielleicht ſchon früher wirſt Du einen Mann vor dieſem Git⸗ ter auf⸗ und abgehen ſehen: Du wirſt ihn aufmerk⸗ ſam beobachten und Dich nicht rühren, was er auch thun mag. Um Mitternacht wird von der andern Seite des Gitters eine Dame kommen, die mit die⸗ ſem Manne etwas verhandeln und die zehn Pakete mit Tauſendfrankenbillets gegen zehn Briefe mit ihm austauſchen wird; Du wirſt ſie gewähren laſ⸗ ſen. Beim zehnten Briefe wird die Dame ihm die Worte ſagen:„Wir ſind quitt! Sobald dieſe Worte ausgeſprochen ſind, fällſt Du auf dieſen Menſchen herab, ergreifſt ihn an der Gurgel, und drückſt ſie ihm ſo lange, bis er Dir die Billets zurückgegeben. Im Uebrigen handelſt Du ganz nach den bringſt ihn ein wenig um, wenn Du willſt, aber nicht ganz, es ſei denn, daß es nicht anders geht.“ Man ſieht, daß Jean Taureau bereits einen Theil der Befehle Salvators pünktlich vollzogen hatte: ſehen wir jetzt, wie er das Uebrige zu Ende führte. Wir verließen Jean Taureau, wie er dem Gra⸗ fen Ercolano*** den Hals zuſammenſchnürte, daß ſeine Stimme beinahe erſtickte: da er jedoch wäh⸗ rend der Erklärung, die wir ſoeben unſern Leſern gegeben, ſie beſtändig fort drückte, ſo ſtreckte dieſer nächſtens die Zunge heraus. „So,“ ſagte Jean Taureau, nachdem er kluger Weiſe damit begonnen, ſeinen Gegner zu entwaffnen, „jetzt laß uns ſprechen.“ Der Graf Ercolano*** ließ einen erſtickten Ton hören. „Du biſt damit einverſtanden? Gut!“ ſagte Barthelemy, der das Brummen des Grafen ſich auf ſeine Weiſe erklärte;„Du wirſt mir jetzt,“ fuhr er in unheimlichem Baſſe fort,„alles zurückgeben, was Dir dieſe junge Dame ſo eben gegeben.“ Der Abenteurer zitterte, als wenn er die Trom⸗ pete des jüngſten Gerichtes gehört und diesmal ant⸗ wortete er Jean Taureau auch nicht einmal durch ein Brummen. War er erſtickt oder weigerte er ſich. Er erſtickt bereits, aber er weigerte ſich auch. Jean Taureau erneuerte ſein Verlangen, indem er ihn etwas ſtärker drückte. Graf Ercolano***, der wieder Herr ſeiner Hände war, ſuchte nun ſeinerſeits den Gegner am Halſe zu packen. „Weg mit den Pfoten!“ ſagte Jean Taureau. Und er führte dabei mit der Hand einen Schlag auf das Gelenke des Grafen, daß dieſer losließ. Dann drehte Jean Taureau die Schraube noch einmal um, und Graf Ercolano ſtreckte die Zunge noch einen Zoll länger heraus. Vielleicht wird der Leſer fragen, weßhalb Jean Taureau von dem Grafen Ercolano** eine ſo peinliche, den Gewohnheiten deſſelben ſo entgegen⸗ geſetzte Sache verlangte, nämlich herauszugeben, was er mal genommen, und er es nicht ſelbſt lieber aus der Taſche holte, was nicht ſchwieriger geweſen, als ihm ſeine Piſtolen und ſeinen Dolch aus dem Gürtel zu nehmen und ſie über die Mauer zu werfen. In dieſem Falle antworten wir, daß Salvator geſagt hatte:„Du wirſt ihm den Hals zuſammen⸗ ſchnüren, bis er Dir die Billets zurückgegeben,“ und daß Jean Taureau, der treu an der gegebenen Vor⸗ ſchrift hielt, nicht nehmen wollte, ſondern erwartete, daß man gab, und den Hals des Grafen Ercolano immer feſter zuſammenſchnürte, um ihn von ſelbſt zu dieſer Entwicklung der Sache zu bringen. „Ah! ſo! du willſt alſo nicht antworten?“ ſagte Jean Taureau, der, nicht in Rechnung ziehend, daß es dem Geſangmeiſter unmöglich war, einen einzi⸗ gen Ton hervorzubringen, ſich einbildete, es ſei blos böſer Wille von ſeiner Seite und, um ihn zum Ant⸗ worten zu zwingen, den Hals mit der Schraube noch um einen weitern Zahn zudrückte. Trotz dieſes Druckes oder vielmehr wegen dieſes Druckes antwortete dieſer weniger als je. Er machte nur mit jenen beiden Armen ver⸗ zweifelte Geſten, welche Jean Taureau zu erkennen gaben, es ſei vielleicht weniger böſer Wille, als er hinter dem Schweigen des Grafen Ercolano*** vermuthete. Er drehte ihn deßhalb etwas nach Rechts, um in ſeinem Geſichte leſen zu können, was die Stimme ihm zu ſagen ſich weigerte. Das Geſicht war blau angelaufen; die blutigen Augen traten aus ihren Höhlen hervor; die Zunge hing an einer Seite des Mundes bis zur Cravatte heraus. Jean Taureau begriff die Situation. „Kann ein Menſch ſo hartnäckig ſein!“ ſagte er. Und er drehte noch einen Zahn mehr um. Diesmal gingen tauſend Fodtenfackeln an den Blicken des Abenteurers vorüber; ſo lange er nur unter dem Druck litt, hatte er muthig Widerſtand geleiſtet; als er aber die ſchon ziemlich geſchmälerte Luft von Außen ſich ganz abgeſchnitten fühlte, ſteckte er raſch die Hand in die Taſche und lies neun von den zehn Paketen mit Bankbillets auf den Boden fallen, denn man konnte kaum mehr ſagen, daß er ſie geworfen hätte. Jean Taureau gab die Hände des Abenteurers frei, ohne jedoch den Hals deſſelben loszulaſſen; der arme Menſch keuchte auf's peinlichſte. Während jedoch die reine Nachtluft in die Lun⸗ gen des Grafen Ercolano*** drang, kehrte auch wieder die Hoffnung in ſein Herz zurück. te te n en er rs n⸗ ch Als er in der großen Taſche ſuchte, in die er die Bankbillets geſteckt, hatte er in der Tiefe dieſer Taſche ein Meſſer gefunden, ein gewöhnliches Meſ⸗ ſer, das er unter allen andern Umſtänden verachtet hatte, das unter den gegenwärtigen jedoch der Dolch des Erbarmens war. Der Grund, weßhalb er nur neun ſtatt zehn Pakete auf den Boden hatte fallen laſſen, war der: Er hoffte, während er in ſeiner Taſche wühlte, um das zehnte Paket zu ſuchen, ſein Meſſer öffnen, und war dies mal geöffnet, das Gleichgewicht zwi⸗ ſchen ſeinen und ſeines Gegners Kräften herſtellen zu können. Jean Taureau zählte, ohne den Grafen Erco⸗ lano*** loszulaſſen, die zerſtreuten Pakete und da er nur neun ſah, verlangte er das zehnte. „Laſſen Sie mich wenigſtens in meiner Taſche ſuchen,“ erwiderte der Gaudieb mit erſtickter Stimme. „Das iſt nicht weniger, als billig,“ ſagte Jean Taureau,„ſuche!“ „So laſſen Sie mich los!“ „Wenn ich die richtige Zahl habe,“ antwortete Jean Taureau,„dann werde ich Dich loslaſſen.“ „Hier iſt die Zahl,“ ſagte der Gaudieb, indem er das zehnte Paket neben die neun erſten warf, zu gleicher Zeit aber in den dunkeln Tiefen ſeiner Taſche ſein Meſſer öffnete. Jean Taureau hatte nur eine Zuſage gemacht: er hatte zu Graf Ercolano** geſagt, daß er ihn loskaſſen werde, ſobald er ſeine Zahl habe; er hatte ſeine Zahl und lies ihn los. Graf Ercolano** hatte ſich geträumt, er werde 232 den Zimmermann, wenn er ſich hinabbeugte, um die Bankbillets zuſammen zu raffen, die drei Schritte von ihm lagen, mit einem Sprung auf den Coloß durchbohren oder wenigſtens ihm einen Stich ver⸗ ſetzen können; aber das war eine thörichte Erwar⸗ tung, ein ſinnloſer Traum; denn Jean Taureau, obgleich er nicht gerade das Pulver erfunden, das für einen ſo glücklich begabten Menſchen eine luxu⸗ riöſe Zerſtörungsart ſcheinen mußte, Jean Taureau hatte den abſcheulichen Plan des Abenteurers ge⸗ ahnt und betrachtete ſeine Billets nur mit einem Auge. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß er, den Grafen Ercolano*** mit dem andern beobachtend, in ſei⸗ ner Hand die Klinge des Meſſers bemerken mußte, das ſo breit wie ein Waſchbläuel war und das des Abenteurers Handgelenke durch Zuſammenſchnappen zu zerſchneiden drohte. Im nächſten Augenblicke ſprang das Meſſer durch einen einſachen Druck der Muskeln des Vorder⸗ armes aus der Hand des Grafen Ercolano**, während dieſem zu gleicher Zeit die Kniee einbra⸗ chen und er rücklings zu Boden ſtürzte. Jean Taureau ſtemmte ſein Knie auf die Bruſt des Beſiegten, welche ein dumpfes Krachen hören ließ, begleitet von einem erſtickten Röcheln; und da er ihn in der Nähe der Pakete zu Boden geworfen, ſteckte er eines um das andere in ſeine Taſche. Er war ganz in dieſe Beſchäftigung vertieft, als er zu bemerken glaubte, daß ſein röchelnder Feind die Hand nach dem Meſſer ausſtreckte. Jean Taureau ſah, daß er der Sache ein Ende — ———„— 1. — —,—— — machen müſſe und mit einem Fauſthieb, der das Thier, welcher ſeinen Namen trug(Stier) zu Boden geſchmettert hätte, heftete er ſo zu ſagen den Kopf des Geſangmeiſters an den Boden, indem er ihm mit einer Art von Ungeduld, die komiſch geweſen, wäre ſie nicht von einer ſo rohen That begleitet geweſen, ſagte: „Will man denn nicht endlich ruhig bleiben?“ Diesmal blieb der Abenteurer freiwillig oder unfreiwillig ruhig. Er war ganz erſchöpft. Jean Taureau zählte ſeine Billetpakete; es wa⸗ ren nur neun. Und Salvator hatte ihm doch von zehn geſagt. Es fehlte ihm alſo noch eines. Wie ſehr es dem würdigen Zimmermann auch widerſtrebte, in den Taſchen ſeines Nächſten zu wühlen, mußte er ſich doch entſchließen, die des Gauners zu durchſuchen, eine Operation, die er ſo⸗ gleich vornahm. In der dritten Taſche, die er umdrehte, fand er das zehnte Paket. Jean Taureau wollte nicht weiter. Er ſtand deßhalb ſogleich auf und erwartete, der Graf Ercolano*** werde ſich gleichfalls er⸗ heben. Nach Verfluß von fünf Minuten merkte er, daß er vergsblich wartete; der Graf gab kein Lebens⸗ zeichen von ſich. Jean Taureau nahm ſeinen Hut ab— es war ein ſehr höflicher Mann dieſer Jean Taureau trotz ſeines groben Aeußern— und grüßte reſpectvoll den Abenteurer. 234 Dieſer, ſei es, daß er weniger höflich war, als der Zimmermann, ſei es, daß ſeine Erſchöpfung es ihm unmöglich machte, bewegte nicht den kleinſten Finger. Jean Taureau betrachtete ihn zum letzten Male und da er ſah, daß er in ſeiner Unbeweglichkeit ver⸗ harrte, warf er ſeine linke Hand mit einer Bewe⸗ gung, welche ſagen wollte:„Das iſt ſchlimm, aber Du haſt es nicht anders gewollt, mein Junge!“ in die Luft. Dann entfernte er ſich langſam, mit beiden Hän⸗ den in der Taſche, und dem ruhigen und regel⸗ mäßigen Schritte eines Menſchen, der überzeugt iſt, daß er ſeine Pflicht gethan. Der Abenteurer kam erſt lange Zeit, nachdem Jean Taureau zu Hauſe gekommen war, wieder zum Bewußtſein, nämlich zu jener frühen Morgen⸗ ſtunde, wenn der Thau vom Himmel auf die Erde herabſteigt. Dieſer Thau, ſo wohlthätig für Pflanzen und Blumen, iſt, wie es ſcheint, nicht minder wohlthätig für das Thiergeſchlecht, als für das Pflanzenge⸗ ſchlecht; denn kaum waren ſeine erſten Thränen gefallen, als Graf Ercolano*** wie ein Menſch, der ſich erkältet hat, nieſte. Fünf Minuten ſpäter bewegte er ſich, erhob ſich, ließ den Kopf wieder ſinken, hob ihn noch einmal, und fand endlich nach drei oder vier vergeblichen Verſuchen ſein Gleichgewicht wieder. Einen Augenblick lang ſaß er unbeweglich da, wie ein Menſch, der ſeine Gedanken zu ſammeln e—,— m 235 bemüht iſt; dann ſtöberte er in ſeinen Taſchen und ſtieß einen furchtbaren Schrei aus. Das Gedächtniß erwachte offenbar wieder in ihm. Dies Gedächtniß zeigte ihm einen Abgrund. Dieſer Abgrund war öde und leer, die Taſche, die einen Augenblick lang fünfmalhunderttauſend Franken, das heißt fünfundzwanzigtauſend Livres Rente in ſich geſchloſſen. Da Graf Ercolano*** jedoch ein großer Phi⸗ loſoph war, ſo bedachte er im nächſten Augenblicke wieder, daß, ſo groß auch ſein Verluſt ſei, dieſer noch weit größer hätte ſein können, ſofern ſehr wenig gefehlt, daß er mit ſeinen fünfmalhunderttauſend Franken auch noch etwas weit koſtbareres verloren hätte, nämlich ſein Leben. Und das Leben, wenn auch etwas zerſtoßen und zerquetſcht, ſo doch immer noch im Innern kräftig, war ihm geblieben. Das war es, weſſen er ſich zuerſt verſicherte, indem er mit Entzücken die Luft ſchlürfte, und tief aufathmete, wie ein Menſch, der ſeit lange des Ge⸗ nuſſes beraubt iſt, der ſich mit dieſer Thätigkeit verbindet; dann bewegte er mit Behagen ſeinen Hals in der Cravatte, wie's ein Gehenkter etwa machen würde, der den Strick zerſchnitten; endlich die Stirne mit dem Aermel ſeiner Levite trocknend, ſtand er ſchwankend auf, ſah ſich mit etwas dum⸗ mer Miene um, huſtete mit einer ſchmerzlichen Zu⸗ ſammenziehung der Bruſtmuskeln, ſchüttelte den Kopf, als wollte er ſagen, es werde einige Zeit dauern, bis er ſich von dieſem Angriff erhole, drückte den Hut in die Stirne und ohne nach vorne oder 236 zurück, nach rechts oder links zu ſehen, wie er es gemacht, als er gekommen war, eilte er ſo raſch er konnte davon, indem er dem Himmel dankte, daß er ihm ein Leben erhalten, von dem er noch ſo guten Gebrauch für ſein eigenes Glück und für das ſeiner Nebenmenſchen machen konnte. Und jetzt würden wir glauben, dem Scharfſinn unſerer Leſer unrecht zu thun, wenn wir einen Au⸗ genblick zweifelten, daß ſie in dem Gemäldeliebhaber, der ſich bei Petrus als ſein Pathe unter dem Na⸗ men des Capitän Bertrand Monte Hauban einge⸗ führt, in dem Grafen Ercolano***, in dem Ge⸗ ſangmeiſter, dem Abenteurer, dem Gauner, welchen Jean Taureau beinahe erdroſſelt, nicht unſeren al⸗ ten Bekannten erkannt, den Mann, der zur großen Freude von Petrus am Faſtnachtsdienſtag dieſes Jahres auf der Esplanade des Conſervatoriums, die Naſe in einem Pappefutteral von drei bis vier Zoll Länge, ſpazieren ging, den Herr Gibaſſier, welcher, Dank dem Vertrauen, das er bei Herrn Jackal genoß, von Zeit zu Zeit gewiſſe lucrative, aber auch gefährliche Unternehmungen machen zu können glaubte. LXXVII. Wo Mademoiſelle Fifine Salvator, ohne es zu wollen, einen großen Dienſt erzeigt. Am Tage nach dieſen Ereigniſſen, gegen ſechs Uhr Morgens ſchritt Salvator über die Schwelle 8 der niedern Thüre des Hauſes, welches Jean Tau⸗ r rau und ſeine rothe Freundin, Mademoiſelle Fifine, ß in der Rue de la Bourbe bewohnten. ſo Lange ehe er in die vierte Etage kam, wo ſich die Wohnung des Zimmermanns befand, hörte Sal⸗ vator die eigenthümliche Geſangsſprache, die er, wie 3 man ſich erinnert, ſchon zu ſo zahlreichen Malen t⸗ gehört, namentlich an dem Tage, wo er gekommen, r, Barthelemy Lelong zu bitten, ihn nach dem Schloſſe von Viry zu begleiten. . Mademoiſelle Fifine ſchleuderte gegen den Zim⸗ e⸗ mermann das ganze Verzeichniß ihrer ſchärfſten n Flüche; der Rieſe brummte, wie Polyphem, der Acis und Galathea überraſchte. n Und doch handelte es ſich, wie wir ſehen wer⸗ e8 den, diesmal nicht um Liebe. s, Salvator pochte ſtark an die Thüre. er Mademoiſelle Fifine, mit aufgelösten Haaren, r, aus dem Kopfe ſtehenden Augen, die Schultern außer rn dem Kleide, Mademoiſelle Fifine öffnete, mit unan⸗ e ſtändig entblößter Bruſt und Hals, ſchnaubend und zu roth vor Zorn die Thüre. „Ei, ei! ich kann nicht ein einziges Mal kom⸗ men, ohne Zeuge eurer Streitigkeiten zu ſein?“ ſagte Salvator, indem er die Geliebte des Zimmer⸗ manns ſtreng anſah. .„Er hat Unrecht,“ ſagte die große Perſon. „Sie iſt eine Gans!“ rief Jean Taureau, in⸗ en dem er auf Mademoiſelle Finfine losſtürzte und die Fauſt über ihr erhob, um ſie zu ermorden. 5„Nun denn,“ ſagte Salvator halb lachend, halb „ ſtreng,„es iſt noch zu früh, um eine Frau zu ſchla⸗ 238 gen, Jean Taureau; man hat nicht die Entſchuldi⸗ gung des Rauſches für ſich.“ „Für diesmal, Herr Salvator,“ erröthete der Zimmermann,„kann ich ihnen nicht gehorchen; ſeit einer Stunde juckt mir der Arm, ich muß ihr durch⸗ aus den Kopf zerſchlagen.“ Jean Taureau war jurchtbar anzuſchauen; ſein Athem hatte den Ton eines Schmiedeblaſebalgs; ſeine blaſſen und aufeinandergepreßten Lippen zit⸗ terten; ſeine Augen waren wirr, von Blut unter⸗ laufen und ſchoſſen Flammen. Mademoiſelle Fifine, welche ſchon ſeit lange gewöhnt war, den Rieſen in der Wuth zu ſehen, fühlte ihr Blut in den Adern erſtarren; ſie ſah, daß es um ſie geſchehen wäre, wenn der Commiſ⸗ ſionär nicht energiſch und namentlich raſch in's Mit⸗ tel träte; ſie ſtürzte deßhalb auf ihn zu, umſchlang ihn mit ihren beiden langen Armen, und ſagte mit einem Blick voll Schrecken zu ihm aufſchreiend: „Retten Sie mich; im Namen des Himmels, Herr Salvator, retten Sie mich!“ Salvator machte ſich mit dem Ausdruck ſichtlichen Abſcheus aus dieſer Umarmung los; dann ſchob er die große Perſon hinter ſich, trat auf Jean Tau⸗ reau zu, ergriff kräftig ſeine Arme und fragte: „Nun, was gibt es wieder?“ „Erſtens,“ antwortete der Hercules, den der Blick Salwator's zu bannen ſchien,„erſtens iſt ſie eine elende, eine infame Creatur, des Bagnos und Schaffotes würdig; um ihr die Schande des Greve⸗ platzes zu erſparen, will ich ihr hier den Garaus machen.“ er it h⸗ in er⸗ und eve⸗ aus „Aber, was hat ſie denn gethan?“ fragte Sal⸗ vator. „Erſtens iſt ſie eine Gaſſendirne; ſie hat, ich weiß nicht welche, neue Bekanntſchaft im Quar⸗ tier gemacht, ſo daß man ſie nicht mehr im Hauſe haben kann.“ „Was das betrifft, mein armer Barthelemy, das iſt eine alte Geſchichte, und wenn ſie nichts Reues begangen, ſo ſollteſt Du daran gewöhnt ſein.“ „O, ja, ſie hat etwas Neues begangen,“ ſagte der Zimmermann, mit den Zähnen knirſchend. „Was hat ſie Dir denn gethan? Laß hören, ſprich!“ „Sie hat mich beſtohlen!“ heulte Jean Taurecau. „Wie, ſie hat Dich beſtohlen?“ fragte der junge Mann. „Ja, Herr Salvator.“ „Was hat ſie Dir denn geſtohlen?“ „Alles Geld von geſtern.“ „Das Geld vom geſtrigen Tage?“ „Das Geld von der Nacht, die fünfmalhundert⸗ tauſend Franken.“ „„Die fünfmalhunderttauſend Franken!“ rief Sal⸗ vator, indem er ſich umwandte, um Mademoiſelle Fifine zu fragen, die er noch immer hinter ſich glaubte. „Sie hat ſie bei ſich und ich wollte ſie ihr neh⸗ men, als Sie kamen; das iſt unſer Streit!“ rief Jean Taureau, während Salvator ſich umwandte. Aber jetzt ſtießen beide zu gleicher Zeit einen Schrei aus, denn beide gewahrten zu gleicher Zeit, daß Mademoiſelle Fifine verſchwunden war. 240 Hier galt es keine Zeit zu verlieren. Ohne ein Wort zu wechſeln, ſtürzten die beiden Männer auf die Treppe. Jean Taureau kam mehr fallend, als gehend, auf der letzten Stufe an. „Gehen Sie rechts,“ ſagte Salvator;„ich werde links gehen.“ Jean Taureau eilte ſo raſch er konnte nach der Esplanade des Obſervatoriums. Salvator war mit zwei Sätzen am Ende der Rue de la Bourbe, welche zu gleicher Zeit drei Seiten beherrſchte: den Bauhof der Capuziner zur Rechten, vor ſich die Rue St. Jacques, und hinter ſich das Faubourg. Er ſah ſoweit als ſein Auge reichte; aber um dieſe frühe Stunde war die Straße leer und die Läden waren noch geſchloſſen; Mademoiſelle Fifine hatte ſich mit wunderbarer Schnelligkeit gerettet oder ſich in ein benachbartes Haus geflüchtet. Was thun? wohin gehen? Salvator war mit Nachforſchung beſchäftigt, als eine Milchfrau, welche ſich an der Ecke der Rue St. Jacques und der Rue de la Bourbe vor einer Weinhandlung niedergelaſſen, ihm zurief: „Herr Salvator!“ Salvator wandte ſich um, als er ſich rufen hörte. „Was wollen Sie?“ fragte er. „Sie kennen mich nicht wieder, mein lieber Herr Salvator?“ fragte die Milchfrau. „Nein,“ antwortete dieſer, indem er fortfuhr, pald nach der einen, bald nach der andern Seite zu ſehen. en d, de er rei ur ter um die ine der als iue ner rte. err hr, eite 241 „Ich bin Maquelonne von der Rue aux Fers,“ ſagte die Milchfrau,„der Handel mit Blumen ging nicht mehr und ich habe mich jetzt auf den Milch⸗ handel gelegt.“ „Ich erkenne Sie jetzt,“ ſagte Salvator;„aber ich habe für den Augenblick keine Zeit, die Bekannt⸗ ſchaft weiter zu erneuern. Sahen Sie nicht ein großes blondes Frauenzimmer vorüberkommen?“ „Das wie eine Perſon ohne Lungen durch die Straßen rannte, ja.“ „Wann?“ „So eben.“ „Welchen Weg nahm ſie?“ „Die Rue St. Jacques.“ „Danke!“ ſagte Salvator, indem er in der an⸗ gedeuteten Richtung forteilte. „Herr Salvator! Herr Salvator!“ rief die Milch⸗ frau, indem ſie aufſtand und ihm nachlief. „Ich habe keine Zeit, wie ich Ihnen ſchon ſagte.“ „Warten Sie einen Augenblick,“ rief die Milch⸗ frau;„was wollen Sie von ihr?“ „Ich will ſie feſtnehmen.“ „Und wohin gehen Sie zu dieſem Zweck.“ „Gerade aus.“ „Sie brauchen dann nicht weit zu gehen.“ „Sie wiſſen alſo, wo Sie eingetreten?“ fragte Salvator. „Ja,“ antwortete die Milchfrau. „Nun, ſo ſagen Sie raſch! Wo?“ „Da, wohin ſie alle Tage geht, ohne daß ihr Mann es weiß,“ ſagte die Milchfrau, indem ſie Dumas, Salvator. V. 16 242 zwiſchen die Nummer 297— 299 der Straße auf ein Haus deutete, das man im Quartiere⸗Klein Bicetre nannte. „Sie wiſſen das gewiß?“ „Ja. „Sie kennen ſie alſo?“ „Es iſt eine meiner Kunden.“ „Und was thut ſie dort?“ „Fragen Sie das keine anſtändige Perſon, Herr Salvator.“ „Sie geht alſo zu einem Herrn?“ „Ja, zu einem Herrn von der Polizei.“ „Der wie heißt?“ „Jambaſſier, Jacubeſſier.. „Gibaſſier!“ rief Salvator. „Ja, ſo heißt er,“ antwortete die Milchfrau. „Ah, meiner Treu, das iſt ein Spiel der Vor⸗ ſehung,“ murmelte Salvator;„ich ſuchte gerade ſeine Adreſſe und Mademoiſelle Fifine gibt ſie mir. O! Herr Jackal, wie haben Sie Recht, wenn Sie ſa⸗ gen:„Man ſuche die Frau.“ Dank Maquelonne; Ihrer Mutter geht es gut.“ „Ja, Herr Salvator, ich danke und ſie iſt Ihnen ſehr erkenntlich, daß Sie ſie bei den Jacurables untergebracht, die gute, arme Frau.“ „Schon gut! ſchon gut!“ rief Salvator. Und er ging nach Klein Bicetre. Man muß in dem Quartier Saint Jacques ge⸗ lebt und es in jeder Hinſicht durchforſcht haben, um dieſes dunkle, eckelhafte und ſchmutzige Labyrinth, das man Klein Bicetre nannte, zu kennen. Es war etwas Aehnliches, wie die düſtern und — rr e⸗ m th, „ — feuchten Keller von Lille, welche einer über den andern erbaut ſind. Solvator kannte den Ort, da er ihn mehr als einmal bei ſeinen philanthropiſchen Nachforſchungen beſucht hatte; es war ihm deßhalb leicht, ſich in dieſem Labyrinth zurecht zu finden. Als er im fünften Stocke, das heißt unter dem Dache angekommen war, gewahrte er ſieben bis acht Thüren auf dem ſchmutzigen Corridor. Er legte ſein Ohr an eine der Thüren und lauſchte. Da er kein Geräuſch hörte, wollte er in den vierten Stock hinabſteigen, als er durch eine Oeff⸗ nung der Treppe, deren Fenſter vor langer Zeit zerbrochen und nicht wieder reparirt worden, auf dem Abſatz des fünften Stockwerks der Treppe rechts die Umriſſe von Mademoiſelle Fifine gewahrte. Er ſtieg raſch die fünf Etagen hinab, und mit Katzenſchritten die andere Treppe hinaufſchleichend, kam er ſo leiſe auf der oberſten Stufe an, daß Ma⸗ demoiſelle Fifine, die mit ſteigender Ungeduld immer heftiger pochte, ihn nicht hörte. Während ſie pochte, rief ſie: „Heffne doch! ich bin's, Giba, ich bin's!“ Aber Gibaſſier öffnete nicht, wie großen Reiz es 3r3 für ihn hatte, ſeinen Namen italieniſirt zu ören. Um vier Uhr Morgens nach Hauſe gekehrt, träumte er ohne Zweifel noch von der Gefahr, der er mit Hülfe ſeines guten Geiſtes entgangen, und freute ſich im Traume, einer ſo als 244 unerwarteten Gefahr mit heiler Haut entkommen zu ſein. Er hörte an ſeine Thüre pochen. Aber Gibaſſier glaubte, daß er noch träume, überzeugt, daß ihn zu ſo früher Stunde Niemand ſo zärtlich liebe, um ihm einen Beſuch zu machen, es ſei denn ſein Alpz er wandte ſich deßhalb entſchloſſen nach der Wand um, feſt entſchieden, trotz des Lärmes noch einmal einzuſchlafen, indem er vor ſich hin murmelte: „Pocht nur zu, pocht nur zu!“ Aber ſo hatte Mademoiſelle Fifine nicht gerech⸗ net. Sie pochte deßhalb unausgeſetzt fort, indem ſie den Galeerenſclaven mit den ſüßeſten Namen rief. Sie war mitten in ihren zärtlichen Anrufungen, als ſie eine Hand fühlte, die ſich ſanft, obgleich mit einem gewiſſen gebieteriſchen Ausdruck, auf ihre Schulter legte. Sie wandte ſich um und ſah Salvator. Sie begriff Alles und öffnete den Mund, um nach Hülfe zu rufen. „Schweig, Elende!“ ſagte Salvator zu ihr, „wenn Du nicht Luſt haſt, daß ich Dich arretiren und augenblicklich in das Gefängniß abführen laſſe.“ „Arretiren und als was?“ „Zunächſt als Diebin.“ „Ich bin keine Diebin, verſtehen Sie! ich bin ein ehrliches Mädchen!“ heulte die Gaunerin. „Nicht blos biſt Du eine Diebin und haſt fünf⸗ malhunderttauſend Franken bei Dir, welche mir gehören, ſondern.. Er fagte ihr ganz leiſe einige Worte. nit re im hr, en . nir — Die große Perſon wurde leichenblaß. „Ich bin's nicht“, ſagte ſie,„die ihn getödtet; es iſt die Geliebte von Croc⸗en⸗Jambe, Bebe la Rouſſe.“ „Das heißt, Du hielteſt das Licht, während ſie ihn mit Feuerbockhieben umbrachte. Dieſe Sache werdet ihr übrigens gemeinſchaftlich aufklären, wenn ihr in demſelben Gefängniß ſitzt. Und jetzt, wirſt Du ſchreien oder ich?“ Die große Perſon ſtieß einen Seufzer aus. „Nun, raſch,“ ſagte Salvator,„ich habe Eile.“ Zitternd vor Zorn ſteckte Mademoiſelle Fifine die Hand unter das Halstuch und zog aus ihrem Buſen eine Hand voll Bankbillets hervor. Salvator zählte. Es waren ſechs Pakete. „Gut!“ ſagte er;„noch vier Pakete wie dieſe und Alles iſt abgemacht.“ Zum Glücke für Salvator und vielleicht auch zu ihrem eigenen Glücke, denn Salvator war kein Mann, der ſich leicht überfallen ließ, hatte Made⸗ moiſelle Fifine keine Waffe bei ſich. „Nun, nun, die vier letzten Pakete“, ſagte Sal⸗ vator. Fifine ſuchte mit den Zähnen knirſchend in ihrem Buſen und zog zwei Pakete heraus. „Noch zwei,“ ſagte Salvator. Die große Perſon ſuchte zum dritten Male und zog ein Paket heraus. „Nun, noch eins, das letzte,“ machte der junge Mann, indem er ungeduldig auf den Boden ſtampfte. „Es iſt alles,“ ſagte ſie. 246 „Es waren zehn Pakete,“ machte Salvator. „Raſch, das letzte, ich warte.“ „Wenn noch ein zehntes da war,“ ſagte Ma⸗ demoiſelle Fifine entſchloſſen,„ſo werde ich es unterwegs verloren haben.“ „Mademoiſelle Joſephine Dumont,“ ſagte Sal⸗ vator, nehmen Sie ſich in Acht! Sie ſpielen da ein ſchlimmes Spiel.“ Die große Perſon zitterte, als ſie ſich bei ihrem Familiennamen nennen hörte. Sie that, als ob ſie noch einmal in ihrem Bu⸗ ſen ſuchte. „Wenn ich Ihnen ſchwöre, daß nichts da iſt,“ ſagte ſie. „Sie lügen,“ machte Salvator. „Zum Teufel,“ ſagte ſie ſchamlos;„ſuchen Sie ſelbſt.“ „Ich möchte lieber die fünfzigtauſend Franken verlieren, als die Haut einer Viper wie Du zu be⸗ rühren wagen,“ antwortete der junge Mann mit dem Ausdruck unausſprechlicher Verachtung.„Aber geh' voran und beim nächſten Wachthaus wird man Dich unterſuchen.“ Und er ſtieß ſie mit dem Ellbogen nach der Treppe, wie wenn er ſie mit der Hand zu berühren fürchtete. „O!“ rief ſie,„da nehmen Sie Ihr Geld und hole Sie der Teufel ſammt demſelben!“ Sie nahm aus ihrem Buſen das letzte Paket und warf es voll Wuth auf das Pflaſter. „Gut,“ ſagte Salvator,„und jetzt geh' und bitte Barthelemy um Verzeihung, vergiß nicht, daß e L. it r n r n et d ₰ 247 bei der erſten Klage, die ich über Dich laut werden höre, ich Dich in die Hände der Juſtiz überliefere.“ Mademoiſelle Fifine ging die Treppe hinab, in⸗ dem ſie Salvator die Fauſt zeigte. Dieſer folgte ihr mit dem Blicke, bis ſie in den dunkeln Gängen des rieſigen Schneckenhauſes ver⸗ ſchwunden war; als er ſie endlich aus dem Geſichte verloren, bückte er ſich, hob das Paket auf, nahm zehn Billets heraus, legte ſie in ſein Portefeuille und ſteckte dann die neun unberührten und das zehnte angebrochene in ſeine Taſche. LXXVIII. Wo nachgewieſen iſt, daß das Geben, nicht das Erhalten von Empfangsbeſcheinigungen gefährlich ſei. Kaum war Mademoiſelle Fifine verſchwunden, kaum hatte Salvator die zehn Tauſendfrankenbillets in ſein Portefeuille, und in ſeine Taſche die neun unberührten und das angebrochene Paket gethan, als die Thüre Gibaſſiers ſich öffnete und dieſer würdige Geſchäftsmann auf der Schwelle erſchien, in einem einfachen Beinkleide von weißem Molton, den Kopf mit einem Foulard umwickelt und die Füße in geſtickten Pantoffeln. Die Schläge, welche das große Frauenzimmer auf die Thüre geführt, die harten Worte, von wel⸗ chen dieſe begleitet waren, der Schreckensſchrei, den ſie ausgeſtoßen, als ſie Salvator erkannte, der Kampf, der dieſem Begegnen folgte, hatte, wie wir 248 geſagt, den Schlaf des ehrbaren Gibaſſier geſtört und zwar in ſolchem Grade, daß er, um ſich von dem was auf ſeiner Flur geſchehe, Rechenſchaft zu geben, ſich zuletzt dem ſüßen Schlafe entwunden, aus ſeinem Bette geſprungen, ſein Hauskleid ange⸗ zogen, in ſeine Pantoffeln geſchlüpft und mit leiſen Schritten ſich der Thüre genähert. Da er kein Geräuſch mehr hörte, erwartete er, die Flur leer zu finden. Er war deßhalb ſehr erſtaunt, als er Salvator ſah; wir müſſen ſogar zum Ruhme der Klugheit Gibaſſiers ſagen, daß er beim erſten Anblick des Fremden vor ſeiner Thüre wieder ſchließen wollte. Aber Salvator, der den Galeerenſclaven ſowohl dem Geſichte, als dem Rufe nach kannte, der wußte, welchen Antheil er an der Entführung Mina's hatte, der ihn ſeit jener Zeit theils direct theils indirect beobachtete, wollte ſich die günſtige Gelegen⸗ heit, die ihn denſelben finden ließ, nicht ſo unbe⸗ nützt entſchwinden laſſen. Er widerſetzte ſich deßhalb, indem er die Hand ausſtreckte, ſeiner Abſicht, die Thüre zu ſchließen, und fragte mit aller Höflichteit, deren er fähig war: „Ich habe wohl die Ehre, Herrn Gibaſſier zu ſprechen?“ „Ja, mein Herr,“ antwortete Gibaſſier, indem er ihn mit ebenſo argwöhniſcher Miene betrachtete, als es ſeine noch ganz aufgedunſenen Augen ge⸗ „Mit wem habe ich die Ehre zu ſpre⸗ en?“ m „Sie kennen mich nicht?“ fragte Salvator, in⸗ dem er ſanft die Thüre aufſtieß. „Wahrhaftig, nein,“ ſagte der Galeerenſträfling, „obgleich ich allerdings Ihr Geſicht irgendwo geſe⸗ hen zu haben glaube, aber der Teufel weiß wo.“ „Meine Kleidung ſagt Ihnen, was ich bin,“ verſetzte Salvator. „Commiſſionär, das ſehe ich wohl, aber wie heißen Sie?“ „Salvator.“ „Ah! ah! halten Sie ſich nicht gewöhnlich an der Rue aux Fers auf?“ fragte Gibaſſſer mit einer Art von Schrecken. „Allerdings.“ „Und was wollen Sie?“ „Das werde ich Ihnen zu ſagen die Ehre haben, wenn Sie mir einzutreten erlauben.“ „Hm!“ machte Gibaſſier zögernd. „Sie mißtrauen mir?“ fragte Salvator, indem er ſich zwiſchen die Thüre und die Mauer ſchmiegte. „Ich?“ ſagte Gibaſſier.„Weßhalb ſollte ich Ihnen mißtrauen? Ich habe Ihnen nie etwas ge⸗ than; warum ſollten Sie mir übelwollen?“ „Ich habe auch nur Gutes im Sinne,“ ſagte Salvator,„und ich komme um Ihnen welches zu erzeigen.“ Gibaſſier ſtieß einen Seufzer aus; er glaubte ebenſowenig an das Gute, das ihm Andere erzei⸗ gen wollten, als an das, welches er Andern er⸗ zeigte. „Sie zweifeln?“ ſagte Salvator. 250 „Ich geſtehe, daß ich ein nur ſehr ſchwaches Zutrauen beſitze,“ antwortete der Galeerenſträfling. „Sie werden ſelbſt urtheilen.“ „So geben Sie ſich die Mühe, ſich zu ſetzen.“ „Das iſt unnütz,“ ſagte Salvator,„ich habe große Eile, und mit einem Worte, wenn die Sache, die ich Ihnen vorzuſchlagen im Begriffe bin, Ihnen convenirt, ſo iſt ſie raſch abgeſchloſſen.“ „Wie Sie wollen; aber ich ſetze mich,“ ſagte Gibaſſier, der nach einer gewiſſen Steifigkeit des ganzen Körpers zu urtheilen, noch an den ſchlim⸗ men Folgen der Nacht litt.„So,“ fügte er hinzu, indem er ſich auf einem Stuhle bequem machte, „wenn Sie mir jetzt ſagen wollen, was mir die Ehre Ihres Beſuches verſchafft, ich höre.“ „Können Sie über eine Woche verfügen?“ fragte Salvator. „Das hängt von dem Auftrag ab, den ich in dieſer Woche ausführen ſoll; denn bemerken Sie wohl, daß eine Woche der ſiebzehnhundertſech⸗ zehnte Theil eines Menſchenlebens iſt, wenn wir die neueſte Statiſtik annehmen, welche die mitt⸗ lere Lebensdauer eines Menſchen auf drei und drei⸗ ßig Jahre feſtſetzt.“ Mein lieber Herr Gibaſſier,“ ſagte Salvator mit ſeinem ſüßeſten Lächeln, indem er dieſe Durch⸗ ſchnittsberechnung für die übrigen Menſchen gelten ließ,„ich ſehe mit Vergnügen, daß Sie eine Aus⸗ nahme von der Regel machen, und obgleich Sie nicht viel mehr als dreiunddreißig Jahre alt ſchei⸗ nen, haben Sie doch unſtreitig dieſes Alter über⸗ ſchritten.“ „Soll ich mich deſſen rühmen?“ antwortete der würdige Gibaſſier zu gleicher Zeit philoſophiſch und melancholiſch. „Das iſt jetzt nicht die Frage,“ ſagte Salvator. „Was denn?“ „Nachdem Sie das gefährliche Alter überſchritten, werden Sie aller Wahrſcheinlichkeit nach das Dop⸗ pelte dieſer Zahl, das heißt ſechsundſechzig erreichen: ſomit iſt eine Woche für Sie der dreitauſendvier⸗ hundertſte Theil des Lebens: und bemerken Sie wohl, daß ich Ihnen dies nicht ſage, um mit Ihnen wegen des Preiſes Ihrer Woche zu markten, ſon⸗ dern Ihr Urtheil in Beziehung auf ihre eigene Le⸗ bensdauer zu berichtigen.“ „Ja,“ ſagte Gibaſſier, der in dieſer Hinſicht überzeugt ſchien,„aber wird mir die Aufgabe dieſer Woche angenehm ſein?“ „Angenehm und erſprießlich; Sie werden, was in dieſer Weit ſo ſelten iſt, die Vorſchrift des Horaz, deſſen Werke ein Gelehrter wie Sie gewiß genau kennt, verwirklichen können und Utile cum dulci verbinden.“ „Um was handelt es ſich?“ fragte Gibaſſier, der, Künſtler in ſeiner Art, ſich von dem Maleri⸗ ſchen der Converſation hinreißen ließ. „Es handelt ſich um Reiſen.“ „Ah! bravo!“ „Sie lieben das Reiſen?“ „Leidenſchaftlich.“ „Das geht ja ganz vortrefflich.“ „Und weiches Land ſoll ich durchreiſen? „Deutſchland.“ * 252 „Germania mater... Immer beſſer!“ rief Gibaſſier,„ich werde um ſo beſſere Dienſte in Deutſch⸗ land leiſten, als ich dieſes Land genau kenne und meine Reiſen dort ſtets glücklich waren.“ „Man weiß das. Deßhalb mache ich Ihnen dieſen Vorſchlag; der Erfolg dieſer Sache iſt ganz unter den Schutz Ihres Glückes geſtellt.“ „Gut!“ ſagte Gibaſſier.„Nun das iſt ja Alles möglich; ich bin erfreut, eine Gelegenheit zu haben, Frankreich für einige Tage verlaſſen zu können.“ „Sehen Sie, wie ſich das macht!“ „Meiner Geſundheit ſchadet der Aufenthalt in Paris.“ „Wirklich,“ ſagte Salvator,„Sie haben geſchwol⸗ lene Augen, einen blau unterlaufenen Hals und das Blut ſteigt Ihnen leicht zu Kopfe.“ „Das iſt erſt dieſe Nacht in hohem Grade der Fall geweſen, mein lieber Herr Salvator; wie Sie mich da ſehen, wäre ich beinahe an einem Blutſturze geſtorben,“ antwortete Gibaſſier. „Glücklicher Weiſe,“ fragte Salvator naiv,„hat man Ihnen noch zur rechten Zeit Ader gelaſſen?“ „Ja,“ antwortete Gibaſſier,„zur Ader gelaſſen und zwar eine große Portion Blut abgezapft.“ „Das iſt die beſte Dispoſition für die Reiſe; man fühlt ſich leicht.“ „O, ſehr leicht.“ „Ich kann alſo meine Frage vorbringen?“ „Nur zu, mein lieber Herr, nur zu. Um was handelt es ſich?“ „Um etwas ſehr Einfaches: es handelt ſich um die Ueberbringung eines Briefes. Das iſt Alles.“ — v— 8 253 „Hm! hm!“ murmelte Gibaſſier zwiſchen den Zähnen, in deſſen Innerem wieder Zweifel aufſtie⸗ gen.„Einen Mann allein zum Zwecke der Ueber⸗ bringung eines Briefes nach Deutſchland ſenden, während die Poſt ſo vortrefflich eingerichtet iſt? Leufel! Teufel!“ „Sie ſagen?“ fragte Salvator, indem er ihn aufmerkſam anſah. „Ich ſage,“ machte Gibaſſier, indem er den Kopf ſchüttelte,„das muß ein verteufelt ſeltſamer Brief ſein; denn wenn es ein Brief wie alle andern wäre, würden Sie ihn vermuthlich nicht mit ſo großen Koſten expediren.“ „Sie haben Recht,“ ſagte Salvator,„es iſt ein Brief von der höchſten Wichtigkeit.“ „Politiſch, denke ich wohl.“ „Ganz politiſch.“ „Eine höchſt delicate Angelegenheit?“ „Ganz außerordentlich delicat.“ „Folglich auch gefährlich.“ „Gefährlich, wenn nicht alle Vorkehrungsmaß⸗ maßregeln getroffen wären.“ „Was verſtehen Sie unter Vorkehrungsmaß⸗ regeln?“ „Daß der Brief in einem weißen Papier, das ganz offen iſt, beſtehen wird.“ „Aber die Adreſſe?“ „Man wird ſie Ihnen mündlich mittheilen.“ „So iſt die Adreſſe alſo mit ſympathetiſcher Tinte geſchrieben?“ „Von der Erfindung der Perſon, welche ſie 254 ſchreibt, eine Erfindung, welche ſelbſt die der Herren Thenard und Orfila weit hinter ſich läßt.“ „Aber die Polizei iſt ein ganz anderer Chemiker, als die Herren Thenard und Orfila.“ „Dieſe Tinte bietet ſelber der Polizei Trotz und ich ſage Ihnen das ausdrücklich, mein lieber Herr Gibaſſier, damit Sie nicht in Verſuchung kommen, den Brief an Herrn Jackal um das Doppelte des Trägerlohns zu verkaufen.“ „Mein Herr,“ machte Gibaſſier, indem er ſich aufrichtete,„Sie glauben mich alſo fähig?“ „Das Fleiſch iſt ſchwach,“ antwortete Salvator. „Das iſt wahr,“ murmelte der Galeerenſträfling mit einem Seufßzer. „Sie ſehen alſo,“ fuhr Salvator fort,„daß Sie durchaus nichts riskiren.“ „Sagen Sie mir das, um von mir einen billi⸗ geren Preis für meine Miſſion zu erhalten?“ „Durchaus nicht; die Miſſion wird im Verhält⸗ niß zu ihrer Wichtigkeit bezahlt werden.“ „Aber wer wird den Preis feſtſtellen?“ „Sie ſelbſt.“ „Ich muß vor Allem wiſſen, wohin ich gehe.“ „Nach Heidelberg.“ „Sehr gut. Wann?“ „So bald als möglich.“ „Morgen, iſt das zu frühe?“ „Dieſen Abend wäre beſſer.“ „Ich bin zu ſehr fatiguirt, um dieſen Abend abreiſen zu können, ich hatte eine ſchlimme Nacht.“ „Eine bewegte Nacht?“ „Sehr bewegt.“ n r, id rr n, 8 ch d . „Nun gut, alſo morgen früh. Aber, mein lieber Herr Gibaſſier, wie viel verlangen Sie?“ „Nach Heidelberg zu gehen?“ „B. „Muß ich mich dort aufhalten?“ „So lange bis Sie die Antwort in Empfang genommen und zurückkommen können.“ „Nun, tauſend Franken, iſt das zu viel?“ „Ich möchte Sie im Gegentheil fragen, iſt das genug?“ „Ich bin ökonomiſch und wenn ichſ ſpare, komme ich damit aus.“ „Nun gut alſo, tauſend Franken für das Ueber⸗ bringen des Briefes. Aber für das Zurückbringen der Antwort?“ „Daſſelbe.“ „Alſo zweitauſend Franken; tauſend Franken für das Hin und tauſend Franken für das Zurück.“ „Tauſend Franken für das Hin und tauſend Franken für das Zurück: das iſt gut.“ „Nachdem nun der materielle Theil der Reiſe in's Reine gebracht iſt, gilt es, die Vertrauensſeite, den Lohn für die Miſſion ſelbſt auszumachen.“ „Ah! der Lohn für die Miſſion iſt in den zwei⸗ tauſend Fronken nicht einbegriffen?“ „Sie reiſen für ein ungeheuer reiches Haus, mein lieber Herr Gibaſſier, alſo tauſend Franken mehr oder weniger... „Iſt es zu viel, wenn ich zweitauſend Franken verlange?“ „Man kann nicht billiger ſein.“ 256 „Alſo zweitauſend Franken für die Reiſekoſten, zweitauſend Franken für die richtige Beſorgung... „Im Ganzen viertauſend Franken.“ Und indem er dieſe Worte ſprach, ſtieß Gibaſſier einen Seufzer aus. „Finden Sie, daß es zu wenig iſt?“ fragte Salvator. „Nein, ich denke. „Was?“ „Nichts.“ Gibaſſier log; er dachte an die Mühe, die er haben ſollte, um viertauſend Franken zu gewinnen, während er einige Stunden früher mit ſo viel Leich⸗ tigkeit und ohne ſich zu derangiren, fünfmalhundert⸗ tauſend Franken gewonnen hatte. „Indeß,“ ſagte Salvator,„ein Herz, das ſeufzt, hat nicht, was es wünſcht.“ „Die Habgier des Menſchen iſt unerſättlich,“ ſagte Gibaſſier, indem er auf ein Sprüchwort mit einer Sentenz antwortete. „Unſer großer Moraliſt Lafontaine hat eine Fabel darüber gemacht,“ ſagte Salvator,„kommen wir jedoch auf beſagten Hammel zurück.“ Er ſuchte in der Toſche. „Haben Sie den Brief?“ fragte Gibaſſier. „Nein, er konnte nur dann geſchrieben werden, wenn Sie die Miſſion annahmen.“ „Nun gut, ich nehme ſie an.“ „Bedenken Sie ſich wohl, ehe Sie annehmen.“ „Ich habe mich bedacht.“ „Sie gehen?“ „Morgen, bei Tagesanbruch.“ en, ch⸗ rt⸗ t, h,“ mit ine nen en, n n. Salvator zog ſein Portefeuille aus ſeiner Taſche, öffnete es und lies Gibaſſier ein ganzes Neſt von Bankbillets ſehen. „Ach!“ machte Gibaſſier, als wenn bei dieſem Anblick ihm ein Dolch das Herz durchbohrte. Salvator ſchien nichts zu bemerken; er nahm zwei Bankbillets von den übrigen und ſagte, indem er ſich an Gibaſſier wandte: „Es gibt keinen Handel ohne Draufgeld; hier ſind die Reiſekoſten; bei Ihrer Rückkehr, wenn Sie die Antwort und den Brief bringen, ſollen Sie die beiden andern tauſend Franken haben.“ Gibaſſier zögerte, die Hand auszuſtrecken, Sal⸗ vator ließ die Bankbillets auf den Tiſch fallen. Der Galeerenſelave nahm ſie, unterſuchte ſie ſorgfältig, indem er ihre Dicke zwiſchen Daumen und Zeigefinger prüfte, und ihre Durchſichtigkeit dadurch erforſchte, daß er ſie zwiſchen ſich und das Licht hielt. „Ausgezeichnet,“ ſagte Gibaſſier. „Ei, ei, glauben Sie mich im Stande, Ihnen falſche Billets zu geben?“ „Nein; aber Sie hätten ſelbſt getäuſcht worden ſein können; ſeit einiger Zeit macht man große Fortſchritte in der Induſtrie.“ „Wem ſagen Sie das?“ machte Salvator. „Ich werde Sie alſo wieder ſehen?“ „Dieſen Abend; um welche Stunde werden Sie zu Hauſe ſein?“ „Ich werde mein Zimmer nicht verlaſſen.“ „Ach ja! die Steifigkeit...“ Dumas, Salvator. V. 17 258 „Das iſt's.“ „Gut denn, um neun Uhr, wenn Sie wollen.“ „Abgemacht, um neun Uhr.“ Und Salvator ging nach der Thüre. Er hatte bereits die Hand am Schlüſſel, als er plötzlich ſagte: „Halt! ich hätte vom andern Ende von Paris wieder zurückkommen müſſen.“ „Wie das?“ „Ich vergaß eine Kleinigkeit.“ „Welche?“ „Sie um eine Empfangsbeſcheinigung zu bitten; Sie begreifen wohl, daß das Geld nicht mir gehört: ein armer Commiſſionär hat nicht den zehnten Theil von tauſend Franken in ſeinem Portefeuille und be⸗ zahlt für ſeine Couriere nicht viertauſend Franken.“ „Das ſetzte mich auch in Erſtaunen.“ „Das heißt, ich begreife nicht, wie Ihnen das kein Mißtrauen einflößte.“ „Ich begann auch welches zu faſſen,“ ſagte Gi⸗ baſſier. „Nun, ſo geben Sie mir eine kleine Empfangs⸗ beſcheinigung für zweitauſend Franken, und Alles iſt abgemacht.“ „Das iſt nicht mehr als billig,“ machte Gibaſ⸗ ſier, indem er ſein Tintenzeug und ein Blatt Papier an ſich zog. Dann ſich nach Salvator umwendend, ſagte er: „Eine einfache Empfangsbeſcheinigung, nicht wahr?“ „O, mein Gott, ja. Das Einfachſte.“ „Ohne Bezeichnung?“ — — — ————„— — S— es aſ⸗ ier 28 hi „Werth in Rechnung; wir wiſſen in welche Rechnung. Das genügt.“ Gibaſſier, ſei es, daß er dies mechaniſch that, ſei es, daß er wiſſend, wie leicht Bankbillets da⸗ vonfliegen, nicht wollte, daß dies mit den ſeinen ge⸗ ſchehe, Gibaſſier heftete ſie mit ſeinem linken Ell⸗ bogen an den Tiſch und begann die Empfangsbe⸗ ſcheinigung mit ſeiner ſchönſten Schrift zu ſchreiben. Dann bot er ſie Salvator, der ſie aufmerkſam las, ſie mit einer gewiſſen Befriedigung zuſammen⸗ faltete und langſam in ſeine Taſche ſteckte. Gibaſſier ſah ihm mit einer gewiſſen Unruhe zu. Das Lächeln Salvator's mißfiel ihm. Aber es wurde noch ganz anders, als Salvator, die Arme kreuzend und Gibaſſier in's Geſicht bli⸗ ckend, indem er ſeinem Lächeln den Ausdruck des größten Spottes verlieh, zu ihm ſagte: „Man muß geſtehen, Meiſter Gauner, daß Sie von einer ſeltenen Schaamloſigkeit und einer voll⸗ endeten Dummheit ſind. Wie! Sie ſind ſo einfäl⸗ tig, an Geſchichten zu glauben, wie die, welche ich Ihnen erzähle; Sie ſind der Schwachkopf, ſich in einer ſolchen Kinderſchlinge fangen zu laſſen? Man kann es kaum glauben! Wie! Sie haben ge⸗ glaubt, man werde wegen Ihres Abenteuers von dieſer Nacht keine Nachforſchungen anſtellen? Sie haben nicht daran gedacht, daß, wenn man nur den geringſten Verdacht auf Sie hätte, nichts leichter ſein würde, als eine Zeile von Ihrer Handſchrift zu fordern? Aber ſeien Sie ſo dumm Sie wollen, und ſtehlen Sie ſo unverſchämt, als ſie das 260 Geld, das Ihnen Herr Jackal gibt! Setzen Sie ſich, Herr Graf Ercolano, und hören Sie mich Gibaſſier hatte den Anfang dieſer Rede mit wachſendem Erſtaunen gehört. Als er ſah, welche Dummheit er begangen, da er Salvator eine Em⸗ pfangsbeſcheinigung von ſeiner Handſchrift gegeben, hatte er ſie ihm wieder entreißen wollen und eine Bewegung gemacht, um ſich auf ihn zu ſtürzen: Salvator jedoch, der Alles vorausſah, hatte auch dieſe Bewegung geahnt, denn er zog ein geladenes Piſtol aus ſeiner Taſche, das er dem Galeerenſcla⸗ ven auf die Bruſt ſetzte, während er zu gleicher Zeit zu ihm ſagte:„Herr Graf Ercolano ſetzen Sie ſich und hören Sie mich.“ Gibaſſier, welcher, bei ſeinem nächtlichen Kampfe mit Jean Taureau entwaffnet worden und über⸗ haupt mehr Mann der Liſt als der Gewalt war, glaubte bei dem Befehle Salvator's keine andere Parthie ergreifen zu können, als zu gehorchen und fiel mehr auf einen Stuhl, als daß er ſich ſetzte, während ſein blaſſes Geſicht von Schweiß triefte. Gibaſſier begriff, daß er wie der Marſchall von Villeroy bei der Periode des Lebens angekommen war, wo das Glück uns verläßt und man nichts als Niederlagen zu erwarten hat. Salvator trat auf die andere Seite des Tiſches, ſetzte ſich gegenüber von Gibaſſier und eröffnete das Geſpräch wieder, während er mit ſeinem Piſtole ſpielte: „Sie wurden wegen erhärteter Diebſtähle und Fälſchungen zum Bagno verurtheilt und hätten we⸗ gen Mords zum Tod verurtheilt werden ſollen; da —— he m⸗ n, ne ch es la⸗ er Sie fe er⸗ ar, ere nd te, on ten ht es, s ole ind we⸗ 261 der Mord jedoch nicht bewieſen worden, ſo ſind Sie dem Tode entgangen. Der Mord wurde in einem verpönten Hauſe der Rue Froidmanteau an einem Manne aus der Provinz Ramens Claude Vincent vollbracht; die Mitſchuld traf die Zwergin Bebe und Mademoiſelle Fifine; ich kann beweiſen, daß Sie es ſind, der den erſten Streich geführt, einen Streich mit dem Feuerbock, der den Unglücklichen ohnmächtig zu Boden warf, und da ihm der Garaus durch die beiden liederlichen Frauenzimmer gemacht wurde, von denen die Eine aus einem andern Grunde bereits in den Händen der Juſtiz iſt, während die Andere Ihnen dieſen Morgen die fünfmalhunderttauſend Franken zurückbrachte, die Sie der Gräfin Rappt geſtohlen haben, ſo kann ich Sie Morgen, Sie und Made⸗ moiſelle Fifine, in Hände liefern, aus denen Herr Jackal, ſo mächtig er iſt, ſich wohl hüten wird, Sie zu befreien... Glauben Sie, daß ich dieſe Macht habe, und daß Sie Gefahr laufen, wenn Sie mir nicht in Allem zu Dienſten ſind?“ „Ich glaube es,“ murmelte Gibaſſier traurig. „Warten Sie, wir ſind noch nicht zu Ende.“ „Einige Tage ſpäter entkamen Sie aus dem Bagno, Sie entführten ein junges Mädchen aus einem Penſionat von Verſailles, auf Befehl des Herrn Loredan von Valgeneuſe. Ihre Mitſchuldi⸗ gen nahmen Ihnen den Theil des Geldes, der Ihnen von dieſer hübſchen Unternehmung zukam, und warfen Sie in einen Brunnen, aus dem Sie Herr Jackal zog; ſeit jenem Tage ſind Sie ſeine ergebene Creatur, aber weder Sie, noch er konnten hindern, daß ich Mina Herrn von Valgeneuſe ent⸗ 262 riß und ſie in Sicherheit brachte. Sie ſehen alſo, elender Schuft, daß ich gegen Sie zu kämpfen und ſelbſt wider Ihren Willen zu ſiegen im Stande bin. Heute, das erkläre ich Ihnen, handelt es ſich um eine noch ernſtere Sache, als die Entführung eines jungen Mädchens, eine Sache, der ich, wenn es ſein müßte, nicht nur die fünfmalhunderttauſend Franken opferte, die ich Ihnen dieſe Nacht wieder abnehmen ließ, ſondern ſelbſt das Doppelte, das Dreifache, das Vierfache dieſer Summe. Wehe Denen, die ſich zwiſchen mich und mein Ziel ſtellen, ich werde ſie wie Glas zerbrechen. Als mein Freund wird man Alles zu gewinnen, als mein Feind Alles zu verlieren haben. Hören Sie mich deshalb mit offenen Ohren an.“ „Ich höre.“ „Wann lauft die Friſt ab, welche dem Abbé Dominique für ſeine Reiſe nach Rom zugeſtanden worden?“ „Sie iſt heute abgelaufen.“ „Wann ſoll Herr Sarranti hingerichtet werden?“ „Morgen Nachmittag um 4 Uhr.“ Salvator erblaßte und ſchauerte unwillkürlich bei dieſer Gewißheit, die ihm durch den abſcheulichen Schurken wurde, mit dem er es zu thun hatte, aber er faßte ſich wieder, wie ein Menſch, dem eine letzte Hoffnung übrig bleibt, und raſch ein anderes Ge⸗ ſpräch anknüpfend, fragte Salvator: „Sie kennen den ehrenwerthen Herrn Gerard von Vanvres?“ „Er iſt mein College und mein Freund,“ ant⸗ wortete Gibaſſier. ſo, nd m es es nd er as he id es tit en er te ⸗ d „Ich weiß das. Hat er Sie ſchon eingeladen, ihn auf dem Lande zu beſuchen?“ „Niemals.“ „Der Undankbare! Wie, in dieſen ſchönen Som⸗ mertagen iſt ihm noch nicht mal die Idee gekom⸗ kommen, einen Freund zu einem ländlichen Frühſtück in ſein Schloß in Vanvres einzuladen?“ „Die Idee iſt ihm noch nie gekommen.“ „Und Sie würden, wenn die Gelegenheit ſich Ihnen böte, ihn etwas für ſeine Undankbarkeit gegen Sie zu ſtrafen, gewiß dieſe ſich nicht entgehen laſſen?“ „Wahrhaftig, nein, ich bin zu empfindlich dafür.“ „Nun gut, ich glaube, daß ſich heute Ihnen dieſe Gelegenheit bietet.“ „Wirklich?“ „Herr Gerard iſt ſoeben zum Maire von Von⸗ vres ernannt worden.“ „Es gibt ſehr glückliche Leute,“ murmelte Gi⸗ baſſier, indem er einen Seufzer ausſtieß. „Gut!“ ſagte Salvator,„mit Geduld kann Ihnen daſſelbe Glück zu Theil werden; Sie haben nur verſucht, einen Mord zu begehen, Herr Gerard hat wirklich einen Mord begangen; Sie waren im Bagno; ihm iſt beſtimmt, in's Bagno zu kommen, wenn nicht noch weiter. Wenn Sie denn, ein Opfer der Freundſchaft, die Sie für ihn hegen, der mo⸗ dernen Zeit eines der großen Beiſpiele von Brüder⸗ lichkeit geben wollen, die uns das Alterthum über⸗ und wie Niſus mit Ihrem Euryalus ſter⸗ en „Nein.“ „Ich glaube auch, daß es klüger iſt. So müſſen 264 Sie Punkt für Punkt thun, was ich Ihnen ſagen werde.“* „Und wenn ich es thue?“ „Werden Sie keine andere Gefahr laufen, als einem ehrlichen Manne eine gute That vollbringen zu helfen. Das iſt freilich, wie ich weiß, nicht genug für einen ſo ängſtlichen Geiſt, wie der Ihrige; aber indem Sie dieſem ehrbaren Manne eine gute That vollbringen helfen, werden Sie wieder in den Beſitz von zehntauſend Franken kommen, die Sie verloren glaubten.“ „Ah, richtig, die zehntauſend Franken, die ich meinem Pathen lieh!“ „Allerdings.“ „Wahrhaftig! Sie haben Recht, ich glaubte ſie verloren.“ „Nun, ſie ſind es nicht, und der Beweis ſind die zweitauſend Franken, die Sie bereits in Ihre Taſche ſtecken können!“— Salvator übergab Gibaſſier die zweitauſend Franken, welche auf dem Tiſche lagen,—„und hier weitere dreitauſend Fran⸗ ken, die Sie zu den übrigen legen können.“ „Und für dieſe,“ fragte Gibaſſier,„brauchen Sie keine Empfangsbeſcheinigung?“ „Sieh, ſieh,“ ſagte Salvator,„Sie ſind ein Mann von Geiſt.“ „Ja, das iſt's, was mich zu Grunde richtet! Zu viel Phantaſie, mein Herr, zu viel Phantaſie! Aber fahren Sie fort; was muß ich thun? wohin muß ich gehen?“ „Nach Vanvres.“ „Das iſt nicht weit.“ n MW8 8S— b —— „Sie würden für viertauſend Franken nach Hei⸗ delberg gegangen ſein, Sie gehen wohl für zehn⸗ tauſend nach Vanvres.“ „Für fünftauſend Franken.“ „Für zehntauſend, natürlich unter der Bedin⸗ gung, daß Sie die fünf weiteren erſt erhalten, wenn Sie zurückkommen.“ „Ich bin bereit, nach Vanvres zu gehen; aber was muß ich in Vanvres thun?“ „Ich werde Ihnen das ſagen. Zu Ehren ſeiner Ernennung zum Maire gibt Herr Gerard heute ein Diner von zwölf Couverts; er hat Sie nicht ein⸗ geladen, aus Furcht, es möchten dreizehn zu Tiſche ſein und dies Unglück für ihn bedeuten.“ „Ich habe wirklich bemerkt, daß er ſehr aber⸗ gläubiſch iſt,“ ſagte Gibaſſier. „Nun gut, es ſcheint mir, daß jetzt oder nie die Gelegenheit gekommen iſt, ihm eine tüchtige Lection der Höflichkeit zu geben; was denken Sie davon?“ „Ich. ich denke nichts, ich verſtehe Sie nicht.“ „Ich will deshalb ſo klar ſein, als möglich. Ich ſagte Ihnen doch, daß Herr Gerard, Ihr Col⸗ lege, heute ein Dutzend Perſonen zum Diner habe, und unter anderen ſeinen Adjuncten, ſeinen Frie⸗ densrichter und drei oder vier Municipalräthe; nun gut, aus einem Grunde, den Ihnen zu ſagen unnütz wäre, muß ich wünſchen, daß Herr Gerard mitten in der Mahlzeit eine oder zwei Stunden lang von demſelben abweſend ſei und. und, lieber Herr Gibaſſier, ich habe zur Ausführung dieſes Planes auf Sie gezählt.“ 266 „Auf welche Weiſe kann ich Sie unterſtützen, Herr Salvator?“ „Auf eine ſehr einfache Weiſe. Herr Gerard kann in ſeiner Lage gegenüber der Polizei ſich nicht weigern, einem Befehle des Herrn Jackal zu ge⸗ horchen.“ „Das iſt ganz unmöglich.“ „Gut denn, nehmen wir an, Herr Jackal befehle Herrn Gerard, ſich augenblicklich und Alles liegen und ſtehend laſſend nach dem Hotel Tete noire in St. Cloud zu begeben. Herr Gerard müßte ſich doch augenblicklich an den Ort begeben, wo Herr Jackal ihn erwarten will.“ „Das iſt ganz meine Anſicht.“ „Nun, ſo begreifen Sie auch die Sache. Sie begeben ſich nach Vanvres zu Herrn Gerard, gerade in dem Momente, während er zu Tiſche ſitzt, um halb ſieben Uhr. Um die letzten ſchönen Tage zu benützen, ſetzt man ſich um fünf Uhr und im Garten zu Tiſche. Sie kommen ungefähr bei den Entremets dort an; ſie nähern ſich ihm mit freundſchaftlicher Miene, mit lächelndem Munde und ſagen zu ihm: „Lieber College, Herr Jackal, unſer gemeinſchaft⸗ licher Chef, bittet Sie, ſich augenblicklich wegen einer höchſt wichtigen Sache nach dem Hotel Tete noire in St. Cloud zu verfügen.“ „Und das iſt Alles, was Sie von mir ver⸗ langen?“ „Durchaus Alles.“ „Das ſcheint mir ziemlich leicht; ich ſage ziemlich und ich täuſche mich doch.“ „Wie das?“ a V ſi 1 t n k ſ f 1 1 ——————— — 267 „Ja; denn ich werde den Zorn des Herrn Jackal auf mich laden. Laſſen Sie ſehen: ſollte es kein vortheilhafteres Mittel geben, Herrn Gerard von ſeinem Hauſe wegzulocken?“ „Glauben Sie, mein lieber Herr Gibaſſier,“ ſagte Salvator,„wenn ich ein vortheilhafteres Mit⸗ tel wüßte, wie Sie ſich ausdrücken,„ich würde mich nicht beeilen, es Ihnen vorzuſchlagen? aber es gibt kein beſſeres: denn bemerken Sie wohl, es handelt ſich nicht bloß darum, Herrn Gerard aus ſeinem Hauſe zu locken, ſondern ihn auch zwei Stunden fern von demſelben zu halten. Drei Viertelſtunden, um von Vanvres nach St. Cloud zu kommen, eine halbe Stunde, um vergeblich auf Herrn Jackal zu warten, drei Viertelſtunden, um zurückzukommen, machen gerade die zwei Stunden aus, die ich nöthig habe.“ „Sprechen wir nicht mehr davon, Herr Salvator, es wird geſchehen, wie Sie es wünſchen, obgleich ich, ehrlich geſagt, ungern den Zorn meines Patrons reize.“ „Sie können das vermeiden: Sie verlaſſen Herrn Gerard nicht, Sie folgen ihm nach St. Cloud, Sie geben ſich die Miene, als wenn Sie ſich mit ihm über das Zögern des Herrn Jackal ärgerten; nach einer halben Stunde brechen Sie in ein Lachen aus und ſagen zu ihm:„Nun, lieber Herr Gerard, was denken Sie von dem Streiche, den ich Ihnen ge⸗ ſpielt? Ha! ha! ha!“—„Welchem Streiche?“ wird er fragen.—„Nun, ganz einfach,“ ſagen Sie ihm, „ich habe durch die öffentliche Stimme erfahren, daß Sie ein kleines ländliches Feſt auf Ihrer Villa 268 in Vanvres geben; Sie erzeigten mir nicht mal die Freundſchaft, mich einzuladen: ich fand dieſe Uebergehung unverzeihlich und ich habe mich durch dieſe Myſtifizirung an Ihnen gerächt. Herr Jackal hatte nicht das Geringſte mit uns zu ſchaffen, und ich habe keinen andern Auſtrag von ihm, als Ihnen viele Empfehlungen von ihm zu ſagen.“ Dann machen Sie ihm Ihr Compliment und laſſen ihn nach Belieben zu ſeinen Gäſten heimkehren. Aus dieſer Vorſchrift werden Sie erſehen, daß Sie Nie⸗ mandes Zorn gegen ſich aufreizen, als vielleicht den des Herrn Gerard, und um dieſen, glaube ich, wer⸗ den Sie ſich wenig kümmern.“ Gibaſſier ſah Salvator mit Verwunderung an. „Wahrhaftig,“ ſagte er,„Sie ſind ein großer Mann, Herr Salvator, und wenn es nicht zu viel verlangen hieße, würde ich es mir zur hohen Ehre ſchätzen, Ihnen die Hand zu berühren.“ „Ja,“ ſagte Salvator,„Sie wollen ſich verſichern, nicht wahr, wie ſtark die Hand iſt, die Sie berühren? Finden Sie ſie klein und weiß, ſo glauben Sie, ſie ſeie leicht in der Ihrigen zu zerbrechen? Noch ein Irrthum, von dem ich Sie befreien muß, lieber Herr Gibaſſier; ich verlange nur ſo viel Zeit, um einen Handſchuh anzuziehen.“ Salvator ſetzte ſein Piſtol in Ruhe, ſteckte es in die Taſche, zog an ſeine rechte Hand einen dunkeln Handſchuh, wie die Elegants ſie Morgens tragen und bot Gibaſſier eine Hand, die keine Frauenhand um ihre Zartheit beneiden dürfte. Gibaſſier, voll Vertrauen, ließ ſeine ſchwere Hand in die fallen, die ihm dargeboten wurde und — 8 S—— S 8 8 S— ſie nun mit ſeinen knorrigen Fingern zu um⸗ aſſen. Aber kaum hatten ſich die beiden Hände berührt, als das Geſicht Gibaſſier's lebhaftes Erſtaunen aus⸗ zudrücken begann, das nach und nach alle Ruancen wachſenden Schmerzes durchmachte, bis es endlich den höchſten Grad verzweiflungsvoller Pein er⸗ reichte. „Ah! zum Teufel! tauſend Donnerwetter! Sie zerbrechen mir ja die Hand,“ rief er.„Gnade! Enade! Gnade!“ Und er ſank vor Salvator in die Kniee; der Handſchuh war unter der Anſtrengung, die er ge⸗ macht, zerſprungen, aber das Geſicht Salvator's be⸗ hielt ſeinen lächelnden Ausdruck. Salvator ließ die Hand los, die er in der ſei⸗ nen hielt, als das Blut aus den Nägeln hervor⸗ zuſpringen begann. „Als Verhaltungsmaßregel für Sie, Herr Gi⸗ baſſier, und den Gefahren vorzubeugen, in die Sie Ihre Unwiſſenheit ſtürzen könnte, hielt ich es für geeignet, Ihnen zu beweiſen, daß, wenn ich mich gegenüber von Ihnen einer Waffe bediente, es nur geſchah, um Sie meine derbſte Weiſe kennen zu lehren; Sie wünſchten, daß ich Ihnen die Ehre erzeige, Ihnen eine Hand zu geben, erinnern Sie ſich gefälligſt recht lange der Ehre, die ich Ihnen erzeigt.“ „O, zum Teufel; ja, ich werde mich daran er⸗ innern, das verſpreche ich Ihnen,“ ſagte der Ga⸗ leerenſträfling, indem er mit ſeiner linken Hand die Finger ſeiner Rechten auseinander riß, die ſich feſt 270 in einander gepreßt hatten. Ich werde mir dieſe Lection zu Nutzen machen, Herr Salvator, und Sie ſollen ſie nicht zu bereuen haben; ein Menſch, der ſo gut unterrichtet iſt, wie ich, iſt mindeſtens ihrer zwei werth.“ „Brechen wir ab,“ ſagte Salvator. „Ihre letzten Befehle?“ „Um ſechs ein halb werden Sie bei Herrn Ge⸗ rard ſein; Sie laſſen ihn nicht früher als halb acht Uhr frei und Morgen früh kommen Sie, Ihre fünf⸗ tauſend Franken bei mir, Rue Macon, Nr. 7, ab⸗ zuholen; dadurch wird Herr Petrus, Ihr vorgeb⸗ licher Pathe, für das, was Sie ihm gegeben haben, quitt ſein.“ „Das genügt.“ „Merken Sie ſich, daß Sie beim erſten Streich, den Sie mir ſpielen, ein Mann des Todes ſind, ſ daß ich, ſei es, daß die Juſtiz den Act voll⸗ ieht.“„ „Ich verſpreche Ihnen, an nichts anderes zu denken,“ antwortete der Galeerenſträfling, indem er ſich demüthig vor Salvator verbeugte, der raſch die Treppe hinabſchritt und Jean Taureau aufſuchte, welcher auf der Esplanade des Obſervatoriums zu ſuchen gegangen war. ——— „——— r r — X X W— X — — — W 8 N LXXIX. Das Diner auf dem Raſenplatz. Auf einem großen Raſenplatze, der einem vor dem Schloſſe ausgebreiteten Teppich glich, und auf den man über die prächtigen ſteinernen Stufen hin⸗ abſchritt, welche den Perron bildeten, hatte Herr Gerard einen Tiſch aufſtellen laſſen, um welchen eilf Perſonen ſaßen, die der ehrenwerthe Schloß⸗ verwalter unter dem Vorwande eines Diner, in Wirklichkeit aber, um von den nächſten Wahlen zu ſprechen, eingeladen. Herr Gerard hatte Sorge getragen, die Zahl der Eingeladenen auf eilf zu beſchränken; eilf Fremde und der Herr des Hauſes machten zwölf Tiſchgenoſ⸗ ſen. Herr Gerard wäre vor Angſt geſtorben oder hätte wenigſtens ein ſehr ſchlechtes Diner gemacht, wenn dreizehn am Tiſche geſeſſen; der ehrbare Mann war ſehr abergläubiſch. Dieſe eilf Gäſte waren die Notabeln von Van⸗ vres. Die Notabeln von Vanvres hatten mit großer Freude die Einladung des Gutsherrn angenommen; denn Herr Gerard konnte als der Herr von Van⸗ vres betrachtet werden. Sie legten vor den ehren⸗ werthen Mann, den die Vorſehung zu ihrem Mit⸗ bürger gemacht, einen tiefen Reſpect an den Tag, und man hätte ihnen eher das Licht der Sonne am hellen Mittag beſtreiten können, als die unver⸗ gleichliche Tugend ihres Hiob in Zweifel zu ziehen; obgleich neidiſche, eitle, egoiſtiſche Bürger, ſchienen 272 ſie ihren Neid, ihre Eitelkeit, ihren Egoismus ge⸗ genüber der Beſcheidenheit, der Aufopferung und der Selbſtverleugnung ihres unvergleichtichen Mit⸗ bürgers zu vergeſſen; Niemand in der That, weder zu Vanvres, noch in der Umgegend, hatte ſich über Herrn Gerard zu beklagen, viele dagegen Grund, ihn zu rühmen. Er verdankte Niemanden etwas, während Jedermann ihm etwas verdankte: dieſer Geld, jener die Freiheit, ein dritter das Leben. Die öffentliche Stimme von Vanvres und den umliegenden Dörfern bezeichnete ihn laut als den künftigen Deputirten; einige noch phantaſtiſchere Bürger, als die übrigen, hatten ſogar das Wort Pairskammer fallen laſſen. Aber man hatte ihnen bemerkt, daß man in die Pairskammer nicht wie in die Academie oder in die Mühle kommt; es war die Zeit, wo das Wort Paul Louis Couriers Glück gemacht: daß man, um in die Pairskammer zu kommen, gewiſſen Catego⸗ rien angehören müſſe; und da die Deputirtenkam⸗ mer eines der Mittel war, zur Poirie zu gelangen, ſo hatten ſie ſich mit denen ihrer Mitbürger ver⸗ bunden, welche Herrn Gerard zu einem der Reprä⸗ ſentanten des Departements der Seine vorſchlugen. Zwei oder drei Tage vorher waren die Nota⸗ beln des Dorfes erſchienen, um als Deputation Herrn Gerard die lebhaften Sympathieen der Ein⸗ wohner von Vanvres an den Tag zu legen Herr Gerard hatte Anfangs beſcheiden die Ehre, die man ihm anthun wollte, abgelehnt, indem er erklärte, daß er ſich nach beſtem Wiſſen und Ge⸗ wiſſen— was wahr ſein konnte— derſelben un⸗ e nd it⸗ er er id, s, ſer en en re rt ie ie rt m 0⸗ n⸗ r⸗ ä⸗ n. a⸗ n n⸗ er e⸗ n⸗ 273 würdig fühle, indem er hinzufügte, daß er noch nicht genug für das Land, und beſonders nicht für Van⸗ vres gethan. Er klagte ſich aufrichtig an, ein weit größerer Sünder zu ſein, als wofür man ihn hielte; er ſtellte ſich ſogar als einen großen Verbrecher hin, was einen Landwirth hatte laut auflachen laſſen, der von einer Muſterwirthſchaft träumte, zu welcher er ihm Geld leihen ſollte, und der deßhalb Herrn Gerard's größter Lobredner war. Man hatte jedoch trotz dieſer abſchlägigen Ant⸗ wort darauf beſtanden, ihn in die Kammer zu ſchi⸗ 4 und nachdem er ſeinen ergebenen Mitbürgern geſagt: „Sie ſind es, meine Herren, die mich zwingen; Sie, die es gewollt; Sie befehlen, ich gehorche!“ Nachdem er dies und vieles andere geſagt, hatte Herr Gerard zuletzt angenommen und ſeine Freunde autoriſirt, ſeine Candidatur zu verkünden. Der Landwirth, als Royaliſt, obgleich er viel⸗ leicht inſtinctmäßig als Symbol die Bienen ſtatt die Lilien hätte wählen ſollen, der Landwirth über⸗ nahm es noch am ſelben Abende, allen benachbarten Flecken das große Ereigniß der Annahme des Herrn Gerard anzuzeigen und am erſten freien Tage, den ihm ſeine Bienen gönnten— der Landwirth trieb in Erwartung ſeiner Muſterwirthſchaft einen großen Handel mit Honig— dieſe Candidatur in allen Journalen von Paris zu verkünden. Man begreift, daß Herr Gerard die Deputation nicht weggehen ließ, ohne ihr zuerſt Erfriſchungen aller Art anzubieten und ſie dann für nächſten Mittwoch zum Diner einzuladen. Dumas, Salvator. V. 18 274 In Folge dieſer Einladung ſaßen die eilf Ab⸗ geordneten an der Tafel des Herrn Gerard; denn, wie man ſich denken kann, Niemand hatte ſich ein⸗ zuſtellen verſäumt und nach dem Vergnügen, das beim Beginn dieſes Capitels aus allen Geſichtern ſah, hatte es Niemand zu bereuen, dieſer Einladung Folge geleiſtet zu haben. Es war wirklich ein friſcher und milder Nach⸗ mittag; die Speiſen waren wohlſchmeckend, die Weine ausgeſucht; es war ungefähr ſechs Uhr Abends; man befand ſich ſeit fünf Uhr bei Tiſche und einer nach dem andern ſuchte von der Kühn⸗ heit Nutzen zu ziehen, welche ihm die Halbtrunken⸗ heit verlieh, um aus ſeinem Stuhle eine Tribüne und aus ſeinem Geſpräche eine Harangue zu ma⸗ chen, als wenn man, ſtatt am Schluſſe eines Diners im Freien, am Ende einer Sitzung in der Kammer wäre. Der Landwirth gab von ſeiner Exiſtenz und ſei⸗ ner leibhaften Anweſenheit bei dem Diner keinen andern Beweis, als daß er zwiſchen jeder Rede mit heißerer Stimme einige unzuſammenhängende Phra⸗ ſen murmelte, deren verſtändlicher Schluß ein un⸗ mäßiges Lob des Wirthes war, zu deſſen Verfügung er ſein und ſeiner Bienen Leben ſtellte. Ein Notar, der beinahe ebenſo enthuſiaſtiſch war, als der Landwirth, hatte mit der Stimme ei⸗ nes Procurators einen Toaſt abgeleſen, in welchem er Herrn Gerard mit Ariſtides verglich, in dem er ferner die Ueberlegenheit der Bewohner von Van⸗ vres über die Athenienſer proclamirte, die es müde geworden, Ariſtides beſtändig den Gerechten nennen 8 8— e 9—— n⸗ n⸗ ne ⸗ rs ler ei⸗ en nit ra⸗ n⸗ ng ſch ei⸗ em m⸗ ide en zu hören, während die Bewohner von Vanvres nicht müde würden, Herr Gerard den Ehrenmann nennen zu hören. Ein Huiſſier, der ſich in's Privatleben zurück⸗ gezogen, hatte Couplets geſungen, die für den Au⸗ genblick paßten und in welchen er prophezeite, Herr Gerard werde die Hydra der Anarchie mit ebenſo großem Erfolge bekämpfen, als der Sohn des Ju⸗ piter und der Alkmene die Hydra von Lernos. Ein Arzt, der toxicologiſche Unterſuchungen über das Pockengift machte, hatte an den Tag er⸗ innert, wo Herr Gerard mit ſeiner doppelläufigen Flinte bewaffnet, das Land von einem wüthenden Hunde befreit, der die größten Verheerungen an⸗ gerichtet und auf die Hoffnung getrunken, daß die Wiſſenſchaft ein Mittel gegen die furchtbare Krank⸗ heit, genannt die Wuth, finden werde. Enblich war ein Blumengärtner einen Augen⸗ blick vor Tiſche verſchwunden und mit einer Lor⸗ beer⸗ und Veilchenkrone wieder erſchienen, die er feierlich auf das Haupt des Herrn Gerard legte, was den rührendſten Effect gemacht hätte, wenn nicht ein kleiner bucklicher Menſch, der ſich, man wußte nicht unter welchem Titel, in die ehrenwerthe Deputation gedrängt, die Bemerkung gemacht, daß die Lorbeeren der Krone Saucenlorbeeren und die Veilchen duftloſe Veilchen ſeien. Die Begeiſterung hatte ihre höchſte Höhe er⸗ reicht. Die Freude leuchtete aus allen Augen, das Lob floß aus Aller Munde, keine Wolke hatte dies Familienfeſt verdunkelt; es war mit einem Worte ein allgemeiner Enthuſiasmus und hätte 1 276 augenblicklich ſein Leben für einen Blutstropfen des großen Bürgers geopfert, der den Namen Gerard trug. Dieſe berauſchte Glückſeligkeit hatte ſich Aller be⸗ mächtigt, als der Diener des Herrn Gerard ſeinem Herrn meldete, daß ein Unbekannter ihn augenblick⸗ lich zu ſprechen verlange. „Er hat ſeinen Namen nicht genannt?“ fragte Herr Gerard. „Nein, Herr,“ antwortete der Diener. „So ſagen Sie ihm,“ antwortete der würdige Schloßverwalter majeſtätiſch,„daß ich nur Leute em⸗ pfange, welche ſagen können, wer ſie ſind und weß⸗ halb ſie kommen.“ Der Diener entfernte ſich, um die Antwort zu überbringen. „Bravo! bravo! bravo!“ riefen die Gäſte. „Das war gut geſagt!“ machte der Notar. „Welche Beredtſamkeit, wenn er mal in der Kammer ſitzt!“ ſagte der Arzt. „Welche Würde, wenn er Miniſter ſein wird!“ rief der Buckliche. „O! meine Herren, meine Herren!“ ſagte der ehrenwerthe Herr Gerard beſcheiden. Der Diener erſchien wieder. „Nun gut, was will dieſer Unbekannte, und von wem kommt er?“ fragte Herr Gerard. „Er kommt von Herrn Jackal und will Ihnen ſagen, daß die Hinrichtung des Herrn Sarranti Mor⸗ gen ſtattfinden wird.“ Herr Gerard wurde leichenblaß, ſein Geſicht ent⸗ ſtellte ſich mit Blitzesſchnelligkeit; er eilte aus dem ——— —„— 3) — ge n⸗ ß⸗ . er on en r⸗ t⸗ 277 Saale und folgte raſch dem Diener, indem er mit beſtürzter Stimme rief: „Ich komme! ich komme!“ So weit die Gäſte auch auf dem Wege der Trun⸗ kenheit waren, ſo hatte doch jeder den Eindruck be⸗ merkt, den die doppelte Mittheilung, die ihm ge⸗ macht wurde, auf ihn hervorgebracht. Und wie bei einer Sonneneclipſe Nacht dem Tage folgt, ſo führte die Eelipſe des Herrn Gerard eine augenblickliche Stille an der Stelle der lauten Converſation herbei, welche die Meldung des Dieners unterbrochen hatte. Indeß, da mehrere in der Angelegenheit des Herrn Sarranti, die viel von ſich hatte reden ma⸗ chen, wenigſtens oberflächlich, auf dem Laufenden waren, ſo hing ſich das Geſpräch, um nicht ganz auszugehen, an dieſen Rettungsänker. Der Notar nahm das Wort und erklärte, wie der Name des Herrn Sarranti, vor dem ehren⸗ werthen Herrn Gerard ausgeſprochen, dieſe zarte Natur bis in die feinſte Fiber erſchüttern müſſe. Herr Sarranti oder vielmehr der elende Sar⸗ ranti, welcher mit der Erziehung der beiden Vetter des Herrn Gerard beauftragt war, habe ſich des Meuchelmords an den beiden Kindern ſchuldig ge⸗ macht und ſei deſſelben überwieſen worden, eines Meuchelmords, der mit ſo großer Vorſicht begangen worden, daß man nicht mal mehr die Leichen auf⸗ finden konnte. Die Erzählung des Notars erklärte die Abweſen⸗ heit des Herrn Gerard und die Einmiſchung des 278 wohlbekannten Namens des Herrn Jackal in die Meldung des Dieners. Herr Sarranti, hatte ohne Zweifel im Begriffe, auf das Schaffot zu ſteigen, Bekenntniſſe abzulegen und man ſchickte vermuthlich von Seiten des Herrn Jackal, um Herrn Gerard zu ſuchen, damit dieſer die Enthüllungen vernehme. Die Entrüſtung gegen Sarranti mehrte ſich da⸗ durch. Es war nicht genug, eine beträchtliche Summe unterſchlagen, zwei Unſchuldige meuchlings ermordet zu haben; er wählte auch noch, um neue Enthüllungen zu machen, die heilige Stunde des Mahls, ganz gegen den Grundſatz des Verfaſſers der Gaſtronomie: „Nichts ſoll den Menſchen ſtören, wenn er beim Speiſen ſitzt.“ Da man jedoch bei den Entremets war, der Burgunder zu den beſten Gewächſen zählte, der Champagner vortrefflich gekühlt war, auf einer nahen Tafel ein ausgezeichnetes Deſſert ſtand, ſo beſchloß man, Herr Gerard's Rückkehr plaudernd und trinkend abzuwarten. Dieſer Entſchluß wurde durch die Erſcheinung eines Dieners beſtärkt, welcher über den Perron mit zwei Flaſchen herabkam, in jeder Hand eine, die er mit den Worten auf den Tiſch ſetzte: „Herr Gerard bittet Sie, dieſen Laffitte, der aus Indien zurückkömmt, und dieſen Chambertin von 1811 zu koſten, ohne ſich ſeinetwegen zu deran⸗ giren. Eine unaufſchiebbare Sache ruft ihn nach Paris; er wird in einer halben Stunde wieder hier ſein.“ — ie fe, en es it U⸗ he 38 ue rs m er er d 8 n r 1⸗ h „Bravo! bravo!“ riefen die Gäſte wie aus einer Kehle. Und vier Arme verlängerten ſich augenblicklich, um die vier Hälſe der vier Flaſchen zu ergreifen. In dieſem Momente hörte man das Rollen eines Wagens auf dem Straßenpflaſter. Man begreift, daß es Herr Gerard war, der ſich entfernte. „Auf ſeine baldige Wiederkehr!“ ſagte der rzt. Jeder der übrigen Gäſte ſtotterte einen Wunſch und verſuchte ſich zu erheben, um dem Toaſt mehr Feierlichkeit zu geben; aber der Verſuch ging be⸗ reits über ihre Kräfte. So weit war man gekommen: die, welche ſaßen, ſuchten aufzuſtehen; die, welche ſtanden, ſuchten ſich zu ſetzen, als plötzlich eine neue Perſönlichkeit, um ſo überraſchender, da man nichts weniger erwartete, auf dem Raſen erſchien und das Geſpräch abſchnitt. Dieſe Perſon, welche in den Garten drang, ohne daß man wußte, woher ſie kam, war unſer alter Freund Roland, oder, wenn man wegen der Verhältniſſe lieber will,— Breſil. Obgleich er wirklich wie ein guter Hund durch die Thüre hereingekommen, war ex mit einem Sprung unten an der Treppe und mit zwei weite⸗ ren Sprüngen auf dem Raſen. Der erſte der Gäſte, der ihn gewahrte, ſtieß einen Schrei des Schreckens aus. Die herabhängende Zunge, das blutig unter⸗ laufene Auge und die emporſtehenden Haare des Thieres rechtfertigten dieſen Schrei. 280 „Ein wüthender Hund!“ ſagte der Notar. „Ein wüthender Hund?“ wiederhoſten die an⸗ dern Gäſte erſchrocken. „Hier, hier, ſeht!“ Alle Augen wandten ſich nach der von dem Notar angedeuteten Richtung und ſie ſahen wirklich den Hund, der, obgleich wie ein wüthendes Thier ſchnaubend, nach der Thüre umgekehrt war und jemand zu erwarten ſchien. Aber das Warten dauerte ihm ohne Zweifel zu lange: denn mit zu Boden geſenkter Schnauze be⸗ gann er, wie der Pudel des Fauſt, Kreiſe zu be⸗ ſchreiben, deren Mittelpunkt der Tiſch und die Gäſte bildeten, und die ſich immer mehr verengten. Berechnend, daß in einem gegebenen Momente der Hund endlich an die Gäſte ſtoßen müßte, erho⸗ ben ſich dieſe, ohne ihren Schrecken zu verbergen zu ſuchen, freiwillig und dachten auf die Flucht; der eine ſah durch ſeine Lorgnette nach einem Baume, der andere nach einem kleinen Schoppen, unter den der Gärtner ſeine Gartenwerkzeuge ſtelite, die⸗ ſer dachte daran, die Mauer zu erreichen, jener eine Zuflucht im Schloſſe zu ſuchen, als plötzlich ein ſcharfes und langes Pfeifen ſich hören ließ, dem ſtreng ausgeſprochene Befehl„Roland hierher!“ olgte. Der Hund drehte ſich augenblicklich auf den Häckſen um, wie ein Pferd, dem man ſcharf an dem Mundſtück des Zaumes reißt, und wollte gerade auf ſeinen Herrn zu. Es braucht kaum geſagt zu nerden, daß dieſer Herr Salvator war. m ich zu 281 Aller Augen richteten ſich auf ihn. Für die unglücklichen Gäſte, welchen der Anblick Roland's ſo große Furcht eingejagt, war er der antike Gott, der die Tragödie glücklich auflöst. Der junge Mann erſchien in den Strahlen der untergehenden Sonne, welche ihn mit einer Flamme zu bedecken ſchienen: er war mit der größten Ele⸗ ganz, durchaus ſchwarz, gekleidet; ſeinen Hals um⸗ gab eine Cravatte von feinem, weißem Battiſt; ſeine behandſchuhte Hand ſpielte mit einem Stock, der einen Lapislazuliknopf hatte. Er ſtieg langſam die Stufen des Perrons herab und nahm den Hut vom Kopfe, ſobald er den Rand der Allee betrat; dann über den Raſen hinſchreitend, gefolgt von Roland, den er mit einer Bewegung der Hand hinter ſich ließ, kam er gerade an den Stuhl, welchen Herr Gerard eingenommen und den ſeine Abweſenheit leer gelaſſen, und ſah ſich ſo mitten unter den Gäſten, die er einen nach dem andern mit der ausgeſuchteſten Artigkeit grüßte. „Meine Herren,“ ſagte er,„ich bin einer der älteſten Bekannten unſeres gemeinſchaftlichen Freun⸗ des, des ehrenwerthen Herrn Gerard; er wollte mir die Ehre erweiſen, mich Ihnen vorzuſtellen, und wir ſollten zuſammen ſpeiſen, aber ich wurde un⸗ glücklicher Weiſe durch denſelben Grund in Paris zurückgehalten, der Sie in dieſem Augenblicke der Anweſenheit unſeres Wirthes beraubt.“ „Ach! ja,“ ſagte der Notar, der ſich in dem Augenblicke zu beruhigen begann, als er den Hund wie an den Blick des jungen Mannes angekettet ſah,—„wegen der Sarrantiſchen Sache.“ 282 „Allerdings, meine Herren, wegen der Sar⸗ rantiſchen Sache.“ „Morgen alſo wird der Elende hingerichtet?“ ſagte der Huiſſier. „Morgen; wenn man von jetzt bis dahin kein Mittel findet, ſeine Unſchuld zu beweiſen.“ „Seine Unſchuld? das würde ſchwierig ſein!“ ſagte der Notar. „Wer weiß!“ machte Salvator:„wir haben bei den Alten die Kraniche des Dichters Ibycus; und in neuerer Zeit den Hund des Montargis.“ „Apropos Hund, mein Herr,“ ſagte der Land⸗ wirth mit leiſerer Stimme;„ich muß geſtehen, daß be Ihre uns ſo eben eine tüchtige Angſt eingejagt at.“ „Roland?“ machte Salvator in naivem Tone. „Er heißt Roland?“ fragte der Notar. „Allerdings,“ ſagte der Arzt,„ich hatte einen Augenblick die größte Hoffnung, er ſei wüthend.“ „Es ſcheint mir, Roland war nur raſend,“ ſagte der Notar und rieb ſich die Hände vor Entzücken über ſein Bonmont. „Sie ſagten die Hoffnung?“ fragte Salvator den Arzt. „Ja, mein Herr, und ich ändere mein Wort nicht. Wir ſind unſerer eilf; ich hatte ſomit zehn Chancen gegen eine, daß das Thier einen meiner Freunde und nicht mich angreifen werde: und da ich mich ſpeciell mit der Hundswuth beſchäftigt habe, ſo wäre mir die Gelegenheit geboten geweſen, auf eine friſche Wunde das Mittel anzuwenden, das ich erfunden und das ich beſtändig bei mir in der Taſche — —— — 1—— — — S N 283 trage, in der Hoffnung, es werde ſich mir zur An⸗ wendung eine Gelegenheit bieten.“ „Ich ſehe, mein Herr,“ ſagte Salvator,„daß Sie ein ächter Philanthrop ſind; unglücklicher Weiſe iſt mein Hund für den Augenblick wenigſtens kein Subject, wie man, glaube ich, in der mediziniſchen Terminologie ſagt, und der Beweis dafür, daß er augenblicklich gehorcht; ſehen Sie mal!“ Und er deutete ihm unter den Tiſch, wie man etwa auf eine Niſche deutet: „Leg' dich, Breſil“ ſagte er,„leg' dich!“ Dann wandte er ſich an die Gäſte: „Erſtaunen Sie nicht,“ ſagte Salvator,„daß ich meinen Hund unter den Tiſch liegen laſſe, wo⸗ hin ich mich mit Ihnen ſetze; ich kam um zu ſpei⸗ ſen, beſſer ſpäter als gar nicht, als ich Herrn Gerard auf dem Wege begegnete; ich wollte mit ihm umkehren; aber er hat ſo dringend darauf be⸗ ſtanden, ich ſolle mich zu Ihnen begeben, daß ich, ſchon zuvor von meinem Verlangen hierher gezogen, nicht widerſtehen konnte, um ſo mehr, als er mich beauftragte, in ſeiner Abweſenheit die Honneurs der Tafel zu machen.“ „Bravo! bravo!“ rief die Geſellſchaft, auf welche das Benehmen Salvator's den beſten Eindruck ge⸗ macht. „Nehmen Sie den Platz unſeres Wirthes,“ ſagte der Notar,„und erlauben Sie mir, Ihr Glas zu füllen und auf ſeine Geſundheit zu trinken.“ Salvator hielt das Glas hin. „Das iſt nicht mehr als billig,“ ſagte er,„und Gott lohne ihm, wie er es verdient.“ 284 Und das Glas an den Mund ſetzend, berührte er den Wein mit den Lippen. In dieſem Augenblick ließ Breſil ein langes Geheul hören. „O o! was hat Ihr Hund?“ fragte der Notar. „Nichts; das iſt ſeine Art zuzuſtimmen, wenn man einen Toaſt ausbringt,“ ſagte Salvatvr. „Schön!“ ſagte der Arzt.„Das Thier hat eine gute Erziehung bekommen; nur war ſein Sprechen nicht ſonderlich heiterer Art.“ „Mein Herr,“ ſagte Salvator,„Sie wiſſen, es haben, ohne daß die Wiſſenſchaft ſich Rechenſchaft geben könnte, gewiſſe Thiere Ahnungen; vielleicht droht unſerem Freunde Gerard ein unvorhergeſehe⸗ nes Unglück.“ „Ja,“ antwortete der Arzt,„man ſagt das; aber wir ſtarken Geiſter glauben nicht an ſolche Thorheiten.“ „Indeſſen,“ ſagte der Blumiſt,„meine Groß⸗ miutter „Ihre Großmutter war eine Thörin, mein Freund,“ ſagte der Arzt. „Verzeihung,“ bat der Notar,„aber Sie ſpre⸗ chen von einer Gefahr, die Herrn Gerard drohen könnte?“ „Einer Gefahr?“ ſagte ein Geometer;„und welche Gefahr könnte dem ehrenwertheſten Manne von der Welt drohen, einem Manne, der immer den geraden Weg ging?“ „Einem Manne, der der Patriotismus ſelber iſt!“ ſagte der Huiſſier. — — 285 „Die eingefleiſchte Aufopferung!“ fügte der Arzt hinzu. „Die Selbſtverleugnung ſelbſt!“ rief der Notar. „Ei! Sie wiſſen doch meine Herrn, daß das Unglück ſich gerade an die Ferſe des Gerechten hängt. Das Unglück iſt der Löwe der h. Schrift, der ſucht, wen er verſchlinge, und ſich beſonders an die Tugendhaften macht;— man ſehe Hiob.“ „Aber, zum Teufel, was macht denn Ihr Hund?“ ſagte der Blumiſt, indem er unter den Tiſch ſah; „er reißt den Raſen auf.“ „Achten Sie nicht darauf,“ antwortete Salvator; „wir ſprachen von Herr Gerard und ſagten...“ „Wir ſagten,“ verſetzte der Notar,„daß ein Land ſtolz ſein müſſe, wenn es einen ſolchen Mann geboren.“ „Er wird die Steuern ermäßigen,“ ſagte der Arzt. „Den Preis des Kornes erhöhen,“ ſagte der Landwirth. „Den Preis des Brods herabſetzen,“ ſagte der Gärtner. „Die Nationalſchuld tilgen,“ ſagte der Huiſſier. „Die Einrichtung der Ecole der Medicine refor⸗ miren,“ ſagte der Arzt. „Frankreich einem neuen Cataſter unterwerfen,“ ſagte der Geometer. „O!“ machte der Notar, indem er dieſes Con⸗ cert von Lobeserhebungen unterbrach,„Ihr Hund wirft mir mein ganzes Beinkleid voll Erde.“ „Das iſt möglich,“ ſagte Salvator,„aber be⸗ ſchäftigen wir uns nicht mit ihm.“ „Im Gegentheil, wir wollen uns mit ihm be⸗ 286 ſchäftigen,“ ſagte der Arzt, der unter den Tiſch ge⸗ ſehen hatte;„denn der Hund ſieht ſehr ſonderbar aus: die Zunge hängt ihm zum Maule heraus, die Augen ſind blutunterlaufen, das Haar ſteht ihm zu Berge.“ „Wohl möglich,“ ſagte Salvator,„aber ſo lange man ihn nicht in ſeinem Treiben ſtört, hat man nichts von ihm zu fürchten: der Hund iſt ein Mo⸗ noman,“ fügte Salvator lachend hinzu. „Ich möchte Ihnen bemerken,“ ſagte der Arzt pretenſiös, daß das Wort Monoman, das von monos und mania kommt und allein Idee be⸗ deutet, ſich nur auf den Menſchen anwenden läßt, weil der Menſch allein Ideen und der Hund nur Inſtinkt hat, allerdings einen ſehr vollkommenen, der jedoch mit der erhabenen Organiſation des Men⸗ ſchen in keinen Vergleich treten kann.“ „Nun gut,“ verſetzte Salvator, erklären Sie das, wie Sie wollen, Inſtinkt oder Idee. Breſil hat nur einen Gedanken.“ „Welchen?“ „Er beſaß zwei junge Herren, die er außeror⸗ dentlich liebte, einen Knaben und ein Mädchen; der Knabe wurde meuchlings ermordet, das Mädchen iſt verſchwunden; bis jetzt hat er ſo gut geſucht, daß er das junge Mädchen fand.“ „Lebend?“ „Ja, lebend, vollkommen lebend; aber da der Knabe ermordet und begraben wurde, ſucht der arme Breſil, der immer noch hofft, den Ort zu finden, wo die Leiche begraben wurde, überall, wo⸗ hin er kommt.“ —— 8 N — — —— * „Suche und Du wirſt finden,“ ſagte der Notar, der gerne ſeine Bibelſprüche anbrachte. „Verzeihen Sie,“ ſagte der Arzt,„aber das iſt ja ein ganzer Roman, was Sie da erzählen, mein Herr.“ „Eine Geſchichte, wenn Sie wollen,“ ſagte Sal⸗ vator,„und zwar eine der furchtbarſten.“ „Meiner Treu,“ machte der Notar,„wir ſind ge⸗ rade zwiſchen der Birne und der Käſe, wie der ver⸗ ſtorbene d'Aigrefeuille, gaſtronomiſchen Angedenkens, ſagte;„das iſt der Augenblick zu Geſchichten, und wenn Sie uns die Ihrige erzählen wollen, mein lieber Herr, ſo wird es uns ſehr angenehm ſein.“ „Gerne,“ ſagte Salvator. „Das wird ſehr intereſſant werden,“ ſagte der Arzt. „Ich glaube wohl,“ antwortete Salvator einfach. „Stille! Stille!“ hieß es von allen Seiten. Es entſtand eine Pauſe, während welcher Breſil ein ſo klägliches Geheul ausſtieß, daß alle Gäſte ein Schauer durchlief und der Gärtner, welcher durch einige Worte angedeutet, daß er kein ſtarker Geiſt wie der Doctor ſei, unwillkürlich mit den Worten aufſprang: „Teufel von Hund, geh!“ „Aber ſetzen Sie ſich doch,“ ſagte der Geometer, indem er ihn an einem Rockſchoß zog und ihn zu ſitzen nöthigte. Der Gärtner ſetzte ſich brummend, aber er ſetzte ſich. „Nun, nun, die Geſchichte,“ ſagten die Gäſte. „Die Geſchichte!“ „Meine Herren,“ ſagte Salvator,„ich werde 288 mein Drama, denn es iſt eher ein Drama, als eine Geſchichte: Giraud der Ehrbare“ tituliren.“ „Ei, ſagte der Huiſſier,„das lautet beinahe wie Gerard der Ehrenmann?“ „Es iſt allerdings nur der Unterſchied von zwei Buchſtaben; aber ich möchte dem erſten Titel den Nebentitel hinzufügen: oder man darf dem Schein nicht trauen.“ „Das iſt ein exzellenter Titel,“ ſagte der Notar, „und an Ihrer Stelle würde ich ihn Herrn Guil⸗ bert de Pixerecourt bringen.“ „Ich kann nicht, mein Herr, ich habe ihn für den Procurator des Königs beſtimmt.“ „Meine Herren, meine Herren,“ ſagte der Arzt, „ich mache Ihnen die Bemerkung, daß Sie den Er⸗ zähler hindern, ſeine Erzählung zu beginnen.“ „O!“ ſagte Salvator,„ſeien Sie ohne Sorgen, „wir kommen ſchon noch dazu.“ „Stille!“ machte der Geometer,„Stille!“ Man hörte Breſil, der den Boden wüthend auf⸗ ſcharrte und laut ſchnaufte. Salvator begann. Unſre Leſer kennen das Drama, das er unter erdichteten Namen erzählte. Mit Hülfe von Nach⸗ forſchungen und Erkundigungen, unterſtützt von ſeinem wunderbaren Scharfſinne, dem der Inſtinkt Breſils als Führer diente, war es ihm gelungen, die ganze Geſchichte ſich zu conſtruiren, wie ein geſchickter Ar⸗ chitekt aus einigen Trümmern ein antikes Bauwerk reconſtruirt, wie Cuvier aus einigen Knochen ſich ein antediluvianiſches Ungeheuer zu reconſtruiren. Wir folgen deßhalb Salvator nicht in die De⸗ i n — ——— N M 289 tails dieſer Erzählung, die für den Leſer nichts Neues bieten, ſondern ihm nur das in's Gedächtniß rufen würde, was er ſchon weiß. Als Salvator, nachdem er das Verbrechen Gi⸗ rauds erzählt, den Zuhörern ſchilderte, mit welcher Heuchelei es dem Mörder und Räuber gelungen war, ſich nicht allein die Achtung und den Reſpekt, ſondern auch die Zuneigung, Hingebung und Liebe ſeiner Mitbürger zu erringen, ſtieß das Auditorium einen langen Schrei der Entrüſtung aus, auf wel⸗ chen Breſil mit einem dumpfen Knurren antwortet, als wollte er an dieſen einſtimmigen Verwünſchun⸗ gen auch ſein Theil haben. Als endlich, nachdem er die Scheinheiligkeit des Elenden enthüilt, der Erzähler die rohe Feigheit ſchilderte, mit der dieſer Menſch einen Unſchuldigen verurtheilen ließ, während es ſich für ihn nur darum handelte, ſich zu verbannen, ſeinen Namen zu än⸗ dern und in einer andern Welt ſein erſtes Verbre⸗ chen zu beweinen, ſtatt ein zweites, vielleicht noch viel größeres als das erſte zu begehen, hatte die Ent⸗ rüſtung der Geſellſchaft die höchſte Höhe erreicht, der Zorn verwandelte ſich in Wuth und Jeder ſchleuderte ſeinen Fluch gegen den Mörder. „Aber,“ rief der Notar,„ſagten Sie nicht, daß morgen der Unſchuldige für den Schuldigen bezahle?“ „Allerdings,“ ſagte Salvator. „Aber,“ verſetzte der Arzt,„von heute bis mor⸗ gen, wie ſollte man da einen Beweis finden, wel⸗ cher der Juſtiz die Augen öffnet?“ „Die Güte Gottes iſt groß!“ ſagte Salvator, indem er den Kopf ſenkte, und unter dem Fiſchtuch Dumas, Salvator. V. 19 290 die verzweifelte Arbeit ſah, welche Breſil verrichtete, der, fühlend, daß ſein Herr ſich mit ihm beſchäftigte, ſich einen Augenblick von ſeiner Arbeit wegwandte, und, als wollte er ihn küſſen, die feuchte Naſe auf die Hand ſeines Herrn hielt, dann aber wieder die Erde aufzuwühlen fortfuhr. „Die Güte Gottes, die Güte Gottes!“ wieder⸗ holte der Doctor, der, in ſeiner Eigenſchaft als Arzt, außerordentlich ſceptiſch war:„aber ein guter Be⸗ weis wäre noch ſicherer.“ „Ohne Zweifel,“ antwortete Salvator;„ich hoffe auch, daß dieſer Beweis, der mir bereits einmal entſchlüpft iſt, doch noch in die Hände geliefert werde.“ „Ah!“ ſagten die Gäſte einſtimmig,„Sie hatten einen Beweis?“ „Ja,“ antwortete Salvator. „Und dieſer Beweis iſt Ihnen entſchlüpft?“ „Unglücklicherweiſe.“ „Welcher Beweis wäre das?“ „Ich hatte, Dank ſei es Breſil, das Skelett des Kindes gefunden.“ „H!“ machten die erſchrockenen Gäſte. „Und warum haben Sie nicht eine gerichtliche Beaugenſcheinigung unter Zuziehung eines Arztes reclamirt?“ ſagte der Doctor. „Das habe ich gethan, nur der Arzt blieb weg; aber in der Zwiſchenzeit war das Skelett verſchwun⸗ den und das Gericht hat mir in das Geſicht gelacht.“ „Der Mörder wird Wind von der Sache be⸗ kommen und das Skelett anderswohin geſchafft ha⸗ ben,“ bemerkte der Notar. „ c te, te, te, uf die r⸗ zt, e⸗ ffe rt 291 „So daß Sie noch immer nach dem Leichnam ſuchen?“ fragte der Huiſſier. „Allerdings,“ machte Salvator;„denn Sie be⸗ greifen wohl, wenn der Leichnam ſich an einem Orte befände, wohin ihn Herr Sarranti nicht be⸗ graben konnte!“ „Herr Sarranti!“ riefen wie aus einem Tone die Gäſte;„Herr Sarranti iſt alſo der Unſchuldige?“ „Ließ ich mir den Namen entſchlüpfen?“ „Sie ſagten Sarranti.“ „Wenn ich es geſagt, ſo widerrufe ich nicht.“ „Und welches Intereſſe haben Sie, die Unſchuld dieſes Mannes an's Licht zu bringen?“ „Es iſt der Vater eines meiner Freunde; und wäre er mir auch ganz fremd, ſo glaube ich, es iſt die Pflicht jedes Menſchen, einen Mitmenſchen vom Schaffot zu retten, wenn er die Ueberzeugung von ſeiner Unſchuld hat.“ „Aber,“ ſagte der Notar,„Sie hoffen doch den Beweis, den Sie ſuchen, nicht hier zu finden?“ „Vielleicht.“ „Bei Herrn Gerard?“ „Weßhalb nicht?“ Der Hund, als ob er auf die Worte ſeines Herrn antwortete, ließ ein langanhaltendes düſteres Geheul vernehmen. „Hören Sie?“ machte Salvator;„ſehen Sie, Breſil ſagt mir, daß er nicht verzweifelt.“ „Wie, daß er nicht verzweifelt?“ „Allerdings; habe ich Ihnen nicht geſagt, daß er eine Monomanie habe, und zwar die, die Leiche ſeines jungen Herrn wiederzufinden?“ 292 „Allerdings,“ antworteten die Gäſte einſtimmig. „Nun gut,“ verſetzte Salvator,„während ich die erſten vier Acte des Dramas erzähle, arbeitet er am fünften.“ „Was wollen Sie ſagen?“ fragten zu gleicher Zeit der Huiſſier und der Notar, während die An⸗ deren, welche ſtumm blieben, mit den Augen fragten. „Sehen Sie unter den Tiſch,“ machte Salvator, indem er das Tiſchtuch aufhob. Jedermann ſah unter den Tiſch. „Was zum Teufel macht er da?“ fragte der Arzt, ohne die geringſte Angſt, denn er dachte, wenn der Hund auch nicht wüthend ſei, ſo biete er doch einen intereſſanten Vorwurf für das Studium. „Er macht ein Loch, wie Sie ſehen,“ antwortete Salvator. „Und zwar ein enormes Loch,“ bemerkte der Notar. „Ein Loch von drei Fuß Tiefe und ſieben ein halb Fuß Umfang,“ ſagte der Geometer. „Und was ſucht er?“ fragte der Huiſſier. „Ein Ueberweiſungsmittel,“ ſagte Salvator. „Was für eines?“ machte der Notar. „Das Skelett des Kindes,“ ſagte Salvator. Das Wort Skelett, ſo kurz nach der furchtbaren Erzählung Salvator's ausgeſprochen, und zu einer Stunde, wo die Schatten ſich bereits vom Himmel herabſenkten, machte allen das Haar zu Berge ſte⸗ hen; Alle entfernten ſich wie auf einen Schlag von dem Loche; der Arzt allein trat näher. „Der Tiſch genirt uns!“ ſagte er. „Helfen Sie mir,“ ſagte Salvator. ——— ig. ich tet er n⸗ n. or, er nn ch te n er el e⸗ n 7 293 Die beiden Männer nahmen den Tiſch, hoben ihn in die Höhe und der Hund ſtand, nachdem ſie ihn einige Schritte entfernt, frei da. Breſil ſchien die Veränderung, welche vorge⸗ gangen, nicht zu bemerken, ſo ſehr war er in ſein Todtengräbergeſchäft vertieft. „Nun, meine Herren,“ ſagte Salvator,„etwas Muth, zum Teufel, wir ſind ja Männer.“ „Wahrhaftig,“ ſagte der Notar,„ich geſtehe, daß ſ6 neugierig bin, die Entwicklung der Geſchichte zu ehen.“ „Wir werden bald ſo weit ſein,“ ſagte Salvator. „Vorwärts, vorwärts!“ ſagten die Andern, näher tretend. Man machte einen Kreis um den Hund. Breſil fuhr mit einer ſolchen Energie und Re⸗ gelmäßigkeit fort zu graben, daß man ihn eher für eine Maſchine, als für ein Thier hätte halten ſollen. „Muth, mein guter Breſil!“ ſagte Salvator; „Du mußt Deine Kräfte bald erſchöpft haben, aber Du biſt auch bald am Ziele Deiner Mühen, Muth!“ Der Hund wandte den Kopf um und ſchien ſei⸗ nem Herrn mit dem Blicke zu danken. Das Graben dauerte noch einige Minuten, wäh⸗ rend welcher die Gäſte mit offenem Munde und an ſich gehaltenem Athem tiefes Stillſchweigen beobach⸗ teten, und mit weitgeöffnetem Auge der ſeltſamen Scene folgten, welche vor ihren Augen zwiſchen dem Hunde und ſeinem Herrn ſpielte, den ſie jetzt nicht mehr in ſolchem Grade für den Freund von Herrn Gerard hielten, als wofür er ſich Anfangs aus⸗ gegeben. 294 Nach Verfluß von fünf Minuten ſtieß Breſil einen langen Seufzer aus und hörte auf zu kratzen, um mit ſeiner Schnauze laut ſchnaufend an einem Theil der Ausgrabung zu ſchnoppern. „Es iſt da, es iſt da!“ ſagte Salvator heiter. „Du haſt ihn gefunden, nicht wahr, mein Hund?“ „Was hat er gefunden?“fragten die Umſtehenden. „Das Skelett,“ ſagte Salvator.„Hierher, Bre⸗ ſil! Das Uebrige geht die Menſchen an; hierher, mein Hund!“ Der Hund ſprang aus dem Loche und legte ſich am Rand des Grabens nieder, indem er ſeinen Herrn mit einem Blicke anſah, als wollte er ſagen: „Nun iſt's an Dir!“ Soalvator ging wirklich in die Grube hinab und griff mit ſeiner Hand an den tiefſten Punkt, indem er den Arzt herbeirief: „Kommen Sie, mein Herr, und fühlen Sie,“ ſagte er. Der Arzt ſtieg muthig zu Salvator hinab, wäh⸗ rend die andern Gäſte, vollſtändig entnüchtert, ſich beſtürzt anſahen, und, die Hand ausſtreckend, wie es ſein Vorgänger gethan, fühlte er an der Spitze ſeiner Finger jenen weichen und ſeidenen Stoff, der Salvator hatte ſchauern machen, als Breſil zum erſten Male das Skelett des Kindes im Park von Viry entdeckt. „O, o!“ machte er,„das ſind Haare.“ „Haare!“ wiederholten alle Umſtehenden. „Ja, meine Herren,“ ſagte Salvator,„und wenn Sie Lichter holen wollen, könnten Sie ſich überzeugen.“ — eſil en, em er. 2 en. re⸗ er, ich E nd em h⸗ ich ie er m on d 295 Jeder ſtürzte nach dem Hauſe und kam, Dieſer mit einem Candelaber, Jener mit einem Leuchter zurück. Der Arzt und Breſil waren allein bei der Grube ſtehen geblieben. Salvator, welcher nach der klei⸗ nen Baracke gegangen, wo der Gärtner ſeine Werk⸗ zeuge hatte, kam eheſtens mit einem Spaten zurück. Die Gäſte ſtanden um die Grube, welche durch fünfzig Lichter ſo hell wie am Tage beleuchtet war. Man bemerkte an der Oberfläche der Erde eine blonde Haarlocke. „Auf, auf!“ ſagte der Arzt,„man muß die Ausgrabung fortſetzen.“ „Das bin ich auch zu thun im Begriffe,“ ſagte Salvator.„Meine Herren, nehmen Sie eine Ser⸗ viette, breiten Sie ſie neben der Grube aus. Man gehorchte. Salvator ſtieg in die Grube hinab und mit der⸗ ſelben Vorſicht, wir möchten beinahe ſagen, mit demſelben Reſpekte, als menn es ſich um eine Leiche handelte, drückte er den Spaten in die Erde und brachte langſam den Kopf des Kindes, der auf ſei⸗ nem Kiſſen von Erde lag, zum Vorſchein. Ein Schauer durchlief die Zuſchauer, als Sal⸗ vator mit ſeinen weißen Hondſchuhen, die er nicht ausgezogen, den kleinen Kopf nahm und ihn auf die Serviette legte. Dann ergriff er den Spaten wieder und machte ſich auf's Neue an die Arbeit. Er brachte nach und nach, Stück um Stück, alle Ueberbleibſel des Kindes herauf, ſo daß er nach Verfluß eines Angenblickes auf der Serviette, wäh⸗ 296 rend er ſich der techniſchen Ausdrücke bediente und jedes Bein an ſeine Stelle that, das ganze Skelett zum Staunen aller Umſtehenden, beſonders aber zur Zufriedenheit des Arztes zuſammenſetzen konnte. Dieſer ſagte zu ihm: „Habe ich die Ehre, mit einem Collegen zu ſprechen?“ „Nein, mein Herr,“ ſagte Salvator,„ich habe nicht dieſe Ehre; ich bin ein einfacher Dilettant in der Anatomie.“ Dann ſich nach den Zuſchauern der Scene um⸗ wendend, ſagte er: „Meine Herren, Sie ſind alle Zeugen, nicht wahr, daß ich in dieſer Grube die Leiche eines Kindes gefunden?“ „Ich bin Zeuge,“ ſagte der Arzt, der die Zeu⸗ genſchaft, die Salvator von allen reclamirte, zu monopoliſiren ſchien;„und zwar das Skelett eines männlichen Kindes, das ungefähr acht bis neun Jahr alt ſein mußte.“ „Alle ſind Zeugen?“ wiederholte Salvator, in⸗ dem er mit den Augen jeden der Zuſchauer zu fra⸗ gen ſchien. „Ja, Alle, Alle,“ wiederholten die Gäſte, welche ſich zum Voraus geſchmeichelt fühlten, was auch erfolgen möchte, eine wichtige Rolle bei der Sache zu ſpielen. „Und folglich wird Jeder ſein Zeugniß vor Ge⸗ richt ablegen, wenn es gefordert wird!“ fuhr Sal⸗ vator fort. „Ja, ja,“ wiederholte die Geſellſchaft. ſ —— — n e— c—9 ———— 1 — „——— W NM M— U S —— „Nur,“ meinte der Huiſſier,„müßte man ein Protocoll aufnehmen.“ „Unnütz,“ ſagte Salvator,„es iſt bereits ge⸗ chehen.“ „Wie das?“ „Ich war ſo feſt von dem überzeugt, was ich finden würde,“ ſagte Salvator, indem er aus ſei⸗ ner Taſche ein geſtempeltes Papier zog,„daß ich es hier habe.“ Und er las in der That ein Protocoll in den Formen, welche gewöhnlich bei ſolchen Actenſtücken üblich ſind und in welchem ſich Alles fand, ſelbſt der genaue Nachweis des Ortes, wo das Skelett ſich gefunden; was ein Beweis war, daß Salvator den Garten von Vanvres nicht zum erſten Male beſuchte. Nur eines fehlte, die Namen und Vornamen der Perſonen, welche der Ausgrabung beigewohnt. Alle Zuſchauer dieſer Scene, deren Staunen von Viertelſtunde zu Viertelſtunde wuchs, hatten die Vorleſung des Protocolles angehört, indem ſie mit befremdeten Blicken die ſeltſame Perſönlichkeit be⸗ trachteten, die ſie zu dieſem phantaſtiſchen Drama herbeigerufen. „Ein Tintenfaß,“ verlangte Salvator von einem Diener, der ihn ebenſo verblüfft, als die Andern anſah. Der Diener beeilte ſich zu gehorchen, als wenn er Salvator das Recht zu befehlen zuerkennen würde, und indem er ſich eiligſt entfernte, kam er einen Augenblick ſpäter mit Tinte und Feder zurück. Alle unterzeichneten. 298 Salvator nahm das Papier, ſteckte es in ſeine Taſche, ſtreichelte Breſil, band die vier Enden der Serviette, welche das Skelett des Kindes enthielt, zuſammen und ſagte, indem er die Geſellſchaft grüßte: „Meine Herren, ich erinnere Sie daran, daß man morgen Nachmittag um vier Uhr einen Un⸗ glücklichen hinrichten will; ich habe deshalb keine Zeit zu verlieren; nachdem ich Ihnen noch für Ihren gütigen Beiſtand gedankt, bitte ich Sie um die Erlaubniß, mich zurückziehen zu dürfen.“ „Verzeihung, mein Herr,“ ſagte der Notar, „Sie haben, glaube ich, ausgeſprochen, daß der Name des Unglücklichen Sarranti geweſen.“ „Ich ſagte das, ja, mein Herr, und ich wieder⸗ hole es jetzt mehr als je.“ „Aber,“ fuhr der Notar fort,„war denn nicht der Name unſres Wirthes, HerrnGerard's, vor zwei bis drei Monaten in dieſe traurige Geſchichte verwickelt?“ „Allerdings,“ machte Salvatorz„ja mein Herr, er war darein verwickelt.“ „So daß man,“ unterbrach ihn der Arzt,„ganz einfach annehmen könnte, Ihr Giraud ſei..“ „Herr Gerard?“ „Ja!“ machten die Umſtehenden mit einer Be⸗ wegung des Kopfes. „Nehmen Sie alles an, was Sie wollen, meine Herren,“ ſagte Salvator;„übrigens werden wir morgen nicht mehr bei der Annahme ſtehen bleiben, ſondern die Gewißheit haben. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.— Komm, Breſil!“ Und Salvator, gefolgt von ſeinem Hunde, ent⸗ — —— —,—— 299 e fernte ſich raſch, indem er die Gäſte des Herrn r Gerard in einem ſchwer zu beſchreibenden Zuſtande von Beſtürzung zurückließ. r Ode an die Freundſchaft. Wir wollen nun ein wenig ſehen, was Herr Gerard that, während in ſeinem Park das bedeu⸗ r tungsvolle EFreigniß vor ſich ging, das wir ſoeben berichteten. ⸗ Wir ſahen ihn aus ſeinem Hauſe treten und verloren ihn ſeit dem Momente, da er die Treppe t ſeines Perron hinaufſteigend, in dem Veſtibule ver⸗ 8 ſchwand, nicht aus dem Blicke. In dem Veſtibule ſtand ein Mann von hohem „ Wuchſe, in eine lange Levite gekleidet, mit einem über die Augen gedrückten Hute in beſcheidener 5 Zurückhaltung da. Dieſer Mann hatte die Discretion, ſich nicht zu zeigen. Herr Gerard ging gerade auf ihn zu. Beim zweiten Schritte wußte er, mit wem er e es zu thun hatte. r„Ah! ah! Sie ſind's, Gibaſſier!“ machte er. „Ich, in Perſon, ehrenwerther Herr Gerard,“ antwortete der Galeerenſträfling. „Und Sie kommen von...“ „Ja,“ machte Gibaſſier. 300 „Von.. 2 wiederholte Herr Gerard, der nicht auf's Ungewiſſe hin gehen wollte. „Von unſrem Chef,“ ſagte Gibaſſier, der bei allen ſeinen zarten Aufträgen vorſichtig zu Werke ging. Das Wort Chef von dieſem untergeordneten Subjecte ausgeſprochen, machte den künftigen De⸗ putirten lachen. Er ſchwieg einen Augenblick, indem er ſich auf die Lippen biß und fuhr fort: „Alſo ſchickt er nach mir?“ „Er ſchickt mich, Sie zu holen, ja,“ antwortete Gibaſſier. „Und Sie wiſſen, weßhalb?“ „Ich weiß durchaus nichts.“ „Sollte er wegen..2 Er hielt inne. „O, ſprechen Sie dreiſt,“ ſagte Gibaſſier; „Sie wiſſen, ich bin, abgeſehen von der Ehrbarkeit, Ihr anderes Ich.“ „Wäre es etwa wegen Herrn Sarranti's?“ „Sie erinnern mich daran,“ ſagte Gibaſſier; „das könnte wohl ſein.“ Herr Gerard dämpfte nicht nur die Stimme, ſondern ſeine Stimme nahm auch eine leichte Fär⸗ bung von Aufregung an. „Sollte etwa die Hinrichtung nicht morgen ſtatt⸗ finden?“ fragte er. „Ich glaube nicht; ich weiß aus ſicherer Quelle, daß Herrn von Paris der Befehl ertheilt worden, ſich morgen um drei bereit zu halten, und daß der Verurtheilte nach der Conciergerie geführt iſt.“ ——— et — 301 3 Herr Gerard ließ ſich einen Seufzer entſchlüpfen, der ſicherlich aus gepreßter Bruſt kam. „Und,“ fragte er noch,„es wäre nicht möglich, auf morgen früh zu verſchieben, was wir heute Abend zu thun haben?“ „O,“ machte Gibaſſier,„unmöglich.“ „Es iſt alſo eine wichtige Sache?“ „Von der höchſten Wichtigkeit!“ Herr Gerard ſah Gibaſſier in's Weiße der Augen. „Und Sie behaupten, nichts zu wiſſen?“ „Beim heiligen Gibaſſier, ich ſchwöre es Ihnen.“ „Dann iſt es Zeit, meinen Hut zu nehmen.“ „Holen Sie ihn, Herr Gerard, die Abende ſind etwas kalt und man kann ſich leicht erkälten.“ Herr Gerard nahm ſeinen Hut vom Hacken. „Ich bin bereit,“ ſagte er. „So wollen wir gehen,“ machte Gibaſſier. „An der Straßenthüre wartet ein Fiaker.“ Als er dieſen Fiaker ſah, der wie alle Fiaker das Ausſehen eines Leichenwagens hatte, konnte Herr Gerard einen leichten Schauer nicht unter⸗ drücken. „Steigen Sie ein,“ ſagte er zu Gibaſſier,„ich folge Ihnen.“ „Ich werde das um keinen Preis thun,“ antwor⸗ tete Gibaſſier. Und der Galeerenſträfling öffnete den Schlag und ließ Herrn Gerard in den Wagen ſteigen, wo er neben ihm Platz nahm, nachdem er mit dem Kutſcher einige Worte gewechſelt. Der Fiaker ſchlug in raſchem Trab den Weg nach Paris ein— da Gi⸗ baſſier es für gerathen hielt, den ihm von Salva⸗ 302 tor bezeichneten Weg zu ändern, weil er glaubte, daß es gleichgültig ſei, wohin er Herrn Gerard führe, wenn er ihn nur von Hauſe fortführe. „Gut,“ ſagte Herr Gerard, etwas beſchwichtigt durch den Gang der Thiere, vor ſich hin,„wenn es auch eine wichtige Sache iſt, ſo iſt es doch we⸗ nigſtens keine eilige.“ Und auf dieſe kluge Reflexion herrſchte die tiefſte Stille in dem Wagen und dieſe dauerte we⸗ nigſtens während der nächſten Viertelſtunde. Gibaſſier unterbrach ſie zuerſt. „Woran denken Sie denn ſo beharrlich, lieber Herr Gerard,“ fragte er. „Ich geſtehe, Herr Gibaſſier,“ antwortete der Philanthrop,„ich denke an den unbekannten Zweck dieſes unerwarteten Beſuchs.“ „Und das beunruhigt Sie?“ „Das beſchäftigt mich wenigſtens.“ „Sehen Sie!— Nun an Ihrem Platze würde mich das durchaus nicht beſchäftigen, das ſchwöre ich Ihnen.“ „Warum?“ „O das iſt ganz einfach,— bemerken Sie wohl, daß ich geſagt, an Ihrem Platze, nicht an dem meinen.“ „Ja, das weiß ich wohl; aber warum haben Sie geſagt, an meinem Platze?“ „Weil, wenn mein Gewiſſen rein wäre, wie das Ihre, ich mich der Gunſt des Glückes ſo ſehr würdig hielte, daß ich dem Schickſal gar nicht die Ehre an⸗ thun würde, ſeine Schläge zu fürchten.“ „Gewiß, gewiß!“ murmelte Herr Gerard, indem e 3. r 303 er melancholiſch den Kopf ſchüttelte,„aber das Glück macht ſo bizarre Sprünge, daß wenn man auch nichts fürchten, man ſich doch auf ſehr viel gefaßt machen muß.“ „Wahrhaftig, wenn Sie in den Zeiten des Thales gelebt, Griechenland würde ſtatt ſieben Weiſen acht gehabt haben, lieber Herr Gerard, und Sie hätten den ſchönen Vers gemacht: Auf jedes Schickſal iſt der Weiſe vorbereitet. Bemerken Sie wohl, ich ſage vorbereitet, nicht er⸗ geben— vorausgeſetzt, daß Sie vorbereitet ſind, ſcheinen Sie mir nicht ergeben. Ja, Sie haben Recht,“ fuhr Gibaſſier in ſeinem feierlichſten und ſentenziöſeſten Tone fort:„das Schickſal macht bi⸗ zarre Sprünge; deßhalb ſtellten es die Alten, die nicht dumm waren, bisweilen auf einer Schlange ſitzend dar, was ſo viel ſagen will, als daß es über der Klugheit ſtehe. Und dennoch würde ich an Ihrer Stelle, ich wiederhole es, wenn ich auch mei⸗ nen Geiſt frei ſchweifen ließe— ein ſo thätiger Geiſt wie der Ihre kann nicht ganz einſchlafen— wenn ich, wie geſagt, meinen Geiſt ſchweifen ließe, würde ich mich nicht zu ſehr beunruhigen. Was kann Ihnen geſchehen? Sie haben das Glück gehabt, in früher Jugend Waiſe zu ſein, weßhalb Sie nicht mehr die Aeltern zu verlieren oder durch ſie com⸗ promittirt zu werden fürchten dürfen;— Sie ſind nicht verheirathet, weßhalb Sie nicht zu fürchten brauchen, Ihre Frau zu verlieren oder durch ſie getäuſcht zu werden;— Sie ſind Millionär und ein großer Theil Ihres Vermögens beſteht in guten 304 Fonds, weßhalb Sie nicht zu fürchten haben, daß ein Notar Sie ruinirt, oder ein Bankerottirer Sie ausplündere;— Sie ſind geſund, das heißt körper⸗ lich;— Sie ſind tugendhaft, das heißt Sie beſi⸗ tzen die Geſundheit der Seele; Sie ſtehen in der Achtung Ihrer Mitbürger, die Sie zum Deputirten erwählen wollen;— Ihr Patent als Ritter des Ehrenlegionsordens, der Ihnen als dem Wohlthäter der Menſchen zu Theil wird, liegt zur Unterzeich⸗ nung bereit; es iſt ein Geheimniß, ich weiß es wohl, aber ich kann es Ihnen im Vertrauen ſagen; Sie ſtehen endlich bei Herrn Jackal ſo gut ange⸗ ſchrieben, daß er Sie zweimal in der Woche, ſo wichtig auch ſeine Beſchäftigungen ſein mögen, bei ſich empfängt und mit Ihnen vertrauliche Verhand⸗ lung pflegt; Sie erhalten die gerechte Belohnung für fünfzig Jahre der Philantropie und der Recht⸗ ſchaffenheit.— Was fehlt Ihnen? nun! was kön⸗ nen Sie fürchten? Sprechen Sie.“ „Wer weiß!“ ſeufzte Herr Gerard.„Der Un⸗ bekannte, lieber Herr Gibaſſier.“ „Sie bleiben alſo dabei; gut, ſprechen wir nicht davon; laſſen Sie uns von etwas Anderem reden.“ Herr Gerard machte ein Zeichen, welches ſagen wollte:„Sprechen wir von was Sie wollen: nur ſprechen Sie und ich werde ſchweigen.“ Gibaſſier nahm offenbar das Zeichen für ein zuſtimmendes, denn er fuhr fort. „Ja, laſſen Sie uns von etwas Heiterem ſpre⸗ u wird nicht ſchwer ſein, nicht wahr?“ „Nein.“ in * 305 „Sie haben einige Freunde heute zum Diner bei ſich, lieber Herr Gerard. Bemerken Sie, daß ich mir erlaube, Sie lieber Herr Gerard⸗ zu nennen, weil Sie mich von Zeit zu Zeit lieber Herr Gibaſ⸗ ſier nennen und weil Sie mir ſo eben noch dieſe Ehre erzeigten.“ Herr Gerard verbeugte ſich. Gibaſſier netzte die Lippen mit der Zunge. „Sie müſſen ein ſehr brillantes Diner gegeben haben, hm?“ „Ehrlich geſagt und ohne mich zu rühmen, ich glaube, daß es brillant war.“ „Ich bin deſſen gewiß, wenn ich nach den Düf⸗ ten urtheilen darf, die aus der Küche im Veſtibule aufſtiegen, wo ich Sie einen Augenblick erwartete.“ „Ich habe mein Beſtes gethan,“ antwortete Herr Gerard beſcheiden. „Und,“ fuhr Gibaſſier fort,„Sie haben im Park auf dem Raſen geſpeiſt?“ . *7 „Das muß ein reizender Anblick geweſen ſein. Sang man beim Diner?“ „Man brachte gerade das Deſſert, als Sie kamen.“ „Ja, ja, ſo bin ich gerade mitten in dieſes Gaſt⸗ mahl der Freundſchaft wie eine Bombe, wie Banko Macbeth, wie der Comthur im Don Juan ge⸗ allen.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Herr Gerard, indem er ſich zum Lachen zwang. „Aber,“ verſetzte Gibaſſier,„geſtehen Sie, daß das ein wenig Ihr Fehler iſt, lieber Herr Satb, Dumas, Salvator. V. 306 „Wie das?“ „Ohne Zweifel. Angenommen Sie hätten mir die Ehre erzeigt, mich mit Ihren andern Freunden zum Diner einzuladen, ſo iſt tauſend gegen eins zu wetten, lieber Herr Gerard, daß ich, von Anfang bei dem Diner anweſend, nicht gekommen wäre, Sie zum Schluſſe zu derangiren.“ „Glauben Sie, lieber Herr Gibaſſier,“ beeilte ſich Herr Gerard zu erwidern,„daß ich mein Ueber⸗ ſehen lebhaft bedaure; aber ich verſichere Sie, daß es unabſichtlich geſchehen und daß es nur an Ihnen liegen wird, mich mein Verſehen wieder gut machen zu laſſen.“ „Wahrhaftig nein,“ ſagte Gibaſſier, indem er einen tiefen Kummer alterirte,„ich bin ſehr unge⸗ halten gegen Sie.“ „Gegen mich?“ „Ja, Sie haben mich tief in der Seele verwun⸗ det; und Sie wiſſen,“ ſagte Gibaſſier, indem er mit einer pathetiſchen Bewegung die Hand auf die Bruſt legte,„die Herzenswunden ſind tödtlich. Ach!“ fuhr er fort, indem er von der Trauer in die Klage überging, wie er von der Melancholie in die Trauer übergegangen war,„noch ein Glaube, der erliſcht, noch eine Illuſion, die ſich verflüchtigt, noch ein ſchwarzes Blatt in das bereits ſo düſtere Buch meines Lebens einzuzeichnen! O Freundſchaft! flüchtige und unbeſtändige Freundſchaft, welche Lord Byron ſo falſch die Liebe ohne Flügel genannt, wie viel Kummer haſt du mir nicht ſchon bereitet, und wie viel wirſt du mir noch bereiten. Er hatte Recht in ſeinem Urtheil über dich, der ariſtokratiſche Rhapſode, der Verfaſſer des Monde comme il va. als er ſtatt eine Ode auf das Lob der Freundſchaft zu machen, mit Bitterkeit rief:„Heute ſind deine Altäre, o Göttin, nicht mehr mit den Opferflammen erhellt; die Hallen deiner Tempel erdröhnen nicht mehr von dem lauten Geſang deiner Gläubigen. Durch das Intereſſe von deiner alten Wohnung verbannt, irrſt du jetzt allein, verlaſſen, das un⸗ glückliche Spielzeug der Bevölkerung der Höfe und aller feigen Sterblichen, umher, welche eine ſchmu⸗ tzige Habgier beherrſcht! Wer unter den durch ihren Reichthum, ihre Geburt, ihre Größe übermüthig Gewordenen achtet auf deine Stimme, wer hat Mitleid mit deinem Unglück, wer beſucht deinen Tempel? Leider! leider! iſt der unglückliche Gi⸗ baſſier wie Portland, der Held des Gedichts, der Einzige, der noch Eintritt verlangt!“ Nach dieſer pretentiöſen Citation, deren Pedan⸗ terie Herr Gibaſſier nicht würdigte, zog der ehe⸗ malige Galeerenſträfling ein gelbes Tuch aus der Taſche und that, als ob er ſich die Augen trocknete. Der Philanthrop von Vanvres, der nicht be⸗ griff, und ſagen wir es ſogleich, der nicht begreifen konnte, wohin die Phraſen ſeines Begleiters zielten, hielt ihn für wirklich gerührt, und begann ihn zu tröſten zu ſuchen, indem er in ſeinen Troſt die leb⸗ hafteſten Entſchuldigungen miſchte. Dieſer aber fuhr fort: „Die moderne Welt muß ſehr ſchlecht geworden ſein, daß ſie, während die alte Welt, abgeſehen von Achilles und Patroklus, vier ſolcher Beiſpiele von Freundſchaft aufzählt, welche aus S Men⸗ 308 ſchen Halbgötter machte, nichts den Beiſpielen von Hercules und Pirithous, Hreſt und Pylades, Eurydicus und Niſus, Damon und Pythias entgegenzuſtellen hat; o! wir ſind wirklich am eiſernen Zeitalter, lie⸗ ber Herr Gerard.“ „Sie wollen ſagen, mein Herr, daß wir an der Barriere d'Enfer angekommen ſeien,“ ſagte der Kutſcher, der, nachdem er ſeinen Wagen angehal⸗ ten, an den Schlag getreten und die letzten Worte Gibaſſiers gehört hatte. „Ah! wir ſind an der Barriere d'Enfer?“ ſagte Gibaſſier, indem er die ganze Scale der Elegie herabſtieg, um wieder in ſeinen natürlichen Ton zu fallen;„ah! wir ſind an der Barriere d'Enfer? Sieh, ſieh, der Weg kam mir ſehr kurz vor. Wie lange iſt's, ſeit wir weggefahren?“ Er zog ſeine Uhr heraus. „Ein und eine Viertelſtunde, wahrhaftig! wir ſind da, Herr Gerard.“ „Aber,“ fragte dieſer mit Ungeduld,„wir ſind ja nicht in der Rue de Jeruſalem, wie mich dünkt.“ „Wer hat Ihnen denn geſagt, daß wir nach der Rue de Jeruſalem gehen? Ich nicht,“ machte Gibaſſier. „Wo gehen wir dann hin?“ fragte der Philan⸗ trop erſtaunt. „Ich gehe an meine Geſchäfte,“ ſagte der ehe⸗ malige Galeerenſträfling,„und wenn Sie welche haben, ſo fordere ich Sie auf, an die Ihren zu gehen.“ „Aber mich,“ ſagte Herr Gerard beſtürzt,„mich führt ja gar kein Geſchäft nach Paris.“ —,———— 8 — 309 „O, das iſt fatal, denn wenn Sie zufällig heute etwas in der Hauptſtadt zu thun gehabt, und das Geſchäft in dieſem Quartier geweſen wäre, ſo wür⸗ den Sie ſich an Ort und Stelle befunden haben.“ „Was ſoll das heißen, Meiſter Gibaſſier,“ ſagte Herr Gerard, indem er ſich aufrichtete,„ſollten Sie mich etwa zum Beſten haben?“ „Es kommt mir wirklich ſo vor, Meiſter Gerard,“ ſagte der Galeerenſträfling, indem er laut auflachte. „So erwartete mich Herr Jackal alſo nicht!“ rief Herr Gerard wüthend. „Er erwartet Sie nicht nur nicht, ſondern ich kann Ihnen ſogar ſagen, daß wenn Sie ſich jetzt bei ihm einfinden, Sie ſicher ſein können, ihm eine angenehme Ueberraſchung zu bereiten.“ „Das will ſoviel heißen, als, Sie haben mich myſtifizirt, Meiſter Schuft!“ ſagte Herr Gerard, der ſeine ganze Unverſchämtheit wieder bekam, ſeit die Gefahr verſchwunden war. „Vollſtändig myſtifizirt, ſehr ehrenwerther Herr Gerard. Jetzt ſind wir quitt, oder Aug' um Aug', wie Sie wollen.“ „Aber ich habe Ihnen ja niemals etwas Schlim⸗ mes gethan, Gibaſſier,“ rief Herr Gerard;„weß⸗ halb thun Sie mir einen ſolchen Schabernack an?“ „Sie haben mir niemals etwas Schlimmes ge⸗ than? rief Gibaſſier.„Er ſagt, er habe mir nie⸗ mals etwas Schlimmes gethan, der Undankbare! Und wovon ſprechen wir, ſeit unſerer Abfahrt von Vanvres, als von Deiner ſchwarzen Undankbarkeit? Wie, mein vergeßlicher Freund! Du gibſt in Deiner Villa zu Vanvres einen gaſtronomiſch⸗politiſchen 310 Rout, Du lädſt zu einer Wahl⸗ und Mahlgeſellſchaft Deine unbedeutendſten Bekannten ein, und Du ſagſt Deinem innigſten Freunde, Deinem Pirithous, Dei⸗ nem Pylades, Deinem Eurydicus, Deinem Damon, Deinem andern Ich nicht ein Wort davon, kurz! Du vergiſſeſt ihn wie einen Nachtſack, Du zertrittſt ihn unter Deinen Füßen, Du machſt einen Spott aus ſeiner Aufopferung! Die Götter mögen Bir ver⸗ geben! Mir aber machte es Spaß, mich auf die⸗ ſelbe Weiſe zu rächen, wie Du mich beleidigt; Du haſt mich Deines Diners beraubt, ich beraubte Dich Deines Diners. Was ſagſt Du davon?“ Er ſchloß raſch den Schlag wieder. „Ich habe den Kutſcher auf vier Stunden ge⸗ nommen,“ ſagte er,„und da ich nicht will, daß er Sie beſtehle, ſage ich Ihnen die Stunde: was den Preis betrifft, ſo ſind es fünf Franken für die Stunde, ſo lange es Ihnen gefällt, denſelben zu behalten.“ „Wie!“ rief Herr Gerard, der ſich ſeiner ur⸗ ſprünglichen Sparſamkeit nie ganz entſchlagen konnte, „Sie zahlen nicht?“ „Nun!“ ſagte Gibaſſier,„wenn ich bezahlte, wo wäre da der Witz?“ p Und indem er ſich reſpectvoll verbeugte, fügte er inzu: Auf Wiederſehen, ehrenwerther Herr Gerard.“ Und er verſchwand. Herr Gerard konnte ſich von ſeiner Beſtürzung noch immer nicht erholen. „Wo ſoll ich Sie hinfahren? Sie wiſſen, man hat mich auf vier Stunden genommen und zwar —— ft ſt 3 3* ſt 18 r⸗ e⸗ ch 311 für fünf Franken die Stunde, die letzte Rückfahrt mit eingerechnet.“ Herr Gerard war im Begriff, gegen den Kutſcher loszufahren; aber es war ja nicht die Schuld dieſes braven Mannes: man hatte ihn auf dem Platze genommen, den Preis mit ihm ausgemacht, er war auf Treu und Glauben gefahren. Gibaſſier war ſomit der Einzige, an dem Herr Gerard ſich rächen konnte. „Nach Vanvres,“ ſagte er,„nein fünf Franken, mein Freund, das gibt man nicht umſonſt.“ „Ah! wenn es Ihnen gefällig, mich hier für die Zeit zu bezahlen, die es dauern würde, ſo iſt mir das ebenſo lieb,“ ſagte der Kutſcher. Herr Gerard legte die Naſe an das Kutſchen⸗ fenſter und betrachtete den Himmel. Ein Gewitter zog über Vaugirard auf und man hörte bereits das dumpfe Grollen des Donners. „Nein,“ ſagte Herr Gerard,„ich behalte Sie;„ nach Vanvres, mein Freund, und ſo raſch, als möglich.“ „O, ich werde mein Möglichſtes thun,“ antwor⸗ tete der Kutſcher;„die armen Thiere haben aber nur vier Füße und können nur das thun, was man mit vier Füßen thun kann.“ Und auf ſeinen Sitz ſteigend, ließ er brummend den Wagen umwenden und fuhr nach Vanvres. Ende des fünften Theils. —M WMW ſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſmſſſiſſſiſiſſ 9 10 14 15 16 17