N Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Cduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebebingungen. 1. Oflensein der Bihliothek. Die Bib pfangnahme und Rückgabe der Bücher jed 7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines liothek ſteht zur Em⸗ en Tag von Morgens . geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: werden und 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: T— Pf 2 N— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und der Bücher auf ihre eigenen Kbſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt Zurückſendung der Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet⸗ 7 Ausſeiheneil Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß vas Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——=— 4 Die Mohicaner von Paris. Salvator. Von Alerandre Dnmas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Anguſt Zoller. Vierter Band. Stuttgart. Frauckh'ſche Verlagshandlung. 1856. 3 N ⸗ Druck von Eduard Hallberger in Stuttgart. —— XXXIX. Die Hochzeit eines Freibeuters. Während der zehn Jahre, welche auf die von uns ſo eben erzählten Ereigniſſe folgten— um, nach unſerer Gewohnheit, durch Thatſachen, und nicht durch eine einfache Erzählung einen Begriff vom Charakter unſerer Helden zu geben,— ſchritt der Capitän Herbel, deſſen Art zu verfahren man ge⸗ ſehen hat, immer weiter fort auf dem Wege, den er eingeſchlagen hatte. Wir beſchränken uns in Betreff deſſen, was den gewaltigen Seemann betrifft, darauf, daß wir aus den Journalen jener Zeit Notizen über ſeine Priſen geben. Der San⸗Sebaſtian, ein portugieſiſches Schiff, von Sumatra auf Isle de France gefrachtet, deſſen Ladung drei Millionen werth war— Herbel erhielt für ſeinen Theil viermal hunderttauſend Livres. Die Charlotte, ein holländiſches Schiff von dreihundert ſechzig Tonnen, zwölf Kanonen und ſiebzig Mann Equipage.— Die Charlotte wurde um ſechs⸗ mal hunderttauſend Livres verkauft. Der Adler, eine engliſche Goölette von hundert ——— 4 und ſechzig Tonnen, um hundertfünfzigtauſend Livres verkauft. Der San⸗Jago und der Karl III., ſpaniſche Schiffe, um ſechsmal hunderttauſend Livres verkauft. Der Argos, ein ruſſiſches Schiff von ſechshun⸗ dert Tonnen. Der Hercules, eine engliſche Brigg von ſechs⸗ hundert Tonnen. Der Glorieux, ein engliſcher Kutter, u. ſ. w. u. ſ. w. Dieſer von den officiellen Blättern jener Zeit veröffentlichten Liſte könnten wir noch die Nomen⸗ clatur von dreißig bis vierzig anderen Schiffen bei⸗ fügen; doch es iſt nie unſere Abſicht geweſen, eine Biographie vom Capitän Herbel zu ſchreiben; wir wünſchen nur unſern Leſern eine Idee von ſeinem Charakter zu geben. Im Winter von 1800 nach St. Malo zurückge⸗ kehrt, mit ſeinem treuen Pierre Berthaud, empfing er von ſeinen Landsleuten alle möglichen Zeugniſſe von Sympathie. Ueberdies erwartete ihn ein Brief vom erſten Conſul, der ihn einlud, nach Paris zu kommen. Bonaparte fing damit an, daß er dem wackern Maluiner über ſeine fabelhaften Kreuzfahrten ſein Compliment machte: dann bot er ihm die Cpauletten eines Capitäns und das Commando über eine e Fre⸗ gatte der republikaniſchen Marine an. Pierre Herbel ſchüttelte jedoch den Kopf. „Was verlangen Sie denn?“ fragte der erſte Conſul erſtaunt. —————————— — ne 5 „Ich wäre ſehr in Verlegenheit, ſollte ich es Ihnen ſagen,“ antwortete Herbel. „Sie ſind alſo bedeutend ehrgeizig?“ „Im Gegentheile, ich finde das, was Sie mir anbieten, zu ſchön für mich.“ „Sie wollen alſo nicht der Republik dienen?“ „Doch; ich will ihr aber auf meine Weiſe dienen.“ „Wie dies?“ „Als Corſar... Laſſen Sie mich Ihnen die Wahrheit ſagen.“ „Sprechen Sie.“ „Sobald ich befehle, bin ich ein trefflicher See⸗ mann; ſobald ich gehorchen muß, bin ich nicht ſo viel werth, als der Letzte von meinen Matroſen.“ „Man muß indeſſen immer Jemand gehorchen.“ „Bei meiner Treue,“ erwiederte der Capitän, „bis jetzt, Bürger Conſul, habe ich nur Gott gehorcht, und dabei, wenn er mir durch ſeinen erſten Ordon⸗ nanzoffizier Seine Excellenz den Wind ſagen ließ, ich foll die Segel aufgeien und vor Topp und Takel treiben, iſt es mir mehr als einmal begegnet, derge⸗ ſtalt bin ich vom Dämon der Unbotmäßigkeit beſeſſen, daß ich mit meinen unteren Segeln, meiner Brigan⸗ tine und meinem Klüver die See hielt. Was beſagen will, daß ich, wenn ich Fregattencapitän wäre, nicht nur Gott, ſondern auch meinem Viceadmiral, meinem Admiral, dem Marineminiſter, was weiß ich? gehor⸗ chen müßte, und das ſind zu viel Herren für einen Diener.“ „Ah!“ ſagte der erſte Conſul,„ich ſehe wohl, Sie haben nicht vergeſſen, daß Sie von der Familie der Courtenay ſtammen, und daß Ihre Ahnen in Conſtantinopel regiert haben.“ „Es iſt wahr, Bürger erſter Conſul, ich habe das nicht vergeſſen.“ „Ich kann Sie aber nicht zum Kaiſer von Con⸗ ſtantinopel ernennen?“ „Nein, Bürger, doch Sie können etwas Anderes thun.“ „Ja, ich kann Ihnen ein Majorat für Ihren älteſten Sohn conſtituiren, Sie die Tochter von einem meiner Generale heirathen laſſen, wollen Sie ſich mit dem Ruhme verbinden, einer meiner Lieferanten, wollen Sie ſich mit dem Gelde verbinden?“ „Bürger erſter Conſul, ich habe drei Millionen, was wohl ſo viel werth iſt als ein Majorat, und was meine Verheirathung betrifft, ſo iſt das meine Sache.“ „Sie heirathen eine Prinzeſſin von der Pfalz, eine deutſche Markgräfin?“ „Ich heirathe ein armes Mädchen Namens Thereſe, das ich ſeit acht Jahren liebe, und das ſeit acht Jahren auf mich wartet.“ „Teufel!“ rief Bonaparte,„ich habe kein Glück; dort Saint⸗Jean⸗d'Acre, und Sie hier!... Was gedenken Sie alſo zu thun?“ „Hören Sie, Bürger! zuerſt will ich heirathen, ich habe große Eile, und wäre es nicht Ihnen zu Liebe geweſen, ich ſtehe Ihnen dafür, ich hätte St. Malo nicht vor der Hochzeit verlaſſen.“ „Gut; doch ſind Sie einmal verheirathet?“ „Ruhig den Frieden genießen, meine drei Millio⸗ nen verzehren, und wie der Schäfer von Virgil ſagen: —.———— —— be 4 7 „O Melibaee deus nobis haec otia fecit!“ „Bürger Capitän, ich verſtehe nicht ſehr gut La⸗ teiniſch.“ „Ja, nicht wahr, beſonders wenn es ſich um den Frieden handelt? Ich verlange von Ihnen keinen dreißigjährigen Frieden; nein, nur die Zeit, ein paar Jahre den Honigmonat zu genießen, nicht mehr. Alsdann, hienach, bei dem erſten Kanonenſchuſſe, den ich.. nun wohl, die Schöne Thereſe iſt noch nicht ganz geſchlagen.“ „Ich vermag alſo nichts für Sie?“ „Bei meiner Treue, ich ſuche.“ „Und Sie finden nicht?“ „Nein, doch finde ich, ſo werde ich Ihnen ſchrei⸗ ben, ſo wahr ich Herbel heiße.“ „Ich kann nicht einmal der Pathe Ihres erſten Knaben ſein?“ „Sie ſpielen unglücklich, Bürger Conſul, mein Wort iſt verpfändet.“ „Wem denn?“ „Pierre Berthaud, genannt Monte⸗Hauben, mei⸗ nem Hochbootsmanne.“ „Und dieſer Burſche kann mir nicht ſeinen Platz abtreten, Capitän?“ „Ah! ja wohl, er würde ihn nicht dem Kaiſer von China abtreten; über dies iſt nichts zu ſagen: er hatte ihn mit ſeiner Degenſpitze gewonnen.“ „Wie ſo?“ „Indem er als der Zweite an Bord der Ca⸗ lypſo ſprang... und unter uns, die wir Tapfere ſind, ſage ich, indem er zuerſt darauf ſprang. nun, ich habe die Augen darüber geſchloſſen.“ 8 „Gleichviel, Capitän, obſchon ich nicht glücklich mit Ihnen bin, erlauben Sie mir doch wohl, nicht wahr, daß ich mich nach Ihnen erkundige?“ „Haben Sie Krieg, Bürger erſter Conſul, und ich werde Ihnen Nachrichten von mir geben, das verſpreche ich Ihnen.“ „Wohlan, von einem ſchlechten Zahler muß man nehmen, was man kann; auf Wiederſehen, wenn wir Krieg haben.“ „Auf Wiederſehen, Bürger erſter Conſul!“ Pierre Herbel ging bis zur Thüre und kam dann wieder zurück. „Das heißt auf Wiederſehen,“ ſagte er,„nein, ich kann mich nicht hiezu verbindlich machen.“ „Warum nicht?“ „Weil Sie ein Landgeneral ſind, und ich ein Seemann bin; es iſt aber keine Wahrſcheinlichkeit, daß wir, wenn wir, Sie in Italien oder in Deutſch⸗ land, ich im Atlantiſchen Meere oder im Indiſchen Meere ſein werden, oft zuſammentreffen; alſo viel Glück in Ihren Feldzügen, Bürger erſter Conſul.“ „Und Ihnen wünſche ich viel Glück bei Ihren Kreuzfahrten.“ Hienach trennten ſich der Capitän und der erſte Conſul, um ſich erſt fünfzehn Jahre ſpäter in Roche⸗ fort wieder zu ſehen. Drei Tage nach ſeinem Abgange aus den Tui⸗ lerien trat Pierre Herbel mit offenen Armen in das Häuschen von Thereſe Brea ein, das im Dorfe Plancoöt, am Arquenon, vier bis fünf Meilen von St. Malo lag. k * 9 Thereſe ſtieß einen Freudenſchrei aus und warf ſich Pierre in die Arme. Sie hatte ihn drei Jahre nicht geſehen. Thereſe hatte ſeine Rückkehr nach St. Malo und ſodann ſeine Abreiſe nach Paris an demſelben Tage erfahren. Jede Andere als Thereſe wäre in Verzweiflung geweſen und hätte ſich gefragt, welche wichtige An⸗ gelegenheit bei ihrem Geliebten das Verlangen, ſie wieder zu ſehen, überwiegen könne, doch dem Worte von Pierre vertrauend kniete ſie in Notre⸗Dame in Plancoét nieder, und begnügte ſich damit, daß ſie Gott für ſeine Rückkehr dankte, ohne daß es ihr ein⸗ fiel, Rechenſchaft über die darauf gefolgte unerwartete Abreiſe zu verlangen. In der That, wie geſagt, in Paris eine Stunde vor ſeiner Audienz angelangt, war Pierre Herbel eine Stunde nach derſelben wieder abgereiſt.. Seine Abweſenheit dauerte alſo nur ſechs Tage.— Dieſe ſechs Tage ſchienen Thereſe allerdings ſechs Jahrhunderte. Als ſie ihren Geliebten erblickte, war auch die Bewegung, welche ſie in ſeine Arme trieb, ſehr raſch, und der Schrei, der ihrem Munde oder vielmehr ihrem Herzen entſchlüpfte, ſehr freudig. „Ah!“ fragte Pierre Herbel, nachdem er von den Wangen Thereſenszwei gute, ganz mit Thränen gefüllte, Küſſe genommen hatte;„wann die Hochzeit, Thereſe?“ „Wann Du willſt,“ antwortete dieſe;„ich bin ſeit ſieben Jahren bereit, und unſer Aufgebot iſt ſeit drei Jahren angeſchlagen.“ „Wir haben alſo nur den Maire und den Pfar⸗ rer in Kenntniß zu ſetzen?“ 10 „Ah! mein Gott, ja!“ „Thun wir das, Thereſe; ich bin nicht der An⸗ ſicht von denjenigen, welche ſagen:„„Er hat ſechs Jahre gewartet, er kann auch noch länger warten.““ Nein, ganz im Gegentheil ſage ich:„„Ich habe ſechs Jahre gewartet, das iſt ziemlich hübſch und ich will nicht mehr warten.““ Ohne Zweifel war Thereſe derſelben Anſicht wie ihr Bräutigam, denn er hatte dieſe letzten Worte nicht vollendet, als ihr Shawl auf ihren Schultern und ihre Haube auf ihrem Kopfe waren. Pierre Herbel nahm ſie beim Arme. Wie ſehr ſich auch der Maire und der Pfarrer beeilten, man mußte drei Tage warten. Während dieſer drei Tage war der Capitän wie ein Ver⸗ rückter. Am dritten Tage, als der Maire ſprach:„Im Namen des Geſetzes ſeid Ihr verbunden,“ ſagte Pierre Herbel: „Das iſt ein Glück; hätte das noch länger an⸗ geſtanden, heute Abend legte ich an.“ Neun Monate nachher, auf den Tag, gebar Thereſe einen ſtarken Knaben, deſſen Pathe, nach dem gegebenen Worte, Pierre Berthaud, genannt Monte⸗Haubon, war; man ſchrieb ihn auch in den Civilregiſtern von St. Malo unter dem Namen Pierre Herbel von Courtenay— das heißt Vicomte, ein... Er war doppelt Pierre: Pierre durch ſeinen Vater, Pierre durch ſeinen Pathen. Wir haben geſagt, wie, um ſich nach der Mode der Zeit zu richten, der junge Maler ſeinen Namen latiniſirt und dem ein wenig gemeinen Namen des 5 6 8 A 2 5 ll ie te r d m te r nt n n e, en de n es 11 renegaten Apoſtels, den mehr ariſtokratiſchen Namen Petrus ſubſtituirt hatte. Doch Geduld, liebe Leſer, wir haben noch nicht ganz geendigt mit ſeinem Seeräuber von einem Vater, wie ihn der General Herbel nannte. Der Honigmonat des Capitäns dauerte gerade die Zeit, welche der Friede von Amiens dauerte; wir irren uns: er dauerte ein paar Tage länger. Zehn Geſchichtsſchreiber für Einen werden Ihnen ſagen, wenn Sie ſich die Mühe nehmen, ſie zu fra⸗ gen, wie der Vertrag von 1802 gebrochen wurde; ich allein kann Ihnen ſagen, wie der Honigmonat unſeres würdigen Capitäns endigte. So lange der Friede gedauert hatte, war Alles vortrefflich in der Wirthſchaft von Herbel geweſen. Er betete ſeine Frau, welche ſanft und liebevoll wie ein Engel war, an; er vergötterte ſeinen Sohn, von dem er behauptete— und zwar vielleicht mit Recht — es ſei das ſchönſte Kind, nicht nur von St. Malo, ſondern auch von der ganzen Bretagne und von ganz Frankreich. Kurz, er war der glücklichſte Menſch der Welt, und wäre nicht der Krieg ausgebrochen, ſo würde dieſer Zuſtand der Ruhe Monate lang, Jahre lang, immer vielleicht gedauert haben, ohne daß eine einzige Wolke die Heiterkeit ſeines Himmels getrübt hätte. Doch der Sturm häufte ſich auf der Seite von England auf. Die engliſche Regierung hatte den Frieden nur gezwungen gemacht; um dazu zu ge⸗ langen, hatte die Coalition vom Kaiſer Paul I. mit Preußen, Dänemark und Schweden das Miniſterium Pitt ſtürzen und den Redner Addington zum Lord der Schatzkammer ernennen müſſen. Unglücklicher⸗ 12 weiſe beſtand dieſer Friede nur auf der Oberfläche; die Ermordung von Kaiſer Paul machte den Haupt⸗ ſtein des Gewölbes fallen: die Engländer beklagten ſich, Frankreich räume zu langſam Rom, Reapel und die Inſel Elba; Frankreich beklagte ſich, England räume Malta und Aegypten gar nicht. Bonaparte, um für jedes Ereigniß bereit zu ſein, traf Anſtalten zu einer Expedition nach St. Domingo. Der poli⸗ tiſche Barometer bezeichnete einen nahe bevorſtehen⸗ den Krieg. Seitdem dieſe Expedition, obgleich noch im Pro⸗ jekte, den Seehäfen Frankreichs die fieberhafte Auf⸗ regung verliehen hatte, die den Seekriegen voran⸗ geht, war der Capitän Herbel auch ſieberhaft und aufgeregt geworden. Das Familienleben war nie die Sache dieſes abenteuerlichen Temperaments ge⸗ weſen: das war für ihn eine jener blühenden Inſeln des Oceans, wo ein Seemann einen mehr oder einen minder langen Aufenthalt machen kann, jedoch nichts Anderes. Das wahre Element des Capitäns war die See; die See, die ihn am Ufer aufgenommen hatte, reclamirte ihn, wie eine eiferſüchtige Geliebte ihren Liebhaber reclamirt und zog ihn unwillkürlich an ſich; von heiter, wie es bis dahin geweſen, war ſein Geſicht traurig geworden; er erkundigte ſich bei jeder Fiſcherbarke nach dem Tage, wenn die Feind⸗ ſeligkeiten beginnen würden; ganze Tage brachte er vauf dem höchſten Geſtade zu, die Augen verloren in der doppelten Unermeßlichkeit des Himmels und der Wogen. Thereſe, welche in ihm und durch ihn zu ſehen ſchien, bemerkte dieſe Veränderung und wußte lange b 13 nicht, welchem Umſtande ſie dieſelbe zuſchreiben ſollte. Dieſe bizarre Laune, dieſe finſtere Schweigſamkeit waren ſo fern von den Gewohnheiten ihres Mannes, daß ſie erſchrak, jedoch ohne mit ihm darüber zu ſprechen. Sie begriff indeſſen, daß früher oder ſpäter eine Erklärung ſtattfinden mußte, als ſie in einer Nacht plötzlich durch die wüthenden Bewegungen, die der Capitän machte, und das ſeltſame Geſchrei, das er ausſtieß, aufgeweckt wurde. Er träumte, er ſei mitten in der Schlacht und brüllte aus Leibeskräften. „Drauf! drauf! auf die Engländer! zum Entern, und es lebe die Republik!“ Der Kampf war äußerſt heftig, doch nach einigen Minuten endigte er, ohne Zweifel wie der des Cid, in Ermangelung von Streitern. Der Eapitän, der ſich halb aufgerichtet hatte, fiel mit dem Kopf wieder auf ſein Kiſſen und rief: „Streich die Flagge, engliſcher Hund! Sieg! Sieg!“ Und er verſank in den friedlichen Schlaf des Sieges. Von da an war der armen Thereſe Alles erklärt. „Ah!“ murmelte ſie, denn ihr Schlaf verſchwand beim Traume ihres Mannes,„er hat mir, ohne es zu wiſſen, die Urſache ſeiner ſchlimmen Stunden ge⸗ ſagt! Armer Pierre, aus Liebe für mich iſt er hier angekettet geblieben, Gefangener im Hauſe, ſeinen Kopf ans Gitter ſchlagend, wie ein Löwe im Käfig. Ach! ich begreife, dieſes friedliche Leben iſt nicht für Dich gemacht, mein armer Pierre! Du brauchſt Raum, 14 die freie Luft des Himmels über Dir, die See unter Deinen Füßen, Du brauchſt die großen Stürme und die großen Schlachten, den Zorn der Menſchen und den Zorn Gottes. Ich hatte nichts geſehen, nichts begriffen, nichts errathen, ich liebte Dich! Verzeih' mir, mein theurer Pierre!“ Und Thereſe erwartete den Morgen mit Todes⸗ angſt. Als der Tag gekommen war, ſprach ſie mit einer Stimme, die ſie feſt zu machen ſuchte: „Pierre, Du langweilſt Dich hier!“ „Ich?“ erwiederte Pierre. „Ja.“ „Glaube das nicht.“ „Pierre, Du haſt nie gelogen; bleibe, ſogar für mich, offenherzig und ehrlich wie ein Seemann.“ Pierre ſtammelte. „Dein müßiges Leben gereicht Dir zum Verder⸗ ben,“ i Thereſe fort. „Deine Liebe entzückt mich,“ ſagte Pierre. „Du mußt aufbrechen, Pierre, wir werden Krieg haben.⸗ „Ja, in der That, Jedermann ſagt das.“ „Und Du, mein Theuerſter, haſt die Feindſelig⸗ keiten begonnen. 4 „Was willſt Du damit ſagen?“ fragte Pierre erſtaunt. Thereſe erzählte ihm ſeinen Traum von der vorhergehenden Nacht. „Ahl ja,“ ſagte Pierre,„was das betrifft, das iſt möglich; meine ganze Nacht war nur ein langer Traum und ein erbitterter Kampf.“ —— 15 „Und aus der Leidenſchaft, mit der Du bei die⸗ ſem Kampfe, ſo eingebildet er auch war, zu Werke gingſt, entnahm ich, die Zeit unſeres ruhigen Lebens fei vorüber; Dein wahres Leben ſei da, wo es Ge⸗ fahren zu trotzen und Ruhm zu erwerben gebe; ich habe auch einen großen Entſchluß gefaßt, mein Freund!“ „Welchen?“ „Dich aufzumuntern, ſobald als möglich in See zu gehen.“ „Du! liebe Thereſe des guten Gottes!“ „Ich, Pierre; die Vorſehung hat uns zwei ver⸗ ſchiedene Aufgaben zugewieſen, mein Freund: ich habe ſieben Jahre auf Dich gewartet, und war glück⸗ lich, auf Dich zu warten. Du biſt gekommen und haſt aus mir zwei Jahre lang die glücklichſte Frau der Welt gemacht. Du wirſt wieder abreiſen, Pierre, und ich werde aufs Neue Deine Rückkehr erwarten; doch diesmal werde ich an der Wiege unſeres Kin⸗ des warten, und das Warten wird mir leichter ſein. Ich habe das theure Kind viele Dinge zu lehren, um bei ihm mein Mutterwerk zu vollbringen. Ich werde mit ihm von Dir ſprechen, ich werde ihm Deine Kämpfe erzählen, von denen das Gerücht bis zu uns gelangen wird. Sodann werden wir alle Tage das hohe Geſtade erſteigen, in der Hoffnung, Dein Schiff am Horizont erſcheinen zu ſehen. Und ſo, mein Freund, werden wir Beide vor dem Herrn die Pflicht erfüllen, die uns auferlegt iſt. Als Mann wirſt Du Dein Vaterland vertheidigen, als Weib werde ich unſer Kind erziehen; und der Herr wird uns ſegnen.“ 16 Pierre war kein ſehr demonſtrativer Verliebter; doch bei dieſen letzten Worten glaubte er die Stirne ſeiner Frau wie die der Jungfrau von Plancoet glänzen zu ſehen, und er fiel ihr zu Füßen. „Du verſprichſt mir alſo, nicht unter meiner Ab⸗ weſenheit zu leiden?“ fragte er ſie. „Nicht leiden, Pierre,“ antwortete Thereſe,„das hieße Dich nicht lieben! Ich werde alſo leiden, doch ich werde mich erinnern, daß Du glücklich biſt, und Dein Glück wird mir mehr Freude bereiten, als mir Deine Abweſenheit Gram verurſacht haben wird.“ Pierre warf ſich ſeiner Frau in die Arme; dann ſtürzte er aus dem Hauſe, lief in den Straßen von St. Malo umher, rief alle ſeine alten Matroſen bei ihren Namen und beauftragte ſeinen Freund, Pierre Berthaud, Alle diejenigen, welche er unterwegs oder in ihren Wohnungen treffen würde, zu ſammeln. Und acht Tage nachher lief, gründlich neu aus⸗ gerüſtet, friſch angemalt, mit ihrer alten wohlbekann⸗ ten Equipage, vermehrt durch etwa zwanzig Mann, mit ihren einundzwanzig Achtzehnpfündern und ihren zwei Sechsunddreißigpfündern, die ſchöne Thereſe aus dem Hafen von St. Malo aus, um die indiſchen Seegegenden wiederzuſehen, wo Pierre Herbel zuerſt ſeinen furchtbaren Ruf als Corſar erlangt hatte, der dem ſeines Freundes und Landsmannes Surcouf die Wagſchale hielt. Am 6. Mai 1802 auslaufend, nahm die Schöne Thereſe ſchon am 8. deſſelben Monats, nach einem zehnſtündigen Kampfe, ein Sklavenſchiff, das ſechzehn Zwölfpfünder führte. —— ach un Bo wi nic rhe we — Am 15. caperte ſie ein portugieſiſches Schiff von achtzehn Kanonen und ſiebzig Mann Equipage. Am 25. enterte ſie einen Handelsdreimaſter, unter holländiſcher Flagge, befrachtet mit fünftauſend Ballen Reis und fünfhundert Fäſſern Zucker. Am 15. Juni, in einer Nacht ähnlich der, wo wir den Capitän Herbel die Calypſo haben ver⸗ nichten ſehen, machte ſie einen engliſchen Dreimaſter rhedelos, der, wenn nicht unter dem Commando, doch wenigſtens unter der Führung von Pierre Berthaud vorüber kam, welcher eben zum Grade eines Lieute⸗ nants erhoben worden war. Am Anfang des Juli endlich, nach achtzehn Ge⸗ fechten und fünfzehn Priſen ging die Schöne The⸗ veſe bei Isle de France vor Anker, von wo ſie, mit Beute aller Art beladen, erſt 1805, das heißt nach der Schlacht bei Auſterlitz, zurückkehrte. Thereſe hatte ihrem Manne Wort gehalten; alle Tage hatte ſie mit ihrem ſchon über drei Jahr alten Kinde das ſchroffe Geſtade erſtiegen; ſo daß, ſobald die Gegenſtände bemerkbar wurden, Pierre Herbel auf der Küſte eine Frau und ein Kind zu erkennen vermochte, die ihm Willkommzeichen machten. Thereſe hatte die Brigg ihres Gatten erkannt, lange, ehe dieſer ſie hatte erkennen und ſogar nur unterſcheiden können. Dumas, Salvator. 1V. XL. Malmaiſon. Es kam 1815. Man war am 6. Juli; Waterloo rauchte noch am Horizont. Am 21. Juni, Morgens um ſechs Uhr, war Na⸗ poleon nach dem Elyſée zurückgekehrt; am 22. unter⸗ zeichnete er folgende Erklärung: „Franzoſen! „Als ich den Krieg begann, um die Unabhängig⸗ keit der Nation zu behaupten, zählte ich auf das Zuſammenwirken aller Anſtrengungen, aller Willens⸗ kräfte und den Beiſtand aller nationalen Autoritäten. Ich hatte Grund, auf glücklichen Erfolg zu hoffen, und trotzte allen Erklärungen der Mächte gegen mich. Die Umſtände ſcheinen ſich geändert zu haben: ich biete mich als Opfer dem Haſſe der Feinde Frank⸗ reichs. Möchten ſie aufrichtig ſein in ihren Erklä⸗ rungen und immer nur gegen meine Perſon feindlich geſinnt geweſen ſein! Mein politiſches Leben iſt beendigt, und ich proclamire meinen Sohn, unter dem Titel Napoleon H., zum Kaiſer der Franzoſen. Die gegenwärtigen Miniſter werden proviſoriſch den Regierungsconſeil bilden. Das Intereſſe, das ich für meinen Sohn hege, verbindet mich, die Kammern einzuladen, ohne Verzug die hegentſca d och das Geſetz zu organiſiren. Vereinigt 6½ für das 2 zeicht man folge gebe ause nach Ein Esc gege tigt ſein Bef erla dem Roe brie ges noch Na⸗ ter⸗ gig⸗ das ens⸗ iten. ffen, nich. ich ank⸗ rklä⸗ dlich iſt nter ſen. den ich nern das das 19 öffentliche Wohl und um eine unabhängige Nation zu bleiben. Gegeben im Palais de[Elyſée, am 22. Juli 1815. Napoleon.“ Vier Tage, nachdem er dieſe Erklärung unter⸗ zeichnet hatte, am 26. Juni erhielt Napoleon— wie man ſieht, faſt als Antwort auf ſeine Entſagung— folgenden Beſchluß: „Die Regierungs⸗Commiſſion beſchließt, wie folgt: „Art. L. Der Marine⸗Miniſter wird Befehle geben, daß zwei Fregatten vom Hafen von Rochefort ausgerüſtet werden, um Napoleon Bonaparte nach den Vereinigten Staaten zu transportiren. „Art. 2. Es wird ihm, bis zum Punkte der Einſchiffung, wenn er es wünſchte, eine genügende Escorte, unter den Befehlen des Generals Becker gegeben werden, die zu ſeiner Sicherheit bevollmäch⸗ tigt iſt. „Art. 3. Der General⸗Director der Poſten wird ſeinerſeits alle auf den Dienſt der Relais bezüglichen Befehle ertheilen. „Art. 4. Der Marine⸗Miniſter wird Befehle erlaſſen, um die Rückkehr der Fregatten ſogleich nach dem Ausſchiffen zu ſichern. „Art. 5. Die Fregatten werden die Rhede von Rochefort nicht verlaſſen, ehe die verlangten Geleits⸗ briefe angelangt ſind. „Art. 6. Die Miniſter der Marine, des Krie⸗ ges und der Finanzen ſind, Jeder in dem, was ihn 20 betrifft, mit dem Vollzuge gegenwärtigen Beſchluſſes beauftragt. „Unterzeichnet: Herzog von Otranto, Graf Grenier, Graf Carnot, Baron Qui⸗ nette, Caulincourt, Herzog von Vi⸗ cenza.“ Kraft einer neuen Entſchließung des Gouverne⸗ ments, ermächtigte am andern Tage der Herzog von Otranto den Kaiſer, gegen motivirte Quittung zu empfangen: einen Silberſervice von zwölf Gedecken; den Porcellanſervice, genannt die Hauptquartiere; ſechs Services von zwölf Gedecken von Leinendamaſt; ſechs Services von Officeleinwand; zwölf Paar Tücher von erſter Wahl; zwölf Paar Servicetücher; ſechs Dutzend Zimmerſervietten; zwei Reiſewagen; drei Sättel und Zäume eines Generaloffiziers; drei Piqueurſättel und Zäume; vierhundert Bände aus der Bibliothek von Rambouillet zu nehmen; verſchie⸗ dene Landkarten; endlich hunderttauſend Franken für die allgemeinen Reiſekoſten.— Das war das letzte Trouſſeau des Kaiſers. An demſelben Tage, gegen vier Uhr Abends, erhielt der General Graf Becker, der mit der Be⸗ wachung desjenigen, welchen man ſchon nicht mehr Napolevn Bonaparte nannte, beauftragt war, vom Marſchall Kriegsminiſter, Fürſten von Eckmühl, fol⸗ genden Brief; der Letztere nannte wenigſtens noch ſeinen ehemaligen Herrn Kaiſer und Majeſtät; das machte ihn aber, wie man ſehen wird, zu nichts verbit der G ſchluf miſſit tragt die 1 ſich um ſon ſein ihm ſchli wach aus Ver wert Mal dem dan gun Sie ſer für den das här luſſes Graf Qui⸗ Vi⸗ erne⸗ von 8 zu cken; tiere; maſt; ücher ſechs drei drei aus ſchie⸗ für letzte nds, Be⸗ mehr vom fol⸗ noch tät; ichts 21 verbindlich, und dann weiß man, was die Macht der Gewohnheit iſt. „Herr General! „Ich habe die Ehre, Ihnen beifolgend einen Be⸗ ſchluß zu überſenden, welchen die Regierungs-Com⸗ miſſion dem Kaiſer Napoleon zu eröffnen Sie beauf⸗ tragt, wobei Sie Seiner Majeſtät bemerken wollen, die Umſtände ſeien ſo gebieteriſch geworden, daß ſie ſich ganz nothwendig zur Abreiſe entſchließen müſſe, um ſich nach der Inſel Air zu begeben. „Dieſer Beſchluß iſt ſowohl im Intereſſe der Per⸗ ſon des Kaiſers als des Staates, der ihm theuer ſein muß, gefaßt worden. „Sollte der Kaiſer bei der Notification, die Sie ihm von dieſem Beſchluſſe machen werden, keine Ent⸗ ſchließung faſſen, ſo würden Sie die thätigſte Ueber⸗ wachung üben, ſowohl, daß ſich Seine Majeſtät nicht aus Malmaiſon entfernen kann, als auch um jedem Verſuche gegen ſeine Perſon zuvorzukommen. Sie werden ſodann alle Zugänge bewachen, welche gegen Malmaiſon von allen Seiten münden. Ich ſchreibe dem Inſpecteur der Gendarmerie und dem Comman⸗ danten des Platzes Paris, daß ſie zu Ihrer Verfü⸗ gung die Gendarmerie und die Truppen ſtellen, die Sie verlangen dürften. „Ich wiederhole Ihnen, Herr General, daß die⸗ ſer Beſchluß ganz für das Intereſſe des Staats und für die perſönliche Sicherheit des Kaiſers gefaßt wor⸗ den iſt. Seine raſche Ausführung iſt unerläßlich; das Schickſal Seiner Majeſtät und ihrer Familie hängt davon ab. 22 „Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, General, daß alle dieſe Maßregeln ſo geheim als nur immer möglich genommen werden müſſen. „Der Marſchall Kriegsminiſter Fürſt von Eckmühl.“ Eine Stunde nachher empfing derſelbe General Becker vom Herzog von Otranto folgenden weiteren Brief, der ihm durch den Kriegsminiſter zugeſandt wurde: „Herr General, „Die Commiſſion erinnert Sie an die Inſtrue— tionen, die Ihnen vor einer Stunde zugeſandt wor⸗ den ſind. Sie müſſen den Beſchluß vollziehen laſ⸗ ſen, ſo wie ihn die Commiſſion geſtern gefaßt hat, und wonach Napoleon auf der Rhede der Inſel Air bis zur Ankunft ſeiner Päſſe bleiben wird. „Es iſt für das Wohl des Staates, der ihm nicht gleichgültig zu ſein vermöchte, von Wichtigkeit, daß er dort bleibt, bis ſein Schickſal und das ſeiner Familie auf eine definitive Art geregelt worden ſind. Man wird alle Mittel anwenden, damit dieſe Unter⸗ handlung zu ſeiner Zufriedenheit ausfällt. „Die franzöſiſche Ehre iſt dabei betheiligt; mitt⸗ lerweile aber muß man alle Vorſichtsmaßregeln für die perſönliche Sicherheit von Napoleon, und damit er den ihm momentan angewieſenen Auf⸗ enthaltsort nicht verläßt, nehmen. „Herzog von Otrantv.“ rune und von den gier zure dem Kai Ver mir eral, nmer er neral teren andt truc⸗ wor⸗ laſ⸗ hat, Aix ihm gkeit, einer ſind. nter⸗ mitt⸗ für mit luf⸗ 23 Schon am 25. hatte der Kaiſer, von det Regie⸗ rungscommiſſion aufgefordert, das Elyſée verlaſſen und ſich nach Malmaiſon zurückgezogen, das noch voll von der Erinnerung an Joſephine. Trotz des Briefes vom Herzog von Htranto und den dringlichen Ermahnungen der proviſoriſchen Re⸗ gierung konnte ſich Napoleon nicht entſchließen, ab⸗ zureiſen. Am 28. Juni dictirte er folgenden Brief dem Grafen Becker.— Wohlverſtanden, obgleich vom Kaiſer dictirt, übernahm doch der Graf Becker die Verantwortlichkeit davon. Er war an den Kriegs⸗ miniſter adreſſirt. „Monſeigneur, „Nachdem ſie vom Beſchluſſe der Regierung, ihre Abreiſe nach Rochefort betreffend, Kenntniß genom⸗ men, hat Seine Majeſtät der Kaiſer mich beauftragt, Eurer Durchlaucht zu eröffnen, ſie verzichte auf dieſe Reiſe, in Betracht daß ſie, da die Communi⸗ cationen nicht frei ſeien, keine genügende Garantie für die Sicherheit ihrer Perſon finde. „An dieſem Beſtimmungsorte ankommend, be⸗ trachtet ſich überdies der Kaiſer als Gefangener, da ſeine Abreiſe von der Inſel Aix der Ankunft der Päſſe untergeordnet iſt, die man ihm ohne Zweifel verweigern wird, um ſich nach America zu begeben. „In Folge dieſer Interpretation iſt der Kaiſer entſchloſſen, ſeinen Spruch in Malmaiſon zu empfan⸗ gen, und bis über ſein Loos vom Herzog von Wel⸗ lington, dem die Regierung dieſe Reſignation mit⸗ theilen mag, ſtatuirt worden iſt, wird Napoleon in 2 Malmaiſon bleiben, überzeugt, man werde nichts gegen ihn unternehmen, was nicht der Nation und der Re⸗ gierung würdig iſt. „Graf Becker.“ Eine ſolche Antwort mußte ſtrenge Maßregeln herbeiführen. Im Verlaufe des Tages kam eine Depeſche, man glaubte Anfangs, es handle ſich um die Abreiſe des Kaiſers, Napoleon öffnete ſie und las wie folgt: Befehl des Kriegsminiſters an den General Becker. Paris den 28. Juni 1815. „Herr General, „Sie werden einen Theil der Garde, die ſich in Rueil befindet, unter Ihre Befehle nehmen und die Brücke von Chaton in Brand ſtecken und völlig zer⸗ ſtören. „Ich laſſe gleichfalls von den Truppen, welche in Courbenvir ſind, die Brücke von Bezons zerſtören. „Ich ſchicke einen meiner Adjutanten für dieſe Operation dahin. „Ich werde auch Truppen nach Saint⸗Germain abſenden, mittlerweile bleiben Sie jedoch auf dieſer Straße. „Der Oſſizier, der Ihnen dieſen Brief bringt, iſt beauftragt, mir ſelbſt die Meldung über den Voll⸗ zug dieſes Befehles zurückzubringen.“? 6 † Brie Bed gebr Ste er g nero zwiſ gen egen Re⸗ geln nan des ral S die en. eſe ain ſer Belken 25 Der General Becker erwartete die Entſchließung des Kaiſers. Der Kaiſer gab ihm mit der größten Ruhe den Brief zurück. „Was gebietet Seine Majeſtät?“ fragte der Graf „Laſſen Sie den Befehl, den man Ihnen ge⸗ geben, vollziehen.“ Der General Becker ließ den Befehl auf der Stelle vollziehen. Am Abend berief man den General nach Paris: er ging um acht Uhr ab. Napoleon wollte nicht vor der Rückkehr des Ge⸗ nerals zu Bette gehen. Er wünſchte zu wiſſen, was zwiſchen dieſem und dem Kriegsminiſter vorgegan⸗ gen war. Um elf Uhr kam der General zurück. Der Kaiſer ließ ihn ſogleich zu ſich rufen. „Nun,“ fragte er ihn, ſobald er ihn erblickte, „was trägt ſich in Paris zu?“ „Seltſame Dinge, Sire, welche Eure Majeſtät kaum glauben wird.“ „Sie irren ſich, General: ſeit 1814 bin ich von der Ungläubigkeit geheilt. Sagen Sie alſo, was Sie geſehen haben.“ „Geſehen! ja, Sire, man ſollte glauben, Eure Majeſtät habe die Divinitationsgabe. Als ich in das Hotel des Miniſters kam, begegnete ich einer Perſon, welche vom Fürſten wegging, und der ich Anfangs keine große Aufmerkſamkeit ſchenkte.“ „Und wer war dieſe Perſon?“ ſagte Napoleon ungeduldig. 26 „Der Fürſt war beſorgt, es mir ſelbſt mitzu⸗ theilen.„„Haben Sie den Mann erkannt, der mich ſo eben verläßt?““ fragte er.„Ich habe nicht auf ihn Acht gegeben,““ antwortete ich.„„Nun, es iſt Herr von Vitrolles, Agent von Ludwig XVIII.““ ſapoleon konnte ein leichtes Beben nicht be⸗ wältigen. Der General Becker fuhr fort: „„Nun wohl, mein lieber General,““ ſagte der Kriegsminiſter zu mir,„„es iſt Herr von Vitrolles, Agent von Ludwig XVIII.; er kommt im Auſtrage Seiner Majeſtät(Ludwig XVIII. war wieder Ma⸗ jeſtät geworden), um mir Vorſchläge zu unterbreiten, die ich für das Land ganz annehmbar gefunden habe; ſo daß ich, wenn die meinigen gebilligt werden, mor⸗ gen die Tribune beſteige, um das Gemälde unſerer Lage zu entwerfen, und die Nothwendigkeit fühlbar zu machen, Projecte anzunehmen, die ich für die Sache der Nation erſprießlich erachte.““ „Alſo,“ murmelte Napoleon,„die Sache der Nation iſt nun die Rückkehr der Bourbonen.. Und Sie haben nichts hierauf geantwortet, Ge⸗ neral?“ „Doch, Sire:„„Herr Marſchall,““ erwiederte ich,„ich kann Ihnen mein Erſtaunen, Sie einen Entſchluß faſſen zu ſehen, der über das Schickſal des Reiches zu Gunſten einer zweiten Reſtauration beſtimmen muß, nicht verbergen: hüten Sie ſich, ſich eine ſolche Verantwortlichkeit aufzubürden. Es gibt vielleicht noch Mittel, um den Feind zurückzutveiben, und die Meinung der Kammer ſcheint mir, nach ihrem Votr bone geat und ſtell in n zwo mel ſen wu keh der ſeit tzu⸗ nich auf iſt be⸗ der lles, age Ma⸗ ten, be; nor⸗ erer lbar die der erte inen ckſal tion ſich gibt ben, rem 27 Votum für Napoleon M., der Rückkehr der Bour⸗ bonen nicht günſtig.“ „Nun,“ fragte lebhaf geantwortet?“ „Nichts, Sire; er kehrte in ſein Cabinet zurück und ließ mir einen neuen Befehl zum Abgange zu⸗ ſtellen.“ Der General brachte in der That einen Befehl, in welchem geſagt war, wenn Napoleon nach vierund⸗ zwanzig Stunden abzugehen ſäume, ſtehe man nicht mehr für ſeine Perſon. Doch der Kaiſer blieb wie unempfindlich für die⸗ ſen Befehl. Er, der ſich über nichts mehr wundern ſollte, wunderte ſich doch noch über Eines: daß die Rück⸗ kehr der Bourbonen mit Herrn von Vitrolles durch den Fürſten von Eckmühl unterhandelt wurde, der ſeine, Napoleons, Rückkehr negocirt hatte⸗ durch den⸗ ſelben Mann, den ihm nach der Inſel Elba Herr Fleury von Chaboulon geſchickt hatte, um ſeine Auf⸗ merkſamkeit auf den Zuſtand der Dinge zu lenken und ihm zu ſagen, Frankreich ſei für ihn offen und erwarte ihn. Und in der That, als die Kunde von der Lan⸗ dung kam, war der ehemalige Chef des Generalſtabs von Napoleon dergeſtalt compromittirt, daß er ſich eine Zuflucht von Herrn Pasquier erbat, dem Ober⸗ wundarzte der Invaliden, den er beim Heere gekannt hatte, und auf deſſen Ergebenheit er, wie er wußte, rechnen durfte. Napoleon täuſchte ſich: es gab alſo noch andere Dinge, die ihn in Erſtaunen ſetzen konnten. tder Kaiſer,„was hat er Er ertheilte den Befehl zu ſeiner Abreiſe für den andern Tag. Während man aber die Anſtalten zur Abreiſe des Kaiſers traf, trug ſich eine Scene zu, deren Folgen ernſter werden konnten. Einer von denjenigen, welche mit dem tieſſten Schmerze Napoleon unſchlüſſig, unter der Hand Got⸗ tes, Anfangs im Elyſée, ſodann in Malmaiſon hat⸗ ten ſich zerarbeiten ſehen, war unſer alter Freund Sarranti, der in dieſem Augenblicke ſeine beharrliche Ergebenheit für den Kaiſer unter Schloß und Riegel büßt und vielleicht mit ſeinem Leben bezahlen wird. Seit der Rückkehr von Napoleon hatte er nicht aufgehört, ſeinem ehemaligen General ehrerbietigſt zu bemerken, mit einem Lande wie Frankreich ſei nie etwas verloren: die Marſchälle ſeien vergeßlich, die Miniſter ſeien undankbar, der Senat ſei ſchändlich; doch das Volk, doch die Armee bleiben treu. Man müſſe Alles fern von ſich werfen, wieder⸗ holte Herr Sarranti, und bei dieſem großen Zwei⸗ kampfe an das Volk und das Heer appelliren. Am 29. Juni Morgens trat nun ein Ereigniß ein, das dem herben, unbeugſamen Rathgeber voll⸗ kommen Recht zu geben ſchien. Gegen ſechs Uhr Morgens wurden alle Geäch— teten von Malmaiſon,— diejenigen, welche dieſes Schloß bewohnten, waren ſchon geächtet,— alle Ge⸗ ächteten von Malmaiſon wurden durch das wüthende Geſchrei:„Es lebe Napoleon! Nieder mit den Bour⸗ bonen! Nieder mit den Verräthern!“ aufgeweckt. Jeder fragte ſich, was dieſes Geſchrei beſagen wolle, das man nicht mehr gehört hatte ſeit dem beit filir daß den gin in dig das Zi un ür en 29 Tage, wo unter den Fenſtern des Elyſée zwei Regi⸗ menter Garde⸗Tirailleurs, Freiwillige aus den Ar⸗ beitern des Faubourg Saint⸗Antoine, im Garten de⸗ filirt hatten,— mit gewaltigem Geſchrei verlangend, daß ſich der Kaiſer an ihre Spitze ſtelle und ſie gegen den Feind führe. Herr Sarranti allein ſchien mit dem, was vor⸗ ging, vertraut zu ſein. Er ſtand ganz angekleidet in dem Zimmer, das vor dem des Kaiſers kam. Ehe dieſer nur gerufen hatte, um ſich zu erkun⸗ digen, was für ein Lärm dies ſei, trat er ein. Seine erſten Blicke richteten ſich auf das Bett: das Bett war leer. Der Kaiſer war in der an das Zimmer anſtoßenden Bibliothek; am Fenſter ſitzend, las er Montaigne. Als er Tritte hörte, fragte er, ohne daß er ſich umwandte: „Was gibt es?“ „Sire,“ ſagte eine ihm bekannte Stimme,„hören Sie?“ „Was?“ „Die Rufe:„„Es lebe der Kaiſer! Nieder mit den Bourbonen! Nieder mit den Verräthern!““ Der Kaiſer lächelte traurig. „Nun und dann, mein lieber Herr Sarranti?“ fragte er. „Sire, es iſt die Diviſion Broyer, welche von der Vendée zurückkommt und vor den Gittern des Schloſſes Halt gemacht hat.“. „Hernach?“ ſprach der Kaiſer mit demſelben Tone, mit derſelben Ruhe oder vielmehr mit derſelben Gleich⸗ gültigkeit. 30 „Hernach, Sire?... Dieſe Braven wollen nicht weiter gehen; ſie haben erklärt, man müſſe ihnen ihren Kaiſer zurückgeben, oder ſie werden, wenn ihre Chefs nicht ihre Dolmetſcher bei Ihnen ſein wollen, ſelbſt Eure Majeſtät holen und Sie an ihre Spitze ſtellen.“ „Hernach?“ fragte Napoleon. Sarranti unterdrückte einen Seufzer; er kannte den Kaiſer: das war nicht Gleichgültigkeit, das war Entmuthigung. „Sire,“ erwiederte Sarranti,„der General Broyer iſt da und bittet um Erlaubniß, eintreten zu dürfen, um Eurer Majeſtät den Wunſch Ihrer Soldaten zu Füßen zu legen.“ „Er trete ein!“ erwiederte der Kaiſer, während er aufſtand und ſein Buch offen auf das Fenſter legte wie ein Menſch, der eine Lecture, die ihn in⸗ tereſſirt, nur unterbricht. Der General Broyer trat ein. „Sire,“ ſagte er, indem er ſich ehrfurchtsvoll vor Napokeon verbeugte,„meine Diviſion und ich, wir kommen, um uns Eurer Majeſtät zu Befehlen zu ſtellen.“ „Sie kommen zu ſpät, General!“ „Das iſt nicht unſere Schuld, Sire; in der Hoff⸗ nung, rechtzeitig anzukommen, um Paris zu verthei⸗ digen, haben wir zehn, zwölf und ſogar fünfzehn Meilen im Tage gemacht.“ „General,“ ſprach Napoleon,„ich habe abge⸗ dankt.“ „Als Kaiſer, Sire: nicht als General.“ Ein Blitz zuckte in den Augen von Napoleon. ſie Sire jeſté vere Rat ken Ma ruf Sti es Sin Ru un licht nen ihre len, pitze nnte war oyer fen, zu rend ſter in⸗ voll ich, hlen woff⸗ thei⸗ zehn bge⸗ 31¹ „Ich habe ihnen meinen Degen angeboten, und ſie haben ihn ausgeſchlagen,“ ſagte er. „Sie haben ihn ausgeſchlagen... Wer dies, Sire? Entſchuldigen Sie mich, wenn ich Eure Ma⸗ jeſtät frage.“ „Lucian, mein Bruder.“ „Sire, der Prinz Lucian, Ihr Bruder, hat nicht vergeſſen, daß er am 1. Brumaire Präſident des Rathes der Fünfhundert war.“ „Sire,“ ſprach beharrlich Herr Sarranti,„mer⸗ ken Sie wohl auf, die Stimme dieſer zehntauſend Mann, welche unter Ihren Fenſtern ſtehen und rufen:„„Es lebe der Kaiſer!““ das iſt des Volkes Stimme, es iſt die letzte Anſtrengung Frankreichs; es iſt mehr, es iſt die letzte Gunſt des Glückes.. Sire, im Namen Frankreichs, im Namen Ihres Ruhmes...“ „Frankreich iſt undankbar,“ murmelte Napolevn. „Keine Blasphemie, Sire! eine Mutter iſt nie undankbar.“ „Mein Sohn iſt in Wien!“ „Eure Majeſtät weiß den Weg dahin.“ „Mein Ruhm iſt geſtorben auf den Ebenen von Waterloo.“ „Sire, erinnern Sie ſich deſſen, was Sie in Italien im Jahre 1796 ſagten:„„Die Republik iſt wie die Sonne; ein Blinder oder ein Narr, der ihre Helle leugnen würde!““ „Sire, bedenken Sie, daß ich hier zehntauſend tann friſcher, begeiſterter Truppen habe, welche noch nicht gefochten,“ fügte der General Broyer bei. 32 Der Kaiſer blieb einen Augenblick nachdenkend und ſagte dann: „Laſſen Sie meinen Bruder Jerome rufen.“ Einen Augenblick nachher trat der Jüngſte der Brüder des Kaiſers ein, der Einzige, der ihm treu geblieben war, der, von der Liſte der Souverains geſtrichen, als Soldat geſtritten hatte,— noch bleich von zwei Wunden, die er, die eine bei Quatre⸗Baas, die andere beim Pachthofe von Hougoumont erhalten, und von den Strapazen, die er, den Rückzug des Heeres unterſtützend, ausgeſtanden. Der Kaiſer reichte ihm die Hand; dann ſagte er ungeſtüm und ohne Eingang: „Jerome, was haſt Du in die Hände des Mar⸗ ſchalls Soult übergeben?“ „Das erſte, zweite und ſechste Corps, Sire.“ „Reorganiſirt?“ „Vollſtändig.“ „Wie viel Mann?“ „Achtunddreißig bis vierzig tauſend Mann.“ „Und Sie ſagen, General?... fuhr der Kai⸗ ſer ſich an Broyer wendend fort. „Zehntauſend Mann.“ „Und zweiundvierzigtauſend in die Hände des Marſchalls Grouchy: zweiundvierzigtauſend Mann friſche Truppen,“ fügte Jerome bei. „Verſucher!“ murmelte Napoleon. „Sire! Sire!“ rief Sarranti, die Hände faltend, „Sie ſind auf dem Wege Ihres Heiles. Vorwärts! vorwärts!“ „Es iſt gut, ich danke Dir, Jerome; entferne Dich nicht, ich werde Deiner vielleicht bedürfen.— Gener Du, E D beuger H E warte 7 E ſich! Maj welc nen legt Tiſe reu ins eich as, ten, des Kai⸗ des Nann tend, ärts! tferne n.— 2 335 General, erwarten Sie meine Befehle in Rueil.— Du, Sarranti, ſetze Dich an den Tiſch und ſchreibe.“ Der Exkönig und der General gingen, ſich ver⸗ beugend, ab, Beide das Herz voller Hoffnung. Hert Sarranti blieb allein beim Kaiſer. Er ſaß ſchon mit der Feder in der Hand und wartete. „Schreib!“ ſagte Napoleon. Sodann, zerſtreut: „An die Regierungscommiſſion.“ „Sire,“ rief Sarranti, indem er die Feder von ſich warf,„an dieſe Leute ſchreibe ich nicht.“ „Wie, Du ſchreibſt nicht an dieſe Leute?“ „Nein.“ „Warum nicht?“ „Weil alle dieſe Leute perſönliche Feinde Eurer Majeſtät ſind.“ „Sie haben Alles von mir.“ „Ein Grund mehr, Sire; es gibt Wohlthaten, welche ſo groß, daß man ſie nur mit Undank loh⸗ nen kann.“ „Schreib, ſage ich Dir.“ Herr Sarranti ſtand auf, verbeugte ſich, und legte die Feder, die er wieder aufgehoben, auf den Tiſch. „Nun?“ fragte der Kaiſer. „Sire, wir ſind nicht mehr in den Zeiten, wo ſich die Beſiegten durch einen Sklaven tödten ließen; an die Regierungscommiſſion ſchreiben heißt Sie ſo ſicher tödten, als ob ich Ihnen ein Meſſer in die Bruſt ſtieße.“ Dumas, Salvator. IV. 3 34 Sodann, da der Kaiſer nicht antwortete, ſagte Sarranti: „Sire! Sire! man muß das Schwert ergreifen und nicht die Feder; man muß an die Nation appel⸗ liren, und nicht an Menſchen, die, ich wiederhole es, Ihre Feinde ſind: ſie mögen erfahren, daß Sie die Feinde in dem Augenblicke ſchlagen, wo ſie Eure Majeſtät auf der Straße nach Rochefort glauben werden.“ Der Kaiſer kannte ſeinen Landsmann, er wußte, nichts würde ihn ſich beugen machen, nicht einmal ein Befehl von ihm. „Es iſt gut,“ ſagte er,„ſchicken Sie mir den General Becker.“ Sarranti ging ab: der General Becker trat ein. „General,“ ſprach Napoleon,„ich theile Ihnen mit, daß ich meine Abreiſe um einige Stunden ver⸗ ſchoben habe, um Sie nach Paris zu ſchicken, wo Sie der Regierung neue Vorſchläge vorlegen ſollen.“ „Neue Vorſchläge, Sire?“ fragte der General erſtaunt. „Ja,“ erwiederte der Kaiſer,„ich verlange das Commando des Heeres im Namen von Napoleon IMI. wieder zu übernehmen.“ „Sire, darf ich Ihnen ehrerbietigſt bemerken, daß eine ſolche Botſchaft beſſer von einem Offizier des kaiſerlichen Hauſes vollzogen würde, als von einem Mitgliede der Kammer und einem Commiſſär der Regierung, deſſen Inſtructionen ſich auf die Be⸗ gleitung Eurer Majeſtät beſchränken.“ „General,“ erwiederte der Kaiſer,„ich hege alles Vertrauen zu Ihrer Redlichkeit, und darum beauf⸗ ſagte reifen appel⸗ le es, ie die Eure lauben wußte, einmal ir den at ein. Ihnen n ver⸗ vo Sie 62 zeneral ge das eon II. nerken, Offizier s von miſſär die Be⸗ e alles beauf⸗ 35 trage ich Sie mit dieſer Sendung, im Vorzuge vor jedem Andern.“ „Sire, da meine Ergebenheit Eurer Majeſtät nützlich ſein kann,“ antwortete der General,„ſo zö⸗ gere ich nicht, ihr zu gehorchen; doch ich wünſchte geſchriebene Inſtructionen zu haben.“ „Setzen Sie ſich hierher, General, und ſ Sie Der Kaiſer dictirte und der General Becker ſchrieb: chreiben An die Regierungscommiſſion. „Meine Herren. „Die Lage Frankreichs, die Wünſche der Patrio⸗ ten und endlich der Ruf der Soldaten fordern meine Gegenwart, um Frankreich zu retten. Nicht mehr als Kaiſer verlange ich das Commando, ſondern als General. „Achtzigtauſend Mann ſammeln ſich unter Paris: das ſind dreißigtauſend mehr, als ich je unter der Hand gehabt habe beim Feldzuge von 1814, und dennoch habe ich damals gegen die drei großen Heere von Rußland, Heſterreich und Preußen geſtritten, und Frankreich wäre ſiegreich aus dem Kampfe hervor⸗ gegangen ohne die Capitulation von Paris; es ſind endlich fünfundvierzigtauſend Mann mehr, als ich hatte, da ich die Alpen überſtieg und Italien eroberte. „Ich verpfände mein Soldatenwort, daß ich, nachdem ich den Feind zurückgeſchlagen, mich nach den Vereinigten Staaten begebe, um mein Geſchick in Erfüllung gehen zu laſſen. „Napoleon.“ 36 Der General Becker verſuchte nicht die geringſte Bemerkung mehr; als Soldat ſah er ein, daß Alles dies möglich war. Er ging ab. Napoleon wartete mit Bangigkeit; es war viel⸗ leicht das erſte Mal, daß ſeine Geſichtsmuskeln die Erregung ſeiner Seele verriethen. Mit der Thätigkeit ſeines ungeheuren Genies hatte er Alles wieder hergeſtellt, Alles wieder auf⸗ gebaut; er dictirte einen, wenn nicht ruhmwürdigen, doch wenigſtens ehrenhaften Frieden; er verließ Frank⸗ reich nicht als Flüchtling, ſondern als ein Retter. Zwei Stunden lang liebkoſte er dieſen ſtrahlen⸗ den Traum. Sein Auge leuchtete in die Allee, durch welche der General zurückkommen mußte; ſein Ohr horchte auf jedes Geräuſch. Von Zeit zu Zeit verweilte ſein Blick mit Wohlgefallen auf ſeinem Degen, der quer auf den Armen eines Lehnſtuhles lag: er begriff endlich, daß dies ſein wahres Scepter war. Alles ließ ſich alſo noch gut machen, die Ankunft von Blücher, die Abweſenheit von Grouchy! der große Traum von 1814 von einer Schlacht, welche unter den Mauern von Paris die feindliche Armee vernichten werde, dieſer große Traum konnte ſich ver⸗ wirklichen. Ohne Zweifel würden es dieſe Männer, an die er ſich wandte, verſtehen wie er; wie er wür⸗ den ſie in eine Seite der Wagſchale die Ehre Frank⸗ reichs, in die andere ſeine Erniedrigung werfen, und ſie würden nicht zögern. Etwas wie ein Blitz zuckte vor den Augen des gebl Son war drü wier wor mit ich die ihr nic nic ohr gel zic ne gſte lles iel⸗ die nies auf⸗ gen, ank⸗ len⸗ che chte ſein quer griff unft der elche mee ver⸗ mer, wür⸗ ank⸗ und 37 geblendeten Kaiſers hin: das war der Reflex der Sonne in den Scheiben eines Wagens. Der Wagen hielt an; ein Mann ſtieg aus: es war der General Becker. Napoleon ſtrich mit einer Hand über ſeine Stirne, drückte die andere auf ſeine Bruſt. Mußte er nicht wieder von Marmor werden? Der General trat ein. „Nun?“ fragte lebhaft der Kaiſer. Der General Becker verbeugte ſich, ohne zu ant⸗ worten und überreichte ihm ein Papier. „Nun?“ wiederholte der Kaiſer, der das Popier mit einer maſchinenmäßigen Miene nahm. „Sire,“ erwiederte der General Becker,„indem ich mich Eurer Majeſtät mit der Betrübniß nähere, die ſie auf meinem Geſichte leſen kann, glaube ich ihr genug fühlbar zu machen, daß mir meine Miſſion nicht geglückt iſt.“ Der Kaiſer entfaltete langſam das Papier und las: „Die proviſoriſche Regierung kann die Vorſchläge nicht annehmen, die ihr der General Bonaparte macht, und hat ihm nur noch einen Rath zu geben: den, ohne Verzug abzureiſen, in Betracht, daß die Preußen gegen Verſailles marſchiren. „Herzog von Otranto.“ Der Kaiſer las dieſe Zeilen, ohne daß eine ein⸗ zige Fiber ſeines Geſichtes die Erregung ſeines In⸗ nern verrieth; dann ſprach er mit vollkommen ruhiger Stimme: 38 „Geben Sie Befehle für dieſe Abreiſe, General, und wenn ſie vollzogen ſind, melden Sie es mir.“ An demſelben Tage, und als es fünf Uhr Nach⸗ mittags ſchlug, verließ der Kaiſer Malmaiſon. Am Fußtritte ſeines Wagens fand er Sarranti wieder, der ihm als Stütze den Arm bot, welcher ſich einbog. „Ah!“ fragte Napoleon, indem er die Hand auf dieſen Arm legte,„hat man den General Brayer benachrichtigt, er könnte ſeinen Marſch nach Paris fortſetzen?“ „Nein, Sire,“ erwiederte Sarranti,„und es iſt noch Zeit... Napoleon ſchüttelte den Kopf. „Ah! Sire,“ murmelte der Corſe,„Sie haben kein Vertrauen mehr zu Frankreich.“ „Doch,“ erwiederte Napoleon,„aber ich habe kein Vertrauen mehr zu meinem Genie.“ Und er ſtieg in den Wagen, deſſen Schlag ſich hinter ihm ſchloß. 5 Die Pferde gingen im Galopp ab. Es handelte ſich darum, in Verſailles vor den Preußen anzukommen. XLI. Rochefort. Am 3. Juli, an demſelben Tage, wo der Feind in Paris einzog, traf der Kaiſer in Rochefort ein. Auf der ganzen Reiſe war Napoleon traurig, aber ihm Ged den imm ſein der er geſe büch Kai und laſſ aben kein ſich den Feind in. urig, aber ruhig. Er ſprach wenig; die paar Worte, die ihm entſchlüpften, bezeichneten die Richtung ſeines Gedankens: wie die Magnetnadel beharrlich den Nor⸗ den ſucht, ſo wandte ſich dieſer Gedanke hartnäckig immer Frankreich zu; doch von ſeiner Frau, von ſeinem Sohne kein Wort. Nur, da er von Zeit zu Zeit eine Priſe aus der Tabaksdoſe des Generals Becker nahm, bemerkte er, daß dieſe Doſe mit dem Porträt von Marie Louiſe geſchmückt war, er glaubte ſich zu täuſchen und bückte ſich. Der General begriff, und reichte die Doſe dem Kaiſer: Dieſer nahm ſie, ſchaute ſie einen Augenblick an, und gab ſie zurück, ohne ein Wort vernehmen zu laſſen. Napoleon ſtieg in der Marinepräfectur ab. Eine letzte Hoffnung,— wir ſagen mehr,— eine letzte Ueberzeugung blieb ihm: er werde von der proviſoriſchen Regierung zurückgerufen werden. Einige Stunden, nachdem er ſein Quartier in der Marinepräfectur genommen hatte, kam ein Cou⸗ rier an und brachte einen Brief von der Regierungs⸗ Commiſſion; er war an den General Becker adreſſirt. Der Kaiſer warf einen raſchen Blick auf das Siegel, erkannte es und ſchien mit Ungeduld darauf zu warten, daß der General dieſen Brief öffne. Der General begriff die Ungeduld des Kaiſers und öff⸗ nete ihn. MRittlerweile wechſelte Napoleon einen Blick mit Herrn Sarranti, der den Courier eingeführt hatte. Im Blicke des Corſen ſtanden ſichtbar die Worte 40 geſchrieben:„Ich muß Sie nothwendig ſprechen;“ doch der Geiſt Napoleons war anderswo. Obgleich er im Blicke ſeines Landsmannes geleſen hatte, wandte ſich doch ſein Geiſt der Depeſche zu. Der General hatte ſchon Zeit gehabt, ihn zu leſen, und da er das Verlangen des Kaiſers, ihn ebenfalls zu leſen wahrnahm, ſo reichte er ihm den⸗ ſelben ſtillſchweigend. Man wird beurtheilen, ob er geeignet war, die Hoffnungen von demjenigen zu beſtätigen, der, ſchon geächtet, Gefangener ſein ſollte. Es folgt hier der Text dieſer Depeſche. „Herr General Becker! „Die Regierungscommiſſion hat Ihnen Inſtruc⸗ tionen in Betreff der Abreiſe aus Frankreich von Napoleon Bonaparte gegeben. „Ich zweifle nicht an Ihrem Eifer, den Erfolg Ihres Auftrags zu ſichern; in der Abſicht, Sie dabei, ſo viel als von mir abhängt, zu erleichtern, befehle ich den in la Rochelle und Rochefort commandirenden Generalen, Ihnen bewaffneten Beiſtand zu gewähren und mit ihren Mitteln die Maßregeln zu unterſtützen, die Sie zu Vollführung der Befehle der Regierung zu ergreifen für geeignet erachten werden. „Empfangen Sie u. ſ. w. „Für den Kriegsminiſter. „Der Staatsrath Generalſecretär.* „Baron Marchand.“ Alſo, falls Napoleon zögern ſollte, dem Befehle, der ihn aus Frankreich jagte, zu gehorchen, hatte der zu tie ne an de en;“ leich andte n zu ihn den⸗ „die ſchon ſtruc⸗ von rfolg abei, efehle enden ähren ützen, erung d ofehle, hatte 41 der General Becker fortan das Mittel, ihn beim Kragen zu packen, und ihn mit Gewalt gehen zu machen. Napoleon ließ ſeinen Kopf auf ſeine Bruſt ſinken. Es vergingen einige Minuten; er ſchien in eine tiefe Träumerei verſunken. Als er das Haupt wieder erhob, war der Ge⸗ neral Becker weggegangen, um der Commiſſion zu antworten. Nur Sarranti ſtand vor ihm. „Nun, was willſt Du noch von mir?“ fragte ihn der Kaiſer mit einer Bewegung der Ungeduld. „In Malmaiſon wollte ich Frankreich retten, Sire; hier will ich Sie retten.“ Der Kaiſer zuckte die Achſeln; er ſchien völlig unter ſeinem Geſchicke gebeugt zu ſein: dieſer letzte Brief hatte ſeine letzten Hoffnungen gebrochen. „Mich retten?“ erwiederte er.„Wir werden hievon in den Vereinigten Staaten ſprechen.“ „Ja, doch da Sie nie nach den Vereinigten Staaten kommen werden, Sire, ſo laſſen Sie uns hier davon ſprechen, wenn Sie rechtzeitig ſprechen wollen.“ „Wie, ich werde nie nach den Vereinigten Staaten kommen? Was wird mich davon abhalten?“ „Das engliſche Geſchwader, das in zwei Stunden den Hafen von Rochefort blockiren wirde“ „Wer hat Dir dieſe Nachricht gegeben?“ „Der Capitän einer Brigg, der ſo eben in Rhede zurückgekehrt iſt.“ „Kann ich dieſen Capitän ſprechen?“ „Er wartet, daß ihm Eure Maojeſtät die Ehre erweiſe, ihn zu empfangen.“ „Und wo wartet er?“ „Dort, Sire,“ erwiederte Sarranti. 42 Und er deutete auf die Thüre ſeines Zimmers. „Er trete ein,“ ſprach der Kaiſer. „Wünſcht Eure Majeſtät nicht zuvor lange und ruhig mit ihm zu reden?“ „Bin ich nicht ſchon Gefangener?“ fragte Napo⸗ Bi leon mit Bitterkeit. „Nach der Nachricht, die Ihnen mitgetheilt wor⸗ den iſt, wird es Niemand erſtaunlich finden, daß Eure Majeſtät ſich eingeſchloſſen hat.“ „Schiebe den Riegel vor und laß Deinen Capi⸗ tän eintreten.“ Sarranti gehorchte. Sobald die Thüre mit dem Riegel geſchloſſen, führte er denjenigen ein, deſſen Beſuch er gemeldet hatte. Es war ein Mann von ſechsundvierzig bis acht⸗ undvierzig Jahren, als einfacher Seemann gekleidet, er trug keine der Inſignien des Grades, unter wel⸗ chem er angekündigt worden war. „Nun,“ fragte der Kaiſer Sarranti, der ſich weg⸗ zugehen anſchickte,„wo iſt denn Dein Capitän?“ „Ich bin es, Sire,“ antwortete derjenige, welcher ſo eben eingetreten war. „Warum tragen Sie nicht die Uniform der Ma— rineoffiziere?“ „Weil ich kein Offizier von der Marine bin, Sire.“ „Was ſind Sie denn?“ „Ich bin ein Corſar.“ Napoleon warf auf dieſen Mann einen Blick, der nicht von einer gewiſſen Verachtung frei war; als er aber auf ſein Geſicht kam, verweilte dieſer Blick glänzend und ſtarr darauf. ers. und po⸗ or⸗ daß pi⸗ en, tte. cht. det, el⸗ eg⸗ her Na⸗ in, ar; ſer 43 „Ah! ah!“ ſagte er,„es iſt nicht das erſte Mal, daß ich Sie ſehe.“ „Nein, Sire, das dritte Mal.“ „Das erſte Mal. 20 Der Kaiſer ſuchte einen Augenblick in ſeinem Gedächtniß. „Das erſte Mal.. erwiederte der Seemann, um das abnehmende Gedächtniß des großen Mannes zu unterſtützen. „Nein, laſſen Sie mich ſuchen,“ unterbrach Na⸗ poleon;„Sie gehören zu meinen guten Erinnerungen, und ich liebe es, mich mit meinen alten Freunden zuſammenzufinden. Das erſte Mal, als ich Sie ſah, war es im Jahre 1800; ich wollte Sie zum Schiffs⸗ Copitän machen, Sie ſchlugen es aus!“ „Das iſt wahr, Sire, ich habe immer meine Freiheit Allem vorgezogen.“ „Das zweite Mal war es bei meiner Rückkehr von der Inſel Elba; ich hatte einen Aufruf an den Patriotismus Frankreichs ergehen laſſen: Sie kamen und boten mir drei Millionen an, ich nahm ſie an.“ „Das heißt, gegen Geld, von dem ich nicht wußte, was ich damit thun ſollte, gaben Sie mir Canal⸗ Actien und Anweiſungen auf Holzſchläge.“ „Nun ſehe ich Sie zum dritten Male wieder, und, wie immer, in einem äußerſten Augenblicke. Was wollen Sie diesmal von mir, Capitän Pierre Herbel.“ Der Capitän bebte vor Freude; der Kaiſer er⸗ innerte ſich aller Umſtände, erinnerte ſich ſogar ſei⸗ nes Namens. 4⁴ „Was ich will? Ich will es verſuchen, Sie zu retten.“ „Vor Allem ſagen Sie mir, welche Gefahr mich bedroht.“ „Die, von den Engländern gefangen genommen zu werden.“ „Was mir Sarranti ſagte, iſt alſo wahr? der Hafen von Rochefort iſt blockirt?“ „Noch nicht, Sire; doch in einer Stunde wird er es ſein.“ Der Kaiſer blieb einen Moment nachdenkend. „Jeden Augenblick erwarte ich Geleitsbriefe,“ ſagte er. Herbel ſchüttelte den Kopf. „Sie glauben nicht, daß ich ſie bekomme?“ „Nein, Sire.“ „Was iſt denn, nach Ihrer Meinung, die Abſicht der verbündeten Souverains.“ „Die, Sie zum Gefangenen zu machen, Sire.“ „Ich habe ſie aber auch in meiner Hand gehal⸗ ten, und ich habe ſie wieder freigelaſſen und ihnen ihre Throne zurückgegeben.“ „Sie haben vielleicht Unrecht gehabt, Sire.“ „Und kommen Sie nur, um mich von der Ge⸗ fahr zu unterrichten?“ „Ich komme, um mein Leben zur Verfügung Eurer Majeſtät zu ſtellen, wenn ihr mein Leben nützen kann.“ Der Kaiſer ſchaute dieſen Mann an, der ſich mit ſo viel Einfachheit ausdrückte, daß man nicht bezwei⸗ feln konnte, er ſei bereit zu thun, was er verſprach. icht hal⸗ nen Ge⸗ ung ben mit wei⸗ ach. 45 „Ich hielt Sie für einen Republikaner,“ ſagte Napoleon. „Ich bin es in der That, Sire.“ „Warum ſehen Sie denn nicht in mir einen Feind?“ „Weil ich vor Allem Patriot bin. Ah! ja, ich bedaure, und zwar aus tieſſtem Herzen, daß Sie nicht, wie Waſhington, der Nation das Depot ihrer Freiheiten unverſehrt zurückgegeben; haben Sie aber Frankreich nicht frei gemacht, ſo haben Sie es we⸗ nigſtens groß gemacht, darum ſage ich Ihnen: „Glücklich und auf dem Gipfel des Ruhmes hätten Sie mich nicht wiedergeſehen, Sire.““ „Ja, und nun, da ich unglücklich bin, und den Gipfel des Mißgeſchickes erreicht habe, kommen Sie, nachdem Sie mir Ihr Vermögen angeboten, um mir Ihr Leben anzubieten. Geben Sie mir die Hand, Capitän Herbel; ich habe Ihnen nur noch meinen Dank für Ihre Ergebenheit auszuſprechen.“ „Nehmen Sie dieſelbe an, Sire?“ „Ja; doch was wollen Sie mir anbieten?“ „Drei Dinge, Sire. Wollen Sie nach Paris marſchiren? Das Vendée⸗Heer unter den Befehlen des Generals Lamarque, die Gironde-⸗Armee unter den Befehlen des Generals Clauſel ſind zu Ihrer Verfügung. Nichts kann leichter ſein, als die pro⸗ viſoriſche Regierung als Verräther zu decretiren und gegen ſie an der Spitze von fünfundzwonzig tauſend Soldaten und hunderttauſend fanatiſirten Bauern zu marſchiren.“ „Das wäre eine zweite Rückkehr von der Inſel Elba, und ich will nicht wieder anfangen. Und dann 46 bin ich müde, mein Herr; und wünſche auszuruhen und zu ſehen, was, wenn ich nicht mehr da bin, die Welt an meinen Platz ſtellen wird. Gehen wir zu dem zweiten über, was Sie mir angeboten haben.“ „Sire, ein Mann, für den ich ſtehe, wie für mich ſelbſt, Pierre Berthaud, mein Seid. hat eine Corvette an der Mündung der Seudre; Sie ſteigen zu Pferde, Sie reiten durch die Salzſümpſe, Sie werfen ſich in eine Feluke, Sie fahren durch die Paſſe de Maumaſſon hinaus, Sie vermeiden die Eng⸗ länder, und Sie treffen in See mit dem amerikani⸗ ſchen Schiffe der Adler zuſammen. Sie ſehen, der Name iſt ein gutes Vorzeichen.“ „Das heißt fliehen, mein Herr, fliehen wie ein Schuldiger, der entweicht, und nicht aus Frankreich weggehen wie ein Kaiſer, der vom Throne ſteigt!... Ihr drittes Mittel?“ „Das dritte iſt das gewagteſte, doch ich ſtehe dafür.“ „Laſſen Sie hören.“ „Zwei franzöſiſche Fregatten, der Saul und die Meduſa, welche unter der Protection der Batterien der Inſel Aix vor Anker liegen, ſind von der fran⸗ zöſiſchen Regierung Eurer Majeſtät zur Verfügung geſtellt?“ „Ja, doch wenn der Hafen blockirt iſt?“ „Wollen Sie, Sire... Ich kenne die zwei Com⸗ mandanten dieſer zwei Fregatten, zwei der bravſten Offiziere: der Capitän Philibert und der Capitän Bonet.“ „Nun?“ „Wählen Sie dasjenige von den beiden Schiffen, u h g m uhen „die ir zu n. für eine eigen Sie die Eng⸗ kani⸗ ehen, e ein kreich t ſtehe d die terien fran⸗ igung Com⸗ ſten pitän hiffen, 47 das Sie beſteigen wollen. Die Meduſa, zum Bei⸗ ſpiel, iſt die beſte Schnellſeglerin. Die Blockade be⸗ ſteht aus zwei Schiffen, dem Bellerophon von vierundſechzig, und dem Superbe, von achtzig Kanonen. Ich werde mich an den Bellerophon mit meiner Brigg anhängen; der Capitän Philibert wird ſich an den Superbe mit dem Saul anhän⸗ gen; ſie brauchen wohl eine Stunde, bis ſie uns in den Grund gebohrt haben! Während dieſer Zeit paſſiren Sie mit der Meduſa, und diesmal nicht wie ein Flüchtling, ſondern wie ein Sieger unter einem Triumphbogen von Flammen.“ „Und ich werde mir den Verluſt von zwei Schiffen und zwei Equipagen zum Vorwurfe zu machen haben, mein Herr! Nie!“ Der Capitän Herbel ſchaute Napoleon mit Er⸗ ſtaunen an. „Und die Bereſina, Sire! und Leipzig, Sire! und Waterloo, Sire!“ „Das war für Frankreich; und für Frankreich hatte ich das Recht, das Blut der Franzoſen zu ver⸗ gießen. Diesmal wäre es für mich, und zwar für mich allein.“ Napoleon ſchüttelte den Kopf. Alsdann wiederholte er noch feſter als das erſte Mal das Wort: „Nie!“ Am 13. Mai ſchrieb er an den Prinz⸗Regenten den bekannten Brief, der ſo unſelig geſchichtlich ge⸗ worden iſt: 48 „Königliche Hoheit! „Den Factionen, welche mein Land theilen, und der Feindſchaft der Großmächte Europas preisgege⸗ ben, habe ich meine politiſche Laufbahn vollbracht, und ich will mich, wie Themiſtokles, an den Herd des britiſchen Volkes ſetzen. Ich ſtelle mich unter den Schutz ſeiner Geſetze, welche ich von Eurer Hoheit reclamire, als den des mächtigſten, des beharrlichſten und des edelmüthigſten von meinen Feinden. „Napoleon.“ Am anderen Tage, den 15. Juli, begab ſich Na⸗ polevn an Bord des Bellerophon. Am 15. October landete er in St. Helena. Als er den Fuß auf die verfluchte Inſel ſetzte, ſtützte er ſich auf den Arm von Herrn Sarranti, und er flüſterte ihm ins Ohr: „Oh! daß ich den Vorſchlag des Capitäns Herbel nicht angenommen habe!“ XLII. Die Viſion. Der Reſt der Geſchichte des Capitäns Herbel iſt leicht zu begreifen und kurz zu erzählen. Wie Alles, was an der Rückkehr von 1815 Theil genommen hatte, wurde Pierre Herbel verfolgt. Erſchoß man ihn nicht wie Ney und Labedoyère, ſo war dies ſo, weil er den Bourbonen keinen Eid geleiſ wußt ſoller geger zen nicht Schn cirt; Vert dur ſah, zehn mock ken geſo unti wol ſam gew nich eine und Ber ſo! ſen der Go wer wie 6 und ege⸗ cht, er nter heit ſten Na⸗ etzte, und rbel el iſt Theil yère, Eid 49 geleiſtet hatte, und weil man wahrhaftig nicht ge⸗ wußt hätte, worauf man den Proceß hätte gründen ſollen. Doch die Canalactien, die ihm der Kaiſer gegen ſein baares Geld gegeben, verloren ihren gan⸗ zen Werth; die Anweiſungen auf Holzſchläge wurden nicht anerkannt; die Schöne Thereſe wurde als Schmugglerſchiff in Beſchlag genommen und confis⸗ cirt; der Banquier endlich, bei dem der Reſt vom Vermögen des Capitäns war, fand ſich, da er ſich durch die politiſchen Ereigniſſe zu Grunde gerichtet ſah, genöthigt, ſeine Bilanz niederzulegen, und gab zehn Procent. Von ſeinem ganzen ungeheuren Vermögen ver⸗ mochte Pierre Herbel nur etwa fünfzigtauſend Fran⸗ ken und einen kleinen Pachthof zu retten. Pierre Berthaud war glücklicher oder vielmehr geſchickter geweſen als er: von der Reaction von 1814 unterrichtet, hatte er die von 1815 nicht erwarten wollen; er ging mit ſeiner Corvette, auf der er zu⸗ ſammengebracht hatte, was er beſaß, fort. Was war aber aus ihm und ſeiner Mannſchaft geworden? Niemand wußte es, und man erfuhr nichts von ihm. Man nahm an, das Schiff ſei bei einem Sturme mit Mann und Maus untergegangen, und da am Ende, wenn ſich dies ſo zugetragen, Pierre Berthaud den Tod eines Seemanns geſtorben war, ſo hatte Thereſe für ihn gebetet, Pierre Herbel Meſ⸗ ſen für ihn leſen laſſen, und der Eine und der An⸗ dere von ihm hatte zu ſeinem Täufling als von einem Goldherzen, und von einem zweiten Vater für ihn, wenn er je wiederkäme, geſprochen, dann hatten, wie der einen Augenblick durch den Gießbach, der Dumas, Salvator. IV. 4 50 ſich darein wirft, oder durch die Lawine, die darein fällt, beunruhigte Fluß, die Dinge des Lebens wie⸗ der ihren Lauf genommen, und nach drei Jahren, wenn man von Pierre Berthaud ſprach, ſagte Herbel mit einem Seufzer:„Armer Pierre!“ Thereſe wiſchte eine Thräne ab und murmelte ein Gebet, und das Kind fragte:„Das war mein Pathe, nicht wahr, Papa? Ich liebe meinen Pathen ſehr!“ Und Alles war abgethan. Ueberdies hatte Pierre Herbel als Philoſoph ſei⸗ nen perſönlichen Ruin ertragen. Auf die Quote des väterlichen Vermögens beſchränkt, hätte er nicht mehr gehabt, als er hatte, wenn er eben ſo viel gehabt hätte. Bei der Rückkehr ſeines Bruders nach Frankreich machte er dieſem den Vorſchlag, ſeinen Pachthof zu verkaufen und den Reſt ſeines Vermögens mit ihm zu theilen. Der General Herbel ſchlug es aus, indem er ſeinen Bruder als Piraten behandelte. Sodann be⸗ kam er ſeinerſeits einen ungeheuren Antheil an der den Emigranten bewilligten Entſchädigungsmilliarde, bot Pierre keine Theilung mit ihm an,— Pierre würde das nicht getheilt haben, ſelbſt wenn er es ihm angeboten hätte,— und jeder Bruder fuhr fort⸗ den andern auf ſeine Weiſe zu lieben, das heißt der Capitän von ganzem Herzen, der General mit einem Theile ſeines Geiſtes. Was den Knaben betrifft, ſo weiß man ſchon ungefähr, wie er erzogen wurde. Er wuchs heran. Man ſchickte ihn nach Paris; er wurde in einem rein wie⸗ ren, rbel ſchte das ahr, ſei⸗ des mehr habt kreich of zu ihm m er n be⸗ n der iarde, ßierre er es fort, zt der einem ſchon einem 51 der beſten Colléges der Hauptſtadt untergebracht. Der Vater und die Mutter, welche alle Tage von ihrem kleinen Vermögen nahmen, um den Sohn zu erziehen, verließen St. Malo aus Sparſamkeit und lebten auf ihrem Pachthofe mit zwölf bis vierzehn⸗ hundert Franken Einkommen: die Erziehung von Petrus verſchlang das Uebrige. Im Jahre 1820 eröffnete der Capitän Herbel,— der damals erſt fünfzig Jahre alt war und vor Lange⸗ weile, das Gras um ſeinen Pachthof wachſen zu ſehen, ſtarb,— der Capitän Herbel eröffnete eines Tags ſeiner Frau, ein Rheder von Havre habe ihm Vor⸗ ſchläge in Betreff einer Reiſe nach Weſt⸗Indien ge⸗ macht. Er war entſchloſſen abzugehen und an dem Unter⸗ nehmen Theil zu nehmen, um es zu verſuchen, das Vermögen von Pierre zu verdoppeln. Der Antheil, den der Capitän nahm, betrug dreißigtauſend Franken. Doch die Tage des Glückes waren vorüber! Von einem ungeheuren Sturme im Golf von Mexico über⸗ fallen, wurde ſein Dreimaſter auf die Alacranas ge⸗ worfen,— Felsbänke, welche noch viel erſchrecklicher als die Scylla des Alterthums,— das Schiff ver⸗ ſank, der Capitän und die beſten Schwimmer der Mannſchaft erreichten die Korallenſpitzen, welche aus dem Waſſer hervorragten, klammerten ſich daran an und wurden nach Verlauf von drei Tagen, ſterbend vor Hunger und gelähmt vor Müdigkeit, von einem ſpaniſchen Schiffe aufgenommen. Herbel hatte nur noch nach Hauſe zurückzukehren; der ſpaniſche Capitän, der nach der Havannah ſegelte, 52 brachte ihn auch nach dieſem Hafen, wo er ihn an Bord eines zur Rückkehr nach Frankreich ſegelfertigen Schiffes gab. Unſer alter Corſar kam in der That zurück, je⸗ doch ſo traurig, den Kopf ſo gebeugt, daß Niemand glauben konnte, der Schiffbruch ſeines Dreimaſters ſchlage dergeſtalt einen Mann danieder, der alle Wechſelfälle des Glücks und des Unglücks erſchöpft hatte. Nein, das war es nicht, und was es war, das wagte er nicht zu ſagen. Während der letzten Nacht, die er an dieſen Fel⸗ ſen angeklammert, die Kräfte gelähmt, den Magen leer, den Kopf verwirrt durch das gräßliche Toſen der See, die ſich um ihn her an den Riffen brach, zubrachte, hatte Herbel das, was ein ungläubiger Geiſt das Delirium, ein gläubiger Geiſt eine Viſion genannt haben würde. Gegen Mitternacht,— der Capitän wußte beſſer als irgend Jemand auf der großen Uhr zu leſen, die man den Himmel nennt,— gegen Mitternacht verſchleierte ſich der Mond, und die Atmoſphäre war folglich verdunkelt; da ſchien es dem alten See⸗ manne, es ziehe ein Geräuſch über ſeinem Haupte hin, wie ein Schlagen von Flügeln, und eine Stimme ſagte zu den Wellen: „Beſänftigt Euch!“ Das war die Stimme der Meergeiſter. Sodann, wie man in der Phantasmagorie von fern eine Geſtalt ſieht, welche, Anfangs unmerkbar, immer größer wird, bis ſie ihren natürlichen Wuchs erreicht, ſah der Capitän auf den Wellen hingleitend der ſpit Sti ſcht nic um ſpr der dar bis das Di dur des fäh ren vor an igen je⸗ and ſters alle öpft das Fel⸗ agen oſen rach, biger iſion eſſer eſen, nacht war See⸗ mpte mme von kbar, uchs itend die verſchleierte Geſtalt einer Frau auf ſich zukom⸗ men, welche vor ihm ſtehen blieb. Ein Schauer durchlief ſeinen ganzen Körper: in dieſer Frau, ganz verſchleiert, wie ſie war, erkannte der Capitän voll⸗ kommen Thereſe. Ueberdies, wäre ihm der geringſte Zweifel ge⸗ blieben, dieſer Zweifel würde bald verſchwunden ſein. Als die Frau zu ihm gelangt war, hob ſie den Schleier auf. Der Capitän ſtieß einen Schrei aus und wollte den Schatten anreden; doch dieſer legte ſeine Finger— ſpitzen auf ſeine bleichen Lippen, als wollte er ihm Stillſchweigen gebieten, und murmelte mit einer ſo ſchwachen Stimme, daß der Capitän begriff, das ſei nicht die Stimme eines lebenden Weſens: „Komm, geſchwinde, Pierre! ich erwarte Dich, um zu ſterben!“ Hernach, als hätte die Geſtalt, nachdem ſie ge⸗ ſprochen, plötzlich die magiſche Gewalt, die ſie über dem Waſſer hielt, verloren, ſank ſie langſam nieder, wobei ſie das Waſſer zuerſt bis an den Knöcheln, dann bis an den Knieen, dann bis am Gürtel, dann bis am Halſe hatte; dann endlich ſank der Kopf wie das Uebrige unter, und die Viſion verſchwand... Die geebneten Wellen erhoben ſich aufs Neue, ein durchdringender Regen fiel auf den vereisten Leib des Capitäns, und Alles kehrte in die gewöhnliche Dunkelheit zurück. Herbel befragte ſeine Gefährten, doch ſeine Ge⸗ fährten, die ganz nur mit ihren Leiden und Gefah⸗ ren beſchäftigt waren, hatten nichts von dem, was vorgefallen, geſehen,— oder vielmehr das, was ſich 5⁴ zugetragen, hatte ſich für den Capitän allein zuge⸗ tragen. Uebrigens hätte man glauben ſollen, dieſe Er⸗ ſcheinung habe ihm alle ſeine Kräfte wiedergegeben. Es ſchien ihm, er könne nicht ſterben, bevor er The⸗ reſe wiedergeſehen, da Thereſe ſeiner harrte, um ſelbſt zu ſterben. Wir haben geſagt, am andern Tage ſeien die Schiffbrüchigen von einem ſpaniſchen Schiffe entdeckt und von dieſem aufgenommen worden; wir haben aber auch geſagt, wie ſehr, ſo wie ſie ſich Frankreich näherten, die Viſion, nicht in den Augen, ſondern in der Erinnerung des Capitäns, deutlicher, klarer, reeller geworden ſei. Er landete endlich in St. Malo, von wo er ſeit achtundzwanzig Monaten abweſend war. Die erſte befreundete Geſtalt, die er im Hafen traf, wandte ſich von ihm ab. Er lief auf denjenigen, welcher ihn fliehen zu wollen ſchien, zu. „Thereſe iſt alſo ſehr krank?“ fragte ihn der Ca⸗ pitän. „Ah!“ erwiederte der Angeredete, ſich umwen⸗ dend,„Sie wiſſen das?“ „Ja,“ antwortete Herbel;„doch ſie iſt alſo ſehr krank?“ „Hören Sie, Sie ſind ein Mann, nicht wahr?“ Der Capitän erbleichte. „Nun wohl, geſtern ſagte man, ſie ſei todt.“ „Das iſt unmöglich!“ rief Herbel. „Wie! unmöglich?“ fragte derjenige, welcher ihm dieſe Auskunft gab. ben. The⸗ elbſt die deckt aben reich dern arer, ſeit afen nzu r Ca⸗ wen⸗ ſehr hr?“ r ihm 55 „Ja, ſie hat mir geſagt, ſie werde auf mich war⸗ ten, um zu ſterben.“ Derjenige, welcher mit dem Capitän geſprochen hatte, glaubte, er ſei ein Narr geworden; doch er hatte nicht Zeit, ihn über dieſes neue Unglück zu befragen, denn Pierre, als er einen andern von ſei⸗ nen Freunden erblickte, welcher nach der Promenade reitend vorüberkam, lief auf ihn zu und bat ihn, ihm ſein Pferd zu leihen, was dieſer ſogleich that, er⸗ ſchrocken über ſeine Bläſſe und ſeine verſtörten Ge⸗ ſichtszüge; wonach ſich der Capitän in den Sattel ſchwang, im Galopp wegritt und nach fünf Minuten die Thüre des Schlafzimmers ſeiner Frau öffnete. Die arme Thereſe ſaß in ihrem Bette und ſchien zu warten. Petrus ſtand keuchend bei ihrem Kopf⸗ kiſſen. Seit einer Stunde glaubte er, ſeine Mutter delirire: das Auge ſtarr, hatte ſie beſtändig nach der Seite von St. Malo geſchaut, und nach und nach geſagt: „Nun landet Dein Vater... nun erkundigt ſich Dein Vater nach uns... nun ſteigt Dein Vater zu Pferde... nun kommt Dein Vater an.“ Und in der That, als die Sterbende dieſe Worte ſprach, hörte man den Galopp eines Pferdes, die Thüre öffnete ſich, der Capitän erſchien. Dieſe zwei ſo zärtlich verbundenen Herzen, dieſe zwei Leiber, welche ſelbſt der Tod zu trennen zögerte, hatten ſich nichts zu ſagen, ſie hatten nur in einer letzten Umarmung in einander zu verſchmelzen. Die Umarmung war lang und ſchmerzlich, und der Capitän ſeine Arme löste, war Thereſe odt. 56 Das Kind nahm im väterlichen Herzen den Platz ſeiner Mutter ein. Dann forderte das Grab den Leichnam, Paris forderte den Knaben, und der Copitän blieb allein. Von dieſem Augenblicke an lebte Pierre Herbel traurig und einſam auf ſeinem Pachthofe, mit den Erinnerungen an ſeine Vergangenheit des Ruhms, der Abenteuer, der Leiden und des Glückes. Von dieſer ganzen Vergangenheit blieb ihm nur Petrus; Petrus konnte auch verlangen, was er wollte, auf der Stelle erhielt Petrus, was er verlangt hatte. Petrus, ein verzogenes Kind in der vollen Be⸗ deutung des Wortes; Petrus, in dem zugleich, für den Capitän Herbel, der Sohn und die Mutter leb⸗ ten, Petrus hatte ſich nie regelmäßig die Rechnung von ſeinem kleinen Vermögen gemacht. Drei Jahre lang hatte er übrigens nichts von ſeinem Vater zu verlangen gehabt; einen Namen unterſtützend, der ans Licht zu treten anfing, hatte die Arbeit reichlich alle ſeine Bedürfniſſe beſtritten. Plötzlich aber hatte ſich der Horizont des jungen Mannes um ſeine ganze Liebe für die ſchöne und ariſtokratiſche Regina vergrößert; ſeine Bedürfniſſe hatten ſich verdoppelt, verdreifacht; ganz im Gegen⸗ theile und im umgekehrten Verhältniſſe hatte die Ar⸗ beit abgenommen.. Vor Allem hatte Petrus ſich geſchämt, Lectionen zu geben, und er hatte darauf verzichtet; ſodann hatte es ihm demüthigend geſchienen, ſeine Gemälde an den Fenſtern der Bilderhändler auszuſtellen; die Liebhaber könnten wohl zu ihm kommen, die Bilder⸗ händler könnten ſich wohl bemühen. 5 ren ſelt vor Gle Plat ßaris llein. erbel den hms, nr ollte, hatte. Be⸗ für leb⸗ nung von amen hatte tten. ungen und fniſſe egen⸗ e Ar⸗ ionen dann mälde di ilder⸗ 57 Statt daß dieſe Einnahmen gemacht wurden, wa⸗ ven die Ausgaben furchtbar geworden. Man hat ein Muſter von der Art geſehen, wie Petrus lebte, mit Wagen, Pferden, Livreebedienten, ſeltenen Blumen, Voliére, Atelier voll von Meubles von Flandern, chineſiſchen Potichen, böhmiſchem Glaswerk. Petrus hatte die Quelle nicht vergeſſen, aus der er früher ſchöpfte, und er war dahin zurückgekehrt. Die Quelle war reich: es war das Herz eines Vaters. Dreimal ſeit ſechs Monaten hatte Petrus wach⸗ ſende Summen verlangt: zweitauſend Franken das erſte Mal, fünftauſend das zweite Mal, zehntauſend das dritte Mal. Er hatte immer erhalten, was er verlangt. Den Gewiſſensbiß im Herzen, die Schamröthe auf der Stirne, aber beſiegt von der unwiderſteh⸗ lichen Liebe, die ihn unter ſich bog, hatte er ſich end⸗ lich ein viertes Mal an ſeinen Vater gewandt. Diesmal hatte die Antwort ein wenig auf ſich warten laſſen; dies kam davon her, daß, nachdem er an den General Herbel den Brief geſchrieben, der die Scene motivirt hatte, von welcher wir Rechen⸗ ſchaft zu geben verſucht haben, der Capitän die Ant⸗ wort ſelbſt brachte. Man erinnert ſich der Lection, die der General ſeinem Neffen in dem Augenblicke gegeben hatte, wo der Capitän Herbel die Thüre eintrat, nachdem er den Bedienten die Treppe hinabgeworfen hatte. In dieſem Momente nehmen wir unſere Erzäh⸗ lung wieder auf, nach einer Unterbrechung, deren 58 Länge nichts zur Entſchuldigung hat, als den Wunſch, den wir hegten, dem Leſer eine Idee von dieſem würdigen, vortrefflichen Manne zu geben, der uns unter einem andern Anblicke als ſeinem wahren er⸗ ſchienen wäre, hätten wir ihn nur beleuchtet gelaſſen durch das Licht der Subſtantive, die der General ſei⸗ nem Namen beifügte, und der Gpithete, mit welcher dieſe Subſtantive zu verſchönern er nie verſäumte. Aber ſo weitſchweifig wir auch geweſen ſind, ſo bemerken wir doch Eines: daß, während wir das moraliſche Portrait des Capitäns Pierre Herbel ge⸗ zeichnet haben, ſein phyſiſches Portrait völlig von uns vernachläſſigt worden iſt. Beeilen wir uns, dieſes Vergeſſen wieder gut zu machen. XLIII. Der Sanseulotte. Der Capitän Pierre Herbel, genannt der Sans⸗ culotte, war damals ſiebenundfünfzig Jahr alt. Es war ein Mann von kleinem Wuchſe, mit brei⸗ ten Schultern, eiſernen Armen, mit viereckigem Kopfe, dicht beſetzt mit ſtraubigen, krauſen Haaren, von einem einſt rothen, zu dieſer Stunde ergrauenden Blond; ein bretaniſcher Hercules mit einem Worte. Seine Augenbrauen, von einer dunkleren Farbe als ſeine Haupthaare, waren nicht weiß geworden und gaben ſeinem Geſichte eine erſchreckliche Härte; ſeine durchſichtig himmelblauen Augen aber, ſein auf — N) ſch, em ns ſen ſei⸗ her te. ſo das von zu ins⸗ t. brei⸗ opfe, von nden orte. Farbe oren ärte; auf 59 weißen Zähnen ſich leicht öffnender Mund, offen⸗ barten zugleich eine vollkommene Güte, eine unend⸗ liche Sänftmuth. Er war lebhaft, ungeſtüm, wie wir ihn an Bord, in den Tuilerien, bei ſeinem Eintritt bei ſeinem Sohne geſehen haben; doch unter dieſem ungeſtümen, lebhaften Weſen verbarg ſich das empfindſamſte Herz, die mitleidigſte Seele der Schöpfung. Seit langer Zeit gewohnt, den Menſchen in La⸗ gen zu befehlen, wo die Gefahr keine Schwäche ge⸗ ſtattete, drückte ſein Geſicht die Gewohnheit des Com⸗ mandirens und große Willensenergie aus. In der That, als ob er immer an Bord der Schönen Thereſe geweſen wäre, hatte er in ſeinem Dorfe, trotz des Verluſtes ſeines Vermögens, das Geheim⸗ niß bewahrt, ſich gehorchen zu machen, und zwar nicht allein von den Bauern, welche Thür an Thür mit ihm wohnten, ſondern auch von den reichſten Herren ſeiner Nachbarn. Durch den europäiſchen Frieden gezwungen, im Müſſiggange an ſeinen Fäuſten zu nagen, hatte der Capitän, in Ermangelung des Kampfes mit den Menſchen, den Thieren den Krieg erklärt; dieſer Uebung ſeine ganze verzehrende Thätigkeit widmend, wurde er ein leidenſchaftlicher Jagdliebhaber, und mit dem Bedauern, daß er es nicht mit Thieren zu thun hatte, bei denen es der Mühe werth war,— wie Elephanten, Rhinozeroſſe, Löwen, Tiger und Leoparden, warf er ſich, gleichſam ſich ſchämend, daß er gegen ſo ſchwache Thiere kämpfte, auf die Wölfe und die Wildſchweine. Wittwer von Thereſe, entfernt von Petrus, 60 brachte es der Capitän Herbel dahin, daß er zwei Drittel des Jahres auf zehn bis zwölf Meilen in der Runde in den Wäldern und auf den Heiden, ſeine Flinte auf der Schulter, ſeine zwei Hunde voran, umherlief. Zuweilen blieb er eine Woche, zehn Tage, vierzehn Tage vom Dorfe abweſend, und gab nur Kunde von ſich durch die Wildpretkarren, welche er dahin ſchickte, und die meiſtens an die dürftigſten Familien adreſſirt waren; ſo daß der Capitän, der die Armen nicht mehr mit ſeinem Almoſen nähren konnte, ſie mit ſeiner Flinte nährte. Der Capitän war alſo, viel mehr als Nimrod, ein echter Jäger vor dem Herrn. Nur hatte dieſe hartnäckige Jagd manchmal ihre Unannehmlichkeiten. Es iſt dem Leſer nicht unbekannt, daß, beim ge⸗ ſetzlichen Laufe der Dinge, der abſoluteſte Jäger in der Regel ſeine Flinte vom Monat Februar bis zum Monat September an den Kamin hängt. Nicht ſo war es bei der Flinte des Capitäns: ſein Leclerc, — er hatte aus den Werkſtätten des berühmten Waffenſchmiedes dieſes Namens hervorgehende Läufe gewählt,— ſein Leclerc ruhte nie, und man hörte immer ſeinen wohlbekannten Knall in einem oder dem andern Winkel des Departements. Es iſt wahr, da alle Feldhüter, Waldſchützen und Gendarmen dieſes Departements wußten, in welcher Abſicht der Capitän jagte, und welchen Ge⸗ brauch er vom Produkte ſeiner Jagd machte, es iſt wahr, ſagen wir, daß alle Feldhüter, Waldſchützen und Gendarmen, ſobald ſie den Knall auf einer Seit Fall den eiget liche vor ſo ſ tion von Str ſein das im Aln wil reg wel daf fin wa nic nic inn des hat ſei To ſod der wei in en, nde ehn ſich kte, ſirt icht mit in um tſo 2 6, ten ufe örte der tzen iſt tzen iner 61 Seite hörten, auf die andere gingen. Nur in dem Falle alſo, wo der Capitän zu vermeſſen zugleich den Schnurrbart des Wildes und den des Jagd⸗ eigenthümers verſengt hatte, entſchloß ſich der öffent⸗ liche Agent, Klage zu erheben und den Delinquenten vor die Gerichte zu führen. Und dabei geſchah es noch, daß die Tribunale, ſo ſtreng ſie bei Jagdvergehen unter der Reſtaura⸗ tion waren, wenn ſie erfuhren, das Vergehen ſei vom Sansculotte Herbel begangen worden, die Strafe milderten, was auch die Meinung der Richter ſein mochte, und es erhob ſich die Buße nie über das Minimum. So daß mit hundert Franken Buße im Jahre der Capitän über zweitauſend Franken Almoſen gab, ſich ſelbſt ernährte und herrliche Feder⸗ wildkörbe ſeinem Sohne Petrus ſchickte,— der ſie regelmäßig mit denjenigen von ſeinen Collegen theilte, welche Küchenſtücke malten, was beweiſen würde, die Wilderei, wie die Tugend, immer ihren Lohn indet. In Betreff alles Uebrigen war der Capitän ein wahrer Seemann geblieben. Er wußte nicht nur nichts von den Dingen der Stadt, ſondern auch nichts von den Dingen der Welt. Die Vereinzelung, in der der Seemann verloren inmitten der Einſamkeit des Oceans lebt, die Größe des Schauſpiels, das er beſtändig vor den Augen hat, die Leichtigkeit, mit der er jeden Moment um ſein Leben ſpielt, die Sorgloſigkeit, mit der er den Tod erwartet, das Leben des Seemanns und ſodann das des Jägers hatten ihn ſo völlig von dem Verkehr mit den Menſchen bewahrt, daß er, mit Ausnahme der Engländer, die ihm, ohne daß er wußte, warum, ſeine natürlichen Feinde dünkten, für ne alle ſeines Gleichen,— was ſich beſtreiten läßt, und ihr was wir zuerſt beſtreiten werden,— eine jungfräu⸗ St liche Sympathie und Freundſchaft hegte. Sc Die einzige Spalte dieſes Herzens, das zugleich zei von Granit und von Gold, war der Schmerz, ver⸗ urſacht durch den Tod ſeiner Frau, der armen The⸗ de reſe, eines reizenden Körpers, einer heitern Seele, eit einer ſtillen Ergebenheit. Als er, den Fuß in das Atelier ſetzend, und 5 P nachdem er Petrus umarmt hatte, dieſen anſchaute, wie ein Vater ſeinen Sohn anſchaut, entſtürzten F zwei große Thränen ſeinen Augen, und er ſagte, während er dem General die Hand reichte: re „So wie Du ihn ſiehſt, Bruder, nun, ſo iſt er 9 ganz das Ebenbild ſeiner armen Mutter.“ 9 „Das iſt möglich,“ antwortete der General,„doch 5 Du müßteſt Dich erinnern, alter Pirat, der Du biſt, daß ich nie die Ehre gehabt habe, ſeine Frau Mutter d zu kennen.“ „Es iſt wahr,“ erwiederte der Capitän mit einer ſ ſanften Stimme voller Thränen, wie jedesmal, wenn S er von ſeiner Frau ſprach;„ſie iſt 1823 geſtorben, S und wir waren noch nicht verſöhnt.“. „Ah!“ rief der General,„und Du glaubſt alſo, wir ſeien verſöhnt?“ Der Capitän lächelte. 8 „Mir ſcheint,“ ſagte er,„daß, wenn zwei Brü⸗ 9 der ſich umarmt haben, wie wir es gethan, nach mehr als dreiunddreißig Jahren Abweſenheit...“ „Das beweiſt nichts, Meiſter Pierre; ah! Du 6 für und räu⸗ leich ver⸗ The⸗ eele, und aute, rzten agte, iſt er „doch biſt, utter einer wenn ben, alſo, 63 glaubſt, ich verſöhne mich mit einem Banditen Dei⸗ ner Art! Ich gebe ihm die Hand, gut! ich umarme ihn, gut! im Grunde des Herzens iſt aber eine Stimme, welche ſpricht:„„Ich verzeihe Dir nicht, Sansculotte! ich verzeihe Dir nicht, Corſar! ich ver⸗ zeihe Dir nicht, Seeräuber!““ Der Copitän ſchaute ſeinen Bruder lächelnd an, denn er wußte wohl, daß im Grunde der General eine aufrichtige Freundſchaft für ihn hegte. Sodann, als der Brummer geendigt hatte, ſagte Pierre: „Bah! ich verzeihe Dir wohl, daß Du gegen Frankreich gedient haſt.“ „Gut!“ entgegnete der General,„als ob Frank⸗ reich je die Bürgerin Republik oder Herr Bonaparte geweſen wäre; ich habe gegen 93 und gegen 1805 gedient, verſtehſt Du, Wildſchütz? und nicht gegen Frankreich.“ „Was willſt Du, Bruder?“ erwiederte treuherzig der Capitän,„ich glaubte immer, das ſei daſſelbe.“ „Und wie es mein Vater immer geglaubt hat,“ ſagte Petrus,„ſo wird er es immer glauben; ob Sie nun immer das Gegentheil geglaubt haben, mein Oheim, und es immer glauben werden, ich glaube, man müßte das Geſpräch auf einen andern Gegen⸗ ſtand bringen.“ „Ah! ja,“ ſprach der General,„auf wie lange gedenkſt Du uns die Ehre Deines Beſuches zu gönnen?“ „Ach! mein lieber Courtenay, auf ſehr kurze Zeit.“ Auf den Namen Courtenay verzichtend, hatte doch Pierre Herbel denſelben fortwährend ſeinem Bruder, als dem Aelteſten der Familie, gegeben. „Wie, auf ſehr kurze Zeit?“ ſagten einſtimmig der General und Petrus. „Ich gedenke noch heute wieder abzureiſen, meine Kinder,“ antwortete der Capitän. „Heute, mein Vater?“ „Ah! biſt Du denn entſchieden ein Narr, alter Pirat!“ rief der General;„Du willſt im Augenblicke Deiner Ankunft wieder abreiſen?“ „Meine Abreiſe iſt der Unterredung untergeord⸗ net, die ich mit Petrus haben werde,“ ſagte der Capitän. „Ja, und einer mit den Wildſchützen des De⸗ partements Ille und Vilaine verabredeten Jagd⸗ partie.“ „Nein, mein Bruder, ich habe dort einen Freund, welcher im Sterben liegt, einen alten Freund, der behauptet, er werde ſchlecht ſterben, wenn ich ihm nicht die Augen ſchließe.“ „Ah! dieſer iſt Dir vielleicht auch erſchienen,“ fragte der General mit ſeinem gewöhnlichen Skepti⸗ cismus,„wie Deine Thereſe?“ „Mein Oheim!“ ſagte Petrus, dazwiſchen tretend. „Ja, ich weiß, mein Bruder glaubt an Gott und an die Geiſter. Aber, Du alter Seewolf, der Du biſt, es iſt ein Glück, daß, wenn es einen Gott gibt, dieſer Gott nicht alle Deine abſcheulichen Räube⸗ reien hat verüben ſehen: ſonſt gäbe es weder in dieſer, noch in der andern Welt einen Heiligen für Dich.“ „Wäre dies ſo,“ erwiederte ſanſt und den Kopf nem n. mig eine alter blicke eord⸗ der De⸗ Jagd⸗ 7 eund, „ der h ihm men,“ Skepti⸗ retend. Gott f, den n Gott Räube⸗ der in eiligen n Kopf 65 ſchüttelnd der Capitän,„das wäre ein Unglück für meinen armen Freund Surcouf, und ein Grund mehr, daß ich ſo ſchnell als möglich zu ihm zurück⸗ kehren würde.“ „Ah! Surcouf ſtirbt!“ rief der General. „Ach! ja,“ antwortete Pierre Herbel. „Bei meiner Treue! da wird ein tüchtiger Bandit weniger ſein!“ Pierre ſchaute den General traurig an. „Nun,“ fragte der General, ganz durchdrungen von dieſem Blicke,„was haſt Du mich anzuſchauen?“ Der Capitän ſchüttelte den Kopf mit einem Seufzer. „Sprich, ſprich,“ beharrte der General;„ich liebe die Leute nicht, welche ſchweigen, wenn man ihnen ſagt, ſie ſollen ſprechen; woran denkſt Du? läßt ſich das ſagen?“ „Ich denke, wenn ich ſterbe, werde das Alles ſein, was mein Bruder von mir ſagt!“ „Wer? was? was ſagte ich?“ „„Ah!l bei meiner Treue!““ wiederholte der Ca⸗ pitän, eine Thräne abwiſchend,„da iſt ein tüchtiger Bandit weniger!““ „Mein Vater! mein Vater!“ murmelte Petrus. Alsdann ſich an den General wendend, ſagte er. „Mein Oheim, Sie ſchalten mich vorhin, und Sie hatten Recht; würde ich Sie ebenfalls ſchelten, hätte ich Unrecht? ſprechen Sie!“ Der General unterdrückte einen kleinen Huſten, der ihm immer entſchlüpfte, wenn er in Verlegenheit war und nicht wußte, was er antworten ſollte. „Laß hören, ſteht es ſo ſchlimm mit Deinem Dumas, Salvator. IV. 5 66 Surcouf? Bei Gott! ich weiß wohl, daß er Gutes hatte, und daß er ein Braver war, eine Art von Jean Benot, und daß er nur darin gefehlt hat, daß er nicht einer andern Sache diente.“ „Er hat der Sache des Volkes gedient, mein Bruder, der Sache Frankreichs.“ „Die Sache des Volkes! die Sache Frankreichs! haben ſie geſagt Frankreich, haben ſie geſagt das Volk, ſo glauben dieſe verdammten Sansculottes, Alles geſagt zu haben; frage Deinen Sohn Petrus, den Herrn Ariſtokraten, der Lakaien mit ſeiner Livree und Wappen an ſeinem Wagen hat, ob es in Frank⸗ reich nichts Anderes gebe, als das Volk.“ Petrus erröthete bis ins Weiße der Augen. Der Capitän wandte an ſeinen Sohn einen ſanf⸗ ten fragenden Blick. Petrus ſchwieg. „Ah! er wird Dir Alles dies erzählen, wenn Ihr nur zu zwei ſeid, und ohne Zweifel wirſt Du noch finden, er habe Recht.“ Der Capitän ſchüttelte den Kopf. „Ich habe nur ihn als Kind, Courtenay,“ ſagte er,„und das iſt ganz das Cbenbild ſeiner Mutter.“ Das war abermals eine von den Antworten, auf die der General nichts zu erwiedern wußte. Er huſtete. Während er jedoch huſtete, fragte er: „Ich ſagte alſo, ob es ſo ſchlecht bei Deinem Freunde Surcouf ſtehe, daß Dich das abhalte, mit Petrus bei mir zu Mittag zu ſpeiſen?“ „Sehr ſchlecht, mein Freund,“ erwiederte traurig der Capitän. ner ner ſag der mi un de es on aß in s! 2 es, us, ree mk⸗ nf⸗ enn agte ter.“ rten, inem „mit aurig 67 „Dann iſt es etwas Anderes,“ ſprach der Ge⸗ neral, indem er aufſtand;„ich laſſe Dich mit Dei⸗ nem Sohne allein, denn ich bin der Erſte, der Dir ſagt: Ihr habt nicht wenig ſchmutzige Wäſche in der Familie zu waſchen; bleibſt Du und willſt Du bei mir ſpeiſen, ſo biſt Du willkommen; reiſeſt Du ab, und ich ſehe Dich nicht wieder, glückliche Reiſe!“ „Ich befürchte, Du ſiehſt mich nicht wieder, Bru⸗ der,“ ſagte Pierre Herbel. „Nun wohl alſo, umarme mich, alter Böſewicht!“ Und er öffnete ſeinem Bruder beide Arme; der würdige Capitän ſtürzte ſich darein, mit einer tiefen Zärtlichkeit, gemiſcht mit der Ehrfurcht, die er immer für ſeinen ältern Bruder bewahrt hatte. Sodann, als wollte er einer Rührungsſcene ent⸗ gehen, eine Art von Erregung, welche wenig in ſeinen Gewohnheiten und beſonders in ſeinen Sym⸗ pathieen lag, entriß ſich der General mit Gewalt den Armen ſeines Bruders und warf Petrus die letzten Worte zu: „Heute Abend oder morgen werde ich Sie wieder⸗ ſehen, nicht wahr, mein Herr Neffe?“ Und er eilte nach der Treppe, die er mit der Leichtigkeit eines zwanzigjährigen jungen Mannes hinabſtieg und murmelte dabei: „Teufelsmenſch! werde ich ihn denn nie wieder⸗ finden können, ohne wahrzunehmen, daß mir eine Thräne im Grunde des Auges bleibt!“ 68 XEW Der Vater und der Sohn. Kaum hatte ſich die Thüre hinter dem General geſchloſſen, als Pierre Herbel zum zweiten Male die Arme gegen ſeinen Sohn ausſtreckte; während dieſer ſeinen Vater an ſein Herz drückte, zog er ihn nach einem Sopha fort, auf den er ihn neben ſich ſitzen ließ. Dann, als ob er dem Eindrucke der ſeinem Bru⸗ der entſchlüpften letzten Worte gehorchte, ließ der Capitän einen Moment ſeine Augen auf den Herr⸗ lichkeiten des Ateliers umherlaufen, auf dem Tapeten⸗ werk mit königlichen Perſonen, auf den alten Truhen der Renaiſſance, auf den griechiſchen Piſtolen mit ſilbernem Knopfe, auf den arabiſchen Flinten mit Korallenincruſtationen, auf den Dolchen mit Vermeil⸗ ſcheiden, auf dem böhmiſchen Glaswerk, auf dem al⸗ ten flämiſchen Silberzeug. Die Prüfung war kurz, und das Auge des Ca⸗ pitäns hatte nichts von ſeinem durchſichtigen heitern Lächeln verloren, als er es wieder auf ſeinen Sohn richtete. Petrus dagegen ſchämte ſich dieſes Luxus, der einen ſcharfen Contraſt mit den kahlen Mauern des Pachthofes Plancost bildete, und ſchlug die Augen nieder. „Nun, mein Kind,“ fragte der Vater mit dem Tone ſanften Vorwurfs,„iſt das Alles, was Du mir ſagſt?“ 8(522 w ——+——— al ſer ch en ru⸗ der rr⸗ en⸗ en mit mit eil⸗ Ca⸗ ern ohn der des gen dem Du 69 „Oh, mein Vater, verzeihen Sie mir,“ erwiederte Petrus,„ich mache es mir zum Vorwurfe, daß ich Sie veranlaßt habe, das Bett eines ſterbenden Freun⸗ des zu verlaſſen, um zu mir zu kommen, der ich warten konnte.“ „Das iſt es nicht, erinnere Dich wohl, mein Kind, was Du mir in Deinem Briefe ſagteſt.“ „Es iſt wahr, mein Vater, entſchuldigen Sie mich; ich ſagte Ihnen, ich brauche Geld; doch ich ſagte nicht:„„Verlaſſen Sie Alles, um es mir ſelbſt zu bringen;““ ich ſagte Ihnen nicht...“ „Du ſagteſt mir nicht?“ wiederholte der Capitän. „Nichts, nichts, mein Vater,“ rief Petrus, indem er ihn umarmte;„Sie haben wohl daran gethan, zu kommen, und ich bin glücklich, Sie zu ſehen.“ „Und dann, Petrus,“ fuhr der Vater mit einer durch die Umarmung ſeines Sohnes leicht erwärmten Stimme fort,„meine Gegenwart war nothwendig, ich hatte im Ernſte mit Dir zu reden.“ Petrus fühlte ſich behaglicher. „Ah! ich höre, mein Vater,“ ſagte er,„Sie kön⸗ nen nicht für mich thun, was ich von Ihnen verlange, und Sie wollten mir das ſelbſt ſagen. Sprechen wir nicht mehr hievon, ich war ein Narr, ich hatte Unrecht. Mein Oheim hat es mir vor Ihrer An⸗ kunft begreiflich gemacht, und ich begreife es noch beſſer, ſeitdem ich Sie ſehe.“ Der Capitän ſchüttelte den Kopf mit ſeinem guten väterlichen Lächeln. „Nein,“ ſagte er,„Du begreifſt mich nicht.“ Dann zog er ein Portefeuille aus der Taſche, legte es auf den Tiſch und fügte bei: 70 „Deine zehntauſend Franken ſind da.“ Petrus war niedergeſchmettert durch dieſe uner⸗ ſchöpfliche Güte. „Oh! mein Vater,“ rief er,„nie, nie!“ „Warum nicht?“ „Weil ich überlegt habe, mein Vater.“ „Du haſt überlegt, Petrus? was?“ „Folgendes, mein Vater: daß ich ſeit ſechs Mo⸗ naten Ihre Güte mißbrauche; daß Sie ſeit ſechs Monaten mehr thun, als Sie thun können; daß ich ſeit ſechs Monaten Ihr Ruin bin.“ „Armes Kind, Du ruinirſt mich... das iſt nicht ſchwer.“ „Ah! Sie ſehen wohl, mein Vater.“ „Nicht Du ruinirſt mich, mein armer Petrus; ich habe Dich ruinirt.“ „Mein Vater!“ „Ja wohl!“ ſagte der Capitän mit einer ſchwer⸗ müthigen Rückkehr zur Vergangenheit; ich hatte ein königliches Vermögen für Dich angehäuft, oder viel⸗ mehr dieſes Vermögen hatte ſich ganz von ſelbſt an⸗ gehäuft, denn ich habe nie recht gewußt, was Geld war; Du erinnerſt Dich, wie dieſes Vermögen zu⸗ ſammengeſtürzt iſt.“ „Ja, mein Vater, und ich bin ſtolz auf unſere Armuth, wenn ich bedenke, auf welche Art wir darein gerathen ſind.“ „Laß mir die Gerechtigkeit widerfahren, daß ich, trotz dieſer Armuth nie etwas geſpart habe, handelte es ſich um Deine Erziehung, um Dein Glück...“ Petrus unterbrach ſeinen Vater. „Und ſogar um meine Launen, mein Vater!“ No⸗ chs ich iſt rus; wer⸗ ein viel⸗ tan⸗ Geld zu⸗ nſere arein ß ich, ndelte r!“ 71 „Was willſt Du! vor Allem lag mir daran, Dich glücklich zu ſehen, mein Kind. Was würde ich Deiner Mutter geantwortet haben, hätte ſie mich, mir entgegen kommend, gefragt:„„Und unſer Sohn!““ Petrus ſank zu den Knieen des Capitäns nieder und brach in ein Schluchzen aus. „Ah!“ ſagte Pierre Herbel,„weinſt Du, ſo werde ich nicht mehr wiſſen, was ich Dir zu ſagen habe!“ „Mein Vater!“ rief Petrus. „Uebrigens werde ich Dir, was ich Dir zu ſagen hatte, ebenſo gut auch bei einer andern Reiſe ſagen.“ „Nein, nein, ſogleich, mein Vater.. 34 „Hier, mein Kind,“ ſagte der Capitän, indem er aufſtand, um Petrus zu entgehen,„hier iſt das Geld, das Du brauchſt. Nicht wahr, Du wirſt mich bei meinem Bruder entſchuldigen? Du wirſt ihm ſagen, ich habe gefürchtet, zu ſpät zu kommen, und ich ſei mit derſelben Diligence, die mich gebracht, wieder abgereist.“ „Setzen Sie ſich, mein Vater; die Diligence geht erſt Abends um ſieben Uhr ab, und es iſt zwei Uhr; Sie haben alſo noch fünf Stunden vor ſich!“ „Du glaubſt?“ erwiederte der Capitän, ohne genau zu wiſſen, was er antwortete. Und maſchinenmäßig zog er aus ſeinem Hoſen⸗ täſchchen eine ſilberne Uhr mit ſtählerner Kette, die von ſeinem Vater herſtammte. Petrus nahm die Uhr und küßte ſie. Wie oft hatte er nicht, ganz klein, mit dem naiven Erſtaunen der Kindheit, die Bewegung dieſer Erbuhr gehört! Er ſchämte ſich der goldenen Kette, die er am Halſe hatte, der Uhr mit dem Wappen in Diaman⸗ 72 ten, die an dieſer Kette hing, und die er in ſeiner Weſtentaſche trug. „Oh! oh! theure Uhr!“ murmelte Petrus, wäh⸗ rend er die alte ſilberne Uhr ſeines Vaters küßte. Der Capitän begriff nicht. „Willſt Du ſie?“ fragte er. „Oh!“ rief Petrus,„die Uhr, welche die Stunde Ihrer Kämpfe, die Stunde Ihrer Siege bezeichnet hat, welche, den Bewegungen Ihres Herzens ähnlich, nie ſchneller geſchlagen im Augenblicke der Gefahr, als in den Tagen der Ruhe, ich bin ihrer nicht würdig. Oh! nein, mein Vater, nie! nie!“ „Du vergiſſeſt zwei andere Stunden, welche ſie auch bezeichnet hat, Petrus, und die die einzigen Data meines Lebens ſind, deren ich mich erinnere: die Stunde Deiner Geburt; die Stunde des Todes Deiner Mutter.“ „Es gibt eine dritte Stunde, die ſie für mich und für Sie von heute an bezeichnen wird, mein Vater: das iſt die Stunde, wo ich meinen Undank erkannt und Sie um Verzeihung gebeten habe.“ „Um Verzeihung, worüber, mein Freund?“ „Mein Vater, geſtehen Sie, daß es Sie die größten Opfer gekoſtet hat, um mir dieſe zehntauſend Franken zu bringen.“ „Ich habe den Pachthof verkauft, das iſt das Ganze; und das hat mich aufgehalten.“ „Sie haben den Pachthof verkauft!“ rief Petrus vernichtet. „Ja.. Siehſt Du, er war zu groß für mich allein. Wäre Deine arme Mutter nicht geſtorben, ler ih⸗ de net ich, hr, icht ſie gen e des und tebe mnt die ſend das trus mich ben, oder Du hätteſt bei mir gewohnt, dann wäre es wohl nicht geſchehen.“ „Oh! den Pachthof, der von meiner Mutter kam, Sie haben ihn verkauft?“ „Gerade weil er von Deiner Mutter kam, Petrus: das war Dein Gut.“ „Mein Vater!“ rief Petrus. „Ich habe das meinige wie ein Narr verſchleu⸗ dert... Darum war ich alſo gekommen. Petrus, Du wirſt das begreifen, ich alter Egviſt, der ich bin, habe den Pachthof um fünfundzwanzigtauſend Fran⸗ ken verkauft.“ „Er war aber fünfzigtauſend Franken werth.“ „Du vergiſſeſt, daß ich ſchon fünfundzwanzigtau⸗ ſend Franken darauf entlehnt hatte, um ſie Dir zu ſchicken.“ Petrus verbarg ſeinen Kopf in ſeinen Händen. „Nun denn, ich bin gekommen, um Dich zu fragen, ob Du mir die anderen fünfzehntauſend laſſen könnteſt?“ Petrus ſchaute ſeinen Vater mit einer erſchrocke⸗ nen Miene an. „Nur für den Augenblick,“ ſagte der Capitän, „wohlverſtanden, wenn Du ſie ſpäter brauchſt, ſo haſt Du das Recht, ſie zurückzufordern.“ Petrus erhob das Haupt. „Fahren Sie fort, mein Vater!“ Und leiſe murmelte er: „Das iſt meine Strafe.“ „Höre alſo meinen Plan,“ fuhr der Capitän fort;„ich werde eine kleine Hütte mitten im Walde pachten oder kaufen; Du kennſt mein Leben, Petrus 7⁴ ich bin ein alter Jäger: ich kann meine Gewehre und meinen Hund nicht mehr entbehren, Petrus; ich werde vom Morgen bis zum Abend jagen. Welch ein Unglück, daß Du kein Jäger biſt! Du, hätteſt mich beſucht, wir hätten mit einander gejagt.“ „Oh! ſeien Sie ruhig, mein Vater, ich werde kommen, ich werde kommen.“ „Wahrhaftig?“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ „Nun wohl, ein Grund mehr. Siehſt Du, es gibt für mich zwei Dinge auf der Jagd: einmal das Vergnügen, zu jagen; ſodann haſt Du keine Idee, welche Menge von Menſchen ich mit meiner Flinte ernähre.“ „Ah! mein Vater, wie gut ſind Sie,“ rief Petrus. Und die Hände und die Augen zum Himmel er⸗ hebend fügte er halblaut bei: „Wie groß ſind Sie!“ „Warte doch,“ ſagte der Capitän;„denn ich komme zu dem Augenblicke, wo ich auf Dich gerech⸗ net habe.“ „Sprechen Sie, mein Vater, ſprechen Sie.“ „Ich bin ſiebenundfünfzig Jahre alt, mein Auge iſt noch klar, der Arm noch feſt, das Knie noch ſolid; doch man ſteigt raſch die Seite des Berges hinab, wo ich bin. In einem Jahre, in zwei Jahren, in zehn Jahren kann ſich das Auge trüben, der Arm kann ſchwach werden, das Bein ſtraucheln; dann wirſt Du an einem ſchönen Morgen einen alten, armen guten Mann zu Dir kommen ſehen, der zu Dir ſagt:„„Ich bin es, Petrus, ich tauge zu nichts mehr. Haſt Du einen Winkel in Deinem Hauſe, wo hat mö „iſ ſa di hre us; en. Du gt.“ erde das dee, linte trus. el er⸗ nich erech⸗ Auge ſolid; hinab, n, in Arm dann alten, der zu nichts Hauſe, 75 wohin Du Deinen alten Vater legen kannſt? Er hat immer fern von dem gelebt, was er liebte, er möchte gern nicht ſterben, wie er gelebt hat.““ „Oh! mein Vater, Vater,“ rief ſchluchzend Petrus, „iſt der Pachthof wirklich verkauft?“ „Vorgeſtern morgen, ja, mein Freund.“ „Aber an wen, mein Gott?“ „Herr Peyrat, der Notar, hat es mir nicht ge⸗ ſagt! Du begreiſſt, woran mir lag, war, das Geld zu bekommen; ich nahm die zehntauſend Franken, die Du brauchteſt, und hier bin ich.“ „Mein Vater,“ ſagte Petrus ſich erhebend,„ich muß wiſſen, an wen Sie den Pachthof meiner Mutter verkauft haben.“ In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thüre des Ateliers, und der Diener von Petrus erſchien, noch ganz zaghaft, mit einem Briefe in der Hand. „Oh! laß mich in Ruhe!“ rief Petrus, indem er ihm den Brief aus der Hand riß;„ich bin für Niemand zu Hauſe.“ Als er aber dieſen Brief auf den Tiſch werfen wollte, bemerkte er, daß die Adreſſe den Stempel von St. Malo hatte. Er glaubte einen Augenblick, der Brief ſei für ſeinen Vater. Doch er ſah die Auſſchrift: „An den Herrn Vicomte Petrus Herbel von Courtenay.“ Er öffnete raſch den Brief. Er war von dem Notar, bei welchem der Ver⸗ kauf des Pachthofes ſtattgefunden hatte. 76 Petrus ſchüttelte den Kopf, als wollte er den Flammenkreis, der ihn umgab, auslöſchen und las: „Herr Vicomte! „Ihr Vater, der bei mir nach und nach Anlehen im Betrage von fünfundzwanzigtauſend Franken ge⸗ macht hat, iſt vor drei Tagen bei mir erſchienen, um an mich ſeinen Pachthof zu verkaufen, auf dem ſchon dieſe Summe von fünfundzwanzigtauſend Fran⸗ ken als Hypothek laſtete. „Dieſe fünfundzwanzigtauſend Franken, wie die erſten, ſagte er mir, ſeien für Sie beſtimmt. „Es iſt mir der Gedanke gekommen,— entſchul⸗ digen Sie mich, Herr Vicomte,— Sie wiſſen vielleicht nichts von den Opfern, die Ihr Vater für Sie bringt, und daß dieſes letzte Opfer ihn völlig zu Grunde richtete. „Ich glaubte meiner Ehre angemeſſen, als Notar Ihrer Familie und als Freund Ihres Vaters ſeit dreißig Jahren, zwei Dinge zu thun: einmal ihm die fünfundzwanzigtauſend Franken zu übergeben, die er verlangte, indem ich einen Verkauf, der nicht be⸗ ſteht, vorſchützen würde; zweitens Sie von dem Zu⸗ ſtande des Verfalles des Vermögens Ihres Vaters zu unterrichten, feſt überzeugt, Sie wiſſen nichts da⸗ von, und ſobald Sie es erfahren, werden Sie, ſtatt zur völligen Vernichtung dieſes Vermögens beizu⸗ tragen, ſich anſtrengen, es wiederherzuſtellen. „Behalten Sie die fünfundzwanzigtauſend Fran⸗ ken, ſo muß ſich der Verkauf realiſiren. „War aber das Bedürfniß, das Sie in Betreff dieſer fünfundzwanzigtauſend Franken haben, nur eine ſoge dure zwa in 1 Her wür mer icir lich plie Jal wü nich mit ſog gig Al⸗ bei wil den 8: hen ge⸗ ten, dem an⸗ die hul⸗ eicht ngt, unde otar ſeit ihm „ die t be⸗ Zu⸗ aters da⸗ ſtatt eizu⸗ Fran⸗ etreff nur 77 eines von den Bedürfniſſen, die man verſchieben oder ſogar ganz beſeitigen kann, und Sie ſind im Stande, durch eines oder das andere Mittel dieſe fünfund⸗ zwanzigtauſend Franken innerhalb acht Tagen wieder in meine Hände zurückgehen zu laſſen, ſo bliebe Ihr Herr Vater Eigenthümer des Pachthofes, und Sie würden ihm, wie ich glaube, einen ungeheuren Kum⸗ mer erſparen. „Ich weiß nicht, wie Sie mein Verlangen quali⸗ ficiren werden, doch ich denke, es iſt das eines red⸗ lichen Mannes und eines Freundes. „Empfangen Sie u. ſ. w. „Peyrat, „Notar in St. Malo.“ Das Ganze war begleitet von einem der com⸗ plicirten Namenszüge, wie ſie vor fünfundzwanzig Jahren die Provinznotare machten. Petrus athmete auf und drückte den Brief des würdigen Notars an ſeine Lippen, der ihn ſicherlich nicht für dieſe Ehre beſtimmt glaubte. „Mein Vater,“ ſagte er,„ich reiſe heute Abend mit Ihnen nach St. Malo ab.“ Der Capitän ſtieß einen Freudenſchrei aus; doch ſogleich überlegend fragte er mit einer gewiſſen Ban⸗ gigkeit: „Was willſt Du in St. Malo machen?“ „Nichts.. Sie zurückbegleiten, mein Vater. Als ich Sie ſah, glaubte ich, Sie werden einige Tage bei mir zubringen. Das iſt Ihnen unmöglich: nun will ich einige Tage bei Ihnen zubringen.“ Und, in der That, an demſelben Abend, nachdem 78 er zwei Briefe geſchrieben, den einen an Regina, den andern an Salvator, nachdem er ſeinen Vater zum Mittageſſen geführt hatte,— nicht zum General, deſſen Vorwürfe oder Sarkasmen ſein empfindliches Herz verwundet hätten, ſondern in einen Reſtaurant, wo Beide an einem kleinen Tiſche ein Mahl voll Innigkeit und Zärtlichkeit machten, ſtieg Petrus mit ſeinem Vater in den Wagen von St. Malo und verließ Paris ſehr feſt in dem Entſchluſſe, den er gefaßt. KLV. Herzenskummer gemiſcht mit Geld. Was war dieſer Entſchluß, den Petrus gefaßt hatte? Wir werden ihn vielleicht in einem von den bei⸗ den Briefen finden, die er geſchrieben hatte. Fangen wir mit dem an, der nach dem Boule⸗ vards des Italiens adreſſirt war: „Meine geliebte Regina! „Entſchuldigen Sie mich, wenn ich Paris auf einige Tage verlaſſe, ohne Sie geſehen, ohne Ihnen brieflich oder mündlich etwas von dieſer Abreiſe ge⸗ ſagt zu haben; ein unerwartetes Ereigniß, welches übrigens nichts Beunruhigendes hat, das verſichere ich Ihnen, nöthigt mich, meinen Vater nach St. Malo zu begleiten. a, ter al, es nt, oll mit und er — efaßt bei⸗ oule⸗ s auf Ihnen ſe ge⸗ eches ſichere St. 79 „Laſſen Sie mich Ihnen ſagen, um Sie völlig zu beruhigen, daß das, was ich ſtolzer Weiſe als ein Ereigniß bezeichnet habe, einfach eine Intereſſe⸗ ſache iſt. „Nur betrifft dieſe Intereſſeſache,— erlauben Sie mir dieſe Blasphemie und vergeben Sie, daß ich ſie geſagt habe!— dieſe Sache betrifft die Perſon, die ich am meiſten nach Ihnen liebe:— meinen Vater. „Ich ſpreche dies ganz leiſe aus, Regina, aus Furcht, Gott könnte mich hören und mich dafür be⸗ ſtrafen, daß ich Sie mehr liebe, als denjenigen, wel⸗ cher meine erſte Liebe ſein müßte. „Iſt es für Sie eben ſo ſehr Bedürfniß, mir zu ſagen, daß Sie mich lieben, als es für mich Bedürf⸗ niß iſt, es ſagen zu hören, und wollen Sie mich Ihre Abweſenheit nicht vergeſſen, ſondern ertragen machen durch einen von jenen Briefen, in denen Sie mir ſo gut einen Theil Ihrer Seele zuzuſchicken wiſſen, ſo ſchreiben Sie mir poste restante nach St. Malo, doch nicht ſpäter als heute oder morgen. Ich gedenke nur die für die Reiſe und für die Angelegenheit, die mich dahin ruft, durchaus nothwendige Zeit abweſend zu bleiben, das heißt im Ganzen ſechs Tage. „Machen Sie, daß ich bei meiner Rückkehr einen Brief von Ihnen finde, der mich erwartet. Oh! ich ſchwöre Ihnen, ich werde das ſehr nöthig haben. „Auf Wiederſehen, meine geliebte Regina! mein Körper allein verläßt Sie; doch mein Herz, meine Seele, mein Geiſt, kurz Alles, was in mir liebt, bleibt bei Ihnen. Petrus.“ 80 Nun, was er Salvator ſagte: „Mein Freund! „Mit demſelben blinden Gehorſam, den Sie für eine letzte Ermahnung Ihres ſterbenden Vaters hät⸗ ten, thun Sie, ich bitte, was ich Ihnen ſagen werde. „Bei Empfang meines Briefes nehmen Sie einen Schätzungs⸗Commiſſär und gehen Sie zu mir. Laſſen Sie das Inventar meiner Pferde, meines Wagens, meiner Gemälde, meiner Meubles, meiner Waffen, meiner Teppiche, kurz, Alles deſſen, was ich be⸗ ſitze, machen; behalten Sie nur für mich, was für die Lebensbedürfniſſe ſtreng nothwendig iſt. „Iſt das Inbentar gefertigt, ſo laſſen Sie jede Sache ſchätzen. „Dann laſſen Sie Anſchlagzettel machen, und kündigen Sie in den Journalen,— das gehört, glaube ich, zur Competenz von Jean Robert,— kün⸗ digen Sie den Verkauf eines Künſtlermobiliars an. „Setzen Sie hierfür Sonntag den 16. l. M. feſt, damit die Liebhaber Zeit haben, die Gegenſtände auf dem Platze zu beſichtigen. „Trachten Sie danach, daß der Commiſſär, an den Sie ſich wenden, gewohnt iſt, Kunſtgegenſtände zu ſchätzen und zu verkaufen. „Ich brauche für mein Mobiliar fünfunddreißig bis vierzig tauſend Franken. „Ganz der Ihrige, lieber Salvator. „Ex intimo corde „Petrus.“ „NS. Bezahlen Sie meinen Bedienten und ent⸗ laſſen Sie ihn.“ ne an die wa daf die für er und mut Pet Ste ſage ſchn für hät⸗ rde. nen ſſen ens, ffen, be⸗ für jede und hört, kün⸗ an. feſt, auf an ände eißig ent⸗ 81 Petrus kannte Salvator; er wußte, bei ſeiner Rückkehr werde Alles gethan ſein, wie er es wünſchte. In der That, als er am ſechsten Tage nach ſei⸗ ner Abreiſe zurück kam, fand er den Anſchlagzettel an der Thüre, und eine Proceſſion von Neugierigen, die ſeine Treppe auf und abſtiegen. Dieſer Anblick ſchnürte ihm das Herz zuſammen. Er hatte nicht den Muth, in ſein Atelier zurück⸗ zukehren. Ein kleiner Corridor führte unmittelbar vom Ruheplatze nach ſeinem Zimmer; er trat in ſein Zimmer, ſchloß ſich darin ein, ſetzte ſich mit einem ſie Seufzer, und ließ ſeinen Kopf in ſeine Hände allen. Petrus war mit ſich ſelbſt zufrieden und ſtolz auf den Entſchluß, den er gefaßt hatte; doch dieſen Entſchluß hatte er nicht ohne Kampf und Erſchütte⸗ rungen gefaßt. Man erräth, was er dort hatte thun wollen und was ſeine Abſichten bei ſeiner Rückkehr waren. Er war dorthin gegangen, um es zu verhindern, daß der Pachthof dieſes guten, trefflichen Vaters,— die letzten Trümmer vom Vermögen des Capitäns, — aus ſeinen Händen käme; er hatte ein Obdach für die letzten Tage desjenigen geſichert, welchem er das Leben verdankte. Das war leicht zu thun, und es geſchah, ohne daß es der Notar nur ver⸗ muthete: der Notar zerriß die Scheinurkunde, und Petrus nahm Abſchied von ſeinem Vater, der zum Sterbebette ſeines Freundes gerufen wurde. Dann kam er nach Paris, um den zweiten Theil, ſagen wir es, den ſchwierigern und beſonders den ſchmetzlichern ſeines Entſchluſſes zu erfüllen: Petrus 6 Dumas, Salvator. Iv. 82 hatte ſich, wie wir geſehen, entſchloſſen, Pferde, Wa⸗ gen, Meubles, Gemälde, japaneſiſche Potiſchen, flä⸗ miſche Truhen, Waffen und Teppiche zu verkaufen, um ſeine Schulden zu bezahlen; ſodann, nachdem dieſe Schulden bezahlt wären, ſich wieder an die Ar⸗ beit zu begeben, wie ein Schüler in der Loge um den großen Preis von Rom. Auf ſeine tollen Ausgaben verzichtend, und be⸗ ſonders zur Arbeit die Zeit verwendend, die er ver⸗ lor, nicht einmal um Regina zu ſehen, ſondern um es zu verſuchen, ſie zu ſehen, war Petrus allerdings ſicher, ſein Leben zu einer beſſern Lage, ſowohl was die Kunſt, als was das Geld betrifft, zurückzuführen. Dann könnte er ſeinen Vater unterſtützen, und ſein Vater wäre nicht mehr genöthigt, ſich ſeines letzten Fetzens zu berauben, um den wahnſinnigen Luxus ſeines Sohnes zu unterhalten. Allerdings war Alles dies Logik, es war Recht⸗ ſchaffenheit, es war Vernunft; doch es iſt nichts ſo hart und ſo ſchwer zu befolgen, als die Logik, die Rechtſchaffenheit, die Vernunft. Darum befolgt man ſie meiſtens nicht. In der That, dieſen reizenden Luxus der Augen verkaufen, aus dem er ſich eine ſo ſüße Gewohnheit gemacht hatte, um ſich wieder zwiſchen vier kahlen Wänden zu finden, war das Etwas, was ſich mit Herzensheiterkeit thun läßt? Nein, es war eine ſchmerzliche Lage und man konnte nur durch einen heftigen Kummer daraus hervor⸗ gehen. Die Armuth an und für ſich erſchreckte Petrus keineswegs. Mäßig von Natur, ſparſam durch ſich ſelbſt, hatte er mit fünf Franken täglich großartig * Wa⸗ flä⸗ fen, dem Ar⸗ um be⸗ ver⸗ um ings was hren. ſein etzten uxus techt⸗ t8 ſo „ die man enden eine ieder das läßt? onnte ervor⸗ etrus h ſich ßartig 83 gelebt. Wäre Regina nicht geweſen, ſo hätte er ſich nichts darum bekümmert, reich zu ſein; hatte er nicht im Herzen die drei großen Reichthümer der Schöpfung: den Reichthum des Talentes, der Jugend und der Liebe? Gerade aber auf ſeiner Liebe, das heißt auf der Seele ſeiner Seele, ſollte unmittelbar und vielleicht tödtlich ſeine Armuth laſten. Ach! die Frau, die ſich ins Feuer ſtürzen würde, um uns zu gefallen, die ihr Leben und ihren Ruf wagen würde, um, wie Julie, ihrem unter dem Balcon des Gartens wartenden Romeo einen nächt⸗ lichen verſtohlenen Kuß zu geben, dieſe Frau würde oft nicht ihre ariſtokratiſche Hand in eine ſchlecht behandſchuhte Hand fallen laſſen. Und dann folgt zu Fuße, im Kothe der Straße, der Frau, die Ihr liebt; erwartet ihr Vorüberkommen zu Fuße, am Rande von einer der Alleen des Wal⸗ des, wenn Ihr ihr am Tage zuvor noch auf einem herrlichen, aus den Ställen von Drake oder Crémieux hervorgehenden Pferde reitend begegnet ſeid! Ueberdies macht die Armuth traurig, ſie färbt gewiſſermaßen an den friſcheſten und kräftigſten Ge⸗ ſichtern ab. Die Stirne des Armen bewahrt den Abdruck der Sorgen des vorhergehenden Tages und der Schlafloſigkeit der Nacht. Es iſt naiv, es iſt kindiſch, es iſt lächerlich in den Augen der Philoſophen, was wir ſagen, doch der ſchmerzliche Gedanke, fortan nicht in ſeinem Coupé oder in ſeinem Tilbury zu der Soirée kom⸗ men zu können, zu der Regina in ihrer Caleche ge⸗ kommen war; ſie nicht zu Pferde auf den äußeren 84 Boulevards kreuzen zu können, wo er ihr zum erſten Male begegnet war, oder in den Alleen des Bois de Boulogne, die ſie jeden Tag vorüberkommen ſahen, dieſer Gedanke erfüllte, allen Philoſophen der Erde zum Trotz, das Herz von Petrus mit Traurigkeit. Die Philoſophen begreifen wahrhaftig die Liebe nicht, und zum Beweiſe dient, daß ſie, ſobald ſie verliebt ſind, keine Philoſophen mehr ſind. Wie fortan eine anſtändige Figur in den für arme Gdelleute ſo kitzlichen Salons des Faubourg Saint⸗Germain ſpielen, wo er, Petrus, nicht unter dem Titel eines Mannes von Talent, ſondern als Edelmann von altem Geſchlechte empfangen wurde? Der Faubourg Saint⸗Germain verzeiht einem Edel⸗ manne, doß er Talent hat, unter der Bedingung, daß er nicht von ſeinem Talente lebt. Allerdings konnte Petrus, außer dem Boulevard, wo er Regina begegnete, außer den Bois, wo er ſie kreuzte, ſie zuweilen in ihrem Hauſe ſehen; doch die Begegnungen in der Welt waren der Vorwand die⸗ ſer Beſuche, und dann ſah er ſie bei ihr, außerdem⸗ daß Petrus ſie nicht häufig ſehen konnte, ſelten allein: es war bald Herr de la Mothe⸗Haudon, bald die Marquiſe de la Tournelle, Abeille immer, Herr Rappt zuweilen, Herr Rappt, der ihn mit einer ver⸗ drießlichen Miene anſchaute und ihm bei jedem Zu⸗ ſammentreffen mit dem Blicke zu ſagen ſchien:„Ich weiß, daß Sie mein Todfeind ſind; ich weiß, daß Sie meine Frau lieben; aber halten Sie ſich gut, ich überwache Sie Beide.“ „Ja, bei Gott! ja, Ihr erbitterter Feind! ja, Ihr Todfeind, der Feind des Böſen, Herr Rappt!“ t, ich 85 Nun denn! alle Wohlthaten des Glückes, alle Genüſſe des Luxus, alle Vortheile des Reichthums hatte Petrus ſechs Monate lang gehabt, und plötzlich mußte er darauf verzichten. Wir wiederholen, die Lage war ſchmerzlich. O Armuth! Armuth! wie viel Herzen, die dem Aufblühen nahe waren, haſt Du hingemäht! wie viel erſchloſſene Blumen der Seele haſt Du unter Deiner Senſe fallen gemacht und in den Wind geſtreut! denn, Armuth, finſtere Göttin, Du haſt den Hauch und die Senſe des Todes.. Regina war allerdings keine gewöhnliche Frau. — Vielleicht.. Ihr wißt, was dem in den Katakomben verlore⸗ nen Reiſenden begegnet, dem Reiſenden, der von Müdigkeit niedergedrückt, auf einem hohlen Steine ſitzend, auf einem alten Grabe, die Stirne mit Schweiß bedeckt, mit Bangigkeit ſchaut und horcht, ob er kein Licht ſehen, kein Geräuſch hören werde⸗ er erſchaut einen Schein, er vernimmt einen Ton, er ſteht auf:„Vielleicht!“ ſagt er. Es war ſo bei Petrus: er hatte einen Schein in dem düſtern unterirdiſchen Gewölbe ſchimmern ſehen. „Vielleicht!“ hatte er ebenfalls geſagt.„Keine falſche Scham! Sobald ich ſie wiederſehe, werde ich ihr Alles erzählen... ſowohl meine albernen Eitel⸗ keiten, als meinen entlehnten Reichthum! Keinen fal⸗ ſchen Stolz mehr! eine einzige Eitelkeit! einen ein⸗ zigen Ruhm: für ſie arbeiten und ihr meine Succeſſe zu Füßen zu legen. Sie iſt keine gewöhnliche Frau und vielleicht wird ſie mich noch mehr lieben.“ O ſchöne Jugend, durch welche die Hoffnung 86 zieht, wie der Sonnenſtrahl durch den Kriſtall! o rei⸗ zender Vogel, der den Schmerz ſingt, wenn er die Freude nicht mehr ſingen kann! Ohne Zweifel ſagte ſich Petrus, mit Unterſtützung dieſes Entſchluſſes, viele andere Dinge, die wir hier nicht wiederholen werden. Bemerken wir nur, daß er, während er ſo mit ſich ſelbſt plauderte, ſeine Reiſekleider auszog, ein elegantes Morgencoſtume an⸗ legte, und ſich haſtig wieder ankleidete. Ohne in ſein Atelier zurückzukehren, wo er die Stiefel krachen und den Dialog an einander ſtoßen hörte, ſtieg er ſodann die Treppe hinab, übergab ſeinen Zimmerſchlüſſel dem Concierge, der ihm da⸗ gegen ein Billet überreichte, an welchem Petrus mit dem erſten Blicke die Handſchrift ſeines Oheims er⸗ kannte. Er lud Petrus auf den Tag ſeiner Rückkehr nach Paris zum Diner ein. Der General wünſchte ohne Zweifel zu wiſſen, ob die Lection gefruchtet habe. Petrus beauftragte den Concierge, auf der Stelle in das Hotel Courtenay zu gehen, ſeinem Oheim zu melden, er ſei zurückgekehrt, und er werde die Ehre haben, auf den Schlag ſechs Uhr aufzuwarten. XLVI. Das Lied von der Freude. Wir haben nicht geſagt, warum ſich Petrus an⸗ kleidete, noch wohin er ging; doch der Leſer wird es ſchon errathen haben. — i⸗ ie n9 er aß ne die zen ab da⸗ mit ach hne elle zu hre 87 Petrus war aus ſeinem Zimmer mit eines Vo⸗ gels Flügeln hinabgeeilt. Er hatte beim Concierge aus dem erwähnten Grunde angehalten, hatte aus Gewohnheit gefragt, ob man keine anderen Briefe für ihn habe, als die ſeines Oheims, hatte maſchinen⸗ mäßig die Augen auf drei bis vier Briefe geworfen, die man ihm dargereicht, und auf keinem die Handſchrift findend, die er geſucht, hatte er ſie zurückgeſchoben, aus ſeinem Portefeuille ein Briefchen mit feiner Schrift, mit zartem, wohlriechendem Unſchlage ge⸗ nommen, es an ſeine Lippen gehalten, und war über die Thürſchwelle geſprungen. Das war der Brief, den er von Regina in St. Malo erhalten. Die zwei jungen Leute ſchrieben ſich alle Tage: die Briefe von Petrus waren adreſſirt an die gute Manon, die von Regina an Petrus ſelbſt. Regina hatte aus ihrer ausnahmsweiſen Stellung eine gewiſſe Stärke geſchöpft, welche die Trennung der zwei jungen Leute milderte. Petrus war übrigens der Erſte geweſen, der ihr geſagt hatte, ſie ſollte ihm während ſeiner Abweſen⸗ heit nicht ſchreiben: ein verloren gegangener Brief, ein geſtohlener Brief ſtürzte ſie Beide ins Verderben. Der junge Mann verſchloß die Briefe von Re⸗ gina in eine Art von Kaſſe von bewunderungs⸗ würdiger Eiſenarbeit, welche wiederum in einer Truhe befeſtigt war. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Truhe bei dem Verkaufe, der ſtattfand, ausgenommen ſein ſollte: dieſe Truhe war heilig. Mit jener Religion der Liebe, die man für gewiſſe Gegenſtände hegt, wenn man 88 wahrhaftig liebt, hätte es Petrus als eine Ruchloſig⸗ keit betrachtet, ſie zu verkaufen. Bliebe der Menſch fünfundzwanzig bis fünfzig Jahr in derſelben mit denſelben Meubles ausgeſtatte⸗ ten Wohnung, er könnte mit den geringſten Einzel⸗ heiten die Geſchichte ſeines Lebens wiederherſtellen. Unglücklicher Weiſe fühlt der Menſch von Zeit zu Zeit die Nothwendigkeit, ſeine Wohnung zu ändern, Und das Bedürfniß, ſein Mobiliar zu erneuern. Bemerken wir, daß der Schlüſſel der fraglichen Truhe Petrus nie verließ; er trug ihn an ſeinem alſe an einer goldenen Kette hängend, ſodann ver⸗ ſicherte der Schloſſer, der ſie reparirt hatte, Petrus, der geſchickteſte Roſſignoliſte“) würde ſeine Zeit verlieren, wenn er die Kaſſe mit dem Diebshaken aufmachen wollte. Petrus hatte alſo keine Beſorgniß auf dieſer Seite. Nun, wie die Könige von Frankreich auf den Stufen von Saint⸗Denis warten, bis ihr Nach⸗ folger kommt, um ſie zu erſetzen, wartete immer ein Brief von Regina am Herzen von Petrus, bis ein anderer Brief kam, um ſeinen Platz einzunehmen. Dann ſchloß ſich der neue Brief ſeinen Brüdern in der eiſernen Kaſſe an, die, wenn Petrus in Paris war, ſich regelmäßig öffnete, um ein neues Depot zu empfangen,— das heißt, den am vorhergehenden Tage eingelaufenen Brief. War der Brief geküßt und wieder in ſeine Taſche geſteckt, ſo ſprang Petrus leicht über die Thürſchwelle, *) Einer, der mit dem Dietrich arbeitet. rn, hen rem oer⸗ us, Zeit aken ieſer auf ach⸗ ein ein men. n in aris epot nden aſche velle, 89 eilte in die Rue Notre⸗Dame des Champs, ſchlug den Weg durch die Rue Chevreuſe ein und erreichte das äußere Boulevard. Haben wir noch nöthig, das Ziel ſeines Laufes zu bezeichnen? In demſelben gymnaſtiſchen Schritte forteilend, folgte Petrus dem Boulevard des Italiens, und hielt erſt eine kurze Strecke an, ehe er an das Gitter ge⸗ langte, hinter welchem das Hotel des Marſchalls von Lamothe⸗Haudon lag. Nachdem er das Boulevard inſpicirt und ſich ver⸗ ſichert hatte, daß es beinahe verödet war, wagte es Petrus, am Gitter vorüberzugehen. Er ſah nichts, und es ſchien ihm nicht, er ſei geſehen worden; er kehrte auch wieder um, lehnte ſich an eine ungeheure Eiche an, und ſchlug die Augen zu den Fenſtern von Regina auf. Ach! die Sonne ſchoß in ihrer Fülle in die Vor⸗ hänge und die Sommerläden waren geſchloſſen; doch er war ſicher, es würde ſich vor Abend der eine oder andere von dieſen Läden erheben und die weiße Freundin ſehen laſſen, von der er ſeit einer Gwigkeit getrennt war. Die Woge der Reflexionen ſchlug indeſſen an ſeinen Geiſt. Was that ſie in dieſem Augenblicke? war ſie zu Hauſe? dachte ſie an ihn gerade zu dieſer Stunde, wo er in ihrer Nähe war? 2 So öde gewöhnlich das Boulevard des Invalides — von Zeit zu Zeit fährt ein verirrter Wagen vor⸗ über. 90 Einer von dieſen Reiſenden kam nach der Seite von Petrus. Petrus verließ ſeinen Baum und ſetzte ſich in Bewegung. Er kannte längſt die Märſche und Gegenmärſche, die er zu machen hatte, um die Blicke der Vorüber⸗ gehenden und die Inquiſitionen der Nachbarn auf eine falſche Spur zu bringen. Er nahm ſeinen gymnaſtiſchen Schritt wieder an und ging mit der Geſchwindigkeit eines äußerſt ge⸗ ſchäftigen Menſchen, den es drängt, am Ziele ſeines Laufes anzukommen. Zuweilen war es Regina unmöglich, ſich völlig zu zeigen und ſich dieſer ausdrucksvollen Telegraphie hinzugeben, welche von den Verliebten erfunden wurde, lange ehe es den Regierungen einfiel, ein Mittel der politiſchen Correſpondenz daraus zu machen; dann vermuthete ſie aber, Petrus ſei da; ſie ließ das Ende einer Echarpe, eine Haarlocke flattern; ſie ließ durch die Zwiſchenräume ihrer Jalouſie ihren Fächer oder ihr Taſchentuch fallen,— manchmal eine Blume. Ah! Petrus fühlte ſich ſehr glücklich, wenn es eine Blume war; das bedeutete:„Komm' heute Abend wieder, lieber Petrus; ich hoffe, wir werden einige Augenblicke mit einander zubringen können.“ Andere Male erblickte er weder Echarpe, noch Haare, noch Taſchentuch, noch Fächer, noch Blumen; doch ohne ſie zu ſehen, gelang es ihm, ihre Stimme zu hören: es war ein Befehl, den ſie einem Dienſt⸗ boten gab; es war das Geräuſch eines Kuſſes, der auf die Stimme von der kleinen Abeille erſcholl, und ſein Echo— ein köſtliches Echo, im Herzen des jun⸗ gen Mannes hatte. Doch die beſten Stunden von Petrus waren die Stunden des Abends und der Nacht, ſelbſt wenn er keine Hoffnung mehr hegte, Regina zu ſehen. Hatte die junge Frau die Blume fallen laſſen oder nicht fallen laſſen, welche fallend ein Rendez⸗ vous bezeichnete,— ſobald die Dunkelheit einge⸗ treten war, lehnte ſich Petrus an ſeinen Baum an. Er hatte ſeinen Lieblingsbaum, von dem aus er beſſer ſah, wo er beſſer geſehen wurde. Die Augen unbeſtimmt auf die ganze Fagade des Hauſes geheftet, verlor er ſich hier in köſtlichen Träu⸗ mereien, in bezaubernden Beſchauungen. Regina ahnte nicht einmal ſeine Gegenwart; denn ſicherlich würde ſie, hätte ſie geglaubt, Petrus ſei hier, Mittel gefunden haben, ihr Fenſter zu öffnen und ihm auf dem Mondſtrahle, auf dem Funkeln eines Sternes den Kuß zuzuſenden, den er ſo wohl verdient. Doch nein, in dieſen Nächten, wo ihm nichts ver⸗ ſprochen war, verlangte Petrus nicht einmal einen Kuß, ein Wort, nur einen Blick. „ Sah er ſie ſodann wieder, ſo hütete er ſich wohl, ihr zu ſagen:„Alle meine Traumſtunden, o meine vielgeliebte Regina! habe ich bei Ihnen zugebracht!“ Nein, er hätte im Herzen der jungen Frau alle die während ihres keuſchen Schlafes eingeſchlummerten Zärtlichkeiten aufzuwecken befürchtet. Er behielt alſo für ſich das ſüße Geheimniß ſei⸗ ner nächtlichen Spaziergänge; beglückt durch ſein Wachen zu der Stunde, wo Regina ſchlief, wie die 92 Mütter glücklich ſind während des Schlafes ihrer Kinder. Gott allein weiß, und Gott allein vermöchte die Freuden ohne Beimiſchung zu nennen,— denn die arme menſchliche Sprache iſt ſehr arm, um die inne⸗ ren Glückſeligkeiten auszudrücken,— Gott allein ver⸗ möchte die Freuden ohne Beimiſchung, die reinen Gemüthsbewegungen zu nennen, welche die fünfund⸗ zwanzigjährigen Herzen während dieſer Stunden ſtil⸗ ler Träumereien und ſtummer Beſchauungen unter den Fenſtern einer geliebten Frau zugebracht, lieb⸗ koſen. Da gehören der Himmel, die Luft, die Erde dem Liebenden; nicht allein die Welt, die er unter ſeinen Füßen tritt, ſondern alle die Welten, die über ſeinem Haupte hinrollen. Von den Fetzen der Ma⸗ terie befreit, ſtrahlt ſeine Seele wie ein weißer Stern, in einem reinen Aether zwiſchen den Menſchen und Gott. Doch, man muß ſagen, die Zeit iſt kurz, während welcher die Engel ihre weißen Flügel der liebenden Seele leihen, und es kommt zu raſch ein Augenblick, wo, wenn ſie es wagt, ihren Flug wieder zu nehmen, das Gewicht des Körpers, erſchwert durch die Jahre, ſie gebrochen auf die Erde niederfallen macht. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Petrus, von ſei⸗ nem Vorübergehenden verjagt, zurückkam, ſobald der Vorübergehende ſich entfernt hatte. Seine Seele ſchwebte im Himmel mit Engels⸗ flügeln. Und es machte doch nicht die geringſte Bewegung die ſtarren Sommerläden zittern; die Secunden, die Minuten, die Stunden verliefen; ohne Zweifel war hrer die die nne⸗ ver⸗ inen und⸗ ſtil⸗ inter lieb⸗ Erde unter über Ma⸗ tern, und hrend enden blick, hmen, ahre, n ſei⸗ der ngels⸗ egung n, die war 93 Petrus zu ſpät gekommen, Regina war ſchon aus⸗ gegangen. Doch gleichviel! gegenwärtig oder abweſend, ſprach Petrus mit ihr; er erzählte ihr die lange Elegie ſei⸗ ner Mißgeſchicke. Wie hatte er, der Wahnſinnige! glauben können, um ihr zu gefallen, müſſe er anders erſcheinen, als er war; den Luxus des Reichthums, und nicht den des Genies aushängen; und, in ſei⸗ ner Einbildungskraft, hörte ihn Regina an, hörte ſie ihn an, zuckte ſie die Achſeln, nannte ſie ihn Kind! ſtrich ſie mit ihren zarten weißen Händen durch ſeine fahlen Haarlocken, ſchaute ſie ihn mit ihren erlöſchen⸗ den Augen an und ſagte:„Wieder! wieder!“ ſo daß er, über ſich ſelbſt ſpottend, Alles erzählte, bis auf den Beſuch ſeines Vaters, bis auf die Geſchichte des Pachthofes; und Regina lachte nicht mehr, ſpottete nicht mehr, Regina weinte, und ſie ſagte zu ſich ſelbſt, während ſie weinte:„Arbeite, mein Petrus, und ſei ein Mann von Genie. Ich werde, das verſpreche ich Dir, die Hand betrachten, die den Pinſel führt, und nicht den Handſchuh, der dieſe Hand bedeck. Arbeite, und begegne ich Dir nicht mehr auf der Promenade im Walde auf Deinem Apfelſchimmel, mit dem ſchwarzen Schweife und der ſchwarzen Mähne, der das Auge und die Füße der Gazelle hat, welche er zu verfolgen beſtimmt ſcheint, ſo werde ich mir ſagen:„„Mein Van Dyck arbeitet und bereitet ſeine Ruhmeswerke für die nächſte Ausſtellung.““ Arbeite, mein vielgeliebter Petrus, und ſei ein Mann von Genie!“ Petrus war ſo weit in ſeinen Träumereien, als 94 er das Geräuſch eines Wagens hörte, der von der Seite der Invalides kam. Er wandte ſich um: es war Regina, die mit der Marquiſe de la Tournelle und dem Marſchall von Lamothe⸗Haudon nach Hauſe kehrte. Petrus entfernte ſich zum zweiten Male vom Baume, doch ſo, daß er, wenn er geſehen wurde, nur von Regina erkannt werden konnte. Noch wagte er es nicht, den Kopf umzudrehen. Er hörte das ſchrille Geräuſch des Gitters, das geöffnet und wieder geſchloſſen wurde, das Aechzen des coloſſalen Schlüſſels, der ſich im Schloſſe drehte. Erſt dann wandte er ſich um: die Caleſche war eingefahren. Es ſchlug halb ſechs Uhr bei den Invaliden. Man ſpeiste bei ſeinem Oheim auf den Schlag ſechs Uhr: er hatte ungefähr noch zwanzig Minuten. Petrus verlor keine Zeit und ſtellte ſich wieder auf ſeinen Beobachtungspoſten. Doch er ſagte ſich ſelbſt, Regina könne nicht ſo⸗ gleich, nachdem ſie zurückgekehrt, in ihr Zimmer hinauf⸗ gehen und ſich an ihren Laden ſtellen; ſie brauchte ein paar Minuten, eine Gelegenheit, einen Vor⸗ wand; hatte ſie ihn überhaupt nur geſehen? Man erinnert ſich, daß Petrus es nicht gewagt hatte, den Kopf umzudrehen. Es ſchlug drei Viertel auf der Uhr der In⸗ validen. Während der letzte Schlag noch in der Luft vibrirte, that ſich der Laden auseinander und ge⸗ währte zuerſt dem blonden Kopfe von Abeille Durch⸗ gang. b i ——, der der von vom urde, en. das chzen ehte. war n. uten. ieder ht ſo⸗ nauf⸗ auchte Vor⸗ Man e, den r In⸗ Luft nd ge⸗ Durch⸗ » 95 Ihr erſter Blick ſagte Petrus, ſie wiſſe, er ſei da. Seit wie lange war er da? Das hatte Petrus völlig vergeſſen, das hätte er nicht ſagen können. Was Regina betrifft, ſie ſagte wohl klar mit ihren Augen:„Es iſt nicht meine Schuld, man nahm mich mit. Ich wollte nicht ausgehen, ich wußte, Du kämeſt, ich erwartete Dich. Verzeih' mir, ich konnte nicht früher kommen; doch nun bin ich hier...“ Sodann lächelte Regina, als wollte ſie noch bei⸗ fügen:„Sei unbeſorgt, mein Geliebter, ich werde Dir Rechenſchaft tragen für die Zeit, die Du durch mich verloren haſt, und es iſt Dir eine Ueberraſchung von mir vorbehalten!“ Was für eine Ueberraſchung war dies? Regina lächelte immer. Petrus konnte nicht mehr daran denken, daß die Zeit verſtrich, daß ihn ſein Oheim beim Mittags⸗ brode erwartete, und daß ſein Oheim, wie Ludwig KIV., in Wuth gerieth, wenn er warten mußte. Endlich nahm Regina eine Roſe, die mitten aus den blonden Haaren der kleinen Regina Abeille her— vorſtach; ſie hob die Roſe bis zur Höhe ihrer Lippen empor, ließ ſie fallen, indem ſie einen Kuß in den Wind warf, und ſchloß den Laden wieder. Petrus ſtieß einen Freudenſchrei aus: er würde ſie in der Nacht wiederſehen. Als ſodann der Laden wieder geſchloſſen und Millionen von erwiederten Küſſen gegen den über⸗ ſandten Kuß gegeben waren, dachte er an ſeinen Oheim, zog ſeine Uhr und ſchaute nach der Stunde. Es war ſechs Uhr weniger fünf Minuten. Petrus ſtürzte ſich in die Rue Plumet, ſprin⸗ 96 gend wie ein junger Hirſch bei ſeinem erſten Lan⸗ ciren. Für einen Läufer von Profeſſion waren es zehn Minuten vom Hotel de Lamothe⸗Haudon bis zum Hotel Courtenay: Petrus brauchte nur ſieben. Der General Herbel war ſo höflich geweſen, zwei Minuten auf ſeinen Neffen zu warten; doch des Krie⸗ ges müde, ſetzte er ſich an den Tiſch, als die zwei Glockenſchläge ertönten, welche verkündigten, der verſpätete Gaſt komme ſo eben an. Der General hatte ſeine Krebsſuppe zur Hälfte gegeſſen. Beim Anblicke des Verſpäteten runzelte ſich ſeine Stirne übermäßig, und auf eine ſo olympiſche Weiſe, daß der Heſterreicher Franz, der Petrus ungemein liebte, leiſe in ſeiner Mutterſprache ein Gebet für ihn verrichtete. Doch das Geſicht des Generals nahm ſeine ge⸗ wöhnliche Heiterkeit bei der beklagenswerthen Er⸗ ſcheinung von Petrus wieder an. Petrus troff von Schweiß. „Bei meiner Treue!“ ſagte der General,„Du hätteſt einen Augenblick im Vorzimmer bleiben ſollen, um das Waſſer ablaufen zu laſſen: Du wirſt Deinen Stuhl durchnäſſen.“ Petrus kam munter dem Gebrumme ſeines Oheims entgegen.. Der General konnte gegen ihn alle Flammen der Hölle ausſpeien: Petrus haite das Paradies im Herzen. Er ergriff die Hand ſeines Oheims, küßte ſie und ſetzte ſich ihm gegenüber. ſchl. Che ſein öde beu 55 wa Ro! Jee „ſo chel ich ich mu gen an⸗ ehn zum zwei drie⸗ zwei der älfte ſeine zeiſe, mein t für e ge⸗ Er⸗ „Du ollen, einen heims n der erzen⸗ te ſie 97 XLVII. Frühling, Jugendzeit des Jahres! Jugend, Frühlingszeit des Lebens! Um vier Uhr verließ Petrus ſeinen Oheim und ſchlug den Weg nach der Straße Notre⸗Dame des Champs ein. Ehe er bei ſich eintrat, erhob er den Blick nach ſeinem armen Atelier, das in fünf Tagen ſo ver⸗ ödet ſein ſollte, und ſah dort Licht. „Jean Robert oder Ludovic,“ murmelte er. Und er ging an dem Concierge mit einer Ver⸗ beugung des Kopfes vorüber, welche ſagen wollte: „Ich nehme den Schlüſſel nicht, weil man mich er⸗ wartet.“ Der junge Mann täuſchte ſich nicht: es war Jean Robert, der ihn erwartete. Kaum erſchien Petrus auf der Schwelle, als Jean Robert ſich in ſeine Arme ſtürzte und ausrief: „Erfolg, mein lieber Petrus! Erfolg!“ „Was für ein Erfolg?“ fragte Petrus. „Wenn ich ſage Erfolg,“ fuhr Jean Robert fort, „ſo ſollte ich eigentlich Enthuſiasmus ſagen.“ „Wovon ſprichſt Du? nun!“ fragte Petrus lä⸗ chelnd;„denn wenn Du einen Erfolg hatteſt, werde ich Dir applaudiren; wenn Enthuſiasmus, ſo will ich ihn theilen.“ „Wie, was für Erfolg? wie, was für Enthuſias⸗ mus? Du haſt wohl vergeſſen, daß ich dieſen Mor⸗ den Schauſpielern der Porte Saint⸗Martin vor⸗ 5 Dumas, Salvator. 1v. 7 98 „Ich habe es nicht vergeſſen, ich wußte es nicht. Alſo ein enthuſiaſtiſcher Erfolg?“ „Ungeheuer, mein Freund! Sie ſind alle wie vernarrt! Beim zweiten Acte ſtand Dante auf und kam auf mich zu, um mir die Hand zu drücken; beim dritten hat mich Beatrice umarmt;— Du weißt, daß die Dorval die Beatrice ſpielt; und als endlich die Leſeprobe vorüber war, fielen mir alle, Schauſpieler und Director, Regiſſeur, Souffleur, kurz alle Welt um den Hals.“ „Bravo, mein Herzlieber!“ „Und ich brachte Dir meinen Theil Zufrieden⸗ heit.“ „Danke, Dein Erfolg entzückt mich mehr, als er mich überraſcht. Wir hatten ihn Dir vorausge⸗ ſagt, Ludovic und ich.“ Und Petrus ſtieß einen Seufzer aus. In ſein Atelier zurückkehrend, das er nicht wie⸗ der geſehen, all' dieſen mit ſo viel Mühe zuſammen⸗ gebrachten Gegenſtänden der Kunſt und der Phan⸗ taſie gegenüberſtehend, war es Petrus vor die Seele getreten, daß er das alles verlaſſen müſſe, und dieſe ungemiſchte Freude Jean Roberts hatte ſeiner Bruſt einen Seufzer entriſſen. „Nun, nun,“ ſagte Jean Robert,„Du kehrſt ja ſehr traurig von St. Malo zurück, lieber Freund, und nun iſt es an mir, Dich zu fragen: Was haſt Du?“ „Und an mir iſt es, Dir zu antworten: Du haſt alſo vergeſſen?“ „Was?“ „Nun, wenn ich all dieſe Dinge wieder ſehe, all' „— icht. wie und beim daß die ieler Welt den⸗ als ge⸗ wie⸗ men⸗ han⸗ eele dieſe Zruſt ſt ja und, Was Du 99 dieſes Gerümpel, all' dieſe großen Käſten, all' dieſe Meubel, die ich verlaſſen ſoll, geſtehe ich Dir, daß mir der Muth fehlt und daß mein Herz blutet.“ „Du willſt all' das verlaſſen, ſagſt Du?“ „Gewiß.“ „Du willſt Deine Wohnung als eingerichtetes Logis vermiethen, oder willſt eine Reiſe machen?“ „Wie, Du weißt nicht?“ „Was?“ „Salvator hat Dir nicht geſagt?“ „Nein.“ „Nun gut, ſo wollen wir von Deinem Stücke ſprechen.“ „Nein, bei Gott, ſprechen wir von Deinem Seufzer. Man ſoll nicht ſagen, ich ſei heiter, wäh⸗ rend Du traurig biſt.“ „Mein Lieber, nächſten Sonntag werde ich all' das verkaufen laſſen.“ „Wie, Du wirſt das alles verkaufen laſſen?“ a „Du verkaufſt Deine Meubles?“ „Lieber, wenn das meine Meubles wären, würde ich ſie nicht verkaufen laſſen.“ „Erkläre Dich.“ „Sie werden erſt dann mir gehören, wenn ich ſie bezahlt habe, und ich verkaufe ſie, um ſie zu be⸗ zahlen.“ „Ich begreife.“ „Nein, Du begreifſt nicht.“ „So ſprich.“ „Wahrhaftig, ich ſchäme mich, meinem beſten Freunde meine Schwächen zu enthüllen.“* 100 „Nun, nur zu!“ „Gut denn, mein Lieber, ich war ganz einfach im Zuge, meinen Vater zu ruiniren.“ „Du?“ „Ja, meinen tapfern und würdigen Vater! Ich habe noch zur rechten Zeit innegehalten, mein Freund: in einem Monate wäre es zu ſpät geweſen.“ „Petrus, mein lieber Freund, ich habe in mei⸗ ner Schublade drei mit Garat unterzeichnete Billets, nicht blos einer der leſerlichſten, ſondern auch einer der ſchätzenswertheſten Unterſchriften, die ich kenne: ich brauche nicht zu ſagen, daß ſie zu Deiner Ver⸗ fügung ſtehen.“ Petrus zuckte mit den Achſeln, und die Hand ſeines Freundes drückend, fragte er ihn: „Und Deine Reiſe?“ „Erſtens, lieber Petrus, würde ich zu traurig reiſen, wenn ich Dich traurig wüßte; dann habe ich meine Proben, meine Aufführung.“ „Und dann noch eine andere Sache,“ ſagte Petrus lächelnd. „Wie, noch eine andere Sache?“ fragte Jean Robert. „Iſt es denn zu Ende, Rue Lafitte?“ „O, großer Gott, warum ſollte es zu Ende ſein? Es iſt, als wenn ich Dich fragte: Iſt es zu Ende, Boulevard des Invalides?“ „Scht! Jean!“ „Aber Du läſſeſt mich daran denken, Du wei⸗ ſeſt meine armen dreitauſend Franken zurück, weil Du nicht wüßteſt, was damit anfangen.“ „Mein Lieber, es iſt nicht deßhalb, obgleich Du Ich d: ei⸗ ts, ner ne: er⸗ ind ean in? de, ei⸗ eil Du — 101 in einem Punkte Recht haben könnteſt: nämlich, daß mir tauſend Thaler nicht zureichen würden.“ „Nun gut, höre: befriedige immerhin mit meinen tauſend Thalern die Ungeduldigſten; laſſe ſie auf meine Aufführung warten; am Tage nach derſelben wird man Porcher aufſuchen und zehntauſend Fran⸗ ken erheben, ja fünfzehntauſend Franken, wenn es abſolut ſein muß, ohne einen Sou Intereſſe.“ „Wer iſt Porcher, mein Freund?“ „Ein einziger Menſch, die rara avis des Juve⸗ nal, der Nährvater der Schriftſteller, der wahre Mi⸗ niſter der ſchönen Künſte, von der Vorſehung beauf⸗ tragt, dem Genie Aufmunterungen und Prämien zu Theil werden zu laſſen. Willſt Du, daß ich zu ihm gehe und ihm ſage, Du macheſt ein Stück mit mir? Er wird Dir zehntauſend Franken darauf leihen.“ „Du biſt ein Narr! Mache ich denn Stücke?“ „Du biſt nicht ſo dumm, ich weiß das: aber ich werde es allein ſchreiben.“ „Ja, und ich werde theilen.“ „Gut! Du gibſt mir zurück, wenn Du kannſt.“ „Dank, mein Lieber, das wenn ich kann käme zu ſpät, wenn es je käme.“ „Ja, ich begreife, Du würdeſt lieber einen Juden vom Stamme Levi ſuchen: man hat keine Gewiſſens⸗ i ſe warten zu laſſen, ſie holen ſich immer wie⸗ er ein.“ „Einen Juden ſo wenig als einen andern, mein Freund.“ „Teufel! Teufel! Teufel! Nun, da ſieht man, daß die Kunſt ihre Grenzen hat. Wie! man iſt drama⸗ tiſcher Schriftſteller, man iſt im Stande, Zufälle 102 zu ſchaffen und ſich daraus herauszuhelfen, Situativ⸗ nen zu verwickeln und zu entwickeln; man hat die Prätenſion, Comödien zu machen wie Beaumarchais, Tragödien wie Corneille, Dramen wie Shakespeare, und verwickelt ſich die Füße in der Wolle ſeiner Schafe, wie der Rabe, der den Adler nachahmen will. Wie! man iſt arme fünfundzwanzigtauſend oder drei⸗ ßigtauſend Franken vielleicht ſchuldig, man hat die Mittel in den Händen oder im Kopfe oder im Her⸗ zen, ſie eines Tages zu bezahlen, aber proviſoriſch weiß man nicht, an welchen Helden man ſich wenden ſoll: und was thun?“ „Arbeiten,“ ſagte im Fond des Atelier eine ſanfte und ſonore Stimme. Aus dieſen einzigen Worten wird man ahnen, wer der gute Geiſt war, der auf ſolche Weiſe einem unentſchiedenen Freunde und verlegenen dramatiſchen Schriftſteller zu Hülfe kam. Es war Salvator. Die beiden Freunde drehten den Kopf zu glei⸗ cher Zeit, Jean Robert mit einem Gefühle der Freude, Petrus mit einem Gefühle der Dankbarkeit. Beide boten dem Neuankommenden die Hand. „Guten Abend, meine Meiſter,“ ſagte er;„es ſcheint, daß wir bei der großen menſchlichen Frage angekommen waren:„„Iſt es erlaubt zu leben, ohne zu arbeiten?““ „Ganz richtig,“ ſagte Petrus,„und einem er⸗ pichten Arbeiter, Jean Robert, der mit ſechsundzwan⸗ zig Jahren mehr gethan, als Akademiker mit vierzig, antwortete ich:„„Nein, hundert Mal nein, lieber Freund, nein!““ coco S 0G we err der unt tio⸗ die ais, are, ner ill. rei⸗ die er⸗ iſch den ine ren, tem hen lei⸗ ide, eide „es age hne er⸗ an⸗ zig, ber „Wie, unſer Poet rühmte die Trägheit? Laſſen Sie ſich von Careau empfangen, mein Lieber: Sie machen alle Monate, alle Vierteljahre, ja ſelbſt alle Jahre ein Gedicht und man wird nicht mehr von Ihnen verlangen.“ „Nein: er bot mir ganz einfach ſeine Börſe.“ „Nehmen Sie ſie nicht an, Petrus: wenn Sie dieſen Dienſt von einem Freunde annehmen würden, hätte ich den Vorrang beanſprucht.“ „Ich würde ihn von Niemand annehmen, Freund,“ ſagte Petrus. „Das bin ich überzeugt,“ antwortete Salvator; „das iſt auch der Grund, weßhalb ich kein Anerbie⸗ ten machte, ich wußte ja, daß Sie nichts annehmen würden.“ „Nun,“ ſagte Jean Robert, indem er ſich an Salvator wandte,„Ihr Rath iſt, daß wir verkaufen?“ „Ohne Zögern?“ antwortete Salvator. „Verkaufen wir denn,“ ſagte Petrus entſchloſſen. „Verkaufen wir!“ ſagte Jean Robert mit einem Seufßzer. „Verkaufen wir,“ ſagte Salvator. „Verkaufen wir!“ ſagte eine vierte Stimme, welche wie ein Echo im Hintergrunde des Ateliers erwachte. „Ludovic!“ ſagten die drei Freunde. „Wir ſind alſo im Zuge zu verkaufen?“ fragte der junge Doctor, indem er mit zwei offenen Händen und einem Lächeln auf ſeinen Lippen vortrat. „Ja.“ „Und was?... Darf man wiſſen?“ „Unſer Herz, Skeptiker!“ ſagte Jean Robert. 104 „Nun, meinetwegen verkauft das Eure, wenn Ihr wollt,“ ſagte Ludovic;„was das meine betrifft, ſo ziehe ich es aus dem Schaukäſtchen zurück: es hat ſeine Beſchäftigung gefunden.“ Und ohne ſich weiter mit dem fraglichen Kaufe zu beſchäftigen, begannen die vier Freunde ein Ge⸗ ſpräch über Kunſt, Literatur und Politik, während der Keſſel vor dem Feuer ſang und ſie ſelbſt eine Taſſe Thee bereiteten. Der Thee iſt nur gut— zeichnet euch dieſes für Liebhaber wichtige Axiom auf— der Thee iſt nur gut, wenn man ihn ſelbſt bereitet. Jeder blieb bis Mitternacht. Aber bei dem Schlage Mitternacht erhoben ſie ſich wie von einem electriſchen Faden berührt. „Mitternacht!“ ſagte Jean Robert,„ich muß nach Hauſe gehen.“ „Mitternacht,“ ſagte Ludovic,„ich muß nach Hauſe gehen.“ „Mitternacht,“ ſagte Salvator,„ich muß gehen.“ „Und auch ich,“ ſagte Petrus. Salvator bot ihm die Hand. „Nur wir zwei haben die Wahrheit geſprochen, mein lieber Petrus,“ ſagte der Commiſſionär. Jean Robert und Ludovic begannen zu lachen. Alle vier ſtiegen heiter die Treppe hinab. An der Thüre blieben ſie ſtehen. „Soll ich euch allen ſagen,“ begann Salvator, „wo ihr hingeht?⸗ „Ja,“ antworteten die drei jungen Leute. zSie, Jean Robert, gehen nach der Rue Lafitte. 2 Jean Robert machte einen Schritt zurück. ——— venn rifft, hat aufe Ge⸗ rend eine ieſes e iſt ator, tte.“ 105 „Nun einem andern,“ ſagte er lachend. „Sie, Ludovic, wollen Sie, daß ich Ihnen ſage, wohin Sie gehen?“ „Sprechen Sie.“ „Rue d'Ulm.“ „Das iſt richtig,“ ſagte Ludovic zurückprallend. „Und Sie, Petrus?“ „ ich „Boulevard des Invalides.— Nun, Petrus Muth!“ „Ich werde welchen haben,“ ſagte Petrus, indem er Salvator die Hand drückte. „Und Sie,“ ſagte Jean Robert,„wo gehen Sie hin? Sie begreifen, lieber Freund, daß Sie nicht unſere drei Geheimniſſe bei ſich tragen können, ohne daß wir jeder ein Stück von dem Ihrigen haben.“ „Ich?“ ſagte Salvator mit einer ernſten Miene. „Ja, Sie!“ „Ich will ſuchen, Herrn Sarranti zu retten, den man in acht Tagen hinrichtet.“ Und jeder ging ſeines Weges. Aber die drei jungen Leute entfernten ſich nach⸗ denklich. Wie viel größer war er als ſie. Dieſer geheim⸗ nißvolle Arbeiter, der in der Stille ein ſo großes Werk vollendet und, während jeder von ihnen nur eine Frau liebte, die ganze Menſchheit mit ſeiner Liebe umfaßte. Es iſt wahr, er liebte Fragola und Fragola liebte ihn! 106 XLvIII. Rue Lafitte. Folgen wir jedem unſerer Helden: vielleicht machen wir auf dieſem Wege einige Schritte vorwärts in unſerer Geſchichte. Nach der hierarchiſchen Ordnung wollen wir mit Jean Robert beginnen. Es iſt weit von der Rue de lOueſt nach der Rue Lafitte; Jean Robert nahm deßhalb in der Rue de Vaugirard ein Cabriolet, das ihm begegnete, als es leer nach der Barridre du Maine zurückfuhr. Gegen den Schluß des Jahres 1827 endigte Paris bei La Nouvelle Athènes und La Nouvelle Athènes begann bei der Straße Saint⸗Lazare. Beim erſten Drittel der Straße ließ Jean Robert den Kutſcher halten. Der Kutſcher hatte ihn unnützer Weiſe nach der Nummer gefragt. „Ich werde Sie anrufen,“ hatte Jean Robert geantwortet. Es ſchlug auf der Kirche Notre⸗Dame de Lorette, die damals eben vollendet worden, ein Viertel nach Mitternacht. Jean Robert bezahlte ſeinen Kutſcher als zufrie⸗ den geſtellter Poet und befriedigter Liebhaber; dann ſchlich er in ſeinen Mantel gehüllt an den Mauern hin. Zu jener Zeit trugen die jungen Leute wie jene Titelblattportraits von Byron, Chateaubriand und Herrn von Arlincourt noch Mäntel. hü mi hir cal ra Zi in ert te, ich ie⸗ nn ie nd 107 Bei Nr. 24 angekommen, blieb Jean Robert ſtehen. Die Straße war leer. Er zog neben der ſicht⸗ baren Glocke einen beinahe unſichtbaren Knopf und wartete. Der Concierge zog nicht den Cordon, ſondern kam ſelbſt, um zu öffnen. „Nathalie,“ ſagte Jean Robert halblaut, indem er ein Goldſtück in die Hand des ariſtokratiſchen Concierge gleiten ließ, um ihn für die nächtliche Störung zu entſchädigen. Der Concierge machte ein Zeichen des Verſtänd⸗ niſſes, kehrte mit Jean Robert in ſein Stübchen zurück und öffnete eine Thüre, die auf eine Diener⸗ ſchaftstreppe führte. Jean Robert eilte hinauf. Der Concierge ſchloß die Thüre hinter ihm. Dann betrachtete er das Goldſtück und ſagte: „Peſt! Mademoiſelle Nathalie ſcheint da einen hübſchen Handel gemacht zu haben: jetzt wundert's mich nicht mehr, daß ſie ſo elegant iſt.“ Jean Robert ſtieg die Treppe mit einer Eile hinauf, welche zugleich von ſeiner Kenntniß der Lo⸗ calitäten, wie von ſeinem Wunſche zeugte, möglichſt raſch in den dritten Stock zu kommen, welcher das Ziel ſeiner nächtlichen Excurſion war. Dies war um ſo wahrſcheinlicher, als eine halb in der Dunkelheit verlorene Geſtalt ſeine Ankunft zu erwarten ſchien. „Biſt Du es, Nathalie?“ ſagte der junge Mann. „Ja, mein Herr,“ antwortete eine Zofe, deren 108 tadelloſer Anzug vollkommen rechtfertigte, was der Seeg⸗ ſo eben geſagt. „Deine Herrin?“ „Sie iſt unterrichtet.“ „Kann ſie mich empfangen?“ „Ich hoffe.“ „Melde mich, Nathalie, melde mich.“ „Will der Herr indeſſen in den Taubenſchlag eintreten?“ fragte die moderne Marton lächelnd. „Wo Du willſt, Nathalie, wo Du willſt, mein Kind, vorausgeſetzt, daß, wo ich eintrete, ich nicht lange warten muß.“ „O was das betrifft, ſeien Sie ruhig, Sie kön⸗ nen ſich rühmen, daß man Sie liebt.“ „Wahr, Nathalie, man liebt mich?“ „Nun Sie verdienen es auch.“ „Schmeichlerin! 1f. „Ein Mann, von dem man in den Journalen ſpricht“ „Wohl wahr, aber ſpricht man nicht auch von Herin von Marande in den Journalen?“ „Ja wohl, aber das iſt nicht daſſelbe.“ „Gut.“ „Er iſt kein Dichter.“ „Nein, dafür iſt er aber Banquier. Ach, Natha⸗ lie, wenige Frauen würden, wenn ſie zwiſchen einem Dichter und einem Banquier zu wählen hätten, den erſteren wählen. „Aber meine Herrin 3 „Deine Herrin, Nathalie, iſt keine v das gi ein Engel.“ „Und ich, was bin denn ich?“ nick ſon Jec ger geh ſend der hlag nein nicht kön⸗ alen von tha⸗ inem den s iſt 109 „Eine abſcheuliche Schwätzerin, die mich meine Zeit verlieren läßt.“ „Treten Sie ein,“ ſagte die Zofe,„man wird die verlorene Zeit einzuholen ſuchen.“ Und damit drängte ſie Jean Robert in das, was der junge Mann den Taubenſchlag nannte. Es war ein reizendes kleines Zimmer, ganz per⸗ ſiſch ausgeſchlagen, wie das Toilettencabinet, das daran ſtieß: die Sopha's, die Kiſſen, die Vorhänge, das Bett, alles war perſiſch. Eine Nachtlampe, welche am Plafond in einer Ampel von rothem böhmiſchem Glaſe hing, beleuchtete dieſes kleine Zelt, das dem ähnlich ſah, welches die Sylphen und Undinen für die Feenkönigin aufſchlagen, wenn ſie in ihren Staa⸗ ten reist. Und wirklich, wenn Frau von Marande Jean Robert nicht empfangen konnte, brachte ſie hier eine Stunde mit ihm zu; ſie hatte das kleine Zimmer ſelbſt nach ihrem Geſchmack zu dieſem Zwecke und in dieſer Abſicht eingerichtet. Nur weil es ſich unter dem Dache befand, nann⸗ 3 es Jean Robert und die junge Frau den Tauben⸗ ag. Und das kleine Zimmer verdiente ſeinen Titel, nicht nur, weil es ſich im dritten Stockwerk befand, ſondern auch weil man ſich dort zärtlich liebte. Niemand, mit Ausnahme von Frau von Marande, Jean Robert, Nathalie und dem Tapezier, der es ein⸗ gerichtet, wußte von der Eriſtenz dieſes Schmetterlings⸗ gehäuſes. Hier in dieſem Schlupfwinkel waren alle die tau⸗ ſend Erinnerungen, die den Reichthum wahrer Liebe 110 bilden, eingeſchloſſen: die abgeſchnittenen Haarlocken, die aus den Haaren gefallenen und am Herzen auf⸗ bewahrten Bänder, die welken Bougquets von Parma⸗ veilchen, bis zu den Aderkieſeln herab, welche am Meeresſtrande geſammelt worden, wo die beiden Lie⸗ benden ſich zum erſten Male begegnet hatten und mit einander umhergeirrt waren; hier wurden— weit das Koſtbarſte von Allem— die Briefe auf⸗ bewahrt, mit Hülfe derer ſie ſeit dem erſten Tage, am dem ſie ſich ihre Liebe geſtanden, ihren Lebens⸗ lauf Welle um Welle, Raum um Raum, Blume um Blume an ihrem Blicke vorüberziehen laſſen konnten: jene Briefe, welche beinahe immer eine Kataſtrophe in der Liebe ſind und die man ſich nichtsdeſtoweniger ſchreiben muß, und die man nichtsdeſtoweniger nicht den Muth hat, zu verbrennen; und doch könnte man ſie verbrennen und die Aſche aufbewahren, aber die Aſche iſt das Bild des Todes, das Emblem des Nichts. Es lag dort auf dem Kamin das kleine Porte⸗ feuille, in das beide daſſelbe Datum, den 7. März, eingezeichnet; es lagen dort, zu beiden Seiten des Kaminſpiegels, zwei kleine Blumenbilder, welche Frau von Marande gemalt, als ſie noch ein junges Mäd⸗ chen geweſen; es war dort ferner als eine ſeltſame Religuie, an die Jean Robert mit dem Aberglauben der Poeten den vollkommenſten Glauben hatte, über dem Kaminſpiegel der elfenbeinerne Roſenkranz auf⸗ gehängt, mit dem Lydia zum erſten Male zur Com⸗ munion gegangen; es war dort alles vereinigt, was in einem Zimmer, das nicht blos zum Zuſammen⸗ ſein und zum Glücke, ſondern auch zur Erwartung — — „0„— cken, auf⸗ ma⸗ am Lie⸗ und auf⸗ age, ens⸗ um ten: ophe tiger nicht man die des orte⸗ des Frau Mäd⸗ tſame muben über auf⸗ Com⸗ was men⸗ rtung 111 und Träumerei beſtimmt iſt, das Warten erträglich machen, das Glück verdoppeln kann. Uebrigens brauchen wir kaum zu ſagen, daß Jean es nie war, welcher wartete. Anfangs hatte er ſich vollſtändig geweigert, von dieſem Zimmer, das dem Hotel des Herrn von Ma⸗ rande entlehnt war, Gebrauch zu machen. Er hatte mit einem Zartgefühl, das gewiſſen auserleſenen Seelen entſtammt, Lydia dieſen Widerwillen aus⸗ gedrückt. Aber Lydia hatte ihm geantwortet: „Verlaſſen Sie ſich deßhalb auf mich, und ſuchen Sie nicht zarter zu ſein, als ich es bin; was ich Ihnen vorſchlage, glauben Sie mir, kann ich Ihnen vorſchlagen, es iſt mein Recht.“ Und Jean Robert wollte ſich die Erklärung die⸗ ſes Rechtes geben laſſen; aber Lydia hatte ihm das Wort kurz abgeſchnitten. „Verlaſſen Sie ſich auf mein Feingefühl,“ hatte ſie geſagt;„aber fragen Sie mich nicht weiter, denn Sie verlangen ſonſt, daß ich Ihnen ein Geheimniß enthüllen ſoll, das nicht das meine.“ Und Jean Robert, der am Ende verliebt wie ein Narr war, hatte die Augen geſchloſſen und ſich an der Hand in den kleinen Taubenſchlag der Rue La⸗ fitte führen laſſen. Hier hatte er die ſüßeſten Stunden ſeines Lebens verbracht. Hier war, wie geſagt, alles ſüß, ſelbſt das Warten. In dieſer Nacht, wie in allen anderen, war er in jener Geiſtes⸗ und Gemüthsverfaſſung voll Reiz 112 und voll Zärtlichkeit, als er das herrliche Geſchöpf erwartete, das er anbetete. Er küßte mit der Reli⸗ gion des Herzens den elfenbeinernen Roſenkranz, der am Hals des Kindes Lydia geruht, als er das Rauſchen eines Pudermantels und den Schritt von Jemanden hörte, der ſich näherte. Er erkannte dieſes doppelte Geräuſch, und ohne ſeine Lippen von dem Roſenkranz zu heben, begnügte er ſich mit einer halben Wendung nach der Thüre. Der auf dem Elfenbein begonnene Kuß ſchloß auf der ſchauernden Stirn der jungen Frau. „Habe ich auf mich warten laſſen?“ fragte ſie lächelnd. „So lange als ein Vogel auf ſich warten ließe,“ ſagte Jean Robert;„aber Sie wiſſen, liebe Lydia, der Schmerz mißt ſich nicht nach ſeiner Dauer, ſon⸗ dern nach ſeiner Intenſität.“ „Und das Glück?“ „O das Glück läßt ſich gar nicht meſſen.“ „Das iſt der Grund, weßhalb es weniger lange dauert, als der Schmerz? Kommen Sie, mein Herr Pyet, man hat Ihnen Complimente zu machen.“ „Nun, aber...“ fragte Jean Robert, der zu Frau von Marande herabzuſteigen denſelben Wider⸗ willen fühlte, den er anfangs in den Taubenſchlag hinaufzuſteigen gezeigt,„warum nicht hier?“ „Weil ich wollte, daß der Tag für Sie endige, wie er begonnen, zwiſchen Ihren beiden Liebhabereien, den Blumen und dem Wohlgeruch.“ „O meine ſchöne Lydia!“ ſagte der junge Mann nit verliebten Blicken auf die junge Frau;„ſind Sie nic ſol wi als die me od Ho ſte nic Ze we iſt nic ein A dia, on⸗ nge err zu der⸗ lag ige, ien, ann Sie 113 nicht ein Wohlgeruch und eine Blume? Und weßhalb ſollte ich, um meine beiden Liebhabereien zu finden, wie Sie ſagen, nöthig haben, anders wohin zu gehen, als wo Sie ſind?“ „Sie müſſen mir in allen Dingen gehorchen, und dieſen Abend habe ich mich dahin entſchieden, daß man Sie mit Lorbeeren kröne. Kommen Sie, Dichter, oder keine Krone.“ Jean Robert machte ſanft ſeine Hand von der Hand der ſchönen Zauberin los und trat ans Fen⸗ ſter, deſſen Vorhang er leiſe emporhielt. „Aber,“ ſagte er,„Herr von Marande iſt ja zu Hauſe?“ „Iſt er zu Hauſe?“ ſagte Lydia gleichgültig. „Gewiß,“ ſagte Jean Robert. „Ah!“ ſagte die junge Frau. „Nun?“ „Nun, ich erwarte Sie... Ah, Sie kommen nicht wie ein Vogel und es genügt nicht, Ihnen ein Zeichen zu geben.“ „Lydia, ich ſchwöre Ihnen, daß Sie mich bis⸗ weilen erſchrecken.“ „Warum?“ „Weil ich Sie nicht mehr verſtehe.“ „Ja, nicht wahr? Und weil Sie ſich ſagen: Aber wahrhaftig, dieſe kleine Frau von Marande iſt doche ſai „Vollenden Sie nicht, Lydia; ich weiß, daß Sie nicht bloß eine anbetungswürdige Frau, ſondern auch ein ehrenwerthes Herz, eine zarte Seele ſind.“ „Nur zweifeln Sie... Herr Jean Robert. Dumas, Salvator. Iv. 8 11⁴ Wollen Sie mir, ja oder nein, in mein Zimmer fol⸗ gen? Es iſt mein Recht, Sie dahin zu führen.“ „Und Ihr Recht iſt ein Geheimniß, das Ihnen nicht angehört?“ „Nein.“ „Glückicher Weiſe iſt es, wie bei jedem Geheim⸗ niß, erlaubt, es zu vermuthen.“ „Ueberzeugt, daß ich Ihnen in keiner i da⸗ bei helfe, iſt mein Gewiſſen in Ruhe. Suchen Sie. „Ich glaube, daß ich gefunden habe, Lydia.“ „Bah!“ machte die junge Frau, indem ſie ihre Augen öffnete, in denen noch mehr Zweifel als Er⸗ ſtaunen lag. „Ja.“ „Nun, wir wollen hören.“ „Wenn ich das Richtige getroffen, werden Sie mir fagen, das iſt's?“ „Nur weiter.“ „Gut denn, ich kreuzte geſtern mit Ihrem Ge⸗ mahl in der Allee, die nach der Muette führt.“ „Zu Pferd oder in einer Caleche?“ „Zu Pferde.“ „Allein?“ „Muß ich Ihnen offen antworten?“ „O fahren Sie fort, Lieber, ich bin nicht eifer⸗ ſüchtig.“ Und Frau von Marande ſprach dieſe Verſiche⸗ rung mit ſo viel Freimüthigkeit aus, daß man leicht ſehen konnte, es war die Wahrheit, die ſie ſprach. „Nein, nein, er war nicht allein; er machte den Cavalier einer reizenden Amazone.“ „Ah, wirklich?“ her ſich mit Sie es Lyd ein hat nich Gel Kor eifer⸗ ſiche⸗ leicht ch. den 115 „Sage ich Ihnen etwas Neues?“ „Nein; ich ſehe aber kein Geheimniß bei alle dem hervorſpringen.“ „Nun wohl, ich dachte, weil Herr von Marande ſich keinen Skrupel daraus machte, nach dem Gehölz mit einer Andern als ſeiner Frau zu gehen, glauben Sie ein ähnliches Recht zu haben.“ „Ich habe nicht geſagt, daß ich ein Recht zu haben glaube, ſondern ich ſagte Ihnen, daß ich es habe.“ „Ich habe alſo nicht richtig vermuthet?“ „Nein.“ „Jetzt laſſen Sie mich eine Frage an Sie richten, Lydia.“ „Gut.“ „Werden Sie darauf antworten?“ „Kommt darauf an.“ „Wie geſchieht es, daß Herr von Marande, der ein anbetungswürdiges Geſchöpf wie Sie zur Frau hat, ſtatt der Liebhaber aller Frauen zu ſein...“ „Nun?“ „Nicht der Mann ſeiner eigenen iſt.“ „Das iſt eben das Geheimniß, das ich Ihnen nicht entdecken kann, mein lieber Poet.“ „Warum?“ „Ich wiederhole es Ihnen, weil es nicht mein Geheimniß iſt.“ „Aber weſſen Geheimniß iſt es denn?“ „Das Geheimniß des Herrn von Marande... Kommen Sie!“ Und Jean Robert, welcher keine weiteren Einwürfe 116 hatte, ließ ſich von der ſchönen Ariadne durch die Gänge des Labyrinthes des Hotel Lafitte führen. „Nun,“ murmelte er ihr folgend,„es ſcheint wenigſtens, daß in dieſem Labyrinthe kein Minotaurus exiſtirt.“ XLIX. Rue d'Ulm. Das Zimmer der Frau von Marande befand ſich, wie man weiß, auf der erſten Etage des Corps de Logis, welches den rechten Flügel des Hotels der Rue Lafitte oder d'Artvis bildete, je nachdem man uns erlaubt, dieſe Straße mit ihrem gegenwärtigen tamen zu benennen, oder ihr den früheren Namen zu geben verlangt. Wir laſſen dort Jean Robert und Frau von Marande— aus einem Grunde, den ſelbſt der ſchwierigſte unſerer Leſer nicht ſchlecht fin⸗ den wird— nachdem das Zimmer der Frau von Marande ſorgfältig und doppelt zwiſchen den beiden Liebenden und uns geſchloſſen iſt. Was würden wir auch in dem Zimmer dieſer liebenswürdigen Frau von Marande, die wir von ganzer Seele lieben, zu thun Gefahr laufen. Wir kennen dieſes Zimmer. Folgen wir denn jenem friſch unter den Strahlen der Sonne ſich erſchließenden Dichter, den wir Lu⸗ dovic nannten, nach dem minder ariſtokratiſchen dert. Quartier, nach welchem er träumend dahin ſchlen⸗ ₰ mer ver ter: las ein hell wa tru Heſ obg doch Pla de⸗ da tete wel der und ſtell ode die verl wen Geſ bew die heint urus ſich, de der man tigen amen obert den tfin⸗ von eiden ieſer von ahlen rLu⸗ iſchen chlen⸗ 117 Er kam nach der Rue d'Ulm. Wenn ihn Jemand gefragt, wie er dahin gekom⸗ men und durch welche Straßen, würde Ludovie ſehr verlegen geworden ſein. Durch die ſchlecht geſchloſſenen Läden des Par⸗ terre, welches die Brocante, Babolin, Phares, Baby⸗ las und ſeine Genoſſen bewohnten, gewahrte Ludovic ein ſchwaches Licht. Dieſes Licht wurde abwechſelnd heller oder dunkler, ein Beweis, daß man noch auf war und daß man es von einem Zimmer ins andere trug. Ludovic näherte ſich und legte ſein Auge an die Heffnung, wie einer, der damit vertraut iſt. Aber obgleich das Fenſter halb geöffnet war, konnte Ludovic doch bezüglich der Stellung der Perſonen und des Platzes, den ſie einnahmen, nichts ſehen. Wovon er ſich überzeugt, das war, daß Roſe⸗ de⸗Noel noch nicht in das Entreſol hinaufgeſtiegen, da dort nichts auf die Anweſenheit des Kindes deu⸗ tete, weder die Nachtlampe mit ihrem ſanften Lichte, welche in dem Zimmer brannte, noch der Roſenſtock, der die Blume enthielt, welche ſeinen Namen trug, und den ſie, wenn ſie in ihr Zimmer kam, ans Fenſter ſtellte, da Ludovic ihr ſtreng verboten hatte, Blumen oder Pflanzen im Zimmer zu haben, wenn ſie ſchlief. Und Ludovic lauſchte, da er nicht ſehen konnte. Die Rue d'Ulm, welche bei Tage ſchon ſtill, wie die Vorſtadt einer Provinzſtadt, war um dieſe Zeit verlaſſen, wie eine Landſtraße. Man konnte deßhalb, wenn man unausgeſetzt horchte, beinahe wörtlich das Geſpräch der Perſonen hören, welche das Parterre bewohnten. 118 „Was haſt Du denn, mein Liebling?“ fragte die Brocante. Dieſe Frage war offenbar die Folge eines vor der Ankunft Ludovics begonnenen Geſprächs. Aber Niemand antwortete. „Nun, ich frage Dich, was Du haſt, mein Juwel,“ wiederholte die Zauberin mit unruhigerer Stimme. Trotz dieſer verdoppelten Theilnahme dieſelbe Stille. „O, o! der Liebling und das Juwel, an den Du Dich wendeſt, Mutter Brocante, iſt ein Gaſſenjunge und Grobian, daß er Dir nicht antwortet,“ ſagte Ludovic;„das iſt ohne Zweifel der Schuft von Ba⸗ bolin, der ſchmollt oder den Kranken ſpielt.“ Die Brocante fuhr mit ihren Fragen fort, aber immer ohne die geringſte Antwort zu bekommen, nur konnte man bemerken, daß auf einer unſichtbaren Tonleiter ihre Stimme von dem Tone der Sanftheit bis zum Tone der Drohung ſtieg. „Wenn Du nicht antworteſt, Babylas,“ ſagte endlich die Zigeunerin,„ſo verſpreche ich Dir, mein Liebling, daß Du einen ſchlimmen Tanz bekommen ſollſt. Hörſt Du?“ Ohne Zweifel glaubte die Perſon oder vielmehr das Thier, an das ſich nach und nach die Fragen richteten, die wir erlauſcht, daß Gefahr für ſeine Haut vorhanden ſei, wenn es länger Stillſchweigen beobachte, denn es antwortete durch ein Knurren, das, ſich ins Unendliche verlängernd, zuletzt in ein ſchrecklich trauriges Geheul überging. „Was haben wir denn, mein armer Babylas?“ rief die Brocante, indem ſie einen Ton ausſtieß, Ur gu die vor vel,“ ne. ſelbe Du unge ſagte Ba⸗ aber nur aren ftheit ſagte mein nmen mehr tagen ſeine eigen wren, n ein as?“ ſtieß, 119 das eine gewiſſe philologiſche Aehnlichkeit mit dem Knurren ihres Lieblingshundes hatte. Babylas, der dieſe neue Frage ganz wohl ver⸗ ſtanden zu haben ſchien, antwortete ohne Zweifel durch ein neues ausführlicheres Knurren, als das erſte, denn die Brocante rief mit dem Tone des leb⸗ hafteſten Erſtaunens: „Iſt es möglich, Babylas?“ „Ja,“ antwortete der Hund in ſeinem Idiom. „Babolin!“ rief die Brocante,„Babolin! kleiner Bettler!“ „Was gibt's? was gibt's?“ fragte Babolin, zur Unzeit aus ſeinem erſten Schlaf geriſſen. „Meine Karten, Schurke!“ „Hlolo! Karten um dieſe Stunde, gut, gut, gut, es fehlt uns nur das noch!“ „Meine Karten, ſage ich Dir.“ Aber Babolin antworteté nur durch eine Art Knurren, welches andeutete, daß der gute Alte der Mutterſprache von Babylas nicht fremd war. „Laß es mich nicht zweimal ſagen, elendes Büb⸗ chen!“ ſagte die Alte. „Was wollt Ihr mit Euren Karten um dieſe Stunde thun?“ ſagte der Straßenjunge in dem Tone eines Mitunterredners, der daran zu verzweifeln be⸗ ginnt, ſeinem Gegner Vernunft beizubringen.„Eure Karten, das iſt hübſch, geht! Wenn die Polizei wüßte, daß Ihr die Karten zu ſo ungebührlicher Zeit, zwei Uhr Morgens, ſchlagt...“ „O mein Gott!“ ſagte die ſanfte Stimme Roſe⸗ de⸗Noöls,„iſt es wahr, daß es zwei Uhr Mor⸗ gens iſt?“ 120 „Nein, Töchterchen, es iſt kaum Mitternacht,“ ſagte Babolin,„ſieh nur ſelbſt zu.“ Wie um den Streit zu ſchlichten, ſchlug die Pen⸗ deluhr halb. „Da hörſt Du's ja, es ſchlägt ein Uhr!“ rief Babolin. „Das heißt halb ein Uhr,“ warf die Brocante ein, die nicht das letzte Wort haben wollte. „O ja, halb ein Uhr. Wer ſagt das? Dein ver⸗ wünſchter Kuckuck, der nur mit einem Flügel ſchlägt. Nun, guten Abend, Mama! ſeid recht freundlich und laßt den armen Babolin ruhig pioncer(ſchnarchen).“ Wir bitten den Leſer wegen des Wortes pioncer um Entſchuldigung; aber es war damals noch ge⸗ läufig. Die Brocante ſchien übrigens die Tragweite des Wortes ganz gut zu begreifen, denn ſie rief: „Warte, warte, ich will Dich pioncer, ich!“ Ohne Zweifel begriff Babolin ſeinerſeits, auf welch' unhöfliche Art die Brocante ihn einſchläfern oder vielmehr aufwecken wollte, denn er ſprang von ſeinem Bette am Boden auf, und von der Erde auf die Strickpeitſche, nach welcher die Brocante die Hand ausſtreckte. „Ich will nicht die Strickpeitſche von Dir,“ ſagte die Brocante,„ſondern die Karten.“ „Nun, da ſind ſie, Eure Karten,“ indem er ſie der Brocante apportirte und die Strickpeitſche hinter ſeinem Ruͤcken verbarg. Dann fügte er commentarweiſe hinzu: „Wenn das einem nicht den Schweiß austreibt, eine Frau in vorgerücktem Alter ihre Zeit mit ſol⸗ — S 7 62 S) c— — je es uf n on uf nd gte ſie ter bt, ol⸗ 121 chen Dummheiten zubringen zu ſehen, ſtatt ruhig ſich ſchlafen zu legen!“ „Iſt es möglich, daß Du in dem Alter, dem Du Dich mit Rieſenſchritten näherſt, ſo unwiſſend biſt!“ ſagte die Brocante mit einer Bewegung voll Verachtung;„aber Du ſiehſt nichts, Du hörſt nichts, Du bemerkſt nichts.“ „Wenn ich aber ſehe, daß es ein Uhr Morgens⸗ iſt; wenn ich höre, daß ganz Paris ſchnarcht, aus⸗ genommen wir, und wenn ich Euch bemerke, daß jetzt der Augenblick gekommen, dem Beiſpiel von ganz Paris zu folgen.“ „Ich bemerke Euch(je vous observe),“ war vielleicht kein ſehr reines Franzöſiſch: aber man er⸗ innert ſich wohl, daß die Erziehung Babolins ziem⸗ lich vernachläſſigt war. „Ja, ſcherze, ſcherze nur, Unglücklicher!“ rief die Brocante, indem ſie ihm die Karten aus der Hand riß. „Aber Tag des Himmels! Mutter, was wollt Ihr denn, daß ich bemerken ſoll?“ ſagte Babolin, indem er ein ungemein energiſches und langes Ge⸗ bell ausſtieß. „Du haſt alſo Babylas nicht gehört?“ „O ja, Deinen Liebling, es fehlt nur noch das, daß man ſich verbunden fühlen müßte, den Herrn zu hören.“ 3„Du haſt ihn alſo nicht gehört? wiederhole ich i „Nun wohl, ich habe ihn gehört.“ „Was hat er gethan?“ „Er hat geſeufzt.“ 122 „Und aus ſeiner Klage haſt Du keinen Schluß gezogen?“ „Doch.“ „Nun gut! Welchen Schluß haſt Du daraus ge⸗ zogen? Wir wollen hören.“ „Würdet Ihr mich ſchlafen laſſen, wenn ich's Euch ſage.“ „Ja, Träger „Nun gut, ich habe den Schluß daraus gezogen, daß er an einer Unverdaulichkeit leidet. Er hat dieſen Abend wie vier gegeſſen und hat wohl das Recht, wie zwei zu ſeufzen.“ „Fort,“ ſagte die Brocante wüthend,„lege Dich, elender Gaſſenfunge! Du wirſt in der Haut eines Blödſinnigen ſterben, das prophezeie ich Dir!“ „Nun, nun, Mama, beruhigt Euch; Ihr wißt, daß Eure Prophezeiungen keine Worte des Evange⸗ liums ſind und da Ihr mich aufgeweckt, ſo erklärt mir das Knurren von Babylas.“ „Ein Unglück ſchwebt über unſeren Häuptern, Babolin.“ „Ein Unglück?“ „Ein großes Unglück: Babylas heult nicht ohne Urſache.“ 1 „Ich begreife wohl, Brocante, daß Babylas, dem nichts fehlt, der hier wie der Hahn im Korbe iſt, nicht zum Vergnügen und ohne Grund heult; aber worüber heult er. Höre, warum ſeufzeſt Du, Ba⸗ bylas?“ „Das werden wir ſehen, wenn wir ſeine Karten ſchlagen. Komm hierher, Phares!“ Phares folgte dieſer Aufforderung nicht. irt rn, ne em iſt, ber Ba⸗ ten 123 Die Brocante rief ihn zum zweiten Male; aber die Krähe wich nicht von der Stelle. „Parbleu! um dieſe Stunde,“ ſagte Babolin, „iſt das nicht zu verwundern: es ſchläft das arme Thier; ſie hat Recht und ich tadle ſie nicht darob.“ „Roſe,“ ſagte die Brocante. „Mutter,“ antwortete das Kind, ſeine Lectüre zum zweiten Male unterbrechend. „Laß Dein Buch, Kleine, und rufe Phares.“ „Phares! Phares!“ ſang das junge Mädchen mit ſeiner ſanften Stimme, die zu Ludovics Herzen wie der Geſang eines Vogels wiedertönte. Die Krähe ſprang alsbald aus ihrem Glocken⸗ thurm, beſchrieb unter dem Plafond vier oder fünf Kreiſe und ſetzte ſich dann auf die Schulter des jun⸗ gen Mädchens, wie wir ſie ſchon früher in dem Ka⸗ pitel thun ſahen, in welchen wir den Leſern das In⸗ nere der Wohnung der Brocante zeigten. „Aber was habt Ihr denn, Mutter?“ fragte das Kind;„Ihr ſcheint ganz bewegt!“ „Ich habe ſehr traurige Ahnungen, meine kleine Roſe,“ antwortete die Brocante;„ſieh, wie unruhig Babylas iſt, wie Phares beſtürzt iſt; wenn die Kar⸗ ten nach alle dem noch ſchlecht liegen, ſo muß man auf Alles gefaßt ſein.“ „Ihr erſchreckt mich, Mutter!“ ſagte Roſe⸗de⸗ oel. „Aber was will ſie denn, die alte Zauberin?“ murmelte Ludovic,„und wozu denn dem Herzen des armen Kindes Angſt einjagen? Zum Teufel! obgleich ſie davon lebt, und gerade weil ſie davon lebt, weiß ſie auch wohl, daß ihre Karten Charlatanerie ſind. 124 Ich hätte gute Luſt, ſie, ihre Krähe und ihre Hunde zu ſtranguliren.“ Die Karten waren ſchlecht. „Wir müſſen auf Alles gefaßt ſein, Roſe!“ ſagte die Here ſchmerzlich, die, was Ludovic auch davon ſagen mochte, ihr Zauberhandwerk ernſtlich nahm. „Aber, gute Mutter,“ ſagte Roſe,„wenn die Vorſehung erlaubt, daß Du vor Deinem Unglück ge⸗ warnt werdeſt, ſo muß ſie Dir zugleich auch die Mit⸗ tel geben, ihm auszuweichen.“ „Du liebes Kind!“ murmelte Ludovic. „Rein,“ ſagte die Brocante,„nein, das iſt das Traurige; ich ſehe das Unglück nahen und weiß ihm nicht zu entkommen.“ „Nun denn, die Schöne rückt vor!“ ſagte Ba⸗ bolin. „Ach! mein Gott! mein Gott!“ murmelte die Brocante, die Augen zum Himmel erhebend. „Gute Mutter! gute Mutter!“ machte Roſe,„das iſt vielleicht nichts, wir dürfen uns nicht beunruhigen: was für ein Unglück kann uns denn begegnen? Wir haben nie Jemanden etwas Böſes gethan! wir wa⸗ ren nie ſo glücklich; Herr Salvator wacht über uns.. ich liebe...“ Sie hielt inne; das naive Kind wollte ſagen: „Ich liebe Ludovic!“ was ihr der Gipfel des Glücks zu ſein ſchien. „Du liebſt was?“ fragte die Brocante. „O Du liebſt was?“ machte Babolin. Dann fuhr er mit leiſer Stimme fort:„Sprich doch, Roſette, die Brocante glaubt, Zucker, Honig und getrocknete Trauben ſei alles, was Du liebſt! )— l — S — b 125 Ol ſie iſt gut, die Brocante, herrlich, die Bro⸗ cante!“ Und Babolin begann nach einer bekannten Me⸗ lodie zu ſingen: Wir lieben von Herzen, wie Jedermann weiß, Herrn Lu, Lu, Lu, Herrn do, do, do, Herrn Lu, Herrn do, Herrn Ludovic heiß... Aber Roſe⸗de⸗Nosl warf dem ſchrecklichen Gaſſen⸗ jungen einen ſo ſüßen Blick zu, daß dieſer plötzlich abbrach und ſagte: „Nun wohl, nein, nein, Du liebſt ihn nicht! Biſt Du zufrieden, kleine Schweſter meines Herzens? Sprich doch, Brocante; es ſcheint mir nicht ſchwer, Verſe wie Herr Jean Robert zu machen: Du ſiehſt, ich mache unwillkürlich welche. Ach! es iſt entſchie⸗ den, ich mache mich zum Dichter.“ Aber alles was Roſe⸗de⸗Noel oder Babolin ſagen konnten, war nicht im Stande, die Brocante aus ihren Träumen zu reißen. Sie drängte deßhalb, mit düſterem Tone wieder beginnend: „Geh' hinauf in Dein Bett, mein Kind! Und Du magſt das auch thun, Träger!“ fügte ſie an Babolin gewandt, der ſo heftig gähnte, daß die Kinn⸗ laden beinahe aus den Fugen gingen;„ich werde indeß nachſinnen und das Unglück zu beſchwören ſuchen. Lege Dich zu Bette, mein Kind.“ „Ach!“ machte Ludovic aufathmend,„das iſt das 126 erſte vernünftige Wort, das Du ſeit einer Stunde ſprichſt, alte Hexe.“ Roſe⸗de⸗Noel ſtieg in ihr Entreſol hinauf; Ba⸗ bolin machte ſich's wieder in ſeinem Neſte zurecht und die Brocante ſchloß, ohne Zweifel um beſſer nach⸗ denken zu können, das Fenſter. L. Paul und Virginie. Ludovic ging dann über die Straße und ſtützte ſich an das gegenüberliegende Haus; von dort beob⸗ achtete er die Fenſter von Roſe⸗de⸗Nosl, welche ſich durch ihre kleinen weißen Vorhänge erleuchteten. Seit dem Augenblicke, da die Liebe zögernd in ſeinem Herzen Einzug gehalten, hatte Ludovic alle Tage und den ganzen Tag von Roſe⸗de⸗Noel ge⸗ träumt und einen Theil der Nacht unter den Fen⸗ ſtern des Kindes zugebracht, wie Petrus vor der Thüre ſeiner Regina auf und ab ging. Es war eine ſchöne Sommernacht; die Atmoſphäre war von jenem durchſichtigen leuchtenden Blau, das der Himmel von Neapel auf den Golf von Baià er⸗ gießt. Statt des abweſenden Mondes ſtreuten die Sterne ihre hellſten und ſanfteſten Lichter aus. Man glaubte ſich in eine jener tropiſchen Landſchaften ver⸗ ſetzt, wo, wie Chateaubriand ſagt, die Dunkelheit nicht Nacht, ſondern nur die Abweſenheit des Tages iſt. Ludovic genoß, während er die Augen auf die Fenſter Roſe⸗de⸗Noels heftete, und ſein Herz von den ſüßeſten Gefühlen bewegt war, in träumeriſches de U⸗ ht zte ob⸗ ich lle ge⸗ en⸗ der äre s er⸗ die an er⸗ icht iſt. die on hes 127 Sinnen verſunken, die unausſprechlichen Süßigkeiten dieſer Nacht. Er hatte Roſe nicht geſagt, daß er kommen würde; es war kein Rendezvous zwiſchen ihm und dem lie⸗ ben Kinde verabredet; da ſie jedoch wußte, daß es ſehr ſelten vorkomme, daß der junge Mann gegen Mitternacht oder ein Uhr Morgens nicht da ſei, er⸗ wartete er auch, daß ſie, ſobald ſie in ihrem Zimmer wäre, die Fenſter öffnen würde; was ihn überdies in dieſer Erwartung beſtärkte, iſt, daß die Fenſter, kaum einen Augenblick durch den Reflex der Lichter erhellt, wieder dunkel wurden. Roſe⸗de⸗Noel hatte das ver⸗ rätheriſche Licht in ein kleines Cabinet geſtellt. Dann öffnete ſich leiſe das Fenſter und während ſie ihren Roſenſtock auf die Fenſterbank ſtellte, ſchweifte der Blick Roſe⸗de⸗Noels durch die Straße. Ihre Augen, welche noch voll Licht waren, konn⸗ ten einen Moment lang Ludovic in dem Schatten, der ſich unter der Thüre des gegenüberſtehenden Hauſes ausbreitete, nicht erkennen. Aber Ludovic hatte Alles geſehen, und ſeine Stimme, welche aus der Entfernung herüber drang, machte, daß das Kind bis in die Tiefe ſeines Herzens erzitterte. „Roſe!“ hatte die Stimme geſagt. „Ludovic?“ antwortete Roſe. Denn wer anders, als Ludovic konnte Roſe mit einer ſo ſüßen Stimme rufen, daß dieſe Stimme wie ein Seufzer der Nacht erſchien? Ludovic machte nun einen Sprung und mit die⸗ ſem Sprung ſetzte er über die Straße. Vor dem Hauſe der Brocante war einer jener hohen Eckſteine, wie man ſie nur noch an den Ecken 128 ver alten Häuſer des Marais findet. Ludovic ſprang mehr auf den Eckſtein, als er ſtieg. Oben ange⸗ kommen, konnte er, wenn er die Hand ausſtreckte, die beiden Hände von Roſe⸗de⸗Roel ergreifen und ſie preſſen. Er drückte ſie lange, ohne etwas zu ſagen, nichts anderes murmelnd, als die Worte: „Roſe, liebe Roſe!“ Roſe murmelte nicht mal den Namen des jungen Mannes; ſie ſah ihn an und ihre Bruſt, welche ſanft wogte, athmete Leben und Glück. Was hatten ſie auch nöthig, unnütze Worte aus⸗ zutauſchen, dieſe beiden Kinder, von denen eines ſo klug wie das andere war, um das Rechte zu fühlen, und eines ſo unwiſſend, wie das andere, um den rechten Ausdruck zu finden? Ihr ganzes Herz war in dem zärtlichen Druck aufgegangen. Ihre Stimme hätte kein Wort zu dieſem Concerte hinzuge⸗ fügt, wo die Blicke Lieder ſind. Ludoviec hielt Roſe⸗de⸗Noels Hände in den ſeinen, ohne daß Roſe daran dachte, ſie zurückzuziehen. Er betrachtete ſie mit jener ſüßen Ertaſe, in die das Kind oder der Blinde, die zum erſten Male das Licht erblicken, getaucht ſind. Und das Stillſchweigen brechend, ſagte er: „Ach! Roſe! liebe Roſe!“ „Freund!“ antwortete Roſe. Und in welchem Tone ſagte ſie jenes einfache Wort Freund? mit welch liebenswürdiger Betonung? wir wüßten es nicht wiederzugeben. Aber dieſes eine Wort machte Ludovic vor Entzücken zittern. „O ja, Dein Freund, Roſe!“ ſagte er;„der zärtlichſte, der ergebenſte, der ehrfurchtsvollſte Freund an ins ſter ſtel zw ſtel dar bli Lu der bor ten ind ng ge⸗ kte, ſie en, gen lche us⸗ len, den erz hre uge⸗ nen, die das 129 . Dein Freund, Dein Bruder, meine ſüße Schweſter!“ Als er dieſe Worte ausſprach, hörte er ein Ge⸗ räuſch von Schritten; dieſes Geräuſch, obgleich man es merklich leiſer zu machen ſuchte, ſcholl in der ein⸗ ſamen Straße, wie auf dem ſonoren Pflaſter einer Cathedrale. „Es iſt Jemand da!“ ſagte er. Und dabei ſprang er von ſeinem Eckſtein. Dann raſch über die Straße eilend, ſuchte er ſich an der Ecke der Rue d'Ulm und der Rue des Poſtes ins Dunkel zu ſtellen. Von Ferne gewahrte er zwei Schatten. Während dieſer Zeit ſchloß Roſe⸗de⸗Noél ihr Fen⸗ ſter wieder, blieb jedoch ſicher hinter dem Vorhang ſtehen. Die beiden Schatten näherten ſich: es waren zwei Männer, die ein Haus zu ſuchen ſchienen. Vor dem der Brocante angekommen, blieben ſie ſtehen, betrachteten das Parterre, dann den Entreſol, dann den Eckſtein, auf welchem vor einem Augen⸗ blicke noch Ludovic geſtanden. „Was wollen dieſe beiden Menſchen?“ fragte ſich Ludovic, indem er über die Straße ging und ſich an der Mauer hinſchlich, um möglichſt nahe zu kommen. Er ging leiſe vorwärts und hielt ſich ſo gut ver⸗ borgen, daß die beiden Unbekannten ihn nicht gewahr⸗ ten und er den Einen hören konnte, welcher ſagte: „Hier iſt es.“ „Hm! was will das bedeuten,“ dachte Ludovic, indem er ſeine Kapſel öffnete und das Se⸗ Dumas, Salvator. Iv. 130 cirmeſſer herausnahm, um im gefährlichen Fall eine Waffe zu haben. Aber die beiden Männer hatten ohne Zweifel Alles geſehen, was ſie ſehen wollten, hatten Alles geſagt, was ſie zu ſagen hatten; denn ſich umwen⸗ dend, ſchritten ſie quer über die Straße und entfern⸗ ten ſich durch die Rue des Poſtes. „O, o!“ murmelte Ludovie,„ſollte Roſe⸗de⸗Noél wirklich eine Gefahr bevorſtehen, wie die Brocante prophezeit?“ Roſe hatte ſich, wie geſagt, zurückgezogen und das Fenſter geſchloſſen; aber wie wir ebenfalls ge⸗ ſagt, war ſie hinter dem Vorhange ſtehen geblieben; durch eine Ecke der Scheibe ſah ſie die beiden Män⸗ ner ſich durch die Rue des Poſtes entfernen. Als die beiden Männer verſchwunden waren, öffnete ſie das Fenſter wieder und zeigte ſich aufs Neue. Ludovie ſtellte ſich auf ſeinen Eckſtein und nahm die beiden Hände des jungen Mädchens wieder. „Was war es denn, Freund?“ fragte ſie. „Nichts, liebes Röschen,“ antwortete Ludovic. „Ohne Zweifel zwei Verſpätete, die Kch Hauſe gingen.“ „Ich hatte Furcht,“ ſagte Roſe. „Ich auch,“ murmelte Ludovic. „Du auch,“ ſagte das junge Mädchen,„Du! Du hatteſt Furcht? Ich konnte wohl Furcht haben, denn die Brocante hatte mir Angſt eingejagt...“ Ludovic machte ein Zeichen mit dem Kopfe, wel⸗ ches beſagen wollte:„Wahrhaftig! Ich weiß es wohl.“ „Ich muß Dir ſagen, lieber Freund,“ fuhr Roſe fort das O! dach komt was in 2 meh ſo g aufz ich t eine verg Din man klein ſcher track Roſe Fral der Pau eine eifel Alles wen⸗ fern⸗ Noel cante und ge⸗ ben; Nän⸗ aren, aufs ahm ovic. auſe Du! ben, A wel⸗ hl.“ Roſe 131 fort,„daß ich im Zuge war— das Buch zu leſen, das Du mir gegeben, Du weißt, Paul und Virginie. O! was das hübſch iſt! ſo hübſch, daß ich nicht daran dachte, mich zu Bette zu legen.“ „Liebe, kleine Roſe!“ „Ja, es iſt wahr; ich wußte jedoch, daß Du kommen mußteſt. Nun, ich ging nicht herauf... was ſagte ich nur?“ „Du ſagteſt, mein Kind, daß die Brocante Dich in Angſt gejagt.“ „Ach ja, richtig; aber ſieh, ich habe keine Furcht mehr.“ „Du ſagteſt auch, daß Paul und Virginie Dich ſo gut unterhalten, daß Du nicht daran gedacht, her⸗ aufzukommen.“ „Nein; denke Dir, daß es mir war, als wenn ich träumte und als wenn dieſer Traum mich in eine Zeit meines Lebens zurückführte, die ich längſt vergeſſen. Sage doch, Ludovic, Du, der Du ſo viele Dinge weißt, iſt es wahr, daß man ſchon gelebt, ehe man auf die Welt kommt?“ „O armes Kind, Du entblätterſt da mit Deinen kleinen Händen das große Geheimniß, das die Men⸗ ſchen ſeit ſechstauſend Jahren mit der Loupe be⸗ trachten.“ „So weißt Du alſo nichts darüber?“ antwortete Roſe mit trauriger Miene. „Leider, nein! aber warum machſt Du mir dieſe Frage?“ „Warte, ich will es Dir ſagen: weil es mir bei der Lectüre der Beſchreibung des Landes, welches Paul und Virginie bewohnten, jener großen Wälder, 132 jener friſchen Cascaden, jener leuchtenden Waſſer, jenes azurblauen Himmels, weil mir bei dieſer Lecture war, als hätte ich in meinem erſten Leben, in einem Lande, deſſen ich mich erſt erinnere, ſeit ich Paul und Virginie geleſen, einem Lande wie das ihre gewohnt, mit Bäumen voll großer Blätter, Früchten wie mein Kopf, mit ungeheuren Wäldern, mit einer goldenen Sonne, mit einem himmelblauen Meere. Sieh' zum Beiſpiel, das Meer, ich habe es niemals geſehen; und wenn ich nun die Augen ſchließe, ſo iſt es mir, als läge ich in einem Hamak, wie der von Paul und eine Frau ſchwarz wie Domingo wiege mich, indem ſie mir ein Lied ſinge. Ach, mein Gott! mein Gott! es ſcheint mir wenig zu fehlen, ſo erinnere ich mich der Worte des Liedes, das ſie mir ſingt. Warte! warte!...“ Und Roſe⸗de⸗Noel ſchloß die Augen und machte einen Verſuch, im tiefſten Grunde ihres Gedächtniſſes nachzuforſchen. Aber Ludovic drückte ihr lächelnd die Hand. „Strenge Dich nicht an, kleine Schweſter,“ ſagte er,„es wäre unnütz, wie Du ſagteſt, es iſt ein Traum; Kind, Du würdeſt Dich doch einer Sache nicht erin⸗ nern, die Du weder geſehen, noch gehört.“ „Es iſt möglich, daß es ein Traum iſt,“ ſagte Roſe⸗de⸗Noel traurig;„aber jedenfalls habe ich im Traume ein ſehr ſchönes Land geſehen.“ Und ſie verſank in eine füße und tiefe Träumerei. Ludovic ließ ſie träumen; denn durch die Dun⸗ kelheit ſah er ihr Lächeln über ſeinem Haupte ſtrahlen. Da dieſe Träumerei jedoch ſeiner Anſicht nach etwas zu lange dauerte, ſagte er: arme untet was einer Ludo werd „den dieſe aſſer, cture einem Paul ohnt, mein denen zum ehen; mir, Paul mich, mein nnere ſingt. nachte niſſes d. ſagte aum; erin⸗ ſagte h im merei. Dun⸗ ahlen. nach 133 „Die Brocante hatte Dir alſo Angſt eingejagt, armes Kind?“ „Ja,“ murmelte Roſe, den Kopf von oben nach unten werfend, ohne jedoch ganz bei dem zu ſein, was Ludovie ſagte. Dieſer las in den Gedanken des Kindes wie in einem Buche. Sie dachte an das ſchöne Land der Tropen. „Die Brocante iſt ein thöricht Weib,“ verſetzte Ludovic,„das ich ſelbſt ausſchelten will.“ Du?“ fragte Roſe⸗de⸗Noél erſtaunt. „Oder die ich durch Salvator ausſchelten laſſen werde,“ verſetzte der junge Mann etwas verlegen, „denn er kann bei euch ein freies Wort ſprechen, dieſer Salvator, nicht wahr?“ Die Frage riß das Kind vollends ganz aus ſei⸗ ner Träumerei. „O mehr als ein freies Wort, Freund,“ ſagte ſie,„er hat die ganze und volle Herrſchaft; alles was bei uns iſt, gehört ihm.“ „Alles?“ „Ja, alles, Sachen und Leute.“ „Du zählſt Dich doch hoffentlich weder unter die Sachen, noch unter die Leute, Roſe⸗de⸗Noel?“ fragte Ludovic. „Verzeihe mir, mein Freund,“ antwortete das ind. „Wie!“ ſagte Ludovic lächelnd,„Du gehörſt Salvator, meine liebe, kleine Roſe?“ „Gewiß.“ „Unter welchem Titel?“ „Gehört man nicht denen, die man liebt?“ 13⁴ „Du liebſt Salvator?“ „Mehr als Alles in der Welt.“ „Du?...“ rief Ludovic mit einer Art von Er⸗ ſtaunen, das ſich in einem Seufzer ausſprach. Und wirklich das Wort lieben im Munde die⸗ ſes jungen Mädchens und auf einen Andern ange⸗ wandt als ihn, verſetzte Ludovics Herz einen harten Stoß. „Du liebſt alſo Salvator mehr als Alles in der Welt?“ drängte er, als er ſah, daß Roſe⸗de⸗Noel ihm nicht antwortete. „Roſe!“ ſagte Ludovic traurig. „Nun, was haſt Du denn, mein Freund?“ „Du frägſt, was ich habe, Roſe?“ rief der junge Mann, der nahe daran war, ins Schluchzen auszu⸗ brechen. „Gewiß.“ „Du begreifſt alſo nicht?“ „Nein, wahrhaftig nicht.“ „Sagteſt Du mir nicht, Roſe, daß Du Salvator mehr als Alles auf der Welt liebeſt?“ „Ja, das ſagte ich Dir und ich wiederhole es;, wiefern kann Dir dies Kummer verurſachen?“ „Ihn mehr als Alles auf der Welt lieben, heißt das nicht, mich weniger als ihn lieben, Roſe?“ „Dich! weniger als ihn!.. Dich! was ſagſt Du da, mein Ludovic?... Ich liebe ja Salvator wie einen Bruder, wie einen Vater.„. während ich Lich Ma wie Sac zu was was Her wär beſt ſcha Här es i ſein küſſe beid ten, fühl Her miſe nEr⸗ die⸗ ange⸗ arten der Noel das unge uszu⸗ 135 „Während Du mich, Roſe?...“ fuhr der junge Mann zitternd vor Freude fort. „Während ich Dich, mein Freund, liebe.. wie 1 „Wie? Sprich, Roſe, wie liebſt Du mich?“ „Wie i „Vollende!“ „Wie Virginie Paul geliebt.“ Ludovic ſtieß einen Freudenſchrei aus. „O! liebes Kind! Noch einmal! noch einmal! Sage mir den Unterſchied zwiſchen der Liebe, die Du zu mir haſt, und aller andern Liebe! Sage mir, was Du für Salvator thun würdeſt! Sage mir, was Du für mich thun würdeſt!“ „Nun gut, ſo höre Ludovic: zum Beiſpiel, wenn Herr Salvator ſtürbe, o! ich wäre ſehr traurig! ich wäre ſehr unglücklich! ich würde mich niemals tröſten! aber wenn Du ſtürbeſt, Du... wenn Du ſtür⸗ beſt, Du,“ wiederholte das junge Mädchen leiden⸗ ſchaftlich,„wenn Du ſtürbeſt, würde auch ich ſterben!“ „Roſe! Roſe! liebe Roſe!“ rief Ludovic. Und ſich auf die Zehenſpitze ſtellend und die Hände des jungen Mädchens an ſich ziehend, gelang es ihm, ſeine Lippen auf das gleiche Niveau mit S Händen zu bringen und ſie voll Inbrunſt zu üſſen. Von dieſem Augenblicke an war zwiſchen den beiden jungen Leuten ein Austauſch nicht von Wor⸗ ten, nicht von Tönen, ſondern von den reinſten Ge⸗ fühlen und den ſüßeſten Gemüthsbewegungen. Ihre Herzen ſchlugen einen Schlag und ihr Athem ver⸗ miſchte ſich zu einem Athem. 136 Wer in dieſem Momente vorübergekommen wäre, und ſie ſo mitten in dieſer heitern Nacht umſchlun⸗ gen geſehen, hätte ſo zu ſagen ein Stück ihrer Liebe, eine Blume aus dieſem Strauße, eine Note aus die⸗ ſem Concert mit ſich fortgetragen. Es war wirklich nichts anbetungswürdiger, als dieſe Miſchung zweier reinen Seelen, zweier unent⸗ weihten Herzen, die von der Liebe nichts, als ihr geheimnißvolles Entzücken, ihre poetiſchen Ertaſen verlangen: es war das ſüßeſte, was die Feder und der Pinſel ſeit der liebenden Eva im Blumenpara⸗ dieſe bis zur Mignon von Göthe herab geſchaffen, dieſer andern Eva, welche am äußerſten Ende der Civiliſation nicht mehr im Eden des Berges Ararat, ſondern in den Gärten Böhmens geboren iſt. Wie viel Uhr war es? Sie wären in große Verlegen⸗ heit gekommen, wenn ſie es hätten ſagen müſſen, die armen Kinder. Val de Grace, Saint Jacques du Hautpas und Saint Etienne mochten die Viertelſtunden, die halben Stunden, die Stunden mit der ganzen Kraft ihres Hammers ſchlagen, ſie hörten es nicht und der Blitz hätte in die Straße einſchlagen können, ſie hätten ihm ſicher nicht mehr Aufmerkſamkeit geſchenkt, als dem unbekannten Ziel der vom Himmel fallen⸗ den Sterne. Und doch machte ein weit ſchwächeres Geräuſch, als die Stimmen der Uhren Ludovic plötzlich er⸗ zittern. Roſe⸗de⸗Noel hatte gehuſtet. Ein kalter Schweiß trat dem jungen Manne auf die Stirne. äre, lun⸗ ebe, die⸗ als ent⸗ ihr aſen und ara⸗ fen, der rat, Wie gen⸗ die und lben hres der ſie enkt, len⸗ ſch, er⸗ auf 137 O! dieſer Huſten, er erkannte ihn: es war der, welchen er mit ſo viel Mühe bekämpft und beſiegt. „Verzeihung! Verzeihung, Roſe, meine liebe Roſe!“ rief er. „Verzeihung, wofür. Was habe ich Dir zu ver⸗ zeihen, mein Freund?“ ſagte ſie. „Du haſt kalt, mein geliebtes Kind.“ „Ich kalt?“ ſagte das erſtaunte und zu gleicher Zeit über dieſe Aufmerkſamkeit Ludovics entzückte Kind. Das arme Kind hörte— mit Ausnahme von Salvator— nie mit ſolcher Beſorgtheit von ſich ſprechen. „Ja, Roſe, Du hatteſt kalt, Du haſt gehuſtet; es iſt ſpät, Du mußt Dich in Dein Zimmer zurück⸗ ziehen, Roſe.“ „Zurückziehen!“ ſagte ſie. Und ſie ſprach dieſes Wort mit einem Tone aus, als hätte ſie ſagen wollen:„Aber ich glaubte, wir würden ewig hier bleiben!“ Ludovic antwortete deßhalb auch auf den Ge⸗ danken, nicht auf das Wort. „Nein, meine liebe Roſe,“ ſagte er,„nein, un⸗ möglich, Du mußt Dich zurückziehen; es iſt nicht der Freund, der Dir dies ſagt, ſondern der Arzt, der es verordnet.“ „Gute Nacht denn, böſer Arzt!“ ſagte ſie traurig. Dann fügte ſie mit ihrem ſüßeſten Lächeln hinzu: „Auf Wiederſehen, mein liebſter Freund!“ Und indem ſie dies ſagte, beugte ſie ſich ſo tief zu Ludovic herab, daß die Locken ihrer Haare die Stirne des jungen Mannes berührten. 138 „O! Roſe!... Roſe!“ murmelte er liebevoll. Dann ſich auf die Zehenſpitzen ſtellend, erhob er ſeinen Kopf, verlängerte ſeinen ganzen Körper, ſo daß ſeine Lippen ſich auf der gleichen Höhe mit der weißen Stirne des jungen Mädchens befanden. „Ich liebe Dich, Roſe!“ ſagte er leiſe, indem er dieſe reine Stirne küßte. „Ich liebe Dich!“ wiederholte das junge Mäd⸗ chen, indem ſie den Kuß ihres Geliebten empfing. Dann verſchwand ſie und kehrte ſo raſch in ihren Käfig zurück, daß man hätte glauben können, ſie ſei fortgeflogen. Ludovic ſprang auf die Erde, aber er hatte nicht Zeit gehabt, drei Schritte rückwärts zu machen— denn er wollte beim Weggehen nicht einen Moment den Anblick des Fenſters verlieren— als dieſes Fenſter ſich wieder öffnete. „Ludovic!“ ſagte die ſanfte Stimme Roſe⸗de⸗ Noels. Der junge Mann ſprang vorwärts und war wieder auf dem Eckſtein, ohne zu wiſſen, wie er her⸗ aufgekommen. „Roſe,“ ſagte er,„biſt Du unwohl?“ „Nein,“ antwortete das junge Mädchen, den Kopf ſchüttelnd,„aber ich erinnere mich.“ „Wie! Du erinnerſt Dich! und weſſen?“ „Daß ich gelebt habe, ehe ich lebte,“ ſagte ſie. „Mein Gott!“ ſagte Ludovic,„biſt Du toll?“ „Nein; Du weißt, in dem ſchönen Lande, das ich eben wiederſah, als ich Kind war und wie Vir⸗ ginie in einem Hamak lag, und daß meine Wärterin eine gute Negerin, mit Namen... warte.. — —— 139 oh! ſie hatte einen wunderlichen Namen!... ſie hieß... Danae!... und daß eine gute Negerin, Namens Danae, während ſie meinen Hamak wiegte, ſang.“ Und Roſa ſang auf eine Wiegenmelodie, die erſten Worte ſuchend, als ob ſie ſich nur ſchwer und eines nach dem anderen ihrem Gedächtniſſe vergegen⸗ wärtigten: „Dodo! dodo! piti monde a maman! Mawan chanter, maman cuit vous nanan Ludovic betrachtete Roſe⸗de⸗Noel mit tiefem Er⸗ ſtaunen. „Warte, warte,“ fuhr dieſe fort: „Vaisseau qui là, si vou te sage, Porté poissons, porté bagage... „Roſe! Roſe!“ rief Ludovic,„weißt Du wohl, le c6 daß Du mich erſchreckſt?“ „Warte, warte,“ ſagte Roſe,„das Kind ant⸗ wortete: Mauvais, bon Dié! pas vée droumi, Moi vlé danger.. Die Mutter: Ca vou di là, Zami! Paix bouche à vou, n'a pas fait moi la peine! Fermé grands yeux, tendẽ coulẽ fontaine.. „Roſe! Roſe!“ 140 doch, es iſt noch nicht aus; das Kind ährt fort: Mauvais, bon Dié! pas vlé droumi, Moi vlé danser.. Die Mutter: Oa vous di la, Zami! Fourré dans fleurs pitis bras, piti téte; Moi voir là-pas cherché vous mõchant béte! Ce chien la mer qui rodé dans pois nous, Si vous pas bon, li caler nanan vous. Ti monde à moi! n'a pas fait moi la peine, Fermé grands yeux, tendé coulé fontaine. Das Kind: Maman bon Dié! moi vlé droumi, Pas vlé danger.. Die Mutter: Oui nanan pour Zami, Li va grandi! Li va droumi, droumi!..“ Roſa hielt inne. Ludovie keuchte. „Das iſt Alles!“ ſagte das Kind. Und ſie huſtete noch einmal. „Gehe jetzt zurück, gehe zurück,“ ſagte Ludovic, „wir werden ſpäter wieder davon ſprechen... Ja, ja, Du erinnerſt Dich an mich, liebe Roſe, ja, wie 14¹ Du ſo eben ſagteſt, wir haben ſchon einmal gelebt, ehe wir das Licht der Welt erblickten.“ Und Ludovic ſprang von dem Eckſtein herab. „Ich liebe Dich!“ rief ihm Roſe zu, indem ſie das Fenſter ſchloß. „Ich liebe Dich,“ gab ihr Ludovic ſo laut zurück, daß dieſe drei reizenden Worte noch durch das halb geſchloſſene Fenſter dringen konnten.„O!“ ſagte er dann bei ſich,„wie ſeltſam! Das iſt wohl ein creo⸗ liſches Lied, was ſie mir da geſungen. Woher kam denn das arme Kind, als die Brocante es auflas? .. Morgen gleich werde ich Salvator darüber be⸗ fragen. „Es müßte mich Alles täuſchen, wenn Salvator nicht mehr von Roſe⸗de⸗Noel wüßte, als er davon ſagt.“ In dieſem Augenblick ſchlug es drei Uhr und ein leichter weißlicher Lichtſtreifen, der ſich im Oſten zeigte, verkündete, daß der Tag nicht mehr zu er⸗ ſcheinen zögern werde. „Schlaſe wohl, liebes Kind meines Herzens,“ ſagte Ludovic.„Bis morgen!“ Und wie wenn Roſe⸗de⸗Nosl dieſe Worte gehört und ſie in ihrem Herzen ein Echo fänden, öffnete ſich das Fenſter wieder und das Kind rief Ludovic zu: „Bis morgen!“ LI. Der Boulevard des Invalides. Die Scene, welche zur gleichen Stunde auf dem Boulevard des Invalides, Hotel de la Mothe Houdan, 142 vor ſich ging, obgleich im Grunde mit den beiden Scenen, welche wir ſo eben erzählt, durchaus ähnlich war doch in der Form verſchieden. Bei Roſe⸗de⸗Noel war die Liebe noch in der Knospe. Bei Regina öffnete ſie den Kelch. Bei Frau von Marande war ſie in voller Blüthe. Welches iſt der köſtlichſte Moment der Liebe? Mein ganzes Leben habe ich dieſes Räthſel geſucht, ohne es finden zu können. Iſt es die Stunde, wo ſie entſteht? iſt es die Stunde, wo ſie wächst? iſt es die Stunde, wo ſie, nahe am Stilleſtehen, als duf⸗ tende und füße Frucht in das goldene Kleid der Reife fällt? Welches iſt der Augenblick, wo die Sonne ihre ſchönſten Strahlen hat? Iſt es im Morgenrothe? Iſt es im Mittagsglanze? Iſt es um die Stunde, wo ſie, zum Untergang ſich neigend, den Rand ihrer purpurnen Scheibe in die lauen Wogen des Meeres taucht? O! ein Anderer möge das ſagen, ein Anderer möge es ausſprechen, ein Anderer möge entſcheiden, wir würden zu ſehr fürchten, uns über eine ſo wich⸗ tige Frage zu täuſchen. Dies iſt denn auch der Grund, weßhalb wir nicht zu ſagen wiſſen, wer von Jean Robert, Ludovic oder Petrus der Glücklichſte und wer die ſüßeſten Freuden der Liebe bot, Frau von Marande, Roſe⸗de⸗Noel oder Regina. Damit man jedes beneide und vergleiche, wollen wir ſagen, welche Worte, welche Blicke, welches Lächeln der Trunkenheit die beiden Liebenden, oder 4 S— 8 c— 1— 8S„—— S„S— S, — ht r el 143 vielmehr die beiden Verliebten... finden wir ein Wort, lieber Leſer, finden wir ein Wort, ſchöne Le⸗ ſerin, um meinen Gedanken zu malen: die beiden Verliebten? nein, die beiden Liebenden?— welche Worte, welche Blicke, welches Lächeln der Trunken⸗ heit die beiden Liebenden in dieſer hellen und glän⸗ zenden Nacht austauſchten. Petrus war gegen halb ein Uhr vor dem Gitter des Hotels angekommen. Nachdem er ein Langes und Breites ſieben bis acht Touren auf dem Boulevard des Invalides ge⸗ macht, um zu ſehen, ob ihn Niemand beobachte, duckte er ſich an der Ecke, welche die rechtwinklige Mauerwand bildete, in welche das Gitter eingefügt war. Er ſtand dort ungefähr ſeit zehn Minuten, die Augen mit einem gewiſſen düſtern Ausdruck auf die geſchloſſenen Sommerläden geheftet, durch die er kein Licht gewahrte; er begann zu zittern, daß Regina nicht zum Rendezvous kommen könne, als er ein kleines hm! hm! ganz leiſe ausſprechen hörte, was auf die Anweſenheit einer zweiten Perſon auf der andern Seite der Mauer deutete. Petrus antwortete mit einem ähnlichen hm! hm! Und wie wenn dieſe beiden einſilbigen Worte dieſelbe Zauberkraft gehabt, wie das Wort Seſam, öffnete ſich die kleine, zehn Schritte von dem Gitter entfernte Thür auf geheimnißvolle Weiſe, ohne daß man ſelbſt die Hand bemerkte, die ſie außzog. Während dieſer Zeit hatte ſich Petrus an der Mauer von dem Gitter nach der Thüre hingeſchlichen. „Sind Sie es, meine gute Nanon?“ fragte 144 Petrus leiſe, als er mit ſeinen verliebten Augen durch die Dunkelheit der finſtern Lindenallee, welche bis zur Thüre fuͤhrte, jene alte Frau bemerkte, die jeder andere, als er, für ein Phantom gehalten haben würde. „Ich bin es,“ antwortete Nanon im gleichen Tone; denn es war wirklich die gute alte Amme Regina's. O, die Ammen! von der Amme der Phädra bis herab zu der St s, von der Amme Giulietta's bis zu der Regina's! „Und die Prinzeſſin?“ fragte Petrus. „Sie iſt hier.“ „Sie erwartet uns?“ „Ja.“ „Aber es iſt weder Licht an dem Fenſter ihres Zimmers, noch ihres Gewächshauſes.“ „Sie iſt am Rondel des Gartens. 6 Nein, ſie war nicht mehr dort, ſie war am Ende der Allee, wo ſie wie eine weiße Viſion erſchien. Petrus flog ihr entgegen. Zwei Worte vermiſchten ſich zwiſchen vier Lippen. „Liebe Regina!“ „Lieber Petrus!“ „Sie hatten mich alſo gehört?“ „Ich hatte Sie vermuthet.“ „Regina!“ „Petrus!“ Man hätte es für das Echo des erſten Kuſſes halten können, der ſich wiederholte. Dann zog Regina Petrus lebhaft fort. „Nach dem Rondel,“ ſagte ſie. Hi un hol in we ſich ma dur Eir wie Zw ein den gef wol hin hei mit rag der Br en che die ten en me bis a's 145 „Wo Sie wollen, meine Liebe.“ Und die beiden jungen Leute, ſchnellfüßig, wie Hippomenes und Atalante, ſchweigſam wie die Sylphen und Undinen, die, ohne ſie zu krümmen, über die hohen Gräſer des Blumenthals hinſchweben, kamen in einem Augenblicke nach dem Theile des Gartens, welchen man das Rondel nannte. Das Rondel, in welchem Petrus und Regina ſich niederließen, war das ſüßeſte Liebesneſt, das man ſich denken konnte: ſcheinbar von allen Seiten durch Hagebuchen umſchloſſen, wie das Rondel eines wahrhaften Labyrinthes, begriff man nicht, wo ein Eingang ſein ſollte, und war man drinnen, wie man wieder herauskommen ſollte; die Bäume, die ſchon unten am Stamme ſehr nahe bei einander ſtanden, waren an ihren Gipfeln ſo unentwirrbar mit ihren Zweigen verſchlungen, daß man es für die Maſchen eines Geſtrickes von grüner Seide halten konnte, was den beiden Liebenden, die ſich darunter befan⸗ den, das Ausſehen zweier in einem ungeheuren Netze gefangenen Schmetterlinge gab. Und doch waren die Blätter nicht ſo eng ver⸗ woben, daß die Strahlen der Sterne nicht hätten hindurchdringen können; aber mit welcher Schüchtern⸗ heit ſchienen ſie ſich durch dieſe Blätter zu ſtehlen, mit welch' unendlicher Vorſicht ſchienen ſie die Sma⸗ ragde auf den goldenen Sand zu ſtreuen. In dieſem Rondel war es noch dunkler, als an⸗ derwärts. Regina war köſtlich gekleidet, ganz weiß, wie eine Braut. Es war eine Soirée im Hotel, aber Regina hatte Dumas, Salvatvr. Iv. 10 146 Zeit gefunden, ihre Salontvilette mit einem großen⸗ Pudermantel von geſticktem Battiſt mit weiten Aer⸗ meln zu vertauſchen, der ihre prachtvollen Arme ſehen ließ; nur um Petrus nicht warten zu laſſen, hatte ſie ihre Juwelen anbehalten. Ihr Hals war mit einer Schnur feiner Perlen umgeben, die wie eben ſo viele Tropfen hart gewor⸗ dener Milch erſchienen; zwei Diamanten, jeder von der Größe einer Erbſe, glänzten in ihren Ohren; ein Strom von Brillanten war in ihre Haare er⸗ goſſen und Bracelets von Smaragd, Rubin, Saphir, in allen Formen, Ketten, Blumen und Schlangen um⸗ wanden ihre Arme. Sie war entzückend ſchön! Von glänzender und feiner Weiße wie der Mond und rings, wie dieſer, von Sternen umgeben! Als Petrus anhalten, aufathmen, ſtehen konnte, war er ganz geblendet. Niemand weniger, als dieſer junge Mann, der Maler, Dichter und Liebender zu⸗ gleich war, konnte ſich Rechenſchaft von dem Feen⸗ gemälde geben, das er vor Augen hatte; dies leuch⸗ tende und ſchauernde Gehölz, dieſer mooſige, von Veilchen und Leuchtwürmern durchzogene Boden, von welchen die Einen ihren Duft, die Anderen ihr Licht ausſtrahlten! auf einem nahen Zweige eine Nachtigall, welche ihr nächtliches Lied ſang und ihren Roſenkranz melodiſcher Töne abperlte, und ſie, Re⸗ gina! ſie! auf ſeinen Arm geſtützt! berauſchend und berauſcht! Der Mittelpunkt dieſes reizenden Gemäl⸗ des! Eine Statue von roſa Alabaſter!. Man wird zugeben, daß dies mehr war, als es brauchte, um einen Gleichgültigen verliebt und einen nd er, ite, ſer zu⸗ en⸗ ch⸗ on en, ihr ine ren Re⸗ ind äl⸗ es nen — 147 Verliebten verrückt zu machen; es war ein voller, echter Sommernachtstraum,— ein Traum der Liebe und des Glückes. Petrus gab ſich all dieſen Berauſchungen hin. Aber wie ſchrecklich für den armen Petrus! mit⸗ ten unter dieſen Berauſchungen war auch die des Reichthums. Gewiß wäre Regina ohne Perlen, ohne Diaman⸗ ten, ohne Rubine, ohne Smaragde, ohne Saphir im⸗ mer noch ſchön geweſen, denn ſie wäre Frau geblie⸗ ben; aber war es bei ihrem Namen Regina genug für ſie, Frau zu ſein, mußte ſie nicht auch ein wenig Königin ſein?. Leider! war es das, was ſich Petrus zugleich vor Liebe und Kummer ſeufzend ſagte: er erinnerte ſich des Geſtändniſſes, das er ſeiner Geliebten zu machen hatte. Er öffnete den Mund, um ihr Alles zu ſagen; aber es war ihm, als ob noch viele andere Worte, als die dieſes demüthigenden Geſtändniſſes auf ſeinen Lippen ſchwebten, auf der Schwelle ſeines Herzens ſich drängten. „Später! ſpäter!“ murmelte er leiſe. Und als Regina ſich auf eine Moosbank ſetzte, legte er ſich zu ihren Füßen, ihre Hände küſſend und zwiſchen den Juwelen, welche ihre Arme bedeckten, nach einem Platze ſuchend, auf den er ſeine Lippen preſſen könnte. Regina ſah wohl, daß alle dieſe Bracelets Petrus genirten. „Entſchuldigen Sie mich, mein Freund,“ ſagte ſie,„ich bin gekommen wie ich war. Ich wollte Sie 148 nicht warten laſſen; und dann hatte ich Eile, Sie zu ſehen. Helfen Sie mir, mich dieſer Juwelen ent⸗ ledigen.“ Dann drückte ſie ein Schloß nach dem andern an ihren Bracelets auf und ließ alle dieſe in Gold gefaßten Rubinen, Smaragde und Saphire wie einen Funkenregen um ſich her fallen. Petrus wollte ſie aufheben. „O, laſſen Sie das, laſſen Sie das!“ ſagte ſie mit jener ariſtokratiſchen Sorgloſigkeit des Reichthums, „das iſt Nanons Sache. Sieh, mein vielgeliebter Petrus, da ſind meine Arme und meine Hände: ſie gehören jetzt ganz Dir; keine Ketten mehr, nicht mal goldene; keine Feſſeln mehr, nicht mal diamantene!“ Was ſollte man darauf ſagen? Niederknien und anbeten. Petrus überließ ſich, wie der Indier, der ſüßen Träumerei, der ſtummen Betrachtung der Schönheit, einer Trunkenheit, die der des Hadſchidſchs glich. Nach einem ſtummen Augenblicke, während wel⸗ ches ſein Blick in den von Regina verſunken und ſeine Seele in der Seele des jungen Mädchens wie⸗ der aufzuleben ſchien, rief er in leidenſchaftlicher Begeiſterung: „O meine geliebte Regina! Gott kann mich jetzt zu ſich rufen, denn ich habe die Hände und die Lip⸗ pen jener unbekannten Blume berührt, welche man das menſchliche Glück nennt, und ich habe gelebt. Nie, ſelbſt in den kühnſten Hoffnungen nicht, hatte mein ſüßeſter Traum mir einen kleinen Theil der Freuden gegönnt, die Sie wie eine wohlthätige Göt⸗ tin über mich ausſtreuen. Ich liebe Sie, Regina, — 0— — ſi ſp — zu tzt p⸗ n t. tte er t⸗ a, 149 über jeden Ausdruck, über Zeit und Leben hinaus, und die Ewigkeit ſcheint mir kaum zu genügen, um Ihnen zu wiederholen: Ich liebe Dich, Regina, ich liebe Dich!“ Die junge Frau ließ von ſelbſt ihre Hand auf ſeine Lippen fallen. Regina ſaß, wie geſagt, und Petrus lag zu ihren Füßen; aber die Hand Regina's küſſend, erhob er ſich halb; den Arm um ihren Hals ſchlingend, erhob er ſich ganz. So kam es, daß er aufrecht ſtand und ſie ſaß. Auf dieſe Weiſe beherrſchte er ſie mit der ganzen Größe ſeines Wuchſes. Nun trat ihm der Gedanke an ſeine Armuth wieder vor die Seele und er ſtieß einen Seufzer aus. Regina zitterte: ſie verſtand wohl, daß dies ein Seufzer des Schmerzes und nicht der Liebe ſei. „Was haben Sie denn, mein Freund?“ fragte ſie mit einem gewiſſen Schrecken. „Ich? Nichts!“ ſagte Petrus, den Kopf ſchüttelnd. „Gewiß,“ ſagte Regina,„Sie ſindtraurig, Petrus; ſprechen Sie, ich will es.“ „Ich hatte ſchweren Kummer, meine Freundin.“ „Sie?“ „In letzter Zeit.“ „Und Sie haben mir nichts davon geſagt, Petrus? Nun, was iſt Ihnen denn geſchehen? Sprechen Sie, ſprechen Sie!“ Und Regina erhob den Kopf, um Petrus beſſer zu ſehen. 150 Seine ſchönen Augen waren voll Liebe und glänz⸗ ten wie die in ihrem Haare zerſtreuten Diamanten. Wenn nichts dageweſen, als die Augen Regina's, ſo hätte Petrus vielleicht geſprochen. Aber es waren auch Diamanten da. Die Diamanten blendeten ihn. O! war es nicht wirklich ein grauſames Geſtänd⸗ niß, das darin beſtand, dieſer großen Dame, die ebenſo reich als ſchön, zu enthüllen, daß ſie einen armen Teufel von Maler zum Geliebten habe, deſſen Meubles man in vier bis fünf Tagen im Aufſtreich verkaufe? Und dann dieſer arme Teufel von Maler, war er bei dem Geſtändniß ſeiner Armuth gegenüber der reichen Frau nicht gezwungen, zu gleicher Zeit ſeiner mackellofen Freundin zu geſtehen, daß er ein ſchlech⸗ ter Sohn habe ſein müſſen? Diesmal noch fehlte ihm der Muth. „Böſe,“ ſagte er,„iſt es nicht ein tiefer Kum⸗ mer, Paris verlaſſen und ſechs Tage leben zu müſ⸗ ſen, ohne Sie zu ſehen?“ Regina zog ihn an ſich, indem ſie ihm die Stirne darbot. Petrus preßte ſeine Lippen mit einem Zittern der Freude darauf, das ſeine Geſichtszüge erhellte. In dieſem Augenblicke berührte das aufſteigende Licht des Mondes gerade die Stirne von Petrus. Als ſie ihn durch dieſes doppelte Licht ſo glän⸗ zend beleuchtet ſah, konnte Regina einen Schrei der Bewunderung nicht zurückhalten. „Sie ſagen mir bisweilen, Petrus, doß ich ſchön ſei.“ d⸗ n en ch ar er h⸗ rn de in⸗ der 15¹ Der junge Mann unterbrach ſie. „Ich ſage es Ihnen immer, Regina!“ rief er; „wenn nicht mit meinen Lippen, ſo doch mit meinem Herzen.“ „Nun, laſſen Sie mich Ihnen einmal ſagen, daß Sie ſchön ſind!“ „Wie?“ ſagte Petrus erſtaunt. „Laſſen Sie mich Ihnen ſagen, daß Sie ſchön ſind und daß ich Sie liebe, mein edler van Dyk. Ich ſah geſtern im Louvre das Portrait des großen Ma⸗ lers, deſſen Talent Ihnen Gott gegeben und deſſen Namen ich Ihnen gebe. Als ich mich erinnerte, in Genua die Liebesgeſchichte van Dyks mit der Gräfin von Brignoles erzählen gehört zu haben, war ich im Begriffe, Ihnen zu ſagen...— ſieh, wie ſich das glücklich trifft, mein Petrus, daß ich Dich in jenem Momente nicht traf!— ich war im Begriffe, Dir zu ſagen: Ich gehöre Ihnen, wie ſie ihm gehörte, denn Sie ſind ſchön wie er, und ich liebe Dich gewiß noch mehr, als ſie ihn liebte!“ Petrus ſtieß einen Freudenſchrei aus. Dann ließ er ſich neben ihr nieder, umſchlang ihre Hüfte und zog ſie ſanft an ſich. Regina bog ſich wie ein Palmbaum unter dem Abendwind, und ihr Haupt auf Petrus' Bruſt ſen⸗ kend, hörte ſie lächelnd die raſcheren Schläge des Herzens, deren jeder ihr ſagte:„Regina, ich liebe Dich!“ Es war wirklich eine reizende Gruppe, dieſe ſchönen jungen Leute, ſo eng umſchlungen, und der Engel des Glückes hätte ſie ſollen in dieſer Ekſtaſe verſteinern. 152 Das Wort erſtarb auf ihren Lippen. Was hat⸗ ten ſie ſich zu ſagen? Der Athem von Petrus lieb⸗ koste die Haare der jungen Frau und ließ ſie er⸗ zittern, wie eine Sinnpflanze unter dem Hauche eines Vogels. Sie hatte die Augen geſchloſſen und genoß im Innern die unausſprechlichen Freuden, welche die Religion die Sterblichen hoffen läßt, wenn ſie in einer andern Welt unter dem Blicke des Herrn er⸗ wachen werden. Eine Stunde verfloß auf ſolche Weiſe in dieſer berauſchenden Lethargie; Jedes genoß ſeinerſeits das Glück, das es dem Andern gab, und ſog es wollüſtig ſchweigend ein, wie wenn ein zu lautes Ausſprechen eines ſolchen Glückes die Sterne, die es beleuchteten, eiferſüchtig machen müßte. Aber weder das Eine noch das Andere entging dem Einfluß der liebevollen Umarmung; ihr Athem wurde gepreßter, ihr Blick feuchter; ihr Hauch ſchien eine Klage; ihr Blut ſchien wie eine anſteigende Fluth das Herz überſchwemmt zu haben und ſchlug in den Arterien ihrer Stirne. Regina wachte plötzlich wie ein Kind auf, das ſich einem böſen Traume entreißt, und an allen Glie⸗ dern zitternd, während die Lippen an denen des jun⸗ gen Mannes beinahe klebten, murmelte ſie: „Geh geh... verlaſſe mich, Petrus!“ „Schon!“ ſagte der junge Mann,„ſchon!... Warum Dich verlaſſen, mein Gott?“ „Ich ſagte Dir, Du ſollſt gehen, Inniggeliebter; geh geh!“ „Droht uns eine Gefahr, angebeteter Engel?“ ein me au in mi 153 „Ja, eine große, eine furchtbare!“ Petrus erhob ſich und ſah um ſich. Regina ließ ihn wieder ſich ſetzen und ſagte mit einem Lächeln, das dem Schreck nicht fremd iſt: „Nein, die Gefahr iſt nicht, wo Du ſie ſuchſt, mein Freund.“ „Wo iſt ſie denn?“ fragte Petrus. „Sie iſt in uns, ſie iſt in unſern Herzen, ſie iſt auf unſern Lippen, ſie iſt in dem Drucke Deiner Arme, in den Ketten der meinen... Habe Mitleid mit mir, Petrus.. ich liebe Dich zu ſehr!“ „Regina! Regina!“ rief Petrus, indem er den Kopf des jungen Mädchens zwiſchen ſeine Hände preßte und ſie leidenſchaftlich küßte. Der Druck dauerte unbeſchreiblich lange. In dieſem feurigen und doch reinen Kuß, wie der von zwei Engeln, vermiſchten ſich ihre Seelen. Ein Stern ſchoß vom Himmel und ſchien einige Schritte von ihnen zu fallen. Regina riß ſich mit einer letzten Anſtrengung aus den Armen des jungen Mannes. „Fallen wir nicht vom Himmel wie er, mein inniggeliebter Petrus,“ ſagte Regina, indem ſie ihn mit ihren beiden in Thränen der Liebe getauchten Augen anſah. Petrus nahm ſie bei der Hand, zog ſie an ſich und hauchte ihr einen Kuß auf die Stirne, der nicht reiner unter den Lippen eines Bruders hätte ſein können. „Im Angeſichte Gottes, der uns ſieht,“ ſagte er,„im Angeſichte der Sterne, die ſeine Augen ſind, 15⁴ gebe ich Dir dieſen Kuß als Zeichen der höchſten Ach⸗ tung und der tiefſten Ehrfurcht.“ „Danke, mein Freund,“ ſagte Regina.„Deine Stirne.“ Petrus gehorchte, und die junge Frau gab ihm den Kuß zurück, den ſie ſo eben von ihm empfangen. In dieſem Moment ſchlug es Drei und Nanon erſchien. „In einer halben Stunde wird es Tag ſein,“ ſagte ſie. „Du ſiehſt, Nanon,“ machte Regina,„wir ſagen uns Lebewohl.“ Sie trennten ſich. Aber in dem Augenblicke, als ihre Hände ſich loslaſſen wollten, hielt Regina Petrus' Hand. „Freund,“ ſagte ſie,„morgen, hoffe ich, wirſt Du einen Brief von mir erhalten.“ „Ich hoffe daſſelbe,“ ſagte der junge Mann. „Aber einen guten Brief.“ „Alle Deine Briefe ſind gut, Regina, mir iſt der letzte immer der Beſte.“ „Dieſer wird der Beſte der Beſten ſein.“ „O mein Gott! ich bin ſo glücklich, daß ich mich beinahe fürchte.“ „Habe keine Furcht und ſei glücklich!“ ſagte Re⸗ gina. „Was wirſt Du mir denn in dieſem Briefe ſagen, meine innig geliebte Freundin?“ „O habe Geduld und warte; müſſen wir uns nicht Glück für die Tage aufbewahren, wo wir uns nicht mehr ſehen?“ „Dank, Regina; Du biſt ein Engel.“ der veſt Lag hört Hin ber lief ſuch ſeir den bei Fr der an ine hm en. on er n, 18 n8 155 „Auf Wiederſehen, Freund!“ „Auf ewig? nicht wahr?“ „Geht,“ machte Nanon,„wie ich ſagte, da bricht der Tag an.“ Petrus ſenkte den Kopf und ging weg, den Blick beſtändig nach der jungen Frau gewandt. Was ſagte Nanon und was ſprach ſie vom Tage? In dieſem Momente bedeckte ſich der Himmel in den Augen der Liebenden mit einem Schleier, die Nachtigall hörte auf zu ſingen, die Sterne verſchwanden am Himmel, und der ganze für ſie geſchaffene Feenzau⸗ ber ſchien mit ihrem letzten Kuß verſchwunden. LII. Die Rue de Jeruſalem. Salvator hatte, als er die drei jungen Leute ver⸗ ließ, geſagt:„Ich will Herrn Sarranti zu retten ſuchen, den man in acht Tagen hinrichtet.“ Nachdem er die drei jungen Leute hatte Jeden ſeines Weges gehen laſſen, eilte er nach der Rue d'Enfer, ging durch die Rue de la Harpe und über den Pont St. Michel, dann an dem Quai hin und beinahe im ſelben Momente, in dem jeder ſeiner Freunde zu ſeinem Rendez⸗vous kam, ſtand er vor dem Hotel der Präfectur. Wie das erſte Mal hielt der Concierge Salvator an und fragte ihn: „Wohin gehen Sie?“ 156 Wie das erſte Mal nannte ſich Salvator. „Verzeihung, mein Herr,“ ſagte der Concierge, „ich hatte Sie nicht erkannt.“ Salvator ging vorüber. Dann ging er über den Hof, trat unter dem bureaus befand. „Herr Jackal?“ fragte Salvatvr. „Er erwartet Sie,“ antwortete der Huiſſier, in⸗ dem er die Thüre zum Cabinet des Herrn Jackal öffnete. Salvator trat ein und gewahrte den Polizeichef in der Tiefe eines Voltaire⸗Fauteuil begraben. Als Herr Jackal den jungen Mann erſcheinen ſah, erhob er ſich und ging ihm lebhaft entgegen. „Sie ſehen, daß ich Sie erwartete, lieber Herr Salvator,“ ſagte er zu ihm. „Ich danke Ihnen, mein Herr,“ ſagte Salvator nach ſeiner Gewohnheit mit ziemlich viel Stolz und Verachtung. „Haben Sie mir nicht geſagt,“ fragte ihn Jackal, „daß es ſich ganz einfach um eine kleine Erpedition in der Umgegend von Paris handle?“ „Allerdings,“ antwortete Salvator. „Laſſen Sie ſatteln,“ ſagte Herr Jackal zu dem Huiſſier. Dieſer ging. „Setzen Sie ſich, lieber Herr Salvator,“ ſagte Jackal, indem er dem jungen Mann einen Sitz an⸗ wies.„In fünf Minuten können wir gehen. Ich daß 6 hatte reitſck S den i ander Bogen ein, ſtieg in das zweite Stockwerk und kam in das Vorzimmer, wo ſich der Huiſſier des Dienſt⸗ 2 dem Leith S aber ſetzte inder die 2 liebe auch Mao Sah vor giſch mach Hon erge, dem kam enſt⸗ in⸗ ackal ichef inen err ator und ckal, tion dem te an⸗ Ich 157 hatte Ordre gegeben, die Pferde aufgezäumt in Be⸗ reitſchaft zu halten.“ Salvator ſetzte ſich, aber nicht auf den Stuhl, den ihm Herr Jackal angewieſen, ſondern auf einen andern entfernteren. Man hätte glauben können, der junge Mann mit dem reinen Inſtincte meide die Berührung mit dem Leithunde der Polizei. Herr Jackal bemerkte dieſe Bewegung, zeigte aber nur durch eine leichte Bewegung der Augbrauen, daß er ſie bemerkt. Dann zog er ſeine Tabaksdoſe aus der Taſche, ſetzte ſeiner Naſe tüchtig mit Tabak zu und ſagte, indem er ſich in ſeinen Fauteuil zurücklehnte und die Brille abnahm: „Wiſſen Sie, woran ich dachte, als Sie eintraten, lieber Herr Salvator?“ „Nein, mein Herr, ich habe keine Ahnungsgabe, auch iſt es nicht mein Beruf.“ „Nun wohl, ich fragte mich, woher Sie dieſe Macht der Liebe zur Menſchheit haben mögen?“ „Aus meinem Gewiſſen, mein Herr,“ antwortete Salvator,„und ich habe immer vor Allem, ſelbſt vor den Verſen des Virgil, jenen Vers des cartha⸗ giſchen Dichters bewundert, der ihn vielleicht nur ge⸗ macht, weil er ein Sclave war: Homo sum et nil humani a me alienum puto*). *) Ich bin ein Menſch und achte nichts Menſchliches mir fremd. 158 „Ja, ja,“ ſagte Herr Jackal,„ich kenne den Vers; er iſt von Terenz, nicht wahr?“ Salvator machte ein Zeichen der Bejahung mit dem Kopfe. Herr Jackal fuhr fort: „Wahrhaftig, mein lieber Herr Salvator,“ ſagte er,„wenn das Wort Philantrop noch nicht exiſtirte, man müßte es für Sie ſchaffen. Der glaubwürdigſte Journaliſt der Welt— wenn ein Journaliſt je glaub⸗ würdig war— würde morgen ſchreiben, daß Sie mich um Mitternacht aufgeſucht, um mich mit einer guten Handlung zu verbinden, die man ihm nicht glaubte; noch mehr, man würde bei Ihnen irgend ein Intereſſe bei dieſer unintereſſirten Handlung vorausſetzen. Ihre politiſchen Freunde würden nicht ermangeln, Sie zu desavouiren, und ganz laut zu ſchreien, Sie ſeien an die bonapartiſtiſche Partei verkauft; denn ſich ſo darauf zu pikiren, dieſem Herrn Sarranti das Leben zu retten, der aus der andern Welt kömmt, den Sie vielleicht nie geſehen, als in dem Augen⸗ blicke, da er auf der Place de lAſſomption verhaftet wurde dieſe Beharrlichkeit, mit der Sie einem Gerichts⸗ hofe beweiſen wollen, daß er ſich abſolut getäuſcht hat und daß er einen Unſchuldigen verurtheilte, heißt das nicht, würden Ihre politiſchen Freunde ſagen, den eclatanteſten Beweis des Bonapartismus geben?“ „Einen Unſchuldigen retten, Herr Jackal, heißt einen Beweis von Rechtlichkeit geben. Ein Unſchul— diger gehört keiner Partei an oder vielmehr er ge⸗ hört zur Partei Gottes.“ „Ja, ja, gewiß, und das iſt klar und genügend für mich, der ich Sie von langep Zeit her kenne und der ein ſchle nun ben wer mat mit übe hab wie Cit Sie phi Ga ſich ſter der He Hir den mit agte irte, igſte aub⸗ Sie uten bte; reſſe tzen. geln, Sie denn das nmt, gen⸗ aftet chts⸗ uſcht eißt gen, n? eißt chul⸗ ge⸗ gend und 159 der ſeit alten Zeiten weiß, daß Sie, wie man ſagt, ein Freidenker ſind. Ja, ich weiß, daß man ſchlecht ankäme, wollte man ſo feſt gewurzelte Mei⸗ nungen angreifen. Man wird es deßhalb auch blei⸗ ben laſſen. Aber, wenn es Jemand unternähme, wenn man Sie zu verleumden ſuchte?... „Das wäre verlorene Mühe, mein Herr: Rie⸗ mand würde es glauben.“ „Ich war in Ihrem Alter,“ ſagte Herr Jackal mit einer leichten Tinte von Melancholie;„ich hatte über Meinesgleichen dieſelbe Anſicht, die Sie davon haben. Ich habe es ſeitdem bitter bereut und habe wie Mephiſtopheles gerufen— Sie haben Ihre Citation gemacht, lieber Herr Salvator, erlauben Sie, daß ich die meinige mache— ich habe wie Me⸗ phiſtopheles gerufen:„„Glaube unſer einem. Dieſes Ganze iſt nur für einen Gott gemacht! Es findet ſich in einem ewigen Glanze, uns hat er in die Fin⸗ ſterniß gebracht...““ „Gut,“ ſagte Salvator,„ich werde Ihnen wie der Doctor Fauſt antworten:„„Allein ich will!““ „Die Zeit iſt kurz, die Kunſt iſt lang!“ fuhr Herr Jackal fort, die Citation zu Ende führend. „Was wollen Sie?“ antwortete Salvator,„der Himmel hat mich ſo geſchaffen. Die einen ſind von Natur zum Böſen getrieben; ich dagegen fühle mich durch einen natürlichen Inſtinct, durch eine unwider⸗ ſtehliche Macht zum Guten getrieben. Damit will ich Ihnen ſagen, mein Herr Jackal, daß alle Philo⸗ ſophen, die pedantiſchſten und die geſchwätzigſten, wenn ſie ſich mit einander verbänden, mich nicht von meinem Vorſatz abzubringen vermöchten.“ 160 „O Tugend! Tugend!“ murmelte Herr Jackal mit einer Art Entmuthigung, indem er traurig den Kopf ſchüttelte. Salvator glaubte, daß der Augenblick gekommen ſei, dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben. Seiner Anſicht nach entwürdigte Herr Jackal melan⸗ choliſch die Melancholie. „Da Sie mir die Ehre erzeigt, mich zu empfan⸗ gen, Herr Jackal,“ ſagte er,„ſo erlauben Sie mir, mit wenigen Worten Sie an den Zweck meiner Ex⸗ pedition zu erinnern, die ich Ihnen vorgeſtern vorge⸗ ſchlagen.“ „Ich höre, lieber Herr Salvator,“ antwortete Herr Jackal. Aber kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, als der Huiſſier die Thüre wieder öffnete und mel⸗ dete, daß der Wagen angeſpannt ſei. Herr Jackal erhob ſich. „Wir können auf dem Wege plaudern, lieber Herr Salvator,“ ſagte er und nahm ſeinen Hut, in⸗ dem er dem jungen Mann ein Zeichen machte, daß er vorangehen möge. Salvator verbeugte ſich und ging. Als ſie in den Hof gekommen waren, ſetzte Herr Jackal, nachdem er den jungen Mann in den Wagen hatte ſteigen laſſen, den Fuß auf den Tritt und fragte: „Wohin gehen wir?“ „Auf den Weg von Fontainebleau nach Cour⸗ de⸗France.“ Herr Jackal wiederholte den Befehl. des ſein und eine Han ihn ckal den nen en. an⸗ an⸗ nir, Ex⸗ ge⸗ tete en, nel⸗ ber daß err gen und ur⸗ 161 „Jedoch durch die Rue Macon,“ fügte der junge Mann hinzu. „Durch die Rue Macon?“ fragte Herr Jackal. „Ja, bei mir vorüber, wir haben dort einen Reiſegefährten mitzunehmen.“ „Teufel, wenn ich das gewußt,“ rief Herr Jackal, „ſo hätte ich die Berline ſtatt des Coupé befohlen.“ „O,“ ſagte Salvator,„ſeien Sie ruhig, er wird Sie nicht geniren.“ „Rue Macon, Nr. 4,“ ſagte Herr Jackal. Der Wagen fuhr ab. Einige Secunden ſpäter hielt er vor der Thüre des Herrn Salvator. Salvator trat ein, indem er die Gangthüre mit ſeinem Schlüſſel öffnete. Kaum hatte er den Fuß auf die erſte Stufe der Wendeltreppe geſetzt, als das obere Ende ſich erhellte. Fragola erſchien mit einem Lichte in der Hand und gleich einem Sterne, den man von der Tiefe eines Brunnens erblickt. „Biſt Du es, Salvator?“ ſagte ſie. „Ja, Liebe.“ „Kehrſt Du zurück?“ „Nein, ich werde erſt Morgen um acht Uhr nach Hauſe kommen.“ Fragola ſtieß einen Seufzer aus. Salvator ahnte dieſen Seufzer mehr als daß er ihn hörte. „Fürchte Nichts,“ ſagte er,„es hat keine Gefahr.“ „Nimm immerhin Roland mit.“ „Ich kam, ihn zu holen.“ und Salvator rief Roland. Dumas, Satvator IW. 11 162 Als ob er nichts, als dieſen Ruf gehört, kam der Hund die Treppe herabgeſprungen und legte die beiden Tatzen auf den Hals ſeines Herrn. „Und ich?“ fragte Fragola traurig. „Komm!“ ſagte Salvator. Wir haben ſo eben das junge Mädchen einem Sterne verglichen. Ein Stern, der am Himmel hingleitet, und in einigen Secunden den Raum von einem Horizonte zum andern durchmißt, gleitet nicht ſchneller daran hin, als Fragola an der Rampe der Treppe hinab. Sie lag in dem Arme des jungen Mannes. Dort beſchwichtigten ſie das ruhige Lächeln und das glänzende Auge Salvators. „Bis Morgen, oder vielmehr heute um acht Uhr,“ ſagte ſie. „Bis heute um acht Uhr.“ „Geh, mein Salvator,“ ſagte ſie,„Gott iſt mit Dir.“ Und ſie folgte dem jungen Manne mit den Augen, bis die Thüre geſchloſſen war. Salvator nahm ſeinen Platz bei Herrn Jackal wieder ein und rief zum Kutſchenſchlag hinaus: „Folge mir.“ Und als wenn Roland wüßte, wohin es ginge, folgte er nicht nur, ſondern ſprang ſogar in der Rich⸗ tung der Barrière Fontainebleau voraus. der lant von kehr ſchr geſt jede rech gut wor zu Ver urt! Ja daß ihn ſteh kam die nem in onte wan nab. und hr,“ mit gen, ackal nge, Rich⸗ 163 LIII. Das Schloß von Viry. Für diejenigen unſerer Leſer, welche den Zweck der Expedition Salvators, Herrn Jackals und Ro⸗ lands nicht wiſſen ſollten, wollen wir einige Worte von dem ſagen, was zwei Tage vorher geſchehen. Als Salvator die von dem Könige für die Rück⸗ kehr des Abbé Dominique beſtimmte Friſt mit Rieſen⸗ ſchritten herannahen ſah, hatte er Herrn Jackal auf⸗ geſucht und zu ihm geſagt: „Sie haben mir die Erlaubniß gegeben, Sie jedes Mal aufzuſuchen, ſo oft ich Ihnen eine Unge⸗ rechtigkeit mitzutheilen oder ein Uebel, das wieder gut gemacht werden könnte, zu bezeichnen hätte.“ „In der That, mein lieber Herr Salvator,“ ant⸗ wortete Herr Jackal,„ich erinnere mich, das geſagt zu haben.“ „Nun gut, ich komme, um mit Ihnen von der Verurtheilung des Herrn Sarranti zu ſprechen.“ „Ah! Sie kommen, um mit mir von dieſer Ver⸗ urtheilung zu ſprechen.“ Ja.“ „Gut denn, ſprechen wir davon,“ hatte Herr Jackal geſagt, indem er ſeine Brille abnahm. Salvator fuhr fort: „Mein Herr, wenn Sie die Ueberzeugung hätten, daß Herr Sarranti unſchuldig iſt, würden Sie, um ihn zu retten, Alles thun, was in Ihren Kräften ſeht“ 164 „Natürlich, lieber Herr Salvator.“ „Gut denn, ſo werden Sie mich verſtehen; ich habe dieſe Ueberzeugung.“ „Unglücklicher Weiſe,“ hatte Herr Jackal geſagt, „beſitze ich ſie nicht.“ „Ich komme deßhalb zu Ihnen, um Sie Ihnen zu geben; ich habe nicht bloß die Ueberzeugung, ſondern auch den Beweis von der Unſchuld des Herrn Sarranti.“ „Sie, lieber Herr Salvator? Ah! um ſo beſſer.“ Salvator beſtätigte das, was er durch ein Zeichen des Kopfes andeutete. „Sie haben dieſen Beweis?“ „Nun gut, warum zeigen Sie ihn mir nicht in dieſem Falle?“ „Ich komme eben, um Sie zu bitten, mir ihn ans Tageslicht bringen zu helfen.“ „Ganz zu Ihrer Verfügung, lieber Herr Salva⸗ tor: ſprechen Sie raſch.“ „Nein, ich komme nicht um zu ſprechen; Worte ſind keine Beweiſe; ich komme, um zu handeln.“ „So handeln wir.“ „Können Sie über die nächſte Nacht verfügen?“ Herr Jackal warf Salvator von der Seite einen Blick zu, raſch wie der Blitz. „Nein,“ ſagte er. „Und über die übernächſte Nacht?“ „Gewiß; nur muß ich wiſſen, wie viel Zeit Sie mich in Anſpruch nehmen.“ „Für einige Stunden bloß.“ hall vor ding erpr hatt mit ſtoß gef dau ich agt, nen ing, des er.“ chen in ihn lva⸗ orte n 2 inen Sie 165 „Iſt die Expedition innerhalb Paris oder außer⸗ halb?“ „Außerhalb Paris.“ „Wie viel Meilen ungefähr?“ „Vier bis fünf Meilen.“ „Gut!“ „Dann werden Sie alſo bereit ſein?“ „Ich ſtehe zu Ihren Dienſten.“ „Um wie viel Uhr?“ „Von Mitternacht an mit Leib und Seele.“ „Uebermorgen alſo, um Mitternacht?“ „Uebermorgen um Mitternacht.“ Und Salvator hatte Herrn Jackal verlaſſen. Es war acht Uhr Morgens. Unter dem Bogen war er an einem Menſchen vorübergekommen, der ſo feſt in einer langen Re⸗ dingote mit aufrechtſtehendem Kragen ſtack, daß ſie erpreß gemacht ſchien, um das Geſicht zu verdecken. Er hatte nicht weiter darauf geachtet. Die Leute, welche Herrn Jackal Beſuche machten, hatten bisweilen ernſte Gründe, ihre Beſuche nicht mit offenem Viſir zu machen. Der Mann war zu Herrn Jackal hinaufgegangen. Man meldete Herrn Cérard. Herr Jackal hatte eine Art Freudenſchrei ausge⸗ ſtoßen und die Thüre war hinter ihnen ins Schloß gefallen. Die Conferenz hatte beinahe eine Stunde ge⸗ dauert. Vielleicht werden wir ſpäter erfahren, was der Gegenſtand dieſer Conferenz geweſen; für den Augen⸗ 166 blick ſind wir genöthigt, Salvator, Herrn Jackal und Roland auf dem Wege nach Fontainebleau zu folgen. Der Weg wurde raſch zurückgelegt. An dem Pont Godeau angekommen, ſagte Sal⸗ vator zu dem Kutſcher, er ſolle halten, und man ſtieg aus. „Ich glaube,“ ſagte Herr Jackal,„daß wir un⸗ ſern Hund verloren; das wäre ſchade, denn er hat das Ausſehen eines ſehr geſcheidten Thieres.“ „Er iſt von außerordentlicher Geſcheidtheit,“ ſagte Salvator;„im Uebrigen werden Sie ſehen.“ Herr Jackal und Salvator folgten dem Apfel⸗ baumweg, den unſere Leſer bereits kennen und der an dem Gitter des Parkes endigte. Vor dem Gitter fanden ſie Roland, der ſie er⸗ wartete und im Mondlicht ausgeſtreckt und den Kopf erhoben dalag, ganz wie die großen egyptiſchen Sphinxe. „Da!“ ſagte Salvator. „Hübſches Beſitzthum!“ ſagte Herr Jackal, indem er ſeine Brille aufſetzte und durch das Gitter in die Tiefe des Parkes blickte.„Und wie kommt man da hinein?“ „O ſehr leicht, wie Sie ſehen werden!“ antwor⸗ tete Salvator.„Auf, Braſil!“ Der Hund ſprang mit einer Bewegung auf die vier Pfoten. „Ich glaubte, Sie hießen Ihren Hund Roland,“ ſagte Herr Jackal. „In der Stadt, ja; aber auf dem Lande nenne ich ihn Braſil. Das iſt eine ganze Geſchichte, die ich Ihnen an ihrem Orteerzählen werde.— Da Braſil!“ men Her ten ſten ſehe mit ihm her zu vat zu auf un kei kü und gen. Sal⸗ man un⸗ hat agte pfel⸗ der er⸗ den ſchen dem die nda wor⸗ f die nd, enne die ſil!“ 167 Salvator war an den Theil der Mauer gekom⸗ men, den er zu beſteigen die Gewohnheit hatte. Braſil hatte ſich auf die Aufforderung ſeines Herrn genähert. Salvator nahm ihn und hob ihn mit ausgeſtreck⸗ ten Armen in die Höhe, wie wir es ihn bei der er⸗ ſten Expedition, der wir angewohnt, haben thun ſehen, bis zur Mauerkappe, an welcher ſich Braſil mit beiden Vorderpfoten anklammerte, während er ihm die beiden Hinterpfoten auf die Schulter ſetzte. „Spring!“ ſagte Salvator. Der Hund ſprang und fiel auf der andern Seite herab. „Ah! ah!“ machte Herr Jackal,„ich fange an zu begreifen, das iſt eine Art, uns den Wegzu zeigen.“ „Allerdings. Nun kömmts an uns,“ ſagte Sal⸗ vator, indem er ſich mit der Kraft der Fäuſte bis zu der Mauerkappe emporſchwang und ſich rittlings auf die Mauer ſetzte. Von hier aus bot er Herrn Jackal beide Hände und ſagte: „Nun Sie!“ „Ah!“ antwortete dieſer,„das iſt unnöthig.“ Und er ſchwang ſich, wie Salvator zuvor gethan, mit einer Leichtigkeit auf die Mauer, die der junge Mann nicht entfernt bei ihm vermuthet hatte. Freilich hatten die Hände bei ſeiner Magerkeit kein großes Gewicht zu tragen. „Dann brauche ich mich nicht weiter um Sie zu kümmern,“ ſagte der junge Mann. Und ſprang auf der andern Seite hinab. Herr Jackal that das Gleiche mit einer Leichtig⸗ —— ————— 168 keit und Gewandtheit, die von großer gymnaſtiſcher Uebung zeugte. „Nun,“ ſagte Salvator, indem er Braſil mit einer Geberde zurückhielt,„wiſſen Sie, wo wir ſind?“ „Nein,“ ſagte Herr Jackal;„aber ich hoffe, daß Sie mir die Güte erzeigen, es mir zu ſagen.“ „Wir ſind im Schloſſe von Viry.“ „Ah! ah! Viry!... Was iſt das?“ „Ich will Ihrem Gedächtniß aufhelfen: im Schloſſe von Viry, bei dem ehrenwerthen Herrn Gérard.“ „Bei dem ehrenwerthen Herrn Gérard? Hm! . der Name iſt mir nicht unbekannt.“ „Nein, ich glaube wenigſtens; es iſt das Beſitz⸗ thum, das er ſeit längeren Jahren nicht mehr be⸗ wohnte und das er an Herrn Lorédan de Valgeneuſe vermiethet hatte, um Mina dort zu verbergen.“ „Mina? welche Mina?“ fragte Herr Jackal. „Es iſt das junge Mädchen, das in Verſailles entführt worden.“ „Ah! ſchön! Und was iſt aus ihr geworden?“ „Wollen Sie mir erlauben, Ihnen eine kleine Anecdote zu erzählen, Herr Jackal?“ „Erzählen Sie, mein lieber Herr Salvator; Sie wiſſen, wie gerne ich Ihnen zuhöre.“ „Nun gut, einer meiner Freunde in Rußland (er war in St. Petersburg) hatte die Unklugheit, als er bei einem großen Herrn ſpielte, eine ſehr ſchöne, mit Diamanten beſetzte Tabatiere auf den Spieltiſch zu legen; die Tabatiére war verſchwunden. Er hielt große Stücke auf die Tabatiére.“ „Das läßt ſich begreifen.“ — 1 cher mit d?“ daß ine Sie and eit, ehr den en. 169 „Es war weniger wegen der Diamanten, als wegen der Perſon, die ſie ihm geſchenkt.“ „Ich hätte aus beiden Gründen große Stücke darauf gehalten.“ „Nun gut, da er ebenſo große Stücke aus einem Grunde darauf hielt, als Sie aus zwei Gründen, ſo vertraute er ſein Mißgeſchick dem Herrn des Hau⸗ ſes an, indem er alle Arten von Umſchweifen an⸗ wandte, um ihm endlich zu ſagen, daß ein Dieb in ſeinem Hauſe ſei. Aber zu ſeiner großen Verwun⸗ derung ſchien der Herr des Hauſes nicht ſonderlich erſtaunt.“ „„Geben Sie mir das genaue Signalement Ihrer Tabatiere!““ ſagte er zu ihm. „Mein Freund gab es ihm. Gut,““ ſagte er,„„ich werde verſuchen, ſie 7 . wieder zu bekommen. Sie werden ſich wohl an die Polizei wenden?““ „„O keineswegs; das wäre das Mittel, ſie nie wieder zu ſehen. Sagen Sie im Gegentheil Nieman⸗ den ein Wort von dem Diebſtahl.““ „„Aber welches Mittel werden Sie denn an⸗ wenden?““ „„Das iſt meine Sache: ich werde es Ihnen ſagen, wenn ich Ihnen die Tabatière wieder zurück⸗ ebe.““ „Nach Verfluß von acht Tagen erſchien der große Herr bei meinem Freunde. „„Iſt es dieſe?““ fragte er ihn, indem er eine Tabatiere vorwies. Gewiß!““ ſagte mein Freund. Das iſt Ihre Tabatière?““ . 170 „„Gewiß.““ „„Gut, ſo nehmen Sie ſie; aber legen Sie ſie nie mehr auf die Spieltiſche; ich begreife, daß man ſie Ihnen geſtohlen; ſie iſt zehntauſend Franken wie eine Kopeke werth.““ „„Wie zum Teufel konnten Sie ſie aber wieder bekommen?““ „„Es war einer meiner Freunde, der ſie Ihnen genommen: ein Graf ſo und ſo.““ „„Und Sie haben es gewagt, ſie wieder von ihm zu verlangen?““ „„Sie wieder von ihm verlangen? O nein, er würde ſich durch eine ſolche Reclamation verletzt ge⸗ fühlt haben.““ „„Wie haben Sie es dann gemacht?““ „„Wie er es ſelbſt gemacht: ich habe ſie ihm ge⸗ ſtohlen.““ „Ha, ha!“ machte Herr Jackal. „Begreifen Sie das Gleichniß, lieber Herr Jackal?“ „Ja; Herr von Valgeneuſe hatte Mina Juſtin entführt.“ „Das iſt's: und ich habe Mina Herrn von Val⸗ geneuſe entführt.“ Herr Jackal ſtopfte ſeine Naſe mit Tabak voll. „Ich habe nichts davon gewußt,“ ſagte er. „Nein.“ „Wie kam es, daß Herr von Valgeneuſe nicht zu mir kam, um ſich bei mir zu beſchweren?“ „Wir haben die Sache mit einander abgemacht, lieber Herr Jackal.“ „Wenn die Sache abgemacht iſt...“ ſagte der Polizeimann. er e⸗ 171 „Bis auf neue Ordre wenigſtens.“ „Sprechen wir nicht mehr davon.“ „Nein, ſprechen wir von Herrn Gérard.“ „Ich höre.“ „Gut, wie ich Ihnen ſagte, Herr Gérard hatte das Schloß ſeit langen Jahren verlaſſen.“ „Einige Zeit nach dem Diebſtahl des Herrn Sar⸗ ranti und dem Verſchwinden ſeines Neffen und ſei⸗ ner Nichte, dieſe Thatſachen kenne ich; ſie wurden durch die Verhandlungen vor den Aſſiſenhof ver⸗ wieſen.“ „Iſt die Art und Weiſe, wie der Neffe und die Nichte des Herrn Gérard verſchwanden, Ihnen be⸗ kannt?“ „Nein; Sie wiſſen, Herr Sarranti hatte ſeine Betheiligung an der Sache beharrlich geleugnet.“ „Er hatte Recht; denn als Herr Sarranti das Schloß von Viry verließ, waren die beiden Kinder voll⸗ kommen am Leben und ſpielten auf dem Grasplatz.“ „Er hat es wenigſtens geſagt.“ „Nun, mein Herr Jackal,“ ſagte Salvatar,„ich weiß, was aus dieſen Kindern geworden iſt.“ „Bah!“ 7 . „Sprechen Sie, lieber Herr Salvator, Sie inter⸗ eſſiren mich lebhaft!“ „Das junge Mädchen wurde durch einen Meſſer⸗ ſtich der Madame Gérard getödtet und der kleine Junge durch Herrn Geérard ertränkt.“ „In welcher Abſicht?“ fragte Herr Jackal. „Sie vergeſſen, daß er ſowohl Pflegevater, als Erbe der Kinder war.“ 172 „O was ſagen Sie mir da, lieber Herr Salvator. Ich habe Madame Gérard nicht gekannt...“ „Die niemals Madame ECérard, ſondern einfach Orſola war.“ „Das iſt möglich; aber ich habe Herrn Gérard, den ehrenwerthen Herrn Gérard, wie man ihn nannte, gekannt.“ Und die Lippe des Herrn Jackal zog ſich zu einem Lächeln zuſammen, das nur ihm eigenthümlich war. „Nun,“ ſagte Salvator,„der ehrenwerthe Herr Görard ertränkte den kleinen Jungen, während ſeine Frau dem kleinen Mädchen den Hals abſchnitt.“ „Und Sie können mir die Beweiſe davon liefern?“ ſagte Herr Jackal. „Gewiß.“ „Wann?“ „Augenblicklich... wenn Sie mir nur folgen wollen.“ „Da ich mal ſo weit gegangen bin...“ ſagte Herr Jackal. „So muß man auch bis zum Ende gehen, nicht wahr?“ Herr Jackal machte mit dem Kopfe und den Schultern ein Zeichen der Zuſtimmung. „Kommen Sie,“ ſagte Salvator. Und Beide gingen an der Parkmauer hin bis zum Hauſe, während Salvator mit Stimme und Ge⸗ berden Braſil zurückhielt, der durch eine unſichtbare und unbekannte Macht nach einem Punkte des Parkes hingezogen ſchien. LIV. Herr Jackal bedauert, daß Salvator ein rechtſchaffener Mann. So kamen ſie bis zu dem Perron des Schloſſes. Das Schloß war ganz dunkel; kein Fenſter war erhellt; offenbar war es öde und verlaſſen. „Warten wir hier einen Augenblick, mein lieber Herr Jackal,“ ſagte Salvator;„ich will Ihnen ſagen, wie das geſchehen.“ „Nach Ihrer Vermuthung?“ „Nach meiner Ueberzeugung. Wir haben vor uns den Teich, wo man den kleinen Knaben ertränkt hat und hinter uns den Keller, wo man dem kleinen Mädchen den Hals abgeſchnitten. Fangen wir mit dem Keller an.“ „Ja; aber um mit dem Keller anzufangen, muß man ins Haus hinein kommen.“ „Das darf Sie nicht beunruhigen; das letzte Mal, als ich hier war, dachte ich, man könnte eines Tages wiederkommen wollen und nahm den Thürſchlüſſel mit. Treten wir ein.“ Roland wollte den beiden Männern folgen. „Ganz ſchön, Braſil!“ ſagte Salvator.„Bleiben wir da, bis der Herr uns ruft.“ Braſil ſetzte ſich und wartete. Salvator trat zuerſt ein. Herr Jackal folgte ihm. Salvator ſchloß die Thüre hinter ſich. „Sie ſehen im Dunkeln wie die Katzen und Luchſe, nicht wahr, Herr Jackal?“ fragte Salvator. 17⁴ „Vermittelſt meiner Brille,“ ſagte Herr Jackal, indem er ſie bis zur Stirne emporhob;„ja, mein lieber Herr Salvator... ich ſehe genug, wenig⸗ ſtens ſo viel, daß mir kein Unglück begegnet.“ „Gut denn, ſo folgen Sie mir.“ Salvator ging durch den Corridor zur Linken. Herr Jackal folgte ihm. Der Corridor führte über ein Dutzend Stufen, wie man ſich erinnert, zur Küche hinab, und die Küche in den Speiſekeller, wo ſich die furchtbare Scene ereignete, die wir erzählt haben. Salvator ging ohne Aufenthalt durch die Küche. „Hier iſt der Ort,“ ſagte er. „Wie, hier?“ fragte Herr Jackal. „Hier wurde Madame Görard erdroſſelt.“ „Ah, hier.“ „Ja,— nicht wahr, Braſil, hier?“ ſagte Sal⸗ vator, die Stimme erhebend. Man hörte ein Geräuſch, wie eine Waſſerhoſe; durch eine Scheibe des Fenſters fiel der Hund brum⸗ mend zu den Füßen ſeines Herrn und des Herrn Jackal nieder. „Was ſoll das?“ fragte der Polizeimann zurück⸗ prallend. „Es iſt Braſil, der Ihnen zeigt, wie die Sache vor ſich gegangen.“ „Olo!“ machte Herr Jackal,„hätte etwa Braſil durch Zufall die arme Madame Geérard erdroſſelt?“ „Er ſelbſt.“ „Dann iſt ja Braſil ein elender Meuchelmörder, der eine Kugel verdient.“ ie re e. il E 175 „Braſil iſt ein edler Hund, der den Montyon⸗ preis verdient.“ „Erklären Sie ſich.“ „Braſil hat Madame Gérard erdroſſelt, weil ſie im Begriff war, die kleine Leonie zu ermorden; er liebte das Kind, er hörte es ſchreien, er kam— nicht wahr, Braſil?“ Braſil ließ ein unheimliches und langes Geheul vernehmen. „Jetzt,“ fuhr Salvator fort,„wenn Sie daran zweifeln, daß es hier geſchehen, ſo zünden Sie ein Licht an und betrachten Sie die Steinplatten.“ Als wenn es die einfachſte Sache von der Welt wäre, ein Feuerzeug, Schwefelhölzchen und ein Licht bei ſich zu tragen, zog er aus ſeiner Redingote ein Phosphorfeuerzeug und einen Wachsſtock. Fünf Secunden ſpäter war der Wachsſtock an⸗ gezündet und warf ein Licht umher, daß Herr Jackal mit den Augen blinzte. Man hätte glauben ſollen, wie bei den Nacht⸗ vögeln ſei die Finſterniß ſein Tag. „Beugen Sie ſich hinab,“ ſagte Salvator. Herr Jackal beugte ſich hinab. Eine leichte röthliche Farbe bedeckte die Stein⸗ platten. Salvator deutete mit dem Finger darauf. Man hätte leugnen können, daß dieſer Fleck ein Blutfleck, ſo ſchwach war er; aber Herr Jackal er⸗ kannte ihn ohne Zweifel als ſolchen, denn er machte keinen Einwurf. „Nun wohl,“ ſagte er,„was beweist dieſes Blut? 176 Es kann ebenſogut das Blut von Madame Gérard als von der kleinen Leonie ſein.“ „Dieſes,“ ſagte Salvator,„iſt aber wirklich das Blut von Madame Eérard.“ „Wie erkennen Sie es?“ „Warten Sie.“ Salvator rief Braſil. „Braſil!“ ſagte er,„warm! hier! warm!“ Und er zeigte dem Hunde die Blutſpur. Der Hund legte die Naſe auf die Steinplatte; aber er zog brummend die Lefzen zurück und ſuchte den Stein zu beißen. „Sie ſehen!“ ſagte Salvator. „Ich ſehe, daß Ihr Hund wüthend iſt, das iſt Alles, was ich ſehe.“ „Warten Sie!... Jetzt will ich Ihnen das Blut der kleinen Leonie zeigen.“ Herr Jackal ſah Salvator mit tiefem Erſtau⸗ nen an. Salvator nahm den Wachsſtock aus den Händen von Herrn Jackal und ſagte, indem er in den Raum ging, welcher auf den Holzkeller folgte, und in der Richtung der Thüre, welche in den Garten führte, auf den Steinplatten andere röthliche Flecken zeigte: „Sehen Sie, das iſt das Blut des kleinen Mäd⸗ chens.— Nicht wahr, Braſil?“ Diesmal näherte Braſil ſanft ſeine Lefzen der Steinplatte, als wollte er ſie küſſen. Er ſtieß ein peinliches Geheul aus und berührte die Steinplatte mit der Spitze ſeiner Zunge. „Da ſehen Sie!“ ſagte Salvator.„Das kleine rd as 6 te en er te, te: id⸗ er ein tte 177 Mädchen war noch nicht ganz hingewürgt; während Braſil Orſola erdroſſelte, rettete ſich jene in den Garten.“ „Hm, hm!“ machte Herr Jackal;„dann?“ „Nun gut; das iſt, was das kleine Mädchen be⸗ trifft. Später werden wir uns mit dem kleinen Jun⸗ gen beſchäftigen.“ Und das Wachslicht auslöſchend, gab er es Herrn Jackal zurück. Dann gingen Beide in den Garten. „Hier,“ ſagte Salvator,„ſind wir im zweiten Theile des Drama's. Hier iſt der Teich, wo Herr Gérard den kleinen Victor ertränkte, während Ma⸗ dame Gérard das kleine Mädchen ermordete.“ Mit vier Schritten war man am Ufer des Teiches. „Nun, Braſil,“ rief Salvator,„ſag' uns ein wenig, wie Du den Leichnam Deines jungen Herrn aus dem Waſſer gezogen.“ Braſil, als wenn er ganz gut verſtanden, was man von ihm erwartete, ließ es ſich nicht zwei Mal ſagen; er ſtürzte ſich in den Teich, ſchwamm unge⸗ fähr bis zum dritten Theile, tauchte unter, erſchien wieder, und legte ſich dann mit einem unheimlichen Geheul zu Boden. „Wahrlich, ein Hund,“ ſagte Herr Jackol,„der ganz ſicher Munito in Schach geſchlagen hätte.“ „Warten Sie, warten Sie!“ verſetzte Salwator. „Ich warte,“ machte Herr Jackal. Salvator führte Herrn Jackal an den Fuß eines dichten Gehölzes. Dort forderte er ihn auf, ſeinen Wachsſtock wie⸗ der anzuzünden. Dumas, Salvator. W. 42 178 Herr Jackal gehorchte. „Sehen Sie,“ ſagte Salvator, indem er dem Polizeimann eine tiefe Narbe in dem Stamme eines der Bäume zeigte, welche das Gehölz bildeten,„ſehen Sie und ſagen Sie mir, was das iſt!“ „Es ſcheint mir das Loch einer Kugel zu ſein,“ ſagte Herr Jackal. „Und ich bin deſſen gewiß,“ ſagte Salvator. Dann nahm er ein kleines ſpitzes Meſſer, das als Meſſer, Dolch und Skalpel dienen konnte, ſchnitt in die Wunde des Baumes und alsbald fiel ein klei⸗ nes Stück Blei heraus. „Sie ſehen! Die Kugel iſt noch da,“ ſagte er. „Ich ſage nicht nein,“ machte Herr Jackal;„aber was beweist eine Kugel in dem Stamm eines Bau⸗ mes? Man mußte ſehen, durch was ſie vorher ging, ehe ſie hierher gelangte.“ Salvator rief Braſil. Braſil kam herbei. Salvator nahm den Finger des Herrn Jackal und legte ihn zuerſt auf die rechte und dann auf die linke Seite Braſils. „Fühlen Sie nicht?“ fragte er. „Allerdings fühle ich.“ „Was?“ „Etwas wie zwei Narben.“ „Gut,“ ſagte Salvator,„Sie fragten, durch was die Kugel gegangen: Sie wiſſen es jetzt.“ Herr Jackal betrachtete Salvator mit ſteigender Bewunderung. „Jetzt kommen Sie!“ ſagte Salvator. „Wo gehen wir hin?“ fragte Herr Jackal. ſir em nes hen n, das nitt lei⸗ ber au⸗ ng, ckal die vas der 179 „Wohin Horaz ſagt, daß man gehen müſſe, zur Entwicklung: Ad eventum festina.“ „Ach, lieber Herr Salvator,“ rief Herr Jackal, „welches Unglück, daß Sie ein rechtſchaffener Mann ſind!“ Und er folgte Salvator. W. Das leere Neſt. „Jetzt,“ ſagte Salvator, indem er an dem Teiche hinging,“ jetzt begreifen Sie alles, nicht wahr?“ „Noch nicht ganz,“ ſagte Herr Jackal. „Nun, während man das kleine Mädchen im Keller tödtete, ertränkte man den kleinen Knaben in dem Teiche. Braſil lief auf das Geſchrei des kleinen Mäd⸗ chens herbei, erdroſſelte Orſola oder Madame Gérard, wie Sie wollen; dann nachdem er Madame Gérard erwürgt, ſuchte er ſeinen andern Freund, den kleinen Knaben, fand ihn in der Tiefe des Teiches, trug ihn auf den Grasplatz, erhielt eine Kugel durch den Leib, die, nachdem ſie ihm durch den Leib gegangen, ſich in dem Stamm des Baumes feſtſetzte, wo wir ſie gefunden. Der grauſam verwundete Hund rettete ſich heulend. Dann nahm der Mörder den Leich⸗ nam des kleinen Knaben, trug ihn fort und begrub ihn.“ „Begrub ihn,“ machte Herr Jackal,„und wo das?“ „Wo Sie ihn ſehen werden.“ Herr Jackal ſchüttelte den Kopf. „Wo ich ihn ſelbſt geſehen,“ fügte Salvator hinzu. 180 Herr Jackal ſchüttelte abermals den Kopf. „Aber, wenn Sie ihn ſehen?...“ ſagte Sal⸗ vator. „Wahrlich, wenn ich ihn ſehe...“ machte Herr Jackal. „Was werden Sie dann ſagen?“ „Ich werde ſagen, daß er da iſt.“ „Auf denn!“ ſagte der junge Mann. Er verdoppelte den Schritt. Wir kennen den Weg, den ſie einſchlagen. Wir ſahen das eine Mal Herrn Gérard, das andere Mal Herrn Salvator ihn einſchlagen; das erſte Mal das Verbrechen, das zweite Mal die Rechtlichkeit. Braſil ging zehn Schritt vor ihnen und drehte ſich jede fünf Minuten um, um zu ſehen, ob man ihm folge. „Da ſind wir,“ ſagte Salvator, indem er in das Gebüſch trat. Herr Jackal folgte ihm auf dem Fuße. Braſil jedoch blieb, wie wenn er ſich getäuſcht ſähe, ſtehen. Statt mit der Schnauze die Erde zu beſchnüffeln und den Boden mit den Pfoten außzuſcharren, blieb er aufrecht, von allen Seiten Luft einſchnoppernd und brummend. Salvator, der in allen Gedanken Braſils eben ſo leicht zu leſen ſchien, als Braſil in den ſeinen, be⸗ griff, daß etwas Ungewöhnliches vor ſich gehe. Er ſah um ſich. Sein Blick ruhte auf Herrn Jackal: der Mond beleuchtete ihn in dieſem Augenblicke. ſei He lie hö tã ar Lir tal as hte an as cht eln ieb ind ben be⸗ ond 18¹ Der Polizeimann hatte ein ſeltſames Lächeln auf ſeinen Lippen. „Sie ſagen alſo, daß hier der Ort ſei?“ fragte Herr Jackal. „Er war wenigſtens hier,“ antwortete Salvator. Dann wandte er ſich an den Hund und rief: „Suche, Braſil!“ Braſil näherte ſeine Schnauze der Erde; dann ließ er, den Kopf erhebend, ein trauriges Geheul hören. „O, o!“ ſagte Salvator,„haben wir uns ge⸗ täuſcht, mein guter Braſil? Suche!... Suche!...“ Aber Braſil ſchüttelte den Kopf, als wollte er antworten, es ſei unnöthig zu ſuchen. „Bah,“ ſagte Salvator zu dem Hunde,„ſollte?..“ Und ſich ſelbſt auf die Kniee werfend, that er, was der Hund hätte thun ſollen, das heißt, er ſteckte ſeine Hand tief in die Erde. Die Sache war um ſo leichter, als die Erde erſt kürzlich durchgejätet ſchien und war. „Nun?“ fragte Herr Jackal. „Nun,“ ſagte Salvator mit rauher Stimme, denn ſeine letzte Hoffnung verſchwand,„der Leichnam ward geraubt.“ „Das iſt bedauerlich,“ ſagte Herr Jackal,„Teufel! Teufel! Teufel! Das wäre ein Probe geweſen... Suchen Sie wohl.“ Trotz des ſichtlichen Widerwillens, den er hatte, ſeine Hand mit dieſer Erde in Berührung zu brin⸗ gen, ſteckte Salvator ſeinen Arm bis an die Schulter in die Grube und wiederholte, als er aufſtand, mit blaſſem Geſichte und ſchweißgebadeter Stirne: 182 „Der Leichnam wurde geſtohlen!“ „Gut!“ ſagte Herr Jackal,„durch wen?“ „Durch den, welcher ein Intereſſe hatte, ihn verſchwinden zu laſſen.“ „Sind Sie ſicher, daß hier ein Leichnam war?“ fragte Herr Jackal. „Ich ſage Ihnen, daß ich hier an dieſem Platze, von Roland, von Braſil, wie Sie wollen, geführt, das Skelett des kleinen Victor gefunden, der dort begraben worden, nachdem ihn ſein Oheim ertränkt und Roland aus dem Waſſer gezogen.— Nicht wahr, Roland, er war da?“ Roland ſtand auf, ſtemmte ſeine beiden Pfoten gegen Salvators Bruſt und ließ ein langes, trau⸗ riges Geheul hören. „Wann war er da?“ fragte Herr Jackal. „Noch vorgeſtern,“ ſagte Salvalor;„er wurde alſo in der geſtrigen Nacht fortgeſchafft.“ „Natürlich!... Natürlich!“ verſetzte Herr Jackal, ohne daß man eine Veränderung in ſeiner Stimme oder in ſeinem Geſichte bemerken konnte,„da Sie behaupten, er ſei vorgeſtern noch dageweſen.“ „Ich behaupte nicht, ich verſichere,“ ſagte Sal⸗ vator. „Teufel! Teufel! Teufel!“ wiederholte Herr Jackal. Salvator ſah dem Polizeimann ins Geſicht. „Geſtehen Sie,“ ſagte er zu ihm,„daß Sie im Voraus wußten, wir würden hier nichts finden!“ „Herr Salvator, ich glaube alles, was Sie mir ſagen, und da Sie mir ſagten, wir würden hier etwas finden...“ nat aht jur ſich kor ein ge lei ni da hn 2 ze, rt, rt kt r, l⸗ rr 183 „Geſtehen Sie mir, Sie ahnen, wer den Leich⸗ nam geſtohlen!“ „Wahrhaftig, mein lieber Herr Salvator, ich ahne nichts.“ „Sacrebleu! mein lieber Herr Jackal,“ rief der junge Mann,„Sie haben heute nicht Ihren ſcharf⸗ ſichtigen Tag.“ „Ich geſtehe,“ antwortete Herr Jackal mit voll⸗ kommener Bonhomie,„dieſe nächtliche Scene, in einem öden Parke, am Rande einer Grube, iſt nicht geeignet, auch ſelbſt dem Schlaueſten Scharfſinn zu leihen, und ich mag thun, was ich will, ich ahne nicht, wer das Skelett fortgenommen.“ „Wenigſtens kann es nicht Herr Sarranti ſein, da er im Gefängniß iſt.“ „Nein,“ ſagte Herr Jackal;„aber ſeine Mit⸗ ſchuldigen könnten es ſein; denn wer ſagt, daß der Leichnam nicht von Herrn Sarranti hierher gelegt worden ſei? wer ſagt, daß Herr Sarranti das Kind nicht ertränkt, das der Hund herausgezogen?“ „Ich! ich! ich!“ machte Salvator,„ich ſage es! und der Beweis... Aber nein, Gott ſei Dank! ich hoffe einen beſſern, als den zu finden... Sie geben zu, nicht wahr, daß der, welcher den Leichnam fort⸗ genommen, der Mörder iſt?“ „Sie gehen ſehr weit.“ „Oder wenigſtens ſein Mitſchuldiger?“ „Es wäre allerdings einiger Verdacht vorhanden.“ „Roland hieher!“ ſagte Salvator. Der Hund kam. „Holla! Roland, es iſt Jemand während der 184 letzten Nacht hierhergekommen, nicht wahr, mein nicht Hund?“ woh Der Hund bellte. „Suche! Roland, ſuche!“ ſagte Salvator. wied Roland beſchrieb einen Kreis, ſchien eine Fährte zu erkennen und ſtürzte nach dem Gitter zu. Ver „Ganz ſchön! Roland! ganz ſchön!“ ſagte Sal⸗ vator,„gehen wir nicht zu raſch.“ Par Und Herr Jackal folgte Roland, indem er ſagte: hier „Ein vortrefflicher Leithund, Herr Salvator, ein vortrefflicher Leithund! Wenn Sie ſich je ſeiner ent⸗ ter ſchlagen wollten, ſo kenne ich einen, der einen guten Preis dafür bezahlen würde.“ Heb Der Hund folgte bellend der Fährte. gen. Nach zwanzig Schritten machte er einen Satz und Ma wandte ſich dann nach links. then „Gehen wir links, Herr Jackal,“ ſagte Sal⸗ des vator. Herr Jackal gehorchte wie ein Automat. ſich Nach zwanzig weiteren Schritten ging der Hund wieder rechts. Ro. „Gehen wir rechts, Herr Jackal,“ ſagte Sal⸗ vator. Rir Und Herr Jackal gehorchte mit derſelben Pünkt⸗ Vet lichkeit. wie Nach zehn Schritten blieb der Hund inmitten eines dichten Gehölzes ſtehen. vor Salvator drang hinter ihm in das Gehölz. „Ah!“ ſagte er,„der, welcher die Gebeine des fel Kindes fortſchleppte, hatte die Abſicht, ſie hier nie⸗ derzulegen; er hat ſogar die erſten Hiebe mit der hie Hacke in die Erde gethan, aber er fand den Ort in l⸗ in t⸗ n 185 nicht ſicher genug und ſetzte ſeinen Weg fort, nicht wahr, Roland?“ Roland ſtieß einen Klageſchrei aus und ſchlug wieder den Weg nach dem Gitter ein. Am Gitter blieb er ſtehen, machte jedoch den Verſuch, hinüberzuſetzen. „Es iſt unnöthig, daß wir zuvor im Innern des Parkes ſuchen,“ ſagte Salvator;„der Leichnam iſt hier durchgebracht worden.“ „Teufel! Teufel!“ ſagte Herr Jackal,„das Git⸗ ter iſt geſchloſſen und das Schloß ſcheint mir ſolid.“ „O,“ ſagte Salvator,„wir werden ſicher einen Hebel oder ein Brecheiſen finden, um es aufzuſpren⸗ gen. Das Schlimmſte wäre, wenn wir über die Mauer klettern müßten, wie wir ſchon einmal ge⸗ than, wir würden die Fährte auf der andern Seite des Gitters wieder verfolgen.“ Und Salvator ging nach der Mauer, in der Ab⸗ ſicht, ſie zu erſteigen. „Gut!“ ſagte Herr Jackal, indem er ihn am Rockflügel zurückhielt,„ich weiß etwas noch kürzeres.“ Und indem er aus ſeiner Taſche einen kleinen Ring mit Dieterichen zog, machte er dreimal den Verſuch, und beim dritten Male öffnete ſich die Thüre wie durch einen Zauber. Braſil ging zuerſt hinein und fand, wie Salvator vorausgeſehen, augenblicklich die Fährte. Die Fährte führte an der Mauer hin und quer⸗ feldein, in der geradeſten Linie auf die Landſtraße. Ein geackertes Feld durchſchneidend, ſah man auch hier die Spur von Schritten. 186 „Sehen Sie,“ ſagte Salvator,„ſehen Sie! ſehen Siei“ „Ja, ich ſehe,“ ſagte Herr Jackal.„Unglück⸗ licher Weiſe ſind dieſe Schritte nicht unterſchrieben.“ „Bah!“ ſagte Salvator,„vielleicht finden wir die Unterſchrift am Ende der Fährte.“ Aber die Fährte lief auf der Landſtraße aus, den königlichen Weg, der vierundſiebzig Fuß breit und gepflaſtert war. Roland ging bis an das Pflaſter, dann erhob er den Kopf und heulte. „Ein Wagen wartete hier,“ ſagte Salvator; „der Mann iſt mit dem Leichnam eingeſtiegen.“ „Nun?“ fragte Herr Jackal. „Nun, ich muß eben ſuchen, wo er ausge⸗ ſtiegen.“ Herr Jackal ſchüttelte den Kopf. „Ach, lieber Herr Salvator,“ ſagte er,„ich fürchte ſehr, daß Sie ſich viel vergebliche Mühe machen.“ „Und ich, Herr Jackal,“ ſagte Salvator, hitzig geworden,„ich bin überzeugt, daß wir etwas her⸗ ausbringen.“ Herr Jackal machte mit dem Munde das kleine Geräuſch, welches den Zweifel anzeigt. „Die Fährte verloren,“ verſetzte er,„Madame Gérard erdroſſelt, die beiden Kinder todt...“ „Ja,“ ſagte Salvator,„aber die beiden Kinder ſind nicht todt.“ „Wie! die beiden Kinder wären i todt?“ rief Herr Jackal, das lebhafteſte Erſtaunen heuchelnd; „Sie ſagten mir doch, der Junge ſei ertränkt worden.“ „Ja, aber ich habe Ihnen die Blutſpur des klei⸗ das telnt Ihr Auft da wer ſen wen Jac den ſteh hen ück⸗ wir us, reit ob or; ge⸗ hte sig er⸗ ine me S 187 nern Mädchens gezeigt, das ſich rettete... i es iſt gerettet.“ „Ah!“ ſagte Herr Jackal;„und lebt es noch immer?“ „Es lebt noch!“ „Ah! das wirft wirklich ein helles Licht auf die Sache, namentlich wenn ſie ſich erinnert.“ „Sie erinnert ſich.“ „Das wäre eine ſehr peinliche Erinnerung für das Mädchen,“ ſagte Herr Jackal, den Kopf ſchüt⸗ telnd. „Ja,“ ſagte Salvator;„aber ſo lebhaft auch Ihr Mitleid ſein mag, mein lieber Herr Jackal, welche Aufregung ihr dieſe Erinnerung verurſachen mag— da es ſich um das Leben eines Menſchen handelt, werden Sie ſie dennoch fragen, nicht wahr?“ „Ganz gewiß: es iſt meine Pflicht.“ „Das iſt alles, was ich für den Augenblick wiſ⸗ ſen möchte. Nun aber ſehe ich den Tag anbrechen; wenn Sie nach Paris zurückkehren wollten, Herr Jackal, will ich Sie nicht länger aufhalten.“ Und Salvator machte eine Bewegung, um über den Graben zu gehen. „Wo wollen Sie hin?“ fragte Herr Jackal. „Nach dem Wagen, den wir beim Pont Godeau ſtehen ließen.“ „Gut!“ ſagte Herr Jackal,„es iſt des Wagens Sache, zu uns zu kommen.“ Dabei zog er aus ſeiner ungeheuren Taſche eine Pfeife, die er an ſeine Lippen ſetzte und mit der er einen ſo ſcharfen Ton hervorbrachte, daß man ihn eine halbe Meile weit hören mußte. r 188 Dieſer Ton wurde drei Mal wiederholt. Fünf Minuten ſpäter hörte man das Rollen eines Wagens auf der Landſtraße. Der Wagen war der des Herrn Jackal. Die beiden Männer ſtiegen ein. Roland, der unermüdlich ſchien, lief voraus. Um acht Uhr Morgens kam der Wagen an der Barrière Fontainebleau vorüber. „Laſſen Sie mich Sie bei Ihrem Hauſe abſetzen, Herr Salvator, es iſt unſer Weg,“ ſagte Herr Jackal. Salvator hatte keinen Grund, die Artigkeit des Herrn Jackal zurückzuweiſen. Er ließ es ſchweigend geſchehen. Der Wagen hielt in der Rue Macon vor Nr. 4. „Nun,“ ſagte Herr Jackal,„ein anderes Mal werden wir glücklicher ſein, lieber Herr Salvator.“ „Ich hoffe,“ ſagte Salvator. „Auf Wiederſehen!“ machte Herr Jackal. „Auf Wiederſehen!“ antwortete Salvator. Salvator ſprang aus dem Wagen, der Schlag ſchloß ſich und das Coupé fuhr in großem Trab davon. „O! Dämon!“ ſagte Salvator,„ich habe Dich im Verdachte, daß Du beſſer als ich weißt, wo der Leichnam des armen Kindes iſt.“ Und bei dieſen Worten öffnete er die Thüre und trat bei ſich ein. „Thut nichts,“ ſagte er,„bleibt doch Roſe⸗de⸗ Noel.“ Role auf ſchu alles Uhr wele was Brr und vor daß Bri Scd nes der en, err des vor Kal lag 189 Und er begann die Treppe hinaufzuſteigen, welche Roland bereits in Sprüngen zurückgelegt. „Biſt Du es, Freund?“ ſagte eine Stimme oben auf dem Ruheplatz. „Ja, ich bin es,“ rief Salvator. Er warf ſich in Fragola's Arme. Einen Augenblick vergaß er die furchtbare Täu⸗ ſchung dieſer Nacht in der ſüßen Umarmung, die ihn alles vergeſſen ließ. Fragola kam zuerſt wieder zu ſich. „Trete ein, Salvator,“ ſagte ſie;„ſeit ſieben Uhr dieſen Morgen wartet eine alte Frau auf Dich, welche ganz unglücklich iſt, aber nicht ſagen will, was ſie weinen macht.“ „Eine alte Frau!“ rief Salvator,„das iſt die Brocante.“ Und ſich in das Zimmer ſtürzend, rief er; „Roſe⸗de⸗Noel! Roſe⸗de⸗Noel!“ „Ach!“ antwortete die Brocante,„als ich dieſen Morgen in ihr Zimmer kam, war das Zimmer offen und die arme Kleine fort.“ „Oh!“ rief Salvator, indem er ſich mit der Fauſt vor die Stirne ſchlug,„ich hätte mir's denken ſollen, daß in dem Augenblick, wo ich den Leichnam des Bruders nicht mehr fand, man zu gleicher Zeit die Schweſter verſchwinden laſſen werde!“ 190 LVI. Vive lampleur!*) Erklären wir jetzt, wie der Leichnam fehlte, wel⸗ chen Salvator und Herr Jackal in dem Park von Viry zu ſuchen vergeblich gekommen waren. Man wird ſich erinnern, daß Salvator, als er Herrn Jackal verließ, einem Individuum begegnete, das, obgleich die Rauhheit der Jahreszeit noch durch⸗ aus nicht zu einer ſolchen Vorſichtsmaßregel nöthigte, in einen ungeheuren Winterüberrock gehüllt war, deſſen Kragen ihm als Maske zu dienen beſtimmt ſchien. Dieſer Menſch, dem Herr Jackal nur eine ober⸗ flächliche Aufmerkſamkeit geſchenkt hatte, war hinter ihm die Treppe hinaufgeſtiegen und hatte ſich unter dem wohlbekannten Namen Gérard melden laſſen. Es war in der That Herr Gérard. Wenn man die Eile ſah, mit der er den Hof durchmeſſen und unter den Bogengang getreten, der zu dem Chef der geheimen Polizei führte; wenn man die ängſtliche Beſorgtheit beobachtete, me der er den Theil des Geſichtes zu Boden ſenkte, der zwiſchen ſeinem Hut und ſeinem Rockkragen frei blieb, mußte man unwillkürlich mit Abſcheu den Kopf abwenden, denn ein Beobachter erkannte alsbald in dieſem Men⸗ ſchen den Polizeiſpion in der vollen Bedeutung des Wortes. *) Es lebe die Weite! auf wert Her Nie Sie mei Sie das ſtar ſter wel⸗ von er ete, ch⸗ gte, var, nmt ber⸗ nter nter n. Hof der man den chen ußte den, ten⸗ des 191 Wie wir geſagt, man meldete Herrn Gérard. Die Thüre des Cabinets von Herrn Jackal ging auf und der Beſuchende trat ein. „Ah! ah!“ ſagte Herr Jackal,„da iſt der ehren⸗ werthe Herr Gérard. Kommen Sie, mein lieber Herr, kommen Sie!“ „Ich komme Ihnen vielleicht ungelegen?“ fragte Herr Gérard. „Wie das?— Sie mir ungelegen kommen? Niemals!“ „Sie ſind zu gütig, mein Herr!“ machte Gérard. „Ueberdies wollte ich gerade zu Ihnen ſchicken. Sie mir ungelegen kommen, Sie, mein Getreuer, mein Held, mein Liebling! Nein, nein, Herr Gérard, Sie ſagen mir das nicht im Ernſte.“ „Es war mir, als wären Sie auf.“ „Ja, gewiß, ich habe ſo eben einem Ihrer Freunde das Geleite gegeben.“ „Einem meiner Freunde— welchem?“ „Herrn Salvator.“ „Ich kenne ihn nicht,“ ſagte Herr Gérard er⸗ ſtaunt. „Ja, aber er kennt Sie, befürchte ich wenig⸗ ſtens.“ „Und ich glaubte, Sie wollten ausgehen.“ „Und Sie hofften unſerer kleinen Plauderei aus⸗ zuweichen, Undankbarer!“ „Herr Jackal... „Nun, legen Sie Ihren Hut ab; Sie ſehen im⸗ mer aus, als wenn Sie fliehen wollten... ſo, gut und nun ſetzen Sie ſich. Wo zum Teufel wür⸗ den Sie einen heitereren Kameraden, einen liebens⸗ 192 würdigeren Luſtigmacher als mich finden, Undank⸗ barer! Abgeſehen davon, daß, während Sie über dem König wachen, ich über Ihnen wache. Ja, ich war im Begriffe, auszugehen: aber Sie kommen und ich bleibe... Ausgehen, ja wohl! ich werde meine wichtigſten perſönlichen Angelegenheiten opfern, um die Freude zu haben, einen Augenblick mit Ihnen zu plaudern. Nun, was haben Sie mir Neues zu erzählen, ehrenwerther Herr Gérard?“ „Wenig, mein Herr.“ „Um ſo ſchlimmer, um ſo ſchlimmer!“ Herr Gérard ſchüttelte den Kopf, wie ein Mann, der ſagt:„Die Verſchwörung bricht nicht aus!“ „Aber weiter?“ fragte Herr Jackal. „Man hat Ihnen geſtern einen Mann gebracht, den ich vor dem Café Foy arretiren ließ.“ „Was that er dort?“ „Er machte unmäßige napoleoniſche Propaganda.“ „Erzählen Sie mir das, lieber Herr Gérard.“ „Denken Sie ſich.. „Zuerſt ſeinen Namen?“ „Ich weiß ihn nicht, mein Herr... Sie be⸗ greifen, daß es unklug von mir geweſen wäre, ihn darum zu fragen.“ „Sein Signalement?“ „Nun, es war ein großer, ſtarker, kräftiger Mann, mit einem bis ans Kinn zugeknöpften langen Rock, und einem rothen Band im Knopfloche.“ „Ein Offizier außer Dienſten.“ „Das habe ich mir auch geſagt, namenklich als ich ſeinen Hut mit breitem Rand ſah, der über den Kopf hereingedrückt war und keck auf dem Ohre ſaß.“ Anf daß Sie Erſ ihm hal ind au dal Ni Gl un vi ſel ſte ank⸗ über ich und eine um ynen s zu ann, acht, da e be⸗ ihn ann, Rock, ls den ſaß.“ 193 „Nicht übel, Herr Gérard, nicht übel für einen Anfänger,“ murmelte Herr Jackal;„Sie werden ſehen, daß wir etwas aus Ihnen machen können. Fahren Sie fort.“ „Er trat in das Kaffeehaus, und da mir ſeine Erſcheinung etwas Verdächtiges hatte, ſo folgte ich ihm.“ „Gut, Herr Gérard, gut.“ „Er ſetzte ſich an einen Tiſch und verlangte eine halbe Taſſe Kaffee und eine Caraffe mit Branntwein, indem er laut ſagte:„„Ich kann meinen Kaffee nur au gloria trinken; ich liebe den Gloria*)!““ Und dabei blickte er um ſich, als wollte er ſehen, ob ihm Niemand antwortete.“ „Und Niemand antwortete ihm?“ „Niemand. Dann, als dächte er, er habe nicht laut genug geſprochen, fuhr er fort:„„Es lebe der Gloria!““ „Teufel! Teufel! Teufel!“ machte Herr Jackal. „Das iſt ziemlich aufrühreriſch.„Vive le gloria! das iſt ſo, als ſagte man: vive la gloire!“ „Das iſt's auch, was ich dachte, und da unter unſerer väterlichen Regierung kein Grund vorhanden, vive la gloire! zu rufen, ſo war mir dieſer Mann ſehr verdächtig.“ „Sehr gut!... Räuber der Loire!.. „Ich ſetzte mich an einen dem ſeinigen gegenüber⸗ ſtehenden Tiſch, entſchloſſen, meine Ohren und Augen weit offen zu halten.“ *) Eine kleine Taſſe ſchwarzen Kaffees mit Brannt⸗ wein. Dumas, Salvator. IV. 13 „Bravv, Herr Gérard!“ „Er verlangte ein Journal...“ „Welches?“ „Ah, das weiß ich nicht.“ „Das iſt ein Fehler, Herr Görard.“ „Ich glaube, es war der Conſtitutionnel.“ „Es war der Conſtitutionnel.“ „Sie glauben?“ „Ich weiß gewiß.“ „Wenn Sie gewiß wiſſen, Herr S „Er verlangte den Conſtitutionnel... Fahren Sie fort.“ „Er verlangte den Conſtitutionnel; aber ich ſah, daß es purer Betrug war; denn, ſei es Zufall, ſei es Verachtung, er hielt die Lectüre beſtändig ver⸗ kehrt bis zu dem Augenblicke, da einer ſeiner Freunde in das Café trat.“ „Woran ſahen Sie, daß es einer ſeiner Freunde war, Herr Gérard?“ „Daran, daß er von Kopf bis zu Fuß genau wie er ſelbſt angezogen war; nur war er bedeutend abgeſchabter.“ „Kehrte wohl vom Champ dAsile*) zurück... Fahren Sie fort, Herr Gérard.“ „Es war zweifelsohne ſein Freund. „Die Sache iſt um ſo weniger zweifelhaft; als der, welcher eintrat, gerade auf den Sitzenden zu ging und ihm die Hand bot. *) Name eines Aſyls, daß die franzöſiſchen Refugiés nach der Reſtauration in Texas zu gründen beab⸗ ſichtigten. D. Ueberſ. ta he 0 ren ah, ſei e⸗ nde nde au end als zu i6s ab⸗ 195 Guten Tag,““ ſagte der Erſtere in rauhem Tone. „Guten Tag,““ ſagte der Andere im ſelben Tone; Du haſt alſo eine Erbſchaft gemacht?““ Ich. 4 J Du. „„Warum das?““ Nun, weil Du ganz neu herausgeputzt biſt.“ „„Meine Frau hat mich ſo zu meinem Geburts⸗ tage equipirt.““ „„Ich glaubte, man habe die Bezahlung er⸗ halten?““ Rein, und ich glaube auch, wir müſſen noch einige Zeit unſerem Correſpondenten in Wien Credit geben. „Dem Herzog von Reichſtadt,“ machte Herr Jackal. „Das habe ich mir auch geſagt,“ verſetzte Herr Gérard. „„Du weißt,“ fuhr der erſte Militär fort,„„daß der genannte Correſpondent von Wien nach Paris kommen ſollte?““ „„Ich weiß es,““ antwortete der Andere;„„aber er wurde daran gehindert.““ „„Aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben. „Hmlhm! Herr Gérard, was ſagen Sie? nichts Bedeutendes? aber ich finde es ſchon genug, was . Sie da geſagt, und wenn nichts weiter dazu kömmt...“ „Es kömmt noch weiter dazu, mein Herr.“ „Gut; fahren Sie fort, fahren Sie fort, mein Herr Gérard.“ Und zum Zeichen der Befriedigung zog Herr Jackal ſeine Tabaksdoſe heraus und ſtopfte ſich die Naſe voll Tabak. Herr Gérard fuhr fort. „Der zuerſt Anweſende ſagte dann: „„Wahrlich eine hübſche Redingote.““ „Dabei fuhr er ihm mit der Hand über das Tuch. Sehr ſchön,““ antwortete der Andere ſtolz. Ein herrlicher Strich.““ Elbeuftuch, ganz einfach. Etwas weit, vielleicht.““ „„Wie, etwas weit?““ „„Ich meine: Deine Redingote, ich finde ſie etwas weit für einen Soldaten.““ „Das beweist,“ bemerkte Herr Jackal,„daß es ein Militär war und daß Sie ſich nicht getäuſcht, Herr Gérard.“ „Warum etwas weit?““ antwortete der Offizier; „die Kleider können nie weit genug ſein; ich bin für die großen Sachen; ich habe Alles lieb, was weit iſt: Vive'empereur!““ „Vive l'empereur! wie, es lebe der Kaiſer! ruft er gelegentlich einer Redingote?“ „Ich weiß wohl, daß das in keinem großen Be⸗ zügniſſe ſteht,“ verſetzte Herr Gérard etwas verlegen; „aber ich hörte vive l'einpereur! rufen.“ Herr Jackal ſchnupfte eine zweite Priſe mit gro⸗ ßem Geräuſch. „Nehmen wir an, daß er: vive Pempereur! gerufen.“ „Ja, nehmen wir das an,“ ſagte Herr Gérard, den die Diseuſſion ſichtlich in Verlegenheit ſetzte, „Sie begreifen wohl, daß ich das Café verließ, als ich dieſen aufrühreriſchen Ruf hörte, der mehre Per⸗ ſonen ſich umzudrehen veranlaßte.“ „Ich begreife.“ zei er lic w tit E.0 6,0 to⸗ x vd, te, ls „An der Thüre fand ich zwei Agenten; ich be⸗ zeichnete ihnen meinen Mann und entfernte mich erſt, als ich ſie ihn am Rockkragen faſſen ſah.“ „Bravo! mein Herr Gérard! aber es iſt erſtaun⸗ lich; ich habe Ihren Mann gar micht geſehen, auch wurde mir kein Rapport darüh gemacht.“ „Ich verſichere Sie iudeſe vß der Mann arre⸗ tirt wurde, Herr Jackal.“ Herr Jackal läutete. Der Huiſſier erſchiu. 2 „Laſſen Sie HerrnB Fſier rufen,“ ſagte Herr Jackal. Der Huiſſier ging. Fünf Minuten verfloſſen, während welcher Herr Jackal alle Acten ſeines Bureaus durchwühlte. „Ich ſehe nichts,“ ſagte er,„abſolut nichts.“ Der Huiſſier trat ein. „Nun?“ fragte Herr Jackal. „Herr Gibaſſier wartet.“ „Er ſoll eintreten.“ „Er ſagte, Sie ſeien nicht allein.“ „Das iſt wahr. Herr Gibaſſier iſt wie Sie, Herr Gérard, ein ſchüchterner Mann, der nicht gerne ſich ſehen läßt; man ſollte wirklich glauben, es ſei mit ihm, wie mit dem Veilchen: es verräth ſich nur durch ſein Parfün. Treten Sie in dieſes Zimmer ein, Herr Gérard.“ Herr Gérard, der wirklich kein größeres Ver⸗ langen hatte, ſich ſehen zu laſſen, als Herr Gibaſ⸗ ſier, ging raſch in das Nebenzimmer, deſſen Thüre er ſorgfältig hinter ſich ſchloß. Seee —— „Treten Sie ein, Gibaſſier!“ rief Herr Jackal; „ich bin allein.“ Gibaſſier trat, wie immer, mit lächelndem Geſichte ein. „Was ſoll das heißen, Gibaſſier,“ rief Herr Jackal.„Man macht wichtige Gefangennehmungen und ich weiß nichts davon!“ Gibaſſier ſtreckte den Hals vor und riß die Augen auf, wie ein Menſch, welcher ſagt:„Erklären Sie ſich!“ „Geſtern,“ fuhr Herr Jackal fort,„hat man einen Mann arretirt, welcher Vive'empereur! ge⸗ rufen.“ „Wo das, Herr Jackal?“ „Im Café Foy, Herr Gibaſſier.“ „Im Café Foy? Der Mann hatte ja gar nicht Vive lempereur! gerufen.“ „Was rief er denn?“ „Vive Pampleur!“*) „Sie täuſchen ſich, Herr Gibaſſier.“ 7 ſicher bin, was ich vorbringe.“ „Und wie können Sie deſſen gewiß ſein?“ „Ich war es ſelbſt,“ ſagte Gibaſſier. Herr Jackal ſchob ſeine Brille in die Höhe und betrachtete Gibaſſier mit jenem ſtummen Lächeln, das ihm eigen war. „Das iſts, wenn man doppelte Polizei hat,“ ſagte endlich Jackal.„Das braucht's noch, daß eine ſolche Myſtification vorkömmt.“ *) Es lebe die Weite! Erlauben Sie mir zu verſichern, daß ich deſſen tret dur hei ein Ce 199 Und an die Thüre des Zimmers tretend, in wel⸗ chem Herr Gérard eingeſchloſſen war, ſagte er: „Nun, Herr Gérard, Sie können wieder ein⸗ treten!“ „Sind Sie alſo alleir durch die Thüre. „Allein oder beinahe allein,“ verſetzte Herr Jackal. Gérard trat mit ſeiner gewöhnlichen Schüchtern⸗ heit ein. Als er deßhalb Gibaſſier gewahrte, machte er einen Schritt zurück „O,“ ſagte er,„was iſt das?“ „Mein Herr?“ „Ja, mein Herr.“ „Sie erkennen ihn?“ „Ich glaube wohl!“ Dann zu Herrn Jackal ſich herabbeugend, flüſterte er ihm ins Ohr:„Das iſt mein Offizier aus dem Café Foy.“ Herr Jackal nahm Herrn Gérard an der Hand. „Mein lieber Herr Gérard,“ ſagte er,„ich ſtelle Ihnen Herrn Gibaſſier, meinen Unterbrigadechef, vor.“ Dann wandte er ſich an Gibaſſier und fuhr fort: „Mein lieber Gibaſſier, ich ſtelle Ihnen Herrn Gérard, einen unſerer ergebenſten Agenten, vor 2 „Herr Gérard!“ machte Gibaſſier. „Ja, der ehrenwerthe Herr Gérard von Vanvres, den Sie kennen.“ Gibaſſier verbeugte ſich mit einer gewi n re⸗ ſpectvollen Miene und ging beinahe rücklings hinaus. „Wie, den Sie tennen?“ fragte Herr Gérard erblaſſend;„Herr Gibaſſier weiß alſo?... 2“ fragte Herr Gérard „Alles, mein lieber Herr Gérard!“ bar Der Meuchelmörder wurde leichenblaß. Sach „Das darf Sie aber in keiner Weiſe beunruhigen,“ ſagte Herr Jackal,„Herr Gibaſſier iſt mein anderes Ich.“ „O, mein Herr,“ ſtotterte der Spion,„warum dacht haben Sie mich dieſem Menſchen vorgeſtellt?“ „Erſtens, weil es gut iſt, ſich zu kennen, wenn nicht man im ſelben Regimente dient.“ Dann fügte er mit einem Tone hinzu, der jede Sylbe bei Herrn Gérard tief ins Herz dringen ließ: mir, „Und iſt es nicht wichtig, daß er Sie kennt, um tereſ Sie frei zu machen, wenn ein ungeſchickter Menſch Sie arretiren würde?“ heft Bei dem Gedanken, daß er arretirt werden könnte, der ſank Herr Gérard in den Fauteuil à la Voltaire. blaſ Aber Herr Jackal war nicht ſehr empfindſam; er ließ Herrn Gérard auf ſeinem Throne und ſetzte lig: ſich auf einen einfachen Stuhl ihm gegenüber. ſein nich He LVII. thei ern Ein guter Rath. gea Herr Jackal ließ Herrn Gérard einige Secunden, er um ſich zu erholen. Gndlich ſchlug Herr Gérard ſeinen Blick langſam len zu ihm auf. der Herr Jackal machte eine Bewegung mit den Schultern. de „Was wollen Sie,“ ſagte er zu ihm mit ſchein⸗ ge n, m en in⸗ 201 bar vollkommener Bonhomie,„das iſt eben eine Sache, die diesmal fehlgeſchlagen.“ „Welche?“ „Nun, das Kreuz der Ehrenlegion.“ Der arme Herr Gérard, man muß es geſtehen, dachte nicht daran. „Nun,“ ſagte Herr Jackal,„haben Sie mir nichts Neueres und Ernſteres mitzutheilen?“ „Nein, mein Herr, ich geſtehe es.“ „Teufel! Teufel! Teufel!... ſo iſt es alſo an mir, Ihnen etwas zu ſagen, was Sie vielleicht in⸗ tereſſiren wird.“ Und Herr Jackal ſchob ſeine Brille hinauf und heftete ſeine Luchsaugen auf den Mitunterredner, der ſich unter dieſem ſtechenden Blicke unwillkürlich blaß werden fühlte. Herr Gérard war ihm durch höhere Ordre hei⸗ lig: aber der Polizeimann hatte deßhalb nicht auf ſein Recht moraliſcher Tortur verzichtet: er vermochte nichts über dies heitere und ſtoiſche Gemüth des Herrn Sarranti, der in dem Gefängniß der Verur⸗ theilten den Tod von einem Augenblicke zum andern erwartete; er vermochte alles über den freien und geachteten Herrn Gérard. Das fühlte Herr Gérard wohl; deßhalb erblaßte er unter dem Blicke des Herrn Jackal. Jedesmal, ſo vft er das Hotel der Rue Jeruſa⸗ lem verließ, verließ er es, wie der Patient, der von der ärztlichen Berathung kömmt. Der Unterſchied war mehr oder weniger immer der, daß es ſich um die gewöhnliche oder die außer⸗ gewöhnliche Frage handelte. — — 202 Diesmal hatte Herr Jackal die außergewöhnliche Frage für ihn in Bereitſchaft. Herr Gérard lieh erblaſſend dem, was ihn in— tereſſiren ſollte, ſein Ohr. Aber die Katze hielt die Maus in ihren Krallen und machte ſich das Vergnügen, mit ihr zu ſpielen. Herr Jackal zog die Tabaksdoſe aus ſeiner Taſche, tauchte die zwei Finger hinein und nahm eine un⸗ geheure Priſe heraus, die er mit großer Wolluſt ſchnupfte. Herr Gérard wagte es nicht, den Polizeimann zum Sprechen zu drängen und lauſchte mit einer Re⸗ ſignation, die nicht von einer gewiſſen Ungeduld frei war. „Sie wiſſen, lieber Herr Gérard,“ ſagte endlich Herr Jackal,„daß in acht Tagen die Friſt abgelau⸗ fen iſt, welche König Karl X. Herrn Sarranti zuer⸗ kannt?“ „Ich weiß es,“ murmelte Herr Gérard, indem er auf Herrn Jackal einen Blick voll Unruhe warf. „Sie wiſſen ferner, daß der Abbé Dominique übermorgen zurück ſein kann... vielleicht morgen oder heute ſchon?“ „Ja, ja, ich weiß auch das,“ antwortete der Philantrop an allen Gliedern zitternd. „O, wenn Sie aber ſo ſchon bei dem erſten Worte zittern, das ich an Sie richte, lieber Herr Gérard, ſo würden Sie ſicher ohnmächtig werden, wenn Sie wüßten, um was es ſich handelte; und wären Sie ohnmächtig, ſo würden Sie nicht mehr hören, was ich Ihnen zu ſagen habe und was wahrſcheinlich noch intereſſanter iſt.“ 4 fürchte ſeine dieſe aller wen er g geht grof Jac c — — Br em ue gen der orte ard, Sie Sie was noch „Was wollen Sie?“ ſagte Herr Gérard,„das iſt ſtärker als ich.“ „Nun, was haben Sie von Abbé Dominique zu fürchten, nachdem ich Ihnen geſagt, daß der Papſt ſeine Bitte verwerfen wird?“ Herr Gérard athmete wieder auf. „Sie glauben?“ ſagte er. „Wir kennen Seine Heiligkeit Gregor XVI., das iſt eine eiſerne Stange.“ Herr Gérard athmete noch mehr auf. Herr Jackal gab ihm Zeit, ſeine Lungen mit Luft anzufüllen. „Nein,“ ſagte er,„nein, das iſt es nicht, was Sie zu fürchten haben.“ „Ach, mein Gott!“ murmelte Herr Gérard,„ich habe alſo etwas zu fürchten?“ „O, mein lieber Herr Göérard, ſind Sie ſo wenig Philoſoph, daß Sie nicht wiſſen, daß der Menſch, dieſe ſchwache Creatur, unausgeſetzt im Kampfe mit allem, was ihn umgibt, keinen Augenblick Ruhe hätte, wenn er die beſtändigen Gefahren kennte, durch die er geht, und denen er nur durch ein Wunder ent⸗ geht.“ „Ach!“ murmelte Herr Gérard,„das iſt eine große Wahrheit, die Sie da ausſprechen, Herr Jackal.“ „Nachdem Sie dies anerkannt,“ verſetzte Herr Jackal, indem er ſich verbeugte,„ſo wünſche ich eine Frage an Sie zu richten.“ „Machen Sie ſie, mein Herr, machen Sie ſie.“ „Die Dichter, Herr Gérard... eine geringe Brut, nicht wahr?“ „Ich kenne ſie nicht, mein Herr; ich glaube mir nicht den Vorwurf machen zu dürſen, vier Verſe in meinem Leben geleſen zu haben.“ „Nun, die Dichter behaupten, daß die Todten bisweilen aus ihrem Grabe aufſtehen. Glauben Sie daran?“ Herr Gérard murmelte fünf oder ſechs unver⸗ ſtändliche Worte und begann heftiger, denn je zu zittern. „Ich hatte bis jetzt nicht daran geglaubt,“ ver⸗ ſetzte Herr Jackal;„aber eine Thatſache, die aller⸗ neueſtens zu meiner Kenntniß kam, hat mich in die⸗ ſer Sache derart erbaut, daß ich eine Theſe darüber jett aufrecht zu erhalten im Stande wäre; nein, ſie ſtehen nicht von, ſelber auf, aber man kann ſie auferſtehen machen.“ Herr Gérard entfärbte ſich immer mehr. „Hören Sie die Anecdote; ich überlaſſe Ihnen die Würdigung derſelben. Ein Mann von Ihrem Temperamente, von Ihrem Charakter, Ihrer Geſin⸗ nung, kurz ein Philantrop, hatte in einem böſen Augenblick— man iſt leider nicht vollkommen, lie⸗ ber Herr Gérard, ich weiß die Wahrheit mehr als irgend Jemand!— ſeinen Neffen ertränkt; und da er nicht wußte, was mit der Leiche anfangen,— man weiß immer nicht, was mit den Leichen anfan⸗ gen! das iſt's meiſt, was den Untergang der Leute herbeiführt, welche andere umbringen— und nicht wiſſend, was mit der Leiche anfangen, hat er ſie in einem dichten Gehölze ſeines Parkes begraben.“ Herr Gérard ſtieß einen Seufzer aus und ſenkte den Kopf. „Dort glaubte er ihn wohl verborgen. Er iſt es auc immer ausſetz mein kamen 5 einen Görat digen ſproch dem und C. — Hert Wor J oben man Par ten Sie er⸗ zu er⸗ ler⸗ die⸗ ber ein, ſie nen rem eſin⸗ öſen lie⸗ als d da fan⸗ eute nicht 205 es auch in der That; aber der Boden beſitzt nicht immer die Verſchwiegenheit, die man bei ihm vor⸗ ausſetzt. Da kömmt nun gar dieſen Morgen— ei, du mein Gott, dieſer Mann ging gerade weg, als Sie famen!— ein Mann zu mir und ſagt mir wörtlich: Mein Herr Jackal, in acht Tagen wird man . einen Unſchuldigen hinrichten. „Sie begreifen, daß ich erſtaunte, lieber Herr Gérard, daß ich antwortete, es gebe keinen Unſchul⸗ digen mehr, ſobald die Juſtiz das Schuldig ausge⸗ ſprochen; er legte mir jedoch Stillſchweigen auf, in⸗ dem er ſagte: „„Der, den man hinrichten will, iſt unſchuldig und den wahren Schuldigen kenne ich.““ Herr Gérard barg ſeinen Kopf in ſeinen Händen. „Ich habe, ſo viel ich konnte, verneint,“ fuhr Herr Jackal fort,„aber der Fremde hemmte meine Worte, indem er ſagte: „„Können Sie über eine Nacht verfügen?““ „„Ja, gewiß,““ antwortete ich ihm. „„Ueber die nächſte Nacht?““ Nein, die nächſte Nacht iſt beſetzt.“ Nun gut, die übernächſte Nacht?““ „„Gewiß zu einer Excurſion?“ ſagte ich obenhin. 5 „Zu einer Excurſion. „Sie begreifen, daß ich zu wiſſen wünſchte, wohin man mich führe.“ „„Innerhalb von Paris oder außerhalb von Paris?““ fragte ich. von Paris.““ ——————— 206 „Und es wurde ausgemacht, daß nicht in dieſer, ſondern in der folgenden Nacht mir der Beweis in die Hände geliefert werden ſolle, daß nicht der, den man hinrichten wollte, ſondern im Gegentheil ein Menſch, der ſich in Freiheit befinde, der Schuldige ſei.“ „Sie nahmen alſo die Excurſion an?“ ſtotterte Herr Gérard. „Konnte ich anders? ich frage Sie, der Sie ein Mann von Verſtand, Sie wiſſen, was meine Auf⸗ gabe iſt? Prudhon hat ein Bild davon gemacht: Die Gerechtigkeit das Verbrechen verfolgend. Sie wiſſen, daß die Deviſe des Philoſophen von Genf: Vitam impendere vero! auch die meinige iſt. Ich mußte ſagen: Ich werde kommen!“ „Und Sie kamen?“ „Zum Teufel! ich mußte wohl, ich wurde requi⸗ rirt; aber ich ſagte Ihnen, ich gehe nicht in der näch⸗ ſten Nacht; ich gehe erſt in der übernächſten Nacht — übernächſten Nacht, Sie hören?“ „Ja,“ antwortete Herr Gérard, der wirklich hörte, aber ohne zu verſtehen, und deſſen Zähne wie Caſtagnetten klapperten. „Ah! ich wußte es wohl,“ machte Herr Jackal, „daß ich Sie durch dieſe Erzählung'intereſſiren würde.“ „Aber, mein Herr, worauf zielt das ab, was Sie mir da ſagen, was iſt das Reſultat der vertrau⸗ lichen Mittheilung, die Sie mir machen?“ ſtotterte Herr Gérard, ſich zum Sprechen anſtrengend. „Was? Wie! Sie merken das nicht? Ich ſagte mir: Herr Gérard iſt ein Philantrop; wenn er weiß, daß ein armer Teufel eine derartige Gefahr läuft, wie d den Mörd wird dig n ſcheir E fahre ſem Ihne wohl ein! bünt weiß den, Sche dank Frat gen nach weiſ Wir lette auf Arb nac Her des qui⸗ tacht klich wie ckal, rde. was trau⸗ tterte ſagte weiß, läuft, wie die, in welche ich ihn bringe, ſo wird er ſich an den Platz dieſes armen Teufels, dieſes unglücklichen Mörders, dieſes bedauerlichen Meuchlers ſtellen: er wird ſeine Qualen fühlen, als wenn er ſelbſt ſchul⸗ dig wäre. Ich habe mich nicht getäuſcht, wie mir ſcheint, nicht wahr, lieber Herr Gérard?“ „O nein! nein!...“ rief dieſer. „Gut. Dieſer erſte Erfolg veranlaßt mich fortzu⸗ fahren. Morgen, um Mitternacht, gehe ich mit die⸗ ſem andern Philantropen auf das Land; er gleicht Ihnen durchaus nicht, Herr Gérard; denn man kann wohl ſagen, zwiſchen Philantrop und Philantrop iſt ein Unterſchied, wie Moliére ſagte, zwiſchen Reiſig⸗ bündel und Reiſigbündel ſei ein Unterſchied; ich weiß nicht, wohin wir unſere Richtung nehmen wer⸗ den, er hat mir nichts davon geſagt; aber mit einer Scharfſichtigkeit, die ich meiner langen Erfahrung danke, ahne ich, daß es die Richtung der Cvur⸗de⸗ France ſein wird.“ „Der Cour⸗de⸗France Jo Sint wir dort angekommen, ſo ſchla⸗ gen wir den Weg nach rechts oder nach links ein, nach rechts wahrſcheinlich; wir treten,— wie? ich weiß es nicht;— wohrſcheinlich in einen Park. Wir conſtatiren dort das Vorhandenſein eines Ske⸗ lettes in einem Loche. Wir nehmen ein Protocoll auf und überbringen die Frucht dieſer peinlichen Arbeit dem Herrn Procurator des Königs, der ſich nach neuen Nachforſchungen gezwungen ſieht, den Herrn Miniſter der Juſtiz zu bitten, die Execution des Hern Sarranti zu verſchieben.“ „Des Herrn Sarranti?“ rief Herr Gérard. 208 „Sagte ich, des Herrn Sarranti? Der Name iſt mir entſchlüpft: Ich habe, ich weiß nicht weßhalb, ewig den Nanen dieſes Teufels von Menſchen im Munde... Man verſchiebt alſo die Execution. Man decretirt die Arreſtation des wirklich Schuldi⸗ gen— eine neue Inſtruction beginnt... Sie be⸗ greifen doch, nicht wahr?“ „Gewiß,“ antwortete Herr Gérard, in deſſen Blicken durch eine ſchwarze Wolke der rothe Galgen der Gehenkten erſichtbar zu werden ſchien. „Es iſt eine furchtbare Lage für den armen Mörder,“ ſagte Herr Jackal,„denn ſehen Sie mal den braven Mann; er geht in der Sonne des lieben Gottes ſpazieren, die beiden Hände in den Taſchen, frei wie die Luft; plötzlich ſieht er elende Gendar⸗ men kommen, die ihn aus der Sonne wegſchleppen, um ihn in den Schatten zu ſchleudern, und ihm die Hände aus den Taſchen reißen, um ihn zu feſſeln; er wird ſeine unſchuldige Ruhe zerſtört, ſeine ge⸗ wöhnliche Heiterkeit vernichtet ſehen und das, ich weiß nicht durch welche brutale Formalität, durch welches minutiöſe Detail; dann wird er bereuen, daß er den Weg des Heils nicht benützte, den ich ihm geöffnet.“ „Aber gibt es denn einen ſolchen?“ rief Herr Gérard. „Wahrhaftig, lieber Herr Gérard,“ ſagte der Polizeimann,„Sie müſſen einen ſehr harten Kopf, ein ſehr ſtumpfes Gehirn und ein ſehr kurzes Ge⸗ dächtniß haben.“ „Ach, mein Gott!“ rief der ehrenwerthe Herr Gérard,„ich höre dennoch mit beiden Ohren.“ 6 ⸗ 7 weist, mit de geſagt nächſt 6 gung den kame zu kein verb blick läßt von eine nan Sie Be vor das 4 iſt b, m n. di⸗ e⸗ en en ien nal ben en, ar⸗ en, die en; ge⸗ ich urch daß ihm Hert der kopf, Ge⸗ Herr 209 „Sehen Sie,“ machte Herr Jackal.„Das be⸗ weist, daß das Reſultat nicht immer im Verhältniß mit der Geiſtesfähigkeit ſteht. Habe ich Ihnen nicht geſagt, daß ich mich weigerte, die Expedition in der nächſten Nacht zu unternehmen?“ „Allerdings.“ „Daß ich ſie von der morgenden Nacht auf die von übermorgen verſchoben?“ „Das ſagten Sie.“ „Nun gut!“ Herr Gérard hatte den Mund offen und wartete. „Wahrhaftig!“ ſagte Herr Jackal, die Achſeln zuckend über eine ſolche Stupidität.„Das iſt ja das Abe der Kunſt und man muß ein ſo ehrbarer Mann ſein wie Sie, um nicht bereits begriffen zu haben.“ Herr Göérard machte einige verzweifelte Bewe⸗ gungen mit Kopf und Händen, die, verbunden mit den rauhen Tönen, welche aus ſeinem Halſe hervor⸗ kamen, ſagen wollten:„Fahren Sie fort!“ „Ich weiß wohl, daß das in keinem Bezügniſſe zu Ihnen ſteht,“ fuhr Herr Jackal fort;„daß Sie iein Intereſſe haben, den Mörder eines Andern zu verbergen. Aber nehmen Sie doch mal einen Augen⸗ blick an,— was ſich eigentlich gar nicht annehmen läßt,— daß das Verbrechen ſtatt von einem Andern von Ihnen begangen worden wäre, daß ſtatt von einem Andern begraben worden zu ſein, der Leich⸗ nam von Ihnen begraben worden wäre. Nehmen Sie an, daß der Schauplatz des Verbrechens ein Beſitzthum wäre, das Ihnen gehörte.. das Schloß von Viry zum Beiſpiel: nehmen Sie an, Sie kennten das Gehölz und den Baum, deſſen geheinrißvollem Dumas, Salvator. IV. 210 Schatten der Leichnam anvertraut worden; nehmen Sie an, Sie wüßten, daß in der Nacht von morgen oder übermorgen ſich das Gericht nach dem Schloſſe von Viry begeben und eine Unterſuchung in dem Parke anſtellen müßte; nun, was würden Sie in der Nacht zu thun haben, die Ihnen ein Freund verſchafft, während der Nacht von morgen auf übermorgen zum Beiſpiel?“ „Was ich zu thun hätte?.. 7 7 A „Damit man ihn nicht fände.. S „Den Leichnam?— Ja.“ „Ich müßte..“ Herr Gérard trocknete ſich den Schweiß von der Stirne, der in dicken Tropfen über dieſelbe rollte. „Nun, vollenden Sie doch! Sie müßten. „Ich müßte, ihn weg...“ „Weg „Wegſchaffen, verſchwinden laſſen.“ „Gottlob!... Ah, lieber Herr Gérard, welch' träge Phantaſie haben Sie! Sie müſſen ſie durch die Landluft, durch die Nachtluft auffriſchen. Ich verabſchiede Sie denn für heute und morgen. Es wird ein glänzender Tag werden; das iſt ein Glück für einen Naturliebhaber. Gehen Sie auf das Land, gehen Sie, und wer weiß, ob in dem Gehölz von Meudon oder Vanvres— die Gehölze ſind die Tröſt⸗ einſamkeiten für Fiſcher wie er— wer weiß, ob Sie nicht den armen Teufel von Mörder finden, den Sie mit Ihrer gewöhnlichen Milde vor einer kleinen Gefahr, in die er läuft, retten.“ en 5 ſſ ke ht ft, m der elch' urch Ich Es lück and, von röſt⸗ ob den inen 21¹¹ „Ich begreife Sie!“ rief Herr Gérard, indem er die Hand des Polizeimannes küßte.„Danke!“ „Pfui!“ ſagte Herr Jackal, indem er verächtlich den Mörder zurückſtieß,„glauben Sie denn, daß ich alles das thue, um Ihren elenden Rumpf zu retten. Gehen Sie, gehen Sie, Sie ſind gewarnt; das Uebrige iſt Ihre Sache.“ Herr Gérard ſtürzte aus dem Cabinet des Herrn Jackal. „Pah!“ machte der Letztere mit einem Blick auf die Thüre, die ſich hinter Jenem ſchloß. LVIII. Ein Kutſcher, der ſeine Vorſichtsmaßregeln trifft. Herr Gérard verließ in aller Eile das Hotel de Jeruſalem. Auf dem Quai angekommen, warf er ſich in einen Wagen und rief dem Kutſcher zu: „Auf eine Stunde und zehn Franken für die Stunde, wenn Du zwei Meilen in einer Stunde machſt.“ „Zuverläſſig... wohin, Bourgvis?“ „Nach Vanvres.“ Nach Verlauf von einer Stunde war man in Vanvres. „Behalten Sie mich, Bourgois?“ fragte der Kutſcher, der die Bedingungen gut fand. Herr Görard ſann einen Augenblick nach. Er hatte zu Hauſe Pferde und Wagen; aber er fürchtete —— 212 eine Indiscretion von Seiten ſeines Kutſchers: er dachte, ein Fremder tauge mehr, ein Mann, mit dem er nie mehr zu thun hätte, nachdem ſeine Rech⸗ nung mit ihm ausgeglichen war. Er beſchloß deßhalb ſeinen Limooſiner zu be⸗ halten. Er befürchtete einzig, daß wenn er ihn zum ſel⸗ ben Preiſe behielte, es einigen Verdacht erwecken könnte. Das Verlangen raſcher zu gehen, hatte ihn eine Unklugheit begehen laſſen; man durfte eine zweite nicht begehen. „Danke,“ ſagte er,„ich habe die Perſon, welcher ich nacheilte, um einige Minuten verfehlt. Sie iſt nach Viry⸗ſur⸗-Orge.“ „Fatal, Bourgois, fatal.“ „Ich möchte ſie aber wohl heute noch ſehen,“ murmelte Herr Gérard, als wenn er mit ſich ſelbſt ſpräche. „Man kann Sie nach Viry⸗ſur-Orge führen, Bourgois; ſieben Meilen, das iſt bald zurückgelegt.“ „Ah, ja; aber Du begreifſt,“ ſagte Herr Gérard, „mit den kleinen Wagen fahre ich für drei Franken nach Viry⸗ſur⸗Orge.“ „Ich kann Sie allerdings nicht für drei Franken dahin bringen; aber in den kleinen Wagen, merken Sie wohl, werden Sie mit Leuten aller Art zuſam⸗ men geworfen, während Sie in meinem Fiacre allein ſind.“ „Weiß wohl, weiß wohl,“ ſagte Herr Gérard, der namentlich allein zu ſein wünſchte,„und das verdient überlegt zu werden.“ er it h⸗ e⸗ el⸗ en hn ite er „Nun, Bourgois, was würden Sie dem armen Barnabé geben, wenn er Sie nach Viry führte?“ „Er müßte mich auch wieder zurücknehmen.“ „Man wird Sie wieder zurücknehmen.“ „Und dann auch auf mich warten.“ „Man wird Sie erwarten.“ „Nun, das macht? Sei vernünftig.“ „Für hin und zurück dreißig Franken.“ „Und für das Warten?“ „Die Warteſtunden werden Sie mit vierzig Sous bezahlen. Ich hoffe, daß Sie dagegen nichts einzu⸗ wenden haben.“ Es ließ ſich allerdings dagegen nichts einwenden. um ſich das Anſehen des Handelns zu geben, han⸗ velte er fünf Franken ab und der Handel wurde für fünfundzwanzig Franken hin und zurück und vierzig Sous die Stunde Wartegeld abgeſchloſſen. Nachdem man über dieſen Preis übereingekom⸗ men war, nahm Herr Gérard den Schlüſſel des Schloſſes von Viry zu ſich und ſtieg, nachdem man den beiden Pferden des Meiſter Barnabé gepfiffen, wie⸗ der in den Wagen. „Ueber Fromenteau?“ fragte der Kutſcher. „Ueber Fromenteau, wenn Du willſt,“ antwor⸗ tete Herr Gérard, dem der Weg, den man einſchlug, gleichgültig war, wenn man nur ankam. Der Wagen fuhr in großem Trabe ab. Meiſter Barnabé war ein Ehrenmann, der ſein Geld auf rechtmäßige Weiſe verdienen wollte. Als Herr Gérard deßhalb nach Viry kam, war es noch heller Tag und man konnte wahrhaftig nicht daran denken, bei hellem Sonnenſchein an die trau⸗ ——— 21⁴ rige Ausgrabung zu gehen, die ihn nach dem Schloſſe führte. Herr Gérard, der ſich jetzt mehr als je in ſeinen Hut vertieft, ſtieg aus dem Wagen und befahl dem Kutſcher, den er im Wirthshauſe zurückließ, ſich bis elf Uhr auszuruhen. Präcis um elf Uhr ſollte er vor dem Schloßthore ſein. Herr Gérard öffnete die Thüre und ſchloß ſie hinter ſich, nachdem er ſich den Blicken von einem Dutzend Kinder und einigen alten Frauen entzogen, welche das Geräuſch eines Wagens herbeigezogen. Man begreift die Aufregung des Philanthropen, als er den Fuß wieder in die Wohnung ſeines Bru⸗ ders ſetzte, wo er eines der Kinder deſſelben hin⸗ gemordet. Auch werden wir nicht zu ſchildern brauchen, wie es ihm das Herz zuſammengeſchnürt, als er den Perron hinaufſtieg und den Fuß in das umheimliche Haus ſetzte. Als er am See vorüberkam, wandte er den Kopf ab. Rachdem er die Thüre des Veſtibules hinter ſich geſchloſſen, mußte er ſich an die Mauer ſtützen, die Kraft fehlte ihm. Er ſtieg in ſein Zimmer hinauf. Die Fenſter dieſes Zimmers, wird man ſich erinnern, gingen auf den Teich. Aus dem Fenſter dieſes Zimmers hatte er Braſil untertauchen und den Leichnam des kleinen Victor herbeiſchleppen ſehen. nicht 2 bleib wele hölz dac bek Kü ꝙꝙg Te pol da ein ni 215 Er zog die Vorhänge zuſammen, um den Teich nicht zu ſehen. Aber die zuſammengezogenen Vorhänge machten m en em das Zimmer düſter. is Er wagte es nicht, in dieſem düſtern Zimmer zu bleiben. re Zwei halbe Kerzen ſtaken in zwei Leuchtern, welche das Kamin ſchmückten. Gérard hatte die Vorſich em hölzerſchachtel mitzubringen. Er zündete die Lichter an. t gehabt, eine Zünd⸗ en, Nun erwartete er etwas ruhiger die Nacht. en, Gegen neun Uhr, als es ganz dunkel geworden, ru⸗ dachte er, es ſei Zeit, ſich hinauszubegeben. in⸗ Es handelte ſich zuerſt darum, einen Spaten zu bekommen. wie Es mußte ein ſolcher in dem Schoppen des den Küchengärtners ſein. iche Herr Gérard ging hinab, ſah ſich gegenüber dem Teiche, der in der Dunkelheit wie ein Spiegel von den polirtem Stahl glänzte, dann ſchlich er in den kleinen Gang, der nach dem Küchengarten führte, und ſuchte ſich das Werkzeug, deſſen er bedurfte. die Der Schoppen mit den Werkzeugen war mit einem Schlüſſel verſchloſſen. Der Schlüſſel ſteckte nicht. ſich Es war glücklicher Weiſe ein Fenſter vorhanden. err Gérard näherte ſich dem Fenſter, in der aſil Abſicht, eine Scheibe einzubrechen, die eiſerne Fenſter⸗ ctor ſtange zu öffnen und durch das Fenſter in das Ge⸗ wächshaus zu dringen. echen wollte, hielt Als er die Scheibe eben zerbr 216 er inne, mit Schrecken an den Lärm denkend, der durch das Zerbrechen der Scheibe entſtehen würde. Der Unglückliche erſchrak vor allem. Er blieb deßhalb zaudernd und die Hand auf dem Herzen ſtehen. Sein Herz ſchlug, daß die Seiten zerſpringen zu wollen ſchienen. Er verlor auf dieſe Weiſe mehr als eine Viertel⸗ ſtunde. Endlich erinnerte er ſich, daß er einen Diaman— ten am kleinen Finger hatte. Der koſtbare Stein glitt knirſchend über die vier Seiten des Glaſes hin und Herr Gérard brauchte bloß an das Glas zu ſtoßen, daß es fiel. Er wartete noch einen Augenblick, ſtieß an das Glas und ſteckte zu gleicher Zeit den Arm durch die Heffnung. Die Stange drehte ſich und das Fenſter ging aus einander. Herr Gérard blickte rings umher, um ſich zu ver⸗ ſichern, daß die Nacht ganz ſtille ſei und ſtieg über die Brüſtung des Fenſters. Nachdem er einmal in dem kleinen Häuschen war, taſtete und ſuchte er nach dem Werkzeug, deſſen er bedurfte. 3 Er fiel auf zwei bis drei Hondgriffe von Werk⸗ zeugen, ehe er den Handgriff eines Spatens zu packen kriegte. Endlich gelang es ihm. Er nahm den Spaten und ging denſelben Weg zurück. Es ſchlug zehn Uhr. hätt das wie der auf ihr der der zu ſei an⸗ ier hte das ich ing ber hen ſſen erk⸗ zu Er überlegte, daß er einen weit kürzeren Weg hätte, wenn er durch das Gitter des Parkes ginge, das nach dem Pont Godeau führte, als wenn er wieder an dem verwünſchten Teiche vorüberginge, der ſeinen Blick auf ſich zog und nach der furchtbaren Operation, die er vornehmen wollte, noch weit mehr auf ſich ziehen würde. Er faßte zu gleicher Zeit einen andern Entſchluß. Nämlich den Kutſcher wiſſen zu laſſen, daß er ihn an dem Gitter des Gartens erwarte, das nach der Ebene zu ging, ſtatt ihn, wie er ihm geſagt, an dem Gitterthor zu erwarten, das nach dem Dorfe zu ging. Herr Gérard öffnete dieſe letztere Thüre, legte ſeinen Spaten in eine Ecke und ſchlich ſich an den Häuſern hin, um nach dem Wirthshaus zu kommen. Auf dem Wege änderte er abermals ſeinen Entſchluß. Ein Wagen, welcher am Parkthore ſtand, konnte Aufmerkſamkeit erregen, da alle Welt wußte, daß das Haus unbewohnt ſei. Es war klüger, daß der Kutſcher auf der Land⸗ ſtraße nach Fontainebleau wartete, hundert Schritt über der Cour⸗de⸗France. Als er an dem Wirthshauſe angekommen war, ſah Herr Gérard durch die Fenſter. Er ſah ſeinen Mann, der eine Flaſche Wein trank und mit Fuhrleuten Karten ſpielte. Herr Gérard hatte wenig Luſt, ſich in dem Wirthshauſe zu zeigen, wo er erkannt werden konnte, obgleich er ſich ſchrecklich verändert, ſeit er Viry ver⸗ laſſen hatte. —— 218 Da Barnabs indeſſen nicht ahnen konnte, daß er hinter dem Fenſter ſtehe und mit ihm zu ſprechen wünſche, ſo ſah ſich Herr Gérard genöthigt, die Thüre zu öffnen und dem Kutſcher ein Zeichen zu geben, er ſolle zu ihm kommen. Eine Viertelſtunde verfloß, ehe Herr Gérard die⸗ ſen Entſchluß gefaßt. Er hoffte noch immer, es werde Jemand heraus⸗ kommen, dem er den Auftrag geben könnte, Barnabé zu ſagen, daß ſein Reiſender etwas mit ihm ſprechen müſſe. Niemand kam. Herr Gérard ſah ſich deßhalb genöthigt, ein⸗ zutreten. Wenn wir ſagten„einzutreten“, ſo begingen wir einen Irrthum; Herr Gérard trat nicht ein, ſondern öffnete die Thüre halb und rief mit zitternder Stimme: „He, Barnabé!“ Herr Barnabé war ganz bei ſeinen Karten; Herr Gérard mußte deßhalb den Namen dreimal wieder⸗ holen und hob jedesmal den Ton ſeiner Stimme. Endlich ſah Barnabé auf. „Ah, ah!“ ſagte er.„Sind Sie es, Bourgois?“ „Ja, ich bin's,“ ſagte Herr Gérard. „Sie wollen gehen?.. 62 „Noch nicht.“ „Das iſt ein Glück! Die armen Thiere ſind noch nicht ausgeruht.“ „Nein, das iſt's auch nicht.“ „Was denn?“ „Ich habe Dir zwei Worte zu ſagen.“ Dier ſovie der lebh ridr Eue har An dur 2¹9 „Das können Sie, ich bin ſogleich zu Ihren Dienſten.“ Und indem er auf ſoviel Spieler derangirte, als mö der Thüre. Alle Geſichter der derangirten Trinker waren lebhaft nach der Thüre gerichtet. Herr Gérard warf ſich in den Sch ridors zurück. „Olo!“ ſagte einer der Weingäſte,„glaubt ſich Euer Bourgois etwa entehrt, wenn er in ein Wirths⸗ haus eintritt?“ „Es iſt ein vermöglicher Liebhaber,“ ſagte ein Anderer lächelnd. „Dann hat er ſein Knie und nicht ſeinen Kopf durch die Thüre geſteckt,“ ſagte ein Dritter. „Thor,“ verſetzte der Erſte,„er hat ja geſprochen.“ „Nun?“ „Man ſpricht doch nicht mit dem Knie.“ „Da bin ich, Bourgvis,“ ſagte Barnabé;„was ſteht zu Dienſten?“ Gérard erklärte ihm die Veränderung, die in dem Programm eingetreten war und daß er ihn auf der Landſtraße ſtatt an dem Eingangsthore des Schloſſes erwarten ſolle. Die Auseinanderſetzung des Herrn Gérard wurde durch häufige:„Hm! hm“ unterbrochen. Herr Gérard begriff, daß in den Veränderungen, welche mit dem erſten Plane vorgegangen waren, Meiſter Barnabé etwas nicht nach ſeinem Sinne war. ſtand und auf ſeinem Wege glich, kam er nach atten des Cor⸗ 220 Als er endlich ſeinen Wunſch gehörig ausein⸗ andergeſetzt, ſagte Barnabé: „Aber wenn wir uns auf der Landſtraße nicht finden ſollten?“ „Wie ſollten wir uns denn nicht wieder finden?“ „Wenn Sie zum Beiſpiel vorübergehen, ohne mich zu ſehen.“ „Da iſt keine Gefahr, ich habe gute Augen.“ ſehen Sie, es gibt Leute, deren Geſicht ſchwächer wird, wenn ſie einen Wagen ſeit vierzehn Stunden haben und dem Kutſcher fünfzig Franken ſchuldig ſind. Ich kannte Bürger, zum Beiſpiel, ich ſage das nicht wegen Ihnen, Gott bewahre, Sie haben das ehrlichſte Geſicht, das jemals ein Menſch auf Erden beſeſſen! ich ſagte, daß ich Bürger ge⸗ kannt, die, nachdem ſie mich den ganzen Tag behal⸗ ten, ſich gegen fünf Uhr Abends nach der Paſſage Dauphine oder nach der Paſſage Vero⸗Dodat füh⸗ ren ließen und ſagten:„Erwarten Sie mich hier, Kutſcher; ich komme wieder.“ „Nun?“ fragte Herr Gérard. „Nun... und nicht wieder kamen.“ „O!“ ſagte Herr Gérard,„nicht möglich, mein Freund.. „Ich glaube Ihnen, ich glaube Ihnen; aber ſehen Sie doch...“ „Mein lieber Freund,“ ſagte Herr Gérard,„iſt es nur das?“ Damit zog er zwei Louisd'ors aus der Taſche und gab ſie Meiſter Barnabé. Meiſter Barnabé benützte einen Lichtſtrahl, der durch gewiſ 7 Cour an,1 bezal ht n en ch ie ſch e⸗ al⸗ er, ein ber „iſt ſche der 221 durch die halbgeöffnete Thür fiel, um ſich zu ver⸗ gewiſſern, daß die Louisd'ors gut ſeien. „Man wird Sie hundert Schritt oberhalb der Cour⸗de-France erwarten und zwar von elf Uhr an, wie ausgemacht. Von dem Augenblick, wo man bezahlt iſt, kein Einwurf mehr.“ „Aber ich habe einen zu machen.“ „Welchen?“ „Wenn... wenn. Herr Gérard wagte nicht zu vollenden. „Wenn was?“ „Wenn ich Dich nicht finden ſollte?“ o7“ „Auf der Landſtraße.“ „Warum ſollten Sie mich da nicht finden?“ „Weil Du voraus bezahlt biſt..“ „Sie mißtrauen alſo Barnabé?“ „Du haſt ja auch mir mißtraut. „Sie haben keine Nummer, aber ich habe eine.. und zwar eine famoſe! eine Nummer, die allen denen Glück bringt, welche ſie an ſich vorüberkommen ſehen, die Nummer 1.“ „Ich wünſchte weit mehr,“ ſagte Herr Gérard, „ſie brächte denen Glück, die darin ſind.“ „Sie bringt auch dieſen Glück, Nummer 1 bringt aller Welt Glück.“ „Um ſo beſſer, um ſo beſſer,“ ſagte Herr Gérard, indem er den Enthuſiasmus ſeines Kutſchers zu dämpfen ſuchte. „Und man wird Sie von elf Uhr an auf der Landſtraße erwarten, weil Sie's mal ſo wollen.“ „Gut,“ ſagte Herr Gérard leiſe. A 222 „Hundert Schritte oberhalb der Cour⸗de⸗France. Iſt es ſo recht?“ „Ja, ja,“ ſagte Herr Gérard,„es iſt ſo recht, mein Freund; aber es iſt unnöthig, ſo laut zu ſchreien.“ „Ja, ja, ſtille! und da Sie Gründe haben, ſich zu verbergen...“ „Ich habe keine Gründe!“ ſagte Herr Gérard. „Warum wollen Sie, däß ich Gründe habe, mich zu verbergen?“ „O das geht mich nichts an. Von dem Augen⸗ blicke, da ich bezahlt bin, nicht geſehen, nicht gekannt. Um elf Uhr wird man am fraglichen Orte ſein.“ „Ich werde ſuchen, Sie nicht warten zu laſſen.“ „O laſſen Sie mich warten, ich werde mich nicht beklagen. Sie haben mich auf die Stunde genom⸗ men: ich würde Sie, wenn Sie wollen, bis ans Thal Joſaphat führen und Sie würden wahrſcheinlich der Einzige ſein, der in einem Fiacre zum jüngſten Ge⸗ richt käme.“ Und ganz vergnügt über ſeinen Witz trat Bar⸗ nabé wieder in das Wirthshaus, während Herr Gé⸗ rard, den Schweiß abtrocknend, der ihm von der Stirne rann, auf den Weg nach dem Schloſſe zu⸗ rückging. EX. Ein ſchwierig unterzubringender Gegenſtand. Herr Gérard fand die Thüre halb offen und ſeinen Spaten an der Mauer lehnend. ind —— —— 223 Er ſchloß die Thüre mit dem Schlüſſel und ſteckte den Schlüſſel in die Taſche. Plötzlich zitterte er und blieb, die Augen feſt auf die Fenſter des Schloſſes geheftet, ſtehen. Das Fenſter war erhellt. Ein Augenblick des Schreckens machte den Elen⸗ den vom Kopf bis zu den Füßen ſchauern. Plötzlich erinnerte er ſich der beiden Lichter, die er angezündet hatte ſtehen laſſen. Er merkte nun die Unklugheit, die er begangen. Dieſe Helle, die er geſehen, konnten auch Andere ſehen: man wußte, daß das Schloß unbewohnt war, und dieſe Helle konnte vielen Vermuthungen Raum geben. Herr Gérard ging deßhalb beſchleunigten Schrit⸗ tes nach dem Schloſſe, immer die Blicke von dem Teiche abwendend, ſtieg raſch den Perron hinauf und ſtürzte die Treppen hinan. Er blies ein Licht aus und wollte eben auch das zweite auslöſchen, als er dachte, er müßte durch den Corridor gehen und ohne Licht die Treppe hinab⸗ ſteigen. Er hatte noch keinen Moment früher daran ge⸗ dacht, ſo ſehr beherrſchte ihn die Furcht, daß man das Licht ſehen möchte. Nachdem dieſe materielle Furcht vorüber war, kam die ideale wieder. Was konnte Herrn Gérard in den Corridors und auf den Treppen eines verlaſſenen Hauſes beun⸗ ruhigen? Was, ſo wenig Aehnlichkeit auch zwiſchen beiden ſtattfindet, Kind und Mörder fürchten: Geiſter. 224 In der Dunkelheit fürchtete Herr Gérard hinter ſich gehen zu hören, ohne zu wiſſen, was ging. Er fürchtete ſich an ſeiner Redingote gepackt zu fühlen, ohne zu wiſſen, wer ihn packte. Er fürchtete, bei der Krümmung des Corridors ſich plötzlich einem Geſpenſt gegenüberzuſehen, einem Kinder⸗ oder Frauengeſpenſt. Waren in dieſem Hauſe nicht zwei oder vielleicht drei Mordthaten geſchehen? Deßhalb ließ Herr Gérard ein Licht angezündet. Er konnte durch zwei Thüren hinausgehen: die Thüre des Perrons und die Thüre des Speiſekellers. Als er in das Veſtibule kam, zögerte er. Gegenüber von dem Perron war der Teich, der furchtbare Teich! Ehe er an die Thüre des Speiſekellers kommen konnte, mußte er durch den gewölbten Keller gehen, wo Orſola erdroſſelt worden war. Herr Gérard erinnerte ſich der Blutflecken auf den Steinplatten. Er zog es jedoch vor, durch den Speiſekeller hinauszugehen; er war nicht umſonſt in dieſer Stim⸗ mung. Er hielt das Licht in der einen Hand, nahm den Spaten mit der ondern, ſtieg die Treppe links, ging durch die Küche, zögerte einen Augenblick, ehe er die Thüre zum Speiſekeller aufſtieß, und ſchüttelte den Kopf, daß der Schweiß herabtroff, denn da ſeine beiden Hände beſchäftigt waren, konnte er ſich die Stirne nicht abtrocknen. Endlich ſtieß er mit dem Fuße die Thüre des —— uf ler im⸗ hm ks, ehe elte eine die ———— 225 Speiſekellers auf; der Wind blies durch die zerbro⸗ chenen Fenſterrahmen, das Licht erloſch. Er blieb in der Dunkelheit, gewiſſermaßen der Gefangene der Finſterniß. Ein Schrei entſchlüpfte ihm zu gleicher Zeit, wäh⸗ rend die Flamme erloſch; danu ſchauerte er und ſchwieg: er hatte Angſt, der Ton ſeiner Stimme möchte die Todten auferwecken. Er mußte durch den Speiſekeller gehen oder wie⸗ der zurückgehen. Zurückgehen: und wenn das Geſpenſt von Orſola ihm folgte!.. Was in dieſer, mehr als das Blatt des Pappel⸗ baums zitternden, Seele während der fünf Secunden vorging, welche er brauchte, um durch das düſtere Gewölbe zu gehen, wäre unmöglich zu beſchreiben. Endlich erreichte er die Holzkammer. Dort glaubte er ſich beinahe gerettet. Aber die Thüre, die in den Park führte, war geſchloſſen, der Schlüſſel ſteckte nicht; der Riegel war verroſtet, lief nicht mehr in der Schließkappe und widerſtand dem erſten Rütteln. Die Kräfte waren nahe daran, dem Unglücklichen den Dienſt zu verſagen. Es ſchien ihm unmöglich, wieder durch den Speiſekeller zu gehen, ohne vor Schreck zu ſterben. Er nahm alle ſeine Kräfte zuſammen. Das Schloß gab nach: die Thüre ging auf. Der friſche Wind von Außen ſchlug an ſeine feuchte Stirne und machte den Schweiß auf ſeinem Geſichte zu Eis. Dumas, Salvator 1V. 226 Aber dieſe Empfindung ſchien ihm unendlich wohl⸗ thuend nach der erſtickenden Atmoſphäre des Sou⸗ terrains. Er athmete die reine Nachtluft! Seine Lungen dehnten ſich aus. Er öffnete den Mund, um Gott zu danken; er wagte es nicht. 8 Wenn ein Gott lebte, wie konnte er, Gérard, frei, und Herr Sarranti im Gefängniß ſein? Freilich ſchlief Herr Sarranti aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach jenen ruhigen Schlaf, der dem Gerechten die Kraft gibt, das Schaffot zu beſteigen, während er dagegen wachte, Gewiſſensbiſſe und Schrecken im Herzen, und ſeine Kniee zitterten, ſeine Hände und ſeine Stirne von Schweiß troff. Und in welch' furchtbarer Abſicht wachte er? Was war die ſchreckliche That, die ihm zu thun blieb? Er mußte die Gebeine ſeines Opfers ausgraben und verbergen. Hatte er dazu den Muth? Hatte er vor Allem die Kraft? Er wollte es wenigſtens verſuchen. Mit raſchem und beinahe feſtem Schritte durch⸗ maß er den ganzen offenen und hellen Raum vom Schloſſe bis zum Parke. Als er ſich jedoch unter dem Schatten der großen Bäume ſah, als das geheimnißvolle und murmelnde Dunkel des Waldes ſich zu ſeiner Rechten und Linken ausbreitete, packte ihn die eiſige Hand des Schreckens von Neuem bei den Haaren. e n d m d en em om zen nde ken ens 3 27 Er befand ſich in der Allee, die nach dem dichten Gebüſche führte. Er begann die große Eiche zu ſehen; er begann die Raſenbank zu unterſcheiden. Die Angſt mochte ihn zurückziehen, ſo viel ſie wollte: er mußte vorwärts gehen. Er ward ſo ſchrecklich fortgeſchleppt, als der ge⸗ zwungene Leidende zum Schaffot. Einen Augenblick fragte er ſich, ob das Schaffot nicht dem vorzuziehen ſei, was er zu thun im Be⸗ griffe ſtand. Einen Schlag, der ihn getroffen, ohne daß er ihn erwartet, und ihn auf der Stelle und ohne Lei⸗ den getödtet, er hätte ihn geſegnet. Aber der Todeskampf beim Ausſpruch eines Ur⸗ theils, das Gefängniß, dieſes heiße und kalte Vor⸗ gemach des Grabes, der Henker und ſeine finſtere Macht, das rothbemalte Schaffot, deſſen beide ma⸗ geren Arme man von Weitem ſieht, die Stufen, die man, wenn die Kräfte fehlen, unterſtützt von Dienern der Guillotine, emporſteigen muß, das Brett, das uns emporhebt, das dreieckige Eiſen, das in der dop⸗ pelten Rinne läuft: das iſt der wahrhaft grauſame, der ſcheußliche, der unmögliche Tod! Das war es, was in den Augen des Meuchel⸗ mörders dem Ausgraben des Leichnams, dem Tod vor Schreck beim Ausgraben, den Vorzug gab vor dem Tode des Caſtaing und Papavoine. Er trat entſchloſſen in das dichte Gebüſch und machte ſich an die Arbeit. Zuerſt mußte man das richtige Loch finden. Er knieete nieder und ſuchte mit der Hand. 228 Ein Todesſchauer durchrieſelte ſeine Adern, nicht wegen deſſen, was er that,— das war indeſſen furchtbar genug!— ſondern etwas ganz anderes Schreckliches machte ihn erbeben. Es kam ihm vor, als wenn an dem ihm wohl⸗ bekannten Platze die Erde vor Kurzem aufgelockert worden. Sollte er zu ſpät kommen? Eine Furcht macht der andern Platz. Er ſteckte mit der Raſerei des Schreckens die Hand in den lockern Boden und ſtieß einen Freuden⸗ ſchrei aus. Das Skelett war noch da. Er hatte das weiche und ſeidene Haar des Kin⸗ des gefühlt, das Salvator in ſo großen Schrecken verſetzt. Ihn beruhigte es. Er machte ſich an das Aufgraben. Wenden wir die Blicke von dieſem ſcheußlichen Geſchäfte. Athmen wir die reine Luft. Blicken wir zu den ſchönen Sternen am Himmel auf, dem Goldſtaub, der unter den Füßen Gottes pulſirt. Hören wir in dieſer reinen Nacht nicht durch den unendlichen Raum des Aethers Töne des himm⸗ liſchen Geſanges herabklingen, welchen die Engel ſingen, wenn ſie Gott anbeten. es wird Zeit genug ſein, die Blicke wieder auf die Erde zu richten, wenn dieſes verfluchte Menſchen⸗ kind blaß und zitternd aus dem dichten Gebüſche n el es en en, auf en⸗ che ———— — tritt, in der einen Hand den Spaten, in der andern etwas Ungeſtaltetes in ſeinem Mantel. Was ſucht er jetzt mit ſeinem ſcheuen und blin⸗ zelnden Blicke? Er ſucht einen ſichern Ort, um ihm das Leichen⸗ depot anzuvertrauen, das er von einem Orte weg⸗ genommen, der nicht mehr ſicher iſt. Herr Göérard ging ohne Aufenthalt bis zum an⸗ dern Ende des Parkes, legte ſeinen Mantel auf die Erde und begann zu graben. Aber beim dritten oder vierten Schlag ſchüttelte er den Kopf und murmelte: „Nein, nein, nicht hier!“ Und er nahm ſeinen Mantel wieder, machte hun⸗ dert Schritte unter den dichtbelaubten Bäumen und blieb zum zweiten Male ſtehen und zögerte... Dann ſchüttelte er abermals den Kopf: „Zu nahe pei dem andern!“ ſagte er. Endlich ſchien ihn ein lichter Gedanke zu durch⸗ zucken. Zum zweiten Male nahm er ſeinen Mantel auf, und mit demſelben fieberhaften Gang, mit dem er bereits zwei Stationen gemacht, begab er ſich wieder auf den Weg. Diesmal ging er nach dem Hauſe, diesmal hatte er keine Angſt, ein Geſpenſt auf der Oberfläche hin⸗ gleiten zu ſehen. Er hielt das Geſpenſt ja in ſeinen Augen. Als er an das Ufer des Teiches gekommen war, legte er den Mantel auf das Gras und begann ihn zu entfalten. 230 In dieſem Augenblick ließ ſich in der Ferne ein trauriges Geheul hören. Es war das Geheul eines Hundes im nahen Pachthof. „O nein! nicht hier!“ ſagte er,„nicht hier! Es hat ihn bereits ein Hund hervorgezogen, man würde das Skelett finden... aber was thun?... Mein Gott, begeiſtere mich!“ Dieſe Bitte ſchien zum Himmel aufgeſtiegen zu ſein, als wenn ſie keine Blasphemie geweſen wäre. „Ja, ja,“ murmelte der Elende,„das iſt's, das iſt's!“ Dieſe Gebeine möchten noch ſo gut in dem Park von Viry verborgen ſein, man könnte ſie zum zweiten Male entdecken, da ſie ſchon einmal entdeckt worden. Herr Gérard wollte ſie mit ſich fortnehmen und ſie in ſeinem Garten von Vanvres begraben. In Vanvres war Herr Gérard mehr als anders⸗ wo der ehrenwerthe Herr Gérard. Er nahm ſeinen Mantel wieder auf, ließ jedoch den Spaten liegen, begab ſich raſch nach dem Gitter des Parks, das gegen den Pont Godeau zu lag. Er hatte den Schlüſſel dieſes Gitters und öffnete ohne Schwierigkeit. Seltſam! feit er dieſes Skelett in ſeinem Mantel hielt, war der Schrecken vor übernatürlichen Dingen verſchwunden. Freilich war ein anderer Schreck dem erſten ge⸗ folgt, und der ehrenwerthe Herr Gérard hatte bei dem Tauſch nichts verloren. Nachdem er das Gitterthor geſchloſſen, durchmaß Herr Gérard das Feld ſo raſch er konnte, um an die Landſtraße zu kommen. ſchl ſeit ſei ga au 231 Roland hat uns den Weg gezeigt, den er einge⸗ ſchlagen. Barnabé hatte Wort gehalten: er wartete mit ſeinem Fiacre am angedeuteten Orte. Er that ſogar mehr als warten: er ſchlief auf ſeinem Bock aber ſo gut er auch ſchlief, Herr Göérard gab dem Wagen, als er öffnete, einen Stoß, der ihn aufweckte. „Hm!“ machte Barnabé,„ſind Sie es, Bour⸗ geois?“ „Ja, ich bin's,“ ſagte Herr Gérard,„bemühe Dich nicht.“ „Wollen Sie,“ ſagte der Kutſcher, indem er die Hand ausſtreckte,„daß ich das Paket da, das Sie zu geniren ſcheint, auf meinen Sitz lege?“ Und Meiſter Barnabé deutete auf den Mantel. „Nein! nein!“ rief Herr Gérard erſchrocken;„es ſind ſeltene Pflanzen, die vor jedem Stoß bewahrt werden müſſen; ich werde ſie auf mein Knie ſtellen.“ „Wie Sie wollen.. Fahren wir jetzt zurück?“ „Nach Vanvres,“ ſagte Herr Gérard. „Vorwärts nach Vanvres!“ ſagte der Kutſcher, indem er ſeine Pferde peitſchte. Und der ſchwerfällige Wagen ſetzte ſich in Be⸗ wegung. W So geſchah es, daß Salvator unter der großen Eiche und bei dem dichten Gehölz das Skelett nicht gefunden, das er zu ſuchen gekommen.—