deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 2 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 3₰ für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———. 3— auf 1 Monat: 1W— Pf. TW 2 f. 3 — = 5 „„ S 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlbrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſei Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden varf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. à —— N3 — Die Mohicaner von Paris. Salvator. Von Alerandre Vnmas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. Dritter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1856. X 2 orn von Eduard Hallberger in Stuttgart. * XIX. Wo die Drohung ebenſo wenig gluͤckt als die Verfuͤhrung. In einem Augenblicke des Stillſchweigens, der nun eintrat, wechſelte der Graf von Valgeneuſe zum dritten Male die Batterie. Er hatte es verſucht, die beiden Mohicaner be⸗ trunken zu machen, ſodann ſie zu beſtechen; die zwei Verſuche waren geſcheitert: er beſchloß, ihnen Schre⸗ cken einzujagen. „Iſt es nicht mehr erlaubt, vom Gelde zu ſpre⸗ chen,“ ſagte er, ſich an Jean Taureau wendend,„ſo iſt es doch wohl erlaubt, von etwas Anderem zu ſprechen.“ „Reden Sie,“ erwiederte laconiſch Jean Taureau. „Ich kenne den Mann, der Euch mit meiner Bewachung beauftragt hat.“ „Dazu mache ich Ihnen mein Compliment,“ ſagte Jean Taureau,„und ich wünſche Ihnen viele ſolche Bekanntſchaften doch offenherzig geſtanden: ich glaube es kaum„ „Wenn ich von hier weggehe,“ fuhr Herr von Valgeneuſe fort,„denn früher oder ſpäter werde ich von hier weggehen, nicht wahr?“ 4 „Das iſt wahrſcheinlich,“ antwortete der Zim⸗ mermann. „Von hier weggehend, werde ich meine Anzeige machen, und eine Stunde nachher wird er verhaftet ſein.“ „Verhaftet, Herr Salvator, er verhaftet? Ah! gehen Sie doch!“ rief Jean Taureau,„niemals.“ „Ah! er heißt Salvator,“ ſagte Lorédan;„ich kannte ihn nicht unter dieſem Namen.“ „Ah! unter dieſem Namen oder unter einem andern,— das iſt ein Mann, welchen verhaften zu laſſen ich Ihnen verbiete, verſtehen Sie, ſo ſehr Sie auch Graf ſind!“ „Sie verbieten es mir?“ „Ja, ich! Uebrigens wird er ſich wohl ſelbſt ver⸗ theidigen.“ „Das wollen wir ſehen... Ich laſſe ihn ver⸗ haften, und Ihr könnt Euch wohl denken, bin ich einmal im Zuge, Gerechtigkeit zu üben, ſo werde ich Euch nicht vergeſſen.“ „Sie werden uns nicht vergeſſen?“ „Ihr wißt, daß es ſich ganz einfach um die Ga⸗ leeren handelt.“ „Galeeren, wie!“ rief Touſſaint⸗Louverture unter ſeiner Tättowirung erbleichend. „Du ſiehſt wohl, daß der Herr Graf, nachdem er uns die Ehre angethan, uns betrunken machen zu wollen, und die Beleidigung, uns beſtechen zu wollen, nun uns die Gnade erweiſt, mit uns zu ſcherzen!“ ſagte Jean Taureau. „Dann iſt es ein ſchlechter Spaß,“ erwiederte der Kohlenbrenner. —— 5 „So wahr ich Lörédan von Valgeneuſe heiße,“ ſprach mit der größten Kaltblütigkeit der Gefangene, „ich gebe Euch mein Wort, zwei Stunden, nachdem ich frei bin, ſeid Ihr alle Drei verhaftet.“ „Hörſt Du, Jean Taureau?“ ſagte leiſe Touſſaint; „er ſieht aus, als ob er keinen Spaß triebe.“ „Ich wiederhole, alle Drei: Sie, Herr Touſſaint⸗ Louverture der Kohlenbrenner; Sie, Herr Jean Tau⸗ reau der Zimmermann, und endlich Euer Chef Herr Salvator.“ „Sie werden das thun?“ fragte Barthélemy, die Arme kreuzend und den Gefangenen feſt anſchauend. „Ja,“ erwiederte energiſch der Graf, welcher fühlte, der Augenblick ſei entſcheidend, und, vielleicht verloren, wenn er Muth zeige, ſei er dies noch viel ſicherer, wenn er ſchwach werde. „Geben Sie Ihr Wort darauf?“ „Bei meinem adeligen Ehrenworte!“ „Er wird thun, wie er es ſagt, Freund Jean!“ rief Touſſaint. Barthélemy Lelong ſchüttelte den Kopf. „Ich ſage Dir, er wird es nicht thun, Freund Touſſaint.“ „Und warum nicht, Jean?“ „Ah! weil wir ihm die Fähigkeit dazu benehmen werden.“ „Nun war die Reihe am Grafen, zu ſchauern, als er den Tonausdruck des Zimmermanns hörte, und die Phyſiognomie dieſes Mannes ſah, der in ſeinem ganzen Körper keine Muskel hatte, welche nicht durch die Entſchloſſenheit geſpannt war. „Was willſt Du damit ſagen?“ fragte Touſſaint. „Als er vorhin hier... ohnmächtig auf dieſem Liſche lag...“ „Nun?“ „Was wäre geſchehen, wäre er, ſtatt ohnmächtig zu ſein, todt geweſen?“ „Ei! es wäre geſchehen,“ antwortete Touſſaint mit ſeiner gewöhnlichen Logik,„daß er todt geweſen wäre, ſtatt ohnmächtig zu ſein.“ „Hätte er uns in dieſem Falle angezeigt, und auch Herrn Salvator angezeigt?“ „Gut! dieſe Dummheit... wäre er todt gewe⸗ ſen, ſo hätte er Niemand angezeigt.“ „Nun wohl,“ ſprach Jean mit düſterem Tone, „nimm an, der Herr ſei todt.“ entgegnete Valgeneuſe,„doch ich bin es nicht.“ „Sind Sie deſſen ganz ſicher?“ fragte Jean Taureau mit einem Ausdrucke, der in der That Valgeneuſe zweifeln machte, ob er todt ſei oder le⸗ bendig. „Mein Herr...“ ſagte der Graf. „Und ich,“ fuhr J Jean Taureau fort,„ich erkläre Ihnen, Sie ſind dem Sterben ſo nahe, daß es ſich nicht der Mühe lohnt, darüber zu ſtreiten.“ „Ah!“ rief Lorédan,„Sie ſind entſchloſſen, mich zu tödten, wie es ſcheint.“ „Und ſollte es Ihnen angenehm ſein,“ erwiederte Taureau,„ſo will ich Ihnen ſagen, auf welche rt. „Dann risquiren Sie nicht mehr die Galeeren, ſondern das Schaffot,“ ſprach Lorédan. — ————— — 7 „Das Schaffot, das Schaffot, hörſt Du, Jean?“ ſtammelte Touſſaint. „Ah bah! entgegnete Jean,„die Tröpfe beſtei⸗ gen das Schaffot,— Leute, welche ihre Vorſichts⸗ maßregeln nicht zu nehmen wiſſen. Doch ſeien Sie unbeſorgt, Herr Graf, wir werden die unſeren nehmen; Sie ſollen ſelbſt darüber urtheilen.“ Der Graf erwartete die Erklärung mit ziemlich feſtem Geſichte. „Vernehmen Sie, wie ſich die Sache zutragen wird,“ fuhr der Zimmermann fort, ohne deß ſein Tonausdruck das geringſte Zögern bezeichnete:„ich will Ihnen den Knebel wieder anlegen, ich will Sie wieder binden, wie Sie waren... Hacke das Wurf⸗ garn ab, das an der Wand hängt, Touſſaint...“ Touſſaint hackte das Wurfgarn ab. „Ich trage Sie bis nach dem Fluſſe,“ fuhr Jean Taureau ſort.„Dort angelangt, mache ich ein Boot los; wir laſſen es ein paar Meilen im Stromſtriche gehen; ſodann, an einer guten Stelle, wo es fünf⸗ zehn Fuß Tiefe haben wird, binden wir Sie auf, wir nehmen Ihnen den Knebel ab, wir rollen Sie in das Garn und werfen Sie ins Waſſer. Seien Sie ruhig, Sie kommen auf den Grund, denn ich werde die Maſchen des Wurfgarns an die Knöpfe Ihres Ueberrocks anbinden! Wir warten, bis das beendigt iſt, wir fahren wieder ſtromaufwärts, brin⸗ gen das Boot wieder an ſeinen Platz, und kehren hieher zurück, um unſere zwei Flaſchen vollends zu leeren. Wonach wir vor Tagesanbruch wieder nach Paris kommen, ohne daß uns Jemand ſieht, und wir warten.“ 1 8 „Worauf warten Sie?“ fragte der Graf, wäh⸗ rend er ſeine von Schweiß rieſelnde Stirne abwiſchte. „Ei! wir warten auf Nachrichten von Herrn von Volgeneuſe, und die Leute, welche leſen können, wer⸗ den folgende in den öffentlichen Blättern leſen: „„Es iſt in der Seine der Leichnam eines jun⸗ gen Mannes aufgefunden worden, der ſeit ein paar Tagen ertrunken zu ſein ſchien. Trotz der häufigen Beiſpiele von ſolchen Unfällen wollte der Unglück⸗ liche, wie es ſcheint, das Wurfgarn in einem Ueberrocke auswerfen, ſtatt der Vorſicht gemäß eine Blouſe anzuziehen: das Garn war an die Knöpfe ſeines Kleides angehackt, und hat ihn im Fluſſe fort⸗ geriſſen; vergebens hat er ſich angeſtrengt, um ſich loszumachen. „„Seine Uhr, die man in ſeinem Hoſentäſchchen gefunden, ſein in ſeinem Sacke zurückgebliebenes Geld, ſeine noch an ſeinen Fingern feſt haltenden Ringe, ſchließen jede Idee eines Mordes aus. „„Die Leiche iſt in der Morgue niedergelegt worden.““ „Iſt das wohl geordnet, wie? und glauben Sie, man werde Jean Taureau und Touſſaint⸗Louverture, die ihn weder von Adam, noch von Eva her kennen, bezüchtigen, Sie haben den Herrn Grafen Lorédan von Valgeneuſe ermordet?“ „Ah! Sacredi!“ rief Touſſaint,„wie viel Geiſt haſt Du, Jean Taureau! ich hätte das nie von Dir geglaubt!“ „Du biſt alſo bereit?“ fragte Jean Taureau. „Bei Gott!“ antwortete der Kohlenbrenner. „Sehen Sie, Herr Graf, es fehlt nur noch Ihre n 8 n gt 6 e, n ſt ir re 9 Erlaubniß, um die Poſſe zu ſpielen,“ bemerkte Jean Taureau;„doch Sie wiſſen, daß wir, wenn Sie ſie nicht geben, uns derſelben überheben werden.“ „Ins Waſſer! ins Waſſer!“ rief Touſſaint. Barthélemy ſtreckte ſeine breite Hand in der Richtung des Grafen aus; dieſer machte zwei Schritte rückwärts, ſtieß, nachdem er die zwei Schritte ge⸗ macht hatte, an die Wand und war genöthigt, ſtehen zu bleiben. „Ah! Sie werden nicht weiter gehen,“ ſagte Bar⸗ thélemy:„die Wand iſt ſolid, ich habe ſie unterſucht.“ Und er machte ſeinerſeits zwei Schritte vorwärts und legte ihm die Hand auf die Schulter. Dieſe Hand brachte auf den Grafen die Wirkung hervor, welche auf den armen Sünder die des Hen⸗ kers macht. „Meine Herren,“ ſprach Lorédan, der einen letz⸗ ten Verſuch wagen wollte,„Sie werden nicht kalt ein ſolches Verbrechen begehen; Sie wiſſen, daß die Todten aus der Tiefe des Grabes aufſtehen, um die Mörder anzuklagen.“ „Ja, doch nicht aus den Tiefen des Fluſſes, be⸗ ſonders wenn ſie in einem Garne feſtgehalten ſind Iſt das Garn bereit, Touſſaint?“ „Ja,“ antwortete dieſer,„es fehlt nur noch der Jean Taureau ſtreckte die Hand aus und nahm die Stricke, die er aufs Bett geworfen hatte. In einem Nu waren die Fauſtgelenke von Loré⸗ dan vereinigt und hinter ſeinen Rücken gebunden. Es ließ ſich an der Stärke und der Präciſion der Bewegungen von Jean Taureau wohl ſehen, daß 10 dies ein von ihm gefaßter und zwar wohlgefaßter Entſchluß war. „Meine Herren,“ ſprach Lorédan,„diesmal han⸗ delt es ſich nicht mehr darum, mich fliehen zu laſſen; es handelt ſich nur darum, mich nicht zu ermorden.“ „Stille!“ ſagte Jean Taureau. „Ich verſpreche Ihnen hunderttauſend Franken, wenn...“ Der Graf vollendete nicht; das Taſchentuch, das ihm ſchon einmal als Knebel gedient hatte, verſchloß ihm zum zweiten Male den Mund. „Hunderttauſend Franken,“ ſtammelte Touſſaint, „hunderttauſend Franken. „Und woher ſollte er ſie denn nehmen, ſeine hunderttauſend Franken?“ verſetzte Jean Taureau. Der Gefangene konnte nicht mehr ſprechen, doch er machte mit dem Kopfe ein Zeichen, welches an⸗ deutete, man brauche nur in ſeiner Rocktaſche zu ſuchen. Jean Taureau ſtreckte ſeine dicke Hand aus, ſchob zwei Finger in die Rocktaſche von Herrn von Valgeneuſe und zog ein Portefeuille mit prallen Flanken heraus. Er lehnte Herrn von Valgeneuſe an die Wand an, ungefähr wie man eine Mumie in einem Na⸗ turaliencabinet anlehnt, kehrte zur Lampe zurück und öffnete das Portefeuille. Touſſaint ſchaute ſeinem Gefährten über die Schulter. Jean Taureau zählte zwanzig Banquebillets. Das Herz von Touſſaint ſchlug, um ſeine Bruſt zu zerſprengen. 11 „Sind das ächte Banquebillets?“ fragte der Zimmermann.„Lies Du, der Du leſen kannſt.“ „Ich glaube wohl, daß es ächte Banquebillets ſind, und zwar tüchtige Banquebillets,“ antwortete Touſſaint.„Ich habe nie ſolche an der Thüre der Wechsler geſehen. Sie ſind von fünftauſend jedes.“ „Zwanzigmal fünf oder fünfmal zwanzig macht!... Ah! es läßt ſich nichts dagegen ſagen, die Rechnung iſt richtig.“ „Wir laſſen ihn alſo leben,“ ſagte Touſſaint, „und ſtecken die hunderttauſend Franken ein?“ „Nein, ganz im Gegentheile,“ erwiederte Jean Taureau,„wir geben ihm die hunderttauſend Fran⸗ ken zurück, und ertränken ihn.“ „Ah! wir ertränken ihn?“ ſagte Touſſaint. „Ja,“ antwortete Jean. „Und Du biſt ſicher, daß uns kein Unglück wi⸗ derfahren wird?“ fragte leiſe der Kohlenbrenner. „Das iſt unſer Schutz,“ ſprach Jean Barthélemy, indem er das Portefeuille wieder in die Taſche des Grafen ſteckte und den Rock darüber zuknöpfte;„wer würde zwei arme Teufel wie uns beargwohnen, wir haben einen Menſchen ertränkt, und ihm hundert⸗ tauſend Franken in ſeiner Taſche gelaſſen?“ „Ah,“ ſagte Touſſaint mit einem Seußer,„Fich ſehe wohl Eines.“ „Was?“ „Arm ſind wir gekommen, mein Freund, arm werden wir ſterben.“ „Amen!“ ſprach Jean Taureau, während er den Grafen auf ſeine Schulter lud.„Oeffne die Thüre, Touſſaint.“ 12 Touſſaint öffnete die Thüre; doch er ſtieß einen Schrei aus und wich zwei Schritte zurück. Ein Mann ſtand auf der Thürſchwelle. Dieſer Mann trat ein. „Ah!“ murmelte Jean Taureau,„es iſt Herr Salvator. Er kommt zur unrechten Zeit.“ Wo man etwas heller im Leben von Salvator zu ſehen anfängt. Salvator warf einen ruhigen Blick auf dieſe zwei oder vielmehr auf dieſe drei Menſchen. Nun,“ fragte er,„was geht denn hier vor?“ „Nichts,“ erwiederte Jean Taureau;„ich will nur mit Ihrer Erlaubniß dieſen Herrn ertränken.“ „Ja, wir wollen ihn ertränken,“ ſagte Touſſaint. „Und warum dieſe Ertremität,“ fragte Salvator träumeriſch. „Weil er es zuerſt verſucht hat, uns betrunken zu machen.. 4 „Ah!“ „Sodann, uns zu beſtechen.“ „Hernach?“ „Endlich uns einzuſchüchtern.“ „Jean Taureau einzuſchüchtern. Touſſaint Lou⸗ verture, dagegen will ich nichts ſagen; doch Jean Taureau...“ „Sehen Sie!“ ſprach der Zimmermann.„Laſſen Sie uns paſſiren, und in einer halben Stunde wird die Sache abgemacht ſein.“ 77 n n 13 „Und was hat er denn geſagt, mein Braver, um Dich einzuſchüchtern?“ „Er werde Sie anzeigen, er werde Sie verhaften laſſen, er werde Sie aufs Schaffot führen. Da ant⸗ wortete ich ihm:„„Gut! mittlerweile will ich Sie in die Seine führen!...““ Treten Sie auf die Seite, Herr Salvator, wenn's beliebt.“ „Binde dieſen Menſchen los, Jean.“ „Wie, ich ſoll ihn losbinden?“ Fa.. „Sie haben alſo nicht gehört, was ich Ihnen geſagt habe?“ „Doch.“ „Ich habe Ihnen geſagt, er wollte Sie anzeigen, Sie verhaften, guillotiniren laſſen.“ „Und ich, ich habe Dir erwiedert: Binde dieſen Menſchen los und laß mich mit ihm allein!“ „Herr Salvator!“ murmelte Jean mit flehender Miene. „Sei ruhig, mein Freund,“ ſagte der junge Mann.„Der Herr Graf Lorédan von Valgeneuſe nichts gegen mich, während ich im Gegen⸗ theile „Sie, im Gegentheile?“ „Alles gegen ihn vermag. Ich wiederhole alſo zum letzten Male, binde dieſen Menſchen los und laß uns Beide allein mit einander reden.“ „Nun,“ erwiederte Touſſaint,„da Sie es durch⸗ aus wollen...“ Und ſein Blick befragte noch einmal Salvator. „Durchaus,“ wiederholte der junge Mann. „Dann gehorche ich,“ ſprach Jean Taureau beſiegt. 14 Und nachdem er dem Grafen die Hände losge⸗ bunden und ihm den Knebel abgenommen hatte, machte er Salvator oder vielmehr Herrn von Val⸗ geneuſe darauf aufmerkſam, er werde vor der Thüre bleiben, um auf den erſten Ruf herbeizueilen, und ging dann mit ſeinem Freunde Touſſaint hinaus. Salvator folgte ihm und Touſſaint mit den Augen, und ſobald die Thüre wieder geſchloſſen war, ſprach er zum Grafen von Valgeneuſe: „Wollen Sie ſich ſeten, mein Vetter; denn ich befürchte ſehr, wir haben einander zu viel zu ſagen, um ſtehen bleiben zu können.“ Lorédan warf einen raſchen Blick auf Salvator. „Ah!“ ſagte dieſer, indem er mit der Hand ſeine ſchönen ſchwarzen, ſo zarten, ſo ſeidenen Haare auf⸗ hob und ſeine Stirne entblößte, welche ſo ruhig und rein, als fände er ſich ſeinem beſten Freunde gegen⸗ über,„ſchauen Sie mich recht an, Lorédan; ich bin es ſelbſt.“ „Woher des Teufels kommen Sie denn, Herr Conrad?“ rief der Graf, der ſich behaglicher vor einem Mann von demſelben Range fühlte, als es ihm den zwei Proletariern gegenüber war, mit denen er ſo unvortheilhaft gekämpft hatte.„Bei meiner Ehre, man hielt Sie für todt!“ „Nun wohl, Sie ſehen, ich war es nicht. Ei! mein Gott, die Geſchichte iſt voll von Ereigniſſen dieſer Art, von Oreſtes, der durch Pylades ſeinen Tod Aegiſthos und Klytemneſtra melden läßt, bis auf den Herzog von Normandie, der von Sr. Majeſtät Karl X. den Thron ſeines Vaters Ludwigs XVI. reclamirt.“ 15 „Ja, doch weder Oreſtes, noch der Herzog von Normandie hatten ihre Beerdigung diejenigen be⸗ zahlen laſſen, an denen ſie Rache nehmen, oder von denen ſie ein Erbe reclamiren wollten,“ erwiederte Herr von Valgeneuſe, das Geſpräch in demſelben Tone fortführend. „Ah! mein Gott, mein lieber Vetter, wollen Sie mir etwa die fünfhundert Franken vorwerfen, die Sie meine Beerdigung gekoſtet hat? Bedenken Sie doch, daß nie Geld beſſer angelegt war: das bringt Ihnen ſeit ſechs Jahren, ein Jahr ins andere, ein Einkommen von zweimalhunderttauſend Franken! Seien Sie unbeſorgt, ich werde es Ihnen zurückgeben, wenn wir unſere Rechnungen ordnen.“ „Unſere Rechnungen?“ rief verächtlich Lorédan; „wir haben alſo Rechnungen zu ordnen?“ „Bei Gott!“ „Sind es nicht die der Erbſchaft des ſeligen Mar⸗ quis von Valgeneuſe, meines Oheims?“ „Mein lieber Herr Lorédan, Sie könnten wohl beifügen: und Ihres Vaters.“ „In der That, unter uns, das iſt ohne Folge!.. Ich füge alſo bei, wenn Ihnen das angenehm iſt: und Ihres Vaters.“ „Ja, es iſt mir äußerſt angenehm,“ ſprach Salvator. „Wäre es nun, Herr Conrad. oder Herr Salvator, wie Sie wollen, denn Sie haben mehrere Namen, wäre es allzu unbeſcheiden, Sie zu fragen, wie es zugeht, daß ſie kommen, während Sie alle Welt für todt hält?“ „Ohl! mein Gott, nein! ich wollte mich ſogar an⸗ 16 bieten, Ihnen dieſe Geſchichte zu erzählen, ſollte Sie dieſelbe ein wenig intereſſiren.“ il „Sie intereſſirt mich, und zwar ungemein... ſe Erzählen Sie, mein Herr, erzählen Sie.“ tl Solvator verbeugte ſich zum Zeichen der Bei⸗ ſtimmung und begann: 2 „Sie erinnern ſich, mein lieber Vetter, auf welch unerwartete und unglückliche Art der Herr Marquis he von Valgeneuſe, Ihr Hheim und mein Vater, ſtarb?“ ſ „Vollkommen.“ te „Sie erinnern ſich, daß er mich nie hatte aner⸗ he tennen wollen, nicht als hätte er mich ſeines Namens P unwürdig erachtet, ſondern im Gegentheile, weil er, ie mich anerkennend, mir nur ein Fünftel von ſeinem D Vermögen hinterlaſſen konnte.“ „Sie müſſen mehr als ich auf dem Laufenden in den Beſtimmungen des Codex in Betreff d Ba⸗ ſtarde ſein... Da ich ein legitimer Sohn. ſo ei hatte ich nie Gelegenheit, mich damit zu beſchäftigen.“ Ei! mein Gott, lieber Vetter, ich beſchäftigte zn nicht damit, ſondern mein armer Vater.. Er beſchäftigte ſich ſo ſehr damit, daß er am Tage V ſeines Todes ſeinen Notar, den redlichen Herrn Baratteau, kommen ließ... ℳ„Ja, und man hat nie recht erfahren, warum er Te Sihn hatte kommen laſſen. Sie nehmen an, es ſei ge⸗ ſchehen, um ihm ein Teſtament zu Ihren Gunſten zu übergeben?“ ſie „Ich nehme nicht an, ich bin deſſen ſicher.“ zu „Sie ſind deſſen ſicher?“ c o Hios2 „Und wie dies? 17 „Am Tage vorher, als hätte er das Unglück, das ihn bedrohte, vermuthet, theilte mir mein Vater, ob⸗ ſchon ich mich ſträubte, ihn anzuhören, mit, was er thun wollte, oder vielmehr, was er gethan hatte.“ „Ich kenne dieſe Teſtamentsgeſchichte.“ 2 „Sie kennen ſie?“ „Ja, wenigſtens ſo, wie Sie dieſelbe erzählt haben. Der Marquis hatte ein eigenhändig ge⸗ ſchriebenes Teſtament gemacht, das er Herrn Barat⸗ teau übergeben ſollte; doch ehe er es ihm übergeben hatte, oder nachdem er es ihm übergeben,— dieſer Punkt, ſo wichtig er iſt, wurd nie aufgeklärt,— fiel der Graf vom Schlage gerührt. Iſt es ſo?“ „Ja, mein Vetter, abgeſehen indeſſen von einem Detail.“ „Ein Detail! und welches?“ „Daß zur größeren Vorſicht der Marquis nicht ein Teſtament, ſondern zwei gemacht hatte.“ „Ah! ah! zwei Teſtamente?“ „Duplicate, ja mein Vetter; beide ganz gleich.“ „Ja, in denen er Ihnen ſeinen Namen und ſein Vermögen vermachte?“ „Ganz richtig!“ „Welch ein Unglück, daß ſich von dieſen beiden Teſtamenten nicht eines wiedergefunden hat!“ „Ja, das iſt ein Mißgeſchick.“ „Der Marguis vergaß alſo, Ihnen zu ſagen, wo ſie waren?“ „Das eine war beſtimmt, dem Notar übergeben zu werden, das andere ſollte mir übergeben werden.“ „Und mittlerweile...2 „Und mittlerweile hatte ſie der Marquis in die Dumas, Salvator. III. 2 18 Geheimſchublade eines kleinen Schrankes in ſeinem Schlafzimmer eingeſchloſſen.“ „Aber,“ ſagte Lorédan, Salvator feſt anſchauend, Sie wüßten nicht, wo dies koſtbare Te⸗ ment ſei.“ „Ich wußte es damals nicht.“ „Und heute...7“ „Heute,“ anwortete Salvator,„heute weiß ich es.“ 7 6„Ah!“ rief Lorédan,„erzählen Sie mir das; die Sache wird intereſſant!“ „Verzeihen Sie, ſoll ich Ihnen nicht zuerſt er⸗ zählen, wie ich lebe, während mich Jeder, etwas mehr, etwas weniger, für geſtorben hält? Bringen wir Ord⸗ nung in die Erzählung: es wird nur um ſo klarer und intereſſanter ſein.“ „Thun Sie das, mein lieber Vetter, viel Ord⸗ nung.. Ich höre Sie.“ Und um die Erzählung von Salvator zu hören, ſetzte ſich der Graf von Valgeneuſe auf die eleganteſ ſorgloſe Art, die ihm möglich war. Salvator begann: „Mein lieber Vetter, wir gehen alſo über die Geſchichte der Teſtamente weg, die Ihnen nicht klar ſcheint, mit dem Vorbehalte, ſpäter dazu zurückzu kommen, und auf ſie das Ihnen momentan fehlende Licht zu werfen, und nehmen, wenn Sie wollen, meine Geſchichte in dem Augenblicke auf, wo Ihre ehren⸗ werthe Familie,— die bis dahin die Güte geho hatte, mich als einen Verwandten zu betrachten, di ſogar einmal eine Heirath zwiſchen mir und Fräl lein Suſanne geträumt hatte,— da ſie mich nur no em nd, Te⸗ ren, nteſt die klar ickzu⸗ lende neint hren ehobt , die Frär⸗ 19 als einen Fremden anſah, mir bedeutete, ich habe das Hotel der Rue du Bac zu verlaſſen.“ Lorédan nickte mit dem Kopfe zum Zeichen, er gebe zu, daß die Erzählung von hier ausgehe. „Sie werden mir Gerechtigkeit widerfahren laf und ſagen, mein lieber Vetter, daß ich keine Schwi rigkeit machte, der Aufforderung zu gehorchen,“ fuhr Salvator fort. „Das iſt wahr,“ antwortete Lorédan;„würden Sie eben ſo gehandelt haben, hätte ſich das berühmte Teſtament wiedergefunden?“ „Vielleicht nein, ich geſtehe es: der Menſch iſt ſchwach, und ſoll er von großem Vermögen zum Elend übergehen, ſo zögert er, wie jene Bergleute, welche in den Schlund hinabſteigen... und dennoch iſt zu⸗ weilen in der Tiefe des Schlundes das Jungfernmi⸗ neral, das pure Gold.“ „Mein lieber Vetter, mit dieſen Grundſätzen iſt man nie arm.“ „Unglücklicher Weiſe hatte ich ſie damals noch nicht; ich hatte nur den Stolz! Allerdings brachte bei mir der Stolz die Wirkung hervor, welche die Reſignation bei einem Andern hervorgebracht hätte. Ich ließ meine Pferde in Ihrem Stalle, meine Equi⸗ pagen unter Ihrer Remiſe, meine Kleider in der Garderobe, mein Geld im Sekretär und ging mit den Kleidern weg, die ich auf dem Leibe hatte, und mit hundert Louisd'or, die ich am Tage vorher in Ecarté gewonnen. Das war, nach meinen Vorherſehungen, gerade um ein Jahr das Leben eines ſubalternen Angeſtellten zu führen... Ich hatte angenehme Talente;— ich glaubte wenigſtens ſolche zu haben: 20 ich ſtizzirte Landſchaften, ich machte Porträts, ich ſprach drei Sprachen; ich würde Unterricht im Zeich⸗ nen, im Italieniſchen, im Engliſchen, im Deutſchen geben. Ich nahm ein möblirtes Cabinet in einem ften Stocke, in der Tiefe des Faubourg Poiſſon⸗ dre, das heißt in einem Quartiere, in das ich nie einen Fuß geſetzt hatte, wo ich folglich völlig unbe⸗ kannt war. Ich brach mit meinen alten Bekannt⸗ ſchaften, und ich verſuchte es, mein neues Leben zu in dem reichen Hotel, das ich verließ.. „Und das Eine?“ „Ja, errathen Sie, was das war.“ „Sprechen Sie!“ „Nun der arme kleine Secretär von Roſenholz, jener Familientrödel, den der Marquis von ſeiner Mutter hatte, und den ſeine Mutter vielleicht von ihrer Großmutter bekommen.“ „Ah! guter Gott!“ ſagte Lorédan,„Sie brauchten ihn nur zu verlangen: man hätte Ihnen denſelben mit Vergnügen zum Geſchenke gemacht.“ „Ich glaube es, einmal, weil Sie mir es ſagen, mein lieber Vetter, ſodann, weil mir zu Ohren ge⸗ kommen iſt, Sie haben ihn mit den übrigen Mobi⸗ lien verkaufen laſſen.“ „Nein! Sie haben wohl daran gethan, und ich werde Ihnen ſogleich den Beweis hievon geben. Ich ging alſo, nur dies allein bedauernd, und fing das neue Leben an, wie Dante ſagt. Ach! mein lieber Vetter, ſeien Sie nie ruinirt. Es iſt etwas Garſtiges, leben, und bedauerte nur die Trennung von Einem 4 „Soll man all dieſen alten Plunder behalten? zu lz, ner on ten ben 21 arm zu ſein, und ſich in den Kopf zu ſetzen, ein ehr⸗ licher Mann zu bleiben!“ Herr von Valgeneuſe lächelte verächtlich. „Nicht wahr, mein lieber Vetter, vertraut mit den Weltverhältniſſen, wie Sie ſind, ſehen Sie nun hieraus, wie die Dinge gingen?“ ſagte Salvatvr. „Mein Malertalent war, reizend für einen Liebhaber, mittelmäßig für einen Künſtler; meinem Wiſſen in den Sprachen, hinreichend für einen reichen Touri⸗ ſten, welcher reist, fehlte es an der Tiefe für einen Lehrer, der demonſtriren will.. Nach Verlauf von neun Monaten waren meine hundert Louisd'or ver⸗ zehrt; ich hatte nicht einen einzigen Schüler; die Kunſthändler wieſen meine Bilder zurück.. Kurz, da ich weder ein Gauner, noch ein unterhaltener Mann werden wollte, ſo blieb mir nur die Wahl zwiſchen dem Fluſſe, dem Stricke und der Piſtole.“ „Sie wählten entſchloſſen die Piſtole?“ „Oh! dergleichen Entſchlüſſe faßt man nicht ſo, lieber Vetter! und ſind Sie einmal ſoweit, ſo werden Sie ſehen, daß das eine ſchwierige Geſchichte iſtlei⸗ Ich zögerte im Gegentheile lange... An den Fluß durfte ich nicht denken: ich konnte ſchwimmen, und ein Stein am Halſe gab mir mit den unglücklichen Hunden eine Aehnlichkeit, die mir widerſtrebte. Der Strick entſtellt; auch iſt man noch nicht ganz ent⸗ ſchieden über die Empfindungen, welche dieſe Todes⸗ art begleiten... Die Piſtole entſtellt gleichfalls, doch auf eine unſelige, nicht auf eine lächerliche Art. Ich wußte genug von der Medizin, oder vielmehr von der Chirurgie, um den Lauf an die gute Stelle zu ſetzen; ich war ſicher, mich nicht zu fehlen.. 22 „Ich gab mir acht Tage, um neue Verſuche zu machen, und gelobte mir, wenn ſie ſcheitern, nach Ablauf dieſer acht Tage mit meinem Leben zu enden. — Sie ſcheiterten! Der achte Tag brach an. ₰ hatte die Dinge gewiſſenhaft gethan, und meine letzte Hilfsquelle verbraucht. Es blieb mir ein Doppel⸗ Louisd'or; das war nicht einmal genug, um eine Piſtole zu kaufen, die nicht in meinen Händen zer⸗ ſprang; ſodann widerſtrebte es mir, mich mit einer Brackwaffe zu erſchießen.. „Zum Glück hatte ich Credit; ich ging zu Lepage; das war mein Lieferant; er hatte mich faſt ſeit einem Jahre nicht geſehen, hielt mich immer noch für einen Mann von zweimalhunderttauſend Livres Rente, und ſtellte ſein ganzes Magazin zu meiner Verfügung. Ich wählte eine vortreffliche Doppelpiſtole mit kur⸗ zen, gezogenen Läufen; es war dabei meine Abſicht, in mein Teſtament zu ſetzen, die Piſtole gehöre Le⸗ page, und ich wünſche, daß man ſie ihm zurückgebe. Während ich beim Waffenſchmied war, lud ich meine Piſtole... zwei Kugeln in jeden Lauf, das war mehr als genügend! Im Augenblicke dieſer Opera tion, auf welche ich eine ängſtliche Sorgfalt verwandte, ſchien es mir, als zöge ein Zweifel über das Geſicht des Handwerksmannes; doch ich war, oder ſchien vielmehr ſo heiter, daß, wenn er einen Verdacht hatte, dieſer Verdacht auf der Stelle wieder ver ſchwand. „Als die Piſtole geladen war, bemerkte ich, doß ich Hunger hatte. Ich ging die Rue Richelieu hinau erreichte das Boulevard, trat in das Café Riche 6 und frühſtückte. Ich war mit vierzig Franken eing⸗ nen und ing. kur⸗ icht, Le⸗ ebe. eine war ere⸗ ndte, eſicht chien dacht ver⸗ „do in au he ein einge 23 treten, ich kam mit dreißig heraus. Ein Frühſtück für zehn Franken im Café Riche iſt ein Luxus, den ſich ein Mann wohl erlauben darf, welcher zweimal hunderttauſend Franken Rente gehabt hat, und im Begriffe ſteht, ſich zu erſchießen, weil er nur noch vierzig Franken hat... Es war zwei Uhr, als ich aus dem Kaffeehauſe wegging. Ich hatte die Idee, dem ariſtokratiſchen Paris ein letztes Lebewohl zu ſa⸗ gen; ich ging das Boulevard wieder bis zur Made⸗ laine hinauf, ich nahm meinen Weg durch die Rue Royal und ſetzte mich auf den Champs⸗Elyſées.. Hier ließ ich vor mir paſſiren, was ich an Frauen in der Mode, an eleganten Männern gekannt hatte... ich ſah Sie, Sie, meinen Vetter: ſie ritten meinen Araber Dſchenid. Niemand erkannte mich: ich war faſt ſeit einem Jahre abweſend: die Abweſenheit iſt ein halber Tod, und geſellt ſich der Ruin dazu, dann kann die Abweſenheit für einen ganzen Tod gelten. „Um vier Uhr ſtand ich auf, und, maſchinen⸗ mäßig, die Hand am Kolben meiner Piſtole, die ich drückte, wie man die Hand einem letzten Freunde drückt, kehrte ich in die Stadt zurück... Der Zu⸗ fall,— verzeih, mein Gott, daß ich mich dieſes Wor⸗ tes bediene!— die Vorſehung wollte, daß ich durch die Rue Saint⸗Honoré zurückging. Ich ſage, die Vorſehung wollte, und ich behaupte, was ich ge⸗ ſagt habe; ich gelangte wieder zum Faubourg Poiſſon⸗ nière; ich konnte die Rue de Rivoli oder den Boule⸗ vard wählen, ſtatt den Weg durch die Rue Saint⸗ Honoré, welche kothig und ſchmutzig iſt, einzuſchlagen. Ich wählte die Rue Saint⸗Honoré! „Wo war mein Geiſt? Das wäre ſchwer zu ſa⸗ 24 gen. War er auf den dunklen Gefilden der Ver⸗ gangenheit, in den leuchtenden Ebenen der Zukunft? ſchwebte er ſchon mit den Flügeln der Seele über unſere Welt? ward er durch das Gewicht des Kör⸗ pers in die Tiefen des Grabes hinabgeriſſen? Ich weiß es nicht. Ich träumte; ich ſah nichts, ich fühlte nichts, als den Kolben dieſer Piſtole, den ich bald ſanft ſtreichelte, bald mit aller Gewalt zuſammen⸗ preßte.. „Plötzlich ſtieß ich an ein Hinderniß. Die Menge drängte ſich in die Rue Saint⸗Honoré. Ein junger Geiſtlicher, ein Schützling des Abbé Olivier, hielt eine Predigt in Saint⸗Roch. Es erfaßte mich die Luſt, in die Kirche einzutreten, und in dem Augen⸗ blicke, wo ich mich Gott von Angeſicht zu Angeſicht gegenüber finden ſollte, das heilige Wort wie ein Manna für dieſe große Reiſe zu ſammeln... Ich ließ alle Welt ſich auf den Stufen des Portals zu⸗ ſammendrängen, trat durch die Rue Saint⸗Roch ein und gelangte leicht bis zum Fuße der Kanzel. Hier erſt machte ſich meine Hand vom Kolben der tödt⸗ lichen Waffe los: es geſchah dies, um Weihwaſſer zu nehmen und das Zeichen des Kreuzes zu machen.“ XXI. Wie Herr Conrad von Valgeneuſe erkannte, ſein wahrer Beruf ſei, Commiſſionär zu ſein. Salvator unterbrach ſich. „Verzeihen Sie!“ ſagte er zu ſeinem Vetter, ar eruf ter, 25 „Sie werden mich vielleicht ein wenig weitſchweifig finden; doch ich dachte, mein Leben ſei ein ſo wich⸗ tiges Ereigniß in Ihrer Exiſtenz, daß Sie jede Einzel⸗ heit dieſes äußerſten Augenblicks intereſſiren müſſe.“ „Und Sie haben Recht, mein Herr,“ erwiederte Lorédan, ernſt geworden.„Fahren Sie fort; ich höre Sie.“ „Die Stimme des Predigers gelangte zu mir, ehe ich ſeine Perſon ſah; dieſe Stimme vibrirte, bald ſanft,— immer eindringend. Einige Minuten hörte ich nichts Anderes, als Töne, ein muſikaliſches Ge⸗ räuſch, ein ſüße, harmoniſche Melodie; ich war ſchon ſoweit in der zukünftigen Welt, daß die Stimme die— ſer Welt, die ich als die Vergangenheit betrachtete, einige Zeit brauchte, um zu mir zu kommen. Bei den erſten Worten, die ich hörte, und von denen ich mir Rechenſchaft gab, erkannte ich, der Prieſter predigte, nicht gegen den Selbſtmord, ſondern über den Selbſt⸗ mord,— der Text war von ſehr hoch genommen aus dem ſocialen Geſichtspunkte,— über die Pflich⸗ ten des Menſchen gegen ſeines Gleichen, über die Leere,— ich finde kein Wort und werde eins machen, über die unausfüllbare Leere, die in ſeinem Thätigkeitskreiſe der Menſch zurückläßt, der vor dem von der Vorſehung bezeichneten Augenblicke ſtirbt. Er führte den Vers von Shakeſpeare an, wo Hamlet gegen den Selbſtmord reagirt, der ihn bedrängt, zum Grabe hintreibt: „Es fällt kein Sperling ohne Gottes Beſehl.“ „Er griff an und ſtürzte nieder, eins nach dem andern, wie es ein geduldiger Sturmbock mit einer 26 erſten, dann mit einer zweiten, dann mit einer drit⸗ ten Mauer thut,— er griff an und ſtürzte nieder alle Motive, die den Menſchen zum Selbſtmorde hin⸗ ziehen: den getäuſchten Ehrgeiz, die verrathene Liebe, das verlorene Vermögen. Er erinnerte an die Glau⸗ bensjahrhunderte, vom 14. bis zum 18.; er ſuchte darin vergebens den Selbſtmord, er fand ihn nicht. Der Selbſtmord fing ſeiner Anſicht nach da an, wo die Kaſten aufgehört hatten. Der getäuſchte, der be⸗ trogene Menſch, der zu Grunde gerichtete Menſch, kurz der durch einen großen Schmerz gebrochene Menſch, dieſer Menſch wurde Mönch; das war ein Mittel, ſich zu erſchießen, ein moraliſcher Selbſtmord, wenn nicht ein phyſiſcher; er begrub ſich in dieſem großen gemeinſchaftlichen Grabe, was man ein Kloſter nannte; er betete und zuweilen ward er getröſtet. Heut zu Tage beſtand von Allem dem nichts mehr, da die Klöſter aufgehoben, geſchloſſen, die Convente ſelten waren, und das Gebet zum Himmel aufgeſtie⸗ gen.— Es blieb die Arbeit: arbeiten, das war be⸗ ten! Es lag eine gonze Offenbarung in dieſen Wor⸗ ten; ich ſchlug die Augen zu demjenigen auf, welcher ſie ausſprach. „Es war ein ſchöner Mönch von kaum fünfund⸗ zwanzig Jahren; ein Dominikaner, bleich, mager, mit großen ſchwarzen Augen, herrlichen Augen!— Er verband die zwei Mittel, die er bezeichnet hatte: das Gebet und die Arbeit; man fühlte, dieſer Mann bete unabläſſig, arbeite immer. „Ich ſchaute umher und fragte mich, welche Ar⸗ peit ich verrichten könne. Rouſſeau läßt ſeinen Emile das Schreinerhandwerk lehren; mich hatte man un⸗ 27 glücklicher Weiſe kein Handwerk gelehrt.— Ich ſah einen Mann von ungefähr dreißig Jahren: er war bekleidet mit einer ſchwarzen Sammetjacke und hielt ſeine Mütze in der Hand; er hatte an ſeinem Kleide ein meſſingenes Plättchen. Ich erkannte einen Com⸗ miſſionär. Dieſer Commiſſionär lehnte ſich an einen Pfeiler an und hörte aufmerkſam dem Prediger zu; ich ging zu ihm und lehnte mich an denſelben Pfeiler. Ich war entſchloſſen, ihn nicht aus dem Geſichte zu verlieren, denn ich hatte Fragen an ihn zu machen. — Ich hörte die Predigt bis zu Ende; doch ehe ſie beendigt, war ich ſchon entſchieden, zu leben. Der Prediger ſtieg von der Kanzel herab und ging an mir vorüber. „Wie heißen Sie, mein Vater?““ fragte ich. „„Vor den Menſchen oder vor Gott?““ „„Vor Gott.“ „„Bruder Dominique.““ „Und er ging weiter... Die Menge verlief ſich. Ich folgte dem Commiſſionär; an der Ecke der Rue Saint⸗Roch hielt ich ihn an. „„Verzeihen Sie, mein Freund,““ ſagte ich zu ihm. Er wandte ſich um. „„Der Herr bedarf meiner?““ „„Ja, ich bedarf Ihrer,““ antwortete ich lächelnd. „„Muß ich den Haken nehmen, oder iſt es ein einfacher Gang?““ „„Es iſt eine Auskunft.““ „„Ah! ich verſtehe: der Herr iſt fremd.““ „„Dem Leben, ja.““ „Er ſchaute mich mit Erſtaunen an. 28 e „„Ihr Gewerbe iſt ein gutes Gewerbe?““ fragte 3 ich ihn. „„éil je nachdem Sie es verſtehen!““ „„Ich frage Sie, ob Sie es lieben.““ ihr „„Da ich es übe!““ de „„Erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß be dies nicht immer ein Grund iſt“6 „„Was wünſchen Sie denn zu wiſſen?““ Findet man dabei ſeinen Lebensunterhalt?““ Man verdient dabei Tauſende und Hunderte; da 7 im Ganzen nährt es aber ſeinen Mann. „„Thun Sie mir den Gefallen, mich zu unter⸗ richten.““ „„Befragen Sie mich und ich werde antworten. „„Gut oder ſchlecht, in mittlerer Summe, wie viel trägt der Tag ein?““ Man darf in den guten Quartieren auf fünf me . 1. bis ſechs Franken rechnen. „„Zweitauſend Franken alſp. „„Ungefähr.““ wo „„Wie viel geben Sie davon aus?““ Etwa die Hälfte.““ Somit erſparen Sie jährlich?““ hie Ein Tauſend⸗Franken⸗Billet.““ „„Was ſind die Unannehmlichkeiten Ihres Standes?““ zw „„Ich kenne keine.“ vei Man iſt frei?““ Wie die Luft.““ „„Mir ſchien, dem Publikum gehörend.. „„Dem Publikum? Eil mein Gott! wer gehört nicht dem Publikum? König Carl X. zu allererſt, 1 7 7 —— te aß te; er⸗ wie ünf res hört erſt, 29 gehört er nicht dem Publikum? Ich bin, bei mei⸗ ner Treue, freier als er!““ „„Wie ſo?““ „„Ein Auftrag dünkt mir zweideutig, ich ſchlage ihn aus; eine Laſt ſcheint mir zu ſchwer, ich ſchüttle den Kopf. Das Ganze beſteht darin, daß man ſich bekannt macht, und iſt man bekannt, ſo wählt man.““ „„Treiben Sie Ihr Gewerbe ſchon lange?““ „„Zehn Jahre.““ „„Und in zehn Jahren haben Sie nicht bedauert, daß Sie nicht ein anderes Gewerbe treiben?““ Vit „Ich überlegte einen Augenblick. „„Iſt das Alles?““ fragte mich mein Mann. „„Eine letzte Auskunft.““ „„Reden Sie.““ „„Welches Mittel muß man anwenden, wenn man Commiſſionär werden will?““ „Der Commiſſionär ſchaute mich fragend an. „„Sollten Sie zufällig Commiſſionär werden wollen?““ „„Vielleicht.““ „„Oh! das iſt nicht ſchwierig, und man braucht hiezu keine großen Protectionen.““ „„Nun?““ „Ei! man geht auf die Polizei⸗Präfectur mit zwei Zeugen, die ſich für Ihren ſittlichen Charakter verbürgen, und man verlangt eine Nummer.““ „„Und das koſtet?““ „„Die Mühe, ſie zu verlangen.““ „„Ich danke, mein Freund.““ 30 „Ich zog aus meiner Taſche ein Fünf⸗Franken⸗ Stück und bot es ihm an. Was iſt das?““ ſagte er zu mir. Das iſt der Lohn für die Mühe, die ich Ihnen gemacht habe. „„Das war keine Mühe, ſondern ein Vergnügen; und man läßt ſich ein Vergnügen nicht bezahlen.““ Alſo einen Händedruck und einen Dank.““ „„Das iſt etwas Anderes.““ „Und er reichte mir ſeine plumpe Hand, die ich herzlich drückte. „„Ah! bei Gott!““ ſagte ich zu mir ſelbſt, wäh⸗ rend ich mich entfernte,„„das iſt ſeltſam: mir ſcheint, es iſt das erſte Mal, daß ich einem Menſchen die Hand drücke!““ „Und ich ſchlug wieder den Weg nach meiner Manſarde ein. XXII. Der Selbſtmord. „Sobald ich mich nicht tödtete, hatte ich eine ganz andere Arbeit zu verrichten, als wenn ich mich getödtet hätte! Ich hatte vor Allem zu Mittag zu ſpeiſen, was unnöthig geweſen wäre, hätte ich bei meinem Plane beharrt; ſodann hatte ich einen voll⸗ ſtändigen Commiſſionärsanzug zu kaufen; endlich hatte ich mir ein Subject zu verſchaffen, wie man mit dem Amphitheaterausdruck ſagt, ein Subject, das ich für mich ausgeben könnte. Tödtete ich mich nicht, ſo ſollte man mich wenigſtens für todt halten — en⸗ en; die äh⸗ int, die iner eine mich g zu bei voll⸗ dlich man das mich lten. 31 Ich hatte ein wenig Medicin ſtudirt, und Anatomie in mehreren Hoſpitälern getrieben. Ich kannte die Amphitheaterdiener. Das Ganze war, daß ich mir einen jungen Mann ungefähr von meinem Alter verſchaffte, ihn in mein Bett legte und durch einen Piſtolenſchuß entſtellte; hier bot ſich aber eine ernſte Schwierigkeit: der Todtenarzt bemerkte leicht, der Piſtolenſchuß ſei auf einen Leichnam gefeuert worden. — Ich ging nach dem Hotel⸗Dieu; ich hatte dem Amphitheaterdiener einen großen Dienſt geleiſtet, indem ich ſeinen Bruder von der Conſcription frei gemacht; dieſer Menſch hätte ſein Leben für mich ge⸗ geben; der Bruder war Fiacrekutſcher, und er hegte auch eine tiefe Dankbarkeit für mich. Ich ließ den Amphitheaterdiener rufen. „„Louis,““ ſagte ich zu ihm,„„geſchieht es ſelten, daß man hierher Leute bringt, die ſich er⸗ ſchoſſen haben?““ „„Ei! Herr Conrad,““ erwiederte er,„„drei bis vier im Monat, nicht mehr.““ „„Es mag koſten, was es will, hörſt Du wohl, Louis? ich muß den Erſten haben, der hereinkommt.““ „„Es mag koſten, was es will, Sie ſollen ihn haben, Herr, und müßte ich darüber meinen Platz verlieren!““ „„Ich danke Dir, Louis.““ „„Und wo brauchen Sie ihn.““ „„Bei mir, im Faubourg Poiſſonnière 27, im vierten Stocke.““ „„Ich werde mich hierüber mit meinem Bruder verſtändigen.““ „„Ich kann auf Dich zählen, Louis?““ 32 „„Da ich es Ihnen ſage,“ erwiederte er, die Achſeln zuckend.„„Nun, wenn es Nacht geworden iſt, gehen Sie nicht mehr aus.““ Seien Sie unbeſorgt, von dieſem Abend an bleibe ich zu Hauſe. „Ich befürchtete, meine dreißig Franken dürften mich nicht weit führen. Ich wäre vielleicht Hungers geſtorben, ehe es einem Unglücklichen einfiele, ſich zu erſchießen. „Nach Hauſe zurückkehrend, trat ich bei einem Trövler ein, und ich fand eine Hoſe, eine Jacke und eine Weſte von Sammt für fünfzehn Franken; ich kaufte dieſe Kleidungsſtücke, ließ ein Päckchen daraus machen, und nahm es unter meinem Arme mit. Jagdſchuhe und eine alte Jagdmütze ſollten das Co⸗ ſtume vervollſtändigen. Es blieben fünfzehn Fran⸗ ken; verzehrte ich ſie vernünftig, ſo konnte ich fünf bis ſechs Tage davon leben Alles war indeſſen für den entſcheidenden Augenblick bereit: der Brief, der meinen Tod verkündigte, war geſchrieben und unterzeichnet. „In der Nacht des dritten oder vierten Tags gab man das verabredete Signal, indem man einen Stein in mein Fenſter warf, das auf die Straße ging. Ich eilte hinab und öffnete die Thüre: ein Fiacre hielt vor dem Hauſe; in dieſem Fiacre war ein Leichnam. Louis und ich brachten ihn in mein Zimmer und legten ihn auf mein Bett; ich zog ihm eines von meinen Hemden an. Es war der Leich⸗ nam eines jungen Mannes; ſein Geſicht war von einer ſo furchtbaren Wunde zerriſſen, daß man ſeine Züge unmöglich erkennen konnte. Der Zufall, dieſer in en rs ich m nd ich us it. an⸗ inf ſen ief, ind a98 nen aße ein war tein ihm ich⸗ von eine eſer 33 erſchreckliche Bundesgenoß, hatte mich vortrefflich be⸗ dient. „Ich zog den Pfropf aus einem der Läufe mei⸗ ner Piſtole, ich brannte ihn aus, damit er das An⸗ ſehen bekäme, als hätte er gefeuert, und gab die Piſtole dem Todten in die Hand. In den Zeilen, die ich hinterließ, war ich beſorgt geweſen, zu ſagen, die Piſtole gehöre Lepage: Lepage ſollte die Identi⸗ tät des Leichnams conſtatiren helfen durch die Er⸗ klärung, Herr Conrad von Valgeneuſe habe die Waffe ein paar Tage vorher von ihm entlehnt. „Ich ließ meine Kleider auf einem Stuhle, da ich ſo vorſichtig geweſen war, mich auszukleiden, ehe ich mich erſchoſſen; alsdann, nachdem ich mein Com⸗ miſſionärs⸗Coſtume angezogen und die Thüre doppelt geſchloſſen hatte, ging ich mit Louis hinab... Ich ließ den Schlüſſel mitten auf die Straße fallen, als ob ich ihn, nachdem ich mich eingeſchloſſen, zum Fen⸗ ſter hinausgeworfen hätte; die durch den Stein von Louis zerbrochene Scheibe ſollte dazu dienen, dieſen Glauben zu vervollſtändigen. Ich hatte einen Schlüſ⸗ ſel von der Hausthüre: wir gingen hinaus, ohne vom Concierge geſehen oder gehört worden zu ſein... Am andern Morgen um neun Uhr erſchien ich auf der Polizei mit meinen zwei Bürgen Louis und ſei⸗ nem Bruder, und man übergab mir meine Medoille unter dem Namen Salvator... Seit dieſem Tage, mein lieber Vetter, treibe ich das Gewerbe eines Commiſſionärs, an der Ecke der Rue aur Fers, bei der Schenke zur Goldenen Muſchel.“ „Ich mache Ihnen mein Compliment hiezu, mein Dumas, Salvator. III. * 34 Herr,“ erwiederte Lorédan;„doch ich ſehe in alle dem weder die Auskunft, die Sie mir über das Teſta⸗ ment des Marquis geben ſollten, noch wie Sie mir die fünfhundert Franken wieder erſtatten werden, die ich ſehr unnöthig Herrn Jackal gegeben habe, um Sie beerdigen zu iſſen.“ Warten Sie Joch, mein lieber Vetter,“ fuhr Salvator fort.„Was Teufels! Sie halten mich nicht für verrückt genug, um Ihnen nur ſo das Geheim⸗ niß meiner Exiſtenz preiszugeben, wenn ich Ihrer Discretion nicht ſicher war.“ „Es ſcheint alſo, Sie gedenken mich bis zum Tage des jüngſten Gerichts zu bewachen oder von Ihren Leuten bewachen zu laſſen?“ „Ah! Herr Graf, Sie irren ſich ganz und gar, und dies iſt nicht meine Abſicht. Morgen früh um fünf Uhr werden Sie frei ſein.“ „Und Sie wiſſen, was ich ſchon Ihren Beglei⸗ tern geſagt habe: eine Stunde, nachdem ich wieder in Freiheit geſetzt wäre, würden Sie angezeigt und verhaftet.“ „Ja, das hätte ſogar beinahe eine ſchlimme Wen⸗ dung für Sie genommen! Wäre ich nicht auf der Thürſchwelle geweſen, ſo liefen Sie Gefahr, nie mehr einen Menſchen anzuzeigen und verhaften zu laſſen; was übrigens ein ziemlich ſchlechtes Handwerk iſt, mein lieber Vetter. Ich ſtehe Ihnen auch zum Vor⸗ aus dafür, Sie werden überlegen, und haben Sie überlegt, nun wohl, ſo werden Sie dieſen armen Salvator in Ruhe laſſen an ſeinem Weichſteine der Rue aux Fers, damit er Sie in Ihrem Hotel der Rue du Bac in Ruhe läßt.“ — e— lle ſta⸗ mir die um uhr icht im⸗ rer age ren gar, um lei⸗ eder und Len⸗ der nehr ſen; iſt, Vor⸗ Sie men der der 35 „Kann man, da Sie jetzt im Zuge ſind, ver⸗ trauliche Geſtändniſſe zu machen, erfahren, welches Mittel Sie hätten, mich dort zu beunruhigen?“ „Ich will Ihnen das erzählen. Da es das Intereſſanteſte meiner Erzählung iſt, ſo habe ich es auf das Ende aufbewahrt.“ M „Ich höre Sie.“ B „Oh! diesmal bin ich Ihrer Aufmerkſamkeit ſicher! Fangen wir mit einer Moral an: ich habe immer bemerkt, mein lieber Vetter, es bringe Glück, das Gute zu thun.“ „Sie wollen ſagen, mit einer Trivialität?“ „Trivialität, Moral, Sie werden das ſogleich ſchätzen... Geſtern nun, mein lieber Vetter, faßte ich den Entſchluß, das Gute zu thun, und Ihnen Mina zu entführen, was ich zu meiner großen Freude glücklich vollbracht habe.“ Ein Lächeln unverſöhnlichen Haſſes und tiefer Rache trat auf die Lippen von Valgeneuſe. „Geſtern nun,“ fuhr Salvator fort,„als ich auf die Poſt ging, um die Pferde zu beſtellen, mit denen die zwei lieben Kinder abgereiſt ſind, kam ich am Hotel der öffentlichen Verkäufe, ich glaube in der Rue des Jeuneurs, vorüber; man lud im Hofe die Meubles, welche im Aufſtreiche verkauft werden ſollten „Aber was des Teufels erzählen Sie mir denn da, Herr Salvator,“ ſagte Lorédan,„und welches Intereſſe ſoll ich an den Meubles nehmen, die man in der Rue des Jeuneurs ablud?“ „Hätten Sie nur die Geduld, eine halbe Mi⸗ nute zu warten, mein lieber Vetter, ſo würden Sie 36 mir nicht etwas Unfreundliches geſagt haben, und Sie hätten, deſſen bin ich ſicher, einen Anfang von Intereſſe entſtehen gefühlt.“ „Weiter alſo!“ rief Lorédan, indem er nach⸗ läſſig ſein rechtes Bein über ſeinem linken Beine kreuzte. „Nun wohl, eines von dieſen Meubles machte, daß ich einen Schrei der Ueberraſchung ausſtieß. Errathen Sie, was ich mitten unter all dem Trödel erkannt hatte?“ „Wie Teufels ſoll ich das errathen?“ „Sie haben Recht, das iſt unmöglich... Nun wohl, ich erkannte den kleinen Schrank von Roſen⸗ holz, der meinem Vater gehört hatte, und den mein Vater ſo ſehr liebte, weil er ihn von ſeiner Mutter hatte, welche ihn, wie ich Ihnen geſagt zu haben glaube, von ihrer Großmutter bekommen.“ „Ah! ich wünſche Ihnen Glück! Ich ſehe die Sache von hier aus: Sie haben um fünfzig Franken den kleinen Schrank von Roſenholz gekauft, und zu dieſer Stunde bildet er die Zierde des Salon von Herrn Salvator.“ „Um ſechzig, mein lieber Vetter; ich habe ihn um ſechzig gekauft; und, offenherzig geſprochen, er war es wohl werth!“ „Wegen der Erinnerungen, die er bei Ihnen zu⸗ rückrief?“ „Einmal.. ſodann wegen der Papiere, die er „Ah! er enthielt Papiere?“ „Ja, und zwar ſehr koſtbare!“ „Und dieſe Papiere waren ſorgfältig vor den enthielt.“ — — — zu⸗ er den 37 verſchiedenen Liebhabern, durch deren Hände der kleine Schrank gegangen, aufbewahrt worden?... Wahrhaftig, mein lieber Salvator, der Himmel thut Wunder für Sie!“ „Ja, mein Herr,“ ſprach Salvator ernſt,„und ich danke dem Himmel in aller Demuth.“ Alsdann ſeinen gewöhnlichen Ton wieder an⸗ nehmend: „Obſchon das Wunder weniger groß iſt, als es von Anfang ſcheint: wie Sie ſeibſt beurtheilen werden.“ „Ich höre.“ „Ich ſehe es wohl... Ich trug alſo das Meuble nach Hauſe.“ „Sie trugen es?“ „Oh! mein Gott, ja, auf meiner Hake... bin ich nicht Commiſſionär?“ ſagte Salvator mit einem Lächeln. „Das iſt wahr,“ erwiederte Lorédan, indem er ſich auf die Lippen biß. „Nun wohl, ſobald der Schrank bei mir war, — dieſer Schrank, den ich ſo ſehr liebte!— Sie be⸗ greifen, da erfaßte mich die Luſt, ihn in ſeinen Ein⸗ zelheiten zu unterſuchen. Ich öffnete die Schubladen eine nach der andern, ich ließ alle Schlöſſer ſpielen, ſondirte alle Tiefen; während ich nun dieſe letzte Arbeit vornahm, bemerkte ich, daß die mittlere Schub⸗ lade, diejenige, welche als Kaſſe diente, einen dop⸗ pelten Boden hatte.“ Die Augen von Lorédan waren auf Salvator wie zwei Karfunkel geheftet. „Nicht wahr, das iſt intereſſant?“ fuhr Salvator 38 fort.„Nun, ich will Sie nicht ſchmachten laſſen. Dieſer doppelte Boden war verborgen; ich errieth das Geheimniß und öffnete ihn.“ „Und was war darin?“ „Ein Papier, ein einziges.“ „Und dieſes Papier war?“ „Das, welches wir ſo lange geſucht haben, mein lieber Vetter!“ „Das Teſtament?“ rief Lorédan. „Das Teſtament!“ „Das Teſtament des Marquis?“ „Das Teſtament des Marquis, welches ſeinem Pathen Conrad die Geſammtheit ſeines beweglichen und unbeweglichen Vermögens unter der Bedingung vermacht, daß er den Titel, den Namen und das Wappen des Hauptes der Familie der Valgeneuſe annimmt.“ „Hier iſt es, mein Vetter,“ ſagte Salvator, in⸗ dem er ein Papier aus ſeiner Taſche zog. Durch eine unwillkürliche Bewegung ſtreckte Lo⸗ rédan raſch die Hand aus, um es zu nehmen. „Oh! nein, mein lieber Vetter,“ ſprach Salva⸗ tor, das Papier wieder an ſich ziehend.„Dieſe Ur⸗ kunde, Sie begreifen wohl, muß in den Händen von demjenigen bleiben, welchen ſie intereſſirt; doch ich weigere mich nicht, Ihnen dieſelbe vorzuleſen; im Gegentheile.“ Und Salvator begann: „Dieſes iſt das Duplicat von meinem eigenhän⸗ dig von mir geſchriebenen Teſtamente, deſſen zweite Abſchrift in den Händen von Herrn Pierre Nicolas 5 3 — c—„— 1— ———„— en. eth ein em hen ing das uſe in⸗ Lo⸗ va⸗ Ur⸗ von ich im Baratteau, Notar, Rue de Varennes in Paris, depo⸗ 39 nirt werden wird; jede von den Copien iſt von mei⸗ ner Hand geſchrieben und hat Originalwerth. „Am 11. Juli 1821. „Unterz.: Marquis von Valgeneuſe.“ „Soll ich Ihnen das Uebrige auch vorleſen?“ fragte Salvator. „Nein, mein Herr, das iſt unnöthig,“ antwortete Lorédan. „Oh! das Uebrige kennen Sie, nicht wahr, mein Vetter? Nun möchte ich gern, aus einfacher Neu⸗ gierde, wiſſen, welchen Preis Sie für dieſe Kenntniß Herrn Baratteau bezahlt haben?“ „Mein Herr!“ rief der Graf, indem er mit einer Miene der Drohung aufſtand. „Ich komme alſo auf das zurück, was ich ſagte, mein Vetter,“ fuhr Salvator fort, ohne daß er die Bewegung von Herrn von Valgeneuſe zu bemerken ſchien,„nämlich ich habe wahrgenommen, es bringe Glück, das Gute zu thun, wie es auch, könnte ich beifügen, Unglück bringt, das Böſe zu thun.“ „Mein Herr!“ wiederholte Lorédan. „Denn,“ fuhr Salvator mit derſelben Ruhe fort, „hätten Sie nicht, Mina entführend, das Böſe ge⸗ than, ſo hätte ich nicht die Idee gehabt, ſie rettend das Gute zu thun; ich hätte alſo keine Poſtpferde gebraucht, ich wäre nicht durch die Rue des Jeuneurs gekommen, ich hätte nicht den kleinen Schrank er⸗ kannt, ich hätte ihn nicht gekauft, ich hätte das Ge⸗ heimfach nicht entdeckt, und endlich nicht in dieſem 40 Geheimfache das Teſtament gefunden, das mir Ihnen zu ſagen erlaubt: Mein lieber Vetter, Sie ſind voll⸗ kommen frei; nur bemerke ich Ihnen zum Voraus, daß ich beim erſten Anlaſſe zur Klage, den Sie mir geben, mein Teſtament geltend mache, das heißt, daß ich Sie,— Ihren Vater, Sie, Ihre Schweſter,— völlig zu Grunde richte, während im Gegentheile, wenn Sie die armen Kinder ihren Weg fortſetzen und im Auslande glücklich ſein laſſen, nun wohl, aber... es entſpricht meinen Combinationen, noch ein Jahr, zwei Jahre, drei Jahre vielleicht Commiſſionär zu ſein, und Sie begreifen, ſo lange ich Commiſſionär bin, brauche ich kein Einkommen von zweimal hun⸗ derttauſend Livres, da ich täglich fünf bis ſechs Fran⸗ ken verdiene. Frieden alſo oder Krieg, nach Ihrer Wahl, mein Vetter; ich ſchlage Ihnen den erſten vor, verweigere Ihnen aber den zweiten nicht. Dabei wiederhole ich Ihnen, Sie ſind frei; nur würde ich, an Ihrer Stelle, die Gaſtfreundſchaft annehmen, die mir geboten iſt, und hier die Nacht im Nachdenken zubringen. Die Nacht bringt Rath!“ Und auf dieſe gute Ermahnung entfernte ſich Salvator von ſeinem Vetter, und er ging mit Jean Taureau und Touſſaint⸗Louverture weg, indem er die Thüre halb offen ließ, damit Herr von Valge⸗ neuſe ſehen könnte, er habe jede Freiheit zu bleiben oder auch zu gehen. * . en ll⸗ us, nir ß ile, ind hr, zu när un⸗ an⸗ er or, bei ich, die ken ſich ean e lge⸗ ben 4 . 41 XXIII. Eine neue Perſon. Sehen wir nun, was in der Rue dUlm Nr. 10, ein paar Tage nach den Ereigniſſen, die wir ſo eben erzählt haben, vorging. Haben unſere Leſer auch nur mit einiger Auf⸗ merkſamkeit die vielfachen Scenen dieſes Drama's verfolgt, und ſind ſie mit einigem Gedächtniß begabt, ſo erinnern ſie ſich ohne Zweifel, daß die Zauberin die Rue Triperet verlaſſen hatte, um die von Petrus entdeckte, meublirte und decorirte Wohnung in der Rue dUlm Nr. 10 in Beſitz zu nehmen; ſie erinnern ſich auch, daß mit der Brocante natürlich Koſe⸗de⸗ Noöl, Babolin, die Krähe und zehn bis zwölf Hunde ausgezogen waren. Das Zimmer, das nun die alte Zigeunerin in der Rue dUlm inne hatte, halb ein Muſeum von Curioſitäten, halb ein Winkel der Schwarzkunſt, bot, wie geſagt, den erſtaunten Augen der Beſuchenden unter anderen fantaſtiſchen Gegenſtänden einen Thurm, der als Aufenthaltsort oder Neſt der Krähe diente, und verſchiedene Tonnen, welche einfach als Riſchen den Hunden dienten. Unſere Abſicht beim Schreiben dieſes Buches,— man verzeihe uns die kurze Abſchweifung, zu der wir iee laſſen,— iſt nicht allein, wie man durch die Materie ſieht, die wir in dieſem Augen⸗ blicke abſorbiren, den Leſer mit uns alle Etagen der Geſellſchaft erklettern und herabſteigen zu machen, 42 von Papſt Gregor XVI., mit dem wir es ſogleich werden zu thun haben, bis auf den Gaſſenwühler Croc⸗en⸗Jambe, und von König Karl X. bis zum Katzentödter, ſondern auch zuweilen Excurſionen in die den Thieren vorbehaltenen unteren Welten zu machen. So konnten wir ſchon den Verſtand der Krähe Phares und den Inſtinet des Hundes Braſil ſchätzen, dergeſtalt, daß, wenn die eine in Betracht des ge⸗ ringen Antheils, welchen ſie an den von uns erzähl⸗ ten Freigniſſen genommen, uns beinahe gleichgültig geblieben iſt, der andere ſich, im Gegentheile, wir ſind deſſen ſicher, unter ſeinem doppelten Namen Braſil und Roland, alle Sympathien des Leſers erworben hat. Es iſt nichts Erſtaunliches dabei, daß, nachdem wir einen erſten Schritt unter den Demüthigen der Schöpfung, unter unſeren untergeordneten Brüdern, wie ſie Michelet nennt, gemacht haben, einen zweiten machen, indem wir um eine neue Cirkeldrehung den ſchon ungeheuern Kreis erweitern, in welchem wir agiren. Was wollen Sie, liebe Leſer! es iſt mir, zur Verzweiflung der Theaterdirectionen und der Chefs der Buchhandlungen, und vielleicht auch zu Ihrem Verdruſſe, die Miſſion gegeben worden, Dramen in fünfzehn Tableaur und Romane in fünfzig Bän⸗ den zu machen! Das iſt nicht meine Schuld: es iſt die meines Temperaments, deſſen Tochter meine Ein⸗ bildungskraft nun iſt. Wir ſind alſo zu dieſer Stunde mitten unter den Hunden der Brocante, und wir bitten Sie um Er⸗ — ———½ ————— —— 43 laubniß, Sie mit einem von dieſen Thieren Bekannt⸗ ſchaft machen zu laſſen. Einer von den beliebteſten Hunden unſerer Hexe, — die Hexen haben einen bizarren Geſchmack: ſind ſie Hexen, weil ſie dieſen Geſchmack haben? oder haben ſie dieſen Geſchmack, weil ſie Hexen ſind? wir wiſſen es nicht und überlaſſen es Stärkeren als wir, dieſe wichtige Frage zu entſcheiden;— einer von den beliebteſten Hunden unſerer Hexe, ſagen wir, war ein kleiner ſchwarzer Pudel von der gemeinſten Gattung. Wir beurtheilen dies, wohl verſtanden, aus dem ſtol⸗ zen Geſichtspunkte des Menſchen: aus dem Geſichts⸗ punkte der Natur gibt es keine gemeine Gattung. Factiſch iſt, daß für einen Menſchen,— wir wiſſen nicht, was er für die Natur geweſen ſein mag,— factiſch iſt, daß dieſer Hund von einer wahrhaft außerordentlichen Häßlichkeit war: klein, unterſetzt, ſchmutzig in phyſiſcher, knurrig, ſtreitſüch⸗ tig, anmaßend in moraliſcher Hinſicht, faßte er in ſich allein alle Laſter eines alten Junggeſellen zu⸗ ſammen, und deßhalb ohne Zweifel war er bei ſei⸗ nen Kameraden allgemein verhaßt. Aus dieſer allgemeinen Abneigung war erfolgt: daß die Brocante, ſeine Gebieterin, mit einer ganz weibiſchen Halsſtarrigkeit ſich ihm mit einer mütter⸗ lichen Zärtlichkeit angeſchloſſen hatte, und ſeitdem hatte dieſe Zuneigung allmälig im umgekehrten Sinne der Feindſchaft zugenommen, welche ſeine Gefährten gegen ihn hegten und ihm öffentlich bezeugten. So kam ſie zu allerlei Aufmerkſamkeiten gegen ihn, bis ſie ihn beſonders und in einem getrennten Cabinet bedienen ließ, um ihn nicht vor Erſchöpfung 44 ſterben zu ſehen; ſo ſehr ſagten ihm die anderen Hunde hundert unfreundliche Dinge und ließen ihn tauſend Geheuer erdulden während der feierlichen Stunden der Mahle. ſicht wahr, liebe Leſer, Sie wiſſen, was der Stolz bei den Menſchen vermag? Gut, ſehen Sie, was er bei den Thieren vermag? Dieſer ſchwarze Hund, dieſer ſchmutzige Pudel, kurz dieſer Babylas, der— immer aus unſerem Ge⸗ ſichtspunkte,— von einer beleidigenden Häßlichkeit war, bildete ſich, als er ſich geſchmeichelt, geliebkoſt, gehätſchelt, beſonders bedient ſah, am Ende ein, er ſei der ſchönſte, der zierlichſte, der geiſtreichſte, der liebenswürdigſte, der verführeriſchſte der Hunde. Und war einmal dieſer Gedanke in ſeinen Geiſt ein⸗ gedrungen, ſo fing er natürlich, wie es ein Menſch in einer ſolchen Lage gethan hätte, an, ſeines Glei⸗ chen zu verſpotten, ſie ſchamlos zu reizen, indem er den Einen am Schweif zog, den Andern ins Ohr biß, Jeden verhöhnte, ſicher, wie er war, der Straf⸗ loſigkeit, ſich aufblähte, den Kopf hoch trug, das Rad ſchlug, ſich endlich ein ſo gewichtiges Anſehen gab, daß alle ſeine Kameraden vor Verachtung lächelten, vor Mitleiden die Achſeln zuckten, und unter ſich ſagten: „Welche Anmaßung!“ Ich glaube, liebe Leſer, Sie thun mir die Ehre an, eine Frage an mich zu richten. „Schön und gut, Herr Romandichter! Ver⸗ dolmetſchen, überſetzen, foltern Sie die Worte und die Geberden der Menſchen; doch wahrhaftig, es iſt —— 2 — ——„6 G— —— ren ihn en der ie, del, Neit koſt, e der nde. ein⸗ enſch lei⸗ m er Ohr traf⸗ Rad gab, elten, ſich 4⁵ zu ſtark, daß Sie uns wollen glauben machen, die Hunde ſprechen, zucken die Achſeln, lächeln!“ Was das Lächeln betrifft, ich habe eine mir be⸗ freundete Hündin, ein weißes Windſpiel, der höchſten Ariſtokratie der Windhunde angehörend, das lächelt, ſo oft es mich ſieht, und zeigt mir ſeine feinen weißen Zähne; ſo daß ich glauben würde, es ärgere ſich, gäbe mir nicht ſein übriger Körper alle Arten von Merkmalen der Freude. Das Windſpiel heißt Giſella. Für mich lächeln alſo die Hunde, da mir meine liebe Giſella zulächelt, ſo oft ſie mich ſieht. Was das Achſelzucken betrifft, ſo behaupte ich nicht, die Hunde zucken die Achſeln ganz auf dieſelbe Art wie die Menſchen; mein Ausdruck iſt ſogar un⸗ geeignet; ſie zucken nicht die Achſeln, ſie ſchütteln ſie, hätte ich ſagen müſſen. Haben Sie nicht ſehr oft bemerkt, daß der Hund, der mit einem andern Hunde Bekanntſchaft macht,— und Sie wiſſen, auf welche naive Art die Hunde Bekanntſchaft machen— haben Sie nicht bemerkt, daß der in ſeiner Hoffnung ge⸗ täuſchte Hund, findet er, wie der Capitän Pamphile, deſſen pittoreske Geſchichte ich vor bald zwanzig Jahren geſchrieben habe, eine männliche Negerin, wo er eine weibliche Negerin zu finden erwartet, verächtlich die Schultern ſchüttelt und geht? Das iſt unbeſtreitbar; Sie werden es auch nicht beſtreiten, liebe Leſer. Kommen wir nun zur Sprache. Die Hunde ſprechen nicht! Hoffärtige Menſchen, die Ihr glaubt, Ihr habet von der Vorſehung allein die Fähigkeit erhalten, Euch Eure Gedanken mitzu⸗ 46 theilen! weil Ihr Engliſch, Franzöſiſch, Deutſch, Chineſiſch ſprecht, und nicht Hundiſch ſprecht, ſagt Ihr ruhig:„Die Hunde ſprechen nicht!“ Irrthum!— die Hunde ſprechen ihre Sprache, wie Ihr die Eure ſprecht! Mehr noch: Ihr verſteht nicht, was ſie Euch ſagen, hoffärtige Menſchen! und ſie, die Demüthigen, die ſich darauf nichts einbilden, verſtehen, was Ihr ihnen ſagt. Fragt den Jäger, ob ſein Hund nicht ſpreche, wenn er ihn hat träu⸗ men, einen Haſen jagen, Streit anfangen, ſich im Traume raufen hören? Was wacht denn ſo in die⸗ ſem Hunde, der ſchläft? Iſt es nicht eine Seele, eine Seele minder vollkommen, doch ſicherlich naiver, als die unſere? Die Hunde ſprechen nicht!... Sagt das doch Eurem dreijährigen Kinde, das ſich auf der Wieſe mit dem großen, drei Monate alten Neufundländer wälzt. Das junge Kind und der junge Hund ſpie⸗ len wie zwei Brüder, und horchen auf die unartiku⸗ lirten Töne, die ſie mitten unter ihren Spielen und ihren Liebkoſungen austauſchen. Ei! mein Gott, das Thier verſucht ganz einfach die Sprache des Kindes zu ſprechen, und das Kind die Sprache des Thieres. Sicherlich, welche Sprache ſie auch ſprechen mögen, verſtehen ſie ſich, und ſie ſagen ſich vielleicht in dieſer unbegriffenen Sprache mehr Wahrheiten über Gott und über die Natur, als je Plato und Boſſuet geſagt haben. Die Hunde ſprechen alſo, das iſt kein Zweifel in unſeren Augen, und ſie haben den großen Vorzug vor uns: daß ſie, Hundiſch ſprechend, das Fran⸗ zöſiſche, das Deutſche, das Spaniſche, das Chineſiſche, ⸗ 3 „ ſ ch, agt he, eht ind en, er, äu⸗ im ie⸗ ele, er, och ieſe der pie⸗ iku⸗ und fach ind ache ſie ache tur, lin. zug an⸗ ſche, 47 das Italieniſche verſtehen, während wir, Italieniſch, Chineſiſch, Spaniſch, Deutſch oder Franzöſiſch ſpre⸗ chend, den Hund nicht verſtehen. Kommen wir auf die unglücklichen Thiere der Brocante und auf die Lage zurück, die ihnen durch die lächerlichen Anmaßungen von Babylos bereitet wurde. Die Zeugniſſe der Verachtung, welche Babylas bei jeder Gelegenheit von ſeinen Kameraden empfing, machten dieſen das Leben nicht beſſer: weit entfernt. Die Brocante, welche in ihrer Eigenſchaft als Zauberin alle Sprachen ſprach; die Brocante trat bei dem geringſten groben Worte, das ſie hörte, je nach der Schwere des Wortes, entweder mit ihrer Geißel oder mit ihrem Beſenſtiele dazwiſchen.— Die Geißel, das war das Stäbchen der Fee! der Beſenſtiel, das war der Dreizack des Neptuns!— Die Brocante wußte ſicherlich nicht, was: Quos ego! beſagen wollte, doch die Hunde überſetzten auf der Stelle die Drohung in: Canaillenvolk! Und Jeder kehrte ganz zitternd in ſeine Niſche zurück, und wagte erſt nach einem Moment das Ende ſeiner Naſe und den Winkel ſeines Auges durch die Oeffnung der Tonne hervor. Allerdings winſelte der Windhund, brummte der Pudel, knurrte der Bulldogg; doch der Lärm eines auf den Boden ſtampfenden ungeduldigen Fußes und die furchtbaren mächtig ausgeſprochenen Worte: „Wird man endlich ſchweigen?“ genügten, um der ganzen Hundeverſammlung vollſtändiges Stillſchwei⸗ gen aufzuerlegen. Und alle ſchwiegen, in ihre re⸗ ſpectiven Tonnen zurückgezogen, während ſich der 48 gemeine Babylas mitten in der Stube breit machte, und zuweilen die Unverſchämtheit ſo weit trieb, daß er die Tonnen in Augenſchein nahm, um zu ſehen, ob jeder Hund in ſeinem Gefängniſſe ſei. Dieſe Manöver von Babylas, welche von Tag zu Tage herausfordernder wurden, waren am Ende, wie man wohl begreift, unerträglich für die ganze Hunderepublik, und ſie beſchloß zwei oder dreimal, die Abweſenheit von Brocante zu benützen, um Mei⸗ ſter Babylas eine gute Lection zu geben; doch immer erſchien durch einen von den Glücksfällen, wie ſie nur den Tyrannen oder den Gecken begegnen, gerade in dem Augenblicke, wo die Verſchwörung losbrechen ſollte, die Brocante gleich dem alten Deus ex machina plötzlich mit ihrem Beſen oder ihrer Schulgeißel in der Hand und führte bis zu ihren Riſchen die un⸗ glücklichen Verſchwörer zurück. Was thun bei dieſer traurigen Conjunctur, und wie ſich der deſpotiſchen Gewalt entziehen, iſt dieſe Gewalt mit einem Beſen und einer Geißel bewaffnet? Die Bande überlegte. Ein Windhund ſchlug vor, auszuwandern, den heimathlichen Boden zu verlaſſen, das Vaterland zu fliehen, kurz eine gaſt⸗ freundlichere Erde zu ſuchen; ein Bulldogg erbot ſich, Alles unter ſeine Verantwortlichkeit zu nehmen und Babylas zu erwürgen; doch man muß es ſagen, dieſer Hundsmord widerſtrebte dem ganzen Truppe. „Vermeiden wir das Blutvergießen!“ ſprach ein wegen ſeiner Sitten⸗Milde bekannter Pudel. Und er wurde unterſtützt durch einen alten ſpa⸗ niſchen Wachtelhund, der immer ſeiner Meinung und 49 dergeſtalt nil. ihm verbunden war, daß deiſtens eine Riſche füt Beide diente. Kurz, alle gewaltſamen Mittel mißſfielen dieſen redlichen Hunden, und man beſchloß, gegen Bäbylas keine andere Verſchwörung anzuzetteln, als die der Verachtung. Mai ſetzte ihn auf de Fnder, wie man in den Colhtgien vgn Rom ſagt, iQuarantäne, wie man in d ranzößiſchen Collegien ſagt; man ließ ihn beiſeit, man ſprach nicht mehr mit ihm, man machte ſogar Wieng u ſähe man ihn niht, 4 man an ihm ſie dies ſo poetiſch ih ke ge der Oper: dis Favorz ſagt iſt: ₰ I resta Seul Wec hu honmur)! . Was that Babylas? Statt zu bereuen, er, der, die Brocante in ihrer unvernünftigen Zuneigung ver⸗ blendete, ſtatt die Warnung zu benützen, kam auf den Einfall, ſeine Kameraden aufs Schönſte zu my⸗ ſtificiren; er ſchleuderte ihnen tzuſendmal. am Ta von fern beleidigendes Gebell zu, er ſtörtt unn herzig ihren Schlaf in der Nacht; mit einem Worte der Unterſtützung ſeiner Gebieterin ſicher, machte er ihnen das Leben unerträglich 2 ₰ War es warm und die Brocante öffnete das Fenſter, um der Geſellſchaft Luft zu geben, ſo kläffte Babylas auf der Stelle kläglich und ſchnatterte an allen Gliedern, als herrſchte eine Kälte von fünf⸗ undzwanzig Grad. War dagegen das Fenſter ge⸗ ſchloſſen und es regnete, es ſchneite, es waren fünf⸗ *) Er blieb allein mit ſeiner Schande. Dumas, Salvator. III. 4 —. 50 undzwanzig Grad Kälte, ſo beklagte ſich Babylas über die Wärme; der Ofen beläſtigté ihn: er hob die Pfote vor dem Thürchen auf und ſuchte, ſo viel in ſeiner Macht lag, das Feuer auszulöſchen; an dieſen Zeichen erkannte die Procante, es ſei zu heiß, und eine Gehipncongeſtion für befürch⸗ tend, löſchte ſit den Ofen aus und, ffnete das Fen⸗ ſter, wenn ſie auch die anderen de unter einer Temperatur der von Moskqu gleich ſchnattern ſah. Kurz, Dieſer elende Babhlas war der böſe Dämon des Hauſes geworden! Gt war Riemand nützlich, er dar Jedem unangenehnh gegen Jedermann un⸗ freundlich und delnch—etlläre die Sache, wer kann— trotz dieſer Veigung von Laſtern, viel⸗ leicht wegen derſelben von der Brocante angebetet. Obſchon der Frühling von 1827 kein wärmerer Frühling war als der von 1855, hatte Babylas, ſei es aus Bosheit, ſei es aus Bedürfniß, ſei es aus irgend einem aſtderen Grunde, zwanzigmal das Fönſter öffien laſſei. Die Naſe an dieſes Fenſter haltend— man erinnert ſich, daß es das Fenſter eines Erdgeſchoſſes war,— bemerkte Babylas von fern eine junge Hündin mit ſchwarzen Augen, mit fahlblonden Haaren, mit Zähnen weiß wie Perlen, mit Lippen roſenfarbig wie Korallen: man weiß, daß es zwei Sorten von Korallen gibt, die rothe Koralle und die roſenfarbige Koralle, und daß von beiden die roſenfarbige Koralle die koſtbarere iſt. Die Eleganz des Ganges dieſes Thieres, deſſen Hundszehe noch die Lilie marguirte, das Feuer ſei⸗ ner Augen, die Geſchmeidigkeit ſeiner Taille, die Kleinheit ſeiner Pfote, die ganze Anmuth ſeiner 51 Perſon machten Babylas ſchauern und er rief in ſeiner Sprache: „Oh! das reizende Thier!“ Bei dieſem Rufe,— wie, wenn ein am Fenſter ſtehender Raucher ausruft:„Ah! die reizende Frau!“ alle Männer des Clubbs, Whiſtſpieler, Zeitungsleſer, Kaffeetrinker, Liqueurſchlürfer, Eiseſſer um die Wette herbeilaufen; bei dieſem Rufe, ſagen wir, eilten alle Hunde, ob ſie ſaßen, ſtanden, in ihren Riſchen lagen, ſich die Pfoten leckten oder etwas Anderes trieben, hinzu, um mit Babylas dieſen Anblick zu genießen; dieſer aber drehte ſich um, zeigte die Zähne, knurrte, und alle Hunde, der Bullenbeißer und der Neufund⸗ länder mitbegriffen, welche Babylas mit dem Druck eines Zahnes umgebracht hätten, kehrten zu ihrer Beſchäftigung zurück. Zufrieden mit dieſem Gehorſam ſeiner Gefährten, — der ihnen allerdings durch ihren Inſtinet geboten war, welcher ihnen ſagte, die Brocante ſei im an⸗ ſtoßenden Zimmer,— richtete Babylas ſeinen Blick wieder nach der Straße. Genöthigt, dieſen Feuerblick auszuhalten, ſchlug die Hündin die Augen ſchüchtern nieder und ging weiter, ohne den Kopf umzudrehen. „Ehrbar und ſchön!“ rief in ſeiner Sprache der begeiſterte Pudel. „Vernünftig und ſchön!“ ruft Hamlet, da er Ophelia ſieht; was beweiſt, daß unter gleichen Um⸗ ſtänden ein gleicher Eindruck auf den Menſchen und das Thier, auf den Fürſten und auf den Hund her⸗ vorgebracht wird. Und er neigte ſich aus dem Fenſter, dergeſtalt, 52 daß ſeine Gefährten einen Augenblick hoffen konnten, in ſeiner Begeiſterung die Geſetze der Schwere ſchlecht berechnend, werde Babylas ſeinen Kopf das Ueber⸗ gewicht über ſeinen Hintern erlangen ſehen und ſich den Schädel auf dem Pflaſter zerſchmettern. Dem war nicht ſo: Babylas folgte mit den Augen dem reizenden Thiere bis an die Ecke der Rue de la Vieille⸗Eſtrapade, wo es verſchwand, wie ein Schatten, ohne ihm nur zu ſagen, es werde wieder⸗ kommen. „Wie ſchön iſt ſie!“ bellte Babylas, das Herz erfüllt von der unausſprechlichen Wonne einer ent⸗ ſtehenden Leidenſchaft, einer erblühenden Liebe. Statt zu ſeufzen über die unbarmherzige Einſam⸗ keit, zu der ihn ſeine beleidigten Brüder verurtheilt hatten, wünſchte ſich von dieſem Augenblicke an Ba⸗ bylas innerlich Glück zu den Stunden der Träumerei, die ihm dieſe Abgeſchiedenheit ließ. Wie Diogenes, in ſein Faß zurückkehrend, warf er geringſchätzend ſeine Verachtung auf die übrige Welt; und wenn wir, die wir in unſerer Eigenſchaft als Romandichter alle Sprachen verſtehen, ſelbſt die der Thiere, ſeine eigenen Worte nicht berichten, ſo geſchieht dies, weil wir befürchten würden, man könnte ſich in unſern Abſichten täuſchen und in dem Ausfalle von Babylas nur eine Satyre und Bitter⸗ keit gegen die Geſellſchaft ſehen. Wir werden nicht weiter die Gemüthsbewegun⸗ gen jeder Art analyſiren, die das Innere unſeres Helden erfüllten,— ſeit der Stunde, wo er den eleltriſchen Schlag empfangen hatte, bis zur Stunde ſt n, n r⸗ es en de 53 des Schlafengehens, wir wollen nur ein Wort von der Nacht ſagen. Es war zugleich für Babylas eine Nacht unbe⸗ kannter Qualen und unerhörter Wonne; alle Teufel⸗ chen, welche das buntſcheckige Gewebe der Träume anzetteln, tanzten ihre fantaſtiſche Sarabande um das Haupt des armen Pudels; er ſah, wie in den Gläſern der Zauberlaterne, die er in ſeiner Jugend in Geſellſchaft mit einem Blinden gezeigt, die Schat⸗ ten aller Hunde, welche geliebt hatten, und allen vierpfotigen Helenen und Stratoniſten, welche wahn⸗ ſinnige Leidenſchaften erregt hatten, vorüberziehen; er drehte ſich ſo oft und oftmal auf ſeiner Matratze von Roßhaar— die anderen hatten Stroh— um und um, daß die Brocante, plötzlich erwachend, glaubte, er ſei waſſerſcheu oder epileptiſch, und von ihrem Bette aus die zärtlichſten Worte an ihn richtete, um ihn zu tröſten. Die Morgenröthe erſchien zum Glück Morgens gegen vier Uhr, hätte man noch die langen, düſtern Winternächte gehabt, ſo wäre Babylas ſicherlich an der Auszehrung geſtorben. Die Liebſchaft von Babylas und Caramelle. Den erſten Schimmer des Tages erblickend, ſprang Babylas aus ſeiner Tonne. Wir müſſen zugeſtehen, daß er gewöhnlich wenig Zeit auf ſeine Toilette ver⸗ wendete; an dieſem Tage verwandte er noch weniger darauf, und er ſtürzte nach dem Fenſter. 54 Mit dem Tage war bei ihm die Hoffnung wieder⸗ gekehrt. Da ſie geſtern vorübergekommen, warum ſollte ſie heute nicht wiederkommen? Das Fenſter war geſchloſſen und mit Recht: es regnete in Strömen. „Ich hoffe wohl, man wird das Fenſter nicht öffnen,“ ſagte der Windhund, ſchon bei dieſem Ge⸗ danken ſchaudernd;„es iſt ein Wetter, daß man kei⸗ nen Menſchen ſollte vor die Thür gehen laſſen!“ Wir Menſchen ſagen: ein Hund; die Hunde ſa⸗ gen: ein Menſch; und ich glaube, die Hunde haben Recht; denn bei ſchlechtem Wetter habe ich immer mehr Menſchen als Hunde auswärts geſehen. „Ah, das wäre zu ſtark!“ ſagte der Bullenbeißer dem Windhunde antwortend. „Hm!“ machten der Pudel und der ſpaniſche Wachtelhund,„das würde uns nicht wundern.“ Sie ſprachen ein wenig mehr nach ihrem Beha⸗ gen, weil ihre Haare ihnen einen Pelz bildeten. „Läßt Babylas dieſen Morgen das Fenſter öff⸗ nen,“ ſprach der Neufundländer,„ſo erwürge ich ihn.“ „Nun wohl,“ ſagte eine alte ſehr ſteptiſche Dogge, „würde man es öffnen, ich wäre nicht erſtaunt.“ „Tauſend Donner!“ knurrten gleichzeitig der Bullenbeißer und der Neufundländer,„man laſſe ſich das einfallen und wir wollen ſehen.“ Ein weißer Pudel, der früher einige Partieen Domino mit Babylas gemacht hatte, und zu Gunſten des Andenkens, das dieſer als ziemlich ehrlicher Spie⸗ ler bei ihm hinterlaſſen, zuweilen ſeine Partei nahm, flehte auch diesmal das Mitleid ſeiner Kameraden an, „Ich habe ihn die ganze Nacht klagen hören,“ — 55 ſagte er mit bewegter Stimme;„vielleicht hat er die Krankheit... Seien wir nicht unbarmherzig gegen Einen der Unſeren: wir ſind Hunde und keine Menſchen.“ Dieſe Rede brachte eine ziemlich gute Wirkung auf die Verſammlung hervor, und man beſchloß, auch noch zu ertragen, was man, wenn man es wohl bedachte, nicht verhindern konnte. Die Brocante trat ein; ſie ſah ihren geliebten Babylas mit hängenden Lippen, geſenkten Ohren und blau umkreiſten Augen. „Was haben wir denn, mein Tutu?“ fragte ſie ihn mit ihrem zärtlichſten Tone, indem ſie ihn küßte und an ihre Bruſt drückte. Babylas ſtieß einen Seufzer aus, ſprang aus den Armen der Hexe und richtete ſich am Fenſter auf. „Ah! ja Luft!“ ſagte die Brocante.„Wie comme il faut iſt er! er kann die Luft nicht ent⸗ behren!“ Die Brocante, welche nicht nur Zauberin, ſondern auch Beobachterin war, hatte in der That bemerkt, die armen Leute leben in einer Atmosphäre, in der die Ariſtokraten nicht zu leben vermöchten. Und das iſt ein Glück für die armen Leute; denn könnten ſie nicht leben, wo ſie leben, ſo müßten ſie hier ſterben; ſie ſterben wohl bisweilen hier; dann findet aber der Arzt einen Namen für die Krankheit, die ſie weg⸗ gerafft hat, und, Dank ſei es dieſem griechiſchen oder lateiniſchen Namen, Niemand hat Gewiſſens⸗ biſſe, nicht einmal der Salubritätsrath. Glücklich, Babylas ſo comme il faut zu ſehen, obſchon ſie ſich nie mit ſeiner Erziehung beſchäftigt 56 hatte, hütete ſich die Brocante wohl, ihn warten zu laſſen und öffnete ſogleich das Fenſter. Da entſtand in der Verſammlung ein allgemei⸗ nes Knurren, das ſich bald zum Brüllen erhoben hätte, würde nicht die Brocante von dem Nagel, wo ſie hing, die Strafpeitſche losgemacht und ſie über den Häuptern derſelben geſchwungen haben. Beim Anblicke dieſes Geißelungswerkzeuges ſchwieg die Geſellſchaft wie durch Zauber. Babylas legte ſeine beiden Pfoten auf die Rand⸗ leiſte des Fenſters und ſchaute nach rechts und nach links; doch Niemand, Menſchen ausgenommen, wagte ſich in die Rue d'Ulm, welche damals ſo wenig ge⸗ pflaſtert war, als Paris zur Zeit von Philipp Auguſt, und beſonders bei dem Regen, der an dieſem Tage in Strömen fiel. „Ach!“ ſeufzte unſer Verliebter, Jach! ach!“ Doch dieſes Seufzen rührte den Geiſt der Ge⸗ wäſſer nicht, und keine Hündin, nicht einmal ein Hund kam vorüber. Es erſchien die Stunde des Frühſtücks; Babylas blieb am Fenſter; es ſchlug die Stunde des Mittags⸗ mahls: Babylas blieb am Fenſter; endlich die Stunde des Abendbrods ſo vergebens, als die des Frühſtücks und des Mittagsmahls. Die Andern rieben ſich die Pfoten vor Vergnü⸗ gen: der Theil von Babylas fiel natürlich ihnen zu. Es war ſehr ernſt, wie man ſieht. Babylas hatte ſich geweigert, irgend eine Nah⸗ rung zu ſich zu nehmen; die Brocante mochte ihn immerhin mit den zärtlichſten Namen rufen, ihm die klarſte Milch, den glänzendſten Zucker, die goldenſten — 57 Bretzeln bieten, er blieb bis zur finſtern Nacht in der ermüdenden Stellung, die er bei Tagesanbruch angenommen hatte. Die Nacht war längſt gekommen; es ſchlug zehn Uhr in allen Kirchen, welche, zu erhaben, um zu⸗ ſammenzuſchlagen, den Vortritt ohne Zweifel der älteſten ließen. Dieſe zweite Nacht war noch bewegter als die erſte: der Alp verließ nicht einen Augenblick den ar⸗ men Babylas; ſchlief er ein paar Augenblicke ein, ſo kläffte er ſchmerzlich während dieſes kurzen Schlum⸗ mers, daß man begriff, es wäre für ihn beſſer ge⸗ weſen, wach zu bleiben. Die Brocante blieb über ſein Haupt geneigt, wie es eine Mutter für ihren Sohn gethan hätte, und ſagte ihm jene ſüßen Worte, welche nur die Mütter allein zu finden wiſſen, um die Schmerzen ihrer Kinder einzuſchläfern. Erſt am Morgen hatte ſie, aufs Aeußerſte beſorgt, die Idee, ihm das große Spiel zu machen. „Er iſt verliebt!“ rief ſie bei der dritten Karten⸗ tour;„Babylas iſt verliebt.“ Diesmal hatten die Karten Recht, wie Béran⸗ ger ſagt. Babylas verließ ſeine Tonne, noch mehr entſtellt durch dieſe zweite Nacht der Schlafloſigkeit, als durch die erſte. Man tunkte ihm in Milch ein Zwieback, das er mit den Zähnen aß, und er ließ ſich das Fenſter öffnen, wie am Tage vorher. Obſchon es am St. Metardustag gere gnet hatte, — was vierzig Tage Regen verſprach,— regnete 58 es zufällig an dieſem Tage nicht; ſo daß Babylas, als er die Strahlen der Morgenſonne erblickte, wie⸗ der ein wenig von ſeiner natürlichen Heiterkeit an⸗ nahm. Das ſollte in der That ein glücklicher Tag für Babylas ſein:— zur ſelben Stunde, wie zwei Tage vorher, ſah er die blonde Hündin ſeiner Träume vorübergehen! Es war wohl dieſes ariſtokratiſche Pfötchen, das er wahrgenommen; es war dieſelbe elegante Tournure, derſelbe zugleich ſtolze und ſchüch⸗ terne Gang. Der Puls von Babylas ſchlug zwanzig Schläge mehr in der Minute; er ſtieß einen Freudenſchrei aus. Bei dieſem Schrei drehte die junge Hündin den Kopf um, nicht aus Coquetterie, ſondern weil ſie, ſo unſchuldig ſie war, ein zartes Herz beſaß, und in dieſem Schrei zugleich Liebe und Herzensangſt er⸗ kannt hatte. Sie ſah Babylas wieder, den ſie ſchon ein erſtes Mal aus dem Augenwinkel erſchaut hatte. Was Babylas betrifft, der ſie nur im Profil ge⸗ ſehen hatte,— es erfaßte ihn, als er ſie von vorn ſah, ein allgemeines Zittern. Babylas war ſehr nervös geblieben; er hatte in ſeiner Jugend den Sanct⸗Veits⸗Tanz gehabt; er wurde, ſagen wir, von einem allgemeinen Zittern erfaßt und fing an, kleine zärtliche, klagende Noten auszuſtoßen, wie ſie die mit dieſem Temperament begabten Perſonen hören laſſen, wenn die Gemüthsbewegung ihre Kräfte überſteigt. Als es dieſe Unruhe ſah, die es vielleicht theilte, hatte das hübſche Thier eine Bewegung des Mit⸗ leids und machte ein paar Schritte gegen Babylas. e eehceei 59 Einer unüberwindlichen Anziehungskraft nach⸗ gebend, war Babylas im Begriffe, ſich zum Fenſter hinauszuſtürzen, als die mit einer harten Stimme ausgeſprochenen Worte hörbar wurden: „Hier, Caramelle!“ Dieſe Worte waren offenbar die eines Herrn, denn, während ſie einen Seitenblick auf Babylas warf, beeilte ſich Caramelle, zu gehorchen. Babylas hatte, wie geſagt, ſchon ſeinen Anlauf genommen, um aus dem Fenſter zu ſpringen; doch dieſe Stimme hielt ihn plötzlich auf. War das Ge⸗ fühl, das ihn zurückhielt, die Furcht, Caramelle zu compromittiren? war es der etwas wenig ritterliche Inſtinkt der Selbſterhaltung? Das konnte man nie erfahren. Gewiß iſt, daß ſich Babylas auf ſeine Hinter⸗ füße ſetzte, mit ſeiner Pfote auf die Randleiſte des Fenſters ſchlug und ausrief: „Caramelle! Caramelle! welch ein hübſcher Name!“ Und er wiederholte in allen Tonarten: „Caramelle! Caramelle! Caramelle!“ Vielleicht iſt für unſere Leſer der Name nicht ſo ſchön, als Babylas behauptete; doch er war ſo paſſend ſür den Balg von derjenigen, welche ihn trug, daß Babylas, der die Farbe liebte, auch den Namen lie⸗ ben mußte. Streng von ſeinem Herrn zurückgerufen, kam Caramelle mit geſenktem Kopfe zu dieſem, nachdem er, wie geſagt, Babylas einen Blick voll tiefer Zärt⸗ lichkeit zugeworfen hatte. Der Zuſtand, in dem Babylas die zwei Tage und die zwei Nächte vorher zugebracht, war ein ſo 60 verzweifelter, daß ihm dieſer Blick von Caramelle ganz einfach ein Strahl des Paradieſes dünkte. Dergeſtalt, daß, nachdem er Caramelle— welche, wie zwei Tage vorher, an der Ecke der Rue de la Vieille-Eſtarpade verſchwand,— mit den Augen gefolgt war, Babylas ſich rückwärts warf, ſeine Freude auf alle Arten offenbarte, auf die es den Hunden ihre Freude zu offenbaren gegeben iſt, auf die Stühle ſprang, ſich auf den Hinterpfoten auf⸗ richtete, ſeinem Schweife nachlief, ſeine Kameraden neckte, den Todten ſpielte, ſein ganzes Repertvire die Revue paſſiren ließ, um, ſo viel es in ſeinen Mit⸗ teln lag, die unausſprechliche Glückſeligkeit, die er empfand, auszudrücken. Seine Kameraden hielten ihn für verrückt, und da es am Ende gute Hunde waren, ſo vergaßen ſie ihren Groll und beklagten ihn aufrichtig. Man behauptet, die Liebe mache beſſer: es iſt etwas Wahres an dieſer Behauptung, und wir wer⸗ den einen neuen Beweis von dieſer Wahrheit geben. Wir haben geſagt, Babylas ſei ein trotziger, mür⸗ riſcher Hund mit einer Nuance von Bosheit gewe⸗ ſen; nun wohl, als hätte ihn der Zauberſtab einer Fee plötzlich verwandelt,— in moraliſcher Hinſicht, wohl verſtanden!— wurde er ſanft und gutmüthig, wie das ſchwarze Lamm, von dem Hamlet ſpricht. Er ging auf ſeine Kameraden zu, machte ihnen offen⸗ herzige Entſchuldigungen, bat ſie redlich für ſein Un⸗ recht um Verzeihung, und flehte ſie, nach dieſer Ab⸗ bitte, an, ihm wieder ihre Freundſchaft zu ſchenken, indem er ihnen bei ſeiner Ehre die ſchwierigſten Re⸗ „—+—„—— lle er ht, 61 geln zu beobachten, die ſtrengſten Pflichten zu erfüllen verſprach. Bei dieſer Eröffnung berathſchlagte die Geſell— ſchaft. Der Neufundländer und der Bullenbeißer waren— einem erſten Gefühle nachgebend, das bei den Hunden, im Gegenſatze zu den Menſchen, wie es ſcheint, das ſchlechte iſt, der Neufundländer und der Bullenbeißer waren Anfangs der Meinung, ihn zu erwürgen, denn ſie hielten ſeine Bekehrung nicht für aufrichtig; doch der weiße Pudel übernahm zum zweiten Male ſeine Vertheidigung und ſprach ſo warm zu ſeinen Gunſten, daß er die ganze Ver⸗ ſammlung zu ſeiner Anſicht hinzog. Man ſtimmte ab, und mit Stimmenmehrheit der anweſenden Hunde gewährte man Babylas eine voll⸗ kommene Amneſtie. Der weiße Pudel ging auf ihn zu, reichte ihm die Pfote und die angeſehenſten Mitglieder der Ver⸗ ſammlung ſchenkten ihm wieder ihr Vertrauen und verſprachen ihm ihre Freundſchaft. Von dieſem Augenblicke an ließ Babylas das Fenſter nicht mehr öffnen, ohne zuvor ſeine Kame⸗ raden um Erlaubniß gefragt zu haben; und da ſich die Temperatur von Tag zu Tag milderte, ſo wurde ihm dieſe Erlaubniß artig bewilligt,— ſelbſt vom Windhunde, der fortwährend ſchnatterte, aber geſtand, es geſchähe aus Gewohnheit. XXV. Ein Herr, der wiſſen will, ob er ins Paradies kommt. So gingen die Dinge ſeit bald einem Mongt. Faſt alle Tage, zur ſelben Stunde, kam Cara⸗ melle vorüber und ſandte mit dem Blicke tauſend Zärtlichkeiten dem glücklichen Babylas zu, der, ganz nun von den Süßigkeiten einer platoniſchen Liebe erfüllt, ſich mit dieſen Blicken begnügte,— zurückge⸗ halten durch den Eindruck, den auf ſein, wir haben es zugeſtanden, ſehr reizbares Nervenſyſtem die Härte der Stimme des Herrn von Caramelle hervorgebracht. Vielleicht hatte Babylas dieſe Geduld auch nur, weil Carmelle, ſei es mit dem Blicke, ſei es mit der Stimme, Babylas zu verſtehen gegeben hatte, früher oder ſpäter werde ſie Gelegenheit finden, zu entwi⸗ ſchen, um auf eine mehr unmittelbare Art ſeine Liebe zu erwiedern. Es geſchah nun, daß ein paar Wochen nach der Nacht, wo Jean Taureau Herrn von Valgeneuſe beinahe zuerſt erſtickt, ſodann erſchlagen und endlich ertränkt hätte, ungefähr zur Stunde, wo Caramelle vorüberzukommen pflegte, ein Herr in einem Ueber⸗ rock, à ja propriétaire gekleidet,— obſchon die Tem⸗ peratur dieſe Vorſichtsmaßregel durchaus nicht recht⸗ fertigte,— mit einer Brille auf der Naſe und in der Hand ein ſpaniſches Rohr mit Vermeilknopf haltend, plötzlich in das Laboratorium der Schwarzkunſt der Rue d'Ulm eintrat. eil er vi⸗ be er iſe ich lle er⸗ m⸗ ht⸗ er id, er ——— 63 Die Herrin der Anſtalt war an dem gewöhn⸗ lichen Platze, wo ſie die Kunden erwartete. „Seid Ihr die Brocante?“ fragte raſch der Fremde. „Ja, mein Herr,“ antwortete dieſe mit einem gewiſſen Beben, über das ſie, wie Babylas, nicht Meiſterin war, ſo oft ſie eine etwas rauhe Stimme hörte. „Ihr ſeid Zauberin?“ „Das heißt Kartenſchlägerin.“ „Ich glaubte, das ſei daſſelbe.“ „Ungefähr; man darf es indeſſen nicht vermengen.“ „Gut, vermengen wir nicht; ich komme, um Eure Wiſſenſchaft zu befragen, Mutter.“ „Verlangt der Herr das kleine oder das große Spiel?“ „Das große Spiel, alle Wetter! das große Spiel!“ erwiederte der Herr, eine ſtarke Priſe Tabak ſchlür⸗ fend.„Was ich zu wiſſen wünſche, iſt von einer ſolchen Wichtigkeit, daß das Spiel nicht zu groß zu ſein vermöchte.“ „Wünſcht der Herr zu wiſſen, ob er eine gute Heirath machen werde?“ „Nein, Mutter, nein, da das Heirathen an und für ſich ein Uebel iſt, ſo kann keine Heirath gut ſein.“ „Wünſcht der Herr zu wiſſen, ob er von einem von ſeinen Verwandten erben werde?“ „Ich habe nur eine Tante, und ich gebe ihr eine Leibrente von ſechshundert Livres.“ „Wünſcht der Herr zu wiſſen, ob er ein hohes Alter erreichen werde?“ „Nein, gute Frau, ich habe ſchon viel gelebt für 64⁴ mein Alter, und dennoch bin ich keineswegs begierig, zu erfahren, wann ich ſterben werde.“ „Ah! ich verſtehe: dann wünſcht der Herr ſeine Heimath wiederzuſehen?“ „Ich bin von Montrouge, und wer Montrouge einmal geſehen hat, wünſcht es nie wieder zu ſehen.“ „Nun denn,“ ſagte die Brocante, befürchtend ein längeres Verhör, das ſo neben die Wünſche des Be⸗ ſuches griff, könnte ihrem Anſehen als Zauberin ſchaden,„was wünſchen Sie?“ „Ich wünſche,“ antwortete der geheimnißvolle Fremde,„ich wünſche zu wiſſen, ob ich in das Pa⸗ radies komme?“ Die Brocante gab Zeichen des höchſten Erſtaunens von ſich. „Nun,“ fragte der Herr von Montrouge,„was iſt dabei ſo Außerordentliches? Iſt es ſchwieriger, in der andern Welt zu ſehen, als in dieſer?“ „Mit Hülfe der Karten, mein Herr, kann man überall ſehen,“ erwiederte die Brocante. „Sie ſollen alſo ſchauen!“ „Babolin,“ rief die Alte,„das große Spiel!“ Babolin, der in der Ecke des Zimmers lag und beſchäftigt war, dem weißen Pudel eine Lection im Domino zu geben, Babolin ſtand auf und holte das verlangte große Spiel. Die Brocante nahm ihre Stellung, rief Phares, — der den Kopf nachläſſig unter ſeinem Flügel ver⸗ borgen ſchlief,— hieß ihre Hunde einen Kreis bilden, während ſie in ihrer mütterlichen Schwäche Babylos am Fenſter ließ, und ging ungefähr zu Werke, wie wir dies für Juſtin haben thun ſehen. n — — ——— —0—„———— +,—— 65 Es waren übrigens dieſelben Perſonen in einem andern Rahmen, außer Roſe⸗de⸗Noöl, welche abwe⸗ ſend, und außer Juſtin, der durch den Herrn von Montrouge erſetzt wurde. „Sie wiſſen, es koſtet dreißig Sous?“ ſagte die Brocante. Trotz der Verbeſſerung, welche in ihrem Haus⸗ weſen eingetreten war, hatte ſie ihre Preiſe nicht er⸗ höhen zu müſſen geglaubt. „Dreißig Sous, gut!“ erwiederte der Herr, wäh⸗ rend er majeſtätiſch eines von jenen Dreißig⸗Sous⸗ Stücken hinwarf, deren Kupfer man durch die Ver⸗ ſilberung ſah, und die ſchon damals in den Zuſtand von Medaillen überzugehen anfingen,„ich kann am Ende wohl dreißig Sous wagen, um zu erfahren, ob ich ins Paradies komme.“ Die Brocante fing an zu ſchneiden und wieder zu ſchneiden, das Spiel zu ſchlagen und wieder zu ſchlagen und in einem Halbkreiſe die Karten auf ihrem Brette auszubreiten. Man war gerade beim Intereſſanteſten der Wahr⸗ ſagerei und ſchon ſchickte ſich der, vom Kreuzkönig bezeichnete, heilige Petrus an, wie der von der Zau⸗ berin von Endor heraufbeſchworene Schatten von Samuel, die Myſterien der obern Welt zu entſchleiern, als Babylas, der wie immer aufrecht an ſeinem Fenſter ſtand, Caramella erblickte, welche, ihr Ver⸗ ſprechen haltend, allein, leicht, ſchlank, zierlich, fri⸗ ſcher, heiterer, zärtlicher, herausfordernder als je durch die Straße kam. „Caramella, Caramella, allein!“ rief Babylas. „Ah! Du haſt alſo dein Verſprechen gehalten, an⸗ 5 Dumas, Salvator. M. 66 betungswürdige Hündin... Ich kann nicht wider⸗ ſtehen, Caramella, oder den Tod!“ Und raſch aus dem Fenſter ſpringend, verfolgte Babylas ſein Ideal, das ihn fortwährend mit dem Blicke rief, indeß es im Trabe ging, um ſo ſchnell als möglich in der benachbarten Straße zu verſchwin⸗ den, und zwar, während der Herr geduldig ſeine Antwort erwartete. Die Brocante kehrte der Straße den Rücken zu; bei dem Lärmen aber, den Babylas, aus dem Fenſter ſpringend, machte, wandte ſie ſich um. Dieſe Bewegung, obſchon ſie die ganze Schnellig⸗ keit der mütterlichen Sorgfalt hatte, war noch zu langſam, im Vergleiche mit dem Liebesbeginn der von Babylas, denn ſich umwendend, erblickte die Bro⸗ cante nur noch das Hintertheil ihres Hundes, welcher eben verſchwand. Bei dieſem Anblicke vergaß die Broeante Alles: ſowohl den Mann von Montrouge, der zu wiſſen wünſchte, ob er ins Paradies käme, als die ange⸗ fangene Conſultation und das Dreißig⸗Sous⸗Stück, das ſie bezahlen ſollte, um ſich nur noch ihres theuren Babylas zu erinnern. Sie ſtieß einen Schrei aus, warf fern von ſich das Brett und die Karten, ſtieg mit der erhobenen Schamloſigkeit großer Leidenſchaften über die Bruſt⸗ lehne des Fenſters, ließ ſich auf die Straße hinab⸗ gleiten und fing an Babylas zu verfolgen. Phares, als er ſeine Gebieterin durch das Fenſter, ſtatt durch die Thüre, wie es ihre Gewohnheit war, weggehen ſah, glaubte ohne Zweifel, es brenne im gte em ell in⸗ ine u; ter zu er ro⸗ en ge⸗ ick, en kann. 67 Hauſe, ſtieß einen Schrei aus und ſchwang ſich auf die Straße. Als ſie die Brocante und die Krähe entflogen ſahen, und ohne Zweifel neugierig, zu erfahren, welche Ereigniſſe die Liebſchaft von Babylas erwar⸗ teten, ſtürzten die Hunde ebenfalls aus dem Fenſter, raſch und gedrängt, wie die berühmten Schafe von Panurgos, welche, ſeitdem ſie von Rabelais erfunden worden ſind, als Vergleichungspunkt für jeden in Geſellſchaft ſpringenden Trupp dienen. Babolin endlich, als er Babylas abgegangen, die Brocante verſchwunden, Phares entflogen und den letzten der Hunde auf der Straße ſah, beſtieg ſchon das Fenſter, ſo mächtig wirkt das Beiſpiel, als ihn der Herr von Montrouge am Boden ſeiner Hoſe feſthielt. Es herrſchte einen Augenblick ein Kampf, ob der Herr es wäre, der den Boden der Hoſe von Babolin würde loslaſſen, oder ob Babolin die Bruſtlehne des Fenſters losließe; als er das ſah, ſagte der Herr von Montrouge, der ohne Zweifel die Bruſtlehne für ſolider hielt, als die Hoſe: „Mein Freund, Du bekommſt fünf Franken, wenn Du Er hielt inne, denn er kannte den Werth eines unterbrochenen Satzes. Babolin ließ auf der Stelle die Bruſtlehne los und blieb wagrecht an der Hand des Herrn hängen. „Wenn was?“ fragte er. „Wenn Du machſt, daß ich Roſe⸗de⸗Noel ſprechen „Wo iſt das Geldſtück?“ 68 „Hier,“ erwiederte der Herr, indem er es ihm in die Hand gab. „Aechte fünf Franken!“ rief der Straßenjunge. „Schau,“ ſagte der Herr. Babolin ſchaute, doch am Zeugniß ſeiner Augen zweifelnd, rief er: „Laßt ſehen, wie das klingt.“ Und er ließ das Geldſtück, das einen ſilbernen Klang von ſich gab, auf den Boden fallen. „Sie ſagen, Sie wollen Roſe⸗de⸗Noel ſehen?“ Jat“ „Doch nicht, um ihr etwas zu Leide zu thun?“ „O nein! ganz im Gegentheile.“ „Dann laſſen Sie uns hinaufgehen,“ erwiederte Babolin. Und er öffnete die Thüre und eilte nach der Treppe des Entreſol. „Gehen wir hinauf,“ rief der Herr, der die Stufen der Treppe mit einer Geſchwindigkeit, ähnlich der erſtieg, die er angewandt hätte, um die Stufen des Paradieſes zu erſteigen. In einem Augenblicke waren ſie vor der Thüre von Roſe⸗de⸗Noel, wo der Herr nur anhielt, um aus einer Porzellandoſe eine ungeheure Priſe Tabak zu nehmen und ſeine Brille auf ſeine Naſe niederzu⸗ drücken. 69 . Was der Herr von Montrouge wirklich bei der Brocante wollte. In dem Augenblicke, wo der Herr von Mont⸗ rouge, dem Babolin voranſchritt, ſeine lange Geſtalt beugte, um ſeinen Kopf nicht an das Geſims zu ſtoßen und wie ein Wieſel durch die ein wenig ge⸗ öffnete Thüre ſchlüpfte, ſaß Roſe⸗de⸗Noel an einem Lacktiſchchen, einem Geſchenke von Regina, und unter⸗ hielt ſich damit, daß ſie Blumen, ein Geſchenk von Petrus, colorirte. „Höre, Roſe⸗de⸗Noél,“ ſagte Babolin,„da iſt ein Herr von Montrouge, der Dich ſprechen will.“ „Mich?“ fragte Roſe⸗de⸗Noel, den Kopf erhebend. „Dich in Perſon.“ „Ja, Sie, meine liebe Kleine,“ ſprach der Herr, während er ſeine blaue Brille auf ſeine Stirne em⸗ porſchob, um das Kind mit ſeinen Augen zu ſehen, welche durch die Stellung von zwei Gläſern zwiſchen ſie und den Gegenſtand, auf den ſie ſich hefteten, mehr gehindert, als unterſtützt zu ſein ſchienen. Roſe⸗de⸗Noél ſtand auf. Sie war ſeit drei Mona⸗ ten außerordentlich gewachſen. Es war nicht mehr das krankhafte, verkrümmte Kind, das wir in der Rue Triperet geſehen; es war ein allerdings noch bleiches, mageres, ſchwächliches Mädchen; doch ihre Magerkeit und ihre Bläſſe kamen offenbar von ihrem Wachſen. In eine ihrer Organiſation mehr ſympa⸗ thetiſche Sphäre verſetzt, hatte ſich ihre Geſtalt ent⸗ wickelt; es war eine zärtliche, biegſame, junge Staude, immer bereit, ſich beim geringſten Winde zu beugen, aber ſchon in Blüthe. Sie grüßte den Herrn von Montrouge, ſchaute ihn mit ihren großen Augen erſtaunt an, und ſprach: „Nun, mein Herr, ſagen Sie mir, was Sie mir zu ſagen haben.“ „Mein Kind,“ erwiederte der Herr mit ſeinem ſanfteſten Tone,„ich bin von Perſonen abgeſandt, die Sie ungemein lieben.“ „Von der Fee Carita?“ rief das Kind. „Nein, ich kenne die Fee Carita nicht,“ erwie⸗ derte lächelnd der Herr. „Von Herrn Petrus?“ „Auch nicht von Herrn Petrus.“ „Alſo,“ fuhr Roſe⸗de⸗Noel fort,„alſo muß es von Herrn Salvator ſein!“ „Ganz richtig,“ antwortete der Herr von Mont⸗ rouge,„von Herrn Salvator.“ „Ah! mein guter Freund Salvator,“ rief das kleine Mädchen,„er vergißt mich alſo, daß ich ihn wenigſtens vierzehn Tage nicht geſehen habe?“ „Aus dieſem Grunde komme ich.„„Mein lieber Herr,““ ſagte er zu mir„„ſuchen Sie Roſe⸗de⸗Noel auf, beruhigen Sie ſie über meine Geſundheit, und bitten Sie ſie, auf die Fragen, die Sie an ſie machen werden, zu antworten, als ob ſie mir ſelbſt antwor⸗ ten würde.““ „Alſo,“ erwiederte Roſe⸗de⸗Noél, ohne ſich beim letzten Theile des Satzes aufzuhalten,„Herr Salva⸗ tor iſt alſo wohl?“ „Sehr wohl!“ „Wann werde ich ihn ſehen?“ 85 „Morgen, übermorgen vielleicht.. Für den Augenblick iſt er ſehr beſchäftigt: darum bin ich in ſeinem Namen gekommen.“ „Dann ſetzen Sie ſich, ſagte Roſe⸗de⸗Noél, in⸗ dem ſie dem Herrn von Montrouge einen Stuhl zuſchob. „Was Babolin betrifft, als er ſah, daß Roſe⸗de⸗ Nosk mit einem Freunde von Salvator war, und folglich nichts zu befürchten hatte, überdies begierig, zu erfahren, was aus Caramelle, Babylas, den an⸗ dern Hunden, Phares und der Brocante geworden, — Babolin ſchlich ſich ſachte davon, während der Herr von Montronge Platz nahm, ſeine Brille wieder auf ſeine Naſe ſetzte und eine Priſe Tabak ſchlürfte. Als er ſich ſodann wohl verſichert hatte, die Thüre ſei wieder hinter Babolin geſchloſſen, fuhr der Un⸗ bekannte fort: „Ich ſagte Ihnen, mein Kind, Herr Salvator habe mich beauftragt, mehrere Fragen an Sie zu richten.“ „Thun Sie das, mein Herr.“ „Und Sie werden offenherzig antworten?“ „Sobald Sie im Auftrag von Herrn Salvator kommen. ſagte Roſe⸗de⸗Roel. „Laſſen Sie hören, erinnern Sie ſich Ihrer erſten Jahre?“ Roſe⸗de⸗Noel ſchaute den Fragenden ſtarr an. „Was verſtehen Sie hierunter, mein Herr?“ „Ich frage, zum Beiſpiel, ob Sie ſich Ihrer Ver⸗ wandten erinnern?“ „Welcher?“ „Ihres Vaters und Ihrer Mutter.“ „Ein wenig meines Vaters; meiner Mutter gar 5 „Und Ihres Oheims?“ Roſe⸗de⸗Noel erbleichte merkbar. „Welches Oheims?“ fragte ſie. „Ihres Oheims Gérard.“ „Meines Oheims Gérard?“ „Ja; würden Sie ihn wiederét ihn ſähen?“ Ein leichtes Zittern fing an, die Roſe⸗de⸗Noél zu bewegen. „Ah!“ ſagte ſie, gewiß. Haben von ihm?“ † „Ich habe welche!“ antwortete der Herr. „Er lebt alſo noch?“ „Er lebt noch!“ „Und 3 2 Das Mädchen zögerte; man ſah, daß ſie ſich ge⸗ waltig anſtrengte, um einen unüberwindlichen Wider⸗ willen zu bekämpfen. „Und Madame Göérard?“ ſagte der Herr von Montrouge, indem er ſeine Brille emporhob und auf ſie kleine durchdringende Augen heftete, welche die Zaubermacht des Baſilisks zu haben ſchienen. Als aber Roſe⸗de⸗Noöl den Namen von Madame Görard ausſprechen hörte, warf ſie ſich, einen Schrei ausſtoßend, zurück, glitt von ihrem Stuhle herab und wurde von einem erſchrecklichen Nervenanfalle er⸗ griffen. „Teufel! Teufel! Teufel!“ ſagte der Herr von Montrouge, während er ſeine Brille wieder auf gar Sie de e⸗ er⸗ on uf ie ne nd r⸗ n 73 ſeine Naſe ſetzte,„man könnte vermuthen, dieſe klein⸗ Zigeunerin habe Nerven wie eine Prinzeſſin!“ Und er verſuchte es, ſie wieder auf den Stuhl zu ſetzen; doch das Kind krümmte ſich, als wäre es vom Starrkrampfe befallen. „Hm!“ murmelte der Herr umherſchauend,„das wird peinlich!“ Er erblickte das Bett von Roſe⸗de⸗Noöl, nahm das Kind in ſeine Arme und trug es auf dieſes Bett. „Kleine Schelmin!“ ſagte er immer mehr ver⸗ legen;„hat man je dergleichen geſehen? gerade beim intereſſanteſten Orte anhalten!“ Er zog einen Flacon aus ſeiner Taſche und ließ ſie davon einathmen; doch bald, als ob ein neuer Gedanke ſich in ſeinem Geiſte klar machte, entfernte er von der Naſe des Kindes den Flacon, den er ſchon daran gehalten hatte. „Ah! ah!“ ſagte er,„mir ſcheint, die Sache be⸗ ruhigt ſich.“ Die Bewegungen des Körpers von Roſe⸗de⸗Noöl wurden in der That minder heftig, und die Convul⸗ ſionen wandten ſich einer einfachen Ohnmacht zu. Der Unbekannte wartete, bis der letzte Schauer erloſchen war, und Roſe⸗de⸗Noel auf ihrem Bette ſo unbeweglich, als wäre ſie todt, ausgeſtreckt lag. „Gut!“ murmelte er,„benützen wir dieſen Um⸗ ſtand.“ Und er ließ Roſe⸗de⸗Noel bewegungslos auf dem Bette ausgeſtreckt, ging auf eine Thüre zu und öff⸗ nete ſie. „Ein Cabinet ohne Ausgang,“ ſagte er. 74 Sodann das Fenſter öffnend: „Und dieſes Fenſter?“ Er neigte ſich hinaus. 6 „Kaum zwölf Fuß!“ Dann ging er zur Eingangsthüre, nahm mit einer Hand den Schlüſſel aus dem Schloſſe, während er mit der andern ein Stück Wachs aus der Taſche zog, näherte ſeine beiden Hände einander und machte mit dem Wachſe einen Abdruck vom Schlüſſel. „Bei meiner Treue,“ ſagte er,„es iſt noch ein Glück, daß die Kleine ohnmächtig geworden: wir wären genöthigt geweſen, durch Schätzung zu Werke zu gehen, und das iſt immer weniger ſicher, während un„ Er ſchaute den Abdruck an und verglich ihn mit dem Schlüſſel. „Während wir nun mit Sicherheit verfahren wer⸗ den,“ ſagte er. Und er ſteckte das Stück Wachs in ſeine Taſche, den Schlüſſel ins Schloß, ſchloß die Thüre wieder und ſprach: „Ah! man muß immer auf den guten Voltaire zurückkommen:„„Alles ſteht aufs Beſte in dieſer beſtmöglichen Welt!““ Und dennoch. Der Unbekannte kratzte ſich am Ohr, wie ein Menſch, der zwiſchen einem guten und einem ſchlech⸗ ten Gefühle ſchwankt; das gute gewann— ſeltſam! — die Oberhand. „Und dennoch kann ich dieſes Kind nicht in ſeinem Zuſtande verlaſſen!“ ſagte er. In dieſem Augenblicke klopfte man an die Thüre. zu R th m in h⸗ 75 „Wer Ihr auch ſein möget, tretet ein, Sacredi!“ rief der Herr. Die Thüre öffnete ſich in der That ziemlich heftig, und Ludovic erſchien. „Ah! bravo!“ rief der Herr von Montrouge; „Sie kommen teufelmäßig gelegen, mein junger Aes⸗ culap, und hat je ein Arzt auf den Ruf geantwortet ſo können Sie ſich rühmen, daß Sie es ſind.“ „Herr Jackal!“ ſagte Ludovie erſtaunt. „Ihnen zu dienen, lieber Herr Ludovic,“ erwie⸗ derte der Polizeimann, indem er dem jungen Doctor eine Priſe aus ſeiner Tabaksdoſe bot. Ludovic ſchob aber die Hand von Herrn Jackal zurück, trat ans Bett und ſagte, als hätte er das Recht, zu fragen: „Mein Herr, was haben Sie dieſem Kinde ge⸗ than?“ „Ich, mein Herr?“ antwortete Herr Jackal ſanft⸗ müthig;„durchaus nichts! Doch es ſcheint, ſie iſt Krämpfen unterworfen.“ „Allerdings, mein Herr, aber nicht ohne Urſache,“ entgegnete Ludovic. Und er tauchte ſein Sacktuch in einen Topf voll Waſſer und drückte es an die Stirne und an die Schläfe des Mädchens. „Was haben Sie ihr denn geſagt? was haben Sie ihr denn gethan?“ „Gethan? nichts... Geſagt? wenig...“ ant⸗ wortete laconiſch Herr Jackal. „Aber „Mein Gott! mein lieber Herr Ludovic, Sie wiſſen, daß die Bettler, die Zauberer, die Schwarz⸗ 76 künſtler, die Zauberlaternen zeigen, Zigeuner und Kartenſchläger zu meiner Gerichtsbarkeit gehören.“ O 0 „Nun, da die Brocante, mit ihren Hunden und mit ihrer Krähe ausziehend, vergeſſen hatte, mir das neue Quartier mitzutheilen, wo es ihr ein Domicil zu wählen gefallen, ſo mußte ich ſie durch meine Leute aufſpüren laſſen. Sie entdeckten, daß ſie in der Rue dUlm wohnte, und machten mir ihre Mel⸗ dung. Da ich weiß, daß ſie zu den Freundinnen von Herrn Salvator gehört, den ich von Herzen liebe, ſo begab ich mich alsdann zu ihr, ſtatt ſie zu verhaften und nach der Salle Saint⸗Martin bringen zu laſſen, wie es mein Recht und meine Pflicht war; doch wie es ſcheint, war ſie ſeit einem Augenblick durch das Fenſter weggegangen, gefolgt von ihren Hunden und ihrer Krähe, ſo daß ich das Haus leet und die Thüre offen fand. Ich forſchte nach, erblicke eine Treppe, ſtieg dieſe Treppe hinauf und klopfte an eine Thüre; wie ich Ihnen ſo eben ſagte, ſagte man mir:„„Herein!““ wie Sie thaten, habe ich gethan; nur, ſtatt die kleine Roſe⸗de⸗Noel ohnmächtig zu finden, fand ich ſie an dieſen Tiſche Bilder colo— rirend. In Abweſenheit ihrer Mutter, und um nicht einen unnöthigen Gang gemacht zu haben, befragte ich ſie; doch während ſie mit mir von ihrer Kindheit, von ihren Eltern, von einer gewiſſen Madame Gé⸗ rard, welche ihr, ich weiß nicht was, war, ſprach, fiel ſie in Ohnmacht... Ich nahm ſie in meine Arme, trug ſie auf ihr Bett, und leßte ſie eben ſehr zart darauf nieder, wie Sie ſehen, mein lieber Herr Ludovic, als das Glück Sie herbeiführte.“ nd nd s icil ine in el⸗ nen zen zu gen ar; lick ren leer ickte pfte agte ich htig olo⸗ nicht agte Gé⸗ rach, eine ſehr Herr 77 Alles dies ſchien ſo einfach und ſo natürlich, daß Ludovic nicht einen Augenblick zweifelte, die Sache habe ſich ſo zugetragen. „Nun wohl, mein Herr,“ ſagte er,„haben Sie nun neue Zweifel über die Brocante, ſo ſind wir, Herr Salvator und ich, bereit, darauf zu antworten. An uns müſſen Sie ſich alſo wenden.“ Herr Jackal verbeugte ſich. „Unter einem ſolchen Patronate, Herr Ludovic,“ erwiederte er.„Doch ich glaube zu bemerken, daß das Kind einige Bewegungen macht.“ „In der That,“ ſprach Ludovic, der die Stirne von Roſe⸗de⸗Noel zu befeuchten fortgefahren hatte, „ich glaube, wie Sie, daß ſie die Augen öffnen wird.“ „In dieſem Falle entferne ich mich,“ fagte Herr Jackal,„meine Gegenwart wäre ihr vielleicht pein⸗ lich.. Drücken Sie ihr, Herr Ludovic, ich bitte Sie, mein ganzes Bedauern aus, daß ich die un⸗ ſchuldige Urſache eines ſolchen Unfalls geweſen bin...“ Und nachdem er Ludovic eine zweite Priſe an⸗ geboten, die der junge Arzt wie die erſte ausſchlug, ging Herr Jackal in der That aus dem Zimmer mit einer Geberde, die ſeine Verzweiflung bezeichnete, daß er eine ſolche Unruhe im Hauſe der Freundin von Ludovic und Salvator verurſacht habe. XXVII. Fantaſie für zwei Stimmen und vier Hände über die Erziehung der Menſchen und der Hunde. In dem Augenblicke, wo Herr Jackal raſch die Treppe des Entreſol von Roſe⸗de⸗Noel hinabſtieg, war die Stube von Brocante noch von ihren ge⸗ wöhnlichen Bewohnern verlaſſen, momentan aber von einem außerordentlichen Bewohner beſetzt. Unter der allgemeinen Verwirrung, welche das Entweichen von Babylas verurſacht hatte, trat der Eigenthümer von Caramelle,— den wir an der harten Stimme kennen, die Babylas einen Schauer in den Leib gejagt hatte,— nachdem er ſie hatte ſich um die Straßenecke drehen ſehen, nachdem er Babylas hatte aus dem Fenſter ſpringen, dann Bro⸗ cante Babylas folgen, dann Phares der Brocante folgen, dann die anderen Hunde Phares folgen und endlich, fünf Minuten nachher, Babolin den Marſch ſchließen ſehen,— der Eigenthümer der Caramelle, ſagen wir, mochte er nun zu einem Zwecke, der uns ſpäter entdeckt werden wird, das Rendez⸗vous der zwei Verliebten vorbereitet haben, mochte er kein In⸗ tereſſe auf das Verlöbniß ſeiner Mündel legen, trat durch die Thüre bei Brocante eine Secunde, nach⸗ dem Babolin durch das Fenſter weggegangen war, ein. Die Wohnung war völlig verlaſſen, was unſern Mann durchaus nicht in Erſtaunen zu ſetzen ſchien. Die Hände in die weiten Taſchen ſeines Ueber⸗ rocks ſteckend, fing er auch mit einer ziemlich gleich ⸗ ung die ieg, ge⸗ von das der der uer atte er ro⸗ nte und rſch elle, uns der In⸗ gültigen Miene an, das Zimmer in Augenſchein zu nehmen. Dieſe Gleichgültigkeit, die ihm das Anſehen eines ein Muſeum beſichtigenden Engländers gab, verſchwand indeſſen beim Anblicke einer reizenden Skizze von Petrus, die drei Hexen von Macbeth vorſtellend, wie ſie eben ihr Höllenwerk um ihren Keſſel vollführen. Er näherte ſich raſch dem Bilde, hakte es von der Mauer ab, ſchaute es zuerſt mit Vergnügen, ſo⸗ dann mit Liebe an, wiſchte ſorgfältig mit ſeinem um⸗ gekehrten Aermel den Staub ab, mit dem es bedeckt war, und folgte bis in die entfernteſten Winkel den wunderbaren Einzelheiten; und endlich, nachdem er ihm alle Mienen gemacht hatte, die ein Liebhaber dem Portrait ſeiner Geliebten machen könnte, ſchob er es in die weite Taſche ſeines Ueberrocks, ohne Zweifel, um es zu Hauſe mehr mit Muſe betrachten zu können. Herr Jackal trat in die Stube der Brocante ge⸗ rade in dem Momente ein, wo das Bild in der Taſche des Unbekannten verſchwand. „Gibaſſier!“ rief Herr Jackal halb erſtaunt; denn der Polizeichef war zu verſtändig, um Gibaſſier gegen⸗ über ganz erſtaunt zu ſein.„Sie hier? ich glaubte, Sie ſeien in der Rue des Poſtes.“ „Caramelle und Babylas ſind dort,“ antwortete ſich verbeugend der berühmte Graf Bagnores de Tou⸗ lon.„Nachdem die Sache vollführt war, glaubte i Euer Ercellenz könnte meiner bedürfen, und ich in ge ſn imen.“ 3 Abſicht war gut, und ich danke Ihnen da⸗ och ich weiß Alles, was ich wiſſen wollte S 80 Kommen Sie, mein lieber Gibaſſier, wir haben nichts mehr hier zu thun.“ „Es iſt wahr,“ antwortete Gibaſſier, deſſen Worte ſeine Augen Lügen ſtraften,„wir haben nichts mehr hier zu thun.“ Doch der große Gemäldeliebhaber hatte auf der andern Seite des Zimmers ein Bild ungefähr von demſelben Umfange wie das, welches er ſchon beſaß, bemerkt, ein Bild, das ihm ein Fauſt mit Mephi⸗ ſtopheles reitend zu ſein dünkte, und während er dieſe Worte ſprach, fühlte er ſich unwiderſtehlich zu Fauſt gerufen, wie er ſich zu den Hexen hingezogen ge⸗ fühlt hatte. BGibaſſier beſaß eine große Selbſtbeherrſchung, und dieſe Selbſtbeherrſchung verdankte er der Stärke ſeines Raiſonnements. Er blieb alſo ſtehen und mur⸗ melte beiſeit: „Im Ganzen, was hindert mich, dieſer Tage wiederzukommen? Es wäre zu albern, nicht das Seitenſtück zu erlangen, wenn es ſo wohlfeil iſt! Ich werde mich morgen oder übermorgen wieder ein⸗ finden.“ Und nachdem er ſich ſelbſt dieſe Verſicherung einer baldigen Rückkehr gegeben, folgte Gibaſſier Herrn Jackal, der ſchon die Hausthüre geöffnet hatte, und, da er die Tritte ſeines Untergebenen nicht hinter ſich hörte, ſich umwandte, um ihn nach der Urſache ſei⸗ nes Verzugs zu fragen. Gibaſſier begriff vollkommen die Beſorgniß von Herrn Jackal. 5 „Hier bin ich,“ ſagte er. Herr Jackal machte ſeinem Manne ein Zeichen 3 8 der Zufriedenheit, wachte darüber, daß er die Thüre ſorgfältig ſchloß, und ſagte, als er in der Rue d'Ulm war: „Wiſſen Sie, Gibaſſier, daß ſie da eine köſtliche Hündin haben, ein wahrhaft ſeltenes Thier!“ „Es iſt mit den Hunden wie mit den Kindern,“ erwiederte Gibaſſier ſententiös:„nimmt man ſich ihrer frühzeitig an, ſo kann man aus den einen wie aus den andern durchaus Alles machen, was man will, das heißt, ſie nach Belieben zu guten oder ſchlimmen, zu frommen oder ruchloſen, zu blödſinni gen oder zu verſtändigen Subjecten bilden; es han⸗ delt ſich nur darum, ſich Zeit dazu zu gönnen; prä⸗ gen Sie ihnen nicht von ihrer frühen Kindheit an die ſtrengſten Grundſätze ein, ſo werden Sie nichts von Bedeutung aus ihnen machen; mit drei Jahren iſt ein Hund unverbeſſerlich, wie ein Knabe mit fünf⸗ zehn; denn Sie wiſſen, Excellenz, die Fähigkeiten beim Menſchen, der Inſtinkt bei den Thieren ent⸗ wickeln ſich nach Maßgabe der Länge des Daſeins.“ „Ich weiß das, ja, Gibaſſier; doch die bekann⸗ teſten Wahrheiten nehmen, wenn ſie durch Ihren Mund kommen, ein höchſt ergötzliches Anſehen von Neuheit an, Gibaſſier!“ Gibaſſier neigte beſcheiden den Kopf. „Ich habe meine erſten Studien im Seminar gemacht, Excellenz,“ ſagte er,„und ich habe ſie unter den Blicken der geſchickteſten Theologen vollendet, denn ich verfolgte ſie alle Tage; doch, ich muß es ſagen, was ich ganz beſonders ſtudirt habe, Excellenz, iſt die Art, die Jugend zu unterrichten, zu bilden oder zu vetbilden. Oh! es ſind in dieſer Hinſicht Dumas, Saſvator. UI. 6 82 große Männer, meine Lehrer, die Jeſuiten! ſo groß, daß ich geſtehe, ich konnte ihnen nicht immer auf die Terrains folgen, auf die ſie mich ziehen wollten. Indeſſen, obgleich zuweilen in Deſſidenz mit ihnen über gewiſſe Erziehungspunkte, glaube ich doch viel von ihrer Schule profitirt zu haben, und werde ich je Miniſter des öffentlichen Unterrichts, ſo wird mein erſter Act eine vollſtändige, radicale, abſolute Reform unſeres ganzen, in tauſend und einer Beziehung mangelhaften, Erziehungsſyſtems ſein.“ „Ohne ganz Ihre Anſichten hierüber zu theilen,“ erwiederte Herr Jackal,„glaube ich, daß es viel bei dieſer ernſten Frage zu thun gibt. Doch erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, es iſt nicht ſo ſehr die Erziehung der Kinder, was mich in dieſem Augen⸗ blicke in Anſpruch nimmt, als die Art, wie Sie ver⸗ fahren mußten, um Ihre Hündin Caramelle zu er⸗ ziehen.“ „Ah! ganz einfach, Erxcellenz.“ „Nun?“ „Mit wenig Sanftmuth und viel Schlagen. 6 „Seit wann haben Sie ſie, Gibaſſier?“ „Seit dem Tode der Marquiſe.“ „Was nennen Sie die Marquiſe?“ „Eine Geliebte von mir, Excellenz, welche zu⸗ gleich die Geliebte von Caramelle war.“ Jackal hob ſeine Brille auf und ſchaute Gibaſ⸗ ſier an. „Sie liebten eine Marquiſe?“ fragte er. „Wenigſtens wurde ich von ihr geliebt, Excellenz,“ erwiederte Gibaſſier mit beſcheidener Miene. „Eine ächte Marquiſe?“ 83 „Ich ſtehe Ihnen nicht dafür, Excellenz, daß ſie je in die Carroſſen des Königs geſtiegen iſt. doch ich habe ihre Titel geſehen.“ „Meine Glückwünſche, Gibaſſier, und zugleich meine Beileidsbezeigungen, da Sie mir zugleich das Leben und den Tod dieſer ariſtokratiſchen Perſon mittheilen... Sie iſt alſo todt?“ „Sie behauptet es wenigſtens.“ „Sie waren nicht in Paris in dem Augenblicke, wo die Kataſtrophe eingetreten iſt, Gibaſſier?“ „Nein, Excellenz, ich war im Süden.“ „Wo Sie für Ihre Geſundheit reisten, wie Sie mir zu ſagen die Ehre angethan haben?“ „Ja, Excellenz... Eines Morgens wurde ich von Caramelle eingeholt, welche der ſtumme, wenn auch nicht blinde Zeuge unſerer Liebſchaft war. Sie trug an ihrem Halſe einen Brief, in dem mir die Marquiſe ankündigte, auf dem Punkte, in einer be⸗ nachbarten Stadt den Geiſt aufzugeben, ſchicke ſie mir Caramelle, um mir ihr letztes Lebewohl zu über⸗ bringen.“ „Ah! das zieht die Thränen in die Augen!“ ſagte Herr Jackal, indem er ſich geräuſchvoll ſchnäuzte trotz der Lehren„des höflichen Schülers.““ „Und Sie adoptirten Caramelle?“ „Ja, Excellenz. Ich hatte ſechs bis acht Monate vorher ihre Erziehung begonnen: ich nahm ſie wie⸗ der auf, wo ich ſie verlaſſen hatte; ſie wurde meine Spielgefährtin, die Vertraute meiner Leiden, und nach acht Tagen hatte ich kein Geheimniß mehr für ſie.“ „Rührende Freundſchaft!“ rief Herr Jackal. „In der That, Excellenz, ſehr rührend; denn in 84 einem Jahrhundert, wo die Intereſſen an die Stelle der Gefühle getreten ſind, iſt es rührend, uns die Thiere die Zeichen von Zuneigung geben zu ſehen, die uns die Menſchen verweigern.“ „Ein bitterer, aber gerechter Gedanke, Gibaſſier!“ „Als ich nach einer gründlichen Prüfung ſah, Caramelle ſei verſtändig und empfindſam,“ fuhr Gi⸗ baſſier fort,„gedachte ich ihren Verſtand auf die Probe zu ſtellen und ihre Empfindſamkeit zu be⸗ nützen. Ich lehrte ſie zuerſt die reich gekleideten Perſonen von den ärmlich bedeckten unterſcheiden; auf zweihundert Schritte erkannte ſie den Bauern⸗ kerl oder den Edelmann, den Abbé oder den Notar, den Soldaten oder den Banquier. Doch ein inſtinct⸗ artiges Grauen, das ich nie bei ihr beſiegen konnte, flößte ihr der Gendarme ein. Ich mochte ihr immer⸗ hin ſagen, dieſe Wächter der Geſellſchaft ſeien die geliebten Kinder der Regierung,— ſo bald ſie einen von noch ſo fern roch, mochte er zu Fuße oder zu Pferde, als Bürger oder mit ſeiner Uniform beklei⸗ det ſein, kam ſie zu mir mit geſenktem Schweife und ängſtlichem Auge zurück und bezeichnete mir den Win⸗ kel des Horizonts, in deſſen Richtung ihr Feind er⸗ ſcheinen ſollte; um den armen Thieren nicht unnöthige Gemüthsbewegung zu verurſachen, ging ich ſodann vom Wege ab, und ſuchte irgend einen Schutzwinkel, wo der Blick vom natürlichen Feinde des armen Thieres nicht eindringen konnte. Ich kehrte von Toulon nach Paris zurück und nahm alle Vorſichts⸗ maßregeln...“ „Für ſie, wohlverſtanden; nicht für Sie?“ „Für ſie! Dafür konnte ſie auch in ihrer Dank⸗ 1 85 barkeit nichts verweigern, nicht einmal die Dinge, welche am meiſten Ueberwindung der Achtung koſten, die ſie natürlich für ſich ſelbſt hat.“ „Erklären Sie mir deutlich, was Sie damit ſagen wollen, Gibaſſier; nach dem, was ich von Babylas geſehen, habe ich gewiſſe Pläne für Caramelle.“ „Caramelle wird ſich immer von den Plänen, die Sie mit ihr haben, äußerſt geehrt fühlen, Ex⸗ cellenz.“ höre „Vernehmen Sie einen von den Dienſten, den mir dieſes reizende Thier leiſtete.“ „Einen unter hundert?“ „Unter tauſend, Ercellenz! In einer Provinz⸗ ſtadt, in der wir ungefähr acht Tage wohnten,.. es iſt unnöthig, Ihnen zu ſagen, welche: die Pro⸗ vinzſtädte ſind wie die häßlichen Weiber; ſie gleichen ſich alle;— in einer Provinzſtadt, durch die wir paſſir⸗ ten, und wo ein Umſtand, den ich Ihnen erzählen werde, uns nöthigte, ein paar Tage zu verweilen, wohnte die älteſte Witwe des Departement, mit der älteſten kleinen Dogge des Departement verſehen. Dieſe zwei Antiquitäten hatten das Erdgeſchoß eines in einer der ödeſten Straßen der Stadt liegenden Hauſes inne,— die Rue dUlm des Ortes.. Als ich eines Morgens an dieſem Hauſe vorüber⸗ kam, erblickte ich die Marquiſe am Stickrahmen ſtickend, und die Dogge ihre beiden Pfoten auf die Bruſt⸗ lehne des Fenſters geſtützt.“ „Sie verwechſeln doch nicht mit dem Hunde der Brocante?“ „Ercellenz, erweiſen Sie mir die Ehre, zu glau⸗ 86 ben, daß ich in meinen lichten Augenblicken, das heißt, wenn der Wind von Oſten weht, wie Hamlet, wohl einen Falken von einer Nachteule zu unterſchei⸗ den weiß, um ſo mehr einen Pudel von einer klei⸗ nen Dogge.“ „Ich habe Unrecht gehabt, Sie zu unterbrechen, Gibaſſier; fahren Sie fort, mein Freund; Sie ſind wahrhaft der Vater der Entdeckungen, der Erfinder Ihrer Erfindungen.“ „Ich würde mich mit dieſem letzten Verdienſte breit machen, kennte ich nicht, Dank ſei es der um⸗ faſſenden Bildung, die Sie mir zugeſtehen, das trau⸗ rige Ende aller Erfinder.“ „Ich beharre nicht hiebei.“ „Und ich, Excellenz, knüpfe, mit Ihrer Erlaub⸗ niß, den Faden meiner Geſchichte wieder an.“ „Knüpfen Sie an, Améric Gibaſſier!“ „Ich vergewiſſerte mich vor Allem, daß das Haus nur von drei Perſonen bewohnt war: der Dogge, der Marquiſe und einer alten Magd; ſodann, da ich im Vorübergehen durch das Fenſter des Speiſezim⸗ mers geſehen hatte... Sie wiſſen vielleicht nicht, daß ich ein großer Liebhaber von Gemälden bin?“ „Nein; doch ich ſchätze Sie darum nur um ſo mehr, Gibaſſier.“ Gibaſſier verbeugte ſich. „Da ich durch das Fenſter des Speiſezimmers,“ fuhr er fort,„zwei treffliche Watteaus, Scenen aus der italieniſchen Komödie vorſtellend, geſehen hatte.“ „Sie lieben auch die italieniſche Komödie?“ „In der Malerei, ja, Excellenz... Dieſe zwei Bilder erlangen, war alſo mein einziger Gedanke am Tage, mein einziger Traum in der Nacht. Ich ½ fragte Caramelle, da ich ohne ihre Mitwirkung nichts vermochte.“ „„Haſt du die Dogge der Witwe geſehen?““ fragte ich. Das Thier machte die kläglichſte Miene, die ich je geſehen. „Sie iſt ſehr häßlich!“ fuhr ich fort. „„Ah! ja!“ gab ſie mir ohne Zögern zu ver⸗ ſtehen. „„Ich bin mit dir einverſtanden, Caramelle, fuhr ich fort;„„doch alle Tage ſiehſt du in der Welt die bezauberndſten Mädchen die widerwärtigſten Dog⸗ gen heirathen; das iſt das, was man eine Heirath aus Vernunft nennt. Sind wir in Paris angekom⸗ men, ſo laſſe ich dich im Théatre de Madame ein Stück von Scribe ſehen, das dir die Sache klar wie den Tag darthun wird. Ueberdies ſind wir nicht in dieſem Thale der Thränen, um hier Quecke zu pflüͤcken und von Morgen bis zum Abend Bretzeln zu krumpeln. Könnten wir nur thun, was uns an⸗ gewieſen iſt, meine Liebe, ſo würden wir durchaus nichts thun. Man muß alſo über die Häßlichkeit der Dogge der Marquiſe weggehen, und ihr einige von den Blicken zuſenden, die deine Gebieterin den Leuten ſo gut zuſandte; iſt alsdann die Dogge ver⸗ führt, nun ſo erlaube ich dir, die Coquette zu ſpielen, und, wenn du ſie gar aus dem Hauſe gelockt, und ihre Gebieterin hinter ihr, ſie ſtreng für ihre Eitel⸗ keit zu beſtrafen.““ Dieſes letzte Raiſonnement brachte auf Caramelle eine außerordentliche Wirkung hervor. Sie überlegte 88 inen Augenblick, und nach dieſem Augenblicke der eberlegung antwortete ſie mir. „„Gehen wir dahin!““ „Und wir gingen dahin.“ „So daß die Dinge ſich zutrugen, wie Sie es vorhergeſehen?“ „Ganz genau.“ „Und Sie wurden Eigenthümer der zwei Biterz“ „Eigenthümer. Nun da es Rahmen waren, welche ſchliefen, entäußerte ich mich derſelben in einem Augenblicke der Beengung.“ „Ja, mit dem Vorbehalte, andere um denſelben Preis zu kaufen?“ Gibaſſier nickte bejahend mit dem Kopfe. „Alſo das Stück, das uns Caramelle geſpielt hat...“ fuhr Herr Jackal fort. „Iſt keine erſte, ſondern eine zweite Vorſtellung.“ „Und Sie glauben, Gibaſſier,“ ſagte Herr Jackal, indem er die Hand des Moralphiloſophen ergriff. „Sie glauben, Sie würde Ihnen im Nothfalle eine dritte geben?“ „Nun, da ſie ihrer Rolle ſicher iſt, zweifle ich nicht daran.“ Als Gibaſſier dieſe Worte vollendete, erſchien das ganze Haus der Brocante, Babylos ausgenommen, wieder an der Ecke der Rue des Poſtes: es hatte ſich vermehrt durch alle Straßenjungen des Quar⸗ tiers, Babolin an der Spitze. In demſelben Augenblicke wandten ſich Herr Jackal und Gibaſſier um die Ecke der Rue des Ur⸗ ſulines. „Es war Zeit!“ ſagte Herr Jackal;„wurden — c. „— N— 89 wir erkannt, ſo liefen wir Gefahr, uns mit der gan⸗ zen liebenswürdigen Geſellſchaft zu zanken.“ „Müſſen wir unſere Schritte beſchleunigen, Ex⸗ cellenz?“ „Nein; doch ſind Sie nicht beſorgt um Cara⸗ melle? Ich intereſſire mich für dieſes treffliche Thier, das ich nöthig zu haben glaube, um einen Hund meiner Bekanntſchaft zu entführen.“ „Beſorgt! warum?“ „Wie wird ſie ihre Spur wiederfinden?“ „Oh! bekümmern Sie ſich nicht darum! ſie iſt in Sicherheit.“ „Bei der Barbette, Impaſſe des Vignes, wohin ſie Babylos gelockt hat.“ „Ah! ja, ja, ja, bei der Barbette... Warten Sie!... Iſt das nicht die Stühlevermietherin von Longue⸗Avoine?“ „Und die meinige, Excellenz.“ „Ich kannte ſie nicht als ſo religiös, Gibaſſier.“ „Was wollen Sie, Excellenz? ich werde alle Tage älter, und ich glaube, es iſt Zeit, daß ich an mein Seelenheil denke.“ „Amen!“ ſprach Herr Jackal, indem er eine große Priſe aus ſeiner Tabaksdoſe ſchöpfte und ſie geräuſchvoll ſchlürfte. Und Beide gingen wieder die Rue Saint⸗Jacques hinab, bis an die Ecke der Rue de la Vieille⸗Eſtra⸗ pade, wo Herr Jackal Gibaſſier entließ und wieder in ſeinen Wagen ſtieg; Gibaſſier erreichte auf einem Umwege die Rue des Poſtes, und trat bei der Stühle⸗ vermietherin ein, wohin ihm zu folgen wir uns wohl hüten werden. 90 XXVIII. Mignon und Wilhelm Meiſter. Völlig wieder zu ſich gekommen, heftete die kleine Roſe⸗de⸗Noel ihre klaren, traurigen, beſorgten großen Augen auf Ludovic. Sie wollte ſprechen, um dem jungen Manne zu danken, oder um ihm die Urſachen ihrer Ohnmacht zu erzählen. Ludovic aber legte ihr die Hand auf den Mund, ohne ſelbſt ein Wort zu reden, aus Furcht ohne Zweifel, ſie jener Art von Schlummer zu entziehen, der gewöhnlich auf dieſe Kriſen folgte. Sobald ſie dann die Augen wieder geſchloſſen hatte, neigte er ſich gegen ſie, als wollte er mit ihrem Geiſte ſprechen, und murmelte mit einer ſanf⸗ ten Stimme: „Schlummre ein wenig, meine kleine Roſa; Du weißt, wenn Du dieſe Art von Anfällen bekommſt, iſt eine Viertelſtunde Ruhe nothwendig für Dich. Schlafe! wir werden plaudern, wenn Du wieder e⸗ wacht biſt.“ „Ja,“ antwortete das Kind aus der Tiefe ſeines angefangenen Schlafes heraus. Ludovic nahm nun einen Stuhl, ſtellte ihn ge⸗ räuſchlos zum Bette von Roſe⸗de⸗Nosl, ſetzte ſich und träumte, den Kopf auf die Bettlade geſtützt... Wovon träumte er? Müſſen wir wirklich die ſüßen, keuſchen Gedan⸗ ken verrathen, die das Gehirn des jungen Mannes 5 3 eine ßen dem chen ihr tzu von ieſe ſſen mit anf⸗ Du mſt, ich. er⸗ ines ge⸗ und dan⸗ nnes 9¹ während des ſanften Schlafes von Roſe⸗ de⸗Noel durchzogen. Sagen wir vor Allem, daß ſie anbetungswürdig zu ſehen war! Jean Robert hätte ſeine ſchönſte Ode, Petrus ſeine ſchönſte Stizze gegeben, um ſie eine Minute anzuſchauen: Jean Robert, um ſie zu beſin⸗ gen, Petrus, um ſie zu malen. Es war die ernſte Schönheit, die jungfräuliche, kränkliche Grazie, der matte, dunkle Teint von Mig⸗ non, von Göthe oder von Scheffer; es war die Darſtellung des raſchen Moments, wo das Kind Mädchen wird, wo die Seele einen Körper annimmt und der Körper eine Seele; es war endlich der Augenblick, wo, im Geiſte des Dichters, der erſte Liebesſtrahl durch die Augen des Schauſpielers ge⸗ ſchleudert in das Herz der Zigeunerin eingedrungen iſt. Und Ludovie ſeinerſeits bot wohl, man muß es ſagen, einige Aehnlichkeit mit dem Helden des Dich⸗ ters von Frankfurt. Ein wenig müde des Lebens, bevor er in daſſelbe eingetreten, hatte Ludoviec den jungen Leuten der Zeit, die wir zu ſchildern ſuchen, und auf welche die verzweifelten, ſpöttiſchen Schöpfungen von Byron ihre poetiſche Entzauberung geworfen hatten, gemeinſchaftlichen Fehler; Jeder hielt ſich für beſtimmt, der Held einer Ballade oder eines Dramas zu ſein, Don Juan oder Monford, Steno oder Lora. Man füge dem bei, daß Ludovic als Arzt, und folglich Materialiſt, auf das Leben die Doctrinen der Wiſſenſchaft angewandt hatte. Ge⸗ wohnt, in das menſchliche Fleiſch einzuſchneiden, hatte er bis dahin, wie Hamlet über den Kopf von Yorick philoſophirend, die Schönheit als eine einen 92 Leichnam bedeckende Maske betrachtet, und bei jedem Anlaſſe unbarmherzig diejenigen von ſeinen Mit⸗ ſchülern verſpottet, welche die ideale Schönheit der Frauen und die platoniſche Liebe der Männer rühmten. Trotz der entgegengeſetzten Theorien ſeiner zwei beſten Freunde, Petrus und Jean Robert, hatte er in der Liebe nie etwas Anderes ſehen wollen, als einen rein phyſiſchen Act, einen Willen der Natur, die Berührung von zwei Cpidermen eine Wirkung hervorbringend, ähnlich dem durch eine elektriſche Batterie hervorgebrachten Funken; nichts mehr. Jean Robert hatte vergebens gegen den Materia⸗ lismus gekämpft und alle Dilemmen der raffinirte⸗ ſten Liebe zu Hülfe gerufen; Petrus mochte immer⸗ hin dem Skeptiker die Offenbarungen der Liebe in der ganzen Natur zeigen, Ludovic leugnete: in der Liebe wie in der Religion war er Atheiſt; ſo daß er ſeit ſeinem Austritte aus dem College alle Zeit, die er der Arbeit hatte entziehen können,— und dieſe Zeit war kurz,— den Prinzeſſinen, die ihm der Zufall unter die Hand gerathen ließ, gewidmet hatte. So haben wir ihn die Prinzeſſin von Vanvers, die ſchöne Chante⸗Lilas, am Arme halten ſehen. Ein Spaziergang im Walde am Morgen mit der Einen, eine Luſtfahrt im Nachen am Abend mit der Andern, ein Souper in den Hallen mit Dieſer, ein Maskenball mit Jener, dies waren die ein wenig oberflächlichen Beluſtigungen, welche Ludovic bis dahin von den Frauen verlangt hatte; ſie aber an⸗ ders behandeln als wie Vergnügensmaſchinen, wie Zerſtreuungsautomaten, das war ihm nie einge⸗ fallen. ſ em Nit⸗ der ten. wei 93 Er hegte eine erhabene Verachtung gegen die weib⸗ liche Intelligenz; er ſagte, in der Regel ſeien die Frauen ſchön und dumm wie die Roſen, mit denen aus Gewohn⸗ heit die Dichter ſie zu vergleichen die Impertinenz haben. Dem zu Folge wäre es ihm nie eingefallen, im Ernſte mit einer derſelben zu ſprechen, und hätte ſie Frau von Stael oder Madame Roland geheißen. Diejenigen, welche jene Bewunderung zwingen, ſeien in der Natur Arten von Ungeheuren, Turgescenzen des Geſchlechts, Abweichungen von der Race. Er ſtützte dieſe Theorie auf das Leben von Frauen des Alterthums, welche in Rom und in Griechenland in das Gynäceum oder in das Lupanar verbannt waren; gut, wie Louis, um Courtiſanen zu machen, oder wie Cornelia um Matronen zu machen, bei den Türken in den Harem eingekerkert, und hier demüthig auf ein Zeichen des Herrn wartend, um es zu wagen, ihn zu lieben. Man mochte ihm immerhin vorſtellen, die Viel⸗ ſeitigkeit unſerer Kenntniſſe, unſere fünfundzwanzig⸗ jährige Erziehung geben in uns, die im Keime, in unſerem Gehirn und in unſerem Herzen niederge— legten Fähigkeiten entwickelnd, eine ſcheinbare Ueber⸗ legenheit der Intelligenz über die Frau, doch es werde eine Zeit kommen,— und gewiſſe Ausnahmen be⸗ weiſen, daß dieſes Raiſonnement kein Utopien ſei,— doch es werde eine Zeit kommen, wo, da die Erzie⸗ hung gleich unter den beiden Geſchlechtern, auch die Intelligenz gleich ſein werde; er wollte nichts glau⸗ ben, und behauptete in Betreff der Frauen ſein Syſtem eines vegetabiliſchen oder vielmehr animali⸗ ſchen Lebens. Das war alſo, wie geſagt, ein überſättigtes Kind, 9⁴ eine jungfräuliche Seele in einem verblühten Körper. Er glich jenen Tropenpflanzen, welche in unſern Ge⸗ wächshäuſern vergeilen und zu Grunde gehen. Doch es komme, ſtatt der künſtlichen Atmoſphäre des Ofens, die fruchtbare Wärme der Sonne, und ſie beleben ſich und glänzen wieder. Ludovic hatte übrigens kein Bewußtſein von dieſer amaliſchen Vergeilung gehabt, in der er vegetirte. Erſt in dem Augenblicke, wo die Liebe, dieſe befruch⸗ tende Sonne des Mannes und der Frau, ihn mit ihren wärmſten Strahlen zu überſtrömen anfing, ſollte er ſich wiedergeboren werden fühlen, ſollten ihn ſeine Freunde blühen und befruchten ſehen. Während dieſes keuſchen Schlummers von Roſe⸗ de⸗Nosl, von deren Geſichte ſein Auge ſich nicht trennen konnte, ſtiegen ihm, wie mit Wohlgerüchen geſchwängerte Lüfte, jene Strömungen von Jugend und Liebe zu Gehirn, welche gewöhnlich die Sinne der zwanzigjährigen jungen Leute erfriſchen; bei Lu⸗ dovic waren ſie um ſieben bis acht Jahre im Verzuge. Und während dieſe bezaubenden Athemzüge durch ſeine Haare ſtrichen, fühlte er, wie die Waſſerfülle einer Schleuſe, ſeltſame Gedanken von einer unbe⸗ kannten Träumerei und Süßigkeit ſeinem Herzen nahen. Welchen Namen ſollte er dieſem Schauer geben, der ſeinen Körper in einem Augenblick durchlief? wie ſollte er dieſe unbekannte Ausſtrömung, von der ſeine Stirne gebadet worden, nennen? was ſollte er von dieſer Bewegung ſagen, welche ſeine Seele plötzlich ergriffen hatte, und zwar ſo heftig, ſo un⸗— verſehens? 1 War es Liebe? nein, das war unmöglich! Konnte 1 7 95 er daran glauben, er, der ſeine Jugend damit zu⸗ gebracht hatte, ſie zu bekämpfen, zu ſchwächen, zu läugnen? Und dann, konnte er Liebe für dieſes Kind, für dieſes kleine Kind ohne Mutter, für dieſe Zigeunerin fühlen? Nein, es war Intereſſe!... „Ah! ja!“ und Ludovic geſtand ſich ſabß er in⸗ tereſſire ſich ſehr lebhaft für Roſe⸗de⸗Noel. Anfangs war es eine Art von Wette, die er mit der Krankheit gemacht, eine Probe, die er mit dem Tode ſpielte. Beim erſten Blicke, den er auf Roſe⸗de⸗Noel ge⸗ worfen, hatte er geſagt: „Gut! das iſt ein Kind, das nicht leben wird!“ Dann hatte er ſie wieder wieder geſehen, im Atelier von Petrus, in ihrer Wohnung bei ihren Fieberunpäßlichkeiten, am Rande eines Grabens ſitzend und von einem Sonnenſtrahl verlangend, daß er ſie wieder erwärme wie eine Blume, und er hatte geſagt: „Wie Schade, daß das arme Kind nicht leben kann.“ Dann war er ihr in der raſchen Entwicklung ihrer geiſtigen Fähigkeiten gefolgt, wie ſie Verſe mit Jean Robert ſprach, Klavier bei Juſtin lernte, bei Petrus zeichnete, und er ihr, Ludovic, mit dem Sil⸗ berklange ihrer Stimme und mit ihren großen von Fieber funkelnden Augen zugleich ſo tiefe und ſo kindliche Fragen machte, daß er manchmal nicht wußte, wie er darauf antworten ſollte, und er hatte geſagt: „Dieſes Kind darf nicht ſterben!“ Von dieſem Augenblicke, und es waren ungefähr ſechs Wochen, daß ihm dieſer Ausruf entſchlüpft war, 96 hatte ſich Ludovic mit der Leidenſchaft, mit der er bei jeder mediziniſchen Frage zu Werke ging, ange⸗ ſtrengt, dem armen Kinde die Geſundheit wieder⸗ zugeben! Er zählte die Schläge des Pulſes, er unterſuchte die Bruſt mit dem Hörrohr, er ſtudirte die Flammen der Augen, und er blieb überzeugt, die Flammen der Augen und die Haſt des Pulſes rühren von einer Nervenüberreizung her, doch keines der zum Leben nothwendigen Organe habe ſie bedeutend angegriffen. Von da an ſchrieb er eine rein hygieniſche Behand⸗ lung in phyſiſcher Hinſicht, eine rein philoſophiſche in moraliſcher vor. Er maß die Zeit für die geiſtige, wie für die materielle Nahrung ab. Während er einen pittoresken Charakter bei der Tracht des Kindes bei⸗ behielt, nahm er das weg, was zu exentriſch war. Nach Verlauf von ſechs Wochen dieſer Behand⸗ lung, deren Durchführung Ludovic ſelbſt jeden Tag beaufſichtigte, war Roſe⸗de⸗Noel das Kind geworden, das wir als Mädchen dem Leſer vor die Augen zu führen verſucht haben,— gerade in dem Momente, wo ſie die Fragen von Herrn Jackal in eine von den Kriſen verſetzte, in die ſie immer verfiel, wenn man ſie, wider ihren Willen, auf ihre entſetzlichen Jugend⸗ erinnerungen zurückbrachte. Wir haben geſ ſichern, ob man bei ihr die Behandlung befolge, die er vorgeſchrieben, mitten in ihrer Ohnmacht ankam; wir wiſſen, daß, von Herrn Jackal bei ihr allein ge⸗ laſſen, der junge Arzt der Kranken die Stille empfahl, ehen, wie Ludovic, der die Gewohn⸗ heit angenommen hatte, das Mädchen alle Tage zu beſuchen, unter dem Scheinvorwande, ſich zu ver⸗ 97 und daß er, am Fuße ihres Bettes ſitzend, ihren Schlaf bewachte, ſie mit dem Blicke nicht verließ, und ſich ſelbſt fragte, was in ſeinem eigenen Herzen vorgehe. War es einfach Begierde, was er fühlte? Nein, Engel der Tugend, Ihr wißt, daß es nicht Verlangen war; denn nie fiel ein keuſcherer Blick einen unbefleckteren Leib. Was war es denn? Der junge Mann legte eine Hand an ſeine Stirne, um ſie zu zwingen, zu denken; er hielt eine Hand an ſein Herz, um ſein Herz am Schlagen zu verhindern; doch ſein Gehirn und ſein Herz ſangen einſtimmig das reine, erhabene Lied der erſten Liebe, und er war Suitint auf ſie zu hören. „Ah! es iſt Liebe!“ ſagte er, indem er ſeinen Kopf in ſeine beide Hände fallen ließ. Ja, es war Liebe, und zwar von der jüngſten, der friſcheſten, der unſchuldigſten, der jungfräulichſten Liebe, die in ein Herz, das im Verzuge iſt, eindrin⸗ gen kann. Es war die glühende Sympathie oder freiwillige Zärtlichkeit einer verſpäteten Seele für eine kaum erſt erſchloſſene Seele. Die Lilienfee war über ihre Häupter hingegangen, und ſie hatte ihre weißeſten Blumen auf die Stirnen der zwei Kinder entblättert. Welche Frau wird je— und mit welchen Worten wird man es ihr ſagen können?— die ſtummen, ge⸗ heimnißvollen, unausſprechlichen Anbetungen erfahren, die das Herz eines Mannes bei den erſten Offen⸗ barungen der Liebe erfüllen? Es war ſo bei Ludovic. Dumas, Salvator. III. 7 98 Sein Herz erſchien ihm ſelbſt wie ein Altar, ſeine Liebe wie ein Cultus; ſeine ganze Vergangen⸗ heit eines Skeptikers verſchwand, wie im Theater unter dem Zauberſtabe einer Fee und auf Befehl des Maſchiniſten eine, eine Wüſte vorſtellende Deco⸗ ration verſchwindet.. Er wandte ſich gegen die Zukunft, und durch weiße und roſenfarbige Wolken ſah er einen neuen Horizont. Dieſer Horizont war für ihn das, was für den Matroſen, der die Tropenregionen durch⸗ reist und die Vorgebirge umſchifft hat, die Erſchei⸗ nung von einer jener zauberhaften Inſeln des Stillen Meeres, oder des Indiſchen Meeres, mit ihren gro⸗ ßen Bäumen, ihren Rieſenblumen, ihren tiefen Küh⸗ len, ihren ſcharfen Wohlgerüchen iſt,— Tayti oder Ceylon. Er erhob die Stirn wieder, ſchüttelte den Kopf, ſtützte ſich aufs Neue auf die Bettlade, wie er es im Augenblicke des Einſchlafens von Roſe⸗de⸗Noöl gethan hatte, und betrachtete ſie mit einer Art von väterlichen Zärtlichkeit. „Schlafe, Kind,“ murmelte er,„Du, die Du mir das Leben wieder geoffenbart haſt!.. Es war alſo die Liebe, die Du unter Deinem Flügel trugſt, theure Taube, an dem Tage, wo ich Dir begegnete! Ich bin alſo ſo oft an Dir vorüber gegangen, habe Dich ſo oft geſehen, ſo oft angeſchaut, ſo oft Deine Hand in der meinigen gedrückt, und Alles iſt ſtumm geblieben, oder hat eine unbekannte Sprache mit mir geſprochen... Während Deines Schlafes haſt Du mir Deine Liebe geoffenbart... Schlafe, liebes Mädchen mit dem geheimnißvollen Urſprunge! Die Engel wachen zu Deinen Häupten, und ich werde r, n⸗ er hl en a ei⸗ en o⸗ h⸗ er en on Du ar ſt, te! be ine nm nir Du bes Die rde 99 mich hinter den Falten ihrer Kleider verbergen, um Dich ſchlafen zu ſehen. Sei ruhig, im ſchönen Lande der Träume, in welchem Du reiſeſt: ich werde Dich nur durch den weißen Schleier Deiner Unſchuld an⸗ ſchauen, und meine Stimme wird nie den goldenen Schlaf Deines Herzens ſtören!“ Ludovic war ſo weit bei dieſem inneren Concerte, das wir Alle mehr oder minder harmoniſch in uns oder um uns gehört haben, da ſchlug Roſe⸗de⸗Noöl die Augen auf und ſchaute ihn an. Die Röthe ſtieg Ludovic zur Stirne, als wäre er bei einer ſchlechten Handlung ertappt worden. Er fühlte die Nothwendigkeit, das Mädchen an⸗ zureden, und dennoch zögerte ſeine Zunge. „Haben Sie gut geſchlafen, Roſe?“ fragte er. „Sie!“ wiederholte das Kind.„Sie ſagen Sie zu mir, Herr Ludovic?“ Ludovie ſchlug die Augen nieder. „Warum ſagen Sie Sie zu mir?“ fuhr das Kind fort, das in ſeiner Niedrigkeit daran gewöhnt war, daß es Jedermann duzte. Alsdann fügte Roſe⸗de⸗Noöl wie ſich befragend bei: „Bin ich in meinem Schlafe unartig geweſen?“ „Sie, liebes Kind?“ rief Ludovic, deſſen Augen ſich mit Thränen füllten. „Sie. abermals!“ wiederholte Roſe⸗de⸗Nosl. „Warum duzen Sie mich denn nicht mehr, Herr Ludovic?“ Ludovie ſchaute ſie an, ohne ihr zu antworten. „Mir ſcheint, man iſt gegen mich aufgebracht, wenn man mich nicht mehr duzt,“ fügte Roſe⸗de⸗Noél bei.„Sind Sie mir böſe?“ 100 „Nein, ich ſchwöre Ihnen!“ rief Ludovic. „Immer Sie! Sicherlich habe ich Ihnen einen Kummer bereitet, den Sie mir nicht ſagen wollen!“ „Ah! nein, nein, nichts, liebe kleine Roſe!“ „Gut!.. Das iſt ſchon beſſer. Fahren Sie fort.“ Ludovic ſuchte ſeinem Geſichte ein wenig Ernſt zu geben. „Hören Sie, liebes Kind,“ ſagte er. Foſe⸗de⸗Noél machte eine reizende kleine Mund⸗ verziehung, als ſie das Wort: hören Sie vernahm, das ihr irgend einen unbeſtimmten Aerger weiſſagte, deſſen Urſache zu nennen ſie ſehr in Verlegenheit geweſen wäre. Ludovic fuhr fort: „Sie ſind kein Kind mehr, Roſe.. „Ich?“ unterbrach das Mädchen mit Erſtaunen. „Oder Sie werden es in ein paar Monaten nicht mehr ſein. In ein paar Monaten werden Sie eine große Perſon ſein, der Jedermann Reſpect ſchuldig iſt. Nun wohl, Roſe, es iſt nicht reſpectvoll von einem jungen Manne meines Alters, ſo vertraulich mit einem Mädchen von dem Ihrigen zu ſprechen, wie ich dies zu thun pflege.“ Das Kind ſchaute Ludovic auf eine zugleich ſo naive und ſo ausdrucksvolle Weiſe an, daß Ludovie genöthigt war, die Augen niederzuſchlagen. Dieſer Blick bezeichnete klar:„Ich glaube in der That, Sie haben einen Grund, mich nicht mehr zu duzen; doch iſt es der wahre Grund, der, den ſie mir angegeben haben? Ich bezweifle es.“ Ludoviec begriff vollkommen den Blick von Roſe⸗ de⸗Noel; er begriff ihn ſo gut, daß er zum zweiten t e ig n ch ſo ic 101 Male die Augen niederſchlug, ſehr verlegen über die Art, wie er ſich herausziehen ſollte, würde Roſe⸗de⸗Noel eine mehr poſitive Erklärung in Betreff dieſer Ver⸗ änderung in der Form ihrer Beziehung verlangen. Doch ſie, die ihn anſchaute, während er die Augen niederſchlug, fühlte etwas Unbekanntes in ihrem Her⸗ zen; es war ein Druck, jedoch ein Druck voll Weich⸗ heit und Glück. Da geſchah etwas Seltſames: Roſe⸗de⸗Noél, in⸗ dem ſie ganz leiſe die Worte an ihn richtete, die ſie gern ganz laut zu ihm geſprochen hätte, bemerkte, daß, während Ludovic, der ſie immer geduzt, ſie nicht mehr duzte, ſie, die immer Sie mit der Stimme zu ihm ſagte, mit dem Herzen Du zu ihm ſagte; und nun war es an Roſe⸗de⸗Noel, zu zittern, zu ſchweigen und ebenfalls zu erröthen. Sie drückte ihren Kopf in ihr Kiſſen und zog über ihre Augen eine von den Gazen, in die ſie ſich in ihren pittoresken Toiletten zu hüllen pflegte. Ludovic ſchaute ihr mit Beſorgniß zu. „Ich habe ſie betrübt,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, „und nun weint ſie.“ Er ſtand ſodann auf, machte ſich die, von dem unſchuldigen Kinde unbegriffene, allzu große Zartheit zum Vorwurfe, näherte ſich dem Bette, neigte ſich auf das Kopfkiſſen, und ſagte mit ſeinem ſanfteſten Tone: „Roſe, meine liebe Roſe!“ Auf dieſen Ruf, der bis in die Tiefe des Her⸗ zens vom Kinde wiederklang, wandte ſie ſich ſo raſch um, daß ſich ihr glühender Athem mit dem Athem von Ludovic vermengte. 102 Dieſer wollte ſich wieder erheben; doch ohne daß ſich Roſe⸗de⸗Noél Rechenſchaft von dieſer ganz in⸗ ſtinctartigen Bewegung gab, ſchmiegten ſich ihre Arme um den Hals von Ludovic, und während ſie mit ihren Lippen leicht die glühenden Lippen des jungen Mannes berührte, murmelte ſie als Erwiederung auf die Worte:„Roſe, meine liebe Roſe!“ „Ludovic, mein lieber Ludovic!“ Dann gaben Beide einen Schrei von ſich, Roſe⸗ de⸗Noel ſtieß den jungen Mann von ſich, der junge Mann warf ſich heftig rückwärts. In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thüre. Es war Babylas, der zurückkehrend ſchrie: „Sage Roſe⸗de⸗Noel, Babylas war durchgegan⸗ gen, doch die Brocante iſt ſeiner wieder habhaft ge⸗ worden, und das wird einen ſchönen Tanz abgeben.“ In der That, das klägliche Geſchrei von Ba⸗ bylas, das bis zum Entreſol von Roſe⸗de⸗Noel em⸗ porſtieg, beſtätigte das bekannte Sprichwort:„Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er.“ XXIX. Der Commandeur Triptoleme von Melun, Kammerherr des Koͤnigs. An demſelben Tage, ungefähr drei Viertelſtun⸗ den, nachdem Herr Jackal und Gibaſſier ſich an der Ecke der Rue de la Vieille⸗Eſtrapade verlaſſen hat⸗ ten,— Gibaſſier, um Caramelle bei der Barbette zu holen, Herr Jackal, um in ſeinen Wagen zu ſtei — c—— ——, des un⸗ der at⸗ ette tei⸗ 103 gen, war der ehrliche Herr Gérard in ſeinem Schloſſe Vanvres beſchäftigt, die Zeitungen zu leſen; da trat derſelbe Kammerdiener, welcher in dem Augenblicke, wo man am Leben ſeines Herrn verzweifelte, einen Prieſter im Bas⸗Meudon ſuchte und den Bruder Dominique zurückbrachte, derſelbe Kammerdiener, ſagen wir, trat ein und erwiederte auf die von ſeinem Herrn auf die verdrießlichſte Art ausgeſprochenen Worte: „Warum ſtören Sie mich? wieder ein Bettler?“ mit der majeſtätiſchſten Stimme: „Seine Excellenz der Herr Commandeur Tripto⸗ leme von Melun, Kammerherr des Königs.“ Herr Gérard wurde carmoiſinroth vor Stolz, ſtand raſch auf, und ſuchte mit dem Blicke die Tie⸗ fen des Corridors zu durchdringen, um von ſo fern, als es ihm möglich wäre, die erhabene Perſon zu entdecken, die man ihm mit ſo viel Emphaſe meldete. Im Halbſchatten erſchien in der That ein Mann von hoher Geſtalt, ſchlank, mit blonden Haaren oder vielmehr mit blonder, gekräuſelter Perrücke, eine kurze Hoſe, den Degen faſt wagrecht, einen Frack à la frangaise, das Spitzenjabot im Winde und eine Ordensſchnalle im Knopflocke tragend. „Laſſen Sie ihn eintreten!“ rief Herr Gérard. Der Bediente verſchwand, und Seine Excellenz der Commandeur Triptolème von Melun, Kammer⸗ herr des Königs, trat in den Salon ein. „Kommen Sie, Herr Commandeur! kommen Sie!“ ſagte Herr Gérard. Der Commandeur machte zwei Schritte, blieb ſtehen, ſchüttelte leicht den Kopf mit dem linken Auge blinzelnd, und offenbarte in allen ſeinen Be⸗ 104 wegungen,— ſogar in der Art, wie er, um Herrn Gérard beſſer zu ſehen, ſeine goldene Brilleuf ſeine Stirne emporſchob,— jene erhabene Impertinenz und jene hoffärtige Miene, die das Privilegium der Edelleute von vornehmem Hauſe ſind. Während dieſer Zeit wartete Herr Gérard, ge⸗ krümmt wie ein Fragezeichen, daß es dem Unbekann⸗ ten gefiele, ihm die Urſache ſeines Beſuches zu er⸗ klären. Der Commandeur ließ ſich herab, Herrn Gérard durch einen Wink zu bedeuten, er möge den Kopf wieder aufrichten; wonach der ehrliche Philanthrop nach einem Fauteuil ſtürzte, das er bis hinter den Beſuch zog; dieſer brauchte ſich alſo nur zu ſetzen, was er that, indem er Herrn Gérard einlud, ſeinem Beiſpiele zu folgen. Als die zwei Perſonen einander gegenüber ſaßen, zog der Commandeur, ohne ein Wort zu ſagen, ſeine Tabaksdoſe aus ſeiner Taſche, ſchöpfte, vergeſſend, Herrn Gérard zu fragen, ob er ſchnupfe, eine Priſe daraus und ſchlürfte ſie wollüſtig. Alsdann ſenkte er ſeine Brille wieder auf ſeine Naſe, ſchaute Herrn Gérard an und ſagte: „Mein Herr, ich komme im Auftrage Seiner Majeſtät.“ Herr Gérard verbeugte ſich ſo, daß ſein Kopf zwiſchen ſeinen Knieen verſchwand. „Seiner Majeſtät?“ ſtammelte er. Da ſagte der Commandeur mit hartem, hoffärti⸗ gem Tone: „Der König ſchickt mich, um Ihnen zum Ausgange Ihres Proceſſes Glück zu wünſchen.“ rn ne nz er e n⸗ er⸗ rd pf en en, em en, ine nd, iſe ine ner opf rti⸗ nge 105 „Der König erweist mir tauſend und tauſendmal zu viel Ehre!“ rief Herr Gérard.„Doch wie kommt es, daß der König...“ Und er ſchaute den Commandeur Triptolème von Melun mit einem Phyſiognomie-Ausdrucke an, in welchem man ſich unmöglich täuſchen konnte. „Der König iſt der Vater aller ſeiner Untertha⸗ nen,“ antwortete der Commandeur.„Er intereſſirt ſich für Alles, was leidet, und bekannt mit den zahl⸗ loſen Schmerzen, von denen Ihr Herz ſeit dem Ver⸗ luſte Ihrer beiden Neffen ergriffen war, richtet Seine Majeſtät durch meine Stimme ihre Glückwünſche und ihre Beileidsbezeugungen an Sie. Ich halte es für überflüſſig, zu bemerken, mein Herr, daß ich den Ge⸗ fühlen Seiner Majeſtät meine eigenen beifüge.“ „Das iſt zu viel Güte, Herr Commandeur!“ er⸗ wiederte beſcheiden Herr Gerard,„und ich weiß nicht, ob ich ganz würdig bin. „Ob Sie würdig ſind, Herr Gérard!“ rief der Gouverneur.„Sie haben die Demuth, zu fragen, ob Sie würdig ſind? Wahrhaftig, Sie erfüllen mich mit Erſtaunen! Wie, ein Mann, der ſo viel gelitten hat, wie Sie, gearbeitet wie Sie, die Wohlthätigkeit geübt, wie Sie, ein Mann deſſen Name mit tauſend Buchſtaben an den Brunnen, an das Waſchhaus, an die Kirche, auf jeden Pflaſterſtein dieſes Dorfes geſchrieben iſt; ein Mann, deſſen allgemeiner Ruf, Liebe zum Guten, Liebe und Wohlthätigkeit gegen ſeines Gleichen, Größe und Uneigennützigkeit gegen die ganze Welt bezeichnet, dieſer Mann frägt, ob er die Huld des Königs verdiene? Ich wiederhole Ihnen, mein Herr, ich bin erſtaunt über ſo viel 106 Demuth; und das iſt eine Tugend mehr, die man Ihren zahlloſen Tugenden beizufügen hat!“ Herr Gérard hielt es nicht mehr aus: unter den Lobeserhebungen eines im Auftrage des Königs kom⸗ menden Mannes, blies er ſich allmälig auf, um am Ende zu zerberſten, hätten dieſe Lobeserhebungen in derſelben Progreſſion fortgefahren. Die Worte: Huld des Königs hatten in ſeinem Ohre geklun⸗ gen wie eine köſtliche Muſik, und er erſchaute ver⸗ worren in der Zukunft glänzende Belohnungen für ſeine Tugenden. „Herr Commandeur,“ antwortete er ganz beklom⸗ men,„ich thue gegen meines Gleichen nur, was jeder gute Chriſt thun ſoll. Lehrt uns nicht die Re⸗ ligion uns einander dienen, uns lieben, uns gegen⸗ ſeitig unterſtützen?“ Der Commandeur hob ſeine Brille bis zum ober⸗ ſten Theile ſeiner Stirne empor und ſchaute Herrn Görard mit ſeinen kleinen Augen ſtarr an. „Ei!“ dachte er, während er ihn anſchaute,„ich wäre in der That erſtaunt geweſen, hätte ſich nicht eine kleine Doſe Jeſuitismus unter dieſer Philan⸗ thropie gefunden!.. Wir wollen den Menſchen bei ſeiner Schwäche faſſen!“ Alsdann ſprach er laut: „Mein Herr, es iſt alſo nichts, ſtreng die Grund⸗ ſätze beobachten, die uns die heilige Religion lehrt, und Seine Majeſtät, die den Titel Allerchriſtlich⸗ ſter König führt, und ſich mit Recht der älteſte Sohn unſerer heiligen Mutter der Kirche zu ſein rühmt, muß ſie nicht die wahren Chriſten auszeichnen und belohnen?“ — 107 „Belohnen!“ rief Herr Gérard mit einer Haſt, die er bereute, ſobald dieſer Infinitiv losgelaſſen war. „Ja, mein Herr,“ antwortete der Commandeur, auf deſſen Lippen ſich ein ſeltſames Lächeln erſchloß, „belohnen... Der König iſt auch darauf bedacht geweſen, Sie zu belohnen.“ „Aber,“ unterbrach lebhaft Herr Gérard, als wollte er ſeinen verfrühten Eifer ſühnen,„trägt nicht die Pflicht in ſich ihren Lohn, Herr Com⸗ mandeur?“ „Allerdings, allerdings,“ antwortete der Com⸗ mandeur,„und ich ſchätze Ihre Bemerkung nach Ge⸗ bühr: ja, die Pflicht trägt in ſich ihren Lohn, und das iſt die Belohnung des Biedermannes vor Gott, doch die Leute belohnen, die ihre Pflicht erfüllt haben, heißt das nicht ſie der öffentlichen Dankbarkeit, der allgemeinen Bewunderung, der Liebe ihrer Mitbür⸗ ger bezeichnen? heißt das nicht, ſie als Beiſpiel den⸗ jenigen geben, welche zwiſchen dem guten und dem ſchlechten Wege zögern, denjenigen, welche weder gut noch ſchlecht ſind, kurz den Halbrechtſchaffenen? Dies, mein Herr, iſt der Gedanke Seiner Mojeſtät, und weigern Sie ſich nicht entſchieden, die Gnadenbezeu⸗ gungen anzunehmen, mit denen Sie die Huld des Kö⸗ nigs überhäufen will, ſo bin ich von ihm beauftragt, mich bei Ihnen nach dem zu erkundigen, was Ihnen am angenehmſten ſein dürfte.“ Herr Gérard fühlte etwas wie eine Blendung vor ſeinen Augen hinziehen. „Entſchuldigen Sie, mein Herr,“ ſagte er, ſeine Worte unterbrechend,„ich war ſo wenig auf den Beſuch gefaßt, mit welchem mich zu beehren Sie die 108 Gewogenheit haben, ſowie auf die wahrhaft väterliche Sorge, mit der mich Seine Majeſtät in dieſem Augen⸗ blicke umgibt, daß mein Kopf in Verwirrung geräth, und ich durchaus nichts Ihnen zu ſagen finde, um Ihnen meine Dankbarkeit auszudrücken.“ „Die Dankbarkeit iſt ganz auf unſerer Seite, Herr Gérard,“ erwiederte der Commandeur,„und ich müßte mich ſehr täuſchen, ſollte Ihnen Seine Majeſtät nicht mündlich den Beweis hievon geben.“ Der Commandeur wartete geduldig, bis er ſeine normale Stellung wieder angenommen hatte, und ſagte ſodann: „Herr Gérard, gäbe ihnen der König auf die eine oder die andere Art den Auftrag, einen Mann von Ihrem Verdienſte zu belohnen, welche Art von Belohnung würden Sie ihm zuerkennen? Antworten Sie offenherzig.“ „Ich geſtehe, Herr Commandeur,“ erwiederte Herr Gérard, mit den Augen das Band verſchlingend, welches das Knopfloch des Kammerherrn ſchmückte, „ich geſtehe, die Wahl würde mich in große Verlegen⸗ heit bringen.“ „Handelte es ſich um Sie, dann begriffe ich es.. doch nehmen Sie an, es handle ſich um einen ganz Andern, um einen redlichen Mann, wie Sie, zum Beiſpiel,— wenn ſich Ihres Gleichen unter dem Himmelszelte finden läßt!“ Der Commandeur ſprach dieſe Worte mit einem Ausdrucke von Ironie, der Herrn Gérard beben machte; der würdige Philanthrop befragte mit den Augen das Geſicht des Kammerherrn; doch dieſes Geſicht drückte ein ſolches Wohlwollen aus, daß der 109 Zweifel, herrſchte einen Augenblick der Zweifel im Geiſte von Herrn Gérard, vor dieſer wohlwollenden Miene verſchwand. „Ah!“ ſagte Herr Gérard beſcheiden die Augen niederſchlagend,„in dieſem Falle ſcheint mir, Herr Commandeur...“ „Vollenden Sie.“ „Nun wohl,“ fuhr Herr Gérard fort, ſeine Worte ſondirend, als befürchtete er mehr zu ſagen, als er wollte, und beſonders mehr, als ein Edelmann wie der Commandeur Triptoleme von Melun hören konnte,„mir ſcheint... das... Kreuz.. der.. Ehrenlegion...“ „Das Kreuz der Ehrenlegion? Aber ſagen Sie es doch geſchwinde, Herr Gérard!... Was Teu⸗ fels hält Sie zurück? Das Kreuz der Ehrenlegion!“ „Ei! das wäre der Gegenſtand meiner glühend⸗ ſten Wünſche.“ „Wiſſen Sie, daß ich Sie übermäßig beſcheiden finde, Herr Gérard!“ „Ah! mein Herr!“ „Allerdings! was iſt ein Stückchen rothes Band am Knopfloche eines Mannes von Ihrem Schlage? Nun, mein lieber Herr Gérard, Sie haben ganz ein⸗ fach für einen Andern die Belohnung bezeichnet, die Seine Majeſtät für Sie gewählt hatte.“ „Iſt es möglich?“ rief Herr Gérard, deſſen Ge⸗ ſicht ſich mit Blut unterlief, als wäre er auf dem Punkte geweſen, vom Schlage gerührt zu werden. „Ja, mein Herr,“ fuhr der Commandeur fort, „Seine Majeſtät bietet Ihnen das Kreuz der Ehren⸗ legion an, und ſie hat mich beauftragt, nicht nur es 110 Ihnen zu bringen, ſondern es auch ſelbſt an Ihrem Knopfloche zu befeſtigen, und nie, der König iſt deſſen ſicher, wird eine Decoration auf dem Herzen eines redlicheren Mannes geglänzt haben.“ „Ich werde darüber vor Freude ſterben, Herr Commandeur!“ rief Herr Gérard. Herr Triptolème von Melun machte die Geberde eines Menſchen, der in der Seitentaſche ſeines Rockes ſtört, während Herr Gérard, ganz keuchend vor Freude, Stolz und Glück, ſich anſchickte, niederzu⸗ knieen, um die Umarmung zu empfangen. Doch, ſtatt aus ſeiner Taſche den ſo oft verkün⸗ digten und ſo ſehr erſehnten Orden zu ziehen, kreuzte der Commandeur die Arme, ſchaute Herrn Gérard von oben herab an und ſprach: „Bei Gott! mein Herr ehrlicher Mann, Sie müſ⸗ ſen ein heilloſer Schuft ſein!“ Herr Gérard fuhr, wie man leicht begreift, auf, als ob ihn eine Schlange in die Ferſe gebiſſen hätte. Doch ohne ſich um ſeine erſchrockene Miene zu bekümmern, fuhr der Andere fort: „Schauen Sie mir ins Geſicht, Herr Gérard!“ Eben ſo tief erbleichend, als er erröthet war, verſuchte es Herr Gérard, den Befehl des Kammer⸗ herrn auszuführen; doch ſeine Augen ſenkten ſich un⸗ willkürlich nieder. „Was wollen Sie ſagen?“ ſtammelte er. „Ich will ſagen, daß Herr Sarranti unſchuldig iſt; daß Sie ſchuldig des Verbrechens ſind, für das man ihn zum Tode verurtheilt hat; daß es dem Kö⸗ nig nie eingefallen iſt, Ihnen das Kreuz anzubieten; daß ich nicht der Commandant Triptoleme von Melun, 111 Kammerherr, ſondern Herr Jackal, Chef der geheimen Polizei bin!— Und nun, lieber Herr Gérard, laſſen Sie uns als zwei gute Freunde mit einander plau⸗ dern, und hören Sie mich mit der größten Aufmerk⸗ ſamkeit, denn ich habe Ihnen eine Menge der wich⸗ tigſten Dinge zu ſagen!“ Wo Herr Gérard ſich beruhigt. Herr Gérard ſtieß einen Schreckensſchrei aus. Von gelb und ſchlaff, wie ſie waren, wurden ſeine Backen grün und hängend. Er ließ ſeinen Kopf auf ſeine Bruſt fallen, und that ganz leiſe den Wunſch, hundert Fuß unter der Erde zu ſein. „Wir ſagen alſo,“ fuhr Herr Jackal fort,„Herr Sarranti ſei unſchulbig, und Sie ſeien der einzige Strafbare.“ „Erbarmen! Herr Jackal!“ rief an allen Gliedern zitternd Herr Gérard, indem er dem Polizeimanne zu Füßen fiel. Herr Jackal ſchaute ihn einen Augenblick mit dem erhabenen Ekel an, den die Polizeileute, die Gendar⸗ men und die Nachrichter in der Regel gegen die Feigen haben. Alsdann, ohne ihm die Hand zu reichen,— denn man hätte glauben ſollen, dieſen Menſchen be⸗ rührend, befürchte Herr Jackal, ſich zu beflecken, ſagte er: 112 „Stehen Sie auf und ſeien Sie ohne Furcht. Ich komme nur hierher, um Sie zu retten.“ Herr Gérard ſchaute mit einer ſcheuen Miene empor. Seine Phyſiognomie bot eine ſeltſame Mi⸗ ſchung von Hoffnung und Angſt. „Mich retten?“ rief er. „Sie retten... Es ſetzt Sie in Erſtaunen, nicht wahr?“ ſagte Herr Jackal,„daß man ſich damit be⸗ ſchäftigt, einen ſo elenden Menſchen, wie Sie, zu retten? Ich will Sie beruhigen, Herr Gérard. Man rettet Sie nur, um einen ehrlichen Mann ins Ver⸗ derben zu ſtürzen; man bedarf nicht Ihres Lebens, ſondern ſeines Todes, und man kann ihn nur tödten, indem man Sie leben läßt!“ „Ah!“ murmelte Herr Gérard;„ja, ja, ich glaube Sie zu verſtehen.“ „Dann trachten Sie danach, daß Ihre Zähne nicht klappern, was Sie am Sprechen verhindert, und erzählen Sie mir die Geſchichte in ihren kleinſten Einzelheiten.“ „Warum dies?“ fragte Herr Gérard. „Ich könnte Ihnen nicht ſagen, warum, doch Sie würden zu lügen ſuchen. Nun wohl, um die Spuren davon verſchwinden zu machen.“ „Die Spuren!.. es ſind alſo Spuren vorhan⸗ den?“ fragte Herr Gérard, ſeine kleinen Augen über⸗ mäßig aufſperrend. „Ich glaube wohl, daß vorhanden ſind!“ „Aber welche?“* „Gut! welche!.. Vor Allem Ihre Nichte...“ „Meine Nichte? ſie iſt alſo nicht todt?“ 2 113 „Nein; Madame Gérard hat ſie, wie es ſcheint, ſchlecht getödtet.“ „Meine Nichte! Sie ſind ſicher, daß ſie lebt?“ „Ich komme ſo eben von ihr, und ich muß Ihnen geſtehen, mein lieber Herr Gérard, daß Ihr Name und beſonders der Ihrer Frau eine ziemlich bedauerliche Wirkung auf ſie hervorgebracht hat.“ „Sie weiß alſo Alles?“ „Das iſt wahrſcheinlich, denn ſie ſtößt Schreie der Verzweiflung nur beim Namem ihrer guten Tante Orſola aus.“ „Orſola?“ wiederholte Herr Gérard, ſchauernd wie unter einem elektriſchen Schlage. „Sehen Sie,“ ſagte Herr Jackal,„dieſer Name macht auf Sie ſelbſt eine gewiſſe Wirkung. Urtheilen Sie, welche er auf das arme Kind machen muß.. Nun wohl, wie um jeden Preis dieſes Kind, das jeden Augenblick ſprechen kann, ſchweigen muß, ebenſo müſſen alle für Sie compromittirenden Indicien er⸗ löſchen. Herr Gérard, ich bin Arzt, und zwar ziem⸗ lich guter Arzt, ich pflege die Mittel zu finden, wenn ich die Temperamente der Leute kenne, mit denen ich es zu thun habe. Erzählen Sie mir alſo dieſe traurige Geſchichte in ihren kleinſten Einzelnheiten: der mindeſte, ſcheinbar gleichgültige, Umſtand kann, von Ihnen ver⸗ geſſen, unſern ganzen Plan zerſtören. Sprechen Sie daher, wie wenn Sie einen Arzt oder einen Prieſter vor ſich hätten.“ Herr Gérard beſaß, wie alle Schlammthiere, im höchſten Grade den Inſtinkt der Selbſterhaltung. Ein beſtändiger Leſer aller politiſchen Blätter, hatte er in den royaliſtiſchen Zeitungen die auf v gegen Dumas, Salvator. II. 114 Herrn Saranti eingerückten fulminanteſten Artikel ge⸗ leſen. Von da an fühlte er ſich von einer unſicht⸗ baren Hand beſchützt; er kämpfte wie jene, von Minerva begünſtigten Kriegshäupter, unter ihrer Aegide. Herr Jackal beſtärkte ihn in dieſem Glauben. Er begriff alſo, daß er dem Polizeimann gegen⸗ über, der als Verbündeter zu ihm kam, kein Intereſſe hatte, zu ſchweigen, und jedes im Gegentheile zu ge⸗ ſtehen. Dem zu Folge ſchickte er ſich an, Alles zu erzählen, wie er es beim Abbé Dominique gethan hatte,— eine Rede ſeines Bruders bis zu dem Augen⸗ blicke, wo er, die Verhaftung von Herrn Saranti erfahrend, ſein Bekenntniß von ſeinem Beichtiger zu⸗ rückgefordert hatte. „Ah! nun bin ich dabei!“ rief Herr Jackal;„ich begreife Alles.“ „Wiel!“ ſagte erſchrocken Herr Gérard,„Sie be⸗ greifen Alles? Als Sie hieher kamen, wußten Sie alſo nichts?“ „Nicht viel, ich geſtehe es; doch das geht ſeinen geraden Weg.“ Und er ſtützte ſich mit dem Ellenbogen auf den Arm ſeines Fauteuils, ließ ſein Kinn auf ſeine Hand fallen, dachte einen Augenblick nach, und ſein Geſicht nahm einen gewiſſen Ausdruck von Melancholie an, woran dieſes Geſicht entfernt nicht gewöhnt war. „Armer Teufel von einem Abbé,“ murmelte er, „ich erkläre mir, warum er bei allen Göttern ſchwur, ſein Vater ſei unſchuldig; ich verſtehe, was er ſagen wollte, als er von einem Beweiſe ſprach, den er nicht zeigen konnte, und ich begreife, warum er nach Rom gereist iſt.“ n n d ht r, en er ch 1¹5„ 7 „Wie! er iſt nach Rom gereist?“ rief Herr Gérard,„der Abbé Dominique iſt nach Rom gereist?“ „Ei! mein Gott, ja!“ „Und was will er in Rom machen?“ „Mein lieber Herr Gérard, es gibt nur einen Menſchen, der den Abbé Dominique des Geheim⸗ niſſes der Beichte entbinden kann.“ „Ja, der Papſt.“ „Nun wohl, er will den Papſt bitten, ihn dieſes Geheimniſſes zu entbinden.“ „Ah! mein Gott!“ „Um die Zeit zu haben, dieſe Reiſe zu machen, hat er beim König um einen Aufſchub nachgeſucht, der ihm auch gewährt worden iſt.“ „Dann bin ich aber verloren,“ rief Herr Gérard. „Warum das?“ „Der Papſt wird ihm ſeine Bitte bewilligen.“ Herr Jackal ſchüttelte den Kopf. „Nein! Sie glauben nicht?“ „Ich bin deſſen ſicher, Herr Gérard.“ „Sie ſind deſſen ſicher?“ „Ich kenne Seine Heiligkeit.“ „Sie haben die Ehre, den Papſt zu kennen?“ „Wie die Polizei die Ehre hat, Alles zu kennen, Herr Gérard, wie ſie die Ehre hat, zu wiſſen, daß Herr Sarranti unſchuldig iſt, und daß Sie ſchuldig ſind.“ „Nun?“ „Ja, das iſt ein jovialer und hartnäckiger Mönch, dem daran liegt, ſeine geiſtliche und weltliche Gewalt. ſeinem Nachfolger zu hinterlaſſen, wie er ſie von ſeinem Vorgänger empfangen hat. Er wird einen 116 Vorwand finden, um ſeine Weigerung damit zu unter⸗ ſtützen, doch er wird es abſchlagen.“ „Ah! Herr Jackal,“ rief Herr Gérard, wieder in ſein erſtes Zittern verfallend,„wenn Sie ſich täuſchten...“ „Ich wiederhole Ihnen, mein lieber Herr Gérard, Ihre Rettung iſt für mich nothwendig. Seien Sie alſo ohne Furcht, und ſetzen Sie Ihre philantropi⸗ ſchen Werke wie gewöhnlich fort; nur erinnern Sie ſich deſſen, was ich Ihnen ſagen werde: es kann morgen, übermorgen, heute, in einer Stunde, dieſe oder jene Perſon kommen, die Sie will ſprechen machen, welche behaupten wird, ſie ſei ermächtigt, dies zu thun, welche Ihnen ſagen wird, wie ich ge⸗ ſagt habe:„Ich weiß Alles!““ antworten Sie ihr nichts, Herr Gérard; geſtehen Sie ihr nicht eine von Ihren Jugendſünden; lachen Sie ihr ins Ge⸗ ſicht; ſie wird nichts wiſſen. Wir ſind im Ganzen Vier, die das Verbrechen kennen: Sie, ich, Ihre Nichte, der Abbé Dominique...“ Herr Gérard machte eine Bewegung; der Poli⸗ zeimann hielt ihn zurück. „Niemand außer uns darf es kennen,“ fügte er bei;„ſeien Sie alſo auf Ihrer Hut und laſſen Sie ſich nicht überrumpeln. Läugnen Sie; läugnen Sie frech; läugnen Sie auf den Tod, und wäre es gegen den Staatsanwalt; läugnen Sie unter jeder Bedin⸗ gung, ich werde Sie im Nothfalle unterſtützen, das iſt mein Handwerk!“ Es iſt unmöglich, den Ausdruck wiederzugeben, mit dem Herr Jackal dieſe letzten Worte ſprach. 117 Man hätte glauben ſollen, er betrüge ſich, wie er Herrn Gérard betrog. „Mein Herr,“ ſagte haſtig Herr Gérard,„wenn ich mich aber entfernen würde... was denken Sie hievon?“ „Darum wollten Sie mich vorhin unterbrechen? Ich hatte es errathen.“ „Nun?“ „Nun, Sie würden eine Dummheit begehen.“ „Wenn ich ins Ausland ginge?“ „Sie, Frankreich verlaſſen, undankbarer Sohn! Sie, die Heerde der Armen verlaſſen, die Sie in dieſem Dorfe nährten, ſchlechter Hirte! bedenken Sie das auch ernſtlich? Mein lieber Herr Gérard, die Unglücklichen dieſes Fleckens bedürfen Ihrer; ich ſelbſt kann Ihrer bedürfen: ich gedenke an einem dieſer Tage, oder vielmehr in einer dieſer Nächte, eine Promenade im berühmten Schloſſe Viry zu machen; ich ſuche in dieſem Falle Reiſegefährten, liebenswür⸗ dige Leute wie Sie, heiter wie Sie, tugendhaft wie Sie. Nun wohl, ich beabſichtige, Sie binnen Kurzem zu dieſer kleinen Promenade einzuladen; ich mache mir ein Feſt daraus, denn dieſe Partie wird, für mich wenigſtens, eine wahre Vergnügungspartie ſein. Nehmen Sie an, lieber Herr.“ „Ich ſtehe zu Befehle,“ antwortete Herr Gérard mit leiſer Stimme. „Sie ſind tauſendmal gut,“ ſagte Herr Jackal. Und er zog ſeine Tabaksdoſe aus ſeiner Taſche, ſchöpfte eine mächtige Priſe daraus, und ſchlürfte ſie mit Wolluſt. Herr Göérard glaubte, es ſei Alles beendigt, und 118 ſtand, die Stirne bleich, aber ein Lächeln auf den Lippen, auf. Er ſchickte ſich an, Herrn Jackal die Geleite⸗ honneurs zu machen, dieſer aber, als er ihn an⸗ ſchaute und die Abſicht bemerkte, ſprach, den Kopf ſchüttelnd: „Ah! nein, nein, Herr Gérard; ich bin erſt bei der Hälfte von dem, was ich Ihnen zu ſagen habe. Setzen Sie ſich nieder und hören Sie mich an, mein lieber Herr Gérard.“ XXXI. Was Herr Jockal Herrn Gsrard ſtatt des Kreuzes der Ehren⸗ legion anbietet. Herr Gérard ſtieß einen Seufzer aus und ſetzte ſich nieder, oder ſank vielmehr auf ſeinen Stuhl; ſein Auge, das wieder glaſig geworden, befragte indeſſen fortwährend Herrn Jackal. „Mein Herr,“ ſagte dieſer, mit einem kleinen Zeichen auf die ſtumme Frage von Herrn Gérard antwortend,„gegen Ihre Rettung, die ich Ihnen ſichere, verlange ich nun von Ihnen unter dem Titel, nicht von Reciprocität, ſondern von amical return, wie die Engländer ſagen, einen kleinen Dienſt. Ich habe in dieſem Augenblicke viele Geſchäfte, und es wäre mir unmöglich, Sie ſo oft zu beſuchen, als ich gerne möchte...“ „Aber,“ unterbrach ſchüchtern Herr Gérard,„ich werde alſo die Ehre haben, Sie wiederzuſehen?“ 1¹9 „Was wollen Sie, mein lieber Herr Gérard? ich fühle für Sie, ich weiß nicht warum, eine wahre Zärtlichkeit: die Sympathien laſſen ſich nicht erklären. Da ich nun, ich wiederhole es Ihnen, nicht ſo oft kommen kann, als ich wünſchte, ſo muß ich Sie bitten, mich wenigſtens zweimal in der Woche mit Ihrem Beſuche zu beehren. Das wird Ihnen hoffentlich nicht unangenehm ſein, mein lieber Herr?“ „An welchem Orte werde ich aber die Ehre haben, Ihnen meine Beſuche zu machen, mein Herr?“ fragte mit einem gewiſſen Zögern Herr Gérard. „In meinem Bureau, wenn Sie wollen.“ „Und Ihr Bureau liegt?“ „Auf der Polizeipräfectur.“ Herr Gérard warf bei dem Worte Polizeiprä⸗ fectur den Kopf zurück, und als hätte er ſchlecht gehört, wiederholte er: „Auf der Polizeipräfectur?“ „Allerdings, Rue de Jeruſalem... In welcher Hinſicht ſetzt Sie das in Erſtaunen?“ „Auf der Polizeipräfectur?“ wiederholte Herr Gérard mit leiſer Stimme und ängſtlicher Miene. „Ah! wie ſchwer verſtehen Sie, Herr Gérard „Nein, nein, ich begreife, Sie wollen ſicher ſein, daß ich Frankreich nicht verlaſſe?“ Oh! das iſt es nicht! Sie ſtellen ſich wohl vor, daß ich das Auge auf Ihnen habe, und daß ich, fiele es Ihnen ein, Frankreich zu verlaſſen, Mittel fände, Sie daran zu verhindern.“ „Wenn ich Ihnen aber mein Ehrenwort gebe?.. „Das iſt in der That eine Garantie; doch es liegt mir daran, Sie in meinen Händen zu haben... 1 120 Das iſt meine Idee. Was Teufels! lieber Herr Geérard, ich thue genug für Sie: thun Sie Ihrer⸗ ſeits auch etwas für mich.“ „Ich werde erſcheinen,“ antwortete den Kopf ſenkend der ehrliche Philantrop. „Wir haben nur noch über die Tage und die Stunden übereinzukommen.“ „Ja,“ erwiederte Herr Gérard maſchinenmäßig, „wir müſſen über die Tage übereinkommen.“ „Was die Tage betrifft, was würden Sie zum Beiſpiel zum Mittwoch, Tag des Merkurs, und zum Freitag, Tag der Venus*) ſagen? Wären dieſe zwei Tage nach Ihrem Geſchmacke?“ Herr Gérard nickte bejahend mit dem Kopfe. „Nun die Stunden... Was würden Sie zu ſieben Uhr Morgens ſagen?“ „Sieben Uhr Morgens... mir ſcheint, das iſt ſeht ſüh „Gut! lieber Herr Görard, haben Sie nicht ein ſehr beliebtes Drama geſehen, das vortrefflich von Frédérick geſpielt wird; betitelt: Auberge des Adrets; man ſingt darin eine Romanze, die mit dem Refrain endigt: Quand on fut toujours vertueux, Un aime à voir lever l'aurore.. ²) „Wir treten aber in den Sommer ein, die Mor⸗ *) Man muß ſich die franzöſiſche Benennung Mercredi und Vendredi denken. **) Wenn mau immer tugendhaft war, ſieht man geru die Sonne aufgehen. ſt n r⸗ 12¹ genröthe erſcheint um drei Uhr, ich glaube nicht un⸗ beſcheiden zu ſein, wenn ich Ihnen um ſieben Uhr Rendezvous gebe.“ „Um ſieben Uhr Morgens, gut!“ erwiederte Herr Görard. „Sehr gut, ſehr gut!“ rief Herr Jackal.„Gehen wir nun zur Verwendung Ihrer andern Tage über, lieber Herr Gérard.“ „Welche Verwendung?“ fragte Herr Gérard. „Ich will es Ihnen ſagen.“ Herr Gérard erſtickte einen Seufzer. Fr fühlte ſich wie die Maus in den Pfoten der Katze, wie der Menſch in den Klauen des Tigers. „Sie ſind noch ſehr krank, Herr Gérard.“ „Hm!“ machte der ehrliche Mann mit einer Miene, welche ſagen wollte: So, ſv. „Bei Ihrem trockenen Temperamente müſſen Sie den Spaziergang lieben?“ „Es iſt wahr, ich liebe ihn.“ „Sehen Sie! ich bin ſicher, Sie würden vier bis fünf Stunden des Tages ſpazieren gehen, und zwar ohne im Geringſten müde zu werden.“ „Das iſt viel!“ „Eine Gewohnheit, die man annimmt. Vielleicht würde Sie das in den erſten Tagen ermüden; ſpäter aber könnten Sie es nicht mehr entbehren.“ „Es iſt möglich!“ ſagte Herr Gérard, der durch⸗ aus nicht ſah, worauf Herr Jackal abzielte. „Es iſt ſicher.“ Wohl. „Sie müſſen alſo ſpazieren gehen, Herr Gerard. 4 „Ei! ich gehe ſpazieren, Herr Jackal.“ 122 „Ja, ja, in Ihrem Garten, in den Wäldern von Sovres, von Bellevue, von Ville d'Avray... un⸗ nütze Promenaden, Herr Gérard, da ſie weder zum Wohle von Ihres Gleichen, noch zum Vortheile der Regierung beitragen.“ „Wahrhaftig!“ antwortete Herr Gérard, um irgend etwas zu antworten. „Sie müſſen Ihre Zeit nicht ſo verlieren, lieber Herr Gérard; ich werde Ihnen das Ziel Ihrer Spaziergänge bezeichnen.“ 1— — „Ja, und dabei bemüht ſein, ſo viel als möglich Abwechslung in dieſelbe zu bringen.“ „Wozu ſollen aber dieſe Promenaden nützen?“ „Wozu? ei! vor Allem zu Ihrer Geſundheit; der Spaziergang iſt eine heilſame Leibesübung.“ „Kann ich dieſe Uebung nicht um mein Haus her vornehmen?“ „Um Ihr Haus?... Ei! Sie müſſen dieſe Um⸗ gebung kennen, um derſelben müde zu ſein. Seit ſechs oder ſieben Jahren haben Sie alle Wege und Stege dieſer Landſchaft hundert und aber hundert⸗ mal durchwandelt; Sie müſſen gegen Vanvers und ſeine Gegenden abgeſtumpft ſein; Sie müſſen durch⸗ aus, verſtehen Sie? mit der Monotonie dieſer Spa⸗ ziergänge in den Feldern brechen; es ſind die Straßen von Paris, die ich Sie beſuchen zu ſehen wünſche.“ „Wahrhaftig,“ ſagte Herr Görard,„ich ſchwöre Ihnen, daß ich nicht begreife.“ „Nun wohl, ich will mich ſo deutlich als möglich erklären.“ „Ich höre, mein Herr.“ n r m — 123 „Lieber Herr Gérard, ſind Sie ein treuer Unter⸗ than des Königs?“ „Großer Gott! ich verehre Seine Majeſtät.“ „Wären Sie geneigt, ihm mit Eifer zur Süh⸗ nung Ihrer Schwächen, ſprechen wir das Wort ge⸗ radezu aus, Ihrer Irrthümer zu dienen?“ „Auf welche Weiſe könnte ich dem König dienen, mein Herr?“ „Vernehmen Sie: der König iſt von Feinden aller Art umgeben, Herr Gérard!“ „Und der arme Mann kann ſie nicht allein be⸗ kämpfen. Er beauftragt alſo ſeine treueſten Unter⸗ thanen, ihn zu vertheidigen, für ihn zu kämpfen, die Böſen niederzuſchmettern. In der royaliſtiſchen Sprache aber nennt man die Böſen die Moabiter, die Amalekiten, Alle diejenigen, welche auf irgend eine Art und aus irgend einer Urſache zu der Partei halten, deren Repräſentant dieſer elende Sarranti iſt; ſodann diejenigen, welche, da ſie den König nicht genug lieben, den Herzog von Orleans zu ſehr lieben würden; endlich diejenigen, welche, den Einen und den Andern beiſeit laſſend, eine Erinnerung an die erbärmliche Revolution von 1789 hätten, von der, wie Ihnen bekannt iſt, Herr Gérard, alle Miß⸗ geſchicke Frankreichs notiren. Das ſind die Böſen, Herr Gérard, das ſind die Feinde des Königs, das ſind die Hydren, welche zu bekämpfen ich Ihnen an⸗ biete; nicht wahr, das iſt eine edle Aufgabe?“ „Ich geſtehe Ihnen, mein Herr,“ erwiederte der ehrliche Gérard mit der Geberde des Menſchen, der ſich den Kopf nicht länger zerbrechen will,„ich ge⸗ 124 ſtehe, daß ich die Aufgabe, deren Vollbringung Sie mir vorſchlagen, durchaus nicht begreife.“ „Das iſt jedoch ganz einfach, wie Sie ſehen werden.“ „Laſſen Sie hören!“ ſagte Herr Gérard, bei dem ſich Aufmerkſamkeit und Bangigkeit verdoppelten. „Sie gehen, zum Beiſpiel,“ fuhr Herr Jackal fort,„im Palais Royal oder in den Tuilerien ſpa⸗ zieren; unter den Kaſtanienbäumen, iſt es in den Tuilerien, unter den Linden, iſt es im Palais Royal. Zwei Herren gehen vorüber, plaudern von Roſſini oder von Mozart: da Sie dieſe Converſation nicht intereſſirt, ſo laſſen Sie dieſelben vorübergehen; zwei Andere kommen hinter dieſen, ſprechen von Pferden, Maolerei oder Tanz: da die Pferde, die Malerei, der Tanz nicht das iſt, was Sie lieben, ſo laſſen Sie dieſe Herren gehen; zwei Andere folgen, ſie ſprechen vom Chriſtenthum, vom Mohamedanismus, von Bud⸗ dhaismus oder Pantheismus; da die philoſophiſchen Discuſſionen nur von den Einen der Leichtgläubig⸗ keit der Anderen geſtellte Fallen ſind, ſo laſſen Sie die Perſonen philoſophiren, und Sie ſind von den Dreien der wahre Philoſoph. Doch ich nehme an, es kommen auch zwei Perſonen vorüber, welche von Republik, Orleanismus oder Napoleonismus reden; ich nehme ferner an, daß ſie dem Königthum ein Ziel bezeichnen; oh! dann, lieber Herr Gérard, da das Königthum nach Ihrem Geſchmacke iſt, da Sie die Republik, das Kaiſerreich, die jüngere Linie haſſen; da Sie ſich vor Allem für die Erhaltung der Regierung und den Ruhm Seiner Mojeſtät inter⸗ eſſiren, ſo horchen Sie aufmerkſam, religiös, ſo daß — Sie en bei en. kal pa⸗ en al. ini icht wei en, der Sie hen ud⸗ hen i⸗ Sie den an, von en; ein da Sie inie der ter⸗ daß 125 Sie nicht ein einziges Wort verlieren, und finden Sie Gelegenheit, ſich ins Geſpräch zu miſchen, ſo ſteht Alles aufs Beſte!“ „Aber,“ ſagte Herr Gérard mit einer gewiſſen Anſtrengung, denn er fing an, zu begreifen,„miſche ich mich in die Converſation, ſo wird es geſchehen, um Meinungen, die ich verabſcheue, zu widerſprechen.“ „Ah! wir ſind nicht mehr hiebei, lieber Gérard.“ „Wie ſo!“ „Im Gegentheile, Sie werden mit beiden Hän⸗ den Beifall klatſchen, Sie werden Chance mit den⸗ jenigen machen, welche ſie bekennen, Sie werden ſich ſogar bemühen, ſich ihre Sympathie zuzuziehen; das wird ſehr leicht ſein, Sie brauchen ſich nur zu nennen: Herr Gérard, der redliche Mann! wer Teufels würde Ihnen mißtrauen?— und haben Sie einmal Be⸗ kanntſchaft mit ihnen angeknüpft, nun wohl, dann werden Sie mich von dieſem Glücke in Kenntniß ſetzen, und es wird mich ungemein freuen, ihre Be— kanntſchaft zu machen. Sind die Freunde unſerer Freunde nicht unſere Freunde? Verſtehen Sie mich nun? ſagen Sie.“ „Ja,“ antwortete dumpf Herr Gérard. „Ah!.. Nun wohl, nachdem dieſer erſte Punkt aufgeklärt iſt, errathen Sie, daß dies nur eines von den tauſend Zielen Ihrer Promenade; ich werde Ihnen nach und nach die anderen bezeichnen, und ehe ein Jahr vergeht, ſo wahr ich Jackal bin, ſollen Sie einer der treueſten, einer der ergebenſten, einer der geſchickteſten, und folglich einer der nützlichſten Diener des Königs ſein.“ „Alſo,“ murmelte Herr Gérard, deſſen Geſicht 126 leichenblaß wurde,„was Sie mir anbieten, mein Herr, iſt ganz einfach, Ihr Spion zu ſein?“ „Da ſie das Wort ausgeſprochen haben, mein Herr, ſo werde ich Ihnen nicht widerſprechen.“ „Spion wiederholte Herr Gérard. „Was des Teufels finden Sie denn Verletzendes in dieſem Handwerke? Bin ich, der ich mit Ihnen ſpreche, nicht einer der erſten Spione Seiner Ma⸗ jeſtät?“ „Sie?“ murmelte Herr Gérard. „Nun wohl, ja ich! Glauben Sie, ich halte mich nicht für einen eben ſo redlichen Mann, als zum Beiſpiel einen Menſchen— ich mache keine ver⸗ letzende Anſpielung auf irgend Jemand— als einen Menſchen, der, ich nehme an, ſeine Neffen ermordet hätte, um ſich ihr Vermögen anzueignen, und der, nachdem er ſie ermordet, einem Unſchuldigen würde den Kopf abſchlagen laſſen, um den ſeinigen zu retten?“ ſolchen Ausdrucke von Spott geſprochen, daß Herr Gérard das Haupt neigte und ſo leiſe murmelte, daß man, um ihn zu hören, die ganze Feinheit des Ohres brauchte, mit dem Herr Jackal begabt war: „Ich werde Alles thun, was Sie wollen!“ „Dann geht Alles gut,“ ſagte Herr Jackal. ünd er nahm ſeinen Hut, den er neben ſich auf den Boden geſetzt hatte, ſtand auf und fuhr fort: „Ah!. es verſteht ſich von ſelbſt, eben ſo ſehr um Ihretwillen als um meinetwillen, lieber Herr Gérard, bleibt das Geheimniß Ihrer Ergebenheit unter uns. Darum biete ich Ihnen an, Sie mögen Dieſe Worte wurden von Herrn Jackal mit einem „— 8 — — — ₰ — 127 mich ſo frühzeitig beſuchen; zu dieſer Stunde ſind Sie beinahe ſicher, daß Sie bei mir Niemand von Ihrer Bekanntſchaft finden. Niemand wird alſo das Recht haben— und das iſt eben ſo ſehr Ihr In⸗ tereſſe, als das unſere— Sie mit dem Namen Spion zu begrüßen, der Ihnen das Kupfergrün ins Geſicht ſteigen gemacht hat. Bin ich von jetzt an in ſechs Monaten mit Ihnen zufrieden, ſo werde ich, wohl⸗ verſtanden, ſobald wir uns des Herrn Sarranti ent⸗ ledigt haben, für Sie Seine Majeſtät um das Recht bitten, das Ende vom rothen Bande tragen zu dür⸗ fen, da Sie ein ſo wüthendes Verlangen danach haben, Sie großes Kind!“ Nachdem er dieſe Worte geſprochen, wandte ſich Herr Jackal nach der Thüre, wohin ihm Herr Gérard folgte. „Bemühen Sie ſich nicht,“ ſagte Herr Jackal; „ich ſehe an dem Schweiße, der von Ihrer Stirn fließt, daß ſie heiß haben, und Sie dürfen ſich nicht in einen Luftzug wagen. Ich wäre troſtlos, würden Sie am Tage vor Ihrem Eintritte in Funktion von einem Fluſſe auf der Bruſt oder von einem Seiten⸗ ſtechen ergriffen. Bleiben Sie alſo in Ihrem Fau⸗ teuil und ruhen Sie von Ihren Gemüthsbewegun⸗ gen aus; nur ſeien Sie in Paris,— übermorgen iſt gerade Mittwoch,— ſeien Sie übermorgen in Paris; ich werde Befehle geben, daß man Sie nicht warten läßt.“ „Aber...“ beharrte Herr Gérard. „Wie, aber?“ rief Herr Jackal.„Ich glaubte, Alles ſei verabredet?“ 128 „Um auf den Abbé Dominique zurück zu kom⸗ nen „Auf den Abbé Dominique? Nun, er wird in vierzehn Tagen, in drei Wochen ſpäteſtens hier ſein... Gut! was haben Sie denn!“ Herr Jackal war genöthigt, Herrn Gérard zu unterſtützen, der einer Ohnmacht nahe. „Ich habe,“ ſtammelte Herr Gérard,„ich habe, daß, wenn er zurückkommt.. „Wenn ich Ihnen ſage, daß ihm der Payſt nicht erlauben wird, Ihr Geheimniß zu enthüllen!“ „Wenn er es aber ohne Erlaubniß enthüllt, mein Herr?“ entgegnete Herr Gérard, die Hände faltend. Der Polizeimann ſchaute Herrn Gérard mit tie⸗ fer Verachtung an. „Mein Herr,“ ſprach er zu ihm,„haben Sie mir nicht geſagt, der Abbé Dominique habe einen Eid geſchworen?“. „Allerdings!“ „Welchen?“ „Er hat geſchworen, von dem Papiere, das er beſitzt, vor meinem Tode keinen Gebrauch zu machen.“ „Nun wohl, Herr Gérard,“ ſagte der Polizei⸗ chef,„hat der Abbé Dominique dieſen Eid geſchwo⸗ ren, ſo wird er ihn als ein wahrhaft redlicher Mann auch halten; nun...“ „Nun, was?. „Nun laſſen Sie ſich nicht ſterben; denn ſind Sie todt, ſo ſtehe ich, da der Abbé ſeines Verſprechens entbunden iſt, für nichts.“ „Und bis dahin?“ — Sie ns 129 „Schlafen Sie auf beiden Ohren, Herr Gérard, da Sie ſchlafen können.“ Nachdem er dieſe Worte mit einem Ausdrucke, der den ehrlichen Gérard ſchaudern machte, geſprochen hatte, ſtieg Herr Jackal wieder in ſeinen Wagen und murmelte beiſeit: „Bei meiner Treue, man muß zugeſtehen, dieſer Menſch iſt ein höchſt Elender, und hätte ich je Ver⸗ trauen zu menſchlicher Gerechtigkeit gehabt, ſo würde ich zu dieſer Stunde teufelmäßig zurückweichen!“ Und mit einem Seufzer fügte er bei: „Armer Teufel von einem Abbé! er iſt wahrhaft zu beklagen. Was den Vater betrifft, das iſt ein alter Mormone; er intereſſirt mich ganz und gar nicht, und es mag aus ihm werden, was da will.“ „Wohin fährt der Herr!“ fragte der Lackai, nach⸗ dem er den Schlag wieder geſchloſſen hatte. „Nach dem Hotel.“ „Zieht der Herr dieſe oder jene Barriére vor, und wünſcht er nicht eher durch eine Straße, als durch die andere zu fahren?“ „Doch! Sie werden durch die Barrière Vau⸗ gieres zurückkehren und durch die Rue aur Fers fahren.— Die Sonne ſcheint herrlich; ich muß mich verſichern, ob der Lazzarone Salvator bei ſeinen Haken iſt. Ich weiß nicht, warum ich mir vorſtelle, dieſer Burſche werde uns in der Affaire Sarranti viel zu ſchaffen machen... Vorwärts!“ Und der Wagen ging in dreifachem Galopp ab. Dumas, Salvator 1lI. 9 130 XXXII. Die Verwandlungen der Liebe. Verlaſſen wir für den Augenblick den ganzen Theil unſerer Erzählung, der ſich auf Juſtin, den General le Baſtard, Dominique, Herrn Sarranti, Herrn Jackal und Herrn Gérard bezieht, drehen wir uns um und treten in das Atelier des Mohicaners der Kunſt ein, den wir unter dem Namen Petrus kennen. Es war am erſten oder zweiten Tage nach dem Beſuche von Herrn Jackal bei Herrn Gérard; denn man begreift wohl, daß es uns unmöglich iſt, auf einen Tag poſitip unſere Leſer zu unterrichten; wir folgen nur der chronologiſchen Ordnung der Ereig⸗ niſſe. Es war halb elf Uhr Morgens. Petrus, Ludovic und Jean Robert ſaßen: Petrus in einer Bergère, Ludovic auf einem Fauteuil Rubens, Jean Robert in einem ungeheuren Voltaire. Jeder hatte im Bereiche ſeiner Hand eine mehr oder minder leere Taſſe Thee, und in der Mitte des Ateliers deutete ein noch ſervirter Tiſch an, der Thee ſei als Ver⸗ dauungsmittel in Folge eines ſubſtantiellen Früh⸗ ſtücks angewandt worden. Ein in ungleichen Zeilen,— folglich in Verſen, — geſchriebenes Manuſeript, deſſen fünf Acte ge⸗ trennt, rechts von Jean Robert, auf der Erde lagen, bewies, daß der Dichter eine Leſung gemacht und die fünf Acte, einen nach dem andern, auf den Bo⸗ 3 131 den geworfen hatte. Der fünfte hatte ſich ſeit un⸗ gefähr zehn Minuten ſeinen Gefährten beigeſellt. Dieſe fünf Acte hatten den Titel Guelfen und Gibellinen. Che er, um ſie ihm vorzuleſen, zum Director des Theaters der Porte⸗Saint⸗Martin, für welchen er die Erlaubniß, ein Stück in Verſen zu ſpielen, zu erlangen hoffte, gegangen war, hatte Jean Robert ſein Drama ſeinen zwei Freunden vorgeleſen— Das Stück hatte einen ungeheuren Vorleſungs⸗ ſucceß bei Ludovic und Petrus gehabt. Beide Künſt⸗ ler, hatten ſie ein tiefes Intereſſe an der noch jun⸗ gen Geſtalt von Dante genommen, die den Degen handhabte, ehe ſie die Feder führte, und ſich wunder⸗ bar unter den großen Kämpfen der Kunſt, der Liebe und des Kriegs entrollte; Beide verliebt, hatten ſie dieſes Werk eines andern Verliebten mit den Ohren des Herzens angehört, Ludovic an ſeine Liebe in der Knospe denkend, Petrus ſeine Liebe in der Blüthe einathmend. Die ſanfte Stimme von Beatrir hatte in ihren Ohren geklungen, und nachdem ſie ſich brüderlich umarmt, ſetzten ſich alle Drei nieder und ſannen in der Stille nach: Jean Robert träumte von Beatrir von Marande; Petrus von Beatrix de la Mothe⸗ Houdan und Ludovic von Beatrir Roſe⸗de⸗Noel. Beatrix iſt keine Frau, es iſt ein Stern. Das Eigenthümliche der großen, ſtarken Werke iſt, daß ſie die großen und ſtarken Seelen träumen machen; nur machen ſie die Einen, je nach ihren Dis⸗ poſitionen, von der Vergangenheit, die Anderen von „ 132 der Gegenwart, wieder Andere von der Zukunft träumen. Jean Robert brach zuerſt das Stillſchweigen. „Vor Allem,“ ſprach er,„meinen Dank für das, was Ihr mir Gutes geſagt habt. Ich weiß nicht, Petrus, ob es bei Dir mit einem Gemälde iſt, wie bei mir mit einem Drama; träume ich ein Drama, ſein Sujet zeichnet ſich, ſeine Scenen verknüpfen ſich, die Acte bauen ſich in meinem Kopfe auf,— dann könnten alle meine Freunde ſagen, mein Drama ſei ſchlecht, ich würde nicht ein Wort glauben. Iſt es gemacht, habe ich drei Monate gebraucht, um es zu dichten, einen Monat, um es zu ſchreiben, ſo müſſen mir alle meine Freunde ſagen, es ſei gut, wenn ich es glauben ſoll.“ „Wohl,“ erwiederte Petrus,„es iſt bei meinen Bildern gerade wie bei Deinen Dramen: auf der weißen Leinwand ſind es Raphael, Rubens, Van Dyck, Murillo, Velasquez; auf der beſchmierten Lein⸗ wand ſind es Petrus, das heißt Sudelarbeiten, die ihr Autor mittelmäßig ſchätzt. Was willſt Du, mein Lieber? das iſt der Unterſchied, der zwiſchen dem Idealismus und der Realität ſtattfindet.“ „Was ich,“ ſprach Ludovic,„was ich bei Deinem Drama anbetungswürdig finde, ſiehſt Du, das iſt die Geſtalt von Beatrix.“ „Wahrhaftig!“ ſagte Jean Robert lächelnd. „Welches Alter gibſt Du ihr? Es iſt ein Kind.“ „Ich gebe ihr vierzehn Jahre, obgleich die Ge⸗ ſchichte ſagt, ſie ſei mit zehn geſtorben.“ Die Geſchichte iſt eine Thörin,“ erwiederte Ludovic,„und ſie hat diesmal wie immer gelogen: 133 ein zehnjähriges Kind hätte keine ſo leuchtende Furche in das Herz von Dante gegraben. Ich bin Deiner Anſicht, Jean Robert: Beatrir mußte wenigſtens vierzehn Jahre zählen; das iſt das Alter von Julia, es iſt das Alter, in welchem man liebt, es iſt das Alter, wo man geliebt zu werden anfangen kann.“ „Mein lieber Ludovic,“ ſprach Jean Robert, „ſoll ich Dir etwas ſagen?“ „Was?“ fragte Ludovic. „Ich erwartete, Dir, einem poſitiven Manne, einem Manne der Wiſſenſchaft, einem materialiſtiſchen Geiſte, werde am meiſten in meinem Drama das Studium Italiens im 13. Jahrhundert, die Wahr⸗ heit der Sitten, die Auseinanderſetzung der floren⸗ tiniſchen Politik auffallen. Ganz und gar nicht! Was Dich intereſſirt, iſt die Liebe von Dante für ein Kind; was Du verfolgſt, iſt die Entwickelung dieſer Liebe, und der Einfluß, den ſie auf das Leben meiner Heldin hat; was Dich ergreift, iſt die Kataſtrophe, welche Beatrir Dante entführt. Ich erkenne Dich nicht mehr, Ludovic! ſollteſt Du zufällig verliebt ſein?“ Ludovic erröthete bis ins Weiße der Augen. „Ah! bei meiner Treue,“ rief er,„er iſt es! ſchaut ihn nur an.“ Ludovic verſuchte zu lachen. „Nun,“ ſagte er,„wenn ich es wäre, welcher von Euch Beiden würde mir einen Vorwurf darüber machen?“ „Ich nicht,“ antwortete Petrus,„im Gegentheile.“ „Und vollends ich!“ rief Jean Robert. „Nur ſage ich Dir, mein lieber Ludovic,“ ſprach 134 Petrus,„es iſt ſchlimm, Geheimniſſe für Leute zu haben, welche tein Geheimniß für Dich haben.“ „Ei! mein Gott!“ entgegnete Ludovic,„das Ge⸗ heimniß, wenn ein Geheimniß ſtattfindet,— ich habe kaum Zeit gehabt, es mir ſelbſt anzuvertrauen, wie ſoll ich es dann Euch anvertraut haben?“ „Gut, das entſchuldigt Dich,“ bemerkte Petrus. „Sodann iſt es vielleicht Jemand, den er nicht nennen kann,“ ſagte Jean Robert. „Uns!“ rief Petrus;„ſie uns nennen, heißt ſie nicht nennen.“ „Auch ſchwöre ich Euch,“ ſprach Ludovic,„daß ich nicht ganz ſicher bin, auf welche Art ich diejenige liebe, welche ich liebe, ob wie eine Schweſter, ob wie eine Geliebte.“ „Gut!“ rief Jean Robert,„ſo debutiren alle große Leidenſchaften.“ „Auf, mein lieber Freund,“ ſprach Petrus,„ge⸗ ſtehe ganz einfach, daß Du wahnſinnig verliebt biſt!“ „Es iſt möglich,“ antwortete Ludovic,„und in die⸗ ſem Momente beſonders hat mir Dein Gemälde, Petrus, die Augen geöffnet; Deine Verſe, Jean Robert, ha⸗ ben mir die Ohren geöffnet, und ich wäre nicht er⸗ ſtaunt, nähme ich morgen einen Pinſel, um ihr Por⸗ trät zu malen, oder eine Feder, um ihr ein Madrig al 5 zu machen. Ei! mein Gott! das iſt die ewige Ge⸗ ſchichte der Liebe, die man für eine Fabel, für eine Legende, für einen Roman hält, ſo lange man ſie nicht mit verliebten Blicken liest. Was iſt die Philo⸗ ſophie, was iſt die Kunſt, was iſt die Wiſſenſchaft? Selbſt neben der Liebe ſind die Wiſſenſchaft, die Philoſophie und die Kunſt nur Formen des Schönen, 135 des Wahren, des Großen; das Schöne, das Wahre, das Große aber iſt die Liebe!“ „Das gefällt mir!“ rief Jean Robert,„wenn man anbeißt, ſo muß man ſo anbeißen.“ „Und darf man wiſſen,“ fragte Petrus,„welches der Sonnenſtrahl iſt, der Dich aus Deiner Puppe hervorkommen gemacht hat, ſchöner Schmetterling?“ „Ei! gewiß, Ihr werdet es erfahren, meine Freunde; doch der Name, doch das Bild, doch die Perſon ſelbſt ſind noch in die geheimnißvollſten Or⸗ gane meines Herzens eingeſchloſſen; das Geheimniß genügt mir noch. Ei! mein Gott! ſeid ruhig, es kommt ein Augenblick, wo mein Geheimniß von ſelbſt an Euer Herz klopfen und Euch um Gaſtfreundſchaft bitten wird.“ Die zwei Freunde lächelten und reichten Ludovic die Hand. Dann neigte ſich Jean Robert, hob die fünf Acte auf und rollte ſie zuſammen. In dieſem Momente trat der Diener von Petrus ein, und meldete, der General Herbel ſei unten. „Er komme geſchwinde herauf, der liebe Oheim!“ rief Petrus nach der Thüre ſtürzend. „Der Herr Graf iſt in den Stall gegangen, und hat mir geſagt, ich ſoll den Herrn nicht ſtören,“ er⸗ wiederte der Diener. „Petrus,“ ſagten die jungen Leute, indem ſie ihren Hut nahmen und wegzugehen ſich anſchickten. „Nein, nein,“ rief Petrus,„mein Oheim liebt im Allgemeinen die Jugend, und er liebt Euch Beide insbeſondere.“ „Das iſt möglich,“ erwiederte Ludovic,„und ich 136 bin ihm äußerſt dankbar dafür; doch es iſt halb zwölf Uhr, und Jean Robert liest ſein Stück um Mittag in der Porte⸗Saint⸗Martin.“ „Gut, was Jean Robert betrifft,“ ſagte Petrus, „doch Du, Du haſt durchaus nicht nöthig, zu dieſer Stunde zu gehen.“ „Ich bitte Dich Millionenmal um Verzeihung, lieber Freund; Dein Atelier iſt reizend, geräumig, hinreichend luftig für Leute, welche ſeit ſechs Mona⸗ ten oder einem Jahre verliebt ſind, doch für einen ſeit drei Monaten verliebten Menſchen iſt es unbe⸗ wohnbar. Alſo, Gott befohlen, theurer Freund! ich gehe in den Wäldern ſpazieren, während der Wolf nicht darin iſt.“ „So komm, Cupido,“ ſagte Jean Robert, indem er Ludovic beim Arme nahm. „Gott befohlen, meine Theuerſten!“ ſprach Petrus mit einer leichten Nuance von Traurigkeit. „Was haſt Du denn?“ fragte Jean Robert, der minder befangen als Ludovic dieſe Traurigkeit wahr⸗ nahm. „Ich? Nichts.“ „Nichts Beſtimmtes wenigſtens.“ „Sag' uns das.“ „Was ſoll ich Dir ſagen? Bei der Meldung des Beſuches von meinem Oheim zog, wie mir ſchien, etwas Drohendes durch die Luft. Er beſucht mich ſo ſelten, dieſer liebe Oheim, daß mich immer eine gewiſſe Bangigkeit ergreift, wenn man ihn meldet.“ „Teufel!“ rief Ludovic,„wenn es ſich ſo ver⸗ hält, ſo bleibe ich: ich werde Dir als Wetterableiter dienen.“ „Nein, mein wahrer Wetterableiter, lieber Freund, iſt die volle Zuneigung, die mein Oheim für mich hegt. Meine Furcht iſt albern und meine Ahnungen ſind ſinnlos.“ „Uebrigens heute Abend oder ſpäteſtens morgen,“ ſagte Ludovic. „Und ich wahrſcheinlich früher, ich werde Dir das Reſultat meiner Vorleſung mittheilen.“ Die jungen Leute nahmen Abſchied von Petrus, und als ſie vor die Thüre kamen, ſtieg Jean Robert in ſein Tilbury und erbot ſich, Ludovic abzuſetzen, wo er wünſchte, doch der junge Doctor ſchlug es aus, unter dem Vorwande, er müſſe nothwendig zu Fuße gehen. Und, in der That, während Jean Robert über die Place de[Obſervatoire fuhr, folgte Ludovic den Boulevards bis zur Barrière dEnfer, und ging träumend in die Wälder von Vernière, wo wir ihn allein laſſen werden, da er in dieſem Augenblicke ganz beſonders die Einſamkeit aufzuſuchen ſchien, und überdies Petrus und ſein Oheim uns erwarten. Der General Herbel kam ziemlich ſelten zu ſeinem Neffen; doch er kam nie zu ihm, man muß ihm dieſe Gerechtigkeit widerfahren laſſen, ohne unter der einen oder der andern Form, meiſtens unter der Form des Spottes, eine kleine Predigt in der Falte ſeines Mantels zu bringen. Er war nicht gekommen ſeit vier bis fünf Mona⸗ ten, das heißt ungefähr ſeit der Zeit, wo eine große Veränderung in der Eriſtenz von Petrus ſich zuge⸗ 138 tragen hatte; als er eintrat, mußte er auch von einem Erſtaunen zum andern übergehen. Bei ſeinem letzten Beſuche war das Haus noch das⸗ ſelbe, wie er es das erſte Mal geſehen hatte, das heißt ein reinliches Häuschen mit einem gepflaſterten Hofe, geſchmückt mit einer kleinen Miſtinſel, zur Beluſti⸗ gung von ſechs bis ſieben Hennen und einem Hahn, der von dieſem Vorgebirge herab den General mit ſeinem ſchrillſten Geſange begrüßt hatte,— und einer Hütte für Kaninchen, welche von Supplementen des Salats und des Kohls aller Miethsleute des Hauſes gefüttert wurden, die ſich glücklich fühlten, dieſen Ueberfluß Thieren zu überlaſſen, welche an Feſttagen die Leckerbiſſen der Tafel der Portière bildeten. In dieſem auf allen Seiten von Bäumen um⸗ gebenen Quartiere von Paris glich das Häuschen mehr einer von den Hütten, welche unſere Bauern bewohnen, als einem Stadthauſe; doch einfach und reinlich, abgelegen und beinahe verödet, war es in den Augen des Generals das ſicherſte Obdach, der friedlichſte Winkel, den ſich ein Arbeiter wünſchen konnte. Das Erſte, was dem General auffiel und ihn, indem es ihm auffiel, in Erſtaunen ſetzte, war— ſobald die friſch angemalte Thüre unter dem Schlage des Klopfers ſich geöffnet hatte, einen Bedienten in derſelben Livree wie die ſeinige, das heißt in den Farben von Courtenay, erſcheinen zu ſehen, und ihn fragen zu hören: „Was wünſcht der Herr?“ „Wie, was ich wünſche, Schuft?“ ſagte der Graf, indem er den Lackai vom Kopfe bis zu den n⸗ nd en 139 Füßen maß;„ich wünſche meinen Nefſen zu ſehen, da ich deshalb gekommen bin.“ „Ah! dann iſt der Herr der General Graf Herbel,“ ſprach der Diener ſich verbeugend. „Natürlich, ich bin der General Graf Herbel,“ wiederholte der General mit ſpöttiſchem Tone,„da ich Dir ſage, daß ich meinen Neffen ſehen will, und mein Reffe, ſo viel ich weiß, keinen andern Oheim hat, als mich.“ „Ich will es meinem Herrn melden,“ ſagte der Diener. „Iſt er allein?“ fragte der General, während er ſein Lorgnon nahm, um den Hof zu betrachten, der mit Flußſand beſtreut war, ſtatt, wie früher, mit Sandſtein gepflaſtert zu ſein. „Nein, Herr Graf, er iſt nicht allein.“ „Eine Frau?“ „Nein, zwei Freunde: die Herren Jean Robert und Ludovic.“ „Gut, gut, gut! melden Sie ihm, ich ſei hier, ich werde ſogleich hinaufkommen; ich will das Haus ein wenig beſichtigen: das ſcheint mir reizend hier.“ Der Diener ging zu Petrus hinauf, wie wir ge⸗ ſehen haben. Als er allein war, konnte der General nach ſeiner Bequemlichkeit die verſchiedenen Veränderungen und Verſchönerungen, welche im Hauſe und im Hofe ſeines Neffen vorgegangen waren, lorgniren und be⸗ trachten. „Ho! ho!“ ſagte er,„der Hauseigenthümer von Petrus hat, wie es ſcheint, Verbeſſerungen vornehmen laſſen: ein kleines Beet von ſeltenen Blumen, wo 140 der Miſthaufen war; eine Volière mit grünen Pa⸗ 5 pageien, weißen Pfauen und ſchwarzen Schwanen, wo die Kaninchenhütte war; Ställe und Remiſen ſei endlich, wo ſich ganz einfach ein Schoppen fand.. iſt Ah! bei meiner Treue, dieſe Geſchirre ſcheinen mir t wohl gehalten!“ ha Und als ein Liebhaber, was er war, näherte er ge ſich dem Geſchirrträger, auf welchem die Gegen⸗ Al ſtände, die ſeinen Blick angezogen, hingen. „Ahl ah!“ ſagte er,„das Wappen der Courte⸗ nay! Alſo gehören dieſe Geſchirre meinem Neffen! n Ei! ſollte er wirklich einen Oheim haben, den ich ver nicht kennen würde, und hätte er von dieſem Oheim au geerbt?“ Während er ſo analyſirte, machte der General ale ein mehr erſtauntes, als verdrießliches Geſicht; nach⸗ dem er in die Remiſe eingetreten war, und mit Auf⸗ red merkſamkeit ein elegantes Coupé von Bender ange⸗ ſchaut hatte, als er in den Stall eingetreten war und mit der Hand über das Kreuz der zwei, wahr⸗ ſcheinlich bei Drake gekauften, Pferde geſtrichen hatte, nahm das Geſicht des Generals einen Ausdruck von We unbeſchreiblicher Traurigkeit an. vor „Schöne Thiere!“ murmelte er, während er die Tre Pferde ſtreichelte;„das Geſpann iſt zehntauſend Fran⸗ zwe ken wie einen Liard werth. Ei! iſt es denn möglich, dru daß dieſe Pferde einem armen Teufel von einem Maler gehören, der kaum zehntauſend Franken jähr⸗ mei lich verdient?“ her Und der General, da er ſich bei der Betrachtung des Wappens an den Geſchirren getäuſcht zu trot der den glaubte, unterſuchte das Wappen am Wagen 141 war wirklich das Wappen der Courtenay mit einer Krone oder vielmehr mit einer Baronenſchnur darüber. „Das iſt es, das iſt es,“ murmelte er:„ich Graf, ſein Vater, der Seeräuber, Vicomte, er Baron. Es iſt ein Glück, daß er ſich mit der Kronenſchnur be⸗ gnügt und nicht die geſchloſſene Krone genommen hat... Und am Ende,“ fügte er bei,„wenn er ſie genommen hätte, er iſt dazu berechtigt, da unſere Ahnen regiert haben.“ Wonach er, einen letzten Blick auf die Pferde, auf die Geſchirre, auf die Volière, auf die Blumen und auf den unter ſeinen Füßen wie Perlen rollen⸗ den Sand werfend, die Treppen ſeines Neffen hin⸗ aufging. Doch im erſten Stockwerke angelangt, blieb er ſtehen, ſtrich mit ſeiner Hand über ſeine Augen, als wollte er eine Thräne abwiſchen, und murmelte! „Mein armer Pierre, ſollte Dein Sohn ein un⸗ redlicher Menſch geworden ſein?“ Pierre, das war der Bruder des Grafen Herbel, derjenige, welchen er bei ſeinen Brummereien mit dem Titel Jakobiner, Seeräuber beehrte. In dem Momente, wo der Graf Herbel dieſe Worte vollendete und heimlich die Thränen abwiſchte, von denen ſie begleitet waren, hörte er raſch die . Treppe herabſteigen, welche vom erſten Stocke in den zweiten führte, während mit ihrem freudigſten Aus⸗ drucke die Stimme ſeines Reffen rief: „Guten Morgen, mein Oheim! guten Morgen, mein lieber Oheim! Warum kommen Sie denn nicht herauf?“ „Guten Morgen, mein Herr Neffe,“ antwortete trocken der Graf Herbel. 142 „Ho! ho! wie Sie mir das ſagen, mein Oheim,“ rief der junge Mann erſtaunt. „Was willſt Du? ich ſage es Dir, wie ich es fühle,“ erwiederte der General, indem er das Ge⸗ lände anfaßte und die Treppe weiter hinaufſtieg. Dann trat er, ohne ein Wort beizufügen, ein, wählte mit dem Auge das beſte Fauteuil, und ſank mit einem Uf von ſchlimmer Vorbedeutung darein. ah!“ murmelte Petrus,„ich täuſchte mich chk. Und er näherte ſich dem General und ſagte zu ihm: „Mein lieber Oheim, erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie dieſen Morgen nicht ſehr guter Laune zu ſein ſcheinen.“ „Nein, gewiß nicht,“ erwiederte der General, „ich bin nicht guter Laune, und das iſt mein Recht.“ „Ich bin weit davon entfernt, Ihnen dieſes Recht ſtreitig zu machen, mein lieber Oheim, und ich kenne hinreichend Ihren Gleichmuth, um mir zu ſagen, wenn Sie ſchlimmer Laune ſeien, ſo ſei dies nicht ohne Grund.“ „Und Sie ſprechen die Wahrheit, mein Herr Neffe.“ „Sollten Sie ſchon in der Morgendämmerung einen unangenehmen Beſuch erhalten haben?“ „Nein, doch ich habe einen Brief erhalten, der mir Kummer gemacht hat, Petrus.“ „Ich war deſſen ſicher, ich wette, es iſt ein Brief von der Marquiſe de la Tournelle.“ „Dieſer leichtſinnige Ton iſt unziemlich, Petrus; erlaube mir, Dich daran zu erinnern, daß Du in ——„— 1 143 dieſem Augenblicke den Reſpect gegen zwei Greiſe verletzſt.“ Petrus, der ſich auf ein Pliant geſetzt hatte, ſtand wieder auf, als ob ihn eine Feder auf ſeine Beine geſchnellt hätte. „Entſchuldigen Sie, mein Oheim,“ ſagte er,„Sie erſchrecken mich! ich habe Sie nie mit dieſer Härte ſprechen hören.“ „Petrus, ich habe Ihnen auch nie ſo ernſte Vor⸗ würfe zu machen gehabt, wie die, welche ich Ihnen heute zu machen habe.“ „Glauben Sie mir, mein Oheim, ich bin bereit, ſie mit der Unterwürfigkeit zu empfangen, die ich Ihnen ſchuldig bin, und beſonders mit tiefem Be⸗ dauern, ſie verdient zu haben; denn ſobald Sie mir ſie machen, mein Oheim, habe ich ſie verdient.“ „Sie ſollen ſelbſt darüber urtheilen; hören Sie mich alſo ernſthaft an, wie ich mit Ihnen ſprechen werde, Petrus.“ Ich höre Sie.“ Der General winkte ſeinem Neffen, ſich nieder⸗ zuſetzen; dieſer bat ihn aber durch einen andern Wink um die Erlaubniß, ſtehen zu dürfen. Er erwartete alſo die Anklage in der Stellung eines Verbrechers vor ſeinem Richter. XXXIII. Wo Petrus ſieht, daß ſeine Ahnungen ihn nicht betrogen hatten. Der Graf machte es ſich ſo bequem als möglich in ſeinem Lehnſtuhle; denn der alte Sybarite liebte es, behaglich zu ſein, um zu moraliſiren. 144 Petrus ſchaute ihm mit einer gewiſſen Unruhe zu. Der Graf zog ſeine Tabaksdoſe aus ſeiner Taſche, ſchlürfte wollüſtig eine Priſe Spaniol, ſtüberte ſeine Weſte ab, um die wohlriechenden Atome zu ver⸗ jagen, wechſelte völlig den Ton und die Manieren und ſprach: „Nun, mein lieber Neffe, wir haben alſo die Rathſchläge unſeres guten Oheims befolgt?“ Das Lächeln trat wieder auf die Lippen von Petrus, der ſchon ein den Umſtänden angemeſſenes Geſicht angenommen hatte. „Welche Rathſchläge, mein lieber Oheim?“ fragte er. „Ei!... in Beziehung auf Frau von Marande.“ „Frau von Marande?“ C „Ja „Ich ſchwöre Ihnen, mein Oheim, ich weiß nicht, was Sie damit ſagen wollen.“ „Discretion? Gut, junger Mann, das iſt eine Tugend, die wir zu unſerer Zeit nicht ausübten, doch ich haſſe es nicht, ſie bei den Andern üben zu ſehen.“ „Mein Oheim, ich ſchwöre Ihnen.. „Zu unſerer Zeit,“ fuhr der General fort,„wenn ein junger Mann von Adel, der einen großen Na⸗ men trug, das Unglück hatte, ein jüngerer Familien⸗ ſohn zu ſein, das heißt, keinen Sou zu beſitzen, bei meiner Treue! wenn er ein ſchöner Junge war, von Körper gut gebaut, elegant von Manieren, ſo zog er Nutzen aus Allem dem. Iſt die Natur verſchwen⸗ deriſch geweſen, und Fortuna geizig, ſo muß man wohl die Gaben der Natur benützen.“ n 8 145 „Mein lieber Oheim, ich geſtehe Ihnen, daß ich Sie immer weniger begreife.“ „Ah! willſt Du mich etwa glauben machen, Du habeſt die Schule der B ürger nicht ſpielen ſehen?“ „Doch, mein Oheim, ich habe ſie ſpielen ſehen.“ „Und Du habeſt den Marquis von Moncade nicht beklatſcht?“ „Ich habe ſein Spiel beklatſcht, weil Armand dieſe Rolle gut ſpielt, doch ich habe ſeine Handlung nicht beklatſcht.“ „Ah! wahrhaftig, Sie ſind ſpröde, mein Herr Keffe.“ „Nein, mein lieber Oheim; doch zwiſchen ſpröde ſein und zugeben, daß ein Mann Geld von einer Frau empfangen kann..“ „Bah! mein lieber Freund, iſt man ſelbſt arm und dieſe Frau iſt reich, wie Frau von Marande oder wie die Gräfin Rappt...7 „Mein Oheim!“ rief Petrus aufſpringend. „Alles ſchön, mein Neffe! Alles ſchön! Das iſt nicht mehr die Mode! Sprechen wir nicht mehr hie⸗ von, die Moden ändern ſich. Doch was willſt Du? ich verlaſſe Dich vor vier Monaten, mit einem mit Deinen Skizzen ausgeſchmückten Atelier und einem daran ſtoßenden Stübchen, Alles von Deiner Por⸗ tiöre beſorgt, der man prunkhaft den Namen Wirth⸗ ſchafterin gegeben; ich wiſche mir vor der Thüre meine Füße auf einer Strohdecke ab, die nicht mehr neu iſt, und ich ſehe Dich ruhig zu Fuße nach dem uartier Latin gehen, um für zweiundzwanzig Sous bei Flicotteaux zu Mittag zu eſſen; ich ſage mir: 10 Dumas, Salvator. II. 146 „„Mein Reffe iſt ein armer Teufel von einem Maler, der mit ſeinem Pinſel vier bis fünftauſend Franken verdient, der keine Schulden machen will, der ſeinem armen Vater nicht zur Laſt ſein will; mein Neffe iſt ein ehrlicher Junge, doch er iſt ein Dummkopf. Ich muß folglich meinem Neffen einen guten Rath geben.““ Ich gebe ihm nun den Rath, den Herrn von Lauzun ſeinem Neffen gibt, und ſage zu ihm:„„Junge, Du biſt ſchön, Du biſt elegant; hier iſt eine Prinzeſſin: ſie heißt nicht Herzogin von Berry, ſie iſt nicht die Tochter des Regenten, doch ſie ſchwimmt in den Millionen...““ „Mein Oheim!“ „Ich komme wieder, ich finde den Hof in einen Garten verwandelt; mitten im Hofe ein Beet von ſeltenen Pflanzen... oh! eine Voliére mit Vögeln, aus Indien, China, Californien... oh! oh! Ställe mit Pferden von ſechstauſend Franken und Geſchirre mit dem Wappen der Courtenay.. oh! oh! oh! und ich gehe ganz freudig hinauf und ſage zu mir ſelbſt:„„Nun wohl, mein Neffe iſt ein Menſch von Geiſt, was manchmal mehr werth iſt, als ein Menſch von Talent zu ſein.““ Ich ſehe Teppiche im letzten Stocke, ein Atelier wie das von Gros oder Horace Vernet, und ich ſage zu mir:„„Ah! ah! Alles geht gut!““ „Ich bin in Verzweiflung, Ihnen bemerken zu müſſen, daß Sie ſich völlig täuſchen.“ „Dann geht Alles ſchlecht.“ „Ei! nein, mein Oheim; nur bitte ich Sie, mir zu glauben, daß ich zu ſtolz bin, um dieſen Lurus, zu dem Sie mir Glück zu wünſchen die Güte haben, „—— — — 8 147 etwas Anderem zu verdanken, als meinen eigenen Mitteln.“ „Ah! Teufel, ich begreife, man hat ein Gemälde Dir beſtellt, und es im Voraus bezahlt?“ „Nein, mein Oheim.“ „Man hat Dich beauftragt, die Rotunde der Ma⸗ deleine zu decoriren?“ „Nein, mein Oheim.“ „Du biſt zum ordentlichen Maler Seiner Maje⸗ ſtät des Kaiſers von Rußland mit zehntauſend Rubel Gehalt ernannt worden?“ „Nein, mein Oheim.“ „Dann haſt Du Schulden?“ Petrus erröthete. „Du haſt Abſchlagszahlungen dem Sattler, dem Wagenmacher, dem Tapezierer gegeben, und da Du ihnen dieſe Abſchlagszahlungen unter dem Namen Baron Herbel von Courtenah gegeben haſt, da man Dich als meinen Reffen kennt, ſo hat man Dir Cre⸗ dit bewilligt.“ Petrus neigte das Haupt. „Nun,“ fuhr der Graf fort,„nun begreifſt Du, daß ich, wenn ſich alle dieſe Leute mit ihren Rech⸗ nungen bei mir einfinden, ſagen werde:„„Baron Herbel? Ich kenne ihn nicht.““ „Mein Oheim, ſeien Sie unbeſorgt,“ erwiederte Petrus,„man wird ſich nie bei Ihnen einfinden.“ „Bei wem denn?“ „Bei mir.“ „Ja, und wenn man kommt, wirſt Du im Stande ſein?“ „Ich werde mich einrichten.“ bei — 148 „Du wirſt Dich einrichten, indem Du die Hälfte des Tages im Walde zubringſt, um der Frau Gräfin Rappt zu begegnen, indem Du alle Abende in der großen Oper oder bei den Bouffes zubringſt, um von fern die Frau Gräfin Rappt zu begrüßen, indem Du alle Nächte auf dem Ball zubringſt, um der Frau Gräfin Rappt die Hand zu drücken.“ „Mein Oheim!“ „Ah! ja, nicht wahr, die Wahrheit hört ſich ſchwer an? Doch Du wirſt ſie hören.“ „Mein Oheim,“ ſprach Petrus ſtolz,„ſobald ich nichts von Ihnen verlange...“ „Bei Gott! ich bekümmere mich darum, ob Du etwas von mir verlangſt... Sobald Du weder von Deiner Geliebten noch von mir verlangſt, und dreißig bis vierzigtauſend Franken jährlich ausgibſt, verlangſt Du von Deinem Piraten von Vater.“ „Ja, und ich muß ſagen, mein lieber Oheim, daß mein Pirat von einem Vater mir nichts von dem verweigert, was ich von ihm verlange, ſondern ſogar mich mit ſeinen Sittenpredigten verſchont.“ „Damit willſt Du mir ihn als Beiſpiel vorſtellen? Gut, ich werde mich bemühen, nicht kitzliger zu ſein als er; nur muß ich Dir nun ſagen, warum ich bei meinem Eintritte ſchlechter Laune war, und warum ich Anfangs ein wenig hart mit Dir geſprochen ha „Sie ſind mir keine Erklärung ſchuldig.“ „Doch, Du haſt Recht, ſobald Du nichts von mir verlangſt...“ „Ihre Freundſchaft immer, mein Oheim.“ „Nun wohl, damit Du mir die Deinige bewahrſt, F e —)„—— — P t — 149 muß ich Dir die Urſache meiner ſchlechten Laune ſagen.“ „Ich höre, mein Oheim.“ „Kennſt Du?... Es iſt im Ganzen unnöthig, daß Du ihn kennſt. Ich will Dir die Geſchichte er⸗ zählen; wir wollen den Helden** nennen. Höre und begreife die Urſache meiner ſchlechten Laune.— Ein braver Arbeiter von Lyon kam vor etwa dreißig Jahren zu Fuße nach Paris, ohne einen Sou in ſei⸗ ner Taſche, ohne Strümpfe an ſeinen Füßen, ohne ein Hemd auf dem Rücken. Durch Noth und Ge⸗ duld erlangte er nach Verlauf von fünf Jahren die Stelle des Chefs einer Spinnerei mit dreitauſend Franken Gehalt. Er iſt reich, nicht wahr? Ein Menſch, der nach Paris c. Schuhe gekommen iſt und dreitauſend Livres Einkommen erlangt hat, iſt ein reicher Mann; denn derjenige iſt reich, welchen die Arbeit den Leidenſchaften, den Bedürfniſſen, den Launen ſeines Temperaments oder ſeiner Einbildungs⸗ kraft entzogen hat. Nun ſchenkte ihm ſeine Frau nach einem zweijährigen Aufenthalte in Paris ein Kind; dann ſtarb ſie. „„Was werde ich aus dieſem Knaben machen?““ fragte ſich der Vater, als ſein Sohn fünfzehn Jahre alt war. „Es verſteht ſich von ſelbſt, daß es ihm nicht einen Augenblick einfiel, aus ſeinem Sohne das zu machen, was er ſelbſt geweſen war,— ein Arbeiter... Sie wiſſen übrigens, daß man mich hohen Ortes be⸗ ſchuldigt, ich ſei ein Jacobiner, und ich muß ſagen, dieſer wohl angebrachte Stolz, dieſer väterliche Stolz, der darin beſteht, daß man immer ſeinen Sohn über 150 ſich erzieht, iſt eine Idee der Revolution von 1789, und hätte ſie nur ſolche gehabt, ſo wäre ich ihr nicht zu ſehr gram... Dieſer Vater ſagte alſo zu ſich ſelbſt: „Ich habe mein ganzes Leben lang Blut und Waſſer geſchwitzt; ich habe gelitten wie ein Elender; mein Sohn ſoll nicht leiden wie ich. Von den drei⸗ tauſend Franken Gehalt, die ich habe, will ich fünf⸗ zehnhundert der Erziehung meines Sohnes opfern; iſt ſeine Erziehung vollendet, ſo wird er ſein, was er will, Advocat, Arzt, Künſtler; mir gleichviel, was er ſein wird, wenn er nur etwas iſt.““ „Dem zu Folge brachte man den jungen Men⸗ ſchen in eine der erſten Penſionen von Paris. Der Vater lebte mit den fünfzehnhundert Franken, die ihm blieben... nein, nicht mit den fünfzehnhundert Franken! mit den tauſend; denn Du gibſt wohl zu, daß der Unterhalt und das Taſchengeld wenigſtens fünfhundert Franken koſteten?.. Hörſt Du mich, Petrus?“ „Mit der größten Aufmerkſamkeit, mein lieber Oheim, obſchon ich nicht weiß, worauf Sie ab⸗ zielen.“ „Du wirſt es ſogleich erfahren: folge nur auf⸗ merkſam meiner Erzählung.“ Der Graf zog ſeine Tabaksdoſe aus ſeiner Taſche, und Petrus hielt ſich bereit, kein Wort von dem zu verlieren, was ihm ſein Oheim ſagen ſollte, wie er kein Wort von dem, was er geſagt, verloren hatte. —— 151 XXXIV. Wo bewieſen iſt, daß mehr Aehnlichkeit, als man glaubt, zwiſchen den Muſikalienhändlern und den Bilderhändlern ſtattfindet. Der Graf Herbel ſchlürfte wollüſtig ſeine Priſe, ließ von ſeinem Jabot die letzte Spur des Nieſe⸗ pulvers verſchwinden und fuhr dann fort: „Man brachte alſo den Knaben in eines der erſten Colléges von Paris, wo man ihm, außer der Collegialerziehung, einen Lehrer in der deutſchen Sprache, einen Lehrer in der engliſchen Sprache, einen Muſiklehrer gab, ſo daß ſich der jährliche Auf⸗ wand, ſtatt zweitauſend Franken zu belangen, auf zweitauſend fünfhundert belief. Der Vater lebte von fünfhundert Franken; was bekümmerte er ſich um die phyſiſche Nahrung, empfing nur ſein Sohn im Ueberfluſſe die moraliſche Nahrung. „Der junge Menſch machte, wie es eben ging, ſeine Claſſen durch; es war ſogar ein guter Schüler, und der Vater erguickte ſich, als Entſchädigung für alle ſeine Opfer, an den Lobeserhebungen, die ihm über den beharrlichen Fleiß, die gute Aufführung und die Fortſchritte ſeines Sohnes zukamen. „Mit achtzehn Jahren trat er aus dem Collége aus; er konnte ein wenig Griechiſch, ein wenig La⸗ teiniſch, ein wenig Deutſch, ein wenig Engliſch Bemerke wohl, daß er nur ein wenig für die fünf⸗ zehntauſend Franken konnte, die ſeine Erziehung ſei⸗ nem Vater koſtete, und daß ein wenig nicht genug iſt... Dagegen, man muß es ſagen, hatte er große 152 Fortſchritte auf dem Klavier gemacht; ſo daß er, als ihn ſein Vater fragte, was er werden wollte, dreiſt und ohne Zögern antwortete:„„Muſiker!““ „Der Vater wußte nicht genau, was ein Muſiker war; der durch dieſe Worte repräſentirte Künſtler ſchien ihm immer ein Menſch zu ſein, der in freier Luft Concerte auf einer Leier, oder auf einer Harfe, oder auf einer Geige gebe. Doch daran lag ihm wenig: ſein Sohn wollte Mufiker ſein; er hatte wohl das Recht, ſeinen Stand zu wählen. „Man fragte den jungen Mann, bei wem er ſeine muſikaliſchen Studien fortzuſetzen wünſche; er bezeichnete den erſten Pianiſten der Zeit. „Nur mit großen Schwierigkeiten willigte der Meiſter ein, drei Lectionen wöchentlich gegen zehn Franken zu geben; das waren zwölf Lectionen, das heißt hundertundzwanzig Franken monatlich. „Von vierzehnhundertvierzig Franken jährlich zu zweitauſend fünfhundert Franken war der Unterſchied nicht ſo groß, daß man etwas an der Penſion des unglücklichen Knaben vermindern konnte, und was konnte er ſogar mit elfhundert ſechzig Franken machen! „Zum Glücke erhielt um dieſelbe Zeit der Vater eine Zulage von ſechshundert Franken. Er war hier⸗ über ungemein erfreut; das gab ſeinem Sohne ſieb⸗ zehnhundert fünfzig Franken Penſion. Er, da er bis dahin mit fünfhundert Franken gelebt hatte, bei Gott! er würde wohl auch noch ferner davon leben. „Aber man brauchte ein Klavier.— Man konnte nur auf einem Klavier von Erard lernen. Der Flavierlehrer ſprach ein paar Worte mit dem berühm⸗ ten Fabricanten; ein Klavier von viertauſend Franken —— c—— —„——————— — —„—— —„ e — B ———„ 153 wurde auf zweitauſend ſechshundert reducirt, und man gab dem Zögling zwei Jahre, um es zu be⸗ zahlen. Es wurde verabredet, der Zögling ſollte hundert Franken monatlich von den ſiebzehnhundert ſechzig Franken abziehen. „Nach zwei Jahren hatte der Zögling eine ge⸗ wiſſe Stärke erlangt, nur nicht für die Nachbarn; ungerecht, wie man im Allgemeinen gegen die Fort⸗ ſchritte iſt, die man ſich entwickeln ſieht oder hört, fanden dieſe Nachbarn, der junge Klavierſpieler ſei ſehr ſchwach, daß er nicht raſcher die Schwierigkeiten überwinde, mit denen er ſie vom Morgen bis zum Abend regalirte.— Die Nachbarn eines Pianiſten ſind immer ungerecht; doch der junge Mann beküm⸗ merte ſich durchaus nichts um dieſe Ungerechtigkeit. Er ſpielte mit aller Hartnäckigkeit die Studien von Bellini und Variationen von Mozart, den Frei⸗ ſchütz von Weber, die Semiramide von Roſſini. „Mehr noch: durch fortwährendes Spielen kam er auf den Gedanken, er könnte auch Muſik machen. Von da zur Ausführung eiſt es nur ein einziger Schritt; dieſen Schritt vollbrachte er mit ziemlich viel Glück. „Doch man weiß, die Muſikalienhändler wie die Buchhändler haben alle eine und dieſelbe Antwort, abwechſelnd in der Form, unveränderlich im Grunde, über die Ambitionen der debutirenden Romanenſchrei⸗ ber oder Componiſten:„„Machen Sie ſich bekannt, und ich werde Sie veröffentlichen.“ Das iſt dem Anſcheine nach ein ziemlich fehlerhaftes Verfahren, da man nur bekannt werden kann, wenn man ge⸗ druckt wird... Ich weiß nicht, wie das zugeht, 154 diejenigen aber, welche wirklich den Teufel im Leibe haben, werden am Ende immer bekannt.— Doch, ich weiß, wie das zugeht: das geſchieht, wie unſer junger Mann that. „Er ſparte an Allem, ſogar an der Nahrung, und häufte am Ende zweihundert Franken an, mit denen er Variationen über Di tanti palpiti drucken ließ. „Der Namenstag ſeines Vaters nahte heran; die Variationen wurden für dieſen Tag gedruckt. „Der Vater hatte die Befriedigung, den Namen ſeines Sohnes in Fettſchrift über kleine ſchwarze Punkte gedruckt zu ſehen, die ihm um ſo ehrwürdiger ſchienen, als er nichts davon begriff; doch, nach dem Mittagsmahle, legte der Sohn das Stück feierlich auf das Inſtrument, und, mit Hülfe von Erard, hatte es einen glänzenden Familienſucceß. „Der Zufall,— damals ſagte man die Vor⸗ ſehung,— wollte, daß das Stück nicht ſchlecht war, und daß es einen gewiſſen Succeß in der Welt er⸗ hielt. Da der junge Mann darin nur die Schwierig⸗ keiten, die er ſelbſt überwinden konnte, angehäuft, und eine Anzahl von geſchwänzten, doppelt geſchwänz⸗ ten, dreifach geſchwänzten Noten hatte figuriren laſſen, welche in unerfahrenen Augen eine ziemlich majeſtä⸗ tiſche Wirkung hervorbrachten, ſo fielen die Zöglinge von zweiter Stärke über das Stück her, das ſich raſch erſchöpfte. „Unglücklicher Weiſe konnte der Herausgeber allein den Succeß beurtheilen, und da die Hoffart eine Todſünde iſt, und er eine ſo unſchuldige Seele, wie es die des Klienten war, der ihn mit ſeinen Int * e , er 9, it n m ich d, or⸗ er⸗ ig⸗ ft nz en, tã⸗ ige ſch ein ine wie t 15⁵ reſſen betraut hatte, nicht gefährden wollte, war er bei ſeiner dritten Auflage, als er ihm ſagte, es blei⸗ ben noch tauſend von der erſten im Magazin. Er willigte indeſſen ein, ihm ſeine zweite Etude auf ſeine Gefahr drucken zu laſſen; die dritte mit Theilung beim Nutzen.— Es verſteht ſich von ſelbſt, daß nie eine Theilung ſtattfand.— Im Ganzen aber wurde der Effect hervorgebracht, und der Name unſeres jungen Mannes fing an in den Salons in Umlauf zu kommen. „Man machte ihm den Vorſchlag, Lectionen zu geben. Er lief zu ſeinem Herausgeber und fragte ihn um Rath. Er fand, wenn er drei Franken für die Marke fordere, mache er maßloſe Prätenſionen; der Herausgeber ſetzte ihm aber auseinander, die Leute, welche drei Franken geben, können auch zehn geben; Alles hänge von den Anfängen ab, und er ſei ein zu Grunde gerichteter Menſch, wenn er ſich zu weniger als zehn Franken die Stunde ſchätze.“ „Aber, mein Oheim,“ ſagte Petrus, der mit viel Aufmerkſamkeit zugehört hatte, und von einer ge⸗ wiſſen Aehnlichkeit betroffen war,„wiſſen Sie, daß dieſe Geſchichte große Aehnlichkeit mit der meini⸗ gen hat?“ „Du findeſt?“ erwiederte der Graf mit ſeinem ſpöttiſchem Lächeln;„warte, Du wirſt das ſogleich beſſer beurtheilen.“ Und er fuhr fort: „Während ſich unſer junger Mann in der Com⸗ poſition verſuchte, erlangte er zugleich eine gewiſſe Stärke in der Execution. Eines Tages machte ihm ſein Herausgeber den Vorſchlag, er ſollte ein Concert * 156 geben. Der junge Mann ſchaute den vermeſſenen Muſikalienhändler mit Schrecken an. Ein Concert geben, war indeſſen der Gegenſtand ſeiner heißeſten Wünſche. Doch er hatte ſagen hören, die Koſten eines Concertes belaufen ſich wenigſtens auf tauſend Franken. Wie eine ſolche Speculation wagen? Schlug das Concert fehl, ſo war er zu Grunde gerichtet; nicht nur er, ſondern auch ſein Vater!... Damals fürchtete ſich unſer junge Mann noch, ſeinen Vater zu Grunde zu richten.“ Petrus ſchaute den General an. „Der Dummkopf, nicht wahr?“ fuhr dieſer fort. Petrus ſchlug die Augen nieder. „Gut! nun haſt Du mich unterbrochen, und ich weiß nicht mehr, wobei wir ſind,“ ſagte der General. „Wir waren beim Concert, mein Oheim; der junge Muſiker befürchtete nicht auf ſeine Koſten zu kommen.“ „Ganz richtig... Der Muſikverleger erbot ſich edelmüthig, Alles zu übernehmen— immer auf ſeine Gefahr. Die Entrées, die ihm ſeine Muſik in den erſten Salons von Paris gewährte, gaben ihm Hoff⸗ nung, eine Anzahl Billets unterzubringen. Er brachte tauſend zu fünf Franken unter und ſandte davon großmüthig fünfzehn dem Concertgeber: das war für ſeine Familie und für ſeine Freunde. „Es verſteht ſich von ſelbſt, daß der gute Vater ſeinen Platz auf der erſten Bank hatte. Dies eral⸗ tirte ohne Zweifel unſern Debutanten, denn er that Wunder. Sein Succeß war ungeheuer; der Unter⸗ nehmer hatte zwölfhundert Franken Koſten und ſechs„ „ tauſend Franken Einnahme.“ „ .* 157 n„„Mir ſcheint,““ ſagte ſchüchtern unſer junger t Mann zu ſeinem Muſikalienhändler,„„wir hatten n einige Perſonen in unſerem Concerte?““ „„Verſchenkte Billets,““ antwortete der Her⸗ d ausgeber.“ g„Gut!“ rief Petrus lachend,„mir ſcheint, es iſt t;in der Muſik wie bei der Malerei. Sie erinnern ſich meines Succeſſes im Salon von 1824, nicht wahr, r mein Oheim?“ „Bei Gott!“ „Ein ſchändlicher Händler kaufte mir mein Bild t. um zwölfhundert Livres ab und verkaufte es wieder um ſechstauſend.“ ch„Du bekamſt aber doch zwölfhundert Franken,“ . ſagte der General. er„Ein paar Louisd'or weniger,“ erwiederte Petrus, u„die ich für meine Leinwand, für meine Modelle und für meinen Rahmen ausgegeben hatte.“ ch„Nun wohl,“ ſprach der Graf mit einer immer e mehr ſpöttiſchen Miene,„eine neue Aehnlichkeit en zwiſchen Dir und unſerm neuen Muſiker.“ ff⸗ Und der General, als wäre er über dieſe Unter⸗ te brechung entzückt geweſen, zog ſeine Tabaksdoſe aus n ſeiner Weſte, ſchöpfte daraus eine Priſe mit dem ür Ende ſeiner ariſtokratiſchen Finger, und ſchlürfte ſie, indem er ein wollüſtiges ah! entſchlüpfen ließ. er ⸗ at r⸗ 6„ XXXV. In welchem man in dem Momente, wo man es am wenigſten erwartete, eine neue Perſon eintreten ſieht. „Von dieſem Augenblicke an,“ fuhr der Graf fort,„war unſer junger Mann lancirt. Der Muſika⸗ lienhändler hätte gern die angefangene Ausbeutung fortſetzen mögen; doch was unſer junger Mann nicht ſah, machten ihn ſeine Freunde ſehen, und wie groß auch ſeine Beſcheidenheit war, er begriff am Ende, daß er mit ſeinen eigenen Flügeln fliegen konnte. Und in der That, von dieſer Zeit an gingen Studien für das Klavier, Lectionen, Concerte mit gleichen Schritten vorwärts, und der junge Mann gelangte mit dreiundzwanzig bis vierundzwanzig Jahren dahin, daß er ſechstauſend Franken jährlich verdiente, das heißt das Doppelte von dem, was ſein Vater mit fünfzig Jahren ſich erwarb.“ „Der erſte Gedanke, der ſich nun dem Herzen des jungen Mannes bot,— denn er hatte ein gutes Herz,— war, ſeinem Vater wieder zu erſtatten, was ſein Vater für ihn ausgegeben hatte. Er hatte lange mit ſiebzehnhundert Franken jährlich gelebt, er konnte alſo großartig mit dreitauſend leben. Er war alſo im Stande, ſeinem Vater dreitauſend Franken jähr⸗ lich zurückzugeben. Seinem Vater, der ſich für ihn jede Entbehrung auferlegt hatte, würde es fortan an nichts mehr fehlen.“ „Sodann würden ſich die Einnahmen verdoppeln; es würde ein Gedicht kommen, er würde die Muſik . „ n 159 dazu machen; er würde in der Opéra⸗Comique ge⸗ ſpielt werden, wie Hérold, oder in der großen Oper wie Auber; er würde zwanzig⸗, dreißjg⸗, vierzigtau⸗ ſend Franken verdienen, und wie der Wohlſtand auf die Noth folgen ſollte, ſo ſollte der Luxus auf den Wohlſtand folgen. Was ſagſt Du zu dieſem Plane, Petrus?“ „Ei!“ erwiederte der junge Mann ziemlich ver⸗ legen, denn er bemerkte, daß ſich die Lage des Mu⸗ ſikers immer mehr der ſeinigen näherte,„ei! ich finde ihn ganz natürlich, mein Oheim.“ „Und Du hätteſt an der Stelle des Muſikers ge⸗ than, was der Muſiker zu thun vorhatte?“ „Mein Oheim, ich hätte gegen meinen Vater dankbar zu ſein geſucht.“ „Traum! ein ſchöner Traum, mein Freund, die Dankbarkeit der Kinder!“ „Mein Oheim!“ „Ich, was mich betrifft, glaube nicht daran,“ fuhr der General fort,„und zum Beweiſe dient, daß ich nicht verheirathet bin.“ Petrus antwortete nichts. Der General heftete einen tiefen Blick auf ihn; ſodann, nach einem Momente des Stillſchweigens, ſagte er: „Nun wohl, dieſen Traum machte eine Frau ver⸗ ſchwinden.“ „Eine Frau?“ murmelte Petrus. „Oh! mein Gott, ja,“ fuhr der General fort; „unſer Muſiker fand in der Geſellſchaft eine hübſche, ſehr reiche Frau, die auf großem Fuße lebte. Es war übrigens eine ſehr ſchöne und ſehr verſtändige 160 Perſon; ſelbſt Künſtlerin, ſo weit dies einer vorneh⸗ men Frau zu ſein erlaubt iſt. Der junge Mann legte ihr, nach dem Ausdrucke der Schmachtenden, ſeine Liebe zu Füßen. Sie geruhte dieſe Liebe aufzuheben, und von dieſem Augenblicke war Alles beendigt.“ Petrus hob raſch den Kopf empor. „Ja,“ ſagte der General,„Alles war beendigt. Unſer Muſiker vernachläſſigte ſeine Lectionen.— Wie noch Lectionen zu ſechs Franken die Marke geben, wenn man von einer Gräfin, einer Marguiſe, einer Prinzeſſin, was weiß ich? ausgezeichnet worden?— Er vernachläſſigte die Etuden, die Themen, die Varia⸗ tionen für das Klavier; er wollte keine Concerte mehr geben. Er hatte von einem Gedichte, von einer Auf⸗ führung in der Oper geſprochen; er erwartete das Gedicht, das Gedicht kam nicht. Die Herausgeber machten Queue vor ſeiner Thüre, er übernahm Ver⸗ bindlichkeiten gegen Sie unter der Bedingung von Vorſchüſſen, die man ihm machen würde. Man kannte ihn als ehrlichen Mann, ganz ſeinem Worte treu, man that Alles, was er wünſchte: er ſteckte ſich in Schulden. Mußte man ſich nicht auf den Fuß ſetzen, auf dem der Geliebte einer vornehmen Dame leben ſoll? Pferde, ein Coupé, Livreebediente, Teppiche auf den Treppen haben? Sie vermuthete natürlich nichts; ſie hatte zweimalhunderttauſend Livres Ein⸗ kommen; was für den armen Muſiker ein zu Grunde richtender Aufwand war, war für ſie die Mittel⸗ mäßigkeit. Ein Coupé, ein paar Pferde! ſie bemerkte nicht einmal, daß der junge Mann ein Coupé und ein paar Pferde hatte. Wer hat nicht zwei Pferde und ein Coupé?... Er indeſſen erſchöpfte alle ſe 1 S r—/)— 5— — 161 ſeine Mittel; ſodann als ſeine Mittel erſchöpft waren, wandte er ſich an ſeinen Vater. Ich weiß nicht, wie es der Vater machte, um ihn zu unterſtützen; er gab ihm ſicherlich kein Geld, denn er hatte keines; wahr⸗ ſcheinlich aber gab er ihm ſeine Unterſchrift. Die Unterſchrift eines ehrlichen Mannes, der keinen Sous Schulden hat, das discontirt ſich— mit Verluſt, ich weiß es wohl, doch das dis contirt ſich.— Nun wird der Vater, am Verfal ltage, trotz ſeines guten Willens, nicht bezah⸗ len können; ſo daß eines Tages bei der Rückkehr von der Spazierfa hrt unſer Livreebedienter unſerm jungen Mann auf einem ſilbernen Brette einen Brief über⸗ reichen wird, der ihm ankündigt, ſein Vater ſei in der Rue de la Clef, und iſt man einmal dort, Du weißt, Petrus, ſo iſt man für fünf Jahre dort.“ „Mein Oheim! mein Oheim!“ rief Petrus. „Nun was?“ fragte der General. „Ohl ich bitte, haben Sie Mitleid!“ „Mitleid? Ah! ah! mein Lieber, Sie begreifen alſo, daß es Ihre Geſchichte iſt. oder ungefähr, was ich Ihnen erzähle?“ „Mein Oheim,“ ſagte Per us,„Sie haben Recht, ich bin ein Narr, ein Hoffärtiger, ein Wahnſinniger!“ „Sind Sie nicht ſchlimmer als Alles dies?“ ſprach der Graf mit einer Strenge, in die ſich eine gewiſſe Traurigkeit miſchte.„Weil Ihr Vater einſt um den Preis ſeines Blutes ein Vermögen beſaß, das Ihnen als Edelmann zu leben erlaubt hätte, wäre vieſes Edelmannsleben in einer Zeit, wo die Arbeit eine Pflicht für jeden Bürger iſt, nicht gleichbedeutend mit Nüßigang, folglich mit Schande geweſen; weil Sie Ihr Vater, der dreißig Jahre auf dem harten Dumas, Salvator. IMI. 162 Bette des Oceans geſchüttelt worden war, Sie als ein Kind in eine goldene Wiege gelegt hat, bildeten Sie ſich ein, der Sturm habe die Beute wiederge⸗ wonnen, die der Sturm ſich hatte nehmen laſſen; Sie bildeten ſich ein, Alles ſei, wie in den Tagen Ihrer Kindheit, als Sie mit den engliſchen Guineen und den ſpaniſchen Dublonen ſpielten, und Sie dach⸗ ten nicht daran, es ſei Feigheit von Ihnen, hätten Sie es nicht von ihm verlangt, von einem Greiſe, und zwar um Ihre tolle Eitelkeit zu befriedigen, an⸗ zunehmen, was ihm die Wohlthat des Zufalls ließ.“ „Mein Oheim! mein Oheim! ich bitte,“ rief Petrus,„ſchonen Sie mich!“ „Ja, ich werde Dich ſchonen; denn ich habe Dich ſoeben über Deinen eigenen Fehler, verkleidet unter dem Namen eines andern, erröthen ſehen. Ja, ich werde Dich ſchonen; denn ich hoffe, wenn es noch Zeit iſt, Dich zu retten,— der Anblick des Abgrundes, welchem Du zuläufſt, und in den Du Deinen armen Vater mit Dir fortreißſt, wird Dich bewegen, einen Schritt rückwärts zu machen.“ „Mein Oheim,“ ſagte Petrus, indem er dem General die Hand reichte,„ich verſpreche Ihnen...“ „Oh!“ antwortete der General,„ich gebe nicht ſo die Hand wieder, die ich einmal zurückgezogen habe. Du verſprichſt, das iſt gut, Petrus, doch erſt, wenn Du kommſt und mir fagſt:„„Ich habe gehalten,“ werde ich Dir erwiedern:„„Bravo, Junge, Du biſt in der That ein redlicher Menſch!““ Und der General, um ſeine Weigerung etwas weniger hart zu machen, beſchäftigte ſeine beiden Hände, die eine, um ſeine Tabaksdoſe zu halten, die „0 ter ich ch es, en en em gen abe vo oas den die 163 andere, um eine Priſe an den Ort ihrer Beſtimmung zu führen. Petrus, der abwechſelnd erröthete und erbleichte, ließ träge die Hand fallen, die er dem General reichte. In dieſem Augenblicke hörte man einen gewal⸗ tigen Lärmen auf der Treppe; zugleich einen Lärmen von Stimmen und Tritten. Die Stimmen ſagten: „Ich erkläre dem Herrn, daß die Befehle, die ich erhalten habe, beſtimmt ſind.“ „Was für Befehle haſt Du erhalten, Burſche?“ „Niemand eher hinaufzulaſſen, als bis ich die Karte überbracht habe.“ „Wem?“ „Dem Herrn Baron.“ „Und wie nennſt Du den Herrn Baron?“ „Den Herrn Baron von Courtenay.“ „Komme ich zum Herrn Baron von Courtenay? Ich komme zu Herrn Pierre Herbel.“ „Dann werden Sie nicht hinaufgehen.“ „Wie! ich werde nicht hinaufgehen?“ „Nein.“ ⸗ „Ah! Du verſperrſt mir den Weg.. warte.“ Ohne Zweifel wartete derjenige, welcher zu war⸗ ten eingeladen war, nicht lange, denn der Oheim und der Neffe hörten faſt in demſelben Momente ein ziemlich ſeltſames Geräuſch, das dem eines ſchweren vom erſten Stocke in das Erdgeſchoß fallenden Kör⸗ pers glich. „Was Teufels geht denn auf Deiner Treppe vor?“ fragte der General. 164 „Ich weiß es nicht, mein Oheim, doch ſo viel ich beurtheilen kann, iſt es mein Bedienter, der ſich mit Jemand ſtreitet.“ „Potz Henker!“ rief der General,„ohne Zweifel iſt es ein Gläubiger, der für geeignet gehalten haben wird, den Augenblick zu wählen, wo ich bei Dir bin.“ „Mein Oheim!“ „Sieh' nach.“ Petrus machte ein paar Schritte nach der Thüre. Doch ehe er ſie erreicht hatte, öffnete ſich dieſe Thüre mit Heftigkeit und gewährte einem Manne Durchgang, der mit der Wuth einer Bombe in das Atelier hereintrat. „Mein Vater,“ rief Petrus, indem er ſich dieſem Manne in die Arme warf. „Mein Sohn,“ ſagte der alte Seemann, indem er ihn in ſeinen Armen empfing. „Ei! in der That, es iſt mein Pirat von einem Bruder,“ murmelte der General. „Und Du auch!“ rief der alte Seemann,„der verdammte Hund hatte doppelt Unrecht, mir die Thüre zu verſchließen, Petrus.“ „Ich nehme an, Du ſprichſt vom Kammerdiener meines Herrn Neffen?“ „Ich ſpreche von einem Burſchen, der mich ver⸗ hindern wollte, heraufzugehen.“ „Ja, und den Du allem Anſcheine nach hinab⸗ gehen gemacht haſt.“ „Ich befürchte es... Sage doch Petrus.“ „Mein Vater!“ „Du mußt nachſehen, ob ſich der Dummkopf nicht irgend etwas gebrochen hat.“ S 8S„„ S— c it el en e. ſe ne 2 as em der die ner ab⸗ icht 165 „Ja, mein Vater,“ erwiederte Petrus, und er ſtieg raſch die Treppe hinab. „Nun, alter Seewolf, Du haſt Dich alſo nicht geändert?“ ſagte der General,„und ich finde Dich noch ſo zornſüchtig, wie ich Dich verlaſſen habe.“ „Und es iſt viel zu wetten, daß ich mich nun nicht mehr ändern werde,“ erwiederte Pierre Herbel, „ich bin zu alt dazu.“ „Ah! ſagen Sie nicht, Sie ſeien alt, mein Herr Bruder, denn ich bin drei Jahr älter als Sie,“ ſprach der General. In dieſem Augenblicke kam Petrus zurück und brachte die Nachricht, ſein Bedienter habe nichts ge⸗ brochen, ſondern nur den rechten Fuß verſtaucht. „Ah!“ ſagte der alte Seemann,„dann war er doch weniger dumm, als er ausſah.“ XXXVI. Ein Freibeuter. Der Name des Bruders vom General Herbel, des Vaters von Petrus, iſt ſchon mehr als einmal in dieſer Erzählung vorgekommen; doch die Zahl unſerer Perſo⸗ nen iſt ſo groß, und unſere Thatumſtände ſind ſo zahl⸗ reich und ſo tief mit einander verhalftert, daß wir es, zu größerer Klarheit, vorziehen,— ſtatt, nach den Re⸗ geln der dramatiſchen Kunſt, unſere Perſonen ſchon in den erſten Scenen aufzuſtellen,— um nicht die In⸗ trigue zu verwickeln, das Phyſiſche und Moraliſche dieſer Perſonen in dem Augenblicke zu ſchildern, wo 166 ſie dem Leſer erſcheinen, um activen Antheil an un⸗ ſerer Handlung zu nehmen. Der Vater von Petrus hat, wie man ſieht, die Thür vom Atelier ſeines Sohnes gewaltſam geöffnet und iſt in unſerem Buche erſchienen. Dieſer An⸗ kömmling wird ſpielen und hat ſogar geſpielt in der Exiſtenz ſeines Sohnes eine Rolle, welche wichtig genug, daß wir uns im Intereſſe der folgenden Sce⸗ nen verbunden glauben, ein paar Worte über ſeine Lebensvorgänge zu ſagen, die ihm ſein Bruder ſo bitter vorwarf. Unſer Leſer wolle ſich beruhigen: es iſt kein neuer Roman, den wir unternehmen, nein, wir wer⸗ den ſo kurz ſein, als möglich. Chriſtian Pierse Herbel, Vicomte von Courtenay, jüngerer Bruder des Generals, war, wie dieſer, in der Heimath von Duguay⸗Trouin und von Surcouf geboren; er war geboren 1770 in St. Malo, dem Horſte aller dieſer Seeadler, welche man unter dem generiſchen Namen Corſaren bezeichnet, und die, wenn nicht der Schrecken, doch wenigſtens die Geißel der Engländer ſechs Jahrhunderte hindurch, das heißt von Philipp Auguſt bis zur Reſtauration, geweſen ſind. Ich weiß nicht, ob eine Geſchichte der Stadt St. Malo exiſtirt; ich weiß aber, daß ſich keine See⸗ ſtadt mit mehr Recht als dieſe rühmen könnte, die loyalſten Kinder zur Welt gebracht und Frankreich die unerſchrockenſten Seeleute geſchenkt zu haben. Zwi⸗ ſchen Duguay⸗Trouin und Surcouf können wir ſetzen, Chriſtian der Corſar oder— wenn wir ihm ſtatt 4 —— 8 —„ —— ——— — m 167 ſeines Kriegsnamens ſeinen Familiennamen geben wollen— Pierre Herbel, Vicomte von Courtenay. Um mit ihm bekannt zu machen, wird es uns genügen, mit einem Strahle einige von den erſten Tagen ſeiner Jugend zu beleuchten. Schon 1786, das heißt kaum ſechszehn Jahre alt, gehörte Pierre Herbel zur Equipage eines Frei⸗ beuters, auf dem er ſich zwei Jahre vorher als Frei⸗ williger engagirt hatte. Rachdem er in einem einzigen Feldzuge ſechs engliſche Schiffe erbeutet, wurde dieſer, in St. Malo bemannte, Corſar ſelbſt genommen. Das erbeutete Schiff ward auf die Rhede von Portsmouth gebracht, und die Mannſchaft auf den Pontons vertheilt. Der junge Herbel wurde mit fünf von ſeinen Gefährten auf den Ponton der König Jacob ge⸗ ſchickt. Er blieb hier ein Jahr, immer unter ſeinen fünf Gefährten. Man hatte im Zwiſchendeck eine Art von ſtinkender Kajüte angebracht, welche als Priſon für die ſechs Gefangenen diente; dieſer Kerker wurde gelüftet und beleuchtet durch eine einen Fuß breite und ſechs Zoll hohe Stückpforte. Durch dieſe Oeff⸗ nung ſahen die Unglücklichen den Himmel. Eines Tages ſagte Herbel zu ſeinen Gefährten; die Stimme dämpfend: „Langweilt Ihr Euch nicht hier?“ „Zum Sterben,“ antwortete ein Pariſer, der von Zeit zu Zeit ein wenig Heiterkeit in die Bande brachte. „Was würdet Ihr wohl wagen, um von hier loszukommen?“ fuhr der junge Mann fort. „ 168 „Einen Arm,“ ſagte der Eine.—„Ein Bein,“ ſagte der Andere.—„Ein Auge,“ ſagte ein Dritter. „Und Du, Pariſer?“ Den Kopf.“ „Du gefällſt mir, Du handelſt nicht, und Du biſt mein Mann.“ „Wie, ich bin Dein Mann?“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Daß ich heute Nacht die Flucht ergreife, und da Du denſelben Einſatz gibſt, wie ich, ſo werden wir mit einander fliehen.“ „Ah! keine Dummheiten!“ rief der Pariſer. „Erkläre Dich,“ ſagten die Anderen. „Das wird bald geſchehen ſein. Ich habe dieſes warme Waſſer, das ſie Thee nennen, dieſes abſcheu⸗ liche Kuhfleiſch, das ſie Ochſenfleiſch nennen, dieſen Nebel, den ſie Luft nennen, dieſen Mond, den ſie Sonne nennen, dieſen Milchkäſe, den ſie Mond nen⸗ nen, ſatt und überſatt und ich gehe.“ „Wie gehſt Du?“ „Ihr braucht das nicht zu wiſſen, da nur der Pariſer mit mir kommt.“ „Und warum kommt nur der Pariſer mit Dir?“ „Weil ich keine Leute haben will, welche feilſchen, wenn es ſich um Frankreich handelt.“ „Ei! alle Teufel! wir feilſchen nicht.“ „Dann iſt es etwas Anderes. Ihr ſeid entſchie⸗ den, wenn es ſein muß, Euer Leben bei dem Unter⸗ nehmen zu laſſen, das wir verſuchen wollen?“ „Haben wir eine Chance für uns?“ „Wir haben eine.“ ſ 1—, c— c e — 169 „Und gegen uns?“ „Dann ſind wir dabei.“ „Gut.“ „Was haben wir zu thun?“ „Nichts.“ b „Ihr habt mich anzuſchauen und zu ſchweigen, ſonſt nichts.“ „Das iſt ſehr leicht,“ ſagte der Pariſer. „Nicht ſo ſehr, als Du glaubſt,“ erwiederte Herbel;„mittlerweile Stille!“ Herbel machte nun ſeine Binde von ſeinem Halſe los, und bedeutete ſeinem Nachbar durch ein Zeichen, daſſelbe zu thun; alle Andern ahmten ſodann dem Nachbar nach. „Gut!“ ſagte Herbel. Und er nahm die Halsbinden und knüpfte ſie aneinander; als ſie zuſammengeknüpft waren, ſchob er das Ende durch die Stückpforte, und ließ es ge⸗ gen das Meer hängen, wie er es mit einer Leine gethan hätte; dann zog er es an ſich. Das Ende war nicht befeuchtet. „Teufel!“ ſagte er,„wem liegt nichts an ſeinem Hemde?“ Einer von den Gefangenen zog ſein Hemd aus und riß einen Streifen davon ab. Herbel fügte den Streifen den Halsbinden bei, knüpfte einen Kieſelſtein an das Ende, um das Senk⸗ blei zu erſetzen, und wiederholte dieſelbe Operation. Die Leine kam befeuchtet zurück. Sie war alſo lang genug, um das Meer zu erreichen. 170 „Alles geht gut,“ ſagte Herbel. Und er warf die Leine wieder aus. Die Nacht war finſter, und man konnte unmöglich dieſe Leine ſehen, welche an den Flanken des Schiffes hinabhing. 4 Die Anderen ſchauten ihm mit Beſorgniß zu, und wollten ihn befragen; er antwortete ihnen aber durch einen Wink, der bedeutete:„Stille!“ Es verging ungefähr eine Stunde. Man hörte die Glocke von Portsmouth Mitter⸗ nacht ſchlagen. Die Gefangenen zählten die Schläge voll Ban⸗ gigkeit. „Zwölf Uhr,“ ſagte der Pariſer. „Mitternacht,“ ſagten die Anderen. „Das iſt ſpät, nicht wahr?“ fragte eine Stimme. „Es iſt keine Zeit verloren,“ erwiederte Herbel; „Stille!“ Und Alles kehrte in die frühere Unbeweglichkeit zurück. Kach einigen Minuten klärte ſich ſein Geſicht auf. „Das beißt an,“ ſagte er. „Gut!“ ſprach der Pariſer;„laß nach.“ Herbel bewegte ſachte die Leine, wie er es mit einer Klingelſchnur gethan hätte. „Beißt das immer an?“ fragte der Pariſer. „Es iſt genommen!“ antwortete Herbel. Und er zog ſachte die Leine an ſich, während ſich die Gefangenen auf den Fußſpitzen erhoben, um zu ſehen, was er bringen werde. Er brachte eine kleine ſtählerne Klinge, fein wie eine Uhrfeder, ſcharf wie der Kinnbacken eines Hechtes. —————— ————— 17¹ „Ich kenne dieſen Fiſch,“ ſagte der Pariſer,„das nennt man eine Säge.“ „Und Du weißt, zu welcher Sauce er taugt, nicht wahr?“ „Vollkommen.“ „Dann laſſen wir Dich machen.“ Herbel machte die Säge los, und fünf Minuten nachher griff das Inſtrument geräuſchlos in die Flanke von König Jacob ein und verlängerte die Stückpforte, wodurch die Oeffnung ſo vergrößert wurde, daß ein Menſch durchſchlüpfen konnte. Während dieſer Zeit erzählte der Pariſer, deſſen offener Geiſt die Fäden einer Handlung ſo leicht an einander knüpfte, als Pierre Herbel die zwei Enden einer Halsbinde,— der Pariſer erzählte leiſe den Anderen, wie ſich Pierre Herbel das Werkzeug, mit dem er operirte, verſchafft habe. Drei Tage vorher war eine Amputation an Bord des König Jacob von einem in Portsmouth an⸗ ſäßigen franzöſiſchen Wundarzte vorgenommen wor⸗ den. Pierre Herbel und der Wundarzt hatten ein paar Worte gewechſelt. Ohne Zweifel hatte Pierre Herbel ſeinen Landsmann gebeten, ihm eine Säge zu verſchaffen, der Landsmann hatte ſie ihm ver⸗ ſprochen und Wort gehalten. Als der Pariſer ſeine Suppoſitionen beendigt hatte, nickte Pierre Herbel, mit dem Kopfe bezeich⸗ nend, Alles, was er vermuthet, ſei Wahrheit. Eine Seite der Stückpforte war durchſägt, man ging zur andern über. Es ſchlug ein Uhr. 172 „Gut!“ ſagte Pierre Herbel,„wir haben noch fünf Stunden Nacht.“ Und er ſchritt wieder zur Arbeit mit einem Eifer von guter Vorbedeutung für den Erfolg des Unter⸗ nehmens. Nach einer Stunde war die Arbeit beendigt, und das abgeſägte Holzſtück hielt nur noch an einem Fa⸗ den; die geringſte Anſtrengung mußte genügen, um es loszumachen. Als man ſo weit war, hielt Pierre Herbel inne und ſagte: „Achtung! Jeder mache ein Päckchen aus ſeinen Hoſen und ſeinem Hemde, und befeſtige es mit ſei⸗ nen Hoſenträgern auf ſeinen Schultern, ungefähr wie ein Fußgänger ſeinen Torniſter. Der Jacke müſſen wir entbehren wegen der Farbe und der Marke.“ Die Jacken der Gefangenen waren gelb und mit einem T und einem O bezeichnet. Man gehorchte ſtillſchweigend. „Hier ſind nun ſechs Stäbchen von verſchiedener Größe,“ fuhr er fort;„derjenige, welcher das größte zieht, ſpringt zuerſt ins Waſſer und ſo fort.“ Man zog das Loos. Pierre Herbel ſollte zuerſt abgehen und der Pariſer zuletzt. „Wir ſind bereit,“ ſagten die ſechs Matroſen. „Zuvor einen Eid.“. „Welchen?“ „Es iſt möglich, daß die Schildwache auf uns ſchießt.“ „Es iſt ſogar wahrſcheinlich,“ erwiederte der Pariſer. 173 „Wird Niemand berührt, deſto beſſer; wird aber Einer herührt, deſto...“ „Deſto ſchlimmer für denjenigen, welcher berührt wird,“ bemerkte der Pariſer;„mein Vater, der Koch war, pflegte zu ſagen, man mache keinen Pfann⸗ kuchen, ohne Eier zu zerbrechen.“ „Das iſt noch nicht genug; wir werden uns unſer Wort geben, daß derjenige, welcher berührt wird, keinen Schrei ausſtößt, ſich ſogleich von ſeinen Kameraden trennt, nach rechts oder nach links ſchwimmt, und wird er wieder gefangen, falſche Auskunft gibt.“ „Bei meinem Ehrenworte!“ ſprachen die fünf Franzoſen. „So wollen wir uns der Obhut Gottes em⸗ pfehlen!“ Pierre Herbel machte eine Anſtrengung, zog das Holzſtück an ſich, und nachgebend gewährte dieſes eine Oeffnung, durch welche der Körper eines Men⸗ ſchen paſſiren konnte. Sodann grub er, vermittelſt zweier ſenkrecht gethanen Sägezüge, eine Art von Fuge, durch die er das Ende des Strickes ſchob, der aus Halsbinden und Hemdärmeln zuſammengeſetzt war, welcher dazu dienen ſollte, die Leute ins Meer hinabzulaſſen; er machte einen Knoten an das Ende dieſes Strickes, ſo daß der Knoten, da er nicht durch die Heffnung ſchlüpfen konnte, den nöthigen Wider⸗ ſtand bot, um den Körper eines Menſchen zu halten; hierauf hing er mittelſt einer Schnur eine Rum⸗ flaſche an ſeinen Hals; endlich ließ er ſich um das linke Fauſtgelenk ſein Meſſer offen binden, und nach⸗ dem alle dieſe Vorbereitungen beendigt waren, nahm 174 er den Strick und glitt ins Meer hinab, wo er ver⸗ ſchwand, um erſt jenſeits des Lichtkreiſes wieder zu erſcheinen, den die Laterne zog, welche auf der äußeren Gallerie brannte, wo die Schildwache auf und abging. Ein Kind des Oceans, unter den Wellen auf⸗ gezogen, wie ein Sturmvogel, war Pierre Herbel ein vortrefflicher Schwimmer; er durchſchwamm auch ohne Anſtrengung an fünfzehn bis zwanzig Klafter, auf die ſich der Lichtkreis ausdehnte; dann erſchien er in der Finſterniß wieder. Nun, ſtatt ſeinen Weg zu verfolgen, hielt er an und erwartete ſeine Ge⸗ fährten. Nach einem Augenblicke öffnete ſich die Welle ein paar Schritte vor ihm, und der Kopf eines zwei⸗ ten Gefangenen erſchien auf der Oberfläche des Meeres; dann der eines dritten, dann der eines vierten. Plötzlich beleuchtete ein Licht die Wogen, ein Schuß knallte, die Schildwache hatte gefeuert. Man hörte keinen Schrei, aber es erſchien Nie⸗ mand mehr; nur wurde faſt unmittelbar darauf das Geräuſch eines ins Meer fallenden Körpers hörbar, und nach drei Secunden ließ die See, ſich öffnend, das feine ſpöttiſche Geſicht des Pariſers ſehen. „Vorwärts!“ ſagte er,„es iſt keine Zeit zu ver⸗ lieren; Numero 5 hält aus.“ „Folgt mir,“ ſprach Pierre Herbel,„und ſuchen wir uns nicht zu trennen.“ Bei dieſen Worten wandten ſich die fünf Flücht⸗ linge, unter Anführung von Pierre Herbel, ſo viel das möglich war, nach der offenen See. iel 175 Hinter ihnen, an Bord des Ponton, entſtand ein ungeheurer Tumult; der Schuß der Schildwache hatte Lärm gemacht; fünf bis ſechs Schüſſe wurden aufs Gerathewohl gefeuert; die Flüchtlinge hörten die Ku⸗ geln pfeifen, doch keiner derſelben wurde getroffen. Eine Barke wurde ins Meer geſetzt mit der Ge⸗ ſchwindigkeit, welche dieſe Art von Manveuvre be⸗ zeichnet; vier Ruderer ſprangen hinein; vier Soldaten und ein Sergeant ſtiegen nach ihnen hinab, mit ge⸗ ladenen Gewehren, die Bajonnete auf der Flinte, und die Barke fing an, den Flüchtlingen nachzu⸗ ſetzen. „Verzettelt Euch, wenn Ihr wollt,“ ſagte Herbel, „und Glück zu!“ „Gut!“ erwiederte der Pariſer,„das iſt unſer letztes Mittel.“ Die Barke ſprang auf den Wellen. Ein Ma⸗ troſe, der auf dem Vordertheile ſtand, trug eine Fackel, die ein Licht auswarf, daß man eine Barbe von einer Goldbraſſe unterſcheiden konnte. Sie rückte gerade in Verfolgung der Flüchtlinge vor. Plötzlich hörte man links von der Barke einen Schrei. Man hätte glauben ſollen, es ſei die Klage eines Meergeiſtes. Die Ruderer verdoppelten ihre Anſtrengung, dann hielt die Barke an. „Zu Hülfe! zu Hülfe! ich ertrinke!“ rief eine Stimme mit dem Ausdrucke der tiefſten Angſt. Die Barke drehte ſich, änderte ihre Richtung, und wandte ſich nach der Seite, von wo die Stimme am. „Wir ſind gerettet,“ ſagte Herbel;„der brave 176 Mathieu, da er ſich verwundet ſah, ſchwamm gegen links und zieht ſie nun nach ſich.“ „Es lebe Numero 5!“ ſagte der Pariſer;„bin ich wieder auf dem Lande, ſo gelobe ich, einen tüch⸗ tigen Schluck auf ſeine Geſundheit zu trinken.“ „Kein Wort mehr, und vorwärts,“ ſprach Her⸗ bel;„Jeder von uns wird ſeinen ganzen Athem nöthig haben; verſchwenden wir ihn alſo nicht.“ Man ſchwamm immer weiter, wobei Herbel die Spitze der Colonne bildete. Nach einem Stillſchweigen von zehn Minuten, in denen man eine Viertelmeile zurückgelegt zu haben ſchätzen konnte, ſagte Herbel: Scheint Euch nicht, daß die See ſchwieriger wird? Werde ich müde, oder ſollten wir gegen rechts abgefallen ſein?“ „Links! links!“ ſagte der Pariſer;„wir ſind im Schlamme.“ „Wer hilft mir?“ ſagte einer von den Schwim⸗ mern;„ich fühle mich gepackt.“ „Gib mir die Hand, Kamerad,“ ſagte Herbel; „diejenigen, welche ſchwimmen können, mögen uns an ſich ziehen.“ Herbel fühlte ſich am Fauſtgelenke gepackt; ein gewaltiger Stoß machte ihn gegen links treiben, er zog den im Schlamme ſteckenden Gefangenen mit ſich. „Ah! bei meiner Treue,“ ſprach dieſer, als er ſich wieder in einem etwas flüſſigen Waſſer befand, „nun geht es beſſer. Ertrinkend ſterbend, gut: das iſt der Tod eines Seemannes; doch im Schlamme ſterben, das iſt der Tod eines Gaſſenfegers.“ ———c N ſ 1 5 177 Man umſchwamm ein kleines Cap und erblickte ein Licht. „Das Gefängniß von Forton!“ ſagte Herbel; „die Schlamminſelchen ſind weſtlich; hier haben wir zwei Meilen See; doch wir haben manchmal längere Promenaden gemacht als dieſe, und es handelte ſich nicht um unſer Leben.“ In dieſem Augenblicke ging eine Rakete, gefolgt von einem Kanonenſchuſſe, vom Ponton der König Jacob aus. Dieſes doppelte Signal verkündigte eine Ent⸗ weichung. Fünf Minuten nachher gingen eine andere Ra⸗ kete und ein Kanonenſchuß von der Feſtung Forton aus. Hierauf eilten zwei oder drei Barken, von denen jede eine Fackel auf dem Vordertheile hatte, in See. „Rechts! rechts!“ ſagte Herbel,„oder ſie wer⸗ den zeitig genug kommen, um uns die Paſſage zu verſperren.“ „Doch die Schlamminſelchen?“ fragte eine Stimme. „Wir haben ſie hinter uns.“ Man ſchwamm ſtillſchweigend fünf Minuten gegen rechts. Es herrſchte eine ſo tiefe Stille, daß man das Athmen von einem der Schwimmer hörte, dem es enge zu werden anfing. „He!“ ſagte der Pariſer,„iſt ein Seekalb unter uns, ſo ſage er es.“ „Ich werde müde,“ erwiederte Numero 3 ich fühle, daß mir der Athem fehlt.“ „Schwimm auf dem Rücken!“ ſagte Herbel,„ich werde Dich antreiben.“ Dumas, Salvator. III, 178 Der Flüchtling drehte ſich auf den Rücken und ruhte einen Augenblick in dieſer Lage; bald aber wandte er ſich wieder um. „Biſt Du ſchon nicht mehr müde?“ fragte der Pariſer. „Nein, doch dieſes Waſſer iſt eiskalt, und ich friere.“ „Es hat allerdings keine fünfunddreißig Grad Wärme.“ „Warte,“ ſagte Herbel, indem er mit einer Hand ſchwamm und ſeine Flaſche Numero 3 reichte. „Es wird mir unmöglich ſein, mich auf dem Waſſer zu halten und zu trinken.“ Der Pariſer ſchob ihm die Hand unter der Achſel durch. Numero 3 ergriff die Flaſche und nahm ein paar Schlücke. „Ah!“ ſagte er,„das rettet mir das Leben.“ Und er reichte die Flaſche Herbel. „Und der Pariſer, wird er nichts für ſeine Mühe haben?“ „Trink geſchwinde,“ ſagte Herbel,„wir verlieren Zeit.“ „Man verliert nie Zeit, wenn man trinkt,“ er⸗ wiederte der Pariſer. Und er nahm auch ein paar Schlücke von der alkoholiſchen Flüſſigkeit. „Wer will?“ ſagte er, indem er die Flaſche über das Waſſer emporhob. Die zwei anderen Flüchtlinge ſtreckten die Hand aus, und Jeder ſchöpfte neue Kräfte aus dem Feuer⸗ behälter. — „— 179 Die Flaſche kam zu Herbel zurück, und dieſer befeſtigte ſie wieder an ſeinem Halſe. „Nun, Du trinkſt nicht?“ fragte ihn der Pa⸗ riſer. „Ich habe noch Wärme und Kräfte,“ antwortete Herbel,„und ich bewahre, was in der Flaſche bleibt, für Einen, der mehr ermüdet iſt als ich.“ „O großer weißer Pelican,“ rief der Pariſer, „ich bewundere Dich, doch ich ahme Dir nicht nach.“ „Stille!“ ſagte Numero 4,„ich höre vor uns ſprechen.“ „Und zwar, Gott verdamme mich, Niederbreta⸗ niſch ſprechen!“ „Wie können ſich Bretagner im Hafen von Ports⸗ mouth finden?“ „Stille!“ ſagte Herbel,„wir wollen uns ſo viel als möglich dem ſchwarzen Punkte nähern, den wir vor uns haben, und der mir ganz ausſieht wie eine Schlupe.“ Er täuſchte ſich nicht, die Stimme kam von da. „Stille doch!“ Man ſchwieg, und man hörte ein Geräuſch von Rudern, die das Meer peitſchten. „Geben wir auf die Barke Acht,“ ſagte leiſe einer von den Flüchtlingen. „Sie hat kein Licht: ſie wird uns nicht ſehen.“ Sie kam in der That auf zehn Klafter an den Flüchtlingen vorüber, ohne ſie zu bemerken; nur ſett ſie einen Austauſch von Worten mit der Schlupe ort. „Halte gut Wache, Pitcaern,“ ſagte eine Stimme, „und in zwei Stunden kommen wir mit Münze zurück.“ 180 „Seid unbeſorgt,“ ſprach eine Stimme, welche von Bord kam und ohne Zweifel die von Pitcaern war,„man wird gut Wache halten.“ „Aber Tag Gottes!“ ſagte Numero 3,„wie kommt es, daß Landsleute im Hafen von Ports⸗ mouth ſind?“ „Ich werde Dir das ſogleich erklären,“ erwie⸗ derte Herbel;„mittlerweile ſind wir gerettet.“ „Mache, daß das bald geſchieht,“ ſagte Nu⸗ mero 3,„denn ich fühle mich nicht mehr, ſo friere ich.“ „Ich ebenſo,“ fügte Numero 4 bei. „Seid ruhig,“ ſprach Herbel;„haltet Euch hier, wenn Ihr könnt, ohne zurückzuweichen oder vorzu⸗ rücken, und laßt mich machen.“ Und wie ein Delphin die Woge durchſchneidend, rückte er in der Richtung der Schlupe vor. Die vier Flüchtlinge näherten ſich einander, ſo viel ſie konnten, und ſchauten mit allen ihren Augen und horchten mit allen ihren Ohren, um für jedes Ereigniß bereit zu ſein. Zuerſt ſahen ſie Pierre Herbel in der durch den Schatten, welchen die Schlupe auswarf, noch dichter gewordenen Dunkelheit verſchwinden; ſodann hörten ſie folgenden Dialog in Riederbretaniſch, den zwei Schwimmer, von welchen der Eine von Saint⸗Brieuc war, der Andere von Guimperlé, ihren Gefährten überſetzen konnten; es war offenbar Pierre Herbel⸗ der ihn hervorrief. „Oho! Barke, oho! Hülfe!“ Eine Stimme, in der man diejenige erkannte, welche man ſchon gehört hatte, antwortete: „Wer verlangt dort Hülfe?“ en 181 „Ein Kamerad, ein Landsmann von Wallis!“ „Von Wallis? von welchem Theile von Wallis?“ „Von der Inſel Angleſey. Ei! geſchwinde, Hulfe, oder ich ſinke unter.“ „Pülfe, Hülfe, das iſt bald geſagt; doch was machſt Du da mitten im Hafen?“ „Ich bin Matroſe an Bord des engliſchen Schif⸗ fes die Krone; man hat mich ungerecht geſtraft, ich deſertire.“ „Was verlangſt Du?“ „Einen Augenblick Ruhe, der mir die Kräfte gibt, das Land zu erreichen.“ „Warum ſollte ich mich dem Gefängniſſe für einen Menſchen ausſetzen, den ich nicht kenne?... Suche das Weite!“ „Wenn ich Dir aber ſage, ich ſinke unter, wenn ich Dir ſage, ich ertrinke!“ Und man hörte, wie die Stimme durch die Welle, welche über den Kopf des Schwimmers hinging, ab⸗ geſchnitten wurde. Die Scene war ſo gut geſpielt, daß die Flücht⸗ linge einen Augenblick glaubten, ihr Kamerad er⸗ trinke wirklich, und ſich mehrere Klafter der Schlupe näherten. Doch die Stimme ließ ſich bald aufs Neue hören. „Herbei!“ ſagte ſie,„zu Hülfe! Du wirſt einen Landsmann nicht umkommen laſſen, während Du, um ihn zu retten, nur ein Tau auszuwerfen haſt.“ „Vorwärts! drehe Dich nach dem Backbord!“ „Ahl mein Gott! biſt Du es nicht, Pitcaern?“ 182 „Doch, ich bin es,“ antwortete der Matroſe er⸗ ſtaunt.„Und wer biſt Du?“ „Wer ich bin? Das Tau! das Tau! Ich ſinke unter ich ertrinke das T. Zum zweiten Mal ging die Welle über den Kopf des Schwimmers hin. „Eil alle Teufel! hier iſt es, das Tau! Hältſt Du es?“ Man hörte jenes Brummeln des Unterſinkenden, der antworten will, deſſen Athmungswege aber durch das Waſſer verſperrt ſind. „Gut!“ rief Pitcaern,„laß nicht los Ah! Du ſiehſt mir aus, wie ein trefflicher Seemann; hätte man das gewußt, ſo würde man ein auf zwei Rollen laufendes Fauteuil eingeſchifft haben, um den Herrn an Bord zu bringen.“ Doch der walliſiſche Matroſe hatte kaum Zeit, ſeinen Scherz zu vollenden, als Herbel, der über die Schanzverkleidung der Schlupe geſtiegen war, ſeinen Freund Pitcaern um den Leib packte, rücklings auf das Verdeck warf, ihm das Meſſer an die Kehle hielt, und ſeinen Gefährten franzöſiſch zurief: „Herbei, Kameraden! ſteigt über Backbord! wir ſind gerettet!“ Die Flüchtlinge ließen ſich das nicht zweimal ſagen; ſie ſchwammen hinzu, wobei Jeder alle ſeine Kräfte anſtrengte, und in einem Augenblicke waren alle Vier auf dem Verdecke der Schlupe. Herbel hielt Pitcaern unter dem Knie mit dem Meſſer an der Kehle. „Bindet und knebelt mir dieſen braven Burſchen, 183 doch ohne ihm etwas zu Leide zu thun,“ ſagte Pierre Herbel. Und gegen Pitcaérn fuhr er fort: „Mein lieber Pitcaern, Du mußt uns dieſe kleine Liſt verzeihen; wir ſind keine engliſchen Deſerteurs, ſondern Franzoſen, die von den Pontons entweichen; wir entlehnen nun von Dir Deine Schlupe, um eine kleine Fahrt nach Frankreich zu machen: ſobald wir in Saint⸗Malo oder in Saint-Brieuc ſind, biſt Du frei.“ „Aber,“ fragten die Flüchtlinge,„wie kommt es, daß die Mannſchaft einer engliſchen Schlupe Nieder⸗ bretaniſch ſpricht?“ „Nicht die Mannſchaft der engliſchen Schlupe ſpricht Niederbretaniſch, ſondern wir ſprechen Gäliſch.“ „Nun bin ich gerade ſo weit als vorher,“ ſagte der Pariſer. „Liegt Dir daran, eine Erklärung zu haben?“ fragte Herbel, während er Pitcaern, man muß ihm dieſe Gerechtigkeit widerfahren laſſen, mit aller Be⸗ hutſamkeit knebelte. „Ich geſtehe, das wäre mir nicht unangenehm.“ „Nun wohl, ich will Dich alſo lehren, was man mich im Collége gelehrt hat.“ „Lehre mich.“ „Die Engländer von Wallis ſind ganz einfach eine Colonie von Niederbretagnern, welche vor acht bis neunhundert Jahren aus Frankreich ausgewan⸗ dert iſt, und die Mutterſprache rein und unverdorben bewahrt hat; darum ſprechen die Gäliſchen Breta⸗ niſch, und die Bretagner ſprechen Gäliſch.“ „So iſt es, wenn man ſtudirt hat!“ ſagte der 184 Mittlerweile hatte man Pitcaern geknebelt und gebunden. „Nun,“ ſprach Pierre Herbel,„nun handelt es ſich darum, ſich wieder zu erwärmen, ſeine Kleider trocken zu machen, nachzuſehen, ob in dieſer ſeligen Schlupe ſich nicht etwas findet, was man unter die Zähne ſchieben könnte, und ſich bereit zu halten, bei Tagesanbruch aus dem Hafen auszulaufen.“ „Warum nicht ſogleich?“ fragte der Pariſer. „Weil man nicht aus dem Hafen ausläuft, Pa⸗ riſer, ehe das Admiralsſchiff das Thor durch einen Kanonenſchuß geöffnet hat.“ „Das iſt richtig,“ antworteten im Chor die Flüchtlinge. Einer von den vier Gefährten wurde als Schild⸗ wache auf das Bugſpriet geſtellt, und die drei ande⸗ ren zündeten das Feuer wieder an, das in der Ka⸗ jüte ſchlummerte. Zum Unglücke trockneten die von Seewaſſer durch⸗ näßten Kleider nicht leicht. Man ſuchte auf allen Seiten, und man fand Hemden, Hoſen und Kittel, die den Freunden von Pitcaern gehörten; man be⸗ kleidete ſich wieder, ſo gut man konnte, und war in dieſe ernſte Beſchäftigung vertieft, als man die Stimme der Schildwache rufen hörte: „He! da unten! Jedermann aufs Verdeck!“ In einem Augenblicke waren die drei Gefährten an dem Poſten, zu dem man ſie berief. Nicht ohne Grund hatte man ſie kommen laſſen: man ſah drei bis vier leuchtende Punkte heranrücken, — en el, ar die ten en: en, 185 die, ſo wie ſie ſich näherten, die Form von Barken mit Soldaten beladen annahmen. Dieſe Soldaten machten ein Treibjagen im Hafen. „Ah!“ ſagte Pierre Herbel,„wir werden dem Beſuche nicht entgehen; nun müſſen wir mit Dreiſtig⸗ keit bezahlen. Macht mir Freund Pitcaern ver⸗ ſchwinden.“ „Sollen wir ihn ins Waſſer werfen?“ „Nein; man muß ihn nur ſo verbergen, daß man ihn nicht findet.“ „Sage doch, Pierre,“ ſprach der Pariſer,„wenn wir ihn in einer Hängematte verbergen und ihm die Decke bis an die Augen ziehen würden, man könnte nicht ſehen, daß er geknebelt iſt, und wir würden ſagen, er ſei krank, und fänden einen Vortheil da⸗ hei: da ſich ein Kranker nicht ganz angekleidet nieder⸗ legt, ſo würde Einer von uns eine Weſte, Hoſen und einen Kittel, Alles ganz gewärmt, erben.“ Der Vorſchlag ging einſtimmig durch. „Diejenigen, welche Niederbretaniſch ſprechen,“ ſagte Pierre Herbel,„bleiben bei mir auf dem Ver⸗ decke, während die Anderen Pitcasrn Geſellſchaft leiſten; ich übernehme Alles.“ Hatte Herbel geſagt:„Ich übernehme Alles,“ ſo wußte man, daß man ſich auf ihn verlaſſen konnte; der Pariſer und ſein Gefährte gingen auch, Pit⸗ caern ſchleppend, hinab, während Herbel und die zwei Bretagner den Beſuch erwarteten. Er ließ nicht auf ſich warten. Eine von den Barken wandte ſich gegen die Schlupe. Um gut im Geſichte zu ſein, ſtieg Pierre Herbel auf die Schanzverkleidung.. 186 „Oho! Barke!“ rief der Capitän, der die Ab⸗ theilung commandirte. „Gegenwärtig!“ antwortete niederbretaniſch Pierre Herbel. „Ah! gut!“ ſagte der Capitän,„wir haben es mit Walliſern zu thun. Iſt Einer da, der die Sprache dieſer Wilden ſpricht?“ „Ich, mein Officier,“ antwortete ein Soldat; „ich bin von Casremotra.“ „Nun, ſo befrage.“ „Oho! Barke,“ rief der Soldat walliſiſch. „Gegenwärtig!“ wiederholte Herbel. „Wer ſeid Ihr?“ „Die Schöne Sophie von Pembroke.“ „Woher kommt Ihr?“ „Von Amſterdam. „Was habt Ihr in Ladung?“ „Stockfiſch.“ „Habt Ihr nicht fünf Franzoſen geſehen, die von den Pontons entwichen ſind?“ „Nein! doch wenn wir ſie ſehen, mögen ſie ruhig ſein.“ „Was werdet Ihr ihnen thun!“ „Pir werden ſie behandeln, wie ſie es ver⸗ dienen.“ „Was ſagen ſie?“ fragte der Capitän. Der Soldat überſetzte den Dialog. „Es iſt gut!“ rief der Officier.„Tod den Fran⸗ z0 ſen und es lebe König Georg!“ „Hurrah!“ antworteten die drei Bretagner. Die Barke entfernte ſich. „Glückliche Reiſe!“ ſagte Pierre Herbel.„Und 187 nun, da es in einer halben Stunde Tag ſein wird, laßt uns den Anker lichten und uns ſegelfertig machen.“ Unſere fünf Flüchtlinge brachten eine Stunde in der grauſamſten Bangigkeit zu; endlich ſtreifte eine gräuliche Linie den öſtlichen Horizont; das iſt das, was man in England die Morgenröthe nennt. Beinahe zu gleicher Zeit erſchien ein lebhafter Schein, gefolgt von einem Knalle, der auf den Wällen hinlief und ſich am Ufer brach, an den Flanken eines maſeſtätiſchen Dreideckers, der wie eine bewegliche Feſtung den Eingang des Hafens bewachte. Das war das Signal für die Schlupe, den Anker zu lichten. Sie fragte auch nicht eine Secunde um Erlaubniß. Man hißte die Flagge Groß⸗Britanniens auf und fuhr auf einen Piſtolenſchuß am Admiralsſchiffe vor⸗ über. Im Vorüberfahren ſchwang Herbel, der auf der Schanzverkleidung ſtand, ſeinen Hut und ſchrie mit aller Macht ſeiner Lunge: „Hurrah für König Georg!“ Die Koſt an Bord der Schlupe war nicht üppig; doch im Vergleiche mit denen der Pontons waren die Mahle der fünf Gefangenen wahre Schmäuſe. Laſſen wir ihnen die Gerechtigkeit widerfahren: an jedem dieſer Mahle durfte der unglückliche Pit⸗ caern Theil nehmen. Mit der Gefahr hatte die Strenge für ihn aufgehört: man hatte ihm Knebel und Bande abgenommen, und Pierre Herbel hatte in Beziehung auf ihn die kymriſche Geſchichte wie⸗ der angefangen, die er ſeinen Gefährten gegeben. 188 Pitcaern hatte begriffen, war aber nicht getröſtet; nur gelobte er ſich fortan, denjenigen zu mißtrauen, welche Gäliſch mit ihm ſprechen würden. So oft man ein Schiff im Angeſichte hatte, zwang man Pitcasrn, ins Zwiſchendeck hinabzugehen. Man hatte ſehr oft Schiffe im Angeſicht.— Doch das Fahrzeug war von engliſcher Conſtruction; es führte ein weſentlich britiſches Segelwerk; es hatte an ſeiner Gabel die drei Leoparden von England, den Löwen von Schottland, die Leier von Irland und ſogar die drei Lilien von Frankreich, die erſt zwanzig Jahre ſpäter verſchwanden. Es ließ ſich unmöglich annehmen, eine franzö⸗ ſiſche Nußſchale wage ſich ſo unter die engliſchen Kreuzer, und Niemand fiel es ein, fünf franzöſiſche Gefangene in dieſen ſo ruhig auf dem Verdecke lie⸗ genden Matroſen zu ſehen, die es dem Winde und den Segeln überließen, ihre Arbeit zu verrichten. Man ſegelte in der That vor dem Winde, und man brauchte ſich um nichts zu bekümmern. Am andern Morgen, das heißt vierundzwanzig Stunden nach dem Auslaufen aus dem Hafen von Portsmouth, erblickte man deutlich das Cap de la e5Sie Es handelte ſich darum, den Wind zu preſſen, um es nicht zu umſchiffen, ſonſt gerieth man in die Archipele der Inſeln Aurigny, Guerneſey, Jerſey, engliſche Beſitzungen ſeit Heinrich I., und unbequeme Wüſteneien unſerer Küſten. Man preßte den Wind und ſegelte gerade auf Beaumont zu. Es wäre ſchwer, die Gefühle auszudrücken, die on n, die ey, me uf die 189 das Herz der Gefangenen überſtrömten, als ſie, nachdem ſie die Erde Frankreichs wie einen Nebel erſchaut, dieſelbe auf eine ſolidere Weiſe mit ihren Hügeln, ihren Häfen, ihren Kriken, ihren Terrain⸗ ausläufern hervortreten ſahen. Und als ſie gar weiße Häuſer mit ihren Rauch⸗ wirbeln erblickten, waren ſie dergeſtalt in dieſe Be⸗ ſchauung vertieft, daß ſie die engliſche Flagge einzu⸗ ziehen vergaßen. Eine Kanonenkugel, die das Waſſer hundert Klafter vor der Schlupe aufſpritzen machte, entzog ſie ihrer Extaſe. „Nun!“ ſagten die Franzoſen erſtaunt,„was machen ſie denn? ſie ſchießen auf uns!“ „Eil nein, alle Teufel! nicht auf uns ſchießen ſie,“ entgegnete Herbel,„ſondern auf dieſen blauen Fetzen!“ Und er zog raſch die Flagge ein; doch es war zu ſpät, die Schöne Sophie war ſignalifirt. Ueber⸗ dies hätte ſie, in Ermangelung der Flagge, ihr gan⸗ zer britiſcher Gang verrathen. Es iſt bei der Marine wie bei der Bevölkerung: laßt die reizendſte Engländerin, und wäre ſie in Frankreich erzogen worden, mitten unter eine Gruppe Franzöſinnen treten und Ihr werdet die Engländerin erkennen. Man hatte alſo die Schlupe doppelt erkannt: an ihrer Tournure. Herbel mochte auch die Flagge immerhin einziehen, eine zweite Kugel folgte auf die erſte und ſchlug ſo nahe bei der Schönen Sophie ein, daß ſie das Waſſer bis auf das Verdeck ſpritzen machte. 190 „Ah!“ ſagte der Pariſer,„ſie erkennen alſo offen⸗ bar die Freunde nicht?“ „Was iſt zu thun?“ fragten die Anderen. „Vorrücken,“ antwortete Herbel;„es iſt wahr⸗ ſcheinlich keine franzöſiſche Flagge an Bord der Schlupe, und es wird uns daſſelbe in jedem Hafen begegnen, wo wir erſcheinen.“ „Gut!“ ſagte der Pariſer,„man wird wohl ein Tiſchtuch, eine Serviette, ein Hemd finden.“ „Ja,“ erwiederte Herbel,„doch mittlerweile ſind wir ſignaliſirt, nicht wahr? wir ſind als Engländer ſignaliſirt... und ſeht, dort macht ſich eine Cor⸗ vette gegen uns ſegelfertig. In zehn Minuten wird ſie Jagd auf uns machen. Nehmen wir die Jagd an, ſo werden wir eingeholt, und in einer Stunde ſind wir in den Grund gebohrt; denn welches Mittel haben wir, wenn ſie auf uns jagen, ihnen begreif⸗ lich zu machen, wir ſeien Franzoſen. Vorwärts alſo, meine Kinder und es lebe Frankreich!“ Es erſcholl der einſtimmige Ruf:„es lebe Frank⸗ reich!“ und man fuhr fort, gerade auf Beaumont zu ſteuern. Einen Augenblick hörte das Feuer auf. Man hätte glauben ſollen, die Kanoniere machen ſich die Reflexion, dieſe Schlupe hätte keine große Chance, ihre Landung an der franzöſiſchen Küſte zu bewerk⸗ ſtelligen. Nach einer Minute aber zerbrach eine neue Lage, diesmal beſſer gerichtet, eine Raa und ſtieß die Schiffsverkleidung der Schönen Sophie ab. „Auf,“ rief Herbel,„es iſt nicht mehr zu zögern; hängt einen weißen Fetzen an die Spitze eines Boots⸗ ⸗ ie 194 hakens, und macht Zeichen, daß wir parlamentiren wollen.“ Man that, was Herbel verlangte. Aber ſah man nun den weißen Fetzen nicht, oder glaubte man nicht an das Parlamentiren. Das Feuer dauerte fort. Während dieſer Zeit hatte ſich Pierre Herbel entkleidet. „Was Teufels machſt Du?“ fragte der Pariſer; „willſt Du ihnen Deinen Hintern zeigen? Das iſt keine Flagge.“ „Nein,“ erwiederte Herbel,„doch ich will ihnen ſagen, wer wir ſind.“ Und zu gleicher Zeit ſtürzte er ſich von der Schanzverkleidung köpflings hinab und verſchwand im Meere, aber nur um zwanzig Minuten weiter wieder zu erſcheinen. Er wandte ſich ſchwimmend gerade nach dem Hafen. Die Schlupe ihrerſeits braßte auf, zum Zeichen, ſie habe durchaus nicht die Abſicht, ſich von der Küſte zu entfernen. Beim Anblicke dieſes Mannes, der ſich ins Waſſer warf, dieſes Schiffes, das ſich ſelbſt überlieferte, hörte das Feuer auf; bald ſah man ein Fahrzeug dem Schwimmer entgegenkommen. Der Hochbvotsmann, der dieſes Fahrzeug com⸗ mandirte, war gerade aus Malv. Durch einen Zufall, den nur die Umſtände wun⸗ derbar machten, hatte Pierre Herbel ſeinen erſten Unterricht in der Küſtenfahrerei unter dem alten Seewolfe genommen. 192 Während er ſchwamm, erkannte er ihn und rief ihn bei ſeinem Namen. Der Seemann hob den Kopf empor, hielt die Hand über ſeine Augen, verließ das Steuerruder, um nach dem Vordertheile zu laufen, und rief: „Gott verdamme mich, wenn es nicht Pierre Herbel iſt, der zu uns kommt!“ „Pfui doch! Vater Berthaut!“ erwiederte Herbel, „es iſt ein engliſcher Fluch, den Ihr mir da zu⸗ geſchleudert habt, und ſo empfängt man einen Ka⸗ meraden, und beſonders einen Zögling nicht. Guten Morgen, Vater Berthaut! wie befindet ſich Eure Frau? was machen Eure Kinder?“ Und indem er ſich an die Barke anklammerte, ſagte er: Ja, bei Unſerer lieben Frau von Saint⸗Brieuc, ich bin Pierre Herbel, und ich komme von fern, dafür ſtehe ich Euch!“ Und ganz triefend warf er ſich in die Arme des Hochbootsmannes. Die Schlupe war ſo nahe bei der Barke, doß die vier Gefährten von Herbel dieſe kindliche Um⸗ armung ſehen konnten. „Es lebe Frankreich!“ riefen ſie einſtimmig. Der Ruf gelangte zum Boote. „Es lebe Frankreich!“ antworteten die Matroſen, welche Pierre Herbel aufgenommen hatten. „Ah!“ ſagte der Vater Berthaut,„das ſind alſo auch Freunde?“ „Ich glaube wohl, und Ihr werdet ſelbſt ur⸗ theilen.“ Herbel winkte der Schlupe, herbeizukommen. uc, ür es ß m⸗ ſen, 193 Die Flüchtlinge ließen ſich das nicht zweimal ſagen. In einem Augenblicke bedeckte ſich das kleine Schiff mit Segeln und rückte gegen den Hafen vor, — diesmal nicht mehr unter dem Lärmen des Mus⸗ ketenfeuers, ſondern unter dem wiederholten Rufe: „Es lebe Frankreich! es lebe Frankreich!“ Die ganze Bevölkerung von Beaumont war auf dem Hafendamme. Die fünf Flüchtlinge landeten. Pierre Herbel küßte die Erde, wie es ein alter Römer gethan hätte. Die Andern warfen ſich dem Erſten dem Beſten in die Arme. Was lag daran, wer die Erſten die Beſten waren? waren es nicht Brüder?.. Der Pariſer wandte ſich beſonders an ſeine Schweſtern. Während dieſer Zeit ſchaute der arme Pitcaern dieſe allgemeine Freude ſehr traurig an. „Ei!“ fragte der alte Berthaut,„was für ein Burſche iſt denn das, der keinen Theil nimmt am Feſte?“ „Das iſt der Engländer, der uns ſein Schiff ge⸗ liehen hat,“ erwiederte lachend Pierre Herbel. „Geliehen!“ ſagte Berthaut;„ein Engländer hat Euch ſein Schiff geliehen? Er komme doch, und wir wollen ihn mit Roſen bekränzen.“ Herbel hielt Berthaut zurück, der in ſeiner Be⸗ geiſterung Pitcaern an ſein Herz drücken wollte. „Alles ſchön!“ ſprach Herbel,„er hat es uns geliehen, wie wir Jerſey König Georg leihen, mit Gewalt.“ „O! dann iſt es etwas Anderes,“ ſagte Berthaut. „Ah! Du entweichſt nicht nur, ſondern während Du Dumas, Salvator M. 13 194 entweichſt, machſt Du noch Gefangene! Das iſt Deine Sache! Ein ſchöner Seemann, und eine hübſche Schlupe, bei meiner Treue! Die Schlupe iſt fünf⸗ undzwanzigtauſend Livres wie einen Liard werth: fünftauſend Franken Jedem.“ „Pitcaern iſt nicht Gefangener,“ entgegnete Herbel. „Wie, Pitcaérn iſt nicht Gefangener?“ „Nein, und ſeine Schlupe wird nicht verkauft werden.“ „Warum nicht?“ „Pitcaern iſt in die Falle gerathen, weil er Bretaniſch ſpricht und ein gutes Herz hatte; ein dop⸗ pelter Grund, daß wir ihn als Landsmann be⸗ handeln.“ Herbel winkte ſodann dem Walliſer und ſagte niederbretaniſch zu ihm: „Komm hierher, Pitcasrn.“ Pitcaern hatte nichts Beſſeres zu thun, als zu gehorchen, und er gehorchte; doch traurig, wider Willen, und trotzend wie ein Bullenbeißer, der ſeinen Meiſter gefunden hat. „He!“ rief Herbel,„alle Niederbretagner mögen hierher kommen.“ Es bildete ſich ein großer Kreis. „Meine Freunde,“ ſprach Herbel, indem er ihnen Pitcaern vorſtellte,„das iſt ein Landsmann, dem wir heute ein gutes Mahl geben müſſen, denn er kehrt morgen früh nach England zurück.“ „Bravo!“ riefen alle Seeleute, indem ſie Pitcaern die Hand reichten. Pitcaern begriff das nicht; er glaubte, er ſei in n m er 195 irgend einem ihm unbekannten Winkel des Fürſten⸗ thums Wales gelandet. Jedermann ſprach walliſiſch. Herbel erzählte ihm, was vorging, und was von ihm und ſeiner Schlupe beſchloſſen worden war. Der arme Teufel wollte nicht daran glauben. Wir werden es nicht verſuchen, eine Scene von dem Schmauſe zu geben, deſſen Helden die fünf Ge⸗ fangenen und der brave Pitcaérn waren. Man brachte den Abend bei Tiſche, die Nacht beim Tanze zu. Am andern Tage geleiteten Gäſte, Tänzer und Tänzerinnen Pitcaern zur Schönen Sophie zu⸗ rück, die er verproviantirt fand, wie ſie es nie ge⸗ weſen war; ſodann half man ihm ſeine Segel auf⸗ ziehen und den Anker lichten; endlich, da der Wind gut war, lief er majeſtätiſch aus dem Hafen aus, unter dem Rufe:„Es leben die Bretagner! es leben die Walliſer!“ Und da das Wetter an dieſem Tage und am andern ſchön war, ſo hat man alle Urſache, zu glau⸗ ben, der brave Pitcaern und die Schöne Sophie ſeien glücklich in England gelandet, und die Erzäh⸗ lung dieſes Abenteuers ſetzt heute noch die Einwohner der Stadt Pembroke in Erſtaunen. XXXVII. Die Schone Thereſe. Man begreift, daß die von uns ſoeben erzählten Ereigniſſe, vergrößert durch die bretaniſche Poeſie, 196 verſchönert durch die Pariſer Aufſchneiderei, Pierre Herbel einen Ruf des Muthes und der Klugheit ver⸗ ſchafften, der ihn raſch ihn die erſte Linie unter ſeinen Gefährten ſetzte, die ihm um ſo mehr Dank wußten, daß er ihr Gefährte war, als es Jedermann bekannt, daß er einer der erſten Familien, nicht nur von Bre⸗ tagne, ſondern auch von Frankreich angehörte. Während der paar Jahre des Friedens, welche auf die Anerkennung durch England der amerikani⸗ ſchen Unabhängigkeit folgten, machte Pierre Herbel, um ſeine Zeit nicht zu verlieren, als Second und als Capitän auf Handelsſchiffen, eine Reiſe in den Golf von Mexico und zwei Reiſen nach Indien, eine nach Ceylon, die andere nach Calcutta. Dem zu Folge als der Krieg mit mehr Wuth als je 1794 und 1795 wieder ausbrach, ſuchte Herbel beim Convente um ein Capitänspatent an, das ihm, kraft ſeiner früheren Dienſte, ohne irgend eine Schwierigkeit bewilligt wurde. Mehr noch: da Pierre Herbel wegen ſeiner Un⸗ eigennützigkeit und des ganz nationalen Haſſes, den er gegen die Engländer hegte, bekannt war, ſo er⸗ mächtigte man ihn, ſeine Corvette oder ſeine Brigg, wie er wollte, zu bemannen. Es wurde ihm zu die⸗ ſem Ende ein Eredit von fünfmalhunderttauſend Franken eröffnet, und man gab im Arſenal von Breſt Befehl, den Capitän Herbel alle Waffen nehmen zu laſſen, die er zur Ausrüſtung ſeines Schiffes für nothwendig erachten würde. Es war damals auf den Werften von St. Malo eine hübſche Brigg von fünf⸗ bis ſechshundert Tonnen, o— W *—— * 197 der der Capitän in ihrem Wachsthume mit wahrem Intereſſe gefolgt war, wobei er ſich ſagte: „Derjenige, welchem dieſes Schiff gehören würde, ganz gehören, mit zwölf Mann Equipage in Friedens⸗ zeiten, um Handel mit Indigo und Cochenille zu treiben, und hundert und fünfzig Mann in Kriegs⸗ zeiten, um auf die Engländer Jagd zu machen, hätte Recht, den König von Frankreich einſt als ſeinen Vetter zu betrachten.“ Als Pierre Herbel ſeine Commiſſion, ſeinen Credit von fünfmalhunderttauſend Franken und ſeine Er⸗ laubniß, auf der Rhede von Breſt auszurüſten, hatte, ging er mit mehr Beharrlichkeit als je auf der Werfte umher, wo ſich wie eine Seeblume die Schöne Thereſe erſchloß. Pierre Herbel hatte die Brigg mit dem Namen des Mädchens, das er liebte, getauft. Es brauchte nicht lange, um den Handel abzu⸗ ſchließen: der Capitän kaufte, im Namen der Regie⸗ rung, den Erbauern die Brigg ab, und konnte folg⸗ lich das Uebrige ihrer Conſtruction, nämlich ihr Maſt⸗ werk und ihr Takelwerk leiten. Nie hatte ein Vater für ſeine einzige Tochter, welche ihre erſte Communion machen ſoll, die Co⸗ quetterien, welche Pierre Herbel für ſeine Brigg hatte. Er maß ſelbſt die Länge und die Dicke der Ma⸗ ſten und die Ragen; er kaufte ſelbſt auf dem Markte von Nantes das für ihr Segelwerk beſtimmte Tuch; er ließ unter ſeinen Augen das Kupfer nageln, das ihren Gürtel bilden ſollte, und ließ ihr lebendes Werk dunkelgrün anmalen, ſo daß ſich in einiger Entfer⸗ nung der Schiffskörper mit den Wellen vermengt 198 fand. Er ließ zwölf Stückpforten auf jede Seite und zwei am Hintertheil anbringen; als dieſe Vorberei⸗ tungsarbeit gethan war, berechnete er das Gewicht, welches dem natürlichen Gewichte der Brigg das ihrer völligen Ausrüſtung beifügen würde, erſetzte es durch einen Ballaſt von gleichem Gewichte, fuhr dann längs der Küſte von Bretagne hin, nahm zu⸗ weilen ſeinen Flug wie ein Seevogel, der ſeine Flügel verſucht, umſegelte die Spitze von Sillon, kam zwi⸗ ſchen der Inſel Raz und Saint⸗Pol⸗de⸗Léon durch, umſegelte das Cap Renan und lief in dem Hafen von Breſt ein, in ſeinem Gefolge drei bis vier eng⸗ liſche Schiffe ſchleppend, wie ein hübſches junges Mädchen drei bis vier Verliebte nach ſich zieht. In der That, es wäre eine ſchöne Priſe ge⸗ weſen, die der Schönen Thereſe; doch die Schöne Thereſe war Jungfrau, und ſuchte gerade in Breſt die Mittel, ihre Jungfrauſchaſt zu bewahren. WMan muß ſagen, daß hinſichtlich der Vertheidi⸗ gung ihr Capitän nichts ſparte; ſie erhielt in ihr falſches Verdeck einundzwanzig Zwölfpfünder, welche nicht durch Backbord und Steuerbord ſchauten, und zwei Vierundzwanzigpfünder, die amt Vordertheile untergebracht wurden, für den Fall, daß ſie, hätte ſie es mit einer zu ſtarken Partei zu thun, ſich ge⸗ nöthigt ſähe, die Flucht zu ergreifen, wo es ihr dann, indeß ſie flöhe, nicht unangenehm wäre, wie jene Parthen furchtbaren Andenkens, ihren doppelten Pfeil abzuſchießen. Und dennoch, wenn es nöthig war, daß man in der Schönen Thereſe nur ein ehrliches Handels⸗ 3 3 * G —— d i⸗ ſ 8 8 yr i⸗ h. n g⸗ es e⸗ ſt ſchiff ſah, das ſeine Geſchäfte betrieb, hatte kein Schiff einen Gang, der jungfräulicher als ver ihre. Dann machten ihre einundzwanzig Zwölfpfünder einen Schritt rückwärts, ihre Vierundzwanzigpfünder zogen ihren ehernen Hals in das falſche Verdeck zu⸗ rück, die Friedensflagge flatterte harmlos an ihrer Gabel, ein Tuchſtreifen von derſelben Farbe wie ſein Kiel dehnte ſich über die ganze Linie ſeiner Stück⸗ pforten aus, welche ganz einfach Athemöffnungen wurden. Seine hundertfünfzig Mann Equipage legten ſich in das falſche Verdeck, und die acht bis zehn Mann, welche genügen, um das Manöver einer Brigg zu machen, trieben ſich entweder träg auf dem Verdeck umher, oder ſtiegen, um eine friſchere Luft zu ge⸗ nießen, in die Maſtkörbe, oder— die Matroſen ſind ſo launenhaft!— beluſtigten ſich damit, daß ſie auf der großen oder kleinen Braaſtange ritten, und von da ihren Kameraden Nachricht über das gaben, was in den acht bis zehn Orten vorging, welche den kreis⸗ förmigen Horizont bildeten, den ein Schiff mit ſich führt, ſobald es nur noch das Meer unter ſeinem Kiele und den Himmel über ſeinen Maſten hat. Unter dieſem friedlichen Gange lief die Brigg die Schöne Thereſe ſechs Knöpfe in der Stunde an einem ſchönen Morgen des Monats September 1798 zwiſchen der Inſel Bourbon und den Inſelchen Amſterdam und St. Paul, das heißt in der großen Seefurche, die ſich von der Meerenge der Sonde bis Triſtan dAcunha erſtreckt, und in die ſich natürlich alle Schiffe ziehen, welche, um nach Europa zurück⸗ 200 zukehren, das Cap der guten Hoffnung umſegeln müſſen. Man wird uns vielleicht einwenden, ſechs Knöpfe in der Stunde ſei ein ſehr kleiner Marſch; worauf wir antworten, der Wind ſei ſanft geweſen, das Schiff ſcheine keine Eile gehabt zu haben, und ſtatt unter allen ſeinen Segeln zu gehen, habe es ſich darauf beſchränkt, ſeine große Marsſegel, ſeine Fockſegel und ſeinen großen Klüver zu entfalten. Was die andern Segel betrifft, man bewahrte ſie, wie es ſcheint, für eine beſſere Gelegenheit. Plötzlich rief eine Stimme, welche vom Himmel zu kommen ſchien: „Ho! da unten, ho!“ „Holla!“ antwortete, ohne ſein Spiel zu ver⸗ laſſen, der Hochbootsmann, der auf dem Vordertheile mit dem Steuermann Karten ſpielte,„was gibt es?“ „Ein Segel!“ „In welcher Richtung?“ „Unter dem Winde zu uns.“ „He! dort,“ ſagte ſein Spiel fortſetzend der Hoch⸗ bootsmann,„benachrichtige den Capitän.“ „Ah! ja, ein Segel! ein Segel!“ riefen alle Ma⸗ troſen, welche theils auf dem Verdecke, theils auf der Schanzverkleidung zerſtreut waren. In der That, eine das Schiff, das am Horizont erſchien, aufhebende Welle hatte es dem Auge der Matroſen ſichtbar gemacht, während das Auge eines einfachen Paſſagiers nur den Flug einer den Gipfel der Wogen ſtreifenden Möve geſehen hätte. Bei dem Rufe:„Ein Segel!“ ſprang ein ſechs⸗ 1— 201 bis achtundzwanzigjähriger junger Mann auf das Verdeck. „Ein Segel?“ rief er ebenfalls. Die ſitzenden Matroſen ſtanden ſogleich auf; die⸗ jenigen, welche ihren Hut auf dem Kopfe hatten, nahmen ihn in die Hand. „Ja, Capitän,“ antworteten einſtimmig die Matroſen. „Wer iſt da oben?“ fragte er. „Der Pariſer,“ erwiederten ein paar Stimmen. „He! da oben, haſt Du immer noch Dein gutes Geſicht, Pariſer,“ fragte der Capitän,„oder ſoll ich Dir mein Fernrohr hinaufſchicken?“ „Ah!“ rief der Pariſer,„unnöthig, ich ſehe von hier aus die Stunde auf der Uhr der Tuilerien.“ „Dann kannſt Du uns ſagen, was für ein Schiff es iſt.“ „Es iſt eine große Brigg, die wohl ſechs bis acht Zähne mehr hat als wir, und den Wind preßt, um ſich gegen uns zu wenden.“ „Unter welchem Segel fährt es?“ „Unter ſeinen großen Bramſegeln, ſeinen Mars⸗ ſegeln, ſeinem Fockſegel, ſeinem großen Klüver und ſeiner Brigantine.“ „Hat es uns geſehen?“ „Wahrſcheinlich, denn es läßt ſein großes Segel fallen, und hißt ſeine Bramſegel auf.“ „Ein Beweis, daß es mit uns ſprechen will,“ ſagte eine Stimme in der Nähe des Capitäns. Der Capitän wandte ſich um, um zu ſehen, wer ſich erlaube, in ein Geſpräch ſich zu miſchen, welches ſo intereſſant war, wie das, das er führte. Er er⸗ 202 kannte einen von ſeinen Lieblingsmatroſen, Pierre Berthaut, Sohn des alten Berthaut, der ihn zehn Jahre früher als Flüchtling im Hafen von Beau⸗ mont aufgenommen hatte. „Ah! Du biſt es,“ ſagte er lachend, indem er ihm auf die Schulter klopfte. „Ja, Capitän, ich bin es,“ antwortete der junge Mann, das Lachen durch ein Lachen erwiedernd, wo⸗ bei er eine doppelte Reihe herrlicher Zähne zeigte. „Und Du glaubſt, es wolle mit uns ſprechen?“ „Ei! das iſt meine Idee!“ „Nun wohl, mein Junge, benachrichtige den Bat⸗ teriechef, wir haben ein verdächtiges Segel im Ge⸗ ſichte, damit er ſich in den Stand ſetzt.“ Pierre tauchte in eine Lucke und verſchwand. Der Capitän ſchaute empor und rief: „He! Pariſer!“ „Capitän!“ „Welchen Gang hat das Schiff?“ „Ganz militäriſch, Capitän, und obgleich es nicht möglich iſt, ſeine Flagge zu ſehen, würde ich für ein Goddamer ſprechen.“ „Ihr hört Kameraden? iſt Einer unter Euch, der die geringſte Luſt hat zurückzukehren, und eine Tour auf die Pontons zu machen?“ Fünf bis ſechs Matroſen, welche die engliſche Gaſtfreundſchaft gekoſtet hatten, antworteten einſtimmig: „Ich nicht! ich nicht, tauſend Donner!“ „Nun denn, wir wollen vor Allem ſchauen, ob man es auf uns abgeſehen hat, und ſind wir in ſeinen Abſichten ſicher, ſo wollen wir ihn mit den unſern bekannt machen. Zieht alle Segel der Schönen X —— e—„— S„ — ——— 8* 203 Thereſe auf, Kinder, damit wir den Engländern zeigen, was die Söhne von St. Malo zu thun verſtehen.“ Kaum hatte der Capitän Beſehl gegeben, als das Schiff, das ſich, wie geſagt, einfach unter ſeinen Marsſegeln, ſeinem Fockſegel und ſeinem großen Klüver fand, wie eine doppelte Wolke ſeine Bram⸗ ſegel, ſodann ſein großes Segel und zugleich ſeine Brigantine entrollte. Den Wind in allen ſeinen Segeln empfangend, arbeitete es ſich ſodann in die Wogen, wie ein kräf⸗ tiger Ackersmann die Pflugſchaar in die Erde eindrückt. Es trat ein Augenblick des Stillſchweigens ein, bei welchem, als ob die hundertſechzig Mann, die die Equipage des Schiffes bildeten, von Marmor ge⸗ weſen wären, man keinen andern Hauch hörte, als den des Windes, der die Segel onſchwellte und im Tauwerk bebte. Während dieſes Augenblickes kam Pierre Ber⸗ thaut zum Capitän zurück. „Iſt es geſchehen?“ fragte Herbel. „Es iſt geſchehen.“ „Doch unſere Stückpforten ſind immer bedeckt?“ „Sie wiſſen, daß es Ihres perſönlichen Befehles bedarf, um ſie zu entblößen.“ „Gut; iſt der Augenblick gekommen, ſo wird man ihn geben.“ Wir wollen dieſe Worte erklären, welche für den Leſer vielleicht ziemlich unbegreiflich ſind. Der Capitän war nicht nur ein Hriginal, wie es die Wahl ſeines Standes beweist, ſondern er war auch ein ſpaßhafter Charakter. Beim erſten Anblicke 204 bot, einige Launen im Takelwerk nicht zu rechnen, welche zu entdecken man das geübte Auge eines Seemanns haben mußte, bot die Schöne Thereſe einen ebenſo friedlichen Anblick, als ihr Name rei⸗ zend war. Abgeſehen von ihren etwas ſchlanken Spirren, welche hätten auf den Glauben bringen können, ſie gehe von den Werften von New⸗York oder Boſton aus, oder ſtatt einer Ladung Indigo oder Cochenille führe ſie das, was man im Negerrothwälſch eine Ladung Ebenholz nennt, offenbarte nichts an ihr ihr ungeſtümes Weſen und ihren zankſüchtigen Charakter. Mehr noch: ihre ſorgfältig in das Zwiſchendeck zurückgeſchobenen Kanonen hätten um keinen Preis der Welt ohne die Erlaubniß des Herrn durch die Stückpforten geſchaut. Dieſe Stückpforten ſelbſt waren bedeckt mit einem breiten Streifen wie das lebende Werk des Schiffes angemalten Segeltuchs. Allerdings hob ſich im Augenblicke des Kampfes dieſer Lein⸗ wandſtreifen auf wie eine Theaterdecoration und ließ einen lebhaft rothen Streifen ſehen, in deſſen Unter⸗ brechungen die Kanonen, welche es drängte, Luft zu ſchöpfen, wollüſtig ihren ehernen Hals hinausſtreckten. Sodann, da der Capitän Herbel der Einzige war, dem dieſer luſtige Gedanke gekommen, wußte der Engländer, daß er es mit einem Manne zu thun hatte, der, da er keinen Pardon verlange, auch keinen geben würde. In dieſen Dispoſitionen erwartete er und ſeine Mannſchaft, daß das Schiff, welches man im Ge⸗ ſicht hatte, ſelbſt ſeine Dispoſitionen kundgebe. Er hatte nicht nur alle ſeine Segel entfaltet, 205 ſondern man hatte auch wie Dunftflocken alle ſeine Beiſegel emporſteigen ſehen; ſo daß an ſeinem Bord kein Fetzen Tuch mehr war, den man nicht benützt hätte. „Gut nun!“ ſagte der Capitän Herbel,„beküm⸗ mern wir uns nicht mehr um jene: ich mache mich anheiſchig, ihn von hier nach St. Malo zu führen, ohne daß es uns einen Zoll Terrain abgewinnen ſoll. Beliebt es uns, ihn zu erwarten, ſo wird er uns einholen.“ „Aber,“ ſagten drei bis vier Matroſen, die es mehr drängte, als die andern,„warum ſollten wir die Brigg nicht ſogleich erwarten, Capitän?“ „Ei! das iſt Eure Sache, Kinder; bittet Ihr mich inſtändig, ſo werde ich es ſicherlich nicht abſchlagen.“ „Tod dem Engländer und es lebe Frankreich!“ rief einſtimmig die Mannſchaft. „Nun wohl, meine Kinder,“ ſprach der Capitän Herbel,„das wird für unſern Nachtiſch ſein. Speiſen wir zuerſt zu Mittag, und, in Betracht der Feierlich⸗ keit der Umſtände, ſoll jeder Mann ſeine doppelte Ration Wein und ſein Gläschen Rhum haben... Du hörſt, Meiſter Koch?“ Eine Viertelſtunde nachher ſaß Jedermann bei Tiſche, und aß mit ſo gutem Appetit, als ob dieſes Mahl, wie das von Leonidas, nicht das letzte ſein ſollte. Das Mahl war reizend; es erinnerte den Pariſer an die heiterſten Stunden ſeiner Kindheit; im Namen der Geſellſchaft und mit Erlaubniß des Capitäns, bat er ſeinen Kameraden, Pierre Berthaut, genannt Monte⸗Haubon, eines von den charakteriſtiſchen 206 Seemannsliedern zu ſingen, die er ſo gut ſang, und das, wie das ca ira, die Mitte zwiſchen der Mar⸗ ſeillaiſe und der Carmagnole hielt. Pierre Berthaut ſtand auf, ohne ſich im Ge⸗ ringſten bitten zu laſſen, und ſtimmte mit einem Tone, ſo ſchallend als eine Trompete, dieſes zugleich tolle und furchtbare Lied an, von dem wir bedauern, daß wir weder die Melodie kennen, noch die Worte zu geben vermögen. Sagen wir indeſſen, um wahr zu ſein, daß, wel⸗ ches Vergnügen auch die Mannſchaft im Allgemeinen und der Pariſer insbeſondere beim Anhören dieſes pittoresken Liedes empfanden, ſich eine ſo gewaltige Ungeduld zeigte, daß der Capitän Pierre Herbel ge⸗ nöthigt war, ſeinen Leuten Stillſchweigen aufzuer⸗ legen, damit der Virtuoſe ſeine achte Strophe ſingen konnte. Man erinnert ſich, daß Pierre Berthaut der Liebling des Capitäns war; der Capitän wollte alſo nicht, daß man ihm die Unart anthat, ihn zu unter⸗ brechen. Dank dieſer Protection ſang Pierre Berthaut nicht nur ſeine achte, ſondern auch ſeine neunte und ſeine zehnte Strophe. Hier endigte das Lied. „Das iſt Alles, Capitän,“ ſagte der Sänger. „Iſt es wirklich Alles?“ fragte Pierre Herbel. „Ganz und gar.“ „Du brauchteſt Dir keinen Zwang anzuthun, wenn es noch andere Strophen hätte,“ erwiederte der Capitän;„wir haben Zeit.“ „Es hat keine andere.“ 207 Der Copitän ſchaute umher und fragte dann mit lauter Stimme: „Wo iſt denn der Pariſer? He! Pariſer!“ „Hier, Capitän, an meinem Poſten, auf der Bramſtange.“ ſach Beendigung des Liedes hatte der Pariſer in der That mit der Behendigkeit eines Affen das wieder erreicht, was er ſeinen Poſten nannte. „Wo waren wir mit unſerer Inſpection, Pa⸗ riſer,“ fragte der Capitän,„als wir ſie unterbrachen, um ein gutes Mahl zu machen?“ „Capitän, ich hatte die Ehre, Ihnen zu ſagen, die Brigg habe einen ganz militäriſchen Gang, und rieche auf eine Meile nach ihrem Goddam.“ „Was ſiehſt Du mehr?“ „Nichts; ſie iſt immer gleich weit entfernt. Doch wenn ich ein Fernrohr hätte...“ Der Capitän gab ſein eigenes Fernrohr in die Hände eines Schiffsjungen, und ertheilte ihm, um ihm Feuer zu verleihen, einen Tritt auf den Hintern: „Bring das dem Pariſer, Caſſe⸗Noiſette*).“ Caſſe⸗Noiſette ſtürzte nach den Wänden. War der Pariſer mit der Behendigkeit eines Affen auf ſeinen Poſten geſtiegen, ſo ſtieg Caſſe-Noiſette, wir müſſen ihm dieſe Gerechtigkeit widerfahren laſſen, mit der Geſchwindigkeit eines Eichhörnchens hinauf. „Erlauben Sie mir, bei Ihnen zu bleiben, Herr Pariſer?“ fragte der Schiffsjunge. „Hat es Dir der Capitän verboten?“ ſagte der Pariſer. 3) Nußknacker. 208 „Nein,“ antwortete der Knabe. „Alles, was nicht verboten iſt, iſt erlaubt.“ Der Knabe ſetzte ſich auf das Ende der Raa, wie ein Groom ſich aufs Kreuz hinter einen Stall⸗ meiſter ſetzt. „Nun,“ fragte der Capitän,„erhellt Dir das Dein Geſicht?“ „Das heißt, Capitän, ich ſehe das Schiff, als ob ich darauf wäre.“ „Eine oder zwei Reihen Zähne?“ „Eine; aber, bei meiner Treue, ein ſchönes Ge⸗ biß!“ „Wie viel Zähne?“ „Sechsunddreißig.“ „Teufel! zehn mehr als wir!“ Man erinnert ſich, daß die Schöne Thereſe vierundzwanzig Kanonen führte, nebſt zwei weiteren an ihrem Hintertheile, was ſechsundzwanzig machte; nur waren die zwei am Hintertheile diejenigen, welche der Capitän ſeine Ueberliſter nannte, weil ſie ein Caliber doppelt ſo ſtark als die anderen hatten. Wenn zum Beiſpiel eine Brigg, welche Vierund⸗ zwanzigpfünder führte, nachdem ſie die Schöne Thereſe an Backbord und an Steuerbord genau betrachtet hatte, bemerkte, ſie führe nur Zwölfpfün⸗ der, ſo unternahm die Brigg voll Vertrauen die Ver⸗ folgung; die Schöne Thereſe ergriff die Flucht, und da der Capitän auf ein Klafter die Tragweite einer Kanonkugel kannte, ſo ließ er die feindliche Brigg bis in die ſchöne Schußweite ſeiner Vorder⸗ theiiſtücke heranrüͤcken, und dann begann er, ganz vot er ric tra un tet oh im na e „ nz 209 vor dem Winde und der Brigg laufend, das, was er ſein Kegelſpiel nannte. Da nun Pierre Berthaud ein vortrefflicher Stück⸗ richter war, ſo ward er ganz beſonders damit beauf⸗ tragt, die zwei Sechsunddreißigpfünder zu richten, und dann hatte, da man, während er die eine rich⸗ tete, die andere wieder lud, der Capitän Herbel das Vergnügen, von der Schanze aus die Kanvnenkugeln ohne Unterlaß auf dem Verdecke, in den Segeln oder im Fugenwerk des Schiffes ſich folgen zu ſehen, je nachdem ihm zu rufen beliebte:„Höher, Pierre!“ oder: „Tiefer, Pierre!“ „Ihr hört?“ ſagte der Capitän zu den Matroſen. „Was, Capitän?“ „Was der Pariſer ſpricht.“ „Was ſpricht er, Capitän?“ „Er ſagt, der Engländer habe zehn Zähne mehr als wir.“ „Und unſere Haken, Capitän, rechnen Sie dieſe für nichts?“ fragte Pierre Berthaud. „Ihr ſeid alſo der Meinung, meine Kinder, wir haben uns nichts um dieſe zehn Zähne mehr zu be⸗ kümmern?“ „So wenig als um die andern,“ antwortete Pierre Berthaud;„wir kümmern uns den Teufel um dergleichen!“ Und der Matroſe ließ ſeinen Daumen an ſeinem Mittelfinger ſchnalzen. „Gleichviel,“ ſagte der Capitän;„vor Allem müſſen wir wiſſen, mit wem wir zu thun haben.“ Und er kehrte zum Pariſer zurück und ſagte zu ihm: Dumas, Salvator. III. 14 210 „He! Pariſer! Du, der Du Schiffe von allen Hunden von Ketzern kennſt, als hätteſt Du ſie über die Taufe gehalten, kannſt Du mir den Namen von dieſem ſagen?“ Der Pariſer hielt das Fernglas an ſein Auge, betrachtete die Brigg mit einer Aufmerkſamkeit, welche bewies, wie groß fein Verlangen war, dem Vertrauen ſeines Capitäns zu entſprechen; dann ſchob er, als ob er nichts mehr zu ſehen hätte, die drei Rohre des Fernglaſes in einander und ſagte: „Capitän, es iſt die Calypſo!“ „Bravo!“ rief Pierre Herbel.„Meine Kinder, wir werden ſie über die Abreiſe von Ulyſſes tröſten.“ Die Mannſchaft, welche dieſe Worte buchſtäblich nahm, wußte nicht recht, was dieſelben beſagen wollten, doch ſie begriff, es ſei einer von den unbän⸗ digen Scherzen, wie ſie Pierre Herbel in dem Augen⸗ blicke, wo man handgemein werden ſollte, zu machen pflegte. Sie empfing daher die Worte des Capitäns mit einem Hurrah von der Stärke desjenigen, welches, auf dem römiſchen Forum ausgeſtoßen, einen vor⸗ überfliegenden Raben aus Angſt herabfallen machte. Ein Anderer als dieſer unerſchrockene Seemann würde lange gezögert haben, ehe er einen um ein Drittel Stärkeren als er angegriffen hätte; die Ueber⸗ legenheit des feindlichen Schiffes gab aber im Gegen⸗ theile dem Copitän Herbel die Befriedigung, welche jeder Mann von Muth fühlt, der mit einem ſeiner würdigen Gegner zuſammentrifft. Sobald das Hurrah erloſchen war, ſchaute auch der Capitän mit Zufriedenheit alle dieſe ehernen 7 n in ur in fr ——— it 8, r⸗ te. nn in er⸗ en⸗ che ter ch en 214 Geſichter, alle dieſe flammenden Augen, alle dieſe funkelnden Zähne, die ihn umgaben, an, und ſprach mit lauter Stimme: „Ich frage zum letzten Male: ſeid Ihr feſt ent⸗ ſchloſſen?“ „Ja! ja!“ antwortete einſtimmig die Mannſchaft. „Ihr werdet Euch bis zum Tode wehren?“ „Bis zum Tode!“ rief man von allen Seiten. „Und ſogar darüber hinaus!“ rief der Pariſer von ſeiner Webeleiter. Kaum war dieſer Befehl gegeben, als die Binde, welche die Batterie der Schönen Thereſe bedeckte, wie durch einen Zauber verſchwand, und die Ca⸗ lypſo konnte nun auf jeder Seite der Flanken der Schönen Thereſe zwölf Stückpforten zählen, aus denen eben ſo viel Achtzehnpfünder wollüſtig ihren Hals hervorſtreckten. Alsdann glitt Caſſe⸗Noiſette, der die wichtigen Functionen eines Pfeifers mit denen eines Schiffs⸗ jungen verband, von ſeinem hohen Poſten herab, und befand ſich auf dem Verdecke zu gleicher Zeit mit dem Trommler, der mit aufgehobenen Schlegeln nur auf ein Zeichen des Capitäns wartete, um ſei⸗ nem melodiöſen Inſtrumente die erſten Noten zu ent⸗ locken. Der Capitän machte dieſes Zeichen. Sogleich erſcholl der Branle⸗bas auf der Schö⸗ nen Thereſe; der Trommler durchlief das Verdeck in ſeiner ganzen Länge, trat durch die Hinterluke ein und kam durch die Vorderluke wieder heraus, immer in Begleitung von Caſſe⸗Noiſette, welcher Mittel ge⸗ funden hatte, Accompagnement zum Trommelſchlagen 212 mit Variationen über die Nationalmelodie: Bon voyage, monsieur du Mollet, zu machen. jac Die erſten Töne des doppelten Inſtruments brach⸗ auf ten eine energiſche Wirkung hervor. pit In einem Augenblicke war Jeder auf dem Poſten, klei den er unter ſolchen Umſtänden einnahm, bewaffnet mit den Waffen, welche die ſeinigen waren. Ta Die Marsgäſte eilten mit ihren Carabinern in ten die Maſtkörbe; die mit Musketen bewaffneten Leute ſtellten ſich auf den Hinter- und Vordercaſtellen und auf der Verbindung auf, die Musketonnen wurden lic montirt, die Kanonen wurden losgemacht und an die Stückpforten geführt; Vorräthe an Granaten wurden an allen Orten aufgehäuft, von denen man ſie auf das feindliche Verdeck regnen machen zu können„ glaubte. Das ging auf dem Verdeck vor. do Unter dem Verdecke, das heißt im Innern des Schiffes, war die Thätigkeit nicht minder groß. v . Die Pulverkammern wurden geöffnet, die Later⸗ nen angezündet, die Querwände niedergeriſſen. Eine Gruppe Fantaſieſoldaten bildete ſich: das tr waren die größten und ſtärkſten Matroſen der Schö⸗ nen Thereſe. Jeder hatte die Waffe ſeiner Wahl 3 genommen: Dieſer ein Aertchen, Jener eine Har⸗ w pune, ein Anderer eine Lanze. Man hätte glauben ſollen, es ſei eine Gruppe von Rieſen, von denen Jeder ein Muſter einer ver⸗ w ſchwundenen Waffe trage, welche in den Titanen⸗ ic zeiten gedient habe, aber nicht mehr diene ſeit den fabelhaften Tagen von Antäos, Enkelados und Geryon. 213 Die Hände in ſeiner Taſche und in einer Sammt⸗ jacke, wie ein bürgerlicher Löwe von St. Malo, der auf dem Hafendamme ſpazieren geht, inſpicirte Ca⸗ pitän Herbel das Schiff, richtete an jede Gruppe kleine Zeichen der Zufriedenheit und verſchenkte eine ungeheure Carotte Tabak, deren Ende aus ſeiner Taſche hervorſtand, wie der Kopf einer ſich aufrich⸗ tenden Schlange. Als ſodann die Inſpection beendigt war, ſagte er: „Meine Kinder, Ihr wißt, ich werde wahrſchein⸗ lich früher oder ſpäter heirathen.“ „Nein, Capitän, wir wußten das nicht.“ „Nun, ſo ſetze ich Euch davon in Kenntniß.“ „Unſern Dank, Capitän,“ ſprachen die Matroſen. „Wann iſt die Hochzeit!“ „Oh, was das betrifft, das weiß ich noch nicht; doch Eines weiß ich.“ „Was, Capitän?“ „Daß ich, wenn ich heirathe, ganz gewiß mit Madame Herbel einen Knaben zeuge.“ „Wir hoffen es wohl,“ ſagten lachend die Ma⸗ troſen. „Gut, meine Söhne, ich verſpreche Euch, der Zweite, der auf das Verdeck der Calypſo ſpringt, wird der Pathe dieſes Jungen ſein.“ „Und der Erſte?“ fragte der Pariſer. „Der Erſte?“ antwortete der Capitän,„ich werde ihm mit einem Artſtreiche den Schädel ſpalten: ich höre nur, wo ich bin, Niemand paſſirt vor mir. Und wohl verſtanden, meine Kinder, zieht das große Segel, die Brigante und den fliegenden Klüver auf, 3 214 ſonſt wird der Engländer nie nahe genug kommen, daß wir das Geſpräch anknüpfen können.“ „Gut!“ ſagte der Pariſer,„ich ſehe wohl, daß der Capitän Kegel ſpielen will. An Deinen Poſten, Pierre Berthaut!“ Pierre Berthaut ſchaute den Capitän an, um zu ſehen, ob er die Aufforderung des Pariſers als einen Befehl nehmen ſollte. Herbel nickte mit dem Kopfe. „Sagen Sie doch, Capitän?“ ſprach Pierre Berthaut. „Was, Pierre?“ fragte der Capitän,„was gibt es?“ „Nicht wahr, Sie haben nichts gegen Loyſa?“ „Nein, mein Junge: warum dies?“ „Weil ich hoffe, ſie wird bei unſerer Rückkehr nicht nur meine Frau, ſondern auch die Pathe Ihres Knaben ſein.“ „Ehrgeiziger!“ rief der Capitän. In einem Augenblicke waren die vom Capitän bezeichneten Segel aufgegeit, und Pierre Berthaut, an ſeinem Poſten, ſtreichelte ſeine zwei Sechsund⸗ dreißigpfünder, wie es ein Paſcha mit ſeinen zwei Sultaninnen gethan hätte.„ MXVIII. Das Gefecht. Da von dieſem Augenblicke an der Gang der franzöſiſchen Brigg ſchneller wurde, und der des — — 2¹5 engliſchen Schiffes derſelbe blieb, ſo fing die Entfer⸗ nung, welche das gejagte Schiff vom jagenden trennte, ſtufenweiſe an, abzunehmen. Der Capitän ſaß auf ſeiner Quartbank und ſchien die Entfernung mit einem Compaß zu meſſen. So ſehr es ihn drängte, die Kegelpartie zu be⸗ ginnen, war der Capitän Pierre Herbel doch nicht derjenige, welcher das Feuer eröffnete. Ohne Zweifel hatte die feindliche Brigg nicht das Gefühl der Entfernung, denn man ſah es gewiſſe Segel aufgeien, ſo daß die Calypſo, ſtatt ihres Vordertheils, eine von ihren Flanken bot. Zugleich breitete ſich ein Dampſſtreifen längs ſeinen Stück⸗ pforten aus, und ehe man das Knallen ſeiner Achtzehn⸗ pfünder hörte, ſchlug ein Kugelnhagel auf drei bis vier Kabellängen von der Schönen Thereſe ins Meer. „Es ſcheint, unſere Freunde, die Engländer, haben Pulver und Kugeln, von denen ſie nicht wiſſen, was ſie damit machen ſollen,“ ſagte der Capitän Herbel;„wir werden ſparſamer ſein als ſie, nicht wahr, Pierre?“ „Ei! Sie wiſſen, Capitän,“ erwiederte Pierre, „ganz nach Ihrer Fantaſie; ſagen Sie, man ſoll an⸗ fangen, ſo wird man anfangen.“ „Gut!“ ſprach der Capitän;„laßt ſie noch ein paar Klaſter herbeikommen, vir haben Zeit.“ „Ja,“ ſagte der Pariſer,„ iſt Mondſchein. Ah! Capitän, nicht wahr, das muß ſchön ſein, ein Gefecht beim Mondſcheine? Sie müßten ſich damit regaliren: das iſt nichts Gewöhnliches.“ 216 „Höre, das iſt eine Idee!“ rief der Capitän. „Sprich, wird Dir das Vergnügen machen, Pariſer?“ „Bei meinem Ehrenworte, ich werde Ihnen dank⸗ bar dafür ſein.“ „Ah!“ ſagte der Capitän,„man muß etwas für ſeine Freunde thun.“ Er zog ſeine Uhr und ſprach: „Es iſt fünf Uhr Abends, meine Kinder; wir werden die Calypſo bis elf Uhr beluſtigen; um elf Uhr fünf Minuten entern wir ſie; um ein Viertel nach elf Uhr wird ſie genommen ſein; um halb zwölf Uhr wird Jeder in ſeiner Hängematte liegen: die Schöne Thereſe iſt ein wohlerzogenes Mädchen, das frühzeitig zu Bette geht, ſogar an den Ball⸗ tagen.“ „Um ſo mehr als es um halb zwölf Uhr keinen Tänzer mehr geben wird, der Fußweh hat,“ bemerkte der Pariſer. „Capitän,“ ſagte Pierre Berthaut,„Capitän, die Hand juckt mich!“ „Nun denn,“ erwiederte Herbel,„ſo ſchicke ihnen ein paar Kugeln zu; doch ich erkläre Dir, daß dieſe für Deine Rechnung ſind, und nicht für die meinige.“ „Ah!“ ſagte Pierre Berthaut,„wir werden ſehen, was wir ſehen.“ „Warte noch einen Augenblick, Pierre, warte noch einen Augenblick, daß uns der Pariſer ein we⸗ nig ſagt, was ſie dort machen.“ „In fünf Secunden ſollen Sie das wiſſen, Ca⸗ pitän,“ antwortete der Pariſer, während er auf die Fockſtange ſtieg; denn diesmal waren beide Schiffe 217 nahe genug bei einander, daß er nicht nöthig hatte, bis zur Oberſtange hinaufzuſteigen. „Meine Schweſter Anna,“ fragte der Capitän, „ſiehſt Du nichts kommen?“ „Ich ſehe das Meer, das grün wird,“ entgegnete der Pariſer,„und die Flagge Seiner Großbritanni⸗ ſchen Majeſtät, welche blinkt.“ „Und zwiſchen dem Meer und der Flagge?“ fragte der Capitän. „Ich ſehe Jeden an ſeinem Poſten für den Kampf, die Kanoniere bei ihrer Batterie, die Marineſoldaten auf der Verbindung und auf den Caſtellen; ich ſehe endlich den Capitän, der ſein Sprachrohr an den Mund ſetzt.“„ „Ah! Pariſer,“ ſagte der Capitän,„welch ein Unglück, daß Dein Ohr nicht ſo fein iſt, als Deine Augen ſcharf ſind! Du würdeſt uns wiederholen, was er ſpricht.“ „Oh!“ erwiederte der Pariſer,„horchen Sie ſelbſt, und Sie werden es erfahren.“ Der Pariſer hatte nicht vollendet, als zwei Blitze vom Vordertheile der feindlichen Brigg hervorgingen, ein Knall ſich hören ließ, und zwei Kugeln im Kiel⸗ waſſer der Schönen Thereſe recochirten. „Ah! ah!“ rief der Capitän,„es ſcheint, das iſt ein Contretanz zu vier. Pierre auf! auf! Der Ca⸗ valier gibt ſeine Hand der Dame. En avant deux, Pierre, en avant deux!“ Der Capitän hatte ſeinerſeits kaum vollendet, als Pierre Berthaut, nachdem er ſich einen Augen⸗ blick auf das Stück geneigt hatte, ſich wieder erhob und ſelbſt das Zündlicht an das Zündloch hielt. 218 Der Schuß ging los. Man hätte glauben ſollen, der Capitän folge der Furche der Kugel in der Luft. Die Kugel drang in das Vordertheil ein. Faſt in demſelben Momente wurde der zweite Knall hörbar, und die zweite Kugel folgte der erſten ſo raſch, daß man hätte denken können, ſie laufe ihr nach. „Das iſt mehr werth!“ rief Pierre Berthaut ganz freudig, als er einen ungeheuren Splitter von der Wand des Vordertheils ſpringen ſah.„Was ſagen Sie dazu, Capitän?“ „Ich ſage, Du verlierſt Deine Zeit, Freund Pierre.“ „Wie! ich verliere meine Zeit?“ „Allerdings. Haſt Du ihm zwanzig Kugeln in den Leib gejagt, ſo wirſt Du doch nur dem Zimmer⸗ mann Arbeit gegeben haben. Eine volle Salve, alle Teufel! ziele nach dem Maſtwerk! zerſchmettere ihr die Beine und die Flügel: das Holz und die Lein⸗ wand ſind in dieſem Augenblicke koſtbarer für ſie als das Fleiſch.“ Während dieſes Dialogs hatte die Calypſo der Schönen Thereſe fortwährend Terrain abgewon⸗ nen; dieſe gab Feuer mit ihren zwei Vorderkanonen; eine von ihren Kugeln ſtarb auf einen Piſtolenſchuß vom Hintertheile der Brigg, während die andere, ricochirend, die Flanke der Schönen Thereſe traf, jedoch ins Waſſer fiel, nachdem ſie kaum ihre Spur bezeichnet hatte. „Hören Sie, Capitän,“ ſprach Pierre Berthaut, während er ſich auf eine der zwei Kanonen aus⸗ S— — ,—— e— — 2¹9 ſtreckte,„ich glaube, wir ſind in einer guten Entfer⸗ nung, und wenn Sie auf mich hören wollen, ſo wer⸗ den wir uns hier behaupten.“ „Was muß man zu dieſem Ende thun?“ „Die Schöne Thereſe wieder unter alle Se⸗ gel ſetzen. Ahl könnte ich zugleich beim Steuerruder und bei meinen Stücken ſein, ich ſtünde Ihnen dafür, Capitän, daß ich fahren würde, um nicht einen zwi⸗ ſchen uns ausgebreiteten Jungfernfaden zu zerreißen.“ „Spannt das große Segel, den fliegenden Klüver und die Brigantine aus!“ rief der Capitän, indeß Pierre Berthaut die Lunte an's Zündloch hielt und Feuer gab. Diesmal ging die Kugel über die Waſſerlinie und zerbrach das Ende der Raa. „Das iſt das, was wir einen Manchettenſchuß nennen,“ ſagte der Capitän Herbel.„Auf! Pierre, zehn Louisd'or Prämie auf dem erſten Boden, wo wir landen, mit den Kameraden zu verzehren, zer⸗ ſchmetterſt Du mir ſeinen Fockmaſt oder ſeinen gro⸗ ßen Maſt zwiſchen der Hauptmarsſtange und der Vormarsſtange.“ „Hurrah für den Capitän!“ rief die Mannſchaft. „Darf man ſich der Stangenkugeln bedienen?“ „Bei Gott!“ antwortete der Capitän,„bediene Dich der Dinge, die Dir belieben.“ Pierre Berthaut forderte vom Hochbootsmann das Wurfgeſchoß, deſſen er bedurfte; dieſer ließ einen Haufen Patronen holen, Kugeln enthaltend, von de⸗ nen zwei und zwei mittelſt einer Kette an einander befeſtigt waren. 220 Sobald man das zweite Stück geladen hatte, zielte Pierre Berthaut und gab Feuer. Die Kugel durchlöcherte die Focke und das große Segel auf einen halben Fuß vom Maſt. „Ah! ah!“ rief der Capitän,„die Intention iſt da.“ Die ganze Mannſchaft hatte ſich allmälig dem Hintercaſtelle genähert. Ein Theil der Matroſen war, um das Schau⸗ ſpiel beſſer zu ſehen, auf die Wände geſtiegen. Die Marsgäſte, welche in den Maſtkörben ſaßen, verhiel⸗ ten ſich ſo ruhig, als wären ſie in einer erſten Loge bei einem Gratisſchauſpiele geweſen. Pierre Berthaut ließ die zwei Stücke mit den neuen Patronen laden. „Oho! Capitän!“ rief der Pariſer. „Nun, was gibt es Neues, Bürger Mauffelard?“ „Capitän, ſie ſind damit beſchäftigt, eine Kanone vom Hintertheile nach dem Vordertheile zu rollen, und die zwei Kanonen vom Vordertheile nach dem Hintertheile.“ „Was denkſt Du hiervon, Pariſer?“ „Ich denke, ſie werden es müde ſein, Orangen zu empfangen und uns Kirſchen zu geben, und wir wer⸗ den es nun auch mit Sechsunddreißigpfündern zu thun haben.“ „Du hörſt, Pierre?“ „Ja, Capitän.“ „Pierre, zehn Louisd'or.“ „Capitän, man würde ſchon um der Ehre willen ſein Beſtes thun; wollen Sie auch beurtheilen: „„Feuer!““ 221¹ Indem er ſich ſelbſt Feuer befahl, hielt Pierre die Lunte an's Zündloch, der Schuß ging los, und ein neuer Riß entſtand in den Segeln. Beinahe in demſelben Momente antwortete die Calypſo durch einen ähnlichen Knall und eine Kugel, welche das Ende der Raa des Obermaſtes fortriß, ſchnitt einen Mann auf dem Tauwerk entzwei. „Ei! ſprich doch, Pierre,“ rief der Pariſer, „wirſt Du uns nur ſo abraupen laſſen?“ „Tauſend Donner!“ ſagte Pierre,„es ſcheint, ſie haben auch Sechsunddreißigpfünder! Warte, warte, Pariſer, und Du ſollſt ſehen!“ Diesmal zielte Pierre Berthaut mit einer ganz beſonderen Aufmerkſamkeit, richtete ſich raſch auf, nachdem er gezielt hatte, und hielt die Lunte an's Zündloch,— Alles im Zeitraum einer Secunde. Diesmal ſah man nichts, doch man hörte ein entſetzliches Krachen. Der große Maſt ſchwankte einen Augenblick, als wüßte er nicht, ob er vorwärts oder rückwärts fallen ſollte; dann neigte er ſich vorwärts, und ein wenig über der großen Stange gebrochen, fiel er auf das Verdeck und überhäufte es mit Segeltuch; die Kette der Kugel hatte ihn in der Mitte durchſchnitten. „Bei meiner Treue!“ rief der Capitän ganz freudig,„ich habe von einem Buche, betitelt: les Liaisons dangereuses*) ſprechen hören; ſollteſt Du *) Ein höchſt lasciver Roman. 222 es zufällig geleſen haben, Pierre? Du haſt Deine zehn Louisd'or gewonnen, mein Freund.“ „Und man wird auf die Geſundheit des Capitäns trinken!“ rief die ganze Mannſchaft. „Nun gehört die Calypſo uns, als gäbe man ſie uns umſonſt,“ ſagte Herbel;„nur wollen wir den Mond erwarten, nicht wahr Pariſer?“ „Ich glaube, das wird klug ſein,“ antwortete der Pariſer;„denn es wird Nacht, und bei dem Geſchäfte, das wir noch zu verrichten haben, iſt es nicht übel, zu ſehen, wohin man den Fuß ſetzt.“ „Und ich,“ ſagte der Capitän,„ich verſpreche Euch, da Ihr ſehr vernünftig geweſen ſeid, ein Feuerwerk.“ Die Abenddämmerung war wirklich gekommen und die Nacht rückte mit der in den Tropenbreiten eigenthümlichen Geſchwindigkeit heran. Da dieſe Nacht, ſo lange ſie ohne Mond wäre, ſehr dunkel zu ſein drohte, ſo befahl der Capitän Herbel, um den Engländern ſeine Abſicht, in der Nacht nicht zu verſchwinden, deutlich zu bezeichnen, Laternen an ſeinen Oberſtangen aufzuhiſſen. Die Laternen wurden aufgehißt. Der Engländer ſeinerſeits,— zum Zeichen, daß er die Partie nur als angefangen betrachte, ließ zwei Schiffslaternen aufziehen, wie es ſein Gegner gethan hatte. Auf beiden ſchien man mit gleicher Ungeduld den Aufgang des Mondes zu erwarten. Die zwei Schiffe hatten ihre Segel maskirt, daß ſie faſt aufgebraßt lagen; ſie ſahen in der Finſterniß aus wie zwei über die See hinlaufende Wolken, er⸗ ſ ( 223 ſchreckliche Wolken, die in ihren Flanken den Blitz und den Sturm verbargen. Um eilf Uhr ging der Mond auf. Sogleich verbreitete ſich eine ſanfte Helle in der Atmoſphäre, und das Meer glaſirte ſich mit Silber. Der Copitän Herbel zog ſeine Uhr. „Meine Kinder,“ ſprach er,„ich ſagte Euch, ein Viertel nach eilf Uhr werde die Calypſo genommen ſein, und um halb zwölf Uhr werden wir in unſern Hängmatten liegen; wir haben alſo keine Zeit zu verlieren. Bekümmern wir uns nicht um den Feind: er wird thun, was ihm beliebt. Vernehmt, was wir zu thun haben... Hat Pierre Berthaut ſein Geſpann aufs Vordertheil gebracht?“ „Ja, Capitän,“ antwortete Pierre. „Iſt Alles mit Hagelpatronen geladen?“ „Ja, Capitän.“ „Wir gehen gerade auf den Engländer los. Pierre Berthaut fängt damit an, daß er ihn mit zwei Sultaninnen begrüßt; gut! wir ſenden ihm unſere Salve vom Backbord zu ſehr gut! wir drehen ſogleich, wir entern die Brigg und werfen unſere Drege aus. Dann ſenden wir ihm unſere Salve vom Steuerbord zu: vortrefflich! Da er ſeinen großen Maſt verloren hat und behende iſt wie ein Menſch, dem das Bein zerſchmettert worden, ſo ſendet er uns ſeine ganze Salve vom Steuerbord zu; achtzehn Vierundzwanzigpfünder für vierundzwanzig Achtzehn⸗ pfünder und zwei Sechsunddreißigpfünder. Macht den Uebertrag, und Ihr werdet ſehen, daß wir einen reinen Nutzen von acht Kanonenſchüſſen haben. Nun laßt uns anlegen, und das Uebrige iſt meine Sache. Auf, meine Kinder, vorwärts, und es lebe Frankreich!“ Ein ungeheurer Ruf:„Es lebe Frankreich!“ ſchien ſich aus dem Schooße des Meeres zu erheben und dem Engländer zu verkündigen, der Kampf werde ſogleich wieder beginnen. Zu gleicher Zeit manövrirte die Schöne Thereſe, 4 um den Vortheil des Windes zu erlangen. Das Reſultat hievon war, daß, indeß ſie An⸗ fangs den Anſchein hatte, als entfernte ſie ſich von der Calypſo, in einem gegebenen Augenblicke, und da ſie fühlte, ſie habe den Wind hinter ſich, die Schöne Thereſe gerade dem Feinde zuſegelte und über ihn herfiel, wie der Seeadler über ſeine Beute. Bewunderungswürdig bei der Mannſchaft des Capitäns Herbel war ihr paſſiver Gehorſam. Hätte der Capitän befohlen, geraden Weges nach Makſtröm zu ſegeln,— nach dieſem berüchtigten Schlunde der ſcandinaviſchen Mährchen... 6 der die Dreidecker ſo leicht verſchlingt, als Saturn ſeine Kinder verſchlang,— der Steuermann wäre unmittelbar nach Malſtröm gefahren. Was befohlen war, wurde buchſtäblich vollzogen. Pierre Berthaut ſandte zwei Hagelſchüſſe beinahe zu gleicher Zeit ab, wo die Schöne Thereſe die Backbordſalve von ihrem Feinde erhielt; dann don⸗ nerte ihre Backbordſalve ebenfalls; hiernach, und ehe es der Calypſo, von Schmerzen ergriffen, wie ſie war, einfiel, zu drehen, um ihr ihre Steuerbord⸗ ſalve zuzuſenden, eilte das Bugſpriet der Schönen Thereſe, mit Menſchen beladen wie eine Weinrebe mit Trauben, in die Wände des großen Maſts, wäh⸗ 225 rend man unter dem Krachen des Tauwerks den Capitän rufen hörte: 6„Feuer! meine Kinder! eine letzte Salve! raſirt . ſie wie ein Ponton, und dann werden wir ſie er⸗ ſteigen wie eine Feſtung.“ Zwölfmit Hagelpatronen geladene Kanonenſchienen 3 bei dieſem Beſehle vor Freude zu brüllen. Ein Flammenſtrahl warf einen düſtern Schein auf die Calypſo, eine dichte Wolke verbreitete ſich auf dem Verdecke; man hörte das Krachen von Holz und das Gebrülle des Schmerzes, ſodann die Stimme des Capitäns, rufend, als geböte ſie dem Sturme: 2„Entert, meine Kinder!“ In demſelben Augenblicke ſprang der Erſte, wie das ſeine Gewohnheit war, der Capitän Herbel auf das Verdeck der Calypſo. Doch er war noch nicht feſt auf ſeinen Füßen, als ihm eine Stimme ins Ohr ſagte: 3„Gleichviel, Capitän, ich werde der Pathe Ihres K erſten Kindes ſein.“* Es war die Stimme von Pierre Berthaut. In derſelben Minute glitten vom Bogſpriet, das ſich auskörnte wie eine Aehre, von den Ragen, von den Wänden, vom Takelwerk die Malunen auf das 6 Verdeck der Calypſo, wo fünf Sekunden lang die Menſchen gedrängt wie der Hagel eines Sommer⸗ d ſturmes fielen. e Was ſodann auf dem Verdecke der Calypſo vorging, läßt ſich unmöglich beſchreiben: es war ein entſetzlicher Durcheinander, ein Kampf Leib an Leib, ein allgemeines Hallali, ein Herenſabbat, unter dem Dumas, Salvator. M. 45 226 man zum großen Erſtaunen von Jedem den Capitän Herbel weder ſah, noch hörte. tach Verlauf von fünf Minuten jedoch erblickte man ihn, aus einer Luke hervorkommend. Eine Fackel, die er in der Hand hielt, beleuchtete ſein von Pulver ſchwarzes und von Blut rothes Geſicht. „Alle an Bord der Schönen Thereſe, Kinder!“ rief er,„der Engländer wird in die Luft ſpringen!“ Die Wirkung dieſer Worte war magiſch: die an⸗ gefangene Blasphemie erloſch, der aufgehobene Arm hielt an. Plötzlich drang aus dem Innern hervor der ent⸗ ſetzliche Schrei: „Feuer!“ Sogleich begann die Mannſchaft der Schönen Thereſe mit demſelben Eifer, den ſie angewandt hatte, um an Bord der feindlichen Brigg zu ſprin⸗ gen, dieſe zu verlaſſen, indem ſie ſich an alles Tau⸗ werk anklammerte und von einem Bord auf das andere ſprang, während der Capitän, Pierre Berthaut und das, was man hätte die Gruppe der Rieſen nennen können, nämlich die Männer, die wir vor dem Kampfe gezeigt haben, bewaffnet mit fantaſti⸗ ſchen Waffen, den Rückzug unterſtützten. Er bewerkſtelligte ſich, ehe der Engländer ſich von ſeinem Erſtaunen erholt hatte, und während zwei Männer das Bogſpriet von dem Tauwerk, wo es feſtgefaßt war, mit der Art in der Hand losmachten, hörte man eine Stimme rufen: „Braßt Backbord vornen! hißt die Klüver! geit das große Segel und die Brigantine auf, Alles an Steuerbord.“ S—— —— 227 Dieſe mit der mächtigen Stimme, die den paſ⸗ ſiven Gehorſam auferlegt, befohlenen verſchiedenen Manövers, wurden ſo raſch vollzogen, daß man, was auch die Befehle des engliſchen Capitäns waren, die zwei Schiffe nicht an einander binden konnte, und daß die Schöne Thereſe, als begriffe ſie, welcher Gefahr ſie preisgegeben war, ſich von den Wänden des feindlichen Schiffes losmachte, indem ſie ihre Drege abhackte und ihr Tauwerk durchſchnitt, denn ſie hatte keinen andern Gedanken mehr als den, der erſchrecklichen Anſteckung der Flammen zu entkommen. Der Capitän Herbel konnte es indeſſen nicht ver⸗ hindern, daß ihm die feindliche Brigg, ſich durch eine letzte Anſtrengung um ſich ſelbſt drehend, ihre ganze Backbordſalve als einen letzten Abſchied des Haſſes oder der Rache zuſandte. Doch die Mannſchaft war ſo glücklich, ſich der entſetzlichen Gefahr, der ſie ihren Feind überließ, entkommen zu fühlen, daß man kaum auf den Foll von drei bis vier Todten und auf das Geſchrei von fünf bis ſechs Verwundeten merkte. „Und nun, Kinder,“ ſagte der Capitän,„das Feuerwerk, das ich Euch verſprochen habe. Gebt Acht!“ Ein dichter Rauch fing an durch die Luken der engliſchen Brigg hervorzudringen, während ein Dampf anderer Art an den Stückpforten erſchien und die Mündung der Kanonen verſchleierte. Man hörte die Stimme des engliſchen Capitäns, verſtärkt durch das Sprachrohr, rufen: „Die Boote in See!“ Auf der Stelle wurde das Manöver vollzogen und vier Boote ſchwammen um die Brigg. „Das Boot vom Hintertheil und das Boot von 228 der Douine für die Marineſoldaten!“ rief der Ca⸗ pitän;„die zwei Seitenboote für die Matroſen. Laßt die Verwundeten zuerſt hinab.“ Die Soldaten und Offiziere der Schönen Thereſe ſchauten einander an. Hier, und unter ihren Augen, trat die Ueberlegenheit der engliſchen Disciplin hervor. Das Manöver, das an Bord der Calypſo mit ſo großer Regelmäßigkeit ausgeführt wurde, als ob das Schiff eine einfache Uebung im Hafen von Portsmouth oder im Meerbuſen von Salmay gemacht hätte, wäre aller Wahrſcheinlichkeit an Bord eines franzöſiſchen Schiffes unmöglich geweſen. Die Verwundeten wurden zuerſt hinabgelaſſen; ihre Zahl war groß; man vertheilte ſie in die vier Boote; dann nahmen mit vollkommener Ordnung die Marineſoldaten Platz in den zwei Booten, die man ihnen zugeſchieden hatte. Der Capitän ſaß auf ſeiner Quartbank, und gab ſeine Befehle mit derſelben Ruhe, als hätte er nicht eine Mine unter ſeinen Beinen gehabt. Von dieſem Augenblicke an hörte der Ort der Scene auf, ſichtbar zu ſein; dichter durch alle Heff⸗ nungen hervordringend, umhüllte der Rauch das Schiff mit einem Schleier, durch den ſich unmöglich etwas unterſcheiden ließ. Von Zeit zu Zeit ſchienen ſich Feuerſchlangen längs den Maſten hinzurollen; alsdann gingen einige Kanonen, welche geladen geblieben waren, weil man keine Zeit gehabt hatte, ſie zu entladen, von ſelbſt los; hierauf ſah man aus dem Brande ein Boot, dann zwei, dann drei hervorkommen;— plötzlich wurde ein Knall hörbar, das Schiff öffnete ſich wie —— der Krater eines Vulkans, die Luft beſtreifte ſich mit entflammten Trümmern, welche Rieſenraketen ähnlich zum Himmel aufſtiegen. Das war das vom Capitän Herbel verſprochene Feuerwerk. Alles fiel ins Meer zurück, Alles erloſch, Alles verſank wieder in Dunkelheit, und nichts blieb vom Rieſen, der ſich einen Augenblick vorher in den Flammen krümmte; nur drei Barken durchfurchten das Meer, ſich mit aller Gewalt der Ruder entfernend. Der Capitän Herbel hütete ſich wohl, ſie zu ver⸗ folgen; und ſogar, als eine von dieſen Barken unter dem Feuer der Backbordbatterie der Schönen Thereſe vorüberkam, nahmen die Matroſen und der Capitän ſelbſt ihre Hüte ab, um dieſe Braven zu begrüßen, welche, der Gefahr des Brandes entkom⸗ men, einer andern minder nahen, minder ſichtbaren, aber nicht minder großen: der doppelten Gefahr des Sturmes und des Hungers, trotzen ſollten. Das vierte Boot, der Capitän und das letzte Viertel der Mannſchaft, war in die Luft geſprengt worden. Herbel und ſeine Leute folgten mit den Augen den drei Booten bis zu dem Momente, wo ſie die⸗ ſelben in der finſtern Unermeßlichkeit völlig aus dem Geſichte verloren. Alsdann zog der Capitän Herbel ſeine Uhr und ſprach: „Meine Kinder, es iſt Mitternacht vorüber; doch bei meiner Treue, an Feſttagen iſt es wohl erlaubt, ſich ein wenig ſpäter als gewöhnlich ſchlafen zu legen.“ Und fragt man uns nun, warum der Capitän 230 Herbel, ſtatt die drei Viertel der Mannſchaft der Ealypſo zu Gefangenen zu machen, ſie ſo entſchlüpfen ließ, ſo antworten wir, die Schöne Thereſe, welche ſchon hundert und zwanzig Mann führte, habe ſich nicht mit einem hundert Gefangenen überlaſten können. Fragen uns endlich, ſich mit dieſer Antwort nicht begnügend, einige ſchwierigere Leſer, warum dann der Capitän, der mit drei Kanonenſchüſſen die drei Boote in den Grund bohren konnte, dieſe drei Schüſſe nicht gethan habe, ſo antworten wir Nein, wir werden nicht antworten. —————— —— ——— In unſerem Verlage iſt ferner erſchienen und durch alle Vuch handlungen zu beziehen: C. A. Wetterbergh, (Onkel Adam) Sämmtliche Romane. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder 6 kr. ch. und wird einzeln abgegeben. Bis jetzt ſind erſchienen: Genrebilder ans dem Alltagsleben.. 6 Bdochn. Neue Genrebilder aus dem Alltagsleben 18„ t Der Pfarradjunkt. Ein Geurebild Das Häuschen am Gatterthore bei N Das Altargemüälde. Geld und Arbeit. Ein Geurebild Olga. Eine Erzählung.. Der hölzerne Löffel Das Unglückskind. Liebe und Handel. Simon Sellners Reichthümer. Drei neue Genrebilder — c— S cS— Thaddãäus Koseiuszkv. Hiſtoriſcher Roman von Heribert Rau 3 Bde. eleg. geh. Thlr. 1. 24 Ngr. oder 3 fl. rhein. Es iſt wohl unbeſtritten, daß der Verfaſſer dieſes Romans einer unſerer beliebteſten Schriftſteller iſt. Haben doch ſeine Romane wie ſeine wiſſenſchaftlichen Werke in ganz Deutſchland, ja ſogar in Amerika großes Aufſehen gemacht, ſowie mehrere der letzteren in verſchiedene Sprachen überſetzt wurden. Unter dieſen zeichnet ſich vor allen das oben genannte Werk aus. Nicht nur daß die Wahl des Helden eine ſehr glückliche genannt werden darf, da ſchon bei dem Namen Kosciuszko alle edleren Herzen dieſſeits und jenſeits des Oceans höher ſchlagen— es iſt dem Verfaſſer auch gelungen, die Schickſale deſſelben mit einer ſolchen Treue und doch zugleich poetiſchen Verklärung darzuſtellen, daß ſie uns bis zum letzten MWomente feſſeln und zum innigſten Mitgefühle hin⸗ reißen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. ——