S S— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 5 Wr* 0* Cdnard Ottmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Veih und Keſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lescpreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, eines Buches, eine dem Werthe deſſelben hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe v —— bei Entgegennahme entſprchende Summe on mir zurückerſtattet wird. 4. Abonuement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat; 1 Pr Ff 1 W „ 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werven.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ ſt lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſ Erſatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ f ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen häben. 2 5 — Die Mohicaner von Paris. Salvator. Von Alerundre Pnmas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. Zweiter Band. S Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1856. Druck von Eduard Hallberger in Stuttgart. Aſſiſenhuf der Seine. Sitzung vom 29. April. Affaire Sarranti. Der Leſer, als er aus dem Munde von Salvator erfuhr, dieſer begebe ſich in den Juſtizpalaſt, um dort den letzten Debatten der Affaire Sarranti bei⸗ zuwohnen, mußte begreifen, es brauche nicht weniger, als die abſolute Nothwendigkeit, in der wir uns be⸗ finden, Herrn von Marande in das Zimmer ſeiner Frau zu folgen, daß wir ihn nicht auf der Stelle in den großen, erſchrecklichen Saal des Juſtizpalaſtes führten, wo das Verbrechen ſeine Strafe holt, und leider auch zuweilen durch einen unſeligen Irrthum die Unſchuld ihre Verurtheilung. Drei Statuen müßten in drei Winkel dieſes gro⸗ ßen Saales geſtellt werden, in Erwartung einer vier⸗ ten, welche vielleicht ewig abweſend bliebe: die von Calas, von la Barre und von Leſurques! Gegen elf Uhr Abends, in dem Augenblicke, wo Karl X. ſeinen Conſeil hielt, in dem Momente, wo — ———— 5—— 8 Hunderte von Eauipagen das Pflaſter der Rue d'Artois erſchallen machten, boten die Zugänge des Juſtizpa⸗ laſtes ein Schauſpiel, welches noch viel intereſſanter, als das des Boulevard des Italiens. In der That, von der Place du Chatelet,— wenn man von Norden nach Süden bis zur Place du Pont⸗Soint⸗Michel ging,— waren der Pont du Change, die Rue de la Barillerie, der Pont Saint⸗ Michel und alle benachbarte Straßen; und,— wenn man von Weſten nach Oſten ging, von der Place Dauphine bis zum Pont de la Cité,— die Quais de[Horloge, Deſaixr, de la Cité, de lArchevéché, des Orfévres bedeckt von einer ſo compacten, ſo gedräng⸗ ten, ſo unruhigen Menge, daß man hätte glauben ſollen, die alte Inſel des Palaſtes ſchwanke, ſchwim⸗ mend geworden, mitten in der Seine und mache eine äußerſte Anſtrengung, um dem Orkane, der ſie gegen das Meer treibe, zu widerſtehen. Was viel dazu beitrug, dieſer Menge eine große Aehnlichkeit mit einem ſtürmiſchen Ocean zu geben, das war das dumpfe, tiefe, monotone Toſen, von dem ſie alle Straßen der Umgegend wiederhallen machte, und das wie eine wüthende Fluth bis zu den Gewölben des alten Palaſtes vom heiligen Ludwig emporſtieg. An dieſem Abend oder vielmehr in dieſer Nacht, denn der Abend war ſchon weit vorgerückt, ſollten ſich die Debatten des Proceſſes Sarranti ſchließen, der ſehr mit Recht in einem ſo hohen Grade die öffentliche Aufmerkſamkeit ſeit dem Tage, wo der Moniteur die Anklageacte veröffentlicht hatte, in Anſpruch nahm. Die Leſer werden ſich alſo nicht wundern, daß e it⸗ nn ce is es ig⸗ en m⸗ che ſie iel keit das alle das des cht, lten zen, die der in daß 5 ein Proceß, der in den Annalen der Criminaljuſtiz Cpoche zu machen beſtimmt war, in die Umgebung des Palaſtes einen ſo großen Volkszuſammenlauf und in den Saal eine viel beträchtlichere Menge zog, als der Saal faſſen konnte. Um die Verwirrung, die Unruhe und, wer weiß? die Unordnungen zu vermeiden, welche ein ſolcher Zuſtrom hätte veranlaſſen können, hatte es der Herr Präſident für nöthig er⸗ achtet, zum Voraus Eintrittskarten an die Perſonen, oder wenigſtens an einen Theil der Perſonen, die darum nachgeſucht, auszutheilen. Selbſt die Advo⸗ caten hatten eine gewiſſe Anzahl für jeden Sitzungs⸗ tag erhalten. Es war unmöglich geweſen, den zahlreichen Ge⸗ ſuchen der Einen und der Andern zu entſprechen: mehr als zehntauſend Bitten um Billets waren an den Herrn Präſidenten ſeit dem Tage, an welchem man die Anklageacte veröffentlicht hatte, gerichtet worden. Die Diplomatie, die beiden Legislaturen, der Adel, der Richterſtand, die Armee und der reiche Handelſtand hatten ſich um dieſe Gunſt beworben; wenige von dieſen Bewerbungen waren erhört worden. In Folge hievon waren alle Plätze dergeſtalt beſetzt, daß man hätte glauben ſollen, die Zuſchauer ſeien an einander gelöthet und bilden nur noch einen einzigen Körper; man hörte auch von Zeit zu Zeit vor der Thüre und in den Gängen die Stimme eines Unglücklichen, den man erſtickte. Der Schweif der Zuſchauer verlängerte ſich nicht nur bis ans Ende der Gallerie und verſperrte die zahlreichen Treppen, welche nach den verſchiedenen Eingangsthüren mün⸗ deten, ſondern dieſe ungeheure Reihe von Zuſchauern hatte ſogar,— wie eine Rieſenſchlange,— ihren Schweif auf der Place du Pont⸗Saint⸗Michel und ihren Kopf auf der Place du Chätelet. Mehrere Bänke waren ſpeciell für die Advocaten⸗ zunft vorbehalten worden, doch bald hatte ſich der⸗ ſelben eine große Anzahl von Damen bemächtigt, welche nicht Platz auf den Bänken hatten finden kön⸗ nen, die für ſie in der inneren Umſchließung, der Advocatenbank gegenüber, bereit ſtanden. Die Debatten waren erſt ſeit zwei Tagen eröff⸗ net, und obſchon man bis jetzt keinen Beweis für das Verbrechen hatte, deſſen Herr Sarranti ange⸗ klagt war, ſagte man doch im Juſtizpalaſte, und man wiederholte in der Menge, der Wahrſpruch ſollte noch an demſelben Tage gegeben werden. Man erwartete jeden Augenblick ihn bekannt machen zu hören; wir reden wenigſtens von den⸗ jenigen, welche von fern der Sitzung beiwohnten; und, obſchon es elf Uhr geſchlagen hatte, obſchon in der Menge ein, wahres oder falſches, Gerücht im Umlaufe, nach welchem der förmliche Befehl zuge⸗ ſchict worden war, daß noch im Verlaufe der Sitzung das Verbrechen abgeurtheilt und der Spruch erlaſſen ſein müſſe, kam keine Nachricht nach außen, und die Ungeduldigſten fingen an die energiſchen Schreie aus⸗ zuſtoßen, welche die da und dort unter der Menge zerſtreuten Gendarmen nicht ganz zurückzuhalten ver⸗ mochten. Für diejenigen, welche den Debatten beiwohnten, nahm im Gegentheile das Intereſſe immer mehr zu, und dreizehn Stunden Audienz an einem Tage,— die Sitzung hatte um zehn Uhr Morgens begonnen,— ür Je⸗ an och int en⸗ en; in im ige⸗ ung ſſen die us⸗ nge ver⸗ ten, zu, 6 7 hatten die Aufmerkſamkeit der Einen nicht vermindert, die Neugierde der Andern nicht geſchwächt. Uebrigens waren, außer der Theilnahme, die der Angeklagte im Herzen von Jedem erregte, dieſe ſchon ſo ergreifenden Debatten noch viel intereſſanter durch das merkwürdige Talent, mit welchem denſelben prä⸗ ſidirt wurde, und zugleich durch die Energie und den guten Tact des Advocaten, der Herrn Sarranti ver⸗ theidigte, gemacht worden. Was das Talent des Präſidenten betrifft, es war unvergleichlich. Es ließ ſich unmöglich, bei ſo ernſten und ſo peinlichen Functionen, ein ſchärferer, präciſerer Geiſt der Analyſe, ein eleganterer und leichterer Vortrag, ein erhabeneres Gefühl für den Wohlanſtand und eine ängſtlichere Unparteilichkeit zur Anwendung bringen. Denn, ſagen wir es beiläufig, da wir eine Gelegenheit hiezu finden, wir, die wir uns etwas auf dieſe ängſtliche Unparteilichkeit, die wir an dem Herrn Präſidenten des Aſſiſenhofes loben, zu Gute thun, das Talent des Präſidenten, ſeine Gewandt⸗ heit und ſeine Billigkeit üͤben auf den Gang der Debatten und ſogar auf die Haltung des Publicums einen außerordentlichen Einfluß; man kann nicht glauben, wie ſehr ſie ihnen Größe und Würde ein⸗ flößt und den Sitzungen der Gerichtshöfe den ihnen eigenthümlichen impofanten Charakter gibt. Die Feierlichkeit dieſes Abends haite gerade zu⸗ gleich den impoſanten Charakter, von dem wir ſpre⸗ chen, und einen düſtern, traurig fantaſtiſchen Cha⸗ rakter, den man hinreichend begreifen wird, wenn wir mit ein paar Worten die Inſcenirung dieſer Sitzung gemacht haben. 2 S—— Jedermann oder beinahe Jedermann kennt den Sitzungsſaal des Aſſiſenhofes von Paris. Es iſt ein ungeheures Rechteck, mehr lang, als breit, düſter, tief und hoch wie eine Kirche. Wir ſagen düſter, obſchon dieſer Saal das Licht durch fünf ungeheure Fenſter und zwei Glasthüren empfängt, welche alle auf einer Seite des Saales, der linken vom Eintritte aus, angebracht ſind; aber, mag nun die rechte Seite, durch welche kein Licht eindringt, außer wenn ſich die kleine Thüre öffnet, durch die der Angeklagte aus und eingeht,— mag nun, ſagen wir, dieſe düſtere Wand, welche vergebens Füllungen von blauem Papier aufzuhellen ſuchen, an die Wand, die ſie anſchaut, ihre Dunkelheit wer⸗ fen, oder mag der Tempel der Gerechtigkeit einen Refler von dem häßlichen Kothe bewahren, mit wel⸗ chem das Verbrechen ſein Pflaſter befleckt hat, man wird plötzlich, in den Saal des Aſſiſenhofes eintre⸗ tend, von einer ſchwarzen Traurigkeit, von einem Schauer des Ekels, von einem Eindrucke ähnlich dem erfaßt, welchen man empfände, ſetzte man in den Wald eintretend den Fuß auf ein Schlangenneſt. Doch an dieſem Abend,— ſtatt der düſteren Tinte, in die er ſich gewöhnlich kleidet,— glänzte der Aſſiſenhof von Lichtern, welche vielleicht noch trauriger als ſeine Dunkelheit. Man denke ſich dieſe ganze Menge ſeltſam be⸗ leuchtet durch die ſchwankenden Scheine von hundert Lichtern, durch den Refler von Lampen, welche, mit Dämpfern bedeckt, den Geſchworenen ein ſonderbares Ausſehen, eine traurige Bläſſe verliehen, wie ſie den vo eig die dü Si eri alt ſte ein ſeit ein die vor iſt beſt Cri in hör Sit för Ric vor r⸗ el⸗ ert nit res 9 von den ſpaniſchen Meiſtern gemalten Inquiſitoren eigenthümlich iſt. Trat man in den Saal ein, ſo wurde man durch dieſes leuchtende Halbdunkel oder, beſſer geſagt, dieſe düſtere Halbhelle unwillkürlich an die geheimnißvollen Sitzungen des Rathes der Zehn oder der Inquiſition erinnert. Alle Gehennen und Torturen des Mittel⸗ alters fielen einem ein, und man ſuchte im finſter⸗ ſten Winkel des Saales die leichenbleiche Maske des Folterers. In dem Augenblicke, wo wir in das Innere eindringen, ſchickt ſich der Herr Staatsanwalt an, ſein Requiſitorium zu ſprechen. Er ſteht. Es iſt ein Mann von hoher Geſtalt, bleich von Geſicht, knochig und dürr wie ein altes Pergament, ein lebendiger Leichnam, der vom Leben nur noch die Stimme und den Blick hat; denn von Geberde, von Bewegung iſt keine Rede, und auch dieſe Stimme iſt ſchwach wie ein Hauch; auch dieſer Blick iſt un⸗ beſtimmt, ohne entſchiedenen Ausdruck. Dieſer Menſch, um Alles zu ſagen, ſcheint die Verkörperung der Criminalprocedur zu ſein; es iſt ein Requiſitbrium in Fleiſch und Knochen: in Knochen beſonders! Ehe wir aber die Hauptperſonen dieſes Dramas hörbar machen, ſagen wir, welchen Platz ſie im Sitzungsſaale einnahmen. Im Fond des Saales, am Mittelpunkte des kreis⸗ förmigen Bureau, iſt der Präſident, aſſiſtirt von den Richtern, welche den Hof bilden. Zur Rechten vom Eintretenden oder zur Linken vom Präſidenten, unter zwei von den hohen Fenſtern, ſind die vierzehn Geſchworenen. Wir ſagen vier⸗ zehn ſtatt zwölf, der Herr Staatsanwalt hat, in Betracht der muthmaßlichen Länge der Debatten, die Beifügung von zwei Supplementargeſchworenen und einem Erſatzrichter verlangt. In der kreisförmigen Einfriedung, welche das Bureau des Hofes begränzt, iſt der ehrliche Herr Görard als Civilpartie. Es war wohl derſelbe Mann, beinahe kahl, mit grauen, kleinen, tiefliegenden, trüben Augen, mit dich⸗ ten, ergrauenden Augenbrauen, aus deren Mitte, wie ſtarre Wildſchweinsborſten, lange Haare hervor⸗ ſtanden, welche ſich in der Linie einer geierſchnabel⸗ artig gebogenen Naſe verbindend über den Augen einen Bogen von einer übertriebenen, ganz unver⸗ hältnißmäßigen Krümmung bildeten; es war endlich dieſe feige, gemeine Phyſiognomie, welche einen ſo ſeltſamen Eindruck auf den Abbé Dominique bei ſei⸗ nem Eintritte in das Schlafzimmer des Sterbenden gemacht hatte. Das Geſicht eines Mannes, der von der Gerech⸗ tigkeit verlangt, daß ſie ihn an einem Mörder räche, iſt in der Regel, was auch ſeine gewöhnliche Häßlich⸗ keit ſein mag, rührend, im höchſten Grade intereſſant, während das Geſicht des Angeklagten Verachtung und Ekel erregt; hier aber war es das Gegentheil, und hätte man das Publikum, das die Verſammlung bil⸗ dete, gefragt, ſo würde es,— rechts das ſchöne, red⸗ liche Geſicht von Herrn Sarranti und das unſchuld⸗ volle, rechtſchaffene Antlitz des Abbé Dominique ſehend,— das Publikum würde einſtimmig geſagt haben, die Rollen ſeien verkehrt, der Mörder ſei er⸗ in die und das err mit ich⸗ itte, vor⸗ bel⸗ igen ver⸗ lich ſo ſei⸗ nden rech⸗ äche, zlich⸗ ſant, und und bil⸗ red⸗ huld⸗ rique eſagt rſei 11 das Opfer, und derjenige, welcher für das Opfer gelte, ſei der Mörder. Ohne einen andern Grund, ohne einen andern Beweis, als die raſche Beſchauung der zwei Männer, war es unmöglich, ſich hierin zu täuſchen. Haben wir noch bemerkt, daß Herr Sarranti, escortirt von zwei Gendarmen, von Zeit zu Zeit, auf das Geländer geſtützt, mit ſeinem Sohne und ſeinem Advocaten ſprach, ſo werden wir in allen ihren De⸗ tails die Scenirung dieſer traurigen Feierlichkeit aus⸗ einandergeſetzt haben. Wir haben geſagt, die Debatten ſeien ſeit zwei Tagen eröffnet geweſen. Die Sitzung, der wir den Leſer beiwohnen laſſen, war alſo die dritte und wahr⸗ ſcheinlich die letzte Sitzung. Sagen wir raſch, was in den zwei erſten Sitzun⸗ gen vorgefallen war. Nach den präliminaren Förmlichkeiten verlas man die Anklageacte, welche wir nicht mittheilen werden, die aber Perſonen, die ſich für dergleichen Stücke beſonders intereſſiren, in den Journalen jener Zeit finden können. Aus dieſer Acte ging hervor, daß Herr Gaötano Sarranti, ehemaliger Militär, geboren in Ajaccio, auf Corſica, achtundvierzig Jahre alt, Sſcilr der Ehrenlegion, angeklagt war, am Abend des 20. Auguſt 1820 mit Einbruch eine Summe von dreimalhun⸗ derttauſend Franken aus dem Secretär von Herrn Görard geſtohlen, eine Frau im Dienſte von Herrn Gérard ermordet, und die zwei Neffen von Herrn Gérard entführt oder getödtet zu haben, ohne daß — — man je die Spur ihrer Perſon oder ihrer Leichname hätte auffinden können. Verbrechen vorhergeſehen durch die Artikel 293, 296, 302, 304, 345 und 354 des Strafcoder. Nach Verleſung der Anklageacte befragte man, in der gewöhnlichen Form, den Angeklagten: er ant⸗ wortete Nein auf alle Fragen, die man an ihn machte, ohne andere Zeichen einer Gemüthsbewegung von ſich zu geben als den Schmerz, den er zu fühlen ſchien, als er den Tod oder das Verſchwinden der zwei Kinder erfuhr. Der Advocat von Herrn Gérard glaubte Herrn Sarranti ungeheuer dadurch in Verlegenheit zu brin⸗ gen, daß er ihn fragte, warum er ſo plötzlich das Haus verlaſſen habe, wo er mit ſo viel Wohlwollen aufgenommen worden ſei; doch Herr Sarranti ant⸗ wortete einfach, da die Verſchwörung, deren Haupt⸗ chefs er einer geweſen, der Polizei denuncirt worden ſei, ſo habe er ſich nach den Inſtructionen des Kaiſers zu Herrn Lebaſtard de Prémont, franzöſiſchem Ge⸗ neral im Dienſte von Rundſchit Sing, begeben. Dann erzählte er, wie er, um ſeinem Projecte Folge zu geben, in Begleitung des Generals nach Europa zurückgekehrt ſei und in Genoſſenſchaft mit ihm den König von Rom aus dem Palaſte von Schön⸗ brunn zu entführen verſucht habe, ein Verſuch, der, wie er ſeit ſeiner Verhaftung erfahren, zu ſeinem großen Bedauern,— geſtand er,— geſcheitert ſei. So, während er die Bezüchtigung des Diebſtahls und des Mordes zurückwies, nahm er die des Maje⸗ ſtätsverbrechens in Anſpruch und verwarf nur das vor den ſie aus ran geg der wa me 93, an, nt⸗ ihn ing len der rrn in⸗ das len nt⸗ pt⸗ den ers Ge⸗ ecte ach mit ön⸗ der, nem ſei. ahls aje⸗ das 13 bürgerliche Schaffot, um mit lauter Stimme das politiſche zu reclamiren. Das war aber nicht die Sache derjenigen, welche ihn verurtheilen wollten. Was man in Herrn Sar⸗ ranti zu finden wünſchte, das war der gemeine Dieb, der abſcheuliche Mörder, der ſich das blutige Ver⸗ mögen von zwei unglücklichen Kindern anzueignen trachtet und nicht der politiſche Verſchwörer, der, mit Gefahr ſeines Lebens, eine Dynaſtie an die Stelle einer andern ſetzen und mit gewaffneter Hand die Form einer Regierung ändern will. Der Präſident war genöthigt, Herrn Sarranti mitten unter den von ihm gegebenen Erklärungen zurückzuhalten. Bei dieſen Erklärungen durchlief das ganze Au⸗ ditorium ein ſympathetiſcher Schauer, der auch ihn, den Beamten, unwillkürlich und wie die Andern ergriff. Dann kam die Angabe von Herrn Gérard. Unſere Leſer erinnern ſich ſeiner vor dem Maire von Viry gemachten erſten Angabe am Tage, nach⸗ dem das Verbrechen begangen worden. Die zweite war identiſch dieſelbe. Es iſt alſo unnöthig, daß wir ſie hier mittheilen, da ſie der Leſer ſchon kennt. Das Ende der erſten Sitzung nahm die Zeugen⸗ ausſage ein. Dieſe Ausſage war, ganz wider Sar⸗ ranti, ein langer Panegyricus von Herrn Geérard, gegen den, wenn man den Zeugen glauben durfte, der heilige Vincenz de Paula nur ein elender Egoiſt war. Dieſe Zeugen waren keine andere, als der Maire von Viry. Der Leſer kennt ſchon den guten Mann. Bethört durch die Unruhe, durch die an Verwirrung gränzende Befangenheit, in der ſich Herr Gérard in dem Augenblicke befand, wo er die Kataſtrophe dem Maire anzeigte, hatte dieſer die Betäubung des Ver⸗ brechers für den Schrecken des Opfers genommen. Man hörte auch das Zeugniß von fünf bis ſechs Bauern, Pächtern und Grundeigenthümern von Viry, welche, da ſie zu Herrn Gérard nur in landwirth⸗ lichen Beziehungen, bei Gelegenheit von Ankäufen und Verkäufen von Gütern, geſtanden hatten, erklär⸗ ten, bei allen dieſen Verträgen habe ſich Herr Gérard als ein Mann von einer ſtrengen Pünktlichkeit und Redlichkeit gezeigt. Man hörte noch zwanzig bis fünfundzwanzig Zeugen von Vanvres und vom Bas⸗Maudon, das heißt alle diejenigen, welche von Herrn Gérard, ſeit⸗ dem er unter ihnen wohnte, zahlreiche Zeichen ſeiner Wohlthätigkeit und ſeines Edelmuths empfangen hatten. Diejenigen von unſeren Leſern, die ſich des Ka⸗ pitels betitelt:„Ein Dorſphilantrop,“ erinnern, wer⸗ den begreifen, welche Wirkung auf die Jury die Er⸗ zählung der guten Handlungen des redlichen Herrn Gérard und vorzüglich die Erzählung der letzten, das heißt der, welche ihm beinahe das Leben gekoſtet hätte, hervorbringen mußte. Selbſt über Herrn Gérard befragt, antwortete Herr Sarranti mit ſeiner ganz militäriſchen Treu⸗ herzigkeit, er halte ihn für einen vollkommen redlichen Mann, und er müſſe durch ſehr ernſte Anſcheine ge⸗ täuſcht worden ſein, um gegen ihn, Herrn Sarranti, eine ſo grauſame Anklage zu erheben. Worauf ihn der Präſident fragte: un tar da wi ein hat ſelb vor Kin Me Kin ließ Wi Pri Mi wäl ſche Fie der, öffn dan aus ab, Stu Her une ing in em er⸗ en. chs iry, rth⸗ fen lär⸗ ard nd tzig das eit⸗ ner ten. Ka⸗ er⸗ Er⸗ rrn das ſtet tete eu⸗ hen ge⸗ nti, 15 „Was ſagen Sie aber zu Ihrer Rechtfertigung, und wie erklären Sie ſich den Diebſtahl der hundert⸗ tauſend Thaler, den Tod von Madame Gérard und das Verſchwinden der Kinder?“ „Die hunderttauſend Thaler gehörten mir,“ er⸗ wiederte Herr Sarranti,„oder, beſſer geſagt, es war ein Depot, das mir der Kaiſer Napoleon anvertraut hatte. Sie ſind mir von der Hand von Herrn Gérard ſelbſt wiedergegeben worden. Was die Ermordung von Madame Gérard und das Verſchwinden der Kinder betrifft, ſo kann ich nichts hierüber bemerken, da Madame Gérard vollkommen geſund war, und die Kinder in dem Augenblicke, wo ich das Schloß ver⸗ ließ, nämlich Nachmittags um drei Uhr, auf der Wieſe ſpielten.“ Alles dies war ſo wenig wahrſcheinlich, daß der Präſident die Geſchworenen anſchaute,— und dieſe e den Kopf mit einer höchſt bezeichnenden iene. Was Dominique betrifft, ſo blieb ſein Anblick während des Laufes der Debatten der eines Men⸗ ſchen, welcher von einem bis zum Delirium gehenden Fieber befallen iſt. Er ſtand auf, er ſetzte ſich wie⸗ der, zog ſeinen Vater am Schooße ſeines Ueberrocks, öffnete den Mund, als ob er ſprechen wollte, ſtieß dann plötzlich einen Seufzer aus, zog ſein Sacktuch aus der Taſche, wiſchte ſeine ſchweißbedeckte Stirne ab, ließ ſeinen Kopf in ſeine Hände fallen und blieb Stunden lang wie vernichtet. Etwas Aehnliches ging übrigens auf Seiten von Herrn Gérard vor; denn,— für die Anweſenden unerklärliche Befangenheit,— es war nicht Herr Sarranti, ſondern vielmehr Dominique, dem Herr Göérard mit den Augen folgte. Stand Dominique auf, ſo ſtand er, wie durch eine Feder emporgehoben, auch auf; öffnete Dominique den Mund, um zu ſprechen, ſo floß der Schweiß von der Stirne des Anklägers, der einer Ohnmacht nahe zu ſein ſchien. Dieſe zwei Bläßen rangen mit einander, welche zuerſt die Leichenfarbe erreichen würde. Mitten unter dieſen myſteriöſen Scenen, deren Geheimniß nur die zwei Schauſpieler beſaßen, warf ein unerwarteter Zwiſchenfall ſein heiſeres, mißſtim⸗ miges Geſchrei in das Concert von Lobeserhebun⸗ gen, das ſich um Herrn Gérard erhob. Ein achtzigjähriger Greis, bleich, abgezehrt, ma⸗ ger wie der aufgeweckte Lazarus, antwortete auf den Ruf, der an ihn erging, und trat mit langſamem, aber gleichmäßigem, wie der der Statue des Gou⸗ verneurs, feſtem und ſonorem Schritte vor. Es war jener alte Gärtner von Viry, Vater und Großvater einer ganzen Welt von Kindern, der die Gärten des Schloſſes ſeit dreißig bis vierzig Jahren cultivirte, als ſich das Ereigniß zutrug; es war jener treue Diener, deſſen Entlaſſung, wie man ſich erin⸗ nert, Orſola verlangt hatte, um ſich ihrer Herr⸗ ſchaft über Herrn Gérard zu verſichern. „Ich weiß nicht, wer den Mord begangen hat,“ ſagte er;„doch ich weiß, daß die ermordete Frau eine böſe Frau war: ſie hatte ſich des Geiſtes von dieſem Manne bemächtigt, der nicht ihr Gatte war, und deſſen Frau ſie werden wollte,(und er deu⸗ tete auf Herrn Gérard). Sie hatte ihn behert, und der ebe unt ſeit ſag Her bei triu war ma Pul ford zu wer man hohe laſſe wele ſein Herr h eine nique ß von nahe velche deren warf ſtim⸗ bun⸗ ma⸗ den mem, Gou⸗ und die hren ener erin⸗ err⸗ at,“ rau iſtes atte deu⸗ und 17 ſie übte eine gränzenloſe Gewalt über ihn. Meine Ueberzeugung iſt, daß ſie die Kinder haßte, und daß ſie mit dieſem Manne Alles machen konnte, was ſie wollte.“ „Habt Ihr eine Thatſache zu erzählen?“ fragte der Präſident. „Neis,“ antwortete der Greis;„nur habe ich ſo eben vom Charakter von Herrn Gérard reden hören, und ich halte es für die Pflicht von mir, der ich ſeit achtzig Jahren ſo viele Menſchen geſehen, zu ſagen, was ich von dieſem denke. Die Magd wollte Herrin werden; vielleicht thaten ihr die Kinder hie⸗ bei Zwang an. Ich war ihr wohl ein Hinderniß!“ Während der Greis ſprach, ſchien Dominique zu triumphiren, indeß im Gegentheile Herr Gérard bleich war wie ein Todter. Seine zitternden Kinnbacken machten ſeine Zähne an einander klappern. Dieſe Erklärung brachte eine tiefe Erregung im Publikum hervor. Der Präſident war genöthigt, zur Stille aufzu⸗ fordern, und als er den Greis entließ, ſagte er zu ihm: „Geht, mein Freund; die Herren Geſchworenen werden Eurer Angabe Rechnung tragen.“ Der Advocat von Herrn Gérard wand nun ein, man habe den Gärtner, deſſen Dienſte wegen ſeines hohen Alters beinahe unnütz geworden ſeien, ent⸗ laſſen wollen, und in dieſem Augenblicke habe Orſola, welche dieſer Menſch anzugreifen ſo undankbar ſei, ſeine Begnadigung erbeten. Der Greis, der mit einer Hand auf ſeinen Stab, mit der andern auf einen ſeiner Söhne geſtützt, nach Dumas, Salvator. I. 2 ſeiner Bank zurückkehrte, blieb plötzlich ſtehen, als ob ihn, durch das hohe Gras des Parkes gehend, eine Schlange in die Ferſe gebiſſen hätte. Dann kehrte er um und ſprach mit feſter Stimme: „Was dieſer Herr ſo eben geſagt hat, iſt, abge⸗ ſehen vom Undanke, deſſen er mich beſchuldigt, die reine Wahrheit. Orſola hatte Anfangs meine Ent⸗ laſſung verlangt, und Herr Gérard hatte ihr dieſelbe bewilligt; ſodann verlangte ſie meine Begnadigung, und Herr Görard bewilligte ſie ihr auch. Die Magd wollte ihre Gewalt über den Herrn verſuchen, viel⸗ leicht um ſich deſſen zu verſichern, was ſie bei einem wichtigeren Umſtande thun könnte. Fragen Sie Herrn Gérard, ob das wahr iſt.“ „Iſt das, was dieſer Menſch ſagt, wahr, mein Herr?“ fragte der Präſident Herrn Gérard. Gérard wollte antworten, es ſei falſch; doch em⸗ porſchauend begegnete er den Augen des Gärtners, welche die ſeinigen ſuchten. Geblendet durch ſie wie durch Blitze ſeines Ge⸗ wiſſens, hatte er nicht den Muth zu leugnen, und er ſtammelte: „Es iſt wahr!“ Dieſer Zwiſchenfall ausgenommen waren, wie geſagt, alle Zeugniſſe zu Gunſten von Herrn Gérard⸗ Was die Zeugniſſe zu Gunſten von Herrn Sar⸗ ranti betrifft,— der Angeklagte hatte nicht um ein einziges angeſucht; er wähnte ſich bonapartiſtiſcher Verſchwörung beſchuldigt, und da er die ganze Ver⸗ antwortlichkeit auf ſich zu nehmen gedachte, ſo hatte er keine Entlaſtungszeugen nöthig zu haben geglaubt. So hatte ſich die Anklage wie auf einem Zapfen ged ſtal geg ſo ver brit ratl der ein ſein offer lichke kum— Bein einer riſſen es w an d unfeh ſchrec ben, U leiſe: Sie 1 Y wo, d der Ze Advoc als ob „eine imme: abge⸗ t, die Ent⸗ ieſelbe igung, Magd viel⸗ einem Herrn mein ch em⸗ tners, 8 Ge⸗ und er „wie érard. Sar⸗ m ein ſtiſcher e Ver⸗ hatte laubt. Zapfen 19 gedreht, und Herr Sarranti befand ſich einem Dieb⸗ ſtahle, einer doppelten Entführung und einem Morde gegenüber. Die Anſchuldigung dünkte ihm alsdann ſo wahnſinnig, daß er ſich auf die Inſtruction ſelbſt verließ, ſie werde ſeine Unſchuld zur Kenntniß bringen. Nur zu ſpät bemerkte er, in welche Falle er ge⸗ rathen war, und bei dieſem Factum des Diebſtahls, der Entführung und des Mordes widerſtrebte es ihm, ein Zeugniß anzurufen. Seiner Anſicht nach mußte ſein Ableugnen genügen. Doch allmälig drang durch dieſe Breſche, die er offen gelaſſen, der Verdacht, dann die Wahrſchein⸗ lichkeit, dann, wenn nicht in den Geiſt des Publi⸗ kums, wenigſtens in den der Geſchworenen eine Beinahe⸗Gewißheit ein. Herr Sarranti war wie ein Menſch, der von einem zu raſchen Laufe gegen einen Abgrund fortge⸗ riſſen wird: er ſah den Abgrund, er ermaß ihn; doch es war zu ſpät! keine Stütze ſchien ſich zu bieten, an der er ſich hätte zurückhalten können. Er mußte unfehlbar hinabſtürzen. Der Abgrund war tief, er⸗ ſchrecklich, häßlich: er ſollte dabei nicht nur das Le⸗ ben, ſondern auch die Ehre verlieren. 5. Und dennoch ſagte ihm Dominique unabläßig eiſe: „Haben Sie Muth, mein Vater! ich weiß, daß Sie unſchuldig ſind!“ Man war zu dem Punkte der Debatten gelangt, wo, da die Sache hinreichend durch das Anhören der Zeugen erhellt war, die geſetzliche Discuſſivn den dvocaten zukommt. Der Advocat der Eivilpartei nahm das Wort. Ich weiß nicht, ob die Geſetzgebung, als ſie be⸗ ſtimmte, die Parteien ſollten, ſtatt ſelbſt zu plaidiren, durch das Organ eines Dritten plaidiren, ſah, begriff, errieth,— abgeſehen von den Vortheilen, die ſie bei der Anklage oder der Vertheidigung durch Procuration fand,— ich weiß nicht, ob ſie ſah, begriff, errieth, zu welchen Stufen der Treuloſigkeit, der Unverſchämt⸗ heit und der Spitzindigkeit ſie den Menſchen hinab⸗ zuſteigen zwinge. Es gibt auch im Juſtizpalaſte Advocaten der ſchlimmen Sachen. Dieſe Menſchen wiſſen vollkom⸗ men, daß die Sache, die ſie vertheidigen, eine ſchlechte iſt; ſchaut ſie aber an, höret ſie, ſtudirt ſie: wür⸗ det Ihr nach ihrer Stimme, nach ihren Geberden, nach ihrem Accente nicht ſagen, ſie ſeien überzeugt? Was iſt nun der Zweck dieſer falſchen Ueberzeu⸗ gung, die ſie heucheln? Ich ſetze die Frage des Geldes, der Belohnung, des Salaire ganz beiſeit; was iſt der Zweck dieſer falſchen Ueberzeugung, die ſie heucheln und die Anderen wollen theilen machen? Nicht der, einen Schuldigen zu retten und einen Unſchuldigen zur Verurtheilung zu bringen? Sollte das Geſetz, ſtatt dieſe ſeltſame Abirruns des Geiſtes zu beſchützen, dieſelbe nicht vielmehr be⸗ ſtrafen? Man wird mir vielleicht ſagen, es ſei mit den Advocaten wie mit dem Arzte. Der Arzt wird g rufen, um einen Mörder zu behandeln, der, in de Ausübung ſeiner Functionen, einen Meſſerſtich oder eine Piſtolenkugel bekommen hat; um ins Leben einen Verurtheilten zurückzurufen, der nach ſeine brec kom eine laſſe ſcher entg Arz Tod es, des ſchei Vert auch cund dem Beid zwiſc Schr Tod bleib ſich bekor den zu n wie man ſchwe rt. ie be⸗ diren, egriff, ei der ration rrieth, chämt⸗ hinab⸗ n der kom⸗ hlechte wür⸗ erden, zeugt? berzeu⸗ e des beiſeit; g, die achen? d einen birrung ehr be⸗ nit dem vird ge⸗ in der ich oder Leben ſeinet 24 Verurtheilung, in Folge eines wohl erwieſenen Ver⸗ brechens, ſich zu entleiben verſucht hat; der Arzt kommt und findet den Verwundeten faſt im Zuſtande einer Leiche; er braucht die Wunde nur machen zu laſſen: ſie wird ganz ſachte und von ſelbſt den Men⸗ ſchen zum Tode führen. Der Arzt glaubt eine völlig entgegengeſetzte Miſſion empfangen zu haben; der Arzt iſt der Kämpfer für das Leben, der Gegner des Todes. Ueberall, wo er das Leben trifft, unterſtützt er es, überall, wo er den Tod trifft, bekämpft er ihn. Er kommt in dem Augenblicke an, wo das Leben des Mörders oder wenigſtens des Verurtheilten ver⸗ ſcheidet, wo der Tod die Hand ausſtreckt, um ſich des Verurtheilten oder des Mörders zu bemächtigen; wer auch der Sterbende ſein mag, der Arzt iſt ſein Se⸗ cundant, er wirft den Handſchuh der Wiſſenſchaft dem Tode hin und ſpricht:„Nun iſt es an uns Beiden!“ Von dieſem Augenblicke an beginnt der Kampf zwiſchen dem Arzte und dem Tode. Schritt für Schritt weicht der Tod vor dem Arzte zurück. Der Tod tritt am Ende aus dem Kreiſe hinaus, der Arzt bleibt Herr des Schlachtfeldes; der Verurtheilte, der ſich entleiben wollte, der Mörder, der eine Wunde bekommen hat, ſind gerettet; ja, doch gerettet, um den Händen der menſchlichen Gerechtigkeit übergeben zu werden, die an ihnen ihr Zerſtörungswerk übt, wie der Arzt ſein Rettungswerk geübt hat. So iſt es mit dem Advocaten, wird man ſagen: man gibt ihm einen Schuldigen, das heißt einen ſchwer verwundeten Menſchen; er macht daraus einen Unſchuldigen, das heißt einen Menſchen, der ſich wohl befindet. Derjenige, welcher mir dieſe Antwort gibt, ver⸗ gißt nur Eines: daß der Arzt Niemand das Leben nimmt, welches er dem Kranken wiedergibt, während der Advocat manchmal dem Unſchuldigen das Leben nimmt, das er dem Schuldigen gibt. Es war ſo bei dem erſchrecklichen Ereigniſſe, wo Herr Gérard und Herr Sarranti einander gegen⸗ überſtanden. Vielleicht glaubte der Advocat von Herrn Gérard an die Unſchuld von dieſem; ſicherlich glaubte er aber nicht an die Schuldhaftigkeit von Herrn Sarranti. Das hielt dieſen Mann nicht ab, die Anderen glauben zu machen, was er ſelbſt nicht glaubte. Er drängte in einem emphatiſchen Eingange alle redneriſche Gemeinplätze, alle die abgedroſchenen Phraſen zuſammen, die ſich in den Journalen jener Zeit gegen die Bonapartiſten herumſchleppten; er zog eine Parallele zwiſchen Karl X. und dem Uſur⸗ pator; er tiſchte den Geſchworenen alle die Beigerichte auf, die ihren Appetit in Betreff des Hauptſtückes reizen ſollten. Das Hauptſtück war Herr Sarranti, das heißt einer von jenen Ruchloſen, vor denen die Schöpfung einen Abſcheu hat; eines von jenen Un⸗ geheuern, welche die Geſellſchaft zurückſtößt, einer von jenen Verbrechern, fähig zu den ſchwärzeſten Attentaten, deren Tod als ein Beiſpiel von ihren Zeitgenoſſen verlangt wird, welche entrüſtet ſind, daß ſie dieſelbe Luft mit ihnen athmen ſollen. Er ſchloß alſo, ohne das erſchreckliche Wort aus⸗ zuſprechen, auf die Todesſtrafe. ſeine der auge Her⸗ ein zurü Mur gege digt ( und Gegn war junge auf und C ſten bindu Name hatte Z auf t zurüc G von d gleich ſich ver⸗ Leben hrend Leben „ wo egen⸗ 6rard aber ti. deren e alle henen jener eien Uſur⸗ richte tückes ranti, n die Un⸗ einer zeſten ihren „daß aus⸗ 23 Doch, wir müſſen es ſagen, er nahm zugleich ſeinen Platz unter einem eiſigen Stillſchweigen wie⸗ der ein. Dieſes Stillſchweigen des Auditoriums, eine augenſcheinliche Mißbilligung der Maſſe, mußte im Herzen des Advocaten des redlichen Herrn Gérard ein ſchmerzliches Gefühl der Wuth und der Scham zurücklaſſen. Keine Stirne lächelte ihm zu, kein Mund beglückwünſchte ihn, keine Hand ſtreckte ſich gegen ſeine Hand aus, und als das Plaidoyer been⸗ digt war, bildete ſich ein leerer Raum um ihn. Er wiſchte ſeine in Schweiß gebadete Stirne ab und erwartete mit Bangigkeit das Plaidoyer ſeines Gegners. Derjenige, welcher für Herrn Sarranti plaidirte, war ein der republikaniſchen Partei angehörender junger Advocat; er hatte kaum vor einem Jahre auf der Laufbahn des Advocatenſtandes debutirt, und ſein Debut war ein äußerſt glänzendes geweſen. Er war der Sohn von einem unſerer berühmte⸗ ſten Gelehrten und hieß Emanuel Richard. Herr Sarranti hatte mit ſeinem Vater in Ver⸗ bindung geſtanden; der junge Mann hatte ſich im Namen ſeines Vaters angeboten; Herr Sarranti hatte angenommen. Der junge Mann ſtand auf, legte ſeine Toque auf die Bank, warf ſeine langen ſchwarzen Haare zurück und begann bleich vor innerer Erregung. Ein tiefes Stillſchweigen herrſchte im Auditorium von dem Augenblicke, wo es bemerkte, er werde ſo⸗ gleich anfangen zu reden. „Meine Herren,“ ſprach er, den Geſchworenen ins Geſicht ſchauend,„erſtaunen Sie nicht, daß mein erſtes Wort ein Schrei der Entrüſtung und des Schmerzes iſt. Seit dem Augenblicke, wo ich die monſtruoſe Anklage habe hervortreten ſehen, welche hoffentlich auf eine Fehlgeburt auslaufen wird, und auf die zu antworten mir Herr Sarranti in jedem Falle verbietet, bewältige ich mich nur mit großer Mühe, und mein verwundetes Herz blutet und ſeufzt tief in meinem Innern. „Ich wohne in der That einer erſchrecklichen Sache bei. „Ein ehrenwerther und geehrter Mann, ein alter Soldat, deſſen Blut auf allen unſern großen Schlacht⸗ feldern für denjenigen gefloſſen iſt, der zugleich ſein Landsmann, ſein Herr und ſein Freund war; ein Mann, deſſen Herz nie ein böſer Gedanke beſchmutzt, deſſen Hand nie eine ſchmähliche Handlung befleckt hat; dieſer Mann, der mit hoher Stirne hierher ge⸗ fommen iſt, um auf eine der Anklagen zu antworten, die zuweilen ein Ruhm für diejenigen ſind, welche ſie treffen; dieſer Mann ſagt Ihnen:„„Ich habe um meinen Kopf in dem großen Spiele der Ver⸗ ſchwörungen geſpielt, das die Throne niederwirft, die Dynaſtien verändert, die Reiche umſtürzt; ich habe verloren: nehmen Sie ihn!““ Dieſer Mann hört ſich zurufen:„„Schweigen Sie! Sie ſind kein Ver⸗ ſchwörer; Sie ſind ein Dieb, Sie ſind ein Entführer, Sie ſind ein Mörder!““ „Ah! meine Herren, Sie werden zugeben, man muß ſehr ſtark ſein, um vor dieſer dreifachen An⸗ klage den Kopf hoch tragend zu bleiben. In der Fhat wir ſind ſtark; denn auf dieſe dreifache An⸗ den dre Stt ver Rie ſcht Lin bef Pr im Ver ihn ein des die che ird, in mit lutet chen alter acht⸗ ſein ein nutzt, fleckt r ge⸗ wten, eche habe Ver⸗ wirft, habe hört Ver⸗ ührer, man n An⸗ n der e An⸗ 25 klage antworten wir ganz einfach:„Wären wir das, was Sie ſagen, ſo hätte uns der Mann mit den Adler⸗ augen und den Flammenblicken, der ſo gut in den Herzen zu leſen wußte, nicht die Hand gedrückt, er hätte uns nicht ſeine Freunde genannt, er hätte uns nicht geſagt: Geh!!...““ „Entſchuldigen Sie, Maitre Emanuel Richard,“ fragte der Präſident,„von welchem Manne ſprechen Sie denn ſo?“ „Ich ſpreche von Seiner Majeſtät Napoleon I., ge⸗ ſalbt 1804 in Paris zum Kaiſer der Franzoſen; gekrönt 1805 in Mailand zum König von Italien, und geſtorben als Gefangener auf St. Helena, am 5. Mai1821,“ ant⸗ wortete der junge Mann mit lauter, verſtändlicher Stimme. Es läßt ſich nicht ſagen, welch ein ſeltſamer Schauer die Verſammlung durchlief. Damals nannte man Napoleon den Uſurpator, den Tyrannen, den Wehrwolf von Corſica, und ſeit dreizehn Jahren, das heißt ſeit dem Tage ſeines Sturzes, hatte ſicherlich Niemand vor ſeinem beſten, vertrauteſten Freunde ausgeſprochen, was Emanuel Richard im Angeſichte des Gerichtshofes, der Ge⸗ ſchworenen und des Auditoriums ausgeſprochen. Die Gendarmen, welche zur Rechten und zur Linken von Herrn Sarranti ſaßen, ſtanden auf und befragten mit den Augen und mit den Geberden den Präſidenten, was zu thun ſei, und ob ſie nicht noch im Laufe der Sitzung den vermeſſenen Advocaten in Verhaft nehmen ſollten. Gerade das Uebermaß ſeiner Kühnheit rettete ihn; das Tribunal blieb niedergeſchmettert. Herr Sarranti ergriff die Hand des jungen Mannes und ſprach zu ihm: „Genug! genug! im Namen Ihres Vaters, ge⸗ fährden Sie ſich nicht!“ „Im Namen Ihres Vaters und des meinigen, fahren Sie fort!“ rief Dominique. „Meine Herren,“ fuhr Emanuel fort,„Sie haben Proceſſe geſehen, bei welchen die Angeklagten die Zeugen Lügen ſtraften, die augenſcheinlichſten Be⸗ weiſe leugneten, dem Staatsanwalte ihr Leben ſtrei⸗ tig machten, Sie haben Alles dies zuweilen, oft, faſt immer geſehen... Nun wohl, meine Herren, wir, wir behalten Ihnen ein viel intereſſanteres Schau⸗ ſpiel vor. „Wir ſagen Ihnen: „„Ja, wir ſind ſchuldig, und hier ſind die Be⸗ weiſe: ja, wir haben gegen die innere Sicherheit des Staats conſpirirt, und hier ſind die Beweiſe; ja, wir wollten die Form der Regierung ändern, und hier ſind die Beweiſe; ja, wir haben ein Complott gegen den König und ſeine Familie angezettelt, und hier ſind die Beweiſe; ja, wir ſind Majeſtätsver⸗ brecher, und hier ſind die Beweiſe; ja, ja, wir haben die Strafe der Vatermörder verdient, und hier iſt der Beweis; ja, wir verlangen barfuß und den ſchwarzen Schleier auf dem Kopfe nach dem Schaffot zu gehen, wie es unſer Recht iſt, wie es unſer Wunſch iſt, wie es unſer Wille iſt Ein Schreckensſchrei drang aus Aller Munde hervor. „Schweigen Sie! ſchweigen Sie!“ rief man von Pri ſagt das antn dem geſa wirkl ( die § des gleich ſiden ges, konnt Aufr 6 Präſi ins L ngen ge⸗ igen, aben die Be⸗ ſtrei⸗ faſt wir, chau⸗ Be⸗ tdes ja, und wlott und sver⸗ aben er iſt den haffot unſch tunde tvon 27 allen Seiten dem jungen Fanatiker zu,„Sie ſtürzen ihn ins Verderben.“ „Reden Sie, reden Sie!“ rief Sarranti,„ſo will ich vertheidigt ſein.“ Beifallklatſchen erſcholl auf allen Punkten des Auditoriums. „Gendarmen, räumen Sie den Saal!“ rief der Präſident. Dann wandte er ſich gegen den Advocaten und ſagte zu ihm: „Maitre Emanuel Richard, ich entziehe Ihnen das Wort.“ „Wenig liegt mir zu dieſer Stunde hieran,“ antwortete der Advocat,„ich habe das Mandat, mit dem ich betraut worden bin, erfüllt, ich habe Alles geſagt, was ich zu ſagen hatte.“ Sodann ſich gegen Herrn Sarranti umdrehend: „Sind Sie zufrieden, mein Herr, und ſind es wirklich Ihre Worte, die ich wiederholt habe?“ Statt jeder Antwort warf ſich Herr Sarranti in die Arme ſeines Vertheidigers. Die Gendarmen hielten ſich bereit, den Befehl des Präſidenten zu vollziehen; doch es durchlief ſo⸗ gleich ein ſolches Gebrüll die Menge, daß der Prä⸗ ſident einſah, er unternehme ein nicht nur ſchwieri⸗ ges, ſondern ſogar gefährliches Werk. Ein Aufruhr konnte zum Ausbruche kommen, und während des Aufruhrs konnte Herr Sarranti entführt werden. Einer von den Richtern neigte ſich gegen den Präſidenten und ſprach ihm leiſe ein paar Worte ins Ohr. „Gendarmen,“ ſagte dieſer,„nehmen Sie Ihre Plätze wieder ein. Der Gerichtshof appellirt an die Würde des Auditoriums.“ „Stille!“ rief eine Stimme mitten aus der Menge. Und die Menge, als wäre ſie gewohnt, dieſer Stimme zu gehorchen, ſchwieg. Von da an war die Frage ſcharf herausgeſtellt; einerſeits die Verſchwörung, die ſich, in ihren kaiſer⸗ lichen Glauben, in die Religion ihres Eides ver⸗ ſchanzt, nicht einen Schild, ſondern eine Palme aus ihrem Verbrechen machte; andererſeits die öffentliche Behörde*) entſchloſſen, in Herrn Sarranti nicht den Verbrecher des Hochverraths, den Schuldigen der Majeſtätsbeleidigung, ſondern den Dieb von hundert⸗ tauſend Thalern, den Entführer der Kinder, den Mörder von Orſola zu verfolgen. Sich wegen dieſer Anklagen vertheidigen hieß ſie zugeben; ſie Schritt für Schritt, eine um die andere, zurückweiſen hieß ihre Exiſtenz zugeben. Auf Befehl von Herrn Sarranti hatte ſich alſo Emanuel Richard nicht einen Augenblick der dreifa⸗ chen Anklage, die der Staatsanwalt verfolgte, ent⸗ gegengeſtellt; er ließ das Publikum Richter dieſer ſeltſamen Lage eines Angeklagten ſein, der ein Verbrechen geſtand, welches man ihn nicht wollte geſtehen machen, und das nicht eine Erleichterung, ſondern eine Erſchwerung der Strafe für das, deſſen er angeklagt war, nach ſich zog. Das Urtheil war auch im Publikum geſprochen. Bei jedem anderen Umſtande wäre nach dem *) Der Staatsanwalt. ſch na jet ge be un n die der dieſer ſtellt; kaiſer⸗ ver⸗ e aus ntliche ten n der ndert⸗ „den hieß n die h alſo reifa⸗ „ent⸗ dieſer ein wollte erung, deſſen ochen. dem Plaidoyer des Advocaten vom Angeklagten die Sitzung unterbrochen worden, um den Richtern und den Ge⸗ ſchworenen einen Augenblick Ruhe zu gewähren; doch nach dem, was im Auditorium vorgegangen, war jeder Halt auf dem Abhange, den man hinabſtieg, gefährlich, und die öffentliche Behörde dachte, es ſei beſſer ein Ende zu machen, und müßte man auch unter einem Sturme endigen. Der Herr Staatsanwalt erhob ſich alſo; unter der tiefen Stille, die ſich über das Meer zwiſchen zwei Sturmwinden verbreitet, nahm er das Wort. Von den erſten Worten an begriff das ganze Publikum, daß man von den poetiſchen, blitzenden Höhen eines politiſchen Sinai wieder in die Niede⸗ rungen einer Criminalchicane hinabgefallen war. Als ob ver erſchreckliche Ausfall des Advocaten von Herrn Sarranti nicht ſtattgefunden hätte; als ob dieſer halb niedergeſchmetterte Titan nicht auf ſeinem Throne den Jupiter der Tuilerien wanken gemacht hätte; als ob der Blick nicht noch geblendet wäre von den Blitzen, die der kaiſerliche Adler, durch den höchſten Aether hinziehend, über der Menge flammen gemacht hatte, drückte ſich der Herr Staats⸗ anwalt alſo aus: „Meine Herren, ſeit einigen Monaten haben mehrere Verbrechen die öffentliche Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen, während ſie zugleich die thätige Sorgfalt und die Ueberwachung der Behörden rege machten. Aus der Anhäufung einer ſtets zunehmen⸗ der Bevölkerung, vielleicht auch aus der Unterbre⸗ chung einer Arbeit oder aus der Theurung der Le⸗ bensmittel entſtehend, waren dieſe Verbrechen ſicher⸗ lich nicht zahlreicher, als die, über welche wir ge⸗ wöhnlich zu ſeufzen haben, und die der kretiſche Tribut ſind, den die Geſellſchaft jedes Jahr dem Müßiggange und den Laſtern bezahlt, welche, wie der Minotaurus des Alterthums, eine gewiſſe An⸗ zahl von Opfern haben wollen.“ Offenbar hegte der Staatsanwalt eine Werth⸗ ſchätzung für dieſe Periode, denn er machte eine Pauſe und ſchaute im Kreiſe auf dieſer Menge um⸗ her, welche in ihren Abgründen vielleicht um ſo mehr aufgeregt, als ſie an ihrer Oberfläche ſtumm war. Das Publikum blieb unempfindlich. „Meine Herren,“ fuhr der Staatsanwalt fort, „es hatte ſich indeſſen die Frechheit mehrerer Schul⸗ digen eine neue Laufbahn eröffnet, auf welcher ſie zu treffen und zu verfolgen man weniger gewohnt war, und ſie beunruhigte mehr durch die Neuheit und die Vermeſſenheit ihrer Attentate; doch ich ſage es mit Freude, meine Herren, das Uebel, über das wir zu ſeufzen haben, iſt nicht ſo groß, als man glauben will; man hat ſich nur darin gefallen, zu übertrei⸗ ben. Tauſend lügenhafte Gerüchte ſind abſichtlich verbreitet worden; die Böswilligkeit ſchuf ſie ſelbſt; kaum von ihr geſchaffen, empfing man ſie mit Gierde, und jeden Tag brachte die Erzählung von den an⸗ geblichen Verbrechen der Nacht den Schrecken in die einfältigen Gemüther, die Beſtürzung in die leicht⸗ gläubigen Geiſter...“ Das Auditorium ſchaute ſich an, da es nicht wußte, worauf der Staatsanwalt abzielte... Nur die Stammgäſte der Aſſiſenhöfe, diejenigen, welche hi ei we ſei fün ge un che daß nac wiß kan nob Bér Pom Mier liche wach borge denn hörde im U ger a nen, das u dieſe fen ge meine ſicher⸗ ir ge⸗ etiſche dem „wie An⸗ Lerth⸗ eine um⸗ mehr war. fort, chul⸗ er ſie vohnt tund e es wir muben rtrei⸗ htlich elbſt; ierde, an⸗ die eicht⸗ nicht Nur elche 31 hier holen, was ihnen im Winter fehlt, nämlich eine warme Atmoſphäre und ein Schauſpiel, welches wegen der Gewohnheit für ſie neu und erregend zu ſein aufhört, das aber gerade der Gewohnheit wegen für dieſelben nothwendig iſt; dieſe Stammgäſte allein, gewohnt an die Phraſeologien der Herren Bérard und Marchangy, bekümmerten ſich wenig darum, wel⸗ chen Weg der Staatsanwalt einſchlug, da ſie wußten, daß man, wie man im Volksſtyle ſagt:„Jeder Wegführt nach Rom,“ unter gewiſſen Regierungen und in ge⸗ wiſſen Cpochen im Style des Juſtizpalaſtes ſagen kann:„Jeder Weg führt zur Todesſtrafe!“ Hatte man nicht dieſen Weg Didien in Gre⸗ noble; Pleignies, Cotteron und Carbonea in Paris, Börton in Saumur, Raoulr, Bories, Goubin und Pommier in la Rochelle geführt?“ Der Staatsanwalt fuhr mit einer majeſtätiſchen Miene und einer erhabenen Protection fort: „Beruhigen Sie ſich, meine Herren, die gericht⸗ liche Polizei hat die hundert Augen des Argus; ſie wachte, ſie holte die modernen Cacus aus ihren ver⸗ borgenſten Zufluchtsorten, aus ihren tiefſten Höhlen; denn nichts iſt für ſie undurchdringlich, und die Be⸗ hörden antworteten auf das lügneriſche Geſchrei, das im Umlaufe war, dadurch, daß ſie ihre Pflicht ſtren⸗ ger als je übten. „Ja,— wir ſind weit davon entfernt, es zu leug⸗ nen, große Verbrechen ſind begangen worden, und, das unbeugſame Organ des Geſetzes, haben wir gegen dieſe verſchiedenen Verbrechen die verſchiedenen Stra⸗ en gefordert, die ſie verdient hatten; denn Niemand, meine Herren, ſeien ſie hievon überzeugt, entgeht dem rächenden Schwerte des Geſetzes. Es beruhige ſich alſo fortan die Geſellſchaft; die verwegenſten Ruhe⸗ ſtörer ſind ſchon in den Händen der Juſtiz, und die⸗ jenigen, welche ſie noch nicht feſthält, werden bald vor ihr die Strafe ihrer Attentate finden. „So verſuchen es diejenigen, welche, in der Ge⸗ gend des Saint⸗Martin⸗Canals verborgen, ſeine öden Ufer zum Schauplatze ihrer nächtlichen Angriffe ge⸗ macht hatten, zu dieſer Stunde in die Kerker gewor⸗ fen, vergebens die Beweiſe zu entkräften, die die Unterſuchung gegen ſie geſammelt hat. „Der Sieur Ferrantes, ein Spanier; der Sieur Ariſtolos, ein Grieche; der Sieur Walter, ein Baier; der Sieur Coquerillat, ein Auvergnat, ſind vorgeſtern in der Dunkelheit der Nacht verhaftet worden. Es offenbarte indeſſen keine Spur ihre Gegenwart; doch kein Obdach konnte ſie vor den wachſamen Augen der Juſtiz ſchützen, und die Macht der Wahrheit hat dieſen erſchrockenen Gewiſſen ſchon Geſtändniſſe ent⸗ Fiſſen Die Zuhörer ſchauten ſich fortwährend an und fragten ſich leiſe, was der Sieur Ferrantes, der Sieur Ariſtolos, der Sieur Walter und der Sieur Coquerillat mit Herrn Sarranti gemein haben. Die Stammgäſte aber ſchüttelten fortwährend den Kopf mit einer Miene des Vertrauens, welche bedeu⸗ tete:„Ihr werdet ſehen! Ihr werdet ſehen!“ Der Staatsanwalt fuhr fort: „Drei von noch ſtrafbareren Händen ausgegan⸗ gene Verbrechen haben den Abſcheu und die öffent⸗ liche Entrüſtung erregt. Ein Leichnam wurde bei der Briche gefunden: es war der eines unglücklichen e ſich Ruhe⸗ d die⸗ bald rGe⸗ öden fe ge⸗ ewor⸗ ie die Sieur aier; eſtern doch Augen it hat e ent⸗ nund de Sieur . id den bedeu⸗ gegan⸗ öffent⸗ de bei klichen Soldaten, der ſeinen Abſchied erhalten hatte. Zur ſelben Zeit fiel ein armer Arbeiter unter mörderiſchen Streichen auf den Feldern von la Villette. Ein Fuhrmann von Poiſſy endlich wurde ein paar Tage nachher auf der Landſtraße von Paris nach Saint⸗ Germain getödtet. „In kurzer Zeit, meine Herren, hat der Arm der Gerechtigkeit die Urheber dieſer letzten Attentate an den äußerſten Grenzen Frankreichs erreicht. „Doch man hat ſich nicht auf dieſe Geſchichten beſchränkt; man hat hundert andere Verbrechen er⸗ zählt; man hat von einem Unglücklichen geſprochen, der in der Rue Charles X. den Streichen der Mör⸗ der erlag; ein Kutſcher wurde, der Sage nach, in ſeinem Blute gebadet hinter dem Luxembourg gefun⸗ den; ein ſchändliches Attentat war an einer unglück⸗ lichen Frau in der Rue du Cadran verübt worden; ein königlicher Poſtwagen ſoll vor zwei Tagen mit bewaffneter Hand von dem nur zu berühmten Gi⸗ baſſier geplündert worden ſein, deſſen Name, mehr als einmal in dieſem Saale ausgeſprochen, ſicherlich bis zu Ihnen gelangt iſt. „Nun wohk, meine Herren, während man die Vürger ſo zu beunruhigen ſich beſtrebte, conſtatirte die gerichtliche Polizei, daß der in der Rue Char⸗ les X. aufgefundene Unglückliche an einer Bluter⸗ gießung in der Lunge geſtorben war; daß der Kut⸗ ſcher, ſich gegen ſeine Pferde erhitzend, an einem Schlagfluſſe geſtorben war; und daß die unglückliche Frau, für die man ein ſo rührendes Intereſſe in Anſpruch nahm, einfach das Opfer von einer jener ſtürmiſchen Scenen war, welche die Schwelgerei her⸗ Dumas, Salvator. II. 3 vorruft; und was den nur zu berühmten Gibaſſier betrifft, meine Herren, ſo will ich, indem ich Ihnen einen unzweideutigen Beweis gebe, daß er das Ver⸗ brechen, deſſen man ihn beſchuldigt, nicht begangen hatte, Ihnen das Maß des Vertrauens geben, das Sie zu ſolchen verleumderiſchen Erfindungen haben können. „Als ich ſagen hörte, Gibaſſier habe den Poſt⸗ wagen zwiſchen Angouléme und Poitiers angehalten, ließ ich Herrn Jackal kommen. „Herr Jackal verſicherte mir, Gibaſſier ſei in Toulon, wo er ſeine Strafzeit unter der Nummer 171 ausſtehe, und wo ſeine Reue ein ſolches Bei⸗ ſpiel gebe, daß man in dieſem Augenblicke im Be⸗ griffe ſei, bei Seiner Majeſtät König Karl X. um Erlaſſung der ſieben bis acht Jahre Bagno, die er noch durchzumachen habe, nachzuſuchen. „Nach dieſem unglaublichen Beiſpiele, das mich der Mühe, andere zu wählen, überhebt, beurtheilen Sie das Uebrige, meine Herren, und ſehen Sie, mit welchen plumpen Lügen man die Neugierde, beſſer geſagt, die öffentliche Böswilligkeit unterhält. „Seufzen wir, meine Herren, daß wir dieſe Ge⸗ rüchte im Umlaufe ſehen, und daß die Uebel, über die man ſich beklagt, gewiſſer Maßen auf diejenigen zurückfallen, welche ſie verbreitet haben! „Der öffentliche Friede iſt geſtört worden, ſagt man; man ſchließt ſich in ſeinem Hauſe ein und zit⸗ tert; die Fremden ſind aus einer von Verbrechen heimgeſuchten Stadt geflohen; der Handel iſt ruinirt, zu Grunde gerichtet, vernichtet! „Meine Herren, was würden Sie ſagen, wenn ſſier nen Ver⸗ ngen das aben oſt⸗ lten, i in uner Bei⸗ Be⸗ um e er mich eilen mit eſſer Ge⸗ über igen ſagt zit⸗ chen nirt, venn 35 der böswillige Geiſt der Menſchen, die ihre bona⸗ partiſtiſche oder republikaniſche Geſinnung unter dem Titel von Liberalen verbergen, allein dieſe Mißge⸗ ſchicke durch Verleumdungen hervorgerufen hätte? „Sie wären entrüſtet, nicht wahr? „Doch ein anderes Uebel iſt durch die unſeligen anveupres eben dieſer Menſchen erzeugt worden, welche die Geſellſchaft bedrohen, während ſich ſich das Anſehen geben, als nähmen ſie dieſelbe unter ihren Schutz, jeden Tag unbeſtrafte Frevelthaten verkündigen und wiederholen, unachtſame Behörden laſſen das Verbrechen ruhig die Strafloſigkeit ge⸗ nießen. „So konnte ſich ein Sarranti, über deſſen Lvos Sie zu dieſer Stunde zu entſcheiden haben, ſeit ſieben Jahren ſchmeicheln, er werde für immer vor den Verfolgungen der Gerichte geſchützt ſein. „Meine Herren, die Gerechtigkeit hinkt, ſie kommt mit langſamen Schritten, ſagt Horcz. ſein! doch ſie kommt unfehlbar. „So begeht ein Menſch!— ich meine den Ver⸗ brecher, den Sie vor den Augen haben,— ein Menſch begeht ein dreifaches Verbrechen, Diebſtahl, Entfüh⸗ rung, Mord. Nachdem das Attentat begangen iſt, verläßt er die Stadt, in der er wohnt, er verläßt Das mag das Land, wo er geboren worden, er durchſchifft die deere, er flieht ans Ende der Welt, und verlangt von einem jener im eiche, ihn wie einen doch jener andere Con⸗ zurück, unter von einem andern Continent, Herzen Indiens verlorenen R königlichen Gaſt aufzunehmen; tinent ſtößt ihn zurück, jenes Reich ſtößt ihn und Indien ſagt zu ihm:„Was willſt Du meinen unſchuldigen Kindern, Du Schuldiger? Ent⸗ ferne Dich von hier! fort! Zurück, Dämon! Retro, Satanas! Bis dahin zurückgehalten, kam plötzlich, zum gro⸗ ßen Aergerniſſe der Herren Geſchworenen, einiges Gelächter zum Ausbruch. Der Staatsanwalt aber, mochte er die Heiterkeit der Menge nicht begreifen, mochte er im Gegentheile, ſie begreifend, dieſe Heiterkeit zurückdrängen oder ihr eine Wendung zu ſeinen Gunſten geben wollen,— der Staatsanwalt rief: „Meine Herren, der Schauer des Auditoriums iſt bezeichnend; es iſt ein verächtlicher Tadel von der Menge dem Verbrecher zugeworfen, und die ſtrengſte Verurtheilung wird für ihn nicht grauſamer ſein, als dieſes Lächeln der Verachtung... Ein Gemurre empfing dieſe Verdrehung der Mei⸗ nung des Auditoriums. „Meine Herren,“ ſprach der Präſident, ſich an das Auditorium wendend,„erinnern Sie ſich, daß das Stillſchweigen die erſte Pflicht des Publicums iſt.“ Das Publicum, das die größte Ehrfurcht für die unparteiiſche Stimme des Präſidenten hatte, trug ſeiner Ermahnung ſogleich Rechnung, und die Stille war alsbald wiederhergeſtellt. Ein Lächeln auf den Lippen, die Stirne hoch und ruhig, hielt Herr Sarranti ſeine Hand in der des ſchönen Mönches; und dieſer, der ſich frommer Weiſe ſchon unter dem Spruche beugte, den ſein Vater nicht vermeiden konnte, erinnerte an jene heiligen Sebaſtian, deren Typus die ſpaniſchen Maler uns vermacht haben, und die, den Leib von Pfeilen durch⸗ Pre Ber Sti Ang gens Ent⸗ etro, gro⸗ iges erkeit heile, r ihr iums von die amer Mei⸗ han daß iſt.“ r die trug Stille n r des Weiſe Vater iligen uns urch⸗ 37 bohrt, die erhabenſte Milde, die engeliſchſte Reſig⸗ nation athmen. Wir werden dem Staatsanwalte nicht weiter in ſeinem Plaidoyer folgen; wir ſagen nur, daß er, ſo⸗ bald einmal der Gegenſtand in Angriff genommen war, ſo lange als er konnte die aus den Anſchuldi⸗ gungen der Zeugen von Herrn Gérard hervorgehen⸗ den Inzichten gleichſam ausmalte, und dabei alle abgedroſchene Mittel, alle claſſiſche Blumen der Rhe⸗ torik des Juſtizpalaſtes erſchöpfte. Er ſchloß endlich ſein Plaidoyer, indem er auf die Anwendung der Artikel 293, 296, 302 und 304 des Strafcoder antrug. Ein Gemurmel des Schmerzes und ein Schauer des Schreckens durchliefen die ganze Menge; die Er⸗ regung hatte den höchſten Grad erreicht. Der Präſident fragte Herrn Sarranti: „Angeklagter, haben Sie etwas zu ſagen?“ „Nicht einmal, daß ich unſchuldig bin, dergeſtalt verachte ich die gegen mich erhobene Anklage,“ ant⸗ wortete Herr Sarranti. „Und Sie, Maitre Emanuel Richard, haben Sie etwas zu Gunſten Ihres Clienten vorzubringen?“ „Nein, mein Herr,“ antwortete der Advocat. „Dann ſind die Debatten geſchloſſen,“ ſagte der Präſident. Es fand im ganzen Auditorium eine ungeheure Bewegung der Theilnahme, gefolgt von einer tiefen Stille, ſtatt. Das Reſumé des Präſidenten trennte allein den Angeklagten vom Spruche. Es war vier Uhr Mor⸗ gens. Man begriff, das Reſumé werde kurz ſein, 38 und an der Art, wie der ehrenwerthe Herr Präſi⸗ dent die Debatten geleitet hatte, erkannte man, er werde unparteiiſch ſein. Sobald er den Mund aufthat, hatten die Huiſ⸗ ſiers auch nicht nöthig, Stillſchweigen aufzuerlegen: die Menge ſchwieg von ſelbſt. „Meine Herren Geſchworenen,“ ſprach der Prä⸗ ſident mit einer Stimme, aus der er die Aufregung zu verbannen nicht im Stande geweſen war,„ich habe ſo eben die Debatten geſchloſſen, deren Länge zugleich peinlich für Ihr Herz, ermüdend für Ihren Geiſt iſt. „Ermüdend für Ihren Geiſt; denn ſie dauern ſeit ſechzig Stunden. „Peinlich für Ihr Herz; denn wer wäre nicht bewegt, wenn er als klagende Partei einen Greis ſieht, ein Muſter der Tugend und der Menſchenliebe, die Ehre ſeiner Mitbürger, und ihm gegenüber, von ihm eines dreifachen Verbrechens angeklagt, einen Mann, den ſeine Erziehung dazu berief, eine ehren⸗ hafte und ſogar glänzende Laufbahn zu verfolgen, und der durch ſeine Stimme und durch die ſeines Sohnes, eines würdigen Mönches, gegen die drei⸗ fache Anklage, deren Gegenſtand er iſt, proteſtirt. „Mein Herren Geſchworenen, Sie ſind noch wie ich unter dem Eindrucke der Plaidoyers, die Sie ge⸗ hört haben. Wir müſſen uns alſo Gewalt anthun, in die Tiefe von uns ſelbſt hinabſteigen, uns mit Ruhe in dieſem feierlichen Augenblicke ſammeln, und mit kaltem Blute das Ganze dieſer langen Debatten wiederaufnehmen.“ Dieſer Eingang brachte eine tiefe Bewegung im Gemüthe der Zuhörer hervor, und die Menge folgte, Präſi⸗ n, er Huiſ⸗ egen: Prä⸗ egung hae gleich iſt. auern nicht liebe, „von einen hren⸗ Ugen, eines drei⸗ rt. wie e ge⸗ thun, mit und atten gim olgte, 39 ſtumm und keuchend, mit einer glühenden Aufmerk⸗ ſamkeit der Analyſe des Präſidenten. Nachdem er mit gewiſſenhafter Treue alle Mittel der Anklage hatte die Revue paſſiren laſſen, nachdem er hervorgehoben, was der Mangel der Vertheidi⸗ gung Nachtheiliges für den Angeklagten hatte, ſchloß der ehrenwerthe Gerichtsbeamte ſeine Rede mit fol⸗ genden Worten: „Meine Herren Geſchworenen, ich habe vor Ihnen ſo gewiſſenhaft und ſo raſch, als es mir möglich war, das Ganze der Sache auseinandergeſetzt. Es kommt nun Ihnen, es kommt Ihrem hohen Scharfſinne, Ihrer erhabenen Weisheit zu, das Gerechte vom Ungerechten zu unterſcheiden und zu beſchließen. „Während Sie dieſe Prüfung vollführen, werden Sie jeden Augenblick erſchüttert fein durch die tiefen, heftigen Gemüthsbewegungen, welche das Herz des redlichen Mannes in dem Augenblicke ergreifen, wo er ein Urtheil über ſeines Gleichen fällen und eine entſetzliche Wahrheit verkündigen ſoll; doch es wird Ihnen weder an der Erleuchtung, noch am Muthe fehlen, und was auch Ihr Urtheik ſein mag, es wird der ſouverainen Gerechtigkeit entfließen, beſonders wenn Sie zum Führer den einzigen unfehlbaren Führer nehmen: das Gewiſſen! „Im Vertrauen auf dieſes Gewiſſen, an dem ſich alle Leidenſchaften gebrochen haben,— denn es iſt taub für Worte, taub für die Freundſchaft, taub für den Haß,— vekleidet Sie das Geſetz mit Ihren furchtbaren Functionen, überträgt Ihnen die Geſell⸗ ſchaft ihre Vollmachten, und beauftragt Sie mit ihren gewichtigſten und theuerſten Intereſſen. Die Fa⸗ milien mögen, Ihnen wie Gott ſelbſt vertrauend, ſich unter Ihren Schutz ſtellen, und die Angeklagten, welche das Gefühl ihrer Unſchuld haben, mögen in Ihre Hände ihr Leben mit voller Sicherheit legen und Sie, ohne zu zittern, als Richter annehmen.“ Dieſes ſcharfe, präciſe, kurze Reſumé, das vom erſten bis zum letzten Worte das Gepräge der ge⸗ wiſſenhafteſten Unparteilichkeit an ſich trug, wurde beſtändig mit der religiöſeſten Stille angehört. Kaum hatte der Präſident zu ſprechen aufgehört, als ſich das ganze Auditorium aus innerem Antriebe wie ein einziger Menſch erhob und die lebhafteſten Zeichen von Billigung von ſich gab, in die ſich der laute Beifall der Advocaten miſchte. Herr Gérard hatte den Präſidenten, die Bläſſe der Angſt auf der Stirne, angehört: er fühlte, daß in der Seele des gerechten Mannes, der geſprochen hatte, nicht die Anklage, ſondern der Zweifel war. Es war beinahe vier Uhr, als ſich die Jury in den Berathungsſaal zurückzog. Man führte den Angeklagten weg, und,— un⸗ erhörtes Factum in den gerichtlichen Annalen!— nicht eine von den ſeit dem Morgen anweſenden Per⸗ ſonen dachte daran, ihren Platz zu verlaſſen, welche Zeit auch die Berathſchlagung ſich verlängern ſollte. Es war alſo von dieſem Augenblicke an im Saale ein ungeheures, äußerſt belebtes Geſpräch, das ſich über die verſchiedenen Umſtände der Debatten ent⸗ wickelte, während ſich zugleich eine entſetzliche Bangig⸗ keit aller Herzen bemächtigte. Herr Gérard hatte gefragt, ob er ſich entfernen könne. Seine Kraft reichte aus, um die Todesſtrafe d, ſich lagten, gen in legen en.“ s vom er ge⸗ wurde ehört, triebe fteſten ch der Bläſſe „daß ochen ar. ry in un⸗ 1— Per⸗ velche ſollte. Saale s ſich ent⸗ ngig⸗ rnen ſtrafe 41 beantragen zu hören; ſie ging aber nicht ſo weit, daß er dieſe Strafe ausſprechen zu hören ver⸗ mochte. Er ſtand auf, um wegzugehen. Die Menge war, wie geſagt, ſehr gedrängt, und dennoch bildete ſich ſogleich eine Paſſage auf ſeinem Wege; Jeder trat auf die Seite, als wollte er einem unreinen oder giftigen Thiere Platz machen; der Zer⸗ lumpteſte, der Aermſte, der Schmutzigſte der Zuhörer hätte ſich durch die Berührung dieſes Menſchen be⸗ fleckt geglaubt. Gegen halb fünf Uhr hörte man den Ton einer Klingel. Vom Inneren des Saales ausgegangen, theilte ſich ein Schauer beim Klange dieſes Glöckchens nach außen mit. Sogleich, wie eine ſteigende Fluth, ſchlug die Woge den Saal, und Jeder beeilte ſich, ſich niederzuſetzen. Doch das war eine vergebliche Auf⸗ regung: der Chef der Jury ließ ein Actenſtück vom Proceſſe verlangen. Indeſſen drangen die erſten Strahlen eines bleichen, grauen Tages durch die Fenſter ein und fingen an das Licht der Kerzen und der Lampen zu verwiſchen. Das war die Stunde, wo die ſtärkſten Organiſativ⸗ nen die Müdigkeit fühlen; es war die Stunde, wo die heiterſten Geiſter die Traurigkeit begreifen; es war die Stunde, wo man friert. Gegen ſechs Uhr wurde das Glöckchen aufs Neue hörbar. Diesmal konnte keine Täuſchung mehr ſtattfinden: es war wohl die Freiſprechung oder das Todesur⸗ theil, was nach einer zweiſtündigen Berathung ver⸗ kündigt werden ſollte. Eine elektriſche Bewegung theilte ſich der ganzen Verſammlung mit, deren Schauer man, ſo zu ſagen, auf der Oberfläche ſah. Die Stille trat wie durch einen Zauber bei dieſem eine Secunde vorher ſo ge⸗ räuſchvollen und ſo bewegten Auditorium wieder ein. Die Verbindungsthüre zwiſchen dem Audienzſaale und dem Berathungsſaale öffnete ſich, die Mitglieder der Jury erſchienen, und Jeder ſtrengte ſich an, zum Voraus auf ihrem Geſichte den Spruch, der verkün⸗ digt werden ſollte, zu leſen: die Züge von einigen derſelben deuteten die lebhafteſte Gemüthsbewegung an. Der Gerichtshof kam einige Augenblicke nachher. Der Chef der Jury trat vor, und, die Hand auf der Bruſt, aber mit ſchwacher Stimme, begann er die Leſung des Wahrſpruches. Fünf Fragen waren der Entſcheidung der Jury unterworfen worden. Sie waren alſo abgefaßt: „1. Iſt Herr Sarranti ſchuldig, mit Vorbedacht einen Mord an Orſola begangen zu haben? „2. Iſt dieſes Verbrechen anderen hienach ſpe⸗ cificirten Verbrechen vorangegangen? „3. War der Zweck deſſelben, die Vollbringung dieſer Verbrechen zu erleichtern oder vorzubereiten? „4. Hat Herr Sarranti am Tage des 19. Auguſt oder in der Nacht vom 19. auf den 20. einen Dieb⸗ ſtahl mit Einbruch in der Wohnung von Herrn Gérard begangen? „5. Hat er die zwei Reffen des genannten Herrn Gérard verſchwinden gemacht?“ Ar der bli er⸗ anzen agen, durch o ge⸗ ein. ſaale lieder zum rkün⸗ nigen g an. hher. auf r die Jury dacht ſpe⸗ gung en? uguſt Dieb⸗ ern errn 43 Es trat eine Pauſe von einem Augenblicke ein. Keine Feder vermöchte die Bangigkeit dieſes Augenblicks wiederzugeben, der, obgleich ſchnell wie der Gedanke, dem Abbé Dominique, welcher mit dem Advocaten bei der leeren Bank des Angeklagten ge⸗ blieben war, ein Jahrhundert ſcheinen mußte. Der Chef der Jury ſprach folgende Worte: „Bei meiner Ehre und bei meinem Gewiſſen, vor Gott und vor den Menſchen iſt die Erklärung der Jury: „„Ja, mit Stimmenmehrheit bei allen Fragen, der Angeklagte iſt ſchuldig!““ Aller Augen waren auf Dominique geheftet: er ſtand wie die Anderen. Durch die graue Atmoſphäre des Morgens ſah man ſeine Bläſſe ſich in Leichenfarbe verwandeln; er ſchloß die Augen und hielt ſich am Geländer feſt, um nicht zu fallen. Das ganze Auditorium erſtickte einen Seufzer des Schmerzes. Es wurde der Befehl gegeben, den Angeklagten hereinzuführen. Aller Augen wandten ſich nach der kleinen Thüre. Herr Sarranti erſchien wieder. Dominique reichte ihm die Hand und ſprach nur die Worte: „Mein Vater!“ Doch er hörte den Todesſpruch an, wie er die Anklageacte gehört hatte,— ohne ein Zeichen von Aufregung von ſich zu geben. Weniger unempfindlich, ſtieß Dominique eine Art von Seufzer aus, ſchaute mit glühendem Auge den Platz an, den Herr Gérard inne gehabt hatte, und zog mit einer krampfhaften Bewegung eine Papier⸗ rolle aus ſeiner Taſche; dann ſchob er mit einer äußerſten Anſtrengung dieſe Rolle wieder in ſeinen Rock zurück. Während des kurzen Augenblicks, der ſo viele verſchiedenartige Empfindungen in ſich ſchloß, bean⸗ tragte der Herr Staatsanwalt mit einer mehr er⸗ ſchütterten Stimme, als man von einem Manne hätte erwarten ſollen, der dieſen ſtrengen Spruch hervorgerufen hatte, gegen Herrn Sarranti die An⸗ wendung der Artikel 293, 296, 302 und 304 des Strafcodex. Der Hof begann die Berathung. Das Gerücht verbreitete ſich nun im Saale, wenn Herr Sarranti ein paar Secunden im Saale wieder⸗ zuerſcheinen geſäumt habe, ſo ſei dies der Fall ge⸗ weſen, weil er, während man ſeinen Todesſpruch ausgearbeitet, tief eingeſchlafen ſei. Zugleich ſagte man, der Wahrſpruch der Schuldhaftigkeit habe nur die ſtreng nothwendige Majorität für ſich gehabt. Nach einer Berathung von fünf Minuten ſetzte ſich der Hof wieder, und der Präſident verkündigte mit tiefer Bewegung und einer erſtickten Stimme den Spruch, der Herrn Sarranti zur Todesſtrafe verurtheilte. Dann ſagte er, ſich an Herrn Sarranti wendend, der ruhig und unempfindlich gehört hatte: „Angeklagter Sarranti, Sie haben drei Tage, um ein Caſſationsgeſuch einzureichen.“ Sarranti verbeugte ſich. aus Va ſcht ver thei den dem Vat ſen eine der ſter „Sie 2 . ſein.“ ge den e, und Bapier⸗ einer ſeinen viele bean⸗ hr er⸗ Nanne pruch e An⸗ 4 des wenn ieder⸗ ill ge⸗ ſpruch ſagte e nur t. ſetzte ndigte imme ſtrafe dend, Tage, 4⁵ „Ich danke, Herr Präſident,“ erwiederte er;„doch es iſt nicht meine Abſicht, dies zu thun.“ Dominigue ſchien bei dieſen Worten mit Gewalt aus ſeiner Betäubung geriſſen zu werden. „Doch, doch, meine Herren,“ rief er,„mein Vater wird um Caſſation nachſuchen, denn er iſt un⸗ ſchuldig.“ „Mein Herr,“ ſagte der Präſident,„das Geſetz verbietet, ſolche Worte auszuſprechen, wenn das Ur⸗ theil verkündigt iſt.“ „Dem Advocaten des Angeklagten, Herr Präſi⸗ dent, doch nicht ſeinem Sohne,“ rief Emanuel.„Wehe dem Sohne, der nicht immer an die Unſchuld ſeines Vaters glaubt!“ Der Präſident ſchien einer Ohnmacht nahe. „Mein Herr,“ ſagte er zu Sarranti, dem er die⸗ ſen Titel gegen alle Gewohnheit gab,„haben Sie eine Bitte an den Hof zu richten?“ „Ich bitte, frei meinen Sohn ſehen zu dürfen, der ſich hoffentlich nicht weigern wird, mir als Prie⸗ ſter auf dem Schaffot beizuſtehen.“ „Oh! mein Vater, mein Vater,“ rief Dominique, „Sie werden es nie beſteigen, das ſchwöre ich Ihnen!“ Mit leiſer Stimme fügte er dann bei: ſe„Und wenn es Jemand beſteigt, ſo werde ich es ein.“ II. Die Liebenden der Rue Macon. Wir haben geſagt, welche Wirkung der Urtheil⸗ ſpruch im Inneren des Saales hervorbrachte; die Wirkung war außen nicht minder groß. Kaum waren die Worte:„Zur Todesſtrafe!“ von den Lippen des Präſidenten gefallen, da war es wie ein lange Seufzer, wie ein ungeheurer Angſtſchrei, der, vom Innern des Situngsſaales ausgegangen, durch die Bruſt von Tauſenden bis auf dem Platze des Chatelet wiederhallte und die Zuſchauer ſchauern machte, als ob die Sturmglocke, welche vor der Revolution die viereckige Tour de[Horloge enthielt,— wie ſie es im Chore mit der Glocke von Saint⸗Germain⸗[Au⸗ rerrois in der Nacht vom 24. Auguſt 1572 that,— das Signal zu Metzeleien einer neuen St. Bartholo⸗ mäus⸗Nacht geben würde. Dieſe ganze Menge zog ſich düſter und traurig zurück; ſie verlief ſich langfam und niedergeſchlagen, das Herz gepreßt von dem entſetzlichen Urtheile, das geſprochen worden war. Jeder, der unwiſſend hinſichtlich deſſen, was vor⸗ ging, dieſe ſo beſtürzte Menge geſehen hätte; Jeder, der dieſem ſtillen Abgange, dieſer ſtummen Deſertion beigewohnt hätte, würde kein anderes Motiv für die⸗ ſen langſamen, düſteren Rückzug gefunden haben, als eine außerordentliche Kataſtrophe, wie der Ausbruch eines Vulcans, die Ankunft der Peſt, oder die erſten Gerüchte von einem Bürgerkriege. gat der zitt Ta Tor Me in! bew ſehr ähnl dem gebr ( ſehen peji gola auf: von g Wertl Y Verlie mehr ſtatt, den ju würde melanc Herzen Un Fragole Frühlin theil⸗ die von ie ein der, durch atelet „als die ie es Au⸗ t,— holo⸗ urig gen, das vor⸗ der, tion die⸗ als ruch ſten 47 Doch auch derjenige, welcher, ganze Nacht dieſen entſetzlichen D nachdem er die ebatten beigewohnt, derjenige, welcher in dieſem ungeheuren Saale beim zitternden Scheine der, vor den erſten Strahlen des Tages erbleichenden, Lampen und Kerzen hatte das Todesurtheil ausſprechen hören und dieſe drohende Menge ſich verlaufen ſehen, plötzlich, ohne Uebergang, in das reizende Neſt, das Salvator und Fragola bewohnten, verſetzt worden wäre, würde einen ſehr ſüßen Eindruck empfunden haben, ein Gefühl ähnlich dem, das die friſche Luft eines dem Liederlichen, der die Racht bei einer Orgie zu⸗ gebracht hat, geben muß. Er hätte vor Allem das kleine Speiſezimmer ge⸗ ſehen, deſſen vier Füllungen mit Bildern von Pom⸗ peji geſchmückt waren; ſodann Salvator und Fra⸗ gola auf jeder Seite eines lackirten Tiſches ſitzend, auf welchem ein Theeſervice in weißem Porzellan von glänzender Feinheit, wenn auch nicht von großem Werthe ſtand. Mit dem erſten Blicke hätte man ſogleich zwei Verliebte, oder zwei Liebende erkannt,— oder viel⸗ mehr zwei Geſchöpfe, die ſich lieben. lber, fand nicht etwa ein Strei ſtatt,— was nach der Art, den jungen Mann anſchaute, würde man begriffen haben, melancholiſche Träumerei über Herzen von Beiden ſchwebte. 8 Und in der That, das unſchuldige Geſicht von Fragola, das eine in der Aprilſonne ſich öffnende Maimorgens t zwiſchen ihnen wie das reizende Kind unmöglich ſchien,— ſo daß eine ſorgenvolle, dem Haupte und dem Frühlingsblume zu ſein ſ chien, trug unter dem keu⸗ ſchen, zärtlichen auf ihren Geliebten gehefteten Blicke Wr das Gepräge einer Gemüthsbewegung ſo tief, daß ſie beinahe an den Schmerz gränzte, an ſich, und ſi dies, während an ihrer Seite Salvator einem ſo S großen Kummer preisgegeben ſchien, daß es ihm nicht„ einmal einfiel, das Mädchen zu tröſten. Eich Und dieſe Traurigkeit war ſehr natürlich auf bei⸗ Sut den Seiten. ſein Die ganze Nacht abweſend, war Salvator ſeit Uhn— einer halben Stunde nach Hauſe zurückgekommen, Ver und er hatte Fragola in ihren tief erregenden Ein⸗ zelheiten alle Abenteuer dieſer Nacht erzählt: die Er⸗ Stro ſcheinuug von Camille von Rozan bei Frau von Marande, die Ohnmacht von Carmelite, und das 6 Todesurtheil von Herrn Sarranti. Das Herz von Fragola ſchauerte mehr als ein⸗ ufd mal, während ſie dieſe grauenvolle Erzählung hörte, 2 deren Einzelheiten faſt eben ſo traurig in den ver⸗ goldeten Salons des Banquier, als im düſteren Saale u des Aſſiſenhofes. In der That, war der Leib von heral Herrn Sarranti durch den Präſidenten des Gerichtes ut zum Tode verurtheilt worden, war das Herz von Car⸗ ieſen melite nicht auch zum Tode verurtheilt durch den Tod 6 von Colombau? erbur Den Kopf auf die Bruſt geneigt, träumte ſie. berdar Den Kopf auf ſeine Hände geſtützt, meditirte er; dieſe. denn es öffnete ſich ein ganzer Horizont vor ihm. Blitze Er erinnerte ſich jener Nacht, wo er mit Roland—² über die Mauern des Schloſſes Viry geſtiegen war; auf, 1 er erinnerte ſich des Laufes von Roland durch die Wie⸗ Geräu ſen, durch den Wald, welcher Lauf am Fuße der Eiche ſein Ziel gefunden hatte; er erinnerte ſich endlich det ſeinen Dum Blicke f, daß , nd em ſo n nicht uf bei⸗ or ſeit mmen, n Ein⸗ ie Er⸗ u von d das s ein⸗ hörte, n ver⸗ Saale ib von richtes n Car⸗ en Tod ſie. te er, hm. toland war; e Wie⸗ Eiche ch der auf, um ihn in Ausführung 49 Wuth, mit der der Hund die Erde aufgekratzt hatte, und des entſetzlichen Eindrucks, der ihn, Salvator, ergriffen, als das Ende ſeiner gekrümmten Finger die ſeidenen Haare des Kindes berührte. Welchen Zuſammenhang konnte dieſer unter einer Eiche begrabene Leichnam mit der Sache von Herrn Sarranti haben? Wäre es, ſtatt ein Beweis zu Iſeinen Gunſten zu ſein, vielmehr ein Beweis gegen ihn? Und dann Mina, hieß das nicht ſie ins Verderben ſtürzen? Oh! wenn Gott die Gnade haben wollte, einen Strahl ſeines Lichtes in das Gehirn von Salvator herabſteigen zu laſſen! Vielleicht auch durch Roſe⸗de⸗Noöl.. Hieß es aber nicht das nervöſe Kind tödten, es uf das blutige Kapitel ſeiner Kindheit zurückbringen? Welche Miſſion hatte er übrigens erhalten, in llen dieſen finſtern Tiefen zu wühlen? Und dennoch,— hatte er nicht den Namen Sal⸗ ator angenommen, und ſchien nicht Gott in ſeine Hand den Faden zu legen, mittelſt deſſen er ſich in ieſem Labyrinthe von Verbrechen ausfinden konnte? Er würde Dominique aufſuchen,— war er nicht erbunden gegen dieſen Prieſter, dem er das Leben erdankte?— Er würde zu ſeiner Verfügung alle dieſe Halbſcheine von Wahrheit ſtellen, welche wie Blitze blenden müßten. Sobald dieſer Entſchluß gefaßt war, ſtand er zu bringen, als das Geräuſch der Klingel ertönte. Roland, der, bei ſeinem Herrn liegend, langſam ſeinen verſtändigen Kopf emporgehoben hatte, richtete Dumas, Salvator, I. 4 ſich auf ſeinen Pfoten auf, als er den Ton des Glöck⸗ chens hörte. „Wer kommt, Roland?“ fragte Salvator.„Iſt es ein Freund?“ Der Hund hörte ſeinen Herrn, und, als hätte er ihn verſtanden, ging er langſam auf die Thüre nit dem Schwanze wedelnd zu, was ein untrügliches Zeichen von Sympathie war. Salvator lächelte und öffnete die Thüre. Dominique erſchien bleich, traurig und ernſt auf der Schwelle. Salvator gab einen Freudenſchrei von ſich. „Seien Sie willkommen in meinem armen Hauſe! Ich dachte an Sie; ich war im Begriffe, zu Ihnen zu gehen.“ „Ich danke,“ ſagte der Prieſter;„Sie ſehen, daß ich Ihnen die Mühe des Weges erſpart habe.“ Fragola war aufgeſtanden beim Anblicke dieſes ſchönen Mönches, den ſie nur ein einziges Mal, beim Bette von Carmelite, geſehen hatte. Dominique ſchickte ſich an, zu ſprechen. Salvator machte eine Geberde der Bitte, daß der Mönch, ſtatt“ zu ſprechen, höre. Der Mönch drückte ſeine halbgeöffneten Lippen wieder zuſammen und hörte. „Fragola,“ ſagte Salvator,„theures Kind mei⸗ nes Herzens, komm hierher!“ Das Mädchen näherte ſich und ſtützte ihren Arm auf den Arm ihres Geliebten. „Fragola,“ fuhr Salvator fort,„glaubſt Du, daß mein Leben ſeit ſieben Jahren von einigem Nutzen für die Menſchen geweſen iſt, glaubſt Du, daß ich * dieſ des ich Kni Gott Sair tödte mein ich ſi Man gehal tor, 5 „„Me möger nen, es ſeit klopfer „1 fehlen „ gung; ſeiner Glöck⸗ „Iſt hätte Thüre gliches ſt auf auſe Ihnen t, daß dieſes beim vator ſtatt“ ippen mei⸗ Arm Du, utzen ß ich 51 einiges Gute auf Erden gethan habe, ſo kniee vor dieſem Märtyrer nieder, küſſe den Saum ſeines Klei⸗ des und danke ihm; denn ihm verdanke ich es, daß ich nicht ſeit ſieben Jahren eine Leiche bin!“ „Oh! mein Vater!“ rief Fragola, ſich auf die Kniee werfend. Dominique reichte ihr die Hand und ſprach: „Stehen Sie auf, mein Kind; danken Sie Gott: Gott allein gibt und nimmt das Leben.“ „Es war alſo der Abbé Dominique, der in Saint⸗Roche an dem Tage predigte, wo Du Dich tödten wollteſt?“ fragte Fragola. „Ich hatte die geladene Piſtole in meiner Taſche; mein Entſchluß war gefaßt; noch eine Stunde, und ich ſollte zu exiſtiren aufhören. Das Wort dieſes Mannes hat mich vom Rande des Abgrundes zurück⸗ gehalten: ich habe gelebt.“ „Und Sie danken Gott, daß Sie leben?“ „Ohl ja, von ganzer Seele!“ erwiederte Salva⸗ tor, Fragola anſchauend.„Darum ſagte ich Ihnen: „„Mein Vater, welche Sache Sie auch wünſchen mögen, und ſollte Ihnen dieſe Sache unmöglich ſchei⸗ nen, zu welcher Stunde des Tages oder der Nacht es ſein mag, ehe Sie an eine andere Thüre klopfen, klopfen Sie an die meine!““ „Und Sie ſehen, ich bin gekommen!“ „Was wünſchen Sie, daß ich thun ſoll? Be⸗ fehlen Sie!“ „Halten Sie meinen Vater für unſchuldig?“ „Ja, bei meiner Seele, das iſt meine Ueberzeu⸗ gung; und ich kann Ihnen vielleicht den Beweis ſeiner Unſchuld erlangen helfen.“ „Ich habe ihn!“ antwortete der Mönch. „Hoffen Sie Ihren Vater zu retten?“ „Ich bin deſſen ſicher!“ „Bedürfen Sie der Mitwirkung meines Armes oder meines Verſtandes?“ „Niemand außer mir ſelbſt kann mir bei Verfol⸗ gung meines Werkes helfen.“ „Was verlangen Sie dann von mir?“ „Etwas, was mir unmöglich ſcheint, daß ich es durch Ihre Vermittlung erlange; doch Sie hießen mich zu Ihnen kommen, um welcher Sache willen es auch ſein möge, und ich hätte nicht kommend zum Verräther an meiner Pflicht zu werden geglaubt.“ „Sagen Sie mir Ihren Wunſch.“ „Ich muß heute, ſpäteſtens morgen eine Audienz beim König erhalten... Sie ſehen, mein Freund, daß das unmöglich iſt... wenigſtens durch Sie.“ Salvator wandte ſich lächelnd gegen Fragola um und ſagte: „Taube, fliege aus der Arche und komm nur mit dem Oelzweige zurück.“ Fragola ging, ohne zu antworten, in das Reben⸗ zimmer, ſetzte einen Hut mit einem Schleier auf, warf auf ihre Schultern eine Mantille von engliſchem Stoffe, kam wieder zurück, reichte Salvator ihre Stirne zum Kuſſe und entfernte ſich. „Setzen Sie ſich, mein Vater,“ ſagte der junge Mann.„In einer Stunde werden Sie Ihre Audienz für heute oder für morgen ſpäteſtens haben.“ Der Prieſter ſetzte ſich und ſchaute Salvator mit einem Erſtaunen an, das an die Betäubung gränzte. „Aber wer ſind Sie denn,“ fragte er Salvator, von mini Uhr auf zu il c kann Mar Abei 2 zugel Nant kundi ſie in wohl Lamo G Kräft Urmes erfol⸗ ich es ießen en es zum dienz eund, Sie.“ la um r mit eben⸗ auf, ſchem ihre junge dienz r mit änzte. ator, 53 „Sie, der Sie unter einem ſo demüthigen Anſcheine über eine ſo große Macht verfügen?“ „Mein Vater,“ antwortete Salvator,„ich bin wie Sie: ich muß allein auf dem Wege gehen, den ich mir vorgezeichnet habe; erzähle ich aber je einem Menſchen mein Leben, ſo verſpreche ich Ihnen, daß Sie es ſein werden.“ III. ⸗ Die Quadrupel⸗Allianz. Das Atelier, oder vielmehr das Gewächshaus von Regina, bot in der Stunde, wo der Abbé Do⸗ minique bei Salvator eintrat, das heißt gegen zehn Uhr Morgens, das anmuthige Schauſpiek von drei auf demſelben Sopha gruppirten Frauen mit einem zu ihren Füßen liegenden Kinde. Dieſe drei Frauen, welche unſere Leſer ſchon er— kannt haben, waren die Gräfin Rappt, Frau von ze und Carmelite; das Kind war die kleine eille. Beunruhigt über die Art, wie Carmelite die Nacht zugebracht, hatte Regina, frühzeitig aufgeſtanden, Nanon abgeſchickt, um ſich nach ihrer Freundin er⸗ kundigen zu laſſen, und zugleich mit dem Auftrage, ſie in ihrem Wagen zurückzubringen, ſollte ſie ſich wohl genug fühlen, um den Morgen im Hotel Lamothe⸗Houdan zuzubringen. Carmelite beſaß die unbezwinglichſte von allen Kräften: die Willenskraft; ſie verlangte von Nanon nur die Zeit, um einen Shawl über ihre Schultern zu werfen, ſtieg in den Wagen und kam zu Regina. Sie hatte Regina für alle ihre Bemühungen am vorhergehenden Tage zu danken; das war das erſte Bedürfniß ihrer Seele; die Beſchwerden ihres Leibes kamen erſt nachher. Man höre nun, was geſchehen war. Als Herr von Marande gegen ſieben Uhr Mor⸗ gens das Zimmer ſeiner Frau verließ, ſuchte Frau von Marande zu ſchlafen, doch vergebens: es war ihr unmöglich. Um acht Uhr ſtand ſie auf; ſie nahm ein Bad, und ließ dann Herrn von Marande um Erlaubniß bitten, ſich nach Carmelite erkundigen zu dürfen. Herr von Marande, der auch nicht geſchlafen hatte und ſchon bei der Arbeit war, klingelte, und ließ, ſtatt jeder Antwort, dem Kutſcher ſagen, er ſolle anſpannen und ſich Madame für den ganzen Mor⸗ gen zur Verfügung ſtellen. Um zehn Uhr ſtieg Frau von Marande in den Wagen und gab Befehl, nach der Rue de Tournon zu fahren. Sie kam gerade in dem Augenblicke an, wo ſich Carmelite von Hauſe entfernt hatte; doch die Kam⸗ merfrau wußte zum Glücke, wohin Carmelite gegan⸗ gen war; der Kutſcher erhielt alſo Befehl, ſeine Ge⸗ bieterin nach dem Boulevard des Invalides zur Grä⸗ fin Rappt zu fahren. Frau von Marande traf hier zehn Minuten nach Carmelite ein. Carmelite hatte die kleine Abeille auf den Knieen auf einem Tabouret vor Regina gefunden; ſie ließ ultern egina. n am erſte Leibes Mor⸗ Frau war Bad, ubniß n. lafen und ſolle Mor⸗ nden rnon o ſich Kam⸗ egan⸗ Ge⸗ Grä⸗ nach nieen ließ 55 ſich als wahre Coquette, was ſie ſchon war, die Ein⸗ zelheiten der Soirée am vorhergehenden Abend er⸗ zählen. In dem Augenblicke, wo Regina dem Kinde die Ohnmacht von Carmelite erzählte, welche Ohnmacht ſie durch die erſtickende Hitze, die in den Salons herrſchte, zu erklären ſuchte, trat Carmelite ein, und das Kind warf ſich ihr um den Hals, küßte ſie zärt⸗ lich und fragte, wie ſie ſich befinde. Regina hatte zwei Gründe gehabt, um zu Car⸗ melite zu ſchicken: einmal wollte ſie Kunde über ihre Geſundheit haben; und dann, wenn Carmelite käme, um ſie ſelbſt zu geben, gedachte ſie ihr zu ſagen, es ſei am Abend große Féte im Miniſterium der auswärtigen Angelegenheiten, und ihr einen Einla⸗ dungsbrief zuzuſtellen: das Mädchen könnte, nach ihrem Belieben, auf dieſen Ball als Eingeladene oder als Künſtlerin gehen, ſingen oder nicht ſingen. Carmelite nahm die Einladung im Namen der Künſtlerin an; ſie hatte am Tage vorher eine ſo harte, zu gleicher Zeit aber ſo heilſame Prüfung durchgemacht, daß ſie fortan nichts mehr zu fürchten brauchte. Kein Publikum, ſelbſt das eines Miniſte⸗ riums, war zu fürchten, ſo fremd es der Kunſt ſein mochte; kein Menſch konnte mehr diejenige erſchrecken, welche vor dem unheilvollen Geſpenſte, das ihr er⸗ ſchienen war, geſungen hatte. Es wurde alſo verabredet, Carmelite ſollte auf dieſen Ball als Künſtlerin gehen,— von Regina vorgeſtellt und patroniſirt. Man war ſo weit, als Frau von Marande eintrat. ——— 56 Es war ein Freudenſchrei, zugleich von den zwei äh Freundinnen und von der kleinen Abeille ausge⸗ da ſtoßen, welche Frau von Marande ungemein liebte. „Ah! die Fee Türkis!“ rief Abeille. Fr Frau von Marande hatte die ſchönſten Türkiſe ar von Paris, und darum nannte ſie Abeille ſo, wie ſie ihre Schweſter die Fee Carita nannte, wegen ihres Tr Abenteuers mit Roſe⸗de⸗Noöl; wie ſie Carmelite die Fee Grasmücke nannte, wegen ihrer bewunderungs⸗ les würdigen Stimme, und Fragola die Fee Mignonne, wegen ihrer zarten Taille und ihres graziöſen Halſes. gol Waren die vier jungen Frauen beiſammen, ſo be⸗ wac hauptete Abeille, das Reich der Feen ſei vollſtändig. ther Das Reich der Feen ſollte an dieſem Tage voll⸗ ſtändig ſein; denn kaum hatte Frau von Marande Fra einen Kuß mit ihren zwei Freundinnen ausgetauſcht, als die Thüre ſich öffnete und man Fragola meldete. wier Die drei jungen Frauen ſtürzten der vierten Geſ Freundin entgegen, derjenigen von Allen, welche man am ſeltenſten ſah, und umarmten ſie nach und nach, Fra während Abeille, welche eiligſt ihren Theil an den Liebkoſungen haben wollte, um die Gruppe hüpfte begr und rief: dieje „Und ich! und ich! liebſt Du mich nicht mehr, Fee Mignonne?“ ihm, Fragola wandte ſich endlich gegen Abeille um, hob ſie in ihren Händen wie einen Vogel auf und bedeckte das Geſicht des kleinen Mädchens mit Küſſen. „Man ſieht Dich nicht mehr, Liebe!“ ſagten gleich⸗ Vate zeitig Regina und Frau von Marande, indeß ſich S Carmelite, der Fragola während ihrer Wiedergene⸗ ſung treue Geſellſchaft geleiſtet hatte, da ſie ihr keinen 5 zwei usge⸗ iebte. ürkiſe wie ihres e die ngs⸗ nne, lſes. be⸗ dig. voll⸗ ande ſcht, ete. rten nan ach, den pfte 57 ähnlichen Vorwurf machen konnte, darauf beſchränkte, daß ſie ihr die Hand drückte. „Es iſt wahr, meine Schweſtern,“ erwiederte Fragola,„Ihr ſeid die Prinzeſſinnen, und ich bin die arme Cendrillon*), muß beim Herde bleiben.. „Ah! nicht wie Cendrillon,“ ſagte Abeille,„wie Trilby.“ Das Kind hatte das reizende Mährchen von Char⸗ les Nodier geleſen. „Außer bei großen Veranlaſſungen,“ fuhr Fra⸗ gola fort,„außer bei ernſten Dingen. Dann wage ich es, und ich komme, um Euch zu fragen, theure Schweſtern, ob Ihr mich immer noch liebet?“ Eine dreifache Umarmung beantwortete dieſe Frage. „Große Veranlaſſungen... ernſte Dinge...“ wiederholte Regina;„in der That, Dein hübſches Geſicht iſt traurig.“ „Sollte Dir ein Unglück widerfahren ſein?“ fragte Frau von Marande. „Dir.. oder ihm?“ fragte Carmelite, welche begriff, daß die größten Mißgeſchicke nicht immer diejenigen ſind, welche uns treffen. „Ohl nein, Gott ſei gelobt!“ rief Fragola;„weder ihm, noch mir, ſondern einem Freunde.“ „Welchem Freunde?“ fragte Regina. „Dem Abbé Dominique.“ „Ah! es iſt wahr,“ rief Carmelite,„ſein Vater.. *) Aſchenbrödel. „Verurtheilt!“ „Zum Tode?“ Zum Tode!“ Die jungin Frauen ſtießen einen ſchwachen Schrei aus. Dominique war der Freund von Colombau ge⸗ weſen. Dominique war ihr Freund. „Was kann man für ihn thun?“ fragte Car⸗ melite. „Soll man um vie Begnadigung von Herrn Sarranti bitten?“ ſagte Regina.„Mein Vater iſt beim König wohl gelitten.“ „Nein,“ erwiederte Fragola,„man muß um etwas minder Schwieriges bitten, meine geliebte Re⸗ gina, und Du biſt es, die darum bitten wird.“ „Was iſt es? Sprich!“ „Man muß den um einen Audienzbrief bitten.“ „Für wen?“ „Für den Abbé Dominique.“ „Für welchen Tag?“ „Für heute.“ „Iſt es nur das?“ „Ja. es iſt wenigſtens Alles, was er für den Augenblick verlangt.“ „Klingle, mein Kind,“ ſagte Regina zu Abeille. Abeille klingelte. Sodann zu Regina zurückkommend, fragte ſie: „Oh! meine Schweſter, wird man ihn tödten?“ „Wir werden thun, was nur immer möglich iſt, damit ein ſolches Unglück nicht geſchieht,“ erwiederte Schrei u ge⸗ Car⸗ Herrn er iſt zum e Re⸗ zbrief r für eille. ſie: en?“ h iſt, derte 59 In dieſem Augenblicke erſchien Nanon. „Laſſen Sie ſogleich einſpannen,“ ſagte Regina, „ohne eine Minute zu verlieren, und melden Sie meinem Vater, ich begebe mich wegen einer höchſt wichtigen Angelegenheit in die Tuilerien.“ Nanon entfernte ſich. „Zu wem gehſt Du in den Tuilerien?“ fragte Frau von Marande. „Zu wem ſoll ich gehen, wenn nicht zur vortreff⸗ lichen Herzogin von Berry?“ „Ah! Du gehſt zu Madame?“ ſagte die kleine Abeille.„Ich will mit Dir gehen. Mademoiſelle hat mir geſagt, ich ſoll jedes Mal kommen, ſo oft mein Vater oder Du Madame die Aufwartung machen.“ „Wohl, es ſei; komm!“ „Oh! welch ein Glück! welch ein Glück!“ rief Abeille. „Liebes Kind!“ ſprach Fragola, das Mädchen umarmend. „Ja, und während meine Schweſter Madame ſagt, der Abbé Dominique müſſe den König ſehen, werde ich Mademoiſelle ſagen, wir kennen den Abbé, und man dürfe ſeinem Vater nichts zu Leide thun.“ Die vier Frauen weinten, als ſie das naive Ver⸗ ſprechen des Kindes hörten, das, ohne genau zu wiſſen, was das Leben iſt, ſchon gegen den Tod kämpfte. Nanon kam wieder und meldete, da der Mar⸗ ſchall ſo eben ſelbſt von den Tuilerien zurückkehre, ſo ſtehe ein Wagen im Hofe angeſpannt. „Vorwärts!“ rief Regina;„verlieren wir kei⸗ nen Augenblick. Komm, Abeille, und thu', was Du ſagteſt; das kann Dir nur Glück bringen.“ Dann ſchaute ſie auf die Pendeluhr, wandte ſich an ihre drei Freundinnen und ſagte: „Es iſt elf Uhr; um Mittag werde ich mit dem Audienzbriefe zurückſein. Erwarte mich, Fragola.“ Hienach ging Regina ab und ließ ihre Freun⸗ dinnen beiſammen,— voll Vertrauen zum Einfluſſe von Regina, beſonders aber zur wohlbekannten Güte von derjenigen, deren erhabene Protection ſie an⸗ flehen wollte. Wir haben ſchon einmal, wie man ſich erinnert, die vier Hauptheldinnen unſeres Romans am Fuße des Bettes von Carmelite getroffen; wir finden ſie diesmal am Fuße des Schaffots von Herrn Sarranti verſammelt. Wir haben ein paar Worte von ihrer gemeinſchaftlichen Erziehung geſagt; ſchauen wir wei⸗ ter vor in dieſen erſten Jahren der ganz von Blu⸗ men und Wohlgerüchen erfüllten Jugend, und ſehen wir das Band, das ſie vereinigte. Wir haben Zeit, einen Schritt rückwärts zu machen: Regina hat ſelbſt geſagt, ſie werde nicht vor Mittag zurückſein. Dieſes Band war mächtig; es mußte ſo ſein, um aus vier, den Neigungen, dem Range, dem Tem⸗ peramente, der Laune nach ſo verſchiedenen, Mädchen eine und dieſelbe Neigung, eine und dieſelbe Laune, einen einzigen Willen zu machen. Alle Vier, Regina, Tochter des noch lebenden Generals von Lamothe⸗Houdan; Lydie, die Tochter des, wie wir geſehen, geſtorbenen Oberſten Laclos; Carmelite, die Tochter des bei Champaubert getödte⸗ ten Kapitäns Gervais; und Fragola, die Tochter des fühl Wer an noth Loba Er ware tung ( 2 dem“ Wege Z durch 5 Du e ſich dem la.“ reun⸗ fluſſe Güte an⸗ nert, Fuße ſie ranti hrer wei⸗ Blu⸗ ehen Zeit, elbſt ein, em⸗ chen ne, den ter os; dte⸗ des 61 bei Waterloo gefallenen Trompeters Töchter von Legionären und hatten ih im kaiſerlichen Hauſe zu Saint⸗D Beantworten wir aber vor Ponroy, waren re Erziehung enis erhalten. Allem eine Frage, die diejenigen, welche uns auf der Fährte folgen, um uns auf einem Verſehen zu ertappen, unfehlbar an uns machen würden. Wie war Fragola, die Tochter eines Trompeters, eines gemeinen Reiters, in Saint⸗Denis zugelaſſen worden, wo nur den Töchtern von Offi⸗ cieren der Eintritt gewährt wird? Wir werden es in ein paar Zeilen ſagen. Bei Waterloo, in dem Augenblicke, wo Napoleon, fühlend, daß die Schlacht unter ſeinen Händen eine endung zum Weichen nahm, Befehle über Befehle an ſeine verſchiedenen Diviſionen ſandte, mußte er nothwendig eine Ordre an den General Grafen von obau, Commandanten der jungen Garde, ſchicken. Er ſchaute umher: keine Adjutanten mehr; Alle waren abgegangen, das Schlachtfeld in jeder Rich⸗ tung durchfurchend. Er erblickte einen Trompeter und rief ihm. Der Trompeter eilte herbei. „Höre,“ ſagte er zu ihm,„bringe dieſen Befehl dem General Lobau und ſuche auf dem kürzeſten ege zu ihm zu gelangen. Es hat Eile.“ Der Trompeter ſchaute auf den Weg, welcher durchreiten war, und ſchüttelte den Kopf. „Es geht heiß auf dieſem Wege zu!“ ſagte er. „Haſt Du Angſt?“ „Ah! ja wohl, ein Ritter der Ehrenlegion!“ „Nun wohl, ſo geh' alſo ab! hier iſt der Befehl!“ einfachen zu „Und wenn ich getödtet werde, wird mir der Kaiſer eine Gnade bewilligen?“ „Ja, ſprich geſchwinde... Was willſt Du?“ „Ich wünſche, daß, wenn mich der Tod trifft, meine Tochter Athenais Ponroy, welche mit ihrer Mutter in der Rue des Amandiers Nr. 17 wohnt, in Saint⸗Denis wie eine Officierstochter erzogen werde.“ „Das wird geſchehen: gehe ruhig.“ „Es lebe der Kaiſer!“ rief der Trompeter. Und er ging im Galopp ab. Er durchritt die ganze Front der Schlacht und kam bis zum Grafen Lobau; nun, als er ankam, fiel er, dem General das Papier reichend, das den Be⸗ fehl enthielt, vom Pferde. Ein Wort auszuſprechen, war ihm unmöglich: er hatte den Schenkel gebrochen, eine Kugel im Bauche und eine andere in der Bruſt. Riemand hörte mehr etwas vom Trompeter Ponroy. Doch der Kaiſer erinnerte ſich ſeines Verſpre⸗ chens; bei ſeiner Ankunft in Paris gab er Befehl, die Kleine ſogleich nach Saint⸗Denis zu führen und dort aufzunehmen. So war die demüthige Athenais Ponroy,— deren ein wenig anſpruchsvoller Taufname Salvator in den Fragola verwandelt hatte,— ſo war die de⸗ müthige Athenais Ponroy in Saint⸗Denis mit den Töchtern der Oberſten und der Marſchälle aufgenom⸗ men worden. Dieſe vier Mädchen vo ſo verſchiedenen Lebens⸗ lagen und Glücksumſtänden fanden ſich eines Tags eng welc erſt ſage rend ſtokr gertl ſchie erſte für gewi Zögl lage der tung melit hieß die der mäli 6 . einen wie Freu Leber deres ( deutt und Tage ſolche der . ifft, hrer hnt, gen und fiel Be⸗ chen, chen, der peter ſpre⸗ efehl, nd vator ie de⸗ tden enom⸗ bens⸗ Tags 63 eng verbunden durch eine Herzensverſchwiſterung, welche dieſelben, ſie von der Kindheit an vereinigend, erſt beim Tode trennen ſollte. Für ſich allein, ſo zu ſagen, die ganze franzöſiſche Geſellſchaft repräſenti⸗ rend, hätte man ſie für die Verkörperung der Ari⸗ ſtokratie, des Adels aus dem Kaiſerreiche, des Bür⸗ gerthums und des Volkes gehalten. Alle Vier von demſelben Alter, mit einem Unter⸗ ſchiede von ein paar Monaten, hatten ſie von den erſten Tagen ihres Eintrittes in das Penſionnat an für einander eine lebhafte Sympathie gefühlt, welche gewöhnlich in den Colléges oder den Penſionnats die Zöglinge von ſo verſchiedenen Ständen und Lebens⸗ lagen nicht hegen; unter dieſen vier Mädchen hatte der Rang, das Vermögen, der Name keine Bedeu⸗ tung: die Tochter des Capitäns Gervais hieß Car⸗ melite für Lydie, die Tochter des Trompeters Ponroy hieß Athenais für Regina. Keine Erinnerung an die Größe der Einen oder die geringen Herkunft der Andern ſtörte dieſe reine Zuneigung, welche all⸗ mälig eine innige und tiefe Freundſchaft wurde. Der Kindeskummer, der Eine treffen mochte, fand einen Wiederhall im Herzen der drei Anderen, und wie ſie ihr Leid theilten, ſo theilten ſie auch ihre Freuden, ihre Hoffnungen, ihre Träume, kurz ihr Leben; denn iſt in dieſer Zeit das Leben etwas An⸗ deres, als ein Traum? Es war die Verſchwiſterung in der vollen Be⸗ deutung des Wortes, die Verſchwiſterung wachſend und ſich immer enger ſchließend, nach Maßgabe der Tage, der Monate, der Jahre, und im letzten Jahre ſolche Verhältniſſe annehmend, daß ihre Quadrupel⸗ ————— 6⁴ Allianz in Saint⸗Denis ſprüchwörtlich geworden war. Doch es ſollte der letzte Tag dieſes gemeinſchaft⸗ lichen Lebens kommen. Noch einige Monate, und Jede ſollte, aus Saint⸗Denis austretend, einen an⸗ dern Weg einſchlagen, um nach dem väterlichen Hauſe zurückzukehren: die Eine nach dem Faubourg Soaint⸗ Germain, die Andere nach dem Faubourg Saint⸗ Honoré, Dieſe nach dem Faubourg. Saint⸗Jacques, Jene nach dem Faubvurg Saint⸗Antoine. Ebenſo ſollten ſie vier verſchiedenen Wegen im Leben folgen, und Jede ſollte in eine Welt eintreten, wo ihr die drei Anderen nur noch durch Zufall begegnen könnten. Es war alſo vorbei mit dieſer reizenden Vertrau⸗ lichkeit, mit dieſem ſüßen Leben zu Vier, wobei Keine verloren und Jede gewonnen hatte! es war geſchehen um dieſes ſeit vier Jahren von denſelben Gemüths⸗ bewegungen ſchlagende Quadrupel⸗Herz! es war ge⸗ ſchehen um dieſe friedliche, lächel de Kindheit! Alles dies ſollte verſchwinden ohne Hoffnung auf Wieder⸗ kehr. Dieſer zu Vier begonnene Traum, Jede ſollte ihn allein fortſetzen; der Kummer der Einen würde der Andern unbekannt ſein. Das Penſionsleben war ein langer, köſtlicher Traum; das wirlliche Leben ſollte anfangen. Ohne Zweifel war es der Zufall, oder vielmehr — laſſen wir dieſer grauſamen Gottheit ihren wah⸗ ren Namen,— das Geſchick, das ſie unter ſeinem Hauche zerſtreute und wie Blumen in den vier Win⸗ den des Lebens verzettelte. Doch ſie widerſtanden i bogen ſich wie die Rohre, brachen aber nicht. und ſtüt Leb Hat Ru jede Leb frei felt ſog Ru wer ern Jal Not Au Can bei zäh bei ſehe viet gen en aft⸗ ind an⸗ uſe int⸗ int⸗ ues, enſo gen, die ten. rau⸗ deine ehen üths⸗ r ge⸗ Alles ieder⸗ ſollte vürde leben Leben lmehr wah⸗ ſeinem Win⸗ tanden taber 65 Sie legten ihre vier weißen Hände in einander und ſchworen ſich feierlich, ſich gegenſeitig zu unter⸗ ſtützen, beizuſtehen, zu lieben, mit einem Worte, wie im Penſionnat, und dies bis zum letzten Tage ihres Lebens. Sie machten alſo unter ſich den Vertrag, deſſen Hauptelauſel war, Jede ſollte ſich erheben auf den Ruf der Andern, zu jeder Stunde des Tages, zu jeder Stunde der Nacht, in welchem Momente des Lebens es wäre, in welcher freien oder dornigen, freudigen oder traurigen, gefährlichen oder verzwei⸗ felten Lage, die Eine von ihnen die Andere oder ſogar die drei Anderen zu Hülfe rufen würde. Wir haben ſie, dieſem Vertrage treu, auf den Ruf der ſterbenden Carmelite erſcheinen ſehen; wir werden ſie nicht minder pünktlich bei nicht minder ernſter Veranlaſſung wiederfinden. Wir haben geſagt, wie es verabredet war, alle Jahre am Aſchermittwoch bei der Mittagsmeſſe in Notre⸗Dame zuſammenzukommen. In den zwei bis drei Jahren, welche ſeit ihrem Austritte aus der Penſion verlaufen waren, hatten Carmelite und Fragola ihre Freundinnen faſt nur bei dieſem jährlichen Rendez⸗vous geſehen. Fragola hatte hiebei auch ein Jahr gefehlt. Er⸗ zählen wir je ihre Geſchichte, ſo werden wir ſagen, bei welcher Gelegenheit. Regina und Lydie hatten ſich etwas öfter ge⸗ ehen. Doch dieſe Seltenheit des Zuſammenſeins der vier Mädchen hatte ihre Freundſchaft nur wachſen gemacht, ſtatt ſie zu ſchwächen, und ſie Vier hätten Dumas, Salvator. II. 5 66 Fielleicht, ſich auf einander ſtützend, erreicht, was ein Congreß von Diplomaten nicht h ätte erreichen können. Und, in der That, ſie Vier hielten, auf die vier aufſteige nden und abſteigenden Sproſſen der Geſell⸗ ſchaft geſtellt, die Schlüſſel des ganzen ſocialen Ge⸗ päudes: den Hof, Wiſſenſchaft, die Geiſtlichkeit, die Sorbo das Volk, was weiß ich? verſität, die Academie, die Ariſtokratie, die Armee, die nne, die Uni⸗ Ihre Schlüſſel paßten in alle Schlöſſer, öffneten alle Thüren; ſie Vier repräſentirten di grenzte Macht. Rur gegen mochten ſie nichts. Mit denſelben Tugenden begab denſelben Gefühlen durchdrun⸗ Grundſätzen erfüllt, von e abſolute, unbe⸗ den Tod, wie wir geſehen haben, ver⸗ t, von denſ elben gen, zu denſelben Opfern, zu derſelben Hingebung fähig, ſchienen ſie geboren oder mit einander, um welchen Preis es ſ Gelegenheit geboten, Jede an, ſtrengte ſich, war die es zu vollbringen. Wir werden ohne Zweife Erzählung Gelegenheit haben, Leidenſchaften aller Art zu beobachten, u cht ſehen, wie aus den furchtbarſten den dann viellei für das Gute, und vereinzelt ein mochte, lin der Folge unſerer ſie im Kampfe mit nd wir wer⸗ Kämpfen die wohlgeſtählten Seelen ſiegreich hervor⸗ gehen können. Hören wir nun. Es hat zwölf Uhr geſchlagen, Regina muß bald zurückkommen. Einige Minuten nach zwölf Uhr wird das Rollen eines Wagens hörbar. Die drei jungen Frauen, welche mit einander ſpre die jun Fra Ant wel rufe Sie Ta ſch Tre — zu zen hie fra Au Mi ein en. ier ſell⸗ Ge⸗ die Uni⸗ ich? alle nbe⸗ ver⸗ elben run⸗ ähig, inzelt ochte, e an, nſerer e mit wer⸗ arſten ervor⸗ ß bald Rollen nander 67 ſprachen... worüber? Carmelite gewiß von Todten; die zwei Anderen vielleicht von Lebenden,— die drei jungen Frauen erhoben ſich gleichzeitig. Die Herzen ſchlugen gleichſtimmig; das von Fragola aber ſicherlich lebhafter, als die der zwei Anderen. Plötzlich hörte man die Stimme der kleinen Abeille, welche, ein köſtlicher Vorläufer, entſprungen war, rufen: „Hier ſind wir! hier ſind wir! hier ſind wir! Meine Schweſter Rina hat die Audienz.“ Und ſo rufend erſchien ſie im Gewächshauſe. Regina trat wirklich hinter ihr lächelnd wie eine Siegerin ein: ſie hielt den Audienzbrief in der Hand. Die Audienz war in dem Briefe auf denſelben Tag um halb drei Uhr beſtimmt; es war alſo keine Minute zu verlieren. Die zweijungen Frauen umarmtenſich, ihre Freund⸗ ſchaftsſchwüre erneuernd. Fragola ging raſch die Treppe hinab, ſprang in den Wagen, der ſchneller zu fahren verſprach, als ihr Fiacre, und der mit Wapypen geſchmückte Wagen brachte das ſchöne, rei⸗ zende Kind nach ſeiner beſcheidenen Wohnung und hielt vor der Thüre des Ganges der Rue Macon an. Die zwei Männer ſtanden am Fenſter. „Sie iſt es!“ ſagten ſie gleichzeitig. „In einem mit Wappen geſchmückten Wagen?“ fragte der Mönch Salvator. „Ja; doch das iſt nicht die Frage. Hat ſie den Audienzbrief oder hat ſie ihn nicht?“ „Sie hält ein Papier in der Hand!“ rief der Mönch. 68 „Dann geht Alles gut,“ ſagte Salvator. Ste Dominique eilte nach dem Ruheplatze. ni Fragola hörte die Thüre ſich öffnen und rief: ſeh „Ich bin es ich habe den Brief!“ „Für welchen Tag?“ fragte Dominigque. ſell „Für heute, in zwei Stunden!“ der „Ah!“ rief der Mönch,„ſeien Sie geſegnet, mein Se theures Kind!“ M „Und Gott ſei gelobt, mein Vater!“ ſprach Fra⸗ Fi gola, indem ſie ehrerbietig mit ihrer kleinen weißen der Hand dem Mönche den Audienzbrief des Königs Ne überreichte. gr pf T IV. ze Der Aufſchub. 1 Vr Der König war an dieſem Tage nicht gerade S von einer tollen Heiterkeit. ſe Die Auflöſung der Nationalgarde, welche im Mo⸗ zi niteur von Morgen laconiſch angekündigt worden ſ war, hatte die ganze handeltreibende Partei in Auf⸗ ruhr gebracht. Die Herren Krämer, wie die, 1 Herren von Hofe ſie nannten, waren nie zufrieden: f 1 ſie murrten, wie wir ſchon geſagt haben, wenn man ſie die Wache beziehen ließ und ſie murrten, wenn man ihnen verbot, ſie zu beziehen. Was wollten ſie denn? Die Juli⸗Revolution zeigte, was ſie wollten. Fügen wir dieſem bei, daß die Verurtheilung von Herrn Sarranti, welche ſich durch die ganze nein Fra⸗ ißen nigs erade Mo⸗ vorden Auf⸗ ie die * ieden: nman wenn ten. heilung ganze 69 Stadt verbreitet hatte, als eine unheilvolle Kunde, nicht wenig dazu beitrug, die Gährung bei einer an⸗ ſehnlichen Partei zu vermehren. Und, obſchon Seine Majeſtät die Meſſe in Ge⸗ ſellſchaft Ihrer Königlichen Hoheiten des Dauphin, der Frau Herzogin von Berry gehört; obſchon Sie Seine Herrlichkeit den Kanzler, Ihre Excellenzen die Miniſter, die Staatsräthe, die Cardinäle, den Herrn Fürſten von Talleyrand, den Nuntius des Papſtes, den Geſandten von Sardinien, den Geſandten von Neapel, den Großreferendär der Pairskammer, eine große Anzahl von Deputirten und Generalen em⸗ pfangen; obſchon Sie den Heirathsvertrag von Herrn Taſſin de la Valliére, General⸗Einnehmer der Finan⸗ zen der Ober⸗Pyrenäen, mit Fräulein Charlet unter⸗ zeichnet hatte, hatten doch dieſe verſchiedenen Uebun⸗ gen nicht den Einfluß gehabt, die Stirne des ſorgen⸗ vollen Monarchen zu entrunzeln, und wir wiederholen, Seine Majeſtät war auf tauſend Meilen davon ent⸗ ſernt, von einer tollen Heiterkeit zwiſchen ein und zwei Uhr des Nachmittags am 20. April 1827 zu ſein. Seine Stirne drückte im Gegentheile eine düſtere Unruhe aus, die ihm gewöhnlich fremd. Es war in dem königlichen Greiſe, der gut und einfältigen Her⸗ zens, ein wenig von der Sorgloſigkeit des Kindes; überdies war er überzeugt, er gehe auf dem guten, auf dem wahren Wege, und der Letzte von dem Ge⸗ ſchlechte, deſſen Schutzdach die Falten der weißen Fahne bildeten, hatte er zum Wahlſpruche die Deviſe der alten Tapfern genommen; Thue, was Du ſollſt, komme, was da will! Er trug nach ſeiner Gewohnheit jene Uniform, — blau mit Silber,— mit der Vernet ihn, eine Revue paſſirend, gemalt hat; er hatte auf der Bruſt das große Band und den Stern vom heiligen Geiſte, mit welcher Decoration er ein Jahr ſpäter Victor Hugo empfangen und ihm die Aufführung von Marion Delorme verweigern ſollte.— Die Verſe des Dichters über dieſe Zuſammenkunft leben noch; Marion Delorme wird immer leben. Wo biſt Du, guter König Karl X., der Du den Kopf der Väter den Kindern und die Aufführung der Stücke den Dichtern verweigerteſt? Als er den Huiſſier vom Dienſte den Beſuch melden hörte, für welchen ihn ſeine Schwiegertochter um eine Audienz gebeten hatte, hob der König ſein gebeugtes Haupt empor. „Der Abbé Dominique Sarranti?“ wiederholte er maſchinenmäßig;„ja, das iſt es!“ Doch ehe er antwortete, nahm er von ſeinem Schreibtiſche ein Blatt Papier, und als er es mit den Augen durchlaufen hatte, ſagte er: „Man laſſe den Abbé Dominique eintreten.“ Der Abbé Dominique erſchien auf der Thür⸗ ſchwelle; hier blieb er, die Hände auf ſeiner Bruſt gekreuzt, ſtehen und verbeugte ſich tief. Der König verbeugte ſich auch, nicht vor dem Menſchen, ſondern vor dem Prieſter. „Treten Sie ein, mein Herr,“ ſagte er.⸗ Der Abbé machte ein paar Schritte vorwärts und blieb abermals ſtehen. „Herr Abbé,“ ſprach der König,„die Schnellig⸗ keit, mit der ich Ihnen dieſe Audienz bewilligt habe, orm, eine Bruſt eiſte, ictor von erſe noch; biſt der tücke eſuch chter ſein holte nem mit hür⸗ ruſt dem ärts llig⸗ 7¹ muß Ihnen beweiſen, wie ich alle Diener Gottes be⸗ ſonders hochſchätze.“ „Das iſt eine von den Eigenſchaften Eurer Maje⸗ ſtät, welche ihr zum Ruhme gereicht, und zugleich eines ihrer ſchönſten Anrechte auf die Liebe ihrer Unterthanen.“ „Ich höre Sie, Herr Abbé,“ ſagte der König, indem er die den Fürſten, wenn ſie Audienz geben, eigenthümliche Haltung annahm. „Sire,“ ſprach Dominique,„mein Vater iſt heute Nacht zum Tode verurtheilt worden.“ „Ich weiß es, mein Herr, und ich habe tief hier⸗ über für Sie geſeufzt.“ „Mein Vater war unſchuldig an den Verbrechen, wegen deren er verurtheilt worden iſt...“ „Entſchuldigen Sie, Herr Abbé,“ unterbrach Karl X.,„das war nicht die Meinung der Herren Geſchworenen.“ „Sire, die Geſchworenen ſind Menſchen, und wie dieſe können ſie durch den Anſchein getäuſcht ſein.“ „Ich gebe Ihnen das zu, Herr Abbé, eher als einen Kindestroſt, denn als ein Ariom des menſch⸗ lichen Rechts; ſo weit aber Gerechtigkeit von den Menſchen geübt werden kann, iſt Gerechtigkeit gegen Ihren Vater von den Herren Geſchworenen geübt worden.“ „Sire, ich habe den Beweis der Unſchuld meines Vaters!“ „Sie haben den Beweis der Unſchuld Ihres Vaters?“ wiederholte Karl X. mit Erſtaunen. „Ich habe ihn, Sire!“ „Und warum haben Sie ihn nicht früher gegeben?“ „Ich konnte nicht.“ „Nun wohl, mein Herr, da es glücklicher Weiſe noch Zeit iſt, ſo geben Sie ihn mir.“ „Ihnen den Beweis geben, Sire?“ ſagte der Abbé Dominique, indem er ſein Haupt neigte;„lei⸗ der iſt das unmöglich.“ „Unmöglich?“ „Ach! ja, Sire.“ „Und welches Motiv kann einen Menſchen ab⸗ halten, die Unſchuld eines Verurtheilten laut zu er⸗ klären, wenn beſonders dieſer Menſch ein Sohn, und dieſer Verurtheilte ſein Vater iſt?“ „Sire, ich kann Eurer Majeſtät nicht antworten, doch der König weiß, ob derjenige, welcher bei den Andern die Lüge bekämpft, derjenige, welcher ſein Leben mit Erforſchung der Wahrheit zubringt, wo immer ſie auch ſein mag, kurz einer der Diener des Herrn,— der König weiß, ob dieſer lügen könnte und beſonders möchte. Nun wohl, Sire, unter der Rechten des Herrn, des Herrn, den ich anflehe, mich zu beſtrafen, wenn ich lüge, erkläre ich laut zu den Füßen Eurer Majeſtät die Unſchuld meines Vaters; ich verſichere mit allen Kräften meines Gewiſſens und ſchwöre Eurer Majeſtät, daß ich Ihr den Be⸗ weis hievon früher oder ſpäter geben werde.“ „Herr Abbé,“ erwiederte der König mit einer majeſtätiſchen Sanftmuth,„Sie ſprechen als Sohn, und ich ehre das Gefühl, das Ihnen Ihre Worte eingibt; erlauben Sie mir aber, daß ich Ihnen als König antworte.“ „Oh! Sire, ich höre mit gefalteten Händen.“ „Ginge das Verbrechen, deſſen Ihr Vater be⸗ Peiſe der „lei⸗ ab⸗ u er⸗ und rten, den ſein des nnte der mich den ters; ſſens Be⸗ einer ohn, orte als 73 ſchuldigt iſt, nur mich an, griffe es unmittelbar nur mich an; wäre es mit einem Worte ein politiſches Verbrechen, ein Attentat gegen die Ruhe des Staates, ein Verbrechen der Majeſtätsbeleidigung, oder ſogar ein Attentat gegen mein eigenes Leben, hätte der Streich getroffen, wäre ich verwundet, tödtlich ver⸗ wundet, wie es meinem armen Sohne durch Louvel geſchehen iſt, ich thäte, was mein ſterbender Sohn gethan hat, mein Herr, zu Gunſten Ihres Kleides, das ich achte, Ihrer Frömmigkeit, die ich ehre: mein letzter Act wäre die Begnadigung Ihres Vaters.“ „Oh! Sire, wie gut ſind Sie!“ „Doch es iſt nicht ſo: die politiſche Anklage iſt vom Staatsanwalte beſeitigt worden, und die des Diebſtahls, der Entführung, des Mordes...!“ „Sire! Sire!“ „Ah! ich weiß, daß das grauſam zu hören iſt; da ich aber verweigere, ſo muß ich wenigſtens die Urſachen meiner Weigerung ſagen... Die Beſchul⸗ digung des Diebſtahls, der Entführung und des Mor⸗ des iſt alſo ſtehen geblieben. Durch dieſe Anklage iſt aber nicht der König bedroht, iſt nicht der Staat in Gefahr, iſt weder die Majeſtät, noch die königliche Macht compromittirt; die Geſellſchaft iſt angegriffen, und die Moralität ſchreit um Rache.“ „Ah! wenn ich ſprechen könnte, Sire!“ rief Do⸗ minique, die Hände ringend. „Dieſe drei Verbrechen, deren Ihr Vater nicht nur angeklagt, ſondern überwieſen iſt,— überwieſen, da die Jury geurtheilt hat und die, von der Charte den Franzoſen zugeſtandene, Jury ein unfehlbares Tribunal iſt,— dieſe drei Verbrechen ſind die ge⸗ 74 meinſten, die niederträchtigſten, die am Gerechteſten ſtrafbaren: das geringſte von den dreien verdient die Galeeren.“ „Sire! Sire! Erbarmen! ſprechen Sie dieſes erſchreckliche Wort nicht aus!“ Der Abbé Dominique ſank auf ſeine Kniee. Der König fuhr fort: „Sie wollen, daß, während es ſich um dieſe drei entſetzlichen Verbrechen handelt, ich, der Vater meiner Unterthanen, den Schuldigen die Ermunterung gebe, mein Begnadigungsrecht zu benützen, während ich, wenn ich es hätte, und zum Glück habe ich es nicht, von meinem Rechte über Leben und Tod Gebrauch machen müßte?... Wahrhaftig, Herr Abbé, Sie, der Sie Großjuſticiar beim Tribunal der Buße ſind, fragen Sie ſich ſelbſt und ſagen Sie, ob Sie einem ſo großen Verbrecher, wie es Ihr Vater iſt, andere Worte zu ſagen hätten, als die, die einzigen, welche mir mein Herz eingibt:„„Ich rufe auf den Todten die ganze göttliche Barmherzigkeit herab, doch ich muß den Lebenden beſtrafend Gerechtigkeit üben.““ „Sire,“ rief der Abbé die ehrerbietigen Formeln, die officielle Etiquette vergeſſend, die der Abkömm⸗ ling von Ludwig XIV. ſo ſtreng beobachten ließ, „Sire, enttäuſchen Sie ſich: es iſt nicht der Sohn, der zu Ihnen ſpricht, es iſt nicht der Sohn, der Sie bittet, es iſt nicht der Sohn, der Sie anfleht; es iſt ein ehrlicher Menſch, der, die Unſchuld eines andern Menſchen kennend, Ihnen zuruft: Nicht zum erſten Male irrt ſich die menſchliche Gerechtigkeit, Sire! Sire, erinnern Sie ſich an Calas; Sire, erinnern Sie ſich an Labarre; Sire, erinnern Sie ſich eſten t die ieſes drei einer gebe, ich, nicht, auch Sie, ſind, inem ndere elche odten ich meln, ömm⸗ ließ, ohn, rSie es iſt ndern erſten Sire! nnern ſich 75 an Leſurques! Ludwig XV., Ihr erhabener Ahn, hat geſagt, er gäbe eine von ſeinen Provinzen, wenn Calas nicht unter ſeiner Regierung hingerichtet wor⸗ den wäre; Sire, ohne es zu wiſſen, ſind Sie im Begriffe, das Beil auf den Hals eines Gerechten fallen zu laſſen; Sire, im Namen des lebendigen Gottes ſage ich Ihnen, der Schuldige wird gerettet ſein, und der Unſchuldige wird ſterben!“ „Ei! mein Herr,“ erwiedert der König bewegt, „dann ſprechen Sie! ſo ſprechen Sie doch! Kennen Sie den Schuldigen, ſo nennen Sie ihn mir, oder, ein entarteter Sohn, ſind Sie der Henker; ein Va⸗ termörder, ſind Sie es, der Ihren Vater tödtet!... Auf, ſprechen Sie, mein Herr, ſprechen Sie! das iſt nicht nur Ihr Recht, ſondern Ihre Pflicht!“ „Sire, es iſt meine Pflicht, zu ſchweigen,“ ant⸗ wortete der Abbé, dem die Thränen,— die erſten, die er vergoſſen hatte,— die Augen überflutheten. „Iſt es ſo, Herr Abbé,“ fügte der König, der die Wirkung ſah, ohne die Urſache zu begreifen, und ſich durch das, was er als eine Halsſtarrigkeit des Mönches betrachtete, verletzt zu fühlen anfing;„iſt es ſo, dann erlauben Sie mir, mich dem Spruche der Herren Geſchworenen zu unterwerfen.“ Und er machte ein Zeichen, das dem Mönche bedeutete, die Audienz ſei beendigt. Doch ſo gebietend auch die Geberde des Königs war, Dominique gehorchte nicht; er ſtand nur auf und ſprach mit einer ehrerbietigen, aber feſten Stimme: „Sire, Cure Majeſtät hat ſich getäuſcht: ich ver⸗ lange nicht oder verlange nicht mehr die Begnadi⸗ gung meines Vaters.“ 76 „Was verlangen Sie denn?“ „Sire, ich bitte Eure Majeſtät um einen Auf⸗ ſchub.“ „Um einen Aufſchub?“ J, Sire“ „Von wie viel Tagen?“ Dominique berechnete in ſeinem Geiſte und ſprach dann laut: „Von fünfzig Tagen.“ „Ei!“ ſagte der König,„das Geſetz bewilligt drei Tage dem Angeklagten, um ein Caſſationsgeſuch ein⸗ zureichen, und die Caſſation iſt immer eine Sache von vierzig Tagen.“ „Je nachdem, Sire; der Caſſationshof kann, wenn man ihn drängt, ſein Urtheil in zwei Tagen, in einem ſogar eben ſo gut ſprechen, als in vierzig, und über⸗ dies Dominique zögerte. „Und überdies?“ wiederholte der König.„Vollen⸗ den Sie Ihren Gedanken.“ „Ueberdies, Sire, wird mein Vater kein Caſſa⸗ tionsgeſuch einreichen.“ „Wie, das wird Ihr Vater nicht thun?“ Dominique ſchüttelte den Kopf. „So will alſo Ihr Vater ſterben?“ rief der König. „Er wird wenigſtens nichts thun, um dem Tode zu entkommen.“ „Dann, mein Herr, wird die Gerechtigkeit ihren Lauf haben.“ „Sire,“ ſprach Dominique,„im Namen Gottes ——— Auf⸗ rach drei ein⸗ ache venn inem iber⸗ der Tode hren ottes 77 bewilligen Sie einem ſeiner Diener die Gnade, um die er Sie bittet!“ „Nun wohl, ja, mein Herr, ich werde ſie ihm vielleicht bewilligen, doch vor Allem unter einer Be⸗ dingung: daß der Verurtheilte nicht der Juſtiz trotzt. Er reiche ſein Caſſationsgeſuch ein, und ich werde ſehen, ob er außer den drei Tagen Friſt, die ihm das Geſetz bewilligt, die vierzig Tage Aufſchub bekommen ſoll, die ihm meine Gnade gewähren wird.“ „Es iſt mit dreiundvierzig Tagen nicht genug, Sire, erwiederte Dominique entſchloſſen;„ich brauche fünfzig.“ „Fünfzig, mein Herr, und wozu?“ „Um eine lange, mühſame Reiſe zu machen, Sire; um eine Audienz zu erhalten, die ich vielleicht nur ſchwer erlangen werde; um endlich einen Mann zu überzeugen, der, wie Sie, Sire, vielleicht nicht wird überzeugt ſein wollen.“ „Sie machen eine lange Reiſe?“ „Eine Reiſe von dreihundert fünfzig Meilen, Sire!“ „Und Sie machen ſie zu Fuße?“ „Ich mache ſie zu Fuße, ja, Sire.“ „Warum zu Fuße? Sprechen Sie!“ „Weil ſo die Pilger reiſen, welche eine höchſte Gnade von Gott zu erbitten haben.“ „Wenn ich aber die Reiſekoſten tragen würde, wenn ich Ihnen das nöthige Geld gäbe.. 2“ „Sire, Eure Majeſtät bewahre das Geld, das ſie mir geben würde, für ein frommes Almoſen. Ich habe ein Gelübde gethan, zu Fuße und zwar barfuß zu gehen, ich werde zu Fuße und barfuß gehen.“ X 78 „Und Sie machen ſich anheiſchig, in fünfzig Tagen die Unſchuld Ihres Vaters zu beweiſen?“ „Nein, Sire, ich mache mich nicht anheiſchig, und ich ſchwöre, daß kein Anderer an meiner Stelle ſich hiezu anheiſchig machen könnte; doch ich ver⸗ ſichere, daß ich nach der Reiſe, die ich unternehme, wenn ich nicht die Mittel habe, die Unſchuld meines Vaters zu proclamiren, ich verſichere, daß ich den Spruch der menſchlichen Gerechtigkeit annehme, und mich darauf beſchränke, dem Verurtheilten die Worte des Königs:„„Ich rufe auf Dich die göttliche Barm⸗ herzigkeit herab!““ zu wiederholen.“ Eine neue Gemüthsbewegung erfaßte Karl X. Er ſchaute den Abbé Dominique an, und als er ſein offenes, redliches Geſicht ſah, drang eine Halbüber⸗ zeugung in ſein Herz ein. Unwillkürlich indeſſen, trotz dieſer unwiderſtehlichen Sympathie, welche das Geſicht des edlen Mönches einflößte, ein Geſicht, das nur der Refler ſeines Her⸗ zens war, nahm König Karl X., als wollte er Kräfte gegen das gute Gefühl ſchöpfen, das ſich ſeiner zu bemächtigen drohte, zum zweiten Male das auf ſei⸗ nem Tiſche liegende Blatt Papier, auf das er ſeine Augen geworfen, als ihm der Huiſſier den Abbé Dominique gemeldet hatte; er richtete raſch wieder einen Blick darauf, und dieſer Blick, ſo raſch er war, genügte, um in ihm den guten Willen zurückzudrän⸗ gen, der ſo nur einen ephemeren Ausdruck hatte: von gerührt, wie er war, während er den Abbé Dominique anhörte, wurde er kalt, ſorgenvoll, ver⸗ drießlich. Es war wohl Grund vorhanden, verdrießlich, gen hig, telle ver⸗ me, ines den und orte m⸗ ſein ber⸗ chen ches Her⸗ äfte zu ſei⸗ eine eder var, rän⸗ tte: bbé ver⸗ lich, 79 kalt und ſorgenvoll zu ſein: die Note, welche der König vor Augen hatte, war die kurze Geſchichte von Herrn Sarranti und dem Abbé Dominique, zwei Portraits ſtizzirt von Meiſterhand, wie ſie die Con⸗ gregation zu ſtizziren wußte;— die Biographie von zwei wüthenden Revolutionären. Die erſte war die von Herrn Sarranti. Sie nahm ihn bei ſeinem Abgange von Paris; ſie folgte ihm nach Indien an den Hof von Rundſchit Sing, bei ſeinen Verbindungen mit dem General Lebaſtard de Prémont, der ſelbſt als entſetzlich gefährlicher enſch bezeichnet war; ſodann von Indien ging ſie mit ihm nach Schönbrunn, ſie detaillirte die durch die guten Bemühungen von Herrn Jackal geſcheiterte Verſchwörung, und während ſie den General Leba⸗ ſtard jenſeits der Wien⸗Brücke verlor, nahm ſie Herrn Sarranti allein wieder auf, um ihn nach Paris zu⸗ rückzuführen und erſt am Tage ſeiner Verhaftung zu verlaſſen. Am Rande ſtanden die Worte:„Ueber⸗ dies angeklagt und überwieſen der Verbrechen der Entführung, des Diebſtahls und des Mordes, wegen welcher Verbrechen er verurtheilt worden iſt.“ Was den Abbé Dominique betrifft,— ſeine Bio⸗ graphie war nicht minder detaillirt. Man nahm ihn beim Austritte aus dem Seminar; man erklärte ihn für einen Schüler des Abbé Lamenais, deſſen Diſſi⸗ denz Aufſehen zu erregen anfing; ſodann machte man aus ihm einen Manſardenbeſucher, der nicht das Wort Gottes verbreite, ſondern für die revolutionäre Propaganda arbeite; man führte eine Predigt von ihm an, die ihm würde ernſtliche Ermahnungen von Seiten ſeiner Obern zugezogen haben, hätte er nicht einem ſpaniſchen, in Frankreich noch nicht wiederher⸗ geſtellten Orden angehört. Man trug endlich darauf an, ihn nach dem Auslande znrückzuſchicken, da ſeine Anweſenheit in Paris, nach der Ausſage der Con⸗ gregation, gefährlich war. Kurz, nach der Note, die der arme König vor Augen hatte, waren die Herren Sarranti, Vater und Sohn, Blutſäufer und hielten in der Hand: der Eine das Schwert, das den Thron umſtürzen ſollte; der Andere die Fackel, welche die Kirche niederbrennen ſollte. Es genügte alſo, hatte man ſich einmal mit all dieſem Jeſuitengifte angeſchwängert, die Blicke wie⸗ der auf das Blatt Papier zu werfen, um zum poli⸗ tiſchen Haſſe, der ſich einen Augenblick beugen konnte, zurückzukehren und gleichſam mit einem Schlage aufs Neue alle die Geſpenſter der Revolution hervortreten zu ſehen. Der König ſchauerte und warf dem Abbé Do⸗ minique einen ſchlimmen Blick zu. Dieſer täuſchte ſich nicht im Blicke von Karl X. und fühlte ſich wie von einem glühenden Eiſen ge⸗ troffen. Er hob indeſſen das Haupt ſtolz empor, verbeugte ſich, machte zwei Schritte rückwärts und ſchickte ſich an, wegzugehen. Eine erhabene Geringſchätzung für dieſen König, der die Inſtincte ſeines Herzens zurückſtieß, um an ihre Stelle den Haß Anderer zu ſetzen, die nieder⸗ ſchmetternde Verachtung des Starken gegen den Schwa⸗ chen ſchweiften wider den Willen des Abbé Domi⸗ nique in ſeinen Augen und auf ſeinen Lippen. Karl X. ſah dieſes Gefühl wie eine Flamme her⸗ auf eine on⸗ vor und Fine der men all wie⸗ poli⸗ nte, ge⸗ por, und önig, nan eder⸗ hwa⸗ mi⸗ mme 81 glänzen, und, im Ganzen Bourbon, das heißt ſchnell für die Gnade, hatte er einen von den Gewiſſens⸗ biſſen, welche zu gewiſſen Stunden, Agrippa d'Au⸗ bigné anſchauend, ſein Ahnherr Heinrich IV. haben mußte. Die Wahrheit oder wenigſtens der Zweifel er⸗ ſchien ihm in der Halbtinte; er wagte es nicht, zu verweigern, was dieſer redliche Mann von ihm ver⸗ langte, und rief den Abbé Dominique in dem Augen⸗ blicke zurück, wo er ſich entfernen wollte. „Herr Abbé,“ ſagte er zu ihm,„ich habe bis jetzt weder bejahend, noch verneinend auf Ihre Bitte geantwortet; wenn ich es aber nicht gethan habe, ſo iſt dies ſo, weil ich vor meinen Augen, oder vielmehr in meinem Geiſte die Schatten der ungerecht geopfer⸗ ten Gerechten vorüberziehen ſah.“ „Sire,“ rief der Abbé, indem er zwei Schritte rückwärts machte,„es iſt noch Zeit, und der König braucht nur ein Wort zu ſprechen.“ „Ich bewillige Ihnen zwei Monate, Herr Abbé,“ ſagte der König, indem er ſeinen gewöhnlichen Stolz wieder annahm, als bereute er es und als erröthete er darüber, daß er die geringſte Gemüthsbewegung hatte durchſcheinen laſſen;„doch hören Sie wohl? Ihr Vater gebe ſein Caſſationsgeſuch ein! Ich ver⸗ zeihe zuweilen die Rebellion gegen das Königthum; ich würde nie die Rebellion gegen die Juſtiz ver⸗ zeihen.“ „Sire, werden Sie die Gnade haben, mir das Mittel zu geben, bei meiner Ankunft zu jeder Stunde des Tages und der Nacht zu Ihnen zu gelangen?“ „Gern,“ antwortete der König. Dumas, Salvator. II. 6 Und er klingelte. „Sie ſehen dieſen Herrn,“ ſagte Karl X. zum eintretenden Huiſſier.„Schauen Sie ihn genau an, und man führe ihn bei mir ein, zu welcher Stunde des Tags oder der Nacht er auch hier erſcheinen mag. Unterrichten Sie hievon die Leute vom Dienſte.“ Der Abbé verbeugte ſich und ging ab, das Herz voll Freude, wenn nicht voll Dankbarkeit. V. Der Vater und der Sohn. Alle die Blüthen der Hoffnung, welche langſam im Schooße des Menſchen keimen und ihre Früchte nur zu gewiſſen Stunden geben, erſchloſſen ſich im Herzen des Abbé Dominique, ſo wie er den Fuß auf eine Stufe ſetzte, die ihn von der königlichen Majeſtät entfernte und ſeinen Mitbürgern näherte. Indem er ſich der Schwächen des unglücklichen Monarchen erinnerte, dünkte es ihm unmöglich, daß dieſer, unter den Jahren gebeugte, Mann, mit dem guten Herzen, aber dem trägen Geiſte, ein ernſtes Hinderniß beim Werke der großen Göttin ſein ſollte, welche vorwärts ſchreitet, ſeitdem der menſchliche Genius ſeine Fackel angezündet hat, der Göttin, die man die Freiheit nennt. Dann kehrte,— ſeltſamer Weiſe, und was be⸗ wies, daß ohne Zweifel ſein Plan für die Zukunft ſehr entſchieden feſtgeſetzt war,— dann kehrte ſeine ganze Vergangenheit plötzlich in ſein Gedächtniß zu⸗ — rück. ſeine keite able blick aber Feue die( bahn ſein und Aug kelt, nen; ſetzte volle ſten ( Läche 2 ſolche Tuile von ſulta Abge 6 arme ſchub zum an, unde inen ſte.“ Herz m im nur erzen eine jeſtät lichen daß t dem rnſtes ſollte, enis an die as be⸗ ukunft ſeine iß zu⸗ — 83 rück. Er erinnerte ſich der geringſten Einzelheiten ſeines Prieſterlebens, ſeiner unſäglichen Unſchlüſſig⸗ keiten in dem Augenblicke, wo er ſein Gelübde ablegen ſollte, ſeiner innern Kämpfe in dem Augen⸗ blicke, wo er die Weihe empfangen ſollte; Alles war aber beſiegt worden durch jene Hoffnung, welche, der Feuerſäule von Moſes ähnlich, ihm ſeinen Weg durch die Geſellſchaft bezeichnete und ihm ſagte, die Lauf⸗ bahn, auf der er ſeinem Vaterlande am Nützlichſten ſein könne, ſei die geiſtliche Laufbahn. Wie der Stern der Weiſen ſtrahlte ſein Gewiſſen und zeigte ihm die wahre Straße. Einen einzigen Augenblick hatte der Sturm ſeinen Himmel verdun⸗ kelt, und er hatte aufgehört, ſeinen Weg zu erken⸗ nen; doch er fing wieder an darauf zu ſehen und er ſetzte ſich wieder in Marſch, wenn nicht mit einem vollen Vertrauen, doch wenigſtens mit dem feſte⸗ ſten Entſchluſſe. Er ſtieg die letzte Stufe des Palaſtes mit einem Lächeln auf den Lippen hinab. Welchem geheimen Gedanken entſprach, in einer ſolchen Lage, ſein Lächeln? Doch kaum hatte er den Fuß in den Hof der Tuilerien geſetzt, als er das ſympathetiſche Geſicht von Salvator erblickte, der, unruhig über das Re⸗ ſultat des Schrittes des Abbé Dominique, ſeinen Abgang in einer fieberhaften Angſt erwartete. Salvator begriff, als er nur das Geſicht des armen Mönches ſah, den Erfolg des Beſuches. „Gut!“ ſagte er,„der König hat Ihnen den Auf⸗ ſchub bewilligt, um den Sie ihn gebeten.“ 84 „Ja,“ erwiederte der Abbé;„es iſt in Grunde ein vortrefflicher Menſch.“ „Nun wohl,“ ſprach Salvator,„das ſöhnt mich wieder ein wenig mit ihm aus; das bringt Seine Majeſtät König Karl X. wieder ein wenig in Gnade bei mir. Ich vergebe ihm ſeine Schwächen in Er⸗ innerüng an ſeine angeborenen Tugenden. Man muß nachſichtig gegen diejenigen ſein, welche nie die Wahr⸗ heit hören.“ Dann plötzlich den Ton verändernd, ſagte er zum Abbé: „Nicht wahr, wir kehren in die Conciergerie zurück?“ „Ja,“ antwortete einfach Dominique, indem er ſeinem Freunde die Hand drückte. Sie nahmen einen Wagen, der leer über den Quai fuhr, und kamen raſch an den Ort ihrer Be⸗ ſtimmung. Vor der Thüre des düſteren Gefängniſſes reichte Salvator Dominique die Hand und fragte ihn, was er, aus demſelben weggehend, zu thun gedenke. „Ich werde auf der Stelle Paris verlaſſen.“ „Kann ich Ihnen in dem Lande, in das Sie ſi begeben, nützlich ſein?“ „Können Sie die Förmlichkeiten abkürzen, welche die Ausfertigungen eines Paſſes begleiten?“ „Ich kann Ihnen einen ſolchen ohne Förmlichkeit verſchaffen.“ „Dann erwarten Sie mich in Ihrer Wohnung! ich werde Sie dort abholen.“ „Ich werde Sie in einer Stunde hier erwarten Sie werden mich an der Ecke des Quai finden. Sie inde mich eine nade Er⸗ muß zahr⸗ zum gerie em er rden r Be⸗ reichte „was ie ſich d welche lichkeit hnung: varten n. Sie 85 können im Innern des Gefängniſſes nun bis um vier Uhr bleiben, und es iſt drei Uhr.“ „In einer Stunde alſo,“ ſagte der Abbé Domi⸗ nigue, dem jungen Manne aufs Neue die Hand drückend. Und er verſchwand unter dem düſtern Eingange. Der Gefangene war in die Zelle gebracht worden, welche Louvel in ſich geſchloſſen hatte und Fieschi in ſich ſchließen ſollte. Dominique wurde ohne Schwie⸗ rigkeit bei ihm eingeführt. Herr Sarranti, der auf einem Schemel ſaß, ſtand auf und ging ſeinem Sohne entgegen; dieſer ver⸗ beugte ſich vor ihm mit der Ehrfurcht, mit der man die Märtyrer empfängt. „Ich erwartete Dich, mein Sohn,“ ſprach Herr Sarranti. Und es lag in ſeiner Stimme etwas wie ein Ausdruck von Vorwurf. „Mein Vater,“ erwiederte der Abbé,„es iſt nicht meine Schuld, daß ich nicht früher gekom⸗ men bin.“ „Ich glaube es,“ ſagte der Gefangene, ſeinem Sohne beide Hände drückend. „Ich komme von den Tuilerien,“ fuhr Domi⸗ nique fort. „Du kommſt von den Tuilerien?“ „Ja, ich bin beim König geweſen.“ „Du biſt beim König geweſen?“ fragte Herr Sarranti erſtaunt, indem er ſeinen Sohn ſtarr an⸗ ſchaute. „Ja, mein Vater.“ 86 „Und warum biſt Du beim König geweſen? Ge⸗ wiß nicht, um ihn um meine Begnadigung zu bitten.“ „Nein, mein Vater,“ erwiederte raſch der Abbé. „Was hatteſt Du denn von ihm zu verlangen?“ „Einen Aufſchub.“ „Einen Aufſchub! und warum einen Aufſchub?“ „Das Geſetz bewilligt Ihnen drei Tage, um ein Caſſationsgeſuch einzureichen; drängt nichts den Spruch des Hofes, ſo iſt dies eine Sache von vierzig bis zweiundvierzig Tagen.“ „Nun?“ „Ich habe den König um zwei Monate gebeten.“ „Den König?“ „Den König.“ „Und warum zwei Monate?“ „Weil ich zwei Monate nöthig habe, um mir die Beweiſe Ihrer Unſchuld zu verſchaffen.“ „Ich werde kein Caſſationsgeſuch einreichen,“ antwortete Herr Sarranti entſchloſſen. „Mein Vater!“ „Ich werde es nicht thun,... das iſt ein feſter Entſchluß, und ich habe Emanuel verboten, es in meinem Namen zu thun.“ „Mein Vater, was ſagen Sie mir?“ „Ich ſage, daß ich jede Art von Aufſchub aus⸗ ſchlage; ich bin verurtheilt worden, ich will hingerich⸗ tet werden; ich habe meine Richter verworfen, nicht den Henker.“ „Mein Vater, hören Sie mich an.“ „Ich will hingerichtet ſein... es drängt mich, mit den Qualen des Lebens und der Ungerechtigkeit der Menſchen ein Ende zu machen.“ dieſe die der anfl ſche tes zu nac ten bit ſch! Lel Se in un zo Ge⸗ n b6. n 2 b 2 um den rzig die en, eſter in aus⸗ rich⸗ nicht nich, gkeit 87 „Mein Vater!“ murmelte traurig der Abbé. „Ich weiß, Dominique, was Du mir Alles in dieſer Hinſicht ſagen kannſt, ich kenne die Vorwürfe, die Du mir zu machen berechtigt biſt.“ „Oh! mein verehrter Vater!“ ſagte erröthend der Abbé Dominique,„wenn ich Sie auf den Knieen anflehen würde...“ „Dominique!“ „Wenn ich Ihnen ſagte, dieſe Unſchuld, die ich Ihnen verſpreche, werde ich in den Augen der Men⸗ ſchen ſo rein hervorſtellen, als das Tageslicht Got⸗ tes, das durch das Gitter dieſes Gefängniſſes bis zu uns gelangt...“ „Nun wohl, mein Sohn, dieſe Unſchuld wird nach meinem Tode nur um ſo glänzender und leuch⸗ tender hervortreten; ich werde um keinen Aufſchub bitten, ich werde keine Gnade annehmen!“ „Mein Vater! mein Vater!“ rief Dominique in Verzweiflung,„beharren Sie nicht bei dieſem Ent⸗ ſchluſſe, der Ihr Tod iſt, der die Verzweiflung meines Lebens und vielleicht das unnütze Verderben meiner Seele ſein wird.“ „Genug!“ ſprach Sarranti. „Nein, nicht genug, mein Vater!“ entgegnete Dominique, indem er wirklich auf ſeine Kniee ſank, in ſeinen Händen die Hände ſeines Vaters preßte und ſie mit Thränen und Küſſen bedeckte. Sarranti verſuchte es, den Kopf abzuwenden, und zog ſeine Hände zurück. „Mein Vater!“ fuhr Dominique fort,„Sie wei⸗ gern ſich, weil Sie nicht an meine Worte glauben; Sie weigern ſich, weil Ihnen der ſchlimme Gedanke 88 kommt, ich gebrauche eine Ausflucht, um Sie dem Tode ſtreitig zu machen und zwei Monate Ihrem ſo edlen und ſo gut ausgefüllten Daſein beizufü⸗ gen, weil Sie fühlen, Sie können, zu welcher Stunde und in welchem Alter es auch ſein möge, ſterben, und Sie werden in den Augen des höchſten Richters voll der Tage und der Ehre ſterben.“ Ein ſchwermüthiges Lächeln, das bewies, Domi⸗ nique habe richtig getroffen, ſchwebte über die Lip⸗ pen von Herrn Sarranti. „Nun wohl, mein Vater,“ fuhr Dominique fort, „ich ſchwöre Ihnen, daß die Worte Ihres Sohnes keine leeren Worte ſind; ich ſchwöre Ihnen, daß ich hier,“ Dominique legte die Hand auf ſeine Bruſt,— „daß ich hier die Beweiſe Ihrer Unſchuld habe.“ „Und Du haſt ſie nicht vorgebracht?“ rief Herr Sarranti, indem er einen Schritt zurückwich und ſeinen Sohn mit einem Erſtaunen, das an Mißtrauen gränzte, anſah;„und Du haſt gegen Deinen Vater ein Urtheil fällen laſſen; Du haſt Deinen Vater zu einem entehrenden Tode verurtheilen laſſen, wäh⸗ rend Du hier,“— und Herr Sarranti ſtreckte den Finger gegen die Bruſt des Mönches aus,—„wäh⸗ rend Du hier die Beweiſe der Unſchuld Deines Va⸗ ters hatteſt?“ Dominique hob die Hand empor. „Mein Vater! ſo wahr als Sie ein Ehrenmann ſind; ſo wahr als ich Ihr Sohn bin, wenn ich von dieſen Beweiſen Gebrauch gemacht, wenn ich Ihnen das Leben, die Ehre mit Hülfe dieſer Beweiſe ge⸗ rettet hätte, Sie würden mich verachtet haben, und wären grauſamer an Ihrer Verachtung geſtorben, als we kon da⸗ da zer für kan je ſa da au em em fü⸗ her ge, ſten mi⸗ Lip⸗ ort, nes ich err und uen ater ater väh⸗ den väh⸗ Va⸗ ann von hnen ge⸗ und 89 als Sie je durch das Eiſen des Henkers ſterben werden.“ „Wenn Du aber dieſe Beweiſe heute nicht geben konnteſt, wie wirſt Du ſie eines Tages geben können?“ „Mein Vater, das iſt ein zweites Geheimniß, das ich Ihnen nicht enthüllen darf, ein Geheimniß, das zwiſchen mir und Gott iſt. „Mein Sohn,“ ſprach der Verurtheilte mit kur⸗ zem Tone,„es iſt in Allem dem zu viel Geheimniß für mich. Ich nehme nur an, was ich begreifen kann; ich begreife nicht: folglich ſchlage ich aus.“ Und einen Schritt zurückweichend, winkte er dem Mönche, aufzuſtehen. „Genug, Dominique,“ ſagte er;„erſpare mir jeden Streit, und laß uns die letzten Stunden, die wir noch auf Erden beiſammen zu bleiben haben, ſo ſanft als möglich zubringen.“ Der Mönch ſtieß einen Seufzer aus; er wußte, daß, ſobald einmal dieſe Worte von ſeinem Vater ausgeſprochen waren, ſich nichts mehr hoffen ließ. Und dennoch, während er aufſtand, ſann er dar⸗ über nach, durch welche Wendung er von dem un⸗ beugſamen Manne, den er ſeinen Vater nannte, eine Aenderung ſeines Entſchluſſes erlangen könnte. Herr Sarranti bezeichnete Dominique einen Schemel, machte mit einem Reſte von Aufregung drei bis vier Gänge in der engen Zelle, ſtellte dann einen Schemel zu ſeinem Sohne, ſetzte ſich ſelbſt, ſammelte ſein Gemüth und ſprach alſo zu dem armen Mönche, der ihn mit geſenktem Haupte und gepreßtem Herzen anhörte: „Bei dem Bedauern, daß wir uns trennen müſ⸗ ſen, bleibt mir in dem Augenblicke, wo ich ſterben ſoll, eine Art von Reue, oder vielmehr eine Furcht, ich habe mein Leben ſchlecht angewandt.“ „Oh! mein Vater!“ rief Dominique, indem er das Haupt erhob und die Hände ſeines Vaters zu nehmen ſuchte, die dieſer zurückzog, weniger in einer Bewegung der Kälte, als im Gegentheile, um ſeinem Sohne nicht dieſe magnetiſche Gewalt über ſich zu geben. Sarranti fuhr fort: „Und, in der That, höre mich wohl an, mein Sohn, und ſprich Dein Urtheil über mich.“ „Mein Vater!“ „Sprich Dein Urtheil über mich, ich wiederhole es... Habe ich nach Deiner Anſicht,— denn es macht mir Freude, es zu ſagen, mein Sohn, Du biſt ein Mann von hoher Moral,— habe ich nach Dei⸗ ner Anſicht den Verſtand, den mir Gott gegeben, um Anderen nützlich zu ſein, gut oder ſchlecht angewen⸗ det?... Zuweilen zweifle ich.. höre mich wohl an. und mir ſcheint, dieſer Verſtand habe ihnen zu nichts gedient. Etwas Anderes iſt es, ſo viel als man vermag zum Werke der Civiliſation beizu⸗ tragen, welches zu fördern wir, die Einen und die Anderen, berufen ſind; etwas Anderes, ſein Leben einer einzigen Idee zu weihen, oder vielmehr einem einzigen Menſchen, ſo groß dieſer Menſch auch ſein mag.“ „Oh! mein Vater!“ rief der Mönch, einen glüh⸗ enden Blick auf Herrn Sarranti heftend. „Höre mich an, mein Sohn,“ wiederholte der Gefangene.„.. Nun wohl, es ergreift mich, wie ein ole es biſt ei⸗ um en⸗ ohl nen viel izu⸗ die ben nem ſein lüh⸗ der wie 9¹ ich Dir ſagte, ein Augenblick des Zweifels, und ich befürchte, mich im Wege geirrt zu haben. Auf dem Punkte, dieſe Welt zu verlaſſen, mache ich meine Gewiſſensprüfung, und es iſt ein Glück für mich, daß ich ſie vor Dir mache. Glaubſt Du, die Energie, die ich in mir habe, hätte können beſſer angewendet werden? Habe ich von den Fähigkeiten, mit denen mich Gott begabt, den beſten Gebrauch gemacht, den ich davon machen konnte, und wenn ich mir eine Aufgabe vorgeſetzt, habe ich ſie auch gut vollbracht? Antworte mir, mein Dominique.“ Zum zweiten Male ſank Dominique vor ſeinem Vater auf die Kniee. „Mein edler Vater,“ ſagte er,„ich kenne keinen Menſchen unter dem Himmel, der redlicher und edel⸗ müthiger, als Sie es gethan, ſeine Kräfte im Dienſte einer Sache verwendet hat, die ihm gerecht und gut ſchien; ich kenne keine höhere Rechtlichkeit, als Ihre Rechtlichkeit, keine uneigennützigere Ergebenheit, als Ihre Ergebenheit. Ja, mein edler Vater, Sie haben Ihre Aufgabe aus dem Geſichtspunkte erfüllt, aus dem Sie ſich dieſelbe auferlegt hatten, und die Zelle, in der wir zu dieſer Stunde ſind, iſt das materielle Zeugniß Ihrer Seelengröße und Ihrer erhabenen Selbſtverleugnung.“ „Meinen Dank, Dominique,“ antwortete Sar⸗ ranti;„und tröſtet mich etwas über den Tod, ſo iſt es der Gedanke, daß mein Sohn das Recht hat, ſtolz auf mein Leben zu ſein. Ich werde Dich alſo, mein einziges Kind, ohne Gewiſſensbiſſe, ohne Bedauern verlaſſen. Und ich hatte doch noch Kräfte im Dienſte des Vaterlands; ich war kaum,— mir ſcheint das 9² wenigſtens heute ſo,— ich war kaum bei der Hälfte meiner Aufgabe, und ich glaubte,— in einer dunklen Ferne, welche zu erreichen mir aber möglich geweſen wäre,— den leuchtenden Strahl eines beſſeren Lebens, etwas wie die Befreiung meines Vaterlands, und, wer weiß? vielleicht in Folge der Befreiung meines Vaterlands die Befreiung der Nationen zu erſchauen!“ „Ah! mein Vater!“ rief der Abbé,„ich flehe Sie an, verlieren Sie dieſen leuchtenden Strahl nicht aus dem Blicke; denn das iſt die Feuerſäule, welche Frankreich nach dem gelobten Lande führen ſoll. Mein Vater, hören Sie mich an, und Gott lege die Ueberredung in den Mund ſeines demüthigen Dieners.“ Herr Sarranti ſtrich mit der Hand über ſeine feuchte Stirne, als wollte er ſie von den materiellen Wolken befreien, welche ſeine Gedanken verdunkeln und das Wort ſeines Sohnes bis in ſeinen Geiſt zu gelangen verhindern konnten. „Hören Sie alſo nun mich an, mein Vater; Sie haben ſo eben mit einem einzigen Worte die ſociale Frage erleuchtet, der die edlen Menſchen, wer ſie auch ſein mögen, ihr Leben weihen: der Menſch und die Idee.“ Die Augen auf ſeinen Sohn geheftet, machte Herr Sarranti ein Zeichen der Beiſtimmung. „Der Menſch und die Idee, Alles liegt hierin, mein Vater. Der Menſch, in ſeiner Hoffart, glaubt der Herr der Ideen zu ſein, während im Gegentheile die Idee Gebieterin des Menſchen iſt. Die Idee, o mein Vater, iſt die Tochter Gottes, und Gott hat ihr, um ihr ungeheures Werk zu vollbrin⸗ und rin⸗ 93 gen, die Menſchen als Werkzeuge gegeben hören Sie das wohl, mein Vater; ich werde manchmal dunkel. „Durch die Periode der Zeiten ſtrahlt die Idee wie eine Sonne, die Menſchen verblendend, die ihren Gott daraus gemacht haben. Sehen Sie dieſelbe geboren werden, wo der Tag geboren wird; da, wo die Idee iſt, iſt das Licht; in allem Uebrigen iſt die Nacht⸗ „Als die Idee über dem Ganges erſchien und hinter der Kette des Himalaya aufging, jene Urcivi⸗ liſation, von der wir nur noch Traditionen bewahrt haben, jene Ahnſtädte erleuchtend, von denen wir nur noch die Trümmer kennen, da ſtrahlten ihre Flammen um ſie und beleuchteten zugleich mit Indien alle benachbarten Nationen; nur war die Intenſität des Lichtes da, wo die Idee war. Aegypten, Perſien, Arabien waren in der Halbtinte; die übrige Welt in der Dunkelheit: Athen, Rom, Carthago, Cordova, Florenz und Paris, dieſe zukünftigen Herde, dieſe zukünftigen Leuchtthürme waren noch nicht aus der Erde hervorgegangen, und man wußte noch nicht einmal etwas von ihrem Namen. „Indien vollbrachte ſein Werk der patriarchali⸗ ſchen Civiliſation. Dieſe Mutter des Menſchenge⸗ ſchlechts, welche als Symbol die Kuh mit den un⸗ verſiegbaren Eutern angenommen hatte, reichte den Scepter Aegypten, ſeinen dreihundert Namen, ſeinen dreihundert und dreißig Königen und ſeinen ſechsundzwanzig Dynaſtien. Man weiß nicht, wie lange Indien gedauert hat; Aegypten dauerte drei⸗ tauſend Jahre. Es erzeugte Griechenland; nach der 9⁴ patriarchaliſchen Regierung und der theokratiſchen Regierung die republikaniſche Regierung. Die antike Geſellſchaft hatte die heidniſche Vollkommenheit er⸗ reicht. „Dann kam Rom, Rom, die privilegirte Stadt, wo die Idee Menſch werden und über die Zukunft herrſchen ſollte...— Mein Vater, verbeugen wir uns Beide: ich will den Namen des Gerechten aus⸗ ſprechen, der nicht nur für die Gerechten ſtarb, die man nach ihm opfern ſollte, ſondern auch für die Schuldigen; mein Vater, ich ſpreche den Namen Chriſti aus.“ Sarranti neigte das Haupt; Dominique bekreuzte ſich. „Mein Vater, in dem Augenblicke, wo der Ge⸗ rechte ſeinen letzten Ausruf von ſich gab, rollte der Donner, zerriß der Vorhang im Tempel, öffnete ſich die Erde... Dieſer Spalt, der von einem Pole zum andern ging, war der Abgrund, der die alte Welt von der neuen trennte. Alles war wiederan⸗ zufangen, Alles war neu zu machen; man hätte glau⸗ ben ſollen, Gott, der Unfehlbare, habe ſich getäuſcht, hätte man nicht, von Stelle zu Stelle, wie an ſeinem eigenen Lichte angezündete Leuchtthürme, die großen Vorläufer erkannt, die man Moſes, Aeſchylos, Plato, Sokrates, Virgil und Seneca nennt. „Die Idee hatte vor Jeſus Chriſtus ihren an⸗ tiken Namen: Civiliſation, gehabt; ſie hatte nach Jeſus Chriſtus ihren modernen Namen: Freiheit. In der heidniſchen Welt war die Freiheit nicht nöthig für die Civiliſation; ſehen Sie Indien, ſehen Sie Aegypten, ſehen Sie Arabien, ſehen Sie Perſien, chen ntike er⸗ adt, unft wir us⸗ die die men uzte Ge⸗ der ſich ßole alte ran⸗ lau⸗ ſcht, nem ßen ato, an⸗ nach eit. thig Sie ſien, 95 ſehen Sie Griechenland, ſehen Sie Rom. In der chriſtlichen Welt gibt es keine Civiliſation ohne Frei⸗ heit; ſehen Sie Rom, Carthago, Granada fallen, ſehen Sie den Vatican geboren werden... „Mein Sohn,“ fragte Sarranti mit einer Art von Zweifel,„iſt der Vatican wirklich der Tempel der Freiheit?“ „Er war es wenigſtens bis zu Gregor VII... Ah! mein Vater, hier muß man abermals den Men⸗ ſchen von der Idee trennen! Die Idee, die den Händen des Papſtes entwiſcht, geht in die Hände von König Ludwig dem Dicken über, welcher vollen⸗ det, was Gregor VII. begonnen hat. Frankreich wird Rom fortſetzen; in dieſem Frankreich, das kaum das Wort Gemeinde ſtammelt; in dieſem Frank⸗ reich, deſſen Sprache ſich bildet, bei welchem die Leibeigenſchaft aufgehoben werden wird, in dieſem Frankreich werden ſich fortan die Geſchicke der Welt debattiren. Rom hat nur noch den Leichnam Chriſti: Frankreich hat ſein Wort, ſeine Seele,— die Idee!... Seht ſie ſich erheben unter dem Namen Gemeinde. e das heißt Volksrechte, Demokratie, Frei⸗ heit! „O mein Vater, die Menſchen glauben, ſie be⸗ nützen die Ideen, während im Gegentheile es die Idee iſt, welche die Menſchen benützt. „Hören Sie, mein Vater, denn in dem Augen⸗ blicke, wo Sie Ihr Leben Ihrem Glauben opfern, muß man Licht machen um dieſen Glauben, damit Sie wohl ſehen, ob die von Ihnen angezündete Fackel Sie dahin geführt hat, wohin Sie gehen wollten.“ „Ich höre,“ erwiederte der Verurtheilte, indem 96 er ſeine Hand an ſeine Stirne drückte, als wollte er ſie verhindern, vor der Minerva zu zerſpringen, die er ganz gerüſtet unter dem Gewölbe ſeines Gehir⸗ nes ſich bewegen fühlte. „Die Ereigniſſe ſind verſchieden,“ fuhr der Mönch fort,„doch die Idee iſt dieſelbe. Nach der Gemeinde kommen die Paſtoureaur; nach den Paſtoureaur kommt die Jacquerie; nach der Jacquerie kommen die Maillotins; nach den Maillotins kommt der Krieg des öffentlichen Wohls; nach dem Kriege des öffentlichen Wohls die Ligue; nach der Ligue die Fronde; nach der Fronde die franzöſiſche Revolution. Nun, mein Vater, alle die Empö⸗ rungen,— mögen ſie Gemeinde, Paſtoureaux, Jac⸗ querie, Maillotin, Krieg des öffentlichen Wohls, Ligue, Fronde, Revolution heißen,— das iſt immer die Idee, die Idee, die ſich verwandelt, bei jeder Ver⸗ wandlung aber wächſt. „Der Blutstropfen, der von der Zunge des erſten Menſchen fällt, welcher auf dem öffentlichen Platze von Cambrai: Gemeinde, ruft, und dem man die Zunge als einem Gottesläſterer ausſchneidet, iſt die DQuelle der Demokratie; zuerſt Quelle, dann Bach, dann Fluß, dann Strom, dann See, dann Ocean. „Sehen wir nun, mein Vater, auf dieſem Ocean den vom Herrn erwählten Steuermann ſchiffen, den man Napoleon den Großen nennt. 2 Der Verurtheilte, der nie ſolche Worte gehört hatte, ſammelte ſich und hörte. Der Mönch fuhr in folgenden Ausdrücken fort: „Drei Männer waren zu allen Zeiten im Geiſte des Herrn erwählt geweſen, um die Werkzeuge der Idee zu b ſind ken Män das bring vor; viliſe Freil von es ſi iſt d die ſer tend dem dall an Wa ich entr ſage zu! den ſich reie L e er die hir⸗ önch inde eaur men der riege igue ſche mpö⸗ Jac⸗ igue, r die Ver⸗ erſten Platze n die ſt die Bach, an. Ocean den gehört nfort: Geiſte ge der 97 Idee zu ſein und das Gebäude der chriſtlichen Welt zu behauen, wie er es verſtand. Dieſe drei Männer ſind Cäſar, Karl der Große, Napoleon. Und bemer⸗ ken Sie wohl, mein Vater, Jeder von dieſen drei Männern weiß nicht, was er thut, und ſcheint gerade das Gegentheil von dem zu träumen, was er voll⸗ bringt: Cäſar, ein Heide, bereitet das Chriſtenthum vor; Karl der Große, ein Barbar, bereitet die Ci⸗ vilifation vor; Napoleon, ein Deſpot, bereitet die Freiheit vor. „Dieſe drei Männer kommen in einer Entfernung von achthundert Jahren von einander. Mein Vater, es ſind drei verſchiedene menſchliche Anblicke, doch es iſt dieſelbe Seele, die ſie belebt,— die Idee. „Cäſar, ein Heide, vereinigt durch die Eroberung die Völker in einen einzigen Bündel, damit auf die⸗ ſer Menſchengarbe Chriſtus aufſtehe, eine befruch⸗ tende Sonne der modernen Welt, und damit unter dem Nachfolger Cäſars ſich Chriſtus erhebe. „Karl der Große, ein Barbar, gründet die Feu⸗ dalherrſchaft, dieſe Mutter der Civiliſation, und bricht an den Schranken ſeines ungeheuren Reiches die Wanderung der Völker, welche noch barbariſcher als er. „Napoleon.. Erlauben Sie, mein Vater, daß ich in Beziehung auf Napoleon meine Theorie weiter entwickle. Es ſind nicht leere Worte, die ich Ihnen ſage, und ich hoffe, ſie führen mich im Gegentheile zu dem Ziele, nach dem ich ſtrebe. „Als Napoleon, oder vielmehr Bonaparte,— denn der Rieſe hat zwei Namen, wie er zwei Ge⸗ ſichter hat,— als Bonaparte erſchien, war Frank⸗ reich dergeſtalt durch die Revolution aus den andern Dumas, Salvator. II. 7 Völkern hinausgeſchleudert, daß es das Gleichgewicht der Nationen geſtört hatte. Dieſer Bucephalus brauchte einen Alerander, dieſer Löwe einen Androklos. Bo⸗ naparte erſchien mit ſeiner doppelten volksthümlichen und ariſtokratiſchen Natur im Angeſichte dieſer wahn⸗ ſinnigen Freiheit, die man feſſeln mußte, um ſie zu heilen. Bonaparte war hinter der Idee in Frank⸗ reich, aber vor den Ideen anderer Völker. „Die Könige ſahen nicht in ihm, was in ihm war; die Könige ſind manchmal blind: die Tollen führten Krieg gegen ihn. „Da nahm Bonaparte,— der Mann der Idee, — was in Frankreich Reinſtes, Verſtändigſtes, Pro⸗ greſſivſtes unter ſeinen Kindern war; er bildete Ba⸗ taillons daraus, heilige Bataillons, die er über Europa verbreitete.— Ueberall bringen dieſe Bataillons der Idee den Tod den Königen und das Leben den Völ⸗ kern; überall, wo der Geiſt Frankreichs durchzieht, macht die Freiheit in ſeinem Gefolge einen Rieſen⸗ ſchritt und wirft die Revolutionen in den Wind, wie ein Säemann das Korn auswirft. „Napoleon fällt 1815, und ſchon iſt die Ernte, die er vorbereitet hat, auf gewiſſen Boden gut zu machen. So verlangen im Jahre 1818,— erinnern Sie ſich der Data, mein Vater,— das Großherzog⸗ thum Baden und das Königreich Baiern eine Con⸗ ſtitution und erhalten ſie; 1819 verlangt Württem⸗ berg eine Conſtitution und erhält ſie; 1820 Revolu⸗ lution und Conſtitution der Cortes in Spanien; 1821 Empörung der Griechen gegen die Türkei. „Der Menſch iſt Gefangener; der Menſch iſt an den Felſen von St. Helena geſeſſelt; der Menſch iſt todt; ſeiner doch ſterbl ihre Fran als ihr( tung mit auf Entf durc optiſ Ruß Oeſ wan der Orie Frei läuf Mee Mat verb anw L' a vicht uchte Bo⸗ ichen ahn⸗ e zu rank⸗ ihm ollen Idee, Pro⸗ Ba⸗ wopa s der Völ⸗ zieht, ieſen⸗ , wie Frnte, t ze nnern erzog⸗ Con⸗ rttem⸗ evolu⸗ anien; i. iſt an iſch iſt 99 todt; der Menſch iſt begraben; der Menſch ruht unter ſeinem namenloſen Steine; doch die Idee iſt frei, doch die Idee überlebt ihn, doch die Idee iſt un⸗ ſterblich! „Eine einzige Nation, eine einzige, war durch ihre topographiſche Lage dem progreſſiven Einfluſſe Frankreichs entgangen, weil ſie zu weit entfernt war, als daß wir je daran gedacht hätten, den Fuß auf ihr Gebiet zu ſetzen. Napoleon träumt die Vernich⸗ tung der Engländer in Indien durch ſeine Verbindung mit Rußland... Dadurch, daß er die Augen immer auf Moskau geheftet hält, gewöhnt er ſich an die Entfernung; die Entfernung verſchwindet allmälig durch einen zugleich erhabenen und wahnſinnigen optiſchen Effect. Einen Vorwand, und wir erobern Rußland, wie wir Italien, Aegypten, Deutſchland, Oeſterreich und Spanien erobert haben. Der Vor⸗ wand wird eben ſo wenig fehlen, als er zur Zeit der Kreuzzüge fehlte, wo wir die Civiliſation vom Drient entlehnten. Gott will es: wir werden die Freiheit dem Norden bringen. Ein engliſches Schiff läuft in den Hafen irgend einer Stadt am Baltiſchen Meere ein, und der Krieg iſt von Napoleon dem Manne erklärt, der zwei Jahre vorher, ſich vor ihm verbeugend, folgenden Vers vom Voltaire auf ſich anwandte: Lamitié d'un graud homme est un bienfait des dieux*)! *) Die Freundſchaft eines großen Mannes iſt eine Wohlthat der Götter. 100 „Und vor Allem ſcheint es, auf den erſten Blick, die Vorherſehung Gottes ſcheitere an dem deſpotiſchen Inſtincte eines Menſchen. Frankreich dringt in Ruß⸗ land ein, Rußland weicht aber vor Frankreich zurück; die Freiheit und die Sklaverei werden nicht in Be⸗ rührung kommen. Kein Samen wird in dieſer eiſigen Erde keimen; denn vor unſeren Heeren werden nicht nur die feindlichen Heere, ſondern auch die feind⸗ lichen Völkerſchaften zurückweichen. Es iſt ein wüſtes Land, deſſen wir uns bemächtigen, es iſt eine in Brand geſteckte Hauptſtadt, welche in unſere Hände fällt, und wenn wir in Moskau einziehen, iſt Mos⸗ kau leer, ſteht Moskau in Flammen! „Da iſt die Sendung Napoleons erfüllt, und der Augenblick ſeines Sturzes iſt gekommen; denn der Sturz von Napoleon wird der Freiheit ſo erſprießlich ſein, als es die Erhebung von Napoleon geweſen iſt. So klug vor dem ſiegenden Feinde, wird der Czaar vielleicht unklug vor dem beſiegten Feinde ſein: er war vor dem Eroberer zurückgewichen,— ſehen Sie, mein Vater, ſehen Sie, er ſchickt ſich an, dem Flücht⸗ ling zu folgen... „Gott zieht ſeine Hand von Napoleon zurück... Iſt nicht ſeit drei Jahren ſein guter Genius, Joſe⸗ phine, von ihm entfernt, um Marie Louiſe, der In⸗ carnation des Deſpotismus, Platz zu machen? Gott zieht alſo ſeine Hand von Napoleon zurück; und da⸗ mit das himmliſche Dazwiſchentreten ſehr ſichtbar ſei, ſind es diesmal pei den menſchlichen Dingen nicht mehr Menſchen, welche gegen Menſchen kämpfen; die Ordnung der Jahreszeiten iſt verkehrt, der Schnee und Elen vorh liſat und wirt Auf Sol rühr hat erſch Are Hal Hee pat Me zur Ide frei wil wir bur Ru die ſeh ſch leb lick, ſchen Ruß⸗ rück; Be⸗ ſigen nicht eind⸗ üſtes e in ände Mos⸗ d der der eßlich n iſt. Gzaar Sie, lücht⸗ Joſe⸗ r In⸗ Gott d da⸗ ar ſei, nicht pfen; Schnee 101¹ und die Kälte kommen in Eilmärſchen; es ſind die Elemente, welche eine Armee tödten. „Und ſo treffen die von der Weisheit des Herrn vorhergeſehenen Dinge ein. Paris konnte ſeine Civi⸗ liſation nicht nach Moskau tragen: Moskau kommt und verlangt ſie in Paris. „Zwei Jahre nach dem Brande ſeiner Hauptſtadt wird Alexander in der unſern einziehen; doch ſein Aufenthalt hier wird von zu kurzer Dauer ſein: ſeine Soldaten werden kaum den Boden Frankreichs be⸗ rührt haben; unſere Sonne, die ſie erleuchten ſollte, hat ſie nur geblendet. „Gott ruft ſeinen Auserwählten zurück; Napoleon erſcheint wieder; der Gladiator betritt wieder die Arena, kämpft, fällt und ſtreckt bei Waterloo den Hals hin. „Da öffnet Paris dem Czaar und ſeinem wilden Heere wieder die Thore. Diesmal wird die Oecu⸗ pation drei Jahre an den Ufern der Seine dieſe Menſchen von der Newa, von der Wolga und vom Don zurückhalten; ganz angefüllt von neuen und fremden Ideen, die unbekannten Namen Civiliſation, Be⸗ freiung und Freiheit ſtammelnd, werden ſie in ihr wildes Land zurückkehren, und acht Jahre nachher wird eine republikaniſche Verſchwörung in Peters⸗ burg ausbrechen... Wenden Sie die Augen gegen Rußland, mein Vater, und Sie werden den Herd Brandes noch rauchend auf dem Senats⸗Platze ſehen. „Mein Vater, Sie haben Ihr Leben dem Men⸗ ſchen⸗Idee geweiht; der Menſch iſt todt, die Idee lebt. Leben Sie auch für die Idee!“ 102 „Was ſagſt Du, mein Sohn?“ rief Herr Sar⸗ ranti, ſeinen Sohn mit Augen anſchauend, in denen ſich zugleich das Erſtaunen und die Freude, die Ueber⸗ raſchung und der Stolz malten. „Mein Vater, ich ſage, nachdem Sie ſo muthig gekämpft, werden Sie nicht das Leben verlaſſen wollen, ehe Sie die Stunden der zukünftigen Unab⸗ hängigkeiten haben ſchlagen hören. Mein Vater, die Welt rührt ſich; Frankreich iſt in Arbeit wie ein vulcaniſcher Berg; noch ein paar Jahre, ein paar Monate vielleicht, und die Lava wird aus dem Krater hervorbrechen, auf ihrem Wege, wie verfluchte Städte, alle Knechtſchaften, alle Erniedrigungen einer Geſell⸗ ſchaft verſchlingend, welche verurtheilt iſt, einer neuen Geſellſchaft Platz zu machen.“ „Wiederhole die Worte, Dominique!“ rief der enthuſiaſtiſche Corſe, deſſen Augen vor Freude fun⸗ kelten, da er aus dem Munde ſeines Sohnes dieſe prophetiſchen und tröſtlichen, für ihn wie ein Dia⸗ mantenthau koſtbaren Worte hervorkommen hörte; „wiederhole dieſe Worte.. Du gehörſt zu einer geheimen Geſellſchaft, nicht wahr, und Du kennſt das Auflöſungswort der Zukunft?“ „Ich gehöre zu keiner geheimen Geſellſchaft, mein Vater, und kenne ich das Auflöſungswort der Zu⸗ kunft, ſo habe ich es in der Vergangenheit geleſen. Ich weiß nicht, ob ſich ein Complott in der Dunkel⸗ heit anzettelt; doch ich weiß, daß eine allmächtige Verſchwörung im Angeſichte Aller im vollen Sonnen⸗ ſcheine aufgegangen iſt: das iſt die Verſchwörung des Guten gegen das Böſe, und die zwei Streiter ſtehen einar mein die zu le will zwar daß nur einr lant ich ſie 8S nic rie Sar⸗ enen eber⸗ uthig aſſen nab⸗ , die ein paar rater tädte, zeſell⸗ teuen f der fun⸗ dieſe Dia⸗ hörte; einer kennſt mein r Zu⸗ eleſen. unkel⸗ ichtige nnen⸗ ig des ſtehen 103 einander gegenüber; die Welt wartet... Leben Sie, mein Vater, leben Sie!“ „Ja, Dominique,“ rief Sarranti, ſeinem Sohne die Hand reichend,„Du haſt Recht: ich wünſche nun zu leben; doch wie leben, da ich verurtheilt bin?“ „Mein Vater, das iſt meine Sache.“ „Keine Gnade, hörſt Du wohl, Dominique? Ich will nichts von den Menſchen empfangen, welche zwanzig Jahre gegen Frankreich gekämpft haben.“ „Nein, mein Vater; verlaſſen Sie ſich auf mich, daß ich die Ehre der Familie wahre. Man verlangt nur Eines von Ihnen: daß Sie ein Caſſationsgeſuch einreichen; ein Unſchuldiger hat keine Gnade zu ver⸗ langen.“ „Was iſt denn Dein Plan, Dominique?“ „Mein Vater, gegen Sie, wie gegen Andere muß ich ihn verſchweigen.“ „Es iſt ein Geheimniß?“ „Tief, unverletzlich.“ „Selbſt für Deinen Vater, Dominique?“ Dominique nahm die Hand ſeines Vaters, küßte ſie ehrfurchtsvoll und erwiederte: „Selbſt für meinen Vater!“ „Sprechen wir nicht mehr davon, mein Sohn... Wann werde ich Dich wiederſehen?“ „In fünfzig Tagen... vielleicht früher, doch nicht ſpäter.“ „Ich werde Dich fünfzig Tage lang nicht ſehen?“ rief Herr Sarranti erſchrocken. Er fing an zu befürchten, er werde ſterben. „Ich unternehme zu Fuße eine lange Pilgerfahrt. . Empfangen Sie mein Lebewohl. Ich reiſe ſchon —— 104 dieſen Abend, in einer Stunde, ab, um bis zu meiner Rücktehr nicht mehr zu raſten. Segnen Sie mich, mein Vater!“ Ein Gefühl erhabener Größe verbreitete ſich über das Antlitz von Herrn Sarranti. „Gott begleite Dich auf Deiner ſchmerzlichen Pilgerfahrt, edles Herz!“ ſagte er, die Hände über das Haupt ſeines Sohnes erhebend;„er bewahre Dich vor Hinterhalten und Verrathen, und führe Dich zurück, um die Thüre meines Gefängniſſes zu öffnen, mag dieſe Thüre auf das Leben oder auf den Tod gehen.“ Dann nahm er zwiſchen ſeine zwei Hände den Kopf des knieenden Mönches, ſchaute ihn mit ſtolzer Zärtlichkeit an, küßte ihn auf die Stirne, und winkte ihm wegzugehen, ohne Zweifel aus Furcht, es könnte ſich ſeine Gemüthsbewegung in Schluchzen Luft machen. Der Mönch ſeinerſeits, der ſeine Kräfte entſchwin⸗ den fühlte, wandte ſich ab, um ſeinem Vater den Anblick der Thränen zu entziehen, welche aus ſeinen Augen hervorſtürzten, und ging haſtig hinaus. 5 Der Paß. Es ſchlug vier Uhr in dem Augenblicke, wo der Abbé Dominique den Fuß aus der Conciergerie ſetzte. Vor der Thüre fand der Mönch Salvator wieder. Der junge Mann ſah, in welcher Unruhe der Abb und ſein nich ſetz ziel vot der der de eir einer mich, über ichen über vahre führe es zu f den e den tolzer inkte önnte Luft hwin⸗ r den einen der ſetzte. ieder. e der 105 Abbé war, errieth, was in ſeiner Seele vorging, und begriff, daß mit ihm von ſeinem Vater ſprechen ſeine Wunde wiederbeleben hieß. Er ſagte ihm auch nichts Anderes als die Worte: „Und was gedenken Sie nun zu thun?“ „Ich reiſe nach Rom ab.“ „Wann?“ „So bald als möglich.“ „Brauchen Sie einen Paß?“ „Vielleicht könnte mein Rock mir denſelben er⸗ ſetzen; doch gleichviel, um keinen Verzug zu erleiden, ziehe ich es vor, einen zu haben.“ „Holen wir einen Paß; wir ſind nur zwei Schritte von der Präfectur, und mit meinem Beiſtande wer⸗ den Sie, glaube ich, nicht lange zu warten haben.“ Fünf Minuten nachher traten Sie in den Hof der Präfectur ein. In dem Augenblicke, wo ſie über die Thürſchwelle des Paßbureau ſchritten, ſtieß in dem finſtern Gange ein Mann an ſie. Salvator erkannte Herrn Jackal. „Empfangen Sie meine Entſchuldigungen, Herr Salvator,“ ſagte der Polizeimann, als er den jun⸗ gen Mann erkannte;„ich frage Sie diesmal nicht, durch welchen Zufall ich das Glück habe, Ihnen zu begegnen.“ „Und warum fragen Sie das nicht, Herr Jackal?“ „Ei! weil ich es weiß.“ „Sie wiſſen, was mich hierher führt?“ „Iſt es nicht mein Handwerk, Alles zu wiſſen?“ „Ich komme alſo hierher, lieber Herr Jackal.. 7“ „Um einen Paß zu holen, lieber Herr Salvator.“ — 106 „Für mich?“ fragte lachend Salvator. „Nein, ſondern für dieſen Herrn,“ antwortete Herr Jackal, mit dem Finger auf den Mönch deutend. „Wir ſind vor der Thüre des Bureau; Bruder Dominique iſt bei mir; Sie wiſſen, daß mich mein Gewerbe in Paris zurückhält; es iſt alſo nicht ſchwer, zu errathen, lieber Herr Jackal, daß ich einen Poß hole, und daß der Paß für dieſen Herrn iſt.“ „Jo, ſchwieriger aber war es, Ihren Wunſch vorherzuſehen.“ „Ah! ah... Und Sie haben ihn vorhergeſehen?“ „So weit es meinem armen kleinen Scharfſinne erlaubt war, dies zu thun.“ „Ich begreife nicht.“ „Wollen Sie mir die Freundſchaft erweiſen, mir mit dem Herrn Abbé zu folgen, lieber Herr Salva⸗ tor? Dann werden Sie vielleicht begreifen?“ „Und wohin ſoll ich Ihnen folgen?“ „Ei! in den Saal, wo man die Päſſe abgibt. Sie werden den des Herrn Abbé ganz ausgefertigt finden!“ „Ganz ausgefertigt?“ ſagte Salvator mit einer Miene des Zweifels. „Ah! mein Gott, ja,“ erwiederte Herr Jackal mit jener Treuherzigkeit, die er ſo gut auf ſeinem Geſichte auszubreiten wußte. „Selbſt mit dem Signalement?“ „Selbſt mit dem Signalement. Es muß nur die Unterſchrift des Herrn Abbé dabei fehlen.“ Sie waren vor dem mittleren Bureau der Thüre gegenüber angelangt. „Den Paß von Herrn Dominique Sarranti,“ ſagt nen inde dan ckal auf Th nic der ind He tete end. der tein ver, ßaß nſch n 20 nne mir lwa⸗ ibt. tigt iner ckal nem die hüre iti,“ 107 ſagte Herr Jackal zu dem, in ſeinem kleinen hölzer⸗ nen Käfig eingeſchloſſenen, Bureauchef. „Hier, mein Herr,“ erwiederte der Bureauchef, indem er den Paß Herrn Jackal reichte, der ihn ſo⸗ dann dem Mönche übergab. „Das iſt es wohl, nicht wahr?“ fuhr Herr Ja⸗ ckal fort, während Dominique einen erſtaunten Blick auf das officielle Papier warf. „Ja, mein Herr,“ antwortete der Abbé;„in der That, das iſt es.“ „Nun wohl,“ ſprach Salvator,„wir haben nun nichts mehr zu thun, als den Paß von Monſeigneur dem Nuntius viſiren zu laſſen.“ „Das iſt etwas Leichtes,“ erwiederte Herr Jackal, indem er tief aus ſeiner Tabatière ſchöpfte und mit Wolluſt eine Priſe Tabak ſchlürfte. „Sie leiſten mir da einen wahren Dienſt, lieber Herr Jackal,“ ſagte Salvator,„und ich weiß nicht, wie ich Ihnen meine Dankbarkeit bezeigen ſoll.“ „Reden wir nicht hievon; ſind die Freunde un⸗ ſerer Freunde nicht unſere Freunde?“ Herr Jackal ſprach dieſe Worte mit einer ſolchen Schulternbewegung, mit einem ſolchen Ausdrucke von Treuherzigkeit, daß ihn Salvator voll Zweifel an⸗ ſchaute. Es gab Augenblicke, wo er nahe daran war, Herrn Jackal für einen Philoſophen zu halten, der ſein Handwerk als Polizeimann aus Liebe für die Menſchheit treibe. Doch gerade in dieſem Momente warf ihm Herr Jackal von unten einen von jenen Blicken zu, welche 108 von ſeiner Verwandtſchaft mit dem Thiere zeugten, an das ſein Name erinnerte. Dann winkte er Dominique, ihn zu erwarten, und ſagte: „Zwei Worte, lieber Herr Jackal.“ „Vier, Herr Salvator.. ſechs, ein ganzes Wörterbuch; es iſt ein ſo großes Vergnügen für mich, mit Ihnen zu plaudern, daß ich, wenn ich dieſes Vergnügen habe, wünſchte, die Converſation würde gar nie endigen.“ „Sie ſind ſehr gut,“ ſagte Salvator. Und trotz ſeines inneren Widerſtrebens gegen dieſe Art von Genoſſenſchaft, nahm er den Arm des Polizeimannes. „Mein lieber Herr Jackal, ſagen Sie mir zwei Dinge „Mit großem Vergnügen, lieber Herr Salvator.“ „In welcher Abſicht haben Sie dieſen Paß vor⸗ bereitet?“ „Das iſt das erſte von den zwei Dingen, die Sie mich zu fragen haben?“ „Ja.“ „Ei! in der Abſicht, Ihnen angenehm zu ſein.“ „Ich danke.. Wie haben Sie nun gewußt, Sie werden mir angenehm ſein, wenn Sie einen Paß auf den Namen von Herrn Dominique Sar⸗ ranti ausfertigen laſſen?“ „Weil Herr Dominique Sarranti Ihr Freund iſt, ſo weit ich es an dem Tage, wo Sie ihn am Bette von Herrn Colombau trafen, beurtheilen konnte.“ „Sehr gut! Doch wie haben Sie errathen, er ſei im Begriffe, eine Reiſe zu machen?“ — Se ſch hin He vor dre iſt Kil der die len Um Mi der Ro Va rei liel fac der ſcht Zie noe nac gle gten, rten, nzes mich, ieſes ürde egen des zwei 5. vor⸗ die in ußt, nen ar⸗ und am te ſei 109 „Ich habe es nicht errathen: er hat es ſelbſt Seiner Majeſtät geſagt, als er ſie um einen Auf⸗ ſchub von fünfzig Tagen bat.“ „Er hat Seiner Majeſtät aber nicht geſagt, wo⸗ hin er gehe.“ „Oh! ein ſchöner Witz, lieber Herr Salvator! Herr Dominique Sarranti verlangt einen Aufſchub von fünfzig Tagen vom König, um eine Reiſe von dreihundert fünfzig Meilen zu machen. Wie weit iſt es nun von Paris nach Rom? Dreizehnhundert Kilometer auf der Straße von Siena, vierzehnhun⸗ dert dreißig Kilometer auf der Straße von Perugia; die mittlere Summe iſt alſo dreihundert fünfzig Mei⸗ len. Mit wem kann es Herr Sarranti unter den Umſtänden, in denen er ſich befindet, zu thun haben?“ Mit dem Papſte, denn er iſt Mönch: der Papſt iſt der König der Mönche; und Ihr Freund will es in Rom verſuchen, den König der Mönche für ſeinen Vater zu intereſſiren, damit er den König von Frank⸗ reich um ſeine Begnadigung bitte; das iſt das Ganze, lieber Herr Salvator. Ich könnte Sie glauben laſſen, ich ſei ein Zauberer; ich will Ihnen lieber ganz ein⸗ fach die Wahrheit ſagen. Sie ſehen nun, der Erſte der Beſte hätte, von Deduction zu Deduction fort⸗ ſchreitend, die Sache ſo geſchickt als ich zu ihrem Ziele geführt. Herr Dominique hat mir alſo nur noch in Ihrem und in ſeinem Namen zu danken und nach Rom abzureiſen.“ „Nun wohl,“ ſagte Salvator,„das wird er ſo⸗ gleich thun.“ Sodann den Mönch rufend: — 110 „Mein lieber Dominique, hier iſt Herr Jackal bereit, Ihre Dankſagungen zu empfangen.“ Der Mönch näherte ſich, dankte Herrn Jackal, und dieſer nahm die Complimente von Dominique mit derſelben Treuherzigkeit und Einfachheit hin, die er während der ganzen Scene zur Schau geſtellt hatte. Die zwei Freunde verließen die Präfectur. Sie machten ſtillſchweigend ein Hundert Schritte. Nach hundert Schritten blieb der Abbé Domi⸗ nique ſtehen, legte ſeine Hand auf den Arm ſeines nachdenkenden Begleiters und ſagte: „Ich bin unruhig, mein Freund.“ „Ich auch,“ erwiederte Salvator. „Die Zuvorkommenheit dieſes Polizeimannes ſcheint mir nicht natürlich.“ „Mir auch nicht... Doch laſſen Sie uns wei⸗ ter gehen; ohne Zweifel folgt man uns und be⸗ ſpäht uns.“ „Welches Intereſſe glauben Sie, daß er gehabt hat, um ſo meine Reiſe zu erleichtern?“ fragte der Abbé der Ermahnung von Salvator gehorchend. „Ich weiß es nicht, doch ich glaube Hie Sie, daß er eines gehabt hat.“ „Glauben Sie an das, was er Ihnen von ſeinem Wunſche, Ihnen angenehm zu ſein, geſagt hat?“ „Ei! mein Gott, das iſt ſtreng genommen mög⸗ lich: es iſt ein ſeltſamer Menſch, der zuweilen, man weiß nicht warum, noch wie, von Gefühlen erfaßt wird, die ſeinem Stande nicht anzugehören ſcheinen. In einer Nacht, als ich durch die verlorenen Quar⸗ tiere der Stadt zurückkehrte, hörte ich in einer von jen ſeh En de im Do ſchr her Ru ſich wel nac nich unt Str Ein von mic eine ſem die mit wu— Hei mer mir ſoll vor ein ackal ackal, tique die ſtellt ritte. omi⸗ ines eint wei⸗ be⸗ abt der daß tem tan aßt en. ar⸗ 11¹ jenen Straßen, welche keinen oder vielmehr einen ſehr unglücklichen Namen haben,— ich hörte am Ende der Rue de la Tuerie*), in der Nähe der Rue de la Vieille⸗Lanterne, dumpfe Schreie. Ich bin immer bewaffnet,— Sie müſſen begreifen, warum, Dominique; ich eilte nach der Seite, wo ich das Ge⸗ ſchrei hörte. Ich ſah von der ſchmutzigen Treppe herab, welche von der Rue de la Tuerie nach der Rue de la Vieille⸗Lanterne führt, einen Mann, der ſich mit Händen und Füßen zwiſchen drei Männern wehrte, die ihn durch die offene Thüre einer Abzucht nach der Seine zu ſchleppen ſuchten. Ich nahm mir nicht die Zeit, die Treppe hinabzuſteigen: ich ſchlüpfte unter dem Geländer durch und ließ mich auf die Straße fallen. Ich war zwei Schritte von der Gruppe; Einer von denen, welche ſie bildeten, machte ſich da⸗ von los und ſprang mit aufgehobenem Stocke auf mich zu. Er rollte in demſelben Augenblicke von einem Piſtolenſchuſſe getödtet in die Goſſe. Bei die⸗ ſem Anblicke, beim Lärmen des Schuſſes entflohen die zwei anderen Männer, und ich befand mich allein mit dem, welchem mich die Vorſehung auf eine ſo wunderbare Weiſe zu Hülfe geſchickt hatte. Es war Herr Jackal. Ich kannte ihn damals nur dem Na⸗ men nach,— wie ihn Jedermann kennt. Er ſagte mir, wer er ſei, und wie er ſich hier befinde: er ſollte eine Hausſuchung in einem ſchlechten Garni vornehmen, das in der Rue de la Vieille⸗Lanterne ein paar Schritte von der Treppe, liegt; da er eine 112 Viertelſtunde vor ſeinen Agenten ankam, ſo hielt er ſich am Gitter der Abzucht verborgen, als ſich plötzlich das Gitter öffnete und drei Männer über ihn herfielen. Dieſe drei Männer waren gleichſam die Abgeordneten aller Diebe und aller Mörder von Paris, welche geſchworen hatten, ſich des Herrn Jackal zu entledigen, deſſen Beaufſichtigung eine Geißel für ſie war. Und in der That, ſie waren im Begriffe, ihr Verſprechen zu halten und ſich von ihm zu befreien, als ich zu ihrem Unglücke, und be⸗ ſonders zum Unglücke von dem, welcher zu meinen Füßen röchelte, Herrn Jackal zu Hülfe kam. Seit jenem Tage hat Herr Jackal eine gewiſſe Dank⸗ barkeit für mich und leiſtet mir, mir und meinen Freunden, alle die kleinen Dienſte, die er mir leiſten kann, ohne ſeine Pflicht als Chef der Sicherheits⸗ polizei zu verletzen.“ „Es iſt alſo in der That möglich, daß er die Abſicht gehabt hat, Ihnen angenehm zu ſein,“ ſagte der Abbé Dominique. „Das iſt möglich; doch laſſen Sie uns in mein Haus gehen; Sehen Sie jenen trunkenen Menſchen; er folgt uns von der Rue de Jeruſalem an; ſobald wir jenſeits der Thüre ſind, wird er ſeinen Rauſch verloren haben.“ Salvator zog einen Schlüſſel aus der Taſche, öff⸗ nete die Gangthüre, ließ Dominique vorangehen, und ſchloß die Thüre wieder hinter ſich. Roland hatte ſeinen Herrn gerochen; die zwei jungen Leute fanden auch den Hund im erſten Stocke und Fragola Salvator vor der Thüre ihrer Woh⸗ nung erwartend. unte es h ner gerli Hall Mal ſpra gefa fälti Vert Buc welc bar t er ſich über hſam von errn eine arn von d be⸗ einen dank⸗ einen eiſten heits⸗ r die ſagte mein chen; obald auſch „öff⸗ ehen, zwei Stocke Woh⸗ 113 Das Mittagsbrod ſtand bereit, denn die Zeit war unter dieſen verſchiedenen Ereigniſſen verlaufen, und es hatte ſechs Uhr geſchlagen. Obſchon ernſt, war das Geſicht der beiden Män⸗ ner doch ruhig. Es war alſo nichts wirklich Aer⸗ gerliches vorgefallen. Fragola befragte Salvator mit dem Blicke. „Alles geht gut,“ erwiederte dieſer mit einem Halblächeln. „Der Herr Abbé erweiſt uns die Ehre, unſer Mahl zu theilen?“ ſagte Fragola. a Und Fragola verſchwand. „Geben Sie mir nun Ihren Paß, mein Bruder,“ ſprach Salvator. Der Mönch zog aus ſeiner Bruſt den zuſammen⸗ gefalteten Paß. Salvator entfaltete den Paß, unterſuchte ihn ſorg⸗ fältig, drehte ihn hin und her, jedoch ohne etwas Verdächtiges zu bemerken. Endlich hielt er ihn an eine Fenſterſcheibe. In der Durchſichtigkeit des Papiers erſchien ein Buchſtabe, der in jeder andern Lage, als in der, in welche Salvator das Papier gebracht hatte, unſicht⸗ bar geweſen wäre. „Sehen Sie?“ ſagte Salvator. „Was?“ fragte der Abbeé. „Dieſer Buchſtabe.“ Und er deutete mit dem Finger auf den Buch⸗ ſtaben. „Ein S?“ „Ja, ein S; begreifen Sie?“ Dumas, Salvator. 1I. 8 11⁴ „Nein.“ „Ein S iſt der erſte Buchſtabe des Wortes sur⸗ veillance“*). „Nun?“ „Nun, das bedeutet:„„Im Namen des Königs von Frankreich, empfehle ich, Jackal, Vertrauter des Herrn Polizeipräfecten, allen franzöſiſchen Agenten, im Intereſſe Seiner Majeſtät, und allen auswärti⸗ gen Agenten, im Intereſſe ihrer reſpectiven Regie⸗ rungen, dem Inhaber dieſes Paſſes auf der Spur zu folgen, ihn zu überwachen, ihn auf der Landſtraße anzuhalten, und im Nothfalle gefänglich einzuziehen; mit einem Worte, mein Freund, Sie ſtehen, ohne es zu wiſſen, unter der Aufſicht der hohen Polizei.“ „Was liegt mir im Ganzen daran?“ ſagte der Abbé. „Oh! geben wir wohl Acht,“ erwiederte ernſt Salvator;„die Art, wie der Proceß Ihres Vaters geführt worden iſt, beweiſt, daß man ſich nicht ungern ſeiner entledigen würde, und ich will das Verdienſt von Fragola nicht hervorheben,“ fügte Salvator mit einem unmerklichen Lächeln bei,„doch es hat nicht weni⸗ ger gebraucht, als die hohen Einflüſſe, über die ſie verfügt, daß Sie Ihre Audienz erhielten, und in Folge Ihrer Audienz die zwei Monate Aufſchub, die Ihnen der König bewilligt hat.“ „Glauben Sie, der König würde ſein Verſprechen nicht halten?“ „Nein; doch Sie haben nur zwei Monate.“ „Das iſt mehr, als ich brauche, um nach Rom zu gehen und von dort zurückzukehren.“ * Ueberwachung. tet; n nicht denje von 1 und: nur t die 2 führt werde 7 an w werde tritt, Anfa deſſen auf d zerbr dabei alle Könie ſtaun denke macht vielg dem( Sohr ſelbſt önigs des enten, wärti⸗ Regie⸗ ur ze ſtraße en; ne es i Abbeé. ernſt Baters ngern ſt von einem weni⸗ die ſie nd in b, die rechen Rom 115 „Wenn man Ihnen keine Verlegenheiten bereitet, keine Hinderniſſe in den Weg legt, Sie nicht verhaf— tet; wenn man Sie endlich, ſind Sie dort angekommen, nicht durch tauſend verborgene Intriguen verhindert, denjenigen zu ſehen, welchen Sie ſehen wollen.“ „Ich glaubte, jeder Mönch, der, eine Pilgerfahrt von vierhundert Meilen vollendend, in Rom baarfuß und mit einem Stabe in der Hand ankomme, brauche nur vor der Pforte des Vaticans zu erſcheinen, und die Treppe, welche nach der Wohnung desjenigen führt, welcher einſt ſelbſt ein einfacher Mönch war, werde ihm geöffnet ſein.“ „Mein Bruder, Sie glauben noch an viele Dinge, an welche Sie nach und nach zu glauben aufhören werden... Der Menſch, ſo wie er ins Leben ein⸗ tritt, iſt wie ein Baum, deſſen Blüthen der Wind Anfangs zerſtreut, deſſen Blätter er ſodann abreißt, deſſen Aeſte er hernach bricht, bis der Sturm, der auf den Wind folgt, an einem ſchönen Tage ihn ſelbſt zerbricht... Mein Bruder, ſie haben ein Intereſſe dabei, daß Herr Sarranti ſtirbt, und ſie wenden alle mögliche Mittel an, um das Wort, das Sie dem König abgeliſtet haben, unnütz zu machen!“ „Abgeliſtet!“ rief Dominique, Salvator mit Er⸗ ſtaunen anſchauend. „Abgeliſtet aus ihrem Geſichtspunkte... Wie denken Sie, daß Sie den Einfluß erklären, der ge⸗ macht hat, daß die Frau Herzogin von Berry, die vielgeliebte Tochter des Königs, deren Gemahl unter dem Streiche eines Fanatikers geſtorben iſt, ſich für den Sohn eines andern Revolutionärs intereſſirte, der ſelbſt Revolutionär und Fanatiker?“ 116 „Das iſt wahr,“ ſagte Dominique erbleichend; „doch was thun?“ „Darauf werden wir bedacht ſein.“ „Aber wie?“ „Indem wir dieſen Paß verbrennen, der Ihnen nicht nützlich ſein kann.“ Und Sihatr zerriß den Paß und warf die Stücke davon in den Ofen. Dominique ſchaute ihm mit Bangigkeit zu. „Doch nun,“ ſagte er,„ohne Paß, wie wird es mir ergehen?“ „Vor Allem glauben Sie mir, es iſt beſſer, ohne Paß zu reiſen, als mit dieſem zu reiſen; Sie wer⸗ den indeſſen nicht ohne Paß reiſen.“ „Wer wird mir einen geben?“ „Ich!“ antwortete Salvator. Und er öffnete einen kleinen Secretär, ließ eine geheime Schublade ſpielen und nahm unter mehreren in derſelben verborgenen Papieren einen Paß, der völlig unterzeichnet, auf dem aber Name und Signa⸗ lement nicht ausgefüllt waren. Er füllte die Namen und das Signalement aus: die Namen mit dem Namen von Bruder Salvator; das Signalement nach dem Signalement von Sar⸗ ranti. „Doch das Viſa?“ fragte Dominique. „Er iſt viſirt von der ſardiniſchen Geſandtſ ſchaft für Turin. Ich glaubte nach Italien, und zwar, wohl verſtanden, incognito dahin zu gehen, und dar⸗ um hatte ich mich mit dieſem Paſſe verſehen; er wird Ihnen dienen.“ „Doch in Turin?“ Salv dig 1 derte mag, mein Han verde Maſ ſeine Schu ( er 1 Nach Leut einer zeug der chend; Ihnen f die ird es „ohne wer⸗ ß eine hreren er igna⸗ aus: vator; Sar⸗ tſchaft zwar, d dar⸗ et 117 „In Turin ſagen Sie, Ihre Geſchäfte nöthigen Sie, bis Rom zu gehen, und man wird Ihren Paß ohne Schwierigkeit viſiren.“ Der Mönch ergriff und drückte die Hände von Salvator. „Oh! mein Bruder! oh! mein Freund!“ rief er,„wie vermag ich je für Alles, was ich Ihnen ſchul⸗ dig bin, erkenntlich zu ſein?“ „Ich habe Ihnen geſagt, mein Bruder,“ erwie⸗ derte lächelnd Salvator,„was ich auch für Sie thun mag, ich werde immer Ihr Schuldner bleiben.“ Fragola kam zurück; ſie hörte dieſe letzten Worte. „Wiederhole unſerem Freunde, was ich ihm ſage, mein Kind,“ ſprach Salvator, dem Mädchen die Hand reichend. „Er verdankt Ihnen das Leben, mein Vater; ich verdanke ihm mein Glück; Frankreich wird ihm nach Maßgabe deſſen, was ein Menſch thun kann, vielleicht ſeine Befreiung verdanken. Sie ſehen wohl, die Schuld iſt ungeheuer. Verfügen Sie alſo über uns.“ Der Mönch ſchaute die zwei jungen Leute an. „Sie thun das Gute: ſeien Sie glücklich!“ ſagte er mit einer Geberde väterlicher und barmherziger Nachſicht. Fragola deutete auf den ſervirten Tiſch. Der Mönch ſetzte ſich zwiſchen die zwei jungen Leute und ſprach ernſt das Benedicite, das ſie mit einem Lächeln reiner Seelen anhörten, welche über⸗ zeugt ſind, das Gebet ſteige zu Gott auf. Man aß raſch und ſtillſchweigend. Ehe das Mahl beendigt war, ſtand Salvator, der die Ungeduld in den Augen des Mönches las, auf. . 118 „Ich bin zu Ihren Befehlen, mein Vater, doch ehe wir gehen, laſſen Sie mich Ihnen einen Talis⸗ man geben.. Fragola, hole die Briefeaſſette.“ Fragola ging hinaus. „Einen Talisman!“ wiederholte der Mönch. „Ah! ſeien Sie ruhig, mein Freund, es iſt nichts Abgöttiſches; doch Sie wiſſen, was ich Ihnen in Betracht der Schwierigkeiten geſagt habe, die Sie er⸗ fahren dürften, um bis zum heiligen Vater zu ge⸗ langen.“ „Ja; Sie vermögen alſo etwas für mich dort?“ „Vielleicht!“ erwiederte Salvator lächelnd. Sodann, als Fragola mit der verlangten Caſſette zurückkam: „Eine Kerze, Siegellack und das Wappenpetf chaft.“ Das Mädchen ſtellte die Caſſette auf den Tiſch und ging abermals hinab. Salvator öffnete die Caſſette mit einem vergol⸗ deten Schlüſſelchen, das er an einer Kette hängend an ſeinem Halſe trug. Sie enthielt etwa zwanzig Briefe; von dieſen zwonzig Briefen nahm er einen aufs Gerathewohl. Fragola kehrte in dieſem Augenblicke mit der Kerze, dem Siegellack und dem Petſchaft zurück. Salvator legte den Brief in einen Umſchlag, ſiegelte ihn mit dem Wappenpetſchaft und ſchrieb folgende Adreſſe darauf: An den Herrn Vicomte von Chateaubriand in Rom. „Hören Sie,“ ſagte er zu Dominique,„es ſind drei Tage, daß derjenige, an welchen dieſer Brief „doch Talis⸗ e h. nichts en in ie er⸗ zu ge⸗ dort?“ aſſette haft.“ Tiſch ergol⸗ ingend dieſen ewohl. it der k. ſchlag, ſchrieb riand s ſind Brief 1¹9 avreſſirt iſt, müde der Art, wie die Dinge in Frank⸗ reich gehen, nach Rom abgereiſt iſt.“ „An den Herrn Vicomte von Chateaubriand?“ wiederholte der Mönch. „Ja; vor einem Namen wie der ſeinige öffnen ſich alle Thüren. Halten Sie die Schwierigkeiten für unüberwindlich, ſo überreichen Sie ihm dieſen Brief, ſagen Sie ihm, er ſei Ihnen vom Sohne desjenigen übergeben worden, welcher ihn geſchrieben hat, und rufen Sie im Namen dieſes Briefes Emigrationser⸗ innerungen an. Er wird Ihnen vorangehen, und Sie werden ihm nur zu folgen haben. Wenden Sie übrigens dieſes Mittel nur im äußerſten Nothfalle an; denn es wird ein Geheimniß enthüllen, das ſodann unter drei Perſonen ſein wird: Sie, Herr von Cha⸗ teaubriand und wir, Fragola und ich, die wir nur Eins bilden.“ „Ich werde blindlings Ihre Inſtructionen befol⸗ gen, mein Bruder.“ „Nun wohl, das iſt Alles, was ich Ihnen zu ſagen hatte. Küſſe dem frommen Manne die Hand, Fragola; ich, ich begleite ihn bis zum letzten Hauſe der Stadt.“ Fragola näherte ſich und küßte die Hand dem önche, der ihr mit einem ſanften Lächeln zuſchaute. „Ich erneure meinen Segen,“ ſprach er;„ſeien Sie ſo glücklich, als Sie keuſch, gut und ſchön ſind.“ Sodann, als ob alle lebendige Weſen des Hauſes ein Recht auf ſeinen Segen hätten, ſtrich er mit der Hand über den Kopf des Hundes und ging ab. Salvator, der zurückgeblieben war, drückte ſanft ſeine Lippen auf die von Fragola und murmelte: 120 „Ah! ja, keuſch, gut und ſchön!“ Und er folgte dem Mönche. VII. Der Pilger. Ehe er abreiſte, mußte der Abbé noch in ſeine Wohnung gehen; die zwei jungen Leute ſchlugen alſo den Weg nach der Rue du Pot⸗de⸗Fer ein. Kaum hatten ſie zehn Schritte gemacht, als ein Commiſſionär, dem ein in einen Mantel gehüllter Mann einen Brief übergeben, ſich von der Mauer trennte und ihnen folgte. „Hören Sie,“ ſagte Salvator zum Mönche,„ich wette, das iſt ein Commiſſionär, der auf derſelben Seite zu thun hat wie wir!“ „Wir werden alſo beſpäht?“ „Bei Gott!“ In der That, die jungen Leute wandten ſich drei⸗ mal um, einmal an der Ecke der Rue de lEperon, einmal an der Ecke der Rue Saint⸗Sulpice, und ein⸗ mal vor der Thüre des Abbé: der Commiſſionär hatte, wie es ſchien, an demſelben Orte wie ſie zu thun. „Ah!“ murmelte Salvator,„das iſt ein geſchick⸗ ter Mann, dieſer Herr Jackal, da wir aber Gott für uns haben, und er nur den Teufel für ſich hat, ſo werden wir vielleicht noch geſchickter ſein als er.“ Sie traten ein; der Abbé nahm ſeinen Schlüſſel. Ein Mann plauderte mit der Portière und ſtrei⸗ chelte ihre Katze. we hin un ſeine alſo ein üllter auer drei⸗ eron, ein⸗ onär ie zu ſchick⸗ t für t, ſo üſſel. ſtrei⸗ 12¹ „Sehen Sie dieſen Mann recht an, wenn wir weggehen,“ ſagte Salvator, während er die Treppe hinaufſtieg. „Welchen Mann?“ „Den, welcher mit Ihrer Portiöre plaudert.“ „Nun?“ „Nun, er wird ſie bis an die Barrière begleiten, und vielleicht noch viel weiter.“ Man trat in das Zimmer von Dominique ein. Es war eine Haſe, dieſes Zimmer, wenn man von der Conciergerie oder der Präfectur kam. Die untergehende Sonne beleuchtete es zu dieſer Stunde mit ihren ſanften Strahlen; die Vögel des Luxem⸗ bourg ſangen in den blühenden Kaſtanienbäumen; die Luft war rein, und man fühlte ſich glücklich, wenn man nur in dieſen Winkel eintrat. Salvator aber fühlte ſein Herz beklommen bei dem Gedanken, der arme Mönch ſollte dieſe heitere Atmoſphäre verlaſſen, um auf den Landſtraßen von Land zu Land, unter der glühenden Sonne des Süden, unter dem eiſigen Winde der Nacht umherzuirren. Der Abbé blieb einen Augenblick mitten im Zimmer ſtehen und ſchaute rings umher. „Ich bin glücklich hier geweſen!“ ſagte er, durch Worte den Gedanken ſeines Geiſtes formelnd;„ich habe die ſüßeſten Stunden meines Lebens in dieſer friedlichen Einſamkeit zugebracht, wo ich Vergnügen nur vom Studium, Troſt nur von Gott verlangte. Jenen Mönchen ähnlich, welche den Thabor oder den Sinai bewohnen, kamen dann wie Erinnerungen aus einem vergangenen Leben, wie Offenbarungen eines zukünftigen Lebens zu mir. Ich habe hier, wie 122 lebendige Weſen, die blühendſten Träume meiner Jugend, die zauberhafteſten Glückſeligkeiten meiner Jünglingszeit vorüberziehen ſehen; ich verlangte nur einen Freund: Gott gab mir dieſen Freund in Co⸗ lombau, Gott hat ihn mir genommen! doch er hat Sie mir gegeben, Salvator. Der Wille Gottes geſchehe!“ Und nachdem er dieſe Worte geſprochen, nahm der Mönch ein Buch, das er in ſeine Rocktaſche ſteckte, und knüpfte eine einfache Schnur um ſeinen weißen Rock; dann holte er aus einer Ecke des Zimmers einen langen Dornenſtock und zeigte ihn ſeinem Freunde. „Ich habe ihn von einer traurigen Pilgerfahrt zurückgebracht,“ ſagte er;„es iſt das einzige mate⸗ rielle Andenken, das mir von Colombau bleibt.“ Sodann, als befürchtete er, weich zu werden und auszubrechen, ſprach er: „Wollen wir gehen, mein Freund?“ „Gehen wir!“ erwiederte Salvator, indem er auf⸗ ſtand. Sie ſtiegen die Treppe hinab; der Mann war nicht mehr bei der Portiere, doch er war an der Ecke der Straße. Die zwei jungen Leute durchſchritten den Luxem⸗ bourg; der Mann folgte ihnen. Sie erreichten die Allee de[Obſervatoire, nahmen ihren Weg durch die Rue Caſſini, den Faubourg Saint⸗Jaques, und ge⸗ langten ſo, mehr ſtumm als ſprechend, durch die äußeren Boulevards bis zur Barriére Fontainebleau; ſie gingen durch die Barrière, verfolgt von den neu⸗ gierigen Blicken der Douaniers und der Leute aus (7) — 1———, iner iner nur Co⸗ hat ttes ahm ckte, ißen ners nem ahrt rate⸗ und auf⸗ war der rem⸗ die durch d ge⸗ die leau; 123 dem Volke, welche an den Anblick des mönchiſchen Gewandes wenig gewohnt waren; die zwei Freunde ſetzten ihren Marſch fort; der Mann folgte ihnen immer. Allmälig trennten ſich die Häuſer, dann wurden ſie die Straße entlang ſeltener; endlich ſah man rechts und links nichts mehr als die Ebene, wo die Aehren ſich zu ſchaukeln anfingen. „Wo werden Sie heute übernachten?“ fragte Salvator. „In dem erſten Hauſe, wo man ſo gut ſein will, mir Gaftfreundſchaft zu geben,“ antwortete der Mönch. „Dieſe Gaſtfreundſchaft, mein Bruder, dulden Sie, daß ich ſie Ihnen gebe?“ Der Mönch nickte mit dem Kopfe zum Zeichen der Beiſtimmung. „Fünf Meilen von hier, etwas vor der Cour de France, finden Sie links einen kleinen Fußpfad, den Sie an einem Pfoſten erkennen, auf welchem Sie ein weißes Kreuz ſehen, das die Form von dem hat, was man in der Heraldik ein Pfotenkreuz nennt.“ Dominique nickte zum zweiten Male. „Sie folgen dieſem Fußpfade, der Sie ans Ufer des Fluſſes führt. Sodann, hundert Schritte von da, mitten unter einer Gruppe von Erlen, Pappel⸗ bäumen und Weiden, werden Sie bei den Strahlen des Mondes ein weißes Häuschen ſehen. Ueber der Thüre dieſes Hauſes werden Sie ein Kreuz ähnlich dem des Pfoſtens erkennen.“ Dominique nickte zum dritten Male. „Ganz nahe dabei iſt eine hohle Weide,“ fuhr 12⁴ Salvator fort;„Sie werden in der Höhlung dieſer Weide ſuchen und einen Schlüſſel finden: das iſt der Schlüſſel der Thüre. Sie nehmen ihn und öffnen. Für dieſe Nacht, und für ſo viel Nächte als Sie wollen, gehört die Hütte Ihnen.“ Es fiel dem Mönch nicht einmal ein, Salvator zu fragen, zu welchem Zwecke er ein Haus am Ufer des Fluſſes habe; er öffnete ſeine Arme ſeinem Freunde. Das Herz angeſchwollen von tiefer Erregung, preßten ſich die jungen Leute an einander. Man mußte ſich trennen. Der Abbé ging ab. Salvator blieb unbeweglich an dem Platze ſtehen, wo er ſeinen Freund verlaſſen hatte, und folgte ihm mit den Augen ſo weit, als ſeine Augen ſeine Form in der wachfenden Dunkelheit unterſcheiden konnten. Jeder, der dieſen ſchönen Mönch friedlich und ernſt, ſeinen Dornenſtock in der Hand, mit ſeinem von Weiße glänzenden Rocke und ſeinem hinter ihm flatternden Mantel hätte hinwandeln ſehen; Jeder, ſagen wir, der ſo zu Fuße auf ſeine lange, fromme Pilgerfahrt dieſen ſchönen Mönch mit dem feſten Gange, mit dem gleichen Schritte hätte abgehen ſehen, würde ſich zugleich von Mitleid und von Traurigkeit, von Ehrfurcht und von Bewunderung ergriffen ge⸗ fühlt haben. Endlich verlor ihn Salvator aus dem Geſichte; er machte ein Zeichen, welches bedeutete:„Gott be⸗ hüte Dich!“ und ſtieg gegen die rauchige, kothige Stadt hinab,— mit einem Kummer mehr und einem Freunde weniger. ſer der en. tor fer em ng, 125 VIII. Der Urwald der Rue d'Enfer. Laſſen wir den Abbé auf der Straße nach Ita⸗ lien, ſeine traurige, lange Pilgerfahrt von dreihun⸗ dert fünfzig Meilen vollbringend, das Herz erfüllt von ſchmerzlichen Bangigkeiten, die Füße geaquetſcht durch die harten Kieſelſteine des Weges, und ſehen wir, was, ungefähr drei Wochen nach ſeiner Abreiſe, das heißt am Montag dem 21. Mai, um Mitternacht, in einem Hauſe, oder vielmehr im Parke eines öden Hauſes von einer der volkreichſten Vorſtädte von Paris vorging. Unſere Leſer erinnern ſich vielleicht des nächtlichen Beſuches, den Carmelite und Colombau, zur Zeit ihres ſo ſchnell verlaufenen Glückes, in einer Früh⸗ lingsnacht dem Grabe von la Vallière machten. In jener Nacht, wie man ſich auch erinnert, gingen ſie, nachdem ſie die Rue Saint-Jacques und die Rue du Val⸗de⸗Grace durchſchritten hatten, gegen links und kamen in der Rue d'Enfer vor eine kleine höl⸗ zerne Gitterthüre, welche dem ehemaligen Garten der Carmeliterinnen als Eingang dient. Nun wohl, jenſeits der Straße,— folglich rechts, wenn man nach dem Obſervatvire geht, dieſem Gar⸗ ten der Carmeliterinnen beinahe gegenüber, war eine gewölbte Thüre mit eiſernem Gitter und durch eine eiſerne Kette geſchloſſen. Schaut im Vorübergehen durch die Gitterſtangen dieſer Thüre, und Ihr werdet erſtaunt ſein, wenn 126 Ihr die üppigſte Vegetation ſeht, die Ihr je vor den Augen gehabt, die Ihr je in einem Traume erſchaut habt. In der That, man denke ſich einen Wald von Platanen, Adamsfeigenbäumen, Kaſtanienbäumen, Sumachs, Fichten, Tulpenbäumen mit einander wie Lianen verſchlungen und verbunden durch tauſend⸗ armigen Epheu, in einem unentwirrbaren Durchein⸗ ander, in einer unglaublichen Verwirrung; ein für den Menſchen undurchdringlicher Wald, ein Urwald Indiens oder Americas, und man wird kaum einen Begriff von der Zauberwirkung haben, die auf den erſtaunten Vorübergehenden der Anblick dieſes ver⸗ einzelten, mehr als vereinzelten, geheimnißvollen Park⸗ winkels hervorbringt. Doch der Zauber, den der Anblick eines Urlan⸗ des und einer üppigen Vegetation verurſacht, ver⸗ ſchwand ſehr bald und machte einer Art von Schrecken Platz, wenn, ſtatt dieſen Wald am hellen Tage zu ſehen, der Vorübergehende ſeinen Blick durch die Gitterſtangen in der Abenddämmerung oder in der Finſterniß tauchte, welche der Mitternachtsmond ſicht⸗ bar machte. Da erblickte er, beim bleichen Scheine der Kö⸗ nigin mit dem ſilbernen Diadem, in der Ferne die Trümmer eines eingeſtürzten Hauſes und einen un⸗ geheuren gähnenden Brunnen in einem Dickicht von hohem Graſer da hörte er unter der tiefen Stille jene tauſend ſeltſamen Geräuſche, die um Mitternacht aus den Kirchhöfen, den verfallenen Thürmen und den unbewohnten Schlöſſern hervorkommen; dann, wenn,— ſtatt von jenem dreifachen Erze umſchloſ⸗ ſen erſt ver ode der ihm hin die alle De wü offe ihr ver er Th Se ſag übe vol dur ſich er ken zu die der ht⸗ die un⸗ on ille cht ind nn, ſen zu ſein, von dem Horaz in Beziehung auf den erſten Schiffer ſpricht,— die Einbildungskraft des verſpäteten Wanderers, eines Schülers von Göthe oder Leſers von Hoffmann, auch nur ein wenig von der Lecture dieſer zwei Dichter erfüllt wäre, würden ihm die Erinnerung an die Burgen des Rheins, wo⸗ hin die Geſpenſter der Feudalbaronen zurückkehren, die Geiſter der böhmiſchen Wälder, alle Mährchen, alle Legenden, alle ſchlimmen Geſchichten des alten Deutſchlands wieder in den Kopf kommen, und er würde von dieſen ſchweigſamen Bäumen, von dieſem offenen Brunnen, von dieſem eingeſtürzten Hauſe ihre Geſchichte, ihr Mährchen oder ihre Legende verlangen. Was wäre es dann bei dem, welcher, nachdem er die Trödlerin,— eine gute, brave Frau Namens Thomas, die gerade gegenüber, auf der andern Seite der Straße, wohnt,— was wäre es dann, ſagen wir, wenn er, nachdem er dieſe brave Frau über die Legende oder die Geſchichte des geheimniß⸗ vollen Parkes befragt hätte, durch Vergünſtigung, durch Gewalt oder durch Liſt das Mittel, ihn zu be⸗ ſichtigen, erhielte! Er würde ſicherlich ſchauern, ſähe er nur durch das Gitter dieſen ſeltſamen, düſtern, unbeſchreiblichen Wirrwarr von alten Bäumen, hohen Gräſern, Farnkräutern, Neſſeln und kriechendem Epheu. Ein Kind würde es nicht wagen, die Schwelle dieſer Thüre zu überſchreiten; eine Frau würde beim Anblicke dieſes Parkes ohnmächtig werden. Mitten in dieſem Quartier, das ſchon ſo voll von Legenden,— mit der vom Teufel von Vauvert 128 anzufangen,— iſt dieſer Park eine Art von Reſt, wo tauſend Legenden entſtehen, die Euch der erſte der Beſte von der Barrière bis zur Porte Saint⸗ Jacques, vom Obſervatoire bis zur Place Saint— Michel erzählen wird. Welche iſt die wahrſte von allen dieſen ſich wider⸗ ſprechenden Legenden? Wir vermöchten es nicht zu ſagen; doch wir wollen, ohne ſie als ein evangeliſches Wort zu geben, diejenige mittheilen, welche uns per⸗ ſönlich iſt, und man wird begreifen, warum die Er⸗ innerung an dieſes düſtere, fantaſtiſche Haus bei uns ſo tief in den Geiſt eingedrungen iſt, daß ſie nach Verlauf von dreißig Jahren noch darin bleibt. Ich war kurz zuvor in Paris angekommen; ich zählte zwanzig Jahre, wohnte im Faubourg Saint⸗ Denis und hatte eine Geliebte in der Grande⸗Rue⸗ d'Enfer. Sie fragen mich, warum ich, im Faubourg Saint⸗ Denis wohnend, eine Geliebte in dieſem abgelegenen Quartier, das ſo fern von dem meinigen, gewählt habe. Darauf antworte ich Ihnen, daß man mit zwanzig Jahren, wenn man von Villers⸗Coterets an⸗ kommt und nur zwölfhundert Franken Gehalt hat, ſeine Geliebte nicht wählt, ſondern von ihr gewählt wird. Ich war alſo von einer hübſchen jungen Perſon gewählt worden, welche, wie geſagt, in der Grande⸗ Rue⸗d'Enfer wohnte. Ich machte dreimal in der Woche, zur großen Angſt meiner armen Mutter, dieſer ſchönen jungen Perſon einen nächtlichen Beſuch; ich ging um zehn eſt, rſte int⸗ int⸗ der⸗ zu ches per⸗ uns ach ich int⸗ tue⸗ rint⸗ nen ählt mit an⸗ hat, ählt rſon nde⸗ oßen ngen zehn 129 Uhr Abends von Hauſe weg und kam gegen drei Uhr Morgens zurück. ſach meiner Gewohnheit als noctambuler Tou⸗ riſt trug ich, auf meine hohe Geſtalt und meine Stärke mich verlaſſend, weder Stock, noch Piſtolen, noch Dolch bei mir. Der Weg, den ich machte, war ſehr einfach; wäre er auf der Karte von Paris mit einem Lineal und einem Bleiſtift gezogen worden, er hätte keine ge⸗ radere Linie verfolgt: ich ging vom Faubourg Saint⸗ Denis Nr. 53 aus; ich wanderte über den Pont⸗au⸗ Change, durch die Rue de la Barillerie, über den Pont Saint⸗Michel; ich durchſchritt die Rue de la Harpe; ſie führte mich nach der Rue d'Enfer, die Rue d'Enfer nach der Rue de lEſt, die Rue de Eſt nach der Place de lObſervatoire; dann zog ich mich am Hoſpice des Enfants⸗Trouvés hin und trat durch die Barrière, und zwiſchen der Rue de la Pépinière und der Rue de la Rochefoucauld öffnete ich die kleine Thüre eines Gartens, der nach einem Hauſe führte, das heute verſchwunden iſt und vielleicht nur noch in meiner Erinnerung lebt. Ich kam auf demſelben Wege zurück, das heißt, ich machte ungefähr zwei Meilen in meiner Nacht. Meine arme Mutter, die ſich ſchon ſehr ängſtigte, ohne zu wiſſen, wohin ich ging, würde ſich wohl noch viel mehr geängſtigt haben, hätte ſie mir folgen und ſehen können, durch welche finſtere Wüſte mein Gang von dem aus, was man die Ecole des Mines nennt, vollführt wurde. Doch der ödeſte und düſterſte Ort von dieſer gan⸗ zen Marſchlinie waren unſtreitig die fünfhundert Dumas, Salvator. II. 9 130 Schritte, die ich von der Rue de[Abbé⸗de⸗l Cpée nach der Rue de Port⸗Royal gehend und von der Rue de Port⸗Royal nach der Rue de Abbé⸗de⸗lEpée zurückkehrend machte. Dieſe fünfhundert Schritte gingen längs den Mauern des verfluchten Hauſes hin. Ich geſtehe, daß in mondloſen Nächten dieſe fünfhundert Schritte mich beklommen machten. Es gibt einen Gott für die Trunkenen und die Verliebten, ſagt man. Gott ſei Dank, ich vermöchte, was die Trunkenen betrifft, nicht zu urtheilen; was aber die Verliebten betrifft, da wäre ich verſucht, es zu glauben: ich hatte nie ein ſchlimmes Zuſammen⸗ treffen. Gequält von der Wuth, Alles zu ergründen, die mich beſtändig anſtachelte, hatte ich allerdings den Entſchluß gefaßt, wie man ſagt, den Stier bei den Hörnern zu packen, das heißt, in das Innere dieſer geheimnißvollen Einſamkeit einzudringen. Ich fing damit an, daß ich mich nach der betref⸗ fenden Legende bei der Perſon erkundigte, welche mich, von zwei Nächten eine, die ſo eben von mir erzählte Unklugheit begehen ließ. Sie verſprach, ihren Bru⸗ der, einen der unbändigſten Studenten des Quartier Latin, darüber zu fragen; ihr Bruder bekümmerte ſich wenig um Legenden; um jedoch die Neugierde ſeiner Schweſter zu befriedigen, erkundigte er ſich, und Folgendes ſind die Details, die er ſammelte. Die Einen ſagten, dieſes Haus ſei das Eigen⸗ thum eines reichen Nabobs, der, nachdem er ſeine Söhne und ſeine Töchter, ſeine Enkel und ſeine En⸗ kelinnen, ſowie auch ſeine Urenkel hatte ſterben ſehen, — denn der Indier zählte faſt anderthalb Jahrhun⸗ dert nur von kahl Kiſſ win Gel den Rue Wo ſuit dert ſelt geb Lär Ket Fec lich die des erz die ſche als die ſel Fpée Rue Spée ritte hin. dieſe die chte, was t, es men⸗ „ die den den ieſer tref⸗ elche ählte Bru⸗ tier nerte ierde ſich, te igen⸗ ſeine En⸗ ehen, hun⸗ 13¹ derte,— geſchworen habe, Niemand mehr zu ſehen, nur Waſſer aus ſeiner Eiſterne zu trinken, nur Gras von ſeinem Garten zu eſſen, ſeinen Leib nur auf der kahlen Erde, ſeinen Kopf nur auf einem ſteinernen Kiſſen ruhen zu laſſen. Andere behaupteten, dieſes Haus diene als Schlupf⸗ winkel für eine Falſchmünzerbande, und alle falſche Geldſtücke, welche in Paris im Umlaufe ſeien, wer⸗ den zwiſchen der Allée de l'Obſervatoire und der Rue de lEſt verfertigt. Die frommen Perſonen ſagten ganz leiſe, dieſe Wohnung werde zu unregelmäßigen Zeiten vom Je⸗ ſuitengeneral beſucht, der ſich, nachdem er den Brü⸗ dern von Montrouge Beſuch gemacht, nach dieſem ſeltſamen Orte durch einen unterirdiſchen Gang be⸗ gebe, welcher nicht weniger als anderthalb Meilen Länge habe. Die ſchwachen Geiſter ſprachen unbeſtimmt von Ketten ſchleppenden Geſpenſtern, von Seelen im Fegefeuer, welche um Gebete flehen, von unerklär⸗ lichen, außerordentlichen, übermenſchlichen Geräuſchen, die man zur Mitternachtsſtunde, an gewiſſen Tagen des Monats, bei gewiſſen Mondsgeſtalten höre. Diejenigen, welche ſich mit Politik beſchäftigten, erzählten Jedem, der es hören wollte, da dieſer Park zu den Grundſtücken gehöre, auf denen man ſeitdem die Chartreuſe erbaut hat, und vor denen der Mar⸗ ſchall Ney erſchoſſen wurde, ſo habe die Familie Ney, als eine Art von düſterer Weihung, das Haus und die in der Nähe des unſeligen Platzes liegenden Grundſtücke gekauft, und ſich, nachdem ſie den Schlüſ⸗ ſel des Hauſes in den Brunnen und den der Park⸗ 132 thüre über die Mauer geworfen, entfernt, ohne es zu wagen, rückwärts zu ſchauen. Kurz, dieſes Haus, wo man nie Jemand eintreten ſah, dieſe eiſengeharniſchte Thüre, die Geſchichten von Diebſtählen, Morden, Entführungen und Selbſtmor⸗ den, welche über dieſem troſtloſen Parke wie eine Schaar Nachtvögel ſchwebten; die wahren oder fal⸗ ſchen Geſchichten, die man im Quartier zum Beſten gab, der Sycomorenaſt, wo ſich ein Mann Namens Georges erhenkt hatte, und den man(den Aſt) den Vorübergehenden zeigte, wenn ſie vor dem Gitter ſtehen blieben und fragten,— Alles trug dazu bei, in mir das lebhafteſte Verlangen zu erregen, bei Tage in dieſen öden Garten und in dieſes verlaſſene Haus einzutreten, woran ich dreimal in der Woche bei Nacht ſchauernd vorbeiging. Das Gitter des Gartens lag in der Rue d'Enfer, doch der Eingang des Hauſes war und iſt noch in der Rue de kEſt Numero 37, das heißt das letzte Haus, ehe man zur Chartreuſe kommt. Unglücklicher Weiſe war ich damals nicht reich; — wohlverſtanden, ich will nicht ſagen, ich ſei es heute viel mehr;— ich war damals nicht reich: ich konnte es alſo nicht mit dem Zauberſchlüſſel verſuchen, der alle Thüren, Gitter und Schlupfpforten öffnen ſoll; doch außer dieſem ſetzte ich Bitten, Kniffe und Intriguen, Alles in Bewegung, um in dieſen un⸗ durchdringlichen Ort einzudringen. Nichts glückte. Es war wohl die Erſteigung da; doch die Erſtei⸗ gung iſt etwas Ernſtes, vom Geſetze Vorhergeſehenes, und wäre ich bei der nächtlichen Erforſchung meines Urwaldes und meines unbewohnten oder bewohnten,— das ſo h über gier wöh gro wie ten, gen ſteh wär mei ſem ſog un zäh vor geg Ru au ein gre ber gle th zu eten von nor⸗ eine fal⸗ ſten lens den itter bei, bei ſſene che nfer, h in letzte eich; ei es ich chen, ffnen und 1un⸗ kte. rſtei⸗ enes, eines n,— 133 das wußte man nicht,— Hauſes ertappt worden, ſo hätte ich große Mühe gehabt, meine Richter zu überzeugen, ich ſei aus einem Motiv reiner Neu⸗ gierde hierhergekommen. Ich hatte mich übrigens dergeſtalt daran ge⸗ wöhnt, an dieſer Mauer vorüberzugehen, welche von großen Bäumen überragt wurde, deren Aeſte ſich wie ein dunkles Wetterdach auf die Straße vorſtreck⸗ ten, daß ich den Schritt, ſtatt ihn zu beſchleuni⸗ gen, wie in den erſten Zeiten, hemmte, manchmal ſtehen blieb und mich dabei überraſchte, wie ich, wäre die Sache möglich geweſen, ganz bereit war, mein Liebesrendez⸗vous gegen einen Beſuch in die⸗ ſem fantaſtiſchen Garten zu vertauſchen. Und fantaſtiſch war das rechte Wort, wie Sie ſogleich ſehen werden. Eines Abends im Monat Juli 1826, das heißt ungefähr ein Jahr vor den Ereigniſſen, die wir er⸗ zählen wollen,— als ich, um ganz für mein Rendez⸗ vous geeiget zu ſein, im Quartier Latin zu Mittag gegeſſen hatte, und gegen neun Uhr Abends nach der Rue de lEſt wandelte, ſchlug ich nach meiner Ge⸗ wohnheit die Augen zu dem geheimnißvollen Hauſe auf, und ich ſah in der Höhe des erſten Stockes einen ungeheuren Aushängezettel, auf welchem in großen ſchwarzen Buchſtaben die drei Worte geſchrie⸗ ben ſtanden: Haus zu verkaufen. Ich blieb ſtehen, da ich ſchlecht geſehen zu haben glaubte; ich rieb mir die Augen: es war kein Irr⸗ thum; es waren wirklich die drei Worte:„Haus zu —— 13⁴ verkaufen“ in Form eines Anſchlagezettels an die Fagade geſchrieben. „Ah! bei Gott!“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„das iſt die Gelegenheit, die ich ſchon ſeit ſo langer Zeit ſuchte: hüten wir uns wohl, ſie entſchlüpfen zu laſſen.“ Ich ſtürzte nach der Thüre, und erfreut, daß ich nun eine Antwort zu geben hatte, wenn man mich fragen würde, was ich wollte, klopfte ich gewaltig an... Niemand antwortete. Ich klopfte zum zweiten Male... Abermals Richts! Ein drittes, ein viertes, ein fünftes Mal ließ ich den eiſernen Klopfer erſchallen; doch ich erhielt kein beſſeres Reſultat als das erſte und das zweite Mal. Ich ließ meine Augen umherlaufen: ein Cviffeur, der auf ſeiner Thürſchwelle ſtand, ſchaute mir zu. Ich fragte ihn: „An wen muß ich mich wenden, um dieſes Haus zu beſichtigen?“ „Sie wollen dieſes Haus beſichtigen?“ ſagte er mit erſtaunter Miene. nicht zu verkaufen?“ „In der That, heute Morgen habe ich dieſen Anſchlagezettel an der Fagade geſehen: doch der Teu⸗ fel ſoll mich holen, wenn ich weiß, wer ihn ange⸗ nagelt hat.“ Man begreift, daß dieſe Meinung des Coiffeur, die mit der meinen zuſammentraf, meine Neugierde vermehrte, ſtatt ſie zu vermindern. „Können Sie mir ein Mittel angeben, in dieſes Haus hineinzukommen und es zu ſehen?“ „Ei! klopfen Sie an dieſen Keller und fragen Sie.“ die s iſt chte: ß ich mich altig mals ß ich kein Mal. feur, zu. te er ieſen Teu⸗ ange⸗ ffeur, gierde dieſes Und ſo ſprechend, deutete der Coiffeur auf eine Art von Aushöhlung, welche auf der Straße gähnte, und in die man auf einer Treppe von fünf bis ſechs Stufen hinabſtieg. Auf die letzte Stufe gelangt, wurde ich von einem materiellen Hinderniſſe aufgehalten: dieſes ma⸗ terielle Hinderniß war ein großer Hund, ſchwarz wie die Nacht; kaum konnte man ihn in der Dunkelheit unterſcheiden: ſeine Augen und ſeine Zähne glänzten in der Finſterniß, ohne daß man den Leib ſah, dem ſie angehörten; er ſchien das Schutzungeheuer dieſer Höhle zu ſein. Er lag, doch er richtete ſich auf, ſtellte ſich quer, knurrte dumpf und wandte den Kopf nach meiner Seite. Das Knurren ſchien einen Menſchen herbeizu⸗ rufen... Es war wohl der Herr dieſes fantaſtiſchen Hundes und der Bewohner dieſer geheimnißvollen Höhle! Das reelle Leben, die menſchlichen Perſonen waren drei Schritte hinter mir; ich berührte ſie noch mit der Hand, und dennoch war meine Einbildungskraft ſo lebhaft ergriffen, daß es mir ſchien, das Hinab⸗ ſteigen dieſer fünf Stufen habe genügt, um mich mit einer andern Welt als die unſere in Berührung zu ſetzen. Der Menſch, wie der Hund, hatten in der That einen eigenthümlichen Charakter. Er war ſchwarz ge⸗ kleidet und trug auf dem Kopfe einen ſchwarzen Filz⸗ hut, deſſen ungeheure Krämpe ſein ſchwarzes Geſicht umrahmte, in welchem, wie in dem des Hundes, die Augen und die Zähne glänzten. 136 „Was wollen Sie?“ fragte er mit einer rauhen Stimme, indem er ſich mir näherte.“ „Das Haus ſehen, das zu verkaufen iſt,“ ant⸗ wortete ich. „Zu dieſer Stunde?“ bemerkte der ſchwarze Mann. „Ich begreife, welche Störung Ihnen dies ver⸗ urſachen muß... doch ſeien Sie ruhig!“ Und ich ließ majeſtätiſch in meiner Taſche ein paar Geldſtücke klingen, die einzigen, die ich beſaß. „Man kommt nicht zu dieſer Stunde, um ein Haus zu beſichtigen,“ entgegnete der ſchwarze Mann zwiſchen ſeinen Zähnen, indem er den Kopf ſchüttelte. „Sie ſehen wohl, daß dies doch geſchieht, da ich da bin,“ ſagte ich. Ohne Zweifel ſchien das Argument dem ſchwar⸗ zen Manne unwiderlegbar. „Gut,“ ſprach er,„Sie ſollen es ſehen.“ Und er drang in die Tiefen der Höhle ein. Ich geſtehe, ich hatte einen Augenblick des Zögerns, ehe ich ihm zu folgen mich entſchloß; endlich aber ent⸗ ſchloß ich mich. Beim erſten Schritte fühlte ich mich aufgehalten: meine Bryſt hatte an die flache Hand des ſchwarzen Mannes geſtoßen. „Man tritt durch die Rue d'Enfer, und nicht hier ein,“ ſagte er. „Die Hausthüre iſt aber in der Rue de lEſt,“ wandte ich ein. „Das iſt möglich,“ erwiederte der ſchwarze Mann; „doch Sie werden nicht durch die Hausthüre ein⸗ treten.“ Ein ſchwarzer Menſch kann ſeine Fantaſien haben wie Fül übr befe vor hal we uhen ant⸗ ann. ver⸗ ein aß. ein tann telte. ich war⸗ Ich ehe ent⸗ lten: rzen nicht Eſt, ann; ein⸗ aen 137 wie ein weißer Menſch: ich beſchloß alſo, die meines Führers zu achten. Ich verließ den Keller, in deſſen Innerem ich übrigens nur ein paar Schritte gemacht hatte, und befand mich wieder auf der Straße. Der ſchwarze Mann folgte mir, ſelbſt gefolgt von ſeinem Hunde und in ſeiner Hand ſeinen Stock haltend. Beim Scheine der Laternen ſchien es mir, er werfe mir einen ſchlimmen Blick zu. Dann ſprach er zu mir mit düſterer Stimme, in⸗ dem er mit dem Ende ſeines Stockes auf die Rue du Val⸗de⸗Grace deutete: „Gehen Sie rechts.“ Und er rief ſeinen Hund zurück, der, mich mit einer empörenden Indiscretion beriechend,— als ob das beſte Stück meiner Perſon in einem gegebenen Momente ihm gehören ſollte,— mir einen Blick zu⸗ warf, welcher das Seitenſtück zum Blicke ſeines Herrn bildete, und ſich von mir entfernte; alsdann ver⸗ ſchwanden Herr und Hund links, während ich mich gegen rechts wandte. Vor dem Gitter angelangt, blieb ich ſtehen. Durch die Gitterſtangen tauchte mein Blick in die myſteriöſen Tiefen dieſes Gartens, welchen zu beſichtigen mir endlich geſtattet ward. Es war ein ſeltſames Schauſpiel, melancholiſch, anbetungswürdig, allerdings ein wenig düſter, aber unausſprechlich er⸗ greifend. Der Mond, der ſo eben aufgegangen war und in ſeiner ganzen Pracht glänzte, ſetzte auf die Stirne der großen Bäume etwas wie eine Krone von Opal, von Perlen und von Diamanten; die 138 hohen Gräſer funkelten Smaragden ähnlich; die Glüh⸗ würmer ſandten, da und dort in den Tiefen des Waldes zerſtreut, den Veilchen, den Mooſen und dem Epheu ihre bläulichen Scheine zu; bei jedem Winde kamen endlich, wie aus den Wäldern Aſiens, tauſend unbekannte Wohlgerüche und tauſend geheimnißvolle Geräuſche hervor, welche die Bezauberung der Augen durch die Wolluſt des Gehörs und des Geruchs ver⸗ vollſtändigten. Welche Glückſeligkeit mußte es für den Dichter ſein, der, Paris mitten in Paris entſchlüpfend, das Recht hatte, Tag und Racht in dieſem Zauberlande zu luſtwandeln! Ich war in dieſe ſtumme Betrachtung verſunken, als ſich ein Schatten zwiſchen mich und das magiſche Schauſpiel, das ich vor den Augen hatte, zu ſtellen ſchien. Es war mein ſchwarzer Mann, der durch das Innere gegangen war und am Gitter erſchien. „Wollen Sie immer noch herein?“ fragte er. „Mehr als je!“ antwortete ich. Und nun entſtand ein Geräuſch von Riegeln, die man zog, von eiſernen Stangen, die man aufhob, von Ketten, die man entrollte, ein Geklirr von altem Eiſenwerk, ziemlich ähnlich dem der eiſenbeſchlagenen Gefängnißthüren, die man ſchwerfällig hinter dem Gefangenen niederfallen läßt. Doch das war nicht Alles: als der ſchwarze Mann dieſe verſchiedenen Operationen, welche bei ihm ein tiefes Studium der Schloſſerei beurkundeten, vollendet hatte; als er die Thüre von allem Geräth, das ſie verbarricadirte, befreit hatte, und ich mich, ind Git An völ un lüh⸗ des und inde ſend volle ugen ver⸗ chter das ande nken, iſche ellen das r. 1, die fhob, altem genen dem warze e bei deten, eräth, mich, 139 indem ich mit meinen ungeduldigen Händen an die Gitterſtangen drückte, anſtemmte, um ſie auf ihren Angeln rollen zu machen, da weigerte ſich das Gitter völlig, trotz der Anſtrengungen, die der ſchwarze Mann ſelbſt vollbrachte, trotz des Gebells des Hundes, — den man hörte, ohne ihn zu ſehen, und der wirk⸗ lich unſichtbar blieb, ſo maßlos hoch waren die großen Gräſer. Der ſchwarze Mann wurde zuerſt müde; ich, ich hätte bis zum nächſten Morgen fortgearbeitet. „Kommen Sie an einem andern Tage,“ ſagte er zu mir. „Warum dies?“ „Weil ein Verg von Erde vor der Thüre iſt, und man dieſen vorher wegräumen muß.“ „Räumen Sie ihn weg.“ „Wie, ich ſoll ihn heute Abend wegräumen?“ „Allerdings; da Sie früher oder ſpäter dieſes Geſchäft verrichten müſſen, ſo iſt es beſſer, ſie thun es ſogleich.“ „Sie haben alſo große Eile?“ „Ich reiſe morgen auf drei Monate ab.“ „Dann laſſen Sie mir Zeit, eine Haue und einen Spaten zu holen.“ Und er verſchwand mit ſeinem Hunde unter dem dichten Schatten, den die Rieſenbäume um ſich her verbreiteten. In der That, hatte nun der Weſtwind ſeit lan⸗ gen Jahren an die Thüre Staubwolken getrieben und der fallende Regen einen Mörtel daraus ge⸗ macht, oder war es eine einfache Aufquellung des Bodens, es hatte ſich jenſeits des Gitters, auf der 140 Seite des Gartens, ein Hügelchen von ungefähr acht⸗ zehn Zoll Höhe gebildet, das durch das große, an den eiſernen Gitterſtangen emporſteigende Gras ver⸗ borgen war. Nach einem Augenblicke kam der ſchwarze Mann mit einer Haue zurück. Durch das Gitter und mit den rieſigen Verhältniſſen, die meine Einbildungs⸗ kraft, in ihrer Exaltation, den gewöhnlichen Dingen gab, machte er auf mich den Eindruck eines mit ſei⸗ ner Framea bewaffneten Galliers; es war nur die rußſchwarze Oberhaut, was der Aehnlichkeit ſchadete. Er fing an die Erde aufzuhacken; ſo oft ſein Werkzeug wieder niederfiel, ſtieß er eine Art von Seufzer aus, ähnlich denen, welche die Bäcker von ſich geben, und von denen ihr Name geindres ³) herrührt. Das war die Zeit, wo Löwe Weimars Hoffmann überſetzt hatte; ich hatte den Kopf voll von den Ge⸗ ſchichten: das Majorat, Kater Murr, die Cre⸗ moneſer Geige; ich war überzeugt, ich ſchwimme mitten in einer Fantaſiewelt. Nach einigen Augenblicken hörte der ſchwarze Mann zu arbeiten uf, ſtützte ſich auf ſeine Haue, und ſagte zu mir: „Nun iſt es an Ihnen.“ „Wie, an mir?“ Drücen Sie. Ich gehorchte dieſer Aufforderung, und drückte *) Le geindre heißt der Oberbäckerknecht; geindre heißt ächzen, wimmern. und Thüt endli lich, an k eine und acht⸗ an ver⸗ ann mit ngs⸗ igen ſei⸗ die dete. ſein von von 28*) tann Ge⸗ re⸗ mme arze aue, ückte ndre 141 und ſtieß mit den Händen und den Füßen an die Thüre; ſie machte noch einen Augenblick Umſtände, endlich aber entſchloß ſie ſich und öffnete ſich plötz⸗ lich, und zwar ſo heftig, daß ſie den ſchwarzen Mann an die Stirne ſchlug und ins Gras niederwarf. Der Hund, der ohne Zweifel dieſen Unfall für eine Kriegserklärung nahm, fing an wüthend zu bellen und war ganz bereit, auf mich loszuſtürzen. Ich ſchickte mich zu einer doppelten Vertheidigung an; denn ich bezweifelte nicht, ſobald er aufgeſtanden, werde der ſchwarze Mann mich mit allem Ungeſtüm angreifen. Doch zu meinem großen Erſtaunen ge⸗ bot aus der Tiefe des Graſes, wo er begraben lag, mein Führer dem wüthenden Thiere Schweigen, ſtand murmelnd:„Es iſt nichts!“ wieder auf und erſchien an der Oberfläche des Graſes. Wenn ich ſage an der Oberfläche, ſo ſage ich die reine Wahrheit; denn als ſich der ſchwarze Mann, mich einladend, ihm zu folgen, wieder in Marſch ſetzte, hatten wir das Gras bis am Halſe. Der Boden krachte unter meinen Füßen, mir ſchien, ich gehe auf Kaſtanienhülſen; es war ſicherlich über der Erde eine wenigſtens einen Fuß dicke Lage von Moos, dürren Blättern und Epheu. Ich wollte aufs Gerathewohl in das Dickicht ein⸗ dringen, als mich mein Führer zurückhielt. „Einen Augenblick Geduldl“ ſagte er. „Was gibt es denn noch?“ fragte ich. „Man muß die Thüre ſchließen, wie mir ſcheint.“ „Unnöthig, da wir ſogleich wieder hinausgehen werden.“ „Man geht nicht hier hinaus,“ antwortete mir 142 der ſchwarze Mann, indem er mir einen Blick zu⸗ warf, der mich in meiner Taſche ſuchen machte, ob ich nicht irgend eine Waffe darin fände. Katürlich fand ich keine Waffe. „Und warum geht man nicht hier hinaus?“ fragte ich. „Weil das die Eingangsthüre iſt.“ Dieſes Argument, ſo unbeſtimmt es war, befrie⸗ digte mich; ich war entſchloſſen, das Abenteuer bis zum Ende zu verfolgen. Nachdem die Thüre geſchloſſen war, ſetzten wir uns wieder in Marſch. Er ſchien mir in jenen undurchdringlichen Urwald einzudringen, von dem man den Kupferſtich auf den Boulevards ſieht: nichts fehlte dabei, nicht einmal der liegende Baum, der als Brücke dient, um über die Schlucht zu paſſiren. Die Epheu ſchoſſen wie Furien vom Fuße der Bäume empor und fielen dann hängend und zerzauſt wieder in den Raum. Zwanzig Windepflanzen umſchlangen ſich, krümmten ſich, rollten ſich in einander, hielten ſich eng um⸗ ſchloſſen unter dem Blicke des Mondes, in dieſer großen grünen Hängematte, die der Wald bildete. Hätte mir die Fee der Pflanzen, plötzlich aus einem Blumenkelche oder aus einem Baumſtamme hervorkommend, den Vorſchlag gemacht, mein Leben mit ihr in dieſem anbetungswürdigen Wirrwarr zu⸗ zubringen, ich würde es wahrſcheinlich angenommen haben, ohne mich darum zu bekümmern, was die andere Fee, die mich in der Grande Rue d'Enfer erwartete, ſagen dürfte. Es war nicht die Fee, die aus ihrem grünen oh un mi un ge bü roc Au zu ein unk nur ſtür frie⸗ bis wir ald den mal iber wie elen um. iten um⸗ eſer te. aus me ben zu⸗ nen die fer nen 143 Palaſte hervorkam: es war mein ſchwarzer Mann, der, während er ſeinen Stock ſich drehen ließ und da und dort alle Köpfe der Pflanzen, die ſich in ſeinem Bereiche fanden, unbarmherzig niederſchlug, mich zu einem Geſtrüppe führte, das dichter, als eines von denen, durch welche ich noch gedrungen, und mit rauher Stimme zu mir ſagte: „Paſſiren Sie!“ Der Hund paſſirte zuerſt, ich paſſirte nach ihm. Der ſchwarze Mann folgte mir, und ich war nicht ohne Beſorgniß hinſichtlich dieſes neuen den Marſch unſerer Karavane betreffenden Befehles: ich hatte mich als ein Käufer vorgeſtellt; ein Käufer iſt reich, und ein Stockſtreich auf das Hinterhaupt iſt ſo ſchnell gegeben. Ich ſchaute hinter uns: hinter uns war das Ge⸗ büſch ſchon wieder geſchloſſen. Plötzlich fühlte ich mich am Kragen meines Ueber⸗ rocks gepackt und zurückgezogen... Ich glaubte, der Augenblick des Kampfes ſei gekommen. Ich drehte mich um. „Halten Sie doch an!“ ſagte der ſchwarze Mann zu mir. „Und warum ſoll ich anhalten?“ „Sehen Sie nicht dieſen Brunnen vor Ihnen.“ Ich ſchaute nach dem bezeichneten Orte: ich ſah einen auf dem Boden gezogenen ſchwarzen Kreis, und erkannte in der That der Erde gleich die Oeff⸗ nung eines Brunnens. Ein Schritt mehr, und ich verſchwand hinabge⸗ ſtürzt! 144 Ah! ich geſtehe; diesmal durchlief ein Schauer meine Adern. „Ein Brunnen?“ wiederholte ich. „Ja, der in die Katakomben geht, wie es ſcheint.“ Und der ſchwarze Mann ſuchte einen Stein, den er in den Schlund warf. Einige Augenblicke, die mir endlos dünkten... zehn Secunden vielleicht... verliefen. Endlich hörte ich ein dumpfes Geräuſch, ein unterirdiſches Echo: der Stein hatte den Boden berührt. „Es iſt ſchon ein Menſch hinuntergefallen,“ ſprach mein Führer ruhig,„und Sie begreifen wohl, daß man ihn nie wiedergeſehen hat... Vorwärts!“ Ich umging den Brunnen den weiteſten Kreis beſchreibend, welchen zu beſchreiben mir möglich war. Fünf Minuten nachher trat ich unverfehrt aus dem Geſtrüppe hervor; als ich aber an den Saum kam, fühlte ich mich kräftig beim Arme gepackt. Ich fing übrigens an mich an die ſeltſamen Ma⸗ nieren meines Führers zu gewöhnen; ſodann, ſtatt in voller Finſterniß zu ſein, wie ich es fünf Minuten vorher war, befanden wir uns unter einem Mond⸗ ſtrahle. „Nun?“ fragte ich ziemlich ruhig. „Nun,“ antwortete der ſchwarze Mann, indem er mit dem Finger auf einen Maulbeerfeigenbaum deutete,„hier iſt der Baum.“ „Welcher Baum?“ „Der Maulbeerfeigenbaum, bei Gott!“ „Ich ſehe wohl, daß dies ein Maulbeerfeigen⸗ baum iſt.. Doch weiter?“ „Das iſt der Aſt.“ ein hö Ge trei unt das daß ich! ſein Gar nicht Geſi hiert rer! Du auer t. den örte cho: rach daß reis var. aus um Ma⸗ ſtatt ten n⸗ dem um en⸗ 14⁵5 „Welcher Aſt?“ „Der Aſt, an den er ſich gehängt hat.“ „Wer denn?“ „Der arme Georges.“ Ich erinnerte mich in der That dieſer Geſchichte eines Gehenkten, von der ich unbeſtimmt hatte reden hören. „Ah! ah!“ ſagte ich.„Und wer war dieſer arme Georges?“ „Ein armer Junge, den man ſo nannte.“ „Und warum nannte man ihn ſo?“ „Weil es ein armer Junge war.“ „Und warum war es ein armer Junge?“ „Wenn ich Ihnen ſage, daß er ſich gehenkt hat!“ „Warum hat er ſich aber gehenkt?“ „Weil es ein armer Junge war.“ Ich ſah, es wäre unnütz, das Verhör weiter zu treiben. Mein fantaſtiſcher Führer fing an mir unter ſeinem wahren Geſichtspunkte zu erſcheinen, das heißt als ein Idiot. Nun packte ich ihn beim Arme, und ich fühlte, daß er zitterte. Ich richtete ein paar neue Fragen an ihn, und ich bemerkte, daß das Zittern ſeines Körpers bis in ſeine Stimme übergegangen war. Da begriff ich, daß ſein Widerwille, mich den Garten und das Haus bei Nacht beſichtigen zu laſſen, nichts Anderes war als Furcht. Es blieb mir die dunkle Farbe der Kleider, des Geſichtes und des Hundes zu erklären; ich wollte hierüber eine Erklärung verlangen, doch mein Füh⸗ rer ließ mir nicht Zeit, und als hätte er Eile ge⸗ Dumas, Salvator. 1I. 10 146 habt, ſich von dem verdammten Baume zu entfernen, ſtürzte er wieder in das Gehölze und ſagte: „Laſſen Sie uns ein Ende machen: kommen Sie!“ Diesmal ging er voran. Wir drangen abermals in das Gehölze ein: es war ein Wald von einem Morgen, doch die Bäume waren ſo dick und dergeſtalt an einander gedrängt, daß er eine Meile zu haben ſchien. Was das Haus betrifft, das war das Ideal von ſeinem Genre; Alles war hier eingeſunken, zerriſſen, geſpalten, in Trümmern; man ſtieg dazu auf einer Freitreppe von vier bis fünf Stufen hinauf; ſodann gelangte man von dieſer Art von Plattform in die auf die Rue de lEſt gehende Pièce auf einer zweiten ſteinernen Schneckentreppe; nur waren hier die Stufen getrennt, und an zwanzig verſchiedenen Stellen mußte man das Licht dadurch ſehen. Ich war im Begriffe, hinaufzuſteigen; doch zum dritten Male fühlte ich die Hand meines Führers mich zurückziehen. „Ei! mein Herr,“ ſagte er,„was machen Sie denn?“ „Ich beſichtige das Haus.“ „Hüten Sie ſich wohl! es hält an nichts, das Haus, und blieſe man ein wenig ſtark darauf, ſo würde man es einfallen machen.“ Und in der That,— mag nun Einer zu ſtark darauf geblaſen haben,— der Nordwind zum Bei⸗ ſpiel,— mag es des Daraufblaſens gar nicht be⸗ durft haben, ein Theil vom Gebäude iſt heute ein⸗ geſtürzt. Ich eilte nicht nur die zwei Stufen der Schne⸗ nicht ( cker vie weg mei wan wie Thů c zu ſe Höhl leuch an d jenig hätte ſchwo 3 drückt einer bald darau war. 0 S nen, ie!“ ume ngt, von ſſen, iner ann die iten ufen ußte zum rers das ſo ſtark Bei⸗ be⸗ ein⸗ hne⸗ 147 ckentreppe, die ich erſtiegen hatte, ſondern auch die vier oder fünf Stufen der Freitreppe wieder hinab. Mein Beſuch war beendigt, ich hatte nur noch wegzugehen Doch wo hinaus ging man weg? Man hätte glauben ſollen, mein Führer errathe meinen Wunſch, und er theile ihn lebhaft: denn er wandte ſich gegen mich um und ſagte: „Nicht wahr, Sie haben genug?“ „Habe ich Alles geſehen?“ „Durchaus Alles.“ „Nun, ſo laſſen Sie uns gehen!“ Er öffnete eine in der Dunkelheit verborgene, wie es unter dem Gewölbe war, unſichtbare kleine Thüre, und wir befanden uns in der Rue de lEſt. Ich folgte maſchinenmäßig meinem Manne bis zu ſeinem Keller: ich war begierig, Cacus in ſeine Höhle zurückkehren zu ſehen. In unſerer Abweſenheit hatte ſich der Keller er⸗ leuchtet: ein Licht brannte bei der Thüre. Unten an der Treppe wartete ein Mann, ſo ähnlich dem⸗ jenigen, mit welchem ich es zu thun hatte, daß man hätte glauben ſollen, es ſei ſein Schatten: er war ſchwarz wie der Andere vom Kopfe bis zu den Füßen. Die zwei Reger kamen einander entgegen und drückten ſich die Hand: ſie knüpften das Geſpräch in einer Sprache an, die mir Anfangs fremd ſchien, bald aber, Dank ſei es der Aufmerkſamkeit, die ich darauf verwandte, erkannte ich, daß es auvergnatiſch war. Sobald ich auf der Fährte, war das Uebrige nicht ſchwer zu finden. Ich hatte es ganz einfach mit einem Mitgliede 148 der ehrenwerthen Brüderſchaft der Kohlenbrenner zu thun; die Nacht und beſonders meine Einbildungs⸗ 3 kraft hatten die Gegenſtände vergrößert und Poetiſirt. k6i Ich gab meinem Führer drei Franken für die Mühe, die ich ihm verurſacht; er nahm ſeinen Hut Au ab, und an der geſtreiften Fleiſchfarbe, welche an e 13 dem Platze erſchien, wo das Reiben des Filzhutes t die Kohle weggenommen hatte, beſtätigte ich die Ge⸗ nauigkeit meiner Entdeckung. Und wenn ich nun mehr als zwanzig Jahre nach⸗ her dieſe Erinnerung in der Tiefe meines Gedächt⸗ 6 niſſes aufgeſucht und auf eine vielleicht etwas unge⸗ 36 wöhnliche Art hierher geſtellt habe, ſo geſchah dies, itti weil mir daran lag, den Leſer mit der Hertlichkeit tli bekannt zu machen, in die wir ihn verſetzen wollen. lu P Nach dieſem öden Garten der Rue de lEſt, zu dieſem einſamen, halb eingeſtürzten Hauſe bitten a wir ihn alſo, uns in der Nacht vom 21. Mai 18271 S 4 zu folgen. eſſen entfül F geplar Jadal Hilf Dir, und der Himmel wird Dir helſen. Gehi dachte In der Nacht vom 21. Mai, um Mitternacht, unſtü in dem Gehölze, links, wenn man durch die Rue d'Enfer eintritt,— doch wir glauben, man kann 6 heute nicht mehr dort eintreten, denn die Kette des Gitters hat uns, als wir das letzte Mal hier vor⸗ ten nic beikamen und einen retroſpectiven Blick auf die Er⸗ dergeſt eigniſſe warfen, deren Schauplatz dieſes Gehäge war, r zu ngs⸗ iſirt. die Hut an utes Ge⸗ nach⸗ ächt⸗ nge⸗ dies, hkeit len. „zu itten 827 acht, Rue kann e des vor⸗ e Er⸗ angenietet geſchienen,— am Montag den 21. Mai alſo, in dem Gehölze links, wenn man durch die Rue d'Enfer eintritt, rechts, wenn man durch die Rue de lEſt eintritt, fanden ſich(eingeführt durch den Koh⸗ lenbrenner, Führer und Wächter, den wir vor den Augen unſerer Leſer haben paſſiren laſſen, und der kein Anderer war, als unſer Freund Touſſaint⸗Lou⸗ verture) fanden ſich, ſagen wir, zwanzig verlarvte Carbonari verſammelt, das heißt eine beſondere Venta. Wie und warum hatte dieſe Venta dieſen Ort gewählt, um ſich zu verſammeln? Das können wir leicht erklären. Man erinnert ſich der Nacht, wo Herr Jackal rittlings hinabſteigend, auf einem Seile, in der Rue du Puits⸗qui⸗parle das Geheimniß der Verſamm⸗ lungen der Carbonari in den Katgkomben entdeckt hatte; man erinnert ſich, daß in Folge hievon Herr Jackal nach Wien abgereiſt war und das Complott, deſſen Zweck es war, den Herzog von Reichſtadt zu entführen, ſcheitern gemacht hatte. Ungeſchickte Agenten hatten dieſe Entdeckung aus⸗ geplaudert, und der nächtliche Beſuch von Herrn Jackal war für Keinen der Verſchworenen mehr ein Geheimniß. Dieſer Beſuch, während er das ſo mühſam er⸗ dachte Project des Generals Lebaſtard de Prémont umſtürzte, hatte für die Verſchworenen von Paris nicht die ganze Wichtigkeit gehabt, die er von An⸗ fang zu haben ſchien. Wären zehn franzöſiſche Re⸗ gimenter in die Katakomben hinabgeſtiegen, ſie hät⸗ ten nicht einen einzigen Carbonaro feſtnehmen können, dergeſtalt führten die tauſend Fußpfade der unter⸗ 150 irdiſchen Grüfte zu unzugänglichen Schlupfwinkeln. Ueberdies waren an fünf bis ſechs Orten die Kata⸗ komben bewunderungswürdig unterminirt, und es genügte ein auf eine Lunte dieſer Minen geſchütteter Funke, um das ganze linke Ufer in die Luft zu ſprengen. Allerdings verſchlang man ſich, indem man Paris verſchlang; war aber nicht Simſon ſo geſtorben? Ehe man indeſſen zu dieſer Extremität griff, war es beſſer, für den Augenblick die Katakomben zu ver⸗ laſſen, entſchloſſen, in den verzweifelten Fällen wie⸗ der dahin zu kommen. Es fehlte nicht an Verſamm⸗ lungsorten, und waren die Katakomben nicht mehr möglich als Vereinigungsplatz, ſo konnten ſie immer⸗ hin als Weg dienen, um in der Dunkelheit zu dem⸗ jenigen von den Freunden zu gehen, der ſeine Woh⸗ nung anbieten würde. dieſer Gelegenheit anſtellte, geſchah es, daß Einer der Verſchworenen, der in der Rue d'Enfer wohnte, in einer Nacht wahrnahm, der Keller, durch den er gewöhnlich in die Katakomben gelangte, ſtehe auf der Oſtſeite mit einem der Keller des öden Hauſes in Hauſes geweſen. Man machte alſo im Keller einen Durchbruch von ungefähr dreißig Fuß, ſodann ein Loch, und man befand ſich mitten im Walde; die Erde wurde durch Stützbalken feſtgehalten, weil man Einſtürze befürch⸗ tete; man ließ am Ende dieſes Erdganges eine Paſ⸗ ſage für einen einzigen Menſchen, und man beſchloß, So und bei den Nachforſchungen, die man bei Verbindung; nur war es gefährlich, ſich in einem Keller zu verſammeln, und wäre es der eines öden bis ver in der unt ben zu die dur The gen Rue Gra Kell dieſe und einſt Carr führt ware thüre Fallt linke der 6 zur T hat, oben keln. data⸗ des teter t zu aris 2 war ver⸗ wie⸗ mm⸗ mehr mer⸗ dem⸗ Woh⸗ n bei Einer ohnte, en er uf der ſes in einem öden h von man durch fürch⸗ e Paſ⸗ bis auf neuen Befehl ſich in dieſer Einſamkeit zu verſammeln, wobei Jeder den entſchiedenen Vorſatz in ſich trug, den Erſten, der ſie ſtören würde, nie⸗ derzuſchießen. Man wundere ſich übrigens nicht über alle dieſe unterirdiſchen Zuſtände, die wir ausführlich beſchrei⸗ ben, um unſerer Erzählung alle Wahrſcheinlichkeit zu geben: über fünfzig Häuſer des Quartiers, wo die Ereigniſſe vorfallen, die wir mittheilen, ſind ſo durchbrochen, und wir könnten eben ſo viele wie Theaterböden maſchinirte Keller anführen. Befra⸗ gen Sie, zum Beiſpiel, einen wackern Cafetier der Rue Saint⸗Jacques, Namens Giverne, dem Val⸗de⸗ Grace beinahe gegenüber; bitten Sie ihn, Sie ſeinen Keller beſichtigen zu laſſen und Ihnen die Legende dieſes Kellers zu ſagen: er wird Ihnen vorangehen und Ihnen ſagen, dieſer unterirdiſche Gang habe einſt zum Garten der Carmeliterinnen gehört. „Wozu ein unterirdiſcher Gang im Garten der Carmeliterinnen,“ werden Sie fragen,„und wohin führte er?“ „Eil zu den Carmeliterinnen, welche gegenüber waren, wo das Val⸗de⸗Grace iſt! Fragen Sie Giverne.“ Man beſchuldige uns alſo nicht, wir ſetzen Fall⸗ thüren und unterirdiſche Gänge dahin, wo es weder Fallthüren, noch unterirdiſche Gänge gibt. Das ganze linke Ufer, von der Tour de Nesle, die ihren nach der Seine führenden unterirdiſchen Gang hatte, bis zur Tombe⸗Iſſoire, die ihren Eingang bei Montrouge hat, das ganze linke Ufer iſt nur eine Fallthüre von oben bis unten. 152 Kommen wir auf unſere nächtliche Verſammlung zurück. Dieſe Verſammlung beſtand, wie geſagt, aus zwanzig Carbonari; denn, obgleich der Carbonaris⸗ mus, nachdem er ſeit 1824 verſchiedene ſucceſſive Nieder⸗ lagen erlitten, factiſch aufgelöſt war und keine ſchein⸗ bare Exiſtenz mehr hatte, ſo hatten ſich ſeine Haupt⸗ mitglieder doch wiedergefunden, und den Carbona⸗ rismus, wenn nicht unter demſelben Namen, doch auf denſelben Baſen, reorganiſirt. Der Zweck der Verſammlung in dieſer Nacht war, den Grund zu der Geſellſchaft zu legen, welche bald nachher den Titel Geſellſchaft Hilf Dir, und der Himmel wird Dir helfen, annehmen ſollte; ihre Stifter hatten hauptſächlich zur Abſicht, die Wahlen zu leiten und den öffentlichen Geiſt zu lenken und zu erleuchten. Man ſchlug mehrere Arten der Bildung des Aus⸗ ſchuſſes vor, und man kam überein, dieſen Ausſchuß mittelſt vierteljährlicher Wahlen zu conſtituiren, welche ſtattfinden ſollten, ſobald die Zahl der Geſellſchafts⸗ mitglieder hundert erreicht hätte; man kam auch überein, ſich ſtreng in den Gränzen der Geſetzlichkeit zu halten, oder vielmehr, ſich darein zu verſchanzen. Es genügte indeſſen nicht, Verſammlungen in Pa⸗ ris zu halten und einen Ausſchuß zur Leitung der Wahlen zu bilden, man mußte die Departements in⸗ ſtruiren und ſie zur Höhe der Hauptſtadt heranfüh⸗ ren. Man ſprach alſo davon, Wahlausſchüſſe in jedem Arrondiſſement und ſo viel als möglich in jedem Canton zu ſchaffen, und mit dieſen Ausſchüſſen einen g u8 is⸗ er⸗ ein⸗ pt⸗ n⸗ och acht lche und llte; die nken lus⸗ chuß elche afts⸗ auch hkeit nzen. Pa⸗ der in⸗ e in edem einen 153 fortwährenden Verkehr zu unterhalten, um ſie functio⸗ niren zu machen. Dies war der Zweck dieſer nächtlichen Verſamm⸗ lung, in der die erſten Abſteckpfähle der furchtbaren Geſellſchaft Hilf Dir, und der Himmel wird Dir helfen*) geſetzt wurden, welche einen ſo großen Einfluß auf die nächſten Wahlen üben ſollte. Man war ſo weit mit der Discuſſion, und es mochte ein Uhr Morgens ſein, als man die dürren Zweige unter den Tritten eines Mannes krachen hörte und einen ſchwarzen Schatten am Saume des Waldes erſcheinen ſah. In einer Secunde hatte jeder Verſchworene in ſeiner Hand den Dolch, den er in ſeiner Bruſt ver⸗ borgen trug. Der Schatten kam näher: es war Touſſaint, der Concierge des öden Hauſes, ſelbſt Carbonarv und hierher geſetzt, um als Wächter nicht nur für das Haus, ſondern auch für diejenigen zu dienen, welche ſich hier verſammelten. „Was gibt es?“ fragte einer der Chefs. „Es iſt ein fremder Bruder da, der eingeführt zu werden verlangt,“ antwortete Touſſaint. „Iſt es wirklich ein Bruder?“ „Er hat alle Erkennungszeichen gemacht.“ „Woher kommt er?“ „Von Trieſt.“ „Iſt er allein oder in Begleitung?“ „Er iſt allein.“ *) Aide toi, le ciel t'aidera. 15⁴ Die Carbonari berathſchlagten, indem ſie ſich in einer einzigen Gruppe vereinigten, außerhalb welcher Touſſaint blieb; nach einem Augenblicke der Bera⸗ thung öffnete ſich die Gruppe wieder, und eine Stimme ſprach: „Führen Sie den fremden Bruder ein, jedoch mit allen üblichen Vorſichtsmaßregeln.“ Touſſaint verbeugte ſich und verſchwand. Nach einem Momente hörte man die dürren Zweige aufs Neue krachen, und man ſah durch die Bäume zwei Schatten ſtatt eines herbeikommen. Die Carbonari warteten ſtillſchweigend. Touſſaint führte in den Mittelpunkt der von ih⸗ nen beſchriebenen Linie den fremden und unbekannten Bruder, der ſich von ihm geleitet und mit verbunde⸗ nen Augen näherte; hier ließ er ihn allein und zog ſich zurück. Die Linie der Carbonari ſchloß ſich wieder und bildete einen Kreis um den Ankömmling. Dann wandte ſich dieſelbe Stimme, welche ſchon geſprochen hatte, an ihn und ſagte: „Wer ſind Sie? woher kommen Sie? was ver⸗ langen Sie?“ „Ich bin der General Graf Lebaſtard de Prémont,“ antwortete der Ankömmling;„ich lange von Trieſt an, wo ich mich eingeſchifft habe, nachdem ich bei meinem Unternehmen in Wien geſcheitert bin, und ich komme nach Paris, um Herrn Sarranti, meinen Freund und Genoſſen, zu retten.“ Es entſtand ein ſtarkes Gemurmel unter den Carbonari. her ra⸗ ine och ren die ih⸗ ten de⸗ 0g nd ei Dann ſprach die Stimme, die ſich ſchon hatte vernehmen laſſen, die einfachen Worte: „Nehmen Sie Ihre Binde ab, General, Sie ſind unter Brüdern.“ Der General Graf de Prémont nahm ſeine Binde ab, und ſein edles Geſicht erſchien entblößt. Sogleich ſtreckten ſich alle Hände, wie ein freund⸗ ſchaftlicher Bündel, gegen ihn aus; Jeder wollte ſeine Hand berühren, wie bei einem im Enthuſiasmus ausgebrachten Toaſt Jeder das Glas von demjeni⸗ gen, welcher ihn ausgebracht hat, berühren will. Endlich trat wieder Stille ein; der Schauer, der durch die Luft lief, erloſch. „Brüder,“ ſprach der General,„Ihr wißt, wer ich bin. Im Jahre 1812 von Napoleon nach In⸗ dien geſchickt, follte ich dort ein militäriſches Reich organiſiren, das im Stande wäre, uns und den Ruſſen entgegenzukommen, wenn wir, durch das caſpiſche Meer, in Nepaul vordringen würden. Ich habe es organiſirt, dieſes Königreich, es iſt Lahore.. Als Napoleon gefallen war, glaubte ich, das Project ſei mit ihm gefallen... Eines Tags kam Herr Sarranti an; er ſuchte mich, immer im Namen des Kaiſers, auf; doch es handelte ſich nicht mehr darum, das Werk Napoleons I. zu verfolgen, ſondern Na⸗ poleon II. auf den Thron zu ſetzen. Ich nahm mir nur die Zeit, die ich brauchte, um Verbindungen in Europa anzuknüpfen, und reiſte an dem Tage ab, wo ich erfuhr, ſie ſeien angeknüpft; ich kam über Dſchedda, Suez und Alexandrien; ich erreichte Trieſt, wo ich mich mit unſern italieniſchen Brüdern affiliirte; dann begab ich mich nach Wien.. Sie wiſſen, wie 156 unſer Project ſcheiterte... Nach Trieſt zurückgekehrt, verbarg ich mich bei einem unſerer Brüder, und hier erfuhr ich, daß man Herrn Sarranti zum Tode ver⸗ urtheilt hatte. Ich ſchiffte mich ſogleich nach Frank⸗ reich ein auf die Gefahr deſſen, was mir widerfah⸗ ren könnte, und ſchwor dabei, das Loos meines Freundes zu theilen, das heißt zu leben, wenn er lebte, zu ſterben, wenn er ſterben würde: Mitſchul⸗ dige deſſelben Verbrechens müſſen wir dieſelbe Strafe erleiden.“ Ein tiefes Stillſchweigen empfing dieſe Worte. Herr Lebaſtard de Prémont fuhr fort: „Einer unſerer Brüder in Italien gab mir einen Brief an einen unſerer Brüder in Frankreich, Herrn von Marande: es war ein Creditbrief, und keine politiſche Empfehlung. Herr von Marande empfing mich; ich gab mich ihm zu erkennen, nannte ihm den Zweck meiner Reiſe, ſagte ihm von dem Ent⸗ ſchluſſe, den ich gefaßt, von meinem Wunſche, mit den Hauptmitgliedern einer hohen Venta in Verbin⸗ dung gebracht zu werden. Herr von Marande theilte mir mit, es ſei gerade heute Verſammlung, machte mich mit dem Orte der Verſammlung bekannt, und bezeichnete mir, durch welches Mittel ich in dieſen Gar⸗ ten gelangen und bis zu Ihnen kommen könne. Ich benützte die mir gegebenen Inſtructionen... Ich weiß nicht, ob Herr von Marande unter Ihnen iſt; iſt er unter Ihnen, ſo danke ich ihm...“ Keine Bewegung ließ vermuthen, Herr von Ma⸗ rande ſei unter der Zahl der Anweſenden. Dieſelbe Stille, welche ſchon einmal geherrſcht hatte, entſtand abermals. des Generals. 157 Der General de Prémont fühlte etwas wie einen Schauer in ſich, er fuhr aber nichtsdeſtoweniger fort: „Ich weiß, Brüder, daß unſere Anſichten nicht dieſelben ſind; ich weiß, daß ſich unter Euch Repu⸗ blikaner und Orleaniſten finden; doch Republikaner und Orleaniſten wollen, wie ich, die Befreiung des Vaterlandes, den Ruhm Frankreichs, die Ehre der Nation, nicht wahr, Brüder?“ Die Köpfe neigten ſich, doch nicht eine Stimme antwortete. „Nun wohl,“ ſprach der General,„ich kenne Herrn Sarranti ſeit ſechs Jahren; ſeit ſechs Jahren haben wir uns nicht eine Minute verlaſſen; ich ſtehe für ſeine Tapferkeit, für ſeine Rechtſchaffenheit, für ſeine Tugend; um Alles zu ſagen: ich ſtehe für Herrn Sar⸗ ranti wie für mich ſelbſt. Ichkomme alſo in meinem Na⸗ men und im Namen des Bruders, der bereit iſt, ſeine Er⸗ gebenheit mit ſeinem Kopfe zu bezahlen, und bitte Euch, mir das thun zu helfen, was ich allein nicht thun kann. Ich fordere Eure Unterſtützung, um Einen der Unſern einem ſchmählichen Tode zu entziehen, um, was es auch koſten mag, Herrn Sarranti aus dem Gefängniſſe, wo er eingeſchloſſen iſt, zu entfüh⸗ ren. Ich biete als Ausführung vor Allem meine zwei Arme, ſodann ein ſo großes Vermögen, daß es genügen würde, ein Jahr kang das Heer des Königs von Frankreich zu beſolden... Brüder, nehmt meine Arme, ſtreut meine Millionen aus, und gebt mir meinen Freund zurück! Ich habe es geſagt, und ich erwarte Eure Antwort.“ Doch die Stille empfing dieſen warmen Aufruf 158 Der Redner ſchaute umher: ſtatt des Schauers, den er ſeine Adern durchlaufen gefühlt hatte, war es ein kalter Schweiß, was er von ſeiner Stirne fließen fühlte. „Nun,“ fragte er,„was geht denn vor?“ Kein Hauch antwortete. „Habe ich,“ fuhr er fort,„einen unziemlichen Vorſchlag, ein ungeſchicktes Anerbieten gemacht? Schreibt Ihr mein Verlangen einem rein perſönlichen Intereſſe zu, und glaubt Ihr, es ſei hier nur ein Freund, der Euern Schutz zu Gunſten eines Freun⸗ des in Anſpruch nehme?... Meine Brüder, ich habe fünftauſend Meilen zurückgelegt, um zu Euch zu kommen; ich kenne von Euch weder die Einen, noch die Andern; ich weiß, daß wir dieſelbe Liebe für das Gute, denſelben Haß gegen das Böſe haben. Wir kennen uns alſo in Wirklichkeit, obſchon wir uns nie geſehen haben und ich zum erſten Male zu Euch ſpreche. Nun wohl, im Namen der ewigen Gerech⸗ tigkeit verlange ich von Euch, daß Ihr einem unge⸗ rechten und entehrenden Urtheile, einem entſetzlichen Tode einen der größten Gerechten, den ich gekannt habe, entzieht!... Antwortet mir doch, meine Brü⸗ der, oder ich müßte Euer Stillſchweigen für eine Weigerung halten, und Eure Weigerung für die Be⸗ ſtätigung des ungerechteſten Spruches, der je aus einem menſchlichen Munde hervorgegangen iſt!“ So förmlich aufgefordert, konnten die Geſchwo⸗ renen nichts Anderes thun als antworten. Derjenige, welcher ſchon geſprochen hatte, erhob alſo die Hand, um anzudeuten, er wolle reden, und er ſagte: hei gez non ratl För die und das Gen der( Ged rität Sie, zu a von Die ſcher von Ihne verw von Hand Zwec welch mit Bewe ben G Sarre ob 159 „Brüder, jedes Verlangen eines Bruders iſt heilig und muß, nach den Statuten, in Berathung gezogen, ſodann nach der Stimmenmehrheit ange⸗ nommen oder verworfen werden. Wir werden be⸗ rathſchlagen.“ Der General war vertraut mit dieſen düſteren Förmlichkeiten; er verbeugte ſich, während die Gruppe, die ihn umgeben hatte, ſich zuerſt von ihm trennte und ſodann weiter entfernt ſich wiederbildete. Nach fünf Minuten ging der Affiliirte, der ſchon das Wort geführt hatte, ein paar Schritte auf den General zu und ſprach mit demſelben Tone, mit dem der Chef der Jury die Sentenz verkündigt: „General, ich bin nicht der Dolmetſcher meines Gedankens allein: ich ſpreche im Namen der Majo⸗ rität der hier gegenwärtigen Mitglieder, vernehmen Sie, was ich Ihnen in ihrem und in meinem Namen zu antworten beauftragt bin: Cäſar ſagte, die Frau von Cäſar dürfe nicht einmal beargwohnt werden. Die Freiheit iſt eine Matrone, welche noch viel keu⸗ ſcher, viel unbefleckter bleiben muß, als die Frau von Cäſar!— Bruder,— mit Bedauern gebe ich Ihnen die Antwort,— werden nicht evidente, un⸗ verwerfliche, leuchtende Beweiſe von der Unſchuld von Herrn Sarranti geliefert, ſo vermöchten wir die Hand nicht einem Unternehmen zu bieten, deſſen Zweck es iſt, dem Geſetze denjenigen zu entziehen, welchen das Geſetz mit Recht verurtheilt hat; ich ſage mit Recht, verſtehen Sie wohl, General, bis der Beweis vom Gegentheile gegeben wird.. Glau⸗ ben Sie, unſere glühendſten Wünſche haben Herrn Sarranti während der ganzen Zeit begleitet, die 160 dieſer ſchmerzliche Proceß gedauert hat; glauben Sie, wir haben geſchauert in dem Augenblicke, wo das Urtheil geſprochen werden ſollte; glauben Sie, unſer Herz hat geblutet, als das Urtheil geſprochen war... General, beweiſen Sie uns die Unſchuld von Herrn Sarranti, und es ſollen nicht mehr zwei Arme, zehn Arme ſein, die Sie zur Unterſtützung haben werden: es werden die hunderttauſend Arme der Verbindung ſein!“ Hierauf machte der Redner noch einen Schritt gegen Herrn Lebaſtard de Prémont und fügte bei: „General, bringen Sie uns einen Beweis von der Unſchuld von Herrn Sarranti?“ „Ach!“ ſprach der General, das Haupt neigend, „ich habe keine andere Beweiſe, als meine eigene Ueberzeugung.“ „In dieſem Falle,“ erwiederte der Carbonarichef, „beſteht die Berathung in ihrer ganzen Strenge.“ Und er grüßte Herrn Lebaſtard de Prémont, und kehrte zu der Gruppe der anderen Geſchworenen zurück, welche wegzugehen ſich anſchickten. Poch der General erhob das Haupt, ſtreckte die Hände aus, um einen letzten Verſuch zu machen, und ſprach: „Brüder, es iſt dies die Antwort der Majorität, und ich unterwerfe mich: doch erlaubt mir nun, daß ich an die Individualitäten appellire.. Brüder, iſt unter Euch ein wie ich von der Unſchuld von Herrn Sarranti überzeugtes Herz? dann ſchließe ſich dieſes Herz, ein Freund des meinigen, mir an, und ich werde es verſuchen, mit ihm das zu vollbringen, tra Leb Sie, das nſer errn zehn den: un hritt bei: von en, gene ichef, 7 nont, enen e die chen, rität, daß üder, von e ſich und ngen, was ich mit Eurer Hülfe zu unternehmen glücklich geweſen wäre.“ Der Carbonaro⸗Redner wandte ſich gegen ſeine Gefährten um und ſagte: „Brüder, iſt unter Euch ein von der Unſchuld von Herrn Sarranti überzeugter Mann, ſo ſteht es ihm frei, ſich mit dem General zu verbinden und mit ihm alle Zufälle des Glückes und des Unglücks zu verſuchen.“ Ein Mann machte ſich von der Gruppe los, legte ſeine linke Hand auf die Schulter des Grafen de Prémont, nahm mit der rechten Hand ſeine Larve ab und antwortete: „Ich!“ „Salvator!“ wiederholten die neunzehn Anderen. Es war in der That Salvator, der, von der Un⸗ ſchuld von Herrn Sarranti überzeugt, ſeine Hülfe dem General anbot. Die anderen Carbonari vertieften ſich Einer nach dem Andern in die Sycomorenallek, welche zum Ein⸗ gange des unterirdiſchen Gewölbes führte, und ver⸗ ſchwanden. Salvator blieb allein mit dem Grafen de Prémont. X. Was man mit Geld machen kann, und was man mit Geld nicht machen kann. An den Stamm eines Baumes angelehnt, be⸗ trachtete Salvator einen Augenblick den General Lebaſtard de Prémont. Dumas, Salvator. 1I. 11 162 Das Geſicht von Herrn Sarranti ſelbſt, als er ſein Todesurtheil ſprechen hörte, war weniger nie⸗ dergeſchlagen und weniger bleich, als es das des Generals war, da er dieſe grauſame Sentenz vom Munde von Freunden ausſprechen hörte, von denen er, mit Gefahr ſeines Lebens, verlangt hatte, daß man ihm das ſeines Freundes retten helfe. Salvator näherte ſich ihm. Der General reichte Salvator die Lnn. „Mein Herr,“ ſagte der General zu ihm,„ich kenne Sie nur Ihrem Namen nach; dieſer Name, Ihre Freunde haben ihn mit lauter Stimme ausge⸗ ſprochen, und er ſcheint mir ein glückliches Vorzeichen zu ſein.“ „Es iſt in der That ein prädeſtinirter Name,“ antwortete lachend Salvator. „Sie kennen Sarranti?“ „Nein, mein Herr; doch ich bin der vertraute, und beſonders der ergebene und dankbare Freund ſeines Sohnes. Damit ſage ich Ihnen, General, daß ich die Hälfte Ihres Schmerzes trage, und daß Sie zu Gunſten von Herrn Sarranti mit Leib und Seele über mich verfügen können.“ „Sie theilen alſo die Meinung Ihrer Brüder nicht?“ fragte lehaft der General, den dieſe guten Worte für den Augenblick wiederbelebt hatten. „Hören Sie, General,“ ſprach Salvator,„die Bewegung der Maſſen, welche beinahe immer gerecht iſt, weil ſie inſtinctmäßig, iſt oft blind, ſtreng und hart. Jeder von dieſen Menſchen, welche ſo eben die von Herrn Sarranti ratificirt haben, hätte, allein zu Rathe gezogen, ein anderes Urtheil mei zug wär Fre vern den von wert loya den, rant über alle nie⸗ des vom nen daß ute, und ral, daß und der ten die cht ind ben en, eil g— 163 geſprochen, das heißt das, welches ich zu ſprechen im Begriffe hin: Nein, aus der Tiefe meines Gewiſſens, ich halte Herrn Sarranti nicht für ſchuldig. Der⸗ jenige, welcher ſeit dreißig Jahren bei den blutigen Zufällen des Schlachtfelds, bei den tödtlichen Käm⸗ pfen der Parteien um ſeinen Kopf geſpielt hat, ver⸗ möchte nicht ein feiges Verbrechen zu begehen, er vermöchte nicht ein elender Dieb, ein gemeiner Mör⸗ der zu ſein; ich behaupte alſo moraliſch die Unſchuld von Herrn Sarranti.“ Der General drückte Salvator die Hand. „Ich danke Ihnen, mein Herr, daß Sie ſo zu mir ſprechen,“ ſagte er zu ihm. „Doch,“ fuhr Salvator fort,„ſobald ich Ihnen meine Unterſtützung angeboten habe, habe ich mich zugleich zu Ihrer Verfügung geſtellt.“ „Was wollen Sie damit ſagen? ich höre mit Bangigkeit.“ „Ich will damit ſagen, mein Herr, in der gegen⸗ wärtigen Lage genüge es nicht, die Unſchuld unſeres Freundes zu verſichern: man muß ſie beweiſen, un⸗ verwerflich beweiſen. Bei den Kriegen, welche von den Verſchwörern gegen die Regierung und folglich von der Regierung gegen die Verſchwörer geführt werden, ſind alle Waffen gut, und die, welche zwei loyale Männer oft für ein Duell ausſchlagen wür⸗ den, werden gierig von den Parteien ergriffen.“ „Erklären Sie ſich.“ „Die Regierung will den Tod von Herrn Sar⸗ ranti; ſie will ihn ſchimpflich, weil ſich dieſer Schimpf über ihre Gegner verbreiten und man ſagen wird, alle Verſchwörer ſeien Elende oder müſſen ſolche ſein, 16⁴ da ſie zu ihrem Chef einen Mann, der Dieb und Mörder, angenommen haben.“ „Oh!“ fagte der General,„darum hat der Staats⸗ anwalt die politiſche Anklage beſeitigt?“ „Und darum lag Herrn Sarranti ſo viel daran, daß ſie wieder aufgenommen werde.“ „Nun?“ „Die Regierung wird nur ſichtbaren, greifbaren, flagranten Beweiſen weichen. Es handelt ſich nicht nur darum, ihr zu ſagen:„„Herr Sarranti iſt des Verbrechens, deſſen er angeklagt iſt, nicht ſchuldig;““ man muß ihr ſagen:„„Hier iſt der des Verbrechens, deſſen man Herrn Sarranti angeklagt hat, Schuldige!““ „Und dieſe Beweiſe, mein Herr, Sie haben ſie?“ rief der General;„dieſen wahren Schuldigen können Sie beibringen?“ „Ich habe dieſe Beweiſe nicht, ich kenne den Schuldigen nicht,“ antwortete Salvator;„aber „Aber 2 „Ich bin vielleicht auf der Spur.“ „Sprechen Sie! ſprechen Sie! und Sie werden Ihres Namens wahrhaft würdig ſein, mein Herr.“ „Nun wohl,“ ſagte Salvator, indem er ſich dem General näherte,„hören Sie, was ich Niemand ge⸗ ſagt habe, und was ich Ihnen ſage.“ „Oh! ſagen Sie! ſagen Sie!“ rief der General, indem er ſich ebenfalls Salvator näherte. „In dem Hauſe, wo Herr Sarranti als Hofmei⸗ ſter eingetreten war, und das Herrn Gérard gehörte; in dieſem Hauſe, aus dem er am 19. oder 20. Auguſt 1820 geflohen iſt,— denn die ganze Frage kann im genauen Datum der Flucht liegen;— kurz im und tats⸗ ran, ren, nicht des . 8 enms, e 0 ſie?“ nnen den erden rr.. dem d ge⸗ neral, fmei⸗ hörte; uguſt kann tz im Parke von Viry habe ich den Beweis gefunden, daß wenigſtens eines von den Kindern ermordet wurde.“ „Ah!“ erwiederte Herr de Prémont,„glauben Sie nicht, daß dieſer Beweis zur Belaſtung unſeres Freundes dienen wird?“ „Mein Herr, wenn man die Wahrheit verfolgt, und es iſt die Wahrheit, was wir verfolgen, nicht wahr?— denn wäre Herr Sarranti ſchuldig, ſo würden wir ihn verlaſſen, wie ihn die Anderen ver⸗ laſſen haben;— verfolgt man die Wahrheit, ſo muß man jeden Beweis ergreifen, und wäre dieſer Be⸗ weis ſcheinbar gegen denjenigen, deſſen Unſchuld man will anerkennen machen. Die Wahrheit trägt ihr Licht in ſich ſelbſt; kommen wir zur Wahrheit, und es wird Tag werden.“ „Gut... Wie haben Sie nun dieſen Beweis erlangt?“ „Als ich in einer Nacht im Parke von Viry um⸗ herſchweifte,— aus Urſachen, welche durchaus in keinem Zuſammenhange mit der Angelegenheit ſtehen, die uns in dieſem Augenblicke beſchäftigt,— fand ich in der Tiefe eines Dickichts, am Fuße einer Eiche, in einem Loche, das mein Hund mit der größten Heftigkeit grub, das Skelett eines Kindes, welches man ſtehend begraben hatte.“ „Und Sie glauben, es ſei das von einem der zwei verſchwundenen Kinder?“ „Das iſt mehr als wahrſcheinlich.“ „Doch das andere Kind? denn es war ein Knabe und ein Mädchen.“ 166 „Das andere Kind glaube ich auch wiedergefun⸗ den zu haben.“ ₰ 2 2 Pun Dank ſei es dem Hunde? * „Todt oder lebendig?“ „Lebend, denn es war das Mädchen.“ „Nun?“ „Aus dieſem doppelten Vorfalle habe ich geſchloſ⸗ ſen, wenn ich frei handeln könnte, ſo käme ich viel⸗ leicht zur vollſtändigen Kenntniß des Verbrechens, und dieſe Kenntniß würde mich unvermeidlich zu der des Verbrechers führen.“ „Ei! in der That, wenn Sie das Mädchen le⸗ bend aufgefunden haben!“ rief der General. „Lebend, ja!“ „Die Kleine mußte ſchon ſechs bis ſieben Jahre alt ſein zur Zeit, wo das Verbrechen begangen wurde.“ „Sechs Jahre, ja.“ „Sie könnte ſich alſo erinnern?“ „Sie erinnert ſich.“ „Nun wohl, alſo?..5 „Nur erinnert ſie ſich zu ſehr.“ „Ich verſtehe nicht.“ „Wendet man die Augen des armen Kindes die⸗ ſer entſetzlichen Kataſtrophe zu, ſo verwirrt ſich ihr Geiſt, und ſie iſt nervöſen Kriſen preisgegeben, bei denen ſie die Vernunft verlieren kann. Von welchem Gewichte ſoll die Ausſage eines Kindes ſein, welches man des Irrſinns beſchuldigen und mit einem Worte wirklich wahnſinnig machen wird? Ah! ich habe Alles wohl erwogen.“ loſ⸗ iel⸗ ns, der hre en ie⸗ ihr bei em es rte be 167 „Nun wohl, nehmen wir den Todten ſtatt des Lebenden. Wenn der Lebende ſchweigt, vermöchte nicht der Leichnam zu ſprechen?“ „Ja, wenn ich frei handeln könnte.“ „Was hindert Sie daran? Gehen Sie zum Staatsanwalte, zeigen Sie ihm Alles an; übertragen Sie der Juſtiz die Aufgabe, das Licht zu finden, das Sie anrufen, und...“ „Ja, und die Polizei wird in einer Nacht die Spuren verſchwinden machen, welche am andern Tage die Gerichte ſuchen werden? Sagte ich Ihnen nicht, die Polizei habe jedes Intereſſe, dieſe Beweiſe zu entfernen, uni Herrn Sarranti in der kothigen Sache des Diebſtahls und des Mords zu ertränken.“ „Dann verfolgen Sie dieſe Angelegenheit durch Sie ſelbſt. Verfolgen wir ſie. Sie ſagen, Sie könn⸗ ten zur Wahrheit gelangen, wäre es Ihnen geſtattet, frei zu handeln; was hindert Sie, frei zu handeln? Sagen Sie.“ „Ah! das iſt eine ganz andere Sache, nicht min⸗ der gewichtig, nicht minder ernſt, nicht minder ſchänd⸗ lich, als die von Herrn Sarranti.“ „Es mag ſein! laſſen Sie uns aber handeln!“ „Handeln wir! ich verlange nichts Anderes; doch vor Allem.. „Was?“ „Finden wir das Mittel, frei das Haus und den Park zu durchſuchen, wo das Verbrechen,— oder vielmehr, wo die Verbrechen begangen worden ſind.“ „Dieſes Mittel, iſt es möglich, es zu finden?“ „Ja.“ „Um welchen Preis?“ „Um Geld.“ „Ich habe Ihnen ſchon geſagt, ich ſei ungeheuer „Ja, General, doch das genügt nicht.“ „Was braucht es noch mehr?“ „Ein wenig Kühnheit und viel Beharrlichkeit.“ „Ich habe Ihnen geſagt, ich biete mein Vermö⸗ gen an; nicht allein mein Vermögen, ſondern auch meinen Arm; nicht allein meinen Arm, ſondern auch mein Leben, um zu dieſem Ziele zu gelangen.“ „Nun wohl, General, ich glaube, wir fangen an uns zu verſtehen,“ ſprach Salvator. Er ſchaute dann umher und bemerkte, daß der Mond, in ſeiner Fülle auf den Maulbeerfeigenbaum fallend, an den er angelehnt war, ihn und den Ge⸗ neral ſcharf beleuchtete. „Kommen Sie unter den Schatten der Bäume, General,“ ſagte er,„denn wir haben von Dingen zu ſprechen, wobei wir unſer Leben nicht nur auf dem Schaffot, ſondern am Saume eines Waldes, an der Ecke einer Mauer risquiren. Wir haben es diesmal zugleich mit der Polizei als Verſchwörer und mit Elenden als Ehrenmänner zu thun.“ Hienach zog Salvator Herrn Lebaſtard de Pré⸗ mont wirklich an den Ort des Gehölzes fort, wo der Schatten dichter war. Der General überließ dem jungen Manne die Sorge, einen forſchenden Blick umherzuwerfen; er gab ihm Zeit, auf das geringſte Geräuſch zu horchen, das zu ſeinem Ohre gelangte; ſodann, als er ihn beinahe beruhigt ſah, ſagte er: „Sprechen Sie.“ reich uer mö⸗ auch auch an der aum Ge⸗ ume, ngen dem der smal mit Pré⸗ der e die er chen, ihn — 169 „Nun wohl, General,“ erwiederte Salvator, „man müßte ſich vor Allem vollkommen zum Herrn von Schloß und Park Viry machen.“ „Nichts kann leichter ſein.“ „Wie ſo?“ „Allerdings: man braucht nur Beides zu kaufen.“ „Leider, General, iſt es nicht zu verkaufen.“ „Gibt es etwas, was nicht zu verkaufen iſt?“ „Ah! ja, General: gerade dieſer Park und die⸗ ſes Haus.“ „Warum?“ „Weil ſie als Windſchirm, als Zufluchtsort, als Schutzdach bei einem Verbrechen dienen, das faſt eben ſo monſtruos, als das iſt, für welches wir den Beweis ſuchen.“ „Dieſes Haus iſt alſo bewohnt?“ „Von einem allmächtigen Menſchen.“ „Allmächtig als politiſche Stellung?“ „Nein, als religiöſe Affiliirung, was noch viel ſolider iſt!“ „Und wie heißt dieſer Menſch?“ „Graf Lorédan von Valgeneuſe.“ „Warten Sie,“ ſagte der General, indem er ſein Kinn auf ſeine Hand ſtützte,„ich kenne dieſen Na⸗ m „Das iſt in der That wahrſcheinlich, da dieſer Name einer der bekannteſten der franzöſiſchen Ari⸗ ſtokratie iſt.“ „Doch wenn ich ein gutes Gedächtniß habe,“ ſagte der General, ſeine Erinnerungen zurückrufend, „ſo war der Marquis von Valgeneuſe, der, welchen ich gekannt habe, ein höchſt ehrenwerther Mann.“ 170 „Oh! ja, der Marquis,“ rief Salvator,„das iſt das edelſte Herz, die redlichſte Seele, die ich je ge⸗ kannt habe!“ „Ah!“ fragte der General.„Sie haben ihn auch gekannt, mein Herr?“ „Ja,“ antwortete einfach Salvator;„doch es iſt f nicht von ihm die Rede.“ 9 „Vom Grafen alſo... Ich werde von ihm nicht ſagen, was ich von ſeinem Bruder ſagte.“ Salvator ſchwieg, als wollte er ſeine Meinung in Betreff des Grafen von Valgeneuſe nicht aus⸗ drücken. Der General fuhr fort: A „Was iſt aus dem Marquis geworden?“ ſc „Er iſt geſtorben,“ antwortete Salvator, ſchmerz⸗ w lich das Haupt neigend. „Er iſt geſtorben?“ ge „Ja, General.. plötzlich.. an einem Schlag⸗ anfalle.“ m „Er hatte aber einen Sohn„. einen natür⸗ lichen Sohn, glaube ich? 2 S „So iſt es.“ V „Was iſt aus dieſem Sohne geworden?“ „Geſtorben, ein Jahr nach ſeinem Vater.“. „Geſtorben!... Ich habe ihn als Kind gekannt, b nicht größer als ſo,“ ſagte der General, ſeine Hand bis zum Niveau des Graſes ſenkend.„Es war ein Knabe von einem Verſtande über ſeinem Alter und von einer außerordentlichen Feſtigkeit... Geſtor⸗ i ben!.. Und wie?“ nic „Er hat ſich erſchoſſen,“ antwortete laconiſch Salvator. —— 171 „Ein großer Schmerz, ohne Zweifel?“ „Ja, wahrſcheinlich.“ „Alſo hat der Bruder des Marguis Schloß und Park Viry gekauft?“ „Der Sohn dieſes Bruders, der Graf Lorédan, hat den Park und das Schloß nicht gekauft, ſondern gemiethet.“ „Ich wünſche ihm, er möge nicht ſeinem Vater gleichen.“ „Der Vater iſt der Genius der Ehre und der Rechtſchaffenheit mit ſeinem Sohne verglichen.“ „Sie loben den Sohn nicht, mein lieber Herr... Abermals ein großes Haus, das hingeht,“ ſprach ſchwermüthig der General,„und in Staub, oder, was noch ſchlimmer iſt, in Schande zerfallen wird.“ Sodann, nachdem er einen Augenblick geſchwie⸗ gen, fragte der General: „Und was macht Herr Lorédan von Valgeneuſe mit dem Hauſe, an dem ihm ſo viel liegt?“ „Habe ich Ihnen nicht geſagt, das Haus bedecke ein Verbrechen?“ „Darum frage ich Sie gerade, was Herr von Valgeneuſe mit dieſem Hauſe mache.“ „Er macht daraus das Gefängniß eines Kindes, das er entführt hat.“ „Eines Kindes?“ „Ja, eines ſechzehnjährigen Mädchens.“ „Eines Mädchens... Sechzehn Jahre!“ mur⸗ melte der General.„Gerade das Alter des mei⸗ nigen.“ Sodann fragte er plötzlich: „Da Sie aber das Verbrechen kennen, mein Herr, oder vielmehr, da Sie den Verbrecher kennen, warum zeigen Sie ihn nicht beim Gerichte an?“ „Weil in den ſchlimmen Zeiten, in denen wir leben, General, es nicht nur Verbrechen gibt, über welchen die Juſtiz die Augen ſchließt, ſondern auch Verbrecher, die ſie unter ihren Schutz nimmt.“ „Ah!“ ſprach der General,„und ganz Frankreich erhebt ſich nicht, empört ſich nicht gegen einen ſolchen Zuſtand der Dinge?“ Salvator lächelte. „Fronkreich wartet auf eine Gelegenheit, Ge⸗ neral.“ „Man kann ſie entſtehen machen, wie mir ſcheint!“ „Wir verſammeln uns nur in dieſer Abſicht.“ „Kommen wir auf das Dringendſte zurück; denn Frankreich wird ſich nicht ausdrücklich empören, um Herrn Sarranti zu retten, und ich muß ihn retten. Laſſen Sie hören, wenn das Haus nicht zu ver⸗ kaufen iſt, durch welche Mittel hoffen Sie ſich zum Herrn deſſelben zu machen?“ „Vor Allem, General, erlauben Sie mir, daß ich Sie von der Lage der Dinge genau unterrichte.“ „Ich höre.“ „Einer von meinen Freunden hat, ſchon vor un⸗ gefähr neun Jahren, ein verirrtes Mädchen bei ſich aufgenommen; er hat es aufgezogen und für ſeine Erziehung jegliche Sorge getragen; das Kind er⸗ reichte, reizend geworden, ſein ſechzehntes Jahr. Es ſollte meinen Freund heirathen, als es mit Gewalt aus dem Penſionnat, wo es in Verſailles wohnte, entführt wurde und verſchwand, ohne daß man er⸗ fuhr, wo es verborgen war. Ich habe Ihnen geſagt, e⸗ 1 nn en. er⸗ um wie ich, da mich der Zufall zu Verfolgung eines un⸗ bekannten Verbrechens führte, mit Hülfe meines Hun⸗ des den Leichnam eines Kindes auffand. Während ich vor dem Grabe kniete, während ich erſchrocken mit meinen Fingern die Haare des Opfers berührte, hörte ich Tritte und ſah eine Art von weißgekleide⸗ tem Schatten herbeikommen. Ich wandte mich auf die Seite dieſes Schattens, und beim Mondſcheine erkannte ich die Braut meines Freundes, diejenige, welche entführt worden war, und deren Aufenthalts⸗ ort man nicht kannte. Ich verzichtete auf die Nach⸗ forſchung nach einem Verbrechen, um mich der Ver⸗ folgung eines andern zu widmen. Ich gab mich dem Mädchen zu erkennen und fragte ſie, warum ſie, ſtumm und ohne die Flucht zu verſuchen, dieſe Ge⸗ fangenſchaft ertrage. Da erzählte ſie mir, ſie habe ihrem Entführer gedroht, ſie werde ſchreiben, rufen, fliehen, er aber habe einen Vorführungsbefehl gegen Juſtin erlangt...“ „Wer iſt das, Juſtin?“ fragte der General mit einer Lebhaftigkeit, die von dem Intereſſe zeugte, welches er an der Erzählung von Salvator nahm. „Juſtin iſt mein Freund; er iſt der Bräutigam des Mädchens.“ „Wie hatte man ſich einen Vorführungsbefehl gegen ihn verſchaffen können?“ „Man hatte ihm ſeine gute Handlung als Ver⸗ brechen aufgerechnet. Dieſe verirrte Kleine, die er aufgenommen, man beſchuldigte ihn, er habe ſie ent⸗ führt; die Ergebenheit, mit der er ſie ſeit neun Jah⸗ ren unabläſſig behandelte, war Einſperrung; die Heirath, welche ſtatthaben ſollte, war Gewalt. Man 17⁴ muthmaßte, das Mädchen ſei reich; für dieſen Fall iſt im Coder vorhergeſehen, der zu drei bis fünf Jahren Galeeren, je nach der Schwere der Umſtände, den Mann verurtheilt, welcher überwieſen iſt, er habe eine Minderjährige eingeſperrt; und Sie begreifen, General, man hätte die Umſtände ſo gewichtig als möglich gemacht; ſo daß mein Freund zu fünf Jah⸗ ren Galeeren wegen eines Verbrechens, das er nicht begangen, verurtheilt worden wäre.“ „Unmöglich! unmöglich!“ rief der General. „Iſt nicht Herr Sarranti als Dieb und Mörder zum Tode verurtheilt?“ erwiederte kalt Salvator. Der General nickte mit dem Kopfe. „Zeit des Elends!“ murmelte er,„Zeit der Schande!“ „Man mußte alſo warten; und zögere ich im Augenblicke, die Beweiſe der Unſchuld von Herrn Sarranti zu verfolgen, ſo iſt dies der Fall, weil, wenn ich die Gerichte in dieſes Schloß und in dieſen Park führe, derjenige, welcher droht, glauben wird, es ſei dies ein Mittel, ihm ſeine Beute wegzu⸗ nehmen, und ſich blindlings an Juſtin rächen wird.“ „Man kann aber doch in dieſen Park ein⸗ dringen?“ „Allerdings, da ich es gethan habe.“ „Sind Sie eingedrungen, ſo kann ein Anderer wie Sie eindringen.“ „Juſtin beſucht dort von Zeit zu Zeit ſeine Braut.“ „Und Beide bleiben rein?“ „Beide glauben an Gott und ſind unfähig zu einem ſchlimmen Gedanken!“ 7)—„„ bet ſäh rett wer ſpre all nf de, be n, 8 h⸗ ht „Gut! doch warum entführt Juſtin nicht das Mädchen?“ „Wohin ſollte er ſie bringen?“ „Aus Frankreich hinaus.“ Salvator lächelte. „Sie nehmen an, Juſtin ſei reich, wie Herr von Valgeneuſe, General. Juſtin iſt aber ein armer Schulmeiſter, der mit großer Mühe fünf Franken täglich verdient und hiemit ſeine Mutter und ſeine Schweſter ernährt.“ „Hat er keine Freunde?“ „Doch, er hat zwei Freunde, die für ihn ihre Eriſtenz geben würden.“ „Wer ſind ſie?“ „Herr Müller und ich.“ „Nun?“ „Nun, Herr Müller iſt ein alter Profeſſor der Muſik, und ich, ich bin ein einfacher Commiſſionär.“ „Verfügen Sie aber nicht als Ventachef über beträchtliche Summen?“ „Ich habe über eine Million unter der Hand.“ Alſe „Dieſe Million gehört nicht mir, General, und ſähe ich das Weſen, das ich am meiſten auf der Welt liebe, Hungers ſterben, ich würde, um es zu retten, nicht einen Pfennig von dieſer Million ent⸗ wenden.“ Der General reichte Salvator die Hand und ſprach: „Das iſt richtig!“ Dann fügte er bei: 176 „Ich ſtelle hunderttauſend Franken zur Verfügung Ihres Freundes; iſt das genug?“ „Es iſt das Doppelte von dem, was er braucht, General; doch...“ „Was doch?“ „Ein letztes Bedenken hält mich zurück: man wird eines Tags ohne Zweifel die Eltern des Mäd⸗ chens kennen lernen.“ „Hernach?“ „Sind ihre Eltern adelig, mächtig, reich, werden ſie nicht Anſchuldigungen gegen Juſtin zu erheben haben?“ „Gegen den Mann, der ihre Tochter aufgenom⸗ men hat, welche ſie verließen? der ſie erzogen hat wie das Kind ſeiner Mutter, der ſie von der Schande gerettet hat!... Ahl gehen Sie!“ „Alſo Sie, General, wenn Sie Vater wären, wenn in Ihrer Abweſenheit Ihr Kind die Gefahren gelaufen wäre, welche die Braut von Juſtin läuft, Sie würden dem Manne vergeben, der, fern von Ihnen, über das Loos Ihrer Tochter verfügt hätte?“ „Ich würde ihm nicht nur die Arme öffnen als Gatten meines Kindes, ſondern ich würde ihn auch als ihren Retter ſegnen.“ „Ah! General, dann geht Alles gut, und hätte ich einen letzten Zweifel, Ihre Verſicherung benähme ihn mir... In acht Tagen werden Juſtin und ſeine Braut außer Frankreich ſein, und wir werden jede Freiheit haben, Park und Schloß Viry zu be⸗ ſichtigen.“ Herr Lebaſtard de Prémont machte ein paar ſur wü leg tig hal dan ing cht, nan äd⸗ den ben om⸗ hat nde ren, ren Sie nen, auch ätte hme und rden be⸗ paar 177 Schritte aus dem Gehölze hinaus, um ſich unter einem Mondſtrahle zu befinden. Salvator folgte ihm. An dem Orte angelangt, der ihm günſtig ſchien, zog der General aus ſeiner Taſche ein kleines Por⸗ tefeuille, ſchrieb auf ein Blatt ein paar Worte mit Bleiſtift, riß das Blatt heraus, reichte es Salvator und ſagte: „Nehmen Sie, mein Herr.“ „Was iſt das?“ fragte Salvator. „Was ich Ihnen gegeben habe, iſt eine Anwei⸗ ſung von hunderttaufend Franken auf Herrn von Marande.“ „Ich habe Ihnen geſagt, General, fünfzigtauſend würden mehr als genügen.“ „Sie werden mir über den Reſt Rechenſchaft ab⸗ legen, mein Herr; bei einer Sache von dieſer Wich⸗ tigkeit dürfen wir nicht durch eine Bagatelle aufge⸗ halten werden.“ Salvator verbeugte ſich. Der General ſchaute ihn einen Augenblick an; dann ſtreckte er die Hand gegen ihn aus und ſagte: „Ihre Hand, mein Herr!“ Salvator ergriff die Hand des Grafen de Pré⸗ mont und drückte ſie lebhaft. „Ich kenne Sie erſt ſeit einer Stunde,“ ſprach der General mit einer gewiſſen Gemüthsbewegung: „ich weiß nicht, wer Sie ſind, doch ich habe viel ge⸗ ſehen, viel beobachtet, viel gelebt; ich habe die Ge⸗ ſichter aller Typen und aller Farben ſtudirt, und ich glaube mich auf die Menſchen zu verſtehen: nun wohl, Herr Salvator, ich ſage es Ihnen,— und Dumas, Salvator. 1I. 12 178 das iſt nur der ſchwache Ausdruck meines Gedankens, — Sie ſind für mich einer der ſympathetiſchſten Menſchen, die ich getroffen habe.“ Und das war in der That, wir glauben es ſchon geſagt zu haben, die Wirkung, welche der ſchöne, redliche junge Mann auf Alle hervorbrachte, die ſich ihm näherten. Beim erſten Anblicke fühlte man ſich unüberwindlich angezogen, hingeriſſen: er übte eine Art von Bezauberung aus, und ein menſchliches Geſicht annehmend, hätte das Gewiſſen kein ſanfteres und ausdrucksvolleres angenommen. Die zwei neuen Freunde drückten ſich zum zwei⸗ ten Male die Hand, und ſich unter die Sycomoren⸗ allee vertiefend, erreichten ſie den Keller, durch den eine Stunde vorher ſchon die anderen neunzehn Ge⸗ ſchworenen weggegangen waren. XI. Der Morgen eines Commiſſionärs. Zwei Tage nachher, Morgens um ſieben Uhr, klopfte Salvator an die Thüre von Petrus. Der junge Maler ſchlief noch gewiegt von jenen Träumen, welche über den Häupten eines Verliebten flattern. Er ſprang aus dem Bette, machte die Thüre auf und empfing Salvator mit weit geöffneten Ar⸗ men, aber halb geſchloſſenen Augen. „Was gibt es Neues?“ fragte Petrus lächelnd; „bringen Sie mir Neuigkeiten, oder kommen Sie abermals, um mir einen Dienſt zu leiſten?“ tet ve fra ohn End Nar Ihn Sig eine erw ſüße gehe Ron ſten chon öne, die man übte iches eres wei⸗ ren⸗ den Ge⸗ Ahr, nen bten üre Ar⸗ nd; Sie „Im Gegentheile, mein lieber Petrus,“ antwor⸗ tete Salvator,„ich komme, um einen von Ihnen zu verlangen.“ „Sprechen Sie, mein Freund,“ ſagte Petrus, indem er ihm die Hand reichte;„ich wünſche nur, der Dienſt möge groß ſein. Sie wiſſen, daß ich ganz einfach die Gelegenheit ſuche, mich für Sie ins Feuer zu ſtürzen.“ „Ich habe es nie bezweifelt, Petrus... Hören Sie, um was es ſich handelt.— Ich hatte einen Paß, ich habe ihn vor einem Monat Dominique ge⸗ geben, der nach Italien abging und verhaftet zu wer⸗ den befürchtete, wenn er unter ſeinem wahren Namen reiſe. Heute reiſt aus einem Grunde, den ich Ihnen ſpäter ſagen werde, Juſtin ebenfalls ab... „Er reiſt?“ „In dieſer Nacht oder in der nächſten.“ „Es widerfährt ihm kein Unglück, wie ich hoffe?“ fragte Petrus. „Nein, im Gegentheile! nur muß er abreiſen, ohne daß es irgend Jemand weiß, und zu dieſem Ende muß er, wie Dominique, unter einem andern Namen als dem ſeinigen reiſen. Zwiſchen ihm und Ihnen iſt nur ein Unterſchied von zwei Jahren; alle Signalements gleichen ſich... Haben Sie Juſtin einen Paß zu geben?“ „Ich bin in Verzweiflung, mein lieber Salvator,“ erwiederte Petrus;„doch Sie wiſſen, durch welche ſüße Urſache ich in Paris ſeit ſechs Monaten zurück⸗ gehalten werde; ich habe nur meinen alten Paß von Rom, der ſeit einem Jahre abgelaufen iſt.“ „Teufel!“ rief Salvator,„das iſt ärgerlich! 180 Juſtin kann keinen Paß auf der Polizei verlangen: das würde die Augen über ihn öffnen; ich will zu tor Jean Robert gehen; doch Jean Robert iſt einen Kopf die größer als Juſtin!“ unt „Warten Sie doch...“ ſuc „Gut! das beruhigt mich.“ das „Liegt Juſtin mehr an einem Lande, als einem das andern?“ „Durchaus nicht, wenn er nur aus Frankreich klo hinauskommt.“ „Dann habe ich, was er braucht.“ jun „Wie ſo?“ frei „Ich will Ihnen einen Paß von Ludovic geben.“ „Einen Paß von Ludovic? und wie kommen Sie Sal zu einem Paſſe von Ludovic?“ „Das iſt ganz einfach: er hat eine Reiſe nach Holland gemacht und iſt vorgeſtern zurückgekommen; „ ich hatte ihm einen kleinen Koffer geliehen, und er Ihn hat ſeinen Paß in der Taſche gelaſſen.“ „Gut! doch wenn Ludovic zufällig ſeinen Paß trat nöthig hätte, um nach Holland zurückzukehren?“ „Das iſt nicht wahrſcheinlich; in dieſem Falle Sal würde er aber ſagen, er habe ihn verloren, und einen Hofi andern verlangen.“ eine „Es iſt gut!“ wuß Petrus ging an die Truhe und zog ein Papier ſchri heraus. „Hier iſt der Paß,“ ſagte er;„und glückliche Reiſe dem Freunde Juſtin!“ vortt „Ich danke für ihn.“ werd Die zwei jungen Leute drückten ſich die Hand und trennten ſich. gen: l zu Kopf nem eich en Sie nach en; er Baß alle nen ier iche nd Als er die Rue de lOueſt verließ, ging Salva⸗ tor längs der Allée de[Obſervatvire hin, trat in die Rue d'Enfer, auf der Seite der Barriére, ein, und beim Hoſpice des Enfants⸗Trouvés angelangt, ſuchte er einen Moment mit dem Blicke ein Haus, das er endlich gefunden zu haben ſchien: es war das Haus eines Stellmachers. Der Meiſter ſtand vor der Thüre; Salvator klopfte ihm auf die Schulter. Der Stellmacher wandte ſich um, erkannte den jungen Mann und empfing ihn mit einem zugleich freundſchaftlichen und ehrerbietigen Gruße. „Ich habe mit Ihnen zu ſprechen, Meiſter,“ ſagte Salvator. „Mit mir?“ „Zu Ihren Dienſten, Herr Salvator! Iſt es Ihnen gefällig, einzutreten?“ Salvator nickte bejahend mit dem Kopfe, und ſie traten ein. Kachdem er den Laden durchſchritten hatte, ging Salvator in den Hof, und im Hintergrunde dieſes Hofes, unter einem ungeheuren Schoppen, fand er eine Art von Reiſecaleche, von der er ohne Zweifel wußte, ſie ſei hier, da er gerade auf dieſelbe zu⸗ ſchritt. „Ah!“ ſagte er,„hier iſt, was ich ſuche.“ „Oh! eine gute Caleche, Herr Salvator! eine vortreffliche Caleche, die ich Ihnen wohlfeil geben werde das iſt eine Gelegenheit!“ „Und ſolid?“ „Herr Salvator, ich garantire dafür. Sie können 182 die Reiſe um die Welt mit ihr machen und ſie mir zurückbringen: ich nehme Sie wieder mit zweihundert Franken Verluſt.“ Ohne auf die Lobeserhebungen zu hören, mit denen als ein Menſch, der vor ſeiner Waare Kauf⸗ mann wurde, der Stellmacher ſeine Caleche lackirte, nahm Salvator den Wagen bei der Deichſel, zog ihn mit derſelben Leichtigkeit, mit der er ein Kinderwä⸗ gelchen rollen gemacht hätte, in den Hof, und fing an ihn mit der ſtrengen Aufmerkſamkeit eines Man⸗ nes zu unterſuchen, der ſein Handwerk aus dem Grunde kennt. Er fand den Wagen tauglich, abgeſehen von eini⸗ gen kleinen Unvollkommenheiten, die er dem Stell⸗ macher bezeichnete, und die dieſer bis zum Abend ver⸗ ſchwinden zu machen verſprach. Der brave Mann hatte die Wahrheit geſagt: die Caleche war gut, und beſonders, woran am meiſten lag, von großer Soli⸗ dität. Salvator ſchloß ſogleich den Handel mit ſechshundert Franken ab, und es wurde verabredet, daß um halb ſieben Uhr Abends die Caleche mit zwei guten Poſt⸗ pferden beſpannt ſich auf dem äußeren Boulevard, zwiſchen der Barriére Croulebarbe und der Barrière d'Italie, einfinden ſollte. Was die Zahlungsart betrifft, ſo war das ſehr einfach: Salvator, der nur in dem Falle bezahlen wollte, daß ſeine Befehle pünktlich befolgt wären, und der wahrſcheinlich am andern Tage etwas Wich⸗ tiges zu thun hatte, gab dem Stellmacher Rendez⸗ vous bei ſich am Morgen des zweiten Tages, und der Stellmacher, der ihn als gut kannte, wie man im Handelsrothwälſch ſagt, machte keine Schwierig⸗ dert keit, um ihm einen Credit von achtundvierzig Stun⸗ den zu bewilligen. mit Salvator verließ den guten Mann, ging wieder auf⸗ die Rue dEnfer hinab, trat in die Rue de la Bourbe rte,(Cheute Rue de Port⸗Royal genannt) ein und kam zur ihn Schwelle einer niedrigen, dem Hoſpice de la Mater⸗ wä⸗ nité gegenüber liegenden, Thüre. fing Hier wohnten Jean Taureau, der Zimmermann, an⸗ und Mademviſelle Fifine, ſeine Maitreſſe. dem Salvator hatte nicht nöthig, den Concierge zu fragen, ob der Zimmermann zu Hauſe ſei, denn kaum ini⸗ hatte er den Fuß auf die Treppe geſetzt, als er ein Ge⸗ ell⸗ brüll hörte, das andeutete, der Pathe, der Barthé⸗ er⸗ lemy Lelong mit dem Namen Jean Taureau“) ge⸗ ann tauft, habe ihn wirklich nach ſeinen Verdienſten und getauft. oli⸗ Die Schreie von Mademoiſelle Fifine, welche die ſcharfen Noten dieſer Melopoie bildeten, bewieſen, ert daß Jean Taureau nicht nur ein Solo, ſondern ein alb Duett ausführte. Die Melodienſtöße entrannen in oſt⸗ geräuſchvollen Wellen, ſtiegen die Treppe hinab und ird, kamen Salvator entgegen, als wollten ſie ſeine Schritte ere leiten. Im vierten Stocke angelangt, befand ſich Salva⸗ ehr tor mitten in der Lawine. Er trat ein, ohne zu len klopfen; die Thüre war halb offen durch eine ängſt⸗ en, liche Vorſicht von Mademviſelle Fifine, die ſich immer ich⸗ einen Rückzug gegen die Lebhaftigkeiten des Rieſen ez⸗ wahrte. und *) Le taureau, der Stier. 18⁴ Als er den Fuß auf die Schwelle ſetzte, ſah Sal⸗ vator die Gegner vor einander: Mademoiſelle Fifine, mit aufgelöſten Haaren und bleich wie der Tod, wies die Fauſt Jean Taureau, der ſich, roth wie ein Blutfink, die Haare ausraufte. „Ha! Unglücklicher!“ brüllte Mademviſelle Fifine; „ha! Dummkopf! ha! einfältiger Tropf! Du glaubteſt alſo, die Kleine ſei von Dir?“ „Fifine!“ ſchrie Jean Taureau,„Du wirſt machen, daß ich Dich ermorde, das ſage ich Dir!“ „Nein, ſie war nicht von Dir: ſie war von ihm.“ „Fifine, Du willſt alſo, daß ich Euch Beide in einen Mörſer werfe und ſo fein wie Pfeffer zerſtoße?“ „Du,“ ſagte Fifine drohend,„Du, Du, Du?...“ Und bei jedem Du rückte ſie einen Schritt vor, während, ſo wie ſie vorrückte, Jean Taureau zu⸗ rückwich. „Du?“ ſagte ſie endlich, indem ſie ihn beim Barte packte und ihn ſchüttelte, wie ein Kind einen Apfelbaum, deſſen Früchte es will fallen machen; „rühre mich doch an, großer Feiger! rühre mich doch an, großer Elender! großer Taugenichts!“ Und Jean Taureau hob die Hand auf... Sich ſchließend und wie ein Schlägel niederfallend, hätte dieſe Hand einen Ochſen umgebracht und den Schä⸗ del von Mademoiſelle Fifine zerſchmettert; doch die Hand blieb in der Luft. „Nun, was gibt es noch?“ fragte Salvator mit ziemlich hartem Tone. Als ſie dieſe Stimme hörten, erbleichte Jean Taureau, wurde Mademoiſelle Fifine ſcharlachroth. ma im St Kir bilt Ebe ich me terr den ſehe wie tte ä⸗ ie nit Sie ließ den Zimmermann los, wandte ſich gegen Salvator um und ſagte: „Was es gibt? Ah! Sie kommen zu rechter Zeit, um mir Hülfe zu leiſten, Herr Salvator!... Was es gibt? Dieſes Ungeheuer von einem Menſchen iſt im Zuge, nach ſeiner Gewohnheit, mich krumm und lahm zu ſchlagen.“ Jean Taureau war dahin gelangt, daß er glaubte, er ſei es, der Mademoiſelle Fifine ſchlage. „Ich bin auch entſchuldbar, Herr Salvator, ſie macht mich raſend!“ „Gut! was Du in dieſem Leben leideſt, wirſt Du im andern um ſo weniger zu leiden haben.“ „Herr Salvator!“ ſchrie Jean Taureau mit einer Stimme voller Thränen,„ſagt ſie mir nicht, mein Kind, mein armes Mädchen, das ganz mein Eben⸗ bild iſt, ſei nicht von mir!“ „Nun,“ bemerkte Salvator,„da es ganz Dein Ebenbild iſt, warum glaubſt Du ihr?“ „Zum Glücke glaube ich ihr nicht, denn glaubte ich ihr, ſo würde ich das Kind an den Füßen neh⸗ men und ihm den Schädel an der Mauer zerſchmet⸗ tern!“ Thu'es doch, Böſewicht! Thu' es doch! damit ich den Genuß habe, Dich das Schaffot beſteigen zu ſehen.“ „Hören Sie ſie, Herr Salvator?... Das wäre, wie ſie ſagt, ein Genuß für ſie.“ „Ich glaube es wohl!“ „Gut, ich werde das Schaffot beſteigen,“ brüllte Barthélemy Lelong,„ich werde es beſteigen; das wird aber geſchehen, weil ich Herrn Fafivu das Le⸗ 186 benslicht ausgeblaſen habe... Wenn ich bedenke, daß ſie gerade einen Menſchen genommen hat, den ich nicht anzurühren wage, aus Furcht, ihn zu zer⸗ bröckeln, und weil ich mich ſchäme, ihm einen Fauſt⸗ ſchlag zu geben, ſo werde ich genöthigt ſein, ihm einen Meſſerſtich zu geben!“ „Hören Sie ihn, den Mörder?“ Salvator hörte in der That, und es iſt unnö⸗ thig, zu ſagen, er habe zu ihrem wahren Werthe die Drohungen von Jean Taureau geſchätzt.“ „Ich kann alſo nicht ein Mal kommen, ohne Euch in Zank und Streit zu finden? Sie werden ein ſchlechtes Ende nehmen, das ſage ich Ihnen, Made⸗ moiſelle Fifine,“ ſprach Salvator.„Es wird Ihnen eines Tags begegnen, daß Ihnen etwas auf den Kopf fällt und, dem Blitze ähnlich, Ihnen nicht Zeit läßt, zu bereuen.“ „In jedem Falle wird mir das nicht von ihm zukommen,“ ſchrie Mademoiſelle Fifine, indem ſie mit den Zähnen knirſchte und Barthélemy die Fauſt unter die Naſe hielt. „Warum nicht von ihm?“ fragte Salvator. „Weil ich feſt entſchloſſen bin, ihn zu verlaſſen,“ antwortete Mademoiſelle Fifine. Jean Taureau machte einen Sprung, als ob man ihn mit der Voltaiſchen Säule berührt hätte. „Du mich verlaſſen?“ rief er;„Du mich ver⸗ laſſen? nach dem Leben, das Du mir gemacht haſt, tauſend Donner! Ah! Du wirſt mich auch nicht verlaſſen, dafür ſtehe ich, oder ich erwürge Dich, wo Du auch ſein magſt.“ „Hören Sie ihn, Herr Salvator, hören Sie ihn? te ſie an we en er⸗ iſt⸗ hm ö⸗ the ch in de⸗ en en eit m ſie uſt an er⸗ ſt, ht vo n2 Wenn ich ihn vor Gericht führe, ſo hoffe ich wohl, Sie werden die Wahrheit angeben.“ „Schweigen Sie, Barthélemy,“ ſprach mit ſanf⸗ tem Tone Salvator.„Fifine ſagt Ihnen das; doch ſie liebt Sie im Grunde.“ Sodann die junge Frau ſtreng und auf dieſelbe Art anſchauend, wie ein Schlangenjäger eine Viper anſchauen würde, ſagte er: „Sie muß Sie wenigſtens lieben; ſind Sie nicht, was ſie auch ſagen mag, der Vater ihres Kindes?“ Die große Perſon beugte demüthig das Haupt unter dem Blicke von Salvator, der, nur für ſie allein, eine Drohung zu enthalten ſchien, und mit einer ge⸗ milderten Stimme, mit der Unſchuld einer Jungfrau erwiederte ſie: „Gewiß liebe ich ihn im Grunde, obſchon er mich ſchlägt wie Gips... Aber, Herr Salvator, wie ſoll ich liebkoſend für einen Mann ſein, der mir nur die Fäuſte und die Zähne zeigt?“ Jean Taureau fühlte ſich lebhaft gerührt durch dieſen Umſchlag ſeiner Geliebten. „Es iſt wahr,“ ſagte er, mit Thränen in den Augen,„es iſt wahr, ich bin ein Brutaler, ein Wil⸗ der, ein Türke; doch das iſt ſtärker als ich, Fifine, was willſt Du?... Wenn Du von dieſem Schur⸗ ken Fafiou ſprichſt; wenn Du mir drohſt, mir meine Tochter zu entführen und mit ihr zu gehen, dann verliere ich den Kopf, und ich erinnere mich nur an Eines: daß ich einen Fauſtſchlag von fünfzig Pfund gebe; und ich ſage:„„Wer will? Sprecht!““ Doch ich bitte Dich um Verzeihung, meine Fifine! Du weißt wohl, daß ich nur ſo bin, weil ich Dich anbete!.. 188 Was iſt das übrigens im Ganzen, ein paar Fauſt⸗ ſchläge mehr oder weniger im Leben einer Frau!“ Wir wiſſen nicht, ob Mademoiſelle Fifine den Schluß logiſch fand; doch ſie that, als ob ſie ihn ſo fände: ſie reichte ſtolz ihre Hand Barthélemy Lelong, und dieſer zog ſie ſo raſch an ſeine Lippen, daß man hätte glauben ſollen, er wolle ſie verſchlingen. „Gut!“ ſagte Salvator.„Nun, da der Friede geſchloſſen iſt, ſprechen wir von etwas Anderem.“ „Ja,“ erwiederte Mademoiſelle Fifine, deren Scheinzorn ſchon völlig gefallen war, während die wirkliche Aufregung von Jean Taureau noch in der Tiefe ſeiner Bruſt toſte;„und mittlerweile werde ich hinabgehen und Milch holen.“ Mademoiſelle Fifine hakte in der That das an der Wand hängende Milchgefäß los, wandte ſich dann aufs Neue mit einem einſchmeichelnden Tone an den jungen Mann und fragte ihn: „Werden Sie den Kaffee mit uns nehmen, Herr Salvator?“ „Ich danke, Mademoiſelle,“ antwortete Salvator, „das iſt ſchon geſchehen.“ Mademviſelle Fifine machte eine Geberde ent⸗ ſprechend dem Ausrufe:„Welch ein Unglück!“ wo⸗ nach ſie eine Vaudevillemelodie ſingend die Treppe hinabging. Jean Taureau ſchaute ihr mit einem Blicke voll Güte und Liebe nach. „Das iſt im Ganzen eine vortreffliche Perſon, Herr Salvator,“ ſagte er,„und ich grolle mir, daß ich ſie unglücklich mache, wie ich es thue. Doch was wollen Sie? man iſt eiferſüchtig oder man iſt es un hee dal nic we heu Die hab rück viel Sal auf u!“ den ſo ng, nan iede ren nicht: ich, ich bin eiferſüchtig wie ein Tiger; das iſt nicht meine Schuld.“ Und der Hercules ſtieß einen ſchweren Seufzer voller Vorwürfe gegen ſich ſelbſt und voller Zärtlich⸗ keit für Mademoiſelle Fifine aus. Salvator betrachtete ihn mit einer ſchmerzlichen Bewunderung. „Nun iſt es an uns Beiden, Barthélemy Lelong!“ ſagte er. „Ah! ich gehöre ganz Ihnen, mit Leib und Seele,“ antwortete der Zimmermann. „Ich weiß es, mein Braver: und wenn Sie auf Ihre Kameraden einen Theil von der Freundſchaft und beſonders von der Mildigkeit, die Sie für mich hegen, übertrügen, ſo würde ich mich nicht ſchlechter dabei befinden, und die Anderen befänden ſich beſſer.“ „Ah! Herr Salvator, Sie werden mir hierüber nicht mehr ſagen, als ich mir ſelbſt ſage.“ „Nun wohl, Sie werden ſich Alles das ſagen, wenn ich weggegangen bin. Ich, ich bedarf Ihrer heute Abend.“ „Heute Abend, morgen, übermorgen! zu Ihren Dienſten, Herr Salvator.“ „Der Dienſt, den ich von Ihnen zu verlangen habe, Jean Taureau, kann Sie außerhalb Paris zu⸗ rückhalten.. vielleicht vierundzwanzig Stunden... vielleicht achtundvierzig Stunden... vielleicht mehr.“ „Die ganze Woche, wenn es Ihnen beliebt, Herr Salvator.“ „Ich danke. Iſt nun gegenwärtig viel Arbeit auf dem Zimmerplatze?“ „Heute und morgen, ja.“ 190 „Dann nehme ich meinen Antrag zurück, Bar⸗ thélemy: ich will nicht, daß Sie Ihren Tagelohn verlieren, und beſonders nicht, daß Sie Ihren Mei⸗ ſter Ihrer Dienſte berauben.“ „Ah! ich werde darum meinen Tagelohn nicht verlieren, Herr Salvator.“ „Wie ſo?“ „Ich werde heute meinen Tagelohn von morgen machen.“ „Das ſcheint mir ſchwierig.“ „Schwierig? Oh! mein Gott, nein!“ „Wie können Sie an einem Tage die Arbeit von zwei machen?“ „Der Meiſter hat ſich erboten, mich wie Vier zu bezahlen, wenn ich die Arbeit von Zwei verrichten wolle, denn, ohne mich zu rühmen, meine Arbeit iſt wohlgemachte Arbeit, ſehen Sie! Nun denn, ich werde heute wie Zwei arbeiten, und man wird mich bezahlen wie Einen: doch ich werde einem Manne nützlich geweſen ſein, für den ich mich ins Feuer werfen würde. Das iſt es.“ „Ich danke, Barthélemy, und ich nehme es an.“ „Was iſt zu thun?“ „Sie werden ſich heute Abend nach Chatillon be⸗ geben.“ „Wohin dort?“ „Zur Gräce⸗de⸗Dieu.“ „Bekannt! Zu welcher Stunde?“ „Um neun Uhr.“ „Ich werde dort ſein, Herr Salvator.“ „Sie werden mich erwarten, ohne mehr als eine Flaſche zu trinken.“ lic iſt nel ihr gin ſtre her mer klei ſich zu und bin nich ar⸗ hn ei⸗ icht gen on ten iſt ich nne uer n.“ be⸗ 191 „Nicht mehr als eine, Herr Salvator.“ „Sie verſprechen es mir?“ „Ich ſchwöre es Ihnen.“ Der Zimmermann hob die Hand auf, wie er es vor einem Gerichte gethan hätte, vielleicht noch feier⸗ licher. Salvator fuhr fort. „Sie werden Touſſaint⸗Louverture mitnehmen, iſt er heute verfügbar.“ „Ja, Herr Salvator.“ „Gott befohlen alſo! und heute Abend!“ „Heute Abend, Herr Salvator.“ „Sie wollen entſchieden den Kaffee nicht mit uns nehmen?“ fragte Mademoiſelle Fifine, welche mit ihrem Rahmtopfe zurückkam. „Ich danke, Mademviſelle,“ erwiederte Salvat Während der junge Mann die Thüre erreichte ging Mademoiſelle Fifine auf den Zimmermann zu, ſtreichelte ihm das Kinn, das ſie zehn Minuten vor⸗ her ſo kräftig geſchüttelt hatte, und ſagte zu ihm: „Er wird alſo ſeine Taſſe Kaffee anderswo neh⸗ men, mein guter Lulu.. Auf, umarme Deine kleine Fifine, und ſei nicht mehr böſe!“ Jean Taureau gab ein Geblöke der Freude von ſich, und nachdem er Fifine umarmt hatte, um ſie zu erſticken, folgte er Salvator auf den Ruheplatz und ſagte zu ihm: „Ah! Herr Salvator, Sie haben ſehr Recht, ich bin ein Brutaler, und ich verdiente eine ſolche Frau nicht.“ Salvator drückte, ohne zu antworten, die ſchwie⸗ 192 lige Hand des wackern Zimmermanns, nickte ihm mit dem Kopfe zu, und ging die Treppe hinab. Eine Viertelſtunde nachher klopfte er an die Thüre von Juſtin. Schweſter Céleſte öffnete: ſie kehrte eben die Klaſſe aus, während Juſtin am Fenſter ſtand und die Federn der Schüler ſchnitt. „Guten Morgen, Schweſter!“ ſagte heiter Sal⸗ vator, dem ſchwächlichen Mädchen die Hand reichend. „Guten Morgen, unſere Taube!“ antwortete lächelnd Céleſte, welche, da ſie eines Tags ihre Mut⸗ ter dieſen Namen dem jungen Manne hatte geben hören, in Erinnerung an ſeinen Eintritt in ihre Arche, wohin er immer nur mit einem Helzweige kam, ihn ſo zu nennen fortfuhr. t! ſagte Salvator, indem er ſeinen Finger f ſeine Lippen legte,„ich glaube, ich bringe dem Bruder Juſtin eine gute Nachricht.“ „Wie immer,“ ſprach Schweſter Céleſte. „Wie?“ fragte Juſtin, der gehört und die Stimme von Salvator erkannt hatte. Und er lief auf die Schwelle der Klaſſe. Schweſter Céleſte zog ſich zurück. „Was gibt es?“ rief Juſtin. „Neues!“ erwiederte Salvator. „Neues?“ „Ja, und ſogar viel.“ „Ah! mein Gott!“ ſagte der junge Mann ſchauernd. „Gut!“ ſprach Salvator,„wenn Sie mit dem Schauern anfangen, womit werden Sie endigen?“ „Reden Sie, mein Freund, reden Sie!“ Fr E kat ve der wi hal doe mi da fal wi vie bri Hit au mo die die und Sal⸗ end. rtete Nut⸗ eben che, ihn nger dem nme em — Salvator legte die Hand auf die Schulter ſeines Freundes und fuhr fort: „Juſtin, wenn man käme und zu Ihnen ſagte: „„Von heute an iſt Mina frei, iſt Mina befreit, kann Mina Ihnen gehören; doch aus Furcht, ſie zu verlieren, müſſen Sie Alles verlaſſen, Familie, Freunde, Vaterland!““ wenn man Ihnen das ſagte, was wür⸗ den Sie antworten?“ „Mein Freund, ich würde nichts antworten, ich würde vor Freude ſterben.“ „Das wäre indeſſen nicht der Augenblick... Fahren wir fort. Fügte man dem, was ich geſagt habe, die Worte bei:„„Mina iſt allerdings frei, doch unter der Bedingung, daß Sie auf der Stelle mit ihr abreiſen, ohne daß Sie Zeit haben, ein Be⸗ dauern auszudrücken, den Kopf umzudrehen?““ Der arme Juſtin ließ ſein Kinn auf ſeine Bruſt fallen und antwortete traurig: „Ich würde nicht reiſen, mein Freund Sie wiſſen wohl, daß ich nicht reiſen kann.“ „Fahren wir fort,“ ſagte Salvator;„es gibt vielleicht ein Mittel, Alles dies in Ordnung zu bringen.“ „Ah! mein Gott!“ rief Juſtin, die Arme zum Himmel erhebend. „Was iſt der heißeſte Wunſch Ihrer Mutter und Ihrer Schweſter?“ fragte Salvator. „In dem Dorfe zu ſterben, wo ſie gelebt haben, auf dem Winkel der Erde, wo ſie geboren ſind.“ „Nun wohl, Juſtin,“ ſprach Salvator,„von morgen an können ſie dort leben und ſterben.“ „Mein lieber Salvator, was ſagen Sie da?“ Dumas, Salvator. II. 4* 194 „Ich ſage, es müſſe dort, an den Pachthof an⸗ ſtoßend, den ſie bewirthſchafteten, oder in der Umge⸗ gend dieſes Pachthofes einige von jenen reizenden Häuſern mit Ziegel⸗- oder Strohdächern geben, welche ſo wohl thun in der Landſchaft, ſieht man ſie am Abend durch eine vom Winde, der ihren Rauch zum Himmel emporwirbeln macht, geöffnete Baumgruppe.“ „Ah! Salvator, es ſind zehn da.“ „Und wie viel koſtet mit einem Garten von einem Morgen ein ſolches Häuschen?“ „Was weiß ich?... drei bis viertauſend Fran⸗ ken vielleicht.“ Salvator zog aus ſeiner Taſche vier Banque⸗ billets. „Hier ſind viertauſend Franken,“ ſagte er. Juſtin ſchaute ihn keuchend an. „Wie viel brauchen ſie jährlich,“ fuhr Salvator fort,„um anſtändig in dieſem Hauſe zu leben?“ „Ah! bei der Sparſamkeit meiner Mutter und den geringen Ausgaben meiner Schweſter würden fünfhundert Franken mehr als genügen.“ „Ihre Mutter iſt kränklich, mein lieber Juſtin; Ihre Schweſter hat eine ſchwache Geſundheit; ſetzen wir tauſend Franken ſtatt fünfhundert.“ „Ah! mit tauſend Franken hätten ſie nicht nur das Nothwendige, ſondern ſogar den Ueberfluß.“ „Hier ſind zehntauſend Franken für zehn Jahre,“ ſagte Salvator, zehn Banquebillets den vier erſten beifügend. „Mein Freund!“ rief Juſtin dem Erſticken nahe, indem er Salvator beim Arme ergriff. „Setzen wir tauſend Franken für die Koſten des Ko ſin ſch we blei gen Fra Gel len an⸗ nge⸗ iden elche am zum pe.“ nem ran⸗ ue⸗ tor ind den in; zen tur ten he, es 195 Auszugs,“ fuhr dieſer fort:„das macht fünfzehntau⸗ ſend Franken. Machen Sie einen beſondern Theil aus dieſen fünfzehntauſend Franken; dieſes Geld ge⸗ hört Ihrer Mutter.“ Juſtin war bleich zugleich vor Freude und vor Erſtaunen. „Gehen wir nun zu Ihnen über,“ ſagte Salvator. „Wie, zu mir?“ fragte Juſtin, zitternd vom Kopfe bis zu den Füßen. „Allerdings, da wir mit Ihrer Mutter fertig ſind.“ „Sprechen Sie, Salvator, aber ſprechen Sie ge⸗ ſchwinde; denn ich befürchte, ein Narr zu werden, wenn Sie nicht vollenden, mein Freund!“ „Mein lieber Juſtin,“ ſagte Salvator,„wir ent⸗ führen Mina heute Nacht.“ „Heute Nacht. Mina. Wir entführen Mina!“ rief Juſtin. „Wenn Sie ſich nicht etwa widerſetzen...“ „Ich mich widerſetzen!... Wohin werde ich aber Mina führen?“ „Nach Holland...!“ „Nach Holland?“. „Wo Sie ein Jahr, zwei Jahre, zehn Jahre bleiben werden, wenn es ſein muß, bis ſich der ge⸗ genwärtige Zuſtand der Dinge ändert, und Sie nach Frankreich zurückkehren können.“ „Um in Holland zu bleiben, brauche ich aber Geld.“ „Das iſt nur zu richtig, mein Freund; wir wol⸗ len auch berechnen, was Sie brauchen.“ Juſtin nahm ſeinen Kopf zwiſchen ſeine Hände. 196 „Ah! berechnen Sie ſelbſt, mein lieber Salvator,“ rief er;„ich, ich weiß nicht mehr, was ich ſage; ich weiß ſogar nicht mehr, was Sie mir ſagen.“ „Auf!“ ſprach Salvator mit feſtem Tone, indem er die zwei Hände von Juſtin von ſeiner Stirne entfernte, die ſie gepreßt hielten;„auf! ſeien Sie wie ein Mann, und bewahren wir in den Stunden des Wohlergehens die Stärke, die wir in den Tagen des Unglücks gehabt haben.“ Juſtin ſtrengte ſich gegen ſich ſelbſt an; ſeine bebenden Muskeln beruhigten ſich; ſeine einen Moment irren Augen hefteten ſich auf Salvator; er drückte ſein Taſchentuch an ſeine ſchweißfeuchte Stirne und ſagte: „Reden Sie, mein Freund.“ „Berechnen Sie, was Sie brauchen, um im Auslande mit Mina zu leben.“ „Mit Mina?... Mina iſt aber nicht meine Frau: ich kann folglich nicht mit ihr leben.“ „Ah! wie ſind Sie der gute, brave, ehrliche Juſtin, den ich auswendig kenne!“ ſagte Salvator mit ſeinem beſten Lächeln.„Nein, Sie können nicht mit Mina leben, ſo lange Mina nicht Ihre F Frau iſt, und Mina kann nicht Ihre Frau ſein, ſo lange wir ihren Va⸗ ter nicht wiedergefunden haven, und ihr Vater nicht ſeine Einwilligung gegeben hat“ „Wenn wir ihn aber nie wiederfinden...2“ rief Juſtin. „Mein Freund,“ ſprach Salvator,„Sie zweifeln an der Vorſehung!“ „Wenn er todt iſt?“ „Iſt er todt, ſo werden wir ſeinen Tod conſtati⸗ —— ſch ſie M vo Mi rigk fen or, ich dem irne Sie iden gen eine nent ückte und im eine ſtin, nem tina tina Va⸗ nicht feln tati⸗ ren, und da Mina dann nur noch von ſich ſelbſt ab⸗ hängt, ſo wird ſie Ihre Frau ſein.“ „Ah! mein Freund.. mein lieber Salvator!“ „Kommen wir zu der Sache zurück, die uns be⸗ ſchäftigt.“ „Ja, ja, kommen wir darauf zurück.“ „Da Mina nicht Ihre Frau ſein kann, ſo lange ſie ihren Vater nicht wiedergefunden hat, ſo muß Mina in Penſion gebracht werden.“ „Oh! mein Freund, erinnern Sie ſich der Penſion von Verſailles!“ „Es wird im Auslande nicht daſſelbe ſein wie in Frankreich. Ueberdies werden Sie es ſo einrichten, daß Sie Mina alle Tage beſuchen, und Sie werden ſo wohnen, daß Ihre Fenſter auf die ihrigen gehen.“ „Ich begreife, daß mit allen dieſen Vorſichtsmaß⸗ regen „Wie viel ſchätzen Sie, daß Mina für ihre Pen⸗ ſion und ihren Unterhalt braucht?“ „Ei! ich glaube, daß in Holland mit tauſend Franken für die Penſion...“ „Tauſend Franken für die Penſion?“ „Und fünfhundert Franken für den Unterhalt...“ „Setzen wir tauſend.“ „Wie, ſetzen wir tauſend?“ „Ja, das macht zweitauſend Franken jährlich für Mina. Mina braucht fünf Jahre, um ihre Volljäh⸗ rigkeit zu erreichen: hier ſind zehntauſend Franken.“ „Mein Freund, ich begreife nicht.. „Zum Glücke iſt es nicht nöthig, daß Sie begrei⸗ fen... Sprechen wir nun von Shien „Von mir?“ 198 „Ja; wie viel brauchen Sie jährlich?“ „Ich?. nichts! ich werde Lectionen im Fran⸗ zöſiſchen und in der Muſik geben.“ „Die ein Jahr auf ſich warten laſſen, und Ihnen ganz fehlen können.“ „Nun, mit ſechshundert Franken jährlich...“ „Setzen wir zwölf.“ „Zwölfhundert Franken jährlich... für mich allein?... Mein Freund, ich werde zu reich ſein!“ „Deſto beſſer... Sie werden den Ueberfluß den Armen ſchenken, Juſtin! es gibt überall Arme. Fünf Jahre zu zwölfhundert Franken jährlich, das macht ſechstauſend Franken. Hier ſind ſechstauſend Franken!“ „Aber wer gibt denn all dieſes Geld, Salvator?“ „Die Vorſehung, an der Sie vorhin zweifelten, mein Freund, als Sie ſagten, Mina werde ihren Vater nicht wiederfinden.“ „Ah! wie danke ich Ihnen!“ „Nicht mir müſſen Sie danken, mein lieber Juſtin: Sie wiſſen, daß ich arm bin.“ „Es kommt mir alſo von einem Unbekannten all dieſes Glück zu?“ „Von einem Unbekannten? Nein.“ „Von einem Fremden alſo?“ „Nicht ganz.“ „Aber, mein Freund, kann ich ſo einunddreißig tauſend Franken annehmen?“ „Ja,“ erwiederte Salvator mit einem gewiſſen Ausdrucke des Vorwurfs,„da ich ſie Ihnen antrage.“ „Verzeihen Sie, das iſt wahr... ich bitte hun⸗ —— * re üb er hä wo Se un lic ver ſeh dar hab faſt tig faſ Gre iſt, zu! ran⸗ nen mich in!“ den das ſend r 2 ⁴ ten, ren tin: all 199 dertmal um Vergebung!“ rief Juſtin, beide Hände ſeines Freundes drückend. „Nun wohl alſo, heute Nacht...“ „Heute Nacht?“ wiederholte Juſtin. „Heute Nacht entführen wir Mina, und Sie reiſen ab.“ „Oh! Salvator!“ rief Juſtin, das Herz von Freude überſtrömt, die Augen voller Thränen, und als ob er gerufen hätte:„Mein Bruder!“ Sodann, wie es der arme Schulmeiſter gemacht hätte, wenn ein Schutzgott in ſein Zimmer herabgeſtiegen wäre, faltete Juſtin die Hände und betrachtete lange Salvator, den er kaum ſeit drei Monaten kannte, und der ihn, ihn den Unbekannten, die unausſprech⸗ lichen Freuden der Seele hatte koſten laſſen, die er vergebens ſeit neunundzwanzig Jahren von der Vor⸗ ſehung forderte! „Ah!“ rief plötzlich Juſtin mit einer gewiſſen Bewegung des Schreckens,„und ein Paß?“ „Oh! was das betrifft, bekümmern Sie ſich nicht darum, mein Freund: hier iſt der von Ludovic. Sie haben denſelben Wuchs wie er, Sie haben Haare faſt von derſelben Farbe; das Uebrige iſt gleichgül⸗ tig: bis auf den Wuchs und die Haare gleichen ſich faſt alle Signalements, und ſtoßen Sie nicht an der Grenze auf einen Gendarmen, der zugleich Coloriſt iſt, ſo haben Sie durchaus nichts zu befürchten.“ „Dann habe ich mich nur noch um einen Wagen zu bekümmern.“ „Ihr Wagen wird Sie beſpannt heute Abend, fünfzig Schritte von der Barriére Croulebarbe, er⸗ warten.“ 200 „Sie haben alſo an Alles gedacht?“ „Ich glaube es wenigſtens,“ erwiederte lächelnd Salvator. „Nur nicht an meine armenkleinen Schüler,“ ſprach Juſtin, mit einer Art von Gewiſſensvorwurf den Kopf ſchüttelnd. In dieſem Augenblicke klopfte man dreimal an die Thüre. „Mein Freund,“ ſagte Salvator,„ich weiß nicht warum es mir ſcheint, die Perſon, welche ſo eben geklopft hat, bringe die Antwort auf Ihre Frage.“ Auf die Art, wie er geſtellt war, hatte Sal⸗ vator in der That können den guten Herrn Müller den Hof durchſchreiten ſehen. Juſtin öffnete und ſtieß einen Freudenſchrei aus, als er den alten Mitſchüler von Weber erkannte, der ihm, nach einem Gange auf den äußeren Bou⸗ levards, ſeinen Morgenbeſuch machte. Man unterrichtete ihn von der Lage; und als Herr Müller ausgeſprochen hatte, welches Glück ihm dieſe Nachricht bereite, ſagte Salvator: „Es gibt nur Eines, was Juſtin vollkommen glücklich zu ſein verhindert.“ „Was, Herr Salvator?“ „Ei! mein Gott! er fragt ſich, wer ihn in ſeiner Abweſenheit bei ſeinen armen kleinen Schülern er⸗ ſetzen werde.“ „Nun,“ erwiederte einfach der gute Müller,„bin ich nicht da?“ „Sagte ich Ihnen nicht, mein lieber Juſtin, die Perſon, welche an Ihre Thüre klopfe, bringe Ant⸗ wort?“ elnd rach den an icht ben al⸗ ller s, nte, u⸗ als ihm nen ner ——— 201 Juſtin warf ſich auf beide Hände von Herrn Müller und küßte ſie voll Dankbarkeit. Es wurde verabredet, noch an demſelben Tage ſollte Herr Müller die Schüler empfangen, da ſich Juſtin in einer Lage des Körpers und des Geiſtes befinde, die ihm nicht erlaube, ſeine Klaſſe zu machen. In den Ferien würde man den Schülern ankün⸗ digen, da die Abweſenheit von Juſtin ſich auf un⸗ beſtimmte Zeit zu verlängern drohe, ſo ſollten die Eltern den ganzen Monat September benützen, um für ihre Kinder einen andern Lehrer zu ſuchen. Salvator entfernte ſich und überließ Herrn Müller die Sorge, die Klaſſe zu machen, und Juſtin die, Madame Corby und ſeine Schweſter Céleſte auf die Veränderung vorzubereiten, welche vorgegangen war, oder die vielmehr in ihrer Exiſtenz in dem Augen⸗ blicke, wo ſie es am wenigſten dachten, vorgehen ſollte; dann eilte er die Rue Saint⸗Jacques hinab, und auf den Schlag neun Uhr lag er in der Morgenſonne ausgeſtreckt, in der Rue aur Fers, bei der Schenke zur Goldenen Muſchel, wo wir la Gibelotte eine ſo fantaſtiſche Rechnung ſeinem Buſenfreunde Eroe⸗en⸗ Jambe haben machen ſehen. Salvator hatte, wie man ſieht, ſeinen Tag ziem⸗ lich gut angefangen; wir werden im folgenden Ka⸗ pitel erfahren, wie er ihn vollendete. Der Abend eines Commiſſionärs. Am Abend, zur genannten Stunde, hielt die Reiſe⸗ caleche, durch den Stellmacher vollkommen in den Stand geſetzt, etwa fünfzig Schritte von der Barrière Croulebarbe. Der Poſtillon, der mit verhängten Zügeln und zehn Minuten vor der verabredeten Stunde herbei⸗ gekommen war, glaubte Anfangs an eine Myſtifica⸗ tion, als er ſah, daß die Perſonen, die ihn mit ſol⸗ cher Eile hatten kommen laſſen, nicht nur ſich nicht beim Rendez⸗vous fanden, ſondern ſogar nicht einmal Miene machten, zu erſcheinen. Nach einigen Minuten indeſſen, als er zwei junge Leute erblickte, welche mit raſchen Schritten herbei⸗ kamen und Arm in Arm gingen, ſchwang ſich der Poſtillon, der von ſeinem Pferde geſtiegen war, wie⸗ der in den Sattel und hielt ſich unbeweglich, ohne den Kopf zu drehen, wie ein Poſtillon von Stein. Salvator und Juſtin näherten ſich dem Wagen, Roland voran, der, ſo ſchnell ſie auch marſchirten, noch ſchneller als ſie marſchirte. Salvator öffnete den Schlag, ließ den Fußtritt herunter und ſagte zu Juſtin: „Steigen Sie ein!“. Als er dieſes einzige Wort hörte, wandte ſich der Poſtillon um, als hätte er einen elektriſchen Schlag gefühlt, und denjenigen, welcher es ausgeſprochen, ſehend und erkennend, wurde er ſcharlachroth vor Vergnügen. ſe⸗ en re nd ei⸗ ⸗ ht al ge er E⸗ 1e n, n, tt Er nahm langſam ſeinen Hut ab und begrüßte Salvator mit einem freudigen und zugleich ehrerbie⸗ tigen guten Morgen. „Guten Morgen, mein Freund!“ erwiederte lächelnd Salvator, indem er dem Poſtillon ſeine feine, ariſto⸗ kratiſche Hand reichte;„wie befindet ſich Dein wackerer alter Vater?“ „Vortrefflich, Herr Salvator,“ antwortete der Poſtillon;„und hätte er gewußt, Sie reiſen, ſo würde er Sie trotz ſeiner ſechsundſiebzig Jahre ſelbſt ge⸗ führt haben.“ „Es iſt gut; ich werde ihn dieſer Tage beſuchen. Er wohnt immer noch in der Baſtille?“ „Bei Gott!“ erwiederte ſtolz der Poſtillon,„wer hat das Recht darin zu wohnen, wenn nicht er?“ „In der That, Das iſt wahr,“ ſprach Salvator; „es iſt doch das Wenigſte, daß ein Eroberer den Platz bewohnt, den er erobert hat!“ Sodann hinter Juſtin einſteigend, der es ſich ſchon im Wagen bequem gemacht hatte, fragte er ſeinen Hund: „Willſt Du einſteigen, Roland?“ Roland ſchüttelte den Kopf. „Nein?“ fuhr Salvator fort;„Du willſt lieber zu Fuße gehen?... Geh', Roland, vorwärts.“ „Welche Straße, Herr Salvator?“ fragte der Poſtillon. „Straße nach Fontainebleau... Stille! Du kennſt mich nicht!“ „Ohne Ihnen Etwas zu befehlen, Herr Salvator, da ein Geheimniß darunter iſt, können Sie einem Freunde ſagen, wohin Sie gehen?“ 204 „Dir, ja, mein kleiner Bernard... Ich gehe nach der Cour de France.“ „Und Sie werden dort anhalten?“ „Die ganze Nacht.“ „Es iſt gut; Sie ſollen nicht beſpäht werden, das verſpreche ich Ihnen.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Nichts: das iſt meine Sache, Herr Salvator, verlaſſen Sie ſich auf mich!... Soll ich ſehr raſch fahren?“ „Nein, Bernard, im gewöhnlichen Gange; wir brauchen nicht vor zehn Uhr bei der Cour de France zu ſein.“ „Alſo in kurzem Trab.. Ich möchte Sie in⸗ deſſen lieber nicht ſo fahren, Herr Salvator.“ „Und wie möchteſt Du mich gern fahren, mein Junge?“ „Wie ich den Kaiſer 1815 geführt habe: fünf Meilen in der Stunde.“ Sodann leiſe: „Sind Sie nicht unſer Kaiſer, Sie, Herr Sal⸗ vator: wird man nicht, wenn Sie ſagen:„„Zu den Waffen!““ die Waffen ergreifen? wird man nicht, wenn Sie ſagen:„„Vorwärts!““ marſchiren?“ „Nun wohl, Bernard!...“ rief lachend Sal⸗ vator. „St! Stille!... Bah! ſind die Freunde unſerer Freunde nicht Freunde? Da dieſer Herr mit Ihnen iſt, ſo iſt er es,“ ſagte Bernard. Und er machte ein Maurerzeichen. „Ja, mein Freund, ich bin es,“ antwortete Ju⸗ ſtin,„Du haſt Recht; und möchte ich da ſein an dem 8 he n, — 205 Tage, wo man, wie Du vorhin ſagteſt, wird die Waffen ergreifen und marſchiren müſſen!“ „Sie ſehen, Herr Salvator, Alles geht gut! wir haben nur noch zu ſingen: Allons, enfants de la patrie! Und das Nationallied ſingend, trieb der Poſtillon ſeine Pferde durch einen Peitſchenhieb zum Auf⸗ bruche an. Der Wagen ging ab einen Staubwirbel aufwüh⸗ lend, der, durch die letzten Feuer des Tages vergol⸗ det, ihm eine unbeſtimmte Aehnlichkeit mit dem vom Himmel auf die Erde herabſteigenden Sonnenwagen verlieh. Wir werden nicht die Plauderei der zwei Freunde während der Dunkelheit, die ſich ſtufenweiſe um ſie her verdichtete, berichten. Wie man leicht begreift, war es die Hoffnung, welche der Hauptgegenſtand des Geſpräches wurde. Noch vier Stunden, noch drei, noch zwei, und man würde den Gipfel jener menſchlichen Glückſeligkeiten berühren, die man ſeit ſo langer Zeit durch dichte Wolken und ſchwarzen Nebel erſchaute. Madame Corby und Schweſter Céleſte waren ent⸗ zückt geweſen von dem Ereigniſſe, das ſich vorberei⸗ lete; das waren zwei gläubige Herzen, welche wohl hofften, Gott werde Juſtin in der Stunde deèr Ge⸗ fahr nicht verlaſſen. Die Trennung, welche noth⸗ wendig war, konnte nur momentan ſein, und man würde ſich am Herde der Familie wiedervereinigt finden, um ſich nie mehr zu verlaſſen. Alles ſtand alſo auf das Beſte, und bei dieſer 206 Veränderung der Lage ſah Niemand etwas Anderes als die unausſprechlichen Verheißungen und die höch⸗ ſten Freuden. Man hielt in Villejuif ſo lange an, als man brauchte, um die Pferde zu wechſeln. Salvator neigte ſich aus dem Schlage und ſchaute auf ſeine Uhr: es war halb zehn. Nach Verlauf einer Stunde erblickte man das Profil der Fontainen der Cour⸗de⸗France, oder, nen⸗ nen wir ſie mit ihrem wahren Namen, der Fontainen von Juviſy, prunkhafte Fontainen, geſchmückt mit Trophäen und Genien auf einem Piedeſtal, wahre Typen der Architektur von Ludwig XV. um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Der Poſtillon hielt an, ſtieg vom Pferde und öffnete den Schlag. „Wir ſind da, Herr Salvator,“ ſagte er. „Wie! Du biſt es, Bernard?“ „Ja, ich bin es!“ „Du haſt zwei Poſten gemacht?“ „Allerdings.“ „Ich glaubte, das ſei verboten.“ „Gibt es etwas, was für Sie, Herr Salvator, verboten iſt?“ „Wie iſt aber? „Hören Sie, wie das gekommen iſt. Ich ſagte mir:„„Herr Salvator macht einen Coup für das Wohl der Sache; er braucht einen Mann, der weder Augen, noch Ohren hat, der aber vielleicht wohl mit ſeinen guten Armen verſehen iſt. Ich bin der Mann!““ Da that ich in Villejuif Folgendes. Ich ſagte zu Pierre Lenglumé, an dem die Reihe zu — und nach ab u 6 und ſchrit es ch⸗ te 8 er hl er u 207 fahren war:„„Das iſt es nicht, Pierre, mein Freund, dieſer arme Jacques Bernard hat eine Liebe bei den Fontainen der Cour⸗de⸗France: Du mußt ihm Dei⸗ nen Platz abtreten, damit er ein paar Worte unter vier Augen ſeiner Particuliére ſagen kann, und man wird bei der Rückkehr eine Flaſche bezahlen. Steht Dir das an?““„„Eingeſchlagen!““ antwortete Len⸗ glumé. Ich ſchlug ein, und hier bin ich. Habe ich mich nun getäuſcht, Herr Salvator? Guten Abend! ich werde fünf Meilen mehr als meine Rechnung im Leibe haben: ein Liebespoſtillon wie ich ſtirbt nicht wegen ſo wenig.. habe ich mich nicht getäuſcht? Zu Ihren Befehlen!“ Salvator reichte Jacques Bernard die Hand. „Mein Freund,“ fagte er zu ihm,„ich glaube nicht, daß ich Deiner heute bedarf; ſei aber ruhig, bietet ſich Gelegenheit, Deinen guten Willen zu be⸗ nützen, ſo werde ich nicht verſäumen, es zu thun.“ „Abgemacht, Herr Salvator?“ „Abgemacht.“ „Topp!... Was iſt nun zu thun?“ „Steige wieder auf und zähle ungefähr hundert⸗ undfünfzig Schritte.“ „Und dann?“ „Halt an.“ Bernard ſchwang ſich in den Sattel und hielt nach hundertundfünfzig Schritten an; dann ſtieg er ab und öffnete den Wagenſchlag. Salvator ſtieg aus und ging gegen den Graben. Zwanzig Schritte von ihm erhob ſich ein Mann und zählte bis vier; Salvator zählte bis acht und ſchritt gerade auf den Mann zu. 208 Der Mann war der General Lebaſtard de Pré⸗ mont. Soalvator führte den General an den Wagen, wo er Platz nahm; dann ſtieg er ſelbſt hinter ihm ein und ſagte: „Nach Chatillon!“ „An welchen Ort in Chatillon, Herr?“ „Auberge de la Gräce⸗de⸗Dieu.“ „Man kennt das... Vorwärts, meine Hühn⸗ chen!“ Und ſeine Pferde mit einem Peitſchenhiebe an⸗ treibend, ſchlug Jacques Bernard die Straße nach Chatillon ein, und zehn Minuten nachher hielt der Wagen, zitternd auf ſeinen Achſen, vor der Auberge de la Gräce⸗de⸗Dieu an. Während der Fahrt hatte Salvator Juſtin dem General vorgeſtellt; nur wußte der General, wer Juſtin war, indeß Juſtin durchaus nicht wußte, wer der General war, und beſonders, welchen Dienſt er ihm geleiſtet hatte. Man kam, wie geſagt, vor die Auberge de la Gräce⸗de⸗Dieu. Man erinnert ſich, daß Salvator hier Jean Taureau und Touſſaint⸗Louverture Rendez⸗vous ge⸗ geben hatte. Die zwei Mohicaner waren auf ihrem Poſten, und, ſeltſamer Weiſe! obſchon ſie ſich ſchon ſeit un⸗ gefähr einer Stunde hier befanden, war doch die Flaſche, die ſie vor ſich hatten, noch nicht entpfropft. Man hätte glauben ſollen, es ſei die zweite, doch die Gläſer waren ſo rein, als ob ſie gerade aus der Fabrik kämen. der getr Mä miſſ man Inſt „ich Lelot ré⸗ wo ein hn⸗ an⸗ ach der erge dem wer wer t er ean ge⸗ ten, un⸗ die pft. die der 209 Beide ſtanden auf, als ſie Salvator erblickten, der allein ausgeſtiegen und in das Wirthshaus ein⸗ getreten war. Salvator ſchaute umher und ſah, daß die zwei Männer in einem Winkel und ganz vereinzelt waren. Jean Taureau begriff die Befürchtung des Com⸗ miſſionärs und ſagte zu ihm: „Ah! Sie können ſprechen, Herr Salvator; Nie⸗ mand hört uns.“ „Ja,“ fügte Touſſaint⸗Louverture bei,„nur Ihre Inſtructionen, und man wird gehorchen!“ „Sie werden kurz ſein,“ erwiederte Salvator; „ich kann Eurer heute Nacht bedürfen.“ „Deſto beſſer!“ ſagte Jean Taureau. „Ich kann Eurer auch nicht bedürfen.“ „Deſto ſchlimmer!“ ſprach Touſſaint⸗Louverture. „In jedem Falle nehme ich Euch mit mir.“ „Hier ſind wir.“ „Ihr fragt nicht einmal, wohin ich Euch führe?“ „Wozu? Sie wiſſen wohl, daß wir, ſelbſt wenn es zum Teufel wäre, gingen,“ ſagte Barthélemy Lelong. „Sodann?“ fragte Touſſaint⸗Louverture. „Sodann werde ich Euch an den Platz ſtel⸗ len, wo Ihr bleiben ſollt, und bei Eurem Leben er⸗ ſcheint nur, wenn ich ſage:„„Herbei!““ „Wenn Sie aber dennoch eine Gefahr laufen, Herr Salvator?“ „Das iſt meine Sache.“ „Nun alſo?“ „Euer Wort, daß Ihr nur erſcheint, wenn ich ſage:„„Herbei!““ Dumas, Salvator. II. 14 210 „Ei! man muß es Ihnen wohl geben.“ „Euer Wort.“ „So wahr ich Barthélemy Lelong heiße!“ „So wahr ich Touſſaint⸗Louverture heiße!“ „Es iſt gut.— Barthélemy, ſtecke dieſe Stricke in Deine Taſche; und Du, Touſſaint, ſtecke dieſes Sacktuch in die Deinige.“ „Es iſt geſchehen.“ „Sagt nun, kennt Ihr den Park von Viry?“ „Ich nicht,“ antwortete Touſſaint. „Ich kenne ihn,“ erwiederte Jean Taureau. „Gut! kennt ihn nur Einer von Euch Beiden, das genügt.“ „Nun?“ „Nun wohl, geht querfeldein, und erblickt Ihr eine große weiße Mauer, welche einen Winkel auf der Straße bildet, ſo haltet an und verbergt Euch in der Umgegend. Ich werde Euch dort wieder⸗ finden.“ „Verſtanden,“ antworteten gleichzeitig Jean Tau⸗ reau und Touſſaint⸗Louverture. „Gut! auf baldiges Wiederſehen alſo?“ „Auf baldiges Wiederſehen, Herr Salvator.“ Die zwei Mohicaner gingen ab. Salvator kehrte zum General Lebaſtard de Pré⸗ mont und zu Juſtin zurück, die er, wie geſagt, im Wagen gelaſſen hatte. Man nahm wieder den Weg, auf welchem man bis Chatillon gefahren war, und man kam auf die Landſtraße von Fontainebleau zu der Stelle, wo ein abhängiger Weg nach dem Pont Godeau und von da nach dem Schloſſe Viry führt. ricke ieſes den, Ihr auf uch der⸗ 2 D* tan die ein on 2¹¹ Das geübte Auge von Salvator erkannte zwei in der Finſterniß ſchleichende Schatten: es waren Barthélemy Lelong und Touſſaint⸗Louverture. Man folgte dem abhängigen Wege, man kam zum Pont Godeau, und man erblickte von fern die weiße Mauer, welche bei Racht ein durch die Ebene laufender Fluß zu ſein ſchien. Man ſtieg aus, man brachte den Wagen in eine Baumgruppe, die ſich unmittelbar bei der Landſtraße erhob, und aus der die Natur ausdrücklich für die⸗ ſen Umſtand einen ungeheuren Schoppen gemacht zu haben ſchien; man ermahnte zur Stille Jacques Ber⸗ nard, der ganz ſtolz darauf war, an dem geheimniß⸗ vollen Ereigniſſe, das ſich vorbereitete, Theil zu haben. Als der Wagen untergebracht war, ſchlug man, ſtatt beſtändig dem nach Viry führenden Vicinal⸗ wege zu folgen,— Salvator an der Spitze, hinter ihm Juſtin, dem der General folgte,— einen klei⸗ nen Fußpfad ein, der zur Mauer des Schloſſes führte. Man rückte vor per amica silentia lunae, wie Lirgil ſagt, in einer der letzten Frühlingsnächte oder vielmehr in einer der erſten Sommernächte. Die Luft war lau, der Himmel voll Sturm, und jeden Augenblick ſpielte der falbe Mond, der, wie wir geſagt haben, den Reiſenden ſeine befreundete Stille lieh, Verſteckens, wie es die Kinder hinter einem Baume thun,— bald ſich unter einer ſchwarzen Wolke ver⸗ ſchleiernd, bald wiedererſcheinend und ſich aufs Neue verſchleiernd. Sie kamen ſo alle Drei zu dem uns bekannten 212 Gitter; ſie zogen ſich gegen rechts und gelangten an den Ort der Mauer, wo Juſtin hinüberzuſteigen pflegte. Hier bezeichnete man dem General das Ma⸗ noeuvre, das zu vollführen war. Salvator ſtellte ſich an die Mauer und machte die Leiter. Juſtin gab das Beiſpiel, indem er zuerſt hinaufſtieg und auf die andere Seite der Mauer mit einer Behendig⸗ keit ſprang, welche bewies, wie ſehr er mit dieſer Uebung vertraut war; der General folgte ihm, und obſchon er fünfzehn Jahre älter als Juſtin, blieb er doch an Geſchicklichkeit und Leichtigkeit nicht zurück. Roland glaubte, nun ſei die Reihe an ihm; er ſchickte ſich ſeinerſeits an, ſeinen Anlauf zu nehmen, als er durch einen Wink ſeines Herrn zurückgehalten wurde. Dieſer hatte die zwei Gefährten nicht ver⸗ geſſen, welche im Vorſprunge geweſen waren, die er aber, Dank ſei es der Peitſche von Jacques Ber⸗ nard, zurückgelaſſen hatte und nun an der Ecke der Mauer erwarten wollte. Er war hier nicht fünf Minuten, als er Jean Taureau und Touſſaint⸗Louverture erblickte, deren Schatten ſich am Horizont wie Rieſenſilhouetten zu zeichnen anfingen. Die Erſcheinung war um ſo fan⸗ taſtiſcher, als man ſie herbeikommen ſah, ohne das Geräuſch ihrer Tritte zu hören. Sie kamen ſo zu Salvator, der nun erſt bemerkte, ſie gehen barfuß. „Bravo!“ ſagte er leiſe;„ich erwartete Euch.“ „Hier ſind wir!“ antworteten die zwei Männer. „Folgt mir.“ Der Zimmermann und der Kohlenbrenner ge⸗ horchten. tot del ger ſas ſel der un em er ſan St vor ſter drü ſo 213 Bei dem Orte der Mauer angelangt, wo Juſtin und der General übergeſtiegen waren, blieb Salva⸗ tor ſtehen. „Es iſt hier!“ ſagte er. „Ah! ah!“ erwiederte Jean Taureau,„es han⸗ delt ſich darum, auf die andere Seite zu paſſiren, wie es ſcheint.“ „Oh! mein Gott, ja, und man wird Euch zei⸗ gen, wie das gemacht wird, Freund Jean Taureau,“ ſagte Salvator.„Hier, Roland!“ Roland kam zu ſeinem Herrn und richtete ſich ſelbſt auf ſeinen Hinterpfoten an der Mauer auf. Salvator hob den Hund bis zur Höhe der Mauer empor; dieſer hing ſich an die Kappe mit ſeinen Vor⸗ derklauen an und ſprang, ſich mit ſeinen Hinterklauen unterſtützend, in den Park. Salvator ſchwang ſich empor, ergriff die Mauerkappe mit der Hand, und er hob ſich, mit der Stärke des Fauſtgelenkes, lang⸗ ſam und durch eine geſchickte Gymnaſtik. In einer Secunde war er rittlings auf dem Steinkamme. „Nun iſt es an Euch!“ ſagte er. Die zwei Männer ſchauten den Wall an, der vor ihnen emporragte. „Teufel! Teufel!“ machte Jean Taureau. „Wie Du, ein Zimmermann, Meiſter über Mei⸗ ſter, Meiſter über Alle...!“ „Ei! hat Touſſaint-Louverture nicht bange, ich drücke ihn platt, und will er mir als Leiter dienen, ſo kann das wohl gehen,“ erwiederte Jean Taureau. „Ich habe nicht bange!“ erwiederte Touſſaint⸗ Louverture. 2¹⁴ „Ich bin hundertfünfzig Kilogramme ſchwer, das muß ich Dir zum Voraus bemerken, Toufſaint,“ ſagte Barthélemy Lelong. „Das iſt etwas mehr als zwei Kohlenſäcke,“ ant⸗ wortete Touſſaint,„und man hat wohl bis drei ge⸗ tragen. Doch ich 2 „Oh! bin ich einmal oben, ſo bekümmere Dich um nichts.“ „Steige alſo!“ ſagte Touſſaint. Der Kohlenbrenner leiſtete Jean Taureau den Dienſt, den Salvator eine Viertelſtunde vorher Juſtin und dem General geleiſtet hatte. In einigen Secunden ſaß Jean Taureau auf dem Gipfel Salvator gegenüber. Es war Zeit, ſo kurz die Aufſteigung gedauert hatte, Touſſaint fing an ſich unter dem Gewichte des Rieſen zu biegen. „So!“ ſagte er. Und er zog aus ſeiner Taſche das Paquet Stricke, und brachte am Ende eine Art von Schleife an. „Faß das an, und zwar ſolid!“ ſagte er zu Touſſaint. Touſſaint gehorchte dem Befehle und packte den Strick. „Hältſt Du?“ fragte Jean Taureau. G ℳ „Yd. „Aber feſt? „Feſt, ſei ruhig.“ „Dann aufgezogen!“ ſprach Jean Taureau. Und er zog mit einer Hand Touſſaint an ſich, packte ihn mit der andern Hand beim Kragen ſeines Sammetwammſes, und brachte ihn auf das Niveau ner der hor ließ ſag Sch und von war der an ſche „das int,“ ant⸗ i ge⸗ Dich den uſtin auf „ſo fing n. icke, zu den au 2¹15 der Mauerkappe, wie er es mit einem Kinde ge⸗ than hätte. Hier angelangt, wollte ſich Touſſaint mit beiden Händen an der Mauerkappe anklammern. „Oh! es iſt nicht der Mühe werth,“ ſagte Jean Taureau. Und er nahm den Kohlenbrenner unter den Bei⸗ nen mit der andern Hand, hob ihn über den Kamm der Mauer, gab ihm ſeine, einen Augenblick für die horizontale verlaſſene, ſenkrechte Lage wieder und ließ ihn in den Park fallen. Dann ſchickte er ſich an, daſſelbe zu thun, und ſagte: „Nun iſt die Reihe an mir.“ Aber Salvator legte ihm die Hand auf den Schenkel wie ein Menſch, der Stillſchweigen verlangt, und flüſterte: „Horch!“ Was?“ „St Man hörte in der Ferne den Galopp eines Pferdes. Dieſer Galopp kam immer näher. Sodann hörte man ein Gewieher. Kam dies von dem galoppirenden Pferde, oder von den zwei Roſſen, welche am Wagen angeſpannt warteten? Das konnte Salvator nicht unterſcheiden; der Schatten des Pferdes und der des Reiters fingen an gerade auf der Höhe der Baumgruppe zu er⸗ ſcheinen, wo der Wagen verborgen war. Der Reiter näherte ſich raſch. 7 216 „Zu Boden, Jean Taureau! zu Boden!“ rief Salvator. Jean Taureau ließ ſich mehr fallen, als daß er ſprang. Wie er es ſchon einmal gethan hatte, warf ſich Salvator in das Innere des Parkes zurück, ohne die Mauerkappe zu verlaſſen. Dann hob er ſich mit den Kräften ſeiner Hände auf und legte ſeine Augen an die Höhe der Kappe. Der Reiter kam in ſeinen Mantel gehüllt vor⸗ über. Trotz des Mantels erkannte Salvator Lorédan von Valgeneuſe. „Er iſt es,“ ſagte er. Und er ſprang leicht zu Boden, während Roland ein dumpfes Geknurre vernehmen ließ. „Vorwärts!“ ſagte Salvator,„es iſt keine Zeit zu verlieren, wenn wir überhaupt nicht ſchon zu viel Zeit verloren haben!“ Salvator eilte durch den Park; die zwei Män⸗ ner folgten ihm. XIII. Die Nacht eines Commiſſionärs. Wo befanden ſich Juſtin und Mina? Das war die Frage. An den Tagen, wo Mina Juſtin erwartete, hielt ſie ſich bei der Bank auf, wo Salvator zum erſten Male das Mädchen geſehen hatte; doch es hatte ſich —————————— rief aß er rf ſich ne die Hände appe. vor⸗ rédan oland Zeit viel Män⸗ war hielt ſten ſich 217 noch kein Umſtand geboten, wo Juſtin an einem Tage kam, an welchem er nicht erwartet wurde: wenn ſie ſich verließen, verabredeten die jungen Leute ihr nächſtes Rendez⸗vvus. Salvator lief nach der Seite des Schloſſes. Der General, der mit Juſtin herabgeſtiegen war, war die ſem gefolgt. Sagen wir, Salvator lief, ſo irren wir uns: man konnte unmöglich laufen in dieſem Parke, wo Alles Geſtrüppe, Dornen, Neſſeln, hohes Gras war; wo die Hand des Menſchen in Jahren nicht durch⸗ gekommen zu ſein ſchien, in dieſem Parke, der, zum Täuſchen, an den Urwald der Rue d'Enfer erinnerte. Roland neigte ſich, mi tdumpfem Stöhnen, gegen die Dickung, wo das Grab des Kindes war; Salva⸗ tor aber, während er ſich einen Weg durch das Ge⸗ ſtrüppe bahnte, hielt den Hund bei ſich zurück. Man kam an das Ufer des Teiches. Hier blieben Jean Taureau und Touſſaint⸗Lou⸗ verture einen Augenblick ſtehen; Salvator ſuchte mit den Augen die Urſache dieſes Zögerns. Und, in der That, was die zwei Männer aufge⸗ halten hatte, waren die mythologiſchen Bilder, in Bewegung geſetzt durch das Kommen und Gehen des Mondes, dieſe Bilder, die ſich von ihren Baſen los⸗ zumachen und die Verletzer ihrer Domänen angreifen zu wollen ſchienen. Roland erkannte vollkommen den Teich, und er wollte ſich aufs Neue niedertauchen Salvator hielt ihn aber zurück. „Später! ſpäter, Roland!“ flüſterte er ihm zu; „heute haben wir etwas Anderes zu thun.“ 218 Von hier aus konnte man alle Fenſter der alten Fagade ſehen. Keines von dieſen Fenſtern war er⸗ leuchtet. Salvator horchte: es ſchien ihm, er höre,— in einer der, welcher er gefolgt war, ganz entgegenge⸗ ſetzten Richtung,— die Stimme von Juſtin, der Mina rief. „Der Unkluge!“ ſagte er.„Freilich weiß er nicht Und er fing an in der Richtung der Stimme zu laufen, indem er zu den zwei Männern ſagte: „Kehret dahin zurück, woher wir kommen, und was auch geſchehen mag, wie dies verabredet iſt, rührt Euch nicht, wenn ich Euch nicht rufe.“ Die zwei Männer hatten ſich vrientirt: ſie ſchlu⸗ gen den Weg wieder ein, dem ſie gefolgt waren. Salvator und Roland umgingen den Teich; ſie wählten, um dieſe krumme Linie zu beſchreiben, den dunkelſten Kreis, das heißt das Ufer zunächſt beim Walde. Roland lief voran; man hätte glauben ſollen, er errathe, was ſein Herr ſuche. Der Hund und der Menſch kamen in eine der Queralleen des Parkes in dem Augenblicke, wo ſich Juſtin und Mina einander in die Arme warfen. Die erſte Perſon, welche Mina, als ſie die Augen umherlaufen ließ, erblickte, war der General. Sie ſtieß einen kleinen Schreckensſchrei aus. „Sei ohne Furcht, liebes Kind,“ ſagte Juſtin; „es iſt ein Freund.“ Zu gleicher Zeit erſchienen von der andern Seite Salvator und Roland. iſ er er iſt de im ha wo der übe mei lten er⸗ in nge⸗ der er 219 „Geſchwinde! geſchwinde!“ ſagte Salvator;„es iſt keine Minute zu verlieren.“ „Was geſchieht denn?“ fragte Mina ein wenig erſchrocken. „Es geſchieht, meine liebe Mina, daß wir Sie entführen.“ „Mina?.“ murmelte der General.„Das iſt der Name meiner Tochter?“ Und er ging mit ausgeſtreckten Armen auf Mina zu. Salvator ließ ihm aber nicht Zeit, ein Wort mit dem Kinde zu wechſeln. „Stille und Eile!“ ſagte er.„Sie werden ſich im Wagen Alles erzählen, was Sie ſich zu erzählen haben. In zwei Tagen und zwei Nächten haben Sie wohl Zeit hiezu!“ Und unterſtützt von Juſtin zog er Mina nach dem Orte der Mauer fort, wo man ſie mußte hin⸗ überſteigen laſſen. „Steigen Sie, Juſtin!“ ſagte Salvator. „Aber meine arme Mina?“ fragte Juſtin. „Steigen Sie!“ wiederholte Salvator;„ich ſage Ihnen, es iſt keine Minute zu verlieren.“ Juſtin gehorchte. „Leben Sie wohl, Herr Salvator! Gott befohlen, mein beſter Freund!“ flüſterte das Mädchen, indem es ſeine weiße Stirne dem jungen Manne darbot. „Gott befohlen, meine Schweſter!“ antwortete Salvator. Und er drückte ſeine Lippen auf ihre Stirne. „Ah! mir auch,“ ſagte der General.„Einen Kuß, mein Kind!“ 220 Die Lippen des Generals nahmen den Platz der Lippen von Salvator ein; dann ſtreckte er die Hand über dem Haupte von Mina aus und ſprach mit einer Stimme voller Thränen: „Sei glücklich, Kind! ein Vater, der ſeine Toch⸗ ter ſeit fünfzehn Jahren nicht geſehen hat, ſegnet Dich. Gott befohlen!“ „Vorwärts! vorwärts!“ ſagte Salvator,„jede Minute hat den Werth einer Stunde, jede Stunde den Preis eines Tages!“ „Ich warte!“ ſprach Juſtin, der ſchon rittlings auf dem Kamme der Mauer ſaß. „Gut!“ ſagte Salvator, und mit einem Sprunge nahm er ſeinen Platz ihm gegenüber. „Nehmen Sie nun,“ ſagte er zum General,„neh⸗ men Sie nun das Kind in Ihre Arme und heben Sie es bis zu uns empor.“ Der General hob Mina in die Höhe, wie Milon von Kroton ein Lamm emporgehoben hätte; ſodann, indem er ſie auf der Fläche ſeiner ausgeſtreckten Hände hielt, brachte er ſie ganz nahe an die Mauer. Sobald Mina im Bereiche der zwei jungen Leute war, umſchlang jeder von ihnen ihren Leib mit einem Arme, während der General, die Hand unter ihren vereinigten Füßen durchſchiebend, die Aufſteigung unterſtützte. Als Mina auf der Mauerkappe ſaß, ſagte Sal⸗ vator: „Und nun ſteigen Sie hinab, Juſtin.“ Juſtin ſprang auf den Weg. „Treten Sie nahe an die Mauer,“ fuhr Salva⸗ . er der and mit Loch⸗ gnet jede unde ings unge neh⸗ eben ilon ann, kten uer. eute nem ren ung Sal⸗ tor fort;„ſtützen Sie ſich mit dem Kopfe und mit beiden Händen daran... So iſt es gut!“ Dann fügte er gegen Mina bei, indem er ſie aufhob und ſich umdrehen ließ: „Mein Kind, ſtellen Sie jeden von Ihren Füßen auf eine von den Schultern von Juſtin.“ Das Mädchen vollführte die vorgeſchriebene Be⸗ wegung. „Biegen Sie ſich auf Ihren Knieen, Juſtin.“ Juſtin bog ſich auf ſeinen Knieen. „Ein wenig mehr.“ Juſtin bog ſich noch mehr. „Knieen Sie nieder.“ Juſtin kniete nieder. „Nun ſind Sie gerettet,“ ſprach Salvator, indem er die zwei Hände von Mina losließ. „Noch nicht!“ rief eine Stimme. Und der Knall eines Feuergewehrs wurde hörbar. Zu gleicher Zeit, als die Stimme rief:„Noch nicht!“ und der Schuß ertönte, ſprang Mina, die nur noch zwei Fuß vom Boden war, leicht auf den Raſen, den die Mauer begränzte. Den Piſtolenſchuß hörend und die Stimme von Herrn von Valgeneuſe erkennend, ſtieß das Mädchen einen Schrei aus. „Rettet Euch! und glückliche Reiſe!“ rief Salva⸗ tor, von der Mauer in den Park ſpringend. Der General war ſchon nach der Seite geſtürzt, wo er die Flamme geſehen hatte. „Zurück, General!“ ſagte Salvator, indem er Herrn Lebaſtard de Prémont mit Gewalt auf die 222 Seite ſchob, um ſelbſt zu paſſiren;„das iſt meine Sache.“ Der General machte ihm Platz. Salvator eilte nach dem Orte, von wo der Schuß ausgegangen war, und fand ſich von Angeſicht zu Angeſicht Herrn von Valgeneuſe gegenüber. „Ah! ich habe Dich ein erſtes Mal gefehlt,“ rief dieſer;„doch mit dieſem Schuſſe werde ich Dich nicht fehlen.“ Und er ſenkte den Lauf ſeiner Piſtole, daß ſie beinahe die Bruſt von Salvator berührte. Noch eine Secunde, der Drücker bewegte ſich und der junge Mann war todt; doch in dieſem Augenblicke ſtürzte ein Thier, ſpringend wie ein Tiger herbei, und packte den Grafen bei der Gurgel: es war Roland, der ſeinem Herrn zu Hülfe gekommen. In ſeinem Laufe hob er die Hand empor, welche die Piſtole hielt, und der Schuß ging in die Luft. „Ah! bei meiner Treue, mein lieber Herr Loré⸗ dan,“ ſagte Salvator,„wiſſen Sie, daß wenig ge⸗ fehlt hat, und Sie hätten Ihren Vetter getödtet?...“ Unter dem Stoße, den ihm Roland gegeben, war der Graf von Valgeneuſe rückwärts gefallen, und er hatte fallend die Piſtole losgelaſſen. Roland ließ ſeine Gurgel nicht los. „Ei! mein Herr,“ ſagte der Graf ſich ſträubend, „werden Sie mich durch dieſen Hund erwürgen laſſen?“ „Roland,“ rief Salvator,„hier!... herbei!“ Der Hund ließ zu ſeinem großen Leide den Gra⸗ fen los und ſetzte ſich knurrend wieder zu ſeinem Herrn. der Val wel ſpa gen zu räur ( eine chuß zu rief icht ſie eine nge rzte ckte der che r6⸗ ge⸗ var er nd, en ra⸗ em 223 Lorédan erhob ſich auf ſein Knie, und während er ſich aufrichtete, zog er ein Stilet aus ſeiner Taſche; doch, Dank ſei es einem neuen Zwiſchenfalle, hatte der Graf nicht Zeit, ſich der Waffe zu bedienen, die er zu Hülfe gerufen: zu ſeiner Rechten war Jean Taureau, zu ſeiner Linken Touſſaint⸗Louverture. Als Salvator zu Roland ſprechend rief:„Hier! herbei!“ da glaubten die zwei Männer das verab⸗ redete Signal zu hören, und liefen hinzu. Man er⸗ innert ſich, daß ihnen Salvator empfohlen hatte, zu kommen, wenn er:„Herbei!“ rufen würde. Jean Taureau, der beim Mondſcheine die Waffe in der Hand von Lorédan glänzen fah, packte dieſe Hand beim Fauſtgelenke und drückte den Arm des Grafen dergeſtalt, daß man die Knochenfügung kra⸗ chen hörte. „Nun,“ ſagte Jean Taureau,„laſſen Sie dieſes Kleinod los, das Ihnen zu nichts dienen kann.“ Und er verdoppelte ſeinen Druck, Unter den eiſernen Muskeln des Zimmermanns, der ihm das Fauſtgelenke zermalmte, ſtieß Herr von Valgeneuſe einen Schrei aus ungefähr ähnlich dem, welchen ein armer Sünder, den man auf die Folter ſpannt, ausſtoßen muß; ſeine Finger waren gezwun⸗ gen, ſich zu öffnen und das Stilet loszulaſſen, das zu ſeinen Füßen fiel. „Heb'auf, Touſſaint,“ ſagte Barthélemy Lelong; „das kann uns dazu dienen, unſere Pfeifen auszu⸗ räumen.“ Touſſaint bückte ſich und hob das Stilet auf. „Was haben wir nun,“ fragte Jean Taureau, 224 ſich an Salvator wendend,„was haben wir nun mit dem Herrn Grafen zu thun?“ „Ei!“ antwortete Salvator mit derſelben Ruhe, „legt ihm Euer Sacktuch auf den Mund und bindet ihm die Hände und die Füße mit den Stricken, die Ihr in Eurer Taſche habt.“ Touſſaint⸗Louverture zog ſein Sacktuch aus ſei⸗ ner Taſche, und Jean Taureau die Stricke aus der ſeinigen. Während dieſer Operation war Jean Taureau genöthigt, die Hand des Grafen loszulaſſen; in der Hoffnung, zu entkommen, benützte dieſer den Augen⸗ blick der Freiheit, den man ihm ließ, machte einen Seitenſprung und ſchrie: „Zu Hülfe!“ Doch ſich gegenüber fand er den General, der ſich bis dahin ſtumm und unbeweglich verhalten hatte,— ein Zuſchauer deſſen, was vorging. „Mein Herr,“ ſprach der General, den Lauf einer Piſtole in der Höhe der Stirne von Lorédan ausſtreckend,„ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, machen Sie eine einzige Bewegung, um zu entwiſchen, ge⸗ ben Sie einen einzigen Schrei von ſich, um dadurch zu Hülfe zu rufen, ſo zerſchmettere ich Ihnen den Schädel wie einem tollen Hunde.“ „Ich habe es alſo mit einer Räuberbande zu thun?“ ſagte Herr von Valgeneuſe. „Nein,“ erwiederte Salvator,„Sie haben es mit Ehrenmännern zu thun, welche geſchworen, Ihren Händen das Mädchen zu entreißen, das Sie ſchänd⸗ licher Weiſe entführt haben.“ ———————— uhe, ndet die ſei⸗ aus eau der gen⸗ nen der lten auf dan chen ge⸗ urch den es ren n⸗ ——————— Und er winkte Lelong und ſagte: „Auf, das Sacktuch! auf, die Stricke; nur legt das Sacktuch ſo an, daß der Gefangene nicht erſtickt, und bindet die Stricke gerade nur ſo, daß er ſich weder ſeiner Hände, noch ſeiner Füße bedienen kann. Ich komme in einem Augenblicke zurück.“ „Bedürfen Sie meiner, mein Herr?“ fragte der General. „Nein, bleiben Sie und leiten Sie die Operation.“ Der General nickte beiſtimmend mit dem Kopfe, und Salvator verſchwand: Mit einer wunderbaren Geſchicklichkeit legte Touſ⸗ ſaint⸗Louverture das Sacktuch um den Mund des Grafen, während ihn Jean Taureau vom Kopfe bis zu den Füßen zuſammenſchnürte und das Ende des Strickes mit dem Knoten des Sacktuches verknüpfte. Herr Lebaſtard de Prémont ſchaute mit gekreuz⸗ ten Armen zu. Nach zehn Minuten hörte man den Tritt eines Pferdes gedämpft durch das hohe Gras der Allée und Salvator erſchien, mit einer Hand am Zügel das Roß des Grafen, mit der andern ein Brecheiſen haltend. „Es iſt geſchehen, Herr,“ ſagte Jean Taureau, „und zwar wohl geſchehen, dafür ſtehe ich Ihnen.“ „Ich bezweifle es nicht,“ erwiederte Satvator. „Während wir nun den Herrn auf ſeinem Pferde feſtſetzen, nimm dieſes Brecheiſen und öffne das Gitter.“ Das Pferd hatte einen Zaum und eine Trenſe; man nahm ihm die Trenſe ab, und mit dem dünnen Dumas, Salvator. 1. 15 Touſſaint⸗Louverture und Jean 226 ledernen Riemen befeſtigte man den Grafen auf ſeinem Pferde. „So!“ ſagte Salvator;„nun vorwärts!“ Touſſaint nahm das Pferd beim Zaume, und man ging nach dem Gitter. Jean Taureau ſtand, ſein Brecheiſen wie ein Por⸗ tier in der Hand haltend, beim geöffneten Gitter. Salvator trat auf ihn zu und ſagte zu ihm: „Du kennſt die Hütte am Rande des Waſſers?“ „Die, wo wir vor vierzehn Tagen verſammelt waren?“ „Ganz richtig.“ „Wie das Haus meiner Mutter, Herr Salvator.“ „Gut! dort werdet Ihr den Grafen zart nieder⸗ ſetzen.“ „Es iſt ein Bett da: er wird dort vortrefflich ſein.“ „Ihrwerdet ihn ſcharf bewachen, Touſſaint und Du.“ „Scharf... abgemacht.“ „Im Schranke ſind für zwei Tage Vorräthe an Fleiſch, Brod und Wein.“ „Für zwei Tage... Wir werden ihn alſo zwei Tage bewachen?“ „Ja.. Hat er Hunger, hat er Durſt, verlangt er zu eſſen, ſo werdet Ihr ihm den Mund frei machen, die Hände losbinden, und ihn eſſen und trinken laſſen.“ „Ganz richtig, Jedermann muß leben.“ „Ein ſchlechtes Sprüchwort, Jean Taureau, das die Schurken beſchützt.“ „Ah!. wenn Sie wünſchen, daß er nicht lebe, Herr Salvator,“ erwiederte Jean Taureau mit der Geberde eines Menſchen, der ſeinen Daumen auf die — det So ant der Pfe der losl laß glü Ta: ſchel auf und Por⸗ melt 227 Kehle eines Andern ſetzt,„ſo brauchen Sie nur ein Wort zu ſagen... Sie wiſſen „Unglücklicher!“ rief Salvator, der ſich eines Lächelns bei der Idee dieſer blinden Ergebenheit nicht erwehren konnte. „Das iſt nicht Ihre Meinung? ſprechen wir nicht mehr davon,“ ſagte Jean Taureau. Salvator machte eine Bewegung, um zu der Gruppe zurückzukehren, welche das Pferd, der darauf gebundene junge Mann, Touſſaint-Louverture und der General bildeten. Jean Taureau hielt ihn zurück. „Ah! Herr Salvator,“ ſagte er. „Was?“ „Wann ſollen wir ihn gehen laſſen?“ „Uebermorgen um dieſe Stunde.. Ihr wer⸗ det eben ſo ſehr für das Pferd, als für den Menſchen Sorge tragen.“ „Mehr Sorge, Herr Salvator, mehr Sorge,“ antwortete Jean Taureau den Kopf ſchüttelnd;„denn der Menſch iſt offenbar weniger werth, als das Pferd!“ „Um Mitternacht wird das Pferd geſattelt vor der Thüre ſtehen; Einer von Euch wird die Stricke losbinden; der Andere wird die Thüre öffnen; Ihr laßt den Gefangenen abgehen und wünſcht ihm eine glückliche Reiſe.“ „Sollen wir ſodann nach Paris zurückkehren?“ „Ihr kehrt nach Paris zurück, und Du, Jean Taureau, gehſt wieder zur Arbeit, als ob nichts ge⸗ ſchehen wäre, und ſagſt Tauſſaint⸗Louverture, er ſoll daſſelbe thun.“ „Iſt das Alles?“ „Das iſt Alles.“ „Eine leichte Arbeit, Herr Salvator!“ „Eine ehrliche, mein lieber Barthélemy. Dein Gewiſſen kann alſo ruhig ſein.“ „Ah! ſobald Sie die Hand dabei haben, Herr Salvator. „Ich danke, mein Braver!“ „Auf,“ rief Jean Taureau,„vorwärts, Herr Graf!“ „Hü, dada!“ machte Touſſaint⸗Louverture, der mit einer Hand das Pferd ſtreichelte, während er es mit der andern am Gebiſſe führte. Jean Taureau that daſſelbe ſeinerſeits, und, Herrn von Valgeneuſe escortirend, begaben ſich die zwei Mohicaner auf den Weg nach der Hütte am Rande des Waſſers. Aus der Ferne geſehen, beim Mondſcheine, ge⸗ knebelt auf ſeinem Pferde liegend, hatte Herr von Valgeneuſe eine gewiſſe Aehnlichkeit mit Mazeppa. „Und nun, General,“ ſprach Salvator,„laſſen Sie uns das Gitter wieder ſchließen, und beſchäftigen wir uns mit Herrn Sarranti.“ Unterſtützt vom General, ſchloß Salvator das Gitter, und als dies geſchehen war, rief er Roland. Roland war, durch eine unbeſiegbare Macht nach der Bank hingezogen, verſchwunden. Salvator rief ihm zum zweiten Male mit einer mehr gebieteriſchen Stimme, indem er ihn nicht mehr Roland, ſondern Braſil nannte. Der Hund erſchien traurig heulend; es war klar, we ver thu ge⸗ von d. iſſen igen das and. ach iner tehr lar, 229 daß man ihm in ſeinem theuerſten Verlangen ent⸗ gegenſtand. „Ja,“ ſagte Salvator, ja, ich weiß wohl, was Du willſt, mein lieber Braſil; doch ſei ruhig, wir werden wieder hierher kommen... Zurück, Braſil, zurück!“ Der General ſchien dieſe Discuſſion zwiſchen Braſil und Salvator gar nicht bemerkt zu haben; er ließ den Kopf ſinken und folgte maſchinenmäßig dem jungen Manne, ohne ein einziges Wort zu ſprechen. Als man an der Eiche und der Bank, welche die Aufmerkſamkeit von Braſil ſo ſehr angezogen, vor⸗ über war, nahm Salvator den Weg durch die Allee, welche nach dem Schloſſe führte, und ging ebenfalls ſtillſchweigend. Nach einigen Schritten wurde dieſes Stillſchwei⸗ gen vom General unterbrochen. „Herr Salvator,“ ſagte er,„Sie können nicht glauben, welche Gemüthsbewegung mich beim An⸗ blicke dieſes Kindes ergriffen hat.“ „Es iſt allerdings ein reizendes Geſchöpf,“ ant⸗ wortete Salvator. „Ach!“ ſprach der General,„ich habe auch eine Tochter, welche von gleichem Alter ſein muß. wenn ſie noch lebt.“ „Wiſſen Sie nicht, was aus ihr geworden iſt?“ „Im Augenblicke meiner Abreiſe nach Indien vertraute ich ſie wackeren Leuten, von denen ich Rechenſchaft verlangen werde, ſobald ich es öffentlich thun kann. Iſt die Stunde gekommen, ſo werden wir weiter hievon reden, Herr Salvator.“ Salvator verbeugte ſich zum Zeichen der Bei⸗ ſtimmung. „Und,“ fuhr der General fort,„was mich be⸗ ſonders erſchüttert hat, iſt, daß Sie den Namen Mina ausſprachen.“ „Das iſt in der That der Name des Kindes.“ „Das iſt auch der Name meiner Tochter,“ ſagte der General.„Ich möchte wohl meine Mina ſo ſchön und ſo rein als die Ihrige wiederfinden, lieber Herr Salvator.“ Und der General ließ ſeinen Kopf wieder auf ſeine Bruſt fallen und verſank in ſein früheres Still⸗ ſchweigen, zum Schweigen durch daſſelbe Gefühl angetrieben, das ihn ſprechen gemacht hatte. Jeder von den zwei Männern blieb einen Augen⸗ blick ſtumm, nur dem Gedanken folgend, der ihn be⸗ ſchäftigte. Es war Salvator, der zuerſt das Wort nahm. „Ich habe nun nur eine Beſorgniß,“ ſagte er. „Welche?“ fragte maſchinenmäßig der General. „Dieſes Schloß war nur von drei Perſonen be— wohnt: von Mina, Herrn von Valgeneuſe und einer Art von Haushälterin.“ „Mina!“ murmelte der General, als fände er ein Vergnügen daran, dieſen Namen zu wiederholen. „Mina iſt mit Juſtin abgegangen; Herr von Val⸗ geneuſe iſt in den Händen von Jean Taureau und Touſſaink⸗Louverture,— und ſie werden ihn nicht loslaſſen, dafür ſtehe ich;— es bleibt die Haus⸗ hälterin.“ „Nun?“ fragte mit etwas mehr Theilnahme der General, denn er ſah ein, Salvator führe ihn zu der An⸗ un Hr vo Lel iſt det we die ſich Bei⸗ h be⸗ amen ſagte a ſo ieber auf till⸗ efühl gen⸗ be⸗ ral. be⸗ iner e er len. Val⸗ und icht aus⸗ der An⸗ 231 gelegenheit zurück, welche ſie zu verfolgen im Be⸗ griffe waren, nämlich zur Rechtfertigung von Herrn Sarranti. „Nun,“ wiederholte Salvator,„war ſie nicht eingeſchlafen, ſo mußte ſie den Schuß hören, und hat ſie ihn gehört, ſo mußte ſie zu allen Teufeln gehen.“ „Suchen wir ſie auf,“ ſagte der General. „Zum Glucke haben wir Braſil bei uns; er wird uns ſie auffinden helfen.“ „Was iſt das, Braſil?“ „Es iſt mein Hund.“ „Ich glaubte, er heiße Roland?“ „Er heißt wirklich Roland, General; doch mein Hund iſt wie ich, er hat zwei Namen: einen, den er vor aller Welt trägt, und der ſeinem gegenwärtigen Leben entſpricht; einen andern, der nur mir bekannt iſt, und der ſeinem vergangenen Leben entſpricht; denn ich muß Ihnen ſagen, Roland hat eine Eriſtenz, welche beinahe ſo bewegt und ſo geheimnißvoll als die meinige.“ „Bin ich je genug Ihr Freund, mein Herr, um in das Geheimniß dieſes Lebens einzutreten.. ſagte Herr von Prémont. Und er hielt inne, wohl begreifend, das geringſte Drängen mache ihn indiscret. „Das iſt wahrſcheinlich, General,“ erwiederte Salvator,„doch mittlerweile ſind es die Myſterien des Lebens von Braſil, um deren Ergründung es ſich handelt.“ „Das dünkt mir nichts ſehr Bequemes, und ob⸗ ſchon ich ſieben bis acht Sprachen ſpreche, über⸗ 232 nehme ich es doch nicht, Ihnen als Dolmetſcher zu dienen.“ „Oh! zwiſchen Braſil und mir iſt das nicht nöthig, General, und Sie werden ſehen, wie wir uns verſtehen... Und, nicht wahr, Sie haben ihn gleichgültig geſehen? bemerken Sie, wie er ſich be⸗ lebt, ſo wie er ſich dem Schloſſe nähert. Das iſt nicht ſo wegen des Lichtes, das daraus hervorkommt, oder wegen des Geräuſches, das man dort macht, nicht wahr? Sie ſehen, es brennt keine Kerze dort, und ſein Herz ſchlägt nicht mehr als das eines Leich⸗ nams.“ Und in der That, als man ſich dem Schloſſe näherte, ſo ſtumm und düſter das trübe Gebäude war, Braſil ſpitzte das Ohr, trug die Naſe im Winde und ſträubte die Haare, als ob er ſich zu einem Kampfe anſchickte. „Hören Sie, General,“ ſagte Salvator,„ich ver⸗ ſpreche Ihnen, iſt die Haushälterin noch im Schloſſe, ſei es im Keller, ſei es auf dem Speicher, wir wer⸗ den ſie finden, ſo gut ſie auch verborgen ſein mag. Treten wir ein, General.“ Es konnte nichts leichter ſein, als einzutreten. Aus dem Schloſſe ſich entfernend, um im Parke ſpa⸗ zieren zu gehen, hatte Mina die Thüre offen gelaſſen; nur war, wie geſagt, das Gebäude durch das äußere Licht des Mondes allein beleuchtet. Salvator zog aus ſeiner Taſche eine kleine Blend⸗ laterne und ſteckte ſie an. Mitten im Vorzimmer drehte ſich Braſil um ſich ſelbſt, als inſpicirte er die Gegenſtände und erkennete er die Oertlichkeiten; ſodann faßte er plötzlich ſeinen Er ni de ſo hal ten fiel her ma ſchl den r zu nicht wir ihn be⸗ s iſt nmt, acht, dort, eich⸗ loſſe zude inde nem ver⸗ oſſe, wer⸗ nag. ten. ſen; ßere end⸗ ſich nete nen 233 Entſchluß und ging mit dem Kopfe gerade auf eine niedrige Thüre zu, welche zu den unteren Theilen des Hauſes zu führen ſchien. Salvator öffnete dieſe Thüre. Braſil ſtürzte ſich in einen finſtern Corridor, an deſſen Ende er auf einer Treppe von ſechs bis acht Stufen in eine Art von Keller hinabſtieg; zuerſt hier angelangt, gab er ein unheimliches Geheuk von ſich, das Salvator und den General ſchauern machte, das heißt, zwei Männer, welche nicht leicht ſchauerten. „Nun, Braſil, was gibt es denn?“ fragte Sal⸗ vator;„iſt es zufällig hier, daß Roſe⸗de⸗Noöl...2“ Der Hund, als hätte er die Frage ſeines Herrn begriffen, lief auf dem Wege fort, dem er gefolgt war, und verſchwand. „Wohin geht er?“ fragte der General. „Ich weiß es nicht,“ antwortete Salvator. „Wenn wir ihm folgen würden?“ „Nein, hätte er gewünſcht, daß man ihm folge, ſo würde er den Kopf nach meiner Seite umgedreht haben, um mir zu bezeichnen, ich ſoll ihm folgen. Er hat es nicht gethan; wir müſſen hier warten.“ Salvator und der General warteten lange. Während Beide nach der Seite der Thüre ſchau⸗ ten, flog ein niedriges Fenſter in Splitter, und Braſil fiel zwiſchen ſie Beide, die Augen blutig, die Zunge heraushängend; dann drehte er ſich drei⸗ bis vier⸗ mal um den Keller, als ſuchte er Jemand zu ver⸗ ſchlingen. „Roſe⸗de⸗Noöl, nicht wahr?“ ſagte Salvator zu dem Hunde;„Roſe⸗de⸗Noél?“ Der Hund heulte voll Wuth. 23⁴ „Hier hat man Roſe⸗de⸗Nosl ermorden wollen,“ ſprach Salvator. „Wer iſt das, Roſe⸗de⸗Nosl?“ fragte der General. „Eines von den zwei verſchwundenen Kindern, welche Herr Sarranti zu ermorden verſucht haben ſoll.“ „Zu ermorden verſucht?“ wiederholte der Ge⸗ neral;„der Mord iſt alſo nicht vollführt worden?“ „Nein, zum Glücke!“ „Und das Kind?“ „Das Kind lebt.“ „Sie kennen es?“ „Ich kenne es.“ „Warum befragen Sie es dann nicht?“ „Weil es nicht antworten will.“ „Was iſt in dieſem Falle zu thun?“ „Man muß Braſil befragen; Sie ſehen, er ant⸗ wortet.“ „So fahren wir fort.“ „Bei Gott!“ ſagte Salvator. Und man kehrte zu Braſil zurück, der wie wü⸗ thend am Boden ſcharrte und darein biß. Salvator betrachtete nachdenkend die Wuth des Hundes. „Hier liegt Jemand begraben,“ ſprach der Ge⸗ neral. Salvator ſchüttelte den Kopf. „Nein,“ ſagte er. „Warum nicht?“ „Weil ich Ihnen geſagt habe, das Mädchen lebe.“ „Doch der Knabe?“ „Er iſt nicht hier begraben.“ „Sie wiſſen, wo er begraben liegt?“ hin! ſo auf da Got aus nie als das en,“ eral. ern, n?“ nt⸗ vü⸗ des . . 235 . Wa. „Der Knabe iſt alſo todt?“ „Er iſt todt.“ „Ermordet?“ „Erſäuft!“ „Und das Mädchen?“ „Und das Mädchen wäre beinahe durch einen Meſſerſtich getödtet worden.“ „Wo dies?“ ie „Und wer hat die Vollendung des Mordes ver⸗ hindert?“ „Braſil.“ „Braſil?“ „Ja, indem er dieſes Fenſter zerbrach, wie er es ſo eben gethan hat, und ſich wahrſcheinlich auf den Mörder warf.“ „Was ſucht er aber da?“ „Er ſucht nicht, er findet.“ „Was?“ „Schauen Sie!“ Salvator ſenkte die Laterne und ließ ihr Licht auf die Platte des Kellers fallen. „Ah!“ ſagte der General,„man ſollte glauben, da ſeien Blutſpuren. 4 „Ja,“ ſprach Salvator,„es iſt eine Erlaubniß Gotte daß der durch das Blut, wenn es warm aus dem Leibe des Menſchen kommt, gemachte Flecken nie verſchwindet. Dieſes Blut, General, ſo wahr als Herr Sarranti unſchuldig iſt, dieſes Blut, auf das ſich Braſil ſo ſehr erpicht, es iſt das Blut des Mörders!“ „Sagten Sie aber nicht, das Mädchen ſei bei⸗ nahe durch einen Meſſerſtich getödtet worden?“ „Ja.“ „Hier?“ „Wahrſcheinlich.“ „Doch Braſil...2“ „Er täuſcht ſich hierin nicht!... Braſil!“ ſagte Salvator,„Braſil!“ Braſil unterbrach ſich und kam zu ſeinem Herrn. „Such' Braſil!“ rief Salvator. Braſil beroch die Platten und ging auf ein Kel⸗ lerchen zu, das einen Ausgang gegen den Park hatte. Die Thüre des Kellerchens war geſchloſſen; er kratzte an der Thüre ganz traurig ſtöhnend, und an ein paar Stellen beleckte er den Boden mit ſeiner Zunge. „Sehen Sie den Unterſchied, General,“ ſagte Salvator.„Hier iſt das Blut des Mädchens ge⸗ fallen. Es iſt durch dieſe Thüre entflohen; ich will ſie öffnen, und Sie werden Braſil der Spur des Blutes folgen ſehen.“ Salvator öffnete die Thüre; Braſil ſtürzte in das Kellerchen, hielt aber einige Male an, um die Platte mit dem Ende ſeiner Zunge zu berühren. „Sehen Sie,“ ſprach Salvator,„hier durch iſt das Kind entflohen, während Braſil mit dem Mör⸗ der kämpfte.“ „Aber der Mörder, wer iſt er?“ „Ich glaube, es iſt eine Frau... Das kleine Mädchen in ſeinen Augenblicken des Wahnſinnes, — zuweilen wird das arme Kind beinahe wahnſinnig, — das Mädchen in ſeinen Augenblicken des Wahn⸗ ⸗ ſim töd . Ge eine woh wo auf ſagt und die Stu Veſt gela Thü polir Teich ( 6 als aus 2 gekon Ende agte rrn. Kel⸗ atte. 0 an iner agte ge⸗ will des in die iſt tör⸗ eine es, nig, hn⸗ ſinns rief ein paar Male:„„Tödten Sie mich nicht, tödten Sie mich nicht, Madame Gérard!““ „Welch ein entſetzliches Labyrinth iſt dieſe ganze Geſchichte!“ rief der General. „Ja,“ erwiederte Salvator,„doch wir halten eines von den Enden des Fadens, und wir müſſen wohl zum andern kommen.“ Sodann rufend: „Braſil, hier!“ Braſil, der ſchon in den Park eingedrungen war, wo er eine verlorene Fährte zu ſuchen ſchien, kam auf den Ruf ſeines Herrn zurück. „Wir haben nichts mehr hier zu thun, General,“ ſagte Salvator;„ich weiß Alles, was ich wiſſen will, und es iſt wichtig, wie Sie ſich erinnern, daß wir die Haushälterin nicht entfliehen laſſen.“ „Suchen wir alſo die Haushälterin.“ „Auf Braſil, auf!“ rief Salvator, indem er die Stufen des Speiſekellers wieder hinaufſtieg und ins Veſtibule zurückkehrte. Braſil folgte ſeinem Herrn. Im Veſtibule an⸗ gelangt, zögerte er einen Augenblick: durch die offene Thüre ſah er den Teich glänzen, einem Spiegel von volirtem Stahle ähnlich, und er fühlte ſich gegen den Teich hingezogen. Ein zweiter Ruf von Salvator hielt ihn zurück. Da wählte er die Treppe, doch ohne Eile und als einen Weg, der ihn nicht an ein Ziel, ſondern aus dem Veſtibule führen ſollte. Als er aber in den Flurgang des erſten Stockes gekommen war, da lief er ziemlich raſch bis ans Ende, dann blieb er vor einer Thüre ſtehen und 238 gab ein zärtliches und zugleich klägliches Knurren von ſich. „Sollten wir die Haushälterin finden?“ fragte der General. „Nein, ich glaube nicht,“ antwortete Salvator; „das wäre eher das Zimmer von einem ihrer Kin⸗ der. Uebrigens werden wir wohl ſehen.“ Das Zimmer war mit dem Schlüſſel geſchloſſen: doch bei der erſten Anſtrengung von Sakvator, um die Thüre aufzuſtoßen, gab die Schließkappe des Schloſſes nach, und die Thüre öffnete ſich. Der Hund ſtürzte mit freudigem Gebelle in das Zimmer. Salvator hatte ſich nicht geirrt. Das Erſte, was ihm in den Blick fiel, war ein Alcoven mit einem Zwillingsbette; die beiden verbundenen Betten waren augenſcheinlich Kinderbetten. Braſil ging luſtig von einem zum andern, ſtützte ſeine Vorderpfoten auf die Decke und ſchaute Salvator mit einem Ausdrucke von Freude an, in dem man ſich nicht täuſchen konnte. „Sehen Sie, General,“ ſagte Salvator,„es war hier das Zimmer der Kinder.“ Braſil wäre ewig hier geblieben, er hätte ſich zwiſchen dieſe zwei Betten gelegt und wäre hier ge⸗ ſtorben. Salvator rief ihn aber dringlich und nöthigte ihn ſo, wegzugehen. Braſil folgte ſeinem Herrn mit geſenktem Kopfe und ganz klagend. „Wir werden wiederkommen, ſei ruhig!“ ſagte Salvator. Sodann, als hätte er dieſe Worte verſtanden, ſtie zwe er ent der das ſchl der bell geg die lade wert Mit thun befre um ſiel. auf e und Wut rren ragte ator; Kin⸗ ſſen; um des en, ſtieg der Hund die Treppe hinauf, welche in den zweiten Stock führte. Auf dem Ruheplatze blieb er ſtehen; dann näherte er ſich, das Auge glühend, die Haare geſträubt, mit entſetzlichem Knurren einer Thüre. „Teufel!“ ſagte Salvator,„wir ſind nun vor der Thüre eines Feindes angekommen. Sehen wir das ein wenig.“ Die Thüre war, wie die des erſten Stockes, ge⸗ ſchloſſen; doch wie die des erſten Stockes gab ſie unter der Anſtrengung eines kräftigen Druckes nach. Braſil trat ein, und ſobald er eingetreten war, bellte er auf eine erſchreckliche Art; ſein Zorn ſchien gegen eine Commode gerichtet. Salvator verſuchte es, dieſes Meuble zu öffnen; die Schubladen waren mit dem Schlüſſel geſchloſſen. Braſil biß voll Wuth in die Griffe der Schub⸗ laden. „Warte, Braſil, warte,“ ſagte Salvator; wir werden wohl ſehen, was in dieſer Schublade iſt. Mittlerweile Stille!“ Der Hund ſchwieg und ſchaute, was ſein Herr thun werde; doch ſeine Augen funkelten und der Schaum befranſte ſein Maul, während das Waſſer Tropfen um Tropfen von ſeiner keuchenden, blutrothen Zunge ſiel. Salvator hob die Marmorplatte der Commode auf und lehnte ſie an die Wand an. Der Hund hatte das Anſehen, als verſtände er und als triebe er ſeinen Herrn an, indem er voll Wuth mit den Füßen ſtrampelte.. Alsdann zog Salvator aus ſeiner Taſche einen 240 kurzen Dolch, mit dem er, ein Niederdrücken bewerk⸗ ſtelligend, ein viereckiges hölzernes Brett aufhob. Salvator ſteckte ſeine Hand in das Loch, das er bereitet hatte, und zog aus der aufgebrochenen Com⸗ mode ein rothes wollenes Mieder. Doch ehe das rothe wollene Mieder aus der Höhlung hervorgekommen war, hatte es Braſil mit den Zähnen gepackt und den Händen von Salvator entriſſen. Dieſes Mieder gehörte zur Nationaltracht von Orſola. Salvator warf ſich auf den Hund, der den Stoff mit Wuth zerkaute; mit großer Mühe riß er ihm das Mieder aus den Pfoten und den Zähnen. „Ich täuſchte mich nicht,“ ſagte Salvator,„es iſt eine Frau, die es verſucht hat, das kleine Mädchen zu ermorden, und dieſe Frau iſt Madame Gérard, oder vielmehr Orſola.“ Und er hielt mit der ganzen Länge ſeines Armes das ſcharlachrothe Mieder empor, und Braſil ſprang mit wildem Gebelle darnach. Der General blieb erſtaunt über dieſe Gemein⸗ ſchaft der Gedanken, welche vom Hunde zu Salvator emporſtiegen und vom Menſchen wieder zum Thiere hinabſtiegen. „Sehen Sie,“ fuhr Salvator fort,„es iſt kein Zweifel mehr.“ Sodann, da ſeine Ueberzeugung über dieſen Punkt feſtgeſtellt war, ſchob er das Mieder in die Com⸗ mode, richtete ſo gut er konnte das eichene Brett wieder zurecht und legte die Marmorplatte über das Ganze. ſten Du kom zu wir Hur plat vor ges, verk⸗ . s er om⸗ der mit ator von toff ihm „es hen ard, mes ang ein⸗ ator iere kein inkt om⸗ rett das Der Hund knurrte, als ob man ihm den ſaftig⸗ ſten Knochen entriſſen hätte. „Gut, gut,“ ſagte Salvator zu Braſil,„genug! Du begreifſt wohl, daß wir ſpäter wieder hier durch⸗ kommen werden, mein braver Hund; das Dringendſte zu dieſer Stunde iſt aber, die Haushälterin; ſuchen wir alſo die Haushälterin.“ Aus dem Zimmer hinausgeſchoben, ging der Hund knurrend ab; doch ſobald er auf dem Ruhe⸗ platze war, fing er wieder an zu ſuchen, und er blieb vor der letzten Thüre, im Hintergrunde des Gan⸗ ges, ſtehen und gab ein Appellgeſchrei von ſich. „Nun ſind wir dabei, General,“ ſagte Salvator, ſich nach der Thüre wendend, vor der Braſil bellte. Sodann zu dem Hunde: „Es iſt Jemand da, Braſil, nicht wahr?“ Der Hund antwortete dadurch, daß er noch ſtär⸗ ker bellte. „Gut,“ ſagte Salvator,„verſieht die Polizei ihr Geſchäft nicht, ſo müſſen wir das Geſchäft der Po⸗ lizei verſehen.“ Sodann dem General das Licht reichend: „Nehmen Sie dieſe Laterne, General, und ſtrafen Sie mich nicht Lügen.“ Der General nahm die Laterne, indeß Salvator um ſeinen Leib die weiße Binde ſchlang, welche zu jener Zeit die Polizeicommiſſäre, die Gerichtsbeamten und andere obrigkeitliche Perſonen erkennbar machte. Dann klopfte er dreimal an die Thüre und rief: „Im Namen des Königs!“ Die Thüre öffnete ſich. Alsdann, da ſie eine Perſon, der ein ſchwarz Dumas, Salvator. 1I. 16 242 gekleideter Mann leuchtete, eine Perſon, in der ſie an ihrer Schärpe einen Polizeicommiſſär zu erkennen glaubte, eintreten ſah, fiel die Frau, die das Zim⸗ mer bewohnte und im Hemde aufgeſtanden war, um die Thüre zu öffnen, mitten in ihrer Wohnung auf die Kniee und rief: „Jeſus Maria!“ „Im Namen des Königs,“ „Frau, ich verhafte Sie!“ Diejenige, gegen welche Salvator die Hand aus⸗ ſtreckte, ohne ſie zu berühren, ſchien eine alte Jungfer von fünfzig bis ſechzig Jahren zu ſein,— häßlich anzuſchauen in dem zu einfachen Gewande, in wel⸗ chem ſie erſchien. Im Vergleiche mit ihr hätte die Brocante das Ausſehen einer Venus von Milo gehabt. Sie ſtieß einen Schreckensſchrei aus, auf welchen Braſil, deſſen Nerven dieſer Schrei ohne Zweifel ge⸗ reizt hatte, durch ein unheimliches, gedehntes Geheul antwortete. Salvator ſuchte in der Dunkelheit irgend eine Aehnlichkeit zwiſchen dem abſcheulichen Geſchöpfe und einer Erinnerung ſeines eigenen Lebens zu erfaſſen. „Beleuchten Sie doch dieſe Frau,“ ſagte er zum General;„mir ſcheint, ich kenne ſie.“ Der General lenkte das Licht der Laterne auf das Geſicht der häßlichen Creatur. „Es iſt ſo,“ ſagte Salvator,„ich irrte mich nicht.“ „Oh! mein guter Herr,“ rief die Haushälterin, „ich ſchwöre Ihnen, daß ich ein ehrliches Weib bin!“ „Du lügſt!“ ſagte Salvator. ſprach Salvator, will der ſon, gebr ſam bra drin ihre Seit Sal iſt, ehe hatte die„ ein, nach falſch ſpielt 2 Felſe richte ſie nen im⸗ zim⸗ um auf tor, us⸗ gfer lich wel⸗ das hen ge⸗ eul eine und ſen. um auf ich „Mein guter Commiſſär!...“ beharrte die Alte. „Dulügſt!“ unterbrach aufs Neue Salvator.„Ich will Dir ſagen, wer Du biſt: Du biſt die Mutter der Cagnote.“ „Oh! Herr!“ rief die Megäre erſchrocken. „Du biſt Schuld, daß eine reizende junge Per⸗ ſon, welche aus Irrthum an einen ſchändlichen Ort gebracht wurde und ſich dort mit Deiner Tochter zu⸗ ſammenbefand,— die nicht aus Irrthum dahin ge⸗ bracht worden war!— verfolgt von Deinen Zu⸗ dringlichkeiten, von Dir denuncirt, von Dir entehrt, ihre Schande nicht überleben konnte und ſich in die Seine ſtürzte!“ „Herr Commiſſär, ich betheure...“ „Erinnere Dich an Athenais,“ ſprach gebieteriſch Salvator,„und keine Lügen und falſche Eide mehr!“ Man hat nicht vergeſſen, daß Athenais der Name iſt, den die Tochter des Trompeters Ponroy trug, ehe ſie Salvator mit dem Namen Fragola getauft hatte. Dringen wir einſt, wir wiederholen es, in die geheimnißvollen Falten des Lebens von Salvator ein, ſo werden wir darin aller Wahrſcheinlichkeit nach die Spuren des Ereigniſſes finden, auf das der falſche Polizeicommiſſär in dieſem Augenblicke an⸗ ſpielte. Die alte Frau neigte die Stirne, als ob ihr der Felſen von Siſyphus auf das Haupt gefallen wäre. „Antworte nun auf die Fragen, die ich an Dich richten werde,“ ſagte Salvator. „Herr Commiſſär...“ „Antworte, oder ich rufe zwei Männer und laſſe Dich zu den Madelonettes führen.“ 244 „Ich antworte, ich antworte, Herr Commiſſär.“ „Seit wann biſt Du hier?“ „Seit dem Sonntag vor Faſten.“ „Wann iſt das von Herrn von Valgeneuſe ent⸗ führte Mädchen im Schloſſe angekommen?“ „In der Nacht vom Faſchingdienſtag auf den Aſchermittwoch.“ „Hat ihr, ſeitdem ſie im Schloſſe angekommen iſt, Herr von Valgeneuſe erlaubt, daraus wegzu⸗ gehen?“ „Nie!“ „Welche Art von Gewalt hat er angewandt, um ſie am Weggehen zu verhindern?“ „Er hat ſie bedroht, er werde ihren Geliebten der Entführung anklagen und zu den Galeeren ver⸗ urtheilen machen.“ „Und dieſer Geliebte, wie heißt er?“ „Herr Juſtin Corby.“ „Wie viel gab Dir Herr von Valgeneuſe monat⸗ lich, um das entführte Mädchen zu bewachen?“ „Herr Conmmiſſär...5 „Wie viel gab er Dir?“ wiederholte Salvator mit noch mehr gebietendem Tone. „Fünfhundert Franken.“ Salvator ſchaute umher und ſah ein kleines Meuble, das die Form eines Secretärs hatte; er öffnete es und fand darin Papier, Tinte und Federn. „Setze Dich an dieſen Secretär,“ ſagte er zu der Frau,„und ſchreibe die Erklärung, die Du mir ſo eben gemacht haſt.“ „Ich kann nicht ſchreiben, Herr Commiſſär.“ „Du kannſt nicht ſchreiben?“ ſuc es ken ken vat Du Au ma ihr ral Sti ſchr Aec len der den die är ent⸗ den men gzu⸗ bten ver⸗ „Nein, ich ſchwöre es Ihnen.“ Salvator zog ein Portefeuille aus ſeiner Taſche, ſuchte in dieſem Portefeuille ein Papier, entfaltete es und hielt es der Hexe vor die Augen. „Wenn Du nicht ſchreiben kannſt,“ ſagte er, „wer hat denn das geſchrieben?“ „„Haſt Du mir heute Abend nicht fünfzig Fran⸗ ken gegeben, ſo ſage ich, wo meine Tochter Dich hat kennen lernen, und ich mache, daß man Dich aus Deinem Magazine jagt. „„am 11. Nov. 18M. „Die Glonette.““ Das alte Weib blieb vernichtet. „Du ſiehſt, daß Du ſchreiben kannſt,“ ſagte Sal⸗ vator zu ihr,„freilich ſchlecht, doch gut genug, daß Du dem Befehle gehorchſt, den ich Dir wiederhole. Auf, ſchreibe die Erklärung, die Du mir ſo eben ge⸗ macht haſt.“ Und er nöthigte die alte Frau, ſich zu ſetzen, gab ihr die Feder in die Hände, und während der Gene⸗ ral leuchtete, präſidirte er der Abfaſſung folgenden Stückes, das ſie mit einer abſcheulichen Handſchrift ſchrieb und mit Schreibfehlern beſprenkelte, welche die Aechtheit des Autographons garantirten.— Wir wol⸗ len uns enthalten, die Fehler wiederzubringen, in der Ueberzeugung, es werde unſeren Leſern genügen, den Tert der Erklärung zu kennen. „„Ich Unterzeichnete, Frau Brabangon, genannt die Glouette, erkläre, daß ich von Herrn Lorédan von m———————— 246 Valgeneuſe am letzten Faſchingſonntag in den Dienſt genommen worden bin, um ein Mädchen Namens Mina zu bewachen, das er aus einem Penſionnat in Verſailles entführt hatte. Ich erkläre überdies, daß das entführte Mädchen im Schloſſe Viry in der Nacht vom Faſchingdienſtag auf den Aſchermittwoch angekommen iſt, daß ſie dem Herrn Grafen gedroht hat, zu ſchreien, zu rufen, zu fliehen, daß ſie aber der Herr Graf verhindert hat, etwas dergleichen zu thun, indem er ihr ſagte, er habe die Mittel, ihren Geliebten auf die Galeeren zu ſchicken, und daß die⸗ ſes Mittel war, ihn anzuzeigen, er habe ein minder⸗ jähriges Mädchen gewaltſam eingeſperrt gehalten; er hatte ſogar in ſeiner Taſche einen Vorführungs⸗ befehl mit unausgefülltem Namen, den er ihr zeigte. Unterz.: Frau Brabangon, genannt die Glouette. Gegeben im Schloſſe Viry, in der Nacht vom 23. Mai 1827.““ Wir müſſen geſtehen, daß Salvator einigen An⸗ theil an der Abfaſſung dieſes Stückes hatte, da es ſich aber nicht einen Augenblick von der Wahrheit entfernte, ſo hoſfen wir, unſere Leſer werden, zu Gunſten der Abſicht, die ihn ſo zu handeln bewog, ihm dieſen mehr literariſchen als moraliſchen Zwang verzeihen. Salvator nahm die Erklärung, legte ſie zuſam⸗ men und ſchob ſie in ſeine Taſche; dann wandte er ſich gegen die Glouette um und ſagte: „So! nun kannſt Du wieder zu Bette gehen.“ Die Alte wäre lieber aufgeblieben; doch ſie hörte zu ſich hät noc mi zig Ge bei die ſchi der unt im den Str ver kön aus auf mit die die Me ſchl nens nnat dies, der woch roht aber zu hren die⸗ der⸗ ten; igs⸗ gte. tte. An⸗ heit zu og, ng zu ihrer Linken Braſil dumpf knurren, und ſie warf ſich auf ihr Bett, wie ſie ſich in den Fluß geſtürzt hätte, um einem wüthenden Hunde zu entgehen. Die Zähne von Braſil ſchienen ſie in der That noch mehr zu erſchrecken, als die Schärpe des Com⸗ miſſärs; das war ganz einfach: es mußte ihr zwan⸗ zigmal in ihrem Leben begegnet ſein, daß ſie mit Gerichtsleuten zu thun hatte, während ſie ſicherlich, bei ihren entſetzlichſten Alpen, nie einen Hund von dieſer mächtigen Geſtalt geſehen hatte. „Da nun,“ ſprach Salvator,„da Du die Mit⸗ ſchuldige von Herrn von Valgeneuſe biſt, der unter der Anklage, ein minderjähriges Mädchen verführt und gewaltſam eingeſperrt gehalten zu haben,— ein im Geſetze aufgeführtes Verbrechen,— verhaftet wor⸗ den iſt, ſo verhafte ich Dich und ſperre Dich in dieſe Stube ein, wo Dich morgen der Herr Staatsanwalt verhören wird. Nur, da Du den Gedanken haben könnteſt, zu entwiſchen, mache ich Dich zum Vor⸗ aus darauf aufmerkſam, daß ich eine Schildwache auf dieſem Boden und eine andere unten aufſtelle, mit dem Befehle, auf Dich zu ſchießen, öffneſt Du die Thüre oder das Fenſter.“ „Jeſus Maria!“ wiederholte zum zweiten Male die Alte, doch noch ſtärker zitternd beim zweiten Male, als beim erſten. „Du haſt gehört?“ „Ja, Herr Commiſſär.“ „Hiemit gute Nacht.“ Salvator ließ ſodann den General vorausgehen, ſchloß von außen die Thüre doppelt und fügte bei: 248 „Ich ſtehe Ihnen dafür, General, ſie rührt ſich nicht: wir können auf eine ruhige Nacht zählen.“ Und ſich an den Hund wendend: „Vorwärts, Braſil; wir haben erſt die halbe Arbeit gethan.“ XIV. Discuſſion in Betreff eines Menſchen und eines Pferdes. Wir verlaſſen Salvator und den General unten an der Freitreppe und in dem Augenblicke, wo ſie ſich, Braſil voran, nach dem Teiche wenden; ihnen folgen hieße, wie man leicht begreift, uns auf einem Wege vertiefen, den wir ſchon ausgekundſchaftet haben. Werfen wir zuerſt einen Blick auf Juſtin und auf Mina; dieſer Blick wird uns ganz natürlich zu Herrn Lorédan von Valgeneuſe zurückführen. Als ſie den Piſtolenſchuß hörten, blieben Juſtin und Mina, welche ſchon um zu fliehen ein paar Schritte querfeldein gemacht hatten, ſtehen; und wäh⸗ rend Mina, im Korne knieend, zu Gott betete, er möge Salvator vor jedem Uebel bewahren, klam⸗ merte ſich Juſtin mit einem Sprunge an die Mauer an und wohnte dem Kampfe bei, der mit der Feſt⸗ nahme von Lorédan endigte. Die zwei jungen Leute konnten alſo noch von fern das Pferd ſehen, das, von den zwei Mohicanern geführt, Herrn von Valgeneuſe wegbrachte. Sie ſchloſſen ſich feſt an einander an, als ſähen ſie, nach⸗ den len ſich ſpr aus cher die gio erit der Ju mo Au gef kon and vor glei zu der: und hat wel gen der ten ſie en em tet nd zu in dem ſie den Donner lange über ihren Häuptern rol⸗ len gehört, endlich den Blitz hundert Schritte von ſich einſchlagen. Sie verbeugten ſich zum Zeichen des Dankes und ſprachen zwiſchen zwei Küſſen den Namen Salvator aus; alsdann entflohen ſie, die ſchmalen Pfade ſu⸗ chend, wo ſie den Fuß aufſetzen ſollten, aus Furcht, die Kornblumen zu zertreten. Sie hatten eine Reli⸗ gion für dieſe reizende Blume der Felder, denn man erinnert ſich, daß in einer Frühlingsnacht ähnlich der, deren durchſichtige Flügel um ſie ſchauerten, Juſtin in einem Acker von Kornblumen und Feld⸗ mohn Mina entſchlummert unter dem wachſamen Auge des Mondes, wie die kleine Fee der Ernte, gefunden hatte. Auf einem etwas breiteren Pfade angelangt, konnten ſie ſich beim Arme nehmen und neben ein⸗ ander gehen; nach einigen Minuten befanden ſie ſich vor der Dickung, wo der Wagen verborgen ſtand. Bernard erkannte Juſtin, und als er ihn in Be⸗ gleitung eines Mädchens ſah, fing er an das wahre Wort des Dramas, in welchem er eine Rolle ſpielte, zu begreifen. Er nahm ehrerbietig ſeinen mit Bän⸗ dern geſchmückten Hut ab, und ſobald ſich das Mädchen und ſein Geliebter bequem in der Caleche feſtgeſetzt hatten, machte er jenes Zeichen des Verſtändniſſes, welches bedeutet:„Und nun, wohin gehen wir?“ „Straße nach dem Norden!“ antwortete Juſtin. Bernard ſchlug wieder den Weg ein, den er ſchon gemacht hatte, und der Wagen verſchwand bald auf der Straße von Paris, die man ganz, von der Bar⸗ 250 riere de Fontainebleau bis zur Barriöre de la Vi⸗ lette, durchfahren mußte. Wünſchen wir eine glückliche Reiſe den zwei Kin⸗ dern, laſſen wir ſie einander in ihre Herzen alle Freuden und alle Traurigkeiten ergießen, wovon das Herz von Jedem voll iſt, und kehren wir zum Gefangenen zurück. Herr von Valgeneuſe in die Hütte eintreten ma⸗ chen war nicht die Schwierigkeit, welche die zwei Wächter aufhielt und ſie träumeriſch vor der Thüre verweilen ließ; wie aber das Pferd hineinbringen? Die Hütte beſtand aus einem einfachen Erdge⸗ ſchoße von fünfzehn Fuß Laͤnge und zwölf Breite, ohne Stall und Schoppen. Drei Menſchen und ein Pferd wären in einem ſolchen Raume gewiß ſehr be⸗ engt geweſen. „Teufel!“ rief Jean Taureau,„daran dachten wir nicht.“ „Und Herr Salvator auch nicht,“ erwiederte Tuuſſaint. „Dummkopf!“ verſetzte Jean Taureau,„wie hätte er daran denken ſollen?“ „Gut! denkt er nicht an Alles?“ „Da er nicht daran gedacht hat, ſo wollen wir daran denken,“ ſprach Jean Taureau. „Denken wir daran,“ ſagte Touſſaint. Sie dachten daran; doch die Einbildungskraft war nicht der glänzendſte Theil der zwei wackeren Leute. „Im Ganzen iſt der Fluß nicht fern,“ bemerkte Jean Taureau nach einem Augenblicke der Ueber⸗ legung. Ta red Lot erte itte wir ren kte er⸗ 251 „Wie, der Fluß?“ „Gewiß!“ „Das Pferd erſäufen?“ „Das Pferd eines böſen Menſchen!“ ſagte Jean Taureau mit Verachtung. „Das Pferd eines böſen Menſchen kann ein ſehr redliches Pferd ſein!“ erwiederte ſententiös Touſſaint⸗ Louverture. „Das iſt wahr... doch was thun?“ „Wenn wir es in die Auberge de la Gräce⸗de⸗ Dieu führen würden?“ „Wie dumm biſt Du, ſelbſt für einen Auvergnat!“ „„Du glaubſt?“ „Begreife doch: der Wirth von der Gräce⸗de⸗ Dieu wird, ſieht er ihm Touſſaint-Louverture oder Jean Taureau ein Herrenpferd bringen, fragen, wo der Herr des Pferdes ſei. Was wirſt Du ihm ant⸗ worten?... Sprich, ſprich! Haſt Du ihm etwas zu antworten, ſo nimm das Pferd und führe es zur Gräce⸗de⸗Dieu.“ Touſſaint ſchüttelte den Kopf. „Ich habe nichts zu ſagen,“ erwiederte er. „Dann ſchweige.“ „Das thue ich.“ Und Touſſaint ſchwieg. Es erfolgte ein neues Stillſchweigen von einer Minute, das Jean Taureau zuerſt brach. „Höre, willſt Du Eines thun?“ ſagte er zu Touſ⸗ ſaint. „Gewiß will ich es thun, wenn es thunlich iſt.“ „Schaffen wir zuerſt den Particulier ins Haus hinein.“ 252 „Ja.“ „Iſt er einmal am Orte ſeiner Beſtimmung, ſo nehme ich ihn auf mich.“ „Ich würde ihn auch wohl auf mich nehmen, bei Gott! nicht er ſetzt uns in Verlegenheit, ſondern ſein Pferd.“ „Bringe mich nicht aus der Faſſung!“ „Gut! nun bringe ich ihn aus der Faſſung!“ „Iſt der Particulier einmal im Hauſe, ſo über⸗ nimmſt Du das Pferd!“ „Ich übernehme es?... Nein, ich übernehme es nicht, da ich nicht weiß, was ich damit thun ſoll!“ „Warte doch!.. Du übernimmſt das Pferd und führſt es zurück...“ „Wohin?“ „Nach dem Schloſſe Viry, verſtehſt Du?“ „Halt! das iſt im Ganzen wahr.“ „Du hätteſt nie hieran gedacht!“ ſagte Jean Taureau, ganz ſtolz auf ſeine Einbildungskraft. „Nein.“ „Und Du findeſt den Gedanken gut?“ „Vortrefflich!“ „So machen wir den Particulier los,“ ſagte Jean Taureau. „Machen wir den Particulier los,“ erwiederte Touſſaint⸗Louverture, der nur durch die Augen ſeines Freundes ſah. „Doch nein!“ „Machen wir ihn alſo nicht los.“ „Doch ja!“ „Ah! ich verſtehe nicht mehr,“ ſagte Touſſaint⸗ Louverture, der ſich nicht länger den Kopf zerbrach. mas meh nich „Was Teufels brauchſt Du denn zu verſtehen?“ „Aber. um zu arbeiten...“ „Begnüge Dich damit, daß Du das Pferd hältſt.“ O 7 men, dern„Za „Du ſagſt:„Machen wir ihn los;““ gut! machen wir ihn mit einander los, ſo hält Niemand „ mehr das Pferd.“ ber⸗„Das iſt wahr.“ „Iſt der Particulier losgebunden, ſo verhindert hme nichts das Pferd, wegzugehen.“ U“„Das iſt abermals wahr.“ ferd„Machen wir ihn alſo nicht los... Ich mache ihn allein los, und Du hältſt mittlerweile den Vier⸗ füßigen.“ Vorwärts!“ ſagte Touſſaint, indem er das Gebiß des Pferdes ergriff. tutt Jean Taureau fing damit an, daß er an die Weide ging, den Schlüſſel daraus nahm und die Thüre der Hütte öffnete; ſodann, da er gern klar bei der Sache ſah, ſteckte er eine kleine Lampe an. Sobald dieſe Vorbereitungen beendigt waren, gte band er den Gefangenen los und hob ihn herab, wie es ein Kind mit ſeinem Polichinelle thut. i„Nun, in Rotten links!“ ſagte Jean Taureau Touſſaint, indeß er den Grafen ins Innere der Hütte trug. Touſſaint ließ ſich den Befehl nicht zweimal wie⸗ derholen; ehe ihm ſein Freund den Rücken zugewen⸗ det hatte, ſaß er auf dem Pferde, und war mit der⸗ t⸗ ſelben Geſchwindigkeit abgegangen, als hätte er den ch PpPreis der Stadt Paris am Ende des Rennens be⸗ kommen. 254 Als er an das Gitter des Schloſſes kam, fand er es wieder geſchloſſen; er ſchickte ſich an, die Mauer zu erſteigen, da machte ſich das Knurren eines Hun⸗ des hörbar, und Braſil legte ſeine beiden Pfoten auf die eiſerne Querſtange. „Gut!“ ſagte Touſſaint in jenem auvergnatiſchen Patois, das Jean Taureau verachtete,„iſt Roland hier, ſo kann Herr Salvator nicht fern ſein.“ In der That, faſt in demſelben Augenblicke glänzte ein Licht. „Ah! ah!“ rief eine Stimme,„Du biſt es, Touſ⸗ ſaint?“ „Ja, Herr Salvator, ich bin es,“ antwortete Touſſaint ganz freudig.„Ich bringe Ihnen das Pferd zurück.“ „Und der Menſch?“ „Ah! der Menſch iſt in Sicherheit, denn er iſt in den Händen von Jean Taureau. In jedem Falle,— ſeien Sie unbeſorgt,— kehre ich dorthin zurück, Herr Salvator! Vier Hände ſind mehr werth als, zwei.“ Und die Sorge, das Pferd in ſeinen Stall zu⸗ rückzuführen, Salvator überlaſſend, ging Touſſaint, ſagen wir es zu ſeinem Lobe, mit einem ſolchen Schritte wieder ab, daß, wie er den Preis des Pferde⸗ rennens ſtreitig zu machen geſchienen hatte, den Preis des Rennens zu Fuße hätte ſtreitig machen können. Wa vor, neu riſch eine Stu Alc derſ Her dem grif ſagt die Sitz zuri mit eine fand auer Hun⸗ auf ſchen land inzte ouſ⸗ rtete ferd r iſt — rück, als zu⸗ int, chen rde⸗ reis len. . XV. Wo Herr von Valgeneuſe Gefahr läuft, und Jean Taureau Angſt hat. Sehen wiv, was in der Hütte am Rande des Waſſers während der Abweſenheit von Touſſaint vorgefallen war. Jean Taureau, nachdem er Lorédan von Valge⸗ neuſe in die Stube gebracht hatte, legte ihn proviſo⸗ riſch, gebunden wie eine Mumie, wie er war, auf einen langen nußbaumenen Tiſch, der die Mitte der Stube einnahm und mit dem halb in eine Art von Alcoven zurückgeſchobenen Bette das Hauptmeuble derſelben bildete. So geſehen, ſteif und ohne Bewegung, glich Herr von Valgeneuſe einem Leichname, den man auf dem Tiſche eines Amphitheaters zu ſeciren im Be⸗ „griffe iſt. „Werden Sie nicht ungeduldig, mein edler Herr,“ ſagte Jean Taureau;„laſſen Sie mir nur die Zeit, die Thüre zu ſchließen und einen Ihrer würdigen Sitz zu finden, und ich gebe Sie einer Halbfreiheit zurück.“ So ſprechend, ſchloß Jean Taureau die Thüre mit dem Riegel und ſuchte nach ſeinem Ausdrucke, einen ſeines hohen Gefangenen würdigen Sitz. Herr von Valgeneuſe antwortete nicht; doch Jean Taureau gab nicht Acht auf ſein Stillſchweigen, das er Anfangs natürlich fand. Während er mit dem Fuße einen hinkenden Sche⸗ 256 mel, der melancholiſch in einer Ecke der Stube ſtand, an ſich zog, fuhr Jean Taureau fort: „Bei meiner Treue, mein junger Herr, wir ſind hier nicht im Palaſte der Tuilerien, und man muß ſich mit dieſem Gegenſtande da begnügen.“ Er rückte den Schämel an die Wand, legte einen Pfropf unter den zu kurzen Fuß, wie man einen Abſatz einem Schuh beifügt, um ein Bein zu ver⸗ längern, und kam zu dem Gefangenen zurück, der immer unbeweglich auf ſeinem Tiſche lag. Er nahm ihm zuerſt den Knebel ab. „So!“ ſagte er,„das wird Ihnen ein wenig athmen helfen!“ Doch zum großen Erſtaunen von Jean Taureau ließ der Graf nicht das geräuſchvolle Athmen ver⸗ nehmen, das jeder Menſch, der ſeine Freiheit oder wenigſtens den Gebrauch der Sprache wiedererlangt, hören läßt. „Nun, mein edler Herr,“ ſagte der Zimmermann mit ſeinem ſanfteſten Tone. Lorédan antwortete aber nicht. „Wir ſchmollen, Herr Graf?“ fragte Jean Tau⸗ reau, der die Stricke von den Armen loszubinden anfing. Der Gefangene behauptete fortwährend das be⸗ harrlichſte Stillſchweigen. „Spiele den Todten, ſpiele den Todten, das ſteht Dir wohl frei,“ ſagte Jean Taureau, indem er vol⸗ lends die Knoten löſte, welche die Hände hielten. „So, ſtehen Sie nun auf, wenn es Ihnen beliebt, gnädigſter Herr!“ tand, ſind muß einen einen ver⸗ der eni reau ver⸗ oder angt, tann Tau⸗ nden be⸗ ſteht vol⸗ . iebt, Herr von Valgeneuſe rührte ſich eben ſo wenig als ein Klotz. „Ah!“ ſagte Jean Taureau,„glauben Sie etwa, ich werde Sie in Gängelbänder legen und Sie gehen machen, wie es eine Amme bei ihrem Säuglinge thut? Nein, ich danke! ich habe heute Abend genug gearbeitet.“ Doch der Graf gab kein Lebenszeichen von ſich. Jean Taureau blieb ſtehen und ſchaute von der Seite den Gefangenen an, der unbeweglich und ſtumm im Schatten lag. „Teufel! Teufel!“ ſagte er, beunruhigt durch dieſes völlige Stillſchweigen:„ſollten wir ein wenig das Auge verdreht haben, um unſerem Freunde Jean Taureau Mühe zu machen?“ Und er nahm die Lampe und hielt ſie ans Ge⸗ ſicht von Herrn von Valgeneuſe. Die Augen des jungen Mannes waren geſchloſ⸗ ſen, ſein Geſicht war bleich; von ſeiner Stirne rie⸗ ſelten Tropfen kalten Schweißes. „Gut!“ ſagte Jean Taureau,„ich habe die Mühe gehabt, und er ſchwitzt nun!... Ein ſonderbarer Burſche, der Particulier!“ Doch die Todesbläſſe, welche das Geſicht des Grafen bedeckte, wahrnehmend, murmelte er: „Bei meiner Treue! ich befürchte, er ſpielt den Todten aus einem guten Grunde.“ Und Jean Taureau rüttelte und ſchüttelte ſeinen Gefangenen in allen Richtungen. Dieſer ließ ſich rütteln und ſchütteln wie ein Leichnam. „Sacredi!“ rief Jean Taureau, indem er den Gra⸗ fen mit großen Augen anſchaute.„Sacredil ſollten Dumas, Saſvatvr. I. 17 — 258 wir ihn erſtickt haben, ohne es abſichtlich zu thun?... Nun wohl, Herr Salvator wird zufrieden ſein!— Abſcheulicher Menſch! dieſe Reichen machen nie etwas wie die Andern.“ Jean Taureau blickte umher und entdeckte in der Ecke der Stube einen ungeheuren Krug voll Waſſer. „Ah!“ ſagte er,„das ſuchte ich gerade!“ Er ging auf den Krug zu, hob ihn auf, ſtieg auf einen Schemel, der beim Tiſche war, und bildete durch die Neigung des Gefäßes eine Cascade von vier bis fünf Fuß, die bei der Stelle ihres Falles das Geſicht von Herrn von Valgeneuſe traf. Die erſten Tropfen ſchienen keine Wirkung auf den Grafen hervorzubringen; anders war es aber bei den zweiten. Bei dem Waſſerſtrahle, der auf den Kopf ging, bei der Berührung dieſer eiskalten Douche, ſtieß Herr von Volgeneuſe einen Seufzer aus, einen Seußzer, der Jean Taureau beruhigte, welcher zahlreiche Schweißtropfen auf ſeiner Stirne zu fühlen anfing. „Ah! Sacredi,“ rief er geräuſchvoll athmend, als hätte man ihm eine Laſt von fünfhundert Pfund von der Bruſt genommen,„Sie haben mir ſchön Angſt gemacht, Herr, deſſen können Sie ſich wohl rühmen!“ Er ſtieg vom Schemel herab, ſtellte den Krug an ſeinen Platz und näherte ſich wieder ſeinem Ge⸗ fangenen. „Ah,“ ſagte er zu ihm mit einer ſpöttiſchen Miene, die bei ihm mit der Gewißheit, der Graf ſei nicht todt, wiedergekommen war,„wir haben alſo ein nicht frag des, Stri gene heral komn nicht ſtand trage O führt Wan er ſie ſeines Valg weſen A man öffnet erſche twas der aſſer. gauf ldete von alles auf aber ing, Herr fzer, eiche fing. end, fund chön vohl rug Ge⸗ chen ſei alſo ein hübſches kleines Bad genommen?... Nun muß es beſſer gehen, edler Herr?“ „Wo bin ich?“ fragte Lorédan, wie es, ich weiß nicht warum, nach ihrer Ohnmacht alle Perſonen fragen, welche zum Leben zurückkehren. „Sie ſind in der Stube eines ergebenen Freun⸗ des,“ antwortete Jean Taureau, während er die Stricke losmachte, welche noch die Beine des Gefan⸗ genen banden,„und wollen Sie von Ihrem Piedeſtal herabſteigen und ſich ſetzen, ſo ſteht dies Ihnen voll⸗ kommen frei.“ Herr von Valgeneuſe ließ ſich die Einladung nicht wiederholen: er glitt vom Tiſche herab und ſtand; doch ſeine erſtarrten Beine konnten ihn nicht tragen: er ſchwankte. Jean Taureau nahm ihn in ſeinen Armen auf, führte ihn zum Schemel und lehnte ihn an die Wand an. „Sind Sie gut ſo?“ fragte Jean Taureau, indem er ſich auf ſeine Abſätze niederhockte, um das Niveau ſeines Kopfes in das des Kopfes von Herrn von Valgeneuſe zu ſetzen. „Und nun,“ fragte verächtlich der Graf,„was wollt Ihr aus mir machen?“ „Meine vertrauteſte Geſellſchaft, Herr Graf... die meinige und die eines auf eine Viertelſtunde ab⸗ weſenden Freundes, der bald zurückkommen muß.“ Als Jean Taureau dieſe Worte ſprach, klopfte man auf eine gewiſſe Art an die Thüre. Jean Taureau kannte dieſe Art, zu klopfen; er öffnete folglich, und man ſah Touſſaint⸗Louverture erſcheinen, deſſen ſchwarzes, nun mit weißen Flecken 260 geſprenkeltes Geſicht,— ein durch den Schweiß, der halk von ſeiner Stirne troff, verurſachtes Phänomen,— Wo auf Herrn von Valgeneuſe die Wirkung des tätto⸗ wirten Geſichtes eines Indianers machte. Tat „Iſt es gethan?“ fragte Jean Taureau ſeinen Her Freund. hen „Es iſt gethan,“ antwortete Touſſaint. Col Und ſich gegen Herrn von Valgeneuſe wendend, hab 13 ſagte er:——— „Meinen Gruß der Geſellſchaft!“ daß Sodann zu Jean Taureau: „Warum biſt Du ſo naß?“ „Ah! ſprich mir nicht davon,“ erwiederte Jean Taureau, die Achſeln zuckend;„ſeit Deinem Abgange bin ich ausſchließlich beſchäftigt, dieſen edlen Herrn zu beſprengen.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ fragte Touſſaint, der durchaus keinen Scharfſinn beſaß. „Ich will damit ſagen, daß der Herr ſich unwohl an befunden hat,“ fügte Jean Taureau mit Verach⸗ unt tung bei. jedt „Unwohl befunden?“ wiederholte Touſſaint in er demſelben Tone. ein „Mein Gott, ja.“ SG6l „Und zu Ehren welches Heiligen?“ grö „Unter dem Vorwande eines erbärmlichen Knebels, es den wir ihm auf den Mund gelegt haben.“ bei „Unglaublich!“ rief der Kohlenbrenner. Mittlerweile ſchaute Herr von Valgeneuſe den ſet zwei Männern ins Geſicht, und ohne Zweifel war übe die Inſpection nicht beruhigend, denn ſein, ſchon mit der / ätto⸗ inen end, Jean ange errn aint, wohl rach⸗ t in bels, den war chon halb geöffneter, Mund ſchloß ſich wieder, ohne ein Wort vorzubringen. In der That, die Miene von Touſſaint und Jean Taureau war ein wenig zurückſtoßend; und hätte Herr von Valgeneuſe die geringſte Velleität zu flie⸗ hen gehabt, der Anblick allein des vor ihm ſtehenden Coloſſen hätte ihn raſch auf dieſes gefährliche Vor⸗ haben verzichten gemacht. Er begnügte ſich alſo für den Augenblick damit, daß er das Haupt neigte und überlegte. XVI. Wein von unſerem Gewächſe. Indeß der Graf überlegte, ging Jean Taureau an einen Schrank, öffnete ihn, zog eine Flaſche und zwei Gläſer heraus und ſtellte ſie auf den Tiſch; jedoch wahrnehmend, daß ſie zu drei waren, machte er eine zweite Reiſe nach dem Schranke und brachte ein drittes Glas zurück; nur brachte er dieſes dritte Glas erſt, nachdem er es ausgeſpült und mit der größten Sorgfalt abgetrocknet hatte; dann ſtellte er es auf den Tiſch vor Herrn von Valgeneuſe und beinahe in den Bereich ſeiner Hand. Hierauf winkte er Touſſaint⸗Louverture, ſich zu ſetzen, ſetzte ſich ſelbſt, hob den Hals der Flaſche über das Glas ſeines Gefangenen empor, und ſprach mit aller Höflichkeit, der er fähig war: „Mein Edelmann, man iſt Gefangenwärter, doch 262 man iſt nicht Henker. Sie müſſen eben ſo ſehr Durſt haben, als wir; wollen Sie ein Glas Wein annehmen?“ „Ich danke!“ antwortete Herr von Valgeneuſe laconiſch. „Ohne Umſtände, mein junger Herr!“ fuhr Jean Taureau fort, der immer die Flaſche emporhielt. „Ich danke!“ ſagte zum zweiten Male und noch trockener als das erſte Mal Herr von Valgeneuſe. „Nach Ihrem Belieben, mein Herr!“ erwiederte Jean Taureau mit dem Ausdrucke, der ihm eigen⸗ thümlich war, wenn man ſeine Oberhaut unangenehm gekitzelt hatte. Dann füllte er das Glas von Touſſaint, ſtatt das des Grafen zu füllen, und ſprach: „Auf Deine Geſundheit, Touſſaint!“ „Auf Deine Geſundheit, Jean!“ antwortete dieſer. „Auf den Tod der Schlechten!“ „Auf das Leben der Braven!“ Der Gefangene ſchauerte, als er den energiſchen Toaſt von dieſen zwei entſchloſſenen Männern aus⸗ ſprechen hörte.. Jean Taureau leerte den Inhalt ſeines Glaſes auf einen Zug, ſetzte dann das Glas ungeſtüm auf den Tiſch und ſagte: „Bei meiner Seele, das thut wohl, wo das durch⸗ kommt. Ich hatte Durſt.“ „Ich auch,“ fügte Touſſaint der Bewegung nach⸗ ahmend bei. „Noch eine Runde, Touſſaint!“ „Noch eine Runde, Jean!“ Und, diesmal ohne einen Toaſt auszubringen, leerte jeder ſein Glas Wein auf einen Zug. von Gel ſich um der trot Ede me iſt, wie Fl kör ein Gi de al zn de Durſt en?“ neuſe Jean noch euſe. derte igen⸗ ehm ſtatt eſer. chen aus⸗ aſes auf en, 263 Dieſe Geſchwindigkeit des Verſchlingens gab Herrn von Valgeneuſe eine Idee ein; er wartete auf eine Gelegenheit, ſie zu benützen; dieſe Gelegenheit bot ſich bäld. Jean Taureau hatte ſich gegen den Gefangenen umgedreht, und da er an ihm ein minder verdrieß⸗ liches Geſicht wahrzunehmen glaubte, ſo ſagte er, der von Natur gut war, wie alle ſtarke Leute: „Sie haben ſehr Unrecht, gegen Ihren Leib zu trotzen.. Zum zweiten und zum letzten Male, mein ECdelmann: ich gebe mir die Ehre, Ihnen ein Glas Wein anzubieten: gefällt es Ihnen, es anzunehmen?“ „Sie bieten es mir auf eine ſo artige Weiſe an, mein Herr,“ antwortete der Graf,„daß es mir leid iſt, es Ihnen ein erſtes Mal abgeſchlagen zu haben.“ „Das thut nichts, es iſt noch Zeit, die Sache wieder gut zu machen. So lange ſich Wein in der Flaſche und in den Flaſchen im Schranke befindet, können Sie ſich eines Andern beſinnen.“ „Dann nehme ich an!“ ſprach der Graf. „So iſt es gut, Herr!“ ſagte Jean Taureau mit einem treuherzigen Weſen, während er das Glas des Grafen bis an den Rand füllte. Alsdann ſich an ſeinen Gefährten wendend: „Eine andere Flaſche, Touſſaint.“ Und nun war die Reihe am Kohlenbrenner, an den Schrank zu gehen und eine Flaſche zu holen. Jean Taureau nahm ſie ihm aus den Händen, als befürchtete er ſeine Unerfahrenheit, und füllte die zwei leeren Gläſer. Dann ergriff er ſein Glas, winkte Touſſaint, daſſelbe zu thun, und ſprach: 264 „Auf Ihre Gefundheit, Herr Graf!“ „Auf die Ihre, Herr!“ wiederholte Touſſaint. „Auf die Ihrige, meine Herren!“ antwortete Lorédan, der eine ungeheure Vergünſtigung zu ge⸗ währen glaubte, wenn er den Titel meine Herren den zwei Mohicanern gab. Als dieſer Toaſt ausgebracht war, leerten alle Drei ihre Gläſer: Jean Taureau und Touſſaint⸗ Louverture auf einen Zug, Herr von Valgeneuſe langſam und drei bis vier Mak wiederanſetzend. „Ei!“ ſagte Jean Taureau, indem er ſeine Zunge ſchnalzen ließ,„ich will Ihnen dieſen Wein nicht für alten Macon*) oder für Bordeaur⸗Laffitte ausgeben: doch Sie kennen das Sprüchwort:„„Das ſchönſte Mädchen der Welt kann nur geben, was es hat.““ „Oh! ich bitte um Verzeihung,“ erwiederte Loré⸗ dan, der ſich ſichtbar anſtrengte, um das Geſpräch zu unterhalten, und beſonders, um ſein Glas vollends zu leeren,„dieſer Wein iſt durchaus nicht ſchlecht; es iſt Landwein.“ „Gewiß iſt es Landwein!“ rief Touſſaint⸗Louver⸗ ture;„als ob es Wein gäbe, der nicht vom Lande wäre!“ „Mein lieber Freund,“ bemerkte Jean Taureau, „es gibt vor Allem den, welchen man in Paris fabricirt; doch das iſt es nicht, was der Herr Graf zu ſagen uns die Ehre erweiſt. Landwein bedeutet Wein, der im Lande, wo man ſich befindet, geerntet worden iſt.“ Eine Sorte Burgunder. wol reat Tot nes nt. ortete ge⸗ ren alle aint⸗ teuſe inge für ben; nſte t. oré⸗ räch nds cht; er⸗ nde au, ris raf tet tet 265 „Wein von unſerem Gewächſe, wenn Sie lieber wollen, mein Freund,“ ſprach liebreich der junge Mann. „Oh! von unſerem Gewächſe!“ ſagte Jean Tau⸗ reau,„das iſt er, und er ſchämt ſich deſſen nicht.“ „Ich glaube wohl,“ verſetzte ſpöttiſch lächelnd Touſſaint⸗Louverture, der im Fluge den Scherz ſei⸗ nes Freundes Jean Taureau aufgriff:„er iſt weiß!“ „Und ich füge bei,“ fuhr der Zimmermann fort, „wenn ich ein Gelübde zu thun habe, ſo iſt es das, nie einen ſchlechteren zu trinken.“ „Ich thue daſſelbe Gelübde wie mein Freund,“ ſagte Touſſaint⸗Louverture ſich verbeugend, nicht vor dem Grafen, ſondern vor der Gottheit, an die er ſein Gelübde richtete. „Ich habe zu wenig getrunken, um eine richtige Meinung zu haben,“ ſprach Herr von Valgeneuſe. „Oh! darauf ſoll es uns nicht ankommen, mein Edelmann,“ erwiederte Jean Taureau aufſtehend; „es ſind noch ein Fünfzig ähnliche Flaſchen im Schranke, wenn Ihnen davon beliebt.“ „Ich ſehe nur dieſes Mittel, um die paar Stun⸗ den, die wir beiſammen zu bleiben haben, heiter zu⸗ zubringen,“ ſprach der Gefangene,„und iſt dieſe Er⸗ götzlichkeit nach Ihrem Geſchmacke, ſo bin ich Ihr Mann.“ „Sprechen Sie offenherzig?“ fragte Jean Tau⸗ reau ſich umwendend. „Sie ſollen ſehen,“ erwiederte entſchloſſen Herr von Valgeneuſe. „Bravo!“ rief Touſſaint;„das iſt ein Gefange⸗ ner, wie ich die Gefangenen liebe!“ 266 Jean Taureau ging an den Schrank und kam bewaffnet oder geſchmückt, wie man will, mit acht Flaſchen von der ſchönſten Halsgeſtalt zurück. Lorédan lächelte, als er die zwei Mohicaner ſo naiv in die Falle gehen ſah, die er ihnen ſtellte, welche Falle natürlich ſchon von unſern Leſern errathen worden iſt. Es war in der That eine ziemlich gute Combination, zwei Männer, die den Wein liebten, trinken machen, nichts konnte leichter ſein; ſie trinken machen, bis ſie die Vernunft verloren, nichts konnte noch leichter ſein. Lorédan, als er einmal hiezu entſchloſſen war: reichte muthig ſein Glas dar und trank ſo freund⸗ lich und artig als nur immer möglich. Man leerte auf dieſe Art zwei Flaſchen, und Herr von Valgeneuſe fand den Wein ſo gut, daß er zwei weitere Flaſchen entpfropfen ließ. „Ah! Sie gehen tüchtig zu, mein Kamerad!“ ſagte Jean Taureau, der, als er ſah, daß ſein Gefangener ſo gut trank als er, ſich mit ihm vertraulich zu machen und den Grafen als ſeines Gleichen zu behandeln anfing. „Ei! man geht, wie man kann,“ erwiederte Val⸗ geneuſe mit einer ſcheinbaren Treuherzigkeit. „Trauen Sie nicht, mein Edelmann,“ bemerkte Jean Taureau:„das iſt ein verrätheriſcher Wein.“ „Glauben Sie?“ fragte der Gefangene mit einer Miene des Zweifels. „Oh! dafür ſtehe ich!“ ſagte Touſſaint⸗Louver⸗ ture, indem er die Hand aufhob, als ob er einen Eid ſchwüre.„Habe ich nur drei Flaſchen davon getr iſt Mie antt und iſt, der wirt Rip ſehr eine erſch pfro und und kam acht er ſo ellte, then tion, chen, e die n. war: und⸗ und ß er ſagte ener chen deln Val⸗ erkte in.“ einer wer⸗ inen avon von Trunkenheit gibt. getrunken, dann gute Nacht Geſellſchaft! ich gehe, es iſt Niemand mehr da.“ „Bah!“ machte Valgeneuſe, immer mit einer Miene des Zweifels,„ein Burſche wie Sie?“ „So wahr ich die Ehre habe, es Ihnen zu ſagen,“ antwortete Touſſaint.„Ich gehe auf drei, auf drei und eine halbe. Er, Jean Taureau, der ein Coloß iſt, geht auf vier; doch beim letzten Glaſe, Patſch! der geſunde Verſtand zieht aus, mein guter Mann wird wüthend, und er zerſchmettert aller Welt die Rippen!— Nicht wahr, Jean?“ „Man ſagt es,“ erwiederte einfach der Coloß. „Und Du, Du beweiſeſt es.“ Dieſer letzte, übrigens für Herrn von Valgeneuſe ſehr belehrende, Aufſchluß ließ den Gefangenen in einer ziemlich nahen Zukunft ſo gefährliche Chancen erſchauen, daß dieſer, als er die ſiebente Flaſche ent⸗ pfropfen ſah, die Hand über ſeinem Glaſe ausſtreckte und ſagte: „Ich danke! ich habe genug getrunken.“ Jean Taureau hob den Hals der Flaſche empor und ſchaute Herrn von Valgeneuſe ſtarr an. XVII. Wo Herr von Valgeneuſe förmlich erklärt, er könne weder ſingen, noch tanzen. Der Blick von Jean Taureau hatte den wilden Ausdruck, den gewiſſen Phyſiognomien ein Anfang 268 „Ah!“ ſagte er,„Sie haben genug getrunken?“ „Ja,“ antwortete Lorédan,„ich habe keinen Durſt mehr.“ „Gut! als ob man nur tränke, ſo lange man Durſt hat. Tränke man nur, ſo lange man Durſt hat, ſo würde man nie mehr als ein paar Flaſchen trinken.“ „Touſſaint,“ ſagte Jean Taureau,„es ſcheint, der Herr kennt das Sprüchwort nicht, ein doch wohl bekanntes Sprüchwort!“ „Welches Sprüchwort?“ fragte Lorédan. „„Iſt der Wein gezogen, ſo muß man ihn trin⸗ ken...““ Um ſo mehr wenn die Flaſche entpfropft iſte 6 „Nun?“ ſagte Lorédan. „Nun, Sie müſſen ſie leeren.“ Lorédan reichte ſein Glas dar. Jean Taureau füllte es. „Nun Dir,“ ſagte er, indem er den Hals der Flaſche gegen ſeinen Freund wandte, wie ein Artil⸗ leriſt die Mündung einer Kanone gegen den Ort wendet, den er angreifen will. „Nur immer luſtig zu!“ rief Touſſaint, vergeſſend, er werde, da er nicht an einem ſeiner guten Tage war, der Aufregungen wegen, die er erlitten hatte, durch dieſes letzte Glas Wein das Maß nicht nur voll, ſondern ſogar überſtrömen machen. Und raſch ſein Glas leerend, ſtimmte er irgend ein Trinklied an, von dem die Anweſenden kein Wort verſtehen konnten, da es in auvergnatiſchem Patois war. digt Hau in P ſchät Touſ ziehe gen röda wie Gele gene lied Jea weil rea der inen man urſt chen eint, vohl trin⸗ opft der rtil⸗ Ort end, age atte, nur end Lort tois „Stille!“ rief Jean, ehe die erſte Strophe been⸗ digt war. „Warum Stille?“ fragte Touſſaint. „Weil man hieran ſehr viel Geſchmack in der Hauptſtadt der Auvergne finden mag, während es in Paris und in der Bannmeile durchaus nicht ge⸗ ſchätzt wird.“ „Das iſt doch ein hübſches Lied*)!“ ſagte Touſſaint. „Ja, ein anderes iſt mir aber lieber. Ich ziehe zum Beiſpiel das vor, das der Herr Graf ſin⸗ gen wird.“ „Wie, das, welches ich ſingen werde?“ rief Lo⸗ rédan. „Allerdings! Sie müſſen hübſche Lieder können, wie mein Freund Touſſaint⸗Louverture ſagt.“ Und Jean Taureau lachte mit jenem blödſinnigen Gelächter, das der Vorläufer des Rauſches iſt. „Sie irren ſich, mein Herr,“ entgegnete kalt Val⸗ geneuſe,„ich kann keine.“ „Sie können nicht einmal ſo ein armſelig' Trink⸗ lied?“ beharrte Jean Taureau. „Oh! Trinklied oder Eßlied, gleichviel!“ ſagte Jean Taureau;„ich würde lieber eſſen, als trinken, weil ich anfange mehr Hunger, als Durſt zu haben.“ „Sind wir dabei, Kamerad?“ fragte Jean Tau⸗ reau, der ſich anſchickte, den Tact mit einer Hand in der andern zu ſchlagen. „Ich ſchwöre Ihnen, daß ich nicht nur kein Lied *) Vholie chanson. 270 weiß,“ ſagte Herr von Valgeneuſe ein wenig er⸗ ſchrocken über den Ton, mit dem Jean Taureau dieſe Bitte an ihn richtete,„ſondern daß ich auch nicht ſingen kann.“ „Sie nicht ſingen können?“ verſetzte Touſſaint, der, weil es ihm ſein Freund zum Vorwurfe machte, daß er Auvergnatiſch ſpreche, ſich dieſem Vorwurfe dadurch zu entziehen ſuchte, daß er Negeriſch ſprach; „ich glaube Ihnen nicht.“ „Ich betheure, daß ich nicht ſingen kann,“ wie⸗ derholte Lorédan.„Ich bedaure es, da Ihnen das unangenehm ſein dürfte; doch das überſteigt meine Mittel.“ „Das iſt ärgerlich,“ ſprach Jean Taureau mür⸗ riſch,„denn es hätte Sie einen Augenblick beluſtigt, und mich auch.“ „Dann bedaure ich es doppelt,“ erwiederte Val⸗ geneuſe. „Ah!“ machte Touſſaint. „Was?“ „Eine Idee!“ „Geck!“ „Wenn ich aber eine Idee habe!“ beharrte Touſſaint. „Sage ſie, Deine Idee.“ „Da dieſer junge Herr nicht ſingen kann oder nicht ſingen will,“ fuhr Touſſaint fort, ohne ſich ent⸗ muthigen zu laſſen,„ſo muß er tanzen können, nicht wahr, Freund Jean?“ Alsdann wandte er ſich gegen Lorédan um und ſprach mit einer weinſchweren Stimme: „Auf! tanzen Sie uns etwas, Herr Graf.“ nete Gru Lant Bou da i zen, zen Sie muß tanze ſeher Coloſ er ge Moh er⸗ ieſe nicht int, chte, urfe ach; wie⸗ das eine ür⸗ igt, al⸗ rte er nt⸗ cht nd 271 „Wie, ich ſoll Ihnen etwas tanzen?“ entgeg⸗ nete Valgeneuſe.„Sind Sie Narren?“ „Warum Narren?“ fragte Touſſaint. „Tanzt man nur ſo ohne Grund?“ „Gut!“ ſagte Touſſaint,„man tanzt nicht ohne Grund: man tanzt, um zu tanzen. Als ich auf dem Lande war, tanzte ich jeden Augenblick.“ „Die Bourrée?“ „Ja, die Bourrée... Wollen Sie nicht die Bourrée preisgeben?“ „Nein; wie vermag ich die Bourrée zu tanzen, da ich ſie nicht kann?“ „Ich ſage nicht, Sie ſollen eher einen Tanz tan⸗ zen, als einen andern,“ erwiederte Touſſaint.„Tan⸗ zen Sie die Gavotte, wenn Sie wollen, aber tanzen Sie etwas.— Nicht wahr, Jean, der Herr Graf muß etwas tanzen?“ „Ich würde mit Vergnügen den Herrn Grafen tanzen ſehen„..“ „Hören Sie, edler Herr?“ „Abern „Laſſen Sie doch Ihren Freund vollenden; Sie ſehen, daß ein aber dabei iſt,“ ſagte Lorédan. „Aber,“ fuhr in der That Jean Taureau fort, „um zu tanzen, braucht man Muſik.“ „Natürlich, und Herr Jean Taureau hat Recht!“ rief Valgeneuſe, der mit Schrecken dachte, wäre der Coloß derſelben Meinung wie ſein Gefährte, ſo würde er gezwungen, einen Pas zum Vergnügen der zwei Mohicaner zu tanzen. „Iſt es denn ſo ſchwierig, Muſik zu machen?“ 272 fragte Touſſaint, der durch den Wein zugleich hals⸗ ſtarrig und erfindſam wurde. „Ich weiß nicht, ob das ſchwierig iſt,“ erwiederte naiv Jean Taureau,„da ich es nie verſucht habe, ſolche zu machen; ich glaube indeſſen, daß man, um irgend eine Muſik zu machen, vor Allem ein In⸗ ſtrument braucht;— nicht wahr, Herr Graf?“ „Ei! allerdings,“ antwortete Lorédan die Achſeln zuckend. „Wie! ein Inſtrument?“ verſetzte Touſſaint. „Wir haben Alle ein Inſtrument auf dem Daumen.“ Und ſo ſprechend rundete Touſſaint ſeine dicke ſchwarze Hand in Form eines Waldhorns, deſſen Mundſtück der Daumen bildete, hielt dieſes Mund⸗ ſtück an ſeine Lippen und fing an den König Da⸗ gobert zu blaſen. Alsdann wandte er ſich an Jean Taureau und fragte: „Iſt das nicht ein hübſches Inſtrument?“ „Ja,“ antwortete Jean Taureau, der ſtarrköpfig bei ſeiner Oppoſition blieb,„doch für die Jagd, nicht für den Tanz.“ „Das iſt wahr,“ ſprach Touſſaint, da er ſich leicht in Einwendungen ergab, wenn er ſie gerecht fand; „ſingt man aber nicht, tanzt man aber nicht, ſo wollen wir trinken.“ „Nun, meinetwegen!“ rief eiligſt Herr von Valgeneuſe,„ja, trinken wir!“ Doch er beeilte ſich zu ſehr, und ſagte es mit einem zu großen Gefühle des Verlangens, das er hegte, nicht ſelbſt zu trinken, ſondern ſeine zwei Ge⸗ fährten trinken zu machen. Jean Taureau ſchaute —„————————— 273 als⸗ ihn an, allerdings ohne noch den Plan von Herrn von Valgeneuſe recht zu begreifen: der brave Mann erte vermuthete nicht, der Wein könnte je ein Gift wer⸗ abe, den, dennoch aber witterte er eine Gefahr, und er um ½ ſtellte die Flaſche, die er ſchon beim Halſe gefaßt In⸗ hatte, um Touſſaint einzuſchenken, wieder auf den Tiſch und ſagte: ſeln„Nein, Du haſt genug getrunken, Touſſaint!“ 6„Man hat nie genug getrunken, mein Freund in Jean.“ n.“„Das iſt im Allgemeinen wahr,⸗ ſprach der Zim⸗ icke mermann,„doch heute iſt es falſch.“ ſſen„Aber,“ bemerkte der Gefangene,„Sie haben in mich herausgefordert, und ich habe nicht darauf ver⸗ a zichtet, zu trinken.“ „Sie, mein Edelmann,“ erwiederte Jean Taureau, und indein er ihn ſchief anſchaute,„das iſt etwas Ande⸗ res, Ihnen ſteht es frei, vollauf zu trinken, wenn das Ihre Laune iſt. ich habe Ihnen geſagt, es pfig ſeien noch vierzig Flaſchen im Schranke. Reichen cht Sie Ihr Glas.“ Lorédan reichte ſein Glas, und Jean Taureau eicht füllte es bis zu zwei Dritteln; dann ſtellte er die nd; Flaſche wieder auf den Tiſch. „Aber Sie...2“ fragte Herr von Valgeneuſe. „Ich?“ antwortete Jean Taureau;„ich habe von genug getrunken. Touſſaint hat Ihnen geſagt, ich werde ſchlimm, wenn ich ein Glas Wein im Kopfe mit habe; er hat Recht, ich will nicht mehr trinken.“ „Noch ein Glas, um mir Beſcheid zu thun,“ erwie⸗ Ge⸗ derte Valgeneuſe, der nicht das Anſehen haben wollte, aute Dumas, Salvator. II. 18 274 als begriffe er die Urſache der Mäßigkeit von Jean Taureau, obſchon er ſie ſehr wohl begriff. „Sie wollen es?“ ſagte der Zimmermann, den Grafen ſtarr anſchauend. „Ich wünſche es.“ „Gut,“ ſprach der Coloß, und er goß ſich ein neues Glas Wein ein. „Und ich?“ fragte Touſſaint. „Du nicht!...“ antwortete Jean Taureau brutal. „Warum ich nicht?“ „Weil ich beſchloſſen habe, daß Du nichts mehr trinken ſollſt.“ Touſſaint ließ ein dumpfes Knurren vernehmen, wich zwei Schritte zurück, beharrte aber nicht weiter auf ſeinem Verlangen. Alsdann hob Jean Taureau ſein Glas bis zur Höhe ſeiner Lippen empor und ſagte: „Auf Ihre Geſundheit!“ „Auf die Ihrige!“ antwortete Herr von Valge⸗ neuſe. 2 Das Glas von Jean Taureau war nicht ganz voll, er konnte alſo durch den leeren Kreis den Ge⸗ fangenen beobachten: er ſah ihn ſein Glas ganz mit ſeiner Hand umhüllen, es raſch an ſeine Lippen ſetzen und es wieder auf den Tiſch ſtellen, nachdem er eine ſeltſame Bewegung gemacht hatte. Zu gleicher Zeit fühlte der Zimmermann an ſeinen Füßen eine Art von Kühle, als ob er ſie in einer Waſſerlache hätte. Er hob den Fuß auf und betaſtete ihn mit der Hand; ſein Schuh troff. ₰ 275 3 an Da nahm er eine Lampe, bückte ſich gegen die en Erde, ſtellte die Lampe wieder auf den Tiſch und ſprach, indem er mit aufgehobener Fauſt gegen den Gefangenen vorrückte: 5„Man muß geſtehen, Sie ſind eine tüchtige n Canaille!“ Touſſaint Louverture ſtürzte hinzu, packte mit beiden Händen die Fauſtgelenke des Zimmermanns und rief: Ah! ich ſagte es Ihnen zum Voraus, er trinke einen ſchlimmen Wein.. Sie wollten mir nicht hr glauben! nun ziehen Sie ſichheraus, wie Sie können.“ n, er vvnr. ir Wo Jean Taureau und Touſſaint Louverture eine Gelegen⸗ heit finden, ihr Gluck zu machen, und es nicht machen. e⸗ Herr von Valgeneuſe hatte ſich ſchon in Verthei⸗ nz digungsſtand geſetzt: er hatte mit jeder Hand eine ₰ Flaſche ergriffen, und wartete, bis Jean Taureau in it ₰ ſeinem Bereiche wäre, um ſie ihm am Kopfe zu zer⸗ en ſchmettern. m Jean Taureau bückte ſich, nahm einen Schemel beim Fuße und machte einen Schritt gegen Herrn n von Valgeneuſe. 2„Aber was hat er denn gethan?“ fragte Touſſaint. 3 3„Schau unter den Tiſch,“ antwortete Jean Taureau. Touſſaint nahm auch die Lampe und ſchaute. 276 „Ah!“ rief er, als er den Backſtein ſah, der durch den weißen Wein durchſchien,„Blut!“ „Blut?“ ſagte Jean Taureau,„wenn es nur Blut wäre, das wäre nichts; mit Brod macht man wieder Blut; doch den Wein, man macht ihn nur mit Trauben, und der Weinſtock iſt in dieſem Jahre erfroren.“ „Wie! ſeinen Wein hat er ausgeſchüttet?“ rief Touſſaint im Tone des heftigſten Zornes. „Seinen Wein!“. „Ah! dann iſt er, wie Du ſagſt, ein Elender! Schlag' ihn nieder!“ „Ich wartete auf Deine Erlaubniß, Touſſaint,“ ſagte Jean Taureau, indem er mit ſeinem Aermel ſeine vom Schweiße des Zornes rieſelnde Stirne abzuwiſchen ſuchte. „Sie haben gehört, daß ich Ihnen, wenn Sie noch einen Schritt thun, die Hirnſchale zerſchmettere,“ rief Herr von Valgeneuſe. „Ah! es iſt noch nicht genug Wein vergoſſen! Sie wollen noch die Flaſchen zerbrechen?“ ſagte Jean Taureau;„denn die Flaſche werden Sie zerbrechen, und nicht meinen Schädel, das bemerke ich Ihnen zum Voraus.“ „Schlage doch, Jean!“ rief Touſſaint;„warum ſchlägſt Du denn nicht?“ „Weil ich vernünftig geworden bin,“ antwortete Jean Taureau,„und ich hoffe, der Herr Graf wird es auch werden.“ Sodann mit einer feſten, vollkommen ruhigen Stimme: er ur ur re ief r 6 el ne n m te d — 277 „Nicht wahr, Herr von Volgeneuſe, Sie laſſen dieſe zwei Flaſchen los, wie?“ Herr von Valgeneuſe faltete die Stirne; ſein Stolz kämpfte einen furchtharen Kampf mit ſeiner Vernunft. „Nun,“ fragte Jean Taureau,„laſſen wir ſie los? laſſen wir ſie nicht los?“ „Oh! Jean,“ brüllte Touſſaint,„ich kenne Dich nicht mehr.“ „Laſſen wir los? Nun!“ fuhr Jean Taureau fort,„eins, zwei.. Nehmen Sie ſich in Acht, oder ich zähle die drei auf Ihrem Kopfe!“ Lorédan ließ die Arme ſinken und ſtellte ſachte die Flaſchen auf den Rand des Kamins. „Es iſt gut, und nun wollen wir uns ganz artig wieder an unſern erſten Platz ſetzen.“ Lorédan bedachte wahrſcheinlich, das beſte Mittel, ein wildes Thier zu bändigen, ſei, es nicht zu reizen. Dem zu Folge gehorchte er kalt dem zweiten Befehle, wie er dem erſten gehorcht hatte. Sodann hatte ſich wohl eine neue Combination in ſeinem Geiſte gebildet, und er war entſchloſſen, ein Mittel zu gebrauchen, das ihm mehr Chance gab, als die Stärke. „Touſſaint, mein Freund,“ ſagte Jean Taureau, „bringe dieſe zwei Flaſchen wieder in den Schrank zurück und ſchließe ſie mit dem Schlüſſel ein. Sie hätten nie herauskommen ſollen.“ Touſſaint vollzog das Commandv. „Und nun, Herr Graf,“ ſprach Jean Taureau, indem er den Schlüſſel aus den Händen ſeines Ka⸗ meraden nahm,„geſtehen Sie Eines.. 278 „Was?“ fragte der Graf. „Sie wollten uns trinken machen, bis wir die Vernunft verloren hätten, und unſern Rauſch be⸗ nützen, um zu entwiſchen.“ „Sie haben wohl Ihre Stärke benützt, um mich zu Ihrem Gefangenen zu machen,“ erwiederte ziem⸗ lich logiſch Herr von Valgeneuſe. „Unſere Stärke, ja; doch wir haben nicht die Liſt angewandt: wir haben nicht zuerſt mit einander getrunken, um nachher zu verrathen. Hat man mit einander getrunken, das iſt heilig!“ „Nehmen wir an, ich habe Unrecht gehabt,“ ſagte Herr von Valgeneuſe. „Seinen Wein ausſchütten,“ brummte Touſſaint hierauf zurückkommend,„den Wein des guten Gottes!“ „Der Herr Graf hat zugeſtanden, er habe Un⸗ recht gehabt,“ bemerkte Jean Taureau,„ſprechen wir nicht mehr davon.“ „Wovon werden wir dann ſprechen?“ ſagte trau⸗ rig der Kohlenbrenner.„Vor Allem ich: trinke ich nicht, ſpreche ich nicht, ſo laufe ich Gefahr, einzu⸗ ſchlafen.“ „Oh! ſchlafe ein; ich für meinen Theil ſtehe da⸗ für, daß ich nicht ſchlafe.“ „Nun wohl,“ ſagte Lorédan,„ich will einen Gegenſtand des Geſpräches für Sie finden.“ „Sie ſind ſehr liebenswürdig, Herr Graf,“ brum⸗ melte Jean Taureau. „Sie machen auf mich den Eindruck von braven Leuten.. ein wenig lebhaft vielleicht,“ fuhr Loré⸗ dan fort,„doch im Grunde brav.“ —. ie e⸗ n⸗ ie er it — 279 „Sie haben das entdeckt?“ fagte Jean Taureau die Achſeln zuckend. „Ich liebe die braven Leute,“ ſetzte der Graf hinzu. „Sie ſind nicht ekel!“ erwiederte der Zimmer⸗ mann immer in demſelben Tone. Touſſaint horchte, offenbar begierig, zu erfahren, worauf der Gefangene abzielte. „Nun denn,“ ſagte dieſer,„ Er hielt inne. „Wenn wir wollen. 22 wiederholte Jean Taureau. „Wenn Sie wollen,“ ſprach Herr von Valgeneuſe, „ich mache Ihr Glück.“ „Teufel!“ rief Touſſaint, das Ohr ſpitzend,„unſer Glück? Plaudern wir ein wenig hievon.“ „Stille, Touſſaint!“ ſagte Jean Taureau;„ich habe das Wort.“ Alsdann ſich an Lorédan wendend: „Erklären Sie Ihren Gedanken, junger Herr.“ „Mein Gedanke iſt ſehr einfach, und ich gehe gerade auf das Ziel los.“ „Gehen wir gerade darauf los!“ ſagte Touſſaint. „Ich habe Dich ſchon aufgefordert, zu ſchweigen,“ brunimte zum zweiten Male Jean Taureau. „Sie arbeiten, um zu leben, nicht wahr?“ fragte der Graf. „Allerdings, die Tagdiebe ausgenommen arbeitet Jedermann hiefür,“ antwortete Jean Taureau. „Wie viel verdienen Sie an den guten Tagen?“ „Einen in den andern, mit den Tagen des Feierns, drei Franken,“ erwiederte Touſſaint. wenn Sie wollen...“ 280 „Wirſt Du wohl ſchweigen, Touſſaint!“ „Warum ſollte ich denn ſchweigen? Der Herr Graf fragt mich, wie viel ich verdiene; ich antworte ihm.“ „Drei Franken täglich,“ wiederholte der Graf, ohne daß er das Anſehen hatte, als bemerkte er den Streit, der ſich zwiſchen den zwei Freunden erhob, „das ſind neunzig Franken im Monat und tauſend Franken im Jahre.“ „Nun, und dann?“ fragte Jean Taureau;„wir wiſſen das.“ „Und dann.. ich laſſe Sie in einem Abend verdienen, was Sie in fünfundzwanzig Jahren ver⸗ dienen.“ Fünfundzwanzig tauſend Franken?“ rief Touſſaint. „Ah! Spaßmacher! fünfundzwanzig tauſend Franken an einem Abend? das iſt nicht möglich!“ „Sie ſehen,“ fuhr Valgeneuſe fort,„das iſt hin⸗ reichend, um nach Ihrer Bequemlichkeit zu leben, ohne zu arbeiten, da, wenn Sie Ihre fünfundzwan⸗ zigtauſend Franken zu fünf Procent anlegen, dies Ihnen eine Rente von zwölfhundert fünfzig Livres ibt.“ „Ohne zu arbeiten!“ wiederholte Touſſaint; „hörſt Du wohl, Jean, ohne zu arbeiten!“ „Was würde ich denn thun, wenn ich nicht ar⸗ beitete?“ fragte nun Jean Taureau. „Sie würden thun, was Ihnen beliebt: Sie gin⸗ gen auf die Jagd, auf den Fiſchfang, wenn Sie die Jagd nicht lieben; Sie würden Güter kaufen und ſie anbauen; Sie würden thun, was die Reichen thun, Sie würden thun, was ich ſelbſt thue.“ m ſa ka zn S rr te n b, d 5 281 „Teufel!“ ſagte bitter Jean Taureau,„ich würde ſechzehnjährige Kinder ihrem Bräutigam und ihrer Familie entführen! Das iſt die Beluſtigung von den⸗ jenigen, welche nicht arbeiten! das iſt das, was Sie thun, Herr Graf!“ „Was Sie thun würden, das wäre Ihre Sache.. doch ich biete Ihnen Beiden fünfzigtauſend Franken: fünfundzwanzig tauſend Jedem.“ „Fünfundzwanzig tauſend Franken!“ wiederholte zum zweiten Male Touſſaint, deſſen Augen vor Gierde glänzten. „Schweige, Touſſaint!“ ſprach der Zimmermann mit ſtrengem Tone. „Fünfundzwanzig tauſend Franken Jedem, mein Freund Jean,“ wiederholte der Kohlenbrenner mit liebkoſender Stimme. „Fünfundzwanzig tauſend Fauſtſchläge, wenn Du nicht ſchweigſt, Touſſaint.“ „Fünfzig tauſend Franken Ihnen Beiden, und zwar zahlbar heute Abend.“ „Ein Vermögen, Jean! ein Vermögen melte der Kohlenbrenner. „Aber wirſt Du wohl ſchweigen, Unglücklicher!“ ſagte Jean Taureau, indem er eine Hand drohend gegen ſeinen Freund aufhob. „Frage ihn wenigſtens, wie man ſie verdienen kann, die fünfundzwanzig tauſend Franken.“ „Gut!“ erwiederte Jean Taureau. Und ſich an den Gefangenen wendend: „Sie erweiſen uns die Ehre, uns Jedem fünfund⸗ zwanzig tauſend Franken anzubieten, Herr Graf? Wollen Sie mir nun ſagen, welche Arbeiten wir verrichten “ mur⸗ ſollen, um ein Recht auf eine ſolche Summe zu haben?“ „Ich biete Ihnen dieſe Summe gegen meine Freiheit. Sie ſehen, das iſt ganz einfach.“ „Sage, Jean Taureau, ſage doch!“ murmelte der Kohlenbrenner, kien Freund mit dem Ellenbo⸗ gen ſtoßend. „Touſſaint! Lonſſaintl⸗ brummte Jean Taureau, indein er ſeinen Gefährten ſchief anſchaute. „Ich ſchweige, ſieh, ich ſchweige... Indeſſen fünf⸗ undzwanzig tauſend Franken...“ Der Zimmermann wandte ſich gegen den Grafen um und fragte ihn: „Und warum glauben Sie, daß wir Sie gefangen halten, mein Edelmann?“ „Ei!“ erwiederte Valgeneuſe,„weil, wie ich vermuthe, Sie Jemand hiefür bezahlt hat.“ Jean Taureau hob ſeine breite Hand über den Kopf von Lorédan empor; doch nach einer Anſtren⸗ gung gegen ſich ſelbſt ließ er ſie langſam wieder fallen und ſagte: „Bezahlt! bezahlt! es ſind Ihres Gleichen, Herr Graf, welche bezahlen, welche die Ehre der Anderen kaufen oder verkaufen... Ja, das iſt abermals eines der Mittel der reichen Leute, der Leute, welche nicht arbeiten, das Böſe zu bezahlen, wenn ſie es nicht ſelbſt thun können... Hören Sie wohl, Herr Graf: wären Sie zehnmal reicher als Sie ſind, könn⸗ ten Sie mir, ſtatt fünfundzwanzig tauſend Franken, eine Million anbieten, um Sie vor der beſtimmten Stunde in Freiheit zu ſetzen, ich würde es ausſchla⸗ Fr ge zu ve zu ne te O⸗ u, en en en n⸗ er rr en s he 5 rr n⸗ n, en la⸗ gen mit eben ſo großer Verachtung, als es mir Freude gewährt, Sie gefangen zu halten.“ „Ich biete hundert tauſend Franken, ſtatt fünfzig,“ ſagte kurz Herr von Valgeneuſe. „Jean! Jean!“ rief Touſſaint,„hörſt Du? fünf⸗ zig tauſend Franken Jedem!“ „Touſſaint,“ ſprach der Zimmermann,„ich hielt Dich für redlich! Noch ein Wort, und ich gebe Dir Deine Freundſchaft zurück und nehme die meinige wieder.“ „Aber, Jean,“ erwiederte Touſſaint mit ſanftem Tone,„was ich Dir ſage, geſchieht eben ſo ſehr Dir zu Liebe, als mir zu Liebe.“ „Wie, mir zu Liebe?“ „Allerdings Dir zu Liebe... Dir, Fifine, Dei⸗ nem Kinde zu Liebe.“ Bei den Worten„Fifine, Deinem Kinde zu Liebe,“ funkelten die Augen von Jean Taureau. Doch beinahe in demſelben Augenblicke packte er Touſſaint beim Kragen, ſchüttelte ihn, wie es der Holzhauer mit dem Baume thut, den er fällen will, und rief: „Ah! wirſt Du ſchweigen, Unglücklicher! wirſt Du ſchweigen!“ „Beſonders Deinem Kinde zu Liebe,“ fuhr Touſ⸗ ſaint fort, der wohl wußte, daß er über dieſen Ge⸗ genſtand ungeſtraft ſprechen durfte,„Deinem Kinde zu Liebe, dem der Arzt das Land verordnet hat.“ Der Zimmermann bebte und ließ Touſſaint⸗Lou⸗ verture los. „Sie haben eine leidende Frau und ein krankes Kind?“ ſagte Valgeneuſe;„Sie können Beiden die Geſundheit wiedergeben, und Sie zögern?“ 284 „Nun wohl, nein,“ rief der Zimmermann,„Don⸗ ner des Himmels! ich zögere nicht.“ Touſſaint keuchte; Herr von Valgeneuſe athmete kaum, denn es ließ ſich unmöglich errathen, ob Jean Taureau ausſchlagen oder annehmen würde. „Sie nehmen an?“ fragte der Graf. „Du nimmſt an?“ ſagte Touſſaint. Jean Taureau hob feierlich die Hand empor und ſprach: „Höret, ſo wahr ein Gott im Himmel iſt, ſo wahr dieſer Gott die Guten belohnt und die Schlech⸗ ten beſtraft, den Erſten von Euch Beiden, der über dieſen Gegenſtand noch ein Wort ſagt, ein einziges, den erwürge ich! Sprecht nun, der Eine oder der An⸗ dere, wenn Ihr es wagt!“ Jean Taureau erwartete vergebens eine Ant⸗ wort: die zwei Männer ſchwiegen. ⸗ te n In unſerem Verlage ſind ſo eben folgende intereſſante Romane erſchienen: C. F. Ridderſtad, Sämmtliche Romane. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder 6 kr. rh. und wird einzeln abgegeben. Bis jetzt ſind erſchienen: Der Trabant. Geſchichtlicher Roman 21 Bändchen. Der Fürſt. 14 5 Das Gewiſſen oder Gcheimniſſe von Stöthylm 5 Vater und Sohn 16 Wir glauben uns ein wirkliches Verdienſt um die deutſche Leſewelt erworben zu haben, indem wir Ridderſtad, dieſen neuen glänzenden Stern an dem ſchönen literariſchen Himmel Skandinaviens, bei ihr einführten. In den bis jetzt erſchienenen Romanen hat der Verfaſſer ſich einen ehrenvollen Platz zur Rechten Walter Scotts errungen und ſeine Ebenbürtigkeit mit dieſem unübertroffenen Dichter unverkennbar dargethan. Thaddäus Koseiuszko. Hiſtoriſcher Roman von Heribert Rau. 3 Bde. eleg. geh. Thlr. 1. 24 Ngr. oder 3 fl. rhein. Es iſt wohl unbeſtritten, daß der Verfaſſer dieſes Romans einer unſerer beliebteſten Schriftſteller iſt. Haben doch ſeine Romane wie ſeine wiſſenſchaftlichen Werke in ganz Deutſchland, ja ſogar in Amerika großes Aufſehen gemacht, ſowie mehrere der letzteren in verſchiedene Sprachen überſetzt wurden. Unter dieſen zeichnet ſich vor allen das oben genannte Werk aus. Nicht nur daß die Wahl des Helden eine ſehr glückliche genannt werden darf, da ſchon bei dem Namen Kosciuszko alle edleren Herzen dieſſeits und jenſeits des Oceans höher ſchlagen— es iſt dem Verfaſſer auch gelungen, die Schickſale deſſelben mit einer ſolchen Treue und doch zugleich poetiſchen Verklärung darzuſtellen, daß ſie uns bis zum letzten Momente feſſeln und zum innigſten Mitgefühle hin⸗ reißen. ₰ J es n ka en er rk hr m t8 ſt n en n 1⸗ Emilie Flygare⸗Carlén, Sämmtliche Romanr. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder 6 kr. rhein. und wird einzeln abgegeben. Bis jetzt ſind erſchienen: Die Roſe von Tiſtelin, 7 Bochn.— Walde⸗ mar Klein, 3 Bochn.— Der Skjutsjunge, 4 Bdchn. — Guſtav Lindorm, oder führe uns nicht in Ver⸗ ſuchung! 6 Bochn.— Der Stellvertreter, 5 Bdchn.— Der Profeſſor und ſeine Schützlinge, 5 Bdchn.— Die Kircheinweihung von Hammarby, 6 Bochn.— Die Milchbrüder, 6 Bdchn.— Das Fideicvmmiß, 9 Bochn. — Der Kammerer Laßmann als Junggeſelle und Ehemann, 6 Bochn.— Paul Wärning oder Abenteuer eines Scheerenjungen, 5 Bdchn.— Das Erkerſtübchen, 4 Bochn.— Der Einſiedler auf der Johannisklippe. Küſtenroman, 15 Bdchn.— Ein Jahr. Novelle, 5 Bochn. Die Braut auf dem Omberg, 3 Bdchn.— Die Familie im Thale, 2 Bochn.— Eine Nacht am Bnllarſee, 18 Bdchn.— Ein Gerücht, 17 Bdchn.— Die Roman⸗ heldin, 6 Bochn.— Der Jungfernthurm, 17 Bochn. — Ein lannenhaftes Weib, 13 Bochn.— Der Vor⸗ mund, 14 Bochn.— Eine glückliche Parthie, 2 Bochn. — Tutti Frutti, 6 Bochn.— Binnen ſechs Wochen, 2 Bdchn.— Friederike Bremer, Sämmtliche Romane. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder 6 kr. rhein. und wird einzeln abgegeben. Bis jetzt ſind erſchienen: Die Töchter des 2 Bändchen. Ninn Die Nachbarn Streit und Friede. Das Haus, oder Familienſorgen und Familienfrenden Die Familie H. Ein Tagebuch.. In Dalekarlien. Die Johannisreiſe. Geſchwiſterleben. Die Heimath in der neuen Welt 24 do c S c00 c+ de c Der Name der Verfaſſerin iſt zu bekannt, als daß wir zur Empfehlung derſelben noch etwas beifügen könnten. Die Lektüre dieſer Erzählungen eignet ſich beſonders für junge Damen. Stuttgart. Franchhſche Perlagshandlung.