Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Otlmann in Fieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag vön Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen., 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe veſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Büchen: 6 Bücher: auf 1 Monat: W.— Pf. 1 V „3„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ nd Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen miü Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das e beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſii Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — D ———.——— S 3 Die Mohicaner von Paris. Salvator. Von Alerander Pumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. Erſter Band. Stuttgart. Frauckh ſche Verlagshandlung. 1856. Druck von Eduard Hallberger in Stuttgart. —— I. Steeple-chase. Am 27. März gerieth die kleine Stadt Kehl,— wenn man überhaupt Kehl eine Stadt nennen kann,— die Stadt Kehl, ſagen wir, gerieth in Aufruhr durch die Ankunft von zwei Poſtchaiſen, welche die einzige Straße der Stadt mit einer ſolchen Geſchwindigkeit hinabfuhren, daß man befürchten konnte, in dem Augenblicke, wo ſie auf die Schiffbrücke gelangen, die nach Frankreich führt, werde vas geringſte Verfehlen der Richtung Pferde, Poſtillons, Poſtchaiſen und Reiſende in den Fluß mit den poetiſchen Legenden werfen, der Frankreich im Oſten als Grenze dient. Die zwei Poſtchaiſen, welche an Schnelligkeit zu wetteifern ſchienen, hemmten indeſſen den Gang bei zwei Dritteln der Straße, und hielten am Ende vor dem Thore eines Gaſthauſes an, über dem ein blechenes Schild knarrte, vorſtellend einen Mann mit einem dreieckigen Hute auf dem Kopfe, mit langen Stiefeln an den Beinen, bekleidet mit einem blauen Rocke mit rothen Revers, geſchmückt mit einem Rieſen⸗ zopfe, unter deſſen beſpornten Füßen man die drei Worte: Zum großen Friedrich, leſen konnte. Der Wirth und ſeine Frau, die bei dem donner⸗ 4 artigen Lärmen, den in der Ferne die Räder der zwei Wagen machten, auf ihre Thürſchwelle gelaufen waren und durch die Geſchwindigkeit der Wagen die Hoffnung verloren hatten, Reiſende zu beherbergen, welche mit ſolcher Sturmeseile fuhren,— der Wirth und ſeine Frau, als ſie zu ihrer unausſprechlichen Freude die zwei Poſtchaiſen vor ihrem Hauſe anhal⸗ ten ſahen, ſtürzten, der Wirth an den Schlag des erſten Wagens, die Wirthin an den Schlag des zweiten. Aus dem erſten Wagen ſtieg raſch ein Mann von etwa fünfzig Jahren, angethan mit einem bis ans Kinn zugeknöpften blauen Ueberrocke, mit ſchwar⸗ zen Beinkleidern und einen breitkrämpigen Hut auf dem Kopfe. Er hatte einen ſteifen Schnurrbart, ein feſtes Auge, eine wohlgebogene Braue, bürſten⸗ förmig geſchnittene Haare: die Braue war ſchwarz wie das Auge, die ſie beſchattete, aber Haare und Schnurrbart fingen an zu ergrauen.* Aus dem zweiten Wagen ſtieg mit Würde ein majeſtätiſcher, kräftig gebauter Burſche aus, ſo weit man ihn unter ſeiner Polonaiſe mit goldenen Schnü⸗ ren und Borten und unter ſeinem ungariſchen Man⸗ tel, oder, um den wahren Namen ſeines Kleides zu ſagen, unter ſeiner mit Stickereien überladenen Guba, in die er vom Kopfe bis zu den Füßen gehüllt war, beurtheilen konnte. Sah man dieſen reichen Pelz, die Leichtigkeit, mit der er getragen wurde, die männliche Miene von demjenigen, welcher ihn trug, ſo hätte man gewettet, der Reiſende ſei ein edler walachiſcher Hoſpodar, der von Jaſſy oder Buchareſt komme, oder wenig⸗ —— ——————— * — S—— 5 ſtens ein reicher Magyar, der von Peſth komme und ſich nach Frankreich begebe, um eine diploma⸗ tiſche Note ratificiren zu laſſen. Doch den edlen Fremden von nahe betrachtend, hätte man alsbald geſehen, die Wette ſei verloren; denn trotz des dicken Backenbarts, der ſein Geſicht umrahmte, trotz des aufgeſtutzten Schnurrbarts, den er mit einer affectir⸗ ten Sorgloſigkeit hakenförmig drehte, würde man raſch unter dieſem ariſtokratiſchen Anſcheine Merk⸗ male der Gemeinheit erkannt haben, die den Unbe⸗ kannten vom fürſtlichen oder ariſtokratiſchen Range, den man ihm beim erſten Anblicke gewährt, zu dem eines Intendanten von vornehmem Hauſe oder eines Officiers dritten Ranges erniedrigt hätten. Und, in der That, wie der Leſer ohne Zweifel ſchon Herrn Sarranti in dem aus dem erſten Wagen ausſteigenden Reiſenden erkannt hat, ebenſo hat er, wir ſind hievon überzeugt, Meiſter Gibaſſier in dem erkannt, welcher aus dem zweiten Wagen aus⸗ ſtieg. Man erinnert ſich, daß Herr Jackal, der mit Carmagnole nach Wien abreiſte, Gibaſſier beauf⸗ tragt hatte, Herrn Sarranti in Kehl zu erwarten. Gibaſſier hatte ſich vier Tage im Gaſthauſe zur Poſt breit gemacht; am Abend des fünften hatte er ſodann am Horizont Carmagnole erſcheinen ſehen, welcher als Courier durchreiſte und im Vorübergehen ihn, im Auftrage von Herrn Jackal, benachrichtigte, da Herr Sarranti am Morgen des 26. ankommen müſſe, ſo habe er, Gibaſſier, ſich nach Steinbach zu bege⸗ ben, wo er im Gaſthofe zur Sonne eine Poſtchaiſe, die ihn erwarte, und in dieſer Poſtchaiſe alle zur 6 Ausführung der Befehle, die er erhalten, nothwen⸗ digen Verkleidungen finden werde. Dieſe Befehle waren ſehr einfach, aber darum, weil ſie einfach, nicht leichter ausführbar: ſie beſtan⸗ den darin, daß er Herrn Sarranti nicht aus dem Geſichte verlieren, ſich auf der ganzen Reiſe wie ſein Schatten an ihn anhängen und in Paris angekom⸗ men ſich beharrlich ihm anſchließen ſollte; und Alles dies ſo geſchickt, daß Herr Sarranti keinen Verdacht ſchöpfen könnte. Herr Jackal verließ ſich auf die wohlbekannte Gewandtheit von Gibaſſier, was die Veränderung ſeines Coſtume und ſeines Geſichtes betraf. Gibaſſier reiſte auf der Stelle nach Steinbach ab, fand das Gaſthaus, in dem Gaſthofe den Wa⸗ gen und in dem Wagen eine ganze Auswahl von Trachten, unter denen er als die wärmſte für die Reiſe die wählte, mit der wir ihn in dem Augen⸗ blicke, wo er wieder vor uns erſchienen iſt, aufge⸗ putzt geſehen haben. Doch zu ſeinem großen Erſtaunen verging der Tag des 26. und ein Theil der Nacht folgte, ohne daß er einen Reiſenden ankommen ſah, deſſen Signa⸗ lement mit dem, welches man ihm gegeben, überein⸗ ſtimmte. Endlich, gegen zwei Uhr Morgens, hörte er das Klatſchen einer Peitſche und das Klingen von Schel⸗ len. Er ließ anſpannen, blieb nur ſo lange, als er brauchte, um ſich zu verſichern, der durch das dop⸗ pelte Geräuſch angekündigte Fremde ſei wirklich Herr Sarranti, und faſt ſicher, er habe ſeinen Mann, be⸗ — S0— en⸗ m, n⸗ em ein 3 cht te n9 ch on ie e⸗ 7 fahl er dem Poſtillon, in gewöhnlichem Train abzu⸗ fahren. Zehn Minuten nachher ging Herr Sarranti, der nur die erforderliche Zeit, um die Pferde zu wech⸗ ſeln und eine Taſſe Fleiſchbrühe zu ſich zu nehmen, geblieben war, ebenfalls wieder ab und eilte dem nach, der ihm zu folgen beauftragt war. Was Gibaſſier vorhergeſehen, geſchah. Zwei Stun⸗ den von Steinbach hatte ihn Herr Sarranti ſchon eingeholt; da aber nach den Reglements der Poſt kein Reiſender dem Andern ohne die Erlaubniß von dieſem vorfahren ſoll, weil er auf der nächſten Sta⸗ tion die einzigen Pferde des Stalles nehmen könnte, ſo folgten ſich die zwei Wagen eine Zeit lang, ohne daß der zweite dem erſten vorzufahren wagte. Un⸗ geduldig, ließ Herr Sarranti endlich Gibaſſier um Erlaubniß hiezu bitten. Die Erlaubniß wurde mit einer Artigkeit gegeben, welche Herrn Sartanti be⸗ wog, ſelbſt aus ſeinem Wagen zu ſteigen, um dem ungariſchen Edelmanne zu danken; nachdem dies ge⸗ ſchehen war, grüßte man ſich von beiden Seiten, Herr Sarranti ſtieg wieder in ſeinen Wagen und fuhr, durch die Erlaubniß begünſtigt, wie der Wind weiter. Gibaſſier folgte ihm, doch diesmal, indem er dem Poſtillon einſchärfte, welchen Train auch Herr Sarranti fahren möge, ebenſo zu fahren. Der Poſtillon gehorchte, und wir haben die zwei Poſtchaiſen in ſtarkem Galopp in die Stadt Kehl einfahren und vor dem Gaſthauſe zum Großen Friedrich anhalten ſehen. Rachdem ſie ſich höflich, jedoch ohne ein Wort 8 auszutauſchen, gegrüßt hatten, traten beide Reiſende in das Wirthshaus ein, gelangten in das Speiſe⸗ zimmer, ſetzten ſich Jeder an einen Tiſch, und ver⸗ langten zu frühſtücken, Herr Sarranti in vortreffli⸗ chem Franzöſiſch, Gibaſſier mit einem unverkennba⸗ ren deutſchen Accente. Immer ſtillſchweigend, koſtete Gibaſſier verächt⸗ lich von allen Schüſſeln, die man ihm vorſetzte, und als er ſeine Rechnung bezahlt hatte und ſah, daß Herr Sarranti aufſtand, ſtand er auch auf und kehrte langſam und in der Stille zu ſeinem Wagen zurück. Die zwei Poſtchaiſen ſetzten ſodann ihren zügel⸗ loſen Lauf wieder fort, wobei der Wagen von Herrn Sarranti immer dem von Gibaſſier voranfuhr, je⸗ doch nur um etwa zwanzig Schritte. In dem Augenblicke, wo man gegen Abend in Nanch ankam, hatte der Poſtillon von Herrn Sarranti, der es, als erſter Brautführer von einem ſeiner Vettern, ſehr unangenehm gefunden hatte, ſeinen Schmaus wegen einer Station von elf Lieues, hin und zurück, verlaſſen zu müſſen, der Poſtillon von Herrn Sar⸗ ranti, durch ſeinen Kameraden davon unterrichtet, ſein Reiſender wünſche ſchnell zu fahren und bezahle gut, hatte ſeine Pferde einen raſenden Galopp lau⸗ fen laſſen, durch den er gute anderthalb Stunden an den zwei Poſten gewonnen haben würde und zu rechter Zeit zurückgekommen wäre, um den Ball zu eröffnen, hätten nicht in dem Momente, wo man am Abend in Nancy ankam, Pferde, Poſtillon und Wa⸗ gen auf einem jähen Abhange einen ſo entſetzlichen Purzelbaum gemacht, daß ein Schmerzensſchrei der nde iſe⸗ er⸗ fli⸗ r⸗ u⸗ en zu zu m en er 5 Bruſt des empfindſamen Gibaſſier entſchlüpfte, der aus ſeiner Poſtchaiſe hinzueilte, um Herrn Sarranti Hülfe zu leiſten. Gibaſſier handelte ſo zu Befreiung ſeines Ge⸗ wiſſens, denn nach dem Purzelbaume, den er den Wagen hatte machen ſehen, war er der Ueberzeu⸗ gung, der Reiſende, den derſelbe enthielt, bedürfe mehr der Tröſtungen eines Prieſters, als des Bei⸗ ſtandes eines Reiſegefährten. Zu ſeinem großen Erſtaunen fand er Herrn Sar⸗ ranti friſch und geſund, und ſelbſt der Poſtillon hatte nur eine Schulter ausgerenkt und einen Fuß verſtaucht. Hatte aber die Vorſehung, als eine gute Mutter, was ſie war, die Menſchen bewahrt, ſo hatte ſie dagegen ihre Genugthuung an den Thieren und am Wagen genommen; eines von den Pferden blieb auf der Stelle todt, das andere ſchien den Schenkel gebrochen zu haben. Eine von den Achſen des Wa⸗ gens war gebrochen, und eine ganze Seite des Ka⸗ ſtens, die, auf welche man umgeworfen hatte, war völlig zerbröckelt. Man konnte alſo im Ernſte nicht daran denken, ſich wieder auf den Weg zu begeben. Herr Sarranti ſtieß einige Flüche aus, die keinen Charakter von engliſcher Geduld offenbarten. Er mußte indeſſen ſeinen Entſchluß faſſen, was er ohne Zweifel zu thun im Begriffe war, hätte nicht der Magyar Gibaſſier in einer halb franzöſiſchen, halb deutſchen Sprache, die aber in Wirklichkeit weder das Eine, noch das Andere war, ſeinem unglücklichen ieiste einen Platz in ſeinem Wagen ange⸗ oten. 10 Das Anerbieten kam ſo gelegen und ſchien ſo ſehr von gutem Herzen gemacht zu ſein, daß Herr Sarranti es ohne Bedenken annahm. Man brachte das Gepäcke aus dem erſten Wa⸗ gen in den zweiten, man verſprach dem Poſtillon, ihm Hülfe von Nanch zu ſchicken, wovon man nur noch eine Stunde entfernt war, und man fuhr mit derſelben Geſchwindigkeit weiter. Nachdem die erſten Artigkeiten ausgetauſcht wa⸗ ren, vermied Gibaſſier, der keine Gewißheit hatte, er ſpreche das reine Deutſch, und befürchtete, Herr Sar⸗ ranti, obgleich Corſe, kenne dieſes Jdiom gründlich, Gi⸗ baſſier, ſagen wir, vermied ſorgfältig jede Frage und beſchränkte ſich darauf, daß er die artigen Worte ſeines Gefährten mit Ja und Nein erwiederte, deren Accent ſich immer mehr der franzöſiſchen Sprache näherte. Man kam nach Nanch; man hielt im Hotel du Grand⸗Stanislas an, das zugleich das Poſthaus iſt. Herr Sarranti ſtieg aus, wiederholte ſeine Dank⸗ ſagungen gegen den Magyaren, und wollte ſich zu⸗ rückziehen. „Sie haben Unrecht, mein Herr,“ ſagte Gibaſſier; „Sie ſchienen mir Eile zu haben, nach Paris zu kommen: Ihr Wagen wird vor morgen nicht wieder⸗ hergeſtellt ſein, und Sie verlieren einen Tag.“ „Das wäre mir um ſo ärgerlicher,“ erwiederte Sarranti,„als mir derſelbe Unfall ſchon bei meiner Abfahrt von Regensburg widerfahren iſt, und ich dabei vierundzwanzig Stunden verloren habe.“ Gibaſſier erklärte ſich nun erſt den Verzug, der ihn in Steinbach ſo ſehr beunruhigt hatte. 11 „Doch,“ fuhr Herr Sarranti fort,„ich werde nicht warten, bis mein Wagen wiederhergeſtellt iſt, ſondern einen andern kaufen.“ Und er gab in der That dem Poſtmeiſter Be⸗ fehl, ihm einen Wagen zu kaufen,— was für einer es auch wäre, Caléche, Coupé, Landau oder ſogar Cabriolet,— mit dem er ſeine Reiſe auf der Stelle fortſetzen könnte. Gibaſſier dachte, ſo raſch auch der Wagen ge⸗ funden wäre, hätte er doch wohl Zeit, zu Mittag zu ſpeiſen, während ſein Reiſegefährte ihn unterſu⸗ chen, um den Preis handeln würde und ſeine Bagage darauf packen ließe. Er hatte ſeit Morgens um acht Uhr nichts zu ſich genommen, und obſchon ſein Ma⸗ gen im äußerſten Falle an Genügſamkeit mit dem eines Kameels zu rivaliſiren vermochte, ließ gerade, weil dieſer Fall eintreten konnte, der kluge Gibaſſier, nie, wenn ſie ſich bot, die Gelegenheit, ſich zu ver⸗ proviantiren, unbenützt vorübergehen. Ohne Zweifel hielt es Herr Sarranti ſeinerſeits für geeignet, dieſelben Vorſichtsmaßregeln zu neh⸗ men, wie der würdige Magyar, denn Beide ſetzten ſich, wie ſie es am Morgen gethan, jeder an einen andern Tiſch, klingelten, um den Kellner zu rufen, und ſprachen mit einer Betonung, welche eine lobens⸗ werthe Einhelligkeit der Meinungen andeutete, nur die drei Worte: „Kellner, ein Mittagsbrod!“ 12 5 Das Hotel du Grand⸗Turc, Place Saint⸗André⸗des⸗Arcs. Für diejenigen, welche ſich darüber wundern ſollten, daß ſie Herrn Sarranti das Anerbieten,— ſo annehmbar es für einen Mann, der Eile hatte, war,— das ihm Gibaſſier machte, nicht haben an⸗ nehmen ſehen, bemerken wir, daß, wenn Jemand ſchlauer iſt, als der Polizeiagent, der einen Men⸗ ſchen verfolgt, wie ſchlau auch dieſer Polizeiagent ſein mag, dies der Verfolgte iſt. Es regte ſich alſo im Geiſte von Herrn Sarranti ein unbeſtimmter Verdacht in Betreff dieſes Magya⸗ ren, der ſo ſchlecht Franzöſiſch ſprach, und dennoch, wenn man etwas Franzöſiſch zu ihm ſagte, ziemlich verſtändig auf Alles antwortete, was man ihm ſagen mochte, dagegen wenn man Deutſch, Polniſch oder Walachiſch mit ihm ſprach,— drei Sprachen, in denen Herr Sarranti vollkommen Meiſter war,— in den Tag hinein ja oder nein antwortete, ſich ſogleich in ſeine Guba hüllte und den Anſchein gab, als ſchliefe er. In Folge dieſes Verdachts war Herr Sarranti, der ſich während der anderthalb Meilen, die er mit ihm, von dem Orte, wo der Wagen gebrochen, bis zu dem Gaſthauſe gemacht, wo er ſein Mittagsbrod beſtellt hatte, ſehr unbehaglich gefühlt, entſchloſſen, den Beiſtand ſeines gefälligen, aber ſchweigſamen Reiſegefährten auszuſchlagen. Darum hatte Herr Sarranti, der nicht warten e 13 konnte, bis der ſeinige wiederhergeſtellt war, und nicht in dem des edlen Ungarn Platz nehmen wollte, einen Wagen verlangt. Gibaſſier war zu ſchlau, um dieſes Mißtrauen nicht zu bemerken. Während er zu Mittag ſpeiſte, befahl er auch, ſogleich anzuſpannen, da er noth⸗ wendig am andern Tage in Paris ankommen müſſe, wo er ungeduldig vom öſterreichiſchen Geſandten er⸗ wartet werde. Als die Pferde angeſpannt waren, grüßte Gi⸗ baſſier Herrn Sarranti mit einer herzlichen Kopfbe⸗ wegung, drückte ſeine Pelzmütze auf ſeine Ohren nieder und ging ab. Da Herr Sarranti ebenfalls Eile hatte, ſo war es wahrſcheinlich, er werde dem directen Wege we⸗ nigſtens bis Ligny folgen. Dort würde er ohne Zweifel Bar⸗le⸗Duc zu ſeiner Rechten laſſen, um, auf der Straße von Ancerville, Saint⸗Dizier und Vitry⸗ le⸗Frangais zu erreichen. Nur bei Vitry⸗le⸗Frangais entſtand ein Zweifel. Würde Herr Sarranti, hier angekommen, eine krumme Linie beſchreibend, über Chalons gehen, oder unmit⸗ telbar über Fère⸗Champenviſe, Coulanniers, Créch und Lagny reiſen? Das war eine Frage, die ſich erſt in Vitry⸗le⸗ Frangais entſcheiden ließ. Gibaſſier bezeichnete ſeinen Weg über Toul, Ligny, Saint⸗Dizier; doch eine halbe Meile von Vitry hielt er an, und er hatte mit ſeinem Poſtillon eine Be⸗ ſprechung von ein paar Minuten, nach welchen ſich der Wagen auf die Seite geworfen mit einer gebro⸗ chenen Vorderachſe auf der Erde fand. 14 Gibaſſier war ungefähr ſeit einer halben Stunde hier in dieſer ſo wohl bekannten traurigen Lage, welche von Herrn Sarranti ſo gut geſchätzt werden mußte, als die Poſtchaiſe von dieſem oben auf einer Anhöhe erſchien. Als er ſich dem umgeworfenen Wagen näherte, ſtreckte Herr Sarranti den Kopf zum Schlage hin⸗ aus, und er ſah auf der Straße ſeinen Magyaren, der mit Hülfe des Poſtillon vergebliche Verſuche machte, um ſeine Chaiſe in den Stand zu bringen, die Reiſe fortſetzen zu können. Es wäre von Herrn Sarranti eine Verletzung aller Pflichten der Höflichkeit geweſen, hätte er Gi⸗ baſſier in einer ſolchen Verlegenheit gelaſſen, wäh⸗ rend Gibaſſier bei einem ähnlichen Umſtande ſich und ſeinen Wagen zu ſeiner Verfügung geſtellt hatte. Er bot ihm alſo ebenfalls an, zu ihm einzuſtei⸗ gen, was Gibaſſier mit einer merkwürdigen Dis⸗ cretion annahm, indem er Vitry⸗le⸗Frangais als das Ziel der Verlegenheit feſtſetzte, welche er Seiner Er⸗ cellenz Herrn von Bornis zu verurſachen einwilligte. — Das war der Name, unter welchem Herr Sar⸗ ranti reiſte. Man transportirte auf den Wagen von Herrn von Bornis den Rieſenkoffer des Magyaren, und man ſchlug den Weg nach Vitry⸗le⸗Frangais ein, wo man zwanzig Minuten nachher ankam. Man hielt vor der Poſt an. Herr von Vornis verlangte Pferde; Gibaſſier irgend eine Carriole, um ſeine Reiſe fortzuſetzen. Der Poſtmeiſter zeigte unter ſeiner Remiſe ein de e, en er —— W* S vc N u 15 altes Cabriolet, das, ſo alt es war, den Bedürfniſſen von Gibaſſier zu entſprechen ſchien. Beruhigt über das Schickſal ſeines Gefährten, nahm Herr von Bornis von dieſem Abſchied und gab, wie dies Gibaſſier gedacht hatte, Befehl, der Straße nach Före⸗Champenviſe zu folgen. Gibaſſier ſchloß ſeinen Handel mit dem Poſtmei⸗ ſter und reiſte ab, indem er dem Poſtillon den Be⸗ fehl gab, derſelben Straße zu folgen, welche der Rei⸗ ſende, der ihm voranging, eingeſchlagen hatte. Der Poſtillon ſollte fünf Franken in dem Augen⸗ blicke erhalten, wo man den Wagen erblicken würde. Der Poſtillon trieb ſeine Pferde zum ſchnellſten Laufe an, doch man kam zur Station, ohne etwas geſehen zu haben. Auf der Station fragte man Poſtmeiſter und Poſtillon: keine Poſtchaiſe war ſeit dem vorhergehen⸗ den Tage vorübergekommen. Die Sache war klar: Sarranti mißtraute. Er hatte die Straße nach Fère⸗Champenviſe angegeben und die nach Chälons eingeſchlagen. Gibaſſier war zurückgeblieben. Es war keine Minute zu verlieren, um in Meaux vor Sarranti anzukommen. Gibaſſier ließ ſein Cabriolet hier, nahm aus ſei⸗ nem Koffer das vollſtändige Coſtume eines Cabinets⸗ couriers, Blau und Gold, zog eine Lederhoſe und weiche Stiefeln an, warf auf ſeinen Rücken den De⸗ pechenſack, entledigte ſich ſeines Backenbartes und ſeines Schnurrbartes und verlangte einen Poſtklepper. In einem Augenblicke war der Poſtklepper ge⸗ ſattelt und Gibaſſier auf dem Wege nach Söſanne. — 16 Er hoffte Meaux über la Ferté⸗Gaucher und Cou⸗ lomniers zu erreichen. Er hielt weder um zu trinken, noch um zu eſſen, machte dreißig Lieues in einem Zuge und kam vor dem Thore von Meaux an. Keine der, welche Gibaſſier beſchrieb, ähnliche Poſtchaiſe war paſſirt. Gibaſſier hielt an, ließ ſich in der Küche Mittags⸗ brod ſerviren, aß, trank und wartete. Ein geſatteltes Pferd wartete auch. Nach einer Stunde traf der mit ſo großer Unge⸗ duld erwartete Wagen ein. Es war finſtere Nacht. Sarranti ließ ſich ein Bouillon in ſeinen Wagen bringen und gab Befehl, nach Paris über Claye zu fahren:— das genügte Gibaſſier. Er ging zum Hofthore hinaus, ſchwang ſich auf ſein Pferd und erreichte bald, indem er einen Sei⸗ tenweg durch ein Gäßchen einſchlug, die Straße nach Paris. Nach Verlauf von zehn Minuten ſah er hinter ſich die zwei Laternen der Poſtchaiſe von Sarranti glänzen. Das war fortan Alles, was er brauchte: er ſah und wurde nicht geſehen. Es handelte ſich nur da⸗ rum, auch nicht gehört zu werden. Er wählte die Seite des Weges und galoppirte immer ein Kilometer vor dem Wagen. Man kam in Bondy an. Hier war in einem Nu der Cabinetscourier in einen Poſtillon verwandelt, und gegen ein Trinkgeld — 17 von fünf Franken, trat der Poſtillon, der fahren ſollte, mit Dankbarkeit ſeine Tour ab. Herr Sarranti erſchien. So nahe bei Paris war es nicht der Mühe werth, anzuhalten; er ſteckte den Kopf durch den Schlag und verlangte Pferde. „Hier ſind ſchon, Herr, und zwar famoſe,“ ant⸗ wortete Gibaſſier.“ Es war in der That ein Paar von den trefflichen Schimmeln des Perche, welche immer wiehern und ſtampfen. „Wollt ihr wohl ruhig ſein, ihr Teufelsmähren!“ rief Gibaſſier, während er ſie ihren Platz mit der Geſchicklichkeit eines vollendeten Poſtillon an der Deichſel einnehmen ließ. Als ſodann die Pferde angeſpannt waren, fragte der falſche Poſtillon, mit dem Hute in der Hand, an den Wagenſchlag tretend: „Wo werden Sie abſteigen, Herr?“ „Place Saint⸗André⸗des⸗Arcs, Hotel du Grand⸗ Turc,“ antwortete Herr Sarranti. „Gut!“ rief Gibaſſier,„es iſt, als ob Sie ſchon dort wären!“ „Und wann werden wir ba ſein?“ fragte Herr Sarranti. „Oh! in anderthalb Stunden; die Funken müſſen davon fliegen!“ „Raſch, vorwärts! zehn Franken Trinkgeld, wenn wir in einer Stunde an Ort und Stelle ſind.“ „Man wird da ſein, Bürger!“ ſagte Gibaſſier. Und er ſchwang ſich auf das Sattelpferd und ging im Galopp ab. Dumas, Safvator, I. 2 18 Diesmal war er ſicher, Sarranti werde ihm nicht entkommen. Man erreichte die Barrière. Die Douaniers nahmen die raſche Durchſuchung vor, mit der ſie die Reiſenden beehren, welche mit Extrapoſt reiſen, ſpra⸗ chen das ſacramentliche Wort:„Weiter!“ und Herr Sarranti, der ſieben Jahre früher aus Paris durch die Barrière de Fontainebleau abgegangen war, kehrte dahin durch die Barrière de la Petite Villette zurück. Eine Viertelſtunde nachher fuhr man in ſtarkem Trabe in den Hof des Hotel du Grand⸗Turc, Place Saint⸗André⸗des⸗Arcs, ein. Es waren im Gaſthauſe nur zwei Zimmer, welche auf demſelben Boden einander gegenüberlagen, un⸗ beſetzt: die Nummer 6 und die Nummer 11. Der Kellner führte Herrn Sarranti, und dieſer wählte die Nummer 6. Als der Kellner hinabging, rief Gibaſſier: „He! ſagen Sie doch, Freund!“ „Was gibt es, Poſtillon?“ fragte verächtlich der Kellner. „Poſtillon! Poſtillon!“ wiederholte Gibaſſier; „ganz gewiß bin ich Poſtillon. Nun? iſt dabei eine Schande?“ „Nicht daß ich wüßte; nur nenne ich Sie Po⸗ ſtillon, weil Sie Poſtillon ſind!“ „Gut!“ ſprach Gibaſſier. Und er machte brummend zwei Schritte gegen ſeine Pferde. „Was wollen Sie denn von mir?“ fragte der Kellner. „Ich? Richts.“ ihr hut nic elf Si Ih He ken feh Au icht iers die pra⸗ err urch hrte ck. rkem lace elche un⸗ ieſer der ſſier; eine Po⸗ egen e der 19 „Sie riefen ja vorhin...“ „Was?“ „„Sagen Sie doch, Freund!““ „Ah! es iſt wahr.. Nun, die Sache verhält ſich ſo: Herrn Poirier. Sie kennen ihn wohl?“ „Welchen Herrn Poi 7“ „Ei! Herrn Poirier...“ „Ich kenne keinen Herrn Poirier.“ „Herrn Poirier, der Pächter bei uns: Sie kennen ihn nicht? Herrn Poirier, der eine Herde von vier⸗ hundert Stück Vieh hat! Sie kennen Herrn Poirier nicht?“ „Ich ſage Ihnen, daß ich ihn nicht kenne.“ „Deſto ſchlimmer! er wird mit dem Wagen von elf Uhr kommen, mit dem Wagen von Plat d'Etain. Sie kennen ihn wohl, den Wagen von Plat d'Etain?“ „Nein.“ „Sie kennen alſo Richts? Was haben Sie denn Ihr Vater und Ihre Mutter gelehrt, wenn Sie weder Herrn Poirier, noch den Wagen von Plat d'Etain kennen? Ah! man muß zugeſtehen, es gibt ſehr fehlerhafte Eltern!“ „Wo wollen Sie denn aber hinaus mit Ihrem Herrn Poirier?“ „Ah! ich wollte Ihnen hundert Sous in ſeinem Auftrage geben; doch wenn Sie ihn nicht kennen..“ „Man kann Bekanntſchaft machen.“ „Doch wenn Sie ihn nicht kennen...“ „Wozu denn aber dieſe hundert Sous? Er gibt mir nicht hundert Sous wegen meiner ſchönen Augen „Oh! nein, da Sie ſchielen, mein Freund.“ 20 „Gleichviel! warum beauftragt Sie Herr Poirier, mir hundert Sous zu geben?“ „Um ihm ein Zimmer im Hotel aufzubewahren, weil er im Faubourg Saint-Germain zu thun hat; und er ſagte zu mir:„„Charpillon!..““ Das iſt mein Name, Charpillon vom Vater auf den Sohn.“ „Das freut mich ſehr, Herr Charpillon.“ „Er ſagte zu mir:„„Charpillon, Du wirſt hun⸗ dert Sous dem Mädchen vom Hotel du Grand⸗Turc, Place Saint⸗André⸗des⸗Ares, geben, damit es mir ein Zimmer aufbewahrt.“ Wo iſt das Mädchen?“ „Das iſt unnöthig, ich werde ihm das Zimmer ſo gut aufbewahren, als das Mädchen.“ „Ei nein! da Sie ihn nicht kennen..“ „Ich brauche ihn nicht zu kennen, um ihm ein Zimmer aufzubewahren.“ „Ah! das iſt wahr; Sie ſind nicht ganz ſo dumm, als Sie ausſehen!“ „Ich danke.“ „Hier ſind die hundert Sous; Sie werden ihn wohl erkennen, wenn er kommt.“ „Herrn Poirier?“ „Ya. „Beſonders, wenn er ſeinen Namen ſagt.“ „Oh!l er wird ihn ſagen; er hat keine Gründe, ſeinen Namen zu verheimlichen.“ „Dann wird man ihn in das Zimmer Nummer 11 führen.“ 5 „Sehen Sie einen dicken Kumpan, mit einem Naſenwärmer, der ihm das halbe Geſicht bedeckt, und einem Ueberrocke von kaſtanienbraunem Caſtorin, ſo können Sie dreiſt ſagen:„„Das iſt Herr Poirier!““ Tiſe als Bon dem berei Gra der dem wurd den ner: mer war, verni Grad ihn t rier, ren, hat: s iſt hn hun⸗ urc, mir n mer ein mm, ihn nde, r11 nem und ⸗ 21 Und hienach: gute Nacht! laſſen Sie Nummer 11 gut heizen, denn Herr Poirier iſt ſehr verfroren.. Ah! und warten Sie doch, ich glaube, es wäre ihm nicht unangenehm, wenn er ein gutes Abendbrod in ſeinem Zimmer fände.“ „Schön!“ „Und ich vergaß noch.. ſagte der falſche Charpillon. „Was?“ „Die Hauptſache! Er trinkt nur Bordeaux⸗Wein.“ „Wohl! er wird eine Flaſche Bordeaux auf ſeinem Tiſche finden.“ „Dann wird er nichts mehr wünſchen haben, als Augen zu beſitzen, wie die Deinigen, um gegen Bondy ſehen zu können, wenn Charenton brennt.“ Und mit einem gewaltigen Gelächter, das von dem Vergnügen zeugte, welches ihm dieſer feine Scherz bereitete, verließ der falſche Poſtillon das Hotel du Grand⸗Turc. Eine Viertelſtunde nachher hielt ein Cabriolet vor der Thüre des Gaſthauſes; ein Mann ſtieg aus unter dem von Charpillon angegebenen Signalement und wurde, nachdem er ſich als denſelben Herrn Poirier, den man erwartete, zu erkennen gegeben, vom Kell⸗ ner unter zahlloſen Bücklingen in das Zimmer Num⸗ mer 11 geführt, wo ein gutes Abendbrod aufgetragen war, und wo eine Flaſche Bordeaux⸗Wein, in einer, vernünftigen Entfernung vom Feuer ſtehend, den Grad von Lauigkeit erreichte, welchen ihm, ehe ſie ihn trinken, die wahren Feinzüngler geben. 22 *TII. Man wird immer nur durch die Seinigen verrathen. Fünf Minuten nachher war Herr Poirier im Be⸗ ſitze des Zimmers Nr. 11, und er kannte alle Winkel und Ecken deſſelben, als ob er dieſes Zimmer ſein ganzes Leben bewohnt hätte. Herr Poirier war der Charakter, der am ſchnell⸗ ſten mit den Menſchen Bekanntſchaft machte, und das Temperament, das ſich am ſchnellſten mit den Orten familiariſitte: er erklärte indeſſen dem Kellner, er brauche Niemand zu ſeiner Bedienung, er liebe es, allein und ruhig zu eſſen, ohne Jemand zu haben, der ihm ſein Glas vollſchenke, ehe es leer ſei, oder ihm ſeinen Teller wegnehme, ſo lange ſich noch Spei⸗ ſen darauf finden. Sobald er allein war und auf der Treppe die Tritte des Kellners hatte erlöſchen hören, öffnete der falſche Poirier oder der ächte Gibaſſier, wie man will, die Thüre wieder. Gerade in demſelben Augenblicke öffnete Herr Sarranti auch die ſeinige. Gibaſſier hielt ſeine Thüre nicht geſchloſſen, ſon⸗ dern an das Geſims angelehnt. Herr Sarranti gab dem Zimmermädchen, das ſein Bett gemacht hatte, ein paar Befehle, welche andeuteten, er werde in ein paar Stunden zurückſein. „Ho! ho!“ ſagte Gibaſſier zu ſich ſelbſt,„es ſcheint, trotz der vorgerückten Stunde will mein Nach⸗ 23 bar einen kleinen Gang machen. Sehen wir, nach welcher Seite er wandeln wird.“ Gibaſſier löſchte die zwei Kerzen aus, welche auf ſeinem Tiſche brannten, und öffnete ſein Fenſter, ehe Herr Sarranti die Schwelle der Hausthüre über⸗ ſchritten hatte. Einen Augenblick nachher ſah er ihn hinaus⸗ gehen und den Weg durch die Rue Saint⸗André⸗ des⸗Arcs nehmen. „Ich bin ſicher, daß er zurückkommen wird,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„da er nicht errathen konnte, ich ſei da, um die Befehle zu behorchen, die er gab. Bah! keine Trägheit, treiben wir unſer Handwerk gewiſſen⸗ haft und erfahren wir, wohin er geht.“ Er ging raſch hinab und folgte ihm durch die Rue de Buſſy, über den Marché Saint⸗Germain, die Place Saint⸗Sulpice und in die Rue du Pot⸗de⸗Fer, wo er ihn in ein Haus eintreten ſah, ohne nur die Nummer anzuſchauen. Gibaſſier war neugieriger als er: Herr Sarranti war in Nummer 28 eingetreten. Gibaſſier ging die Straße hinauf, zog ſich längs dem Hotel Coſſé⸗Briſſac hin und wartete. Er wartete nicht lange: Herr Sarranti trat nur ein und kam wieder heraus. Doch ſodann, ſtatt die Rue du Pot⸗de⸗Fer hinab⸗ zugehen, ging er dieſelbe hinauf, das heißt, er ging an Gibaſſier vorbei, der ſich kluger und ſchamhafter Weiſe gegen die Mauer umwandte, und ſchlug den Weg durch die Rue de Vaugirard ein. Nachdem er eine Zeit lang dieſer Straße gefolgt, ſodann längs dem Odeon⸗Theater auf der Seite des Eingangs der 2⁴ Schauſpieler hinmarſchirt war, die Place Saint⸗ Michel überſchritten hatte, drang Herr Sarranti in die Rue des Poſtes ein und gelangte vor ein Haus, deſſen Nummer er diesmal anſchaute. Dieſes Haus, unſere Leſer kennen es ſchon, oder wenn ſie es nicht wiedererkennen, ſo werden ſie es auf die erſte Bezeichnung erkennen. Neben der Im⸗ paſſe des Vignes und gegenüber der Rue du Puits⸗ qui⸗parle liegend, war es kein anderes, als jener Zauberbecher, durch welchen, Korkkügelchen ähnlich, dieſe ſo vergeblich von Herrn Jackal im Hauſe ge⸗ ſuchten und ſo wunderbar von ihm bei ſeinem gefahr⸗ vollen Hinablaſſen zu Gibaſſier wiedergefundenen Carbonari verſchwunden waxen. Der Ergaleerenſklave erbleichte, als er die berüch⸗ tigte Rue du Puits⸗qui-parle erblickte und in dieſer Straße den Brunnen, in dem er ſo lange und trau⸗ rige Stunden zugebracht hatte. Ein unbekannter Schauer durchzog ſeinen ganzen Leib, und ein kalter Schweiß befeuchtete ſeine Stirne. Zum erſten Male ſeit ſeinem Abgange aus dem Hotel⸗Dieu, um nach Kehl zu reiſen, empfand er einen ſchmerzlichen Eindruck. Die Straße war einſam. Herr Sarranti, als er vor dem Hauſe angelangt war, blieb ſtehen und erwartete ohne Zweifel, um einzutreten, die vier anderen Gefährten, die zur Einführung nöthig, welche, wie man ſich erinnert, zu fünf und fünf ſtattfand. Bald erſchienen drei in Mäntel gehüllte Männer und gingen gerade auf Herrn Sarranti zu, und nach⸗ dem ſie das Erkennungszeichen ausgetauſcht hatten, warteten alle Vier auf den Fünften. Gibaſſier ſchaute umher, um zu ſehen, ob der —„(—) ——„—— int⸗ in us, der es m⸗ its⸗ ner ich, ge⸗ hr⸗ nen ich⸗ eſer au⸗ ter lter ale ach uck. als und ier che, ner ach⸗ en, der Fünfte nicht komme, und als er nicht einmal einen Schatten erſcheinen ſah, dachte er, das ſei der rechte Augenblick, um einen Meiſterſtreich auszuführen. Durch Herrn Jackal in die Myſterien dieſes Hau⸗ ſes eingeweiht, mit den Maurerzeichen aller gehei⸗ men Geſellſchaften vertraut, ſchritt er gerade auf die Gruppe zu, nahm die erſte Hand, die ſich gegen ihn ausſtreckte, und machte das Erkennungszeichen; die⸗ ſes Zeichen beſtand darin, daß man dreimal die Hand von innen nach außen drehte. Hierauf ſteckte einer von den Männern den Schlüſſel in das Schloß, und alle Fünf traten ein. Das Innere des Hauſes war ausgebeſſert und ſo wieder angemalt, daß keine Spur mehr von der Paſſage von Carmagnole durch die Mauer und vom Sturze von Vol⸗au⸗Vent durch den Fenſterrahmen blieb. Diesmal war zwar nicht davon die Rede, in die Katakomben hinabzuſteigen. Vier einander unbe⸗ kannte Chefs hatte man zuſammenberufen, um die vertraulichen Mittheilungen von Herrn Sarranti zu empfangen. Dieſer kündigte ihnen an, binnen drei Tagen werde der Herzog von Reichſtadt in Saint⸗Leu⸗Ta⸗ verny ſein; und er gedenke dort bis zu dem Augen⸗ blicke verborgen zu bleiben, wo man nöthig hätte, dem Volke die Fahne zu zeigen, in deren Namen man ſich erhob. Da es die Gewohnheit der Affiliirten war, um die Polizei irre zu führen, jede Gelegenheit zu be⸗ nützen, die ſich ihnen zu einer Verſammlung bot, ſo wurde verabredet, es ſollten ſich, weil am andern 26 Tage das Leichenbegängniß des Herrn Herzog de la Rochefoucauld ſtattfand, alle Logen und alle Vente entweder in der Himmelfahrtskirche oder in den um⸗ liegenden Straßen einfinden. Hier würde man die letzten Inſtructionen der oberſten Venta empfangen. In jedem Falle ſollte bis zur Ankunft des Her⸗ zogs von Reichſtadt ein Ausſchuß in Permanenz bleiben. Man trennte ſich um ein Uhr des Morgens. Gibaſſier befürchtete nur Eines: vor der Thüre den Affiliirten zu treffen, deſſen Platz er eingenom⸗ men; dieſer war nicht da. Ohne Zweifel war er ge⸗ kommen; doch da er ſeine vier Gefährten nicht hatte kommen ſehen, ſo hatte es ihm Langweile gemacht, auf ſie zu warten, und er war im Glauben, die Sache ſei verſchoben, nach Hauſe zurückgekehrt. Herr Sarranti verließ ſeine vier Gefährten vor der Thüre, und Gibaſſier, der nicht bezweifelte, er kehre nach dem Hotel du Grand⸗Ture zurück, ver⸗ ſchwand an der Ecke der erſten Straße, lief über Hals und Kopf, kam ihm zehn Minuten zuvor, trat in das Gaſthaus ein, ſetzte ſich zu Tiſche und aß mit dem Hunger eines Reiſenden, welcher mit verhängten Zügeln fünfunddreißig bis vierzig Meilen gemacht, und die Befriedigung eines Menſchen hat, der ſich bewußt iſt, er habe gewiſſenhaft ſeine Pflicht er⸗ füllt. Er empfing auch den ſüßen Lohn für alle ſeine Mühewaltungen, als er auf der Treppe den Tritt von Herrn Sarranti hörte, den er ſchon ſtudirt hatte, um ihn unter tauſend zu erkennen. — er er⸗ nz e⸗ tte ht, die or er⸗ er rat nit ht, ic er⸗ ne itt te, 27 Die Thüre von Nummer 6 öffnete ſich und ſchloß ſich wieder. Alsdann hörte Gibaſſier das Knirſchen des Schlüſ⸗ ſels, der zweimal im Schloſſe gedreht wurde. Das war ein ſicheres Zeichen, daß Herr Sarranti nach Hauſe gekommen war, um nicht mehr auszugehen,— wenigſtens bis am andern Morgen. „Gute Nacht, lieber Nachbar,“ murmelte Gi⸗ baſſier. Dann klingelte er dem Kellner. Der Kellner erſchien. „Sie werden bei mir morgen früh... oder viel⸗ mehr heute um ſieben Uhr,“ ſagte Gibaſſier ſich ver⸗ beſſernd,„einen Commiſſionär eintreten laſſen. Er wird einen ſehr preſſanten Brief in die Stadt zu tragen haben.“ „Will der Herr den Brief mir geben,“ erwiederte der Kellner,„ſo wird man ihn wegen einer ſolchen Kleinigkeit nicht aufwecken.“ „Einmal iſt mein Brief keine Kleinigkeit,“ ſagte Gibaſſier,„und dann wird es mir gar nicht unan⸗ genehm ſein, wenn man mich ſo frühzeitig weckt.“ Der Kellner verbeugte ſich zum Zeichen des Ge⸗ horſams und nahm das Couvert weg; nur bat ihn Gibaſſier, im Zimmer ein herrliches kaltes Huhn, und was von ſeiner zweiten Flaſche Bordeaur übrig war, zu laſſen, indem er ſagte, wie König Ludwig XIV. liebe er es nicht, zu ſchlafen, ohne ein en cas*) im Bereiche ſeiner Hand zu haben. 7 Für den Fall, daß er Hunger bekäme. 28 Der Kellner ſtellte auf den Kamin das unbe⸗ rührte Huhn und die angegriffene Flaſche. Hienach entfernte er ſich mit dem Verſprechen, den Commiſſionär am Morgen auf den Schlag ſieben Uhr eintreten zu laſſen. Als der Kellner weggegangen war, ſchloß Gi⸗ baſſier ſeine Thüre doppelt, öffnete den Secretär, in 1 welchem eine Feder, Tinte und Papier zu finden er ſich vorher ſchon verſichert hatte, und fing an für ſ Herrn Jackal ſeine Reiſeeindrücke von Kehl nach Straßburg zu ſchreiben. Wonach er ſich zu Bette legte. ſi Um ſieben Uhr klopfte der Commiſſionär an die Thüre. ſe Schon auf, ſchon angekleidet, ſchon bereit, ins Feld zu ziehen, rief Gibaſſier: er „Herein!“ ſe Der Commiſſionär trat ein. Gibaſſier warf einen raſchen Blick auf ihn, und ſc ehe dieſer Menſch nur ein Wort geſprochen, erkannte er den Vollblut⸗Auvergnat: er konnte ihm ſeine Bot⸗ ſie ſchaft mit vollem Vertrauen übergeben. Er gab ihm zwölf Sous ſtatt zehn, erklärte ihm fr alle Winkel des Palaſtes der Rue de Jeruſalem, und ſagte ihm, die Perſon, an welche der Brief gerichtet ſei, müſſe an dieſem Morgen von einer großen Reiſe ab zurückgekommen ſein, oder werde im Verlaufe des die Tages zurückkommen. ge Sei dieſe Perſon zurückgekommen, ſo ſoll er ihr den Brief zu eigenen Händen im Auftrage von Herrn i Bagnöères de Toulon,— das war der ariſtokratiſche zal Name von Gibaſſier,— übergeben; ſei ſie noch nicht gel n, en i⸗ in er ür —— — S— Bo e —— 29 angekommen, ſo ſoll er den Brief bei ihrem Secretär zurücklaſſen. Der Auvergnat ging völlig unterrichtet ab. Es verlief eine Stunde. Die Thüre von Herrn Sarranti blieb geſchloſſen; nur hörte man ihn hin und hergehen und die Meubles ſeines Zimmers ver⸗ rücken. Um etwas zu thun, beſchloß Gibaſſier, zu früh⸗ ſtücken. Er klingelte dem Kellner, ließ ſich ſein Gedeck legen, ſein Huhn und ſeinen Reſt von Bordeaux vor⸗ ſetzen, und ſchickte den Kellner wieder weg. Gibaſſier hatte ſchon ſeine Gabel in den Schlägel ſeines Huhns geſteckt, er hatte ſchon ſein Meſſer dem Gelenke des Flügels genähert, in deſſen Gliederfuge er es ſchlüpfen zu laſſen ſich anſchickte, als die Thüre ſeines Nachbars auf ihren Angeln knartte. „Teufel!“ ſagte er, indem er aufſtand,„mir ſcheint, wir gehen ſehr frühzeitig aus.“ Seine Augen richteten ſich auf die Pendeluhr: ſie bezeichnete ein Viertel nach acht. ſ ei!“ fügte er bei,„es iſt nicht mehr ſo rüh.“ Herr Sarranti ging die Treppe hinab. sie am Tage vorher lief Gibaſſier ans Fenſter, aber er öffnete es diesmal nicht, ſondern ſchob nur die Vorhänge auseinander; doch er wartete ver⸗ gebens: Herr Sarranti erſchien nicht auf dem Platze. „Ho! ho!“ ſagte Gibaſſier zu ſich ſelbſt,„was macht er denn unten? ſollte er ſeine Rechnung be⸗ zahlen? denn er kann unmöglich ſo ſchnell hinaus⸗ gegangen ſein, daß ich zu ſpät ans Fenſter gekom⸗ 30 men wäre Wenn er nicht etwa an der Mauer hingegangen iſt,“ dachte er;„ſelbſt in dieſem Falle könnte er noch nicht fern ſein.“ Und raſch das Fenſter öffnend neigte ſich Gi⸗ baſſier hinaus, um den Platz in allen Richtungen auszukundſchaften. Nichts, was Sarranti glich. Er wartete ungefähr vier bis fünf Minuten, und da er nicht errathen konnte, warum Herr Sarranti nicht hinausging, ſo ſchickte er ſich an hinabzugehen, um ſich nach ihm zu erkundigen, als er ihn endlich die Thürſchwelle überſchreiten und ſich, wie am vor⸗ hergehenden Tage, nach der Rue Saint⸗André⸗des⸗ Arcs wenden ſah. „Ich vermuthe wohl, wohin Du gehſt,“ murmelte Gibaſſier;„Du gehſt in die Rue du Pot⸗de⸗Fer. Du haſt geſtern Niemand zu Hauſe getroffen, und Du willſt ſehen, ob Du heute glücklicher biſt. Ich könnte es wohl unterlaſſen, Dir zu folgen, doch die Pflicht vor Allem.“ Und er nahm ſeinen Hut und ſein Cache⸗nez, ließ ſein Huhn unberührt, und erkannte die Güte der Vorſehung, die ihm dieſen kleinen Morgengang auferlegte, um ſeinen Appetit zu reizen. Doch zu ſeinem großen Erſtaunen wurde er auf der letzten Stufe der Treppe von einem Manne an⸗ gehalten, in dem er an ſeinem Geſichte und an ſei⸗ ner Miene ſogleich einen untergeordneten Agenten der Polizei erkannte. „Ihre Papiere?“ fragte ihn dieſer. „Meine Papiere?“ wiederholte Gibaſſier er⸗ ſtaunt. — 1——„ auer alle Gi⸗ igen und anti hen, dlich vor⸗ des⸗ nelte Fer. und Ich die nez, Hüte ang auf an⸗ ſei⸗ nten er⸗ 3¹ „Bei Gott! Sie wiſſen wohl, daß man, um in einem Hotel garni zu wohnen, Papiere haben muß.“ „Das iſt richtig,“ ſagte Gibaſſier,„nur glaubte ich nicht, man habe, um von Bondy nach Paris zu gehen, einen Paß nöthig.“ „Hat man ſeine Wohnung in Paris, oder man wohnt bei einem Freunde— nein; wohnt man aber in einem Hotel garni— ja.“ „Ah! das iſt richtig,“ ſprach Gibaſſier, der beſſer als irgend Jemand aus der Erfahrung, die er in der Vergangenheit hierüber gemacht hatte, die Nothwendigkeit eines Paſſes, um ein Lager zu finden, kannte;„man wird Ihnen auch ſeine Papiere zeigen.“ Und er ſtörte in allen Taſchen ſeiner Caſtorine. Die Taſchen der Caſtorine von Gibaſſier waren eer. „Was Teufels habe ich denn mit meinen Papie⸗ ren gethan?“ ſagte er. Der Agent machte eine Geberde, die man mit den Worten überſetzen konnte:„Sobald ein Menſch ſeine Papiere nicht ſogleich findet, findet er ſie nie.“ Und durch einen Wink empfahl er Wachſamkeit zwei in ſchwarze Ueberröcke gekleideten Männern, welche, dicke Stöcke tragend, unter dem Thore des Gaſthauſes warteten. „Ah! alle Wetter!“ ſagte Gibaſſier;„ich weiß, was ich mit meinen Papieren gemacht habe.“ „Deſto beſſer!“ erwiederte der Agent. „Ich habe ſie im Poſthauſe von Bondy gelaſſen, als ich meine Courier⸗Verkleidung ablegte, um meine Poſtillons⸗Tracht anzuziehen.“ „Wie?“ fragte der Agent. 32 „Ja,“ ſagte Gibaſſier lachend;„zum Glücke brauche ich keine Papiere.“ „Wie, Sie brauchen keine Papiere?“ „Nein n da Und ſich dem Ohre des Agenten nähernd, ſagte er: „Ich bin Einer der Ihrigen.“ „Der Unſerigen?“ rie „Ja, laſſen Sie mich alſo paſſiren.“ „Ah! ah! Sie haben Eile, wie es ſcheint?“ thu „Ich folge Jemand,“ ſagte Gibaſſier mit einer Miene des Einverſtändniſſes und mit dem Auge wo blinzelnd. ich „Sie folgen Jemand?“ „Ich folge einem Verſchwörer, und zwar einem Wr der Gefährlichſten.“ „Wahrhaftig! Und wo iſt dieſer Jemand?“ „Ei! Sie mußten ihn ſehen; es iſt der Mann, der ſo eben hinabging; fünfzig Jahre, ergrauender Schnurrbart, bürſtenförmig geſchnittene Haare, mili⸗ quit täriſche Tournure. Sie haben ihn nicht geſehen?“ „Doch, ich habe ihn geſehen.“ ſier „Nun wohl,“ ſagte Gibaſſier immer lachend, Pol „er war es, den Sie verhaften mußten, und nicht ich.“ „Ja, doch da er ſeine Papiere hatte, und zwar acht vollkommen in Ordnung, ſo ließ ich ihn paſſiren, Mer und da Sie die Ihrigen nicht haben, ſo verhafte ich Sie.“ Age „Wie! Sie verhaften mich?“ kom „Allerdings; glauben Sie etwa, ich werde mir Zwang anthun? herb „Sie verhaften mich?“ Sie. Gibe Dn ücke e iner uge nem inn, der nili⸗ 2 end, war ren, afte mir 33 „Mich, den ſpeciellen Agenten von Herrn Jackal?“ „Der Beweis?“ „Gut! ich werde Ihnen den Beweis geben, und das wird nicht ſchwierig ſein.“ „Geben Sie alſo.“ „Doch mittlerweile entflieht vielleicht mein Mann!“ rief Gibaſſier. „Ja, ich begreife, und Sie würden gern daſſelbe thun wie er.“ „Ich, entfliehen? Ah! warum denn? Man ſieht wohl, daß Sie mich nicht kennen! Entfliehen, nein; ich finde meine neue Lage zu unangenehm „Gut! gut!“ ſagte der Agent,„genug der Worte.“ „Wie, genug der Worte.. „Ja, folgen Sie mir, oder. „Oder?“ „Oder man wird bewaffnete Mannſchaft re⸗ quiriren.“ „Da ich Ihnen aber ſage,“ wiederholte Gibaſ⸗ ſier ſchäumend vor Zorn,„ich gehöre zur ſpeciellen Polizei von Herrn Jackal.“ Der Agent ſchaute ihn mit einer Miene der Ver⸗ achtung an, welche bedeutete:„Sie abgeſchmackter Menſch!“ Und er zuckte die Achſeln und winkte den zwei Agenten in ſchwarzem Ueberrocke, ihm zu Hülfe zu kommen. Sie kamen als zu dieſer Uebung dreſſirte Leute herbei. „Nehmen Sie ſich in Acht, mein Freund!“ ſagte Gibaſſier. Dumas, Salvator. I. 3 34 „Ich bin nicht der Freund von Individuen, welche keinen Paß haben,“ erwiederte der Agent. „Herr Jackal wird Sie ſtreng beſtrafen!“ „Mein Befehl iſt, auf die Polizei⸗Präfectur die Reiſenden zu führen, welche keinen Paß haben; Sie haben keinen Paß, ich führe Sie auf die Polizei⸗ Präfectur; nichts kann einfacher ſein.“ „Aber, Donnerwetter! ich ſage Ihnen... „Zeigen Sie Ihr Auge.“ „Mein Auge?“ verſetzte Gibaſſier.„Es iſt gut für ſubalterne Agenten wie Sie, ein Auge zu haben; doch ich, ich.. „Ja, Sie haben zwei, ich begreife; nun wohl! dann werden Sie den Weg beſſer erkennen, dem wir folgen. Vorwärts!“ „Sie wollen es?“ „Ich glaube wohl, daß ich es will.“ „Halten Sie ſich nur an ſich ſelbſt wegen des Schlimmen, das Ihnen widerfahren wird.“ „Vorwärts! vorwärts! es iſt genug in den Tag hinein geſchwatzt; folgen Sie mir gutwillig, oder man wird genöthigt ſein, Gewalt anzuwenden.“ Und der Agent zog aus ſeiner Taſche ein hüb⸗ ſches kleines Paar Daumeneiſen, das nur die Ehre haben wollte, Bekanntſchaft mit den Händen von Gibaſſier zu machen. „Gut,“ ſagte Gibaſſier, der wohl einſah, in wel⸗ cher falſchen Stellung er ſich befand, und in welche noch falſchere er ſich bringen konnte,„ich folge Ihnen.“ „Dann werde ich die Ehre haben, Ihnen den Arm anzubieten, während dieſe zwei Herren hinter 3h ein doc du kam ſie Gri ſeig uen, t. rdie Sie lizei⸗ gut ben; ohl! wir des Tag man hüb⸗ Ehre von wel⸗ elche folge den inter 35 uns gehen ſollen,“ ſagte der Agent,„denn Sie ſcheinen mir ein Burſche zu ſein, der im Stande iſt, ſich an der nächſten Straßenecke aus dem Staube zu machen.“ „Ich habe meine Pflicht gethan,“ ſprach Gibaſſier, indem er die Hand zum Himmel erhob, als wollte er ihn zum Zeugen nehmen, daß er in der That bis zum Ende gekämpft habe. „Raſch, Ihren Arm, und noch etwas Beſſeres!“ Gibaſſier wußte, wie ſich der Arm eines Men⸗ ſchen, den man verhaftet, auf den Arm des Mannes legt, der verhaftet. Er ließ ſich alſo nicht mehr bitten und gewährte dem Agenten jede Leichtigkeit. Dieſer erkannte einen Kunden. „Ah!“ ſagte er,„es iſt nicht das erſte Mal, daß Ihnen das begegnet, mein guter Mann.“ Gibaſſier ſchaute den Agenten mit der Miene eines Mannes an, der in ſeinem Innern ſagt:„Gut! doch wer zuletzt lacht, lacht am Beſten.“ Dann ſprach er entſchloſſen laut: „Laſſen Sie uns gehen!“ Und Gibaſſier und der Agent verließen das Hotel du Grand⸗Turc, wie zwei gute alte Freunde. Die zwei Polizeimenſchen in ſchwarzem Ueberrocke kamen ſodann, mit der zarten Aufmerkſamkeit, daß ſie ſich den Anſchein gaben, als gehörten ſie, wie Grippe⸗Soleil, nicht zu der Geſellſchaft von Mon⸗ ſeigneur. 36 W. Der Triumph von Gibaſſier. Gibaſſier und der Agent wandten ſich alſo oder der Polizeiagent wandte vielmehr Gibaſſier nach der Rue de Jeruſalem. Man begreift, daß nach den durch den Beglaubiger der Päſſe genommenen Maßregeln jede Flucht un⸗ möglich war. Fügen wir übrigens zum Ruhme von Gibaſſier bei, daß ihm der Gedanke, zu fliehen, nicht einmal kam. Mehr noch: das ſpöttiſche Ausſehen ſeiner Phy⸗ ſiognomie, das Lächeln des Mitleids, das auf ſeinen Lippen ſchwebte, wenn er den Agenten anſchaute, die ſorgloſe, ungezwungene, hochmüthige Art, wie er ſich auf die Polizei⸗Präfectur führen ließ, offenbarten ein ruhiges Gewiſſen. Mit einem Worte, er ſchien ſei⸗ nen Entſchluß gefaßt zu haben und ging mehr als ein ſtolzer Märtyrer, denn als ein ergebenes Opfer einher. Von Zeit zu Zeit warf ihm der Agent einen Seitenblick zu. Je näher Gibaſſier der Präfectur kam, deſto mehr, ſtatt ſich zu verdüſtern, heiterte ſich ſeine Stirne auf; er dachte an den Sturm von Flüchen, den der Zorn von Herrn Jackal bei ſeiner Rückkehr auf das Haupt des unglücklichen Agenten würde fallen laſſen. Dieſe Heiterkeit, welche wie eine Glorie um die reinen Stirnen glänzt, fing an den Führer von Gibaſſier zu erſchrecken. Während des erſten Vier⸗ oder der iger un⸗ ſſier am. hy⸗ nen die ſich ein ſei⸗ als pfer nen ehr, rne der das ſen. die oon ier⸗ 37 tels vom Wege hatte er keinen Zweifel gehabt, er bringe einen wichtigen Fang; auf halbem Wege zwei⸗ felte er; auf drei Vierteln war er überzeugt, er habe eine Dummheit begangen. Der Zorn von Herrn Jackal, mit dem ihn Gi⸗ baſſier bedroht hatte, fing ſchon an, wie es ihm ſchien, ſchwer über ſeinem Haupte zu toſen. Eine Folge hievon war, daß nach und nach der Arm des Agenten ſich lockerte und dem Arme von Gibaſſier die Freiheit ſeiner Bewegungen ließ. Gibaſſier bemerkte dieſe relative Freiheit, die ihm gewährt wurde; da er ſich aber nicht in der Urſache täuſchte, welche die Armmuskeln ſeines Gefährten lockerte, ſo ſchien er nicht darauf Acht zu geben. Der Agent, der Dankſagungen von ſeinem Ge⸗ fangenen zu erhalten hoffte, ward äußerſt unruhig, als er bemerkte, ſo wie ſein eigener Arm ſich ab⸗ ſpanne, ſchließe ſich der von Gibaſſier feſter an. Er hatte einen Gefangenen gemacht, der ihn nicht loslaſſen wollte. „Teufel,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ſollte ich mich geirrt haben?“ Er blieb einen Augenblick ſtehen, um zu über⸗ legen, ſchaute Gibaſſier vom Kopfe bis zu den Füßen an, und da er ſah, daß dieſer ihn ſeinerſeits von den Füßen bis zum Kopfe mit einer ſpöttiſchen Miene anſchaute, welche immer mehr beunruhigend wurde, ſo ſagte er zu ihm: „Mein Herr, Sie kennen die Strenge unſerer Pflichten. Man ſagt zu uns:„„Verhafte!““ und wir verhaften; daraus geht zuweilen hervor, daß wir in beklagenswerthe Irrthümer verfallen. Es iſt wahr, 38 daß wir meiſtens Verbrecher feſtnehmen, es geſchieht aber auch manchmal aus Irrthum, daß wir die Hand an ehrliche Leute legen.“ „Sie glauben?“ fragte Gibaſſier mit höhniſcher Miene. „Und zwar an ſehr ehrliche Leute,“ wiederholte der Agent. Gibaſſier ſchaute ihn mit einer Miene an, welche bezeichnete:„Ich bin ein lebendiger Beweis hievon.“ Die Heiterkeit dieſes Blickes verrückte dem Poli⸗ zeimann vollends den Kopf, und im Tone ausnehmen⸗ der Höflichkeit fügte er bei: „Mein Herr, ich befürchte, ich habe einen Miß⸗ griff dieſer Art begangen, doch es iſt noch Zeit, ihn wieder gut zu machen.“ „Ei) was wollen Sie damit ſagen?“ fragte ver⸗ ächtlich Gibaſſier. „Ich will ſagen, mein Herr, ich befürchte einen ehrlichen Mann verhaftet zu haben.“ „Ich glaube es wohl, bei Gott! daß Sie das befürchten müſſen,“ erwiederte der Galeerenſklave, indem er ihn mit ſtrengem Auge anſchaute. „Ich hielt Sie beim erſten Anblicke für eine zwei⸗ deutige Perſon; doch ich ſehe nun, daß dem nicht ſo iſt, und daß Sie im Gegentheile von den Unſern ſind.“ „Von den Ihrigen?“ ſagte verächtlich Gibaſſier. „Und,“ fügte der Agent demüthig bei,„wie ich ſo eben bemerkte, da es noch Zeit iſt, dieſen kleinen Mißgriff wieder gut zu machen „Nein, mein Hert, es iſt nicht mehr Zeit,“ ent⸗ gegnete lebhaft Gibaſſier,„denn in Folge dieſes Miß⸗ griffes iſt der Mann, über den ich zu wachen beauf⸗ — — c—— [7)— li ieht and cher olte lche oli⸗ en⸗ iß⸗ ihn er⸗ ten s ich en t⸗ ß⸗ f⸗ 39 tragt war, entkommen... Und was für ein Mann? Ein Verſchwörer, der vielleicht in acht Tagen die Re⸗ gierung umgeſtürzt haben wird.. „Mein Herr, wenn Sie wollen, ſo unternehmen wir Beide ſogleich ſeine Verfolgung, und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn wir Beide.. Es lag nicht in den Wünſchen von Gibaſſier, mit irgend Jemand die Ehre des Fanges von Herrn Sarranti zu theilen. Er unterbrach auch ſeinen ſubalternen Collegen: „Nein, mein Herr, und Sie werden, wenn's be⸗ liebt, vollenden, was Sie angefangen haben.“ „Oh! nein,“ erwiederte der Agent. „Oh! ja,“ ſprach Gibaſſier. „Nein, und zum Beweiſe gehe ich.“ „Sie gehen?“ „Ja.“ „Sie gehen, wie?“ „Wie man geht. Ich bezeuge Ihnen meine Ehr⸗ furcht und wende Ihnen den Rücken zu.“ Und der Agent pirouettirte in der That auf ſei⸗ nen Abſätzen und wandte Gibaſſier den Rücken zu, doch dieſer packte ihn nun ſeinerſeits heim Arme, ließ ihn einen Halbkreis links beſchreiben, und ſagte: „Nein, Sie haben mich verhaftet, um mich nach der Polizei⸗Präfectur zu führen, und Sie werden mich dahin führen. „Ich werde Sie nicht dahin führen.“ „Oh! Sie werden mich dahin führen, alle Teu⸗ fel! oder Sie werden ſagen, warum nicht. Verliere ich meinen Mann, ſo muß Herr Jackal wiſſen, wer ihn mich verlieren gemacht hat.“ 40 „Nein, mein Herr, nein!“ „Dann verhafte ich Sie und führe Sie auf die Präfectur, verſtehen Sie wohl?“ „Sie verhaften mich?“ Je ich. „Und mit welchem Rechte?“ „Mit dem Rechte des Stärkeren.“ „Ich werde meine zwei Männer rufen.“ „Thun Sie das nicht, oder ich rufe die Vorüber⸗ gehenden. Sie wiſſen, daß Sie nicht angebetet ſind, meine Herren von der Rothen, und ich erzähle, nachdem Sie mich ohne Grund verhaftet haben, wol⸗ len Sie mich freilaſſen, weil Sie wegen Ihres Miß⸗ brauchs der Gewalt beſtraft zu werden befürchten... wir ſind, bei meiner Treue! ſo nahe am Fluſſe!...“ Der Polizeimann wurde weiß wie ein Leintuch; die Vorübergehenden fingen in der That an ſich an⸗ zuſchaaren. Er wußte aus der Erfahrung, daß das Volk zu jener Zeit keine ſehr große Zärtlichkeit für die Mouchards hegte. Fr ſchaute Gibaſſier mit einer ſo flehenden Miene an daß dieſer auf dem Punkte war, ſich erweichen zu laſſen. Doch genährt von den Maximen von Herrn von Talleyrand, drängte Gibaſſier dieſe erſte Bewegung zurück: er mußte vor Allem bei Herrn Jackal gerecht⸗ fertigt ſein. Er ſchloß daher ſeine Hand in Form einer Zange um das Fauſtgelenke des Agenten und führte ihn, vom Gefangenen Gendarme werdend, er mochte wollen oder nicht, auf die Präfectur. Der Hof der Präfectur war voll von einer un⸗ gewöhnlichen Menge. der gen den im führ ehre ſein ſier man die 41 Was wollte dieſe Menge hier? Wir ſagten in einem vorhergehenden Kapitel, man habe unbeſtimmt durch die Luft etwas wie die erſten Winde eines Aufſtandes ziehen gefühlt. Dieſe Menge, welche den Hof füllte, beſtand aus Perſonen, die eine Rolle beim Aufſtande ſpielen ſoll⸗ ten und hierher kamen, um das Loſungswort zu holen. Gibaſſier, der ſeit ſeiner Jugend gewohnt war, in den Hof der Präfectur mit Handſchellen einzu⸗ treten und ſich in einem vergitterten Wagen daraus zu entfernen, empfand eine Freude ohne Beimiſchung, als er in dieſen Hof führend, ſtatt geführt zu wer⸗ den, eintrat. Der Eintritt von Gibaſſier war in der That ein Triumpheinzug. Er hielt den Kopf hoch und die Naſe im Winde, während ſein unglücklicher Gefan⸗ gener ihm folgte wie eine rhedelos gemachte Fregatte dem hochbordigen Schiffe folgt, welches ſie, alle Segel Winde und mit wehender Flagge, im Schlepptau ührt. Es herrſchte einen Augenblick Zweifel in dieſer ehrenwerthen Menge. Man glaubte Gibaſſier in ſeiner Baſtide in Toulon, und nun erſchien Gibaſ⸗ ſier plötzlich wie ein Chef in Function. Gibaſſier aber, als er ſah, in welchem Zweifel man über ihn ſchwebte, grüßte nach rechts und nach 8 Baſtide im Süden von Frankreich Landhaus, Luſthaus, wird im Scherze häufig für Galeeren gebraucht. 42 links, die Einen mit einer freundſchaftlichen Miene, die Anderen mit einer Protectorsmiene; ſo doß ſich auf dieſe Begrüßung ein ſanftes Gemurmel erhob und Mehrere mit einem Eifer auf ihn zukamen, der von ihrem Glücke, einen alten Collegen wiederzufin⸗ den, zeugte. Man wechſelte tauſend Händedrücke und tauſend Complimente, und dies zur großen Verwirrung des Agenten, den Gibaſſier mit Mitleid anzuſchauen an⸗ fing. Dann ſtellte man Gibaſſier dem Aelteſten der Brigade vor, einem ehrwürdigen Fälſcher, der, unter gewiſſen zwiſchen ihm und Herrn Jackal verhandel⸗ ten Bedingungen, in die Welt zurückgekehrt war. Er kam von Breſt; er hatte auch Gibaſſier nicht ge⸗ kannt, und Gibaſſier kannte ihn nicht; doch der Letz⸗ tere hatte ſo oft bei ſeinen Abendgeſellſchaften an der Küſte des Mittelländiſchen Meeres von dieſem aus⸗ gezeichneten Greiſe reden hören, daß er ſeit langer Zeit ſeine ehrwürdigen Hände zu drücken wünſchte. Der Aelteſte empfing ihn väterlich. „Mein Sohn,“ ſprach er zu ihm,„längſt wünſchte ich Sie zu ſehen. Ich habe Ihren Vater ſehr gut gekannt.. „Meinen Vater?“ verſetzte Gibaſſier, der nie einen Vater von ſich gekannt hatte;„dieſer Burſche iſt glücklicher als ich.“ „Es iſt ein wahres Glück,“ fuhr der Aelteſte fort,„an Ihnen die Züge dieſes rechtſchaffenen Man⸗ nes wiederzufinden. Bedürfen Sie einiger Rath⸗ ſchläge, ſo wenden Sie ſich an mich, mein Sohn; ich ſtelle mich zu Ihrer Verfügung.“ Die ganze Geſellſchaft ſchien neidiſch auf dieſes daß der Gibe zügli Gibe iene, ſich rhob der ufin⸗ ſend des an⸗ der mter idel⸗ Er ge⸗ Letz⸗ der aus⸗ nger hte. ſchte gut inen iſt teſte Nan⸗ tath⸗ ohn; ieſes 43 Patent eines großen Mannes zu ſein, das ihr Aelte⸗ ſter Gibaſſier gegeben hatte. Sie umringte den Galeerenſklaven, und nach fünf Minuten hatte Herr Bagnères de Toulon vor den Augen des durch einen ſolchen Triumph völlig ver⸗ dummten Agenten tauſend Dienſtanerbieten und tau⸗ ſend Freundſchaftsbetheuerungen empfangen. Gibaſſier ſchaute ihn mit der Miene eines Man⸗ nes an, welcher fragt:„Nun, habe ich Sie belogen?“ Der Agent neigte das Haupt. „Sagen Sie nun,“ ſprach Gibaſſier zu ihm, „geſtehen Sie offenherzig, daß Sie nur ein Eſel ſind?“ „Ich geſtehe es offenherzig,“ antwortete der Po⸗ lizeimann, der wohl noch etwas ganz Anderes ge⸗ S haben würde, hätte ihn Gibaſſier darum ge⸗ eten. „Nun wohl,“ ſagte Gibaſſier,„ſobald Sie dies geſtehen, iſt die Ehre befriedigt, und ich verſpreche Ihnen, mild gegen Sie bei der Rückkehr von Herrn Jackal zu ſein.“ „Bei der Rückkehr von Herrn Jackal?“ fragte der Agent. „Ja, bei der Rückkehr von Herrn Jackal werde ich mich damit begnügen, daß ich ihm Ihren Mißgriff als ein Uebermaß von Eifer vorſtelle. Sie ſehen, daß ich ein guter Teufel bin.“ „Herr Jackal iſt ſchon zurückgekommen,“ ſagte der Agent, der, befürchtend, den guten Willen von Gibaſſier erkalten zu ſehen, ſich beeiferte, ihn unver⸗ züglich zu benützen. „Wie! Herr Jackal iſt zurückgekommen?“ rief Gibaſſier. 44 „Ja, allerdings.“ „Und ſeit wann?“ „Seit dieſem Morgen um ſechs Uhr.“ „Und Sie ſagten mir das nicht!“ rief Gibaſſier mit donnernder Stimme. „Sie haben es mich nicht gefragt, Excellenz,“ antwortete demüthig der Agent. „Sie haben Recht, mein Freund,“ erwiederte Gi⸗ baſſier ſich beſänftigend. „Mein Freund!“ murmelte der Agent;„Du haſt mich Deinen Freund genannt, o großer Mann! befiehl, was ich für Dich thun kann!“ „Zu Herrn Jackal wollen wir gehen, alle Teufel! und zwar ohne eine Minute zu verlieren.“ „Gehen wir,“ ſagte der Agent, indem er Schritte von einem Meétre machte, während die Normaltren⸗ nung ſeiner Beine nur zwei und ein halber Fuß war. Gibaſſier grüßte die Verſammlung zum lehten Male mit der Hand winkend, durchſchritt den Hof, vertiefte ſich ein paar Schritte unter dem Gewölbe, das dem Thore gegenüber liegt, wählte links dieſelbe kleine Treppe, die wir Salvator haben wählen ſehen, ſtieg zwei Stockwerke hinauf, eilte durch einen düſtern Corridor rechts und kam vor die Thüre des Cabinets von Herrn Jackal. Der Aufwärter vom Dienſte, der nicht Gibaſſier, ſondern den Agenten erkannte, öffnete ſogleich die Thüre von Herrn Jackal. „Nun, was machen Sie, Dummkopf?“ fragte Herr Jackal.„Habe ich Ihnen nicht geſagt, ich ſei nur für Gibaſſier zu Hauſe?“ ver gab als in tend Lag Stir chem Dich mein ſchwe aſſier nz, Gi⸗ „Du ann! ufel! ritte tren⸗ Fuß zten Hof, lbe, elbe hlen inen des ſier, die agte ſei 4⁵ Hier bin ich, lieber Herr Jackal!“ rief Gibaſſier. Sodann ſich gegen den Agenten umwendend: „Sie hören, er war nur für mich zu Hauſe?“ Der Agent hielt ſich mit beiden Händen an, um nicht auf die Kniee zu fallen. „Auf,“ ſagte Gibaſſier,„folgen Sie mir; ich habe Ihnen verſprochen mild zu ſein, und ich werde mein Verſprechen halten.“ Und er trat bei Herrn Jackal ein. „Wie, Sie ſind es, Gibaſſier?“ ſagte der Chef; „ich hatte Ihren Namen aufs Gerathewohl genannt..“ „Und ich bin äußerſt ſtolz auf dieſe Erinnerung, mein Herr,“ erwiederte Gibaſſier. „Sie haben alſo Ihren Mann verlaſſen?“ fragte Herr Jackal. „Ach! Herr,“ antwortete Gibaſſier,„er hat mich verlaſſen.“ Herr Jackal faltete ernſt die Stirne. Gibaſſier gab dem Agenten einen Stoß mit dem Ellenbogen, als wollte er ihm ſagen:„Sie ſehen, daß Sie mich in eine abſcheuliche Patſche gebracht haben.“ „Herr,“ ſagte Gibaſſier auf den Schuldigen deu⸗ tend,„befragen Sie dieſen Mann; ich will ſeine Lage nicht erſchweren; er wird Ihnen Alles ſagen.“ Herr Jackal hob ſeine Brille bis oben auf ſeine tirne empor, um denjenigen zu erkennen, mit wel⸗ chem er es zu thun hatte. „Ah! Du biſt es, Fourrichon,“ rief er;„nähere Dich und ſage, in wie fern Du Urſache biſt, daß meine Befehle nicht vollzogen worden ſind.“ Fvurrichon ſah, daß es nicht möglich war, Um⸗ ſchweife zu machen. Er faßte ſeinen Entſchluß, und 46 wie ein Zeuge vor einem Gerichte, ſagte er die Wahrheit, die volle Wahrheit, nichts als die Wahrheit. „Sie ſind ein Eſel,“ rief Herr Jackal dem Agen⸗ ten zu. „Seine Excellenz der Herr Graf Bagnsres de Toulon hat mir ſchon die Ehre erwieſen, dies zu ſagen,“ erwiederte der Polizeimann mit tiefer Zer⸗ knirſchung. Herr Jackal ſchien zu ſuchen, wer die illuſtre Perſon ſein könnte, welche ihm über Fourrichon eine ſo ſehr mit der ſeinigen übereinſtimmende Meinung ausſprechend zuvorgekommen war. „Das bin ich,“ ſagte Gibaſſier, ſich verbeugend. „Ah! ſehr gut, ſehr gut,“ rief Herr Jackal, „Sie haben ſich zum Agentilhom*) gemacht?“ „Ja, Herr,“ erwiederte Gibaſſier:„doch, ich muß Ihnen ſagen, daß ich dieſem Unglücklichen, kraft ſeiner tiefen Reue, Ihre ganze Nachſicht für ihn an⸗ zurufen verſprochen habe. Er hat, bei meinem Worte! aus zu viel Eifer geſündigt.“ „Auf die Bitte unſeres Freundes Gibaſſier,“ ſprach mit Majeſtät Herr Jackal,„bewilligen wir Euch volle Vergebung Eurer Sünde. Geht im Frie⸗ den und ſündiget fortan nicht mehr. Sodann, während er mit der Hand den unglück⸗ lichen Agenten entließ, der rückwärts wegging, ſagte Herr Jackal: „Mein lieber Gibaſſier, wollen Sie mir die Ehre erweiſen, die Hälfte meines Frühſtücks anzunehmen?“ *) Agent-ilhomme im Franzöſiſchen. 50 die heit. gen⸗ de zu Zer⸗ ſtre eine ung end. ckal, ich raft rte! er,“ wir rie⸗ ück⸗ gte hre n2“ 47 „Mit wahrer Freude, Herr Jackal,“ antwortete Gibaſſier. „Gehen wir alſo ins Speiſezimmer,“ ſprach Herr Jackal, indem er ihm den Weg zeigte. Gibaſſier folgte Herrn Jackal. Das zweite Geſicht. Herr Jackal bezeichnete Gibaſſier mit der Hand einen Stuhl. Dieſer Stuhl ſtand ihm gegenüber, auf der an⸗ dern Seite des Tiſches. Während er ihm den Stuhl bezeichnete, winkte er ihm, ſich zu ſetzen; Gibaſſier aber, dem daran lag, Herrn Jackal zu zeigen, die Geſetze der Höflichkeit ſeien ihm nicht fremd, ſagte: „Erlauben Sie mir vor Allem, lieber Herr Jackal, n zu Ihrer Rückkehr nach Paris Glück zu wün⸗ en.“ „Empfangen Sie von meiner Seite dieſelben Glückwünſche zu demſelben Gegenſtande,“ antwortete artiger Weiſe Herr Jackal. „Gern will ich glauben, daß Ihre Reiſe glücklich abgelaufen iſt.“ „Aeußerſt glücklich, lieber Herr Gibaſſier; doch ich bitte, laſſen wir die Complimente ruhen: machen Sie es wie ich, ſetzen Sie ſich.“ Gibaſſier ſetzte ſich. „Nehmen Sie eine Cotelette.“ 48 Gibaſſier ſtach in eine Cotelette. „Reichen Sie Ihr Glas.“ Gibaſſier reichte ſein Glas. „So,“ ſagte Herr Jackal,„nun eſſen Sie, trinken Sie und hören Sie.“ „Ich bin ganz Ohr,“ erwiederte Gibaſſier, indeß er mit kräftigen Zähnen in ſeine Cotelette biß. „Sie haben alſo,“ fuhr Herr Jackal fort,„Sie haben durch die Eſelei dieſes Agenten Ihren Mann aus dem Blicke verloren, lieber Herr Gibaſſier?“ „Ach!“ antwortete Gibaſſier, indem er den ent⸗ blößten Knochen ſeiner Cotelette auf einen Teller legte,„Sie ſehen mich hierüber in Verzweiflung!.. Mit einer Miſſion von dieſer Wichtigkeit betraut ſein, ſie zu ſeinem Ruhme,— man darf das Wort wohl ſagen,— vollführen und im Hafen ſcheitern!“ „Das iſt Unglück.“ „Lebte ich hundert Jahre, ich würde es mir nicht verzeihen,“ ſagte Gibaſſier. Und er machte eine Geberde der Verzweiflung. „Nun wohl,“ ſprach Herr Jackal, nachdem er ein Glas Bordeaux geſchlürfſt und ſeine Zunge hatte ſchnalzen laſſen,„ich werde nachſichtiger ſein, ich werde Ihnen verzeihen.“ „Nein, nein, Herr Jackal, nein, ich nehme Ihre Verzeihung nicht an,“ rief Gibaſſier;„ich habe mich benommen wie eine Auſter; kurz geſagt, ich bin noch dummer geweſen als der Agent.“ „Was wollten Sie gegen ihn thun, mein lieber Herr Gibaſſier? Mir ſcheint, es gibt ein auf dieſen Gegenſtand paſſendes Sprüchwort:„„Gegen die Gewalt...““ * ner der hat eß Sie mn nt⸗ ller ein, ohl icht ng. ein atte ich Ihre mich noch ieber ieſen die . 49 „Ich mußte ihn mit einem Fauſtſchlage zurichten und Herrn Sarranti nachlaufen.“ „Sie hätten nicht zwei Schritte gemacht, ohne von den Agenten von der Wache verhaftet zu wer⸗ den.“ „Ho!“ machte Gibaſſier, drohend wie Ajar den Göttern mit der Fauſt. „Ich wiederhole aber, daß ich Ihnen verzeihe!“ ſagte Herr Jackal. „Verzeihen Sie mir,“ ſprach Gibaſſier, auf die ausdrucksvolle Pantomime, der er ſich überließ, ver⸗ zichtend,„ſo haben Sie ein Mittel, unſern Mann wiederzufinden. Sie werden mir erlauben, unſer Mann zu ſagen, nicht wahr?“ „Ah! nicht ſchlecht!“ erwiederte Herr Jackal, ent⸗ zückt über dieſe Probe von Verſtand, die ihm Gi⸗ baſſier dadurch gegeben, daß er errathen hatte, wenn er nicht unruhig ſei, ſo habe er keinen Grund, es zu ſein.„Nicht ſchlecht! und ich ermächtige Sie, mein lieber Gibaſſier, und wäre es nur, um Sie zu belohnen, Herrn Sarranti unſern Mann zu nennen; denn er gehört am Ende eben ſo ſehr Ihnen, der Sie ihn verloren, nachdem Sie ihn entdeckt hatten, als mir, der ich ihn wiedergefunden, nachdem Sie ihn verloren hatten.“ „Das iſt nicht möglich,“ ſagte Gibaſſier erſtaunt. „Was iſt nicht möglich?“ „Daß Sie ihn wiedergefunden haben.“ „Es iſt dennoch ſo.“ „Wie kann das ſein? es iſt kaum eine Viertel⸗ ſtunde, daß ich ihn verloren habe.“ Dumas, Salvator. 1. 50 „Und es ſind kaum fünf Minuten, daß ich ihn wiedergefunden habe.“ „So halten Sie ihn alſo in Ihren Händen?“ „Oh! nein; Sie wiſſen, daß wir auf eine ganz beſondere Art mit ihm verfahren müſſen. Ich werde ihn haben, oder Sie werden ihn vielmehr haben.. Nur verlieren Sie ihn nicht, denn ich könnte ihn ſchicklicher Weiſe nicht anſchlagen laſſen.“ Es war auch die Hoffnung von Gibaſſier, ihn wiederzufinden. Es war am Tage vorher in der Rue des Poſtes zwiſchen den vier Verſchwornen und Herrn Sarranti Rendez⸗vous in der Himmelfahrts⸗ Kirche verabredet worden; Herr Sarranti konnte aber einen Zweifel faſſen und ſich nicht in dieſe Kirche begeben. Ueberdies wollte Gibaſſier nicht das Anſehen haben, er beſitze zum Voraus dieſes Merk⸗ zeichen. Er war alſo entſchloſſen, auf Rechnung ſeines Genies das Wiederentdecken von Herrn Sarranti zu ſetzen. „Und wie werde ich ihn wiederfinden?“ fragte Gibaſſier. „Indem Sie ſeine Spur verfolgen.“ „Ich habe ſie aber verloren. „Gibaſſier, es gibt keine verlorene Spur bei einem Jäger wie ich und einem Leithunde wie Sie.“ „Dann,“ ſprach Gibaſſier, überzeugt, Herr Jackal prahle und wolle ihn auf das Aeußerſte treiben, „dann iſt kein Augenblick zu verlieren.“ Und er ſtand auf, als wollte er Herrn Sarranti nachlaufen. „Im Namen Seiner Majeſtät, der Sie die Krone — phi von Vö zu ein von Erſ Pur Wi mut ihn anz rde — ihn und rts⸗ nnte dieſe das terk⸗ — ines ti zu ragte rbei Sie.“ Jackal eiben, rranti Krone 51 zu retten die Ehre haben, danke ich Ihnen für dieſen edlen Eifer, lieber Herr Gibaſſier,“ ſagte Herr Jackal. „Ich bin der demüthigſte, aber deru pgebenſte Unterthan Seiner Majeſtät,“ erwiederte Gibaſſier, indem er ſich mit Beſcheidenheit verbeugte. „Gut!“ ſprach Herr Jackal;„und ſeien Sie über⸗ zeugt, daß Ihre Ergebenheit belohnt werden wird. Die Könige ſind es nicht, die man des Undanks be⸗ ſchuldigen kann.“ „Nein, es ſind die Völker,“ erwiederte Gibaſſier, wiitie die Augen zum Himmel aufſchlagend. h „Bravo!“ „In jedem Falle, lieber Herr Jackal, abgeſehen vom Undanke der Könige und von der Dankbarkeit der Völker, laſſen Sie mich Ihnen ſagen, daß ich ganz zu Ihrer Verfügung bin.“ „Sie werden mir wohl die Freundſchaft erweiſen, einen Flügel von dieſem Huhne zu eſſen.“ „Wenn er uns aber entkommt, während wir von dieſem Flügel eſſen werden?“ „Er entkommt uns nicht; er wartet auf uns.“ „Wo dies?“ „In der Kirche.“ Gibaſſier ſchaute Herrn Jackal mit wachſendem Erſtaunen an. Wie war Herr Jackal über dieſen Punkt beinahe ſo gut unterrichtet als er? Gleichviel, er beſchloß zu ſehen, wie weit das Wiſſen vom Herrn Jackal gehe. „In der Kirche!“ rief er.„Ich hätte es ver⸗ muthen müſſen.“ 52 „Und warum dies?“ fragte Herr Jackal. „Weil ein Mann, der mit dieſer Blitzesſchnellig⸗ kei aſ Landſtraßen fährt, keine andere Entſchul⸗ gung ſ als er eile zu ſeinem Seelenheile.“ „Immer beſſer, lieber Herr Gibaſſier,“ ſagte der Polizeichef.„Ich ſehe, Sie ſind ein wenig Beobach⸗ ter, und ich wünſche Ihnen Glück hiezu, weil es fortan Ihr Geſchäft ſein wird, zu beobachten. Ich wiederhole Ihnen alſo, in der Kirche werden Sie Ihren Mann finden.“ Gibaſſier wollte ſehen, ob Herr Jockal bis ans Ende unterrichtet ſei. „In welcher Kirche?“ fragte er in der Hoffnung, eine ſchwache Seite bei ihm zu finden. „In der Himmelfahrts⸗Kirche,“ antwortete ein⸗ fach Herr Jackal. Gibaſſier ging von einem Erſtaunen zum andern über. „Sie kennen wohl die Himmelfahrts⸗Kirche?“ ſagte Herr Jackal, als er ſah, daß Gibaſſier nicht antwortete.“ „Bei Gott!“ erwiederte Gibaſſier. „Doch vom Hörenſagen, ohne Zweifel, denn ich glaube nicht, daß Sie ein Mann von ſehr inbrün⸗, ſtiger Frömmigkeit ſind.“ „Ich habe meinen Glauben wie Jedermann,“ antwortete Gibaſſier, indem er ſeine Augen gottſelig zum Himmel aufſchlug. „Es wäre mir nicht unangenehm, hierüber er⸗ baut zu werden,“ ſagte Herr Jackal, während er Gibaſſier den Kaffee einſchenkte,„und hätten wir einige Augenblicke mehr, ſo würde ich Sie gern ul de vo er er llig⸗ hul⸗ der ach⸗ il es Ich Sie ans ung, ein⸗ dern che 24 nicht n ich brün⸗ ann,“ ttſelig er er⸗ nd er n wir! gern 53 bitten, mir Ihr theologiſches Syſtem auseinanderzu⸗ ſetzen. Wir haben, wie Sie wiſſen, Lehe Theolo⸗ gen in der Rue de Jeruſalem. Die Gewohnheit des Kloſterlebens mußte Sie zur Meditatio führen. Es wäre mir alſo, fehlte es uns nicht an B wahres Vergnügen, Sie eine Theſe über dieſen Ge⸗ genſtand behaupten zu ſehen. Leider rückt die Stunde vor, und wir haben wahrhaftig heute keine Muße. Doch Sie geben mir Ihr Wort, daß die Partie nur aufgeſchoben iſt.“ Gibaſſier hörte mit den Augen blinzelnd und ſchlürfte dabei ſeinen Kaffee. „Sie werden alſo Ihren Mann in der Himmel⸗ fahrts⸗Kirche treffen,“ fuhr Herr Jackal fort. „In der Frühmette, in der Complete oder in der Veſper?“ fragte Gibaſſier mit einem unbeſchreib⸗ lichen Ausdrucke von Bosheit und Naivetät. „Zur Stunde der großen Meſſe.“ „Gegen halb zwölf Uhr alſo?“ „Seien Sie um halb zwölf Uhr dort, wenn. Sie wollen; doch unſer Mann wird kaum vor Mittag kommen.“ Das war in der That die verabredete Stunde. „Es iſt eilf Uhr!“ rief Gibaſſier auf die Pendel⸗ uhr ſchauend. „Warten Sie doch, Sie Ungeduldiger! Sie wer⸗ den ſich wohl Zeit laſſen, Ihr Gloria zu ſprechen!“ Und er goß ein Gläschen Liqueur in die Taſſe von Gibaſſier. „Gloria in excelsis!“ ſprach Gibaſſier, indem er die Taſſe mit beiden Händen aufhob, wie wenn er ein Rauchfaß aufgehoben hätte. 5⁴ Herr Jackal neigte das Haupt wie ein Mann, der überzeugt iſt, er verdiene dieſe Ehre. „Laſſen Sie mich Ihnen nun Eins ſagen,“ ſprach Siciese„was nichts Ihrem Verdienſte benimmt, vor dem ich mich verbeuge, und dem ich volle Ehre widerfahren laſſe.“ „Nun?“ „Ich wußte Alles dies wie Sie.“ „Ah! wahrhaftig!“ „Ja, und ich habe es auf folgende Art erfahren.“ Alsdann erzählte Gibaſſier Herrn Jackal die ganze Geſchichte der Rue des Poſtes, wie er ſich für einen Affiliirten ausgegeben, wie er in das Haus eingetreten, wie verabredet worden ſei, daß man ſich am Mittag in der Himmelfahrts⸗Kirche ein⸗ finden ſollte. Herr Jackal hörte mit einer Aufmerk⸗ ſamkeit, welche eine ſtumme Huldigung für den Scharfſinn von Gibaſſier war. „Sie glauben alſo,“ ſagte er, als Gibaſſier ge⸗ endigt hatte,„Sie glauben, es werden viele Men⸗ ſchen bei dieſer Beerdigung ſein?“ „Wenigſtens hunderttauſend Perſonen.“ „Und in der Kirche?“ „Alles, was ſie faſſen kann: wenigſtens zwei⸗ bis dreitauſend Individuen.“ „Es wird nicht leicht ſein, Ihren Mann unter einer ſolchen Menge zu finden, mein lieber Gibaſſier.“ „Gut! das Evangelium ſagt:„„Suche, und Du wirſt finden.““ „Nein, ich will Ihnen die Mühe erſparen, zu — ann, rach nnt, Ehre en.“ die ſich das daß ein⸗ erk⸗ den ge⸗ Ren⸗ bis nter er.“ Du zu 55 „Ja, auf den Schlag zwölf Uhr werden Sie ihn an den dritten Pfeiler, links vom Eingange in die Kirche, angelehnt und mit einem Dominicanermönche ſpre— chend finden. Die Gabe des doppelten Geſichtes war diesmal Herrn Jackal ſo reichlich gewährt, daß Gibaſſier ſich verneigte, ohne etwas zu ſagen, und gebeugt unter einer ſolchen Ueberlegenheit ſeinen Hut nahm und abging. Sih Zwei Landſtraßen⸗Cavaliere. Gibaſſier eilte aus dem Hotel der Rue de Jeru⸗ ſalem gerade in dem Augenblicke weg, wo, nachdem er das Portrait des heiligen Hyacinth bei Carmelite abgegeben hatte, Dominique mit großen Schritten die Rue de Tournon hinabging. Der Hof der Präfectur war leer; eine Gruppe von drei Männern ſtationirte allein hier. Von dieſer Gruppe trennte ſich ein Menſch, und Gibaſſier erkannte in dieſem magern Männchen mit dem vlivenfarbigen Teint, mit den glänzend ſchwar⸗ zen Augen, mit den ſchimmernden Zähnen, der ſich ihm näherte, Gibaſſier erkannte, ſagen wir, ſeinen Collegen Carmagnole, den Vertrauten von Herrn Jackal, denſelben, der ihm nach Kehl die Befehle des gemeinſchaftlichen Herrn überbracht hatte. Gibaſſier wartete mit einem Lächeln auf den Lippen. Die zwei Männer grüßten ſich. 56 „Sie gehen in die Himmelfahrts⸗Kirche?“ fragte Carmagnole. „Haben wir nicht den ſterblichen Ueberreſten eines großen Philanthropen die letzte Ehre zu erweiſen?“ erwiederte Gibaſſier. „Ganz richtig, und ich lauerte auf Sie bei Ihrem Abgange von Herrn Jackal, um einen Augenblick von unſerer doppelten Sendung mit Ihnen zu reden.“ „Mit großem Vergnügen. Plaudern wir gehend oder gehen wir plaudernd. Die Zeit wird uns nicht lang ſcheinen, mir beſonders.“ Carmagnole verbeugte ſich. „Sie wiſſen, was wir dort thun ſollen?“ „Ich, ich gehe dahin, um nicht aus dem Geſichte einen Mann zu verlieren, welchen ich an den dritten Pfeiler links angelehnt und mit einem Mönche ſpre⸗ chend finden werde,“ ſagte Gibaſſier, der ſich nicht von ſeinem Erſtaunen über die Genauigkeit, mit der Herr Jackal unterrichtet war, erholen konnte. „Und ich, ich gehe dahin, um dieſen Mann zu verhaften.“ „Wie, um ihn zu verhaften?“ „Ja, in einem gegebenen Augenblicke; dies Ihnen zu ſagen bin ich beauftragt.“ „Sie ſind beauftragt, Herrn Sarranti zu ver⸗ haften?“ „Nein, Herrn Dubreuil; das iſt der Name ſei⸗ ner Wahl,— er wird ſich nicht zu beklagen haben.“ „Dann werden Sie ihn als Verſchwörer ver⸗ haften?“ „Nein, als Aufruhrſtifter.“ „Wir werden alſo einen ernſten Aufruhr haben?“ igte nes n?“ rem blick end icht chte tten pre⸗ icht der zu nen ver⸗ ſei⸗ en. ver⸗ n?“ — 57 „Ernſt, nein; doch wir werden einen haben.“ „Finden Sie es nicht unklug, mein lieber College,“ ſagte Gibaſſier, indem er ſtehen blieb, um ſeinen Worten mehr Gewicht zu geben,„finden Sie es nicht unklug, einen Aufſtand an einem Tage wie dieſer zu risquiren, wo ganz Paris auf den Beinen iſt?“ „Ja, allerdings, doch Sie kennen das Sprüchwort: Wer nichts wagt, gewinnt nichts.““ „Gewiß; diesmal ſpielen wir aber um Alles gegen Alles.“ „Nur ſpielen wir mit falſchen Würfeln.“ Dieſe Bemerkung beruhigte Gibaſſier ein wenig. Und dennoch blieb ſein Geſicht unruhig oder viel⸗ mehr nachdenkend. Waren es die Leiden, welche Gibaſſier in der Tiefe des Puits⸗qui⸗parle ausgeſtanden hatte, und die ſich, am Tage vorher durch die Erinnerung wieder⸗ lebt, ſo überſetzten? hatten die Strapazen einer haſtigen Reiſe und einer raſchen Rückkehr auf ſeine Stirne das trügeriſche Siegel des Spleen gedrückt? immerhin iſt gewiß, daß der Graf Bagnères de Toulon in dieſem Augenblicke einer großen Sorge oder einer lebhaften Unruhe preisgegeben ſchien. Carmagnole bemerkte dies und konnte ſich nicht enthalten, ihn nach der Urſache in dem Augenblicke zu fragen, wo er ſich mit ihm um die Ecke des Quai und der Place Saint⸗Germain⸗lAuxerrvis wandte. „Sie ſehen ſorgenvoll aus,“ ſagte er zu ihm. Gibaſſier erwachte aus ſeiner Träumerei und ſchüttelte den Kopf. „Wie?“ ſagte er. Carmagnole wiederholte die Frage. 58 „Ja, es iſt wahr,“ erwiederte Gibaſſier;„Eines ſetzt mich in Erſtaunen, mein Freund.“ „Teufel! das iſt eine große Ehre für dieſes Eine.“ „Beſchäftigt mich alſo.“ „Sprechen Sie! und kann ich Sie von dieſer Sorge befreien, ſo werde ich mich als den glücklich⸗ ſten Menſchen betrachten.“ „Hören Sie. Herr Jackal hat mir geſagt, ich werde unſern Mann auf den Schlag zwölf Uhr in der Himmelfahrts-Kirche am dritten Pfeiler links vom Eingange finden.“ „Am dritten Pfeiler, ja.“ „Und mit einem Mönche ſprechend.“ „Mit ſeinem Sohne, dem Abbé Dominique.“ Gibaſſier ſchaute Carmagnole mit derſelben Miene an, mit der er Herrn Jackal angeſchaut hatte. „Nun,“ ſagte er,„ich hielt mich für ſtark; es ſcheint, ich täuſchte mich.“ „Warum dieſe Demuth?“ fragte Carmagnole. Gibaſſier blieb einen Augenblick ſtumm; er machte offenbar unerhörte Anſtrengungen, um mit den Augen des Luchſes die Finſterniß, die ihn verblendete, zu durchdringen. „Nun wohl,“ ſagte er,„es iſt hierin eine äußerſt falſche Kunde.“ „Warum dies?“ „Oder, wenn ſie wahr iſt, ſo erfüllt ſie mich zu⸗ gleich mit Erſtaunen und mit Bewunderung.“ „Für wen?“ „Für Herrn Jackal.“ Carmagnole nahm ſeinen Hut ab, wie es der e te en u r 59 Chef einer Seiltänzerbande thut, wenn man vom Maire und den beſtehenden Behörden ſpricht. „Und was für eine Kunde iſt das?“ fragte er. „Das iſt die vom Pfeiler und vom Mönche. Daß Herr Jackal die Vergangenheit weiß, daß Herr Jackal ſogar die Gegenwart weiß, ich gebe es zu. Carmagnole folgte jedem Satze von Gibaſſer mit einer bejahenden Kopfbewegung. „Daß er aber auch die Zukunft weiß, das über⸗ ſteigt meine Faſſungskraft, Carmagnole.“ Carmagnole lachte ſeine weißen Zähne zeigend. „Und wie erklären Sie ſich, daß er die Vergan⸗ genheit und die Gegenwart weiß?“ fragte Carmagnole. „Daß Herr Jackal errathen hat, Herr Sarranti werde in die Kirche gehen, nichts kann einfacher ſein: in dem Augenblicke, wo man den Umſturz einer Re⸗ gierung verſuchend ſein Leben wagt, iſt es ganz natürlich, daß man die Hülfe der Religion und den Beiſtand der Heiligen anfleht. Daß er errathen hat, Herr Sarranti werde die Himmelfahrts⸗Kirche wählen, nichts kann einfacher ſein, da dieſe Baſilika dazu be⸗ ſtimmt iſt, heute als Herd der Empörung zu dienen.“ Carmagnole billigte fortwährend durch Kopfbe⸗ wegungen. „Daß er errathen hat, Herr Sarranti werde dort eher um Mittag als um elf Uhr, um halb zwölf Uhr, um drei Viertel auf zwölf Uhr ſein, nichts iſt leichter: ein Verſchwörer, der einen Theil der Nacht in der Ausübung ſeines Handwerks zuge⸗ bracht hat, würde, iſt er nicht ein ultrarobuſter Burſche, nicht in der erſten Frühmeſſe abſichtlich ſchnattern gehen. Daß er entdeckt hat, er werde ſich an einen 60 Pfeiler anlehnen, darin finde ich auch nichts Wun⸗ derbares; nach drei bis vier Tagen und eben ſo vie⸗ len Nächten auf der Reiſe iſt es nicht erſtaunlich, daß er ſich, eine gewiſſe Müdigkeit fühlend, um aus⸗ zuruhen, an einen Pfeiler anlehnt. Daß er endlich durch eine logiſche Deduction errathen hat, ich werde meinen Mann eher links, als rechts finden, das be⸗ greife ich auch, da die linke Seite natürlich von einem Chef der Oppoſition gewählt werden muß. Alles dies iſt geſchickt, außerordentlich, aber durchaus nicht wunderbar, da es mir gelingt, mir darüber Aufſchluß zu geben. Was mich aber wundert, was mich in Erſtaunen ſetzt, was mich verdutzt, was mich in eine unbegreifliche Verwirrung verſenkt.. Gibaſſier hielt inne, als wollte er durch einen doppelten Verſtandesaufwand dazu gelangen, das Räthſel zu errathen. „Nun, das iſt?“ fragte Carmagnole. „Wie Herr Jackal die Nummer des Pfeilers, an den er ſich anlehnen würde, die Stunde, zu der er ſich daran anlehnen würde, und den Umſtand hat errathen können, es werde ein Mönch kommen und mit ihm ſprechen, indeß er daran angelehnt wäre.“ „Wie!“ ſagte Carmagnole,„dies iſt es, was Sie in Verlegenheit ſetzt und Ihre Stirne mit einer Wolke bedeckt, Herr Graf?“ „Nichts Anderes, Carmagnole,“ antwortete Gi⸗ baſſier. Nun, das iſt ſo einfach, als alles Uebrige.“ „Bah!“ „Es iſt ſogar noch einfacher.“ „Wirklich?“ 6¹ „Bei meiner Ehre!“ „Wollen Sie mir die Freundſchaft erweiſen, mir dieſes Geheimniß zu enthüllen?“ „Mit dem größten Vergnügen.“ „Ich höre.“ „Kennen Sie die Barbette?“ „Ich kenne eine Straße dieſes Namens, welche pei der des Trois⸗Pavillons anfängt und bei der Vielle⸗Rue⸗du⸗Temple endigt.“ „Das iſt es nicht.“ „Ich kenne die Porte Barbette, welche einen Theil der Ringmauer von Philipp⸗Auguſt bildete und ihren amen Etienne Barbette, Straßenaufſeher von Paris, Münzmeiſter und Handlungsvorſtand, verdankte.“ „Das iſt es auch nicht.“ „Ich kenne das Hotel Barbette, wo Iſabelle von Baiern den Dauphin Karl VII. gebar. Der Herzog von Orleans kam aus dieſem Hotel, als er am 23. November 1407 in einer ſehr regneriſchen Nacht er⸗ mordet wurde.“ „Genug!“ rief Carmagnole, der erſtickte wie ein Menſch, den man eine Säbelklinge verſchlingen läßt, „genug! einige Worte mehr, Gibaſſier, und ich ver⸗ lange für Sie einen Lehrſtuhl der Geſchichte.“ „Das iſt wahr,“ erwiederte Gibaſſier,„immer war es die Gelehrſamkeit, was mich zu Grunde ge⸗ richtet hat; doch von welcher Barbette ſprechen Sie? von der Straße, vom Thore oder vom Hotel?“ „Weder von der einen, noch vom andern, illuſtrer Baccalaureus,“ ſagte Carmagnole, indem er Gibaſſier mit Bewunderung anſchaute und ſeine Börſe von ſeiner rechten Taſche in ſeine linke übergehen ließ, 62 das heißt, die ganze Dicke ſeines Leibes zwiſchen ſie und ſeinem Gefährten ſetzte, denn vielleicht mit Recht glaubte er, er habe Alles zu erwarten von Seiten eines Menſchen, der zugeſtand, er wiſſe ſo viele Dinge, und ohne Zweifel noch mehr wußte, als er zugeſtand. „Nein,“ fuhr Carmagnole fort,„meine Barbette iſt eine Stühlevermietherin in der Saint⸗Jaques⸗ Kirche und wohnt in der Impaſſe des Vignes.“ „Ah! was iſt eine Stühlevermietherin von der Impaſſe des Vignes,“ ſagte Gibaſſier verächtlich, „und was für eine armſelige Geſellſchaft beſuchen Sie, Carmagnole?“ „Man muß ein wenig von Allem ſehen, Herr „Nun?“ „Ich ſage alſo, die Barbette vermiethe Stühle, und zwar Stühle, auf welche mein Freund Longue⸗ Avoine Sie kennen Longue⸗Avoine?“ „Vom Geſichte. „Stühle, auf welche ſich zu ſetzen mein Freund Longue⸗Avoine nicht verachtet.“ „Und welche Beziehung hat dieſe Frau, die Stühle vermiethet, auf die ſich zu ſetzen Ihr Freund Longue⸗ Avoine nicht verachtet, zu dem Geheimniſſe, das ich zu ergründen wünſchte?“ „Eine unmittelbare Beziehung.“ „Laſſen Sie hören,“ ſagte Gibaſſier, während er mit den Augen blinzelnd ſtehen blieb und ſeine Daumen auf ſeinem Bauche ſich drehen ließ, das heißt, alle Mittel der Stimme und der Geberde an⸗ wandte, um zu ſagen:„Ich verſtehe nicht!“ ——— „— 63 Carmagnole hielt lächelnd und ſich an ſeinem Triumphe weidend auch an. Es ſchlug drei Viertel auf zwölf Uhr in der Himmelfahrts⸗Kirche. Die zwei Männer ſchienen jeden fremden Ge⸗ danken zu verjagen, um die Stunde ſchlagen zu hören. „Drei Viertel auf zwölf Uhr,“ ſagten ſie.„Gut! wir haben Zeit.“ Dieſer Ausruf bewies, mit welcher Aufmerkſam⸗ keit Jeder die Converſation verfolgte, in die er mit ſeinem Gefährten vertieft war. Da ſich aber die Aufmertſamkeit noch lebhafter bei Gibaſſier, als bei Carmagnole erregt fand, inſo⸗ fern Gibaſſier es war, der fragte, und Carmagnole, der antwortete, ſo ſagte Gibaſſier: „Ich höre.“ „Sie wiſſen vielleicht nicht, mein lieber College, da Sie nicht dieſelben Neigungen wie ich für unſere heilige Religion haben, Sie wiſſen nicht, daß die Stühlevermietherinnen ſich kennen wie die fünf Fin⸗ ger der Hand.“ „Ich geſtehe, daß ich das durchaus nicht wußte,“ erwiederte Gibaſſier mit jener erhabenen Offenher⸗ zigkeit der ſtarken Männer. „Nun wohl,“ ſagte Carmagnole, ganz ſtolz, einen ſo gelehrten Mann etwas gelehrt zu haben,„dieſe Stühlevermietherin der Saint⸗Jaques⸗Kirche..5 „Die Barbette?“ unterbrach Gibaſſier, um zu beweiſen, daß er nicht ein Wort vom Geſpräche verlor. „Die Barbette, ja, ſteht in einer engen Freund⸗ ſchaftsverbindung mit der Stühlevermietherin von 6⁴ Saint⸗Sulpice, welche Stühlevermietherin in der Rue du Pot⸗de⸗Fer wohnt.“ „Ah!“ rief Gibaſſier durch einen Schein geblendet. „Sie fangen an dabei zu ſein, nicht wahr 7 „Das heißt, ich erſchaue undeutlich, ich wittere, ich errathe.“ „Nun wohl, unſere Stühlevermietherin von Saint⸗ Sulpice iſt, wie ich Ihnen vorhin ſagte, Concierge des Hauſes, bis zu deſſen Thüre Sie geſtern Abend Herrn Sarranti gefolgt ſind, und in welchem ſein Sohn, der Abbé Dominique, wohnt.“ „Immer zu,“ ſprach Gibaſſier, der um keinen Preis der Welt den Faden, den er ſo eben erwiſcht hatte, verlieren wollte. „Nun wohl, der erſte Gedanke, der Herrn Jackal kam, als er dieſen Morgen den Brief empfing, in welchem Sie ihm Ihre Reiſebeſchreibung von geſtern gaben, war, da er ſah, Sie haben Herrn Sarranti bis zur Thüre eines Hauſes der Rue du Pot⸗de⸗Fer verfolgt, mich holen zu laſſen, um mich zu fragen, ob ich nicht Jemand in dieſem Hauſe kenne. Sie be⸗ greifen, lieber Gibaſſier, meine Freude war groß, als ich erkannte, es ſei dasjenige, deſſen Bewachung der Thür⸗ ſchnur der Freundin der Freundin meines Freundes anvertraut ſei. Ich nahm mir nur die Zeit, ein be⸗ jahendes Zeichen zu machen, und lief zu Barbette. Ich wußte, ich werde Longue⸗Avoine bei ihr finden: das iſt die Stunde, wo er ſeinen Kaffee zu ſich nimmt. Ich lief alſo nach der Impaſſe des Vignes; Longue⸗ Avoine war dort. Ich ſagte ihm zwei Worte in's Ohr; er ſagte vier in's Ohr von Barbette, und dieſe ging auf der Stelle ab, um einen kleinen Beſuch ſel et. re, nt⸗ ge nd ein — 65 ihrer Freundin, der Stühlevermietherin von Saint⸗ Sulpice, zu machen.“ „Ah! nicht ſchlecht, nicht ſchlecht,“ ſprach Gibaſſier, der die erſten Sylben der Charade zu errathen an⸗ fing.„Fahren Sie fort, ich verliere kein Wort.“ „Dieſen Morgen gegen halb neun Uhr begab ſich alſo die Barbette in die Rue du Pot⸗de⸗Fer. Ich ſagte Ihnen, glaube ich, mit vier Worten habe ſie Longue⸗Avoine über die Sache unterrichtet. Das Erſte, was ſie nun in der Ecke von einer der Fen⸗ ſterſcheiben erblickte, war ein Brief an Herrn Domi⸗ nique Sarranti adreſſirt. „„Sprich!““ ſagte die Barbette zu ihrer Freundin, „„Dein Mönch iſt alſo noch nicht zurückgekehrt?““ „„Nein,““ erwiederte die Andere,„„doch ich er⸗ warte ihn jede Stunde.““ „„Es iſt erſtaunlich, daß er ſo lange ausbleibt.““ „„Weiß man je, was das macht, die Mönche? Doch warum ſprichſt Du von ihm?““ „„Weil ich dort ganz einfach einen Brief an ſeine Adreſſe ſehe,““ antwortete die Barbette. „„Ja, das iſt ein Brief, den man geſtern Abend für ihn gebracht hat.““ „„Es iſt poſſirlich,““ ſagte die Barbette,„„man ſollte glauben, es ſei eine Frauenhandſchrift.““ „„Bei meiner Treue, nein,““ entgegnete die Andere.„„Ah! ja wohl, Frauen... Seit den fünf Jahren, die der Abbé Dominique hier wohnt, habe ich nicht die Schnauze von einer einzigen ge⸗ ſehen.““ „„Ah! Sie mögen immerhin ſagen...“ „„Nein, nein, da es ein Mann iſt, der ihn hier Dumas, Salvator. I. 5 66 geſchrieben hat, und er hat mir ſogar noch ſehr bange gemacht.““ „Oh! ſollte er Sie beleidigt haben, Gevatterin?““ „„Nein, Gott ſei Dank, das kann ich nicht ſagen. Aber ſehen Sie, es ſcheint, ich duſſelte ein wenig;. ich öffnete die Augen, und plötzlich ſah ich vor mir einen großen, ganz ſchwarzen Mann.““ „„War es zufällig der Teufel?““ „„Nein; denn nach ſeinem Abgange hätte ich den Schwefel gerochen... Da fragte er mich, ob der Abbé Dominique zurückgekommen ſei.„Nein,“ antwortete ich ihm,„noch nicht.“ „— Wohl, ſo ſage ich Ihnen, daß er heute Abend oder morgen früh zurückkommen wird.“ Das war gräßlich genug, wie mir ſcheint!““ ℳ 7„ „— Ah!“ erwiederte ich,„— er wird heute Abend oder morgen früh zurückkommen? Nun wohl, das freut mich, ſo wahr ich Perine heiße.“„— Iſt er Ihr Beichtvater?“ fragte er mich lachend. „— Mein Herr,“ antwortete ich,„— erfahren Sie, daß ich nicht jungen Leuten von ſeinem Alter beichte.“„— Ah!... Nun, ſo thun Sie mir den Gefallen und ſagen Sie ihm... Doch nein, es iſt beſſer.. Haben Sie eine Feder, Papier und Tinte?“ „— Bei Gott! eine ſchöne Frage!“„— Ich will ihm ſchreiben; geben Sie mir, was ich hiezu brauche.“ Ich gab ihm ſeine Tinte, ſeine Feder und ſein Papier, und er ſchrieb dieſen Brief.„— Haben Sie nun Oblaten oder Siegellack?“ fragte er.„— Oh! was das betrifft, nein,“ antwortete ich ihm,„— das habe ich nicht.“ — nge 2 gen. nig; mir eute Das heute vohl, —Iſt hren Alter dn s iſt te?“ will che.“ pier, nun was habe — 67 „„Sie hatten das nicht?““ bemerkte die Barbette. „„Doch! warum ſoll ich aber Unbekannten ein Geſchenk mit meinem Siegellack und mit meinen Oblaten machen?““ „„In der That, das wäre mit der Zeit ein Ruin.“ „„Ah! es iſt nicht gerade wegen des Ruins; doch es hat das Anſehen, als mißtraute man den Leuten, wenn man von ihnen etwas zum Verſiegeln der Briefe verlangt.““ „„Ja, und dann genirt das, will man den Brief leſen, wenn ſie abgegangen ſind; aber,““ fuhr die Barbette fort, indem ſie einen Blick auf den Brief warf,„„wie kommt es, daß er geſiegelt iſt?““ „„Oh! ſprechen Sie mir nicht hievon! er ſtörte in ſeinem Portefeuille und ſuchte ſo lange, bis er eine alte Oblate fand.““. „„So daß Sie nicht wiſſen, was der Brief ent⸗ „„Bei meiner Treue, nein. Wozu ſollte es mich auch nützen, zu wiſſen, daß Herr Dominique ſein Sohn iſt, daß er Herrn Dominique heute um Mittag in der Himmelf ahrts⸗Kirche an den dritten Pfeiler, links vom Eingange, angelehnt erwarten wird, und daß er unter dem Namen Dubreuil in Paris iſt?““ „„Sie haben den Brief alſo doch geleſen?““ Oh ich habe ihn ein wenig klaffen laſſen; ich wurde neugierig, zu erfahren, warum er durchaus eine Oblate haben wollte.“ „Gerade in dieſem Augenblicke hörte man die Glocke von Saint⸗Sulpice. „„Ah!““ rief die g der Rue du Pot de⸗ Fer,„„und ich vergaß...“ 68 Was denn?““ „„Daß um neun Uhr ein Begräbniß ſtattfindet. Guti und mein Schlingel von einem Manne iſt trin⸗ ken gegangen! Immer dieſelben Streiche, was! er macht immer dieſelben Streiche! Durch wen ſoll ich meine Thüre bewachen laſſen? Durch meine Katze?““ „„Nun, bin ich denn nicht da?“ fragte die Bar⸗ bette. „„Wahrhaftig?““ ſagte die Andere,„„Sie wür⸗ den mir einen ſolchen Dienſt thun?““. „„Oh! wie einfältig! muß man ſich nicht auf dieſer Welt einander beiſtehen?““ „Und auf dieſe Verſicherung ging die Stühlever⸗ mietherin von Saint⸗Sulpice, um ihren Geſchäften obzuliegen.“ „Ja, ich begreife,“ ſagte Gibaſſier,„und die Barbette, als ſie allein war, ließ den Brief ebenfalls klaffen.“ „Ah! ſie hielt ihn über den Dampf des Siede⸗ keſſels, öffnete ihn und ſchrieb ihn ab, ſo daß wir zehn Minuten nachher den ganzen Brief hatten.“ „Und der Brief ſagte?“ „Was die Portière von Nr. 28 ſchon geſagt hatte. Uebrigens iſt hier der Text,“ erwiederte Car⸗ magnole. Und er zog ein Papier aus ſeiner Taſche und las laut, während Gibaſſier leiſe las: „Mein lieber Sohn, ich bin ſeit heute Abend unter dem Namen Dubreuil in Paris: mein erſter Beſuch hat Dir gegolten. Man ſagt mir, Du ſeiſt nicht zurückgekehrt, man habe Dir aber meinen erſten ——— en—= S 8 et. in⸗ er ich ar⸗ ür⸗ auf ver⸗ ften die alls ede⸗ wir ſagt Car⸗ und bend erſter ſeiſt erſten 69 Brief zugeſchickt, und Du kannſt folglich nicht ſäumen. Kommſt Du heute Nacht oder morgen früh an, ſo findeſt Du mich um Mittag in der Himmelfahrts⸗ Kirche; ich werde an den dritten Pfeiler, vom Ein⸗ gange links, angelehnt ſein.“ „Ah!“ ſagte Gibaſſier,„ſehr gut!“ Und da ſie ſo von ihren Angelegenheiten und von denen Anderer plaudernd zur letzten Stufe der Vorhalle der Himmelfahrts⸗Kirche gelangt waren, ſo traten ſie in die Kirche ein, als es eben Mittag ſchlug. Im dritten Pfeiler links ſtand Herr Sarranti angelehnt, während bei ihm knieend Dominique, ohne von Jemand geſehen zu werden, ihm die Hand küßte. Wir täuſchen uns, er war von Gibaſſier und von Carmagnole geſehen worden. VII. Wie man einen Aufſtand macht. Ein Blick genügte den zwei Männern; ſie dreh⸗ ten ſich ſogleich auf den Abſätzen und wandten ſich der entgegengeſetzten Seite, das heißt gegen den hor. Als ſie ſich aber wieder umdrehten und zurück⸗ kamen, kniete Dominique immer noch auf derſelben Stelle, doch Herr Sarranti war nicht mehr da. Es hätte, wie man ſieht, wenig gebraucht, daß die Unfehlbarkeit von Herrn Jackal von Gibaſſier in 70 Zweifel gezogen werden konnte, nichtsdeſtoweniger war ſeine Bewunderung für den Polizeichef nur größer; die Scene, die er bezeichnet, das Gemälde, das er beſchrieben, hatten nur die Dauer des Blitzes gehabt, doch Scene und Gemälde hatten eriſtirt. „Ei! ei!“ ſagte Carmagnole,„ich ſehe immer noch den Mönch, doch ich ſehe unſeren Mann nicht mehr.“ Gibaſſier erhob ſich auf den Fußſpitzen, ſchoß ſeinen geübten Blick in die Tiefen der Kirche, und lächelte. „Ich ſehe ihn,“ ſagte er. „Wo denn?“ „Zu unſerer Rechten, in ſchräger Linie.“ „Ich folge.“ „Schauen Sie.“ „Ich ſchaue.“ „Was ſehen Sie?“ „Einen Academiſten, der ſchnupft.“ „Das iſt, um ſich i zu erhalten; er glaubt, er ſei in einer Sitzung. Und was ſehen Sie hinter dem Academiker?“ „Einen Schlingel, der eine Uhr ſtiehlt.“ „Das iſt, um ſeinem alten Vater die Stunde zu ſagei, Carmagnole..„Und hinter dem Schlingel?“ „Einen jungen Mann, der ein Billet in das Ge⸗ betbuch eines Mädchens ſteckt.“ „Seien Sie überzeugt, daß dies kein Beerdigungs⸗ billet iſt. Und hinter dieſem glücklichen Paare?“ „Einen guten Mann, der ſo traurig ausſieht, als ob er begraben wünde. Ich, habe dieſen Mann bei allen Beerdigungen geſehen.“ —————————————— ————en—— er ur e, es ht oß nd — 7¹ „Mein lieber Carmagnole, ohne Zweifel hat er im Grunde ſeines Herzens den melancholiſchen Ge⸗ danken, er werde der ſeinigen nicht beiwohnen... Nun ſind Sie aber bald dabei, mein Buſenfreund. Was ſehen Sie hinter dem traurigen Greiſe?“ „Ah! es iſt wahr, unſern Mann. Er ſpricht mit Herrn von Lafayette.“ „Wahrhaftig! das iſt Herr von Lafayette?“ ſagte Gibaſſier mit jener Ehrfurcht, welche die gemeinſten und elendſten Leute für den edlen Greis hegten. „Wie!“ rief Carmagnole mit Erſtaunen,„Sie kennen Herrn von Lafayette nicht?“ „Ich habe Paris am Abend vor dem Tage ver⸗ laſſen, wo ich ihm als peruvianiſcher Kazike, der herbei gekommen, um die franzöſiſche Conſtitution zu ſtudiren, vorgeſtellt werden ſollte.“ In dieſem Augenblicke, und als die zwei Ge⸗ fährten, die Hände auf dem Rücken und mit ſehr harmloſer Miene, langſam gegen die Gruppe zugin⸗ gen,— welche in der That aus dem General La⸗ fayette, Herrn von Marande, dem General Pajol, Dupont(de lEurc), und Einigen von den Männern peſtand, welche ihre Oppoſition der allgemeinen Po⸗ pularität bemerkbar machte,— in dieſem Augen⸗ blicke, ſagen wir, waren ſie von Salvator ſeinen Freunden bezeichnet worden. Gibaſſier hatte nichts von dem verloren, was in der Gruppe der jungen Leute vorgegangen war. Gi⸗ baſſier ſchien mit einer beſondern Fähigkeit in Be⸗ treff des dritten Sinnes begabt; er ſah zugleich rechts und links wie die Schieler, und vorne und hinten wie die Kamäleone. 72 „Mein lieber Carmagnole,“ ſagte Gibaſſier, in⸗ dem er ihm mit einem Augenwinke die Gruppe der fünf jungen Leute bezeichnete,„ich glaube, dieſe Herren erkennen uns; es wäre gut, wenn wir uns trennen würden, wohlverſtanden auf einen Mo⸗ ment. Ueberdies würden wir unſern Mann nur um ſo beſſer belauern, und es gibt einen Ort, wo wir uns mit Sicherheit immer wiederfinden.“ „Sie haben Recht,“ erwiederte Carmagnole,„man vermöchte nicht vorſichtig genug zu Werke zu gehen. Die Verſchwörer ſind ſchlauer, als man glaubt.“ „Sie ſprechen da eine ſehr gewagte Anſicht aus, Carmagnole; doch gleichviel, es iſt nichts Schlimmes dabei, glauben zu laſſen, was Sie ſagen.“ „Sie wiſſen, daß wir nur Einen zu verhaften haben?“ „Allerdings; was würden wir mit dem Mönche thun? Er brächte uns die ganze Geiſtlichkeit auf den Nacken.“ „lind zu verhaften unter ſeinem Namen Dubreuil, wegen des in der Kirche verurſachten Aergerniſſes.“ „Wegen keiner andern Sache.“ „Gut!“ ſagte Carmagnole, indem er ſich gegen rechts wandte, während ſich ſein Gefährte gegen links wandte. Dann ſtellte ſich Jeder, eine krumme Linie be⸗ ſchreibend, Carmagnole auf die Rechte des Vaters und Gibaſſier auf die Linke des Sohnes. Die Meſſe begann in dieſem Augenblicke. Sie wurde mit Salbung geleſen, mit Sammlung gehört. Nach Beendigung der Meſſe traten die jungen in⸗ der ieſe ins No⸗ um wir en ks be⸗ rs n en 73 Leute der Schule von Chalons, welche den Sarg bis in die Kirche getragen hatten, hinzu, um ihn wieder aufzunehmen und bis auf den Friedhof zu tragen. Aber in dem Augenblicke, wo ſie ſich bückten, um ihre Anſtrengungen zu vereinigen und die Laſt mit einer gleichzeitigen Bewegung aufzuheben, ſchien eine Perſon von hoher Geſtalt, ſchwarz gekleidet, doch ohne Auszeichnung, aus der Erde hervorzukommen, und rief mit dem Tone eines Mannes, der das Recht hat, zu befehlen: „Rühren Sie dieſen Sarg nicht an, meine Herren!“ „Und warum nicht?“ fragten erſtaunt die jungen eute. „Ich habe Ihnen keine Rechenſchaft zu geben,“ antwortete der ſchwarze Mann;„rühren Sie den Sarg nicht an.“ Hierauf wandte er ſich an den Todtencommiſſär und fragte: „Wo ſind Ihre Träger, mein Herr?“ Der Todtencommiſſär trat vor und erwiederte: „Ei! ich glaubte, dieſe Herren ſollten den Leich⸗ nam tragen...5 „Ich kenne dieſe Herren nicht,“ unterbrach heftig der ſchwarze Mann.„Ich frage Sie, wo Ihre Träger ſeien: laſſen Sie dieſelben auf der Stelle kommen.“ Man begreift, welchen Aufruhr in der Kirche dieſer ſeltſame Zwiſchenfall hervorbrachte. Ein un⸗ geheures Getöſe ähnlich dem, welches von den Wel⸗ len während der unheilſchwangern Minuten, die dem Sturme vorhergehen, aufſteigt, erhob ſich auf allen . 74 Seiten; ein furchtbares Gebrülle drang aus der Bruſt der Menge hervor. Der Unbekannte fühlte ſich ohne Zweifel durch eine unwiderſtehliche Macht unterſtützt, denn er empfing dieſen Lärmen mit einem Lächeln der Ver⸗ achtung. „Träger!“ wiederholte er. „Nein, nein, nein, keine Träger!“ riefen die Zöglinge. „Keine Träger!“ wiederholte die Menge. „Mit welchem Rechte,“ fuhren die Zöglinge fort, „mit welchem Rechte wollen Sie uns verhindern, die ſterblichen Ueberreſte unſeres Wohlthäters zu tragen, während wir von der Familie die Erlaubniß erhal⸗ ten haben?“ „Das iſt falſch,“ erwiederte der Unbekannte,„die Familie widerſetzt ſich im Gegentheile förmlich, daß der Körper anders als auf die gewöhnliche Art ge⸗ tragen werde.“ „Iſt das wahr, meine Herren?“ fragten die jun⸗ gen Leute, ſich an die Grafen Gaötan und Alexan⸗ dre de la Rochefoucauld wendend, welche in dieſem Augenblicke herbeikamen, um ihren Platz hinter dem Leichname ihres Vaters zu nehmen;„iſt das wahr, meine Herren, verbieten Sie uns, die Ueberreſte unſeres Wohlthäters und Ihres Vaters, der auch der unſere war, zu tragen?“ Alles dies ging unter einem unbeſchreiblichen, er⸗ ſchrecklichen Tumulte vor. Als man aber dieſe Frage hörte, als man ſah, daß der Graf Gastan zu antworten ſich anſchickte, rief man von allen Seiten: — ie em em hr, ch er⸗ h, ie 75 „Stille! Stille! Stille!“ Die Stille trat wie durch einen Zauber ein, und man hörte den Grafen Gaötan mit zugleich ernſtem, ſanftem und dankbaren Tone antworten: „Weit entfernt, ſich zu widerſetzen, hat Sie die Familie hiezu ermächtigt, und ſie ermächtigt Sie abermals.“ Auf dieſe Worte erfolgte ein Freudengeſchrei, das von der Firſte bis zur Baſis der Kirche erſcholl. Der Todtencommiſſär hatte indeſſen die Träger herbeikommen laſſen, und dieſe hatten ſchon die Trag⸗ bahre ergriffen; als ſie aber die Worte des Grafen Gastan hörten, übergaben ſie den Sarg wieder den jungen Leuten, und dieſe ſetzten ihn auf ihre Schul⸗ tern und gingen mit frommem Weſen aus der Kirche ab. Man durchſchritt ziemlich ruhig den Hof, dann trat man in die Rue Saint⸗Honoré ein. Der Mann, der das Aergerniß verurſacht hatte, war wie durch Zauber verſchwunden. Man mochte ſich immerhin in allen Gruppen fragen, Niemand hatte ihn weggehen ſehen, Niemand hatte ihn vor⸗ überkommen ſehen. Sobald man in der Rue Saint⸗Honoré war, bildete ſich der Zug wieder: zuerſt die Söhne des Herzogs de la Rochefoucauld, ſodann hinter ihnen nahmen in großer Anzahl Pairs von Frankreich, Ab⸗ geordnete, Perſonen ausgezeichnet durch ihr perſön⸗ liches Verdienſt oder hervorragend durch ihre Stel⸗ lung, Freunde oder Verwandte des Herzogs, nach und nach ihren Platz. Der Herzog de la Rochefoucauld war General⸗ 76 lieutenant. Eine Ehrenescorte war ihm gegeben worden. Alles ſchien alſo beſchwichtigt, als in dem Augen⸗ blicke, wo man es am wenigſten erwartete, derſelbe Mann, der ſchon das Aergerniß in der Kirche verur⸗ ſacht hatte, plötzlich wiedererſchien, als ob er zum zweiten Male unter der Erde hervorkäme. Die Menge, ſobald ſie ihn erkannte, ſtieß einen Schrei der Entrüſtung aus. Er aber ging auf den Officier zu, der die Ehren⸗ escorte commandirte, und ſagte ihm ein paar Worte ins Ohr, die Niemand hörte. Sodann ermahnte er ihn laut, den Agenten Bei⸗ ſtand zu leiſten, um die jungen Leute zu verhindern, den Sarg zu tragen, und ihn auf den Leichenwagen niederſetzen zu machen, der beſtimmt ſei, den Her⸗ zog aus Paris zu führen. Bei dieſer mit Anrufung der bewaffneten Macht zum zweiten Male erneuerten Prätenſion erhob ſich auf allen Seiten drohendes Geſchrei. Unter dieſem Geſchrei unterſchied man deutlich die Worte: „Nein, nein, willigen Sie nicht ein... Es lebe die Garde! Nieder mit den Mouchards! Nieder mit dem Polizeicommiſſär! An die Laterne mit dem Polizeicommiſſär!“ Und als natürliches Accompagnement dieſes Ge⸗ ſchreies entſtand vom Schweife bis zum Kopfe dieſer Menge eine Bewegung ähnlich der der Wellen der Fluth. Die letzte Woge drang ſo nahe zum Commiſſär, daß ſie ihn nöthigte, zurückzuweichen. —— en n⸗ be r⸗ m en nit em e⸗ ſer der är, — 77 Er wandte ſich nach der Seite, woher das Ge⸗ ſchrei kam, warf dieſer ganzen Menge einen drohen⸗ den Blick zu, und ſagte zum Officier: „Mein Herr, ich fordere Sie zum zweiten Male auf, mir Beiſtand zu leiſten!“ Der Officier warf einen Blick auf ſeine Leute: er ſah ſie feſt und düſter. Sie würden gehorchen, welcher Befehl auch gegeben werden ſollte Neues Geſchrei erhob ſich: „Es lebe die Garde! Nieder mit den Mouchards „Mein Herr,“ ſagte heftig der ſchwarze Mann zum Officier,„zum dritten und letzten Male fordere ich Sie auf, mir Beiſtand zu leiſten. Ich habe förm⸗ liche Befehle erhalten, und wehe Ihnen, wenn Sie mich verhindern, ſie zu vollziehen!“ Beſiegt durch den gebieteriſchen Ton des Com⸗ miſſärs und durch die drohende Form der Aufforde⸗ rung, gab der Officier einen Befehl mit halber Stimme, und in einem Augenblicke ſtrahlten die Bajonnete am Ende der Flinten. Unheil weiſſagendes Geſchrei, Rache⸗ und Todes⸗ geſchrei erſcholl von allen Seiten. „Nieder mit der Garde! Tod dem Commiſſär! Nieder mit dem Miniſterium! Tod Herrn von Cor⸗ bidrel An die Laterne mit den Jeſuiten! Es lebe die Preßfreiheit!“ Will nun der Leſer vom Ganzen auf die Einzel⸗ heiten und von der Menge auf Einige der Indivi⸗ duen übergehen, die ſie bildeten, ſo wird er, von uns geführt, einen Blick auf die Haltung der Per⸗ ſonen unſeres Buches werfen, in dem Momente, wo der Sarg, getragen von den Zöglingen der Schule 1 78 von Chalons, die Stufen der Himmelfahrts⸗Kirche hinabkam und ſich nach der Rue Saint⸗Honoré wandte. 2 Herr Sarranti und der Abbé Dominique, der Eine gefolgt von Gibaſſier, der Andere von Carmag⸗ nole, hatten ſich beim Ausgange aus der Kirche ein⸗ ander genähert, ohne daß es abſichtlich zu geſchehen ſchien, und ohne daß ſie ſich auch nur entfernt zu kennen ſchienen, und hatten einen Platz am Ende der Rue de Mondovi, das heißt, bei der Place de lOran⸗ gerie und gegenüber dem Tuilerien-Garten einge⸗ nommen. Herr von Marande und ſeine Freunde waren in der Rue du Mont⸗Thabor gruppirt, und warteten, daß ſich der Zug in Marſch ſetze. Salvator und unſere vier jungen Leute waren in der Rue Saint⸗Honoré, an der Ecke der Rue Neuve⸗ du⸗Luxembourg, ſtehen geblieben. Bei der Bewegung, welche von der Menge be⸗ werkſtelligt worden war, hatten ſich die Reihen enger angeſchloſſen, und die jungen Leute befanden ſich zwanzig Schritte von dem Gitter, das die Unfrie⸗ dung der Himmelfahrts⸗Kirche bildete. Sie wandten ſich um, als ſie das Geſchrei aus⸗ ſtoßen hörten, mit dem die entrüſtete Bevölkerung, mitten unter einem Leichenbegängniſſe, die Interven⸗ tion der bewaffneten Macht empfing. Doch unter Allen denjenigen, die ſo ihre Ent⸗ rüſtung kundgaben, waren die am meiſten Entrüſte⸗ ten die Menſchen mit gemeinen Geſichtern und mit ſcheelen Blicken, welche mit einer geſchickten Verſchwen⸗ dung in der Menge ausgeſtreut zu ſein ſchienen. e 39 Jean Robert und Petrus wandten ſich mit Ekel ab. Ihr Wunſch in dieſem Augenblicke wäre ge⸗ weſen, ſich aus dieſem Gedränge zu ziehen, über dem man etwas Unheil Verkündendes, Drohendes ſchwe⸗ ben fühlte; doch ſie ſahen ſich feſt gefaßt; es war unmöglich, ſich zu rühren, und alle ihre dem Ge⸗ fühle der Selbſterhaltung zugewandten Anſtrengun⸗ gen mußten ſich darauf beſchränken, daß ſie nicht erdrückt würden. Salvator, der ſonderbare Mann, der eben ſo vertraut mit den Myſterien der Ariſtokratie als mit den Arcanen der Polizei zu ſein ſchien, Salvator kannte übrigens die Mehrzahl von dieſen Menſchen, nicht nur von Geſichte, ſondern ſeltſamer Weiſe auch den Namen nach; und dieſe Namen waren für Jean Robert, den Dichter mit dem erhabenen Inſtincte, Abſteckpfähle eingepflanzt auf einem unbekannten, zu den, von Dante beſuchten, hölliſchen Kreiſen hinab⸗ gehenden Wege. Dieſe Menſchen, es waren Longue⸗Avoine, Mal⸗ daplomb, Brin⸗dAcier, Maillochon, kurz die ganze Schaar, die unſere Leſer in der Rue des Poſtes das kleine Haus haben belagern ſehen, in welchem Einer von ihnen, der arme Vol⸗au⸗Vent, einen ſo gefähr⸗ lichen und ſo ſehr mißglückten Sprung gemacht hatte; es waren, auf verſchiedene Weiſe gruppirt und mit dem Auge und der Geberde mit Salvator correſpon⸗ dirend, der ihnen durch dieſe zwei mimiſchen Mittel die größte Vorſicht empfahl, es waren Croc⸗en⸗Jambe und ſein Gevatter la Gibelotte, völlig ausgeſöhnt, der Letztere beſtändig ſeine Gegenwart durch den ſcharfen Baldriangeruch offenbarend, der ſo unange⸗ 80 nehm den Geruchsſinn von Ludovic in der Schenke an der Ecke der Rue Aubry⸗le⸗Boucher berührte, wo dieſe lange Geſchichte beginnt, die wir unſern Leſern zu erzählen im Zuge ſind; es waren Fafiou und der göttliche Copernic, mehr noch verbunden durch das Intereſſe, das Copernic hatte, ſich nicht mit Fafiou zu entzweien, als durch das, welches Fafiou hatte, ſich nicht mit Copernic zu veruneinigen. Copernic hatte alſo Fafiou die unbedachtſame Ge⸗ berde vergeben, welche der Pitre auf Rechnung einer Nervenzuckung ſetzte, die er nicht habe bemeiſtern können; nur ließ Copernic Fafiou ſchwören, die Sache werde ihm nicht mehr begegnen, ein Eid, den Fafiou mit dem ſtillſchweigenden Vorbehalte leiſtete, mit deſ⸗ ſen Hülfe man nach der Behauptung der Jeſuiten ſchwören kann, ohne verbunden zu ſein, etwas zu halten. Zehn Schritte von den zwei Künſtlern, und glück⸗ licher Weiſe durch eine compacte Maſſe von ihnen getrennt, waren Jean Taureau, unter ſeinem Arme haltend,— wie ein Gendarme ſeinen Gefangenen hält, wie Gibaſſier ſeinen Agenten hielt,— unter ſeinem Arme haltend das große blonde Mädchen, die Venus der Hallen, mit dem ſchlangenartig wogenden Leibe, die man Fifine nannte. Wir ſagen glücklicher Weiſe, denn Jean Tau⸗ rean hatte Fafiou gerochen, wie Ludovic la Gibelotte gerochen hatte, obgleich wir den armen Jungen durch⸗ aus nicht beſchuldigen, er habe denſelben Geruch ausge⸗ dünſtet,— und man weiß, welchen tiefen Haß, welchen eingewurzelten Widerwillen der robuſte Zimmermann gegen ſeinen ſchwächlichen Nebenbuhler hegte. — nen— S S„ ke wo rn er as ou te, e⸗ er 8¹ Unfern von da waren die zwei Kameraden, welche den jungen Leuten in der Schenke eine Schlacht ge⸗ liefert hatten. Sac⸗APlätre, dieſer einem Brande vom zweiten Stocke Maurer, der bei ſein Kind und ſeine Frau in die Arme des farneſiſchen Hercules, genannt Jean Taureau, geworfen un d dann ſich ſelbſt hinabgeſtürzt hatte; Sac⸗A-Plätre weiß wie die Sub⸗ ſtanz, die er anzurühren pflegte, un d die ihm dieſen Spitznamen eingetragen hatte, Sac⸗à⸗Plätre hing am Arme eines Rieſen, der ſo ſchwarz war, als er, Sac⸗ APlätre, weiß dieſer Rieſe, welcher d er Titan, der Ge⸗ mahl der Nacht zu ſein ſchien, war der übermäßig große Kohlenbrenner, den Jean Ta ureau, an einem Tage der Schuffuchſerei, Touſſaint⸗Louverture ge⸗ nannt hatte. Es waren überdies alle die in Trauer gekleideten Perſonen, die wir im Hofe der Prä Befehle von Herrn Jackal und das gange erwartend, geſehen haben. fectur, die letzten Signal zum Ab⸗ In dem Augenblicke, wo ſich die Soldaten mit gefälltem Bajonnet dem Sarge näherten, warfen ſich etliche und zwanzig Perſonen, einer des Edelmuths nachgebend, zwiſchen linge der Schule von Chalons, d trugen. Der Officier, aufgerufen, ob er erſten Bewegung ſie und die Zög⸗ ie den Leichnam den Muth hätte, ſich der Bajonnete ſeiner Soldaten gegen junge Leute zu bedienen, deren einziges Verbrechen es ſei, daß ſie ihrem Wohlthäter ihre Ehrfur Ofſicier antwortete, der Befehl ſei Nur forderte er ſeinerſeits un Dumas, Salvator. I. cht bezeigen, der förmlich, und er wolle nicht ſeiner Stelle entſetzt werden. d ein letztes Mal 6 82 diejenigen, welche ihn an der Erfüllung ſeiner Pflicht verhindern wollten, auf, ſich zurückzuziehen, und ſich an die durch dieſe lebendige Mauer beſchützten Träger wendend, befahl er dieſen, den Sarg auf die Erde niederzuſetzen. „Thut es nicht! gehorcht nicht!“ rief man von allen Seiten.„Wir ſind da, um Euch zu unter⸗ ſtützen!“ Und die jungen Leute ſchienen wirklich durch ihre feſten Worte und ihre kräftige Haltung ent⸗ ſchloſſen, eher Alles zu wagen, als zu gehorchen. Der Officier gab ſeinen Leuten den Befehl, die Bewegung fortzuſetzen. Die Bajonnete, die ſich wie⸗ der einen Augenblick erhoben hatten, ſenkten ſich aufs Neue. „Tod dem Commiſſär! Tod dem Officier!“ brüllte die Menge. Der ſchwarze Mann hob den Arm empor: das Pfeifen eines Caſſe⸗tte wurde hörbar, und an den Schlaf getroffen, ſtürzte ein Mann, in ſeinem Blute gebadet, zu Boden. Wir hatten zu jener Zeit noch nicht die furcht⸗ baren Aufſtände vom 5. und 6. Juni, vom 13. und 14. April durchgemacht, und ein erſchlagener Mann war noch Etwas. „Mord! Mord!“ rief die Menge. Als hätten ſie nur auf dieſen Ruf gewartet, zogen zwei⸗ bis dreihundert Agenten unter ihren Ueberröcken ihre Caſſe⸗tétes hervor, welche dem ähn⸗ lich, deſſen Wirkung man ſo eben geſehen hat. Der Krieg war erklärt. Diejenigen, welche Stöcke hatten, hoben ſie auf, cht ich er de on er⸗ rch nt⸗ die ie⸗ ſich llte s den ute cht⸗ ind mn tet, ren hn⸗ uf, 83 diejenigen, welche Meſſer hatten, zogen ſie aus ihren Taſchen. Gut geſchürt, wie man mit dem Kunſtausdrucke ſagt, kam der Aufſtand zum Ausbruche. Jean Taureau, der Mann mit dem ſanguiniſchen Muthe, das heißt der Mann der erſten Bewegung, Jean Taureau vergaß die ſtummen Ermahnungen von Salvator. „Ahl ah!“ ſagte er, indem er den Arm von Fifine losließ und in ſeine Hände ſpuckte,„ich glaube, wir werden uns meſſen.“ Und, als wollte er ſeine Kräfte derſuchen, nahm er bei den Flanken den erſten den beſten Agen⸗ ten, der ſich in ſeinem Bereiche fand, und ſchickte ſich an, ihn gleichviel wohin zu werfen. „Herbei! zu Hülfe! zu Hülfe, Freunde!“ rief der Agent mit einer Stimme, welche immer mehr unter dem Drucke der eiſernen Hände von Jean Taureau erloſch. Brin⸗dAcier hörte dieſen Nothſchrei, und wie eine Schlange durch die Menge ſchlüpfend, näherte er ſich von hinten und hob ſchon gegen Jean Taureau einen kurzen, ausgebleiten Stock auf, als ſich Sac⸗ aPlätre zwiſchen den Mouchard und den Zimmer⸗ mann ſtürzte und den Stock packte, während der Lumpenſammler, der, bei der Gruppe angelangt, wahrſcheinlich ſeinen Namen rechtfertigen wollte, Brin⸗ dAcier ein Bein unterſchlug und ihn rückwärts fallen machte. Von dieſem Augenblicke an war es ein entſetz⸗ liches Gemenge, und man fing an ſchrille Schreie 84 der mit der Volksmaſſe vermiſchten Weiber zu ver⸗ nehmen. Von Jean Taureau, wie Antäus von Hercules, um den Leib gepackt, ließ der Agent ſeinen Caſſe⸗téte los, und er rollte zu den Füßen von Fifine. Dieſe hob ihn auf, und, den Aermel bis an den Ellenbo⸗ gen zurückgeſtreift, die blonden Haare im Winde flatternd, ſchlug ſie, nach rechts und nach links, auf Alles, was ſich ihr zu nähern verſuchte. Zwei bis drei Schläge, männlich von der Bradamante verſetzt, concentrirten auf ihr die Aufmerkſamkeit von ein paar Polizeimännern, und ſie wäre unfehlbar todt⸗ geſchlagen worden, als ſich Copernic und Fafiou einen Durchgang zu ihr öffneten. Der Anblick von Fafiou, der ſich Fifine näherte, machte, daß Jean Taureau einen gewaltſamen Ent⸗ ſchluß faßte. Er ſchleuderte den Agenten durch die Menge, wandte ſich gegen den Pitre um und ſagte: „Das iſt Einer.“ Und den Arm ausſtreckend, packte er Fafiou beim Kragen. Doch kaum hatte die Hand das Kleid berührt, als Jean Taureau einen Streich, mit einem ausge⸗ bleiten Stocke empfing, der ihn Fafiou los laſſen machte. Er erkannte die Hand, die ihn geſchlagen hatte. „Fifine!“ rief er ſchäumend vor Zorn,„Du willſt alſo, daß ich Dich umbringe?“ „Du, großer Feiger!“ ſagte ſie;„wage es doch ein wenig, Deine Hand gegen mich zu erheben!“ „Nicht gegen Dich, ſondern gegen ihn.“ „Seht doch dieſen Taugenichts,“ ſagte ſie zu er⸗ es, éte eſe bo⸗ nde auf bis etzt, ein odt⸗ iou rte, Ent⸗ die te: eim hrt, sge⸗ ſſen atte. „Du doch . z 85⁵ Sac⸗A⸗Plätre und zu Croc⸗en⸗jambe,„will er nicht einen Mann erwürgen, der mir das Leben gerettet hat?“ Jean Taureau ſtieß einen Seufzer aus, der einem Gebrülle glich; dann ſprach er zu Fafiou: „Geh! und iſt Dir Dein Leben lieb, ſo zeige Dich ſo wenig als möglich auf meinem Wege!“ Während dieſe Dinge rechts in der Gruppe von Jean Taureau und ſeinen gewöhnlichen Wirthshaus⸗ kameraden vorgingen, wollen wir ſehen, was ſich links in der Gruppe von Salvater und unſeren vier jungen Leuten zutrug. Salvator hatte, wie wir geſehen, Juſtin, Petrus, Jean Robert und Ludovic die ſtrengſte Neutralität empfohlen, und dennoch hatte Juſtin, dem Anſcheine nach der Ruhigſte von Allen, dieſer Ermahnung zu⸗ wider gehandelt. Sagen wir, wie ſie geſtellt waren. Juſtin ſtand links von Salvator, die drei ande⸗ ren jungen Leute ſtanden hinter ihnen. Plößlich hörte Juſtin drei Schritte von ſich einen ſchmerzlichen Schrei, ſodann eine Kinderſtimme, welche ihm zurief: „Zu Hülfe, Herr Juſtin! herbei!“ Bei ſeinem Namen angerufen, eilte Juſtin vor⸗ wärts, und er erblickte Babolin zu Boden geworfen und mit gewaltigen Fußtritten von einem Agenten mißhandelt. Mit einer Bewegung raſch wie der Gedanke ſtieß er den Agenten heftig zurück und neigte ſich, um Babolin ſich wieder auf ſeine Füße ſtellen zu helfen. Doch in dem Augenblicke, wo er ſich bückte, 86 ſah Salvator, wie ſich der Caſſe⸗téte eines Agenten über ihm erhob. Er ſtürzte auch vor und ſtreckte dabei die Hand aus, um Juſtin mit ſeinem Arme einen Wall zu machen, doch zu ſeinem großen Er⸗ ſtaunen blieb der Caſſe⸗téte aufgehoben, ohne nieder⸗ zufallen, während eine Stimme freundlich zu ihm ſagte: „Ei! guten Morgen, Herr Salvator! wie freut es mich, daß ich mit Ihnen zuſammentreffe!“ Dieſe Stimme war die von Herrn Jackal. ¹ VIII. Die Verhaftung. Herr Jackal hatte Juſtin als den Freund von Salvator und den Geliebten von Mina erkannt und war, die Gefahr wahrnehmend, die ihn bedrohte, zugleich mit Salvator vorgeſtürzt, um ihn dieſer Ge⸗ fahr zu entreißen. So waren ihre zwei Hände zuſammengetroffen. Hierauf ſollte ſich aber die Protection von Herrn Jackal nicht beſchränken. Er gab durch einen Wink ſeinen Leuten den Befehl, die Gruppe der jungen Leute zu reſpectiren, zog Salvator beiſeit und ſagte zu ihm, indem er ſeine Brille emporhob, um, während er ſprach, nichts von dem zu verlieren, was in der Menge vorging. „Mein lieber Salvator, einen guten Rath.“ „Reden Sie, lieber Herr Jackal.“ ten ckte me Er⸗ er⸗ hm eut von und hte, Ge⸗ rrn den en, er hts ing. 87 „Einen Freundesrath... Sie wiſſen, ob ich Ihr Freund bin?“ „Ich rühme mich wenigſtens deſſen,“ erwiederte Salvator. „Nun wohl, rathen Sie Juſtin und andern Per⸗ ſonen, die Sie intereſſiren dürften,“— und er bezeich⸗ nete mit dem Auge Petrus, Jean Robert und Ludovic,— „rathen Sie ihnen, ſage ich, ſich zu entfernen, und machen Sie es wie ſie.“ „Ah!“ rief Salvator,„und warum dies, Herr Jackal?“ Unglück widerfahren könnte.“ „ „Ja,“ machte Herr Jackal mit dem Kopfe. „Wir werden alſo einen Aufſtand haben?“ „Ich befürchte es ſehr. Was vor ſich geht, hat ganz das Anſehen, als führte es uns dahin, und ſo fangen alle Aufſtände an.“ „Ja, ſie fangen alle auf dieſelbe Art an,“ er⸗ wiederte Salvator.„Freilich,“ fügte er bei,„freilich endigen nicht alle auf dieſelbe Art.“ „Das wird gut endigen, dafür ſtehe ich Ihnen,“ ſprach Herr Jackal. „Ah! ſobald Sie dafür ſtehen. 4 „Ich habe keinen Schatten von Zweifel in dieſer Hinſicht.“ „Teufel!“ „Sie begreifen alſo, wie, trotz des ſpeciellen Schutzes, den ich Ihren Freunden zu gewähren ge⸗ neigt bin, ihnen, wie ich ſagte, Unglück widerfahren könnte; bitten Sie dieſelben daher, ſich zu entfernen.“ „Ich werde mich wohl hüten.“ 88 „Und warum?“ „Weil ſie bis zum Ende zu bleiben beſchloſſen haben.“ „In welcher Abſicht?“ „Aus Neugierde.“ „Bah! das wird nicht ſehr intereſſant ſein.“ „Um ſo mehr, als man nach dem, was Sie mir geſagt haben, einer Sache ſicher ſein kann: daß der Sieg auf Seiten des Geſetzes bleiben wird.“ „Nichtsdeſtoweniger laufen Ihre jungen Leute Gefahr...“ „Nun?“ „Wenn ſie bleiben.. „Was?“ „Ei! was man bei einem Aufſtande Gefahr läuft: ein wenig gequetſcht zu werden.“ „In dieſem Falle, Sie begreifen das, mein lieber Herr Jackal, beklage ich ſie nicht.“ „Ah! Sie beklagen ſie nicht?“ „Nein, ſie werden nur haben, was ſie verdienen.“ „Wie, was ſie verdienen?“ „Allerdings, ſie wollten einen Aufſtand ſehen: ſie mögen die Folgen ihrer Neugierde erdulden.“ „Sie wollten einen Aufſtand ſehen?“ wiederholte Herr Jackal. „Ja,“ erwiederte Salvator. „Sie wußten alſo, es werde ein Aufſtand ſtatt⸗ finden? Ihre Freunde hatten alſo Wind von dem, was vorgehen ſollte?“ „Ah! vollkommenen Wind, lieber Herr Jackal. Die älteſten Matroſen errathen die Stürme nicht nir er ute hr ber tt⸗ em, kal. icht 89 mit mehr Scharfſinn, als meine Freunde den Auf⸗ ſtand gewittert haben.“ „Wahrhaftig?“ „Allerdings. Geſtehen Sie übrigens, lieber Herr Jackal: man müßte ſehr böswillig ſein, um nicht zu begreifen, was vorgeht.“ „Gut! und was geht denn vor?“ ſagte Herr Jackal, indem er ſeine Brille auf ſeine Naſe ſetzte. „Sie wiſſen es nicht?“ „Durchaus nicht.“ „Nun wohl, ſo fragen Sie dieſen Herrn, den man dort verhaftet.“ „Wo denn?“ fragte Herr Jackal, ohne ſeine Brille aufzuheben, was bewies, daß er ſo gut als Salvator die Verhaftung, die man bewerkſtelligte, geſehen hatte.„Welchen Herrn?“ „Ah! es iſt wahr, Sie haben ein ſo kurzes Ge⸗ ſicht, daß Sie es nicht zu ſehen vermöchten. Ver⸗ ſuchen Sie es indeſſen.. Dort, zwei Schritte von einem Mönche.“ „Ja, in der That, ich glaube, ich erblicke etwas wie einen weißen Rock.“ „Ah! beim Himmel!“ rief Salvator,„das iſt ja der Abbé Dominique, der Freund des armen Co⸗ lombau. Ich glaubte, er ſei in der Bretagne, im Schloſſe Penhoél.“ „Er war wirklich dort,“ erwiederte Herr Jackal; „doch er iſt heute Morgen angekommen.“ „Heute Morgen? Ich danke Ihnen für Ihre gute Auskunft, Herr Jackal,“ ſagte lächelnd Salva⸗ tor.„Nun wohl, neben ihm, ſehen Sie?“ „Ah! bei meiner Treue, ja, ein Mann, den man 90 verhaftet, es iſt wahr. Ich beklage dieſen Bürger von ganzem Herzen.“ „Sie kennen ihn alſo nicht?“ „Nein.“ „Kennen Sie diejenigen, welche ihn verhaften?“ „Ich habe ein ſo ſchwaches Geſicht, und dann ſind es Viele, wie mir ſcheint.“ „Beſonders die Zwei, die ihn am Kragen halten.“ „Ja, ja, ich kenne dieſe Burſche. Doch wo Teu⸗ fels habe ich ſie geſehen? das iſt die Frage?“ „Sie erinnern ſich deſſen alſo nicht?“ „Wahrhaftig, nein.“ „Wünſchen Sie, daß ich Ihnen auf die Spur elfe?“ „Sie werden mir ein wahres Vergnügen machen.“ „Nun wohl, Sie haben den Einen, den Kleineren, in dem Augenblicke geſehen, wo er nach dem Bagno abging, und Sie haben den Andern, den Größeren, in dem Augenblicke geſehen, wo er aus demſelben zurückkam.“ „Ja! ja! ja!“ „Sind Sie nun dabei?“ „Das heißt, ich kenne ſie wie Vater und Mutter; es ſind Angeſtellte meiner Adminiſtration. Was Teufels machen ſie dort?“ „Ei! ich glaube, ſie arbeiten für Ihre Rechnung, mein lieber Herr Jackal!“ „Bah!“ verſetzte Herr Jackal,„vielleicht arbeiten die Burſche auch für die ihrige. Das begegnet ihnen manchmal.“ „Ei! in der That,“ ſagte Salvator,„ſehen Sie, da abſ Sa in U ur 5 A n, no n, r; as 9, en tet 91 da iſt Einer, der ſeinem Gefangenen die Uhrkette abſchneidet.“ „Ich ſagte es Ihnen ja!.. Ah! lieber Herr Salvator, die Polizei iſt ſehr ſchlecht beſtellt!“ „Wem ſagen Sie das, Herr Jackal?“ Und da er wahrſcheinlich nicht länger in der Geſellſchaft von Herrn Jackal geſehen werden wollte, ſo machte Salvator einen Schritt rückwärts und grüßte ihn. „Entzückt, das Glück gehabt zu haben, Ihnen zu begegnen, Herr Salvator,“ ſagte der Polizeichef, während er ſich ſeinerſeits entfernte und ſich mit raſchem Schritte nach der Gruppe wandte, wo Gi⸗ baſſier und Carmagnole Herrn Sarranti zu verhaf⸗ ten ſuchten. Wir ſagen ſuchten, denn, obſchon von den zwei Agenten am Kragen gepackt, betrachtete ſich Herr Sarranti entfernt nicht als verhaftet. Er hatte Anfangs parlamentirt. Auf die Worte:„Im Namen des Königs, ich verhafte Sie!“ zu gleicher Zeit von Carmagnole und von Gibaſſier in ſeine Ohren geſprochen, hatte er erwiedert:*5 „Sie verhaften mich! und warum?“ „Keinen Scandal!“ ſagte halblaut Gibaſſier; „wir kennen Sie.“ „Sie kennen mich?“ rief Sarranti, indem er einen Blick rechts und links auf die zwei Poliei⸗ menſchen warf. „Ja, Sie heißen Dubreuil,“ antwortete Car⸗ magnole. Man erinnert ſich, daß Herr Sarranti ſeinem * 9² Sohne geſchrieben hatte, er ſei in Paris unter dem Namen Dubreuil, und daß Herr Jackal, um aus der Verhaftung keine politiſche Angelegenheit zu machen, ſeinen zwei Agenten empfohlen hatte, den hartnäckigen Verſchwörer unter dieſem Namen zu verhaften. Als Dominique ſah, daß man ſeinen Vater ver⸗ haftete, ſtürzte er, von einer erſten Bewegung fort⸗ geriſſen, auf ihn zu. Herr Sarranti hielt ihn aber durch einen Wink zurück. „Miſchen Sie ſich nicht in dieſe Angelegenheit, mein Herr,“ ſagte er zum Mönche.„Ich bin das Opfer eines Irrthums, und morgen, deſſen bin ich ſicher, werde ich in Freiheit geſetzt werden.“ Der Mönch verbeugte ſich vor dieſer Ermahnung, die er wie einen Befehl empfing, und machte einen Schritt rückwärts. „Gewiß,“ ſprach Gibaſſier;„täuſchen wir uns, ſo wird Ihnen Ihr Recht widerfahren.“ „Und vor Allem,“ fragte Sarranti,„kraft wel⸗ chen Befehles verhaften Sie mich?“ „Kraft eines Vorführungsbefehles gegen einen gewiſſen Herrn Dubreuil, der Ihnen ſo ſehr gleicht, daß ich meine Pflicht zu verletzen glauben würde, wenn ich mich Ihrer nicht verſicherte.“ „Und warum, wenn Sie den Scandal ſo ſehr befürchten, verhaften Sie mich eher hier als an⸗ derswo?“ „Weil man die Leute verhaftet, wo man ſie trifft!“ antwortete Carmagnole. — S e er⸗ ten ſie 93 „Abgeſehen davon, daß wir Ihnen ſeit heute Morgen nachlaufen,“ fügte Gibaſſier bei. „Wie, ſeit heute Morgen?“ „Ja,“ erwiederte Carmagnole,„ſeitdem Sie das Hotel verlaſſen haben.“ „Welches Hotel?“ fragte Sarranti. „Das Hotel der Place Saint⸗André⸗des⸗Arcs,“ ſagte Gibaſſier. Bei dieſer letzten Bezeichnung durchzuckte es wie ein Blitz den Geiſt von Sarranti. Es ſchien ihm, er ſehe auf dem Geſichte, er höre in der Stimme von Gibaſſier Züge und Töne, die ihm nicht unbe⸗ kannt waren. Dann kehrte Alles in ſein Gedächtniß zurück, die Reiſe, der Ungar, der Courier mit den Depechen, der Poſtillon, Alles dies unbeſtimmt wie durch eine Wolke, dennoch aber klar genug, daß er mehr in⸗ ſtinctartig als anders keinen Zweifel hegte. „Elender!“ rief der Corſe erbleichend wie ein Todter, indem er die Hand unter ſeinen Rock ſtecte. Gibaſſier ſah die Klinge eines Dolches glänzen, und der Tod wäre vielleicht auf dieſen Strahl mit derſelben Geſchwindigkeit gefolgt, mit der der Donner auf den Blitz folgt, hätte nicht Carmagnole, der die Bewegung geſehen und begriffen hatte, mit beiden Händen die Hand, welche die Waffe hielt, gepackt. Da er ſich zugleich von den beiden Händen ge⸗ preßt fühlte, ſo machte ſich Sarranti, Alles zuſam⸗ menraffend, was der menſchliche Wille an Stärke in einem äußerſten Augenblicke geben kann, von dem doppelten Drucke los, ſprang, den Dolch in der Hand, mitten unter eine compacte Gruppe und rief: 9⁴ „Gebt Raum! gebt Raum!“ Doch Gibaſſier und Carmagnole ſprangen hinter ihm und hatten überdies durch einen verabredeten Ruf an alle ihre Gefährten appellirt. In einem Augenblicke bildete ſich ein undurch⸗ dringlicher Kreis um Sarranti, zwanzig Caſſe⸗tétes waren aufgehoben, und ohne Zweifel ſollte er er⸗ ſchlagen wie ein Stier unter dem Schlagbeile der Fleiſcher niederſtürzen, als eine Stimme erſcholl, welche rief: „Lebendig! man greife ihn lebendig.“ Die Agenten erkannten die Stimme, der man ſo gut gehorchte, von Herrn Jackal und ſtürzten ſich, da ſie wußten, ſie kämpfen unter den Augen ihres Chefs, auf Herrn Sarranti. Es herrſchte einen Augenblick ein entſetzliches Gemenge. Ein Mann zerarbeitete ſich aufrecht ſtehend unter zwanzig Männern; dann fiel er auf ein Knie; dann verſchwand er gänzlich. Als er ſeinen Vater zum zweiten Male fallen ſah, eilte ihm Dominique zu Hülfe; doch die Menge, welche Angſtſchreie ausſtoßend entfloh, wälzte ſich in dieſem Momente wie ein Strom nach der Straße und trennte den Sohn vom Vater. Um nicht fortgeriſſen zu werden, klammerte ſich der Mönch an das Gitter eines Hotels an; als aber die Menge ſich verlaufen hatte, waren Herr Sar⸗ ranti und die häßliche Gruppe, unter der er ſich zerarbeitete, verſchwunden. 3 ſ ſ ( ter en ch⸗ tes er⸗ der ll, ſo ich, res hes en ie; len ge, in aße ſich ber ar⸗ ſich 95 IX. Die officiellen Journale. Wir haben einige Proben von den Scenen ge⸗ geben, welche die Polizei von Herrn Delavau am 30. März des Jahres der Gnade 1827 ſpielte. Woher kam dieſer Scandal? was war die Urſache dieſer ſeltſamen, gegen die ſterblichen Ueberreſte des edlen Herzogs verübten Entheiligung? Niemand wußte es. Das Miniſterium konnte Herrn de la Rochefou⸗ cauld⸗Liancourt die Aufrichtigkeit ſeiner Geſinnung nicht vergeben. Ein la Rochefoucauld der Oppoſition angehören und mit ihr ſtimmen! wahrhaftig, das war ein Verbrechen der beleidigten Majeſtät, und das Miniſterium durfte es nicht verſäumen, es zu beſtrafen. Man vergaß den la Rochefoucauld der Fronde. Dieſer war allerdings beſtraft worden, zuerſt durch einen Büchſenſchuß mitten ins Geſicht, ſodann durch eine Untreue mitten ins Herz. Das Miniſterium hatte in der That Herrn de la Rochefoucauld,— dem modernen, wohlverſtanden, — alle ſeine unentgeldliche Functionen, und alle die auf Wohlthätigkeitsanſtalten bezügliche, die er übte, entzogen; doch nicht damit zufrieden, daß es ihn in ſeinem Leben verletzt, wollte es ihn auch noch in ſeinem Tode dadurch ſchlagen, daß es die dankbare Menge verhinderte, durch einen äußerlichen Act die Ehrfurcht und die Liebe kundzuthun, die der Be⸗ 96 völkerung von Paris die lange Laufbahn des Herzogs eingeflößt hatte, welche ausſchließlich dem materiellen und moraliſchen Wohle: dem Almoſen und dem Un⸗ terrichte, gewidmet war. Die Menge wußte alſo, woher der Befehl kam, und ganz laut nannte ſie Herrn von Corbière, den man, mit Recht oder mit Unrecht, zum Sündenbocke des Miniſteriums von 1827 gemacht hatte. Wir werden, in der Folge dieſer Erzählung die entſetzlichen Scenen der Unordnung, die fehlgeſchla⸗ genen Aufſtände ſehen, welche von der Polizei her⸗ rührten. Für den Augenblick halten wir die Haupt⸗ ſcenen von dieſem Tage für genügend, um eine Idee von dem entſetzlichen Gemenge und dem blutigen Kampfe zu geben, wozu die Obſ equien des ehrwürdigen Herzogs veranlaßten. Sagen wir, welche Urſachen dieſen Strom von Männern, Frauen und Kindern, der Dominique von Herrn Sarranti, den Vater vom Sohne trennte, aus⸗ treten gemacht hatten. In dem Augenblicke, wo der Aufruhr aufs Höchſte geſtiegen war, in dem Momente, wo ſich das Todes⸗ geſchrei, das Gebrülle der Männer, die Wehklagen der Frauen, das Wimmern der Kinder von allen ten hörbar machten, das heißt, wo die Soldaten, mit gefällten Bajonneten auf die Zöglinge der Schule von Chalons zumarſchirend, mit Gewalt ſich des Sar⸗ ges bemächtigen wollten, ertönte plötzlich kläglich ein durchdringender Schrei, gefolgt von einem un⸗ heimlichen Geräuſche, und durch dieſen Schrei, durch —————— dieſes Geräuſch wurden auf der Stelle und wie durch eir m au g3 en m, en cke die la⸗ er⸗ pt⸗ dee en en on oon us⸗ hſte es⸗ ge mit ule ar⸗ lich un⸗ urch urch 97 ein Wunder alles Geſchrei, alle Geräuſche, alles Gebrülle dieſes menſchlichen Oceans gehemmt. Es trat ein Augenblick erſchrecklicher Stille ein; man hätte glauben ſollen, das Leben ſei gleichzeitig aus jeder Bruſt entſchwunden. Dieſer Schrei war von den Fenſtern ausgegan⸗ gen, welche wie Logen über dem Theater angebracht waren, wo das ruchloſe Drama geſpielt wurde. Dieſer Schrei, die Menge hatte ihn ausgeſtoßen, als ſie einen von den jungen Leuten, welche den Sarg trugen, vom Bajonnet eines Soldaten verwun⸗ det ſah; dieſes unheimliche Geräuſch, das man ge⸗ hört, war das dumpfe Geräuſch vom Sarge des Her⸗ zogs, der, im Kampfe von den Soldaten nach rechts gezogen, von den jungen Leuten nach links gezogen, ſchwer auf das Fflaſter niederfiel. In demſelben Augenblicke, als hätte der Blitz mitten unter ſie geſchlagen, traten die Zuſchauer die⸗ ſer gräßlichen Scene, von einem unſäglichen Schrecken ergriffen zurück und ließen in dem ungeheuren leeren Raume, der ſich bei ihrem Rückzuge bildete, die jun⸗ gen Leute ganz beſtürzt allein. Schlecht gedeutet von denjenigen, welche die Er⸗ ſchütterung fühlten, ohne ihre Urſache zu kennen, veranlaßte dieſe Bewegung die Lawine, die wir in alle anliegende Straßen und beſonders in die Rue Mondovi ſich haben wälzen ſehen. Einer von den jungen Leuten lag auf dem Boden beim Sarge: er hatte einen Bajonnetſtich in die Seite bekommen. Seine Gefährten hoben ihn in ihren Armen auf und trugen ihn in ihren Reihen fort. Dumas, Salvator. I. 7 98 Man konnte ſeinem Wege nach der Blutſpur, die er zurückgelaſſen, folgen. Der Officier, der Polizeicommiſſär und die Sol⸗ daten waren Herren der Stellung geblieben. Das Geſetz hatte den Sieg davon getragen, wie Salvator ſagte, der, immer an demſelben Platze, mit einem Arme Juſtin, mit dem andern Jean Robert zurückhielt, während er zu Petrus und Ludovic ſagte: „Bei Ihrem Kopfe, rühren Sie ſich nicht!“ Riedergeſchlagen und beſchämt, näherten ſich die Soldaten dem halb zerbrochenen Sarge und hoben den Mantel und die auf dem Boden zerſtreuten, mit Koth bedeckten Inſignien des Verſtorbenen auf. Nach dieſem erſten furchtbaren, ungeheuren, tödt⸗ lichen Schrei, nach dieſer erſten Bewegung, welche die Menge in allen Richtungen, wo ſie ſich verlau⸗ fen zu können glaubte, hinausdrängte, trat, wie ge⸗ ſagt, eine Todesſtille ein, eine erhabene Stille, welche energiſcher als alles Geſchrei. In der That, die höchſte Proteſtation, die nach⸗ drücklichſte Vertheidigung, die ungeſtümſte Entrüſtung hätten nicht mehr pittere Vorwürfe, mehr blutige Drohungen enthalten, als dieſe geſammelte, ehrfurchts⸗ volle Haltung der Menge dem Leichname gegenüber, als dieſe ſtumme, ſtillſchweigende Mißbilligung den Entheiligern gegenüber. Mitten unter dieſem Stillſchweigen ſtürzte der Urheber dieſer ganzen Ruchloſigkeit, der ſchwarze Mann, der Polizeicommiſſär, in den Kreis, winkte den Trägern herbeizukommen, hieß ſie den Sarg auf den Leichenwagen ſetzen, und befahl dem Officier — 99 mit einer gebieteriſchen Geberde, ihm im Nothfalle beizuſtehen. Plötzlich aber wurden der Officier und der Com⸗ miſſär leichenbleich, und ihr Geſicht bedeckte ſich mit einem kalten Schweiße, als ſie durch die Spalten des an mehreren Stellen zerbrochenen Sarges gegen ſie, wie eine Drohung aus dem Grabe, einen der abge⸗ zehrten Arme des Leichnames ſich ausſtrecken ſahen, der, vom Leibe getrennt, nahe daran ſchien, auf das Pflaſter zu fallen. Sagen wir für diejenigen, welche uns beſchuldi⸗ gen dürften, wir machen Gräßliches mit kaltem Blute, daß aus der in Folge dieſes ärgerlichen Ereigniſſes vorgenommenen Unterſuchung hervorging, man habe, als der Sarg des Herzogs de la Rochefoucauld nach Liancourt, in die Familiengruft der la Rochefoucauld, geführt wurde, einen Theil der Nacht, welche der Beſtattung vorherging, damit zubringen müſſen, nicht nur den Sarg auszubeſſern, der, wie geſagt, halb zerbrochen war, ſondern auch um wieder in ihre natürliche Lage dieGlieder zu bringen, die ſich vom Körper abgelöſt hatten*). Fügen wir ſchleunigſt bei,— und wir werden auf dieſen traurigen Gegenſtand nicht mehr zurückkommen, — daß die Volksentrüſtung nur einen Schrei von einem Ende Frankreichs zum andern ausſtieß. Alle Journale, welche nicht dem Miniſterium ge⸗ hörten, gaben ihren Bericht über die entſetzliche Scene *) Achille von Vaulabelle, Histoire des Deus Re- staurations. 100 mit allem Zorne und mit aller Verachtung, welche dieſe ſchändliche Profanation verdiente. Die zwei Kammern waren das Echo dieſes Schreies; die Pairskammer beſonders, ſchwer getroffen in einem ihrer Mitglieder, beſchränkte ſich nicht darauf, daß ſie energiſch dieſe ruchloſe Gewaltthat tadelte, die den Leichnam eines Mannes ſchlug, deſſen einziges Verbrechen es geweſen war, daß er gegen die Re⸗ gierung geſtimmt hatte; ſie beauftragte ihren Groß⸗ referendär, ſich nach den Thatumſtänden zu erkun⸗ digen, und als der hohe Würdeträger der Kammer das Reſultat ſeiner Unterſuchung mittheilte, klagte er laut die Polizei an, ſie habe willkürlich dieſes Aergerniß verurſacht, ein um ſo mehr tadelnswerthes Aergerniß, als zahlreiche Vorgänge das Fortbringen eines Sarges mit den Armen rechtfertigten, und bei monchen Veranlaſſungen, beſonders bei den Obſequien von Delille, Béclard und Emmery, dem Superior des Seminars von Saint⸗Sulpice, die Polizei das Tragen ihrer Ueberreſteſ owohl durch ihre Freunde, als durch ihre Zöglinge erlaubt hatte. Der Sarg von Herrn Em⸗ mery, unter Anderem, war auf dieſe Art von den Zöglingen ſeines Seminars bis auf den Kirchhof von Iſſy getragen worden. err von Corbiöre hörte alle dieſe Vorwürfe und nahm ſie mit der ihm natürlichen hochmüthigen Kälte auf, welche manchmal in der Kammer ſo furchtbare Stürme gegen ihn erregte, und er glaubte nicht nur kein Wort des Tadels an den Agen⸗ ten richten zu müſſen, der die Leiche des redlichen Mannes beſchimpft hatte, welcher von ihm, dem Mi⸗ V—— — N ———— Bo 8 S 8o ei en bte en⸗ en Ri⸗ 101 niſter, im Leben beſchimpft worden war, ſondern er beſtieg ſogar die Tribune und antwortete: „Hätten ſich die Redner, die wir gehört, darauf beſchränkt, ihre peinlichen Gefühle auszudrücken, ſo würde ich ihren Schmerz geehrt und ein Stillſchwei⸗ gen beobachtet haben. Aber auch Klagen gegen die Adminiſtration!... Das Benehmen des Polizei⸗ präfecten und ſeiner Agenten iſt geweſen, was es ſein mußte, und ſie hätten anders handelnd, als ſie es gethan, ihre Pflicht verletzt und ſich meinem ge⸗ rechten Tadel preisgegeben.“ Die Kammer dankte dem Großreferendär für ſei⸗ nen Bericht und beſchloß, das Ende des gerichtlichen Verfahrens, das begonnen hatte, abzuwarten. Wohl⸗ verſtanden, das Verfahren hatte ein Ende, aber kein Reſultat. Während die unabhängigen oder die Oppoſitions⸗ Journale am andern Tage in ihrer erſten Colonne die Entrüſtung, deren Dolmetſcher ſie nur waren, kundgaben, veröffentlichten die Regierungsjournale eine vffenbar vom Miniſterium oder von der Prä⸗ fectur gekommene Note; denn, obgleich in drei ver⸗ ſchiedenen Zeitungen gedruckt, glich ſie ſich doch dem Inhalte und der Form nach. Es folgt hier ungefähr der Text dieſer Note, deren Zweck es wor, die Verantwortlichkeit der Sce⸗ nen vom vorhergehenden Tage auf die Rechnung der Bonapartiſten zurückzuwerfen. „Die Hydra der Anarchie erhebt wieder ihr Haupt, das man für immer abgeſchlagen glaubte; die Revo⸗ lution, die man erloſchen glaubte, erſteht wieder aus der Aſche. Sie rückt hervor, ganz bewaffnet, im 102 Schatten und in der Stille, und die Monarchie wird ſich aufs Neue ihrer ewigen Feindin gegenüber finden. „Achtung, treue Diener Seiner Majeſtät, auf, ergebene Unterthanen! der Altar und der Thron, der Prieſter und der König ſind bedroht! „Die bedauernswerthen Ereigniſſe von geſtern haben zu Scenen der Gewalt Anlaß gegeben; Ge⸗ ſchrei der Drohung, Geſchrei des Aufruhrs, Todes⸗ geſchrei iſt ausgeſtoßen worden. „Glücklicher Weiſe hielt der Polizeipräfect ſchon ſeit vierundzwanzig Stunden in ſeinen Händen die Hauptfäden des Complottes. Dank ſei es dem glühen⸗ den Eifer dieſes geſchickten Beamten, iſt das Com⸗ plott geſcheitert, und er hofft den Sturm beſchwichtigt zu haben, der noch einmal das Staatsſchiff zu ver⸗ ſchlingen drohte. „Der Chef dieſer weit umfaſſenden Verſchwörung iſt verhaftet worden. Er iſt in den Händen der Gerichte, und die Freunde der Ordnung, die treuen Unterthanen des Königs werden erkennen, von wel⸗ cher Wichtigkeit dieſer Fang, wenn ſie erfahren, daß der Chef dieſes Complottes, deſſen Zweck es war, den König vom Throne zu ſtürzen und den Herzog von Reichſtadt darauf zu ſetzen, kein Anderer iſt, als der berühmte Corſe Sarranti, welcher kürzlich aus Indien angekommen, wo das Complott geboren wurde. „Man ſchauert, denkt man an die Gefahr, mit der die Regierung Seiner Majeſtät bedroht war. Doch der Abſcheu wird bald auf die Entrüſtung folgen, und man wird nicht einmal mehr wiſſen, woran man ſich in Betreff dieſer Leute zu halten hat, welche, nachdem ſie dem Uſurpator gedient, ſeinem St Se ſtc ſt le er ſt n S W 103 Sohne dienen, wenn man erfährt, daß eben dieſer Sarranti, der ſich ſeit einigen Tagen in der Haupt⸗ ſtadt verbarg, derſelbe iſt, der Paris vor ſieben Jah⸗ ren unter dem Gewichte einer Anklage wegen Dieb⸗ ſtahls und Mords verlaſſen hat. „Diejenigen, welche die Journale jener Zeit ge⸗ leſen haben, erinnern ſich vielleicht, daß das Dörſchen Viry⸗ſur⸗Orge im Jahre 1829 der Schauplatz eines entſetzlichen Verbrechens war. Einer der angeſehen⸗ ſten Männer des Cantons fand, als er eines Abends nach Hauſe kam, ſeine Kaſſe erbrochen, ſeine Frau ermordet, ſeine zwei jungen Neffen entführt und den Hofmeiſter verſchwunden⸗ „Dieſer Hofmeiſter war kein Anderer als Herr Sarranti. „Eine gerichtliche Unterſuchung hat ſchon be⸗ gonnen.“, Se X. Seelengemeinſchaft. Der ausdrucksvolle Blick, den Herr Sarranti dem Abbé Dominique zugeworfen, und die paar Worte, die er im Augenblicke ſeiner Verhaftung geſprochen, geboten dem armen Mönche eine völlige Zurückhal⸗ tung, eine äußerſte Discretion. Von ſeinem Vater getrennt, lief Dominique raſch in der aufſteigenden Richtung der Rue de Rivoli fort. Hier fand er wieder eine aufgeregte, ſtürmiſche Gruppe, und er begriff, daß dieſe Gruppe, welche 10⁴ auf die Tuilerien zueilte, Herrn Sarranti zum Mittel⸗ punkte hatte. Er folgte daher, doch von fern, und wie er es kluger Weiſe wegen ſeiner ſo leicht erkenn⸗ baren Tracht thun mußte. Dominique war wirklich damals vielleicht der einzige Dominicaner, der in Paris wohnte. An der Ecke der Rue Saint⸗Nicaiſe hielt die Gruppe an, und von der Ecke der Place des Pyra⸗ mides, wohin er gelangt war, ſah Dominique den⸗ jenigen, welcher der Chef der Agenten zu ſein ſchien, einen Fiacre rufen, und in dieſen Fiacre, der auf ſeinen Ruf herbeikam, Herrn Sarranti einſteigen. Er folgte dem Fiacre, ſchritt über den Carrouſel⸗ platz ſo raſch als es ihm ſeine Kleidung erlaubte, und erreichte den Einlaß des Quai des Tuileries in dem Momente, wo der Fiacre ſich um den Pont Neuf wandte. agen offehbar Ver Bei Der Abbé Dominique, als er 5 an der' Ecke des Quai des Lunettes verſchwinden ſah, fühlte alles Blut ſeiner Adern nach ſeinem Herzen fließen und tauſend traurige Gedanken ihm zu Gehirne ſteigen. Er kehrte ganz vernichtet, den Leib gebrochen, die Seele voll tödtlicher Bangigkeit, nach Hauſe zurück. Zwei Tage und zwei Nächte in der Diligence zugebracht, die Gemüthsbewegungen aller Art des Tages, die Ungewißheit hinſichtlich der Urſachen, welche die Verhaftung ſeines Vaters motivirten, das 9 h n ſ 1——— N1 el⸗ nd m⸗ er ie ra⸗ en⸗ en, uf el⸗ te, nt rä⸗ er lte en en, iſe ice es en, as 105⁵ war mehr als es brauchte, um den kräftigſten Kör⸗ per zu beugen, um die muthigſte Seele zu zähmen. Als er in ſein Zimmer kam, war es ſchon Nacht. Er warf ſich auf ſein Bett, ohne Nahrung zu ſich zu nehmen, und verſuchte es, ein wenig zu ruhen. Aber es ſetzten ſich tauſend Geſpenſter zu Häupten ſeines Bettes, und nach einer Viertelſtunde war er wieder auf und ging haſtig in ſeinem Zimmer um⸗ her, als müßte er, um zu ſchlafen, den Reſt von Kraft oder von Fieber, der in ihm brannte, brechen. Die Unruhe trieb ihn hinaus. Da es Nacht geworden war, ſo bezeichnete ihn ſein, in der Dunkel⸗ heit verlorener, Rock nicht mehr der allgemeinen Auf⸗ merkſamkeit. Er ging nach der Polizeipräfectur, in der ſein Vater gewiſſer Maßen verſchlungen worden war; — ein Schlund dem ähnlich, in welchen ſich der Taucher von Schiller verſenkt, und aus welchem man, wie der Taucher, erſchrocken über die Ungeheuer aller Art, die man darin geſehen, hervorkommt. Er wagte es indeſſen nicht, einzutreten. Wußte man, daß Sarranti ſein Vater war, ſo war ſein Name eine Denunciation. War Herr Sarranti nicht unter dem Namen Dubreuil verhaftet worden? war es nicht beſſer, ihn unter der Wohlthat dieſes falſchen Namens einſper⸗ ren zu laſſen, der den gefährlichen, hartnäckigen Ver⸗ ſchwörer nicht verrieth? Dominique wußte noch nicht, aus welchem Grunde ſein Vater nach Frankreich zurückkam, doch er errieth wohl, es geſchehe wegen der Sache, der er ſein gan⸗ zes Leben geweiht hatte: wegen der Sache des Kai⸗ 106 ſers, oder, vielmehr da der Kaiſer todt war, wegen der des Herzogs von Reichſtadt. Zwei Stunden lang irrte der Sohn wie ein Schat⸗ ten um das Grab ſeines Vaters, und er ging von der Rue Dauphine nach der Place du Harlay, vom Quai des Lunettes nach der Place du Palais⸗de⸗ Juſtice, ohne Hoffnung, denjenigen wiederzuſehen, welchen er ſuchte, denn es wäre ein Wunder ge⸗ weſen, wäre er mit dem Wagen zuſammengetroffen, der ihn vom Depot nach einem andern Gefängniſſe führte; doch dieſes Wunder, Gott konnte es machen, und, gut, einfach und groß, hoffte Dominique inſtinct⸗ artig auf Gott. Diesmal ſah er ſich in ſeiner Hoffnung getäuſcht. Um Mitternacht ging er wieder nach Hauſe, legte ſich zu Bette, ſchloß die Augen und entſchlummerte endlich erſchöpft vor Müdigkeit. Doch kaum war er eingeſchlafen, als die pein⸗ lichſten Träume ihn beſtürmten. Der Alp ſchwebte, wie eine Rieſenfledermaus, die ganze Nacht über ſei⸗ nem Kopfe, und als der Tag kam, erwachte er; ſtatt ſeine Kräfte wiederherzuſtellen, hatte der Schlaf ſeine Müdigkeit nur vermehrt. Er ſtand auf und ſuchte wach die Eindrücke des Schlafes wiederzufinden; es ſchien ihm, als wäre mitten unter dieſem ſtürmiſchen Chaos ein Engel leuchtend und rein vorübergezogen. Ein junger Mann war zu ihm gekommen mit ſanftem, ehrlichem Geſichte, hatte ihm die Hand ge⸗ reicht und in einer unbekannten Sprache, die er je⸗ doch verſtanden, zu ihm geſagt:„Stütze Dich auf mich, und ich werde Dir beiſtehen.“ * =————————— ſich hat wat gen ren Bli O Ine nes den er ger bar ſich der Ge Hä Ver vat Au vor die zun unt die e⸗ ſſe ct⸗ t. te te te, ei⸗ tt ne es re el e⸗ e⸗ uf ——————————————— 107 Dieſes Geſicht war ihm bekannt. Nur fragte es ſich, wo, um welche Zeit, unter welchen Umſtänden hatte er es geſehen? War dieſe Perſon reell, oder war es nur eine von den unbeſtimmten Erinnerun⸗ gen, die man von einem früheren Leben zu bewah⸗ ren ſcheint, welches ſich dem unſeren nur in dem Blitze eines Traumes offenbart? war er nicht die Incarnation der Hoffnung, dieſer Traum des wachen Menſchen? Dominique, indem er klar in der Finſterniß ſei⸗ nes Gehirnes zu ſehen ſuchte, ſetzte ſich ganz nach⸗ denkend ans Fenſter, auf denſelben Stuhl, auf dem er am Abend vorher ſaß, um das Bild vom heili⸗ gen Hyacinth anzuſchauen, das heute abweſend. Da kehrte das Andenken an Carmelite und Colom⸗ bau in ſein Herz zurück, und dieſer zwei Freunde ſich erinnernd, erinnerte er ſich auch Salvators. Salvator war der Engel ſeiner Nacht, es war der ſchöne junge Mann mit dem ſanften, ehrlichen Geſichte, der während ſeines Schlafes zu ſeinen Häupten ſtehend von ſeinem Bette das Geſpenſt der Verzweiflung vertrieben hatte. Da zog die ſchmerzliche Scene, unter der Sal⸗ vator ihm erſchienen war, wieder ganz vor ſeinen Augen vorüber. Er ſah ſich noch, wie er im Pavillon von Colombau im Bas⸗Meudon ſaß und langſam die Todtengebete ſprach, während Thränen ſeinen zum Himmel emporgehobenen Augen entfielen. Plötzlich waren zwei junge Leute mit entblößtem und geneigtem Haupte in's Sterbezimmer eingetreten; dieſe zwei jungen Leute waren Jean Robert und Salvator. 108 Salvator, als er ihn erblickte, hatte eine Art von Freudengeſchrei von ſich gegeben, deſſen Sinn er nie hätte begreifen können, hätte Salvator, ſich ihm nähernd, nicht mit einer zugleich feſten und bewegten Stimme zu ihm geſagt:„Mein Vater, ohne es zu vermuthen, haben Sie das Leben dem Manne ge⸗ rettet, der vor Ihnen ſteht; und dieſer Mann, der Sie ſeitdem nie geſehen hat, der Ihnen ſeitdem nie begegnet iſt, hat Ihnen eine tiefe Dankbarkeit ge⸗ weiht. Ich weiß nicht, ob Sie meiner eines Tags bedürfen werden; doch bei dem Heiligſten, was je exiſtirt hat, bei dem Leibe des Ehrenmannes, der ſo eben verſchieden iſt, ſchwöre ich Ihnen, daß das Leben, welches ich Ihnen verdanke, Ihnen gehört.“ Und er, Dominique, hatte geantwortet:„Mein Herr, ich nehme dies an, obſchon ich nicht weiß, wann und wie ich Ihnen den Dienſt habe leiſten können, von dem Sie ſprechen; doch die Menſchen ſind Brüder und in die Welt geſtellt, um einander zu helfen. Bedarf ich alſo Ihrer, ſo werde ich zu Ihnen kom⸗ men. Ihr Name und Ihre Adreſſe?“ Man erinnert ſich, daß Salvator an den Schreib⸗ tiſch von Colombau gegangen war, ſeinen Namen und ſeine Adreſſe auf ein Papier, das er ſodann Sarranti übergab, geſchrieben hatte, und daß der Mönch das Papier zuſammengefaltet in ſein Gebet⸗ buch gelegt hatte. Dominique ging raſch in ſeine Bibliothek, nahm das Buch vom zweiten Fache, und fand das Papier bei dem Blatte, wo er es niedergelegt hatte. Sodann, als hätte ſich die Sache an demſelben Tage zugetragen, erinnerte er ſich der Kleidung, der Stin Sah mit Läch hatt das erſch mit ſelbe Kirc fahr wor wir die der niqt Con St aus zeht Art nal ſchl von nie ihm gten s zu ge⸗ der nie ge⸗ ines was „der das ört.“ Herr, und von rüder elfen. kom⸗ hreib⸗ amen dann ß der Hebet⸗ nahm apier ſelben g, der 109 Stimme, der kleinſten Einzelheiten der Perſon von Salvator, und er erkannte in ihm den jungen Mann mit der ſanften Stirne und dem ſympathetiſchen Lächeln, den er in ſeinem Traume wiedergeſehen hatte. „Auf!“ ſagte er,„es iſt nicht zu zögern, und das iſt eine Eingebung Gottes. Dieſer junge Mann erſchien wohl, ich weiß nicht unter welchem Titel, mit einem der höheren Agenten der Polizei, mit dem⸗ ſelben, mit dem ich ihn geſtern in der Himmelfahrts⸗ Kirche ſprechen ſah; durch dieſen Agenten kann er er⸗ fahren, aus welchem Grunde mein Vater verhaftet worden iſt. Kein Augenblick iſt zu verlieren, laufen wir zu Herrn Salvator.“ Er vollendete in Eile ſeine mönchiſche Toilette. In dem Momente, wo er weggehen wollte, trat die Concierge, in einer Hand eine Taſſe Milch, in der andern ein Journal haltend, ein; aber Domi⸗ nique hatte weder Zeit, ſein Journal zu leſen, noch zu frühſtücken. Er hieß die Concierge Alles auf die Conſole legen; ſagte ihr, er werde wohl in ein paar Stunden zurückkommen, einſtweilen jedoch müſſe er ausgehen. Er ſtieg raſch die Treppe hinab und kam nach zehn Minuten in die Rue Macon, vor das Haus, wo Salvator wohnte. Vergebens ſuchte er den Klopfer oder die Klingel. Die Thüre öffnete ſich, am Tage mittelſt einer Art von Kette, welche eine Klinke zog; bei Nacht nahm man die Kette herein, und die Thüre war ge⸗ ſchloſſen. Mochte noch Niemand ausgegangen ſein, war 110 die Kette durch einen Zufall nach innen gefallen, es war nicht möglich, die Thüre zu öffnen. Ohne Zweifel würde er kange geklopft haben, hätte nicht die Stimme von Roland Salvator und Fragola verkündigt, es komme ein unerwarteter Be⸗ ſuch. „Das iſt ein Freundesbeſuch!“ ſagte Salvatok. „Woran erkennſt Du dies?“ „Am munteren, einſchmeichelnden Bellen des Hundes. Deffne das Fenſter, Fragola, und ſieh, wer dieſer befreundete Beſuch iſt.“ Fragola öffnete das Fenſter und erkannte den Abbé Dominique, den ſie am Tage des Todes von Colombau geſehen hatte. „Es iſt der Mönch,“ ſagte ſie. „Welcher Mönch?... der Abbé Dominique?“ 0 „Bd. „Ah! ich ſagte wohl, es ſei ein Freund!“ rief Salvator. Und er ſtieg raſch die Treppe hinab, Roland voran, der ſich die Stufen hinabgeſtürzt hatte, ſobald er die Thüre offen geſehen. XI. Unnütze Erkundigungen. Mit einer Geberde ehrfurchtsvoller Zärtlichkeit reichte Salvator dem Abbé Dominique beide Hände. „Sie, mein Vater?“ rief er. „Ja,“ antwortete ernſt der Mönch. S — 7S— 8 7 2. ——, — — e——— „ es ben, und ator. des ſieh, den von ue?“ rief land bald chkeit ände. 111 „Ah! ſeien Sie willkommen!“ „Sie erkennen mich alſo?“ „Sind Sie nicht mein Retter?“ „Sie haben es mir wenigſtens geſagt, und zwar bei einem ſo ſchmerzlichen Umſtande, daß es nicht nöthig iſt, Sie daran zu erinnern.“ „Und ich wiederhole es Ihnen.“ „Erinnern Sie ſich deſſen, was Sie beifügten?“ „Bedürfen Sie je meiner, ſo gehöre Ihnen das Leben, das ich Ihnen verdanke.“ „Ich habe Ihr Anerbieten nicht vergeſſen, wie Sie ſehen, ich bedarf Ihrer, und hier bin ich.“ Dieſe Worte austauſchend, waren ſie in das nach einer antiken Zeichnung von Pompeji decorirte kleine Speiſezimmer gekommen. Der junge Mann bot dem Mönche einen Stuhl, und während er Roland winkte, der den Rock des Abbé Dominique beroch, als ſuchte er, bei welcher Gelegenheit er ihn geſehen habe, ſetzte er ſich zu ihm. Vom Geſpräche durch ſeinen Herrn entfernt, hockte ſich Roland unter den Tiſch. Der Mönch legte ſeine bleiche, ſchmale Hand auf die Hand von Salvator. Trotz ihrer Bläſſe war ſeine Hand fieberhaft. „Ein Mann,“ ſprach der Abbé Dominique,„für den ich eine tiefe Zuneigung hege, iſt, vor ein paar Tagen erſt in Paris angekommen, geſtern an meiner Seite, in der Rue Saint-Honoré, bei der Himmel⸗ fahrts⸗Kirche verhaftet worden, ohne daß ich es wagte, ihm Hülfe zu leiſten,— zurückgehalten durch den Rock, mit dem ich bekleidet bin.“ Salvator verbeugte ſich. 112 „Ich habe es geſehen, mein Vater,“ ſagte er, „und ich muß zu ſeinem Lobe beifügen, daß er ſich kräftig vertheidigt hat.“ Der Abbé ſchauerte bei dieſer Erinnerung. „Ja,“ ſagte er,„ich befürchte, dieſe Vertheidi⸗ gung, ſo gerecht ſie auch iſt, wird ihm als ein Ver⸗ brechen angerechnet.“ „Sie kennen alſo dieſen Mann?“ fragte Salva⸗ tor, indem er den Mönch feſt anſchaute. „Oh! ich habe Ihnen geſagt, daß ich eine tiefe Zärtlichkeit für ihn hege.“ „Welches Verbrechens iſt er angeklagt?“ „Das iſt es, was ich durchaus nicht weiß, und was ich gern wiſſen möchte, und der Dienſt, um den ich Sie bitten wollte, beſteht darin, Sie mögen mir erfahren helfen, aus welcher Urſache er verhaftet worden iſt.“ „Iſt das Alles, was Sie von mir wünſchen, mein Vater?“ „Ja; ich habe Sie nach dem Bas⸗Meudon in Begleitung eines Mannes kommen ſehen, der mir ein höherer Agent der Polizei zu ſein ſchien. Geſtern habe ich Sie mit dieſem Manne ſprechend wiederge⸗ ſehen. Ich dachte, durch ihn könnten Sie vielleicht das Verbrechen erfahren, deſſen mein... Freund beſchuldigt iſt.“ „Wie heißt Ihr Freund, mein Vater?“ „Dubreuil.“ „Sein Stand?“ „Es iſt ein vormaliger Militär, der, wie ich glaube, von ſeinem Vermögen lebt.“ „Woher kommt er?“ ſch ha ſic in' bli ſac Tr wi ſei zu zw dat d en ir et n, ir rn e⸗ nd 113 „Von fernen Ländern, aus Aſien...“ „Es iſt alſo ein Reiſender?“ „Ja,“ antwortete der Abbé, traurig den Kopf ſchüttelnd;„ſind wir nicht alle Reiſende?“ „Ich ziehe einen Ueberrock an, mein Vater, und ich gehöre Ihnen. Ich will Sie nicht länger auf⸗ halten; denn, glaube ich der Traurigkeit Ihres Ge⸗ ſichtes, ſo ſind Sie einer tiefen Beſorgniß preisge⸗ geben.“ „Einer ſehr tiefen,“ antwortete der Mönch. Salvator, der nur eine Blouſe anhatte, ging in's anſtoßende Zimmer und erſchien in einem Augen⸗ blicke wieder im Ueberrocke. „Nun bin ich zu Ihren Befehlen, mein Vater,“ ſagte er. Der Abbé ſtand raſch auf, und Beide gingen die Treppe hinab. Roland hob den Kopf empor und folgte ihnen mit ſeinem verſtändigen Blicke, bis ſie die Thüre wieder zugemacht hatten; als er aber ſah, daß man ſeiner wahrſcheinlich nicht bedurfte, da man ihm nicht zu kommen winkte, ſo ließ er ſeinen Kopf wieder zwiſchen ſeine zwei Pfoten fallen und beſchränkte ſich darauf, daß er einen tiefen Seußzer ausſtieß. An der Hausthüre blieb Dominique ſtehen. „Wohin gehen wir?“ fragte er. „Auf die Polizeipräfectur.“ „Ich bitte Sie um Erlaubniß, einen Fiacre zu nehmen,“ ſagte der Mönch.„Mein Rock iſt ſo kennt⸗ lich, und es könnten vielleicht ſo ſchwere Incon⸗ venienzen für meinen Freund daraus entſtehen, wenn Dumas, Salvator. I. 8 11¹⁴ man wüßte, ich beſchäftige mich mit ihm, daß dies, wie ich glaube, eine unerläßliche Vorſicht iſt.“ „Ich wollte Ihnen das vorſchlagen,“ erwiederte Salvator. Man rief einen Fiacre, und die zwei jungen Männer ſtiegen ein; Salvator ſtieg am Ende des Pont Saint⸗Michel wieder aus. „Ich werde Sie an der Ecke des Quai und der Place Saint⸗Germain⸗lAurerrois erwarten,“ ſagte der Mönch. Salvator nickte beiſtimmend mit dem Kopfe; der Fiacre fuhr durch die Rue de la Barrillerie weiter. Salvator ging den Quai des Orfévres hinab. Herr Jackal war nicht auf der Präfectur. Die Scenen vom vorhergehenden Tage hatten Paris in Aufregung gebracht. Man befürchtete, oder vielmehr, ſagen wir es, man hoffte einige Zuſammenſchaarun⸗ gen. Alle Polizeiagenten, Herr Jackal an der Spitze, waren auswärts, und der Huiſſier wußte die Stunde ſeiner Rückkehr nicht. Man konnte alſo nicht auf ihn warten: beſſer war es, ihn zu ſuchen. War es tiefe Kenntniß von Herrn Jackal, war es Verſchwörerinſtinct, Salvator wußte, wo er ihn finden würde. Er ging den Quai hinab und wandte ſich rechts auf den Pont Neuf. Er hatte nicht zehn Schritte gemacht, als er einem Wagen begegnete; er hörte das Geräuſch einer Hand, welche an die Scheibe des Schlages als Zeichen eines Rufes klopfte: er blieb ſtehen. Der Wagen hielt auch an. 8, rte en des der gte der ter. Die i ehr, run itze, inde eſſer war ihn echts inem and, eines darum habe ich Sie angehalten. Sie ſind Logenchef, 11⁵ Der Schlag wurde geöffnet. „Steigen Sie ein!“ ſagte eine Stimme. Salvator wollte ſich mit der Nothwendigkeit, einen Freund einzuholen, entſchuldigen, als er in dem Manne, der dieſe Einladung an ihn richtete, den General Lafayette erkannte. Er zögerte nicht und nahm bei ihm Platz. Der Wagen ging wieder ab; jedoch ſachte. „Sie ſind Herr Salvator, nicht wahr?“ fragte der General. „Ja, General, und ich habe zweimal die Ehre gehabt, mich mit Ihnen als Abgeordneter der hohen Venta zuſammenzufinden.“ „So iſt es; ich habe Sie wiedererkannt, und nicht wahr?“ „Ja, General.“ „Wie viel Leute haben Sie?“ „Ich vermöchte es nicht genau zu ſagen, doch ich habe viele.“ „Zweihundert? dreihundert?“ Salvator lächelte. „General,“ ſagte er,„am Tage, wo Sie meiner bedürfen werden, verſpreche ich Ihnen dreitauſer Soldaten.“ Der General ſchaute Salvator an. Salvator neigte den Kopf mit einer Geberde der Beſtätigung. Es lag ein ſo redlicher Ausdruck von Vertrauen in der Phyſiognomie des jungen Mannes, daß man unmöglich zweifeln konnte. 116 „Je mehr Sie haben, deſto wichtiger iſt es, daß Sie die Neuigkeit erfahren.“ „Welche?“ „Die Wiener Affaire hat fehlgeſchlagen.“ „Ich vermuthete es,“ ſagte Salvator.„Ich habe auch geſtern meine Leute ermahnt, ſich nicht in die Bewegung zu miſchen.“ „Und Sie haben wohl daran gethan. Man will heute einen Aufſtand.“ „Ich weiß das.“ „Doch Ihre Leute..2 „Der für geſtern gegebene Befehl beſteht auch noch für heute. Darf ich Sie nun fragen, General, ob die Nachricht, die Sie mir mittheilen, aus ſicherer Quelle kommt?“ „Ich habe ſie von Herrn von Marande, der ſie vom Herzog von Orleans hat.“ „Und der Prinz hat ohne Zweifel einige Details erfahren?“ „Poſitive Details. Ein Courier iſt geſtern an⸗ gekommen, unter dem Vorwande von Handelsange⸗ legenheiten, abgeſandt vom Hauſe Arnſtein und Eskeles in Wien an das Haus Rothſchild in Paris, in Wirk⸗ lichkeit aber, um den Prinzen zu unterrichten.“ „Das Complott iſt alſo angezeigt?“ „Man weiß nicht, ob es durch eine Machination Polizei oder durch einen von den Zufällen, welche das Angeſicht der Reiche erhalten oder verändern, geſcheitert iſt. Es iſt Ihnen ohne Zweifel bekannt, was dort beſchloſſen wurde?“ „Ja, einer von den Hauptchefs der Verſchwörung hat ins Alles geſagt. Der Herzog von Reichſtadt 117 iſt durch die Vermittlung ſeiner Geliebten mit einem ehemaligen Diener von Napoleon, dem General Le⸗ baſtard de Prémont, in Verbindung gebracht worden. Der junge Prinz willigte ein, zu fliehen, und dieſe Flucht ſollte an dem Tage ſtattfinden, wo ein Buch⸗ ſtabe am Worte aros mit Metallbuchſtaben geſchrie⸗ ben über die Thüre einer zwiſchen dem Meidlinger Thore und dem Fuße des Grünen Berges liegenden Villa fehlen würde. Das iſt Alles, was ich weiß.“ „Nun wohl, am 24. März fehlte das s. Abends um ſieben Uhr warf der Herzog einen Mantel auf ſeine Schultern und ging aus. Als er an das Meid⸗ linger Thor kam, verſperrte ihm ein Wächter,— die Wächter des Palaſtes von Schönbrunn ſind Gendar⸗ men des Hofes,— verſperrte ihm ein Wächter den Weg.“ „„Ich bin es,““ ſagte der Prinz,„„erkennen Sie mich nicht?““ „„Doch, Hoheit,““ antwortete der Wächter ſich verbeugend;„„aber...““ „„Werden Sie in zwei Stunden noch hier auf der Wache ſei?““ „„Nein, Hoheit; es iſt halb acht Uhr, und auf den Schlag neun Uhr löſt man mich ab.““ „„Nun, ſo ſagen Sie Ihrem Nachfolger, ich ſei ausgegangen, damit er mich, wenn er mich zufällig nicht kennt, wieder hineinläßt. Nach einem heißen Liebesabenteuer wäre es traurig, eine kalte Nacht auf der Landſtraße zuzubringen.““ „Und dieſe Worte fprechend, drückte der Prinz dem Gendarmen vier Goldſtücke in die Hand. „„Sie werden mit Ihrem Nachfolger theilen,““ 118 ſagte er;„„es wäre nicht gerecht, wenn derjenige, welcher mich hinausläßt, Alles hätte, und derjenige, welcher mich hineinlaſſen wird, nichts bekäme.““ „Der Soldat nahm die vier Goldſtücke, und der Herzog ging durch das Gitter. Am Fuße des Grünen Berges wartete ein Wagen mit einer Escorte von vier Männern zu Pferde; der Herzog ſtieg in den Wagen, und er ging im Galopp ab; die vier Reiter folgten. Der Eine von dieſen vier Männern war der General Lebaſtard de Prémont; er ſollte die erſten drei Poſten zu Pferde machen, dann zum Her⸗ zog einſteigen und ſeine Reiſe mit ihm fortſetzen. Man wandte ſich um das Schloß Schönbrunn, und man kam über Baumgarten und Hütteldorf nach Weidlingen. Hier iſt eine Brücke über die Wien geſchlagen. Auf dieſer Brücke fand ſich ein umge⸗ worfener Wagen, der Kälber nach dem Markte führte. Die Kälber waren mitten auf der Brücke angehäuft und verſperrten den Weg. „„Macht die Straße frei!““ ſagte der General zu ſeinen Gefährten. „Dieſe ſtiegen ab und ſchickten ſich an, das Hin⸗ derniß zu beſeitigen. „Doch in demſelben Augenblicke ſah man den Helm und die Epauletten eines Oberofficiers glänzen, der aus dem nahen Wirthshauſe herauskam: es war r General Houdon. Hinter ihm marſchirten un⸗ gefähr zwanzig Mann. „„Kehre um!““ ſagte der General zu dem als Poſtillon verkleideten Manne. „Dieſer, der die Dringlichkeit der Lage begriff, ließ ſchon ſeine Pferde ſich drehen, als man den Galopp „— ——— S— — — W* 8 8— 8 8 119 eines Truppes von Reitern hörte, welche auf der Landſtraße, der man gefolgt war, herbeikamen. „„Fliehen Sie, General!““ rief der Herzog; „„wird ſind verrathen!““ „„Aber Sie, Hoheit...2 „„Ach! ich. ſeien Sie unbeſorgt, mir wird man nichts zu Leide thun... Fliehen Sie! fliehen Sie!““ „„Aber, Hoheit.„ „„Ich ſage Ihnen, Sie ſollen fliehen, oder Sie ſind verloren... und wenn es ſein muß, befehle ich es Ihnen im Namen meines Vaters.““ „„Im Namen des Kaiſers,““ rief eine ſtarke Stimme,„„haltet an.““ „„Sie hören?““ ſagte der Herzog.„Fliehen Sie, ich will es, ich bitte Sie darum.““ „„Ihre Hand, Hoheit.. „Der Herzog ſteckte ſeine Hand zum Schlage hinaus, der General drückte ſeine Lippen darauf; dann ſtieß er ſeinem Pferde die Sporen in den Bauch und ſetzte über die Bruſtmauer. Man hörte das Geräuſch des Pferdes und des Mannes, wie ſie in den Fluß fielen, und dann nichts mehr. Die Nacht war zu finſter, als daß man ſehen konnte, was aus ihnen geworden war. Was den Herzog betrifft, er wurde nach Wien in die kaiſerliche Burg zurückgeführt.“ „Und,“ fragte Salvator,„Sie denken, General, ein einfacher Zufall habe den Wagen umgeworfen und die Soldaten auf jede Seite der Brücke geführt?“ „Das iſt möglich; doch es iſt nicht die Meinung des Herzogs von Orleans: er glaubt, die Polizei von Herrn von Metternich ſei durch die franzöſiſche 120 Polizei in Kenntniß geſetzt worden. In jedem Falle ſind Sie nun unterrichtet... Vorſicht, Klugheit!“ Der General ließ ſeinen Wagen halten. „Seien Sie unbeſorgt!“ ſagte Salvator. Sodann, als er auszuſteigen zögerte, fragte La⸗ fayette: „Nun?“ „Werden Sie mir, wenn ich ausſteige, dieſelbe Gunſt bewilligen, welche der Herzog von Reichſtadt dem General Lebaſtard de Prémont bewilligt hat?“ Und er nahm die Hand des Generals, um ſie zu küſſen; dieſer zog aber ſeine Hand zurück, bot ihm beide Wangen dar, und ſprach: „Umarmen Sie mich, und küſſen Sie mir zu Gefallen die erſte hübſche Frau, der Sie begegnen werden.“ Salvator umarmte den General, und ſtieg aus dem Wagen, der ſeinen Weg nach dem Luxembourg fortfetzte. Salvator aber kehrte durch die Rue Dauphine und über den Pont des Arts zurück. Der Fiacre wartete an der Ecke des Quai und der Place Saint⸗Germain⸗lAuxerrvis. Die Bangigkeiten des armen Dominique wären noch viel erſchrecklicher geweſen, hätte der General Lafayette ihm geſagt, was er Salvator erzählt hatte! Salvator theilte mit zwei Worten Dominique die Abweſenheit von Herrn Jackal mit und erklärte ihm, ohne ihm zu ſagen, wer ihn aufgehalten, die Urſache ſeines Verzugs. Doch wir wiederholen, Salvator wußte, wo er Herrn Jackal finden konnte. be dt ſie ot zu en 18 g ne 121 Erbefahl, in der That ohne das geringſte Zögern, dem Fiacre mit dem Bruder Dominique an der Ecke der Rue Neuve⸗du⸗Luxembourg zu halten, und durch den Hof des Louvre gehend, indeß der Fiacre den Quais folgte, erreichte er die Rue Saint⸗Honoré. Wie er es vorhergeſehen, war von der Saint⸗ Roche⸗Kirche an die Rue Saint⸗Honoré verſperrt. Es gibt in Paris Neugierige des Tages und Neugierige des andern Tages: die Neugierigen des Tages, die das Ereigniß machen, und die Neugierigen des andern Tages, die den Schauplatz des Ereigniſſes in Augenſchein nehmen. Es beſichtigten aber zehn bis zwölftauſend Neu⸗ gierige des andern Tages mit ihren Frauen und ihren Kindern den Schauplatz des Ereigniſſes. Man hätte glauben ſollen, es ſei eine Promenade nach Saint⸗Cloud oder nach Verſailles an einem Feſttage. Mitten unter dieſen Neugierigen hoffte Salvator Herrn Jackal wiederzufinden. Er miſchte ſich unter dieſes Gedränge. Wir werden nicht ſagen, wie viel Blicke, ehe er zur Rue de la Paix kam, mit dem ſeinigen correſpon⸗ dirt hatten, wie viel Hände die ſeinige berührt hatten, und dennoch war kein Wort gewechſelt worden; nur eine Geberde, welche bedeutete:„Nichts.“ Dem Hotel de Mayence gegenüber hielt Salvator an. Er hatte getroffen, was er ſuchte. Bekleidet mit einem Ueberrocke à la propriétaire, auf dem Kopfe einen Hut à la Bolivar, einen Regen⸗ ſchirm unter dem Arme, und eine Priſe Tabak aus einer Doſe à la Charte nehmend, perorirte und er⸗ 122 zählte Herr Jackal ganz emphatiſch, und zwar zum größten Nachtheile der Polizei, wohlverſtanden, die Ereigniſſe des vorhergehenden Tages. In einem Momente, wo Herr Jackal ſeine Brille aufgehoben hatte, kreuzte ſich ſein Blick mit dem von Salvator; dieſer Blick blieb unempfindlich, und Sal⸗ vator begriff dennoch, daß Herr Jackal ihn geſehen hatte. Der Blick von Herrn Jackal nahm wirklich ein paar Secunden nachher dieſelbe Richtung, und dieſer neue Blick drückte die Frage aus: „Haben Sie mir etwas zu ſagen?“ „Ja,“ antwortete Salvator. „Gehen Sie voran; ich folge Ihnen.“ Salvator ging voran und tratunter einen Thorweg. Herr Jackal folgte ihm dahin. Salvator trat gerade auf ihn zu, verbeugte ſich leicht, jedoch ohne ihm die Hand zu geben, und ſagte: „Sie mögen mir glauben, wenn Sie wollen, Herr Jackal, doch Sie ſuchte ich.“ „Ich glaube Ihnen, Herr Salvator,“ erwiederte der Polizeichef mit ſeinem feinen Lächeln. „Ja, der Zufall hat mich vortrefflich bedient,“ ſprach Salvator.„Ich komme von der Präfectur.“ „Wahrhaftig!“ rief Herr Jackal,„Sie haben ſich die Mühe genommen, zu mir zu gehen?“ „Ja, und Ihr Huiſſier wird es beſtätigen. Nur war ich, da er mir nicht ſagen konnte, wo ich Sie finden werde, gezwungen, es zu errathen, und ich habe Sie meinem guten Sterne vertrauend aufge⸗ ſucht.“ „Sollte ich das Glück haben, Ihnen irgend einen ein ger um die ille on al⸗ hen ein ſer 123 Dienſt leiſten zu können, mein lieber Herr Salvator?“ fragte Herr Jackal. „Ei! mein Gott! ja,“ antwortete der junge Mann,„Sie können dieſes Glück haben, wenn Sie überhaupt wollen.“ „Lieber Herr Salvator, Sie ſind zu geizig mit ſolchen Gelegenheiten, als daß ich ſie mir würde ent⸗ ſchlüpfen laſſen.“ „Und das iſt ſehr einfach, wie Sie ſehen werden. Der Freund von einem meiner Freunde iſt geſtern Abend im Getümmel verhaftet worden.“ „Ah!“ machte Herr Jackal. „Das ſetzt Sie in Erſtaunen?“ fragte Salvator. „Nein, denn ich hörte ſogar, es habe geſtern eine große Menge Verhaftungen ſtattgefunden. Brin⸗ gen Sie mich auf die Spur, lieber Herr Salvator.“ „Das iſt ſehr leicht; ich habe Ihnen denſelben in dem Augenblicke, wo man ihn verhaftete, gezeigt.“ „Ah!. es iſt gerade dieſer? Seltſam!...“ „Würden Sie ihn unter den Gefangenen wieder⸗ erkennen?“ „Ich kann nicht dafür ſtehen; ich habe ein ſo kurzes Geſicht! Doch wenn Sie mir mit ſeinem Namen helfen wollen... „Er heißt Dubreuil.“ „Dubreuil? Warten Sie doch,“ ſagte Herr Jackal, indem er ſich mit der Hand vor die Stirne ſchlug, wie ein Menſch, der 7 Gedanken zu ſam⸗ meln ſucht.„Dubreuil?... Ja, ja, ja, ich kenne dieſen Namen.“ „Ei! wenn Sie Auskunft nöthig hätten, ſo könnte ich Ihnen unter der Menge die zwei Agenten ſuchen, 124 die ihn verhaftet haben? Ihre Geſichter ſind mir ſo gegenwärtig, daß ich ſie wiedererkennen würde, deſſen bin ich ſicher...“ „Sie glauben?“ „Um ſo mehr, als ich ſie ſchon in der Kirche be⸗ merkt hatte..“ „Nein, das iſt unnöthig... Wünſchen Sie einige Auskunft über den Unglücklichen?“ „Ich wünſche ganz einfach zu wiſſen, aus wel⸗ chem Grunde dieſer Unglückliche, wie Sie ihn nennen, verhaftet worden iſt.“ „Ah! das kann ich Ihnen in dieſem Augenblicke nicht ſagen.“ „In jedem Falle werden Sie mir wohl ſagen, wo Sie glauben, daß er iſt.“ „Auf dem Depot, natürlich... wenn ihn nicht etwa eine beſondere Bezüchtigung nach der Concier⸗ gerie oder nach der Force bringen gemacht hat.“ „Dieſe Auskunft iſt unbeſtimmt.“ „Was wollen Sie, mein lieber Herr Salvator? Sie faſſen mich ganz unverhofft an.“ „Sie, Herr Jackal! faßt man Sie je ſo?“ „Gut! nun ſind Sie wie die Anderen. Weil ich Herr Jackal heiße, ſo ziehen Sie Analogien aus mei⸗ nem Namen, und Sie glauben, ich ſei fein wie ein Fuchs!“ „Ei! das iſt Ihr Ruf.“ „Nun wohl! ich bin das Gegentheil von Figaro: ich bin weniger werth als mein Ruf, das ſchwöre ich Ihnen. Rein, ich bin ein guter Kerl, und das macht meine Stärke. Man hält mich für ſchlau, man fürchtet meine Feinheiten, und läßt ſich durch mei Diy täu ſpre Sie haf ver ſei Sin da, ſcha mir ſage verl Naſ Vat mir irde, be⸗ Sie wel⸗ nen, licke gen, icht ier⸗ tor? ich mei⸗ ein ro: öre das lau, urch 125 meine Gutmüthigkeit fangen. An dem Tage, wo ein Diplomat nicht mehr lügt, wird er alle ſeine Collegen täuſchen, denn nie werden ſie glauben können, er ſpreche die Wahrheit.“ „Herr Jackal, machen Sie mich nicht glauben, Sie haben Befehl gegeben, einen Mann zu ver⸗ haften, ohne die Urſache zu wiſſen, aus der Sie ihn verhaften ließen.“ „Ei! hört man Sie, ſo ſollte man glauben, ich ſei König von Frankreich!“ „Nein, doch Sie ſind König von Jeruſalem.“ „Vicekönig, und!... Präfect allerhöchſtens! Sind nicht Herr von Corbiere und Herr Delavau da, die vor mir in meinem Reiche regieren?“ „Alſo,“ ſagte Salvator, den Pvolizeichef feſt an⸗ ſchauend,„Sie weigern ſich alſo, mir zu antworten?“ „Ich weigere mich nicht, Herr Salvator, nur iſt mir das buchſtäblich unmöglich. Was kann ich Ihnen ſagen?.. Man hat Herrn Dubreuil verhaftet?“ „Ja, Herrn Dubreuil.“ „Nun wohl, dafür iſt ein Grund vorhanden.“ „Dieſer Grund iſt es gerade, was ich zu wiſſen verlange.“ „Er wird die Ordnung geſtört haben.“ „Nein, denn ich habe ihn in dem Augenblicke, wo er verhaftet wurde, angeſchaut.“ „Nun, dann wird man ihn für einen Andern gehalten haben.“ „Das geſchieht alſo zuweilen?“ „Ei!“ erwiederte Herr Jackal, indem er ſich die Naſe mit Tabak vollſtopfte,„nur unſer Heiliger Vater iſt unfehlbar, und auch 126 „Erlauben Sie mir, Ihre Worte auszulegen, mein lieber Herr Jackal.“ „Thun Sie das; doch wahrhaftig, Sie erweiſen ihnen zu viel Ehre.“ „Iſt Ihnen das Geſicht des Verhafteten unbe⸗ kannt?“ „Ja, ich ſah geſtern zum erſten Male.“ „Sein Name iſt Ihnen unbekannt?“ „Sein Name Dubreuil.. ja.“ „Und die Urſache ſeiner Verhaftung iſt Ihnen unbekannt?“ Herr Jackal drückte ſeine Brille wieder auf ſeine Augen nieder. „Völlig unbekannt,“ ſagte er. „Woraus ich ſchließe,“ fuhr Salvator fort,„daß die Urſache ſeiner Verhaftung von geringer Bedeu⸗ tung iſt, und daß ſie folglich nicht von langer Dauer ſein dürfte.“ „Ah! gewiß!“ antwortete mit einer väterlichen Miene Herr Jackal.„Iſt es das, was Sie wiſſen wollten?“ „Ja.“ „Warum ſagten Sie es denn nicht früher? Ich will nicht gerade behaupten, daß der Freund Ihres Freundes zur Stunde, wo ich mit Ihnen ſpreche, freigelaſſen iſt; doch da er Ihr Schützling iſt, ſo haben Sie durchaus nichts zu befürchten, und ſobald ich auf die Präfectur komme, öffne ich dieſem Bur⸗ ſchen beide Flügel der Thüre. „Ich danke!“ ſprach Salvator, indem er den Polizeimann tief e„Ich darf alſo auf Sie zählen?“ S — 8 8 8 8 — S 76) gen, iſen be⸗ nen ine daß eu⸗ uer hen ſſen Ich res he, ald ur⸗ en Sie 127 „Das heißt, Ihr Freund kann auf beiden Ohren ſchlafen. Ich habe in meinen ernſten Cartons nicht ein einziges Actenfascikel mit dem Namen Dubreuil. Iſt das Alles, was Sie von mir wün⸗ ſchen?“ „Nichts Anderes.“ „Wahrhaftig, Herr Salvator,“ ſagte der Poli⸗ zeimann, als er ſah, daß die Menge ſich verlief, und daß die Zuſammenſchaarung beinahe zerſtreut war;„wahrhaftig, die Dienſte, die Sie von mir verlangen, haben große Aehnlichkeit mit den Zuſam⸗ menrottungen; man glaubt ſie feſt zu halten, und ſie zerplatzen einem in der Hand wie Seifenblaſen.“ „Das iſt ſo,“ erwiederte Salvator lachend,„weil die Zuſammenrottungen verpflichten wie die Dienſte. Darum ſind ſie ſo ſelten und folglich ſo koſtbar.“ Herr Jackal hob ſeine Brille empor, ſchaute Salvator an, ſtopfte ſich die Naſe mit Tabak voll, drückte ſeine Brille wieder nieder und ſagte: „Nun alſo?“ „Auf Wiederſehen, lieber Herr Jackal,“ ant⸗ wortete Salvator. Und er grüßte den Polizeimann, dem er die Hand eben ſo wenig gab, da er ihn verließ, als da er ihn angeredet hatte, ſchritt über die Rue Saint⸗ Honoré von rechts nach links und begab ſich wieder zu Dominique, der ihn in ſeinem Fiacre an der Ecke der Rue Neuve⸗du⸗Luxembourg erwartete. Er öffnete ſodann den Schlag des Fiacre, reichte Dominique beide Hände und ſprach: „Sie ſind Mann, Sie ſind Chriſt, Sie wiſſen 128 folglich, was der Schmerz iſt, was die Reſignation iſt „Mein Gott!“ rief der Mönch, ſeine weißen Hände faltend. „Nun wohl, die Lage Ihres Freundes iſt ernſt, ſehr ernſt!“. „Er hat Ihnen alſo Alles geſagt?“ „Er hat mir im Gegentheile nichts geſagt, und das iſt es, was mich erſchreckt. Er kennt Ihren Freund nicht von Geſichte; er hat geſtern zum erſten Male den Namen Dubreuil ausſprechen hören, und er weiß die Urſache ſeiner Verhaftung nicht... Mißtrauen Sie, ich wiederhole es Ihnen, die Sache iſt ernſt, ſehr ernſt!“ „Was iſt zu thun?“ „Gehen Sie nach Hauſe... Ich will meiner⸗ ſeits nachforſchen, forſchen Sie Ihrerſeits nach, und zählen Sie auf mich.“ „Freund,“ ſprach Dominique,„da Sie ſo gut i „Was?“ fragte Salvator, den Mönch anſchauend. „Laſſen Sie mich Sie um Verzeihung bitten, daß ich Ihnen nicht Alles geſagt habe.“ „Iſt es noch Zeit? Sprechen Sie!“ „Nun denn, der Verhaftete heißt nicht Dubreuil, iſt nicht mein Freund.“ „Nicht?“ „Er heißt Sarranti und iſt mein Vater.“ „Ah!“ rief Salvator,„ich weiß nun Alles.“ Sodann den Mönch anſchauend. „Treten Sie in die erſte die beſte Kirche ein, die Sie treffen, und beten Sie!“ —— en er⸗ nd d. il, n, 129 „Und Sie?“ „Ich.. ich werde zu handeln ſuchen.“ Der Mönch nahm die Hand von Salvator und küßte ſie, ehe dieſer Zeit gehabt hatte, ſich zu wider⸗ ſetzen. „Bruder, Bruder,“ ſprach Salvator,„ich habe Ihnen geſagt, ich gehöre Ihnen mit Leib und Seele, doch man darf uns nicht beiſammen ſehen. Gott be⸗ fohlen!“ 6 ſchloß den Schlag wieder und entfernte ſich raſch. „Nach der Saint⸗Germain⸗des⸗Prés⸗Kirche!“ ſagte der Mönch. Und während der Fiacre den Weg nach dem Pont de la Concordé mit dem gewöhnlichen Gange eines Fiacre einſchlug, ging Salvator ſchleunigſt wieder die Rue de Rivoli hinauf. XII. Das Geſpenſt. Die Saint⸗Germain⸗des⸗Prés⸗Kirche, mit ihrer romaniſchen Vorhalle, ihren maſſiven Pfeilern, ihren gedrückten Bögen, ihrem Dufte vom achten Jahrhun⸗ dert, iſt eine der düſterſten Kirchen von Paris, und folglich eine von denjenigen, wo man am leichteſten die Vereinzelung des Leibes und die Erhebung der Seele finden kann. Es hatte alſo nicht vhne Grund Dominique, der nach⸗ ſichtige Mönch,aber derſtrenge Menſch, Saint⸗Germain⸗ Dumas, Salvator. 1. 9 130 des⸗Prés gewählt, um hier mit Gott von ſeinem Vater zu reden. Er betete lange, und es war über fünf Uhr Nachmittags, als er, die Hände in ſeinen weiten Aermeln verloren, den Kopf auf ſeine Bruſt geſenkt, daraus wegging. Er wandelte langſam nach der Rue du Pot⸗de⸗ Fer, immer hoffend,— indeſſen mit einer ſehr ſchüchternen und unbeſtimmten Hoffnung,— aus dem Gefängniſſe abgegangen, werde ſein Vater ge⸗ kommen ſein, um nach ihm zu fragen. Seine erſte Frage an die gute Frau, welche beim Abbé die Functionen einer Concierge und einer Löhnerin cumulirte, war auch, daß er ſich erkundigte, ob in ſeiner Abweſenheit Niemand nach ihm gefragt habe. „Doch, mein Vater,“ antwortete die Concierge, ein Se Dominique bebte. „Sein Name?“ fragte er. „Er hat ihn mir nicht geſagt.“ „Sie kennen ihn nicht?“ „Nein.. es iſt das erſte Mal, daß er kommt.“ „Sie ſind ſicher, daß es nicht der iſt, welcher mir geſtern einen Brief gebracht hat?“ „Ah! nein, dieſen hätte ich wohl erkannt: es gibt nicht zwei ſo finſtere Geſichter in Paris.“ „Armer Vater!“ murmelte Dominique. „Nein,“ fuhr die Concierge fort,„die Perſon, welche zweimal gekommen iſt,— denn ſie iſt zwei⸗ mal gekommen: einmal um Mittag, und das andere Mal um vier Uhr;— die Perſon, welche zweimal — lhr en kt, de⸗ ehr us ge⸗ im rer te, igt ge, er n, ei⸗ re al 131 gekommen iſt, iſt mager und kahl. Es iſt ein Mann von ungefähr ſechzig Jahren, mit kleinen, wie die eines Maulwurfs tief im Kopfe liegenden Augen und ganz krankem Ausſehen. Sie werden ihn übri⸗ gens wahrſcheinlich ſogleich ſehen, denn er hat ge⸗ ſagt, er wolle einen Gang machen und werde dann wiederkommen.. Soll ich ihn herauflaſſen?“ „Gewiß,“ erwiederte der Abbeé zerſtreut; denn in dieſem Augenblicke war ihm an nichts gelegen, als an dem, was von ſeinem Vater kam. Und er nahm ſeinen Schlüſſel und ſchickte ſich an, hinaufzugehen. „Aber,“ ſagte die gute Frau,„Herr Abbé...“ „Was?“ „Sie haben alſo auswärts gefrühſtückt?“ „Nein,“ antwortete der Abbé, den Kopf ſchüt⸗ telnd. „Alſo haben Sie den ganzen Tag nichts gegeſſen?“ „Ich habe nicht daran gedacht. Sie werden mir e beim Reſtaurateur holen... was Ihnen be⸗ iebt.“ „Wenn der Herr Abbé wollte,“ ſagte die gute Frau, indem ſie einen Blick auf ihren Ofen warf, „ich habe einmal eine gute Fleiſchbrühe...“ „Wohl!“ „Sodann würde ich ein paar Cotelettes auf den Roſt legen; das wäre für den Herrn Abbé viel beſſer als Fleiſch vom Reſtaurateur.“ „Thun Sie, was Sie wollen.“ „In fünf Minuten werden die Fleiſchbrühe und die Cotelettes bei Ihnen ſein.“ Der Abbé nickte beipflichtend mit dem Kopfe und 132 ging die Treppe hinauf. Als er in ſein Zimmer eintrat, öffnete er das Fenſter. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne glitten golden durch die Zweige der Bäume des Luxembourg, deren Knoſpen zu ſchwellen anfingen. Es war in der Luft der in's Veilchenblaue ſpie⸗ lende kleine Rebel, der das Herannahen des Früh⸗ lings verkündigt. Der Abbé ſetzte ſich, ſtützte ſeinen Ellenbogen auf das Fenſtergeſims, ſchaute und horchte auf die Schwärme von Sperlingen, welche zwitſcherten, ehe ſie in ihre Hagebuchen zurückkehrten. Die Concierge, wie ſie es zu thun verſprochen, brachte die Fleiſchbrühe und die zwei Cotelettes her⸗ auf; ohne den Mönch in ſeiner Meditation zu ſtören, denn ſie war gewohnt, ihn ſo meditiren zu ſehen, ſetzte ſie ſodann den Tiſch vor ihn, und auf den Tiſch ſein Mittagsbrod. Der Abbé hatte die Gewohnheit angenommen, Brod auf ſein Fenſter zu zerkrümeln, und an dieſes Bettelgeſchenk gewöhnt, eilten die Vögel herbei wie römiſche Clienten zur Thüre von Lucullus oder von Cäſar. Einen Monat lang war das Fenſter geſchloſſen geblieben; einen Monat lang hatten die Vögel ver⸗ gebens ihrem Freunde gerufen; einen Monat lang hatten ſie ſich vergebens auf den äußeren Rand dieſes Fenſters geſetzt und neugierig durch die Scheibe geſchaut. Das Zimmer war leer: der Abbé Dominique war in Penhosl. Als aber die Vögel das Fenſter offen ſahen, da e——0 ——0)—— — ter en ie ie⸗ h⸗ en ie 133 verdoppelte ſich ihr Geſchwätz. Man hätte glauben ſollen, ſie verkündigen einander die frohe Neuigkeit. Endlich wagten es einige von ihnen, mit beſſerem Gedächtniſſe, um den Mönch zu flattern. Das Geräuſch der Flügel entzog ihn ſeiner Träu⸗ merei. „Ah!“ ſagte er,„arme Kleine, ich vergaß euch, und ihr erinnert euch; ihr ſeid beſſer als ich.“ Und er nahm ſein Brod, wie er es früher ge⸗ than, und zerkrümelte es auf das Fenſter. Sogleich waren es nicht mehr zwei oder drei kühne Sperlinge, die ſich zu nähern wagten: es war der ganze Flug ſeiner alten Penſionäre, der um ihn wirbelte. „Frei, frei, freil“ murmelte Dominique;„ihr ſeid frei, reizende Vögel, und mein Vater, er iſt Gefangener!“ Und er fiel in ſeinen Lehnſtuhl zurück, wo er Augenblicke in eine tiefe Träumerei verſenkt blieb. Dann trank er endlich maſchinenmäßig ſeine Fleiſchbrühe und aß ſeine Cotelettes mit der Kruſte von dem Brode, von dem er die Krume den Vögeln gegeben hatte. Die Sonne ſank indeſſen immer tiefer gegen den Horizont; ſie vergoldete nur noch das äußerſte Ende der Zweige und die Spitzen der Kamine. Die klei⸗ nen Vögel waren entflogen, und man hörte in der Ferne, in den Hagebuchen, ihr Geſchwätz, das mehr und mehr erloſch. Immer maſchinenmäßig, ſtreckte Dominique die Hand aus und entfaltete ſein Journal. 134 Die zwei erſten Colonnen enthielten die wort⸗ reiche Erzählung der Ereigniſſe des vorhergehenden Tages. Der Abbé Dominique, der wenigſtens eben ſo gut als ein Journal des Miniſteriums wußte, woran er ſich in dieſer Hinſicht zu halten hatte, überſprang die zwei Colonnen; als er aber zur dritten kam, zog es wie eine Blendung vor ſeinen Augen vorüber; ſein ganzer Leib zitterte, ein Schauer lief in ihm vom Kopfe bis zu den Füßen, ein kalter Schweiß überſtrömte ſeine Stirne: er hatte dreimal wiederholt, ehe er etwas geleſen, ſeinen Namen oder vielmehr den ſeines Vaters geſehen. Aus welcher Veranlaſſung war der Name von Herrn Sarranti dreimal in den Colonnen dieſes Journals wiederholt? Der arme Dominique hatte eine Erſchütterung empfunden ähnlich der, welche die Gäſte von Bal⸗ thaſar treffen mußte, als die unſichtbare Hand mit Flammenſchrift die drei tödtlichen Worte an die Wand ſchrieb. Er rieb ſich die Augen, als blendete ihn ein Blutbild; er verſuchte es, zu leſen, doch die Zeitung zitterte dergeſtalt in ſeinen beiden Händen, daß die Linien ihm blendend ſchillerten wie der Reflex eines Spiegels, den man bewegt. Endlich breitete er das Blatt auf ſeinem Schooße aus, befeſtigte es auf beiden Seiten mit ſeinen Händen, und las beim letzten Scheine des Tages. Sie errathen, nicht wahr, was er las? Er las die in die Journale eingerückte entſetzliche Notiz, die wir Ihnen vor Augen gelegt haben; die Notiz, in t⸗ den en te, te, zur len ner ter nal der on ſes ng nit nd ein ng die es — 135 der ſein Vater des Diebſtahls und des Mordes angeklagt war. Der Blitz hätte nicht ſo ungeſchlacht und ſo tödt⸗ lich einen Menſchen niedergeſchmettert, als es dieſer erſchreckliche Artikel that: Plötzlich aber ſprang er von ſeinem Stuhle an ſeinen Secretär und rief: „Ah! Gott ſei gelobt! Dieſe Verleumdung, mein Vater, wird in die Hölle zurückkehren, von der ſie ausgegangen iſt!“ Und er nahm aus der Schublade das uns be⸗ kannte Papier, die geſchriebene Beichte von Herrn Gérard. Er drückte heiße Küſſe auf die Rolle, welche das Leben eines Menſchen enthielt; mehr als ſein Leben, ſeine Ehre!— die Ehre ſeines Vaters! Er öffnete ſie, um ſich zu verſichern, es ſei wirk⸗ lich die koſtbare Rolle, und er täuſche ſich nicht in ſeiner Haſt; und als er die Handſchrift erkannt und den Namen, mit dem ſie unterzeichnet war, wieder geleſen hatte, küßte er ſie aufs Neue; dann ſchob er ſie unter ſeinen Rock, preßte ſie an ſeine Bruſt, ver⸗ ließ das Zimmer, ſchloß die Thüre und ſtieg raſch die Treppe hinab. Ein Mann ſtieg die Treppe zu gleicher Zeit her⸗ auf, da der Abbé Dominique hinabging. Doch der Abbé Dominique ſchenkte dieſem Manne keine Auf⸗ merkſamkeit; er ging an ihm vorüber, ohne ihn zu bemerken, beinahe ohne ihn zu ſehen, als er ſich am Aermel ſeines Rockes zurückgehalten fühlte. „Verzeihen Sie, Herr Abbé,“ ſagte derjenige, welcher ihn zurückhielt,„ich ging zu Ihnen.“ 136 Der Ton dieſer Stimme machte Dominique beben, ſie war ihm nicht unbekannt. „Zu mir? Später,“ erwiederte Dominique; „ich habe nicht Zeit, wieder hinaufzugehen.“ „Und ich habe keine, wiederzukommen,“ ſprach der Mann, indem er diesmal den Arm des Mönches mit dem Aermel ergriff. Dominique fühlte etwas wie einen tiefen Schrecken auf ſich niederfallen. Dieſe eiſernen Hände, die ihm den Arm zuſam⸗ mendrückten, ſchienen die Hände eines Skelettes zu ſein. Er ſuchte denjenigen zu ſehen, welcher ihn ſo auf ſeinem Wege aufhielt; doch die Treppe war in der Finſterniß, ein einziger Strahl des Tages drang durch ein Ochſenauge ein und beleuchtete einen ſchma⸗ len Raum. „Wer ſind Sie, und was wollen Sie von mir?“ fragte der Mönch, der ſeinen Arm vergebens loszu⸗ machen ſuchte. „Ich bin Herr Gérard,“ erwiederte der Mann, „und ich komme wegen des Bewußten.“ Dominique ſtieß einen Schrei aus. Doch die Sache ſchien ihm ſo unmöglich, daß er, ehe er daran glaubte, dem Zeugniſſe ſeiner Ohren das Zeugniß ſeiner Augen beifügen wollte. Er nahm den Mann nun auch bei beiden Armen, und ſprang mit ihm bis in den röthlichen Strahl, den einzigen, der die Treppe beleuchtete. Der Kopf des Geſpenſtes befand ſich im Lichte. Es war in der That Herr Gérard. Der Abbé wich, das Auge erſchrocken, die Haare 137 zu Berge ſtehend, ſeine Kinnbacken an einander klap⸗ pernd, bis an die Wand zurück. Hier blieb er in der Haltung eines Mannes, der einen Leichnam in ſeinem Sarge ſich würde erheben ſehen, und ließ mit einer dumpfen Stimme das ein⸗ zige Wort entſchlüpfen: „Lebendig!“ „Allerdings lebendig,“ ſagte Herr Gérard.„Gott hat Mitleid mit meiner Reue gehabt und mir einen guten, jungen Arzt geſchickt, durch den ich geheilt worden bin.“ „Sie?“ rief der Abbé, der ſich einem entſetzlichen Traume preisgegeben glaubte. „Nun wohl, ja. Ich begreife, daß Sie mich für todt gehalten haben, doch ich bin es nicht.“ „Sind Sie ſchon zweimal heute hier geweſen?“ „Und ich komme zum dritten Male... Ich wäre zehnmal gekommen; Sie begreifen, es lag mir daran, daß Sie mich nicht fortwährend für todt hielten.“ „Doch warum eher heute, als an einem andern Tage?“ fragte maſchinenmäßig der Abbé, indem er den Mörder mit ſtarren Augen anſchaute. „Sie haben alſo die Zeitungen nicht geleſen?“ ſagte Herr Görard. „Doch, ich habe ſie geleſen,“ antwortete mit dumpfer Stimme der Mönch, der den Abgrund, vor dem er ſich fand, zu ermeſſen anfing. „Wenn Sie ſie geleſen haben, ſo müſſen Sie den Zweck meines Beſuches begreifen.“ Dominique begriff in der That, und ein kalter Schweiß floß über ſeinen ganzen Leib. 138 „Da ich lebe,“ fuhr Herr Gérard, die Stinme dämpfend, fort,„ſo iſt meine Beichte nichtig.“ „Nichtig?“ wiederholte maſchinenmäßig der Mönch. „Ja, iſt es nicht den Prieſtern bei Strafe ewiger Verdammniß verboten, die Beichte zu offenbaren, ohne die Erlaubniß des Beichtenden erhalten zu haben?“ „Dieſe Erlaubniß haben Sie mir gegeben,“ rief der Mönch. „Wenn ich todt wäre, ja, allerdings; doch da ich lebe, nehme ich ſie zurück.“ „Unglücklicher!“ rief der Mönch,„und mein Vater?“ „Er vertheidige ſich, er klage mich an, er be⸗ weiſe; doch Sie, Beichtvater, Stille!“ „Es iſt gut!“ ſagte Dominique, einſehend, daß er ſich nicht gegen ein Verhängniß ſträuben konnte, das ſich ihm unter der Form von einem der Grund⸗ dogmen der Kirche bot,„es iſt gut, Elender! ich werde ſchweigen!“ Und mit der Hand Gérard zurückſtoßend, machte er eine Bewegung, um wieder in ſeine Wohnung hinaufzugehen. Doch Herr Gérard klammerte ſich an ihn an. „Was wollen Sie noch von mir?“ fragte der Mönch. „Was ich will?“ ſagte der Mörder.„Ich will das Papier, das ich Ihnen in einem Augenblicke des Deliriums gegeben habe.“ Dominique drückte ſeine beiden Hände an ſeine Bruſt. 9 h d —— ger ein be⸗ aß ite, nd⸗ hte ing der vill icke ine ————— 139 „Sie haben es,“ rief Gérard;„es iſt da.. geben Sie es mir zurück.“ Und der Mönch fühlte aufs Neue an ſeinem Arme den Druck der eiſernen Hand, während der ausgeſtreckte Finger des Mörders beinahe das Ma⸗ nuſcript berührte. „Ja, es iſt da,“ ſprach der Abbé Dominique; „doch wo es iſt, da wird es, ich ſchwöre es bei meinem Prieſterworte, auch bleiben.“ „Sie würden alſo Ihren Eid brechen? Sie wür⸗ den alſo die Beichte offenbaren?“ „Ich habe Ihnen geſagt, ich nehme den Vertrag an, und ſo lange Sie leben, werde ich ſchweigen.“ „Warum behalten Sie dann dieſes Papier?“ „Weil Gott gerecht iſt; weil es, durch Zufall oder durch Gerechtigkeit, ſein kann, daß Sie während des Proceſſes meines Vaters ſterben, weil ich end⸗ lich, iſt mein Vater verurtheilt, auf dem Schaffot zu ſterben, dieſes Papier gegen Gott erheben und ſprechen werde:„„Herr, der Du das höchſte Weſen und der gerechte Gott biſt, ſchlage den Schuldigen und rette den Unſchuldigen!““ Das, Elender, iſt mein Menſchen⸗ und Prieſterrecht, und ich werde von meinem Rechte Gebrauch machen.“ Hierauf ſchob er Herrn Gérard, der ſich vor ihn geſtellt hatte, als wollte er ihm den Weg verſperren, heftig beiſeit, ging die Treppe hinauf, dem Mörder durch eine gebieteriſche Geberde verbietend, ihm zu folgen, trat in ſeine Wohnung ein, deren Thüre er ſchloß, fiel vor einem Crucifix auf die Kniee und ſprach: „Mein Gott und Herr, Du, der Du Alles ſiehſt, 140 Du, der Du Alles hörſt, Du haſt ſo eben geſehen und gehört, was vorgefallen iſt; mein Gott und Herr, es wäre eine Ruchloſigkeit, die Hand der Men⸗ ſchen bei Allem dem anzurufen... Dir die Gerech⸗ tigkeit!“ Dann fügte er mit dumpfem Tone bei: „Und übſt Du nicht Gerechtigkeit, mir die Rache!“ XIII. Eine Soirée im Hotel Marande. Einen Monat nach den Ereigniſſen, die wir in den vorhergehenden Kopiteln erzählt haben, am Sonntag den 30. April, bot die Rue Laffitte,— oder nennen wir ſie vielmehr mit dem Namen, den ſie damals trug,— die Rue dArtvis einen ungewohn⸗ ten Anblick. Man denke ſich in der That das Boulevard des Italiens und das Boulevard des Capucines bis zum Boulevard de la Madeleine, das Boulevard Mont⸗ martre bis zum Boulevard Bonne⸗Nouvelle, und an⸗ dererſeits, parallel, die ganze Rue de Provence und die anliegenden Straßen buchſtäblich von Equipagen mit funkelnden Laternen überſtrömt; man denke ſich die Rue d'Artvis beleuchtet von zwei mit Lämpchen beladenen rieſigen Eibenbäumen, die ſich auf jeder Seite der Thüre eines reichen Hotels erhoben; zwei Dragoner zu Pferde dieſe Thüre bewachend, zwei andere auf dem durch das Durchkreuzen der Rue de Provence gebildeten Scheidewege ſtationirend;— 6 en nd n⸗ ch⸗ in am der ſie hn⸗ des um nt⸗ an⸗ ind gen ſich hen der wei wei de 14¹ und man wird eine Idee von dem Schauſpiele haben, das den Vorübergehenden die Umgebungen des Hotels Marande bieten, wenn ſeine ſchöne Herrin einigen Freunden eine von den Soiveen gibt, wobei ganz Paris ſein will. Folgen wir einer von den Equipagen, welche die Reihe bilden, und treten wir mit ihr in den Ehren⸗ hof ein; bleiben wir ſodann in dieſem Ehrenhofe ſtehen, in Erwartung von Einem, der uns einführt, und während wir warten, betrachten wir das Innere des Hotels. Das Hotel Marande lag, wie geſagt, in der Rue d'Artvis, zwiſchen dem Hotel Cerutti,— das bis 1792 ſeinen Namen der Straße gegeben hatte,— und dem Hotel de l'Empire. Drei Corps de Logis bildeten, mit der Fagade⸗ mauer, ein ungeheures Rechteck. Rechts waren die Zimmer des Banquier, vorne die Salons des Politikers; links die Gemächer der ſchönen Perſon, die unſern Leſern ſchon mehrere Male unter dem Namen Lydie von Marande erſchienen iſt. Dieſe drei Corps de Logis ſtanden ſo mit einander in Verbindung, daß der Herr das Auge überall haben konnte,— zu jeder Stunde des Tages, wie zu jeder Stunde der Nacht. Die Empfangſalons nahmen den erſten Stock dem Thorwege gegenüber ein. Doch an den großen Tagen öffnete man die Verbindungsthüren, und die Einge⸗ ladenen konnten dann ohne Indiscretion in die ele⸗ ganten Boudoirs der Frau und in die ſtrengen Orte der Zurückgezogenheit des Mannes dringen. Das ganze Erdgeſchoß diente, der linke Flügel 142 für Küche und Officin; das Centrum als Speiſeſaal und Veſtibule; der rechte Flügel für Bureaur und Kaſſe. Steigen wir die Treppe mit marmornem Ge⸗ länder und mit Stufen bedeckt mit einem Teppich von Sallandrouze hinauf und ſehen wir, ob unter dieſer ganzen Menge, welche die Vorzimmer füllt, nicht ein Freund exiſtirt, der uns der ſchönen Wir⸗ thin des Hauſes vorſtellen kann. Wir kennen die bedeutendſten Eingeladenen; doch wir ſtehen nicht in ſo enger Verbindung mit ihnen, um einen ſolchen Dienſt von ihnen zu verlangen. Höret, man meldet ſie. Es iſt Lafayette, es iſt Caſimir Perrier, es iſt Royer⸗Collard, es iſt Béranger, es iſt Pajol, es iſt Köchlin, es iſt endlich Alles das, was in Frankreich die in der Mitte zwiſchen der ariſtokratiſchen Monarchie und der Republik liegende Meinung vertritt; es ſind diejenigen, welche mit dem Worte Charte im Munde dumpf an der großen Geburt von 1830 arbeiten, und hören wir unter allen dieſen Parteichefs, die wir genannt haben, Laffitte nicht melden, ſo iſt dies ſo, weil er ſich in Maiſons befindet und mit der Ergebenheit, welche der treffliche Banquier für ſeine Freunde hegt, den kranken Manuel pflegt, der binnen Kurzem ſterben wird. Doch ſieh, da iſt Einer, der uns einführen wird. Iſt einmal die Schwelle überſchritten, ſo werden wir gehen, wohin es uns beliebt. Es iſt dieſer junge Mann von mittlerer, eher großer, als kleiner, wunderbar gebauter Geſtalt; die⸗ ſer junge Mann nach der Mode der Zeit gekleidet, al nd e⸗ ich ter lt, ir⸗ och en, iſt iſt eich chie ind nde ten, die ies der eine nen ird. wir eher die⸗ idet, 143 und zugleich mit jenem gewiſſen Etwas, das den Künſtler bildet. Man ſehe: dunkelgrüner Frack ge⸗ ſchmückt mit dem Bande der Ehrenlegion, das er erhalten hat,— durch welchen Einfluß? er weiß es nicht; denn er hat es nicht verlangt, und ſein Oheim iſt zu egviſtiſch, als daß er daran gedacht hätte, es ihm zu verſchaffen, und überdies iſt er bei der Oppoſition; — ſchwarze Sammetweſte mit einem Knopfe oben zugeknöpft, drei Knöpfen unten zugeknöpft, welche Weſte durch ihre Oeffnuug ein Jabot von engliſchen Spitzen paſſiren läßt; anliegende Beinkleider, ein nerviges, bewunderungswürdig gemachtes Bein zeich⸗ nend; durchbrochene ſchwarze ſeidene Strümpfe und Schuhe mit kleinen goldenen Schnallen, einen Frauen⸗ fuß enthaltend;— ſodann über Alles dies der Kopf von Van Dyk mit ſechsundzwanzig Jahren. Sie haben ihn erkannt, es iſt Petrus. Er hat kurz zuvor ein reizendes Portrait von der Gebieterin des Hauſes gemacht.— Er liebt es nicht, Portraits zu machen, doch ſein Freund Jean Robert iſt ſo ſehr in ihn gedrungen, er möge das von Frau von Ma⸗ rande malen, daß der junge Künſtler einwilligte. Allerdings hat ein hübſcher Mund, ſich mit dem be⸗ freundeten Munde von Jean Robert verbindend, indeß zugleich eine reizende Hand die ſeinige drückte, auf dem Balle der Frau Herzogin von Berry,— wo er, man weiß nicht auf welche Empfehlung, ein⸗ geladen war,— allerdings hat ein hübſcher Mund mit einem bezaubernden Lächeln zu ihm geſagt:„Machen Sie das Portrait von Lydie; ich will es.“ Und der Maler, da er nichts dieſem hübſchen Munde zu verweigern hatte, in welchem der Leſer 144⁴ ſchon den von Regina von Lamothe⸗Houdon, Gräfin Rappt, erkannt hat, öffnete die Pforten ſeines Atelier Madame Lydie von Marande, welche, das erſte Mal von ihrem Gatten geführt,— der dem Maler in Perſon für ſeine Gefälligkeit danken wollte,— die anderen Male nur in Begleitung eines einzigen Be⸗ dienten kam.. Sodann, als das Gemälde vollendet war,— da man einſah, man bezahle nicht mit Banquebillets die Gefälligkeit eines Künſtlers wie Petrus, eines Edelmannes wie der Baron von Courtenay,— neigte ſich Frau von Marande an das Ohr des ſchönen Malers und ſagte zu ihm: „Beſuchen Sie mich, wann Sie wollen: nur be⸗ nachrichtigen Sie mich am Tage vorher durch eine Zeile, damit Sie Regina bei mir finden.“ Und Petrus ergriff die Hand von Frau von Marande und küßte ſie mit einem Feuer, das die ſchöne Lydie ſagen machte: „Ohl mein Herr, wie müſſen Sie diejenigen lie⸗ ben, welche Sie lieben!“ Am andern Tage erhielt Petrus, durch die Ver⸗ mittlung von Regina, eine ſehr einfache Nadel, die kaum den halben Werth ſeines Bildes hatte,— eine doppelte Zartheit, welche mit ſeinem ariſtokratiſchen Charakter Petrus beſſer als irgend ein Anderer zu ſchätzen im Stande war. Folgen wir alſo Petrus: Sie ſehen, daß er alles Recht hat, uns in ſeinem Gefolge in das Haus des Banquier der Rue d'Artois einzuführen und uns die Schwelle dieſer Salons überſchreiten zu laſſen, wo uns ſo viele Illuſtrationen vorangegangen ſind. fin ier tal in die Be⸗ lets nes igte nen be⸗ eine von die lie⸗ Ver⸗ die eine chen rzu alles des uns „wo 14⁵5 Gehen wir unmittelbar zur Gebieterin des Hau⸗ ſes. Sie iſt dort rechts in ihrem Boudoir. Die erſte Bewegung von Jedem, der in dieſes Boudvir eintritt, gehört ganz dem Erſtaunen. Was iſt aus allen den berühmten Perſonen geworden, die man gemeldet hat, und warum findet man hier, mitten unter zehn bis zwölf Frauen, kaum drei bis vier junge Leute? Das iſt ſo, weil die politiſchen Illuſtrationen Herrn von Marande zu Liebe kommen; weil Frau von Marande die Politik haßt; weil ſie erklärt, ſie habe keine Meinung, ſie finde nur, die Frau Herzogin von Berry ſei eine reizende Frau, und König Karl X. müſſe einſt ein vollendeter Edel⸗ mann geweſen ſein. Doch ſind die Männer,— welche bald kommen werden, ſeien Sie ruhig!— ſind die Männer oder vielmehr die jungen Leute in der Minderzahl, welch ein blendendes Luſtſtück von Frauen! Beſchäftigen wir uns zuerſt mit dem Boudoir. Das iſt ein hübſcher Salon, der einerſeits in ein Schlafzimmer und andererſeits in eine Gewächs⸗ hausgallerie geht. Er iſt ausgeſchlagen mit himmel⸗ blauem Atlaß mit ſchwarzen und roſenfarbigen Orna⸗ menten; ſo daß die glänzenden Augen und die herrlichen Diamanten der ſchönen Freundinnen von Frau von Ma⸗ rande auf dem Azur wie Sterne am Firmament funkeln. Diejenige aber, welche man zuerſt erblickt, die⸗ jenige, mit welcher wir uns beſonders zu beſchäftigen haben, die Sympathetiſchſte, wenn nicht die Schönſte, die Anziehendſte, wenn nicht die Hübſcheſte, iſt ohne Widerſpruch die Herrin des Hauſes, Madame Lydie von Marande. Dumas, Salvator. 1. 10 146 Wir haben, ſo weit es der Feder dies zu thun erlaubt iſt, das Portrait ihrer drei Freundinnen von Saint⸗Denis gezeichnet; verſuchen wir es nun das ihrige zu ſtizziren. Madame Lydie von Marande ſchien kaum ihr zwanzigſtes Jahr erreicht zu haben. Es war eine Perſon von reizendem Anblick für Jeden, der in der Frau einen Körper und nicht allein eine Seele fin⸗ den will. Sie hatte Haare von einer köſtlichen Nuance: blond, wenn ſie dieſelben in leichten Locken trug, kaſtanienbraun, wenn ſie ſie in geſchloſſenem Scheitel trug; immer glänzend und ſeiden. Ihre Stirne war ſchön, verſtändig und ſtolz, weiß wie Marmor, glatt wie dieſer. Ihre Augen waren ſeltſam, weder völlig blau, noch völlig ſchwarz, doch an beiden Farben theilhabend, zuweilen in Nuancen von Opal ſpielend, andere Male düſter wie Laſurſtein, und dies je nach dem Lichte, das ſie beleuchtete, oder vielleicht nach den Schlägen des Herzens, das ſie belebte. Die Naſe war fein, aufgeſtülpt, ſpöttiſch; der Mund war wohl gezeichnet, jedoch ein wenig groß, friſch wie feuchte Koralle, lachend und ſinnlich. Gewöhnlich ſind ihre prallen Lippen leicht geöff⸗ net und laſſen das äußerſte Ende einer doppelten Reihe von Perlen ſehen; ſchließen ſich dieſe Lippen, ſo geben ſie, indem ſie ſich verbinden, dem ganzen oberen Theile des Geſichtes ein hoffärtiges, gering⸗ ſchätziges Weſen. Das Kinn iſt zierlich und roſenfarbig. Was aber dieſem ganzen Geſichte ſeine wirkliche un on s ihr ine der in⸗ ug, itel olz, lau, end, dere dem den der roß, eöff⸗ lten pen, nzen ing⸗ liche 147 Schönheit, ſeine wahre Phyſiognomie, ſeinen vrigi⸗ nalen und, wir möchten beinahe ſagen, ſeinen origi⸗ nellen Charakter verlieh, das war dieſes ſchauernde Leben, das mit dem Blute unter der Haut zu laufen ſchien; das war dieſer lebendige Teint; das waren dieſe ſo leicht mit Perlmutter nuancirten, ſo coquett mit Roſa gefärbten Wangen, daß ſie zugleich die Durchſichtigkeit hatten, an der man die Frau des Südens erräth, und die Friſche, an der man die Frau des Nordens erkennt. So, unter einem blühenden Apfelbaume, beklei⸗ det mit der reizenden Tracht der Frauen aus der Gegend von Caux, wäre ſie von einer Tochter der Normandie als Landsmännin reclamirt worden; und ſich in einer Hängematte ſchaukelnd, im Schatten eines Bananenbaumes, würde ſie für eine Schweſter von einer Creolin von Guadelupe oder Martinique gehalten worden ſein. Wir haben weiter oben zu verſtehen gegeben, der ganze Körper, der dieſen reizenden Kopf getragen, ſei mit einer gewiſſen Fülle ausgeſtattet geweſen; doch dieſe Fülle, die bei der Frau von Albano an⸗ hielt, ohne die von Rubens zu erreichen, war, weit entfernt, unangenehm zu ſein, an und für ſich ver⸗ führeriſch; mehr als verführeriſch: wollüſtig. In der That, ein üppiger Hals, der nie zum carcere duro*) des Corſetts verdammt geweſen zu ſein ſchien, prallte bei jedem Athemzuge, ſtolz und reich, durch eine Gazewoge auf, ähnlich jenen Hälſen *) Zum harten Gefängniß. 148 der ſchönen Töchter von Sparta und Athen, welche für die Venus und die Hebes von Praxiteles und Phidias ſtanden. Hatte dieſe ſtrahlende Schönheit, die wir ſo eben beſchrieben, ihre Bewunderer, ſo müſſen Sie begrei⸗ fen, daß ſie dagegen auch ihre Feinde und ihre Ver⸗ leumder hatte. Ihre Feinde, das waren faſt alle Frauen; ihre Verleumder, das waren alle diejenigen, welche ſich für berufen gehalten hatten und nicht auserwählt worden waren; es waren die abgewieſe⸗ nen Liebhaber; es waren dieſe Schönen und dieſe Elegants mit leerem Gehirne, die ſich nicht vorſtellen, eine Frau begabt mit ſolchen Schätzen könne damit geizig ſein. Frau von Marande war alſo mehr als einmal verleumdet worden; und dennoch, obſchon ſie dieſe köſtliche Verführung der Frau, die Schwäche behalten hatte, hatten wenige Frauen die Verleumdung minder verdient als ſie. So, als der Graf Herbel, als wahrer Voltairianer, was er war, zu ſeinem Neffen ſagte:„Was iſt Frau von Marande? Eine Magdalena unter der Gewalt ihres Mannes und in der Unmacht der Reue!“ be⸗ ging der General unſerer Anſicht nach ein Unrecht, und wir werden ſpäter ſagen, auf welche gramma⸗ tikaliſche Art er die Wörter Gewalt und Unmacht hätte ſetzen müſſen, hätte er die geringſte Velleität gehabt, correct zu ſprechen. Madame Lydie von Marande war, wie man bald ſehen wird, nichts weniger als eine Magdalena. Nun aber, da wir ſie genügend geſchildert zu haben glauben, wollen wir das Boudoir vollends che nd en rei⸗ er⸗ alle en, icht eſe⸗ ieſe len, mit mal ieſe lten der ner, rau valt be⸗ echt, ma⸗ ätte abt, inde als zu nds 149 beſchreiben und mit denjenigen, welche es einnehmen, Bekanntſchaft machen oder erneuern. XIV. Wo von Carmelite die Rede iſt. Wir haben geſagt, unter dieſem ganzen Luſtſtücke von Frauen ſeien nur vier bis fünf Männer gewe⸗ ſen. Benützen wir es, daß die Geſellſchaft nicht zahlreicher iſt, um uns in dieſes Salongeſchwätz zu miſchen, das gewöhnlich ſo viel Worte gebraucht, um ſo wenig zu ſagen. Der Lärmendſte von dieſen fünf Privilegirten des Boudoir von Frau von Marande war ein jun⸗ ger Mann, den wir unter ſchmerzlichen oder unheil⸗ vollen Umſtänden geſehen haben. Es war Herr Lorédan von Valgeneuſe, der von Zeit zu Zeit, an welchem Orte des Boudoir er auch war, und mit welcher Dame er auch ſprach, einen Blick ſchnell wie der Blitz und von ſeltſamer Bedeutung mit ſeiner Schweſter, Fräulein Suſanne von Valgeneuſe, der Penſionsfreundin der armen Mina, wechſelte. Herr Lorédan war ein wahrer Salonmenſch; kein Mund wußte beſſer zu lächeln, kein Blick wußte beſſer zu complimentiren; er beſaß im höchſten Grade die Höf⸗ lichkeit, welche an die Unverſchämtheit gränzt, und von 1820 bis 1827, hatte ihn noch Niemand in der Kunſt, ſeine Halsbinde anzulegen und daran, ſelbſt ganz behandſchuht, den Knoten nach der neuſten Mode zu machen, ohne den Atlaß oder den Batiſt zu zer⸗ knittern, entthronen können. 150 Er plauderte in dieſem Augenblicke mit Frau von Marande, deren Rococo⸗Fächer er als wahrer Liebhaber der Vanloo und Boucher vom Trödel be⸗ wunderte. Derjenige, welcher nach Lorédan die Blicke der Frauen anzog,— weniger wegen ſeiner Schönheit und ſeiner Eleganz, als wegen ſeines ſchon durch drei bis vier Theaterſucceſſe und durch eine mehr noch originelle als geiſtreiche Converſation gegrün⸗ deten Rufes,— war der Dichter Jean Robert. Unter der Zahl der gedruckten Einladungen, die ſeine erſten Triumphe um ihn regnen gemacht hatten, und auf welche zu antworten er ſich wohl hütete, hatten ein paar autographirte Einladungen der ſchönen Lydie, — welche aus ihrem Salon das literariſche Rendez⸗ vous machen wollte, wie ihr Gatte aus dem ſeinigen das politiſche Rendez⸗vous der großen Männer der Zeit zu machen beabſichtigte,— ſeine Bedenklichkeiten überwunden. Ohne einer der emſigſten Beſuche von Frau von Marande zu ſein, war er doch einer ihrer Habitués, und bei jeder Sitzung, die ſie ſeit drei Wochen ſeinem Freunde Petrus gegeben hatte, war er gewiſſenhaft gegenwärtig geweſen, in der Abſicht, mit der reizenden jungen Frau plaudernd ihrem Portrait Belebtheit zu geben. Man muß ſagen, daß es auch diesmal Jean Robert geglückt war, und daß nie der Blick und das Lächeln von Lydie, der eine glänzender, das andere belebter geweſen waren. Herr von Marande machte hierüber an dieſem Abend,— das Portrait war erſt ſeit zwei Tagen im Hotel zurück,— Herr von Marande, ſagen wir, machte hierüber an demſelben Abend Jean Robert ſein a v im wir, 151¹ Compliment und dankte ihm für die Gefälligkeit, mit der er für Frau von Marande das Langweilige des Sitzens abgekürzt habe. Jean Robert wußte Anfangs nicht, ob Herr von Rarande im Ernſte ſprach oder ſpottete; raſch auf das Geſicht des Banquier zurückgeworfen, glaubte ſein Blick ſogar einen Moment auf dieſem Geſichte einen ironiſchen Ausdruck zu ertappen. Doch die Augen der zwei Männer hefteten ſich auf einander mit einem gewiſſen Ernſte, und ſich verbeugend wiederholte nun Herr von Marande die Worte: „Herr Jean Robert, ich ſpreche im Ernſte, und Frau von Marande vermöchte mir kein größeres Ver⸗ gnügen zu machen, als wenn ſie die Bekanntſchaft eines Mannes von Ihrem Verdienſte cultiviren würde.“ Und er reichte ihm ſo treuherzig die Hand, daß ihm Jean Robert die ſeinige mit gleicher Treuher⸗ zigkeit gab, obſchon dieſe Treuherzigkeit von Seiten des jungen Dichters nicht ganz von einem gewiſſen Zögern frei zu ſein ſchien. Die dritte Perſon, mit der wir uns beſchäftigen werden, iſt unſer Einführer Petrus. Wir wiſſen, welches Geſtirn ihn anzieht. Nachdem die üblichen Complimente Frau von Marande, Jean Robert, ſeinem Oheim, dem alten General Herbel,— der in einer Ecke ſo mühſam verdaute, daß ihm ſeine Verdauung eine würdige und ernſte Miene gibt,— gemacht und die Damen in Maſſe gegrüßt ſind, hat er nach einem Augenblicke Mittel gefunden, ſich auf die Cauſeuſe zu ſtützen, auf der die ſchöne Regina, halb liegend, 152 einen Strauß von parmeſaniſchen Veilchen entblätterte, ſicher, es werden, wenn ſie aufgeſtanden ſei und den Platz geändert habe, die von ihr enthaupteten Veil⸗ chen nicht verloren ſein. Die fünfte Perſon iſt ganz einfach ein Tänzer. Er gehört zu der von den Gebieterinnen des Hauſes ſehr geſchätzten Race, mit denen ſich aber die Poeſie, der Roman und die Malerei nur zu beſchäftigen haben, wie ſich ein Inſcenirer mit einem Comparſen beſchäftigt. Wir ſagten, Lorédan habe mit Frau von Ma⸗ rande geplaudert; auf den Marmor des Kamins ge⸗ ſtützt, habe ſie Jean Robert angeſchaut; Petrus habe mit Regina geſprochen, lächelnd bei jedem Veilchen, das den ſchönen Händen ſeiner Gottheit entfiel; der General Herbel habe mühſam auf einem Sopha ver⸗ daut; der Tänzer endlich habe ſeine Contretänze ein⸗ geſchrieben, um chronologiſch auf ſeine Tänzerin zu⸗ zuſtürzen, ſo oft das Orcheſter, das ſich erſt um Mit⸗ ternacht ſollte hören laſſen, in die duftende Atmos⸗ phäre der Salons ſeine Noten der Aufforderung zu einer neuen Quadrille werfen würde. Um genau zu ſein, müſſen wir ſagen, daß das Bild, das wir zu malen verſucht haben, keine Be⸗ ſtändigkeit hatte. Von Minute zu Minute meldete man einen neuen Namen; die durch den Namen be⸗ zeichnete Perſon trat ein: war es eine Frau, ſo ging ihr Madame de Marande entgegen, und je nach dem Grade der Vertraulichkeit, in dem ſie mit dieſer Frau ſtand, küßte ſie dieſelbe oder beſchränkte ſie ſich da⸗ rauf, daß ſie ihr die Hand drückte; war n ſo nickte ſie mit dem Kopfe, begleitete dieſe Nicken r⸗ it⸗ 8 u as e⸗ ete e⸗ ng em au 153 mit einem anmuthigen Lächeln und ſogar mit ein paar Worten, bezeichnete ſodann der Frau einen freien Sitz, dem Manne die Gewächshausgallerie, und ließ aus den Neuangekommenen werden, was ſie wollten, gefiel es Ihnen nun, die Schlachten von Horace Ver⸗ net, die Seeſtücke von Gudin, die Aquarellen von Decamps zu betrachten, oder zogen ſie es vor, eine Privatconverſation anzuknüpfen, oder einen Fetzen an jene Art von allgemeiner Converſation zu nähen, welche immer in einem Salon umherflattert, und an die ſich die Leute anhängen, welche weder zu zwei zu plaudern, noch,— was bedeutend ſchwieriger iſt, — zu ſchweigen wiſſen! Einer, der ein Intereſſe gehabt hätte, dies wahr⸗ zunehmen, hätte bemerken können, daß trotz aller Ortsveränderungen, welche die Ankunft der neuen Gäſte der Gebieterin des Hauſes auferlegte, wo ſich auch Frau von Marande, nachdem ſie ihre Reverenz gemacht, nachdem ſie ihren Kuß gegeben hatte, oder ihr Händedruck vollendet war, wiederfand, Herr Lo⸗ rédan von Valgeneuſe das Talent beſaß, ſich auch wieder bei ihr zu finden. Lydie bemerkte dieſe Beharrlichkeit, und mißfiel ſie ihr nun wirklich, oder befürchtete ſie, eine andere Perſon könnte ſie auch bemerken, ſie verſuchte es, ihr zu entgehen; ein erſtes Mal, indem ſie ſich an die Seite von Regina ſetzte und für einige Augenblicke das ſüße Geſpräch der zwei jungen Leute unterbrach, — ein Egoismus, den ſie ſich ſehr ſchnell zum Vorwurfe machte;— ein zweites Mal, indem ſie ſich unter die Fittige des alten Voltairianers flüchtete, den wir als einen ſo ſtrengen Beobachter der Data bei ſeiner Un⸗ 15⁴ terredung mit der Marguiſe de la Tournelle geſehen haben. Diesmal wollte Frau von Marande hartnäckig aus dem Herzen des alten Grafen das Geheimniß ziehen, das ein gewöhnlich lächelndes, mehr als lä⸗ chelnd, ſpöttiſches Geſicht ſorgenvoll machte. Aber kam nun der Kummer des Grafen aus ſeinem Herzen oder,— was für ihn noch viel ernſter war,— aus ſeinem Magen, er ſchien ganz und gar nicht entſchloſſen, Frau von Marande zur Vertrauten ſeines Geheimniſſes zu machen. Einige Worte von ihrem Geſpräche gelangten bis zu Petrus und Regina und entzogen ſie ihrer Ent⸗ zuckung. Die zwei jungen Leute wechſelten einen Blick. Von Seiten Reginas bedeutete dieſer Blick: „Wir ſind ſehr unklug, Petrus! ſeit einer halben Stunde plaudern wir mit einander eben ſo rückhalt⸗ los, als ob wir im Gewächshauſe des Boulevard des Invalides wären.“ „Ja,“ antwortete der Blick von Petrus,„ſehr unklug, es iſt wahr, aber ſehr glücklich, meine Regina!“ Sodann, als ſie einen Blick gewechſelt hatten, wechſelten die zwei jungen Leute aus der Ferne und durch ein einfaches Schauern der Lippen einen von jenen Küſſen, die das Herz dem Herzen ſchickt; und als würde er auf eine natürliche Art durch das Ge⸗ ſpräch ſeines Oheims mit Frau von Marande ange⸗ zogen, näherte ſich Petrus dieſen und ſagte, das Lächeln der Sorgloſigkeit auf den Lippen als ein en ig iß lä⸗ us ter ar ten bis nt⸗ ben alt⸗ ard ehr ine ten, und von und Ge⸗ nge⸗ das ein 155 verzogenes Kind, das ſich berechtigt glaubt, Alles zu ſagen:. „Mein Oheim, ich mache Sie darauf aufmerkſam, daß, wenn Sie nicht Frau von Marande, die Ihnen die Ehre erwieſen hat, Sie zweimal nach der Urſache Ihrer Sorgen zu fragen,— bei unſerem Ahnherrn Joſſelin II., den man Joſſelin den Galanten nannte, anderthalb Jahrhunderte, ehe die Galanterie erfunden war, bei dieſem auf dem Ehrenfelde der Liebe ge⸗ ſtorbenen Ahnherrn ſchwöre ich Ihnen, mein Oheim, daß ich Sie Madame denuncire und die wahre Ur⸗ ſache Ihres Kummers enthülle, ſo geheimnißvoll ſie auch ſein mag.“ „Enthülle, mein Junge,“ ſagte der General mit einer gewiſſen Miene von Traurigkeit, welche in Pe⸗ trus Zweifel erregte, ob ſein Oheim allein unter der Bangigkeit einer mühſamen Verdauung leide,„ent⸗ hülle, doch willſt Du mir glauben, ſo wirſt Du vor der Enthüllung Deine Zunge ſiebenmal im Munde umdrehen, aus Furcht, Dich zu verirren.“ „Oh! ich fürchte nichts!“ erwiederte Petrus, „So ſprechen Sie geſchwinde, Herr Petrus, denn ich ſterbe vor Unruhe,“ ſagte Frau von Marande, welche auch ihre Zunge ſiebenmal im Munde umzu⸗ drehen ſchien, ehe ſie den wahren Gegenſtand des der ſie hierher geführt hatte, in Angriff nahm. „Sie ſterben vor Unruhe, Madame?“ erwiederte der alte General;„nun wohl, das überſteigt ganz und gar meinen Scharfſinn! Sollte ich zufällig ſo glücklich ſein, daß Sie irgend eine Gunſt von mir zu verlangen hätten, und befürchten Sie, meine 156 ſchlechte Laune könnte auf meine Antwort Einfluß üben?“ „O tiefe Philoſophie!“ ſagte Frau von Marande, „wer hat Ihnen denn ſo die Geheimniſſe des menſch⸗ lichen Herzens geoffenbart?“ „Geben Sie mir Ihre ſchöne Hand, Madame.“ Lydie reichte dem alten General die Hand, nach⸗ dem ſie die Artigkeit gehabt hatte, ihren Handſchuh auszuziehen. „Welch ein Wunder!“ ſprach der General;„ich glaubte, es gebe keine ſolche Hände mehr.“ Er zog ſie an ſeine Lippen; ſodann inne haltend, ſagte er: „Oh! bei meiner Treue, es iſt eine Ruchloſigkeit, wenn ſechsundſechzigjährige Lippen einen ſolchen Marmor berühren!“ „Wie!“ verſetzte Frau von Marande, ſich zierend, „Sie weigern ſich, meine Hand zu küſſen, General?“ „Dieſe Hand, gehört ſie mir für eine Minute als volles Eigenthum?“ „Als volles Eigenthum, General.“ Der General wandte ſich gegen Petrus um und ſagte: „Nähere Dich, Junge, und küſſe mir dieſe Hand.“ Petrus gehorchte. „Gut! und nun nimm Dich in Acht, denn nach einem ſolchen Geſchenke glaube ich, daß es mir frei⸗ ſteht, Dich zu enterben.“ Dann ſprach der alte Graf zu Frau von Ma⸗ rande: 7 S 157 „Geben Sie Ihre Befehle, Madame, Ihr un⸗ würdiger Diener erwartet ſie auf den Knieen.“ „Nein, ich bin Weib und halsſtarrig. Ich will vor Allem wiſſen, was Sie ſorgenvoll macht, mein lieber General.“ „Sie haben dieſen Burſchen, der es Ihnen ſagen wird! Ah! Madame, in ſeinem Alter hätte ich mich tödten laſſen, um eine ſolche Hand zu küſſen! Oh! daß das Paradies nicht wieder zu verlieren iſt, und daß ich nicht Adam bin!“ „Ah! General,“ ſagte Frau von Marande,„man kann nicht zugleich Adam und die Schlange ſein.— Nun, Herr Petrus, erzählen Sie uns, was Ihrem Oheim begegnet iſt.“ „Madame, vernehmen Sie, wie ſich die Sache verhält. Mein Oheim, der die Gewohnheit hat, ſich durch die Meditation auf alle wichtige Acte ſeines Lebens vorzubereiten, pflegt zu dieſem Ende eine Stunde vor ſeinem Mittageſſen allein zu bleiben, und ich glaube...“ „Sie glauben?“ „Ich glaube, daß er heute in ſeiner theuren Ein⸗ ſamkeit geſtört worden iſt.“ „Das iſt es nicht,“ ſagte der General,„Du haſt die Zunge nur ſiebenmal gedreht: drehe ſie vier⸗ zehnmal.“ „Mein Oheim,“ fuhr Petrus fort, ohne ſich da⸗ rum zu bekümmern, daß ihn der alte General Lügen ſtrafte,„mein Oheim hat heute zwiſchen fünf und ſechs Uhr einen Beſuch von der Frau Marquiſe Yolande Pontaltais de la Tournelle erhalten.“ Regina, welche nur auf eine Gelegenheit wartete, 158 ſich Petrus zu nähern, um keines ſeiner Worte zu verlieren, von denen jede Sylbe ihr Herz ſchlagen machte,— Regina, als ſie den Namen ihrer Tante ausſprechen hörte, glaubte, es ſei dies eine Gelegen⸗ heit, am Geſpräche Theil zu nehmen. Sie ſtand alſo von ihrer Cauſeuſe auf und nä⸗ herte ſich ſachte der Gruppe. Petrus ſah ſie nicht, hörte ſie nicht, doch er fühlte ſie kommen und ſchauerte an allen Gliedern. Seine Augen ſchloſſen ſich, ſeine Stimme erloſch. Regina begriff, was im Herzen ihres Herzens vorging, und ſie empfand darüber eine ſeltſame Wolluſt. „Nun,“ ſagte ſie mit einer Stimme ſo ſanft wie das Vibriren einer Aeolsharfe,„ſprechen Sie nicht mehr, weil ich da bin, Herr Petrus?“ „O Jugend! Jugend!“ murmelte der Graf Herbel. Es erhob ſich in der That rings um dieſe Gruppe ein Wohlgeruch von Jugend, von Geſundheit, von Glück und von Heiterkeit, dem es gelang, die Stirne des alten Grafen zu entrunzeln. Nach dem Blicke, den er auf Petrus warf, hätte man denken ſollen, er könne mit einem Worte Alles dies verſchwinden machen, doch das Mitleid halte ihn, ſo egoiſtiſch er war, ab, auf das Wolkenſchloß zu blaſen, wo ſein Neffe wohnte. Er gab ihm dafür im Gegentheile die Flanke bloß. „Vorwärts, Junge! vorwärts!“ ſagte er;„Du brennſt!“ „Nun wohl, da es mein Oheim erlaubt,“ fuhr Petrus fort, genöthigt, bei ſeiner erdichteten Erzäh⸗ vie cht raf ope on rne tte les lte loß für Du hr ih⸗ lung zu beharren,„ſo ſage ich Ihnen, daß die Mar⸗ quiſe de la Tournelle wie alle...“ Petrus wollte ſagen wie alle alte Weiber, doch vier Schritte von ſich erblickte er zu rechter Zeit das verdrießliche Geſicht einer alten Witwe, und ſich verbeſſernd, ſprach er: „Ich wollte Ihnen ſagen, die Frau Marquiſe de la Tournelle habe wie alle Marquiſen eine Carline, die man Croupette nennt.“ „Ein reizender Name!“ rief Frau von Marande. „Ich kenne den Namen nicht, doch ich kenne die Carline.“ „Dann können Sie die Wahrheit der Erzählung würdigen,“ fuhr Petrus fort.„Es ſcheint, dieſe Carline riecht auf eine ertravagante Art nach Mo⸗ ſchus. Bin ich dabei, mein Oheim?“ „Ganz und gar,“ erwiederte der alte General. „Es ſcheint auch, daß der Moſchusgeruch die Eigenſchaft hat, die Saucen gerinnen zu machen, und da Mademviſelle Croupette ſehr naſchhaft iſt; da, ſo oft die Marquiſe de la Tournelle meinen Oheim beſucht, Mademoviſelle Croupette den Koch beſucht, ſo wollte ich wetten, daß mein theuerſter Oheim heute ein ab⸗ ſcheuliches Mittagsbrod gehabt hat, und daß ihn das ſo düſter und ſchwermüthig macht.“ „Bravo, Junge, man kann unmöglich ein beſſerer Wahrſager ſein; und gleichwohl glaube ich, daß ich, wenn ich gut ſuchen wollte, was Dich ſo heiter und zerſtreut macht, noch richtiger treffen würde... Doch es drängt mich, zu erfahren, was dieſe ſchöne Sirene von mir will, und ich werde die Erklärung auf einen andern Tag verſchieben.“ 160 Alsdann, ſich an Frau von Marande wendend: „Madame, Sie ſagten, Sie haben etwas von mir zu verlangen: ich warte.“ „General,“ ſprach Frau von Marande, indem ſie den Greis mit ihren freundlichſten Augen an⸗ ſchaute,„Sie haben die Unvorſichtigkeit begangen, mehrere Male zu ſagen, für meinen perſönlichen Dienſt gehören Ihre Arme, Ihr Herz, Ihr Kopf, kurz Alles, wobei Sie die freie Verfügung und den freien Gebrauch haben, mir. Nicht wahr, Sie haben mir das geſagt?“ „Das iſt die Wahrheit, Madame,“ antwortete der Graf mit der Galanterie, die man im Jahre 1827 ſchon nur noch bei den Greiſen traf.„Ich ſagte Ihnen, da ich nicht das Glück gehabt habe, für Sie zu leben, ſo würde es mir eine große Freude machen, für Sie zu ſterben!“ „Und Sie haben immer noch dieſe lobenswerthe Geſinnung, General?“ „Mehr als je!“ „Nun wohl, jetzt bietet ſich eine Gelegenheit, es mir zu beweiſen, das ſchwöre ich Ihnen.“ „Madame, hätte Ihre Gelegenheit nur ein Haar, ich verſpreche Ihnen, ſie daran zu faſſen.“ „Hören Sie mich alſo, General.“ „Ich bin ganz Ohr.“ „Gerade von dieſem Theile Ihrer Perſon ver⸗ lange ich von Ihnen die momentane Entäußerung zu meinen Gunſten.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich brauche Ihre Ohren für den ganzen Abend, General.“ S—.—)9 mir em en, hen opf, den ben tete hre für ude the es ar, er⸗ ing nd, 161 „Warum ſagten Sie dies nicht ſogleich, ſchöne Dame? Geben Sie mir raſch eine Scheere, und ich bringe Ihnen das Opfer, ohne Furcht, ohne Be⸗ dauern, und ſogar ohne Vorwurf... unter der ein⸗ zigen Bedingung jedoch, daß Sie nach meinen Ohren nicht auch meine Augen verlangen. „Ah! General,“ erwiederte Frau von Marande, „beruhigen Sie ſich! es iſt nicht davon die Rede, ſie von dem Stamme zu trennen, wo ſie mir trefflich an⸗ gebracht ſcheinen; es handelt ſich nur darum, ſie nach der Seite, die ich Ihnen bezeichnen werde, eine Stunde lang mit ununterbrochener Aufmerkſamkeit zu ſpannen; mit anderen Worten, ich werde die Ehre haben, Ihnen eine von meinen Penſionsfreundinnen, — von den beſten,— vorzuſtellen,— ein Mädchen, das Regina und ich unſere Schweſter nennen. Da⸗ mit ſage ich Ihnen, daß ſie Ihre ganze Achtung ver⸗ dient, wie ſie unſerer ganzen Freundſchaft würdig iſt. Dieſes Mädchen iſt Waiſe.“ „Waiſe,“ wiederholte Jean Robert.„Sagten Sie nicht ſo eben, Madame, Sie und die Gräfin Rappt ſeien ihre Schweſtern?“ Frau von Marande dankte Jean Robert und fuhr dann fort: „Waiſe von Vater und Mutter... Ihr Vater, ein braver Kapitän der Garde, Officier der Ehren⸗ legion, wurde 1814 bei Champaubert getödtet.— Darunt erhielt ſie ihre Erziehung mit uns in Saint⸗ Denis.— Ihre Mutter ſtarb vor zwei Jahren in ihren Armen; ſie iſt arm.. „Sie iſt arm!“ wiederholte der Se„Sag⸗ n Salvator. I. 162 ten Sie nicht vorhin, Madame, ſie habe zwei Freun⸗ dinnen?“ „Arm und ſtolz,“ fuhr Frau von Marande fort, und ſie will von der Kunſt eine Exiſtenz fordern, die ihre Nadelarbeiten ihr verweigern würden. Sodann hat ſie einen ungeheuren Schmerz, nicht zu vergeſſen, ſondern einzuſchläfern.“ „Einen ungeheuren Schmerz?“ „Ah! ja, den größten, den tiefſten Schmerz, den das Herz einer Frau enthalten kann!... Sie wiſ⸗ ſen das nun, General, und Sie werden ihr die Traurigkeit ihres Geſichtes vergeben und ihre Stimme hören.“ „Und,“ ſagte der General,„verzeihen Sie die Frage, ſie iſt weniger indiscret, als ſie von Anfang zu ſein ſcheint: bei der Laufbahn, für welche ſich Ihre Freundin beſtimmt, iſt die Schönheit nichts Unnützes;— und Ihre Freundin iſt ſchön?“ „Wie die antike Niobe mit zwanzig Jahren, General.“ „Und ſie ſingt?“ „Ich ſage Ihnen nicht wie die Paſta, ich ſage Ihnen nicht wie die Malibran, ich ſage Ihnen nicht wie die Catalani; ich ſage Ihnen wie ſie ſelbſt... Nein, ſie ſingt nicht: ſie weint, ſie leidet, ſie macht leiden und weinen.“ „Was für eine Stimme?“ „Eine herrliche Altſtimme?“ „Hat ſie ſich ſchon öffentlich hören laſſen?“ „Nie!... Sie wird heute Abend zum erſten Male vor fünfzig verſammelten Perſonen ſingen.“ „Und Sie wünſchen?“ pet jed tige wa un⸗ rt, rn, zu en iſ⸗ die me die ng ich ts ge cht ht 163 „Ich wünſche, General, daß Sie, der Sie ein vollendeter Dilettant und beſonders ein trefflicher Kenner ſind, ich wünſche, daß Sie ſie mit allen Ihren Ohren hören, und daß Sie, wenn Sie ſie gehört haben, für ſie thun, was Sie mich bei einer ſolchen Gelegenheit würden thun ſehen; ich wünſche, daß Sie, wenn Sie mir erlauben, mich Ihrer eigenen Ausdrücke zu bedienen, für unſere geliebte Carmelite leben;— nicht wahr, Regina?— daß Sie nicht einen Augenblick von Ihren Tagen haben, der ihr nicht ausſchließlich geweiht wäre; ich wünſche mit einem Worte, daß Sie ſich zu ihrem Ritter erklären, und daß ſie von dieſer Stunde an keinen glühenderen Vertheidiger und keinen leidenſchaftlichern Bewunde⸗ rer habe als Sie. Ich weiß, daß Ihre Meinung das Geſetz in der Oper macht, General.“ „Oh! erröthen Sie nicht, mein Oheim, das iſt bekannt.“ „Ich wünſche,“ fuhr Frau von Marande fort, „daß Sie dieſen Namen meiner Freundin— Car⸗ melite— allen Echos, die Sie zu Freunden haben, wiederholen.. nicht als wollte ich ſie, gegenwärtig wenigſtens, bei der Oper engagiren machen: meine Anſprüche gehen nicht ſo weit; da aber von Ihrer 93 „Von der hölliſchen Loge,“ fügte Petrus bei. „Oh! ſagen Sie das Wort, Madame.“ „Gut. da von der hölliſchen Loge alle Trom⸗ peten des Rufes ausgehen; da in der hölliſchen Loge jeder zukünftige Ruf gerüſtet oder jeder gegenwär⸗ tige Ruhm niedergeriſſen wird, ſo zähle ich auf Ihre wahre und ergebene Freundſchaft, daß Sie das Lob 164 von Carmelite an allen Orten ſingen, welche Sie Ihrer Beſuche würdigen: im Clubb, bei den Wett⸗ rennen, im Café Anglais, bei Tortoni, in der großen Oper, bei den Italienern, ich würde ſagen im Schloſſe, wäre Ihre Gegenwart in meinem Winkel nicht die höchſte Proteſtation Ihrer politiſchen Sympathien. Verſprechen Sie mir alſo, meine ſchöne traurige Freundin ſo weit und ſo raſch, als Sie können, zu lanciren,— iſt das nicht das geheiligte Wort? Ich werde hiefür eine ewige Dankbarkeit für Sie hegen.“ „Ich verlange einen Monat, um ſie zu lanciren, ſchöne Dame, zwei Monate, um ſie engagiren zu machen, und drei Monate, um zu machen, daß man ſie hört; will ſie nicht etwa in einer neuen Oper debutiren, in welchem Falle es die Sache eines Jahres ſein wird.“ „Ah! ſie wird in Allem, was man will, debuti⸗ ren: ſie kennt das franzöſiſche und das italieniſche Repertoire.“ „In dieſem Falle bringe ich Ihnen Ihre Freun⸗ din in drei Monaten von den Füßen bis zum Kopfe mit Lorbeeren bedeckt.“ „Sie werden alſo die Ihrigen mit ihr theilen, General,“ ſprach Frau von Marande, indem ſie ihm ihre Hand reichte und herzlich die des Generals drückte. „Und ich auch,“ ſagte eine ſanfte Stimme, welche Petrus ſchauern machte,„ich werde Ihnen auch eine gränzenloſe Dankbarkeit weihen.“ „Ich bezweifle es nicht einen Augenblick, Prin⸗ zeſſin,“ erwiederte der General, der aus Höflichkeit un⸗ pfe en, hm als che ine rin⸗ keit 165 der Gräfin Rappt ihren Mädchentitel zu geben fort⸗ fuhr, und während er antwortete, er zweifle nicht an der Dankbarkeit von Regina, ſeinen Reffen angeſchaut hatte.„Wohl denn,“ ſagte er, ſich an Frau von Marande wendend,„Sie haben mir nur noch die Ehre zu erweiſen, Madame, mich Ihrer Freundin als ihren ergebenſten Diener vorzuſtellen.“ „Das wird ſehr leicht ſein, General: ſie iſt hier.“ „Wie, hier?“ „Ja, hier in meinem Schlafzimmer... Ich wollte ihr eine Unannehmlichkeit erſparen; es iſt im⸗ mer verdrießlich für eine junge Frau, alle Salons zu durchſchreiten und ſich melden zu laſſen. Darum ſind wir hier in kleinem Comité; darum ſtand auf gewiſſen Einladungen von mir: Zehn Uhr, und auf andern: Mitternacht; ich wollte Carmelite einen Kreis von auserwählten und nachſichtigen Freunden machen.“ „Ich danke Ihnen, Madame,“ ſagte Lorédan, der hierin einen Vorwand fand, um ſich in das Ge⸗ ſpräch zu miſchen,„ich danke Ihnen, daß Sie mich unter die Zahl der Auserwählten geſetzt haben; doch ich grolle Ihnen, daß Sie mich nicht für wichtig ge⸗ nug halten, um mir Ihrer Freundin zu empfehlen.“ „Oh!“ erwiederte Frau von Marande,„Sie ſind zu compromittirend, Herr Graf, als daß man Ih⸗ nen eine junge Perſon von zwanzig Jahren empfeh⸗ len könnte. Ueberdies wird die Schönheit von Car⸗ melite ſie hinreichend bei Ihnen empfehlen.“ „Der Augenblick iſt ſchlecht gewählt, Madame, und ich betheure Ihnen, daß zu dieſer Stunde eine einzige Schönheit...“ 166 „Verzeihen Sie,“ unterbrach eine Stimme mit der größten Sanftmuth und mit ausnehmender Höflich⸗ keit,„ich habe Frau von Marande ein Wort zu ſagen.“ Lorédan wandte ſich, die Stirne faltend, um; als er aber Herrn von Marande ſelbſt erkannte, der, ein Lächeln auf den Lippen, ſeiner Frau den Arm reichte, trat er raſch zurück. „Sie haben mir etwas zu ſagen, mein Herr?“ fragte Frau von Marande, indem ſie liebevoll den Arm ihres Gatten drückte.„Reden Sie!“ Sodann ſich umwendend: „Sie entſchuldigen, General.“ „Glücklich, wer ſolche Rechte hat,“ erwiederte der General Herbel. „Was wollen Sie, General?“ ſagte lachend Frau von Marande;„das ſind die Herrenrechte.“ Und ſie zog ſich, auf den Arm ihres Gatten ge⸗ ſtützt, ſachte aus dem Kreiſe zurück. „Ich bin nun zu Ihren Befehlen, mein Herr.“ „Wahrhaftig, ich weiß nicht, wie ich Ihnen das ſagen ſoll. Es iſt eine Sache, die ich völlig ver⸗ geſſen hatte, und der ich mich glücklicher Weiſe ſo eben erinnere.“ „Sprechen Sie.“ „Herr Thompſon, mein Correſpondent von den Vereinigten Staaten, hat mir einen jungen Mann und eine junge Frau von Louiſiana empfohlen, die einen Creditbrief auf mich haben. Ich habe Ihnen eine Einladungskarte für Ihre Soirée zugeſchickt, und nun ſind mir ihre Namen entfallen.“ „Nun?“ „Ich verlaſſe mich auf Ihren Scharfſinn, daß ie en kt, aß 167 Sie zwei fremde Geſichter erkennen, und auf Ihre Höflichkeit, daß Sie freundlich zwei von Herrn Thomp⸗ ſon empfohlene Perſonen empfangen... Dies, Ma⸗ dame, iſt Alles, was ich Ihnen zu ſagen hatte.“ „Zählen Sie auf mich, mein Herr,“ erwiederte mit einem reizenden Lächeln Frau von Marande. „Meinen Dank!.. Laſſen Sie mich Ihnen nun alle meine Complimente machen; Sie ſind immer ſchön, doch heute Abend ſind Sie wahrhaft glän⸗ zend.“ Und ſeiner Frau galant die Hand küſſend, führte ſie Herr von Marande bis an die Thüre ihres Lydie hob den Vorhang auf und agte: „Wann Du willſt, Carmelite...“ XV. * Vorſtellungen. In dem Augenblicke, wo Frau von Marande die Worte:„Wann Du willſt, Carmelite...„aus⸗ ſprach, während ſie zugleich ins Schlafzimmer ein⸗ trat und die Thürvorhänge wieder hinter ſich fallen ließ, meldete man an der Thüre des Salon: „Monſeigneur Coletti.“ Benützen wir die paar Secunden, die Carmelite brauchen wird, um der Einladung ihrer Freundin Folge zu leiſten, und werfen wir einen raſchen Blick auf Monſeigneur Coletti, den man meldet. Unſere Leſer erinnern ſich vielleicht, daß ſie den 168 Namen dieſes frommen Mannes von der Marquiſe de la Tournelle haben nennen hören. Monſeigneur Coletti war im Jahre 1827 nicht nur ein Mann in der Gunſt, ſondern auch ein Mann von Ruf; nicht nur ein Mann von Ruf, ſondern auch ein Mann in der Mode. Die Conferenzen, die er während der Faſtenzeit gehalten, hatten ihm den Ruf eines großen Predigers eingetragen, welchen ihm Niemand, ſo wenig devot er auch ſein mochte, ſtreitig zu machen nur die Idee hatte; Jean Ro⸗ bert vielleicht ausgenommen, welcher, vor Allem Dichter und Alles als Dichter ſehend, ſich immer wunderte, daß die Prieſter, die einen herrlichen Text wie das Evangelium hatten, gewöhnlich ſo ſchlecht inſpirirt, ſo wenig beredt waren. Es ſchien ihm, der kämpfte und zwar ſiegreich gegen ein Auditorium kämpfte, das hundertmal widerſpänſtiger als das, welches ſich in den frommen Conferenzen zu erbauen pflegt, es ſchien ihm, ſagen wir, er hätte, würde er die Kanzel beſtiegen haben, ein Wort ganz anders überredend oder ganz anders donnernd gehabt, als alle die geſchraubten Worte dieſer weltlichen Prä⸗ laten, deren Homelien er einmal zufällig hörte. Da bedauerte er, daß er nicht Prieſter war, daß er nicht eine Kanzel ſtatt eines Theaters und chriſtliche Zu⸗ hörer ſtatt profaner Zuſchauer hatte. Obſchon ſeine feinen ſeidenen Strümpfe und ſein ganzes veilchenblaues Coſtume einen der Würdeträ⸗ ger der Kirche offenbarten, konnte man doch Mon⸗ ſeigneur Coletti für einen einfachen Abbé aus der Zeit von Ludwig XV. halten, ſo ſehr verriethen ſein Geſicht, ſeine Tournure, ſein Gang und ſein Schau⸗ uiſe icht ann ern zen, ihm hen hte, Ro⸗ lem ner et echt hm, um as, uen ers als rä⸗ Da icht Zu⸗ ein rä⸗ on⸗ der ein au⸗ 169 keln eher einen galanten Herumſtreicher, als einen in der Faſtenzeit Enthaltſamkeit predigenden ſtren⸗ gen Prälaten; man hätte glauben ſollen, nachdem er, wie Cpimenides, ein halbes Jahrhundert im Boudoir von Frau von Pompadour oder Madame Dubarry geſchlafen, ſei Monſeigneur Coletti plötzlich aufge⸗ wacht und habe angefangen in der Welt herumzu⸗ laufen, ohne ſich nach den in den Sitten oder in den Gebräuchen vorgegangenen Veränderungen zu erkundigen, oder auch ganz friſch vom päpſtlichen Hofe angekommen, habe er ſich mitten unter eine franzöſiſche Reunion mit ſeinem Coſtume eines ultra⸗ montanen Abbé verirrt. Es war beim erſten Anblicke ein hübſcher Prälat in der vollen Bedeutung des Wortes, roſenfarbig, friſch, dem Anſcheine nach kaum ſechsunddreißig Jahre alt; bei näherer Anſchauung bemerkte man aber bald, daß Monſeigneur Coletti für ſein Geſicht die Schwäche hatte, die für das ihrige die Frauen von fünfund⸗ vierzig haben, welchen daran liegt, nur dreißig zu ſcheinen: Monſeigneur legte Weiß auf, Monſeigneur legte Roth auf. Glückte es einem, dieſe Farblinge zu durchdringen und bis zur Haut zu gelangen, ſo war man er⸗ ſchrocken, unter dieſem belebten Anſcheine etwas Ab⸗ geſtorbenes, Erloſchenes, das kalt machte, zu treffen. Zwei Dinge lebten indeſſen in dieſem wie eine Wachsmaske unbeweglichen Geſichte: die Augen und der Mund;— die Augen klein, ſchwarz und tief, raſche, ſogar drohende Blitze ſchleudernd, alsdann ſich ſo⸗ gleich unter einem ſüßlichen, gottſeligen Augenlide verhüllend; der Mund klein, fein, mit der ſpöttiſchen, 170 geiſtreichen, in Momenten bis zum Gifte boshaften Unterlippe. Das Ganze dieſer Phyſiognomie konnte zuweilen den Geiſt, den Ehrgeiz, die Sinnlichkeit offenbaren, doch nie die Seelengüte. Man fühlte vom Anfang an, man habe jedes Intereſſe, dieſen Mann ſich nicht zum Feinde zu machen; Niemand aber hätte aus dem Geſichtspunkte der Sympathie den Wunſch gefühlt, ſich einen Freund aus ihm zu machen. Ohne groß zu ſein, war er, wie die Bürger ſa⸗ gen, wenn ſie von einem Geiſtlichen ſprechen, ein ſtattlicher Mann. Man füge dieſem etwas ausneh⸗ mend Hoffärtiges, Verächtliches, Impertinentes in ſeiner Art, den Kopf zu tragen, die Leute zu grüßen, in einen Salon einzutreten, daraus wegzugehen, ſich zu ſetzen und außzuſtehen, bei... Dagegen ſchien er für die Frauen die feinſten Blüthen ſeiner Höflich⸗ keit aufbehalten zu haben; er blinzelte, wenn er ſie anſchaute, auf eine ſo bezeichnende Art mit der Augen, und gefiel ihm die Frau, die er anredete, ſo nahm ſein Geſicht einen unbeſchreiblichen Ausdruck von unzüchtiger Süßigkeit an. Mit dieſen halbgeſchloſſenen, blinzelnden Augen trat er in dieſen Salon ein, den man den Frauen⸗ ſalon nennen konnte, während der General, der Monſeigneur Coletti ſeit langer Zeit kannte, als er ihn melden hörte, zwiſchen den Zähnen murmelte: „Treten Sie ein, Monſeigneur Tartufe!“ Dieſe Meldung, dieſer Eintritt, dieſer Gruß, das Zögern von Monſeigneur Coletti, ſich zu ſetzen, die Wichtigkeit, die den berufenen Prediger der letzten Faſtenzeit umgab, hatten einen Augenblick die Auf⸗ en n, ¹9 ht m tt, a⸗ in in n, ſi 17¹ merkſamkeit von Carmelite abgewandt, wir ſagen einen Augenblick, denn es war nur ein Augen⸗ blick, zwiſchen dem Momente, wo Frau Marande den Thürvorhang fallen ließ, und dem verlaufen, wo ſich der Vorhang wieder aufhob, um den zwei Freun⸗ dinnen Durchgang zu gewähren. Es war nicht möglich, einen ergreifenderen Con⸗ traſt zu ſehen, als den, welcher zwiſchen Frau von Marande und Carmelite beſtand. War es aber auch wirklich Carmelite? Ja, ſie war es... doch nicht Carmelite, deren Portrait wir aus der Monographie der Roſe copirt haben; nicht mehr die Carmelite mit den pur⸗ purnen Wangen, mit dem glänzenden Teint, mit der von Reinheit und Unſchuld ſtrahlenden Miene; nicht mehr die Carmelite mit der lächelnden Lippe, mit der um den Wohlgeruch jenes Blumenfeldes, das ſich unter ihrem Fenſter ausbreitete und das Grab der la Valliere balſamiſch umduftete, einzuathmen weit geöffneter Naſe... Nein, die neue Carmelite war eine große junge Frau, deren Haare immer noch mit derſelben Ueppigkeit auf ihre Schultern fielen; doch die Schultern waren von Marmor! es war dieſelbe Stirne, hoch, entblößt, verſtändig; doch die Stirne war von Elfenbein! es waren dieſelben einſt von den roſigen Nuancen der Jugend und der Geſundheit gefärbten Wangen, heute aber entfärbt, verbleicht und ſeltſam matt geworden! Die Augen beſonders, ſchon ſo ſchön und ſo groß, ſchienen um die Hälfte größer geworden zu ſein; ſie ſchleuderten immer noch Flammen, doch die Funken waren Blitze geworden, und, bei dem dunkelfarbigen 172 Kreiſe, der ſie umgab, hätte man geglaubt, dieſe Blitze kommen aus einer Gewitterwolke hervor. Sodann ihre Lippen, einſt von Purpur; ihre Lippen, welche nach ihrer Ohnmacht ſo viel Mühe gehabt hatten, um wieder zum Leben zurückzukehren, ihre Lippen hatten ihre urſprüngliche Farbe nicht wieder annehmen können; ſie hatten nur, und zwar mit großer Mühe, die bleiche Nuance der roſenfarbenen Koralle erlangt, doch, man muß ſagen, gerade hiedurch vervollſtändigten ſie trefflich das ſeltſame Ganze, das immer aus Carmelite eine Schönheit erſten Rangs machte, aber dieſer Schönheit eine fantaſtiſche Tinte gab. Sie wareinfach, indeſſen anbetungswürdig gekleidet. Durch ihre drei Freundinnen angetrieben, in die Soirée von Lydie zu kommen, und mehr noch unter⸗ ſtützt durch ihren Entſchluß, ſich ſchnell unabhängig zu machen, war die Frage der Toilette, in der ſie erſcheinen würde, lange erörtert worden. Es ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt, daß Carmelite an der Debatte keinen Antheil genommen hatte; ſie hatte von Anfang erklärt, ſie ſei die Witwe von Colombau, um den ſie ihr Leben lang trauern werde, und ſie werde nur in ſchwarzem Kleide kommen: Fragola, Lydie und Re⸗ gina konnten nun dieſes Kleid ſchneiden und ordnen, wie es ihnen beliebte. Regina beſchloß, das Kleid ſollte von ſchwarzen Spitzen auf Leib und Rock von ſchwarzem Atlaß ſein, und ſie ſollte, ſtatt jeder Verzierung, eine Guirlande von jenen düſtern, veilchenblauen Blumen, dem Em⸗ bleme der Traurigkeit haben, die man Alzei nennt; 6 den Blumen ſollten Cypreſſenzweige ein. it 18 173 Der von Fragola, der Gelehrteſten von den Dreien bei dieſer geſchickten Blumenvermählung, bei dieſer verſtändigen Verſchmelzung von Nuancen, geflochtene Kranz beſtand wie die Guirlande des Kleides, wie der Strauß des Leibes, aus Cypreſſenzweigen und Alzeiblüthen. Ein Collier von ſchwarzen Perlen, ein koſtbares Geſchenk von Regina, umſchloß den Hals. Als Carmelite, bleich und dennoch geſchmückt, aus dem Schlafzimmer von Frau von Marande heraus⸗ trat, gaben diejenigen, welche ſie erwarteten, aber nicht ſo zu ſehen erwarteten, einen Ausruf von ſich, in welchem ſich die Bewunderung und der Schrecken vermengten. Man hätte denken ſollen, es ſei eine antike Erſcheinung, die Norma oder die Medea. Ein Schauer durchlief alle Adern. Der alte General, ſo ſehr er Skeptiker war, be⸗ griff, es ſei hier etwas Heiliges wie die Ergebenheit, etwas Großes wie das Märtyrerthum. Er ſtand auf und wartete. Regina ihrerſeits lief auf Carmelite zu, ſobald ſie erſchien. Das glänzende Geſpenſt trat zwiſchen die von Leben und Glück ſtrahlenden zwei Frauen. Jedermann folgte mit dem Blicke dieſer ſtillen Gruppe mit einer gewiſſen Neugierde, welche an die Gemüthserregung gränzte. „Ah! wie bleich biſt Du, meine arme Schweſter!“ ſagte Regina. „Wie ſchön biſt Du, o Carmelite!“ ſagte Frau von Marande. „Ich habe Euren dringenden Bitten nachgegeben, 17⁴ meine Vielgeliebten,“ ſprach die junge Frau;„doch wahrhaftig, Ihr müßtet vielleicht, während es noch Zeit iſt, mich zurücktreten heißen.“ „Warum dies?“ „Wißt Ihr, daß ich kein Klavier geöffnet habe, ſeitdem wir, er und ich, mit einander unſern Abſchied vom Leben geſungen? Wenn mich die Stimme ver⸗ ließe! wenn ich Alles vergeſſen hätte!“ „Man vergißt nicht, was man nicht gelernt hat, Carmelite,“ ſagte Regina.„Du ſangſt wie die Vögel: verlernen die Vögel zu ſingen?“ „Regina hat Recht,“ ſprach Frau von Marande; „und ich bin Deiner ſicher, wie Du ſelbſt Deiner ſicher biſt. Singe alſo ohne Befangenheit, meine gute Geliebte! nie, dafür ſtehe ich Dir, wird ein Künſtler, um gehört zu werden, ein mehr ſympathetiſches Au⸗ ditorium gehabt haben!“ „Ah! ſingen Sie, ſingen Sie, Madame!“ ſagten alle Stimmen,— außer den Stimmen von Suſanne und Loredan, denen des Bruders und der Schweſter, welche, der Bruder mit Erſtaunen, die Schweſter mit Neid, dieſe düſtere, aber glänzende Schönheit anſchauten. Carmelite dankte den Kopf neigend und ging weiter auf das Klavier und zugleich auf den Grafen Herbel zu. Dieſer machte zwei Schritte ihr entgegen und verbeugte ſich. „Herr Graf,“ ſagte Frau von Marande,„ich habe die Ehre, Ihnen meine theuerſte Freundin vor⸗ zuſtellen; denn von meinen drei Freundinnen iſt dieſe die unglücklichſte.“ Ut wr fü der Ca 175 Der General verbeugte ſich zum zweiten Male und ſprach mit einer der ritterlichen Zeiten würdigen Höflichkeit: „Mein Fräulein, ich bedaure, daß mir Frau von Marande nicht eine ſchwierigere Aufgabe beſchieden hat, als die, Ihr Lob zu verkündigen. Glauben Sie mir, daß ich mit ganzer Seele hiefür beſorgt ſein, und dennoch mich als Ihren Schuldner betrachten werde.“ „Oh! ſingen Sie, ſingen Sie, Madame!“ riefen einige Stimmen mit dem Ausdrucke der Bitte. „Du ſiehſt, liebe Schweſter,“ ſagte Frau von Marande,„Jedermann wartet mit Ungeduld... Willſt Du anfangen?“ „Auf der Stelle, wenn man es wünſcht,“ ant⸗ wortete einfach Carmelite. „Was willſt Du ſingen?“ fragte Regina. „Wählet ſelbſt.“ „Du gibſt keinen Vorzug?“ „Keinen.“ „Ich habe den ganzen Othello hier.“ „Alſo Othello.“ „Begleiteſt Du Dich ſelbſt?“ fragte Lydie. „Wenn ich es nicht anders machen kann,“ ant⸗ wortete Carmelite. „Ich werde Dich begleiten,“ ſagte raſch Regina. „Und ich, ich werde die Blätter umwenden,“ fügte Frau von Marande bei.„Zwiſchen uns Bei⸗ den wirſt Du keine Angſt haben?“ „Ich werde keine Angſt haben...“ erwiederte Carmelite ſchwermüthig den Kopf ſchüttelnd. Carmelite war in der That vollkommen ruhig. 176 Sie legte ihre kalte Hand auf die Hand von Frau von Marande; ihre Stirne drückte eine unausſprech⸗ liche Seelenheiterkeit aus. Frau von Marande wandte ſich nach dem Klavier und nahm aus den aufgehäuften Partituren die von Othello. Carmelite blieb auf Regina geſtützt ungefähr bei zwei Dritteln des Boudvir ſtehen. Jedermann hatte ſich geſetzt; man hörte aus Aller Bruſt keinen Hauch mehr hervorkommen. Frau von Marande legte die Partitur auf das Klavier, während Regina, ebenfalls hinzutretend, ſich ſetzte und raſch das Klavier in einem glänzenden Vorſpiele durchlief. „Willſt Du die Romanze von der Weide ſingen?“ „Gern,“ erwiederte Carmelite. Frau von Marande öffnete die Partitur bei der vorletzten Scene des letzten Actes. Regina wandte ſich, die Hände ausgeſtreckt und ganz bereit, zu beginnen, gegen Carmelite um. In dieſem Augenblicke meldete der Diener: „Herr und Frau Camille von Rozan.“ XVI. Die Romanze von der Weide. Ein langer, dumpfer, peinlicher Seufzer, von drei oder vier Punkten des Salon ausgehend, folgte auf dieſe Meldung; ein tiefes Stillſchweigen herrſchte nach dieſem Ausrufe des Schmerzes. Man hätte as ich en 2 er nd rei uf hte tte 177 glauben ſollen, alle hier gegenwärtige Perſonen kennen die Geſchichte von Carmelite, und der Schrecken habe ihrer Bruſt dieſen ſchmerzlichen Seufzer entriſſen, den ſie nicht zurückzuhalten vermocht, als ſie dieſe Meldung gehört, und plötzlich, das Feuer in den Augen, die Freude auf den Lippen, die Sorgloſigkeit auf der Stirne, dieſen jungen Mann haben erſcheinen ſehen, den man gewiſſer Maßen als den Mörder von Colombau betrachten konnte. Dieſer Seufzer war zugleich von Jean Robert, von Petrus, von Regina und von Frau von Marande ausgeſtoßen worden. Was Carmelite betrifft, ſie hatte nicht nur weder geſchrieen, noch geſeufzt, ſondern ſie war ſogar athem⸗ los, unbeweglich wie eine Bildſäule geblieben. Herr von Marande allein, der den von ihm ver⸗ geſſenen Namen gehört und wieder erkannt hatte, ging dem ihm von ſeinem americaniſchen Correſpon⸗ denten empfohlenen Paare entgegen und ſagte: „Sie kommen vortrefflich, Herr von Rozan! Wollen Sie ſich ſetzen und lauſchen, ſo werden Sie, wie Frau von Marande verſichert, die ſchönſte Stimme hören, die Sie je gehört haben.“ Und Frau von Rozan den Arm bietend, führte er ſie zu einem Fauteuil, während Camille in dem Geſpenſte, das er vor Augen hatte, Carmelite zu et⸗ kennen ſuchte und, ſie erkennend, einen ſchwachen Schrei des Erſtaunens von ſich gab. Lydie und Regina waren auf ihre Freundin zu⸗ geſtürzt, denn ſie glaubten, ſie bedürfe ihrer Hülfe, und erwarteten, ſie werde in ihren Armen in Ohn⸗ macht fallen; doch zu ihrer großen Verwunderung Dumas, Salvator. I. 12 178 war Carmelite, wie geſagt, mit ſtarrem Auge ſtehen geblieben; nur war ihr Teint von der Bläſſe zur Leichenfarbe übergegangen. Dieſes ſtarre, unbewegliche Auge, ohne Ausdruck, ohne ſcheinbares Leben, ſchien nichts mehr anzublicken; es war, als ſchlüge das Herz nicht mehr, ſo ſchien der Körper plötzlich verſteinert zu ſein. Die junge Frau war ſo erſchrecklich anzuſchauen,— um ſo er⸗ ſchrecklicher, als, abgeſehen von dieſer Leichenfarbe, ihr Marmorgeſicht keine Spur von Erregung an ſich trug. „Madame,“ ſagte Herr von Marande, indem er ſich ſeiner Frau näherte,„das ſind die zwei Perſo⸗ nen, von denen ich mit Ihnen zu ſprechen die Ehre gehabt habe.“ „Ich bitte Sie inſtändig, mein Herr, beſchäftigen Sie ſich mit ihnen,“ erwiederte Frau von Marande; „ich, ich gehöre ganz Carmelite... Sehen Sie, in welchem Zuſtande ſie iſt.“ Dieſe Leichenbläſſe, dieſer ausdrucksloſe Blick, dieſe bildſäulenartige Unbeweglichkeit fielen Herrn von Marande wirklich auf. „Oh! mein Gott! mein Fräulein,“ fragte er mit dem Tone der lebhafteſten Theilnahme,„was iſt Ihnen denn begegnet?“ „Nichts, mein Herr,“ erwiederte Carmelite, den Kopf mit jener Bewegung erhebend, welche ein mäch⸗ tiges Herz macht, um dem Unglück ins Geſicht zu ſchauen;—„nichts!“ „Singe nicht... ſinge heute Abend nicht!“ flüſterte Regina Carmelite zu. „Und warum ſollte ich nicht ſingen?“ . * r⸗ ich re en e; in rn tit iſt en h⸗ zu 179 „Der Kampf überſteigt Deine Kräfte,“ ſagte Lydia. „Du wirſt es ſehen!“ erwiederte Carmelite. Und etwas wie der blaſſe Refler des Lächelns einer Todten zeichnete ſich auf ihren Lippen. „Du willſt es?“ fragte Regina, indem ſie ſich wieder ans Klavier ſetzte. „Nicht die Frau wird ſingen, Regina: die Künſt⸗ lerin,“ antwortete Carmelite. Und ſie machte die drei Schritte, die ſie noch vom Klavier trennten. „Mit Gottes Gnade!“ ſagte Frau von Marande. Regina präludirte zum zweiten Male. Carmelite begann: Assisa al pié d'un salice*)... Die Stimme war feſt, ſicher geblieben, und er⸗ griff eine tiefe Gemüthsbewegung vom zweiten Verſe an die Zuhörer, ſo rührte dieſe Gemüthsbewegung viel mehr vom Schmerze von Desdemona, als vom Leiden von Carmelite her. Es wäre in der That ſchwer geweſen, einen Ge⸗ ſang zu wählen, der ſich mehr für die Lage von Carmelite geeignet hätte; die Todesangſt, von der das Herz von Desdemona ergriffen iſt, da ſie die erſte Strophe der africaniſchen Sclavin, ihrer Amme, ſingt, war gewiſſer Maßen die Formel der Bangig⸗ keiten, die ihr eigenes Herz zuſammenſchnürten; der Sturm, der über dem Palaſte der ſchönen Venczia⸗ nerin ſchwebt, der Wind, der eine Füllung vom * Am Fuße einer Weide ſitzend. 180 gothiſchen Fenſter ihres Gemaches zerbrochen hat, der Donner, der geräuſchvoll in der Ferne rollt, die finſtere Nacht, die traurig flackernde Lampe, Alles bis auf die melancholiſchen Verſe von Dante, welche auf ſeiner Barke vorüberfahrend ein Gondolier ſingt: Nessum maggior dolore Che ricordarsi del tempo felice, Nella miseria*). Alles bringt an dieſem unſeligen Abend die arme Desdemona in Verzweiflung, Alles iſt ſchlimmes Vorzeichen, Alles iſt unheilvolle Vorbedeutung! Der Sang der Statue in Don Juan von Mo⸗ zart und die Verzweiflung der armen Donna Anna, da ſie an den Leichnam ihres Vaters ſtößt, ſind viel⸗ leicht die einzigen zwei Situationen, die ſich mit die⸗ ſer ſchmerzlichen Scene der Ahnungen vergleichen laſſen. Keine Muſik, wir wiederholen es, war alſo mehr geeignet, als die des großen italieniſchen Meiſters, um die Schmerzen von Carmelite auszudrücken. Dieſer Colombau, brav, redlich und ſtark, um den ſie die Trauer im Herzen trug, war er nicht gewiſſer Maßen der finſtere, redliche, in Desdemona verliebte Africaner? Dieſer unſelige Jago, dieſer falſche Freund, der in das Herz von Othello das Gift der Eiferſucht ſtreut, war er nicht,— die Ver⸗ hältniſſe wohl beachtet,— der frivole Americaner, * Es gibt keinen größeren Schmerz, als ſich im Elende der glücklichen Zeit zu erinnern. 181 der eben ſo viel Böſes mit ſeinem Leichtſinne gethan hatte, als Jago mit ſeinem Haſſe hatte thun können? Nun wohl, dieſe Lage war die, in welcher ſich Carmelite befand, als ſie Camille wiederſah, und dieſe Romanze, die ſie mit ſo viel Feſtigkeit und zu⸗ gleich mit ſo viel Ausdruck ſang, dieſe Romanze war ein beſtändiges Märtyrerthum, und jede Note drang kalt und ſchmerzlich wie die Klinge eines Dolches in ihr Herz ein. Nach der erſten Strophe klatſchte alle Welt Bei⸗ fall mit dem aufrichtigen Enthuſiasmus, welchen jedes neue Talent bei dem Publicum erregt, das nicht intereſſirt iſt, ein falſches Urtheil zu fällen. Die zweite Strophe: I ruccelletti limpidi A caldi suoi sospiri... erfüllte die Zuhörer mit Erſtaunen; es war nicht mehr eine Frau, es war nicht mehr eine Sängerin, die aus ihrem Munde dieſe Cascade von Wehklagen regnen ließ: es war der Schmerz, der ſich ſelbſt beſang. Der Refrain beſonders: Laura fra i rami flebile Ripetiva il suon... wurde mit einer ſo rührenden Melancholie geſungen, daß das ganze verzweifelte Gedicht von Carmelite in dieſem Momente an den Augen von denjenigen, welche ſie kannten, vorübergehen mußte, wie es ſicher⸗ lich vor den ihrigen vorüberzog. 182 Regina war beinahe ſo bleich geworden als Car⸗ melite. Lydie weinte. In der That, nie hatte eine ſo ſympathetiſche Stimme,— zu jener Zeit, wo ſo viele große Sän⸗ gerinnen: die Paſta, die Pizzaroni, die Mainvielle, die Sontag, die Catalani, die Malibran, ihr Audi⸗ torium entzückten,— nie hatte ein ſolcher lebender Timbre das Herz der Dilettanti in dieſer ſchönen italieniſchen Sprache bewegt, welche ſelbſt eine Muſik iſt. Doch man erlaube uns, mit ein paar Zeilen für diejenigen, welche die ſo eben von uns genannten großen Künſtlerinnen gekannt haben, zu ſagen, worin ſich die Stimme unſerer Heldin von denen dieſer berühmten Sängerinnen unterſchied. Die Stimme von Carmelite hatte von Natur einen außerordentlichen Umfang; ſie gab das tiefe G mit derſelben Leichtigkeit und mit demſelben Wohl⸗ klange, mit dem Madame Paſta das A gab, und ſie ging bis zum hohen D hinauf. Das Mädchen konnte alſo,— und das war das Wunder ihrer Stimme, — ebenſo gut Altpartien, als Sopranrollen ſingen. Es war wirklich keine Sopranſtimme reiner, rei⸗ cher, glänzender, mehr für den Fiorituri, für die Gorgheggi geeignet, wenn es uns erlaubt iſt, uns dieſes Wortes zu bedienen, das ſpeciell in Neapel angewandt wird, um das Gezwitſcher der Kehle zu bezeichnen, von dem jeder Sopran, der debutirt, un⸗ ſerer Anſicht nach übermäßig Mißbrauch macht. Was die Altſtimme betrifft,— ſie war einzig. Jedermann kennt die wunderbaren, ſo zu ſagen magnetiſchen Wirkungen der Altſtimme; ſie malt die Liebe mit mehr Kraft, die Traurigkeit mit mehr Aus⸗ e 8 183 druck, den Schmerz mit mehr Energie als die Sopran⸗ ſtimme. Die Soprane ſingen wie die Vögel: ſie gefallen, entzücken, bezaubern; die Altſtimmen be⸗ wegen, beunruhigen, ſetzen in Leidenſchaft. Die Sopranſtimme iſt eine reine Frauenſtimme: ſie hat die Zartheiten und die Süßigkeiten davon; die Alt⸗ ſtimme iſt eine wahre Männerſtimme; ſie hat ihren Ernſt, ihre Härte, ihre Herbheit, und dennoch iſt es eine ganz beſondere Stimme, die an dem Einen und dem Andern Theil hat; eine hermaphrodite Stimme. Dieſe Stimmen bemächtigen ſich auch der Seele der Zuſchauer mit der Schnelligkeit und der Kraft der Elektricität und des Magnetismus. Die Altſtimme iſt gewiſſer Maßen das Echo der Gefühle des Zu⸗ hörers: ſänge derjenige, welcher zuhört, ſo möchte er ſicherlich gern ſo ſingen. Das war alſo die auf das Auditorium durch die Stimme von Carmelite hervorgebrachte Wirkung. Be⸗ gabt mit einem ungewöhnlichen, obgleich rein inſtinkt⸗ artigen Geſchicklichkeit, denn ſie kannte nur wenig das Verfahren der großen Sänger in der Mode, vereinigte Carmelite, mit einem erſtaunlichen Glücke, die Kopfſtimme mit der Bruſtſtimme; die Verbindung dieſer zwei Stimmen war augenſcheinlich, und ein alter Meiſter wäre ſehr in Verlegenheit gekommen, hätte er ſagen ſollen, wie viel Studien nothwendig geweſen ſeien, um die wunderbaren Effecte zweier ſo entgegengeſetzten Stimmen zu combiniren. Carmelite, als große Tonkünſtlerin, was ſie war, hatte unter dem Auge von Colombau ſo emſig und ſo feſt die Grundprincipien der Muſik ſtudirt, daß ſie fortan nichts nöthig hatte, als ſich gehen zu laſſen, 184 um zu verführen und zu elektriſiren; und war ihre Stimme ſchön, ſo war ihr Geſchmack vollkommen. Von den erſten Lectionen an an die Maßhaltung der deutſchen Muſik gewöhnt, machte ſie einen ſehr mäßigen Gebrauch von den italieniſchen Fiorituri und bediente ſich derſelben nur, um den Ausdruck eines Stückes zu vermehren, oder um einen Satz mit einem andern zu verbinden, nie aber als An⸗ nehmlichkeit, nie als Kunſtſtück. Wir endigen die Analyſe des Talentes von Car⸗ melite damit, daß wir ſagen, im Gegenſatze zu den größten Sängerinnen der Zeit und ſogar aller Zeiten habe dieſelbe Note bei zwei verſchiedenen Situationen der Seele bei ihr gleichſam nie denſelben Ton gehabt. Wundert ſich nun Einer und beſchuldigt uns der Uebertreibung, behauptend, keine Sängerin, und wenn ſie zu Meiſtern Porpora, Mozart, Pergoleſe oder ſelbſt Roſſini gehabt, habe die Vollkommenheiten dieſer doppelten Stimme erreicht, ſo antworten wir, Carmelite habe einen Meiſter gehabt, der viel ernſter geweſen, als die ſo eben von uns genannten, einen Meiſter, den man das Unglück nenne! Am Ende der dritten Strophe war es auch ein einſtimmiges Hurrah, eine unausſprechliche Raſerei. Die letzten Noten waren noch nicht erloſchen, klagend und ſeufzend wie der Schrei des Schmerzes ſelbſt, als ein Beifallsdonner die vergoldete Kuppel dieſes weltlichen Salons erſchütterte. Jeder ſtand auf, als wollte er der Erſte ſein, um der Künſtlerin Glück zu wünſchen, ihr ſein Compliment zu machen; es war ein wahres Feſt, eine allgemeine Hinreißung, Alles, was die Furia francese, das Decorum ver⸗ — — 5— re ¹g hr ri ck tz n — —— b— ———————————— 185 geſſend, geſtatten kann. Man ſtürzte nach dem Klavier, um dieſes Mädchen anzuſchauen, das ſchön wie die Schönheit, mächtig wie die Stärke, finſter wie die Verzweiflung. Die alten Frauen, die ſie um ihre Jugend beneideten, die jungen Frauen, die ſie um ihre Schönheit beneideten, alle diejenigen, welche ſie um ihr unvergleichliches Talent beneideten, alle diejenigen, welche ſich ſagten, es wäre beinahe ein Ruhm, von einer ſolchen Frau geliebt zu ſein, näherten ſich ihr, nahmen ihre Hand und drückten ſie mit Liebe. Und darum iſt die Kunſt wahrhaft ſchön, wahr⸗ haft groß: in einem Augenblicke macht ſie einen alten Freund aus einem Bekannten. Tauſend Einladungen fielen, wie die zukünftigen Blumen ihres Rufes, und ſtreuten ſich in einem Augen⸗ blicke um Carmelite her. Der alte General, der ſich, wie geſagt, darauſ verſtand, der alte General, der nicht leicht zu bewegen war, fühlte ſeine Thränen fließen; das war der Sturmregen, der ſein Herz, während er das Mäd⸗ chen ſingen hörte, angeſchwellt hatte. Jean Robert und Petrus näherten ſich einander inſtinctartig, und in ihrem ſtummen Händedruck er⸗ zählten ſie ſich ſtillſchweigend ihre ſchmerzliche Ge⸗ müthsbewegung, ihr melancholiſches Entzücken; hätte ihnen Carmelite ein Rachezeichen gemacht, ſie wären auf dieſen ſorgloſen Camille losgeſtürzt, der, nicht wiſſend, was vorgefallen, Alles dies, ein Lächeln auf den Lippen, das Lorgnon im Auge und von ſeinem Platze aus: Bravo! bravo! bravo! rufend, 186 wie er es auf einem Sperrſitze der italieniſchen Oper würde gethan haben, angehört hatte. Regina und Lydie, welche begriffen hatten, was Alles an Schmerz und Ausdruck die Gegenwart des Creolen der Stimme von Carmelite beifügte,— Regina und Lydie, welche während der ganzen Zeit, die der Geſang gedauert, bei jeder Note gezittert hatten, das Herz der Sängerin werde brechen, wa⸗ ren Beide wie niedergeſchmettert. Regina wagte es nicht, ſich umzudrehen, Lydie wagte es nicht, den Kopf zu erheben. Plötzlich, auf einen von denjenigen, welche Car⸗ melite umgaben, ausgeſtoßenen Schreckensſchrei, traten die zwei jungen Frguen aus ihrer Erſtarrung her⸗ vor und wandten ſich gleichzeitig gegen ihre Freun⸗ din um. Carmelite hatte nach ihrer letzten geweinten Note den Kopf zurückgeworfen, und, bleich, ſteif, unbeweg⸗ lich, wäre ſie unfehlbar auf den Boden gefallen, hätten ſie nicht zwei Arme unterſtützt, und hätte nicht eine befreundete Stimme zu ihr geſagt: „Muth, Carmelite! und ſeien Sie ſtolz: von dieſem Abend an haben Sie Niemand mehr nöthig!“ Ehe ſie die Augen ſchloß, hatte Carmelite Zeit, Ludovic, dieſen grauſamen Freund, der ſie ins Leben zurückgerufen, zu erkennen. Sie ſtieß einen letzten Seufzer aus, ſchüttelte traurig den Kopf und fiel in Ohnmacht. Nun erſt ſah man aus ihren geſchloſſenen Augen zwei Thränen hervorquellen, welche über ihre eis⸗ kalten Wangen rollten. 187 Die zwei Frauen nahmen ſie aus den Händen von Ludovic; dieſer war herbeigekommen, während Carmelite ſang, und, geräuſchlos, ohne gemeldet zu werden, eintretend, war er in der Nähe geweſen, um ſie in ſeinen Armen zu empfangen. „Es iſt nichts,“ ſagte er zu den zwei Freundinnen; „ſolche Kriſen ſind mehr wohlthätig als nachtheilig. Sie athme von dieſem Flacon ein, und in fünf Minuten wird ſie wieder zu ſich gekommen ſein.“ Vom General unterſtützt, trugen Regina und Lydie Carmelite ins Schlafzimmer: nur blieb der General bei der Thüre zurück. Sobald Carmelite verſchwunden und das Audi⸗ torium durch ein paar Worte von Ludovic beruhigt war, brach der, in ſeinem Laufe gehemmte, Enthuſias⸗ mus aufs Neue aus. Es war nur ein einſtimmiger Schrei der Be⸗ wunderung. XVII. Wo die Petarden von Camille nachbrennen. Als man ſeinem Entzücken über das Talent der zukünftigen Debutantin jeden Ausdruck gegeben, als man zu ihren Gunſten alle Formeln des Lobes er⸗ ſchöpft hatte, ließ ſich jeder von denglücklichen Zuhörern, indem er ſie in ſeinem Kreiſe gehörig zu rüh⸗ men verſprach, allmälig vom Boudoir nach dem Salon hinziehen, wo die erſten Accorde des Orche⸗ 188 ſe ertönten, und ging von der Muſik zum Tanze über. Die einzige des Erwähnens würdige Epiſode bei der Bewegung, welche bei dieſer Gelegenheit ſtatt⸗ fand, und die wir anführen werden, weil ſie ſich auf eine ganz natürliche Art mit unſerem Drama ver⸗ bindet, iſt der Mißgriff, den Camille von Rozan da⸗ durch machte, daß er unbeſonnener Weiſe Leute anredete, welche die Geſchichte von Carmelite ganz genau kannten. Frau von Rozan, ſeine Gattin, eine hübſche fünfzehnjährige Creolin, war vorläufig von einer Witwe von amerikaniſcher Abkunft, die ſich für ihre Verwandte erklärte, in Beſchlag genommen worden. Camille, als er ſeine Frau in Familie ſah, benützte dieſen Umſtand, um wieder Junggeſelle zu werden. Er erblickte Ludovic, ſeinen alten Kameraden, faſt ſeinen Freund; und ſobald die Ruhe in Folge des Abgangs von Carmelite, deren Ohnmacht er der einfachen Aufregung zuſchrieb, wiederhergeſtellt war, ſtürzte er auf den jungen Doctor zu, mit der Leb⸗ haftigkeit eines ſo eben angekommenen Fremden, der einen alten Bekannten wiederfindet, reichte ihm die Hand und rief: „Beim Hippokrates! es iſt Herr Ludovic!. Guten Morgen, Herr Ludovic! wie befindet ſich Herr Ludovic?“ „Schlecht,“ antwortete kalt der junge Arzt. „Schlecht?“ wiederholte der Creole.„Ei! Sie haben den Monat April auf dem Backen!“ „Gleichviel, mein Herr, wenn ich den December im Herzen habe!“ nze bei tt⸗ uf er⸗ da⸗ ute nz he ner hre en. tzte en. en, lge der ar, der die err Sie ber 189 „Sie haben Kummer?“ 5 „Mehr als Kummer: Schmerz!“ „Einen Schmerz?“ „Einen tiefen!“ „Mein Gott! mein armer Ludovic, ſollten Sie einen Verwandten verloren haben?“ „Ich habe Jemand verloren, der mir theurer war, als ein Verwandter!“ „Was gibt es Theureres, als einen Verwandten?“ „Ein Freund... weil dies ſeltener iſt.“ „Kannte ich ihn?“ „Genau.“ „Einer unſerer Kameraden aus dem Collége?“ „Ja.“ „Ah! der arme Junge!“ ſagte Camille mit der höchſten Gleichgültigkeit.„Und wie hieß er?“ „Colombau,“ antwortete trocken Ludovic, indem er Camille grüßte und ihm den Rücken zuwandte. Der Creole hätte beinahe Ludovic an der Gurgel gepackt; doch wir ſagten anderswo, er habe Geiſt beſeſſen: er ſah ein, daß er einen falſchen Weg ein⸗ geſchlagen hatte, pirouettirte auf den Abſätzen und verſchob ſeinen Zorn auf eine beſſere Gelegenheit. In der That, war Colombau todt, ſo hatte Lu⸗ dovic das Recht, ſich zu wundern, daß Camille ein ſolches Ereigniß nicht mehr betrübte. Doch wie konnte er über dieſes Ereigniß betrübt ſein? Er wußte es nicht. Armer Colombau, ſo jung, ſo ſchön, ſo ſtark, woran hatte er ſterben können? Camille ſuchte mit den Augen Ludovic, um ihm zu ſagen, er wiſſe von Allem nichts, und von ihm 190 die Einzelheiten über den Tod ihres gemeinſchaftlichen Freundes zu verlangen; doch er war verſchwunden. Während er Ludovie ſuchte, fielen die Blicke von Camille auf einen jungen Mann, deſſen ſympatheti⸗ ſches Geſicht er zu erkennen glaubte; nur war es ihm unmöglich, einen Namen auf dieſes Geſicht zu ſetzen. Er hatte ihn geſehen, deſſen war er ſicher; er hatte ihn gekannt, er glaubte deſſen ſicher zu ſein. War es in der Rechtsſchule,— was wahrſcheinlich, — ſo könnte ihm dieſer junge Mann die gewünſchte Auskunft geben. Er ging auf ihn zu und ſagte zu ihm: „Verzeihen Sie, mein Herr, ich komme heute Morgen von Louiſiana an, was ungefähr halb Weges von den Antipoden iſt; ich habe natürlich zweitauſend Meilen zur See gemacht, und in Folge hievon bleibt in meinem Gehirne eine Art von intellectuellem Stampfen und Schlingern, was mir zugleich die Unter⸗ ſcheidungskraft und das Gedächtniß raubt. Verzeihen Sie mir alſo die Frage, welche ich an Sie zu richten die Ehre haben werde.“ „Ich höre, mein Herr,“ antwortete ziemlich artig, aber dennoch mit einer gewiſſen Trockenheit derjenige, welchen er angeredet hatte. 5 „Mein Herr, ich glaube Sie unter verſchiedenen Umſtänden bei meiner letzten Reiſe nach Paris ge⸗ ſehen zu haben, und als ich Sie ſo eben erblickte, fiel mir Ihr Geſicht als das eines alten Bekannten auf... Haben Sie mehr Gedächtniß als ich, und habe ich die Ehre, Ihnen bekannt zu ſein?“ „Sie haben Recht, ich kenne Sie vollkommen, Herr von Rozan,“ antwortete der junge Mann. wt kal ert ha en n ti⸗ es zu h, te es 191 „Ah! Sie kennen meinen Namen?“ rief Camille freudig. „Wie Sie ſehen.“ „Und werden Sie mir das Vergnügen machen, mir den Ihrigen zu ſagen?“ „Ich heiße Jean Robert.“ „Ah! ſo iſt es, Jean Robert... Bei Gott! ich wußte wohl, daß ich Sie kannte, einen unſerer be⸗ rühmteſten Diener, und einen der beſten Freunde meines Kameraden Ludovic, wenn ich mich nicht tänſche „Der ſelbſt einer der beſten Freunde von Colom⸗ bau war,“ erwiederte Jean Robert, indem er den Creolen trocken grüßte und ſich umwandte. Camille hielt ihn aber zurück. „Mein Herr, ich bitte!“ ſagte er:„Sie ſind die zweite Perſon, die mir vom Tode von Colombau ſpricht. Könnten Sie mir wohl einzelne Umſtände über dieſen Tod mittheilen?“ „Welche?“ „Ich wünſchte zu wiſſen, an welcher Krankheit Colombau geſtorben iſt.“ „Er iſt nicht an einer Krankheit geſtorben.“ „Sollte er im Duell getödtet worden ſein?“ „Nein, mein Herr, er iſt nicht im Duell getödtet worden.“ „Aber wie iſt er denn geſtorben?“ „Er hat ſich mit Kohlendampf erſtickt.“ Und diesmal grüßte Jean Robert Camille ſo kalt, daß dieſer,— übrigens ganz von Erſtaunen ergriffen,— nicht daran dachte, ihn ferner zurückzu⸗ halten. 192 „Todt!“ murmelte Camille,„geſtorben durch Erſtickung! Wer hätte das von Colombau denken können? er, der ſo fromm! Ah! Colombau!“ Und Camille erhob die Hände zum Himmel als ein Menſch, der, um die Sache, die man ihm geſagt, zu glauben, nöthig hätte, daß man ſie ihm zweimal wiederholen würde. Indem er die Hände erhob, erhob Camille auch die Augen, und die Augen erhebend erblickte er einen jungen Mann, der in die tiefſten Reflexionen ver⸗ ſunken zu ſein ſchien. Er erkannte in ihm einen Künſtler, den man ihm während der Unruhe, die auf die Ohnmacht von Carmelite gefolgt war, gezeigt, und von dem man ihm geſagt hatte, es ſei einer der ausgezeichnetſten Maler. Das Geſicht des jungen Mannes drückte die lebhafteſte Bewunderung aus. Es war Petrus, den die erhabene Anſtrengung von Carmelite zugleich mit Traurigkeit und mit Stolz erfüllte... Die Künſtler hatten alſo ein anderes Herz als die übrigen Menſchen? Die Künſtler hat⸗ ten alſo eine andere Seele? Die Künſtler waren alſo vielleicht privilegirte Weſen für den Schmerz? Da ſie ſo königlich den Schmerz beſiegten, ſo waren ſie beſondere Weſen. Camille täuſchte ſich im Geſichtsausdrucke von Petrus: er hielt ihn einfach für einen Dilettanten in Entzückung, und auf ihn zugehend, um ihm ein äußerſt angenehmes Compliment zu machen, ſagte er: „Mein Herr, wäre ich Maler, ich würde keine andere Phyſiognomie als die Ihrige wählen, um das Ent göt Kä der doc den ein geti höh z ei mic Roſ zar wü Fre ind geg und mir übe äuß Car vert beid vor en l8 t, al ch en r⸗ t⸗ ie n n n, e 8 193 Entzücken eines großen Herzens bei Anhörung der göttlichen Muſik des großen Meiſters auszudrücken.“ Petrus ſchaute Camille mit einer verächtlichen Kälte an und verbeugte ſich, ohne zu antworten. Camille fuhr fort: „Ich weiß nicht genau, wie weit die Begeiſterung der Franzoſen für die Muſik des göttlichen Roſſini geht; doch in unſern Colonien macht ſie Furore: das iſt Lei⸗ denſchaft, Wuth, Fanatismus! Ich hatte einen Freund, einen Liebhaber der deutſchen Muſik, der im Duell getödtet wurde, weil er behauptet hatte, Mozart ſtehe höher als Roſſini, und er ziehe Figaros Hoch⸗ zeit dem Barbier von Sevilla vor. Ich, was mich betrifft, ich geſtehe, daß ich ein Anhänger von Roſſini bin, und daß ich ihn hundert Fuß über Mo⸗ zart ſtelle. Das iſt meine Meinung, und ich würde ſie im Nothfalle bis zum Tode behaupten.“ „Ich glaube, das war nicht die Meinung Ihres Freundes Colombau, mein Herr,“ erwiederte Petrus, indem er kalt den Creolen grüßte. „Ah! bei Gott! da ſich hier alle Welt das Wort gegeben hat, mit mir von Colombau zu ſprechen, und da Sie es machen wie alle Welt, ſo werden Sie mir ſagen, ob er ſich wegen des Sieges von Roſſini über Mozart mit Kohlendampf erſtickt hat.“ „Nein, mein Herr,“ antwortete Petrus mit äußerſter Höflichkeit:„er hat ſich erſtickt, weil er Carmelite liebte, und eher ſterben, als ſeinen Freund verrathen wollte.“ Camille ſtieß einen Schrei aus und drückte ſeine beiden Hände an ſeine Stirne, als ob eine Blendung vor ſeinen Augen vorüberzöge. Dumas, Salvatvr. I. 13 194 Während dieſer Zeit ging Petrus, wie es nach und nach Jean Robert und Ludovic gethan hatten, vom Boudoir in den Salon. In dem Momente, wo Camille, nachdem er ſich ein wenig von dem Schlage, den er erlitten, erholt hatte, ſeine Hände von ſeinem Geſichte zurückzog und die Augen wieder öffnete, ſah er vor ſich,— was ihm ſeit ſeinem Eintritte in die Salons von Frau von Marande noch nicht begegnet war,— einen jungen Mann von ſchöner und hoffärtiger Tournure, der ſich bereit hielt, ihn anzureden, wenn er ſelbſt bereit wäre, dieſem Anreden zu entſprechen. „Mein Herr,“ ſagte der junge Mann zu ihm, „ich höre, daß Sie diefen Morgen von den Colonien ankommen, und daß Sie zum erſten Male heute Abend Herrn und Frau von Marande vorgeſtellt worden ſind. Wollen Sie mir die Ehre erweiſen, mich als Pathe in den Salons unſeres gemeinſchaft⸗ lichen Banquiers und als Führer durch die Luſtbar⸗ keit der Hauptſtadt anzunehmen?“ Dieſer zuvorkommende Cicerone war der Graf Lorédan von Valgeneuſe; er hatte ſchon bei ihrem Eintritte die hübſche Creolin bemerkt, welche von Camille von Rozan in Frankreich importirt worden war, und er ſuchte ſich gut mit dem Manne zu ſtel⸗ len, um eintretenden Falles noch beſſer mit der Frau zu ſtehen. Camille athmete, als er einen Mann traf, der zehn Worte mit ihm ſprach, ohne daß der Name Cv⸗ lombau mit dieſen zehn Worten vermiſcht wurde. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß er mit allem nach ten, ſich holt und was von gen ſich reit hm, ien ute ellt ſen, aft⸗ ar⸗ 195 Eifer das Anerbieten von Herrn von Valgeneuſe an⸗ nahm. Die zwei jungen Leute eilten in die Tanzſalons; man hatte zu einem Walzer präludirt. Sie traten gerade in dem Augenblicke ein, wo der Walzer an⸗ fing. Die erſte Perſon, der ſie in den Salon eintretend begegneten,— man hätte glauben ſollen, ihr Bru⸗ der habe ihr hier Rendez⸗vous gegeben, ſo ſehr ſchien ſie zu warten!— war Fräulein Suſanne von Val⸗ geneuſe. „Mein Herr,“ ſagte Lorédan,„erlauben Sie mir, Ihnen meine Schweſter, Fräulein Suſanne von Val⸗ geneuſe, vorzuſtellen.“ Alsdann, ohne die Antwort von Camille abzu⸗ warten, die man übrigens in ſeinen Augen leſen konnte, fügte der Graf bei: „Meine liebe Suſanne, ich ſtelle Ihnen einen neuen Freund, Herrn Camille von Rozan, einen amerikaniſchen Edelmann, vor.“ „Oh!“ erwiederte Suſanne,„Ihr neuer Freund, mein lieber Lorédan, iſt für mich ein alter Be⸗ kannter.“ „Gut! und wie dies?“ „Was!“ rief Camille mit einer ſtolzen Freude, „ſollte ich die Ehre haben, Ihnen bekannt zu ſein, mein Fräulein?“ „Oh! genau, mein Herr,“ antwortete Suſanne. „In Verſailles, in der Penſion, wo ich vor nicht langer Zeit noch war, ſtand ich in enger Verbindung mit zwei von Ihren Landsmänninnen.“ In dieſem Augenblicke traten Regina und Frau 196 von Marande, nachdem ſie der Sorge einer Kammerfrau Carmelite, welche aus ihrer Ohnmacht wieder zu ſich gekommen war, anvertraut hatten, in den Ball⸗ ſaal ein. Lorédan machte ſeiner Schweſter ein unmerkliches Zeichen, worauf ihm Suſanne mit einem unmerk⸗ lichen Lächeln antwortete. Und während zum dritten Male an dieſem Abend Lorédan mit Frau von Marande die immer unter⸗ brochene Converſation wieder anzuknüpfen ſuchte, ſtürz⸗ ten ſich Camille und Fräulein von Valgeneuſe, um weitere Bekanntſchaft zu machen, in den ſchwindeler⸗ regenden Wirbel des Walzers und verloren ſich unter einem Ocean von Gaze, Atlaß und Blumen. XIX. Wie das Liebesgeſetz geſtorben war. Machen wir ein paar Schritte rückwärts; denn wir bemerken, daß wir, weil es uns drängte, in den Sa⸗ lon von Frau von Marande einzutreten, cavalierement über Ereigniſſe und Tage weggeſtiegen ſind, welche ihren Platz in dieſer Erzählung haben müſſen, wie ſie ihn ſchon in der Geſchichte haben. Man erinnert ſich des Scandals, der ſich bei der Beerdigung des Herzogs de la Rochefoucauld zu⸗ getragen hatte. Da Einige von den Perſonen, welche den erſten Rang in unſerer Geſchichte einnehmen, eine Rolle dabei ſpielten, ſo haben wir es verſucht, in allen ihr bei da ten die die mi zu in keit ſich der ſag bei dur wel Pa Str wa bis reſt Be ihre ten abe geb enn Sa⸗ ent che ſie bei ten olle len 197 ihren Einzelheiten dieſe entſetzliche Scene zu erzählen, bei der die Polizei zu dem Reſultate gelangt war, das ſie ſich vorgeſetzt hatte: Herrn Sarranti verhaf⸗ ten und erforſchen, welchen Grad von Widerſtand die Bevölkerung der unglaublichſten Beſchimpfung, die man dem Leichname eines Mannes, welchen ſie mit ihrer Ehrfurcht und ihrer Liebe umgab, entgegen⸗ zuſetzen fähig wäre. Die Macht war dem Geſetze geblieben! wie man in der Regierungsſprache ſagt. „Noch ein ſolcher Sieg,“ ſprach Pyrrhus, der kein conſtitutioneller König, aber ein verſtändiger Tyrann war,„und ich bin verloren!“ Das hätte ſich Karl X. nach dem traurigen Siege, den er auf den Stufen der Himmelfahrts⸗Kirche davon getragen, ſagen müſſen. In der That, ſie war tief geweſen, die nicht nur bei der Menge,— von der der König wenigſtens momentan zu weit entfernt war, um das Schauern durch die verſchiedenen ſocialen Schichten zu fühlen, welche ihn von ihr trennten,— ſondern auch auf die Pairskammer, von der er nur durch den auf den Stufen des Thrones ausgebreiteten Teppich getrennt war, hervorgebrachte Aufregung. Die Pairs hatten ſich, wie geſagt, vom Erſten bis zum Letzten beleidigt gefühlt durch die den Ueber⸗ reſten des Herzogs de la Rochefoucauld angethane Beſchimpfung. Die Unabhängigſten hatten ganz laut ihre Entrüſtung kundgegeben; die Ergebenſten hat⸗ ten ſie in die Tiefe ihres Herzens verſchloſſen; hier aber brudelte ſie beim Hauche des furchtbaren Rath⸗ gebers, den man den Stolz nennt. Alle warteten 198 auf eine Gelegenheit, entweder dem Miniſterium oder ſogar dem Königthum dieſen unfläthigen Fußtritt, den die hohe Kammer von der Polizei erhalten hatte, zurückzugeben. Der Liebesgeſetzes⸗Entwurf ſollte dieſe Ge⸗ legenheit bieten. Er war der Prüfung der Herren von Broglie, Portalis, Portal und le Baſtard unterworfen worden⸗ Wir haben die Namen der anderen Mitglieder der Commiſſion vergeſſen:— es ſei dies geſagt ohne die Abſicht, die Ehrenwerthen auf irgend eine Art zu verletzen. Die Prüfungs⸗Commiſſion ſchien ſchon bei ihren Sitzungen weit davon entfernt, eine Sympathie für den Entwurf zu hegen. Die Miniſter ſelbſt fingen an mit demſelben Schrecken, der Reiſende ergreift, welche, ein unbe⸗ kanntes Land durchwandernd, ſich plötzlich am Rande eines Abſturzes finden, die Miniſter ſelbſt fingen an zu bemerken, daß unter der politiſchen Frage, welche die Hauptfrage zu ſein ſchien, eine individuelle viel ernſtere Frage verborgen war. Das Geſetz gegen die Preßfreiheit wäre in der That vielleicht durchgegangen, hätte es ſich nur an den Rechten der Intelligenz vergriffen. Was lag an den Rechten der Intelligenz dem Bürgerthum, der höchſten Macht jener Zeit? Doch das Geſetz gegen die Preßfreiheit vergriff ſich an den materiellen Intereſſen, was eine viel gewichtigere Lebensfrage für alle Subſcribenten auf Voltaire⸗Touquet war, welche das Pictionnaire Philosophique laſen und — 1 dal na arr wa In ein ver für kon ſole den Nie Jed ma Sit jene mit eine cipl Kar wir der Pan die den des len 199 dabei eine Priſe aus einer Tabaksdoſe à la Charte nahmen. Was ihnen allmälig die Augen öffnete, dieſen armen Blinden mit hunderttauſend Franken Gehalt, war der Umſtand, daß alle die Preßfreiheit und die Intereſſen der Induſtrie verletzenden Dispoſitionen einſtimmig von der Commiſſion der Poirskammer verworfen wurden. Da fingen ſie an eine abſolute Verwerfung zu fürchten. Was ihnen am wenigſten Unangenehmes begegnen konnte, war, daß der Entwurf vor der Kammer mit ſolchen Amendements erſchien, daß es dieſen Amen⸗ dements gelang, die Wirkung davon zu zerſtören. Man mußte zwiſchen einem Rückzuge und einer Niederlage wählen. Es fand eine Berathung ſtatt; Jeder theilte Allen ſeine Befürchtungen mit, und man kam überein, die Discuſſion ſollte auf die nächſte Sitzung verſchoben werden. Herr von Villèle übernahm es, durch eine von jenen Combinationen, mit denen er vertraut war, mittlerweile dem Miniſterium in der hohen Kammer eine Majorität ſo botmäßig und ſo regelmäßig dis⸗ eiplinirt zu geben, als die war, auf welche er in der Kammer der Abgeordneten zählen konnte. Am 12. April,— einem der Tage, über die wir ſo cavalierement hinweggeſtiegen ſind,— war der Jahrestag der erſten Rückkehr von Karl X. nach Paris am 12. April 1814. An dieſem Tage gab die Nationalgarde den Militärdienſt der Poſten in den Tuilerien und erſetzte ſo die anderen Truppen des Palaſtes. — 200 Das war eine Gunſt, mit der der König die Er⸗ gebenheit der Nationalgarde belohnte, welche mehrere Wochen lang ſeine einzige Garde gebildet hatte; es war endlich ein Zeichen von Vertrauen, das er der Bevölkerung von Paris gab. Doch dieſer Tag, was man unmöglich hatte ver⸗ hindern können, fiel im laufenden Jahre auf den grünen Donnerſtag. Am grünen Donnerſtag konnte aber der König, der ſich ganz ſeinen Andachten widmete, ſeinen Geiſt keiner politiſchen Beſchäftigung hingeben: man ver⸗ ſchob alſo den Dienſt der Garde vom 12. auf den 16., vom grünen Donnerſtag auf den Oſtermontag. Dem zu Folge ſtieg, am 16. Morgens, in dem Augenblicke, wo die Wache bezogen wurde, als es eben neun Uhr im Pavillon de[Horloge ſchlug, König Karl X. die Freitreppe der Tuilerien in der Uniform eines Generals der Nationalgarde herab. Er erſchien in Begleitung des Herrn Dauphin und war umgeben von einem zahlreichen Generalſtabe. Er kam auf den Carrouſelplatz, wo ſich von allen Legionen der Nationalgarde, die Cavalerie⸗Legion in⸗ begriffen, gelieferte Detachements verſammelt fanden. Als er vor die Schlachtordnung der National⸗ garde gelangte, grüßte er nach ſeiner Gewohnheit mit herzlichem Erguſſe. Obſchon beiſeinen täglichen Spazierfahrten Karl X., allmälig depopulariſirt,— nicht durch ſeine perſön⸗ lichen Fehler, ſondern durch die Irrthümer ſeiner Regierung, welche eine antinationale Politik ange⸗ nommen hatte,— obſchon bei ſeinen täglichen Spa⸗ zierfahrten, ſagen wir, Karl X. ſeit einem Jahre an e Er⸗ hrere es der ver⸗ den nig, eiſt ver⸗ 16., dem es lug, der rab. und llen in⸗ en. al⸗ meit X., ön⸗ ner ge⸗ a⸗ an 201 einen ziemlich kalten Empfang gewöhnt worden war, rief er doch noch von Zeit zu Zeit durch das Lächeln und die Grüße, die er der Menge zuſandte, ſympa⸗ thetiſche Acclamationen hervor. An dieſem Tage aber war der Empfang eiskalt. Kein Feuer, keine Begeiſterung; einige ſpärliche Rufe: „Es lebe der König!“ ſchüchtern vorgebracht, kaum gehört, und wie unter Weges aufgehalten. Er muſterte die Nationalgarde und verließ den Carrouſelplatz, das Herz angeſchwollen von einer bittern Traurigkeit, wegen dieſes Empfangs der Menge nicht ſein Regierungsſyſtem, ſondern die Verleum⸗ dungen der Journale, die dumpfen Umtriebe der liberalen Partei anklagend. Mehrere Male hatte er ſich während der Revue gegen ſeinen Sohn umgewendet, als wollte er ihn befragen; doch der Herr Dauphin erfreute ſich des ſeltſamen Vorzugs, zerſtreut zu ſein, ohne daß ſein Geiſt anderswo war. Der Herr Dauphin folgte maſchinenmäßig ſeinem Vater, und in den Palaſt zurückkehrend hatte der Herr Dauphin wohl das Be⸗ wußtſein, einen kleinen Spazierritt gemacht zu haben, er vermuthete wohl, er habe einer Revue beigewohnt, doch es wäre ihm unmöglich geweſen, zu ſagen, welche Art von Truppe vor ihm defilirt hatte. Alſo nicht an den Dauphin wandte ſich der alte König, der ſich vereinzelt in ſeiner Größe, ſchwach in ſeinem göttlichen Rechte fühlte, ſondern an einen Mann von ſechzig Jahren, der das doppelte Band vom St. Ludwigs⸗Orden und vom Heiligen⸗Geiſt⸗ Orden trug. Dieſer Mann war einer von den alten Glorien 202 Frankreichs; es war der Soldat vom Regiment Meédoc, es war der Bataillonschef der Freiwilligen von der Maas, es war der Oberſt des Regiments Picardie, es war der Eroberer von Trier, der Held der Brücke von Mannheim, der Commandant der vereinigten Grenadiere der großen Armee, der Sie⸗ ger von Oſtrolenka, der Mann von Wagram, von der Bereſina, von Bautzen, der Generalmajor der königlichen Garde, der Obercommandant der Pariſer Garde; es war der Verſtümmelte von allen Schlach⸗ ten, denen er beiwohnte; es war derjenige, deſſen Körper ſiebenundzwanzig Wunden zählte, fünf mehr als der von Cäſar, und der ſeine ſiebenundzwanzig Wunden überlebt hatte;— es war der Marſchall Hudinot, Herzog von Reggiv. Karl X. nahm den alten Soldaten unter dem Arme, zog ihn aus dem Kreiſe der Höflinge, die auf ſeine Rückkehr warteten, und ſagte zu ihm: „Hören Sie, Marſchall, ſprechen Sie offen⸗ herzig.“ Der Marſchall ſchaute den König mit Erſtaunen an; die Stille und die Kälte der Nationalgarde waren ihm nicht entgangen. „Offenherzig, Sire?“ fragte er. „Ja, ich wünſche die Wahrheit zu wiſſen.“ Der Marſchall lächelte. „Es ſetzt Sie in Erſtaunen, daß ein König die Wahrheit zu wiſſen wünſcht... Man täuſcht uns alſo ſehr, mein lieber Marſchall?“ „Ei! Sire, Jeder thut hiebei ſein Beſtes.“ „Und Sie?“ „Ich, ich lüge nie, Sire!“ nt en ts ld e⸗ n er h⸗ n r ig l 0 203 „Sie ſagen alſo die Wahrheit?“ „Ich erwarte, daß man ſie von mir verlangt.“ „Und dann.. 25 „Sire, Eure Majeſtät befrage mich, und ſie wird ſehen.“ „Nun wohl, Marſchall, was ſagen Sie von der Revue?“ „Kalt!“ „Man hat kaum:„Es lebe der König!““ ge⸗ rufen. Haben Sie das bemerkt, Marſchall?“ „Ich habe es bemerkt.“ „Ich habe mich alſo des Vertrauens und der Liebe meines Volkes verluſtig gemacht?“ Der alte Soldat ſchwieg. „Hören Sie mich nicht, Marſchall?“ fragte Karl X. „Doch, Sire, ich höre Sie.“ „Nun wohl, ich frage Sie, ob ich mich, nach Ihrer Anſicht, verſtehen Sie wohl, Marſchall? ich frage Sie, ob ich mich, nach Ihrer Anſicht, des Vertrauens und der Liebe meines Volkes verluſtig gemacht habe.“ „Sire!“ „Sie haben mir die Wahrheit verſprochen, Mar⸗ ſchall.“ „Sire, nicht Sie, ſondern Ihre Miniſter. Un⸗ glücklicher Weiſe begreift das Volk die Subtilitäten Ihrer conſtitutionellen Regierung nicht: König und Miniſter, es vermengt Alles.“ „Aber was habe ich denn gethan?“ rief der König. „Sie haben nicht gethan, Sire, Sie haben thun laſſen.“ 204 ich ſchwöre Ihnen, daß ich voll guter Abſichten bin.“ „Sire, es gibt ein Sprüchwort, das behauptet, die Hölle ſei damit gepflaſtert.“ „Marſchall, ſagen Sie mir Alles, was Sie hie⸗ von denken.“ „Sire, ich wäre der Güte des Königs unwürdig, wenn ich... nicht dem Befehle, den er mir gibt, gehorchen würde. 1. „Nun?“ „Nun wohl, Sire, ich denke, Sie ſind ein guter und redlicher Fürſt; Eure Majeſtät iſt aber umgeben und hintergangen von blinden oder unwiſſenden Räthen, welche nicht ſehen oder ſchlecht ſehen.“ „Fahren Sie fort, fahren Sie fort!“ „Die öffentliche Stimme ſagt Ihnen durch mich, Sire, Ihr Herz ſei ächt franzöſiſch, und in Ihrem Herzen und nicht anderswo müſſe man leſen.“ „Man iſt alſo unzufrieden?“ Der Marſchall verbeugte ſich. „Und worüber dieſe Unzufriedenheit?“ „Sire; das Preßgeſetz verwundet tief und tödtlich Ihre Bevölkerung.“ „Sie glauben, dieſem habe ich die heutige Kälte zu verdanken?“ „Sire, ich bin deſſen ſicher.“ „Einen Rath alſo, Marſchall.“ „In welcher Hinſicht?“ „Hinſichtlich deſſen, was ich zu habe.“ „Sire, ich habe dem König keinen Rath zu geben.“ „Doch, wenn ich einen 4 „Sire, Ihre hohe Weisheit. er t, ir 205 „Was würden Sie an meiner Stelle thun, Mar⸗ ſchall?“ „Ich ſpreche auf Befehl des Königs?“ „Beſſer als dies, Herzog,“ erwiederte Karl X. mit einer Majeſtät, an der es ihm bei gewiſſen Ge⸗ legenheiten nicht gebrach:„auf meine Bitte.“ „Nun wohl, Sire, laſſen Sie das Geſetz zurück⸗ ziehen, berufen Sie für eine andere Revue die ganze Nationalgarde, und Sie werden durch ihre einſtim⸗ migen Acclamationen ſehen, was die wahre Urſache ihres heutigen Stillſchweigens war.“ „Marſchall, das Geſetz ſoll morgen zurückgezogen werden. Beſtimmen Sie ſelbſt den Tag der Revue.“ „Sire, will Eure Majeſtät, daß es der letzte Sonn⸗ tag des Monats ſei, das heißt der 29. April?“ „Geben Sie ſelbſt die Befehle; Sie ſind General⸗ Commandant der Nationalgarde.“ An demſelben Abend war der Conſeil in den Tuilerien verſammelt, und unerachtet des hartnäckigen Widerſtandes Einiger forderte der König die unmit⸗ telbare Zurücknahme des Liebesgeſetzes. Trotz der Glückſeligkeiten, die ſie ſich von der Anwendung dieſes Geſetzes verſprochen hatten, waren die Miniſter genöthigt, ſich der ſouverainen Gewalt zu unterwerfen. Die Zurücknahme des Geſetzes war übrigens nur ein Act der Klugheit, eine Vorſichts⸗ maßregel, die ihnen die ſichere und entſcheidende Niederlage vor der Pairskammer erſparte. Am andern Tage nach dieſer erſten Revue, das heißt nach dieſer erſten Manifeſtation der National⸗ garde, deren Wirkungen der König ſo richtig geſchätzt, deren Urſache der Marſchall Oudinot ſo wohl beur⸗ 206 theilt hatte, verlangte Herr von Peyronnet das Wort am Anfange der Sitzung der Pairskammer, und ver⸗ las von der Tribune die Ordonnanz, welche den Ge⸗ ſetzesentwurf zurücknahm. Es war ein ungeheurer Freudenſchrei an den vier Ecken Frankreichs und von allen Journalen ohne Unterſchied, royaliſtiſchen oder liberalen, ausgeſtoßen. Am Abend war Paris erleuchtet. Lange Colonnen von Buchdruckergehülfen zogen in den Straßen und auf den öffentlichen Plätzen der Stadt umher und riefen:„Es lebe der König! Es lebe die Pairskammer! Es lebe die Preßfreiheit!“ Dieſer Umzug, der wunderbare Zuſammenfluß von Neugierigen, welche ſich auf den Boulevards, den Quais, in den Seitenſtraßen drängten, durch alle großen Arterien bis zu den Tuilerien ſtrömend, wie das Blut zum Herzen ſtrömt; das Geſchrei dieſer Menge, die Exploſion der durch die Fenſter geſchleu⸗ derten Petarden, die flammende Aufſteigung der Raketen, die den Himmel mit ephemeren Sternen beſäten, die Verſchwendung der an allen Gebäuden, außer den öffentlichen, aufgeſtellten Lichter, all dieſes Geräuſch, all dieſer Glanz boten einen feſtlichen Anblick, ein freudiges Ausſehen, wie es gewöhnlich die von der Regierung befohlenen officiellen Feier⸗ lichkeiten nicht bieten. Der Jubel war nicht minder groß in den andern Städten des Königreichs; es ſchien, nicht als hätte Frankreich einen von den Siegen davon getragen, an die es gewöhnt war, ſondern als hätte jeder Fran⸗ zoſe individuell geſiegt. Dieſer Jubel gab ſich in der That nicht nur 8— e w—— b *— 207 unter den verſchiedenſten, ſondern auch unter den individuellſten Formen kund; Jeder ſuchte eine per⸗ ſönliche Manier, ſeine Freude zu bezeigen. Hier waren es zahlreiche Chöre, welche auf den Plätzen ſtationirten oder durch die Straßen liefen und ihre Nationalgeſänge hören ließen; dort waren es improviſirte Kunſtfeuerwerke, die ſich durch alle Arten von Volkslaunen verlängerten, oder Tänze, welche die ganze Nacht hindurch währten; anderswo waren es Fackelzüge, wie die antiken Wettläufe, zu Fuße und zu Pferde ausgeführt; wieder anderswo Triumphbogen oder Säulen mit Inſchriften beladen; überall waren es flammende Illuminationen; die von Lyon beſonders waren bewunderungswürdig: die Ufer der zwei Flüſſe, die Hauptplätze der Cité, die zahlreichen Terraſſen ſeiner zahlreichen Vorſtädte waren gleichſam durch lange Feuercordons verbunden, welche die Waſſer der Rhone und der Saone reflectirten. Marengo hatte nicht mehr Stolz eingeflößt, Au⸗ ſterlitz nicht mehr Begeiſterung. Der eine und der andere von dieſen zwei Sie⸗ gen war nur ein Triumph: der Fall des Liebes⸗ geſetzes war zugleich ein Triumph und eine Rache; es war eine Frankreich gegenüber übernommene Ver⸗ bindlichkeit, es von dieſem Miniſterium zu befreien, welches es ſich bei jeder neuen Seſſion zur Aufgabe gemacht hatte, eine von den durch den Grundvertrag verſprochenen, garantirten, geheiligten Freiheiten zu zerſtören. Dieſe glänzende Manifeſtation des öffentlichen Bewußtſeins, dieſe volksthümliche Demonſtration, die⸗ ſer freiwillige Jubel des ganzen Landes bei der 6 — 208 Nachricht von der Zurücknahme des Geſetzes ſetzten die Miniſter in Erſtaunen, und ſie beſchloſſen noch an demſelben Abend, unter all dieſem Geräuſche und all dieſer freudigen Bewegung, ſich insgeſammt zum König zu begeben. Sie verlangten eingeführt zu werden. Man ſuchte den König. Der König war nicht ausgefahren, und dennoch war er weder im großen Salon, noch in ſeinem Cabinet, noch bei Monſieur dem Dauphin, noch bei der Frau Herzogin von Berry. Wo war er denn? Ein Kammerdiener ſagte, er habe Seine Majeſtät, gefolgt vom Marſchall Oudinot, nach der Treppe gehen ſehen, welche auf die Terraſſe des Pavillon de lHorloge führte. Man ſtieg dieſe Treppe hinauf. Zwei Männer ſtanden da, all dieſes Geſchrei, all dieſen Lärmen, alle dieſe Lichter beherrſchend, kräftig von der leuchtenden Mondſcheibe und von den ſilber⸗ nen Wolken, welche raſch am Himmel hinzogen, ſich abhebend. Dieſe zwei Männer waren Karl X. und der Ge⸗ neral Oudinot. Man meldete ihnen den miniſteriellen Beſuch. Der König ſchaute den Marſchall an. „Was wollen ſie hier?“ fragte er. „Von Eurer Majeſtät eine Repreſſivmaßregel gegen die allgemeine Freude fordern.“ „Laſſen Sie dieſe Herren heraufkommen,“ ſagte der König. Die Miniſter folgten ſehr erſtaunt dem Adjutan⸗ ei, ig r⸗ ch e⸗ 209 ten, dem der Kammerdiener den Befehl des Königs übertragen hatte. Fünf Minuten nachher war der Conſeil auf der Plattform des Pavillon de lHorloge verſammelt. Die weiße Fahne, die Fahne von Tillebourg, von Bouvines und von Fontenay, flatterte anmuthig je nach den Launen des Windes. Man hätte glauben ſollen, ſie ſei ganz ſtolz, dieſe ungewohnten Accla⸗ mationen zu hören. Herr von Villèle trat vor und ſprach: „Sire, bewegt von der Gefahr, welche Eure Majeſtät läuft, komme ich mit meinen Collegen...“ Der König unterbrach ihn. „Mein Herr,“ fragte er,„nicht wahr, Ihre Rede war vorbereitet, ehe Sie das Hotel der Finanzen verließen?“ Site „Ich weigere mich nicht, ſie zu hören, mein Herr; doch zuvor wünſche ich, daß Sie von dieſer Plattform, welche Paris beherrſcht, ſehen und hören, was vor⸗ geht.“ Und der König ſtreckte die Hand gegen dieſen Ocean von Licht aus. „Es iſt alſo unſere Entlaſſung, was Seine Maje⸗ ſtät verlangt?“ wagte Herr von Peyronnet zu be⸗ merken. „Ei! wer„ſpricht von Entlaſſung, mein Herr? Ich verlange nichts von Ihnen: ich ſage, Sie follen ſehen und hören.“ Es trat ein Moment der Stille ein, nicht auf den Straßen,— auf den Straßen war es im Gegen⸗ theile von Augenblick zu Augenblick munterer und Dumas, Salvator. I. 14 2¹0 geräuſchvoller,— ſondern unter den hohen Be⸗ obachtern. Der Marſchall hielt ſich beiſeit, das Lächeln des Triumphes auf den Lippen; der König, immer die Hand ausgeſtreckt und ſich nach und nach gegen die vier Cardinalpunkte wendend, beherrſchte durch ſeine hohe Geſtalt, die, obſchon ſie ſich unter dem Gewichte der Jahre gebeugt hatte, ſich bei den großen Veran⸗ laſſungen gerade aufrichtete,— der König beherrſchte alle dieſe Männer. In dieſem Augenblicke überragte ſie ſein Geiſt, wie ſeine Geſtalt, um einen Kopf. „Nun reden Sie, Herr von Villèle,“ ſprach der König,„was haben Sie mir zu ſagen?“ „Nichts, Sire,“ antwortete der Conſeil⸗Präſident; „wir haben Eurer Majeſtät nur noch den Ausdruck der tiefſten Ehrfurcht zu Füßen zu legen.“ Der König grüßte; die Miniſter zogen ſich zurück. „Marſchall,“ ſagte der König,„ich glaube, daß Sie entſchieden Recht haben.“ Und er ging wieder in ſeine Gemächer. In der nächſten Sitzung des Conſeil ſetzte der König den Miniſtern ſeinen Wunſch, am 29. April eine Revue zu halten, auseinander.— Am 25. gab Seine Majeſtät dieſe Abſicht kund.— Die Miniſter verſuchten es Anfangs, den Willen des Königs zu bekämpfen; doch dieſer Wille ſtand zu feſt, um den ſchlimmen Waffen des perſönlichen Intereſſes nach⸗ zugeben. Da warfen ſie ſich auf ein Detail zurück: dieſes war, die Nationalgarde von den Meuterern und Aufreizern abzuſondern, welche ſie unfehlbar umgeben würden. Am andern Tage machte ein Tagsbefehl bekannt, hat Bu Ta ſchl beg gen ein Can des lich An bei nötl vatt von gun voll einr welt keit des die die eine chte an⸗ chte gte der üt ruck ück. daß der pril gab ſter zu den ach⸗ ück: ern bar mt, 21¹ daß, da der König auf der Parade am 16. April angekündigt habe, um der Rationalgarde einen Be⸗ weis ſeines Wohlwollens und ſeiner Zufriedenheit zu geben, beabſichtige er, ſie die Revue paſſiren zu laſſen, ſo werde dieſe Revue auf dem Marsfelde am Sonn⸗ tag den 29. April ſtattfinden. Das war eine große Neuigkeit. Schon am Abend vorher, das heißt am 255 hatte ein bei den geheimen Geſellſchaften affiliirter Buchdruckergehülfe Salvator einen Abdruck von dem Tagsbefehle gebracht, der am andern Tage ange⸗ ſchlagen werden ſollte. Salvator war Fourier bei der 11. Legion. Man begreift, warum er dieſen Grad eines Fouriers an⸗ genommen, ſogar darum nachgeſucht hatte: das war eines von den tauſend Mitteln, welche der thätige Carbonaro anwandte, um ſich mit den Meinungen des Volks in Berührung zu bringen. Dieſe Revue war eine Gelegenheit, den öffent⸗ lichen Geiſt zu ſondiren: Salvator verſäumte ſie nicht. Mehr als fünfhundert Arbeiter, deren brennende Anſichten er kannte, hatten ſich immer geweigert, ſich bei der Nationalgarde zu betheiligen, wobei ſie ihre Weigerung durch die Ausgabe, welche eine Uniform nöthig mache, motivirten; vier Abgeordnete, von Sal⸗ vator gewählt, beſuchten dieſe Leute im Hauſe; Jeder von ihnen erhielt hundert Franken, unter der Bedin⸗ gung, daß er am Sonnkag den 29. ſein Coſtume vollſtändig habe und ſeinen Rang in der Compagnie einnehme. Man gab die Adreſſen von Schneidern, welche zur Aſſociation gehörten und die Verbindlich⸗ keit uͤbernommen hatten, das Coſtume am beſtimmten 212 Tage für die Summe von fünfundachtzig Franken zu liefern. Es blieben jedem Manne fünfzehn Fran⸗ ken Ueberſchuß. So führte man es in den zwölf Arrondiſſements durch. Die Maires,— beinahe alle liberal,— waren entzückt über dieſe Demonſtration; ſie machten keine Schwierigkeiten, den Neueingetretenen Flintenzu geben. Fünf bis ſechstauſend Mann, welche acht Tage vorher nicht einmal zur Nationalgarde gehörten, wurden auf dieſe Art bewaffnet und gekleidet. Alle dieſe Leute ſollten, nicht den Befehlen ihrer Oberſten, ſondern dem Signal eines nur für ſie allein erkenn⸗ baren Carbonarichefs gehorchen. Da aber die am weiteſten Vorgerückten glaubten, die Stunde der Em⸗ pörung ſei noch nicht gekommen, ſo wurde von der oberſten Venta befohlen, ſich während der Revue kei⸗ nen Act der Feindſeligkeit zu erlauben. Die Polizei ihrerſeits war auf den Beinen, ſtand mit den Augen auf der Lauer und horchte mit allen Ohren. Was aber thun gegen Menſchen, die ſich beeifern, dem König zu gehorchen? Herr Jackal reihte zehn Mann in jede Legion ein; nur, da ihm dieſer Gedanke erſt kam, als er von der Bewegung erfahren hatte, die ſich bewerk⸗ ſtelligen ſollte, fand ſich, die Schneider von Paris haben ſo viel Arbeit, daß die Mehrzahl der Leute von Herrn Jackal wohl am Sonntag bewaffnet, aber erſt am Montag gekleidet war. die dem fach ſelb Jou ger Vor gier nken ran⸗ ents aren eine ben. age ten, Alle ten, nn⸗ am Fm⸗ der kei⸗ and len ion er erk⸗ ris ute ber ſich 213 XX. Die Revue am Sonntag den 29. April. Von dem Augenblicke an, wo der die Revue auf den 29. April feſtſetzende Tagsbefehl veröffentlicht war, bis zum Tage dieſer Revue fühlte man durch Paris einen von jenen dumpfen Schauern laufen, welche den politiſchen Stürmen vorhergehen und ſie verkündigen. Niemand konnte erklären, was dieſes Fieber weiſſagte, noch ſogar, ob es etwas weiſſagte; doch ohne zu wiſſen, welchem Schwindel man preis⸗ gegeben war, begegnete man ſich, drückte ſich die Hand und ſagte ſich. „Sie werden dabei ſein?“ „Am Sonntag?“ O „Vd. „Ich gloube wohl!“ „Fehlen Sie nicht dabei!“ „Ich werde mich wohl hüten!“ Dann drückte man ſich aufs Neue die Hand,— die Maurer und die bei der Venta Affiliirten mit dem Zeichen ihrer Geſellſchaft, die Andern ganz ein⸗ und man verließ ſich, und Jeder ſagte zu ſich elbſt: „Dabei fehlen? Ah! ja wohl!“ Vom 26. bis zum 29. ſprachen die liberalen Journale nur von dieſer Revue, munterten die Bür⸗ ger auf, dabei zu erſcheinen, und empfahlen ihnen Vorſicht. Man weiß, was ſolche aus den der Re⸗ gierung feindlichen Federn kommende Empfehlungen 21⁴ bedeuten:„Haltet Euch für jedes Ereigniß bereit, denn ein Ereigniß ſchwebt in der Luft, und ergreift die Gelegenheit!“ Die drei Tage waren nicht gleichgültig für die jungen Helden unſerer Geſchichte vorübergegangen. Dieſe Generation, welche die unſere iſt,— iſt es ein Vorzug, iſt es ein Nachtheil?— hatte zu jener Zeit noch den Glauben, der nicht durch ſie verloren ge⸗ gangen iſt,— er iſt jung von Herzen geblieben,— ſon⸗ dern durch die auf ſie folgende Generation, welche heute die der Menſchen von dreißig bis fünfunddrei⸗ ßig Jahren iſt. Diesmal iſt es das Schiff, das Schiffbruch in den Revolutionen von 1830 und 1848 gelitten hat, welche noch in der Zukunft verborgen waren, wie ein Kind, das lebt und bebt, ſchon im Schvoße der Mutter verborgen iſt. Jeder von unſeren jungen Freunden hatte alſo den Einfluß dieſer drei Tage gefühlt, die Einen activ, die Andern paſſiv. Salvator, einer der Hauptchefs des Carbonaris⸗ mus, dieſer Religion der Zeit, die Seele der nicht nur in Paris, nicht nur in den Departements, ſon⸗ dern auch im Auslande organiſirten geheimen Ge⸗ ſellſchaften; Salvator hatte, wie wir geſehen, thätig zur Verſtärkung der Reihen der Nationalgarde durch fünf bis ſechstauſend Patrioten beigetragen, welche bis dahin nicht dazu gehört hatten. Dieſe Patrioten waren uniformirt, hatten Gewehre: das war die Hauptſache; Patronen würde man ſich leicht ver⸗ ſchaffen können; an einem gegebenen Tage, in einem verabredeten Augenblicke würde man ſich mit einer Uniform und mit Waffen wiederfinden. reit, reift die gen. Zeit ge⸗ ſon⸗ lche rei⸗ das 848 gen im alſo tiv, ris⸗ icht ſon⸗ Ge⸗ itig ch che ten die er⸗ em ner 2¹5 Juſtin, ein gemeiner Voltigeur in einer Com⸗ pagnie der elften Legion; Juſtin, der bis dahin die oberflächlichen Verbindungen, welche eine in der Wachtſtube zugebrachte Nacht, zwei Stunden als Schild⸗ wache zugebracht zwiſchen zwei Bürgern anknüpfen, vernachläßigt hatte; Juſtin, ſeitdem er im Carbona⸗ rismus ein Mittel geſehen hatte, dieſe Regierung umzuſtürzen, unter der ein Adeliger, von einem Prie⸗ ſter unterſtützt, ungeſtraft die Familien in Unruhe verſetzen konnte, Juſtin hatte angefangen carbona⸗ riſtiſche Propaganda mit um ſo größerer Thätigkeit zu machen, als dieſe bis dahin zurückgehalten worden war; und da er in ſeinem Quartier wegen ſeiner ſo wohl bekannten Familientugenden geſchätzt, geliebt, ſogar geehrt war, ſo hörten auf ihn wie auf ein Hrakel die Leute, welche übrigens nichts lieber woll⸗ ten, als überzeugt ſein, und ſelbſt der Ueberzeugung entgegenkamen. Ludovic, Petrus und Jean Robert waren einfache Einheiten, von denen aber jede auf ein Centrum hin⸗ wirkte. Ludovic inſpirirte und leitete ſeine jungen Mitſchüler, die Studenten des Rechts und der Medi⸗ ein, deren Reihen er kaum am Abend vorher verlaſ⸗ ſen hatte; Petrus dieſe ganze Atelierjugend, welche damals voll künſtleriſcher Flamme und nationalen Glaubens; Jean Robert Alles, was eine Feder hielt, und, einem auf dem Terrain der Kunſt anerkannten Chef folgend, bereit war, ihm auch auf ein ganz anderes Terrain zu folgen, auf welches ſich zu wagen ihm gefiele. Jean Robert gehörte zur Rationalgarde zu Pferde; 216 Petrus und Ludovic waren Lieutenants bei der Na⸗ tionalgarde zu Fuß. Jeder von ihnen hatte, wenn auch in ſeinem Innern von Kunſt, Wiſſenſchaft oder Liebe in An⸗ ſpruch genommen,— denn dieſe jungen Herzen waren für alle Gefühle offen,— Jeder von ihnen, ſagen wir, hatte den Tag des 29. April kommen ſehen, ſeinen Theil an dieſem allgemeinen Beben fühlend, deſſen Exiſtenz wir conſtatirt haben, ohne die Urſache genau angeben zu können. Am Abend des 28. war auf Berufung von Sal⸗ vator Zuſammenkunft bei Juſtin. Hier unterrichtete Salvator ernſt und einfach ſeine vier Gefährten von dem, was vorging. Er glaubte, es werde am andern Tage eine Demonſtration ſtattfinden, doch keine Be⸗ wegung; er bat ſie, Herren über ſich zu bleiben und nichts von Bedeutung zu thun, ohne daß ſie von ihm erfahren hätten, der Augenblick ſei gekommen. Endlich erſchien der große Tag. Es war wahr⸗ haft ein Sonntag, nach dem Anblicke der Straßen von Paris zu urtheilen; mehr als ein Sonntag: es war ein Feſttag. Von neun Uhr Morgens durchfurchten die Le⸗ gionen der verſchiedenen Arrondiſſements Paris, Muſik an der Spitze, und es folgte ihnen, entweder auf den Trottoirs oder auf den beiden Seiten der Boulevards, die Bevölkerung der verſchiedenen Quar⸗ tiere, die ſie durchzogen. Um elf Uhr waren zwanzigtauſend Mann Natio⸗ nalgarde vor der Ecole Militaire aufgeſtellt. Sie hatten unter ihren Füßen die Erde des Marsfeldes ſo voll von Erinnerungen, welche von ihren Vätern Na⸗ em ln⸗ en en, id, he al⸗ te on n 217 aufgewühlt worden war am großen Tage der Fö⸗ deration, der aus Frankreich ein Vaterland und aus allen Franzoſen Brüder machte. Das Marsfeld! das einzige Monument, das von der furchtbaren Re⸗ volution geblieben iſt, deren Miſſion es war, nicht zu erheben, ſondern zu zerſtören. Was hatte ſie be⸗ ſonders zu zerſtören? Die alte Race der Bourbonen, von der ein Mitglied in jener Verblendung, welche die anſteckende Krankheit der Könige iſt, es wagte, dieſe Erde niederzutreten, welche glühender als die Lava des Veſuvs, beweglicher als der Sand der Wüſte Sahara! Seit mehreren Jahren war die Nationalgarde nicht mehr die Revue paſſirt. Es iſt ein ſeltſamer Geiſt der Geiſt dieſer Bürgerſoldaten; läßt man ſie die Wache beziehen, ſo murren ſie; löſt man ſie auf, ſo empören ſie ſich. Müde ihrer Unthätigkeit, hatte alſo die National⸗ garde dem Rufe, der an ſie ergangen war, entſpro⸗ chen. Verſtärkt durch ſechstauſend Mann in neuer Uniform, war ſie vollzählig und, was die Haltung betrifft, herrlich. In dem Augenblicke, wo ſie ſich in Schlachtord⸗ nung aufſtellte, das Geſicht gegen Chaillot, das heißt gegen die Seite, von der der König kam, gewendet, nahmen dreimal hunderttauſend Zuſchauer Platz auf den Böſchungen, welche die Manveuvreterrains um⸗ ſchließen. Jeder von dieſen dreimal hunderttauſend Zuſchauern ſchien durch ſeine beifälligen Blicke, durch ſeine anhaltenden Bravos, durch ſeine unabläßig wieder entſtehenden Vivats der Nationalgarde zu gratuliren wegen der Sorgfalt, die ſie angewandt 218 hatte, um die Hauptſtadt würdig zu repräſentiren und durch ihre Gegenwart dem König zu danken, der das verfluchte Geſetz zurückziehend dem allgemei⸗ nen Wunſche der Nation entſprochen hatte;— denn, man muß ſagen, ausgenommen im Herzen jener Ver⸗ ſchwörer, welche ſie von ihren Vätern empfangen und auf ihre Kinder übertragen, die von den Swedenborg und den Caglioſtro gegründete große revolutionäre Tradition, gab es in dieſem Augenblicke auf dem Marsfelde, in Paris, in Frankreich nur Dankbarkeit und Sympathie für Karl X. Man hätte müſſen ein ſehr ſcharfes Auge haben, um, in einer Entfernung von drei Jahren, den 29. Juli durch dieſen 29. April zu ſehen. Wer wird das Räthſel dieſer großen Volksum⸗ ſchläge löſen, welche in ein paar Jahren, in ein paar Monaten, in ein paar Tagen oft, niederſtürzen, was erhaben war, aufrichten, was zu Boden lag? Die Aprilſonne, dieſe noch junge Sonne, die, das Geſicht mit Thau bedeckt, mit der Liebe einer Braut die Erde anſchaut, eine poetiſche, liebende Julia, welche aus ihrem Grabe aufſteht und Falte um Falte ihr Leichentuch fallen läßt; die Aprilſonne glänzte hinter dem Invalidendome und ſollte die Revue be⸗ günſtigen. Um ein Uhr verkündigten die Salven der Kano— nen und entferntes Geſchrei die Ankunft des Königs, der zu Pferde, in Begleitung des Herrn Dauphin, des Herzogs von Orleans, des jungen Herzogs von Chartres und einer Menge von Generalofficieren, herbeikam. Die Herzogin von Angouléme, die Her⸗ ren en, ei⸗ nn, er⸗ ind org äre em eit ein g ril m⸗ ar as as ut lte 2¹9 zogin von Berry und die Herzogin von Orleans folg⸗ ten in offener Caleche. Der Anblick dieſes glänzenden Cortége machte einen Schauer die Welt von Zuſchauern durch⸗ laufen. Was für eine Empfindung iſt es denn, die, in gewiſſen Augenblicken, unſer Herz mit ihren Feuer⸗ flügeln ſtreift, uns vom Kopfe bis zu den Füßen ſchauern macht und uns zu ertremen Dingen, mögen ſie gut oder ſchlecht ſein, antreibt? Die Revue begann; Karl X. durchritt die erſten Linien unter dem Rufe:„Es lebe die Charte! Es lebe die Preßfreiheit!“ doch noch viel zahlreicher er⸗ tönte der Ruf:„Es lebe der König!“ Man hatte unter allen Legionen ein gedrucktes Blatt verbreitet, das⸗die Ermahnung enthielt, man möge jede Manifeſtation vermeiden, welche die könig⸗ liche Empfindlichkeit verletzen könnte. Derjenige, welcher dieſe Zeilen ſchreibt, war an jenem Tage in den Reihen, und es iſt in ſeinen Händen ein alſo abgefaßtes Blatt geblieben. An die Nationalgarden, um es bis in die letzte Reihe circuliren zu laſſen. „Man hat das Gerücht in Umlauf gebracht, die Legionen beabſichtigen zu rufen:„„Es lebe der König! Nieder mit den Miniſtern! Nieder mit den Jeſuiten!““ Das können nur Böswillige ſein, welche ein Intereſſe dabei haben, die Nationalgarde ihrem edlen Charakter widerſprechen zu ſehen.“ Die Ermahnung war mehr klug der Form, als 220 elegant der Abfaſſung nach; wir geben ſie aber, ſo wie ſie iſt, hier als hiſtoriſches Actenſtück. Ein paar Augenblicke konnte man glauben, die Ermahnung werde pünktlich befolgt werden; an der ganzen Front der Schlachtordnung erſcholl, wie ge⸗ ſagt, nur der Ruf:„Es lebe der König! Es lebe die Charte! Es lebe die Preßfreiheit!“ doch ſo wie der König in die Linien eindrang, als nöthigte ſeine Ge⸗ genwart die Herzen, ſich zu öffnen, fing an mit dem Rufe:„Es lebe der König! Es lebe die Charte! Es lebe die Preßfreiheit!“ ſich der:„Nieder mit den Je⸗ ſuiten! Nieder mit den Miniſtern!“ zu vermengen. Bei dieſem Rufe hielt der alte König unwillkür⸗ lich ſein Pferd an. Der Menſch war ſtätig wie das Thier. Das Geſchrei, das ihm mißfallen hatte, erloſch; das wohlwollende Lächeln, das den Grund ſeiner Phyſiognomie bildete, erſchien, einen Augenblick ab⸗ weſend, wieder. Er ſetzte ſeinen Marſch durch die Legionen fort; doch zwiſchen der dritten und vierten Reihe begann das aufrühreriſche Geſchrei wieder, ob⸗ gleich die Nationalgardiſten, ganz ſchauernd, einander Vorſicht empfahlen; nur entſchlüpften, ohne daß ſie ſelbſt wußten wie es kam, die Rufe:„Nieder mit den Mi⸗ niſtern! Nieder mit den Jeſuiten!“ die ſie in ihre Herzen zu verſchließen ſich anſtrengten, unwillkürlich ihren Lippen. Es war in den Reihen der Nationalgarde etwas wie ein fremdes, unbekanntes, elektriſches Element 5 das war das Volkselement, welches ſich unter dem Einfluſſe der Carbonarichefs für dieſen Tag mit dem bürgerlichen Elemente vermiſcht hatte. ſo ie er e⸗ ie er e⸗ m F8 e⸗ 221 Der König war aufs Neue verletzt in ſeinem Stolze durch dieſe Rufe, die ihm eine Regel politi⸗ ſchen Verfahrens vorzuſchreiben ſchienen. Er hielt zum zweiten Male an: er befand ſich einem Nationalgardiſten von hoher Geſtalt und von einer herculiſchen Stärke gegenüber; das war wohl der Typus, den Barye für den Löwen⸗Menſchen oder für das Löwen Volk gewählt hatte. Dieſer Mann war unſer Freund Jean Taureau. Er ſchwang ſein Gewehr, wie er es mit einem Strohhalme gethan hätte, und rief, er, der nicht leſen konnte: „Es lebe die Preßfreiheit!“ Die Energie dieſer Stimme, die Kraft dieſer Ge⸗ berde ſetzten den alten König in Erſtaunen. Er ließ ſein Pferd zwei Schritte machen und ritt auf den Mann zu. Dieſer ſeinerſeits trat zwei Schritte aus den Reihen vor,— es gibt Organiſationen, welche die Gefahr anzieht, und immer ſein Gewehr ſchüt⸗ telnd, rief er: „Es lebe die Charte! Nieder mit den Miniſtern! Nieder mit den Jeſuiten!“ Wie alle Bourbonen, ſogar Ludwig XVI., hatte Karl X. zuweilen eine große Würde. Er winkte, daß er ſeinerſeits etwas zu antworten habe: dieſe zwanzigtauſend Mann ſchwiegen wie durch Zauber. „Meine Herren,“ ſagte er,„ich bin hierher ge⸗ kommen, um Huldigungen, und nicht um Lectionen zu empfangen.“ Sodann ſich gegen den Marſchall Hudinot um⸗ wendend: 222 „Commandiren Sie das Defilé, Marſchall!“ Und er ſetzte ſein Pferd in Galopp, verließ die Reihen der Nationalgarde, und nahm Platz auf der Seite, und vor der dichten, ſtürmiſchen Maſſe. Das Defilé begann. Jede Compagnie, wenn ſie am König vorüberzog, gab einen Ruf von ſich: die Mehrzahl dieſer Rufe war:„Es lebe der König!“ Das Geſicht von Karl X. heiterte ſich wieder auf. Als das Defilé beendigt war, ſagte der König zum Marſchall Oudinot: „Das hätte beſſer gehen können; es gibt einige unruhige Köpfe, doch die Maſſe iſt gut. Im Ganzen bin ich zufrieden.“ Und man ſchlug im Galopp wieder den Weg nach den Tuilerien ein. Ins Schloß zurückgekehrt, näherte ſich der Mar⸗ ſchall dem König und fragte: „Sire, darf ich in einem Tagsbefehle der Zu⸗ friedenheit Eurer Majeſtät Erwähnung thun?“ „Ich ſehe nichts dagegen einzuwenden,“ erwiederte der König.„Nur möchte ich die Worte kennen, in denen dieſe Zufriedenheit ausgedrückt ſein wird.“ Hienach meldete der Haushofmeiſter, es ſei dem König ſervirt, Seine Majeſtät bot den Arm der Frau Herzogin von Orleans, der Herzog von Orleans der Herzogin von Angouléme, der Herzog von Chartres der Herzogin von Berry, und man ging in den Speiſeſaal. Mittlerweile kamen die Nationalgarden in ihre Quartiere zurück; doch ehe ſie in ihre Quartiere zu⸗ rückkamen, hatten ſie die Antwort von Barthélmy m ge en 223 Lelong:„Ich bin hierher gekommen, um Huldigun⸗ gen, und nicht um Lectionen zu empfangen,“ ausgelegt. Man fand das Wort ein wenig ſtark ariſtokratiſch für den Ort, wo es geſagt worden war: Karl X., als er dieſes Wort ſprach, verweilte gerade auf dem Platze, wo ſich ſiebenunddreißig Jahre früher jener Altar des Vaterlands erhob, an welchem Ludwig XVI. der franzöſiſchen Conſtitution den Eid leiſtete.— Es iſt wahr, Karl X., damals Graf d Artvis, hatte dieſen Eid nicht gehört, weil er ſchon 1789 nach dem Aus⸗ lande abgereiſt war.— Das Reſultat war, daß, als der König kaum außer dem Marsfelde, das bis dahin zurückgehaltene Geſchrei losbrach und die ganze Arena unter einem allgemeinen Hurrah des Zornes und der Verwünſchungen zu zittern ſchien. Doch das war nicht Alles: jede Legion als ſie den Weg nach ihrem Arrondiſſement wieder einſchlug, nahm eine gewiſſe Summe Aufregung aus dem all⸗ gemeinen Herde geſchöpft mit ſich und verbreitete ſie in Geſchrei ihren ganzen Weg entlang. Hätte dieſes Geſchrei kein Echo in der Bevölkerung gehabt, ſo wäre es wohl erloſchen wie eine Kohlenglut ohne Rahrung, aber es ſchienen im Gegentheile nur Fun⸗ ken zu ſein auf Herde fallend, welche ganz bereit, ſich zu entzünden. Das Geſchrei wurde in der Menge zurückgewor⸗ fen wie ein verſtärktes Echo; die Männer ſchwangen vor den Thüren ihre Hüte, die Frauen ließen von den Fenſtern ihre Sacktücher flattern und ſchrieen nicht mehr:„Es lebe der König! Es lebe die Charte! Es lebe die Preßfreiheit!“ ſondern:„Es lebe die Nationalgarde! Rieder mit den Jeſuiten! Rieder mit 224⁴ den Miniſtern!“ Man war von der Begeiſterung zur Proteſtation übergegangen, und man ging von der Proteſtation zum Aufſtande über. Das war aber noch viel ſchlimmer für die Legio⸗ nen, welche von der Rue de Rivoli und über die Place Vendöme zurückkehrend vor dem Finanzmini⸗ ſterium und dem Juſtizminiſterium zu paſſiren hatten. Hier war es nicht mehr Geſchrei, ſondern Gebrüll. Trotz des von den Oberſten gegebenen Befehls, wei⸗ ter zu marſchiren, machten die Legionen Halt, die Gewehrkolben ſchlugen geräuſchvoll auf das Pflaſter, und das Gebrüll:„Nieder mit Villole! Nieder mit Peyronnet!“ erſchütterte die Fenſterſcheiben der zwei otels. Einige Oberſten, nachdem ſie den Befehl, weiter zu marſchiren, wiederholt hatten, zogen ſich, als ſie ſahen, daß man ihnen nicht gehorchte, proteſtirend zurück; doch die anderen Officiere waren geblieben. Und weit entfernt, daß ſie ihre Soldaten zu beſänf⸗ tigen ſuchten, ſchrieen ſie vom allgemeinen Schwin⸗ del ergriffen wie die Anderen: Einige ſogar ſtärker als die Anderen. Die Demonſtration war ernſt; das war keine Volksmaſſe, kein Vorſtädterhaufen, keine Arbeiterver⸗ ſammlung: es war ein conſtituirtes Corps, eine po⸗ litiſche Macht, es war das Bürgerthum, das mit dem ganzen franzöſiſchen Volke durch den Mund von zwanzigtauſend Mann in Waffen proteſtirte. Die Miniſter ſpeiſten in dieſem Augenblicke beim öſterreichiſchen Geſandten, Herrn von Appony. Durch die Polizei benachrichtigt, ſtanden ſie von der Tafel auf, verlangten ihre Wagen und hielten Berathung ing von gio⸗ die ini⸗ en. üll. ei⸗ die ter, mit wei iter ſie end en. inf⸗ in⸗ ker ine er⸗ po⸗ em oon eim rch afel ing 225 im Miniſterium des Innern. Von hier begabei ſich insgeſammt nach den Tuilerien. Von den Fenſtern ſeines Cabinets hätte der König, was vorgeht, ſehen und ſich vom Ernſte der Lage Rechenſchaft geben können; doch der König, er ſpeiſte auch im Dianenſaale, und kein Geräuſch ge⸗ langte bis zu den hohen Gäſten. War König Louis Philipp nicht ebenfalls beſchäf⸗ tigt, zu frühſtücken, als man ihm im Jahre 1848 meldete, die Wachpoſten der Place Louis XVI. ſeien genommen? Die Miniſter erwarteten im Conſeilſaale die Be⸗ fehle des Königs, den man von ihrer Ankunft im Schloſſe benachrichtigte. Karl X. nickte mit dem Kopfe, blieb aber bei Tafel. Aengſtlich befragte die Herzogin von Angouléme mit den Augen den Dauphin und ſeinen Vater; der Dauphin ſchob einen Zahnſtocher zwiſchen ſeinen Schneidezähnen durch, doch er ſah nicht und hörte nicht; Karl X. antwortete durch ein Lächeln, das bedeutete, man brauche ſich nicht zu beunruhigen. Das Diner wurde in der That nicht unter⸗ brochen. Gegen acht Uhr verließ man den Speiſeſaal und kehrte in die Gemächer zurück. Der König als ein höflicher Cavalier, was er war, führte die Herzogin von Orleans bis zu ihrem Fauteuil und wandte ſich dann nach dem Conſeilſaale. Auf ſeinem Wege fand er die Herzogin von Angvouléme. „Was gibt es denn?“ fragte ſie. Dumas, Salvator. 1. 15 226 „Ich denke, nichts,“ antwortete Karl X. „Die Miniſter ſollen den König im Conſeilſaale erwarten.“ „Man hat mir während des Diners ihre An⸗ weſenheit im Schloſſe gemeldet.“ „Sollte Lärm in Paris ſein?“ „Ich glaube nicht.“ „Wird der König meiner Unruhe vergeben, wenn ich mich bei ihm erkundige, auf welchem Punkte die Dinge ſtehen?“ „Schicken Sie mir den Dauphin.“ „Der König entſchuldige meine Beharrlichkeit, ich würde lieber ſelbſt gehen...“ „Nun wohl, kommen Sie in einem Augenblicke.“ „Der König iſt äußerſt gnädig.“ Die Herzogin verneigte ſich, näherte ſich Herrn von Damas und zog ihn in eine Fenſtervertiefung. Der Herr Herzog von Chartres und die Frau Herzogin von Berry plauderten mit einander mit der Sorgloſigkeit der Jugend: der Herr Herzog von Chartres war ſechzehn Jahre alt; die Frau Herzogin von Berry fünfundzwanzig. Der Herr Herzog von Bordeaux, ein fünfjähriges Kind, ſpielte zu den Füßen ſeiner Mutter. An den Kamin angelehnt, ſcheinbar gleichgültig, horchte der Herzog von Orleans auf das geringſte Geräuſch und ſtrich von Zeit zu Zeit mit ſeinem Taſchentuche über die Stirne,— durch dieſe Be⸗ wegung allein die innere Aufregung, die ihn ver⸗ zehrte, verrathend. Mittlerweile trat König Karl X. in den Conſeil⸗ ſaal ein. ſaale An⸗ venn unkte t, ich icke.“ en ng. Frau it der von zogin on den ültig, ingſte einem Be⸗ er⸗ nſeil⸗ 227 Die Miniſter ſtanden ſehr aufgeregt umher. Dieſe Aufregung offenbarte ſich auf den Geſichtern je nach dem Temperamente; Herr von Villéle war ſo gelb, als wäre ihm ſeine Galle ins Blut übergetreten; Herr von Peyronnet war roth, als wäre er von einem Schlagfluſſe bedroht geweſen; Herr von Cor⸗ bière war aſchfarbig. „Sire...“ ſagte Herr von Villole. „Mein Herr,“ unterbrach der König, der dem Miniſter hiedurch bemerkbar machte, er vergeſſe die Etiquette dergeſtalt, daß er zuerſt ſpreche,„Sie laſ⸗ ſen mir nicht einmal Zeit, mich nach Ihrer Geſund⸗ heit und der von Frau von Villöle zu erkundigen.“ „Das iſt wahr, Sire; doch das rührt davon her, daß für mich die Intereſſen Eurer Majeſtät vor denen ihres unterthänigen Dieners kommen. „Sie wollen alſo von meinen Intereſſen mit mir ſprechen, Herr von Villöle?“ „Allerdings, Sire.“ „Ich höre.“ „Eure Majeſtät weiß, was vorgeht?“ fragte der Conſeilpräſident. „Es geht alſo etwas vor?“ „Eure Majeſtät hat uns neulich eingeladen, das Freudengeſchrei des Pariſer Volkes zu hören?“ Ja „Erlaubt uns der König, ihn das Drohungsge⸗ ſchrei hören zu laſſen?“ 2 „Wohin muß ich zu dieſem Ende gehen?“ „Oh! nicht weit; man braucht nur dieſes Fen⸗ ſter zu öffnen. Geſtattet der König 2 „Heffnen Sie.“ 228 Herr von Villéle ließ das Spaniolett ſpielen, und das Fenſter öffnete ſich. Mit der Abendluft, welche die Lichter flackern machte, drang ein Wirbel von verworrenen Geräu⸗ ſchen herein. Es waren zugleich Freudenſchreie und Schreie der Drohung; es waren von jenen Getöſen, welche über den in gewaltiger Aufregung begriffenen Städten hinlaufen, deren Abſichten man nicht erfaſ⸗ ſen kann, und die um ſo erſchrecklicher werden, als man einſieht, ſie enthalten das Unbekannte. Sodann, mitten unter Allem dem, losbrechend wie ein Gewitter von Flüchen, die Schreie:„Nieder mit Villéle! Nieder mit Peyronnet! Nieder mit den Jeſuiten!“ „Ah! ah!“ ſagte lächelnd der König,„ich kenne das. Sie waren heute Morgen nicht bei der Revue, meine Herren?“ „Ich war dabei, Sire,“ antwortete Herr von Peyronnet. „Es iſt wahr, ich glaube Sie zu Pferde mit dem Generalſtabe bemerkt zu haben.“ Herr von Peyronnet verbeugte ſich. „Nun wohl, das iſt die Fortſetzung des Marsfel⸗ des,“ ſagte der König. „Das iſt eine Frechheit, der man Einhalt thun muß, Sire!“ rief Herr von Villéle. „Sie ſagen, mein Herr?“ fragte kalt der König. „Sire,“ fuhr der Finanzminiſter, zum Gefühle ſeiner Pflicht zurückgerufen, fort,„ich ſage, die Be⸗ leidigungen, welche das Miniſterium treffen, berüh⸗ ren auch den König; wir wollten alſo Seine Maje⸗ 229 ſtät fragen, was Ihr Belieben in Rückſicht deſſen ſei, was vorgeht.“ „Meine Herren, übertreiben Sie ſich nicht die Gefahr,— ich glaube nicht, daß ich eine Gefahr mitten unter meinem Volke laufe, und ich bin feſt überzeugt, daß ich mich nur zu zeigen brauchte, um alle dieſe verſchiedenen Rufe in einen einzigen, in den:„„Es lebe der König!““ zu verwandeln.“ „Oh! Sire,“ ſagte hinter Karl X. eine Frauen⸗ ſtimme,„ich hoffe, der König wird nicht ſo unklug ſein, ſich hinauszubegeben!“ „Ah! Sie da, Frau Dauphine!“ „Hat mir der König nicht erlaubt, zu ihm zu kommen?“ „Das iſt wahr... Nun wohl, meine Herren, was ſchlagen Sie mir vor in Betreff deſſen, was vorgeht, wie Sie ſo eben ſagten, Herr Finanzmi⸗ niſter?“ „Sire, Sie wiſſen, daß unter dem Geſchrei, wel⸗ ches man ausſtößt, das iſt:„„Nieder mit den Prie⸗ ſtern?““ ſagte die Herzogin von Angouléme. „Ah! wahrhaftig?... Ich hörte wohl rufen: „„Nieder mit den Jeſuiten!..““ „Nun, Sire?“ fragte die Dauphine. „Das iſt nicht ganz daſſelbe, meine liebe Toch⸗ ter... fragen Sie nur Monſeigneur den Erzbiſchof. Herr von Frayſſinous, ſprechen Sie offenherzig: glauben Sie, daß das Geſchrei:„„Nieder mit den Jeſuiten!““ an die Geiſtlichkeit gerichtet iſt?“ „Ich mache einen Unterſchied, Sire,“ antwor⸗ tete der Erzbiſchof, ein Mann von ſanftem Charakter und redlichem Geiſte. 230 „Ich,“ ſagte die Dauphine, ihre dünnen Lippen zuſammenpreſſend,„ich mache keinen.“ „Meine Herren,“ rief der König,„nehmen Sie Platz und reden Sie Jeder über die Frage.“ Die Miniſter ſetzten ſich, und die Erörterung begann. XI. Herr von Valſigny. Während die Erörterung, deren Einzelheiten und Reſultate wir ſpäter werden kennen lernen, ſich um den Tiſch mit dem grünen Teppich eröffnete, wo ſo oft die Geſchicke Europas geſpielt haben,— während Herr von Marande, gemeiner Voltigeur der 2. Le⸗ gion, nach Hauſe zurückkehrend, ohne daß ihm den ganzen Tag ein Zeichen der Billigung oder der Miß⸗ billigung entſchlüpft war, an dem man ſeine poli⸗ tiſche Meinung hätte erkennen können, ſeine Uniform mit einer Eile auszog, welche ſeine geringe Sym⸗ pathie für den Militärſtand verrieth, und, als wäre er in ſeinem Innern nur mit dem großen Balle be⸗ ſchäftigt, den er geben ſollte, ſelbſt alle Anſtalten zur Soirée leitete,— beeilten ſich unſere jungen Leute, welche Salvator ſeit den letzten bei der Revue aus⸗ getauſchten Ermahnungen nicht geſehen hatten, wie Herr von Marande ihre Uniform abzulegen, und er⸗ kundigten ſich bei Juſtin, als einer gemeinſchaftlichen Quelle, was ſie weiter unter den verſchiedenen Even⸗ tualitäten, die ſich bieten dürften, zu thun haben. hatt miſ ſein den Rer ſobe gar nen erfo ich Bal erſt 231 Juſtin erwartete ſelbſt Salvator. Der junge Mann kam gegen neun Uhr. Er hatte auch ſeine Uniform abgelegt und ſein Com⸗ miſſionärs⸗Coſtume wieder angezogen. Man ſah an ſeiner ſchweißbedeckten Stirne und an ſeiner keuchen⸗ den Bruſt, daß er die Zeit ſeit der Rückkehr von der Revue reichlich benützt hatte. „Nun?“ fragten einſtimmig die vier jungen Leute, ſobald ſie ihn erblickten. „Es iſt Miniſterconſeil,“ antwortete glitor „Worüber?“ „Ueber die Strafe, die man der guten National⸗ garde, welche nicht vernünftig geweſen iſt, zuzuerken⸗ nen gedenkt.“ „Und wann wird man das Reſultat des Conſeil erfahren?“ „Sobald ein Reſultat da ſein wird.“ „Sie haben alſo Ihre Entrées in den Tuilerien?“ „Ich habe überall meine Entrées.“ „Teufel!“ rief Jean Robert,„ich bedaure, daß ich nicht warten kann: ich habe einen obligaten Büll „Ich auch,“ ſagte Petrus. „Bei Frau von Marande?“ fragte Salvator. „Ja,“ antworteten die zwei jungen Leute ganz erſtaunt.„Woher wiſſen Sie das?“ „Ich weiß Alles.“ „Doch morgen, bei Tagesanbruch, Neuigkeiten, nicht wahr?“ „Unnöthig! Sie werden heute Nacht erhalten.“ „Petrus und ich, wir gehen aber zu Frau von Marande...“ 232 „Nun wohl, Sie werden ſie bei Frau von Ma⸗ rande erhalten.“ „Wer wird ſie uns geben?“ O „Ich. „Wie! Sie gehen zu Frau von Marande?“ Salvator lächelte fein. „Nicht zu Frau von Marande, ſondern zu Herrn von Marande,“ erwiederte er. Dann ſagte er mit demſelben Lächeln, das eines der beſonderen Merkmale ſeiner Phyſiognomie war: „Es iſt mein Banquier.“ „Ah! alle Wetter!“ rief Ludovic,„nun ärgere ich mich, daß ich die Einladung, die Du mir ange⸗ boten, Jean Robert, nicht angenommen habe.“ „Wenn es nicht ſo ſpät wäre!“ verſetzte der Letztere. Und ſeine Uhr ziehend, fuhr er fort: „Halb zehn Uhr: unmöglich!“ „Sie wünſchen auf den Ball von Frau von Marande zu gehen?“ fragte Salvator. „Ja,“ antwortete Ludovic;„ich hätte gern meine Freunde heute Nacht nicht verlaſſen mögen... Kann nicht jeden Augenblick etwas geſchehen?“ „Wahrſcheinlich wird nichts geſchehen,“ ſagte Salvator;„verlaſſen Sie aber darum Ihre Freunde doch nicht.“ „Ich muß ſie wohl verlaſſen, da ich keine Ein⸗ ladung habe.“ Salvator ließ auf ſeinem Geſichte das Lächeln umherirren, das bei ihm Gewohnheit war. „Bitten Sie unſern Dichter, Sie vorzuſtellen,“ ſagte er. ———+ Ra⸗ ines ar: gere nge⸗ der 233 „Oh!“ erwiederte lebhaft Jean Robert,„ich bin nicht frei genug im Hauſe.“ Und eine leichte Röthe zog über ſeine Wangen. „Dann,“ ſprach Salvator, ſich gegen Ludovic umwendend,„dann bitten Sie Herrn Jean Robert, Ihren Namen auf dieſe Karte zu ſetzen.“ Und er zog aus ſeiner Taſche eine gedruckte Karte, worauf die Worte ſtanden: „Herr und Frau von Marande haben die Ehre, Herrn.... zu der Soirée einzuladen, die ſie in ihrem Hotel in der Rue dArtvis am Sonntag den 29. April geben werden. Man tanzt. Paris den 20. April 1827. Jean Robert ſchaute Salvator mit tiefem Erſtau⸗ nen an. „Ah!“ ſagte Salvator,„Sie befürchten, man könnte Ihre Handſchrift erkennen?... Geben Sie mir eine Feder, Juſtin.“ Juſtin reichte Salvator eine Feder; dieſer ſchrieb den Namen Ludovic auf die Karte, indem er ſeine feine, ariſtokratiſche Handſchrift zwang, die Verhält⸗ niſſe einer gewöhnlichen Handſchrift anzunehmen; dann gab er die Karte dem jungen Doctor. „Mein lieber Salvator,“ fragte Jean Robert, „Sie haben geſagt, Sie gehen nicht zu Frau von Marande, ſondern zu Herrn von Marande.“ „Das habe ich wirklich geſagt.“ „Wie werden wir uns ſehen?“ „Es iſt wahr,“ erwiederte Salvator,„denn Sie, Sie gehen zu Madame!“ 234 „Ich gehe auf den Ball eines Freundes, und ich denke, man wird auf dieſem Balle nicht von Po⸗ litik ſprechen.“ „Nein... doch um halb zwölf Uhr, wenn un⸗ ſere arme Freundin Carmelite geſungen hat, wird man tanzen, und auf den Schlag zwölf Uhr wird man, am Ende der Gallerie, welche ein Gewächshaus bildet, das Cabinet von Herrn von Marande öffnen; hier werden alle diejenigen eingelaſſen, welche die zwei Worte: Charte und Chartres ſagen. Nicht wahr, ſie ſind nicht ſchwer zu behalten?“ „Nein.“ „So ſind alle Dinge verabredet. Wenn Sie ſich nun umkleiden und um halb elf Uhr im blauen Bou⸗ doir ſein wollen, ſo iſt keine Zeit zu verlieren.“ „Ich habe einen Platz für Einen in meinem Coupé,“ ſagte Petrus. „Nimm Ludovic mit: Ihr ſeid Nachbarn; ich, ich werde meinerſeits gehen.“ „Gut!“ „Um halb elf Uhr alſo im Boudoir von Ma⸗ dame, um Carmelite zu hören,“ ſagte Petrus,„und um Mitternacht im Cabinet des Herrn, um zu er⸗ fahren, was in den Tuilerien vorgefallen iſt.“ Und die drei jungen Leute, nachdem ſie Salvator und Juſtin die Hand gedrückt hatten, entfernten ſich und ließen die zwei Carbonari beiſammen. Um elf Uhr waren, wie wir geſehen haben, Petrus, Jean Robert und Ludovic bei Frau von Marande verſammelt und klatſchten Carmelite Bei⸗ fall; um halb zwölf Uhr, indeß Frau von Ma⸗ rande und Regina eifrigſt um die ohnmächtige Car⸗ N melit erwä Herr nach Frau Gunſ ihren das! tres ſchwö mur ihren ihren Höchl die G abge vertr Ehre 2 man Polit und path ware beine Fran Her Herr . ———* und ſuchten mit den Augen S 235 melite beſorgt waren, gaben ſie Camille die von uns erwähnte Lection; um Mitternacht endlich, während Herr von Marande, der zurückgeblieben war, um ſich nach Carmelite zu erkundigen, galanter Weiſe ſeiner Frau die Hand küßte und es ſich von ihr als eine Gunſt erbat, ſie, ſobald der Ball beendigt wäre, in ihrem Schlafzimmer begrüßen zu dürfen, traten ſie, das verabredete Einlaßwort: Charte und Char⸗ tres ſprechend, in das Cabinkt des Banquier ein. Hier waren verſammelt alle Veteranen der Ver⸗ ſchwörungen von Grenoble, von Belfort, von Sau⸗ mur und von la Rochelle; alle die Menſchen, welche ihren Kopf durch ein Wunder des Gleichgewichts auf ihren Schultern behalten hatten: die Lafayette, die böchlin, die Pajol, die Dermoncourt, die Carrel, die Guinard, die Arago, die Cavaignac, Jeder eine abgeſonderte Meinung oder eine Meinungsnuance vertretend, Alle Männer von einer anerkannten Ehrenhaftigkeit. Man aß Gefrorenes, man trank Punſch, und man ſprach von Theater, Kunſt und Literatur... Politik,— davor hütete man ſich wohl! Die drei jungen Leute traten mit einander ein Salvator war noch nicht angekommen. Alle drei ſchloßen ſich nun, je nach ihren Sym⸗ pathien, an eine der Celebritäten an, welche da waren: Jean Robert an Lafayette, der für ihn eine beinahe väterliche Freundſchaft hegte; Ludovic an Frangois Arago, dieſen ſchönen Kopf, dieſes große Herz, dieſen bezaubernden Geiſt; Petrus endlich an Herrn Vernet, deſſen Bilder alle im Salon zurück⸗ 3 3 236 gewieſen worden waren, und der bei ſich eine Pri⸗ Freut vatausſtellung gemacht hatte, zu der ganz Paris mir N ſtrömte. Das Cabinet von Herrn von Marande bot eine Salve ſeltſame Muſterkarte der Unzufriedenen aller Par⸗ die ſie teien. Alle dieſe Unzufriedenen, während ſie, wie den geſagt, von Dingen der Kunſt, der Wiſſenſchaft, des trauli Krieges ſprachen, wandten indeſſen den Kopf nach Valſi der Thüre, ſobald eiſ Neuer ankam. Sie ſchienen Jemand zu erwarten. Herr Und ſie erwarteten in der That den noch unbe⸗ dem 6 kannten Boten, der ihnen die Nachrichten aus dem Schloſſe bringen ſollte. ſtattge Endlich öffnete ſich die Thüre, und ein junger 7 Mann von ungefähr dreißig Jahren, mit vollkom⸗ derte mener Eleganz gekleidet, trat ein. Petrus, Jean Robert und Ludovic unterdrückten„ einen Schrei des Erſtaunens: dieſer junge Mann war Salvator. Der Ankommende ſuchte mit den Augen, erblickte„ Herrn von Marande, und ging auf ihn zu. Corbi Herr von Marande reichte ihm die Hand. Tonne „Sie kommen ſpät, Herr von Valſigny,“ ſagte die de der Banquier.. letzt h „Ja, mein Herr,“ antwortete der junge Mann ſinous mit einer Stimme und mit Geberden, welche voll⸗ abſchie kommen verſchieden von ſeiner gewöhnlichen Stimme gelöſt und ſeinen gewöhnlichen Geberden, und ein Lorgnon an ſein rechtes Auge haltend, als bedürfte er dieſes„ Appendir, um Jean Robert, Petrus und Ludovie zu ſehr ſ erkennen;„ja, es iſt wahr, ich komme ſpät; doch ich ohne wurde bei meiner Tante, einer alten Witwe, einer ſchäfti 237 Pri⸗ Freundin der Frau Herzogin von Angouléme, die Paris mir Neuigkeiten aus dem Schloſſe gab, zurückgehalten.“ Alle Anweſende verdoppelten ihre Aufmerkſamkeit. t eine Salvator wechſelte einige Grüße mit den Perſonen, Par⸗ die ſich um ihn drängten, wobei er in genauem Maße „wie den Grad von Freundſchaft, von Ehrfurcht oder Ver⸗ t, des traulichkeit beobachtete, welchen der elegante Herr von nach Valſigny Jedem gewähren zu müſſen glaubte. ienen„Neuigkeiten aus dem Schloſſe?“ wiederholte Herr von Marande;„es gibt alſo Neuigkeiten aus unbe⸗ dem Schloſſe.“ dem„Oh! Sie wiſſen nicht?.. Ja, es hat Conſeil ſtattgefunden.“ unger„Dies, mein lieber Herr von Valſigny,“ erwie⸗ llkom⸗ derte Herr von Marande,„dies iſt nichts Neues.“ „Dies kann aber machen und hat gemacht.“ ückten„Wahrhaftig?“ war Man trat näher zuſammen. blicte„Auf den Antrag der Herren von Villöle, von Corbiöre, von Peyronnet, von Damas, von Clermont⸗ Lonnerre; auf das Andrängen der Frau Dauphine, ſagte nie der Ruf:„„Nieder mit den Jeſuiten!““ tief ver⸗ letzt hat; trotz der Oppoſition der Herren von Frayſ⸗ Rann ſſinous und Chabrol, welche für die theilweiſe Ver⸗ voll⸗ abſchiedung ſtimmten,— iſt die Nationalgarde auf⸗ imme gelöſt!“ gnon„Aufgelöſt?“ 3 ieſes„Von Grunde aus! ſo daß ich, der ich einen ie zu ſehr ſchönen Grad hatte,— ich war Fourier,— nun ch ich ohne Amt bin und mich mit etwas Anderem be⸗ einer ſchäftigen muß!“ 238 „Aufgelöſt!“ wiederholten die Zuhörer, als könn⸗ ten ſie nicht an dieſe Nachricht glauben. „Das iſt ja ſehr ernſt, was Sie da ſagen, mein Herr!“ rief der General Pajol. „Finden Sie, General?“ „Allerdings... Das iſt ganz einfach ein Staats⸗ ſtreich!“ „Ja?... Nun wohl, Seine Majeſtät König Karl X. hat einen Staatsſtreich gemacht.“ „Sie ſind deſſen, was Sie ſagen, ſicher?“ fragte Lafayette. „Ah! Herr Marquis,(Salvator nahm es nicht im Ernſte, daß die Herren von Lafayette und von Mont⸗ morench ihre Titel in der Nacht vom 4. Auguſt 1789 verbrannt hatten). Ah! Herr Marquis, ich würde nichts ſagen, was nicht die ſtrenge Wahrheit wäre.“ Sodann mit feſter Stimme: „Ich glaubte Ihnen genug bekannt zu ſein, daß Sie nicht an meinem Worte zweifeln würden.“ Der Greis reichte dem jungen Manne die Hand. Und er ſagte lächelnd und leiſe: „Gewöhnen Sie ſich doch ab, mich Marquis zu nennen.“ „Entſchuldigen Sie,“ erwiederte lachend Salvator, „Sie ſind dergeſtalt Marquis für mich... „Nun wohl, es ſei! für Sie, der Sie ein Mann von Geiſt ſind, werde ich bleiben, was Sie wollen; doch für die Anderen machen Sie mich nur zun General.“ Dann zur urſprünglichen Converſation zurüc⸗ kehrend, fragte Lafayette: „Und wann erläßt man dieſe ſchöne Ordonnanz?“ könn⸗ mein taats⸗ König fragte nicht Mont⸗ 17869 würde äre.“ daß Hand. quis vator, Mann ollen; zu urüc anzt“ 239 „Sie iſt erlaſſen.“ „Wie, erlaſſen?“ rief Herr von Marande;„und ich weiß es noch nicht!“ „Sie werden es wahrſcheinlich ſogleich erfahren. Sie dürfen es Ihrem Neuigkeitengeber nicht verar⸗ gen, daß er noch im Verzuge iſt: ich habe eigene Mittel, durch die Mauern zu ſehen, eine Art von hinkendem Teufel, der die Dächer aufhebt, daß ich in die Staatsconſeils ſchaue.“ „Und durch die Mauern der Tuilerien ſchauend, haben Sie die Ordonnanz abfaſſen ſehen?“ fragte der Banquier. „Mehr noch, ich habe ſie über die Schulter von demjenigen, der die Feder hielt, geleſen. Oh! es ſind keine Phraſen... oder es iſt vielmehr nur eine Phraſe:„„Karl X., von Gottes Gnaden, u. ſ. w. auf den Bericht unſeres Staatsſecretärs, Miniſters des Innern, u. ſ. w. iſt die Nationalgarde von Paris aufgelöſt.“ Das iſt das Ganze.“ „Und dieſe Ordonnanz.“ „Iſt an den Moniteur und an den Marſchall Oudinot geſchickt worden.“ „Und ſie wird morgen im Moniteur ſtehen?“ „Sie ſteht ſchon darin; nur iſt der Moniteur noch nicht erſchienen.“ Die Anweſenden ſchauten ſich an. Salvator fuhr fort: „Morgen oder vielmehr heute,— denn wir haben Mitternacht überſchritten,— heute Morgen um ſieben Uhr werden die Nationalgarden auf ihren Poſten von der Königlichen Garde und den Linientruppen abgelöſt werden.“ 240 „Ja,“ ſprach eine Stimme,„bis die National⸗ garden auf ihren Poſten die Linientruppen und die Königliche Garde wieder ablöſen.“ „Das könnte wohl eines Tags geſchehen,“ er⸗ wiederte Salvator, deſſen Auge einen Blitz ſchleuderte, „doch das wird nicht auf eine Ordonnanz von König Karl X. geſchehen.“ „Es iſt eine unglaubliche Verblendung!“ ſagte Arago. „Ah! Herr Arago,“ rief Salvator,„Sie, ein Aſtronom, der Sie auf Stunde und Minute die Fin⸗ ſterniſſe vorherſehen können, ſehen Sie nicht beſſer am Himmel des Königthums?“ „Was wollen Sie?“ erwiederte der berühmte Gelehrte;„ich bin ein poſitiver Menſch und folglich voller Zweifel.“ „Das heißt, Sie wollen einen Beweis?“ ſagte Salvator;„gut! man wird Ihnen einen geben.“ Er zog aus ſeiner Taſche ein noch feuchtes klei⸗ nes Papier. „Sehen Sie,“ ſprach er,„hier iſt ein Abdruck der Ordonnanz, welche im Moniteur ſtehen wird. Ei! er iſt ein wenig verwiſcht: er wurde ganz be⸗ ſonders für mich mit der Bürſte abgezogen.“ Und er fügte mit einem Lächeln bei: „Das hat mich ein wenig aufgehalten: ich war⸗ tete darauf.“. Hierauf gab er den Abdruck Arago, aus deſſen Händen er in alle Hände überging; ſodann, wie ein Schauſpieler, der mit ſeinen Effecten haushälteriſch umgeht, ſagte Salvator, als er geſehen hatte, der Effect des Abdrucks ſei hervorgebracht: te in n⸗ er r⸗ 241 „Das iſt nicht Alles.“ „Wie! was gibt es denn noch?“ fragten alle Stimmen. „Der Herr Herzog von Doudeauville, Miniſter des königlichen Hauſes, hat ſeine Entlaſſung ge⸗ nommen.“ „Ah!“ ſagte Lafayette,„ich wußte, daß er, ſeit⸗ dem dem Leichname ſeines Verwandten die Beſchim⸗ pfung widerfahren iſt, nur auf eine Gelegenheit wartete.“ „Nun wohl,“ erwiederte Salvator,„bei der Na⸗ tionalgarde hat ſich die Gelegenheit geboten.“ „Und die Entlaſſung iſt bewilligt worden?“ „Mit Eifer.“ „Vom König?“ „Der König ließ ſich wohl ein wenig nöthigen; doch die Frau Herzogin von Angouléme bemerkte ihm, das ſei ein ganz gefundener Platz für den Herrn Fürſten von Polignac.“ „Wie für den Herrn Fürſten von Polignac?“ „Für den Herrn Fürſten Anatole Jules von Polignac, 1804 zum Tode verurtheilt, durch die Ver⸗ mittlung der Kaiſerin Joſephine gerettet, 1814 zum römiſchen Fürſten gemacht, 1816 zum Pair und 1823 zum Botſchafter in London.“ „Da er aber Botſchafter in London iſt...“ „Ah! was liegt daran, General: man wird ihn zurückberufen.“ „Und Herr von Villöle,“ fragte Herr von Ma⸗ rande,„er hat die Zurückberufung gebilligt?“ „Er hat ſich wohl ein wenig widerſetzt,“ antwor⸗ tete Salvator, der mit einer Erſtaunen erregenden Dumas, Salpator. I. 16 242 Beharrlichkeit ſeine leichtſinnige Miene beibehielt: „denn er iſt ein feiner Fuchs, dieſer Herr von Villèle, wenigſtens wie man ſagt! In ſeiner Eigenſchaft als feiner Fuchs nun begreift er, obſchon nach den Wor⸗ ten von Barthélemy und Méry Depuis cinq ans entiers, Iimpassible Villèle Cimente sur le roc sa fortune eternelle*), er begreift, daß es keinen Felſen gibt, ſo ſtark er ſein mag, den man nicht untergraben kann,— hievon zeugt Hannibal, der nach Titus Livius die Kette der Alpen mit Eſſig durchbrochen hat, und er befürchtet, Herr von Polignac werde der Eſſig ſein, der ſeinen Felſen in Staub verwandle.“ „Wie!“ rief der General Pajol,„Herr von Po⸗ lignac ins Miniſterium?“ „Es bliebe uns, das Geſicht zu verhüllen!“ fügte Dupont(de lEure) bei. „Mein Herr,“ erwiederte Salvator,„es bliebe uns im Gegentheile übrig, uns zu zeigen.“ Der junge Mann ſprach dieſe Worte mit einem Ausdrucke, der ſo verſchieden von dem war, welchen er bis dahin angenommen hatte, daß ſich Aller Augen auf ihn hefteten. Da erſt erkannten ihn ſeine drei Freunde; es war wohl ihr Salvator, und nicht mehr der Valſigny von Herrn von Marande.— In dieſem Augenblicke trat ein Lackei ein und äbergab dem Herrn des Hauſes einen Brief. *) Seit fünf vollen Jahren kittet der unempfindliche Villöle ſein ewiges Glück an den Felſen. ic r⸗ on er et, en te be em en en ar on nd 243 „Preſſant!“ ſprach er. „Ich weiß, was es iſt,“ ſagte der Banquier. Und er nahm raſch den Brief, zog ihn aus einem Umſchlage ohne Siegel und las folgende drei Zeilen von grober Hand geſchrieben: „Die Nationalgarde aufgelöſt. „Die Entlaſſung des Herzogs von Doudeauville angenommen. „Herr von Polignac von London zurückberufen.“ „Wahrhaftig,“ rief Salvator,„man ſollte glau⸗ ben, ich ſei es, der Seine Königliche Hoheit Mon⸗ ſeigneur den Herzog von Orleans unterrichte.“ Jedermann ſchauerte. „Ei! wer ſagt Ihnen denn, dieſes Billet ſei von Seiner Königlichen Hoheit?“ fragte Herr von Ma⸗ rande. „Ich habe ſeine Handſchrift erkannt,“ antwortete einfach Salvator. „Seine Handſchrift?“ „Ja.. darüber darf man ſich nicht wundern, ich habe denſelben Notar wie er: Herrn Baratteau.“ Man meldete, das Souper ſei ſervirt. Salvator ließ ſein Lorgnon fallen und ſchaute ſeinen Hut an wie ein Menſch, der ſich anſchickt, wegzugehen. „Sie bleiben nicht bei uns beim Souper, Herr von Valſigny?“ fragte Herr von Marande. „Unmöglich, mein Herr, ich bedaure es ſehr.“ „Warum denn?“ „Meine Nacht iſt noch nicht beendigt, und ich werde ſie vollends im Aſſiſenhofe zubringen.“ „Im Aſſiſenhofe? zu dieſer Stunde?“ 24⁴ „Ja; man hat Eile, ein Ende mit einem armen Teufel zu machen, deſſen Name Ihnen vielleicht nicht unbekannt iſt.“ „Ah! Sarranti... dieſer Elende, der zwei Kin⸗ der umgebracht und eine Summe von hunderttauſend Thalern ſeinem Wohlthäter geſtohlen hat,“ ſagte eine Stimme. „Und der ſich für einen Bonapartiſten ausgibt,“ ſagte eine andere Stimme.„Ich hoffe wohl, er wird zum Tode verurtheilt werden.“ „Ah! zum Tode verurtheilt,— da können Sie ſicher ſein, mein Herr,“ erwiederte Salvator. „Und hingerichtet!“ „Ei! hingerichtet, das iſt weniger ſicher.“ „Wie! Sie glauben, Seine Majeſtät werde einen ſolchen Miſſethäter begnadigen?“ „Nein; doch dieſer Miſſethäter könnte unſchuldig ſein, und dann käme ſeine Begnadigung nicht vom König, ſondern von Gott,“ erwiederte Salvator. Und er ſprach dieſe letzten Worte mit einem Ausdrucke, der ihn von Zeit zu Zeit für ſeine drei Freunde unter dem frivolen Anſcheine, mit dem er ſich bekleidet hatte, erkennbar machte. „Meine Herren,“ ſagte Herr von Marande,„Sie haben gehört? Das Abendbrod iſt ſervirt.“ Während die Perſonen, an die ſich Herr von Marande wandte, ihren Weg nach dem Speiſeſaale nahmen, näherten ſich die drei jungen Leute Salvator. „Sagen Sie mir, mein lieber Salvator,“ fragte ihn Jean Robert,„wäre es möglich, daß wir Sie morgen zu ſehen nöthig hätten...“ „Das iſt wahrſcheinlich.“ „ — ———— 245 „Wo werden wir Sie dann finden?“ „Ei! an meinem gewöhnlichen Platze, in der Rue aux Fers, vor der Thüre meiner Schenke, an meinem Weichſteine; Sie vergeſſen immer, daß ich Commiſſionär bin, mein Lieber... Oh! die Dichter! die Dichter!“ Und er ging ab durch die Thüre der entgegen⸗ geſetzt, welche in den Speiſeſaal führte, ohne Zögern, wie ein Menſch, der mit allen Paſſagen des Hauſes vertraut iſt, und ließ ſeine drei Freunde in einem Erſtaunen zurück, das an die Betäubung gränzte. XII. Das Taubenneſt. Unſere Leſer erinnern ſich vielleicht, daß mit einem Ausdrucke reizender Galanterie Herr von Ma⸗ rande, ehe er in ſein Cabinet zurückkehrte, wo ihn die von Salvator mitgetheilten Neuigkeiten aus den Tuilerien erwarteten, ſeine Frau um Erlaubniß ge⸗ beten hatte, ihr nach dem Schluſſe des Balles einen Beſuch in ihrem Schlafzimmer machen zu dürfen. Es iſt Morgens um ſechs Uhr; der Tag graut; die letzten Wagen haben aufgehört, auf dem Pflaſter des Hofes vom Hotel zu raſſeln; die letzten Lichter erlöſchen in den Gemächern; die erſten Geräuſche von Paris erwachen. Frau von Marande hat ſich ſeit einer Viertelſtunde in ihr Schlafzimmer zurück⸗ gezogen; es ſind fünf Minuten, daß Herr von Ma⸗ rande die letzten Worte mit einem Manne ausge⸗ tauſcht hat, deſſen militäriſche Haltung ſich unter ſeinem bürgerlichen Kleide verräth. 24⁴6 Die letzten Worte waren: „Seine Königliche Hoheit mag ruhig ſein! ſie weiß, daß ſie auf mich zählen kann wie auf ſich ſelbſt. Hinter dieſem Manne, der raſch in einem Wagen ohne Wappen, beſpanntmitzwei kräftigen Roſſen, die ein Kutſcher ohne Livree führt, abgegangen und mit ſeiner Equipage an der Ecke der Rue Richelieu verſchwun⸗ den iſt, haben ſich die Thore des Hotels geſchloſſen. Unſere Leſer mögen ſich nun nicht zu viel um die eiſernen und eichenen Scheidewände bekümmern, die ſich zwiſchen ſie und die Gebieter dieſes glän⸗ zenden Hauſes ſtellen, von dem wir einige Theile beleuchtet haben: unſer Romanendichter⸗Stab braucht ſich nur zu erheben, und die beſtgeſchloſſenen Thüren werden ſich wieder vor uns öffnen. Benützen wir alſo dieſes Privilegium und drehen wir mit dem Ende dieſes Stabes die Thüre des Boudoir von Frau Lydie von Marande. Seſam, öffne dich! Sie ſehen, die Thüre iſt geöffnet in das reizende himmelblaue Cabinet, wo Sie vor ein paar Stunden Carmelite die Romanze von der Weide haben ſin⸗ gen hören. Sogleich werden wir vor Ihnen eine erſchreck⸗ lichere Thüre zu öffnen haben, die des Aſſiſenhofes; mit Ihrer Erlaubniß wollen wir aber, ehe wir den Fuß in dieſe Hölle des Verbrechens ſetzen, um einen Augenblick auszuruhen und Kräfte zu ſammeln, in das Liebesparadies eintreten, welches man das Zim⸗ mer von Frau von Marande nennt. Dieſem Zimmer, um ſich nicht in unmittelbarer Berührung mit dem Boudoir zu finden, ging eine 247 Art von Veſtibule vorher, das die Form eines un⸗ geheuren Prachthimmels hatte; dieſes Veſtibule, das zugleich ein Badecabinet bildete, war vom Pla⸗ fond mit farbigen Gläſern, arabiſche Zeichnungen bildend, beleuchtet; ſeine Wände und ſein Plafond, — mit Ausnahme der Oeffnung, welche beſtimmt war, ein Licht eindringen zu laſſen, das nie über ein Halbdunkel gehen durfte,— waren mit einem ganz eigenthümlichen Stoffe, von einem neutralen, zwiſchen dem Perlgrau und dem Orangegelb ſchwe⸗ benden Tone, ausgeſchlagen; das Gewebe ſchien aus jenen aſiatiſchen Pflanzen gemacht, deren ſpinnbare Fäden die Indianer ausziehen, um den bei uns unter dem Namen Nankin bekannten Stoff daraus zu fabriciren. Die Teppiche waren chineſiſche Mat⸗ ten, weich wie der geſchmeidigſte Stoff, und harmo⸗ nirten in der Farbe bewunderungswürdig mit den Tapeten; die Meubles waren von chineſiſchem Lack mit einfachen Goldfädchen. Die Marmorarbeiten waren weiß wie Milch, und die Porzellangefäſſe, welche ſie trugen, von jenem ganz eigenthümlichen zarten Türkißblau, durch das ſich altes Sopres aus⸗ zeichnet. Den Fuß in dieſen ſüßen, geheimnißvoll durch eine am Plafond hängende Lampe von böhmiſchem Glaſe beleuchteten Winkel ſetzend, hätte man ſich hundert Meilen von der Erde geglaubt, und es hätte einem geſchienen, man reiſe in einer von den orangefarbigen, aus Azur und Gold gekneteten Wolken, mit denen Marilhat ſeine orientaliſchen Landſchaften befranſte. Hatte man einmal dieſe Wolke erreicht, ſo war 248 es ganz einfach, daß man in das Paradies eintrat, und es war in der That wohl das Paradies, dieſes Zimmer, in das wir den Leſer führen. Sobald die Thüre geöffnet war, oder, um ge⸗ nauer zu ſprechen, ſobald der Thürvorhang aufge⸗ hoben war,— denn wenn es hier Thüren gab, ſo hatte ſie die Kunſt des Tapezirers unſichtbar gemacht, — ſobald der Thürvorhang aufgehoben war, war der erſte Gegenſtand, der in die Augen fiel, die ſchöne Lydie, träumeriſch in dem Bette ausgeſtreckt, das die rechte Seite des Zimmers einnahm, einen Ellenbogen in ein Kopfkiſſen vertieft, das von Gaze zu ſein ſchien, und in der andern Hand einen kleinen Band Gedichte in Saffian haltend, ein Buch, das zu leſen ſie vielleicht die größte Luſt hatte, welches ſie aber nicht las, ſo ſehr ſchien ſie von einem an⸗ dern Gedanken, als dem der Lecture erfüllt zu ſein. Eine Lampe von chineſiſchem Porzellan brannte über einem Tiſchchen von Boule und beleuchtete durch eine Kugel von rothem böhmiſchem Glaſe die Betttücher mit einer roſenfarbigen Tinte ähnlich der, welche ſich bei Sonnenaufgang über den jungfräu⸗ lichen Schnee des Montblanc verbreitet. Das iſt es, was die Augen zuerſt anzog; und wir werden es vielleicht ſogleich verſuchen, ſo keuſch, als es uns möglich ſein wird, den durch dieſes be⸗ zaubernde Gemälde hervorgebrachten Eindruck wie⸗ derzugeben; vorher aber fühlen wir uns wie unwill⸗ kürlich hingeriſſen, die übrige Wohnung zu be⸗ ſchreiben. Zuerſt den Olymp; dann die Göttin, die ihn bewohnte. at, es, ge⸗ ge⸗ ht, ar die ckt, en aze en as es m⸗ in. nte ete die er, iu⸗ nd ch, be⸗ ie⸗ ill⸗ be⸗ hn 249 Man ſtelle ſich ein Zimmer vor,— oder vielmehr ein Taubenneſt, gerade groß genug, um zu ſchlafen, gerade hoch genug, um zu athmen. Es war am Plafond und an der Wand mit nacaratrothem Sammet tapezirt, der Reflexe von Granat, Karfunkel und Rubin an den Stellen hatte, die ihr Vorſprung ins Licht ſetzte. Das Bett nahm faſt die ganze Länge ein, und kaum hatte an jedem Ende des Bettes eine Etagère von Roſenholz beladen mit dem köſtlichſten Tande von Sachſen, Sovres und China Platz. Dem Bette gegenüber war der Kamin, wie das übrige Zimmer ganz mit Sammet bekleidet; auf den beiden Seiten dieſes Kamins ſtanden zwei Cauſeuſes, welche mit den Federn vom Halſe eines Colibri überzogen zu ſein ſchienen, und über jeder von dieſen Cauſeuſes ein Spiegel, deſſen Rahmen ver⸗ goldete Maisblätter bildeten. Setzen wir uns auf eine von dieſen Cauſeuſes und werfen wir einen Blick auf das Bett. Das Bett war von nacaratrothem Sammet und ohne irgend eine Zierrath; ſeine reiche Nuance trat nur durch die Umrahmung hervor, unter der es erſchien; dieſe Umrahmung war ein Meiſterwerk von Einfachheit, und man wunderte ſich, daß es einen Tapezirer gab, der Dichter genug, oder einen Dichter, der Tapezirer genug, um zu einem ſolchen Reſultate zu gelangen. Es beſtand aus jenen großen Stücken vrientaliſchen Stoffes, welche die arabiſchen Frauen Haiks nen⸗ nen; dieſe Haiks waren von Seide mit abwechſelnd blauen und weißen Streifen; ihre Franſen waren von demſelben Gewebe. 3 3 250 An den zwei Ertremitäten des Bettes fielen zwei Stücke von dieſem Stoffe ſenkrecht, und konnten ſich längs der Wand mittelſt aus Gold und Seide ge⸗ flochtener algeriſcher Vorhanghalter mit Ringen von Türkiſſen drapiren. Der Fond des Bettes war ein ungeheurer Spie⸗ gel in einen Rahmen von Sammet dem Bette ähn⸗ lich gefaßt, und ruhend nicht auf der Wand, ſon⸗ dern auf einem dritten Haik. Beim oberen Niveau des Spiegels ſprang der Stoff, in tauſend Falten gelegt, hervor und verband ſich in einem ſanften Abhange mit einem großen goldenen Pfeile, um den er ſich in zwei dicken Bouillons rollte. Doch das Wunder des Zimmers war das, was der Spiegel dieſes Bettes reflectirte, der offenbar beſtimmt war, die Gränzen des Gemaches verſchwin⸗ den zu machen. Wir haben geſagt, dem Spiegel gegenüber ſei der Kamin geweſen. Ueber dieſem, mit jenen tau⸗ ſend köſtlichen Kleinigkeiten, welche die Welt einer Frau bilden, beladenen Kamine dehnte ſich ein Ge⸗ wächshaus aus, von dem man nur durch ein Spie⸗ gelglas ohne Folie getrennt war, das im Nothfalle in die Wand zurücktreten und ſo das Zimmer der Frau mit dem Zimmer der Blumen in Verbindung ſetzen konnte. Mitten in dieſem Gewächshauſe, ein Baſſin überragend, in welchem chineſiſche Fiſche von allen Farben ſpielten, und wo ſich Vögel von Pur⸗ pur und Azur ſo groß wie Bienen tränkten, erhob ſich eine Marmorſtatue von Pradier. Dieſes kleine Gewächshaus war gewiß kaum von der Größe des Zimmers; doch durch ein Wunder von Anc Gar gen woll zehr nen des Bar Bla Vor den ſent Ba ten, Sp ihm Lär die ber dur der Rel Gr das Ge fab vor gen der wei ſich ge⸗ von pie⸗ hn⸗ on⸗ eau ten ten den vas bar in⸗ ſei ner Ge⸗ ie⸗ lle der ing ein on 251 Anordnung erſchien es wie ein herrlicher, ungeheurer Garten Indiens oder der Antillen, ſo durchſchlan⸗ gen einander die Tropenpflanzen, die es enthielt, als wollten ſie den Blicken, die ſich auf ſie hefteten, das Schauſpiel einer ganzen exotiſchen Flora geben. Es war in der That ein ganzer Continent von zehn Quadratfuß, ein ganzes Taſchen⸗Aſien. Der Baum, den man den König der Vegetabilien nennt, der Baum der Wiſſenſchaft des Guten und des Böſen, der im irdiſchen Paradieſe geborene Baum,— deſſen Urſprung unbeſtreitbar iſt, da das Blatt dazu gedient hat, die Blöße unſerer erſten Voreltern zu bedecken, und da er aus dieſem Grunde den Namen Adamsfeigenbaum erhalten hat, war reprä⸗ ſentirt durch ſeine fünf Hauptſpecies: den Paradies⸗ Bananenbaum, den Bananenbaum mit kurzen Früch⸗ ten, den chineſiſchen Bananenbaum mit roſenfarbiger Sparte, den Bananenbaum mit rother Sparte. Neben ihm wuchs die Heliconia, die ſich ihm durch die Länge und die Breite der Blätter nähert; ſodann die Ravelania von Madagascar, in Miniatur den berühmten Baum des Reiſenden vertretend, wo der durſtige Neger das friſche Waſſer findet, das ihm der ausgetrocknete Bach verweigert; die Strelitzia Regina, deren Blüthe der Kopf einer Schlange mit Griffel und Federkrone von Feuer zu ſein ſcheint; das Blumenrohr von Oſtindien, aus dem man in Delhi Gewebe ſo geſchmeidig als der feinſte Seidenſtoff fabricirt; der Coſtus, wegen ſeines Wohlgeruchs von den Alten bei allen religiöſen Feierlichkeiten an⸗ gewendet; der wohlriechende Baumſchmarotzer von der Isle de la Réunion; der Zingiber von China, 252 was nichts Anderes iſt, als die Pflanze, die der Ingwer gibt; kurz, eine Sammlung im Auszuge der vegetabiliſchen Reichthümer der ganzen Welt. Das Baſſin und der Sockel der Statue waren verloren in Farnkraut mit Blättern gerändert wie mit dem Durchſchlage und in Lykopoden, die mit dem Bärlapp der feinſten Teppiche von Smyrna und Conſtantinopel wetteifern konnten. In Ermanglung der Sonne, welche erſt in ein paar Stunden Königin des Horizonts ſein wird, ſuchen ſie nun durch dieſe Blätter, durch dieſe Blu⸗ men, durch dieſe Früchte die leuchtende Kugel, welche vom Gewölbe herabkommt und, ihre Strahlen durch ein leicht blau gefärbtes Waſſer verbreitend, dieſem Urwäldchen die reine melancholiſche Helle, die ſanf⸗ ten, ſilbernen Refleren des Mondes gibt. Vom Bette aus geſehen, iſt dieſes kleine Gewächs⸗ haus ein anbetungswürdiges Schauſpiel. Die Perſon, welche im Bette lag und, auf den Ellenbogen geſtützt, in der andern Hand ein Buch hielt, erhob auch, wie wir vorhin ſagten, die Augen über ihr Buch und ließ ihre Blicke auf den lillipu⸗ tiſchen Pfaden umherſchweifen, welche da und dort das Licht in dem Zauberlande zog, das ſie durch ein Spiegelglas wie durch einen Traum ſah. Liebte ſie, ſo mußte ſie mit den Augen die ver⸗ liebt verſchlungenen Zweige ſuchen, wohin ſie ihr Neſt hätte ſetzen mögen; liebte ſie nicht, ſo mußte ſie vom üppigen Leben dieſer herrlichen Vegetation das unausſprechliche Geheimniß der Liebe verlangen, von dem jedes Blatt, jede Blume, jeder Duft keuſch und myſteriös die erſten Worte enthullten. Eder wir meri tati beij wie in d fortſ friſch Sün umh ängſ wo1 ganz rufer Blitz entw mach hatte ( Bati die in A Kori Typ ſchlu Beſe Pſye werk e der e der aren wie dem und ein vird, Blu⸗ elche urch eſem anf⸗ 253 Und nun, da wir hinreichend dieſes unbekannte Eden der Rue d'Artvis beſchrieben haben, ſprechen wir von der Eva, die es bewohnte. Ja, Eva iſt wohl der Name, den Lydie, ſo träu⸗ meriſch, mit dem Arme aufgeſtützt und die Medi⸗ tationen von Lamartine leſend, verdiente; Lydie bei jeder Strophe,— duftende Strophen!— ſchauend, wie ſich die Knoſpen der Pflanzen öffneten und ſo in der Natur den im Buche angefangenen Traum fortſetzend. Ja, es war eine wahre Eva, roſig, friſch und blond; Eva am andern Tage nach der Sünde, mit dem Blicke auf Allem, was ſie umgab, umherſchweifend; Eva zitternd, unruhig, zuckend, ängſtlich das Geheimniß dieſes Paradieſes ſuchend, wo man fühlte, daß ſie zu zwei geweſen, und wo ſie ganz betrübt war, daß ſie ſich wieder allein fand; rufend, durch die Schläge ihres Herzens, durch die Blitze ihrer Augen, durch das Schauern ihrer Lippen, entweder den Gott, der ſie zur Welt kommen ge⸗ macht, oder den Menſchen, der ſie ſterben gemacht hatte. Gehüllt, wie ſie war, in Betttücher von feinem Batiſt, den Hals umgeben von einer Flaumpalatine, die Lippe feucht, das Auge in Feuer, die Wange in Blüthe— hätte ein Bildhauer von Athen oder Korinth kein anderes Modell, keinen vollendeteren Typus für eine Statue von Leda geträumt. Sie hatte in der That von der vom Schwan um⸗ ſchlungenen Leda die verliebte Röthe und die wollüſtige Beſchauung. Sie ſd ſehend, würde der Autor der Ppyche, dieſer heidniſchen Cva, Canova ein Meiſter⸗ werk aus ihr gemacht haben, das ſeine Venus 254 Borgheſe entthront hatte; Correggio hätte daraus eine träumeriſche Calypſo, mit einem Amor hinter ihr in einen Winkel der Draperie verborgen gemacht. Dante hätte daraus die ältere Schweſter von Beatrix gemacht, und von ihr durch die Krümmungen der Erde geführt zu werden verlangt, wie er von der jüngeren Schweſter durch die Krümmungen des Him⸗ mels geführt worden war. Sicherlich aber hätten ſich Dichter, Maler und Bildhauer vor der bewunderungswürdigen Perſon verbeugt, in der zugleich, durch eine unbegreifliche Miſchung, die Schamhaftigkeit des Mädchens, der Reiz der Frau, die Sinnlichkeit der Göttin reſidirten; ja, das zehnte, das fünſzehnte, das zwanzigſte Jahr, das Kinderjahr, das mannbare Jahr, das Liebesjahr, dieſe drei Jahre, welche die Trilogie der Jugend bilden, welche, jedes der Reihe nach, dem Kinde, dem Mädchen, der Frau entgegenkommen, und, ein⸗ mal überſchritten, zurückbleiben; dieſe drei Jahre, wie die drei Gracien von Germain Pilon, ſchienen dem privilegirten Geſchöpfe, deſſen Portrait wir zu zeichnen ſuchen, das Geleite zu geben und auf ſeine Stirne die Blumen mit den reinſten Wohlgerüchen, mit den friſcheſten Farben zu entblättern. Je nach der Art, wie man ſie anſchaute, er⸗ ſchien ſie: ein Engel hätte ſie für ſeine Schweſter gehalten, Paul für Virginie, Desprieux für Manon Lescaut. Woher kam bei ihr dieſe dreifache, unvergleich⸗ liche, ſeltſame, unerklärbare Schönheit? Das wer⸗ den wir in der Folge unſerer Erzählung, nicht zu erklären, aber begreiflich zu machen ſuchen, indem wir Unt Gat den er Bli Hal um wir Zin ſein Fri zwe pur kan viel geh der höf ehr ihm Ma kont An Sti ſpre mac aus nter acht. trix der der im⸗ und rſon liche der ten; ahr, ahr, en nde, ein⸗ hre, nen zu eine hen, er⸗ ſter non eich⸗ ver⸗ zu dem 255 wir dieſes Kapitel oder vielmehr das nächſte den Unterredungen der Frau von Marande und ihrem Gatten vorbehalten. Dieſer Gatte wird ſogleich eintreten; er iſt es, den Lydie in einer ſo tiefen Zerſtreuung erwartet; er iſt es aber ſicherlich nicht, den ihr unbeſtimmter Blick in den Halbtinten des Zimmers und in dem Halbſchatten des Gewächshauſes ſucht. Er hat ſie indeſſen auf eine ſehr zärtliche Art um dieſe Erlaubniß gebeten, die er ſogleich benützen wird, um die Erlaubniß, einen Augenblick in ihrem Zimmer mit ihr plaudern zu dürfen, ehe er ſich in ſeiner Wohnung einſchließen würde. Wie! ſo viel Schönheit! ſo viel Jugend, ſo viel Friſche, Alles, was der Mann, zu ſeinem fünfund⸗ zwanzigſten Jahre, das heißt zum Culminations⸗ punkte ſeiner Jugend gelangt, Idealſtes träumen kann, und was er nie trifft; wie! ſo viel Glück, ſo viel Freude, ſo viel Trunkenheit, alle dieſe Schätze gehören einem einzigen Manne, und dieſer Mann iſt der allerdings friſche, blonde, roſenfarbige, zierliche, höfliche und geiſtreiche, aber trockene, kalte, egviſtiſche, ehrgeizige Banquier, den wir kennen! Alles dies gehört ihm wie ſein Hotel, wie ſeine Bilder, wie ſeine Kaſſe! Welches myſteriöſe Abenteuer, welche ſociale Macht, welche tyranniſche, unerbittliche Autorität konnten mit einander dieſe zwei,— wenigſtens dem Anſcheine nach,— ſo unähnlichen Weſen, dieſe zwei Stimmen, welche ſo wenig gemacht, um mit ſich zu ſprechen, dieſe zwei Herzen, welche ſo ſchlecht ge⸗ macht, um ſich zu verſtehen, verbinden? Wahrſcheinlich werden wir es ſpäter erfahren. 256 Mittlerweile hören wir ſie plaudern, und viel⸗ leicht wird uns ein Blick, ein Zeichen, ein Wort kom von einem dieſer zwei an einander Gefeſſelten auf ſtur die Spur von Ereigniſſen bringen, welche für uns noch in der dunklen Nacht der Vergangenheit ver⸗ miü borgen ſind. den Plötzlich glaubte die ſchöne Träumerin das dumpfe Rauſchen der Teppiche im vorhergehenden Zimmer zu hören; ſo leicht der Tritt war, der ſich näherte, mut der Boden krachte unter ihm. Frau von Marande ließ neig ihre Toilette raſch eine letzte Revue paſſiren; ſie kreuzte mit ihren Schwanenpelz enger auf ihrem Halſe; ſie zog Näg die Spitze ihres Nachthemdes weiter auf ihr Hand⸗ Frat gelenke vor, und als ſie ſah, daß die ganze übrige daß Perſon auf eine tadelloſe Art verſchleiert war, ſo machte ſie nicht mehr die geringſte Bewegung, um Gatt die Anordnung zu verändern. Nur legte ſie ihr offenes Buch auf das Bett lichet zurück und hob ein wenig die Stirne empor, ſo daß Mar nicht mehr der obere Theil ihres Kopfes, ſondern dieſe ihr Kinn in ihrer Hand ruhte, und in dieſer Stel⸗ es n lung, welche noch mehr Gleichgültigkeit, als Coquet⸗ eines terie bezeichnete, erwartete ſie ihren Herrn und gierd Meiſter. S ſeine XIII. Sie Eheliche Plauderei. ben( ſchäft Herr von Marande hob den Vorhang auf, blieb ich ei aber auf der Thürſchwelle ſtehen. vertre „Darf ich eintreten?“ fragte er. iel⸗ ort auf ns er⸗ pfe ner rte, ieß tzte 309 nd⸗ ige ſo um wett daß ern tel⸗ let⸗ nd lieb 257 „Gewiß. Verſprachen Sie nicht, Sie werden kommen?.. Ich erwartete Sie ſeit einer Viertel⸗ ſtunde.“ „Ah! was ſagen Sie mir da, Madame? Sie müſſen ſo müde ſein! Nicht wahr, ich bin unbeſchei⸗ den geweſen?“ „Nein; kommen Sie.“ Herr von Marande näherte ſich, grüßte voll An⸗ muth, nahm die Hand, die ihm ſeine Frau reichte, neigte ſich auf dieſe Hand mit dem zarten Gelenke, mit den weißen, ſchmalen Fingern, mit den roſigen Nägeln, und legte ſeine Lippen ſo leicht darauf, daß Frau von Marande mehr die Abſicht begriff, als daß ſie den Kuß fühlte. Die junge Frau befragte mit den Augen ihren Gatten. Es ließ ſich leicht ſehen, daß nichts ungewöhn⸗ licher war, als ein ſolcher Beſuch von Herrn von Marande; und dennoch ließ ſich auch ſehen, daß dieſer Beſuch weder gewünſcht, noch gefürchtet war: es war eher der Beſuch eines Freundes als der eines Gatten, und Lydie ſchien ſogar mit mehr Neu⸗ gierde als Beſorgniß zu warten. Herr von Marande lächelte; dann ſagte er mit ſeiner ſanfteſten Stimme: „Ich muß mich vor Allem entſchuldigen, daß ich Sie ſo ſpät oder vielmehr ſo früh beſuche. Glau⸗ ben Sie mir, hielten mich nicht die wichtigſten Ge⸗ ſchäfte den ganzen Tag außer dem Hauſe, ſo würde ich eine günſtigere Gelegenheit abgewartet haben, um vertraulich mit Ihnen zu reden.“ „Welche Stunde Sie auch wählen mögen, mein Dumas, Salvator. I. 17 258 Herr, um mit mir zu ſprechen,“ erwiederte Frau von Marande mit liebreichem Tone,„es iſt immer eine koſthare Gelegenheit, um ſo koſtbarer, je ſeltener ſie iſt.“ Herr von Marande verbeugte ſich, diesmal aber zum Zeichen des Dankes; dann trat er an eine Ber⸗ göre, rückte ſie hinzu, und lehnte den Arm des Meuble an das BVett von Frau von Marande an, ſo daß er ſich ihr gegenüber befand. Die junge Frau ließ ihren Kopf wieder auf ihre Hand fallen und wartete. „Erlauben Sie mir, Madame,“ ſagte Herr von Marande,„daß ich, ehe ich in die Sache ſelbſt ein⸗ gehe, oder, wenn Sie lieber wollen, um beſſer in dieſelbe einzugehen, Ihnen meine Complimente über Ihre außerordentliche Schönheit wiederhole, welche alle Tage zunimmt und heute Nacht wahrhaft den Cul⸗ minationspunkt der menſchlichen Schönheit erreicht zu haben ſchien.“ „In der That, mein Herr, ich weiß nicht, wie ich auf eine ſolche Höflichkeit antworten ſoll: ſie bereitet mir um ſo mehr Freude, als Sie mir gewöhnlich die Complimente mit einer gewiſſen Sparſamkeit zu⸗ meſſen. Geſtatten Sie, daß ich mich darüber beklage, ohne es Ihnen vorzuwerfen.“ „Klagen Sie wegen meines Geizes nur die auf die Arbeit eiferſüchtige Liebe an. Meine ganze Zeit iſt der Aufgabe gewidmet, die ich mir vorgeſetzt habe; würde es mir aber eines Tages erlaubt ſein, einen Theil meiner Stunden in der ſüßen Muße zuzubrin⸗ gen, die Sie mir in dieſem Augenblicke gewähren, on ine ner ber er⸗ ble er hre von ein⸗ in ber alle Lul⸗ tzu wie eitet lich zu⸗ age, auf Zeit abe; inen rin⸗ ren, 259 glauben Sie mir, dieſer Tag wäre einer der ſchön⸗ ſten meines Lebens.“ Frau von Marande ſchlug die Augen zu ihrem Gatten auf und ſchaute ihn, als könnte ihr nichts ſeltſamer ſcheinen, als das, was er ihr ſo eben ge⸗ ſagt hatte, mit Erſtaunen an. „Ei! mich dünkt, mein Herr,“ antwortete ſie mit allem Zauber, den ſie ihrer Stimme zu geben ver⸗ mochte,„mich dünkt, ſo oft Sie dieſe Muße zu ge⸗ nießen verlangen, werden Sie nur zu thun haben, was Sie dieſen Morgen gethan... mich zu benach⸗ richtigen, Sie wünſchen mich zu ſehen, oder auch,“ fügte ſie lächelnd bei,„ſich bei mir einzufinden, ohne mich zu benachrichtigen.“ „Sie wiſſen,“ ſagte Herr von Marande ebenfalls lächelnd,„das liegt nicht in unſeren Bedingungen.“ „Dieſe Bedingungen, mein Herr, Sie haben ſie dictirt, und nicht ich; ich habe ſie einfach angenommen. Es war nicht an der, welche, ohne Ihnen irgend eine Mitgift zu bringen, von Ihnen ihr Vermögen, ihre Stellung... und ſogar die Ehre ihres Vaters erhielt, Bedingungen zu machen, wie mir ſcheint.“ „Glauben Sie, liebe Lydie, der Augenblick ſei gekommen, etwas an dieſen Bedingungen zu ändern, und würde ich Ihnen nicht ſehr überläſtig ſcheinen, käme ich, zum Beiſpiel, dieſen Morgen und würfe ungeſchlachter Weiſe meinen ehelichen Realismus mitten unter die Träume, die Sie heute Nacht gemacht haben, und vielleicht in dieſem Augenblicke, wo ich mit Ihnen ſpreche, noch machen?“ Frau von Marande fing an zu begreifen, worauf die Converſation abzielte, und fühlte eine Purpur⸗ 260 wolke über ihr Geſicht ziehen. Der Banguier ließ dieſer Wolke Zeit, ſich zu zerſtreuen, und fragte dann gerade auf den Punkt zurückkommend, wo das Ge⸗ ſpräch unterbrochen worden war, mit ſeinem ewigen Lächeln und ſeiner unbeugſamen Höflichkeit: „Dieſe Bedingungen, Madame, Sie erinnern ſich derſelben?“ „Vollkommen, mein Herr,“ antwortete die junge Frau mit einer Stimme, die ſie ruhig zu erhalten ſich anſtrengte. „Ich habe das Glück, bald drei Jahre Ihr Gatte zu ſein, und in drei Jahren vergißt man viele Dinge.“ „Ich werde nie vergeſſen, was ich Ihnen ver⸗ danke, mein Herr.“ „Hierin, Madame, ſind wir verſchiedener Anſicht. Ich glaube nicht, daß Sie mir etwas verdanken; ſollten Sie aber das Gegentheil denken und irgend eine Schuld mir gegenüber eingegangen zu haben meinen, ſo würde ich Sie bitten, gerade dieſe Schuld zu vergeſſen.“ „Man vergißt nicht, wann man will, und wie man will, mein Herr; und es gibt gewiſſe Leute, für die der Undank nicht nur ein Verbrechen, ſondern auch eine Unmöglichkeit iſt! Mein Vater, ein in den Geſchäften ungeſchickter alter Soldat, ſteckte ſein ganzes Vermögen, das er zu verdoppeln hoffte, in eine induſtrielle Speculation und wurde zu Grunde gerichtet. Er hatte Verbindlichkeiten bei dem Banque⸗ hauſe übernommen, bei welchem Sie Nachfolger wur⸗ den, und dieſe Verbindlichkeiten konnten zur Verfall⸗ zeit nicht gehalten werden. Ein junger Mann...“ zu „S ger ſen fan ſag zch gat alſ me gef Fr Ru ſei vor erſt nel thi abe me vor er 6 Fre 261 „Madame...“ verſuchte Herr von Marande zu unterbrechen. „Ich will über nichts weggehen,“ ſagte Lydie: „Sie würden glauben, ich habe vergeſſen. Ein jun⸗ ger Mann, der meinen Vater für reich hielt, bat um meine Hand; ein inſtinctartiger Widerwille gegen die⸗ ſen jungen Mann machte, daß mein Vater von An⸗ fang ſein Geſuch zurückwies. Doch beſiegt durch meine Bitten,— dieſer junge Mann hatte mir ge⸗ ſagt, er liebe mich, und ich glaubte ihn zu lieben..“ „Sie glaubten?“ fragte Herr von Marande. „Ja, mein Herr, ich glaubte. Iſt man mit ſech⸗ zehn Jahren ſeiner Gefühle ganz ſicher, beſonders, wenn man aus der Penſion kommt und die Welt ganz und gar nicht kennt?... Ich wiederhole alſo, beſiegt durch meine Bitten, empfing am Ende mein Vater Herrn von Bedmar. Alles wurde feſt⸗ geſetzt, ſelbſt meine Mitgift: dreimal hunderttauſend Franken. Doch es verbreitete ſich das Gerücht vom Ruine meines Vaters, mein Bräutigam ſtellte plötz⸗ ſeine Beſuche ein und verſchwand! nur empfing mein Vater einige Zeit nachher von ihm einen Brief datirt von Mailand, in welchem er ihm ſagte, da er ſeinen erſten Widerwillen, ihn zum Schwiegerſohne anzu⸗ nehmen, erfahren habe, ſo wolle er ſeinen Sympa⸗ thien keine Gewalt anthun. Meine Mitgift war abgeſondert deponirt und vor jedem Angriffe geſchützt worden; es war ungefähr die Hälfte von dem, was mein Vater Ihrem Banquehauſe ſchuldete. Drei Tage vor der Verfallzeit ſeiner Verbindlichkeiten erſchien er bei Ihnen, bot Ihnen die dreimal hunderttauſend Franken an und bat Sie um Friſt für das Uebrige. 262 Sie antworteten ihm, er möge ſich vor Allem beru⸗ higen, und fügten bei, da Sie ihm ein Geſchäft vor⸗ zuſchlagen haben, ſo bitten Sie ihn um ein Rendez⸗ vous in ſeinem Hauſe am andern Tage... Iſt das ſo?“ „Ja, Madame... Nur muß ich gegen das Wort Geſchäft Einſprache thun.“ „Ich glaube, es iſt das, deſſen Sie ſich bedienten.“ „Ich brauchte einen Vorwand, um Eintritt in Ihr Haus zu erlangen, Madame: das Wort Ge⸗ ſchäft war keine Bezeichnung, ſondern ein Vorwand.“ „Ich verlaſſe das Wort, mein Herr: bei ſolchen Umſtänden iſt das Wort nichts, die Sache iſt Alles. Sie kamen und machten meinem Vater den unerwar⸗ teten Antrag, mein Gatte zu werden, als meine Mitgift die von ihm Ihrem Hauſe gegenüber con⸗ trahirten ſechsmal hunderttauſend Franken Schulden zu nehmen, und ihm die hunderttauſend Thaler zu laſſen, die er Ihnen angeboten hatte.“ „Ihrem Vater mehr antragend, Madame, hätte ich befürchtet, er würde es ausſchlagen.“ „Ich kenne Ihr ganzes Zartgefühl, mein Herr. Mein Vater, ſo ſehr er von dem Vorſchlage betäubt war, nahm an, mit Vorbehalt meiner Einwilligung, und dieſe Einwilligung ließ, wie Sie wiſſen, nicht auf ſich warten.“ „Ah! Sie haben ein frommes, kindliches Herz, Madame.“ „Erinnern Sie ſich unſerer Zuſammenkunft mein Herr? Meine erſten Worte waren, daß ich von der Vergangenheit ſprach, daß ich Ihnen geſtand...“ „Eines von den Mädchengeheimniſſen, welche zu ru⸗ or⸗ dez⸗ Iſt das n in He⸗ hen les. ar⸗ eine on⸗ den zu ätte err. ubt ng, icht erz, tein der zu 263 vollenden ein delicater Mann ſeiner Braut nie die Zeit laſſen darf. Uebrigens fügte ich bei:„„Nehmen Sie meinen Antrag aus welchem Geſichtspunkte es Ihnen beliebt, mein Fräulein,„entweder als ein Ge⸗ ſchäft, das ich mache...““ „Sie ſehen wohl, daß dies das Wort war, deſſen Sie ſich bedienten!“ „Ich bin Banquier,“ ſagte Herr von Marande, „man muß der Gewohnheit verzeihen...„„entweder als ein Geſchäft, das ich mache, und deſſen Reſultate, obgleich unbekannt, für mich vortheilhaft ſein müſſen, oder als eine Schuld, die ich im Namen meines Vaters bezahle.““ „Ganz richtig, mein Herr! ich erinnere mich Alles deſſen. Es handelte ſich um einen von meinem Vater dem Ihrigen während des Kaiſerreichs, oder am Anfange der Reſtauration geleiſteten Dienſt.“ „Ja, Madame... Dann fügte ich bei, da ich nicht glaube, daß dieſer doppelte Titel, unter dem ich Ihr Gatte werde, Sie zu irgend einem Danke ver⸗ pflichte, ſo laſſe ich Ihnen vollkommene Freiheit hin⸗ ſichtlich Ihrer Gefühle für mich; ich ſelbſt, obſchon ich Verbindlichkeiten überndmmen habe, behalte mir meine Unabhängigkeit vor; nie, ſo verführeriſch Gott Sie geſchaffen habe, ſollen Sie durch meine ehelichen Anſprüche beläſtigt werden. Ich ſetzte endlich hinzu, ſchön, jung und zur Liebe fähig, Wie Sie es ſeien, glaube ich ſogar dieſer angebotenen Freiheit keine andere Gränze geben zu müſſen, als das Maß, das ſie derſelben, ſie nach den geſellſchaftlichen Conve⸗ nienzen regelnd, würden ſetzen wollen. Nur nahm ich mir vor, über Sie zu wachen, wie es ein nach⸗ 264 ſichtiger Vater bei ſeiner Tochter thut, und,— immer als ein Vater, unter dem Titel Wächter Ihres Ru⸗ fes, der der meinige wurde,— den ungebührlichen Ver⸗ ſuchen zu ſteuern, welche gewiſſe Menſchen, durch Ihre Schönheit angezogen und geblendet, zu machen nicht verfehlen würden.“ S „Ach! dieſer Vatertitel, ich hatte bald das Recht, ihn anzunehmen: der Oberſte ſtarb plötzlich auf einer Reiſe, die er in Italien machte; mein Correſpondent in Rom ſandte mir dieſe traurige Nachricht zu. Ihr Schmerz, als Sie es erfuhren, war groß; die erſten Monate unſerer Ehe ſahen uns in Trauer gekleidet.“ „Oh! von Herzen, wie von Körper, das ſchwöre ich Ihnen, mein Herr.“ „Kann ich daran zweifeln, Madame, ich, der ich ſo viel Mühe hatte, nicht Sie dieſes Unglück ver⸗ geſſen zu machen, ſondern von Ihnen zu erlangen, daß Sie Ihre Verzweiflung in die Gränzen der Ver⸗ nunft einſchließen. Sie hatten die Güte, mir Gehör zu ſchenken; Sie legten am Ende die düſtern Kleider ab, oder vielmehr die düſtern Kleider verließen Sie am Ende; man ſah Sie aus dieſer Trauer hervor⸗ treten, wie in den erſten Frühlingstagen eine Blume aus der grauen Winterhülle hervortritt. Der Sammet der Jugend, die Friſche der Schönheit waren nie von Ihren Wangen verſchwunden, doch das Lächeln hatte ſich von Ihren Lippen verbannt. Allmälig... ah! machen Sie ſich keinen Vorwurf daraus, Ma⸗ dame, das iſt ein Geſetz der Natur... allmälig kam das verbannte Lächeln wieder, die verdüſterte Stirne mer Ru⸗ ber⸗ hre icht cht, ner ent zu. die uer ich er⸗ en, er⸗ hör der Sie Or⸗ me net on tte ta⸗ 265 klärte ſich auf, die durch Seufzer beengte Bruſt fing an ſich in freudigem Aufathmen zu erweitern; Sie kehrten zum Leben, zum Vergnügen, zur Coquetterie zurück; Sie wurden wieder Frau, und, laſſen Sie mir dieſe Gerechtigkeit widerfahren, ich diente Ihnen als Führer und Stütze auf dieſem ſchwierigen Wege, — ſchwieriger, als man glaubt,— der von den Thränen zum Lächeln, vom Schmerze zur Freude zu⸗ rückbringt.“ „Ja,“ ſagte Frau von Marande, die Hand ihres Gatten ergreifend,„und laſſen Sie mich dieſe redliche Hand drücken, die mich ſo geduldig, ſo liebreich, ſo brüderlich geführt hat.“ „Sie danken mir für eine Gunſt, die Sie mir erwieſen haben! das iſt wahrhaftig zu viel Güte von Ihnen.“ „Aber, mein Herr,“ fragte Frau von Marande, ganz bewegt,— ſei es nun von der Scene, welche ſtattfand, ſei es von den Erinnerungen, die dieſe Scene in ihr zurückrief,„werden Sie wohl die Güte haben, mir zu erklären, worauf Sie abzielen?“ „Ah! verzeihen Sie Madame! ich vergaß ſowohl die Stunde, die es iſt, als den Ort, wo ich mich befinde, und die Müdigkeit, die Sie fühlen müſſen.“ „Mein Herr, erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß Sie ſich ewig in meinen Intentionen irren.“ „Ich faſſe mich kurz, Madame. Ich ſagte alſo, Ihre Rückkehr in die Welt nach einer Abweſenheit von mehr als einem Jahre habe eine lebhafte Sen⸗ ſation hervorgebracht. Sie hatten die Welt ſchön verlaſſen, ſie ſah Sie bezaubernd wieder: nichts 266 verſchönert ſo ſehr, als der Succeß: von reizend wie Sie waren, machten Sie Ihre Succeſſe anbe⸗ tungswürdig.“ „Nun kommen Sie wieder auf Ihre Complimente zurück.“ „Nun kommen wir wieder auf die Wahrheiten zurück: dahin muß man immer zurückkommen, Ma⸗ dame. Laſſen Sie mich Ihnen nun ſagen, und ich werde mit ein paar Worten geendigt haben.“ „Ich höre.“ „Nun wohl, Madame, indem ich Sie aus der Dunkelheit hervorzog, die Ihre Trauerkleider auf Sie warfen, that ich, was Pygmalion that, als er ſeine Galatea aus dem Marmorblocke zog, wo ſie vor Aller Augen verborgen war. Denken Sie ſich nun Pyg⸗ malion als unſern Zeitgenoſſen, denken Sie ſich, er führe ſeine Galatea in die Welt unter dem Namen Lydie; denken Sie, ſtatt Pygmalion zu lieben, liebe Galatea... nichts;— ſtellen Sie ſich die Herzensangſt des armen Pygmalion vor, die Leiden, ich ſage nicht einmal ſeiner Liebe, ſondern ſeines Stolzes, wenn er wird ſagen hören:„„Nicht für ſich hat der arme Bildhauer den Marmor belebt, ſondern für „Mein Herr, die Vergleichung...“ „Ja, ich kenne das Sprüchwort:„„Vergleich iſt nicht Vernunft“);““ das iſt wahr. Kommen wir alſo auf die Wirklichkeit zurück, rein ohne Metapher. Nun wohl, Madame, dieſe erſtaunliche Schönheit, die *) Comparaison n'est pas raison. 267 end Ihnen tauſend Freunde erobert, und mir tauſend be⸗ Neider ſchafft; dieſe wunderbare Anmuth, welche um Sie, wie Bienen um einen Roſenſtrauch, die Blüthe nte der Elegants ſummen macht; dieſe Gewalt, die Sie über Alles üben, was Sie umgibt, und die unwider⸗ ten ſtehlich Alles anzieht, was in Ihre Sphäre kommt; Na⸗ dieſe zauberiſche Schönheit endlich erſchreckt mich und ich macht mich zittern, wie mich würde der Anblick eines Abſturzes zittern machen, über dem ich in Ihrer theuren Geſellſchaft ſpazieren ginge... Verſtehen der Sie mich, Madame?“ Sie„Ich verſichere Sie, nein, mein Herr,“ antwor⸗ ine tete Lydie. ller Und mit einem reizenden Lächeln fügte ſie bei: yg⸗„Was Ihnen, beiläufig bemerkt, beweiſt, daß ich er nicht ſo viel Geiſt habe, als Sie manchmal zu ſagen nen mir die Ehre erweiſen.“ en,„Es iſt mit dem Geiſte wie mit der Sonne, die WMadame: er hat ſeine Stunden der Zurückgezogen⸗ en, heit und der Sammlung. Ich will alſo zugleich wie nes zu Ihrem Geiſte, ſo zu Ihren Augen zu ſprechen ſich ſuchen. Erinnern Sie ſich, daß Sie eines Tags, auf ern unſerer Reiſe nach Savoyen, als wir von Entremont kommend, von der Höhe des Berges herab die Rhone erblickten, welche in der Sonne ſchimmerte wie iſt ein Fluß von Silber, im Schatten wie ein Fluß von wir Azur, erinnern Sie ſich, daß Sie plötzlich meinen er. Arm verließen, auf das Plateau liefen und dann die ganz erſchrocken ſtehen blieben, da Sie, durch die einen ſchwachen Teppich bildenden Blumen und Kräuter, einen vor Ihren Schritten geöffneten Abgrund er⸗ 268 ſchauten, der nur ſichtbar war, wenn man den Rand erreicht hatte?“ „Oh! ja, ich erinnere mich deſſen,“ erwiederte die Augen ſchließend und leicht erbleichend Frau von Marande,„und es freut mich, daß ich mich erinnere, denn hätten Sie mich nicht feſtgehalten und zurück⸗ gezogen, ſo hätte ich wahrſcheinlich nicht das Glück, Ihnen meinen Dank zu erneuern.“ „Ich begehrte ihn nicht, Madame; nur wünſchte ich Ihnen durch ein Bild, und Ihre Erinnerungen erweckend, deutlicher, als ich es noch gethan, das zu erklären, was ich vorhin einen Abgrund nannte. Nun wohl, ich wiederhole, Ihre Schönheit erſchreckt mich wie jene Schlucht von ſechshundert Fuß Tiefe, welche Blumen und Kräuter bedeckten, und ich be⸗ fürchte, wir werden eines Tags Beide davon ver⸗ ſchlungen werden!... Diesmal verſtehen Sie, Madame?“ „Ja, mein Herr, ich glaube, daß ich zu begreifen anfange,“ antwortete die junge Frau die Augen nie⸗ derſchlagend. „Fangen Sie an zu begreifen, ſo bin ich ganz ruhig,“ erwiederte lächelnd Herr von Marande. „Sie werden ſogleich völlig begreifen!... Ich ſagte alſo, Madame, für Sie einen Vater erſetzend,— Sie wiſſen, daß ich nie andere Rechte, als dieſe in An⸗ ſpruch nahm?— müſſe ich die Augen mit einer ge⸗ wiſſen Beſorgniß auf die Schaaren von Schönen, EFlegants, Dandys werfen, welche meine Tochter um⸗ geben.. Bemerken Sie wohl, Madame, daß meine Tochter jede Freiheit hat: in dieſer funkelnden, geputzten Schaar kann ſie ihre Wahl treffen; aus nid mit wer gen beſ fan gen Pre auf eine odet öffe bein men von letti nd rte on re, ick⸗ ick, hte en zu te. ckt fe, be⸗ ie, fen ie⸗ aß en, us 269 dieſer Wahl wird nie ein Unglück entſtehen; nur halte ich es, nicht für mein Recht, ſondern für meine Pflicht, ihr, immer als Vater, zu ſagen:„„Gut ge⸗ wählt, mein Kind.. Schlecht gewählt, meine Tochter!““ „Mein Herr!“ „Doch, nein! ich irre mich, ich werde ihr das nicht ſagen: ich laſſe die Männer, die ſich beſonders mit ihr beſchäftigen, die Revue paſſiren, und ich werde ihr meine Anſicht über dieſe Männer ſagen... Wollen Sie meine Anſicht über Einige von denjeni⸗ gen wiſſen, die ſich geſten am meiſten mit Ihnen beſchäftigt haben?“ „Reden Sie, mein Herr.“ „Laſſen Sie' uns mit Monſeigneur Coletti an⸗ fangen.“ „Oh! mein Herr!“ „Ich nenne Ihnen ihn nur der Erinnerung we⸗ gen und als paſſende Eröffnung der Liſte; übrigens, Madame, iſt Monſeigneur Coletti ein reizender Prälat!“ „Ein Prieſter!“ „Sie haben Recht; auch bringen Sie mich ſogleich auf Ihr Gefühl: ein Prieſter iſt nicht gefährlich für eine Frau wie Sie... ſchön, jung, reich, frei. oder beinahe frei; und Monſeigneur Coletti kann ſich öffentlich oder insgeheim mit Ihnen beſchäftigen, beim hellen Tage oder in der tiefſten Finſterniß kom⸗ men, Niemand wird es einfallen, zu ſagen, Frau ſr Marande ſei die Geliebte von Monſeigneur Co⸗ etti.“ 270 „Und dennoch, mein Herr...“ ſagte die junge Frau, ihren Satz mit einem Lächeln abſchneidend. „Dennoch liebt er Sie, oder er iſt vielmehr ver⸗ liebt in Sie: Monſeigneur Coletti liebt nur ſich ſelbſt;— das iſt es, was Sie ſagen wollen, nicht wahr?“ Das in Permanenz auf den Lippen von Frau von Marande gebliebene Lächeln war eine ſtillſchwei⸗ gende Beipflichtung zur Meinung ihres Mannes. „Nun wohl,“ fuhr der Banquier fort,„ein An⸗ beter in den hohen Würden der Kirche ſteht einer hübſchen jungen Frau ziemlich wohl an, beſonders wenn dieſe hübſche junge Frau weder ſpröd, noch devot iſt, und einen andern Liebhaber hat.“ „Einen andern Liebhaber!“ rief Lydie. „Bemerken Sie wohl, daß ich nicht gerade von Ihnen rede; ich generaliſire, ich ſage eine hübſche junge Frau... Sie ſind jung unter den Jungen, hübſch unter den Hübſchen; doch Sie ſind nicht die einzige junge, die einzige hübſche Frau von Paris, nicht wahr?“ „Oh! ich hege dieſe Anmaßung durchaus nicht, mein Herr.“ „Monſeigneur Coletti mag alſo gelten! Er läßt für Sie die beſte Loge des Conſervatoire aufbewah⸗ ren, wenn die Oratorien kommen; er reſervirt Ihnen die beſte Tribune von Saint⸗Roch, um das Magni- ficat und das Dies irae zu hören, und er hat mei⸗ nem Haushofmeiſter Recepte von Wildpretpurée ge⸗ geben, welche die Bewunderung Ihrer zwei alten Cicisbei, der Herrn von Courchamp und Montrond, * er⸗ ch ht au n⸗ er rs ch on he n, ie 271 erregten. Sodann iſt da ein reizender Junge, den ich von ganzem Herzen liebe... Frau von Marande befragte ihren Gatten mit dem Blicke; dieſer Blick bedeutete klar:„Wer das?“ „Laſſen Sie mich auch ſein Lob gegen Sie aus⸗ ſprechen, nicht als Dichter, nicht als dramatiſcher Schriftſteller,— Sie wiſſen, es iſt abgemacht, daß die Banquiers nichts von der Poeſie oder dem Thea⸗ ter verſtehen,— ſondern als Menſch...5 „Sie meinen Herrn...7“ Frau von Marande zögerte. „Ich meine Herrn Jean Robert, bei Gott!“ Eine zweite Purpurwolke, noch viel intenſiver und tiefer gefärbt als die erſte, zog über das Geſicht von Frau von Marande; ihr Gatte verlor nicht die kleinſte Nuance hievon; er hatte jedoch den Anſchein, als gäbe er nicht darauf Acht. „Sie lieben Herrn Jean Robert?“ fragte die junge Frau. „Warum nicht? Er iſt von gutem Hauſe; ſein Vater nahm bei den republikaniſchen Heeren einen Grad ein, der über dem war, welchen der Ihrige bei den kaiſerlichen Heeren einnahm; hätte er ſich mit der Familie Napoleon vereinigen wollen, ſo wäre er als Marſchall von Frankreich geſtorben, ſtatt ſter⸗ bend ſeine Familie im Elend oder beinahe im Elend zurückzulaſſen. Der junge Mann hat Alles das in die Hand genommen; er iſt muthig durch die Schwie⸗ rigkeiten des Lebens gegangen; das iſt ein offenes, redliches Herz, das vielleicht ſeine Liebe, aber durch⸗ aus nicht ſeine Antipathien zu verbergen weiß. Sehen Sie, mich, zum Beiſpiel, mich liebt er nicht... — „Wie, er liebt Sie nicht?“ rief Frau von Ma⸗ rande, die ſich hinreißen ließ;„ich habe ihm doch geſagt. „Er ſoll ſich den Anſchein geben, als liebte er mich.. Nun wohl, der arme Junge, obſchon er, ich bezweifle es nicht, die größte Rückſicht für Ihre Ermahnungen hat, vermöchte doch bei dieſem Punkte nicht dazu zu gelangen, daß er Ihnen gehorchen würde. Nein, er liebt mich nicht! ſieht er mich auf einer Seite der Straße kommen, und er kann ohne Unhöflichkeit auf die andere gehen, ſo thut er es; begegne ich ihm, und er iſt, unverſehens erfaßt, ge⸗ nöthigt, mich zu grüßen, ſo geſchieht es mit einer Kälte, von der jeder Andere als ich verletzt wäre, der ich dieſe Pflicht der Höflichkeit erfülle, um ihn eine Einladung bei Ihnen annehmen zu machen. Geſtern habe ich ihn gezwungen, buchſtäblich gezwun⸗ gen, mir die Hand zu geben, und wenn Sie wüß⸗ ten, was der arme Junge während der ganzen Zeit, die ſeine Hand in der meinigen blieb, gelitten hat! Das hat mich gerührt, und je mehr er mich haßt, deſto mehr liebe ich ihn... Sie begreifen das, nicht wahr, Madame? Das iſt ein undankbarer Menſch, aber ein redlicher Menſch.“ „Wahrhaftig, mein Herr, ich weiß nicht, wie ich das, was Sie mir ſagen, nehmen ſoll!“ „Wie man Alles nehmen muß, was ich ſage: als die Wahrheit. Der arme Junge glaubt ſich im Unrechte gegen mich, und das macht ihn befangen.“ „Mein Herr, in welchem Unrechte?“ „Ich ſage Ihnen nicht, er ſei kein Geiſterſeher; er iſt Dichter, und jeder Dichter iſt es mehr oder 273 weniger... Ah! eine Empfehlung: nicht wahr, er macht Ihnen Verſe?“ i Her „Er hat gemacht; ich habe ſie geſehen.“ „Er läßt ſie aber nicht drucken!“ „Er hat Recht, wenn ſie ſchlecht ſind; er hat Unrecht, wenn ſie gut ſind. Er thue ſich meinet⸗ wegen keinen Zwang an. Ich ſetze indeſſen eine Bedingung.“ „Welche, wenn ich fragen darf? Daß mein Name nicht dabei ſtehe?“ „Im Gegentheile, im Gegentheile! Teufel! Ge⸗ heimniſſe gegen uns, ſeine Freunde! Nein!. Ihr Name mag mit allen Buchſtaben dabei ſtehen! Wer Henkers wird Schlimmes in Verſen gemacht von einem Dichter an eine hübſche Frau finden? Wenn Herr Jean Robert Verſe an eine Blume, an den Mond, an die Sonne macht, ſetzt er einen Anfangs⸗ buchſtaben dazu? Richt wahr, nein? er ſetzt ihren ganzen Namen. Wie die Blume, wie der Mond, wie die Sonne, ſind Sie eine von den ſanften, ſchö⸗ nen, wohlthätigen Schöpfungen der Natur: er be⸗ handle Sie alſo wie die Sonne, wie den Mond, wie die Blumen.“ „Ahl mein Herr, wenn Sie im Ernſte ſpre⸗ „Ja, ich verſtehe, das macht Ihnen die Bruſt ein wenig leicht.“ „Mein Herr. „Das iſt alſo abgethan; Herr Jean Robert bleibt, er mag wollen oder nicht, unter der Zahl unſerer Freunde; und wundert man ſich über ſeine Dumas, Salvator. I. 18 unausgeſetzten Aufmerkſamkeiten, ſo ſagen Sie,— was wahr iſt,— weder Sie, noch er haben dieſe be⸗ harrlichen Aufmerkſamkeiten gewünſcht, ſondern ich, der ich dem Talente, dem Zartgefühle und der Dis⸗ cretion von Herrn Jean Robert volle Gerechtigkeit widerfahren laſſe.“ „Was für ein ſonderbarer Mann ſind Sie doch, mein Herr!“ rief Frau von Marande,„und wer wird mir das Geheimniß Ihrer ſeltſamen Zuneigung für mich ſagen?“ „Beläſtigt ſie Sie?“ fragte Herr von Marande mit einem Lächeln, das nicht ganz von Melancholie frei war. „Oh! nein, Gott ſei Dank!... nur läßt ſie mich befürchten, daß... „Nun, was läßt ſie Sie befürchten?“ „Daß an einem ſchönen Tage... Doch nein, es iſt unnöthig, daß ich Ihnen ſage, was mir durch den Geiſt, oder vielmehr durch das Herz geht.“ „Reden Sie, Madame, wenn das, was Sie zu ſagen haben, einem Freunde geſagt werden kann.“ „Nein, das hätte beinahe das Anſehen einer Erklärung.“ Herr von Marande ſchaute ſeine Frau feſt an. „Aber, mein Herr,“ ſagte ſie,„iſt Ihnen nicht auch manchmal Eines eingefallen?“ Herr von Marande ſchaute fortwährend ſeine Frau an. „Was? Laſſen Sie hören, Madame!“ fragte er, nachdem er einen Augenblick geſchwiegen hatte. „Daß ſich... ſo lächerlich das ſein mag, eine Frau in ihren Mann verlieben kann.“ ⸗ h, s⸗ ch, er ng de lie ſie in, ch 7 ler Eine Wolke zog raſch über das Geſicht von Herrn von Marande; er ſchloß die Augen, und die Dunkel⸗ heit bildete ſich, ſo zu ſagen, auf ſeiner Phyſiognomie. Alsdann erwiederte er den Kopf ſchüttelnd und als erwachte er aus einem Traume: „Ja, ſo lächerlich es ſein mag, das kann geſchehen. Bitten Sie Gott, Madame, daß ein ſolches Phäno⸗ men nicht zwiſchen uns eintrete!“ Und die Stirne faltend, fügte er mit leiſer Stimme bei: „Das wäre ein zu großes Unglück für Sie und beſonders für mich!“ Dann ſtand er auf und machte ein paar Gänge im Zimmer, wobei er ſich bemühte, in dem Theile zu bleiben, der am Kopfe des Bettes von Frau von Marande war, und wohin ihm daher die Blicke von dieſer nicht folgen konnten. Aber, Dank ſei es einem in ihrer Nähe befind⸗ lichen Spiegel, Lydie bemerkte, daß ſich ihr Gatte die Stirne und vielleicht ſogar die Augen mit einem Taſchentuche abwiſchte. Ohne Zweifel entging es Herrn von Marande nicht, ſeine Aufregung, was auch die Urſäche davon ſein mochte, verrathe ihn in den Augen ſeiner Frau; denn, ſein Geſicht erheiternd und ſeine Lippen und ſeine Augen zum Lächeln zwingend, ſetzte er ſich wieder in den ein paar Minuten leer gebliebenen Lehnſtuhl. Sodann, nachdem er noch einen Augenblick ge⸗ ſchwiegen hatte, ſagte er mit ſeiner ſanfteſten Stimme: „Nun, Madame, nachdem ich die Ehre gehabt habe, Ihnen meine Meinung über Monſeigneur Coletti und Herrn Jean Robert zu ſagen, habe ich 276 Sie noch um die Ihrige über Herrn Lorédan von Valgeneuſe zu bitten.“ Frau von Marande ſchaute ihren Gatten mit einem gewiſſen Erſtaunen an. „Mein Herr,“ antwortete ſie,„meine Meinung über ihn iſt die der ganzen Welt.“ „So ſagen Sie mir die der ganzen Welt, Madame.“ „Herr von Valgeneuſe...“ Sie ſchwieg, verlegen, weiter zu gehen. „Verzeihen Sie, mein Herr,“ ſagte ſie,„Sie ſcheinen mir Vorurtheile gegen Herrn von Valgeneuſe zu haben.“ „Vorurtheile, ich? Gott behüte mich, daß ich Vorurtheile gegen Herrn von Valgeneuſe habe! nein, ich höre nur, was man ſagt... Sie wiſſen, nicht wahr, was man von Herrn von Valgeneuſe ſagt?“ „Er iſt reich, er hat Succeſſe, er iſt bei Hof ſehr wohl gelitten: das iſt mehr als es braucht, daß man viel Schlimmes von ihm ſagt.“ „Wiſſen Sie, was man von ihm Schlimmes ſagt?“ „Wie ich das Schlimme weiß, mein Herr; ſehr mittelmäßig.“ „Nun, ſo hören Sie, was man ſagt... Spre⸗ chen wir zuerſt von ſeinem Reichthum.“ „Er iſt unbeſtritten.“ „Gewiß, in der Thatſache ſeiner Exiſtenz; doch beſtreitbar, wie es ſcheint, in der Art, wie er ihn erlangt hat.“ „Hat nicht der Vater von Herrn von Valge⸗ neuſe das Vermögen eines älteren Bruders geerbt?“ „Ja; nur iſt über dieſe Erbſchaft eine düſtere die ſo det be ſo wi on nit n . ie uſe ich in, 2 hr an es hr re⸗ 277 Geſchichte im Umlaufe; es handelt ſich um etwas wie um ein Teſtament, das beim Tode dieſes älteren Bruders verſchwunden wäre, der in dem Augenblicke, wo man es am wenigſten erwartete, von einem Schlage getroffen worden ſein ſoll. Es war ein Sohn da. Haben Sie hievon ſprechen hören, Madame?“ „Unbeſtimmt: die Geſellſchaft, die mein Vater ſah, war nicht die von Herrn von Valgeneuſe.“ „Ihr Vater war ein redlicher Mann, Madame, und es gibt ein Sprüchwort über die Geſellſchaft, die man ſieht. Nun wohl, es war ein Sohn da, ein reizender junger Mann, den die Erben, die, wel⸗ che man anklagt,— ſage ich, welche man an⸗ klagt, ſo handelt es ſich, wohlverſtanden, nicht um eine Anklage vor dem Aſſiſenhofe,— den die Erben, aus dem Hauſe ſeines Vaters gejagt haben; denn er war notoriſch der Sohn des Marquis von Val⸗ geneuſe, der Neffe des Grafen und folglich der Vetter von Herrn Lorédan und Fräulein Suſanne. An eine großartige Exiſtenz gewöhnt, ſoll ſich dieſer junge Mann, der ſich plötzlich von allen Mitteln ent⸗ blößt ſah, ſodann erſchoſſen haben.“ „Das iſt in der That eine düſtere Geſchichte!“ „Ja, die aber, ſtatt die Familie zu verdüſtern, dieſelbe ſehr erfreut hat. Lebte der junge Mann, ſo konnte ſich jeden Augenblick das Teſtament wie⸗ derfinden und der wahre Erbe mit dieſem Teſtamente bewaffnet wiedererſcheinen; war aber der Erbe todt, ſo gab es keine Chance, daß das Teſtament allein wiedererſchien. Dies, was den Reichthum betrifft. — Was die Succeſſe von Herrn von Valgeneuſe in 278 der Welt betrifft, ſo nehme ich an, Sie verſtehen unter dem Worte Succeß Liebesglück.“ „Nennt man das nicht ſo?“ ſagte lächelnd Frau von Marande. „Nun, was ſeine Succeſſe betrifft, ſo ſcheint es, daß ſie ſich auf Frauen von der großen Welt be⸗ ſchränken, und daß, wenn er ſich an das wendet, was man Mädchen aus dem Volke nennt, trotz des edelmüthigen Beiſtands, den ihm bei ſolchen Gelegen⸗ heiten ſeine Schweſter Fräulein Suſanne von Val⸗ geneuſe leiſtet, der junge Mann zuweilen genöthigt iſt, Gewalt anzuwenden.“ „Ah! mein Herr, was höre ich da?“ „Etwas was Ihnen Herr Coletti wahrſcheinlich beſſer ſagen würde, als ich; denn iſt Herr von Valge⸗ neuſe gut bei Hofe, ſo iſt dies ſo durch die Kirche.“ „Und Sie ſagen,“ fragte Frau von Marande, welche ein gewiſſes Intereſſe an dieſen, wahren oder falſchen, Anſchuldigungen nahm;„und Sie ſagen, Fräulein Suſanne unterſtütze ihren Bruder bei ſei⸗ nen Liebesunternehmungen?“ „Ah! das, das iſt bekannt, und wahrhaftig, die Perſonen, welche die leidenſchaftliche Freundſchaft kennen, welche Fräulein Suſanne für ihren Bruder hegt, tragen ihr Rechnung dafür. Fräulein Suſanne unterſcheidet ſich dadurch von ihrem Bruder, daß ſie das Familienleben liebt, und daß ſie alle Vergnü⸗ gungen, beinahe alle wenigſtens, in ihrem Hauſe ſucht.“ „Ah! mein Herr, und Sie glauben an ſolche Verleumdungen?“ „Ich, Madame, ich glaube an nichts, außer an —— —. —— au , e⸗ et, es n⸗ al⸗ igt ich ge⸗ der —— 279 den Curs der Rente, und ich muß dieſen noch im Moniteur gedruckt ſehen. Doch das, an was ich, zum Beiſpiel, glaube, ah! das iſt an die Geckenhaftig⸗ keit und an die Indiscretion von Herrn von Val⸗ geneuſe. Er iſt wie die Schnecke in dieſer Hinſicht: er beſchmutzt die Reputationen, die er nicht frißt.“ „Ah! Sie lieben Herrn von Valgeneuſe nicht mein Herr!“ ſagte Frau von Marande. „Nein, ich geſtehe es... Sollten Sie ihn zu⸗ fällig lieben, Madame?“ „Ich! Sie fragen mich, ob ich Herrn Lorédan liebe?“ „Mein Gott! ich frage Sie das, wie ich Sie etwas Anderes fragen würde; nur habe ich mich eines ſchlechten Ausdruckes bedient; ich weiß wohl, daß Sie Niemand im abſoluten Sinne des Wortes lieben. Ich hätte Sie fragen müſſen:„„Gefällt Ihnen Herr Lorédan?““ „Er iſt mir gleichgültig?“ „Wahrhaftig, Madame?“ „Oh! ich betheure es Ihnen; nur möchte ich eben ſo wenig ihm, als einem Andern ein Unglück wider⸗ fahren ſehen, das er nicht verdient hätte.“ „Ei! wer kann ſolche Dinge wünſchen? Ich ver⸗ ſichere Ihnen auch, Madame, daß— wenigſtens von meiner Seite,— Herrn von Valgeneuſe nur verdien⸗ tes Unglück widerfahren wird.“ „Welches Unglück kann denn Herr von Valge⸗ neuſe verdienen, und wie könnte ihn dieſes Unglück von Ihnen aus treffen?“ „Ei! Madame, das iſt ganz einfach! So, zum 280 Beiſpiel, hat Ihnen heute Nacht Herr von Valgeneuſe ſehr beharrlich den Hof gemacht 4. Mir?“ „Ihnen, ja, Madame... es war nichts Unge⸗ bührliches dabei, es geſchah bei Ihnen, und man konnte dieſe Beſtrebungen von Herrn von Valgeneuſe, unabläßig auf Ihrer Ferſe zu ſein, als ein.. vielleicht übertriebenes, jedoch entſchuldbares Zeichen von Höflichkeit gegen ſeine Wirthin betrachten. Sie gehen indeſſen, wie Sie wohl begreifen? noch zu an⸗ dern Soiréen als den Ihrigen; Sie werden Herrn von Valgeneuſe in der Welt begegnen: nun wohl, wenn er nur in acht Soiréen anderswo thut, was er hier gethan hat, ſo ſind Sie eine compromittirte Frau. Ei! mein Gott, ich will Sie nicht erſchrecken, Madame; doch an dem Tage, wo Sie eine compro⸗ mittirte Frau ſein werden, iſt Herr von Valgeneuſe ein todter Mann!“ Frau von Marande ſtieß einen Schrei aus. „Ah! mein Herr,“ ſagte ſie,„ein todter Mann meinetwegen! getödtet für mich! das wird der Ge⸗ wiſſensbiß meines ganzen Lebens ſein.“ „Ei! wer ſagt Ihnen denn, daß ich Herrn Loré⸗ dan für Sie und Ihretwegen tödten würde?“ „Sie ſelbſt, mein Herr.“ „Ich habe nicht ein Wort hievon geſagt. Tödtete ich Herrn Lorédan für Sie oder Ihretwegen, ſo wären Sie noch viel mehr nach als vor ſeinem Tode compromittirt; nein, ich würde ihn tödten wegen.. des Preßgeſetzes oder wegen der letzten Revue der Nationalgarde, wie ich Herrn von Bedmar getödtet habe.“ 2 8. 20 2 8 c„— c ſe 6 e, e —— 5 281 „Herrn von Bedmar?“ rief Lydie furchtbar er⸗ bleichend. „Nun wohl,“ fuhr Herr von Marande fort,„hat man je erfahren, daß es für Sie oder Ihretwegen geſchehen iſt?“ „Sie haben Herrn von Bedmar getödtet?“ wie⸗ derholte Frau von Marande. „Ja; wußten Sie denn das nicht?“ „Ah! mein Gott!“ „Ich geſtehe Ihnen indeſſen, daß ich einen Au⸗ genblick zögerte. Sie wiſſen oder Sie wiſſen nicht, daß ich Gründe hatte, Herrn von Bedmar zu ver⸗ achten; bei einem Umſtande hatte ich die Ueberzeu⸗ gung erlangt, ſein Benehmen ſei nicht das eines redlichen Mannes geweſen. Man ſchrieb mir,— einer meiner Correſpondenten aus Italien,— am 20. November 1824 werde Herr von Bedmar in Livorno ſein. Ich erinnerte mich, daß ich ein wich⸗ tiges Geſchäft in Livorno hatte; ich traf am 19. November dort ein; Herr von Bedmar traf ebenfalls ein. Dann bekamen wir, ich weiß nicht, wie das zuging, im Hafen von Livorno, in dem Augenblicke, wo er hier landete, einen Streit wegen einer ganz geringfügigen Sache, wegen eines Commiſſionärs: der Streit erbitterte ſich; kurz ich fand mich beleidigt, und forderte von ihm Genugthuung wegen dieſer Beleidigung, wobei ich ihm, wie das meine Gewohn⸗ heit iſt, die Wahl der Waffen ließ: er hatte Unrecht, die Piſtole zu wählen, eine ungeſchlachte Waffe, welche zerreißt, zerſchmettert, tödtet. Auf der Stelle gaben wir uns Rendez⸗vous in den Cascine von Piſa. Auf dem Kampſplatze angekommen, ſtellten uns unſere Zeugen zwanzig Schritte aus einander; ich warf einen Louis d'or in die Luft, um zu wiſſen, wer zuerſt ſchie⸗ ßen ſollte: das Loos fiel ihm zu; er ſchoß.. ein wenig tief; die Kugel durchbohrte mir den Schenkel.“ „Durchbohrte Ihnen den Schenkel?“ rief Frau von Marande. „Ja, Madame, glücklicher Weiſe, ohne den Kno⸗ chen anzugreifen.“ „Ich habe aber nie erfahren, daß Sie verwun⸗ det worden ſind.“ „Wozu Sie mit einer Wunde plagen, die in vier⸗ zehn Tagen geheilt war.“ „Und verwundet, wie Sie waren, mein Herr..2“ „Legte ich auf ihn an... In dieſem Augen⸗ blicke geſchah es, wie ich erwähnte, daß ich zögerte: es war ein ſehr hübſcher Junge, im Genre von Herrn von Valgeneuſe; ich ſagte mir:„Vielleicht wird er, wie Herr von Valgeneuſe, von einer Mutter, von einer Schweſter geliebt!““ ich zögerte... Hielt ich um eine Linie rechts oder links, ſo fehlte ich ihn, und va ich verwundet war, ſo endigte ſich das Duell hiemit. Doch ich erinnerte mich, daß Herr von Bedmar ein junges Mädchen ſchändlich betrogen hatte; daß er auch am Ende ſeiner Piſtole den Vater dieſes Mäd⸗ chens gehabt hatte, der herbeigekommen war, um von ihm Genugthuung für dieſen Schimpf zu ver⸗ langen, und daß er, der Elende! den Vater dieſes Mädchens getödtet hatte. Da zielte ich gerade auf, die Bruſt, die Kugel durchbohrte ihm das Herz, und er fiel, ohne einen Seufzer von ſich zu geben.“ „Mein Herr,“ rief Frau von Marande,„mein Herr. Sie ſagen, mein Vater.2 283 „Sei von Herrn von Bedmar im Duell getödtet worden; das iſt die Wahrheit. Sie ſehen, daß ich Recht gehabt habe, ihm eben ſo wenig Gnade zu gewähren, als ich bei einem ähnlichen Umſtande Herrn von Valgeneuſe gewähren würde.“ Und ſeine Frau mit einem Geſichte ſo ruhig wie bei ſeinem Eintritte grüßend, ging Herr von Marande hinaus, gefolgt von dem erſchrockenen Blicke von Frau von Marande. „Ah!“ murmelte Lydie, indem ſie ihren Kopf wieder auf ihr Kiſſen fallen ließ,„Gott verzeihe mir! es gibt Augenblicke, wo ich glaube, daß dieſer Mann mich liebt... und daß ich ihn liebe!“ In unſerem Verlage ſind ferner erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: C. A. Wetterbergh, (Onkel Adam) Sämmtliche Romane. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder 6 kr. rhein. und wird einzeln abgegeben. Bis jetzt ſind erſchienen Genrebilder aus dem Alltagsleben.. 6 Bochn. Neue Genrebilder aus dem Auui 18 Ein Name.. 4 Der Ffarradjuntt. Ein Genrtbild 3 Das Häuschen am Gatterthore bei Lh 1 Das Altargemälde... 1 96 Geld und Arbeit. Ein Geurebild 9 Olga. Eine Erzählung. 3 Der hölzerne Löffel. 4 Das Unglückskind. Liebe unh Sheh Simon Sellners Reichthümer. 7 Drei neue Genrebilder. 4 Das Fideicommiß von Wuldenarsburz 7 C. F. Ridderſtad, Sämmtliche Romane. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder 6 kr. rhein. und wird einzeln abgegeben. Bis jetzt ſind erſchienen: Der Trabant. Geſchichtlicher Roman. 21 Bändchen. Der Fürſt. Das Gewiſſen oder Geheimniſſe von Stothom 23„ Väter und Sohn 6 B Wir glauben uns ein wirkliches Verdienſt um die deutſche Leſewelt erworben zu haben, indem wir Ridderſtad, dieſen neuen glänzenden Stern an dem ſchönen literariſchen Himmel Skandinaviens, bei ihr einführten. ² In den bis jetzt erſchienenen Romanen hat der Verfaſſer ſich einen ehrenvollen Platz zur Rechten Walter Scotts errungen und ſeine Ebenbürtigkeit mit dieſem unübertroffenen Dichter unverkennbar dargethan. Thaddäus Koseiuszko. Hiſtoriſcher Roman von Heribert Rau. 3 Bde. eleg. geh. Thlr. 1. 24 Ngr. oder 3 fl. rhein. Es iſt wohl unbeſtritten, daß der Verfaſſer dieſes Romans einer unſerer beliebteſten Schriftſteller iſt. Haben doch ſeine Romane wie ſeine wiſſenſchaftlichen Werke in ganz Deutſchland, ja ſogar in Amerika großes Aufſehen gemacht, ſowie mehrere der letzteren in verſchiedene Sprachen überſetzt wurden. Unter dieſen zeichnet ſich vor allen das oben genannte Werk aus. Nicht nur daß die Wahl des Helden eine ſehr glückliche genannt werden darf, da ſchon bei dem Namen Kosciuszko alle edleren Herzen dieſſeits und jenſeits des Oceans höher ſchlagen— es iſt dem Verfaſſer auch gelungen, die Schickſale deſſelben mit einer ſolchen Treue und doch zugleich pvetiſchen Verklärung darzuſtellen, daß ſie uns bis zum letzten Momente feſſeln und zum innigſten Mitgefühle hin⸗ reißen. In unſerem Verlage erſcheinen ſeit Beginn dieſes Jahres: Emilie Flygare⸗Carlén's SFämmtliche Bomanr. In ſorgfältiger Uebertragung aus dem Schwediſchen. In Lieferungen à 10 Ngr.— 30 kr. rhein. Flygare⸗Carlén's Romane und Erzäh⸗ lungen gehören zu dem Vorzüglichſten, was irgend eine Nation an Unterhaltungs⸗Li⸗ teratur beſitzt; ſie ſind in faſt alle lebende Sprachen überſetzt und nehmen unter der ohnehin ſehr ſpärlichen Auswahl gediegener und tief moraliſcher Lektüre für Damen jedes Alters eine der erſten Stellen ein.— Dieſe Ausgabe erſcheint in Claſſikerformat in 14tägigen Lieferungen à 10 Ngr. oder 30 kr. rhein. auf ſchönem Papier mit großer Schrift gedruckt und wird jeder Roman, jede Lieferung einzeln abgegeben, weßhalb ſich Niemand durch den Ankauf einzelner Lieferungen zur Abnahme der ganzen Sammlung verbindlich macht. Die erſten Lieferungen liegen in allen Buch⸗ handlungen zur Einſicht vorräthig. Stuttgart, 1856. Franchh ſche Verlagshandlung.