1 Leihbibliothetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und efebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. auf 1 Monat: „„ E 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zwiſt⸗ verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß ver Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleiheneit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, ei das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S—— — — G Die Mohicaner von Paris. Von Alerandre Vnmas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Anguſt Zoller. Neunzehntes bis fünfundzwanzigſtes Bändchen. Stuttgart. Franckh ſche Verlagshandlung. 1856. Druck der G. Haſſelbr ink'ſchen Buchdruckerei in Stuttgart. „——— )— — S c— e— c S CXV. Wo der Leſer, der die Paraden nicht liebt, welche Fol⸗ gen ſie auch in der Politik haben mögen, gebeten wird, einen Gang im Foyer zu machen. Als die mißſtimmige Symphonie hinter dem Vor⸗ hange im Hintergrunde beendigt war, erſchienen Gille und Caſſandre, das heißt Fafiou und Copernic, auf der Bühne. 8 Es war zehn Minuten lang ein ungeheures Ge⸗ lächter und ein Donner von Beifallklatſchen. Jeder von den zwei Künſtlern trat bis an den Lampenkaſten vor und verbeugte ſich dreimal ehrerbietig; dann lehnte ſich Fafiou an den Vorhang im Hinter⸗ grunde an, während Caſſandre, der, da er das Stück eröffnete, am Lampenkaſten geblieben war, mit folgen⸗ dem Monologe begann,— einem Muſter der im Jahre der Gnade 1827 blühenden Literatur in freier Luft, welches von einem unſerer Freunde ſtenographirt worden iſt, und das in ſeiner ganzen Treuherzigkeit unſern Leſern vor Augen legen zu kennen wir uns glücklich ſchätzen. Erſte Scene. Caſſandre⸗ träumeriſch auf der Vorbühne; Gille, im Hintergrunde des Theaters. Caſſandre. Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich einen zu⸗ gleich mit Geiſt, mit Ehrlichkeit und mit einem ſchlech⸗ ten Magen begabten Bedienten zu finden weiß, das heißt einen Menſchen, der die drei thevlogiſchen Tugenden der guten Diener beſitzt! Je weiter wir gehen, deſto weiter geht die Welt, und ſie geht vom Schlimmen zum Schlimmernz die guten Bedienten machen ſich ſel⸗ ten! Wohin des Teufels mögen ſie gegangen ſein? In ein Land, wo es keine Herren gibt. Ich habe des⸗ halb ſchon oft an Eines gedacht: meinen Dienſt ſelbſt zu verſehen; doch ich überlegte es mir: ich bin ein Mann von ſo zähem Geize, daß ich nie einwilligen würde, mir den Lohn zu geben, den ich verdiene; und da es, wenn ein Diener bei mir eintritt, meine erſte Bedingung iſt, daß ich ihn nicht zu beköſtigen habe, ſo würde ich unſtreitig Hungers ſterben. Wir wollen alſo auf dieſes wahnſinnige Project verzichten und einen Diener ſuchen, der weniger anſpruchsvoll iſt als ich. (Umherſchauend. Was ſehe ich denn dort?.. Ei! das iſt gerade ein Bedienter! er läuft wie Einer, der keine Ritz hat, beſtändig in die Luft ſchauend. He! Freund!.. Er hört mich nicht und ſchaut immer in die Luft... He! Freund!.. Hoffen wir, daß er einen Pflaſterſtein trifft und fällt... Plumps! da liegt er auf der Erde!(Quf Gille zugehend und ihn aufhebend.) Mein Freund, was läufſt Du noch? S Mein Herr, ich laufe nicht mehr: Sie ſehen es wohl! Caſſandre, beiſeit, Das iſt richtig; dieſer Burſche iſt voll Verſtand. und ich, ich bin im Unrecht. Caut) Entſchuldige mich⸗ at ro re we ko die Er ſt in d ſte ſo ſo en h. ne e! in en d.) nd, ich, 5 ich habe eine Zeit ſtatt einer andern genommen. Was liefſt Du noch? Gille. Ich lief einem Vogel nach. Caſſandre, beiſeit. Das erklärt mir, warum dieſer Burſche in die Luft ſchaute...(Laut.) Und wie iſt dieſer Vogel entwiſcht? Gilble. Ich habe das T Thürchen ſeines Käſichs aufgemacht. Caſſandre. Und warum haſt Du das Thürchen ſeines Käſichs aufgemacht? Gille. Weil der Käſich dieſes armen Vögelchens ſchlecht roch. Caſſandre. Nach dem, was ich ſehe, biſt Du im Dienſte? Gilbe. Ah! Herr, nach dem ungine das mir widerfah⸗ ren iſt, kann ich mich ſicherlich als frei betrachten! und wenn Sie einen Diener brauchen... Caſſandre. Wetter! ich muß vor Allem wiſſen, woher Du kommſt. Gilbe. Ich komme von einem Hauſe. Caſſandre. Das vermuthe ich wohl... Doch wem gehörte dieſes Haus? Gille. Einem Erzbiſchof. Caſſandre. Und welche Geſchäfte verrichteteſt Du bei Deinem Erzbiſchof? Gille. Ich war Haushofmeiſter. 6 Caſſandre. Wetter! Du mußt alſo tüchtig kochen! Und was wirſt Du von mir nehmen? Gille. Wofür? Caſſandre. um in meinem Dienſte zu ſein. Gille. Oh! ſeien Sie ruhig, Herr, ich werde Ihnen nehmen, was ich kann. Caſſandre. Ich frage Dich, auf welchem Fuße Du in meine Dienſte einzutreten gedenkeſt? Gille. Auf meinen beiden Füßen, Herr. Caſſandre. Das iſt gut, und ich glaube, daß wir vortrefflich übereinkommen werden. Gille. Und ich, ich bin deſſen ſicher, Herr. Caſſandre, ihn anſchauend. Eh! eh! Gille, Caſſandre anſchauend. Eh! eh! Caſſandre. Deine Phyſiognomie gefällt mir; die Farbe Deiner Haare iſt nach meinem Geſchmacke; Deine Naſe ver⸗ führt mich. Nun wollen wir aber ein wenig ſehen, ob Dein Geſang Deinem Gefieder gleicht. Gille, ſingend. Un Suiss' rev'nant d'campagne, De son pays, d'I'Allemagne.. Caſſandre. Was machſt Du? Gilbe. Ei! Sie haben meinen Geſang zu ſehen verlangt: ich ſinge. as nen eine lich iner ver⸗ „ob 7 Caſſandre. Dieſer Burſche ſpricht mich immer mehr an. Gaut.) Das iſt es nicht, was ich ſagen wollte; ich wollte einige Fragen an Dich richten, um zu ſehen, vb es Dir nicht ganz und ſit Verſtande gebreche. Gille. Oh! wenn es nur das iſt, reden Sie, Herr; fragen Sie. Es gibt Niemand, der Ihnen beſſer ant⸗ worten kann, als Ihr Diener. Caſſandre. Das iſt wahr, denn Du ſprichſt viel. Erkläre mir ein wenig, zum Beiſpiel... Ich habe vergeſſen, Dich zu fragen, wie Du heißeſt. Gille. Ich heiße Gille, Ihnen zu dienen. Caſſandre, beiſeit. Dieſer Burſche iſt äußerſt einſchmeichelnd.(Laut.) Wohl alſo, mein lieber Gille, erkläre mir ein wenig, wie es kommt, daß die Fiſche in die Tiefe des Fluſſes hinabgehen, ohne zu ertrinken. Gille. Und wer ſagt Ihnen, Herr, daß ſie nicht ertrinken? Caſſandre. Sie kommen ja, nachdem ſie auf dem Grunde ge⸗ weſen ſind, an die v des Waſſers zurück! ille. Es ſind nicht die ertrunkenen, die zurückkommen, es ſind andere. Caſſandre, nach einem Augenblicke tiefen Nachdenkens: Wetter! Du könnteſt Recht haben. Gille. Hat der Herr noch andere Fragen an michzu richten? Caſſandre. Gewiß!.. Wie kommt es, daß der Mond gerade untergeht, wenn die Sonne aufgeht? Gille. Herr, nicht der Mond geht unter, wenn die Sonne 8 aufgeht, ſondern die Sonne geht auf wenn der Mond untergeht. Caſſandre, erſtannt. Bei meiner Treue, daran habe ich nie gedacht! Du biſt alſo Aſtronom, Gille? Gille. Caſſandre. Und unter wem haſt Du ſtudirt? Gille. Unter Herrn Galilée Copernic. Caſſandre. Ein großer Mann!.. Nun wohl, wenn Du unter dieſem berühmten Gelehrten ſtudirt haſt, ſo kannſt Du mir wahrſcheinlich auf die Frage antworten, die ich an Dich machen werde. Glaubſt Du, daß die Vorſehung gerecht gegen mich geweſen iſt, indem ſie mir nur zwei Hände gegeben hat, während ich fünf Fuß vier Dau⸗ men“) habe? Gille. Sie iſt noch viel ungerechter gegen den Eſel ge⸗ weſen, der vier Fuß und gar keine Hände hat! Caſſandre, erſtaunt. Dieſer Burſche hat auf Alles eine Antwort!(Zu ſich ſelbſt und ſich dem Publicum nähernd.) Ich glaube ent⸗ ſchieden, daß ich hier einen Burſchen voll Verſtand ge⸗ troffen habe, der ein ergebener Diener ſein wird, und aus dem ich vielleicht auch eines Tages einen guten Schwiegerſohn machen kann, wenn er ein paar Thaler zurückgelegt hat. Laut.) Antworte mir, Gille. Gille. Ich thue nichts Anderes, Herr. Caſſandre. Das iſt wahr... Biſt Du Junggeſelle, Gille? Ja, Herr. *) Dieſes Wortſpiel iſt nicht zu überſetzen; quatre pouces heißt eigentlich vier Zoll.* v Du an n9 ei m⸗ e⸗ Zu nt⸗ ge⸗ ind ten ler ces 9 Gille. Wenn man ſich nicht getäuſcht hat, als man mich auf der Mairie angab. Caſſandre, beiſeit. Der Burſche begreift nicht. Laut.) Ich frage Dich, ob Du ehelos ſeiſt. Gille. Ehelos wie Jeanne d'Arc. Caſſandre. Was willſt Du damit ſagen? Gille geheimnißvoll. Ich will damit ſagen, ich könnte die Engländer verjagen. Caſſandre. Das kann Dir bei Gelegenheit nützlich ſein. Doch ſprechen wir nicht von Politik. Gille. Gut, Herr; ſprechen wir von Philoſophie, Bota⸗ nik, Anatomie, Literatur, Wiſſenſchaften, Pyrotechnik... Sich unterbrechend. Ah! was die Pyrotechnik betrifft, was erblicke ich denn dort? Caſſandre, der Richtung des Fingers von Gille folgend. Das iſt eine Flaſche Wein, die ich, um mich zu erfriſchen, habe heraufbringen laſſen. Gille. Sind Sie wie ich, Herr? Caſſandre. Vielleicht... Wie biſt Du? Gille. Ich bin durſtig. Caſſandre. Oh! ich, ich bin es immer! Gille. Ich würde gern einen Schoppen erwürgen. Caſſandre, beiſeit. Der Vurſche iſt voll Gewandtheit!(Laut.) Wohl, es ſei, Gille, und wir werden bechernd plaudern, oder 10 plaudernd bechern, wie Du willſt. Du haſt das Aus⸗ ſehen eines geordneten Jungen⸗ Gille. Nun, darin täuſchen Sie ſich, Herr: ſeit der letzten Weinleſe bin ich ganz... Caſſandre, ihn durch ein⸗ Geberde unterbrechend, und eiſeit. Burſche verſteht mich nicht. Gaut) Ich wollte ſagen, Du ſcheineſt Laſter zu haben. il Nein, Herr, ich habe nur NRägel, und dieſe verur⸗ ſachen mir viel Schmerzen! Caſſandre. Ich meine, Du wiſſeſt zu benehmen. Hille. Ich war Fiacrekutſcher. Caſſandre, veiſeit. Aendern wir das Geſpräch: es gibt gewiſſe Punkte, die mir dieſer Burſche ganz und gar nicht begreifen zu können ſcheint.(Laut) Haſt Du viel gedient? Gille. Ja, Herr, was mich nicht abhält, völlig neu zu ſein. Caſſandre. Und wem haſt Du gedient? Gille. Vor Allem meinem Vaterlande. Caſſandre. Wie, Du biſt Soldat geweſen, mein Braver? Gille. Als Rekrut, ja, Herr, drei Monate lang. Caſſandre. Sollteſt Du das Unglück gehabt haben, verwundet worden zu ſein? Gille. Caſſandre. Wo dies, mein Junge? So iſt es. te, zu ndet 11 Gille. Im Herzen! Ich bin durch das Benehmen meines Generals verwundet worden. Caſſandre. Was iſt denn geſchehen? Gilhe. Es iſt geſchehen, daß uns der General die Ebene in allen Richtungen durchziehen ließ. Caſſandre. Ei! er hatte vielleicht den Schnupfen. Gille. Da wir nicht einem einzigen Feinde begegnet wa⸗ ren, ſo erlaubte ich mir, zu ſagen, der General habe einen großen Sieg davon getragen. Caſſandre. Gille. Er habe das Feld geſchlagen“). So daß mich der General in den Arreſt ſchickte. Caſſandre. Er wird Dich nicht verſtanden haben. Und wie lange biſt Du im Gefängniß geweſen? Gille. Drei Jahre, Herr. Caſſandre. Und in welcher Lage erhob ſich Dein Kerker? Gille. Er erhob ſich nicht, Herr: er vertiefte ſich. Caſſandre. Ich begreife... Somit fandſt Du Dich. Gille. Welchen? Vertieft, ja, Herr. *) Ein Wortſpiel, das ſich nicht überſetzen läßt; Baltre 1 campahne, wörtlich das Feld ſchlagen, heißt bildlich umher⸗ ſchweifen. 12 Caſſandre. Ich wollte Dich fragen, an welchem Orte er ge⸗ legen ſei. Gille. Nahe beim Meere. Caſſandre. Bei welchem Meere? Gille. Beim Mittelländiſchen. Caſſandre. Ich kenne beim Nittelländiſchen Meere eine Stadt, wo ich geweſen bin. Gille. Ich auch, Herr. Caſſandre, ſuchend. „Sie heißt Tou Ton ou Gille, vollendend. Lon, lon, lon. Caſſandre. So iſt es, Toulon... Ah! mein armer Junge, und Du biſt auch auf den Galeeren geweſen? Ge Es gibt kein ſo dummes Handwerk, Herr. Caſſandre. Das iſt vollkommen wahr... Und wem haſt Du noch außer Deinem Vaterlande gedient? Gille. Ich habe als Spielzeug einer meiner Landsmännin⸗ nen gedient. Caſſandre. Die Dich hat Land ſehen laſſen? Gill e. Ganz richtig, Herr: und ich habe begriffen, daß die Reiſen, die einen die Mädchen machen laſſen, viel er⸗ müdender ſind, als die, welche man zur See macht. Caſſandre. Du mußteſt Dir etwas erſparen während Deiner⸗ langen Dienſte, Gille? k G hä etn me t, ie r⸗ 36 Gille. Ja, Herr, ich habe viel Mühe erſpart. Caſſandre. Einverſtanden; doch Sorten? Gille. Jede Sorte von Mühe. Caſſandre, veiſeit. Der Burſche verſteht mich nicht. Caut) Ich frage Dich, ob Du einige Stücke habeſt? Gille. Ich habe meinen Rock voll davon. Caſſandre. 3 S onds? — Gille. Meine Hoſe voll. Caſſandre. Nein, das iſt es nicht. Du mußt etwas baar Geld haben? Gille. Es wäre mir noch lieber, wenn ich etwas Geld hätte. Caſſandre, beiſeit. Der Burſche verſteht mich nicht.(Laut) Haſt Du etwas zurückgelegt? Gille. Ich habe die Thorheiten der Jugend zurückgelegt. Was wollen Sie? man wird alt. Caſſandre. Wem ſagſt Du das Gille? Indeſſen haſt Du auf meine Frage noch nicht geantwortet. Gille. Ah! bah! Caſſandre. Ich fragte Dich, ob Du etwas Geld angelegt habeſt. Gille. Warum haben Sie ſich nicht ſogleich erklärt, Herr! 14 Ich habe fünfzig Thaler Leibrente nach dem Tode mei⸗ ner Muhme. Caſſandre, erſtaunt. Wetter! hundertundfünfzig Livres Rente! weißt Du, daß das eine Summe iſt? Gille. Sicherlich weiß ich es. Caſſandre. Ich meine eine gute, ſchöne Summe. e Allerdings, ich verſtehe wohl: Sie wollen damit ſagen, es ſei kein dummes Sümmchen. Caſſandre. Gille. Gille! Herr? Caſſandre. Ich mache Dir 6 Vorſchlag. il e Welchen? Caſſandre. Wirſt Du annehmen? Gille. Ich werde annehmen, wenn ich nicht ausſchlage. Caſſandre. Ich habe eine Tochter. g Gille. Wahrhaftig? Caſſandre. Bei meinem Ehrenworte! Gille. Sie gehört Ihnen ganz allein, Herr? Caſſandre. Ich habe ſie von meiner ſeligen Frau gehabt. Gille. Dann iſi ſie von Ihrer Frau, und nicht von Ihnen. ——————————— ſy ſ b Caſſandre. Ich bitte um Verzeihung, Gille: ſie iſt von uns Beiden.(Beiſeit.) Der Junge iſt ſo unſchuldig, daß er t nicht begreiſt! Gaut.) Ich ſagte alſo, ich habe eine ſchöne, tugendhafte, keuſche Tochter, von ſehr freudigem Charakter. Gille. Dann iſt es ein Freudenmädchen, Herr. Caſſandre.. Ich ſuche ſeit einiger Zeit eine paſſende Partie für it ſie. Ich finde zufällig Dich hier, und ich mache Dir den Vorſchlag: Gille, willſt Du mein Schwiegerſohn werden? Gille. Nun, ich ſage nicht nein, Herr. Caſſandre. Was macht das mir, wenn Du nicht ja ſagſt? Gille. Man müßte den Gegenſtand ſehen, Herr. Caſſandre. Ich will ihn Dir zeigen. Gille. Ja, doch umſonſt. Caſſandre. Umſonſt, allerdings.(Beiſeit.) Das iſt offenba ſparſamer Junge. 2 Gille. Und mit welcher Mitgift gedenken Sie dieſelbe zu ſchmücken? Caſſandre. Mit einer Mitgift der gleich, welche Du ſelbſt bringſt: fünfzig gute Thaler, Gille. Gille. Eingeſchlagen! Das iſt abgemacht. Caſſandre. ſen. Alſo kann ich meine Tochter rufen? 16 Gille. Rufen Sie ſie. ſoft Caſſandre, rufend. 3 Zirzabelle!(Zu vu) Ich glaube, Du wirſt zu⸗ frieden ein. Gille. Sie ſagen, ſie ſ ſchön? Caſſandre. Mein natürliches Ebenbild. Gille. Teufel! das iſt der Mühe werth! Caſſandre. 3 Verſchönert, Ah! gut! Caſſandre, ſüärker rufend⸗ Zirzabelle!. Holla! Zirzabelle!.. Man muß ſich immer den Hals wenn man dieſe dertaſche braucht... Zirzabelle! Zweite Scene. Dieſelben, Iſabelle. lle kommt ganz ſachte herbei und hält ihren Mund an das Ohr ihres Vaters. Hier bin ich! Caſſandre. Die Beſtie, die mich vor Angſt ſäſt umgebracht hat, ſoll die Peſt holen! Iſabelle. verſi Ei! mein Vater, Sie ſchreien auch wie ein Stock der ſeinen Blinden verloren hat! Caſſandre. Di Warum kommſt Du nicht, ſo oft. Dir rufe? 17 Iſabelle. Weil ich, wenn ich ginge, ſo oft man mich ruft, zu oft gehen würde, und beſonders zu weit. Was ſteht zu Ihren Dienſten, mein Vater? Caſſandre. Schau Was? Caſſandre, auf Gille deutend. Dieſer hübſche Burſche. Iſabelle. Dieſer Bäckerknecht da? Caſſandre. Wie findeſt Du ihn? Iſabelle. Oh! die abſcheuliche Fratze! Caſſandre. Das iſt Dein zukünftiger Gatte. Iſabelle. Wie! mein zukünftiger Gatte? Caſſandre. Ja, ich habe ihm ſo eben mein Wort gegeben. Iſabelle. Wohl, Sie können es wieder zurücknehmen. Caſſandre. 4 Wie beliebt? Iſabelle. Iſabelle. Ich, dieſen rn da heirathen? Nie! Gille. Ich bin mager, mein Fräulein; doch mit gutem Willen kommt man zu Allem. Iſabelle. Mit dieſem Geſichte kommt man nur ins Spital, verſtehen Sie, mein ſchöner Freund? Caſſandre, zu Gille. Wie findeſt Du ſie? Die Mohicaner von Paris, V. 2 —— 18 Gilbe. der Anbetungswürdig. plötz Caſſandre. Nun wohl, alle Bockshörner! ſie wird Deine Frau ſein. Ich laſſe ſie mit Dir allein: unterhalte ſie. Gille. Ei! dann wird ſie, wenn ſie mich verlaſſen hat, ein der unterhaltenes Frauenzimmer ſein! Ham Caſſandre, abgehend. ſchen Der Burſche verſteht mich nicht. Theu . * Dritte Seene. durch 3 komm Gille, Iſabelle. von eine Iſabelle. Oh! wie unglücklich bin ich in meinem Unglücke! und wie konnte meine Mutter, welche für ihre Tochter die Wahl eines Vaters mir dieſen Vater wählen? Gille. Sie haben Unrecht, Fräulein Zirzabelle, ſolche Be⸗ leidigungen gegen den Bürger, der der Urheber Ihrer( Tage iſt, zu ſchwatzen. Heißt es denn Sie ins Unglück ſtürzen und Sie ſchinden, Ihnen einen galanten Mann um Gatten anbieten? Iſabe hhe Ich, Ihr Gatte?. meine Frau?. i 6. Verzeihen Sie, ich glaube, Sie täuſchen ſich, Frau⸗ lein Zirzabelle. laſſen Iſabelle. Ihner Ja, doch Sie begreifen mich dennoch!— Nie! nicht, Gille. in eit Wenn ich Ihnen indeſſen, zwiſchen beide Augen⸗ die rechte Hand auf meinem Herzen, die linke Hand an 1 Frau t, ein ücke! ochter hlen? e Be⸗ Ihrer nglück Mann Fräu⸗ lugen, nd an 3 19 der Naht meiner Hoſe, geſtehen würde, ich habe mich plötzlich verliebt. Iſabelle. In wen? Gille. In Sie!... Sehen Sie, nun bin ich gerade in der Poſition, die rechte Hand auf dem Herzen, die linke Hand an der Naht meiner Hoſe, ſchaue ich Ihnen zwi⸗ ſchen beide Augen... Ich liebe Sie raſend, meine Theure! Was haben Sie hierauf zu antworten? Iſabelbe. Ich werde auf dieſes ſchmeichelhafte Geſtändniß durch ein ganz ähnliches antworten, nur wird es voll⸗ kommen das Gegentheil ſein. Ich denke, Sie ſtammen von einem edlen Geſchlechte ab, und ich glaube mit einem franzöſiſchen Cavalier zu ſprechen; ich will alſo mein Geſtändniß von mir geben. Gilbe. Ich höre Sie mit Intereſſe: reden Sie. Iſabelle. Soll ich offenherzig ſein? Gille. Seien Sie es. Iſabelle. Nun wohl, ſeitdem ich Sie geſehen, habe ich einen Abſcheu gegen Sie gefaßt! SGille. Oh! Himmel! oh! doppelter Himmel! Jſabelle. Hören ſie einen Augenblick auf zu ſchwören, und laſſen Sie mich den Reſt meines Roſenkranzes vor Ihnen abkörnen, edler Herr. Einerſeits liebe ich Sie nicht, weil ich Sie haſſe, und andererſeits bin ich raſend in einen Edelmann von gutem Hauſe verliebt. Gire Und wie heißt mein gräulicher Nebenbuhler? 20 Iſabelle. Herr Leandre. Gille. Ich kenne ihn, und dieſes kann ich damit beweiſen, daß ich ihm Ohrfeigen gegeben habe, die er mir nie zurückgegeben hat. Jſabelle, Gille beohrfeigend. Nun wohl, ich gebe ſie Ihnen für ihn zurück; Sie können ihm eine Ouittung dafür ausſtellen. Gille, ſich aufrichtend. Alle Hagel! Fräulein Zirza, wiſſen Sie, daß ich mir nicht auf den Fuß treten laſſe? Iſabelle. Sie haben alſo ein Hühnerauge? Gille. Nein, das iſt eine Redensart. Iſabelle. Oh! machen Sie keine Umſtände mit mir! Ich ſagte Ihnen vor der Ohrfeige und ich wiederhole Ihnen nach dem Schlage, daß ich Herrn Leandre leidenſchaft⸗ lich liebe. Wir haben um die Mitte des Auguſts an⸗ gefangen uns den Hof zu, machen. Gilkle, beiſeit. Das iſt ja eine Katze, dieſes Mädchen da!(Laut) Uum die Mitte des Auguſts von welchem Jahre? Iſabelle. 1820! Sie ſehen, das datirt nicht von geſtern Löſen Sie daher unſere Heirath wieder auf, und wär es nur aus Großmuth. le. Nun wohl, dann nach Ihrem Gefallen; und ich habe Ihnen nur ein Wort zu erwiedern: heirathen Sie mich, ſo mache ich Sie, ſo wahr ich ein ehrlichet Miädchen bin, zum Hahnrei! Mir gleichviel! Sit haben mich gezwungen, dieſes unanſtändige Wort ausz ille. Ah! wiſchi! dazu bin ich zu ſehr in Sie verliebt! Iſabel ſprec ſtink eige wert wir nig iſen, r nie rück; ß ich Ich Ihnen ſchaft⸗ an⸗ (Laut) geſtern d wär rliebt! ind is en Sit hrliche⸗ S auszu 21 ſprechen; doch ich bekümmere mich nichts darum: Worte ſtinken nicht. t Sie geht ab. . Vierte Scene. Gille, allein. Wer könnte je glauben, dieſes Mädchen ſei die eigene Tochter.. wenn ich ſage eigen! des ehren⸗ werthen Greiſes, der ſo eben herbeikommt!.. Machen wir ihm unſere ehrfurchtsvollſten Complimente. Fünfte Scene. Gille, Caſſandre. Ca ſſandre. Nun, Gille? Gille. Nun, Herr? Caſſandre. Was ſagſt Du zu meiner Frucht? Gille. Hfenberzig geſprochen, ich glaube, ſie iſt ein we⸗ nig reif Caſſandre. Gile Um nicht zu ſagen verdorben. Caſſandre. Was bedeutet das, Herr Gille? Gilte. Ich bin verantwortlich für das, was ich geſagt habe. Reif? 22 Caſſandre. Sollteſt Du es wagen, die Tugend ſelbſt zu ver⸗ leumden? Gille. Kennen Sie einen gewiſſen Leandre? Caſſandre. Bei Gott! ob ich ihn kenne! Gil 12 Nun wohl, er hat Ihre Frucht vor mir cultivirt. Caſſandre. Ich weiß das; da er aber ein Taugenichts iſt, ſo habe ich ihn weit, weit weggeſchickt, und er iſt ge⸗ gangen. Gille. Das heißt, er hat Sie glauben gemacht, er gehe. Caſſandre. Gleichviet, Du biſt der Mann, den ich geträumt habe, und Du mußt S Tochter heirathen. ille. Das wäre mir ganz lieb. Caſſandre.— Schwöre mir alſo, daß Du ſie heiratheſt! und ich ſchwöre Dir bei den fünfhundert Teufeln und bei ihren tauſend Hörnern, ſie nur Dir in der Welt, mittelbar oder unmittelbar, zu geben. Gille. Ich will ſchwören wie ein Fuhrmann. Oh! Teufel! oh! Hölle! oh! Mord und Elemente! oh! Ho gel und Wetter! oh! Pulver und Blei! ich verſprecht Ihnen nie eine andere Perſon zu heirathen, von wel⸗ em Geſchlechte ſie auch ſein mag, als Fräulein Zir zabelle, Ihre vermeintliche Tochter! Caſſandre. Gut geſchworen! alle Donner! alle Blitze! all Gewitter! Es hat mich bei Deinem Schwure ein Schauer überlaufen! Ich ſchwöre Dir alſo meinerſeits daß meine Tochter Zirzabelle nie, mittelbar oder u⸗ mit Ich Wi vat Bri wü ver⸗ ivirt. ſt ge⸗ gehe. räumt ndich ihren ttelbar Oh ! Ha⸗ rſprech nwel⸗ n Zir e! all re ein terſeits der un⸗ 23 mittelbar, die Frau eines Andern als von Dir ſein wird. Ich will ſie noch einmal rufen und Ihr meinen letzten Willen dictiren. Gille. Sie ſind alſo im Begriffe, zu ſterben, Schwieger⸗ vater? Caſſandre. Ich will ſagen meinen äußerſten Willen.(Den Briefträger erblickend.. He! he! was kommt da zu uns? Gille, ſich die Raſe zuhaltend. In jedem Falle iſt es nicht der Parfumeur. Caſſandre. Nein, es iſt der Briefträger. Sechſte Scene. Dieſelben, der Briefträger. Der Briefträger, die Raſe in der Luft⸗ He! Herr Caſſandre! Gille. Dieſer Menſch ſieht aus, als ob er Sie ſuchen würde. Caſſandre. Glaubſt Du? Der Briefträger, immer in die Luſt ſchauend. He! Herr Caſſandre! . Gille. Sie ſehen wohl, da er Sie ruft. Der Briefträger, daſſelbe Spiel. He! Herr Caſſandre! * Caſſandre. Sie rufen Herrn Caſſandre, mein Freund? Die Peſt hole Sie! zweifeln Sie daran, ſo ſind Sie taub! 24 Caſſandre. Die Peſt hole Sie ſelbſt!.. Ich bin es. Der Briefträger. Die Peſt? Caſſandre, beiſeit. Der Burſche verſteht mich nicht. Caut.) Nein, ich bin Herr Caſſandre. Der Briefträger. Uunmöglich! Caſſidte. Warum? Der Briefträger. Weil auf dem Briefe ſteht:„Herrn Caſſandre, Mondſtraße.“ Caſſandre. Nun wohl, wir ſind in der Mondſtraße. Der Briefträger. Aber es ſteht hier:„Mondſtraße, im fünften Stocke,“ und Sie ſind auf der Straße. Caſſandre. Das macht nichts: ich bin Herr Caſſandre, Mond⸗ ſtraße, im fünften Stocke, gegenwärtig hier auf der Straße. Der Briefträger. Sie werden nur Herr Caſſandre ſein, wenn Sie im fünſten Stocke ſind. Caſſandre. Dann werde ich hinaufgehen. Bleiben Sie hier, um zu ſehen, ob ich oben bin. Der Briefträger. Es iſt gut. Caſſandre, abgehend. Der Burſche verſteht mich nicht. ich dre, ten ond⸗ der Siebente Scene. Der Briefträger. Gille. Der Briefträger. Mein Freund, kennen Sie im Quartier vielleicht Einen Namens Gille? Gille. Ja, ein hübſcher Junge, edles Ausſehen, diſtin⸗ guirtes Geſicht? Der Briefträger.⸗ Das iſt möglich. Gille. Hier iſt er. Der Briefträger. Wo? Gille. Vor Ihren Augen. Der Briefträger. Potz Henker! Gille. Wie beliebt? Der Briefträger. Sie heißen Gille? Gille. Bezweifeln Sie es? Der Briefträger. Ei! nach dem Portrait, das Sie von ihm machen... Gille. Zum Glücke habe ich meine Dienſtetats bei mir. Der Briefträger. Wozu ſollen die Dienſtetats nützen? Gille. Mein Signalement iſt darin. 26 Der Briefträger. Laſſen Sie das Signalement ſehen. Gille, zieht ein Papier aus der Taſche und lieſt. „Hafen von Toulon hm! hm!... Ich Un⸗ terzeichneter, Ober⸗Galiottenaufſeher... hm!.. bezeuge hm! hm! daß der Namens Gille— das iſt es!— zweiundzwanzig Jahre alt.. Der Briefträger. Gut. Gille, fährt fort zu leſen. „Größe 5 Fuß 1 Zoll. Der Briefträger. Gut. Gille, dasſelbe Spiel. „Trompetennaſe„ Der Briefträger. Gut. . Gille, dasſelbe Spiel. „Geſichtsfarbe bleich. Der Briefträger. Sehr gut. Gille, dasſelbe Spiel. „Haare ſenffarbig...“ Der Briefträger. So iſt es! Ah! Sie ſind wirklich Gille. Achte Scene. Dieſelben. Caſſandre. Caſſandre, am Fenſter des fünften Stockes. He! Brieſträger! Der Bricfträger. Man kommt!(3u Giue.) Geben Sie mir zehn Sous. 5 w hi 27 Gille. Warum? Der Briefträger. Das iſt der Preis Ihres Briefes. . Gille. Der Preis meines Briefes? Wie! ich muß bezah⸗ len, weil man mir geſchrieben hat? Der Briefträger. Allerdings. Gille. Ei! mir ſcheint, derjenige, welcher die Ehre hat, an mich zu ſchreiben, müßte bezahlen. Caſſandre. He! Briefträger! Der Briefträger. Man kommt.(Zu Gile.) Raſch, geben Sie Ihre fünfzig Centimes heraus. Gille. Ich mißtraue Ihrem Briefe. Der Briefträger. Wie, Sie mißtrauen? Gille. Man hat in Briefen verborgene Höllenmaſchinen geſehen. Der Briefträger. Sie nehmen einen chargirten Brief nicht an? Gille. Ich glaube wohl! ein Grund mehr, daß er los⸗ geht, wenn er chargirt iſt“h. 3 Der Briefträger. Deſto ſchlimmer für Sie! das ſind Geldnachrichten. Gille. Wie? ein chargirter Brief, das bedeutet Geld⸗ nachrichten? ehn Ein unüberſetbares Wortſpiel. Une leure charhée iſt das, was wir einen rerommandirten Brief nennen, charge heißt zugleich aber auch geraden. 28 Der Briefträger. Ja. Gilbe. Ich glaubte, der Kreuz⸗Achter bedeute Geld. Caſſandre. He! Briefträger! Der Briefträger. Man kommt. Gille. Hier ſind Ihre fünfzig Centimes. Der Briefträger. Ich danke. Gille. Ei! ſagen Sie doch, Ihr Brief hat ein Datum von acht Tagen! Der Briefträger. Acht Tage, um von Pantin zu kommen, das iſt nicht zu viel. Gille. Es ſteht aber darauf:„Preſſant.“ Der Briefträger. Derjenige, welcher ihn ſchreibt, hat Eile, nie der, welcher ihn trägt. Gilbe. Es iſt gut... Entferne Dich, denn aus Deiner Lade kommen ſtinkende Miasmen hervor. Der B ſoräger. Sie enthält eine Cervelatwurſt mit Knoblauch, die ich für mein Frühſtück hineingeſteckt habe. Caſſandre, mit einer langen Schnur in der Hand⸗ He! Briefträger! Der Briefträger, geht unter das Fenſter. Hier bin ich! hier bin ich! Caſſandre. Bin ich nun Herr Caſſandre, Mondſtraße, im „fünften Stocke? um im 29 Der Briefträger. Ich ſage nicht nein. Caſſandre. So ſchicken Sie mir meinen Brief. Der Briefträger. Schicken Sie mir zuerſt meine drei Sous. Caſſandre. Hier ſind ſie. Er wirft ſie ihm zu. Der Briefträger. Ich danke.(Er bindet den Brief an das Ende des Fa⸗ dens.) Ziehen Sie. Caſſandre. Gut!(Er zieht den Faden; doch in dieſem Augenblicke öffnet ſich das Fenſter des erſten Stockes, eine Hand ſtreckt ſich aus und ergreift den Brief unter Weges,) He! Briefträger. Der Briefträger. Nun? Caſſandre. Sie ſehen nicht? Der Briefträger. Doch. Caſſandre. Man ſtiehlt mir den Brief. Der Briefträger. Ihr Brief ſtahl wohl! Ein Dieb, der einen an⸗ dern beſtiehlt, macht den Teufel lachen. d Er geht ab. Caſſandre. Der Burſche verſteht mich nicht! Ich gehe in den erſten Stock hinab und fordere meinen Brief. Er ſchließt ſein Fenſter wieder. Neunte Scene. Gille, allein. Ah! nun, da ich allein bin, wollen wir im Frie⸗ den ſtudiren, was man mir in dieſem Briefe meldet. (r öffnet den Brief und lieſt.)„Ich habe die Ehre, Ihnen mitzutheilen, daß die Geſundheit von Benjamin, Ihrem dritten Enkel, völlig wiederhergeſtellt iſt. Er befindet ſich zur Stunde wie der Baum genannt Hagebuche; ich vermöchte meinen Gedanken nicht beſſer auszu⸗ drücken...“(Sich unterbrechend.) Das iſt ſeltſam! ich glaubte nie in meinem Leben Vater geweſen zu ſein; wie kommt es, daß ich Großpapa bin?... Gleich⸗ viel! es wird ſich vielleicht auftlären. Fahren wir fort.(Leſend.)„Wäre es nicht endlich Zeit, daß Sie Ihre Einwilligung zu einer Heirath geben würden, welche ſeit ſieben Jahren ohne Ihr Wiſſen vollzogen iſt, ich muß es Ihnen geſtehen, und ſollte dieſes Ge⸗ ſtändniß Ihre weißen Haare ausfallen machen. (Hört auf zu leſen. Gut! nun habe ich weiße Haare! Blaue, grüne, ſchwarze, gelbe voder rothe, von allen Farben, die man will; doch weiße,— dagegen prote⸗ tire ich! Laſſen wir uns indeſſen nicht entmuthigen! CLieſt weiter..„Iſt es nicht beklagenswerth, daß Sie Ihre Fräulein Tochter, während Sie wiſſen, daß ſie Mutter von drei Kindern iſt, an dieſen Einfaltspinſel Gille zu verheirathen gedenken?(Sich unterbre⸗ chend.) Von wem ſpricht er denn?(Ceſend.)„Ich er⸗ warte Ihre Antwort, indem ich Ihnen melde, daß ich eine kleine Erbſchaft von zweihundert Livres Rente ge⸗ macht habe, die uns, Zirzabelle und mir, in einem einander zu leben geſtatten gehend!— Ihr ergeben⸗ ) Nein, nein, es iſt nicht beſcheidenen Wohlſtande mit wird. Antworten Sie mir ſter Leandre.“ luſt ſelle wel ſtor kom ihre lich Ihn 31 möglich! wäre ich wirklich der Vater meiner Tochter, und folglich der Großvater ihrer drei Kinder, ſo könnte ich unmöglich daran denken, ſie an einen Andern als den Vater dieſer drei Unglücklichen zu verheirathen. Mit welchem Rechte erlaubt ſich alſo dieſer Leandre zu ſagen, ich ſei der Vater, und ſobald er es ſagt, mit welchem Rechte zieht er meine väterliche Zärtlichkeit in Zweifel?..(Nach einer Pauſe, und ſich vor die Stirne ſchlagend.) Doch es kommt mir ein Gedanke: wenn mir der Briefträger einen Brief gegeben hätte, der nicht an mich adreffirt wäre?.(er ſieyt den umſchlag an.) Alle Teufel! die Depeche war nicht für mich!„An Herrn Caſſandre, Mondſtraße, im fünften Stocke.“ An Herrn Caſſandre! ha! ha! ha! Der alte Pandur wollte alſo ſeine keuſche Tochter an mich verheirathen, die Mutter von drei Kindern, von denen das letzte Benja⸗ min heißt! Ei! dieſer Greis iſt ganz einfach ein Gau⸗ ner! Laſſen wir nichts von unſerer Entrüſtung merken und ſehen wir, wie weit er ſeine Schurkerei treiben wird. — Zehnte Scene. Gille. Caſſandre. Caſſandre, tritt leſend ein⸗ „Ich habe die Ehre, Ihnen den ſchmerzlichen Ver⸗ luſt mitzutheilen, den Sie in der Perſon von Demoi⸗ ſelle Amenaide Lamponiſſe, Ihrer vielgeliebten Tante, welche geſtern im Alter von ſechsundſiebzig Jahren ge⸗ ſtorben iſt, erlitten haben(Sich unterbrechend.) Das iſt ſeltſam! ich habe nie eine Tante gehabt, wie kommt es, daß ſie geſtorben iſt, und zwar in der Blüthe ihrer Jahre?.. Nun, es ereignen ſich ſo außerordent⸗ liche Dinge! Fahren wir fort. Ceſend.„Ich melde Ihnen zugleich, daß Sie nicht auf die hundertfünfzig 32 Livres Rente der Verſtorbenen rechnen dürfen; ſie hat es für gut gefunden, Sie zu Gunſten des Oberſchreibers eines Garkochs in Sainte⸗Menehould zu enterben... (Hört auf zu leſen.) Erſtaunlich! erſtaunlich! Es ſcheint, dieſe Tante, die ich nie gehabt habe, und die ich den⸗ noch hatte, hat mich enterbt zu Gunſten von.. Welche Schmach! Laſſen wir uns indeſſen nicht ent⸗ muthigen!(Lieſt weiter.)„Es verſteht ſich nichtsdeſtowe⸗ niger, daß, wenn es Ihnen angenehm wäre, die Schul⸗ den von Ihrer Mademviſelle Tante zu bezahlen, welche ſich auf die unbedeutende Summe von hundert fünfzig tauſend Livres fünfzehn Sous zehn Denirs belaufen, der Oberſchreiber des Garkochs von Sainte⸗Menehould Ihnen ohne Widerrede den Genuß der hundert und fünfzig Livres Rente, die er an Ihrer Stelle erbt, überlaſſen würde. Wollen Sie mir alſo bei Empfang des Gegenwärtigen Ihre Einwilligung oder Ihre Ver⸗ zichtleiſtung ſchicken.— Ihr ergebenſter Diener Bau⸗ din de la Marne, in Sainte⸗Menehould, San-Gia⸗ rent Gill wir gen lung hat.) Dir gen Dep como⸗Street, alte Nr. 9, jetzt 11.“ Ich verſtehe nicht recht, alte Nr. 9. Ja, mit anderen Worten ge⸗ ſagt, die alte Nummer iſt 9, und die neue iſt 11. (Rachdenkend.. Ah! was ſagt mir denn da dieſer Notar? Ich erbe und ich erbe nicht, die alte Nummer iſt eine neue Nummer, und die neue Nummer iſt eine alte Num⸗ mer... Woher kann er denn Alles das, was er ſagt, nehmen, und mit welchem Rechte erlaubt er ſich, einen Bürger von Paris auf die Manier von Sainte⸗Mene⸗ hould zu behandeln? Ich werde es allerdings nicht verſäumen, zu antworten, obſchon ſeine Vertraulichkeit nur meine Verachtung verdient. Nach einer Pauſe, und ſich vor die Stirne ſchlagend.. Doch da kommt mir ein Gedanke: wenn mir der Briefträger einen Brief gege⸗ ben hätte, der nicht an mich adreſſirt wäre!.(Er ſieht den Umſchlag an)„An Herrn Gille, Boulevard du Temple, unter dem großen Zeiger des Blauen Ziffer⸗ blattes.“ Der Burſche hatte ſich alſo mit einer Leib⸗ werd ſchein Mon zu w es ſch ( S erklär von 2 feindli Die hat bers . eint, den⸗ ent⸗ W chul⸗ elche ifzig ufen, ould und erbt, fang Ver⸗ au⸗ Bia⸗ icht ge⸗ tar? eine um⸗ ſagt, inen ene⸗ nicht hkeit und ein ege⸗ (Er d ffer⸗ eib⸗ 33 rente geſchmeichelt, die er nie beſigen ſollte!.. Dieſer Gille iſt alſo ein coloſſaler Intrigant!.. Bewältigen wir uns indeſſen, und richten wir einige geſchickte Fra⸗ gen an ihn, um zu erfahren, wie weit er die Verſtel⸗ lung treiben wird.(Zu Gille, welcher wartet, bis er geendigt hat.) Nun, lieber Gille? Gille. Nun, lieber Schwiegervater? Caſſandre. Biſt Du zufrieden mit den Nachrichten, die man Dir in dem Briefe gibt, welchen Du ſo eben empfan⸗ Gille. Meldet man Ihnen ein glückliches Ereigniß in der Depeche, die man Ihnen ſo eben zugeſtellt hat? Caſſandre. Ja, ich bin ziemlich zufrieden. Gille. Ah! deſto beſſer! Und was meldet man Ihnen? Caſſandre. Man meldet mir von Vaugirard, der Weinertrag werde ſchön ſein, denn es regnet ſeit acht Tagen: es ſcheint, die Erde hatte Waſſer nöthig. Gille. Das iſt erſtaunlich! Man meldet mir daſſelbe von Montmartre. Die Kartoffelnernte verſpricht vortrefflich zu werden, weil das Wetter ſeit acht Tagen trocken iſt: es ſcheint, die Erde hatte Sonne nöthig. Caſſandre. Gille! Gille. Caſſandre. Kannſt Du mir dieſe atmoſphäriſche Erſcheinung erklären? Wie kommt es, daß die Sonne, den Abhängen von Montmartre günſtig, den Ebenen von Vaugirard feindlich iſt? Die Mohicaner von Paris. v. 3 gen haſt? Herr! 34 Gille. Nichts kann einfacher ſein: Vaugirard liegt gegen Süden und Montmartre gegen Norden. Die durch die Du tropiſche Sonne ausgetrockneten Ebenen von Vaugirard beerb brauchen Feuchtigkeit, um fruchtbar zu ſein, während die Schneeplateaux in der Nähe des Pic von Mont⸗ martre Sonne brauchen, um fruchtbar zu ſein. Alles Tant iſt logiſch in der Natur. mein Caſſandre. Bewunderungswürdige Ordnung! Gille. Unermeßliches Weltall! Caſſandre. Göttliche Güte! Gille. antw Tiefes Geheimniß! rechn Caſſandre. Alles ordnet ſich zuſammen! 1 Gille. daß 6 Alles verkettet ſich. werdet Caſſandre, Wunderbare Harmonie! E Gille. Kinde Erhabene Schöpfung! Caſſandre. Lies Thales„.. Gille. L Pales pater, tales filius. Caſſandre. T Lies Eudoxius... Gille. N Ja; doch ſprechen wir von etwas Anderem. barer! Caſſandre. Wovon willſt Du ſprechen? V Gille. Sprechen wir von Ihnen, Schwiegervater. 6 ſpielen 35 Caſſandre. gegen Sprechen wir von Dir, mein Schwiegerſohn. Biſt ch edie Du ſicher, daß Du Deine Tante Amenaide Lamponiſſe girard beerbſt? ihrend Gille. Mont⸗ Ah! Sie kennen den großen Namen meiner kleinen Alles Tante. Nein, ich will ſagen, den kleinen Namen meiner großen Tante? Caſſandre. Ja, ich kenne ihn. Gille. Und woher kennen Sie ihn? Caſſandre, ſeierlich. Ich werde es Dir in ein paar Minuten ſagen; antworte mir aber vorläufig auf meine Frage. Du rechneſt auf hundert fünfzig Franken Rente? Silke. Und Sie, Schwiegervater, Sie rechnen darauf, daß Sie mich mit Ihrer keuſchen Tochter verheirathen werden. Caſſandre. Sollteſt Du an der Keuſchheit meines einzigen Kindes zweifeln? Gille. Peſt! ich zweifle ganz und gar nicht daran. Caſſandre. Was bedeutet? Gille. Daß ich Alles weiß, alter Kerl. Caſſandre. Nun wohl, ich weiß auch Alles, junger Undank⸗ barer! Gille Woher wiſſen Sie es? Caſſandre. Es handelt ſich nicht darum, hier blinde Kuh zu ſpielen: Ihre Tante Lamponiſſe hat Sie völlig enterbt. 36 Gille. Ihre Tochter Zirzabelle iſt Mutter von drei Kna⸗ ben, von denen der jüngſte, Herr Benjamin, ſich viel beſſer befindet. Caſſandre. Es geht beſſer z il e Viel beſſer, Herr! und ich fühle mich glücklich, Ihnen dieſe Kunde mittheilen zu können. Caſſandre. Wer hat Dich von der Wiederherſtellung meines Enkels unterrichtet? Gille. Dieſer Brief.. Wer hat Sie vom Tode mei⸗ ner Tante unterrichtet? Caſſandre. Dieſer Brief. Gille. Geben Sie mir den meinigen, und ich gebe Ihnen den Ihrigen. Caſſandre. Das iſt nicht mehr als billig; hier iſt er. Gille. Hier iſt er. Jeder tauſcht ſeinen Brief und lieſt. ** Bei dieſer Stelle der Parade, als wäre man am Ende eines vierten Actes voll Intereſſe geweſen, herrſchte eine ſolche Stille in der Menge, daß man kaum das Athmen der Zuſchauer hörte. Man war der Entwicklung nahe, und die Perſonen in Mänteln, die wir zuletzt haben ankommen ſehen, ſchienen, die Augen auf den Pitre geheftet, dieſe Ent⸗ wicklung mit der lebhafteſten Ungeduld zu erwarten. Mittlerweile laſen die zwei Poſſenreißer ihre Briefe, wobei ſie einander wüthende Blicke zuwarfen. nic ſie ſch Kna⸗ viel klich, eines mei⸗ hnen lieſt. n am rſchte das ſonen ſehen, Ent⸗ ihre fen. 37 Alsdann fuhr Caſſandre fort: Caſſandre. Haſt Du zu Ende geleſen? Gille. Ja, Herr; und Sie? Caſſandre. Ich auch. Sille. Dann müſſen Sie ſich erklären, warum ich nie Ihr Schwiegerſohn werde. Caſſandre. Dann mußſt Du Dir erklären, warum ich Dir nicht ferner die Hand i Tochter anbiete. Gille. Ja; doch da Sie ein ernſter Vater werden, ſo habe ich keinen Grund mehr, in Ihrem Dienſte zu bleiben. Caſſandre. Ja; doch da ich mich unter das Dach meines Schwiegerſohns zurückzuziehen gedenke, und er ſchon einen Bedienten hat, ſo begreifſt Du, daß ich ihm nicht einen zweiten zuführen kann. Ich jage Dich alſo nicht fort, Gillez ich ſchicke Dich nur fort. Gille. Ohne mir etwas zu geben? Caſſandre. Soll ich Dir eine Thräne des Vedauerns ſchenken? Gille. Schickt man die Leute fort, Herr, ſo ſchickt man ſie mit Etwas fort. 3 Caſſandre. Ich ſchicke Dich auch mit allen Deinem Range ſchuldigen Rückſichten fort. n Gille. Und Sie ſchämen ſich nicht, daß Sie mich einen Theil meines Tages mit dem Anhören Ihrer Dumm⸗ heiten verlieren ließen, alter Fuchs? 38 Caſſandre. Du haſt Recht, Gille, und dieſes Wort Fuchs er⸗ innert mich an ein Sprüchwort. Gille. An welches? Caſſandre. Daß jede Mühe Lohn verdient. Gilbe. Caſſandre. Haſt Du Münze, Gille? Gilble. Ganz gewiß! Nein, Herr. Caſſandre, gibt ihm einen Fußtritt auf den Hintern. So behalte das Ganze. ** * Die Parade ſollte hier endigen, und ſchon ver⸗ beugte ſich Caſſandre ehrerbietig vor dem Publikum, als Gille, der auf ein großes Unternehmen zu ſinnen ſchien, da er Caſſandre geneigt ſah, plötzlich ſeinen Entſchluß faßte und dieſem zur Erwiederung einen Fuß⸗ tritt verſetzte, der ihn mitten unter die Zuſchauer hin⸗ abſchleuderte! Gille. Bei meiner Treue, nein, Herr! die guten Rech⸗ nungen machen gute Freunde! Im höchſten Maße erſtaunt, erhob ſich Caſſandre wieder und ſuchte Gille mit den Augen, doch Gille war verſchwunden. In dieſem Augenblicke entſtand eine große Bewe⸗ gung in der Menge; die Männer mit den Mänteln flüſterten einander ins Ohr: „Er hat es ihm zurückgegeben! er hat es ihm zurückgegeben!“ 3 tern. ver⸗ ikum, innen einen Fuß⸗ hin⸗ Rech⸗ andre e war Bewe⸗ inteln ihm 1 . 39 Dann traten ſie aus der Menge, gingen an ver⸗ ſchiedenen Gruppen vorbei und ſagten: *„Heute Abend.“. — Und dieſes Wort heute Abend kreiſte wie ein faſt unverſtändliches Gemurmel das ganze Boulevard entlang. Dann ſah man die Männer mit den Mänteln, die Einen in die Rue du Temple, die Anderen in die Rue Saint⸗Martin, Dieſe in die Rue Saint⸗Martin, Jene in die Rue Poiſſonnière eintreten, Alle aber wandten ſich nach der Seite der Seine auf verſchiedenen Wegen, doch wie Menſchen, die ſich bald an einem und demſelben Orte wiederſinden ſollen. CXV. Das geheimnißvolle Haus. Ein Mann, der nichts Beſſeres zu thun gehabt hätte, als zu beobachten, was ſich in der Rue des Poſtes, von acht bis neun Uhr Abends, das heißt zwei Stunden nach der Vorſtellung zutrug, welche wir viel⸗ leicht unſeren Leſern mit Unrecht ſo ausgedehnt erzählt haben, hätte ſicherlich ſeine Zeit nicht verloren, und wäre er auch nur ein wenig Liebhaber von nächtlichen und fantaſtiſchen Abenteuern geweſen. Da wir annehmen, daß der Leſer, ſobald er ſich uns anſchließt, kein Feind von ſolchen Abenteuern iſt, ſo bitten wir ihn, uns an den Ort zu folgen, wohin wir unſern Guckkaſten verſetzen, um vor ihm eine Menge Perſonen defiliren zu laſſen, welche nicht minder geheimnißvoll, als die chineſiſchen Schattenſpiele von Herrn Séraphin. 40 Die Schaubühne liegt, wie geſagt, in der Rue des Poſtes, ganz nahe bei der Impaſſe des Vignes, ein paar Schritte vom Puits⸗qui⸗parle; die Decvration ſtellt ein kleines einſtockiges Haus mit einer einzigen Thüre und einem einzigen auf die Straße gehenden Fenſter vor.— Dieſes Haus hatte vielleicht noch andere Thů⸗ ren und andere Fenſter; doch dieſe Thüren und dieſe Fenſter gingen ohne Zweifel auf einen Hof oder einen Garten. Es war halb neun Uhr Abends, und die Sterne, dieſe Veilchen der Nacht, feierten, vor den Blicken der Menſchen glänzender als je wiedererſcheinend, wie die Veilchen, die Sterne des Tages, die erſten Stunden des Frühlings. Es war in der That eine ſchöne Nacht, klar und leuchtend, heiter und mild wie eine Sommer⸗ nacht, wie die Nacht eines Dichters oder eines Ver⸗ liebten. Es gewährte einen unendlichen Reiz, ſich in dieſer erſten lauen Nacht zu ergehen und es geſchah ohne Zweifel, um ſich dieſem Gefühle zugleich voll idealer und ſinnlicher Wolluſt zu überlaſſen, daß ein Mann in einen großen braunen Ueberrock gehüllt, ſeit ungefähr ⸗ einer Stunde, die Rue des Poſtes, im Winkel der Häuſer oder in den Vertiefungen der Thüren, wenn Jemand vorüberkam, verſchwindend, auf und ab ging. Bei einiger Ueberlegung konnte man ſich indeſſen ſchwer erklären, daß dieſer Liebhaber der Natur, um die erſten Frühlingslüfte einzuathmen, eine ſo öde und beſonders ſo kothige Straße gewählt hatte, wie es die Rue des Poſtes war, obſchon es ſeit einer Woche nicht mehr geregnet; denn die Rue des Poſtes ſcheint, wie jene Straßen, von denen in dem Buche betitelt Neg⸗ pel ohne Sonne die Rede iſt,— ohne Zweifel durch die Fürſprache der Jeſuiten, die ſie bewohnten und noch bewohnen,— däs Privilegium eines ewigen i und einer ſchützenden Dunkelheit erlangt zu aben, — wr we he gel vo gel ric auf zwe bis er der „hab bei Ha getl Rol den war ue des , ein nſtellt Thüre Fenſter Thů⸗ dieſe einen terne, en der ie die unden Nacht, nmer⸗ Ver⸗ dieſer ohne eaer in in efähr ⸗ l der wenn ing. eſſen um und s die nicht 41 Wenn er vor das von uns beſchriebene Haus kam, blieb der Spaziergänger einen unberechenbaren Zeit⸗ raum ſtehen, der aber vermuthlich für die Forſchung, die er machen wollte, genügte, denn auf dem nämlichen Wege, das heißt gegen das Collége Rollin, zurückkeh⸗ rend, ging er gerade aus, begegnete einem zweiten In⸗ dividuum, das wahrſcheinlich auch ein Liebhaber der nächtlichen Schönheiten der Ratur war, und ſagte nur das einzige Wort: „Nichts.“ Das Individuum, an das dieſe Einſylbe gerichtet worden war, ſchritt wieder die Rue des Poſtes hinauf, während der Andere dieſelbe hinabging. Dieſes zweite Individuum, nachdem es dasſelbe Manveuvre, wie der zuerſt Erwähnte, ausgeführt, das heißt, nachdem es einen raſchen Blick auf das Haus geworfen hatte, machte ſodann noch ein paar Schritte vorwärts, trat in die Rue du Puits⸗qui⸗parle ein, be⸗ gegnete hier einem dritten Liebhaber der Natur und richtete an ihn halblaut dieſelbe Einſylbe: „Nichts.“ Und er ging auf ſeinem Wege weiter, während der Dritte, ihn kreuzend und an ihm vorüberſchreitend, auf das Haus zuwandelte, es anſchaute, wie dies die zwei Anderen gethan hatten, und die Rue des Poſtes bis zur Spitze der Rue d'Ulm hinaufging; hier fand er ſich mit einer andern Perſon zuſammen, und er wie⸗ derholte ihr das Wort, das wir ſchon zweimal gehört haben: „Nichts.“ Und dieſe vierte Perſon ſchritt an der dritten vor⸗ bei, ging die Rue des Poſtes hinab, wandelte an dem Hauſe vorbei, ſchaute es an, wie dies ihre Vorgänger gethan hatten, und ſetzte ihren Weg bis zum Collége Rollin fort, wo ſie den erſten Liebhaber der Natur traf, den wir unſern Leſern in einem braunen Ueberrocke luſt⸗ wandelnd gezeigt haben. Nachdem ſie ihm dasſelbe 42 Wort geſagt, welches zu wiederholen wir für unnöthig erachten, ging ſie an ihm vorbei, und der Erſte, der Mann mit dem braunen Ueberrocke, derjenige, welcher der Urheber der geheimnißvollen Einſylbe zu ſein ſchien, — dieſer ſetzte eine halbe Stunde lang dasſelbe Ma⸗ nveuvre fort, bis zu dem Augenblicke, wo er, zwei Männer beiſammen erblickend, die Rue des Poſtes hin⸗ abging und dabei die Cavatine aus Joconde pfiff: Wai longtemps parcourn le monde ²) Dieſe Melodie war damals ſehr in der Mode; ſie wurde auch nach und nach, jedoch immer halblaut, von den vier Männern wiederholt, die ſich einander das Wort Nichts geſagt hatten. Die zwei Männer aber, welche dieſes fünfſtimmige Notturno veranlaßt hatten, blieben,— wie alle diejeni⸗ gen, welche wir bis jetzt beobachtet haben,— vor dem kleinen Hauſe ſtehen; ſie waren von den Andern nur dadurch verſchieden, daß ſie eine lange Station vor der Thüre machten und dabei ſo leiſe plauderten, daß der Mann mit dem braunen Ueberrocke, der an ihnen, ohne daß es abſichtlich zu geſchehen ſchien, ſeine Cavatine pfeifend vorüberging, nicht ein Wort von dem, was ſie ſagten, erlauſchen konnte. Nach Verlauf von zehn Minuten traten drei an⸗ dere Männer gefolgt von einem vierten, alle Vier in braune Mäntel gehüllt, auf die zwei Individuen zu, welche vor dem Hauſe ſtanden. Der Größere von den zwei Männern, welche zuerſt da geweſen waren, nahm nach und nach die Hand von jedem der drei Ankömmlinge; dann ſagte er jedem von ihnen ins Ohr die erſte Hälfte des ſamaritaniſchen Wortes Lamma, von dem ſie ihm die zweite ſagten, zog aus ſeiner Taſche einen kleinen Schlüſſel, ſteckte *) Ich habe lang die Welt durchwandert. hal niſe due von der zwe gro thig der lcher hien, Ma⸗ zwei hin⸗ ſie von das mige jeni⸗ dem nur der der ohne tine was an⸗ r in zu, uerſt von von chen ten, eckte 43 ihn ins Schloß, öffnete ſachte die Thüre, ließ ſeine fünf Gefährten eintreten, ſchaute nach rechts und nach links in der Straße, und trat ſodann ſelbſt ein. Er ſchloß die Thüre von innen in demſelben Au⸗ genblicke, wo der erſte und der zweite Spaziergänger jeder an einer Ecke der Straße wiedererſchienen, und, in demſelben Schritte gehend, vor dem Hauſe zuſam⸗ mentrafen, wo ſie die neue Einſylbe: echs, wechſelten. Wonach ſie jeder auf ſeiner Seite weiter gingen, und das Wort Sechs den anderen Naturliebhabern wiederholten, welche ſchon das Wort Nichts gehört und wiederholt hatten. Sie hatten nicht zwanzig Schritte in der Straße gemacht, der Eine hinaufgehend, der Andere hinab⸗ gehend, als ſie, derjenige, welcher hinabging, einem In⸗ dividuum, und derjenige, welcher hinaufging, drei Per⸗ ſonen begegneten, die, Individuum und Perſonen, ob⸗ gleich ſie von zwei entgegengeſetzten Seiten kamen, vor dem geheimnißvollen Hauſe zuſammentreffend ſtehen blieben. Als die vier Neuangekommenen wie die ſechs An⸗ deren ins Haus eingetreten waren, ſetzten ſich die zwei Spaziergänger abermals in Bewegung, begegneten ſich und wechſelten die neue Einſylbe: Zehn. Im Verlaufe von zwei Stunden, das heißt von halb neun Uhr bis halb elf Uhr, ſahen die fünf laco⸗ niſchen Spaziergänger in das Haus ſechszig Indivi⸗ duen in Gruppen von zwei, drei, vier, fünf, doch nie von mehr als ſechs eintreten. Es war drei Viertel auf elf Uhr, als der Dilettant, der die Cavatine von Joconde geträllert hat, zum zweiten Male trällerte: diesmal gerieth er aber auf die große Arie aus dem Deſerteur. 44 Ah! je respire enfin! je puis reprendre haleine ²)! Der Elleviou war kaum bei ſeinem vierten Verſe, als er von den zwei Seiten der Rue des Poſtes, von der Impaſſe des Vignes und von der Rue du Puits⸗ qui⸗parle, ſieben andere Individuen auf ſich zukommen ſah, welche auf die Frage, die er an ſie richtete:„Wie viel waren es?“ ohne zu zögern antworteten:„Sechzig.“ „So iſt es,“ ſprach der Dilettant. Dann fügte er wie der Obergeneral eines Heeres, der ſeine Befehle gibt, bei: „Achtung, Ihr Alle!“ Diejenigen, an welche dieſe Ermahnung gerichtet war, näherten ſich ohne zu antworten. Der Mann mit dem braunen Ueberrocke fuhr fort. „Papillon ſtelle ſich hinter das Haus; Carmagnole bewache den rechten Flügel; Vol⸗au⸗Vent bewache den linken Flügel. Longue⸗Avvine und die Anderen wer⸗ den bei mir bleiben. Ihr habt die umliegenden Ter⸗ rains gut ausgekundſchaftet, nicht wahr?“ „Ja,“ antwortete man einſtimmig. „Ihr ſeid wohl bewaffnet?“ „Wohl bewaffnet.“ „Nicht faul?“ „Nicht faul.“ „Du weißt, was Du zu thun haſt, Carmagnole?“ „Ja,“ antwortete eine proveneale Stimme. „Du haſt Deine Inſtructionen, Vol⸗au⸗Vent?“ „Ja,“ antwortete eine normänniſche Stimme. „Du haſt Deine Haue, Carmagnole?“ „Ich habe fie.“ „Du haſt Deine Klammern, Vol⸗au-Vent?“ „Ich habe ſie.“ „Dann wollen wir das Pflaſter des Königs frei machen: an die Arbeit, und zwar raſch!“ Die drei unter dem Namen Papillon, Carmagnole htet ort. ole den ver⸗ er⸗ e?“ frei nole 45 und Vol⸗au⸗Vent bezeichneten Männer verſchwanden mit einer Schnelligkeit, welche bewies, daß Vol⸗au⸗ Vent und Papillon ihres Namens würdig waren, und daß, wenn Carmagnole nicht einen dem ihrigen ähn⸗ lichen annahm, dies ſo war, weil er den Stolz ſeines Familiennamens hatte. „Wir, was uns betrifft, Longue⸗Avvine,“ ſagte der Commandant der kleinen Schaar,„wir gehen wie gute Freunde ſpazieren und plaudern wie gute Bürger.“ Sodann, nachdem er eine Priſe Tabak aus einer Rococo-Doſe genommen, nachdem er die Gläſer ſeiner Brille mit ſeinem Foulard abgewiſcht und die Brille wieder zart auf ſeine Raſe geſetzt hatte, ſtreckte der Na⸗ turliebhaber, der Dilettant, der Mann, der wie ein guter Bürger plaudern wollte, ſeine beiden Hände in die Taſchen ſeiner Caſtorine und ſetzte ſich mit ſeiner Patrouille in Bewegung. Der Marſch war von kurzer Dauer. Der Anfüh⸗ rer der kleinen Schaar trat in die Rue du Puits⸗qui⸗ parle ein, ſtellte ſich ſo, daß er das geheimnißvolle Haus nicht aus dem Geſichte verlor, bedeutete ſeinen Begleitern durch einen Wink, ſie ſollen ſich in den Tiefen der Straße verbergen, jedoch in ſeinem Bereiche bleiben, und behielt nur einen Einzigen von ſeinen Untergebenen bei ſich, einen großen, langen, magern, abgemergelten, bleichen, ſchiekäugigen Unterofficier,— ein wahres Iltisgerippe mit einem Baſilskopfe. „Nun iſt es an uns Beiden, Longue⸗Avoine,“ ſagte er. „Zu Ihren Befehlen, Herr Jackal,“ antwortete der Agent. 4 CXVI. Die Barbette. „Höre, Du haſt den Roſentopf entdeckt,“ fuhr Herr Jackal fort;„es iſt alſo billig, daß ich mich an Dich wende, um den ganzen Wohlgeruch einzuathmen. Wie haſt Du dieſes Abenteuer gewittert? Sei kurz.“ „Die Sache verhält ſich ſo, Herr Jackal. Sie wiſſen, daß ich immer religiöſe Grundſätze gehabt habe?“ „Nein, ich wußte das nicht.“ „Oh! da habe ich alſo meine Zeit vertoren?“ „Nein, da Du etwas entdeckt haſt. Wie? ich weiß noch nichts; doch es iſt augenſcheinlich, daß ſich nicht ſechzig Perſonen in der Rue des Poſtes verſam⸗ meln und alle in daſſelbe Haus eintreten, um Perlen anzufädeln?“ „Ich wäre indeſſen ſehr in Verzweiflung, ſollten Sie nicht an meine religiöſen Grundſätze glauben, Herr Inſpector?“ „Geh' zum Teufel mit Deinen religiöſen Grund⸗ ſätzen!“ „Aber, Herr Jackal. „Von welcher Biruung ſind Deine religiöſen Grundſätze bei der Sache, die uns beſchäftigt, das frage ich Dich,“ ſagte Herr Jackal. Und er hob ſeine Brille empor, um Longue⸗Avvine ſcharf in die Augen zu ſchauen. „Ei! Herr Jackal,“ erwiederte Longue-Avoine, „meine religiöſen Grundſätze haben mich dieſer Sache auf die Spur gebracht.“ „Nun wohl, ſo ſage ein Wort von Deinen Grund⸗ ſätzen, doch wenn es möglich iſt, ſage nicht zwei.“ es hal tre mit mit lun gla des ma alſe Ste Her von Gar vert Nac ſie! Nac und von en e noer ſchri err ich Lie Sie abt ich ſich m⸗ len ten err nd⸗ 4² „Vor Allem erfahren Sie, Herr Jackal; ich richte es immer ſo ein, daß ich nur gute Bekanntſchaften habe.“ „Das iſt ſchwierig bei dem Handwerk, das Du treibſt; doch weiter.“ „Ich habe alſo Freundſchaft mit einer Stühlever⸗ mietherin von Saint⸗Jacques⸗du⸗Haut⸗Pas geſchloſſen.“ „Immer durch Religion?“ „Durch Religion, ja, Herr Jackal.“ Herr Jackal ſtopfte ſich die Naſe mit Tabak voll, mit der Wuth eines Menſchen, der durch ſeine Stel⸗ lung genöthigt iſt, ſich den Anſchein zu geben, als glaubte er an Dinge, an welche er nicht glaubt. „Dieſe Stühlevermietherin wohnt in der Impaſſe des Vignes, in dem Hauſe, in welches ſo eben Car⸗ magnole eingetreten iſt.“ „Im erſten Stocke, ich weiß es.“ „Ah! Sie wiſſen das, Herr Jackal?“ „Dies und noch viele andere Dinge! Du ſagſt alſo die Barbette bewohne ein Zimmer im erſten Stocke?“ „Sie wiſſen den Namen meiner Stühlevermietherin, Herr Jackal?“ „Ich weiß den Namen aller Stühlevermietherinnen von Paris, mögen ſie Stühle auf dem Boulevard de Gand, auf den Champs⸗Eliſées oder in den Kirchen vermiethen. Vorwärts, immer Vorwärts!“ „Nun wohl, eines Tags, oder vielmehr in einer Nacht, da die Barbette eben ihre Gebete ſprach, hörte ſie hinter der Wand ihres Alcovens, als käme es vom Nachbarhauſe, ein Geräuſch von verworrenen Stimmen und von heftigen Tritten. Dieſes Geräuſch dauerte von halb neun Uhr bis halb elf Uhr; und als ich ge⸗ ſ elf Uhr zu ihr kam, ſagte ſie mir, es ſcheine ihr, ie habe jenſeits der Wand ein ganzes Regiment ma⸗ noeuvriren hören. Ich wollte es nicht glauben und ſchrieb dieſe Erzählung einer von den extatiſchen Träu⸗ 4⁸ mereien zu, denen ſie an gewiſſen Tagen des Jahres preisgegeben iſt. „Weiter, weiter,“ ſagte verächtlich Herr Jackal. „Doch eines Abends mußte ich mich in das Augen⸗ ſcheinliche ergeben,“ fuhr Longue⸗Avoine fort. „Laß das hören.“ „Ich kam früher als gewöhnlich, da ich an dieſem Tage keinen Dienſt hatte, und ich ſprach meine Gebete mit Opportune, als ich das ſeltſame Geräuſch hörte, welches ſie ziemlich richtig charakteriſirte, indem ſie es mit dem Manveuvre eines Regimentes verglich. Dann ging ich, ohne ihr etwas zu ſagen, nachdem unſere Gebete beendigt waren, hinab, um das Haus zu inſpi⸗ ciren, deſſen Wand gemeinſchaftlich mit der des Zim⸗ mers von Barbette war. Ich ſchaute nach dem Fenſter: keine Spur von Licht; ich hielt mein Ohr an die Thüre: keine Ahnung von Geräuſch. Am andern Tage kam ich wieder und ſtellte mich gerade da, wo wir ſind, in Hinterhalt: ich ſah nichts. Ich kam am zweiten Tage abermals: noch nichts. Endlich, vierzehn Tage nachher, und es ſind heute vierzehn Tage, ſah ich, wie ich Ihnen zu ſagen die Ehre gehabt habe, ſechzig Männer, in Gruppen von zwei, vier, ſechs, eintreten und dies im Zeitraume von ungefähr zwei Stunden, genau, wie wir es heute Abend geſehen haben.“ „Und was iſt Deine Meinung über dieſes Aben⸗ teuer, Longue⸗Avoine?“ „Meine Meinung?“ „Ja, Du mußt nothwendig eine Meinung, ſo falſch und ſo albern ſie auch ſein mag, über das, was in die⸗ ſem Hauſe vorgeht, haben.“ „Ich ſchwöre Ihnen, Herr Jackal„ Herr Jackal hob zum zweiten Male ſeine Brille empor und ſchaute Longue⸗Avoine mit ſeinen eigenen Augen an. „Longue⸗Avvine,“ ſagte der Polizeichef,„erkläre mir, warum Du mir in der vorigen Woche Deine ſch lun hres gen⸗ eſem bete örte, e es anmn ſere ſpi⸗ zim⸗ ſter: die Lage ſind, eiten Tage ich, chzig reten iden, ben⸗ alſch die⸗ rille enen kläre eine 49 Entdeckung mit ſo viel Enthuſiasmus mitgetheilt haſt, und warum Du ihr ſeit drei Tagen ſo viel Widerſtand entgegenſtellſt, daß ich Carmagnole und nicht Dich das Haus der Barbette zu beſetzen beauftragt habe.“ „Ich muß Ihnen alſo Alles ſagen, Herr Jackal?“ „Wofür glaubſt Du denn, daß Dich der Polizei⸗ präfect bezahlt, Schlingel?“ „Nun wohl, Herr Jackal, vor acht Tagen hielt ich unſere Leute für Verſchwörer...“ „Während heute.7 „Heute, das iſt etwas Anderes!“ „Was glaubſt Du denn?“ „„Ich glaube, ohne der Achtung, die ich Ihnen ſchuldig bin, zu nahe zu treten, daß es eine Verſamm⸗ lung von ehrwürdigen Jeſuiten iſt.“ „Und was bringt Dich zu dieſem Glauben?“ „Einmal habe ich Mehrere beim heiligen Namen Gottes ſchwören hören.“ „Sollteſt Du nach Witzen haſchen, Longue⸗Avoine?“ „Gott behüte mich hievor, Herr Jackal.“ „Laß Deinen zweiten Grund hören.“ „Der zweite Grund iſt, daß ſie lateiniſche Wörter ausſprechen.“ „Du biſt nur ein Dummkopf, Longue⸗Avvine.“ „„Das iſt möglich, Herr Jackalz doch warum bin ich nur ein Dummkopf?“ „Weil die Jeſuiten kein geheimes Haus brauchen, um ihre Verſammlungen zu halten.“ „Und warum nicht, Herr Jackal?“ „Weil ſie die Tuilerien haben, Gimpel.“ „Aber wer können dieſe Menſchen ſein?“ Ich denke, wir werden es erfahren, denn ich ſehe Carmagnole kommen.“ Und die unter dem Namen Carmagnole bezeichnete Perſon kam in der That auf Herrn Jackal zu, ohne daß ihre Tritte mehr Geräuſch auf dem Pflaſter mach⸗ ten, als wenn ihre Sohlen von Sammet geweſen wären. Dier Mohicaner von Paris v. 4 50 Es war ein kleiner magerer Mann mit olivengrü⸗ nem Teint, mit glühenden Augen, mit ſchnarrender Sprache und provengaliſchem Dialekte, eines von den bizarren Weſen, wie man ſie an den Ufern des Mittel⸗ ländiſchen Meeres trifft, und die alle Sprachen ſprechen, ohne ihre Mutterſprache zu kennen. „Nun, Carmagnole,“ fragte Herr Jackal,„welche Neuigkeit bringen Sie?“ „Ich bringe die Reuigkeit, daß das Loch gemacht iſt: noch einen letzten Schlag mit der Haue, und man kann hinein.“ Longue-Avoine horchte mit der größten Aufmerk⸗ ſamkeit; denn nach ſeiner Anſicht war er es, den man mit der Expedition, deren Schauplatz das Haus von Barbette war, hätte beauftragen müſſen. „Und das Loch iſt groß genug, daß ein Mann durchſchlüpfen kann?“ fragte Herr Jackal. „Ei! ich glaube wohl!“ erwiederte Carmagnole; „ein Loch ſo groß wie eine Thüre; die Stühle⸗Ver⸗ mietherin und ich haben es auch ſchon die Barbette⸗ Thüre genannt.“ „Ah!“ murmelte Longue⸗Avoine,„das iſt in ihrer Stube! Welche Demüthigung für mich: ich beſitze das Vertrauen meines Chefs nicht mehr!“ „Und Sie haben dieſen Durchbruch ohne Geräuſch gemacht?“ fuhr Herr Jackal fort. „Ich hörte die Fliegen athmen.“ „Es iſt gut; kehre zur Barbette zurück, rühre Dich nicht, und erwarte mich.“ Carmagnole verſchwand, wie er gekommen war das heißt raſch und ſtill wie eine Sternſchnuppe. Er war kaum in die Impaſſe des Vignes zurück⸗ gekehrt, als ein ſcharfes Pfeifen aus dem Dache des verdächtigen Hauſes hervorzukommen ſchien. Herr Jackal trat aus ſeinem Verſtecke, machte ein paar Schritte auf der Straße, und erblickte einen Mann rittlings auf der Kante des Daches. Spe Spr überr wird iſt d in ſe ſtecker ähnli 2 ausm erſten 2 vaf en bl 2 Ordm ihre links ten M gue⸗A ngrü⸗ render n den tittel⸗ echen, welche macht man fmerk⸗ man s von Mann nole ⸗„Ver⸗ ette⸗ ihret e das räuſch Dich war, urück⸗ he des te ein Mann Ordnung auf: 51 Er hielt ſeine Hände zuſammen, um ſich ein Sprachrohr daraus zu machen, und fragte: „Biſt Du es, Vol⸗au⸗Vent?“ „Ich ſelbſt in Perſon.“ „Glaubſt Du hinein zu können?“ „Ich bin deſſen ſicher.“ „Wodurch?“ „Es iſt eine Lücke im Dache: ich ſpringe in den Speicher und warte.“ „Du wirſt nicht lange warten.“ „Wie lange ungefähr?“ „Zehn Minuten.“ „Gut, alſo zehn Minuten! Wenn es in der Saint-Jacques⸗Kirche elf Uhr ſchlägt, mache ich den Sprung.“ Und er verſchwand. „Trefflich!“ ſprach Herr Jackal:„Carmagnole überwacht ſie links, Papillon von hinten; Vol⸗au⸗Vent wird in das Haus ſelbſt eindringen. Ich glaube, das iſt der Augenblick, einzutreten.“ Und von dem Orte, wo er war, ließ Herr Jackal, in ſeinen Mund den Mittelfinger von jeder ſeiner Hände ſteckend, einen Pfiff vernehmen, auf den acht bis zehn ähnliche Pfiffe antworteten. Dann liefen von allen nach der Rue des Poſtes ausmündenden Straßen Männer herbei, welche mit dem erſten Kerne vereinigt die Zahl fünfzehn erreichten. Vier von dieſen Männern waren mit Knütteln be⸗ waffnet, die ſie in der Hand hielten; vier Andere hat⸗ ten Piſtolen im Gürtel; wieder vier Andere hatten bloße Degen unter ihren Mänteln; zwei trugen Fackeln. Dieſe fünfzehn Männer ſtellten ſich in folgender die zwei Fackelträger nahmen, bereit, ihre Fackeln anzuſtecken, der eine rechts, der andere links von Herrn Jackal ihren Platz; die acht bewaffne⸗ ten Männer kamen zu zwei und zwei hinter ihm; Lon⸗ gue⸗Avvine commandirte die vier, welche die Nachhut 52 bildeten. Dieſe Belagerungszurüſtungen geſchahen nicht ohne ein wenig Geräuſch; Herr Jackal aber, als er ſich umwendend Jeden an ſeinem Poſten ſah, ſagte: „Stille nun! und diejenigen, welche religiöſe Ge⸗ fühle haben, wie Longue⸗Avoine, mögen ihr Gebet ver⸗ richten, wenn ſie ſich fürchten.“ Bei dieſen Worten zog er eine Caſſe⸗téte aus ſei⸗ ner Taſche, näherte ſich der Thüre des geheimnißvollen Hauſes, that drei Schläge mit einem der bleiernen Knöpfe, welche an den beiden Enden ſeiner Waffe an⸗ gebracht waren, und rief: „Heffnet, im Namen des Geſetzes.“ Wonach er ſein Ohr an das Schloß hielt. Kein menſchlicher Hauch verhinderte Herrn Jackal, das Geräuſch im Innern zu hören; die fünfzehn Al⸗ guazils ſchienen in eben ſo viete Bildſäulen verwandelt; doch nichts unterbrach die Stille, welche auf den Schall der drei Schläge folgte. fünf Minuten vergeblichen Hor⸗ Nach Verlauf von u ckal den Kopf wieder empor, thal drei neue Schläge in gleicher Entfernung und wieder⸗ holte die ſacramentliche Formel: „Oeffnet, im Namen des Geſetzes!“ Und er hielt ſein Ohr abermals an die Thüre Da er dieſes zweite Mal eben ſo wenig etwas hört⸗ als das erſte Mal, ſo klopfte er zum dritten Male; doch er erhielt keine Antwort. „Vorwärts, meine Herren,“ ſagte er,„da man unt beharrlich nicht öffnet, ſo wolten wir ſelbſt öffnen!“ Und er zog einen Schlüſſel aus der Taſche unt ſteckte ihn in das Schloß, das ſogleich nachgab. Die Thüre öffneie ſich⸗ chens hob Herr Ja —— ——— nicht s er Ge⸗ ver⸗ ſei⸗ ollen rnen an⸗ ackal, Al⸗ delt; Schal Hor⸗ that ieder⸗ hüre. hörte, Rale; n un 1 3 e und 53 CXVII. Vergebliche Mühe. Zwei Männer blieben auf der Straße mit der Piſtole in der Fauſt, während Herr Jackal, die Hand in die um ſeinen Caſſe⸗téte gerollte doppelte Schnur ſteckend, die Thüre heftig aufſtieß und zuerſt eintrat. Die zwei Fackelträger folgten ihm, und der Reſt der Schaar trat in der von uns genannten Ordnung ein. Der Raum, in den wir mit dem erſten Schlage eingedrungen ſind, war eine Art von Vorzimmer, un⸗ gefähr drei bis vier Metres lang und ſechs Fuß breit. Dieſes Vorzimmer oder vielmehr dieſer, von oben bis unten mit Kalk geweißte, Gang mündete gegen eine eichene Thüre, welche ſo dick und ſo ſolid, daß die drei Schläge, die Herr Jackal daran that, nicht ſtärker als wenn man an eine Granitmauer geſchlagen ätte. Der Polizeimann ſchien auch die dreifache Förm⸗ lichkeit zu Befreiung ſeines Gewiſſens zu erfüllen; als dieſe Förmlichkeit erfüllt war, verſuchte er es, die Thüre zu erſchüttern, doch vergebens: die Thüre war taub, ſtumm, unempfindlich; man hätte glauben ſollen, es ſei das Thor der Hölle. „Vergeblich!“ ſagte Herr Jackal;„man müßte den Widder von Duilius oder die Catapulte von Gottfried von Bouillon haben!— Wo ſind die Dietriche, Brin⸗ d'Acier.“ Ein Mann trat vor und übergab Herrn Jackal einen Bund Schlüſſel und Hakenz doch die Thüre ließ ſich eben ſo wenig mit einem Diebshaken aufmachen, als ſie ſich hatte ſprengen laſſen. Es war klar, daß man ſie von innen verbarricadirt hatte. 54 Einen Augenblick glaubte Herr Jackal, dieſe Thüre ſei keine Thüre, und ein Künſtler vom größten Talente habe ganz einfach, in einem Momente der Laune, eine eichene Thüre an die Wand gemalt. „Zündet alle Fackeln an!“ ſagte er. Man ſteckte alle Fackeln an; es war wirklich eine Thüre. Ein Anderer würde Ausrufungen von ſich gegeben, oder eine Grimaſſe des Aergers gemacht, oder wenigſtens ſich an der Naſe gekratzt haben: doch die dünnen Lippen von Herrn Jackal rührten ſich nicht; ſein fahles Auge änderte den Ausdruck nicht; ſein Geſicht affectirte im Gegentheile eine fromme Ruhe. Er gab Schlüſſel und Dietriche Brin⸗d'Acier zurück, zog aus der rechten Taſche ſeiner Weſte ſeine Tabaksdoſe, nahm eine Priſe Tabak, die er zwiſchen ſeinem Daumen und ſeinem Zeigefinger zu ſieben und zu verfeinern ſchien, führte ſie an ſeine Naſe und ſchlürfte ſie mit Wolluſt. Er wurde mitten in dieſer Beſchäftigung durch einen Schrei unterbrochen, den man im Dache des Hauſes auszuſtoßen ſchien, und durch ein ſeltſames Ge⸗ räuſch, das jenſeits der Thüre ertönte: man hätte glau⸗ ben ſollen, es ſei das Geräuſch des Sturzes eines vom fünften Stolde fallenden Körpers und das eines auf einer Platte zerſpringenden Schädels.. Dann nichts mehr! kein bemerkbarer Ton; eine erſchreckliche Stille, die Stille des Todes! „Teufel!“ murmelte Herr Jackal, der diesmal eine Grimaſſe machte, welche zu analyſiren unmöglich gewe⸗ ſen wäre, ſo complicirt, das heißt gemiſcht von Aerger, Mitleid, Ekel und Verwunderung war ſiez„Teufel! Teufel!“ wiederholte er in zwei bis drei verſchiedenen Tonarten.„ „Was gibt es denn?“ fragte erbleichend der em⸗ pfindfame Longue⸗Avvine, der das Geſicht des Patrons ſtudirte, jedoch ohne es begreifen zu können. c Ju ſch Po in üre ente eine eine ben, tens ppen luge im und aſche bak, nger ſeine urch des Ge⸗ lau⸗ vom au ichts tille, eine ewe⸗ rger, uſel! denen em⸗ trons 55 „Es gibt,“ antwortete Herr Jackal,„daß der arme Junge wahrſcheinlich todt iſt.“ „Wer, todt?“ fragte Longue⸗Avoine, nach innen ſchielend, ſtatt nach außen zu ſchielen. „Wer dies?.. Vol⸗au⸗Vent, bei Gott!“ „Vol⸗ au-Vent todt?“ murmelten im Chor die Polizeiagenten. „Ich befürchte es ſehr,“ erwiederte Herr Jackal. „Und warum ſollte Vol⸗au-Vent todt ſein?“ „Einmal habe ich ſeine Stimme in dem Schrei, den wir gehört, zu erkennen geglaubt; und wenn er ſechzig Fuß herabgefallen iſt, wie ich annehme,— denn man kann die Höhe eines Sturzes durch das Geräuſch, das er hervorbringt, ermeſſen,— wenn er ſechzig Fuß herabgefallen iſt, ſo ſind wenigſtens ſechzig Chancen bei hundert, daß er auf der Stelle getödtet worden iſt, oder daß wir ihn ſehr krank wiederfinden!“ Das unheimliche Stillſchweigen, welches auf das Geräuſch des Sturzes gefolgt war, folgte auch auf die Worte von Herrn Jackal; dann hörte man das Ge⸗ räuſch eines zweiten Falles, doch eines leichteren; man hätte glauben ſollen, es ſei Jemand mit geſchloſſenen Füßen von der Höhe eines erſten Stockes auf den Boden des Saales herabgeſprungen; wenigſtens war dies die Meinung von Herrn Jackal, und trotz der Argumente von Longue⸗Avoine, beharrte er bei dieſer Meinung, welche, wie man ſehen wird, bewunderungswürdig war. Fünf Minuten nachher hörte man hinter der Thüre das Gemurmel einer Stimme, welche fragte: „Sind Sie es, Herr Jackal?“ „Ja Biſt Du es, Carmagnole?“ „Ich bin es.“ „Kannſt Du uns aufmachen?“ „Ich glaube. Doch es iſt hier ſo finſter wie in einem Ofen: ich will anzünden.“ „Zünde an!. Haſt Du die Dietriche?“ 56 „Ich gehe nie ohne meine Vögel, Herr Jackal*).“ Und man hörte das Geräuſch eines Schloſſes, das man aufhakte; doch die Thüre ſchien ihren Widerſtand zu verdoppeln. „Nun?“ fragte Herr Jackal. „Warten Sie, ich habe es,“ erwiederte Carmagnole. „Es ſind zuerſt zwei Riegel da. Er zog die zwei Riegel. „Sodann eine Stange.. Ab! Teufel, die Stange wird durch ein Vorlegſchloß gehalten..“ „Haſt Du eine Feile?“ „Nein.“ „Ich will Dir eine unter der Thüre durch zu⸗ ſchieben.“ Herr Jackal ſchob in der That unter der Thüre ſo fein und dünn wie ein Blatt Papier durch. Man hörte eine Minute lang das Geräuſch des Stahles, der in das Eiſen einbiß. Dann rief Carmagnole: „Es iſt geſchehen!“ Und die Stange fiel ſchwer auf die Platte. Zu gleicher Zeit öffnete ſich die Thüre. „Ah!“ ſagte Carmagnole, auf die Seite tretend, um ſeinem Patron Durchgang zu gewähren,„alle Teu⸗ fel! wir ſind nicht ganz ohne Mühe zum Ziele gelangt.“ Beim Scheine des Wachsſtockes von Carmagnole und der zwei Fackeln warf Herr Jackal einen raſchen Blick in das Innere der Stuben ſie war leer; nur lag in der Mitte eine formloſe Maſſe ohne Bewegung. Der Polizeimann machte mit dem Kopfe eine Ge⸗ berde, welche bedeutete:„Ich ſagte es wohl!“ „Ah! ja,“ rief Carmagnole,„Sie ſehen. „Ja.. Er iſt es, nicht wahr?“ „Ich habe ihn an ſeinem Schrei erkannt, und das *) Le rossignol heißt zugleich die Nachtigall und der Dietrich. tri bet Pe ko che tra Sa die in das Hö vor ſo ten för in von Ba zwö mit die Kre keit Go Kor Wa Ma gen Na das tand wle. ange tend, Teu⸗ igt.“ nole ſchen lag Ge⸗ das trich. 57 trieb mich zur Eile an.„„Ah!““ ſagte ich zur Bar⸗ bette,„„Vol⸗au⸗Vent wünſcht uns gute Nacht!““ „Er iſt todt?“ 2 „Was es nur äußerſt Todtes geben kann.“ „Man wird ſeiner Witwe zweihundert Franken Penſion geben,“ ſprach feierlich Herr Jackal.„Doch kommen wir nun auf das Weſentliche zurück: unterſu⸗ chen wir das Terrain.“ Und die Agenten, denen Herr Jackal voranſchritt, traten mit ihm in eine Stube, oder vielmehr in einen Saal ein, der eine ganz beſondere Beſchreibung ver⸗ dient. Man ſtelle ſich eine ungeheure Rotunde vor, erbaut in der ganzen Breite und der ganzen Höhe des Hauſes, das heißt ſechzig Fuß im Durchmeſſer, bei ſechzig Fuß Höhe, wie es nach dem durch den Fall des Körpers von Vol⸗au⸗Vent hervorgebrachten Geräuſche Herr Jackal ſo richtig geſchätzt hatte; ausgeplattet und mit geweiß⸗ ten Wänden, die ſich vom Grunde bis zu dem kuppel⸗ förmigen Dache erhoben und erleuchtet durch ein Fenſter in Form einer Tabatiere. Unmittelbar unter dieſem Fenſter lag der Körper von Vol⸗au-Vent. Auf einer Seite,— auf der Seite, welche zur Barbette ging,— war die Mauer in einer Höhe von zwölf bis fünfzehn Fuß aufgebrochen; eine alte Frau, mit ihrem Lichte in der Hand, ſchaute neugierig durch die Heffnung und machte dabei zahlloſe Zeichen des Kreuzes. Das Ganze der Decvration hatte einige Aehnlich⸗ keit mit dem Tempel der Venus, der ſich am Ufer des Golfs von Baiä erhebt, oder noch genauer mit unſerer Kornhalle, wenn ſie von ihren Mehlſäcken entblößt iſt. Was dieſe Aehnlichkeit vervollſtändigte, war der totale Mangel an allen Meubles, Utenſilien oder anderen Ge⸗ genſtänden. Keine Spur von Bewohnern, eine völlige Nacktheit, eine gänzliche Einſamkeit! man hatte ſich in 58 den Ruinen eines chklopiſchen Gebäudes geglaubt, das einſt von Titanen bewohnt geweſen. Herr Jackal ging rings im Saale umher, und während er dies that, fühlte er den Schweiß verletzter Eitelkeit auf ſeiner Stirne perlen. Offenbar war er mnyſtificirt. Er ſchaute umher, hinauf, hinab; nichts am Pla⸗ fond, als das Fenſter, durch welches Vol⸗au⸗Vent ge⸗ fallen warz nichts an den Wänden, als die Oeffnung, durch welche Carmagnole geſprungen war. Nachdem man dieſen Hauptpunkt bewahrheitet hatte, kam man zu der ſecundären Sache, das heißt zum Leich⸗ name von Vol⸗au⸗Vent, der, wie geſagt, in einer Blut⸗ lache ſchwimmend, die Glieder ausgerenkt, den Schädel geöffnet, unter dem Fenſter lag. „Der Unglückliche!“ murmelte Herr Jackal, weni⸗ ger aus Mitleid, als um auf irgend eine Art die Lei⸗ chenrede eines auf dem Felde der Ehre geſtorbenen Braven zu ſprechen. „Wie läßt ſich das aber erklären,“ fragte Longue⸗ Avvine,„und was iſt Vol⸗au⸗Vent eingefallen, daß er einen Sprung von ſechzig Fuß gemacht hat?“ Herr Jackal zuckte die Achſeln, ohne Longue⸗Avoine zu antworten; Carmagnole nahm aber das Wort, deſſen ſich zu bedienen ſein Chef verachtete, und ſagte: „Was ihm eingefallen iſt? Es iſt Vol⸗au⸗Vent offenbar gar nichts eingefallen: er hat vom Dache in eine Manſarde zu ſpringen geglaubt, und iſt vom Dache in ein Erdgeſchoß geſprungen. Ich würde keinen ſol⸗ chen Bock ſchießen.“ „Und was haſt Du gemacht?“ fragte Herr Jackal; „denn ich nehme an, Du haſt nicht die Unklugheit be⸗ gangen, welche Barbette in dieſem Augenblicke begeht, — mit einem Lichte zu ſchauen, ehe Du geſprungen biſt.“ „Ah! ja wohl!“ „Ich höre,“ ſagte Herr Jackal, der gar nicht hörte, F ra A Ar ne wi Ter ſche Uh bei ſie wöl das und ter 59 dem es aber nicht unangenehm war, ſeinen Verdruß unter dem Schleier der Aufmerkſamkeit zu verbergen. „Nun wohl, Sie wiſ ſen Eines: daß wir faſt alle Fiſcher oder Matroſen ſind in den Städten des Litto⸗ rals vom Mittelländiſchen Meere, von Martigues bis Aleſſandria, und von Aleſſandria bis Cette.“ „Weiter?“ ſagte Herr Jackal, indeß er mit den Augen nach allen Seiten ſpähte und ſeinen Untergebe⸗ nen nur ſchwatzen ließ, um Zeit zu gewinnen. „Nun wohl,“ fuhr Carmagnole fort,„was machen wir, wenn wir fiſchen oder ſicher in den Hafen einlau⸗ fen wollen? Wir ſondiren den Grund. Was habe ich gethan? Ich habe mei nen Bleifaden hinabgelaſſen, und als ich ſah, daß nur drei Klafter Leere und ge⸗ platteter Boden da waren biegend, denn ich habe et ſprang ich meine Beine was von der Gymnaſtik bei einem mir befreundeten Pompier gelernt. Mein lieber Carmagn lo guter Fiſcher Du auch ole,“ ſagte Herr Jackal,„ein ſein magſt, ſo befürchte ich doch, daß wir diesmal ohne den geringſten Gründling zurückkehren.“ „In der That,“ erwied wohl wiſſen, was aus de erte Carmagnole,„ich möchte nſechzig Burſchen geworden iſt, die wir in das Haus haben eintreten ſehen.“ „Wir haben ſie genau Herr Jackal. „Bei Gott!“ geſehen, nicht wahr?“ fragte „Nun denn, ſie ſind verſchwunden, entflogen! Zum Teufel! der Streich iſt geſchehen!“. „Ho! ho!“ entgegnete Carmagnole,„ſechszig Men⸗ ſchen verſchwinden nicht wie ein Ring, oder wie eine Uhr, oder wie Jean Debry, und wenn der Teufel da⸗ bei wäre!“ „Der Teufel iſt dabei,“ verſetzte Herr Jackal,„und ſie ſind nicht mehr da!“ „Ich weiß wohl, daß wölbe ausſieht wie der B dieſes verdammte große Ge⸗ echer eines Taſchenſpielers; 60 aber ſechzig Menſchen.. Es muß etwas wie ein doppelter Boden da ſein.“ „Wo mögen ſie ſein, Herr Jackal?“ fragte Longue⸗ Avoine ſeinen Chef, in ſeinem Vertrauen zum unfehl⸗ baren Scharfſinne von dieſem. Diesmal hatte aber Herr Jackal die Spur völlig verloren. „Alle Teufel!“ ſagte er,„Du begreifſt wohl, Dummkopf, daß ich es, da ich mir die Sache ſelbſt nicht erklären kann, nicht verſuchen werde, ſie Dir zu erklären!“ Sodann ſich gegen ſeine Untergebenen umwendend: „Was macht Ihr da und ſchaut mich ſo dumm an, Ihr Leute? Sondirt die Wände mit dem Ende Eurer Stöcke, mit der Spitze Eurer Degen, mit dem Kolben Eurer Piſtolen.“ Die Knüttelträger, die Degenträger, die Piſtolen⸗ träger gehorchten ſogleich und klopften mit allem Eifer an die Wand; doch die Wand antwortete, ſo befragt, mit einer männlichen Stimme, nicht mit einer hohlen, wie es Herr Jackal unbeſtimmt gehofft hatte. „Meine Kinder,“ ſagte er,„wir haben es mit Leuten zu thun, welche offenbar feiner ſind, als wir!.. Noch eine letzte Runde mit den Fackelträgern!“ Die Fackelträger gingen, wie es Herr Jackal be⸗ fahl, leuchtend dem Zuge voran, dann kam er ſelbſt mit ſeinem Caſſe⸗téte, und ihm folgten die Knüttelträ⸗ ger, die Degenträger und die Piſtolenträger. Wer in dieſem Augenblicke eingetreten wäre und dieſe Leute ſo mit aller Heftigkeit die Wände bearbei⸗ tend geſehen hätte, würde ſie ſicherlich für Wahnfinnige gehalten haben. Als die Wände überall nein geantwortet hatten, ging man von den Wänden zu den Platten über, und man führte auf den genannten Platten dieſelbe Häm⸗ merungsarbeit aus, die man an den Wänden ausge⸗ führt hatte. 4 4 ein gue⸗ ehl⸗ oh, elbſt r zu end: mm Ende dem len⸗ ifer ragt, len, mit be⸗ elbſt trä⸗ und bei⸗ nige tten, und äm⸗ sge⸗ 61 Verlorene Mühe? man fühlte nicht die geringſte Leere, man ſah nicht den kleinſten Sprung. Nach Verlauf einer Stunde dieſer vergeblichen Uebung mußte man darauf verzichten, wie man auf die erſte verzichtet hatte, und in Ermanglung von andern Materien ſich an die Stirne ſchlagen, um etwas daraus zu ziehen, was nützlicher als das, was man aus den Wänden und dem Boden gezogen hatte. Man hielt alſo eine große Berathung; da es aber, nach vorläufigen, ſowie nach den neuſten Erkundigun⸗ gen, die man eingezogen, erwieſen war, daß dieſes Haus keine Keller hatte, und daß es nur aus dem Vor⸗ zimmer und dem Saale beſtand, ſo zerbrachen ſich alle Agenten nicht länger den Kopf, und fanden es viel einfacher, zu ſagen, es ſtecke dahinter irgend ein My⸗ ſterium oder eine Zauberei, als die Auflöſung dieſes Myſteriums, das Geheimniß dieſer Magie zu ſuchen. Nur Herr Jackal allein verzweifelte nicht. CXVIII. Der Puits⸗qui⸗parle*). . Zwei Männer hoben den ausgerenkten Leichnam von Vol⸗au⸗Vent auf und trugen ihn aus dem Zimmer nach außen.. Sechs Männer bliehen im Saale. Hienach löſchte man die Fackeln aus, und Herr Jackal verließ das Haus, gefolgt von Carmagnole und von Longue⸗Avoine, dem der Reſt des Truppes folgte. *) Der ſprechende Brunnen. 62 Man ließ auf der Straße die zwei Männer, welche außen Wache gehalten hatten: ſie ſollten bis Tagesan⸗ bruch in der Rue des Poſtes auf und abgehen. So nachdenkend, ſo düſter als Hippolyt, den Kopf ſo geſenkt wie die Renner des claſſiſchen Helden, ver⸗ tieft in einen Gedanken, der nicht minder traurig, als der, welcher den Geiſt dieſer edlen Thiere beſchäftigte, wandte ſich Herr Jackal nach der Rue du Puits⸗qui⸗parle. Doch in dem Augenblicke, wo er in dieſe Straße eintrat, blieb Herr Jackal plötzlich ſtehen. Carmagnole und Longue⸗Avoine, als ſie ſahen, daß ihr Chef ſtehen blieb, blieben auch ſtehen: der Reſt der Brigade folgte dem Beiſpiele und machte Halt. Ein Stöhnen ſchien unter dem Pflaſter hervorzu⸗ kommen. Es war dieſes Stöhnen, was das geübte Ohr von Herrn Jackal betroffen hatte, und er war ſtehen geblie⸗ ben, um zu entdecken, woher es kam. „Man horche!“ ſagte Herr Jackal. Sogleich ſpitzte Jeder das Ohr, die Einen blieben unbeweglich an dem Orte, wo ſie ſich befanden, die Anderen hielten ihre Gehörsmündung an die Mauer, wieder Andere drückten, wie die Wilden Americas, die⸗ ſelbe Gehörsmündung an das Pflaſter. Das Reſultat des Horchens war, daß ein Menſch ein fürchterliches Stöhnen von ſich gab, und daß dieſes Stöhnen aus dem Mittelpunkte der Erde zu kommen ſchien. Doch an welchem Orte wurde dieſes Stöhnen ausgeſtoßen? Das konnte Niemand genau ſagen. „Ich fange entſchieden an zu glauben, daß ich das Spielzeug eines geſchickten Zauberers bin!“ ſagte Herr Jackal.„Sechzig Menſchen verdunſtet wie eben ſo viel Seifenblaſen, Pflaſterſteine um Hülfe rufend, ein Stöhnen, das man weiß nicht woher kommt, wie im Befreiten Jeruſalem von Taſſo, Alles dies, meine Kinder, gibt unſerer Forſchung die Wichtigkeit eines Kampfes mit einer verborgenen Macht.— Laſſen wir ne für Pi nie ſog Se der vie den ben tier zu nen von räu eine Ma che un⸗ pf er s te, ße aß e u⸗ on e⸗ en ie r e⸗ 6 es en as rr iel ein im ne es ir 63 uns indeſſen nicht entmuthigen und ſuchen wir den Schlüſſel dieſer Vorfälle.“ Nach dieſer Rede, welche beſtimmt war, den durch den Tod von Vol⸗au⸗Vent und das Verſchwinden der ſechzig Verſchwörer ein wenig niedergeſchlagenen Muth wieder zu heben, horchte Herr Jackal aufs Neue; und da Jedermann den Athem an ſich hielt, ſo hörte man genau die Klagen eines menſchlichen Geſchöpfes, das hundert Fuß unter der Erde begraben zu ſein ſchien. Herr Jackal wandte ſich nach einem Punkte der Straße, klopfte mit der Hand an einen drei bis vier Fuß über der Erde erhöhten Laden und ſagte: „Das Geräuſch kommt von hier.“ Carmagnole näherte ſich und ſprach: „Die Stimme ſcheint in der That aus dieſem Brun⸗ nen zu kommen, und ich füge bei, daß dies, wenigſtens für mich, nichts Erſtaunliches iſt, da wir es mit dem Puits⸗qui⸗parle zu thun haben.“ Viele von unſeren Leſern wiſſen ohne Zweifel nichts von der Eriſtenz des Puits⸗qui⸗parte und ſogar von der der Straße, die dieſen Namen trägt. Sagen wir ihnen ſchleunigſt, daß dieſe Straße zwiſchen der Rue des Poſtes und der Rue Neuve⸗Sainte⸗Gene⸗ vieve liegt, und daß im Winkel dieſer Straße ein über dem Randſteine mittelſt eines Ladens geſchloſſener Brunnen iſt, der ſeinen Namen dieſer Straße gege⸗ ben hat. Im Mittelalter gingen die Bewohner dieſes Quar⸗ tiers, wenn es einmal finſtere Nacht war, nicht ohne zu ſchauern durch dieſe Straße, die ſich mit einem gäh⸗ nenden Brunnen ſchloß. Mehrere von den muthigſten Bürgern, Mehrere von den am wenigſten furchtſamen Studenten erklärten in der That, ſie haben aus dem Schlunde ſeltſame Ge⸗ räuſche, bizarres Schallen von Stimmen, Geſänge in einer unbekannten Sprache hervorkommen hören; andere Male war es der Ton von Rieſenhämmern, welche auf 64 ungeheure Amboſſe fielen; wieder andere Male war es das Klirren von eiſernen Ketten, deren Ringe man ganze Stunden lang auf Marmorplatten abzukörnen ſchien.. Dabei war das Gehör nicht der einzige Sinn, der unangenehm afficirt wurde, wenn man durch die Straße ging oder in der Umgegend dieſes Luftloches der Hölle wohnte: es kamen tguſend verpeſtete Gerüche, tauſend tödtliche Miasmen, Ausſtrömungen von Kohle und Schwefel daraus hervor,— lauter in den Augen der Menge genügende Urſachen, um die Peſten, die Fieber zu erklären, welche beſonders das vierzehnte und das fünfzehnte Jahrhundert verheerten. Wer verurſachte dieſen Lärmen? was verbreitete dieſe faulen Miasmen? wir wiſſen es nicht: die Legende beſchränkt ſich darauf, daß ſie die Thatſache beſtätigt, ohne zur Quelle hinauf⸗ oder vielmehr hinabzuſteigen; nur,— wie dies immer in ſolchen Fällen geſchieht,— beſchuldigte man eine Bande von Falſchmünzern, ſie bewohne die Höhlen, mit denen der Brunnen in Ver⸗ bindung ſtehe. Andererſeits ſahen die religiöſen Seelen hierin zu⸗ gleich eine erſchreckliche Drohung und eine liebreiche Warnung des Herrn, welcher geſtatte, daß der Lärm des Geheules der Verdammten bis zur Erde durch die⸗ ſen furchtbaren Brunnen emporſteige, der ihm als Con⸗ ductor diente. Sicher iſt, daß ein Brunnen, aus dem ſolche Ge⸗ räuſche hervordrangen, und der ſolche Ausdünſtungen verbreitete, mit Recht der Puits⸗qui⸗parle genannt wer⸗ den konnte, und, wie Carmagnole ſo vernünftig bemerkt hatte, dieſer Brunnen, welcher im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert ſo gewaltige Schreie ausge⸗ ſtoßen, konnte wohl im neunzehnten einiges Stöhnen von ſich geben. Bemerken wir, daß 1827 ſchon ſeit mehreren Jah⸗ ren der Brunnen für die Bewohner des Quartiers ge⸗ es nan nen der aße ölle ſend und der ber das tete nde igt, en; — ſie ger⸗ zu⸗ iche irm die⸗ on⸗ Ge⸗ gen ver⸗ erkt und sge⸗ nen ah⸗ ge ſchloſſen war, mochte er nun vertrocknet ſein, mochte der Polizeipräfect den Reclamationen gewiſſer furchtſamer Bürger willfahren zu müſſen geglaubt haben. „Nimm mir dieſe Thüre da weg!“ ſagte Herr Jackal zu einem von ſeinen Leuten. Derjenige, welchem man den Befehl gegeben hatte, ging mit einer Hebeſtange hinzu; doch bei der erſten Anſtrengung, die er machte, bemerkte er, daß das Vor⸗ hängſchloß gebrochen war. Die Thüre gab ohne Widerſtand nach. Herr Jackal ſtreckte ſeinen Kopf in die Oeffnung, horchte und hörte aus den Eingeweiden der Erde die von einer hohlen Stimme geſprochenen Worte hervorkommen. „Herr mein Gott! thu ein Wunder für Deinen ganz ergebenen Diener!“ „Das iſt eine religiöſe Perſon,“ ſagte Longue⸗ Avoine ſich bekreuzend. „Herr! Herr!“ fuhr die Stimme fort,„ich bekenne alle meine Sünden, und ich bereue ſie... Herr! Herr! laß mich durch Deine Gnade das Licht des Himmels wiederſehen, und ich werde den Reſt der Tage, die ich Dir verdanke, damit zubringen, daß ich Deinen heili⸗ gen Namen preiſe.“ „Das iſt ſeltſam,“ ſprach Herr Jackal,„mir ſcheint, ich kenne dieſe Stimme.“ Und er horchte noch aufmerkſamer. ie Stimme fuhr fort: „Ich ſchwöre meine Irrthümer ab, ich bekenne meine Verbrechen.. Ich geſtehe, daß ich mein Leben lang ein abſcheulicher Böſewicht geweſen binz doch ich rufe um Gnade aus den Tiefen des Abgrunds!“ „De profundis clamavi ad te!“ pſalmodirte Lon⸗ gue⸗Avvine für den unbekannten Sünder betend. „Ganz gewiß habe ich dieſe Stimme ſchon gehört,“ murmelte Herr Jackal, der im höchſten Grade das Ge⸗ dächtniß der Töne beſaß. Die Mohicaner von Paris. v. 5 66 „Ich auch,“ ſagte Carmagnole. „Wäre Gibaſſier in dieſem Augenblicke nicht im Bagno von Toulon, wo er es wärmer haben muß als hier,“ ſprach Herr Jackal,„ſo würde ich ſagen, er ſei in extremis und mache ſeine Gewiſſensprüfung.“ Derjenige, welcher in der Tiefe des Brunnens 6 war, hörte ohne Zweifel, daß man über ſeinem Kopfe ſprach, denn plötzlich den Ton verändernd, brüllte er mehr, als er rief: „Zu Hülfe! Mörder! zu Hülfe!“ Herr Jackal ſchüttelte den Kopf. „Er ruft: Mörder!“ ſagte er:„das kann nicht Gibaſſier ſein... wenn er nicht etwa gegen ſich ſelbſt zu Hülfe ruft.“ „Zu Hülfe! rettet mich!“ ſchrie die unterirdiſche Stimme. „Du wohnſt im Quartier, Longue⸗Avoine?“ fragte Herr Jackal.. „Zwei Schritte von hier.“ „Du mußt einen Brunnen haben?“ „Ja, Herr.“ „Dann iſt an Deinem Brunnen ein Seil?“ „Von hundert und fünfzig Fuß.“ „Hole Dein Seil.“ „Verzeihen Sie, Herr Jackal, aber... „Es iſt noch ein Kloben da: nichts kann leichter, ſein, als hinabzuſteigen.“ Longue⸗Avoine machte eine Mundverziehung, welche bedeutete:„Leicht vielleicht für Sie, doch nicht für mich.“ „Nun?“ fragte Herr Jackal. „Man geht,“ erwiederte Longue⸗Avoine. 3 Und er verſchwand auf der Seite der Impaſſe⸗des⸗ Vignes. Die Stimme fuhr indeſſen immer fort, und zwar in den höchſten Tönen, diesmal aber nicht mehr als reumüthiger Sünder, ſondern als Gottesläſterer auf. die erſchrecklichſte Art fluchend. 3 im als er . „———————— ens opfe e er icht elbſt iſche agte — chter elche ich.“ des⸗ ——* zwar als — 67 „Rettet mich, tauſend Götter! zu Hülfe, Sacra⸗ ment! man ermordet mich, alle Donner!“ Kurz alle Flüche und Schwüre, welche Galilée Copernic von Fafiou verlangt hatte, um ſeinen Ver⸗ ſprechungen mehr Förmlichkeit zu geben.— Die Flüche, die ſich ein Pitre auf der Bühne erlauben darß ſind indeſſen nicht entſchuldbar von Seiten eines Menſchen, der proviſoriſch hundert Fuß unter der Erde begraben iſt. Herr Jackal neigte den Kopf gegen den Brunnen und rief dem ungeduidigen Sünder zu: „Ei! tauſend Donner und Teufel! warte ein we⸗ nig, man kommt ſchon!“ „Gott vergelte es Ihnen!“ antwortete der Unbe⸗ kannte, völlig beruhigt durch dieſes Verſprechen. Hienach erſchien Longue⸗Avoine wieder; er trug in ſeinen Armen das in Form eines 8 aufgerollte Seil ſeines Brunnens. „Gut!“ ſagte Herr Jackal,„ſchlage Dein Seil um den Kloben... Du haſt wohl einen ſoliden Gürtel?“ „Oh! was das betrifft, ja, Herr Jackal.“ „Nun wohl! wir wollen Dich am Gürtel anhaken, und Du wirſt in die Tiefe des Brunnens hinabſteigen.“ Longue⸗Avoine wich drei Schritte zurück. „Ei, was erfaßt Dich?“ fragte Herr Jackal. „Weigerſt Du Dich in dieſen Brunnen hinabzuſteigen?“ „Nein! Herr Jackal,“ antwortete Longue⸗Avoine, „ich weigere mich nicht poſitiv. doch ich willige auch nicht ein.“ „Und warum dies?“ „Es iſt mir von meinem Arzte förmlich verboten, mich an feuchten Orten aufzuhalten, weil ich ſo ſehr zu Rheumatismen geneigt bin; und ich erlaube mir zu behaupten, daß der Grund dieſes Brunnens voll Feuch⸗ tigkeit iſt.“ „Ich kannte Dich als feig, Longue⸗Avvine,“ ſagte Herr Jackal,„doch nicht in dieſem Grade!.. Raſch, 65 mache Deinen Gürtel los und gib ihn mir.. Ich werde hinabſteigen.“ „Bin ich denn nicht da, Herr Jackal?“ fragte Carmagnole. „Ja, Du biſt ein Braver, Carmagnole; doch ich habe es mir überlegt; ich ziehe es vor, wenn ich ſelbſt hinabſteige. Ich weiß nicht warum: ich habe eine gute Meinung von dem, was ich in der Tiefe dieſes Brun⸗ nens erfahren werde.“ „Natürlich!“ bemerkte Carmagnole;„ſagt man nicht, dort treffe man die Wahrheit?“ „Man ſagt es in der That, geiſtreicher Carmag⸗ nole,“ erwiederte Herr Jackal, während er um ſeine Lenden den Gürtel von Longue⸗Avvine befeſtigte,— ein Gürtel ähnlich dem unſerer Pompiers, das heißt ungefähr vier Zoll breit und am Mittelpunkte mit einem Ringe verſehen.„Und nun,“ fuhr Herr Jackal fort,„zwei kräftige Männer, um dieſes Seil zu halten.“ „Hier bin ich!“ rief haſtig Carmagnole. „Nein, nicht Du,“ entgegnete Herr Jackal eben ſo lebhaft ausſchlagend, als Carmagnole angeboten hatte. „Ich hege ein großes Vertrauen zu Deinen moraliſchen Kräſten, doch ich habe kein Vertrauen zu Deinen phy⸗ ſiſchen Kräften.“ Die zwei Fackelträger, kurze, unterſetzte, viereckige, wie Eichen knorrige Leute, ergriffen eines der Enden des Seils; einer von ihnen befeſtigte es um den Leib ſeines Kameraden, und machte ſelbſt einen Knoten um ſein Fauſtgelenke; wonach Hert Jackal, der den Ring in die am andern Ende des Seiles angebrachte eiſerne Klammer hatte einfügen laſſen, auf den Randſtein des Brunnens ſtieg und zu ſeinen Leuten mit einer Stimme, in der ſich unmöglich die geringſte Veränderung erkennen ließ, ſagte: „Achtung, Kinder!“ ch bſt te n⸗ an g⸗ ine ißt mit kal ſo tte. hen hy⸗ ige, den eib um ing rne des me, men 69 CXIX. Wo bewieſen iſt, daß nur die Berge allein nicht zuſammentreffen. Das linke Knie an den Randſtein des Brunnens gedrückt, den rechten Fuß ein wenig rückwärts, warteten die zwei Männer auf einen letzten Befehl. Herr Jackal ſchaute ſie an, indem er ſeine Brille emporhob, obſchon er ſie von ſeiner hohen Stellung aus vollkommen ſehen konnte, ohne ſich dieſe Mühe zu nehmen. Dann ſchob er einen Augenblick ſeinen Stock unter ſeinen Arm und machte: „Ah!“ Und wie ein Menſch, der zur Stunde der Reiſe etwas Wichtiges vergißt, ſtörte er in ſeiner Taſche, zog ſeine Tabatiere heraus, öffnete ſie mit Begierde, ſteckte den Daumen und den Zeigefinger hinein und ſtopfte ſich die Naſe mit einer Priſe Tabak voll. Wonach er ſeinen Stock wieder nahm,— ein Zubehör, das nicht ohne Wichtigkeit bei dem Hinabſteigen war, welches er unter⸗ nehmen wollte. „Und nun, ſeid Ihr bereit?“ fragte er. „Ja, Herr Jackal,“ antworteten die zwei Männer. „Vorwärts alſo! und langſam, da die Wände die⸗ ſes Brunnens nicht genau behauen ſind.“ Uund mit einer Hand das Seil einen Fuß über ſeinem Kopfe ergreifend, während er mit der andern und mit Hülfe ſeines Stockes ſich in einer angemeſſenen Entfernung von der Mauer zu halten gedachte, ließ er ſich, — den Körper in vollkommenem Gleichgewichte mitten im Raume,— in den Mittelpunkt des Brunnens hinab. 4 e 70 „Laßt ſachte nach, und von Zeit zu Zeit ein paar Minuten anhalten... Vorwärts!“ Die zwei Männer ließen das Seil Zoll um Zoll nach, und Herr Jackal verſchwand bald im Brunnen. „Sehr gut! ſehr gut!“ ſagte er mit einer Stimme, welche durch den ungeheuren Trichter, der ihr als Conductor diente, ſo kläglich als die des Unbekannten zu werden anfing. Derjenige, welcher fühlte, daß man ihm zu Hülfe kam, hatte zu lamentiren aufgehört. „Oh! haben Sie nicht bange,“ rief er Herrn Jackal zu;„es iſt nicht ſehr tief; etwa hundert Fuß.“ Herr Jackal antwortete nicht. Der Gedanke, er habe noch zwanzig Metres niederzufinken, um bis nach unten zu kommen, beunruhigte ihn. Vergebens hätte ſein Blick in die Tiefe tauchen wollen: er war in einem Schlunde voll Finſterniß. „Immer vorwärts!“ ſagte er;„nur ein wenig raſcher!“ Und er ſchloß die Augen. Sein Hinabſteigen wurde nun raſcher, und nachdem man noch acht bis zehn Klafter Seil nachgelaſſen, ſetzte er den Fuß auf den Boden, deſſen Feuchtigkeit Longue⸗ Avoine ſo ſehr erſchreckt hatte. „Ei!“ ſagte er zu dem Unbekannten,„Sie machen mich nicht darauf aufmerkſam, daß Sie bis an den Hintern im Waſſer ſind!“ „Ich bin hierüber ſehr glücklich, mein Herr,“ ent⸗ gegnete der Unbekannte:„dieſes Waſſer hat mich geret⸗ tet; ohne dieſes Waſſer brach ich den Hals... Doch hier, mir gegenüber, iſt eine Art von Vorgebirge, auf welchem Sie trockenen Fußes ſein werden.. Ueber⸗ dies gedenken Sie ſich wohl hier nicht aufzuhalten?“ „Nein, nicht eine unbeſtimmte Zeit; doch vielleicht ein paar Minuten.“ Herr Jackal ging mit Hülfe ſeines Stockes von —— oll te, 18 en em zte te⸗ en en it⸗ et⸗ ch uf er⸗ cht on — 71 der geraden Linie ab und erreichte das bezeichnete Vor⸗ gebirge. Kaum hatte er ſeinen Fuß darauf geſetzt, als er ſeine Beine mit aller Macht von den Armen des Unbe⸗ kannten umſchlungen fühlte; dieſer küßte ihm die Füße zum Zeichen der Dankbarkeit und wiederholte ihm in allen Tonarten der Freude und des Glückes: „Sie retten mir das Leben! Sie befreien mich vom Tode! Von dieſer Minute an bin ich Ihnen mit Leib und Seele ergeben!“ „Gut, gut.“ erwiederte Herr Jackal, welcher fühlte, daß ſich die dankbaren Hände des Unbekannten in die Gegend ſeiner Uhr verirrten.„Sagen Sie mir vor Allem, wie kommen Sie hierher, mein Freund?“ „Ich bin beraubt, ermordet und in dieſen Brunnen geworfen worden, mein lieber Herr.“ „Es iſt gut; laſſen Sie mich los.. Und ſeit wie lange ſind Sie hier?“ „Oh! Herr, die Zeit ſcheint ſehr lange in einer ſolchen Lage, und ſie haben mir meine Uhr genommen. Uebrigens,“ fügte der Unbekannte bei,„wenn ſie mir dieſelbe auch nicht genommen hätten, ich würde doch nicht genug ſehen, um die Stunde zu erkennen.“ „Was Sie da ſagen, iſt voll Verſtand,“ ſprach Herr Jackal.„Da Sie aber auf der meinigen nicht mehr ſehen würden, als auf der Ihrigen, ſo bitte ich Sie, dieſelbe ruhig da zu laſſen, wo ſie iſt.. oder wo ſie vielmehr nicht iſt, weil ich ſie ſo eben in Si⸗ cherheit gebracht habe.“ „Nun wohl, mein Herr,“ antwortete der Unbe⸗ kannte, ohne den beleidigenden Verdacht von Herrn Jackal im mindeſten übel zu nehmen,„es muß unge⸗ fähr halb zwei Uhr geweſen ſein, als ich ermordet wurde.“ „Und kennen Sie Ihre Mörder?“ „Ja, mein Herr, ich kenne ſie.“ 72 „Sie können dieſelben alſo den Gerichten über⸗ liefern?“ „Nein, im Gegentheile, das iſt unmöglich.“ „Warum?“ „Es ſind Freunde.“ „Sehr gut! ich kenne Sie nun.“ „Sie kennen mich?“ „Jaz Sie ſind ſogar einer meiner älteſten Be⸗ kannten.“ 24 „Und obſchon Sie ſich weigern, mir den Namen Ihrer Freunde zu ſagen, bitte ich Sie doch um die Er⸗ laubniß, Ihnen den Ihrigen nennen zu dürfen.“ „Sie ſind mein Retter: ich habe Ihnen nichts ab⸗ zuſchlagen.“ „Sie heißen Gibaſſier.“ „Sie waren noch nicht im Brunnen, als ich Sie erkannt hatte, Herr Jackal.. Wie man ſich wieder⸗ findet!“ Das iſt wahr... Und wie lange iſt es, daß Sie Toulon verlaſſen haben, lieber Herr Gibaſſier?“ „Ungefähr einen Monat, mein guter Herr Jackal.“ „Ohne Unfall, wie ich mir denke?“ „In der That, ohne Unfall.“ „Und Sie haben ſich ſeitdem immer wohl befunden?“ „Ziemlich wohl, ich danke.. bis dieſe Nacht wenigſtens, wo ich beraubt, ermordet, in dieſen Brun⸗ nen geworfen worden bin, und in der ich tauſendmal beinahe zermalmt worden wäre, ehe ich hierher gelangte.“ „Und wie kommt es, lieber Herr Gibaſſier, daß ich Sie, während Sie ſo hoch herabgefallen ſind, nicht in einem unglücklicheren Zuſtande finde? denn Sie haben das Anſehen, als befänden Sie ſich vortrefflich.“ „Abgeſehen von ein paar Meſſerſtichen, geht es nicht ſchlecht, ja, mein Herrz und es muß, daß ich nicht zehnmal nach einem ſolchen Falle geſtorben bin, wahr⸗ haftig einen Gott für die redlichen Leute geben.“ —————— e⸗ en Er⸗ ab⸗ Die er⸗ 2“ cht in⸗ nal aß icht ben cht icht 73 „Ich fange in der That an, dies auch zu glauben,“ ſagte Herr Jackal.„Iſt es Ihnen nun gefällig, mir mit einigen Worten zu erzählen, wie Sie hierher kommen?“ „Mit dem größten Vergnügen... Doch warum nicht da oben?“ „Da oben wären wir nicht ſo frei, als wir hier ſind: es gibt Ohren, die uns behorchen würden; und dann, wie Carmagnole richtig ſagte... „Carmagnole, ich kenne ihn nicht!“ „Nun, Sie werden ſeine Bekanntſchaft ſogleich machen.“ „Und was ſagte Carmagnole, mein guter Herr Jackal?“ „Er ſagte, die Wahrheit ſei in der Tiefe des Brunnens, und Sie begreifen, lieber Herr Gibaſſier, wenn etwas Anderes, als die Wahrheit hier wäre...“ „Nun?“ „So würden wir es hier laſſen.“ „Oh! Herr Jackal, ich werde Ihnen Alles ſagen, Alles, Alles.“ „Fangen Sie alſo an.“ „Womit?“ „Mit der Erzählung Ihres Entweichens, lieber Herr Gibaſſier. Ich kenne Sie als einen Mann von Einbildungskraft; dieſe Erzählung muß voll neuer, ro⸗ manhafter Vorfälle ſein, und...“ „Ah! in dieſer Hinſicht, Herr Jackal,“ ſagte Gi⸗ baſſier mit der Miene eines Künſtlers, der ſeines Ef⸗ fectes ſicher iſt,„in dieſer Hinſicht werden Sie zufrieden ſein! ich bedaure nur, daß ich Ihnen die Honneurs des Hauſes nicht beſſer machen kann, und daß ich nicht einmal einen Stuhl anzubieten babe.“ „Seien Sie deshalb unbeſorgt: ich habe einen,“ orwiederte Herr Jackal. Und er drückte an einer Feder ſeines Stockes, der 7⁴ ſich ſogleich wie in den Zauberſpielen zum Feldſtuhle entwickelte. Dann hob er den Kopf empor und rief: „He! da oben!“ „Was beliebt, Herr Jackal?“ antworteten die Agenten. „Plaudert von Euren kleinen Angelegenheiten und bekümmert Euch nicht um mich: ich habe die meinigen.“ Und ſich ſetzend: „Fangen Sie an, lieber Herr Gibaſſier: ich höre. Die Abenteuer, welche einem Manne von Ihrer Be⸗ deutung begegnet ſind, intereſſiren die ganze Geſellſchaft.“ „Sie ſchmeicheln mir, Herr Jackal.“ „Rein, ich ſchwöre Ihnen: ich proclamire nur die Wahrheit.“ „Dann fange ich an.“ „Ich erwarte Sie ſchon. ſeit mehreren Secunden.“ lind man hörte das Geräuſch, das Herr Jackal eine ungeheure Priſe Tabak ſchlürfend machte. „ * CXX. Der Epheu und die Ulme. Als dieſe-Erlaubniß von Herrn Jackal gegeben war, fing Gibaſſier wirklich an. „Sie erlauben mir, dieſem romanhaften Abenteuer einen Titel zu geben, nicht wahr, Herr Jackal? Die Titel haben das Gute, daß ſie in ein paar Worten die vorherrſchende Idee des Gedichtes, des Romans, oder des Dramas zuſammenfaſſen.“ — „Sie ſprechen von dieſer Sache als vollendeter Schriftſteller.“ „Mein Herr, ich war geboren, um Literat zu werden.“ „Ei! Sie haben Ihren Beruf nicht verfehlt, wie mir ſcheint: ſind Sie nicht einmal wegen eines falſchen Wechſels verurtheilt worden?“ „Zweimal, Herr Jackal.“ „Geben Sie alſo Ihrem Abenteuer einen Titel; doch machen Sie geſchwinde: der Boden unſeres Sprech⸗ zimmers iſt nicht ſehr trocken.“ „Ich werde es der Epheu und die Ulme nen⸗ nen, ein, wenn ich mich nicht irre, dem guten Lafon⸗ taine oder irgend einem Fabeldichter entlehnter Titel.“ „Gleichviel.“ „Ich langweilte mich im Bagno... Was wollen Sie? ich liebe das Bagno nicht; ich kann mich nicht daran gewöhnen, mag mir nun die Geſellſchaft, die man dort trifft, auf keine Weiſe zuſagen, oder erfüllt der Anblick meiner unglücklichen Brüder meine Seele mit Traurigkeit und Mitleiden; kurz, es iſt gewiß, daß der Aufenthalt im Bagno mich nicht anlächelt. Ich bin nicht mehr von der erſten Jugend, und die Illuſionen, in denen ich mich vor Kurzem noch bei dem Gedanken wiegte, ich werde in Toulon wohnen, in dieſem Kanaan der Galeerenſklaven, dieſe Illuſionen ſind entflogen. Ich trete ins Bagno nur mit Ueberdruß, mit Ekel, wie ein bleſirter Menſch einz das Bagno hat nichts Verführeriſches mehr für meine Einbildungskraft. Das erſte Mal, wo man dahin kommt, iſt es eine unbekannte Geliebte; das zweite Mal iſt es Ihre Legitime, das heißt eine Frau, deren Reize kein Geheimniß mehr für Sie haben, und gegen die Sie in Folge von Ueber⸗ ſättigung einen Abſcheu zu faſſen auf dem Punkte ſind. Ich kam alſo diesmal nach Toulon voll Melancholie, verdrießlich, faſt ſpleeniſch! Wenn man mich nur nach Breſt geſchickt hätte! ich kenne Breſt nicht; der Aufent⸗ 76 halt in Breſt hätte mich verjüngt, vielleicht wiederge⸗ ſtärkt. Doch nein! ich mochte immerhin unter dem Vorwande der Geſundheit eine Petition um die andere an den Juſtizminiſter richten: Seine Excellenz war un⸗ erbittlich. Ich nahm alſo wieder meine Kette; und ich würde ſie wahrſcheinlich apathiſch bis zu meiner letzten Stunde geſchleppt haben, hätte mich nicht die Geſell⸗ ſchaft eines jungen, naiven, guten Kameraden, wie ich es ſelbſt einſt geweſen bin, plötzlich meinen erſten En⸗ thuſiasmen der Freiheitsliebe wiedergegeben.“ Herr Jackal, der leicht gehuſtet hatte, als Gibaſ⸗ ſier ſeiner urſprünglichen Naivetät und Güte gedachte, benützte den Halt, den als ein geſchickter Redner der Erzählende machte. „Gibaſſier,“ ſagte er,„verlöre America ſeine Un⸗ abhängigkeit, ich bin feſt überzeugt, Sie würden ſie ihm wiederfinden.“ „Ich bezweifle es eben ſo wenig, als Sie, Herr Jackal,“ erwiederte Gibaſſier.„Ich ſagte alſo, der ſunge Menſch, mit dem ich zuſammengepaart war, mit dem ich zu den Strapazen ging, mit einem Worte mein Kettengefährte, ſei ein Knabe von dreiundzwanzig bis vierundzwanzig Jahren geweſen. Er war blond, friſch und roſig wie ein normänniſches Bauernmädchen; die Durchſichtigkeit ſeiner Augen, die Heiterkeit ſeiner Stirne, die jungfräuliche Reinheit ſeines Geſichtes, Alles, bis auf ſeinen Namen Gabriel, machte aus ihm eine Art von Märtyrer und verlieh ihm eine gewiſſe feierliche Miene, durch welche ihm einſtimmig der Bei⸗ name der Engel des Bagno zu Theil geworden —— war. Das war noch nicht Alles: ſeine Stimme har⸗ monirte mit ſeinem Geſichte; man hätte glauben ſollen, es ſei der Ton einer Flöte; dergeſtalt, daß ich, der ich die Muſik anbete, da ich mir dort den Luxus eines Concertes nicht gewähren konnte, ihn ſprechen machte, nur um ſeine Stimme zu hören.“ „Mit einem Worte,“ ſagte Herr Jackal,„eine ch en ich n⸗ te, er ſie err der mit ein bis iſch die ner tes, hm iſſe ei⸗ den r⸗ len, ich ines chte, eine 8—,— v „— unbeſchreibliche Attraction zog Sie zu Ihrem Gefähr⸗ ten hin.“ „Attraction, das iſt das richtige Wort... Ein⸗ mal wurde ich zu ihm durch meine Kette hingezogen; doch es iſt durchaus nicht die Kette, was die Freund⸗ ſchaft macht! es war außerdem eine geheimnißvolle Sympathie dabei, welche für mich ein Räthſel geblie⸗ ben iſt.. Er ſprach wenig; doch,— von den An⸗ deren hierin ſehr verſchieden,— ſo oft er ſprach, ge⸗ ſchah es, um Etwas zu ſagenz an einem Tage war es, um eine moraliſche Sentenz fallen zu laſſen;— er konnte ſeinen Plato auswendig und er zog Sinnſprüche aus ihm, die ihn auf der Erde der Verbannung trö⸗ ſteten; an einem andern Tage überließ er ſich Beleidi⸗ gungen und Schmähungen gegen die Frauen,— Be⸗ leidigungen und Schmähungen, die ich ihm, ich bitte Sie, mir dies zu glauben, Herr Jackal, ernſthaft ver⸗ wies! andere Male dagegen enthuſiasmirte er ſich laut für das ganze Geſchlecht, mit Ausnahme einer einzigen Creatur, von der er ſagte, ſie ſei die erſte Urſache ſei⸗ ner falſchen Stellung: er verfluchte ſie nach Herzensluſt. „Und was war ſein Verbrechen?“ „Ein Verbrechen von Nichts, die Dummheit eines jungen Menſchen, eine ſchlechte Fälſchung.“ „Auf wie viel Jahre war er verurtheilt?“ „Auf fünf Jahre.“ „Und er gedachte ſeine Zeit auszuhalten?“ „Bei ſeinem Eintritte in das Bagno war es An⸗ fangs ſein Gedanke: er nannte dies eine Sühnung; doch gerade weit man ihn den Engel des Bagno hieß, erinnerte er ſich eines Tags, daß er Flügel hatte, und er kam auf die Idee, ſie auszubreiten und zu entfliegen.“ „Sie ſind ganz Dichter, Gibaſſier!“ „Ich war Präſident der Academie von Toulon, Herr Jackal.“ „Fahren Sie fort.“ „Sobald ſich die Idee, ſeine Freiheit wiederzuer⸗ 76 langen, in ihm erſchloſſen hatte, änderte er plötzlich Geſicht und Haltung: von ruhig wurde er ernſt; von melancholiſch wurde er düſter. Er redete mich nur noch ein⸗ oder zweimal des Tags an, und antwortete auf meine Fragen mit dem Laconismus eines Spartaners.“ „Und Sie erriethen die Veränderung nicht mit einem ſo tiefen Geiſte, wie es der Ihrige iſt, Herr Gibaſſier?“ „Oh! doch! ſo daß ich eines Abends, als ich von der Arbeit zurückkam, folgende Worte mit ihm aus⸗ tauſchte: „„Junger Mann, ich bin ein Alter von den Alten; ich kenne die Bagnos wie Meiſter Galilée Copernie die bedeutendſten Höfe Europas kennt. Ich habe mit Ban⸗ diten von allen Nuancen, mit Galeerenſklaven von allen Geſtalten gelebt; ich habe die Materie erprobt, und ich kann beim erſten Blicke ſagen:„— Das iſt ein College, der drei, vier, fünf, ſechs, zehn, zwanzig Jahre Zwangs⸗ arbeit wiegt.—“ „„Nun wohl,““ fragte er mich mit ſeiner ſanften Stimme,„„worauf zielen Sie ab, mein Herr?““ „Er nannte mich Herr und duzte mich nie. „„Nennen Sie mich ſogleich Mylord; das iſt mir lieber,““ erwiederte ich.„„Nun denn, ſo verneh⸗ men Sie, worauf ich abziele, mein Herrz das iſt ganz einfach. Ich bin ein Phyſiognomiker von zweiter Stärte „Indem ich mir nur den zweiten Rang beimaß, dachte ich an Sie, Herr Jackal.“ „Sie ſind ſehr gut, Herr Gibaſſier. Doch ich ge⸗ ſtehe Ihnen, daß mir für dieſe Viertelſtunde ein Wärm⸗ topf lieber wäre, als Ihre Complimente.“ „Glauben Sie mir, Herr Jackal, beſäße ich dieſes Meuble, ich würde mich desſelben zu Ihren Gunſten begeben.“ „Ich bezweifle es nicht... Fahren Sie fort,“ ſagte Herr Jackal. nz ie en ich ge, 8 iſt h⸗ iſt er ß, e⸗ n⸗ es en 79 Und er nahm eine Priſe Tabak, um ſich die Naſe, da er es bei den Füßen nicht thun konnte, zu erwärmen. Gibaſſier fuhr fort: „Ich bin alſo ein Phyſiognomiker von zweiter Stärke,““ ſagte ich zu Gabriel;„und ich will Ihnen beweiſen, mein junger Freund, daß ich weiß, welche Gedanken Sie bewegen.““ „Er horchte aufmerkſam. „„Als Sie hier ankamen, verführte Sie die Neu⸗ heit, das Pittoreske, die originelle Seite des Bagno, und Sie ſagten ſich:—„Nun wohl, mit ein wenig Philoſophie und meinen Erinnerungen von Plato und dem heiligen Auguſtin werde ich mich vielleicht allmälig an dieſes einfache, mäßige, naive Leben, an dieſe Hir⸗ tenexiſtenz gewöhnen.“— Sie hätten ſich in der That vielleicht, wären Sie mit einem lymphatiſchen Tempe⸗ ramente begabt geweſen, wie ein Anderer daran gewöhnt; doch lebhaft, glühend, leidenſchaftlich, wie Sie ſind, be⸗ dürfen Sie des Raumes und der freien Luft, und Sie denken, fünf Jahre,— von denen eines ein Schalt⸗ jahr,— hier zubringen, ſeien fünf von Ihren ſchön⸗ ſten Jahren ohne Wiederkehr verloren. Durch eine ganz logiſche Deduction dieſes Gedankens wünſchen Sie ſich nun ſo ſchnell als möglich dem Geſchicke zu entziehen, zu welchem Sie eine ſtiefmütterliche Juſtis verurtheilt hat. Ich will ein falſcher Gibaſſier wenn das nicht der Gegenſtand Ihrer Meditation iſ „„Das iſt die Wahrheit, mein Herr,““ antwortete offenherzig Gabriel. „Ich finde nichts Tadelnswerthes in einer ſolchen Meditation, mein junger Freund; nur erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß dieſelbe ſeit einem Monat dauert, daß Sie ſeit einem Monat ſehr verdrießlich ſind; daß es mich langweilt, einen Schüler des Pytha⸗ goras auf der andern Seite meiner Kette zu haben, und daß meiner Anſicht nach der Augenblick gekommen iſt, zu festinare ad eventuin, wie Horaz ſagt. Erklären Sie mir alſo: was ſind Ihre Pläne und Ihre Aus⸗ führungsmittel?“ „Mein Plan iſt, meine Freiheit wiederzuerlan⸗ gen,“ antwortete Gabriel;„„was die Ausführungs⸗ mittel betrifft, ſo erwarte ich ſie von der Vorſehung.““ „Ah! Sie ſind noch jünger, als ich dachte, junger Mann.““ „Was wollen Sie damit ſagen?““ „Ich will damit ſagen, die Vorſehung ſei eine alte Wucherin, welche nur den Reichen leihe. „Mein Herr,“ unterbrach Gabriel,„blasphe⸗ miren Sie nicht!““ „Gott behüte mich!— Wenn mir das etwas ein⸗ trüge, dann würde ich nicht nein ſagen⸗ Aber wo Teu⸗ fels haben Sie geſehen, daß ſich die Vorſehung mit den Unglücklichen beſchäftigte? Das Auflöſungswort unſeres Geſchickes iſt in uns, und ein altes Sprüchwort ſagt:„Hilf Dir, und der Himmel wird Dir helfen!“ Dieſes Sprüchwort, mein lieber Herr Gabriel, iſt äußerſt richtig. Die Vorſehung hat alſo gegenwärtig nichts hier zu ſehen, und in uns ſelbſt müſſen wir die Entweichungsmittel ſuchen; denn es verſteht ſich von ſelbſt, junger Mann, daß Sie nicht ohne mich gehen: alle Wetter! Sie intereſſiren mich ſo ſehr, daß ich Sie nicht eine Sohle breit verlaſſe! Denken Sie nicht dar⸗ an, einen von Ihren Ringen zu durchfeilen, ohne daß ich es bemerke: ich ſchlafe immer nur mit einem Augez überdies haben Sie das Herz an rechten Flecke, und Sie begreifen, daß es zu undankbar wäre, einen alten Kameraden zu verlaſſen. Verſuchen Sie alſo nichts allein, da wir mit einander verſchlungen ſind wie der Epheu und die Ulmez— oder ich erkläre Ihnen, mein lieber Freund, bei der erſten halben Wendung nach rechts oder nach links, die ich Sie machen ſehe, ohne daß Sie mich zuvor davon in Kenntniß ſetzen,— ich bin kein Scheinheiliger,— zeige ich Sie an.““ n en er in ch ne ich 81 „Sie haben Unrecht, mir das zu ſagen, mein Herr; ich gedachte Ihnen den Vorſchlag zu einer ge⸗ meinſchaftlichen Flucht zu machen.““ „Gut, junger Mann! nachdem dieſer Pnnkt feſt⸗ geſtellt iſt, wollen wir methodiſch verfahren... Zum erſten gefällt mir Ihre Offenherzigkeit, und ich will Ihnen einen Beweis von einer Zuneigung geben, die ich väterlich nennen könnte, indem ich Ihnen meine Pläne anvertraue und Sie mit mir nehme, ſtatt von Ihnen mitgenommen zu werden.““ „Ich verſtehe Sie nicht, mein Herr.““ „„Natürlich, junger Mann; denn verſtünden Sie mich, ſo würde ich mir nicht die Mühe geben, mich zu erklären. Wiſſen Sie vor Allem,— ich werde ſogleich ſehen, wie weit Sie ſind;— wiſſen Sie, was das erſte Element einer Entweichung iſt?““ „„Nein, mein Herr.““ „„Das iſt doch das Alpha des Handwerks.““ „„Haben Sie die Güte, es mir zu ſagen.““ „„Nun wohl, das iſt eine Baſtringue.““ „„Was iſt das, eine Baſtringue?““ „Er wußte nicht, was eine Baſtringue iſt, Herr Jackal!“ „Ich hoffe, Gibaſſier, Sie haben ihn nicht in einer ſolchen Unwiſſenheit gelaſſen?“. „„Eine Baſtringue, junger Mann,““ antwortete ich ihm,„„das iſt ein Etui von Blech, von Tannen⸗ holz, von Elfenbein,— der Stoff thut nichts zur Sache,— ſechs Zoll lang und zehn bis zwölf Linien dick, das zugleich einen Paß und eine Säge aus einer Uhrfeder gemacht enthalten kann.““ „„Und wo findet ſich das?““ fragte Gabriel. „Das findet ſich„. Gleichviel, hier iſt das meinige.““ „Und zu ſeinem großen Erſtaunen'zeigte ich ihm das fragliche Etui. Die Mohicaner von Paris. V. 6 In dieſem Falle können wir fliehen?““ rief — er naiv.. „„Wir können fliehen,“„erwiederte ich,„„wie Sie mit Ihren leichten Füßen bis zu dem Orte ſpa⸗ zieren können, wo die Schildwache auf Sie feuern wird.““ „„Wozu,““ fragte Gabriel entmuthigt,„„wozu dient Ihnen aber dann dieſes Geräth?““ Geduld, junger Mann! jedes Ding wird kom⸗ men, wenn die Reihe an ihm iſt. Ich beabſichtige, den Faſching in Paris zuzubringen; ſodann habe ich einen Intereſſen betreffenden Brief bekommen, der mich nöthigt⸗ einen Gang in der Hauptſtadt zu machen, und zwar binnen vierzehn Tagen. Ich biete Ihnen an, mich zu begleiten.““ „„Wir werden alſo fliehen?““ „Allerdings; doch mit den nöthigen Vorſichts⸗ maßregeln, allzu feuriger junger Mann! Sie haben Muth und Entſchloſſenheit, nicht wahr?““ c „„Es wird Sie nicht erſchrecken, ein paar Men⸗ ſchen hinter uns auf unſerem Wege zu laſſen?““ „Der Engel Gabriel faltete die Stirne. „„Ei! man macht keinen Pfannkuchen, ohne Eier zu zerbrechen, wie die Köchin des ſeligen Lucullus ſagte; man kann das nehmen, man kann es laſſen. Sind ein paar Menſchen im Vorüberaehen niederzuwerfen, ſo dürfen Sie mir nur ſagen:„„Monſieur Gibaſſier, oder Mylord Gibaſſier oder Signor Conte Gi⸗ baſſier, ich werde ſie niederwerfen.““ „„Wohl! es ſei, ich werde ſie niederwerfen, ſprach entſchloſſen mein Gefährte. „„Bravo!““ ſagte ich,„„Sie ſind würdig der Freiheit, und ich werde ſie Ihnen wiedergeben.““ „„Zählen Sie auf meine Dankbarkeit, mein Herr.““ Nennen Sie mich mein General, und ſpre⸗ —— — — e u n⸗ ier lus ind en, ier, Hi⸗ . der tein re⸗ — — 83 chen wir nicht mehr hievon... Was die Dankbarkeit betrifft,— wir werden auf glücklicheren Geſtaden wie⸗ der von ihr reden. Mittlerweile vernehmen Sie, um was es ſich handelt. Sie ſehen wohl dieſes Kraut?““ „„Ja.““ „„Ich habe es von der Hand einer Freundin; ich werde es mit Ihnen theilen.““ 5 „Ich bot ihm die Hälfte davon an und ſprach da⸗ bei feierlich: „„So werde meine Seele von meinem Leibe ge⸗ trennt, wenn ich Ihnen die Freiheit nicht wiedergebe!““ „„Was für ein Kraut iſt das?““ fragte Gabriel. „„Es iſt ein Wunderkraut, mit dem Sie Ihren Leib einreiben werden. Kaum wird Ihr Fleiſch die Berührung dieſes Krautes fühlen, ſo werden Sie an allen Theilen Hunderte von Knoſpen von der Nuance der bengaliſchen Roſen hervorkommen ſehen; das wird Sie Anfangs ein wenig beißen, dann viel, dann auf eine unerträgliche Art, und dennoch werden Sie es er⸗ tragen müſſen.““ „„Welchen Zweck hat aber dieſe Einreibung?““ „„Mein lieber Freund, das iſt, um glauben zu machen, es habe Sie die Neſſelſucht, oder eine von den rothlaufartigen Krankheiten ergriffen, deren wiſſenſchaft⸗ liche Namen mir nicht einfallen, damit Sie ins Spital geſchickt werden. Sind Sie einmal dort, ſo ſind Sie gerettet, mein guter Mann!““ „„Geretteti““ „„Ja ich ſtehe in genauer Verbindung mit den Krankenwärtern des Spitals.. Verlaſſen Sie ſich auf mich und warten Sie geduldig.““ „Ich weiß viele Dinge, mein lieber Gibaſſier,“ unterbrach Herr Jackal;„doch ich weiß noch nicht, wie man mit Hülfe eines Krankenwärters aus einem Spi⸗ tal entweicht, das von einem ganzen Poſten bewacht wird.“ „Sie ſind ſo ungeduldig als der Engel Gabriel, Herr Jackal,“ erwiederte Gibaſſier.„Haben Sie ein wenig Geduld, und in fünf Minuten werden Sie die Entwicklung erfahren!“ „Immer zu! ich höre Sie,“ ſagte Herr Jackal, während er ſeine Naſe mit Tabak vollſtopfte,„und Sie ſehen, mit der Geduld, die Sie mir empfehlen, und von der ich, wie mir ſcheint, einen Beweis gebe, in der ueberzeugung, daß immer etwas bei Ihnen zu lernen iſt, Herr Gibaſſier.“ „Sie ſind ſehr artig, Herr Jackal,“ ſprach der Erzähler. Und er fuhr fort: „Gabriel rieb ſich ſo ſtark und ſo gut, daß er nach Verlauf von zwei Stunden mit Knoſpen vom Kopf bis zu den Füßen bedeckt war! Man ſchickte ihn ins Spital. Es war gerade die Stunde der Viſitation: der Arzt erklärte, er ſei mit einer Neſſelſucht der ſchön⸗ ſten Art behaftet... Am Tage, nachdem Gabriel ins Spital eingetreten war, bekam ich meinerſeits einen ſo erſchrecklichen epileptiſchen Anfall, daß mich die Bar⸗ biere zuerſt für waſſerſcheu erklärten und auch ins Spital ſchickten. Vergebens proteſtirte ich, vergebens rief ich das Zeugniß meiner Kameraden an, welche be⸗ kräftigten, ich habe es nie verſucht, ſie zu beißen, ich wurde mit Gewalt in die Krankenanſtalt geſchleppt und als kataleptiſch eingerieben. Ich ſah wüthend aus, und war darüber entzückt! Mein Freund der Krankenwär⸗ ter war längſt unterrichtet: da ihm das Maul geſtopft war, ſo kam und ging er nach ſeinem Belieben; das heißt, er ging von meinem Bette zum Bette von Gabriel, und kam vom Bette von Gabriel zu dem mei⸗ nigen,— Alles, um uns Worte der Ermuthigung zu bringen. „Eines Morgens meldete mir der brave Mann, Alles ſei bereit, und wir können ſchon an demſelben Abend fliehen. Der Tag verging damit, daß wir über unſer Thun und Laſſen übereinkamen. Sie kennen, *—— w ih ber en, 85 wenigſtens vom Hörenſagen, die Eintheilung der Säle des Spitals? Am Ende von dem, in welchem man Gabriel und mich untergebracht hatte, war eine kleine Stube, die als Todtenkammer diente. Mein Kranken⸗ wärter hatte den Schlüſſel dieſer Stube in Verwahrung, welche nur geöffnet wurde, um den Leibern hingeſchie⸗ dener Galeerenſklaven Eingang zu gewähren. Wir konnten uns alſo, wenn die Dunkelheit eingetreten war, in dieſe Stube ſchleichen. Die einzigen Meubles, mit welchen ſie ausgeſtattet war, und die ſie einem Sections⸗ Amphitheater ähnlich machten, waren Tiſche von ſchwar⸗ zem Marmor, auf welche man die Leichname legte; unter einem dieſer Tiſche hatten wir, der Krankenwärter und ich, ein Loch gegraben, durch welches wir mit unſern Betttüchern in die der Marine gehörigen Magazine hinabſteigen konnten. „Als die Stunde gekommen war, und während unſere Zimmerkameraden ſchliefen, ſtieg Gabriel, der ſich am nächſten bei der Thüre befand, zuerſt von ſeinem Bette herab und wandte ſich, einem Schatten ähnlich, langſam und dunſtig, nach der Todtenkammer.— Ich folgte ihm von nahe.— Unglücklicher Weiſe hatte man an dieſem Tage auf einen der Tiſche den Leichnam von einem Veteranen des Bagno gebracht; dem armen Gabriel, der die Todten noch im Ernſte nahm, begeg⸗ nete das Mißgeſchick, daß er umhertappend ſeine Hand auf den Leichnam legte, ſtatt ſie auf den Marmor zu legen. Eine entſetliche Angſt bemächtigte ſich ſeiner. ſo daß er beinahe Alles entdecken gemacht hätte!. Zum Glücke errieth ich bei dem Schrei, den er ausſtieß, was vorging, und ebenfalls umhertappend, nachdem ich ihm vergebens gerufen hatte, entdeckte ich ihn an der Wand angelehnt und zitternd vor Schrecken. „„Vorwärts, mein Edelmann,““ ſagte ich zu ihm, „„Alles iſt bereit! laſſen Sie uns gehen.““ „„Oh! das iſt gräßlich!““ rief er. „„Was?““ fragte ich ihn. 86 „Er erzählte, was vorgefallen war. „„Oh! keine voetiſche Rührung,““ ſagte ich zu ihm;„wir haben keine Minute Zeit zu verlieren... Machen wir uns davon!““ „„Unmöglich... meine Beine verſagen mir den Dienſt.““ „Tauſend Donner! Das iſt ärgerlich, denn es iſt ziemlich ſchwer für Sie, derſelben zu entbehren, wenn Sie fliehen wollen.““ „„Fliehen Sie allein, mein lieber Herr Gibaſſier.““ „„Nie, mein lieber Herr Gabriel.““ „ünd ich ging auf ihn zu, nöthigte ihn, ſich dem Loche zu nähern, ſich an das Tuch anzuklammern, und ließ ihn hinab wie man Sie ſelbſt ſo eben hinabgelaſſen hat. Als er hinabgelaſſen war, band ich eine von den Ecken des Tuches an den eiſernen Fuß des Tiſches und ſtieg auch hinab. Wir waren, wie ich Ihnen geſagt habe, in den Magazinen der Marine, welche im Erd⸗ geſchoße des Gebäudes lagen, deſſen erſten Stock das Spital einnimmt. Ich zundete einen Wachsſtock an und forſchte nach einer Platte, auf die mein Kranken⸗ wärter einen Vuchſtaben mit Kreide gezeichnet hatte, und unter welcher er zwei vollſtändige Verkleidungen hatte verbergen ſollen. Ich fand die Platte mit dem Buchſtaben G bezeichnet; über dieſe zarte Aufmerkſam⸗ keit meines Krankenwärters vergoß ich eine Thräne der Rührung, welche, wie ein Tribut der Dankbarkeit, auf den Anfangsbuchſtaben meines Namens fiel! Dann hob ich den Stein auf und erblickte eine vollſtändige Gendarmenuniform, Bewaffnung, Equipirung und Perrücke. „Eine einzige?“ fragte Herr Jackal. „Ein einzige.. Hiebei wollte ich meinem Ka⸗ meraden den Puls fühlen. Ich ſah verzweifelt aus. „„Eine einzige Kleitung!““ rief ich,„„eine einzige.““ „Gabriel war erhaben. —,— m nd en en nd gt rd⸗ as an en⸗ tte, gen e m⸗ der auf ann dige und Ka⸗ eine 87 „„Ziehen Sie dieſelbe an und gehen Sie!““ „„Gehen? Und Sie?““ „„Ich werde bleiben, um mein Verbrechen zu ſühnen.““ „„Ah!““ ſprach ich,„„Sie ſind ein wackerer Kamerad! Ich hatte zur Vollführung meines Vorha⸗ bens nur ein einziges Reiſecoſtume nöthig: zwei hätten mich ſehr beläſtigt; doch ich wollte ſehen, bis zu wel⸗ chem Grade ein Freund auf Sie zählen könnte. Hel⸗ fen Sie mir, mich ankleiden, wenn Sie es nicht zu ſehr demüthigt, der Kammerdiener eines Gendarme zu ſein.““ Und ich“ „„Sie, Sie bleiben, wie Sie ſind.““ „„In dieſer Tracht?““ „„Ja; Sie begreifen alſo nicht?““ Vein „„Laſſen Sie mich Ihnen die Hände binden.““ „„Ich begreife immer weniger.““ „„Ich bin ein Gendarme; Sie ſind ein Galeeren⸗ ſtlave, den man von den Bagnos in irgend ein Ge⸗ fängniß bringt.. wir werden wohl den Namen eines Gefängniſſes finden, was Teufels! es fehlt nicht an Gefängniſſen in Frankreich. Bei Tagesanbruch gehen wir ab, und der Eine führt den Andern.““ „Wir blieben in den Magazinen verborgen, und am andern Morgen, bei Tagesanbruch, ſobald die Ka⸗ none die Oeffnung des Hafens verkündigte, wandten wir uns, mein Gefangener und ich, nach dem Gitter des Arſenals; es war ſo eben geöffnet worden; die Arbeiter der Marine kamen in Menge herbei. Ich bahnte mir für Gabriel und mich einen Weg mitten durch ſie, und wir gelangten ohne Hinderniß durch das Gitter.— Der arme Gabriel zitterte an allen Glie⸗ dern!— In weniger als zehn Minuten hatten wir die Stadt durchſchritten, und wir ſchlugen den Weg nach Beauſſet ein. „Ein paar Flintenſchüſſe von Toulon kamen wir 88 in einen Waldz kaum hatten wir zehn Schritte darin gemacht, als drei Kanvonenſchüſſe, in gleichen Zwiſchen⸗ räumen abgefeuert, den Einwohnern von Toulon und den umliegenden Dörfern verkündigten, es habe eine Entweichung ſtattgefunden. Wir warfen uns ins Dickicht, bedeckten uns mit Zweigen und Farnkraut, blieben unbeweglich und erwarteten die Nacht, um durch den Flecken Beauſſet zu gehen. „Zum Glicke fiel der Regen in Strömen in dem Augenblicke, wo die Gendarmen den Wald zu durch⸗ ſtreifen anfingen: bis auf zehn Schritte zu uns gelangt, ftuchten ſie ſo grauſam über die ſchlechte Witterung, daß es uns beinahe ſicher ſchien, ſie werden ihre Rach⸗ forſchungen aufgeben, um ſich in die nächſte Schenke zu flüchten. Wir hörten in der That den ganzen Tag nichts mehr von ihnen.— Gegen acht Uhr Abends ſetzten wir unſern Marſch fort; wir durchwanderten Beauſſet, und Morgens um vier Uhr hatten wir den unentwirrbaren Wald von Cuges erreicht. Wir waren gerettet! Mein lieber Herr Jackal, ich brauche Ihnen nicht die verſchiedenen Vorfälle zu ſagen, mit denen unſere Reiſe beſprenkelt war: Sie haben zu viel Er⸗ fahrung, um ſich vorzuſtellen, wir ſeien auf Blumen⸗ pfaden gewandelt. Wir kamen indeſſen geſund und wohl⸗ behalten an, was die Hauptſache iſt, und Sie bemerken, daß ich mich abgeſehen von einigen Meſſerſtichen und einem Falle von hundert Fuß in einen Brunnen äußerſt wohl befinde.“ „Das iſt wunderbar, lieber Herr Gibaſſier.“ „Nicht wahr?“ „Das heißt, wäre ich Polizeipräfect, ſo würde ich Ihnen ein Entweichungspatent und eine anſtändige Belohnung geben; leider bin ich es nicht, und ſind meine Künſtierſympathien angenehm berührt, ſo be⸗ kämpft ſie doch meine Meinung als Inſpector der öf⸗ fentlichen Sicherheit mit ſolcher Energie, daß ich Ihnen geſtehe, ich weiß noch nicht, wem der Sieg bleiben l⸗ 89 wird; das wird wahrſcheinlich von der Aufrichtigkeit abhängen, die Sie erproben werden... Erlauben Sie mir alſo mein Verhör fortzuſetzen, und wäre es nur, um die Erfahrung von dem zu machen, was Car⸗ magnole ſagte, und um zu ſehen, ob, wie es das Sprüchwort behauptet, die Wahrheit in der Tiefe des Brunnens iſt.. Wollen Sie mir vor Allem erklä⸗ ren, mein lieber Herr Gibaſſier, wie Sie ſich hier finden.“ „Ich finde mich ſehr ſchlecht hier,“ erwiederte Gi⸗ baſſier, der ſich im Sinne der Worte des Inſpectors täuſchte oder zu täuſchen ſich den Anſchein gab;„und wäre es nicht die Ehre Ihrer Geſellſchaft... „Das iſt es nicht: ich frage Sie, aus welcher Ur⸗ ſache Sie hier ſeien.“ „Ah! ja, ich verſtehe.. Nun wohl, mein guter Herr Jackal, ich hatte eine Summe von fünftauſend Franken geerbt.“ „Das heißt, Sie hatten fünftauſend Franken ge⸗ ſtohlen.“ „So wahr als Sie mein Retter ſind, Herr Jackal, ich hatte ſie nicht geſtohlen; ich hatte ſie im Gegen⸗ theile redlich, durch Arbeit, im Schweiße meines Ange⸗ ſichts verdient.“ „So haben Sie bei der Sache von Verſailles gearbeitet. Ich erkannte Sie an der geſchickten Art, wie die Thüre wieder geſchloſſen worden war.“ „Was nennen Sie die Sache von Verſailles?“ fragte Gibaſſier die unſchuldigſte Miene, die er anneh⸗ men konnte, zu Hülfe rufend. „An welchem Tage ſind Sie in Paris angekommen?“ „Am Faſching⸗Sonntag, Herr Jackal, gerade um den Ochſen vorüberziehen zu ſehen, der in dieſem Jahre herrlich war. Er ſoll auf den fetten Weiden des Auge⸗ Thales gefüttert worden ſein; das ſetzt mich nicht in Erſtaunen: das Auge⸗Thal iſt in einer bewunderungs⸗ würdigen Lage, einerſeits geſchützt durch „Laſſen wir das Auge⸗Thal, wenn es Ihnen gleich iſt.“ „Sehr gern.“ „Sprechen Sie nun: wie haben Sie den Faſching⸗ Sonntag zugebracht?“ „Ziemlich heiter, Herr Jackal; wir haben mit fünf bis ſechs Kameraden, die wir in Paris wiedergefunden, † ein paar gute Tollheiten gemacht.“ „Und den Montag?“ „Den Montag? ich habe ihn mit Beſuchen zuge⸗ bracht.“ „Mit Beſuchen?“ „Ja, Herr Jackal, einige officielle Beſuche, und ein Verdauungsbeſuch.“ „Sie ſprechen vom Tage?“ „Ja, Herr Jackal, ich ſpreche vom Tage.“ „Doch den Abend?“ „Den Abend?“ Ja „Teufel!“ „Was gibt es?“ „Es iſt wahr,“ ſagte Gibaſſier, als ſpräche er mit ſich ſelbſt,„ich kann meinem Retter nichts verweigern.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Sie verlangen von mir, daß ich für Sie den„ dichten Schleier meines Privatlebens lüſte? ich will es thun. Am Montag um elf Uhr. „Unnöthig! Gehen wir über die Geheimniſſe Ihres Privattebens weg und fahren wir fort.“* „Mit Vergnügen.“ „Was haben Sie am andern Tage, am Faſching⸗ Montag gethan?“ „Ohi ich habe mich einem ganz unſchuldigen Ver⸗ gnügen hingegeben: ich bin auf der Esplanade des Obſervatoire mit einer falſchen Naſe ſpazieren gegangen.“ „Sie hatten aber einen Grund, auf der Esplanade ge⸗ ind ing⸗ Ver⸗ des en nade 91 des Obſervatoire mit einer falſchen Naſe ſpazieren zu gehen?“ „Verachtung! Miſanthropie, nichts Anderes. Ich ſah am Morgen Masken auf dem Boulevard vorüber⸗ ziehen, und ich fand ſie erbärmlich. Ach! wieder einer von unſeren alten Gebräuchen, der bald verſchwinden wird, Herr Jackal! Ich bin nicht ehrgeizig, doch wäre ich nur Polßzetpräfe „Laſſen wir das, und kommen wir raſch auf den Abend des Fuſching⸗ Montags.“ „Auf den Abend des Faſchings⸗Montags?.. Ah! Sie wollen, daß ich aufs Neue den dichten Schleier meines Privatlebens lüfte?“ „Sie ſind in Verſailles geweſen, Gibaſſier?“ „Ich e mich nicht.“ Herr Jackal ließ über ſeine Lippen ein unbeſchreib⸗ liches Lächeln ſchweifen. „Was gedachten Sie in Verſailles zu thun?“ „Spazieren zu gehen.“ „Sie, in Verſailles ſpazieren zu gehen?“ „Was wollen Sie, Herr Jackal? ich liebe dieſe Stadt, welche voll der Crinnerungen vom großen König iſt: hier eine Fontaine, dort eine Gruppe „Sie waren nicht allein in Verſailles?“ „Ei! wer iſt denn völlig allein auf der Erde, mein guter Herr Jackal?“ 5 Ich habe keine Zeit damit zu verlieren, daß ich Ihre Albernheiten anhöre. Gibaſſier, Sie haben die Entführung des Mädchens aus dem Penſionnat von Madame Desmarets geleitet.“ „Das iſt die Wahrheit, Herr Jackal.“ „Und zur Belohnung haben Sie die fraglichen fünftauſend Franken empfangen.“ „Sie ſehen, daß ich ſie nicht geſtohlen habe; denn wäre ich nicht auf Lebenszeit zu den Galeeren verur⸗ theilt, ſo hätte ich wenigſtens auf zwanzig Jahre mehr.“ 92 „Was iſt aus dem Mädchen geworden, als es in den Händen von Lorsdan von Valgeneuſe war E Wie! Sie wiſſen alſo?“ „Ich frage Sie, was aus dieſem Mädchen gewor⸗ den ſei, nachdem es Ihnen Fräulein Suſanne überlie⸗ fert hatte.“ „Ah! Herr Jackal, wenn Herr Delavau Sie ver⸗ löre, welch ein Verluſt für ihn und für Frankreich!“ „Ich frage Sie noch einmal, Gibaſſier, was iſt aus dieſem Mädchen geworden?“ „Was dies betrifft, ich weiß es durchaus nicht.“ „Geben Sie wohl Acht auf das, was Sie ſagen⸗“ „Herr Jackal, ſo wahr ich Gibaſſier heiße, wir haben ſie in einen Wagen gebracht, der Wagen iſt ab⸗ gefahren, und wir haben nichts mehr davon gehört. Ich hoffe, dieſe jungen Leute ſind glücklich, und ich werde folglich für meinen Theil zum Glücke von zwei Nebenmenſchen beigetragen haben.“ „Und Sie, wie iſt es Ihnen ſeitdem gegangen? Wiſſen Sie das auch nicht?“ „Ich bin ökonomiſch geworden, mein guter Herr Jackal, und ich habe mir, da ich wußte, daß der goldene Schlüſſel alle Thüren öffnet, einen ehrenhaften Stand in dieſer verſtändigen und arbeitſamen Stadt Paris zu ſchaffen geſucht. Zu dieſem Ende ließ ich alle Profeſ⸗ ſionen die Revue paſſiren, und ich fand nur eine nach meinem Geſchmacke.“ „Darf man wiſſen, welche?“ „Die eines Wechſelagenten.. Leider hatte ich nicht die nöthigen Kapitalien, um ein Viertel oder eine Hälfte zu kaufen; doch um für jedes Ereigniß bereit zu ſein, auf den Fall, daß die Vorſehung, wie der arme Gabriel ſagt, ihre Augen auf mich werfen würde, ging ich alle Tage auf die Börſe und war bemüht, mich in die Geheimniſſe des großen Werkes einzuweihen. Ich begriff die Agiotage, und ich erröthete vor Scham, daß ich mein Leben lang ſo ſchlecht geſtohlen hatte, als ich vir ab⸗ rt. ich wei en? err ene and zu feſ⸗ nach 93 ſah, wie es viel leichter iſt, ſeinen Unterhalt auf dieſe Art zu verdienen! Ich machte alſo die Bekanntſchaft von mehreren ausgezeichneten Agioteurs, welche, in mir einen ungewöhnlichen Scharfſinn erkennend, mir bald die Ehre erwieſen, mich über die Hauſſe und die Baiſſe zu Rathe zu ziehen, wobei ſie mir einen kleinen Antheil an ihrem Nutzen gaben.“ „Und dieſe Conſultationen glückten Ihnen?“ „Das heißt, mein lieber Herr Jackal, in einem Monat realiſirte ich dreißig tauſend Franken! Das Doppelte, das Dreifache, das Vierfache von Allem dem, was ich in meinem arbeitſamen Leben verdient hatte, und einmal an der Spitze dieſes kleinen Vermögens, wurde ich ein ehrlicher Mann.“ „Dann müſſen Sie unerkennbar ſein,“ ſagte Herr Jackal, während er aus ſeiner Taſche ein phosphoriſches Feuerzeug zog und einen kleinen Wachsſtock anzündete, den er immer bei ſich hatte, und der die Tiefe des Brunnens ſo erleuchtete, daß er den bußfertigen Gibaſ⸗ ſier, ganz von Koth beſchmutzt, ganz mit Blut bedeckt, zu erkennen vermochte. CXXI. Wohin die ſechzig Männer gegangen waren, welche Herr Jackal ſuchte. Herr Jackal blieb einen Augenblick in Betrachtung vor dem Galeerenſtlaven. Er fühlte eine ſichtbare Be⸗ friedigung, eine Künſtlerbefriedigung, ſich, mit den vier Aſſen in der Hand, dieſem geſchickten Spieler gegenüber zu finden. 94 „In der That,“ ſagte er,„es iſt Ihr edles Ge⸗ ſicht, Gibaſſier. Die Jahre ſind über Ihre Stirne, wie leichte Schatten, keine Spur zurücklaſſend, hinge⸗ zogen! Und was die Schatten betrifft, thun Sie mir den Gefallen, nehmen Sie dieſes Licht und leuchten Sie mir: ich habe eine preſſante Zeile zu ſchreiben.“ Gibaſſier nahm den Wachsſtock; Herr Jackal zog ein Carnet aus ſeiner unerſchöpflichen Taſche, riß ein Blatt Papier heraus, und ſchrieb auf ſeinem Knie mit⸗ telſt eines Bleiſtifts, während er Gibaſſier fortzufahren aufforderte. „Die Folge meiner Geſchichte iſt traurig,“ ſagte der Galeerenſklave;„da ich reich war, ſo hatte ich Freunde: da ich Freunde hatte, ſo hatte ich Feinde! Dieſes um den Preis meines Schweißes angehäufte Vermögen machte mich zum Zielpunkte aller Enterbten; ſo daß ich geſtern, in dem Augenblicke, wo ich von meinem Banguier zurückkam, beim Kragen gevackt, nie⸗ dergeworfen, ermordet, beraubt, und endlich in dieſen Brunnen geſtürzt wurde, in dem ich mit Ihnen zuſam⸗ menzutreffen die Ehre hatte.“ Herr Jackal richtete ſich wieder auf, nahm das Ende des Seils, mit deſſen Hülfe er in den Brunnen herabgekommen war, befeſtigte daran mit einer Nadel das Papier, auf das er er ſeine Inſtructionen geſchrie⸗ ben hatte, und rief ſeinen Agenten zu: „Zieht!“ Das Papier flog wie ein Nachtſchmetterling aus der Tiefe des Brunnens zur Erde empor; und das Seil kam, von ſeiner leichten Laſt befreit, raſch wieder herab. Einer von den Agenten ging unter eine Laterne und las: „Ich werde Euch einen Menſchen ſchicken, den Ihr ſorgfältig zu bewachen habt; er iſt Goldes werth. „Iſt der genannte Menſch in den Händen von 2 u 6 ——— e— us das der rne Ihr von 95 Vieren von Euch,— die ihn nach dem Hoſpital führen und ſcharf bewachen werden,— ſo werdet Ihr mir das Seil wieder herunter laſſen.“ „Ihre Geſchichte iſt ſehr rührend, lieber Herr Gi⸗ baſſier,“ ſagte der Inſpectorz„doch nach den ſtürmiſchen Stunden, die Sie erlebt haben, müſſen ſie der Ruhe bedürfen. Die Rächte ſind noch kühl in dieſer Jahres⸗ zeit: erlauben Sie mir, Ihnen ein ſicheres Obdach, eine Wohnung, welche der Geſundheit zuträglicher als dieſe anzubieten.“ „Sie ſind tauſendmal gut, Herr Jackal!“ „Ganz und gar nicht.. unter alten Bekannten...“ „Dann geſchieht es mit dem Beding der Wieder⸗ vergeltung.“ „Laſtet die Dankbarkeit ſchon auf Ihnen?“ „Es iſt vielleicht ſchwerer, einen Dienſt zu em⸗ pfangen, als ihn zu erwiedern,“ ſprach Gibaſſier phi⸗ loſophiſch. „Die Alten haben hierüber ſehr ſchöne Dinge ge⸗ ſchrieben, Gibaſſier. Doch mittlerweile, bis wir an⸗ derswo dieſes intereſſante Geſpräch wieder aufnehmen, machen Sie ſich zurecht, um ſich an dieſes Seil ſo feſt als möglich anzuhängen. Sie wiſſen, wo ſie der Sat⸗ tel drückt: es iſt Ihre Sache, es ſich ſo bequem als möglich einzurichten.“ Gibaſſier machte eine Schleife unten an das Seil, ſteckte ſeine beiden Füße durch das Loch, klammerte ſich mit den Händen an das Seil an und rief: „Zieht!“ „Glückliche Reiſe, mein lieber Gibaſſier,“ ſagte Herr Jackal, mit lebhaftem Intereſſe einer Aufſteigung folgend, die er in wenigen Augenblicken ſelbſt unter⸗ nehmen ſollte.„Gut!“ fügte er bei, als der Galeeren⸗ ſtlave oben an der Luft verſchwunden war. Sodann die Stimme erhebend, rief er: „Schickt raſch das Seil zurück! ich fange an den Boden feucht zu finden.“ Das Seil kam wieder herab; Herr Jackal ſteckte den Haken an ſeinen Gürtel, verſicherte ſich, daß die Zungen gut eingeſchnallt waren, rief aufs Neue:„Zieht!“ und fing die Aufſteigung ebenfalls an. Doch kaum war er bis zur Höhe von zehn Metres emporgeſtiegen, da rief er: „Halt!“ Das gehorſame Seil hielt an. „Ho! ho!“ ſagte Herr Jackal,„was Teufels ſehe ich denn da?“ Es war ihm in der That ſchwer, ſich Rechenſchaft von dem zu geben, was er ſah, dergeſtalt bot ſich ihm das, was er ſah, unter einem fantaſtiſchen Anblick. Durch einen kungeheuren Spalt von einer der Wände des Brunnens tauchte der Blick von Herrn Jackal unter Gewölbe ſo düſter wie die eines Stein⸗ bruchs, durchſchnitten von großen Schatten⸗ und Licht⸗ theilen: das Licht kam von ungefähr zehn Fackeln, welche an den Pfeilern von einer Art von Kreuzweg befeſtigt waren und eine Verſammlung von ungefähr ſechzig Männern beleuchteten. Die Verſammlung fand etwa zweihundert Schritte von Herrn Jackal ſtatt; dieſe Männer ſchienen wegen einer Angelegenheit von höchſter Wichtigkeit beiſammen zu ſein, denn ſie dräng⸗ ten ſich um einen Redner, der mit Feuer ſprach und mit Energie geſticultirte. „Ahi ahl ah!“ machte Herr Jackal. Sodann, nach ein paar Secunden der Betrachtung: 4 „Wo Teufels ſind dieſe Menſchen, und was machen Sie denn da?“ Und in der That, ſo beleuchtet durch den Refler der Fackeln hätte man ſie, wäre nicht die moderne Tracht geweſen, für die beim Sabbat ankommenden Zauberer der Ballade gehalten. Herr Jackal zog aus ſeiner Taſche ein Fernglas⸗ — 8 8 8—— — B„ 8 c 8—— c— 97 ein Meiſterwerk des Ingenieur Chevalier, das in ſeiner größten Ausdehnung ſechs bis acht Zoll Länge erreichte und immer von ihm mitgenommen wurde, richtete es auf das ſeltſame Schauſpiel, das er vor den Augen hatte, und ſuchte zu errathen, wovon die Rede war. Dank ſei es dem Reflexe der Fackeln und der Voll⸗ kommenheit ſeines Inſtruments, konnte Herr Jackal ſehen, daß die Phyſiognomie von jedem der Menſchen, welche die nächtliche Zuſammenkunft bildeten, das vollſte Entzücken ausdrückte. Alle waren in der Haltung, in der die Mitglieder einer Verſammlung find, wenn ein berühmter Redner eine ſympathetiſche Rede hält: die Ohren geſpannt, die Lippen halb geöffnet, die Augen auf die ſprechende Perſon geheftet; jedes Geſicht bezeich⸗ nete die beharrlichſte Aufmerkſamkeit, und dieſe Auf⸗ merkſamkeit ſchien ſich, wie geſagt, ſtufenweiſe bis zum vollſten Entzücken zu erheben. Mochte der Redner eine ſchwache Stimme haben, mochte er abſichtlich leiſe ſprechen, mochte die Entfer⸗ nung, in der ſich Herr Jackal von der Gruppe befand, zu groß ſein, der Inſpector der öffentlichen Sicherheit, wie ſehr er auch Acht gab, und ſo fein und geübt bei ihm der Gehörſinn war, hatte nach einer ſcharfen Auf⸗ merkſamkeit von fünf Minuten noch nicht ein verrathen⸗ des Wort von dem, was in der geheimnißvollen Gruppe geſagt wurde, hören können. Ein Theil von dieſen Perſonen ſchien übrigens Herrn Jackal nicht ganz fremd zu ſeinz nichtsdeſtowe⸗ niger wäre er ſehr in Verlegenheit geweſen, hätte er einen Namen auf die Geſichter ſetzen oder ſogar irgend ein Gewerbe denjenigen, welche er vor Augen hatte, anweiſen ſollen.— Beinahe einförmig in große braune oder blaue, bis ans Kinn zugeknöpfte Ueberröcke geklei⸗ detz die Oberlippe faſt allgemein von einem langen, dichten, ergrauenden Schnurrbart beſchattet,— wie er ſie ſah,— war es nicht ſchwer für einen Phyſiogno⸗ Die Mohicaner von Paris. V. 7 98 miker von der Stärke von Herrn Jackal, hier alte Mi⸗ litäre zu erkennen. Diejenigen, welche keinen Schnurr⸗ un bart hatten,— ihre Jahl war ſehr klein,— waren, au obſchon ſie daſſelbe Aeußere affectirten, wie ihre Ge⸗ nic fährten, gans einfach friedliche Bürger, und die Ge⸗ wa müthlichkeit ihrer Geſichter welche die Begeiſterung, ſei von der ſie ergriffen waren, nicht in ein unfreundliches Weſen verwandeln konnte, zeugte hinreichend von ihren ſin wenig kriegeriſchen Profeſſionen. gel Herr Jackal hatte ſicherlich den Einen, einen ehr⸗ Ah lichen Krämer der Rue Saint-Denis, geſehen, wie er er auf der Schwelle ſeiner Ladenthüre ſtand, den Vorüber⸗ gehenden zulächelte, die Kundſchaft in ſein Magazin trr ck, durch eine einnehmende rol durch einen freundlichen Bli Miene zu locken ſuchte; er hatte den Andern in irgend beg einem Vorzimmer geſehen, entweder mit der Kette am ren Se Halſe als Huiſſier, oder mit der Kette am Fuße als Bittſteller; kurz, Keiner von dieſen Menſchen war ihm— völlig fremd, obſchon Keiner ihm beſonders bekannt war⸗ He Was er aber noch weniger kannte, als die Perſo⸗ er nen, das war die Decoration des Theaters. riu Hängen wir uns an das Seil von Herrn Jackal: 3Z a es iſt ſtart genug, um uns Beide zu tragen, und ſogar lin alle Drei, lieber Leſer,— und ſuchen wir die geheim⸗ tau nißvolle, düſtere Localität zu erkennen, wo die Scene vor ſich geht, die wir zu beſchreiben haben. „Ah! Mord und Tod! ich habe es!“ rief plötzlich gra Herr Jackal, indem er ſich mit einer ſo ungeſtümen und ſo unbedachtſamen Geberde vor die Stirne ſchlug, daß grl er beinahe das Gleichgewicht verloren hätte, und daß dee der Stoß, den er dem Seile gab, ihn ein paar Secun⸗ den lang eine umdrehende Bewegung machen ließ, ähn⸗ Ze 6 der eines Hühnchens, das am Ende einer Schnur ratet. Die Bewegung hörte allmälig auf, und Herr Jackal der tam mit dem Verluſte ſeines Fernglaſes davon, das in wi die Tiefe des Brunnens fiel. Ki⸗ rr⸗ en, He⸗ He⸗ ng, hes ren ehr⸗ e er ber⸗ azin ende gend am als ihm war. erſo⸗ ckal: ſogar eim⸗ Scene tzlich daß daß ecun⸗ ähn⸗ chnur Jackal as in 99 Doch der Polizeimann ſtörte in der ſchon von uns erwähnten fantaſtiſchen Taſche, zog ein Etui her⸗ aus und nahm aus dieſem Etui eine Brille, die er, nicht auf die Naſe, ſondern auf die Stirne ſetzte; nur waren die Gläſer dieſer Brille, ſtatt blau gefärbt zu ſein, grün gefärbt. „Ich habe es!“ wiederholte Herr Jackal,„und das ſind meine ſechzig Vögel! Ich weiß nun, wohin ſie gegangen ſind: wir befinden uns in den Katakomben!... Ah! ah! ah! und der Herr Polizeipräfect behauptet, er kenne alle Ausgänge derſelben!“ Herr Jackal hatte in der That die Wahrheit ge⸗ troffen; dieſes Gewölbe, das ſich vor ſeinen Augen ent⸗ rollte, dieſer Kreuzweg, der die Perſpective deſſelben begränzte, war ein Winkel von dem ungeheuren düſte⸗ ren Erdbau, welcher ſich von Montrouge bis an die Seine, vom Jardin des Plantes bis Grenelle erſtreckt. — Was den Polizeipräfecten betrifft,— er hatte, wie Herr Jackal ſo vernünftig bemerkte, ſehr Unrecht, wenn er behauptete, er kenne alle Ausgänge des weiten Oſſua⸗ riums: die Ausgänge der Katakomben hängen, der Zahl nach, von der Laune des erſten Bewohners vom linken Ufer ab, da es, um einen neuen Ausgang den tauſend Ausgängen, die ſie ſchon haben, beizufügen, ge⸗ nügt,— im Faubourg Saint⸗Marcel, zum Beiſpiel, — ein Loch von fünfundzwanzig bis dreißig Fuß zu graben. In dem Augenblicke, wo Herr Jackal zu ſeiner großen Freude, obwohl etwas ſpät, dieſe wichtige Ent⸗ deckung gemacht hatte, hörte er das ſchallende Geräuſch von Bravos und Beifallklatſchen, worauf der, zu jener Zeit ein wenig aufrühreriſche, Ruf folgte: „Es lebe der Kaiſer!“ „Es lebe der Kaiſer?“ wiederholte Herr Jackal, der ſich ganz unſchuldig in den Aufruhr miſchte.„Ah! iöttis ſind ſie: er iſt ſeit ſechs Jahren todt, der aiſer!“ 100 Und, als wollte er ſeine Gedanken aufklären, ſtörte Herr Jackal, mit einer in ſeiner Lage unerhörten Schwierigkeit, in ſeiner Taſche, zog ſeine Tabatiere heraus, und ſtopfte ſich voll Wuth eine Priſe Tabak in die Naſe. Derſelbe Ruf erſcholl zum zweiten Male, und zwar noch energiſcher, als das erſte Mal. „Gern,“ ſagte Herr Jackal,„doch ich wiederhole Euch, daß der Kaiſer todt iſt.. Herr von Béranger hat ſogar ein Lied darüber gemacht. Und er fing an zu trällern: Des Espagnols m'ont pris Sur leur navire— Aux pords lointains ou tristement jerrais*). Herr Jackal kannte alle Lieder von Böranger. Er wurde in ſeinem Geträller durch einen dritten Ruf:„Es lebe der Kaiſer!“ unterbrochen. Einen Augenblick in Bewegung und verworren, nahmen ſodann alle Perſonen ihre Plätze wieder ein, — eine einzige ausgenommen, welcher ſtehen blieb und eine Rede wie der erſte Redner halten zu wollen ſchien. „Im Ganzen,“ ſprach Herr Jackal, der von dem, was die ſeltſame Verſammlung ſein konnte, zu träumen fortfuhr,„im Ganzen ſind dieſe braven Leute vielleicht harmloſe alte Militäre, welche ſeit 1815 hier leben, und noch nichts von dem Tode des Kaiſers wiſſen.— Welch ein Unglück, daß ich nicht von näher ihrem Zeit⸗ vertreibe beiwohnen kann und des Vergnügens ihrer Converſation bergubt bin, die ſo pittoresk als die von Epimenides ſein muß, wenn ſie, wie ich annehme, ſeit zwölf Jahren in dieſem Lande leben!“ Plötzlich kam Herrn Jackal ein Gedanke. *) Spanier haben mich guf ihrem Schiffe nach fernen Ge⸗ ſtaden genommen, wo ich traurig umherſchweifte.. te en ak ar ole ger tten ren, ein, und ien dem, men eicht ben, Zeit⸗ ihrer die hme, nGe⸗ 101 „Aber,“ ſagte er,„warum ſollte ich nicht hören, was der Redner ſprechen wird?“ Er erhob ſodann den Kopf gegen die Mündung des Brunnens und rief: „Haltet Ihr immer noch feſt da oben?“ „Oh! ſeien Sie ohne Furcht, Herr Jackal!“ „Nun wohl, ſo laßt mich ein paar Fuß hinab.“ Der Befehl wurde ſogleich vollzogen. Alsdann gab Herr Jackal, vermittelſt ſeines Stockes, mit dem er die Wände des Brunnens berühren konnte, dem Seile eine ſchwingende Bewegung, der der Unruhe einer Pen⸗ deluhr ähnlich, welche ihm, als er an einem gewiſſen Punkte angelangt war, die Spalte des Brunnens zu erreichen, ſich an einen Stein anzuklammern, und den Fuß auf daſſelbe Terrain, wie die, deren Geheimniſſe er erforſchen wollte, zu ſetzen erlaubte. Sobald er auf feſtem Boden war, machte er den Haken los und rief, ſich gegen den Brunnen neigend, wo abermals das Seil hing, ſeinen Agenten zu: „Bleibt auf der Stelle, Kinder, und rührt Euch nicht, wenn ich es Euch nicht ſage!“ Mit Schritten ſo leicht als die des Thieres, deſſen Namen mit dem ſeinigen Aehnlichkeit hatte, rückte er ſodann gegen den Kreuzweg vor, wo die Napoleoniſche Verſammlung gehalten wurde. CXXII. Das, nach dem Willen des Leſers, einen Theil des Romans bildet oder nicht bildet. Angelangt, wo wir ſind,— nämlich bei dem Au⸗ genblicke, wo Herr Jackal völlig verborgen in dem Schatten, den einer der maſſiven Pfeiler, welche das coloſſale Gewölbe ſtützen, verbreitet, den neuen Redner zu behorchen ſich anſchickt,— mögen uns unſere Leſer erlauben, einen Blick auf dieſe Katakomben zu werfen, in welche wir im Verlaufe dieſes Buches mehr als ein⸗ mal im Gefolge der Verſchwörer hinabzuſteigen Gelegen⸗ heit haben werden. Wir werden Herrn Jackal an derſelben Stelle wie⸗ derfinden, und wir werden uns bemühen, unſern Aus⸗ flug ſo kurz ſein zu laſſen, daß der Redner ſeine Rede noch nicht einmal angefangen hat. Gegen das Ende des vorigen Winters äußerten wir, da wir wußten, wir werden die Katakomben zu beſchreiben haben, den Wunſch, ſie beſichtigen zu dürfen. Auf die Bitte von einem unſerer größten Mathematiker, Herrn Bertrand,— der übrigens ſchon einer unſerer berühmteſten Gelehrten in dem Alter war, wo man ge⸗ wöhnlich die erſten Buchſtaben des Buches der Wiſſen⸗ ſchaft ſtammelt,— ſchickte uns der Herr Oberingenieur der Bergwerke eine Erlaubnißkarte für den Beſuch der Katakomben. Der für den Beſuch feſtgeſetzte Tag kam, und, wie immer oder beinahe immer in ſolchen Fällen, war es mir unmöglich, die Erlaubniß des Herrn Oberinge⸗ nieur der Bergwerke zu benützen: dieſe ewige Arbeit, die mich an meinen Schreibtiſch feſſelt, weigerte ſich⸗ einen Urlaub von ein paar Stunden zu contraſigniren⸗ 1 1 d 2 4 d a c c—— — 103 Ich rief Paul Bocage, meinen erſten Adjutanten; ich reichte ihm die Erlaubnißkarte und ſagte zu ihm: „Gehen Sie dahin, lieber Freund! ich werde durch Ihre Augen ſo gut und vielleicht noch beſſer ſehen, als durch die meinigen.“ An demſelben Abend kam Paul Bocage zurück. Er wollte mir erzählen, was er geſehen hatte. „Ich habe nicht Zeit, Sie anzuhören,“ ſagte ich zu ihm.„Nehmen Sie dort Platz und machen Sie mir Ihren Bericht.“ Es folgt alſo hier der Bericht von Paul Bocage; wir legen ihn unſern Leſern wortgetreu vor Augen. Die Katakomben, Bericht an den Maeſtro. „Heute am 12. October 1853, Mittags um ein Uhr, gingen wir durch die Barriere d'Enfer an einem von den ſchönen ſonnigen Tagen ab, deren Privilegium der Winter an ſich geriſſen zu haben ſcheint. Mit uns war eine junge, große, ſchöne Perſon mit blauen Augen, welche heiter herbeikam, um dieſe unterirdiſche Nekropolis mit der Sorgloſigkeit der Roſen, die um die Gräber blühen, mit dem kühnen Lächeln der Her⸗ ausforderung der Jugend an den Tod zu beſichtigen. „Als wir zum Pavillon der Barriere d'Enfer ka⸗ men, gab man Jedem von uns,— es waren ungefähr ſechzig Perſonen,— eine Kerze und eine Ermahnung: die Kerze war, um hell in den unterirdiſchen Gewölben zu ſehen; die Ermahnung war, die Kerze nicht anzu⸗ zünden. „Dieſe zwei ſich widerſprechenden Gaben ſetzten uns Anfangs in Erſtaunen, wurden uns aber bald erklärt. „Wir warteten hier; ungefähr ſeit einer Stunde, als ſich die Thüre der Treppe, die nach den Katakom⸗ ben führt, plötzlich öffnete und einem Hundert Schat⸗ ten Durchgang gewährte, welche die Pforten ihres — 104 Grabes geſprengt zu haben ſchienen, um das Licht des Tages wiederzuſehen. „Die Geſichter von allen Perſonen, die plötzlich in den Hof einbrachen, wo wir warteten, waren blaß, grün, violettgelb, entſtellt und von jenem bleiartigen Tone, den beim Fleiſche die zehn erſten Stunden des Todes hervorbringen können. „Dieſe Schatten oder vielmehr dieſe Beſuche, welche uns vorhergegangen waren, und unter deren Zahl ſich ein ſchöner Aegypter fand, den die Leute, die Alles wiſſen, um uns her, ich weiß nicht warum, Reſchid Paſcha nannten;— dieſe bleichen, hageren Beſuche hatten zwei Stunden damit zugebracht, daß ſie Gebeine durchſtörten, an Schädeln, Schienbeinen, Schenkelkno⸗ chen, ganzen Skeletten hingingen, und, als wäre es nicht erlaubt, ungeſtraft die Verlaſſenſchaft der Weſen zu berühren, hatten ſie etwas von dex Aeichenartigen Tinte ihrer Wirthe behalten. „Ich ſchaute meine Gefährtin an: ihre blauen Augen verdüſterten ſich nicht; das Incarnat ihrer Wan⸗ gen ſchwächte ſich nichtz ſie war fröhlich, voll Leben und Stärke; ſie ſtützte ſich auf meinen Arm, und als ſie ſah, daß unſere Gefährten einzutreten anfingen, ſagte ſie zu mir, als wollten wir der Vorſtellung eines Stückes von la Foire beiwohnen. „„Folgen wir den Leuten.““ „Und wir traten ein. „Ich wäre ſehr verſucht, eine gedrängte Geſchichte der Katakomben zu machenz doch ich will lieber die Wirkung zeigen, ehe ich die Urſache ſage. Ich will alſo die Katakomben beſchreiben, ſo wie ich ſie geſehen habe,— die örtliche Beſchreibung von dem vortreff⸗ lichen Buche von Herrn Héricart de Thury, Ingenieur der Bergwerke und Inſpector der unterirdiſchen Arbei⸗ ter, veröffentlicht 1815, entlehnend.— Abgeſehen von einigen ſeit jener Zeit gemachten Conſolidirungswerken, ſind dieſe weiten Todtengewölbe in dieſem Augenblicke — des lich laß, gen des 105⁵ in demſelben Zuſtande, in welchem ſie Herr Heéricart de Thury beſchrieben hat. „Sagen wir beiläufig, daß beim Eintritt in dieſe unterirdiſchen Räume unſer Herz beklommen und das Gehirn erfüllt war von der Geſchichte aller Katakomben der Vergangenheit“), von denen des Landes Kanaan, wo Abraham, ein Fremder in Hebron, die Einwohner Sarah in den Gräbern ihrer Vorfahren niederlegen zu dürfen um Erlaubniß bittet.(Ich bin ein Fremder bei Euchz gebet mir ein Erbbegräbniß bei Euch, daß ich meinen Todten begrabe, der vor mir liegt. Geneſis, Kap. XXIII.); von den Katakomben von Kanaan bis zu den unterirdiſchen Höh⸗ len der Mayras⸗Indianer am Amazonenfluſſe. „Drei Treppen führen von der Oberfläche des Bo⸗ dens in die Katakomben von Paris: die erſte liegt im Hofe des weſtlichen Pavillon der Barriere d'Enfer oder dOrleans Cas iſt die, auf welcher wir hinabgeſtiegen ſind); die zweite bei der Tombe⸗Iſſoire; die dritte end⸗ lich auf der Ebene von Montſouris, am Rande der Creuſe⸗Straße oder der alten Straße nach Orleans, unfern von der unterirdiſchen Waſſerleitung von Arcu⸗ eil.— Drei Thore ſchließen die Einfaſſung der Kata⸗ komben: das eine im Weſten, und unter dieſem Namen bekannt, durch welches man gewöhnlich gelangt; das zweite im Oſten, genannt die Pforte du Port⸗Mahon: dieſes iſt für das Publicum nicht offen und nur für den Dienſt des Monuments beſtimmt; das dritte im *) Die Katakomben von Aegypten, von Phönicien, von Paphlagonien, von Capadocien, der Krimm, Perſiens, Griechen⸗ lands Klein⸗Aſiens, der Guanchen, vom Innern Africas, Sey⸗ thiens, der Tartarei, der beiden Buchardien, von Rom, von Toscana, von Neapel, von Sicilien, von Maltg, von Gozzo, von der Inſei Lipari, von Spanien, von Frankreich, von England, 4 von Deutſchland, von Süd⸗ und Nord⸗America „ſ. w. 106 Süden bei der Tombe⸗Iſſoire, von der es den Namen angenommen hat. „Auf der Treppe der Barriere d'Enfer ſteigt man faſt allgemein hinab; von dieſem Punkte aus wollen wir alſo die Marſchlinie des Touriſten bezeichnen, wo⸗ bei wir ihn im Vorübergehen auf die merkwürdigſten Gegenſtände und Curioſitäten der Route aufmerkſam machen werden. „Der Fuß der Treppe ſtützt ſich auf die Stein⸗ maſſen, welche man, ehe man die letzten Stufen hinab⸗ . geſtiegen iſt, zu erkennen vermag. „Sechs bis acht Metres von der Treppe findet man die weſtliche Gallerie, welche bleirecht mit der weſtlichen Reihe der Bäume an der Straße nach Or⸗ leans iſt. Dieſe Straße war ganz ausgehöhlt: die In⸗ ſpection hat alle Aushöhlungen mit Schutt ausfüllen laſſen, und ihr Conſolidirungsſyſtem verfolgend, hat ſie, rechts und links, ſenkrecht von den zwei Reihen Bäume, eine große Dienſtgallerie angebracht. „In der weſtlichen Gallerie der Straße nach Or⸗ leans erkennt man die Bauarbeiten der Alten. Folgt man dieſer Gallerie gegen Norden, ſo ſieht man im untern Theile der Quaderbank, welche ihr als Himmel dient, ein merkwürdiges Muſter von Ueberwichtigkeit der Lagen. „Rachdem man ungefähr hundert Motres der unter der Gegenallee des Boulevard Saint⸗Jacgues, auf der Südſeite, unter einem gebrochenen, geſpaltenen, zer⸗ riſſenen, an verſchiedenen Stellen niederhängenden, von Waſſertropfen, welche wie Diamanten im Scheine der Fackeln ſchimmern, rieſelnden Himmel angebrachten Gal⸗ lerie gefolgt iſt, findet man die großen Conſolidirungs⸗ arbeiten der Waſſerleitung von Arcueil. „Man läßt zu ſeiner Linken die wegen des Unter⸗ ſchleifs bei den Oetroigebühren gemachten Mauern und Gegenmauern; man folgt der Waſſerleitung von Ar⸗ cueil, einem der Werke, die man der Leidenſchaft von len an len ⸗ ten am in⸗ ab⸗ det der In⸗ len hat hen Or⸗ lgt im nel keit ter der er⸗ on der al⸗ g8⸗ er⸗ ind Ar⸗ on 107 Maria von Mediei für die Architektur verdankt. Dieſe von Jean Loing, Maurermeiſter, nach einem Vertrage vom 18. October 1612 für die Summe von viermal⸗ hundert und ſechzig tauſend Livres erbaute Waſſerlei⸗ tung wurde am 11. Juli 1613 angefangen und 1624 vollendet. Sie hatte zum Zwecke, die auf dem Plateau von Rungis und Cachent liegenden Quellen zu ſammeln, welche der Kaiſer Julian einſt nach ſeinem Palaſt der Thermen, in der Rue de la Harpe, durch einen Aquä⸗ duct hatte führen laſſen, von dem man noch merkwür⸗ dige Ueberreſte hinter den Bauwerken von Maria von Medici ſieht. Dieſe erſte Waſſerleitung, deren Lauf theilweiſe in der Ebene von Montſouris und la Gla⸗ ciere,— der allen Schlittſchuhläufern von Paris ſo theuren Prairie,— erkannt worden iſt, war durch das Factum der Ausbeutung der Steinbrüche zu Grunde gerichtet worden. „Die neue Waſſerleitung von Arecueil wurde mit einer der Römer wahrhaft würdigen Pracht von Maria von Medici gebaut, welche den Grundſtein davon mit Ludwig XIII., in Gegenwart der vornehmſten Herren ihres Hofes, des Gouverneurs, des Prevot und der Schöppen der Stadt Paris am 13. Juli 1613 legte. „Von Arcueil bis Paris bildet die Waſſerleitung eine große unterirdiſche Gallerie, welche in einigen Theilen der Ebene von Montſouris auf ſehr alten und damals unbekannten Steinbrüchen errichtet wurde; die Durchſinterungen, die Verluſte an Waſſer, die Sen⸗ kungen, welche eine Folge hievon waren, der Einſturz von einem Theile des Aquäducts, die Ueberſchwemmung aller Steinbrüche, und die Unterbrechung des Dienſtes der Brunnen von Paris, welche die Waſſer von Rungis ſpeiſen, nöthigten zu ſehr großen Reſtaurationsarbeiten. „Die erſten Conſolidirungswerke datiren von ſie wurden von großen Quaderſteinen gemacht, denen man ſeitdem eine Maurerarbeit von Bruchſteinen mit Mörtel von Kalk und Sand gls weniger koſtſpielig, 108 und in den Souterrains leichter ausführbar, und über⸗ dies als genügend für den Zweck, den man ſich vorſetzte, ſubſtituirt hat. „Der günſtigſte Ort, um dieſe Operationen auf dem Wege der Katakomben gut zu beurtheilen und zu erkennen, iſt neunzig Metres vom Boulevard Saint⸗ Jacques. An dieſem Orte ſieht man entblößt die unter dem Laufe des Aquäducts gemachte Grundmauer, die zwei der Länge nach fortlaufenden Gallerien von Oſten nach Weſten und die Strebemauern. Eine rothe Linie am Himmel der Gallerie bezeichnet die Mitte des Kanals. „Der directeſte Weg, um ſich von dieſem Orte nach den Katakomben zu begeben, iſt, wenn man dem gan⸗ zen Laufe der Waſſerleitung in der einen oder der an⸗ dern von dieſen unteren Gallerien in einer Länge von zweihundert und fünfzig Metres folgt; man wählt aber gewöhnlich den Weg der doppelten Steinbrüche, genannt Port⸗Mahon, um die durch die Alten gemach⸗ ten großen Aushöhlungen zu ſehen. Dieſer iſt es alſo, den wir einſchlagen werden. „Man wendet ſich nach Süd⸗Weſten durch eine un⸗ gefähr zweihundert Motres lange in den Lücken und den Schuttdämmen der Alten angebrachte Gallerie. Dieſe Gallerie mündet, nach einigen Krümmungen, unter dem Viaduct des Kaiſers Julian paſſirend beim äußeren Boulevard der Barriere Saint-Jacques oder d'Ar⸗ cueil aus. „Trotz der ſteinernen Pfeiler und der Schuttdämme haben die Aufſchichtungen ihre Macht mit ſolcher Ge⸗ walt bei dieſem Theile fühlbar gemacht, daß der große Bau nicht widerſtehen konnte, und die benachbarten Pfeiler ebenfalls zuſammenſtürzten. „Ferner ſieht man eine lange Reihenfolge aus dem Gröbſten behauener ſteinerner Pfeiler, die ſich rechts und links auf den zwei Schuttdammlinien erheben, Ar⸗ beiten 1790 ausgeführt auf Befehl von Ludwig XVI. —— er⸗ te, uf nt⸗ ter die en nie es uch n⸗ n⸗ on t e ſo, n⸗ ſe m en r⸗ me e⸗ ße en m ts I. 109 „Nach mehreren Krümmungen im Schutte der alten Steinbrüche findet man eine in den Quaderſteinen einer unteren Werkſtätte angebrachte Treppe. Einer von den Arbeitern der Inſpection der Steinbrüche, Decare ge⸗ nannt Beauſéjour, ein alter Veteran vom Militär, er⸗ kannte dieſen Steinbruch im Jahre 1777 durch einen Einſturz von Steinlagen, die ihn vom oberen Stein⸗ bruche trennten. Die Ausdehnung des Locals und ſeine natürliche Beſchaffenheit veranlaßten dieſen Mann, eine kleine abgeſonderte Werkſtätte daraus zu bilden, wo er ſeine Mahle zu ſich nahm, während die andern Arbeiter an die Oberfläche der Erde emporſtiegen. „Kurz nach ſeiner Niederlaſſung in dieſem doppel⸗ ten Steinbruche beſchloß Decare, ſich ſeiner langen Ge⸗ fangenſchaft in den Caſematten des Fort von Port⸗Ma⸗ hon erinnernd, einen Plan in Relief hievon in den Schichten der Lambourden⸗Bänke*) zu machen, welche wirklich, ſehr weich, behauen zu werden fähig find. „Decare ſchritt alſo zum Werke. Er arbeitete ohne Unterlaß fünf Jahre hinter einander, von 1777 bis 1782, an ſeinem Relief von Port⸗Mahon. Als er es vollendet hatte, machte er ein Veſtibule geſchmückt mit einer großen Moſaik von ſchwarzem Kieſelſtein. „Nach Verlauf dieſer fünf Jahre in der Dunkel⸗ heit, in der Stille und in der Einſamkeit ausgeführter Arbeiten, während welcher Zeit ſeine Werkſtätte faſt für jeden Andern als für ihn unzugänglich war, wollte Decare ſeine Arbeiten durch die Conſtruction einer aus der Maſſe gehauenen bequemen Treppe vervollſtändigen. Sobald der Plan gefaßt war, ging er ans Werk. Die Treppe rückte vor; leider ereignete ſich, als er den letzten Pfeiler erhob, ein ungeheurer Einſturz, und ge⸗ *) Unter dem Namen Lambourden verſteht man Bänke von kalkartigem, körnigem, weichem Bruchſtein. Die Lambvurden ſind gelblich weiß und beſtehen aus einer groben Maſſe, welche gengu genommen nur das 2 regat einer Menge bon zerbroche⸗ nen Müſcheln iſt. 110 fährlich verwundet, ſtarb der muthige Decare bald nachher. Uum das Andenken an dieſen großen Arbeiter, an dieſen unbekannten Künſtler zu erhalten, ließ man fol⸗ gende Inſchrift in eine ſteinerne Tafel, beim Relief von Porte⸗Mahon, mit dem Ehrenzeichen des Veteranen graviren: Cet ouvrage fut commencé, en 1777 par DFCARE dit BEAUSEJOUR, vétéran de Sa Majesté, et fini en 1782*). „Man hatte ſeinen Tiſch und ſeine ſteinernen Bänke an einem Orte aufbewahrt, welchen man mit dem Ausdrucke der Steinbrecher Kammer oder Werkſtatt nennt, den der unglückliche Decare aber ſeinen Salon nannte. Im Jahre 1787 frühſtückten der Graf von Artois und meh⸗ dere Damen von Hofe, welche Porte⸗Mahon beſuchten, auf dem Tiſche von Decare. Seitdem iſt das Relief verſchwunden, verſtümmelt durch die Hand der Menſchen oder ertränkt unter den Thränen der Gewölbe. Es ſind indeſſen noch Spuren genug davon übrig, daß man die Geduld, das Gedächtniß und das natürliche Talent dieſes Arbeiters bewundern kann, der vielleicht in der Sonne einer unſerer größten Bildhauer geworden wäre. „Port⸗Mahon iſt nicht die einzige Sehenswürdig⸗ keit, welche dieſer Steinbruch den Beſuchern bietet: man ſieht hier auch noch die Spuren eines Einſturzes von äußerſt pittoreskem Effecte in den Steinbänken, welche die zwei Steinbrüche trennten. Die Steine ſind gebro⸗ chen, zertrümmert, da und dort zerſtreut, als hätte der Sturm in dieſen unterirdiſchen Räumen gehauſt und Alles durcheinander aufgehäuft. Von ferne geſehen, er⸗ von Decare ge⸗ *) Dieſe Arbeit wurde angefangen 1777 nannt Beauſejour, Veteran Seiner Majeſtät, und vollendet 17 1 kor Unt unb an ol⸗ lief nen e an ucke der Im neh⸗ en, elief ſchen ſind die alent der väre. rdig⸗ man von belche ebro⸗ 111 innert dieſe Geſammtbeit von Felſen an die wildeſten Riffe der Küſte von Bretagne. Verließe Sie Ihr Füh⸗ rer plötzlich mitten unter dieſen Trümmern, ſo würden ſich die Schrecken des Unbekannten Ihrer bemächtigen; denn nirgends findet ſich das Wort Chaos in ſo furcht⸗ baren und unauslöſchlichen Charakteren geſchrieben. „Ungefähr hundert und fünfzig Metres von der Treppe von Decare kommt man zum Veſtibule der Ka⸗ takomben erbaut 1811. Dieſes Veſtibule, in welches man durch einen ſechs Motres langen Corridor gelangt, iſt von achteckiger Form. Zwei ſteinerne Bänke ſind an den zwei großen Seiten aufgeſtellt worden, und rechts und links von der Thüre ſind zwei Pfeiler, welche die Inſchrift des Saint⸗Sulpice⸗Friedhofes tragen: Has ultra metas requiescunt, Beatam spem expectantes ¹). „Auf dem Sturze der Eingangsthüre der Kata⸗ komben lieſt man, aus demſelben Steine ausgehauen, die Phraſe, in zwölf Sylben, des Abbs Delille: Arréte! c'est ici Fempire de Ja mort*)! Und man tritt in das Oſſuarium ein. „Ich ſchaute meine ſchöne Gefährtin an: ich hoffte unbeſtimmt, dieſer Vers des Abbé Delille werde eine gewiſſe Wirkung auf ſie hervorbringen; aber mochte nun meine Gefährtin den Tod nicht im Ernſte nehmen, oder nahm ſie den Vers des Abbe Delille im Scherze, ich ſah ſie keine Miene verändern; und ich drang mit ihr in die Katakomben ein, dieſe Macht der Schönheit, ui leſchummern über dieſe Grenze hinaus, ſelige Hoff⸗ *) Hait an hier iſt das Reich des Todes! 112 der Stärke und der Jugend, welche nichts ahnet, be⸗ neidend und bewundernd. „Ich erinnerte mich, daß ich ein paar Monate früher zwei Engländer auf dem alten Raſen der Grä⸗ berſtraße in Pompeji hatte frühſtücken ſehen. „Nachdem man die mineralogiſche Sammlung, die pathologiſche Sammlung und die St. Laurent⸗Gruft beſichtigt hat, ſieht man den Altar der Obelisken, eine Copie nach einem antiken Grabe, zwiſchen Vienne und Valence am Ufer der Rhone entdeckt. Rechts und links vom Altar ſind zwei aus Gebeinen errichtete Piedeſtale. „In weiterer Entfernung erblickt man ein Grab⸗ mahl genannt der Sarkophag des Lacrymatoriums oder das Grab von Gilbert wegen folgender Verſe, welche als Inſchrift dienen: Au banquet de la vie, infortumé convive, Vapparus un jour, et je meurs. Je meurs, et, sur la tombe ou lentement j'arrive, Nul ne viendra verser des pleurs*) „Ein paar Schritte von da wird man auf eine Grablampe aufmerkſam gemacht, eine Lampe in Form einer antiken Schale, getragen von einem Piedeſtal; links von der Lampe iſt ein großer dreieckiger Pfeiler, oder das dreieckige Kreuz genannt der Pfeiler des Me⸗ mento, weil er auf ſeinen drei Seiten die wahren, aber wenig tröſtlichen Worte bietet: Memento quia pulvis es, Et in pulverem reverteris**²)! Beim Vankett des Lebens, unglücklicher Gaſt, erſchien ich eines Tags, und ich ſterbe; ich ſterbe, und auf dem Grabe, wo ich langſäm ankomme, wird Niemand Thränen vergießen! **) Gedenke, daß Du Staub viſt, und wieder zu Staub werden wirſt! Körp lange in an ander Di nate Hrä⸗ die ruft eine und inks tale. rab⸗ oder lche ive, eine orm tal; iler, Me⸗ aber chien rabe⸗. n taub 113 „Wozu ſoll es dienen, ſich abzumühen, um aus dem Staube herauszukommen, kehrt man früher oder ſpäter wieder in denſelben zurück? „Hinter dem Pfeiler des Memento iſt der der Nach⸗ folge, welcher ſeinen Namen von ſeinen vier Inſchriften genommen aus der Nachfolge Jeſu Chriſti er⸗ halten hat. „Man kommt an eine Stelle genannt der Brunnen der Samariterin; dieſer Name wurde einer Quelle ge⸗ geben, die im Boden der Katakomben die Arbeiter ent⸗ deckten, welche hier ein Reſervoir, um das für ihren Gebrauch nothwendige Waſſer zu ſammeln, eingerichtet hatten. Dieſer Brunnen war Anfangs mit dem Namen die Quelle des Lethe oder der Vergeſſenheit wegen fol⸗ gender Verſe von Virgil bezeichnet worden: Animae, quibus altera lato, Corpora debentur, Laethei ad fluminis undam Securos latices et longa abliria potant ²)] welche der(ſchon erwähnte) Abbs Delille auf folgende mißfällige Art überſetzt hat: T vis ici Paraitre Ceux qui, dans d'autres corps, un jour doivent renaitre; Mais avant l'autre vie, avant ses durs travaux, Als cherchent du Léthe les impassihles eaux; Et dans le long sommeil des passions humaines, Boivent Theureux oubli de leurs Premieres pei- nes) X 6. Die Seelen, welchen vom Schickſale andere Körper gebühren, trinken an des Lethe Wellen lange Vergeſſenheit. Kris 2) Du ſiehſt hier diejenigen erſcheinen, welche eines Tags in anderen Körpern wiedergeboren werden ſollen; doch vor dem anderen Leben, vor ſeinen harten Arbeiten, ſuchen ſie des Lethe Die Mohicgner von Paris. v. 8 114 „Herr Héricart de Thury,— deſſen Buche ich, wie geſagt, alle dieſe Einzelheiten entnehme, war ohne ode Zweifel nicht entzückt von dieſem traurigen Madrigal lich des Abbé Delille, denn er ließ an ſeine Stelle folgende ma Worte ſetzen, welche Jeſus Chriſtus zur Samariterin ſchä am Brunnen Jacobs ſprach: Tre „Omnis, qui Pibit ex aqua hac, sitiet in aeter- num. Qui autem biberit ex aqua, quam ego dabo Str ei, non sitiet in aeternum; sed aqua, quam ego dabo übe ei fiet in eo fons aquae salientis in vitam aeter- en nam*). das weg „Vier Rothfiſche oder chineſiſche Goldbraſſen wur⸗ den in das Baſſin der Samariterin am 25. November N 1815 geworfen. Seitdem find die Goldbraſſen völlig S zahm geworden: ſie antworten auf die Zeichen und auf En die Stimme des Conſervators; ſie ſcheinen einige Fort⸗ ſchie ſchritte gemacht zu haben; doch ſie haben bis aufdieſen kein Tag noch kein Zeichen von Reproduction gegeben(ich laube es wohl)); ihre ſchöne Farbe hat ſich erhalten; ng ſe iſt ſo lebhaft wie am erſten Tage bei Dreien von Einſ ihnen, doch die Vierte bietet einige Nuancen, die ſie demſ von den andern unterſcheiden. Die Arbeiter der In⸗ Héri ſpection glauben bemerkt zu haben, daß die Goldbraſſen zum Voraus die Wetterveränderungen anzeigen, und doch daß ſie auf der Oberfläche des Waſſers bleiben, oder und ſich in der Tiefe des Baſſin aufhalten, je nachdem ſich ni das Wetter dem Regen oder dem Schönen, der Kälte de unempfindliche Gewäſſer; und in dem langen Schlafe der menſch⸗ 2n lichen Leidenſchaften trinken ſie das gluͤckliche Vergeſſen ihrer Deut erſten Leiden. 3 nicht Wer dieſes Waſſer trinkt, wird wieder dürſten; wer aber er vo das Waſſer trinken wird, das ich ihm gebe, der wird ewiglich ich bi nicht dürſten; ſondern das Waſſer, das ich ihm geben werde, ch bi das wird ihm ein Brunnen des Waſſers werden, däs ins ewige— Leben quillet.(Evangelium Fohannis Kap. 1W. Vers. 13 und 14) weiß wie ohne igal ende erin eter- labo labo eter- wur⸗ mber llig auf Fort⸗ eſ en ten; von e ſie In⸗ aſſen und oder ſich kälte enſch⸗ ihrer aber iglich erde, ewige Vets 115 oder der Wärme zuwendet. Das iſt im Ganzen mög⸗ lich, und man hätte einen ſchlechten Dank davon, wollke man den unglücklichen Fiſchen die hygrometiſche Ent⸗ ſchädigung ſtreitig machen. „Man ſieht endlich die Gräber der Revolution, die Treppe der unteren Katakomben, den Pfeiler der Cle⸗ mentiniſchen Nächte,— ſo genannt wegen der vier Strophen, welche ihn ſchmücken und aus dem Gedichte über den Tod von Ganganelli(Clemens XIV.) genom⸗ men ſind, und man geht aus den Katakomben durch das öſtliche Thor oder die Porte de la Tombe⸗Iſſoire weg, über der man folgenden Vers von Cato lieſt: Non metuit mortem, qui scit contemnere vitam*)! ein berühmter Vers, der mir immer eine Naivetät ge⸗ ſchienen hat, da derjenige, welcher das Leben nicht liebt, keine andere Wahl hat, als den Tod zu lieben. „Dies iſt die Reiſeroute, die man gegenwärtig macht. Abgeſehen von einigen Arbeiten und einigen Einſtürzen ſind die Katakomben, ich wiederhole es, in demſelben pittoresken Zuſtande, wie zur Zeit von Herrn Héricart de Thurh. „Wenige Pariſer haben ſie beſichtigt, und es würde doch kein Pariſer Neapel verlaſſen, ohne Herculanum und Pompeji geſehen zu haben. Warum? ich vermöchte nichts hierüber zu ſagen, wenn nicht, daß der Pariſer den Ehemännern gleicht, welche nur die Frau der An⸗ dern beſuchen. Sprechen Sie von allen Ländern mit einem Pariſer,— von Italien, von der Schweiz, von Deutſchland, von ganz Europa;— aber ſprechen Sie nicht mit ihm von Paris; über ſeine Geburtsſtadt iſt er von einer eraſſen Unwiſſenheit.— Ich darf es ſagen, ich bin von Paris. Er kennt in der Stadt nur ſein 50 Es fürchtet den Tod nicht, wer das Leben zu verachten 116 Quartier; in ſeinem Quartier nur ſeine Straße; in ſeiner Straße nur ſein Haus, und in ſeinem Hauſe nur ſeinen Stock. Führen Sie ihn von da weg, nichts!. Ich habe ſieben Jahre in der Rue Saint⸗ Jacques gewohnt, auf demſelben Boden mit einem In⸗ dividuum, deſſen Namen ich nur im Sidcle, den Ar⸗ tikel Sterbefälle leſend, erfahren habe. „Man darf ſich alſo nicht wundern, daß die Pariſer die Katakomben nie beſucht haben, und daß über zwei Drittel nicht einmal etwas von ihrer Exiſtenz wiſſen. Wie dem ſein mag, das iſt eine der ſchönſten Decvra⸗ tionen, die ich kenne, und ich habe ſie wie ein längſt bekanntes Land beſucht. „In dieſem Quartier Saint⸗Jacques, wo einſt an den Fenſtern der Manſarden die ſchönen Demviſelles blühten, welche man Griſetten nannte, ſind die Kata⸗ komben wenigſtens vom Hörenſagen bekannt. Es gibt nicht einen Hauseigenthümer, der nicht, ein Loch in ſeinen Brunnen machend, wie Herr Jackal, in dieſt unterirdiſchen Gewölbe eindringen kann. „Zur Zeit, da ich ein Kind war, ſah ich an Sonntag von der Porte Saint⸗Jacques, beim Pantheon, kommend und ſich nach der Barriere begebend, die Gruppen der jungen Leute und der Mädchen in verlieb⸗ ter Umſchlingung. Wohin gingen ſie ſo, fröhlich, jung, ſingend, lebendig?.. Lange Zeit wußte ich es nicht. Am Abend, wenn man mich zu Bette zu legen vergaf, ſah ich ſie zurückkommen, nicht mehr heiter und lächelnd ſondern nachdenkend, die Mädchen ſchmachtend, die jun⸗ gen Männer träumeriſch. „Später erfuhr ich, ſie kommen von den Kata⸗ komben zurück. „Wie! dieſe ſchönen jungen Leute, die ſich ſo enh umſchlungen hielten, daß ſie wie Brüder und Schwe ſtern zu ſein ſchienen; wie! ſie hatten aus dieſen Grab⸗ gewölben Liebeszufluchtsorte gemacht? aus dieſen Gräbern Lager von freudigen Hochzeitfeſten? Ja, ſü „ dre die der in wie ſtar Ge vor ma gar Ge die ſtie teri geh wer wer wen Abg bend des ſchri bis dieſe ſchar fünt. 3ſ auſe weg, aint⸗ Ar⸗ riſer zwei iſſen. cora⸗ ängſt ſt an ſelles Kata⸗ gibt dieſe an heon, die rlieb⸗ jung, nicht. ergaß, helnd jun⸗ Katg⸗ ſo en chwe Grab dieſen jit 117 dreißig bis vierzig Sous öffnete der Wächter der Treppe die Thüre ſie traten heiter ein, hörten auf keine der Ermahnungen des Wächters, vertieften ſich jeder in eines dieſer unterirdiſchen Gewölbe, welche ſo groß wie Städte,— wohl ans Sterben denkend, ſie jung, ſtark, verliebt! und der Anblick dieſer Tauſende von Gebeinen hielt ſie nicht zurück! „An einem der Pfeiler am Eingange der Gruft von Lögouvé leſen Sie den Vers von Ducis: Nos jours sont un instant: c'est la feuille qui tombe*)! „Und ſie entblätterten dieſe Blume des Lebens, die man die erſte Liebe nennt, ohne Ehrfurcht vor der Ver⸗ gangenheit, ohne Sorge um die Zukunft; währt die Gegenwart des Verliebten nicht ewig? „Eines Abends wartete der Wächter vergebens auf die letzte Gruppe... Vergebens rief er, vergebens ſtieg er hinab, vergebens durchlief er die zahlloſen un⸗ terirdiſchen Gewölbe dieſer Rekropolis: Nichts! „Steigt heute noch in dieſe Katakomben hinab, geht länger, als Eure Fackel währt, und vergebens werdet Ihr tauſend Merkpunkte genommen haben, Ihr werdet Euch nicht wiederfinden, Ihr werdet eben ſo wenig mehr von dort zurückkommen, als ein in einen Abgrund geworfener Kieſelſtein! „So verſchlangen die Katakomben die zwei Lie⸗ benden. „Der Wächter weinte bitterlich; doch die Mutter des Mädchens war zu beklagen! Ihr Kummer über⸗ ſchritt unſere ganze Straße; ihr Schluchzen gelangte bis an mein Fenſter. Eines Tages werde ich Ihnen dieſes Drama umſtändlich erzählen, und Sie werden ſchaudern! fiut* Unſere Tage ſind ein Augenblick: das iſt das Blatt, das 118 „Die Klagen dieſer Mutter und vieler Anderer nöthigten die Regierung, für das Publicum den Ein⸗ fa tritt in die Katakomben zu ſchließen, und man brauchte außerordentliche Erlaubniß, um ſie beſuchen zu dürfen. „Ich habe ſie fünf⸗ oder ſechsmal beſucht, und es 2 iſt, wie geſagt, ein bekanntes Land für mich; nur un⸗ 6 terſcheidet es ſich für mich von bekannten Ländern da⸗ durch, daß ich es immer größer gefunden habe, ſo vft U ich es wiedergeſehen. Eine geſchriebene Erzählung(ieſe iſt ſchon zu lang) würde Ihnen keinen genauen Begriff von den Eindrücken geben, welche auf den Beſuchenden A das Land der Katakomben macht. Wie Sie ſo richtig hi ſagen: die geſchriebene Erzählung iſt todtz die geſpro⸗ chene Erzählung iſt lebendig. 1 „Ich endige damit, daß ich Ihnen eine gedrängte Er Geſchichte der Katakomben gebe. 1 „Man vermöchte nicht genau zu beſtimmen, bis zu welcher Epoche der Urſprung dieſer großen unterirdiſchen 3 Wege zurückgeht,— das heißt dieſer Steinbrüche, welche uu im achtzehnten Jahrhunderte den Namen Katakomben erhalten haben; man findet die erſten Spuren der För⸗ ſch derung von Steinen unten am Sainte⸗Geneviève⸗Berge, Pa an den Ufern des alten Bettes der Bievre, auf der des Stelle der Saint⸗Victor Abtei, des Jardin des Plan⸗ tes und des Faubourg Saint⸗Marcel. „Bis zum zwölften Jahrhundert wurden die Pa⸗ läſte, die Tempel und die andern öffentlichen Monu⸗ mente von Paris von Steinen, die man aus den Brüchen dieſer Vorſtadt bezog, erbaut, ſowie aus denen, welche man ſodann im Süden der Wälle von Paris, bei den Places Saint⸗Michel, de['Odéon, du Pan⸗ nich théon, des Chartreur, der Barrieres d'Enfer und de wer Saint⸗Jacques öffnete. „Im Jahre 1774 erregten mehrere Einſtürze und thet ſchwere Unfälle die Aufmerkſamkeit der Regierung und machten den Umfang und die Größe einer bis dahin kur unbekannten Gefahr bekannt: das linke Ufer war ein erer Ein⸗ uchte rfen. d es un⸗ da⸗ oft dieſe griff nden chtig ſpro⸗ ingte s zu ſchen elche mben erge, der lan⸗ Poa⸗ onu⸗ den enen, aris, 119 fach bedroht, früher oder ſpäter auf ein Hundert Me⸗ tres von dieſen unterirdiſchen Räumen verſchlungen zu werden. „Uebrigens wird Ihnen die, beinahe geſchichtliche, Legende, die ich einſt im Quartier Saint⸗Jacques habe erzählen hören, eine Idee von dieſen Unfällen geben. „Gerade am Tag, wo der Staatsrath, von der allgemeinen Beſorgniß in Kenntniß geſetzt, ſich Bericht über den Zuſtand der Steinbrüche von den Herren Suufflot und Brebion, Mitgliedern der Academie der Architectur, hatte erſtatten laſſen, wo er die General⸗ Adminiſtration erſchaffen hatte, zu deren erſtem Gene⸗ ral⸗Inſpector Charles Axel Guillaumot ernannt worden war, an dieſem Tage wurde ſein Amtsantritt durch ein Ereigniß bezeichnet, das Beſtürzung in Paris ver⸗ breitete. „Man war im Mai 1777. Ein Mann von einem gewiſſen Alter und eine Frau von einem gewiſſen Alter athmeten an ihrem Fenſter der Rue d'Enfer, ungefähr wo unſer Freund Bertrand wohnt,(wir wollen wün⸗ ſchen, es möge ihm nichts Aehnliches begegnen!) ein Paar athmete alſo an ſeinem Fenſter die erſte Sonne des Frühlings ein. „Der Mann ſagte: „Ein ſchöner Morgen!““ „Die Frau antwortete: „Nicht gar ſo ſchön!““ „Der Mann ſprach: „Du biſt nie meiner Meinung!““ „Das iſt wahr,“ erwiederte die! Frau,„und nicht nach Verlauf einer achtundzwanzigjährigen Ehe werde ich Dir beipflichten, in was es auch ſein mag!““ ſind alſo achtundzwanzig Jahre verheira⸗ et?“ „Gerade achtundzwanzig Jahre.. Das hat Dir kurz geſchienen?““ „Der Mann zuckte die Achſeln und ſenkte die Augen 120 auf die Pflaſterſteine, die er ſo zu Zeugen der Mißge⸗ ſchicke zu nehmen ſchien, deren Opfer er während dieſer achtundzwanzigjährigen Ehe geweſen war.„ „Die Frau ſagte: „„Geſtehe, daß Du ſehr glücklich wäreſt, wenn Du von mir befreit würdeſt.““ „„Das iſt wahr,“ antwortete offenherzig der Mann. „„Daß Du viele Livres gäbeſt, um mich hundert Fuß unter der Erde zu ſehen,““ fuhr die Frau mit herbem Tone fort. „„Das heißt,““ erwiederte der Ehemann,„ich gäbe mein ganzes Vermögen, mein Leben ſogar, wenn Dich die Erde dreimal ſo viel Fuß, als wir Jahre mit einander gelebt haben, verſchlingen würde.““ „Als er dieſe Worte ſagte, ſchwebte der Engel der Ehe über den zwei Lebensgefährten; er entfaltete ſeine fahlbraunen Flügel, beſchrieb um ihre Köpfe rieſige Kreiſe, berührte mit einem Flügelſchlage das Haus, und dieſes ſank geräuſchvoll achtundzwanzig Métres tief unter den Boden des Hofes,— das heißt dreimal ſo viel Fuß, als ihre Ehe Jahre gedauert hatte! Und ſo löſten ſich im Tode dieſe zwei im Leben unauflösbar verknüpften Seelen! „Dieſes bürgerliche Drama erregte in hohem Grade, obgleich ein wenig ſpät die Aufmerkſamkeit der Regie⸗„ rung, und man begann eine Reparaturarbeit nach einem Syſteme, das ungefähr daſſelbe iſt, welches man noch heute befolgt. „Den Gedanken, eine Nekropolis aus dieſen Stein⸗ brüchen zu machen, verdankt man dem Polizeipräfecten Herrn Lenvir; er rief die Maßregel hervor, indem er die Aufhebung der Kirche des Innocents und die Aus⸗ grabung ihres Kirchhofes verlangte, deſſen Leichen tödt⸗ liche Miasmen den Einwohnern dieſes Quartiers zu⸗ ſandten. Man begreift in der That, welche üblen Gerüche dieſer Friedhof verbreiten mußte, der die irdi ſche Hülle von Tauſenden von Menſchen enthielt, und ——, —=„——— ge⸗ eſer nn. dert mit „ich enn ahre der eine eſige aus, tief l ſo d ſo sbar rade, gie⸗ nem noch tein⸗ cten ner Aus⸗ zu⸗ blen irdi⸗ und 121 den mit einer Mauer zu umgeben Philipp Auguſt ſchon beabſichtigt hatte. „Im Jahre 1780, das heißt nach zwei oder drei⸗ hundert Jahren von Reclamationen,— denn ſchon 1554 hatten Aerzte der Facultät die Aufhebung der Cloac verlangt,— im Jahre 1780 dachte man daran, dieſem hundertjährigen Anſuchen zu entſprechen,— in Betracht, daß die Zahl der Leiber, jedes Maß überſchreitend und unberechenbar, den Boden um mehr als acht Fuß über die Stra⸗ ßen und die benachbarten Häuſer erhöht hatte. „Die Zahl der in jedem Jahre begrabenen Körper war in der That ſo erſchrecklich, daß der letzte Todten⸗ gräber, Frangvis Poutrain, für ſeine Rechnung allein hier neunzigtauſend niedergelegt hatte. „Man ließ ſich noch fünf Jahre zum Mitleiden hinſichtlich der Unglücksfälle bewegen, welche dieſe Fäul⸗ niß veranlaßte, und am 9. November 1785 beſchloß endlich der Staatsrath die Aufhebung des Friedhofes des Innocents. „Die unter der Ebene von Montſouris, an der Stelle der Tombe⸗Iſſpire oder Iſouard,— ſo genannt nach dem Namen eines berüchtigten Räubers, der in der Nachbarſchaft hanſte,— liegenden alten Steinbrüche ſchienen durch ihre Nähe bei der Stadt, durch ihren Umfang und ihre geheimnißvolle Stille ein für die Gründung eines unterirdiſchen Friedhofes günſtiger Ort zu ſein. „Dieſe Operation fand in drei verſchiedenen Epo⸗ chen ſtatt; vom Monat September 1785 bis zum Mo⸗ nat Mai 1786; vom Monat December 1786 bis zum Monat Februar 1787, und vom Monat Auguſt 1787 bis zum Monat Januar 1788. „Einer Geſundheitsmaßregel verdankt man alſo die Gründung dieſer wunderbaren Stadt, genannt die Ka⸗ takomben und errichtet zum Andenken an die Vor⸗ eltern: Memoriae majorum! „Als wir, meine Gefährtin und ich, von dort weggingen, prieſen wir die Sonne wie die Indianer. „Ich ſchaute das Geſicht dieſer ſchönen Perſon an: es ſchien mir unmöglich, daß ſich nicht irgend eine Ge⸗ müthsbewegung beim Weggehen aus dem Innern dieſer Grüfte verrathe... Nichts! durchaus nichts! Die Stirne hatte ihren ganzen Glanz; das Auge ſeine ganze Heiterkeit. Der Mund allein drückte etwas aus: eine gewiſſe Falte, die nicht gewöhnlich bei ihr war, ein Zuſammenziehen der Unterlippe enthüllte klar den Gedanken: „Pfui, es iſt häßlich, was wir da geſehen, und ich begreife nicht, daß Liebende einen ſolchen Altar für ihr Opfer gewählt haben!„ Das iſt der Bericht von Paul Bocage, ein getreuer Bericht, darauf wollte ich die Hand ins Feuer legen, — denn Paul Bocage hat Augen, um zu ſehen, und Ohren, um zu hören. Nun, da man die Decoration kennt, wollen wir die Perſonen in Bewegung ſetzen. or⸗ ort mn: e⸗ ſer Die ine us: ar, den und für uer en, und wir 123 CXXIII. Wo Herr Jackal einzuſehen anfängt, daß er ſich irrt, und daß der Kaiſer nicht todt iſt. Der Anblick dieſer Oertlichkeiten hatte auf Herrn Jackal einen gewiſſen nervöſen Eindruck hervorgebracht, den er nicht zu bemeiſtern im Stande geweſen war. err Jackal war, wie geſagt, muthig, und ſchon bei mehr als einem Umſtande hat der Leſer ſeine Be⸗ herztheit zu würdigen vermocht; nur gibt es gewiſſe Bedingungen der Oertlichkeit, der Finſterniß, der At⸗ moſphäre, welche mit einem Schauer das Herz der Mu⸗ thigſten ergreifen. Der Schauer drang in das Herz von Herrn von Jackal ein; doch das war ein Mann, der in die Aus⸗ übung ſeines Standes jene Eitelkeit der Ausführung und jenen Stolz des Gelingens ſetzte, wodurch ein Handwerk zu einer Kunſt wird. Sodann war Herr Fackal neugierig: er wollte durchaus wiſſen, wer die Menſchen waren, die ſich hundert Fuß unter der Erde verſammelten, um zu rufen:„Es lebe der Kaiſer!“ Indeſſen, da Herr Jackal den Muth nicht bis zur Verwegenheit trieb, ſo nahm er vollends alle für ſeine Sicherheit nothwendigen Vorſichtsmaßregeln, ſchlich ſich in eine Vertiefung, die ihm mehr Schutz zu gewähren ſchien, als der Schatten des Pfeilers, hinter welchem er ſich Anfangs verborgen hatke, ließ für jeden Fall den Dolch, den er immer bei ſich trug, in ſeiner Scheide ſpielen, und da er an der Geberde des Redners wahr⸗ nahm, daß er zu ſprechen im Begriffe war, und an den Geberden der Zuſchauer, daß ſie zu hören ſich anſchick⸗ ten, ſo that er ſeine Augen und ſeine Ohren ſo weit auf, als er ſie aufthun konnte. 124 Gedehnte St! und Bſt! ließen ſich vernehmen, und der Redner begann mit einer ernſten, ſonoren Stimme, ſo daß Herr Jackal ſchon bei den erſten Worten erkannte, er werde nicht eine Sylbe von ſeiner Rede verlieren. „Brüder,“ ſprach er,„ich will Euch Rechenſchaft über meine Reiſe nach Wien geben. Ich bin in der vergangenen Nacht ſeingetroffen, und um Euch eine Kunde von der höchſten Wichtigkeit mitzutheilen, habe ich Euch auf heute Abend durch das Dienſtperſonal un⸗ ſeres Chefs zu einer außerordentlichen Verſammlung berufen laſſen!.. „Eine außerordentliche Verſammlung!“ murmelte Herr Jackal.„In der That, die Verſammlung, die ich vor Augen habe, gleicht keiner anderen, welche ich bis jetzt geſehen.“ „Zwei Männer, deren Namen man nur ausſprechen darf, um in Euch Erinnerungen des Ruhmes und der Ergebenheit zu erwecken, der Herr General Lebaſtard de Prémont und Herr Sarranti ſind vor zwei Monaten in Wien angekommen... „Laß doch ein wenig ſehen!“ ſagte Herr Jackal; „mir ſcheint, ich kenne dieſe Namen auch! Sarranti, Lebaſtard de Prémont... Ah! ja, Sarranti! er iſt von Indien zurückgekehrt... Wenn der redliche Herr Gerard nicht todt iſt, ſo wird es ihn ſehr glücklich machen, Nachricht vom Mörder ſeiner Reffen zu erhal⸗ ten! Teufel! das wird intereſſant.“ Und auf die Gefahr, ſich durch das Geräuſch des Einathmens zu verrathen, ſtopfte ſich Herr Jackal eine ungeheure Priſe Tabak in die Naſe. „Der Redner fuhr fort; doch während er ſich ſeiner wollüſtigen Beſchäftigung überließ, verlor Herr Jackal nicht ein Wort von dem, was Jener ſprach. „Sie haben Beide die Meere durchſchifft und ſind herbeigekommen, um uns in unſeren Plänen zu unter⸗ ſtützen. Der General Lebaſtard de Prémont ſtellt zur Verfügung der Sache ſein ganzes Vermögen, das heißt ————„— /„—,£ — nd ne, te, aft der ine abe un⸗ ing lte die ich hen der ard ten al; nti, iſt er lich a⸗ des ine ner ckal ind ter⸗ zur eißt 125 Nillionen, und Herr Sarranti, bekleidet mit dem gan⸗ zen Vertrauen des Königs von Rom, iſt von dieſem beauftragt, ſeine Flucht zu organiſiren.“ Ein Gemurmel der Freude kreiſte in der Ver⸗ ſammlung. „Ho! ho!“ machte Herr Jackal;„hören wir! hö⸗ ren wir!“ „Vernehmt nun, was beſchloſſen worden iſt, und worüber ich der hohen Venta Mittheilung zu machen beauftragt bin...“ „Ah!“ ſagte Herr Jackal,— der es nicht unter⸗ laſſen konnte, und war es nur für ihn ſelbſt, auf ſeine Weiſe Witz zu machen,—„ich erkläre mir nun, war⸗ um es hier ſo ſchwarz iſt: wir ſind mitten in der Köh⸗ lerei²)! Ich glaubte, dieſe Mine ſei ſeit der Affaire von la Rochelle entdeckt!.. Folgen wir dem Gange!“ „Unſer Plan iſt,“ fuhr der Redner fort,„den Prinzen zu entführen, ihn nach Paris zu bringen, ſeine Ankunft mit einem Aufſtande zu combiniren, plötzlich ſeinen ſo mächtig volksbeliebten Namen auf die Plätze und die Kreuzwege zu werfen und mit dieſem Namen alle dem alten franzöſiſchen Ruhme treu gebliebene Herzen zu empören.“ „O weh!“ ſagte Herr Jackal,„dieſe Leute waren alſo nicht ſo närriſch, als ich glaubte, da ſie:„Es lebe der Kaiſer!“ riefen. „Der Prinz wohnt, wie Sie wiſſen, im Schloſſe Schönbrunn, wo er allen Arten von Plackereien von Seiten der öſterreichiſchen Polizei ausgeſetzt iſt... Ein Gemurmel der Entrüſtung durchlief die Ver⸗ ſammlung. „Gut!“ ſagte Herr Jackal,„nun ſchmähen Sie die Polizei von Herrn von Metternich! Dieſe Leute achten doch gar nichts!“ „Er bewohnt den rechten Flügel des Schloſſes, * Carbonart, Köhler, Kohlenbrenner. 126 genannt der Meidlinger Flügel. Jede nächtliche An⸗ näherung iſt ausdrücklich verboten und überdies verhin⸗ dert: eine Schildwache ſteht unter den Fenſtern des Herzogs, nicht um dem Sohne Napoleons die gebüh⸗ rende Ehre zu erweiſen, ſondern um den Gefangenen Oeſterreichs zu bewachen.“ Etwas wie ein Gebrülle des Zorns erhob ſich aus der Gruppe der ſechzig Verſchwörer. „Von dieſer Seite war es alſo unmöglich, zu ihm zu gelangen. Meine Brüder, Ihr kennt alle unſere bis heute fruchtloſen Verſuche. Es mußte gewiſſer Maßen der Schatten unſeres großen Kaiſers über die⸗ ſem Gefängniſſe ſchweben, um uns die Thüren vom Kerker ſeines Sohnes zu öffnen. Es erſcholl geräuſchvolle Beiſtimmung. 5 Der Redner bedeutete durch einen Wink, man möge hören. „St! Stille!“ wiederholte man von allen Seiten. „Verſehen mit einem vom Kaiſer ſelbſt gezeichneten Plane, konnte alſo Herr Sarranti bis zum Erben des großen Mannes gelangen. Nachdem man nun faſt einen Monat lang alle Fluchtmittel geſucht hatte, iſt man bei folgendem ſtehen geblieben. Der Herzog hat die Er⸗ laubniß, jeden Tag ein paar Stunden ſpazieren zu rei⸗ ten; zuweilen iſt es ihm begegnet, daß er erſt bei Nacht zurückkam. Es iſt mit Herrn Sarranti beſchloſſen wor⸗ den, er werde an einem Nachmittag Schönbrunn ver⸗ laſſen, um ſeinen gewöhnlichen Spazierritt zu machen, und ſtatt zurückzukehren, werde er diesmal mit Herrn Lebgſtard de Prémont zuſammentreffen, der ihn mit Wagen, Pferden und zwanzig wohl bewaffneten Leuten am Fuße des Grünen Berges zu erwarten hätte. Relais werden an der ganzen Straße für den Geſandten von Rundſchit⸗Sing bereit ſtehen; das Gold wird den Pfer⸗ den Flügel geben. Der Tag der Flucht iſt dem Willen der hohen Venta unterworfen. Herr Lebaſtard de Pré⸗ mont wird Nachricht hierüber erhalten und ſie dem Her⸗ S 127 zog zukommen laſſen; am Tage vor der Flucht wird Herr Sarranti abreiſen, um dem Prinzen in Paris wenigſtens vierundzwanzig Stunden zuvorzukommen. „Die Gegenwart von Herrn Sarranti wird alſo das Signal zu einem Aufſtande in Paris und in den bedeutendſten Städten Frankreichs unter dem Volke und in der Armee ſein. Das Signal ſoll dem Prinzen auf folgende Art zugebracht werden... „Oh!“ murmelte Herr Jackal, dergeſtalt in An⸗ ſpruch genommen, daß es ihm nicht einfiel, ſeine Ta⸗ baksdo ſe zu ziehen. „Hört! hört!“ riefen die Verſchwörer. Der Redner fuhr fort: „Zwiſchen dem Gitterthore von Meidling und dem Grünen Berge iſt eine Villa, an deren Fronton als Inſchrift das griechiſche Wort Xage ſteht. Man iſt übereingekommen, der Tag, an welchem der letzte Buch⸗ ſtabe von dieſem Worte fehle, würde der Tag der Flucht ſein. Sobald die erſten Stationen zurückgelegt ſind, wird man ſich um nichts mehr zu bekümmern haben: die Relais ſind an der ganzen Straße, von Baumgar⸗ ten bis zur Grenze, aufgeſtellt. Hegen wir alſo keine Beſorgniß auf dieſer Seite; faſſen wir nur ſo raſch als möglich einen Entſchluß. „Noch ein paar Monate, und das königliche Kind wird vielleicht die zur Vollführung nothwendigen Kräfte verloren haben: obſchon es in dieſem Augenblicke eine vortreffliche Geſundheit genießt, trägt es doch auf ſei⸗ ner Stirne die Spuren des Märtyrthums, welches es ſeit Jahren erduldet.“ Die Verſchwörer ſchienen ihre Aufmerkſamkeit zu verdoppeln; Herr Jackal athmete nicht „Auf einem der Kreuzwege dieſer unterirdiſchen Gewölbe iſt eine Centralventa verſammelt,“ fuhr der Redner fort.„Ich bitte Euch, noch während wir ver⸗ ſammelt ſind, einen Abgeordneten an ſie zu ſchicken, um ſie von unſeren Plänen zu unterrichten. Ein Tag, eine 128 Stunde, eine Minute Verzug kann Alles fehlſchlagen machen. Ehe acht Tage vergehen, wird Herr Sarranti ohne Zweifel in Paris ſein. Wollet Euch alſo raſch entſcheiden: die Zukunft Frankreichs, die der Welt hängen von dieſer Entſcheidung ab, da Jeder von uns eine Venta und jede Venta Millionen von Menſchen vertritt.“ Alle Mitglieder der Verſammlung drängten ſich um den Redner, wie Officiere, welche, um die Parole zu empfangen, herbeikommen. „Teufel! Teufel!“ ſagte Herr Jackal,„dieſe Ka⸗ takomben ſind alſo eine Kohlengrube. Ich geſtehe, ich möchte gern hören, was in der Centralventa geſchwätzt wird; doch wie iſt das zu machen?“ Herr Jackal ſchaute umher. „Das Land iſt groß, wenn auch nicht luftig„. Bei meiner Treue, ſie haben da ein hübſches Oertchen gewählt, ſehr ruhig, ſehr abgelegen! Und ich behan⸗ delte ſie als Narren... Ahl man ſetzt ſich wieder; ſie haben einen Entſchluß gefaßt, wie mir ſcheint. Herr Jackal horchte mit einer ſo tiefen Aufmerk⸗ keit, daß er ſo unbeweglich erſchien, als der Granit⸗ pfeiler, an den er angelehnt war. Derjenige, welcher zuerſt geſprochen, der, den Herr Jackal nicht gehört hatte, und der, auf einem hohen Steine ſitzend, der Präfident der Gruppe zu ſein ſchien, die der Zufall dem Polizei⸗Inſpector vor die Augen gebracht hatte, dieſer ſtand allein, winkte dem Redner, — der ſich mit den Anderen wieder geſetzt hatte,— zu ſich, und ſagte ihm leiſe ein paar Worte, die Herr Jackal zu ſeinem großen Bedauern nicht hören konnte. Doch die Bewegung, welche ſogleich in der Verſamm⸗ lung entſtand, machte ihm den Sinn dieſer Worte be⸗ greiflich. Der Redner, nachdem er ſeinen Brüdern durch ein Zeichen mit dem Kopfe gedankt hatte,— was bewies, daß man ihm etwas Wichtiges zugegeben,— nahm in gen nti aſch elt uns hen ſich role Ka⸗ ätzt chen an⸗ der: erk⸗ nit⸗ err hen ien, igen ner, zu err nte. mm⸗ be⸗ ein ies, in 129 der That eine Fackel und wandte ſich nach einer Art von Grotte, wo er alsbald, zur wachſenden Verzweif⸗ lung von Herrn Jackal, verſchwand. Dieſer Abgang war indeſſen ſehr leicht zu erklä⸗ ren, und Herr Jackal kannte zu gut den Carbonaris⸗ mus, um nicht zu begreifen, daß der Redner zum Abge⸗ ordneten bei der Centralventa ernannt worden war. Da aber unſere Leſer vielleicht nicht ſo gut unter⸗ richtet find als Herr Jackal, ſo mögen ſe uns erlauben, ihnen mit ein paar Worten zu ſagen, was die Organi⸗ ſation des Carbonarismus war. Die Republicaner des Königreichs Neapel unter der Regierung von Murat hatten ſich, beſeelt von einem gleichen Haſſe gegen die Franzoſen und gegen König Ferdinand, in die tiefen Schluchten der Abruzzen ge⸗ flüchtet und einen Bund unter dem Namen Carbo⸗ nari gebildet. Im Jahre 1819 nahm der italieniſche Carbonaris⸗ mus eine große Entwicklung durch die Verbrüderungen mit den franzöſiſchen Patrioten. Dieſer Zuwachs er⸗ regte die Aufmerkſamkeit und den Argwohn der Regie⸗ rung der Reſtauration. Ein Factum beſonders ſetzte in Erſtaunen. Der Carbonarv Querini wurde criminell wegen eines Mordverſuches verfolgt: bei der Unterſuchung zeigte es ſich, daß er einen Carbonaro ſchlagend, der das Geheimniß der Verbindung verrathen zu haben be⸗ züchtigt war, nur ein Urtheil der Alta Vendita voll⸗ ſtreckt hatte. Durch die Behörden von dieſem Umſtande unter⸗ richtet, ließ der Juſtizminiſter den Lauf des gerichtlichen Verfahrens hemmen.„Eine Unterſuchung und zu ſtrenge Maßregeln,“ ſchrieb er,„würde eine Furcht offenbaren, welche ſolche Geſellſchaften nicht unter einer Regierungs⸗ form einflößen können, wo die Rechte des Volks aner⸗ kannt und geſichert ſind.“ Der Miniſter verbarg ſeinen Die Mohicaner von Paris. V. 9 eigenen Gedanken; der Carbonarismus war damals im Gegentheile der Gegenſtand der hartnäckigſten Nach⸗ forſchungen; doch er befürchtete, mit zu viel Eclat voll⸗ zogene gerichtliche Verfolgungen könnten eine Warnung für die zahlreichen Vente von Paris und den Departe⸗ ments ſein, behutſamer als je zu Werke zu gehen. Die Wiege des franzöſiſchen Carbonarismus war ein Kaffechaus der Rue Copeauz und ſeine Stifter waren Joubert und Dugier, welche, nach dem Fehl⸗ ſchlagen des Complottes vom 19. Auguſt 1820,— in deſſen Folge Herr Sarranti Frankreich verlaſſen hatte, — ihrerſeits nach Italien gegangen waren, um dort eine Zuflucht gegen die Polizei der Reſtaurativn zu ſuchen. Während ihres Aufenthaltes in Neapel unter die Carbonari aufgenommen, hatten ſie bei ihrer Rück⸗ kehr mehrere von ihren Freunden mit der Organiſation des neapolitaniſchen Carbvnarismus bekannt gemacht. Bei einer Zuſammenkunft, welche in der Rue Copeau, an der Ecke der Rue de la Clef bei einem Studenien der Medicin Namens Buchez ſtattfand, und der Herr Rouen der Aeltere, Advorat, die Rechtsſtuden⸗ ten Limperani, Guinard, Sautelet und Cariol, der Student der Medicin Sigond und die zwei Angeſtellten Bazard und Flottard beiwohnten;— in dieſer Zuſam⸗ menkunft, ſagen wir, theilte Dugier die Statuten und Reglements des Carbonarismus mit. Die an dieſem Tage verſammelten zehn junge Leute beſchloſſen, alle die zerſtreuten Mitglieder der Verſchwö⸗ rungen, die ſich bis dahin gebildet hatten, zu vereinigen und, eine franzöſiſche Carbonari⸗Geſellſchaft conſtituirend, einer und derſelben Directivn zu unterwerfen. Drei von ihnen, Bazard,— der große Organiſa⸗ tor dieſer Geſellſchaft,— Buchez und Flottard, über⸗ nahmen es, in die Reglements des italieniſchen Carbv⸗ narismus die letzten Modificativnen zu bringen, welche die Sitten des Landes, wo er eingeführt wurde, noth⸗ wendig machten. —— S S%„„ e e„— au der Rue nem und den⸗ der lten am⸗ und eute wö⸗ igen end, iſa⸗ ber⸗ rbo⸗ che oth⸗ 131 Man ging ſogleich ans Werk, und Folgendes wa⸗ ren die Hauptdispoſitivnen des Carbonarismus in Frankreich. Die ganze Geſellſchaft beſtand aus drei Vente: die hohe Venta, die Centralventa, die be ſondere Venta.— Die hohe Venta, die oberſte, unumſchränkte, ſouveraine, unſichtbare, unbekannte Behörde, war einzigz die Zahl der Centralvente und der beſondern Vente war unbe⸗ gränzt. Jeder Verein von zwanzig Carbonari bildete eine beſondere Venta. Drei beſondere Vente fanden ſich alſo vor den Augen von Herrn Jackal verſammelt. Jede von dieſer iſolirten Vente wählte aus ihrem Schooße einen Präſidenten, einen Cenſor, einen Secretär⸗ Caſſier, der die Beiträge empfing, und einen Abge⸗ ordneten. Der Zweck jeder beſondern Venta war der Umſturz der Monarchie,— ein gemeinſchaftlicher Zweck, in wel⸗ chem der Carbonarismus gegründet worden war. Man bekümmerte ſich wenig um das Wiederaufbauen, um das Reconſtituiren: die Jeſuiten fortjagen, den König fort⸗ jagen, das Joch brechen, darauf zielte vor Allem jeder Carbonaro ab, welche Sympathieen er auch für dieſe oder jene Regierungsform haben mochte. Vonapartiſten, Orleaniſten, Republicaner fanden ſich alſo vermengt, und hätte Herr Jackal die hundert Augen von Argus gehabt, er würde ohne Zweifel in irgend einem dem der Bonapartiſten entgegengeſetzten Winkel die Fackeln der Orleaniſten und der Republi⸗ caner haben ſtrahlen ſehen. Jede beſondere Venta hatte, wie geſagt, einen Ab⸗ geordneten; dieſer von ihr beſtellte Abgeordnete bildete die Centralventa. Die Centralventa beſtand, wie die beſonderen Vente, aus zwanzig Mitgliedern, welche Mitglieder keine an⸗ dere waren, als die zwanzig von zwanzig beſonderen Vente gewählten Abgeordneten. Die Centralventa war organiſirt wie die beſonderen Vente: ſie wählte ebenfalls einen Präſidenten, einen Cenſor und einen Abgeordneten. Der Abgeordnete dieſer Venta war zur hohen Venta delegirt, welche aus allen militäriſchen und parlamen⸗ tariſchen Notabilitäten jener Zeit beſtand; ſie bildete keinen Verein, und der Abgeordnete der Centralventa wurde immer nur zu einem von ihren Mitgliedern delegirt. Die Affiliirten ſelbſt wußten auch beinahe keinen der Ramen der Mitglieder der oberſten Venta, und man kennt kaum heute mit Sicherheit die Hälfte davon. Die Bedeutendſten waren: Lafayette, Voyer d'Ar⸗ genſon, Lafitte, Manuel, Buenarotti, Dupont(de l'Eure), ven Schonen, Merilhou, Barthe, Teſte, Baptiſte Rouer, Voinvilliers, die zwei Scheffer, Bazard, Couchois⸗Le⸗ maire, von Corcelles, Jacques Köchlin u. Endigen wir mit der Wiederholung, daß die Ele⸗ mente, aus denen der Carbonarismus beſtand, durchaus nicht denſelben politiſchen Doctrinen angehörten, und daß Bürger, Studenten, Künſtler, Militäre, Advvcaten, obgleich auf verſchiedenen Wegen gehend, doch von der⸗ ſelden Sache geleitet wurden, das heißt von einem glühenden Haſſe gegen die Bourbonen der älteren Linie. Wir werden übrigens bemüht ſein, ſie bei der Ar⸗ beit zu zeigen. Und nun da unſere Leſer ſo gut als Herr Jackal wiſſen, daß der Redner an die Centralventa als Abge⸗ ordneter delegirt worden iſt, wollen wir unſere Erzäh⸗ lung wieder aufnehmen. Nach dem Abgange des Deputirten entſtand ein erſchrecklicher Lärm; jedes der Mitglieder wollte ſprechen, ohne zu warten, bis die Reihe an ihm wäre; die Einen, um ſich verſtändlich zu machen, ſtießen wilde Schreie aus; die Anderen ſchwangen ihre Fackeln, als ob es Degen und Säbel geweſen wären; kurz, es war eine entſetzliche Verwirrung, und die Strahlen der geſchwunge⸗ 1— —„, ar 18 ta te ta rn en nd n. lr⸗ e), er, Le⸗ le⸗ us ind en, er em ie. Ar⸗ ckal ge⸗ äh⸗ ein en, ten, reie es eine ge⸗ 133 nen Fackeln wurden, ſich in tauſend verſchiedenen Rich⸗ tungen bewegend, das Bild der verworrenen und diver⸗ girenden Gedanken aller Mitglieder dieſer geheimniß⸗ vollen Verſammlung. „Ho! ho!“ murmelte Herr Jackal,„man ſollte glauben, ſie ſeien ſchon an der Spitze der Regierung: ſie verſtehen ſich nicht mehr.“ Nach Verlauf einer halben Stunde dieſes Tumul⸗ tes ſah man in der Tiefe der Grotte, hinter dem Prä⸗ ſidenten, das Licht einer Fackel emportauchen, und der Redner oder vielmehr der Abgeordnete bei der Central⸗ venta erſchien. Er ſprach nur ein Wort; doch dieſes Wort, wie das quos ego von Neptun, genügte, um die ſtürmiſchen Wogen wieder zur Ruhe zu bringen. „Einverſtanden!“ ſagte er. Jedermann klatſchte Beifall, und aufs Neue erſcholl dreimal der Ruf:„Es lebe der Kaiſer!“ den Herr Jackal bei ſeinem Eintritte in die Katakomben ge⸗ hört hatte. Nun wurde die Sitzung aufgehoben. Alsdann ſtiegen alle Verſchwörer nach einander auf den Stein, der dem Präſidenten als Fauteuil ge⸗ dient hatte, und vertieften ſich in die Grotte, wo wir den Redner haben eintreten ſehen. Fünf Minuten nachher herrſchten die Stille und die Finſterniß des Todes allein noch unter dieſen maſ⸗ ſenhaften Gewölben. „Ich glaube, ich habe nichts mehr hier zu thun,“ ſagte Herr Jackal, den dieſe Stille und dieſe Finſterniß nicht gerade mit Heiterkeit erfüllten.„Kehren wir auf das feſte Land zurück; es wäre nicht guter Ton, unſern Buſenfreund Gibaſſier länger warten zu laſſen.“ Und nachdem er ſich verſichert hatte, daß er ganz allein war, zündete Herr Jackal ſeinen Wachsſtock wie⸗ der an und wandte ſich nach der Spalte des Brunnens, welche ſo unvermuthet den geübten Augen des Polizei⸗ 134 chefs die aufrühreriſche Verſammlung, beſtehend aus Männern, von denen er geglaubt, ſie ſeien verdunſtet, verflüchtigt, verſchwunden, verrathen hatte. „He!“ rief Herr Jackal,„ſind wir immer noch da oben?“ „Ah! Sie ſind es,“ erwiederte Longue⸗Avvine; „wir fingen an unruhig zu werden.“ „Ich danke, kluger Ulyſſes,“ ſagte Herr Jackal. „Iſt das Seil ſolid?“ „Ja, ja,“ antworteten im Chore die Stimmen der fünf bis ſechs Agenten, welche die Oeffnung des Brun⸗ nens bewachten. „So zieht!“ rief Herr Jackal, der während dieſer hei den Haken am Ringe ſeines Gürtels feſtgemacht hatte. Sobald dieſes letzte Wort geſprochen war, fühlte Herr Jackal, daß man ihn von der Erde mit einer Kraft und einem Willen aufhob, wodurch zugleich der Wunſch der Agenten, ihren Chef zu ſich zurückzubrin⸗ gen und ihr Verlangen, ihn ohne Unfall zurückzubrin⸗ gen, bezeichnet wurden. „Ahl es war Zeit!“ ſagte Herr Jackal, während er den Fuß wieder auf das Pflaſter von Seiner Maje⸗ ſtät König Karl X. ſetzte;„eine Viertelſtunde ſpäter wurde ich von den Ratten zernagt, welche dieſen reizen⸗ den Ort emailliren.“ Die Agenten drängten ſich um Herrn Jackal. „Es iſt gut, es iſt gut,“ ſagte dieſer,„ich fühle den Werth Eures Eifers; doch wir haben keine Zeit zu verlieren. Wo iſt Gibaſſier?“ „Im Hotel⸗Dieu mit Carmagnole, der beauftragt iſt, ihn nicht aus dem Geſichte zu verlieren.“ „Gut,“ ſprach Herr Jackal.„Trage das Seil zu Dir zurück, Longue⸗Avoine; ſchließe ſorgfältig die Thüre des Brunnens wieder, Maldaplomp, und Ihr Anderen, vorwärts, wenn's beliebt!. In einer halben Stunde Alle Rendez⸗vvus auf der Präfectur.“ de di er n⸗ ſer cht lte ner der in⸗ in⸗ end je⸗ iter en⸗ hle Zeit ragt die Ihr iner 135 Und der kleine Trupp begab ſich in der Stille auf den Weg, durch die Rue des Poſtes und die Rue Saint⸗ Jacques ſich nach dem Hotel⸗Dieu wendend. Man kam auf der Schwelle des Hoſpitals gerade in dem Augenblicke an, wo Herr Jackal, geräuſchvoll eine Priſe Tabak ſchlürfend, ſich folgenden humoriſti⸗ ſchen Reflexionen überließ. „Wenn ich bedenke, daß wir, gefiele es mir, Jackal, nicht, gute Ordnung in die Sache zu bringen, wahr⸗ ſcheinlich in der nächſten Woche das Kaiſerreich hät⸗ ten.„ Und dieſe einfältigen Jeſuiten halten ſich für die abſoluten Herren des Königreichs! Und dieſer ehrliche Mann der König, der auf der Erde jagt, in⸗ deß man im Begriffe iſt, ihn unter dieſelbe zu jagen!“ Während dieſer Zeit hatte ſich das Hotel⸗Dieu auf das Geräuſch der von einem der Agenten gezogenen Klingel geöffnet. „Es iſt gut,“ ſagte Herr Jackal, indem er ſeine Brille auf ſeine Naſe niederdrückte,„erwartet mich auf der Präfectur.“ Und der Chef der Sicherheitspolizei trat in das Hoſpital ein, deſſen Thüre man hinter ihm ſchloß. Es ſchlug vier Uhr auf Notre⸗Dame. CXXIV. Wo bewieſen iſt, daß das Glück noch im Schlafe kommt. Im Hintergrunde von einem der großen Schlafſäle des Hotel⸗Dieu, neben dem Stübchen der Schweſter Wärterin, in einem Cabinet, das ein Seitenſtück zu dieſem Stübchen bildete, ruhte ſeit ungefähr zwei 136 Stunden der Galeerenſtlave, den wir unſern Leſern unter dem Namen Gibaſſier vorgeſtellt haben. Nachdem man ſeine Wunden verbunden hatte,— und bemerken wir ſchleunigſt, um unſere Leſer zu be⸗ ruhigen, daß dieſe Wunden keine Gefahr boten,— war er eingeſchlafen,— niedergedrückt durch die Müdigkeit, und dem Bedürfniſſe, zu ſchlafen, nachgebend, das der Menſch fühlt, wenn er ein gewiſſes Quantum Blut verloren hat. Seine Stirne drückte indeſſen entfernt nicht die Ruhe und die Heiterkeit aus, welche die Schutzengel des Schlafes der redlichen Leute ſind. Es ließen ſich leicht auf ſeinem Geſichte die Wirkungen eines inneren Kampfes leſen: die Sorge um ſeine Zukunft war in großen Buchſtaben auf ſeine hohe, breite, leuchtende Stirne geſchrieben, deren Proportionen die Naturfor⸗ ſcher und die Phrenologen irre gemacht hätten. Bedeckt das Geſicht mit einer Maske, um den ge⸗ mein gierigen Ausdruck deſſelben zu verbergen, und dieſe Stirne wird einem Göthe oder einem unbekannten Cuvier gehören können. Er war mit dem Geſichte der Eingangsthüre zu⸗ gekehrt und mit dem Rücken dem Gefährten, der, in der Ecke der Stube und im Bettgange ſitzend, in einem in Kalbsleder gebundenen Buche las und Gebete für das ewige Heil oder wenigſtens für die augenblickliche Ruhe des entſchlummerten Galeerenſklaven zu murmeln ſchien. Es waren indeſſen keine Gebete, was dieſer Kran⸗ kenwärter murmelte, der— unſere Leſer haben ihn ohne Zweifel ſchon erkannt,— kein Anderer war, als der Südländer Carmagnole. Herr Jackal hatte, wie man ſich erinnert, Gibaſſier ganz beſonders empfohlen; und mit ſeiner Bewachung beauftragt, hatte Carmagnole, man muß ihm dieſe Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen, vor ſeinem Schlafe, und ſogar ſeitdem er ſchlief, mit der ergebenen Zärtlichkeit ern be⸗ war eit, der lut die ngel ſich eren in ende for⸗ ge⸗ und nten zu⸗ inem für kliche meln tran⸗ ihn „als aſſier ung „und chkeit 137 eines Bruders, oder mit der nicht minder aufmerkſamen Sorgfalt eines Handelsaufſehers gewacht. Dieſe Ueberwachung war indeſſen nicht ſchwer zu üben geweſen, da Gibaſſier ſchon ſeit beinahe zwei Stunden ſchlief und noch eine gewiſſe Zeit ſchlafen zu müſſen ſchien; ohne Zweifel gegen die Wahrſcheinlich⸗ keiten eines langen Schlafes des Gefangenen, hatte auch Carmagnole aus ſeiner Taſche einen kleinen Band mit rothem Schnitte in Kalbsleder gebunden und beti⸗ telt: Die ſieben Wunder der Liebe, gezogen. Wir wiſſen nicht, was dieſes in provengaler Sprache geſchriebene Buch enthalten mochte; bemerken wir indeſſen, daß es auf den pretiſchen Carmagnole einen angenehmen Eindruck zu machen ſchien: ſeine Unterlippe hing wie die eines Satyrs, ſein Auge fun⸗ kelte vor Begierde, und ſein Geſicht ſtrahlte vor Selig⸗ keit vom Schädel bis zum Kinn. In dieſem Augenblicke öffnete die Schweſter Wär⸗ terin die Thüre des Cabinets, ſtreckte ſachte den Kopf heraus, betrachtete ihren Kranken mit einem Ausdrucke von ganz chriſtlicher Liebe, und zog ſich zurück, als ſie ſah, daß Gibaſſier noch ſchlief. Welche ängſtliche Vorſicht die gute Nonne auch gebraucht hatte, das Geväuſch, das ſie die Thüre wieder ſchließend machte, weckte Gibaſſier auf, der den Schlaf des Haſen hatte; er öffnete das linke Auge und ſchaute zuerſt auf die rechte Seite; dann öffnete er das rechte Auge und ſchaute auf die linke Seite. Sodann, da er ſich allein glaubte, ſprach er, indem er ſich die Augen rieb und ſich aufſetzte: „O weh! ich träumte eben, ich werde vom Rade der Fortuna zermalmt... Was kann dieſer Traum bedeuten?“ „Das will ich Dir ſagen, Meiſter Gibaſſier,“ ant⸗ wortete hinter ihm Carmagnole. Gibaſſier wandte ſich raſch um und erblickte den Provengalen. 138 „Ah!“ ſagte er,„ich glaube, ſo weit die Verwirrung meiner Ideen mich zu erinnern mir erlaubt, ich habe das Vergnügen gehabt, heute Nacht in Geſellſchaft Eurer Exellenz zu ſegeln?“ „Ganz richtig,“ antwortete Carmagnole mit einem Accente, der über ſeine Abſtammung keinen Zweifel ließ. „Es iſt ein Landsmann, mit dem ich zu ſprechen die Ehre habe?“ fragte Gibaſſier. „Ich glaubte, Eure Herrlichkeit ſei vom Norden,“ erwiederte Carmagnole. 3 „Oh!“ ſprach philoſophiſch Gibaſſier,„iſt nicht das Vaterland der Winkel der Erde, wo meine Freunde ſind? Ich bin vom Norden, das iſt wahr; doch mein Lieblingsland iſt der Süden. Toulon iſt in Wirklich⸗ keit mein Adoptivvaterland.“ „Und warum haben Sie es dann verlaſſen?“ „Was wollen Sie?“ erwiederte Gibaſſier ſchwer⸗ müthig,„das iſt immer die Geſchichte des verlorenen Sohnes! Ich wollte die Welt wiederſehen, das Leben genießen; mit einem Worte, mir ein paar Monate Er⸗ götzlichkeit geben.“ „Ihr Debut ſcheint mir indeſſen nicht ſehr er⸗ götzlich.“ „Ich bin das Opfer meiner Redlichkeit geweſen; ich glaubte an die Freundſchaft; man wird mich nicht wieder hiebei bekommen!.. Doch Sie behaupteten vor⸗ hin, Sie werden mir meinen Traum erklären; ſollten Sie der Verwandte eines Magiers ſein?“ „Nein; aber ernſte Studien, die ich ſelbſt mit einem Akademiker von Montmartre gemacht habe, der ſich viel mit Chiromantie, Geomantie und andern ab⸗ ſtracten Wiſſenſchaften beſchäftigte,— eine natürliche Dispoſition zum ſomnambulen Schlafe und ein nervöſes Temperament haben mich in den Stand geſetzt, die Träume auszulegen.“ „So ſprechen Sie, mein Freund, und deuten Sie den meinigen. Ich ſah die Fortuna mit einer ſolchen „Ge die zu fah Se We gne als heu gla c Jo lau biet Rec wer iſt Na ſeh me n abe aft em eß. hen n,“ icht nde ein ch⸗ er en ben Er⸗ en: icht or⸗ ten mit der ab⸗ iche ſes die Sie hen 139 „Geſchwindigkeit auf mich zukommen, daß ich nicht auf die Seite treten konnte. Sie ſtieß an mich, warf mich zu Boden und war nahe daran, mir über den Leib zu fahren und mich zu zermalmen, als die gute Schweſter Sainte⸗Barnabée die Thüre öffnete und mich aufweckte.. Was bedeutet das?“ „Nichts kann einfacher ſein,“ erwiederte Carma⸗ gnole,„und ein Kind würde die Sache ſo gut erklären, als ich. Das bedeutet gar nichts Anderes, als von heute werde Ihr Glück zermalmend werden.“— „Ho! ho!“ rief Gibaſſier,„darf ich. Ihnen glauben?“ „Wie Pharao Joſeph glaubte, wie die Kaiſerin Joſephine Mademviſelle Lenormand glaubte.“ „Aber wenn dies ſo iſt. ſagte Gibaſſier,„ſo er⸗ Sie mir, Ihnen einen Theil vom Nutzen anzu⸗ bieten.“ „Ich ſchlage dies nicht aus,“ ſprach Carmagnole. „Nun, wann fangen wir an zu theilen?“ „Wann Fortuna Ihnen beweiſen wird, daß ich Recht habe.“ „Wann wird ſie mir dies aber beweiſen?“ „Morgen, heute Abend, in einer Stunde vielleicht; wer weiß?“ „Warum nicht auf der Stelle, lieber Freund? und iſt Fortung zu unſerer Verfügung, ſo wären wir wohl Narren, wenn wir eine Stunde verlieren würden!“ „Verlieren wir ſie alſo nicht!“ „Gut! und was iſt zu thun?“ ſch„Rufen Sie Fortuna, und Sie werden ſie eintreten ehen.“ „Wahrhaftig?“ „Bei meinem Ehrenworte!“ „Sie iſt alſo da?“ „Das heißt, ſie iſt vor der Thüre.“ „Oh! mein lieber Herr, ich bin ſo gerädert von meinem Falle, daß ich ihr nicht ſelbſt zu öffnen ver⸗ 140 möchte; thun Sie mir den Gefallen und gehen Sie für mich.“ „Gern,“ erwiederte Carmagnole. Und er ſtand mit dem größten Ernſte auf, verließ ſeinen Platz, ſteckte die Sieben Wunder der Liebe wieder in ſeine Taſche, öffnete halb die Thüre, durch; welche die barmherzige Schweſter ihren Kopf heraus geſtreckt hatte, und ſprach ein paar Worte, welche Gi⸗ baſſier nicht hörte und für cabbaliſtiſche hielt. Wonach Carmagnole eben ſo ernſt wieder in die Stube zurückkehrte. „Nun?“ fragte Gibaſſier. „Es iſt geſchehen, Eure Ehren,“ antwortete Car⸗ magnole, indem er ſeinen Platz wieder einnahm. „Die Fortuna iſt berufen?“ „Sie wird in Perſon kommen.“ „Oh! wie bedaure ich, daß ich ihr nicht entgegen⸗ gehen kann!“ „Die Fortuna iſt ohne umſtände, und es iſt un⸗ nöthig, ſich ihretwegen zu bemühen.“ „Somit werden wir ſie geduldig erwarten!“ ſagte Gibaſſier, der, da er den Ernſt von Carmagnole wahr⸗ nahm, zu glauben anfing, er trete aus der Fantaſi heraus. „Sie werden nicht lange auf ſie warten: ich er⸗ kenne ihren Tritt.“ „Ho! ho! mir ſcheint, ſie hat ſtarke Stiefel!“ „Sie hat auch einen weiten Weg zu machen, un zu uns zu kommen„ Die Thüre öffnete ſich bei den letzten Worten von Carmagnole, und Gibaſſier ſah Herrn Jackal, in einen Reiſecoſtume, das heißt, mit einer Polonaiſe und ge⸗ fütterten Stiefeln bekleidet, eintreten. Gibaſſier ſchaute Carmagnole mit einer Miene an, welche bedeutete:„Ah! das nennſt Du die Fortuna?“ Carmagnole begriff, denn er gntwortete mit einer Entſ anfin ſich ſtelli Aſſo Jack Stu nahr Kra Wor ber Jac und es 1 erw zum die han zu ſehe em; raus die Car⸗ gen⸗ t un⸗ ſagte vahr⸗ ntaſie h er⸗ un von einem d ge⸗ ne an, una?“ einet 141 Entſchiedenheit, welche Gibaſſier zweifeln zu machen anfing: „Fortuna ſelbſt.“ Herr Jackal ließ Carmagnole durch einen Wink ſich entfernen, und dieſem Winke gehorchend, bewerk⸗ ſteiligte Carmagnole ſeinen Rückzug, nachdem er ſeinem Aſſocie einen liebreichen Blick zugeworfen hatte. Sobald er mit Gibaſſier allein war, ſchaute Herr Jackal umher, um ſich zu verſichern, es ſei in der Stube kein anderer Bewohner als Gibaſſier; dann nahm er einen Stuhl, ſetzte ſich oben an das Bett des Kranken und begann das Geſpräch mit folgenden Worten; „Sie erwarteten ohne Zweifel meinen Beſuch, lie⸗ ber Herr Gibaſſier?“ „Dies leugnen hieße frech lügen, mein guter Herr Jackal; überdies hatten Sie mir denſelben verſprochen, und wenn Sie etwas verſprechen, ſo weiß ich, daß Sie es nicht vergeſſen.“ „Einen Freund vergeſſen wäre ein Verbrechen,“ erwiederte Herr Jackal ſententiös. Gibaſſier antwortete nicht, er verbeugte ſich nur zum Zeichen der Beiſtimmung. Er fürchtete offenbar Herrn Jackal und hielt ſich im Vertheidigungsſtande. Herr Jackal ſeinerſeits hatte die väterliche Miene, die er ſo gut anzunehmen wußte, wenn es ſich darum handelte, das, was ler einen Kunden nannte, Beichte zu hören oder zu beſchwatzen. Es war Herr Jackal, der zuerſt das Wort nahm. „Wie befinden Sie ſich, ſeitdem wir uns nicht ge⸗ ſehen haben?“ „Ziemlich ſchlecht; ich danke.“ „Sollte man für Sie nicht jede Sorge, die ich empfohlen, gehabt haben?“ „Im Gegentheile: ich habe mir nur Glück zu 142 wünſchen zu Allem, was mich umgibt, und zu Ihnen zuerſt, mein guter Herr Jackal.“ „Und während Sie ſich zu Allem, was Sie um⸗ gibt, Glick zu wünſchen haben, während Sie ſich in einem guten trockenen Cabinet, in einem guten warmen Bette befinden,— und zwar aus der Tiefe eines feuch⸗ ten, ungeſunden Brunnens kommend,— ſind Sie ſo undankbar, daß Sie das Glück anklagen!“ „Wir ſind nun hier,“ ſagte Gibaſſier. „Ah! mein lieber Herr Gibaſſier,“ fuhr der Poli⸗ zeichef fort,„was muß man denn thun, um Ihnen zu beweiſen, daß man Ihr Freund iſt?“ „Herr Jockal,“ erwiederte Gibaſſier,„ich wäre unwürdig der Theilnahme, die Sie mir bezeigen, gäbe ich Ihnen nicht auf der Stelle die Erklärung meiner Worte.“ „Geben Sie mir dieſelbe,“ ſagte Herr Jackal, in⸗ dem er mit Geräuſch und Wolluſt eine ungeheure Priſe Tabak nahm.„Ich höre.“ „Als ich ſagte, ich befinde mich ſchlecht, wußte ich vollkommen, was ich ſagte.“ „Theilen Sie mir Ihre Gedanken mit.“ „Ich befinde mich wohl für die gegenwärtige Stunde, mein guter Herr Jackal.“ „Was brauchen Sie dann mehr?“ „Ich möchte gern ein wenig Sicherheit für die Zukunft haben.“ „Eil mein lieber Gibaſſier, wer iſt der Zukunſt ſicher? Die Secunde, welche ſo eben abgelaufen iſt gehört uns nicht mehr; diejenige, welche nun kommen wird, gehört uns noch nicht.“ „Nun wohl, um die Secunde, welche kommen wird bin ich beſorgt,— ich verberge es Ihnen nicht.“ „Und was befürchten Sie?“ „Ich finde den Ort, wo ich bin, köſtlich In Beziehung auf den Ort, von dem ich herkomme, iſt er ein lau nen um⸗ hin men uch⸗ e ſo Boli⸗ n z wäre gäbe einer l, in⸗ Priſe te ich ärtige r die ukunft n iſt, mmen wird, . In iſt et 143 ein irdiſches Paradies! Doch Sie kennen meinen launenhaften Charakter... „Sagen Sie überſättigt, Gibaſſier.“ „Ueberſättigt, wenn Sie wollen.“ „So gut ich auch hier bin, ſo kann ich mich doch nicht rühren, wenn mich die Luſt erfaßt, wegzugehen.“ „Nun wohl, ich befürchte in dem Augenblicke, wo mich dieſe Fantaſie ergreifen wird, ein unerwartetes Hinderniß zu finden, das mich zwingt hier zu bleiben, oder einen brutalen Willen, der mich nöthigt, ganz anderswohin zu gehen, als es meine Abſicht wäre.“ „Ich könnte Ihnen antworten, da Sie fich hier wohl definden, ſo wäre es das Beſte, wenn Sie hier bleiben würden; doch ich kenne Ihre veränderliche Laune, und ich will nicht mit Ihren Neigungen ſtreiten. Ich ziehe es alſo vor, offenherzig zu antworten.“ „Hh! mein guter Herr Jackal, Sie haben keine Idee, mit welchem Intereſſe ich Sie anhöre.“ „So laſſen Sie mich Ihnen Eines ſagen: Sie ſind freimein lieber Herr Gibaſſier.“ „Wie?“ rief Gibaſſier, indem er ſich auf ſeinem Ellenbogen aufrichtete. „Frei wie der Vogel in der Luft, frei wie der Fiſch im Waſſer, frei wie der Ehemann, wenn ſeine Frau todt iſt!“ „Herr Jackal!“ „Frei wie der Wind, wie die Wolke, kurz, wie Alles, was frei iſt.“— Gibaſſier ſchüttelte den Kopf. „Wie!“ ſagte Herr Jackal,„Sie find noch nicht tiſehei⸗ Ah! bei meiner Treue, Sie ſind anſpruchs⸗ voll!“ „Ich bin frei? ich bin frei?“ wiederholte Gibaſſier. „Sie ſind frei.“ „Ich höre wohl, doch Was?“ 144 „Unter welchen Bedingungen, mein guter Herr ackal?“ „Unter welchen Bedingungen?“ a. „Bedingungen, Ihnen, lieber Herr Gibaſſier?“ „Warum nicht?“ „Ich, Ihnen die Freiheit um einen niedrigen Preis verkaufen?“ „Das hieße in der That die Lage mißbrauchen!“ „Mit der Unabhängigkeit eines zwanzigjährigen Freundes ein Gewerbe treiben, ich, ich, Jackal, der ich bis jetzt ſo viel Theilnahme für Sie gehegt habe, daß es meine Abſicht war, Sie nie aus dem Geſichte zu verlieren; ſo daß ich, als ich Sie vor einem Monat aus dem Geſichte verlor, in Verzweiflung gerieth! ich, der ich Alles gethan habe, um Ihre verſchiedenen Ge⸗ fangenſchaften zu mildern; ich, der ich Sie ſeitdem ge⸗ rettet habe.“ „Aus dem Brunnen wollen Sie ſagen?“ „Ich, der ich über Sie mit einer ganz brüderlichen habe wachen laſſen!“ fuhr der Polizeimann ort, ohne ſich bei der unpaſſenden Antwort von Gi⸗ baſſier aufzuhalten;„ich die Lage mißbrauchen,— Sie haben dieſen Satz geſagt, Gibaſſier!— die Lage eines Freundes im Ungluck! Ah! Gibaſſier, es thut mir leid um Sie!“ Und Herr Jackal zog aus ſeiner Taſche ein rothes Foulard, und hob es bis zur Höhe ſeines Geſichtes empor, nicht um Thränen abzuwiſchen, deren Quellen eben ſo verſiegt zu ſein ſchienen, als die des Manza⸗ nares, ſondern um ſich geräuſchvoll zu ſchneuzen. Der weinerliche Ton, mit dem Herr Jackal Gi⸗ baſſier ſeinen Undank vorgeworfen, hatte dieſen gerührt. Er antwortete auch mit kläglicher Stimme und mit der Richtigkeit der Betonung eines Schauſpielers, dem man die Replique gibt: „Ich an Ihrer Freundſchaft zweifeln, mein guter G eines r leid rothes ſichtes uellen kanza⸗ Gi⸗ rührt. d mit „dem guter 145 Herr Jackal? ich die Dienſte vergeſſen, die Sie mir geleiſtet haben?. Ei! wäre ich zu einem ſolchen Undanke fähig, ſo wäre ich ein elender Skeptiker ohne Herz und Gemüth; ich würde ja dann die heiligſten Dinge, die heiligſten Tugenden leugnen! Nein! Gott ſei Dank! Herr Jackal, ſie blüht noch in meinem Buſen, dieſe himmliſche Pflanze, welche man die Freundſchaft nennt! Klagen Sie mich alſo nicht an, ehe Sie mich gehört haben; und wenn ich Sie fragte, unter welchen Be⸗ dingungen ich meine Freiheit wiedererlangen ſollte,— glauben Sie, es geſchah weniger aus Mißtrauen gegen Sie, als aus Mißtrauen gegen mich.“ „Nun, ſo wiſchen Sie Ihre Thränen ab und ſpre⸗ chen Sie klar, Herr Gibaſſier.“ „Ah!“ erwiederte der Galeerenſklave,„ich bin ein großer Sünder, Herr Jackal.“ „Ei! mein Gott! ſagt nicht die Schrift, der größte Heilige ſündige ſiebenmal an einem Tage?“ „Es gibt Tage, an denen ich vierzehnmal geſün⸗ digt habe, Herr Jackal.“ „Sie werden nur halb heilig geſprochen werden.“ „Oh! dazu müßte ich gar keine Sünde begangen haben.“ „Ja, Sie haben Fehler begangen.“ „Ah! hätte ich nur Fehler begangen...“ „Sie ſind ein größerer Sünder, als ich vermuthete, Gibaſſier!“ „Leider!“ „Sollten Sie zufällig Bigamiſt ſein?“ „Wer iſt nicht ein wenig Bigamiſt und ſogar Po⸗ lygamiſt?“ „Sie haben vielleicht Ihren Herrn Vater getödtet und Ihre Frau Mutter geheirathet, wie Oedipus?“ „Alles dies kann durch Zufall geſchehen, Herr Jackal, und zum Beweiſe dient, daß Sedipus ſich dar⸗ um nicht ſchuldig glaubt, denn Herr von Voltaire läßt ihn ſagen: Die Mohiraner von Paris. V. 10 146 Inceste, parrieide, et pourtant vertueu. „Während es bei Ihnen ganz das Gegentheil iſt, Sie ſind nicht tugendhaft, obgleich Sie weder Blut⸗ ſchänder, noch Vatermörder ſind.“ „Herr Jackal, ich habe Ihnen geſagt, es iſt we⸗ niger die Vergangenheit, was mich beunruhigt, als die Zukunft.“ „Aber woher des Teufels kommt denn bei Ihnen dieſes Mißtrauen gegen Sie ſelbſt, mein lieber Herr Gibaſſier?“ „Nun denn, wenn ich es Ihnen ſagen muß, ich befürchte meine Freiheit zu mißbrauchen, ſobald ſie mir wiedergegeben ſein wird.“ „Auf welche Art?“ „Auf alle Arten, Herr Jackal.“ „Doch unter Anderem?“ uſi„Ich befürchte, mich in eine Verſchwörung einzu⸗ aſſen.“ „Ah! wahrhaftig? Teufel, das iſt ernſt, was Sie mir da ſagen, Gibaſſier.“ „Aeußerſt ernſt.“ „Erklären Sie ſich doch,“ ſprach Herr Jackal. Und er machte es ſich auf ſeinem Stuhle auf eine Art bequem, welche andeutete, daß die Conferenz eine gewiſſe Zeit dauern ſollte. —— *) Blntſchänder, Vatermörder, und dennoch tugendhaft! —— gli iſt, ut⸗ ve⸗ die nen err mir nzu⸗ was eine eine 147 CXRV. Die Sendung von Gibaſſier. „Was wollen Sie, mein lieber Herr Jackal?“ fuhr Gibaſſier mit einem Seufzer fort,„ich bin nicht mehr im Alter, um mich in vagen Jugendillufionen zu wiegen.“ „Gut: wie alt ſind Sie denn?“ „Beinahe vierzig Jahre, mein guter Herr Jackal; doch ich vermöchte mein Geſicht ſo einzurichten, daß ich im Nothfalle fünfzig oder ſechzig ſcheinen würde.“ „Ja, ich kenne Ihr Talent in dieſer Hinſicht: Sie ſpielen die Grimaſſen ganz angenehm. Ah! Sie ſind ein großer Schauſpieler, ich weiß das, und darum habe ich Abſichten mit Ihnen.“ „Sollten Sie mir ein Engagement anzubieten ha⸗ ben, mein guter Herr Jackal?“ fragte Gibaſſier mit einem Lächeln, welches andeutete, mit Recht oder mit Unrecht glaube er etwas von den Geheimniſſen des Po⸗ lizeimannes ergründet zu haben. „Wir werden ſogleich hievon reden. Mittlerweile nehmen wir das Geſpräch wieder auf, wo wir es ge⸗ laſſen haben, nämlich bei Ihrem Alter.“ „Nun wohl, ich ſagte alſo, ich ſei bald vierzig Jahre alt. Das iſt das Alter des Ehrgeizes bei den großen Seelen.“ „Ja, und Sie ſind ehrgeizig?“ „Ich geſtehe es.“ „Sie möchten wohl Glück machen?“ „Oh! nicht für mich„ „Einen Platz im Staate einnehmen?“ „Meinem Vaterlande dienen war immer mein glühendſter Wunſch.“ 148 „Sie haben die Rechte ſtudirt, Gibaſſier; das führt zu Allem.“ „Ja, doch ich habe das Unglück gehabt, meine Li⸗ cenz nicht zu nehmen.“ „Das iſt unverzeihlich von Seiten eines Mannes, der ſeinen Codex an den Fingerſpitzen herbeten kann wie Sie.“ „NRicht nur unſern Codex, Herr Jackal, ſondern den Coder aller Länder.“ „Und wann haben Sie dieſe Studien gemacht?“ „Während der Mußeſtunden, die mir die Regierung bewilligte.“ „Und das Reſultat Ihrer Studien?. „Iſt geweſen, es gebe in Frankreich viel zu refor⸗ miren.“ „Ja, die Todesſtrafe, zum Beiſpiel.“ „Leopold von Toscana, ein philoſophiſcher Herzog, hat ſie in ſeinen Staaten reformirt.“ „Es iſt wahr, und am andern Tage hat ein Sohn ſeinen Vater getödtet, ein Verbrechen, das ſeit einem Vierteljahrhundert nicht vorgefallen war.“ „Das iſt aber nicht das Einzige, was ich ſtudirt habe.“ „Ja, Sie haben auch die Finanzen ſtudirt.“ „Speciell. Nun wohl, bei meiner Rückkehr habe ich die Frankreichs in einem beklagenswerthen Zuſtande gefunden. Ehe zwei Jahre vergehen, wird die Schuld eine exorbitante Summe betragen!“ „Ah! ſprechen Sie mir nicht hievon, mein lieber Gibaſſier.“ „Nein, mein Herz bricht, wenn ich nur hieran denke; indeſſen.. „Was?“ „Wenn man nich zu Rathe ziehen wollte, ſo wären die Kaſſen voll, ſtatt leer zu ſein.“ „Mein lieber Herr Gibaſſier, ich glaubte, ein Kauf⸗ „ mann, der Ihnen ſeine Kaſſe anvertraut, habe ſie im Gegentheile leer ſtatt voll gefunden.“ 3 ären tauf⸗ e im 149 „Mein guter Herr Jackal, man kann ein ſehr ſchlechter Kaſſier ſein und dennoch ein vortrefflicher Spe⸗ culant.“ „Kommen wir auf die Kaſſen des Staates zurück, mein lieber Herr Gibaſſier.“ „Wohl, ich kenne ein Mittel gegen das brennende Uebel, das die unſern leert. Ich weiß, wie dieſer na⸗ gende Wurm der Nationen, den man Budget nennt, auszureißen iſt; ich weiß, wie der wie Sturmwolken über der Regierung angehäufte Haß abzuziehen iſe „Und dieſes Mittek, tiefer Gibaſſier?“ „Ich wage es nicht recht, es Ihnen zu ſagen.“ „Iſt, das Miniſterium zu ändern, nicht wahr?“ „Nein, es iſt, die Regierung zu ändern,“ „Ah! Seine Majeſtät wäre ſehr glücklich, wenn ſie würde ſo ſprechen hören.“ „Ja, und am Tage, nachdem ich meine Meinung mit der Freiheit eines gewiſſenhaften Mannes ausge⸗ drückt hätte, würde man mich bei nächtlicher Weile ver⸗ haften, man würde meine Correſpondenz durchſuchen, man würde in den Geheimniſſen meines Privatlebens wühlen.“ „Bah!“ machte Herr Jackal. „Man würde das thun, und darum werde ich mich nie mit einem Complotte verbinden... Indeſſen...“ Mit keinem Complotte, lieber Herr Gibaſſier?“ ſagte Herr Jackal, indem er ſeine Brille emporhob und den Galeerenſtlaven feſt anſchaute. „Nein, und es ſind mir doch herrliche Anträge ge⸗ macht worden, wie ich mich wohl rühmen darf.“ „Sie ſind voller Verſchweigungen, Gibaſſier.“ „Ich möchte gern, daß wir uns begreifen würden.“ „Ohne einander zu compromittiren, nicht wahr?“ „Ganz richtig.“ „Nun wohl, laſſen Sie uns plaudern, eit.. Wenn ich ſage, wir haben Zeit. Si 7 wir haben „ 150 „Ah! Sie haben Eile?“ „Ein wenig.“ „Ich halte Sie hoffentlich nicht zurück?“ „Im Gegentheile, nur Sie halten mich zurück. Fahren Sie alſo fort.“ „Wobei waren wir?“ „Sie waren bei Ihrem zweiten indeſſen.“ „Ich befürchte indeſſen, einmal ftei „Einmal frei?“ „Da bei mir die Freiheit nicht eine alte Gewohn⸗ heit iſt„ „Sie befürchten, die Ihrige zu mißbrauchen?“ „Ganz richtig Rehmen Sie alſo an⸗ ich laſſe mich hinreißen,— ich bin ein Menſch der Hinrei⸗ ßung„ weiß es, Gibaſſier: gerade das Gegentheil „Ich von Herrn von Talleyrand, iſt Ihre erſte Bewegung die ſchlechte; doch Sie geben ihr nach.“ „Nun wohl, nehmen Sie an, ich trete in irgend eines von den Complotten ein, welche gegenwärtig ſi um den Thron des alten Königs anzetteln; was würde dann geſchehen? Ich wäre zwiſchen zwei Klippen: ſchweigen und meinen Kopf risquiren, oder meine Ge⸗ noſſen anzeigen und meine Ehre risquiren!“ Herr Jackal ſchien mit ſeinen Augen je aus dem Munde von Gibaſſier zu reißen, „So daß Sie,“ ſagte er,„ſo daß Sie veharrlich an der Zukunft zweifeln, mein lieber Gibaſſier 72 „Ah! mein guter Herr Jackal,“ erwiederte der Ga⸗ leerenſtlave, der zu befürchten ſchien, er habe zu vie geſagt, und wieder umkehrte,„hätten Sie für mich ein Viertel von der Freundſchaft, die ich für Sie hegl⸗ wiſſen Sie, was Sie thun würden?“ „Sprechen Sie, Gibaſſier, und wenn es in n als un Macht liegt, ſo werde ich es thun, ſo wahr des Wort die Sonne leuchtet.“ dte dieſen Ausdruck vielleicht u Herr Jackal wan ————— 1— ———„ — ohn⸗ laſſe nrei⸗ theil gung gen g ſich vürde ppen: Ge⸗ Wort arrlich er Ga⸗ u vil ich ein hege, meine ls uns dt n 151 Gewohnheit an, thatſächlich iſt es aber, daß in dieſem Momente die Sonne die Sandwichsinſeln beſchien. Gibaſſier drehte auch ſeine Augen gegen das Fen⸗ ſter, und ſein Blick war eine beredte Jronie;z die Sonne war abweſend bis zu der Secunde, wo Herr Jackal ſie requirirte, um ihm als Zeuge zu dienen! Doch er gab ſich den Anſchein, als bemerkte er es nicht, und hatte das Ausſehen, als hielte er die Anrufung des Inſper⸗ tors für gut. „Nun wohl,“ ſprach Gibaſſier,„ſind Sie geneigt, etwas für mich zu thun, ſo laſſen Sie mich reiſen, mein guter Herr Jackal. Ich werde erſt in angenehmer Stimmung ſein, wenn ich mich außer Frankreich fühle.“ „Und wohin möchten Sie gern gehen, lieber Herr Gibaſſier?“ „Ueberallhin, nur nicht in den Süden.“ „Ah! Sie haſſen alſo Toulon?“ „Und in den Weſten.“. „Ja, wegen Breſt und Rochefort..„ Beſtimmen alſo ſelbſt Ihre Route.“ „Ich ginge gern nach Deutſchland... Sollten Sie glauben, daß ich Dehtſchland nicht kenne?“ „Und das macht, daß man Sie dort auch nicht kennt. Ich begreife, welchen Vortheil Sie dabei fän⸗ den, wenn Sie in einem Urlande reiſen würden.“ „Ja, man erforſcht... „Das iſt es!“ „Es gewährt mir eine Freude, zu erforſchen, das akte Deutſchland beſonders.“ „Das Deutſchland der Burgen!“ „Ja, das Deutſchland der Burggrafen, das Deutſch⸗ land der Hexenmeiſter, das Deutſchland von Karl dem Großen, Germania mater!“ „Es würde Sie alſo glücklich machen, wenn Sie eine Sendung an die Ufer des Rheins bekämen?“ „An dem Tage, wo ich ſie bekomme, werden alle meine Wünſche erfüllt ſein.“ Si 152 „Sie ſprechen offenherzig?“ „So wahr als die Sonne uns nicht leuchtet, mein guter Herr Jackal.“ 5 Jackal, der den Kopf nach Diesmal war es Herr dem Fenſter umwandte, und, da er die Abweſenheit des vom Galeerenſklaven zum Zeugen genommenen Ge⸗ ſtirnes wahrnahm, den Behauptungen von Gibaſſier Glauben ſchenken konnte. „Ich glaube Ihnen,“ ſagte Herr Jackal,„und ich will es Ihnen beweiſen Gibaſſier horchte mit allen ſeinen Ohren. „Sie ſagen alſo, genſtand aller Ihrer Wünſche wäre eine Sendung an die Ufer des Rheins?“ „Ich habe es geſagt, und ich widerrufe es nicht.“ „Nun wohl, die Sache iſt nicht unmöglich.“ „Ah! mein guter Herr Jackal!“ „Rur ſage ich Ihnen nicht, ob die Sendung dies⸗ ſeits oder jenſeits des Rheins ſein wird.“ „Sobald ich mich unter Ihrem unmittelbaren Schutze befinde.. und dennoch verberge ich Ihnen nicht, daß es mir lieber wäte„ Mißtrauen, Gibaſſier?“ „Hh! nein; denn Sie haben am Ende keinen Grund, mich zu täuſchen„ „Keinen, ich kenne Sie.“ „Ihre Zeit mit mir zu verlieren, wenn Sie mir nichts zu ſagen haben.“ „Ich verliere nie meine Zeit, Gibaſſier, und ſo⸗ bald Sie mich im Reiſecoſtume und zur Abreiſe bereit ſehen, und ich reiſe nicht ab, ſo iſt dies der Fall, weil ich während dieſes Verzugs etwas Nützliches thue, oder weil man es für mich thut.“ „In Rückſicht auf mich?“ fragte Gibaſſier mit einer gewiſſen Beſorgniß. „Ich vermöchte nicht nein zu ſagen. Ich habe eine ſier, daß ſo große Schwäche für Sie, mein lieber Gibaſ . mein lieber Gibaſſier, der Ge⸗ 6 ve ni he be ert S ſin de Je ges ma ich Eh baſ ein ach des He⸗ ſier ht.“ ies⸗ aren hnen inen mir ſo⸗ ereit weil oder mit eine „daß baſſier.“ 153 ich mich, ſeitdem ich Sie wiedergefunden, nur mit Einem beſchäftige: mit dem, was man aus Ihnen ma⸗ chen kann.“ „Herr Jackal, man kann Vieles aus mir machen.“ „Ich weiß es, doch jeder Menſch hat einen Beruf. — Sie ſind kein Mann von großem Wuchſe, Gi⸗ baſſier, doch Sie ſind ſtark gebaut.“ „Ich habe bis zehn Franten täglich als Modell verdient.“ „Nun, ſehen Sie! Sie ſind überdies von ſangui⸗ niſchem Temperamente, von energiſchem Charakter.“ „Zu ſehr! davon kommen alle meine Mißgeſchicke e „Weil Sie ſich von Ihrem Pfade abgewandt ha⸗ ihe einer anderen Straße hätten Sie das Ziel erreicht.“ „Ich hätte es überſchritten, Herr Jackal.“ „Sehen Sie, das iſt meine Meinung. Erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß Sie von dem Holze ſind, aus dem man große Feldherren macht, Gibaſſier, und was mich längſt wundert, iſt, daß Sie die Laufbahn der Waffen nicht verfolgt haben.“ „Das wundert mich noch viel mehr als Sie, Herr Jackal.“ „Nun, was würden Sie ſagen, wenn ich Ihnen gegenüber die Vernachläßigungen des Glückes gut machte?“ „Ich würde nichts ſagen, Herr Jackal, ſo lange ich nicht wüßte, auf welche Art Sie dieſelben gut machen.“ „Wenn ich Sie zum General machen würde?“ „Zum General?“ „Ja, Brigade⸗General.“ „Und welche Brigade hätte ich zu commandiren die Ehre, Herr Jackal?“ „Eine Sicherheits⸗Brigade, mein lieber Herr Gi⸗ 154 „Das heißt, Sie machen mir ganz einfach den An⸗ trag, Mouchard zu werden?“ „Ja, ganz einfach.“ „Auf meine Individualität zu verzichten?“ „Das Vaterland verlangt von Ihnen, daß Sie ihm dieſes Opfer bringen.“ „Ich werde thun, was das Vaterland verlangt; doch was wird es ſeinerſeits für mich thun?“ „Sprechen Sie Ihre Wünſche aus.“ „Sie kennen mich, mein lieber Herr Jackal.. „Ich erfreue mich dieſer unſchätzbaren Ehre.“ „Sie wiſſen, daß ich große Bedürfniſſe habe.“ „Man wird hiefür beſorgt ſein.“ „Uebermäßig koſtſpielige Launen!“ „Man wird ſie befriedigen.“ „Nit einem Worte, ich kann Ihnen große Dienſt leiſten.“ „Leiſten Sie dieſelben, mein lieber Gibaſſier, un man wird Sie bezahlen.“ „Laſſen Sie mich Ihnen nur ein paar Worte ſu gen, die Ihnen beweiſen ſollen, wozu ich fähig bin“ „Ohl ich glaube, daß Sie zu Allem fähig ſin General.“ „Und noch zu vielen anderen Dingen⸗ das werden Sie „Ich höre.“ „Wovon hängen die Größe und das Wohl eine Staaies ab?.. Von der Polizei, nicht wahr?“ „Das iſt wahr, General!“ „Ein Land ohne Polizei iſt ein großes Schiff ohn Compaß und ohne Steuerruder.“ ₰ „Das iſt zugleich richtig und voetiſch, Gibaſſiet“ „Man kann alſo die Miſſion des Polizeimann als die zugleich heiligſte, zarteſte und nützlichſte vo allen Miſſionen betrachten.“ „Ich werde Ihnen nicht das Gegentheil ſagen⸗“ „Woher kommt es dann, daß man, um dieſe wiqh n An⸗ Dienſt r, un rte ſu bin g ſin werden eine ff ohn aſſier“ manntt ſte von gen ſe nih 155⁵5 tige Function zu verſehen, um dieſe erhaltende Miſſion zu erfüllen, gewöhnlich blödſinnige Menſchen von der häßlichſten Art wählt? woher kommt dies? ich will es Ihnen ſagen; davon, daß die Polizei, ſtatt ſich mit den großen Regierungsfragen zu beſchäftigen, in die geringfügigſten Details eingeht und ſich ängſtlichen Anſtrengungen hingibt, die ihrer ganz unwürdig ſind.“ „Fahren Sie fort, Gibaſſier.“ „Ihr gebt Millionen aus, um politiſchen Com⸗ plotten nachzuforſchen, nicht wahr? Nun wohl, wie viel habt Ihr ſeit 1815 entdeckt?“ „Seit 1815,“ ſagte Herr Jackal,„haben wir ent⸗ Soct „Nicht ein einziges,“ unterbrach Gibaſſier,„denn Ihr habt ſie alle gemacht.“ „Das iſt wahr,“ antwortete Herr Jackal,„und nun da Sie Einer der Unſern ſind, werde ich es nicht verſuchen, etwas vor Ihnen zu verbergen.“ „Verſchwörung Didier, Polizei⸗Angelegenheit;— Verſchwörung Tolleron, Pleignies und Carbonneau, Polizei⸗Angelegenheit; Verſchwörung der vier Sergen⸗ ten von la Rochelle, Polizei⸗Angelegenheit! Warum habt Ihr Euch hierauf beſchränkt? Weil Ihr es nicht wagt, offen die vier bis fünf Complotthäupter anzu⸗ greifen, mit denen Ihr alle Tage in den Straßen von Paris mit den Ellenbogen zuſammenſtoßt. Ihr ſchneidet den Baum aus, und Ihr habt nicht den Muth, die Art an den Stamm zu legen, und warum dies? Weil die unglücklichen Agenten, die Ihr verwendet, Augen haben, um nicht zu ſehen, Ohren, um nicht zu hören; weil Ihr ihren Auftrag entehrend, unpopulär gemacht habt; weil Ihr das Wort Polizei dadurch erniedrigt habt, daß Ihr Elite⸗Intelligenzen die Beſtimmung ga⸗ bet, nicht über die Sicherheit des Staates zu wachen, ſondern Diebe zu verhaften.“ „Es iſt Wahres an dem, was Sie ſagen, Gibaſ⸗ 156 ſier,“ erwiederte Herr Jackal, indem er eine Priſe Ta⸗ ſich bak nahm. Ihr „Was haben Sie Euch aber gethan, dieſe unglück⸗ duſ lichen Diebe? Könnt Ihr ſie nicht im Frieden arbeiten laſſen? Plagen Sie Euch? beklagen ſie ſich über das Geſe Geſetz gegen die Preſſe? machen ſie Satyren gegen Sch Euch? ſchreien ſie über die Jeſuiten? Nein! ſie laſſen Euch ruhig Euer kleines politiſches Ultra machen. Habt Ihr je einen Einzigen bei einem Complott gefunden? ſchw Statt ihnen Hülfe und Schutz zu gewähren wie fried⸗ lichen, harmloſen Leuten,— ſtatt väterlich die Augen der über ihre kleinen Streiche zu ſchließen, ſitzt Ihr ihnen mich mit aller Erbitterung auf dem Nacken, und das nennt aus Ihr Polizei machen! Pfui! Herr Jackal, das iſt arm⸗ ſelige, gemeine Knickerei, das iſt die Kindheit dr Tag Kunſt, das iſt die Polizei, wie ſie im irdiſchen Par⸗ habe dieſe getrieben wurde, wo man Adam und Eva wegen eines unglücklichen Apfels verhaftete, ſtatt die Schlange, nur welche conſpirirte, gefänglich einzuziehen. Hören Si, Herr Jackal, nicht ſpäter als vorgeſtern hat man ve⸗ mein haftet wen? das frage ich Sie: den Engel Gab⸗ eines rierl“ an ſ „Ihren Freund?.. Oh!“ „Das entrüſtet Sie... könn „Man hat ihn alſo wiedererkannt?“ „Nicht einmal; er hatte Hunger, der ehrliche Junge, und er trat, der arme unſchuldige, bei einem Bäcker ein, um ein Brod zu verlangen. Der Bäcker war übler Laune, weil man ihn auf der That des Ver⸗ Long kaufs mit falſchem Gewichte ertappt hatte, und er zu Kehl zwölf Franken Buße von der Zuchtpolizei verurtheilt Ein worden war. Er verweigerte brutaler Weiſe das Brod, chaiſe das der arme Ausgehungerte von ihm forderte: da nahm ergra er das Brod, biß darein, und trotz des Geſchreis des Größ Bäckers hatte er es verzehrt, ehe Ihre Agenten ankamen; einem die Agenten kamen wirklich, und ſtatt den Bäcker 3 Soba verhaften, verhafteten ſie Gabriel!“ Ta⸗ ück⸗ iten das egen aſſen Habt den ried⸗ ugen hnen ennt arm⸗ der zara⸗ egen ange, Sie, ver⸗ Gab⸗ rliche inem äcker Ver⸗ er zu theilt Brod, nahm men: er zu 157 „Ja,“ ſagte Herr Jackal,„ich weiß wohl, daß ſich Fehler in unſerer Geſetzgebung finden; doch mit Ihrem Rathe wird man ſie bekämpfen, redlicher Gi⸗ baſſier!“ „Während nun Ihre Agenten dieſes abſcheuliche Geſchäft trieben, wiſſen Sie was ungefähr hundert Schritte unter ihnen vorging?“ „Man conſpirirte, nicht wahr?“ „Und wiſſen Sie, was das Loſungswort der Ver⸗ ſchwörung war?“ „Es lebe der Kaiſer! Ah! ich ſehe wohl, daß der Puits⸗qui⸗parle für Sie geſprochen hat, wie für mich, Gibaſſier. Und welche Conſequenzen haben Sie aus dieſem Rufe gezogen?“ „Daß wir, ehe ein Monat, drei Wochen, vierzehn Tage vielleicht vergehen, eine andere Regierungsform haben werden.“ „Nun wohl, dieſes Geſtändniß macht, daß ich Ihnen nur noch wenig zu ſagen habe!“ „Doch ich, ich habe Ihre Befehle zu erwarten, mein Marſchall,“ ſagte Gibaſſier, indem er die Geberde eines Officiers machte, der die Hand vor einem Obern an ſeinen Hut legt. „Wann werden Sie ſich auf Ihren Beinen halten können?“ „Wann es ſein muß,“ erwiederte Gibaſſier. „Ich gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden.“ „Das iſt mehr als ich brauche.“ „Morgen früh werden Sie nach Kehl abreiſen. Longue⸗Avvine wird Ihnen Ihre Päſſe übergeben. In Kehl werden Sie im Gaſthauſe zur Poſt abſteigen. Ein von Wien kommender Mann wird in einer Poſt⸗ chaiſe paſſiren. Achtundvierzig Jahre, ſchwarze Augen, ergrauender Schnurrbart, bürſtenartig geſchnittene Haare, Größe fünf Fuß ſieben Zoll. Er wird unter irgend einem Namen reiſen; ſein wahrer Name iſt Sarranti. Sobald er vor Ihren Augen erſchienen iſt, werden Sie 6 158 ihn nicht mehr aus dem Geſichte verlieren. Die Mit⸗ tel, das iſt Ihre Sache. Bei meiner Rückkehr hieher wünſche ich zu wiſſen, wo er wohnt, was er thut, was er thun wird. Hier iſt eine Anweiſung auf tauſend Thaler zahlbar in der Rue de Jeruſalem. Sie be⸗ kommen zwölftauſend Franken, wenn Sie glücklich meine Inſtructionen erfüllen.“ „Ah!“ ſagte Gibaſſier,„ich wußte wohl, das Ver⸗ dienſt werde früher oder ſpäter belohnt.“ „Was Sie da ſagen, iſt um ſo wahrer, Gibaſſier, als ich, kennete ich ein Verdienſt, das größer, als das Ihrige, die Sendung ihm anvertrauen würde, mit der ich Sie betraue. Und nun, mein lieber Gibaſſier, wünſche ich Ihnen von ganzem Herzen eine gute Gl⸗ ſundheit und glücklichen Erfolg.“ „Ah! was die gute Geſundheit betrifft, ſo bin ich ſchon geheilt. Das Verlangen, Seiner Majeſtät nütz⸗ lich zu ſein, hat dieſe wunderbare Cur gemacht. Was den glücklichen Erfolg betrifft, ſo verlaſſen Sie ſich auf mich.“ In dieſem Augenblicke trat Longue⸗Avoine ein und ſprach leiſe mit Herrn Jackal. „Sie kennen das Wort von König Dagobert, mein lieber Gibaſſier,“ ſagte Herr Jackal:„„So gut au eine Geſellſchaft ſein mag, man muß ſie am Ende ver⸗ laſſen;“ doch die Pflicht vor dem Vergnügen, die Tu⸗ 5 gend vor der Freundſchaft. Gott befohlen, und viel Glück!“ Hiernach verließ Herr Jackal raſch Gibaſſier. Als er auf den Vorhof von Notre⸗Dame kam⸗ fand er hier eine Reiſeberline beſpannt mit vier Pfer⸗ den nebſt zwei reitenden Poſtillons. „Biſt Du da, Carmagnoles⸗ fragte Herr Jackal während er den Wagenſchlag halb öffnete. „Ja, Herr Jackal.“ „So bleibe hier.“ „Sie nehmen mich mit nach Wien?“ ein hat bei au au der gel ſei ſei wo Eil wir kehr vor Rit⸗ eher was ſend be⸗ neine Ver⸗ ſſier, das t det ſſier, Ge⸗ in ich nütz⸗ Was ie ſich 1e ein mein t auch e et⸗ ie Tu⸗ d viel r. e kam, Pier⸗ Jackal 159 „Nein, ich laſſe Dich unter Weges.“ Alsdann, ſich gegen Longue⸗Avvine umwendend: „Man hat vorgeſtern, in der Rue Saint⸗Jaques, einen Unglücklichen verhaftet, der ein Brod geſtohlen hatte; man verwahre ihn mir abgeſondert: ich habe bei meiner Rückkehr mit ihm zu ſprechen; er antwortet auf den Namen Engel Gabriel.“ Hienach ſprang er in den Wagen, nahm in aller Breite im Fond Platz, während Carmagnole beſcheiden auf dem Vorderſitze blieb, und rief dem Poſtillon, der den Wagenſchlag ſchloß, zu: Straße nach Belgien! und ſechs Franken Trink⸗ geld!“ „He! hörſt Du, Jolibvis?“ rief der Poſtillon ſeinem Kameraden zu;„ſechs Franken Trinkgeld!“ „Doch man wird raſch fahren!“ fügte Herr Jackal ſeinen Kopf durch den Schlag ſteckend bei. „Daß die Funken davon fliegen,“ erwiederte der Poſtillon, während er ſich in den Sattel ſchwang. Und der Wagen verſchwand in dem Augenblicke, wo die Sonne erſchien. CXXVI. Mignon. Laſſen wir Herrn Jackal und Carmagnole in aller Eile auf der Straße nach Deutſchland hinfahren; ſetzen wir zwiſchen ſie und uns die Gränze Frankreichs, und kehren wir nach dem Hauſe der Rue de POueſt zurück, vor welchem wir eines MWorgens den mit Wappen ge⸗ 160 ſchmückten Wagen der Prinzeſſin von Lamothe⸗Houdan haben halten ſehen. Machen wir es wie ſie, treten wir unter das Ge⸗ wölbe des Thorweges; doch ſtatt uns hier aufzuhalten, wie ſie, ſteigen wir die drei Stockwerke eines neu ge⸗ bauten Hauſes hinauf, und bleiben wir vor einer mit Nägeln verſehenen und wie eine arabiſche Thüre ge⸗ ſchnitzten Thüre ſtehen. Handeln wir nun als Freunde, drehen wir den Knopf ohne anzuklopfen, und wir werden uns auf der Schwelle unſeres alten Bekannten Petrus Herbel be⸗ finden. Es war ein anbetungswürdiges Atelier, das Ate⸗ lier von Petrus; ein Maleratelier vor Allem, doch auch das eines Nuſikers, eines Dichters, eines Fürſten, denn der große Haufe irrt ſich, wenn er denkt, die Maler haben das ausſchließliche Privilegium der Ate⸗ liers. Alles, was denkt, Alles, was componirt, alle Arbeiten des Geiſtes mit einem Worte fühlten ſich chon damals beengt in jenen Rattenfallen, die man Arbeitscabinete nannte. Es ſcheint, um ſich zu ſeiner wahren Höhe zu erheben, hat der Gedanke, dieſer könig⸗ liche Stlave, wie die großen Adler, Raum und Luft nöthig. Es wird aber, wie wir hoffen, eine Zeit kom⸗ men, wo die Hauseigenthümer, ſelbſt Leute von Geiſt geworden, die Wohlthat der Ateliers begreifen und die Miethsleute, die ſie nicht begreifen, zwingen werden, dieſelben aus Ton zu bewohnen, wenn nicht, weil ſie ihnen den Vorzug geben, oder weil ſie zum Bedürf⸗ niſſe geworden ſind. Zu einer Zeit, wo das pittoreske Atelier kaum auf das claſſiſche Atelier folgte, konnte das von Petrus als ein Typus der Wohnung eines Raphaels der neuen Schule angeſehen werden. Wir haben übrigens geſagt, daß es ein Atelier war, welches eben ſowohl einem Raler, einem Muſiket, einem Dichter und einem Prinzen anſtehen konnte. 18 SSS S= 8S S+ an e⸗ n, ge⸗ nit ge⸗ den der be⸗ Ate⸗ doch ſten, die Ate⸗ alle ſich man einer nig⸗ Luft kom⸗ Geiſt d die rden, il ſie dürf⸗ kaum etrus neuen ltelier uſiker, 161¹ Der Leſer iſt unſer Zeuge, daß wir den Prinzen zuletzt genannt haben, denn der Adel des Genies iſt unſerer Anſicht nach viel älter, als der des Herrn Gra⸗ fen von Merode, welcher von Merovig abzuſtammen behauptet, ſogar als der des Herrn Herzogs von Levis, welcher mit der Jungfrau verwandt zu ſein betheuert. Wir beſtreiten dieſe zwei Abſtammungen nicht; doch der Adel von Shakeſpeare und von Dante iſt nach unſerer Meinung viel älter und ehrwürdiger. Der Eine ſtammt von Homer ab, der Andere von Moſes. Trat man bei Petrus ein, ſo war man erſtaunt, überraſcht, entzückt. Alle Sinne bebten, denn alle Sinne waren zugleich ergriffen: das Gehör durch das Seuf⸗ zen der Orgel; der Geruch durch Benzoe und Aloe, die auf türkiſchen Räucherpfännchen brannten; das Geſicht durch den Anblick der tauſend Gegenſtände, welche das Auge nach allen Seiten zogen. Es waren Betpulte aus dem vierzehnten Jahrhun⸗ dert mit Schnitzwerk mit Glöckchen, ſteife Gemälde mit lebhaften Farben, Meiſterwerke aus der Regierungszeit von Karl IV., Ludwig Kl. und Ludwig XII., deren Meiſter man eben ſo wenig kennt, als man die Archi⸗ tekten und die Bildhauer unſerer ſchönſten Kathedralen kennt; es waren Truhen von der Renaiſſance, von Heinrich IM. und Ludwig XIII., mit Incruſtationen von Schildpatt, Perlmutter und Elfenbein; es waren Statuetten von den Gräbern der Herzoge von Burgund oder von Berry losgemacht, betende Mönche, ſchwer⸗ müthige heilige Frauen, heilige George und heilige Michaele Drachen bändigend, die Einen angemalt wie die Apoſtel der Sainte⸗Chapelle, die Anderen vergoldet wie die Evangeliſten von Mont⸗Real; es waren, am Plafond hängend, holländiſche Käfiche, wie man ſie an den Fenſtern der Frauen von Miéris ſieht, kupferne Lampen mit gebogenen Schnäbeln, wie man in den Stillleben von Gérard Dow findet; es waren Waffen Die Mohicaner von Paris. V. X 162 von allen Arten, von allen Zeiten, von allen Ländern, von den Framea der langhaarigen Könige bis zu den ſchönen, guten Stutzbüchſen, welche damals aus den Werkſtätten von Devisme hervorzugehen anfingen, von der urſprünglichen Mordkeule, dem Bogen und den vergifteten Pfeilen der Wilden von Neu⸗Seeland, bis zu den Krummſäbeln der türkiſchen Paſchas und den Piſtolen mit eiſelirten Kolben der arnautiſchen Solda⸗ tenz es waren, mitten unter Allem dem, gehalten von unſichtbaren Fäden, die ihnen das Anſehen gaben, als flögen ſie mit eigenen Flügeln, See⸗ und Landvögel von Europa, Africa, America und Aſien, von allen Größen und allen Farben, von dem rieſigen Albatros, der aus den Wolken auf ſeine Beute wie ein Meteor⸗ ſtein niederfällt, bis zum Königsvogel, welcher wie ein vom Winde fortgetragener Karfunkel oder Saphir er⸗ ſcheint; ſodann Gypsabgüſſe. Reproduction der Meiſter⸗ werke von Phidias und Michel Angelo, von Praxiteles und Jean Gvyujon, nach der Natur geformte Torſos, Büſten don Homer und Chateaubriand, von Sophokles und von Victor Hugo, von Virgil und von Lamartinez an allen Wänden endlich Studien, nach Pouſſin, Rubens, Velasquez, Rembrandt, Watteau, Greuze, Skizzen von Scheffer, Delacrvir, Boulanger und Horace Vernet. Ließ ſich das beim Anblicke ſo vieler Gegenſtände erſtaunte, ſogar unruhige Auge durch das Ohr leiten, und ſuchte das Inſtrument und den Muſiker, von dem die melodiſchen Töne und die geſchickten Finger das Zimmer mit Wogen von Harmonie erfüllten, ſo drang der Blick in die Vertiefung eines Fenſters mit farbigen Scheiben ein, deſſen Ausſchnitt als Rahmen für eine Orgel diente, und er verweilte auf einem jungen Manne von achtundzwanzig bis dreißig Jahren, mit bleichem Geſichte, mit melancholiſchen Zügen, der ſeine Finger auf den Taſten umherirren ließ und Accorde mit einem trefflichen Gefühle, aber mit einer tiefen Traurigkeit improviſirte. — S 8 2 on en is en ⸗ on s gel en os, or⸗ ein er⸗ er⸗ ind ten ind ns, on nde em das ang gen ine nne hem ger 163 Dieſer Muſiker war unſer Freund Juſtin. Seit mehr als einem Monat hat er ſich bei Jedermann er⸗ kundigt, und trotz der Verſprechungen von Salvator hat er nichts erfahren. Er ſcheint, um die Muſik dazu zu machen, Verſe zu erwarten, die ein anderer junger Mann dichtet oder überſetzt. Dieſer andere junge Mann mit braunem Teint, mit krauſen Haaren, mit verſtändigem Auge, mit fleiſchigen, ſinnlichen Lippen, iſt unſer Freund Jean Robert. Er ſteht und überſetzt zugleich. Er ſteht für ein Bild von Petrus und überſetzt Verſe von Göthe. Ihm gegenüber iſt ein bewunderungswürdiges Kind von kaum vierzehn Jahren, mit einem von den Fantaſiecoſtumen, die es ſo gern trägt, Goldzechinen am Halſe und auf der Stirne, eine rothe Schärpe um den Leib, in einem Kleide mit goldenen Blumen, und mit reizenden bloßen Füßen, Sammetaugen, Perl⸗ zähnen und ebenholzſchwarzen, bis auf die Erde fallen⸗ den Haaren. Das iſt Roſe⸗de⸗Noöl im Coſtume von Mignon. Sie tanzt für ihren Freund Wilhelm Meiſter den Eiertanz, den ſie auf der Straße für ihren erſten Herrn zu tanzen ſich geweigert hat. WVilhelm Meiſter dichtet, während ſie tanzt, ſchaut ſie an, lächelt und kehrt zu ſeinen Verſen zurück. Wir haben geſagt, Wilhelm Meiſter ſei unſer Dichter geweſen. Neben Roſe⸗de⸗Nosl, auf der Erde liegend, und das ſchwermüthige Lächeln des Kindes erklärend, iſt ein anderer kleiner Mohicaner des guten Gottes, den wir beim Schulmeiſter und bei Brocante geſehen haben, Babolin in der Tracht eines ſpaniſchen Poſſenreißers. Er vervollſtändigt das wunderbare Genrebild, das Pe⸗ trus eben der Leinwand einverleibt, und das, was den Kunſtwerth betrifft, zwiſchen einem Iſabey und einem Deramps die Mitte hält. 164 Petrus iſt immer der junge Mann, halb Künſtler, halb Ariſtokrat, mit dem uns ekannten ſchönen, edlen Geſichte. Nur iſt dieſes Geſicht mit einem Schleier tiefer Traurigkeit bedeckt, der, ſtatt es zu erheitern, das bittere Lächeln, das zuweilen über ſeine Lippen ſchwebt, noch trübſeliger macht. Dieſes bittere Lächeln iſt der innere, unbekannte Gedanke, der hervortritt; er hat nichts mit dem gemein, was er macht, noch mit dem, was er ſagt. Was er macht, wir wiederholen es, iſt ein Ge⸗ mälde Mignon vorſtellend, wie ſie vor Wilhelm Meiſter den Eiertanz tanzt. Was er ſagt, iſt: „Nun, Jean Robert, iſt das Lied von Mignon vollendet? Bu ſiehſt wohl, daß Juſtin wartet.“ Woran er denkt, was macht, daß ein bitteres Lächeln auf ſeinen Lippen ſichtbar wird, iſt, daß gerade zu dieſer Stunde, wo er ſein Bild vollendet, an dem er ſeit drei Monaten arbeitet, wo er Jean Robert fragt:„Haſt Du geendigt?“ wo er mit einem Batiſt⸗ ſacktuche ſeine Stirne, auf der der Schweiß perlt, ab⸗ wiſcht, es iſt, ſagen wir, daß zu eben dieſer Stunde die ſchöne Regina von Lamothe⸗Houdan den Grafen Rappt in der Saint⸗Germain⸗des⸗Prés⸗Kirche heirathet. Es gibt nun, wie Sie ſehen, doch eine gewiſſe Analogie zwiſchen dem, was vor ſich geht, und dem Gemäide, das Petrus macht. Roſe⸗de⸗Noöl, welche für Mignon ſteht, iſt eine Erinnerung an die ſchöne Regina, die er mit einer ſo tiefen Liebe liebt, und die ihm in dieſem Augenblicke für immer entgeht. Einen Moment hat ſich das düſtere Leben der armen kleinen Zigeunerin beim glänzenden Reflexe des Lebens von Regina aufgehellt. Um einen Vorwand zu haben, ſich, und wäre es nur mittelbar, mit der Tochter des Marſchalls, mit der Frau des Grafen Rappt,— denn Regina wird die Frau ſeines Nebenbuhlers ſein,— zu beſchäftigen, hat Petrus — 1 res ade dem bert tiſt⸗ ab⸗ nde afen het. iſſe dem eine rſo licke ſtere nden inen lbar, des ines trus 165 dieſe Roſe⸗de⸗Nosl geſucht, deren Portrait er ſchon, ohne ſie zu kennen, ſtizzirt hatte; er hat ſie gefunden un mit Hülfe von Salvator endlich beſtimmt, ihm zu tehen. Und Sie ſehen, Roſe⸗de⸗Noöl ſteht, entzückt über ihr ſchönes Coſtume, das ihr Petrus hat machen laſſen, und mit ihren großen erſtaunten und zugleich entzückten Augen dieſe zauberhafte Reproduction ihrer Perſon auf der Leinwand betrachtend. Man muß auch ſagen, kein Maler, kein Dichter, weder Petrus, der ihr Bild reproduciren wollte, noch Göthe, der es geträumt, Niemand hätte eine Mignon der ähnlich, welche Petrus vor den Augen hatte, ſich einbilden und noch weniger formen können. Stellen Sie ſich das elende Kind oder vielmöhr die elende Kindheit vor, mit ihren naiven Schönheit, mit ihrer goldenen Sorgloſigkeit, und dennoch, durch dieſe Schönheit und dieſe Sorgloſigkeit, irgend etwas Melancholiſches, Träumeriſches. Erinnern Sie ſich jener fieberhaften Schönheit, jenes ſchnatternden in der Barke ſitzenden Mädchens von dem ſchönen Bilde von Hebert, das man die Ma⸗ laria nennt? Nein, ſtellen Sie ſich nichts vor, nehmen Sie nichts anz Sie haben die Augen Ihrer Einbildungs⸗ kraft, und Sie werden beſſer ſehen, als es uns gegeben iſt, Sie ſehen zu machen. Wem glich nun dieſe Mignon von Petrus? Das war ſchwer zu ſagen. Hätte man Roſe⸗de⸗Noöl zu Rathe gezogen, ſo würde ſie, die kleine Zigeunerin des Bildes ſehend, ſicher⸗ lich geſagt haben, die Mignon von Petrus gleiche der Fee Carita oder vielmehr Fräulein von Lamothe⸗Houdan. Während,— erklären Sie dieſe Sache, wie Sie wollen, Leſer,— während wenn Regina befragt wor⸗ den wäre, ſie unſtreitbar gefunden hätte, dieſe Mig⸗ non gleiche Roſe⸗de⸗Nosl. 166 Woher kommt dies? Davon, daß Petrus Roſe⸗de⸗Nosl anſchaute und an Regina dachte. Roſe⸗de⸗NRoöl auſchauend und an Regina denkend hatte er aber geſagt:„Nun, Jean Robert, das Lied von Mignon, iſt es vollendet? Du ſiehſt wohl, daß Juſtin wartet.“ „Hier iſt es,“ erwiederte Jean Robert. Juſtin wandte ſich halb auf ſeinem Tabouret um, Petrus ließ ſeinen Malerſtock und ſeine Palette auf ſeinen Schvoß niederſinken, Roſe⸗de⸗Noöl ſchaute über den Schultern von Jean Robert die durchſtrichenen Mickenfüße an, welche die drei Strophen des in Deutſch⸗ land ſo populären Liedes von Mignon repräſentirten, und Babolin erhob ſich auf ſeinen Ellenbogen. „Lies, wir hören,“ ſagte Petrus. Jean Robert las: Connais-tu le pays ou les citrons fleurissent, Ou Porange jaunit sous son feuillage vert, Oů les jours sont de famme, oñ les nuits s'attiédisent, Ou règne le printemps en exilant hiver? Ce doux pays ou croit le myrte solitaire. Ou le laurier grandit dans un air enbaumé, PDis moi, le connais-tu? Non. Eh bien, c'est la terre Ou je veux retourner avec toi, bien-aimé! Connais-tu la maison oů s'ouvrit ma paupière, Ou ces dieux de granit qui faisaient mon effroi, En me voyant rentrer, de leurs lèvres de pierre Murmureront:„Enfant, qu'avait on fait toi 266 Chaque nuit, comme un phare, en mon rẽve etincelle Sa vitre, qui s'allume au couchant enflammé. Cette maison, dis mois, la connais-tu? Cest celle, Oů j'aurais voulu vivre avec toi, bien aimé! Connais-tu la montagne ou Pavalanche brille, Oü la mule chemine en un sentier brumeus, 2 nd nd ed aß n, rre — elle e, 167 Oà Pantique dragon rampe avec s3 famille, Ou bondit sur les rocs le torrent 6cumeux? Cette montagne, il faut la franchir dans la nue, Car c'est de son sommet que le regard charmé Decouvra à T'horizon la terre bien connue Ou je voudrais mourir avec toi, hien aimé*)1 Bei dieſem letzten Verſe ſtieß Juſtin einen Seufzer aus, wiſchte Roſe⸗de⸗Noöl eine Thräne ab, reichte Petrus Jean Robert die Hand. „Ah! geben Sie mir geſchwinde dieſe Verſe,“ ſagte Juſtin,„ich glaube, ich werde gute Muſik darauf machen.“ 8) Weit entfernt anzunehmen, es kenne nicht die Mehrzahl der Leſer des Belletr. Auslands dieſe Ballade aus Wilhelm Meiſter, fügen wir den deutſchen Tert doch bei, um eine etwaige Vergleichung der Ueberſetzung mit dem Original zu erleichtern. D. Ueberſetzer. Kennſt du das Land.? wo die Citronen blühn, Im dunkeln Laub die Gold⸗Orangen glühn, Ein ſanfter Wind vom blauen Himmel weht, Die Myrte ſtill und hoch der Lorbeer ſteht, Kennſt du es wohl? Dahin! Dahin Möcht' ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn. Kennſt du das Haus? auf Säulen ruht ſein Dach⸗ Es glänzt der Saal, es ſchimmert das Gemach, Und Marmorbilder ſtehn und ſehn mich an, Was hat man dir, du armes Kind gethan? Kennſt du es wohl? i Dein Möcht ich mit dir, v mein Beſchützer, ziehn. Kennſt du den Verg und ſeinen Wolkenſteg? Das Maulthier ſucht im Nebel ſeinen Weg; In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut; Es ſtürzt der Fels und über ihn die Fluth; Kennſt du iyn wohl? Dahin! Dahin! Geht unſer Weg! v PVater laßt uns ziehn⸗ —————— 168 „Und Sie werden mich ſie ſingen lehren, nicht wahr?“ ſprach Roſe⸗de⸗Nosl. „Allerdings.“ Petrus war im Begriffe, auch etwas zu ſagen, als man dreimal in beſtimmten Zwiſchenräumen an die Thüre klopfte. „Ah!“ rief Petrus erbleichend,„das iſt Salvator.“ Sodann mit einer Stimme, der er ihre Feſtigkeit wiederzugeben ſuchte: „Herein!“ Man hörte die Stimme von Salvator ſagen: „Lege dich, Roland.“ Hienach öffnete ſich die Thüre, und Salvator er⸗ ſchien in ſeiner Tracht eines Commiſſionärs. Roland blieb auf dem Ruheplatze vor der Thüre liegen. CXXVII. Das Rendez⸗vous. Salvator ſchritt langſam herbei, und ſo wie er herbeiſchritt, erhob ſich Petrus unwillkürlich. „Nun,“ fragte Petrus,„iſt es vorbei?“ „Ja,“ antwortete Salvator. Petrus wankte. Salvator ging raſcher, als wollte er ihn aufhal⸗ ten; Petrus ſah die Abſicht und ſtrengte ſich an, zu lächeln. „Unnöthig, ich wußte, daß das kommen mußte,“ ſprach er. Und er ſtrich noch einmal mit ſeinem Batiſtſacktuche über ſeine feuchte Stirne. 0— „ /2) 1 er al⸗ te,“ uche 169 „Ich habe Ihnen etwas zu ſagen,“ fuhr Salvator mit leiſer Stimme fort. „Mir?“ fragte Petrus. „Ihnen allein.“ „Dann kommen Sie in mein Zimmer.“ „Sind wir Dir läſtig, Petrus?“ fragte Jean Robert. „Ei! warum? Ich habe mit Herrn Salvator zu reden und gehe in mein Zimmer; bleibet Ihr hier. Juſtin hat ſeine Muſik zu machen.“ Und er trat zuerſt in ſein Zimmer ein, winkte Salvator, ihm zu folgen, und überließ dieſem die Sorge, die Thüre wieder zu ſchließen. Hier, als wären ſeine Kräfte nun erſchöpft, ſank Petrus in einen Lehnſtuhl und rief: „Oh! ſie, ſie, dieſer Engel! die Frau dieſes Elen⸗ den! es gibt alſo keine Vorſehung in dieſer Welt!“ Salvator ſchaute einen Augenblick den jungen Mann an, der, den Kopf in ſeinen Händen, kaum ſein Schluchzen zurückzuhalten vermochte und krampfhaft bebte. Er ſtand vor ihm, und ſein Auge drückte ein tiefes Mitleid aus. Dieſer Mann mußte das Maß aller Leiden dadurch kennen, daß er ſie erſchöpft hatte. Dann zog er langſam aus ſeiner Taſche einen in einem Umſchlage von Atlaßvapier fein zuſammenge⸗ legten Brief, reichte ihn Petrus mit einem gewiſſen Zögern und ſagte: „Nehmen Sie.“ Petrus entfernte ſeine Hände von ſeinem Geſichte, ſchüttelte den Kopf und richtete ſeine einen Moment verſtörten Augen auf Salvator. „Was iſt das?“ fragte er. „Sie ſehen es, ein Brief.“ „Ein Brief von wem?“ „Ich weiß es nicht.“ „Aber wo hat man Ihnen denſelben übergeben?“ 170 „Gegenüber dem Hotel Lamothe⸗Houdan.“ „Wer hat Ihnen den Brief gegeben?“ „Eine Kammerfrau, die einen CommiſſisKär ſuchte und mich dort fand.“ „Dieſer Brief iſt für mich?“ „Sehen Sie:„„An Herrn Petrus Herbel, Rue de lOueſt.““ „Geben Sie.“ Petrus nahm lebhaft den Brief aus den Händen von Salvator, warf einen Blick auf die Adreſſe, wurde bleich wie ein Todter und rief: „Ihre Handſchrift!. ein Brief von ihr, an mich heute?“ „Ich vermuthete es,“ ſagte Salvator. „Oh! mein Gott! was kann ſie mir denn ſchreiben?“ Salvator deutete auf den Brief mit einer Geberde, welche bedeutete:„Leſen Sie!“ Petrus entſiegelte zitternd den Brief; er enthielt nur zwei Zeilen: mehrere Male verſuchte er es, dieſe zwei Zeilen zu leſen, doch eine Blutwolke verſchleierte ſeine Augen. Endlich, mit einer heftigen Anſtrengung, indem er ſich dem Fenſter näherte, um auf dem Papiere die letz⸗ ten Strahlen des Tages, der zu erlöſchen anfing, zu concentriren, gelang es ihm, die zwei Zeilen zu leſen. Ohne Zweifel enthielten ſie etwas Seltſames, denn zu zwei verſchiedenen Malen ſagte er: „Nein, nein, unmöglich! das kann nicht ſein, das iſt eine Blendung!“ Endlich ergriff er Salvator beim Arme und ſprach: „Hören Sie, ich werde Ihnen ſogleich dieſen Brief geben, damit Sie mir ſagen, ob ich verrückt oder bei Verſtande bin; mittlerweile aber ſagen Sie mir die Wahrheit. Hat ein unvorhergeſehener Vorfall, den Sie ſelbſt nicht kennen, gemacht, daß die Heirath nicht ſtattgefunden?“ „Nein,“ erwiederte Salvator. * „,—„ — chte Rue iden urde an n?“ rde, ielt ieſe erte mer letz⸗ zu ſen. enn das ach: rief bei die den icht 171 „Sie ſind verheirathet?“ „Jd. „Sie haben ſie geſehen?“ „Ich habe ſie geſehen?“ „Am Altar?“ „Am Altar.“ „Sie haben den Prieſter ſie einſegnen hören?“ „Ich habe den Prieſter ſie einſegnen hören! Hießen Sie mich nicht dahin gehen und keine Einzelheit der Ceremonie verlieren, ihnen bis zum Hotel Lamothe⸗ Houdan folgen, und erſt bei Nacht zurückkommen, um Ihnen über Alles Bericht zu machen?“ „Das iſt wahr, mein Freund, und mit Ihrer be⸗ wunderungswürdigen Güte haben Sie eingewilligt.“ „Erzähle ich Ihnen eines Tages meine Geſchichte,“ erwiederte Salvator mit einem ſanften, traurigen Lä⸗ cheln,„ſo werden Sie begreifen, daß jeder Menſch, der leidet, über mich wie über einen Bruder verfügen kann.“ „Meinen Dank!.. Sie haben ſie alſo geſehen?“ „Immer ſehr ſchön, nicht wahr?“ „Ja, doch ſehr bleich; bleicher noch, als Sie viel⸗ leicht.“ „Arme Regina!“ „Als ſie vor der Kirchthüre aus dem Wagen ſtieg, bogen ſich ihre Kniee unter ihr, und ich glaubte, ſie werde fallen; ihr Vater glaubte es auch, denn er trat hinzu, um ſie zu unterſtützen.“ „Und Herr Rappt?“ „Er trat auch hinzu, doch ſie entfernte ſich von ihm und warf ſich gleichſam in die Arme des Mar⸗ ſchalls. Herr Rappt gab der Prinzeſſin den Arm.“ „Sie haben alſo ihre Mutter geſehen?“ „Ja, eine ſeltſame Creatur! noch ſchön, muß ſie einſt herrlich geweſen ſeinz eine ſonderbare Bläſſe, als ob Milch ſtatt Blut in ihren Adern fließen würde, gleichſam ſich unter ſich ſelbſt biegend, kaum fähig, zu gehen wie die chineſiſchen Frauen, denen man die Füße gebrochen hat, unruhig und mit den Augen blinzelnd beim Anblicke der Sonne wie ein Nachtvogel.“ „Doch ſie, Regina?“ „Nun, dieſes Zeichen von Schwäche war das einzige, das ich ſie von ſich geben ſah. Durch eine äußerſte An⸗ ſtrengung ihres Willens iſt ſie auf der Stelle wieder das Mädchen mit der Selbſtbeherrſchung geworden, als welches Sie ſie kennenz ſie ging mit ziemlich feſtem Schritte bis zum Chor, wo zwei Armſtühle und zwei Kiſſen von rothem Sammet mit dem Wappen von La⸗ mothe⸗Houdan des zukünftigen Ehepaares harrten. Der ganze Faubvurg Saint-Germain war da; und mitten unter Allem dem ihre drei Freundinnen von Saint⸗ Denis, für diejenige betend, welche der Gebete ſo ſehr bedurfte.“ Petrus ergriff ſeine Haare mit vollen Händen und ſagte: ſei das arme Geſchöpf! wie unglücklich wird es ſein!“ Alsdann fragte er mit einer Anſtrengung: „Weiter?“ „Hienach begann die Meſſe: es war eine feierliche Meſſe. Der Prieſter hielt eine lange Rede, während welcher Regina mehrere Male umherſchaute; es war, als befürchtete und hoffte ſie zugleich, Sie ſeien da.“ „Was hätte ich dort zu thun gehabt?“ fragte Petrus mit einem Seufzer.„Einen Augenblick,— wie die Menſchen, welche Opium geraucht oder Haſchiſch gegeſſen haben,— machte ich einen Traum, einen köſt⸗ lichen Traum... Ich erwachte wieder, und Sie ſehen die Wirklichkeit, mein Freund!“ Petrus ſtand auf, ging einige Male im Zimmer auf und ab, ſtellte ſich ſodann vor Salvator und fragte: „Doch dieſer Brief? ich bitte, mein Freund, wie iſt er Ihnen übergeben worden?“ „Während der Rede des Prieſters ging ich wieder ——— üße lnd ige, An⸗ eder als tem wei La⸗ Der tten int⸗ ſehr und vird liche rend war, agte wie iſch köſt⸗ ehen mer gte: wie eder 173 nach dem Boulevard des Invalides, und ich erwartete die Rückkehr der Neuvermählten; um zwei Uhr kamen ſie. Auch hier ſchaute Regina, indem ſie aus dem Wa⸗ gen ſtieg, wieder umher.. Sie waren es, den ſie mit den Augen ſuchte, deſſen bin ich ſicher; mir aber begegneten ihre Augen... Hat ſie mich wiedererkannt? es iſt wahrſcheinlich; mir ſchien es, ſie mache mir ein Zeichen. Vielleicht habe ich mich geirrt.. „Sie glauben, ich ſei es, den ſie zu ſehen gehofft?“ „Sie.— Ich wartete. ich wartete eine Stunde, zwei Stunden. Es ſchlug vier Uhr im Invalidenhauſe. Da öffnete ſich die kleine Thüre neben dem Gitter; eine Kammerfrau kam heraus und ſchaute umher. Ich war hinter einem Baum verborgen; da ich errieth, daß ich es war, den ſie ſuchte, ſo zeigte ich mich. Ich täuſchte mich nicht; ſie zog einen Brief aus der Taſche und ſagte raſch:„Dieſen Brief an ſeine Adreſſe!““ dann kehrte ſie wieder zurück. Ich las Ihren Namen, und ich eilte herbei.“ „Gut!“ ſprach Petrus,„wollen Sie nun ſehen, was dieſer Brief enthält?“ „Wenn Sie mich würdig erachten, Ihre Geheim⸗ niſſe zu theilen, und wenn Sie mich für fähig halten, Ihnen einen Dienſt zu leiſten, ja,“ „So leſen Sie, mein Freund, und ſagen Sie mir, ob ich ſchlecht geſehen habe, oder ob ich wahnwitzig bin,“ erwiederte Petrus, indem er Salvator den Brief reichte. Salvator trat ebenfalls ans Fenſter, denn der Tag neigte ſich immer mehr, und las halblaut: „Gehen Sie heute Abend von zehn bis elf Uhr vor dem Hotel auf und ab; es wird Sie Jemand ab⸗ holen und bei mir einführen. „Ich erwarte Sie. Regina.“ 174 „Es iſt alſo wirklich ſo?“ wiederholte Petrus, der mit mehr Aufmerkſamkeit gehört hatte, als der Ver⸗ dammte beim Leſen ſeiner Begnadigung hört. „Es iſt Wort für Wort das, was ich Ihnen ge⸗ leſen habe, Petrus.“ „Nun wohl, was denken Sie von dieſem Rendez⸗ vous?“ „Ich denke, es iſt etwas Erſchreckliches in dieſem Hauſe vorgefallen, daß Regina eines Vertheidigers be⸗ darf, und da ſie Sie für ein wackeres Herz und für einen redlichen Mann hält, ſo hat ſie die Augen auf Sie geworfen.“ „Gut,“ ſagte Petrus,„heute Abend um zehn Uhr werde ich vor ihrem Hotel ſein.“ „Brauchen Sie mich?“ „Ich danke, Salvator.“ „Wohl, es ſei; doch geben Sie mir ein Verſprechen.“ „Welches?“ „Daß Sie keine Waffe mitnehmen wollen. Petrus überlegte einen Augenblick. „ „Sie haben Recht,“ ſagte er,„ich werde völig unbewaffnet gehen.“ „Gut! Ruhe, Klugheit, kaltes Blut!“ „Ich werde haben; thun Sie mir aber einen Ge⸗ fallen.“ „Sprechen Sie.“ „Nehmen Sie Jean Robert und Juſtin mitz ſetzen Sie Babolin und Roſe⸗de⸗Noöl in einen Wagen; es iſt für mich Bedürfniß, allein zu ſein.“ „Seien Sie unbeſorgt, ich übernehme Alles.“ „Werde ich Sie morgen wiederſehen?“ „Wünſchen Sie es?“ „Ja, ſehnlichſt... indeſſen wohlverſtanden: ich werde Ihnen von dem Geheimniſſe nur den Theil ſa⸗ gen, über welchen ich verfügen kann.“ „Mein Freund, ein Geheimniß iſt immer beſer in einem Herzen, als in zwei; bewahren Sie alſo das ſa iſt int lar He eir der der der er⸗ ge⸗ dez⸗ ſem be⸗ für auf Uhr ich ſa⸗ eſſer Ihrige, wenn Sie könnenz ein arabiſches Sprüchwort ſagt:„Das Wort iſt Silber, doch das Stillſchweigen iſt Gold.““ Und Petrus die Hand drickend, kehrte Salvator ins Atelier gerade in dem Augenblicke zurück, wo Ro⸗ land, der ſich wahrſcheinlich über die Abweſenheit ſeines Herrn langweilte, und da er ihn näher kommen fühlte, eine Art von zärtlichem Winſeln von ſich gab und an der Thüre des Atelier mit derſelben Delicateſſe kratzte, mit der ein Hofmann des ſiebzehnten Jahrhunderts an der Thüre von Ludwig XIV. gekratzt hätte. CXXVIII. Wo ſich Jean Robert nicht länger den Kopf zerbricht. In dem Momente, wo Salvator wieder ins Atelier kam, hatte Juſtin die letzte Note des Liedes von Mig⸗ non gefunden: man hatte die Candelaber der Orgel angezündet, und bereit zu ſingen, drückte der Componiſt ſeine Finger auf die Claviatur und ſeinen Fuß auf das Pedal. Doch bei den erſten Accorden, die der Muſiker dem Inſtrumente entlockte, bei den erſten Noten, die ſeine Stimme vernehmen ließ, begann Roland, mochte er nun die Muſik lieben oder ſie haſſen, ein Accompagne⸗ ment von kläglichen Schreien und heftigem Kratzen, daß es unmöglich wurde, einen einzigen Takt zu hören. „Ei!“ ſagte Jean Robert,„es iſt alſo nicht Ro⸗ land vor der Thüre?“ „Doch,“ erwiederte Salvator. „Laſſen Sie ihn herein!“ ——————————————————————— 176 „Ah! ja, laſſen Sie ihn herein; ich will ihn ſehen,“ rief Roſe⸗de⸗Nosl.„Babolin, mach' Roland die Thüre auf.“ Entzückt, die Bekanntſchaft des Hundes von Sal⸗ vator zu machen, lief Babvlin an die Thüre, öffnete und ſagte: „Komm', Roland.“ Roland hatte dieſe Einladung nicht nöthig; in zwei Sprüngen war er bei Salvator. Doch, plötzlich, ſtatt ſeinen Herrn zu liebkoſen, wozu er ſich anzuſchicken ſchien, blieb er ſtehen und wandte ſeine Blicke gegen Roſe⸗de⸗Noöl. „Nun, Roland,“ fragte Salvator,„was gibt es denn?. Und Du, was haſt Du, Roſe⸗de⸗Nosl?“ Dieſe Frage wurde, wie man ſieht, auf halbe Rechnung an den Hund und an das Kind gemacht. In der That, der Blick des Hundes war ſeltſam, flammend, gewiſſer Maßen zauberhaft geworden, und diejenige, auf welcher der Blick von Roland verweilte, heftete ihrerſeits auf den Hund ein Paar erſtaunte, ſonderbare, ſo zu ſagen, ſtiere Augen, deren Strahl ſich mit dem kreuzte, welcher aus den Augen des Thieres hervorſprang. Zwei Feinde bereit, auf einander loszuſtürzen ſchauen ſich nicht mit einem ſo ſtarren und entflammten Auge an; und dennoch war es nicht der Zorn, es war das Erſtaunen, was in den Augen des Hundes glänzte; es war nicht der Haß, es war eine Art von freudiger Furcht, was in den Augen des Mädchens glänzte. Die Augen des Mädchens ſchienen zu ſagen:„Ah! mein guter Hund, biſt du es wirklich?“ „Die Augen des Hundes ſagten:„Biſt Du es wirklich, Mädchen?“ Sodann, plötzlich, als wäre die Wiedererkennung hinreichend gemacht, und als zweifelte Roland nicht mehr,— in dem Momente, wo Roſe⸗de⸗Noöl die Arme gegen ihn ausſtreckte,— ſprang er auf ſie zu. 6 u ihn and al⸗ nete in lich, icken egen t es albe ſam, und eilte, unte, ſich ieres rzen, mten war nzte; diger A! u es nung nicht Arme 177 Das Kind und der Hund trafen zuſammen und rollten auf die Erde, wobei das Kind die Arme um den Hals des Hundes geſchlungen hielt. Obgleich Salvator den ſanften Charakter von Ro⸗ land kannte, glaubte er doch, es ſei eine Tollheit, wie ſie die Hunde zuweilen haben, und ſtieß einen Schrei aus, während er zugleich, mit dem Fuße ſtampfend, mit gebieteriſcher Stimme Roland zurief: „Hier, Roland!“ Man weiß, daß Roland ſeinen Herrn verſtand und liebte; man weiß, daß er blindlings ihm gehorchte, der nicht nur ſein Herr, ſondern auch ſein Retter war. Nun wohl, Roland verſtand nichts; eröffnete ſeinen ungeheu⸗ ren Rachen, als wollte er das Kind verſchlingen. Jean Robert und Juſtin glaubten, der Hund ſei wüthend; Jeder von ihnen ſprang nach einer Waffe und ſtürzte ſich auf das Thier. Roſe⸗de⸗Noöl errieth aber ihre Abſicht und rief: „Oh! thun Sie Braſil nichts zu Leide!“ Niemand konnte dieſen Ruf begreifen, Jedermann konnte aber ſehen, daß das Mädchen keine Gefahr lief. Ueberdies hatte ſich der Hund zu Roſe⸗de⸗Nosl ge⸗ legt und wälzte ſich auf ihren Füßen mit dem Geheule der Freude, das Petrus aus ſeinem Zimmer herauszu⸗ kommen veranlaßte. „Was gibt es denn?“ fragte Petrus. „Etwas Seltſames,“ erwiederte Salvator,„jedoch ohne alle Gefahr.“ „Sehen Sie doch Ihren Hund, Salvator!“ „Ja, ich ſehe ihn.“ Er winkte Petrus, zu ſchweigen, und Jean Robert und Juſtin, ſich zu entfernen. Babolin nahm ſeinen Rückzug. Das Kind und der Hund blieben allein mitten im Atelier. Sie wetteiferten in freudigen Schreien. Die Mohicaner von Paris, v 12 178 „Ah! mein ſchöner, mein guter, mein theurer Braſit!“ ſagte das Mädchen,„du biſt es alſo! du biſt alſo hier! Du haſt mich alſo wiedererkannt?. Ich auch, ich erkannte dich auch wieder!“ Und der Hund ſeinerſeits antwortete durch Schreien, durch Heulen, durch Purzelbäume, welche andeuteten„ ſeine Freude ſei nicht kleiner⸗ als die des Kindes. Es lag zugleich etwas Rührendes und etwas Er⸗ ſchreckliches in dieſer Scene, Plötzlich kam Salvator, der vergebens den Hund mit dem Namen Roland gerufen hatte, auf den Einfall, ihn Braſil zu nennen, wie es das Mädchen gethan. Braſil wandte ſich um. „Braſil!“ wiederholte Salvator⸗ Praſil war mit einem Sprunge. bei ſeinem Herrn, richtete ſich auf den Hinterpfoten auf, legte ſeine Vor⸗ derpfoten auf die Schultern von Salvator, und ſchüt⸗ telte den Kopf mit einem Ausdrucke von Glück, wie man nie geglaubt hätte, daß die Phyſtognomie eines Hundes ihn offenbaren könne. Dann nahm er Salva⸗ tor mit den Zähnen bei ſeiner Sammetjacke und zog ihn zu Roſe⸗de⸗Noöl. „Braſil! Braſil!“ wiederholte das Kind, ſeine Hände an einander ſchlagend. „Ei! Du irrſt Dich,“ ſagte Salvator mit Abſicht. „Mein Hund heißt nicht Braſil; er heißt Roland.“ „Ah! ja wohl! ſehen Sie nur: komm hierher, Braſil!“ Und abermals verließ der Hund ſeinen Herrn und ſprang zu dem Kinde. Es blieb kein Zweifel übrig: Roſe⸗de⸗Noöl und Braſil hatten ſich geſehen, Roſe⸗de⸗Noöl und Braſil hatten ſich gekannt. Doch wann? Ohne Zweifel zu der geit, welcher ſich Roſe⸗de⸗ Noöl nie ohne Schrecken errinnerte, und deren Ereig⸗ niſſe auf ſie einen ſo tiefen Eindruck hervorgebra rrn, zor⸗ hüt⸗ wie ines lva⸗ zog ſeine ſicht. ind.“ rher, und lund Braſil ſe-de⸗ Freig⸗ bracht 5 179 hatten, daß ſie dieſe Ereigniſſe ſelbſt Salvator, ihrem beſten Freunde, nie hatte erzählen wollen. Die Neugierde Aller derjenigen, welche dieſer Scene beiwohnten, und ſelbſt die von Petrus, ſo ſehr er in ſeinem Innern von ſeiner eigenen Lage in An⸗ ſpruch genommen war, wurde lebhaft erregt. Jean Robert wollte ein paar Fragen an Roſe⸗de⸗ Nosl richten; Salvator ergriff ihn aber bei der Hand und winkte ihm, zu ſchweigen. Er erinnerte ſich des dem Kinde in ſeinem Deli⸗ rium entſchlüpften Ausrufes:„Oh! tödten Sie mich nicht, Madame Gérard!“ Er erinnerte ſich, daß Brocante ihm geſagt hatte, ſie habe eines Abends Roſe⸗de⸗Noöl querfeldein auf der Höhe des Dorfes Juviſy fliehend gefunden; ſie war damals bekleidet mit einem weißen Röckchen, bedeckt mit Blut, das aus einer Wunde floß, welche ihr ein ſchneidendes Inſtrument am Halſe gemacht hatte. Er erinnerte ſich endlich, indem er die Epochen zuſammenſtellte, daß er an demſelben Tage oder am folgenden, auf der Ebene von Viry jagend, am Rande eines Grabens einen von einer Kugel durchbohrten Hund gefunden, daß er dieſen Hund verbunden, geheilt, und, da er nicht wußte, welchen Namen er ihm nach ſeiner Wiederherſtellung geben ſollte, mit dem Namen Roland getauft hatte. Nun hieß alſo Roland Braſil mit ſeinem wahren Namen, und Braſil kannte Roſe⸗de⸗Noöl. Ees fragte ſich noch, ob ein Zuſammenhang zwi⸗ ſchen Braſit und dieſer Madame Geérard ſtattfand, welche, wenn man dem Geſchrei des Kindes im Deli⸗ rium Glauben ſchenkte, Roſe⸗de⸗Noöl hatte tödten wollen. Alle dieſe Reflexivnen gingen raſch wie der Gedanke durch den Geiſt von Salvator. „Wohl, es ſei,“ ſagte er zu Roſe⸗de⸗Noel,„Ro⸗ land heißt nicht Roland, er heißt Braſil.“ „ 180 „Ei! gewiß, heißt er Braſil“ „Ich glaube es. Nun, kannſt Du mir ſagen, wo Du Braſil gekannt haſt?“ „Wo ich Braſil gekannt habe?“ erwiederte Roſe⸗ de⸗Nosl erbleichend. „Ja, kannſt Du mir das ſagen?“ „Rein, nein,“ antwortete das Kind immer mehr erbleichend,„nein, ich kann es nicht.“ „Nun wohl,“ ſagte Salvator,„ich weiß es.“ „Sie wiſſen es,“ rief Roſe⸗de⸗Noöl, indem ſie ihre Augen zu einer Größe um das Doppelte ihrer gewöhnlichen Größe aufriß. Ja bei „Sagen Sie es nicht, mein Freund Salvator! ſagen Sie es nicht!“ rief das Kind. „Bei Madame Gérard.“ Roſe⸗de⸗Rosl ſtieß einen Schrei aus, wankte und ſank beinahe ohnmächtig in die Arme von Salvator. Brafil gab ein klägliches Geheul von ſich. So kläglich, daß die Anweſenden einen Schauer ihre Adern durchlaufen fühlten. Die Stirne von Roſe⸗de⸗Nosl war mit Schweiß bedeckt, und ihre Lippen waren bläulich geworden. Salvator erſchrat ſelbſt über die Wirkung, die er hervorgebracht hatte. „Ah!“ ſagte er,„man muß bolin in einen Fiacre ſetzen und führen. Wer übernimmt das?“ Juſtin. Salvator. „Wohin?“ „Wohin Sie gehen.“ „Nein.“ dieſe Kleine mit Ba⸗ ſie nach Hauſe zurück⸗ „Ich!“ erwiederten gleichzeitig Jean Robert und „Ich, ich habe etwas Anderes zu thun.“ „Kann ich mit Ihnen gehen?“ fragte Jean Robert ſpi S lei vo wo oſe⸗ ehr ſie hrer tor! und tor. auer veiß e er Ba⸗ rück⸗ und bert 181 „Ich glaube indeſſen, daß etwas wie ein Roman, bei dem, was da vorgefallen, iſt.“ „Etwas Beſſeres als ein Roman, mein Dichter: es iſt eine Geſchichte, die mir ganz das Ausſehen einer entſetzlichen Geſchichte hat!“ „Werden wir dieſe Geſchichte erfahren?“ „Es iſt wahrſcheinlich, da Sie eine Rolle darin ſpielen.“ „Mein lieber Salvator,“ ſprach Juſtin,„vergeſſen Sie nicht, daß das Herz von einem Ihrer Freunde leidet, und wenn Sie unter Allem dem etwas Neues von meiner armen Mina erfahren... „Seien Sie unbeſorgt, Juſtin; Sie und Mina, Sie ſind in dem Winkel meines Geiſtes, in welchem ich meine theuerſten Freunde verwahre.“ Und er gab Petrus die Hand, während er mit ihm zugleich ein Zeichen des Verſtändniſſes wechſelte, nahm Roſe⸗de⸗Noöl in ſeine Arme,— denn, obgleich halb zu ſich gekommen, war das Kind doch außer Stande, zu gehen,— ſtieg mit ihr die drei Stockwerke hinab, legte ſie in einen Fiaere, den Jean Robert holte, und ſchickte ſie unter der Obhut von Babolin und den zwei jungen Leuten nach Hauſe. Begreifen Sie etwas von dem, was vorgefallen iſt, Juſtin?“ fragte Jean Robert. „Nein, und Sie?“ „Durchaus nichts. Ich zerbreche mir auch i den Kopfz ein gutes Geſchäft für raſil!“ Braſil hatte Anfangs mit der kleinen Roſe⸗de⸗Nosl in den Wagen ſteigen wollen, dann hatte er ihr folgen wollen; jedes Mal hatte ihn aber Salvator zurückge⸗ halten, und, ſeltſamer Weiſe, mehr mit dem Raiſonne⸗ ment, wie er einen Menſchen zurückgehalten hätte, als mit einem Befehle, einem Commando, einem Fluche, wie man einen Hund zurückhält. Sodann, als der Wagen, der Roſe⸗de⸗Noel weg⸗ 182 führte, verſchwunden wal, ging er wieder die Allée de Obſervatoire hinauf und murmelte: „Komm, Braſil, komm mit mir! Du mußt mir wohl den Mörder dieſes Kindes auffinden helfen.“ Und Braſil, als hätte er begriffen, machte keine Miene mehr, dem Wagen ſeiner tleinen Freundin zu folgen; er begnügte ſich damit, daß er den Kopf nach der Seite, wo ſie verſchwunden war, umdrehte und ein mehr zärtliches, als ſchmerzliches Geheul an ſie richtete. CXXIX. Der Menſch, der ſeinen Hund kennt und der Menſch der ſein Pferd kennt. Macon, und er öffnete die Thüre des kleinen Speiſe⸗ immers, deſſen pompejaniſche Fresken, als er ſie zun erſten Male geſehen, Jean Robert ſo ſehr in Erſtaunen geſetzt hatten. An dem Geräuſche, das er eintretend machte, a ſeiner Art, die Thüre des Speiſezimmers zu öffnen, erkannte Fragola ohne Zweifel ihren geliebten Salvo tor. Denn zu gleicher Zeit wie die Thüre des Speiſ⸗ immers öffnete ſich die Thüre des Schtafzimmers, un die zwei ſchönen jungen Leute lagen einander in Armen. Es war ſechs Uhrz das Mittagsbrod wartete. „Wir werden raſch ſpeiſen,“ ſagte Salvator;„ich habe eine kleine Reiſe zu machen.“ Fragola ließ am Leibe des jungen Mannes di wei Arme, mit denen ſie ſeinen Hals umſchlungen hatte, hinabgleiten. 4 Nach zehn Minuten war Salvator in der Ru de mir eine zu nach ein tete. enſch, Rue peiſe⸗ e zun taunen 12 an öffnen Salvo Sypeiſe⸗ s, und in den te. 8„ich nes die hlungen 183 „Eine Reiſe?“ ſagte ſie traurig, aber mit Reſig⸗ nation. „Ja, ſei ruhig, meine Geliebte, ſie wird nicht lange dauern.„Morgen bei Tagesanbruch werde ich wieder hier ſein.“ „Es fragt ſich aber nun, ob ſie nicht gefährlich iſt,“ ſagte Fragola. „Ich glaube Dir dafür ſtehen zu können, daß ſie es nicht iſt.“ „Sicherlich?“ „Sicherlich.“ „Dann gibſt Du mir Urlaub?“, „Allerdings!“ „Carmelite iſt gerade heute nach Paris zurückge⸗ kehrt; wir haben ihr, mit Lydia und Regina, eine kleine Wohnung gemiethet, damit ſie ſich um nichts zu beküm⸗ mern hat. Wir ließen alle Meubles vom Pavillon von Colombau dahin bringen. Frau von Marande gibt heute Abend einen großen Ball; Regina heirathet oder hat vielmehr dieſen Morgen geheirathet: das wird ein trauriger Abend für Carmelite ſein, wenn ſie ihn allein zubringt, und mit Deiner Erlaubniß.. Salvator ſchnitt das Wort auf den Lippen von Fra⸗ gola ab. „Werde ich ihr Geſellſchaft leiſten,“ fügte ſie lä⸗ chelnd bei. „Geh', mein Kind, geh'!“ Trotz dieſer Erlaubniß ſchloßen ſich die Arme von Fragola, die ſich wieder um den Hals von Salvator geſchlungen hatten, enger, ſtatt ſich zu erweitern. „Du haſt noch etwas von mir zu verlangen,“ ſagte lächeind der junge Mann. „Ja,“ antwortete Fragola mit ihrem reizenden Kopfe nickend. „Nun, ſo ſprich.“ „Farmelite iſt immer entſetzlich traurig, und mir ſcheint, wenn ich ihr eine Geſchichte erzählen würde, 184 welche eben ſo traurig iſt als die ihrige, trauriger ſo⸗ gar in ihren Anfängen, die aber nichtsdeſtoweniger mit einer großen Freude geendigt hat, das würde ſie tröſten.“ „Und welche Geſchichte möchteſt Du denn gern Deiner armen Freundin erzählen, meine gute Fragola?“ „Die meine.“ „Erzähle, mein Kind,“ ſagte Salvator,„und wäh⸗ rend Du ſprichſt, werden Dich die Engel hören.“ „Ich danke.“ „Und wo wohnt Carmelite?“ „In der Rue de Tournon.“ „Was wird ſie machen, das arme Geſchöpf?“ „Du weißt, ſie hat eine herrliche Stimme.“ „Nun?“ „Sie ſagt, nur Eines könne, wenn nicht ſie tröſten, Doch ihr das Leben erträglich machen.“ „Ja, ſie will fingen, ſie hat Recht! Aus den ge⸗ brochenen Herzen kommen die erhabenen Geſänge. Sage ihr, ich übernehme es, für ihren Geſanglehrer beſorgt zu ſein. Ich kenne den Mann, den ſie braucht, und ich habe ihn bei der Hand.“ „Oh! Du, Du biſt wie jener Fortunatus, deſſen Geſchichte Du mir einſt erzählteſt, und der eine Börſe hatte, aus der er einen um den andern alle Gegenſtände zog, die er zu haben wünſchte.“ „So wünſche etwas, Fragola.“ „Ah! Du weißt wohl, daß ich nur Deine Liebe haben will.“ „Und da Du ſie ganz haſt. „So wünſche ich nur Eines: ſie zu erhalten.“ Und ſich erinnernd, daß ihr Salvator Eile em⸗ pfohlen hatte, küßte ihn das Mädchen zum letzten Male und ging in die Küche, während er in ſein Schlaf⸗ zimmer eintrat. Nach zehn Minuten kehrten Beide ins Speiſezim⸗ mer zurück; Fragola hatte den Tiſch in Bereitſchaft geſ vol kle er ſie rn 2 en, e⸗ ge rgt ich ſen rſe nde ebe im⸗ aft 185 geſetzt, um Gäſte zu empfangen, Salvator hatte eine vollſtändige Jägertracht angelegt, Jacke, Weſte, Bein⸗ kleider mit großen Kamaſchen und Sammetmütze. Fragola ſchaute Salvator mit Erſtaunen an. „Du gehſt auf die Jagd?“ fragte ſie. . „Ja. „Ich glaubte, die Jagd ſei geſchloſſen.“ „Sie iſt es in der That; doch ich gehe auf eine zu jeder Zeit offene Jagd, auf die Wahrheitsjagd.“ „Salvator,“ ſprach Fragola, leicht erbleichend, „betrachtete ich es nicht als ein Verbrechen der Vor⸗ ſehung, wenn Dir ein Unglück begegnete, ſo hätte ich das ſeltſame Leben ſehend, das Du führſt, nicht einen Augenblick Ruhe.“ „Du haſt Recht,“ ſprach Salvator mit einer Feier⸗ lichkeit, die man zuweilen an ihm wahrnahm,„ich bin unter dem Schutze des Herrn; Du haſt alſo nichts zu befürchten.“ lind er reichte Fragola die Hand. Mit dieſer Hand wiſchte ſich Fragola eine Thräne ab. „Nun?“ fragte Salvator. „Ja, ja, ich bin toll, mein Geliebter. Ueb⸗ rigens gibt es Eines, was mich beruhigt: daß Du als Jäger ausgehſt und folglich mit Deinem Gewehre...“ „Und mit Roland.“ 3 dann bin ich ganz ruhig; und zum Beweiſe, ſieh!“ Und das Kind lächelte mit jenem reizenden Lächeln mit den roſigen Lippen und den weißen Zähnen, das nur der Jugend angehört. Beide fetzten ſich einander gegenüber zu Tiſche. In Ermangelung ihrer Hände berührten ſich ihre Füße; in Ermangelung von Worten wechſelten ſie ein Lächeln. Während des Mahles hegte Salvator ganz beſon⸗ dere Sorge für Roland; es entſchlüpfte ihm, daß er ihn Braſil nannte, was den Hund vor Freude ſpringen machte. 186 „Braſil?“ wiederholte Fragola mit einem fragenden Ausdrucke. „Ja, ich habe Nachricht von der Jugend unſeres Freundes erhalten,“ ſagte lachend Salvator.„Ehe er Roland hieß, hieß er Braſil. Behaupteſt Du nicht zu⸗ weilen, ehe ich mich Salvator genannt, habe ich einen anderen Namen geführt, und ehe ich Commiſſionär ge⸗ weſen, ſei ich etwas Anderes geweſen? Es iſt mit Ro⸗ land wie mit mir, liebe Fragola. Wie der Herr, ſo der Hund.“ „Du biſt geheimnißvoll wie ein Roman von Herrn d'Arlincvurt.“ „Und Bu, Du biſt ſchön und reizend wie ein Heldin von Walter Scott.“ „Werde ich die Geſchichte von Roland erfahren?“ „Ei! wenn er ſie mir erzählt.“ „Wie, wenn er ſie Dir erzählt?“ „Ja, Du weißt, daß ich manchmal mit Roland plaudere.“ „Und ich auchz er verſteht mich, und er antwor⸗ tet mir.“ „Schöner Witz! Du, biſt Du nicht ich?“ „Und er hat Dir ſchon etwas von ſeiner Geſchicht geſagt?“ fragte Fragola, welche vor Neugierde ſtarb. „Er hat mir geſagt, er heiße Braſil. Nicht wahr, Roland, Du haſt mir geſagt, Du heißeſt Braſil?“ Roland drehte ſich einige Male um ſich ſelbſt, als liefe er ſeinem Schweife nach, und bellte freudig. „Erräthſt Du, wohin wir gehen, Braſil?“ fragte Salvator. Der Hund brummte. „Ja, Du erräthſt es.. was wir ſuchen, Braſil?“ Braſil brummte aufs Neue. „Du biſt alſo bereit, mich zu führen?“ Statt jeder Antwort wandte ſich der Hund nach Werden wir finden, „ — nden ſeres ee zu⸗ inen ge⸗ Ro⸗ errn eine en oland twor⸗ chichte 6 tarb. wahr, 2⁴ t, als fragt finden, dnach 187 der Thüre, richtete ſich auf ſeinen Hinterpfoten auf, und fing an an der Füllung zu kratzen. Hätte er Salvator geantwortet: Folge mir! dieſe zwei Worte wären nicht ausdrucksvoller geweſen. „Du ſiehſt,“ ſagte Salvator,„Braſil wartet nur auf mich. Morgen früh, meine Geliebte. Erfülle Deine Sendung als Tröſterin. Vielleicht werde ich meine Pflicht als Rächer thun.“ Dieſes letzte Wort machte Fragola zum zweiten Male erbleichen; Salvator erkannte aber ihre Furcht nur an einer zärtlicheren Umarmung und an einem aus⸗ drucksvollern Preſſen ſeiner Hand. In dem Augenblicke, wo Salvator den Fuß auf die Straße ſetzte, ſchlug es ſieben Uhr auf Notre⸗Dame. Salvator wandte ſich nach dem Pont Saint⸗Michel, Braſil ging ſtolz zwanzig Schritte vor ihm. Zu jener Zeit, ſo nahe ſie der unſern iſt, gab es nur drei Arten, eine Reiſe von fünf Lieues zu machen: zu Fuße, zu Pferde oder im Wagen. Man erblickte nur in der Ferne der Civiliſation den Rauch der Eiſenbahnen. Zu Fuße nach Juviſy gehen, wäre ſicherlich für einen Angeſtellten eine heilſame Leibesübung geweſen, doch für einen Mann wie Salvator, der die Gewohn⸗ heit des Gehens hatte, bot dieſe Uebung durchaus nichts Ergötzliches. Es blieb das Pferd oder der Wagen. Ein Jäger mit ſeinen Kamaſchen, ſeiner Jagd⸗ taſche und ſeiner Flinte hat immer eine ſeltſame Tour⸗ nure zu Pferde, und beſonders auf einem Miethpferde; Salvator hatte alſo nicht einen Augenblick den Gedan⸗ ken, zu reiten. Es blieb der Wagen. Auf der Place du Palais⸗de⸗Juſtice, dem Pfahle gegenüber, wo man die zur Brandmarkung Verurtheil⸗ ten ausſtellte, ſtationirte eine Art von Kutſche, oder Kuckuk, oder Wagen nach Belieben, ohne Zweifel mit 188 dieſem letzten Namen genannt, weil er nur dahin ging, 6 wohin ihn der Wille ſeines Führers gehen machte. di Die gewöhnliche Beſtimmung von dieſem war die de Cour de France, und mehr als einmal war der Vor⸗ ih übergehende, da er an den Scheiben von einem der ge Läden, vor dem genannter Kuckuk ſtationirte, die zwei Worte: Viry Käſe, angeklebt ſah, verſucht ge⸗ i weſen, einen Wagen zu nehmen, welcher nach einem be Lande führte, das ſo guten Käſe machte. In der That, die Käſe von Viry, doppelte Sahne, M erfreuten ſich und erfreuen ſich noch bei den wahren 5 Liebhabern eines unbeſtreitbaren und unbeſtrittenen ke Rufes, wie aus den Karten der drei bis vier berühm⸗ ten Reſtaurateurs von Paris erſichtlich iſt. Salvator kannte ganz wohl den Wagen, der nach dem beglückten Lande führte; der Führer ſeinerſeits kannte Salvator vollkommen. In Folge hievon war man über den Preis ſehr ſchnell einig, und gegen die Summe von fünf Franken hatte Salvator das Recht für ſich und ſeinen Hund über den Wagen die ganze Nacht hindurch zu verfügen. Nachdem dieſe Anordnung getroffen war, winkte Salvator Roland, und dieſer ſprang, ohne Umſtände zu machen, mit einem Satze in den Wagen und legte dat ſich als wohl gezogener Hund ſogleich unter die Hu Banquette. me Salvator ſtieg nach ihm ein, lehnte ſich in eine zei der Ecken, ſtreckte ſeine Beine aus, ſtellte ſeine Flinte die ſo gut er nur immer konnte, um den zwei vortrefflichen vor Läufen von Reynette die Erſchütterung zu erſparen, und als dieſe Vorſichtsmaßregeln genommen waren, gab er Ab dem Kutſcher den Abſchied mit den Worten: ſpr „Wann Sie wollen.“ Das war aber nicht Alles, was der Kutſcher fra wollte: man mußte dem Willen des Führers den des Pferdes beifügen. 2 Nie aber ſchien ein Pferd weniger geneigt, den * ng, die r⸗ der die ge⸗ tem 189 Ermahnungen ſeines Führers zu gehorchen, als es die⸗ ſes abgemergelte Thier war, welches von der Vorſehung die Miſſion erhalten hatte, Salvator zur Aufſuchung des geheimnißvollen Verbrechens zu führen, über das ihm die Wiedererkennung von Roſe⸗de⸗Noöl Verdacht gegeben hatte. Endlich, nach einem Kampfe von zehn Minuten, entſchloß ſich das beſiegte Thier, ſich auf den Weg zu begeben. „Ah!“ ſagte der Kutſcher mit der Sicherheit eines Mannes, der ſein Roß gründlich kannte,„das iſt einer, der, wenn er je zwölftauſend Livres Rente bekommt, keinen Kuckuk kaufen wird!“ CXXX. Querfeldein. Es würde uns ein großes Vergnügen gewähren, das Geſpräch von Salvator, dem Kutſcher und dem Hunde zu erzählen; dieſe Erzählung würde einmal mehr dem Leſer den allgemeinen Ruf von Salvator zeigen; doch wir werden ſo viele Gelegenheiten haben, die ausgezeichneten Eigenſchaften unſeres Helden her⸗ vorzuheben, daß wir die Einzelheiten vernachläſſigen. Man kam nach Juviſy: es war ungefähr zehn Uhr Abends; Salvator ſprang aus dem Wagenz; Roland ſprang ihm nach. „Bringen Sie die Nacht hier zu, Herr Salvator?“ fragte der Kutſcher „Wahrſcheinlich, mein Freund.“ „Soll ich Sie erwarten?“ 190 „Bis um welche Stunde gedenkſt Du ſelbſt zu bleiben?“ „Das hängt von den Umſtänden ab. Hätte ich Hoffnung, Sie zurückzuführen, ſo würde ich bis morgen früh um vier warten.“ „Wohl denn, begnügſt Du Dich mit derſelben Summe, um mich zurückzuführen, wie um mich hierher zu bringen„2“ „Hh! Sie wiſſen wohl, Herr Salvator; daß ich Sie einzig und allein um des Vergnügens willen, Ihnen einen Dienſt zu thun, führen würde.“ „Gut alſo, das iſt abgemacht: warte bis vier Uhr, und mag ich um vier Uhr zurückgekommen oder nicht zurückgekommen ſein, hier ſind zehn Franken, fünf für die Fahrt hieher, fünf für die Rückkehr.“ „Ei! verzeihen Sie, wenn ich Sie aber nicht zu⸗ rückführe?“ „Nun, dann ſind die fünf Franken dafür, daß Du auf mich gewartet haſt.“ „Wie es Ihnen Vergnügen macht! Und man wird obendrein auf Ihre Geſundheit trinken, Herr Salvator!“ Salvator nickte mit dem Kopfe zum Zeichen des Dankes, und verſchwand ſeinen Hund rufend, in einem Gäßchen, das auf die Ebene ging. Roland oder Braſil, wie man ihn nennen will, denn wir werden ihm ohne Unterſchied beide Namen geben, war ein Thier von be⸗ wunderungswürdigem Verſtande: ſeit dem Augenblick des Abgangs ſchien er begriffen zu haben, wohin mal ging und ſogar in welcher Abſicht man ging. Salvatot ließ ſich auch gewiſſer Maßen von ihm führen. Rach fünf Minuten war er bei den Fontaines de la Cour de France. Er überſchritt die Straße und gelangte auf die Ebene. Salvator folgte ihm fortwährend. Roland lief querfeldein und führte Salvator an den Graben, wo ihn ſieben Jahre vorher Salvator ve⸗ bol ſtie wi ſar nei Vr der Co ha we Lir fül hei zig dar W bei me me ta ben her ich llen, Uhr, icht für Du wird or!“ des inem raſil, ohne n be⸗ blick man vator es de r an ver⸗ 191 wugdet, blutig und den Leib von einer Kugel durch⸗ bohrt gefunden hatte. Hier angelangt, legte ſich der Hund nieder, und ſtieß ein dumpfes Stöhnen aus, als wollte er ſagen: „Ich erinnere mich meiner Wunde;“ ſodann ſtand er wieder auf und leckte Salvator die Hand, als wollte er ſagen:„Ich erinnere mich meines Retters.“ Will man nun genau die Oertlichkeit kennen ler⸗ nen, wohin wir unſer Drama verſetzen? will man zum Voraus das Terrain ſehen, das wir durchlaufen werden? 4 Nichts kann leichter ſein. Das Dorf Juviſy oder die Cour de France, welche nur hundert Schritte davon entfernt iſt, bildet gerade den Gipfel des Winkels der zwei Eiſenbahnlinien von Corbeil und von Orleans; das heißt, geht man von Paris nach Eſſonne und hält in Fontainebleau an, ſo hat man zu ſeiner Linken die Linie der Eiſenbahn, welche nach Corbeil führt, und zu ſeiner Rechten die ſret der Eiſenbahn, welche nach Etampes und Orleans führt. Hier iſt das Land wenig pittoresk. Gehen Sie aber hundert Schritte weiter links, das heißt nach der Seite der Seine, gegen den kleinen Flecken Chatillon, der von fern den Effect einer ein⸗ zigen am Ufer des Fluſſes liegenden Fiſcherhütte macht, dann werden Sie ungeheure Horizonte von Hügeln und Wäldern entdecken: dann werden Sie, wenn Sie die Laune erfaßt, einen Nachen vom Ufer loszumachen und beim Mondſcheine auf der Seine hinzufahren, durch den Wald von Sénart, der ſeine tauſend Arme zum Him⸗ mel zu erheben ſcheint, traurige Geräuſche wie Klagen, melancholiſches Gemurmel wie Gebete vernehmen. Der Wald von Sénart bereitet auf die Sandſteine von Fontainebleau vor, wie die Sandſteine von Fon⸗ tainebleau auf die Felſen der Schweiz vorbereiten. Gehen Sie nun ſtatt links zu gehen rechts, das 192 heißt gegen Etampes und Orleans, ſo bietet das Pnd viel mehr Unebenheiten. Dann werden Sie Savigny finden, berühmt durch ſein herrliches Schloß, erbaut zur Zeit von Karl VII.; Mortan, berühmt durch ſeine Butter; Viry, berühmt durch ſeine Käſe; zehn kleine Dörfer auf dem Gipfel grüner Hügel ſitzend oder verloren in der Tiefe eines Thälchens, mitten unter Baumgruppen, die ſich anein⸗ ander zu drängen ſcheinen, um ihnen einen Wall zu bilden; ferner die ganze Landſchaft beherrſchend der Thurm von Monthéry, der, von fern, wie eine auf⸗ merkſame Schildwache Tag und Nacht, das Gewehr im Arme, das Auge offen, am höchſten Punkte des Hori⸗ zontes wacht; ein kleiner Fluß, der Fluß Orge, quer durch alle dieſe Dörfer wie eine moirirte, buntſcheckige Schärpe geworfen, wo den ganzen Tag der Waſchbläuel der Mädchen der benachbarten Dörfer am Ufer ertönt, wie um Mitternacht der Bläuel der Wäſcherinnen der Legende. Endlich tauſend unerwartete Abwechſelungen des Ter⸗ rain: Weiden, die ihre blonden Haare in den Bächen benetzen, und, wenn ſie der Wind ſchaukelt, in der Sonne wie Diamanten funkelnde Tropfen ſpringen machen; weiße Häuſer, grüne Fußpfade, eine reine Luft, ein friſcher Wind, der der Hauch eines Urlandes zu ſein ſcheint, Alles gibt dieſem reizenden Winkel der Erde einen Duft von Milde und Heiterkeit, den man vergebens anderswo ſucht. Ein letztes Wort, ein letztes Zuſammentreffen. Die zwei Dörſchen Viry und Savigny ſind zum Täuſchen ihren Homonymen ähnlich, das heißt den zwei Dörfern Viry und Savigny, welche zwei Stunden von Genf liegen. Zwiſchen dieſen zwei erſten Flecken,— rechts von Gipfel des Winkels, welcher heute die Gabeltheilung der, damals noch nicht vorhandenen, Eiſenbahn bildet, — fand ſich der Graben, den Roland auf eine ſo ver⸗ H m die ſtä din fer da ſei der an um der zu me zug zu End urch II.; hmt pfel. ines ein⸗ der auf⸗ im ri⸗ quer ckige äuel wie ende. Ter⸗ ächen der ngen reine indes l der man zun zwei von vom ilung ildet, er⸗ 193 ſtändige Art als die Stelle, die ihm als Schmerzens⸗ lager gedient, wiedererkannt hatte. „Ah!“ ſagte Salvator,„es iſt alſo da, mein guter Hund?“ „Ja,“ machte Roland, indem er ein Winſeln von ſich gab. „Doch wir ſind nicht allein gekommen, um dieſen Platz wiederzuerkennen, nicht wahr, mein armer Braſil?“ Der Hund hob den Kopf empor und ſchaute ſeinen LHerrn an; ſeine Augen glänzten in der Nacht wie zwei Karfunkel, und er ſprang vorwärts. „Ja, ja,“ murmelte Salvator,„du haſt begriffen, mein wackerer Gefährte. Ah! wie viele Menſchen, die dich verachten als ein Vieh, ſind doch weniger ver⸗ ſiit als du! Komm, oder vielmehr geh, ich folge i. Braſil ſchien ſich mit Freude vom Graben zu ent⸗ fernen. Bewahrte das Thier, wie es der Menſch thut, das Gefühl des vergangenen Schmerzes in der Tieſe ſeines Gedächtniſſes? Gewiß iſt, daß er vier bis fünfhundert Schritte der Straße nach Juviſy folgte; an einem Hügelchen angelangt, blieb er ſodann ſtehen und beroch die Erde um ſich her. An dieſem kleinen Hügel zog ſich ein Fußpfad hin, der nach einer Brücke führte. Als er dieſen Hügel erreicht hatte, ſchien Roland zu zögern. „Such', Roland, ſuch',“ ſagte Salvator. Roland blieb wie entmuthigt ſtehen. „Vorwärts, Braſil!“ rief Salvator,„vorwärts, mein guter Hund.“ Der Name Braſil ſchien ihm ſeinen Muth wieder⸗ zugeben. „Such',“ fuhr Salvator fort,„ſuch!“ „Einen Augenblick Geduld, Herr,“ ſchien der Hund zu erwiedern,„ich muß mich auch erinnern!“ Die Mohicaner von Paris. V. 13 Salvator näherte ſich ihm mit ſanften Worten, liebkoſte ihm zugleich mit der Stimme und mit der Hand. Aber Braſil⸗ wie ein von einem großen Ge⸗ danken in Anſpruch genommener Hund, und die Wich⸗ tigkeit des Entſchluſſes, den er faſſen wollte, begreifend, ſchien gleichgültig gegen dieſe Stimme und dieſe Lieb⸗ koſungen, die ihn gewöhnlich ſo glücklich machten. Plötzlich hob er wie erleuchtet den Kopf empor, ſchaute Salvator an und ſchien zu ſagen: „Ich bin da, Herr!“ „Vorwärts, mein guter Salvator. Der Hund eilte vom Hügel weg und ſtieg raſch den abhängigen Fußpfad hinab, die zu der von uns erwähnten kleinen Bricke führt. Das iſt ein Brückchen von zwei Bogen, genannt der Pont Godeau⸗ Salvator folgte ihm mit der Geſchwindigkeit des Jägers, welcher fühlt, daß ſein Hund auf einer Fährte iſt. Hier angelangt, trat der Hund in eine Allee von blühenden Apfelbäumen ein. Die Dunkelheit verhinderte, daß man dieſe ſchönen, gans von ihrem roſigen Schnee bedeckten Bäume ſah; doch die Atmoſphäre war erfüllt von Wohlgerüchen. Salvator folgte Braſil auf dieſem neuen Wege, einem wahren normänniſchen, friſchen, grünen Wege. Braſit marſchirte haſtig, ohne eine Secunde anzu⸗ halten, ohne rückwärts zu ſchauen. Man hätte glauben ſollen, er fühle ſich von nahe von ſeinem Herrn gefolgt. Allerdings ſagte ihm Salvator, während er ihm folgte, leiſe, aber mit jener ſcharfen Stimme, welche die Hunde ſo gut zum Suchen anſtachelt: „Such', Braſil, ſuch'!“ Der Hund ging immer weiter. In dieſem Augenblicke erleuchtete ſich der Himmel. Braſil! vorwärts!“ rief S 8— — SSe 2 2.SGG 195 Der Mond trat aus einem tiefen Ocean von Wolken hervor, und man kam an das Gitter eines Parkes. Da,— ſeltſamer Weiſe! in dem Momente, wo der Mond ſich zeigte, der Mond, klar, breit und hoch, wandte ſich der Hund um, ſchaute den Himmel an und heulte kläglich. Man mußte den ruhigen Muth von Salvator ha⸗ ben, um ſich nicht erfaßt zu fühlen vom Schauer des Schreckens, mitten in dieſer ſtillen Nacht, zu dieſer Stunde, wo der Mond jedem Gegenſtande einen fanta⸗ ſtiſchen Anblick gibt, und wo man kein anderes Ge⸗ räuſch hört, als das ferne Gebell der Hunde, welche in den Pachthöfen wachen, und das Gemurmel der dürren Zweige, die ſich an einander mit einem Geklapper rei⸗ ien Ehnlih dem der Gerippe, welche ſich am Galgen aukeln. Salvator begriff den Gedanken des Hundes. „Ja,“ ſagte er,„mein guter Braſil, nicht wahr, in einer ſolchen Nacht haſt du dieſes Haus verlaſſen. Such', Braſil, ſuch'! wir arbeiten für deine kleine Herrin.“ Der Hund blieb unbeweglich vor dem Gitter. „Nun ja, ich ſehe es wohl,“ ſagte Salvator,„hin⸗ ter dieſem Gitter war das Haus, wo du mit deiner kleinen Gebieterin aufgezogen wurdeſt, nicht wahr?“ Der Hund ſchien zu verſtehen. Er ging am Gitter hin, bald von links nach rechts, bald von rechts nach links, bewegte geräuſchvoll ſeinen langen Schweif und ſtreifte damit jede Stange. WMan hätte glauben ſollen, es ſei einer von den ſchönen jungen Löwen des Jardin des Plantes, wie er voll Majeſtät den Boden ſeines Käfichs durchfurcht. „Vorwärts, Braſil! vorwärts!“ ſagte Salvator, „wir können die Nacht nicht hier zubringen. Gibt es ſen andern Eingang hier? Such, mein guter Hund, u. Da ſchien Braſil einen Entſchluß zu faſſen. Es war, als ob er ſelbſt erkennete, auf dieſer Seite ſei 196 der Eingang unmöglich. Er lief alſo raſch ungefähr hundert und fünfzig Schritte an der Mauer hinz dann blieb er ſtehen, richtete ſich auf und legte ſeine Schnauze an den Stein. „Ho! ho!“ ſagte Salvator,„hier iſt etwas, wie es ſcheint.“ Er näherte ſich, ſchaute aufmerkſam, und trotz des Bebens der Zweige eines Baumes, deſſen Schatten ſich zwiſchen ihn und den Mondſchein ſtellte, ſah er mitten an der grauen, einförmigen Tinte der Mauer eine un⸗ regelmäßige Gipsplatte von vier bis fünf Fuß im Um⸗ kreiſe erſcheinen. „Gut, Freund Braſil, gut!“ ſagte Salvator;„hier war eine Breſche, welche nicht mehr zu finden du di wunderſt; ſie iſt ſeitdem zugemacht worden, mein guter Hund. Du biſt durch dieſe Breſche hinausgegangen, du gedachteſt auf demſelben Wege zurückzukehren, doch der Eigenthümer hat Ordnung in die Sache gebracht. Nicht wahr, ſo iſt es 30 Der Hund ſchaute Salvator an, als wollte er ſagen: „Es iſt in der That ſo. Was werden wir nun thun?“ „Ja, was werden wir nun thun?“ wiederholte Salvador.„Abgeſehen davon, daß ich keines von den Werkzeugen beſitze, deren man ſich bedient, um eine Mauer zu durchbrechen, würde man nicht unterlaſſen, mich des Einbruchs zu beſchuldigen, und ich bekäme meine fünf Jahre Zwangsarbeit, was nicht deine Ab⸗ ſicht ſein kann, mein guter Braſil. Und dennoch, mein wackerer Freund, bin ich ſo begierig als du, dieſen Park zu beſichtigen; einmal, weil ich mir, ich wei nicht warum, einbilde, er enthalte ein wichtiges Ge⸗ heimniß.“ Das Knurren von Roland oder vielmehr von Bra⸗ ſil ſchien dieſe Worte zu bekräftigen. „Nun wohl, Braſil, ich verlange ja nichts Ande⸗ res,“ ſagte Salvator der ſich als Künſtler und als lte en ine en, me Ab⸗ ein ſen eiß Ge⸗ ra⸗ nde⸗ als 197 Beobachter an der Ungeduld ſeines Hundes ergötzte; „auf, finde du das Mittel, da du dich ärgerſt. Ich warte, mein guter Brafil, ich warte.“ Braſil ſchien kein Wort von dem, was ſein Herr ſprach, zu verlieren. Da er ganz allein das Mittel nicht anwenden konnte, ſo beſchränkte er ſich darauf, daß er es bezeichnete. Er bog ſich auf ſeinen Hinterbeinen und ſprang mit ſolcher Kraft, daß das Ende ſeiner Pfoten die Mauerkappe erreichte. „Du biſt die höchſte Weisheit, mein lieber Braſil,“ ſagte Salvator,„und du haſt vollkommen Recht. Es iſt unnöthig, eine Mauer zu durchbrechen, wenn man über dieſelbe paſſiren kann. Das iſt kein Einbruch, das iſt Erſteigung. Erſteigen wir, mein guter Hund, erſtei⸗ gen wir, und du mußt zuerſt hinüber; du biſt hier zu Hauſe, wenigſtens wie mir ſcheint: an dir iſt es, mir die Honneurs zu machen. Wohlan, Hopp!“ Und mit den zwei Armen, deren wir Salvator ſo tapfer bei Barthelemy Lelong genannt Jean Taureau in einem der erſten Kapitel dieſes Buches ſich haben bedienen ſehen, mit dieſen zwei Armen mit den ſtähler⸗ nen Muskeln, hob er den Rieſenhund zur Höhe der Mauer ſo leicht hinauf, als eine Margquiſe oder eine Herzogin einen Kings⸗Charles*) zu ihren Lippen em⸗ porhebt. So emporgehoben, berührte der Hund mit ſeinen Vorderpfoten den Kamm der Mauer; doch er bedurfte eines Stützpunktes, um ſich hinaufzuſchwingen. Salvator neigte den Kopf, ſtützte ihn an die Mauer, ſetzte jede von den Hinterpfoten des Hundes auf jede von ſeinen Schultern, ſtellte Braſil gut ins Gleichge⸗ wicht auf dieſer Baſe, welche ein Granitſockel zu ſein ſchien, und ſagte: „Auf, Braſil, ſpring!“ NFleiner engliſcher Wachtelhund. 198 Und Braſil ſprang. Nun iſt die Reihe an mir,“ fügte er bei. Und, ſeine Flinte gut auf ſeiner Schulter befeſti⸗ gend, erreichte er ſpringend die Mauerkappe, wo er an ſeinen Händen hängen blieb; mit der Kraft ſeiner Fauſt⸗ gelenke und mit den Knieen ſich unterſtützend, gelang es ihm ſodann mit einer Leichtigkeit, welche ſeine Ge⸗ wohnheit der Gymnaſtik bezeichnete, ſich rittlings auf die Mauer zu ſetzen. Er war hier, als er den Trab eines Pferdes hörte und raſch einen in einen Mantel gehüllten Reiter her⸗ beikommen ſah. Der Reiter folgte dem Wege, der ſich an der Mauer hinzog. Salvator warf eiligſt, unterſtützt durch die wunder⸗ bare Stärke ſeiner Arme, ſeinen ganzen Körper in den Park zurück; ſein Kopf allein überragte die Mauer. Ein Baum warf ſeinen Schatten auf ihn und verhin⸗ derte den Reiter, ihn zu ſehen, wenn er nicht eine ganz beſondere Aufmerkſamkeit anwandte. In dem Augenblicke, wo der Reiter auf ein paar Schritte an Salvator vorüberkam, ſchien der Mond in ſeinem vollen Glanze, ſo daß Salvator die Züge eines neunundzwanzig⸗ bis dreißigjährigen jungen Mannes unterſcheiden konnte. Dieſe Züge erregten ohne Zweifel ein großes Er⸗ ſtaunen bei ihmz denn mit einer berechneten Bewegung der Hände und der Kniee warf er ſich zurück, fiel, die Mauer loslaſſend, neben Braſil und ſagte: „Lorédan von Valgeneuſe!“ Und nach einem Momente des Stillſchweigens und der Unbeweglichkeit, was der ungeduldige Braſil nicht zu begreifen ſchien, fügte er bei: „Was Teufels macht mein lieber Vetter hier?“ v— N — X ar in es es r ng ie nd cht terriemen hängend zu tragen, benüßzte den Moment, wo CXXKXl. Der Park, wo die Nachtigall nicht ſang. Salvator horchte, bis das Geräuſch vom Trabe des Pferdes erloſchen war, dann ſchaute er umher. Er befand ſich in einem ungeheuren Parke, und zwar im waldigſten Theile dieſes Parkes. Braſil ſchien nur einen Befehl zu erwarten, um ſich auf den Weg zu begeben. Er ſaß, doch das Beben ſeines Leibes verrieth ſeine Ungeduld, und ſeine Augen glänzten in der Dunkelheit wie zwei Irrlichter. Der Mond glitt an einem wolkigen Himmel hin, und beleuchtete bald lebhaft die Erde, verſenkte ſie bald, hinter einer düſteren Dunſtwoge verſchwindend, in Fin⸗ ſterniß. Salvator, da er nicht wußte, wohin ihn der Hund führen würde, wartete einen dieſer Augenblicke der Fin⸗ ſterniß ab, die es ihm erlaubten, ſich in die Lichtungen zu wagen. Dieſer Augenblick kam bald. Es hieße vielleicht lügen, wollten wir ſagen, das Herz habe dem jungen Manne nicht geklopft; da ihn aber das Bewußtſein des Motives, welches ihn hieher führte, ruhig machte, ſo wäre es unmöglich geweſen auf ſeinem Geſichte den Refler der Gedanken, die ihn bewegten, zu ſehen. Nur machte er ſeine Flinte von ſeiner Schulter los, ſteckte den Ladſtock in jeden der Läufe, um ſich zu verſichern, daß die Pfröpfe den Kugeln anklebten, hob die Batterien auf, um das Zündkraut zu beſichtigen, nah as Gewehr in ſeinen Arm, ſtatt es am Schul⸗ 200 ſ und Erde wieder finſter geworden waren, und agte: „Vorwärts, mein guter Hund, vorwärts!“ Der Hund lief voran, und Salvator folgte ihm. Doch das war nicht leicht: das Geſträuch und die jungen Pflanzen waren überall gewachſen und bildeten Peßrüppe wo ſich das Wild mit Wonne aufhalten mußte, während der Menſch hier nur mit Schwierig⸗ keit manveuvrirte. Jeden Augenblick erhob ſich ein raſches, ungeſtümes Geräuſch im Gebüſche, rechts, links von Salvator, und hinter ihm. Das war ein Kaninchen oder ein Haſe, der ganz erſtaunt, in ſeinem Lager beunruhigt zu wer⸗ den, ſich aus dem Staube machte. Man kam zu einer Allee, wo das Gras anderthalb Fuß hoch gewachſen war. Dieſe Allee führte zu einer Art von Wieſe. Im Hintergrunde dieſer Wieſe ſah man eine ſchwarze Ober⸗ fläche, welche plötzlich wie ein ſilberner Spiegel funkelte. Der Mond trat aus den Wolken hervor und be⸗ leuchtete das ruhige, tiefe Waſſer eines Teiches. Um dieſen Teich hoben ſich ſtellenweiſe, wie unbe⸗ wegliche Geſpenſter, mythologiſche Statuen hervor. Es ſchien Braſil zu drängen, an dieſen Teich zu kommenz doch Salvator, da er nicht wußte, ob das Haus, zu dem dieſer Park gehören mußte, bewohnt oder nicht bewohnt war, zog ſich ſo an dem Gehölze hin, daß er, beim erſten Anlaſſe zu einer Befürchtung, raſch in das Geſtrüppe zurückkehren konnte, und dämpfte den Eifer ſeines Hundes, der, ſeinem Worte gehorchend, zehn Schritte vor ihm ging, ohne ſich weiter zu ent⸗ fernen, als ob er durch ein Halsband zurückgehalten worden wäre. Es lag etwas tief Trauriges im Anblicke aller dieſer Gegenſtände, welche Salvator in die Augen fielen. „Ich würde mich ſehr wundern,“ murmelte er, wäre an dieſem Orte nicht irgend ein gräßliches V — 201 brechen begangen worden. Der Schatten iſt hier ſchwär⸗ zer als anderswo, das Licht iſt hier bleicher als an⸗ derswo, die Bäume haben ein betrübtes Ausſehen, wel⸗ ches das Herz beklemmt. Gleichviel! da wir einmal hier ſind, ſo wollen wir immerhin weiter gehen!“ Und da eine Wolke dichter als die anderen aufs Neue den Mond überzogen hatte, ſo beſchloß Salvator die Finſterniß zu benützen, die dieſer Luftſchleier über die Erde verbreitete, um es zu wagen, den entblößten Zwiſchenraum zu durchſchreiten, der den Saum des Waldes vom Ufer des Teiches trennte. Am Ende des Waldes blieb indeſſen Salvator ſtehen und hielt Braſil zurück. Vor ihm, jenſeits des Teiches, erhob ſich wie eine düſtere, rieſige Maſſe, durchbrochen von einem einzigen, hinter dem Fenſter eines kleinen Cabinets glänzenden, Lichte das Schloß Viry. Das Schloß war alſo bewohnt, trotz des Zuſtandes des Parkes, der einem Urwalde glich, trotz des Zu⸗ ſtandes der Wege, welche verlaſſene Wieſen zu ſein ſchienen, da ein Licht an einem Fenſter glänzte. Man hatte doppelte Vorſicht anzuwenden. Salvator ließ rings um ſich her den Blick des Jä⸗ gers laufen, der gewohnt iſt, in der Finſterniß zu ſehen, und beſchloß, die Forſchung bis zum Ende zu treiben. Und dennoch hatte er keine Gewißheit; unbeſtimm⸗ ter Verdacht, durch die ſtummen Schrecken von Roſe⸗ de⸗Noél eingeflößt,— das war Alles. Warum dieſe Beharrlichkeit? warum ſo freiwillig der Aufſuchung des Unbekannten ſich hingeben? Weil es ihm ſchien, dieſes Unbekannte ſei ein entſetzliches Verbrechen, und er weihe ſich nicht freiwillig, wie wir geſagt haben, ſeiner Aufſuchung, ſondern verhängnißvoller Weiſe durch die Vorſehung angetrieben, die man den Zufall nennt, und die den rechtſchaffenen Leuten eine höhere Fähigkeit, eine außerordentliche Divinationsgabe verleiht. 202 Eine Dickung von grünen Bäumen erhob ſich ein paar Schritte vom Teiche; dieſe Dickung bot ein Schutz⸗ dach. Nach dem Teiche ſchien der Lauf von Braſil ab⸗ zuzielen. Salvator ließ aufs Neue den Mond glänzen und erlöſchen; ſodann, den Augenblick benützend, wo er ſich verbarg, erreichte er die Dickung Schritt für Schritt von Braſil gefolgt, dem er ſich hinter ihm zu halten befohlen hatte. Sobald er im Fichtengehölze verborgen war, ſtrei⸗ chelte Salvator mit der Hand den Hals von Braſil und ſagte nur einzige Wort zu ihm: Sogleich ſtürzte Braſil nach dem Teiche, verſchwand in den Rohren, die einen Gürtel an ſeinem Ufer bil⸗ deten, und erſchien dann wieder hinter dieſem Gürtel von Rohren, mit dem Kopfe über dem Waſſer ſchwimmend. Er ſchwamm ſo ungefähr zwanzig Schritte. Dann hielt er an, ſchwamm im Kreiſe, ſtatt in ſchräger Linie zu ſchwimmen, und tauchte unter. Saldator verlor nicht eine einzige von den Bewe⸗ gungen des Hundes aus dem Blicke. Man hätte glauben ſollen, er errathe ſeine Ab⸗ ſichten mit demſelben Verſtande, beſſer geſagt mit dem⸗ ſelben Inſtincte, mit dem Braſil die ſeinigen errieth. Salvator erhob ſich auf den Fußſpitzen, um genauer zu ſehen. Nach ein paar Secunden erſchien Braſil wieder. Dann tauchte er aufs Neue unter. Doch wie das erſte Mal erſchien er wieder, ohne etwas auf die Oberfläche zurückzubringen. Dann ſchwamm er ans Ufer, eine Linie ziehend, welche den Winkel bildete im Vergleiche mit der, wel⸗ cher er geſolgt war, um die Mitte des Teiches zu er⸗ reichen. Am Ufer angelangt, machte Braſil, als ob er einer Spur folgte, die Naſe auf dem Raſen, fünf bis ſechs Schritte, 203 Dann hob er den Kopf in die Höhe, ſtieß ein dumpfes, klägliches Geheul aus und nahm ſeinen Lauf wieder nach dem Walde. Er kam auf zwanzig Schritte an der Dickung vor⸗ über, wo Salvator verborgen war. Salvator begriff, daß Braſil nicht ohne Grund umgekehrt war und wieder in den Wald lief. Er ließ ein einfaches Pfeifen zwiſchen ſeinen zu⸗ ſammengedrückten Zähnen durch vernehmen. Der Hund hielt an und bog ſich auf ſeinen Beinen. Salvator wollte Braſil nicht aus dem Geſichte ver⸗ lieren, um nicht nöthig zu haben, ihm zu rufen. Er ſchaute aufs Reue umher und erkennend, daß Alles ſtill und einſam war, durchſchritt er den Zwiſchen⸗ raum, der die Dickung vom Walde trennte, mit eben ſo viel Glück, als er die, welche den Wald von der Dickung trennte, durchſchritten hatte. Braſil ſetzte ſich wieder in Marſch. Salvator folgte ihm und verſchwand bald mit ihm im Gehölze. Er wußte, daß alle dieſe Bewegungen ſeines Hun⸗ des, ſo widerſprechend ſie ſchienen, einen beſtimmten Grund hatten. Ich weiß nicht, wer geſagt hat, auf der Jagd ſei der Hund der Jäger, und der Jäger ſei der Hund. Vielleicht ich; vieileicht auch mein Freund Léon Ber⸗ trand, dieſer große Jäger vor dem Herrn, der ſeit al⸗ ten Zeiten alle Geheimniſſe der Jägerei und alle Kunſt⸗ griffe des Hundegeſchlechtes kennt. Wiederholen wir dieſe, alte oder neue, Wahrheit: man vermöchte die Wahrheit nicht oft genug zu ſagen. In den Wald zurücktehrend, gingen Jäger und Hund an einer Rabatte hin, wo die erſten Frühlings⸗ pflanzen wiederzuerſtehen anfingen, als ob, trotz des finſtern Verhängniſſes, das auf diefem verfluchten Hauſe laſtete, die gute, barmherzige Natur blühend ihm ver⸗ zeihen würde. 204 Man kam zu einer Allee, die ſich am Ende gabel⸗ förmig theilte. Hier hielt der Hund abermals an und ſchien zu zögern. Einer von den Wegen führte nach dem Gemüſe⸗ garten; der andere zu einem Fußpfade, der ſich in den Wald vertiefte. Nach einem Zögern oder vielmehr nach einer Ueber⸗ legung von ein paar Secunden, entſchloß ſich Braſil für den Fußpfad, der in den Wald führte. Salvator betrat den Fußpfad hinter Braſil. Sie gingen ſo ungefähr eine oder zwei Minuten. Nach Verlauf dieſer Zeit hielt der Hund aber⸗ mals an. Statt fortwährend dem Fußpfade zu folgen, trat er ſodann in eine Dickung ein, die ein großer Baum beherrſchte, und an deren Saum ſich eine Bank erhob, welche auf dieſer Seite das Ziel einer Promenade zu ſein ſchien. Salvator trat hinter Braſil in die Dickung ein. Hier ſtöberte der Hund einen Augenblick durch die dürren Zweige und Blätter, die den Boden bedeckten. Dann drückte er ſeine Naſenlöcher an die Erde und athmete geräuſchvoll die Ausſtrömungen ein, welche dar⸗ aus hervorkamen. Endlich im Mittelpunkte eines von ihm ſelbſt be⸗ ſchriebenen Kreiſes angelangt, blieb er unbeweglich, ſtarr in der Haltung der Betrachtung ſtehen. Man hätte glauben ſollen, er ſuche in die Erde zu ſehen. „Nun,“ fragte Salvator,„was gibt es denn, mein guter Braſil?“ Der Hund beugte den Kopf bis auf den Boden, vrückte ſeine Schnauze darauf und blieb ſo unbeweglich, als ob er die Frage ſeines Herrn nicht gehört hätte. „Es iſt hier, nicht wahr? es iſt hier?“ fragte — Salvator, indem er ein Knie auf die Erde ſetzte und 0 ge li eit S S m be⸗ rr ein en, ich, gte — nd 205 mit der Fingerſpitze die von dem verſtändigen Hunde bezeichnete Stelle berührte. Der Hund wandte ſich raſch um, ſchaute ſeinen Herrn mit ſeinen großen ausdrucksvollen Augen an und beroch wieder die Erde. „Such'!“ ſagte Salvatvr. Dumpt knurrend legte Roland ſeine beiden anein⸗ ander gehaltenen Pfoten an die Stelle, auf welche Sal⸗ vator den Finger gelegt hatte. Dann beroch er abermals. Der Ausruf des Archimed bot ſich der Erinnerung des jungen Mannes. „Eöpymat)“ ſagte er wie der Mathematiker von Syrakus. Sodann, um den Hund anzufeuern: „Such'! ſuch'!“ Da fing Braſil an mit ſolcher Wuth die Erde auf⸗ zukratzen, daß man hätte glauben ſollen, das Ziel dieſes ganzen Marſches in der Finſterniß, dieſer ganzen nächt⸗ lichen Jagd ſei hier und nicht anderswo. „Such'!“ wiederholte Salvator,„ſuch'!“ Und mit derſelben Wuth fuhr der Hund in der Erde zu wühlen fort. Nach zehn Minuten dieſer Arbeit, welche Salvator ein Jahrhundert dünkten, wich Braſil haſtig zurück. Sein ganzer Leib ſchien von einem Zittern des Schreckens bewegt zu werden. „Was gibt es denm, mein guter Hund?“ fragte Salvator, der immer auf einem Knie geneigt war. Der Hund ſchaute ihn an und ſchien zu ſagen: „Ei! ſieh doch ſelbſt!“ Salvator ſuchte in der That zu ſehen, doch der ond war verborgen, und ſeine Augen ſtrebten ver⸗ gebens die Dunkelheit zu durchdringen, welche tiefer * Sch habe es gefunden. 206 noch in dem vom Hunde gegrabenen Loche, als auf der Oberfläche der Erde. Er ſtreckte die Hand aus und erreichte die Tiefe des Loches; er verſuchte es, mit der Hand zu ſehen, da er nicht mit den Augen ſehen konnte. Seine Finger zogen ſich plötzlich zurück. Er hatte etwas Weiches, Zartes, Seidenes berührt. Er zitterte ſeinerſeits, wie der Hund gezittert hatte, ieberhafter, ſchrecklicher vielleicht noch, als wenn er mit dem Zahne einer Viper zuſammengetroffen wäre. Salvator machte indeſſen eine Anſtrengung gegen ſich ſelbſt und legte ſeine Hand wieder auf den entſetz⸗ lichen Gegenſtand. „Oh!“ murmelte er,„ich kann mich nicht täuſchen, es ſind Haare.“ Der Hund winſelte; den Schweiß auf der Stirne, zögerte der Mann, dieſes Haar an ſich zu ziehen. Der Mond, der wieder aus ſeiner Wolke hervor⸗ etreten war, verlieh dem Einen und dem Andern einen henuſiiſchn Anblick. In dieſem Momente näherte ſich der Hund dem Loche, ſteckte ſeinen Kopf ganz hinein, und Salvator daß er dieſe Haare zart zwiſchen ſeinen Fingern eckte. „Oh!“ murmelte er,„was iſt das, mein armer Braſil?“ Braſil hob aber den Kopf empor, und, ſtatt auf ſeinen Herrn zu hören, ſtatt die Haare fortzulecken, unter denen Salvator einen Schädel ſich formen fühlte, wandte er ſeinen Blick nach dem Wege und ließ ſeine Zähne an einander klappern. Soalvator drehte den Kopf wie der Hund, doch er ſah nichts. Dann legte er ſein Ohr an die Erde, und er ver⸗ nahm ein Geräuſch, das näher kam. Er richtete ſeinen Kopf wieder auf, und diesmal e, it n 3* n, T⸗ en m or rn uf en, te, ne er⸗ nal die dürren Zweige zu zerbrechen und das Laub raſcheln zu machen. Es war alſo ni Mä 207 ſchien es ihm, er ſehe etwas wie ein Geſpenſt, das der Allee folge und ſich ſeiner Seite nähere. Braſil wollte knurrend fortſtürzen; Salvator packte ihn aber bei der Halshaut, drückte ihn auf den Boden und ſagte: „Nieder, Braſil, nieder!“ Und er legte ſich ſelbſt neben den Hund, während er beſorgt war, ſeine Flinte im Bereiche ſeiner Hand zu halten. Alsdann, ſo groß auch die Stille war, hätte ſelbſt das Ohr von Argus weder den Hauch des Menſchen, noch den Athem des Hundes hören können. Es ſchlug Mitternacht im Glockenthurme von Viry, und die ehernen Klänge zogen bebend durch die Luft. CXXXII. Warum die Nachtigall nicht ſang. Das Geſpenſt kam imme r näher. Es ging auf drei Schritte an Salvator vorb ei und ſetzte ſich auf die Bank. Einen Augenblick glaubte Salvator, es ſei der Schatten dieſes Körpers, den irgend ein Verbrechen zu ſeinen Füßen liegend halte. Doch er hatte ein Geräu ſch von Tritten gehört, und ein Schatten wäre ni cht ſchwer genug geweſen, um cht ein Geſpenſt, ſondern ein junges ädchen. Nur, wie kam es, daß ein junges Mädchen ſo um 206 NWitternacht im Parke umherirrte und ſich allein auf eine Bank ſetzte? Ein Mondſtrahl beleuchtete die nächtliche Spazier⸗ gängerin, und auf dieſem Strahle ſchien ihr Blick zum Himmel aufzuſteigen. Salvator konnte ihr Geſicht ſehen: es war ihm völlig unbekannt. Es war das eines Mädchens von ſechszehn Jahren, mit azurblauen Augen, blonden Haaren und einem Teint voll Jugend und Friſche; ihre dem Himmel zuge⸗ wandten Augen hatten die Reinheit der Exſtaſe. Es ſchien nur Salvator, ſtille Thränen fließen über ihre Wangen. u6 Zu dieſer Stunde ſchlafen in der That die Glück⸗ ichen. Roland, da er begriff, das ſei kein Feind, den man ſehr zu fürchten brauche, hatte ſich beſänftigt. Salvator ſchaute mit mehr Erſtaunen als Beſorgniß. Plötzlich drang ein in der Ferne ausgeſprochener Name durch die Luft. Das Mädchen bebte und neigte den Kopf gegen das Schloß. Salvator fühlte einen Schauer unter der Haut von Roland durchziehen. Er bemerkte, daß der Hund im Begriffe war, ein Knurren vernehmen zu laſſen. Er näherte ſich ihm und ſagte ihm ins Ohr: „Stille, Roland!“ Ein zweiter Ruf machte, daß das Mädchen ſich auf ſeinen Füßen erhob. Salvator konnte ſich nicht enthalten, ſich von der Erde aufzurichten. Es hatte ihm geſchienen, er habe den Namen Mina ausſprechen hören. Nach Verlauf von fünf Minuten, während welcher Salvator, das Mädchen und der Hund, alle Drei ſo unbeweglich wie Bildſäulen blieben, hörte man deutlich den Namen Mina von einer Männerſtimme dem Winde zugeworfen. Salvatyr legte ſeine Hand an ſeine Stirne, und es entſchlüpfte ihm unwillkürlich ein Ausruf des Erſtaunens. 3 209* Roland hob ſeine Lippen auf eine bedrohliche Art auf; Salvator drückte ihm aber die Hand auf den Kopf, nöthigte ihn, ſeinen Hals auf ſeine Pfoten auszuſtrecken und wiederholte das Wort: Stille! mit der gedehn⸗ ziſchenden Betonung, welche die Thiere ſo gut ver⸗ ſtehen. Wäre nicht die ganze Aufmerkſamkeit des Mädchens auf einen anderen Punkt gerichtet geweſen, ſo würde es wohl bemerkt haben, es gehe etwas Seltſames an ſeiner Seite vor. Man hörte das Geräuſch eines haſtigen Schrittes, der ſich näherte. Einen Augenblick ſchien das Mädchen die Abſicht zu haben, in den Wald zu laufen, um ſich dort zu ver⸗ bergen, oder zu fliehen; doch ſie ſchüttelte den Kopf, als ob ſie zu ſich ſelbſt ſagte:„Vergeblich!“ und ſie ſetzte ſich wieder. Ein Ausruf verkündigte, daß ſie entdeckt war. Da ging ein junger Maun raſchen Schrittes durch die Allee, und Salvakor erkannte den Reiter, welchen er in dem Augenblicke, wo er über die Mauer geſtiegen war, hatte vorüberziehen ſehen. „Oh! Vorſehung!“ murmelte er,„wenn ſie es wäre!“ „Mina!. Ahl endlich finde ich Sie!“ ſagte der junge Mann.„Warum ſind Sie außen zu dieſer Stunde, allein mitten im Walde, am wildeſten Orte des Parkes?“ „Und Sie, mein Herr, warum ſind Sie zu dieſer Stunde in dieſem Hauſe, während es Uebereinkunft war, Sie werden nie bei Nacht kommen?“ fragte das Mädchen. „Mina, verzeihen Sie mir! Ich konnte dem Ver⸗ langen, Sie zu ſehen, nicht widerſtehen. Wenn Sie wüßten, wie ich Sie liebe!“ Das Mädchen antwortete nicht. „Sagen Sie, Mina, werden Sie kein Mitleid mit mir haben? Dieſe, ich gebe es zu, wahnſinnige, aber unbeſiegbare Liebe, wird ſie keine Gnade vor Ihren Die Mohicaner von Paris. v. 14 210 Augen finden? Ohne mich zu lieben, haſſen Sie mich nicht weniger?“ Das Mädchen beobachtete daſſelbe Stillſchweigen. „Iſt es möglich, daß zwei Herzen bei einander ſchlagen, das eine von einer ſo großen Liebe, das an⸗ dere von einem ſo großen Haſſe?“ Der junge Mann wollte die Hand von Mina nehmen. „Sie wiſſen, Herr Lorédan, wir ſind übereinge⸗ kommen, daß Sie mich nie berühren werden,“ ſagte ſie, indem ſie ihre Hand zurückzog und auf der Bank zu⸗ rückwich, auf die ſich der junge Mann nicht zu ſetzen wagte. „Aber ſagen Sie mir doch wenigſtens, warum ich Sie hier finde?“ fragte er ſichtbar beherrſcht durch dieſe eiskalte Würde. „Soll ich es Ihnen ſagen?“ „Ich bitte Sie inſtändig.“ „Nun wohl, ſo hören Sie, und Sie werden ſehen, daß ich nichts von Ihnen zu fürchten habe, da mir, wenn Sie Ihren Verſprechungen zuwider handeln, der Himmel ſeine Warnungen ſchickt.“ „Ich höre, Mina.“ „Ich lag im Bette, ich ſchlief. So wahr als ich Sie in dieſem Augenblicke vor mir ſtehen ſehe, ſah ich Sie die Thüre meines Zimmers mit einem Nach⸗ ſchlüſſel öffnen und eintreten; ich erwachte, ich war allein; doch ich ſagte mir, Sie werden bald kommen. Ich ſtand auf, kleidete mich an, ging in den Park und ſetzte mich auf dieſe Bank.“ „Mina, unmöglich!“ „Sagen Sie mir, iſt es wahr, daß Sie in mein Zimmer mittelſt eines Nachſchlüſſels eingetreten ſind?“ „Mina, verzeihen Sie mir!“ „Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen. Sie halten mich hier wider meinen Willen zurück; ich bleibe, weil, wenn ich fliehen würde, die Freiheit und das Leben Me Mi blei dem frei zum ſtür ich der an⸗ na ge⸗ ſie, zu⸗ tzen ieſe en, nir, der als ach⸗ var ten. und ein E ten eil, ben 211 von Juſtin bedroht wären. Sie wiſſen aber auch, un⸗ ter welchen Bedingungen ich bleibe, mein Herr!“ „Mina, Sie konnten unmöglich errathen, ich ſei unter Weges, um hierher zu kommen.. Sie konnten unmöglich vorherſehen, ich werde eintrelen „Ich habe es dennoch errathen, mein Herr, ich habe es dennoch vorhergeſehen, und das hat Ihnen einen ewigen Gewiſſensbiß erſpart, wenn Sie über⸗ haupt Gewiſſensbiſſe haben können.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Daß ich mich, hätte ich Sie in mein Zimmer eintreten ſehen, mit dieſem Meſſer getödtet haben würde.“ Und ſie zog aus ihrer Bruſt eine feine, ſpitzige, in der Scheide einer Scheere verborgene Klinge. Der junge Mann ſtampfte vor Ungeduld mit dem uße „Ah! ja,“ ſagte Mina,„ich begreife, nicht wahr, es iſt traurig, reich zu ſein, allmächtig zu ſein, die Geſeßze nach ſeiner Laune zu biegen, über die Freiheit und das Leben eines Unſchuldigen zu verfügen, wenn man ſelbſt Verbrecher iſt, und ſich zu ſagen:„Ich vermag Alles dies, und ich kann dieſes kleine Mäb en nicht verhindern, ſich zu tödten, wenn ich ſie entehre!““ „Oh! ich werde Sie wohl verhindern.“ „Sie werden mich verhindern?“ J Und mit einer raſchen Bewegung ergriff der junge Mann die Hand, in der Mina das Meſſer hielt. „Indem Sie mir dieſe Waffe entreißen?“ ſagte ina.„Nun wohl, dieſe Waffe iſt aber nur ein Nittel des Todes; iſt mir dieſes Mittel benommen, ſo bleiben mir zehn andere. Gibt es nicht den Teich, der dem Schloſſe gegenüber liegt? wird es mir nicht immer freiſtehen, in den zweiten Stock hinaufzugehen und mich zum Fenſter hinaus auf die Platten der Freitreppe zu ſürzen? Oh! meine Ehre iſt wohl bewacht, das ſchwöre ich Ihnen, denn ſie ſteht unter der Obhut des Todes.“ 212 „Mina, Sie werden nicht thun, was Sie ſagen!“ „So wahr ich Sie haſſe, ſo wahr ich Sie verab⸗ ſcheue, ſo wahr ich Sie verachte, ſo wahr ich Juſtin liebe, ſo wahr ich immer nur ihn lieben werde, tödte„ ich mich an dem Tage, in der Stunde, in der Minute, d wo ich nicht mehr würdig ſein werde, vor ihm zu er⸗ u ſcheinen! Hienach ſteht es Ihnen frei, mich hier zu be⸗ halten, ſo lange es Ihnen beliebt!“ d „Gut!“ ſprach der junge Mann, deſſen Zähne Salvator knirſchen hörte,„wir wollen ſehen, wer zu⸗* erſt müde ſein wird.“ „Sicherlich der, mit welchem Gott nicht iſt,“ er⸗ ri wiederte das Mädchen. 3 „Gott!“ murmelte der junge Mann,„Gott! immer ät Gott!“ „Ja, ich weiß, es gibt Leute, die nicht an Gott w glauben, oder ſich ſtellen, als glaubten ſie nicht an ihn; und ſollten Sie das Unglück haben, einer von dieſen S Menſchen zu ſein, mein Herr, ſo würde ich Ihnen ſa⸗ gen:„Bei dieſem Lichtſtrahle, der uns Beide beleuch⸗. tet, ſchauen Sie mich an, mich die Unterdrückte, mich ſo die Gefangene, mich die Sklavin; ich bin es, die ruhig und gläubig iſt, und Sie ſind voll Zorn und Zweifel. di Es gibt alſo einen Gott, und dieſer Gott erlaubt, daß ge ich ruhig bin, und daß Sie aufgeregt ſind.““ „Mina,“ ſprach der junge Mann, indem er ſich ſa vor ihr auf die Kniee warf,„Sie haben Recht, man muß an den Gott glauben, der Sie gemacht hat. Es des fehlt mir nur Eines, um an ihn zu glauben: das iſt Ihre Liebe. Lieben Sie mich, und ich werde an ihn um glauben.“ Das Mädchen erhob ſich und machte einen Schritt au rückwärts, um ſich von Lorédan zu entfernen. „An dem Tage, wo ich Sie liebe,“ ſprach Mina, ſch „werde ich nicht mehr an ihn glauben, weil ich dann der Ehre und der Redlichkeit den Verrath und das Ver⸗ brechen vorziehe.“ zu i. ab⸗ ſtin ödte ute, er⸗ ihne nan iſt ihn ritt na, ann zer⸗ 213 „Mina,“ ſagte der junge Mann aufſtehend und eine Ruhe heuchelnd, welche offenbar fern von ihm war, „ich ſehe wohl, daß ich der Vernünſtigere von uns Bei⸗ den ſein muß; nehmen Sie meinen Arm und laſſen Sie uns zurückkehren!“ „So lange Sie im Schloſſe ſind, kehre ich nicht dahin zurück, mein Herr.“ „Mina, ich ſchwöre Ihnen, daß ich, ſobald Sie zu Hauſe ſind, abgehen werde.“ „Gehen Sie zuerſt ab, und ich werde ſodann zu⸗ rückkehren.“ „Sie werden Urſache ſein, daß ich mich zu einem äußerſten Schritte hinreißen laſſe!“ rief der junge Mann. „Hier, im Angeſichte Gottes, werden Sie es nicht wagen,“ ſprach Mina nach dem Himmel deutend. „Nun wohl, ich gehe, da Sie mich wegjagen, doch Sie werden mich zurückrufen.“ Mina lächelte verächtlich. „Gute Nacht, Mina!. Ah! iſt Juſtin verloren, ſo halten Sie ſich nur an ſich ſelbſt.“ „Juſtin iſt wie ich unter der Obhut Gottes, und die Böſen vermögen eben ſo wenig gegen ihn, als ſie gegen mich vermögen.“ „Das werden wir ſehen. Gute Nacht, Mina,“ ſagte der junge Mann. Und er entfernte ſich raſch eine Art von Gebrüll des Zornes ausſtoßend. Nach zehn Schritten blieb er ſtehen und wandte ſich um, um zu ſehen, ob ihn Mina nicht zurückrufe. Mina ſtand unbeweglich da und hatte nicht einmal auf ſein„gute Nacht!“ geantwortet. Er machte eine Geberde der Drohung und ver⸗ ſchwand. Der Starke war am Schwachen gebrochen. Mina ſah ihn weggehen, ohne eine Bewegung zu machenz als ſie ihn aber aus dem Geſichte verloren atte, als das Geräuſch ſeiner Tritte in der Ferne er⸗ 214 loſchen war, als ſie ſich ganz allein und ihrer Schwäche überlaſſen glaubte, da ſtellte ſich ohne Zweifel das Gefühl dieſer Schwäche ihrem Geiſte dar, denn ſie ſank wie vernichtet auf die Bank, und ihre, während der ganzen Scene durch das Gefühl ihrer Würde zurückgehaltenen, Thränen ſtürzten ungeſtüm hervor. „Mein Gott!“ rief ſie, indem ſie mit einer ver⸗ zweifelten Bewegung ihre beiden Arme zum Himmel erhob,„mein Gott! wirſt Du nicht die Hand über mich ausſtrecken, Deine barmherzige Hand! Oh! mein Gott! Du weißt, nicht für mich, nicht für mein Leben flehe ich Dich an, ſondern für denjenigen, welchen ich liebe. Verfüge über Deine demüthige Magd, aber Gnade für Juſtin; den Tod oder ein Daſein der Schmerzen für mich, rette aber Juſtin! Herr!“ fügte ſie bei, indem ſie von ihrer Bank hinabglitt und auf die Kniee fiel, „Herr! höre mich! Herr! antworte mir!“ Sodann, mit einem herzzerreißenden Schluchzen: „Ach! ach! biſt Du denn zu fern, um mich zu hören?“ „Nein, Mina,“ ſagte Salvator mit ſanfter und zugleich klangvoller Stimme,„er hat Sie gehört, und er ſchickt mich Ihnen zu Hülfe.“ „Großer Gott!“ rief Mina, indem ſie erſchrocken und bereit zu fliehen aufſprang,„wer iſt da, und wer ſpricht mit mir?“ „Seien Sie ohne Furcht, Mina, ein Freund von Juſtin!“ Doch trotz der beruhigenden Worte, die ſie gehört, ſtieß Mina einen Angſtſchrei aus, als ſie dieſen Mann aus der Dickung begleitet von einem Hunde von der maßloſen Größe der Thiere der Apokalypſe hervorkom⸗ men ſah, dieſen Mann, der der Abgeſandte Gottes und der Freund von Juſtin zu ſein behauptete.. Es war wirklich eine fantaſtiſche Erſcheinung, und das Mädchen, das ſich dieſelbe vergebens zu erklären ——— ——— S—„— iche ühl wie zen en, er⸗ mel tt ehe be. für für em iel, zu ind ind ken ver ———— 21⁵ ſuchte, drückte ſeine beiden Hände an ſeine Augen, neigte das Haupt und murmelte: „Oh! wer Sie auch ſein mögen, ſeien Sie will⸗ kommen! Alles, Alles, Alles eher, als dieſem Schänd⸗ lichen angehören!“ Und nun begreift der Leſer, warum die Nachti⸗ gall nicht in einem Parke ſang, wo ſich ſo erſchreckliche Dinge zutrugen. CXXXIII. Erklärungen. Die erſte Bewegung von Mina, und das iſt leicht zu begreifen, war ganz die des Schreckens geweſen; als ſie aber die ſanfte, ſympathetiſche Stimme von Sal⸗ vator hörte, als ſie begriff, er habe drei Schritte vor ihr angehalten und bleibe hier ſtehen, weil er es nicht wage, weiter zu gehen, aus Furcht, ihre Angſt zu ver⸗ doppeln, da ließ ſie ſachte die Hände fallen, mit denen ſie ſich das Geſicht verſchleiert hatte, und nachdem ihre Augen einen Blick mit denen von Salvator gewechſelt, ſah ſie ein, daß hier, wie es der junge Mann geſagt, ihr Heil war. Sicher, daß ſie es mit einem Freunde zu thun hatte, war ſie es, welche die Entfernung durchſchritt, die ſie noch von einander trennte. „Fürchten Sie ſich nicht, Mademviſelle,“ ſagte Salvator. „Sie ſehen wohl, daß ich mich nicht fürchte, mein Herr, da ich es bin, die zu Ihnen kommt.“ „Und Sie haben Recht, denn Sie haben nie einen 216 zärtlicheren, ergebeneren Freund gehabt als mi „Ein Freund! zum zweiten Male ſprechen Sie Wort aus, mein Herr, und ich kenne Sie doch nicht.“ „Das iſt wahr, Mademoiſelle; doch in einem Au⸗ genblicke werden Sie mich kennen...“ „Vor Allem,“ unterbrach Mina Salvator,„ſind Sie ſchon lange hier?“ „Ich war hier, als Sie kamen und ſich auf dieſe Bank ſetzten.“ „Sie haben alſo gehört..?“ „Alles! Das iſt das, was Sie zu wiſſen wünſchen, ehe Sie mir antworten, nicht wahr?“ „Ja.“ „Nun wohl, glauben Sie mir, ich habe nicht ein Wort von dem verloren, was Herr Lorédan von Val⸗ geneuſe geſagt hat, nicht ein Wort von dem, was Sie ihm erwiedert haben, und meine Bewunderung für Sie, meine Verachtung gegen ihn haben in gleichem Maße zugenommen.“ „Nun noch eine Frage, mein Herr.“ „Sie wünſchen ohne Zweifel zu wiſſen, wie ich mich hier befinde?“ „Nein, mein Herr, ich habe Vertrauen zu dem Gotte, den ich anrief, als Sie mir erſchienen, und ich glaube, es iſt die Vorſehung, die Sie auf meinen Weg geſtellt hat. Nein,“— das Mädchen warf einen neugierigen Blick auf das Jägercoſtume, das der junge Mann trug, und das keinen geſellſchaftlichen Rang be⸗ zeichnete,—„nein, ich wollte Sie nur fragen, mit wem ich zu ſprechen die Ehre habe.“ „Wozu ſoll es nützen, daß ich Ihnen ſage, wer ich bin? Ich bin ein Räthſel, deſſen Auflöſung in den Händen der Vorſehung iſt. Was meinen Namen be⸗ trifft, ſo werde ich Ihnen den ſagen, unter welchem man mich kennt. Ich heiße Salvator; nehmen Sie ie in ⸗ ie e ße ch m n n e e⸗ it ——— 217 dieſen Namen als eine gute Vorbedeutung an; er be⸗ deutet Retter.“ „Salvator!“ wiederholte das Mädchen.„Ein ſchö⸗ ner Name, dem ich vertraue.“ „Es gibt einen andern, dem Sie noch viel mehr vertrauen würden.“ „Sie haben ihn ſchon einmal ausgeſprochen, nicht wahr?. Der von Juſtin?“ „Sie kennen alſo Juſtin, mein Herr?“ 6„Um vier Uhr dieſen Nachmittag war ich noch bei ihm.“ „Oh! mein Herr, ich hoffe, er liebt mich immer?“ „Er betet Sie an!“ „Der arme Juſtin.. und er iſt ohne Zweifel ſehr unglücklich?“ „Er iſt in Verzweiflung!“ „Ja, doch nicht wahr, Sie werden ihm ſagen, daß Sie mich geſehen haben? Sie werden ihm ſagen, daß ich ihn immer liebe, und daß ich nur ihn liebe, daß ich nie einen Andern als ihn lieben werde, und daß ich eher ſterben als einem Andern angehören werde!“ „Ich werde ihm ſagen, daß ich Sie geſehen und gehört habe; doch merken Sie wohl auf: wir müſſen dieſes ſeltſame Zuſammentreffen von Ereigniſſen be⸗ nützen, das mich in der Stunde, wo ich die Spur eines Verbrechens verfolge, zu einem andern führt, als ob ſich die ſchändlichen Netze des Mordes und der Entfüh⸗ rung durchkreuzten. Es iſt kein Augenblick zu verlie⸗ ren: die Nacht rückt vor. Sie haben mir tauſend Dinge zu ſagen, zu erzählen, bei denen es wichtig iſt, daß ich ſie weiß, wichtig, daß Juſtin ſelbſt ſie erfährt... Mina machte eine Bewegung. „Ich werde anfangen, damit Sie keinen Zweifel hegen, und Sie werden erſt ſprechen, wenn Sie wiſſen, an wen Sie Ihre Worte richten.“ „Mein Herr, das iſt unnöthig!“ 218 „Ich habe von Juſtin mit Ihnen zu ſprechen.“ „Oh! dann höre ich,“ rief Mina. Und ſie ſetzte ſich auf die Bank, und machte neben ſich für Salvator den Platz, nach dem Lorédan, ohne ihn erhalten zu können, ſo ſehr geſtrebt hatte. Braſil hätte gern nach der Dickung zurückkehren mögen, doch auf einen gebieteriſchen Befehl von Sal⸗ vator legte er ſich zu den Füßen von dieſem und von Mina. „Seien Sie willkommen, mein Herr, Sie, der Sie von Seiten dieſes Engels der Güte kommen, den man Juſtin nennt. Wiederholen Sie mir, nicht wahr? Alles, was er geſagt hat, Alles, was er gethan hat, als er mich nicht in Verſailles fand.“ „Alles, Alles werden Sie erfahren,“ erwiederte Salvator, indem er ſanft und brüderlich die Hand drückte, die ſie ihm reichte, und welche ſeinen Händen zu entziehen ihr eben ſo wenig einfiel, als es ihm ein⸗ fiel, ihr dieſelbe zurückzugeben. Alsdann erzählte ihr Salvator Wort für Wort das Drama, deſſen Entwicklung wir beigewohnt haben; wie, durch die Töne des Violoncells zum Schulmeiſter eführt, er und Jean Robert ihm ihre Dienſte und ihre Ergebenheit angeboten hatten; wie ſie von ihm weg⸗ gehend Babolin getroffen; wie dieſer einen Brief brachte; wie dieſer Brief die Entführung von Mina mittheilte; wie Juſtin und Jean Robert ſich zur Brocante begeben hatten, während er, Salvator, nach der Polizei lief und Herrn Jackal nach Verſailles führte. Er detaillirte Mina auf eine Art, daß dieſer kein Zweifel über den Antheil blieb, den der Erzähler an dieſer Expedition genommen hatte, die Eintheilung des Penſionnats von Madame Desmarets, das Innere vom Zimmer des Mädchens, den Plan des Gartens, durch den es ent⸗ führt worden war, und mehr als einmal fühlte er vor Entſetzen die Hand von Mina ſchauern, die auch mehr — S— W 219 als einmal aus Scham über ihre enthüllten Geheim⸗ niſſe zitterte. Als er ſodann in die geringſten Einzelheiten hin⸗ ſichtlich der Schritte eingegangen war, die er gemacht hatte, um Mina wiederaufzufinden, Schritte, welche bis dahin fruchtlos geblieben, als er ihr von der Traurig⸗ keit und Bunkelheit des Hauſes geſagt hatte, aus dem die Freude und das Licht entflohen waren, und das ſich auf die Mutter, auf den Bruder und die Schweſter be⸗ ſchränkt ſah, da hörte er ſeinerſeits, denn es war an Mina, zu ſprechen und Salvators Erzählung durch Er⸗ zählung zu erwiedern. In dem Augenblicke, wo Mina den Mund öffnete, um zu beginnen, hielt ſie Salvator durch eine letzte Ermahnung zurück. „Vor allen Dingen,“ ſagte er zu ihr,„liebe Braut meines Juſtin, theure Schweſter meiner Seele, vergeſſen Sie keinen der einzelnen Umſtände Ihrer Entführung; es iſt wichtig, Alles zu wiſſen, wie Sie wohl begrei⸗ fen. Wir kämpfen gegen einen Feind, der für ſich die zwei Dinge hat, welche die Strafloſigkeit hienieden machen: der Reichthum und die Macht.“ „Oh! ſeien Sie unbeſorgt,“ erwiederte Mina, „lebte ich hundert Jahre, ich würde mich der geringſten Epiſoden dieſer entſetzlichen Nacht erinnern, wie ich mich derſelben am andern Morgen erinnerte, wie ich mich ihrer heute erinnere.“ „Ich höre.“ „Ich hatte den ganzen Abend mit Suſanne von Valgeneuſe zugebracht, ſie in einem Fauteuil am Fuße meines Bettes ſitzend, ich ein wenig leidend und auf meinem Bette liegend, in ein großes Nachtgewand ge⸗ hüllt; wir ſprachen von Juſtin; die Zeit verging ſchnell. Wir hörten elf Uhr ſchlagen. Ich bemerkte gegen Su⸗ ſanne, es ſei ſchon ſehr ſpät, und es wäre Zeit, uns zu trennen. 3 „Drängt es Dich ſo ſehr, zu ſchlafen?““ ſagte 220 ſie zu mir.„Ich, was mich betrifft, ich habe noch keine Luſt hiezu. Laß uns plaudern.““ „Sie ſchien in der That aufgeregt, fieberhaft; ſie horchte aufmerkſam auf das geringſte Geräuſch; ſie ſchaute nach dem Fenſter, als hätte ihr Blick durch den doppelten Vorhang in den Garten ſehen wollen. Zwei⸗ oder dreimal fragte ich ſie: „„Was haſt Du denn?““ „„Ich? nichts,“ antwortete ſie jedes Mal. „Ich täuſchte mich alſo nicht,“ unterbrach Sal⸗ vator. „Was dachten Sie, mein Freund?“ „Sie ſei vom Complotte geweſen.“ „Da mir ihre Aufregung immer wieder einfiel, ſo glaubte ich es am Ende auch,“ ſprach Mina.„Ein Viertel vor Mitternacht ſtand ſie endlich auf und ſagte zu mir: „Schließe Deine Thüre nicht, meine liebe Mina, ich kann nicht ſchlafen und werde wahrſcheinlich wieder⸗ kommen.““ „Sie küßte mich und ging weg... Ich fühlte ihre Lippen beben in dem Augenblicke, wo ſie meine Stirne berührten.“ „Verrätheriſcher Kuß, Judas⸗Lippen!“ murmelte Salvator. „Ich hatte auch keine Luſt, zu ſchlafen, doch ich wünſchte allein zu ſein...“ „Um die Briefe von Juſtin wiederzuleſen, nicht wahr?“ ſagte Salvator. „Ja! Wer hat Ihnen das geſagt?“ fragte Mina erröthend. „Wir haben ſie auf Ihrem Bette und auf dem Boden zerſtreut gefunden.“ „Oh! meine Briefe, meine theuren Briefe! was iſt aus ihnen geworden?“ rief Mina. „Seien ſie hierüber ruhig: Juſtin hat ſie.“ 221 „Oh! wie gern möchte ich ſie haben, und wie feh⸗ len ſie mir hier!“ „Sie werden ſie bekommen.“ „Ich danke, mein Bruder,“ ſagte Mina, Salvator die Hand drückend. Und ſie fuhr fort: „Ich las alſo dieſe theuren Briefe, als es Mitter⸗ nacht ſchlug; ich dachte, es ſei Zeit, mich auszukleiden und mich zur Ruhe zu begeben. Doch in dem Augen⸗ blicke, wo ich dies dachte, ſchien es mir, ich höre Tritte in dem von der Treppe nach dem Garten gehenden Corridor: ich glaubte, es ſei Suſanne, welche zurück⸗ komme. Die Tritte gingen an meiner Thüre vorbei, und das Geräuſch erloſch. „Biſt Du es, Suſanne?““ fragte ich. „Nichts antwortete. „Ich glaubte ſodann die Riegel der Thüre vom Garten ziehen und dieſe Thüre ſich auf ihren Angeln drehen zu hören!— Niemand ging, wenn es Nacht geworden war, in dieſem düſtern, ungeheuren Garten, von welchem aus man in ein ödes Gäßchen gelangte. Das Geflüſter mehrerer Stimmen drang bis zu mir; ich richtete mich in meinem Bette auf und horchte ganz ſchauernd; ich hörte mein Herz gewaltig ſchlagen.. „In dieſem Augenblicke kniſterte die Kerze und verdüſterte ſich, wie es der Sage nach geſchieht, wenn ſie nahe daran iſt, ein Unglück zu beleuchten. „Meine Augen waren auf die Thüre geheftet; ich hatte nur einen Schritt zu machen, um den Schlüſſel zu drehen und den Riegel vorzuſchieben: ich ließ eines von meinen Beinen auf den Boden gleiten. Mir ſchien, außen ſuche eine Hand den Knopf meiner Thüre. Ich ſtürzte hinzu; doch in dem Momente, wo ich mit der Spitze meiner Finger den Riegel vorſchieben wollte, öffnete ſich die Thüre gewaltſam, meine Hand zurück⸗ ſtoßend, und im Halbſchatten des Corridors erblickte ich zwei verlarvte Männer!— Etwas entfernter hinter 222 ihnen, wie ein Geſpenſt, ſah ich eine Frau ſich ſchlei⸗ chen. „Ich ſtieß einen Schrei aus, einen einzigen. Ich fühlte mich um den Leib gefaßt, eine Hand wurde auf meinen Mund gedrückt... Ich hörte, daß man meine Thüre von innen wieder ſchloß, und daß man die Rie⸗ gel wieder vorſchob; ſodann, ſtatt der Hand, war es ein Sacktuch, was man über meine Lippen ausbreitete und ſo ſtark zuſammenzog, daß es mir faſt unmöglich wurde, zu athmen... Ich verrichtete mein Gebet, denn ich glaubte, ich werde durch Erſtickung ſterben.“ „Armes Kind!“ murmelte Salvator. „Ich ſchlug mit den Armen die Luft; doch eine kräftige Hand ergriff ſie, zog ſie hinter meinen Rücken und band mir hier die Fauſtgelenke mit einem Sacktuche⸗ zuſammen. Schon Anfangs war, geſchah es durch Zufalt oder mit Abſicht, die Kerze erloſchen. Ich hörte, daß man die Vorhänge aus einander that und das Fenſter öffnete. Ein Gefühl von Kühle kam bis zu mir; die Dunkelheit meines Zimmers hellte ſich allmälig ein wenig auf: ich bemerkte durch den Rahmen des Fenſters die ſchwarzen Bäume und den trüben Himmel. Ein dritter Verlarvter wartete am Fenſter, außen im Garten. Ich fühlte, daß mich Einer von denen, welche mich gepackt hatten, aufhob und von innen nach außen brachte. „„Hier iſt ſie!““ ſagte er. „„Mir ſcheint, ſie hat geſchrieen?““ ſagte der Mann vom Garten. „„Ja, doch Niemand hat es gehört, oder wenn man es gehört hat und man kommt, ſo iſt das Fräu⸗ lein auf der Treppe; das Fräulein wird ſagen, es habe einen falſchen Tritt gemacht, ſich dabei den Fuß und der Schmerz habe ihr einen Schrei ent⸗ riſſen.“ „Das Wort: das Fräulein, erinnerte mich an die Frau, die ich zu ſehen geglaubt hatte. Da durch⸗ zuckte der erſte Verdacht, Suſanne ſei Ritſchuldige M W M W—* 223 meiner Entführung, und Einer von den Verlarvten ſei ihr Bruder, wie ein Blitz meinen Geiſt. War dies der Fall, ſo hatte ich nichts mehr für mein Leben zu fürchten; würde ich aber etwas dabei gewinnen, daß ich mein Leben rettete? „Wähend dieſer Zeit wurde ich durch den Garten getragen; derjenige, welcher mich trug, hielt am Fuße einer Mauer an, an deren Kappe eine Leiter angelegt war. Ich fühlte mich über dieſe Mauer emporgehoben, und mir ſchien, drei vereinigte Perſonen bewerkſtelligen dieſe gefährliche Ueberſchaffung. „Eine zweite Leiter war auf der andern Seite der aufgerichtet; ein Wagen ſtand unten an der eiter. „Ich erkannte das öde Gäßchen, das am Garten hinlief. „Man hob mich mit derſelben Vorſicht hinab, mit der man mich emporgehoben hatte. Einer von den Männern ſtieg vor mir in den Wagen; die zwei Ande⸗ ren ſchoben mich hinein. Mein Reiſegefährte ließ mich in den Fond ſitzen und ſagte zu mir: „Fürchten Sie ſich nicht, man will Ihnen nichts zu Leide thun.““ „Einer von den zwei Männern, welche außen ge⸗ blieben waren, ſchloß den Wagenſchlag; der Andere ſagte zum Kutſcher: „„An den bewußten Ort!““ „Der Wagen ging im Galopp ab.— An den Wor⸗ ten:„Fürchten Sie ſich nicht, man will Ihnen nichts zu Leide thun,““ hatte ich die Stimme des Bruders Suſanne, des Grafen Lorédan von Valgeneuſe, er⸗ annt.“ „Ja,“ ſagte Salvator,„die Stimme von dem, welcher ſo eben hier war, dem ich ſo leicht eine Kugel in den Kopf jagen konnte! Doch ich bin kein Moͤr⸗ der. Fahren Sie fort, Mina.“ „ 224— CKXXIV. Der Weg. „Sobald wir außerhalb Verſailles waren,“ fuhr das Mädchen fort,„knüpfte der Graf von Valgeneuſe das Sacktuch auf, das meinen Mund bedeckte, ſo wie das, mit welchem meine Hände gebunden waren. Ich hatte blutige Lippen, und über vierzehn Tage behielt ich an meinen Händen das bläuliche Mahl des Knotens... „Der Elende!“ murmelte Salvator. „„Mademviſelle,““ ſagte er zu mir,„„Sie ſehen, daß ich Ihnen Alles, was ich kann, von Freiheit wie⸗ dergebe. Schreien Sie nicht, rufen Sie nicht: ich er⸗ kläre Ihnen, daß ich die Ehre, ſogar das Leben von Herrn Juſtin in meinen Händen halte.““ „„Sie?““ rief ich mit Verachtung. „„Ich werde Ihnen den Beweis von dem, was ich ſage, geben. Mittlerweile gebe ich Ihnen mein Ehren⸗ wort, daß ich die Wahrheit ſage.““ „„Ihr Ehrenwort?““ wiederholte ich.„„Schwören Sie bei etwas Anderem, mein Herr, wenn ich Ihnen glauben ſoll.““ „„Wie dem ſein mag, überlegen Sie ſich meine Worte.““ „„Ja, mein Herr, und ich ſage Ihnen zum Vor⸗ aus, daß meine Reflexionen mich abhalten werden, Ih⸗ nen zu antworten. Es iſt alſo unnütz, daß Sie ſprechen.““ „Ohne Zweifel ließ es ſich der Graf geſagt ſein, denn auf dem ganzen Wege ſprach er nicht ein einziges Wort mehr. „An der Barriere hielt der Wagen an, und man öffnete zu gleicher Zeit beide Schläge. Ich war im ich hr iſe ie ch . n. ie⸗ er⸗ on ich en⸗ ren ten 225 Begriffe, hinauszuſtürzen: der Graf verſuchte es nicht einmal, mich zurückzuhalten, er ſagte mir nur das Wort: Sie wiſſen, daß Sie Juſtin tödten!““ „Ich wußte nicht, wie ich ihn tödtete, doch ich ſchätzte meinen Entführer und hielt ihn zu Allem fähig. Ich kauerte mich ſtillſchweigend in die Ecke des Wagens. Wir gelangten nach Paris. „Der Wagen erreichte die Champs⸗Elyſces, folgte dem Rande des Waſſers, fuhr über eine Brücke, machte ein paar Schritte in einer Straße und hielt an. Der Kutſcher rief:„Das Thor auf!““ Das Thor öffnete ſich ſchwerfällig. Der Wagen fuhr in einen Hof ein; ich ſtieg aus. Der Hof war auf allen Seiten von Ge⸗ bäuden eingeſchloſſen, eine von ſeinen Seiten, die der Mauer, welche auf die Straße ging, ausgenommen...“ „Ja, ſo iſt es,“ murmelte Salvator. „Ich ſtieg eine Freitreppe hinauf.“ „Fünf Stufen?“ „Ja, ich habe ſie gezählt. Woher wiſſen Sie das?“ „Fahren Sie fort, mein Kind, fahren Sie fort, ich folge Ihnen Schritt für Schritt.“ „Wir traten in ein großes Veſtibule ein. Eine kleine Thüre öffnete ſich vor mir, eine Treppe ſchien ſich von ſelbſt meinen Füßen zu bieten; ich ſtieg acht⸗ zehn Stufen hinauf.“ „Eine mehr, welche die Schwelle des Zimmers bildete, in das man Sie führte.“ „So iſt es! ſo iſt es! Ich wußte durchaus nicht, wo ich war.“ „Ich weiß es: Sie waren in der Rue du Bac, in dem Hotel, das der Marquis von Valgeneuſe, der Vater des Grafen, von ſeinem älteren Bruder geerbt hat, der ohne Erben geſtorben iſt,“ fügte Salvator bei, indem er einen ſeltſamen Ausdruck dieſen fünf Wor⸗ ten gab. „Ja, nun bedenke ich das iſt möglich.. Eine Thüre öffnete ſich vor mir auf eine beinahe ſo Die Mohicaner von Paris. V. 15 226 zauberhafte Art wie die anderen. Ich war in einem großen, ganz mit Tapetenwerk ausgeſchlagenen, ganz mit eichenen Meubles ausgeſtatteten Zimmer, das eine Bibliothek zu ſein ſchien, wegen der großen Menge an der Wand aufgeſtellter, auf den Stühlen, auf den Ti⸗ ſchen aufgehäufter und ſogar auf den Boden geworfener Bücher.“ „Ja,“ ſagte Salvator,„das Atelier.“ „„Wollen Sie hier einen Moment warten,““ ſprach der Graf zu mir,„„und fürchten Sie nichts: Sie ſind hier bei mir; damit ſage ich Ihnen, daß Sie keine Gefahr laufen. In einem Augenblicke werde ich die Ehre haben, Sie wiederzuſehen; ich habe einige Anordnungen zu treffen, und wir werden ſogleich wie⸗ der abreiſen. Haben Sie etwas nöthig, ſo brauchen Sie nur zu klingeln: im anſtoßenden Zimmer iſt eine Kammerfrau zu Ihren Dienſten.““ „Und er entfernte ſich, ohne meine Antwort abzu⸗ warten, feſt überzeugt, wie er war, ich werde ihm nicht antworten. Kaum war ich allein, als mir der Gedanke kam, mich aus dem Fenſter zu ſtürzen und mir die Hirnſchale auf dem Pflaſter zu zerſchmettern; doch die einzige Oeffnung, die dieſes Zimmer, außer den Thü⸗ ren, hatte, war am Plafond, das heißt in einer Höhe von mehr als fünfzehn Fuß, angebracht. Ich warf mich auf die Kniee und rief Gott an. Unglicklicher Weiſe war ich, ohne Zweifel, noch nicht genug geprüft Gott antwortete mir nicht, wie er es ſo eben durch Ihre Stimme gethan hat, und ich hatte keinen andern Troſt, als den, alle Thränen meiner Augen zu weinen. In dieſem Momente durchzuckte eine Idee meinen Geiſt; an Juſtin ſchreiben...* „Ich fand Papier, doch man hatte die Federn und die Tinte weggenommen. Zum Glücke fand ſich auf dem Tiſche ein vergeſſenes Portefeuille; dieſes Porte⸗ feuille enthielt einen Bleiſtift: ich zog ihn raſch uz ſeinem Futteral und ſchrieb in Eile zwei Zeilen. Ich 227 befürchtete nur Eines: ich hatte Juſtin ſo wenig geſagt, ich liebe ihn, daß er mich für ſchuldig halten konnte! Was ich ihm ſchrieb? ich weiß nichts mehr davon... „Ich weiß es,“ ſagte Salvator. „Sie wiſſen es?“ „Ja, weil ich dabei war, als er den Brief erhielt. Sie ſchrieben ihm folgende paar Worte: „„Man entführt mich mit Gewalt, man ſchleppt mich fort... ich weiß nicht, wohin! Zu Hülfe, Ju⸗ ſtin! Rette mich, mein Bruder! oder räche mich, mein Gatte!„„Mina.““ „Nur frage ich Sie, welche Mittel haben Sie an⸗ gewandt, um ihm dieſes Billet zukommen zu laſſen? Das iſt uns immer dunkel geblieben, und ich glaube, bei dieſem Punkte hatte uns die Brocante etwas zu verbergen.“ „Mit zwei Worten will ich es Ihnen ſagen,“ er⸗ wiederte Mina.„Kaum hatte ich die Adreſſe geſchrie⸗ ben, als ich ein Geräuſch von Tritten im Gange hörte. Ich verbarg den Brief in meiner Bruſt und wartete. Eine Kammerfrau erſchien und ſtellte ſich mir zur Ver⸗ fügung: ich ſchlug ihre Dienſte aus, und ſie entfernte ſich wieder. „Der Brief war geſchrieben; doch wie ihn an ſeine Adreſſe gelangen machen? Ich fügte den Reiz einer ſtarken Belohnung der Aufſchrift bei, und rechnete auf die Vorſehung.. Ich hörte aufs Neue Geräuſch im buge⸗ und diesmal war es der Graf, der wiederer⸗ ien. „Sind Sie bereit, mich zu begleiten?““ fragte er mich. Sie wiſſen wohl, daß ich nichts Anderes thun kann,“ erwiederte ich. „Und ich ſtand auf. „„So kommen Sie,““ ſprach er kalt. „ 22⁸ „Ich folgte ihm. „Wir gingen dieſelbe ſchmale Treppe hinab, und ich befand mich wieder in demſelben Hofe, den ich bei meiner Aukunft durchſchritten hatte. Unten an der Treppe ſtand ein Wagen von einer anderen Form und einer anderen Farbe, als der, welcher uns gebracht hatte. Der Graf ließ mich zuerſt einſteigen und ſtieg nach mir ein. Thor öffnete ſich aufs Neue, und der Wagen ging ab. „Ich kenne Paris nicht, ſo daß ich nicht ſagen kann, durch welche Straßen wir paſſirten; übrigens dachte ich nur an Eines, ich hatte nur eine fixe Idee: meinen Brief Juſtin zukommen laſſen. Ich konnte wohl die Hitze vorſchützen, das Fenſter des Wagens öffnen und meinen Brief auf die Straße werfen; doch es war ſo kothig, und die Vorübergehenden hätten darauf treten können, ohne ihn zu ſehen. Was war zu thun?... Ich erblickte von fern Lichter, et⸗ † was wie Fackeln, die man bewegte: es waren Masken, wie mir ſchien. Ich verlangte, daß das Fenſter nieder⸗ gelaſſen werde; doch der Graf, der ohne Zweifel be⸗ fürchtete, ich werde um Hülfe rufen, weigerte ſich förm⸗ ch. „„Ich erſticke aber!““ ſagte ich. „„In einem Augenblicke werden Sie Luft haben,““ antwortete er. „Wir fuhren mitten über eine Art von Markt, und kamen in eine lange Reihe von ſchmalen, ſchlecht ge⸗ pflaſterten Gaſſen, wo die Pferde jeden Augenblick ſtol⸗ perten, Ich erblickte von fern ein zitterndes kleines Licht, das auf einem Weichſteine befeſtigt zu ſein ſchien; ſodann, beim Schimmer dieſes Lichtes, kam es mir vor, als bewegte ſich eine menſchliche Geſtalt. Eine Idee tauchte in meinem Geiſte auf: dieſe menſchliche Geſtalt war wahrſcheinlich ein Lumpenſammlerz wer es au ſein mochte, hörte dieſer Menſch in ſeiner Nähe irgend einen Gegenſtand fallen, ſo würde er nicht unterlaſſen —— und bei ppe ner tte. 3 mir gen gen ens dee: nnte ens doch Was ken, der⸗ be⸗ rm⸗ n und ge⸗ d ſtol⸗ ines ien vor, Idee eſtalt auch gend iſſen⸗ itten 229 dieſen Gegenſtand aufzuheben, und, wahrnehmend, welche Belohnung verſprochen war, den Brief an ſeine Adreſſe tragen. Wie es aber machen, daß er den Brief fallen hörte?. Der Wagen fuhr indeſſen raſch weiter; wir näherten uns dem Lichte; ich erſchaute deutlich eine Frau. „Gut!““ ſagte ich zu mir ſelbſt,„dieſe Frau geht ſuchend von einem Pflaſterſteine zum andern; ſie wird meinen Brief finden.““ „Ich zog meinen Brief hervor, indem ich aber die Hand in meine Bruſt ſteckte, fühlte ich eine Kette; dieſe Kette hielt eine kleine Uhr, die mir Juſtin geſchenkt hatte Armes Uehrchen! das war Alles, was ich von Juſtin hatte. Alles, was ich von Juſtin hatte,— ich irre mich: ich hatte im Gegentheile nichts, was nicht von Juſtin kam. War er es nicht, der mir ſeit neun Jahren Alles gab, was ich brauchte? Armes Uehrchen! es hatte mir ſo oft die Stunde geſagt, wo Juſtin kommen ſollte; es hatte mich nie verlaſſen, we⸗ der bei Tage, noch bei Nacht, und ich ſollte mich davon trennen! Ja, doch geſchah es nicht in der Hoffnung, Juſtin wiederzuſehen, daß ich dieſes Opfer brachte?.. Ich nahm es von meinem Halſe und küßte es bitterlich weinend; ich wickelte den Brief um das Uehrchen und die Kette um den Brief. In dieſem Augenblicke hielt der Wagen an. Wir waren zu dem Weichſteine gekom⸗ men, auf welchem die Laterne ſtand. Der Graf öffnete 5 Vorderfenſter, wandte ſich an den Kutſcher und rief ihm zu: „„Warum hältſt Du an, Elender?““ „Herr Graf,“ antwortete der Kutſcher,„dieſes eib ſagt mir, man könne nicht paſſiren, weil man von Neuem pflaſtere.““ „Dann kehre um und fahre durch eine andere Sttaße.““ „„Das thue ich, Herr Graf.““ „Das war eine Gnade, die mir der Himmel ge⸗ währte. Indeß ſich der Graf vorwärts neigte, ſtreckte 230 ich den Arm durch das niedergelaſſene Fenſter und warf mein Päckchen ſo hurtig, als ich konnte, hinaus. Es ſchlug an die Mauer, an die der Weichſtein angelehnt war, und ich fühlte mein Herz brechen, als ich das Ge⸗ räuſch vom Zerſpringen des Glaſes meiner Uhr hörte. Armes Uehrchen! ich hatte Zeit gehabt, es hinauszu⸗ werfen und den Arm zurückzuziehen, ehe der Graf ſich umwandte: er bemerkte nichts. Der Wagen drehte ſich um ſich ſelbſt, und bei der Bewegung, die er machte, hatte ich noch Zeit, die Lumpenſammlerin ihre Laterne nehmen, das Pflaſter beleuchten und das Päckchen auf⸗ heben zu ſehen. Von dieſem Augenblicke an hielt ich mich füͤr gerettet, und ich beſchloß, mich mit Geduld zu waffnen. Zwei Stunden nachher fuhren wir in das, ſeit ſieben bis acht Jahren unbewohnte, Schloß ein, das der Graf einen Monat vorher, in der Abſicht, mich dahin zu führen, gemiethet hatte. „„Mademoiſelle,““ ſagte er zu mir,„Sie ſind zu Hauſe: hier iſt Ihr Zimmer: man wird nicht eintreten, ohne daß Sie rufen. Bedenken Sie, welches Loos Sie mit dem elenden Schulmeiſter in ſeinem Reſte in der Rue Saint⸗Jacques erwartete, wo Sie jeden Tag gegen die Bedürfniſſe des Lebens kämpfen mußten, und ver⸗ gleichen Sie es mit dem, das Ihnen ein Mann von meinem Range, Herr über zweimal hunderttauſend Livres Einkommen, bietet, ein Mann, der aus der ganzen Welt Ihr Königreich macht. Eine Kammerfrau wird ſich zu Ihrer Verfügung ſtellen.“ Und er ging ab. Hinter ihm trat in der That eine Kammerfrau ein. Sie bot mir Abendbrod anz; ich ant⸗ wortete ihr, ſie möge das Abendbrod in meinem⸗Zim⸗ mer auftragen, und wenn ich in der Nacht Hunger habe, ſo werde ich eſſen.— Ich hatte weder das Be⸗ dürfniß, noch den Wunſch, das Abendbrod anzurühren; ich hegte eine Hoffnung. Dieſe Hoffnung wurde ver⸗ wirklicht. Mit dem Deſſert brachte man mir Meſſer, um das Obſt zu ſchneiden. Ich nahm eines mit einer S—c—— arf Es nt e⸗ . zu⸗ ich ich te, ne uf⸗ ich as, in, ich zu en, Sie der en er⸗ on res elt ine nt⸗ m⸗ ger Be⸗ en; er⸗ ſer, ner 231 dünnen, ſpitzigen Klinge; ich war ſchon halb gerettet. Da ich nicht wußte, was die geheimen Eingänge dieſes Zimmers ſein konnten, ſo ſchloß ich nicht einmal die ſichtbaren Eingänge. Ich beabſichtigte, mich nicht zu Bette zu legen, und, wenn ich ſchlafen würde, beim Kamine in einem großen Lehnſtuhle zu ſchlafen... Das Meſſer verbarg ich in meiner Bruſt; dann ſtellte ich mich durch ein frommes, tiefes Gebet unter die Obhut des Herrn, und ich wartete.“ CXXXV. Die Artikel 354, 355 und 356. „Die Nacht verlief ruhig,“ fuhr Mina fort.„Ich war dergeſtalt gelähmt durch alle Erſchütterungen, die ich erlitten hatte, daß ich entſchlief. Allerdings wachte ich von fünf zu fünf Minuten ſchauernd wieder auf. Es kam der Tag, und mit dem Tage das Mißbehagen einer außer dem Bette zugebrachten Nacht. Das Feuer war dem Erlöſchen nahe: ich fügte Holz dem bei, welches ſich vollends verzehrte, und es gelang mir, mich wieder⸗ zuerwärmen. „Meine Fenſter lagen gegen Sonnenaufgang, doch die Sonne ſchien an dieſem Tage nicht aufgehen zu ſollen. Ich trat ans Fenſter und zog die Vorhänge zu⸗ rück. Das Fenſter ging auf eine Wieſe, in deren Mitte, umgeben von Schilfrohr, das trübſelige Waſſer eines Teiches ſchlummerte; jenſeits des Teiches dehnte ſich ein Park aus, deſſen Ende man vermöge einer geſchickten Anlage nicht ſehen konnte. Alles dies, ſtehendes Waſſer, 232 vergelbter Raſen, ihrer Blätter entkleidete Bäume,— eine Dickung von Tannen ausgenommen,— Alles dies war von einer tiefen Melancholie! Ich liebte indeſſen die Natur mehr ſo: ſie war wenigſtens im Einklange mit der Stimmung meines Gemüthes. „In dem Augenblicke, wo ich das Fenſter öffnete, „ drang ein ſchwacher Sonnenſtrahl, der einzige, der an dieſem düſtern Tage glänzte, durch die grauen Wolken. Ich wandte mich an ihn wie an einen Boten des Herrn; ich ſandte ihm mein Gebet zu und flehte ihn an, es an den Fuß vom Throne Gottes, das heißt dahin zu tra⸗ gen, von wo er ausgingz ich ſprach mit ihm von Ju⸗ ſtin mehr noch als von mir. Juſtin, der nicht wußte, was aus mir geworden war, der nicht wußte, ob ich ihn genug liebte, um den Verführungen und den Dro⸗ hungen zu widerſtehen, Juſtin ſchien mir mehr zu be⸗ klagen, als ich, ſicher, wie ich war, daß ich mir ſelbſt und folglich Juſtin treu bleiben werde. „Während ich mein Gebet vollendete, kam es mir vor, als öffnete man meine Thüre. Ich wandte mich um und erblickte den Grafen. Ich ließ mein Fenſter ſo wie es war; ich fand mich weniger vereinzelt, da ich vor mir dieſen auf das große Gemälde des Himmels geöffneten Rahmen hatte. Ich klammerte mich am Git⸗ ter an. „Mademviſelle““ ſagte der Graf zu mir, ich hörte Sie Ihr Fenſter öffnen, und da ich hieraus ſchloß, Sie ſeien aufgeſtanden, ſo erlaubte ich mir, bei Ihnen zu erſcheinen.““ „Ich habe mich nicht zu Bette gelegt, wie Sie ſehen können,“ antwortete ich. „Und Sie haben Unrecht gehabt, Mademviſelle. Sie ſind hier ſo ſehr in Sicherheit, als wenn Sie von Ihrer Mutter bewacht würden.““ „Hätte ich das Glück, eine Mutter zu beſitzen, mein Herr, ſo wäre ich ohne Zweifel nicht hier „Er ſchwieg einen Augenblick. 233 „Sie betrachteten die Landſchaft!““ ſagte er ſo⸗ dann.„In dieſem Augenblicke des Jahres muß ſie Ihnen traurig dünkenz doch im Frühling iſt ſie, wie man verſichert, eine der ſchönſten der Umgebung von Paris.““ „„Wie! im Frühling?““ rief ich.„Sie denken alſo, ich werde im Frühling noch hier ſein?““ „„Sie werden ſein, wo Sie wollen, in Rom, in Neapel, in Italien, überall, wo es Ihnen beliebt, über⸗ all, wohin Sie dem Manne, der Sie liebt, Ihnen zu folgen erlauben werden.““ „„Sie ſind verrückt, mein Herr,““ erwiederte ich. „Sie haben alſo nicht überlegt?““ fragte der Graf. „„Doch, mein Herr.““ „„Und das Reſultat Ihrer Ueberlegung?““ „„Iſt, daß man in unſerer Zeit nicht im Ernſte ein Mädchen entführt, ſo vereinzelt es auch ſein mag.““ „„Ich verſtehe Sie nicht.““ „„Ich will mich verſtändlich machen. Nehmen Sie an, ich ſei Gefangene in dieſem Zimmer... „„Sie ſind es nicht, Gott ſei Dank! Dieſes ganze Haus iſt zu Ihrer Verfügung,— mit ſeinem Parke.““ „Und Sie rechnen darauf, daß ich, Dank ſei es den Mauern, welche zu hoch, um erſtiegen zu werden, den Gittern, welche zu ſtark, um durchbrochen zu wer⸗ den, nicht werde fliehen können?““ „„Sie haben, um zu fliehen, nicht nöthig, die Mauern zu erſteigen: die Thüren ſind von Morgens um ſechs Uhr bis Abends um zehn Uhr offen.““ „„Nun,““ fragte ich erſtaunt,„wie hoffen Sie mich dann hier zurückzuhalten, mein Herr?““ „„Oh! mein Gott, indem ich einfach an Ihre Ver⸗ nunft appellire.““ „„Erklären Sie ſich.“ „„Sie lieben Herrn Juſtin, haben Sie mir ge⸗ g t?“ „„Ja, mein Herr, ich liebe ihn!““ 234 „„Es wäre Ihnen alſo ſehr leid, wenn ihm ein Unglück widerführe?““ „„Mein Herr!““ „„Das größte Unglück, was ihm zu dieſer Stunde widerfahren könnte, iſt nun, daß Sie es verſuchten, aus dieſem Schloſſe zu entfliehen.““ „Wie ſo?““ „„Weil Herr Juſtin für Sie bezahlen würde.““ „„Juſtin würde für mich bezahlen! Und was hat denn Juſtin mit Ihnen zu thun?““ „Nicht mit mir, Mademoiſelle, ſondern mit dem Geſetze.“ „„Wie, mit dem Geſetze?““ „„Ja, verſuchen Sie es, zu fliehen, fliehen Sie, und zehn Minuten, nachdem ich von Ihrer Flucht un⸗ terrichtet bin, iſt Herr Juſtin im Gefängniſſe.““ „„Im Gefängniſſe, Juſtin? Mein Gott! welches Verbrechen hat er begangen? Oh! Sie wollen mich er⸗ ſchrecken; doch, Gott ſei Dank! ich bin weder wahn⸗ ſinnig, noch blödſinnig genug, um Ihnen auf das Wort zu glauben.““ „Ich mache auch nicht darauf Anſpruch, daß Sie mir ſo glauben ſollen; werden Sie mir aber auf einen Beweis glauben?““ „Ich fing an zu erſchrecken, als ich ſeine Zuver⸗ ſicht ſah. „„Mein Herr!““ ſtammelte ich. „Er zog aus ſeiner Taſche ein kleines Buch, deſſen Schnitt mehrfarbig geſtreift war. „„Kennen Sie dieſes Buch?““ fragte er mich. „„Ei! mir ſcheint, das iſt ein Codeg,““ erwie⸗ derte ich. „Ja, es iſt ein Codex. Hier, nehmen Sie. „Ich zögerte. „Oh! ich bitte, nehmen Sie. Sie wollen Be⸗ weiſe, ich muß Ihnen ſolche geben, nicht wahr?“ „Ich nahm das Buch. 235 „Sehr gut! Heffnen Sie die Seite 800, Straf⸗ coder, Buch 1iM1.““ „„Und dann?““ „„Paragraph 2.“ „„Paragraph 2?““ „Leſen Sie... Bemerken Sie wohl, daß das nicht für Sie allein gedruckt iſt; worüber Sie ſich da⸗ durch verſichern können, daß Sie ſeines Gleichen beim Notar oder beim Maire holen laſſen.““ „„Ich ſoll leſen?““ „„Ja, leſen Sie.““ „Ich las: §. 2. Entführung von Minderjährigen. „„Jeder, der durch Liſt oder mit Gewalt Minder⸗ jährige entführt hat oder hat entführen laſſen, oder ſie hat weggeſchleppt, weggebracht, weggenommen, oder dieſelben hat wegſchleppen, wegbringen, wegnehmen laſſen, von den Orten, wohin ſie diejenigen gebracht hatten, deren Autorität oder Leitung ſie unterworfen oder anvertraut waren, hat die Strafe der Einſperrung zu erleiden.““ „Ich ſchlug die Augen zum Grafen auf, als wollte ich ihn befragen. „Fahren Sie fort,“ ſagte er. „Ich fuhr fort: 3 355. Iſt dieſe ſo weggebrachte und entführte Perſon ein Mädchen unter ſechszehn Jahren, ſo wird die Strafe Zwangsarbeit auf beſtimmte Zeit ſein... „Ich fing an zu begreifen und erbleichte.. „Der Elende!“ murmelte Salvator. „Das iſt der Fall von Herrn Juſtin,““ ſprach kalt der Graf. „„Ja, mein Herr,““ erwiederte ich,„nur mit dem Unterſchiede, daß ich ihm freiwillig gefolgt bin, daß ich laut ſagen werde, er habe mir das Leben ge⸗ rettet, ich verdanke ihm Ales, ich„ 236 „Er unterbrach mich: „„Es iſt für dieſen Fall durch den folgenden Pa⸗ ragraphen vorhergeſehen,“ ſagte er.„„Leſen Sie.““ as. „„356. Hätte das Mädchen unter ſechzehn Jahren zu ſeiner Entführung eingewilligt oder wäre freiwillig dem Entführer gefolgt, ſo wird dieſer, wenn er voll⸗ jährig, alſo einundzwanzig Jahre und darüber. „„Herr Juſtin,““ unterbrach der Graf,„„war ge⸗ rade zweiundzwanzig; ich habe mich nach ſeinem Alter erkundigt... Fahren Sie fort...““ „Ich fuhr fort: „„Einundzwanzig Jahre und darüber, zu Zwangs⸗ arbeit auf beſtimmte Zeit verurtheilt.““ „Das Buch entfiel meinen Händen. „„Aber ſtatt beſtraft zu werden,“ rief ich,„würde Juſtin eine Belohnung verdienen.““ „„Dies, Mademvoiſelle,““ erwiederte kalt der Graf, „werden die Gerichte zu würdigen wiſſen. Ich muß Ihnen aber zum Voraus ſagen, dafür, daß er eine Minderjährige entführt, daß er ſie bei ſich eingeſperrt hat, daß er ſie ohne die Einwilligung ihrer Verwandten wiſſend, dieſe Minderjährige ſei reich, hat heirathen wollen,— ich muß Ihnen ſagen, ich bezweifle, daß die Gerichte Herrn Juſtin den Tugendpreis dafür zuer⸗ kennen.““ „Dh!““ rief ich. „„In jedem Falle,““ fuhr der Graf fort,„„ver⸗ ſuchen Sie es, zu fliehen, und die Frage wird bald ent⸗ ſchieden ſein.““ „Er zog aus ſeiner Taſche ein Papier, das er ent⸗ Dieſes Papier war mit dem Staatsſiegel ver⸗ ſehen.“ „„Was iſt das noch?““ fragte ich ihn. „„NRichts; ein zum Voraus ausgefertigter Vorfüh⸗ rungsbefehl, mit dem Namen von Herrn Juſtin bezeich⸗ net, wie Sie ſehen, und zu meiner Verfügung geſtellt. „— — —— 237 Die Freiheit von Herrn Juſtin iſt alſo in meinen Hän⸗ den. Eine Stunde nach Ihrer Flucht wird ſeine Ehre in den Händen der Gerichte ſein. „Ich fühlte den Schweiß auf meiner Stirne per⸗ len. Meine Beine wankten, als wollten ſie mir den Dienſt verſagen; ich fiel in den nächſten Lehnſtuhl.“ „Der Graf bückte ſich, hob den Coder auf, und legte ihn offen auf meinen Schooß. „Hören Sie,““ ſagte er,„„ich laſſe Ihnen die⸗ ſes Büchlein hier. Denken Sie über die Artikel 354, 355 und 356 nach, und behaupten Sie nicht mehr, es ſtehe Ihnen nicht frei, zu fliehen.““ „Und er grüßte mich mit einer geheuchelten Höf⸗ lichkeit und ging weg... Salvator wiſchte auch ſeine Stirne ab. „Ah!“ murmelte er,„er würde es machen, wie er ſagt, der Elende!“ „Oh! ich dachte es wohl,“ erwiederte Mina.„Dar⸗ um bin ich nicht geflohen, darum habe ich nicht an Ju⸗ ſtin geſchrieben, darum habe ich geſchwiegen, als wäre ich todt!“ „Und Sie haben wohl daran gethan.“ „Ich erwartete, ich hoffte, ich betete! Sie ſind nun da: Sie ſind der Freund von Juſtin, Sie werden ent⸗ ſcheiden; in jedem Falle aber ſagen Sie ihm...“ „Ich werde ihm ſagen, Mina, Sie ſeien ein En⸗ gel!“ ſprach Salvator, indem er vor dem Mädchen nie⸗ derkniete und ihm ehrfurchtsvoll die Hand küßte. „Oh! mein Gott!“ rief Mina,„wie danke ich Dir, daß Du mir eine ſolche Hülfe geſchickt haſt!“ „Ja, Mina, danken Sie Gott, denn es iſt die Vor⸗ ſehung, die mich hieher geführt!“ „Sie hatten aber doch einen Verdacht?“ „Nein, keinen in Beziehung auf Sie: ich wußte nicht“ wo Sie waren, an welchem Orte Sie wohnten; ich glaubte am Ende, Sie ſeien außerhalb Frankreich.“ „Was ſuchten Sie denn hier?“ 238 „Oh! ich verfolgte ein anderes Verbrechen, das ich Ihnen nicht ſagen kann, und deſſen Aufſuchung ich für den Augenblick zu unterbrechen genöthigt bin... Beſchäftigen wir uns mit dem Dringendſten, das heißt mit Ihnen. Jedes Ding zu ſeiner Zeit und wenn die Reihe an ihm iſt.“ „Nun, was beſchließen Sie für mich?“ „Vor Allem iſt es wichtig, daß der arme Juſtin Nachrichten von Ihnen erhält, daß er erfährt, Sie be⸗ finden ſich wohl, Sie lieben ihn immer.“ „Sie übernehmen es, ihm dies zu ſagen, nicht wahr?“ „Seien Sie unbeſorgt.“ „Doch mir, mir, wer wird mir Nachricht von ihm geben?“ fragte Mina. „Morgen, zur ſelben Stunde, werden Sie im Sande, unter dieſer Bank, ſolche finden, und könnte ich Ihnen morgen keine zukommen laſſen, ſo wäre es über⸗ morgen an demſelben Platze.“ „Dank, tauſend Dank, mein Herr!... Doch ent⸗ fernen Sie ſich, oder verbergen Sie ſich wenigſtens: ich höre Geräuſch von Tritten auf dem Sande, und Ihr Hund ſcheint unruhig zu ſein.“ „Schön, ganz ſchön, Braſil!“ ſagte leiſe Salvator zu dem Hunde, indem er auf das Dickicht deutete. Braſil kehrte in den Wald zurück. Salvator folgte ihm dahin, und er war ſchon mit dem halben Leibe innen, als das Mädchen ſich nach Seite neigte, ihm die Stirne darbot und zu ihm agte: „Küſſen Sie ihn für mich, wie Sie mich für ihn üſſen.“ Salvator legte auf die Stirne des Mädchens einen Kuß ſo keuſch als der Mondſtrahl, der ihn beleuch⸗ tete; dann kehrte er raſch ins Dickicht zurück. Das Mädchen wartete nicht, bis die Tritte no näher kamen: es lief raſch nach dem Hauſe. — — — —— w — S—— W 239 Nach ein paar Sekunden hörte Salvator eine Wei⸗ berſtimme rufen: „Ah! da ſind Sie, Mademoiſelle! Der Herr Graf hat mir bei ſeinem Abgange befohlen, Ihnen zu ſagen, die Nachtluft ſei kalt, und es könnte Ihnen ſchlecht be⸗ ommen, wenn Sie ſich ihr länger ausſetzen würden.“ „Hier bin ich!“ erwiederte Mina. Und die zwei Frauen entfernten ſich. Salvator hörte das Geräuſch der Tritte, das im⸗ mer ſchwächer wurde und am Ende ganz erloſch. Dann bückte er ſich und ſuchte aufs Neue das von Roland gemachte Loch, während dieſer wieder den ſelt⸗ ſamen Gegenſtand, der eine ſo entſetzliche Wirkung auf Salvator hervorgebracht hatte, zu lecken anfing. „Das ſind die Haare eines Kindes!“ murmelte alvator.„Ich muß mich erkundigen, ob Roſe⸗de⸗Noöl einen Bruder hatte.“ Und er ſchob Roland auf die Seite, rückte die Erde mit ſeinem Fuße hinzu, füllte das Loch und trat dar⸗ auf umher, um die Dinge wieder in den Stand zu ſetzen, in welchem ſie vor der Entdeckung, die er ge⸗ macht, geweſen waren. Als dieſe Operation beendigt war, ſagte er: „Auf, Roland, laß uns gehen! Sei aber ruhig, mein guter Hund, wir werden wieder hierher kommen eines Tages oder in einer Nacht!“ 240 CXXXVI. Das Haus der Fee. Man erinnert ſich des Vorwurfs, den Salvator der Brocante in Betreff der ungeſunden, elenden Kam⸗ mer der Rue Triperet machte, wo wir zum erſten Male die Kartenſchlägerin geſehen haben. Salvator ſprach damals ein paar Worte aus, wel⸗ che die Brocante erſchreckten, und dieſe machte ſich ver⸗ bindlich, ſo ſchnell als möglich die verpeſtete Wohnung zu verlaſſen. Doch wenn ſie die Drohung der Wegnahme von Roſe⸗de⸗Rosl erſchreckte, ſo erſchreckte ſie die Berechnung einer in ihren Augen tollen Ausgabe noch ganz anders und verhinderte ſie, ihr Verſprechen zu haltenz ſodann iſt es mit den Armen wie mit den Reichen: ſie verlaſ⸗ ſen ſchwer, ſchwerer ſogar als die Reichen, das Haus, wo ſie geiebt haben, und die geizige Alte, gerichtlich aufgefordert, ibre Verbindlichkeit zu erfüllen, würde es vielleicht, ſo viel lag ihr an ihrer abſcheulichen Woh⸗ nung, vorgezogen haben, das für ihren Auszug noth⸗ wendige Geid zu geben und in ihrer Kammer zu bleiben. Doch unter ihren Zweifeln, ob ſie Salvator ge⸗ horchen oder nicht gehorchen ſollte, bekam die Brocante einen Beſuch, der eine Entſcheidung in ihr herbeiführte. Es erſchien eines Tages bei ihr ein ſchöner jun⸗ ger Mann von vollkommener Eleganz im Namen der Fee Carita. Es gab zwei Namen, welche ſanft das Herz des ſchönen ſchwächlichen Kindes liebkoſten, das man Roſe⸗ de⸗Nosl nannte; der eine war der von Fräulein La⸗ mothe⸗Houdanz der andere der von Salvator. Dieſer ſchöne junge Mann, der eines Tages auf der Schwelle des Pandemoniums erſchien, deſſen Be⸗ — §— 241 ſchreibung wir gewagt haben, war kein Anderer, als Petrus. Indem er der alten Zigeunerin, unter dem Gebelle der Hunde und dem Krächzen der Krähe, ungefähr die⸗ ſelben Worte wiederholte, welche Salvator ſchon geſagt hatte, machte er der Bröcante begreiflich, die Stunde, auszuziehen, ſei gekommen. Was aber die Alte beſonders beſtimmte, das war die Art, wie ſich Petrus dabei benahm. „Das iſt der Schlüſſel zu Ihrer neuen Wohnung,“ ſagte er.„Sie haben nur in der Rue d'Ulm, Nro. 10. zu erſcheinen; Sie werden unter ein großes Thor tre⸗ ten, Sie werden links ſchauen und drei Stufen ſehen, Sie werden dieſe drei Stufen hinaufſteigen, dieſen Schlüſſel in die Thüre vor Ihnen ſtecken und den Schlüſſel zweimal drehen, die Thüre wird ſich öffnen, und Sie werden in Ihrer Wohnung ſein.“ Die Brocante machte bei dieſen Worten Augen und Ohren auf. In der That, wenn ſie es einerſeits bedauerte, ihr gewohntes Neſt verlaſſen zu ſollen, ſo bot ſie andererſeits, da ſie keinen Pfennig auszugeben hatte, ſtatt ihn vor die Thüre zu ſetzen, dem jungen Manne einen Stuhl an und bedrohte die Hunde und die Krähe zu Ehren ihres Gaſtes. Vielleicht würden, trotz der Drohung der Brocante, die Hunde und die Krähe nur um ſo ſtärker gebellt und gekrächzt haben; aber Roſe⸗de⸗Rosl bat ſie, zu ſchweigen, und ſie gehorchten den Bitten von Roſe⸗de⸗Nosl viel beſſer, als den Befehlen von Brocante. Sobald er ſaß, fügte Petrus bei: „Nur müſſen Sie Ihren Speicher ſchon morgen verlaſſen.“* „Oh!“ ſagte die Brocante,„und wie ſoll ich in ſo kurzer Zeit ausziehen?“* „Es handelt ſich nicht um das Ausziehen; es handelt ich um das Verkaufen oder das Verſchenken von Allem Die Mohicaner von Paris. V. 16 dem, was Sie hier haben. Die Wohnung, die man Ihnen durch meine Stimme anbietet, iſt neu meublirt. Was den Niethzins betrifft, er iſt für ein Jahr be⸗ zahlt. Hier iſt die Quittung.“ Die Brocante wußte nicht, ob ſie träumte oder wachte. Sie lief auch, hinter Petrus, mit dem Schlüſſel in der Hand von der Rue Triveret nach der Rue d'Ulm. Alles trug ſich zu, wie Petrus geſagt hatte; bei Nro. 10 fand die Brocante ein großes Thor, unter dem großen Thore drei Stufen, der Schlüſſel drehte ſich im Schloſſe, die Thüre öffnete ſich, und die alte Zigeunerin gelangte in die Wohnung. Dieſe Wohnung lag im Erdgeſchoße; die Fenſter gingen auf einen Garten, der ſechs Fuß lang, das heißt von der Größe eines Grabes, war die Perſon, die ihn anſchaute, traurig, von der Größe eines Pomeranzen⸗ kaſtens, war die Perſon, die ihn anſchaute, heiter. Dieſes Erdgeſchoß beſtand aus vier Piöcen und einem reizenden Stübchen im Entreſol. Im Vergleiche mit dem Speicher, den die Bro⸗ cante bewohnte, war das, wie man ſieht, ein Palaſt. Die vier Piecen im Erdgeſchoße waren ein Vor⸗ zimmer, ein kleines Speiſezimmer, ein Schlafzimmer für die Alte, ein Cabinet für Babolin. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß das Stübchen vom Entreſol für Roſe⸗de⸗Noél war. Das Vorzimmer war von oben bis unten, den Plafond mitbegriffen, mit einem weiß und blauen Zwillich ausgeſchlagen, mit gewundenen Franſen und Eicheln von rother Wolle; eine am Fenſter ſtehende Jardiniere von rohem Holze enthielt einige Winter⸗ pflanzen. Vier Rohrſtühle bildeten das Ameublement. Vom Vorzimmer kam man ins Speiſezimmer. Das Speiſezimmer war in Eichenholz angemalt mit einem Tiſche von Eichenholz und ſechs Stühlen von Eichen⸗ holz. Die Vorhänge waren von grünem Merino und ————— S c— S— S S SS% m er ßt n n⸗ nd r⸗ ler m en en nd ide er⸗ s em en⸗ nd — 243 kreuzten auf Mouſſeline⸗Vorhängen. An den Wänden hingen eine Kuckuksuhr, um die Stunde zu bezeichnen, und ſechs ländliche Stiche, um die Augen zu ergötzen. Ein Ofen erwärmte zugleich das Speiſezimmer und das Vorzimmer. Das anſtoßende Zimmer war das Schlafzimmer von Brocante. Das war die vriginelle Piece der Woh⸗ nung: ein wahres Muſeum, ein naturgeſchichtliches und beſonders übernaturgeſchichtliches Cabinet. Obgleich die⸗ ſes Zimmer mit geringen Koſten meublirt worden war, ſo war doch die Verzierung von einem ſo ſehr mit dem der Brocante harmonirenden Geſchmacke, daß ſie, als ſie dasſelbe ſah, einen Schrei des Erſtaunens und der Freude von ſich gab. In der That, an der einen Seite der Wand hin⸗ gen tauſend für jeden Andern unbedeutende, für ſie aber koſtbare, wundervolle Gegenſtände: Retorten im Kreuze und darüber ein mit einem ſchwarzen Schleier bedeckter Schädel; ein bis zum Schenkelknochen entfleiſchtes Bein, das mit dem Ende des Fußes dieſen Schädel verächt⸗ lich zurückzuſtoßen ſchien; eine ungeheure Fledermaus mit ausgebreiteten Flügeln, und aus vollem Halſe la⸗ chend, da ſie einen Gliedermann eine Chimäre von Por⸗ zellan herausfordern ſah; ein großer Hornſchröter ver⸗ ziert mit allen Arten von cabbaliſtiſchen Figuren, am Plafond hängend und ſich im Raume einem Krokodille gegenüber ſchaukelnd, das ihn, den Rachen weit aufſper⸗ rend, verſchlingen zu wollen ſchien; ein rieſiges Schüp⸗ penaß mit einem zwergartigen Eckſteinaß kämpfend; eine ausgeſtopfte Schlange mit ihren Ringen den Baum der Wiſſenſchaft des Guten und des Böſen umſchlie⸗ ßend; ein Capuciner von Pappe, die Wetterveränderung anzeigendz eine die Stunde meſſende Sanduhr; eine ungeheure Trompete, die nur auf die letzte Stunde zu warten ſchien, um mit ihrem Schalle das jüngſte Ge⸗ richt zu verkündigen; endlich ein ganzes Zauberei⸗Mo⸗ biliar, das heißt die Verkörperung des Traumes, den 244 die Brocante ihr ganzes Leben gemacht hatte, die Welt einer Chiromantiſtin durch die Einbildungskraft eines Malers verwirklicht. Für Alles war man beſorgt geweſen: die Krähe hatte ihren Thurm in einer Ecke des Zimmers, die Hunde hatten ihr Häuschen in Tonnen. Ein Bett mit gedrehten Säulen vervollſtändigte das Ameublement des Zimmers. Das Cabinet von Babolin war eine kleine Piece mit grauen Tapeten, mit einem ſehr weißen, ſehr rein⸗ lichen, ſehr neuen Bette in eichener Bettlade, zwei Stüh⸗ len, einem Tiſche, einem in ihren inneren Theilen einen Schrank bildenden Etagère, welche ungefähr vierzig Bände auf ihrem oberen Theile trug. Was das Stübchen im Entreſol, das heißt das Zimmer von Roſe⸗de⸗Noöl betrifft, dieſes war ein wah⸗ res Meiſterwerk, beſonders ein Meiſterwerk von Ein⸗ fachheit. Dieſe Piece war ſo groß wie ein Puppenſtube, ganz mit roſa Zitz ausgeſchlagen, mit himmelblauen Schnüren und ähnlichen Vorhängen und Meubles. Die Porzellane vom Kamin und die Toilette waren blau, mit Sträußen ähnlich denen des Zitzes; der Teppich war ganz blau. Das einzige Gemälde dieſes Stübchens war ein großes vergoldetes Medaillon, ein Paſtellbild enthaltend: dieſes Paſtellbild war das Portrait der Fee Carita, ſo ähnlich, daß es Alle, die ſie kannten, einen Schrei des Erſtaunens ausſtoßen machte. Die Fee hatte ihr Feen⸗ gewand an, um zu den Abendgeſellſchaften des Himmels zu gehen. Verließ man das fantaſtiſche Zimmer der Brorante und trat in dieſes Stübchen ein, ſö war man erſtaunt und ergötzt, wie wenn man aus den Katakomben her⸗ austretend die Sonne wiederſieht. Die Brocante kam zurück, wie ſie gegangen war, das heißt in haſtigem Laufe. Sie theilte die frohe lt — e ie Kunde Roſe⸗de⸗Noél und Babolin mit, und es wurde beſchloſſen, nicht am andern Tage, ſondern noch an dem⸗ ſelben Tage das Haus der Fee zu bewohnen. So nannte man die neue Wohnung. Man nahm einen Fiacre und legte die Gegenſtände darein, von denen man ſich nicht trennen wollte. Roſe⸗ de⸗Noöl wollte ihren ganzen kleinen Hängeboden mit⸗ nehmen; was ihr auch die Brocante von der Eleganz ihres neuen Domicils ſagen mochte, ſie nahm Alles, was man nehmen konnte, und man ging ab. Die Verwunderung von Babvolin und Roſe⸗de⸗Noöl läßt ſich leicht vorſtellen: die Freude von dieſer ging bei⸗ nahe bis zur Tollheit, als ſie in einem Schranke, den die Brocante nicht geſehen hatte, weil er in die Mauer eingeſchloſſen war, alle Arten von griechiſchen und ara⸗ biſchen Schärpen, alle Arten von ſpaniſchen Netzen und Gürteln, alle Arten von Halsbändern und Haarnadeln ſah. Das war für Roſe⸗de⸗Nosl, mit ihren maleriſchen Inſtincten, der Schatz der Schätze, ein wahrer Verſteck⸗ winkel der Tauſend und eine Nacht. W Und dieſer Teppich, dieſer ſo ſanfte, ſammetartige Teppich, auf dem ſie ganz nach ihrem Gefallen mit ihren hübſchen bloßen Füßen würde gehen können! Man nahm noch an demſelben Tage Beſitz von dieſer Wohnung, und Niemand, nicht einmal die Bro⸗ eante, bedauerte es, daß man ſich von dem Speicher der Rue Triperet trennen mußte. Am andern Tage erhielt man den Beſuch von Petrus. Er kam, um zu ſehen, wie ſich die Neueingerichte⸗ ten befinden. Alle Welt war in einem Jubel, die Hunde in ihren Häuschen und die Krähe auf ihrem Thurme inbegriffen. Man war indeſſen nicht ganz ohne Beſorgniß über das, was Petrus gegen allen dieſen im Namen der Fee Larita gegebenen Wohlſtand fordern würde; denn es war am Ende doch wahrſcheinlich, Petrus werde etwas fordern. 246 Petrus verlangte ganz einfach, daß ihm Roſe⸗de⸗ Nosl in ſeinem Atelier ſtehe,— entweder mit Brocante, oder mit Babolin, oder mit allen Beiden. Ohne recht zu wiſſen, was man von ihr forderte, nahm Roſe⸗de⸗Noöl auf der Stelle an. Die Brocante erbat ſich Friſt bis zum andern Tage, 3 um ſich über das, was ſie thun ſollte, mit Jemand zu berathen. Petrus ließ ihr jede Freiheit. Dieſer Jemand, mit dem ſich die Brocante zu be⸗ rathen wünſchte, war Salvator. Hinter Petrus lief auch Babolin weg, um Salva⸗ tor in der Rue aux Fers aufzutreiben und ihn zu bit⸗ ten, wenn er einen Augenblick Zeit habe, möge er⸗ das Haus der Fee beſuchen. Salvator kam noch an demſelben Tage. Seine Anſicht war, ſie könne ganz wohl Petrus die Gunſt bewilligen, die er verlangte. Roſe⸗de⸗Nosl hatte immer Salvator eine feine, di⸗ ſtinguirte Natur geſchienen; es lag eine Art von Kunſt⸗ iinſtinct in dieſem Gefühle des Pittoresken, das ſie bei jedem Anlaſſe entwickelte. Sie konnte nur dabei gewinnen, wenn ſie mit den Elite⸗Organiſationen, die man Petrus, Jean Robert, Ludovic und Juſtin nannte, das heißt mit der Malerei, der Poeſie, der Wiſſenſchaft und der Muſik in Berüh⸗ n rung gebracht wurde. Was die Art betrifft, wie man ſich benehmen würde, ſo könnte die Brorante ruhig ſein: Roſe⸗de⸗Noél ſollte als Schweſter behandelt werden. Salvator forderte daher die Broecante auf, nicht zu warten, bis ſich Petrus die Mühe nähme, wieder zu c kommen, ſondern zuerſt zu ihm zu gehen. Am andern Tage, um zehn Uhr, klopften das Kind ſ und die Alte an die Thüre von Petrus. Als die Thüre offen war, und ſie dieſes wunder⸗ b volle Atelier erblickte, da gab Roſe⸗de⸗Noél ganz andere e be⸗ va⸗ it⸗ as rus di⸗ nſt⸗ bei den ert, rei, üh⸗ rde, Ute icht ind der⸗ dere 247 Ausrufungen des Erſtaunens und der Freude von ſich als die, welche ſie, das Zimmer der Brocante und das ihrige erſchauend, von ſich gegeben hatte. Einmal auf allen Seiten und unter allen Trachten das Portrait der Fee Carita; ſodann tauſend Gegen⸗ ſtände, von denen ſie nicht nur den Gebrauch, ſondern auch die Namen nicht wußte.* Man mußte ihr ſagen, wie jedes Ding hieß und wozu es diente. Sie ſchien indeſſen das Klavier zu erkennenz ihre Finger ſetzten ſich auf die Taſten; ſie entlockte ihm ei⸗ nige Accorde, welche bewieſen, daß ſie einſt die erſten Elemente der Muſik ſtudirt hatte. Doch beinahe in demſelben Augenblicke ſchloß ſie, wie erſchreckt durch eine entſetzliche Erinnerung, das Klavier wieder und entfernte ſich von demſelben. Dann wollte ſie Petrus arbeiten ſehen. Petrus arbeitete. Das Kind ſtieß Schreie freudigen Erſtaunens aus, als es die Gegenſtände ſah, welche es Petrus unter ſeinen Pinſel zu reproduciren beliebte. Der Künſtler erklärte ihr ſodann deutlicher, was er von ihr wünſchte. Petrus würde nicht ihr Portrait von ihr verlangt haben, hätte Roſe⸗de⸗Noél ihn nicht gebeten, es zu machen. Alles war alſo ſchnell verabredet. Noch an demſelben Tage ſollte Roſe⸗de⸗Nosl ſte⸗ hen; am andern Tage und an den folgenden Tagen würde ſie Petrus im Wagen holen und zurückführen laſſen, und Roſe⸗de⸗Noél ſollte entweder mit der Bro⸗ cante oder init Babolin kommen. Noch an demſelben Tage erneuerte ſie ihre Bekannt⸗ ſchaft mit Jean Robert und mit Juſtin.— Sie hatte ſie, wie man ſich erinnert, am Tage der Kataſtrophe bei der Brocante geſehen. Am folgenden Tage kam die Reihe an Ludovic. 248 Ludovic unterſuchte, auf die Bitte von Salvator, Roſe⸗de⸗Noél mit der größten Aufmerkſamkeit. Ihre Glieder waren zart, ſchwach, doch kein Or⸗ gan war bedroht. Ludovie gab ein diätetiſches Verfah⸗ ren an, nach welchem Salvator der Brocante ſich zu richten befahl. Nach acht Tagen“ kannte Roſe⸗de⸗Noöl unter der Leitung von Juſtin alle Roten und fing an auf dem Klavier leichtere Melodien zu ſpielen. Sie hatte allerdings bei der Muſik mehr das An⸗ ſehen, ſie erinnere ſich, als ſie lerne. Ueberdies wußte ſie einige von den ſchönſten Ver⸗ ſen von Lamartine und von Victor Hugo auswendig, welche ſie Jean Robert gelehrt hatte, und die ſie er⸗ ſtaunlich richtig und ausdrucksvoll recitirte. Endlich ließ ſie ſich von Petrus alle Augenblicke das Verſprechen geben, er werde ſie malen lehren. An dem Tage, wo wir ſie im Atelier haben ſte⸗ hen ſehen, war Roſe⸗de⸗Noél bei ihrer zehnten Sitzung. Salvator kam faſt alle Tage. Der Zufall wollte, daß er an dieſem Tage zum erſten Male mit ſeinem Hunde kam: Petrus hatte ihn gebeten, Roland mitzu⸗ bringen, um einen leeren Winkel ſeines Bildes von Mignon auszufüllen. Man hat geſehen, was auf das Zuſammentreffen von Roland und Roſe⸗de⸗Noöl erfolgt iſt. Am Tage nachher, gegen acht Uhr Morgens, in dem Augenblicke, wo Roſe⸗de⸗Noöl aufgeſtanden war, klopfte man dreimal an die Thüre, und Babolin, der den Auftrag hatte, die Beſuche einzuführen, derſ Jüngſte und der Nächſte bei der Eingangsthüre, Babolin öffnete dieſe Thüre. Man hörte ſogleich die Worte: „Ah! es iſt unſer guter Freund, Herr Salvator!“ Der Name Salvator wirkte magiſch im Hauſe, Er wurde auf der Stelle mit einer freudigen Betonung von der Brocante und von Roſe⸗de⸗Nosl wiederholt. nes in r, ſte te 9 249 „Ja, Schlingel, ich bin es,“ antwortete Salvator. Salvator trat ein, und Roſe⸗de⸗Noöl ſprang ihm an den Hals. „Guten Morgen, mein Freund,“ ſagte ſie. „Guten Morgen, mein Kind,“ erwiederte Salvator, während er aufmerkſam ſchaute, ob Roſe⸗de⸗Nosl die roſigen Töne ihrer Wangen einer Rückkehr guter Ge⸗ ſundheit oder der Gegenwart des Fiebers verdankte. „Und Braſil?“ fragte das Mädchen. „Braſil iſt dieſen Morgen müdez er iſt die ganze Nacht gelaufen. Ich werde ihn an einem andern Tage bringen.“ „Guten Morgen, Herr Salvator,“ ſagte die Bro⸗ cante, die bemerkt hatte, daß ein Spiegel in ihrem Zimmer war, und es ſeit einigen Tagen für ſchicklich erachtete, ſich zu kämmen.„Ei! welcher gute Wind verſchafft uns das Vergnügen Ihres Beſuches?“ „Ich werde es Dir ſogleich ſagen,“ antwortete Salvator.„Vor Allem aber, wie befindeſt Du Dich in Deiner neuen Behauſung, Brocante?“ „Wie in einem wahren Paradieſe, Herr Salvator.“ „Nur mit der Ausnahme, daß ſie vom Teufel be⸗ wohnt wird. Nun, das iſt eine Rechnung, welche Du mit Gott abzumachen haſt. Ich miſche mich nicht dar⸗ ein.— Und Du, Roſe⸗de⸗Rosl, wie gefällt es Dir hier?“ „So gut, daß ich nicht glauben kann, ich ſei hier, obgleich es mir ſcheint, ich ſei immer hier geweſen.“ „Alſo wünſchſt Du nichts?“ „Nein, Herr Salvator, nichts als Ihr Glück und das der Prinzeſſin Regina,“ erwiederte Roſe⸗de⸗Nosl. „Ach mein Kind,“ ſagte Salvator,„ich befürchte, Gott gewährt Dir nur die Hälfte Deines Wunſches.“ „Es iſt Ihnen kein Unglück widerfahren?“ fragte das Kind mit Beſorgniß. „Nein, ich bin die lächelnde, freudige Seite Dei⸗ nes Wunſches.“ 25⁰ „Dann iſt die Prinzeſſin unglücklich?“ fragte Roſe⸗ de⸗Noél. „Ich befürchte es.“ „Ach! mein Gott!“ rief Roſe⸗de⸗Noöl, Thränen in den Augen. „Bah!“ ſagte Babolin,„da ſie Fee iſt, ſo wird das nicht lange dauern.“ „Wie kann man mit zweimal hunderttauſend Livres Einkommen unglücklich ſein?“ fragte die Brocante. „Nicht wahr, Du begreifſt das nicht, Brocante?“ „Ah! bei meiner Treue, nein,“ erwiederte dieſe. „Sprich. Mutter, eine Idee!“ rief Babolin. „Welche?“ „Iſt die Fee Carita unglücklich, ſo wünſcht ſie et⸗ was, was nicht geſchieht.“ „Das iſt wahrſcheinlich.“ „Nun wohl, ſo bringe für ſie Dein großes glück⸗ liches Gelingen zu Stande.“ „Sehr gernz wir ſind ihr das wohl ſchuldig. Roſe, gib mir das Zauberſpiel.“ Roſe machte eine Bewegung, um zu gehorchen. Salvator hielt ſie zurück. „Später,“ ſagte er;„ich bin wegen einer ganz andern Sache gekommen.“ Sodann ſich gegen die Alte umwendend: „Holla! Brocante, wir zwei haben es mit einander zu thun.“ F „Was gibt es, Herr Salvator?“ fragte die Zigeu⸗ nerin mit einer gewiſſen Unruhe, von welcher ſie nie ganz frei zu ſein ſchien, und die wohl ihre Quelle in den Verordnungen der Polizei über die modernen Hexen haben konnte. „Erinnerſt Du Dich der Nacht vom Faſching⸗ dienſtag auf den Aſchermittwoch?“ „Ja, Herr Salvator.“ „Du erinnerſt Dich meines Beſuches Morgens um ſieben Uhr?“ 1 — —— N— ück⸗ dig. an nder geu⸗ nie in ren ng⸗ um —— 251 „Vollkommen.“ „Erinnerſt Du Dich deſſen, was dieſem Beſuche vorhergegangen iſt?“ „Vor Ihrer Ankunft hatte ich Babolin zum Schul⸗ meiſter des Faubourg Saint⸗Jacques geſchickt.“ „So iſt es; laß nun hören,— rufe alle Deine Erinnerungen zurück,— warum hatteſt Du Babolin zum Schulmeiſter geſchickt?“ „Um ihm einen Brief bringen zu laſſen, den ich in einer Goſſe der Place Maubert gefunden hatte.“ „Biſt Du deſſen, was Du ſagſt, ganz ſicher?“ „Ganz ſicher, Herr Salvator!“ „Stille! Du lügſt...“ „Ich ſchwöre, Herr Salvator...“ „Du lügſt, ſage ich Dir! Du haſt mir ſelbſt ge⸗ ſagt, doch Du erinnerſt Dich deſſen nicht mehr, dieſer Brief ſei aus dem Schlage eines vorüberfahrenden Wa⸗ gens geworfen worden.“ „Ah! das iſt wahr, Herr Salvator, doch ich glaubte nicht, daß dies von einiger Bedeutung ſei.“ „Der Brief hat an die Mauer geſchlagen und iſt an den Weichſtein gefallen, wo Deine Laterne ſtand. Du haſt das Geräuſch gehört, das etwas machte, was an der Mauer zerbrach: Du haſt die Laterne genommen und geſucht.“ „Sie waren alſo da, Herr Salvator?“ „Du weißt, daß ich immer da bin... Wenn dieſer Brief an die Mauer ſchlagend ein Geräuſch machte, das Du hören konnteſt, ſo mußte nothwendig etwas im Briefe ſein.“ „Im Briefe?“ wiederholte die Brocante, welche zu ſehen anfing, worauf das Verhör abzielte. „Ja, ich frage Dich, was darin war.“ „Es war in der That etwas darin,“ antwortete die Brocante,„doch ich erinnere mich nicht mehr, was.“ „Gut!. Unglücklicher Weiſe erinnere ich mich; es war eine Uhr darin.“ 252 „Das iſt wahr, Herr Salvator; ein ganz kleines D Uehrchen; doch ſo klein, ſo klein....“ K „Ja, daß Du es vergeſſen hatteſt... Was haſt Du mit dieſer Uhr gemacht? Sprich!“ ge „Was ich damit gemacht habe? Ich weiß es nicht,“ 8 antwortete die Brocante, indem ſie an Roſe⸗de⸗Noöl ib vorüberging, als wollte ſie vor Salvator den Anblick er der Kette verbergen, welche den Hals des Kindes um⸗ ho ſchlang. 5 nt nahm die Alte bei der Hand und ließ ſie Rechtsumkehrt machen. „Geh von hier weg,“ ſagte er.„Was hat denn Roſe⸗de⸗Noöl um den Hals?“ „Herr Salvator,“ antwortete zögernd die Brocante, ma „es iſt.. hir „Es iſt,“ rief das Kind, indem es die Uhr aus ſeiner Bruſt zog,„es iſt die Uhr, die in dem Briefe Fu war.“ füt Und ſie reichte die Uhr Salvator. „Willſt Du ſie mir geben?“ fragte der junge de⸗ Mann. „Sie wollen ſagen: Ihnen zurückgeben, mein guter Freund; da ſie nicht mir gehörte, ſo konnte ich ſie nur ſo lange behalten, als man ſie nicht zurückforderte. Hier, Herr Salvator,“ fügte das Mädchen mit einer Thräne in den Augen bei, denn im Grunde war es doch eine Pein für ſie, daß ſie ſich von dem reizenden Juwel trennen ſollte;„ich bin ſehr ſorgfältig damit umgegangen.“ Ro „Ich danke, Kleine! Ich muß Dir dieſe Uhr wie⸗ ſag ————————— der nehmen aus Gründen, die nur mir bekannt ſind...“ Si „Oh! ich frage Sie nicht danach,“ unterbrach Roſe⸗ de⸗Nosl. ſet „Dieſe Uhr iſt aber wenigſtens ſechzig Franken ſette werth!“ rief die Brocante;„und da⸗ ich ſie gefunden habe. gun „Ich gebe Roſe⸗de⸗Nosl eine andere; und ſie wird ines haſt ht,“ oöl lick m⸗ ieß enn nte, u efe ————————— 253 Dir eben ſo lieb ſein, als dieſe, nicht wahr, mein Kind?“ „Oh!l viel lieber, Herr Salvator, da Sie ſie mir gegeben haben.“ „Ueberdies ſind hier fünf Louisd'or, mit denen Du ihr ein Halbſommerkleid kaufen wirſt, Brocante. Am erſten ſchönen Tage werde ich ſie zum Spaziergange ab⸗ holen: das Kind bedarf der Luft.“ „Oh! ja! oh! ja!“ rief Roſe⸗de-Nosl ſpringend und in die Hände klatſchend. Die Brocante brummte; Salvator ſchaute ſie aber feſt an, und ſie ſchwieg. Im Beſitze der Uhr, die er hatte haben wollen, machte Salvator einen Schritt, um wegzugehen; da hing ſich Roſe⸗de⸗Nosl an ihn an. „Nein, nein,“ rief Babolin, eiferſüchtig auf ſeine Functionen,„es iſt an mir, Herrn Salvator zurückzu⸗ führen.“ „Tritt mir den Platz für diesmal ab!“ ſagte Roſe⸗ de⸗Nosl. „Ah!“ erwiederte Babolin,„und ich?“ Salvator drückte ihm ein Geldſtück in die Hand. „Du, bleib' hier!“ ſagte er. Eer begriff, daß ihm Roſe⸗de⸗Nosl etwas allein zu ſagen hatte. „Komm!“ ſprach er. Und er nahm das Kind mit ſich. Als ſie Beide im Vorzimmer waren, ſprang ihm Roſe⸗de⸗Nosl an den Hals und küßte ihn. „Oh! Herr Salvator,“ ſagte ſie,„wie gut find Sie, und wie liebe ich Sie!“ Salvator ſchaute ſie an und lächelte. „Hatteſt Du mir nichts Anderes zu ſagen, Ro⸗ ſette?“ fragte er. „Nein,“ antwortete das Kind, indem es Salvator ganz erſtaunt anſchaute,„ich wollte Sie nur küſſen.“ Salvator küßte ſie ebenfalls und lächelte zum zwei⸗ 254 ten Male; nur lag in dieſem zweiten Lächeln eine höchſte Glückſeligkeit: dieſe Zärtlichkeit des Kindes brachte auf das verhärtete Herz des Mannes die Wir⸗ kung der erſten Sonnenſtrahlen auf die erſtarrte Erde hervor. Er ſtreichelte ſanft mit ſeiner Hand die braune Wange von Roſe⸗de⸗Nosl. „Ich danke Dir, Kleine, Du weißt nicht, wie wohl Du mir gethan haſt!“ Dann blieb er ſtehen und ſchaute ſie an: es kam ihm der Gedanke, er ſollte dieſen Augenblick benützen, um ſie zu fragen, ob ſie keinen Bruder gehabt habe. Doch nach einer Secunde der Ueberlegung ſagte er ſich: „Oh! nein, ſie iſt jetzt zu glücklich... Wir wer⸗ den ſpäter ſehen.. Und nachdem er ſie zum letzten Male geküßt hatte, ging er ab. CXXXVII. Stabat mater dolorosa. Salvator, als er die Rue d'Ulm verließ, ging durch die Rue des Urſulines, die Rue Saint⸗Jacques, und erreichte die Vorſtadt. Der Leſer hat errathen, wohin er ging. Vor der Thüre des Schulmeiſters angelangt, klingelte er. Die Klingel ſtand in Verbindung mit dem erſten Stocke, damit die Beſuche Juſtin nicht in ſeinen Klaſſen ſtörten. Es war Schweſter Celeſte, welche öffnete. eine ides ir⸗ rde une ohl kam en, abe. ich: ver⸗ tte, ing ues, ngt, 255 Das bleiche Geſicht des Mädchens färbte ſich roſen⸗ roth, als ſie Salvator ſah. „Iſt Herr Juſtin zu Hauſe?“ fragte der junge Mann. „Ja,“ antwortete Schweſter Ceéleſte. „In ſeiner Klaſſe oder in ſeinem Zimmer?“ „Bei meiner Mutter; gehen Sie hinauf. Wir ſpra⸗ chen von Ihnen, als Sie klingelten.“ Es begegnete der armen Familie oft, daß ſie von Salvator ſprach. Sie gingen die Treppe hinauf, ließen das leere Zimmer von Mina links, und traten bei Madame Cor⸗ bin ein. Um den Ofen, der der Familie gls Vereinigungs⸗ punkt diente, waren die alte Blinde, der gute Müller und Juſtin. Nichts hatte ſich verändert, wenn nicht, daß alle Söte in ſechs Wochen um zehn Jahre älter gewor⸗ den waren. Die Mutter Corbin beſonders war erſchrecklich an⸗ zuſchauen: ihr Geſicht war gelb wie Wachs; ihre Haare waren ſilberweiß. Sie hieit ſich gegen die Erde ge⸗ beugt und ſuchte, wie es ſchien, nicht einmal denjeni⸗ gen, welcher ankam, zu erkennen. Das war die Verkörperung des ſtummen, unbeweg⸗ lichen und tauben Schmerzes, mit ſeinem erhabenen Ausdrucke von Geduld und Selbſtverleugnung. Sie neigte ſo ſchwach den Kopf, als ſie Salvator eintreten hörte und ſeine Stimme erkannte, daß ſie Salvator für eine ſteinerne Statue der Jungfrau am Fuße des Kreuzes hätte halten können. Der gute Müller glich auch einer Verſteinerung des Kummers. Der wackere Mann, der die erſte Idee des Penſionnats gehabt und die Adreſſe von Madame Des⸗ marets gegeben hatte, hielt ſich beharrlich für den all⸗ einigen Urheber des Uebels, und er empfing die Trö⸗ ſtungen von Juſtin, ſtatt ihm ſolche zu geben. 256 Er, Juſtin, war nicht ſo niedergeſchlagen, als man hätte glauben ſollen. Die erſten Tage, während der ganzen Zeit, da er nicht ſeine Klaſſen gegeben, war er, völlig vernichtet, in ſeinem Zimmer geblieben. Nach⸗ dem er aber verzweifelt war, nachdem er das Bewußt⸗ ſein der Unermeßlichkeit ſeines Schmerzes gehabt hatte, war es ſein Schmerz ſelbſt, der ihn, ſo zu ſagen, rege⸗ nerirte; er ſtärkte ſich wieder darin, wie in einem Bade von bitteren Pflanzen, und er, der von Anfang der Em⸗ pfindlichſte der Familie zu ſein ſchien, war derjenige, welcher durch eine kräftige Reaction auf ſich ſelbſt wie⸗ der Stärke erlangte und Jedem davon gab. Als er Salvator eintreten ſah, ſtand er auf und ging ihm entgegen. Der gute Müller bot ihm einen Stuhl an und richtete dabei mehr zu Befreiung ſeines Gewiſſens, als in der Hoffnung, eine günſtige Antwort zu erhalten, an ihn die ſacramentliche Frage: „Haben Sie Nachrichten?“ 5 Das war übrigens ſeit dem Abgange von Mina das Wort, mit dem Jeder den Andern anredete. Machte Céleſte einen Gang im Quartier, ſo frag⸗ ten ſie Juſtin und ſeine Mutter: „Welche Nachrichten?“ Kam Juſtin nach einem Ausgange, ſo kurz er war, nach Hauſe, ſo richteten die Mutter und Celeſte dieſelbe Frage an ihn. Und eben ſo war es jeden Tag bei Müller, wenn Miüller ſeinen täglichen Beſuch machte. Die Familien, welche hundert Schritte von den Schlachtfeldern wohnen und für die Weſen zittern, die ihnen theuer ſind, erkundigen ſich nicht mit einer mehr fieberhaften Angſt nach dem Kriege. An dieſem Tage war es, wie geſagt, Müller, der die ſacramentliche Frage an Salvator richtete. „Ja!“ antwortete dieſer laconiſch. Céleſte lehnte ſich an die Wand; die Mutter ſtand „ all de fre ni rei Ge lieb nod ihr ſich bede des hat dieſe 6 nan der war ch⸗ ßt⸗ tte, ge⸗ ade m⸗ ige, ie⸗ ind und als ar, lbe nn en die —— 257 plötzlich wie durch eine Federkraft emporgehoben; Ju⸗ ſtin fiel auf einen Stuhl; Müller zitterte an allen Gliedern. „Aber gute Nachrichten?“ fragte Müller. Keines von den Andern hatte die Kraft, zu ſprechen. „Ja!“ antwortete abermals der junge Mann. „Sprechen Sie! ſprechen Sie!“ ſagten gleichzeitis alle Stimmen. „Oh! erwarten Sie nicht zu viel Glück,“ erwie⸗ derte Salvator:„Sie könnten getäuſcht werden. Was ich Ihnen mitzutheilen habe, iſt faſt ſo traurig, als freudig, faſt ſo bitter, als ſüß. Gleichviel, ich will Sie nicht einer Freude berauben, und wäre dieſe Freude auch von einem Kummer begleitet.“ „Reden Sie!“ rief Juſtin. „Reden Sie!“ wiederholten die Anderen. Salvator zog aus ſeiner Taſche das Uehrchen, reichte es Juſtin und ſagte: „Vor Allem, mein Freund: erkennen Sie das?“ Juſtin ſtürzte auf die Uhr zu. „Die Uhr von Mina!“ rief er, indem er ſie mit Küſſen bedeckte;„die Uhr, die ich ihr an ihrem letzten Geburtstage gegeben habe! die Uhr, die ſie ſo fehr liebte, wie ſie mir ſagte, daß ſie ſich weder bei Tage, noch bei Nacht von ihr trennen werdes ſie hat ſich von ihr getrennt! Oh! ſagen Sie, ſagen Sie, wie hat ſie ich von ihr getrennt?“ Die Mutter hatte ſich wieder geſetzt. Sie machte ein Zeichen mit dem Kopfe, das gleich⸗ bedeutend mit dem Ausrufe von Jacob beim Anblicke des blutigen Rockes von Joſeph war:„Ein böſes Thier hat meinen Sohn gefreſſen.“ „Nein! nein!“ entgegnete lebhaft Salvator, der dieſe Geberde begriff,„nein, ſeien Sie ruhig. Ihr Kind iſt nicht todt! Mina lebt!“ Das war ein Freudenſchrei unter allen Anweſenden. „Ich habe ſie geſehen!“ fuhr Salvator fort. Die Mohicaner von Paris. V. 17 258 „Sie!“ rief Juſtin, indem er dem jungen Manne um den Hals fiel und ihn mit ſeinen Armen unſchlang; „Sie haben Mina geſehen?“ „Ja, mein lieber Juſtin.“ „Wo? wann?. Liebt mich Mina noch?“ „Sie liebt Sie immer, ſie liebt Sie mehr als je,“ wortete der junge Mann, der Juſtin zu beſänftigen ſeine Kaltblütigkeit zu bewahren ſuchte. „Sie hat Ihnen das geſagt?“ „Sie hat es mir geſagt, wiederholt, verſichert.“ „Wann?“ „Heute Nacht.“ „Aber ſagen Sie mir doch geſchwinde, wo Sie ſie geſehen haben?“ „Und Sie, mein lieber Juſtin, laſſen Sie mir Zeit, es zu ſagen.“ „Das iſt wahr,“ ſprach der gute Müller, während er aus ſeiner Taſche ein Foulard zog, um die Thränen abzuwiſchen, die ſeinen Augen entſtürzten,„das iſt wahr, Du willſt, daß Salvator ſprechen ſoll, und läſſeſt ihm nicht Zeit, zu ſprechen.“ „Er hätte ſchon geſprochen, wenn er es thun könnte,“ ſagte Madame Corbin den Kopf ſchüttelnd. „Nun wohl,“ ſprach Juſtin, der ſich wieder ſetzte, 45 frage Sie nicht mehr, mein lieber Salvator; ich ören“ „Hören Sie alſo, und zwar geduldig. In einer Abſicht, mit der Sie bekannt zu machen unnöthig iſt, ging ich geſtern Abend ein paar Stunden von Paris, zwiſchen elf Uhr und Mitternacht, ſpazieren. Ich war in einem Parke. Dort, beim Mondſcheine, ſah ich durch die Bäume ein Mädchen herbeikommen, das ſich auf eine Bank, vier Schritte von dem Platze, wo ich verborgen war, ſetzte.“ „Das war Mina? rief Juſtin, unfähig, ſich zu mäßigen. „Das war Mina.“ „ to nne ng je. igen 259 „Und Sie haben nicht mit ihr geſprochen?“ „Ich habe mit ihr geſprochen, da ſie mir geant⸗ wortet hat, ſie liebe Sie immer!“ „Das iſt richtig.“ „Aber laſſen Sie ihn doch reden!“ rief Müller un⸗ geduldig. „Mein Bruder!“ bat Schweſter Celeſte. S Die Mutter war wieder in ihre Unbeweglichkeit und ihre Stummheit verſunken. „Einen Augenblick nachher,“ fuhr Salvator fort, „erſchien ein junger Mann und ſetzte ſich zu ihr.“ „Oh!“ machte Juſtin. „Ich irre mich, er ſetzte ſich nicht,“ ſagte Salva⸗ tor:„Mina hielt ihn ſehend und ehrfurchtsvoll vor ſich“ „Und dieſer junge Mann, nicht wahr, es war der Graf Lorédan von Valgeneuſe?“ „Es war der Graf Lorédan von Valgeneuſe,“ wie⸗ derholte Salvator „Oh! der Elende,“ ſagte Juſtin mit den Zähnen knirſchend;„fällt mir dieſer je in die Hände. „Stille, Juſtin!“ rief Müller. „Wenn Sie mich nicht ruhig anhören, Juſtin, ſo ſchweige ich,“ ſprach Salvator. „Oh! nein, nein, mein Freund, ich bitte Sie in⸗ ſtändig.“ „Ich hörte ihr Geſpräch von Anfang bis zu Ende, und aus dieſem Geſpräche, deſſen Einzelheiten ich Ihnen nicht mittheilen will, ging für mich hervor, daß Herr Lorédan von Valgeneuſe gegen Sie einen Vorführungs⸗ befehl erlangt hat.“ „Einen Vorführungsbefehl!“ riefen alle Anweſende. Nur Madame Corbin blieb ſtumm. „Worüber klagt man ihn aber an?“ fragte Herr üller. „Ja, worüber klagt man mich an?“ wiederholte Juſtin. „Man bezüchtigt Sie des Verbrechens der Entfüh⸗ 260 rung und der Sequeſtrirung einer Minderjährigen, ein Verbrechen, für das durch die Artikel 355 und 356 des Strafcodex vorhergeſehen iſt.“ „Oh! der Elende!“ rief unwillkürlich der gute Müller. Juſtin ſchwieg; unbeweglich hatte die Mutter, wie geſagt, kein Wort geſprochen und keine Miene verändert. „Ja, es iſt ein großer Schurke,“ ſagte Salvator, doch es iſt ein allmächtiger Schurke und ſo hoch geſtellt, daß wir ihn nicht erreichen können!“ „Und dennoch!.. rief Juſtin energiſch. „Ja, und dennoch müſſen wir ihn erreichen, nicht wahr?“ fuhr Salvator fort;„das iſt Ihr Gedanke, das iſt auch der meinige.“ „Wenn ich dieſen Menſchen aufſuchen würde!“ rief Juſtin, indem er, wie bereit, abzugehen, aufſtand. „Wenn Sie ihn aufſuchen würden, Juſtin,“ er⸗ wiederte Salvator,„er ließe Sie durch ſeinen Portier verhaften und nach der Conciergerie führen.“ „Wenn aber ich ginge, ich, ein Greis..7“ fragte Müller. „Sie, Herr Müller, würde er durch ſeine Bedien⸗ ten packen und nach Bicstre bringen laſſen.“ „Was iſt denn zu thun?“ rief Juſtin. „Man muß thun, was unſere Mutter thut: be⸗ ten..“ ſprach Schweſter Céleſte. Die Mutter betete in der That leiſe. „Sie haben aber mit ihr geſprochen,“ rief Juſtin, „Sie haben uns alſo etwas zu ſagen.“ „Ja, ich habe meine Erzählung zu vollenden. Mina war herrlich vor Scham und Würde!.. Juſtin, das iſt eine heilige Jungfrau! lieben Sie fie mit gan⸗ zer Seele.“ „Oh!“ rief der junge Mann,„ich liebe ſie, ich liebe ſie!“ „Herr Lorédan entfernte ſich und ließ Mina allein. Da dachte ich, es ſei Zeit, mich zu zeigen. Ich näherte —„„—„—— ein es ute vie rt. or, lt, cht as er⸗ ier gte en⸗ be⸗ en. in, n⸗ in. rte 261 mich dem armen Kinde, vas, auf dem Sande knieend, Gott um Rath und um Hülfe bat. Es genügte, Ihren Namen auszuſprechen, um mich zu erkennen zu geben. Sie fragte mich wie Sie:„„Was iſt denn zu thun?““ und, wie Ihnen, antwortete ich ihr:„Warten und hoffen!“ Da erzählte ſie mir in allen Einzelheiten die Entführung und ihre Folgen; wie ſie, in einem Wagen durch die Straßen von Paris fortgeführt, ge⸗ nöthigt war, um Ihnen Ihren Brief zukommen zu machen, ihre Uhr damit zu umwickeln. Die Uhr mußte bei der Frau ſein, die Ihnen den Brief geſchickt hatte; ich ging dahin, ich forderte ſie zurück. Die Bro⸗ cante leugnete, Roſe⸗de⸗Noöl gab ſie mir.“ Juſtin küßte aufs Neue die kleine Uhr. „Sie wiſſen das Uebrige,“ ſprach Salvator,„und ſehr bald werde ich Ihnen ſagen, was mir zu thun zweckmäßig ſcheint.“ Und nachdem er dieſe Worte geſagt, grüßte er, und während er grüßte, winkte er Juſtin, ihn zurück⸗ zubegleiten. Juſtin verſtand das Zeichen und folgte ihm. Madame Corbin blieb ſo unbeweglich beim Abgange von Salvator, als ſie bei ſeinem Eintritte unbeweglich geblieben war. CXXXVIII. Einweihung. Die beiden jungen Leute gingen in das Schlaf⸗ zimmer von Juſtin, das heißt in die Stube hinab, wo er ſeine Schule hielt. 262 Die Schule war aber leer, weil die Kinder, in Betracht der Feierlichkeit des Tages, der ein Sonntag war, Vacanz hatten. Salvator bedeutete Juſtin durch einen Wink, er möge ſich ſetzen. Juſtin nahm einen Stuhl; Salvator ſetzte ſich auf einen Tiſch. „Mein lieber Freund,“ ſprach Salvator, indem er mit der Hand Juſtin über die Schulter ſtrich,„ſchenken Sie mir nun Ihre ganze Aufmerkſamkeit und verlieren nicht ein Wort von dem, was ich Ihnen ſagen werde.“ „Ich höre, denn ich vermuthete wohl, Sie haben nicht Alles vor einer Mutter und einer Schweſter geſagt.“ „Und Sie hatten Recht. Es gibt Dinge, die man vor einer Mutter und vor einer Schweſter nicht ſagt.“ „Sprechen Sie; ich höre.“ „Juſtin, Sie werden Mina durch die gewöhnlichen Mittel nicht wiederfinden.“ „Ja, doch durch Ihre Vermittlung werde ich ſie wiederſehen, nicht wahr?“ „Es mag ſein, nur muß Alles unter uns genau feſtgeſetzt werden.“ „Wenn ich ſie nur wiederſehe, wenn ich nur weiß, wo ſie iſt,— das Uebrige iſt meine Sache.“ „Sie täuſchen ſich, Juſtin. Von dieſem Augen⸗ blicke geht Alles mich an. Ja, Sie werden ſie wie⸗ derſehen, da ich es Ihnen verſpreche; ja, Sie werden ſie entführen, das iſt möglich, leicht ſogar; ja, Sie werden ſie verbergen, daß man ſie nicht wiederfindet: doch man wird Sie finden!“ „Nun, was dann?“ „Hat man Sie gefunden, ſo werden Sie verhaftet, eingekerkert!“ „Was liegt mir daran? es gibt eine Gerechtigkeit in Frankreich; man wird früher oder ſpäter meine Un⸗ ſchuld erkennen, und Mina wird gerettet ſein.“ en ſie au iß, ie⸗ en ie eit 263 „Früher oder ſpäter, haben Sie geſagt? Ich gebe das früher oder ſpäter zu, obſchon ich über dieſen Punkt nicht Ihrer Anſicht bin; nur muß ich den ſchlimm⸗ ſten Fall ſetzen. Nehmen wir an, Ihre Unſchuld werde erkannt. doch ſpät,— glauben Sie mir, ich räume Ihnen viel ein,— nach einem Jahre, zum Beiſpiel. Nun wohl, was wird während dieſes Jahres mit Ihrer Familie geſcheben? Das Elend wird durch die Thüre eintreten, die Ihr Abgang offen gelaſſen hat; Ihre Mutter und Ihre Schweſter werden Hungers ſterben.“ „Nein! denn die guten Herzen werden ihnen zu Hülfe kommen.“ „Ah! wie irren Sie ſich, mein armer Juſtin! Die Valgeneuſe haben die hundert Arme des Briareus. Wie es für ſie genügt haben wird, einen von dieſen Armen auszuſtrecken, um die Thüre eines Kerkers zu öffnen, ſo werden ſie mit den neunundneunzig anderen, die ihnen bleiben, einen Kreis um Ihre Familie ziehen, den das NRitleid nicht zu überſchreiten wagt. Die guten Herzen werden Ihrer Mutter und Ihrer Schweſter zu Hülfe kommen? Was verſtehen Sie unter den guten Herzen? Jean Robert, einen Dichter, der heute ſo reich iſt wie Herr Laffitte, der morgen ärmer iſt als Sie; Petrus, einen Maler, einen Mann der Fantaſie, der Bilder für ſich und nicht für das Publikum macht, der nicht von ſeinem Pinſel, ſondern ſein armſeliges kleines Erbe verzehrend lebt; Ludovic, einen Arzt von Talent, von Verdienſt, von Genie ſogar, wenn Sie wollen, doch einen Arzt ohne Kundſchaft; mich, einen armen Com⸗ miſſionär, der ich von meinem täglichen Verdienſte lebe und nie für den folgenden Tag ſtehen kann.. Ihre Mutter und Ihre Schweſter ſind gute Chriſtinnen, und es wird ihnen die Kirche bleiben? Einer der einfluß⸗ reichſten Cardinäle unſerer Zeit iſt ein Verwandter der Valgeneuſe. Das Wohlthätigkeits⸗Bureau? Der Prä⸗ ſident des Bureau iſt ſelbſt ein Valgeneuſe. Sie werden ſich an den Präfecten der Seine, an den Miniſter des . 264 Innern wenden? Man wird ihnen zwanzig Franken ein für allemal geben, und wird man ſie ihnen auch geben, wenn man erfährt, daß ſie die Mutter und die Schweſter eines Mannes ſind, der, eines Verbrechens bezüchtigt, das Galeerenſtrafe nach ſich zieht, verhaftet iſt?“ „Was iſt aber dann zu thun?“ rief Juſtin ganz bebend vor Wuth. Salvator ſtützte ſeine Hand kräftiger auf die Schulter von Juſtin, heftete ſeinen Blick auf Juſtins Blick und fragte: „Was würden Sie thun, wenn ein Baum auf Ihren Kopf zu fallen drohte?“ „Ich würde den Baum fällen,“ erwiederte Juſtin, der die Methapher ſeines Freundes zu begreifen anfing. „Was würden Sie thun, wenn ein einer Mena⸗ gerie entſprungenes wildes Thier durch die Stadt liefe?“ „Ich würde eine Flinte nehmen und das wilde Thier todt ſchießen.“ „Dann ſind Sie derjenige, welchen ich in Ihnen zu finden hoffte,“ ſprach Salvator ernſt;„hören Sie mich alſo an.“ „Ich glaube Sie zu verſtehen,“ erwiederte Juſtin, indem er ſeine Hand auf die Lende ſeines Freundes legte. „Sicherlich,“ ſagte Salvator,„ſicherlich wäre der⸗ jenige, welcher, um eine perſönliche Beleidigung zu rächen, Unordnung in die Stadt bringen würde, der⸗ jenige, welcher, weil ſein Haus brennt, die Stadt in Brand zu ſtecken verſuchen würde, dieſer wäre ein Dumm⸗ kopf, ein böſer Menſch oder ein Narr. Derjenige aber, Juſtin, der die Wunden der Geſellſchaft ſondirt hätte und ſich ſagen würde:„Ich kenne aus dem Grunde das Uebel, ſuchen wir das Gegenmittel,““ dieſer würde das Werk eines guten Bürgers thun, dieſer wäre ein redlicher Mann. Juſtin, ich bin eines von den troſt⸗ loſen Mitgliedern der durch ein paar Intriganten un⸗ terdrückten großen menſchlichen Familie. Jung, bin ich 265 bis auf den Grund in dieſen Ocean niedergetaucht, den man die Welt nennt, und ich bin, wie der Taucher von Schiller, voll Grauen zurückgekommen. Dann bin ich in mich ſelbſt zurückgegangen, und ich habe über das Elend von meines Gleichen nachgedacht. Ich habe ſie Alle an mir vorüberziehen ſehen, die Einen als Laſt⸗ thiere ſich beugend unter einer Bürde, die ihre Kräfte überſteigt, die Andern als Schafe, die der Fleiſcher zur Schlachtbank führt. Bei diefem Anblicke ſchämte ich mich für meines Gleichen, ich ſchämte mich für mich ſelbſt, ich kam mir vor wie ein Menſch, der in einem Walde einen andern Menſchen von Räubern angegriffen ſehen würde und, hinter einem Baume verborgen, ihn aus⸗ plündern, todtſchlagen, ermorden ließe, ohne ihm Hülfe zu leiſten. Dumpf ſeufzend, ſagte ich mir, es gebe für Alles, den Tod ausgenommen, ein Mittel, und der Tod ſei ſogar nur ein individuelles Uebel, ohne ein Mißgeſchick für die Art zu ſein. Als mir eines Tags ein Sterbender ſeine Wunden zeigte, fragte ich ihn: „Wer hat ſie Dir gemacht?““ und er antwortete mir: „Die Geſellſchaft! das ſind Deines Gleichen!“ Da hemmte ich das Wort auf ſeinen Lippen, und ich ſagte ihm:„Nein, es iſt nicht die Geſellſchaft, es ſind nicht meines Gleichen, die Dich geſchtagen haben. Es ſind nicht meines Gleichen, die in der Tiefe eines Waldes auf Dich lauern und Dich Deiner Börſe berauben; es ſind nicht meines Gleichen, diejenigen, welche Dir die Hände binden und Dich ermorden. Diſe es ſind die Böſen, gegen die man kämpfen muß, es ſind die Giftpflanzen des Feldes, die man ausreißen muß.““„Kann ich es?““ erwiederte der Verwundete; „„ich bin allein!“„Nein,““ antwortete ich, indem ich ihm die Hand reichte,„wir ſind zu zwei!““ „Wir ſind zu drei,“ ſagte Juſtin, indem er die Hand von Salvator ergriff. „Du irrſt Dich, Juſtin, wir ſind fünfmal hundert⸗ tauſend.“ 266 „Gut!“ ſprach Juſtin, deſſen Augen vor Freude ſtrahlten;„und Gott, der mich gehört hat, verleugne mich als einen der Seinigen an dem Tage, wo ich die Wortc die ich ſage, verleugnen oder vergeſſen werde.“ „Blavo, Juſtin!“ „Nieder mit dieſer elenden Regierung von Blöd⸗ ſinnigen, von Intriganten und Jeſuiten, welche man unverſchämter Weiſe die Reſtauration genannt hat, während ſie nur der über Frankreich verbreitete Hauch des Auslandes iſt!“ „Genug,“ ſprach Salvator;„ſeien Sie um fünf Uhr bei mir, und ſetzen Sie die Ihrigen davon in Kenntniß, daß Sie heute Nacht nicht nach Hauſe kom⸗ men werden.“ „Wohin gehen wir?“ „Ich werde es Ihnen um fünf Uhr ſagen.“ „Soll ich Waffen mitnehmen?“ „Das iſt unnöthig.“ „Um fünf Uhr?“ „Um fünf Uhr!“ Die zwei jungen Leute trennten ſich. Sie hatten, wie man ſieht, nur einen Augenblick gebraucht, der Eine, um einen Vorſchlag zu machen, der Andere, um dieſen Vorſchlag anzunehmen, bei welchem Beide ihren Kopf aufs Spiel ſetzten. Es war aber ſo mit dem Zuſtande der Geiſter zu jener Zeit. Es gab eine Erinnerung, welche die Furcht⸗ ſamſten muthig, die Sanfteſten grimmig machte: dieſe Erinnerung war der zweimal Frankreichs ſich bemäch⸗ tigende Feind. Dieſe verhaßte, gräuliche Invaſion, die nur ein geſchichliches Factum für die Generation von 1850 iſt, war eine flammende, blutige Erſcheinung für die von 1827. Jeder von uns erinnerte ſich, in der Provinz, der Verwundeten von Montmirail, von Champaubert und von Waterloo; in Paris, der der Butte Saint⸗Chaumont und der Barriere de Clichy. Der Haß war ein nationales Werk, und das Wort von Laſ ten ſich wer wir unk iſt Ju die lag Ic ſtar ſie lich wie ſeir übe ſtie gar erſt nu ſcht ude ne die 2 öd⸗ tan at, uch inf m⸗ en, ne, en pf zu ⸗ eſe ie on er on y. on 267 Lafayhette:„Die Inſurrection iſt die heiligſte der Pflich⸗ ten,“ war der Wahlſpruch Frankreichs geworden. An dem Tage, wo wir dieſe Epoche aus dem Ge⸗ ſichtspunkte der allgemeinen Geſchichte erzählen wörden, werden wir gerechter gegen ſie ſein als Philoſsoh, als wir heute als Romanenſchreiber gegen ſie ſind. Um fünf Uhr war Juſtin bei Salvator. Salvator ſtellte Juſtin Fragvla vor. „Ich habe Dir,“ ſagte er,„einen Accompagnateur und einen Geſanglehrer für Carmelite verſprochen: hier iſt ſchon die Hälfte von dem, was ich Dir verſprochen. Juſtin, erinnern Sie ſich der ſchönen jungen Perſon, die wir verſcheidend in Meudon auf ihrem Schmerzens⸗ lager geſehen habenz ſie leidet: es iſt unſere Schweſter. Ich habe ihr durch den Mund von Fragola Ihren Bei⸗ ſtand und den von Herrn Müller verſprochen.“ Juſtin antwortete durch ein Lächeln, das ſein Leben Salvator zur Verfügung ſtellte. „Und nun laſſen Sie uns gehen,“ ſprach dieſer. Und er wandte ſich gegen Fragola um und küßte ſie wie ein Vater ſein Kind küßt, denn Salvator hatte, ſo jung er war, vom Schmerze etwas Ernſtes, Väter⸗ liches angenommen,— er küßte ſie, ſagen wir, viel mehr wie ein Vater ſein Kind küßt, als wie ein Liebender ſeine Geliebte küßt; dann, nachdem er Braſil, der hier⸗ über ganz troſtlos, befohlen, bei Fragola zu bleiben, ſtieg er zuerſt die Treppe hinab. Juſtin folgte ihm ſtillſchweigend. Man durchſchritt, ohne ein Wort zu wechſeln, den ganzen Theil von Paris, der ſich von der Place Saint⸗André⸗des⸗Arts bis zur Barriere Fontainebleau erſtreckt. Hier angelangt, und als er ſah, Salvator werde nun die Landſtroße einſchlagen, brach Juſtin das Still⸗ ſchweigen. „Wohin gehen wir?“ fragte er. „Nach Viry⸗ſur⸗Orge,“ erwiederte Salvator. 268 „Was iſt das, Virh⸗ſur Orge?“ „Sie errathen nicht?“ „Nein.“ „Es iſt das Dorf, wo ich Mina geſehen habe.“ Juſtin blieb plötzlich und ganz ſchauernd ſtehen. „Und Sie werden ſie mich ſehen laſſen?“ fragte er. „Ja,“ antwortete Salvator lächelnd beim Anblicke dieſer Bläſſe, welche die Wangen von Juſtin über⸗ ſtrömte,— ein Zeichen der Freude, das ſchwer von einem Zeichen des Schreckens zu unterſcheiden geweſen wäre. „Und wann werden Sie ſie mich ſehen laſſen?“ „Heute Abend noch.“ Juſtin drückte ſeine beiden Hände an ſeine Augen und wankte; Salvator unterſtützte ihn, indem er ſeinen Arm um den Leib des Schulmeiſters ſchlang. „Oh! mein lieber Salvator,“ ſagte Juſtin,„Sie werden mich für ein Weib halten und kein Vertra uen mehr zu mir haben.“ „Sie täuſchen ſich, Juſtin; denn ſehe ich Sie ſchwach in der Freude, ſo habe ich Sie ſtark im Schmerze ge⸗ ehen.“ 6„Oh!“ murmelte Juſtin,„und meine Mutter, meine arme Mutter, welche nicht weiß, wie glücklich ich ſein werde!“ „Morgen werden Sie ihr Alles ſagen, und ſie wird durch das Warten nichts verloren haben.“ In ſeinem Verlangen, raſch nach Virh⸗ſur⸗Orge zu kommen, machte Juſtin den Vorſchlag, einen Wagen zu nehmen; Salvator bemerkte ihm aber, er könne Mina nur zwiſchen elf Uhr und Mitternacht ſehen, und es wäre alſo unnütz, drei oder vier Stunden früher nach Juviſy zu kommen. Seine wiederholte Anweſenheit bei der Cour⸗de⸗France könnte überdies Verdacht erregen. Juſtin ergab ſich in die Bemerkung von Salvatvr. Man beſchloß, nicht nur zu Fuße zu gehen, ſondern aue des tent Co haf bra zuh wie verl die offe den ſend ſpri Str Sta Geſ die mit gan ſiſch ſcha geſe war Unte hebu und der heit zu g en. er. licke ber⸗ von eſen gen nen Sie 269 auch die Sache ſo einzurichten, daß man in den Park des Schloſſes erſt Nachts um elf Uhr käme. Sobald ſie in der Ebene waren, brachen die zwei Wanderer das Stillſchweigen, das ſie Paris durchſchrei⸗ tend beobachtet hatten. Die bis dahin zurückgehaltene Converſation nahm eine freiere Wendung, einen leb⸗ hafteren Gang an. Es ſcheint, die innerſten Gedanken brauchen, wie die Pflanzen, die freie Luft, um ſich aus⸗ zuhauchen. Salvator nahm die Einweihung bei dem Punkte wieder auf, wo er ſie im Zimmer des Schulmeiſters verlaſſen hatte: er erklärte Juſtin in ihren Einzelheiten die verborgenſten Geheimniſſe des Carbonarismus; er offenbarte ihm die Organiſation desſelben, er ſagte ihm den Zweck davon, er zeigte ihm die Freimaurerei tau⸗ ſend Jahre vor Chriſtus im Tempel Salomos ent⸗ ſpringend; zuerſt ein Bach, dann ein Fluß, dann ein Strom, dann ein See, dann ein Meer. Juſtin, als er einen Mann vom Alter und vom Stande von Salvator eben ſo raſch als vollſtändig die Geſchichte der Geſellſchaft machen hörte, horchte auf die Worte des jungen Mannes mit derſelben Ehrfurcht, mit der er auf die eines Apoſtels gehorcht hätte. Und, begabt mit der ſo ſeltenen Fähigkeit, zu or⸗ ganiſiren, hatte Salvator in der That in kurzer Zeit und mit wenigen Worten, wie es Cuvier für die phy⸗ ſiſche Welt that, die moraliſche Geſchichte der Geſell⸗ ſchaft wiederaufgefunden, zerſeßzt und wieder zuſammen⸗ geſetzt. Die Theorie von Salvator war ganz einfach: es war eine tiefe Zärtlichkeit für die Menſchheit, ohne Unterſcheidung von Kaſte und Race, eine völlige Auf⸗ hebung der Grenzen, um das Menſchengeſchlecht in einer und derſelben Familie zu vereinigen. Die Erfüllung der Worte Chriſti, welche, nachdem ſie ſchon die Frei⸗ heit und die Gleichheit gegeben, noch die Briderſhaft zu geben hatten. * 270 Für ihn und in ſeiner weit umfaſſenden Schätzung waren alle Menſchen Söhne von einem und demſelben Vater und von einer und derſelben Mutter, alle Brüder, folglich alle frei. Die Sklaverei, unter welcher Form ſie ſich verbarg, war daher das Ungeheuer, das er als die erſte Urſache des Uebels niederſchmettern wollte. Es war in ihm ein Ueberreſt des Adels und der Loyalität der alten Ritter, welche, um dort zu ſtreiten, nach Pa⸗ läſtina gingen. Er hätte gern wie ſie ſein Leben für den Triumph ſeines Glaubens gegeben, und er ſprach von der Zukunft der Nationen mit der Erhabenheit und mit der Redegabe, welche das Vorrecht des Abbé Dominique zu ſein ſchien. Uebrigens hatten die zwei jungen Leute,— von denen der Eine, ohne daß er es vermuthete, auf das Leben des Andern einen ſo großen Einfluß geübt,— die zwei jungen Leute, der Prieſter und der Commiſ⸗ ſionär, hatten mehr als eine Aehnlichkeit mit einander: es war dieſelbe Liebe für die Menſchheit, dieſelbe all⸗ gemeine Brüderſchaft, dasſelbe Ziel, nach dem Beide ſtrebten, obgleich auf zwei verſchiedenen Wegen fort⸗ ſchreitend und von zwei verſchiedenen Punkten ausgehend. So ging der Abbé Dominique von Gott aus und ſtieg von Gott zur Menſchheit hinab; Salvator ſuchte das Geheimniß Gottes in der Menſchheit und ſtieg vom Menſchen zu Gott hinauf. Die Menſchheit war fuͤr den Abbé Dominique von göttlicher Schöpfung; Gott war für Salvator von menſchlicher Schöpfung; die Menſch⸗ heit hatte für den Abbé Dominique keinen Grund, zu ſein, war ſie nicht von einer höheren Macht geſchaffen, unterſtützt, geleitet; die Menſchheit hatte für Salvator keinen Grund zu ſein, war ſie nicht vollkommen frei, war ſie nicht ſelbſt ihre leitende Macht. Es fand mit einem Worte zwiſchen ihren religiö⸗ ſen Theorien derſelbe Unterſchied ſtatt, der in der Po⸗ litik zwiſchen der Ariſtokratie und der Demokratie, zwi⸗ ſchen der Monarchie und der Republik ſtattfindet; und de ent ſel all ner ben in die tau Her mer Ref acht ſein der dige wac ang bew Abe in t Bra lant man und Kuc glül das nich ger 271 dennoch, wir wiederholen es, ſtrebten, von dieſen zwei entgegengeſetzten Principien ausgehend, Beide nach dem⸗ ſelben Ziele: der Unabhängigkeit der Menſchheit, der allgemeinen Brüderſchaft. Für Juſtin, einen armen Märthrer, der ſeit ſei⸗ ner Kindheit mit den Bedürfniſſen des materiellen Le⸗ bens im Kampfe, nie Zeit gehabt hatte, ſeinen Blick in den Abgrund der ſocialen Abſtractionen zu tauchen, war dieſe Theorie von Salvator eine lange Blendung, die bis zum Schwindel ging. Dieſe Offenbarnng machte tauſend Funken um ihn her ſpringen, wie ſie von einem Herde ausſpringen, deſſen dem Erlöſchen nahe Flam⸗ men man anſchürt. Eingeſchlafen in den Armen der Reſignation, dieſer himmliſchen Wiegefrau, die ſeit achtzehn Jahrhunderten die Menſchheit einſchläfert, bebte ſein Herz und erwachte plötzlich bei den Worten Brü⸗ derſchaft und Unabhängigkeit, und nach einem zweiſtün⸗ digen Gehen und Plaudern war er um zehn Ellen ge⸗ wachſen. Man geht raſch, man macht viel Weg, geht man angetrieben durch den Hauch einer mächtigen Gemüths⸗ bewegung oder einer großen Idee. Um neun Uhr Abends erreichte man die Cour⸗de⸗France. Man hatte noch zwei Stunden zu warten. Salvator erinnerte ſich einer kleinen Fiſcherhütte, in der er ſieben Jahre vorher, an dem Tage, wo er Braſil gefunden, zu Mittag gegeſſen hatte. Man ge⸗ langte zum Ufer des Fluſſes; man erkannte die Hütte, man trat ein und erhielt mittelſt einer Flaſche Wein und einer Matelote Gaſtfreundſchaft. Die Augen von Juſtin entfernten ſich nur von der Kuckuksuhr, um ſich ſich einen Moment nachher noch glühender auf dieſelbe zu richtenz ohne das Geräuſch, das die Unruhe machte, ein Geräuſch, in dem man ſich nicht täuſchen konnte, hätte Juſtin geſchworen, die Zei⸗ ger ſeien ſtehen geblieben. 272. Indeſſen ſchlug es zehn Uhr, dann elf Uhr. Sal⸗ vator ſah die Unruhe ſeines Gefährten und bekam Mitleid. „Laſſen Sie uns gehen!“ ſagte er. me Juſtin athmete, ſprang von ſeinem Stuhle nach ſeinem Hute, und befand ſich in der Secunde auf der Schwelle.. Salvator folgte ihm lächelnd. enz Es war die Sache von Salvator, ihm den Weg zu zeigen. ner Er ging in der That voran in der Richtung des Schloſſes Viry: man fand den Pont Godeau, die Lin⸗ tigk denallee, das Gitter des Parkes. Far „Iſt es hier?“ fragte leiſe Juſtin. eine Salvator nickte bejahend mit dem Kopfe. Dann legte er, um zum Stillſchweigen zu ermah⸗ hatt nen, ſeinen Finger auf ſeine Lippen. Mat Salvator und Juſtin gingen, leicht und ſtill wie. zwei Schatten, längs der Mauer hin; dann blieb Sal⸗ ſam vator an demſelben Orte ſtehen, wo er ſie am Tage Par vorher erklettert hatte. „Es iſt hier,“ flüſterte er. aber Juſtin maß mit den Augen die Höhe der Mauer. nahr Weniger als ſein Gefährte an gymnaſtiſche Uebungen gewöhnt, fragte er ſich, wie er das Hinderniß über⸗„hie winden ſoll te. Salvator lehnte ſich an die Mauer an und bot Juſtin ſeine beiden Hände als erſte Sproſſe. „Wir werden alſo da hinüberſteigen?“ fragte Juſtin. „Seien Sie ohne Furcht, wir begegnen Niemand,“ erwiederte Salvator. Klei „Oh! nicht für mich fürchte ich, ſondern für Sie.“ Klei Salvator machte eine Bewegung mit den Schultern, deren Ueberſetzung zu geben wir nicht verſuchen werden.„ „Steigen Sie,“ ſagte er. nich Juſtin ſetzte ſeine Füße in die Hände, ſodann auf Ihri die Schultern von Salvator, und ſchwang ſich endlich vorb auf die Firſte der Mauer. al⸗ eid. lach der beg des in⸗ ah⸗ wie al⸗ age uer. gen ber⸗ bot tin. d,“ ie.“ ern, en 273 „Und Sie?“ fragte er. „Springen Sie auf die andere Seite und beküm⸗ mern Sie ſich nichts um nich.“ Juſtin gehorchte wie ein Kind. Hätte ihn Salvator, ſtatt ihm zu ſagen, er ſolle auf den Boden ſpringen, ins Feuer ſpringen heißen, er würde ebenſo gehorcht haben. Er ſprang, und Salvator hörte den Wiederhall ſei⸗ ner Füße auf der Erde. Salvator ſelbſt nahm mit ſeiner gewöhnlichen Leich⸗ tigkeit ſeinen Schwung, hißte ſich mit der Kraft des Fauſtgelenkes auf die Mauerkappe empor, und war in einer Secunde im Parke bei Juſtin. Man mußte ſich vrientiren, damit man nicht nöthig hatte, die Umwege zu machen, welche Salvator das erſte Mal, Roland folgend, gemacht hatte. Der junge Mann blieb einen Augenblick ſtehen. ſ ſeine Erinnerungen und ging mitten durch den ark. Nach einem Marſche von fünf Minuten blieb er abermals ſtehen, um ſich aufs Neue zu vrientiren; dann nahm er ſeine Richtung ein wenig gegen links. „Wir ſind an Ort und Stelle,“ ſagte Salvator; „hier iſt der Baum.“ Ohne Zweifel fügte er in ſeinem Innern bei: „Und hier iſt das Grab!“ Beide drangen in das Dickicht ein und warteten. Nach einigen Secunden legte Salvator die Hand auf die Schulter ſeines Freundes und ſagte: „Stille! ich höre das Rauſchen eines ſeidenen Kleides.“ „Sie iſt es alſo?“ fragte Juſtin ganz ſchauernd. „Ja, aller Wahrſcheinkichkeit nach; nur will ich mich zuerſt zeigen. Sie begreifen, welche Wirkung Ihre unerwartete Erſcheinung auf das arme Kind her⸗ vorbringen könnte Sie naht, ſie iſt allein. Ver⸗ Die Mohicaner von Paris. V. 18 274 bergen Sie ſich und erſcheinen Sie nicht eher, als bis ich Ihnen ſage, Sie ſollen erſcheinen. Hier iſt ſie!“ Es war Mina. Sie war in der That allein. „Oh! mein Gott!“ murmelte Juſtin. Und er machte Miene, hervorzuſtürzen. „Sie wollen ſie alſo tödten?“ ſagte Salvator, in⸗ dem er ihn zurückhielt. Es war im Dickicht eine Bewegung vorgegangen, welche die Aufmerkſamkeit von Mina erregt hatte. Sie blieb ſtehen und ſchaute mit Beſorgniß, bereit, wie eine erſchreckte Gazelle zu entfliehen, umher. „Ich bin es, Mademviſelle,“ ſagte Salvatorz„ſeien Sie ohne Furcht.“ Und er ſchob die Zweige auseinander und erſchien vor den Augen von Mina. „Ah! Sie ſind es!“ ſprach Mina.„Wie glücklich bin ich, Sie zu ſehen, mein Freund!“ „Ich auch, um ſo mehr, als ich Ihnen Nachrichten bringe.“ „Von Juſtin?“ „Von Juſtin, von ſeiner Mutter, von ſeiner Schwe⸗ ſter, vom guten Müller.“ „Ich Undankbare! ich vergaß Alles, was nicht er iſt. Laſſen Sie hören! was haben Sie ſeit geſtern ge⸗ than? Erzählen Sie mir das.“ „Vor Allem habe ich Ihre Uhr wiedergefunden.“ „Ah! deſto beſſer!“ „Ich habe Ihre ganze Familie geſehen, Juſtin die Verſicherung Ihrer Liebe gebracht und die ſeine ent⸗. gegengenommen.“ „Oh! wie gut ſind Sie!.. Und er war ſehr glücklich?“ „Sie fragen das? Er wäre faſt närriſch geworden!“ „Dank! dreifachen Dank! Haben Sie ihm geſagt, wo ich bin?“ „Jä. ſe fü bis 1“ 275 „Und dann?“ „Dann begreifen Sie wohl, daß er von mir ver⸗ langt hat, kommen zu dürfen.“ „Oh! ja, ich begreife das.“ „Sie begreifen aber auch, daß es mein erſter Ge⸗ danke war, ihm dieſe Befriedigung zu verweigern.“ nein, nein, mein Herr, das begreife ich nicht.“ „Ich ſage Ihnen, mein erſter Gedanke, Made⸗ moiſelle.“ „Und.. und der zweite?“ fragte zögernd Mina. „Der zweite war dem erſten entgegengeſetzt.“ „So daß 2“ fragte Mina ganz zitternd. ſei„So daß ich, auf das Verſprechen, vernünftig zu ein „Nun?“ „Mit Juſtin übereingekommen bin, ihn hierher zu führen.“ „Und wann ſollen Sie ihn bringen?“ „Ich wollte ihn an einem dieſer Abende bringen.“ „An einem dieſer Abende?“ verſetzte ſeufzend das Mädchen;„und er hat eingewilligt, zu warten?“ „Nein!“ „Wie, nein?“ „Er wollte ſogleich kommen... Sie begreifen das abermals?“ „Oh! gewiß begreife ich es..„Ich hätte es ge⸗ macht wie er!“ „Mein erſter Gedanke war abermals, es zu ver⸗ weigern,“ ſagte Salvator lachend. „Doch der zweite? der zweite?“ „Der zweite war... Ihnen Juſtin noch heute Abend zu bringen.“ „So daß„7 fragte das Mädchen ganz zitternd. „So daß ich ihn gebracht habe.“ „Mein Herr, mir ſchien vorhin, ich höre ſprechen. Nicht wahr, Sie haben mit ihm geſprochen?“ 276 „Ja, Mademoiſelle; er wollte Ihnen entgegen⸗ ſtürzen, und ich verhinderte ihn daran.“ „Oh! hätte ich ihn ſo wiedergeſehen, ich wäre vor Freude geſtorben.“ „Sie hören, Juſtin?“ ſagte Salvator. „Oh! ja, ja,“ rief der junge Mann, aus dem Dickicht hervoreilend. Salvator trat auf die Seite, um ſeinem Freunde Platz zu machen. Die zwei jungen Leute fielen ein⸗ ander, zwiſchen ihren Lippen die Namen Juſtin und Mina erſtickend, in die Arme. Sodann, beinahe in demſelben Augenblicke, ſtreckten ſich zwei Hände gegen Salvator aus, und zwei Sitm⸗ men voll freudiger Thränen murmelten gleichzeitig: „Mein Freund, Gott vergelte es Ihnen!“ Salvator ſchaute ſie einen Moment mit ſeinem ſanften und zugleich mächtigen Blicke an, der, dem eines Gottes ähnlich, die Verantwortlichkeit für die Zu⸗ kunft zu übernehmen ſchien; alsdann drückte er Juſtin die Hand, küßte Mina auf die Stirne und ſprach: „Und nun ſeid Ihr unter dem Blicke des Herrn. Gott, der mich bis hierher geführt hat, führe Euch bis zum Ende!“ „Sie verlaſſen uns, Salvator?“ ſagte Juſtin. „Juſtin,“ erwiederte Salvator,„Sie wiſſen, daß ich Mina durch Zufall getroffen habe; Sie wiſſen, daß ſie es nicht war, die ich ſuchte, als ich in dieſen Park kam. Laſſen Sie mich mein Werk verfolgen und ſeien Sie glücklich: das Glück iſt eine Hymne an Gott!.. In einer Stunde werde ich bei Ihnen ſein.“ Und der junge Mann nahm mit der Hand und dem Kopfe von ihnen Abſchied und verſchwand bei der Biegung der Allee, welche nach dem Schloſſe führte. Was ſich während dieſer Stunde die zwei Lieben⸗ den, welche allein geblieben, ſagten,— ich werde es nicht verſuchen, es Ihnen zu erzählen. de 277 Nehmen Sie an, liebe Leſer, Sie haben das Ohr an die Pforte des Himmels gelegt, und Sie hören die Engel ſprechen. CXXXIX. Erforſchung. Am andern Tage, Morgens um acht Uhr, eröffnete Juſtin wie gewöhnkich ſeine Klaſſe, doch mit einem ſo freudigen Geſichte, daß ſich die Aelteſten von ſeinen Knaben, an ſein trauriges oder vielmehr ernſtes Geſicht gewöhnt, unter einander fragten:„Sieh, was hat denn der Lehrer heute Morgen? ſollte er zufällig eine Erb⸗ ſchaft von zwanzigtauſend Livres Rente gemacht haben?“ Um dieſelbe Stunde trat Salvator mit einem etwas mehr ſorgenvollen Geſichte in die Hauptſtraße oder viel⸗ mehr in die einzige Straße des Dorfes Viry ein; er ſchaute nach rechts und nach links, und als er auf der Schwelle einer Thüre eine ſchöne junge Perſon erblickte, welche nach Hauſe zu gehen ſchien und ein Maß Milch in der Hand hatte, näherte er ſich ihr mit der ſo ſicht⸗ baren Abſicht, mit ihr zu ſprechen, daß ſie auf der Schwelle ſtehen blieb und wartete. „Mademvoiſelle,“ ſagte er zu ihr,„werden Sie wohl ſo gut ſein, mir das Haus des Herrn Maire zu bezeichnen?“ „Sie fragen wirklich nach dem Hauſe des Herrn Maire?“ ſagte das Mädchen. „Allerdings.“ „Es gibt nämlich das Haus des Maire und die Mairie,“ ſprach das hübſche Mädchen mit einem Lächeln, 278 das den jungen Mann wegen der Lectivn in der Topo⸗ die es ihm gab, um Verzeihung zu bitten ien. „Es iſt richtig,“ erwiederte Salvator,„ich hätte mich deutlicher ausdrücken ſollen. Ich wünſche den Herrn Maire zu ſprechen, Mademviſelle.“ „Dann können Sie eintreten, mein Herr,“ ſagte die hübſche junge Perſon,„denn Sie ſind gerade vor ſeiner Thüre.“ Und vorangehend, zeigte ſie Salvator den Weg. Vor der Thüre des Speiſezimmers traf ſie eine Art von Magd, der ſie das Mäßchen Milch übergab, welches ihr Frühſtück und das ihrer Familie zu werden beſtimmt ſchien; dann wandte ſie ſich gegen Salvator und ſagte zu ihm: „Wenn mir der Herr Reiſende folgen will!“ Zu jener Zeit kannte man weder die Eiſenbahnen, noch die Vergnügenszüge: man gab im Allgemeinen dem fremden Beſuche den Titel Reiſender, wie man ihn noch heute dem Touriſten in den Gebirgen des Jura und des Dauphiné gibt. Salvator lächelte und folgte dem ſchönen Kinde. Man ging in den erſten Stock hinaufz das Mäd⸗ chen öffnete die Thüre eines Cabinets, wo ein Mann an einem Schreibtiſche ſaß, und ſagte zu dieſem Manne: „Papa, hier iſt ein Herr, der Dich ſprechen will.“ Und in ſeinem Jagdeoſtume konnte Salvator wirk⸗ lich ſehr wohl für einen Herrn gelten. Der Maire nickte mit dem Kopfe und ſchrieb wei⸗ ter, ohne den Eintretenden anzuſchauen; er fürchtete vielleicht, durch eine Unterbrechung den Faden ſeiner Phraſe zu verlieren. Zufällig war der Maire von Virh noch derſelbe brave Mann, mit dem es der redliche Herr Geérard, ſieben oder acht Jahre früher, bei der entſetzlichen Ka⸗ taſtrophe, deren Opfer der Letztere geweſen, zu thun gehabt hatte. der die gege miſe kon: frag rech Sal zu nich Bür Her beſc Sie der vor das n te en te or ne b, en or en, en an es id⸗ nn te: . rk⸗ ei⸗ ete ner lbe rd, ka⸗ n 279 Das war, wie wir bemerkt haben, an ſeinem Orte ein guter und würdiger Maire, der zugleich vom Bür⸗ ger und vom Bauern hatte, ein redlicher und naiver Mann, ſo ſehr es Salvator nur immer wünſchen konnte. Nachdem ſein Satz beendigt war, wandte er ſich um, ſchob ſeine griechiſche Mütze zurück, hob ſeine Brille auf ſeine Stirne empor, und fragte, als er den jungen Mann erblickte, der an der Thüre ſtehen geblieben wart „Sie wünſchen mich zu ſprechen, mein Herr?“ „Ja, mein Herr,“ antwortete Salvator. „Dann haben Sie die Güte, ſich zu ſetzen,“ ſagte der Maire mit einer Geberde, welche unbeſtimmt an die von Auguſtus erinnerte, als er dieſelbe Einladung gegen Cinna ausſprach. Und er bezeichnete ihm zugleich eine Art von rö⸗ miſchem Armſtuhl. Salvator rückte ſeinen Stuhl ſo nahe, als er konnte, zu dem des Maire. Nachdem die erſten Höflichkeiten ausgetauſcht waren, fragte der Maire Salvator: „Was wünſchen Sie, mein Herr?“ „Eine Auskunft, die Sie mir zu verweigern be⸗ rechtigt ſind, mein Herr, ich gebe es zu,“ erwiederte Salvator,„die Sie aber, wie ich hoffe, dennoch mir zu geben die Gefälligkeit haben werden.“ „Sprechen Sie, mein Herr, und iſt die Sache nicht meinen doppelten Pflichten als Beamter und als Bürger zuwider„ „Ich glaube, Sie werden ſo urtheilen, mein Herr.. Doch vor Allem erlaube ich mir, ohne un⸗ beſcheiden ſein zu wollen, die Frage: wie lange ſind Sie Maire?“ „Seit vierzehn Jahren, mein Herr,“ antwortete der wackere Mann, indem er ſich in die Bruſt warf. „Gut!“ ſagte Salvator.„Nun wohl, ich wünſchte von Ihnen den Namen der Perſon zu erfahren, welche das Schloß Viry um das Jahr 1820 bewohnte.“ 280 „Oh! mein Herr, der Eigenthümer hieß damals Herr Geérard Tardieu.“ „Gérard Tardieu!“ wiederholte Salvator, ſich des Schreis erinnernd, der ſo oft Roſe⸗de⸗Nobl während ihres Fiebers entſchlüpft war:„Oh! tödten Sie mich nicht, Madame Gérard!““ „Ein höchſt redlicher und ganz vortrefflicher Mann,“ fuhr der Maire fort,„der zu unſerem großen Bedauern ein in Folge einer gräßlichen Kataſtrophe ver⸗ ieß.“ „Die ſich hier zugetragen hat?“ „Hier, an dieſem Orte.“ „Gerade über dieſes Abenteuer, mein Herr, wünſchte ich zu reden,“ ſagte Salvator.„Wären Sie wohl ſo gefällig, es mir zu erzählen?“ Diejenigen von unſern Leſern, welche in der Pro⸗ vinz gewohnt haben oder noch in der Provinz wohnen, wiſſen, mit welchem Eifer jeder Einwohner einer klei⸗ nen Stadt den geringſten Vorfall annimmt, der die Monotonie ſeines Lebens brechen kann; ſie werden ſich alſo nicht wundern über den Strahl der Freude, der die Augen des Maire von Viry erleuchtete, als er die Zerſtreuung witterte, die ihm dieſer providentielle Fremde vot. Die auf dem Geſichte des wackeren Mannes glän⸗ zende Freude war eine an die Langſamkeit der Zeit ge⸗ richtete Beleidigung und drückte klar den ſpöttiſchen Gedanken aus:„So viel Gewalt über den Feind!“ Er erzählte Salvator die Geſchichte von Herrn Gsrard, von Orſola, von Herrn Sarranti und den zwei Kindern in ihren geringſten Einzelheiten; er über⸗ ing nichts, was ſeinen Zuhörer intereſſiren und be⸗ die Erzählung verlängern konntez gern hätte er,— der liebe Mann,— die Epiſoden dieſes bluti⸗ gen Abenteuers ins Unendliche vervielfältigen mögen, um ſo lang als möglich einen ſo koſtbaren Gaſt bei ſich zu behalten. Leider war es eine mittelmäßige Ein⸗ bildungskraft, die des Herrn Maire von Viry; er er⸗ —— S c. — — d n de o als des end ich n,“ ern er⸗ u ro⸗ en, lei⸗ die ſich der die mde än⸗ ge⸗ chen rrn den er⸗ be⸗ ätte uti⸗ en, bei in⸗ er⸗ 281 zählte alſo in ihrer erſchrecklichen Einfachheit die ganze, unſern Leſern bekannte, gräßliche Geſchichte. Ueberdies erzählte er ſie aus ſeinem Geſichts⸗ punkte; ſo daß die intereſſante Perſon dieſes Dramas Herr Gérard war, der in der Geſchichte des würdigen Maire vom Mörder Opfer wurde. Der Erzähler breitete ſich über die Verzweiflung eben dieſes Herrn Geérard aus, von der er eine lange und ſchmerzliche Beſchreibung machte. Der Verluſt der zwei Kinder beſonders war nach der Behauptung des Herrn Maire ſo entſetzlich für ſei⸗ nen ehemaligen Amtsuntergebenen geweſen,— wegen der großen Liebe, die er für ſeinen Bruder hegte,— daß er nie von dem Einen oder dem Andern ſprach, ohne in ein Schluchzen auszubrechen. Salvator hörte den braven Mann mit einer Auf⸗ merkſamkeit an, die ihm ſein ganzes Wohlwollen erwarb. Sodann, als er geendigt hatte, fragte Salvator: „Ei! Sie haben von einem Herrn Gérard, von einer Orſola, von einem Herrn Sarranti und zwei Kindern geſprochen..2“ „Ja,“ ſagte der Maire. N „Gab es nicht auch eine Madame Gérard?“ „Ich habe keine Frau von Herrn Gérard gekannt.“ „Sie haben Niemand vom Namen Madame Geé⸗ rard gekannt? Denken Sie wohl nach.“ „Nein. wenn nicht etwa. warten Sie!“ Und der Maire lächelte mit Schlauheit und fuhr dann fort; „Warten Sie, warten Sie; doch, doch, es gab wirklich eine Madame Gérard: das war die arme Or⸗ ſola, welche die Leute, die ſich gut mit ihr ſtellen wollten, Madame Gérard nannten; denn, mein Herr,“ fügte der Maire ſententiös bei,„Sie wiſſen, es iſt die gewöhnliche Schwäche der Concubinen, zu wünſchen, daß die Untergeordneten oder diejenigen, welche von ihnen bhängen, ihnen den Namen geben, den ſie nicht zu 282 tragen berechtigt ſind.. Sie wußten dies auch, die armen kleinen Kinder, und wollten ſie etwas von ihrer Haushälterin erlangen, ſo verfehlten ſie nicht, ſie Ma⸗ dame Gérard zu nennen.“ „Ich danke, mein Herr,“ ſprach Salvator. Sodann, nach einer Pauſe, fragte er: „Und Sie ſagen, mein Herr, welche Nachforſchun⸗ gen man auch unternommen, man habe weder Victor, noch die kleine Léonie wiederfinden können?“ ſuch„Nein, mein Herr, und man hat doch wohl ge⸗ ucht.“ „Erinnern Sie ſich dieſer unglücklichen Kinder?“ ſagte Salvator. „Vollkommen.“ „Ich ſpreche von ihrem Signalement.“ „Als ob ich ſie noch ſehen würde, mein Herr! Der Knabe war zwiſchen acht und neun Jahren; er war ſchön, friſch, blond „Lange Haare?“ fragte Salvator unwillkürlich ſchauernd. „Lange, gelockte Haare, welche bis auf ſeine Schul⸗ tern fielen.“ „Und das Mädchen?“ „Die Kleine mochte ſechs bis ſieben Jahre alt ſein.“ „Blond wie ihr Bruder?“ „Oh! nein, mein Herr, das war eine ganz ent⸗ gegengeſetzte Natur: ſchmächtig und braun, mit großen, herrlichen ſchwarzen Augen, welche wegen ihrer Mager⸗ keit ihr ganzes Geſicht einzunehmen ſchienen.. Die⸗ ſer Herr Sarranti muß ein arger Böſewicht geweſen ſein, um ſo ſeinem Wohlthäter hunderttauſend Thaler zu ſtehlen und ihm ſeine zwei Kinder umzubringen!“ „Ich glaube,“ fragte Salvator,„ich glaube, Sie haben mir geſagt, der Mitſchuldige des Herrn Sarranti bei dieſem Morde ſei ein großer Hund geweſen, den man immer angebunden gehalten und wie einen Tiger gefürchtet habe?“ fur tra ſen inn 3 r, er ar ie nti en ger 283 „Ja,“ erwiederte der Maire,„ein Hund, den der Bruder von Herrn Gérard von der neuen Welt mitge⸗ bracht hatte.“ „Und was iſt aus dieſem Hunde geworden?“ „Mir ſcheint, ich habe Ihnen geſagt, in einem Augenblicke der Verzweiflung habe Herr Geérard ſeine Büchſe genommen und ſie auf ihn abgefeuert.“ „So daß er getödtet worden iſt?“ „Man weiß nicht, ob er todt iſt; doch da es ein furchtbarer Hund war, ſo hat er den Schuß fortge⸗ tragen.“ „Erinnern Sie ſich zufällig des Namens von die⸗ ſem Hunde?“ „Warten Sie doch„ich werde mich wohl er⸗ innern er hatte einen ſeltſamen Namen.. einen Namen von.. wie ſoll ich ſagen? Er hieß Braſil.“ „Ah!“ machte in ſeinem Innern Salvator.— „Braſil, Sie ſind deſſen ſicher?“ „Shſja, ganz ſicher.“ tiß„Und dieſer ſo böſe Hund hatte die Kinder nie ge⸗ iſſen?“ „Im Gegentheile, er betete ſie an, beſonders die kleine Léonie. „Mein Herr Maire,“ ſprach Salvator,„nun habe ich Sie nur noch um eine Gefälligkeit zu bitten.“ „Um welche, mein Herr, um welche?“ rief der Maire überglücklich, etwas für einen Mann zu thun, der mit ſo großer Höflichkeit fragte und mit ſo viel Aufmerkſamkeit zuhörte. „Es darf nicht mein Verlangen ſein, das Schloß zu beſichtigen, das von unbekannten Perſonen bewohnt wird,“ fuhr Salvator fort,„und dennoch... „Reden Sie, mein Herr, reden Sie!“ rief der Maire,„und bin ich im Stande, die Auskunft, die Sie zu haben wünſchen, Ihnen zu geben... „Ich hätte gern einen Plan der inneren Zimmer, 284 der Küche, des Speiſekellers, des Gewächshauſes haben mögen.“ „Ah! mein Herr,“ erwiederte der Maire,„das iſt etwas Leichtes! Bei der Unterſuchung der Sache, welche Unterſuchung durch die Abweſenheit des Herrn Sarranti unterbrochen wurde, hat man einen Plan in Duplicat gemacht... „Und dieſe Pläne, was iſt aus ihnen geworden, wenn ich fragen darf?“ „Der eine liegt bei den Acten, die ſich in den Händen des Staatsanwalts befinden; der andere muß noch in meinen Cartons ſein.“ „Wäre es wohl erlaubt, eine Copie von dem zu nehmen. welcher in Ihren Händen geblieben iſt?“ fragte Salvator. „Gewiß, mein Herr.“ Der Maire öffnete vergebens mehrere Cartons, dann fiel er auf den Gegenſtand, den er ſuchte. „Das iſt es, was Sie verlangen,“ ſagte er.„Wün⸗ ſchen Sie nun ein Lineal, einen Bleiſtift, einen Cirkel zu haben, ſo kann ich Ihnen das verſchaffen.“ „Ich danke, mein Herr, ich brauche keinen Maß⸗ ſtab der Verhältniſſe; es genügt für mich, wenn ich eine allgemeine Ueberſicht der Oertlichkeiten nehme.“ Salvator copirte den Plan mit der Sicherheit der Hand eines geübten Geometers; als ſeine Zeichnung vollendet war, ſagte er, indem er das Papier zuſam⸗ menfaltete und in die Taſche ſteckte: „Mein Herr, ich habe Ihnen nur noch zu danken und mich zu entſchuldigen wegen der Störung, die ich Ihnen verurſacht.“ Der Maire betheuerte, Salvator habe ihn durchaus nicht geſtört, und ſuchte ihn ſogar beim Frühſtück mit ſeiner Gattin und ſeinen zwei Demoiſelles zu⸗ rückzuhalten; ſo verlockend aber das Anerbieten war, Salvator glaubte es ausſchlagen zu müſſen. Der Maire, der ſich erſt ſo ſpät als möglich von ſeinem Gaſte tren⸗ nen ſtell füg Aus Log auf vere Feu Sch das nich vorg nich offer umfi aber verft lung durc Frär 285 nen wollte, geleitete ihn bis zur Thüre zurück und en ſtellte ſich, ehe er von ihm Abſchied nahm⸗ zur Ver⸗ 8 fügung des jungen Mannes in Betreff jeder neuen iſt Auskunft, die in ſeiner Competenz wäre. che An demſelben Tage führte Salvator Juſtin in der nti Loge der Wahrheitsfreunde ein, wo er ihn als Maurer at aufnebmen ließ. Es verſteht ſich, daß Juſtin ohne eine Miene zu en, verändern, alle Proben vollführte: er wäre durch das Feuer gegangen, er hätte die Brücke ſo ſcharf wie die en Schneide eines Raſirmeſſers, welche vom Fegfeuer in uß das Paradies Mahomets führt, überſchritten! War nicht Mina am Ende des rauhen, gefährlichen Weges? zu Am andern Tage wurde Juſtin in einer Venta gte vorgeſtellt und aufgenommen. Von dieſer zweiten Aufnahme an hatte Salvator nichts Verborgenes mehr für ſeinen Freund, und er n offenbarte ihm ſelbſt die letzten Geheimniſſe der weit⸗ umfaſſenden Verſchwörung, welche 1815 begonnen hatte, in⸗ aber erſt im Jahre 1830 ihre Früchte geben ſollte. kel Laſſen wir ſie dieſes große Werk der Empörung 8 verfolgen, in welchem unſere Geſchichte ihre Entwick⸗ 5⸗ lung finden wird, und kommen, uns dieſer Geſchichte ine durch ihre Krümmungen anſchließend, auf Petrus und Fräulein von Lamothe⸗Houdan zurück. us nit zu⸗ 286 CXL. In Erwartung des Gatten. In dem balſamiſch duftenden Gewächshauſe, wo wir Petrus mit ſo viel Liebe ein Portrait haben ma⸗ chen ſehen das er ſodann mit ſo viel Grimm zerſtörte, auf einem Canapé liegend, bekleidet mit dem weißen Gewande der Bräute, bleich wie die Bildſäule der Ver⸗ zweiflung, ſchaute Fräulein Regina von Lamothe⸗Hou⸗ dan oder vielmehr die Gräfin Rappt, mit Augen, in denen ſich die Beſtürzung malte, ein Hundert um ſie her zerſtreuter Briefe an. Derjenige, welcher in dieſes Zimmer eingetreten wäre, oder der einfach einen Blick durch die ein wenig geöffnete Thüre geworfen hätte, würde das erſchrockene Geſicht der jungen Frau ſehend begriffen haben, die Ur⸗ ſache dieſes ſtummen Schreckens ſei das Leſen von einem oder von mehreren dieſer Briefe, die ſie mit Entſetzen und Ekel hatte auf den Boden fallen laſſen. Sie blieb einen Augenblick ſtill und unbeweglich, während zwei Thränen langſam von ihren Augen au ihre Bruſt floßen. Dann zog ſie mit einer beinahe automatiſchen Be⸗ wegung ihre niederhängende Hand bis zu ihrem Schooße herauf, nahm einen noch zuſammengelegten Brief, ent⸗ faltete ihn und hob ihn zu ihren Augen emporz do bei der dritten oder vierten Zeile ließ ſie, als hätte ſie nicht die Kraft gehabt, weiter zu gehen, den Brief auf den Teppich fallen, wo ſchon die anderen i4e Dann verſenkte ſie ihren Kopf in ihre beiden Hände und ſann einen Augenblick nach. Es ſchlug elf Uhr in einem anſtoßenden Zimmer⸗ Sie entfernte ihre Hände von ihrem Geſichte und ———— — — wo na⸗ rte, ßen er⸗ ou⸗ in ſie eten enig kene Ur⸗ nem etzen lich, auf ooße ent⸗ doch e ſie auf iden mer. und —— 287 zählend. Als der elfte Schlag ertönt hatte und wieder er⸗ loſchen war, ſtand ſie auf, nahm alle Briefe zuſammen, machte ein Päckchen daraus und ſchloß es in eine Chif⸗ fonniere ein, deren Schlüſſel ſie hinter dem Fuße einer Strelizie verbarg; dann ging ſie an eine Klingel und zog die Schnur mit einer raſchen, nervigen Bewegung. Eine alte Kammerfrau erſchien. „Nanon“ ſagte Regina,„es iſt die Stunde; gehen Sie zu der kleinen Gartenthüre, welche auf das Bou⸗ levard des Invalides führt, und bringen Sie den jun⸗ gen Mann hierher, den Sie vor dem Gitter wartend finden werden:“ Nanon durchſchritt den Corridor, ſtieg die paar Stufen hinab, welche in den Garten führten, durch⸗ lief ſchräg Raſen und Gebüſche und ſtreckte, nachdem ſie die kleine Thüre, welche auf das Boulevard des In⸗ valides ging, geöffnet hatte, den Kopf durch die Oeff⸗ nung dieſer Thüre und ſuchte mit den Augen denjeni⸗ gen, welchen ſie zu ihrer Herrin geleiten ſollte. Obgleich nur drei Schritte von ihr, blieb Petrus doch unſichtbar, verborgen, wie er war, durch eine große Ulme, an welche er ſich angelehnt hatte, und von wo aus er nach den Fenſtern von Regina ſchaute. Seltſam! der Pavillon, den Regina bewohnte, war nicht beleuchtet; der Pavillon ihr gegenüber war es eben ſo wenig ein Trauerſchleier ſchien von oben nach unten über das ganze Hotel geworfen. Das einzige von einem ſchwachen Scheine, von einem Scheine dem ähnlich, welchen eine Todtenlampe in einer Gruft zittern macht, erleuchtete Fenſter war das Fenſter vom Atelier von Regina. Was war denn vorgefallen? Warum hatte denn nicht dieſes ganze große Haus ein feſtliches Ausſehen? warum hörte man nicht die Muſik eines Valles? warum dieſe Stille? horchte, mit den Lippen und ſtill die Schläge der Glocke 288 Als er die kleine Thüre ſich öffnen und die Kam⸗ merfrau erſcheinen ſah, machte ſich Petrus, der, wie Re⸗ gina, die elf Glockenſchläge gezählt hatte, von dem Baume los, an den er angenagelt zu ſein ſchien, und fragte: „Suchen Sie nicht mich, Nanon?“ „Sie, Herr Petrus; ich komme im Auftrage. „Der Prinzeſſin Regina, ich weiß es,“ unterbrach der junge Mann ungeduldig. „Im Auftrage der Gräfin Rappt,“ ſagte Nanon. Petrus fühlte einen Schauer ſeine Adern durchlau⸗ fen; ein kalter Schweiß perite auf ſeiner Stirne. Er drückte ſeine Hand an den Baum, um ſich eine Stütze zu geben. Bei den Worten:„Im Auftrage der Gräfin Rappt,“ dachte er an einen Gegenbefehl. Glücklicher Weiſe fügte Nanon bei: „Folgen Sie mir.“ Und die Thüre demasquirend, die ſie wieder hinter ſich ſchloß, ließ ſie Petrus in den Garten eintreten. Ein paar Secunden nachher öffnete ſie die Thüre des Atelier, und im Halbſchatten erblickte der junge Mann ſeine geliebte Regina, oder vielmehr, wie es ihm Anfangs ſchien, das Geſpenſt von derjenigen, welche er gekannt hatte. „Hier iſt Herr Petrus,“ ſagte die Kammerfrau den jungen Mann einführend, der bei der Thüre ſtehen blieb. „Es iſt gut,“ erwiederte Regina;„laſſen Sie uns allein und bleiben Sie im Vorzimmer.“ Nanon gehorchte, und Petrus und Regina fanden ſich allein. Regina winkte Petrus mit der Hand, näher zu kommen; doch der junge Mann rührte ſich nicht vom Platze. „Sie haben mir die Ehre erwieſen, mir zu ſchrei⸗ ben, Madame,“ ſagte er, indem er einen beſondern ſpr was Abſ reit m⸗ e⸗ m nd ach u⸗ Er tze gte ter ire ige hm er en eb. ins en om ei⸗ ern 289 Nachdruck auf dieſes letzte Wort mit der unbarmherzigen Härte der verzweifelten Liebhaber legte. „Ja, mein Herr,“ erwiederte Regina mit ſanftem Tone, denn ſie begriff, was ſie Alles leiden ſollte;„ja, ich habe mit Ihnen zu ſprechen.“ „Mit mir, Madame? Sie haben mit mir zu ſpre⸗ chen am Abend eines Tagas, wo ich beinahe vor Schmerz geſtorben wäre, als ich erfuhr, die Trauung ſei voll⸗ zogen worden, die Sie für immer an den Mann bindet, welchen ich am meiſten auf der Welt haſſe?“ Regina lächelte traurig, und man konnte in dieſem Lächeln leſen:„Und ich auch, glauben Sie, ich haſſe ihn weniger, als Sie?“ Sodann laut, und ehe dieſes Lächeln von ihren Lippen verſchwunden war: „Nehmen Sie das Tabouret von Abeille und ſetzen Sie ſich zu mir.“ Beherrſcht durch die zugleich ſanfte und ernſte Stimme von Regina gehorchte Petrus. „Näher,“ ſagte Regina,„noch näher hierl! ſchauen Sie mich nun wohl an!. ja, ſo.“ „Mein Gott!“ murmelte Petrus,„mein Gott! wie bleich ſind Sie!“ Regina ſchüttelte den Kopf. „Das ſind nicht die friſchen Farben einer Braut, nicht wahr, mein Freund?“ Petrus ſchauerte, als ob dieſe zwei Worte: mein Freund, ein in ſeine Bruſt eindringendes Eiſen wären. „Sie leiden, Madame?“ ſagte er. Das Lächeln von Regina nahm eine Tinte unaus⸗ prechlichen Schmerzes an. „Ja, ich leide,“ antwortete ſie,„entſetzlich!“ „Was haben Sie, Madame?.. Sagen Sie mir, was Sie haben. Ich bin hierher gekommen in der Abſicht, Sie zu verfluchen, und nun fühle ich mich be⸗ reit, Sie zu beklagen.“ Die junge Frau ſchaute Petrus ſtarr an. Die Mohicaner von Paris. V. 19 290 „Sie lieben mich?“ fragte ſie. Petrus ſchauerte, und ganz ſtammelnd, ganz bebend antwortete er: „Madame. „Ich frage, ob Sie mich lieben, Petrus,“ wieder⸗ holte die junge Frau mit einer bis zur Feierlichkeit ernſten Stimme. „An dem Tage, wo ich zum erſten Male in dieſes Atelier eingetreten bin,— und das ſind drei Monate her,— liebte ich Sie ſchon,“ ſprach Petrus;„heute, da es drei Monate ſind, liebe ich Sie mit dem Unter⸗ ſte daß ich Sie, da ich Sie beſſer kenne, mehr iebe.“ „Ich täuſchte mich nicht,“ ſprach Regina,„als ich mir fagte, Sie lieben mich zärtlich und tief. Die Frauen täuſchen ſich hierin nicht, mein Freund! Doch tief und zärtlich lieben, iſt nur ein wenig mehr und ein wenig beſſer lieben, als man gewöhnlich liebt; ich will für Sie etwas Ernſtes und Heiliges, Geachtetes und Theures ſein!.. Seit zwei Stunden, mein Freund, habe ich nur Sie auf der Welt, auf den ich mich ſtützen kann, und lieben Sie mich nicht zugleich wie der Lieb⸗ haber die Geliebte liebt, wie der Bruder ſeine Schwe⸗ ſter liebt, und wie der Vater ſeine Tochter liebt, ſo weiß ich nicht mehr, wer mich hienieden lieben würde.“ „Der Tag, an welchem ich Sie zu lieben aufhören werde, antwortete der junge Mann mit derſelben feier⸗ lichen Traurigkeit,„dieſer Tag wird mein letzter Tag ſein; denn meine Liebe und mein Leben ſind durch den⸗ ſelben Hauch belebt! Sie haben mich vor der Ver⸗ zweiflung gerettet, in die mich dieſe Epoche des Zwei⸗ fels, in der wir leben, verſenkt hatte! Schon gegen den Abgrund des Nichts geneigt, deſſen ſchwindelhafte Tiefe unſere Jugend anzieht, glaubte ich die Kunſt ver⸗ loren für mein Land, und ich führte das unverſtändige Leben der Leute meines Alters; ich hatte auf die Arbeit verzichtet, ich war im Begriffe, Palette und Pinſel end der⸗ keit eſes rate ute, ter⸗ tehr ich Die och und etes ind, tzen ieb⸗ we⸗ de.“ ren ier⸗ Tag den⸗ Ver⸗ wei⸗ gen afte ver⸗ dige beit nſel 291 zum Fenſter hinauszuwerfen und die Kunſt, die mir Gott gegeben, die Energie, die ich in mir fühlte, ſich in einer gefährlichen Thätigkeit oder in einer apathi⸗ ſchen Reſignativn verzehren, vernichten zu laſſen. Eines Tags begegnete ich Ihnen, Madame, und von dieſem Tage an kehrte ich zum Leben zurück, hatte ich Ver⸗ trauen zu meiner Kunſt; von dieſem Tage an glaubte ich an die Zukunft, an das Glück, an den Ruhm, an die Liebe, denn Ihre verſtändige Güte hob mich wie⸗ der in meinen eigenen Augen und öffnete mir alle Zauberwege des Daſeins! Fragen Sie mich alſo nicht, Madame, ob ich Ihnen alle meine Liebe ſchuldig ſei, denn ich werde Ihnen antworten:„„Nicht nur alle meine Liebe, Regina, ſondern auch mein ganzes Leben!““ „Gott behüte mich, daß ich je an Ihnen zweifle, mein Freund!“ erwiederte Regina, deren Geſicht ſich mit der Röthe einer ſtolzen Freude bedeckte;„ich bin Ihrer Liebe ſo ſicher, als Sie der meinigen verſichert ſein können.“ „Der Ihrigen? ich, Madame?“ rief Petrus. „Ja, Petrus,“ ſprach ruhig die junge Frau,„und ich denke Ihnen nichts Reues mitzutheiken, wenn ich Ihnen ſage, ich liebe Sie; befragte ich Sie, ſo geſchah es, glauben Sie mir, weniger um einen Schwur zu hören, von dem ich wußte, er ſei mir im Grunde Ihres Herzens gethan, als um ein paar Worte der Liebe zu hören, welche, heute beſonders, ein ungeheures Bedürf⸗ niß für mich ſind, das ſchwöre ich Ihnen!“ Petrus glitt von ſeinem Tabvuret auf ſeine Kniee, und gebeugt, nicht wie vor einer Frau, die man liebt, ſondern wie vor einer Heiligen, die man anbetet, ſprach er: „Hören Sie, Madame, Sie ſind nicht nur die Per⸗ ſon, die ich am tiefſten liebe, ſondern auch die, welche ich am meiſten auf der Welt ſchätze, achte, verehre!“ „Ich danke, mein Freund!“ ſagte Regina, indem ſie ihre Hand in die von Petrus fallen ließ. „Und dennoch,“ ſprach der junge Mann,„geſtehen Sie, daß ich, um Sie ſo zu lieben, wahnſinnig ſein 5 0 „Warum dies?“ „Weil Sie zu. mir nicht das Vertrauen gehabt haben, das ich zu Ihnen hatte.“ Regina lächelte traurig. „Ich habe meine Heirath vor Ihnen verborgen.“ Petrus ſchwieg oder antwortete vielmehr nur durch einen Seufzer. „Ach!“ fuhr Regina fort,„dieſe Heirath, ich wollte ſie vor mir ſelbſt verbergen. Ich hoffte immer, irgend eine unvorhergeſehene Kataſtrophe, irgend eines von den Ereigniſſen, auf welche die Verzweiflung rechnet, werde kommen und den Vollzug verhindern. Dann würde ich Ihnen, bleich und zitternd wie der Reiſende, der einer Todesgefahr entgangen iſt, geſagt haben;„Freund! ſehen Sie, wie bieich und zitternd ich bin! Das kommt davon her, daß ich Sie beinahe auf immer verloren hätte, daß wir beinahe für immer getrennt worden wä⸗ ren! Doch hier bin ich, beruhigen Sie ſich! keine Gefahr bedroht mich mehr, und ich gehöre Ihnen, ganz Ihnen!““ Die Dinge find nicht ſo geweſen: die Tage ſind ihren gewöhnlichen Gang gegangen, ohne ein unvorhergeſehenes Ereigniß, ohne eine wohlthätige Kataſtrophe; die Stunden ſind den Stunden gefolgt, die Minuten den Minuten, die Secunden den Secun⸗ den; der unglückſelige Augenblick iſt gekommen, wie er ür den Verurtheilten kommt: nach der Verwerfung des Caſſationsgeſuches, die Verwerfung des Gnadengeſuches, dann der Prieſter, dann der Henker!“ „Regina! Regina! und was bin ich? rufen Sie mich? Was ſoll ich hier thun 2 „Sie werden es ſogleich erfahren.“ Petrus ſuchte mit den Augen eine Pendeluhr: in Warum dieſem Moment ſchlug die im anſtoßenden Zimmer halb. Modame,“ Oh! ſagen Sie es mir geſchwinde, „h* we ner um die wi llte end den erde ich iner nd! mmt oren wä⸗ eine nen, die ohne ätige olgt, ecun⸗ ie er des ches, arum r in halb. ame,“ 293 ſprach Petrus;„denn aller Wahrſcheinlichkeit nach habe ich nicht mehr lange bei Ihnen zu bleiben!“ „Was wiſſen Sie hierüber, und warum antworten Sie meiner Traurigkeit durch ein bitteres Wort?“ „Ei! Madame, Sie haben geheirathet, heute ge⸗ heirathet! Ihr Gatte iſt in demfelben Hotel wie Sie, und es iſt halb zwölf Uhr...“ „Hören Sie mich an, Petrus, Sie ſind ein großes Herz, das edle Kind einer edlen Erde; man ſollte glau⸗ ben, Sie ſeien in einem andern Jahrhundert als dem unſeren geboren worden, Sie haben in einem anderen Jahrhundert gelebt. Sie ſind der Muth und die Treu⸗ herzigkeit, der Stolz und die Redlichkeit der alten Rit⸗ ter, welche nach dem heiligen Lande gingen, um dort zu ſterben. Ihre Treuherzigkeit läßt die Liſt nicht zu, Ihre Redlichkeit hat keine Ahnung von der Lüge; un⸗ fähig, das Böſe zu thun, wenn Sie nicht durch irgend eine Leidenſchaft verblendet ſind, glauben Sie nur an das Gute. Die Welt, in der ich in Wirklichkeit lebe, iſt von einer ganz anderen Sorte gemacht, als die, in welcher Sie in der Einbildungskraft leben: was ihr einfach ſcheint, würde Ihnen unwürdig ſcheinen; was ſie für natürlich hält, würde Ihnen haſſenswerth ſchei⸗ nen.. Darum habe ich den heutigen Tag abgewartet, um Ihnen meinen Kummer zu ſagen; darum habe ich dieſen Abend abgewartet, um Sie etwas wie der Ent⸗ hüllung eines Verbrechens beiwohnen zu laſſen.“ „Eines Verbrechens!“ ſtammelte Petrus.„Was wollen Sie damit ſagen?“ „Eines Verbrechens, ja, Petrus.“ „Oh!“ murmelte der junge Mann,„was ich ver⸗ muthe, war alſo wahr?“ „Was vermuthen Sie? Sagen Sie das mir, mein Freund.“ „Nun wohl, Madame, ich vermuthe vor Allem, daß man Sie gegen Ihren Willen verheirathet hat; daß von Ihrer Heirath das Glück oder die Ehre von einem 294 der Mitglieder Ihrer Familie abhing. Ich glaube endlich, daß Sie das Opfer von einer jener grauſamen Speculationen ſind, die das Geſetz erlaubt, weil ſie ge⸗ ihn heimnißvoller Weiſe ihren Schutz unter dem discreten Dache der Familie haben.. Ich nähere mich der deut Wahrheit, nicht wahr?“ „Ja,“ erwiederte Regina mit düſterem Tone, ja⸗ Reg Petrus, das iſt es!“ „Gut, hier bin ich!“ fuhr Petrus fort, indem er der jungen Frau die Hände drückte;„Sie bedürfen meiner ohne Zweifel? Sie bedürfen des Herzens und mer des Armes eines Bruders, und Sie haben mich für ein thu Wert der Ergebenheit und des Schutzes gewählt? Sie haben wohl daran gethan, und ich danke Ihnen dafür! Meine geliebte Schweſter, ſagen Sie mir nun Alles, ſich was Sie mir zu ſagen haben. Sprechen Sie⸗ ich höre Th Sie auf beiden Knieen!“ In dieſem Augenblicke wurde die Thüre des Ate⸗ ſeh lier ungeſtüm geöffnet, und die alte Kammerfrau, welche neunzehn Jahre vorher Regina in ihren Armen em⸗ vot pfangen hatte, erſchien im Rahmen der Thüre. tre Petrus wollte aufſtehen und ſich auf ſein Tabouret zurückwerfen; Regina hielt ihn aber im Gegentheile an dem Platze, wo er war, indem ſie ihre Hand auf ſeine ſel Schulter drückte. de „Nein, bleiben Sie!“ ſagte ſie. un Sodann ſich gegen Nanon umwendend, fragte Re⸗ gina: ſin „Nun, was gibt es, meine gute Liebe?“ ni „Verzeihen Sie, Madame, daß ich ſo eintrete,“ erwiederte die alte Frau;„aber Herr Rappt. S „Iſt er da?“ rief Regina mit einem Ausdrucke er⸗ ar habenen Stolzes. ſe „Neinz doch er läßt durch ſeinen Kammerdiener ei ſieh ob die Frau Gräfin ihn zu empfangen bereit i õ „Er hat geſagt, die Frau Gräfin?“* er fen und ein Sie für! lles. höre Ate⸗ elche em⸗ uret e an ſeine Re⸗ . ke er⸗ diener bereit 295 „Ich wiederhole die eigenen Worte von Baptiſte.“ „Es iſt gut, Nanon, in fünf Minuten werde ich ihn empfangen.“ „Aber,“ ſagte Nanon, mit dem Finger auf Petrus deutend,„aber dieſer Herr.. „Dieſer Herr bleibt hier, Nanon,“ antwortete Regina. „Mein Gott!“ murmelte Petrus. „Dieſer Herr..2“ fragte Nanon. „Bringe meine Antwort Herrn Rappt, und beküm⸗ Dich um nichts, gute Nanonz ich weiß, was ich thue.“ Nanon entfernte ſich. „Verzeihen Sie, Madame,“ rief Petrus, indem er ſich hoch aufrichtete, ſobald die alte Kammerfrau die Thüre wieder zugemacht hatte:„aber Ihr Gatte?“ 5„Darf Sie nicht ſehen, und wird Sie nicht hier ehen.“ Und ſie ſchloß die Thüre und ſchob den Riegel vor, damit der Graf Rappt nicht ohne zu klopfen ein⸗ treten konnte. „Aber ich?“ „Sie, Sie müſſen Alles, was hier vorgehen wird, ſechen und hören, damit Sie eines Tages Zeugniß von dem geben können, was die Hochzeitnacht des Grafen und der Gräfin Rappt geweſen iſt.“ „Oh! Regina,“ ſprach Petrus,„ich werde wahn⸗ ſinnig, denn ich verſtehe Sie nicht, denn ich errathe nicht, was Sie ſagen wollen.“ „Mein Freund,“ erwiederte Regina,„vertrauen Sie mir, um Ihr Herz zu ſchonen, während ich zugleich an Ihre Rechtſchaffenheit appellire. Gehen Sie in die⸗ ſes Boudoir; hier ſchließe ich meine koſtbarſten Blumen ein.“ Der junge Mann zögerte noch. „Treten Sie ein,“ wiederholte Regina.„Die Dun⸗ kelheit, mit der meine Worte bedeckt ſind, das Geheim⸗ 296 niß, in das mein zukünftiges Leben gehüllt ſein wird, der unerträgliche Zwang, in welchem wir einander ge⸗ genüber zu leben genöthtgt wären, trügen Sie nicht die Hälfte meines entſetzlichen Geheimniſſes, Alles ge⸗ bietet mir als Pflicht, was ich in dieſem Augenblicke thue... Oh! es iſt eine gräßliche Geſchichte, die Ge⸗ ſchichte, die Ihnen ſogleich enthüllt werden wird, Pe⸗ trus! urtheilen Sie jedoch nicht leichtſinnig, mein Freund; verdammen Ste nicht, ehe Sie gehört haben, haſſen Sie nicht, ehe Sie erwogen haben.“ „Nein, Regina, nein, ich will nichts hören; nein, ich habe Vertrauen zu Ihnen, ich liebe Sie, ich achte Sie... Nein, ich werde nicht hier eintreten!“ „Es muß ſein, mein Freund; überdies iſt es nun zu ſpät für Sie, um ſich zurückzuziehen: Sie würden ihm auf Ihrem Wege begegnenz ich wäre bei Ihnen nicht gerechtfertigt, und ich würde von ihm beargwohnt.“ „Sie wollen es, Regina?“ „Ich bitte Sie flehentlich darum, Petrus, und im Nothfalle verlange ich es.“ „Ihr Ville geſchehe, meine ſchöne Madonna, meine ſüße Königin!“ „Ich danke,“ ſprach Regina, indem ſie ihm die Hand reichte;„und nun treten Sie in meine kleine Hrangerie ein, Petrus, ſie hat meine geheimſten Ge⸗ danken empfangen: damit ſage ich Ihnen, daß ſie Sie erkennen wird. Das iſt mein durchdüfteter Beichtſtuhl!“ Sie hob den Vorhang auf. „Setzen Sie ſich hieher, mitten unter meine Ca⸗ melien, an die Thüre, um Alles zu hören. Das iſt mein Lieblingsplatz, wenn ich träumen will. Die Ca⸗ melien ſind zugleich glänzende und beſcheidene Blumen von Japan, die nur im Halbdunkel gut lebenz wie gern hätte ich mögen wie ſie geboren werden, leben und ſterben!— Ich höre Schritte, treten Sie ein, mein Freund. Hören Sie und verzeihen Sie dem, der gelit⸗ ten hat!“ „— 297 Petrus widerſtand nicht länger: er trat⸗ in die Orangerie ein, und Regina ließ den Vorhang wieder fallen. In dieſem Augenblicke hielten die Tritte vor der Thüre an, und nach einigen Secunden des Zögerns klopfte man. Dann fragte die Stimme des Grafen Rappt: „Darf man eintreten, Madame?“ Regina wurde ſo bleich, als ob ſie ſterben ſollte, und dennoch perlte der Schweiß auf ihrer Stirne: Sie wiſchte ihr Geſicht mit einem feinen Batiſt⸗ ſacktuche ab, athmete, ging ſodann mit feſtem Schritte auf die Thüre zu, öffnete ſie und ſprach mit lauter Stimme: „Treten Sie ein, mein Vater.“ CXLI. Die Hochzeitnacht des Herrn Grafen und der Frau Gräfin Rappt. Petrus ſchauerte. Der Graf Rappt erbleichte und wich drei Schritte zurück, als er dieſe niederſchmetternde Anrufung hörte. „Was ſagen Sie, Regina?“ rief er mit einer Stimme, in der ſich ein bis zum Schrecken gehendes Erſtaunen offenbarte. „Ich ſage Ihnen, Sie können eintreten, mein Va⸗ ter,“ wiederholte Regina mit ſicherer Stimme. „Oh!“ murmelte Petrus,„es war alſo wahr, was mir mein Oheim mittheilte!“ Herr Rappt trat mit geſenktem Kopfe ein. Er fühlte nicht die Dreiſtigkeit in ſich, dem Blicke von Regina zu trotzen. „Ich weiß Alles, mein Herr,“ fuhr Regina kalt fort.„Da ich es providentieller Weiſe erfahren habe, 298 ſo brauche ich es Ihnen nicht zu ſagen. Gott wollte ohne Zweifel uns Beiden ein entſetzliches Verbrechen erſparen, indem er in meine Hände einen unverwerf⸗ lichen Beweis von Ihrer Verbindung mit meiner... Regina hielt inne, ſie wollte nicht ſagen:„Mit meiner Mutter...“ „Ich kam nur,“ ſtammelte der Elende, den Regina zitternd unter ihrem Blicke hielt,„ich kam nur, um Sie um eine Unterredung zu bitten, nichts Anderes. Ich hätte Ihnen meine Zweifel, meine Befürchtungen erklärt, welche indeſſen nichts rechtfertigt.“ Regina zog aus ihrer Bruſt einen Brief, den ſie aufs Gerathewohl von der Correſpondenz, die wir zu ihren Füßen zerſtreut geſehen, genommen und ehe ſie die übrigen in die Chiffonniere eingeſchloſſen, bei⸗ ſeit gelegt hatte. „Erkennen Sie dieſen Brief?“ ſagte ſie.„Es iſt der, in welchem ſie der Frau Ihres Freundes, Ihres Gönners, beinahe Ihres Vaters empfehlen, über Ihr Kind zu wachen!... Statt dieſe ruchloſe Empfehlung einer Mutter zu machen, hätten Sie wohl Gott bitten müſſen, dieſes Kind zu ſich zu rufen!“ „Madame,“ erwiederte der Graf, mehr als je nie⸗ dergeſchmettert,„ich habe Ihnen geſagt, ich kam, um eine Erklärung mit Ihnen zu habenz; doch Sie ſind in dieſem Augenblicke zu ſehr aufgeregt, und ich entferne mich.“ „Oh! nein, mein Herr,“ entgegnete Regina,„ſol⸗ che Erklärungen— da Sie dies ſo nennen— fängt man nicht zweimal wieder an. Bleiben Sie und ſetzen Sie ſich.“ Ganz beherrſcht durch die Feſtigkeit von Regina, ſank der Graf Rappt auf ein Canapé. „Was gedenken Sie aber zu thun?“ fragte er. „Oh! ich will es Ihnen ſagen, mein Herr. Sie haben mich geheirathet, glücklicher Weiſe nicht aus Liebe, was eine grauſame Handlung wäre, ſondern aus Hab⸗ ——— r—————— e— en na, Die be, b⸗ 299 gier, was eine ſchändliche Berechnung iſt. Sie haben mich geheirathet, damit mein ungeheures Vermögen nicht in fremde Hände übergehe. Sie wären nicht wei⸗ ter gegangen, ich weiß es, ich hoffe es wenigſtens; be⸗ fleckt mit einem Verbrechen, welches von den Menſchen beſtraft wird, das aber den Menſchen unbekannt bleiben kann, hätten Sie es nicht gewagt, ſich mit einem vor dieſem Gotte, deſſen Gerechtigkeit man nichts verbirgt, unverzeihlichen Verbrechen zu beflecken. Um Alles zu ſagen, es iſt die Erbin der Gräfin von Lamothe⸗Houdan, und nicht Ihre Tochter, die Sie geheirathet haben.“ „Regina! Regina!“ murmelte dumpf der Graf, der, den Kopf geſenkt, ſeine Augen ſtarr auf den Boden ge⸗ heftet hielt. „Sie ſind zugleich ehrgeizig und verſchwenderiſch,“ fuhr die junge Frau fort.„Sie haben große Bedürf⸗ niſſe, und dieſe großen Bedürfniſſe laſſen Sie auf große Verbrechen bedacht ſein. Vor dieſen Verbrechen würde ein Anderer vielleicht zurückweichen: Sie nicht! Sie heirathen Ihre Tochter wegen zwei Millionen. Sie würden Ihre Frau verkaufen, um Miniſter zu werden.“ „Regina!“ wiederholte der Graf mit demſelben Tone. „Unſere Scheidung verlangen iſt unmöglich: die Scheidung iſt aufgehoben. Unſere Trennung verlangen wärc ein Scandal: man müßte die Urſache angeben; meine Mutter würde darüber vor Scham ſterben, mein Vater vor Schmerz. Wir müſſen alſo unauflösbar mit einander verbunden bleiben. Doch nur vor der Geſell⸗ ſchaft, denn vor Gott, mein Herr, bin ich frei und will ich frei bleiben.“ „Was verſtehen Sie hierunter?“ fragte der Graf, indem er den Kopf zu erheben ſuchte. „Wir müſſen einander in der That wohl verſtehen, und ich will mich ſo deutlich als möglich erklären. Zum Lohne für mein Stillſchweigen, zum Lohne für das ſeltſame, unfruchtbare Leben, zu dem Sie mich ver⸗ 300 urtheilt haben, verlange ich von Ihnen die unbeſchränk⸗ teſte Freiheit, welche eine Frau genießen kann; eine Witwenfreiheit! Denn Sie begreifen wohl, daß Sie von dieſem Tage an für mich als Gatte todt ſind. Was den Vatertitel betrifft, ſo werden Sie nicht die Frechheit haben, ihn zu reclamiren, denke ich. Mein Vater, mein wahrer, mein einziger Vater, derjenige, welchen ich lieben, achten, verehren kann, iſt überdies der Graf von Lamothe⸗Houdan. Sie werden mir dieſe Freiheit geben, und ich ſage Ihnen zum Voraus, wenn Sie mir dieſelbe nicht geben, ſo nehme ich ſie. Dage⸗ gen überlaſſe ich Ihnen die Hälfte meines zukünftigen Vermögens,— zwei Millionen. Sie werden hierüber eine Urkunde von einem Notar abfaſſen laſſen, und wann Sie wollen, ſetze ich meine Unterſchrift bei. Fin⸗ den Sie etwas hiegegen einzuwenden?“ Das Stillſchweigen des Grafen fing an Nachdenken zu werden. Er ſchlug langſam die Augen zu Regina auf; doch ihrem ſtolzen, ſicheren Blicke begegnend, fühlte er ſich aufs Neue niedergeſchmettert, und er ſenkte ſie zum zweiten Male. Die Zuſammenziehung der Mus⸗ keln am Untertheile ſeines Geſichtes verrieth allein den innern Kampf, den er beſtand. Endlich, nach einigen Augenblicken, nahm er wie⸗ der das Wort und ſagte mit einer noch leiſen Stimme und jedes ſeiner Worte abwägend: „Ehe ich die Vorſchläge, die Sie mir machen, an⸗ nehme oder verwerfe, Regina, laſſen Sie mich einen Augenblick mit Ihnen reden, und erlauben Sie mir, Ihnen einen guten Rath zu geben.“ „Einen guten Rath, Sie, mein Herr? Eine gute Frucht auf einem ſchlechten Baume?“ verſetzte die junge Frau, verächtlich den Kopf ſchüttelnd. „Laſſen Sie mich Ihnen dieſen Rath immerhin geben. Es wird Ihnen frei ſtehen, ihn zu befolgen oder zu verwerfen.“ „Sprechen Sie, mein Herr; ich höre Sie.“ e⸗ ne n⸗ en te ge in en 301 „Ich werde es nicht verſuchen, zu entſchuldigen, was mein Benehmen in Ihren Augen Seltſames ha⸗ ben kann.“ „In meinen Augen!“ ſagte Regina verächtlich. „In den Augen der Welt, wenn Sie wollen... Ich kenne mein Verbrechen in ſeinem ganzen Umfange. Jum Glücke habe ich, daſſelbe begehend, wie Sie ſag⸗ ten, nicht einer Hinreißung, ſondern einer Berechnung nachgegeben. Erlauben Sie mir indeſſen, Ihnen zu bemerken, daß ein wirkliches Verbrechen nur die Hand⸗ lung iſt, welche die Geſellſchaft verletzt oder Gott be⸗ leidigt. Indem ich Sie beirathete, habe ich aber we⸗ der Gott beleidigt, noch die Geſellſchaft verletzt. Die Geſellſchaft iſt nur durch das verletzt, was ſie weiß, und ſie wird nie wiſſen, daß ich Ihr Vater bin: im Gegentheile, hat je ein Verdacht über der Marſchallin geſchwebt, ſo wird ſich dieſer Verdacht zerſtreuen, wenn man Sie meine Frau werden ſieht; ich habe Gott nicht beleidigt, denn wenn ich Sie in einer Abſicht, deren Größe mich entſchuldigt in den Augen der Menſchen, wie Sie ſehr gut geſagt haben, heirathen wollte, ſo hätte ich Sie doch immer vor Gott reſpectirt. Ich wie⸗ derhole indeſſen, ich ſtrebe nicht darnach, mich zu recht⸗ fertigen! Rein! ich will einfach zu dem Rathe koin⸗ men, welchen Ihnen zu geben ich für meine Pflicht hielt.“ „Ich laſſe Sie reden, mein Herr, denn aus der Schwierigkeit Ihres Vortrags, aus der verwickelten Con⸗ ſtruction Ihrer Sätze entnehme ich, daß Sie einige Zeit brauchen, um ſich zu erholen.“ „Ich habe mich gefaßt, Madame!“ ſagte der Graf Rappt mit einer Stimme, die ſich in der That immer mehr befeſtigte.„Sie verlangen von mir Ihre unbe⸗ ſchränkte Freiheit; es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich ſie Ihnen gebe und daß ich Sie Ihnen bei jedem Stande der Dinge gegeben hätte,— um ſo mehr in der Lage, in der wir uns befinden, denn weder Ihre 302 Zuneigung, noch Ihre Nachſicht zu fordern bin ich be⸗ rechtigt; nur erinnern Sie ſich, Madame, daß es eine ſociale Achtung und ſociale Pflichten gibt, wozu die Geſetze die verheirathete Frau verurtheilen.“ „Fahren Sie fort, mein Herrz ich habe noch nicht Ihren ganzen Gedanken erfaßt.“ „Ich ſage alſo, Madame, ich erkenne genug die Größe meines Verbrechens, um nicht die geringſte Zu⸗ neigung von Ihnen in Anſpruch zu nehmen. Doch ich habe auch genug gelebt, um zu wiſſen, daß die Frau, trotz Ihres gerechten Widerwillens, in den Augen der Welt zu gewiſſen Convenienzen verbunden iſt, von de⸗ nen die geſellſchaftliche Stellung eines Mannes abhängt. So erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß ſeit ein paar Tagen gewiſſe Gerüchte im umlaufe ſind, welche, wären ſie gegründet, die tiefſte Traurigkeit in mir erre⸗ gen würden. Ein kleines Journal erlaubt ſich dieſen Morgen, unſere Heirath anzeigend, ſehr durchſichtige Anſpielungen auf eine Liebesgeſchichte zu machen, deren Heldin Sie wären; es geht ſogar ſo weit, daß es durch Anfangsbuchſtaben den Namen eines jungen Mannes bezeichnet, welcher der Held derſelben iſt. Nun wohl, Regina, ich glaube Ihnen die väterliche Ermahnung geben zu müſſen. Verzeihen Sie, daß ich in Betreff dieſer Gerüchte Ihre Intereſſen mehr nehme, als Sie es ſelbſt thun, und auf eine ſo ungeſchlachte Art in Ihre Geheimniſſe eindringe.“ „Ich habe keine Geheimniſſe, mein Herr,“ entgeg⸗ nete ungeſtüm die junge Frau. „Ohl ich weiß in der That, Regina, daß, wenn Sie irgend ein Gefühl für dieſen jungen Mann hegten, dieſes Gefühl nichts Ernſtes hatte, daß es eine einfache Laune war, vder, beſſer geſagt, daß Sie ſich nur auf Koſten ſeiner Eitelkeit beluſtigen wollten.“ „Wahrhaftig, mein Herr, Sie beleidigen mich!“ rief die junge Frau,„und ich geſtehe Ihnen nicht das Recht zu, ſolche Worte an mich zu richten.“ ————————— c.—„ 8 S„—.— G, ——————————— 303 „Hören Sie mich an, Regina,“ ſprach der Graf, der allmälig ſeine gewöhnliche Kaltblütigkeit wieder⸗ fand, oder ſo den Anſchein gab, als fände er ſie;„ich ſpreche hier weder als Gatte, noch als Vater mit Ih⸗ nen, ich ſpreche als Lehrer; denn vergeſſen Sie nicht, daß ich die Ehre hatte, Sie zum Zögling zu haben: auf dieſen doppelten Titel gründe ich mein Recht, Sie zu warnen, Ihnen zu rathen, Sie zu ermahnen, gibt mir der Zufall die Gelegenheit dazu. Kaum waren Sie Frau, Regina, als Sie ſchon ein mit dem mei⸗ nigen übereinſtimmender Geiſt waren.“ Ein verächtlicher Blick verſuchte es, den Grafen zu unterbrechen. „Ein erhabener Geiſt,“ fuhr dieſer fort,„ein Geiſt weit über Ihrem Alter und Ihrem Geſchlechte. Von Ihrem Vater und von Ihrer Tante beauftragt, über Sie zu wachen und ſo viel als möglich in Ihr Herz die Männlichkeit, die in Ihrem Geiſte war, eindringen zu machen, habe ich durch ein geduldiges Studium, durch eine Erziehung aller Stunden, die Keime, welche die Natur in Sie gelegt hatte, befruchtet, und Sie be⸗ ſitzen nun, Dank ſei es dieſer ängſtlichen Sorgfalt, die ganze Feſtigkeit, die ganze unzähmbare Energie eines Mannes. Run wohl, in dem Augenblicke, wo ich die Früchte dieſer unabläßigen Arbeiten ernten ſollte, in dem Augenblicke, wo ich aus Ihnen ein verſtändiges Weſen, eine Eliteſeele, eine ſtarke Frau gemacht zu ha⸗ ben glaubte, in dieſem Augenblicke verlaſſen Sie mich! Meine Handlung, mich für immer mit Ihnen zu ver⸗ binden, erſchreckt Siei Ich will Ihnen ſagen, was mein Plan war. Unſere Verbindung war keine Hei⸗ rath, Regina: es war eine unauflösbare Aſſociation, die, ſtatt des den Eheleuten vorbehaltenen flachen Glückes, uns die drei großen Güter dieſer Welt, die von allen mächtigen Herzen verwirklichten drei Ambitionen: den Reichthum, die Macht, die Freiheit geben ſollte. Wir! wir haben bis jetzt— ich ſage wir, denn Sie können 304 einen großen Theil an meinen Handlungen beanſpruchen, — wir haben bis jetzt, ohne daß ich einen augenſchein⸗ lichen Titel im Staate, einen ſichtbaren Einfluß bei den Angelegenheiten beſitze, dieſes, gute, dieſes ſchöne, dieſes botmäßige Land, das man Frankreich nennt, bei⸗ nahe regiert, und wir ſollen hiebei ſtehen bleiben? Ich bin am Vorabend, Miniſter zu werden; denn Sie er⸗ rathen wohl, daß dieſes Miniſterium, das ſeit fünf Jah⸗ ren dauert, von allen Seiten erſchüttert, im Begriffe iſt, den Platz einem andern Miniſterium abzutreten, das vielleicht weitere fünf Jahre dauern wird: fünf Jahre, verſtehen Sie, Regina? Die Zeit, welche die Präſidentſchaft eines Waſhingtons oder eines Adams dauert! Ich brauche, um hiezu zu gelangen, nur ein ſichtbares Vermögen, eine geſicherte Stellung, und dann mache ich neben mich Ihren Vater ſitzen, und wir ge⸗ bieten fünfunddreißig Millionen Menſchenz denn unter einer conſtitutivnellen Regierung iſt der Chef des Mi⸗ niſterraths der wahre König. Um dieſes glühende Ver⸗ langen meines Lebens zu unterſtützen, um mir bei die⸗ ſem wundervollen Unternehmen beizuſtehen, an wen wende ich mich? wer iſt die Frau, die ich, nicht zur knechtiſchen Gefährtin meines Daſeins, nicht zur Skla⸗ vin meiner Launen und meines Willens, ſondern zur Verbündeten meiner Gewalt machen will? Sie, Re⸗ gina. Und in dem Momente, wo wir dieſes glänzende Ziel berrühren, ſtatt mit mir über den Vorurtheilen der Welt, über den Schwächen der Menſchheit zu ſchwe⸗ ben, debutiren Sie vor Allem damit, daß Sie nicht begreifen, man gelange zu ſolchen Höhen nicht ohne einige Vorurtheile mit Füßen zu treten! Doch das iſt nicht Alles, Sie legen unter meinen Fuß die Lächer⸗ lichkeit, dieſen albernen Kieſelſtein, der zuweilen bis in die Tiefe des Abgrunds den Reiſenden rollen macht, welcher ganz nahe daran war, den Gipfel des Glückes zu berühren. Regina! Regina! ich erkläre, daß ich beſſer von Ihnen dachte!“ v8 N — S N 8 v 8 S NN ——— — N ſt 305 Die junge Frau hatte den Grafen nicht mit min⸗ der großem Ekel, aber mehr mit einer wirklichen Auf⸗ merkſamkeit angehört. Sie war erſtaunt, daß man eine Entſchuldigung, ſo ſchlecht ſie ſein mochte, für eine ſolche Handlung finden konnte, und ich weiß nicht, ob man uns begreifen wird, oder vielmehr, ob man bei einer Frau beſonders die Weite des Horizonts begrei⸗ fen wird, welche ein ſolcher Charakter zu umfaſſen ver⸗ mochte: ſie war gewiſſer Maßen neugierig, aus dem Geſichtspunkte der Philoſophie, zu ſehen, wie weit der, ſei es durch einen böſen Geiſt, ſei es durch eine falſche Erziehung, vom guten Wege abgebrachte, Menſch auf dem ſchlimmen vordringen konnte. Sie antwortete alſo mit mehr Ruhe, als man hätte erwarten ſollen: „Ja, Sie haben Recht, mein Herr, ich bin Ihr Zögling, und ich muß anerkennen, daß ich von meiner frühſten Jugend an die ſchädlichſten Rathſchläge von Ihnen erhalten habe. Sie haben jedes Anſtreben meiner Seele zum Schönen, jeden Aufſchwung meines Herzens zum Guten, alle Sympathien meiner Einbildungskraft für das Gute unterdrückt, da Sie aus mir,— ich ver⸗ ſtehe Sie nun, nachdem mir Ihr Project enthüllt iſt, — da Sie aus mir Ihre Vertraute, Ihre Verbündete, Ihre Mitſchuldige, eine Art von Fußtritt Ihres Ehr⸗ geizes machen wollten. Ihr Skepticismus, im Wider⸗ ſpiele vom Ackersmanne im Evangelium, der den Lolch zum Vortheile des guten Korns ausreißt, Ihr Skep⸗ ticismus hat ſich darauf erpicht, die beſten Gefühle zum Nutzen der minder euten, die minder guten zum Nutzen der ſchlechten auszureißen. Sie haben mich die Liſt, die Verſteilung, die Falſchheit gelehrt, und Sie haben eine ängſtliche Sorgfalt darauf verwendet, mich dieſes Studium machen zu laſſen, ich gebe es zuz Sie haben mich gelehrt, wie man den Augen eine ſchiefe Richtung gebend die Leute ſehen kann, vhne ihnen ins Geſicht zu ſchauen. Sie haben mich in alle Geheimniſſe der Die Mohicaner von Paris. V. 20 306 Lüge eingeweiht, in welche Sie durch Frau von La⸗ tournelle eingeweiht worden waren, die dieſelben unmit⸗ telbar von den Jeſuiten, dieſen großen Meiſtern in der Kunſt des Betrügens, hatte. Ihre unerſchöpfliche Sorg⸗ falt, ich muß es anerkennen, hat ſich nicht ein einziges Mal während der zehn bis zwölf Jahre verleugnet, die Sie ſich der mühſamen Aufgabe meiner Erziehung unterzogen, und als Sie endlich glaubten, ich ſei Ihres Gleichen, das heißt ohne Adel, ohne Offenherzigkeit, ohne Großmuth, da verſuchten Sie es, in mir die Be⸗ gierden des Ehrgeizes und den Geſchmack für die In⸗ trigue zu entwickeln. Iſt das ſo, mein Herr?“ „Nennen Sie die Dinge bei ihrem Namen,“ er⸗ wiederte der Graf Rappt, indem er zu lächeln ſuchte: „den Geſchmack für die Diplomatie.“ „Für die Diplomatie, wenn Sie wollen, mein Herr. Ich haſſe die eine ſo ſehr als die andere, und dieſe zwei Zwillingsſchweſtern des Ehrgeizes ſind mir gleich und dollkommen zuwider. Ja, Sie haben mich Alles das gelehrt, was ich nicht wiſſen ſollte; ja, Sie haben mich in Unwiſſenheit über Alles das gelaſſen, was ich wiſſen ſollte; ja, Sie haben mich, mit einem Worte, die entſetzliche Wiſſenſchaft des Guten und des Böſen gelehrt. Ich erröthe darüber, mein Herr, ich erkenne es; ich geſtehe ſogar, zu meiner Schande und zu Ihrem Ruhme, daß mich eine Art von Neugierde, ein Anſchein von Intereſſe mit Ihnen um das menſchliche Herz die troſtloſe Reiſe der Enttäuſchung und der Entzauberung zu machen erfaßt hat. Doch von dieſer Reiſe, mein Herr, bin ich voll von Schrecken zurückgekommen. Da⸗ durch, daß ich Sie beharrlich vor mir, wie häßliche Wunden, alle in das Herz der Menſchheit vertieften La⸗ ſter, denn Ihr Zergliederungsmeſſer verſchonte Niemand, bloßlegen ſah, erlangte ich noch n„vielleicht um den Preis des Glückes meines ganzen ke G ens, dieſes frühreife Alter, dieſe frühzeitige Schwäche des Herzens, welche man die Erfahrung nennt, und die nichts Anderes iſt, als die es Sie Ene ich erm Alle Har wiel mei mög gift wel Ich aber an, Ih fäh haft es nur ben dſ fall geg wer ben gen cher nur ßen der a⸗ it⸗ der rg⸗ ges et, ing res eit, Be⸗ In⸗ er⸗ hte: —— e ieſe leich Alles aben ich orte, öſen enne hrem chein z die rung mein Da⸗ ßliche n La⸗ nand, n den hreife velche ſt, als 307 die Beerdigung und Grablegung von Allem dem, was es Wahres, Edles und Reines in uns gibt... Und Sie, mein Herr,“ fuhr Regina mit einer wachſenden Energie fort,„und Sie würden nicht wollen, während ich für Alles todt bin, während Sie mich bürgerlich ermorden, Sie würden nicht wollen, daß ich, der Sie Alles genommen, Vater, Mutter, Familie, die redliche Hand annehme, die ein Freund mir reicht, um mich wieder aufzurichten? Nun wohl, erfahren Sie Eines, mein Herr, und was auch Ihre Gewiſſensbiſſe ſein mögen: daß mir gegen Ihren Willen, trotz Ihrer ver⸗ gifteten Erziehung, Gott eine Tugend gegeben hat, welche auf feſten, unerſchütterlichen Grundſätzen beruht. Ich werde vorwurfsfrei zu leben wiſſen, mein Herr!.. aber laſſen Sie mich leben!“ Der Graf Rappt ſchaute einen Augenblick Regina an, ſchüttelte den Kopf und erwiederte: „Auf dem Punkte, wo Sie ſind, Regina, und um Ihnen die Wahrheit zu ſagen, halte ich Sie für un⸗ fähig, eine wahre Leidenſchaft zu fühlen, offen, wahr⸗ haft zu lieben.“ Regina machte eine Bewegung. „Oh! es iſt kein Vorwurf, den ich Ihnen mache, es iſt ein Lob, das ich Ihnen ſpende. Die Liebe iſt nur die Leidenſchaft der Leute, welche keine andere ha⸗ ben; das iſt ein Detail im Leben, es iſt kein Zweck deſſelben. Es iſt ein lachender oder erſchrecklicher Vor⸗ fall der großen Reiſe, welche der Menſch auf dieſer Welt macht; er muß ihn ertragen, aber nicht ihm ent⸗ gegenlaufen, ihn bändigen, und nicht ſich ihm unter⸗ werfen. Sie haben eine hohe Urtheilskraft, eine erha⸗ bene Vernunft... Rufen Sie Beide zu Hülfe, befra⸗ gen Sie dieſelben, und Sie werden ſehen, daß derglei⸗ chen Verbindungen,— die ich Sie auffordere, nicht oder nur ſo ſelten und nur ſo ängſtlich als möglich zu ſchlie⸗ ßen,— immer ſchlecht endigen. Und das iſt logiſch: der Ehebruch trägt ſeine eigene Verdammniß in ſich, 308 denn der Mann, der eine verheirathete Frau liebt, wenn er ein redlicher Mann iſt, kann diejenige nicht achten, welche ihren Gatten betrügt und ihre Kinder zu entehren risquirt. Fügen Sie dem bei, Regina, daß dieſer Mann unfehlbar Ihnen nachſtehen wird, nachſtehen hinſichtlich des Namens, des Vermögens, des Standes,— denn ich kenne wenige Männer von einem dem Ihrigen gleichen Werthe;— da Sie ſtärker als er ſind, ſo werden Sie ihn protegiren. Nun wohl, was Sie heute ſeine Liebe nennen, werden Sie morgen ſeine Schwäche nennen; von da an werden Sie dieſen Mann verachten. Er, was ihn betrifft, wird früher oder ſpäter Ihre ueberlegenheit erkennen; er wird er⸗ röthen über die knechtiſche Liebhaberrolle, die Sie ihn haben annehmen laſſen, und er wird Sie haſſen.“ „Hat der Mann, den ich liebe, hören Sie wohl, mein Herr?“ rief Regina mit ſchallender Stimme, „— ich ſage, den ich liebe, nicht den ich lieben werde, — hat der Mann, den ich liebe, je Haß gegen mich, ſo wird dies ſo ſein, weil ich ſchlecht bin, weil Ihre abſcheulichen Grundſätze, Ihre vergiftete Erziehung, trotz aller meiner Anſtrengungen, um ihnen zu entgehen, werden ihre Früchte getragen haben. Dann wird ſein Haß, verbunden mit dem meinigen, auf Sie, die Ur⸗ ſache, das Princip, den Urheber des Böſen zurückfallen. Doch nein! das wird nicht geſchehen, ich werde das be⸗ gonnene Werk fortſetzen; Alles, was Sie Schlechtes in mich geſäet haben, werde ich ausreißen, und ich werde, angenommen, meine Seele, dieſer Spiegel Gottes, ſei einen Augenblick getrübt worden, die Seele meiner Kind⸗ heit wiederfinden, oder mir eine neue Seele machen.“ „Oh! was das betrifft,“ ſagte lächelnd der Graf Rappt,„das iſt zu ſpät.“ „Rein, gütiger Gott,“ entgegnete Regina mit Eral⸗ tation,„nein! es iſt nicht zu ſpät, und wenn dieſer Mann mich bören würde, er würde erfahren, daß ich ſchon alle Erbärmlichkeiten meines Lebens in dem Ocean ſtei Int Ihr einz will wor fort wen ſche der ren lebe jent als von iror der wol mei Um Fr Fr ſeir me ich ſich ebt, icht nder ina, ird, ens, von rker ohl, rgen eſen üher er⸗ ihn o, mme, erde, mich, Ihre ung, ehen, ſein Ur⸗ Ulen. s be⸗ s in ere, , ſei Kind⸗ n.“ Graf Exal⸗ dieſer ß ich Ocean 309 von Zärtlichkeit, den Gott in mein Herz gelegt, er⸗ tränkt habe.“ Der Graf ſchaute Regina mit einem gewiſſen Er⸗ ſtaunen an, und ſprach; „Da Ihre hohe Vernunft heute taub ſein will, ſo ſteigen wir von den Höhen der ſocialen Philoſophie in das hinab, was Ihnen die Niederungen der materiellen Intereſſen zu nennen beliebt... Ich will alſo mit Ihnen von meinem theuerſten Wunſche, von meinem einzigen Ehrgeize reden... Regina, Sie wiſſen, ich will Miniſter werden.“ Regina ſenkte den Kopf, ein Zeichen, das der Ant⸗ wort:„Ich weiß, daß dies Ihr Wunſch iſt,“ gleichkam. „Ich habe viele Feinde,“ fuhr der Graf Rappt fort;„zuerſt alle meine Freunde. Ich bekümmere mich wenig um die Lächerlichkeit, die man auf mein politi⸗ ſches Leben werfen kann: man weiß, welchen Werth dergleichen Angriffe haben; doch ich will nicht, Sie hö⸗ ren wohl, Regina? ich will nicht, daß mein Privat⸗ leben angegriffen werde. Sie kennen das Wort von jenem andern Ehrgeizigen, welches uns das Alterthum als den Typus ſeiner Art vermacht hat:„Die Frau von Cäſar darf nicht einmal beargwohnt werden.““ „Vor Allem nehme ich an,“ erwiederte Regina ironiſch,„Sie haben nicht die Prätenſion, der Cäſar der modernen Zeiten zu ſein. Ueberdies bemerken Sie wohl, daß dieſe Maxime, der ich von ganzem Herzen meinen Beifall ſpende, wenn ſie auf die gewöhnlichen umſtände des Lebens angewendet wird, ſagt: Die Frau von Eäſarz Sie verſtehen, mein Herr? die Frau!“ Ei! Madame, was Sie mir auch ſein oder nicht ſein mögen, in den Augen der Welt ſind Sie immer meine Frau.“ Ja, mein Herr, doch in den Augen Gottes bin ich Ihr Opfer, und laſſen Sie mich von dieſem Ge⸗ ſichtspunkte ausgehen.“ 310 „Ich bitte, Madame, ſteigen wir wieder auf die Erde herab.“ „Sie zwingen mich dazu?“ „Ich bitte Sie darum.“ „Es ſei, mein Herr!“ ſprach Regina ganz fieber⸗ haft;„mit Bedauern, ich geſtehe es Ihnen, gehe ich in ſolche Einzelnheiten ein. Sie haben eine Geliebte.. 64 „Das iſt falſch, Madame!“ rief der Graf von Rappt, aufſpringend bei dieſer Verwundung wie der Stier unter dem Stachel des Banderillero. „Erlangen Sie wieder Ihre Kaltblütigkeit, mein Herr. In meiner Gegenwart erlaube ich Ihnen den Zorn nicht. Sie haben eine Geliebte: ſie iſt klein, ſie iſt blond, dreißig Jahre alt, ſie iſt die Freundin von Frau von Marande, ſie heißt Gräfin von Gasc, ſie wohnt in der Rue du Bac, Nro. 18.“ „Ich weiß nicht, ob Ihre Polizei Sie theuer zu ſtehen kommt, Madame, was ich aber weiß, iſt, daß ſie, — ſo ſchlecht ſie bezahlt ſein mag, Sie um Ihr Geld be⸗ trügt.“ „Dieſe Frau wohnt in der Rue du Bac, Nro. 18, fuhr Regina kalt fort;„Sie gehen am Montag, am Mittwoch und am Freitag zu ihr. Sie haben ſich vor⸗ hin mit Cäſar verglichen, der die Tapferkeit war; es wird Sie nicht mehr koſten, ſich mit Numa zu verglei⸗ chen, der die Weisheit war. Das iſt Ihre zweite Ege⸗ riaz die erſte iſt die Frau Marquiſe de la Tournelle, Ihre Mutter.. Ich habe nicht nöthig, eine Polizei gut oder ſchlecht zu bezahlen, um dieſe Dinge zu erfah⸗ ren, ſie ſind offenkundig: es gibt kein liberales, Blatt, welches ſie nicht ſeit zwei Jahren geſagt hat.“ „Das iſt eine alberne Verleumdung, Madame, und wahrhaſtig, ich begreife nicht, wie Sie ſich zum Echo dieſer elenden Pamphletſchmierer machen können.“ „Ich danke, mein Herr! es iſt mir nicht unangenehm, Ihre Anſicht über dieſe Journale zu kennen. Sagen Sie mir fortan, ſie erweiſen mir die Ehre, ſich mit die er⸗ in . von der — tein den ſie von* ſie rzu ſie, be 18,“ am vor⸗ 5 glei⸗ Ege⸗ nelle, olizei rfah⸗ latt, „und Echo nehm, Sagen mit 311 mir zu beſchäftigen, ſo werde ich Ihnen mit Ihren eigenen Worten erwiedern.“ Der Graf Rappt biß ſich auf die Lippen, dann ſagte er raſch und wie ein Menſch, der ein Argument gefunden hat, welches keine Erwiederung zuläßt: „Der Unterſchied, der zwiſchen Ihnen und mir ſtattfindet, Regina, iſt, daß ich förmlich die Albernhei⸗ ten, die man mir aufbürdet, leugne, während Sie nicht anſtehen, das Unrecht, deſſen man Sie beſchuldigt, zu⸗ zugeben.“ „Was wollen Sie, mein Herr? Sie haben mir eine ausnahmsweiſe Stellung gemacht; wundern Sie ſich alſo nicht, daß ich eine Ausnahme werde. Ja, es iſt ein Unterſchied zwiſchen uns, ein großer, mein Herr. Ich bin offenherzig; Sie, Sie erniedrigen ſich zur Lüge; nur lügen Sie vergebens. Seit langer Zeit das Entſetzliche ausgenommen, was ich leider zu ſpät erfahren habe, denn hätte ich es gewußt, ſo würde mich keine Macht der Welt gezwungen haben, vor dem Altar Ja zu ſagen,— ſeit langer Zeit weiß ich, woran ich mich in Betreff aller Einzelnheiten Ihrer Exiſtenz zu halten habe. Ich könnte Ihnen bei tauſend Franken ſagen, nicht nur was dieſe Frau von Ihnen empfängt... — ich lege keinen Werth auf das Geld, unterbrechen Sie mich alſo nicht,— ſondern was ſie von der Po⸗ lizei erhält, denn die ehrliche Creatur, die ihren Leib an Sie verkauft, hat ihre Seele an Ihre Freunde ver⸗ kauft. Doch nun ſind Sie reich, und ich ermächtige Sie, von meiner Mitgift zu nehmen, was Sie wollen, um Frau von Gasc mit Leib und Seele zu kaufen!“ „Madame!“ „Ja, ich bin Ihrer Meinung, ich entfernte mich von der Frage; ich habe es mit Ekel, aber redlich ge⸗ than. Kein Wort mehr über dieſen Gegenſtand. Ich danke Ihnen, daß ſie ihn berührten, denn dies beweiſt, daß Sie, der Sie ſo wenig achten doch noch einige Achtung für mich bewahrt haben.“ —— —— 312 „Dieſe Achtung, Madame, es hängt nur von Ihnen ab, ſie ganz zu haben.“ „Und was muß ich zu dieſem Ende thun, mein Herr?“ „Auf den Mann verzichten, der Sie liebt.“ „Auf ihn verzichten? ich glaube, Sie ſagen mir, ich ſoll auf ihn verzichten? Eil mein Herr, ohne das entſetzliche Geheimniß, das mir enthüllt worden iſt, wäre es ſchon geſchehen, und ich hätte ihn nie wieder⸗ geſehen; denn im Ganzen waren Sie mein Gatte, und ſobald ich Sie als ſolchen vor Gott und den Menſchen angenommen hatte, wäre ich Ihnen treu geblieben! Ah! Sie kennen mich, und Sie zweifeln nicht daran! Doch durch ein unerhörtes Verbrechen, durch eines der Verbrechen, die man nur in den Geſellſchaften des Al⸗ terthums, den Händen des Verhängniſſes entſprungen, wiederfindet, ſtürzen Sie nun meine ganze Exiſtenz um; und Sie glauben, ich werde den Spruch Ihrer Verech⸗ nung erdulden, wie ich den des Verhängniſſes erdulden würde,— als reſignirtes Opfer; von Ihnen zu Beden geworfen, werde ich mich nicht mehr erheben? Oh! Sie ſind in der That wahnſinnig! Da iſt ein Mann, der mir vom Herrn geſandt worden, um meine Stütze in dem Augenblicke zu ſein, wo mir jede Stütze fehlt, der durch die göttliche Allmacht mein einziger Gedanke, meine einzige Zukunft, mein Leben wird, und Sie kom⸗ men, Sie der Strafbare, Sie der Verbrecher, Sie der Unwürdige, Sie der Blutſchänder, Sie kommen und ſagen mir kalt, ich ſoll auf ihn verzichten? Ich habe Ihnen alſo noch nicht geſagt, daß ich dieſen Mann liebe?“ Herr Rappt ſchwankte einen Augenblick, ob er im der Ironie oder in dem des Zornes antworten ſollte. Mit dem Zorne war es ihm nicht geglückt, er ver⸗ ſuchte es mit der Ironie. , as ſt, nd en n! der Al⸗ en, mz den den h! nn, ütze hit, nke, om⸗ der und abe ann im rten ver⸗ 313 „Bravo, Madame! bravo!“ ſagte er in die Hände klatſchend.* „Mein Herr,“ rief Regina mit der Bewegung einer verwundeten Löwin,„ich bin keine Komödiantin, daß Sie ſich erlauben, mir Beifall zu klatſchen, und ſpiele ich eine Rolle, ſo geſchieht es im Drama meines innern Lebens, dem Gott hoffentlich die Entwicklung machen wird, die das Verbrechen und die Unſchuld verdienen.“ „Verzeiben Sie, Madame,“ erwiederte der Graf mit einer geheuchelten Botmäßigkeit,„das kommt ohne Zweifel von Ihrer Gewohnheit, die Künſtler zu fre⸗ quentiren, her: Sie haben dieſe letzten Worte ſo dräma⸗ tiſch geſprochen, daß ich im Theater zu ſein glaubte.“ „Sie irrten ſich, mein Vater,“ entgegnete Re⸗ gina mit einer unverſöhnlichen Feſtigkeit;„Sie waren im Zimmer Ihrer Tochter, und ſpielt eines von uns eine abſcheuliche Komödie, ſo ſind Sie es, Sie, der Sie eine Maske ſtatt eines Geſichtes haben, Sie der Sie mit Ihren Händen die Bühne aufgeſchlagen haben, wo Sie ſeit fünfzehn Jahren alle Rollen ſpie⸗ len. Ah! Sie ſprechen von Theater und Komödie, und was thun Sie denn, wenn nicht Komödie ſpielen? Die Herzogin von Hereford iſt allmächtig am engliſchen Hofe, wohin Sie eines Tags als Botſchafter geſchickt zu werden hoffen, und es gibt keine Zärtlichkeiten, die Sie nicht an die Kinder von Lady Hereford verſchwen⸗ den. Komödie! denn Sie haſſen die Kinder. Was haſſen Sie übrigens nicht?... Begeben Sie ſich im Wagen entweder zu Hofe, vder zum Miniſter, oder in die Kammer, ſo haben Sie immer ein Buch in der Hand. Komödie! denn Sie leſen nicht, wenn Sie nicht etwa Macchiavell leſen... Singt die erſte Sängerin der italieniſchen Oper, ſo applaudiren Sie und rufen bravv, wie Sie es vorhin thaten, und ſobald Sie nach Hauſe gekommen ſind, ſchreiben Sie ihr Blätter über die Muſik. Komödie! denn Sie können die Muſik nicht leiden; doch die erſte Sängerin iſt die Geliebte des 314 Baron Straashauſen, eines der mächtigſten Diplo⸗ maten des Wiener Hofes. Um alle dieſe Heuchelei zu ſühnen, gehen Sie allerdings am Sonntag nach Saint⸗ Thomas⸗d'Aguin. Immer Komödie, ſchändliche Ko⸗ mödie, ſchändlicher als die anderen! denn während Ihr mit Wappen geſchmückter Wagen vor der großen Thüre ſtationirt, entfernen Sie ſich durch die kleine, um wo⸗ hin zu gehen? Gott weiß es! vielleicht um mit Frau von Gasc im Cabinet des Polizeipräfecten zuſammen⸗ zukommen.“ „Madame!“ brüllte dumpf der Graf. „Sie ſind vſtenſibler Eigenthümer eines Journals, das die legitime Monarchie vertheidigt, und Sie ſind geheimer Redacteur einer Revue, welche gegen dieſe Monarchie zu Gunſten des Herzogs von Orleans con⸗ ſpirirt. Das Journal unterſtützt die ältere Linie, die Revue unterſtüßt die jüngere Linie, ſo daß wenn einer von beiden Zweigen bricht, Sie ſich leicht an den an⸗ dern anhängen können. Und man weiß das, ſehen Sie! Und Privatleute, und Miniſter, und Bürger, und Re⸗ gierung wiſſen das! Die Einen grüßen Sie und die Andern empfangen Sie, und Sie ſagen:„„Da ſie das thun, ſo wiſſen ſie nichts.“ Rein, mein Herr, ſie ſind nicht unwiſſend, ſie wiſſenz doch Sie können mächtig werden, und man grüßt Ihre zukünſtige Macht; doch man weiß, daß Sie reich ſein werden, und man grüßt Ihren zukünftigen Reichthum.“ „Muth, Madame!“ rief der Graf halb zu Boden geſchmettert. Wahrhaftig, mein Herr,“ fuhr Regina fort,„iſt das nicht eine unbezeichenbare Komödie? Sind Sie denn nicht müde, immer zu betrügen? Antworten Sie mir: wozu dienen Sie auf Erden? Was haben Sie Gutes gethan, oder vielmehr, was Böſes haben Sie nicht gethan? wen haben Sie geliebt oder vielmehr wen haben Sie nicht gehaßt?.. Hören Sie, mein Herr, wollen Sie meine ganzen Gedanken wiſſen? wol⸗ l — e———— 8 T N d ſe ie er e! ie as nd tig ßt en iſt Sie Sie Sie Sie ehr ein ol⸗ Theaterprinzeſſin an...“ 315 len Sie ein für alle Male kennen, was im Grunde meines Herzens für Sie iſt? Nun wohl, es iſt das Gefühl, das Sie für die ganze Welt hegen, Sie! und das üch nie für einen Menſchen gehegt hatte! es iſt Haß!„Ich haſſe Ihren Ehrgeiz! ich haſſe Ihren Hochmuth! ich haſſe Ihre Feigheit! ich haſſe Sie vom Kopfe bis zu den Füßen, denn vom Kopfe bis zu den Füßen ſind Sie nur Lüge.“ „Madame,“ erwiederte der Graf,„das ſind viele Beleidigungen für eine Schande, die ich Ihnen erſpa⸗ ren wollte!“ „Mir eine Schande erſparen, Sie, mein Herr?“ „Ja, es ſind über dieſen jungen Mann gewiſſe Ge⸗ rüchte im Umlaufe...“ Regina ſchauerte, nicht über das, was der Graf ſagen würde, ſondern über das, was Petrus hören ſollte. „Ich glaube Ihnen nicht,“ unterbrach ſie. „Ich habe noch nichts geſagt, und Sie ſtrafen mich zum Voraus Lügen.“ „Weil ich zum Voraus weiß, daß Sie lügen werden.“ „Trotz ſeiner Verwandtſchaft mit dem General von Courtenay wird er in keinem Hauſe des Faubourg Saint⸗Germain empfangen.“„ „Weil er ſich nicht will in einem Salon vorſtellen laſſen, wo er Ihnen begegnen könnte.“ „Er macht einen fürſtlichen Aufwand, und man weiß nicht, daß er irgend ein Vermögen beſitzt.“ „Ah! ja, Sie haben ihn einmal im Boulogner Wäldchen auf einem Manége⸗Pferde getroffen, und ein⸗ mal auf dem Balcon des Theéatre⸗Frangais mit einem Billet, das ihm ſein Freund Jean Robert geſchenkt hatte.“ „Man nimmt als ſeinen Banquier eine gewiſſe „Mein Herr,“ rief Regina bleich vor Zorn und 316 Schrecken,„ich verbiete Ihnen, den Mann zn beleidi⸗ gen, den ich liebe!“ Sie warf dieſe Worte gegen die Orangerie hin, damit Petrus wohl begreife, ſie ſeien an ihn gerichtet; dann ging ſie an die Klingel, zog heſtig die Schnur und fügte bei: „Kann mich Eines darüber tröſten, daß ich Sie einen Abweſenden verleumden höre, mein Herr, ſo iſt es meine Ueberzeugung, daß Sie es, wäre dieſer Ab⸗ weſende hier, nicht wagen würden, ein einziges von Ihren Worten zu wiederholen.“ In dieſem Augenblicke wurde die Thüre geöffnet, und Ranon trat ein. „Führen Sie den Herrn Grafen zurück,“ ſprach Regina zu ihrer Kammerfrau, indem ſie ihr einen Leuch⸗ ter in die Hand gab. Sodann, als der Graf, vor Wuth mit den Zähnen knirſchend, ſich zu entfernen zögerte, rief Regina mit einer erhabenen Geberde des Befehles, indem ſie auf die offene Thüre deutete: „Gehen Sie, Herr Graf!“ Der Graf hätte wohl gern widerſtehen mögen, doch er wurde beherrſcht durch die Größe des Anblicks der jungen Frau. Er warf auf ſie den Blick einer Schlange, welche zu fliehen genöthigt iſt, und die Kinnladen an einander gepreßt, die Fäuſte geballt, ſprach er mit dumpfer, drohender Stimme: „Nun wohl, es ſei, Madame, Gott befohlen!“ ünd er ging ab, gefolgt von Nanon, welche die Thüre wieder hinter ihm ſchloß. Doch die Stene war zu heſtig geweſenz wie ein von einem Sturmregen angeſchwollener See überſtrömte das Herz von Regina plötzlich, ſie ſank einen Schrei der Erſchöpfung ausſtoßend in einen Lehnſtuhl, und gleich zwei Bächen rollten ihre Thränen aus ihren hal geſchloſſenen Augen über ihre Wangen. 317 CXLII. Liebesplauderei. In dem Augenblicke, wo Nanon die Thüre wieder ſchloß, wo Regina halb ohnmächtig in einen Lehnſtuhl ſiel, kam Petrus bleich, die Stirne von Schweiß über⸗ ſtrömt, aber mit freudeſtrahlenden Augen aus der Oran⸗ gerie heraus. In der That, hatte ihn dieſes häusliche Drama, dem er beigewohnt, mit Schrecken und Ekel erfüllt, ihn, ⸗ die unſchuldige Seele, das redliche Herz, ſo erſchien ihm dagegen die Märtyrerrolle, welche Regina geſpielt, n in ihrer ganzen Größe, und das tiefe Mitleid, welches t er für das Opfer empfand, ließ ihn beinahe den Henker f vergeſſen. Petrus näherte ſich langſam Regina; ſie aber, als ſie den jungen Mann kommen hörte, warf ihre beiden h Hände auf ihr Geſicht und blieb in der Haltung des er Verurtheilten, der ſeinen Spruch empfangen ſoll. Man hätte glauben ſollen, ſie habe bange, die Schändlichkeit he ihres Gatten und der Fehler ihrer Mutter werden auf ſie zurückſpringen, und aus Furcht, ihr Geliebter könnte ihre Röthe ſehen, verſchleierte ſich das Geſicht mit ihren ſchönen Händen.— Petrus begriff den Kampf, der ſich in ihr erhob, die Gemüthsbewegung, von der ſie er⸗ ie griffen war: er ſetzte ein Knie auf die Erde, und mit einem ſanften und zugleich feſten Tone ſprach er oder in murmelte er vielmehr, wie er es bei einem Liede, um te ein Kind einzuſchläfern, gethan hätte: ei„Oh! meine ſchöne Regina, ich liebte Dich nur nd wie man ein junges Mädchen liebt; nun bete ich Dich b an als eine Märtyrin! Das Verbrechen, deſſen Opfer Du biſt, ſtatt auf Dich zurückzuſpringen und Dein Un⸗ 318 ſchuldskleid zu trüben, macht Dich in meinen Augen im ganzen Glanze Deiner Schönheit ſtrahlen! Du kannſt mich alſo ohne Scham und ohne Furcht anſchauen, denn ich muß erröthen, daß ich Deiner ſo unwürdig bin. Von dieſer Stunde an wirſt Du mir heilig, und meine Liebe wird ſich über die gemeine Liebe der an⸗ deren Menſchen erheben, um bis zu Dir zu gelangen.. Oh! Regina, ich liebe Dich! ich liebe Dich! ich habe für Dich die Anbetung, die ich für meine Mutter gehabt hätte, würde ſie gelebt haben; ich habe für Dich die unausſprechlichen Zärtlichkeiten, die ich für meine Schweſter gehabt hätte, hätte mir der Himmel eine Schweſter gegeben; ich habe für Dich die religiöſe Ver⸗ ehrung, die ich als Kind für die Madonna von Granit hatte, welche von der Höhe der Felſen unſerer ſteilen Geſtade herab die Stürme des Oceans beherrſchte.“ Regina ließ ihre beiden Hände in die des jungen Mannes fallen und entblößte ſo ihr Geſicht, das ein tiefes Gefühl von Dankbarkeit ausdrückte. Petrus fuhr fort: „Ich ſagte Dir vorhin, Du habeſt mich dem Leben zurückgegeben; Du habeſt mir den wahren Zweck des Daſeins gezeigt, das ich bis dahin für eine unnütze Fantaſie Gottes gehalten. Nun wohl, theure Geliebte, nun bin ich es, wie Du dieſem Menſchen ſagteſt, der dir die Hand reicht, ich bin es, der Dich wiedererhebt, und ſo Hand in Hand, mit einander verkettet, werden wir ſtärker ſein, um dem Böſen zu widerſtehen, und wir werden den Menſchen trotzen, indem wir uns Gott nähern!“ Ein bleiches Lächeln ſchwebte über die Lippen von Regina. „Schau' mich an, Regina!“ ſprach Petrus weiter, „wie Du mich erſt vor einem Augenblicke Dich anſchauen hießeſt. Ich frage Dich nicht, wie Du es thatſt, ob Du mich liebeſt; ich ſage Dir:„„Du liebſt mich!““ mein Herz zittert und ſchlägt, um zu brechen, bei dem Worte: F — 8 ze e ir nd ir tt on er, en Du ein e 319 Du liebſt mich! Alles, was Dunkles in mir war, hellt⸗ ſich auf und erleuchtet ſich bei dieſem göttlichen Worte! Alles, was ich Gutes hatte, wird beſſer; Alles, was ich Trauriges hatte, lächelt; Alles, was ich Schlimmes hatte, geht! Es war bis jetzt ſchwarz in meinem Herzen wie in der Racht, und in dieſer Fin⸗ ſterniß zog Deine Liebe wie ein Traum vorüber: heute iſt mein Herz von Azur wie der Himmel, und Deine Liebe ſtrahlt darin wie ein einziger Stern!“ Die junge Frau ſchaute ihn zärtlich an und ließ ihn redenz denn jenen Pflanzen ähnlich, von denen der Dichter von Florenz ſpricht, deren Haupt der Rauhreif der Racht gebeugt hat, und die ihre Blumenkronen unter den Strahlen der Sonne wiedererheben, fühlte ſie ſich bei den Tönen ſeines Wortes und unter den Strahlen ſeiner Augen wiederaufleben. Und er fuhr fort: „Ich liebe Dich!.. Höre keine andere Stimme, als die meinige, Regina; denke nicht an etwas Anderes, als an mich, meine Angebetete; laß mich Dich wiegen durch meine Worte, wie ſich die Barke durch die Wellen wiegen läßt, wie die Blume ſich durch den Wind wie⸗ gen läßt! Ueberlaß Dich mirz Dein Schmerz hat kei⸗ nen ſicheren Zufluchtsort, als meine Seele. Ich liebe Dich! vergiß die Erde für dieſes Wort. Sterben wir in der Welt, und unſere Liebe ſei eine ewige Himmel⸗ fahrt. Was die Menſchen Gott nennen, iſt die unſterb⸗ liche Liebe!“ Und allmälig, während Petrus ſprach, nahm das Geſicht der jungen Frau ſeinen natürlichen Ausdruck wieder an, färbte ſich mit allen Tinten des Glückes, bekränzte ſich mit allen Strahlen der Seligkeit. Die harmoniſchen Worte von Petrus ertönten in ihr wie liebliche Accorde; und halb zurückgehalten durch den Schmerz, der noch dumpf in der Tiefe ihrer Seele toſte, wie das Rollen eines fernen Donners, halb hin⸗ geriſſen durch die Freude, die ſie wie ein neuer Früh⸗ 320 lingsſtrahl übergoß, neigte ſich Regina gegen den jun⸗ gen Mann, der immer noch vor ihr kniete, umſchlang ihn mit ihren Armen, und flüſterte auch: „Ich liebe Dich! ich liebe Dich!“ Doch ſo leiſe, daß dieſe Worte ihn wie ein Hauch berührten, und daß ſeine Augen viel mehr den ſüßen Schwur mit den Flammenflügeln vorüberziehen ſahen, als ſeine Ohren ihn hörten: dann fielen einige Zähren mit Anſtrengung aus den Augen der jungen Frau, dann kamen Tropfen reichlicher daraus hervor, und end⸗ lich floßen ihre Thränen faſt wie ein Bach. Das war eine reizende Gruppe, ſchön, jung, friſch. Man hätte glauben ſollen, es ſei ein ſchwarzer Schwan und ein weißer Schwan, die ſich in einem Baſſin von roſenfarbigem Marmor liebkoſen. Sie blieben ſo einige Minuten lang, ſtill und ver⸗ liebt umſchlungen, die junge Frau weinend, der junge Mann ihre Thränen einſaugend und trinkend. Was hätten ſie ſich ſagen tönnen? Iſt es mit der Liebe nicht wie mit jenen bezaubernden Alpenthälern, die man in dem Momente, wo man ſie entdeckt, auf einander geſtützt, mit Thränen in den Augen und ſchwei⸗ gend anſchaut, weil man fühlt, daß man nie genug ſagen würde? Sie genoßen ihr Glück, wohl begreifend, das es kein größeres Glück gibt, als gans leiſe ſich ſelbſt zu ſagen:„Ich bin geliebt!“ Dieſes ſtumme Duett ihres Herzens würde ſich ins Unendliche verlängert haben, hätte nicht Regina allmä⸗ lig, ſich dem jungen Manne nähernd, auf ihrem Geſichte den glühenden Athem von Petrus umherſchweifen ge⸗ fühlt. Sie ſah ein, daß ihre Lippen im Begriffe wa⸗ ren, die Lippen ihres Geliebten zu berührenz ſie ſtieß einen ſchwachen Schreckensſchrei aus, löſte den von ihren zwei Armen um den Hals des jungen Mannes gebildeten Knoten, legte die Hände auf ſeine Schultern⸗ ſchob ihn ſachte zurück und ſagte mit einer Stimme, de⸗ Sie ſcher mit ein 321 un, Aufregung ſie nicht einmal vor ihm zu verbergen ſuchte: „Entfernen Sie ſich, mein Freund. Setzen Sie ſich zu mir wie vorhin, und laſſen Sie uns als Bruder und Schweſter plaudern.“ Der junge Mann, während er Regina zuzulächeln fortfuhr, gab einen ſchwachen Seufzer von ſich, rückte ein Tabouret hinzu und ſetzte ſich. „Geben Sie mir Ihre beiden Hände,“ ſprach die junge Frau. Petrus erhob ſeine beiden Hände bis zu denen von Regina, und ſo mit den Ellenbogen auf ihren Schooß geſtützt, wartete er, daß ſie ſpreche, indem er ſie mit den Augen befragte. „Errathen Sie nicht, von wem ich gern mit Ihnen ſprechen möchte, Petrus?“ ſagte ſie. „Von Ihrer Mutter, nicht wahr, Regina?“ er⸗ wiederte der junge Mann mit ſeinem liebevollſten Tone. „Ja, mein Freund, von meiner Mutter; und vor Allem laſſen Sie mich Ihr zarteſtes Mitleid ihr zu⸗ wenden. Die Erzählung des iſolirten Lebens, das ſie hier wie in einem Gefängniſſe führt, die Geſchicke die⸗ ſes ungeheuren Schmerzes, der ſich auf ihrem Geſichte malt, und deſſen Urſache kein Menſch kennt, würde Sie, wenn ſie hier wäre, das Knie vor ihr beugen machen.“ „Oh! Regina,“ ſprach Petrus,„glauben Sie mir, daß ich ſie aus tiefſtem Herzen beklage!“ „Sie haben mich oft um das Geheimniß der Ein⸗ ſamkeit dieſer Prinzeſſin des Orients befragt, welche en ganzen Tag auf ihren Polſtern ausgeſtreckt liegt, das Licht des Himmels nur durch die Oeffnungen ihrer Sommerläden empfängt, und, ſtatt jeder Zerſtreuung, die zahlreichen Kügelchen ihres Roſenkranzes abkörnt; Sie haben oft die Urſachen dieſer vrientaliſchen Menſchen⸗ eu, dieſer Vereinzelung, dieſer Unthätigkeit, die Sie mit der Indolenz der Prinzeſſinnen von Tauſend und eine Nacht verglichen, zu kennen gewünſcht. Sie wer⸗ 21 Die Mohicaner von Paris. V. 322 den ihr Geheimniß nun erfahren: ich habe vorhin ihre ganze Correſpondenz geleſen... Oh! mein Herr, Sie werden ſchauern bei der Leſung dieſer Briefe, geſchrieben õ von Herrn Rappt, halb um ſie zu verderben, halb um ſie zu tröſten! Sie kennen den Menſchen, nicht wahr? weil Sie aus ſeinem Munde haben kommen hören, müſſen Sie errathen, was aus ſeiner Feder kommen kann. Jeder Tag meiner Mutter iſt ein Tag der Fin⸗ ſterniß geweſen! Ich bitte Sie inſtändig, mein Freund, aus Liebe für mich ſeien Sie nachſichtig und barmher⸗ zig gegen meine Mutter!“ „Vergebung und Segen über ſie!“ erwiederte Pe⸗ trus mit ernſtem Tone.„Wer iſt aber das treuloſe oder ſtviſche Herz, das Feigheit oder Stärke genug ge⸗ habt hat, um Ihnen ein ſolches Geheimniß zu ent⸗ hüllen?“ h ſuchen Sie nicht, Petrus, und bedenkeni, vielmehr, was geſchehen wäre, wenn ich nichts erfahren hätte 6Es iſt weder ein feiges Herz, noch ein ſtoi⸗ ſches, das mir Alles enthüllt hat: es iſt ein unſchuldi⸗ es Herz, das nicht wußte, was es that; es iſt ein Kind, das ich von ganzer Seele liebe, und das Sie ebenfalls lieben; es iſt unſere liebe kleine Abeille, Pe⸗ trus, die zwei Stunden nach der Riückkehr von der Kirche mir dieſe Briefe gebracht hat.“ „Und wie konnten ſich Briefe, die ein Geheim⸗ niß von ſolcher Wichtigkeit enthielten, in den Händen dieſes Kindes finden?“ „Nichts iſt einfacher, mein reund, und der Zu⸗ fall,— verzeihen Sie, ich will ſagen, die Vorſehung, — die Vorſehung hat Alles gethan!“ „Erklären Sie mir das, Regina.“ „Sie wiſſen, daß meine Mutter nach dem Namen ihrer Voreltern Tſchuwadieski und nach ihrem Tauf⸗ namen Rina heißt. Doch wegen der wahrhaft könig⸗ lichen Würde von derjenigen, welche dieſen Namen trug, nannte mein Vater meine i Rit mit Mé nen gen unk der der Ha zeſſ hie Ch Ro ſch! gel lad für ein ſeir bor und Sc der Nie wer che in Zn ſen Si der wo ſie m r7 en, en n⸗ nd, er⸗ ße⸗ oſe ge⸗ nt⸗ Sie ren tvi⸗ ldi⸗ ein Sie Pr der eim⸗ nden ung, men auſ⸗ nig⸗ amen ſtatt 323 Rina. Im Gegentheile hievon nahm mein Vater bei mir, die ich bei der Taufe den Namen Regina erhielt, — da man den Namen ſehr feierlich für ein kleines Mädchen fand,— die Gewohnheit an, mich Rina zu nennen, ſo daß Abeille ſich an dieſe Namensveränderung gewöhnte, mich nannte, wie man meine Mutter nannte, und meine Mutter nannte, wie man mich nannte. Bei der Rückkehr von der Kirche nun, und während ſich Je⸗ dermann im Salon aufhielt, ſchlüpfte Abeille, deren Hauptfehler die Neugierde iſt, in das Zimmer der Prin⸗ zeſſin und befand ſich zum erſten Male in ihrem Leben hier allein. Da öffnete ſie halb die Schublade eines Chiffonnier, wo, wie ſie wußte, meine Mutter ihre Roſenconfituren und ihre orientaliſchen Bonbons ein⸗ ſchloß.— Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Abeille ſich gehörig mit Raſchwerk verſah.— Doch über der Schub⸗ lade von Confituren, welche ſo oft von meiner Mutter für ſie in Contribution geſetzt worden war, fand ſich eine andere Schublade, die ſie nie hatte öffnen ſehen. Was konnte in einer ſo gut geſchloſſenen Schublade ſein? Außerordentliche Confituren! unbekannte Bon⸗ bons! Und vom doppelten Dämon der Leckerhaftigkeit und der Neugierde angetrieben, nahm Abeille den Schlüſſel der offenen Schublade, ſteckte ihn in das Schloß der geſchloſſenen, drehte den Schlüſſel und zog an ſich... Nicht das geringſte Bonbon! nicht das kleinſte Zucker⸗ werk! ein mit einem ſchwarzen Bande umwickeltes Päck⸗ chen, das war Alles. Sie nahm es indeſſen, drehte es in ihren Händen hin und her, in der Hoffnung ohne Zweifel, ein geheimnißvolles Zuckerwerk werde aus die⸗ ſem papierenen Umſchlage hervorkommen... Nichts! Sie ſchickte ſich in ihrem Aerger an, das Papier wie⸗ der hineinzuwerfen, als ſie die Aufſchrift las: „„An die Prinzeſſin Rina.““ „Ich ſagte Ihnen, Abeille habe ganz klein die Ge⸗ wohnheit angenommen, mich Rina zu nennen. Mochte ſie nun vergeſſen haben, daß dies auch der Name mei⸗ 324 ner Mutter war, mochte ſie es nie gewußt haben, ihr erſter Gedanke war, dieſes Päckchen gehöre mir, ihr zweiter, es mir ſogleich zu bringen. Sie ſchloß die Schublade wieder, that den Schlüſſel an ſeinen Plat, fragte, wo ich ſei, erfuhr, ich ſei im Gewächshauſe, und lief ſchwimmend im Schweiße, wie ſie das erſte Mal war, als Sie ſie ſahen, herbei. „Höre, Prinzeſſin Rina,““ ſagte das Kind, in⸗ dem es ſeine beiden Hände hinter ſeinem Rücken hielt, „ich will Dir ein Hochzeitgeſchenk machen.““ „Sie lachte; ich, ich war traurig. „Was willſt Du damit ſagen, kleine Tolle?““ fragte ich. „Ich will Dir ſagen, daß ich Dir auch etwas zu geben habe„Frau Gräfin Rappt, ich habe die Ehre, Ihnen dieſes kleine Geſchenk anzubieten; gefällt es Ihnen nicht, ſo iſt das nicht meine Schuld, weil ich ſelbſt nicht weiß, was es „Und nachdem ſie das Päckchen auf meinen Schvoß geworfen hatte, lief. ſie, wie ſie gekommen war, in aller Haſt davon.— Erſt am Abend zwang ich ſie, mir zu ſagen, wie dieſe Briefe in ihre Hände gefallen waren. — Ich knüpfte das Band auf: etwa hundert Briefe fielen auf meinen Schvoß; alle hatten als Aufſchrift den Namen, den man mir zu geben pflegte, geſchrieben von der Hand von Herrn Rappt. Sie waren deutſch ge⸗ ſchrieben. Ich öffnete einen aufs Gerathewohl: bei der vierten Zeile hatte ich nichts mehr zu erfahren.. Beklagen Sie mich, Petrus, oder beklagen Sie viel⸗ mehr meine Mutter!“ Und dieſe Worte ſprechend, ließ die junge Frau weinend ihren Kopf auf die Schulter ihres Geliebten allen. Petrus flüſterte ihr abermals ſanfte, tröſtende Worte ins Ohr; abermals ſammelte er mit ſeinen Lippen die Thränen der jungen Frau; ſodann, als dieſer Sturm porübergegangen war, nahm Regina das Geſpräch in — ihr ihr die atz, ſe, rſte in⸗ elt, 2 zu hre, es ich ß aller r zu ren. riefe den von ge⸗ der viel⸗ Frau ebten Lorte ndie turm ch in S 325 demſelben ernſten, feierlichen Tone wieder auf, in wel⸗ chem ſie geſprochen, ehe ſie die Barmherzigkeit von Petrus für ihre Mutter angefleht hatte. „Mein Freund,“ ſagte ſie,„Sie wiſſen nun das Geheimniß meines Lebens. Sie halten in Ihren Hän⸗ den meine Ehre und die meiner Familie. Es iſt ſpät, Sie werden ſich entfernen.“ Petrus machte eine Bewegung, die ſich durch eine ſtumme Bitte überſetzen ließ. Regina lächelte und ſtreckte die Hand aus zum Zei⸗ 5 daß ſie dem jungen Manne noch etwas zu ſagen abe. „Hören Sie mich an,“ ſprach ſie;„denn ehe ich von Ihnen Abſchied nehme, habe ich Ihnen noch etwas zu ſagen.“ „Reden Sie, Regina, reden Sie!“ Die junge Frau ſchaute ihren Geliebten mit un⸗ ausſprechlicher Zärtlichkeit an. „Ich liebe Sie glühend, Petrus,“ ſagte ſie.„Ich weiß nicht, wie die anderen Frauen lieben können, ich weiß nicht einmal die Worte, deren man ſich bedient, um die Liebe auszudrücken; doch ich weiß Eines, mein Freund; daß es mir an dem Tage, wo ich Ihnen zum erſten Male begegnet bin, als ich Sie ſah, geſchienen hat, ich trete aus der Finſterniß hervor, und ich habe bis dahin nicht gelebt. Von dieſem Tage, Petrus, fing ich alſo an zu leben, und indem ich zu leben anfing, ſchwor ich, für Sie zu leben und, wenn es ſein müſſe, zu ſterben. Vor Gott, der mich hört, ſchwöre ich, daß Sie der Mann ſind, den ich am meiſten auf der Welt achte, liebe, ſchätze. Kennen Sie eine feierlichere For⸗ mel, Ihnen meine Liebe auszudrücken?. Dictiren Sie mir dieſelbe, mein Freund, und nach Ihnen werde ich ſie Wort für Wort mit den Lippen und dem Herzen wiederholen.“ „Oh! Dank, meine ſchöne Regina,“ rief der junge Mann.„Nein! nein! der Schwur iſt unnöthig: Deine 326 Liebe iſt mit goldenen Buchſtaben auf Deine Stirne geſchrieben.“ „Ich wollte Ihnen nur begreiflich machen, Petrus, „— und dies vor Allem,— wie ſehr ich Sie liebe, da⸗ mit ſich kein Zweifel in Ihrem Herzen rege, wenn Sie nun die Worte hören, die ich Ihnen ſagen werde.“ „Sie erſchrecken mich, Regina,“ ſprach der junge Mann, der eine von den Händen der jungen Frau los⸗ ließ und in der That erbleichend ſich von ihr entfernte. Aber Regina reichte ihm aufs Neue dieſe Hand, die er verlaſſen hatte, und erwiederte mit ernſtem, ob⸗ gleich ſanftem und liebevollem Tone: „Nicht allein wegen Ihrer poetiſchen Schönheit, nicht allein wegen Ihrer hohen Intelligenz, nicht allein wegen Ihres großen Talents, das mir ſo ſehr ſympa⸗ thetiſch iſt, nicht allein wegen aller dieſer Eigenſchaften liebe ich Sie. Nein! Petrus, ich liebe Sie auch und hauptſächlich wegen Ihres ritterlichen Charakters, wegen des Adels Ihrer Seele, wegen der Urredlichkeit Ihres Herzens; ich ſage, nicht wegen Ihrer Tugend,— das Wort iſt zu alltäglich,— ſondern wegen Ihrer Bieder⸗ keit. Ihre Biederkeit, wie die meinige, Petrus, beruht auf feſten Grundſätzen, und wie der weiße Hermelin, den Bretagne zu ſeinem Wappen genommen hat, wür⸗ den Sie lieber ſterben, als befleckt ſein. Darum liebe ich Sie, Petrus, darum ſage ich Ihnen: Wir dürfen uns nicht mehr ſehen.“ „Regina!“ murmelte der junge Mann, indem er ſein Haupt neigte. „Oh! nicht wahr, das iſt auch Ihr Gedanke?“ „Ja, gewiß, Regina,“ antwortete traurig der junge Mann, gerade durch dieſe Traurigkeit dem har⸗ ten Entſchluſſe der jungen Frau beipflichtend.„Das war mein Gedanke, doch nicht ſo unumſchränkt, als Sie ihn machen.“ „Oh! verſtehen wir uns wohl, Petrus. Wir dür⸗ fen uns nicht mehr ſehen, wie wir uns in dieſem Au⸗ us, a⸗ Sie ige 8⸗ te. nd, ob⸗ it, ein va⸗ ten ind en res s uht in, ür⸗ ebe fen er der ar⸗ as Sie ür⸗ Au⸗ 327 genblicke ſehen. Allein in der Nacht, bei mir oder bei Ihnen, weiß ich nicht, ob Sie Ihrer ſicher wären, Petrus; ich weiß nicht, ob Sie entſchloſſen die gegebe⸗ nen Verſprechen halten würdenz ich aber, die Schwä⸗ chere von Beiden, ich, das Weib, ich ſage Ihnen: Ich liebe Sie ſo ſehr, mein Freund, daß ich Ihnen nichts zu verweigern vermöchte. Es iſt alſo wichtig, daß wir meine eigene Schwäche bekämpfen. Der Betrug, der dem großen Haufen der Herzen anſteht, der vielleicht durch die Seltſamkeit der umſtände, in denen wir uns befinden, geſtattete Betrug iſt uns unterſagt. Ich habe von dieſem Menſchen das Recht, Sie zu lieben, in An⸗ ſpruch genommen, aber nicht das, Ihre Geliebte zu ſein, und die erſte Bedingung unſerer Liebe, das, was ſie tief und ewig machen wird, iſt, daß wir nie vor ein⸗ ander darüber zu erröthen haben. Wir müſſen alſo, ich wiederhole es Ihnen, mein geliebter Petrus, auf⸗ hören, uns zu ſehen, wie wir uns in dieſem Augenblicke ſehen. Glauben Sie mir, mein ganzes Weſen ſchauert und ſeufzt, indem ich dieſe Worte ausſpreche; doch unſer zukünftiges Glück liegt in dem harten Zwange, den uns das Unglück des Augenblicks auferlegt. Wir wer⸗ den uns in der Geſellſchaft begegnen, Petrus; wir wer⸗ den uns auf der Promenade, in den Concerten, in den Theatern ſehen; Sie werden erfahren, wohin ich immer gehen mag; Briefe von mir werden Ihnen meine ge⸗ ringſten vollbrachten Handlungen, meine unbedeutendſten Projecte für die Zukunft erzählen; ſodann, nach Hauſe zurückgekehrt, werden wir Gott bitten, er möge an un⸗ ſerer Befreiung arbeiten.“ Wie es während der Erzählung von Francesca von Remini Paolo iſt, der weint, ſo war es der junge Mann, welcher diesmal weinte, während Regina ſprach. Dieſe ſchien den Schatz ihrer Thränen erſchöpft zu haben. Es war zwei Uhr des Morgens; die Pendeluhr that zwei Schläge: das hieß zweimal den jungen Leu⸗ ten wiederholen, es ſei Zeit, ſich zu trennen. 328 Regina ſtand auf, winkte aber zugleich Petrus, an dem Platze zu bleiben, wo er war. Sie ging an ein ganz mit Perlmutter, Schildpatt und Silber eingelegtes kleines italieniſches Stippo, nahm eine goldene Scheere daraus, ließ den jungen S auf das Tabouret knieen, wo er ſaß, und ſprach u ihm: „Neigen Sie das Haupt, mein ſchöner Van Dyk.“ Petrus gehorchte. Regina legte ſachte die Lippen auf die Stirne des jungen Mannes; dann wählte ſie aus dem Walde von blonden Haaren eine Locke, ſchnitt ſie bei der Wurzel ab, rollte ſie um ihren Finger und ſagte zu dem jungen Manne: „Stehen Sie nun auf.“ Petrus ſtand auf. „Nun iſt die Reihe an Ihnen!“ fügte ſie bei, in⸗ dem ſie ihm die Scheere reichte und ſelbſt niederkniete. Petrus nahm die Scheere und ſprach mit einer zitternden Stimme: „Neigen Sie das Haupt, Regina.“ Die junge Frau gehorchte. In Allem das Beiſpiel befolgend, das man ihm gegeben hatte, legte Petrus ſeine bebenden Lippen auf die Stirne der jungen Frau, und mit ſeinen Händen, ſtatt mit der Scheere, in die Haare von Regina ein⸗ dringend, ſagte er: „Oh! welchen Engel der Liebe und der Reinheit, machen Sie, Regina!“ „Nun?“ fragte dieſe. „Oh! ich wage es nicht... „Schneiden Sie, Petrus.“ „Nein! nein! mir ſcheint, ich begehe eine Ruch⸗ loſigkeit; jedes von dieſen ſchönen Haaren hat ſein Le⸗ ben von Ihnen, und von Ihnen getrennt wird es mir ſeinen Tod vorwerfen.“ „Schneiden Sie,“ wiederholte Regina,„ich will es!“ an att 0, gen ach k. des on zel en in⸗ ner m uf en, in⸗ 329 Petrus wählte eine Locke, nahm ſie zwiſchen die zwei Blätter der Scheere, ſchloß die Augen und ſchnitt die Locke ab. Doch beim Knirſchen der Haare unter dem Eiſen ſtieg Petrus das Blut ins Geſicht, und der junge Mann glaubte, er werde ohnmächtig werden. Die Locke war abgeſchnitten. Regina ſtand wieder auf. „Geben Sie!“ ſagte ſie. Der junge Mann reichte ihr die Haare, nachdem er ſie zuvor glühend geküßt hatte. Regina hielt ſie an die von Petrus, welche ſie von ihrem Finger abrollte; dann flocht ſie dieſelben zuſam⸗ men wie Seidenfäden, und machte eine Flechte daraus, welche ſie an beiden Extremitäten verknüpfte. Hienach reichte ſie eines von den Enden dem jungen Manne, zog das andere an ſich, nahm die Mitte der Flechte zwiſchen die Scheere und durchſchnitt ſie. „So ſei der Faden unſeres Lebens für immer ver⸗ mengt und zuſammen abgeſchnitten,“ ſprach ſie. Und zum letzten Male dem jungen Manne ihre weiße Stirne darbietend, klingelte ſie der armen alten Nanon, welche im Vorzimmer wartete. „Führe den Herrn durch die kleine Gartenthüre zurück,“ ſagte ſie zu der Alten. Petrus ſchaute ſie zum letzten Male mit Augen an, in welche ſeine ganze Seele überging, und folgte Nanon. 330 CXLIII. Stapat Pater. Der Thurm von Penhröl, ein Ueberreſt von einem während der Kriege in der Vendée niedergeriſſenen Feu⸗ dalſchloſſe des dreizehnten Jahrhunderts, das ſelbſt in dem, was davon übrig war, auf ein romaniſches Ge⸗ bäude gleichſam geimpft zu ſein ſchien, der Thurm von Penhoöl lag ein paar Stunden von Quimper am Ge⸗ ſtade von demjenigen Theile des Oceans, welchen man das wilde Meer nennt. Auf den Gipfel eines ab⸗ ſchüſſigen Felſens geſtellt, vergraben in den Wachhol⸗ derſtauden und im Farnkraute, beherrſchte er die atlan⸗ tiſche Woge wie ein Adlerneſt, und ſchien hier zu ſtehen als eine vorgeſchobene Schildwache beauftragt, die Se⸗ gel, welche am Horizont erſchienen, zu ſignaliſiren. Auf der dem Ocean entgegengeſetzten Seite, das heißt auf der öſtlichen Seite und folglich an der Straße nach Quimper, gebrach es der Gegend, die man vor Augen hatte, obſchon ſie ziemlich monoton und einför⸗ mig, nicht an Größe in ihrer Monokonie und Einför⸗ migkeit. In der That, man denke ſich auf einer mit Hügeln beſäeten und völlig unbewohnten Ebene eine lange Allee von Meerfichten nach einem unſichtbaren Dorfe mün⸗ dend, unſichtbar ſo wie es lag in einer Art von Schlucht, und ſeine Gegenwart nur durch Rauchwirbel verrathend, welche wie bläuliche, zerzauſte Geſpenſter zum Himmel aufſtiegen. Dieſes Dorf war das Dorf Penhosl, einſt unter der Oberlehensherrlichkeit des iſolirten Thurmes, wel⸗ chen wir zu beſchreiben verſucht haben. Das Ganze der Landſchaft glich einer Kathedrale, ———0) ——— v* X 1 S N —— S W —— M W* e 1 r v— 331 von der der Himmel das Gewölbe, die Fichten der großen Allee die Säulen und der Thurm der Altan ge⸗ weſen wären. Der bläuliche Rauch, der zum Himmel aufſtieg, war der Weihrauch, den man unter ihrem Porticus verbrannte. Was noch beſonders etwas Pittoreskes dieſem Ge⸗ mälde beifügte, das war,— auf dem Gipfel des Thur⸗ mes, auf die Bruſtlehne geſtützt, unbeweglich daſtehend, — eine Perſon, die man für eine Bildſäule von Gra⸗ nit gehalten haben würde, hätte nicht der ſcharf wehende Herbſtwind ihre langen weißen Haare aufgehoben und flattern gemacht. Dieſe Perſon war ein ſchöner Greis, ganz ſchwarz gekleidet, dem Meere den Rücken zuwendend und in die ungeheure Allee einen von Zeit zu Zeit durch Thränen, die er mit einem Taſchentuche ſtillte, verdunkelten Blick tauchend. Dieſe Bewegung war übrigens die einzige, die er machte. Was die Thränen betrifft, ſie wurden verurſacht durch eine Traurigkeit, welche ſie ſtill dem Herzen entquellen machte, oder nur durch dieſen Wind, der ſo ſcharf wie jener, welcher das Geſicht der Schild⸗ wachen von Hamlet auf der Plattform des Schloſſes Helſengör veitſchte. Ein einziges Wort wird die Quelle der Thränen bezeichnen, weiche die Augen des Greiſes verdunkelten: dieſer Greis war der Vater von Colombau, der Graf von Penhoél. Man war ungefähr in der Nitte des Monats Februar. Drei Tage vorher hatte er den Brief von Colom⸗ bau erhalten, einen Brief, der ihm den Tod ſeines einzigen Kindes anzeigte. Der Vater erwarkete die Leiche des Sohnes. Darum waren ſeine Augen ſo beharrlich auf die Fichtenallee gebeftet, welche nach dem Dorfe Penhvél führte: durch dieſe Fichtenallee mußte der Leichnam von Colombau kommen. 332 Neben dem Grafen brannten die Ueberreſte eines zu drei Vierteln erloſchenen Feuers.“ Derjenige, welcher dieſe große, traurige, unbeweg⸗ liche, ſtumme Geſtalt mit den im Winde flatternden Haaren und den Thränen in den Augen geſehen hätte, würde unwillkürlich an jenen alten Griechen von Argos gedacht haben, der, auf der Höhe der Terraſſe des Pa⸗ laſtes von Agamemnon ſtehend, ſeit zehn Jahren war⸗ tete, daß ein auf dem Berge angezündetes Feuer ihm anzeige, Troja ſei genommen. Doch diesmal war dieſer der Herr und nicht der Diener, denn bald erſchien der Diener. Das war auch ein Greis mit grauem Barte, mit langen Haaren, mit breitem Hute, bekleidet mit der traditionellen Tracht der Bretagne; nur war die Klei⸗ dung ſchwarz wie die des Herrn. Er brachte eine Laſt Fichtenholz, womit er ohne Zweifel das Feuer wiederzubeleben gedachte; er näherte ſich dem alten Edelmanne, ſchaute ihn einen Augenblick an, ſetzte ein Knie auf die Erde, legte ſeine Laſt Holz auf die Plattform nieder, hob den Kopf wieder empor, um ſeinen Herrn abermals anzuſchauen, und warfeinige Zweige auf das kniſternde Feuer; ſodann, als er ſah, daß der Graf von Penhosl, Allem, was um ihn her vorging, fremd, unbeweglich blieb wie die Bildſäule des Schmerzes ſagte er: „Ich beſchwöre Sie, mein guter Herr, gehen Sie hinab, und wäre es nur auf eine Stunde, und ich werde an Ihrer Stelle wachen. Ich habe ein großes Feuer in Ihrem Zimmer gemacht und Ihr Frühſtück zubereitet. Wollen Sie nicht ſchlafen und ſo der Kälte ausgeſetzt bleiben, ſo ſammeln Sie wenigſtens Kräfte gegen das Wachen und das Meer.“ Der Graf antwortete nicht. „Gnädigſter Herr,“ fuhr beharrlich der alte Diener fort, indem er ſich ſeinem Gebieter näherte,„es ſind nun bald achtundvierzig Stunden, daß Sie weder aus⸗ — — 333 geruht, noch etwas zu ſich genommen haben, abgeſehen davon, daß Sie ſich ſo wenig um die Kälte bekümmern, als wenn wir im Monat Juni wären.“ Diesmal ſchien der Graf zu bemerken, daß ſein alter Diener da war; denn er ſprach zu ihm, jedoch ohne ihm das, was er ſagte, zu antworten: „Hörſt Du nicht in der Ferne das Geräuſch eines Wagens auf der Straße von Paris?“ fragte er. „Nein, mein guter, theurer gnädigſter Herr,“ er⸗ wiederte der Diener;„ich höre nichts als das Meer rollen und den Weſtwind, der in den Fichten heult. Es iſt ſchlimm mit bloßem Kopfe im Morgenwinde bleiben. Ich bitte Sie alſo flehentlich, mein lieber Herr, gehen Sie hinab!“ Der Graf ließ ſeinen Kopf auf die Bruſt fallen, als beugte ſich dieſer Kopf unter der Laſt einer Erin⸗ nerung. „Erinnerſt Du Dich ſeiner, Hervey?“ ſagte er immer ſeinen düſteren Gedanken verfolgend.„Als er auf die Welt kam, als ſeine Mutter mir ihn als einen ſichtbaren vom Himmel auf unſer Haus herabgeſtiegenen Segen gab, warſt Du ſchon fünf Jahre bei uns.“ „Ja, gnädigſter Herr, ich erinnere mich!“ ant⸗ wortete der alte Hervey mit erſtickter Stimme. „Eines Tags,— das Kind war drei Jahre alt, führte man es auf dem Gipfel des Thurmes ſpazieren, von wo aus wir das wilde Meer anſchauten; das Meer hatte gerade einen ſeiner Tage des Zornes. Die⸗ jenige, welche es ſpazieren führte, war ſeine ehemalige Amme, die ſeine Wärterin geworden. Sie hatte das Kind dahin geführt, nicht um es zu zerſtreuen, ſondern in der Hoffnung, ſie werde von fern die Barke ihres Mannes ſehen, der Fiſcher war. Die Gräfin, die ihren Sohn überall ſuchte, ſtieg bis hier herauf, und als ſie den Sturmwind ſah, der in den blonden Haaren des Kindes wehte, ſprach ſie: „Aber, Amme, Du gibſt nicht Acht auf den Klei⸗ 334 nen! Der Kleine wird frieren: bedenke, daß er erſt drei Jahre alt iſt!““ „Doch die Amme, eine robuſte Bäuerin, gewohnt bei jeder Witterung die Netze ihres Mannes an der Meeresküſte zu flicken, antwortete: „„Und mein Kleiner, der erſt vier Jahre alt und mit ſeinem Vater ſchon in See iſt, weil ich den Ihri⸗ gen pflege, Frau Gräfin, und keinen Dienſtboten habe, um ihn zu hüten, glauben Sie, er friere nicht auch?““ „Und die arme Frau ſuchte die Barke ihres Man⸗ nes durch Wellen und Nebel zu erſchauen. „Du drehteſt Dich gegen ſie um und ſagteſt zu ihr: „Jeanne, ſchämt Ihr Euch nicht, daß Ihr Euer Kind mit dem der Frau Gräfin vergleicht, Ihr, die Ihr nur eine unglückliche Bäuerin ſeid, während die Frau Gräfin eine vornehme Dame iſt?““ „Doch ſie antwortete; Es iſt möglich, Hervey, daß die Frau Grä⸗ fin eine vornehme Dame iſt, und daß ich nur eine Bäuerin bin; ich weiß aber, daß Jemmy mein Sohn iſt, wie Colombau der Sohn der Frau Gräfin. Es gibt vielleicht vor Gott einen Unterſchied zwiſchen dem Range der zwei Kinder, doch es gibt keinen zwiſchen den⸗ Herzen von zwei Müttern!““ „Und Du ſiehſt, Hervey,“ fuhr der Greis fort, „der Sohn der Amme iſt todt und mein Sohn iſt auch todt! Du ſiehſt, daß kein Unterſchied zwiſchen ihnen ſtattfand, da ſie Beide ſterblich waren.. Die Gräfin hatte Unrecht, die Amme hatte Recht, und der Tod hat ſie gleich gemacht!“ „Mein armer Herr!“ murmelte Herveh, als er dieſe melancholiſchen Worte des alten Edelmanns hörte, dem der Schmerz eine Lection in der Gleichheit gab. „Einige Jahre nachher,“ fuhr der arme Vater fort, in ſeinem Geiſte Alles das wieder anknüpfend, was die Oertlichkeit an einſt ſüßen, heute bitteren Er⸗ innerungen in ihm zurückrief,„einige Jahre nachher, ——0)„———— 1— c c — „——.——— — S 335 erinnerſt Du Dich?— er war damals zehn Jahre alt, — Du warſt noch da, denn Du haſt uns nie verlaſſen, mein guter Hervey; er wollte eine Flinte, der arme Knabe, und Du gabſt ihm die Deinige, Deine alte Flinte aus den Burgerkriegen, deren Lauf ſeinen Kopf um etnen halben Fuß überragte... Hervey ſtieß einen Seufzer aus und ſchlug die Augen zum Himmel auf. „Du erinnerſt Dich ſeiner, Hervey, wie er die Flinte zwiſchen ſeinen Händchen hielt und Dich bat, ihn das Exerciren zu lehren. Aber Du, Du wollteſt nicht. Er mochte immerhin weinen, ſich ärgern, er⸗ zürnen, Du ließeſt ihn Thränen weinen und in Zorn gerathen und ſagteſt zu ihm: „„Gnädiger Herr, ein Edelmann wie Sie muß nur den Degen handhaben lernen!““ „Statt den Degen zu handhaben, hat er die Feder gehandhabt; ſtatt ihn in die Polytechniſche Schule zu ſchicken, habe ich ihn in die Rechtsſchule geſchickt. Da ich keinen Officier aus ihm machen konnte, weil es kei⸗ nen Krieg gab, ſo wollte ich einen Bürger aus ihm machen. Der Krieg hätte ihn vielleicht verſchont, wie er uns verſchont hatzder Fr ihn genommen und mir getödtet!“ ℳ. „Verweilen Sie nicht immier bei dieſen traurigen Erinnerungen, mein würdiger Herr,“ ſagte Hervey. „Traurige Erinnerungen! Erinnerungen, die mei⸗ nen Colombau in mir zurückrufen, Du nennſt das trau⸗ rige Erinnerungen? Im Gegentheile, ſprechen wir von ihm. Spräche ich nicht von ihm, wovon ſollte ich ſprechen? Spräche ich nicht von ihm, ſo würde das Stillſchweigen mich zernagen, wie der Roſt heute die alte Flinte zernagt, mit der er damals ſpielte.“ „Sprechen Sie alſo von ihm, mein lieber Herr, ſprechen Sie von ihm!“ „Nun wohl, Du erinnerſt Dich des Tages, wo er ſein zwölftes Jahr erreicht hatte? Wir führten ihn, 336 Beide mit geſammeltem Gemüthe, voll Glauben und Hoffnung, durch dieſe Fichtenallee, welche damals mit Roſen beſtreut war, wie ſie es heute mit Schnee iſt. Dieſer Tag war der ſeiner erſten Communion, und die anderen Kinder erwarteten ihn vor der Kapelle des Dorfes; denn er war es, der die Taufgelübde ſprechen ſollte. Wie ſtattlich ſah er aus bei ſeinem kleinen Wuchſe! ich ſehe ihn noch„ Sieh, dort, rechts, beim vierundzwanzigſten Baume,— wir haben ſie ge⸗ zählt,— war ein Kieſelſtein, der ihn ſtraucheln machte. Die Kerze, die er hielt, entſchlüpfte ſeiner Hand und erloſch. Da fing er an zu weinen, der arme Knabe! Wer mir damals geſagt hätte, daß er ſo im Leben ſtraucheln und die Kerze ſeines Daſeins vor ſeinem vier⸗ undzwanzigſten Jahre erlöſchen ſehen ſollte!“ „Oh! Herr, Herr,“ rief Hervey in Thränen zer⸗ fließend,„Sie zerreißen ſich die Eingeweide mit Ihren eigenen Händen!“ „Er erreichte ſehr ſchnell ſein fünfzehntes Jahr,“ fuhr der Graf von Penhvél fort, der, wie er geſagt hatte, ſeine geringſten Erinnerungen mit einer ſchmerz⸗ lichen Wolluſt zurückrief.„Eines Tages erzählte ich ihm die Geſchichte von Milon von Kroton; ich erinnere niſch ſeines Lächeltsy aK er die Geſchichte der Eiche hörte, welche, Anfangs geſpalten, als ſie ſich wieder näherte, beide Hände des furchtbaren Athleten faßte. Er verließ mich, ging weg und erblickte einen Baum, der zweimal ſo dick war als er: das war eine Weidez er ſprang in den hohlen Stamm, ſtemmte ſich an wie ein zweiter Milon, und arbeitete ſo gewaltig mit Hän⸗ den und Füßen, daß er den Baum entzwei ſpaltete, als wäre es ein Apfel geweſen. Ich war ihm gefolgt und ſchaute ihm zu, ohne daß er wußte, daß ich da war. Als ich den Baum krachen hörte, ſchien es mir, die Knochen meines Kindes brechen Ja, er war ſtark wie derjenige von unſeren Ahnen, welchen man Colombau den Starken nannte. Doch wozu dient die Stärke, me Kn To die auf tod ma Ty den plö ſen an, wie mit ſtür blie Vat Her ſie Fle nen eine Gär lung Anb nd nit ſt. ie es en 8, e⸗ te. nd e en er⸗ er⸗ 3 igt rz⸗ ich ere che er te. m, e ie in⸗ s nd w. ie rk au ke, 337 mein guter Hervey, und was iſt aus dieſen eiſernen Knieen und dieſen ſtählernen Armen geworden? Der Tod hat ſie berührt und ſie gebrochen, wie ein Kind die Muttergottesfäden zerreißt, welche im September auf unſeren abgeernteten Feldern umherfliegen. Todt! todt! mein Kind iſt todt!“ Doch dieſe Stärke, deren Nichtigkeit der alte Edel⸗ mann beſtätigte, und von der er ſelbſt der lebendige Typus bei dem erſchrecklichen Kampfe war, den er gegen den Schmerz aushielt, fehlte dem armen Hervey, der, plötzlich vor ſeinem Herrn auf die Kniee fallend, ausrief: „Mein Gott, auf welche Art beſtrafſt Du die Bö⸗ ſen, wenn die Guten ſolche Wunden empfangen!“ Der Graf von Penhvél ſchaute den alten Diener an, öffnete ſeine Arme gegen ihn und ſprach feierlich: „Umarme mich, Hervey; das iſt die einzige Art, wie ich Dir für Deinen Schmerz danken kann.“ Hervey erhob das Haupt, und wie ein Kind, das mit angeſchwollenem Herzen an die Bruſt ſeines Vaters ſtürzt, ſank er in die Arme des alten Edelmanns und blieb ſo einen Augenblick eng mit ihm verſchlungen. Doch den Kopf ſchüttelnd fuhr der unglückliche Vater fort, während er Hervey in ſeinen Armen preßte: „Wie undankbar ſie ſind, die Kinder, mein lieber Hervey! ein Vater bringt den beſten, den ſchönſten Theil ſeines Lebens damit hin, daß er ſie pflegt, über ſie wacht, Menſchen aus ihnen macht; er hat für dieſes Fleiſch von ſeinem Fleiſche, für dieſe Knochen von ſei⸗ nen Knochen die aufmerkſame Sorgfalt, die er für eine zarte Pflanze hätte; er folgt, wie ein keuchender Gärtner, den Fortſchritten der Knoſpen, der Entwick⸗ lung der Blätter, dem Erſchließen der Blumen. Beim Anblicke dieſer friſchen, balſamiſch duftenden Blüthe der Kindheit freut er ſich in der Hoffnung auf das, was die Früchte der Jugend ſein werden; ſodann, eines Morgens, kommt ein ſchwarz geſiegelter Brief, der dem Vater ſagt:„Vater, ich habe nicht die Stärke gehabt, Die Mohicaner von Paris. V. 22 338 dieſes Leben, das Du mir gegeben, zu ertragen, und ich tödte mich.““ Lebe Du hienach, wenn Du kannſt!“ „Gott hatte ihn uns gegeben, Gott hat ihn uns genommen, preiſen wir Gott!“ ſprach der alte Diener mit einer gewiſſen religiöſen Begeiſterung, wie man ſie noch in unſeren Tagen bei der Ureinwohnerſchaft der alten Bretagne findet. „Was ſprichſt Du von Gott?“ rief der alte Edel⸗ mann mit ſtolzem Uebermuthe.„Als der Pachthof Deines Vaters, als alle Früchte ſeines Speiſekellers, als alles Getreide ſeines Speichers, als alles Vieh ſei⸗ ner Ställe, als Alles, was Dein Vater, ein Greis von neunzig Jahren, ſeit fünfzig Jahren angehäuft hatte, vor achtzehn Monaten durch einen Strohhalm verzehrt wurde, glaubſt Du, Dein Vater habe Gott geprieſen, Hervey? Als die Marianne, in dem Augenblicke, wo ſie in den Hafen einlaufen ſollte, vor ſechs Monaten dort an den Felſen ſtrandete, vor dem Werfte, wo ſie erbaut worden war, nach einer langen und gefahrvollen Fahrt nach Indien, als hiebei nebſt ſeiner Ladung ſeine achtzehn Matroſen und ſeine hun⸗ dert und zwanzig Paſſagiere von den Wellen verſchlungen wurden, glaubſt Du, ſie haben Gott geprieſen, diejeni⸗ gen, welche in den Abgrund niederſanken? Als vor ſechs Monaten die Loire Städte, Dörfer und Hütten fortreißend austrat, glaubſt Du, ſie haben Gott geprie⸗ ſen, diejenigen, welche auf ihren Dächern ſitzend, Gott um Gnade und Barmherzigkeit anrufend, ihre Häuſer wanken, ſich ſpalten und unter ihnen einſtürzen fühlten? Nein, Hervey, nein, ſie haben es gemacht wie ich, ſie haben„„ „Nehmen Sie ſich in Acht, Herr!“ rief Hervey. „Sie ſind im Begriffe, Gott zu läſtern!“ Doch ehe der alte Diener dieſe Worte geſprochen hatte, war der Graf von Penhoöl auf die Kniee ge⸗ fallen, und er rief: Leic Fich ſteig mel grat kom weif Hän von gefä ihret brau ſtand uns der und der tenal alten mes und uns ner ſie der del⸗ thof ſei⸗ äuft alm zott dem vor dem gen ebſt un⸗ gen eni⸗ vor tten rie⸗ Hott uſer en? ſie vey. hen ge⸗ 339 „Herr, Herr, vergib mir!.. Dort kommt der Leichnam meines Kindes...“ Und man ſah in der That, am Ende der großen Fichtenallee, von der Seite, wo wir geſagt haben, es ſteigen die Rauchwolken des Dorfes Penhoél zum Him⸗ mel empor, zwiſchen dem Schnee der Straße und dem grauen Grunde des Himmels, einen Leichenzug herbei⸗ kommen, an deſſen Spitze ein Mönch, bekleidet mit dem weiß und ſchwarzen wollenen Rocke, hoch in ſeinen Händen ein großes ſilbernes Kreuz haltend, ging. Hinter ihm kamen ein Sarg auf den Schultern von vier Trägern ruhend, und hinter den Trägern un⸗ gefähr fünfzig Männer und Frauen, die Männer ihren Hut in der Hand haltend, die Frauen in ihre braunen Capucen vermummt. Der Edelmann verrichtete ein kurzes Gebet, dann ſtand er auf und ſagte zu ſeinem alten Diener: „Was Gott gethan, iſt wohl gethan. Hervey, laß uns den letzten Abkömmling der Penhosl empfangen, der ins Schloß ſeiner Väter zurückkehrt!“ Und mit feſtem Schritte ſtieg er die Treppe hinab, und ging, immer mit bloßem Kopfe, bis auf die Schwelle der großen Thüre des Thurmes, welche nach der Fich⸗ tenallee führte. CXLIV. Das De Profundis an der Meeresküſte. Als der Graf von Penhvöl, gefolgt von ſeinem alten Diener, auf die Schwelle der Thüre des Thur⸗ mes kam, hatte der Leichenzug ſchon zwei Drittel der 340 Allee durchſchritten, und man fing an die höchſten Noten des vom Prieſter geſungenen und von denjenigen, welche ihm folgten, wiederholten Trauerpſalms zu hören. Sobald er dieſe Noten vernahm, kniete Hervey nieder; der Graf aber blieb ſtehen: er wiederholte leiſe den Todtengeſang, der zwiſchen den Lippen von Herveh zu verſcheiden ſchien. Als der Prieſter nur noch fünfundzwanzig Schritte vom Schloſſe entfernt war, winkte er den Trägern, und dieſe hielten an. Hinter den Trägern hielten die Bauern an. Der Zug blieb unbeweglich, die Geſänge ver⸗ ſtummten. Der Prieſter trennte ſich vom Zuge und ging auf den Grafen zu. Dieſer verſuchte es, ein paar Schritte ihm entgegen zu machen, doch es war ihm unmöglich, ſeine Füße vom Boden loszureißen. Hereh ſah, was bei ſeinem Herrn vorging, an der Bläſſe, die ſeine Stirne bedeckte. Er machte eine Bewegung, um ihm dieſen Platz, an dem er wie ver⸗ ſteinert feſthing, verlaſſen zu helfen und ihn im Noth⸗ falle zu unterſtützen; doch ſein Herr hieß ihn mit der Hand winkend an ſeiner Stelle bleiben. Er hatte ſchon ein Knie erhoben, und er ſetzte es wieder auf die Erde. Der Mönch hatte während dieſer Zeit die Entfer⸗ nung zurückgelegt, die ihn von der Thüre trennte. Auf der Schwelle dieſer Thüre hatte er einen Mann geſehen, und an der Bläſſe des Geſichtes von dieſem Manne hatte er den Vater von Colombau erkannt. „Mein Herr,“ ſprach er,„ich habe von Paris bis hierher den Leib des Vicomte von Penhosl begleitet, und ich bringe ihn in das Schloß ſeiner Väter zurück.“ „Gott ſegne den frommen Mann, der einen Sohn ſeinem Vater zurückbringt!“ antwortete der alte Edel⸗ mann, indem er ſich vor der doppelten Majeſtät der Religion und des Todrs verbeugte. Mä Geſ die zuri unſe mac eine knie ſam ſchm entz Sar und ges unte den min dant und Pfa ten, fes zu L oten elche rvey leiſe rvey ritte und ver⸗ auf ritte lich, an eine ver⸗ oth⸗ der e es tfer⸗ Auf hen, anne bis itet, . ohn del⸗ der 341 Der Prieſter winkte. Die vier Träger kamen langſam herbei; zwei Männer, Geſtelle tragend, folgten ihnen: ſie ſetzten die Geſtelle auf die Erde, die Träger legten den Sarg auf die Geſtelle, und alle kehrten mit einander zu der Gruppe zurück, in der ſie ſich verloren. Der Abbé Dominique,— denn er war es, und unſere Leſer haben ihn ohne Zweifel wiedererkannt,— machte ein neues Zeichen: der Zug näherte ſich, bildete einen Halbkreis um den Sarg und umhüllte ihn nieder⸗ knieend. Es ſchien, alle Mitglieder dieſer frommen Ver⸗ ſammlung haben ſich verſtändigt, um dem Vater die ſchmerzlichen Einzelheiten dieſes Leichenbegängniſſes zu entziehen. Der Graf und der Prieſter blieben allein ſtehen. Der Graf, deſſen Augen ſich Anfangs auf den Sarg geheftet hatten, wandte ſie mit Mühe davon ab und ſchien eine nach der andern alle Perſonen des Zu⸗ ges bis auf die geringſten zu beſichtigen, ob er nicht unter ihnen diejenigen erkenne, welche er dabei zu fin⸗ den erwartete. Endlich ſprach er, indem er ſich an den Abbé Do⸗ minique wandte: „Mein Herr, ich habe Ihnen ſchon für das ge⸗ dankt, was Sie für mich und für meinen Sohn gethan, und ich danke Ihnen noch einmal. Warum iſt aber der Pfarrer von Penhoöl nicht bei Ihnen?“ „Ich habe ihn gebeten, den Leichenzug zu beglei⸗ ten, und er hat ſich geweigert,“ erwiederte Dominigue. „Er hat ſich geweigert?“ rief der Graf erſtaunt. Der Mönch verbeugte ſich. „Und ſeit wann weigert ſich der Pfarrer des Dor⸗ fes Penhosl, für die Ruhe des Graſen von Penhoél zu beten?“ „Der Vicomte von Penhvél,“ erwiederte der Abbé 3 —— 342 Dominigque, iſt eines gewaltſamen Todes geſtorben, und er hat ſich ſelbſt das Leben genommen.“ „Ja, mein Vater,“ ſprach der alte Edelmann? „doch je mehr das arme Kind verirrt iſt, deſto nothwen⸗ diger iſt es, daß man die Barmherzigkeit Gottes auf dasſelbe herabruft. Iſt der Arme nicht als ein guter Chriſt geſtorben, ſo iſt er wenigſtens, deſſen bin ich ſicher, als redlicher Menſch geſtorben.“ „Ich weiß es, Herr Graf.“ „Und woher wiſſen Sie es?“ „Ich war ſein Freund, und es war ſein letzter Wille, daß ich die Sendung vollbringe, die mich hier⸗ her führt.“ Somit kommen Sie nur unter dem Titel eines Freundes?“ „Unter dem Titel eines Freundes und eines Prie⸗ ſters, Herr Graf.“ „Sie ſetzen ſich aber dem Zorne Ihrer Oberen aus, mein Vater?“ „Ich fürchte nur den Zorn Gottes, Herr Graf.“ „Wenden Sie ihn alſo vom Haupte meines Sohnes ab, mein Herr, und rufen Sie die ganze Milde des Herrn an.“ Der Prieſter verbeugte ſich und ſtimmte, indem er ſich gegen den Sarg umwandte, das De profundis cla- mavi ad te! mit einer ſo feſten und zugleich mit einer ſo mächtig ſchallenden Stimme an, daß ſein Geſang bis zum Fuße vom Throne des Ewigen aufſteigen mußte. „De profundis clamavi ad te 1“ wiederholte die Menge mit der ganzen Gewalt ihrer Stimme. „De profundis clamavi ad te 1 murmelte der Graf von Penhosl. Als ſodann der Trauergeſang beendigt war, ſtand Jedermann auf. Der Abbé Dominique ging auf den alten Edel⸗ mann zu. net ſch mi St ſei vie La mi ho — S der und nn; en⸗ auf uter ich tzter ier⸗ ines rie⸗ aus, nes des ner cla- iner ſang ßte. die der tand del⸗ 343 „Herr Graf,“ ſprach er,„wo ſollen wir die ſterb⸗ lichen Ueberreſte Ihres Sohnes niederlegen?“ „Hat meine Familie nicht ihre Gruft auf dem Friedhofe von Penhoöl?“ fragte der Graf. „Der Friedhof von Penhoöl iſt geſchloſſen und der Friedhofwächter hat ſich geweigert, ihn zu öffnen.“ „Und ſeit wann iſt der Friedhof von Penhvöl für die Grafen von Penhvöl geſchloſſen?“ Der Abbé antwortete mit ſanftem Tone: „Seitdem ſie Gott vor dem für ihren Tod bezeich⸗ neten Tage das Leben wiedergeben, das ihnen Gott ge⸗ ſchenkt hatte.“ „Verhält es ſich ſo, mein Vater, ſo wollen Sie mir folgen,“ ſprach der alte Edelmann mit feſter Stimme, indem er ſich ſtolz aufrichtete, während Hervey ſeinen Platz hinter dem Sarge einnahm. Auf einen Wink des Abbé Dominique traten die vier Träger aus den Reihen hervor und nahmen ihre Laſt wieder auf, und der Leichenzug, dem der Abbé Do⸗ minique voranſchritt, ſetzte ſich, den Grafen von Pen⸗ hosl an ſeiner Spitze, langſam in Bewegung. Man ging um den Thurm und die Ruinen des Schloſſes, man erſtieg eine letzte Kante des Felſens, und man befand ſich am weſtlichen Abhange der Küſte, dem ungeheuren, toſenden, ſtürmiſchen Ocean gegenüber. Die Wellen waren ſchwarz und hochz; der Wind blies und machte die Haare des Greiſes flattern. Kein Horizont konnte beſſer, als der, welcher ſich vor den Blicken von denjenigen entrollte, die dem Sarge des jungen Mannes vorangingen oder ihm folg⸗ len, einen Begriff von der Macht und dem Zorne Got⸗ tes gebenz nur möchte man wiſſen: nahmen dieſe grän⸗ zenloſe Macht, dieſer ungeheure Zorn, welche die Wel⸗ len des Oceans empören und am Himmel die Wolken, dieſe Wagen, welche die Stürme tragen, konnten zu⸗ ſammenſtoßen machen, nahmen ſie zum Gegenſtande 344 dieſe elenden Fragen, welche im Concil einige müßige Cardinäle debattiren? Das konnte der Abbé Dominique, dieſes große Herz und dieſer große Geiſt, nicht zugeben, als ſich vor ihm das Rieſenſchauſpiel entrollte. Ein bitteres Lächeln ſchwebte über ſeine Lippen; ſeine Augen richteten ſich auf den Sarg, wo dieſer träge, unempfindliche Leichnam ſchlummerte, und nur Eines ſchien ihm ſo unendlich als dieſe Macht, ſo un⸗ geheuer, als dieſer Zorn Gottes: das war der Schmerz dieſes Vaters. Der Graf blieb vor einem mit Farnkraut und Wachholderſtauden umgebenen kleinen Sandhügel ſtehen. „Ich wünſche, daß man hier den Leib meines Sohnes beſtatte,“ ſprach er. Die Träger hielten abermals an, die Geſtelle wurden wie vor der Thüre des Thurmes niedergeſetzt, und der Sarg quer darauf gelegt. Der Edelmann ſchaute umher: er ſuchte den Tod⸗ tengräber, doch der Todtengräber hatte vom Pfarrer den Befehl erhalten, dem Zuge nicht zu folgen. „Hervey,“ ſagte der Graf,„hole zwei Spaten.“ Fünf oder ſechs Bauern ſtürzten nach dem Schloſſe. „Laßt Hervey machen,“ ſagte er mit einer Geberde des Befehles. Jeder blieb ſtehen; Hervey allein ging ſo ſchnell, als es ihm ſein Alter erlaubte, hinab und verſchwand durch eine alte, an einer noch vorhandenen Mauer offene Schlupfpforte. Einen Augenblick nachher erſchien er wieder mit zwei Spaten. Die Bauern wollten ſich derſelben bemächtigen. „Ich danke, meine Kinder,“ ſprach der Graf.„Das geht uns an, Hervey und mich.“ Er nahm einen Spaten aus den Händen des alten Dieners. „Auf, mein guter Herveh,“ ſagte er,„laß uns ſei be Gr Fe zwe tau hei ruf ige ße ich nz ſer ur in⸗ erz nd en. es Ale tzt, od⸗ rer ſſe. rde ell, nd ner nit as 345 ſein letztes Bett dem Letzten der Grafen von Penhoél bereiten.“ Und er fing an die Erde auszugraben. Hervey folgte dem Beiſpiele, das ihm gegeben war. Nicht Einer von den Anweſenden vermochte ſeine Thränen zurückzuhalten, als er dieſe zwei Greiſe ſah, den Bart und die Haare im Winde flatternd, das Grab eines Kindes grabend, das der Eine gezeugt und der Andere in ſeinen Armen gewiegt hatte. Die Augen verloren zwiſchen den zwei Unendlich⸗ keiten, dem Himmel und dem Ocean, die Arme im Kreuze auf ſeiner Bruſt, unbeweglich, ohne Stimme, ohne Thränen, blieb Dominique aufrecht und wie in Entzückung ſtehen. Der ſchöne Mönch in ſeiner ſeltſamen Tracht ſchien da zu ſein, um das pittoreske und poetiſche Drama zu vervollſtändigen, in welchem ihm ein gütiger Gott pro⸗ videntiell ſeine Stelle zugetheilt hatte. Das Grab grub ſich raſch in dieſem bröckeligen Boden, und bald hatte es eine Tiefe von fünf bis ſechs Fuß. Einer von den Trägern hatte Stricke: man ſchob ſie unter dem Sarge durch und ließ dieſen in das Grab hinab. Man ſuchte das Weihwaſſer. Dominique erblickte in der Aushöhlung eines nahen Felſens Waſſer ſo glänzend wie ein Spiegel. Er ging auf den Felſen zu, ſprach über dieſem Waſſer die ſacramentlichen Worte, brach einen Fichten⸗ zweig, der einen natürlichen Sprengwedel bildete, tauchte dieſen Zweig in den Behälter, näherte ſich dem Grabe, beſprengte den Sarg und ſprach: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes ſegne ich Dich, mein Bruder, und ich rufe auf Dich den Segen des Herrn herab.“ „Amen!“ antworteten die Anweſenden. „Gott, der Deine Abſicht kannte, konnte glein 346 Deinen Arm zurückhalten und Deinen Willen brechen? Gott hat es nicht gewollt. Vergebung und Segen über Dich, mein Bruder!“ „Amen!“ ſprachen im Chore die Anweſenden. Der Mönch fuhr fort: „Ich, ich habe Dich auf Erden gekannt, ich ver⸗ mag alſo dieſen Kindern desſelben Landes wie Du zu ſagen, daß Du nichts verſchuldet haſt, um ihre Zunei⸗ gung zu verlieren. Du warſt ein würdiger Sohn der Brekagne, Du hatteſt alle die Tugenden, welche ihre Kinder von dieſer würdigen Mutter entlehnen: Du hatteſt den Adel, Du hatteſt die Stärke, Du hatteſt die Größe, Du hatteſt die Schönheit. Du haſt Deine Rolle hienieden geſpielt, und obgleich nicht einmal drei⸗ undzwanzig Jahre, iſt Dein Leben ein Opfer geweſen, wie Dein Tod ein Märtyrthum. Ich ſegne Dich alſo, mein Bruder, und bitte Gott, er möge Dich ſegnen, wie ich es thue.“ „Amen!“ ſprach die Menge. Der Abbé ſchüttelte aufs Neue den Fichtenzweig und reichte ihn ſodann dem Grafen von Penhosl. Am Rande des Grabes ſtehend, empfing dieſer den Zweig aus den Händen des Mönches, und ließ um ſich her einen erhabenen Blick der Traurigkeit, des Stolzes und der Verachtung laufen; dann ſprach er mit Anfangs dumpfer, allmälig aber zu den höchſten Noten empor⸗ ſteigender Stimme: „O meine Ahnen! Ihr, die Ihr in Euren Rieſen⸗ kämpfen mit Eurem edlen Blute jedes Körnchen von dieſem Sande beſprengt habt, was ſagt Ihr hiezu, o meine Ahnen? War es der Mühe werth, ein Geſchlecht von Eroberern zu ſein, Jeruſalem mit Gottfried von Bouillon, Conſtantinopel mit Baudouin, Damiette mit dem heiligen Ludwig zu nehmenz war es der Mühe werth, Eure Leichname auf allen Straßen auszuſtreuen, welche nach der Schädelſtätte führen, damit ein chriſt⸗ liches Begräbniß von chriſtlichen Prieſtern Eurem letz⸗ n er er⸗ ei⸗ der hre die ine ei⸗ en, lſo, en, eig den ſich lzes ngS por⸗ ſen⸗ von o echt von mit tühe uen, riſt⸗ letz⸗ 347 ten Abkömmling verweigert werde?. O meine Ahnen, mit dem Schatten Eurer Tugenden, wie eine große Eiche mit dem Schatten ihrer ungeheuren Aeſte, habt Ihr die ganze Bretagne bedeckt, und nun verweigert man Eurem Sprößling einen Winkel von dieſer Erde, die Ihr beſchattetet!.. O meine Ahnen! iſt es nicht eine große Traurigkeit und ein jämmerliches Ding, dieſem edlen Kinde, das mein einziger und vielgeliebter Sohn war, den Eingang in die Gruft ſeiner Väter verweigern zu ſehen, während Gott, vielleicht minder ſtreng als die Menſchen, ihm den Eintritt in den Him⸗ mel nicht verweigern wird?.. O meine Ahnen! Euch beſchwöre ich! Entſcheidet, ob dieſer letzte Penhoél un⸗ würdig iſt, an der Seite der übrigen Familie zu ruhen. Verſammelt Euch im Rathe, erhabene, reine Schatten; in der Welt, die Ihr bewohnt, rufet Euch bei Euren Namen, von Colombau dem Starken, der auf der Ebene von Poitiers, die Saracenen zurückſchlagend, im Jahre 732 getödtet wurde, bis auf Colombau den Loyalen, der 1793 ſeinen Kopf aufs Schaffot trug und mit dem Ausrufe ſtarb:„„Ehre ſei Gott im Himmel! Friede den Menſchen von gutem Willen auf der Erde!““ verſammelt Euch und richtet ihn, Ihr, die einzigen Richter, die ich anerkenne. Richtet denjenigen, deſſen Grab ich ſo eben gegraben habe, denjenigen, welchen ich in dieſe Erde niedergelegt habe, denjenigen endlich, deſſen Sarg ich mit dem Waſſer des Himmels beſprenge, das vom Herrn in der Höhlung eines Felſens aufbe⸗ wahrt worden iſt!— Ich, der ich nicht ſein Richter bin, ich, der ich ſein Vater bin, verzeihe ihm und ſegne ihn!“ Und dieſe Worte vollendend, ſchüttelte er den Fich⸗ tenzweig über dem Grabe, und wollte ihn ſodann Her⸗ vey reichen; doch das war mehr, als der arme Vater ertragen konnte: ſein Geſicht bedeckte ſich mit einer Todesbläſſe, ſeine Stimme verſchied in ſeiner Kehle, ein herzzerreißender Schrei drang aus ſeiner Bruſt her⸗ 348 vor, und er ſank auf den Sand wie eine durch einen Wetterſtrahl gebrochene Eiche. Das Leichenmahl. . Eine Viertelſtunde nach der Scene, die wir ſo eben erzählt, obne die Prätenſion zu haben, ſie malen zu wollen, ließ Hervey alle Perſonen, welche dem Lei⸗ chenbegängniſſe gefolgt waren, in das eintreten, was einſt der Saal der Wachen war, ein ungeheures kreis⸗ förmiges, durch farbige Scheiben erleuchtetes Gemach, in welchem im Schatten die Wappen, die Schilde, die Rüſtungen, die Banner und die Schwerter der ehema⸗ ligen Herren von Penhvél glänzten. Der Mönch fehlte allein: man begreift, daß er beim alten Grafen geblieben war, weniger vielleicht, um Sorge für ihn zu tragen, als um mit ihm von Colom⸗ bau zu ſprechen und ihm über den Tod ſeines Sohnes Einzelheiten zu geben, die er nicht kannte. Jeder ſetzte ſich an die Wand. Das Geſpräch fand Anfangs mit leiſer Stimme, bald aber ein wenig lauter ſtatt. Der Aelteſte der Ge⸗ ſellſchaft, ein Greis mit weißen Haaren, der neunzig Jahre alt ſein mochte und die fünf letzten Grafen von Penhosl gekannt hatte, erzählte ſodann das, was er ſeine Vorfahren hatte erzählen hören, und was ſeine Vorfahren von ihren Altvordern wußten, nämlich die Thaten der zehn letzten Grafen. Dann nahm eine alte Frau das Wort, und wie der Mann die Thaten der n ſo en as ch ie a⸗ im m⸗ es ne, e⸗ ig on ne die lte der 349 Grafen erzählt hatte, zählte ſie die Tugenden der Grä⸗ finnen auf. In Erwartung des Herrn, über deſſen Geſundheit ſie die Gegenwart von Hervey beruhigte, that ſo Jeder ſein Beſtes, um gewaltig dieſe Vergangenheit von zehn Jahrhunderten zu loben, vyn deren Größe die Gegen⸗ wart geerbt hatte, und jede Erzählung machte, wie eine Elektriſirmaſchine, einen Funken aus allen Herzen, eine Thräne aus allen Augen ſpringen. Der alte Hervey ging von Einem zum Andern, drückte herzlich den Anweſenden die Hand, und theilte, eine Erzählung an die andere anknüpfend, ebenfalls die Ereigniſſe mit, die er hatte erzählen hören, und deren Zeuge er geweſen war. Als er aber zu ſeinem jungen Herrn kam, als er, von ſeinem erſten Stammeln bis zu ſeinem letzten Seufzen, die reine, heitere Kindheit, die ſtürmiſche, bewegte Jugend des armen Colombau zu erzählen verſuchte, da brach ein Schluchzen aus jeder Bruſt hervor. Es war erſt kurze Zeit, daß er nach Penhvél ge⸗ kommen, daß Jeder ihn geſehen, ihn gegrüßt, ihm die Hand gedrückt, mit ihm geſprochen hatte! Allerdings hatte er Jedermann traurig geſchienen! Doch wie weit war man davon entfernt, zu vermuthen, dieſe Traurig⸗ keit ſei tödtlich! Es iſt eine Race, welche geht, die dieſer großen Gra⸗ fen mit den breiten Schultern, mit Beinen gebogen durch die Gewohnheit, zu reiten, mit einem in die Schultern, durch die Helme, welche auf dem Haupte ihrer Ahnen laſteten, eingedrückten Kopfe; doch es iſt eine Race, die auch geht, die dieſer alten ergebenen Diener, welche beim Großvater geboren werden und beim Enkel ſterben: mit ſolchen Menſchen ließ der Vater, wenn er ſeiner Frau ins Grab folgte, ſeinen Sohn nicht allein im Hauſe. ie Ehrfurcht, die man für den hingeſchiedenen Greis gehabt hatte, ging in eine fromme Liebe für das 350 verwaiſte Kind über. Oſft habe ich die gegenwärtige Generation dieſe achtungsvolle Zärtlichkeit der alten Diener, dieſe unbegränzte Ergebenheit dieſer früheren Diener, die man, wie ſie behauptet, nur noch auf dem Theater ſieht, verſpotten oder leugnen hören. Es iſt Wahres hieran: die Geſellſchaft, ſo wie ſie uns die zehn Revolutionen gemacht haben, durch welche wir gegangen ſind, iſt nicht conſervativ für ſolche Tugenden; viel⸗ leicht iſt es aber eben ſo der Fehler der Herren, wie der der Diener, wenn ſich die Dinge geändert baben. Dieſe Treue hatte viel von der des Hundes: die frühe⸗ ren Herren ſchlugen, ſtreichelten jedoch. Heute ſchlägt man nicht mehr, man ſtreichelt aber auch nicht mehr; man bezahlt, und man iſt, gut oder ſchlecht, bedient. Oh! die alten Hunde und die alten Diener, das ſind noch die beſten Freunde der ſtürmiſchen Tage! Welcher Freund iſt ſo viel werth als ein Hund, wenn man traurig iſt, ein Hund, der ſich uns gegenüber ſetzt, der uns anſchaut, der ſeufzt, der uns leckt? Denken Sie ſich unter einem großen Schmerze, an der Stelle dieſes Hundes, der Sie ſo gut zu verſtehen weiß, einen Freund, Ihren beſten Freund: welche all⸗ tägliche Tröſtungen, welche Rathſchläge, die ſich unmög⸗ lich befolgen laſſen, welche endloſe Raiſonnements, weiche hartnäckige Discuſſionen werden Sie nicht aus⸗ zuſtehen gezwungen ſein? In die redlichſte und zarteſte Sympathie eines Freundes für Ihren Schmerz ſchleicht ſich immer eine Nuance von Egoismus einz an Ihrer Stelle würde er nicht gehandelt haben wie Sie: er hätte Geduld gefaßt, temporiſirt, widerſtanden, was weiß ich? in jedem Falle aber hätte er ſich anders be⸗ nommen, als Sie ſich benommen haben; mit einem Worte, er klagt Sie an, und während er Sie zu be⸗ mitleiden und zu tröſten ſucht, tadelt er Sie. Doch die alten Hunde, doch die alten Diener, treue Echos Ihrer innerſten Leiden, ſie wiederholen dieſelben, ohne ſie zu erörtern, lachen und weinen, die leit ren hin glei Gel und S S— S 8 8 — X W* 2 —— — — 6 — —* 351 freuen ſich und leiden mit Ihnen und wie Sie, und Sie find ihnen nie etwas auf ihr Lächeln und auf ihre Thränen ſchuldig. Die Generation, die uns vorhergeht, leugnet ſie; die Generation, die uns folgt, wird nicht einmal davon 6 ſprechen hören. Die Hunde unſerer Tage ſpielen Domino, und die Diener unſerer Epoche auf Hauſſe und Baiſſe. Wir beſtehen hierauf, wie wir, ſeiner Zeit und gehörigen Ortes, auf den Mühlen beſtanden haben; das iſt auch ein Gebrauch, der geht, und den wir gern zurückhalten möchten, wie Alles, was es Gutes, Poe⸗ tiſches oder Großes in der Vergangenheit gab. Der arme Hervey hatte nicht nur die Treue und die Ergebenheit dieſer Hunde, mit welchen ſie zu ver⸗ gleichen wir einigen Menſchen die Ehre anthun, ſon⸗ dern er hatte auch ihre Fähigkeiten. Er hörte und erkannte den Tritt ſeines Herrn, der dumpf auf den ſonoren Stufen der Trepße ertönte. Bleich, das Geſicht von den Thränen durchfurcht, die er wieder zu ſich kommend vergoſſen hatte, aber feſt und ruhig, als wäre er nicht, wie Jacob, vom Engel des Schmerzes beſiegt worden, erſchien der Graf auf der Schwelle. Der Abbé Dominique trat hinter ihm ein. Der Graf grüßte dieſe Verſammlung, wie er es bei einer Verſammlung von Fürſten gethan hätte. „Letzte Freunde meines Sohnes,“ ſprach er,„Ihr, die Ihr zu ſeinem Grabe den Namen der Penhosl ge⸗ leitet habt, ich bedaure, Euch nicht würdiger in dem Schloſſe meiner Väter empfangen zu können. Wir wa⸗ ren ſo betrübt, Hervey und ich, daß wir vielleicht nicht hinreichend für Eure Bedürfniſſe geſorgt haben. Wollt gleichwohl in den Speiſeſaal eintreten und nach dem Gebrauche unſerer alten Bretagne, von gutem Herzen und wie ich es Euch anbiete, das Leichenmahl annehmen.“ Hienach ging er mit feſtem Schritte durch den 352 Saal, ließ von Harveh beide Flügel der Thüre öffnen, die ſich der gegenüber fand, durch welche er eingetreten war, und lud alle Anweſende, vom Pächter bis zum Ziegenhirten, ein, in den Speiſeſaal zu gehen. Auf Geſtellen lagen hier ungeheure eichene Bretter, welche einen Tiſch bildeten und ein homeriſches Mahl trugen. Es war an dem Tiſche weder ein oberes, noch ein unteres Ende. Man fühlte, daß die Gleichheit des Todes darüber hingegangen. Der alte Graf ſetzte ſich mitten an den Tiſch und bedeutete dem Abbé Dominique durch einen Wink, er möge ſich ihm gegenüber ſetzen. Die Relteſten ſtellten ſich an ſeine Rechte und an ſeine Linke, und je nach dem Alter nahm jeder ſeinen Platz, blieb aber ſtehen. Der Abbé Dominique ſprach unter dem tiefſten Stillſchweigen das Benedicite, das im Chore von allen Anweſenden wiederholt wurde. Dann ſagte der Graf von Penhoél mit einer an⸗ tiken Einfachheit: „Meine Freunde, nehmet Platz bei dieſem Mahle zu Ehren des Vicomte von Penhoöl, mit demſelben Geſichte, als ob er es wäre, der es Euch anböte.“ Hienach reichte er ſein Glas Hervey, der es füllte, hob es über den Kopf von Allen empor, und ſprach: „Ich trinke auf die Ruhe der Seele des Vicomte Colombau von Penhoél!“ Und Alle wiederholten: „Wir trinken auf die Ruhe der Seele des Vicomte Colombau von Penhoél!“ Und das Mahl begann. Für Jeden, der dieſen alterthümlichen Gebrauch, welcher ſich nicht nur in der Bretagne, ſondern auch in einigen anderen Provinzen Frankreichs*) erhalten hat, nicht kennt, iſt das Leichenmahl eine der rührendſten *) Auch in Deutſchland⸗ D. Ueberſ. Sce erzä der die Ma ſam zen, die und erle will ders den Uebt fern Dor dere mit nete. kam er 3 zu wie den aber die n, en im hi 6 353 Scenen, an denen man Theil nehmen, oder die man erzählen hören kann. Die mächtige Reſignation, mit der ſich bei dieſer Veranlaſſung wie mit einem Harniſche die Familie des Todten waffnet, iſt wahrhaft furchtbar. Man kann kaum begreifen, wie,— während die Ein⸗ ſamkeit, dieſe natürliche Zuflucht der großen Schmer⸗ zen, ein paar Schritte von da iſt,— die Familie ſich die grauſame Marter, ihre Thränen zurückzudrängen und die Schläge ihres Herzens zu unterdrücken, aufzu⸗ erlegen vermag; und dennoch iſt die Zahl dieſer frei⸗ willigen Märtyrthümer groß, und in Bretagne beſon⸗ ders würde es ſehr mißliebig angeſehen, wollte man den unglücklichen Familien dieſen Gebrauch, einen Ueberreſt aus barbariſchen Zeiten, der ſelbſt in den ent⸗ fernteſten Tagen unerklärbar, ſtreitig machen. Nachdem das Mahl beendigt war, ſprach der Abbé Dominique das Dankgebet, und Jedermann ſtand auf. Der Graf von Penhvél ging auf die Thüre zu, deren zwei Flügel Hervey,— welcher, wohlverſtanden, mit aller Welt am Tiſche geſpeiſt hatte,— raſch öff⸗ nete. Dann trat er zuerſt hinaus, blieb aber an der Thüre ſtehen und lehnte ſich an die Wand an. Und als der erſte Bauer aus dem Saale heraus⸗ kam und an ihm vorüberging, ſagte er zu ihm, indem er zum Zeichen der Dankbarkeit den Kopf neigte: „Ich danke Dir So und ſo, daß Du meinen Sohn zu ſeinem Grabe begleitet haſt.“ Und ſo fort bis zum letzten Anweſenden. Der Letzte war der Abbé Dominique. Der Graf von Penhoöl verbeugte ſich vor ihm, wie er es bei den Anderen gethan hatte, und wie er den Anderen gedankt hatte, ſo dankte er auch ihm; als aber dieſe Pflicht erfüllt war, legte er ſeine Hand auf die Schulter des Mönches, heftete einen flehenden Blick auf ihn und ſprach nur die zwei Worte: „Mein Vater... Die Mohicaner von Paris. V. 23 354 Der Mönch verſtand beſſer noch als die zwei Worte den Blick. „Ich werde die Ehre haben, einige Zeit bei Ih⸗ nen zu bleiben, Herr Graf, wenn Sie es wünſchen,“ ſagte er. „Ich danke, mein Vater,“ antwortete der alte Edel⸗ mann. Und nachdem er zum letzten Male den Anwe⸗ ſenden, welche von Hervey zurückgeleitet wurden, mit der Hand zum Abſchiede zugewinkt hatte, zog er den Mönch nach einem Zimmer fort, das zugleich den An⸗ S eines Arbeitscabinets und eines Schlafzimmers atte. Hier bot er dem Abbé einen Stuhl an, nahm ſelbſt einen andern und ſprach: „Das war ſein Zimmer, wenn er hierher kam.. Das wird das Ihrige ſein, mein Vater, während der ganzen Zeit, die Sie im Thurme von Penhoél zu blei⸗ ben die Güte haben wollen.“ CXLVI. Die Reliquie des Vaters. Ein Anderer als wir würde es verſuchen, eine Idee von dem zu geben, was zwiſchen dieſem ſeinen einzigen Sohn beweinenden Vater und dieſem Mönche vorging, der ihm die letzten Augenblicke von ſeinem Sohne erzäblte; doch uns behüte Gott, daß wir das unmögliche Werk verſuchen, vom Schmerze eines Va⸗ ters, der ſeinen Sohn verloren, oder eines Sohnes, der ſeinen Vater verloren, Rechenſchaft zu geben. Nach einer Stunde düſterer Blicke auf die letzten Stunden von Colombau geworfen, führte der Graf von Pen ande Don ſich des ſänft Gra Tage der( daß indeſ bitte zubrit könnt nurt ſchen, 1 der zu 2 laufer man i des O ten ur Engel Tagen ihm ſi nitz ilic Ebene 3 einem dieſem 1 355 Penhoöl, ſo ſehr der Wönch in ihn drang, um in einem andern Theile des Schloſſes einquartirt zu werden, Dominique in das Zimmer ſeines Sohnes ein und zog ſich dann zurück, um ihn ausruhen zu laſſen. Befürchtend, ſein Anblick werde die Traurigkeit des unglücklichen Vaters nur vermehren, ſtatt ſie zu be⸗ ſänftigen, kündigte der Mönch am andern Morgen dem Grafen von Penhvél an, er werde noch an demſelben Tage wieder abreiſen. „Das ſteht Ihnen frei, mein Vater,“ antwortete der Graf, und Sie haben ſchon ſo viel für mich gethan, daß ich es nicht wage, mehr zu verkangen. Ruft Sie indeſſen keine dringende Pflicht nach Paris zurück, ſo bitte ich Sie inſtändig, noch einige Tage bei mir zu⸗ zubringen; weit entfernt, mich noch trauriger zu machen, könnte mich der Anblick des Freundes meines Sohnes nur tröſten, wenn ich getröſtet werden könnte.“ „Herr Graf, ich werde ſo lange, als Sie es wün⸗ ſchen, bei Ihnen bleiben,“ antwortete der Abbé. Und ſie brachten einen ganzen Monat mit einan⸗ der zu. Wie verlief jeder Tag? Wie der vorhergehende ver⸗ laufen war: indem man von Colombau ſprach, indem man den Himmel anſchaute, indem man die Ausdehnung des Oceans maß, indem man von jenen erhabenen Wor⸗ ten und jenen ernſten Gedanken austauſchte, wie ſie die Engel im Himmel austauſchen.— Einer von dieſen agen wird ſie alle ſagen. Am Morgen kam der Graf zum Abbé; er reichte ihm ſtillſchweigend die Hand, grüßte ihn mit dem Kopfe nickend, ſetzte ſich auf einen großen Schämel von ge⸗ ſchnitztem Eichenholze, und deutete mit ſeiner langen, bleichen Hand auf die Wogen, die ſich auf der weiten Cbene des Oceans erhoben. „Hier ſaß er,“ murmelte der alte Vater, ewig einem und demſelben Gedanken preisgegeben,„und von dieſem Platze aus, wo ich bin, tauchte ſein Auge in die bräiſche. Es war in der That eine wunderbare Orge⸗ 356 Tiefe des Horizonts, wie es das meinige thut. Er be⸗ griff beſſer die Größe Gottes beim Anblicke des mäch⸗ tigen Schauſpiels der Seez oft nahm er ſeine Welt⸗ karte und legte ſie hierher, auf den Rand des Fenſters, und vom Occan zur Erde, von der Erde zum Himmel übergehend, ſuchte ſein Blick den dichten Schleier zu durchdringen, den Gott ganz mit Sternen beſäet zwiſchen der Erde und ſich ausbreitet...„Mein Vater“ fuhr der Graf fort, ohne ſeinen Platz zu verlaſſen und mit dem Finger auf das Inſtrument deutend,„hier iſt ſein Planiglob, ich ſehe noch ſeine auf dieſen unbekannten Welten umherirrende Hand.. Hier ſind ſeine Rechts⸗ vücher, ſeine Bücher über Medicin, Phyſik, Chemie, Botanik... Hier ſind ſeine Flinte, ſeine Büchſe, ſeine Rappiere... Hier ſind ſeine Zeichnungscartons, ſein Klavier, ſein Virgil, ſein Homer, ſein Dante, ſein Shakeſpeare, ſeine Bibel; denn, heilig oder profan, er vewunderte Alles, was ſchön war, er verehrte Allez was groß war! Sollte man nicht glauben, wenn mar dieſes Zimmer ſieht, er werde ſogleich eintreten, un zulächeln, ſich ſetzen und mit uns ſprechen?“ Der Greis ließ ſeinen Kopf auf ſeine Hand fallen dann fügte er, diesmal wie mit ſich ſelbſt ſprechend, bei: „Eine von den letzten Nächten, die er hier zuge⸗ bracht hat,— es war eine Sturmnacht,— es herrſcht eine erſtickende Hitzez ich konnte in meinem Zimmer nicht athmen; ich war traurig, als ob ſich ein Todtel⸗ vogel um mein Haupt gedreht hätte. Ich erblick Licht an ſeinem Fenſter, und erſtaunt, ihn um dri Uhr Morgens noch wach zu ſehen, ging ich zu ihn⸗ Wiſſen Sie, was er that, mein Vater? Er lernt eine neue Sprache, mein Vater: er ſtudirte das He niſation, eine erhabene Intelligenz. Die andern Mer ſchen haben beſondere Tendenzen, ein ſpecielles Geni für dieſes oder jenes Studium, für dieſe oder jen Wiſſenſchaft. Er hatte das Verlangen, Alles zu wiſſen den( ergrü für i ſtolz, jenig Kam⸗ Freu Pfun bilde ein! nicht reicht ren? da ſe dieſe er m turen mehr als haber wirſt Dein⸗ um d unbek Herr ſeine heften r be⸗ mäch⸗ Welt⸗ iſters, immel er zu iſchen fuhr d mit t ſein nnten echts⸗ hemie, ſeine „ſein ſein an, er Alles, man „ uns fallen d, bei: zugl⸗ rrſchte immer odten⸗ blickt n drii ihn lernt s He⸗ Orge⸗ Mer⸗ Genie rjen wiſſen, 357 den Ehrgeiz, Alles zu lernen, die Fähigkeit, Alles zu ergründen. Glauben Sie mir, es iſt nicht meine Liebe für ihn, die mich verblendet; es iſt nicht mein Vater⸗ ſtolz, der mich ſo ſprechen macht. Fragen Sie alle die⸗ jenigen, welche ihn gekannt haben, ſeine Lehrer, ſeine Kameraden, Sie ſelbſt, denn ich vergeſſe, daß er Ihr Freund war... Und wenn man bedenkt, daß ein paar Pfund Kohlen, träge Materie, dieſen nach dem Eben⸗ bilde Gottes geſchaffenen Menſchen zerſtört haben! Mit ein wenig Rauch! iſt das möglich, und gleicht das nicht wahrhaftig einem Hohne?.. Dominigque ſtand auf, ging auf den Grafen zu und reichte ihm ſtillſchweigend die Hand. „Wovon ſprachen Sie, wenn Sie beiſammen wa⸗ ren?“ fragte der arme Vater. „Von Gott und von Ihnen.“ „Von mir?“ „Er liebte Sie ſo ſehr!“ „Er hat eine Frau mehr geliebt, als er mich liebte, da ſeine Liebe für mich ihn nicht abgehalten hat, für dieſe Frau zu ſterben.“ Sodann, indem er wieder darauf zurückkam, daß er mit ſeinen eigenen Gedanken ſprach, ſagte er: „Ja, es iſt ſo, und beim Gleichgewichte der Na⸗ tur muß es ſo ſeyn. Der junge Mann muß die Frau mehr lieben, die ſeinen Kindern das Leben geben wird, als er die Eltern liebt, die ihm das Leben gegeben haben. Hat nicht der Herr zum Weibe geſagt:„„Du wirſt Deinen Vater und Deine Mutter verlaſſen, um Deinem Manne zu folgen?““ Er hat uns verlaſſen, um der Frau zu folgen, und die Frau hat ihn in das unbekannte Land geführt, das man den Tod nennt.“ „Sie werden ihn dort eines Tages wiederfinden, Herr Graf.“ „Glauben Sie das, mein Vater?“ fragte der Graf ſeine durchdringenden Augen guf die von Dominique heftend. 358 „Ich hoffe es, mein Herr!“ antwortete dieſer. „Sie haben ihn von ſeinem Verbrechen losgeſpro⸗ chen, nicht wahr?“ „Aus Herzensgrunde, mein Herr!“ „Ihre Abſolution erſchreckt mich für die anderen Väter. Welche entſetzliche Ermunterung zum Selbſt⸗ morde, wenn die Selbſtmörder losgeſprochen werden!“ „Oh! Herr Graf, der Tod Ihres Sohnes iſt kein Selbſtmord, es iſt ein Märtyrthum. Denjenigen, welcher ſich, um ſein Vaterland zu retten, freiwillig in den Ab⸗ grund ſtürzt, abſolvire ich. Es wird ein Tag kommen, Herr Graf, wo die Geſellſchaften, gründlicher geſichert, mit kaltem Blute die Verbrechen der Geſellſchaft richten können, wie man das Verbrechen des einzelnen Men⸗ ſchen richtet; es wird ein Tag kommen, wo der Eoder, der ein Werk der Menſchen iſt, mit den Sympathien harmonirt, welche aus Gott entſpringen. Das Kind, das wir beweinen, Herr Graf, Sie als ein Vater, ich als ein Bruder, iſt als Opfer von einer dieſer himm⸗ liſchen Sympathien geſtorben, welcher die Sitten einer barbariſchen Geſellſchaft Feſſeln anlegen. Ein Menſch hat ſich ſeinen Freund genannt und ihn abſcheulich be⸗ trogen! Würde das Geſetz die Lüge beſtrafen, ſo wäre der Tod nicht mehr die Zuflucht der ehrlichen Leute!“ „Ich danke, mein Vater,“ ſprach der Grafz„ich danke Ihnen für Ihre guten Worte. Sie geben mir die Hoffnung, daß ich mich, wenn er von mir auf einige Zeit getrennt iſt, in der Ewigkeit mit ihm wiederver⸗ einigen werde.“ Sodann aufſtehend: „Wir wollen ihn beſuchen.“ Beide gingen hinaus und wanderten nach dem Grabe. Hier angelangt, bemerkte der Mönch, daß der Graf dieſen Platz gewählt hatte, weil er ihn vom Fenſter ſeines Zimmers gus ſehen konnte. Dieſes offene Fen⸗ ſter Gre das gen. gene feſt pelt völl Her hat den der der es i dert hat auf lich, man rath Tra beſti gege Es ſtoß bruͤl em raf ſter en⸗ 359 ſter deutete an, ehe er Dominique aufgeſucht, habe der Graf ſchon dieſes Grab begrüßt. Beide ſetzten ſich auf den Felſen, wo Dominique das Waſſer geſchöpft hatte, um den Sarg zu beſprengen. Es herrſchte einen Augenblick ein tiefes Stillſchwei⸗ gen. „Alſo,“ fragte der Graf, wie wenn er ein angefan⸗ genes Geſpräch wiederaufnehmen würde,„Sie glauben feſt an ein anderes Leben?“ Der Mönch brach einen Zweig von einer verkrüp⸗ pelten Eiche ab, riß eine Knoſpe davon los, welche völlig todt zu ſein ſchien, und zeigte dem Grafen im Herzen der Knoſpe den Keim der zukünftigen Knoſpe. „Ja, ich begreife,“ ſagte der Graf,„ſelbſt der Tod hat ſeinen Lebenskeim; hier zeigen Sie mir aber nur den jährlichen Tod, das heißt den Schlaf. Der Baum, der dreihundert Jahre lebt, hat ſeine letzte Stunde wie der Menſch; der Winter iſt nicht der Tod der Natur, es iſt ihr Schlaf.“ „Der Baum vegetirt aber, und lebt nicht,“ erwie⸗ derte Dominigue.„Er ſpricht nicht, er denkt nicht, er hat keine Seele.“ Der Graf antwortete nicht. Im Zimmer von Colombau hatte ſich ſeine Hand auf ein Buch gelegt, und aus Zerſtreuung oder abſicht⸗ lich, hatte er es mitgenommen. Es war ein Band des großen Philoſophen, den man Shake ſpeare nennt. Er war auf folgende Stelle von König Lear ge⸗ rathen, und ohne Zweifel fand er darin mit den Traurigkeiten ſeines Herzens ſchmerzliche, obgleich un⸗ beſtimmte, entfernte Aehnlichkeiten. Derjenige, deſſen Seele einem großen Schmerze preis⸗ gegeben iſt, iſt beinahe unempfindlich fuͤr eine leichte Pein. Es verfolge Dich ein wildes Thier, und Du wirſt fliehen; ſtoßt aber Deine Flucht vor ſich auf das Hinderniß eines bruͤllenden Meeres, ſo wirſt Du umkehren und dem wil⸗ 360 den Thiere die Stirne vieten. Iſt die Seele frei, ſo iſt der Koͤrper zartfuͤhlend und fuͤr den Schmerz empfindlich. Und, als ſollte das Beiſpiel neben die Lehre ge⸗ ſetzt werden, fing einer der kälteſten Winde, welche je aus dem Marmorrachen des Weſten hervorgekommen ſind, an zu wehen und ſchien, den Grafen und Dominique überfallend, die Worte im Munde des Grafen und die Thränen in den Augen des Mönches in Eis verwan⸗ deln zu wollen. Der junge Mann fühlte einen Schauer ſeinen gan⸗ zen Leib durchziehen und forderte den Grafen auf, ins Schloß zurückzukehren. Er aber ſchien mit Shakeſpeare den Beweis geben zu wollen, daß bei den großen Leiden der Seele der Körper für den Schmerz unempfindlich iſt; er blieb un⸗ beweglich ſitzen und fuhr in ſeiner Leſung mit ſonorer Stimme fort. So auf der Küſte des Meeres ſitzend, das anſchwoll und brüllend ſich zu ſeinen Füßen brach, glich der alte Graf wahrhaft dem Rieſen der Schmerzen, den man den König Lear nennt.— Seine flatternden Haare, deren ſilberne Locken der Wind aufhob, vervollſtändig⸗ ten die Aehnlichkeit; nur beweinte der Eine den Undank ſeiner Töchter, der Andere den Tod ſeines Sohnes. Es iſt an den Vätern, zu ſagen, ob es nicht beſſer iſt, ein todtes Kind zu beweinen, als ein undankbares Kind. Der Graf war zu den ſchmerzlichen Klagen und zu dem düſtern Anathem gekommen, das der engliſche Aeſchylos dem Vater von Goneril, von Regan und von Cordelia auf die Lippen legt. Wehet, Winde, entfeſſelt euch! Stuͤrme, entfaltet eure ganze Wuth! Katarakte, Orkane, Gewitter gießt eure Stroͤme auf die Erde, begrabet unter eurem Gewäſſer die Spitze unſerer Thürme! ſchwefelige Blitze, ſchnell wie der Gedanke, verſenget meine weißen Haare! unverſohnlicher iſt ch. e⸗ id, ue ie n⸗ en er oll te an re, nk er es nd he nd re re ie er er 361 Donner, der du das Weltall auf ſeiner Achſe erſchutterſt, zerſchmettere die Welt! zerbrich die Formen der Natur! vertilge alle Keime, welche den undankbaren Menſchen hervorbringen! Erſchoͤpfet eure Flanken, Stuͤrme; erſchdpfet die Strdme von Regen und von Flamme, Winden, Donner und Ge⸗ witter; ihr ſeid nicht meine Kinder, ich klage euch nicht des Undanks an, ihr ſeid mir keinen Gehorſam ſchuldig. Uebet alſo an mir, nach eurem Belieben, alle wuͤthende Launen eurer grauſamen Spiele: ich bin euer unterthä⸗ niger Sklave, ein armer, ſchwacher Greis, niedergebeugt unter der Laſt der Gebrechen und der Verachtung, und dennoch habe ich das Recht, euch feige Diener zu nennen, euch, die ihr euch vom Himmel herab mit undankbaren Kindern verbindet, um mir den Krieg zu erklären, euch, die ihr zum Ziele fuͤr eure Streiche ein altes, mit weißen Haaren bedecktes Haupt wählt... Oh! das iſt von euch eine ſchmaͤhliche Feigheit! Und das Geſicht und die Geberden des Grafen von Penhoél ſtimmten ganz mit denen vom armen König Lear überein. Wie dieſer, raufte er ſich die Haare aus, und der Wind, der auf den ungeheuren Ocean zurück⸗ ſprang, machte ſie, Schneeflocken ähnlich, in der Luft wirbeln. Andere Male, wenn der Morgennebel oder der Sturm der Nacht den Fußpfad, der ſich längs dem Meere hinzog, ganz unbenützbar gemacht hatte, oder wenn die eiſigen Märzregen wie ſcharfe Lanzenſpitzen von einem bewölkten Himmel herabfielen, ſtieg der Graf, gefolgt von Dominique, entweder auf die Plattform, wo wir ihn den Leichnam ſeines Sohnes haben erwarten ſehen, oder in das höchſte Zimmer des Thurmes hinauf, das zur Zeit der Kriege von Provinz gegen Provinz oder von Herren gegen Herren zu einer Wachſtube dienen mußte. Hier, wie Priamus, der von den Thürmen Trojas herab den Leichnam ſeines Sohnes ſiebenmal um das Grab von Patrvelus ſchleppen ſieht, rief er ſein Kind und recitirte die Wehklagen, welche der göttliche Homer dem alten König in den Mund legt. 362 Priamus der Große trat ein, ohne bemerkt zu werden, näherte ſich Achilles, nahm in ſeine Arme die Kniee des Helden und kuͤßte dieſe moͤrderiſchen Hände, dieſe entſetz⸗ lichen Hände, die ihm ſo viel Soͤhne toͤdteten. So, wenn das Geſchick einen Menſchen, der in ſeinem Vaterlande einen andern Menſchen getoͤdtet, erfaßt und zu einem fremden Volke hinausgeſtoßen hat, wenn dieſer Menſch in das Haus eines reichen Mannes eintritt, wo er eine Zu⸗ flucht ſucht, werden alle diejenigen, welche ihn ſehen, von Erſtaunen ergriffen; ſo war Achilles erſtaunt, als er Pria⸗ mus ſah, einem Gotte ähnlich, und nicht minder erſtaunt als Achilles, ſchauten die Anweſenden einander an. Da richtete Priamus flehend folgende Rede an ihn: „Den Goͤttern gleicher Achilles, erinnerſt Du Dich Deines Vaters; er iſt von demſelben Alter wie ich und auf der todtlichen Schwelle des Greiſenthums. Vielleicht vedrängen ihn benachbarte Feinde und er hat Niemand, um weit von ihm den Krieg und den Tod zuruͤckzuſchlagen; doch dieſer, da er von Dir ſprechen hoͤrt und weiß, daß Du lebſt, freut ſich wenigſtens in ſeinem Herzen, und hofft uͤberdies alle Tage, er werde ſeinen theuren Sohn von Troja zuruͤckkommen ſehen. Ich aver bin ganz und gar ungluͤcklich, da ich ſo viele tapfere Sohne im weiten Troja erzeugte, und keiner von dieſen Soͤhnen mir gelaſſen wor⸗ den iſt.. Ich zaͤhlte fuͤnfzig, als die Achäer kamen; neunzehn waren aus demſelben Schooße hervorgegangen⸗ und meine Frauen hatten die anderen in meinen Paläſten zur Welt gebracht... Der ungeſtuͤme Mars hat ihnen die Kniee gebrochen, und derjenige, welcher allein bei mir war, der die Stadt und uns vertheidigte, Du haſt ihn kuͤrzlich in dem Augenblicke getodtet, wo er fuͤr das Vater⸗ land kämpfte armer Hector! „Und ich, ich komme nun um ſeinetwillen zum Schiffe der Achaer, um ihn loszukaufen, und ich bringe ungeheu⸗ res Loͤſegeld. Achte die Goͤtter, Achilles, und habe Mit⸗ leid mit mir; und Deines Vaters Dich erinnernd, bedenke, daß ich viel mehr zu beklagen bin als er, denn ich habe Dinge ertragen, wie ſie noch kein anderer lebender Menſch auf Erden ertragen hat: das, die Hand gegen den Mund des Mannes auszuſtrecken, der meinen Sohn getoͤdtet hat!“ An einem andern Tage war es der zehnte Geſang von Dante, der in den Geiſt des armen Vaters zurück⸗ ſi n, 8 3 n e n n 4⸗ n 7 it — 363 kehrte. Was er aber in dieſem zehnten Geſange ſah, war nicht Farinata di Uberti, welcher mehr durch die Niederlage der Seinigen, als durch ſein Feuerbett ge⸗ quält wurde! Rein, es war die angſtvolle Geſtalt von Cavalcanti, dieſem väterlichen Schatten, der an der Seite von Dante ſeinen Sohn ſucht. Und in der Sprache, in der ſie gedichtet worden, wiederholte er die ſchönen Verſe des florentiniſchen Verbannten Damals erhob ſich von dem Theile, wo das Grab ent⸗ deckt worden war, der Kopf eines andern Schattens, der ſich auf ſeinen Schooß geſetzt zu haben ſchien. Das Geſpenſt ſchaute umher, als ſuchte es Jemand, und als ſeine Hoffnung verſchwunden war, ſagte es zu mir in Thraͤnen zerfließend: „Die Macht des Genius wird Dir dieſes ſchwarze Ge⸗ fängniß geoffnet haben. Wo iſt mein Sohn, und warum erblicke ich ihn nicht an Deiner Seite?“ Und ich erwiederte ihm: „Ich komme nicht durch meine Gewalt allein. Der Weiſe, der mich führt, iſt hier bei uns.. Vielleicht verachtete Euer Fuͤhrer zu ſehr dieſen erhabenen Meiſter.“ Seine Worte und die Art ſeiner Strafe hatten mir den Namen dieſes Schattens geoffenbart. Meine Antwort war alſo genau. Doch plotzlich ſich aufrichtend, rief das Geſpenſt: „Wie haſt Du geſagt? Verachtete!.. Hat er auf⸗ gehoͤrt, zu athmen, und erfreut das ſanfte Sonnenlicht ſeine Augen nicht mehr?“ Und da ich zu antworten zogerte, fiel er ruͤcklings in ſeinen Sarg und zeigte ſich nicht mehr. Und den Kopf ſchüttelnd, pflegte er zu ſagen, der arme Graf, der ſich auf die Schmerzen verſtand: „Dieſer litt am meiſten, da er ſtillſchweigend und ohne ſich zu beklagen litt.“ Und wie ein Vater, der ein blindes Kind leitet und lenkt, leitete und lenkte der Abbé dennoch allmä⸗ lig den Schmerz des Greiſes auf den Weg der Re⸗ ſignation. 364 Wir haben geſagt, dieſe moraliſche Wiedergene⸗ ſung, in welche Dominique den Vater von Colombau eintreten machte, habe ungefähr einen Monat gedauert. Man war zur Mitte des Märzes gekommen, als eines Morgens vor der Stunde, wo der Graf beim Abbé Dominique zu erſcheinen pflegte, der Abbé Dominique beim Grafen erſchien. Er hielt einen Brief in der Hand, und ſeine Stirne hatte einen zugleich freudigen und beſorgten Ausdruck. „Herr Graf,“ ſagte er,„ſo lange mich nichts Ge⸗ bieteriſches nach Paris zurückrief, bin ich hier bei Ih⸗ nen geblieben; heute aber muß ich Sie verlaſſen.“ „Schlechterdings?“ fragte der Graf. „Hier iſt ein Brief von meinem Vater, der mir mittheilt, er komme in Paris an, und ſeit faſt acht Jahren habe ich meinen Vater nicht geſehen.“ „Ihr Vater, Dominique, iſt ein glücklicher Mann, daß er einen ſolchen Sohn hat. Reiſen Sie, mein Freund, ich halte Sie nicht zurück.“ Doch das Datum ſeines Briefes und die wahr⸗ ſcheinliche Ankunft ſeines Vaters in Paris berechnend, gab der Abbé dem Grafen noch vier und zwanzig Stun⸗ den, und man kam überein, Dominique ſollte erſt am folgenden Tage abreiſen. Der Tag war, was die anderen Tage geweſen waren, mit einer Verdoppelung von Traurigkeit mehr. Man brachte den letzten Abend im Zimmer von Colombau zu. Es wurde die Revue von Allem dem gemacht, was in dieſem Monat, den der Vater ins Unendliche hätte verlängern mögen, geſagt worden war. Der Graf bat Dominique inſtändig, ſobald ihn ſeine Pflichten nicht mehr in Paris zurückhalten, wie⸗ derzukommen. Der Abbé Dominigue machte ſich hiezu von ganzem Herzen verbindlich. Er verſprach ihm über⸗ dies, mit ihm ſogleich bei ſeiner Ankunft in Paris einen 365 Briefwechſel zu eröffnen, welcher eben ſo koſtbar für den Vater als für den Freund ſein ſollte. Sie ſprachen ſo mit einander bis tief in die Nacht hinein, ohne nach der Stunde zu ſchauen und ohne ſich darum zu bekümmern. Dominique erzählte aufs Neue und wohl zum zehn⸗ ten Male dem Grafen von Penhoöl, unter welchen Umſtänden er ſeinen Sohn hatte kennen lernen. Er gab ihm eine ins Einzelne gehende Mittheilung der ge⸗ ringſten Vorfälle ſeines Lebens in Paris; ſodann, als er vom Grafen immer gedrängt, weiter zu gehen, zur Hauptſache vom Tode des jungen Mannes kam, hielt er zögernd inne. „Fahren Sie fort,“ ſagte der Graf. Doch mit dem Vater von dieſer Frau ſprechen, die den Tod ſeines Sohnes verurſacht hatte, das war ein Gegenſtand, den er bis dahin noch nicht in Angriff ge⸗ nommenz es wäre ſogar, ſollte dieſer Vater es fordern, eine furchtbare Pflicht, die er zu erfüllen hätte. Es war alſo ganz natürlich, daß das Wort auf den Lip⸗ pen von Dominique ſtillſtand. „Fahren Sie fort,“ wiederholte der Graf mit Fe⸗ ſtigkeit. „Sie wollen, daß ich von ihr rede?“ fragte der Prieſter. „Ja!.. Wer iſt das Mädchen, das er liebte?“ „Eine Heilige, ſo lange er gelebt hat, eine Mär⸗ tyrerin, ſeitdem er todt iſt!“ „Sie haben ſie gekannt, mein Freund?“ „Wie ich Colombau gekannt haite.“ Und nun erzählte er ihm die Pietät von Carme⸗ lite für ihre Mutter; wie, als die Mutter ohne Beichte geſtorben, man ihn geholt habe, damit man ſie nicht ohne Gebete begrabe; wie Colombau Carmelite bei die⸗ ſer Todtenwache habe kennen lernen. Dann erzählte er die Ankunft von Camille, das Leben der drei Freunde, die Abreiſe von Colombau, ſeine Rückkehr, die Abreiſe 366 von Camille, das lange Warten von Carmelite, die Liebe der zwei jungen Leute während dieſer Abweſen⸗ heit, den die Rückkehr des Creolen ankündigenden Brief, und endlich die entſetzliche Kataſtrophe, bei der der Eine unterlag und die Andere fortlebte. Der Graf hörte dieſe ganze Erzählung unbeweg⸗ lich, die Hände gekreuzt, den Kopf zurückgelehnt, die Augen auf den Plafond geheftet. Zuweilen durchfurchte eine ſtille, verborgene Thräne die Wangen des Greiſes. Als Dominique geendigt hatte, rief er: „Sie wären ſo glücklich bei mir in dieſem alten Thurme von Penhvöl geweſen!“ Dann fügte er mit einem Seufzer bei: „Und ich, ich wäre ſo glücklich bei ihnen geweſen!“ „Herr Graf,“ ſagte Dominique, als er den Greis in dieſer Stimmung des Geiſtes oder vielmehr des Herzens ſah,„werde ich der unglücklichen Carmelite nicht die Verzeihung des Vaters von Colombau brin⸗ gen?“ Der Graf bebte und ſchien einen Augenblick zu zögern. Dann ſprach er mit einem unbeſchreiblichen Aus⸗ drucke des Gebetes, die Hände zum Himmel erhebend: Gott vergebe dieſem Mädchen, wie ich ihm ver⸗ e Nachdem er dieſe Worte geſprochen, ſtand er auf und ging mit dem feſten, regelmäßigen Schritte, der bei ihm Gewohnheit war, auf ſeinen Secretär zu. Das Zimmer, in welchem eine einzige Lampe, die dem Erlöſchen nahe, brannte, war dunkel. Er tappte einen Augenblick herum, um den Schlüſſel zu finden, fand ihn, ſchlug die Klappe des Secretärs nieder, öff⸗ nete eine Schublade und ſteckte die Hand hinein mit der Sicherheit eines Mannes, welcher weiß, wo er auf den erſten Griff finden muß, was er ſucht. Er zog ein mit Seidenpapier umwickeltes Päckchen heraus. d 367 Alsdann näherte er ſich dem Abbé und zugleich der Lampe. Der Abbé reichte ihm die Hand. „Dank! Dank, daß Sie der armen Frau vergeben ha⸗ ben. Ihre Vergebung iſt das Leben der Unglücklichen!“ „Mein Vater,“ erwiederte der Greis,„es iſt damit nicht genug, daß ich ihr vergebe, und ich denke mit Schrecken an ihre Verzweiflung, daß ſie ihn überlebt hat. Ich beklage ſie von ganzer Seele, und ich gelobe, ſo oft ich für ihn bete, zugleich auch für ſie zu beten. Als Unterpfand der Erinnerung an die Frau, die mein Sohn gewählt hatte, gebe ich ihr endlich den einzigen Schatz, der mir in dieſer Welt bleibt: das iſt die blonde Haarlocke, welche ſeine Mutter am Tage ſeiner Geburt von ſeinem Kopfe geſchnitten hat.“ Bei dieſen Worten öffnete er das Papier, nahm eine Feder und ſchrieb auf das Papier folgende paar Worte: „Vergebung und Segen der Frau, die mein Co⸗ lombau geliebt hat.“ Und er unterzeichnete: „Graf von Penhosl.“ Dann hob er die Haarlocke zu ſeinen Lippen em⸗ vor, küßte ſie lang und zärtlich, und reichte das Papier dem Mönche. Dominique weinte und verſuchte es nicht einmal, ſeine Thränen zu verbergen; denn es waren nicht mehr Thränen des Schmerzes, es waren Thränen der Be⸗ wunderung, die er vergoß. Er bewunderte die Größe dieſes Vaters, der ſich ſeiner koſtbarſten Reliquie zu Gunſten der Frau be⸗ raubte, die den Tod ſeines Sohnes verurſacht hatte. Und am andern Morgen,— nachdem ſie bei Son⸗ nenaufgang dem Grabe von Colombau einen Beſuch gemacht hatten,— umarmten ſich die zwei Freunde und ſagten ſich auf Wiederſehen, ohne zu wiſſen, es ſollten ſo entſetzliche Ereigniſſe zwiſchen ihnen vorgehen, daß ſie ſich nur im Himmel wiederſehen würden. 368 CXLVII. Der Engel des Troſtes. Laſſen wir den alten Grafen mit gebeugtem Haupte vor dem Grabe ſeines Sohnes ſitzen und kehren wir zu der. Verzweifelten zurück, die man Carmelite nennt. Die Wohnung, die ſie in der Rue de Tournon inne hatte, beſtand aus drei Zimmern wie ihre Woh⸗ nung in der Rue Saint⸗Jacques. Sie war, wie wir erwähnt haben, durch die Sorge ihrer drei Freundin⸗ nen: Regina, Frau von Marande und Fragola, meu⸗ blirt und ausgeſchmückt worden; diejenige aber, welche, — vielleicht genauer als die Andern mit dem Charakter von Carmelite bekannt,— dem Ganzen den Ton ge⸗ geben und beſonders bei der Anordnung des Schlaf⸗ zimmers präſidirt hatte, war Fragolg. In dieſes Schlafzimmer waren übrigens alle Ge⸗ genſtände gekommen, mit denen der Pavillon von Co⸗ lombau meublirt geweſen war: beſonders das Klavier, wo er und Carmelite jene letzte Symphonie geſungen hatten,— der Schwanengeſang, der den Tod der zwei Liebenden prophezeien ſollte, jedoch nur den Tod von einem Einzigen prophezeit hatte. Die zwei Freundinnen von Carmelite, Regina und Frau von Marande, wollten ſich dieſem vollſtändigen Uebergange der Meubles von Colombau in das Zimmer von Carmelite widerſetzen, doch Fragola begriff ihre Befürchtungen und beharrte darauf. „Ja, allerdings, meine Schweſtern,“ ſagte ſie, „handelte es ſich um eine Andere als Carmelite, ſo wäre das, was ich von Euch zu thun verlange, und was ich trotz Eurer Einwendungen thun werde, eine dem tau lag bis 369 Unklugheit, vielleicht ſogar eine Grauſamkeit. Eine Frau, welche Colombau mit einer gewöhnlichen Liebe geliebt hätte, würde Anfangs einen gewiſſen Troſt darin gefunden haben, unter den Erinnerungen dieſer Liebe zu leben; allmälig aber, und ſowie die Zeit verlaufen wäre, und die Vergeſſenheit wäre auf die Oberfläche ihres Schmerzes emporgeſtiegen, wären dieſe Gegen⸗ ſtände, ſtatt für ſie ein Motiv des Troſtes zu ſein, ein Motiv des Ueberdruſſes, ſodann der Ermüdung gewor⸗ den, und eines Tags endlich, wenn ſie völlig von die⸗ ſer Liebe geheilt geweſen wäre, vielleicht ein Motiv des Vorwurfs. Doch ſeid unbeſorgt, meine Schweſtern, ich kenne Carmelite, und es iſt bei ihr nicht ſo: ihr Schmerz wird ewig währen wie ihre Liebe, und dieſes Zimmer wird ein Tabernakel werden, wo, wie in einer heiligen Arche, die Erinnerung an Colombau leben wird. Ma⸗ chen wir es alſo, wie ich Euch ſage, und in zehn Jah⸗ ren wird Euch Carmelite, wie heute, danken.“ Man gab Fragola Vollmacht in Betreff des Schlaf⸗ zimmers, und das Mädchen ſeinerſeits ließ alle Freiheit ſeinen Gefährtinnen bei den andern Zimmern. Statt der Vorhänge mit den lebhaften Farben, ſtatt des buntſcheckigen Tapetenwerks, womit Camille die Wände des kleinen Hauſes in Meudon bedeckt hatte, drapirte Fragola ſodann Alles mit einer ſtrengen Ein⸗ fachheit; das war das Haus mit den braunen, düſtern Nuancen einer Witwe, und nicht die heitere, ſingende Wohnung eines Mädchens. Carmelite fühlte ſich bei ihrem Eintritte von einem unbeſchreiblich melancholiſchen Eindrucke ergriffen, bei dem es ihrem Herzen ſo behag⸗ lich wurde, als es, in einer entgegengeſetzten Sphäre, dem von Roſe⸗de⸗Noöl, da ſie ihren Hundeſtall der Rue de Triperet mit ihrem Paradieſe in der Rue d'Ulm ver⸗ tauſchte, geweſen war. In dem Augenblicke, wo dieſes Kapitel beginnt, lag Carmelite, immer bleich,— ſie ſollte dieſe Bläſſe bis zum Tode behalten,— noch ſchwach, auf einer Die Mohicaner von Paris. V. 24 370 langen Cauſeuſe ausgeſtreckt und betrachtete mit Augen, in denen ſich eine unbeſchreibliche Schwermuth malte, eine junge Frau, welche bei ihr auf einem ziemlich hohen Polſter ſaß und ihr vollends eine düſtere Ge⸗ ſchichte erzählte. Dieſe junge Frau war Fragola. Man erinnert ſich, daß das reizende Kind Salva⸗ tor um die Erlaubniß gebeten hatte, nichts für Carme⸗ lite geheim halten zu dürfen, und daß Salvator dieſe Erlaubniß gegeben hatte. Mit dem Verſtande des Herzens, der ſich faſt bis zum Genie erhebt, ſagte Fragola ſich ſelbſt: „Carmelite wird vielleicht im Körper geneſen, doch ſie wird ſicherlich nie in der Seele geneſen. Es ſoll eine neue Wiſſenſchaft geben, die man Homöopathie nennt; dieſe Wiſſenſchaft iſt die Kunſt, durch ähnliche Leiden zu curiren. Nun wohl, erzähle ich Carmelite eine Geſchichte, welche noch trauriger als die ihrige, ſo iſt es möglich, daß Carmelite,— dieſes Goid⸗ herz, dieſe Engelsſeele, ſie, die fähig iſt, Alles zu be⸗ greifen und zu fühlen,— aufhört, Thränen zu ver⸗ gießen, wenn ich ihr ſage:„„Meine Schweſter, es iſt genug geweint; meine Schweſter, es iſt genug gelitten. Vergießeſt Du alle Deine Thränen, über Deine eigenen Uebel, was wird Dir für die Schmerzen der Anderen bleiben? Glaubſt Du denn, Du ſeiſt die einzige Troſt⸗ loſe auf Erden geweſen? Weißt Du nicht, daß es ſo tiefes Elend gibt, daß Dein Auge ſich, dem Schwindel preisgegeben, bevor Dü es ſondirt hätteſt, ſchließen würde? Und ich, die ich mit Dir rede, habe Geſichter gekannt, welche die Thränen ausgehöhlt haben, wie die Waldbäche Schluchten aushöhlen. Doch ich kenne auch muthige Seelen in ſchwachen Körpern, welche, ſtatt zu weinen, die Thränen der Andern getrocknet haben; welche, ſtatt zu ſterben, gekämpft haben!““ Und da hatte die arme mit achtzehn Jahren ſo hart geprüfte Fragola Carmelite ihr eigenes Leben erzählt, das das im der zäh ver wel dan dru Sch die Fre und Car miſe lipp Kuſ Eng ihre abge liche beſie theil derg heil Beiſ Tod der ſagte ren. mein en, lte, ich He⸗ va⸗ me⸗ ieſe bis och ſoll thie iche lite ige, Ad⸗ be⸗ er⸗ ten. nen ren oſt⸗ del ßen ter die uch zu en; art 371 das heißt ein Leben der Leiden, ohne Ruhe und Raſt, das ſich jedoch völlig verändert an dem Tage, wo ſie im reizenden Hafen der Rue Macon, unter dem Hauche der Liebe von Salvator eingelaufen. Wir werden vielleicht eines Tags dieſes Leben er⸗ zählen; doch wann? doch wie? wir wiſſen es jetzt nicht, vertieft, wie wir ſind, in die Serie von Ereigniſſen, welche den Knoten unſeres Buches bildet. Carmelite hatte zugehört, geweint, geſchauert; dann hatte ſie unter dem Gewichte eines tiefen Ein⸗ druckes geſagt: „Oh! theure Schweſter, Du biſt auch hart vom Schmerze geprüft worden. Umarme mich und laß uns die Thränen unſerer Jugend vermengen, wie wir die Freuden unſerer Kindheit vermengt haben.“ Da ſtürzte Fragola in die Arme ihrer Freundin, und ſo, eng verſchlungen, die ſchwarzen Haare von Carmelite mit den blonden Haaren von Fragola ver⸗ miſcht, die bleichen Lippen der Einen an die Purpur⸗ lippen der Andern geklebt, athmeten ſie in einem langen Kuſſe ihre gemeinſchaftlichen Schmerzen ein, und der Engel des Troſtes breitete ſeine weißen Flügel über ihren Häuptern aus. Dann ſprach Carmelite, welche in ſich ſelbſt hin⸗ abgeſtiegen war, nach einem langen Stillſchweigen: „Du haſt Recht, Fragola, es iſt das Eigenthüm⸗ liche der ſchwachen Seelen, daß ſie ſich vom Schmerze beſiegen laſſen. Durch den Schmerz werden im Gegen⸗ theile die Herzen wie das Deinige geläutert und wie⸗ dergeboren. Dank Dir, meine Schweſter, für Deine heilſame Lehre! Von dieſer Stunde an werde ich Dein Beiſpiel befolgen, und wie Du durch die Liebe vom Tode errettet worden biſt, ſo will ich von der Hand der Arbeit geführt ins Leben zurückkehren. Eines Tags ſagte er mir, ich ſei zu einer großen Künſtlerin gebo⸗ ren. Er ſoll ſich nicht getäuſcht haben: der Mund meines Colombau konnte nicht lügen„ Ich werde 372 dieſe große Künſtlerin werden, Fragola. Man ſagt, es bedürfe oft eines großen Schmerzes, um ein großes Genie zu machen: an großen Schmerzen hat es mir nicht gefehlt. Gott ſei Dank; ſein Wille geſchehe! Ich werde von der Kunſt ihre geheimnißvollen und erhabe⸗ nen Tröſtungen verlangen. Bekümmere Dich alſo nicht mehr um mein Leben, theure Schweſter meiner Seele! Ich werde an Dich denken, und ich werde ſtark ſein; ich werde an ihn denken, und ich werde gryß ſein.“ „Gut, Carmelite!“ erwiederte Fragola,„und ſei überzeugt, daß Dir Gott einſt den Ruhm bewilligen wird, wenn nicht das Glück!“ In dem Augenblicke, wo Fragola dieſe Worte voll⸗ endete, hörte man an der Thüre klingeln. Bei dieſem Geräuſche, das indeſſen durchaus nichts Beunruhigendes hatte, vermehrte ſich die Bläſſe von Carmelite dergeſtalt, daß Fragola im Glauben, ihre Freundin ſei im Begriffe, in Ohnmacht zu fallen, einen Schmerzensſchrei ausſtieß. „Was haſt Du denn?“ fragte ſie. „Ich weiß es nicht,“ erwiederte Carmelite,„doch es bati eine ſeltſame Empfindung ergriffen.“ „Im Herzen.“ Ci „Höre, entweder werde ich wahnſinnig, oder die Perſon, welche geklingelt hat, bringt mir Rachrichten von Colombau.“ Die Kammerjungfer von Carmelite trat ein. „Will Madame einen Prieſter empfangen, der von Bretagne kommt?“ „Der Abbé Dominique!“ rief Carmelite. „In der That, Madame, er iſt es; nur hatte er mir verboten, ſeinen Namen zu ſagen, aus Furcht, dieſer Name könnte einen zu peinlichen Eindruck auf Madame machen.“ Die Stirne von Carmelite bedeckte ſich mit einem kal Fr ind ſtri wi we dul Ve ſche ma hät Th übe Art der dab Eh den den dar hal nur zu Per gt, ßes nir Ich be⸗ icht le! in; ſei gen oll⸗ chts von hre nen och die ten von er cht, au nem 373 kalten Schweiße. Sie preßte krampfhaft die Hand von Fragola. „Nun,“ fragte ſie,„was ſagte ich Dir?“ „Erhole Dich, Carmelite,“ erwiederte Fragola, indem ſie ihr mit ihrem Taſchentuche über die Stirne ſtrich;„erhole Dich, meine Schweſter. Wirſt Du ſo wiedergeboren? Du erbleichſt beim erſten Kampfe; und welche ſüßere Prüfung konnte Dich die Vorſehung er⸗ dulden laſſen, als die, daß ſie Dir dieſen Freund der Vergangenheit ſandte?“ „Du haſt Recht, Fragola,“ ſprach Carmelite;„doch ſchau mich nun an: ich bin ſtark.“ Sodann ſich gegen ihre Kammerfrau umwendend: „Laſſen Sie Herrn Dominigque eintreten.“ Der Abbé trat ein. Es wäre ein herrliches Bild für einen Maler zu machen geweſen, der den Ausdruck dieſer drei Geſtalten hätte erfaſſen können: das Bild des Prieſters auf der Thürſchwelle, wie er zum Zeichen des Segens die Hand über dieſe zwei Mädchen ausſtreckte, welche einander im Arme hatten. „Seien Sie gegrüßt, meine Schweſtern!“ ſagte der Mönch, indem er ſich an die zwei Mädchen wandte, dabei ſich aber ganz beſonders vor Carmelite mit der Ehrfurcht verbeugte, die man für eine Witwe hat. Die zwei Mädchen grüßten ebenfalls, Fragola, in⸗ dem ſie aufſtand, Carmelite, indem ſie den Kopf neigte, denn ihr armer Körper war ſo ſchwach, daß ſie nicht i denken durfte, ſich vor einigen Tagen aufrecht zu alten. Fragola rückte einen Lehnſtuhl gegen den Abbé. Er dankte Fragola mit dem Kopfe nickend, ſtützte nur eine von ſeinen Händen auf die Lehne, ohne ſich zu ſetzen, und ſprach: „Meine Schweſtern, ich komme von einer langen und ſchmerzlichen Pilgerfahrt: ich kehre vom Schloſſe Penhoél zurück.“ 374 Bei dieſen Worten bedeckten ſich die Wangen von Carmelite mit einer ſolchen Bläſſe, daß Fragola, welche ſtand, vor ihr auf die Kniee fiel, ihre Hände in den ihrigen drückte und zu ihr ſagte: 5„Meine Schweſter, erinnere Dich Deines Verſpre⸗ ens.“ „Vom Schloſſe Penhoöl,“ murmelte Carmelite; „alſo haben Sie den Grafen geſehen?“ „Ja, meine Schweſter.“ „Hh! unglücklicher, unglücklicher Vater!“ rief Car⸗ melite, denn ſie begriff wohl, es habe für ein anderes Herz einen Schmerz ſo groß als der ihrige, wenn nicht noch größer, geben müſſen. Der Prieſter errieth Alles, was in der Seele des Mädchens vor ſich ging, und welchen Bangigkeiten dieſe Seele preisgegeben ſein mußte. „Der Graf von Penhvöl,“ ſagte er,„iſt ein wür⸗ diger und edler Vater. Er beklagt Sie, meine Schwe⸗ ſter, und ich bringe Ihnen ſeinen Segen.“ Carmelite ſtieß einen Schrei aus; ſie hatte Kraft genug, um aufzuſtehen, und auf ihre Kniee gleitend, befand ſie ſich zu den Füßen des Abbé Dominigque. „Ah! mein Vater! mein Vater!“ ſprach ſie in Thränen zerfließend,„er hat mich alſo nicht ver⸗ flucht Sie konnte nicht mehr ſagen: ihre Augen ſchloßen ſich, ihr Geſicht wurde weiß wie Alabaſter, ihre Arme ſtreckten ſich auf die Kiſſen des Lehnſtuhls aus, ſie ließ. ihren Kopf auf ihre Arme ſinken, und mit einem Seuf⸗ zer, der wie der letzte klang, ſchien das Leben aus die⸗ ler ſchwachen Hülle zu entfliehen. „Mein Gott!“ ſprach mit frommem Tone der Mönch, als er das lebloſe Geſicht des Mädchens ſah,„willſt Du aus Deinem Diener einen neuen Todesboten machen?“ Fragola hatte bei der Hand alle Salze, deren ſie ſich bei ſolchen Umſtänden bediente, denn die Ohnmach⸗ ten von Carmelite waren häufig. Sie ließ ſie Salze zei des er der erk Sr in ſeel net mit „ot hat von lche den pre⸗ ite; ar⸗ res enn des iten ür⸗ we⸗ raft end, in ver⸗ ßen rme ließ euf⸗ die⸗ nch, illſt n?“ ſie alze 375 einathmen; ſodann, als ſie ſah, daß dieſelben unge⸗ nügend waren, rieb ſie ihre Schläfe mit Eſſig. Die Ohnmacht blieb beharrlich, und nichts deutete an, Carmelite ſollte wieder zu ſich kommen. Fragola ging an den Tiſch; ſie nahm hier einen Flacon, deſſen ſie ſich bei den verzweifelten Fällen be⸗ diente. Es war Eſſigſäure, mit der ſie die Bruſt ihrer Freundin einzureiben pflegte, wenn die Ohnmachten auf eine beunruhigende Art fortwährten. „Mein Vater,“ ſprach ſie zu dem Mönche,„wür⸗ den Sie wohl die Güte haben, in daß anſtoßende Zim⸗ mer zu gehen?“ „Ich entferne mich, meine Schweſter,“ erwiederte Dominique.„Ich werde ſelbſt zu Hauſe erwartet, und um eine Pflicht zu erfüllen, die ich für heilig erachtete, bin ich zuerſt hierher gekommen. Sie möge mir ver⸗ zeihen, daß ich ihr mit ſo wenig Schonung die Worte des Vaters meines Freundes überbracht habe.“ Hienach legte er in ihre Hand die Reliquie, welche er vom Grafen von Penhoél empfangen hatte, und deren ganzen Werth er Fragola mit ein paar Worten erklärte, und er ging ab, das Mädchen ihrer frommen Sorge überlaſſend. Einige Reibungen genügten, um das Leben wieder in dieſen unbeweglichen Körper zu bringen, welcher ſeelenlos zu ſein ſchien. Carmelite kam zu ſich, öff⸗ nete die Augen, und ſuchte vor Allem den Abbé Do⸗ minique. „Wo iſt er?“ fragte ſie mit erſtaunter Miene; „oder habe ich vielmehr nur einen Traum gemacht?“ „Nein,“ erwiederte Fragola,„er war da.“ „Dominique, nicht wahr?“ „Wo iſt er hingekommen?“ „Du biſt ohnmächtig geworden, und aus Discretion hat er ſich entfernt.“ 376 „Oh! wie gern möchte ich ihn wiederſehen!“ rief Carmelite. „Du wirſt ihn wiederſehen, doch morgen, ſpäter vielleicht, wenn Du die Kraft haben wirſt, ihn anzu⸗ hören und ihm zu antworten.“ „Oh! ich bin ſtark! ich bin ſtark!“ rief Carmelite. „Bedenke doch, daß ich ihn um tauſend Einzelheiten zu fragen habe: er hat ihn zuletzt verlaſſen. Wo iſt er? wo ruht er? Nicht wahr, Fragola, wir machen eine Pilgerfahrt nach ſeinem Grabe?“ „Ja, meine Schweſter, ja, ſei ruhig.“ „Sprach er nicht zu mir von ſeinem Vater? ſagte er mir nicht, ſein Vater habe mir verziehen, ſein Vater habe mich geſegnet?“ „Ja, er hat Dir verziehen; ja, er hat Dich ge⸗ ſegnet. Du ſiehſt alſo, daß Gott mit Dir iſt.“ „Oh!“ murmelte Carmelite, auf ihre Cauſeuſe zu⸗ rückfallend,„ich bin nicht mit ihm!“ Und ſie faltete die Hände und betete ganz leiſe, die Lippen bewegend, doch ohne daß man die Worte hörte, die ſie ſprach. „So iſt es gut,“ ſagte Fragola,„bete, arme, theure Seele, Alles iſt im Gebete: die Ruhe, der Troſt, die Stärke. Bete, ſchließe Deine ſchönen Augen, und ſuche zu ſchlummern.“ „Ei! könnte ich es?“ fragte Carmelite;„hier, nimm meine Hand.“ „Sie glüht vor Fieber.“ „Mir ſcheint, Fragola, ohne das Fieber würde ich nicht leben.“ Fragola kniete wieder vor ihrer Freundin nieder, nh die Hände von Carmelite in die ihrigen und ſprach: „O meine Schweſter, wo iſt denn die Stärke, auf die Du vorhin ſo ſtolz warſt? Das erſte Wort hat Dich gebeugt wie ein Rohr, gebrochen wie eine Blume⸗ Dr D ni me ber der die te, ne, ſt, nd ich 6 nd uf at ne. 377 Du haſt mich getäuſcht, doch Du täuſchſt Dich ſelbſt: Du biſt nicht ſo ſtark, als Du glaubteſt!“ „Ich habe mich auf den Schmerz vorbereitet, und nicht auf die Freude. Ich wäre gegen den Schmerz ſtark geweſen, ich war ſchwach gegen die Freude.“ „Arme Freundin!“ Carmelite drückte krampfhaft die Hände von Fragola. „Nicht wahr, er hat geſagt, er werde wiederkom⸗ men?“ „Wann?“ „Was denn?“ „Damit Du geduldig ſeine Wiederkehr erwar⸗ teſ „Nun?“ „Hat er mir etwas für Dich zurückgelaſſen.“ Diesmal rückte Fragola, wie man ſieht, nur Schritt für Schritt vor. Sie befürchtete eine zweite Kriſe, welche bei dem Zuſtande der Schwäche von Car⸗ melite ernſter werden konnte, als die erſte. „Etwas für mich?“ rief Carmelite.„Oh! ſo gib geſchwinde!“ „Warte ein wenig,“ erwiederte Fragola, indem ſie ihren Arm um den Hals von Carmelite ſchlang, ſie an ſich zog und küßte. „Warum warten, Fragola?“ „Ei!“ ſagte das Mädchen,„weil„. Sie zögerte. „Weil.2“ wiederholte Carmelite. „Weil es ein Glück iſt, und ich Dich darauf vor⸗ bereiten will.“ „Mein Gott! Du machſt mich ſterben.“ „Um Dich beſſer aufleben zu machen, theure Schweſter.“ „Sprich, ſprich ſchnell, ich will es! was hat Dir der gute Dominique für mich hinterlaſſen?“ 378 „Ein Geſchenk.“ „Ein Geſchenk, mir?“ fragte Carmelite erſtaunt. „Ein Geſchenk, das Dir der Graf von Penhoél macht, eine koſtbare Gabe. ein Schatz!“ Und ſie lächelte mit ihrem Engelslächeln zwiſchen jedem Worte. „Fragola, ich bitte inſtändig,“ ſagte lebhaft, faſt ungeduldig Carmelite,„gib mir das, was Du mir zu übergeben haſt.“ „Erlaube mir, Dich wie ein Kind zu behandeln, Carmelite.“ Carmelite ließ ihren Kopf auf ihre Bruſt ſinken. „Mache, was Du willſt,“ ſagte ſie,„nur befürchte, mich über meine Kraft zu reizen.“ „Du biſt nun niedergeſchlagen, Du biſt nahe dar⸗ an, ruhig zu ſein; von da bis zur Kaltblütigkeit iſt es nur ein Schritt. Habe den Willen, und Du wirſt ſtark ſein.“ „Sieh!“ ſagte Carmelite. Und ſie lächelte Fragola zu. „Willſt Du noch etwas Beſſeres?“ fuhr ſie fort; „denn Du haſt Recht, immer Recht! Ich will, ſo lange es Dir beliebt, meinen Kopf auf Deine Bruſt legen, und erſt in einer Viertelſtunde wirſt Du mir das Ge⸗ ſchenk des Grafen von Penhoél geben... Sie machte eine Anſtrengung, lächelte und fügte bei: „Des Vaters von Colombau.“ „Ah!“ erwiederte Fragola, ebenfalls lächelnd,„Du biſt eine Heldin, und ich werde Dich nicht warten laſſen.“ Sie ſtand auf, und Carmelite war es nun, die ſie zurückhielt. „Fragola, meine edle, meine fromme Fragola,“ ſprach ſie,„wer hat Dich, beſſer als die berühmteſten Aerzte, dieſe Wiſſenſchaft des Herzens gelehrt, mit der Du meine Wunden heilſt? Ah! das Leben wird mir ſanft dünken, ſo lange ich Dich bei der Hand halte.“ me fo ha me wi ſei lo He Cr ſtr R ne ſp 23 ge n, e⸗ 379 „Gut,“ ſagte Fragola,„man muß das Kind für ſeinen Gehorſam belohnen.“ Und ſachte ihre Hand von der ihrer Freundin los⸗ machend, nahm ſie hinter der Cauſeuſe von einer Chif⸗ fonniere von Roſenholz, wo ſie dieſelbe niedergelegt hatte, die Reliquie des Grafen, reichte das Papier Car⸗ melite offen, und ſprach die eigenen Worte des Grafen wiederholend: „Seine Mutter hat ſie am Tage ſeiner Geburt von ſeinem Kopfe geſchnitten.“ „Gott der Güte!“ rief Carmelite, auf die Haar⸗ locke mit der Wuth einer Löwin losſtürzend, die ihr Kleines wiederfinden würdez„Gott der Güte! es ſind Haare von meinem Colombau!“ Und zum erſten Male wurde das Herz des Mäd⸗ chens, leer und kalt wie ein Grab ſeit dem Tode von Colombau, von einem unaus ſprechlichen Glücke über⸗ ſtrömt. Und ſie nahm die Haarlocke, drehte ſie in allen Richtungen, küßte ſie tauſendmal, bedeckte ſie mit Thrä⸗ nen, hob ſie bis an die Lippen von Fragola empor und ſprach: „Du liebteſt ihn auch wie einen Bruderz küſſe ſeine ſchönen Haare, o meine Schweſter!“ 380 CXLVIII. Das Portrait des heiligen Hyacinth. Die Rue du Pot⸗de⸗Fer, parallel mit der Rue Férou und der Rue Caſſette, war eine der düſterſten Straßen des Faubourg Saint⸗Germain in der Zeit, in welcher ſich die Ereigniſſe zutrugen, die wir erzählen. Das Gras wuchs darin in den Zwiſchenräumen der Pflaſterſteine, mit der Ueppigkeit, deren Urſache die Seltenheit der Vorübergehenden hinreichend erklärt. Man hätte glauben ſollen, es ſei das Gehäge eines Pfarrhauſes, oder der Eingang eines Dorffriedhofes, ſo ſehr flößte dieſe Straße tiefe Ruhe und ſtille Me⸗ lancholie ein. War ſie aber düſter auf der Seite der Rue du Vieux⸗Colombier, wo ſie beginnt, ſo war ſie dagegen ziemlich hell auf der Seite der Rue de Vaugirard, wo ſie endigt. Auf dieſem Punkte gegen den Luxembourg mündend, empfing ſie alle Strahlen, mit denen die Sonne den Garten des Palaſtes der Medici übergießt; und für einen Gelehrten, für einen Philoſophen oder für einen Dichter war in dieſer ſtillen, grünen Straße wohnen ein Zaubertraum. Hier wohnte, wie wir ſchon geſagt zu haben glau⸗ ben, Fra Dominico Sarranti; er hatte den zweiten Stock eines dem Hotel der Grafen von Coſſé⸗Briſſac gegenüber liegenden Hauſes inne. Die drei Zimmer, welche ſeine Wohnung bildeten, waren gleichförmig mit Oel, wie die Wände einer Zelle, im Tone der weißen Wolle ſeiner Robe angemalt. Sieben bis acht Bilder von ſpaniſchen Meiſtern, eine Skizze von Leſueur und eine Skizze von Dominichinv offenbarten hinreichend den künſtleriſchen Geſchmack des Miethsmannes. ſich ver kur jur erk Ze unt ſuc nic erſi bei Nach dieſem Punkte der Rue du Pot⸗de⸗Fer wandte ſich der Abbé Dominique, als er die Rue de Tournon verließ. Unter Freudenſchreien, mit denen ſie ſeine An⸗ kunft begrüßte, überreichte ihm die Concierge einen Brief, bei deſſen Anblick allein die ernſte Miene des jungen Mannes ſich aufhellte: er hatte die Handſchrift erkannt, und dieſer Brief war von ſeinem Vater. ſiute öffnete ihn raſch. Er enthielt folgende Zeilen: „Mein lieber Sohn, ich bin ſeit geſtern Abend unter dem Namen Dubreuil in Paris. Mein erſter Be⸗ ſuch war Dir beſtimmt: man ſagt mir. Du ſeiſt noch nicht zurückgekommen, man habe Dir jedoch meinen erſten Brief zugeſchickt, und Du könneſt folglich nicht ſäumen. Kämeſt Du heute Nacht oder morgen früh⸗ ſo finde Dich um Mittag in der Himmelfahrts⸗Kirche, beim dritten Pfeiler, wenn man links eintritt, ein.“ Keine Unterſchrift; doch für Dominique war die fieberhafte Handſchrift ſeines Vaters wohl erkennbar. Ueberdies rechtfertigte ſeine Flucht in Folge des Com⸗ plottes vom Jahre 1820 dieſe Vorſichtsmaßregel; er befürchtete vhne Zweifel beunruhigt zu werden, und der Leſer weiß ſchon,— Dank ſei es der Unterredung von Herrn Jackal und von Gibaſſier,— daß dieſe Be⸗ fürchtungen nicht ganz illuſoriſch waren. „Armer Vater,“ murmelte der Abbé, während er in ſeine Wohnung hinaufging,— denn da das Rendez⸗ vous erſt für Mittag war, ſo hatte er noch eine Stunde zu warten;—„armer Vater, gutes, efſce Herz, das Alter iſt über Dein Haupt hingegangen, ohne einen Schlag Deines Pulſes, einen edlen Gedanken Deines Geiſtes wegzunehmen. Du kommſt nach Paris zurück, mitten unter die Gefahren, die Du kennſt, und unter die, welche Du nicht kennſt, um ein neues, hochherziges Unternehmen zu wagen. Gott gewähre Dir den Lohn 382 für Deine fromme Ergebenheit und für Deine muthige, beharrliche Reſignation. Oh! mein Vater, ich, ich bringe Dir mehr als das Leben, ich bringe Dir den Beweis der Unſchuld an einem Verbrechen, das Du nicht nur nicht begangen haſt, ſondern von dem Du nicht einmal vermutheſt, daß Du deſſelben bezüchtigt biſt.“ Und während er die Treppe hinaufſtieg, ſteckte er die Hände in die Falten ſeiner Robe, um darin die Erklärung zu ſuchen, die er von Herrn Gérard auf ſeinem Sterbebette erhalten und, da er an demſelben nach der Bretagne abgereiſt war, mitgenommen atte. Er trat in ſein ſeit faſt fünf Wochen verlaſſenes Zimmer ein und fand mit einem Gefühle tiefer Me⸗ lancholie die ruhige, einſame kleine Wohnung wieder, aus der er fortgeriſſen worden war, wie ein Vogel fern von ſeinem Neſte in einem Sturmwirbel wegge⸗ tragen wird. Ein ſchöner Sonnenſtrahl drang durch die Fenſter⸗ ſcheiben ein und brachte das Leben und die Wärme in das Schlafzimmer des jungen Mönches. Dominique ſank in einen großen Lehnſtuhl und überließ ſich einer tiefen Meditation. Die Pendeluhr, welche die Concierge ſorgfältig während der Abweſenheit von Dominique aufgezogen hatte, ſchlug halb zwölf. Dominique erhob das Haupt, und ſein Blick, in dem noch ein Reſt von Meditation ausgedrückt war, heftete ſich, nachdem er einen Moment auf den Gegen⸗ ſtänden, die das Zimmer ſchmückten, umhergeſchweift, auf das bleiche, blonde Geſicht von einem der Heiligen, welche die Gegenſtände der an der Wand hängenden Gemälde bildeten. Dieſes Geſicht ſchien ſich mit einem wunderbaren Scheine zu erleuchten. Es war das Portrait vom heiligen Hhacinth, ei⸗ nem Mönche vom Dominicgnerorden, den die Kirchen⸗ 383 geſchichtſchreiber den Apoſtel des Nordens nennen. Er war vom Hauſe der Grafen Oldovrans, einem der älteſten und berühmteſten Häuſer Schleſiens, das zur Zeit ſeiner Geburt, das heißt 1183, eine Provinz Po⸗ lens bildete. Es gab eine Familientradition bei den Penhosl, einer ihrer Ahnen ſei Waffenbruder, zur Zeit des erſten Kreuzzuges, von einem der Ahnen des hei⸗ ligen Hyacinth geweſen, und durch einen ſeltſamen Zu⸗ fall hatte Dominique, dem Colombau eines Tags dieſe alte Geſchichte erzählte, über die Quais gehend, unter einer ehrwürdigen Staublage, dieſen heiligen Hya⸗ cinth entdeckt und ihn gekauft, da er darin Aehnlich⸗ keit mit Colombau gefunden; nach Hauſe zurückgekehrt, hatte er ihn gereinigt und von Neuem gefirnißt, und nun erkannt, daß es ein vortreffliches Bildchen aus der Schule von Murillo, wenn nicht von Murillo ſelbſt war. So daß dieſes Bild dreifach koſtbar war: einmal, weil es einen Heiligen von ſeinem Orden vorſtellte; ſodann, weil dieſer Heilige Colombau glich, und end⸗ lich, weil das Bild, wie geſagt, wenn nicht von Mu⸗ rillo ſelbſt, doch wenigſtens von einem ſeiner guten Schüler gemalt war. Man begreift, in der Gemüthsverfaſſung, in der ſich Dominique befand, nach einem im Schloſſe Pen⸗ hoöl zugebrachten Monat und einer bei Carmelite zu⸗ gebrachten Stunde, man begreift, welche Wirkung auf ihn bei der Rückkehr der unvermuthete Anblick dieſes vollkommen vergeſſenen Bildes machte. Er ſtand langſam auf, um ſich ihm zu nähern, doch ehe er ſich näherte, blieb er, das Auge auf das Bild geheftet, beim Lehnſtuhle ſtehen. Es war in der That,— und nie hatte die Aehn⸗ lichkeit Dominique ſo vollkommen geſchienen,— es war in der That dieſelbe Reinheit der Stirne, dieſelbe Heiterkeit des Geſichtes. Die blonden Haare des pol⸗ niſchen Märthrers umrahmten, die Identität vollendend, 384 das ſanfte Geſicht von Hyacinth, wie die blonden Haare des bretaniſchen Märthrers das milde Geſicht von Co⸗ lombau umrahmten. Beide hatten ihr Leben lang, un⸗ ter den Fallſtricken der Welt, dieſelbe Urunſchuld und dieſelbe Keuſchheit des Leibes und der Seele bewahrt; Beide hatten, demüthig, mildherzig, einfach und ſtark, denſelben Haß gegen das Böſe, dieſelbe glühende Liebe für das Gute, dasſelbe brüderliche Gemüth für alle Menſchen. Allmälig und je länger er das Bild anſchaute, dünkte ihm dieſe Aehnlichkeit mit Colombau ſo wahr und zugleich ſo außerordentlich, daß er in einer der re⸗ ligiöſen Exſtaſen, denen er unterworfen war, das Wort an das Portrait richtend ſprach: „Sei glücklich! ja, guter, edler, junger Mann, und bete da oben für Deinen Vater, für Deinen Bru⸗ der und für Deine Schweſter, wie hienieden Deine Schweſter, Dein Bruder und Dein Vater für Dich beten!“ Hienach ſchritt er auf das Portrait zu, machte es von der Wand los, trüg es in ſeinen Händen ans Fenſter und ſchaute es ſo beleuchtet mit einem Ausdrucke an, bei welchem ſchwer zu erkennen war, ob mehr Zärtlichkeit für den Freund oder mehr Religion für den Heiligen darin lag. „Ja, Du biſt es, edles, theures Geſchöpf,“ ſagte er,„und Deine Tugend muß auf die Stirne der Men⸗ ſchen als unvertilgbares Siegel gedrückt ſein, daß ich in einer Entfernung von acht Jahrhunderten, und ohne daß der Maler den Einen oder den Andern von Euch kennen konnte, auf der Stirne des Heiligen das Tu⸗ gendmahl wiederfinde, das Gott auf die Stirne meines Freundes geſetzt hatte.“ Dann murmelte ex raſch, als würde er plötzlich von einem Gedanken erleuchtet: „O Carmelite!“ Und nach einem Augenblicke der Ueberlegung ſagte er: 385 „Ja, es wird ſo ſein!“ Er legte ſodann das Portrait auf einen Stuhl, trat an ſeinen Schreibtiſch, nahm ein Blatt Papier und eine Feder, rückte einen Stuhl an ſein Bureau, ließ einen Augenblick ſeinen Kopf in ſeine Hände fallen und ſchrieb endlich folgenden Brief: „Erlauben Sie mir, meine Schweſter, Ihnen das Portrait des heiligen Hyacinth anzubieten. Sie werden beiliegend eine Geſchichte des Lebens dieſes Heiligen finden,— ein Leben, das ich vor ein paar Jahren zu ſtizziren verſucht habe. „Von der Bretagne zurückkehrend, von Ihnen weg⸗ gehend, nach Hauſe kommend, war ich betroffen von den geheimnißvollen Verwandtſchaften, welche in einer ge⸗ meinſchaftlichen Aehnlichkeit den Heiligen und den Freund verbinden, den wir beweinen. Es ſind zwei Brüder des Guten, Zwillinge der Tugend. Sie, ihre Schweſter, neh⸗ men Sie dieſes Portrait als eine Familienerbſchaft an.“ Er faltete den Briefzuſammen, verſiegelte ihn und ſchrieb die Adreſſe daraufz dann ging er an ſeine Bib⸗ liothet und nahm von einem der Fächer ein kleines Manuſcript, auf deſſen erſter Seite die Worte geſchrie⸗ ben ſtanden: Lebensabriß des heiligen Hya⸗ cinth vom Dominicanerorden. Er ſchaute abwechſelnd das Manuſcript und das Portrait an;z dann wickelte er das eine und das andere in ein großes Blatt Papier, verſiegelte das Ganze, und als er ſah, daß es drei Viertel auf zwölf auf der Pendeluhr war, nahm er das Päckchen unter ſeinen Arm, den Brief in ſeine Hand und ging raſch hinab. Er kehrte zu Carmelite zurück, und nachdem er ſich bei der Concierge über die Folgen der Ohnmacht des Mädchens erkundigt hatte, gab er ihr das Portrait und den Brief, mit der Bitte, Beides ſogleich an die Adreſſe zu überliefern, ging auf der⸗ Seite der Quais hin⸗ und wandte ſich durch die Rue de Seine und über den Pont des Arts nach der Himmelfahrts⸗Kirche. Die Mohicaner von Paris. V. 25 386 Im Morgen erſt angekommen, und völlig unwiſ⸗ ſend in Betreff deſſen, was in Paris vorging, konnte der Abbé Dominique nicht begreifen, warum ihm ſein Vater in der Himmelfahrts⸗Kirche Rendez⸗vous gegeben hatte, während, angenommen, er wolle ihm durchaus Rendez⸗vvus in einer Kirche geben, die Saint⸗Sulpice⸗ Kirche nur hundert Schritte von ihm war. Als er aber in die Rue Saint⸗Honoré eintrat und die ungeheure Menge, welche ſie beſetzt hielt, ſo wie die Reihe von Wagen ſah, die weit jenſeits der Rue du Cog anfing, und deren äußerſtes Ende man nicht erblickte, erkundigte er ſich bei dem erſten dem beſten Vorübergehenden nach der Urſache, welche alle dieſe Menſchen verſammelte. Da theilte man ihm mit, die Menge ſei gekommen, um dem Leichenbegängniſſe des Herzogs de la Rochefoucauld⸗ Liancourt, der vor zwei Tagen geſtorben, beizuwohnen. CXLIX. Das Leichenbegängniß eines lieberalen Edelmannes im Jahre 1827. Der Herzog de la Rochefoucauld-Liancvurt hatte, auf eine ſo brutale Art 1823 von Herrn von Cor⸗ biere verletzt, wirklich im Alter von achtzig Jahren ein Leben der Menſchenliebe, der Redlichkeit und der Ehre beſchloſſen, was gemacht hatte, daß er mit dem Rufe eines der wohlthätigſten, der tugendhafteſten und der ehrenwertheſten Männer Frankreichs geſtorben war. Welcher Partei man angehörte, man mußte die außer⸗ ordentliche Tugend des Herzogs de la Rochefoucauld⸗ Liancourt bewundern, und vom ärmſten Arbeiter bis zum reichſten Bürger bedeutete ſein Name, mit gleicher Verehrung ausgeſprochen, in Aller Munde Seelengröße, Wohlthätigkeit, Rechtſchaffenheit. Als er den Tod des edlen Herzogs erfuhr, begriff der Abbé Dominique den Sinn dieſer ſympathetiſchen . iſ⸗ nte ein ben us ce⸗ in ge, en ren ſich der um ld⸗ en. te, r⸗ en er em nd . r⸗ is er e, ff en —,—— 387 und dankbaren Demonſtration der Bewohner von Paris; — es war die Zeit der Demonſtrationen. Da die Oppoſition damals, mit wenigen Ausnahmen, in der Majorität bei allen Klaſſen der Geſellſchaft war, ſo ergriff man die geringſte Gelegenheit im Fluge, und nie hatte das Rad, auf dem ſie ſich dreht, häufiger Halte gemacht. Alles war ein Anlaß zu Demonſtrationen. Touquet erfand die Tabaksdoſen à la Charte, und Touquet verkaufte fünfmalhunderttauſend Tabaksdoſen! Diejenigen, welche nicht ſchnupften, benützten ſie, um Bonbons darein zu thun; das war eine Demonſtration. Pichat ließ Leonidas für die Freiheit Spartas ſter⸗ bend aufführen, und man erdrückte ſich an den Thüren des Théatre⸗Frangais: das war eine Demonſtration. Der General Foy ſtarb; hunderttauſend Menſchen folgten ſeinem Leichenbegängniſſe, und Frankreich un⸗ terzeichnete eine Million für ſeine Witwe: das war eine Demonſtration. Endlich war der Herzog de la Rochefoucauld⸗ Liancourt geſtorben; das war allerdings ein Edelmann, ein Royaliſt, da er aber zugleich ein Liberaler war, ſo benützte man ſeinen Tod, um eine Demonſtration gegen die Ultras und gegen die Jeſuiten zu machen. Es waren auch alle Klaſſen der Geſellſchaft bei dieſer Menge repräſentirt. Der Kittel, die Blouſe, das Wamms des Arbeiters, der Alpaga und die Caſto⸗ rine des Bürgers, die Uniform des Nationalgardiſten, der Frack des Pair von Frankreich, die Simarre des Richters. Alles war vermiſcht. Ein und derſelbe Schmerz, der Alles auf daſſelbe Terain zog, erniedrigte, was zu hoch war, erhob, was zu niedrig war, vermengte den Armen mit dem Reichen, den Civiliſten mit dem Militär, den Academiker und den Deputirten, den Beamten und den Arzt. Was ſich aber am Krampfhafteſten unter dieſer Menge bewegte, das war die Jugend der Schulen, das waren die Hunderte von Studenten, welche, Kinder des vor⸗ hergehenden Tages, geheiligte Leute durch die religiöſe 388 Mitwirkung wurden, die ſie dieſer allgemeinen Trauer gewährten. Zu jener Zeit gab es noch Schulen. Schien ein Aufſtand eine gewiſſe Conſiſtenz zu er⸗ langen, ſo ſteckte der Bürger ganz zitternd die Naſe zum Fenſter hinaus und ſchaute nach rechts oder nach links, immer aber nach der Seite des Quartier Latin, und ſagte dann zu ſeiner Frau: „„Beruhige Dich, Minette, es wird nichts ſein; ich ſehe die Schulen nicht herabkommen.“ So ſchaute man 1792 nach der Seite der Vorſtädte; nur, wenn dieſe Vorſtädte herabkamen, wie am 5. und am 6. October, wie am 20. Juni, wie am 10. Auguſt, war es die Gewalt, welche die Gewalt verſtärkte, wäh⸗ rend, wenn die Schulen herabkamen wie am 5. Juni, es die Intelligenz war, welche die Gewalt verſtärkte. Sah derſelbe Bürger in der Ferne den Wind die Schöße der knappen Jacken der Studenten aufheben, hörte man ihren Geſang wie einen Donner auf dem Gipfel des Berges toſen, den man die Rue Saint⸗ Jacques nennt, dann ſchloßen die Bürger, da ſie jede Hoffnung verloren, den politiſchen Horizont ſich auf⸗ heitern zu ſehen, wie der Conſtitutionnel ſo poe⸗ tiſch ſagte, die Bürger ſchloßen, verſtopften, verrammel⸗ ten ihre Buden und ihre Fenſter, und die Furchtſamen eilten in ihre Keller hinab und riefen: „Rette ſich, wer kann, meine Kinder! die Schulen kommen herab!“ Der Name Schulen*) bedeutete Jugend, Unabhän⸗ gigkeit, Muth und Kraft, vielleicht aber auch ein wenig Ungeſtüm und Leidenſchaft. Peoles, nicht zu verwechſeln mit dem, was man gewöhnlich in Deutſchland Schulen nennt; Unterrichtsanſtalten für Knaben etwa bis zum fünfzehnten Jahre; unter dieſen Schulen verſteht man die Poly⸗ kechniſche Schule, die Rechtsſchule u. dergl. Anſtalten; in welchen Jünglinge bis zum Mannesalter ihre wiſſenſchaftliche Bildung genie⸗ ßen. 86 z. B. bei Aufſtänden von Schulen, Feoles, die Rede, ſo ſind darunter vie Zöglinge der ſo eben erwähnten Anſtalten verſtanden. D. heberſetzer. ————+————— er⸗ aſe ach in, te; ind uſt, mi, die en, em nt⸗ ede uf⸗ e⸗ el⸗ nen len än⸗ nig lich bis oly⸗ chen nie⸗ ſind 389 Und dann, war das wirklich die Sendung, die ſie erhalten hatten?. Mittlerweile gaben alle dieſe jungen Leute von achtzehn bis zwanzig Jahren, welche von ihren Müt⸗ tern aus allen Provinzen abgeſchickt waren, Herzhaftig⸗ keit den Schwachen, Zuverſicht den Furchtſamen. Sie waren immer bereit, zu kämpfen und zu ſterben für ein Wort, für eine Idee, für ein Princip, alten Sol⸗ daten, oder vielmehr jungen Spartanern ähnlich, deren männliche Tugenden ſie unter einer leichteren, ſorg⸗ loſeren Form hatten. Sie kamen tanzend zum Auf⸗ ruhr, ſie kämpften ſingend, ſie ſtarben lächelnd. Doch nicht um ſich zu einem Aufſtande zu begeben, waren ſie an dieſem Tage,— bedienen wir uns des geheiligten Ausdruckes,— herabgekommen. Sie tanzten nicht, ſie ſangen nicht, ſie lächelten nicht ein⸗ mal. Betrübt, traurig, trug ihr junges Geſicht Merk⸗ male des Kummers an ſich, mit dem das Herz jedes Bürgers der Tod dieſes Gerechten erfüllte. Unter ihnen bemerkte man eine Deputation der Zög⸗ linge der Ecole des Arts⸗et⸗Meétiers von Chalons, welche dem Leichenbegängniſſe ihres Wohlthäters beiwohnen wollte; denn unter anderen Anſprüchen auf die Hochachtung und die Liebe ſeiner Mitbürger kam dem Herrn Herzog von Larochefoucauld⸗Liancourt auch der zu, daß er der Stifter der Ecole des Arts⸗et⸗Meétiers in Chalons war. Es war ſchwierig ſür den Abbé Dominigque, durch dieſe Menge zu dringen. Als er aber mitten unter die Schulen gekommen war, traten die jungen Leute, da ſie dieſen ſchönen Prieſter ſahen, der kaum fünf bis ſechs Jahre älter als ſie, und den die Meiſten von ih⸗ nen kannten, ehrerbietig auf die Seite, um ihn paſſi⸗ ren zu laſſen. Nach einer ſtarken halben Stunde des Kampfes gelangte er endlich vor das Gitter der Himmelfahrts⸗ Kirche, in dem Augenblicke, wo die Trauerwagen aus dem, in der Rue Saint⸗Honoré liegenden, Hotel de la Rochefoucauld hervorkamen und in der Ferne wie eine 390 ſchwarz bewimpelte Leichenflotte die hohlgehenden Wogen dieſer Menge durchſchneidend zu erſcheinen anfingen. In dieſem Augenblicke, und als der Abbé durch eine Gruppe ſchritt, hörte er einen Mann, der ſchwarz gekleidet war und einen Flor am Arme trug, halb laut zu einem Andern ſagen: „Nichts vor, noch während der Feier, verſtehen Sie wohl?“ „Und hernach?“ fragte der Eine von den zwei Männern. „Wird man ihnen bedeuten, ſie ſollen gehen.“ „Wenn ſie ſich weigern?“ „So verhaftet man ſie.“ „Wenn ſie ſich zur Wehre ſetzen?“ „Ihr habt Euere Caſſe⸗tétes?“ „Ja, gewiß.“ „Wohl; Ihr bedient Euch derſelben.“ „Und das Signal?“ „Sie werden es ſelbſt geben.. wenn ſie den Leichnam tragen wollen.“ „St!“ ſagte Einer von den zwei Männern,„hier iſt ein Mönch, der uns hört.“ „Gut! was liegt daran! ſind die Prieſter nicht mit uns?“ Dominique machte eine Bewegung, als wollte er dieſe ſeltſame Solidarität leugnenz doch er erinnerte ſich, daß ſein Vater ihn erwartete, daß dieſer unter dem Gewichte einer doppelten Anklage war, daß er alſo ſo viel als möglich die Aufmerkſamkeit nicht nur von ſei⸗ nem Vater, ſondern auch von ſich ſelbſt fern halten mußte. Dem zu Folge ſchwieg er. Nur, wenn es ihm, da er den Chef ſah, übel ge⸗ worden war, wurde es ihm vollends zum Erbrechen, als er die Geſichter der zwei Agenten erblickte. Er ſetzte ſeinen, gezwungener Weiſe unterbrochenen, Marſch wieder fort und glaubte unter dieſer Menge eine große Anzahl Menſchen zu erkennen, welche nach ſeiner Meinung Träger von Caſſe⸗tetes zu ſein ſchienen. — 4— —— —4—— 391 Er kam ſo unter den Porticus der Himmelfahrts⸗ Kirche. Seine Tracht, die ihm einen Weg durch die Stu⸗ denten gebahnt hatte, diente ihm beſſer noch bei den Zugängen zur Kirche. Man trat vor ihm auf die Seite, und er konnte eintreten. Mit dem erſten Blicke gewahrte er, an den dritten Pfeiler links angelehnt, unbeweglich wie eine Bild⸗ ſäule, ſeinen Vater, deſſen Auge auf die Thüre gehef⸗ tet war: er wartete offenbar. Dominigue erkannte ihn, obſchon er ihn ſieben Jahre nicht geſehen hatte. Nichts hatte ſich an ihm verändert: dasſelbe Feuer in den Augen, dieſelbe Entſchloſſenheit in allen Jügen des Ge⸗ ſichtes, dieſelbe Kraft in ſeiner ganzen Perſon, nur waren ſeine Haare grau geworden, und ſein Geſicht hatte ſich in der Sonne Indiens gebräunt. Dominique ging gerade auf ſeinen Vater zu, mit der Abſicht, ſich ihm in die Arme zu werfen; doch ehe er die Hälfte des Weges gemacht hatte, hatte Herr Sarranti einen Finger auf ſeinen Mund gelegt und ihm durch dieſes Zeichen, ſo wie durch den Blick, der es begleitete, die tiefſte Discretion empfohlen. Der Abbé begriff, daß er, wenigſtens ſcheinbar, ſeinem Vater völlig fremd bleiben mußte. Statt ihn zu umarmen, mit ihm zu ſprechen oder ihm nur die Hand zu reichen, kniete er auch, als er in ſeiner Nähe war, bei dem Pfeiler nieder, und nachdem er ein Dank⸗ gebet an Gott gerichtet hatte, ſuchte er die Hand, die ſein Vater wieder fallen ließ, küßte ſie mit Inbrunſt und Ehrfurcht, und ſprach nur die zwei Worte, welche eben ſo wohl an Gott, als an den Mann, zu deſſen Füßen er kniete, gerichtet ſein konnten: „Mein Vater!“ CL. Was ſich in der Himmelfahrts⸗Kirche am 30. März des Jahres der Gnade 1827 zutrug. Die Himmelfahrts⸗Kirche, deren Erbauung in das Jahr 1670 zurückgeht, iſt ohne Zweifel eines der ge⸗ meinſten Monumente von Paris. Ihre Form iſt eine unglückliche: ſie ſtellt einen Thurm bedeckt mit einer ungeheuren Kuppel von zwei und ſechzig Fuß im Durch⸗ meſſer vor, etwas der Kornhalle Aehnliches;„ſo daß,“ ſagt Legrand in ſeiner Beſchreibung von Paris und ſeinen Gebäuden,„ſo daß, da dieſes Baudenk⸗ mal für ſeinen Durchmeſſer zu hoch iſt, das Innere eher das Anſehen eines tiefen Brunnens als die Grazie einer wohl proportionirten Kuppel hat.“ Ehe dieſes Gebäude zur Himmelfahrts⸗Kirche er⸗ hoben wurde, war es ein Nonnenkloſter. Die Schwe⸗ ſtern, die dieſes Convent bewohnten, hießen die Hau⸗ driettes*). Sie waren urſprünglich beauftragt, ein Hoſpital von armen Frauen zu bedienen; allmälig wurde das Hoſpital ein Kloſter, und ſie lebten unnütz und als religiöſe Gemeinde conſtituirt. 5 Die Aufführung dieſer Nonnen war durchaus nicht regelmäßig, und man hatte es mehrere Male, jedoch vergebens, verſucht, die Reform in ihrem Hauſe anzu⸗ wenden. Endlich unternahm es der Cardinal de la Rochefoucauld, ſie der Regel zu unterwerfen und ſie in ein Hotel zu verſetzen, das er im Faubvurg Saint⸗ Honoré beſeſſen und 1603 an die Jeſuiten verkauft hatte, und das dieſe durch Vertrag vom 3. Februar 1623 an die Haudriettes wiederverkauften. Sie waren hier ſeit ſechs Monaten untergebracht und hatten ſchon das Innere auf eine ihrem Stande entſprechende Art einrichten laſſen, als der Titel Haudriettes aufgehoben und die Einkünfte mit dem neuen Kloſter des Faubourg *) Hoſpitaliterinnen von Mariä⸗Himmelfahrt, nach ihrer Stifterin Dolona Haudry Haudryetten genannt. 8 r 393 Saint⸗Honoré, dem man den Namen Aſſomption*) ab, vereinigt wurden. Nur ſchien die Kapelle dieſes Hau⸗ b nicht genügend für die Nonnen ſie kauften das Hotel eines Sieur Desnoyers und ließen 1670 den Bau ihrer Kirche beginnen, welche ſechs Jahre nachher beendigt wurde. Dieſe ſchwerfällige, durch einen ſchwarzen Himmel beſchattete, Kuppel bot an dieſem Tage, wie immer, einen ziemlich traurigen und gemeinen Anblick, und es brauchte nicht weniger, als dieſe ganze impoſante Menge, um dem Schauſpiele, das man vor Augen hatte, ſeine poetiſche und feierliche Seite zu geben. In dem Augenblicke, wo der Trauerzug im Be⸗ griffe war, das Sterbehaus zu verlaſſen, um ſich nach der Kirche zu begeben, verlangten die ehmaligen Zög⸗ linge dieſer Schule von Chalons, welche Herr von Lian⸗ court geſtiftet hatte, den Sarg eines ihrer Wohlthäter tragen zu dürfen. Einer der Miniſter von Karl X. der Herr Herzog de la Rochefoucauld⸗Doudeauville, ein naher Verwandter des Todten, der eine von den Ecken des Bahrtuches halten ſollte, ertheilte die Erlaubniß im Namen der Familie. Der Zug ſetzte ſich nun langſam, feierlich in Marſch, und man kam in größter Ordnung zur Kirche. Auf beiden Seiten der Straße zuſammengeſchaart, ruhig und ſtill, trat die Menge zurück und entblößte ſich ehrerbietig, ſo wie der Zug näher kam. Man müßte das Wappenbuch der Notabilitäten jener Zeit haben, um einen Begriff von den illuſtren Anweſenden zu geben, welche die Obſequien des edlen Herzogs an dieſem Tage nach der Himmelfahrts⸗Kirche gezogen hatten. Es waren vor Allem die Grafen Gastan und Alexan⸗ dre de la Rochefoucauld, Söhne des Verſtorbenen, und die ganze Familie des Herzogs; ſodann die Herzoge von Briſſac, von Lsvis, von Richelieu; dann die Gra⸗ fen Portalis und de Baſtard, der Baron Portal, die Herren von Barante, Lainé, Pasquier, Decazes, der *) Mariä Himmelfahrt. —— 394 Abbé von Montesquiou, de la Bourdonnaie, von Villèle, Hyde de Neuville, von Noiailles, Caſimir Perrier, Ben⸗ jamin Conſtant, Royer⸗Collard, Béranger. Zwiſchen zwei von den Pilaſtern, welche die Kreis⸗ mauer der Kirche bilden, wechſelte ein Mann, der ſchon 1789 eine große Rolle geſpielt hatte und 1830 wieder eine in den Landesangelegenheiten ſpielen ſollte, von Zeit zu Zeit mit einem andern Manne von zweiund⸗ vierzig bis vierundvierzig Jahren, welcher jedoch kaum fünfunddreißig alt zu ſein ſchien, ein paar Worte in Begleitung jenes Tones der Ehrfurcht, den der vor⸗ treffliche Greis für Jedermann hatte, welchen er aber ſo gut zu Gunſten der Leute zu accentuiren wußte, die er mit ſeiner beſondern Hochachtung beehrte. Dieſer Mann, deſſen Name ſchon wiederholt unter unſerer Feder erſchienen iſt, ohne daß wir indeſſen die Ehre gehabt haben, ihn unſeren Leſern vorzuſtellen, war Herr Anténor von Marande, der Gatte von derjenigen von den vier Schweſtern von Saint⸗Denis, die wir um das Bett von Carmelite und in der Saint⸗Germain⸗ des⸗Prés⸗Kirche verſammelt geſehen haben, von der⸗ jenigen, ſagen wir, welche bis jetzt von uns nur mit dem Namen Lydie bezeichnet worden iſt. Herr von Marande, damals, wie wir ſchon erwähnt haben, zweiundvierzig bis vierundvierzig Jahre alt, war ein ſchöner und eleganter Banquier, mit blonden Haaren, blondem Barte, blauen Augen, weißen Zähnen und roſenfarbigen Wangen. Eine große Diſtinction, nicht die, welche die Geburt gibt, ſondern die, welche das Studium, die Erziehung, der beſtändige Umgang mit der Welt geben, diejenige endlich, deren Privilegium die engliſchen Gentlemen zu haben ſcheinen, war einer von den Hauptcharakteren ſeiner Perſon. Es war an ihm etwas Steifes, was von ſeiner erſten Erziehung herkam. Von ſeinem Vater, einem alten Oberſten des Kaiſerreichs, der bei Waterloo getödet wurde, zur mili⸗ täriſchen Laufbahn beſtimmt, war er in der Ecole Poly⸗ technique erzogen worden, die er 1816 verließ. Nun, — — —— ———— 395 da er ſah, daß die Zukunft auf Frieden ſtand, wandte er ſeine Studien der Seite der Bangue zu. Wie er Polybius, Montecuculi und Jomini ſtudirt hatte, ſo ſtudirte er Turgot und Necker, und da ſein Geiſt fähig war, Alles zu begreifen, ſo wurde er, ſtatt ein berühm⸗ ter Officier zu werden, ein ausgezeichneter Banquier. Seine Tournure hatte, wie geſagt, etwas von der ſchwarzen ſeidenen Halsbinde und vom zugeknüpften Rocke behalten, in den er zehn bis zwölf Jahre eingezwängt ge⸗ weſen war. Eine Frau konnte ihn ſchön finden;— denn für die Frau ſind die Eleganz und die Diſtinction ſchon die Hälfte der Schönheit; doch ein Mann mußte ihn ge⸗ ſchraubt, geſpannt, ſteif, mit einem Worte geckenhaft finden. Dieſer Affectativn des engliſchen comme il faut hatte er übrigens ein paar Affairen zu verdanken ge⸗ habt, aus denen er ſich mit außerordentlichem Muthe und mit merkwürdiger Kaltblütigkeit herausgezogen. Die erſte von dieſen Affairen, die ihm am 1. des Mo⸗ nats zugeſtoßen, war unverzüglich mit dem Degen ausge⸗ macht worden, und er hatte ſeinen Gegner ſchwer verwundet. Bei der zweiten, welche auf Piſtolen ſtattfinden ſollte und ihm am 22. des Monats zugeſtoßen war, hatte er eine Friſt von zehn Tagen verlangt: der Zweck dieſer von ihm verlangten Friſt von zehn Tagen war, ſeinen 30., wie man in Ausdrücken der Banque ſagt, in Ordnung zu bringen. Als ſein 30. in Ordnung ge⸗ bracht war, hatte er ſein Teſtament geſchrieben, dann hatte er ſeinen Gegner daran erinnern laſſen, daß er ſich, da am anderen Tage die von ihm verlangte Friſt abgelaufen ſei, für den andern Tag, zu einer Stunde und an einem Orte nach ſeinem Belieben, zu ſeiner Ver⸗ fügung ſtelle. Die Gegner, welche dreißig Schritte vvn einander ſtanden, ſchoßen zu gleicher Zeit, und Herr von Marande wurde am Schenkel verwundet;— ſein Gegner blieb auf dem Platze;— Alles dies, ohne daß eine Falte von der weißen Halsbinde, welche Herr von Marande zu tragen pflegte, in ihrer gewöhnlichen Symmetrie verrückt worden wäre. 396 Nie ſprach er von dieſen zwei Affairen, und er ſchien ſehr ärgerlich, wenn man ihn daran erinnerte. Was ſeine Stärke im Degen oder ſeine Geſchicklich⸗ keit auf die Piſtole betrifft, ſo hatte er hievon nur dieſe zwei Beweiſe gegeben, und ohne dieſes doppelte Duell hätte man wahrſcheinlich, ſelbſt in ſeiner vertrauteſten Geſellſchaft, nicht gewußt, ob er eine Piſtole oder einen Degen anzurühren im Stande ſei. Nur ſagte man, er habe bei ſich einen Fechtſaal und eine Schießſtätte, eine Schießſtätte, welche nie ein anderer Menſch betrat, als ſein Diener, einen Fechtſaal, in welchen Niemand kam, als ein alter Italiener Namens Caſtelli, der den erſten Fechtmeiſtern von Paris als Repetitor diente. Herr von Marande war, mit den Herren von Roth⸗ ſchild, Laffitte und Aguado, einer der berühmteſten Ban⸗ guiers des Continents, nicht als einer der reichſten, ſondern als einer der verwegenſten. Man führte von ihm Finanzoperativnen von unglaublicher Kühnheit, glänzende Actionen, Actionen des Glücks und des Genies an. Sobald er das geſetzliche Alter erreicht hatte, wurde er in die Kammer von ſeinem Departement geſchickt, in welchem er eine Majorität erlangt hatte, welche an die Unanimität gränzte; und zwei Jahre vorher hatte er, nach einem Stillſchweigen von beinahe drei Jahren, eine Rede über die Preßfreiheit gehalten, die be⸗ daß er die Redner des Alterthums, wie die der euzeit nicht minder gewiſſenhaft ſtudirt hatte, als die Strategiſten und die Oeconomiſten. E ſtant und Lafayette, hatte er ſeinen Sitz im linken Centrum Ein vertrauter Freund von Manuel, Benjamin Con⸗ und ſchien unter die Fahne der politiſchen Banquiers Caſimir Perrier und Laffitte eingereiht zu ſein. Dieſe Fahne, was für eine war es? Das ließ ſich ſehr ſchwer definiren, doch diejenigen, welche in den Angelegenheiten jener Zeit wohl unterrichtet zu ſein behaupteten, ſagten: dieſe Fahne, die eine zwiſchen der Republik und der abſoluten Monarchie liegende Mei⸗ nung repräſentire, ſei die eines Prinzen, welcher, um kluger — Weiſe im Schatten verborgen zu bleiben, nichtsdeſtoweniger am Umſturze des gegenwärtigen Zuſtandes der Dingearbeite. Man ſieht, daß eine Nuance zwiſchen der Meinung des General Lafayette, der die republikaniſche Monarchie mit der Conſtitution von 89 repräſentirte, und der von Herrn von Marande exiſtirte, welcher, wenn er wirklich Agent des Prinzen, nur den Ausdruck einer bürgerlichen Monarchie mit einer Umarbeitung der Charte von 1815 war. Uebrigens wäre man vollkommen in die Meinung des Einen und in die des Andern eingeweiht geweſen, hätte man die paar Worte gehört, die wir ſie haben austauſchen ſehen. „Sie ſind von dem, was dort vorgeht, unterrichtet worden, General?“ „Ja, die öſterreichiſchen Fonds ſteigen.“ „Werden Sie auf die Hauſſe oder auf die Baiſſe ſpielen?“ „Ich werde neutral bleiben.“ „Iſt das nur Ihre Meinung, oder auch die der Banquiers Ihrer Freunde?“ „Es iſt die allgemeine Meinung.“ „Und das Loſungswort?“ „Laßt machen!... Und Sie, Sie haben den Prinzen geſehen?“ „Haben Sie ihn von der Bewegung unterrichtet, welche vorgeht?... Ich glaube er hat Fonds beim Hauſe Arnſtein und Eskeles.“ „Er hat dort einen großen Theil ſeines Vermögens.“ „Wird er für ſpielen? wird er gegen ſpielen?“ „Nein, wie Sie wird er machen laſſen,“ erwie⸗ derte Herr von Marande. „Das iſt das Klügſte,“ ſagte der General Lafayette. Und von dieſem Augenblicke an ſchwiegen Beide, während ſie zugleich mit der tiefſten Aufmerkſamkei das, was um ſie her vorging, ſtudirten. Fünf oder ſechs Schritte vom General und vom Ban⸗ quier hatten, nachdem ſie mit Ehrfurcht ein paar Worte an⸗ gehört, welche Véranger an ſie richtete, vier junge Leute 6 398 einen Schritt rückwärts gemacht, und ſie ſprachen mit lei⸗ ſer Stimme gerade in dem Augenblicke, wo der Sarg in die Kirche hereinkam. Dieſe vier jungen Leute waren unſere vier Freunde Jean Robert, Ludovic, Petrus und Juſtin. Sie ſuchten mit den Augen unter dieſer ganzen Menge Jemand, den ſie hier zu finden erwarteten, den ſie aber trotz ihrer hartnäckigen Forſchung nicht fanden. Endlich erblickten ſie ihn unter der Zahl der Per⸗ ſonen, welche hinter dem Sarge hatten eintreten können. Es war Salvator. Der junge Mann gewahrte ſie mit dem erſten Blicke, und die Menge durchſchneidend ging er gerade auf ſie zu. Er brauchte übrigens ziemlich lange Zeit, um den Raum zurückzulegen, der ihn von den jungen Leuten trennte, denn den ganzen Weg entlang, den er gemacht hatte, ſtreckten ſich die Hände zu Hunderten aus, um die ſeinige zu drücken. Als er die Pilaſter erreicht hatte, an deren Baſe unſere Freunde angelehnt ſtanden, rückten die vier Hände zu gleicher Zeit vor, und die jungen Leute bildeten einen Kreis, in deſſen Mitte ſich Salvator befand. „Sie haben uns etwas zu ſagen?“ fragte Jean Robert, der eine Nuance von Beſorgniß in den Augen des jungen Mannes geleſen hatte. „Ja, und ſogar etwas ſehr Wichtiges!“ erwiederte Salvator. Sodann, indem er mit einem Blicke des Miß⸗ trauens umherſchaute: „Was Sie auch ſehen mögen, was Sie auch hören mögen, ſo gut Ihnen auch die Gelegenheit ſcheinen mag, thun Sie nichts!“ „Was ſoll denn vorgehen?“ fragte Ludovic. „Ich weiß es nicht,“ antwortete Salvator,„doch etwas wie ein Aufſtand.“ „An einem Begräbnißtage?“ fragte Juſtin. Salvator lächelte. „Sie kennen das Sprüchwort, mein lieber Juſtin: „„Der Zweck heiligt die Mittel.““ 399 „Warum ſagen Sie uns denn, wir ſollen nichts thun?“ „Weil ein Unterſchied zwiſchen den Aufſtänden iſt.“ „Allerdings,“ erwiederte Ludovic, der den Sinn der Worte von Salvator begriff;„es gibt die Aufſtände, welche man macht, und die Aufſtände, die man machen läßt.“ „Mit anderen Worten: es gibt Aufſtände ohne Auf⸗ rührer,“ fügte Jean Robert bei. „Teufel!“ ſprach Petrus,„das ſind die gefähr⸗ lichſten, wie ich immer meinen Oheim ſagen hörte.“ „Und Ihr theurer Oheim iſt ein Mann von Ver⸗ ſtand, Herr Petrus,“ bemerkte Salvator. Sodann ſich an Juſtin wendend: „Halten Sie ſich ruhig, mein lieber Juſtin, und ruft man gleichviel was beim Ausgange aus der Kirche, entweder:„„Es lebe die Preßfreiheit!““ oder:„„Nie⸗ der mit den Miniſtern!““ oder irgend etwas Anderes, ſo laſſen Sie rufen; gibt man ſich einige Kläppſe, ſo laſſen Sie klappſen; bedroht man Sie, ſo leiſten Sie kei⸗ nen Widerſtand; mit einem Worte, wohnen ſie dem ich weiß nicht was, das in Erfüllung gehen wird, und das ich in der Luft fühle, mit der Kaltblütigkeit eines Tauben, mit der Ruhe eines Stummen und der Un⸗ empfindlichkeit eines Blinden bei.“ „Gut,“ ſagte Juſtin ſeufzend und wie ein Menſch, der mit Bedauern eine erſte Gelegenheit, ſeine Proben abzulegen, ſich entſchlüpfen ſieht. Salvator begriff die Bewegung des jungen Schul⸗ meiſters und ſprach in Form eines Troſtes zu ihm: „Ein wenig Geduld, mein lieber Freund, es wird ſich in Kurzem eine günſtigere Gelegenheit bieten. Stecken Sie alſo bis dahin Ihren guten Willen wieder in die Scheide, und vor der Hand das tiefſte Stillſchweigen! Wir haben ſchon zu viel geſagt: ſehen Sie die Galgen⸗ geſichter, die uns umgeben.“ Es gingen in der That in allen Richtungen, in der Nähe der jungen Leute, wie fern von ihnen, lang⸗ ſam und mit Salbung, frommen Beiwohnenden ähn⸗ lich, welche die allgemeine Sammlung des Gemüths 7 400 durch das Geräuſch ihrer Tritte zu ſtören befürchten, in zahlloſer Menge Menſchen umher, die keine Toilette vor geübten Augen verbirgt, Menſchen, welche immer, wenn ſie ſich unter die gute Geſellſchaft begeben, die Wirkung hervorbringen, die in einem Drama oder in einem Vaudeville, ſich unter die Schauſpieler miſchend, die Comparſen machen, welche die zu einer Hochzeit oder zu einem Mahle Eingeladenen darſtellen. Unter dieſen Menſchen, wie ein Mittelpunkt, an den ſich die Blicke aller dieſer ſeltſamen Gäſte anſchloßen, gingen zwei Individuen, welche wiederzufinden unſeren 3 Leſern vielleicht nicht unangenehm ſein wird. Der Eine, bekleidet mit einer langen blauen Levite, trug das Band eines Ritters der Ehrenlegion, ſtützte ſich auf ein ſpaniſches Rohr wie ein Menſch, den eine alte Wunde nöthigt, jenes dritte Bein zu ſuchen, von dem der Sphinx von Oedipus ſpricht, und ſchien ein ehemaliger Militär zu ſeinz der Andere, der mit einem braunen Ueberrocke bekleidet war, hatte das ehrliche Ausſehen eines Kaufmanns, welcher ſich aus den Ge⸗ ſchäften zurückgezogen. Sprachen ſie mit einander, ſo gaben ſie ſich ſtatt jeder andern Benennung den Titel Nachbar. Dieſe zwei Individuen mit gemüthlicher Miene waren Niemand Anderes als unſere alten Bekannten Gibaſſier und Carmagnole. Wie fanden ſich nun Carmagnole, der mit Herrn Jackal nach Wien abgereiſt, und Gibaſſier, der allein nach Kehl abgereiſt war, in der Himmelfahrts⸗Kirche vereinigt, bereit, das Loſungswort einem ganzen Heere von Agenten, das Salvator beunruhigte, zu geben? Das werden unſere Leſer erfahren, wenn wir ihnen das Verlangen, die Folge dieſer Geſchichte zu kennen, eingeflößt haben. S Ende der erſten Abtheilung*). *) Die zweite Abtheilung wird unmittelbar im Belletr. Auslande unter dem Titel: Salvator, erſcheinen. ——