———— S Lei deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur„ von Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cleih und eſebedingungen. 1 Oflensein der Bibliotkek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müfſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf1 Monat: T N.— f 1 *— S 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Köſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. SS S S— 6 Die Mohicaner von Paris. Von Alerandre Pumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. Dreizehntes bis achtzehntes Bändchen. 5e h¹3. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1856. Druck von Fr. Müller. LXXIX. Der Mann mit der falſchen Naſe. Wir haben gewiſſer Maßen die verſchiedenen Er⸗ zählungen beendigt, welche den Prolog dieſes Buches bilden, und außer Petrus, Lydia und Regina kennt der Leſer nun die Mehrzahl der Perſonen, welche be⸗ ſtimmt ſind, die Hauptrollen in unſerem Drama zu ſpielen. Ueberdies haben, wie man geſehen, die verſchiedenen Geſchichten, die wir erzählt, und die vielleicht ohne Zuſammenhang unter einander zu ſein ſchienen, am Ende ſich verbunden und ein gleichartiges Ganzes ausge⸗ macht; die ſcheinbar divergirenden und der ſichtbaren gegenſeitigen Beziehungen entbehrenden Fäden haben allmälig, und ſo wie wir bei unſerem Gegenſtande vor⸗ rückten, unter unſerer Hand ein oft von Thränen ge⸗ ſättigtes, zuweilen ſogar von Blut geröthetes Gewebe gebildet;— eine bald ſtrahlende, bald düſtere Lein⸗ wand, der wir die rieſige Dimenſion zu geben geſucht haben, welche die ungeheure Aufgabe zuläßt, die wir uns auferlegt, indem wir es unternahmen, die Geſell⸗ ſchaft der Reſtauration von ihren höchſten Gipfeln bis zu ihren tiefſten Abgründen zu ſchildern. an verliere alſo nicht den Muth; man dringe kühn auf unſerer Spur in dieſes Land des Unbekannten 4 ein, in das wir uns wagen, und Niemand möge ſich durch die Ferne der Horizonte abſchrecken laſſen: trotz der Krümmungen und Abſchüßigkeiten des Weges wer⸗ den wir zum Ziele gelangen. Iſt der Augenblick, die Moral dieſes Werkes her⸗ vorzuſtellen, gekommen, ſo wird man, wie wir hoffen, den Weg, den man gemacht hat, nicht mehr wahrneh⸗ men; der Zweck wird die Mittel rechtfertigen. Jede von unſeren Perſonen, deſſen darf man ſicher ſein, iſt nicht nur eine imaginäre Schöpfung, ein Weſen der Convention oder der Fantaſie, ohne eine andere Abſicht, als die, durch dieſes oder jenes mehr oder minder geſchickte Mittel lachen oder weinen zu machen; nein, nach der Natur gemalt, vertritt jeder Held eine Idee: er iſt die Incarnation einer Tugend oder eines Laſters, einer Schwäche oder einer Leidenſchaft, und dieſe Laſter, dieſe Tugenden, dieſe Leidenſchaften, dieſe chwächen reproduciren insgeſammt die Geſellſchaft, wie einzeln jeder von unſeren Helden eines von ihren Mitgliedern repräſentiren wird. Es gibt zwei Arten, auf dem Theater zu Werke zu gehen, gerade wie in unſerem Buche; zwei entgegen⸗ geſetzte Methoden, um zu demſelben Ziele zu gelangen: die eine nennt man die Syntheſe, die andere die Ana⸗ lyſe; durch die Syntheſe gelangt man zur Kenntniß der Wahrheiten, die man ſucht, indem man von der Grund⸗ urſache ausgeht; bei der Analhſe geht man von den allgemeinen Sätzen aus, um zu den Grundurſachen hin⸗ abzuſteigen. Wir wiederholen, das Ziel iſt daſſelbe; nur ge⸗ langt man durch die Syntheſe aufſteigend zu demſelben, während man es durch die Analyſe hinabſteigend erreicht; die Analyſe löſt einen Körper in ſeine Grundſtoffe auf, um die Ordnung kennen zu lernen; die Syntheſe ſammelt die einzelnen Theile, um ein Ganzes daraus zu bilden. Man erlaube uns alſo, daß wir, je nach unſeren der lar un Fr las Fo Me dem nur vor The zieh kenn nati diſti neid dieſe zuge hafti nenn jenig wiſſe ihrer müßi e ſich trotz wer⸗ her⸗ offen, rneh⸗ ſicher Leſen ndere oder hen; eine ines und dieſe haft, hren erke gen⸗ en: na⸗ der nd⸗ den in⸗ ge⸗ en, t ffe eſe u8 n 5 Bedürfniſſen und ſogar nach unſerer Laune, da wir die Wahl unter den zwei Mitkeln haben, uns bald des einen, bald des andern bedienen. Nachdem er dreißig Trauerſpiele verfaßt, bat Cor⸗ neille, in der Vorrede von Nicoméde, um Erlaubniß, ein wenig Luſtſpiel bei dem einunddreißigſten einmengen zu dürfen; nachdem wir achthundert und fünfzig Bände für unſere Leſer geſchrieben haben, machen wir es wie der Dichter des Cid: wir biten unſere Leſer um Er⸗ laubniß, dreißig für uns ſchreiben zu dürfen. Nachdem dies vorangeſtellt iſt, wollen wir den Lauf unſerer Erzählung wieder aufnehmen. Wir haben Ludovic und Petrus vor der Thüre der Freiſchenke ſich trennen laſſen, Ludovic, um Chante⸗Li⸗ las zurückzuführen,— und wir haben geſehen, welche Folgen der Abſtecher des jungen Mannes nach dem Bas⸗ Meudon hatte,— Petrus, um ſeine Sitzung zu halten. Beſchäftigen wir uns ein wenig mit Petrus, von dem wir kaum ein paar Worte geſagt, und den wir nur einen Augenblick, beim Anfange unſeres Dramas, vor unſere Leſer geſtellt haben. Es iſt zweckdienlich, daß ihn der Leſer, ehe wir den Theil des Buches, welcher ſich unmittelbar auf ihn be⸗ zieht, in Angriff nehmen, phyſiſch und moraliſch kennt. Petrus war ein ſehr hübſcher Junge, von einer natürlichen Eleganz und Diſtinction, um die ihn die diſtinguirteſten und eleganteſten jungen Modeherren be⸗ neidet hätten; doch er erröthete gewiſſer Maßen über dieſe ariſtokratiſche Ueberlegenheit, die ihm der Zufall zugeſchieden hatte. Er hegte gegen die unnütze Gecken⸗ haftigkeit der jungen Leute, die man Familienſöhne nennt,— ohne Zweifel, damit man ſie nicht mit den⸗ jenigen vermenge, welche, da ſie ſich ſelbſt zu genügen wiſſen, ſich dadurch befriedigt fühlen, daß ſie die Söhne ihrer Werke ſind;— er hegte, ſagen wir, gegen dieſe müßigen jungen Leute eine ſo tiefe Verachtung, einen —— 6 ſo unüberwindlichen Abſcheu, daß er ſich anſtrengte, ſeine angeborene Eleganz und Diſtinetion, das heißt die einzigen Dinge, die er mit ihnen gemein hatte, zu verbergen, aus Furcht, ihnen zu gleichen. Er affertirte Sorgloſigkeit in ſeinem Aeußern, um ſein wahres Aeußere zu verbergen, wie er Fehler af⸗ fectirte, die er nicht hatte, um die guten Eigenſchaften, welche er beſaß, zu verbergen. Er ſpielte, wie Jean Ro⸗ bert in der Faſtnacht zu ihm geſagt hatte, den Skepti⸗ ker, den Rous, den Ueberſättigten, aus Furcht, man könnte bemerken, er ſei naiv. Im Grunde war es das Herz eines fünf und zwan⸗ zigjährigen jungen Mannes, redlich, unſchuldig, für indrücke empfänglich,— kurz ein wahres Künſtlerherz. Und dennoch hatte er die Idee dieſer Maskerade und dieſes Abendbrods in einem ſchlechten Hauſe gehabt. Wie war ihm dieſe Idee gekommen? Will man den Charakter von Petrus genau kennen lernen, ſo muß man uns erlauben, dies zu erzählen. Am Morgen eben dieſer Faſtnacht war Petrus. nach einem Gange in der Stadt, ſehr ſorgenvoll nach Hauſe zurückgekehrt. Woher kam die Betrübniß von Petrus? an wird es ſpäter erfahren; Alles, was wir für den Augenblick ſagen können, iſt, daß Petrus ſehr ſor⸗ genvoll nach Haufe zurückgekehrt war. Die beſten Cha⸗ raktere ſind ſo: ſie haben Tage, wo ſie den Teufel tau⸗ gen! Petrus war an einem dieſer ſchlimmen Tage. Jean Robert hatte dem jungen Künſtler den Vor⸗ ſchlag gemacht, ihm einen Act von ſeinem neuen Trauer⸗ ſpiele vorzuleſen; doch er hatte Jean Robert zum Henker gehen heißen. Ludovie hatte ſich erboten, ihn zu purgirenz doch er hatte Ludovic noch mehr zum Henker geſchickt, als Jean Robert. Dieſes ſorgloſe Herz war ganz bewegt; dieſer rei⸗ zende Geiſt war ganz ſchwerfällig; ſeine zwei Freunde begriffen das nicht. ſich hon Gei und jun ngte, heißt „zu um ften, Ro⸗ pti⸗ nan an⸗ für erz. ade bt. ten — 6 Von ihnen über das Geheimniß ſeiner Traurigkeit befragt, beſchränkte ſich Petrus darauf, daß er ihnen ins Geſicht ſchaute und antwortete: „Ich, traurig? Ihr ſeid Rarren!“ Eine Antwort, welche Ludovic und Jean Robert ungemein beunruhigte. Sie drangen alſo in ihn, doch vergebens. So voft ſie das Geſpräch wieder auf ſeine Traurig⸗ keit brachten, entfernte er ſich von ihnen und flüchtete ſich in den dunkelſten Winkel ſeines Atelier, als wollte er ſogar ihre Berührung fliehen. Bei einer dieſer Rückzugsbewegungen geſchah es, daß er, von ſeinen zwei Freunden auf's Aeußerſte ge⸗ trieben, dieſen erklärte, wenn ſie fortfahren, ihn ſo zu hetzen, ſo werde er das Fenſter öffnen und aus dem zweiten Stocke hinabſpringen, um zu ſehen, ob ſie in ihrer Verfolgung beharren. Ludoviec ſtreckte die Hand aus, diesmal nicht mehr, um Petrus zu purgiren, ſondern um ihm zur Ader zu laſſen, denn er behauptete, der junge Künſtler ſei vom Gehirnfieber befallen; worauf Petrus das Fenſter öff⸗ nete und ſchwur, beim erſten Schritte, den ſeine Freunde gegen ihn machen, werde er ſeine Drohung ausführen. Sodann,— als ein wahrer Bretagner von St. Malo, was er war, ſeit ſeiner Kindheit gewohnt, auf den Raaen der Fahrzeuge zu laufen, auf die Maſtkörbe der Schiffe zu klettern,— warf er ſeinen ganzen Leib vorwärts, wobei er ſich auf eine faſt unſichtbare Art am Duerſtücke ſeines Balcon feſthielt. Seine Freunde glaubten einen Augenblick, er ſtürze ſich in der That hinab, und ſtießen einen Schrei aus. Er aber antwortete auf dieſen Schrei durch ein homeriſches Gelächter, was bei der Verfaſſung des Geiſtes, in der ſie ihn wußten, Jean Robert beunruhigte und Ludovic in Erſtaunen ſetzte. „Was gibt es denn?“ fragten gleichzeitig die zwei jungen Leute. ——— „Was es gibt?“ erwiederte Petrus:„ich habe vor den Augen das ſchönſte Carricaturmodell für Charlet, oder den ſchönſten Romanhelden für Paul de Kock, der je einem Menſchen während der vier und zwanzig Stun⸗ den, welche den glückſeligen Tollheitstag bilden, den man die Faſtnacht nennt, zu betrachten vergönnt war.“ „Laß ſehen!“ ſagten die zwei Freunde, indem ſie näher hinzutraten. „Oh! ſchaut!“ rief Petrus,„ich bin nicht egvi⸗ und Petrus neigten ſich aus dem Fenſter. Obgleich das Atelier von Petrus, erwähnter Maßen, in der Rue de['Oueſt lag, ſo gingen doch ſeine Fenſter auf die Esplanade des Obſervatvire; es diente alſo die Esplanade des Obſervatoire als Rahmen für den, nach den Worten von Petrus, dem Stifte eines Charlet oder Der Held dieſes Romans oder das Modell dieſer Carricatur war ein ſchwarz gekleideter Mann, eher klein als groß, eher dick, als mager, der einſam, melancho⸗ liſch, und den Stock in der Hand, in der Allee de PObſervatoire ſpazieren ging. Vom Rücken geſehen, bot der gute Mann eine ge⸗ rundete Oberfläche, welche nichts beſonders Komiſches hatte. „Was Teufels findeſt Du denn Drolliges an dieſem Herrn?“ fragte Jean Robert. „Er macht auf mich durchaus den Eindruck eines Menſchen wie ein Anderer,“ ſagte Ludovic,„nur ſcheint er mir ein Zucken im rechten Beine zu haben.“ „Nein, das iſt kein Menſch wie ein Anderer; darin täuſcht Ihr Euch!“ entgegnete Petrus;„und zum Be⸗ weiſe ſage ich, daß ich gern ſein möchte wie er.“ „Um was beneideſt Du ihn? Laß hören!“ fragte Jean Robert;„kann man Dir anbieten, was er hat, vor rlet, der tun⸗ den arz ſit i⸗ ter. en, ſter die ach der ei⸗ ſer in de m 1 . und iſt das, was er hat, zu verkaufen, ſo laufe ich, kaufe es ihm ab und ſchenke es Dir.“ „Was er hat? Ich will es Dir ſagen. Vor Allem iſt er allein und hat nicht zwei Freunde, die ihn zu Tode quälen, wie Ihr mich zu Tode quält,— was ſchon etwas iſt;— ſodann langweile ich mich, und er beluſtigt ſich.“ „Wie, er beluſtigt ſich?“ riof Ludovic;„er ſieht ſo traurig aus wie ein Gehenkter.“ „Dieſer Mann beluſtigt ſich?“ fragte Jean Robert. „Ungeheuer!“ antwortete Petrus. „Bei meiner Treue, in jedem Falle hat es nicht den Anſchein,“ bemerkte Ludovic. „Nun wohl,“ ſprach Petrus,„ich, ich ſage Euch, daß dieſer Mann innerlich aus vollem Halſe lacht, und ich will Euch den Beweis hiefür geben.... Wollt Ihr ihn haben?“ „Ja,“ antworteten einſtimmig die zwei jungen Leute. „Gut, ſeid auf Alles gefaßt,“ ſagte Petrus. Und er machte ſich ein Sprachrohr aus ſeinen bei⸗ den Händen und rief dem Manne zu: „He! mein Herr! Sie, der Sie dort ſpazieren gehen!.. Mein Herr!“ Der Herr war ganz allein in der Allee: er begriff alſo, daß dieſe Interpellativn nur an ihn gerichtet ſein konnte, und wandte ſich um. Da brachen die drei jungen Leute mit einander in daſſelbe homeriſche Gelächter aus, von welchem Petrus einen Augenblick vorher das Beiſpiel gegeben hatte. Der Spaziergänger war ein ernſter Mann, unge⸗ fähr von vierzig bis fünf und vierzig Jahren, der iihn im Geſichte eine drei bis vier Zoll lange Naſe hatte. „Was ſteht zu Ihren Dienſten?“ fragte er mit traurigem Tone. „„Richts, mein Herr,“ antwortete Petrus;„durchaus nichts! Wir haben geſehen, was wir zu ſehen wünſchten.“ —————2 3 3— 10 Sodann ſich gegen ſeine Freunde umwendend: „Nun, was ſagt Ihr hiezu?“ „Ich geſtehe,“ erwiederte Jean Robert,„ieſer ann, der vom Rücken betrachtet ſo ernſt ausſieht, iſt von vorne geſehen ſehr ergötzlich.“ „Ich werde bei der Academie der Wiſſenſchaften den Antrag machen, ſie möge einen Preis für denjeni⸗ gen ſtiften, der die Krankheit findet, an welcher ein Menſch leidet, welcher mit ſchwarzen Beinkleidern, einem ſchwarzen Ueberrocke, einem runden Hute und einer fal⸗ ſchen Naſe ſpazieren geht!“ ſagte Ludovic. „Und Du brauchſt einen Preis, eine Aufmunterung, eine Prämie, um das zu finden?“ verſetzte Petrus mit einer geringſchätzenden Miene. „Höre,“ ſprach Jean Robert,„Petrus hat gerade ſeine Divinationsader: er wird es Dir ſagen.“ „Oh! dazu fordere ich ibn auf!“ rief Ludovic. „Petrus ſieht vielleicht an dieſem Menſchen etwas mehr als eine falſche Naſe.“ „Sollte er auch ein falſches Toupet ſehen, wohin würde ihn das führen?“ „Wohin die Form, unter der auf der See die Se⸗ gel eines Schiffes erſcheinen, Chriſtoph Columbus e⸗ führt hat! wohin der Fall eines Apfels Newton geführt hat! wohin der auf einen Drachen fallende Blitz Frank⸗ lin geführt hat! Zur Entdeckung der Wahrheit,“ ant⸗ wortete Petrus mit der Scheinbegeiſterung, welche eine der komiſchen Formen der Converſation jener Zeit war. „Höre,“ ſprach Jean Robert,„irgend ein Philo⸗ ſoph hat geſagt, jeder Menſch, der eine Wahrheit ent⸗ deckt habe und ſie für ſich behalte, ſei ein ſchlechter Bürger. Deine Wahrbeit, Petrus? Deine Wahrheit?“ Petrus war gerade in einer von jenen Stunden nervöſer Aufregung, wo das Sprechen eine Erleichte⸗ rung iſt; er ließ ſich alſo nicht bitten, um das Wort zu nehmen. „Nun wohl, ja, Ihr unglücklichen Blinden, die — 11 Ihr ſeid!“ ſagte er,„unter der falſchen Naſe dieſes Mannes erſchaue ich ſein ganzes Leben.“ „Auf, Petrus! vorwärts!“ rief Ludovic. „Dieſer Mann, ſeht Ihr.“ fuhr Petrus fort,„nun denn, ich will Euch ſeine Geſchichte machen.“ „St!“ ſagte Jean Robert. „Dieſer Mann hat eine Frau, die ihm unerträglich iſt, und er führt ein Leben, das ihm ſo unerträglich iſt, als ſeine Frau: er hat ſeine Nachbarn ſagen hören, ſeine Herren Kinder ſeien nicht von ihm; ſein Portier ſchaut ihn ſicherlich deshalb mit einer ſpöttiſchen Miene an, wenn er ausgeht, und mit einer traurigen Miene, wenn er nach Hauſe kommt; er hat nur einen einzigen Freund, und das iſt gerade derjenige, welchen man be⸗ ſchuldigt, er ſei ſein Feind! Dieſe Verleumdung iſt gegründet, oder, wenn Ihr lieber wollt, dieſe Verleum⸗ dung iſt keine Verleumdung; er weiß es, er hat die authentiſchen Beweiſe davon. Nun wohl, er fährt fort, freundſchaftlich die Hand ſeinem Freunde zu drücken,— oder ſeinem Feinde, wie Ihr wollt;— er macht jeden Abend mit ihm ſeine Partie Domino; er labet ihn einmal in der Woche zum Mittagbrode ein; er vertraut ihm ſeine Frau bei den erſten Vorſtellungen; er nennt ihn: Mein Guter! mein Lieber! mein Alter! kurz, er bedient ſich der liebevollſten Beiwörter, um ihm ſeine Freundſchaft zu beweiſen, während er ihn im Grunde haßt, verabſcheut, ihm gern ſein Herz eſſen möchte, wie Gabriele von Vergy das ihres Geliebten Ravul gegeſſen hat! Und warum heuchelt er ſo? war⸗ um thut er ſo der Frau und dem Liebhaber ſchön? Weil dieſer Mann ein Veiſer iſt, ein Sokrates, ein friedlicher Bürger, der die Ruhe in ſeinem Hauſe haben will und ſie nicht zu erlangen vermöchte, wenn er den und öffnen und die Augen nicht zumachen würde.“ „Doch ohne Zweifel, mein lieber Petrus,“ ſagte Jean Robert, die fieberhafte Begeiſterung ſeines Freun⸗ des anſtachelnd,„ohne Zweifel hat dieſer Mann ſeine ————4 —— 12 Freuden; mitten in dieſer Sahara, die man die Ehe nennt, hat er eine Oaſe, eine kühle Quelle gefunden, wohin er zu ſeinen Stunden geht, wo er ſich heimlich erquickt, was ihm die nöthige Kraft verleiht, um auf dem brennenden Sande der ehelichen Wüſte herumzu⸗ treten.“ „Ah! ja gewiß!“ erwiederte Petrus;„ein Menſch iſt nie ganz glücklich, und ebenſo wenig ganz unglück⸗ lich; er hat Streiflichter mitten im Schatten, wie bei den Windſtößen von Ruysdael, wie bei den Stürmen von Joſeph Vernet. Ja, gerade wie alle ſeines Glei⸗ chen, hat dieſer Sterbliche ſeine inneren, ſtummen Glückſeligkeiten, ſeine geheimnißvollen, verborgenen Freuden. Nun wohl, kennt Ihr ſeine Freuden? erra⸗ thet Ihr ſeine Glückſeligkeiten? Nein? Dann will ich ſie Euch ſagen. Die unausſprechliche Freude dieſes Mannes, die feierliche Glückſeligkeit, die er ſich drei⸗ hundert fünfundſechzig Tage des Jahres verſpricht, iſt, eine falſche Naſe an der Faſtnacht zu tragen! Die Wohlthaten des Geſetzes benützend, durchſchreitet er frech ſein Quartier, mit der Gewißheit, von ſeinen Nachbarn, die er nun inſultirt, nicht erkannt zu werden; und er hat um ſo mehr Grund, dies zu glauben, als er im letzten Jahre, zur ſelben Zeit, ſeinem Freunde und ſeiner Frau, die in einem Fiacre fuhren, begegnet iſt, ohne daß ſie bei ſeinem Anblicke den Vorhang heruntergelaſſen haben. Dieſer Mann, den Ihr da ſeht,“ fuhr Petrus ſich in ſeiner fantaſtiſchen Exal⸗ tation ſteigernd fort,„er gäbe ſeinen Faſtnachtstag nicht für zwanzig tauſend Maravedis: er iſt König von Paris; er geht incognito in ſeiner Stadt ſpazieren, und heute Abend, wenn er nach Hauſe kommt, wird ihn ſeine Fran vergebens über die Verwendung ſeines Ta⸗ ges befragen: er wird taub und ſtumm für das Verhör ſeiner Frau bleiben; nur wird er ſie, des Vergnü⸗ gens gedenkend, das er fünf bis ſechs Stunden lang genoſſen hat, mit einer Miene des Mitleids anſchauen!— „ 8 13 Achtet alſo dieſen Mann; achtet und beneidet ihn; denn er beluſtigt ſich, während Ihr, an dieſen Tagen der öffentlichen Genüſſe das Ausſehen habt, Du, Ludovic, des Arztes, der die Heiterkeit umgebracht hat, und Du, Jean Robert, des Todtenträgers, der ſie nach dem Pere⸗Lachaiſe gebracht hat.“ „Du, der Du dieſen Menſchen um ſein Loos be⸗ neideſt,“ ſagte Ludovic zu Petrus,—„warum ver⸗ mummſt Du Dich nicht wie er mit einer falſchen Naſe? warum intriguirſt Du nicht wie er die Vorübergehen⸗ den? warum machſt Du nicht die Bürger Deines Quar⸗ tiers glauben, ihre Weiber betrügen ſie?“ „Fordere mich nicht hiezu auf!“ erwiederte Petrus. „Ich fordere Dich im Gegentheile auf, und zwar aus Leibeskräften.“ „Fordere einen Narren nicht auf, ſeine Narrheit zu machen,“ ſagte Jean Robert. „Die Narrheit gilt für die Mutter der Weisheit,“ ſprach Petrus ſententiös;„was beweiſt, daß man, wenn man in ſeiner Jugend ein Narr iſt, mit dem Alter weiſe wird; während im Gegentheile die weiſen jungen Leute närriſche Greiſe werden. Das iſt es, was Euch Beide bedroht,“ fuhr er fort;„Ihr ſeid, ohne es zu vermuthen, auf dem großen Wege der Ueppigkeit; Eure frühreife Weisheit führt Euch geradezu zur ſcham⸗ loſen Ausſchweifung. Ei! unſere Väter waren nicht ſo, ſie waren jung in ihrer Jugend, alt in ihrem rii⸗ feren Alterz ſie verachteten es nicht, die Feſte zu heili⸗ genz Faſtnacht beſonders war für ſie ein Tag, den ſie in Saus und Braus zubrachten; doch Ihr fünf und zwanzigjährige Greiſe, die Ihr die Manfred und die Werther ſpielt, Ihr verachtet die naiven Vergnügungen unſerer Vorfahren; Ihr würdet die Sohlen Eurer Es⸗ Larpins nicht in die Straßen von Paris an einem Fa⸗ ſchingstage wagenz nein, im Gegentheile, Ihr flieht! Ihr ſperrt Euch ein, und das Schlimmſte an Allem dem iſt, daß Ihr Euch bei mir einſperrt, bei mir, der ——— 14 ich, der Teufel ſoll mich holen, noch einfältiger, noch verdrießlicher, noch trauriger als Ihr bin.“ „Bravo, Petrus!“ rief Ludovic;„bei meiner Treue, Du haſt mich zu Deinen Ideen bekehrt; und zum Be⸗ weiſe diene, daß ich eine neue Aufforderung an Dich ergehen laſſe.“ „Es ſei!“ „Die, daß wir uns alle Drei als Malins kleiden und in dieſem eleganten Coſtume in den ſchlechten Häuſern von Paris herumlaufen.“ „Angenommen!“ erwiederte Petrus;„es iſt für mich Bedürfniß, mich zu zerſtreuen. Biſt Du dabet, Jean Robert? Jean Robert, biſt Du dabei?“ „Unmöglich!“ antwortete Jean Robert;„ich ſpeiſe in der Rue Sainte⸗Appoline zu Mittag und bleibe bei einer Familienſpirée. Laßt mir alſo meine Freiheit.“ „Nun wohl, ja; doch unter einer Bedingung.“ „Unter welcher?“ fragte Jean Robert. „Oh! wenn man Dir dieſe Bedingung genannt hat, wird es ſich nicht darum handeln, es abzuſchlagen oder Umſtände zu machen.“ „Bei meinem Worte, es wird geſchehen wie bei v icicen Spielen: was man mir befiehlt, werde ich thun.“ „Nun wohl!“ ſagte Ludovic,„ich bin begierig, zu erfahren, ob ſich Petrus in Betreff des Mannes mit der falſchen Naſe getäuſcht hat. Du wirſt Dich alſo vor dieſen Menſchen ſtellen und ihn fragen:„Wie heißen Sie? wer ſind Sie? was ſuchen Sie?““ Bir erwar⸗ ten Dich hier.“ „Gut!“ ſprach Jean Robert. Der junge Mann nahm ſeinen Hut und ging ab. Nach zehn Minuten kam er zurück. „Bei meiner Treue, meine Herren,“ ſagte er,„ich komme nicht auf meine Koſten!“ „Er hat Dir nichts geantwortet, der Heuchler?“ „Im Gegentheile.“ och ue, Be⸗ ich nd rn et⸗ ei i — 15 „Was hat er Dir geantwortet?“ „Er heiße Gibaſſier, er ſei aus dem Bagno von Toulon entſprungen, und er ſuche einen Herrn, der ihm tauſend Thaler geben ſoll, um in der nächſten Nacht einen Cvup zu machen.“ Die drei jungen Leute brachen in ein Gelächter aus. „Nun,“ ſagte Ludovic zu Petrus,„Du ſiehſt wohl, daß es nicht Dein Bürgersmann iſt.“ „Und warum nicht?“ „Gut! ein Bürgersmann hätte nicht ſo viel Geiſt!“ Hienach gingen die drei jungen Leute den Geiſt des Mannes mit der falſchen Naſe preiſend ab. Man hat im erſten Kapitel dieſer Geſchichte das Reſultat der von Petrus an Ludovic ergangenen Her⸗ aus forderung geſehen. LXXX. Der Van Dhyk der Rue de['Oueſt. Nun, da wir eine Probe vom Charakter von Pe⸗ trus, an den Tagen, wo er ſich in der Schenke befand und ſein Nervenſyſtem gereizt war, gegeben haben, wol⸗ len wir ſehen, was er außerhalb der Schenke oder während ſeiner Tage guter Laune war. Wir haben geſagt, es ſei ein ſchöner Junge gewe⸗ ſen; erklären wir uns ein wenig: man iſt im Allge⸗ meinen nicht genug einverſtanden über das Wort: ſchö⸗ ner Junge. Wir Männer ſind ſchlechte Richter bei dieſer Ma⸗ terie; ſprechen wir von der Meinung der Frauen. Für die Einen beſteht die Schönheit der Männer ————— 16 in der Geſundheit und in der Friſche, das heißt in der Schulterbreite mit Ausſchluß der Züge und des Aus⸗ drucks der Phyſiognomie; dieſe werden gleich ſehr einen Küraſſier, einen Roßhändler und einen Jäger lieben; mit einem Worte alle Masken und alle Hälſe, welche die Stärke repräſentiren. Für die Anderen wird die Schönheit der Männer in der Mattheit und Sanftheit des Geſichtes, in der Regelmäßigkeit der Züge, in der Schläfrigkeit der Augen, in der Magerkeit des Körpers beſtehen; für dieſe werden die ſchönen Männer die weibiſchen und die Schwäche repräſentirenden Männer ſein. Für uns liegt die Schönheit des Mannes,— iſt es überhaupt erlaubt. zu ſagen, es gebe ſchöne Männer, — die Schönheit des Mannes liegt ganz und gar in ſeinem Auge, in ſeinen Haaren, in ſeinem Munde. Ein Mann iſt immer ſchön, wenn er ein leuchten⸗ des Auge, wohl geſcheitelte Haare, einen zugleich feſten, lächelnden und gut ausgeſtatteten Mund hat. Die Schönheit des Mannes ſcheint uns vor Allem im Ausdrucke zu beſtehen. Das ſind unſerer Anſicht nach die beim Manne ab⸗ ſoluten Schönheitsbedingungen, welche uns bewogen haben, von Petrus zu ſagen, er ſei ein ſchöner Junge geweſen. Will übrigens der Leſer einen genauen Begriff von demjenigen haben, den wir vor ſeinen Augen ſtehen laſſen, ſo erinnere er ſich jenes wunderbaren, von ihm ſelbſt gemalten Portraits von Van Dyk; und erinnert man ſich dieſes ſchönen Portraits nicht, ſo ſchaue man bei allen Händlern der Quais und der Boulevards den nach dem Gemälde gemachten Stich an. Als Jean Robert eines Tages über den Quai Ma⸗ laquais ging, erblickte er dieſen Stich hinter einer Glasſcheibe, und er war ſo betroffen von der Aehnlich⸗ keit des Schülers von Rubens mit Petrus, daß er ſo⸗ gleich in das Magazin eintrat. um hier, nicht dieſen n — N 17 Kupferſtich von Van Dyhk, ſondern dieſes Portrait ſei⸗ nes Freundes zu kaufen. Er hing es im Atelier von Petrus auf, und die Aehnlichkeit des Malers von Karl I. mit dem jungen Manne war ſo auffallend, daß von zehn Bürgern, welche zu ihm kamen, um ihr Portrait in Oel, oder das ihrer Frauen, oder ihrer Töchter in Paſtell malen zu laſ⸗ ſen, neun ſich einbildeten, Petrus ſpotte ihrer, wenn er ihnen ſagte, dieſer Stich ſei nicht nach ſeinem Bilde, ſondern nach dem eines Malers gemacht worden, der vor hundert und achtzig Jahren geſtorben. Es war derſelbe Schnitt des Geſichtes, derſelbe Ton des Fleiſches, wie beim Portrait, wohlverſtanden; dieſelben in einer einzigen fahlen, gelockten Maſſe auf der Stirne emporgerichteten Haare. Die Vertiefung des Auges war dieſelbe; derſelbe aufgeſtutzte Schnurrbart und derſelbe Zwickelbart beſchatteten denſelben Mund und daſſelbe Kinn; kurz, Petrus war ein lebendiger, männ⸗ licher, ſtolzer, verſtändiger und guter Van Dyk. Jeder, der in ſein Atelier gekommen und zuvor in Genua geweſen wäre, würde ſich unwillkürlich der herr⸗ lichen Vilder des Rothen Palaſtes erinnert und mit den Augen die anbetungswürdige Marquiſe von Brig⸗ noles geſucht haben, deren Portrait man auf jedem Schritte in diefem ſchönen Palais vom flämiſchen Mei⸗ ſe gemalt und mit ſeinem Zeichen verſehen wieder⸗ indet. Wenn man, Petrus mit ſeinem zurückgeſchlagenen Kragen, mit ſeinem Sammetrocke, um den ſich am Leibe eine ſeidene Knotenſchnur ſchlang, anſchauend, wie er träumeriſch in der Tiefe ſeines Ateliers daſaß und mit ſeiner Hand, welche ſo zart und weiß wie eine Prie⸗ ſter⸗ oder Frauenhand, ſeinen Schnurrbart kräu⸗ ſelte, die ideale Gefährtin dieſes ſchönen jungen Man⸗ nes geſucht hätte, ſo war die Aehnlichkeit mit dem Raler von Antwerpen ſo groß, daß man ihm keine andere Freundin gewünſcht haben würde, als dieſe, durch den Die Mohicaner von Paris. w. 2 18 lieblichen Pinſel von Van Dyk verewigte Marquiſe von Brignoles. Und wahrhaftig, es hätte ihm keine beſſer ange⸗ ſtanden; denn offenbar nicht um einer Griſette oder einem Bürgermädchen zuzufliegen, hatte die Seele, ein welche in den Augen von Petrus ſtrahlte, ihre Flügel dem * erhalten, und man begriff, daß nur der Abkömmling die eines ganzen Geſchlechtes von Tapferen zu dieſem ſtol⸗ fral zen, ſchönen jungen Manne hätte ſagen können:„Neige Dich; ich bin Deine Gebieterin.“ Her Es war in der That die Tochter eines ganzen Ge⸗ ſchlechtes von Tapferen, die im Herzen von Petrus Un⸗ ruhe erregt hatte. ſchöt In dieſer öden Straße, welche man die Rue de nit [Dueſt nennt, und wo ſein Atelier lag, ſah der junge Mann eines Tags, als er nach Hauſe kam, einen Wa⸗ Aug gen mit Wappen von ſo großer Art anhalten, daß er, obgleich der Wagen Anfangs nur an ihm vorüber ge⸗ Frag fahren war, das Wappen erkannt hatte, welches Silber war, mit einem Mohrenkopfe in natürlichen Far⸗ derte ben, und darüber eine Fürſtenkrone mit dem Wahl⸗ bei, ſpruche: Adsit fortior!(Es komme ein Tapferer!) komn Dieſer Wagen hielt, wie geſagt, vor der Thüre überr von Petrus an. Als der Wagen angehalten hatte, ſprang der Be⸗ und! diente, der eine blaue Livree mit Silber trug und hin⸗ 4 ten ſaß, von ſeinem Sitze herab und öffnete den Schlag zieml einer reizenden jungen Frau mit ariſtokratiſchem Gange und ariſtokratiſcher Tournure. Nach dieſer jungen Frau, oder vielmehr dieſem alte 2 Mädchen, das neunzehn bis zwanzig Jahre alt ſein Ihner mochte, ſtieg, ſich auf den Arm des Lackeis ſtützend, eine alte Dame von etwa ſechzig Jahren aus. nit g Die junge Frau ſchaute über die Thüre des Hauſes, erſte 2 vor dem ſich der Wagen befand, und da ſie ohne Zwei⸗„ fel nicht ſah, was ſie ſuchte, ſo wandte ſie ſich gegen es lar den Kütſcher um und fragte ihn: ſe von ange⸗ oder Seele, Flügel mling ſtol⸗ Neige nGe⸗ 8 Un⸗ ue de junge Wa⸗ ß er, r ge⸗ lches Far⸗ ahl⸗ hüre Be⸗ hin⸗ hlag ange eſem ſein eine ſes, vei⸗ gen 19 „Sind Sie ſicher, daß hier die Nummer g2 iſt?“ „Ja, Prinzeſfin,“ antwortete der Kutſcher. Es war die Nummer von Petrus. Sobald der junge Mann bemerkte, daß die Damen eingetreten waren, ſchritt er über die Straße, und in dem Augenblicke, wo er ſelbſt eintreten wollte, hörte er die jüngere von den beiden Frauen den Concierge fragen: „Nicht wahr, hier wohnt wirklich Herr Petrus Herbel?“ Herbel war der Familienname von Petrus. Worauf der Concierge, ganz verwundert über die ſchönen Pelze, in welche die zwei Damen gehüllt waren, mit einer Verbeugung antwortete: „Ja, er wohnt hier, Madame; er iſt aber für den Augenblick nicht zu Hauſe.“ „Um welche Stunde ſindet man ihn?“ ſagte die Fragerin. „Am Morgen bis um zwölf oder ein Uhr,“ erwie⸗ derte der Concierge;„übrigens iſt er hier,“ fügte er bei, als er den jungen Mann erblickte, der herbeige⸗ kommen war, und deſſen Kopf die der zwei Frauen überragte. Beide wandten ſich gleichzeitig gegen Petrus um, und dieſer verbeugte ſich ehrerbietig. „Sie ſind Herr Petrus Herbel, Kunſtmaler?“ fragte ziemlich impertinent die alte Dame. „Ja, Madame,“ antwortete Petrus kalt.— „Wir kommen wegen eines Portraits,“ fuhr die alte Dame immer in demſelben Tone fortz„ſteht es Ihnen an, es zu machen?“. „Das iſt mein Gewerbe, Madame,“ ſagte Petrus mit großer Höflichkeit, jedoch noch kälter, als das erſte Mal. „Nun, wann wollen Sie es anfangen?... Wird es lange dauern? brauchen Sie Sitzungen? Antwörten Sie raſch: wir ſind ganz erfroren!“ 20 Die junge Frau hatte bis dahin kein Wort geſagt; die Impertinenz ihrer Gefährtin und zugleich die ehr⸗ erbietige Geduld von Petrus bemerkend, näherte ſie ſich dieſem, nahm nun ebenfalls das Wort und fragte: „Sie, mein Herr, ſind der Maler eines Portraits, das bei der letzten Ausſtellung unter der Nummer 309 figurirte?“ „Ja, mein Fräulein,“ antwortete Petrus, ganz be⸗ wegt zugleich von der Schönheit dieſer jungen Perſon und von der Lieblichkeit ihrer Stimme. „Wenn ich mich nicht irre, mein Herr, war es Ihr eigenes Portrait, nicht wahr?“ „Ja, mein Fräulein,“ ſagte Petrus erröthend. „Nun wohl, mein Herr, ich wünſchte ein Portrait von mir in derſelben Weiſe gemacht zu haben; dieſes war von einem Tone, der mich entzückt hat. Ich beſitze ſchon acht bis zehn Portraits von mir, die meine Mut⸗ ter oder meine Tante malen ließen, doch keines befrie⸗ digt mich; wollen Sie es auch verſuchen, eine ſehr launenhafte, ſehr häkelige Perſon zu befriedigen?“ „Ich werde mich bemühen, und das wird eine große Ehre für mich ſein, mein Fräulein. 2 „Eine Ehre?“ unterbrach die alte Dame;„und warum wird es eine Ehre für Sie ſein?“ „Weil es nur einer Celebrität vergönnt ſein müßte, das Portrait einer Perſon von der Schönheit und dem Range von Fräulein von Lamothe⸗Houdan zu malen,“ antwortete Petrus ſich verbeugend.„ „Ah! Sie kennen uns, mein Herr?“ brummte die alte Dame. „Ich kenne wenigſtens den Namen des Fräuleins,“ erwiederte Petrus. ₰ „Ich habe Ihnen geſagt, mein Herr, ich ſei lau⸗ nenhaft und häkelig; ich vergaß, Ihnen zu ſagen, ich ſei neugierig.“ Petrus verbeugte ſich als ein Männ bereit, die Reugierde des ſchönen Beſuches zu befriedigen. D gel her zu ſeir zu mot ohn ſtün Geſ bis alte Wol liche zu e mein Stun antw welch was trifft ihr„ gegen zum ſtunde ſein, tief ve eſagt; ie ehr⸗ ſie ſich 3 traits, r 309 nz be⸗ Berſon Ihr . rtrait dieſes beſitze Mut⸗ efrie⸗ ſehr roße „und üßte, dem en,“ die 9, lau⸗ ich die 21 „Woher wiſſen Sie meinen Namen?“ fuhr die junge Dame fort. „Ich habe ihn an den Füllungen Ihres Wagens geleſen,“ antwortete Petrus lächelnd. „Ah! das Wappen meiner Familie! Sie verſte⸗ hen ſich alſo auf Wappen?“ „Bin ich nicht berufen, alle Tage davon Gebrauch zu machen, und kann es einem Hiſtorienmaler unbekannt ſein, daß von der Einnahme von Conſtantinopel bis zu der von Berg op Zoom das Wappenſchild der La⸗ mothe⸗Houdan auf allen Schlachtfeldern geſtrahlt hat, ohne das zu treffen, was ſein Wahlſpruch ſucht?“ Dieſes Tapferkeits⸗ und Adelspatent, ihr ſo unge⸗ ſtüm, jedoch mit einer vollkommenen Höflichkeit ins Geſicht geworfen, machte die Erbin der Lamothe⸗Houdan bis ans Weiße der Augen erröthen. 2 In ihrer Eitelkeit geſchmeichelt, konnte ſelbſt die alte Dame nicht umhin, dem Künſtler einen Blick des Wohlwollens zu gewähren. „Nun wohl, mein Herr,“ ſagte ſie mit einer freund⸗ lichen Miene, die man von ihrer impertinenten Perſon zu erwarten nicht berechtigt war,„da Sie den Namen meiner Richte wiſſen, ſo habe ich Sie nur noch um Ihre Stunde zu fragen und Ihnen unſere Adreſſe zu geben.“ „Meine Stunde wird die Ihrige ſein, Madame,“ antwortete der junge Mann nmit einer Ehrerbietung, welche eine ſolche Veränderung des Tones gebot,„und was die Adreſſe der Prinzeſſin von Lamothe⸗Houdan be⸗ trifft, ſo iſt es Niemand erlaubt, nicht zu wiſſen, daß ihr Hotel in der Rue Plumet, dem Hotel Montmorin gegenüber, beim Hotel des Grafen Abrial, liegt.“ „Nun wohl, mein Herr,“ ſagte die junge Dame, zum zweiten Male erröthend,„morgen um die Mittag⸗ ſtunde, wenn Sze wollen.“ 3„Morgen Fn Mittag werde ich zu Ihren Befehlen ſein, meine Damen,“ erwiederte Petrus, indem er ſich tief verbeugte. Die zwei Damen ſtiegen wieder in ihren Wagen, und Petrus kehrte in ſein Atelier zurück. Wir haben geſagt, Petrus ſei ehrlich geweſen, das hatte aber Petrus nicht abgehalten, gegen Fräulein von Lamothe⸗Houdan eine der gröbſten Lügen auszuſprechen, die aus dem Munde eines Menſchen hervorgehen können. Petrus hatte behauptet, es ſei Niemand erlaubt, die Adreſſe der Lamothe⸗Houdan nicht zu wiſſen, und zwei Monate vorher wußte er ſie ſelbſt noch nicht, und nur ein Zufall hatte ihn davon unterrichtet. Wenige Pariſer, die Pariſer der Faubourgs Saint⸗ Jacques und Saint⸗Germain ausgenommen, kennen denjenigen Theil der äußeren Boulevards, der von der Barriere de Grenelle zur Barriere de la Gare geht; dieſe Boulevards, oder vielmehr dieſe Promenade von vierzehn bis fünfzehn tauſend Metres Länge iſt be⸗ pflanzt mit vier Reihen Bäume, welche zwei Gegen⸗ alleen bilden; ſie iſt von einem Ende der Straße zur anderen mit Raſen beteppicht, und für Jeden, der allein zu meditiren oder zu zwei in den ſchattigen Alleen eines Parkes zu träumen gewünſcht hat, iſt das Boule⸗ vard du Midi eine reizende Promenade. Einige von den Frauen, welche ihre Geſichter nie auf den öffentlichen Promenaden, in den Theatern, bei den Concerten zeigen und, die Zurückgezogenheit bis zum Kloſterleben treibend, nur ausgehen, um die Kirche zu beſuchen; einige von dieſen Frauen, ſagen wir, kamen, beruhigt durch die Einſamkeit dieſer ſchatten⸗ reichen Thebais, an den Sommerabenden, um hier eine Spazierfahrt zu machen, und der fleißige junge Mann, der unter den großen Bäumen luſtwandelnd ſeinen Co⸗ dex commentirte, war verwundert, auf der Straße, wie die dunſtigen Schatten der vornehmen Damen von Einſt, die ſchönen, lächelnden Frauen des Foubourg Saint⸗ Germain vorüberkommen zu ſehen. Unter dieſen jungen Frauen,— und zwar eine der ſchönſten, wenn nicht eine der munterſten und lächelnd⸗ agen, das von chen, ien. aubt, und und aint⸗ nnen der eht; von be⸗ gen⸗ zur llein leen ule⸗ nie bei rche wir, ten⸗ eine inn, Co⸗ wie nſt, int⸗ der nd⸗ 23 ſten,— fuhr im Sommer in einer offenen Caleche, im Winter in einer geſchloſſenen Caleche die reizende Per⸗ ſon vorüber, die wir in dieſem Buche ſchon zweimal haben wiedererſcheinen laſſen: das erſte Mal am Sterbe⸗ bette von Carmelite; das zweite Mal vor einem Au⸗ genblicke im Hauſe von Petrus; Fräulein Regina von Lamothe⸗Houdan, Tochter des Marſchalls Bernard von Lamothe⸗Houdan. Was Petrus betrifft,— er hatte ſie ungefähr ſechs Monate vor der Epoche, zu der wir gelangt ſind, gegen das Ende eines ſchönen Sommerabends geſehen. Er war ganz allein mitten auf dem Wege, den die vier Reihen Bäume des Boulevard bilden; er be⸗ trachtete am Horizont, auf der Seite des Invaliden⸗ hauſes, den Effect einer untergehenden Sonne, als er plötzlich, am Ende der Allee, als ob ſich zwei von den Pferden des Sonnenwagens losgemacht hätten, mitten in einem Goldſtaube zwei Reiter, welche an Schnellig⸗ keit zu wetteifern ſchienen, auf ſich zukommen ſah. Petrus trat auf die Seite, um ſie vorüberziehen zu laſſen, doch ſie kamen nicht ſo raſch vorbei, daß der junge Mann ihre Geſichter nicht hätte unterſcheiden können.— Wir haben geſagt zwei Reiter; wir hät⸗ ten ſagen ſollen, ein Reiter und eine Amazone. Die Amazone war eine große junge Frau, nach dem Muſter von Diana der Jägerin geſchnitten, ange⸗ than mit einem Reitkleide von rohem Foulard, mit einem grauen Hute, von dem ein grüner Schleier her⸗ abfiel, auf dem Kopfe; ſie hatte in ihrer Haltung, in ihrer Tournure etwas von der reizenden Diana Ver⸗ non, welche Walter Scott geſchaffen und unſerer Be⸗ wunderung übergeben hat, und viel von der anbetungs⸗ würdigen Edmée, welche Madame Sand vielleicht ſchon im Zuſtande eines Geſpenſtes in den Nebeln ihres Thales von Corlay hatte vorüberziehen ſehen. Die ſtolze Art, wie dieſe junge Frau,— wir müß⸗ ten ſagen dieſes Mädchen,— auf ihrem von Mähne ſchwarzen, von Schaum weißen Pferde ſaß; die unge⸗ ſtüme Energie, mit der ſie den Gang ihres Roſſes lenkte und ſeine Launen bändigte, bezeichneten ſchon eine Reiterin von erſter Stärke, und das Geſpräch, das ſie mit ihrem Gefährten, trotz des heftigen Galoppes der Pferde, unterhielt, bewies, daß ſie eben ſo viel Kaltblütigkeit als Gewandtheit beſaß. Ihr Begleiter war ein Greis von ſechzig bis fünfundſechzig Jahren, von ſchöner Miene und vorneh⸗ mer Tournure, mit einem grünen Reitrocke, weißen Hoſen und Stiefeln à la frangaise bekleidet; er trug einen großen ſchwarzen Filzhut, unter dem weiß, als wären ſie gepudert worden, Haare flatterten, welche etwas vom Schnitte des Directoriums beibehalten hatten. Es war unnöthig, das an dem Knopfloche dieſes Rei⸗ ters befeſtigte mehrfarbige Band zu ſehen, um zu wiſ⸗ ſen, welcher Klaſſe der Geſellſchaft er angehörte; über⸗ dies offenbarten ſeine dichten Augenbrauen, ſein rauher Schnurrbart, deſſen Spitzen über ſein Kinn herabfielen, der ein wenig harte Ausdruck ſeines Geſichtes bei die⸗ ſem Manne die Gewohnheit des Befehlens, und mit dem erſten Blicke erkannte man in ihm eine der mili⸗ täriſchen Illuſtrationen der Zeit. Für Petrus war das raſche Vorüberziehen des Greiſes und des Mädchens wie eine Viſion, und wären ſie nicht eine halbe Stunde nachher auf ihrem Wege zurückgekommen und aufs Neue vor ihm erſchienen, ſo würde er geglaubt haben, er habe ein ſchönes Burg⸗ fräulein des Mittelalters, das ſich raſch nach ſeinem Familienſchloſſe, in Begleitung ſeines Vaters oder irgend eines alten Paladins, begeben, vorbeireiten ſehen. Petrus ging wieder nach Hauſe und wollte zur Arbeit ſchreiten; doch die Arbeit iſt eine eiferſüchtige Geliebte, die ſich zurückzieht, wenn Ihr die Stirne heiß von den Küſſen einer Nebenbuhlerin zu ihr kommt. Die Nebenbuhlerin der Arbeit von Petrus war ſein Begegnen, ſeine Viſion, ſein Traum. unge⸗ oſſes ſchon das ppes viel bis neh⸗ ißen trug als che ten. Rei⸗ viſ⸗ ber⸗ her len, ie⸗ mit li⸗ des en ge ſo m er n. ur ge i⸗ r 25 Vergebens nahm er ſeine Palette; vergebens ſuchte er, vor ſeiner Staffelei ſtehend, ſeinen Pinſel auf der Leinwand zu führen: der Schatten der Amazone ſchwebte über ihm, ſchob ſeine Hand auf die Seite, liebkoſte ſeine Stirne. Nach einer Stunde des Kampfes gegen das ſchöne Fantom ging er indeſſen wieder an die Arbeit. an hätte glauben können, er ſei Sieger; er war beſiegt. Der untermalte Gegenſtand, den die Leinwand dar⸗ ſtellen ſollte, war ein verwundeter, ſterbender, auf dem Sande liegender Kreuzritter, dem ein grabiſches Mäd⸗ chen Hülfe leiſtete; während ſchwarze Sklaven, die ſich wunderten, daß man, ſtatt ihm den Garaus zu machen, einem Hunde von Ungläubigen beiſtand, den Kopf des Sterbenden aufhoben, ſchöpfte das Mädchen, im zweiten lane, im Helme des Ritters Waſſer an einer von drei Palmbäumen beſchatteten Quelle. Dieſes Gemälde hatte Petrus in dem Augenblicke, wo er nach Hauſe gekommen war, die genaue Allegorie ſeines Lebens geſchienen. War er nicht in der That dieſer Ritter, der verwundet worden in dem harten Kampfe des Daſeins, wo jeder Künſtler ein Kreuzritter iſt welcher eine lange und gefährliche Pilgerfahrt nach dem Jeruſalem der Kunſt vollbringt? Und dieſe Amazone, der er begegnet war,— war ſie nicht die beſeligende Fee, welche man die Hoffnung nennt, und die aus ihrer naſſen Grotte hervorkommt, ſobald die Arbeit die Kräfte des Menſchen überſteigt, und Tropfen für Tropfen, wie die Venus Aphrodite, aus dem Ende ihrer gewundenen den Thau, der den Wanderer erquickt, fallen äßt? Dieſes ideale Symbol, das ſeiner Einbildungskraft zulächelte, dünkte ihm ſo auffallend, daß er das mate⸗ rielle Symbol ſeines Lebens daraus zu machen beſchloß, und er nahm ſein Kratzmeſſer und tilgte in einem Augenblicke die zwei Köpfe der jungen Araberin und 26 des Kreuzritters aus, und ſetzte ſein Geſicht an die Stelle von dem des Kreuzritters und das der Amazone an die Stelle des der Araberin. In dieſem Zuſtande des Geiſtes war er wieder zur Arbeit geſchritten; wir hatten alſo Recht, wenn wir vorhin behaupteten, ſtatt Sieger zu ſein ſei er beſiegt geweſen. Von dieſem Augenblicke an vergingen einige Mo⸗ nate, ohne daß er die Amazone wiederſah, oder beſſer geſagt, ohne daß er ſie wiederzuſehen ſuchte; doch durch denſelben Zufall, der ihn das erſte Mal ihr hatte begegnen laſſen, begegnete er eines Tages im Monat Januar 1827, an einem glänzenden Schneemorgen, aufs Neue in einer geſchloſſenen Caleche auf den öden Bou⸗ levards dem edlen, ſchönen Mädchen. Diesmal war ſie ſchwarz gekleidet, und es befand ſich bei ihr eine alte Dame, welche im Fond des Wa⸗ gens zu ſchlafen ſchien. Die Caleche fuhr vom Boulevard des Invalides nach der Allée de PObſervatvire; hier angelangt, kehrte ſie nach dem Boulevard des Invalides zurück, und ſo begann ſie unabläſſig wieder dieſelbe Fahrt. Endlich verſchwand der Wagen auf dem Boulevard des Invalides, an der Ecke der Rue Plumet. Petrus begriff, daß in dieſer Straße ſein Ideal wohnte. Eines Morgens hüllte er ſich bis an die Augen in einen großen Mantel, ſtellte ſich unter das Portal von einem der Häuſer der Rue Plumet und erwartete die Rücktehr des Wagens, den er hatte vorüberfahren ſehen. Gegen ein Uhr Nachmittags kam der Wagen in das Hotel zurück, deſſen Lage Petrus am Anfange die⸗ ſes Kapitels ſo genau angegeben hatte. Unſer moderner Van Dyk ertaubte ſich alſo, wie man ſieht, eine grobe Lüge, als er ſagte, Jedermann müſſe die Adreſſe der Lamothe⸗Houdan kennen, da er ſie einen Monat vorher ſelbſt nicht kannte. 27 Es iſt überflüſfig, von der Freude zu ſprechen, welche dem jungen Manne der Beſuch dieſer Fee verurſachte, die er bis dahin Fur im Zuſtande des Dunſtes gekannt und faſt bewundert hatte, und wäre die alte Dame, die ſie bekleidete, taub und blind geweſen, ſo würde Petrus wahrſcheinlich in ſeine Wohnung hinaufgegangen ſein, und er hätte der jungen Prinzeſſin nicht nur das Por⸗ trait, das ſie zu haben wünſchte, ſondern noch zwanzig andere Portraits gebracht; denn ſeit ſechs Monaten hatte der junge Maler unwillkürlich allen Frauen ſei⸗ ner Bilder die reizenden, obgleich ein wenig hochmüthi⸗ gen Züge von Regina gegeben. LXXXI. Eine alte Geſchichte, doch immer neu. Als Petrus in ſein Atelier zurückkam, ſchaute er zuerſt mit Freude, ſodann mit Widerwillen die ver⸗ ſchiedenen Bilder an, wo er, aus der Erinnerung, die Tochter des Marſchalls von Lamothe⸗Houdan gemalt hatte. Nach einer prüfenden Betrachtung von zehn Mi⸗ nuten dünkten ihm in der That dieſe Portraits ſo ſehr unter dem Modelle, daß er ganz nahe daran war, ein Auto da Fe daraus zu machen; zum Glücke brachte ihn die Ankunft von Jean Robert von dieſem Entſchluſſe ab. Jean Robert war ein zu guter Beobachter, um nicht zu ſehen, es gehe etwas Neues und Außerordent⸗ liches im Leben ſeines Freundes vor; Jean Robert war aber ein ſehr discreter junger Mann, der nur einen Fuß auf das Terrain der Reugierde zu ſetzen wagte und ſich, da er Widerſtand fühlte, ſogleich zurückzog. Die jungen Leute,— wenigſtens die jungen Lute 28 von Diſtinction,— ſprechen ſelten unter ſich von ihren Geliebten, ihren Liebſchaften, und ſogar von ihren ein⸗ fachen Bekanntſchaften; jedes zarte Herz liebt den Schat⸗ ten und das Geheimniß und führt nicht leicht ſelbſt einen vertrauten Freund in das Tabernakel ſeiner Zu⸗ neigungen ein. Jean Robert verweilte nur ſo lange, als er es für nöthig erachtete, um ſeinem Beſuche einen andern An⸗ ſchein als den eines Eintritts und eines Abgangs zu eben; dann erſann er einen Vorwand und entfernte e wieder, um Petrus einſam ſich ſeiner Gemüthsbe⸗ wegungen erfreuen zu laſſen. Was waren dieſe Gemüthsbewegungen? Jean Robert wußte es nicht, doch daran lag ihm wenig: er hatte an dem Lächeln ſeines Freundes, an ſeinen halb⸗ verſchleierten Augen, an ſeiner ſtillen Zerſtreuung er⸗ rathen, ſeine Gemüthsbewegungen ſeien ſüßer Art. Petrus, der nun allein blieb, brachte einen der göttlichen Tage zu, deren Erinnerung der Menſch am Abend ſeines Lebens nicht ohne vor Freude zu ſchauern wiederfindet. Der von jedem Künſtler, von jedem nicht dem ge⸗ wöhnlichen Strome angehörenden jungen Herzen ge⸗ hätſchelte Traum: die Liebe einer Frau, deren Stirne die dreifache Krone der Schönheit, der Größe und der Jugend trägt,— dieſer Traum verwirklichte ſich für ihn. Alle Prinzeſſinnen ſeiner Träume nahmen eine reelle Form an, verkörperten ſich für ihn, verkörperten ſich in einer einzigen Frau! Er ſchloß die Augen und ſah ſie aus ihrem Wagen in einer Wolke von Spitzen, Sammet und Hermelin ausſteigen. Am Abend ſetzte er ſich an ſein Klavierz wie alle Maler, betete Petrus die Muſik an. Seine Hand wäre zu ungeſchickt geweſen, um auf die Leinwand den ge⸗ ringſten Reflex ſeiner trügeriſchen Gemüthsbewegungen zu werfen: die Muſik allein mit ihrer Zauberſtimme, mit ihren Vibrirungen, welche im Himmel geboren —— 29 werden und ſich auf der Erde verbreiten, konnte dem leidenſchaftlichen Aufrufe des jungen Mannes ant⸗ worten. Es geſchah erſt ſpät in der Nacht, daß er zu Bette zu gehen ſich entſchloß und entſchlief Wir täuſchen uns, wenn wir ſagen, er ſei entſchlafen: er wachte mit geſchloſſenen Augen bis zu dem Momente, wo der Tag kam; er wachte, das iſt das richtige Wort, denn eine Stimme hörte nicht auf, ſeinem Herzen und ſeinem Ohre den Namen Regina zuzuflüſtern. Er ging ſchon Morgens um neun Uhr von Hauſe weg, obgleich die Zuſammenkunft erſt auf die Mittags⸗ ſtunde feſtgeſetzt warz doch es wäre ihm unmöglich ge⸗ weſen, am Platze zu bleiben, und er brachte die drei Stunden, die ihn noch von der bezeichneten Stunde trennten, damit zu, daß er in der Umgegend vom Hotel des Marſchalls ſpazieren ging. Das, erwähnter Maßen, in der Rue Plumet(heute Rue Dudinot) liegende Hotel Lamothe⸗Houdan beſtand aus einem großen Hauptgebäude, das ſich zwiſchen Hof und Garten erhob, und,— in der Tiefe dieſes Gar⸗ tens, an einem Orte, der eine Daſe tauſend Meilen von Paris zu ſein ſchien,— aus einem Pavillon ent⸗ haltend ein Speiſezimmer, einen Salon und ein Bou⸗ doir, welche Zimmer in ein rieſiges Gewächshaus ein⸗ geſchloſſen waren, das für dieſe anmuthige Beigabe des Hauptgebäudes eine Blumenmauer bildete. Die äußere Umſchließung beſtand,— abgeſehen von den Grundmauern des Baues,— aus Glasſchei⸗ ben, und durch dieſe Scheiben erblickte man, wie im Jardin des Plantes von Paris, wie im botaniſchen Garten von Brüſſel, wie in den Gewächshäuſern des berühmten Gartenfreundes Van Houtte, tauſend erotiſche Pflanzen, deren Blätter, breit oder ſpitzig zulaufend, alle aber im Norden und im Weſten unbekannt, auf dieſen kleinen Winkel eine höchſt pittoreske tropiſche Farbe warfen. 30 Rings von Bäumen umgeben, war dieſer Pavillon inveſſen auf einer ſeiner Seiten ſichtbar: das war die Südſeite; eine Lichtung zwiſchen den hohen, blätterrei⸗ chen Kaſtanienbäumen und Linden erlaubte, ihn durch das Gehägegitter zu erſchauen. Im Boudoir dieſes Pavillon, in dieſem Garten mit dem Kryſtallhimmel, der halb Atelier, halb Treib⸗ haus,— denn die ſchönſten Werke der Kunſt, wie die ſeltenſten Erzeugniſſe der Erde fanden ſich hier ver⸗ einigt,— erwartete Regina Petrus, nicht mit einer der des jungen Mannes gleichen Ungeduld, aber wenigſtens, wir müſſen es geſtehen, mit einer gewiſſen Neugierde. Es lag im ariſtokratiſchen Temperamente von Re⸗ gina eine raſche Schätzung jeder Erhabenheit; ſelbſt erhaben, hatte ſie bei den erſten Worten gefühlt, ſie be⸗ rühre in Petrus einen erhabenen Mann. Der junge Mann kam zur beſtimmten Stunde, weder eine Minute früher, noch eine Minute ſpäter; er entſprach ſtreng den Bedingungen der Pünktlichkeit, welche Ludwig XIV. die Höflichkeit der Könige nannte. Den Fuß in dieſen Korb des indiſchen Archipels ſetzend, wurde Petrus von einem Schauer der Wonne und der Bewunderung ergriffen. Von der Schwelle der Thüre aus geſehen, war es in der That ein reizendes Schauſpiel für einen Künſt⸗ ler wie Petrus, das Schauſpiel, das ſich vor ſeinen Augen entrollte; der lebhafteſte Traum der Einbil⸗ dungskraft wäre nicht ſo weit gegangen, als dieſe über⸗ reiche Wirklichkeit. Es ſchien, als hätten in der erhabenen Umarmung einer himmliſchen Liebe die Kunſt und die Natur ihre ſchönſten Meiſterwerke erzeugt. Hier waren alle Wunder der Kunſt; dort waren alle Reichthümer des Vodens; hier unter dem rieſigen Farnkraut von Süd⸗Amerika umarmten ſich keuſch zwei Liebende von roſenfarbigem Marmor, wie der Amor 2 S SS 31 und die Pſyche von Canova; dort unter den Bosquets von afrikaniſchen Piſangen und Palmen flohen Naja⸗ den mit fliegenden Haaren von Clodion. Da waren zwanzig Stücke in gebrannter Erde von Meiſtern des ſiebzehnten und des achtzehnten Jahrhun⸗ derts, von Bouchardon, von Coyſevor, ihre röthliche Tinte mit dem florentiſchen Bronze der Meiſter des Mittelalters vermiſchend; da waren unter den roſen⸗ artigen Blumen Europas, unter den Magnolien von Nord⸗Amerika die Grazien von Germain Pilon, die Nymphen von Jean Goujon, die Amoretten von Jo⸗ hann von Bologna,— dieſem großen Meiſter, den Italien uns geſtohlen hat und nicht zurückgeben will, obgleich ſeit dreihundert Jahren ſein Schatten den Ti⸗ tel eines Franzoſen reclamirt!)— Da waren endlich hundert Meiſterwerke von Erde, von Stein, von Holz, von Marmor, von Bronze, harmoniſch in dieſem blühen⸗ den Urwalde aufgeſtellt, wo alle Gegenden und alle Län⸗ der ein Muſter ihrer eigenthümlichen und charakteriſti⸗ ſchen Vegetation boten, von den Pantoffelſchuhblumen und den Paſſionsblumen Süd⸗Amerikas, von den Ca⸗ melien, den Hortenſien, den Baſiliken, den Theebäumen bis zu den blauen, weißen und roſenfarbigen Lotus, bis zu den ſüßen Palmen, bis zu den Dattelbäumen Afrikas; von den Sinnpflanzen, den Feigenbäumen, den Farnbäumen Madagascars bis zu den Eukalypten, den Epacriden, den Mimoſen Oeceaniens;— mit einem Worte, es war eine Weltkarte in Blumen! Regina ſchien die Schutzgöttin, die allmächtige Fee dieſer Wunderwelt zu ſein. Petrus zögerte lange, einzutreten, nachdem der Diener ihn gemeldet hatte, und Regina war genöthigt, ihm zuzurufen: Fohann, Jean, oder Giovanni von Vologna, gewöhnlich Sran genannt, brachte den größten Theil ſeines ologna zu, war aber in Donay geboren; daher dieſe Reciamation. onn zu, wo Sun i uet Der Ueberſ. 32 „Ei! ſo kommen Sie doch herein, mein Herr!“ „Ich bitte um Verzeihung, mein Fräulein,“ er⸗ wiederte Petrus:„an der Pforte des Paradieſes iſt es einem Sterblichen erlaubt, zu zögern.“ Regina ſtand auf und ließ Petrus in den in ein Atelier verwandelten Salon eintreten; mitten im Sa⸗ lon war eine Staffelei aufgeſtellt, auf der eine Lein⸗ wand ruhte, welche hoch und breit genug, um darauf ein Portrait in natürlicher Größe zu ſkizziren. Auf einem Feldſtuhle lagen eine Farbenſchachtel und eine Palette. Das Licht war durch eine geſchickte Hand geordnet worden, und Petrus hatte beinahe nichts an der Zu⸗ richtung der Vorhänge zu ändern. „Mein Fräulein,“ ſagte Petrus,„wollen Sie die Güte haben, ſich zu ſetzen, wohin Sie wollen, und die S Stellung zu nehmen, die Ihnen die einfachſte und beſte zu ſein ſcheint.“ Regina ſetzte ſich und nahm auf eine ganz natür⸗ üiche Art eine Stellung voll Zartheit, Weichheit und Anmuth. Petrus ergriff eine Spindelkohle und ſtizzirte mit einer ſeltenen Sicherheit der Hand das Ganze des Portraits. Als er zu den Einzelheiten gekommen war und ſah, daß es dem Geſichte von Regina an jener Beſee⸗ tung des Mundes und der Augen, welche das Leben bildet, fehlen ſollte, ſagte Petrus: „Mein Gott, Fräulein, wollen Sie erlauben, daß wir ein wenig plaudern.. wovon Sie wollen,— von Botanik, von Geographie, von Geſchichte, von Muſik,— während dieſer erſten Sitzung? Ich geſtehe, daß ich, obgleich ich die Farbe liebe, ganz der Schule der idealiſtiſchen Maler angehöre; träumte ich etwas, hätte ich eine Hoffnung, ſo wäre es, das Gefühl von Scheffer mit der Farbe von Decamp zu vermählen. in 0 uf net u⸗ die die ſte ind mit des und ſee⸗ ben daß von ehe, ule as von len. 33 Es ſcheint mir alſo unmöglich, ein gutes Portrait von einem unbeweglichen Geſichte zu machen; unter unbe⸗ weglich verſtehe ich ein Geſicht, das die Plauderei nicht belebt. Die Perſonen, die ihr Portrait malen laſſen, geben ſich beinahe immer,— Dank ſei es dem Still⸗ ſchweigen, das ſie freiwillig beobachten, oder dem, das ein ungeſchickter oder ſchüchterner Maler zu beobachten ſie nöthigt,— eine gezwungene Miene, welche macht, daß die Freunde ſagen:„„Oh! das iſt es nicht! das iſt viel zu ernſt!““ oder:„„das iſt viel zu alt!““ Und der Fehler fällt auf den armen Maler zurück, während man bedenken ſollte, daß der Maler, mit ſei⸗ nem Modelle nicht bekannt, ſtatt ihm ſeinen gewöhn⸗ lichen Ausdruck zu geben, demſelben den Ausdruck des Augenblicks gegeben hat.“ „Sie haben Recht,“ erwiederte Regina, welche dieſe von Petrus ohne Prätenſion, und während er die Zu⸗ gehören des Bildes ſtizzirte, auseinander geſetzte lange Theorie angehört hatte,„und genügt es Ihnen, um von mir ein gutes Portrait zu machen, mein Geſicht belebt durch die Plauderei zu ſehen, welche meine ge⸗ wöhnliche und die mir theuerſte iſt, ſo bitte ich Sie, die Hand auszuſtrecken und zu klingeln.“ Der Lackei, der ihn eingeführt hatte und, wenn auch unſichtbar, doch im Bereiche des erſten Rufes war, erſchien auf der Schwelle. „Laſſen Sie Abeille kommen,“ ſagte Regina. Nach fünf Minuten trat ein Kind von zehn bis elf Jahren ein, oder es ſprang vielmehr von der Thüre zu den Füßen von Regina. Für Eindrücke empfänglich wie ein Künſtler, und den unwiderſtehlichen Einfluß der Schönheit auf gewiſſe Organiſationen erleidend, gab Petrus einen Schrei von ſich und rief⸗ „O! das anbetungswürdige Kind!“ Das Kind, das eingetreten, und das ſeine Schwe⸗ Die Mohicanervon Paris. M. 3 34 ſter unter dem charakteriſtiſchen Namen Abeille*) her⸗ beigerufen hatte, war in der That ein reizendes Mäd⸗ chen mit einem Geſichte ſo durchſichtig wie ein Roſen⸗ blatt, mit blonden ins Rothe fallenden, rings um ihren Kopf wie ein Büſchel Goldknöpfe gelockten Haaren, und von einer ſo ſchlanken Taille, daß ſie, wie die einer Biene, dem Abbrechen ganz nahe zu ſein ſchien. Die Stirne der Kleinen troff von Schweiß, ob⸗ gleich man am Ende des Januars war. „Du haſt mich gerufen, meine Schweſter?“ fragte ſie. „Jaz wo warſt Du denn?“ erwiederte Regina. „Im Fechtſaale, um mit dem Vater zu fechten.“ Ein Lächeln ſchwebte über die Lippen von Petrus; dieſes Wort fechten dünkte ihm das letzte, das aus dem Munde des Kindes kommen ſollte. „Gut! mein Vater ließ Dich wieder Fechtübungen machen! Wahrhaftig, er iſt kindiſcher als Du, Abeille! und ich werde Euch Beide nicht mehr lieben, wenn Ihr mir nicht gehorchen wollt.“ 3 „Ei! Regina, Papa behauptet, Du ſeiſt nur durch die Fechtübungen ſo groß und ſo ſchön geworden, und da ich ſo groß und ſo ſchön werden will, als Du, ſo ſage ich ihm immer:„„Papa, laß mich fechten!““ „Ja, und ihm iſt das ganz lieb! Sieh, nun ſchwimmſt Du im Schweiße, Du biſt ganz athem⸗ los. Ich werde mich ärgern, Abeille!.. Be⸗ greifen Sie, mein Herr, daß ein großes Mädchen von elf Jahren ſein Leben mit Fechten zubringt, wie ein Schüler von Salamanca oder wie ein Heidelberget Student?“ „Abgeſehen davon, daß ich, wenn der Frühling wieder kommt, reiten werde.“ „Das iſt etwas Anderes.“ „Ja, doch Papa hat mir geſagt, er werde Di *) Biene. her⸗ oſen⸗ ihren aren, einer ob⸗ te ſie. a. trus; aus ingen eille! Ihr durch und t„ ſo nun hem⸗ Be⸗ von e ein erger ling Dir 35 noch in dieſem Jahre ein anderes Pferd kaufen, und mir werde er den Emir geben.“ „Ah! ja wohl, wenn der Narſchall das thut, ſo erkläre ich ihn für vollkommen verrückt!— Stellen Sie ſich vor, mein Herr, der Emir iſt ein Pferd, das Niemand zu reiten wagt.“ „Außer Dir, Regina, die Du ihn über ſechs Fuß it Gräben und über drei Fuß hohe Barridren ſetzen äſſeſt.“ „Weil er mich kennt.“ „Nun wohl, er wird mich auch kennen, und will er mich nicht kennen, ſo werde ich ihm ſo vft mit Peitſchenhieben ſagen:„„Ich bin die Schweſter von Regina und die Tochter des Marſchalls von Lamothe⸗ Houdan,““ daß er am Ende begreifen wird.“ „Der Emir, mein Fräulein,“ ſagte Petrus, der eiligſt die Belebtheit von Regina benützte, um ihren Kopf zu ſtizziren,„iſt der Emir nicht ein Rappe mit ſchöner Mähne und langem Schweife, von arabiſcher Race mit engliſcher Kreuzung?“ „Ja, mein Herr,“ antwortete lächelnd Regina; „wäre mein Pferd edel genug, um ein Wappen zu haben?“ „Es kommt von einem Lande, mein Fräulein, wo die Hunde und die Falken ihre Genealogie haben: warum ſollte er nicht die ſeinige haben?“ „Ah!“ fragte die kleine Abeille halblaut,„dieſer Herr iſt es, der Dein Portrait macht?“ „Ja,“ antwortete Regina in demſelben Tone. „Wird er das meinige nicht auch machen?“ „Sehr gern, mein Fräulein,“ ſagte lächelnd Petrus, ſo geſtellt, wie ſie es in dieſem Augenblicke ind.“ Abeille lag halb und hatte die Ellenbogen auf den Schooß ihrer Schweſter geſtützt; ihr Kopf voll Leben und Verſtand ruhte zwiſchen ihren beiden Händen, wäh⸗ rend Regina ihr Geſicht mit einer Reſedablüthe ſtreichelte. 36 „Du hörſt, meine Schweſter?“ fragte Abeille,„der Herr will ſehr gern mein Portrait machen.“ „Oh! er wird wohl einige Bedingungen ſtellen,“ erwiederte Regina. „Welche?“ „Daß Sie vernünftig ſein und Ihrer Schweſter gehorchen ſollen, mein Fräulein.“ „Gut!“ verſetzte das Mädchen;„ich kenne meine Gebote Gottes auswendig; ſie ſagen: „Du ſollſt Deinen Vater und Deine Mutter ehren!“ ſie ſagen aber nicht: „Du ſollſt Deinen Bruder und Deine Schweſter ehren!“ „Oh! ich will Regina von ganzem Herzen lieben, doch ich will ihr nicht gehorchen: ich will nur meinem Vater gehorchen.“ „Ich glaube es wohl!“ ſagte Regina:„er thut Alles, was Du willſt.“ „Sonſt würde ich ihm auch nicht gehorchen,“ er⸗ wiederte lachend die kleine Abeille. „Ah! Abeille!“ rief Regina,„Du machſt Dich ſchlimmer, als Du biſt. Setze Dich artig hier zu mir und erzähle uns eine Geſchichte.“ Sodann ſich an Petrus wendend, fuhr ſie fort: „Stellen Sie ſich vor, mein Herr, wenn ich trau⸗ rig bin,— was mir oft widerfährt,— kommt dieſes Kind zu mir und ſagt zu mir:„„Du biſt traurig, meine Schweſter Regina? Nun wohl, ich will Dir eine Geſchichte erzählen.“ Und dann erzählt ſie mir in der That Geſchichten, die ſie, ich weiß nicht woher nimmt, ſicherlich aus ihrem tollen Kopfe, aber Geſchich⸗ ten, bei denen ich mich zuweilen zu Tode lache!— Raſch alſo, eine Geſchichte, Abeille!“ „Gern, meine Schweſter,“ erwiederte die Kleine, indem ſie Petrus anſchaute, als hätte ſie ſagen wollen: „Hören Sie dieſe, Herr Maler!“ Petrus hörte, während er ungeheuer die Skizze „der llen,“ veſter neine ren! eben, inem thut Dich mir trau⸗ ieſes urig, Dir mir oher ich⸗ ine, len izze 37 des Kopfes von Regina beſchleunigte, welche, der Be⸗ wegung und der Einfachheit des gewöhnlichen Lebens zurückgegeben, einen entzückenden Ausdruck annahm. Das Mädchen begann. LXXXII. Die Fee Carita. „Es war einmal eine Prinzeſſin begabt mit einer außerordentlichen Tugend und einer unvergleichlichen Schönheit. Sie war geboren in Bagdad und lebte unter der Regierung des Kalifen Harun al Raſchid. Ihr Vater, einer der ausgezeichnetſten Generale vom Heere des Kalifen, als er ſeine Tochter heranwachſen und die Zahl der Kriege abnehmen ſah, bat den Kali⸗ fen um ſeine Entlaſſung, um ſeine ganze Zeit der Er⸗ ziehung von Zulehma zu widmen. „Zuleyma iſt ein perſiſches Wort, das Köni⸗ gin bedeutet. „Weit entfernt, dem General die Entlaſſung zu verweigern, gewährte ſie der Kalif, und ſo ſehr es ihm leid that, daß er ſich von dem braven Militär trennen ſollte, ſo billigte er doch ſein Vorhaben und bot ihm zur Erziehung von Regina... Verzeih, Schweſter⸗ chen, ich will ſagen von Zulehma;— er bot ihm für die Erziehung von Zuleyma dieſelben Lehrer an, welche mit der Erziehung ſeiner eigenen Tochter betraut ge⸗ weſen waren. „Der General zog ſich vom Hofe zurück, wo er bis dahin ſeine Wohnung gehabt hatte, und bewohnte fortan in einer der Vorſtädte einen ſchönen Palaſt, den er beſaß, und der, wie die Rue Plumet, von einem Gürtel blühender Gärten umgeben war. 58 „Dahin, mitten in ein dieſem ähnliches Gewächs⸗ haus, kamen die Tanzmeiſter, die Zeichenmeiſter, die Geſangslehrer, die Lehrer der Botanik, die Lehrer der Aſtronomie und ſogar der Philoſophiez; denn es war der Wille des Generals, daß der Geiſt der Prinzeſſin mit allen zu jener Zeit bekannten Wiſſenſchaften aus⸗ geſtattet werde; und ohne ihr zu ſchmeicheln, darf man wohl ſagen; ſie benützte den Unterricht ihrer Lehrer ſo gut, daß ſie mit achtzehn Jahren hinſichtlich der Tu⸗ gend und des Talentes ſo vollendet war, als in Betreff der Schönheit... „Abeille,“ unterbrach Regina,„Deine Geſchichte iſt ganz und gar nicht beluſtigend; erzähle uns eine andere.“ „Es iſt möglich, daß meine Geſchichte nicht be⸗ luſtigend iſt,“ erwiederte Abeille,„doch ſie hat das Ver⸗ dienſt, wahr zu ſein, und die Wahrheit iſt das Haupt⸗ verdienſt einer Geſchichte;... nicht ſo, Herr Maler?“ fügte das Mädchen, ſich an Petrus wendend, bei. „Ich bin ganz dieſer Anſicht, mein Fräulein,“ ſagte der Künſtler, der wohl ſah, daß Abeille auf einige De⸗ tails aus dem Leben von Regina anſpielte;„ich wage es auch, Ihr Fräulein Schweſter ehrerbietigſt zu bit⸗ ten, ſie möge Ihnen erlauben, fortzufahren.“ Die Wangen von Regina nahmen das Roth der Camelien an, welche über ihrem Kopfe blühten. „Und wenn ich fortfahre,“ fragte Abeille,„was werden Sie mir geben?“ „Ich gebe Ihnen Ihr Portrait, mein Fräulein.“ „Wahrhaftig?“ rief ganz freudig Abeille, indem ſie ihre kleinen Hände an einander ſchlug. „Bei meinem Ehrenworte!“ Abeille wandte ſich gegen ihre Schweſter um und ſtreckte ihre beiden Arme auf eine Weiſe aus, welche bezeichnete:„Du ſiehſt, Regina, es läßt ſich unmöglich anders machen!“ Regina antwortete nicht; doch ſie ſchob langſun ——— c—„ chs⸗ die der war eſſin aus⸗ man r ſo Tu⸗ treff ichte eine tbe⸗ Ver⸗ upt⸗ ler?“ ſagte De⸗ wage bit⸗ der „was lein.“ indem welche öglich gſam 39 ihr Fauteuil drei Schritte zurück, als wollte ſie ihre Röthe unter dem Schatten der Bäume dieſes Salon⸗ waldes verbergen. Abeille, da ſie ſah, daß Regina, wenn ſie auch nicht ihre Einwilligung gab, dieſelbe doch nicht auf eine entſchiedene Art verweigerte, ſetzte ihre Erzählung fort und ſprach ſtatt jedes Ueberganges: „Ich war bei der vollendeten Schönheit der Prin⸗ zeſſin.. Doch laſſen wir das, der Papa behauptet, die Schönheit vergehe, und nur die Herzensgüte bleibe... Die Herzensgilte der Prinzeſſin war wahrhaft wunder⸗ bar! Alle Frauen von Bagdad, wenn ſie durch die Straßen der Stadt ging, zeigten ſie mit dem Fin⸗ ger ihren Kindern und ſagten: „„Das iſt die ſchönſte und die mildherzigſte Prin⸗ zeſſin, die es je gegeben hat, und die es je geben wird.““ „Hiedurch erfolgte, daß ſie allmälig in der Vor⸗ ſtadt eine ſoiche Berühmtheit erlangte, daß man ſie nicht mehr einfach für eine Frau wie die anderen hielt, ſondern für eine Fee, welche überall, wohin ſie komme, Wunder bewerkſtellige,— Dieſen tröſtend und Jenen heilend, die Böſen gut, die Guten beſſer machend. „Es geſchah aber eines Tages, daß ein kleiner Savoyard, der ſein Brod dadurch verdiente, daß er ein Murmelthier tanzen ließ, vor dem Thore ihres Palaſtes weinte, weil er es, da er an dieſem Tage noch keinen Pfennig eingenommen hatte, nicht wagte, nach Hauſe zu gehen, aus Furcht, von ſeinem Herrn ge⸗ ſchlagen zu werden. „Die Prinzeſſin neigte ſich aus dem Fenſter und ſah die Thränen des kleinen Knaben; raſch ging ſie hinab und fragte ihn, was er habe. Sobald der kleine Savoyard ſie erblickte, begriff er, daß ſeine Einnahme t war; er hüpfte vor Freude und Glück und rief: „„Die Fee! ah! hier iſt die Fee!““ ———— 40 „Dann wiederholte er, Almoſen in ſeiner Sprache fordernd, mehrere Male: „„Carita, Carita, Principessa! Carita!““ „So daß fünf bis ſechs Perſonen, welche den klei⸗ nen Knaben gehört hatten und von der Prinzeſſin nur ihren ſterblichen Namen Zuleyma, was Königin be⸗ deutet, kannten, ſie mit einem viel ſchöneren Namen nannten, nämlich die Fee Carita, was bedeutet, die Fee Barmherzigkeit.. Regina unterbrach Abeille zum zweiten Male. „Mein Herr,“ ſagte ſie,„begreifen Sie, woher dieſe Kleine alle dieſe Geſchichten nimmt?“ „Ja, Prinzeſſin,“ erwiederte Petrus mit einem Lächeln,„ich begreife das vollkommen, und ich bin weniger als Sie erſtaunt über ihre Einbildungskraft, weil ich glaube, daß ihre Einbildungskraft nur Ge⸗ dächtniß iſt.“ Der Leſer begreift ebenfalls, daß die Wangen von Regina ſich unter dem Blicke und bei der Antwort von Petrus immer mehr mit Purpur überſtrömten. Doch ohne auf die Blicke des Einen oder die Röthe der Anderen Acht zu geben, fuhr die kleine Sche⸗ herazade fort: „Kurz, Herr Maler, ich werde es nicht unterneh⸗ men, alle die ſchönen und guten Handlungen zu erzäh⸗ len, welche beweiſen, daß die Fee Carita ihres Namens würdig war; ich will nur noch eine anführen, und meine Schweſter Carita nein, Zulehma.. nein, Regina; ich irre mich immer! und meine Schweſter Regind, welche die Feenmährchen beſſer als ich kennt, weil ſie größer iſt und mehr Geiſt hat, kann Ihnen bezeugen, mein Herr, daß ich nicht ein Wort daran geändert habe. „Ich habe Ihnen geſagt, der Palaſt der Prinzeſ⸗ ſin ſei von blühenden Gärten und Promenaden umge⸗ ben geweſen, welche rings um die Stadt Bagdad gingen, wie die Boulevards rings um Paris gehen. An allen ache lei⸗ nur be⸗ nen die her em bin aft, Fe⸗ on die he⸗ h⸗ n8 nd n, er t, n 41 Sommertagen galoppirte die Prinzeſſin mit ihrem Vater in den Alleen dieſer ſchönen Promenaden, und wer Beide vorüberreiten ſah, mußte ſie nothwendig wahrnehmen.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Petrns, indem er die Kleine anſchaute und ihr mit einem Blicke dankte. „Ah! Du ſiehſt, meine Schweſter, der Herr ſagt, es ſei wahr! Nun wohl, eines Tages, auf einem ihrer Spazierritte, erblickte die Fee Carita am Rande eines Grabens ein Mädchen von zwölf bis dreizehn Jahren, das, mager, bleich, die Haare aufgelöſt und auf ſeinen Schultern zerſtreut, an allen Gliedern zit⸗ terte, obgleich an dieſem Tage eine große Hitze herrſchte und es in voller Sonne ſtand. Dieſe Kleine hatte um ſich vier bis fünf Hunde, die ſie leckten und liebkoſten, und ouf ihrer bloßen Schulter eine Krähe, die mit den Flügeln ſchlug; doch es gelang weder der Krähe, noch den Hunden, ſie zu zerſtreuen, und ſie ſchien, der⸗ geſtalt litt ſie, weder ihnen, noch den Vögeln, welche über ihrem Kopfe ſangen, noch den Grillen, die um ſie her zirpten, die geringſte Aufmerkſamkeit zu ſchenken; nein ſie ſchnatterte vom Kopfe bis zu den Fuß ſpitzen, und ihre Zähne klapperten an einander, als wäre man mitten im Winter geweſen; und bemerken Sie wohl, man war erſt im Monat Auguſt des vorigen Jah⸗ res AAh! was ſage ich denn da?“ rief das Kind. Petrus lächelte. „In der That,“ ſagte Regina,„Du ſiehſt wohl, daß Du fabelſt, Mädchen: Du ſprichſt vom Kalifen Harun al Raſchid und vom vorigen Jahre! Du be⸗ haupteſt, die Ereigniſſe tragen ſich in Bagdad zu, und u bringſt einen kleinen Savoyarden in Scene! Du biſt heute nicht in der Begeiſterung, Abeille; laß alſo Deine Fee Carita ein ander Mal wirſt Du glück⸗ licher ſein.“ „Soll ich aufhören, Herr Maler,“ fragte Abeille Petrus,„und ſind Sie auch der Meinung meiner Schweſter?“ „Oh! durchaus nicht, mein Fräulein,“ erwiederte Petrus;„ich halte die Geſchichte für ſehr intereſſant, ſo intereſſant, daß ich ſie zeichne, ſo wie Sie dieſelbe erzählen. Ich habe, mit Ausnahme des Kopfes, das ſchnatternde Mädchen ſchon beendigt, und ich fange an die Prinzeſſin Carita zu ſkizziren.“ „Oh! zeigen Sie mir das!“ rief Abeille, indem ſie raſch von den Füßen von Regina, wo ſie ſaß, auf⸗ ſtand und ſich Petrus näherte. „Nein, nein,“ entgegnete Petrus, ſein Papier ver⸗ bergend;„die Zeichnungen ſind wie die Mährchen: ſie müſſen nothwendig vollendet ſein, um begriffen zu wer⸗ den. Vollenden Sie alſo Ihr Mährchen, mein Fräu⸗ lein; ich will meine Zeichnung vollenden.“ „Wo war ich?“ fragte Abeille. „Sie waren im Monat Auguſt des vorigen Jah⸗ res,“ antwortete Petrus. „Ah! wie böſe ſind Sie, daß Sie mir das vor⸗ werfen, Herr Maler!“ verſetzte die kleine Abeille mit ihrer artigſten Mundverziehung;„ich habe mich ge⸗ täuſcht, als ich ſagte das vorige Jahr, das iſt das Ganze. Es konnte nicht im vorigen Jahre ſein, da ſich die Sache unter dem Kalifen Harun al Raſchid zuträgt, und da Jedermann weiß, daß Harun al Ra⸗ ſchid, der fünfte Kalif vom Geſchlechte der Abaſſiden, im Jahre 809, fünf Jahre vor Karl dem Großen, ge⸗ ſtorben iſt.“ Nach dieſer hoffärtigen Citativn fuhr das Mäd⸗ chen fort: „Ich wollte ſagen, es habe in Bagdad eine Hitze geherrſcht, der ähnlich, welche hier im Monat Auguſt auf den äußeren Boulevards, bei der Barrière de Fon⸗ tainebleau zum Beiſpiel, herrſcht; das iſt eine einfache Vergleichung. Man mußte ſich alſo wundern, daß das Mädchen ſchnatterte, während man es in der Sonne iner erte ant, elbe das an dem uf⸗ ver⸗ ſie ver⸗ äu⸗ ah⸗ vor⸗ mit ge⸗ das da chid Ra⸗ den, ge⸗ täd⸗ itze guſt Fon⸗ das nne 43 nicht aushalten konnte, ſo heiß war es; was die Fee Carita ſehr wohl bemerkte. Dem zu Folge bat ſie ihren Vater, ſie vom Pferde ſteigen zu laſſen, damit ſie das Mädchen fragen könnte, ob es nicht krank ſei. „Kaum hatte die Fee Carita die arme Kleine an⸗ geredet, als dieſe auf ſie ihre großen Augen ſenkte, welche dem Himmel zugewandt waren. „„Warum,““ fragte die Prinzeſſin mit ihrer ſanf⸗ en Stimme,„„warum zitterſt Du ſo, mein Kind? biſt Du krank?““ „„Ja, Frau Fee,““ antwortete die Kleine, welche ſogleich errieth, die Prinzeſſin ſei eine Fee. „„Und was fehlt Dir?““ „„Ich habe das Fieber, wie man ſagt.““ „„Und warum biſt Du, da Du das Fieber haſt, nicht in Deinem Bette?““ ſagte die Fee. „„Weil die Hunde noch kränker waren, als ich, wie es ſcheint, und man mich fortgeſchickt hat, um die⸗ ſelben ſpazieren zu führen.““ „Nicht Deine Mutter hat Dich fortgeſchickt, um ie Hunde ſpazieren zu führen; Deine Mutter hätte Dir nicht erlaubt, ſchauernd, wie Du biſt, auszugehen.““ „Es iſt in der That nicht meine Mutter, Frau Fee.“. „„Wo iſt Deine Mutter?““ „„Ich habe keine mehr!““ „„Und wer gibt Dir Aufenthalt?““ „„Die Brocante.““ „„Wer iſt die Brocante?““ „Die Kleine zögerte einen Augenblick; die Fee wiederholte ihre Frage. „„Eine Lumpenſammlerin, die mich aufgezogen hat,““ antwortete das kleine Mädchen. „„Du haſt alſo keinen Verwandten?““ „„Ich bin allein auf der Welt.““ Wie! keine Mutter, keinen Vater, keinen Bru⸗ 44 „Das Mädchen fing an, nicht zu ſchnattern, ſon⸗ dern zu zittern. „„Mein, nein, nein,““ ſagte es,„„keinen Bruder! keinen Bruder!““ „„Arme Kleine!““ ſprach traurig die Prinzeſſin; „„und wie heißeſt Du?““ „„Ich heiße Roſe⸗de⸗Noöl.““ „„In der That, mein Kind, Du haſt die krank⸗ hafte Farbe der Blume, deren Ramen Du trägſt.““ „Das Mädchen machte eine Bewegung mit den Schultern, welche bedeutete:„„Was wollen Sie? „„Wo wohnſt Du?““ fragte die Prinzeſſin. „„Oh! Frau Fee, in einer der ſchmutzigſten, garſtigſten Gaſſen von Bagdad.““ „„Iſt es ſehr weit von hier?““ „„Nein, Frau Fee, ungefähr zehn Minuten Weges.““ „„Nun wohl, ich werde Dich nach Hauſe führen und ſagen, daß man Dich zu Bette bringt; willſt Du?““ „„Ich will Alles, was Sie wollen, Frau Fee.““ Die Kleine verſuchte es, aufzuſtehen; doch ſie fiel in den Graben zurück, ſo ſchwach war ſie. „„Warte,““ ſagte die Fee,„„ich will Dich in meine Arme nehmen.““ „Und die Prinzeſſin hob die arme Kleine auf, welche ſo ſchwächlich, daß ſie nicht ſchwerer war, als eine große Puppez ſie brachte ſie ihrem Vaterz dieſer nahm ſie, ſetzte ſie auf ſeinen Sattelbogen, und man begab ſich auf den Weg, Roſe⸗de⸗Noöl auf dem Sattel⸗ bogen von Papa... Gut, da irre ich mich wieder!— Roſe⸗de⸗Roöl auf dem Sattelbogen des Papas der Fee, und die Fee zu Pferde, zwei von den kleinen Hunden haltend, welche nicht hätten folgen könnenz die drei anderen Hunde waren groß und trabten hinter den Pferden; die Krähe flog über dem Kopfe von Roſe⸗de⸗ Noöl, welche nur zuweilen: „„Phares! Phares! Phares!““ zu ſagen brauchte. — — on⸗ er in; den 4 n 4⁵ „Man kam bald in eine Gaſſe, welche miiten am Tage ſo ſchwarz war, daß man hätte glauben können, man ſei mitten in der Nacht; und obgleich mein Papa ſagt, die Sonne ſcheine für Jedermann, ſo hat ſie doch ſicherlich nie für die Unglücklichen geſchienen, welche in dieſer Gaſſe vegetiren. „„Hier!““ ſagte die Kleine, indem ſie den Zügel des Pferdes anhielt,„„hier iſt die Thüre.““ „Die Thüre des Stalles, in welchem die Hunde meines Vaters ſind, iſt entſchieden reinlicher, als die Thüre dieſes Hauſes. Man mußte ſich bücken, um ein⸗ zutreten, wie wenn man in einen Keller hinabſteigt; man mußte umhertappen, um die Treppe zu finden. „Ein kleiner Knabe, der auf dem Weichſteine ſaß, und den Roſe⸗de⸗Roöl Babolin nannte, erbot ſich, die Pferde zu halten, uud die Prinzeſſin und ihr Vater gelangten endlich oben auf die Treppe, wo die Bro⸗ cante wohnte. „So jung und hübſch die Prinzeſſin, ſo alt und häßlich war die Brocante; es wäre für einen Fremden nicht ſchwierig geweſen, zu errathen, welche von Beiden der gute Genius warz die Prinzeſſin hatte beim erſten Blicke das Anſehen einer Fee; die Brocante brachte ſogleich die Wirkung einer Hexe hervor.— Und ſie war wohl wirklich eine Hexe, nach einem ungeheuren, auf einem Dreifuße ſtehenden, eiſernen Topfe, in wel⸗ chem Zauberkräuter kochten, nach einem langen Haſel⸗ nußſtabe, der im Boden befeſtigt war, mitten unter einem von großen ſchwarzen Nadeln durchſtochenen Kar⸗ tenſpiele, und endlich nach dem Beſen zu urtheilen, auf den ſie ſich erſtaunt ſtützte, als ſie den General Roſe⸗ de⸗Noßl tragend und die Fee Carita die zwei kleinen Hunde tragend eintreten ſah.— Ich rede nicht von den drei andern Hunden und von der Krähe: ſie bil⸗ deten das Gefolge. „Die Fee Carita fing damit an, daß ſie die zwei 46 kleinen Hunde auf den Boden ſetzte; dann wandte ſie ſich an die Hexe und ſagte: „„Frau, wir bringen Euch dieſes Kind zurick, das vor Fieber auf dem Boulevard zitterte; es iſt krank: Ihr müßt es zu Bette legen und warm zudecken.““ „Die Brocante wollte antworten, doch die Hunde bellten ſo gewaltig, daß ſie genöthigt war, dieſe Thiere, ihnen mit dem Beſen drohend, zum Schweigen zu bringen. „„Sie iſt es, die ſpazieren gehen wollte,““ erwie⸗ derte die Brocante der Prinzeſſin, dieſe ſchief anſchauend, — ohne Zweifel, weil ſie in ihr eine gute Fee er⸗ kannte,—„„ſie begeht immer ſolche Streiche, und da⸗ durch macht ſie ſich krank.““ „„Es iſt ein Kind,““ entgegnete die Fee:„„man mußte nicht darauf hören. Doch legt Ihr die Kleine nicht zu Bette? Ich ſuche ihr Bett und ſehe es nicht.““ „„Gut! Ihr Bett?““ ſagte die Hexe. „„Allerdings. Habt Ihr keine andere Stube?““ fragte die Fee. „„Glauben Sie denn, dieſer Boden ſei ein Pa⸗ laſt?““ antwortete brummend die Hexe. „„Ei! gute Frau,““ ſprach der General,„„ich bitte, antwortet in einem andern Tone, oder ich laſſe einen Commiſſär kommen, der Euch fragen wird, wo Ihr dieſes Kind geſtohlen habt!““ „„Oh! nein! oh! nein!““ rief die Kleine,„„ich will bei der Brocante bleiben!““ „„Ich habe ſie nicht geſtohlen,““ ſagte die Alte. „„Ah!““ verſetzte der General,„willſt Du es ver⸗ S uns glauben zu machen, dieſe Kleine gehöre ir 5 „„Ich ſage das nicht,““ erwiederte die Brocante. „„Gehört ſie nicht Dir, ſo ſiehſt Du wohl, daß Du ſie geſtohlen haſt.““ „„Ich habe ſie nicht geſtohlen, Herr; ich habe ſie gefunden und bei mir aufgenommen wie mein eigenes S⸗ne ſie das nk: inde ere, wie⸗ end, er⸗ da⸗ man eine t.““ . 2. Pa⸗ laſſe wo „ich te. ver⸗ höre nte. daß e ſie enes 47 Kind, ohne einen Unterſchied zwiſchen ihr und Babolin zu machen.““ „„Nun,““ ſagte die Fee,„warum habt Ihr dann die Hunde nicht durch Babolin ſpazieren führen laſſen, und warum iſt ſie nicht hier geblieben?““ „„Weil Babolin nichts von dem, was man ihm befiehlt, thun will, während Roſe⸗de⸗Noöl gehorcht, ehe man zu befehlen geendigt hat.““ „„Es mag ſein,““ ſprach der General;„„doch wenn man die Kinder aufnimmt, ſo geſchieht es nicht, um ſie am Fieber ſterben zu laſſen. Wo legt Ihr die Kleine zu Bette?““ „„Dort,““ antwortete die Hexe, auf eine Vertie⸗ fung des Daches deutend, in der Roſe⸗de⸗Noöl ihr Do⸗ micil genommen hatte. „Die Fee hob den Vorhang auf, der dieſen Win⸗ kel des Speichers bedeckte, und ſie ſah ein ziemlich rein⸗ liches Plätchen; nur hatte das Bett eine einzige Ma⸗ tratze; die Fee berührte die Matratze und fand das ager ein wenig hart. „„In der That,““ ſprach ſie,„„ich ſchäme mich, daß ich ſo weich liege, wenn ich bedenke, daß dieſe arme Kleine nur eine Matratze hat!““ Sie wird ein Federbett, Decken und hübſche feine Leilacken haben,““ ſagte der General;„„ich werde Euch Alles dies ſchicken, gute Frau, und auch einen Arzt. Vittlerweile haltet das Kind möglichſt warm und laßt eine Krankenwärterin kommen; hier iſt Geld, um ſie zu bezahlen und um Arzneien zu kaufen; ſagt mir mor⸗ gen der Arzt, die Kleine ſei nicht gut verpflegt, ſo laſſe ich ſie Euch durch den Commiſſär nehmen.““ e Hexe ſtürzte ſich auf das Kind und ſchloß es an ihre Bruſt. Oh! nein,““ ſagte ſie,„„ſeien Sie unbeſorgt! wird Roſe⸗de⸗Noél nicht wie eine Prinzeſſin gepflegt, ſo fehlt es nur an Geld!““ „„Gott befohlen, Roſette!““ ſprach die Prinzeſſin, 48 indem ſie auf Roſe⸗de⸗Nosl zuging und ſie küßte;„„ich werde Dich wieder beſuchen, mein Kind!““ „„Gewiß, Frau Fee?““ fragte die Kleine. „„Gewiß,““ antwortete die Prinzeſſin. „Die Wangen des Kindes wurden roſenroth vor Vergnügen, weshalb Carita zu ihrem Vater ſagte: „„Seht doch, wie hübſch ſie iſtl“ „Sie war wirklich ſehr hübſch, Herr Maler, und von ihr würde man ein ſchönes Portrait machen!“ „Sie haben ſie alſo geſehen?“ fragte Petrus lachend. „Gewiß,“ antwortete Abeille. Doch ſich verbeſſernd: „Das heißt, ich habe ihr Coſtume in meinem Mähr⸗ chenbuche geſehen: ſie hätte das Coſtume von Roth⸗ käppchen.“ „Sie werden es mir zeigen, nicht wahr, mein Fräulein?“ „Ich werde dies nicht unterlaſſen,“ ſprach ernſt die kleine Abeille. Dann fuhr ſie fort: „Die Fee und ihr Papa ſtiegen wieder zu Pferde, und eine halbe Stunde nachher ſchickten ſie der armen Roſe⸗de⸗Noöl Alles, was ſie ihr verſprochen hatten. Alsdann ließen ſie anſpannen und fuhren raſch zum Arzte, der im Innerſten der Stadt wohnte. Der Arzt ging in ihrer Anweſenheit ab, und die Fee und ihr Vater kehrten in ihren Palaſt zurück, die Fee entzückt, einen ſo guten Papa zu haben, der Vater entzückt, eine ſo gute Tochter zu haben. „Der Arzt hatte verſprochen, am Abend Nachricht über die kleine Roſe⸗de⸗Noöl zu geben; er hielt Wort und kam in der That noch an demſelben Abend. Die Kunde, die er zu geben hatte, war traurig: die arme Kleine war von einer ſchweren Krankheit bedroht, wor⸗ über die Prinzeſſin in Verzweiflung gerieth. Sie ging auch am andern Morgen mit ihrem Vater im Wagen —— — S ih ih Hi wi ſpe ein ſeh „„ich er und etrus ähr⸗ oth⸗ nein die rde, men ten. zum lrzt ihr ickt, ine icht ort Die me or⸗ ng en — 49 ab, ſo daß ſie vor neun Uhr Beide bei der Brocante waren. Der Arzt war ſchon ſeit einer Stunde daz er ſah ſehr beſorgt aus, und er hatte wohl Urſache, wie Sie zugeſtehen werden, wenn Sie erfahren, daß Roſe⸗de⸗ Noél an einer Gehirnentzündung litt. Die arme Kleine delirirte und erkannte Riemand mehr,— weder die Brocante, die ſie aufgenommen hatte, noch Babolin, ihren kleinen Kameraden, der am Fuße ihres Bettes vor Kummer weinte, noch die Krähe, welche, ohne ſich zu rühren, auf dem Kopfkiſſen ſaß und ausſah, als begriffe ſie, ihre kleine Herrin ſei krank, noch die Hunde, welche nicht wie am vorhergehenden Tage ge⸗ bellt hatten, als der General und die Prinzeſſin ein⸗ getreten waren. Das war ein äußerſt trauriges Schau⸗ ſpiel, und die Fee wandte von der kleinen Kranken ihre Augen ab, um ſie zu trocknen. „Es war indeſſen nicht die Krankheit von Roſe⸗ de⸗Noél, was den Arzt erſchreckte; er ſtand dafür, er werde ſie retten, wenn ſie die Tiſanen, die man ihr bot, zu nehmen einwillige; doch mit ihrem ſchwächlichen, glühenden Händchen ſtieß ſie Alles zurück, was man ihr eingeben wollte. Man mochte ihr immerhin ſagen: „pTrinke, Kleine; das wird Dich heilen!““ „Es war vergebens: fie verſtand nicht, was man ihr ſagte. „Sodann, von Zeit zu Zeit, richtete ſie ſich in ihrem Bette auf, als wollte ſie fliehen, und rief: „Oh! meine gute Madame Gérard! ah! meine gute Madame Gerard, tödten Sie mich nicht!. Zu Hülfe, Breſil! zu Hülfe, Breſil!““ „Und ſie ſank mit einem ſchweren Seufzer wie todt wieder zurück. „Der Arzt ſagte, es ſei ihr Fieber, was ſie Ge⸗ ſpenſter ſehen laſſe; doch das Geſicht von Roſette drückte eine ſolche Angſt aus, daß man geſchworen hätte, ſie ſehe wirklich dieſe Geſpenſter. „Der Trank, den ihr der Arzt reichte, ſollte das Die Mohicaner von Paris. 1V. 4 50 Fieber beſänftigen und, das Fieber beſänftigend, dieſen abſcheulichen Alp verſchwinden machen; es bemühte ſich auch Jedermann, ſie zum Nehmen dieſes Trankes zu bewegen: der Arzt, die Krankenwärterin, die Brocante, Babolin, und ſogar ein Commiſſivnär, der gerade an⸗ weſend, und den ſie ungemein liebte, wenn ſie bei Ver⸗ nunft war. Die Broeante wollte ſie mit Gewalt trin⸗ ken machen; doch das Mädchen mit ſeinen mageren Aemrchen war ſtärker, als die Hexe. „„Nimmt ſie dieſen Trank nicht löffelweiſe, ſo iſt ſie vor morgen Abend todt!““ ſprach traurig der Arzt. „„Was iſt zu thun?““ fragte die Prinzeſſin. S„Ich weiß es wahrhaftig nicht,““ antwortete der rzt. „„Doctor, Doctor,““ ſprach die Prinzeſſin wei⸗ nend,„„ich bitte Sie inſtändig, wenden ſie Ihre ganze Wiſſenſchaft an, um das arme Kind zu reiten! Mir ſcheint, wenn ich ſo gelehrt wäre wie Sie, ich fände ein Mittel, es zu retten!““ „„Ach! Prinzeſſin,““ erwiederte der Doctor, den Kopf ſchüttelnd,„„die Wiſſenſchaft iſt in einem ſolchen Falle unmächtig! Ihr gutes Herz inſpirire Sie alſo; ich, was mich betrifft, ich kann mich nur vor dem un⸗ überwindlichen Widerſtande dieſes Kindes demüthigen.““ „In dieſem Augenblicke trat der Commiſſionär mit Thränen in den Augen hinzu und verſprach der kleinen Kranken Puppen, Spielzeug, Schäfereien, ſchöne Klei⸗ der, Perlen, um Halsbänder daraus zu verfertigen; doch Alles war vergebens. Man hätte glauben ſollen, Roſe⸗de⸗Noöl ſei taub: ſie rührte ſich nicht; ſo daß der arme junge Mann, nachdem er es durch alle mögliche Mittel verſucht hatte, ſie ſeine Stimme erkennen zu machen, ſich mit gepreßtem Herzen in einen Winkel der Stube zurückzog: ein Vater hätte nicht ſo troſtlos vor der Leiche ſeines Kindes geſchienen. „Der kleine Babolin war auch ſehr betrübt, und er erzählte Roſe⸗de⸗Nosl alle Geſchichten zum Lachen, lie rit Th ſta We geſi doc ſpre plö Sti Tor es! eine in 2 war wie ieſen ſich s zu ante, an⸗ Ver⸗ trin⸗ eren o iſt lrzt. der wei⸗ anze Mir inde den chen ſo; un⸗ „. mit nen lei⸗ enz en, der che zu der or nd n, 51 die er ihr ſonſt zu erzählen pflegte; doch ſie antwortete ihm nicht, ebenſo unempfindlich für ſeine Worte, ſeine Küſſe, ſeine Bitten, als die Sinnpflanze dort, wenn ihr Schlaf gekommen iſt, und ſie ihre Arme gekreuzt hat. „Die Zeit verging indeſſen, und das kleine Mäd⸗ chen nahm den Trank nicht. „Was war zu thun? Jedermann hatte es verſucht, und Jedermann war geſcheitert. „Da war die Reihe an der Prinzeſſin, ſich ans Bett zu ſetzen, den Kopf der kleinen Kranken zu neh⸗ men und ſie zärtlich zu küſſen; und wenn ich ſage, die Prinzeſſin, ſo täuſche ich mich abermals: ich muß ſagen die Fee, denn es geſchah wirklich durch eine Macht über alle Mächte der Erde, daß die Kleine, welche die Augen ſeit dem Morgen geſchloſſen hatte, ſie plötz⸗ lich öffnete und mit freudigem Tone ausrief: Sie erkenne ich, Sie ſind die Fee Ca⸗ rita. „Die Augen aller Anweſenden befeuchteten ſich von Thränen, doch von Thränen des Glückes, wohl ver⸗ ſtanden: das Mädchen hatte die einzigen vernünftigen Worte geſprochen, die es ſeit dem vorhergehenden Tage geſagt. „Jeder wollte hinzuſtürzen und Roſe⸗de⸗Noöl küſſen; doch der Arzt ſtreckte die Arme aus, ohne ein Wort zu ſprechen, aus Furcht, die menſchliche Stimme könnte plötzlich dieſen Funken auslöſchen, den die göttliche Stimme in ihr entzündet hatte. „„Ja, meine liebe Kleine,““ ſprach mit fanftem und ſehr langſam die Prinzeſſin,„„ja, ich bin e 1. Carita! Carita!““ wiederholte die Kleine mit einem ſolchen Ausdrucke, daß dieſer ſchöne Name, der in Aller Munde nur ein Name reizender als die andern war, in dem ihrigen etwas wie ein heiliger Geſang, wie ein ſüßes Lied wurde. „„Liebſt Du mich, Roſette?““ fragte die Prinzeſſin. 52 „„Oh! ja, Frau Fee,““ antwortete das Kind. „„Dann wirſt Du wohl anhören, was ich Dir ſagen will.““ „„Ich höre!““ „„Nun wohl, ſo trinke dies,““ ſprach die Prin⸗ zeſſin, indem ſie dem Mädchen einen Löffel voll von dem reichte, den ihr der Arzt von hinten gegeben hatte. „Die kleine Kranke öffnete, ohne zu antworten, den Mund, und Carita ließ ſie einen Löffel voll von dem heilſamen Tranke ſchlucken. „„Trinkt ſie ſo vierundzwanzig Stunden lang, ſo iſt ſie gerettet,““ ſagte der Arzt. „„Leider, mein Fräulein,““ fügte er bei,„„leider befürchte ich, ſie wird fortfahren, Alles zurückzuſtoßen, was ihr eine andere Hand bietet, als die Ihrige.““ „„Ei!““ erwiederte die gute Fee,„„ich gedenke wohl, mit Erlaubniß meines Vaters, bei Roſe⸗de⸗Noöl zu wachen, bis ſie außer Gefahr iſt „„Meine Tochter,““ ſagte der General,„„s gibt Arten von Erlaubniß, um die man ſeinen Vater nicht bittet, denn ihn darum bitten heißt annehmen, er könnte ſie verweigern.““ „„Meinen Dank, lieber Vater,““ ſprach die Fee, den General küſſend. „„Mein Fräulein,““ ſagte der Arzt,„„Sie ſind der Engel der Güte!““ „„Ich bin die Tochter meines Vaters, mein Herr,““ antwortete einfach die Fee. „Jedermann, die Brocante, die Krankenwärterin und die Fee Carita ausgenommen, entfernte ſich, und der General nahm Babolin mit, der der Prinzeſfin Alles zurückbrachte, was nöthig war, um die Racht bei Roſe⸗de⸗Noél zuzubringen. „Carita blieb vier Tage und vier Nächte in dieſer abſcheulichen Stube, und geſtattete ſich keine Ruhe, als„ von Stunde zu Stunde, wenn die Kleine ihren Löffel v — Pe der au ber Brin⸗ dem eben rten, von ſo eider ßen, . ene Noél gibt richt nnte Fee, ſind „ rin und ſfin bei ſer als ffel 53 voll Arznei genommen hatte. Mehr noch: von dem Augenblicke an, wo ſie anweſend, erlaubte ſie der Kran⸗ kenwärterin, deren Geſicht Roſette widerwärtig war, nicht mehr, ſich dem Bette zu nähernz ſie war es folg⸗ lich, welche der Kleinen die Kataplasmen, die Senf⸗ pflaſter, die Compreſſen von Eiswaſſer auflegte; ſie war es, die ihr die Wäſche wechſelte, die ſie reinigte, die ſie kämmte, die ſie durch ihre Küſſe wach hielt, die ſie durch ihre Lieder einſchläferte. Nach Verlauf von vier Tagen nahm das Fieber endlich ab, und der Arzt erklärte, Roſette ſei gerettet; er forderte die Prinzeſſin auf, nach Hauſe zurückzukeh⸗ ren, wenn ſie nicht ſelbſt krank werden wolle; als Roſe⸗ de⸗Nosl dies hörte, rief ſie: „O Prinzeſſin Carita, kehre geſchwinde zu Dei⸗ nem Vater zurück, denn würdeſt Du krank, weil Du mich gerettet haſt, ſo ſtürbe ich vor Kummer, Dich krank zu wiſſen.““ „Und die Prinzeſſin, nachdem ſie die Kleine tau⸗ ſendmal geküßt hatte, entfernte ſich, ließ aber auf ihrem Bette eine große Pappeſchachtel ganz voll von Weiß⸗ zeug und von glänzenden Stoffen, wie ſie Roſe⸗de⸗Noél liebte, zurück... Von dieſem Augenblicke an ging es bei der Kleinen immer beſſer; und ſollte Einer an der Wahrheit dieſer Erzählung zweifeln, ſo hätte er nur nach der Rue Triperet, Rr. 11, zu gehen und die Brorante und Roſe⸗de⸗Rosl nach der Geſchichte der Fee Carita zu fragen.“ Das Mährchen war beendigt. Abeille ſuchte mit ihren Augen die Augen von Petrus; doch der junge Mann hatte zwiſchen ſich und der kleinen Erzählerin ein großes Blatt graues Papier aufgerichtet. Das Mädchen wandte ſich gegen ſeine Schweſter um; Regina hatte aber, um ihre Verlegenheit zu ver⸗ bergen, vor ihr Geſicht ein großes Bananenblatt nie⸗ dergezogen. ———— 54 Erſtaunt über die Wirkung, welche ſie hervorge⸗ bracht, fragte Abeille, die ſich nicht Rechenſchaft über das verſchämte Geheimniß gab, das jeden von ihren Zuhörern einen Schleier für ſein Geſicht ſuchen machte: n was gibt es denn? ſpielen wir blinde Kuh? WMein Mährchen iſt beendigt; iſt es ihre Zeichnung auch, Herr Maler?“ „Ja, mein Fräulein,“ antwortete Petrus, indem er Abeille das graue Blatt Papier reichte. Die Kleine fiel über die Zeichnung her, und nach⸗ dem ſie einen raſchen Blick darauf geworfen, ſtieß ſie, ihr Portrait erkennend, einen Schrei aus; dann lief ſie zu Regina und ſagte: „Oh! ſieh die ſchöne Zeichnung, Schweſter!“ Es war in der That eine ſchöne, eine wunderbare Zeichnung während der Erzählung des Mädchens im⸗ proviſirt und ſo ſchnell als das Wort gekommen. Im Hintergrunde ſah man das Boulevard bei der Barrière de Fontainebleau, was man am Horizont er⸗ kannte. Auf dem erſten Plane, mitten unter ihren Hunden, die ſie leckten, die Krähe auf ihrer bloßen Schulter, ſaß mager, bleich, mit unordentlichen Haaren und ſchnatternd Roſe⸗de⸗Nosl oder vielmehr ein Mäd⸗ chen, das einige Aehnlichkeit mit ihr hatte;— denn das Elend und die Krankheit haben das Traurige, daß ſie auf alle Geſichter daſſelbe Mahl drücken.— Vor dem Mädchen war Regina als Amazone gekleidet, wie das erſte Mal, wo Petrus ſie hatte vorüberkommen ſehen. Auf dem zweiten Plane, zu Pferde, der Mar⸗ ſchall von Lamothe⸗Houdan, am Zaume den ſchönen Rappen haltend, den Regina ſo meiſterhaft führte; auf demſelben Plane endlich wie ihre Schweſter, hinter einer Ulme und ſich auf der Fußſpitze erhebend, ſuchte Abeille, zugleich neugierig und furchtſam, zu ſehen, ohne geſehen zu werden, was zwiſchen Regina und Roſe⸗de⸗ Noél vorging. orge⸗ ſchaft von uchen linde ihre dem ach⸗ ſie, f ſie are im⸗ der er⸗ ren zen ren id⸗ nn aß or ie en en uf er te e 55 Dieſe mit feſter Hand gemachte Zeichnung wat eine wunderbare Ueberſetzung des Feenmährchens von Abeille; Regina ſchaute ſie kange an, und während ſie dieſelbe anſchaute, bezeichnete der Ausdruck ihres Ge⸗ ſichtes das tiefſte Erſtaunen. In der That, wer war denn dieſer junge Mann, der zugleich den ſchwermüthigen, krankhaften Ausdruck vom Geſichte von Roſe⸗de⸗Noöl und dieſe Amazonen⸗ tracht, mit der ſie, Regina, an jenem Tage bekleidet war, errieth? Sie machte tauſend Conjecturen, jedoch ohne zur Wahrheit zu gelangen. Dann ſprach ſie im Tone vollſter Bewunderung zu dem Mädchen: „Abeille, Du batſt mich eines Tages im Louvre, Dir eine Zeichnung von einem Meiſter zu zeigen: nun, ſchau' dieſe an, mein Kind, denn wahrhaftig, das iſt eine.“ Der Künſtler erröthete vor Stolz und Wonne. Dieſe erſte Sitzung war reizend, und Petrus, nach⸗ dem er eine neue auf den zweiten Tag nachher verab⸗ redet hatte, verließ das Hotel berauſcht von der Schön⸗ heit und der Herzensgüte der Prinzeſſin Carita. LXXXIII. Familienrevue. „ Die zweite Sitzung war in allen Punkten der erſten ähnlich; ſie wurde abermals erheitert durch das Plau⸗ dern des Kindes, und wie das erſte Mal verließ Petrus entzückt das Hotel Lamothe⸗Houdan. Es vergingen vierzehn Tage ſo; von zwei zu zwei Tagen gab Regina dem jungen Manne Sitzung: da verbrachten der Künſtler, Regina und das Kind Stun⸗ den, welche Petrus ſich hätte mögen in's Unendliche ver⸗ längern ſehen. An den Tagen, wo eine Lection die kleine Abeille zurückhielt, führte Regina, treu der Ermahnung von Petrus, ihr Geſicht durch die Plauderei zu beleben, das Geſpräch auf den erſten den beſten Gegenſtand; und der erſte der beſte Gegenſtand nahm, Anfangs gleichgültig, bald ein wachſendes Intereſſe an; denn Regina ent⸗ rollte bei jeder Gelegenheit vor den Augen von Petrus Schätze von Wiſſen, Herzensgüte und Geiſt, Die Converſation entſpann ſich gewöhnlich über die Malerei und die Bildhauerkunſt: man ließ die Ma⸗ ler aller Zeiten und aller Länder die Revue paſſiren; Petrus war im Antiken gelehrt, wie Winkelmann und Cicognara; Regina, welche Reiſen in Flandern, Ita⸗ lien und Spanien gemacht hatte, kannte Alles, was Großes in dieſen drei Schulen zu Tage gefördert wor⸗ den war.— Von der Malerei ging man ſodann zur Muſik über; auch hierin kannte ſie Alles, von Porpora bis Auber, von Haydn bis Roſſini. Von der Muſik kam man zur Aſtronomie; von der Aſtronomie zur Bo⸗ tanik: es iſt mehr Verwandtſchaft, als man glaubt, zwi⸗ ſchen den Sternen und den Blumen; die Sterne ſind die Blumen des Himmels, die Blumen ſind die Sterne der Erde. Als aber dieſe Gegenſtände erſchöpft waren, ſprach man von Sympathie, von Anziehungskraft, von Ge⸗ meinſchaft der Seelen. Die jungen Leute machten ſo auf dem leuchtenden Wege des Geiſtes tauſend Reiſen in entfernte Länder; ſie ergingen ſich auf allen öden Küſten; ſie horchten von den Felſenriffen herab auf die Stimmen des Sturmes; ſie vernahmen die geheimnißvollen Geräuſche der Nacht in den Hütten der Urwälder; ſie hüllten ſich endlich ganz in das linnene Gewand der jungen Illuſivnen. Ehe er eine Ahnung von der Heſtigkeit ſeiner — 8———c„——— un⸗ er⸗ ille von das der tig, ent⸗ rus ber Na⸗ en; und ta⸗ vas r⸗ zur ora uſik Bo⸗ wi⸗ ind rne ach He⸗ den er; on es; cht ich ner 57 Liebe hatte, war Petrus verliebt wie ein Wahnfinniger! Es erfaßten ihn oft tolle Verſuchungen, Leinwand und Pinſel auf die Seite zu legen, ſich Regina zu Füßen zu werfen und ihr zu ſagen, er bete ſie an. Trotz der bewunderungswürdigen Selbſtbeherrſchung, welche Re⸗ ging beſaß, ſchien es Petrus manchmal, das Auge des Mädchens verweile auf ihm mit einem Ausdrucke, den er zu Gunſten ſeiner Liebe deutete; aber neben dieſem gab ſich eine ſo erhabene Würde in den geringſten Ge⸗ berden von Regina kund, daß die Worte ſtarben, ehe ſie auf den zitternden Lippen des jungen Mannes ge⸗ boren waren; ſo daß er, nachdem er mit Regina in den Gefilden des Himmels umhergeſchweift war, wie ein hochmüthiger Titan, vom Blitze zerſchmettert, wieder auf die Erde niederfiel. Was aber, außer der Ehrfurcht, die ihm Regina iſite ſeine Schüchternheit vermehrte, war ihre Um⸗ ebung. Ihr Vater vor Allem, der Marſchall von Lamothe⸗ Houdan, ein alter Soldat des Kaiſerreichs, obgleich Edelmann von altem Geſchlechte, was er war, aber ſeit 1815 zu ſeinen royaliſtiſchen Grundſätzen zurückgekom⸗ men, und zum Marſchall gemacht beim ſpaniſchen Feld⸗ zuge im Jahre 1815, hatte unter Allem dem die Tra⸗ ditionen vielleicht mehr noch des ſiebzehnten, als des achtzehnten Jahrhunderts bewahrt; er war zugleich voll von Güte, Stolz und ſteifem Ernſte, beſonders in Be⸗ treff der Künſtler. Von Zeit zu Zeit kam er in den Papillon, der als Atelier diente, überwachte das Por⸗ trait ſeiner Tochter, und gab Petrus genau dieſelben Rathſchläge, die er einem einen Flügel ſeines Hotels ausbeſſernden Maurer gegeben hätte. Sodann die alte übermüthige Perſon, welche Re⸗ gina an dem Tage begleitete, wo ſie den Maler auf⸗ ſuchte, damit er ihr Portrait mache. Dieſe Dame, eine Tante von Regina, Ramens Marquiſe de la Tournelle, war durch ihren verſtorbenen Gemahl mit dem ganzen ———— * 58 bigotten Adel ihrer Zeit verwandt; vom Erzbiſchof bis zum letzten Kirchenvorſteher der Pfarre kannte ſie alle Kirchenmänner, wie ſie vom Präſidenten der Pairskam⸗ mer bis zu den Huiſſiers von Herrn von Talleyrand alle Männer der Politik kannte. Sodann der Graf Rappt, ihr Günſtling, Mitglied der Kammer der Abgeordneten, Chef von einer der mächtigſten Fractionen der Rechten, früher Adjutant des Marſchalls. Das war ein Mann von neun und dreißig bis vierzig Jahren, kalt, tavfer, ehrgeizig, un⸗ ter einer Eismaske alle die zu Grunde richtenden Lei⸗ denſchaften des Spiels verbergend, welche an der Börſe ihren Urſprung nehmen und beim grünen Teppich aus⸗ laufen. Während dieſer vierzehn Tage war er dreimal gekommen, und obſchon er ſich herabgelaſſen, dem Por⸗ trait eine ganz beſondere Aufmerkſamkeit zu gewähren, hatte er doch Petrus äußerſt mißfallen. Die einzige Perſon, deren Gegenwart dem jungen Maler angenehm war, war Madame Lydie von Märande, eine Penſionsfreundin von Regina, welche ungefähr zwei Jahre vörher einen der reichſten und populärſten Bangüiers der Zeit, ein Mitglied der Kammer der Abgeordneten, wo er beharrlich Oppoſition gegen die royaliſtiſche Partei machte, geheirathet hatte. Es befand ſich noch eine Perſon im Hauſe, von der Petrus oft Regina und Abeille hatte reden hörenz das war die Marſchallin von Lamothe⸗Houdan, die Mutter der zwei Mädchen; ſie war von ruſſiſcher Herkunft und Tochter eines Fürſten;— hievon kam der Titel Prin⸗ zeſſin, den man zuweilen aus Höflichkeit Regina gab. Wir werden dieſe verſchiedenen Perſonen wieder⸗ finden, ſowie wir derſelben für die Entwickelung ueiſe⸗ rer Handlung bedürfen. Verlaſſen wir ſie alſo einen Moment, um einen Blick auf einen Verwandten von Petrus zu werfen, der ſeinerſeits berufen iſt, einige Wichtigkeit im Laufe unſerer Erzählung zu erlangen. In einem Hotel der Rue de Varennes,— eine 59 traurige, ariſtokratiſche Straße, wie es nur eine geben konnte,— wohnte der Graf Herbel von Courtenay, ein Oheim von Petrus, der ältere Bruder ſeines Vaters. Geboren in St. Malo, hatte der Graf Herbel im Jahre 1784 Ludwig XVI. ſeine thätige Ergebenheit und die Mitwirkung ſeiner Landsleute,— Officiere vom Genie oder von der Marine wie er,— ange⸗ boten. Als zwei Jahre nachher die geſetzgebende Ver⸗ ſammlung die Aufhebung der königlichen Functionen beſchloß und von den Truppen einen Eid forderte, in welchem der königliche Name nicht ausgeſprochen wurde, führten mehrere Officiere, dieſen Eid als der Redlich⸗ keit entgegen betrachtend, ganze Regimenter weg, wan⸗ derten mit Sack und Pack aus, und begaben ſich nach Coblenz, wo der Prinz von Condé, Chef der bewaffne⸗ ten Emigration, ſein Hauptquartier aufgeſchlagen hatte. Der Graf von Herbel war dieſem Wege nicht ge⸗ folgt: wie Chateaubriand hatte er das Atlantiſche Meer durchſchifft, und er befänd ſich in New⸗Orleans, als er die Ereigniſſe vom 10. Auguſt und die Einkerkerung des Königs erfuhr. Da ſchien es ihm, die Stimme des ſterbenden Königthums rufe ihm zu, der Platz eines Edelmanns ſei zu ſolcher Stunde nicht in Amerika, ſondern an den Ufern des Rheins; er reiſte daher mit dem erſten Schiffe ab, das nach England unter Segel ging, landete in Holland, und kam von Holland nach Coblenz. Hier fand er den Kern des royaliſtiſchen Heeres, gebildet aus den Gardes du Corps, die, nach dem 5. und 6. October entlaſſen, nicht in Frankreich geblieben waren; ein Heer, welches man dadurch vervollſtändigte, daß man ihm Emigranten einverleibte, die von allen Punkten Frankreichs herbeigekommen waren. Man ſtellte,— und das war keiner der geringſten Vorwürfe, die man den Emigranten machte,— man ſtellte auf dem Fuße, auf dem es unter Ludwig XV. geweſen war, das 60 ehemalige Civil⸗ und Militärhaus des Königs wieder her; man ſah die Compagnien der Musketiere, der Chevau⸗ légers, der Garde⸗Gendarmen, und endlich der Gar⸗ des⸗frangaiſes unter dem Namen Hommes d'armes à pied wiedererſcheinen. Der Vicomte von Mirabeau,— derjenige, welchen man Mirabeau⸗Tonneau nannte,— brachte eine Legion auf die Beine, zu der das iriſche Regiment Berwick gehörte, Soldaten, deren Väter ſchon ſich eher exilirt, als Jacob Stuart, ihren legitimen König, verlaſſen hatten. Als der Graf de la Chätre von der Erzherzogin Chriſtine die Erlaubniß erhalten hatte, in der Stadt Ath eine Cantonnirung von Edelleuten zu errichten, reihten ſich tauſend Officiere von allen Waffengattungen um ihn. Endlich warb man Corps unter dem Namen jeder Provinz an, und das Aufgebot des Adels wurde ge⸗ bildet. Bemerken wir beiläufig, daß dieſer Adel, der aus ſeinem individuellen und folglich egviſtiſchen Geſichts⸗ punkte entſchuldbar ſein konnte, daß er gegen ſein Va⸗ terland diente, einen Luxus zur Schau ſtellte, welcher nicht wenig dazu beitrug, die Gleichgültigkeit und den Mißeredit entſtehen zu machen, worein er bei den Für⸗ ſten an den Ufern des Rheins bei den fremden Souverains gefallen war; denn es geziemen ſich weder der Luxus, noch die Weichlichkeit für Geächtete, und der Ort, der ihnen als Aſyl dient, muß mehr einem Lager gleichen, wo Soldaten wachen, als einem Boudoir, wo Höflinge ſchlafen, ſpielen oder ſcherzen. Der Graf von Herbel, geboren am Ufer des Oceans, auf dem rauhen Geſtade von St. Malo, war ſeit ſei⸗ ner Kindheit an die düſtern Schauſpiele des Meeres gewöhnt, und dieſes weibiſche Leben, das man in Cob⸗ lenz führte, flößte ihm einen tiefen Ekel ein. Er war⸗ tete daher mit Ungeduld auf die Gelegenheit, ſich zu ſchlagen, und nachdem er ſieben bis acht Monate, 3 N — tet de eder vau⸗ Far⸗ es à chen auf örte, acob ogin tadt hten, ngen eder ge⸗ aus chts⸗ Ba⸗ ſcher den Für⸗ nden eder der ager wo ans, ſei⸗ eres Cob⸗ war⸗ zu nach 61 den Launen der Cabinete von Oeſterreich und Preußen, dieſes ſeltſame Leben der Emigration, von Schlachtfeld zu Schlachtfeld, hingeſchleppt hatte, in Geſellſchaft der Herzoge de la Vauguyon, de Cruſſol und de ka Trs⸗ mouille,— welche wie er vom Generalſtabe des Prinzen von Condé waren,— wurde er am 19. Juli 1793, am Tage der Erſtürmung mit dem Bajonnete der Redoute von Bellheim durch den Herrn Generalmajor Vicomte von Salgues, gefangen genommen. Schwer verwundet, ſollte der Graf Herbel vollends vom Säbel eines republicaniſchen Soldaten zuſammen⸗ gehauen werden, als dieſer ihm zurief, er möge Pardon verlangen. „Wir gewähren immer, aber wir verlangen nie,“ antwortete der Graf. „Du biſt würdig, ein Republicaner zu ſein!“ rief der Reiter. „Ja; doch leider bin ich es nicht.“ „Du kennſt das Loos, das die Emigranten erwar⸗ 3 welche mit den Waffen in der Hand ergriffen wer⸗ en?“ „Auf der Stelle erſchoſſen.“ „Ganz richtig.“ Der Graf Herbel zuckte die Achſeln. „Nun,“ ſprach er,„wozu ſagſt Du mir denn, ich ſoll Pardon verlangen, Dummkopf?“ Der republicaniſche Soldat ſchaute ihn mit einem gewiſſen Erſtaunen an, obgleich die Soldaten der Re⸗ publik nicht leicht in Erſtaunen geriethen. In dieſem Augenblicke brachte man drei andere Edelleute, Gefangene wie der Graf von Herbel; ſie lagen gebunden und geknebelt in einem Wagen. Die⸗ jenigen, welche ſie brachten, berathſchlagten einen Mo⸗ ment mit dem Soldaten, der den Grafen Herbel ge⸗ gngen genommen hatte; dann ließ man den Grafen zu ſeinen Gefährten aufſteigen, und man ſchlug den Weg nach einem kleinen Walde ein, der in der Nähe der 62 Stadt lag: das geſchah offenbar, um ſie zu erſchie⸗ en. al Als man in den Wald kam und man die Gefange⸗ nen hatte vom Wagen herabſteigen laſſen, trat derjenige, de welcher den Grafen Herbel gefangen genommen hatte, auf dieſen zu und ſagte zu ihm: „Du biſt Bretagner!“ „Und Du auch,“ erwiederte der Graf. in „Wenn Du das bemerkt haſt, warum haſt Du es nicht früher Seſite „Haſt Du nicht gehört, daß wir nie um Pardon bitten? Dir ſagen, ich ſei Dein Landsmann, hieß Dich um Pardon bitten.“ Der Reiter wandte fich gegen ſeine Kameraden um und ſagte: F „Das iſt ein Landsmann.“ „Nun?“ fragten die Andern. ſpa „Nun,“ erwiederte der Reiter,„man ſoll nicht ſa⸗ gen, ich habe einen Landsmann erſchoſſen.“ Gr „So erſchieße ihn nicht, Deinen Landsmann.“„ic „Ich danke, Kameraden.“ gen Alsdann näherte er ſich dem Grafen und nahm ihm ode die Stricke ab, mit denen ſeine Hände gebunden waren. „Bei Gott!“ ſagte der Graf,„Du thuſt mir einen der großen Gefallen, denn ich ſtarb vor Verlangen, eine mir Priſe Tabak zu nehmen.“ laſſ Und er zog aus ſeiner Weſte eine goldene Taba⸗ E tiere, öffnete ſie und bot ſie höflich dem Republicaner blik dar, der verneinend den Kopf ſchüttelte; dann ſchlürfte er eine große Priſe Spaniol. die Die Republicaner ſchauten lachend dieſen Mann publ an, welcher in dem Augenblicke, wo er glaubte, er werde dige erſchoſſen, mit ſo viel Wonne eine Priſe Tabak ſchlürfte. „Nun, Landsmann,“ ſagte der Reiter,„nun, da den Du Deine Priſe genommen haſt, mache Dich aus dem hen, Staube!“ gebe „Wie, ich ſoll mich aus dem Staube machen?“ hie⸗ nge⸗ ige, atte, 1es don Dich um 63 „Ja; im Namen der Republik begnadige ich Dich als einen Braven?“ „Und begnadigt man auch meine Gefährten?“ fragte der Graf. „Oh! was das betrifft, nein,“ erwiederte der Reiter, „ſie werden für Dich bezahlen.“ „Dann bleibe ich,“ ſprach der bretoniſche Officier, indem er ſeine Tabatiere wieder in ſeine Taſche ſteckte. „Du bleibſt?“ „Um erſchoſſen zu werden?“ „Allerdings!“ „Ah! Du biſt wohl wahnſinnig!“ „Nein; doch ich bin Bretagner, und ich begehe keine Feigheit.“ „Auf, vorwärts, fliehe! in zehn Minuten iſt es zu ſpät. „Ich bin mit ihnen ausgewandert,“ antwortete der Graf, während er ſeine Hände in ſeine Taſchen ſteckte; „ich habe mit ihnen geſtritten, ich bin mit ihnen gefan⸗ gen genommen worden: ich werde mit ihnen fliehen oder mit ihnen ſterben. Iſt das klar?“ „Nun wohl, Du biſt ein braver Landsmann!“ ſagte der republicaniſche Reiter,„und um Deinetwillen und ni zu Liebe werden Euch meine Kameraden Alle frei aſſen.“ „Jaß doch ſie ſollen rufen:„„Es lebe die Repu⸗ blik!““ ſprach Einer von den Reitern. „Höret Ihr, Kameraden?“ fragte der Graf Herbel; „dieſe Braven da ſagen, wenn Ihr:„„Es lebe die Re⸗ rufen wollet, ſo werden ſie uns Alle begna⸗ igen.“ „Es lebe der König!“ riefen die drei Edelleute, den Kopf ſchüttelnd, um ihre Hüte herabfallen zu ma⸗ chen, weil ſie ihren Ruf mit entblößtem Haupte von ſich geben wollten. „Es lebe Frankreich!“ rief eiligſt der bretoniſche 64 Reiter mit ſeiner ſtärkſten Stimme, in der Hoffnung, ihre Stimme zu bedecken. „Dh! das, ſo vft Ihr wollt,“ ſagten die vier Edel⸗ eute. Und alle Vier riefen einſtimmig: „Es lebe Frankreich!“ „Nun denn!“ ſagte der Landsmann des Grafen, indem er ſie Einen nach dem Andern losband,„flieht vom Erſten bis zum Letzten, und Alles ſei abgethan.“ Und der kleine republicaniſche Trupp ſtieg wieder zu Pferde, entfernte ſich im Galopp und rief den Roha⸗ liſten zu: „Viel Glück! und erinnert Euch bei Gelegenheit deſſen, was wir für Euch gethan haben.“ „Meine Herren,“ bemerkte der Graf von Herbel, „ſie haben Recht, daß ſie uns ſagen, wir ſollen nicht vergeſſen, was ſie für uns gethan, dieſe braven Sans⸗ culottes; denn ich weiß nicht, ob wir uns an ihrer Stelle ſo edel benommen hätten, wie ſie.“ Am 13. October deſſelben Jahres, nach der Ein⸗ nahme von Lauterburg und Weißenburg, wo an der Spitze ſeines Bataillons der Graf Herbel nach und nach drei Redouten erſtürmt, zwölf Kanonen und fünf Fah⸗ nen erobert hatte, beglückwünſchte ihn der General Graf von Wurmſer, der Obercommandant der öſterreichiſchen Armee, und der Prinz von Condé umarmte ihn vor ſeinen Waffengefährten und ſchenkte ihm ſeinen eigenen Degen. die Monarchie zu ſterben als eine erhabene Pflicht er⸗ ſchien, ſo widerſtrebte ſeinem Gewiſſen der Bürgerkrieg, den er in Gemeinſchaft mit den feindlichen Heeren zu machen genöthigt war. Wohin gingen ſie überdies, alle dieſe franzöſfiſchen Emigranten, im Schlepptau der fren⸗ den Soldaten, deren Eroberungsgeiſt ſich bei jeder Ge⸗ legenheit offenbarte? Waren ſie nicht auf falſchem Wege und der Prinz von Conds, der mit ſeinem Blute u 3 Poch eben ſo wie dem bretoniſchen Edelmanne für Ta Deu nien nach alle endi weld ng, del⸗ fen, ieht m.“ eder ya⸗ heit bel, nicht ans⸗ hrer Ein⸗ der nach Fah⸗ Graf ſchen vor enen e für t er⸗ krieg, n zu „ale frem⸗ Wege, und 65 mit dem ſeiner Gefährten dieſen verzweifelten Verſuch unternahm, war er nicht der Bethörte der verbündeten Souverains? In der That, die Bewohner unſerer Gränzen, welche Verdacht gegen die Ergebenheit Oeſterreichs und Preußens für die franzöſiſche Monarchie zu ſchöpfen anfingen, erhoben ſich nicht mehr beim Aufrufe der rohaliſtiſchen Heere; ſie erkannten Eroberer da, wo ſie Befreier zu finden gehofft hatten, und verhüllten ſich das Geſicht beim Anblicke der fremden Heere. Die Erfahrung,— welche den Fürſten, wie den anderen Menſchen kommt, nachdem die Fehler begangen ſind, die ihnen aber nur ſpäter kommt,— die Erfah⸗ rung war ſchon für den Grafen Herbel gekommen; und mehr aus Pflicht, als aus Ueberzeugung folgte er der Armee von Condé bis zum 1. Mai 1801, an welchem Tage die Verabſchiedung dieſer Armee ſtattfand. „ LXXXIV. Der General Graf Herbel von Courtenay. Die Auflöſung der Armee von Condé warf nach Deutſchland, in die Schweiz, nach Italien, nach Spa⸗ nien, nach Portugal, nach den Vereinigten Staaten, nach China, Peru, Kamtſchatka, mit einem Worte auf alle Punkte der Erde Tauſende von Emigranten, welche endigten, wo ſie hätten anfangen müſſen, das heißt, welche, ſtatt die Waffen gegen Frankreich zu führen, von den Künſten, den Wiſſenſchaften, dem Ackerbau, dem Handel Mittel des Unterhalts forderten. Der Herr Marquis von Boisfranc, Kapitän der Die Mohicgner von Paris. M. 5 66 Dragoner des Prinzen von Condé, wurde Buchhändler in Leipzig; der Herr Graf von Caumont la Force wurde Buchbinder in London; der Herr Marquis de la Mai⸗ ſon⸗Fort wurde Buchdrucker in Braunſchweig; der Herr Baron von Mounier gründete eine Erziehungsanſtalt in Weimarz der Herr Graf de la Fraylaie wurde Zei⸗ chenmeiſter; der Herr Chevalier von Payen Schreib⸗ meiſter; der Herr Chevalier von Botherel Fechtmeiſter; der Herr Graf von Pontual Tanzmeiſter; der Herr Her⸗ zog von Orleans Lehrer der Mathematik; der Herr Graf von Las⸗Cazes, der Herr Chevalier von Hervé, der Herr Abbé von Levizac, der Herr Graf von Pomblanct wur⸗ den Lehrer der franzöſiſchen Sprache; der Herr Mar⸗ quis von Chavannes unternahm den Handel mit Stein⸗ kohle; der Herr Graf von Cornullier-Lucinieres fand einen Platz als Gärtner; die Familie Polignac endlich trieb in der Ukraine und in Lithauen Feldbau, wie dies Dupont von Nemours in New⸗York, der Graf de la Tour du Pin an den Ufern des Delaware, und der von Lezay⸗Marneſia an den Ufern des Scioto thaten. Der Graf von Herbel flüchtete ſich nach England und gedachte ſich, wie die Anderen, mit einer Induſtrie zu verſehen, die ihm Lebensunterhalt verſchaffen würde; nur verſtand der Graf von Herbel, der Erſtgeborene einer großen Familie, Eigenthümer eines ungeheuren Vermögens, das von der Nation als Emigrantengut confiscirt worden war, nichts Anderes, als ſich zu ſchla⸗ ent er war alſo in größter Verlegenheit. Er hatte einen Augenblick den Gedanken, das An⸗ erbieten eines Dragoner⸗Kapitäns anzunehmen, der ihm unentgeldlich Lectivnen in der Guitare geben wollte, damit er mit Nutzen Anderen auf dieſem Inſtrumente Unterricht ertheilen könnte; doch überzeugt vom nahen Verfalle deſſelben ſchlug der General das Anerbieten des Kapitäns aus und ſuchte mit größter Beharrlichkeit ein rer ſig ein ihn all dan nen ſeir mit beſe des um hol⸗ an rica ſchw wurt wurt Ben Alles gen, erhie Adm Stro groß Der Abk ler rde ai⸗ err talt ei⸗ ib⸗ er er⸗ raf err ur⸗ tar⸗ ein⸗ fand lich wie f de der ioto land ſtrie rde; rene uren ngut chla⸗ An⸗ ihm ollte, nente ahen des t ein Strande ein Maga 67 lucrativeres und minder der Mode unterworfenes Ge⸗ werbe. Als er eines Abends am Ufer der Themſe ſpazie⸗ ren ging, ſah er einen engliſchen Straßenjungen em⸗ ſig beſchäftigt, mit einem Federmeſſer ein, ungefähr einen Fuß langes, Stück Holz zu ſchnitzen. Er blieb ſtehen, ſchaute den Jungen an, lächelte ihm wohlwollend zu, als dieſer ihn auch anſchaute, und allmälig ſah er das Stück Holz einen Schiffsrumpf, dann das lebendige Werk einer Brigg von zehn Kanv⸗ nen in Miniatur werden. Er erinnerte ſich einſt mit ſeinem jüngeren Bruder,— einem wüthenden Seemanne, mit dem wir uns ſpäter als mit dem Vater von Petrus beſchäftigen müſſen,— er erinnerte ſich auch, ein Sohn des Oceans, ein Kind der bretanniſchen Küſte,kleine Schiffe, um die ſich ſeine Kameraden riſſen, geſchnitzt zu haben. Ehe er nach Hauſe ging, kaufte der Graf Tannen⸗ holz und Werkzeug, und von dieſem Augenblicke fing er an Schiffe aller Nationen zu verfertigen, von der ame⸗ ricaniſchen Corvette mit den ſchlanken Spieren bis zur ſchwerfälligen chineſiſchen Jonke. as Anfangs eine Unterhaltung geweſen war, wurde eine Induſtrie; was eine Induſtrie geweſen war, wurde eine Kunſt; Größe, Schnitt, Segel, Anſtrich, Benützung der Räume, Takelwerk, der Graf ſtudirte Alles; bald machte er etwas Beſſeres als Nachahmun⸗ gen, er machte Modelle. Dank ſei es dem Rufe, den er ſich erworben hatte, erhielt er am Ende die Stelle eines Conſervators der Admiralität von London; was ihn nicht abhielt, am zin zu haben, auf deſſen Schild mit großen Buchſtaben die Worte geſchrieben waren: Der General Graf Herbel von Courtenay, Abkömmling der Kaiſer von Conſtantinopel, Holzdreher. Und man traf in der That im Laden des Abkömm⸗ lings von Joſſelin MI. nicht nur die kleinen Modelle von Schiffen, welche den Fond ſeines Geſchäftes bilde⸗ ten, ſondern auch Tabaksdoſen, Kegel, Kreiſel, und eine Menge anderer das Handwerk, das er gewählt, betref⸗ fenden Gegenſtände. Am 26. Mai 1802 wurde die Amneſtie verkündigt. Der Graf Herbel von Courtenah war Philoſoph: in England hatte er ſeine geſicherte Exiſtenz, in Frank⸗ reich hatte er dies nicht; er blieb in England. Er blieb noch 1814, nach der Reſtauration der Bourbonen, und wünſchte ſich Glück, daß er geblieben war, als er die Bourbonen 1815 Frankreich wieder verlaſſen ſah. Er blieb hier bis zum Jahre 1818 und kehrte ſodann mit einem Vermögen von mehr als hundert⸗ tauſend Franken, der Frucht ſeiner Erſparniſſe und des Verkaufs ſeines Magaßins, in ſein Vaterland zurück. Später bekam der Herr Graf Herbel von Courte⸗ nay ſeinen Theil von der Entſchädigungs⸗Milliarde, nämlich zwölfmal hunderttauſend Livres, woraus er ſich eine Rente von ſechzigtauſend Livres machte. Als er wieder reich geworden war, wurde er von ſeinen Landsleuten würdig gefunden, ſie zu vertreten, und im Jahre 1826 in die Kammer der Abgeordneten geſchickt; er nahm hier ſeinen Platz im linken Centrun, wo ihn ſeine Meinungsnuance zwiſchen Martignac und Lameth ſtellte. Hier werden wir ihn 1827 wiederfinden, in dem Augenblicke, wo Herrn von Peyronnet den Geſetzesent⸗ wurf übergeben hat, der, nach dem Ausdrucke von Caf⸗ mir Perrier, keinen andern Zweck hatte, als die Drucke⸗ rei völlig zu vernichten. Die Verhandlung war am Anfange des Februars eröffnet wordenz vierundvierzig Abgeordnete hatten ſic eingeſchrieben, um den Geſetzesentwurf zu bekämpfen⸗ und einunddreißig, um ihn zu vertheidigen. Bemerken wir, daß faſt alle diejenigen, welche das Che derg wen mite Gen ihm loſig von hatte mit und forde deuti Gelé mit folgl reich — d mm⸗ delle ilde⸗ eine tref⸗ digt. oph: ank⸗ blieb und die ehrte dert⸗ d des urte⸗ arde, r ſich von reten, neten trum c und dem esent⸗ Caſi⸗ ruck⸗ ruars npfen, e dn 69 Geſetz vertheidigen ſollten, der religiöſen Partei ange⸗ hörten, während diejenigen, welche es bekämpfen ſollten, zugleich Abgeordnete der ehemaligen Linken und Mit⸗ glieder der Rechten waren, die ſich, obgleich erbitterte Gegner, in einer gemeinſchaftlichen Oppoſition gegen die clericale Partei und Herrn von Peyronnet vereinigt hatten. Unter denjenigen, welche mit Anſtrengung aller ih⸗ rer Kräfte zum nahen Sturze des Miniſteriums bei⸗ trugen, war der Graf von Herbel, der, ein erklärter Feind ſowohl der Republicaner als der Jeſuiten, nur zwei Dinge auf der Welt haßte: die Jacobiner und die Prieſter. Wie la Fahette und Mounier dem angehörend, was man 1789 die conſtitutionelle Partei nannte, fing er an die Vorzüge der parlamentariſchen Regierung zu begrei⸗ ſen; nach dem Beiſpiele von Herrn de la Bourdonnais, ſetzte er das Glück Frankreichs in die Verbindung der Charte mit der Legitimität, und er betrachtete beide als dergeſtalt von einander unzertrennlich, daß er eben ſo wenig die Charte ohne die Legitimität, als die Legiti⸗ mität ohne die Charte wollte. Das neue Geſetz gegen die Preſſe dünkte nun dem General Herbel gewaltſam und albern, und es ſchien ihm viel mehr gegen die Freiheit, als gegen die Zügel⸗ loſigkeit gerichtet. Er ſprang auch auf, als er Herr von Sallabery, der die Discuſſion in Angriff genommen hatte, ſagen hörte, die Druckerei ſei die einzige Plage, mit der Moſes Aeghpten heimzuſuchen vergeſſen habe; und er hätte beinahe Herrn von Peyronnet herausge⸗ fordert, der, gegen ſeine Gewohnheit, bei dieſer zwei⸗ deutigen Pointe des ehrenwerthen Abgeordneten in ein Gelächter ausbrach. Kurz, der General Herbel,— der mit ſeinem Familiennamen Jacques von Courtenay hieß, folglich einen der älteſten und berühmteſten Namen Frank⸗ reichs trug, den Namen des Königs nicht ausgenommen, — der General Herbel, während er durch ſeinen Adel, 70 durch ſeine Inſtincte, durch ſeine Erziehung vom Fau⸗ bourg Saink⸗Germain war, gehörte durch ſeinen ſkepti⸗ ſchen, ſpöttiſchen Geiſt der Voltairiſchen Schule an und, ſo zu ſagen, der modernen Schule durch ſeine vorur⸗ theilsfreien Anſichten. Wie geſagt, nur zwei Secten hatten das Privile⸗ gium, ihn in Wuth zu bringen: die Jeſuiten und die Jacobiner. Es war alſo eine ſeltſame Miſchung von Oppoſi⸗ tionen, dieſer General Herbel. Wollen Sie uns folgen und mit uns bei ihm ein⸗ treten? Wir werden ihn nach unſerer Bequemlichkeit ſtudiren. Er ſoll, wenn nicht eine erſte, doch wenig⸗ ſtens eine wichtige Rolle in unſerem Drama ſpielen, und wir vermöchten nicht ſorgfältig genug zu Werke zu gehen, um von ihm ein ähnliches Portrait zu machen. Man war, wie wir erwähnt haben, am Faſching⸗ Montagz der General, der die Kammer um vier Uhr verlaſſen hatte, war ſo eben in ſein Hotel, in der Rue de Varennes, zurückgekommen. Er lag auf einer Cauſeuſe ausgeſtreckt und las in einem Buche in Quart mit Goldſchnitt und in Saffian gebunden. Seine Stirne war ſorgenvoll, mochte ihn ſeine Lecture ſo beunruhigen, oder war das, was ſeinen Geiſt bewegte, früher als ſeine Lecture und konnte durch dieſe nicht zerſtreut werden. Er ſtreckte den Arm gegen ein Tiſchchen aus, ſuchte umhertappend, ohne daß er zu leſen aufhörte, fand eine Glocke unter ſeiner Hand und klingelte⸗ Beim Geräuſche der Klingel ſchien ſeine Stirne ſich zu erheitern; ein Lächeln der Befriedigung ſchwebte über ſeine Lippen; er ſchloß ſein Buch, während er ſeinen Daumen in der Oeffnung ließ, ſchlug die Augen zum Plafond auf und machte mit lauter Stimme und mit ſich ſelbſt ſprechend folgende Reflerionen: u⸗ ti⸗ nd, ur⸗ ile⸗ die oſi⸗ ein⸗ keit nig⸗ len, ere zu ing⸗ Uhr Rue s in ffian ihn einen nnte uchte eine tirne webte nd er lugen und 71 „Virgil iſt entſchieden nach Homer der erſte Dich⸗ ter der Welt Ja Und gleichſam um ſich ſelbſt Recht zu geben, fügte er bei: „Je öfter ich ſeine Verſe leſe, deſto harmoniſcher finde ich ſie.“ Und ſie mit einer markigen Bewegung ſcandirend, modulirte er aus dem Gedächtniſſe ein Dutzend Verſe der Bucolica. „Hienach ſpreche man mir von den Lamartine, von den Hugo; Träumer, Metaphyſiker, alle dieſe Leute!“ ſagte der General. Und er zuckte die Achſeln. Da die Einſamkeit, in der er ſich befand, obgleich er geklingelt hatte, machte, daß Niemand da war, um ihm zu widerſprechen, ſo fuhr er fort: „Was mich übrigens bei den Alten entzückt, iſt ohne Zweifel dieſe vollkommene Ruhe, dieſe tiefe Hei⸗ terkeit der Seele, welche in ihren Schriften herrſcht.“ Nach dieſer vernünftigen Reflexion hielt er einen inne; dann faltete ſich ſeine Stirne aufs eue. Er klingelte zum zweiten Male, und alsbald trat auf ſeiner Stirne die erſte Heiterkeit wieder hervor. Das Reſultat dieſer Heiterkeit war die Wiederauf⸗ nahme ſeines Monologs. „Faſt alle Dichter, Redner und Philoſophen des Alterthums lebten in der Einſamkeit,“ ſagte er:„Ci⸗ cerv in Tusculum; Horaz in Tiburz Seneca in Pom⸗ peji; und dieſe milden Tinten, welche in ihren Büchern entzücken, ſind wie der Reflex ihrer Meditationen und ihrer Vereinzelung.“ In dieſem Augenblicke faltete ſich die Stirne des Generals zum dritten Male, und er klingelte mit ſolcher Heftigkeit, daß der Klöppel des Glöckchens ſich los⸗ machte und an einen Spiegel zurückſprang, den er bei⸗ nahe zerbrochen hätte. 72 „Franz! Franz! willſt Du nicht kommen, elender Schuft?“ rief der General mit einer Art von Wuth. Bei dieſem energiſchen Rufe erſchien ein Diener, deſſen Tournure an jene vom Gurte ihrer anliegenden Hoſe am Leibe eng umſchloſſenen öſterreichiſchen Sol⸗ daten erinnerte. Er trug eine Art von Kreuz an einem gelben Bande befeſtigt und Corporalsborten. Es war übrigens Grund vorhanden, daß Franz einem öſterreichiſchen Soldaten glich: er war von Wien. Sogleich bei ſeinem Eintritte nahm er die militä⸗ riſche Haltung an,— die Beine an einander gedrückt, die Fußſpitzen auswärts geſetzt, den kleinen inger der linken Hand an der Naht der Hoſe, die offene rechte Hand in der Höhe der Stirne. „Ah! biſt Du endlich da, Burſche!“ ſagte wüthend der Graf. „Ja, ich bin da, mein Generalz ſchon da!“ ant⸗ wortete Franzöſiſch radebrechend der Wiener. „Ja, ſchon da, nachdem ich dreimal gerufen habe, Schurke!“ „Ich habe es erſt das zweite Mal gehört, mein General.“ „Dummkopf!“ rief der General, unwillkürlich über die Raivetät ſeines Stiefelputzers lachend.„Und das Mittagsbrod, wo iſt es denn?“ „Das Mittagsbrod, mein General?“ „Ja, das Mittagsbrod.“ Franz ſchüttelte den Kopf. „Wiel willſt Du etwa ſagen, es gebe kein Mittags⸗ brod, Schlingel?“ „Doch, mein General, es gibt eines; aber es iſt nicht die Stunde.“ „Es iſt nicht die Stunde?“ „Nein.“ „Wie viel Uhr iſt es denn?“ „Ein Viertel auf ſechs Uhr, mein General.“ „Wie, ein Viertel auf ſechs Uhr?“ — 73 „Ein Viertel auf ſechs Uhr,“ wiederholte Franz. Der General zog ſeine Uhr aus der Taſche. „Es iſt bei meiner Treue wahr!“ ſagte er.„Welche Demüthigung für mich, daß dieſer Schlingel Recht hat.“ Franz lächelte vor Freude. „Ich glaube, Du haſt Dir erlaubt, zu lächeln, Schuft?“ rief der General. Franz nickte bejahend mit dem Kopfe. „Und warum haſt Du gelächelt?“ „Weil ich die Stunde beſſer wußte, als mein Ge⸗ al.“ Der General zuckte die Achſeln. „Marſch!“ ſagte erz„und auf den Schlag ſechs Uhr muß das Eſſen auf dem Tiſche ſein.“ Und er las wieder in ſeinem Virgil. Franz machte drei Schritte gegen die Thüre; ſo⸗ dann, ſich plötzlich befinnend, drehte er ſich auf den Abſätzen um, brachte die drei verlorenen Schritte wie⸗ der ein, und befand ſich an demſelben Platze und in derſelben Poſiti ie ei i hr als er ſah den un⸗ durchſichtigen Körper, der ihm, nicht die Sonne, aber den Schatten der Sonne unterbrach. Er erhob die Augen von der Spitze des Schuhs von Franz bis zum Ende ſeiner Finger. Franz war unbeweglich wie ein hölzerner Soldat. „Nun,“ fragte der General,„wer iſt da?“ „Ich bin es, mein General.“ „Habe ich Dir nicht geſagt, Du ſollſt gehen?“ „Mein General hat das geſagt.“ „Warum biſt Du dann nicht gegangen?“ „Ich bin gegangen.“ „Du ſiehſt wohl, daß dies nicht geſchehen iſt, da Du noch da biſt.“ „Oh! ich bin wieder gekommen.“ „Und warum biſt Du wieder gekommen? das frage ich Dich ner 74 „Ich bin wieder gekommen, weil eine Perſon da iſt, die den General ſprechen will.“ „Franz,“ rief der General noch energiſcher, als er es bis dahin gethan, die Stirne faltend,„Unglücklicher, ich habe Dir hundertmal geſagt, wenn ich aus der Kammer komme, liebe ich es, in der Lecture guter Bü⸗ cher meinen Geiſt wieder zu ſtärken, um die ſchlechten Reden zu vergeſſen,— mit andern Worten, ich wolle Niemand empfangen!“ „Mein General,“ erwiederte Franz mit dem Auge blinzelnd,„es iſt eine Dame.“ „Eine Dame?“ „Ja, mein General, eine Dame.“ „Nun wohl, Schlingel, und wenn es ein Biſchof wäre, ich bin nicht zu Hauſe.“ Ah! ich habe geſagt, Sie ſeien zu Hauſe, mein „Du haſt das geſagt?“ „Ja, mein General.“ „Und wem haſt Du das geſagt?“ „Der Dame.“ „Und dieſe Dame iſt?“ „Die Margquiſe de la Tournelle.“ „Tauſend Millionen Donner!“ rief der General, von ſeiner Cauſeuſe auffahrend. Franz ſprang mit geſchloſſenen Füßen rückwärts und befand ſich ein halbes Metre weiter entfernt in derſelben Poſition. „Du haſt alſo der Marquiſe de la Tournelle ge⸗ ſagt, ich ſei zu Hauſe?“ rief der General wüthend. „Ja, mein General.“ „Nun wohl, ſo höre Franz: Du wirſt Dein Kreuz und Deine Borten abnehmen, Du wirſt ſie ſorgfältig in Deinen Schrank einſchließen, und ſie ſechs Wochen lang nicht tragen!“ Es bewerkſtelligte ſich im Geſichte von Franz eine — völlige Verſtörung, woraus man errathen konnte, welch da s er c8 Bü⸗ hten volle luge ſchof nein ral, ärts in ge⸗ reuz ltig chen eine elch Bichtanfalle zuſchrieb,— 75 ein entſetzlicher Sturm ſich in ſeiner Schnurrbart zuckte in allen Rich glänzte am Winkel ſeines Auges, eine übermenſchliche Anſtrengung zu nießen. „Ol! mein General!“ murmelte er. „Das iſt geſagt! Und nun laß die Dame eintreten.“ Seele erhob; ſein tungen; eine Thräne und er war genöthigt, zu machen, um nicht LXXXV. Geſpräch einer Frömmlerin mit einem Voltairianer. Franz öffnete die Thüre und führte die alte hof⸗ färtige Perſon ein, die wir Regina bei dem Beſuche, den ſie Petrus machte, um ihr Portrait zu beſtellen, als Ehrenhüterin haben dienen ſehen. Der General beſaß im höchſten Grade die treffliche Eigenſchaft der Ariſtokratie, welche, um einen ſehr be⸗ zeichnenden Volksausdruck zu gebrauchen, darin beſteht, daß man gute Miene zum ſchlechten Spiele zu machen weiß; Niemand verſtand es beſſer, nicht einem Feinde,— Männern gegenüber war er offenherzig bis zur Brutalität,— ſondern einer Feindin zuzulächeln; denn gegen Frauen, von welchem Alter ſie auch ſein mochten, war der General höflich bis zur Verſtellung. Beim Eintritte der Marquiſe ſtand er alſo auf, und mit einer gewiſſen Trägheit im linken Beine,— i i und ſein Arzt einem neuen ging er ihr entgegen, bot ihr galant die Hand, führte ſie zu der Cauſeuſe, die er kurz zuvor verlaſſen hatte, rückte einen Lehnſtuhl an die Cauſeuſe und ſetzte ſich in den Lehnſtuhl. „Wie, Marquiſe,“ fragte er,„Sie in Perſon er⸗ weiſen mir die Ehre, mich zu beſuchen?“ 76 „Und Sie ſehen mich hierüber ſelbſt ganz erſtaunt, mein lieber General,“ erwiederte die alte Dame ſcham⸗ haft die Augen niederſchlagend. „Erſtaunt! Erlauben Sie mir, Ihnen zu bemer⸗ ken, Marquiſe, daß von Ihrer Seite das Wort nicht liebenswürdig iſt. Erſtaunt! ich bitte, was kann Sie hier in Erſtaunen ſetzen?“ „General, legen Sie auf die Worte, die ich Ihnen ſage, nicht das ganze Gewicht, die ſie bei einer andern Gelegenheit haben könnten: ich habe Sie um einen ſo gicken Dienſt zu bitten, daß ich dadurch ganz verwirrt in.“ „Ich höre, Marquiſe; Sie wiſſen, daß ich ganz der Ihrige bin; ſprechen ſie! um was handelt es ſich?“ „Wäre das Sprüchwort:„„Aus den Augen, aus dem Sinne,““ nicht eine treffliche Wahrheit,“ ſagte coquett die Marquiſe,„ſo würden Sie mir die Mühe, weiter zu gehen, erſparen und errathen, welche Gefäl⸗ ligkeit ich von Ihnen verlange.“ „Margquiſe, dieſes Sprüchwort iſt falſch, wie alle Sprüchwörter, die mir in Ihrem Geiſte nachtheilig ſein könnten; denn, obſchon ich des Vergnügens beraubt war, Sie zu ſehen, ſeit unſerem letzten Streite in Be⸗ treff des Grafen Rappt... „In Betreff unſeres... „In Betreff des Grafen Rappt,“ unterbrach leb⸗ haft der General;„es ſind etwa drei Monate, daß der Streit ſtattgefunden hat; trotz dem, ſage ich, habe ich nicht vergeſſen, daß heute Ihr Namenstag iſt, und ich habe Ihnen ſo eben meinen Strauß zugeſchickt: Sie werden ihn finden, wenn ſie nach Hauſe kommen: das vierzigſte Strauß, den Sie von mir empfangen haben.“ „Der einundvierzigſte, General.“ „Der vierzigſte; ich halte an meinen Daten feſt, Marquiſe.“ „Laſſen Sie uns recapituliren.“ en e— nt, m⸗ er⸗ icht Sie nen ern ſo irrt der aus igte ihe, fäl⸗ alle ſein mbt Be⸗ leb⸗ der ich ich Sie das igen feſt, „Oh! ſo lange Sie wollen.“ „Im Jahre 1787 iſt der Graf Rappt geboren.“ „Verzeihen Sie, 1786.“ „Sie ſind deſſen ſicher?“ „Bei Gott! mein erſtes Bouquet datirt vom Jahre ſeiner Geburt.“ „Vom vorhergehenden, mein lieber General.“ „Nein, nein, nein, nein!“ „Gleichviel!.. „Oh! es gibt kein gleichviel: das iſt ſo.“ „Es mag ſein; übrigens komme ich nicht, um mit Ihnen von dieſem unglücklichen Kinde zu ſprechen.“ „Unglückliches Kind? Vor Allem iſt das kein Kind: ein Mann mit einundvierzig Jahren iſt kein Kind mehr....“ „Der Graf Rappt iſt erſt vierzig Jahre alt.“ „Einundvierzig! ich behaupte meine Zahl; ſodann iſt er nicht ſo unglücklich, wie mir ſcheint: einmal er⸗ hält er von Ihnen etwas wie eine Rente von fünfund⸗ zwanzig tauſend Livres „Er müßte fünfzig haben, wäre das Herz ſeines Vaters nicht hart wie ein Fels.“ „Marquiſe, ich kenne ſeinen Vater nicht; ich kann Ihnen alſo nicht hierüber antworten.“ „Sie kennen ſeinen Vater nicht?“ rief die Mar⸗ quiſe mit dem Tone, mit dem Hermione ſagt: Je ne t'ai point aimé, eruel! Qu'aije donc fait*)2 „Verwickeln wir uns nicht, Marquiſe; Sie ſagten, vom Grafen Rappt ſprechend, er ſei unglücklich, und ich, ich antwortete Ihnen:„„Nicht ſo unglücklich! Erſtens, fünfundzwanzig tauſend Livres Rente, die Sie ihm geben ℳ ———————— Ich habe Dich ni iebt, zehen e Dich nicht geliebt, Grauſamer? Was habe ich 78 Oh! nicht fünfundzwanzig tauſend Livres Rente müßte er haben: er müßte. „Fünfzig, Sie haben es ſchon geſagt.. Alſo fünfundzwanzig tauſend Livres, die Sie ihm geben; ſein Gehalt als Oberſter: vierzehntauſend Franken; ſein Commandeurkreuz der Ehrenlegion: zweitauſend vierhundert; ich bitte, addiren Sie. Sodann fügen Sie dieſem bei: Abgeordneter; ferner, wie man ver⸗ ſichert, durch Ihren Einfluß auf Ihren Bruder in der Lage, eine Heirath von zwei bis drei Millionen mit einer der ſchönſten Erbinnen von Paris zu machen. Ei! dieſes unglückliche Kind ſcheint mir im Gegen⸗ theile glücklich wie ein Bankert!“ „Oh! pfui, General!“ „Run! das iſt ein Sprüchwortz Sie gebrauchen wohl Sprüchwörter; warum ſolte ich mich ent⸗ halten?“ „Sie haben vorhin geſagt, alle Sprüchwörter ſeien falſch.“ 6 habe nur von denjenigen geſprochen, welche mir in Ihrem Geiſte nachtheilig ſein könnten.. Doch mir ſcheint, wir ſchweifen aus, Marquiſe, und Sie kamen, wie Sie ſagten, um ſich einen Dienſt von mir zu erbitten. Sprechen Sie, Marquiſe, was für ein Dienſt iſt es?“ „Vermuthen Sie es nicht ein wenig?“ „Rein, bei meiner Ehre!“ „Suchen Sie wohl, General.“ „Ich bin gedemüthigt, Marquiſe, doch ich habe keine Ahnung.“ „Nun wohl, General, ich komme, um Sie auf meinen Ball morgen Abend einzuladen.“ „Sie geben einen Ball?“ „Ja.“ „Bei Ihnen?“ „Nein, bei meinem Bruder.“ „Das heißt, Ihr Bruder gibt einen Ball?“ nte lſo n; n end gen er⸗ der mit en en⸗ chen ent⸗ eien lche und von für habe auf 79 „Das iſt immer daſſelbe.“ „Nicht ganz, wenigſtens in Beziehung auf mich; ich habe Ihrem Bruder keine vierzig Sträuße geſchickt, wie Ihnen.“ „Ein und vierzig,“ „Wegen eines mehr oder weniger will ich Ihnen nicht widerſprechen.“ „Werden Sie kommen?“ „Auf den Ball Ihres Bruders?“ „Werden Sie kommen?“ „Fragen Sie mich das im Ernſte?“ „Oh! das iſt abermals eine von Ihren Ideen!“ „Ihr Bruder, der mich den Aften von Berge nennt, weil ich im linken Centrum bin und gegen die Jeſuiten ſtimme! Warum nennt er mich nicht ſogleich Königsmörder?. Was that denn er, während ich am Strand Kreiſel drehte und Briggs auftakelte? Er that das, was mein Schuft von einem Bruder that: er diente Herrn Bonaparte; nur diente mein Seeräuber von einem Bruder zur See, und der Ihre diente auf dem Lande, das iſt der ganze Unterſchied. Oh! ohi ich frage Sie abermals, Marquiſe, iſt Ihre Einladung Ernſt?“ „Allerdings.“ „Der Ebene ladet den Berg ein?“ „Der Ebene macht es wie Mahomet, General: der Berg wollte nicht zu Mahomet gehen„ „Ja, dann ging Mahomet zum Berge, ich weiß es; doch Mahomet war ein Ehrgeiziger, der eine Menge Dinge gethan hat, die ein Anderer nicht gethan hätte.“ „Wie, mein lieber General, Sie werden nicht da ſein, am Tage der Verkündigung der Heirath unſerer Nichte Regina mit unſerem theuren 2 „„Mit Ihrem theuren Sohne, Marquiſe Das iſt alſo der Helzweig, den Sie mir bringen?“ Durchſchlungen von einem Myrtnzweige ja 7 General.“ 80 „Aber, Marquiſe, wahrhaftig, iſt ſie nicht ein we⸗ nig gewagt, die Heirath, die Sie da machen?.. 6 Denn Sie werden mir nicht ſagen, Sie ſeien es nicht, die ſie macht?“ n „Gewagt, in welcher Hinſicht?“ „Ihre Nichte iſt ſiebzehn Jahre alt.“ 3 „Nun?“ „Das iſt ſehr jung, um einen Mann von einund⸗ g vierzig Jahren zu heirathen.“ „Von vierzig.“ m „Von einundvierzig, abgeſehen davon, liebe Mar⸗ quiſe, daß ſchon im Jahre 1808 oder 1809 gewiſſe al Gerüchte über den Grafen Rappt und die Frau Prin⸗ zeſſin von Lamothe⸗Houdan im Umlaufe waren.“ da „Stille, General! ſagen Leute von unſerem Stande ſe ſolche Infamien über einander?“ ei. „Nein, ſie beſchränken ſich darauf, daß ſie dieſel⸗ hä „ ben denken; da ich bei Ihnen ganz laut denke, Mar⸗ Re quiſe, ſo glaubte ich meine Zunge, ehe ich ſpreche, M nicht zweimal im Munde drehen zu müſſen. Laſſen Sie na mich Ihnen nun Eines ſagen.“ „Was?“ „Ich werde nie glauben, Sie haben ſich die Mühe, ner von der Rue Plumet in die Rue Varennes zu kommen, einzig und allein in der Hoffnung gegeben, für Ihren Ball einen Tänzer meiner Art zu rekrutiren?“ „Warum denn nicht, General?“ „Hören Sie, Marquiſe, man ſagt, der wahre Ge⸗ ten danke der Frauen finde ſich immer in der Nachſchrift ihrer Briefe.“ näc „Und Sie möchten gern die Nachſchrift meines Be⸗ den ſuches kennen?“ ver „Das iſt mein höchſtes Verlangen.“ Sie „Ich begreife, Sie wollen mich fühlen laſſen, daß es Sie ihn lang finden, und mir artig vorwerfen, daß 6 ich Ihnen denſelben gemacht habe.“ ar⸗ iſſe in⸗ nde ſel⸗ ar⸗ Sie ihe, ten, ren Ge⸗ rift 81 „Das wäre der erſte Vorwurf, den ich mir gegen Sie in meinem Leben erlaubt hätte, Marquiſe.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Sie werden mich eitel machen.“ „Das wird der einzige Fehler ſein, den ich von Ihnen kenne.“ „Oh! General, das iſt ein Compliment, das in gerader Linie vom Hofe Ludwigs XV. kommt.“ „Es wird kommen, woher Sie wollen, wenn ich nur erfahre, woher Ihre Einladung kommt.“ „Ahl ich bemerke, daß Sie noch ungläubiger ſind, als man behauptet.“ „Meine liebe Marquiſe, das iſt das dritte Mal, daß ich ſeit achtzehn Monaten die Ehre habe, Sie zu ſehen. Das erſte Mal ſind Sie gekommen, um mir ein Geſtändniß zu machen, welches mich wohl gerührt hätte, hätte ich daran glauben können: daß der Graf Rappt, gerade zwölf Monate nach dem Tode des armen Marquis de la Tournelle geboren, gerade neun Mo⸗ nate nach dem erſten Strauße, den ich Ihnen geſchickt, geboren worden „Neun oder zehn Monate vorher, mein lieber Ge⸗ neral.“ „Neun oder zehn Monate nachher, liebe Marquiſe.“ „Geſtehen Sie, daß Sie mit einer ſeltenen Hart⸗ näckigkeit unſere Verbindung jünger zu machen ſuchen.“ „Geſtehen Sie zu, daß Sie dieſelbe mit einer ſel⸗ tenen Beharrlichkeit älter zu machen ſuchen.“ „Das iſt ſehr natürlich bei einer Mutter.“ „Warum des Teufels, liebe Freundin, haben Sie denn ſo lange gewartet, um mir das hohe Glück zu verkündigen, das mir die Vorſehung gewährte, indem Sie mir einen Erben in dem Augenblicke gab, wo ich es mir am wenigſten verſah?“ „General, es gibt Geſtändniſſe, welche einer Frau immer Ueberwindung koſten.“ „Und die ihr am Ende dennoch entſchlüpfen, wenn Die Mohicaner von Paris W. 6 82 der Mann, dem ſie dieſelben zu machen ſieben bis acht⸗ unddreißig Jahre gezögert hat, plötzlich und durch einen unvorhergeſehenen Umſtand,— wie es der des Beſchluſſes einer Entſchädigungsmilliarde iſt,— für ſeinen Theil zwölfmal hunderttauſend Franken be⸗ kommt.“ „Es lag, Sie müſſen es zugeſtehen, General, ein gewiſſes Zartgefühl darin, Ihnen nicht zu ſagen, Sie haben einen Sohn, ſo lange der Mangel an Vermögen Ihnen den Kummer bereiten mußte, dieſem Sohne nur Ihren ſehr ehrenwerthen, ſehr berühmten, aber ſehr ärmen Namen hinterlaſſen zu können.“ „Marquiſe, kommen Sie, wie vor achtzehn Mona⸗ ten, wie vor einem Jahre, wie vor ſechs Monaten, um mich zu überreden, unſere Verbindung datire von 1786, während ich ſicher bin, daß ſie erſt von 1787 datirt⸗ ſo ſage ich Ihnen, daß ich mich geſtern auf die Kunſt, die Data zu verificiren, abonnirt habe, daß ich die vergangene Nacht damit zugebracht habe, das Da⸗ tum des erſten Straußes, den ich Ihnen geſchickt, zu verificiren, und daß... „Und daß?“ „Mein Bruder der Seeräuber oder mein Neffe der Maler, ſo ſehr ich ſie für unwürdig meinen Namen zu tragen und mein Vermögen zu erben erkenne, mein Vermögen erben und meinen Namen tragen werden. Ge⸗ nügt Ihnen das, Marquiſe?“ „Nein, General; denn ich kam nicht deshalb.“ „Warum des Teufels kommen Sie denn?“ rief der General, die erſte Bewegung von Ungeduld, die er ſich hatte entſchlüpfen laſſen, an den Tag gebend;„etwa, daß ich Sie heirathe?“ „Geſtehen Sie unter uns, Sie haben mich genug geliebt, daß ein ſolcher Vorſchlag, wenn er Ihnen ge⸗ macht würde, nichts hätte, was Sie in Erſtaunen ſetzen könnte.“ „Ich geſtehe es unter uns, doch unter uns allein.. be bei Ra ent der mein Ge⸗ f der ſich etwa, eng n ge⸗ ſeten — 83 Darum kommen Sie alſo? Warum ſagten Sie mir das nicht ſogleich?“ „Was hätten Sie mir geantwortet?“ „Ich habe keine Abneigung, in der Haut eines alten Junggeſellen zu ſterben, während ich mich tief ſchämen würde, in der eines alten Dummkopfs zu ſterben.“ „Tröſten Sie ſich, General, ich bin nicht deshalb gekommen.“ „Dann, tauſend Millionen Donner! Ah! verzeihen Sie, Marquiſe, doch wahrhaftig, Sie würden einen Heiligen das Paradies verlieren machen, der ſchon ni einem Fuße auf der Schwelle der Pforte deſſelben tünde.“ Und der General, der, als ihm ſein großer Fluch entſchlüpfte, aufgeſtanden war, ging mit raſchen Schrit⸗ ten im Zimmer auf und ab. Endlich blieb er vor der Marquiſe ſtehen und ſagte: „Wenn Sie aber nicht deshalb kommen, warum, im Namen des allmächtigen Gottes, kommen Sie denn?“ „Ah!“ erwiederte die alte Dame,„ich ſehe wohl, daß ich die Frage in Angriff nehmen muß.“ „Thun wir das, Marquiſe, ich bitte Sie in⸗ ſtändig.“ „Ei! Sie ſprechen wie Ihr Bruder der Frei⸗ beuter.“ „Wir werden alſo von meinem Bruder dem Frei⸗ beuter ſprechen, Marquiſe?“ „Nein.“ „Wovon denn?“ „Sie haben ohne Zweifel ſagen hören, der Graf Rappt„ „Ah! nun kommen wir hierauf zurück!“ „Laſſen Sie mich vollenden Sei zum König entboten worden.“ 84 „Ja, Margquiſe, ich habe dies ſagen hören.“ „Sie wiſſen nicht, in welcher Abſicht?“ „Thun Sie, als ob ich es nicht wüßte.“ „Es geſchah in der Abſicht, unſern lieben Sohn..“ „Ihren lieben Sohn!“ „Ins Miniſterium zu berufen.“ „Ich bin darüber erſtaunt, doch ich glaube es.“ „Warum glauben Sie es, da Sie darüber erſtaunt ſind?“ „Credo, quia absurdum.“ „Was beſagen will?“ „Ich erwarte die Fortſetzung Ihrer Rede, Mar⸗ quiſe.“ „Nun wohl, bei dieſer Zuſammenkunft Seiner Ma⸗ jeſtät mit dem Grafen Rappt war viel von Ihnen die Rede.“ „Von mir?“ „Ja; denn ich muß Ihnen ſagen, mein lieber Ge⸗ neral, wenn die Stimme des Blutes bei Ihnen ſtumm iſt, ſo ſpricht ſie doch im Herzen des armen Kindes.“ „Marquiſe, Sie werden mich rühren.“ „Sie thut mehr: ſie ſpricht nicht nur, ſie ſchreit!“ „Und was hat man von mir bei dieſer Zuſammen⸗ kunft geſagt?“ „Sie ſeien der einzige Mann, der im Stande, der Nachfolger des gegenwärtigen Kriegsminiſters zu werden.“ „Hören Sie, Marquiſe, wir müſſen ein Ende ma⸗ chen, denn ich erwarte meinen Reffen beim Mittageſſen auf den Schlag ſechs Uhr, und wenn Sie uns nicht die Ehre geben wollen, mit uns zu ſpeiſen „Sie ſind ſehr gut, mein lieber Generalz ich muß nothwendig bei meinem Bruder ſpeiſen: man ordnet heute die Artikel des Heirathsvertrages zwiſchen Regina und„ „Ihrem lieben Grafen Kappt. Nun wohl, da ich Sie nicht aufhalten will: mit zwei Worten komme ich * G——— zum Ziele, zum Endzwecke. Geht das Geſetz durch, ſe tar⸗ Na⸗ die Ge⸗ mm 3 5. it!“ nen⸗ der en.“ ma⸗ eſſen nicht muß dnet gina ich ich , ſo 85 iſt Herr Rappt Miniſter; und damit das Geſetz durch⸗ gehe, fehlen Ihnen dreißig bis vierzig Stimmen: Sie kommen, um mich um die meinige und um die meiner Freunde zu bitten.“ „Nun wohl,“ ſprach mit einſchmeichelndem Tone die Marquiſe,„wenn dies wirklich die Abſicht, der End⸗ zweck meines Beſuches wäre, was würden Sie ſagen?“ „Ich würde ſagen, ich bedaure, daß ich nicht hun⸗ dert, hundertundfünfzig, tauſend Stimmen habe, um ſie alle gegen das Geſeß zu geben, das ich als abſcheu⸗ lich, ſchändlich und,— was noch viel mehr iſt,— als dumm betrachte.“ „Hören Sie, General,“ rief die Marquiſe, welche ebenfalls in Hitze gerieth,„Sie werden als unbußfer⸗ tiger Sünder ſterben, das ſage ich Ihnen.“ „Und ich ſtehe Ihnen dafür.“ „Iſt es möglich, daß, um einem Menſchen, den Sie haſſen, einen Poſſen zu ſpielen, während Sie im Gegentheile müßten.. 2 „Marquiſe, Sie werden mich wüthend machen, das erkläre ich Ihnen!“ „Sie ſtimmen mit den Liberalen? Wiſſen Sie, daß, käme eine Revolutivn, die Vorſtädter, die Jaco⸗ biner und die Sansculottes Sie würden die Rolle von la Fayhette ſpielen laſſen? Sie haben ſchon hiezu die weißen Haare!. Oh! wenn die Courtenay wieder auf die Welt kämen, ich wäre in der That begierig, zu erfahren, was ſie ſagen würden, ſähen ſie ihren amen von einem Freibeuter, einem Jacobiner und einem Künſtler getragen!“ „Marquiſe!“ rief der General wüthend. „Ich verlaſſe Sie, General, ich verlaſſe Sie; doch über Nacht kommt guter Rath, und ich hoffe, morgen werden Sie Ihre Anſicht geändert haben.“ „Meine Anſicht geändert, morgen? Weder mor⸗ gen, noch übermorgen, noch in acht Tagen, noch in 86 hundert Jahren! Margquiſe, es iſt alſo unnütz, wenn Sie vor dieſer Zeit wiederkommen.“ „Sie jagen mich fort, General? Sie jagen die Mutter Ihres „Monſieur Petrus Herbel,“ meldete Franz, die Thüre öffnend. Zu gleicher Zeit ſchlug die Pendeluhr ſechs. LXXXVI. Geſpräch eines Oheims mit ſeinem Neffen. Petrus erſchien im Halbſchatten des Flurganges. „Komm hierher,“ rief der General.„Ah! alle Hagel! Du kommſt zu rechter Zeit!“ „Ei! mir ſcheint, Sie bedurften keiner Verſtär⸗ kung, General,“ ſagte die Marquiſe.„Wären Sie fünf Minuten früher gekommen, Herr Petrus, ſo hätte Ihnen Ihr Oheim eine ſchöne Lection in der Galan⸗ terie gegeben.“ Die Marquiſe begleitete dieſe Worte mit einem Gruße, der eine gewiſſe Vertraulichkeit in Betreff des jungen Mannes bezeichnete. „Ah! Sie kennen meinen Neffen, Marquiſe?“ fragte der General. „Ja; das Gerücht von ſeinen Succeen iſt zu uns gelangt, und meine Nichte wollte ein Portrait von ſeiner Hand haben. Sie müſſen ſtolz ſein, General,“ fügte die alte Dame mit einem halb geringſchätzenden, halb ſpöttiſchen Tone bei,„Sie müſſen ſtolz ſein, in Ihrer Familie einen Künſtler von einem ſolchen Ta⸗ lente zu beſitzen!“ „Ich bin in der That ſtolz dgrauf, denn mein Neffe nn die die lle ir⸗ ie tte in⸗ em es 2 87 iſt einer der redlichſten Jungen, die ich kenne. Ich habe die Ehre, Sie zu grüßen, Marquiſe.“ „Adieu, General; denken Sie an den Gegenſtand meines Beſuches, und verlaſſen wir uns als gute Freunde.“ „Es iſt mir lieb, wenn wir uns verlaſſen; doch als gute Freunde, das iſt etwas Anderes.“ „Oh! Gendarme!“ brummte die Marquiſe, wäh⸗ rend ſie ſich entfernte. Kaum war ſie aus dem Salon weggegangen, kaum hatte ſich die Thüre hinter ihr zugethan, als der Ge⸗ neral, ohne ſeinem Reffen, der ſich nach ſeiner Geſund⸗ heit erkundigte, zu antworten, nach der Klingelſchnur ſtürzte und wüthend daran zog. Franz eilte herbei. Er hatte ſchon ſein Kreuz und ſeine Borten nicht mehr, ein ſo ſtrenger Beobachter jedes militäriſchen Befehles war er. „Sie haben geklingelt, mein General?“ „Ja, ich habe geklingelt. Stelle Dich ans Fen⸗ ſter, Burſche.“ Franz wandte ſich nach dem bezeichneten Orte. „Hier bin ich,“ ſagte er. „Oeffne das Fenſter, Dummkopf!“ Franz öffnete das Fenſter. „Schau' auf die Straße.“ Franz neigte ſich hinaus. „Ich ſchaue, mein General.“ „Was ſiehſt Du?“ „NRichts, mein General: die Racht iſt ſchwarz wie eine Patrontaſche.“ „Schau' immerhin.“ 3 „Hh! ich ſehe einen Wagen, mein General.“ „Und dann?“ „Und dann eine Dame, welche einſteigt... Die Dame, die ſo eben von hier weggeht... „Du kennſt ſie, dieſe Dame, nicht wahr?“ „ 88 „Zu meinem Unglück, General.“ Franz ſpielte auf ſeine Degradation an. „Nun, Franz, wenn ſie wieder kommt, um mich zu beſuchen, ſo ſagſt Du ihr, ich ſei auf dem Marsfelde.“ „Ja, mein General“ „Fs iſt gut: ſchließe das Fenſter und geh.“ „Mein General hat mir nichts mehr zu befehlen?“ „Doch, alle Teufel! ich habe Dir zu befehlen, daß Du dem Koch einen Schlag gibſt.“ „Es ſoll geſchehen, mein General.“. In dem Augenblicke, wo er weggehen wollte, blieb er jedoch wieder ſtehen und ſagte: „Wenn er mich aber fragt, warum ich ihm den Schlag gebe, was ſoll ich ihm antworten?“ „Du wirſt ihm antworten:„„Weil es fünf Mi⸗ nuten über ſechs Uhr ſei, und das Mittagsbrod noch nicht auf dem Tiſche ſtehe.““ „Jean iſt nicht daran Schuld, wenn das Mittags⸗ brod noch nicht auf dem Tiſche ſteht, mein General.“ „Dann biſt Du Schuld. Sage Jean, er ſoll Dir einen Schlag geben.“ „Ich bin auch nicht Schuld.“ „Wer denn?“ „Der Kutſcher der Frau Marquiſe.“ „Gut! es fehlte nur das, um mich mit ihr zu verſöhnen!“ „Er kam in die Küche, und da er unter dem Arme den Hund der Marquiſe trug, der nach Biſam roch, ſo machte der Geruch des Biſams die Saucen gerinnen.“ „Du hörſt, Petrus?“ ſagte der General, indem er ſich mit einer tragiſchen Miene an ſeinen Neffen wandte. „Ja, mein Oheim.“ „Pergiß nie: die Marguiſe hat gemacht, daß Dein Oheim erſt ein Viertel nach ſechs Uhr zu Mittag ſpei⸗ ſen konnte!.. Gehen Sie, Herr Franz, und neh⸗ men Sie Ihr Kreuz und Ihre Borten erſt nach Ab⸗ lauf eines Monats wieder.“ zu . 2“ aß en Ki⸗ och ir 89 Franz verließ das Zimmer in einem Zuſtande, der an die Verzweiflung gränzte. „Der Beſuch der Marquiſe hat Ihnen einigen Aer⸗ ger verurſacht, wie es ſcheint, mein Oheim?“ „Ich glaubte, Du kenneſt ſie.“ „Ja, ein wenig, mein Oheim.“ „Nun wohl, Du mußt wiſſen, daß es überall, wo⸗ hin die alte Devote kommt, gerade iſt, als ob der große Teufel der Hölle gekommen wäre.“ „Verzeihen Sie, mein Oheim,“ erwiederte Petrus lachend,„man beſchuldigt Sie in der Welt, Sie haben viel Devotion für dieſe alte Devote gehabt.“ „Ich habe ſo viel Feinde! Doch, alle Hagel! laß uns von etwas Anderem reden. Haſt Du Rachricht von dem Piraten Deinem Vater?“ „Vor ungefähr drei Tagen habe ich erhalten, mein Oheim.“. „Und wie geht es dem alten Corſaren?“ „Sehr gut, mein Oheim; er umarmt Sie von gan⸗ zem Herzen.“ „Um mich zu erwürgen als ein alter Jacobiner, was er iſt Ah! ſage mir, machſt Du für Deinen Oheim dieſe Toilette?“ „Ein wenig für Sie, ein wenig für Lady Grey.“ „Du kommſt eben von ihr.“ „Ich war bei ihr, um ihr zu danken.“ „Wofür? Dafür, daß mir ihr Bruder der Admi⸗ ral, ſo oft er mir begegnet, Complimente über die Heldenthaten zur See Deines verruchten Vaters macht?“ „Nein, ſondern dafür, daß ſie die Abſicht gehabt hat, den Verkauf meines Coriolans zu bewirken.“ „Ich glaubte, er ſei verkauft.“ „Es würde in der That nur von mir abhängen, daß er es wäre.“ „Nun?“ „Ich habe mich geweigert, ihn zu verkaufen.“ „Stand Dir der Preis nicht an?“ 90 „Man wollte mir das Doppelte von dem, was er werth iſt, geben.“ „Warum haſt Du Dich dann geweigert?“ „Weil mir der Käufer nicht anſtand.“ „Du erlaubſt Dir, dem einen oder dem andern Gelde den Vorzug zu geben?“ „Ja, mein Oheim, weil ſich meiner Anſicht nach nichts ſo wenig gleicht, als das Geld und das Geld.“ „Ha! Burſche, ſollteſt Du, nachdem Du Deinen Herrn Vater zu Grunde gerichtet haſt,— was kein großes Unglück iſt, denn das ſchlecht erworbene Gut ſoll nie zum Nutzen ausſchlagen,— zufällig die Prä⸗ tenſivn haben, mich auch auszuplündern?“ „Nein, mein Oheim, ſeien Sie unbeſorgt,“ erwie⸗ derte lachend Petrus. „Und wer war der Käufer, der Ihnen nicht zu⸗ ſagte, Herr Häkelig?“ „Der Miniſter des Innern, mein Oheim.“ „Der Miniſter des Innern wollte Dein Bild kau⸗ fen? Ei! verſteht er ſich denn auf Malerei?“ „Ich habe Ihnen geſagt, es ſei auf die Empfeh⸗ lung von Lady Grey geſchehen.“ „Ah! es iſt wahr. lUind Du haſt es verweigert?“ „Ja, mein Oheim!“ „Darf man den Grund dieſer Weigerung wiſſen?“ „Ihre Oppoſition, mein Oheim.“ „Was hat meine Oppoſition mit Deinen Bildern zu ſchaffen?“ „Es ſchien mir, dieſer Ankauf eines Bildes vom Veffen ſei eine Fuchsſchwänzerei an die Adreſſe des Oheims.. Wir haben in der Kammer für ſich ſelbſt unbeſtechliche Leute, in deren Familie aber Stellen im Betrage von hunderttauſend Franken ſind.“ Der General dachte einen Augenblick nach, und ein Lächeln der Befriedigung klärte ſein Geſicht auf. „Höre, Petrus,“ ſagte er mit dem väterlichſten Tone,„ich trachte nicht danach, Dir meine Meinungen er m es ſt m d n n 9¹ aufzudringen, mein Kind; und, obſchon ich der erbitterte Feind des Miniſteriums im Allgemeinen und vom Miniſter des Innern insbeſondere bin, will ich doch nicht, daß Du meinetwegen die gerechten Ermunterungen ausſchlägſt, die die Regierung den Männern von Ver⸗ dienſt geben zu müſſen glaubt. Ich theile nicht die alberne Anſicht derjenigen, welche denken, ein Künſtler dürfe weder das Kreuz, noch eine officielle Arbeit an⸗ nehmen, weil das Miniſterium ſeine Meinung nicht vertrete. Da in jedem Falle das Miniſterium factiſch das Land vertritt, ſo empfängt man vom Lande und nicht vom Miniſterium; der Miniſter beſtellt die Ge⸗ mälde, das iſt wahr, Frankreich aber bezahlt ſie.“ „Nun wohl, mein Oheim, ich will nichts von Frankreich haben; es iſt zu arm.“ „Sage zu ökonomiſch.“ „Und dann, was wird aus allen dieſen unglückli⸗ chen von den zwei bis drei Generationen Directoren der ſchönen Künſte, die wir haben blühen ſehen, beſtell⸗ ten Bildern? Man weiß es nicht. Sind die Gemälde nicht mit einem großen Namen bezeichnet, ſo begräbt man ſie in den Muſeen von Unterpräfecturen und Can⸗ tonshauptorten; vielleicht kratzt man ſogar die Malerei aus und verkauft die Rahmen und die Leinwand! Im Ernſte geſprochen, mein Oheim, ich habe kein Bild ge⸗ macht, damit es das Refectorium eines Kloſters oder den Saal einer Schule des gegenſeitigen Unterrichts meublire.“ „Wären alle Maler wie Du, mein lieber Freund, ſo möchte ich wohl wiſſen, was aus den Provinzgalle⸗ rien würde.“ „Man würde Gewächshäuſer daraus machen mit Pomeranzenbäumen, Granatbäumen, Piſangbäumen, Palmbäumen, was, ich ſchwöre es Ihnen, mehr werth wäre, als die Landſchaften einiger mir bekannten Ma⸗ ler. Uebrigens bin ich nicht der Einzige, der aus⸗ 92 ſchlägt, und ich habe ganz einfach das Beiſpiel eines Mannes, der trefflicher als ich, befolgt.“ „Laß das Beiſpiel hören; das wird mich vielleicht ruhiger auf die Suppe warten machen. Vor Allem, wer iſt dieſer Trefflichere als Du?“ „Abel Hardy.“ „Der Sohn vom Conventsmitgliede?“ „Ganz richtig.“ „Was hat er gethan?“ „Er hat das Kreuz und vier Fresken in der Madeleine ausgeſchlagen.“ „Wahrhaftig?“ „Ja, mein Oheim.“ „Wie alt biſt Du, Petrus.“ „Sechsundzwanzig Jahre.“ „Nun wohl, mein Kind, ich finde Dich jung für Dein Alter. Das iſt, Gott ſei Dank! kein unwiederbring⸗ liches Unglück, da man immer ziemlich ſchnell alt wird.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Du würdeſt wohl daran thun, mein lieber Petrus, wenn Du gegen die unüberlegten Schätzungen, die Du machſt oder ganz gemacht über die Menſchen und die Dinge annimmſt, auf Deiner Hut wäreſt. Begegnet es Dir, daß Du für Jemand eingenommen wirſt, und das begegnet Dir ziemlich oft, ſo ſiehſt Du in ihm, armer Tropf, die ganze Unſchuld, die Du in Dir haſt. So hat Dich, zum Beiſpiet, in dieſem Augenblicke Deine Freundſchaft für Abel Hardy eine von den Albernheiten ſagen laſſen, über die ich für Dich erröthet wäre, hätten wir einen Zeugen gehabt, und wäre dieſer Zeuge Franz, mein Stiefelputzer, geweſen, oder Crou⸗ pette, dieſer Hund der Marquiſe, der die Saucen mei⸗ nes Kochs gerinnen macht, weil er nach Biſam riecht.“ „Ich verſtehe Sie nicht, mein Oheim.“ „Du verſtehſt mich nicht? Erfahre vor Allem, daß man das Kreuz nicht ausſchlägt, weil die Regie⸗ rung es nur denjenigen gibt, welche darum bitten; willſt —e e——— ines icht lem, der für ing⸗ rd.“ rus, die gnet und hm, aſt. licke den thet eſer ou⸗ nei⸗ ht.“ em, gie⸗ illſt 93 Du es, ſo läſſeſt Du Dir es durch die Maitreſſe des Directors der ſchönen Künſte oder durch den Meßner von Saint⸗Acheul erbitten, und Du wirſt es haben.“ „Sie bezweifeln Alles, mein Oheim!“ „Mein Freund, man hat, wie Du leicht begreifſt, nicht die Revolution, das Directorium, das lebensläng⸗ liche Conſulat, das Kaiſerreich, die Reſtauration, die hundert Tage und Waterlvo geſehen, ohne berechtigt zu ſein, an vielen Dingen und beſonders an den Re⸗ gierungen zu zweifeln! In meinem Alter, da Du wahrſcheinlich ſo viel Regierungen geſehen haben wirſt als ich, wirſt Du ſo ſteptiſch ſein als ich.“ „Gut, was das Kreuz betrifft, doch die Fresken, mein Oheim? ich habe die Beſtellung gefehen.“ „Kommen wir alſo auf die Fresken zurück.. Dein Freund hat ſie ausgeſchlagen?“ „Ausgeſchlagen.“ „Weil 7 Es gibt einen Grund für ſeine Weigerung?“ „Allerdings.. Weil er nichts für eine Regie⸗ rung machen will, welche Herrn Horace Vernet, unſern Nationalmaler, verhindert, ſeine Schlachten von Mont⸗ mireul, Hanau, Jemappes und Valmy auszuſtellen.“ „Mein lieber Petrus, Dein Freund Abel Hardy hat die Fresken der Madeleine ausgeſchlagen, weil der Kaiſer von Rußland⸗ deſſen Regierung, wie Du zu⸗ geben wirſt, nicht viel liberaler iſt, als die unſere, bei ihm ein Gemälde des Rückzugs aus Rußland be⸗ ſtellt hat, und ihm dieſes Bild mit dreißigtauſend Franken bezahlt, während unſere Direction der ſchönen Künſte nur zehntauſend Franken für die Fresken der adeleine bezahlt Geſtehe, mein lieber Freund, das iſt nicht Patriotismus; das iſt Buchhaltung.“ „Oh! mein Oheim, ich kenne Abel, und ich würde mit meinem Leben für ihn ſtehen.“ „Obſchon Du der Sohn Deines Vaters, das heißt eines abſcheulichen Seeräubers biſt, iſt mir Dein Leben 94 doch zu koſtbar, mein lieber Petrus, als daß ich Dir erlauben würde, es ſo leichtſinnig preiszugeben.“ „Sie ſind ein vertrocknetes Herz, mein Oheim: Sie glauben an nichts mehr!“ Du täuſcheſt Dich; ich glaube an Deine Zuneigung, „ und Deine Zuneigung iſt um ſo uneigennütziger, als ich Dir nie etwas gegeben habe und nie etwas zu meinen Lebzeiten geben werde, ausgenommen mein Mit⸗ tagsbrod, wenn Du ſo gut ſein willſt, zu kommen und es zu nehmen;— und das heutige ſcheint mir noch ſehr problematiſch!— Mehr noch: ich glaube an Deine Zukunft, wenn Du Deine Zeit, Dein Talent, Dein Leben nicht verſchleuderſt. Du biſt Maler; Du ſtellſt ſeit drei Jahren aus; Du haſt im vorigen Jahre die goldene Medaille bekommen, und Du trägſt weder einen ſpitzigen Filzhut, noch ein mittelalterliches Wamms, noch anliegende Hoſen; Du kleideſt Dich wie Jeder⸗ mannz ſo daß Du nicht genöthigt biſt, wenn Du aus⸗ gehſt, aus Leibeskräften zu laufen, damit Dir nicht wie einer Maske alle Gaſſenbuben des Quartiers fol⸗ gen; das iſt ſchon etwas. Nun wohl, willſt Du bei den Anlagen, die Du haſt, die Rathſchläge eines Grei⸗ ſes, der viel geſehen, nicht verachten... „Ich liebe Sie wie einen zweiten Vater, und be⸗ trachte Sie als meinen beſten Freund.“ „Ich bin wenigſtens Dein älteſter Freund, und unter dieſem Titel bitte ich Dich⸗ mich einen Augenblick anzuhören, da wir nichts Beſſeres zu thun haben, als zu ſchwatzen.“ „Ich höre Sie, mein Oheim. „Ich kenne alle Deine Verbindungen, ohne daß ich das Anſehen habe, mein lieber Petrus: ich kenne Deinen Freund Jean Robert, ich kenne Deinen Freund Tndovic, kurz ich kenne alle Deine Freunde.“ „Haben Sie etwas gegen ſie zu ſagen?“ „Ich? durchaus nichts! Doch warum verbindeſt Du Bich nit Dichtern und Studenten der Medicin?“ 7 1 95 „Weil ich Maler bin, mein Oheim.“ „Dann, wenn Du durchaus Dichter ſehen willſt, laß Dich dem Herrn Grafen von Marcellus vorſtellen.“ „Ei! mein Oheim, er hat nur eine Ode an den Knoblauch gemacht.“ „Er iſt Pair von Frankreich.. Sodann bei Herrn Briffaut.“ „Er hat nur ein Trauerſpiel gemacht.“ „Er iſt von der Academie Du verbindeſt Dich zu viel mit jungen Leuten, mein Lieber!“ „Können Sie, mein Oheim, der Bewunderer der Jugend, ſelbſt ein junger Mann, der Sie aus Eitelkeit eine Perrücke von weißen Haaren tragen, können Sie einen ſolchen Vorwurf an mich richten?“ „Solche Verbindungen nützen nichts, mein lieber Petrus; ſie dienen weder dazu, Vermögen, noch Ruhm zu erwerben.“ „Gleichviel, wenn ſie nur zum Glücke dienen.“ „Ja, und Du nennſt das Glück, in einem Atelier hockend in der Manier der Türken, und die Geſchichte von Herrn Mayeur erzählend, ſchlechte geſchmuggelte Cigarren rauchen; oder in den Kaffechäuſern Theorien über die Kunſt machend Halbtaſſen trinken! Hat man die Ehre, der Sohn eines ehrlichen Seeräubers zu ſein, der nicht die Mittel beſitzt, einen zu ernähren, was Teufels! dann muß man die Ehre ſeines Namens aufrecht halten. Seeräuberei verpflichtet“), und wir ſtammen von den Kaiſern von Conſtantinopel ab. Mein lieber Petrus, glaube einem Manne, der Richelieu alt und Lauraguais jung gekannt hat: es ſind die Frauen, die unſern Ruf in der Geſellſchaft, und folglich unſer Glück machen; Du mußt Viele ſehen, ſo lange Du —— 6 bezieht ſich dies auf das Sprüchwort: Nohl oblige,— Adel. 3 5 er Ueberſetzer. 96 kannſt, und ſo vertraut, als Du nur immer kannſt. Eine gut geſtellte Frau, die für uns eingenommen wird, und die uns bei ihrer Coterie anpreiſt, das iſt die Wohlfahrt in Fleiſch und Knochen, mein Kind. Verbinde Dich alſo nicht ſo leicht: bedenke, ſo oft Du eine neue Verbindung eingehſt, welche Vortheile Du daraus ziehen kannſt: das iſt das, was man Weltkennt⸗ niß, Lebenserfahrung nennt. Benütze meine Erfah⸗ rung und meine Weltkenntniß; faſſe Fuß in allen Mi⸗ niſterien; verſchaffe Dir Eintritt bei allen Geſandtſchaf⸗ ten; Du wirſt Oppoſition machen, wenn Du fünfzig Jahre zählſt und eine Rente von ſechzigtauſend Livres haſt. Beſuche in Deinen verlorenen Augenblicken einige Banquiersfrauen, eine oder zwei Frauen von Notaren, nicht mehr. Mache ein paar Paſtellbilder von Witwen von Stande, das wird die Aufmerkſamkeit auf Dich ziehen; kennſt Du keine ſolche Witwen, ſo erfinde! In einem Winkel ihres Cabinets machen und vernichten die Frauen die Reputationen; beſuche die Frauen, mein Lieber, beſuche die Frauen! Die Frauen ſind es, welche die Meinung modeln, und am Ende iſt die Meinung die Königin der Welt!“ „Aber, mein Oheim, es iſt eine ungeſellige Geſell⸗ ſchaft, die Sie mir da vorſchlagen.“ „Die Geſellſchaft, mein Kind, iſt ein Wald, wo Jeder bewaffnet ſpazieren geht: die Waffe des Einen iſt ſein Geiſt; die Waffe des Andern ſein Vermögen. Wehe dem, der der Art, wie die Polizei gemacht iſt, vertraut und nicht ſeine Vorſichtsmaßregeln nimmt! Das Spiel des Lebens, mein lieber Petrus, iſt wie das Piquet: Einige ſpielen es ehrlich, und richten ſich dabei zu Grunde; viele Andere filiren die Karte, und bereichern ſich dabei.“ „Mein lieber Oheim, es gibt indeſſen Menſchen, die ſich bereichern, ohne ſolche Manoeuvres anzuwenden.“ „Ja: man muß den Theil des Zufalls machen, der ſich manchmal täuſcht und bei einem ehrlichen Manne in ne er we und and gen mac Wie ins Arme Dis — eintritt, im Glauben, er trete bei ei einz es gibt Thüren, die ſich gleichen.“ „Iſt die Geſellſchaft ſo, wie Sie ſagen, mein Oheim, ſo wäre es beſſer, man würde Alles verlaſſen und Kohl und Rüben pflanzen.“ „Das iſt es; und in der Hoffnung leben, ſie zu eſſen, nicht wahr? Nun, das iſt abermals eine Illuſion, die Dir entſchlüpfen wird: Du wirſt ſie weich zu eſſen glauben, ſie werden hart ſein.“ „Oh! wie mußten Sie leiden, um dahin zu gelan⸗ gen, mein lieber Oheim ⸗ „Nein nur, ſterbe ich vor Hunger!“ ſprach der General. „Herr General, es iſt aufgetragen,“ meldete Franz, indem er die Thüre mit einem ſo heiteren Geſichte öff⸗ nete, als es ein öſterreichiſcher Corporal, der weder Borten, noch Kreuz trägt, haben kann. „Komm geſchwinde!“ ſagte der General, während er ſeinen Arm um den ſeines Reffen ſchlang;„wir werden unſer Geſpräch bei Tiſche wieder aufnehmen, und ich ſchaue dann vielleicht die Welt unter einem andern Lichte an Alle Teufel! ich begreife diejeni⸗ gen, welche die Revolutionen unter dem Vorwande machen, ſie haben Hunger!“ nem Spitzbuben —— LXXXVII. Wie der Oheim und der Neffe im Speiſezimmer das im Salon angefangene Geſpräch fortſetzen. Der Oheim und der Neffe traten Arm in Arm ins Speiſezimmer ein; der General laſtete auf dem Arme von Petrus mit dem Gewichte eines Mannes, Die Mohicaner von Paris. 1V. 7 98 der ſich nicht mehr ſelbſt unterſtützt. Er ſetzte ſich in ſeinen Lehnſtuhl, an ſeinem gewöhnlichen Platze, und d winkte ſeinem Neffen, ſich ihm gegenüber zu ſetzen. n Der General fing damit an, daß er ſtillſchweigend v zwei Teller voll von einer Krebsſuppe verſchluckte, welche hinreichend bewies, daß der Koch ſelbſt ein großer Künſtler warz; alsdann ſchenkte er ſich ein Glas Madeira ein, das er langſam ſchlürfte, füllte ein zwei⸗ tes Glas, reichte die Flaſche ſeinem Reffen und forderte O ihn auf, ein Gleiches zu thun. Petrus ſchenkte ſich ein Glas Madeira ein und m leerte es mit einer Gleichgültigkeit, welche ſichtbar ſei⸗ tr nen Oheim empörte, der bei den Dingen der Tafel er gewöhnlich mit der ernſteſten und religiöſeſten Aufmerk⸗ fa ſamkeit zu Werke ging. „Franz,“ ſagte der General,„gib Herrn Petrus lie eine Flaſche Marſala: er wird keinen Unterſchied darin di gegen den ächten Madeira finden.“ wi Das war ſeine Art, Petrus von ſeiner Trinker⸗ er würde zu degradiren, wie er Franz von ſeiner Corpo⸗ fül ralswürde degradirt hatte. es Petrus nahm die Kataſtrophe mit einer tiefen Re⸗ ſignation hin. Der General ging beinahe vom Zorne zur Ver⸗ ef achtung über. Er verſuchte indeſſen eine zweite Probe. Man wü hatte ihm eine Flaſche Haut-Laffitte gerade recht lau vor gemacht vorgeſetzt; er ſchenkte ſich ein Glas voll davon rrüc ein, wie er es beim Madeira gethan hatte, verkoſtete Nes den Wein als ein Mann, der ſeine hohen Eigenſchaf⸗ . ten zu ſchätzen weiß, ließ ſeine Zunge ſchnaizen und ſagte zu ſeinem Reffen: Ha „Reiche Dein Glas.“ im Mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, reichte Petrus den ſein Glas für gewöhnlichen Wein. Pre „Das andere!“ rief der General;„das Muuſſeline⸗ Fre Glas, Unglücklicher!“ tſtll in und end ckte, ein las wei⸗ erte und ſei⸗ afel nerk⸗ etrus arin nker⸗ orpo⸗ Re⸗ Ver⸗ Man tau davon koſtete ſchaf und zetrus ſeline⸗ 99 Petrus reichte das Mouſſeline⸗Glas, das durch die Feinheit ſeiner Form und die Durchſichtigkeit ſei⸗ nes Kriſtalls ſeinen Namen eher zweimal als einmal verdiente. Als das Glas gefüllt war, ſtellte er es zu ſeinem Teller. 2 „Ei! ſo trinke doch ſogleich!“ ſagte der General. Es fiel Petrus nicht ein, die Ermahnung ſeines Oheims habe zum Zwecke, es zu verhindern, daß der Wein kalt werde oder ſein Aroma verliere; er glaubte nur, es beunruhige ſeinen Oheim, daß er ihn ohne zu trinken von ein paar Gerichten habe eſſen ſehen:— er erniedrigte eine gaſtronomiſche Ermahnung zur ein⸗ fachen Höhe einer Maßregel der Hygiene! Seinem Oheim gehorchend und fühlend, daß wirk⸗ lich der ſpaniſche Pfeffer, mit dem der Karick à l in- dienne, von welchem er gekoſtet, gewürzt war, eine ge⸗ wiſſe Flamme in der Kehle zurückgelaſſen hatte, goß er ſeinen Wein vom kleinen Glaſe in das große über, füllte das große Glas mit friſchem Waſſer und leerte es auf einen einzigen Zug. „Ha! Schurke!“ rief der General. „Was denn?“ fragte Petrus beinahe erſchrocken. „Eil wenn Dein Corſar von einem Vater nicht beſtändig ſeine Fahrten im Canal gemacht hätte, ich würde glauben, er habe vom Cap Conſtantia⸗Wein oder vom Schwarzen Meere eine Beilaſt Tokayer Wein zu⸗ rückgebracht, und Du ſeiſt am Nutſchkännchen mit Nectar genährt worden.“ „Warum denn dies?“ „Wie, Unglücklicher! ich ſchenke Dir ein Glas Haut⸗Laffitte ein, von demſelben, der in den Tuilerien im Jahre 1812, einem Kometenjahre, eingekellert wor⸗ den iſt, und der gerade recht lau gemacht gar keinen Preis hat, und Du trinkſt dieſen Wein mit Waſſer!.. Franz, ſuche Dir Suresnes⸗Wein zu verſchaffen und ſtille damit meinem Neffen den Durſt.“ 100 Und mit tiefer Melancholie fügte er bei: „Franz, behalte wohl, was ich Dir ſagen werde: der Menſch trinkt, das Thier ſäuft.“ „Entſchuldigen Sie, mein Oheim, ich war ſehr zerſtreut,“ ſprach Petrus. „Es iſt höchſt artig, was Du mir deh ſagſt.“ „Es iſt mehr als artig, mein Oheim: es iſt galant. Ich war zerſtreut, weil ich an unſer Geſpräch von vor⸗ hin dachte.“ „Schmeichler!“ rief der General. „Nein, bei meinem Ehrenworte, mein Oheim!.. Sie ſagten alſo?“ „Ich weiß nicht mehr, was ich ſagte; nur iſt es, da ich bedeutend Hunger hatte, wahrſcheinlich, daß ich Albernheiten ſagte.“ „Sie ſagten mir, ich habe Unrecht, daß ich die Welt meide.“ „Ah! ja weil, Du beheifſt das wohl, mein liebes Kind, das Individuum immer der Welt, das heißt, der Generalität bedarf, während die Generalität, das heißt die Welt, nie des Individuums bedarf.“ „Mein Oheim, das iſt eine unbeſtreitbare Wahrheit.“ „Ah! das wäre kein Grund: nur die unbeſtrittenen Wahrheiten ſind mit aller Heftigkeit beſtritten worden; hievon zeugen Columbus, dem man die Exiſtenz von Amerika beſtritten hat; Galilei, dem man die Bewe⸗ gung der Erde beſtritten hat; Hervey, dem man die Circulation des Blutes beſtritten hat; Jenner, dem man die Wirkſamkeit der Kuhpockenimpfung beſtritten hat, und Fulton, dem man die Kraft des Dampfes beſtritten hat.“ „Sie ſind wunderbar!“ ſagte Petrus mit einer gewiſſen Bewunderung für den Schwung dieſes geiſt⸗ reichen Greiſes. nol pag men Du den „Ich danke, e Nun wohl, ich ſagte Dir aſo, oder ich ſagte Dir nicht,— das macht nichs, da ich es Dir jetzt ſage,— ich habe Bich bei Frau * 8 3 ihm erde: ſehr lant. vor⸗ tes, ich die nein das ität, eit.“ enen den; von ewe⸗ die dem itten pfes iner eiſt⸗ agte chts, Frau . 101 Lydie von Marande, einer der jüngſten, der ſchönſten und der einflußreichſten Frauen unſerer Zeit vorgeſtellt; Du biſt natürlich am Tage Deiner Vorſtellung dort geweſen; in der folgenden Woche haſt Du Deine Karte abgegeben, und Du biſt nicht mehr dahin gekommen. Sie empfängt die beſte Geſellſchaft... „Oh! mein Oheim, ſagen Sie die ſchlechteſte: ſie empfängt Jedermann; man ſollte glauben, es ſei ein Miniſterſakon.“ „Mein lieber Reffe, ich habe von Dir ziemlich lange mit Frau von Marande geſprochen; ſie hat Dich angenehm von Geſicht gefunden, doch fie liebt Deine Tournure nicht.“ „Soll ich Ihnen eine Idee vom Geſchmacke der Frau von Marande geben?“ „Ihr Mann hatte die Locuſta von Sigalon, ein Meiſterwerk, gekauft: ſie hatte keine Ruhe, bis das Bild dem Künſtler zurückgegeben war, unter dem Vorwande, das ſei kein Gegenſtand, der angenehm anzuſchauen.“ „Er war in der That nicht ſehr angenehm.“ „Als ob die Bartholomäusnacht von Espag⸗ nolet*) etwas Ergötzliches wäre.“ „Ich möchte die Bartholomäusnacht von Es⸗ pagnolet auch nicht in meinem Speiſezimmer haben.“ „Ei! mein Oheim, ſuchen Sie dieſelbe zu bekom⸗ men: Sie werden fie mir ſchenken.“ „Ich will mich bemühen unter der Bedingung, daß Du zu Frau von Marande zurückkehrſt.“ „Ich fing an ſie zu lieben, mein Oheim; Sie wer⸗ den machen, daß ich ſie haſſe.“ „Warum dies?“ „„Eine Frau, die einen Künſtler empfängt und an ihm nichts Anderes ſieht, als ein angenehmes Geſicht und eine ſchlechte Tournure.“ — NRibeira, genannt Spagnoletto oder Espagnolet malt vorzugsweiſe gräßliche Gegenſtände. S 102 „Ei! was Teufels ſoll ſie denn ſehen? Was iſt Frau von Marande? Eine Frau in der Gewalt ihres Mannes und im Unvermögen der Reue. Beſchäftigt ſie ſich mit der Kunſt? Sie ſiebt einen jungen Mann: ſie ſchaut ihn an; ſiehſt Du ein Pferd, ſo ſchauſt Du es auch an.“ „Ja; doch ſo ſchön es ſein mag, ein Fries von Phidias iſt mir lieber.“ „Und wenn Du eine ſchöne junge Frau ſiehſt, iſt Dir ein Fries von Phidias auch lieber?“ „Bei meiner Treue, Oheim... „Vollende nicht oder ich verleugne Dich als mei⸗ nen Neffen! Frau von Marande hat Recht, und Du haſt Unrecht; es iſt an Dir ein wenig zu viel vom Künſtler und nicht genug vom Weltmanne! Dein Gang iſt eine Art von Gehenlaſſen, das man einem Studenten verzeihen kann, während es einem Manne von Deinem Alter und Deinem Namen nicht ſteht.“ „Sie vergeſſen, mein Oheim, daß ich mich nach dem Namen meines Vaters nenne, und nicht nach den Ihrigen, und daß man, wenn man ſtreng bei de Tournure eines Abkömmlings von Joſſelin III. ſein darf, doch nachſichtig bei den Fehlern des Sohnes von einem Seeräuber ſein muß, wie Sie meinen Vater betiteln. Ich heiße Petrus Herbel, mein Oheim und nicht Vicomte Herbel von Courtenay.“ „Alles dies iſt kein Grund, mein Neffe. Es liegt viel vom Charakter des Menſchen in ſeinem Gange, in ſeiner Art, ſich zu halten, den Kopf zu tragen, die Arme zu bewegen; ein Miniſter geht anders als ſein Angeſtellten, ein Cardinal anders als ein Abbé, ein Siegelbewahrer anders als ein Notar. Möchteſt Duß gehen wie ein Huiſſier oder wie ein Handelsaufſeher! Höre, zum Beiſpiel: Deine Kleider find auf eine er⸗ bärmliche Art gemacht; Dein Schneider iſt nur ein Eſel.“ „Es iſt der Ihre, mein Oheim.“ B s iſt ihres äftigt tann: ſt Du ₰ n ſt, iſt mei⸗ d Du om Dein einem Nanne 1 nach h den i de ſein ohnes neinen hein liegt ge, in , die ſeine * 12 ſeher ne er⸗ 103 „Ah! eine intwrrt Gäbe ich Dir meinen Koch, wie ich Dir meinen Schneider gegeben habe, ſo wäre mein Koch nach Verlauf von ſechs Wochen ein Droguiſt! Laß Herrn Smith kommen „Ich werde mich wohl hüten; er kommt oft genug von ſelbſt, ohne daß ich ihn kommen laſſe!“ „Gut! wir haben Schulden bei unſerem Schnei⸗ „Soll ich ihm ſagen, er möge zu Ihnen gehen, wenn er zu mir kommt?“ „Bei meiner Treue! ich bin verſucht, dies thun zu laſſen.“ „Ah! mein Oheim, welch eine ſchöne Verſuchung haben Sie da!“ „Wir werden das ſogleich ſehen... Ich ſagte Dir alſo, Du ſollſt Deinen Schneider rufen laſſen und ihn fragen:„Wer macht die Kleider meines Oheims?““ Antwortet er Dir:„Ich!““ dann iſt Herr Smith ein eitler Geck; das iſt, als ob mein Koch mir fagen würde, er beſorge meine Küche! Was meine Kleider macht, mein Lieber, das iſt meine Art, ſie zu tragen. Ahme mir nach, Petrus, mir, der ich achtundſechzig Jahre alt bin: gib den Werth der Eleganz dem, was Du trägſt, und Du wirſt ein reizender Cavalier ſein. magſt Du Dich nun Herbel oder Courtenay nennen!“ „Welche Coquetterie für mich, mein Oheim!“ „Es iſt ſo; was willſt Du?“ „In welcher Hinſicht beſchäftigen Sie ſich aber mit meinen Kleidern? Sollten Sie zufällig die Abſicht ha⸗ ben, aus mir einen Dandy zu machen?“ „Du geräthſt immer in die Ertreme. Ich will keinen Dandy aus Dir machen; ich will einen elegan⸗ ten Mann aus Dir machen, mein Reffe. Bedenke doch, wenn die Leute, die uns kennen, Dich vorbeigehen ſehen, ſagen ſie zu denen, die uns nicht kennen:„Se⸗ hen Sie dieſen jungen Mann?““„„Ja.““„Nun 104 wohl, er hat einen Oheim, der fünßzigtauſend Livres Rente ſchwer iſt.““ „Oh! mein Oheim, wer ſagt das?“ „Alle Mütter, welche Töchter zu verheirathen ha⸗ ben, mein Herr.“ „Gut! und ich hörte Sie ernſthaft an! Ah! mein Oheim, Sie ſind nur ein Egviſt!“ „Warum dies?“ „Ich ſehe Sie kommen: Sie wollen ſich meiner entledigen; Sie wollen mich verheirathen.“ „Nun, und wenn dies ſo wäre?“ „So würde ich Ihnen wiederholen, was ich Ihnen ſchon hundertmal ſeit einem Jahre geſagt habe: nein, mein Oheim.“ „Ei! mein Gott! Du wirſt hundertmal, tauſend⸗ mal, zehntauſendmal nein ſagen, und an einem ſchönen Tage ſagſt Du ja.“ Petrus lächelte. „Das iſt wahrz doch laſſen Sie mir Gerechtigkeit widerfahren und geſtehen Sie, daß ich bis jetzt nein geſagt habe.“ „Höre, Du biſt ein Räuber wie Dein Vater! Ich errathe Dich: Du haſt die Abſicht, eines Tags, wenn Du Deine Schöne finden wirſt, meinen Secretär zu erbrechen. Sprich, warum dieſe Halsſtarrigkeit, Jung⸗ geſelle zu bleiben? Du wirſt am Ende machen, daß ich die Geduld verliere!“ „Ei! Sie find wohl auch Junggeſelle geblieben!“ „Weil ich mich auf Deinen Vater und auf Dich für die Fortpflanzung des Geſchlechtes der Cvurtenay verließ. Wie! ich gebe mir Mühe, Dir eine Frau zu ſuchen; ich finde ein Mädchen voll Geiſt, das Dir beide Hände reicht, das Dir fünfmal hunderttauſend Franken in jeder Hand bringt, und Du ſchlägſt dieſe ſchätzens⸗ werthe Perſon aus! Auf wen rechneſt Du denn? Auf die Königin von Saba?“ 6 1 105 vres„Was wollen Sie, mein Oheim? Das Mädchen war häßlich; ich, ich bin Maler, Sie begreifen?“ „Nein, ich begreife nicht.“ ha⸗„Die Form vor Allemi“ „Du willſt alſo ganz entſchieden dieſe Million nicht nein heirathen?“ „Nein, mein Oheim.“ „Wohl, es ſeiz ich werde Dir eine andere ſuchen.“ iner„„Ach! mein Oheim, ich weiß wohl, daß Sie ſie finden werden; laſſen Sie mich Ihnen aber ſagen: es iſt nicht die Braut, die ich nicht liebe, ſondern die nen Heirath.“ ein,„Ah! Du biſt alſo ein Ruchloſer wie Dein Vater? Du achteſt alſo nicht darauf, daß Du kalt Deinem end⸗ Oheim nach dem Leben trachteſt? Wie, ich werde in nen dieſen Schlund, den man einen Reffen nennt, die Frucht einer ſechzigjährigen Erfahrung geworfen haben, ich werde ihn wie meinen eigenen Sohn geliebt haben, ich keit werde mich für ihn, wie ich es ſo eben gethan, mit einer nein Freundin,— ich irre mich,— mit einer Feindin von vierzig Jahren entzweit haben, und der Burſche wird Ich mir nicht ein Mal in ſeinem Leben angenehm ſein! enn Ich habe nie etwas Anderes von ihm verlangt, als daß zu er heirathe, und er weigert ſich! Du biſt alſo nur ein ng⸗ Bandit! Ich will, daß Du heiratheſt; ich habe es mir ich in den Kopf geſetzt, und Du wirſt heirathen, oder Du wirſt ſagen, warum nicht.“ n1„Ich habe es ihnen ja geſagt, mein Oheim.“ dich„Höre, wenn Du nicht heiratheſt, ſo verleugne nay ich Dich! ich ſehe in Dir nur noch einen Erben, zu das heißt einen gegen meine iniſe Livres eide Rente bewaffneten Feind; und ich heirathe ſelbſt als en Sicherheitsmaßreget: ich heirathe Deine Millivn.“ n Sie haben mir ſo eben geſtanden, das Mädchen ſei Auf„ häßlich, mein Oheim.“ „Iſt ſie aber einmal meine Frau, ſo werde ich es nicht mehr geſtehen.“ „Und warum?“ „Weil man nie bei den Andern einen Widerwillen gegen das erregen muß, was uns nicht anſteht. Höre, Petrus, ſei ein guter Junge; heiratheſt Du nicht um Deinetwillen, ſo heirathe Deinem Oheim zu Liebe.“ „Sie verlangen von mir gerade das Einzige, was ich nicht für Sie thun kann.“ „So gib mir doch wenigſtens einen gültigen Grund an, tauſend Millionen Donnerwetter!“ „Mein Oheim, ich will mein Vermögen nicht von einer Frau haben.“ „Und aus welchem Grunde?“ „Mir ſcheint, es liegt etwas Schmähliches in die⸗ ſer Berechnung.“ „Nicht ſchlecht für den Sohn eines Piraten. Nun wohl, ich ſteure Dich aus.“ „Oh! mein Oheim... „Ich gebe Dir hunderttauſend Franken.“ „Ich bin als Junggeſelle reicher ohne Ihre hun⸗ derttauſend Franken, als ich verheirathet mit fünftau⸗ ſend Livres Rente mehr wäre.“ „Ich gebe Dir zweimal hunderttauſend, ich gebe Dir dreimal hunderttauſend, ich gebe Dir die Hälfte meines Vermögens, wenn es ſein muß; was Teufels! ich bin nicht umſonſt Bretagner!“ Petrus nahm die Hand ſeines Oheims und küßte ſie zärtlich. „Du küſſeſt mir die Hand, was bedeutet:„„Gehen Sie zum Henker, mein Oheim, und je weiter Sie gehen werden, deſto mehr werden Sie mir Vergnügen machen!““ „Oh! mein Oheim!“ „Ah! ich habe es!“ rief der General, indem er ſich vor die Stirne ſchlug. „Ich glaube nicht,“ erwiederte Petrus lächelnd. „Du haſt eine Geliebte, Unglücklicher!“ „Sie irren ſich, mein Oheim.“ en re, m er 107 „Du haſt eine Geliebte, ſage ich Dir! Das iſt klar wie der Tag.“ „Ich ſchwöre Ihnen, nein.“ „Ich ſehe ſie von hier aus: ſie iſt vierzig Jahre alt; ſie hält Dich in ihren Klauen; Ihr habt Euch geſchworen, einander ewig zu lieben, Ihr glaubt Euch allein in der Welt, und Ihr bildet Euch ein, die Dinge werden ſo fortdauern, bis zu dem Tage, wo die Trom⸗ pete des jüngſten Gerichtes ertönt.“ „Warum vierzig Jahre?“ fragte Petrus lachend. „Weil man nur mit vierzig Jahren an die Ewig⸗ keit der Liebe glaubt... Lache nicht: das iſt Dein na⸗ gender Wurm, ich bin deſſen, was ich ſage, ſicher. In dieſem Falle, mein Freund,“ fügte der General mit einem tiefen Mitleiden bei,„in dieſem Falle tadle ich Dich nicht mehr, ich beklage Dich, und es bleibt Dir nichts übrig, als ruhig den Tod Deiner Infantin ab⸗ zuwarten.“ „Nun wohl, mein Oheim. „Was?“ „Da Sie ſo gut ſind... „Du verlangſt von mir meine Einwilligung, um Deine Großmutter zu heirathen, Unglücklicher?“ Nein, ſeien Sie unbeſorgt.“ „Du willſt mich inſtändig bitten, die Kinder, die Du gehabt haſt, anzuerkennen!“ „Mein Oheim, beruhigen Sie ſich, ich habe nicht das Glück, Vater zu ſein.“ „Iſt man deſſen je ſicher? In dem Augenblicke, wo Du eintratſt, wollte mich die Marquiſe de la Tour⸗ nelle überreden.. „Was?“ „Nichts Fahre fort; ich bin auf Alles ge⸗ faßt; nur, wenn die Sache zu ernſt iſt, verſchiebe ſie auf morgen, um meine Verdauung nicht zu ſtören.“ „Sie können das, was ich Ihnen ſagen will, ohne Gemüthsbewegung hören.“ 108 „Sprich alſo.— Ein Glas Alicante, Franz; ich will in der beſtmöglichſten Stimmung anhören, was mein Reffe mir zu ſagen hat... So, es iſt gut!.. Nun vorwärts, Petrus,“ fügte der General bei, wäh⸗ rend er an den Flammen des Candelabers den in ſei⸗ nem Glaſe enthaltenen Rubin blinken ließ.„Deine Ge⸗ liehte „Ich habe keine Geliebte, mein Oheim.“ „Ei! was haſt Du denn?“ „Ich hege ſeit ſechs Monaten für eine Perſon, die es in jeder Hinſicht verdient, eine von den Leiden⸗ ſchaſten, ſehen Sie... „Nein, ich ſehe nicht,“ ſagte der General. „Welche wahrſcheinlich kein Reſultat haben wird.“ „Dann iſt alſo Deine Leidenſchaft verlorene Zeit.“ „Nein, eben ſo wenig, als die Leidenſchaft von Dante für Beatrice, von Petrarca für Laura, von Taſſo für Eleonore verlorene Zeit geweſen iſt.“ „Das heißt, Du wollteſt nicht eine Frau heirathen und ihr Dein Vermögen verdanken, während Du eine Geliebte haben willſt und Dir Deinen Ruf verdanken. Iſt das Logik, was Du da machſt, Petrus?“ „Das iſt äußerſt logiſch, mein Oheim.“ „Und welches Meiſterwerk verdankſt Du ſchon Dei⸗ ner Beatrice, Deiner Laura, Deiner Eleonore?“ „Erinnern Sie ſich meines Bildes: der Kreuz⸗ ritter?“ „Es iſt Dein beſtes, beſonders ſeitdem Du es überarbeitet haſt.“ „Das Geſicht des Mädchens, das an der Quelle Waſſer ſchöpft, ſchien Sie vollkommen zu befriedigen.“ „Es iſt wahr, es hat mir außerordentlich gefallen.“ „Sie haben mich gefragt, wo ich mein Modell ge⸗ nommen.“ „Und Du antworteteſt mir, Du habeſt es aus Deiner Einbildungskraft genommen; was mir, beiläufig geſagt, ziemlich dünkelhaft geſchienen hat.“ h N S NuX. 109 „Nun denn, ich habe Sie ſchändlich getäuſcht, duckmäuſeriſch getäuſcht, mein lieber Oheim.“ „Halunke!“ „Mein Modell war ſie!“ „Sie, wer ſie?“ „Sie wollen, daß ich Ihnen ihren Namen ſage?“ „Ob ich das will? ich glaube wohl!“ „Bemerken Sie wohl, daß ich weder die Hoffnung habe, je ihr Gatte zu werden, noch die Prätenſion, je ihr Geliebter zu ſein.“ „Ein Grund mehr, ſie zu nennen: nach einem ſol⸗ chen Eingange iſt es keine Indiscretion.“ „Es iſt Fräulein... Petrus hielt ganz zitternd inne; es ſchien ihm, er begehe ein Verbrechen. „Es iſt Fräulein?“ wiederholte der General. „Fräulein Regina.“ „Von Lamothe⸗Houdan?“ „Ja, mein Oheim.“ „Ah!“ rief der General, indem er ſich heftig rück⸗ wärts warf,„ah! bravo, mein Reffe! Hätten wir den Tiſch nicht zwiſchen uns, ich fiele Dir um den Hals und würde Dich umarmen!“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich ſage, daß es einen Gott für die redlichen Leute gibt!“ „Ich begreife nicht... ſei„Ich ſage, Du wirſt mein Rodrigo, mein Rächer ein.“ „Ich bitte, erklären Sie ſich.“ „Mein Freund, fordere von mir Alles, was Du willſt: Du haſt mir das größte Vergnügen gemacht, das ich in meinem Leben empfunden habe.“ „Oh! mein Oheim, glauben Sie mir, ich bin hierüber vor Freude außer mir! Ich kann alſo fort⸗ fahren?“ „Rein, nicht hier, mein Kind: ich bin ein Philv⸗ 110 ſoph aus der Schule Epicurs, ein Sohn der weich⸗ lichen Stadt, die man Sybaris nenntz die Friſche Deiner Erzählung würde ſchlecht mit dem Geruche der Schöpſenkeule und des Sauerkrauts harmoniren. Gehen wir in den Salon.— Franz, portrefflichen Kaffee, mein Junge! die feinſten, die wohlriechendſten Liqueurs! Franz, Du kannſt Dein Kreuz wieder anheften, Deine Borten wieder annähen: ich verzeihe Dir zu Gunſten meines Neffen Komm, Petrus, theures Kind mei⸗ nes Herzens! Du ſagſt alſo, Du liebeſt Fräulein von Lamothe⸗Houdan?“ Und ſo ſprechend ſchlang der General ſeinen Arm um den Hals von Petrus mit eben ſo viel Anmuth und Eleganz, und, wir möchten beinahe ſagen, Jugend, als dies Pollux um den Hals von Caſtor bei der ſo ſchönen antiken Gruppe, dem Meiſterwerke eines unbe⸗ kannten Meiſters, thut. Und Beide gingen an Franz vorüber, der ſie, die linke Hand an der Naht ſeiner Hoſe, die rechte an ſei⸗ ner Stirne, das Geſicht ſtrahlend vor Freude und Stolz, anſchaute und dabei murmelte: „Oh! mein General! mein General!“ LXXXVIII. Während des Kaffees. Der General war, wie er es ſelbſt geſagt hatte, wirklich ein Philoſoph aus der Schule Epicurs, ein Bürger der wollüſtigen Sybaris; er hätte können bei⸗ fügen, ein Nebenbuhler von Brillat⸗Savarin und von Grimod de la Reynieère. . —-—— — 111 Alles bezeichnete bei ihm in den geringſten Ein⸗ zelheiten ein tiefes Studium des Comfortablen und des Auserleſenen. Wie er glaubte, er dürfe den Bordeaux Haut⸗Laffitte nur aus den Muuſſeline⸗Gläſern trinken, wo ſich die Durchſichtigkeit mit der Feinheit des Kri⸗ ſtalls verbindet, um die Augen und die Lippen nichts von der Farbe und dem Dufte des Weines verlieren zu laſſen, eben ſo hätte er ſeinen Kaffee aus keinem anderen Gefäße als aus einer Taſſe von chineſiſchem Porzellan oder altem Sbvres zu ſich genommen. Der Kaffee wartete alſo rauchend und duftend in einer Kaffeekanne von Vermeil und in Geſeltſchaft einer Zuckerdoſe von demſelben Metalle, von zwei fei⸗ nen Taſſen mit goldenen Blumen und zwei Carafons mit verſchiedenen Liqueurs. „Ah!“ ſagte der General, indem er ſeinen Neffen in ein Fauteuil ſchob,„ſetzen wir uns, Du hier, ich dort, und trinken wir unſern Kaffee als Philoſophen, welche zu ſchätzen wiſſen, was es an Zeit, an Ereig⸗ niſſen, an Menſchen von Genie, an großen Königen, an glühenden Sonnen gebraucht hat, um dieſe zwei ſchmackhaften Subſtanzen, eingeheimſt bei den zwei An⸗ tipoden der Welt, die man Martinique und Mokka nennt, zu bereiten!“ Petrus war aber in einer ganz anderen Ideen⸗ ordnung. „Mein guter Oheim,“ erwiederte er,„glauben Sie, in einem andern Momente würde ich wie Sie, obſchon weniger gelehrt und weniger vhiloſophiſch, das ganze Aroma dieſes göttlichen Trankes ſchätzen; doch zu die⸗ ſer Stunde, Sie müſſen das begreifen, find alle meine Phhſiſchen und moraliſchen Fähigkeiten bei der Frage Loncentrirt, die ich an Sie wiederholen will: was kann ei meiner Liebe für Fräulein von Lamothe⸗Houdan ſein, was Sie ſo freudig macht?“ „Ich werde Dir das ſogleich erklären, wenn ich meinen Kaffee getrunken habe. Du weißt, was ich 112 Dir, ehe wir uns zu Tiſche ſetzten, hinſichtlich des Einfluſſes ſagte, den ein gutes Mahl auf die Art, wie man die Dinge betrachtet, haben kann?“ „Wohl, mein Freund, nun, da ich geſpeiſt habe, ſehe ich Alles roſa, und ich mache Dir mein aufrich⸗ tiges Compliment. Laß mich meinen Kaffee trinken, und dann werde ich Dir ſagen, warum ich Dir mein Compliment mache.“ „Sie finden Sie alſo ſchön?“ fragte Petrus, der ſich dem ſanften Abhange überließ, welchen, ohne es wahrzunehmen, die Verliebten von ihrer Liebe ſprechend hinabſteigen. „Ob ich ſie ſchön finde! beim Teufel! ich müßte ſehr häkelig ſein, mein Lieber... Wetter! das iſt ganz einfach eine der reizendſten Frauen von Paris, und wenn ich mich ihres Geſichtes recht erinnere, ſo gleicht ſie jener Nymphe von Ovid... „Nein, nein! ſie gleicht Niemand, mein Oheim! erniedrigen Sie ihr himmliſches Geſicht nicht dadurch, daß Sie es ſelbſt mit einer Halbgöttin vergleichen!“ „Oh! oh! mein Kind, Du biſt ſehr verliebt; deſto beſſer! deſto beſſer! Ich ſehe ſo gern die Jugend und die Stärke in der moraliſchen Uebung der mächtigen Fähigkeit, die man die Liebe nennt. Wohl! es ſei ſie gleicht nicht einer Nymphe von Ovid, es iſt eine Hel⸗ din des modernen Romans in der vollen Bedeutung des Worts.“ „Oh! mein Oheim, ganz im Gegentheile! und was mich bei Regina beſonders entzückt, bezaubert, iſt, daß ſie ſich in keiner Beziehung nach dem, was ſie ge⸗ ſehen oder geleſen hat, formt.“ „Wie! Spitzbube! Du erlaubſt Dir, eine Frau ohne Wiſſen Deines Oheims zu lieben, und Du willſt ihm nicht einmal geſtatten, daß er ſucht, wem ſie gleicht?“ „Ich hatte ſehr Recht, daß ich discret gegen Sie —— S e es ie be, n, in er nd te iſt s 8, n! ch, to nd en ſie l⸗ ng nd e⸗ m lſt 2“ ie S — 113 war, mein lieber Oheim: ich war ſicher, ausgeſcholten zu werden.“ „Sage beneidet, glücklicher Spitzbube! Nur dieſe Seeräuberſöhne haben ein ſolches Glück! Wir ſtellen alſo vor Allem die Thatſache auf: Du biſt verliebt, ſehr verliebt.“ „Ich bitte Sie, mein lieber Oheim, nennen Sie nicht Liebe das Gefühl, das ich für Regina habe.“ „Ah! Wie ſoll ich es denn nennen? Laß hören.“ „Ich weiß es nicht; doch die Liebe, iſt das nicht der Name, mit dem die gemeinſten Menſchen ihre ma⸗ teriellen Inſtincte, ihre brutalen Fantaſien benennen? Glauben Sie, ich hege für dieſes bezaubernde Geſchöpf daſſelbe Gefühl, das Ihr Portier für ſein Weib hat?“ „Bravo, Petrus! Immer zu, mein Kind!. Ich vermöchte Dir nicht zu ſagen, in welchem Grade Du mich erfreuſt 65 iſt alſo nicht Liebe, was Du für Regina empfindeſt? Run, ſo erkläre mir, was es iſt. Ich, ein plumper Materialiſt, ein Mann des andern Jahrhunderts, glaubte bis jetzt, die Liebe ſei die materielle und geiſtige Combination deſſen, was es Reinſtes im Menſchen gibt, wie dieſer Kaffee das iſt, was es Feinſtes in der Pflanze gibt, welche auf der Erde wächſt, und unter der Sonne, die am Himmel glänzt. Ich täuſchte mich; deſto beſſer! Es gibt ein anderes Gefühl, das himmliſcher, ätheriſcher, glühen⸗ der iſt, als dieſes. Ich verlange mit ihm Bekannt⸗ ſchaft zu machen und bin in Verzweiflung, daß ich ſo ange gewartet habe, um mich ihm vorſtellen zu laſſen.“ „Sie ſpotten über mich, mein Oheim!“ „Oh! Gott behüte mich!“ „Bei meinem Ehrenworte, ich ſage Ihnen die Wahrheit. Was ich für Regina eſüpfinde, iſt ein Ge⸗ fühl, das keinen Namen in der Sprache hat,— neu, ſanft, friſch, mild, erhaben wie ſie, das vor ihr nicht Die Mohicaner von Paris. 1v. 8 3 114 beſtand, das nur durch ſie eingegeben werden kann. Oh! mein Oheim, Sie ſagen, trotz Ihrer Erfahrung ſei Ihnen dieſes Gefühl unbekannt: das ſetzt mich nicht in Erſtaunen, denn ich glaube, kein Menſch hat em⸗ pfunden, was ich empfinde.“ „Ich wünſche Dir von ganzem Herzen Glück dazu, theurer Freund,“ erwiederte der General, indem er die letzten Tropfen ſeines Kaffees ſchlürfte,„und ich wie⸗ derhole Dir, Du verurſachſt mir aus verſchiedenen Ge⸗ ſichtspunkten eine wirkliche Freude, die erſte, die ich Dir verdanke. Nimm alſo nicht buchſtäblich, was ich Dir von der Welt geſagt habe, ehe wir uns zu Tiſche ſetzten: das war der Alp eines hohlen Magens. Ah!“ fuhr der alte Edelmann fort, während er ſich in ſeinem Fauteuil ausſtreckte und gans ſelig mit den Augenlidern blinzelte,„ich glaube, ich wage nichts, wenn ich ſage, ſobald ich dieſe Priſe Spaniol genommen habe, werde ich wahrhaft und völlig glücklich ſein.“ „Glauben Sie, mein Oheim, ich danke Ihnen von ganzer Seele, daß Sie die Güte haben, einen ſo leb⸗ haſten Antheil an meinem Glücke zu nehmen.“ „Du irrſt Dich, mein Freund, oder vielmehr, Du biſt nicht in meinem Geſichtspunkte.“ „Sie hatten die Gewogenheit, mir zu ſagen, mein Oheim, Sie ſeien völlig glücklich.“ „Ja; doch es iſt nicht Dein Glück allein, was mich ſo ſehr erfreut.“ „Was iſt es denn, mein Oheim?“ „Es iſt der duckmäuſerige Gedanke, dieſes Glück werde die Pein eines Andern bilden.“ Petrus ſchaute ſeinen Oheim mit fragenden Au⸗ gen an. „Da nun,“ fuhr der General fort,„da nun dieſer An⸗ dere mein erbitterter Feind iſt, ſo erfüllt mich Alles, was ihm Unangenehmes begegnen kann, mit Freude. Du ſiehſt, mein Freund, ich nehme von Deinem Glücke nur den Theit, der mir zukommt: hege alſo keine Dankbarkeit für den — 115 mich und ſetze Deine Erzählung fort, nachdem Du von dieſem Rhum gekoſtet haſt 3ch höte Immer in ſein Fauteuil zurückgelehnt, kreuzte der General ſeine Hände auf ſeinem Bauche, ließ ſeine zwei Daumen ſich um einander drehen und horchte wirklich. „Es iſt ſeltſam, mein Oheim,“ ſagte Petrus,„ich weiß nicht, was Ihr Gedanke iſt; doch ich habe etwas wie eine Ahnung, es werde mir ein großes Unglück widerfahren.“ „Was Dich erwartet, iſt in der That ein Glück oder ein Unglück, je nachdem Du es anſehen wirſt; in dem einen oder dem andern Falle kann ich Dir den Schlag nicht beibringen, ohne Dich darauf vorbereitet zu haben; mit andern Worten, ich werde Dir die Wahr⸗ heit erſt mittheilen, wenn Du Deine Erzählung vollen⸗ det haſt.“ „Ich habe Ihnen aber keine Erzählung zu ma⸗ chen, mein Oheim; ich habe Ihnen Alles geſagt, was ich Ihnen zu ſagen hatte.“ „Es gibt indeſſen etwas ſehr Wichtiges, was Du unberührt gelaſſen haſt, mein Liebſter.“ „Was?“ „Du haſt mir wohl geſagt, Du liebeſt, das iſt wahr; doch Du haſt vergeſſen, mir zu ſagen, ob Du geliebt wirſt.“ Das Geſicht von Petrus bedeckte ſich bei dieſer Bemerkung mit einer Röthe, welche nur eine lange und indiserete Antwort war; da ſich aber das Geſicht von Petrus im Schatten befand, ſo ſah der Generak dieſe Röthe nicht „Was ſoll ich Ihnen ſagen, mein Oheim?“ „Wie, was Du mireſagen ſollſt? Du ſollſt mir ſagen, ob ſie Dich liebt.“. „Ich habe ſie das nie gefragt.“ „Und Du haſt wohl daran gethan, mein Junge: dergleichen Dinge fragen ſich nicht; ſie errathen ſich, ſie fühlen ſich. Was haſt Du nun gefühlt? was haſt Du errathen?“ „Ohne ſagen zu wollen, das Gefühl, das ich Fräu⸗ lein von Lamothe⸗Houdan eingeflößt habe, ſei von der Natur desjenigen, welches mich erfüllt,“ antwortete Pe⸗ trus mit zitternder Stimme,„glaube ich doch, daß Re⸗ gina mich mit Vergnügen ſieht.“ „Verzeih'!“ nun biſt Du es, der mich nicht recht verſteht; ich will alſo meine Frage genauer ſtellen. Glaubſt Du, zum Beiſpiel,— die Lage geboten und angenommen, wie ſie iſt, das heißt in den Bedingungen einer gegenſeitigen Sympathie,— Fräulein von La⸗ othe⸗Houdan würde, im Falle Du um Ihre Hand bäteſt, Dich zum Gatten annehmen?“ „Oh! mein Oheim, wir ſind nicht ſo weit!“ „Folgen aber die Tage auf die Tage, die Nächte auf die Nächte mit ihrer gewöhnlichen Regelmäßigkeit, ſo werdet Ihr eines Tages oder in einer Nacht ſo weit kommen, mein Kind.“ „Mein Oheim.. „Du willſt ſie nicht heirathen?“ „Aber, mein Oheim...“ „Sprechen wir nicht mehr davon, lockerer Geſelle!“ „Mein Oheim, ich bitte Sie inſtändig...“ „Sprechen wir alſo davon!“ „Nun wohl ja, ſprechen wir davon; denn Sie ha⸗ ben ſo eben eine von den Hoffnungen berührt, die ich nicht einmal im Traume zu erſchauen wagte.“ „Ah!.. Ich bitte Dich alſo, mir zu ſagen, ob Du, im Falle Du würdeſt Fräulein von Lamothe⸗ Houdan zur Ehe begehren, auf Deine Seele und Dein Gewiſſen glaubſt, ſie würde Dich zum Manne anneh⸗ men. Bemerke wohl, daß die Forderung durchaus nicht hoffärtig wäre: obſchon Dein unglücklicher Vater ein tiefer Böſewicht iſt, ſtammſt Du doch nichtsdeſtoweniger von den Courtenay ab, mein Junge; unſere Ahnen haben in Conſtantinopel regiert. Die Joſſelin hatten hte it, eit a⸗ er 117 weiße Haare, als den Lamothe⸗Houdan die Milchzähne noch nicht gewachſen waren; ſie kreuzen hinter ihrem Wappen Stäbe von Marſchällen von Frankreich, doch wir haben über dem unſern eine geſchloſſene Krone.“ „Nun wohl, mein Oheim, wenn ich Ihnen die ganze Wahrheit fagen ſoll„ „Die ganze, mein Junge.“ „Oder wenigſtens, was ich denke „Sage mir, was Du denkſt.“ „Obſchon ich die Zukunſt nie hierüber befragt habe, denke ich, wenn mein geringes Erbgut kein Hin⸗ derniß wäre, ſo würde Fräulein von Lamothe⸗Houdan den Antrag meiner Hand nicht ausſchlagen.“ „So daß, mein lieber Neffe, wenn ich zufällig,— was nicht wahrſcheinlich iſt, das muß ich Dir ſogleich ſagen,— dieſes geringe Erbgut mit einem Theile meines Vermögens nach meinem Tode ausſtaffiren würde,— und bemerke wohl, daß ich zweitauſend Mei⸗ len davon entfernt bin, einen ſolchen Gedanken zu ha⸗ en,— ſo daß, wenn ich, um mich genauerer Ausdrücke zu bedienen, Dich ausſteuern und als meinen Erben anerkennen würde, wodurch dieſes Hinderniß gehoben wäre, Du glaubſt, Fräulein von Lamothe⸗Houdan würde einwilligen, Dich zu heirathen?“ 5 meinem beſten Wiſſen und Gewiſſen glaube ich das.“ „Nun wohl, mein lieber Neffe, ich wiederhole Dir in Beziehung auf Dich ſelbſt, was ich Dir in Betreff Deines Freundes, der das Kreuz ausgeſchlagen, geſagt habe: Du biſt zu jung für Dein Alter!“ „Ich, mein Oheim?“ . J „Was wollen Sie damit ſagen?“ „„Ich will ſagen, Fräulein von Lamothe⸗Houdan würde Dich nicht heirathen.“ „Und warum nicht?“ „Weil das Geſetz der Frau verbietet, zwei Männer 118 zu heirathen, und dem Manne, zwei Frauen zugleich zu heirathen.“ „Zwei Männer?“ „Ja, das nennt man Bigamie, Polygamie; es iſt hierüber ein Lied in Monſieur de Po urceaugnac.“ „Ich verſtehe durchaus nicht, erklären Sie ſich.“ „Ehe vierzehn Tage vergehen, wird Fräulein von Lamothe⸗Honudan verheirathet ſein.“ „Unmöglich, mein Oheim!“ rief der junge Mann entſetzlich erbleichend. „Unmöglich! das iſt wieder das Wort eines Ver⸗ liebten.“ „Mein Oheim, um des Himmels willen, haben Sie Mitleid mit mir! ſprechen Sie klarer.“ „Mir ſcheint, was ich ſage, iſt ſehr klar, und ich ſetze die Punkte auf die i: Fräulein von Lamothe⸗ Houdan wird heirathen.“ „Heirathen!“ wiederholte Petrus ganz betäubt. „Und ich bin dafür bezahlt, daß ich es weiß, Gott ſei Dank! da ſie meinen vorgeblichen Sohn heirathet.“ „Mein Oheim, Sie werden mich raſend machen! Wer iſt dieſer angebliche Sohn?“ „Oh! beruhige Dich, er iſt nicht anerkannt, ob⸗ ſchon ſeine zärtliche Mutter Alles, was ſie konnte, ge⸗ than hat, damit er es werde.“ „Aber wen heirathet ſie denn?“ „Sie heirathet den Oberſten Grafen Rappt.“ „Herrn Rappt?“ „Herrn Rappt ſelbſt; ja, mein Neffe, den liebens⸗ würdigen, den redlichen, den ausgezeichneten Herrn Rappt.“ „Er iſt zwanzig Jahre älter als Regina.“ „Du kannſt ſogar ſagen vierundzwanzig, lieber Freund, in Betracht, daß er vom 11. März 1786 da⸗ tirt, und das macht vierundvierzig Jahre wohl gezähltz und da Fräulein von Lamothe⸗Houdan erſt ſiebzehn alt iſt. ei! rechne doch ſelbſt!“ 119 „Und Sie ſind deſſen ſicher, mein Dheim?“ ſagte der junge Mann, der mit geſenktem Haupte und wie vom Blitze getroffen da ſaß. „Frage Regina ſelbſt.“ „Gott befohlen!“ rief Petrus aufſtehend. „Wie, Gott befohlen?“ „Ja, ich will ſie aufſuchen, und ich werde wohl erfahren „Später wirſt Du es beſſer erfahren! Mache mir das Vergnügen und ſetze Dich wieder an Deinen Platz.“ 3 mein Oheim... „Es gibt keinen Oheim mehr, wenn der Reffe un⸗ dankbar iſt.“ „Ich, undankbar?“ „Gewiß, undankbar! Es heißt ein undankbarer effe ſein, ſeinen Oheim am Anfange einer mühſamen Verdauung verlaſſen, ſtatt ihm ein Glas Curagav an⸗ zubieten, um dieſe Verdauung zu erleichtern.. Petrus, biete Deinem Oheim ein Glas Curagav an.“ Der junge Mann ließ ſeine beiden Arme fallen. „Oh!“ murmelte er,„können Sie mit einem Schmerze wie der meine ſcherzen?“ „Kennſt Du die Geſchichte von der Lanze des chilles?“ „Nein, mein Oheim.“ „Wie! das iſt die Erziehung, die Dir Dein See⸗ räuber von einem Vater gegeben hat? Er hat Dich nicht das Griechiſche lernen laſſen, nicht den Homer im Original leſen? Unglücklicher, Du biſt genöthigt, ihn in Madame Dacier oder in Herrn Bitaubs zu leſen? Nun wohl, ich will ſie Dir ſagen, die Geſchichte die⸗ ſer Lanze: ihr Roſt heilte die Wunde, welche ihre Spitze gemacht hatte. Ich habe Dich verwundet, mein Kind; nun will ich es verſuchen, Dich zu heilen“ „Oh! mein Oheim! mein Oheim!“ murmelte 120 Petrus, während er dem General zu Füßen ſiel und ihm die Hände küßte. Der General ſchaute den jungen Mann mit einem die tiefe Zärtlichkeit, die er für ihn hegte, bezeichnen⸗ den Ausdrucke an. Dann ſprach er mit ruhigem, ernſtem Tone: „Setze Dich, mein Freund, ſei Mann! Wir wer⸗ den ernſthaft von Herrn Rappt ſprechen.“ Petrus gehorchte; er erreichte ſchwankend ſein Fau⸗ teuil wieder und fiel mehr darein, als daß er ſich ſetzte. LXXXIX. Wo lange von den Tugenden der Frau Marquiſe Yo⸗ lande Pentaltais de la Tournelle die Rede iſt. Der General ſchaute einen Augenblick ſeinen Nef⸗ fen mit jenem Mitleiden des Greiſes für die Schmer⸗ zen an, die er nicht mehr fühlt, die er aber gefühlt zu haben ſich erinnert⸗ Alsdann ſprach er: „Mein lieber Petrus, leihe nun dem, was ich Dir ſagen werde, ein aufmerkſames Ohrz das wird intereſ⸗ ſanter für Dich ſein, als es für Dido und ihre Höf⸗ linge die Geſchichte von Aeneas warz und dennoch ſagt der Dichter: „Conticuere omnes, intentique ora tenebant „Ich höre, mein Oheim,“ erwiederte Petrus traurig. „Du kennſt Herrn Rappt?“ * Alle ſchwiegen und horchten mit offenem Munde. ———— — — nd em eeee 12¹ „Ich habe ihn zweimal im Atelier von Regina geſehen.“ „Und Du findeſt ihn ſchmählich häßlich, nicht wahr? Das iſt natürlich!“ „Häßlich iſt nicht das richtige Wort, mein Oheim.“ „Du biſt ſehr großmüthig.“ „Ich ſage mehr,“ fuhr Petrus fort:„in den Au⸗ gen von vielen Leuten, für welche der Ausdruck des Geſichtes nichts bedeutet, kann der Graf Rappt ſogar für einen ſchönen Mann gelten.“ „Alle Teufel! ſo ſprichſt Du von Deinem Neben⸗ buhler!“ „Mein Oheim, man muß gerecht ſein, ſelbſt gegen einen Feind.“ „Du findeſt ihn alſo nicht häßlich?“ „Ich finde ihn ſchlimmer, als dies, mein Oheim: ich finde ihn ausdruckslos. Alles iſt kalt und unbe⸗ weglich wie Marmor an dieſem Menſchen und ſcheint durch einen gewiſſen materiellen Inſtinct nach der Erde hinzuſtreben; die Augen ſind trüb, die Lippen dünn und an einander gepreßt; die Raſe iſt rund, der Teint aſchfarbig; der Kopf unruhig, nie die Züge! Könnte man eine Eismaske mit einer lebendigen Haut bedecken, die jedoch durch die Circulation animirt zu ſein auf⸗ gehört hätte, ſo würde dieſes Meiſterwerk der Anatomie etwas dem Geſichte dieſes Menſchen Aehnliches geben.“ „Du ſchmeichelſt Deinen Portraits, Petrus, und will ich ein verſchönertes Andenken von mir der Nach⸗ welt hinterlaſſen, ſo werde ich Dich beauftragen, mein Bild für ſie zu malen.“ „Mein Oheim, ich bitte, kommen wir auf Herrn Rappt zurück.“ „Sehr gern.. Aber ſo wie Du Deinen Ne⸗ benbuhler findeſt, wunderſt Du Dich nicht, daß Regina einwilligt, ihn zu heirathen?“ „In der That, mein Oheim, eine Perſon von ſo reinem Geſchmacke, von ſo erhabener Schätzung!.. 122 Ich begreife das ganz und gar nicht. Was wollen Sie? Es gibt ſolche Geheimniſſe bei den Frauen, und leider iſt Regina eine Frau.“ „Gut! vorhin nahmſt Du ſie als eine Halbgöttin an, und nun, weil ſie Dich nicht liebt und einen An⸗ dern heirathen wird, erniedrigſt Du ſie, während Du ſie liebſt, tief unter die Menſchheit.“ „Mein Oheim, wir ſind, wenn Sie ſich deſſen er⸗ innern wollen, nicht hier, um die Annehmlichkeiten, die Tugend oder das Mehr oder Weniger von Göttlich⸗ keit des Fräuleins von Lamothe⸗Houdan zu erörtern; wir ſind hier, um von Herrn Rappt zu reden.“ „Das iſt richtig... Siehſt Du, mein lieber Petrus, es ſind in der dunklen und krummen Geſchichte dieſes Menſchen zwei Myſterien; das eine iſt mir ent⸗ hüllt worden, das andere habe ich aber nie ergründen können.“ „Iſt das Myſterium, das man Ihnen enthüllt hat, ein Geheimniß?“ „Ja und neinz doch in jedem Falle halte ich mich für berechtigt, es mit Dir zu theilen. Du ſagteſt mir vor Tiſche, mein lieber Freund, ich ſei beſonders devot bei der Devoten geweſen, die ſich die Marquiſe de la Tournelle nenntz keider iſt hieran Wahres! Fräulein Yolande von Lamothe⸗Houdan heirathete im Jahre 1784 den Marquis Pentaltais de la Tournelle oder vielmehr die achtzig Jahre und die fünfzigtauſend Livres Rente des genannten Marquis; ſo daß ſie nach einer Ehe von ſechs Monaten Witwe, Marquiſe und Millionärin war. Sie zählte ſiebzehn Jahre und war reizend.— Nicht wahr, Du würdeſt ſchwören, ſie ſei immer ſechzig Jahre alt und nie ſchön geweſen? Schwöre, mein Freund, aber wette nicht: Du würdeſt verlieren!— Du mußt begreifen, daß Alles, was ſich an eleganten Cavalieren am Hofe von Ludwig XVI. fand, ſeine Huldigung der ſchönen Witwe darbrachte; doch, Dank ſei es einem ſehr ſtrengen Gewiſſensrathe, den ſie hatte, ſie wider⸗ he he ter An En unk unz vor wel bra und dav ſepl kon Ide Ich zu 1 wiß Uen und ttin rend er⸗ die lich⸗ ern; eber ichte ent⸗ nden bat, mich mir et e l lein 1784 mehr tente von war. Richt ahre und, mußt ieren der inem ider⸗ 123 ſtand, der Sage nach, allen Verſuchungen des Teufels. Man ſchrieb dieſe Tugend, von der man nicht wußte, was man ſie zuſchreiben ſollte, der ſchlechten Geſund⸗ heit der Marquiſe zu; gegen das Ende von 1785 ſah man ſie in der That bleich, mager werden, abnehmen, ſo daß man ihr die Bäder von Forges rieth, welche damals ſehr in der Mode waren. So wirkſam die Bäder von Forges ſein mochten, nach Verlauf von einigen Monaten bemerkte man, daß ſie ungenügend waren, und der Arzt rieth ihr die irgend eines Dörf⸗ chens in Ungarn, ich glaube Rappt genannt... „Aber, mein Oheim, das iſt ja der Name des Oberſten,“ unterbrach Petrus. „Ich ſage Dir nicht das Gegentheil; warum ſoll es, da es auf der Erde ein Dorf gibt, das Rappt heißt, nicht auf der Welt einen Menſchen geben, der heißt wie dieſes Dorf?“ „Sie haben Recht.“ „Der Arzt, von dem ich rede, war ein ſehr geſchick⸗ ter Mann: die ſchöne kränkelnde Witwe reiſte am Anfang von 1786, bleich, abgemagert, entſtellt, ab; ſie blieb ſechs Monate in den Bädern und kam gegen das Ende vom Juni deſſelben Jahres friſch, geſund, dick und fett, ſchöner als je zurück. Das Gerücht von ihrem unzugänglichen Weſen hatte damals unter die Bewerber von Fräulein Yolande dieſelbe Verwirrung gebracht, welche unter die von Penelope die Rückkehr von Ulyſſes brachte; ich allein war bei der Abreiſe nicht verzweifelt, und ich verzweifelte nicht bei der Rückkehr. Das kam davon her, daß ich in beſonderem Auftrage an Kaiſer Jv⸗ ſeph IM. geſchickt,— die Antwort auf meine Depeche konnte erſt nach vierzehn Tagen gegeben werden,— die Idee hatte, einen Abſtecher nach lingarn zu machen und, da ich einmal in Ungarn, bis nach Rappt zu reiſen. Ich kann Dir nicht ſagen, was ich ſah, ohne geſehen zu werden; Alles aber, was ich ſah, gab mir die Ge⸗ wißheit, die ſtrenge Witwe ſei durchaus nicht ſo ſtreng, 124 als ſie zu ſein ſchien, und die Hoffnung, bei ihrer Rücktehr könne ich mit Beharrlichkeit und Geduld von ihr verlangen, was, wie dies nur zu wahrſcheinlich, ein Anderer, der glücklicher als ich, verlangt hatte... „Sie war in anderen Umſtänden?“ fragte Petrus. „Hievon habe ich kein Wort geſagt.“ „Mir ſcheint jedoch, mein Oheim, wenn Sie kein Wort hievon geſagt haben, ſo haben Sie das wenig⸗ ſtens ſagen wollen.“ „Mein lieber Petrus, ziehe aus meinen Worten die Folgerungen, die Dir daraus zu ziehen beliebt; verlange aber keine Erklärungen von mir. Ich bin wie Tacitus, ich erzähle, um zu erzählen, nicht um zu beweiſen. Marro ad narrandum, non ad probandum.“ „Ich höre, mein Oheim.“ „Ein Jahr nachher hatte ich den ſonnenklaren und unumſtößlichen Beweis, daß Lafontaine ein großer Moraliſt war, an dem Tage, wo er in die Welt das Axiom ſchleuderte: „Patience et longueur de temps „Font plus que force ni que rage““*) „Das heißt, mein Oheim, Sie wurden der Lieb⸗ haber der Marquiſe de la Tournelle.“ „Oh! was für eine abſcheuliche Gewohnheit haſt Du, Petrus; das heißt wollen, daß die Leute durchaus die Punkte auf die i ſetzen! Es gibt nichts, was ſo ſchlechter Ton wäre, als dieſe Forderung.“ „Ich beſtehe nicht hierauf, mein Oheim; doch die Sträuße, die Sie regelmäßig ſchicken. „Seit vierzig Jahren, mein lieber Freund. Ich wünſchte, es möchte in vierzig Jahren die ſchöne S Regina von Lamothe⸗Houdan einen Strauß empfangen. *) Geduld und Länge der Zeit thun mehr als Gewalt und Wuth. ten poſi hart anle Nac des ſam Lieb⸗ haſt haus 8 ſo die höne igen. und der eine Bedeutung dem ähnlich hätte, welchen ich der Marquiſe de la Tournelle ſchicke.“ „Ah! Sie ſehen wohl, mein Oheim, der Marquiſe de la Tournelle geben Sie dieſes Zeichen der Erinnerung.“ „Habe ich mir den Namen der Marquiſe entſchlüpfen laſſen? Iſt dies der Fall, ſo iſt es wahrhaft unver⸗ zeihlich von mir; um ſo unverzeihlicher, als meine Verbindung mit ihr nur ein paar Monate dauerte, weil um die Mitte von 1787 Ihre Majeſtät die Königin Marie Antvinette mich mit einer neuen Sendung nach Oeſterreich betraute, von wo ich 1789 nur zurückkam, um Frankreich abermals am 7. October deſſelben Jah⸗ res zu verlaſſen. Von dieſem Augenblicke an kennſt Du mein Leben, Petrus. Ich reiſte nach America; ich kehrte nach dem 10. Auguſt 1792 nach Europa zurück; ich trat bei der Armee von Condé einz ich blieb dabel bis zu unſerer Verabſchiedung: ich ließ mich in London als Kinderſpielwaarenhändler nieder; ich kam 1818 wieder nach Frankreich; ich nahm meine Entſchädigung in Empfang und wurde ſchließlich, 1826, zum Abgeord⸗ neten gewählt... Bei meinem Eintritte in die Kam⸗ mer fand ich hier den Herrn Grafen Rappt. Woher kam er? wer war er? wem verdankte er ſein Vermö⸗ gen? Niemand konnte es ſagen. Wie Catinat, hatte er ſeinen Adelsbrief erhalten, ohne ſeine Ahnenproben machen zu müſſen. Der Name des Grafen, da es der⸗ ſelbe war wie der des Dörfchens in Ungarn, das eine Rolle in den Freigniſſen meiner Jugend ſpielte, zog meine Aufmerkſamkeit auf meinen ehrenwerthen Collega; ein Streit, den ich einige Zeit nachher mit meiner al⸗ ten Freundin, der Marquiſe de la Tournelle, über das poſitive Alter des Grafen hatte, den ſie mir gegenüber hartnäckig um ein Jahr jünger zu machen ſuchte, ver⸗ anlaßte mich, übed die Lebensvorgänge des Grafen Nachforſchungen anzuſtellen. Ich erfuhr nun Folgen⸗ des.. Zum Voraus mache ich Dich darauf aufmerk⸗ ſam, daß ich alle die Dinge, die ich Dir ſagen werde, 126 für boshaftes Geſchwätz halte, welchem ich Dich nur einen zweifelhaften Glauben zu ſchenken erſuche.. Die militäriſche Laufbahn des Grafen Rappt datirt von 1806; man ſieht ihn plötzlich beim General von Lamothe⸗Houdan in der Schlacht von Jena erſcheinen. Der Oberſt Graf Rappt iſt tapfer; Niemand beſtreitet ihm dies: man muß ihm wohl etwas laſſen. Er zeich⸗ nete ſich aus, wurde zum Lieutenant auf dem Schlacht⸗ felde gemacht, und, kaum zum Lieutenant ernannt, vom General Lamothe⸗Houdan erwählt, um ihm als Ordon⸗ nanz⸗Offizier zu dienen.. „Verzeihen Sie, mein Oheim,“ unterbrach Petrus, „wenn, wie Alles zu vermuthen Grund gibt, der Oberſt Rappt der Sohn der Margquiſe de la Tournelle iſt, ſo wäre, da die Marquiſe die Schweſter des Marſchalls iſt, der Graf Rappt der Neffe von Herrn von Lamothe⸗ Houdan“? „In der That, mein Freund, ſo erklären die böſen Zungen ſein raſches Avancement, die beſtändige Gunſt in der er beim Marſchall ſteht, und ſeinen politiſchen Ein⸗ fluß in der Kammer; doch Du begreifſt, wenn man Alles glauben würde, was die böſen Zungen ſagen.. „Fahren Sie fort, mein Oheim, ich bitte Sie..“ „Eylau fügte einen Grad dem militäriſchen Glücke des jungen Offiziers bei; gegen das Ende des Februars 1807 zum Kapitän ernannt, wurde er Adjutant des Generals von Lamothe⸗Houdan; in dieſer Eigenſchaft wohnte er an 27. September 1808 dem Congreſſe von Erfurt bei. Mein lieber Freund, wenn Du Dich mit der gleichzei⸗ tigen Geſchichte beſchäftigſt, ſo wirſt Du mich fragen, welchen Zweck dieſer zwiſchen den zwei mächtigſten Sot⸗ verains Europas beſchworene Friede gehabt habe; und da ich damals in London wohnte und, obgleich Holz⸗ dreher, als ein Abkömmlung der Kaiſer von Conſtan⸗ tinopel ſehr gut unterrichtete Leute ſah, ſo ſage ich Dir, daß England, das beim Lager von Boulogne geſchauert hatte, beim Congreſſe von Erfurt zitterte me für Ale zeſ nur datirt lvon inen. reitet zeich⸗ lacht⸗ vom rdon⸗ etrus, Oberſt ſt, ſo challs nothe⸗ böſen Hunſt Ein⸗ mat 1 ie Hlücke ruars nerals er an ei. ichzei⸗ ragen, Sor⸗ und Holz⸗ nſtan⸗ ge ich logne tterte: 127 es fühlte, Indien ſei nahe daran, ihm zu entſchlüpfen! — Zum Glücke haben wir uns aber nicht mit dieſen hohen Fragen zu beſchäftigenz geringere Intereſſen be⸗ wegen uns, wie man im Theatre⸗Francais ſagt... Der Kaiſer Napoleon ſtellte ſeinem Freunde, dem Kaiſer Alexander, die Generale vor, die ihn begleiteten, und machte bei Jedem den Theil der Geburt, des Ranges oder der Tapferkeit. Der Brigade⸗General von Lamothe⸗Houdan wurde vorgeſtellt wie die Ande⸗ renz ſeine Geburt war ausgezeichnet; ſeine Tapferkeit ſprüchwörtlich; nur war er arm. „„Sire,““ ſagte eines Tages der Kaiſer Napoleon zum Kaiſer Alexander,„„haben Sie eine reiche mos⸗ kowitiſche Erbin, von der Sie nicht wiſſen, was Sie mit ihr machen ſollen? Ich habe ihr einen braven ann zu geben.““ „„Sire,““ antwortete der Kaiſer von Rußland, „„ich habe gerade zu dieſer Stunde unter meiner Vor⸗ mundſchaft eine junge Prinzeſſin, eine Waiſe und Nillionen reich.““ „„Eine Prinzeſfin?““ „„Ja, und was in Rußland ſelten iſt, eine ächte Prinzeſſin von altem Geſchlechte, ein Nachkomme der früheren Czaaren; nicht ein Rame in ow wie wir Romanow, die wir von einem Adel von geſtern ſind, ſondern ein Name in i „„Jung 2 „„Neunzehn Jahre?““ 5„Hübſch 2 „„Sie iſt Circaſſierin.““ „„Das ſteht mir vortrefflich an!. Nun wohl, mein Vetter ich bitte Sie um die Hand Ihrer Waiſe für meinen Schützling.““ „„Bewilligt, mein Vetter,““ antwortete Kaiſer Alexander. „Und vierzehn Tage nachher heirathete die Prin⸗ öeſſin Tſchuwadieski den Diviſions-General Grafen 128 von Lamothe⸗Houdan... Reiche mir ein Glas Rhum, Du Egoiſt, dem es nicht einmal einfällt, ſeinen Oheim zu fragen, ob er nicht etwas nach dem Kaffee zu neh⸗ men pflege.“ Begierig, das Ende der Geſchichte kennen zu ler⸗ nen, beeilte ſich Petrus, ein Glas Rhum ſeinem Oheim einzuſchenken und ihm den heißen, glühenden, durch die goldene Sonne Jamaicas gereiften Trank zu reichen. XC. Wo lange von den Tugenden des Oberſten Grafen Rappt die Rede iſt. Nachdem er ſich leicht die Kehle befeuchtet hatte, fuhr der General fort. „Der Kaiſer Alexander hatte nicht zu viel behaup⸗ tet, als er ſagte, ſeine Mündel ſei reizend. Die Toch⸗ ter eines tſcherkeſſiſchen Fürſten, der ſich gegen ſeinen Souverain empört hatte und bei der Empörung ge⸗ tödtet worden war, hatte ſich das Mädchen mit dem Schatze ſeiner Familie in die Staaten des Kaiſers von Rußland geflüchtet, welcher es unter ſeine Vormund⸗ ſchaft nahm. Dieſer Schatz, halb in Edelſteinen, halb in gemünztem Golde und Silber beſtehend, konnte einen Werth von fünf bis ſechs Millionen haben. Bei der Rückkehr von Erfurt nahm alſo der General das Hotel der Lamothe⸗Houdan wieder in Beſitz, das, in Folge des Herabkommens der Familie, nachdem es vermiethet geweſen war, verkauft werden ſollte; er ließ es auf eine bezaubernde Art meubliren, und beauftragte, nachdem er in einem ganz franzöſiſchen 5 129 M Raffinement der Galanterie ſeinen Adjutanten abgeſchickt, um die Wohnung zu beſichtigen, welche die Prinzeſſin Tſchuwadieski in Moskau inne hatte, er beauftragte, ſage ich, den Grafen Rappt, ihm nach Paris voranzu⸗ er⸗ gehen, um der Circaſſterin ein ganzes auf den Garten zi gehendes Erdgeſchoß einrichten zu laſſen. 6 Die Ankunft der Prinzeſſin Rina in Paris war ein Ereigniß in der kaiſerlichen Welt; die ſchöne Cir⸗ caſſierin war beinahe eine Trophäe dieſes herrlichen Feldzugs von 1807 Doch unſer Leben gefiel der in⸗ dolenten Tochter des Orients nur wenigz den ganzen Tag auf ihren breiten Kiſſen, genannt Taftas, lie⸗ gend, rollte ſie ſtatt jeder Zerſtreuung in ihren Hän⸗ den einen Tſchotki mit tauſend Körnern, und lebte wrie eine Fee der Tauſend und eine Nacht nur von Roſenconfituren. en„Eine Folge dieſes vrientaliſchen unzugänglichen Weſens war, daß wenige Perſonen damals die Prin⸗ zeſſin Tſchuwadieski ſahen und ſelbſt ſeitdem geſehen haben; diejenigen, welche zu dieſer Gunſt zugelaſſen wurden, ſagten, wenn ſie weggingen, es ſei eine glän⸗ mp⸗ zende Perſon mit perlmutterartigen Augen, mit ſchwar⸗ och⸗ zen, ſchimmernden Haaren, mit einem Teint matt wie inen Nilch, und von allen Dienern Napoleons ſei der Ge⸗ ge⸗ neral von Lamothe⸗Houdan gewiß nicht der am ſchlech⸗ dem teſten belohnte,— da der Beſitz dieſer reizenden Perſon, von und der ſechs Millionen, die ſie ihm als Mitgift ge⸗ ind⸗ bracht, dem General auf viel poſitivere Art geſichert tte, alb ſei, als der Thron von Weſtphalen Jerome, der Thron nen von Spanien Joſeph, der Thron von Neapel Murat, und der Thron von Holland Louis. 3„Was beſonders die ſchöne Rina,— die man am Ende wegen ihrer wahrhaft königlichen Würde ilie Regina nannte,— zu einer beſtändigen Abgeſchiedenheit rden oder wenigſtens zu einer beſchränkten Geſellſchaft zu iren verurtheilen ſchien, war der Umſtand, daß ſie nur ſchen Die Mohiegner von Paris. M. 9 130 Tſcherkeſſiſch, Ruſſiſch und Deutſch ſprach. Zum Glück kannte der General letztere Sprache ſo, daß er Alles verſtand, was ihm die Prinzeſſin ſagte, und daß er ſich auch ihr begreiflich machen konnte; was den Grafen Rappt betrifft, der bis zu ſeinem neunzehnten Jahre in Ungarn erzogen worden war, er ſprach das Deutſche wie ſeine Mutterſprache. „Dieſe Fähigkeit der Prinzeſſin und des Grafen, ſich ihre Ideen in einer Sprache mitzutheilen, mit der ſie vertraut waren, ohne indeſſen ihre eigene Sprache zu ſein, führte, wie Du wohl begreifſt, mein lieber Petrus, Annäherungen herbei... Du findeſt den Grafen Rappt unangenehm, weil er Regina zu heira⸗ then im Begriffe iſt; ich finde ihn häßlich, weil man ihn wider meinen Willen in meine Familie einſchieben wollte, und ich wie ein Hund vor dem Streiche bei dem Gedanken, mich als Vater eines ſolchen Wichtes anzuerkennen, geſchrieen habe! Doch die böſen Zungen der Zeit,— und es gab eine Menge böſe Zungen un⸗ ter der Bevölkerung Frankreichs, ſeitdem die Männer von achtzehn bis vierzig Jahren beinahe daraus ver⸗ ſchwunden waren!— die böſen Zungen der Zeit be⸗ haupteten, die Frau des Generals von Lamothe⸗Houdan ſei nicht unſerer Anſicht. Dieſes Geſchwätz kam ohne Zweifel davon her, daß der General, immer mehr die zwiſchen einem Corpschef und einem Adjutanten be⸗ ſtehende Entfernung vergeſſend, den Grafen Rappt, den er wie einen Reffen liebte, in ſein eigenes Hotel ein⸗ quartierte, weil er ſich, wie er ſagte, nicht mehr von einem Manne trennen konnte, deſſen Ergebenheit in allen Stunden ihm ſo nothwendig war. „Bei der Rückkehr aus dem Feldzuge von 1808 wurde alſo die Prinzeſſin in den Beſitz ihres tſcher⸗ keſſiſchen Boudoirs, und der Graf in den des Blumen⸗ Pavillon eingeführt.— Du kennſt dieſen Pavillon, nicht wahr? Dort gibt Dir Fräulein von Lamothe⸗Houdan wahrſcheinlich ihre Sitzungen?“ . lück llles ſich afen e in tſche fen, der ache eber den ira⸗ man ben bei htes gen un⸗ iner ver⸗ be⸗ dan hne die be⸗ den ein⸗ von in 306 er⸗ en⸗ icht an 131 „Wohnt der Graf Rappt noch dort, mein Oheim?“ „Oh! nein; ſein Vermögen nahm zu, die Prinzeſ⸗ fin wurde alt, und der Graf Rappt hat nun ſein eige⸗ nes Hotel; zu jener Zeit aber, wo er nur Kapitän und Adjutant war, hatte er es noch nicht, und er wohnte in der Rue Plumet im Hotel ſeines Generals; übrigens wohnte man damals nicht, man war wie der Vogel auf dem Zweige! Der ſpaniſche Feldzug war in vollem Feuer und ging ſchlecht, wie alle Kriege, wo Napoleon nicht mit ſeiner eigenen Perſon figurirte; der Genius der Republik war geſtorben mit den Kleber, den De⸗ ſaix, den Hoche, den Marceau; es gab nur noch den Genius der Schlachten, und er war ganz in Napolevn. „Am Anfange des Jahres 1808 ging Napoleon mit ſeinem Generalſtabe nach Spanien ab; es war dies einen Tag, nachdem ſich der General in ſein Hotel der Rue Plumet einquartiert und ſeine neue Gemahlin hier eingeführt hatte. Du begreifſt, daß es ſehr traurig für eine zwei Tage vorher in Paris angekommene Circaſ⸗ ſierin war, hier allein in Geſellſchaft einer Kammerfrau zu bleiben; denn da die Kammerfrau der Prinzeſſin die einzige Perſon war, welche Ruſſiſch und Tſcherkeſ⸗ ſiſch ſprach, da Herr von Lamothe⸗Houdan und der Graf Rappt die Einzigen waren, welche Deutſch ſpra⸗ chen, ſo beſchränkte ſich die Geſellſchaft der ſchönen Prinzeſſin auf ihren Gemahl, auf den Grafen Rappt und Mademoiſelle Gruska.— Trotz der dringenden Bitten des Grafen Rappt, der durchaus den ſpaniſchen Feldzug mitmachen wollte, verlangte der General von Lamothe⸗Houdan vom Grafen, daß er in Paris bleibe. Es mußte wohl Jemand es übernehmen, die arme Prinzeſſin zu acclimatiſiren. Die Pflicht eines Adju⸗ tanten iſt, ſeinem General zu gehorchen: der Graf Rappt gehorchte. „Der Feldzug dauerte indeſſen nicht lange: Napo⸗ leon kam am 4. November in Spanien an und war in den erſten Tagen des Januars in Paris zurück. Oeſter⸗ 132 reich hatte ſich empört... So nannte man damals die Handlung eines Königreichs oder eines Kaiſer⸗ thums, das Frankreich den Krieg erklärte. Während ſeiner kurzen Abweſenheit vergaß der General nicht, was er ſeinen getreuen Rappt dadurch, daß er ihn nicht mitgenommen, verlieren gemacht hatte, und zum Troſte erhielt der Graf ſein Patent als Bataillonschef. Man wunderte ſich ein wenig, daß in dem Augenblicke, wo er von den Fahnen entfernt war, dem Grafen dieſe neue Gunſt zu Theil wurde, welche um ſo merkwürdiger, als der junge Officier kaum vier und zwanzig Jahre zählte; doch die böſen Zungen fanden hiefür einen Grund. „„Der Adjutant eines Generals,““ ſagten ſie,„iſt im Dienſte ſeines Generals, ehe er im Dienſte des Kai⸗ ſers oder des Kaiſerreichs iſt: ſein Titel Adjutant*) deutet dies an. Es geſchah aber,““ fügten die böſen Zungen bei,„es geſchah aber hauptſächlich während der zwei Monate, die der General von Lamothe⸗Hou⸗ dan in Spanien verweilte, daß der Adjutant Rappt ſeinem General Hülfe leiſtete.““ „Er hatte ſeine Zeit nicht verloren, der thätige junge Mann: auf ſeiner Paſſage durch Paris fand der General von Lamothe⸗Houdan ſeine Frau acclimatiſirt, ſein Hotel meublirt, mit Dienerſchaft bevölkert, kurz auf dem Fuße eingerichtet, wie es ſich für ſein neues Vermögen geziemte.— Ich ſage bei ſeiner Paſſage, weil der General in Wirklichkeit nur durch Paris paſ⸗ ſirte; er war ſchon am Ende des Februars auf dem Wege nach Baiern, wohin unſer Freund Maximilian uns dringlich zu Hülfe rief. Diesmal nahm der Ge⸗ neral ſeinen Adjutanten mit, und die Vertraute Gruska blieb allein bei der Prinzeſſin.“ „Ich werde Dir den Feldzug von 1809 nicht er⸗ zählen. Dieſer Teufelsmenſch, den man Napoleon nannte, hatte zu jener Zeit einen Vertrag mit Fortuna geſchloſ⸗ *) Hülfsoffieier. 133 is ſen!— Am 20. April Sieg bei Abensberg; am 21. er⸗ April Sieg bei Landshut; am 22. April Sieg bei nd Eckmühl; am 4. Mai Sieg bei Ebersberg; am 13. ht, Mai Einzug in Wien; am 22. Mai Schlacht bei Eß⸗ cht ling; am 5. Juli, glaube ich, Schlacht bei Wagram, ſte„ die den Kampf endigt. an„Es verſteht ſich von ſelbſt, daß bei dieſem Feld⸗ vo zuge von vier Monaten, von Abensberg bis Wagram, ue der General und ſein Adjutant Wunder der Tapferkeit 18 thaten; nur erhielt der General gegen das Ende des e; letzten Schlachttages eine ſchwere Wunde; eine Kugel d. verletzte ihm den Knochen des Schenkels, und man war m einen Augenblick unſchlüſſig, ob man ihm nicht das i⸗ Bein abnehmen ſollte; die Feſtigkeit allein, mit der er 4) erklärte, er verlange nichts Anderes, als zu ſterben, er n wolle aber ganz ſterben, rettete das bedrohte Glied. Der d Kaiſer beauftragte zur Belohnung für das ſchöne Be⸗ nehmen des Generals,— weil er ihm ſelbſt nicht dieſe pt ehrenvolle Sendung geben konnte, da der General ſein Schmerzenslager hüten mußte,— ſeinen Adjutanten e den Grafen Rappt, nach Paris die Kunde von der er Schlacht bei Wagram zu bringen. t,„Der Adjutant reiſte noch an demſelben Abend ab. . Sieben Tage nachher war er in Paris, wo er zur 5 rechten Zeit ankam, einmal um den großen Sieg, der den Vertrag von Schönbrunn herbeiführen ſollte, zu verkündigen, und dann,— eine Belohnung für ſeine n Strapazen und ſeine Ergebenheit,— um in ſeinen n Armen das reizendſte Mädchen zu empfangen, das je eine Circaſſierin nach einer achtmonatlichen Ehe einem a franzöfiſchen General geſchenkt hat.“ „Oh! mein Oheim!“ „Mein Lieber, die Zahlen ſind Zahlen, nicht wahr? Der General heirathet die Prinzeſſin, die ſein 4 Adjutant zu ihm führt, am 25. October 18083 die Prinzeſſin kommt am 13. Juli 1809 nieder: das macht gerade acht und einen halben Monat. Uebrigens iſt 134 hiebei nichts, worüber man ſich wundern dürfte: der Coder und die Medicin beſtätigen, daß es glückliche Entbindungen mit ſieben Monaten geben kann; um ſo viel mehr alſo mit acht und einem halben Monate!— Die Entbindung ging äußerſt glücklich von Statten, und zum Beweiſe dient, daß das Mädchen Niemand Anderes iſt als die ſchöne Regina, welche in der Taufe den Namen ihrer Mutter, wie es der ihrer Mutter ge⸗ weſen, auf franzöſiſche Weiſe geformt erhielt.“ „Aber, mein Oheim, Sie würden alſo ſagen wol⸗ „Ich will nichts ſagen, mein Freund: mache mich nicht ſprechen.“ „Regina ſei die Tochter.. „Des Generals von Lamothe⸗Houdan; das iſt un⸗ beſtritten: Pater est, quem nuptiae demonstrant 3)1“ „Mein Oheim, was kann denn den Grafen Rappt zu dieſer ſchmählichen Handlung antreiben?“ „Regina hat eine Million Mitgift.“ „Der Schändliche hat aber fünfundzwanzig tauſend Livres Einkünfte.“ „Das wird ihm fünfundſiebzig tauſend machen; und da beim Tode des Generals und der Prinzeſfin Regina zwei weitere Millionen erbt, ſo wird ihm das eine Rente von hundert und fünfundſiebzig tauſend Livres bilden.“ „Dieſer Rappt iſt ja ein abſcheulicher Schurke!“ „Wer ſagt Dir das Gegentheil?“ „Daß der General, der von Allem dem nichts weiß, ſeine Einwilligung zu dieſer Heirath gibt, be⸗ greife ich; wenn aber die Prinzeſſin leidet, daß ihre Tochter heirathet„ „Oh! mein Gott, lieber Freund, das macht ſich alle Tage! Du haſt keinen Begriff, welche Mühe es Vater iſt derjenige, welchen die Heirgth als ſolchen be⸗ zeichnet. 3 135 den Leuten, Eigenthümern eines großen Vermögens, koſtet, dieſes Vermögen in fremde Hände übergehen zu laſſen! Sodann muß man ſagen, daß die arme Prin⸗ zeſſin in einem gräßlichen Zuſtande iſt: ſie hat eine Nervenkrankheit, die ſie beinahe immer im Bette hält, und es iſt bei ihr ſo weit gekommen, daß ſie das Ta⸗ geslicht nicht mehr ertragen kann, ſo daß ſie in einer ewigen Dämmerung lebt; dabei ißt ſie Roſenconſerven, athmet Wohlgerüche ein und rollt die Körner ihres Tſchotki,— lauter Dinge, welche die Nerven ganz ſon⸗ derbar reizen!.. Wer ſagt im Ganzen, ſie wiſſe, daß ihre Tochter heirathet?“ „Fi! mein Oheim, Sie, der Sie ſo gut auf dem Laufenden dieſer Geſchichte zu ſein ſcheinen, werden Sie denn dulden„2 .„Es iſt wahr, durch die Marquiſe de la Tour⸗ nelle„ „Werden Sie mit kaltem Blute dulden, daß man unter Ihren Augen ein ſolches Verbrechen begeht?“ „Gut! und in welcher Hinſicht geht das mich an, frage ich Dich? Nit welchem Rechte würde ich mich widerſetzen?“ „Mit dem Rechte jedes redlichen Mannes, einen Ver⸗ brecher zu entlarven.“ Um einen Verbrecher zu entlarven, muß man Be⸗ weiſe habenz ſodann, mein Lieber, gibt es kein Geſetz, welches dieſe Art von Verbrecher, das heißt die wahren Verbrecher, beſtraft.“. Aber ich ich „Du wirſt es machen wie ich Petrus: Du wirſt zuſchauen.“ Nein, nein, nein!“ „Du wirſt den Teufel die ſchwarze ſeidene Mähne des Grafen Rappt mit der goldenen Mähne der ſchönen Regina vermengen laſſen und warten, bis der Teufel entwickelt, was er aufgewickelt hat.“ 136 Petrus ſtieß einen Seufzer aus, der für ein Stöh⸗ nen gelten konnte. „Siehſt Du, mein Freund,“ fuhr der General fort.„es gibt ein Sprüchwort, welches ſagt, man müſſe die Finger nicht zwiſchen Thür und Angel ſtecken; das iſt ein Sprüchwort voll Weisheit. Alles, was ich Dir hier mittheile, find übrigens, wie Du leicht begreifſt, Sagen.“ „Oh! dieſer Menſch lebt in der Welt als vorneh⸗ mer Herr! er hat einen Ruf.. „Einen abſcheulichen!“ „Was ihn nicht verhindert, an der Spitze einer Partei zu ſein... „Der Jeſuiten⸗Partei.“ „Demnächſt Miniſter zu werden. „Ich gebe ihm meine Stimme.“ „Regina zu heirathen.“ „Ah! das iſt ſein großes Verbrechen.“ „Mein Oheim, dieſes Verbrechen wird nicht in Er⸗ füllung gehen!“ „Mein Freund, in acht Tagen wird Fräulein von Lamothe⸗Houdan Gräfin Rappt ſein.“ „Ich ſage Ihnen, dieſe Heirath wird nicht ſtatt⸗ finden!“ wiederholte Petrus raſch aufſtehend. „Und ich,“ ſprach der General mit erhabener Würde, vich ſage Ihnen, daß Sie ſich ſetzen und mich anhören werden.“ Petrus fiel ſeufzend in ſein Fauteuil zurück.. Der General ſtand auf und ſtützte ſich auf die Lehne des Stuhles, wo ſein Neffe ſaß. „Ich ſage Ihnen, Petrus, zu jeder Zeit, wie ich hoffe, entrüſtet über die Handlung, welche heute in Er⸗ füllung geht, ſind Sie es indeſſen nur ſo ſehr, weil Sie Regina lieben, und weil die Sache Sie berührt. Sagen Sie mir nun, welches Recht haben Sie, Re⸗ ging zu lieben? wer ermächtigt Sie zu dieſer Liebe? ſie? ihre Mutter? ihr Vater? Niemand! Sie ſind ein an cht eh⸗ 137 in die Familie eingeführter Fremder. Mit welchem Rechte will ein Fremder auf dem Geſchicke dieſer Fa⸗ milie laſten, in die er eingeführt worden iſt? mit wel⸗ chem Rechte will er einer Frau, welche vielleicht aus Unkenntniß unſerer Sitten gefehlt hat, ſagen;„Sie ſind eine ehebrecheriſche Gattin!““ einem glücklichen, über die Vergangenheit unwiſſenden, der Zukunft ſiche⸗ ren Manne:„Sie ſind ein betrogener Ehemann!““ einer Tochter, die ihre Mutter achtet, ihren Vater liebt, denn nichts ſagt, Herr von Lamothe⸗Houdan ſei nicht der Vater von Regina:„„Du wirſt von heute an Deine Mutter verachten und Deinen Vater als einen Fremden anſehen!““ Ah! mein Reffe, Sie, der Sie ſich rüh⸗ men, ein redlicher Mann zu ſein, wenn Sie das thäten, ſo wären Sie ein ſchändlicher Halunke, ein Schurke vom Schlage von Herrn Rappt; und Sie werden es nicht thun, das ſage ich Ihnen.“ „Aber, mein Oheim, was wird geſchehen?“ „Das geht Sie nichts an,“ erwiederte der Gene⸗ ral;„das geht einen Richter an, der viel gerechter und viel ſtrenger iſt als Sie, einen Richter, welcher weiß, wie die Dinge ſich zugetragen haben, er, der Alles ge⸗ ſehen. Alles gehört hat, und, ſeien Sie unbeſorgt, früher oder ſpäter ſein Urtheil fällen wird. Das geht Gott an!“ „Sie baben Recht, mein Oheim,“ ſprach der junge Mann, indem er aufſtand und dem General die Hand reichte. „Und bei dieſer letzten Zuſammenkunft„2 „Werde ich nicht ein Wort von dem ſagen, was Sie mir erzählt haben.“ „Bei Deinem Edelmannsworte?“ „Bei meinem Ehrenworte.“ „Nun, ſo umarme mich; denn obſchon Du der Sohn eines Seeräubers biſt, glaube ich doch an Dein Wort, wie ich glauben würde wie ich an das Dei⸗ nes Seeräubers von einem Vater glauben würde.“ 138 Der junge Mann warf ſich in die Arme ſeines Oheims, nahm ſeinen Hut und ging heftig weg. Er erſtickte! XCI. Ein Beſuch in der Rue Triperet. Der auf dieſen Abend, welcher ſo grauſam für Petrus, folgende Tag war gerade der Faſchingdienſtag, wo unſer Buch beginnt, und wo man am Morgen den jungen Mann ſo verdrießlich und menſchenfeindlich ge⸗ ſehen hat. Unglücklicher Weiſe hatte er an dieſem Tage keine Sitzung, und da er nicht wußte, wie er die Zeit tödten ſollte, die auf ihm laſtete, ſo ſchlug er ſeinen Freunden die Maskerade vor, mit der unſere Erzählung beginnt. Durch körperliche Müdigkeit war Petrus, wie man weiß, dahin gelangt, daß er die moraliſche Müdigkeit, wenn nicht vergeſſen, doch wenigſtens überwunden hatte: er hatte einen Augenblick auf dem Tiſche der Freiſchenke geſchlafen, war aber bald wieder durch die Ankunft von Chante⸗Lilas und der Wäſcherinnen von Vanvres auf⸗ geweckt worden. Wir haben geſehen, wie mit der munteren Schaar die Orgie gleichſam wieder begann; wie man ſich ſo⸗ dann um fünf Uhr Morgens trennte, wie Ludovic bis nach dem Bas⸗Meudon Chante⸗Lilas und die Comteſſe du Battvir begleitete, während Petrus in ſeine Woh⸗ nung in der Rue de Oueßt zurückkehrte; man erinnert ſich, daß als Ludovic in ſeinen Freund drang, daß er bei dem luſtigen Truppe bleibe, der Maler mit einem 139 ſehr miſanthropiſchen Tone antwortete:„Ich kann nicht; ich habe Sitzung.“ Dieſe Sitzung, deren Nothwendig⸗ keit der junge Maler ſo kurz bezeichnet hatte, war die, in welcher ſich für ihn das Geſchick ſeines Lebens ent⸗ ſcheiden ſollte. Sie war auf ein Uhr Rachmittags be⸗ ſtimmt. Von Morgens um neun Uhr war Petrus in der Rue Plumet. Als er nach Hauſe kam, Lzte er ſich zu Bette und verſuchte es zu ſchlafen; doch die Einſamkeit und die Stille gaben ihn ſich ſelbſt, das heißt dem furchtbaren Sturme ſeines Herzens zurück. Da durchkreuzten tauſend ver⸗ ſchiedene Pläne ſeinen Geiſt, ohne eine Minute darin feſtzuhalten: erleuchtet durch die innere Lampe, die man die Verſtandeskraft nennt, erkannte Petrus, ſo wie ſie ſich ihm boten, dieſelben als unausführbar. Es kam neun Uhr, ehe ſich Petrus für einen entſchieden hatte; nun machte ihm ſeine Aufregung ein längeres Warten unmöglich. Er ging aus. Warum? Warum wartet der Spieler, der ſein Vermögen verloren hat und es wieder zu gewinnen hofft, zwei Stun⸗ den auf die Oeffnung des Schlundes, wo, nach ſeinem Vermögen, vielleicht ſeine Ehre verſchlungen werden ſoll? Petrus, ein armer Spieler, der nur ſein Herz auf das Spiel zu ſetzen hatte, hatte dieſes Herz geſetzt und es verloren. Er ging wie ein Wahnſinniger,— bald mit raſchem Schritte, bald ohne Grund anhaltend,— von der Rue du Mont⸗Parnaſſe nach der Rue Plumet, kam am Hotel des Marſchalls vorüber, kehrte durch die Rue des Bro⸗ deurs, die Rue Saint⸗Romain, die Rue Bagneux zu⸗ rück, und erreichte wieder, durch die Rue Notre⸗Dame⸗ des⸗Champs, die Rue du Mont⸗Parnaſſe, von der er ausgegangen war.. Er trat in ein Kaffeehaus ein, nicht um zu früh⸗ 140 ſtücken, ſondern um ſeine Ungeduld zu hintergehen, trank eine Taſſe ſchwarzen Kaffee, und verſuchte es, die Zeitungen zu leſen. Die Zeitungen! was lag ihm an den Reuigkeiten von Europa? von welchem Intereſſe waren für ihn die Kammerverhandlungen? Er begriff nicht einmal, wie man ſo viel Papier beſchmieren konnte, um ſo wenig zu ſagen. Die Taſſe Kaffee und die fünf bis ſechs Journale, die er durchflog, führte Petrus bis elf Uhr. Als es elf Uhr im Invalidenhauſe ſchlug, begab er ſich wieder auf den Wegz er hatte noch zwei Stun⸗ den zu warten. Er faßte nun einen großen Entſchluß: den, ſich einen ziemlich langen Gang aufzuerlegen, damit dieſer Gang wenigſtens eine Stunde daure. Wohin ſollte aber Petrus gehen? Er hatte nirgends etwas zu thun, außer im Hotel des Marſchalls, und, hatte noch mehr als anderthalb Stunden zu verlieren, ehe er dort erſcheinen konnte. Plötzlich fiel ihm die Geſchichte der Fee Carita ein. Dieſes Kind, das krank geweſen war, dieſe kleine Roſe⸗de⸗Noöl, welche Regina gepflegt hatte, er mußte nothwendig eine Skizze von ihr für das Bild machen, das er nach der Erzählung von Abeille auszuführen gedachte; eine erſte Skizze hatte er noch in der Sitzung ſelbſt, ein Geſicht nach der bilderreichen Erzählung des Mädchens erfindend, gemacht.* Das war ein Reiſeziel.— Es war in der That beinahe eine Reiſe vom Invalidenhauſe bis nach der Rue Triperet. Petrus ging wieder das Boulevard hinauf bis zur Rue d'Ulm, nahm dann ſeinen Weg durch die Rue des Marionettes, die Rue de[Arbalste und die Rue Gra⸗ cieuſe, und befand ſich am Ende in der Rue Triperet. Der junge Mann wußte die Nummer des Hauſes nicht, das er ſuchte; doch die Gaſſe hatte nur ein —2— 8——— 8 8— S — 141 ſ Dutzend Häuſer: er ging von Thüre zu Thüre und fragte, wo die Brocante wohne. An einem dieſer Häuſer,— es war das von Num⸗ ſe mer 11,— konnte er nicht fragen, weil Niemand da if war, an den er ſeine Fragen hätte richten ſollen; doch aus der Form des Ganges, aus der Dunkelheit des Corridors, aus der Steile der Treppe ſchloß er, er ſei e. am Ziele ſeiner Wanderung angelangt. Als er die b ſchlüpfrige Treppe erſtiegen hatte, befand er ſich vor einer plumpen, aber ſolid von innen geſchloſſenen Thüre. Er klopfte mit einem gewiſſen Zögern an:— 3 trotz der genauen Beſchreibung, die man ihm von den h Oertlichkeiten gemacht hatte, dünkte es ihm faſt unglaub⸗ lich, daß menſchliche Geſchöpfe in einem ſolchen Loche wohnen ſollten;— doch kaum war das Geräuſch, das ſein Finger an der Thüre hervorbrachte, gehört worden, 3 l als ſich das Gebell von einem Dutzend Hunde ebenfalls b hörbar machte. 4 Diesmal fing Petrus an zu glauben, er habe ſich nicht geirrt. In einer Pauſe, welche die Hunde machten, fragte 3 ein ſanftes, wohlklingendes Stimmchen: „Wer iſt da?“ Petrus hatte dieſe Frage nicht erwartet; er ant⸗ wortete auch inſtinctartig und nur mit der Einſylbe: „ ⸗ „Wer, Sie?“ fragte die ſanfte Stimme. Nannte er ſich, ſo lehrte Petrus diejenige, welche ihn befragte, nichts Reues; es kam ihm alſo der Ge⸗ danke, ſich des Namens von Fräulein von Lamothe⸗ Houdan als eines Paſſes zu bedienen. „Jemand, der von Seiten der Fee Carita kommt,“ Roſe⸗de⸗Noöl,— denn ſie war es,— gab einen Freudenſchrei von ſich und öffnete ſchleunigſt die Thüre. Als die Thüre geöffnet war, ſtand ſie vor Petrus, . den ſie nicht kannte. Petrus dagegen erkannte ſie auf der Stelle.. 142 „Sie ſind Roſe⸗de⸗Noél?“ ſagte er. Sein Auge hatte in der That mit dem erſten Blicke, mit dem Blicke eines Malers, das Ganze der armſeli⸗ gen Kammer umfaßt: auf dem erſten Plane, vor ihm, das Mädchen mit dem rohen, um den Leib mittelſt ei⸗ nes Knotengürtels feſtgehaltenen und gefalteten Kleide, mit den bloßen Füßen und dem von einem rothen Schleier drapirten Kopfe; auf dem Balken, im zweiten Plane, die krächzende Krähe, halb unruhig, halb freu⸗ dig; endlich in den Tiefen der Kammer, den Rand ihres Korbes überragend, die Köpfe der Hunde bellend, kläffend, heulend. . Es war wohl das von der kleinen Abeille ſkizzirte ild 6 „Sie ſind Roſe⸗de⸗Noöl?“ hatte Petrus gefragt. „Ja, mein Herr,“ erwiederte Roſe⸗de⸗Nosl; Sie kommen von Seiten der Prinzeſſin?“ „Das heißt, mein Kind,“ antwortete Petrus, das pittoreske Geſchöpf anſchauend, das er vor den Augen hatte,„das heißt, ich komme, damit wir Beide ihr eine Ueberraſchung bereiten.“ „Eine Ueberraſchung? Oh! ſehr gern! eine Ueber⸗ raſchung wird ihr Vergnügen bereiten?“ „Ich glaube es.“ „Was für eine Ueberraſchung?“ „Ich bin Maler, mein Kind, und ich möchte gern für ſie ein Portrait von Ihnen machen.“ „Ein Portrait von mir? Das iſt drollig! Drei oder vier Maler verlangen mein Portrait zu machen, und ich bin doch nicht hübſch.“ „Oh! im Gegentheile, mein Kind, Sie ſind reizend!“ Die Kleine ſchüttelte den Kopf. „Ich weiß wohl, wie ich bin,“ ſagte ſie,„ich habe einen Spiegel.“ Und ſie zeigte Petrus ein Bruchſtück von einem Spiegel, das die Brocante, ihr Lumpenſammlerin-Ge⸗ werbe treibend, auf der Straße gefunden hatte. ke, li⸗ m, ei⸗ de, en ten u⸗ nd nd, rte as en ine er⸗ rn rei en, — 143 „Nun?“ fragte Petrus. „Was?“ ſagte Roſe⸗de⸗Noöl. „Wollen Sie, daß ich Ihr Portrait mache?“ „Ei!“ erwiederte das Mädchen,„das geht mich nichts an: das geht die Brocante an.“ „Was hat ſie den andern Malern geantwortet?“ „Sie hat es immer abgeſchlagen.“ „Wiſſen Sie, warum?“ „Nein.“ „Und glauben Sie, ſie werde es mir auch ab⸗ ſchlagen?“ „Ei! ich weiß es nicht... Vielleicht mit einem Wörtchen der Prinzeſſin. „Ich kann aber kein Wörtchen von der Prinzeſſin verlangen, da ich, um ihr eine Ueberraſchung zu berei⸗ ten, Sie zeichnen will.“ „Das iſt richtig.“ „Wenn man jedoch der Brocante Geld anbieten würde?“ „Man hat ihr angeboten.“ „Und ſie hat es ausgeſchlagen?“ „Ich werde ihr zwanzig Franken für eine Sitzung von zwei Stunden geben, die ſie mit Ihnen im Atelier zubringt.“ „Sie wird es ausſchlagen.“ „Was iſt dann zu thun?“ „Ich weiß es nicht.“ „Wo iſt ſie?“ „Ausgegangen, um eine Wohnung zu ſuchen.“ „Sie werden alſo dieſen Speicher verlaſſen?“ „Ja, Herr Salvator will es.“ „Wer iſt das, Herr Salvator?“ fragte Petrus ganz erſtaunt, den Namen ſeines nächtlichen Gefährten im Munde von Roſe⸗de⸗Noöl zu finden. „Sie kennen Herrn Salvator nicht?“ 144 rehen Sie vom Commiſſionär der Rue aur ers?“ „Allerdings.“ „Sie kennen ihn alſo?“ „Es iſt mein guter Freund, der über meine Ge⸗ ſundheit wacht und immer ſich ängſtigt, wenn mir et⸗ was fehlt.“ „Und wenn Herr Salvator erlaubt, daß ich Ihr Portrait mache, wird es dann die Brocante erlauben?“ „Die Brocante will Alles, was Herr Salvator will.“ „Dann muß ich mich alſo an Herrn Salvator wenden?“ „Das iſt das Sicherſte.“ „Doch wird es Ihnen nicht zuwider ſein, daß ich Ihr Portrait mache?“ „Mir? im Gegentheile.“ „Es wird Ihnen alſo angenehm ſein?“ „Aeußerſt angenehm! nur werden Sie mich ſehr hübſch machen, nicht wahr?“ „Ich werde Sie machen, wie Sie ſind.“ Bas kleine Mädchen ſchüttelte den Kopf. „Rein,“ ſagte es;„dann will ich nicht.“ Petrus ſchaute auf ſeine Uhr; es war Mittag. „Wir werden Alles das mit Herrn Salvator ord⸗ nen,“ ſagte er. „Ja,“ ſprach Roſe⸗de⸗Nosl;„oh! gibt Herr Sal⸗ vator die Erlaubniß, ſo wird die Brocante es nicht wagen, ſich zu weigern.“ „Wohli ich ſage Ihnen, ſie wird überdies gut be⸗ zahlt werden.“ Roſe⸗de⸗Nosl machte eine Bewegung mit den Lip⸗ ven, welche bedeutete:„Das iſt es nicht, was ſie be⸗ ſtimmen wird.“ „Und Sie,“ fragte Petrus,„was wünſchen Sie daß ich Ihnen gebe?“. „Mir?“ ur hr 2 . tor ſehr ord⸗ Sal⸗ nicht be⸗ Lip⸗ be⸗ Sie, 145 „Ja, zur Belohnung dafür, daß Sie mich Ihr Portrait machen laſſen.“ „Oh! große Stücke rothe oder blaue Seide mit ſchönen goldenen Treſſen.“ So kindlich wie ein kleines Zigeunermädchen, liebte Roſe⸗de⸗Nvöl die bunten Farben und das goldene Flit⸗ terwerk. „Sie ſollen Alles dies haben,“ erwiederte Petrus. Und er machte eine Bewegung nach der Thüre. „Warten Sie,“ rief die Kleine. „Was?“ „Sie werden ihr nicht ſagen, daß Sie mich kennen.“ „Wem?“ „Der Brocante.“ „Nein.“ „Sie werden ihr nicht ſagen, Sie haben mich ge⸗ ſehen?“ „Warum dies?“ „Sie würde mich ſchelten, daß ich Ihnen die Thüre in ihrer Abweſenheit geffnet habe.“ „Selbſt wenn Sie ihr ſagten, ich ſei im Auftrage der Fee Carita gekommen?“ „Sie dürfen ihr nichts ſagen.“ „Sie haben Recht.“ „Wenn Sie wüßte, die Prinzeſſin habe ein Ver⸗. langen nach meinem Portrait... „Nun?“ „Sie würde Geld von ihr fordern, und ich will nicht, daß man mein Portrait an die Fee verkauft: man ſoll es ihr ſchenken.“ „Gut, mein Kind,“ ſagte Petrus;„alſo reinen Mund gehalten!“ ächelnd mit ihrem reizenden, aber traurigen Lä⸗ cheln, machte Roſe⸗de⸗Noöl ein Zeichen des Kreuzes mit dem Daumen auf ihren vom Fieber purpurroth gefärbten Lippen; was bedeuten ſollte, ſie ihrerſeits werde vollkommen ſtumm ſein. Die Mohicaner von Paris. Iv. 10 146 Petrus ſchaute ſie zum letzten Male an, gleichſam um dieſes poetiſche Geſicht ſeinem Gedächtniſſe einzu⸗ prägen, für den Fall, daß er durch irgend ein Mißge⸗ ſchick die tleine Bettlerin nicht wiederſehen würde. Alsdann ſprach er ebenfalls mit einem Lächeln: „Es iſt gut, i werde Herrn Salvator um die Erlaubniß oder um den Befehl für die Brocante bitten, Sie in mein Atelier zu führen; doch wenn er es mir abſchlägt... 4„Wenn er es Ihnen abſchlägt?“ fragte Roſe⸗de⸗ oél. „Nun wohl, die Prinzeſſin wird nichtsdeſtoweniger Ihr Portrait beiommen, das ſage ich Ihnen!“ Und er entfernte ſich freundſchaftlich dem Mädchen zuwinkend, das hinter ihm die Riegel vorſchob. XCII. Wo bewieſen iſt, daß bei den Künſtlern alle Dinge zum Vortheile der Kunſt ausſchlagen. Als Petrus vor der Thüre des Marſchalls ankam, bezeichnete ſeine Uhr drei Viertel auf eins. Er konnte alſo ſtreng genommen erſcheinen: dieſer Voraus von einer Viertelſtunde würde als Eifer angeſehen werden, und nicht als Indiscretion; doch kaum hatte er ein paar Schritte im Hofe gemacht, als der Portier ihn auf⸗ hielt und ihm ſagte, Fräulein von Lamothe⸗Houdan ſei ſchon am Morgen ausgegangen und man wiſſe nicht, um welche Stunde ſie zurückkomme. Er fragte den wackern Mann, ob er irgend eine kam, nnte von rden, paar udan eine 147 Inſtruction in Betreff ſeiner erhalten habe: der Portier hatte keine erhalten. Es ließ ſich nichts machen: die Fragen weiter treiben wäre ein Verſtoß gegen die Lebensart geweſen, zu dem Petrus unfähig war; er entfernte ſich alſo. Da er ſich im Quartier von Jean Robert, am Ende der Rue Univerſite, befand, ſo beſchloß er, ſei⸗ nem Freunde einen Beſuch zu machen, und lenkte in die ungeheure Straße ein. Jean Robert war gegen ſieben Uhr Morgens nach Hauſe gekommen, hatte ſelbſt ſein Pferd geſattelt, war im Galvpp mit der Bemerkung, man dürfe ſich ſeinet⸗ wegen nicht beunruhigen, wenn ſeine Abweſenheit ſich verlängere, wieder abgegangen und nicht mehr erſchienen. Man mußte die Zeit tödten: Petrus dachte an Lu⸗ dovic und ſchlug den Weg nach den oberen Quartieren des Luxembourg ein. Ludovic war noch nicht nach Hauſe gekommen. Petrus kehrte in ſeine Wohnung zurück und fing an aus der Erinnerung ein Portrait der kleinen Roſe⸗ de⸗Noöl, im Coſtume der Mignon von Göthe, zu ſkiz⸗ Firen. Er wählte den Augenblick, wo die kleine Zi⸗ geunerin, um Wilhelm Meiſter zu zerſtreuen, den Eier⸗ tanz ausführt. Gegen fünf Uhr Abends brachte ein Diener in der Livree des Marſchalls ein Billet von der Prinzeſſin Regina. Petrus hatte alle Mühe der Welt, um ſich zu be⸗ wältigen und das Billet mit einer gleichgültigen Miene zu nehmen; er öffnete es ganz zitternd, obſchon er be⸗ zweifelte, das Billet ſei von Regina ſelbſt; doch an der Unterſchrift erkannte er ſie ſei es wirklich, die es ge⸗ ſchrieben. Er las wie folgt: „Entſchuldigen Sie, mein Herr, daß ich heute orgen nicht zu Hauſe war, als ſie die Güte hatten, hieher zu kommen. Ein ſehr trauriger Unfall, der einer meiner beſten Penſionsfreundinnen widerfahren iſt, hat mich den ganzen Morgen auſſerhalb Paris zurück⸗ gehalten: ich hätte Ihnen heute Morgen ſchreiben müſſen, um Ihnen dieſe Mühe zu erſparen; doch Sie werden mich hoffentlich entſchuldigen, wenn Sie be⸗ denken, in welcher Uunruhe ich mich befand. „Da ich meinen Fehler nicht gut machen kann, ſo mildere ich ihn. „Werden Sie morgen um die Mittagsſtunde frei ſein, mein Herr? Es drängt meine Familie, Ihr treffliches Portrait vollendet zu beſitzen. „Regina.“ „Sagen Sie der Prinzeſſin, ich werde morgen zur bezeichneten Stunde bei ihr ſein,“ antwortete Petrus. Der Diener entfernte ſich; Petrus blieb allein. Drei Tage früher hätte ihn ein ſolches Billet mit Glück erfüllt; ſchon der Anblick der Handſchrift von Regina würde ihn in ein Entzücken verſetzt haben, und er hätte hundertmal die Unterſchrift geküßt; doch ſeit der Offenbarung des Generals Herbel in Betreff der eirath von Regina mit dem Grafen Rappt war eine ſolche Umwälzung in der Seele des jungen Mannes vorgegangen, daß ihm der Anblick dieſes Billets eher ſchmerzlich als angenehm war. Es ſchien ihm dadurch, daß ſie ihm nichts von der Lage, in der ſie ſich befand, geſagt, habe ihn Regina verrathen; dadurch, daß ſie ſich lieben ließ, habe ſie ihm eine Falle geſtellt. Und pennoch las er den Brief wieder und wieder; er konnte ſeine Augen nicht von dieſer reizenden, klei⸗ nen, feinen, regelmäßigen, ariſtokratiſchen Handſchrift losmachen. Petrus wurde mitten in dieſer Beſchäftigung durch das Geräuſch ſeiner Thüre, die man aufs Neue öffnete, unterbrochen; er wandte ſich maſchinenmäßig um un erhlickte Jean Robert. —— — 149 Der Dichter kam nach dem ſtürmiſchen Tage, den er durchlebt, vom Bas⸗Meudon anz er war gerade zu Petrus gegangen, wie Petrus gerade zu ihm gegan⸗ gen war. Hätte Petrus Jean Robert in der Rue de PUni⸗ verſité gefunden, ſo würde er wahrſcheinlich mit ihm in dieſem erſten Augenblicke des Aergers, wo das Herz überſtrömt, von der verfehlten Sitzung und vom Ori⸗ ginal des Portraits, in deſſen Ausführung er gerade begriffen war, geſprochen habenz doch drei bis vier Stunden Arbeit, gekrönt durch den Brief von Regina, hatten dem jungen Manne, wenn nicht die Ruhe, doch ventit eine gewiſſe Selbſtbeherrſchung wiederge⸗ geben. Jean Robert war es aber, der zu Petrus kam, und Jean Robert ſprach. Bei Petrus war nur das Herz voll; bei Jean Robert waren der Geiſt und das Herz gleich ſehr ein⸗ genommen, jedoch auf die egoiſtiſche Art der Dichter, das heißt aus dem Geſichtspunkte deſſen, was er, als Roman oder als Drama, aus den Ereigniſſen des Ta⸗ ges zichen könnte. Trtz des emphatiſchen Einganges ſeines Freun⸗ des, ſchenkte Petrus, der ſich ganz der Erinnerung an ſeinen eigenen Tag überließ, nur eine geringe Aufmerk⸗ ſamkeit der Erzählung der Liebesverhältniſſe von Juſtin und Mina, als vlötzlich der Erzähler, deſſen Blicke auf die Skizze des Eiertanzes fielen, ausrief: „Roſe⸗de⸗Nosl!“ „Roſe⸗de⸗Noöl?“ fragte Petrus;„Du kennſt dieſes Mädchen?“ 7 ja „Woher?“ „Die alte Zigeunerin, ihre Mutter, iſt es, die den Brief gefunden, welchen Mina zum Wagenſchlage hin⸗ n hat. Ich bin mit Salvator bei ihr ge⸗ en.“ 150 „Sie hat mir in der That geſagt, ſie kenne unſern Freund von der vergangenen Nacht.“ „Das iſt ihr Beſchützer; er wacht über ſie, beſchäf⸗ tigt ſich mit ihrer Geſundheit, ſchickt ihr Aerzte, läßt ſie die Wohnung wechſeln. Es ſcheint, dieſe abſcheu⸗ liche Brocante iſt eine alte Geizige, die das Kind vor Kälte im Winter, vor Hitze im Sommer ſterben läßt. Findeſt Du das kleine Mädchen nicht reizend, Petrus?“ „Du ſiehſt es wohl, da ich ſein Portrait mache.“ „Als Mignon; das iſt ein guter Gedankez ich dachte auch ſogleich:„„Oh! hätte ich eine ſolche Schau⸗ ſpielerin, ſo würde ich ein Drama aus dem Romane von Göthe machen.““ „Warte,“ ſagte Petrus,„ich will Dir etwas An⸗ deres zeigen.“ Er zog aus ſeinem Carton die große Zeichnung, die er ein paar Tage vorher im Blumenſalon von Regina gemacht hatte; ſodann, als Jean Robert ſich näherte, um zu ſchauen, rief er: „Eine Minute Geduld! ich habe noch ein paar Striche zu machen.“ Man erinnert ſich, daß er bei dieſer Zeichnung Roſe⸗de⸗Rosl vorſtellend, wie ſie ſchnatternd, mir ihren Hunden, in einem Graben des Boulevard Mont⸗Par⸗ naſſe gefunden wurde, aus der Einbildungskraft den Kopf der kleinen Zigeunerin gemacht hatte.— In fünf Minuten war der geträumte Kopf verwiſcht und der wirkliche Kopf an ſeine Stelle geſetzt. „Schau' nun!“ ſagte Petrus. „Ah!“ rief Jean Robert,„weißt Du, daß das ſehr ſchön iſt?“ Dann plötzlich: „Halt! Das Portrait von Fräulein von Lamothe⸗ Houdan!“ Petrus bebte. „Wie?“ fragte er.„Was willſt Du damit ſagen?⸗ „ über; erzähle, mein Freund, erzähle.⸗ 151 „Iſt das nicht das Portrait der Tochter des Mar⸗ ſchalls?.. Hier, hier, als Amazone 2“ Ja Du kennſt ſie alſo?“ „Ich hatte ſie ein⸗ oder zweimal beim Herzog von Fitz James geſehen, und ich habe ſie heute wieder ge⸗ ſehen; darum iſt mir die Aehnlichkeit dieſes Portraits mit ihr in die Augen gefallen.“ „Du haſt ſie wieder geſehen? Und wo dies?“ „Oh! bei einer erſchrecklichen Veranlaſſung! knieend mit zwei von ihren Penſionsfreundinnen, Schülerinnen von Saint⸗Denis wie ſie, vor dem Bette eines armen Kindes, das ſich durch Erſticken hatte den Tod geben wollen.“ Was ihr aber nicht gelungen iſt?“ Ja,“ erwiederte traurig Jean Robert,„ſie hat dieſes Unglück gehabt.“ „Dieſes Unglück?,“ „Allerdings, da ſie ſich mit ihrem Geliebten erſtickt hat, und ihr Geliebter geſtorben iſt.— Alles dies wollte ich Dir erzählen, mein Freund, als ich, während ich zugleich Deine Befangenheit bemerkte, die Dich meiner Erzählung ein nur mittelmäßig aufmerkſames Ohr leihen ließ, das Portrait von Roſe⸗de⸗Noöl er⸗ kannte.“ „Verzeih, Robert,“ ſagte Petrus dem jungen Dich⸗ ter zulächelnd und ihm die Hand reichend,„ich war in der That befangen, doch meine Befangenheit iſt vor⸗ „ So iſt die menſchliche Seele in ihren Beziehun⸗“ gen zu den äußeren Gegenſtänden beſchaffen,— faſt immer egviſtiſch! Petrus, gleichgültig bei der Erzäh⸗ lung des Liebesverhältniſſes von Juſtin und Mina, ſo lange er nichts von der Dazwiſchenkunft von Roſe⸗de⸗Roél bei dieſer Liebe wußtes Petrus, zerſtreut bei der Er⸗ zählung der Mißgeſchicke von Colombeau und Carmelite, ſo lange er dabei Fräulein von Lamothe⸗Houdan nicht hatte erſcheinen ſehen,— Petrus war neugierig, dieſe 152 doppelte Erzählung zu hören, mit der ſich Regina ver⸗ mengt fand: einerſeits mittelbar durch Roſe⸗de⸗Noöl, andererſeits unmittelbar durch ſie ſelbſt. Petrus hatte nicht einen Augenblick bezweifelt, Regina ſei durch einen Unfall, der einer ihrer Freun⸗ dinnen widerfahren, aus dem Hauſe gezogen worden; er war aber entzückt, daß Jean Robert die Wirklichkeit des Unfalls beſtätigte. Ueberdies hatte Jean Robert als Dichter von der Schönheit von Fräulein von La⸗ mothe⸗Houdan geſprochen, und trotz des Gefühles der Eiferſucht, das in ſeinem Herzen brannte, wenn er dachte, dieſe Schönheit gehöre zum Voraus einem An⸗ dern, war Petrus glücklich und ſtolz auf dieſe Schönheit. Sodann erfuhr er Eines: daß Madame Lydie von Marande, bei der er ſich hatte einführen laſſen, und wegen der ihm ſein Oheim Vorwürfe gemacht, daß er ſie nicht wieder beſucht hatte, nicht nur eine Bekannte von Regina, ſondern ſogar eine vertraute Freundin der jungen Prinzeſſin, eine ihrer Gefährtinnen von Saint⸗Denis war. Ebenſo war es mit dem Mädchen, von dem Jean Robert nichts Anderes wußte, als den Namen, welches mit Salvator lebte und Fragola genannt wurde. Von da nahm die Erzählung von Jean Robert in den Augen und in den Ohren von Petrus ein wunder⸗ bares Intereſſe an. 6 Wir ſagen in den Augen, weil zugleich, wäh⸗ rend die Ohren hörten, die Augen ſahen. Jean Robert ſeinerſeits, da er fühlte, daß man ihn anhörte, und daß er, um uns des Künſtlerausdrucks zu bedienen, ſeinen Effect machte, Jean Robert ſeiner⸗ ſeits erzählte als Dichter. Doch ſo wie ſie vorrückte, gewann die Erzählung einen ſolchen Einfluß auf Petrus, daß er ſich nicht mehr mit den unbeſtimmten und weitſchweifigen Details der Erzählung begnügte: er ſchob Jean Robert einen Stift in die Hand und bat ihn, ihm einen Begriff . — —— ——— — ————————— —————— 15⁵3 von dem traurigen Schauſpiele zu geben, welches das Zimmer von Carmelite geboten. Jean Robert war entfernt kein Maler, doch er war ein geſchickter Inſcenirer; er war es gewöhnlich, wenn er ein Stück einrichtete, der in die Bibliothek ging, die Coſtumes zeichnete, den Plan und Alles bis auf die Anlagen der Decorationen machte. Er hatte überdies das den Romanſchreibern eigenthümliche Ge⸗ dächtniß, das ihnen erlaubt, getreu die Oertlichkeit, die ſie nur ein einziges Mal geſehen haben, zu ſchildern. Jean Robert nahm ein Papier und zeichnete zu⸗ erſt den geometriſchen Plan des Zimmers von Carme⸗ lite; ſodann, auf einem andern Papiere, ſtizzirte er den Anblick dieſes Zimmers mit den drei Mädchen, gruppirt um das vierte, das auf dem Bette ausgeſtreckt liegt, und ihm Hintergrunde, in ſeiner herrlichen Do⸗ minicanertracht, Sarranti, den ſchönen Prieſter, ruhig, ernſt, unbeweglich wie die Bildſäule der Beſchauung. Petrus folgte ihm aufmerkſam mit den Augen. Ehe er noch geendigt hatte, zog er das Papier aus ſeinen Händen. „Ich danke Dir,“ ſagte er,„ich habe Alles, was ich brauche: mein Bild iſt gemacht! Gib mir nur einige Details über die Tracht der Zöglinge von Saint⸗ Denis.“ Jean Robert nahm die Aquarellenſchachtel und bezeichnete die Farben auf einem der knieenden Mädchen. „Das iſt es,“ ſagte Petrus. Und er nahm nun ein Briſtol⸗Papier und fing an die ſchmerzliche Scene zu ſtizziren, von der ihm der Dichter ein ungeſtaltetes Croquis gemacht, aber eine Erzählung voll Farbe und Wahrheit gegeben hatte. Die jungen Leute verließen ſich ziemlich ſpät in der Nacht. Am andern Tage, gerade um Mittag, erſchien Petrus im Hotel des Marſchalls von Lamothe⸗Houdan. Was wollte er hier machen? was wollte er ſagen? 154 Er wußte es ſelbſt nicht; er hatte ſich während dieſer wei Tage des Wartens gleichſam das Herz zu unge⸗ zete Traurigkeiten, zu tiefen Schmerzen vorbereitet. XCIII. Das Portrait von Herrn Rappt. Regina wartete auf der Schwelle des Pavillon ſtehend und die Hand auf den Kopf der kleinen Abeille elegt. Worauf wartete ſie? Sicherlich nicht auf Petrus, doch vielleicht auf die Stunde, die ihn herbeiführen ſollte. Petrus erblickte ſie von fern. Die Beine verſagten ihm beinahe den Dienſt; er ſchaute, ob in ſeinem Bereiche ein Baum ſei, an den er ſich anlehnen könnte, eine Bank, um darauf zu ſitzen; aber durch eine raſche Reaction ſeines Willens fand er, wenn nicht alle ſeine Kräfte, doch einen Theil ſeiner Kräfte wieder; nur, ſobald er Regina erblickte, nahm er den Hut ab und ſtrich mit ſeiner Hand über ſeine bleiche, feuchte Stirne. Regina war ſo bleich wie er; man ſah deutlich auf ihrem Geſichte die Spuren der Schlafloſigkeit und der Thränen. Das Geſicht von Petrus verrieth, wenn nicht die Thränen, doch wenigſtens die Schlafloſigkeit. Beide ſchauten ſich mit mehr Neugierde, als Er⸗ ſtaunen an; man hätte glauben ſollen, Jedes ſuche zu errathen, was im Herzen des Andern vorgehe. Ein ſchwermüthiges Lächeln ſchwebte über die Lip⸗ pen von Regina. —— 155 „Ich erwartete Sie, mein Herr,“ ſagte ſie mit einer Stimme, welche ſo melodiſch wie der Geſang ei⸗ nes Vogels. „Sie erwarteten mich?“ fragte Petrus. „Haben wir heute nicht Sitzung? Haben Sie mein Billet nicht empfangen? Habe ich nicht, nachdem ich mich ſchriftlich entſchuldigt, mich auch mündlich zu entſchuldigen?“ „Entſchuldigen?“ verſetzte Petrus. „Allerdings; ich hätte Ihnen am Morgen ſtatt am Abend ſchreiben müſſen und Ihnen ſo eine Mühe er⸗ ſparen; ich war aber ſo beängſtigt, daß ich das Unrecht beging, es zu vergeſſen.“ Petrus verbeugte ſich und ſchien zu warten, daß ihm Regina den Weg zum Salon zeige. „Komm, komm, meine Schweſter!“ ſagte die kleine Abeille;„Du weißt, daß Dein Portrait heute fertig ſein muß.“ „Ah!“ ſprach mit bitterem Tone Petrus, indem er ſich an Regina wandte,„Ihr Portrait muß heute fer⸗ tig ſein?“ Eine Flamme glitt über die bleichen Wangen des Mädchens und verſchwand wie der Refler eines Blitzes. „Geben Sie nicht Acht auf das, was dieſe Kleine ſagt, mein Herr; ſie wird von Jemand, der nicht weiß, was die Anforderungen der Kunſt ſind, gehört haben, dieſes Portrait müſſe heute vollendet ſein, und ſie wie⸗ derholt, was ſie hat ſagen hören.“ „Ich werde nach meinen beſten Kräften thun,“ er⸗ wiederte Petrus, während er ſich vor ſeine Leinwand ſetzte,„und kann ich, ſo werde ich Sie in einer Sitzung von mir befreien.“ „Mich von Ihnen befreien?“ entgegnete Regina. „Das Wort würde mich meiner Tante der Marquiſe de la Tournelle geſagt nicht in Erſtaunen ſetzen; doch mir geſagt iſt es ungerecht.. ich könnte ſogar,“ 156 ſetzte ſie mit einem Seußzer hinzu,„ich könnte ſogar be⸗ haupten, grauſam.“ Ptßhuligen Sie, mein Fräulein,“ ſprach Petrus. Sodann, da er weder die Geberde, noch das Wort zurückzuhalten vermochte, fügte er, indem er die Hand an ſeine Bruſt legte, bei: „Ich leide!“ „Sie leiden,“ ſagte Regina mit einem ſeltſamen Lächeln, als ob ſie hätte ſagen wollen:„Darüber darf man ſich nicht wundern; ich leide auch.“ „Herr Petrus,“ rief die kleine Abeille,„ich will Ihnen etwas mittheilen, was Ihnen großes Vergnügen machen wird.“ „Sprechen Sie, mein Fräulein,“ antwortete Pe⸗ trus, der im Fluge die Zerſtreuung ergriff, die ihm das Geplauder des Kindes bringen ſoilte. „Nun wohl, geſtern, während Regina auf dem Lande war, kam mein Vater mit Herrn Rappt, um das Por⸗ trait anzuſchauen, und er erklärte ſich ſehr damit zu⸗ frieden.“ „Ich danke dem Herrn Marſchall für ſeine Nach⸗ ſicht,“ ſagte Petrus. 3 „Sie müßten viel mehr Herrn Rappt Zanken, als meinem Vater,“ bemerkte die kleine Abeille;„denn Herr Rappt, der nie mit etwas zufrieden iſt, war auch ſehr zufrieden.“ Petrus antwortete nicht; er zog ſein Sacktuch aus der Taſche und wiſchte ſich den Schweiß ab. Bei dem verhaßten Namen, den man zweimal aus⸗ geſprochen hatte, fing aller Zorn, der ſeit achtund⸗ vierzig Stunden in ihm erregt, aber einen Augenblick beſchwichtigt worden war, wieder an wie ein Sturm in ihm zu toſen. Regina ſah dieſe Aufregung, und inſtinctartig be⸗ griff ſie, dieſelbe rühre von den Worten des Kindes her. „Abeille,“ ſprach ſie,„ich fühle Durſtz habe die Güte, mir ein Glas Waſſer zu holen.“ di jut tre ſpr ꝙ Ta ten be⸗ rus. Wort and men darf will ügen das ande ßor⸗ zu⸗ ach⸗ als enn uch us 8⸗ nd⸗ rm e⸗ ie 157 Voll Eifer, ihrer Schweſter zu gehorchen, ſprang die Kleine aus dem Salon.. Da aber das Stillſchweigen das Allerpeinlichſte in der Lage des Geiſtes war, in der ſich die zwei jungen Leute befanden, ſo wollte es Regina nicht ein⸗ treten laſſen, und ohne genau zu wiſſen, was ſie ſagte, ſprach ſie: „Und was haben Sie an dem traurigen geſtrigen Tage gethan, da Sie nicht an meinem Portrait arbei⸗ ten konnten?“ „Ich habe zuerſt die kleine Roſe⸗de⸗Nosl beſucht.“ „Die kleine Roſe⸗de⸗Nosl?“ fragte Regina lebhaft. Sodann leiſer: „Sie haben dieſes Kind beſucht?“ „Ja,“ antwortete Petrus. „Und hernach? „Hernach habe ich eine Aquarelle gemacht.“ „Nach ihr?“ „Nein; aus der Fantaſie.“ „Ueber welchen Gegenſtand?“ „Ach! ein ſehr trauriger Gegenſtand!“ „Nun?“ „Ein Mädchen wollte ſich mit ſeinem Geliebten den Tod durch Erſticken geben„ „Wie beliebt?“ unterbrach Regina. „Es iſt ihr nicht gelungen,“ fuhr Petrus fort; „der Geliebte iſt todt!“ „Mein Gott!“ „Ich wählte den Augenblick, wo ſie auf ihrem Bette liegend die Augen wieder öffnet. Drei von ihren Freundinnen knieen um ſie; im Hintergrunde betet ein Dominicanermönch, die Augen zum Himmel erhoben.“ Regina ſchaute Petrus mit einer beſtürzten Miene an. „Und dieſe Aquarelle?“ fragte ſie. „Hier iſt ſie.“ Und er reichte Regina das aufgerollte Papier. Negina entrolte es und gab einen Schtei von ſch. k. —————————— 158 Petrus, der weder Fragola, noch Carmelite kannte, hatte den Kopf der Erſten zwiſchen ihren Händen ver⸗ borgen gemacht, und den der Zweiten in dem durch den Bettvorhang hervorgebrachten Schatten; doch die Köpfe von Regina, von Frau von Marande und vom Mönche, welche Petrus bekannt waren, boten eine vollkommene Aehnlichkeit. Ueberdies machten die geringſten Details des Zim⸗ mers von Carmelite,— durch Jean Robert angegebene Details,— aus dieſer Zeichnung etwas Unerklärliches, Zauberhaftes, Unerhörtes für Regina. Sie ſchaute Petrus anz Petrus arbeitete oder gab ſich den Anſchein, als ob er arbeitete. „Hier, meine Schweſter,“ ſagte die kleine Abeille, welche auf den Fußſpitzen hereinkam, um nichts von dem Tranke, den ſie brachte, zu verſchütten,„hier iſt Dein Glas Waſſer.“ Es war nicht möglich, die geringſte Erklärung in Gegenwart von Abeille zu verlangen; würde überdies Petrus eine geben wollen? Regina nahm das Glas und ſetzte es an ihre Lippen. „Sodann,“ ſagte Petrus,„außer dieſem Beſuche bei der kleinen Roſe⸗de⸗Noöl; außer dieſer aus der Fantafie gemachten Aquarelle, habe ich noch etwas er⸗ fahren, wozu ich Ihnen aufrichtig Glück wünſche, mein Sie werden den Herrn Grafen Rappt hei⸗ rathen.“ Petrus konnte bei der Stille, welche auf dieſe Worte folgte, die Zähne von Regina am Rande des Glaſes klappern hören, das ſie an ihre Lippen ſetzte, und dann mit einer faſt krampfhaften Bewegung, die Hälfte des darin enthaltenen Waſſers auf ihr ſeidenes Kleid verſchüttend, der kleinen Abeille zurückgab. Sie machte jedoch eine Anſtrengung gegen ſich ſelbſt und antwortete: „Das iſt die Wahrheit!“ Und das war Alles. — — + kl m me ſich zen kni len lite ſtor Der i u 63 mir, nnte, ver⸗ den döpfe nche, mene Zim⸗ ebene iches, gab eille, von er iſt ig in rdies vpen. ſuche der s er⸗ mein hei⸗ dieſe des etzte, t. denes ſich 159 Hierauf zog ſie das Kind an ſich, als wäre ſie ſo ſchwach, daß ſie eine Stütze in der Kindheit, das heißt im Embleme der Schwäche, ſuchen müßte, ſchlug die Augen nieder und ſtützte ihren Kopf auf den blonden Kopf des Kindes. Es lag in dieſer Antwort und in dieſer Bewegung von Regina ein ſolcher Ausdruck von Schmerz, daß Petrus begriff, er habe nichts mehr zu fragen. Er hatte die Stimme hörend bis in die Tiefe des Herzens geſchauert, er war mit den Augen dem Kopfe des Mäd⸗ chens gefolgt, der ſich ſchlaff neigte wie eine verwel⸗ kende Blume und endlich in einer unerklärbaren Hal⸗ tung blieb; Alles dies bedeutete:„Verzeihen Sie mir, Freund; ich bin auch unglücklich, vielleicht unglücklicher, als Sie.“ Von dieſem Augenblicke an herrſchte im Gewächs⸗ hauſe eine ſolche Stille, daß man hätte können die Knoſpen der Roſen ſich öffnen hören. In der That, was konnten ſie ſich ſagen, die jungen Leute? Würden die ſanfteſten Töne, die wohl⸗ klingendſten Worte den tauſendſten Theil der ſüßen Ge⸗ müthsbewegungen, welche ganz leiſe in ihren Herzen murmelten, wiedergeben? Das Stillſchweigen von Regina ſagte: „Das iſt alſo das Geheimniß, das Deine Bläſſe machte, junger Mann; und die Traurigkeit Deines Ge⸗ ſichtes war nur der Reflex der Traurigkeit Deines Her⸗ zens? Als ich geſtern beim Bette einer Freundin knieend, welche mit ihrem Geliebten hatte ſterben wol⸗ len, an Dich denkend mir ſagte:„„Glückliche Carme⸗ ite, wenn Du vor dem Geliebten Deines Herzens ge⸗ ſtorben wäreſt! glücklich, ah! ja, tauſendmal glücklich! Denn beſſer iſt es, vor dem zu ſterben, welchen man liebt, als mit dem zu leben, welchen man haßt!““ he⸗ uchteſt Du während dieſer Zeit, von mir träumend, das Kind, das ich gepflegt hatte; ſodann folgteſt Du mir, durch ein Wunder innerer Anſchauung, auf meinem Gange, und Du ſahſt mich am Fuße des Bettes meiner Freundin tnicen!.. Haſt Du denn das Auge der Engel, göttlicher Künſtler, und ſiehſt Du wie ſie durch den Raum, ohne daß die materiellen Hinderniſſe Dei⸗ nen Blick hemmen können? Du klagſt mich im Grunde Deines Herzens an, undankbarer Geliebter, und Du weißt nicht, daß ich, ſeitdem ich Dich geſehen, auch meine Stunden der Schlaflofigkeit und der Bangigkeit hatte; ja, der Bangigkeit! denn wie Du und früher als Du vielleicht, bin ich in den tiefen Schlund ge⸗ taucht, wo man mich begraben will. Du biſt bleich wie der Tod: ſchau' und ſieh, was aus den Farben meiner Wangen geworden iſt! Oh! warum kann ich Dir die Deinen nicht zurückgeben, und Deine Stirne ihre makelloſe Weiße und ihre himmliſche Heiterkeit wieder annehmen machen, indem ich auf Dir, armer durch den Sturm verwelkter Baum, wie einen heilſamen Thau alle Thränen meines Herzens verbreiten würde!“ Und das Stillſchweigen von Petrus antwortete: „Ah! Du liebſt mich alſo, ſchöne jungfräuliche Lilie, und ich habe mich getäuſcht, als ich Dich an⸗ klagte, Du geheſt lächelnd dieſem Hochzeitfeſte entgegen! Oh! als Deine Schweſter, das indiscrete Kind, den Ramen dieſes Menſchen ausſprach, ſah ich den Wind der Scham über Deine Stirne ziehen, und nun, da Du weißt, daß ich Dich liebe, verbirgſt Du, gebrochen bis in die Tiefe der Seele, einer liebenden Taube ähn⸗ tich, Deine Stirne unter Deinem Flügel, um zu wei⸗ nen!.. Ach! Du haſt mich um das Geheimniß meiner Bläſſe gefragt: Du kennſt es jetzt, da Du Deinerſeits auch bleich und bleicher biſt, als ich!.. Doch warum bleibſt Du ſtumm, o mein Gedanke? warum höre i Deine Stimme nicht, meine Freundin? Weil das Stillſchweigen zu Zwei die Symphonie der Liebe, der Traum des Morgens, voll himmliſchen Geflüſters, voll unausſprechlicher Hoffnungen iſt. Antworte mir alſo nicht und höre in meinem Herzen ſingen, wie ich in —— N — 161 dem Deinigen ſingen höre, die Hymne, die heilige Hymne, eine Miſchung von Freude und Schmerz, welche man nur einmal hört, und die erloſchen nie mehr erwacht!“ Und dieſes Stillſchweigen war in der That für die zwei jungen Leute eine unausſprechliche Freude, eine Minute gränzenloſen Glückes; eine um ſo größere Freude, ein um ſo glühenderes Glück, als Beide fühl⸗ ten, dieſes Glück und dieſe Freude durchgründend würden ſie am Ende einen tiefen Schmerz finden. Sie liebten ſich, wie Petrus ſeinem Oheim geſagt hatte, mit einer Liebe, welche auszudrücken die menſch⸗ liche Sprache keine Worte hatte; nur, ſtatt ſich in Liedern auszuhauchen, wie die der Vögel, verbreitete ſich ihre Liebe, wie die der Blumen, in Wohlgerüchen, und ſie genoßen die ſüßen Ausſtrömungen davon. Zum Unglück wurde in dieſem äußerſten Augen⸗ blicke, wo ihre zwei Seelen, der Vermengung ganz nahe, ſich in einem Zauberparadieſe vereinigen ſollten, die Thüre ungeſtüm geöffnet, und die devote, übermü⸗ thige Marquiſe de la Tournelle erſchien auf der Schwelle. Dieſe Erſcheinung machte die beiden Träumer ſchwer auf die Erde zurückfallen. Als er die Marquiſe erblickte, ſtand Petrus auf, doch umſonſt; die Marquiſe ſah ihn nicht oder gab ſich den Anſchein, als ſähe ſie ihn nicht; vielleicht war ſie auch zerſtreut durch die kleine Abeille, welche auf fie zulief und der Marquiſe ihre Stirne zum Küſſen bot. „Guten Morgen, Kleine! guten Morgen!“ ſagte ſie das Kind küſſend; dann ging ſie auf Regina zu. Regina ſtand von ihrem Stuhle auf und reichte ihr die Hand. „Guten Morgen, meine Richte!“ fuhr die Mar⸗ quiſe von einer Schweſter zur andern übergehend fort. „Ich komme aus dem Speiſezimmer; man ſagte mir, Sie haben es kaum betretenz es lag mir indeſſen daran, Die Mohicaner von Paris, 1v. 11 162 Sie zu ſehen, weil ich Ihnen etwas ſehr Wichtiges mitzutheilen habe.“ „Hätte ich gewußt, Sie werden uns das Vergnü⸗ gen machen, zum Frühſtück herabzukommen, meine Tante,“ erwiederte Regina,„ſo würde ich ſicherlich ge⸗ wartet haben; doch ich glaubte, geſtern und heute wol⸗ len Sie in der Einſamkeit bleiben und in Ihrer Woh⸗ nung frühſtücken.“ „Ich bin auch einzig und allein Ihnen zu Liebe herabgekommen, meine Nichte; und ich machte eine Ausnahme zu Ihren Gunſten wegen der Wichtigkeit der Umſtände.“ „Oh! mein Gott! Sie erſchrecken mich beinahe, meine Tante!“ ſagte Regina, indem ſie zu lächeln ſuchte. „Was gibt es denn?“ „Meine Nichte, es gibt, daß mir Herr Coletti in einem Briefe mittheilt, man habe Sie geſtern, am Aſchermittwoch, nicht in der Kirche geſehen.“ „In der That, meine Tante, ich war am Bette einer ſterbenden Freundin.“ „Heute wird Monſeigneur ſeine Einführung in die Faſten machen, und er hofft, Sie werden der Predigt beiwohnen.“ „Sie werden mich bei Monſeigneur entſchuldigen, meine Tante: ich gedenke heute nicht auszugehen. Ich habe geſtern einen großen Kummer gehabt, ich bin noch ſehr leidend, ich bedarf der Ruhe und werde mich heute nicht aus dem Hauſe rühren.“ „Ah!“ murmelte die Alte mit herbem Tone. „Ja,“ fuhr Regina mit einer Feſtigkeit der Stimme und des Blickes fort, welche ihren Namen zu rechtfer⸗ tigen ſchien;„ich gedenke ſogar mich nach der Sitzung in mein Zimmer zurückzuziehen; denn Sie ſehen, daß ich eben ſitze, meine Tante;— und in dieſer Hinſicht erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie mich für Herrn Petrus völlig maskiren.“ „Oh!“ machte die alte Dame⸗ e+, — 1— W e 1e er e, e. m ute ume fer⸗ ung ſi mich 163 Und ſich gegen den Maler umwendend, ſagte ſie: „Verzeihen Sie mir, Herr Künſtler; ich hatte Sie nicht bemerkt. Sie befinden ſich wohl ſeit Montag?“ „Vollkommen, Madame.“ „Deſto beſſer!... Stellen Sie ſich vor, meine Nichte, wie groß mein Erſtaunen war, als ich Herrn Petrus Herbel beim General Courtenay fand, den ich daran erinnern wollte, es ſei vorgeſtern, am Dienſtag, mein Namenstag!“ „Ich ſehe nicht ein, was Sie hiebei in Erſtaunen ſetzen konnte, meine Tante. Mir ſcheint, es iſt nichts Erſtaunliches, wenn man den Reffen bei ſeinem Oheim trifft.“ „Sie wußten das?“ „Ich wußte, daß Herr Petrus Herbel von Cour⸗ tenay der Neffe des Generals Grafen Herbel von ECour⸗ tenah iſt; ja, meine Tante, ich wußte dies!“ „Nun wohl, ich wußte es nicht.. Ich bin immer erſtaunt, wenn ein Maler mit einer Familie verwandt iſt, deren Ahnen regiert haben.“ „Madame,“ ſagte Petrus,„ich hoffe, daß eine ſo außerordentlich religiöſe Perſon wie Sie, die Apoſtel und die Heiligen über alle Könige und alle Kaiſer der Erde ſetzt.“ „Warum hoffen Sie das?“ „Ich erlaube mir, der Frau Marquiſe zu bemer⸗ ken, daß ſie mit einer Frage auf die Frage antwor⸗ tet, welche an ſie zu richten der Vicomte Pierre Cvur⸗ tenay die Ehre hat.“ So unverſchämt ſie war, die Margquiſe fand ſich ein wenig aus der Faſſung gebracht. „Allerdings,“ erwiederte ſie,„allerdings ſetze ich die Apoſtel und die Heiligen über die Könige und die Kaiſer, weil ſie nach Jeſus Chriſtus kommen.“ „Nun wohl, Madame, der heilige Lucas war ein Naler; warum ſollte es ein Abkömmling der Kaiſer nicht ſein?“ Die Marquiſe biß ſich auf die Lippen. „Ah!“ ſagte ſie,„Sie erinnern mich an die wahre Frage, und ich danke Ihnen dafür; ich wußte wohl, daß ich wegen anderer Dingen gekommen war.“ Weder Regina, noch Petrus antworteten. „Ich kam,“ fuhr die Marquiſe ſich an Petrus wendend fort,„ich kam, um Sie zu fragen, ob das Portrait des Grafen Rappt bald vollendet ſei.“ Regina neigte das Haupt mit einem Seufzer, der einem Stöhnen glich. Petrus hörte die Frage der alten Marquiſe, ſah die Bewegung von Regina, begriff aber weder mehr etwas von der einen, noch von der andern. „Nun,“ ſprach die Marquiſe, als ſie die zwei jungen Leute ſtumm ſah,„was iſt denn ſo Außerordent⸗ liches an meiner Frage?. Ich frage Herrn Petrus, ob das Portrait des Herrn Grafen Rappt vorrücke?“ „Ich verſtehe nicht, was die Frau Marguiſe mich zu fragen mir die Ehre erweiſt,“ erwiederte Petrus, in deſſen Herz ein unbeſtimmter Verdacht einzudringen an⸗ ng. 5„Ich drücke mich in der That ſchlecht aus,“ ſagte die Marquiſe.„Ich nenne durch Anticipation das Portrait von Regina: das Portrait von Herrn Rapptz es wird allerdings das Portrait des Herrn Rappt erſt an dem Tage werden, wo Fräulein Regina von Lamothe⸗Houdan Gräfin Rappt wird; da dies aber in acht bis zehn Tagen eine abgethane Sache „Verzeihen Sie, Madame,“ fragte Petrus entſetz⸗ lich erbleichend,„das Portrait, das ich hier mache, iſt alſo für Herrn Rappt beſtimmt?“ „Ei! gewiß, das iſt die Hauptzierde des Hochzeits⸗ gemaches.“ Es trat bei dieſen Worten eine ſolche Verſtörung im Geſichte von Petrus ein, daß die Marquiſe es wahr⸗ nahm. he e ng r⸗ 165 „Ho! ho! Herr Maler,“ ſagte ſie,„was haben Sie denn? Man ſollte glauben, es ſei Ihnen übel!“ Petrus, der, die Stirne von Schweiß triefend, das Auge graß, daſtand, glich wirklich einer Bildſäule der Verzweiflung. Die Marquiſe wandte ſich gegen ihre Nichte um und wollte ſie auf die Bläſſe des jungen Mannes auf⸗ merkſam machen; doch ſie ſah Regina ſelbſt ſo bleich, daß man hätte denken ſollen, dieſe ſei auf derſelben Stelle vom ſelben Schlage getroffen worden, der den jungen Mann getroffen hatte. Die Marquiſe de la Tournelle war eine Frau von Erfahrung: ſie errieth ſogleich, was zwiſchen den zwei jungen Leuten vorging, und indem ſie ihre Blicke bald auf das eine, bald' auf das andere richtete, wiederholte ſie zwiſchen ihren Zähnen die ausdrucksvolle Einſylbe: „Ah! ah! ah!“ Und ſie nahm Abeille bei der Hand, aus Furcht, trotz ſeiner Jugend, begreife das kleine Mädchen etwas von dieſem doppelten Schmerze, zog ſie mit ſich fort und ſagte: „Ich hatte Sie nichts Anderes zu fragen, meine Nichte; ich weiß nun Alles, was ich wiſſen wollte.“ Und ſie ging ab. Kaum war der Thürvorhang hinter ihr niederge⸗ fallen, da ſtieß Petrus einen Schrei aus, zog aus ſei⸗ ner Taſche einen kleinen türkiſchen Dolch, den er ge⸗ wöhnlich bei ſich trug, und ſagte: „Ah! und dieſes Portrait, das ich mit ſo viel Liebe machte, war für ihn, für den Grafen Rappt, für den Schändlichen! Das wird nicht ſo ſein! Ich kann das Opfer ſeines Glücks werden, ich werde nicht der MWitſchuldige davon ſein.“ Und er ſtieß den Dolch in die Leinwand und zer⸗ riß ſie von oben bis unten. Regina hörte das Krachen der Leinwand und fühlte bei diefem Krachen dieſelbe Bewegung in ihrem 166 25 Innern, wie wenn der Dolch ſie getroffen hätte, ſtatt das Portrait zu treffen, und als ob er 6 treffend die große Arterie des Herzens würde durchſchnitten haben. Und dennoch, während ſie abermals erbleichte,— was man unmöglich geglaubt hätte,— während ſie ihren Kopf zurückwarf, als ob ihre letzte Kraft und ſogar die des Willens ſie verlaſſen hätte,— beſaß ſie noch die Macht, dem jungen Manne die Hand zu reichen. „Meinen Dank, Petrus,“ ſagte ſie;„ſo wollte ich geliebt ſein!“ Petrus warf ſich auf dieſe Hand, küßte ſie voll Wuth, ſtürzte aus dem Salon und rief: „Gott befohlen für immer!“ Ein Seufzer antwortete ihm: Regina war in Ohn⸗ macht gefallen. Und nun wollen wir Fräulein von Lamothe⸗Hou⸗ dan und Herrn Petrus⸗Herbel ihrer Liebesverzweiflung überlaſſen, mit einem Sprunge nach Wien gehen und ſehen, was dort am Abend des Faſching⸗Dienſtags im Jahre 1827 vorfiel. XCIII. Vorſtellung zum Vortheile der Signora Roſenha Engel. Am Faſching⸗Dienſtag des Jahres 1827, gegen ſechs Uhr Abends, bot die Stadt Wien einen unge⸗ wöhnlichen Anblick. Ein Fremder, der die Menge in den Straßen ſich hätte drängen ſehen, wäre ſehr verlegen geweſen, zu ſagen, in welcher Abſicht die Bevölterung ſo heftig — — Uu⸗ ng en 88 167 vom Stubenthor, von der Leopoldſtadt, vom Schotten⸗ thor und von Mariahilf,— mit einem Worte von allen Vorſtädten Wiens herbeikam und, ſo zu ſagen, von den vier Cardinalpunkten gegen einen Mittelpunkt zuſammenlief, der der Burgplatz zu ſein ſchien. Und dennoch war es nicht die Burg, wohin ſich die Menge wandte; und wenn tauſend Equipagen mit den Wappen aller großen Häuſer Deutſchlands in den Straßen in der Nähe des kaiſerlichen Palaſtes ſtatio⸗ nirten, ſo war doch weder wegen des Namensfeſtes des Kaiſers, noch wegen einer Hochzeit, noch wegen einer Geburt, noch wegen eines Todesfalles, noch wegen einer Trauer, noch wegen einer Niederlage, noch wegen eines Sieges die Stadt im Aufruhr. Nein, dieſe ganze Menge begab ſich ganz einfach in das kaiſerliche Theater, wo die berühmte Tänzerin Roſenha Engel außerordentlicher Weiſe ihre Benefice⸗ Vorſtellung gab, da das Kärthnerthor⸗Theater gerade in einer Reparatur begriffen war. Der europäiſche Ruf der Schönheit, der Tugend, des Talentes der berühmten Tänzerin rechtfertigte den Eifer der Einwohnerſchaft Wiens um ſo mehr, als das Gerücht ging, dieſe Vorſtellung ſei die letzte, welche Roſenha in der Hauptſtadt Oeſterreichs geben werde, weil ſie ſich anſchicke, nach Rußland zu gehen, das zu jener Zeit dem weſtlichen Europa ſeine beſten Künſtler zu entführen anfing. Einige behaupteten ſogar, ſie ziehe ſich im Ernſte und definitiv vom Theater zurück, ſo ſehr im Ernſte, daß ſie einen Prinzen von Heſſen zu heirathen im Be⸗ griffe ſei. Andere,— doch wir müſſen ſagen, das war die kleinſte Zahl,— verſicherte, ſie werde in ein Kloſter eintreten. Es gab alſo tauſend Gründe, welche den Eifer dieſer Menge erklärten, und ſie lief auch mit den Schrit⸗ ten herbei, mit denen man zu einem Schauſpiele eilt, das man nie mehr ſehen ſoll. Sie lief indeſſen vergebens ſeit acht Tagen war der ganze Saal gemiethet, und hätte der Saal dreißig⸗ tauſend Perſonen mehr aufnehmen können, er wäre auch gemiethet geweſen. Der Verdruß war alſo groß für alle diejenigen, welche in Toilette und ohne zu Mittag geſpeiſt zu haben, von Meidling, von Hitzing, von Baumgarten, von Brigittenau, von Stadiau und von der ganzen Gegend auf ſechs Meilen in der Runde her⸗ beigekommen, den Eintritt für Jeden verſchloſſen fan⸗ den, der nicht zum Voraus ſeinen Platz gemiethet hatte. Es war ein Geſchrei des Aergers, des Zornes und der Entrüſtung, das, vom Paradeplatze ausgehend, bis im Parterre erſcholl, als ſich die Rachricht verbreitete, der Saal ſei ganz gemiethet, und es unterliegt keinem Zweifel, daß die wüthende Menge eine lärmende Re⸗ preſſalie ergriffen haben würde, hätten nicht die Equi⸗ pagen des Hofes, welche plötzlich herbeikamen und vor dem Theater anhielten, wie ein Damm dieſe Flut in ihr Bett zurückweichen gemacht. Die Menge,— wir ſprechen hauptſächlich von der öſterreichiſchen Menge,— die Menge, welche nie einen tiefen Groll hat, für die es aber Bedürfniß iſt, zu ſchreien, entſchädigte ſich für die Flüche, welche auszu⸗ ſtoßen die Gegenwart der kaiſerlichen Familie ſie ver⸗ hinderte, durch den Ruf:„Es lebe der Kaiſer!“ und begnügte ſich, wie Ruy Blas, poetiſchen und pittoresken Andentens, ſtatt jedes Schauſpiels damit, daß es aus den Equipagen nach Seiner Majeſtät alle Prinzeſſinnen, Herzoginnen, Erzherzoginnen und Gräfinnen des Hofes ausſteigen ſah. Obgleich ohne Zweifel dieſes Schauſpiel ſehr in⸗ tereſſant iſt, ſo ziehen wir es doch vor, die Ankunft der hohen Perſonen welche den Gegenſtand deſſelben bil⸗ den, bequem auf einem Sperrſitze des Theaters zu er⸗ warten, wo uns unſer Titel als dramatiſcher Schrift⸗ — ₰ S N S V v 3 Sc 8— N i⸗ or in il⸗ er⸗ ft⸗ 169 ſteller, den wir bei der Controle nennen, freien Eintritt gewährt, und bei deſſen Thüre ein ungeheures ſilbernes Becken die von dieſem Elitepublikum für die Benefi⸗ ciantin beſtimmten Gaben aufnimmt. Der Saal des kaiſerlichen Theaters in Wien iſt in gewöhnlichen Zeiten mittelmäßig elegant, doch ge⸗ ſchmückt, wie er es an dieſem Abend war, bot er einen wahrhaft feenartigen Anblick. Schaute man ihn in ſeinem Ganzen an, ſo hätte man glauben ſollen, es ſei das Innere eines arabiſchen Palaſtes, wo Diamanten, Perlen, Spitzen, Frauen und Blumen blinkten, funkel⸗ ten, ſangen, athmeten; auf welche Seite man die Au⸗ gen wandte, man erblickte nur weiße Geſichter und friſche Schultern, unter denen weder das verdrießliche Geſicht, noch die dunkle Kleidung des Mannes einen Flecken bildeten; es waren Maſſen von Blumen, welche aufblühten, ohne daß an irgend einem Orte der ſchwarze Stamm des Baumes durchdrang, und es ſchien, eine wiedererzeugende Gottheit ſei beauftragt worden, Alles zuſammenzubringen, was es Schönes in der alten Welt gab, um eine neue daraus zu bilden. In der kaiſerlichen Loge,— welche auf das Proſcenium rechts geſtellt iſt und aus der Verbindung von drei Logen beſteht, die ſich nach Belieben trennen oder vermengen,— waren vor Allem hohe Frauen, ganz jung, ganz ſchön, ganz blond, ganz gleichförmig angethan mit Spitzenkleidern, die Bruſt und den Kopf bedeckt mit Blumen, unter denen, wie Thautropfen, Dia⸗ manten ſunkelten; zehn Frauen,— oder vielmehr zehn junge Mädchen, denn die älteſte zählte nicht fünfund⸗ zwanzig Jahre,— zehn Mädchen, die man für Schwe⸗ ſtern gehalten hätte, ſo ſehr glichen ſie ſich in Anmuth, Jugend und Schönheit; ſo ſehr ſtellten ſie die zehn erſten Tage des Monats Mai vor. Der kaiſerlichen Loge gegenüber, das heißt auf dem Proſcenium links, waren wie in einem zweiten Korbe beſtimmt, das Gegenſtück zum erſten zu bilden, 170 die ſo eben friſch aufgegangenen Blumen der jüngeren Linie von Baiern: die Prinzeſſinnen Joſephine, Eu⸗ genie, Amalie, Eliſabeth, Friederike, Louiſe und Marie, an einander gereiht. Die an die kaiſerliche Loge von Oeſterreich und die königliche Loge von Baiern anſtoßenden Logen glichen einem heraldiſchen Walde, wo ſich die genealo⸗ giſchen Zweige der fürſtlichen Häuſer aller Heſſen durchkreuzten: Heſſen⸗Darmſtadt, Heſſen⸗Homburg, Heſ⸗ ſen⸗Rheinfeld, Heſſen⸗Rothenburg, Heſſen⸗Caſſel, Heſſen⸗ Kreuzberg, Heſſen⸗Philippsthal, Heſſen⸗Barchfeldz die Prinzeſſinnen von Nidda, von Hohenlohe, Wilhelmine von Baden, und die kleinen Prinzeſſinnen Bertha und Amalie, unmerkbare Knoſpen dieſes reichen Blumen⸗ ſtraußes*). Dann kamen die Logen der Häuſer Wittenberg, Stuttgart, Neuſtadt, Montbéliard, Sachſen, Branden⸗ burg, Baden, Braunſchweig, Mecklenburg, Schwerin, Anhalt; der Prinzeſſinnen Marianne und Henriette, und der kleinen Prinzeſſin Thereſe, von der königlichen Seitenlinie Naſſau. Was aber beſonders die Aufmerkſamkeit der Zu⸗ ſchauer auf ſich zog, war weder die kaiſerliche Loge von Oeſterreich, noch die königliche Loge von Baiern, noch alle dieſe anderen Logen, die über dem Par⸗ terre die lebendige Heraldik Deutſchlands entwickelten; es waren weder die Demantſträuße, welche ihre Strah⸗ len ausſandten, noch die Blumenkränze, welche ihre Wohl⸗ gerüche ausſandten, noch die roſigen mit Schmelz gefüt⸗ terten Lippen, die ihr Lächeln ausſandten;— nein. Was alle Blicke auf ſich zog; was ein Gefühl der Bewunderung, beinahe der Begeiſterung erregte; was *) Als Alerandre Dumas dieſes Kapitel ſchrieb, ſcheint er weder eine Topographie von Wien, noch einen Gothger Almanach bei der Hand gehabt in haben; wir können nur den franzoſiſchen Schriftſteler der Nach⸗ ſicht der Leſer empfehlen. Der Ueberſ. n 6 id en 0⸗ en ſ⸗ ie ne nd n⸗ 17¹ endlich, wie wir ſo eben geſagt haben, dieſem Saale den Anblick eines vrientaliſchen Palaſtes gab und hätte können an einen Traum der Tauſend und eine Nacht glauben machen, das waren die fremden ſchönen Perſonen, welche die, gewöhnlich für die Adjutanten des Kaiſers beſtimmte, Mittelloge einnahmen. Man denke ſich in der That,— den Fächer in der Hand, bekleidet mit einem weißen von Gold und Per⸗ len durchwobenen Kaſchemir, den Hals gehüllt in eine Gaze⸗Echarpe, wo, wie die Sterne durch eine Wolke blinken, herrliche Edelſteine durchfunkelten; den Kopf bedeckt mit einem Turban von Brocat, von welchem die Smarggdfedern eines Pfauen, über der Stirne mit⸗ telſt eines Diamants ſo groß wie ein Taubenei befeſtigt, ausgingen;— man denke ſich einen ſchönen Indianer von fünfundvierzig bis achtundvierzig Jahren, mit voll⸗ kommen ſchwarzem Barte, den man, aus dem Stolze ſeiner Augen zu ſchließen, für einen der unabhängigen Rajas von Boghilkund oder von Bundelkund, und nach dem Reichthume ſeiner Kleidung für den Geiſt der Diamantbergwerke von Pannah gehalten hätte. Um ihn,— da wir uns einem Gemälde von Delhi oder Lahore gegenüber befinden, ſo erlaube man uns, eine indiſche Vergleichung zu gebrauchen,— um ihn, wie Sterne um den Mond, vier Mädchen mit ge⸗ ſchwärzten Augenbrauen, mit ſafrangelben Wangen, mit Augen funkelnd unter den tauſend Kerzen des Saales, wie mitten in der Finſterniß die Augen der Nachtthiere, vier junge Indianerinnen, von denen die älteſte nicht fünfzehn Jahre zählte, in Gaze gehüllt und mit weißem Kaſchemir von Bukhara bekleidet. Hinter dem Raja,— das war der Titel, den man dem Fremden gab,— ſechs junge Indianer, gekleidet in Gewänder von brochirter Seide, grün, blau und orangefarbig,— in jenen lebhaften, warmen Tönen, nuancirt durch die Sonne ſelbſt auf der rieſigen Pa⸗ —— 172 lette Indiens, wo Veroneſe ſeinen Pinſel eingetaucht zu haben ſcheint. Im Hintergrunde der ungeheuren Loge endlich, in einer Art von Dienſtſalon, ſtehend, unbeweglich, acht Diener mit großem Barte, in langem Rocke von wei⸗ ßem Percal, einen Turban von Gold und Scharlach auf dem Kopfe. Einer von ihnen, der beim Raja das Amt eines Herolds verſah, war der Tſchuparaſſi, ſo genannt von der langen rothen Schärpe, die er von der rechten Schulter nach der linken Seite trug, und an der eine große goldene Platte hing, auf welcher in perſiſcher Sprache die Namen, Titel und Eigenſchaften des Ge⸗ bieters eingezeichnet ſtanden. Die Anderen waren Harkaras von Delhi, ein Tamul von Madras und ein Pundit von Benares, Titel, welche bei uns denen von Kammerherren und Janitſcharen entſprechen. Nitten in dieſem Saale, wo die Weiße der Spitzen und der Kleider unter den Lichtern ſtrahlte wie der Schnee in der Sonne, glich dieſe glänzende, farbige, indiſche Loge einer grünen Haſe auf einem der Schnee⸗ plateaux des Himalaya, und ſchloſſen die Zuſchauer un⸗ ter den Strahlen, die ſie auswarf, ihre geblendeten Augen, ſo ſahen ſie in der Einbildungskraft vor ihnen wie ein Panvrama ſich alle Städte Indiens entrollen, deren Name allein, in unſere Ohren geflüſtert, auf uns die Wirkung eines Mährchens oder eines Liedes her⸗ vorbringt: Saſeram, Benares, Mirzapour, Kallinger, Kalpy, Agra, Bindrabund, Muthra, Delhi, Lahore, Kaſchemir. Man ſah die Paläſte, die Gräber, die Noſcheen, die Pagoden, die Kioske, die Cascaden, alle Zauberwerke der Hindu⸗Architektur vorüberziehen; es ſtrömten einem Wohlgerüche von wilden Aprikoſenbäu⸗ men und Erdbeerſtauden, duftende Rauchwolken von Cedernzweigen, von den Bergbewohnern an den Ab⸗ hängen des Dſchawahir verbrannt, zuz und von der 6 —— S——— 8 G—„——— — c—— e⸗ in nd en er ge, e⸗ n⸗ en en en, ns er⸗ er, re, die lle iu⸗ on lb⸗ der 173 Schneeſpitze, von den dunſtigen Gipfeln dieſer Trän⸗ mereien ſah man die grünen Raſen der thibetaniſchen Thäler glänzen, wo, wie die Dichter ſagen, der Regen noch nie gefallen iſt; man vergaß endlich den Ort, wo man war, die Stunde, das Theater, den Kaiſer, die Stadt, Europa, und man fühlte ſich bereit, die Flügel auseinander zu breiten und nach den geſegneten Län⸗ dern, von denen dieſe glänzenden Viſionen kamen, zu entfliegen! Mitten in dieſer Stadt Indiens in Miniatur, in der erſten Reihe dieſer Loge, rechts von demjenigen, welcher ein indiſcher Fürſt zu ſein ſchien, ſo königlich und aſiatiſch war Alles um ihn her, ſaß ein Mann, von dem wir noch nicht geſprochen haben, ein Mann, der durch ſeine europäiſche Tracht, durch ſeinen ſchwar⸗ zen geſchloſſenen Rock, an deſſen Knopfloch das Band eines Officiers der Ehrenlegion befeſtigt war, einen ſeltſamen Contraſt mit dem Fremden bildete. Würde man indeſſen das Coſtume des Raja ſorg⸗ fältig betrachtet haben, ſo hätte der Contraſt nicht ſo groß geſchienen; denn man hätte an einer Falte ſeines weißen Gewandes eine Roſette der ähnlich bemerkt, welche die Bruſt des Europäers decorirte. Niemand wußte genau, wer dieſe aus dem Lande der Träume ankommenden zwei Männer waren, welche überall, im Theater oder auf der Promenade, in der⸗ ſelben Loge oder in demſelben Wagen, auf dem Fuße der Gleichheit erſchienen. Man vernehme, welche Gerüchte über ſie im Um⸗ laufe waren. Der Raja der Tauſend und eine Nacht, die⸗ ſer Fremde, deſſen Gefolge dem von König Salomo glich, als er die Königin von Saba empfing, dieſer Nabob, auf den die Lorgnetten aller Zuſchauer, und be⸗ ſonders aller Zuſchauerinnen ſich gerichtet hatten, war, wie geſagt, ein Mann von fünfundvierzig Jahren mit ſchmalteblauen Augen, mit einem redlichen, offenen, — treuherzigen, das mittheilſame Weſen der Indianer der Gebirge bezeichnenden Geſichte, mit leichter, ungezwun⸗ gener Tournure, mit den eleganten Manieren der In⸗ dianer der Ebene. Man ſagte von ihm, beim Kaiſer Napoleon im Jahre 1812 in Ungnade gefallen, wegen der Oppoſition, welche er ganz laut gegen den ruſſiſchen Feldzug zu machen ſich erlaubt, habe er, da er am Anfange ſeiner Laufbahn nicht unthätig bleiben wollte, und da es ihm widerſtrebte, wie Moreau oder Jomini, in den Reihen der Feinde Frankreichs zu dienen, ſeine Dienſte Rund⸗ ſchit Sing angeboten, der ſelbſt, von einem einfachen Officier Raja oder Maharaja, mit anderen Worten, un⸗ umſchränkter König von Lahore, vom Pendſchab, von Kaſchemir und vom ganzen unbekannten Theile des Himalaya, den der Indus und der Setledtſche begrän⸗ zen, geworden war. Dem General Allard, der die Reiterei des Raja commandirte, durch den General Ventura, welcher die Infankerie commandirte, vorgeſtellt, wurde der neue Emigrant, von dem man ſagte, er ſei ein Malteſer, und deſſen Namen man nicht wußte, bald von Rund⸗ ſchit Sing zum Commando der Artillerie mit einem Jahresgehalte von hunderttauſend Franken berufen. Hievon kam aber nicht das ungeheure Vermögen, das er beſaß: eine ganz orientaliſche Legende ſchrieb ihm eine andere Quelle zu. Man erzählte, als der König yon Lahore eines Tages im Pendſchab die vom Malteſiſchen General commandirten Truppen gemuſtert, habe ihm dieſer einen Thron aufſchlagen laſſen, von welchem herab der König den wunderbaren Evolutio⸗ nen habe zu denen in weniger als drei Monaten vom Commandanten der Artillerie die unter ſeine Befehle geſtellten Wußßen und ihr Material dreſ⸗ ſirt worden ſeien. Nach beendigter Revue habe Rundſchit Sing, ganz verblüfft durch das, was er geſehen, den Gehalt ſeines — n d⸗ em en, ieb der om ert, on io⸗ rei ter reſ⸗ anz nes 175 Generals der Artillerie verdoppeln wollen; doch lächelnd habe dieſer gefragt, ob es ſtatt der reichen Gehalts⸗ erhöhung, welche vielleicht die Eiferſucht ſeiner Colle⸗ gen erwecken würde, dem Raja nicht gleich wäre, ihm eine andere Gabe zu bewilligen. Rundſchit Sing habe zum Zeichen der Einwilli⸗ gung mit dem Kopfe genickt. Da habe der Malteſer den König gebeten, ihm als Eigenthum den von dem Teppich, auf welchem ſein Thron ſtand, bedeckten Boden, das heißt einen Flächen⸗ raum von ungefähr fünfundzwanzig Quadratfuß, zu ſchenken. Der Raja habe ihm, wohl verſtanden, dieſe Bitte bewilligt. Der Teppich bedeckte aber eine Diamantenmine! ſo daß der General von Rundſchit Sing ſo reich ge⸗ worden ſein ſoll, daß er für ſeine Rechnung die Armee des Raja, die ſich auf dreißig bis fünfunddreißig tau⸗ ſend Mann belief, hätte bezahlen können. Er war,— fügte die indo⸗germaniſche Legende bei,— ſeit ſieben bis acht Jahren im Dienſte des Kö⸗ nigs von Lahore, als ein Corſe, ein ehemaliger Officier des Kaiſers Napoleon, ebenfalls bei Rundſchit Sing erſchien. Der Raja empfing voll Eifer Alles, was von Europa kam, und er wartete nicht, bis der Ankömm⸗ ling eine Anſtellung von ihm verlangte; er ließ ihm eine Stelle entweder beim Heere oder bei der Admini⸗ ſtration anbieten; doch der Corſe brachte eine ziemlich bedeutende Summe mit, welche ihm, wie man ſagte, in St. Helena vom Kaiſer ſelbſt gegeben worden war, und er ſchlug alle Anträge des Raja aus. Dieſer Ankömmling, dieſer Corſe, war wie man auch ſagte, der Mann mit dem ſchwarzen Rocke, mit dem rothen Bande, mit dem bleichen Geſichte, mit dem ſchwarzen dichten Schnurrbarte, mit den tiefen, durch⸗ dringenden Augen, der zur Rechten des prächtigen In⸗ dianers ſaß und ſich durch ſeine wie eine gewitter⸗ 176 ſchwere Wolke ſorgenvolle Miene, ſowie durch die männliche, ſtolze, den Menſchen, deren ganzes Leben ein Kampf für dieſelbe Idee geweſen iſt, eigenthüm⸗ liche Haltung bemerkbar machte. Was wollten dieſe Männer in Europa? Feinde gegen England ſuchen, wie man verſicherte, da Rund⸗ ſchit Sing nur die Unterſtützung einer europäiſchen Macht verlangte, um ganz Indien zu empören. Sie hatten in Wien angehalten, um hier, wie ſie ſagten, den Sohn des Raja zu erwarten, einen hoff⸗ nungsvollen jungen Prinzen, der in der Wiedergeneſung begriffen in Alexandria geblieben war. Bei ihrer Ankunft in der Hauptſtadt Oeſterreichs hatten ſie Herrn von Metternich ihre Empfehlungsbriefe, unterzeichnet vom Maharaja von Lahore, übergeben, und der Kaiſer Franz hatte ſie mit derſelben Herzlich⸗ keit und mit demſelben Gepränge empfangen, wie dies beim Empfange von Abul Haſſan Khan, dem Botſchaf⸗ ter Perſiens, im Jahre 1819 der Fall geweſen war. Verſehen mit den Geſchenken, welche zu den Füßen des Kaiſers niederzulegen der Raja ihn beauſtragt hatte, und worunter ſein Portrait in einem reichen Rahmen von chineſiſchem Jadeſtein, Seide⸗ und Kaſche⸗ mirſtoffe. Perlen⸗ und Rubinenhalsbänder waren, hielt der indiſche General bei Hofe eine prachtvolle Auffahrt, und das Thor des Palaſtes, den ihm der Kaiſer als Wohnung anwies, war vom Morgen bis zum Abend von den Höflingen belagert, welche ihre Frauen, ihre Töchter oder ihre Schweſtern abſandten, mit der Er⸗ mahnung, zärtlich genug dem Nabob die Hände zu drücken, um die Diamanten, Smaragde und Saphire, von denen ſie rieſelten, herausfallen zu machen. Und nun wird man hoffentlich begreifen, warum, abgeſehen von der pittoresken Seite, die Loge des Ge⸗ ſandten vom Maharaja von Lahore der Zielpunkt aller Blicke war. e de n ſie 177 XCIV. Indiſche Luftſpiegelung. Doch, ganz das Gegentheil dieſer M als ſie ihr Ziel gefunden, nur für ſie all keit zu haben ſchien, ließen die zwei Fiünde ihre Blicke an allen Logen zugleich umherſchweifen, ohne ſich im Geringſten um die edlen Prinzeſſinnen zu be⸗ kümmern, die den erſten Rang einnahmen, noch um die ſchönen Zuſchauerinnen, welche die andern Plätze beſetzt hatten; ſie hatten vielmehr das Ausſehen, als wollten ſie mit dem Strahle ihrer Augen die Tiefe der Salons durchdringen, um hier irgend einen Zuſchauer zu ſuchen, der noch abweſend oder ſo gut verborgen, daß ihre An⸗ ſtrengungen, ihn zu entdecken, vergeblich waren. „Bei meiner Treue,“ ſagte der Indianer zu ſeinem Gefährten im Dialecte von Delhi, den Beide mit der⸗ ſelben Leichtigkeit wie die Eingeborenen zu ſprechen ſchienen,„dadurch, daß ich ſo angeſtrengt zu ſehen ſuche, ſehe ich nicht mehr: meine Augen trüben ſich! Und Sie, Gaötano, ſehen Sie etwas?“ „Nein,“ antwortete der Mann mit dem ſchwarzen Rocke;„doch ein ſehr wohl Unterrichteter hat mir ver⸗ ſichert, er werde, ſichtbar oder unſichtbar, dieſer Vor⸗ ſtellung beiwohnen.“ „Er iſt vielleicht krank!“ „Bei ſeinem eiſernen Willen wäre eine Krankheit, ſogar eine ernſte, kein Hinderniß für ihn... Er wird heute Abend hieher kommen, und müßte er in der Sänfte kommen und ſich in ſeine Loge tragen laſſen. Ich meinerſeits bin feſt überzeugt, daß er ſchon da iſt, und daß er der Vorſtellung incognito, verborgen in Die Mohicaner von Paris. W. 12 178 einer Parterre⸗Loge öder einer Loge vom höchſten Range beiwohnen wird. Wie ſoll er, ohne daran Theil zu nehmen, dieſe Vorſtellung entſchlüpfen laſſen, die letzte, wie man verſichert, welche eine Frau gibt, die ihm ge⸗ währt, was ſie Jedermann verweigert?“ „Sie haben Recht, Gastano; er iſt da oder er in. Und Sie haben, ſagen Sie, neue Auf⸗ ber die Roſenha erhalten 7* eneral.“ erſten übereinſtimmend 2“ „Noch beruhigender.“ „Sie liebt ihn?“ „Sie betet ihn an!“ „Ohne Eigennutz?“ „Mein lieber General, ich glaubte, Sie kennen die Deutſchen: ſie geben, aber ſie verkaufen ſich nicht.“ „Ich dachte, es ſei eine Spanierin und keine Deutſche.“ „Ihre Mutter war in der That eine Spanierin; doch was beweiſt dies? daß ſie ſtolz iſt wie eine Ca⸗ ſtilianerin, uneigennützig wie eine Deutſche.“ „Man hat Ihnen Details über die Jugend dieſes Mädchens ich irre mich„. dieſer Frau gegeben?“ „Das iſt eine ganze Geſchichte, doch eine Ge⸗ ſchichte, die dem, was uns beſchäftigt, fremd iſt. Ihre Mutter, oder die Frau, welche für ihre Mutter galt, — es ſcheint, Roſenha ſelbſt weiß nichts Sicheres in dieſer Hinſicht,— lebte, ſo lange die Kleine Kind war, Gott weiß wie,— daß ſie in ihrem Hauſe ſpielen ließ oder vielleicht noch etwas Schlimmeres that! Als aber Roſenha Mädchen geworden war, fing man an ihre wunderbare Schönheit zu bemerken, und man gedachte Nutzen daraus zu ziehen. Da geſchah es, daß, um dem Schickſale das ihrer harrte, zu entweichen, die Kleine von ihrer Mutter entfloh. Sie zählte elf Jahre; ſie ſchloß ſich einer Truppe von Gitanos an, die ſie alle ihre ſpaniſchen Tänze lehrten. Mit dreizehn Jahren — —„—„ — X* — 179 debutirte ſie auf dem Theater von Granada; ſie ging ſodann auf die von Sevilla und Madrid über, und kam endlich nach Wien, empfohlen an den Unternehmer der kaiſerlichen Theater durch den öſterreichiſchen Ge⸗ ſandten beim ſpaniſchen Hofe. Es iſt nicht ihr Leben, was ich Ihnen erzähle, bemerken Sie das wohl, Ge⸗ neral; es iſt der Hauptinhalt der Ereigniſſe, di ſelbe bilden.“ 3 „Und in Allem dem ſehen Sie?“ „Eine vollkommen würdige, vollkommen t kommen ergebene Seele.“ „Von der Sie glauben, man könne ihr vertrauen?“ „Der ich wenigſtens vertrauen würde.“ „Vertrauen Sie, mein lieber Gastano, ſo mögen Sie ſich denken, daß ich auch vertrauen werde oder vielmehr, ich habe ſchon vertraut, da mein Brief ganz geſchrieben hier in meinem Beutel iſt... Ich frage Sie aber, wird ſie genug Geiſt haben, um das Unge⸗ heure eines Projectes, wie das unſere, zu begreifen?“ „Die Frauen begreifen mit dem Herzen, General. Dieſe liebt: ſie muß den Ruf, den Ruhm, die Größe ihres Freundes wollen.“ „Doch wie erklären Sie, daß man, unter der Ueberwachung, deren Gegenſtand er iſt,— eine um ſo ſtrengere Ueberwachung, je mehr ſie verborgen,— wie erklären Sie, daß man dieſes Mädchen frei zu ihm ge⸗ langen läßt?“ „Er iſt ſechzehn Jahre alt, General, und die Ueberwachung der Polizei, ſo ſtreng ſie ſein mag, iſt in gewiſſen Fällen genöthigt, die Augen bei einem ſechzehnjährigen jungen Manne zu ſchließen, deſſen leb⸗ hafte, frühzeitige Leidenſchaften die eines fünfundzwan⸗ zigjährigen Mannes ſein ſollen. Ueberdies ſieht ſie ihn nur in Schönbrunn, wo ſie durch einen Gärtner ih Schloſſe, der für ihren Oheim gilt, eingeführt wird.“ „Ja, und von dem die zwei Kinder glauben, er ſei 180 ihnen ergeben, indeß er aller Wahrſcheinlichkeit nach der Polizei ergeben iſt.“ „Ich befürchte es Doch man wird ihnen uu die vollkommenſte Verſchwiegenheit zu empfehlen aben„ „Das iſt der Gegenſtand der Nachſchrift meines a ich ein ſicheres Mittel beſitze, zu ihm zu e Jemand ins Vertrauen zu ziechen„„ „Iſt es für Sie Gewißheit, daß Sie ſich, ſelbſt in einer finſteren Nacht, in den ungeheuren Gärten von Schönbrunn ausfinden können?“ „Ich habe in Schönbrunn mit dem Kaiſer 1809 gewohnt; ſodann beſige ich den Plan, den er mir in St. Helena übergeben hnt „Und man muß auch etwas dem Zufall, der Vor⸗ ſehung, Gott überlaſſen,“ ſprach als ein entſchiedener Mann der General.„Doch warum iſt er denn nicht hier?“ „Vor Allem, General, ſagt Ihnen nichts, daß er nicht da iſt; er glaubt, das arme Kind, ſeine Leiden⸗ ſchaft ſei unbekannt, und er hat Furcht, ſie zu verrathen, wenn er ſich in die Loge der Erzherzoge ſetzen würde und die Gemüthsbewegungen, welche ein junges Herz nicht zu bewältigen vermag, ſehen ließe. Sodann iſt er, wie ich Ihnen ſchon bemerkt habe, vielleicht im Saale, jedoch verborgen. Endlich, da er die Muſik, wie man verſichert, nicht gerade anbetet, da er überdies ohne Zweifel der ſchönen Roſenha den Beweis geben will, er komme nur ihr zu Liebe, iſt es möglich,— mehr als möglich: ſogar wahrſcheinlich! daß er die Oper ſpielen läßt und erſt zum Ballet kommt.“ „Ah! Göatano, das könnte wohl, wie man dort ſagt, die wahre Wahrheit ſein!.. wenn er nicht.. wenn er nicht etwa krank iſt, zu krank, um das Zim⸗ mer zu verlaſſen.“ „Sie kommen abermals auf dieſe unſelige Idee zurück!“ 3 — en en zu öſt on 09 or⸗ ner 2 er en⸗ en, rde erz iſt im fik, dies ben die dort in⸗ dee 181 „Ich komme auf entſetzliche Ideen zurück, mein lieber Gastano. Er iſt von einer ſchwachen Leibesbe⸗ ſchaffenheit, und er verbraucht Leben, der Unglückliche, wie es ein robuſter Mann machen würde.“ „Man übertreibt vielleicht die Schwäche ſeiner Ge⸗ ſundheit, wie man ſeine Exceſſe übertreibt. Laſſen Sie mich ihn nur von nahe ſehen, und ich werde wiſſen, woran ich mich zu halten habe. Er iſt, wie ich Ihnen geſagt habe, ſechzehn Jahre alt, oder er wird es in einem Monat ſein: in dieſem Alter ſteigt der Saft, und die Staude muß wohl ihre erſten Blätter treiben.“ „Gastano, erinnern Sie ſich deſſen, was uns vor⸗ geſtern ſein Arzt ſagte? Sie dienten mir als Dol⸗ metſcher, nicht wahr? Sie haben es nicht vergeſſen. Nun wohl, waren Sie nicht wie ich erſchrocken über das, was er uns von ſeiner mächtigen Energie und von der Schwäche ſeiner Conſtitution erzählte? Das iſt das große zerbrechliche Rohr, das beim geringſten Winde bebt und das Haupt neigt!.. Oh! warum kann ich ihn nicht mit uns nach Indien nehmen und in der Sonne abhärten, wie jene Bambus des Ganges, welche allen Orkanen trotzen!“ In dem Augenblicke, wo der General dieſe Worte vollendete, hob der Orcheſterchef ſeinen Stab empor und gab das Zeichen zur Ouverture des Don Juan von Mozart, dieſes Meiſterwerkes der deutſchen Muſik, welches die zwei Freunde hörten, ohne eine Miene zu verändern, befangen, wie ſie dies waren, durch die Ab⸗ weſenheit der Perſon, deren Erſcheinung ſie ſo unge⸗ duldig erwarteten. Wir werden aber den Leſer nichts lehren, wenn⸗ wir ihm ſagen, daß die Perſon, die ſie erwarteten, das erlauchte unglückliche Kind war, welchem in der Wiege der Titel König von Rom zu Theil geweorden, und dem durch ein Patent vom 22. Juli 1818 Kaiſer Franz II, den Titel Herzog von Reichſtadt, dieſen, ſo tief hiſtoriſch gewordenen, Namen von einem der Güter 182 entlehnend, welche die öſterreichiſche Apanage des Erben Napoleons bilden ſollten, gegeben hatte. Es war alſo der Herzog von Reichſtadt, den der indiſche General und ſein Freund ſo ungeduldig erwar⸗ teten, und das Mädchen, auf dem alle ihre Hoffnungen beruhten, war die berühmte Roſenha Engel, wegen der ganz Wien, wie wir am Anfange des vorhergehenden Kapitels geſehen haben, in Aufruhr gerathen war. N der Don Juan beendigt war,— mit ſpärli Beifall der Menge, welche, trotz der Ehr⸗ furcht, die ſie für die Meiſterwerke hegt, in der Regel die Vergangenheit der Gegenwart opfert,— kamen aus allen dieſen, während der Oper ſtillen, Logen tauſend verworrene Geräuſche von Plaudereien hervor, ziemlich ähnlich dem Geſumme der Bienen oder dem Geſchwätze der Vögel, wenn ſie freudig und lärmend die erſten Stunden des Morgens begrüßen. Der Zwiſchenact dauerte ungefähr zwanzig Minu⸗ ten, und die zwei Freunde wandten dieſe zwanzig Mi⸗ nuten dazu an, daß ſie aufs Neue alle Logen eine nach der andern inſpicirten; doch der Prinz war offenbar in keiner von dieſen Logen, die ſie ihrer Inſpection unterwarfen. Der Orcheſterchef gab das Signal zur Ouverture des Ballets, und nach einigen Vorſpielphraſen ging der Vorhang abermals auf. Das Theater ſtellte eine von den Vorſtädten einer indiſchen Stadt vor,— mit ihren Kiosken und ihren Pagoden, ihren Statuen von Brahma, Schiwa, Ganeſa und Lachme, Göttin der Güte; im Hintergrunde die goldenen Ufer des Ganges funkelnd unter dem Dunkel⸗ blau des Himmels. Eine Schaar junger Mädchen vom Kopfe bis zu den Füßen angethan mit langen weißen Kleidern rückte ge⸗ gen das Vordertheil der Bühne vor, und ſang dabei einen anbetungswürdigen Pantum deſſen Refrain war: en er n er en tit r⸗ el us nd en u⸗ ti⸗ ch ar ure der ner ren eſa die el⸗ den ge⸗ bei ar: 183 Um mani pàdmei um! Heu! gemma lotus heu! eine Hymne an den Diamant Nenufar gerichtet, die, ſagen die Einwohner von Thibet, in gerader Linie die⸗ jugen⸗ welche ſie ſingen, ins Paradies von Buddha ührt. Als ſie dieſe indiſche Decoration ſahen, als ſie dieſes indiſche Lied hörten, das die Hirten im Chor ſingen, wenn ſie von der Weide die Ziegen⸗ und Schaaf⸗ herden zurückführen, erkannten ſie das Ballet, das ge⸗ geben werden ſollte. Es war eine Nachahmung, halb Oper, halb Pantomime, des alten indiſchen Stückes vom Dichter Calidaſa, von dem wir um dieſelbe Zeit eine Keberſetzung in Frankreich gehabt haben, eine Ueberſetzung bekannt unter dem Namen Reconnaissance de Sacountala. Ein junger Wiener Dichter, nachdem er den ſtrahlenden Cortsge des indiſchen Generals hatte vorüberziehen ſehen, hatte die zarte Aufmerkſamkeit ge⸗ habt, ihm, der Dichter allein, einen königlichen Em⸗ pfang dadurch zu bereiten, daß er ihn, befürchtend, er ſehne ſich danach, an die Lieder, die Trachten, die Tänze und den blauen Himmel ſeiner Heimath erinnerte. Die zwei Freunde waren gerührt und zugleich ver⸗ blüfft durch die Feierlichkeit, als deren Helden ſie ge⸗ wiſſer Maßen erſchienen. In der That, in dem Augen⸗ blicke, wo der Chor, die letzte Strophe des Pantum ſingend, ſich gegen ſie umwandte, als wäre dieſe letzte Phraſe an ſie gerichtet, wandten ſich auch alle Blicke nach ihrer Loge, und trotz der Anweſenheit der kaiſer⸗ lichen Familie und aller dieſer deutſchen Prinzen er⸗ ſchollen Bravos, welche vergeſſend, die beſonders in Wien ſo geachtete officielle Macht zu begrüßen, dieſe ppetiſche Macht des Reichthums und des Geheimniſſes i die überall und zu allen Zeiten ſo hinreißend wirkte. Plötzlich ging der Kreis des Chors auseinander, und, wie ein Bouguet in einer Alabaſtervaſe, ſah man 184 die ſchillernden Stoffe von Atlaß, von Brocat, von Seide und Gold von etwa dreißig Almeen erſcheinen, und im Mittelpunkte, als die vornehmſte Blume des Straußes, die anderen Blumen um die Höhe des Ko⸗ pfes überragend und ſich gleichſam vor den Augen der Zuſchauer öffnend, die Königin der Almeen, die Göttin der Schönheit und der Grazie, die als Frau verkörperte Blume, welche man die Signora Roſenha Engel nannte. Das war ein einſtimmiger Schrei, ein ungeheures Hurrah, ein allgemeines Beifallklatſchen, und aus den Logen, aus dem Orcheſter, vom Parterre entflogen, wie die Raketen eines wohlriechenden Feuerwerks, tauſend Sträuße, welche, rings um die Almeen niederfallend, bald den Boden beſtreuten und aus der Bühne einen Ruhealtar des Frohnleichnamsfeſtes, eine Art von glänzendem, balſamiſch duftendem Altar machten, deſſen Prieſterinnen die Almeen zu ſein ſchienen, deſſen Gott⸗ heit aber in der That Roſenha Engel war. Wer je in Italien gereiſt iſt, kennt das anhal⸗ tende Beifallklatſchen, die wüthenden Bravos, das lei⸗ denſchaftliche Geſchrei der Menge für ſeine Lieblings⸗ künſtler; nun wohl, wir ſtehen nicht an, zu behaupten, daß nie in Mailand, Venedig, Florenz, Rom und ſogar in Neapel geräuſchvollere, einſtimmigere, beſſer verdiente Acclamationen erſchollen. Schauſpiel und Zuſchauer, Erzherzoge, Prin⸗ zen, Prinzeſſinnen, Höflinge, Alles verſchwand von dieſem Augenblicke: eine Colonie von zweitauſend Perſonen lebte ohne Unterſchied des Ranges und des Titels vermengt in den Zauberlandſchaften Indiens. Die zwei Stunden, die man in Betrachtung der Loge des Generals zugebracht, hatten die Menge trefflich vorbereitet, mit ihm zu reiſen, und während der gan⸗ zen Dauer des Ballets wurde dieſe im kaiſerlichen Theater enthaltene ariſtokratiſche, intelligente Fraction der Bevölkerung Wiens völlig indiſch und war bereit, N 2 S— S S— X— N 185 ſich in Anbetung vor der Göttin Roſenha, welche dieſe Metamorphoſe bewerkſtelligt hatte, niederzuwerfen. Der Vorhang ſiel unter dem allgemeinen Beifall⸗ klatſchen und ging wieder auf unter dem wüthenden Geſchrei der Menge, welche die Signora Roſenha Engel hervorrief. Die Signora Roſenha Engel erſchien wieder. Da war es nicht mehr ein gewöhnlicher Regen, es war ein Gußregen, eine Lawine, eine Sündfluth von Blumen, Sträuße von allen Formen, von allen Größen, wir möchten ſogar ſagen, von allen Ländern,— denn einige waren das Product der reichſten Gewächshäuſer Wiens,— fielen in einer duftenden Cascade rings um die Beneficiantin. Doch, ſeltſamer Weiſe! unter allen dieſen Wundern der Univerſalflora war die einzige Gabe, welche die ſchöne Roſenha Engel zu bemerken ſchien, der einzige Strauß, den ſie mit ihrer weißen Hand aufhob, ein kleines Veilchenbouquet, in deſſen Mitte eine ſchnee⸗ weiße Roſenknoſpe aufblühte. Dieſes Bouquet war ſicherlich die Gabe einer ſchüchternen, beinahe furchtſamen Seele; wie das Veil⸗ chen, verbarg ſich dieſe Seele im Schatten und ſandte ſeinen Wohlgeruch aus, ohne ſeine Blumenkrone zu zeigen. Das Veilchen ſtellte die Schüchternheit und die Beſcheidenheit vor, die weiße Roſe die Reinheit und die Schamhaftigkeit... Es fand offenbar eine Ver⸗ bindung zwiſchen dem, der den Strauß ſandte, mit der, welche ihn empfing, ſtatt. Das war wenigſtens aller Wahrſcheinlichkeit nach die Meinung der ſchönen Roſenhaz denn dieſen Strauß, wie geſagt, im Vorzuge vor allen andern aufnehmend, hob ſie ihn bis zur Höhe ihrer Lippen empor, ſchaute nach der im letzten Range beinahe verlorenen Loge, aus der er gefallen war, und heftete dann auf die Blumen einen Blick voll Liebe:— da ſie dieſelben nicht mit 186 den Lippen verſchlingen konnte, ſo ſchien ſie ſie mit den Augen zu küſſen⸗ Die zwei Fremden waren aufmerkſam den gering⸗ ſten Einzelnheiten dieſer Scene gefolgt; ihre Augen hatten ſich, wie die der Tänzerin, zu der geheimnißvollen Loge emporgerichtet, und der General hatte ſeinen Freund in dem Momente beim Arme gefaßt, wo der Strauß von Roſenha Engel beinahe geküßt worden war. „Er iſt da!“ rief franzöſiſch und vergeſſend, daß er verſtanden werden konnte, der indiſche General. „Ja, dort, in jener Loge,“ antwortete der Mann im ſchwarzen Rocke im Diglecte von Lahore;„aber, um Gottes willen, General, laſſen Sie uns indiſch ſprechen.“ „Sie haben Recht, Gastano,“ ſagte der General in derſelben Sprache. Und ſeine Hand in die Taſche ſeines großen Ge⸗ wandes ſteckend, fügte er bei: „Ich glaube, der Augenblick iſt gekommen, daß wir auch unſern Nazzer der ſchönen Roſenha zuwerfen.“ Man nennt Nazzer in Indien die Gabe, welche ein Geringerer einem Höheren darbringt. Der Nazzer des Generals beſtand aus einem Bi⸗ ſamſacke gemacht aus der Haut dieſes Thieres, eine aſiatiſche Curioſität, eine thibetaniſche Rarität, die ſich durch ihren Wohlgeruch verrieth und zum Indianer alle Augen zurückführte, welche ſich einen Moment der Loge, vu der der Veilchenſtrauß ausgegangen, zugewandt atten. Der General machte in der That das diamantene Armband, das um ſein Fauſtgelenk geſchlungen war, los, knüpfte den Biſamſack daran, und warf das Ganze der Signora Engel zu, welche unwillkürlich einen Schrei der Heberraſchung ausſtieß, als ſie wie einen Bach in der Sonne eine Diamantenſchnur vom reinſten Waſſer glänzen ſah! 187 XCV. Was der Nazzer des indiſchen Generals enthielt. Nach beendigter Ceremonie, wie naiv in der Legende von Malbrouk geſagt iſt, legte ſich Je⸗ der zu Bette, die Einen mit ihren Frauen und die Andern ganz allein. Wir werden weder den Einen, noch den Andern folgen; immerhin jedoch von unſeren Rechten und Pri⸗ vilegien als dramatiſcher Schriftſteller Gebrauch ma⸗ chend, wollen wir kühn in die Couliſſen eindringen und es verſuchen, durch die matten Scheiben ihrer Loge zu ſehen, was bei der Signora Roſenha Engel vorgeht. Vor Allem wartete bei der Thüre eine Menge von Prinzen, Kurfürſten, Markgrafen, Banquiers, Höf⸗ lingen ähnlich, welche beim kleinen Schlafengehen einer Königin antichambriren. Die Signora Roſenha brauchte Zeit, um ihr Al⸗ mee⸗Coſtume auszuziehen, ihr Roth und ihr Weiß ab⸗ zuwiſchen, und ihr Hauskleid anzuziehen; nur dehnte ſich an dieſem Abend das Warten weit über die gewöhn⸗ liche Zeit aus; eine Folge hievon war, daß dieſe an der Thüre eines engen Ganges zuſammengeſchaarte ari⸗ ſtokratiſche Menge beinahe erſtickte und zu murren an⸗ fing,— allerdings artiger dem Anſcheine nach, jedoch im Grunde faſt ebenſo ungeduldig, als die Volksmenge, wenn ſie murrt. Man hörte einen Tritt, der ſich der Thüre näherte, und die Thüre wurde zur allgemeinen Befriedigung ein wenig geöffnet... Doch durch dieſe ein wenig geöff⸗ nete Thüre kam die pfiffige Schnauze einer franzöſiſchen Kammerfrau hervor, und dieſe ſagte mit der Zungen⸗ fertigkeit, welche die ehrenwerthe Klaſſe der Kammer⸗ 188 frauen im Allgemeinen und der Kammerfrauen von Schauſpielerinnen insbeſondere charakteriſirt: „Meine Herren, die Signora Roſenha iſt in Ver⸗ zweiflung, daß ſie Sie muß warten laſſen; doch ſie iſt ein wenig leidend, und ſie bittet Sie, wenn Sie durch⸗ aus bleiben wollen, noch um zehn Minuten Ruhe.“ Es war bei dieſer Nachricht ein wahres Hurrah! Zehn Minuten warten in dieſem engen Raume, der äußeren Luft beraubt, das gab ſicherlich ein paar Ohn⸗ machten für die zarten Lungen der Diplomatie, und eben ſo viel Hirncongeſtionen für die dicken Schädel der Banquiers! Man murrte ſtark. „Ah!“ ſagte die Marton,„ich glaube, man murrt vort? Meine Herren, nach Belieben: Jedem ſteht es frei, zu bleiben, aber noch mehr frei, zu gehen.“ „Charmant! charmant!“ riefen mehrere Stimmen, den franzöſiſchen Accent affectirend. „Wir bewilligen die zehn Minuten, doch nicht eine Secunde mehr!“ ſprach ein dicker Banquier, der gewohnt war, ſeinen Schuldnern keine Friſt zu gewähren. „Es iſt gut, es iſt gut,“ ſagte Mademviſelle Mirza, während ſie die Thüre wieder ſchloß,„die Signora iſt benachrichtigt, und brauchte ſie eine Minute, zwei Mi⸗ nuten, zehn Minuten mehr, ſo wird ſie Sie nicht dar⸗ um bitten: ſie wird dieſelben nehmen. Was Teufels, man muß wohl Athem ſchöpfen!“ Und der Riegel des Schloſſes knirſchte in der Schließkappe. Es war aber weder das Verlangen nach Ruhe, noch das Bedürfniß, zu athmen, was den Eintritt des Hoſes von Roſenha, den officiellen Empfang ihrer An⸗ beter verzögerte: ſie war längſt angekleidetz doch das diamantene Armband, das den Biſamſack des Indiers umſchloß, anſchauend und den Sack ſelbſt ein wenig öffnend, hatte ſie einen Brief erblickt, und der Werth des koſtbaren Sackes verbunden mit der Originalität — N v er n⸗ d el rt ht n, ne nt za. iſt ti⸗ ar⸗ is, der he, des ln⸗ das ers nig rth ität 189 der Sendung hatte bei der Tänzerin eine lebhafte Neugierde, zu erfahren, was der Brief enthielt, erregt. Da hatte ſie das Billet entfaltet, geleſen, war einen Augenblick nachdenkend geblieben, hatte es wieder geleſen und ſich in eine zweite Träumerei noch tiefer als die erſte zu verſenken geſchienen. Endlich, nachdem ſie einen letzten Blick auf die Unterſchrift geworfen, faltete ſie den Brief wieder zuſammen, ſteckte ihn in ſeine biſamduftende Hülle und befeſtigte den indiſchen Nazzer an ihrem Gürtel. Sodann, als wollte ſie nach ihrer Bequemlichkeit eine ſüße Gemüthsbewegung genießen, von der ſie die Gegenwart aller dieſer Ueberläſtigen zerſtreut hätte, ließ ſie ihren Anbetern durch das Organ von Mademvoiſelle Mirza ſagen, ſie bitte noch um zehn Minuten, um zu ruhen und zu athmen. Nach Ablauf dieſer zehn Minuten rief ſie ihrer Kammerfrau und befahl ihr, die Thüre zu öffnen. Sie lächelte und zuckte vor Mitleid die Achſeln, als ſie bei Annäherung der Kammerfrau ihre Schmeichler brüllen hörte, wie bei Annäherung des Fütterers die Thiere des Circus brüllten. Sie ſtürzten durch die Thüre der halb geöffneten Loge mit dem Ungeſtüm, mit dem die Woge durch die Schleuſe ſtürzt. Wonach die Proceſſion begannz Jeder defilirte vor der Tänzerin, welche nachläſſig auf ihrem Canapé lag, und küßte ihr die Hand. Wir wollen unſere Leſer und beſonders unſere Le⸗ ſerinnen mit den faden Complimenten verſchonen, welche zu den Füßen der ſchönen Roſenha ſtrandeten; bei einem kleinen Unterſchiede in der Form, war der Grund von jedem derſelbe:„Sie ſind ſchön wie die Liebes⸗ götter, und Sie tanzen wie ein Engel!“ Die Tänzerin hörte ſie ungefähr wie die Gotthei⸗ ten an, an die wir unſere Gebete richten; wie ſie, ließ ſie ihren Geiſt in den hohen Regionen ſchweben, 190 und ſie vernahm das Geſumme von allen dieſen Stim⸗ men nur unbeſtimmt, ohne es zu begreifen und ohne darauf zu antworten, gerade wie die Roſe das Summen der Bienen vernimmt. Es ſcheint uns indeſſen dienlich, als gewiſſenhafter Erzähler zu bemerken, daß unter allen den rhetoriſchen Blumen der Reden, die man an ſie richtete, und die ſie nicht hörte, ſich die Schlange der Eiferſucht verbarg, welche von Zeit zu Zeit, mitten unter den zu den Füßen der Tänzerin entblätterten Blumen, ihren platten, ziſchen⸗ den Kopf emporſtreckte. Seltſam! es war nicht dieſer vor Aller Augen, von den Händen des Indiers ihr zugeworfener Nazzer; es war nicht das um das Handgelenke des Mädchens geſchlungene Armband von Diamanten, das ſich im Ausſtrahlen von Flammen zu erſchöpfen ſchienz es war nicht dieſer unter ſeiner Goldſtickerei duftende Biſam⸗ ſack, der wie eine Geldtaſche am Gürtel der ſchönen Roſenha hing; es war nicht dieſer ganze ſichtbare was den Anbetern der Tänzerin ins Herz nitt. Nein, es war das Veilchenbouquet, das man ver⸗ gebens unter den andern auf dem Canaps, auf den Fauteuils und den Conſoles ausgebreiteten Sträußen ſuchte; dieſes Veilchenbougquet, deſſen lieblicher Duft mit dem ſcharfen Geruche des Biſams kämpfte, und das von unſichtbaren Händen gefallen warz es war der Blick, den Roſenha Engel nach der Loge, von der es ausgegangen, geworfen hatte; es war die zugleich flinke, zierliche und freudige Art, wie ſie es aufgenommen, um es ſodann an ihre Lippen emporzuheben; es waren die, ſcheinbar nichtigen, Einzelnheiten, welche jedoch geſehen, beobachtet und auf tauſend verſchiedene Arten ausge⸗ legt worden waren, und aus deren Geſammtheit her⸗ vorging, daß der Ruf der Tugend, der ſchönſte Blu⸗ menzierath der Krone des Mädchens, an dieſem Abend einen erſten, aber gewaltigen Stoß erlitten hatte. ⸗ 1e n er n ie g. en n, 18 m ar n⸗ en re rz r⸗ en en ft as er es ke, m ie, n, e r⸗ u⸗ nd 191 Nachdem er um Erlaubniß gebeten, das um den Arm der Tänzerin geſchlungene Diamantenbracelet be⸗ wundern zu dürfen; nachdem er laut aufgeſchrieen über den Reichthum dieſer Haut einer Biſamratte, welche zu ihren Lebzeiten entfernt nicht vermuthete, ſie werde nach ihrem Tode mit Gold und Perlen geſtickt werden, wagte es der Graf von Himmel, einer der beharrlichſten Anbeter der ſchönen Roſenha, ſie zu fra⸗ gen, ob ſie keine Idee habe, welche myſteriöſe Perſon ihr das Veilchenbouquet zugeworfen. Hierauf erwiederte Roſenha ganz leiſe, faſt beiſeit: „Graf, es iſt mein Beichtvater.“ „Wie! Ihr Beichtvater?“ „Nicht der alte; der neue.“ „Ich verſtehe nicht.“ „Das iſt doch ganz einfach, und ſogar noch ein⸗ facher für Sie, als für jeden Andern. Sie haben mei⸗ nen Entſchluß, ins Kloſter zu gehen, bekannt gemacht; da nun mein Engagement heute beendigt iſt, und mein Noviziat morgen beginnt, ſo können Sie es nicht ſchlimm finden, daß mein neuer Gewiſſensrath begierig war, ſo bald als möglich die Bekanntſchaft ſeiner No⸗ vize zu machen.“ Der alte Graf von Aspern, der die Antwort von Roſenha nicht gehört hatte, richtete dieſelbe Frage an ſie, und ſie antwortete ihm ebenfalls leiſe: „Graf, ich kann Ihnen wohl die Wahrheit ge⸗ ſtehen, da Sie es ſind, der das Gerücht verbreitet, ich werde heirathen; und beiläufig geſagt, ich weiß nicht, warum Sie mir einen ſolchen Streich ſpielen, während ich für Sie mehr Schwäche habe, als für einen von den hier anweſenden Herren.. Nun wohl, Graf, es iſt das Bougquet meines Bräutigams; die weiße Roſe iſt das Symbol meiner Tugend und das Veilchen das ſeiner Beſcheidenheit. Riechen Sie an dieſe Veilchen, Graf, und ſuchen Sie den Wohlgeruch davon zu be⸗ wahren.“ 192 Als endlich ein Attaché der ruſſiſchen Geſandtſchaft — der junge Graf von Gerſthof auch nach dem Ge⸗ heimniſſe des Straußes fragte, ſchaute ihm Roſenha ins Geſicht und ſagte ganz laut: „Ahi Graf, thun Sie im Ernſte dieſe Frage an mich?“ „Ei! allerdings,“ antwortete der Graf. „Das heißt mir ſagen, Sie wollen dieſe Herren 55l unſerer kleinen Privatübereinkunft ins Vertrauen ziehen.“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ ſagte der moskowitiſche Dandy. „Meine Herren, vernehmen Sie, wie ſich die Sache verhält. Sie wiſſen, daß man mir ein Engagement für das kaiſerliche Theater in St. Petersburg ange⸗ boten hat?“ Die Einen antworteten ja, die Andern antworteten nein. „Nun wohl, der Herr Graf von Gerſthof war be⸗ auftragt, mir dieſe Propoſition zu machen, und um mich zu beſtimmen, daß ich das, übrigens äußerſt vor⸗ theilhafte, Engagement annehme, hat er das Anbieten ſeines Herzens beigefügt und mir geſagt, da ich noch nicht entſchloſſen war, das eine und das andere anzu⸗ nehmen:„„Schöne Roſenha Engel, nehmen Sie den beſcheidenſten von den Sträußen an, die Ihnen heute Abend zugeworfen werden, ſo machen Sie aus mir den glücklichſten Menſchen; denn das wird der Beweis ſein, daß Sie nach Petersburg kommen, und daß Sie mir erlauben, Sie' dahin zu begleiten!““ Entſchloſſen, wenn nicht von beiden Anträgen, doch wenigſtens von einem Gebrauch zu machen,— ich überlaſſe es der Be⸗ ſcheidenheit des Herrn Grafen, zu errathen, von wel⸗ chem,— hob ich den Veilchenſtrauß auf, da ich ihn für den beſcheidenſten von den Sträußen hielt, die mir zugeworfen wurden.“ ————— —— 193 „Sie reiſen alſo nach Petersburg?“ riefen mehrere Stimmen. „Wenn ich nicht nach Indien reiſe, wohin mich Rundſchit Sing für ſein königliches Theater in Lahore verlangt, meine Herren, wie Sie dies aus dem pracht⸗ vollen Handgelde erſehen können, das mir heute Abend ſein Botſchafter geſchickt hat.“ „Somit iſt Ihr Engagement?..“ fragte der Graf von Himmel. „Hier in dieſer Biſamhaut,“ antwortete die Tän⸗ zerin.„Ich zeige es Ihnen nicht, weil es in indiſcher Sprache geſchrieben iſt; morgen werde ich es jedoch überſetzen laſſen, und finde ich es ſo, wie ich zu hoffen Grund habe, ſo gebe ich allen denjenigen von meinen Anbetern, welche ſich nicht fürchten, mir zu Liebe vvn der Stelle zu gehen, Rendez⸗vvus an den Ufern des Sind oder des Pendſchab. Da es nun,“ fügte die ſchöne Roſenha bei, während ſie aufſtand,„da es hun⸗ dert Meilen von hier nach Petersburg ſind, viertauſend von hier nach Lahore, und ich, auf welche Seite ſich auch meine Wahl neigen mag, keine Zeit zu verlieren habe, ſo erlauben ſie, meine Herren, daß ich von Ihnen Abſchied nehme, mit dem ſehr aufrichtigen Verſprechen, nie die Freundlichkeiten zu vergeſſen, mit denen Sie mich überhäuften.“ 3 Und mit einem reizenden Lächeln, mit einer Ver⸗ neigung von tadelloſer choregraphiſcher Genauigkeit, grüßte die Tänzerin die erlauchte, galante Verſammkung, welche ſie, da ſie dieſelbe erſt im letzten Augenblicke verlaſſen wollte, bis auf den Theaterplatz, das heißt bis zum Fußtritte ihres Wagens begleitete, in den ſie eici wie eine Meiſe, die in ihren Käſich zurückkehrt, prang. In dem Augenblicke, wo der Kutſcher den unge⸗ duldigen Pferden die Zügel ſchießen ließ, flogen zum Zeichen des Abſchiedes alle Hüte gleichzeitig empor, als ob ein Wetterwirbel durchgefahren wäre. Die Mohicaner von Paris. IV. 13 194 Laſſen wir den Wagen der Tänzerin in die Augu⸗ ſtinerſtraße und die Krügerſtraße eindringen, und in der Seilerſtätte, wo ihr Hotel war, anhalten. XCVI. Geſchichte eines Kindes. Der Zuſchauer, der, das kaiſerliche Theater ver⸗ laſſend, die Einbildungskraft entflammt von dem feen⸗ artigen Schauſpiele, das er eine Stunde lang vor Augen geſehen, nach Hauſe zurückzukehren bange gehabt hätte,— aus Furcht, beim Anblicke der bekannten Ge⸗ genſtände, das Gefühl des wirklichen Lebens, das er einen Moment vergeſſen, wiederzufinden,— dieſer Zu⸗ ſchauer hätte es, um durch die dunſtige, pvetiſche Natur Ober⸗Deutſchlands das im Theater begonnene Mährchen der Tauſend und eine Nacht fortzuſetzen, er hätte es nicht unterlaſſen, ſagen wir, ſtatt wieder den Weg nach Hauſe einzuſchlagen, über den Parade⸗Platz zu ſchreiten, ſich gegen die Vorſtadt Mariahilf zu wenden, und beim Mondſcheine auf der Landſtraße hinzugehen, welche nach dem Schloſſe Schönbrunn führt, um hier, ganz nach ſeiner Gemächlichkeit, auf einer der Anhöhen ſtehend, welche das Schloß beherrſchen, das wundervolle Panorama zu betrachten, das ſich vor ihm entrollt hätte. Er wäre übrigens vielleicht, ehe er nach dem Dorfe Meidling gekommen, ſtehen geblieben, hätte er an einem der Fenſter des linken Flügels vom Schloſſe Schön⸗ brunn, beide Ellenbogen geſtützt auf den Balcon des Fenſters, das Geſicht beleuchtet vom Monde, der minder gu⸗ der 195 bleich als er, einen jungen Mann oder vielmehr ein ſechszehnjäbriges Kind geſehen, das ſelbſt in Betrach⸗ tung vor dem glänzenden Schauſpiele, welches unſer nächt⸗ lichen Spaziergänger hatte ſuchen wollen, zu ſein ſchien. In der That, vom Fenſter aus, wo es ſtand, konntt das Kind durch die klare Atmoſphäre dieſer wie eine Frühlingsnacht lichtvollen Nacht vor ſich und unter ſich Wien ſehen mit allen ſeinen Gebäuden, ſeinen Kirchen, ſeinen hohen Thürmen, welche die zierliche Spitze ſeiner Kathedrale beherrſcht, und als Contraſt die Stadt noch beleuchtet im Innern durch die letzten Feuer, aber außen kräftig ſchattirt durch ſeine mächti⸗ gen Ringmauern und ſeine ſchwarzen Wälle; ſodann, ſenſeits der Stadt, die rieſige Donau, welche, nachdem ſie unter einen ihrer Arme die Inſel Lobau genommen hat, ihren Weg fortſetzt und ſich am Horizont in den berühmten Ebenen von Aspern, Eßling und Wagram verliert. Auf der entgegengeſetzten Seite hätte der junge Mann den ungeheuren Wieſengrund ſehen können, um⸗ geben von Hügeln, aus denen im Ueberfluſſe die in Cascaden in die durchſichtigen Seen fallenden Waſſer hervorquollen, und deren Zugänge hundertjährige Bäume wie vorſichtige Schildwachen zu beſchützen ſchie⸗ nen. Noch aufmerkſamer ſchauend, hätte er ohne Zweifel durch den durchſichtigen Nebel dieſer Nacht den Horizont der mit Wäldern bedeckten Hügel bemerkt, welche, ſprin⸗ gend wie eine ſcheu gewordene Herde Büffel, bis zu den höchſten Gipfeln der letzten Alpen emporſteigen. Doch es war weder das Schauſpiel von Wien, das halb entſchlummert war in ſeiner Oppoſition von Licht und Schatten, noch die murmelnden Seen, noch die munteren Cascaden, noch die nebeligen Horizonte, noch die dunklen Berge, was dieſes Kind anſchaute. Neinz ſeine unter ihn gehefteten Augen ſchauten auf die Landſtraße, welche von Schönbrunn nach Wien führt, und mit geſpanntem Ohre, ohne daß derjunge Mannſich um 196 den eiſigten Wind einer kalten Decembernacht zu be⸗ kümmern ſchien, horchte er aufmerkſam auf die gering⸗ ſten von der Seite der Stadt kommenden Geräuſche; und mehr als ein Mal machten ihn das Krachen eines Baumaſtes, das Aechzen einer Wetterfahne, oder das Knarren der letzten Thüren von Schönbrunn, die man ſchloß, beben. Uebrigens wäre der unter ihn geſtellte Zuſchauer, der ihn betrachtet hätte, wie er in ſeiner weißen Uni⸗ form eines öſterreichiſchen Oberſten, mit ſeinen langen, blonden, gelockten, im Winde flatternden Haaren da ſtand, betroffen geweſen von der melancholiſchen Schön⸗ heit des jungen Mannes, der in dieſer nachdenkenden Haltung entweder ein die Stunde ſeines erſten Rendez⸗ vous erwartender Verliebter, oder ein von der Stille und der Nacht die Inſpiration ſeiner erſten Verſe for⸗ dernder Dichter zu ſein ſchien. Sagen wir ſogleich, daß der junge Mann mit den blonden Haaren, mit dem melanchvliſchen Geſichte, mit dem weißen Rocke, derſelbe war, den,— obgleich er der Vorſtellung beiwohnte,— ſo lange und ſo vergeb⸗ lich die zwei Indier während des Abends, den ſie im kaiſerlichen Theater zugebracht, geſucht hatten. Man vermuthet nun wohl, daß es kein in den Sternen das Geheimniß der Schöpfung, die man vor ſich hat, ſuchender Dichter iſt, ſondern einfach ein Ver⸗ liebter, der mit dem Blicke den vom Monde beleuchteten Theil der Straße erforſcht, welche von Schönbrunn nach der Seilerſtätte geht, wie ein weißes Atlaßband beſtimmt, bis zu ihm die Schritte der ſchönen Tänzerin zu lenken. Einen Augenblick,— war es Müdigkeit durch die⸗ ſelbe Stellung oder glaubte er ein entferntes Geräuſch zu hören,— richtete er ſich auf, und nun erſchien er in ſeiner ganzen Höhe. Seine Geſtalt war in der That zu hoch für ſeine Corpulenz, und ſchlank und biegſam wie der Stamm eines Pappelbaums, motivirte ſie hin⸗ — „— n— 197 reichend die Beſorgniſſe, die der indiſche General aus⸗ gedrückt hatte. Wünſchen nun unſere Leſer über das am Fenſter ſtehende Kind gewiſſe unbekannte Details zu kennen, welche zu ſammeln unſere Geſchichtſchreibertreue uns genöthigt hat, und welche vielleicht hier nicht am un⸗ rechten Platze ſein werden? Wir wollen ihnen dieſe Details mit ein paar Worten geben. Eine Strophe unſeres großen Dichters Victor Hugo wird uns vor Allem mehr als zwanzig Seiten von Herrn von Montbel über die Anfänge dieſes kurzen Lebens ſagen, das viel eher der Poeße, als der Ge⸗ ſchichte angehört. Un soir, Taigle planait aux voutes éternelles, Lorsu' un grand coup de vent lui cassa les deux ailes! Sa chute fit dans T'air un foudroyant sillon. Pous, alors, sur son nid fondirent plein de joie; Chacun selon ses dents se partagen Sa proie: LAngleterre prit Taigle, et PAutriche J'aiglon*). Der junge Adler wurde in den Käfich im kaiſer⸗ lichen Schloſſe von Schönbrunn gebracht, das an den Ufern der Wien ungefähr anderthalb Stunden von der Hauptſtadt Oeſterreichs liegt. Hier wuchs er das von uns ſo eben beſchriebene glän⸗ zende Schauſpiel vor den Augen habend heran; er wuchs heran unter dem Schatten des herrlichen Gartens, der zum Pavillon der Gloriette führt, und deſſen Baſſins, Marmorſtatuen und Gewächshäuſer ihn an den Park von Verſailles hätten erinnern können, während die Wildſchweine, die Hindinnen, die Damhirſche, die Edel⸗ *) Eines Abends ſchwebte der Adler am Himmelsgewölbe, als ihm ein gewaltiger Windſtoß beide Flügel brach! Sein Fall machte in der Luft eine blitzende Furche. Alle fielen dann voll reude über ſein Neſt her, und Jeder riß je nach ſeinen Zähnen Sinen Theil von ſeiner Beute an ſich: Engiand nahm den giten Adler und Heſterreich den jungen. 198 hirſche und die Rehe ihm einen Begriff von denen von Saint⸗Cloud und Fontainebleau zu geben im Stande geweſen wärenz er wuchs heran und ſah in der Sonne die reizenden Dörfer Meidling, Grünberg und Hitzing, Gruppen von Landhäuſern um den Palaſt geſäet ähn⸗ lich, ſtrahlen: er ſtammelte mit Anſtrengung dieſe un⸗ bekannten Namen, und lernte ſie am Ende,— ſo wie er die von Meudon, Sdvres und Bellevue vergaß. Und dennoch hatte der arme verbannte Knabe tiefe, leuchtende Erinnerungen, welche wie Blitze an ihm vor⸗ überzogen. Er erinnerte ſich, zum Beiſpiel, daß er als Kind den Namen Napoleon und den Titel König von Rom getragen hatte. Vom 22. Juli 1818 an war aber ſein Name Franz, ſein Titel Herzog von Reichſtadt. „Warum nennt man mich denn Franz?“ fragte eines Tages das Kind ſeinen Großvater den Kaiſer von Heſterreich, der ihn auf ſeinen Knieen ſpringen ließ;„ich glaubte, ich heiße Napoleon.“ Die Frage war beſtimmt; die Antwort ſetzte in Verlegenheit. Der Kaiſer überlegte einen Augenblick und ant⸗ wortete dann: „Man nennt Dich nicht mehr Napoleon aus dem⸗ ſelben Grunde, aus dem man Dich nicht mehr König von Rom nennt.“ Das Kind dachte auch einen Augenblick nach; und da ihm ohne Zweifel die Antwort nicht befriedigend ſchien, ſo entgegnete es: „Aber, Großpapa, warum nennt man mich nicht mehr König von Rom?“ Der Großvater war noch mehr in Verlegenheit bei dieſer zweiten Frage, als er es bei der erſten ge⸗ weſen; er wollte ihr Anfangs ausweichen, wie er es bei der andern gethan, doch er bedachte, es ſei beſſer ſeinen Enkel mit einem großen Raiſonnement zu ſchla⸗ * n e S F 1⸗ ie te er en 199 gen, damit er nicht mehr auf dieſen Gegenſtand zurück⸗ komme. „Du weißt, mein Kind, daß meinem Titel Kaiſer von Oeſterreich der König von Jeruſalem beigefügt wird, ohne daß ich deshalb irgend eine Gewalt über dieſe Stadt habe, welche in der Macht der Türken iſt?“ „Ja,“ erwiederte das Kind mit der ganzen Auf⸗ merkſamkeit, welcher es fähig, dem Raiſonnement von Franz I. folgend. „Nun wohl,“ ſprach der Kaiſer,„Du biſt König von Jlom, mein lieber Franz, gerade wie ich König von Jeruſalem bin.“ Mochte nun das Kind die Erklärung nicht ganz begreifen, mochte es dieſelbe zu wohl begreiſen, es neigte das Haupt, ſchwieg und kam nie mehr auf dieſen Ge⸗ genſtand zurück. Obgleich Kind, hatte es übrigens,— wie und durch wen? Gott weiß es! durch die innere Anſchauung, durch den Engel ſeiner erſten Jahre vielleicht, der mit ihm in der Stille der Nächte plauderte,— einige Er⸗ innerung vom Ruhme und von den Mißgeſchicken ſeines Vaters. Eines Tags machte der bekannte Fürſt von Ligne, einer der bravſten und geiſtreichſten Edelleute des acht⸗ zehnten Jahrhunderts, einen Beſuch bei der Kaiſerin Marie Louiſe, welche damals bei ihrem Sohne in Schönbrunn war. Man meldete ihn in Gegenwart des Kindes unter dem Titel:„Der Herr Marſchall Fürſt von Ligne.“ „Das iſt ein Marſchall?“ fragte das Kind Frau von Montesquiou, ſeine Gouvernante.. „Ja, Hoheit.“ „Iſt es einer von denen, welche meinen Vater ver⸗ rathen haben?“ Man ſagte ihm nein; der Fürſt ſei im Gegentheile ein braver, redlicher Soldatz er faßte auch eine große Freundſchaft für den alten Marſchall. 200 Einmal erzählte ihm das Kind, wie ſebr es er⸗ ſtaunt geweſen ſei über das militäriſche Gepränge, das man beim Leichenbegängniſſe des Generals Delmotte entfaltet habe, und welches Vergnügen es ihm bereitet, ſo viel ſchöne Truppen deſiliren zu ſehen. „Hoheit,“ erwiederte der Fürſt,„dann werde ich Ihnen bald eine viel größere Freude gewähren, denn die Beerdigung eines Feldmarſchalls iſt in dieſer Art Alles, was man Prachtvolles ſehen kann.“ Und der Fürſt hielt in der That Wort: fünf oder ſechs Monate nachher gab er dem kaiſerlichen Kinde das großartige Schauſpiel von zehntauſend Mann Truppen mit allen ihren Kriegsequipagen, die den Leichenzug eines Feldmarſchalls escortiren. Um dieſelbe Zeit ſprach die Prinzeſſin Caroline von Fürſtenberg in einem vertrauten Kreiſe, in Gegen⸗ wart des jungen Herzogs von Reichſtadt, von den Er⸗ eigniſſen und den großen Namen des Jahrhunderts... Man hatte vergeſſen, daß er da war, oder man glaubte vielleicht vor einem ſechsjährigen Kinde Alles ſagen zu können. Der General Sommariva nannte ſodann drei Per⸗ ſonen, die er als die drei größten Feldherren der Zeit anführte. Das Kind, das die Aufzählung nachdenkend und mit geſenktem Kopfe angehört hatte, erhob plötzlich die Stimme, unterbrach den General und ſagte: „Ich kenne einen Vierten, den Sie nicht genannt haben, Herr General.“ „Wer iſt das, Hoheit?“ „Mein Vater!“ rief das Kind mit ſtarker Stimme. Und es entfloh eiligſt. Der General Sommariva lief ihm nach, holte es ein und führte es zurück. „Hoheit,“ ſagte der General,„Sie haben Recht gehabt, von Ihrem Vater zu ſprechen, wie Sie es ge⸗ thanz doch Sie haben Unrecht gehabt, zu entfliehen.“ er⸗ as tte tet, ich Urt der as en g ine en⸗ Er⸗ bte er⸗ eit ind die nnt me. es cht ge⸗ . 201 Trotz des Titels Herzog von Reichſtadt, der ihm auferlegt worden war, trotz der geiſtreichen Vergleichung, die ihm ſein Großvater zwiſchen dem Königthum Je⸗ ruſalem und dem Königthum Rom gemacht, hatte das Kind die Herrlichkeiten ſeiner Wiege nicht vergeſſen. Einer von den Erzherzogen zeigte ihm eines Ta⸗ ges eine von den kleinen goldenen Denkmünzen, welche bei Gelegenheit ſeiner Geburt geſchlagen und nach ſei⸗ ner Tauffeier unter das Volk ausgetheilt worden wa⸗ ren; er war im Bruſtbilde darauf vorgeſtellt. „Weißt Du, wen dieſe Münze vorſtellt, Reichſtadt?“ fragte der Erzherzog. „Mich, zur Zeit, wo ich König von Rom war,“ antwortete ohne zu zögern das Kind. Im Alter von fünf Jahren,— in welchem Alter auch die Erziehung der Prinzen vom Hauſe Oeſterreich beginnt,— begann die Erziehung des Sohnes von Napoleon. Der Graf Moritz Dietrichſtein hatte die oberſte Leitung; und unter ihm waren der Hauptmann Foreſti, was die militäriſchen Dinge betrifft, und der Dichter Collin,— Bruder von Heinrich Collin, dem Verfaſſer der Trauerſpiele Regulus und Coriolan, ſelbſt Verfaſſer eines Trauerſpiels Graf von Eſſex, — mit den Einzelheiten betraut. Mit fünf Jahren ſprach der Prinz⸗Herzog Fran⸗ zöſiſch wie ein Pariſer, und zwar mit dem den Ein⸗ wohnern der Hauptſtadt eigenthümlichen Accente. Man wollte ihm das Deutſche lehren. Der Kampf dauerte lange, und der Widerwille, den er dem Stu⸗ dium dieſer Sprache entgegenſetzte, iſt noch heute in Oeſterreich ſprüchwörtlich. Man mochte ihm immerhin durch alle erdenkliche Raiſonnements zu beweiſen ſuchen, welches Intereſſe er habe, die Sprache eines Landes zu ſprechen, das ſein Vaterland geworden, der Prinz wi⸗ derſtand aus allen Kräften und ſprach beharrlich nur Franzöſiſch oder Italieniſch. Um dieſe Hartnäckigkeit zu beſiegen, mußte man 202 dem jungen Herzog die Zuſage geben, das Deutſche werde für ihn immer nur eine Luxusſprache ſein, und er könne fortwährend Franzöſiſch ſprechen. Sein, zu jener Zeit ſchon ziemlich ſcharf hervor⸗ tretender, Charakter war eine Miſchung von Güte und Stolz, von Feſtigkeit und Vernunft; von Natur hart⸗ näckig, fing er bei jeder Idee, mit der er nicht vertraut war, damit an, daß er einen lebhaften Widerſtand ent⸗ gegenſetzte, von dem ihn das Raiſonnement allein ab⸗ bringen konnte; gut gegen die ihm Untergeordneten, zärtlich gegen ſeine Lehrer, waren ſeine Güte und ſeine Zärtlichkeit innerlich; man mußte ſie in der Tiefe ſei⸗ ner Seele verborgen errathen, ſie ſuchen, wie der Tau⸗ cher die Perle ſucht. Die Liebe für das abſolut Wahre trieb er bis zum Fanatismus, und er haßte die Mährchen und die Fabeln. „Da dies nicht geſchehen iſt, ſo iſt es unnütz,“ ſagte er. Das war nicht die Anſicht ſeines Lehrers Collin, der als Dichter im Gegentheile in der Welt der Träume lebte. Er ſuchte auch dieſen Sinn des Kindes, nur als wahr anzunehmen, was abſolut ſo war, zu über⸗ winden. Er glaubte das Mittel gefunden zu haben; eines Tages ging er mit dem Prinzen aus und ſagte ihm, ſie werden eine lange Wanderung unternehmen; auf den grünen Bergen angelangt, welche Schönbrunn beherrſchen, machten der Lehrer und ſein Zögling einen kurzen Halt; dann ſetzten ſie ihren Marſch fort und vertieften ſich in ein ſchmales, ſchattiges Thal, wo ſich ein geſchloſſener Raum findet, der, durch blätterreiche Bäume vom Anblicke Wiens und den weiten Ebenen der Donau völlig getrennt, zum Horizonte nur noch die Berge hat, die ſich ſtufenweiſe wie ein rieſiges Amphi⸗ theater bis zu den Gipfeln des Schneebergs erheben. An dieſem Orte ſteht eine einſame Hütte, in Ueber⸗ einſtimmung mit den Bergen, die ſie umgeben, in Form he nd r⸗ nd rt⸗ ut nt⸗ b⸗ en, ne ei⸗ u⸗ inn nen und ſich iche nen die hi⸗ * er⸗ m 203 einer Tyroler Senne gebaut und wegen dieſer Aehn⸗ lichkeit Tyrolerhaus genannt. Hier an dieſem Orte, der von der übrigen Welt durch Berge Schluchten und Wälder getrennt iſt, nach⸗ dem er ſeinem Zögling die Schönheiten dieſer pittores⸗ ten Gegend begreiflich gemacht und es verſucht hatte, ihm die Größe der einſamen, wilden Natur darzuthun, erzählte ihm der Dichter⸗Profeſſor plötzlich, ohne ſie ihm als wahr oder falſch zu geben, die wunderbare Geſchichte von Robinſon Cruſoe, welche einen ſo tiefen Eindruck auf den Geiſt des Knaben machte oder viel⸗ mehr ſeine noch ſchlummernde Einbildungskraft ſo völ⸗ lig aufweckte, daß er ſich einen Augenblick in einer Wüſte glaubte und von ſelbſt ſeinem Lehrer vorſchlug, es zu verſuchen, die für die erſten Bedürfniſſe des Le⸗ bens nothwendigen Werkzeuge zu verfertigen. Beide ſchritten in der That zur Arbeit, und als ſie dieſe Werkzeuge, ſo gut ſie eben konnten, verfertigt hatten⸗ gruben ſie mit einander in weniger als vierzehn Ta⸗ gen, nach dem Muſter von der des ſchiffbrüchigen Eng⸗ länders, eine Grotte, die man noch heute den Reiſenden als das Werk des Sohnes von Napoleon zeigt und nur unter dem Namen die Grotte von Robinſon Cru⸗ ſoe bezeichnet. Mit acht Jahren ſollte der Prinz das Studium der alten Sprachen anfangenz das war die ſchwerſte Prüfung, die ſein Lehrer Collin zu beſtehen hatte, denn der Knabe offenbarte den tiefſten Widerwillen gegen das Griechiſche und das Lateiniſche; ſeine ganze In⸗ telligenz wandte ſich dem auf das Militäriſche bezüg⸗ lichen Wiſſenſchaften zu. Im Jahre 1824 war indeſſen dieſer Widerwille beſiegt. Collin ſtarb, und der Baron von Obenhaus, ſein Nachfolger, gab in die Hände des jungen Munnes den Tacitus und den Horaz. Da er aber ſeinen Vater mit Cäſar hatte vergleichen hören, ſo verließ der junge Herzog völlig die Lecture des Geſchichtſchreibers und 204 des Dichters, um ſich der des Feldherrn zuzuwenden, und die Commentare von Cäſar wurden ſeine Lieb⸗ lingslecture. Alles dies war alte Geſchichte, und die Schwierig⸗ keit war, einen ſolchen Zögling die neue Geſchichte, das heißt das Studium deſſen, was der Revolution vorher⸗ gegangen, von ihr hervorgebracht worden iſt und ihr gefolgt war, in Angriff nehmen zu laſſen. Mit dieſer Sorge wurde Herr von Metternich betraut. Was der gewandte Diplomat ſeinem Zögling von dieſer wunderbaren Geſchichte erzählte, was er ins Licht ſtellte, was er im Schatten ließ, iſt ein Geheimniß für uns; man wagte es nicht, dem Kinde Alles zu ver⸗ ſchweigen, man konnte ihm aber auch nicht Alles ſagen: es ſah und berührte Alles, was zu nahe bei ihm war, um ſeinen Blicken entzogen zu werden; im Ganzen er⸗ ſchaute es aber nur unbeſtimmte Horizonte, und ſein Blick tauchte nur in gewiſſe Tiefen, wie das Auge des Tauchers in einen Abgrund,— beim Scheine eines Blitzes. Wie dem ſein mag, die Geiſteszähigkeit des Her⸗ zogs von Reichſtadt, die ihn immer gegen daſſelbe Ziel zurückführte; die religiöſe Anbetung, die er für das Andenken ſeines Vaters hegte, Alles dies,— ſo geſchickt auch der politiſche Lehrer war,— überhäufte mit Schwierigkeiten die Aufgabe, die ſich Herr von Met⸗ ternich vorgeſetzt hatte. Es war auch ſchon bei den erſten Berichten, die man bei Hofe über die entſtehende Leidenſchaft des jungen Herzogs für die ſchöne Roſenha Engel gemacht hatte, der Befehl gegeben worden, die Augen völlig über dieſe kleine Jünglingsfantafie zu ſchließen, welche einige Zerſtreuung dieſem Geiſte geben konnte, der nur Wünſche und Begierden nach Dingen hatte, die er zu ſeinem Glücke nicht hätte kennen ſollen. Nur hatte das, pehr man geglaubt, es ſei nichts als eine Fan⸗ 3 taſie nen die levn wor in e Tän nes an! den Kop unte ſchla Pap Bau fünf gen hatte arm gant auch das nach Imc eine Rol auf Irr lau Geſ terr ber den, ieb⸗ rig⸗ das her⸗ ihr nich von icht für ver⸗ en: var, er⸗ ſein des nes er⸗ Ziel das ickt mit ket⸗ die des acht llig ſche nur zu atte an⸗ 205 taſie, und es ſollte nie etwas Anderes ſein, Proportiv⸗ nen angenommen, welche jede Sache annahm, bei der die glühende Einbildungskraft des Sohnes von Napo⸗ leon verweilte: die Fantaſie war eine Leidenſchaft ge⸗ worden;— und ſo kam es, daß um ein Uhr Morgens, in einer kalten Februarnacht, der junge Herzog auf die Tänzerin wartete, nicht in der warmen Atmoſphäre ſei⸗ nes Schlafzimmers, hinter den dichten Brocatvorhängen, an der lauen Scheibe des Fenſters, ſondern außen, mit den Ellenbogen auf den Balcon geſtützt, mit bloßem Kopfe, und ſo tief, ſo ſchmerzlich huſtend, daß zuweilen unter der Erſchütterung dieſes Huſtens der ſchwache, ſchlanke Körver des jungen Mannes erzitterte, wie eine Pappel, die der kräftige Arm eines Holzhauers ſchüttelt. Ach! der Holzhauer, der den jungen kaiſerlichen Baum zu ſchütteln anſing, war der Tod, deſſen Axt fünf Jahre ſpäter ihn ſo fern von der großen, mächti⸗ gen Eiche, welche die Welt mit ihrem Schatten bedeckt hatte, fällen ſollte. Darum hatte ſich, die Hand auf der Bruſt, der arme Verurtheilte des Geſchicks einen Augenblick in der ganzen Höhe ſeiner Geſtalt aufgerichtet. Sodann wurde dieſe Bewegung bei ihm vielleicht auch hervorgebracht durch ein Geräuſch, dumpf wie das Toſen des Donners, das ſich nähernd von Wien nach Schönbrunn zu kommen ſchien und für ruhige Imaginationen nichts Anderes war, als das Geräuſch eines Wagens. Bald verband ſich in der That mit dem immer näheren Rollen die doppelte Flamme von zwei Laternen, welche auf der Landſtraße raſcher zu fliegen ſchienen, als jene Irrlichter, die auf der Oberfläche der Teiche herum⸗ laufen. Betroffen zugleich von zweien ſeiner Sinne, dem Geſichte und dem Geſichte, und vielleicht beſſer noch un⸗ terrichtet durch die Vorgefühle, welche in den jungen Herzen leben, ſchien der Prinz keinen Zweifel mehr zu 206 hegen, und ſpringend wie ein Schüler, in die Hände klatſchend wie ein Kind, rief er mehrere Male, als ob er Jemand ſein Glück anvertraut hätte, und zwar in franzöſiſcher Sprache, dem Einzigen⸗ was er von Frank⸗ reich behalten hatte: „Sie iſt es! Gott ſei gelobt, ſie iſt es!“ XCVII. Julie bei Romev. Einen Augenblick hätte man glauben können, der junge Mann ſei in ſeiner Erwartung getäuſcht worden, und der Wagen halte nicht beim Schloſſe an. Auf der Straße von Hitzing herbeikommend, fuhr er an den Rebengebäuden hin und verſchwand auf der Seite von Meidling. Doch der Prinz ließ ſich offenbar nicht durch dieſe verſtellte Gleichgültigkeit bethören, denn er ſchloß raſch das Fenſter, von welchem aus man die Straße über⸗ ſchaute, durchſchritt ſeinen Salon und ſein Schlafzim⸗ mer,— daſſelbe, das Napoleon 1809 bewohnt hatte,— und lehnte ſeine, plötzlich von einer lebhaften Röthe gefärbte, Stirne an die Glasſcheibe eines auf die Gär⸗ ten gehenden kleinen Boudvir an. Er war hier ungefähr ſeit zehn Minuten, als die Thüre des Privatgartens vom Kaiſer ſich öffnete, und er beim Mondſcheine zwei Perſonen dem Palaſte ſich nähern und unter dem Gewölbe, wo die Geſindetrepp anfängt. verſchwinden ſah. Ohne Zweifel waren dieſe zwei Perſonen, obgleich ſie ihrer Kleidung nach den niedrigen Klaſſen der Ge ſellſchaft angehörten, diejenigen, wartete; denn diesmal,— wie er es ſchon bei der An⸗ welche der Prinz et⸗ 207 nde b kunft des Wagens, das Fenſter des Salon verlaſſend, um zu dem des Boudvir überzugehen, gethan hatte,— 3 diesmal verließ er das Fenſter des Boudvir, um zur Treppenthüre zu laufen. Hier hielt er ſein Ohr an die Thüre und horchte aufmerkſam. Es vergingen einige Secunden, während welcher er in völliger Unbeweglichkeit, der Bildſäule der Er⸗ wartung ähnlich, verharrtez dann belebte ſich ſein Ge⸗ ſicht durch ein reizendes Lächeln: er hörte das Geräuſch eines leichten Trittes, der die Treppe heraufſtieg, und ohne Zweifel erkannte er dieſen Tritt ſo gut, daß er nicht wartete, bis man die letzten Stufen erreicht hatte, di ſondern raſch die Thüre öffnete und mit dem Rufe: „Roſenha! theure Roſenha!“ beide Arme ausſtreckte, in 8e die ſich eine in die maleriſche Tracht der Tyroler Mäd⸗ f t chen gekleidete Frau warf. 3 Trotz dieſer Tracht war es wohl die hübſche Be⸗ neſiciantin, die uns einer Peri ähnlich auf der Scene dieſe des kaiſerlichen Theaters in Wien erſchienen iſt; der ſch wir von der Scene in ihre Loge gefolgt find, und die raſ wir von ihrer Loge, aus der Mitte ihrer Hofmacher, über⸗ im ſtarken Trabe ihrer Pferde, nach der Seilerſtätte, wo ihr Hotel lag, haben zurückkehren ſehen. tezſ Doch nicht um von den Anſtrengungen des Abends 6 ir⸗ auszuruhen, war die ſchöne Tänzerin in ihre Wohnung zurückgekehrt; denn kaum in ihrem Ankleidecabinet ls die angelangt, als ob die Menge, die ihr im Theater Bei⸗ und fall geklatſcht, ſie noch erwartete und ſie, gedrängt durch t. ſ eine Verwandlung, ihre Entrée zu verfehlen befürchtete, hatte ſie dehende ihren Kaſchemir⸗Hausrock abgeworfen, und mit Hülfe ihrer Kammerfrau nicht minder behende bgleich die bewunderungswürdige Tracht einer Tyroler Bäuerin 8e angezogenz wonach ſie durch die zwei Zimmer gelaufen er Ge⸗. 3 6 war, die ſie von der Geſindetreppe trennten, denn ſie niun wählte dieſen Weg, aus Furcht, wenn ſie ſich über den Plaßz wegbegebe, könnte ſie von Einigen ihrer Anbeter 208 bemerkt werden, welche ſich, beharrlicher als die Andern, als Schildwachen vor ihrem Hotel aufgepflanzt hätten und, ſähen ſie ſie zu einer ſolchen Stunde ausgehen, nicht verfehlen würden, ihr zu folgen, um zu erfahren. wohin ſie gehe.— Sagen wir, daß ihre Furcht ge⸗ gründet war, und daß einige Wagen unter den Fenſtern des Hotels ſtationirten. Doch beſorgt für das Glück ihrer Hofmacher, hatte Roſenha die Vorſicht ſo weit ge⸗ trieben, daß ſie ihr Schlafzimmer, deſſen Fenſter auf die Straße gingen, hatte beleuchten laſſen; ſo daß die Erfrorenſten, Dank ſei es der den Verliebten eigenthüm⸗ lichen Einbildungskraft, die Kälte vergeſſen konnten, indem ſie ſich in den Strahlen wärmten, welche durch die Glasſcheiben, in den Zwiſchenräumen der ſchlecht geſchloſſenen Vorhänge, drangen. Unten an der Geſindetreppe, ein paar Schritte von einer Hinterthüre, die nach einem Gäßchen ging⸗ wartete der Wagen von Roſenha, welchen nicht auszu⸗ ſpannen der Kutſcher Befehl erhalten hatte. Auf dem Sitze des Wagens lag ein mit Pelz ge⸗ fütterter Mantel ereit, in den das zierliche Mädchen ſich wickelte, wie ein Vogel in die Watte ſeines Neſtes. Wir wiſſen, wie dieſer, ſo ungeduldig erwartete, Wagen im Angeſichte von Schönbrunn ankam und ſich, ohne anzuhalten, gegen Meidling wandte. Hundert Schritte jenſeits eines kleinen vom Ober⸗ gärtner des Palaſtes bewohnten Hauſes hielt er anz doch ſo raſch er vorbeigefahren war, die Thüre dieſes Hauſes hatte ſich beim Geräuſche ſeiner Räder geöffnet, und ein Kopf war durch die Oeffnung geſchlüpft. Be⸗ merken wir ſchleunigſt, daß dieſer Kopf nicht, wie man hätte befürchten können, der eines, um die jungen Leute u denunciren, lauernden Spions war, ſondern im Ge⸗ gentheile der eines Dieners, welcher, bereit den zwei Liebenden in ihrem Liebesverhältniſſe beizuſtehen, wartete. Roſenha ſprang raſch aus dem Wagen, lief leicht und ſtill wie ein Nachtvogel nach dem Hauſe, an dem er⸗ et, Be⸗ tan ute He⸗ wei ete. icht dem 209 ſie vorbeigefahren war, ſtürzte durch die Thüre, die ſich⸗ ſo wie ſie näher kam, wie durch eine Feder öffnete und ſich wie durch eine Feder wieder hinter ihr ſchloß, ſobald ſie die Schwelle überſchritten hatte. „Geſchwinde! geſchwinde! mein lieber Hans!“ ſagte ſie deutſch zu demjenigen, welcher ſie erwartete;„ich bin aufgehalten worden; es iſt ſpäter als gewöhnlich; der Prinz muß ungeduldig werden. Beeilen wir uns!“ Und ſie warf ihren Pelz ab und ſchob am Arme den dicken Oeſterreicher fort, der dieſe halb franzöſiſche, halb ſpaniſche Wuth durchaus nicht begriff. „Ah! mein Fräulein, nehmen Sie ſich in Acht!“ ſagte er;„Sie werden frieren.“ „Vor Allem erinnern Sie ſich wohl, mein lieber Hans, daß ich nicht mein Fräulein bin: ich bin Ihre Nichte... weshalb ich nicht an Ihrem Arme einen Pelz von blauem Fuchs behalten kann. Sodann bin ich Tänzerin und nicht Sängerin: es liegt mir wenig daran, daß ich den Schnupfen bekomme! woran mir aber ungeheuer viel liegt, das iſt, daß ich den Prinzen nicht warten laſſe, denn er könnte wohl den Schnupfen bekommen.. Nehmen Sie alſo die Schlüſſel von allen Ihren Thüren, von allen Ihren Gittern, von allen Ihren Orangerien, und kommen Sie, mein lieber Oheim!“ Hans ſchlug ein gewaltiges Gelächter auf, nahm ſeine Schlüſſel und ſetzte ſich in Marſch. Auf den Arm ihres Oheims geſtützt, durch⸗ ſchritt Roſenha raſch den Privatgarten des Kaiſers und trat in den Park ein. In dieſem Momente, nachdem er ſie einen Augen⸗ blick aus dem Geſichte verloren, hatte ſie der junge Mann wieder erſcheinen ſehen und war vom Fenſter des Boudoir an die Treppenthüre gelaufen. Als Obergärtner hatte Meiſter Hans nicht nur im Parke, deſſen Schlüſſel ihm anvertraut waren, ſondern Die Mohicaner von Paris. W. 14 210 auch im Schloſſe ſeine große Entrées. Nie wäre es einer Schildwache eingefailen, das Bajonnet vor Meiſter fe Hans zu kreuzen, und ſobald ſie einmal an ſeinem u Arme war, genoß natürlich die Nichte die dem Oheim u bewilligten Privilegien. So war Roſenha bis zur Wohnung des Herzogs u gekommen, wo ſie raſch die Arme, die ſich bei ihrer Annäheruug geöffnet hatten, fortzogen,— Hans, der ic mit dem ernſten Schritte, welcher ſich für den Ober⸗ he gärtner eines kaiſerlich öſterreichiſchen Parkes geziemt, ni heraufſtieg, die Sorge überlaſſend, die Thüre wieder zu wi ſchließen und ſich im Vorzimmer feſtzuſetzen, wie es ihm bi gutdünkte. Immer ſich umſchlungen haltend und ſich drehend wie zwei vom Tanze und der Liebe berauſchte Walzertänzer, ble ſanken die zwei ſchönen jungen Leute auf ein großes Th Canapé, das ein Zwiſchenmöbel der Fenſter des Schlaf⸗ zimmers vom Prinzen bildete; nur ſank der junge que Mann bleich und erſchöpft vor Aufregung nieder, wäh⸗ rend das Mädchen derſelben Bewegung folgte, jedoch das keuchend vor Glück und voll Leben. die Beim Scheine der auf dem Kamine brennenden Candelaber gewahrte ſie die Bläſſe und die Schwäche ihres Geliebten; ſie umſchlang ihn noch enger mit ihren dete Armen und rief, indem ſie ihn an allen Stellen auf krar die Stirne küßte, als wollte ſie die auf dieſer Lilie ſo perlenden Thautropfen einſaugen: „Oh! mein geliebter Herzog! was haben Sie und denn? Sind Sie krank? Leiden Sie?“ „Nein, nein, ich leide nicht mehr, da Du hier biſt, Roſenha,“ erwiederte der junge Mannz„doch Du haſt lange geſäumt, und ich liebe Dich ſo ſehr!“ „Heißt es mich lieben, theure Hoheit, ſo Ihre koſt⸗ bare Geſundheit, die ſchädliche Nachtluft einathmend, ſind, aufs Spiel ſetzen? und haben Sie mir nicht hundert⸗ als mal verſprochen, Sie wollen mich nicht mehr auf die⸗ erklä ſem verdammten Balcon erwarten?“ Pun Her, 211 e es„Ja, ich habe das geſchworen, Roſenha, und ich iſter fange immer damit an, daß ich Dir Wort halte.. 4 em Um eilf Uhr bin ich dieſſeits der Fenſter; kämeſt Du eim um eilf Uhr, ſo würdeſt Du mich hier finden.“ „Um eilf Uhr? Sie wiſſen wohl, Hoheit, daß ogs um dieſe Stunde das Ballet kaum beendigt iſt.“ hrer„Allerdings weiß ich das; doch um eilf Uhr warte der ich ſchon einen Tag und manchmal zwei Tage! Um ber⸗ halb zwölf Uhr lege ich auch die Hand an das Spa⸗ mt, nivlett; um Mitternacht öffne ich das Fenſter, und, was zu willſt Du? ich werde ungeduldig und klage Dich an, hm bis ich das Rollen Deines Wagens höre.“ „Und dan 2 fragte lächelnd das Mädchen. end„Und dann klage ich Dich nicht mehr anz ich zer, bleibe aber immer ungeduldig, bis ich Dich an der ßes Thüre des engliſchen Gartens erſcheinen ſehe.“ af⸗„Und dann 2 fragte ſie mit einer naiven Co⸗ nge quetterie. äh⸗„Und dann höre ich das Geräuſch Deiner Tritte, och das in der Tiefe meines Herzens wiedertönt; ich öffne die Thüre, ich öffne die Arme!„ den„Und dann 2. che„Und dann bin ich ſo glücklich, Roſenha,“ vollen⸗ ren dete der Prinz mit einer gebrochenen, wie die eines auf kranken Kindes ſanften Stimme;„und dann bin i lie ſo glücklich, daß es mir ſcheint, ich werde ſterben!“ „Mein ſchöner Prinz!“ rief das Mädchen, freudig ie und ſtolz, die Liebe zu fühlen, die ſie einflößte. „Heute Abend erwartete ich Dich nicht,“ ſagte der ier Herzog. Du„Sie hielten mich alſo für todt?“ „Roſenha!“ ſt⸗„Ah! Hoheit, ſollten Sie zufällig, weil Sie Prinz id. find, die Prätenfton haben, Roſenha heſſer zu lieben, t⸗ als Roſenha Sie liebt? Mir gilt es gleich, denn ich e⸗ erkläre Ihnen zum Voraus, daß ich Ihnen in dieſem Punkte nicht nachſtehen werde!“ „Du liebſt mich alſo ſehr?“ fragte der junge Mann, der mit Anſtrengung und zum erſten Male ſeit dem Eintritte der Tänzerin ſeinen gepreßten Athem zu bezwingen vermochte.„Oh! ſage mir dies ſo nahe, daß ich Deine Worte einathmen kann! ſie geben mir Luft, ſie werden mir wohlthun.“ „O Kind! Sie fragen mich, ob ich Sie liebe? Man ſieht, daß Ihre Polizei minder gut iſt, als die Ihres erhabenen Großvaters, ſonſt würden Sie eine ſolche Frage nicht an mich richten.“ „Roſenha, man macht ſolche Fragen nicht immer, weil man zweifelt; man macht ſie oft, damit man ant⸗ worte:„Ja! ja! ja!““ „Nun wohl, ja, ich liebe Sie, mein ſchöner Her⸗ zog! Sie erwarten mich, Sie werden ungeduldig, wenn ich ſäume; Sie zweifeln, wenn ich nicht komme.. Glauben Sie, Hoheit, ich könnte einen Tag ſein, ohne Sie zu ſehen? Sind Sie nicht mein einziger Ge⸗ danke, mein unabläſſiger Traum, mein ganzes Leben? vergehen alle Stunden meiner Tage, bin ich fern von Ihnen, nicht damit, daß ich Ihr ſüßes Bild anſchaue, Ihr theures Andenken anbete?.. Wie konnten Sie wähnen, ich werde heute Abend nicht kommen?“ „Ich habe es nicht gedacht, ich habe es befürchtet.“ „Böſer! hatte ich Ihnen nicht für Ihren koſtbaren Strauß zu danken? Den ganzen Tag dachte ich nur an den Augenblick, wo ich ihn empfangen werde, und ſeinen Duft ein, ehe ich ihn in den Händen atte!“ „Und wo iſt er?“ fragte der Prinz. „Wo er iſt? Eine ſchöne Frage!“ ſagte Ro⸗ ſenha, indem ſie ihn ganz verwelkt, aber noch ganz duf⸗ tend aus ihrer Bruſt zog;„hier iſt er!“ Und ſie küßte zärtlich den Strauß, der Prinz ent⸗ riß ihn aber ihren Händen, um ihn auch zu küſſen. Miädchen. „Oh! mein Strauß! mein Strauß!“ rief das lic Ro⸗ duf⸗ ent⸗ das 213 Der Prinz gab ihn zurück. Roſenha ſchaute ihn an und ſagte mit einem köſt⸗ lichen Lächeln: „Nicht wahr, Sie haben ihn ſelbſt gepflückt?“ Der Prinz wollte verneinend antworten. „St! ſchweigen Sie!“ rief Roſenha;„das iſt Ihre Art, die Blumen zu vermählen: ich habe ſie er⸗ kannt. Ich ſah Sie von dort, von Wien, umherlaufen, um dieſe ſchönen Veilchen in den Gewächshäuſern, welche an die Menagerie angränzen, zu finden. So wie Sie zwei pflückten, legten Sie dieſelben auf ein Moos⸗ bett, aus Furcht, die Wärme Ihrer Hände könnte ihnen ihre Friſche benehmen... Und, weil hievon die Rede iſt.. mir ſcheint, Ihre Hände ſind ſo glühend!“ „Nein, nein, ſei unbeſorgt; ich habe mich nie ſo wohl befunden.“ „Haben Sie es ſo gemacht? Sprechen Sie!“ „Id. „Oh! mein geliebter Herzog, mit welchem Blicke habe ich auch dieſe Blumen verſchlungen! mit welchen Küſſen habe ich ſie bedeckt!“ „Theure Roſenha!“ „Mein ſchöner Herzog, wenn ich ſterbe, ſo iſt es mein Wille, daß Sie auf das Kiſſen, auf welchem mein Kopf ruhen wird, zwei Veilchenbüſchel legen: es wird mir dann ſcheinen, Sie ſchauen mich die Ewigkeit hin⸗ durch mit Ihren zwei großen blauen Augen an.“ So ſich umſchlingend, jung, ſchön, verliebt, plau⸗ dernd, poetiſch, waren die zwei Kinder,— benn das Mädchen zählte kaum ein paar Monate mehr als der junge Mann,— ſie waren, ſagen wir, reizend anzu⸗ ſchauen;— und ſie ſehend hätte man ſich ſicherlich der anmuthreichſten Scenen der Dichter, welche die Liebe be⸗ ſungen, erinnert; man hätte aber vorzüglich an Romeo und Julie gedacht. Man hätte ihre von den roſigen Wolken der Morgendämmerung erleuchteten Stirnen zu ſehen geglaubt, und ſich gefragt, ob es der Geſang der 214 Nachtigall oder der der Lerche ſei, den man in den Gärten von Schönbrunn hören werde. Der Anblick der Liebe macht an den ewigen Früh⸗ ling glauben! XCVIII. Eiferſucht. Plötzlich verdüſterte ſich die Stirne des jungen Mannes. Seine Augen hatten ſich auf das um den Arm des Mädchens geſchlungene diamantene Bracelet geheftet, und waren von dieſem Bralelet auf den am Gürtel von Roſenha hängenden Biſamſack übergegangen. Der Prinz gab einen ſcharfen Schrei von ſich und drückte ſeine Hand an ſeine Bruſt, als hätte er einen Nadelſtich ins Herz bekommen. Roſenha verdoppelte ihre Zärtlichkeit und ihre Schmeicheleien; doch die Miene ihres Geliebten blieb ſorgenvoll. Sie lächelte indeſſen fortwährend, obſchon ſie die⸗ ſen ſchwachen Schrei gehört, obſchon ſie dieſe gefaltete Stirne geſehen hatte. Endlich ſchien ſie ſich zu entſchließen, die Frage in Angriff zu nehmen. „Sie haben da auf dieſer ſchönen Stirne,“ ſagte ſie, indem ſie mit ihren zarten Fingern über den Platz ſtrich, den ſie bezeichnete;„Sie haben da einen Gedan⸗ ken, den Sie mir verbergen, mein geliebter Prinz! doch für mich iſt er ſo ſichtbar auf Ihrer Stirne, als ein Unkraut in einem Roſenfelde.“ Der Herzog athmete beſchwerlich. — —— ———— 215 den„Laſſen Sie hören,“ fuhr Roſenha fort,„was für ein Gedanke iſt es? Sagen Sie es mir.“ rüh⸗„Roſenha,“ antwortete der Prinz,„ich bin eifer⸗ ſüchtig.“ „Eiferſüchtig,“ verſetzte Roſenha mit einer reizen⸗ den Coquetterie.„Nun wohl, bei meinem Worte, ich vermuthete es.“ „Ah! Sie ſehen wohl!“ „Eiferſüchtig!“ wiederholte Roſenha. „Ja, eiferſüchtig.“ „Und auf wen, mein lieber Herr?“ „Einmal bin ich eiferſüchtig auf Jedermann im Allgemeinen.“ igen„Das heißt auf Niemand eiferſüchtig ſein.“ „Und auf Jemand insbeſondere.“ des„Auf den guten Gott alſo, denn ihn ausgenom⸗ ftet, men liebe ich nur Sie.“ von„Nein, Roſenha, auf ein menſchliches Geſchöpf.“ „Dann iſt es auf Ihren Schatten, Hoheit.“ und„Scherzen Sie nicht mit einem Schmerze, Roſenha.“ inen„Mit einem Schmerze? Ihre Eiferſucht geht bis zum Schmerze?.. Oh! wenn es ſo iſt, machen wir ihre naſch, daß ſie aufhört! Sagen Sie, wer iſt die lieb Perſon?“ „Sie war heute Abend im Theater.“ die⸗„Ah! ja, das iſt wahr: heute Abend im Theater, tete mein vielgeliebter Herr, hatten Sie einen Nebenbuhler.“ „Sie geben es zu?“ ein„Einen Nebenbuhler, von dem ich eine Liebeser⸗ klärung in aller Form erhalten habe.“ agte„Und der Name dieſes Nebenbuhlers, Roſenha?“ latz„Es iſt das Publicum, Hoheit.“ n⸗„Oh!“ ſagte der Prinz mit einer kleinen Bewe⸗ doch gung übler Laune,„ich weiß wohl, Roſenha, daß die ganze Stadt in Sie verliebt iſt... Aber hören Sie mich an. Es handelt ſich um einen Mann, der ſie mit ſo leidenſchaftlichen Augen anſchaute, daß es mir wahr⸗ ein 216 haftig ein gewiſſes Vergnügen gemacht hätte, mit die⸗ ſem frechen Menſchen Streit zu ſuchen!“ Roſenha lächelte. „Ich wette,“ ſagte ſie,„Sie meinen den Indier, Hoheit?“ S „Ganz richtig! ich meine dieſen Menſchen, der ſich v in ſeiner Loge ſo unverſchämt breit machte.“ 2 „Sehr gut, ſehr gut, Hoheit! Fahren Sie fort, ich höre.“ A „Oh! ſpotte nicht, Roſenha! denn ich bin im Ernſte T eiferſüchtig auf ihn... Er iſt nicht einen Moment von der Secunde, wo Du in Scene tratſt, mit den de Augen von Dir gewichen, indeß er während der Oyer der Vorſtellung beizuwohnen ſchien, um Dich in jeder ei Loge zu ſuchen.“ P „Nur um mich zu ſuchen? Sind Sie deſſen ko ſicher?“ be „Und Du, böſes Mädchen, wenn Du mich anzu⸗ be ſchauen aufhörteſt, ſo geſchah es, um die Augen dieſem di Nabob zuzuwenden... Als Du wieder erſchienſt, wel⸗ ne ches königliche Geſchenk warf er Dir auch zu, dieſer Al Raja von Lahore?“ S „Sie können darüber urtheilen, Hoheit,“ erwiederte mi Roſenha, indem ſie ihr Handgelenk bis zur Höhe der nie Augen des Prinzen emporhob. lei „Oh! ich habe die Diamanten wohl erkannt! ſie haben mich bis in meine Loge geblendet!.. Armer kleiner Veilchenſtrauß, wie elend ſahſt du gegen ſie ber aus?“ haſ „Wo war der Veilchenſtrauß, Hoheit?“ Der Herzog lächelte ebenfalls. „Wo ſind die Diamanten?“ „Warum ſind die Diamanten nicht bei Dir in Deiner Wohnung?“ mir „Weil ich ſie nicht von dem Beutel, der ſie be⸗ gleitete, trennen wollte.“ nich „Warum iſt dieſer Beutel an Deiner Seite?“ leſe die⸗ ier, ſich ort, nſte ent den per der zu⸗ em el⸗ ſer rte er ſie er ſie in 217 „Weil er einen Brief enthält.“ „Von dieſem Menſchen?“ „Ja, Hoheit, von dieſem Menſchen.“ „Er hat es gewagt, Dir zu ſchreiben, Roſenha?. Oh! laß mich nicht länger leiden! Hatteſt Du ihn vor dieſem Abend geſehen? kennſt Du ihn? Liebſt Du ihn? liebſt Du ihn?“ Dieſe letzten Worte wurden mit einem ſolchen Ausdrucke von Leiden ausgeſprochen, daß ſie in der Tiefe des Herzens der ſchönen Tänzerin wiederhallten. Ihr Geſicht nahm eine Miene des Ernſtes an, und den ſcherzhaften Ton verlaſſend ſagte ſie: „Alles iſt ernſt bei Ihnen, Franz, und ich hätte ein ſchlechtes Herz, würde ich noch länger über die Pein lachen, die Ihnen dieſer Verdacht verurſachen konnte. Ich kenne oder eate vielmehr, mein lie⸗ ber Herzog, alle Traurigkeiten, welche der am mindeſten begründete Argwohn veranlaſſen kann; ich will alſo dieſen ſo raſch als möglich aus Ihrem Herzen entfer⸗ nen. Ja, Franz, dieſer Mann hat mich den ganzen Abend angeſchaut.. Schaudern Sie nicht ſoz warten Sie, bis ich geendigt habe Doch glauben Sie mir, in dem Blicke dieſes Mannes hätte ſich eine Frau nicht eine Minute getäuſcht; dieſer Blick war nicht der leidenſchaftliche Blick der Liebe; es war der demüthige, flehende Blick der Freundſchaft.“ „Aber er hat Dir geſchrieben, er hat Dir geſchrie⸗ ben, Roſenha! Du haſt es mir ſo eben geſagt, Du haſt es mir ſelbſt geſtanden!“ „Ja, allerdings, er hat mir geſchrieben!“ „Und Du haſt ſeinen Brief geleſen?“ „Zuerſt zweimal, Hoheit; ſodann ein drittes Mal.“ „Oh! was würdeſt Du dann mit einem Briefe von mir machen?“ „Einen Brief von Ihnen, mein Herzog, leſe ich nicht einmal, ich leſe ihn nicht zweimal, dreimal: ich leſe ihn immer!“ 218 „Verzeih' mir, Roſenha, doch der Gedanke, daß ein Mann es wagt, Dir zu ſchreiben, ſchon dieſer Ge⸗ danke allein macht mein Blut kochen.“ „Ehe Sie wiſſen, aus welchem Grunde dieſer Mann mir ſchreibt, armer Narr!“ „Narr, ſo lange Du willſt, Roſenha, ich leugne es nicht; ja, Liebesnarr!... Höre, theures Mädchen meines Herzens, mache mich nicht länger unglücklich! Meine Bruſt iſt beklemmt, als ob keine Luft mehr in dieſem Zimmer wäre.“ „Sagte ich Ihnen nicht, ich habe ſeinen Brief mitgebracht?“ „Ja.“ „Nun wohl, wenn ich ihn mitgebracht habe, ſo iſt es geſchehen, um Sie denſelben auch leſen zu laſſen.“ „So gib ihn mir!“ vief der Prinz. Und er ſtreckte die Hand gegen den duftenden Beutel aus. Das Mädchen ergriff dieſe Hand und küßte ſie zärtlich. „Ja, allerdings, ich will Ihnen den Brief geben,“ ſagte ſie;„doch ein ſolcher Brief ſoll nicht von einer wüthenden, eiferſüchtigen Hand genommen werden.“ „— „Sage mir, wie ich ihn nehmen muß; aber um Gotteswillen gib mir den Brief, Roſenha, wenn Du mich nicht willſt ſterben ſehen!“ Doch ſtatt den Brief dem Prinzen zu geben, legte Poſenha nach und nach die Hand auf das Herz und auf die Stirne des jungen Mannes, wie es ein Magne⸗ dem Gegenſtande thut, der ihm unterwor⸗ en iſt. „Beruhige dich, kochendes Herz!“ ſprach ſie;„kühle dich ab, entflammte Stirne!“* Sodann niederknieend: „Nicht mehr an meinen geliebten Franz wende ich mich; mit Napoleon, König von Rom, wünſche ich zu ſprechen.“ daß Ge⸗ eſer gne ſie en. iner um nich egte und gne⸗ wor⸗ ich zu 219 Der junge Mann richtete ſich raſch in der ganzen Höhe ſeiner Geſtalt auf und fragte: „Was ſagſt Du, Roſenha, und mit welchem Namen nennſt Du mich?“ Roſenha blieb auf den Knieen. „Ich nenne Sie mit dem Namen, den Sie vor den Menſchen und vor Gott empfangen haben, Sire! und ich übergebe im Auftrage eines der bravſten Generale Ihres erhabenen Vaters dieſe demüthige Bittſchrift Eurer Majeſtät.“ Und, immer auf den Knieen, zog das Mädchen aus dem wohlriechenden Beutel den Brief, den er enthielt, und überreichte ihn dem jungen Prinzen. Dieſer nahm ihn mit Zögern „Roſenha,“ ſagte er,„Sie verſichern mir, daß ich den Brief leſen kann?“ „Sie können dies nicht nur, Sire, ſondern Sie müſſen es,“ erwiederte das Mädchen. Der Herzog wiſchte mit ſeinem Sacktuche den Schweiß ab, der von ſeiner bleichen Stirne floß, ent⸗ faltete den Brief und las mit leiſer, zitternder Stimme: „„Meine Schweſter „Seine Schweſter!.„Dieſer Menſch iſt alſo Ihr ruder, Roſenha?“ „Leſen Sie, Sire!“ ſagte das Mädchen, das im⸗ mer auf den Knieen blieb und dem Prinzen fortwährend ſeinen königlichen Titel gab. Der Prinz las weiter: Die Indier, indem ſie Lachme, der Göttin der Güte, die lieblichen Umriſſe, die unausſprechliche An⸗ muth, das zauberhaft Verführeriſche der Schönheit ge⸗ ben, wollten durch dieſe Idee ausdrücken, Keine ſei gut, ſeiſön zu ſein, wie Keine ſchön ſei, ohne gut zu ſein. „„Die Schönheit des Geſichtes iſt, nach den Dich⸗ N 220 tern, nur der natürliche Refler der Seelengüte. Und darum habe ich, als mir die Glückſeligkeit zu Theil wurde, Ihr ſchönes Geſicht zu betrachten, durch dieſe Schönheit, wie durch einen klaren Kriſtall, die Schätze der Güte Ihres Herzens entdeckt...!“ Der Herzog unterbrach ſich im Leſen; die paar Zeilen, die er geleſen, waren nur ein Complimenten⸗ vorſpiel, das ihn über den Sinn des Briefes noch un⸗ entſchieden ließ Er ſchaute das Mädchen an, als wollte er eine Erklärung von ihm verlangen. „Ich bitte, fahren Sie fort,“ ſagte Roſenha. Der Herzog fuhr fort. „„Wir hegen Beide, meine Schweſter, für denſel⸗ ben Mann, oder vielmehr für daſſelbe Kind, die gleiche Zärtlichkeit, die gleiche Liebe, die gleiche Ergebenheit. Dieſe Gemeinſchaft der Zuneigung gründet, ſo fremd wir einander auch dem Anſcheine nach ſind, eine heilige Geſchwiſterſchaft, um deren Vorrechte ich in Demuth bitte. „„Eines von dieſen Vorrechten, das erſte, das koſt⸗ barſte von allen, iſt, von ihm mit Ihnen ſo oft und ſo lange, als es mir möglich wäre, zu ſprechen, mit Ihnen bei dieſen Zuſammenkünften, um die ich Sie im Namen deſſen, was es Heiligſtes in der Welt gibt:— eine Ueberzeugung und eine Ergebenheit,— erſuche, von ſeiner Geſundheit zu ſprechen, die mich erſchreckt, von ſeiner Zukunft, die ich fürchte, von ſeiner Gegenwart, die mir das Herz bricht! mit Ihnen einen Ausgang für dieſes Leben zu ſuchen, welches das Verbängniß untergraben zu haben ſcheint; mich gemeinſchaftlich mit Ihnen an⸗ zuſtrengen, um Alles nicht nur für ſein Glück, ſondern auch für ſeinen Ruhm zu thun. „„Das iſt ſeit ſeines Vaters Tode mein geheimer Gedanke, mein einziges Ziel, meine äußerſte Hoffnung. Um zu ihrer Verwirklichung zu gelangen, habe ich Meere durchſchifft, habe ich die halbe Welt durchreiſt, ec—+—.———. — —— „ 8 221 werde ich die andere Hälfte durchreiſen, auf die Gefahr, ind zwanzigmal mein Leben auf dem Wege zu laſſen, den eil ich zu durchlaufen haben werde, ehe ich zu ihm gelange. eſe„„Sie begreifen aber, meine Schweſter, daß ich itze in einer großen Abſicht gekommen bin. „Viertauſend Meilen von hier, wenn ich nichts ar mehr ſelbſt für mich zu wünſchen hatte, machte ich für en⸗ ihn den Traum, den Namen Franz in den Namen Na⸗ in⸗ poleovn zu verwandeln. Laſſen Sie mich alſo hoffen, ls daß ich, von Ihnen unterſtützt, die Krone des Vaters wieder auf die Stirne des Sohnes ſetzen werde. Ich habe den feſten, den unerſchütterlichen Willen hiezu, und wenn es, um ihn wieder auf den Thron Frankreichs zu bringen, nur die Arme von einer Million Menſchen el⸗ braucht, ſo habe ich das Mittel, ſie zu finden. che„„Ein Mann, der ſeinem Vater in ſeine doppelte it- Verbannung, zuerſt nach der Inſel Elba und ſodann nach md St. Helena, gefolgt iſt, ein Mann, der kommt, um mit ge ihm von ſeinem Vater im Auftrage ſeines Vaters zu th reden; ein Mann, deſſen Name vielleicht bis zu ihm gelangt iſt, trotz der Gefangenſchaft, in der man ihn ſt⸗ hält; ein Mann, deſſen Name das Symbol der Treue ſo und der Ergebenheit iſt, Gastano Sarranti, mein Ge⸗ en fährte, mein Freund, derjenige, welcher zu meiner en Rechten ſitzt, kennt alle meine Pläne. Ihn beauftrage ue ich, den Prinzen davon zu unterrichten; er wird thun, er was ich nicht thun kann, ich, deſſen Schritte beſpäht er werden. Erlangen Sie für ihn eine Zuſammenkunft, e Zuſammenkunft ſei ohne Zeugen, nächtlich, geheim. 36„Es handelt ſich, verſtehen Sie wohl, nicht um unſere Köpfe,— das wäre nichts, wir thun nur unſere n Pflicht, wenn wir ſie bei dieſem furchtbaren Spiele der Verſchwörungen einſetzen,— ſondern um die Zukunft er des Königs von Rom, um das Glück von Napoleon II. g⸗„Wir ſagen Ihnen nicht:— Suchen Sie uns 6 das Mittel, uns beim Prinzen einzuführen;— dieſes 222 Mittel haben wir. Wir ſagen Ihnen: der Prinz wil⸗ lige ein, Herr Sarranti zu empfangen, und morgen zur ſelben Stunde, wo der Prinz dieſen Brief lieſt, wird Herr Sarranti bei ihm ſein.— 8 „„Bitten Sie den Prinzen um Crlaubniß, mich morgen, meine Schweſter empfangen zu dürfen, um mir ſeine Antwort zu geben, und wird mir die Er⸗ laubniß, bei Ihnen zu erſcheinen gewährt, ſo heben und halten Sie, nachdem Sie die Vorhänge am dritten Fenſter des linken Flügels vom Schloſſe, der nach Reidling ſieht, aus einander gethan haben, dreimal eine Kerze an dieſem Fenſter; ich bedarf keiner andern Rachricht. „„In Erwartung dieſer Antwort, auf die wir mehr Gewicht legen, als ein zum Tode Verurtheilter auf die Kunde von ſeiner Begnadigung, danke ich Ihnen, o meine Schweſter, und umarme Sie brüderlich. „„Der General Graf Lebaſtand de Premont. „„N. S. Eine letzte Empfehlung meiner Schweſter: der Prinz weiß, von welcher, vielleicht unſichtbarer, ſicherlich aber reeller Ueberwachung er umgeben iſt; Sie vermöchten ihn alſo nicht zu ſehr, zur größten Vorſicht zu ermahnen. Er braucht ſich Niemand in der Weit anzuvertrauen, als Ihnen und uns, anvertrauen folg⸗ lich nicht einmal dem Gärtner, deſſen Sie ſicher zu und der Sie jeden Abend bei ihm ein⸗ ü r Der Herzog von Reichſtadt erhob das Haupt: das war Alles. Es hatte indeſſen die Stimme des jungen Prinzen, ſo wie er gegen das Ende des Briefes vorrückte, einen Ton angenommen, der bezeichnete, in welchem Grade dieſe Leſung Eindruck auf ihn machte; als er aber zur Unterſchrift kam, konnte er ſich eines Schreis nicht er⸗ wehren; dieſer Name Lebaſtard de Premont war zwan⸗ il⸗ en ſt, NMv8„— 223„ zigmal in ſeiner Gegenwart als der eines der tapferſten Generale der Napolevniſchen Periode ausgeſprochen worden. Roſenha aber, welche, die Hände gefaltet, wäh⸗ rend dieſer ganzen Leſung vor dem Prinzen auf den Knieen geblieben war, fühlte über ihre Wangen zwei ſtille Thränen fließen, beim rührenden Gedanken an dieſer zwei Männer feſte, ergebene Herzen, welche aus der Tiefe Indiens kamen, um eine Zuſammenkunft mit dem Sohne ihres ehemaligen Herrn zu haben, Alles vergeſſend; die inguiſitoriſchen Maßregeln, welche von den Männern des Bundes genommen worden waren, die unter allen Formen in Europa ausgeſtreute willkürliche Polizei und beſonders zu jener Zeit die unbeugſame Strenge, welche die öſterreichiſche Regierung gegen jeden Menſchen anwandte, der mit dem Kaiſer Napoleon verkehrt hatte. Sie ſchauerte unwillkürlich, wenn ſie bedachte, daß dieſer Mann, den ſie frei, reich, glänzend in ſeiner Loge, wie eine indiſche Gottheit in ihrem Allerheilig⸗ ſten geſehen hatte, auf die Bekanntmachung dieſes Brie⸗ fes, den er ihr vor den Augen von zweitauſend Per⸗ ſonen zugeworfen hatte, verhaftet und in einen ſchwar⸗ zen Kerker des Spielbergs abgeführt werden könnte. Und was ſie beſonders tief rührte, die ſchöne Frau mit dem reinen, glühenden, edlen Herzen, das war das Vertrauen, das die zwei Männer in ſie, eine arme Paria der Geſellſchaft, eine arme Beladine des Thea⸗ ters geſetzt hatten. Sie ſchwur auch leiſe, dieſes Vertrauen anzuer⸗ kennen und mit ihrer ganzen Macht die Pläne der zwei änner zu unterſtützen. 224 XCIX. Die drei Erinnerungen des Herzogs von Reichſtadt. Roſenha fühlte, daß der Prinz ſie bei der Hand nahm und vom Boden aufhobz— man elinnert ſich, daß ſie auf den Knieen geblieben war. Da richtete ſie ihre Blicke auf ihn. Nicht minder bewegt als ſie, hatte er die Augen zum Himmel aufgeſchlagen, und zwei große Thränen floßen über ſeine Wangen. „Ah! koſtbare Thränen! Achilles⸗Thränen!“ rief das Mädchen ſie mit den Lippen einſaugend;„Thränen gefallen vom Herzen des Sohnes auf das Grab des Vaters, ſeid geſammelt von Frankreich. Ah!“ fuhr ſie mit Begeiſterung fort,„ſo liebe ich Sie, mein ſchöner Herzog; indem ich Sie ſo verwandelt ſehe, danke ich Gott, daß er mich in Ihre Nähe geſtellt hat, als den Kelch beſtimmt, den Thau Ihrer Thränen zu empfangen. Weinen Sie, weinen Sie, während wir allein ſind; Ihre Thränen ſind wie die Veilchen: ſie öffnen ſich nur im Schatten und in der Dunkelbeit.“ Und während es ſo ſprach, bedeckte das Mädchen mit Küſſen, keuſch wie die einer Schweſter, das thrä⸗ nenfeuchte Geſicht des Prinzen 4 Er antwortete ihr, indem er ſie voll Leidenſchaft küßte, jedoch mit einem Gedanken, der über den Wol⸗ ken zu ſchweben ſchien: „Ja, ja, theures Mädchen, Du haſt Recht, Gott hat Dich zu mir geſtellt als den Engel der Thränen; vortreffliches Geſchöpf, dieſe Quelle der kindlichen Liebe, welche in mir unter dem Blicke der Andern verſiegt und zurückgedrängt worden iſt, ſpringt und fließt vor Dir allein, unter Deinem wohlthätigen Blicke.“ and ſich, gen inen rief nen des ſie ner den en. nd; nur hen rä⸗ aft ol⸗ ott n; be, ind Dir 225 „Mein Herzog!“ „Sei geſegnet!“ fuhr der Prinz fort, ohne daß es ihm einfiel, die Thränen abzutrocknen, die ihm die Bruſt zu erleichtern ſchienen;„ſei geſegnet für die ſüßen Stunden, die mir Dein Andenken gibt, und für das koſtbare Leben, das mir Deine Gegenwart gibt! Oh! Du haſt es geſagt, mit Dir allein kann ich laut wei⸗ nen und lächeln; bei Dir allein kann ich vergeſſen und mich erinnern, mit Dir allein kann ich von meinem Vater und von Frankreich ſprechen!“ Roſenha begriff, daß ſie auf dieſem Wege zu ihrem Ziele gelangen mußte. „Dein Vater! Frankreich! oh! erinnerſt Du Dich ihrer, mein ſchöner Herzog?“ ſprach ſie.„Dann ſprich mir hievon, ich bitte Dich! Ich auch, ich auch,“ fügte ſie ſeufzend bei,„ich habe Träume, wie Mignon und wie Du, von einer verlorenen Mutter und von einer verlorenen Heimath!“ „Ja,“ ſprach der Prinz, deſſen klares, reizendes Auge in die Vergangenheit zu ſchauen ſchien;„ja, ich erinnere mich meines Vaters, doch bei einem einzigen Umſtande. In einer Nacht erwachte ich in meiner Wiege, wie wenn man mitten in ſeinem Schlafe in ſeiner Nähe die Gegenwart von Jemand fühlt, der uns liebt. Zwei Perſonen ſtanden vor mir: die eine war meine Mutter, die Herzogin von Parma Der junge Mann ſprach dieſe Worte mit einer tiefen Bitterkeit. „Die andere mein Vater, der Kaiſer Napoleon!..“ Und, ganz im Gegentheile, während er die letzten Worte ſprach, hob der Prinz die Hand empor, als wollte er den Himmel berühren. „Er ließ ſich auf mein Bett nieder und küßte mich. Ich umſchlang ſeinen Hals mit meinen Armen und küßte ihn auch; allein, ſeltſam! es bleibt mir von dieſer vä⸗ terlichen Umarmung dieſelbe Erinnerung, die mir vom Kuſſe einer Statue bleiben würde.“ 6 Die Mohicgner von Paris. 1. 15( 226 „Und Du fühlſt dieſen Kuß immer noch, nicht S wahr, mein Herzog?“ m g „Du ſiehſt immer noch denjenigen, der ihn Dir de gegeben hat?“. Y „Jäl!“ he „Oh! bewahre dieſe Erinnerung wohl in Deinem Herzen! vergiß ſie nie.“ P „Es iſt keine Gefahr,“ erwiederte der junge Mann R mit einem ſchwermüthigen Lächeln, indem er ſeine Hand S auf ſeine Bruſt legte:„das iſt Alles, was mir von Ar ihm bleibt!.. Du haſt keine Idee, wie ſchön er war, Roſenha; ſchön wie ein antikes Bildniß, ſchön di wie die Denkmünze von Alexander, ſchön wie die Denk⸗ münze von Auguſtus!“ „Du ſollſt ihm gleichen, mein geliebter Herzog.“ „Ja, wie der flüchtige, körperloſe Traum einer mo ehernen Bildſäule gleicht!.. Nein,“ fügte er mit einem faſt ſchmerzlichen Ausdrucke bei,„nein, ich habe die Er Augen meiner Mutter, ich habe die Haare meiner Mut⸗ ter; ich bin Oeſterreicher; ich heiße Franz!“ „Du biſt Franzoſe, und Du heißeſt Napoleon, das ſpr ſage ich Dir,“ ſprach das Mädchen.„Laß uns von den Deinem Vater reden; laß uns von Frankreich reden.“ ken „Mein Vater,— das iſt, wie geſagt, die einzige Ha Erinnerung, die ich von ihm habe. Er ging zu dem großen, glänzenden Feldzuge von 1814 ab, wo aller Ge Ruhm auf der Seite des Veſiegten iſt. Ich habe oſt ich meinen Vater mit dem durch Scipio beſtegten Hann⸗ erſt bal verglichen, der, obgleich beſiegt, dennoch vor der Fr Nachwelt größer blieb, als ſein Beſieger.“ rüc „Ja, ja, größer als Scipio, größer als Cäſar, ver größer als Karl der Große, größer als Alles!. Oh! Bli mein Herzog, welch ein Beiſpiel!“ ich „Ein erdrückendes, Roſenha, und das iſt es, was voll mich in Verzweiflung bringt. Was thun nach einem Wä ſolchen Manne?.. Höre, ich denke vft, ich ſei durch das aus nicht Dir einem Rann Hand von ner ſchön Denk⸗ einer inem die Mut⸗ das von en. nzige dem aller oft nni⸗ der äſar, Oh! was nem das 227 Schickſal neben dieſe große Geſtalt wie ein bleicher, melancholiſcher Schatten beſtimmt, ſie hervorzuheben, geſtellt worden; wie jene Aegypter, die der Maler an den Fuß der Pyramiden ſetzt, um die Kleinheit des Menſchen und die Größe des Monuments hervorzu⸗ heben.“ „Und dennoch mein Herzog, kann der Araber die Pyramide erklettern, kann der Araber den Gipfel des Rieſengebäudes erreichen; allerdings iſt jede von den Stufen, durch die man dieſen Gipfel erreicht, zwei Armlängen hoch.“ „Ich würde unterliegen, Roſenha: ich habe nicht die Kraft, groß zu ſein.“ Er ſank erſchöpft auf das Canapé. „Ich habe nicht einmal die, glücklich zu ſein.“ Roſenha legte ſich zu ſeinen Füßen und dachte, man müſſe ihn zu heiterern Ideen zurückführen. „Laſſen Sie nun hören,“ ſagte ſie,„was ſind Ihre Erinnerungen von Frankreich?“ „Oh! dieſe beſchränken ſich auf zwei.“ „Sagen Sie mir dieſelben, mein lieber Prinz.“ ſprach das Mädchen, indem es ſeine beiden Arme auf den Schovß des jungen Mannes legte, deſſen nachden⸗ kende, geſenkte Stirne unter ſeinen ſchönen gelockten Haaren verſchwand. „Eines Tags,— ich glaube, es war an meinem Geburtstage, am 28. März 1814,— eine Woche, ehe ich Paris vielleicht für immer verließ,— glänzten die erſten Strahlen des Frühlings am Himmel; wir kamen, Frau von Montesquivu und ich, in meinem Wagen zu⸗ rück. Plötzlich bemerkte ich Blumenmaſſen,— wo? ich vermöchte es nicht zu ſagen.— Du weißt, wie ich die Blumen liebe, Roſenha. Ich rief:„Oh! Blumen! ich will Blumen! ich will viek, ich will meinen Wagen voll Blumen!“ Man holte die ſchönſten Blumen. Während dieſer Zeit ſchaute ich durch den Schlag hin⸗ aus, und im Entreſol des Hauſes, vor dem mein Wa⸗ 228 gen angehalten hatte, ſah ich an einem Fenſter ſitzend, einen jungen Mann und ein Mädchen; jedes arbeitete ſeinerſeits: der junge Mann machte Uhren, das Mädchen Blumen.“ „„Ei!““ ſagte ich zu Frau von Montesquiou,„ich glaubte, der gute Gott mache die Blumen.““ „„Allerdings, Sire, der gute Gott,““ antwortete ſie mir. „Oh! nein,““ entgegnete ich, auf das Mädchen deutend,„„Du ſiehſt wohl, daß die Frauen ſie machen.““ „Sie lächelte, und ich ſchaute und horchte fort⸗ während. Die Blumenmacherin ſang ein Lied, und der junge Mann ſang den Refrain mit ihr. Leider ſagte man ihnen wahrſcheinlich, ich ſei da, ganz nahe bei ihnen, vor ihrem Fenſter; denn ſie unterbrachen ſich plötzlich, der Eine in ſeinem Uhrenmachen, die Andere in ihrem Blumenmachen, und Beide riefen: „„Es lebe der König von Rom!““ „Ich aber rief meinerſeits: „„Ich will, daß ſie ſingen! ſie ſollen ſingen!““ „Der Wagen ging ab... Roſenha, ich ſehe noch die zwei ſchönen jungen Leute an ihrem Fenſter; oft habe ich ſeitdem von ihnen mit Frau von Montesquiou geſprochen. Als ich Kind war, ſagte ſie mir, es ſeien der Bruder und die Schweſter geweſen; ſpäter begriff ich, daß es Liebhaber und Geliebte waren... Zwei Stieglitze hüpften in ihrem Käſich, das Mädchen ſang, Poſenha, ich würde mich noch heute Nacht auf das Uhrenmachen legen, könnte ich ſie in Paris in einem Stübchen am Ufer der Seine machen, während Du Blu⸗ men machen und das Lied ſingen würdeſt, das im Grunde meines Gedächtniſſes geblieben iſt... Ah! wenn Du wüßteſt, wie oft ich ſeit jenem Tage Stunden der Schlafloſigkeit zugebracht habe, um in meinem Kopfe die verſchiedenen Takte diefer Melodie, welche ſo ſanft und melancholiſch wie eine Melodie von Weber, wieder anzuknüpfen!“ we ver Uh Kla es end, itete chen „ich rtete chen fort⸗ der agte bei ſich dere noch oft uiou eien riff wei ang, das nem lu⸗ inde der opfe anft eder 229 „Sagen Sie mir dieſe Melodie, mein lieber Her⸗ zog, vielleicht werde ich ſie wiederfinden... Der Prinz verſuchte es, jedoch vergebens: bei der dritten oder vierten Note brach die Melodie zwiſchen ſeinen Lippen ab. „Ah! wenn ich die Melodie wüßte,“ ſagte er,„ich bin überzeugt, ich würde mich der Worte erinnern! Ich habe ſie überall verlangen laſſen: bei allen Muſikalien⸗ händlern von Wien und von Deutſchland, ſelbſt bei der franzöſiſchen Geſandtſchaft.“ „Erinnern Sie ſich denn nicht des Titels vom Liede?“ „Nein„ ich glaube, ich habe es nicht einmal ganz gehört: ich werde nur ein paar Strophen davon gehört haben... Ei! mein Gott, ich erzähle Dir das, um Dir zu zeigen, daß ich das Land meiner erſten Jahre nicht vergeſſen habe.“ „Ah! mein lieber Herzog, wie gern möchte ich dieſes Lied wiſſen!“ „Im Ganzen iſt es vielleicht albern,“ ſprach der junge Prinz;„doch das ſollte mich wundern: ich habe eine ſo reine, ſo ſüße, ſo friſche Erinnerung davon be⸗ wahrt!. Oh! meine verfloſſene Kindheit! oh! mein verſchwundenes Heimathland! oh! die Blumen, mit denen man meinen Wagen überhäufte! oh! das Fenſter⸗ en der zwei Liebenden! der junge Mann, welcher Uhren machte, und das Mädchen, das ſang: „Nimite pas la päquerette, Et fuis les yeux les Roſenha gab einen Schrei von ſich und lief ans Klavier. „Wohin gehſt Du?“ fragte der Herzog. „Warten Sie, Hoheit,“ ſagte das Mädchen.„Sollte es vielleicht das ſein?“ Und ihre Finger liefen über das Klavier, und ſie 230 ließ, nach einem glänzenden Vorſpiele, eine liebliche Melodie hören, auf die ſie folgende zwei Verſe ſang: fo NWimite pas la päquerette, Et fuis jes regards du matin ²).. „Das iſt es!“ rief der junge Mann.„Oh! Du kennſt es! Du kennſt mein Lied! Singe, ich bitte Dich⸗ ſinge!“ Das Mädchen ſang: Sur les gazons, la päquerette, Aux premiers rayons du matin, Entr'ouvre, d'une main coquette, al Les plis blancs de sa colerette A tous les passants du chemin „Iſt es wirklich das?“ fragte ſie. „Ja, ja, das iſt es,“ erwiederte der Prinz,„ob⸗ ſchon ich dieſe erſte Strophe nicht gehört habe; wahr⸗ ſcheinlich war ſie geſungen, als ich ankam. Oh! theure Roſenha, ich hatte wohl Recht, als ich ſagte, all mein Glück komme von Dir. Sprich, biſt Du nicht wirklich meine Schweſter, Du, die Du wie mit ſechszehn Jah⸗ ren die Lieder ſingen kannſt, die ich mit drei gehört habe?. Ah! ich täuſche mich, wenn ich glaube, ich ju kenne Dich erſt ſeit ein paar Monaten: Du biſt mit ſin mir aufgezogen wordenz wir haben mit einander in Frankreich gelebt. Singe, Roſenha, ich höre Dich“ Roſenha wollte das Lied wieder aufnehmen, wo ſie es verlaſſen hatte. *) Ahme nicht dem Gänſeblümchen nach und fliehe die Blicke des Morgens. gie 2) Auf dem Raſen, bei den erſten Strahlen des Morgens, dr öffnet das Gänſeblümchen mit coguetter Hand die weißen Fal⸗* ten ſeines Kollerchens Allen, die auf dem Wege vorübergehen. iche Du ich, 231 „Nein,“ ſagte der Herzog:„von Anfang, von An⸗ fang!“ Roſenha wiederholte: Sour les gazons, la päquerette, Aux premiers rayons du matin, Entr'ouvre, d'une main coquette, Les plis Planes de sa colerette A tous les passants du chemin.„ NWimite pas la päquerette Et fuis les regards du matin. „Oh! das iſt es!“ rief der junge Mann, glücklicher, als wenn er einen Schatz gefunden hätte. Das Miädchen fuhr fort: Dans les prés verts, la marguerite Se promène coquettement; Le vent se met à sa poursuite, Lenlace, et la pauyre petite Expire aux Pras de son amant.. Wimite pas la marguerite, Et fuis jusqu' au souffle du vent*)! „Ich erinnere mich! ich erinnere mich!“ rief der junge Prinz in die Hände klatſchend.„Singe, Roſenha! ſinge! ich höre!“ Roſenha ſang: Au fond des bois, les violettes, Chastes, dérobent leur beauté, — Auf den grünen Wieſen geht das Gänſebrümchen gefall⸗ gierig ſpazieren; der Wind verfolgt ſie, umſchlingt ſie, und die arme Kleine verſcheidet in den Armen ihres Geliebten. Ahme Fainſlinin nicht nach, und fliehe ſelbſt des Windes 232 Ne disant qu'aux herbes diserdtes Le secret de leurs amourettes Pendant les belles nuits d'été... Au fond des ombreuses retraites, Fuyons ensemble, 6 ma beauté*²)! Und nach jedem Verſe wiederholte der junge Mann den Vers, und nach jeder Strophe die Strophe, und er ließ Roſenha das Klavier nicht eher verlaſſen, als bis er das Lied, Worte und Muſik, auswendig konnte. Doch ſie begriff, die ſchöne und poetiſche Roſenha, daß ſie ſich von ihrem Ziele entfernt hatte. Sie warf einen Blick nach der Pendeluhr: es ſollte zwei Uhr Morgens in zehn Minuten ſchlagen; ſie errieth, daß der General de Prémont, oder Sarranti, oder vielleicht Beide, im Angeſichte des Fenſters, das Signal erwar⸗ teten, das ihnen gegeben werden ſollte. Sie kam auch zu der zweiten Erinnerung zurück, welche der Herzog von Reichſtadt von Frankreich be⸗ wahrt zu haben behauptete. „Aber mein Prinz ſprach noch von einem Blitze ſeiner Jugend, von einem Reflexe ſeiner erſten Tage; ich erlaſſe ihm das nicht.“ „Ah! dieſe Erinnerung,“ erwiederte der Herzog, indem er ſeinen Kopf auf ſeine Bruſt fallen ließ,„as iſt, als ich die Tuilerien verlaſſen mußte, um mich nach Rambouillet zu begeben. Der Feind war im Begriffe, Paris zu umſchließen; meine Mutter ſagte zu mir: „„Komm, Karl!““ „Doch ich, ich rief: *) In der Tiefe der Wälder verbergen die keuſchen Veil⸗ chen ihre Schönheit, ſie ſagen nur den verſchwiegenen Kräutern das Geheimniß ihrer Liebſchaften in den ſchönen Sommernäch⸗ ten.. In die Tiefe der ſchattenreichen Einſamkeit laß uns mit einander fliehen, v meine Schöne! ann d er bis nha, varf Uhr der eicht var⸗ rück, be⸗ litze ge; zog, das ach iffe, zeil⸗ tern äch⸗ uns 233 „„Nein, nein, ich will nicht gehen, ich will die Tuilerien nicht verlaſſen!““ „Und ich klammerte mich an die Bettvorhänge, an die Draperien der Thüre an und ſchrie fortwährend: „„Nein, nein, ich will nicht gehen!““ „Man trug mich wider meinen Willen weg,“ fuhr der junge Mann mit erſtickter Stimme fort.„Eine Ahnung ſagte mir, ich werde die Tuilerien nie wieder⸗ ſehen; meine Ahnung hat mich nicht getäuſcht!“ „Nun denn, Hoheit,“ ſprach Roſenha,„die Tuile⸗ rien, wenn Sie es wollen,— überlegen Sie das wohl, — Sie werden ſie nicht für immer verlaſſen haben!“ Und ſie lief ans Fenſter,— an das dritte Fenſter des rechten Flügels vom Schloſſe Schönbrunn,— ergriff die Vorhänge mit einer Hand, hob und ſenkte mit der andern dreimal die Kerze. Das war, wie man ſich erinnert, das vom Gene⸗ ral Lebaſtard de Prémont verlangte Signal. Der junge Mann machte Anfangs einen Schritt, um ſie zurückzuhalten; doch faſt in demſelben Augen⸗ blicke dieſe Bewegung der Schwäche bewältigend, ſagte er: „Wohlan, das Geſchick jedes Menſchen muß in Er⸗ füllung gehen... Ich danke, Roſenha!“ Fünf Minuten nachher hörte man das Geräuſch eines Pferdes, das im ſchnellſten Laufe der Landſtraße in der Richtung von Meidling nach Wien folgte. 234 C. Das zu nichts nützt, als die Laune des Autors zu befriedigen. Ein geſchickter Romanenſchreiber, der darauf bedacht wäre, haushälteriſch mit ſeinen Effecten umzugehen, würde das Kapitel, das man nun leſen ſoll, über⸗ ſpringen und ſogleich von dem vom Galoppe des Pfer⸗ des, das ſeinen Herrn nach Wien trägt, hervorgebrach⸗ ten Geräuſche zur Erſcheinung von Herrn Sarranti ſchreiten; für heute erlaube man uns aber, ein unge⸗ ſchickter Romanenſchreiber zu ſein. Wie geſagt, dieſe Ge⸗ ſchichte iſt eine Geſchichte, die wir im vertrauten Kreiſe von drei bis viertauſend Freunden erzählen; wir gön⸗ nen uns alſo jede Freiheit, nach unſerer Fantaſie, und nicht nach dem Cirkel zu handeln, feſt überzeugt, wie wir ſind, daß man uns mit Nachſicht anhört und uns bis in unſern Fehlern liebt. Was wollen Sie? wir haben nicht den Muth, ſo dieſe zwei Kinder zu verlaſſen, welche wir in einigen Kapiteln zu verlaſſen gezwungen ſein werden, um ſie vielleicht nie wiederzuſehen, und die,— eher Erinne⸗ rungen unſeres Herzens, als Schöpfung unſeres Gei⸗ ſtes,— in unſeren Augen den ganzen Zauber von Daphnis und Chlos von Longus, von Romeo und Julie von Shakeſpeare, von Paul und Virginie von Bernardin de Saint⸗Pierre haben. Denken Sie ſich die graziöſeſte Stellung, die Sie den zwei jungen Griechen, den zwei ſchönen Veroneſen, den zwei reizenden Creolen der Isle de France geben, und Sie werden kein reizenderes Bild haben, als das, welches die zwei Helden dieſer Geſchichte in dem Augen⸗ 235 blicke bieten, wo wir in das Schlafzimmer des Herzogs von Reichſtadt zurückkehren. Zum zweiten Male hatte ſich der junge Mann un⸗ ter der Anſtrengung gebeugt; der Prinz war verſchwun⸗ den: das ſchüchterne, kränkliche Kind hatte wieder ſeinen Platz eingenommen. Dieſes war es, das ſich auf die Kiſ⸗ ſen gelegt hatte, und deſſen bleicher Kopf mit den con⸗ vulſiviſchen Adern ſich auf dem Schooße von Roſenha ausſtreckte. ht Auf der Ottomane ſitzend, bildete Roſenha mit n, ihren beiden ausgeſpannten Händen dem Herzog ein r⸗ Halsband; ihre zarten, roſigen Finger kreuzten ſich un⸗ r⸗ ter dem bartloſen Kinne ihres Geliebten, und da er h⸗ ſeinen Kopf ſanft zurückgelegt hatte, ſo ſpiegelte ſie ti ihre ſchwarzen, ſammetartigen Augen im feuchten Azur der Augen des Prinzen. e Oh! wie oft, wenn ich die Unmacht meiner Feder ſe fühlte, das wiederzugeben, was ich ſo gut im Spie⸗ 5 gel meiner Einbildungskraft ſah, wie oft beklagte ich, nd daß ich nicht ſtatt dieſer machtloſen Feder, mit der ich ie zu ſchreiben verſuchte, den Zauberpinſel von Tizian oder n8 Albano hatte! Doch was wollen Sie? nur Michel Angklo allein war es vergönnt, vom Himmel vier See⸗ ſo len erhalten zu haben. Man muß ſich mit dem begnü⸗ en gen, was uns der Herr gibt, und ich bin es nicht, ſie welchen Grund ich vielleicht auch dazu habe, der ſich e⸗ über den Geiz Gottes beklagen wird. ei⸗ Das Kind, ermüdet dadurch, daß es einen Augen⸗ on blick die Höhe der Energie des Mannes erreicht hatte, nd war wieder Kind geworden; Roſenha hatte ſeine on Schwäche begriffen, und ſie liebkoſte den Prinzen, wie es eine Mutter mit ihrem Sohne, oder vielmehr eine ie ältere Schweſter mit ihrem Bruder thut. en, Ah! wir werden nicht müde, es zu wiederholen, en, es war ein anbetungswürdiges Bild, das Bild dieſes, as, vielleicht ein wenig weibiſchen, aber ſanften, lieblichen, en⸗ reinen Geſichtes, wie es, die Lippen leicht geöffnet, 236 hinter den Lippen Perlzähne, auf dieſem ſchönen Ge⸗ ſchöpfe zurücklag, das ſtatt des Erhabenen, welches daſſelbe verlaſſen, zugleich eine dreifache Anziehungs⸗ kraft hatte: die Ergebenheit einer Mutter, die Nachſicht einer Schweſter, die Zärtlichkeit einer Frau. Schon oft, in den Stunden der Traurigkeit und der Verein⸗ zelung, hatte ſie ihn ſo beruhigt, gewiegt, unter ihren Liebkoſungen, unter ihren Liedern, unter ihren Küſſen eingeſchläfert; mit ihm weinend, mit ihm ſich tröſtend, mit ihm lachend; bereit, zu bleiben, wenn er es wollte, bereit, zu ſterben, wenn er es wünſchte! Ihre Sorgſamkeit für das erhabene Kind war unerſchütterlich, gränzenlos: ſie war ſtolz auf den Her⸗ zog und zugleich von wahnſinniger Liebe für ihn er⸗ füllt. Man hätte glauben ſollen, dieſer junge Mann ſei ihr Geſchöpfz keine Andere,— weder Schweſter, noch Mutter, noch Amme,— habe Rechte auf ihn. Sie fühlte ihren Athem, ihr Leben, ihre Seele, innig, un⸗ auftlösbar mit dem Leben, mit der Seele mit dem Athem ihres Geliebten verbunden. Dieſe Sorgſamkeit, dieſe Theilnahme, dieſe Zuvorkommenheiten im Lächeln, im Blicke, in der Geberde hatten ſeit drei Monaten den jungen Mann ſeine vergoldete Gefangenſchaft ver⸗ geſſen laſſen; und, von Roſenha in ein Paradies ver⸗ wandelt, war das Gefängniß des Prinzen ein Ort der Wonne geworden, von welchem zu entfliehen ihm nie eingefallen wäre. Doch dieſes Zauberland war der ſchwimmenden Inſel von Latona ähnlich; es ſchien wie ein Schiff vor Anker zu liegen, und jeden Augenblick konnte das Tau,— gebrochen durch den Hauch Gottes, oder ab⸗ geſchnitten durch die Hand der Menſchen,— die Inſel gegen jene Horizonte des Ehrgeizes treiben laſſen, welche man vor den Blicken des Herzogs zu verbergen be⸗ müht war. In ſolchen Augenblicken kam dem jungen Adler, der ſeine Flügel wachſen fühlte, der Gedanke, ſie aus e h n —————-——c e——— e—— 1— c 237 einander zu breiten und zu entfliehen. Doch dieſe Frei⸗ heitsbegierden, welche manchmal das Herz des jungen Mannes ergriffen, zerſtreuten ſich ſehr raſch unter dem Hauche der launenhaften Leidenſchaften des Kindes, und wie er, noch jünger, ſein Unterrichtsbuch verließ, um einen militäriſchen Cortége vorüberziehen zu ſehen, ſo verließ er als junger Mann ſeine Erinnerungen und ſeine Velleitäten politiſchen Ehrgeizes, um, wie von Blumen begränzte weiße Theorien, den leuchtenden Cortége ſeiner Liebesilluſionen vorüberziehen zu ſehen. Dann fand aber der Prinz eine Stütze für ſeine Männlichkeit gerade in Roſenha, die man vielleicht nur in der Hoffnung, ſie werde dieſelbe unterdrücken, zu ihm gelangen ließ; denn, ſtatt eine Feindin dieſer Zukunft voller Stürme, aber auch voll blitzenden Lichtes zu ſein, wurde ſie eine Verbündete für ihn; ſtatt gegen ihn zu kämpfen, kämpfte ſie für ihn; ſtatt den Prinzen bis zu ſich zu erniedrigen, ſtrebte ſie danach, ihn bis zum Prinzen zu erheben. Liebend, leidenſchaftlich, war ſie indeſſen bis dahin eher das Echo, das antwortet, als die Stimme, die räth, geweſen, eher der Herd, der erwärmt, als die Flammenſäule, die durch die Wüſte führt; ſie kämpfte, jedoch ohne Kraft, ohne Willen, ohne Endzweck, und dieſe mit Bitten, Aufmunterungen und Bravos ange⸗ fangenen Kämpfe endigten immer mit Küſſen. Erſt an dieſem Abend hatte ſie der Brief des Generals ver⸗ wandelt, und man hat geſehen, welchen Einfluß ſie auf den Entſchluß des Prinzen übte. Erſtaunt, dieſen Entſchluß gefaßt zu haben, ſing der junge Mann an darüber zu erſchrecken. Es war das erſte Mal unter den tauſend Geſuchen dieſer Art, deren Gegenſtand er geweſen, es war das erſte Mal, daß er ohne die Erlaubniß des Fürſten Metternich und ohne die Genehmigung ſeines Großvaters Franz ein⸗ willigte, einen Fremden, einen Diener ſeines Vaters zu empfangenz und er würde ſich ſicherlich nie bis zu dieſer Kühnheit erhoben haben, wäre das Mädchen nicht 8 238 da geweſen, um ihn zu unterſtützen, zu exaltiren, und endlich, das Zeichen zur Zuſammenkunft am andern Tage gebend, materiell das zu thun, was er nie ſelbſt zu thun gewagt hätte. Alle Schwierigkeiten eines ſolchen Unternehmens traten vor ſeinen Geiſt, und wie groß auch die Ge⸗ wandtheit, wie groß der Muth, wie groß die Ergeben⸗ heit dieſer Männer ſein mochten, er konnte ſich eines Schauers für ſich und beſonders für ſie nicht erwehren bei dem Gedanken, er werde am andern Tage, zur ſel⸗ ben Stunde, ſtatt von Liebe mit einer Geliebten zu plaudern, von Flucht, von Verſchwörung, von Kämpfen mit einem rauhen, ſtrengen Krieger ſprechen. Unter dieſem über die reizende Gruppe, welche wir zu ſchildern verſucht haben, und die durch ihre Unbe⸗ weglichkeit einer gemalten Marmorgruppe glich, aus⸗ gebreiteten Stillſchweigen bebte der Prinz zuweilen auch plötzlich und ſchüttelte den Kopf. Da fragte ihn das Mädchen: „Woran denken Sie, Hoheit?“ Doch der Prinz ſchwieg fortwährend, und er dachte, als hätte ihn das Geräuſch, das ſeine Gedanken ſich bildend machten, erſchreckt, ganz leiſe. Endlich antwortete er auf eine dieſer Fragen: „Woran ich denke, Roſenha? Ich denke an die Tollheit dieſer zwei Männer.“ „An ihre Tollheit, mein Prinz? Ich hätte ge⸗ glaubt, Eure Hoheit dächte an ihre Ergebenheit.“ „Spreche ich von ihrer Tollheit, ſo iſt dies eine Anſpielung auf das unmögliche Project, bis zu mir zu gelangen.“ „Hoheit, nichts iſt unmöglich für den, der feſt will. Haben wir nicht mit einander die Geſchichte eines fran⸗ zöſiſchen Gefangenen Namens Latude geleſen, der drei⸗ mal aus ſeinem Gefängniß entwiſcht iſt: zweimal aus der Baſtille, einmal aus Vincennes?“ „Ja, Du haſt zuweilen einen Gefangenen aus ſei⸗ 239 nem Gefängniſſe entfliehen ſehen; doch Du haſt nie einen Freund in ein ſolches eintreten ſehen.“ „Sie werden eintreten, Hoheit.“ „Es mag ſein; doch man wird ſie ſehen, anzeigen, verhaften... Du weißt nicht, auf welche unſichtbare Art ich bewacht bin!“ „Sie wiſſen es, da ſie Ihnen ſagen, Sie ſollen Niemand vertrauen.“ „Mache ich eine Spazierfahrt auf der Donau, ſo iſt ein Fiſcher da, der ſeine Retze gerade hundert Schritte von der Stelle flickt, wo ich das Land verlaſſe; zugleich mit der meinigen ſtößt ſeine Barke vom Ufer ab; er gibt ſich den Anſchein, als ſähe er mich nicht, und läßt mich nicht aus dem Blicke; er gibt ſich den Anſchein, als kennete er mich, und gehe ich auf ihn zu, rede ich ihn an, ſo ſtammelt er die Worte: Hoheit, gnä⸗ digſter Herr.“ „Glauben Sie, ich wiſſe das nicht?“ „Gehe ich auf die Jagd, und laſſe ich mich in Ver⸗ folgung eines Hirſches fortreißen; verliere ich mich, aus Unachtſamkeit oder willkürlich, unter dem Gewölbe unſerer ungeheuren Wälder, unter dem Schatten unſerer großen Bäume, und ich athme, dahin gelangt, mich allein, fern von allen Blicken glaubend, frei, nicht wie ein Prinz athmet, ſondern wie der Letzte der Menſchen athmet,— da höre ich fünfzig Schritte von mir das Lied eines Holzhauers, der ſein Reisbüſchel bindet. Dieſer Holzhauer, mich erwartete er; von dem Stricke, mit dem er ſein Büſchel bindet, iſt ein Ende um meinen Fuß gerollt, und ich bemerke, daß ich mich getäuſcht hatte, daß die Bäume keinen Schatten mehr haben, daß der Wald keine Einſamkeit mehr hat.“ „Sie lehren mich nichts Neues, Hoheit.“ „Erſticke ich in den ſchönen Sommernächten in dieſen Gemächern mit dem dicken Tapetenwerk, und es erfaßt mich die Luſt, in den Park hinabzugehen, deſſen friſche Raſen ſich unter meinen Augen entrollten, ſo 240 begegne ich zuerſt einem verſpäteten Kammerdiener, der die Treppe heraufſteigt, während ich hinabſteigez ſodann, vor der Thüre, treffe ich eine Schildwache, welche ſtehen bleibt und das Gewehr vor mir präſentirt. Ueber⸗ drüſſig, immer Prinz zu ſein, unabläſſig Prinz zu ſein, in der Finſterniß wie im Lichte Prinz zu ſein, ſtürze ich ſodann in den Park, ich verlaſſe die Alleen, ich vertiefe mich in das Labyrinth des grünen Waldes Du glaubſt, ich ſei dort allein, Roſenha? Du täuſcheſt Dich ich höre hinter mir das Geräuſch eines krachen⸗ den Zweiges; ich ſehe einen Baumſtamm ſich abdop⸗ peln, einen Schatten hinſchlüpfen. Ich bin eben ſo gefangen, als in meinen Gemächern; nur hat mein Gefängniß, ſtatt zwanzig Schritte im Durchmeſſer zu haben, drei Meilen im Umfange; mein Fenſter iſt nicht mehr vergittert, mein Horizont hat eine Mauer!“ „Ah! was Sie mir da ſagen, Hoheit, Jedermann ſagt es wie Sie; doch wo wäre das Verdienſt für dieſe zwei Männer, zu erfüllen, was ſie unternehmen, wäre die Aufgabe nicht, ſchwierig, ungehener, beinahe un⸗ möglich?“ „Sie werden darauf verzichten, Roſenha,“ ſagte der Prinz, eine Hoffnung unter einem Zweifel verbergend. „Hoheit, ſo wahr als Sie mir ein böſes Geſicht beim Eintritte in Ihre Wohnung gemacht haben, ſo wahr iſt es die Furcht, und nicht die Ueberzeugung, was Sie ſo Etwas ſagen läßt.“ „Ich habe Dich ſchlecht empfangen?“ „Oh! was für ein ſchlimmes Geſicht haben Sie zuweilen, mein Prinz!“ „Ich war traurig, Roſenha.“ „Sagen Sie, Sie ſeien eiferſüchtig geweſen.“ „Es mag ſein; ich war eiferſüchtig.“ „Pfui! welch ein abſcheuliches Ding iſt die Eifer⸗ ſucht! Ueberlaſſen Sie das den Prinzen des Hauſes Oeſterreich, und da Sie Franzoſe ſind, ſo lieben Sie, wie man in Frankreich liebt.“ — 8 8 S„— — — 241 er„Du weißt, wie man in Frankreich liebt, Ro⸗ n. ſenha?“ „Mein Gott! nein; doch ich habe ſagen hören, die r Eiferſucht ſei der größte Schimpf, den man einer Frau in anthun könne.⸗ S tze„Es iſt Wahres hieran, doch was bei dieſem Falle ich Wahres iſt, iſt es nicht für Dich, Roſenha, die Du 4 weder Franzöfin, noch Oeſterreicherin, noch Englän⸗ eſt derin, noch Italienexin biſt, obſchon Du für Dich allein e⸗ wenigſtens eine von den Gaben beſitzeſt, welche Gott jeder op⸗ von dieſen glücklichen Rationen beſchieden hat. ſo Oh!“ fuhr der junge Mann fart, indem er ſeine Arme ein um den Hals von Roſenha ſchlang und ſeine glühen⸗ zit den Lippen bis zur Höhe ihres Geſichtes emporhob, t„wie ſchön biſt Du, und wie mußte Deine Mutter Dich lieben!“ un„Jungfrau Maria!“ rief das Mädchen, nuch der eſe Pendeluhr ſchauend,„vier Uhr vorüber! Adieu! adieu, zre mein Herzog.“ „Schon?“ „Wie, ſchon?“ her„Jaz wir haben noch drei Nachtſtunden.“ a„Und wann werden Sie ſchlafen, Hoheit? wann icht werden Sie der Ruhe pflegen, der Sie ſo ſehr bedür⸗ 5 fen? Ich erkläre Ihnen vor Allem Eines: wenn Sie ng mich nicht gehen laſſen, ſo komme ich morgen nicht 5 wieder.“ 2 irrſt Dich, Roſenha: Du willſt ſagen heute B end.“ „Morgen, Hoheit! Heute Abend werden ſie Herrn Sarranti empfangen, vergeſſen Sie das nicht.“ „Ja; doch wenn er zufällig nicht käme?“ „Ich würde es erfahren, da ich um Mittag den 5 Beſuch des Generals erwarte.“ ſes„Doch wie werde ich es erfahren?“ Sie„Ich werde Ihnen ſchreiben.“ Der Prinz erbleichte. Die Mohicaner von Paris MW. 16 242 „Und wer iſt der Bote, dem Du einen ſolchen Brief anzuvertrauen wagen würdeſt?“ Das Mädchen überlegte. „Ich kenne keinen Einzigen,“ fügte der Prinz bei. „Ich kenne Einen,“ ſagte Roſenha. „Wer iſt das?“ Das Mädchen ſchlang ſeinen Arm unter dem Arme des Prinzen durch und zog ihn nach einem kleinen Boudoir ſort, das ſich in der Nähe des Schlafzimmers fand. Das war ein Zimmerchen von acht bis zehn Ouadratfuß, gegen Mittag liegend, voll von Blumen⸗ töpfen, von Kübeln mit Staudengewächſen, deſſen ver⸗ gitterte Fenſter bei Nacht ihre inneren Glasſcheiben ſchloßen, während ſie dieſelben bei Tage öffneten. Vögel von den ſeltenſten Arten, roth, blau, grün, golden, ſil⸗ bern, ſchliefen hier in allen möglichen Stellungen. Mitten in dieſem kleinen Zimmerchen, oder vielmehr in dieſem großen Käſich, war eine Aufſitzſtange von Roſenholz bekränzt durch ein Dach in Form eines chi⸗ neſiſchen Hutes aufgepflanzt, was ein kleines Gefängniß in der Mitte des großen bildete. Das war der Kiosk der Tauben. Bei dem Geräuſche, das die zwei jungen Leute ſich nähernd machten, erwachte eine derſelben, zog ihren Kopf unter ihrem Flügel vor, ließ im Schatten ihr goldenes Auge glänzen und ſtreckte ihren roſenfarbigen Schnabel durch eines der Thürchen ihres Pavillon. Sie ſchien die Pförtnerin⸗Taube zu ſein. Sie inſpicirte die Ankommenden und war ohne Zweifel zufrieden mit der Inſpection, denn ſie ſtieß bei ihrem Anblicke ein kleines Ruckſen aus, welches beſagen wollte:„Ihr könnt Euch nähern, Franz und Freundin Roſenhaz wir kennen uns ſchon lange her, und wir wiſſen, daß wir nichts von Euch zu befürchten haben.“ „Nun?“ fragte der Herzog von Reichſtadt. „Nun, begreifen Sie nicht, Hoheit, welchen Boten ich meine?“ ——————— c 243 en„Ah! doch!“ „Befürchten Sie, dieſer könnte Sie verrathen?“ „Roſenha, Du biſt eine Fee!“ rief der Prinz. ei⸗ Und er öffnete das Thürchen, ſtreckte den Arm aus und nahm von ihrem Stocke die Taube, die ſie bei ihrer Ankunft mit ihrem Ruckſen begrüßt hatte. me„Komm, meine ſchöne Bötin!“ ſagte er zu ihr, ten indem er ſie küßte;„weine nicht ſo: du verläſſeſt dein ers Neſt nur auf ein paar Stunden, und ich würde ſehr hn gern das meinige verlaſſen, um eine Ewigkeit in dem en⸗ zu ſchlafen, wo du ſogleich ſein wirſt.“ Und er reichte die Taube dem Mädchen, nachdem ben er zum zweiten Male das von der Natur um ihren gel Hals geknüpfte Sammetband geküßt hatte. ſil⸗ Roſenha nahm ſie ebenfalls, küßte ſie auf dieſelbe Stelle, öffnete raſch ihre Mantille und verbarg ſie an ehr ihrer Bruſt. von Man mußte ſich trennen. chi⸗ Man kam überein, die Taube ſollte die Antwort niß zwiſchen zwölf und ein Uhr Mittags zurückbringen, und von zwölf bis ein Uhr Mittags ſollte der Herzog am Fenſter auf die Ankunft der Bötin mit dem ſchwarzen ſich Halsbande lauern. en Hienach trennten ſich die zwei jungen Leute: Ro⸗ ihr ſenha ließ den Herzog ſchwören, ſie nicht mehr auf dem Len Balcon zu erwarten, der Herzog ließ Roſenha ſchwören, Sie am folgenden Tage in der Nacht zu kommen, um nicht Si früher, als am zweiten Tage am Morgen wieder zu int 9ehen. gen din wir en.“ oten CI. Die Erſcheinung. Am andern Tage, oder vielmehr am Abend nach dieſer Nacht, war der Herzog,— trotz der Bitte und des Verbotes von Roſenha, trotz des Schwures, den er ihr auf dieſe Bitte und dieſes Verbot gethan,— war der Herzog von Reichſtadt, ſagen wir, wie am Tage vorher an dieſem Fenſter, nicht das Mädchen erwar⸗ tend, wie am Tage vorher, ſondern Herrn Sarranti, deſſen Taube zur verabredeten Stunde gekommen war und ihm den Beſuch auf Mitternacht angekündigt hatte. Es war halb zwölf Uhr Abends. Roch eine halbe Stunde, und er ſollte ſich von Angeſicht zu Angeſicht einem der Männer gegenüber befinden, die am Treuſten dem Kaiſer gedient hatten, einem Manne, der ſich be⸗ reit hielt, ihm noch treuer nach ſeinem Tode zu dienen, als während ſeines Lebens. Mochte es Ungeduld ſein, wurde es ihm ſchwer, die kalte Februar⸗Atmoſphäre zu ertragen, der junge Mann zog ſich ungefähr um drei Viertet auf zwölf Uhr zurück, ſchloß das Fenſter, zog die Vorhänge her⸗ metiſch zuſammen, ſetzte ſich auf das Canapé, ließ ſeine Stirne in ſeine Hände fallen und verſank in ein tiefes Nachdenken. Worüber dachte er nach? Ging ſeine Kindheit, wie der monotone Lauf eines Fluſſes, an ihm vorüber; oder ſah er an ſeinen Felſen gekettet, die Seite geöffnet, die Eingeweide blutig, den Prometheus von St. Helena? Das Zimmer, das er bewohnte, genügte übrigens allein, um alle dieſe Erinnerungen zu erwecken. Hatte nicht in dieſem Zimmer zweimal und zu d § ſ 5 d er r ge ti, ar te. be en e en, er, ige ölf er⸗ ine fes nes lſen den ens zu 245 verſchiedenen Epochen der Kaiſer Napoleon gewohnt: das erſte Mal, wie geſagt, im Jahre 1805, nach Auſter⸗ litz; das zweite Mal 1809, nach Wagram. Obſchon achtzehn Jahre abgelaufen waren, war „doch die Eintheilung der Wohnung dieſelbe geblieben; ſie beſtand,— und ſie beſteht noch heute,— aus drei großen Gemächern, einem Vorzimmer und einem An⸗ kleidecabinet, Alles koſtbar ausgeſchmückt mit Sculptu⸗ ren, Vergoldungen, indiſchen Taveten, Meubles mit chineſiſchem Lackfirniß, das Ganze an die Gallerien an⸗ ſtoßend, in welchen man die Gemälde die Feſte und Feierlichkeiten des Hofes zur Zeit von Maria Thereſia und von Joſeph M. darſtellend ſieht. Das Portrait von Kaiſer Franz von Lothringen, das von Leopold, von Joſeph und das vom regierenden Kaiſer, gemalt in ſeiner Kindheit bei ſeiner Mutter, ſchmückten den Empfangſaal, in welchem man eine ziemlich ſchöne Statue der Klugheit in Marmor aus⸗ gehauen bemerkt. Das Zimmer des Prinzen war die dritte Piece und hatte hinter ſich nur das Ankleidecabinet.— Die Eingangsthüre lag dieſem Cabinet gegenüber.— Die⸗ ſes Zimmer war mit ungeheuren Spiegeln gefaßt in geſchnitzte und vergoldete Füllungen ausgeſtattet. Sein ein wenig düſteres Ameublement, dem es indeſſen nicht an einer gewiſſen Großartigkeit gebrach, war von brochirter grüner Seide mit gelben Blumen in golde⸗ nen Reflexen ſpielend; dieſe Blumen, Fantaſieblumen, näherten ſich, durch einen ſeltſamen Zufall, der Form der Bienen. Längs einer der Seitenwände ſtand das Canapé, von dem ſchon in der Inſcenirung des vorhergehenden Kapitels die Rede geweſen iſt; das Bett hatte ſeinen Platz gegenüber dem Kamine, über welchem ein Spie⸗ gel angebracht war. 2 Dieſes Canapé, Napolevn hatte darauf geſeſſen; dieſes Bett, er war darin gelegen; dieſer Spiegel, er 246 hatte die Züge des Siegers von Auſterlitz und Wagram reflectirt. Lag nicht in der einfachen Anordnung der Woh⸗ nung, die er inne hatte, wie wir ſo eben ſagten, reicher Stoff zu Betrachtungen für den Herzog von Reichſtadt, und die Erinnerungen, die ſie vom Vater enthielt, ſoll⸗ ten ſie nicht die Träumerei erklären, in welche der Sohn verſunken war? Einige Minuten vor Mitternacht ſchien er indeſſen aus ſeiner Träumerei zu erwachen, ſo tief ſie auch war; er erhob ſich, ging in Aufregung in der größten Länge ſeines Zimmers auf und ab und fragte ſich ſelbſt: „Wie wird er kommen?“ Sodann mit einem Lächeln: „Wird er übrigens kommen?“ Als er dieſe Frage an ſich machte, wurde jenes Knirſchen, das in den Pendeluhren dem Geräuſche des Glöckchens vorhergeht, hörbar, und der erſte Schlag von Mitternacht ertönte. Der junge Mann ſchauerte: erwartete er nicht um dieſe Stunde eine Erſcheinung, welche unmöglicher, fantaſtiſcher, als die eines Geſpenſtes? Er lehnte ſich an den Kamin anz ſeine Beine zitterten. So ſtehend hatte er zu ſeiner Linken die in den Salon führende Eingangsthüre; zu ſeiner Rechten die Thüre des Ankleidecabinets. Seine Augen waren na⸗ türlich gegen die Thüre des Salon gerichtet, da das Ankleidecabinet keinen Ausgang hatte, wenigſtens keinen ſichtbaren. Plötzlich, und in dem Augenblicke, wo das Vibri⸗ ren des zwölften Schlages erloſch, wandte er ſich um. Es ſchien ihm, es habe ein Geräuſch ähnlich einem Krachen im Ankleidecabinet ſtattgefunden. Auf das Geräuſch dieſes Krachens folgte das eines der ſich mit Zögern auf den Boden außzuſetzen ien. i 2 ( n —„—— —— 247 m Wie geſagt, der Herzog erwartete Niemand und konnte Niemand von dieſer Seite erwarten: das An⸗ h⸗ kleidecabinet hatte keinen Ausgang. er Das Geräuſch wurde indeſſen ſo merkbar, daß der dt, junge Mann nicht mehr an der Gegenwart von Jemand Ul⸗ im Ankleidecabinet zweifeln konnte. Er eilte nach der er Thüre, indem er inſtinctartig die rechte Hand an den Griff ſeines Degens legte, während er die linke en nach dem Vorhange ausſtreckte, der an dieſer Thüre r herabfiel. Doch ehe dieſe Hand Zeit gehabt hatte, ihn zu be⸗ rühren. bewegte ſich der Vorhang, und der Herzog von Reichſtadt machte zwei Schritte rückwärts, als er zwi⸗ ſchen den dunklen Daperien das bleiche Geſicht eines Mannes erſcheinen ſah, der aus einem Zimmer heraus⸗ kam, welches keinen Eingang hatte. es„Wer ſind Sie?“ fragte der Prinz, während er 48 mit einer Bewegung raſch wie der Gedanke ſeinen De⸗ gen aus der Scheide zog. um Der geheimnißvolle Mann machte zwei Schritte er, vorwärts, ohne daß er ſich um dieſe bloße Klinge, 4 welche in der Hand Kes jungen Mannes flammte, zu ine bekümmern ſchien, ſetzte ehrerbietig ein Knie auf die Erde und antwortete: „Ich bin derjenige, welchen Eure Majeſtät er⸗ die wartet.“ na⸗„Leiſer, mein Herr!“ ſagte der Prinz,„leiſer!“ Und Sarranti eine Hand reichend, die dieſer mit en Küſſen bedeckte: „Leiſer, und ſprechen Sie den Namen Maje ſtät Wi⸗* nicht aus.“ „Und mit welchem Titel iſt es mir erlaubt, den tem Erben Napolcons, den Sohn meines Kaiſers zu nen⸗ nen?“ fragte Sarranti immer knieend. 2 ne„Nennen Sie mich einfach Prinz oder Hoheit.. en nennen Sie mich, wie man mich hier nennt. Doch vor Allem. mein Gott! ſagen Sie mir, wie haben Sie —————————————— 248 hereinkommen, durch dieſes Cabinet gehen, bis zu mir gelangen können?“ Vor Allem, Hoheit, laſſen Sie mich Ihnen be⸗ weiſen, daß ich wirklich der Mann bin, der Ihnen an⸗ gekündigt worden iſt, und daß ich im Auftrage Ihres Vaters hieher komme.“ „Oh! obſchon ich weder weiß, wie Sie kommen, noch woher Sie kommen, glaube ich Ihnen doch.“ Da zog Sarranti aus ſeiner Taſche ein Papier, 3 ſorgfältig in ein anderes eingewickelt war, und agte: „Hoheit, erlauben Sie, daß ich die Ehre habe, Ihnen meinen Beglaubigungsbrief zu überreichen.“ Der Herzog ergriff den Brief, nahm den erſten unſchlag davon ab, öffnete den zweiten und ſah eine Locke von ſchwarzen ſeidenen Haaren. Er begriff, daß dies Haare ſeines Vaters waren. Zwei große Thränen ſtürzten zwiſchen ſeinen Au⸗ genlidern hervor; er drückte die Haare an ſeine Lip⸗ pen, küßte ſie mit Zärtlichkeit und kindlicher Pietät und ſagte: „S fromme Reliquien! einziges materielles An⸗ denken, das ich von meinem Vater habe, ihr werdet mich nie verlaſſen!“ Und dieſe Worte wurden mit einem Ausdrucke von Liebe und Zärtlichkeit geſprochen, der Sarranti bis in die Tiefe ſeines Herzens ſchauern machte; das Kind war alſo, wie er es gehofft hatte, der Sohn war alſo ſeines Vaters würdig. Sarranti erhob zu dem jungen Mann ſeine in Thränen gebadeten Augen und ſagte: „Oh! ich bin für meine Ergebenheit, für meine Anſtrengung, für meine Sorgen belohnt... Weinen Sie, weinen Sie, Hoheit! es ſind Löwenthränen, die Thränen, die Sie hier vergießen!“. Der Herzog nahm die Hand von Sarranti und drückte ſie kräftig und ſtillſchweigendz ſodann, nach einem n, er, nd be, ten ine lu⸗ ip⸗ tãt ln⸗ det on in ind lſo in ine nen die und tem 249 Momente, ſchlug er die Augen ebenfalls zu Sarranti auf, und als er das rauhe, männliche Geſicht von die⸗ ſem ganz in Thränen gebadet ſah, rief er: „Mein Herr, mein Vater hat Ihnen alſo nicht empfohlen, mich für ihn zu umarmen?“ Sarranti fiel in die Arme des jungen Mannes, und ſo einander umſchlingend,— die ſtarke Eiche und das ſchwache Rohr,— vermiſchten Beide ihre Thränen. Als dieſe erſte Gemüthsbewegung vorüber war, bezeichnete Sarranti dem Prinzen mit dem Finger, daß unter der Haarlocke ein paar mit der Feder geſchriebene Zeilen durchſchienen. „Von meinem Vater?“ fragte der junge Mann. Sarranti nickte bejahend mit dem Kopyfe. „Von der Hand meines Vaters geſchrieben?“ Sarranti wiederholte das Zeichen, das er ſchon ge⸗ macht hatte. „Oh!“ rief der Prinz,„ich habe zehnmal meine Mutter um Etwas von dieſer Handſchrift gebeten: ſie hat es mir immer verweigert.“ Und nachdem er frommer Weiſe das Papier geküßt hatte, las er die folgenden, mit einer für jeden Andern als für einen Sohn mit unlesbarer Schrift geſchriebe⸗ nen, Worte: „Mein geliebter Sohn, „Die Perſon, die Dir dieſen Brief und das An⸗ denken, das derſelbe enthält, übergeben wird, iſt Herr Sarranti. Es iſt ein Kampfgenoſſe, ein Verbannungs⸗ gefährte, den ich mit der Ausführung meiner geheimſten Gedanken und meiner theuerſten Hoffnungen betraue. Höre ſeine Worte, als ob Du ſie von meinem Munde hörteſt, und welche Rathſchläge er Dir auch geben mag, befolge ſie, als ob Du die meinigen befolgen würpeß „Dein Vater, der nur noch für Dich lebt! „Napoleon.“ . 250 „Oh!“ rief der junge Mann,„er lebte alſo! es iſt ſeine Hand, die dieſe Zeilen geſchrieben hat! Sei geliebt, ſei geſegnet mein Vater, wie Du es zu ſein verdienſt!— Herr Sarranti, umarmen Sie mich noch einmal!.. Ja, ja,“ fuhr er fort, während er den Verbannungsgefährten ſeines Vaters an ſein Herz drückte,„ja, ich werde Ihre Rathſchläge befolgen, als ob ſie aus dem Munde von demjenigen kämen, welcher nicht mehr iſt, der aber gerade dadurch, daß er nicht mehr iſt, uns ſieht, uns hört, vielleicht da iſt.“ Und mit einer Art von Schrecken ſtreckte der Her⸗ zog die Hand gegen den dunkelſten Winkel des Zim⸗ mers aus. „Doch zuvor ſagen Sie, mein Herr, wie ſind Sie hierher gekommen? wie ſind Sie hier eingedrungen? wie werden Sie von hier weggehen?“ „Kommen Sie, Hoheit,“ erwiederte Sarranti, in⸗ dem er den jungen Mann ans Licht führte und ihm ein zweites Papier, einen geometriſchen Plan vorſtel⸗ lend, mit Andeutungen von der Handſchrift des Kaiſers, zeigte. „Was iſt das?“ fragte der Herzog. „Es iſt Ihnen nicht unbekannt, Hoheit, daß Sie im Schloſſe Schönbrunn dieſelben Gemächer inne ha⸗ ben, welche Ihr Vater bewohnte?“ „Ich weiß das, ja, und das iſt zugleich eine Qual und ein Troſt.“ „Nun wohl, werfen Sie den Blick auf dieſen Planz hier ſehen Sie ein Vorzimmer, einen Salon, ein Schlafzimmer, ein Ankleidecabinet; hier findet ſich Alles bis auf die Oeffnung der Thüren, bis auf den Platz der Meubles.“ „Das iſt ja der Plan der Wohnung, wo wir ſind.“ „Aus der Erinnerung gemacht von Ihrem erhabe⸗ nen Vater, ja, Hoheit, nach zehn Jahren und zwar Ihnen zu Liebe.“ „Ich fange an den Nutzen dieſes Planes für Sie 251 zu begreifen, ſobald Sie einmal in das Ankleidecabinet eingetreten ſind; doch wie haben Sie es gemacht, um in daſſelbe einzutreten?“ Sarranti nahm eine Kerze, ging auf die Thüre des Cabinets zu und ſagte: „Haben Sie die Güte, mir zu folgen, Hoheit, und Sie werden mit Ihren Augen ſehen.“ Der Prinz ging hinter dieſem Manne, der ihm eine Art von abergläubiſcher Angſt einflößte, wie es ein übernatürliches Weſen gethan hätte, und gelangte mit ihm in das Ankleidecabinet. Dieſes war hermetiſch verſchloſſen. „Nun?“ fragte ungeduldig der Prinz. „Warten Sie, Hoheit.“ Sarranti näherte ſich dem Spiegel, beleuchtete den Rahmen mit der Kerze, drückte auf einen in der Rand⸗ leiſte verborgenen Knopf, und die ganze Füllung drehte ſich, die mit Toilettegegenſtänden beladene Conſole mit ſich fortziehend, auf ihren Angeln und demaskirte die effnung einer Treppe. Der Prinz näherte ſich neugierig. „Oh!“ fragte er,„was ſoll das heißen?“ „Das ſoll heißen, Hoheit: in dem Augenblicke, wo er im Jahre 1809 in Schönbrunn wohnte, ließ der Kaiſer Rapoleon, müde, daß er die Empfangszimmer zu durchſchreiten hatte, müde, daß er das Lächeln der in ſeinem Vorzimmer wartenden Höflinge erwiedern ſollte, damit es ihm frei ſtehe, am Morgen, am Abend, bei Nacht, bei Tage in die ſchönen Gärten hinabzu⸗ gehen, die ſich unter ihren Fenſtern ausdehnen, der Kai⸗ ſer Napoleon, ſage ich, ließ dieſe Geheimtreppe anbrin⸗ gen, deren letzte Stufe in eine Art von öder Hrangerie geht, wohin Riemand kommt; und da dieſe Treppe von den Officieren des Genie angebracht worden iſt, ſo kennt wahrſcheinlich Niemand hier ihre Exiſtenz, und Niemand ſeit dem Kaiſer iſt hier geweſen, wenn nicht 252 der Sie vielleicht auf dieſem Wege be⸗ u „Aber dann,“ ſagte der Herzog ganz erſtaunt, „aber dann. Er wagte es nicht, ſeinen Satz zu vollenden. „Dann wird dieſe vom Vater angebrachte Treppe nach einundzwanzig Jahren dem Sohne dienen können.“ „Und ich war noch nicht geboren, als ſie gemacht wurde!“„ „Gott ſieht bis in das Nichts, Hoheit, und ſeine Beſchlüſſe ſtehen zum Voraus im Buche des Schickſals geſchrieben. Nur, wenn er ſich ſo ſichtbar zeigt, muß man ihn unterſtützen, Hoheit.“ Der junge Prinz reichte Herrn Sarranti die Hand und ſprach: „Was auch der Wille Gottes in Betreff meiner ſein mag, mein Herr, ich werde mich ſeiner Erfüllung nicht widerſetzen, das verſpreche ich Ihnen.“ Herr Sarranti ſchloß die Geheimthüre wieder und kehrte ins Schlafzimmer zurück, indem er diesmal den Prinzen vorausgehen ließ. „Und nun, da ich ruhiger bin, höre ich, mein Herr, reden Sie,“ ſprach der junge Mann. Sodann die Hand dem Corſen auf die Schulter legend: 8„Laſſen Sie ſich Zeit, beeilen Sie ſich nicht: Sie begreifen, es iſt wichtig, daß ich Alles erfahre.“ le dit we dii me 253 be⸗ it CIHI. pe Delenda Carthago. t„Hoheit,“ ſprach der Corſe,„es gab einſt zwei Städte, die zwiſchen ſich die ganze Breite des Meeres e hatten, und dennoch fanden ſie, es ſei unter der Sonne als nicht Raum genug für ſie Beide. Zu drei verſchiedenen uß Malen unſchloſſen ſie ſich, wie Antäus und Hercules, in einem erbitterten, furchtharen, tödtlichen Kampfe, d und der Streit hörte erſt auf, als eine derſelben unter dem Fuße der andern verſchieden war. Dieſe Städte waren Rom und Carthago: Rom repräſentirte den Ge⸗ ng danken, Carthago die That. „Es war die Materie, was zu Grunde ging: Car⸗ d thago unterlag!— Daſſelbe iſt bei Frankreich und England der Fall; wie Cato, hatte Ihr erhabener Vater, nur einen Gedanken: Carthago zerſtören! Pe⸗ lenda Carthago! „Dieſer Gedanke war es, der ihn den Feldzug in e Aegypten machen ließ, dieſer Gedanke war es, der ihn die Lager von Boulogne machen ließ, dieſer Gedanke ie ar es, der ihn den Frieden von Tiſſit machen ließ, dieſer Gedanke war es, der ihn den ruſſiſchen Feldzug machen ließ. Einmal glaubte er ſein Ziel erreicht zu haben: das war in dem Augenblicke, wo er auf der Rhede des Niemen dem Kaiſer Alexander die Hand drückte. An demſelben Abend ſtanden die zwei Kaiſer jeder an einem Tiſche, auf welchem eine Weltkarte ausgebrei⸗ tet war: der Eine ſchaute ſie mit einem unbeſtimmten, gleichgültigen, zerſtreuten Blicke an, berührte ſie mit einer kalten, mit einem Handſchuh bedeckten Handz der Andere verſchlang ſie mit einem gierigen, ehrgeizigen, 254 tiefen Blicke, berührte ſie mit einer bewegten, fieber⸗ haften Hand. „Es handelte ſich zwiſchen dieſen zwei Männern um nichts Geringeres, als um die Theilung der Welt. — Etwas Aehnliches hatte zweitauſend Jahre vorher zwiſchen Octavius, Antonius und Lepidus ſtattgefunden. Dieſe zwei Männer waren der Kaiſer Napoleon und der Kaiſer Alexander. „„Sehen Sie,“ ſagte Ihr Vater mit ſeiner ſanf⸗ ten, aber zugleich gebieteriſchen Stimme,„„Ihnen den Norden, mir den Süden; Ihnen Schweden, Dänemark, Finnland, Rußland, die Türkei und das innere Indien bis Thibet; mir Frankreich, Spanien, Italien, den Rheinbund, Dalmatien, Aegypten, Jemen und Indien, von den Küſten bis China. Wir werden die lebendigen Pole der Erde ſein: Alexander und Napoleon werden die Erde im Gleichgewichte halten.““ „„Und England?““ fragte unbeſtimmt Alexander. „„England verſchwindet wie Carthago; kein In⸗ dien mehr, kein England mehr, und wir Beide nehmen Indien.““ „Ein Lächeln des Zweifels ſchwebte über die Lip⸗ pen von Alexander. „Napoleon ſah dieſes Lächeln. „„Sie halten die Sache für ſchwierig, für unmög⸗ lich ſogar,“ ſagte er,„weil ſich Ihre Augen nie auf dieſes Problem gerichtet haben, weil Ihr Geiſt dieſe Idee nie durchgründet hat. Bei mir iſt es mein ewi⸗ ger Traum, und ſeitdem unſere Hände ſich berührt haben, Sire, iſt England todt!““ „Ich höre, Sire,““ ſprach Alexander.„„Ich kenne die ganze Gewalt Ihrer Rede und will ſehr gern von ihr beſiegt werden.““ „„Ah!““ ſagte Ihr Vater,„das wird leicht ſein; doch um wahrhaft beſiegt zu ſein, müſſen Sie Indien ſehen, nicht wie es zu ſein ſcheint, ſondern ſo wie es iſt. Wollen Sie es ſo ſehen, mein Bruder? Dann — S 8—— — 8 niet ber, rotl Län ſind en 13 er d f⸗ en k, en en n, en en r. n⸗ en 255 müſſen Sie mit mir eine Viertelſtunde dieſer großen Frage weihen, von der die Zukunft der Welt abhängt; und in einer Viertelſtunde werde ich für Sie die Arbeit von fünfzehn Jahren zuſammenfaſſen.““ „Dieſe Viertelſtunde wird eine große, glorreiche rinnerung in meinem Leben ſein, Sire,““ erwiederte Alexander mit der dreifachen ruſſiſchen, griechiſchen und franzöſiſchen Höflichkeit, die ihn charakteriſirte. „Hören Sie alſo, ich werde kurz ſein.— Eure Majeſtät gibt wohl zu, daß die Macht der Englinder in Indien eine deſpotiſche Macht iſt, nicht wahr?““ „„Es iſt mehr als Deſpotismus,““ antwortete Alexander:„es iſt Eroberung!““ „„Jede deſpotiſche Macht iſt aber auf eine der zwei Baſen: die Liebe oder die Furcht, gegründet.““ Alexander lächelte. „Zuweilen auf beide,““ ſagte er. „Am öfteſten aber auf die letzte. Fragen Sie nur den auf der Schwelle ſeiner elenden Hütté, wo ſich ſeine Familie im Ungeziefer wälzt, hockenden Radſcha; fragen Sie den Ackersmann, der das Laſtthier um ſeine Exi⸗ ſtenz beneidet; fragen Sie den arbeitsloſen Weber, der vor ſeinen Augen die engliſchen Percale und Mouſſe⸗ lines verkaufen ſieht; fragen Sie den durch die Abga⸗ ben zu Grunde gerichteten Zemindarz fragen Sie den rahminen, der den Engländer ſich mit dem unreinen Thiere nähren ſieht; fragen Sie den Muſelmann, der ihn ſeine Erinnerungen und ſeine Traditionen verachten und mit ſeinen Stiefeln, faſt mit ſeinem Pferde in ſeine glänzende Moſcheen kommen ſieht; fragen Sie die ganze Hindu⸗Race, ob ſie das Joch liebe, das dieſelbe niederbeugt; und Hindu, Brahmine, Muſelmann, We⸗ ber, Ackersmann, Radſcha werden antworten:„Tod den rothen Männern, welche über's Meer von unbekannten ſitden und von einer unbekannten Inſel gekommen ind.“ 256 „Lieben ſie ihre tartariſchen Fürſten mehr?““ fragte der Czaar. „Ja, hundertmal ja, denn die tartariſchen Fürſten wohnten im Lande, verzehrten hier ungeheure Einkünfte, und es kam immer etwas davon dem ärmſten Paria zu. Der Engländer aber, dieſer vorübergehende Herr, der Engländer, wie die Raupe im Frühling, bleibt nur eine Jahreszeit in Indien, und ſobald er ein Schmet⸗ terling mit goldenen Flügeln geworden iſt, entfliegt er nach dem Mutterlande.““ „Und warum, Sire,“ fragte der Kaiſer Alexan⸗ der,„warum ſind bei dem allgemeinen Haſſe, den man gegen die Engländer hegt, die Revolutionen nicht häu⸗ figer?““ „Weil es in Indien nur individuelle Aufſtände geben kann, nie einen allgemeinen Sturm. Damit eine ernſte, compacte, univerſelle Revolution ſtattfinde, müß⸗ ten die Maſſen nicht getheilt ſein, wie ſie es durch die Intereſſen, den Haß, den Glauben ſind; es wird nie eine allgemeine Bewegung ſtattfinden, weil man, ſobald ſich zwei Secten in einer Verſchwörung vereinigen, ſicher iſt, daß am Vorabend des Tages, wo die Ver⸗ ſchwörung ausbrechen ſoll, eine von den zwei Secten die andere verräth. Das wird unfehlbar geſchehen, ſo lange dieſe Völker ſich ſelbſt überlaſſen ſind. Wäre es aber ebenſo, Sire, wenn England in Indien durch eine andere europäiſche Macht angegriffen würde? Würden die indiſchen Völkerſchaften England treu bleiben? nein! neutral zwiſchen dem neuen Angreifer und England? nein! Sie wären feindlich gegen England; ſie würden die Verbündeten ſeines Feindes, wer auch dieſer Feind ſein möchte, von welcher Seite er auch heranmarſchirte, in welcher Abſicht er auch käme. Sire, für den Mann, der, wie ich, ſeit fünfzehn Jahren, den Kopf gegen In⸗ dien geneigt, träumt, iſt dieſe ganze Seite Aſiens nur ein weites Baſſin, wo über einander gelegt die Trümmer von fünfzig Civiliſationen, die Ruinen von fünfzig blick . en te, zu. er ur et⸗ egt n⸗ an iu⸗ nde ine die nie ald en, er⸗ ten es ine den in! nd den ind rte, inn, In⸗ nur mer fzig 257 Reichen ruhen; das geringſte Erdbeben, der geringſte Sturmeshauch genügt, um ſie zu erſchüttern, zu ver⸗ einigen, zu amalgamiren, wie Wetterwirbel emporzu⸗ treiben! Das iſt ein ſocialer Staub voller zerſtörender Atome, wenn man ihn ſich aufs Gerathewohl ergehen läßt, voller befruchtender Principe, wenn man ihn mit Verſtand ausſät. Was fehlte bis jetzt dieſen auf den Zufall, unter bizarren, unerwarteten, fantaſtiſchen For⸗ men umherſchweifenden Wirbeln? Irgend ein Cement, ein einiger Geiſt des Patriotismus, eine gemeinſchaft⸗ liche Religion; es fehlt das, was einſt Dupleix und Buſſy, dieſe zwei von Frankreich verlaſſenen und ver⸗ leugneten Genies, gethan hatten. Doch der geſchickte, verwegene, energiſche Führer, der wie ein zweiter Alexan⸗ der käme, der dieſe ganze Menge durch glückliche Erfolge blenden würde, dieſer Führer würde die Menge ver⸗ dichten, er würde ein Volk, eine Nation daraus ma⸗ chen; die bewegliche Oberfläche Indiens würde eine feſte Oberfläche. Sie glauben das nicht, Sire? Sehen Sie die Newa; ein Kind in einem Nachen durchſchneidet ihren Lauf, ihr Waſſer mit ihren zwei Rudern peitſchend; es erhebe ſich der Nordwind von einem Pole, komme herbei und wehe, und die Welle der Newa wird ein feſter Kriſtall, an dem ſich Axt und Haue brechen, wo das Eiſen unnütz iſt und das Feuer machtlos. Glauben Sie mir, Sire, ſtark gegen einen. Tippo Saib, einen Haider Ali, einen Sevaji oder einen Amir Khan, wird England immer ſchwach ſein, ſo oft ein Rieſe von gleicher Stärke von Europa zu ihm kommt, um nit ihm an den Ufern des Indus zu kämpfen; der Zuſammenſtoß der zwei Coloſſe wird den Sturm gebären, die Erde erſchüttern, die Atmoſphäre auftegen; da werden ſich alsbald die Wirbel erheben, von denen ich ſo eben ſprach; da werden ſie auf allen Punkten agiren, kraft des Formations⸗ und Condenſa⸗ tionsgeſetzes; dann wehe England! In dieſem Augen⸗ blicke erſt wird es erfahren, wie ſehr es gehaßt, in wel⸗ Die Mohicaner von Pgris. 1W. 17 3 258 chem Grade es verabſcheut iſt; je mehr ſich der Kampf in die Länge zieht, deſto mehr werden die Abfälle, die Angriffe, die Verrathe zunehmen; deſto mehr wird das ungeheure Meer ſeiner Feinde ſich toſend erheben, wird die von Cabul nach Bengalen herabſtrömende Woge es bis auf ſeine Schiffe zurücktreiben, welche in ſeinen Häfen von Madras, Calcutta und Bombay wiederzu⸗ finden es nur zu glücklich ſein wird.““ „„Sie ſind wunderbar, Sire!““ ſagte Alexander; ſine Sie nicht Wunder thun, ſo träumen Sie ol e „„Ei! das iſt kein Traum, das iſt kein Wunder, ſobald Sie mich unterſtützen. Wiſſen Sie, Sire, was die Engländer an Soldaten in Indien haben?““ „„Etwa ſechzigtauſend Mann.““ „„Weil Sie die eingeborenen Truppen zählen; ich zähle ſie nicht. Die Engländer haben in Indien zwölf⸗ tauſend Mann engliſche Truppen. Dieſe zähle ich; ich zähle ſie ſogar für vierundzwanzigtauſend, wenn Sie wollen! Doch die vierzigtauſend Mann Eingeborene, Cipayes“), zähle ich nicht.““ Alexander lächelte. „„Zählen wir ſie,“ ſagte er,„„und wäre es nur der Erinnerung wegen.““ „„Gut, zählen wir ſie. Vierzigtauſend Mann ein⸗ geborene Truppen und zwölftauſend Mann engliſche Truppen: zwei und fünfzigtauſend Mann im Ganzen. Pören Sie, mein Bruder: Indien wird immer der Macht gehören, welche auf das Schlachtfeld die größte Anzahl europäiſcher Truppen führt... Wir thun Folgendes Dreißigtauſend Mann Ruſſen ziehen an der Wolga hinab bis Aſtrakan, ſchiffen ſich in dieſer Stadt ein und gehen bis ans andere Ende des Caſpiſchen Meeres, um Aſterabad zu beſetzen, wo ſie die franzöſiſche Armee erwarten. Dreißigtauſend Seapons. mpf die das vird es nen rzu⸗ er; Sie der, was Sie ene, nur in⸗ ſche en. mer die Pir ſſen ſich nde wo end 259 Franzoſen ziehen die Donau hinab bis ins Schwarze Meer; von hier werden ſie auf ruſſiſchen Schiffen bis Taganrog transportirt. Sie marſchiren ſodann zu Lande am Don hinauf bis Pratisbianskaia, von wo ſie ſich nach Tzaritſin an der Wolga begeben, auf der ſie in Schif⸗ fen bis Aſtrakan hinabfahren, wo ſie ſich dann wieder einſchiffen, um mit dem ruſſiſchen Corps in Aſterabad zuſammenzutreffen. Die beiden Corps, das franzöſiſche und das ruſſiſche, werden alſo, faſt ohne Anſtrengung, dieſen ungeheuren Raum zurückgelegt haben; von da begeben ſie ſich durch Khoraſſan und Cabul nach dem Indus.““ „„Durch die große Salzwüſte ziehend?““ „Ich kenne die Wüſte, ich habe mit ihr zu thun gehabt; verlaſſen Sie ſich auf mich, daß ich die Rie⸗ ſenkaravane ſich durchwinden mache.““ „Werden Sie denn dieſe Expedition in Perſon anführen?““ „„Allerdings,““ erwiederte Napoleon. „„Und wer wird über Frankreich wachen, wenn Sie dreitauſend Meilen davon entfernt ſind?““ „Sie, Sire,““ antwortete Napoleon einfach. „Alerander erbleichte: der Grieche war erſchrocken über dieſe ganz franzöſiſche Antwort. „Aber... ſagte er,„„außer der großen Salz⸗ wüſte werden wir entſetzliche Schwierigkeiten haben.““ „Afghaniſtan, nicht wahr? deſſen Geographie völlig unbekannt iſt, und deſſen ungaſtfreundlichen Stämme mit zahlloſen Plätzern, Plünderern und Mör⸗ dern den Marſch unſeres Heeres beunruhigen werden?““ „„Gewiß.““ „„Ich habe das Hinderniß vorhergeſehen, und zum Voraus iſt das Hinderniß vernichtet. Ich ſchicke einen meiner beſten Generale an einen der kleinen Fürſten von Beludſchiſtan, Lahore, Sindiah oder Mavahz er organiſirt ſeine Truppen auf europäiſche Art, und macht uns einen Verbündeten, der uns entgegenkommt, und 260 dem wir zur Belohnung die Souverainetät des ganzen Landes laſſen, das er durchzogen hat.““ „Wohl, es ſei, Sire, wir ſind nun im Pendſchab. Wie nähren und verproviantiren wir die Armee?““ „Was das betrifft.— wir brauchen uns nicht darum zu bekümmern, ſo lange wir eine wohlgeſpickte Börſe und in Teheran und Cabul Sohocars*) haben, die unſere Tratten honoriren. Dort finden wir ein be⸗ wunderungswürdiges, ungeheures, ganz organiſirtes Commiſſariat, und zwar ſeit Jahrhunderten organiſirt, man ſollte glauben in der Abſicht, alle Eroberer zu un⸗ terſtützen, die ſich gefolgt ſind und in der Eroberung Indiens folgen werden.““ „Ich weiß durchaus nicht, was Sie hiemit ſagen wollen,“, ſprach der Kaiſer Alexander,„„und ich geſtehe offenherzig meine Unwiſſenheit.““ „„Nun wohl, Sire, Sie ſollen erfahren, daß in der ganzen ungeheuren Ausdehnung der hindoſtaniſchen Halbinſel ein Rieſenſtamm von Zigeunern in Indien unter dem Namen Brinjaries bekannt exiſtirt. Sie ſind es, welche in Indien ausſchließlich den Kornhan⸗ del treiben; auf Ochſen und Kameelen transportiren ſie das Korn nach unerhörten Entfernungen und in ſo zablreichen Karavanen, daß man glauben ſollte, es ſeien Armeecorps. Dieſe Menſchen ſind es, welche 1791 Lord Cornwallis in ſeinem Kriege gegen Tippo Saib ernährt haben; es ſind nomadiſche Indier, welche ſehr wenig beläſtigen, da ſie nie in Häuſern, ſondern immer unter Zelten wohnen; ſehr nützlich, weil ſie unter an⸗ deren ſeltſamen Gebräuchen den haben, daß ſie nie Fluß⸗ oder Teichwaſſer trinken. Eine Folge hievon iſt, daß ſie vortreffliche Marſchgefährten in der Wüſte werden, weil es nicht einen Tropfen Waſſer in der Nachbarſchaft gibt, den ſie nicht zu finden wiſſen, in welcher Tiefe er auch ſein mag... Nun wohl, Sire, dieſe Leute, *) Banquiers. kte e⸗ 261 deren Leben der Handel iſt, welche die ſtrengſte Neu⸗ tralität zwiſchen den kriegführenden Heeren beobachten, welche keinen andern Zweck haben, als ihr Korn zu verkaufen und ihre Geſpanne an denjenigen zu vermie⸗ then, der ſie am theuerſten bezahlt, dieſe Leute werden, gut bezahlt, uns gehören.““ Sie werden aber zu gleicher Zeit England ge⸗ hören?““ „Gewiß! Ich rechne in meinen Siegesvorher⸗ ſehungen nicht auf den Hunger und auf den Durſt: ich rechne auf unſere Kanonen und auf unſere Bajonnete.““ „Der Czaar knipp ſich in ſeine dünnen Lippen. „„Nun bleibt uns der Indus,““ ſagte er. „„Der Indus zu überſchreiten?““ „Napoleon lächelte. Es iſt eines von den von demengliſchen Schrift⸗ ſtellern verbreiteten Vorurtheilen,““ ſagte er,„„der In⸗ dus ſei ein genügendes Hinderniß, um eine Invaſion aufzuhalten, und das engliſche Heer, wenn es ſich auf dem linken Ufer des Fluſſes concentrire, könne den Uebergang einer Armee verwehren, ſo mächtig ſie auch ſein möge: Sire, ich habe den Indus ſondiren laſſen von Dera Ismael Khan bis Attok: er hat eine Tiefe von zwölf bis fünfzehn Fuß mit ſieben unterfuchten Furten, die uns erwarten. Ich habe ſeinen Lauf be⸗ rechnen laſſen: ſein Lauf beträgt kaum eine Lieue in der Stunde. Der Indus exiſtirt alſo nicht für einen Mann, der über den Rhein, den Niemen und die Do⸗ nau gegangen iſt.““ „Der Kaiſer von Rußland blieb einen Augenblick wie niedergeſchmettert unter der Macht des Genies, das ihn beherrſchte. „Laſſen Sie mich athmen, Sire,““ ſagte er; „dieſe Welt, die Sie aufheben wie ein zweiter Atlas, fällt auf meine Bruſt zurück und erſtickt mich!““ „Und ich,“ unterbrach der junge Prinz,„ich ſage 262 Ihnen auch wie der Kaiſer von Rußland: laſſen Sie mich athmen, mein Herr!“ Sodann ſeine beiden Hände und ſeine Augen zum Himmel erhebend, ſprach er: 3 Oh mein Vater, mein Vater, wie groß warſt Der ehemalige Soldat des Kaiſers, der ehemalige Verbannungsgefährte von Napoleon hatte nur ſo lange bei den Einzelnheiten des weit umfaſſenden Planes ver⸗ weilt, um zu der Wirkung zu gelangen, die er auch hervorgebracht; das heißt, um den Sohn die Größe des Vaters ermeſſen zu laſſen, und ihn dem zu Folge zur Erkenntniß der Pflichten zu führen, die ihm der Welt gegenüber der Rieſenname auferlegte, der auf ihm laſtete. In der That, als fühlte er ſich durch dieſen Na⸗ men gedrückt, ſtand der junge Mann auf, ſchüttelte den Kopf und fing an mit großen Schritten im Zimmer auf⸗ und abzugehen. Plötzlich blieb er vor Gastano ſtehen und rief: „Und dieſer Mann iſt geſtorben! geſtorben wie ein anderer Menſch.. nur ſchmerzlicher vielleicht! Die Flamme, die ihn belebte, iſt erloſchen, und man hat nicht bemerkt, daß eine neue Sonne am Himmel ſtrahlte!.. Oh! warum hat am Tage dieſes Todes nicht eine allgemeine Finſterniß die Welt bedeckt!“ „Er iſt geſtorben die Augen auf Ihr Portrait ge⸗ heftet, Sire, und ſprechend:„„Was ich nicht habe thun können, wird mein Sohn vollenden!““ Der junge Prinz ſchüttelte ſchwermüthig den Kopf und erwiederte: „Oh! wer würde es wagen, dieſes Rieſenwerk an⸗ zurühren? welcher Menſch, der den Namen Napoleon 2 trägt, wird zu Frankreich, zu Europa, zur Welt ſagen: „„Nun iſt es an nir!““ Oh! Herr Sarranti, die Form des erhabenen Kopfes iſt vom göttlichen Bild⸗ honer zerbrochen worden; und ich geſtehe, daß ich, mei⸗ 5 um rſt ge ige er⸗ uch ße ige der hm ka⸗ en ner ein ie hat nel des ge⸗ un opf n⸗ on en: die ld⸗ ei⸗ 263 nes Theils, die Augen niederſchlage, ſchon beim Ge⸗ danken an das allein, was man von Napolevn II. er⸗ warten wird!. Gleichviel, fahren Sie fort.“ „Der Czaar hielt das gegebene Verſprechen nicht,“ fuhr Herr Sarranti fort,„und dieſes Indien, das Ihr Vater, wie ein zweiter Alexander, ſchon feſt zu halten glaubte, entſchlüpfte ſeinen Händen, kam aber nicht aus ſeinem Geiſte. Zwanzigmal ſah ich ihn, auf eine un⸗ geheure Karte von Aſien geneigt, mit dem Finger dem Wege der großen indiſchen Invaſionen folgenz trat dann einer von ſeinen Vertrauten ein, ſo ſagte er: „Sehen Sie, auf dieſem Wege von Ghisni nach Dera Ismgel Khan überfiel vom Jahre 1000 bis 1021 Mohmud ſiebenmal Hindoſtan, mit einem Heere von hundert und hundertundfünfzigtauſend Mann, deſſen Ernährung ihm nie Schwierigkeiten bereitete. Bei der ſiebenten Expedition, im Jahre 1018, rückte er bis Kanudſch am Ganges vor, hundert Meilen ſüdweſtlich von Delhi, und kam in ſeine Hauptſtadt durch Mutrah zurück; drei Monate waren für ihn zu dieſer Rieſenexpe⸗ dition hinreichend geweſen. Im Jahre 1020 wandte er ſich nach Guzzerat, um dort den Tempel von Sam⸗ naut umzuſtürzen, und machte gegen Bombay einen Ab⸗ ſtecher ſo leicht, als der, welchen er gegen Calcutta ge⸗ macht hatte.— Auf derſelben Straße von Dera Is⸗ mael Khan rückt Mahomet Guri, von Khoroſſan aus⸗ gehend, im Jahre 1184 zur Eroberung von Indien vor, überfällt das Gebiet von Delhi mit einem Heere von hundertundzwanzigtauſend Mann, und ſetzt ſeine Dynaſtie an die Stelle von der von Mahmud von Ghisni.— Ungefähr auf derſelben Straße folgt ihnen 1396 Timur der Hinkendez er geht von Samarkand aus, läßt Balk zu ſeiner Rechten, zieht dann durch den Engpaß von Andesab gegen Cabul, von wo er nach Attok marſchirt, und überfällt Pendſchab.— Unterhalb Attok, an derſelben Stelle, wo ich ihn überſchritten hätte, geht 1525 Babur über den Indus, ſetzt ſich, nur 264 gefolgt von fünfzehntauſend Soldaten in Lahore feſt, bemächtigt ſich Delhis und gründet die mongoliſche Dynaſtie.— Derſelben Straße folgte ſein Sohn Hu⸗ majun, als er, aus dem väterlichen Erbe vertrieben, es 1554 mit Hülfe der Afghanen wiedereroberte.— Auf derſelben Straße endlich that Nadir Schah, als er ſich 1759 in Cabul befand, und die Ermordung eines ſei⸗ ner Geſandten in der Stadt Dſchellalabad erfuhr, um den Tod eines Menſchen zu rächen, was ich thun möchte, um die Unterdrückung der Welt zu rächen; er dringt ins Gebirge ein, läßt alle Einwohner der ſtrafbare Stadt über die Klinge ſpringen, rückt auf derſelben, ſchon von den Füßen ſo vieler Heere niedergetretenen Straße vor, zieht durch den Kheiber gegen Peſhawer und Lahore hinab, und bemächtigt ſich Delhis, das er e dreitägigen Metzelei und Plünderung preis⸗ i t „Sodann ſich vor die Stirne ſchlagend: „„Dort werde ich durchziehen wie die Andern; ich habe die Alpen nach Hannibal überſtiegen, ich werde wohl den Himalaya nach Tamerlan überſteigen!““ „Sire,“ fuhr Sarranti fort,„Sie werden eines Tags erfahren, welche reelle Macht am Ende im Geiſte ein lange Zeit verfolgter Traum annimmt. Von jenem Augenblicke an, da Sie geboren waren, erreichte Ihr Vater folglich den höchſten Grad des Glückes: er hatte nur noch ein Ziel: vom Czaar durch Gewalt erlangen, was er nicht von ſeinem guten Willen hatte erlangen können. Am 22. Juni 1812 erklärt der Kaiſer Ruß⸗ land den Krieg; doch ſchon ſeit einem Jahre iſt dieſer Krieg beſchloſſen. Im Monat Mai hat der Kaiſer zu Man ſehe über das engliſche Indien das vortreffliche patriotiſche Werk das Grafen Eduard von Warren, eines der ſchönſten Bücher, die über dieſen Gegenſtand geſchrieben wor⸗ den ſind. er. Dumas. Dieſes Werk von Warren iſt in der Ueberſetzung im Welt⸗ panorgma(Franckh'ſcher Verlag) erſchienen⸗ 8. ver is⸗ 265 ſich in die Tuilerien den General Lebaſtard de Prémont berufen, von dem er wußte, er könne ſich auf ſeine Er⸗ gebenheit verlaſſen. „Für Alle iſt der ruſſiſche Feldzug mit einem ge⸗ heimnißvollen Schleier bedeckt; er wird der zweite pol⸗ niſche Krieg heißen. Der General Lebaſtard de Pré⸗ mont wird allein in die Geheimniſſe des Kaiſers ein⸗ geweiht ſein. „„General,““ ſagte der Kaiſer zu ihm,„„Sie werden nach Indien abreiſen.““ „Der General glaubte, er ſei in Ungnade gefallen, und erbleichte. Der Kaiſer reichte ihm die Hand und prach: ich einen Bruder, der ſo brav und ſo ver⸗ ſtändig wäre, wie Sie, General, ſo würde ich ihn mit der Sendung beauftragen, mit der ich Sie betraue. Lören Sie mich alſo bis zum Ende anz dann ſoll es Ihnen frei ſtehen, zu verweigern, wenn Sie die Thei⸗ lung ſchlecht für Sie glauben.““ „Der General verbeugte ſich. „„Sicher der Gunſt Eurer Majeſtät, werde ich bis ans Ende der Welt gehen!““ „„Sie werden nach Indien abgehen und dort in den Dienſt von einem der Maharadſchas von Sind oder Pendſchab treten. Ich kenne Ihre Tapferkeit und Ihr Wiſſen als Inſtruckor: in einem Jahre werden Sie Obergeneral ſeiner Heere ſein „„Und wenn ich einmal Obergeneral ſeiner Heere bin, Sire, was werde ich dann thun?““ „„Sie werden mich erwarten.““ „Der General wich vor Erſtaunen zurück. Der Kaiſer hatte ſo lange über ſein Project nachgedacht, daß er es als vollführt betrachtete. „„Ah! es iſt wahr!““ ſagte er lächelnd,„„Sie wiſſen nicht, und Sie müſſen doch wiſſen, mein lieber General.““ 266 „Seine Lieblingskarte, eine Karte von Aſien lag auf dem Tiſche ausgebreitet. „„Kommen Sie,““ ſagte er,„„Sie werden be⸗ greifen. Ich erkläre dem Kaiſer von Rußland den Krieg, ich gehe mit fünfmalhunderttauſend Mann und zweihundert Kanonen über den Niemen, ich ziehe in Wilna ohne einen Flintenſchuß ein, ich nehme Smo⸗ lensk und marſchire bis Moskau; unter den Mauern der Stadt liefere ich eine von den Rieſenſchlachten wie Auſterlitz, wie Eylau, wie Wagram; ich vernichte die ruſſiſche Armee und ziehe in die Hauptſtadt ein. Dort dictire ich meine Bedingungen für den Frieden. Der Friede, das iſt der Krieg gegen England, doch der Krieg in Indien. Eines Tags hören Sie ſagen, ein Mann, der hundert Millionen Menſchen gebiete, der in ſeinem Glücke die Hälfte der Bevölkerung der Chriſten⸗ heit fortreiße, deſſen Befehle in einem Raume, der 19 Grade Breite und 30 Grade Länge in ſich begreife, vollzogen werden, rücke durch Khoroſſan heran, um In⸗ dien zu erobern. Da ſagen Sie zu Ihrem Maharad⸗ ſcha:„„Dieſer Mann iſt mein Herr und Euer Freund. Er kommt, um die unabhängigen Throne Indiens zu befeſtigen, und um vom Perſiſchen Meerbuſen bis zu den Mündungen des Indus die Macht Englands zu vernichten. Rufet alle Könige, Eure Brüder, zur Em⸗ pörung auf, und in drei Monaten wird Indien frei ſein.“. „Der General Lebaſtard ſchaute Ihren Vater, Sire, mit einer Bewunderung an, welche bis zum Schrecken ging. Der Kaiſer fuhr fort: „„Wie ich Ihnen meinen Plan für den ruſſiſchen Feldzug geſagt habe, ſo theile ich Ihnen nun meinen Plan für den indiſchen Feldzug mit. England wird mir entgegen kommen oder mich mit einer Armee von fünfzigtauſend Mann erwarten, worunter achtzehn bis zwanzigtauſend Engländer und dreißig bis vierzigtau⸗ ſend Eingeborne. Ueberall, wo ich die angloeindiſche 267 Armee treffe, erkenne ich ihre Schlachtordnung, und ich greife ſie anz überall, wo ich europäiſche Infanterie finde, ſtelle ich eine zweite Linie in Reſerve der meini⸗ gen auf, um die Trümmer der erſten wiederzuvereini⸗ gen, wenn ſie unter den brittiſchen Bajonneten zurück⸗ weicht; überall, wo nur Cipaays ſein werden, marſchirt man auf die Canaille los, ohne ſie zu zählen; Poſt⸗ peitſchen und Bambusſtöcke werden genügen, um ſie in die Flucht zu jagen. Sind ſie einmal auf der Flucht, ſo wird man ſie nie wiederſehen! Die engliſche Armee wird ſich reformiren, ich kenne ſie; ihr Wahlſpruch iſt der des 57. Regiments: They will die hard,— ſie werden hart ſterben! Ich werde ein zweites Treffen zu liefern haben, entweder in Ludhianae, oder am Sedledſche, oder in Paſſiput, wo ſchon ſo viele Gebeine bleichen; doch ich werde es nur noch mit acht bis zehntauſend Europäern zu thun haben: die Anderen haben ſich in der erſten Schlacht tödten laſſen. Das wird die Sache von ein paar Stunden ſein, und Alles iſt abgethan. England wird zwei Jahre brauchen, um mir ein neues Heer zu ſchicken:; ein Jahr, um es anzuwerben, ein Jahr, um es zu inſtruiren. Während dieſer zwei Jahre werde ich mich in Delhi aufgehalten haben, um den Thron des Großmoguls wieder aufzurichten und ſeine Fahne wieder zu erheben. Dieſe Handlung wird acht⸗ zehn Millionen Muſelmänner auf meine Seite bringen. Ueberdies erhebe ich wieder die heilige Fahne von Be⸗ nares; ich mache ſeinen Raja unabhängig, und habe für mich dreißig Millionen Hindus, den ganzen Lauf vum Ganges, vom Dſchumna bis zum Buramputer; ich überſchwemme Indien mit aufrühreriſchen Procla⸗ mationen; Fakirs, Joghis, Calenders ſind meine Apo⸗ ſtel: Alle verkündigen in meinem Namen die Wieder⸗ herſtellung und die Unabhängigkeit Indiens. Ich ſchreibe auf meine Flügel:„„Wir kommen, um zu be⸗ freien, und nicht um zu erobern; wir kommen, um Allen Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Hindus, 268 Muſelmänner, Rajputs, Jhauts, Mahratten, Poligars, Rajas, Nabobs, jagt den Uſurpator fort, bemächtigt Euch Eurer Rechte, Eurer Beſitzungen wieder, erhebet Euch wie zu den Zeiten der Timur und der Nadir, um in den Ebenen des Indus den Reichthum und die Rache zu ernten!““ Von Delhi, ſtatt mich gegen Cal⸗ cutta zu wenden, was nur eine Handelsniederlage, ein Mittelpunkt von feiger, weichlicher Bevölkerung iſt, marſchire ich durch Agra, Gualior und Candeiſh gegen Bombay, indem ich die Einwohnerſchaften inſurgire und die Raipute⸗ und Mahratten⸗Bündniſſe reformire. Bom⸗ bay, das iſt der Mund, durch den England athmet, es iſt ſein Berührungspunkt mit Europa; iſt Bombay ge⸗ nommen, ſo reiche ich dem Nizam die Hand, ich ſetze Maiſſur in Feuer und Gährung, ich laſſe Madras durch einen meiner Generale erobern, während ich gegen Calcutta marſchire, und Stadt, Wälle, Feſtung, Garni⸗ ſon, Menſchen und Steine, Alles in den Bengaliſchen Meerbuſen treibe... Wollen Sie nach Indien gehen, mein Freund?““ „Der General Lebaſtard de Prémont fiel dem Kai⸗ ſer zu Füßen und ging ab.— Seine Geſchichte iſt nun ſehr einfach: er verließ Frankreich unter dem Gerüchte einer falſchen Ungnade, landete in Bombay und folgte der Straße aufwärts, welche Napoleon abwärts verfol⸗ gen wollte,— Candeiſh, Gualior, Agra; er erreichte Pendſchab, traf hier einen Mann von Genie, den man Rundſchit Sing nannte, der, von einem dunklen Stamme geboren, ſeit zwölf Jahren von ſeinen Landsleuten er⸗ wähltes Oberhaupt war, der die Nation der Sikhs wieder erhoben und ſie der engliſchen Herrſchaft zu ent⸗ ziehen vermocht hatte, der ſich allmälig zum Herrn ſeines Königreichs gemacht hatte, das, ſo groß wie Frankreich, Pendſchab, Multan, Kaſchemir, Peſhawer und einen Theil von Afghaniſten in ſich begriff. Er trat in ſeinen Dienſt, organiſirte das Heer und wartete das Ohr gegen Perſien geöffnet... Eines Tages hi ei Al tig Je ka ein ich Me ber ein die mei eig „nu wel letzt zu St. Her gar ars, tigt ebet um die Cal⸗ ein iſt, gen und om⸗ „es ge⸗ ſetze ras gen rni⸗ chen hen, Kai⸗ nun chte lgte fol⸗ chte nan nme er⸗ khs ent⸗ rrn wie wer 269 hörte er ein gewaltiges Geräuſch: es war das, welches einſtürzend das Glück Napoleons machte! Er glaubte, Alles ſei beendigt, beweinte ſeinen Herrn und beſchäf⸗ tigte ſich nur noch mit ſeinem eigenen Glücke. Im Jahre 1820 verließ ich aber ebenfalls Frankreich; ich kam zu ihm und ſagte ihm: „„Derjenige, welchen Sie beweinen, hatte noch einen Sohn!““ „Seltſam!“ murmelte der junge Prinz,„während ich kaum meinen Namen wußte, gab es dreitauſend Meilen von mir Menſchen, die mir eine Zukunft vor⸗ bereiteten.“ Sodann Sarranti die Hand reichend, ſprach er mit einer erhabenen Majeſtät: „Was auch der Erfolg dieſer langen Ergebenheit, dieſer beharrlichen Treue ſein mag, ich danke Ihnen, mein Herr, im Namen meines Vaters und in meinem eigenen Namen.— Und nun,“ fügte der Prinz bei, „nun haben Sie mir noch zu ſagen, wo, wie, und um welche Zeit Sie meinen Vater verließen, und was die letzten Worte ſind, die er Ihnen geſagt hat.“ Sarranti verbeugte ſich, um zu bezeichnen, er ſei zu antworten bereit. CIII. Der Gefangene von St. Helena. „Sie wiſſen, wo St. Helena iſt? Sie wiſſen, was St. Helena iſt, Hoheit?“ „Man hat mir ſo viele Dinge verborgen, mein Herr, daß ich Sie bitten muß, zu ſprechen, als ob ich gar nichts wüßte,“ antwortete der Prinz. 270 „Eine erloſchene Vulkansſchlacke unter dem Aequa⸗ tor, das Klima vom Senegal und von Guinea in der Tiefe von Schluchten, der ſcharfe, kalte, trockene Wind Schott⸗ lands bei jeder Oeffnung der Felſen! Für die Frem⸗ den, welche in dieſem entſetzlichen Klima zu wohnen genöthigt ſind, iſt das Ziel des Lebens vierzig bis fünf und vierzig Jahre; für die Eingeborenen fünfzig bis ſechzig. Bei unſerer Ankunft auf der Inſel erin⸗ nerte man ſich nicht, ſeit Menſchengedenken einen Greis von fünf und ſechzig Jahren geſehen zu haben. Es war eine wahrhaft britiſche Inſpiration, den Gaſt des Bellerophon dahin zu ſchicken! Nero begnügte ſich damit, daß er Seneca nach Sardinien und Octa⸗ vius nach Lampeduſa ſchickte: allerdings ließ er den Einen in einem Bade erſticken, und gab dem Andern den Befehl, ſich die Adern zu öffnen; doch das war Humanität. „Sie wiſſen, daß die Inſel einen Kerkermeiſter hatte, und daß der Kerkermeiſter Hudſon Lowe hieß. Sie werden nicht erſtaunt ſein, Hoheit, daß ich, als ich ſah, was Ihr Vater litt, auf den Gedanken kam, ſeine Flucht zu conſpiriren. Ich hatte mich dem zu Folge mit einem americaniſchen Kapitän in Verbin⸗ dung geſetzt, der uns Briefe von Ihrem Oheim, dem Exkönig Joſeph brachte. Dieſer Kapitän und ich, wir hatten einen Entweichungsplan entworfen, deſſen Gelin⸗ gen uns geſichert ſchien. „Als ich eines Tags wilde Ziegen jagte, in der Hoffnung, dem Kaiſer ein wenig friſches Fleiſch zu verſchaffen, woran es ihm oft fehlte, begegnete ich dem Kapitän. Wir vertieften uns in eine Schlucht, verab⸗ redeten hier unſere letzten Anordnungen, und ich be⸗ ſchloß, noch an demſelben Abend dem Kaiſer unſere Pläne mitzutheilen. Doch mein Erſtaunen war groß, als ich ſchon beim erſten Worte, das ich ausſprach, den Kaiſer ſagen hörte: „„Schweig, Dummkopf!““ G n S c C m ua⸗ iefe t⸗ em⸗ nen bis fzig rin⸗ inen ben. Gaſt ügte eta⸗ den dern war iſter ieß. als kam, zu bin⸗ dem wir elin⸗ der z dem rab⸗ be⸗ iſere roß, den 271 „„Aber, Sire,““ erwiederte ich,„„laſſen Sie Sie mich wenigſtens Ihnen unſern Plan erzählen; es wird immer Zeit ſein, ihn zu verwerfen, wenn er ſchlecht iſt.““ „„Es iſt unnütz, daß Du Dir dieſe Mühe gibſt... Dein Plan... „„Nun, Sire?““ „Der Kaiſer zuckte die Achſeln. „„Dein Plan, ich kenne ihn ſo gut als Du.““ „„Was will Eure Majeſtät damit ſagen?““ „„Höre, mein Braver, und ſuche zu begreifen. Das iſt nun das zwanzigſte Mal, daß man mir die Flucht anbietet.““ „„Und Sie haben es immer ausgeſchlagen?““ mm* „Ich blieb ſtumm und wartete. „„Und weißt Du nun,““ fuhr der Kaiſer fort, „„weißt Du, warum ich mich geweigert habe, zu fliehen?““ Nein „„Weil mir die engliſche Polizei den Vorſchlag machen ließ.““ „„Oh! Sire,““ rief ich,„„ich kann Ihnen wohl ſchwören, daß diesmal...“ „„Schwöre nicht, Sarranti, und frage Las Caſes, wen er geſtern Abend in der Dunkelheit mit Herrn Hudſon Lowe ſprechend getroffen hat.““ Wen Sire „„Deinen americaniſchen Kapitän, der mir ſo er⸗ geben iſt, Dummkopf!““ „„Iſt das wirklich wahr, Sire?““ 5 1 Sie zweifeln an meinem Worte, Herr orſe?““ „„Sire, vor heute Abend werde ich mir von dieſem enſchen Genugthuung verſchaffen.““ „„Ah! ja wohl! es fehlt nur noch dieſes! Damit man Dich unter meinen Fenſtern henkt,— denn Du 272 wirſt nicht einmal erſchoſſen!.. Du willſt mir da ein ſchönes Schauſpiel geben!““ „In dieſem Augenblicke erſchien Herr von Mont⸗ holm an der Thüre. „Sire,““ ſagte er,„„der Gouverneur verlangt Sie zu ſprechen.““ „Der Kaiſer zuckte die Achſeln mit einem unbe⸗ ſchreiblichen Gefühle von Ekel. „„Laſſen Sie ihn eintreten,“ ſagte er. „Ich wollte mich entfernen: er hielt mich am Knopfe meines Rockes zurück. „Sir Hudſon Lowe trat ein. Der Kaiſer wartete, in der Stellung bleibend. in der er ſich gerade befand, ohne ſich umzudrehen, auf die Seite und, ſo zu ſagen, über ſeine Achſel ſchauend. „„General,““ ſagte der Gouverneur,„ich komme, um mich bei Ihnen zu beklagen!““ „Hudſon Lowe kam nie aus einem andern Grunde. „„Ueber wen?““ fragte der Kaiſer. „Ueber Herrn Sarranti, der hier gegenwärtig.““ „„Ueber mich?““ rief ich. .„„Herr Sarranti erlaubt ſich zu jagen,...“ fuhr Sir Hudſon Lowe fort. „Der Kaiſer unterbrach ihn: 1 „„Mein Herr,““ ſagte er mit einem Ausdrucke tiefen Ekels,„es kommt gut, daß Sie ſich bei mir über Herrn Sarranti zu beklagen haben: ich wollte mich eben über ihn bei Ihnen beklagen.““ „Ich ſchaute den Kaiſer ganz erſtaunt an. „Sie beklagen ſich, daß er jagt,“ fuhr er fortz „ich beklage mich über etwas ganz Anderes: ich beklage mich, daß er conſpirirt.“ „Ich war nahe daran, einen Schrei auszuſtoßen. „Ah!““ machte Hudſon Lowe, indem er uns Einen nach dem Andern anſchaute. „Ja, der Mann, den Sie hier ſehen, und der ſich für meinen treuen Diener hält, begreift nicht, wel⸗ — id, n, e, de. . cke tir lte ge ns er el⸗ 273 ches Intereſſe ich vor Europa und im Angeſichte der Nachwelt habe, hier zu bleiben, hier zu leiden, hier zu ſterben; weil er ſich nicht gut hier findet, der Undank⸗ bare, glaubt er, ich ſei auch ſchlecht hierz er fordert mich daher mit ſeiner ganzen Macht auf, zu fliehen.“ „„Ah! Herr Sarranti fordert Sie auf?““ „Zu fliehen, jua. Das ſetzt Sie in Erſtaunen? ich auch; es iſt dennoch ſo, und gerade in dieſem ſuhenbti⸗ hat er mir einen Entweichungsplan vorge⸗ chlagen.““ 83 ſchauerte, als ich dieſe Worte hörte. „Unmöglich!““ rief der General, Verwunderung heuchelnd. „Es iſt dennoch ſo, wie ich Ihnen zu ſagen die Ehre habe. Dieſer Herr, einverſtanden mit dem Kapi⸗ tän einer americaniſchen Brigg,— ah! es war der, mit welchem Sie geſtern Abend plauderten,— bereitet duckmäuſeriſch einen Fluchtplan vor, den er mir in dem Momente, wo Sie ſich melden ließen, mitgetheilt hat.““ „Der Gouverneur war ſicherlich mehr erſtaunt über dieſes Geſtändniß, als er es zu ſein ſich den Anſchein gab;z da er aber den Plan kannte, weil er ihn ſelbſt ange⸗ zettelt hatte, und da das Geheimniß noch nicht hatte ruchbar werden können, ſo mußte er wohl glauben,— ohne daß er zu errathen vermochte, welcher Grund ihn zu dieſer Handlung, die ihm wahnſinnig ſchien, an⸗ trieb,— er mußte glauben, der Kaiſer ſpreche die Wahrheit. „Der Kaiſer ſah die Verlegenheit des Gouverneur. „„Ah!““ ſagte er,„ja, ich begreife, Sie wundern ſich, daß ich Ihnen ſo das Geheimniß von einem mei⸗ ner Getreuen preisgebe; Sie fragen ſich, warum ich Ihrer Strenge einen meiner Ergebenſten ausſetze. Herr Sarranti iſt ein Corſe, ein wahrer Corſe, und Sie kennen die Halsſtarrigkeit der Menſchen von dieſer Race. Nun wohl, Sie haben ſchon eine glückliche Reinigung vorgenommenz Sie haben ſchon nach Europa vier von Die Mohicaner von Paris. 1V. 18 274 meinen Dienern zurückgeſchickt, fünf ſogar: Piontowski, Achambault, Cadet, Rouſſeau und Santini. Mitten unter uns gereiften, ernſten, reſignirten Männern, die wir nichts mehr von der Vorſehung erwarten, iſt Sar⸗ ranti, der dieſe Vorſehung unterſtützen, ihr ſeine Pläne einblaſen, die Ausführung derſelben beſchleunigen will. eine Brandfackel unabläſſiger Zwietracht; ſchon zwanzig⸗ mal wollte ich Sie bitten, ihn mit den Andern nach Europa zu ſchicken; die Gelegenheit bietet ſich, ich er⸗ greife ſie.“ „Der Kaiſer ſprach dieſe Worte mit dergeſtalt vib⸗ rirender Stimme, daß ich mich in ſeiner Abſicht täuſchte: ich hielt für Zorn gegen mich, was in Wirklichkeit nur Verachtung gegen den Gouverneur war. „Ich ſiel Ihrem Vater zu Füßen und rief: „Dh! Sire, iſt es möglich, können Sie den Ge⸗ danken gehabt haben, mich zu verbannen, mich, einen Ihrer treueſten Diener? Iſt mein Vaterland nicht da, wo Sie ſind? wird das Land der Verbannung für mich nicht das ſein, wo ich Sie nicht mehr ſebe?““ „Der Gouverneur ſchaute mich mitleidig an: er hatte nie das begreifen können, was er den Feti⸗ ſchismus der Umgebung des Kaiſers für den Kaiſer nannte. „Ei! wer ſagt Ihnen, ich zweifle an Ihrer Er⸗ gebenheit, mein Herr? Ich bin von derſelben im Gegen⸗ theile überzeugt,“ antwortete der erhabene Gefangenez „dieſe Ergebenheit iſt ſo, daß Sie noch viele Jahre brauchen würden, um, nicht für Sie, ſondern für mich das Leben auf St. Helena anzunehmen. So daß Sie für uns nicht nur ein beſtändiger Gegenſtand des Aer⸗ gerniſſes, ſondern auch ein ewiges Motiv der Furcht ſind. Ich ſehe Sie nicht ohne Beſorgniß von hier weggehen, ich ſehe Sie nicht ohne Bangigkeit zurück⸗ kommen;... um nur von dieſem Augenblicke zu re⸗ den; geſchieht es nicht Ihretwegen, daß ein Mann von der Wichtigkeit des Herrn Gouverneur mich ſtört und 1 1 1 —) ki, ten die ar⸗ äne ill, ig⸗ er⸗ ib⸗ te: nur Ge⸗ nen da, nich er ti⸗ iſer Er⸗ gen⸗ ahre mich Sie Aer⸗ ucht hier rück⸗ re⸗ von und 275 mir einen Beſuch macht, der ihm eben ſo wenig ange⸗ nehm iſt, als mir? ſind Sie nicht, weil Sie behaup⸗ teten, ich, der Mann der Bivouacs, der Spartaner, für den eine Wurzel und ein Stück Brod genügen würden, der ich in Italien mit einem Napfe Polenta, in Aegyp⸗ ten mit einer Schüſſel Pilau, in Rußland mit gar nichts lebte; ſind Sie nicht, weil Sie behaupteten, ich brauche Braten zu meinem Mittagsmahle, auf die Zie⸗ genjagd gegangen, eine ſtrafbare Handlung, welche mit Recht den Zorn des Herrn Gvouverneur erregt? Ich verlange alſo förmlich von Herrn Hudſon Lowe, daß er Sie nach Europa zurückſchickt; Sie haben einen Sohn zu erziehen, mein Herr, und in den Augen der Natur iſt ein Vater viel mehr nöthig bei einem Kinde, das heranwächſt, als bei einem Greiſe, der ſtirbt, und wäre dieſer Greis Cäſar, Karl der Große oder Napo⸗ levn. Ich ſage Greis beziehungsweiſe, wohlverſtanden; man iſt alt mit ſieben und vierzig Jahren in einem Lande, wo man mit fünfzig ſtirbt. Kehren Sie alſo nach Frankreich zurück, und mag ich leben oder ſterben, ich werde nicht vergeſſen, daß ich genöthigt war, Sie von hier wegzuſchicken, weil Sie mich zu ſehr liebten.““ „Dieſe letzten Worte wurden mit ſo bewegter Stimme geſprochen, daß ich anfing, nicht den wahren Sinn der Worte des Kaiſers, wohl aber wenigſtens ſeine wahre Gemüthsverfaſſung zu begreifen. „Ich erhob das Haupt, und ſein wunderbarer, auf mich gehefteter Blick ſagte mir das Uebrige. „Was den Gouverneur betrifft, er ſah nichts hierin, als daß er dem Kaiſer einen ſeiner ergebenſten Diener nehmen, daß er abermals einen der Zweige der Eiche, welche Europa mit ihrem Schatten bedeckt hatte, fallen machen ſollte. „Iſt es im Ernſte die Intention des Generals Vonaparte, daß ich dieſen Mann nach Europa zurück⸗ ſchicke?““ fragte er. „„Sehe ich aus wie ein Menſch, der ſcherzt?“ 276 ſagte der Kaiſer.„„Ich verlange poſitiv, daß man mich von Herrn Sarranti befreit, der mich hier beläſtigt, weil er mich zu ſehr liebt! Iſt das klar?““ „Dieſe Gefälligkeit gehörte zu denjenigen, welche der Kerkermeiſter von St. Helena ſeinem Gefangenen zu bewilligen immer bereit war. Der Herr Gouverneur hatte auch die Güte, auf der Stelle dem Verlangen des Kaiſers zu entſprechen und anzukündigen, ich werde zwei Tage nachher an Bord einer Brigg der Compag⸗ nie, weiche in Jamestown auf der Rhede liege und nach Portsmouth abgehe, eingeſchifft werden. „Der Kaiſer machte mir ein Zeichen. Ich begriff. er wünſche, daß ich mich entferne. Ich zog mich in Verzweiflung zurück und ließ ihn allein mit dem Gou⸗ verneur. Ich weiß nicht, was während dieſes Zuſam⸗ menſeins von ein paar Minuten vorging; doch eine Viertelſtunde nach dem Abgange von Sir Hudſon Lowe ſagte mir der General Montholon, der Kaiſer verlange nach mir. „Ich trat ein; der Kaiſer war allein... Meine erſte Bewegung war, mich ihm zu Füßen zu werfen! Ich habe ein ſehr hartes, ſehr ſtörriſches Ausſehen, nicht wahr, Hoheit?“ unterbrach ſich der Corſe;„man ſollte glauben, ich könne mich eben ſo wenig biegen, als die Eiche unſerer Gebirge? Was wollen Sie? vor dieſem Manne war alles Rohr, mochte der Wind ſeines Zornes oder der ſeiner Liebe wehen! „Oh! Sire,“ rief ich,„wie konnte ich eine ſolche Behandlung von Ihrer Seite verdienen? Fort⸗ gejagt, von Ihnen fortgejagt!““ „Und ich hob meine gefalteten Hände flehend zu ihm auf. „Er aber bückte ſich mit einem Lächeln,— das un⸗ glückliche Kind, und wäre es ein Prinz, welches nur durch das, was ihm die Andern davon ſagen, das Lä⸗ cheln ſeines Vaters kennt!— er aber bückte ſich mit einem Lächeln und ſprach zu mir: — ch t. he en ur es de g⸗ nd ff. in u⸗ m⸗ we ge ne en, an en, or es ine rt⸗ n⸗ ur ä⸗ nit 277 „Komm hierher!.. Wirſt Du denn Dein ganzes Leben ein Dummkopf ſein? komm hierher und as- colta*)!““ „Es war einer von den Ausdrücken der Vertrau⸗ lichkeit und der guten Laune, wenn er mit mir ſprach, daß er ſein Franzöſiſch mit Italieniſchem vermiſchte. „Ich war alſo völlig beruhigt. „Eure Majeſtät,““ fragte ich,„Eure Majeſtät hat alſo ihren Entſchluß geändert, ſie ſchickt mich nicht weg?““ 8„„Im Gegentheile, caro balordo*²); ich ſchicke Dich mehr als je weg.““ „„Hat Eure Majeſtät gegen mich eine urſache der Unzufriedenhett, die ſie mir nicht ſagen will?““ „Bilden Sie ſich zufällig ein, ſchlimmer Corſe, ich würde mir die Mühe nehmen, Ihnen gegenüber Diplomatie zu treiben? Nein, ich wiederhole Ihnen, ich habe mit Ihrer Treue und Ihrer Ergebenheit nur zufrieden zu ſein, signor minchione*22). if iunb dennoch ſchickt mich Eure Majeſtät weg?““ rief ich. „„Si da vero, ma di duesto cattivo luogo †).““ „„Aber warum ſchicken Sie mich denn weg, Sire?““ „Weil Du mir hier unnütz biſt, während ich Dich in Frankreich brauchen kann.““ Oh! Sire,“ rief ich ganz freudig,„ich glaube, ich fange an zu begreifen.“ „Das iſt kein Unglück!““ „Befehlen Sie alſo.“ „„Du haſt Recht, es iſt keine Zeit zu verlieren; denn wer ſagt mir, da Du abreiſen mußt, man könne Dich nicht jeden Augenblick entführen?““ —————— Höre. 3 Lieber Tölpel, ***) Herr Gimpel. 5 4) Allerdings, doch von dieſem erbärmlichen Orte. 278 „Ich höre, Sire, und keines Ihrer Worte wird ſein, keiner Ihrer Befehle wird vergeſſen wer⸗ „Du wirſt Dich auf dem nächſten Wege nach Paris begeben; Du wirſt Clauſel, Bachelu, Foy, Gé⸗ rard, Lamarque, kurz alle diejenigen beſuchen, welche weder bei den Bourbonen, noch bei den Ausländern compromittirt ſind.““ „Was ſoll ich ihnen ſagen, Sire?““ „„Du wirſt ihnen ſagen, Du habeſt ein Jahr mit mir auf St. Helena gewohnt; St. Helena ſei.. ler ſchaute umher und fuhr dann mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke von Bitterkeit fort:) es ſei un luogo simile al paradiso sopra la terra, un luogo ripieno di de- lizie, che si beve, che si canta, che si balla sempre, che s'anda à spasso per delioziosi giardini*).— Ja, in köſtlichen Gärten, wo die Blumen nie verwelken, wo die Bäume immer grünen und herrliche Früchte tragen, benetzt von friſchen Quellen, an denen Vögel, deren Geſang die Ohren ergötzt, ihren Durſt ſtillen,— e che d'era ſinalmente tutto cid, che pud piacere ai santi**).““ „Ich ſchaute ihn mit Erſtaunen an. „Haben ſie das nicht geſagt, diejenigen, welche über St. Helena zu ſchreiben wagten? Haben ſie nicht verſichert, dieſe Inſel, wo man den Tod mit der Luft einathmet, ſei ein Zauberort? ohne Zweifel, damit mein Sohn glaube, ich bleibe hier, weil ich mich hier wohl befinde, und der Reiz des Klimas laſſe mich Alles ver⸗ eſſen!““ 4„Aber warum bleiben Sie,“ rief ich,„oder war⸗ um vekſuchen Sie es wenigſtens nicht, zu fliehen?““ „Eii Dummkopf!““ rief der Kaiſer,„weil die⸗ Ein Ort dem Paradieſe auf Erden ähmlich ein Ort voller Wonne, man trinke, man ſinge, man tanze immer, man luſtwandle in köſtlichen Gärten. **) Und es ſei am Ende Alles hier, was den Heiligen ge⸗ fallen könne. Se———— 279 ſer Tod die Vervollſtändigung meines Lebens iſt! Auf dem Throne hätte ich nur eine Dynaſtie geſtiftet; hier ſtifte ich eine Religion. Indem ſie mich ermorden, töd⸗ ten ſich die Könige. Alexander, Cäſar, Karl der Große ſind Eroberer geweſen; nicht ein Einziger war Märth⸗ rer. Was hat Prometheus unſterblich gemacht? Nicht daß er das Feuer vom Himmel geſtohlen, nicht daß er den Menſchen verſtändig und frei gemacht hat, ſondern daß er an den Caucaſus gefeſſelt worden iſt,— durch die Gewalt, dieſen Henker des Geſchickes! Laß mir meinen Caucaſus, laß mir mein Golgatha, laß mir meine Schädelſtätte und kehre nach Frankreich zurück.““ „„Doch Sie, Sire, doch Sie?““ „Ich, ich werde hier ſterben, das iſt zwiſchen Gott und mir beſchloſſen. Da ich England phyſiſch nicht in Indien tödten konnte, ſo muß ich es moraliſch in der Geſchichte tödten. Es handelt ſich alſo nicht mehr um mich, Sarranti, ſondern um meinen Sohn: ich habe ihn mir als meinen Erben gewünſcht, Gott hat ihn mir geſchenkt; ich habe ihn als mein Kind ge⸗ liebt, Gott nimmt ihn mir zu gleicher Zeit mit meinem Reiche, und ich vergeſſe mein Reich, um nur noch an ihn zu denken. Für ihn alſo, in Rückſicht auf ihn ſchicke ich Dich nach Frankreich. Suche, wie ich Dir ſagte, meine getreuen Generale aufz ſie conſpiriren meine Rückkehr, ſie hoffen mich wiederzuſehen, ſie haben Unrecht; ſie ſchauen nach Sonnenuntergang, ſie haben Unrecht; ſie mögen ihre Augen nach der Seite wenden, wo das Morgenroth aufgeht! St. Helena iſt nur noch ein Leuchtthurm, Schönbrunn iſt der Stern. Nur mögen ſie ſich hüten, daß ſie das unglückliche Kind nicht compromittiren, ſie mögen nur handeln, wenn ſie des Gelingens ſicher ſind, Napoleon H. vergrößere nicht die Liſte der Aſthanax und der Britannicus.““ „Dann ſprach er mit einem väterlichen Ausdrucke, von dem ich Ihnen ſo gern einen Begriff geben möchte: 280 „„Du, der Du glücklicher biſt, als ich, lieber Sarranti, Du wirſt dieſes theure Kind, dieſes geſegnete Haupt ſehen; das iſt der Lohn, den ich Dir für Deine Treue gegen mich bewahre! Du wirſt ihm dieſe Haare geben, Du wirſt ihm dieſen Brief geben, Du wirſt meinem Sohne ſagen, ich habe Dich beauftragt, ihn zu umarmen, und in dem Augenblicke, wo er Dich um⸗ armt, in dem Augenblicke, wo Du fühlſt, daß ſeine Lippen ſich auf Deine Wangen legen, wirſt Du ihm ſagen, Sarranti:„„Das iſt ein Kuß, für welchen ein Kaiſer ſein Reich gegeben hätte; ein Eroberer ſeinen Ruf; ein Gefangener den Reſt der Tage, die er noch zu leben hat.““ Und das Kind und der Mann fanden ſich abermals Bruſt an Bruſt, Geſicht an Geſicht, ihre Thränen und ihr Schluchzen vermengend!.. Während der paar Minuten, welche auf dieſen Er⸗ guß zweier in einer Liebe verſchmolzenen Herzen folgte, blieb der Prinz tief nachdenkend, und Herr Sarranti konnte ihn mit Muße prüfend betrachten. Der Erfolg dieſer Prüfung war, daß in dem Mo⸗ mente, wo der Herzog das Haupt erhob und den Mund öffnete, um das Wort an Herrn Sarranti zu richten, die Augen von dieſem vor Freude ſtrahlten. Während der Prinz ſo in tiefe Betrachtungen ver⸗ ſunken war, erſchien in der That die männliche Seite ſeiner Schönheit dem Verſchwörer in ihrem ganzen Glanze. Das Geſicht des jungen Mannes drückte in dieſem Momente alle Gefühle aus, die in ſeinem Her⸗ zen die Erzählung des treuen Gefährten ſeines Vaters erweckt hatte, das heißt, den Zorn und den Stolz, die Zärtlichkeit und die Kraft. Dieſe ausdrucksvolle Phy⸗ ſiognomie, dieſer Mund voll Verachtung, dieſe Augen voller Blitze, das war wohl die ideale Schönheit, die er für den Sohn ſeines Herrns geträumt hatte, und er beklagte es bitter, daß der General Lebaſtard de Pré⸗ mont nicht da war, um ihn zu betrachten. ber ete ine are irſt ihn um⸗ ine hm ein nen och als und gte, inti No⸗ und ten, er⸗ eite zen er⸗ ters die hy⸗ gen die er ré⸗ 281 „Ich danke Ihnen noch einmal, mein Herr,“ ſagte der Prinz zu Sarranti, indem er ſeine großen, noch von Thränen feuchten Augen von der Erde aufſchlug und ihm die Hand reichte;„ich danke Ihnen für die Freude und die Betrübniß, die Sie mir ſeit einer Stunde ver⸗ urſacht haben! Es bleibt Ihnen nur noch mir zu ſagen, was Ihnen begegnet iſt, und was Sie ſeit dem Tage, wo Sie meinen Vater verließen, bis heute ge⸗ than haben.“ „Hoheit,“ antwortete Sarranti,„es handelt ſich nicht um mich, und ich würde mich als ſtrafbar be⸗ trachten, wenn ich Sie koſtbare Augenblicke verlieren ließe.“ „Herr Sarranti,“ ſprach der Prinz mit einer zu⸗ gleich feſten und ſanften Stimme, die den alten Sol⸗ daten beben machte,— denn im Tone dieſer Stimme hatte er gewiſſe Anklänge der Stimme ſeines ehemaligen Herrn erkanntz„Herr Sarranti, da dieſe Augenblicke, welche Sie mich verlieren zu laſſen befürchten, die glück⸗ lichſten ſind, die ich erlebt habe, ſo erlauben Sie mir dieſelben ſo ſehr, als es mir möglich ſein wird, zu verlängern. Ich bitte, antworten Sie mir auf alle meine Fragen.“ Sarranti verbeugte ſich zum Zeichen des Gehor⸗ ſams, und der junge Mann fuhr fort: Ich habe in den Zeitungen geſehen, daß Sie bei einem Complotte compromittirt waren, das meine Rück⸗ kehr nach Frankreich zu bewerkſtelligen bezweckte; das iſt ſchon ſieben Jahre her. In einem ſchlechten Geiſte geſchriebene Brochuren haben mir den Namen von eini⸗ gen Märtyrern geoffenbart; erzählen Sie mir ihr Leben, ihren Kampf, ihren Tod; verbergen Sie mir nichts! Ich habe, wie ich hoffe, einen Geiſt, der gemacht iſt, um Alles zu begreifen, ein Herz, das gemacht iſt, um Alles zu fühlen; entkräften Sie die Wahrheit nicht; ſeit langer Zeit träume ich die Stunde, die nun ge⸗ ſchlagen hat, und ich bin auf Alles vorbereitet.“ „ 282 Da erzählte der unermüdliche Verſchwörer alle Ein⸗ zelheiten des Complottes, welches ihn Frankreich 1820 zu verlaſſen beſtimmt hatte, ein Complott, über das wir ſelbſt ein paar Worte in einem der früheren Ka⸗ pitel geſagt haben; alsdann führte er den jungen Prin⸗ zen mit ſich nach dem Pendſchab und zeigte ihm den Hof des Mannes von Genie, den man undſchit Sing nannte; er ſagte ihm, wie er hier den General Leba⸗ ſtard de Prémont gefunden, wie er, Sarranti, den durch den Tod des Vaters verurſachten Schmerz dadurch gemildert habe, daß er dieſes in der Tiefe Indiens verlorene Leben der Ergebenheit an den Sohn ange⸗ knüpft, und wie von dieſem Augenblicke an der General und er nur noch eine Idee, einen Plan, ein Ziel ge⸗ habt haben: das große Unternehmen, zu deſſen Voll⸗ bringung ſie nach Wien gekommen— die Entführung von Napoleon U. Der Prinz hörte mit beſorgter Theilnahme und mit Bewunderung. „Nun ſtehen wir einander von Angeſicht zu Ange⸗ ſicht gegenüber,“ ſagte er.„Ich kenne Ihren Zweck. Was ſind Ihre Ausführungsmittel?“ „Sire, unſere Ausführungsmittel ſind von zweier⸗ lei Art: die materiellen Mittel, die politiſchen Mittel. — Die materiellen Mittel ſind Creditbriefe auf das Haus Arnſtein und Eskeles in Wien, Grotius in Am⸗ ſterdam, Baring in London, Rothſchild in Paris; alle dieſe Credite vereinigend können wir auf mehr als vierzig Millionen rechnen... Wir haben ſechs Oberſte, die für ihre Regimenter ſtehen; zwei von dieſen Ober⸗ ſten werden vom 15. Februar an in Paris ſelbſt in Garniſon ſein. Wir haben alle Generale des Kaiſer⸗ reiches, welche dem Kaiſerreiche treu geblieben ſind. Was die politiſchen Mittel betrifft, ſo iſt eine furcht⸗ bare Revolution im Begriffe, in Polen, in Deutſch⸗ land, in Italien auszubrechen. Es bewerkſtellige ſich eine liberale Bewegung in Frankreich, und dieſe Be⸗ we wä jun fol Mo heit nich die ſie eine Rey dem 283 wegung wird, wie die von Enkelados, die Welt um⸗ wälzen.“ „Aber Frankreich... Frankreich?“ fragte der junge Mann, der Sarranti nicht erlaubte, ſich von dem Punkte zu entfernen, auf den ſeine Augen geheftet waren. ſu„Iſt Eure Hoheit der Bewegung der Geiſter ge⸗ olgt?“ 8 Wie ſoll ich der Bewegung der Geiſter folgen? Man zieht beſtändig einen Schleier zwiſchen die Wahr⸗ heit und mich! Es kommen mir Gerüchte zu, und nicht mehr; Scheine blenden mich, und nichts Anderes.“ „Ah! Hoheit, dann wiſſen Sie nicht, wie günſtig die Stunde iſt, ſo günſtig, daß die Revolution, findet ſie nicht zu Gunſten Ihres Namens ſtatt, zu Gunſten eines Mannes oder einer Idee ſtattfinden wird: dieſer Mann iſt der Herzog von Orleans, dieſe Idee iſt die Republik.“ „Frankreich iſt alſo unzufrieden, mein Herr?“ „Es iſt mehr als unzufrieden, Hoheit, es iſt ge⸗ demüthigt.“ „Es ſchweigt indeſſen!“ „Wie das Echo, Hoheit.“ „Es biegt ſich!“ „Wie der Stahl!.. Frankreich wird den Bour⸗ bonen die Invaſion von 1814, die Occupation von 131s nicht vergeſſen; die letzte Lunte von Waterloo iſt noch nicht verbrannt, und die Franzoſen brauchen nur einen Vorwand, eine Gelegenheit, ein Signal, um die Waffen zu ergreifen; dieſer Vorwand, die Regierung bietet ihnen denſelben mit ihren Geſetzen über das Erſtgeburtsrecht, mit ihren Geſetzen gegen die Preß⸗ freiheit, mit ihren Geſetzen gegen die Jury; dieſe Ge⸗ legenheit, ſie wird ſich bieten, aus welchem Anlaſſe? ich weiß es nicht: aus Anlaß der erſten, der beſten Sache; dieſes Signal, wir werden es geben, Hoheit, 284 ſobald wir hier, unter der Hand, um unſere Bewegung zu unterſtützen, das Anſehen Ihres Namens haben.“ „Aber,“ fragte der Prinz,„welche Beweiſe können Sie mir hinſichtlich der Stimmung Frankreichs für mich geben?“ Welche Beweiſe? Ah! nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie nicht undankbar gegen dieſe Mutter werden, welche Sie anbetet! Welche Beweiſe! Eine permanente Verſchwörung ſeit 1815: der Kopf von Didier in Gre⸗ noble gefallen; die Köpfe von Tolleron, Pleignies und Carbonneau in Paris gefallen; die Kövfe der vier Ser⸗ ganten von la Rochelle auf den Gröve rollend; Berton in Saumur erſchoſſen; Caron in Straßburg erſchoſſen; Tane ſich die Adern im Gefängniſſe öffnend; Dermon⸗ court nach den Ufern des Rheins fliehend; Carrel über die Bidaſſoa entweichend; Manvuryl, der eine Zuflucht in der Schweiz findet; Petit⸗Jean und Beaume, die ſich nach America begeben... Wiſſen Sie nichts von der„ Exiſtenz des in Deutſchland unter dem Namen Illu⸗ minismus geborenen, nach Italien unter dem Ramen Carbonarismus verpflanzten und zu dieſer Stunde, in der Dunkelheit der Katakomben unter dem Namen Charbonnerie in Paris wachſenden furchtbaren Bundes?“ „Mein Herr,“ ſprach der Prinz, während er auf⸗ ſtand,„ich will Ihnen einen Beweis geben, daß ich Alles dies weiß,— ſchlecht vielleicht, aber doch ſo gut, als ich es wiſſen kann. Ja, ich kenne die Namen von allen dieſen Märthrern; ſind ſie aber wirklich für mich geſtorben, mein Herr? Conſpirirten nicht Einige für den Herzog von Orleans? Didier, zum Beiſpiel!— Andere für die Republik: wie Dermoncourt und Carrel?“ Sarranti machte eine Bewegung. Der Prinz ging an ſeine Bibliothek; er nahm von einem hinter den andern verborgenen geheimen Brette, auf welchem ein paar Bücher und einige Bro⸗ — chur erſte und 285 churen ſtanden, einen Oetavband und öffnete ihn bei der erſten Seite. Er reichte ſodann den Band offen Herrn Sarranti und ſagte: „Sehen Sie!“ Herr Sarranti las laut: „Plaidoyer von Herrn von Marchangh, Gene⸗ ralprocurator, geſprochen am 29. Auguſt 1822 vor dem Aſſiſenhofe der Seine, in der Sache der Verſchwörung von la Rochelle.“ „Nun wohl,“ ſagte der Prinz,„acht Tage nach der Veröffentlichung dieſes Requiſitvriums ließ man es mir hier zukommen. Wer? ich weiß es nicht. Wie dem ſein mag, unter dem Schwalle der Form habe ich den Grund errathen; wiſſen Sie nun, was für mich aus dieſer Lecture hervorgegangen iſt, mein Herr?“ „Nein, Hoheit.“ „Daß keines von dieſen Complotten einen beſtimm⸗ ten, ſicheren, unerſchütterlichen Endzweck hatte. Ich bin ein poſitiver Geiſt, Herr Sarranti, und ich habe weder die glühenden Enthuſiasmen der Corſen, noch die der Franzoſen; ohne einen ſehr entſchiedenen Geſchmack für die abſtracten Wiſſenſchaften zu beſitzen, denke und handle ich doch mathematiſch. Beklagen Sie mich, daß ich eher einem Menſchen des Norden, als einem Men⸗ ſchen des Süden gleiche: das Wachs iſt franzöſiſch, das Gepräge teutoniſch. Nun wohl, ich ſage Ihnen und ich wiederhole Ihnen, keine von dieſen Verſchwö⸗ rungen hat mir ernſt geſchienen. Ich ſehe wohl, daß die Revolutivn in allen Köpfen, daß die Freiheit in allen Herzen iſt; ich ſehe wohl, daß man die Regierung der Bourbonen umſtürzen will, doch um ihr was zu ſubſtituiren? um welche Ordnung der Dinge an ihre zu ſetzen? Das ſuche ich vergebens, das ſehe ich ni „Hoheit, es iſt unbeſtreitbar das Kaiſerreich, was 286 man an die Stelle der beſtehenden Regierung ſetzen wird.“ ſchüttelnd. „Oh! was das betrifft, Niemand zweifelt daran, Hoheit!“ erwiederte Sarranti mit Ueberzeugung. zeugung „Außer mir, mein Herr,“ entgegnete der von Reichſtadt;„und das iſt wohl Etwas bei den Um⸗ ſtänden, in denen wir uns befinden!“ „Ei! Hoheit, Ihr Großvater Franz II. und Herr von Metternich ſagen Ihnen das.“ „Nein, Herr von Marchangy.“ „Oeffnen Sie dieſes Buch aufs Gerathewohl, Hoheit, und Sie werden auf der erſten, der beſten Seite ſehen, mit welcher wüthenden Begeiſterung die Ein⸗ wohnerſchaften von Rennes, von Nantes, von Saumur, von Thouars, von Verneuil und von Straßburg dem Namen Napoleons II. zugejauchzt haben.“ „Gut, mein Herr,“ ſprach der junge Prinz,„wit wollen öffnen und ſehen.“ Und den Band aufs Gerathewohl öffnend: „Nehmen wir, wie Sie ſagen, die erſte, die beſte Seite... Ah! das Buch iſt offen; ich bin auf die Seite 212 gerathen. Leſen wir.“ „„Es gab keinen feſt verabredeten, beſtimmten Entſchluß, weil man über die Wahl der Regierung un⸗ einig war... „Ich habe eine unglückliche Hand gehabt, wie Sie ſehen, Herr Sarranti!“ ſagte der junge Prinz.„Wen⸗ den wir das Blatt um.“ Und er las: „„Die Einen wollten die Republick, die Andern das Kaiſerreich.. „Ah! Sie ſehen Hoheit,“ bemerkte eiligſt Sar⸗ ranti:„die Anderen das Kaiſerreich.“ „Ei! wer ſagt die Anderen, ſagt nicht die Einen. „Herr Sarranti!“ ſagte der junge Prinz den Kopf Mr nur zöſi ſchr den ma zwa doch mei nun gier meh weiſ der geſte Fra der ſucht o Wer der nicht das Ober ſetzen Kopf aran, erzog Um⸗ Herr wohl, Seite Ein⸗ mur dem „wir beſte f die imten un⸗ Sie Wen⸗ ndern Sar⸗ inen. 287 Die Anderen, das iſt nicht ganz Frankreich!— Doch fahren wir fort.“ „„Dieſe wollten einen fremden Prinzen... „Das waren ſchlechte Bürger!“ „„Jene einen in der Volksverſammlung gewählten Monarchen. „Bei dieſer Rechnung, Herr Sarranti, bilden wir nur ein Viertel beim einſtimmigen Wunſche der fran⸗ zöſiſchen Bevölkerung... Folgen wir dem Geſchicht⸗ ſchreiber.“ „„Man hatte alſo kein feſtes, entſchiedenes Ziel, denn um etwas umzuſtürzen, muß man wiſſen, was man an ſeine Stelle ſetzen ſoll... „Das ſagte ich Ihnen ſo eben, mein Herr, und zwar faſt in denſelben Ausdrücken. Es thut mir leid, daß ich mit dieſem General⸗Procurator zuſammentreffe; doch was wollen Sie! ſeine Meinung verſtärkt die meinige.“ „„Um zu rufen: Nieder mit dieſer oder jener Ord⸗ nung der Dinge! muß man zugleich eine andere Re⸗ gierungsform proclamiren können..4 „Das iſt nur eine Wiederholungz doch um ſo mehr, mein Herr, dient dieſe Wiederholung zun Be⸗ weiſe, daß das Kaiſerreich nicht der einſtimmige Wunſch der franzöſiſchen Ration iſt.“ „Hoheit,“ erwiederte voll Wärme Sarranti,„ich geſtehe, daß das Princip, welches vor Allem den Geiſt Frankreichs bearbeitet, die Revolution und beſonders der Haß gegen die Dynaſtie der Bourbonen iſt. Man ſucht freilich zuerſt niederzureißen, wie der Menſch, der einen böſen Traum hat, vor Allem aufzuwachen ſucht. Doch es zeige ſich ein Führer, und Jeder wird zum Werke des Wiederaufbaus ſchreiten. Was iſt ein in der Verſammlung des Volks gewählter Monarch, wenn nicht das Kaiſerreich? was iſt die Republik, wenn nicht das verkleidete Kaiſerreich, mit einem Wahlkaiſer zum berhaupte, unter dem Titel Conſul oder Präſident? 288 Was einen fremden Prinzen betrifft, wenn will man hiemit bezeichnen, wenn nicht Sie, Hoheit, einen im Auslande erzogenen franzöſiſchen Prinzen, der Sie aber leicht beweiſen werden, daß Sie nie aufgehört haben, Franzoſe zu ſein? Sie ſehen logiſch und mathematiſch? Deſto beſſer, Hoheit. Sie ſagen, die Revolution habe kein Ziel? Ich ſage Ihnen, daß ſie kein Haupt hat. Am Vorabend des 18. Brumaire hatte ſie auch kein Ziel: am andern Tage war ſie in Ihrem Vater verkörpert. Ich wiederhole Ihnen, Hoheit, es wird genügen, Sie zu nennen, daß alle wahre Patrioten ſich erheben; es wird für Sie genügen, zu erſcheinen, daß alle Mei⸗ nungen ſich vermengen, daß alle Parteien ſich vereini⸗ gen: nennen Sie ſich alſo, Hoheit, und erſcheinen Sie.“ „Sarranti! Sarranti!“ rief der Prinz,„geben Sie wohl Acht, welche Verantwortlichkeit Sie der Zu⸗ kunft gegenüber auf ſich nehmen, ſollte ich ſcheitern, ſollte ich die Rolle von Karl Eduard ſpielen, ſollte ich das Andenken meines Vaters trüben, ſollte ich den großen Namen Napoleon erniedrigen! Manchmal bin ich faſt glücklich, daß man mir dieſen Namen nicht ge⸗ laſſen hat; durch den Diebſtahl, den man an mir be⸗ gangen, iſt er nicht Schimmer um Schimmer geſtorben: das Schickſal hat darauf geblaſen und ihn unter einem Sturme ausgelöſcht!.. Sarranti! Sarranti! gäbe mir ein Anderer als Sie einen ſolchen Rath, ich würde ihn nicht eine Secunde länger anhören!“ „Hoheit!“ rief Sarranti,„ich bin nur das Echo der Stimme Ihres Vaters. Der Kaiſer hat mir ge⸗ ſagt:„„Entreiße meinen Sohn den Händen des Man⸗ nes, der mich verrathen hat,“ und ich komme, um Sie denſelben zu entreißen. Der Kaiſer hat mir geſagt: „„Setze auf die Stirne meines Sohnes die Krone von Frankreich!““ und ich komme, um Ihnen zu ſagen: „„Sire, kehren wir in die vielgeliedte Stadt Paris zurück, die Sie nicht verlaſſen wollten!““ „Stille! Stille!“ flüſterte der junge Mann wie wi übe in lich nal ruf von tra Sit Sti mal „hö Ihn Ent Ich Si egr 1 jetzt. nun, und welc laſſe dem Seel bis Still verſu an d ben. ſo ve mit umfa ſprech 289 wie doppelt erſchrocken,— ſowohl über den Rath, als über den Titel, den man ihm gab. „Ja, Sire,“ wiederholte Sarranti,„Stille, Stille in dieſem Gefängniſſe, wo Eure Majeſtät ein ſo ſchmerz⸗ liches Märtyrthum vollbringt! Doch die Zeiten ſind nahe, wo wir Ihren großen Namen in der Sonne aus⸗ rufen können, mit ſolchen Stimmen, daß der Ocean ihn von Welle zu Welle bis an das Grab Ihres Vaters tragen wird! Brechen Sie alſo Ihre Ketten, brechen Sie Ihre Gitter, und laſſen Sie uns gehen!“ „Sarranti,“ ſprach der Prinz mit einer feſten Stimme, welche bezeichnete, wenn ſein Entſchluß ein⸗ mal gefaßt ſei, ſo werde er nie mehr davon abgehen, „hören Sie mich an. Vorausgeſetzt, ich willige ein, Ihnen zu folgen, ſo muß ich, ehe ich dieſen großen Entſchluß faſſe, mich noch lange mit Ihnen beſprechen. Ich habe Ihnen tauſend Einwendungen zu machen, die Sie beſiegen werden, ich bezweifle es nicht: doch Sie begreifen, mein Freund, ich will nicht fortgeriſſen wer⸗ den, ich will überzeugt ſein. Mein Ehrgeiz war bis jetzt, bei der Armee eine einfache militäriſche Auszeich⸗ nung zu erlangen.. Nun träume ich einen Thron, und welchen Thron? den von Frankreich! Sehen Sie, welchen Weg Sie mich in ein paar Stunden haben machen laſſen; ſehen Sie, mit welchen Rieſenſchritten wir, ſeit dem Sie hier, marſchirt find! Gönnen Sie meiner Seele den morgigen Tag, um ſich zu erholen, Sarranti; bis dahin werde ich mich in der Einſamkeit und in der Stille im Tragen der großen Rüſtung meines Vaters verſucht haben; und Sie werden hoffentlich einen Mann an dem Platze finden, wo Sie ein Kind gelaſſen ha⸗ ben. Aber heute, mein Freund, iſt mein Herz voll von ſo verſchiedenartigen Gefühlen, daß ich unfähig wäre, mit Ihnen mit der für die Ueberlegung eines ſo weit umfaſſenden Planes nothwendigen Kaltblütigkeit zu ſprechen. Geben Sie mir vierundzwanzig Stunden, Die Mohicaner von Paris. W. 19 290 Sarranti: im Namen meines Vaters, mit deſſen Schat⸗ ten ich mich zu berathen habe, verlange ich ſie von Ihnen.“ mit einer Stimme, welche eben ſo zitternd, als die des jungen Prinzen feierlich war.„Ich bin ſelbſt weiter gegangen, als ich gehen wollte: hier eintretend, wollte ich mit Ihnen nur von Ihrem Vater reden, und un⸗ willkürlich bin ich dazu hingeriſſen worden, daß ich von Ihnen ſprach.“ „uebermorgen alſo, wenn Sie wollen, mein Freund.“ „Uebermorgen, Sire, zur ſelben Stunde.“ „Zur ſelben Stunde... Sie werden die Liſte der Generäle, der Oberſten und der Regimenter bringen, über die Sie verfügen zu können glaubenz ſodann eine Poſtkarte von Europa. Ich will mir Rechenſchaft von der Entfernung geben, die wir zu durchlaufen haben. Kommen Sie mit einem Worte hierher mit einem wohl⸗ entworfenen Fluchtplane, und mit Ihren in ein paar Zeilen entwickelten Projecten.“ „Hoheit,“ ſagte Sarranti,„es iſt eine Perſon, der ich nicht zu danken wage, aus Furcht, Verdacht zu er⸗ regenz dieſe Perſon werden Sie vor mir ſehen; ich bitte Sie inſtändig, danken Sie ihr in meinem Namen! Nach Ihnen, Hoheit, hat ſie das Recht über mein Le⸗ ben zu verfügen.“ „Seien Sie unbeſorgt,“ erwiederte der Prinz er⸗ röthend. Und er reichte ſeine Hand Sarranti, der ſie, ſtait ſie zu drücken, ehrfurchtsvoll küßte, wie er St. Helena verlaſſend dem Kaiſer die Hand geküßt hatte. „Sie haben Recht, Hoheit,“ erwiederte Sarranti chat⸗ von anti des eiter ollte un⸗ von ind.“ ede ngen, eine von aben. vohl⸗ paar „der u er⸗ ich men! n Le⸗ z er⸗ ſtatt elena 291 CIV. 2 Montrouge und Saint⸗Acheul. Ueberlaſſen wir Roſenha ihrer Liebe, den Herzog von Reichſtadt ſeinem Traume, Sarranti und den Ge⸗ neral Lebaſtard de Prémont ihrer Hoffnung, und kehren wir nach Paris, das heißt zu dem wahren Mittelpunkte der Ereigniſſe, welche unſere Erzählung bilden, zurück. Eine große Arbeit erwartet uns dort, und wir rechnen auf die geduldige Neugierde unſerer Leſer, daß ſie uns dieſelbe vollbringen heifen. Es handelt ſich darum, einen Moment Halt zu machen und während dieſes Moments einen forſchenden Blick auf das Jahr 1827 zu werfen, deſſen Thore wir öffnen, und das eines der merkwürdigſten des Jahrhun⸗ derts iſt. Im erſten Kapitel dieſes Buches,— und bemerken Sie wohl, liebe Leſer, daß wir ſchon davon durch Bände getrennt ſind, welche dem Umfange eines ge⸗ wöhnlichen Romans gleich kommen,— im erſten Ka⸗ pitel dieſes Buches, wo der Verfaſſer den Vorhang von der Stene ſeines Dramas aufgehen läßt, hat er es verſucht, ſeinen Leſern einen Begriff von dem zu geben, was das phyſiſche und moraliſche Paris jener Epoche war. Es iſt nun Zeit, zu ſagen, zu dieſer Stunde, wo der Kampf von vier großen Parteien: der rohali⸗ ſtiſchen, der republikaniſchen, der bonapartiſtiſchen und der prleaniſtiſchen, beginnt, was das politiſche, philoſo⸗ phiſche und artiſtiſche Frankreich derſelben Epoche war. Wir werden dies ſo raſch als möglich thun, und dennoch dränge man uns nicht zu ſehr in unſerem Gange; wir ſind auf dem geraden Wege angelangt, 292 der zu 1830 führt. Wie auf der Straße von Daulis nach Theben, werden wir nun den Sphinx treffen und ihn, ein moderner Oedipus, zwingen, uns das Räthſel der Revolutionen zu ſagen. Leſer, oder vielmehr Freunde, vollbringen Sie alſo geduldig mit uns die fromme Pilgerfahrt, die wir nach der Vergangenheit machen; in der Vergangenheit muß man das Geheimniß der Zukunft ſuchen. Die Gegen⸗ wart hat faſt immer eine Maske, und die Vergangenheit, heraufbeſchworen durch die Stimme der Geſchichte, aus ihrem Grabe hervorgehend wie Lazarus, die Vergangen⸗ heit antwortet allein aufrichtig. Kehren wir alſo einen Augenblick zur Vergangenheit zurück, die unſer Vater iſt, die der Großvater unſerer Kinder und der Urgroß⸗ vater unſerer Enkel ſein wird. Ueberdies vergeſſen wir zu ſehr, wie mir ſcheint, dieſe Geneſis unſeres Jahrhunders. Eine der großen Krankheiten unſerer Zeit, wo man ſo raſch unter den Unruhen lebt, wo man ſo ſchnell von den Freigniſſen zu den Kataſtrophen fortgeriſſen wird, iſt das Vergeſſen. Das Vergeſſen iſt aber beinahe immer der Undank. Dieſes Axiom, das wir hier ausſprechen, wäre be⸗ ſonders auf uns anwendbar, würden wir das große Jahr 1827 vergeſſen. In der That, das Jahr 1827 9 iſt der Monat April des neunzehnten Jahrhunderts: wie im Monat April der Frühling erwacht und zuckt, der im Monat Mai mit ſeinem Blüthenhaupte die Eis⸗ lage brechen wird, mit welcher die Erde noch bedeckt iſt, ſo erwacht und zuckt vom Jahre 1827 an die Frei⸗ heit, welche ganz gerüſtet und glänzend aus dem vulca⸗ niſchen Boden von 1830 hervorſpringen ſoll. Was iſt hinter den fernen Dünſten verborgen, die ſie die Augen öffnend erſchaut? Sie weiß es nicht; doch die große Beſchäftigung dieſes Traumes, der ihrem Leben vorherging, iſt der Kampf gegen Alles, was ſie am Blühen und Früchtetragen verhindern kann. In einem Buche, welches wir geſchrieben haben, ulis und hſel alſo nach muß gen⸗ eit, aus gen⸗ inen ater roß⸗ eint, oßen den n zu ſſen. be⸗ roße 1827 erts: zuckt, Eis⸗ edeckt Frei⸗ ulca⸗ „ die nicht; hrem as ſie aen 293 das aber noch nicht erſchienen iſt*), haben wir eine andere, ebenfalls gigantiſche, ebenfalls für Frankreich herrliche Epoche die Revue paſſiren laſſen! Dieſe Re⸗ vue war die der erſten Hälfte des ſechzehnten Jahrhun⸗ derts, wo Alles ſich bewegt, wo Alles ſich verwandelt, wo Alles ſich erneuert. Nun wohl, im Jahre 1827 iſt es auch die Wieder⸗ geburt, die politiſche, philoſophiſche und artiſtiſche Wiedergeburt; es iſt der Kampf auf Leben und Tod des Lichtes gegen die Finſterniß, der Freiheit gegen die Unterdrückung, der Zukunft gegen die Vergangenheit. Die Gegenwart iſt oft nur das Schlachtfeld. Die Arena iſt Paris. Von Paris, dem lichtvollen Herde, gehen alle Strahlen aus, welche die Welten erleuchten ſollen, die einen aufhellend, die andern in Brand ſteckend! Warum dies? Weil das ein Volk von Gläubigen iſt, das ſich rührt; alle dieſe Menſchen werden gewiß ſiegen, denn ſie kämpfen voll Aufrichtigkeit und glauben das, was ſie wünſchen. Wir ſind ein wenig heute in Betreff der Revolu⸗ tion von 1830, was das Directorium in Betreff der von 1789 war: wir verſpotten ſie, und wir leben da⸗ von. Doch die zukünftigen Generationen,— das iſt wenigſtens unſere Hoffnung,— werden, immer unpar⸗ teiiſcher als die Zeitgenoſſen, den großen Männern jeder Art, welche der erſten Hälfte dieſes Jahrhunderts einen ſo blendenden Glanz verleihen, Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Ich weiß,— und Madame Roland, welche ſich, ihre eigene Größe nicht kennend, in ihren Denkwürdig⸗ keiten beklagt, daß es nicht einen einzigen großen Mann in dem großen Jahre 92, einem Jahre der Rie⸗ ſen, gebe! Madame Roland iſt da, um mir als Bei⸗ *) Das Horoſkop. 294 ſpiel zu dienen,— ich weiß, ſage ich, daß ſich die Schatten der großen Männer der Vergangenheit immer zwiſchen uns und die großen Männer der Gegenwart ſtellen und uns verhindern, unſere Zeitgenoſſen in ihrem wahren Lichte zu ſehen; doch es trennt uns ſchon ein Vierteljahrhundert von 1827: wir können alſo rück⸗ wärts ſchauen, und deutlich, wie vom Gipfel eines Berges herab, diejenigen ſehen, die wir nur unbeſtimmt unten erſchaut haben, während wir mit ihnen im Thale oder im Walde reiſten. Der Keim der Revolution von 1830 iſt im Schvoße Frankreichs ſchon ſeit den erſten Monaten des Jahres 827 niedergelegt. Dieſe Schauer, welche die große Nation empfindet, und die ſie zugleich vor Schrecken und vor Hoffnung beben machen, das iſt das Leben, das in der Frucht ſeiner Eingeweide zu ſchlagen an⸗ fängt. Die Geburt wird langſam, mühſam, peinlich ſein; die Schmerzen werden drei Jahre dauern, doch die Ent⸗ bindung wird ſchön ſein unter der Juliſonne. Das Jahr 1827 iſt fruchtbar an Ungerechtigkeiten, ich weiß es wohl: die Nationen brauchen ungeſchlachte Ge⸗ burtshelfer, damit die Ideen Ereigniſſe werden. Nehmen wir alſo offen dieſe Reihe von Knechtun⸗ gen und von Corruptionen, von Lügen und Gewalt⸗ thaten, von Verfolgungen und von Betrügereien, welche das Jahr der Incarnation verherrlichen, in Angriff. Unter dem Drucke der Jeſuiten von Montrouge und Saint⸗Acheul verſinkt die Regierung von Karl X. auf dem gekrümmten Wege, aus dem ſie nicht mehr herauskommen kannz denn ſie iſt ſtumm bei den Kla⸗ gen, taub für die Warnungen. An einem Tage brand⸗ markt ſie die heiligſten Unabhängigkeiten, an einem andern Tage verbannt ſie die öffentlichen Tugenden, mißkennt ſie die geleiſteten Dienſte, befleckt ſie die Illu⸗ ſtrationen, entfernt ſie das Gute, winkt ſie dem Böſen herbeizukommen. die mer art rem ein ück⸗ nes nmt hale oße hres oße cken ben, an⸗ ein; Ent⸗ ich Ge⸗ tun⸗ at⸗ che f. ouge nehr Kla⸗ and⸗ nem den, llu⸗ öſen 295 Ein ängſtlicher und grämlicher, räuberiſcher und eiferſüchtiger, despotiſcher und aufhetzender Geiſt, hält ſich der Jeſuitismus wie ein finſteres Geſpenſt unter dem Thronhimmel, hinter dem königlichen Stuhle auf. Niemand ſieht ihn: Jedermann erräth ihn! Von hier bläſt er dem König ſeine Anatheme gegen jeden Ruhm, ſeine Eiferſucht gegen jedes Glück, ſeinen Haß gegen jede Intelligenz, ſeinen Widerſtand gegen alle edle Ge⸗ danken ins Ohr. Er fürchtet jede freie Seele, jeden erhabenen Geiſt, jede unabhängige Exiſtenz, er hat Recht: Alles, was nicht ſein Diener oder ſein Sklave iſt, iſt ſein Feind! Die Umſtände waren aber ernſt, und der Kampf verſprach heftig zu werden. Die öffentliche Meinung und die unabſetzbaren Be⸗ hörden widerſetzten ſich kräftig dem Umſichgreifen dieſer Theokratie; doch der König, doch das Miniſterium, doch alle Functionäre der Regierung erhielten das Loſungs⸗ wort von Montrouge und Saint⸗Acheul und befolgten es blindlings. Man witterte unbeſtimmt, in einer Zeit, wo man dies für unmöglich gehalten hätte, etwas wie einen Religionskrieg. Wo ſollte dieſer Krieg ausbrechen? Man wußte es nicht; doch aller Wahrſcheinlichkeit nach würde das Schlachtfeld in Portugal ſein, und um die⸗ ſen Krieg zu unterſtützen, floß das Geld von allen Klöſtern, von allen Conventen, von allen jeſuitiſchen Aſſociationen Italiens, Frankreichs und Spaniens nach der Halbinſel. Das Jubiläum von 1826 war in Valencia mit einem Auto da Fe geſchloſſen worden: der Ketzer Ri⸗ poli war verbrannt worden, als befände man ſich noch im vierzehnten Jahrhundert. Das war der den libera⸗ len Ideen hingeworfene Handſchuh; das war die Trom⸗ pete der Herausforderung vor dem Schloſſe Windſor ertönend. Was wagte Spanien? Hatte es nicht Frank⸗ reich, Italien und Oeſterreich zu Verbündeten? Hießen 296 die Häupter der heiligen Ligue nicht Ferdinand VII., Karl K., Gregor XVI. und Franz I. Wir haben dieſe Epoche aus dem Blicke verloren, und wir ſind erſtaunt, wenn Einer von uns, die todten Felder der Vergangenheit durchſchreitend, hier einen Lebensſchein erweckt, die Erinnerungen heraufbeſchwört und die Ereigniſſe zwingt, vor unſeren Augen wieder⸗ zuerſcheinen. Es war wohl eine neue Ligue, wie wir geſagt haben. Man machte, von Galicien nach Catalonien, die Zählung der Eheloſen, der verheiratheten Männer, der Witwer, Alles deſſen, was, mit einem Worte, die Muskete zu tragen im Stande war; man reihte Mönche von allen Orden ein, die man das Exerciren, das Marſchiren im militäriſchen Schritte, das Auferwecken der Proceſſionen von 1580 lehrte; man brachte die Schwerter, die Lanzen, die Feuergewehre, die Kriegs⸗ munition, die Mundmunition zuſammen; man ſammelte Beiträge in den Klöſtern. Es war in Montrouge eine Druckerei, welche allen Klöſtern, allen Congregationen, allen Seminarien, den großen wie den kleinen, Pamphlete lieferte, und was vor Allem in dieſen Pamphleten vorherrſchte, war der Gedanke von Rom gegen England: es wäre keine Re⸗ ligion möglich, als wenn man England vernichtet hätte! — Seltſam! Napoleon hatte einen Gedanken mit dem Zwecke der Emancipation gehabt; die Bourbonen hatten ihn mit dem Zwecke der Knechtung der Welt.— Man wollte die britiſche Macht in Indien durch Rußland ſchlagen; in Hannover durch Preußen; in den Rieder⸗ landen und im deutſchen Bunde durch Frankreich; in Irland durch die katholiſche Bevölkerung; in Schott⸗ land durch die Nationalität, und in England ſelbſt durch die Anarchie und den Verrath. Der Krieg gegen Großbritannien war alſo das Feldgeſchrei dieſer Verſchwörung, welche ſeit zehn Jahren ———————— — p 1 1— — e— ſi IM., ren, dten nen vört der⸗ ſagt die der die nche das cken die egs⸗ ete llen den was der Re⸗ tte! dem tten Nan and der⸗ in ott⸗ bſt das ren ——————————— 297 in der Dunkelheit fortſchritt, welche die Schwäche der Miniſter, die ſich gefolgt waren, nicht niederzuſchlagen gewagt hatte, und die die Mitſchuld des beſtehenden Miniſteriums mit aller Macht der Organiſation beklei⸗ dete. Dieſer Krieg ſollte aus Anlaß des linken Rhein⸗ ufers, das man Frankreich zurückgeben wollte, ausbre⸗ chen; was aus einem im Grunde religiöſen Kriege einen an der Oberfläche politiſchen Krieg machen würde. Dieſe verborgene, finſtere, myſteriöſe Gewalt hatte ſich außer der Charte gebildet und fing an ſich in ihrer ganzen Macht hervorzuſtellen; ſicher des Geiſtes des Königs, trotzte ſie der Meinung des Landes: die Jeſui⸗ ten haben kein Vaterland! ſie vezachtete die Geſetze: die Jeſuiten haben keine andere Geſetze, als die Statuten ihres Ordens; und von Rechtswegen und dem Anſcheine nach geächtet, waren ſie durch das Factum und in Wirklichkeit die unumſchränkten Gebieter von ganz Frankreich. Man hatte ihnen den Vorſchlag gemacht, ſie mögen das Edict, das ſie verbannte, widerrufen: ſie hatten ſich geweigert und geſagt, annehmen heiße ſich der Charte und folglich Inſtitutionen unterwerfen, die ſie als gottlos, revolutionär, und beſonders als nichtig proclamiren. Freunde des Königs, Orakel der Miniſter, Lehrer der Kinder, Beichtväter der Frauen, verfügten ſie nach ihrem Belieben über das allgemeine Glück und über den Privatruf; ſich als die einzigen Pairs und die ein⸗ zigen Magiſtrate des Königreichs betrachtend, verachte⸗ ten ſie die Magiſtratur und die Pairie, und ſtrengten ſich an, ſie verächtlich zu machen. Sie fühlten, daß der Widerſtand hier war: die Magiſtratur war unab⸗ ſetzbar, die Pairie glaubte es zu ſein. Die Deputirten⸗ Kammer ſchien ihnen eine eingedrungene Gewalt, eine Art von ſchismatiſchem Concil zu ſein; ſie betrachteten ſich als die legitimen Vertreter des Landes; ſie hatten zu Herrn von Villele geſagt:„Unterſtützen Sie uns, und wir werden Sie unterſtützen.“ Herr von Villele 298 unterſtützte ſie, und die Jeſuiten hielten treu ihr Ver⸗ ſprechen. Das Miniſterium war für die Congregration nur ein Werkzeug beſtimmt, Alles das zu zerſtören, was ihr Schatten machte, eine Art von botmäßigem Scharf⸗ richter zu Vollſtreckung aller ihrer Urtheile; ein Dele⸗ gat, den ſie momentan mit ihren Gewalten betraute, ein Bevollmächtigter beauftragt, den Geiſt der Nation zu biegen, zu beugen und im Nothfalle zu brechen; ein verantwortlicher Herausgeber bereit, alle Strengen zu üben, die ſie befahl; ein Sündenbock beſtimmt, von ihr in einem gegebenen Augenblicke allen Haß zu ent⸗ fernen, den ſie erregt hatte. Sie hatte übrigens in Herrn von Villèle den Mann, den ſie brauchte. Herr von Villele war ihre wahre Creatur; er wußte, daß er ihr, da er nur durch ihren Einfluß in der Gewalt vegetirte, blindlings ge⸗ horchen mußte; daß er einer von jenen halb adeligen Plebejern, einer von jenen halb plebejiſchen Adeligen war, der, da er keine Stütze in den hohen geſellſchaft⸗ lichen Notabilitäten hatte, ſich genöthigt ſah, eine an⸗ derswo zu ſuchen und ſie zu nehmen, wo er ſie fand. Er hatte ſie in einer Faction gefunden, für die er wenig Geſchmack beſaß, man muß es geſtehen, die aber vielleicht noch weniger Neigung für ihn hatte.— Die dauerhafteſten Bündniſſe bilden ſich nicht durch die Ge⸗ meinſchaft der Grundſätze, ſondern durch die der In⸗ tereſſen. Man kann den Einfluß der myſteriöſen Macht von Saint⸗Acheul nach der Publicität gewiſſer religiöſer Uebungen beurtheilen, welche in Paris ſelbſt bei Gele⸗ genheit des Jubiläums von 1826 ſtattfanden. Herr von Quelen hatte dieſes Jubiläum in einem zugleich politiſchen und religiöſen Ausſchreiben angekündigt, das mit aller Heftigkeit die peſtartigen Verführungen und das Gift der verderblichen Schriften be⸗ zeichnete, welches in den Adern der Geſellſchaft kreiſe, er⸗ nur vas uf⸗ ele⸗ ute, ion ein zu oon nt⸗ den hre rch ge⸗ gen gen ft⸗ n⸗ 299 um bis in die dritte und vierte Generation anzuſtecken; „beklagenswerthe Wirkungen,“ ſagte der Prälat,„einer äußerſt beunruhigenden Zügelloſigkeit, welche ſelbſt die eifrigſten Parteigänger jener vernünftigen Freiheit ver⸗ dammen, für die richtige Grenzen feſtzuſetzen und ein genaues Maß zu ordnen den Weiſeſten ſo ſchwer ge⸗ worden iſt.“ Außer den beſonderen Stationen, welche eine ge⸗ wiſſe Anzahl Devoter truppweiſe und barfuß machte, fanden vier große Proceſſionen ſtatt, wobei man Karl K., die königliche Familie, Deputationen von allen bürger⸗ lichen und militäriſchen Corps figuriren ſah; man be⸗ merkte Großwürdenträger der Krone vermiſcht mit lan⸗ gen Reihen von Büßern. Ein Marſchall von Frank⸗ reich vertauſchte ſeinen Stab gegen eine Kerzez ein ausgezeichneter Advocat hing ſich an die Schnur eines Traghimmels, weil er wußte, daß dies die einzige Klingel war, welche das Miniſterium der königlichen Gnaden öffnete. Die Prieſterpartei hatte ſich alſo der Gegenwart und der Vergangenheit bemächtigt und fing an die Hand auszuſtrecken, um ihre Abſteckpfähle in der Zu⸗ kunft einzuſchlagen. „Es gibt nichts,“ ſagte Herr von Montloſier in dem bekannten Mémoire à cansulter,„es gibt nichts bis auf die Unterbringung der Dienſtboten, was man nicht an ſich zu reißen ſuchte. Die Dorfbewohner, die Officiere des Hofes, die königliche Garde konnten der Anſteckung nicht entgehen; es iſt zu meiner Kenntniß gekommen,“ fügte er bei,„daß ein Marſchall von Frankreich, nachdem er vergebens für ſeinen Sohn um die Stelle eines Unterpräfecten nachgeſucht hatte, ſie nur auf die Empfehlung des Pfarrers von ſeinem Dorfe bekommen konnte!“ Nach dem Jubiläum, das heißt, nachdem man die Manifeſtationen erlangt hatte, nahm Alles am Hofe von Karl X. einen nicht nur religiöſeren, ſondern auch „ 300 traurigeren und, wir möchten ſogar ſagen, bedrohliche⸗ ren Anblick anz man hätte ſich, durch einen Sprung rückwärts, an den Hof von Ludwig XKIV., am Vor⸗ abend der Widerrufung des Edicts von Nantes, ver⸗ ſetzt geglaubt. In den Tuilerien gänzlich unterdrückt, waren die Schauſpiele und die Bälle durch Conferenzen, Predigten, Frömmigkeitsübungen erſetzt worden. Der alte König brachte ſein Leben mit Jagen und Beten hin. Man öffne aufs Gerathewohl ein Journal aus jener Zeit, am Anfange, am Ende, oder in der Mitte des Jahres, und man wird darin die unveränderliche, tägliche, ſtereotype Phraſe finden, welche die Drucker hatten clichiren laſſen, um die Koſten des Satzes zu erſparen: „Dieſen Morgen um ſieben Uhr hat der König die Meſſe in der Kapelle gehört.— Um acht Uhr iſt Seine Majeſtät auf die Jagd gefahren.“ Zuweilen änderte man indeſſen die Formel, und von Zeit zu Zeit ſetzte man, ohne Zweifel aus Furcht vor Monotonie: „Dieſen Morgen um acht Uhr iſt Seine Majeſtät auf die Jagd gefahren.— Um ſieben Uhr hatte ſie die Meſſe in ihren Gemächern gehört.“ Man hätte glauben ſollen, die Bevölkerungen müſſen vor Freude entzückt, vor Bewunderung außer ſich ſein, wenn ſie alle Morgen dieſe intereſſante Neuig⸗ keit leſen, und man hat Mühe, zu begreifen, wie ſie ſich gegen einen König empören konnten, der ſo devot vor den Jeſuiten und ein ſo großer Jäger vor dem Herrn war! Der Herr Herzog von Angoulsme, der ſeit dem Tode von Ludwig XVM. keinen andern Willen mehr hatte, als den ſeines Vaters, modelte ſich in Allem nach ihm, richtete ſein Leben nach dem von Karl K. ein, und überließ ſich denſelben Religions⸗ und Jagd⸗ übungen. Die Frau Herzogin von Angouléme wurde von ung or⸗ ver⸗ ickt, zen, Der eten aus itte che, cker zu die eine und rcht ſtät die gen ßer ig⸗ ſie vot dem dem ehr lem gd⸗ von 301 Tag zu Tag finſterer und härterz eine unglückliche Ju⸗ gend machte ihr ein ſtrenges Alter. Nie ſahen ſie ſelbſt ihre Vertrauteſten lächeln; ſie trug auf ihrer Stirne etwas wie einen Reflex der Ereigniſſe der Vergangen⸗ heit, wie ein Vorgefühl der Kataſtrophen der Zukunft; es ſchien, ſie wittere die Gefahr und ſehe, wie ein grauenvolles Geſpenſt, die Verbannung am Horizont emporwachſen. Jung, geiſtreich, wohlwollend, ſuchte die Frau Herzogin von Berry, wie wir am Anfange dieſes Bu⸗ ches geſagt haben, die Monotonie dieſes klöſterlichen Lebens zu brechen, indem ſie ein paar Féten bald im Elyſée, bald in ihrem Schloſſe Rosny gab; ſie behaup⸗ tele ihre Popularität dadurch, daß ſie einige Almoſen immer am rechten Platze austheilte, gewiſſe Fabriken beſuchte, Einkäufe in gewiſſen Magazinen machte, und ſich von Zeit zu Zeit im Theater zeigte; doch das war vergeblich: dieſe Thätigkeit, welche fieberhaft unter der traurigen Erſtarrung um ſie her erſchien, war unmäch⸗ tig, den in die religiöſe Lethargie, die tiefſte von allen Lethargien, verſunkenen Hof zu beleben! Und je mehr die Zeit fortſchritt, deſto mehr über⸗ ließ ſich der alte König blindlings dieſem Strome, der ihn nach dem Abgrunde fortriß. Quos vult perdere Jupiter, Dementat*). *) Wen Jupiter vernichten will, den macht er kopflos. 302 (V. Das Liebesgeſetz. Am 4. November 1826, das heißt an ſeinem Na⸗ mensfeſte, hatte Karl X. abermals zwei Prieſter zu den Functionen von Staatsminiſtern berufen: den Herzog von Clermont⸗Tonnerre, Erzbiſchof von Toulouſe, und Herrn von Latil, Erzbiſchof von Reims. Die ultramontanen Biſchöfe konnten alſo wieder das Haupt erheben und den erſten Rang für ſich in Anſpruch nehmen. Herr von Latil, ihr Dolmetſcher bei Karl X., fing, als er kaum im Miniſterium feſtſaß, damit an, daß er den König gegen die Preſſe aufhetzte. Das, ſchon ſo ungerechte und ſo ſtrenge, Geſetz von 1822 wurde für ungenügend erklärt, und das Verſpre⸗ chen vergeſſend, das er zum Throne gelangend gegeben hatte, ein durch ſo gewaltiges Zujauchzen begrüßtes Verſprechen, ermächtigte Karl K. die Werkſtätten von Montrouge und Saint⸗Acheul, ein Geſetz zu ſchmieden, das alle Reſultate der Cenſur hätte, ohne ihren Namen zu tragen, und das beengender für die Buchdrucker und die Schriftſteller wäre. Man wollte diesmal Alles mit einem Schlage bre⸗ chen, den Gedanken und das Werkzeug. So gebot. zum Beiſpiel, eine der Verfügung des Geſetzes, daß alle Schriften von zwanzig Blättern und darunter, die einen fünf Tage, die andern zehn vor der Veröffent⸗ lichung deponirt werden. Erfüllte man dieſe Förmlich⸗ keit nicht, ſo wurde die Ausgabe confiscirt, und der Drucker zu einer Buße von dreitauſend Franken verur⸗ theilt. Die Buchdrucker wurden folglich Cenſoren der Werke, die ſie druckten. Die Verantwortlichkeit laſtete gleichmäßig auf den Eigenthümern der Journgle; die Na⸗ den z09 und der in bei ſaß, te. von re⸗ ben tes n en, nen ind re ot, daß die nt⸗ ich⸗ der ur⸗ der tete die 303 Strafen waren exorbitant; die Geldbußen ſteigerten ſich auf fünftauſend, zehntauſend, zwanzigtauſend Franken. Herr von Peyronnet, Siegelbewahrer, Juſtizmi⸗ niſter, wurde, nach der Adreſſeberathung mit der ge⸗ fährlichen Ehre beauftragt, der Deputirtenkammer dieſes Geſetz vorzulegen, das zugleich ein Angriff auf die menſchliche Intelligenz und auf die Exiſtenz von einer Millivn Bürger war. Als am andern Tage die Be⸗ ſtimmungen des Geſetzesentwurfes in Paris bekannt wurden, erhob ſich auch an allen Punkten der Haupt⸗ ſtadt ein Hurrah der Entrüſtung, das ſich drei Tage nachher an allen Punkten Frankreichs wiederholte. Man fühlte, daß auf der Stelle eine furchtbare, unverſöhnliche Gährung ſich der Geiſter bemächtigt hatte. Aus dieſer Gährung entſtand ein Vorfall, der na⸗ türlich ſeinen Platz in dieſem Buche finden muß, das beſtimmt iſt wie ein Spiegel,— doch wie ein Spiegel, der den Eindruck der Gegenſtände bewahrt,— die ver⸗ ſchwundenen Freigniſſe zu reflectiren. Der berührte Vorfall wurde veranlaßt durch Herrn Lacretelle, Mitglied der franzöſiſchen Academie. Dieſe ſchätzenswerthe Inſtitution macht, als eine wohlerzogene Tochter, ſo wenig von ſich reden, daß wir mit allem Eifer die Gelegenheit ergreifen, ihr Beſtehen im Jahre 1827 zu offenbaren; ſie iſt vielleicht ſeitdem geſtorben, doch es wird ein Factum für die Geſchichte erworben ſein, nämlich, daß ſie im Jahre 1827 noch lebte. Von den lebhafteſten Befürchtungen ergriffen, nicht nur für die Freiheit, ſondern für die Reſtaura⸗ tion ſelbſt, ſtellte Herr Lacretelle in der franzöſiſchen Academie den Antrag, entweder an den König, ihren Protector, oder an die zwei Kammern eine energiſche Reclamation gegen einen für die Wiſſenſchaften ent⸗ ehrenden, in der politiſchen Ordnung unheilvollen Ge⸗ ſetesentwurf zu richten. Er hatte dieſen Schritt mit Herrn Villemgin verabredet. Die Mehrzahl der Acg⸗ 304 demie war entfernt nicht feindlich gegen die Regierung geſinnt; ganz im Gegentheile: die wahren Freunde des Königs waren vielleicht mehr hier als anderswo; und es geſchah ohne irgend einen Geiſt der Abgunſt, daß die Verſammlung ins Feuer gerieth über dieſe Motion, welche die Harmonie und die Unabhängigkeit der Wiſ⸗ ſenſchaften ſo nahe berührte. Es wurde ſogleich der Tag zu einer Zuſammen⸗ kunft feſtgeſetzt, zu der alle Mitglieder berufen werden ſollten. Bei der Eröffnung der Sitzung las man oder verſuchte man es vielmehr, zu leſen, einen Brief von Herrn von Quelen, Erzbiſchof von Paris und Mitglied der Academie; der Eifer dieſes Prälaten für die natio⸗ nalen Freiheiten war ſehr erlahmt, wie man dies nach der Stelle ſeines Ausſchreibens beurtheilen konnte, die wir weiter oben angeführt haben, und in ſeinem Briefe ging er ſo weit, daß er die Befürchtung äußerte, eine einfache Supplik an den König könnte mit der Auf⸗ löſung der illuſtren Körperſchaft, welcher anzugehören er die Ehre habe, beſtraft werden. Dieſes Uebermaß von Angſt war der Geſellſchaft äußerſt mißfällig, und ſie beſchloß auf das Verlangen des Herrn von Villemain, die Leſung des Briefes von Herrn von Quelen ſolle ausgeſetzt werden. Die zahlreichen Beſchwerden gegen den Geſetzes⸗ entwurf wurden mit Kraft vorgetragen, mit Weisheit erörtert, mit Scharfſinn ins Auge gefaßt von den Her⸗ ren von Chaͤteaubriand, von Ségur, Villemain, An⸗ drieux, Lemercier, Lacretelle, Parſenal⸗Grandmaiſon, Duval und Jouy, welche indeſſen ſehr verſchiedenen Meinungsnuancen angehörten. Herr Michaud, der Ver⸗ faſſer der Geſchichte der Kreuzzüge, ſprach in demſelben Sinne, obſchon ſein monarchiſcher Eifer durch die Redaction der Quotidienne und beſſer noch durch die vielen Verfolgungen, die er unter der Regierung des Kaiſers ausgeſtanden hatte, bezeugt wurde. Kurz, dieſer Geſetzesentwurf fand nur ſic 7 305 terne, verlegene Apologeten, welche bald die Verthei⸗ digung aufgaben und ſich darauf beſchränkten, daß ſie das Ungebührliche und ſogar Unconſtitutionelle der Supplik darzuthun ſuchten... Die Motion von Herrn Lacretelle wurde nichtsdeſtoweniger mit einer Stimmen⸗ mehrheit von ſiebenzehn gegen neun angenommen. Die Herren von Chäteaubriand, Villemain und Lacretelle wurden für Abfaſſung der Petition ernannt. Unterrichtet von dem, was vorging, ſuchten die ehrwürdigen Väter von Montrouge, durch welche Schläge ſie die Academiker treffen könnten. Chäteaubriand war unverwundbar, da man ihn nach und nach aller ſeiner Aemter beraubt hatte; aber Villemain und Lacretelle waren Profeſſoren bei der philoſophiſchen Facultät. Am 18. Januar erſchien im Moniteur eine Ordonnanz, die von ihren Functionen abberief: Villemain, Reque⸗ tenmeiſter im Staatsrathe, Michaud, Vorleſer des Kö⸗ nigs, und Lacretelle, dramatiſchen Cenſor. Dieſer Staatsſtreich in Miniatur ſetzte Niemand in Erſtaunenz man erwartete nun, Villemain und Lacretelle von den Functionen, mit denen ſie bei der Univerſität betraut waren, abberufen und den Cortége der berühmten in Ungnade Gefallenen, die man Roher⸗Collard, Guizot, Couſin, Poinſot nannte, anwachſen zu ſehen. Der König,— dieſer arme in der Jagd und in der Devotion lebende König,— war dergeſtalt der Sehkraft beraubt durch ſeine ſeltſamen Verblender, daß er vergaß, es erheben alle dieſe in Ungnade gefallenen Royaliſten die Stimme nur gegen die Abkömmlinge von Ravaillac aus Liebe für Heinrich W.! Doch für die ausgeſprochene Ungnade und in Vor⸗ herſehung derjenigen, welche ihrer harrte, erhielten die drei Academiker in der Sitzung vom 18. die Glück⸗ wünſche und die Umarmungen der ganzen illuſtren Ge⸗ ſellſchaft. Herr Villemain war beſonders der Gegen⸗ ſtand einer wohlverdienten Ovation; ohne ein anderes Erbe als ſein Talent, mit ſo geſchwächten Augen, daß Die Mohicaner von Paris. IV. 20 306 man ihn ſchon für blind hielt, und daß er zu dictiren genöthigt war, verlor Herr Villemain mehr als die Anderen, indem er ſeine Stelle verlor: er verlor ſein Brod, das ſeiner Frau und ſeiner Kinder. Allerdings fing er an ſeinen großen Ruf als Mann von redlichem Herzen und erhabenem Geiſte zu begründen, den er ſich bis auf dieſen Tag zu bewahren gewußt hat, und der ihm bis zu ſeinem Tode treu ſein wird. Bei ſeinem Eintritte in den Saal des Inſtituts erinnerte ſich Jedermann des blinden Houdar de la Motte, der auf eine brutale Art von einem Menſchen wurde, an den er im Vorübergehen geſtoßen atte. „Ah! mein Herr!“ hatte der Dichter geſagt:„Sie werden Ihre Lebhaftigkeit wohl bereuen: ich bin blind.“ Die Regierung hatte eben ſo brutat geſchlagen, als der Vorübergehende; nur bereute ſie nicht. Dieſe Entſetzungen hielten den Entwurf der Sup⸗ plik nicht auf.. Zur Wiedervergeltung hielt der Supplikentwurf den Geſetzesentwurf nicht auf. Herr von Peyronnet ließ vertheidigen oder ver⸗ theidigte ſelbſt im Moniteur ſeinen Geſetzesentwurfz er nannte dieſes Werk, das ein Inquifitionstribunal zur Entſcheidung vor ſeinem Richterſtuhle hätte in An⸗ ſpruch nehmen können, ein Liebesgeſetz, ein Name, der dieſem Geſetze blieb und bleiben wird. Es war zuwei⸗ len ein äußerſt muthwilliger Geiſt, dieſer College von Herrn von Villele! Die Supplik der Academie war nicht der einzige Proteſtationsact gegen das Liebesgeſetz. Alle Buch⸗ drucker Frankreichs vereinigten ſich, um zu petitivniren. Royer⸗Collard, ehmaliger Generaldireckor des Buch⸗ handels, übergab der Kammer ihre Petition: ſie war bedeckt von zweihundert dreiundzwanzig Unterſchriften. Dieſes Geſetz, ein Geſetz der Zornes und der Rache, fing übrigens an ſeine Früchte zu tragen. Schon in den erſten Tagen der Discuſſivn war ein Stillſtand p⸗ er r⸗ al n⸗ er ei⸗ on 307 in den Arbeiten der Druckereien, der Papiermühlen, der Schriftgießereien eingetreten; jede Beſtellung hatte auf⸗ gehört, der Buchhandel konnte nicht mehr Stand halten. Die Zahl der Buchdruckereien war für Paris auf achtzig limitirt; doch, abgeſehen von denen, welchen es an beſtändiger Arbeit fehlte, waren mehrere Patente durch das Miniſterium entzogen worden. Vergebens kündigten die Buchdrucker von allen Seiten den Ver⸗ kauf ihrer Patente an: kein Käufer zeigte ſich; Nie⸗ mand wollte ſich in eine Induſtrie wagen, welche fort⸗ an nicht nur die Verluſte und die Fallimente, ſondern auch die Geldſtrafen, die Beraubungen, die Gewalt⸗ thätigkeiten, die Einkerkerungen zu befürchten hatte. Nie war ein ſo grimmiger Haß, ein ſo barbariſcher Zorn ausgebrochen ſeit dem großen Mordbrenner, den man Omar nannte. Und dieſer hatte noch zur Ent⸗ ſchuldigung, er verbrenne nur vergangene Bücher, wäh⸗ rend die Omars von 1827 es auf die Vernichtung der zukünftigen Bücher abgeſehen hatten. Die der Reſtauration am meiſten ergebenen Män⸗ ner, diejenigen, welche der königlichen Sache am mei⸗ ſten Unterpfänder geliefert und am meiſten Zuneigung der Familie der Bourbonen gezeigt hatten, drückten laut und mit Traurigkeit ihren Verdruß über das Be⸗ nehmen des Miniſteriums aus und beklagten die un⸗ ſeligen Folgen dieſes Unterdrückungsſyſtemes. Beängſtigt, da ſie die Erziehung völlig dem mön⸗ chiſchen Einfluſſe unterworfen ſahen, ſchauernd vor Furcht bei dieſem Winde, der von Saint⸗Acheul und Montrouge wehte, nahmen viele Familien ihre Kinder aus den Penſionen und Colléges zurück und ließen ſie, ſo weit dies immer möglich war, bei ſich bilden, indem ſie einem vielleicht minder ausgedehnten, aber mehr moraliſchen Unterrichte den Vorzug gaben. Es fragte ſich, dieſes unglückliche Volk von Frank⸗ reich, das jährlich über eine Milliarde Steuern zahlte, das ſich zur Ader ließ, um die Mittel zu allen öffent⸗ 308 lichen Dienſten zu liefern, das nichts Anderes wünſchte, als ſich im Frieden der Enwickelung ſeiner Induſtrie und ſeiner Intelligenz widmen zu können,— es fragte ſich, was es gethan habe, um ſo behandelt, in ſeinen Rechten bedroht, in ſeinen Intereſſen verletzt, in ſeinem Stolze gedemüthigt zu werden, und zwar durch einige kaum und mit Mühe aus ihrer angeborenen Dunkelheit hervorgegangene Menſchen, die ihre Prätenſionen durch keine Talente, durch keine Tugenden, durch keine Fähig⸗ keiten rechtfertigen, und die durchaus keine Stärke ha⸗ ben, als die, welche ſie von einer in Frankreich ver⸗ haßten, in Spanien tyranniſchen und überall ander⸗ wärts lächerlichen Faction entlehnen! Und das Seltſame und beſonders Ungerechte bei Allem dem war, daß das Miniſterium, der einzige Ur⸗ heber der Aufregungen und Unzufriedenheiten, die ſich kundgaben, hievon den Vorwand nahm, um Geſetze zu verlangen, welche viel mehr geeignet waren, die Geiſter aufzureizen, als ſie zu beſchwichtigen; es war die Preſſe, welche das Miniſterium eines Zuſtandes der Dinge be⸗ züchtigte, an dem es ſelbſt allein Schuld war, und die Miniſter hatten keine andere Beweisgründe an ihre Gegner zu richten, als die, welche ſie den drei entſetzten Academikern entgegengehalten hatten:„Ihr ſeid die Feinde der Regierung.“ nebrigens wurde die Armee,— die alte wenigſtens, diejenige, welche gekämpft, geſiegt, die Welt erobert hatte,— die Armee wurde nicht beſſer behandelt, als die Literatur; und die Willkür der Liguiſten von Mont⸗ rouge und Saint⸗Acheul beſchränkte ſich nicht auf die Entſetzung der Academiker, ſie beraubte die Marſchälle von Frankreich der Titel, die der Kaiſer ihnen gegeben hatte, und im Salon des öſterreichiſchen Botſchafters, des Herrn von Appony, hörten trotz des Artikels der Charte, welcher ſagte:„Der alte Adel nimmt ſeine Titel wieder an, der neue Adel behält die ſeinen,“ trotz dieſes Artikels hörten hochberühmte Feldherren ihre te, tie te en m ge eit ech ig⸗ a⸗ er⸗ er⸗ bei ich ſter ſte, be⸗ die hre ten die ns, bert als nt⸗ die älle ben ers, der eine rotz ihre 309 Herzogs⸗ und Fürſtentitel von den mit ihrer Meldung beauftragten Lackeien verweigern. Dieſe Beleidigung brachte zwei ähnliche Wirkungen hervor, die eine auf einen Rechtsgelehrten, die andere auf einen Dichter. Der Rechtsgelehrte, Herr Dupin der Aeltere, erhob ſich in einem an den Conſtitu⸗ tionnel gerichteten Briefe lebhaft gegen die den kai⸗ ſerlichen Illuſtrationen wiederfahrene Verſagung. Das Journal von Herrn Corbiere gab Oeſterreich vollkom⸗ men Recht, erklärte, die franzöſiſchen Generale ſeien legitim ihrer Titel verluſtig, und der Botſchafter von Herrn von Metternich habe das volle Recht, ſie ihnen zu verweigern. Der Dichter, Herr Victor Hugo,— Sohn, wie er ſelbſt geſagt hat, eines lothringiſchen Vaters und einer vendeeiſchen Mutter,— hatte bis da⸗ hin in den royaliſtiſchen Gliedern gezählt; doch bei der Beleidigung, welche dieſer edlen Armee widerfuhr, de⸗ ren Kinder er eines war, trat er vor, wie die Helden des Alterthums, welche die Front der Schlachtordnung verließen, um eine Herausforderung anzunehmen oder vorzuſchlagen, und warf ſeinen Handſchuh den Aufreizern hin. Drei Tage nach der Soirée des öſterreichiſchen Geſandten erſchien die Ode an die Säule. Es war alſo ein Krieg auf Leben und Tod, er⸗ klärt unter allen Formen der Intelligenz, dem menſch⸗ lichen Geiſte, den Geſetzen, den Wiſſenſchaften, der Literatur, der Induſtrie. Eine ſeltſame Epoche, die Epoche, wo Rouſſeau nicht hätte Wähler ſein können, und wo Cuvier nicht Geſchworener ſein konnte! Alles, was auf die Beſſerung der Menſchen, auf die Läuterung des Geſchmacks auf die Unterſtützung des Fortſchrittes, auf Aneiferung der Künſte, auf Ent⸗ wicklung der Wiſſenſchaft abzielte; Alles, was zum Zwecke hatte, die Civiliſation einen Schritt mehr ma⸗ chen zu laſſen, war verboten, verachtet, beſchimpft! Die Kunſt, die Völker zu verblenden, war für dieſe ſchwarzen Geſetzgeber das Geheimniß, zu regieren! 310 Verbot aber die Regierung das Leſen, ſo ermun⸗ terte ſie dagegen die Kneiven, die Lotterien, die Spiel⸗ häuſer; und rief ihr ein Journal zu:„Ihr begünſtigt das Böſe; Ihr gebt dem Arbeiter nicht nur die Fähig⸗ keit, ſondern auch die Verſuchung, die Frucht ſeiner Arbeit zu verſchleudern!“ ſo antwortete die Regierung: „Ihr verleumdet mich; ich bin die Moralität ſelbſt, und zum Beweiſe dient, daß die Reglements meiner Polizei den Zutritt zu den Spielhäufern den jungen Leuten unter einundzwanzig Jahren verbieten; daß es verboten iſt, um weniger als zwei Franken zugleich zu ſpielen; daß man weder in einer Blouſe, noch in einem Wammſe eintreten darf; die Arbeiter und die Hand⸗ werksleute ſind folglich bewahrt. Leſet alſo meine Re⸗ glements, wenn Ihr ſie nicht geleſen habt, oder wenn Ihr ſie geleſen habt, leſet ſie noch einmal!“ Das war vollkommen wahr, und dieſe Polizei⸗ Reglements beſtanden effectiv, doch die Regierung ſagte nicht, daß ſie ſelbſt das Nittel gefunden hatte, dieſe ſchützenden Reglements zu vereiteln. Es war verboten, vor dem einundzwanzigſten Jahre in die Spielhäuſer einzutreten; an welchem Merkmahle erkannte man aber das Alter? Am Barte: der benachbarte Perruquier klebte einen Schnurrbart und einen Backenbart an, daß dadurch auf der Stelle aus einem ſechszehnjährigen Knaben ein volljähriger Mann wurde! Es war ver⸗ boten, weniger als zwei Franken im Spiele zu ſetzen; doch vier Unglückliche legten zuſammen, um das Recht zu haben, jeder die armſeligen zehn Sous zu verlieren, die einen ganzen Tag lang einer Familie Brod gegeben hätten! Es war nicht erlaubt, in einer Blouſe oder in einem Wammſe in ein Spielhaus einzutreten; doch die Adminiſtratoren der Spiele hatten eine Kleider⸗ kammer eingerichtet, wo der Handwerksmann ſein Wamms gegen einen Frack und der Arbeiter ſeine Blouſe gegen einen Ueberrock vertauſchte! Was ſagt Ihr von dieſer moraliſchen Regierung, + 9 un⸗ iel⸗ tigt ig⸗ ner ng: bſt, ner gen es zu nem nd⸗ Re⸗ enn zei⸗ agte ieſe ten, uſer aber uier daß igen ver⸗ ßen; techt eren, eben oder doch ider⸗ ſein ſeine ung, 311 Ihr, die Ihr mit Erſtaunen alle dieſe vergeſſenen Dinge wiederleſet? Ihr ſagt, wie wir, nie ſei die An⸗ werbung zur Demoraliſation weiter getrieben worden! CVI. Journale, Theater, größe Männer, Publiciſten, Künſt⸗ ler, Maler, Bildhauer, Schauſpieler, Marktſchreier. Sodann begannen die Wunder auf allen Seiten. In Alengon theilte man gegen einen Sou den Bericht über das große Wunder aus, das im Sommer 1826, im Arrondiſſement Domfront, in Saint⸗Jean⸗ des⸗Bois geſchehen war. Dasſelbe Wunder producirte ſich faſt zur ſelben Zeit in anderen Städten, in Cher⸗ bourg, zum Beiſpiet. Glaubwürdige Zeugen, an deren Wahrhaftigkeit zu zweifeln nicht erlaubt war, hatten fünf Blutstropfen aus dem Leibe unſeres Herrn Jeſu Chriſti herauskommen ſehen. Ein eben ſo merkwürdiges, wenn auch weniger wunderbares Ereigniß: der Vicar des Kirchſpieles Cha⸗ teau⸗Gombert, das auf dem Gebiete von Marſeille lag, war eines ſeiner Pfarrkinder nothzüchtigend ertappt worden! Ein Vorfall, der ſich in Anech in Savoyen ereig⸗ nete, bildete das Aergerniß der Tage, in denen unſere Erzählung beginnt. Herr Sace, ein im Lande allge⸗ mein geachteter Greis, war im Monat Januar geſtor⸗ ben, ohne den Beiſtand der Religion empfangen zu haben; der Biſchof verweigerte ihm das Begräbniß und ſchloß ſchon am Morgen aus Vorſicht die Thüren der Kirche und des Kirchhofes. Um gegen die ihrem Mit⸗ 312 bürger widerfahrene Beſchimpfung zu proteſtiren, folgten alle Einwohner dem Leichenbegängniſſe; man beerdigte den Leichnam an einem abgelegenen Orte. Einige Tage nachher ertheilte der Senat von Chambery dem Biſchof den Befehl, unverzüglich den Leichnam des Greiſes ausgraben zu laſſen und ihn mit allen gebräuchlichen Ceremonien in geheiligter Erde zu beſtatten. Kurz vorher hatte aber dieſer Biſchof, der den Kirchhof nicht öffnen wollte, das Theater ſchließen laſſen; doch der Intendant der Provinz, der nicht die⸗ ſelben Gründe hatte, wie Seine Herrlichkeit, die Ko⸗ mödie zu fürchten, ließ es zum großen Verdruſſe des Prälaten wieder öffnen, und die Truppe von Genf gab hier Vorſtellungen unter gewaltiger Acclamation der Stadt. Man war bei Weitem nicht ſo frei in Frankreich, als in Savoyen: der Director des Theaters von Amiens bekam den Beweis davon. Mademoiſelle Georges, die ſich damals des ganzen Glanzes ihrer Schönheit und ihres Talentes erfreute, ſollte, nach glorreichen Vorſtel⸗ lungen im franzöſiſchen Flandern, noch einmal in Amiens ſpielen und dann nach dem Süden abgehen; doch es fand zwiſchen Saint⸗Acheul und dem Director des Theaters ein Proceß ſtatt, der Mademoiſelle Geor⸗ ges die Stadt zu verlaſſen verhinderte; ſie ſollte vor ihrer Abreiſe im Leonidas von Pichat ſpielen, der damals in ganz Frankreich gegeben wurde; die Jeſuiten geſtatteten aber nicht, daß man den Sieg der Griechen feierte, welche für das Kreuz tämpften, weil ſie zugleich das Unrecht begingen, für die Freiheit zu kämpfen. Wir wiſſen heute, wer die Streiter waren, welche an dem Kampfe, den jeder Tag bedrohlicher machte, Theil nehmen ſollten; man kennt ſie alle, Militäre, Advocaten, Banquiers, Gelehrte, Induſtriemänner, Künſtler, Studenten. Von dieſer Zeit an ſah man unbeſtimmt im Schatten die Silhouette der Erben der großen Männer von 1789 erſcheinen, und, trotz der — 6 gten igte Lage ſchof eiſes chen den eßen die⸗ Ko⸗ des gab der reich, tiens „ die und rſtel⸗ l in hen; rector Heor⸗ vor e uiten iechen gleich n. welche achte, litäre, änner, man en der tz der 313 Verſchiedenheit der Meinungen, verbanden ſich Alle gegen den gemeinſchaftlichen Feind: die Regierung! Dieſe großen Männer, wir werden ſogleich auf ſie zurückkommen; ſagen wir aber vor Allem ein Wort von den Journalen, die dieſelben lobten oder angriffen, je nachdem dieſe Journale royaliſtiſch oder liberal wa⸗ ren; dann werden wir wieder in unſer Buch, das heißt in die moraliſche Geſchichte dieſer Geſellſchaft eingehen, deren politiſche Geſchichte wir in dieſem Augenblicke machen, um die Fortſetzung der Ereigniſſe, welche zu erzählen wir unternommen haben, dem Leſer zu über⸗ liefern. Die Journale waren: der Moniteur, ein alter abgenutzter Barometer, für den die Regierungen, welche es auch ſein mögen, immer auf: Beſtändig ſchön, ſind; die Etvile, ein Abendjournal redigirt von Herrn von Villele, Herrn von Peyronnet und den ehrwürdigen Vätern Godineau, Ronſin und Compagnie; man nannte dieſes Blatt la mauvaise étoile du roi ²);— der Drapeau blane ein ebenfalls miniſterielles Journal, das kämpfend geſtorben iſt: Ehre dem unglücklichen Muthe!— die Quotidienne auf der Breſche gefallen wie der Drapeau blancz;— die Gazette de France, das einzige von den Blättern jener Zeit, das dieſelbe überlebt hat. Das Miniſterium hatte die guten Einwohner von Paris drei Millionen ſchwitzen laſſen, um die Journale zu kaufen, welche käuflich waren, und neue zu ſchaffen, welche Niemand las! Man wußte übrigens längſt, daß die Regierung die Abſicht hatte, ſo viel als möglich die Tagespreſſe zu beſchränken und die Zahl ihrer eigenen Organe auf zwei zu reduciren. Die anderen Journale,— wir bitten diejenigen, welche wir vergeſſen, um Verzeihung,— die anderen Journale waren: die Débats redigirt von den Brü⸗ *) Den böſen Stern des Fönigs. 314 dern Bertin: der Conſtitutionnel redigirt von Etienne und Jay; der Globe von Pierre Lerour; die Gazette des Tribunaux, das Echo du Soir, das Journal de Paris, die Pandore, die Re⸗ vue Proteſtante, die Revue Encyelopédigque, die Revue Britannique, die Revue Americaine, der Mercure. Die großen Männer hießen Chateaubriand, Bé⸗ ranger, Lamartine, Victor Hugv, Couſin, Guizot, Ville⸗ main, Thiers, Auguſtin Thierry, Michelet, Nodier, Lemercier, Benjamin Conſtant, Royer⸗Collard, von Sögur, Azais, Caſimir Delavigne, Arnault, Barthélemy Picard, Andrieur, Jouy, Scribe, Viennet, der ſeine Epiſtel an die Lumpenſammler über die Verbrechen der Preſſe hatte erſcheinen laſſen; Dulaure, der ſeine Ge⸗ ſchichte von Paris veröffentlichte; Couchois Lemaire, der an Herrn von Peyronnet hiſtoriſche Briefe richtete, in denen er die Kammer fragte, ob nicht Grund vorhanden ſei, die Miniſter in Anklageſtand zu ver⸗ ſetzen. Die Gelehrten waren: Arago, Cuvier, Brouſſais, Geoffroy Saint⸗Hilaire, Chomel, Devergie, Poinſot, Thénard, Orſila, Duval, Laplace, Brogniart, Magendie, Fourier, Champollionr. Die Maler waren: Delaervix, Ingres, Decamps, Horace Vernet, Delaroche, Leopold Robert, Louis Bou⸗ langer, die zwei Johannot, welche gerade beſchäftigt waren, die bewunderungswürdigen Vignetten der W erke von Walter Scott, die Goſſelin herausgab, zu zeichnen und ſogar zu malen, Die Bildhauer waren: David, Pradier, Foyatier, Eter, der mit ſeinem Kain debutirt hatte. Die Compoſiteurs waren: Roſſini, Herold, Spon⸗ tini, Meyerbeer, Boieldieu, Auber, Halévy. Die Sänger waren: Nourrit, Dabadie, Levaſſeur, Chollet, Ponchard, Alexis Dupont; die Damen Dabadie, Centi, Rigaud, Paſta, Malibran. mar Si von oux; vir, Re⸗ que, ine, Beé⸗ Ville⸗ odier, égur, icard, iſtel n der Gee⸗ naire, riefe hrund ver⸗ inſot, endie, amps, Bou⸗ häftigt gerke b, zu yatier, Spon⸗ aſſeur, abadie, 315 Die vortragenden Muſiker waren: Paganini, Bail⸗ lot, Brod, Lißt, Tulou, Vogt, Stockhauſen, Gallay, Renaud, Kalkbrenner, Henri Herz, Lafond; die Damen Stockhauſen, Martainville, Labat. Wollen Sie bis zum Ende gehen und die Theater⸗ zettel leſen? Gut; für uns iſt das Jahr 1827 geſtern, oder es iſt vielmehr heute. In der Oper: die Belagerung von Korinth, die Veſtalin, die Nachtigall, das Ballet Aſtolphe und Joconde, der Carneval von Venedig. Man kündigte das Oratorium Moſes für die nächſte Zeit an. Im Theatre Frangais: die Waiſe aus China, der Junge Ehemann, der Eiferſüchtige wider Willen, Taſſo, die Zwei Schwiegerſöhne, die Folge eines Maskenballes; zuweilen der zweite Act von Figaros Hochzeit: die vier anderen waren verboten und wurden erſt unter dem Miniſterium Mar⸗ tignan, auf das Anſuchen von Baron Taylor, wieder geſtattet. Man hatte Ludwig XI. in Peyronne ge⸗ ſpielt, ein Drama in fünf Acten von Meély⸗Janin, das fiegreich der romantiſchen Schule die Pforten des Thea⸗ ters der Rue Richelieu öffnete. Man kündigte die Wie⸗ derholung von Artaxerxes an: man brauchte ein Gegengewicht gegen Walter Scott! Bei den Italienern: Il Turco in Italia, il Barbiere, la Donna del Lago, Tancredi, la Gazza ladra, Semiramide;— nichts als Roſſini. Uebrigens iſt der Theaterzettel von 1854 ungefähr noch derſelbe wie der von 1827. In der Opera Comique: der Handwerksmann, die Alte, Richard Löwenherz, die weiße Dame, Guliſtan. Im Odeéon iſt die Zahl der Stücke ſo groß, daß man ſie nicht einzuzeichnen vermöchte; alle Wochen reg⸗ net es neue. Führen wir aufs Gerathewohl an: die Sicilianiſche Veſyper, die Schauſpieler. 316 Robin des Bois, Margarethe von Anjou, Louiſe, der Barbier von Sevilla, in welchem Duprez,— ja, unſer großer Duprez,— hinter den Gardinen das Lied ſang, das Bocage auf der Scene durch Geberden bezeichnete. Man gab überdies: die Erbſchaft, die Hochzeit der Schauſpielerin, die Fee Valence, Manlius, Othello, Jvanhoe, der Haustyrann, die Zwei Engländer, das Findelkind, die Reiſe nach Dieppe, Thomas Morus, Emmeline, Euphroſine und Con⸗ ra din u. ſ. w. Es wurde endlich gegeben, und das war der Succeß des Tages, der Gewandte Mann oder Alles um emporzukommen, ein Stück, das ſein Glück einmal dem vortrefflichen Spiele von Bo⸗ cage, der die Rolle eines weltlichen Jeſuiten gab, und dann den Anſpielungen verdankte, an denen es Ueber⸗ fluß hatte. Das Theätre de Madame ſpielte Scribe, immer Scribe, nichts als Scribe, und es hatte zweimal Recht, denn ſo handelnd machte es das Glück eines Mannes von Geiſt und eines Mannes von Ta⸗ lent: des Herrn Poirſon und des Herrn Scribe; leſen Sie die Journale jener Zeit, und Sie werden, wie bei der Meſſe in der Kapelle und der Jagd des Königs, die unveränderliche Ankündigung finden: die Heirath aus Vernunft von Herrn Eugene Seribe; Ein⸗ fache Geſchichte von Herrn Eugene Scribe; die Erſten Liebſchaften von Herrn Eugene Scribe; Michel und Chriſtine von Herrn Eugene Scribe; der Neue Pourceaugnac von Herrn Eugene Scribe; die Manſarde der Künſtler von Herrn Eugene Scribe; u. ſ. w. u. ſ. w. von Herrn Eugene Scribe. Im Vaudeville waren Minette und Lapeintre die Wonde der Habitués;— Minette, welche als Milli⸗ närin geſtorben iſt; Lepeintre der Aeltere, der im Saint⸗Martin⸗Canal aufgefunden wurde. Caz verſt veau eröff Hei Beſ Aff Dra darg ließ ſetzet Die hatte ſur! welc ſpiee Par führ: und verg tione ihret durch roug Nati aufg zur been ou, chem den cene die rin, hoe, das mas on⸗ das ann das Bo⸗ und eber⸗ mmer imal Glück Ta⸗ leſen e bei nigs, rath Ein⸗ die ribe; ribe; ugene Herrn ugene e die tillio⸗ r im 317 Bei den Variétés, Potier, Vernet, Odry, Brunet, Cazot, Lefevre. Ein gutes, reizendes Theater! wohl⸗ verſtanden das Théätre des Variétes im Jahre 1827. Seit einigen Tagen war das Théätre des Nou⸗ veautés mit Déjazet, Madame Albert, Bouffé, Valnys eröffnet worden. Die Porte⸗Saint⸗Martin ſpielte: Norma, die Heimath des Schubflickers, Polichinelle, der Beſuch in Bedlam, Jockooder derbraſilianiſche Affe; Mazurier für das Ballet; Dorval für das Drama. Im Ambigu-Comique Cartouche von Frédérik dargeſtellt. Bei der Gaieté Poulaillier.— Die Cenſur 65 ſehr gern die Abenteuer der Räuber in Scene etzen. Man ſchrie übrigens gewaltig gegen die Cenſur. Die Sache iſt nicht neu! werden Sie mir ſagen. Man ſchrie gegen ſie nicht weil ſie aufzuführen verhindert hatte, ſondern weil ſie hatte aufführen kaſſen: die Cen⸗ ſur hatte bei der Gaieté ein Stück ſpielen laſſen, in welchem die Nationalgarde beſchimpft, geſchmäht, ange⸗ ſpieen wurde. Das von ſehr redlichen Leuten und un⸗ ter Anderen von Herrn Pillet gemachte Jvurnal de Paris erſtaunte ganz naiv, daß die Cenſur zur Auf⸗ führung eines ſolchen Stückes Erlaubniß gegeben hatte, und ſchrie über Scandal. Das Jvurnal de Paris vergaß einfach, daß die von 1789 datirende Na⸗ tionalgarde, welche Lafahette zum Vater hatte, auf ihren Fahnen einen Namen und ein Datum trug, wo⸗ durch die Nerven der hochwürdigen Väter von Mont⸗ rouge und Saint⸗Acheul ungemein gereizt wurden. Die Nationalgarde ward auch bei der erſten Gelegenheit aufgelöſt. Wir werden dieſe, vielleicht ein wenig lange, aber zur Entwicklung unſeres Dramas nothwendige Revue beendigt haben, wenn geſagt iſt, daß das ehe⸗ 318 malige Theztre de la Foire auf Gerüſten, die man zwiſchen der Gaieté und Madame Saqui errichtet, re⸗ präſentirt war, Gerüſte, welche dem Herrn Galilée Copernic, ſo genannt, weil er die Zuſchauer am hellen Mittag Sterne ſehen ließ, gehörten. Fügen wir bei, damit der Leſer ſogleich einen hohen Begriff von der Wichtigkeit dieſes Mannes be⸗ kommt, eine Wichtigkeit, die er„durch Vorſtellungen gegeben mit dem größten Succeſſe,— ſein Zettel ſagt dies,— vor den bedeutendſten Souverains Europas,“ erlangt hat, daß er der Schwager des berühmten Zozo vom Norden iſt, von dem wir in der Biographie unſe⸗ res Freundes Mélingue*) geſprochen haben, und daß er, um das Publicum durch Poſſen vor der Thüre zu beluſtigen, den berühmten Faſiou, den König der Hans⸗ wurſte ſeiner Zeit, hat. Wir hoffen einige Worte über dieſe erhabenen Poſſenreißer in den nächſten Kapiteln zu ſagen; ſie gehören zu der ſchätzenswerthen Klaſſe, die man damals ohicaner von Paris nannte, zu Ehren des ſchönen Romans von Cooper, der ſo eben erſchienen war. Nun, da das Theater und die Decorationen be⸗ kannt ſind, ſuche der Zuſchauer es ſich ſo beguem als möglich im Saale zu machen. Man wird ſogleich anfangen. *) Im Velletriſtiſchen Auslande unter dem Titel:„Abenteuer und Drangſale eines Schauſpielers,“ erſchienen. 319 nan re⸗ ilée Uen CVI. nen Der Commiſſionär der Rue aux Fers. 3 Die Rue aux Fers, früher Rue aux Févres ſagt genannt, lag und liegt theilweiſe noch,— da man ſie as,“ nicht ganz niedergeriſſen hat,— zwiſchen der Rue Saint⸗ zozo Denis, wo ſie ihren Anfang hatte, und dem Marché nſe⸗ aux Poirées und der Rue de la Lingerie, wo ſie ihr daß Ende hatte. Längs der Nordſeite des Marché des e zu Innocents, parallel mit der Rue de la Ferronnerie, ans⸗ hinlaufend wie ein Fluß, der Früchte, Blumen und Gemüſe führt, zwiſchen den hundert auf ihrer Rechten enen aufgeſtellten Schenken und den tauſend zu ihrer Linken ſie ſan einander gereihten Marktbuden durchgehend, gebrach nals es der Rue aur Fers in der Zeit, zu der uns dieſes des Kapitel zurückführt, nicht an einer gewiſſen Farbe, an war. einem gewiſſen Pittoresken, welches man nicht wieder⸗ i finden wird in unſerem nach der Schnur gezogenen, als Kweißten, kosmetiſchen und correcten Paris, das wie Lurin ein großes Damenbrett zum Gebrauche der Phi⸗ lidor und der Labaurdonnais zu werden droht. Die Menge mit den buntſcheckigen Trachten, die ſchon in der erſten Morgendämmerung in dieſe Straße ſürzte, wie ein Bienenſchwarm, der ſich, auf dem durch⸗ teuer ſchtigen Wege der Luft, nach dem mütterlichen Stocke wendet, bot, ſo beſchattet einerſeits durch die ſchwarzen Nauern der Schenken und beleuchtet andererſeits durch die durchbrochenen Buden, ein ganz beſonderes, ganz vriginelles Siegel, das ihr eine große Aehnlichkeit mit den auf den Bildern der alten flämiſchen Meiſter ge⸗ malten Mengen gab. Es war ungefähr zehn Uhr Morgens und einer der ſchönen Morgen des Monats März, wo der Frühling — 320 durchzuſcheinen anfängt und ſein roſiges Antlitz noch verſchleiert von den letzten Rebeln des Winters zeigt. Die Sonne, welche damals, um die arme Welt wiederzuerwärmen, nicht alle die Umſtände machte, die ſie in unſeren Tagen macht; die Sonne beleuchtete, durch Atmoſphäreſchichten benetzt von ihren jungen Strahlen ſchlüpfend, in ihrer ganzen reinen Schönheit die Najaden von Jean Goujou. Von oben nach unten troff der Markt von Licht, und die Menge feierte inſtinctartig, ohne es zu wiſſen, zugleich mit dem dritten Sonntag des Monats März das Frühlingsfeſt durch Geſchrei und ſchallendes Ge⸗ lächter ſo freudig als Lieder. Und es war wohl Urſache vorhanden, zugleich zu ſchreien, zu lachen und zu fingen: dieſer grau und ſchwarze, gewöhnlich ſechs Monate lang und ſeit ſechs Monaten ſo traurige, ſo düſtere Markt hatte in der Nacht ſeinen Roſenkranz aufgeſetzt, ſein Schlüſſelblu⸗ menkleid angezogen und ſeinen Veilchenſtrauß vorge⸗ ſteckt: man hätte glauben ſollen, es ſei der Blumen⸗ markt. Käufer, Handelsleute, Vorübergehende, Jeder wollte, die Frauen an ihrem Gürtel, die Männer an ihrem Knopfloche, dieſer eine Nelke, jener einen Lack, Einige von den wohlriechenden Pfännchen haben, welche die Natur bei ihrem Erwachen unter die Bewohner des Landes mit ihrer unermüdlichen Freigebigkeit, mit ihrer unerſchöpflichen Verſchwendung austheilt. Einer von denjenigen, welche am Wollüſtigſten, wenn nicht am Geräuſchvollſten dieſes Erwachen der Natur zu genießen ſchienen, war ein in ſeiner ganzen Länge auf einem Commiſſionärshaken zwiſchen der Thüre und dem Fenſter vor einer der Schenken, mit denen die Rue aur Fers geſprenkelt iſt, ausgeſtreckter junger Mann, der beide Arme über ſeinem Kopfe ge⸗ kreuzt und die Augen der Fontaine aur Innocents zu⸗ gewendet hatte. — 321 Sah man dieſen jungen Mann, der, vom Kopfe bis zu den Füßen in Sammet gekleidet, ſo nachläſſig ausgeſtreckt war und durch alle Poren die erſten Son⸗ nenſtrahlen einzuathmen ſchien, dieſen Mann mit ſeinen großen ſchwarzen Augen und ſeinem ſchwarzen Barte, ſo hätte man ihn für einen der wollüſtigen, in der Sonne, welche die Chiaje Neapels vergoldet, liegenden Lazzaroni gehalten. Und dennoch würde, ihn näher oder aufmerkſamer anſchauend, derſenige, welcher beim erſten Blicke dieſe einung von ihm gefaßt hätte, ſehr raſch ſeinen Irr⸗ thum erkannt und bereut haben, daß er ihn, wenn auch nur eine Secunde, mit jenen ſorgloſen Neapolitanern verwechſelt, deren Geſicht nur Trägheit und Beſtialität ausdrückt. Es genügte in der That, einen Blick auf das Ge⸗ ſicht dieſes ſchönen jungen Mannes zu werfen, um zu begreifen, daß dies nicht ein Commiſſionär ähnlich denen, welche ihn umgaben, ein gemeiner Laſtträger, kurz ein Saumthier warz— nein, die männliche Schönheit dieſes Geſichtes, das Verſtändige dieſer Phy⸗ ſiognomie, die Diſtinction des Aeußern, die Originalität der Tracht, Alles offenbarte beim erſten Blicke den Mann, den unſere Leſer ohne Zweifel ſchon als den geheimnißvollen Salvator, als den Haupthelden unſeres Buches erkannt haben. Salvator hatte ſchon ſeit ſieben Uhr Morgens ſeine zwei bis drei Commiſſionen gemacht; denn es fehlte ihm nicht an Commiſſionen, und, wir müſſen es bemerken, er empfing die auf ſein Gewerbe bezüglichen Befehle und Aufträge mit derſelben Höflichkeit, wir möchten beinahe ſagen mit derſelben Demuth, mit der es jeder andere Commiſſionär, der nicht dieſelben Ei⸗ genſchaften wie er würde beſeſſen haben, hätte thun können. Allerdings vollführte er die Sendungen, mit denen man ihn betraute, mit ganz anderer Intelligenz als einer von ſeinen Kameraden⸗ Die Mohicgner von Paris. MW. 21 322 War es aus dieſem rein moraliſchen Grunde oder aus einem andern ein wenig mehr phyſiſchen, daß die Kundſchaft von Salvator faſt ausſchließlich aus Frauen beſtand? Wir vermöchten es nicht zu ſagen, und wir laſſen unſern Leſern die Freiheit, ſich ſelbſt eine Mei⸗ nung hierüber zu machen. Für die Vorübergehenden und für die Leute, wel⸗ chen wenig daran lag, zu wiſſen, was ſich im Geiſte oder im Herzen von Salvator bewegte, ſchaute Salva⸗ tor die Einzelheiten des reizenden Brunnens an, welche anzuſchauen uns nicht mehr einfällt, ſo ſehr ſind wir mit denſelben ſeit unſerer Kindheit vertraut, oder Sal⸗ vator überließ ſich auch einigen von jenen Träumereien, welche den Träumer dergeſtalt iſoliren, daß er am Ende mitten unter dieſer Menge, ſo beträchtlich ſie ſein mag, mit ſeinen Gedanken ganz allein iſt. Doch für uns, die wir ihn von lange her kennen, ſchaute Salvator nicht den Brunnen an, träumte Sal⸗ vator nicht: nein, Salvator beobachtete und horchte,— in Erwartung einer Botſchaft, die ihn ſeiner Unbeweg⸗ lichkeit entziehen würde,— Salvator bildete ſich mit Allem dem, was im Bereiche ſeiner Augen und Ohren vorging, eine Beute, aus der er im gegebenen Momente nur zu ſchöpfen hatte, um den glänzenden Karfunkel hervorzuholen, der Aller Augen blendete und machte, daß man ihn als einen Zauberer anſah. und dennoch war, unter Allem dem, Salvator eher der Mann der That, als der Idee. Gewöhnlich,— und wir haben ihn ſo verfahren ſehen,— handelte er, ſtatt zu träumen, und wenn er zu träumen ſchien, ſtatt zu handeln, ſo war dies ſo, weil er, wie ein geſchickter Maſchiniſt, eine Docorationsveränderung, ein unbe⸗ kanntes Kunſtſtück in der Art der Feerei vorbereitete, die ſich in ſeinem Geiſte geſtaltete. Andererſeits, obgleich er in dieſem Augenblicke un⸗ thätig war, war es ihm doch ſehr ſchwer, ſich der — S——-—— der die men wir Rei⸗ wel⸗ eiſte lva⸗ che wir Sal⸗ ien, am ſie nen, Sal⸗ weg⸗ mit hren lente nkel daß eher e er, ſtatt ickter nbe⸗ itete, un⸗ der 323 Träumerei hinzugeben, ſelbſt angenommen, er hätte das Verlangen hienach gehabt. Es vergingen in der That nicht fünf Minuten, ohne daß ihn Jemand anredete: „Sie ſind in Verlegenheit?“ „Ja.“ „Wenden Sie ſich an Herrn Salvatvr.“ „Wo iſt er? Ich ſuche ihn.“ „Dort.“ „Ah! Herr Salvator!..“ Und die verlegene Perſon erzählte Salvator die Urſache ihrer Verlegenheit; und, war es im Rechte, war es in der Medicin, war es in der Moral, war es in der Politik, Salvator hatte immer einen Rath für den Prozeß, ein Recept für die Krankheit, eine Anſicht für die Rechtſchaffenheit, ein Licht für die Meinung; ſo daß die Perſon, welche gekommen war, um ſich bei Salvator Raths zu erholen, erleuchtet oder erleichtert, hoffend oder glaubend wegging. Er war zugleich für die Bewohner des Quartiers, für die Händter und die Händlerinnen der Halle, und ſogar für die einfachen Vorübergehenden, ein Friedens⸗ richter, ein Experte, ein Rechtsberather, ein Arzt des Leibes und des Geiſtes, ein Rächer des Unrechts. Herr Salvator, das war der Salomo der Halle; und es wurde nicht eine auch nur ein wenig wichtige Ange⸗ legenheit abgemacht, über die man ihn nicht zu Rathe zog, wie es keine auch nur ein wenig ernſte Streitig⸗ keit gab, bei der man ihn nicht zum Schiedsrichter nahm. Man hörte alſo zu jeder Minute immer nur die zwei Worte ertönen:„Herr Salvator! Herr Salvator!“ Und fragte ein neugieriger Vorübergehender, wie Jean Robert den Kellner der Freiſchenke: „Wer iſt das, Herr Salvator?“ So antwortete man ihm, wie der Kellner Jean Robert geantwortet hatte: 324 „Herr Salvator? bei Gott! das iſt. Herr Salvator!“ Pichts mehr; der Neugierige mußte ſich mit dieſer Antwort begnügen. Nur wenn er Herrn Salvator durchaus ſehen wollte, und Herr Salvator war nicht in einem Gange begriffen, zeigte man ihm Herrn Salvator; und faſt immer traf der Blick des Fragenden den jungen Mann einen Streit ſchlichtend, einen Prozeß vergleichend, oder einem verkrüppelten Bettler, einer armen Witwe, die ein Kind auf ihren Armen trug und drei oder vier an ihrem Rocke hängende nachſchleppte, Almoſen ſpendend. Hiedurch erfolgte, daß Käufer oder Verkäufer, Kranker oder Prozeßführer, Bürger oder Mann aus dem Volke, Jeder ihm etwas ſchuldig war; Dieſer einen Rath, Jener eine Lection, ein Anderer ein Almoſen. Und der Rath von Salvator war immer ſo gut, ſein Urtheil ſo richtig, ſeine Meinung ſo gerecht, daß meh⸗ rere Male der Commiſſär des Quartiers, verſtrickt in den unentwirrbaren Zwiſtigkeiten ſeiner Amtsuntergebe⸗ nen, insgeheim zu dem jungen Manne ging, um ſich bei ihm Raths zu erholen, oder ihn zu ſich kommen ließ, oder einfach die Parteien zu ihm ſchickte. In dem Augenblicke, wo wir dieſe Erzählung wie⸗ der aufnehmen,— das heißt am Sonntag dem 23. März 1827, Morgens um zehn Uhr, war Salvator, wie ge⸗ ſagt, allein, doch nicht für lange, wie wir ſogleich ſehen werden. In der That, aus der Thüre der Schenke, an deren Mauer er angelehnt war, kam ein Paar mit friſchen, roſigen Wangen, mit glänzenden Augen, mit leicht geöffneten Lippen und Schmelzzähnen hervor: zwei junge Leute, oder vielmehr ein junger Mann und ein Mädchen, leuchtend, funkelnd Beide wie der Son⸗ nenſtrahl, der ſie in dem Momente, wo ſie im Rahmen der Thüre erſchienen, übergoß. Die Augen des jungen Mannes fielen auf Salva⸗ m m ſer en ige aſt nn der die nd. er, us en en. ein eh⸗ be⸗ ſich len ie⸗ ärz ge⸗ en nit nit or: ind on⸗ ten 325⁵ tor, der ihn nicht ſehen konnte, da er den Kopf der andern Seite zugewendet hatte. „Halt! da iſt Herr Salvator!“ ſagte der junge Mann mit einem mit Freude gemiſchten Erſtaunen. „Herr Salvator?“ fragte das Mädchen.„Mir ſcheint, ich habe dieſen Namen ſchon gehört.“ „Und Du kannſt ſogar ſagen, Du habeſt ſein Ge⸗ ſicht geſehen, Prinzeſſin... geſehen oder erſchaut. Du warſt allerdings an dieſem Tage ſehr beſchäftigt, armes Kind, und man ſieht ſchlecht mit thränengebade⸗ ten Augen.“ „Ah! ja, in Meudon, nicht wahr?“ ſagte das Mädchen. „Ganz richtig, in Meudon.“ „Nun wohl,“ ſprach das Mädchen erſtaunt und mit leiſer Stimme,„aber wer iſt denn Herr Salvator?“ „Es iſt ein Commiſſivnär, wie Du fiehſt.“ „Weißt Du, daß er ſehr gut ausſieht, Dein Com⸗ miſſionär?“ „Und er iſt noch viel beſſer, als er ausſieht,“ er⸗ wiederte der junge Mann. Dann machte er eine halbe Wendung rechts, um ſich vor den Commiſſionär zu ſtellen, und ſagte, indem er ihm die Hand reichte: „Guten Morgen, Herr Salvator!“ Salvator erhob ſich halb wie ein Paſcha, der Au⸗ dienz gibt, ſchaute denjenigen, welcher ihn grüßte, an, nahm dann ohne Zögern und wie ein Mann, der glaubt, ſeine Intelligenz mäche ihn zu jedes Menſchen auf der Welt Gleichen, die Hand, die man ihm reichte, und antwortete: „Guten Morgen, Herr Ludovic!“ Es war wirklich Ludovic, der auf das Verlangen der Perſon, welche ihm den Arm gab, ein paar Dutzend Auſtern in der Schenke zur Goldenen Muſchel gegeſſen hatte, die im Rufe ſtand, ſie öffne die friſcheſten Auſtern und ſie entpfropfe den beſten Chablis der ganzen Halle. 326 „Bei Gott! Herr Salvator,“ ſprach Ludovic,„es iſt mir durchaus nicht unangenehm, Sie in der Aus⸗ übung Ihrer Functionen zu ſehen! Ich brauche nicht weniger als dies, das betheure ich Ihnen, um nicht beharrlich zu glauben, Sie ſeien ein verkleideter Prinz.“ „Und mir auch,“ erwiederte Salvator dem Com⸗ plimente ausweichend,„mir iſt es auch ſehr lieb, daß ich Sie ſehe, einmal weil ich Sie ſehe und es mir Vergnügen macht, einem Manne von Herz und Talent die Hände zu drücken, ſodann weil Sie mir einige Nachrichten über die arme Carmelite geben werden. Wie geht es ihr?“ Ludovic machte eine unbemerkbare Bewegung mit den Schultern. „Beſſer,“ antwortete er. „Beſſer heißt nicht gut,“ entgegnete Salvator. Ludovic ſtreckte ſeine Hand in den Sonnenſtrahl aus, der den reizenden Kopf ſeiner Gefährtin beleuchtete. „Das wird ſie hoffentlich vollends wiederherſtellen!“ „Phyſiſch, ja,“ erwiederte Salvator;„doch mora⸗ liſch?.. Wie viel Jahre wird das arme Kind brau⸗ chen 2 „Um zu vergeſſen?“ „Oh! das ſage ich nicht! ich habe nicht nöthig ge⸗ habt, ſie zu ſehen, um überzeugt zu ſein, daß ſie nie vergeſſen wird.“ „Um ſich zu tröſten alſo?“ „Sie wiſſen,“ ſprach Salvator,„die Mißgeſchicke, über die man ſich am ſchnellſten tröſtet, ſind die unwie⸗ derbringlichen Mißgeſchicke.“ „Ja, ich weiß es wohl; ein Dichter ſagt: „Ft rien n'est éternel, pas méme la douleur?)“ „Das iſt die Anſicht des Dichters.. Was iſt nun die Anſicht des Arztes?“ „Die Anſicht des Arztes iſt, mein lieber Herr Sal⸗ *) Und nichts währt ewig, nicht einmal der Schmerz. ihr ſie, vor hl 1 U⸗ e⸗ ie ke, ie⸗ 166 * iſt — 327 vator, daß die erhabenen Geiſter den Schmerz nicht verachten und herunterſetzen dürfen, wie es die gemei⸗ nen Organiſationen thun. Der Schmerz iſt eines der Elemente der Natur, eines der Vervollkommnungsmittel zum Gebrauche Gottes! Wie viele Menſchen, Dichter, Künſtler wären unbekannt geblieben ohne einen großen Schmerz oder ein großes Gebrechen? Byron hat das Glück gehabt, hinkend geboren zu werden und eine zänkiſche Frau zu heirathen. Bhron verdankt, nicht ſein Genie,— das Genie kommt unmittelbar vom Himmel,— das Ausbreiten, das Erſchließen, das Auf⸗ blühen dieſes Genies ſeinen Mißgeſchicken. Carmelite wird ſein wie Byron, nicht ein großer Dichter, aber eine große Künſtlerin, eine Malibran, eine Paſta; et⸗ was mächtiger vielleicht, denn ſie wird unter den Frauen gelitten haben! Wäre ſie mit Colombau glücklich ge⸗ weſen? Das kann Niemand ſagen. Sie wird ohne ihn berühmt ſein, das verſichere ich.“ „Doch mittlerweile..2 „Mittlerweile hat ſie bei ſich einen Arzt, der ge⸗ ſchickter iſt, als ich.“ „Geſchickter als Sie? Erlauben Sie mir, das zu bezweifeln.. Und wer iſt dieſer Arzt?“ „Ein Mädchen, das glücklicher Weiſe nicht ein Wort von der Medicin weiß! das aber alle die enge⸗ liſchen Worte der Selbſtverleugnung und der Hin⸗ gebung kennt, mit denen man die Herzen heilt: eine ihrer Freundinnen, ein Zögling von St. Denis, wie ſie, Fragola genannt.“ Salvator lächelte und erröthete zugleich, als er ſo von ſeiner Geliebten ſprechen hörte. Das Mädchen aber, das Ludovic am Arme hatte, verzog den Mund, als ſie ihn einer andern Frau ein ſo pomphaftes Lob ſpenden hörte, und begleitete dieſe WMundverziehung mit einem ſo ſoliden Kneipen, daß ſich der Arzt eines Schreis nicht erwehren konnte. 328 „Ei! mein Gott,“ ſagte er, was gibt es denn, Chante⸗Lilas?“ Salvator, der bis dahin, halb aus Gleichgültig⸗ keit, halb aus Discretion, der Gefährtin des jungen Doctors nur eine geringe Aufmerkſamkeit geſchenkt hatte, wandte, als er dieſen Namen hörte, den Kopf nach ihrer Seite und ſchaute ſie mit einem neugierigen, ob⸗ ſchon wohlwollenden Auge an. „Ah!“ ſagte er,„Sie ſind Mademoiſelle Chante⸗ Lilas?“ „Ja, mein Herr,“ antwortete das Mädchen ganz ſtolz, daß ſein Name dem ſchönen Commiſſionär bekannt war.„Sie kennen mich?“ „Ich kenne wenigſtens Ihren Namen und Ihre Titel.“ „Ah! ah! Du hörſt, Prinzeſſin!— Sie kennen ihren Namen und ihre Titel? woher kennen Sie die⸗ ſelben?“ „Weil ich ſie habe von den Vaſallen der Prinzeſſin von Vanvres feiern hören.“ ſagte Ludovic,„Camille hatte ſie ſo ge⸗ tauft.“ „Camille Rozan... Sie haben keine Nachrichten von ihm?“ fragte Salvator. „Bei meiner Treue, nein,“ erwiederte das Mäd⸗ chen;„ich habe keine Nachrichten von ihm erhalten, und ich hoffe auch keine zu erhalten.“ „Und warum dies?“ ſagté Ludovic.„Glaubſt Du zufällig, ich ſei eiferſüchtig auf ihn?“ „Oh! mein Herr, ich weiß wohl, daß Sie mir keine ſolche Ehre erweiſen!.. Ah! die Comteſſe du Battoir hatte wohl Recht!“ „Was ſagte die Comteſſe du Battoir?“ fragte Salvator. „Sie ſagte:„Traue nie den Engländern; ſie ſind au ſchlimm. Treue nie den Americanern! ſie ſind ni we dre ter keh daß noe 329 „Nun, nun, Prinzeſſin, Sie werden Frankreich mit den Vereinigten Staaten entzweien.“ „Ah! es iſt wahr!.. und ich vergaß die Com⸗ teſſe du Battoir!“ „Wo iſt ſie?“ „Sie erwartet mich oder ſoll mich an der Barrière Saint⸗Jacques erwarten, wohin ſie gegangen iſt, um Ihrem Oheim ſeine Wunden zu verbinden.. Raſch, laß uns einen Fiacre nehmen und führe mich dahin. wohin Du mich im Fiacre zu führen verſprochen haſt.“ „Ah! ja. Aber, Prinzeſſin, Sie glauben alſo, ich habe, wie Sie, eine Apanage?“ „Gut! wenn man die Millionäre heilt, muß man ſich auf dem Golde wälzen.“ „In der That, Herr Ludovic, es ſcheint, die Ein⸗ wohner von Vanvres und vom Bas⸗Meudon ſind im Begriffe, dem rettenden Aeskulap einen Tempel zu bauen.“ „Nun wohl, Sie mögen mir glauben, wenn Sie wollen: ich befürchte, ich habe der Menſchheit einen ſchlimmen Dienſt dadurch geleiſtet, daß ich dieſen wür⸗ digen Herrn Gérard herausgeriſſen; er hat ein Geſicht, das mir ganz und gar nicht gefällt, und wäre hier ein abſcheulicher Schurke unter der Haut eines redlichen Mannes verborgen, ſo würde mich das nicht wundern.“ „Doch, mag er nun ein ehrlicher Mann ſein oder nicht ſein,— er iſt gerettet?“ „Ah! ja Es iſt manchmal ein garſtiges Ge⸗ werbe, das Gewerbe eines Arztes!“ „Sprich offenherzig: wie viel hat er Dir für Deine drei Beſuche bezahlt?“ „Prinzeſfin, da ich abſichtlich meine Adreſſe zu hin⸗ terlaſſen vergaß, und nicht zu Herrn Gérard zurück⸗ kehrte, ſeitdem ich die Ueberzeugung bekommen habe, daß er gerettet iſt, ſo iſt das eine Rechnung, welche noch abzumachen.“ 330 „Nun, ſo gib mir Deine Vollmacht, und ich über⸗ nehme die Sache.“ „Es ſei, ſpäter.“ „Wenn dies?“ „Wann wir uns trennen: das wird mein Abſchieds⸗ geſchenk ſein.“ „Einverſtanden... doch mittlerweile fährt hier ein Fiacre vorüber. Holla! Kutſcher!“ Der Kutſcher hielt an, ließ ſeine Pferde ſich gegen links wenden und führte ſeinen Wagen auf vierSchritte von der Gruppe. „Ah! man muß wohl thun, was Du willſt, Prin⸗ zeſſin!“ ſagte Ludovic. Sodann zu Salvator: „Auf Wiederſehen, Herr Commiſſionär! wie man in Tauſend und eine Nacht ſagt; denn ich komme auf meine erſte Idee zurück: Sie ſind entſchieden ein verkleideter Prinz.“ Salvator lächelte: die zwei jungen Leute drückten ſich die Hand. Chante⸗Lilas ſchleuderte über ſeine Schulter einen mörderiſchen Blick Salvator zu; Ludovic fing ihn unter Weges auf. „Nun, Prinzeſſin!“ ſagte er mit verſtelltem Zorne. „Ah! bei meiner Treue!“ erwiederte Chante⸗Lilas, „ich weiß nicht, was lügen iſt: ich finde ihn ſehr hübſch, dieſen Commiſſionär da, und hätte ich Dir nicht für drei Wochen Treue geſchworen, ſo weiß ich, welchen Auftrag ich ihm geben würde.“ „Wohin ſoll ich Sie führen, Herr?“ fragte der Kutſcher. „Geben Sie Ihre Befehle, Prinzeſſin,“ ſagte Lu⸗ dovic. „Porte Saint⸗Jacques!“ rief Chante⸗Lilas. Und der Kutſcher ging in der bezeichneten Rich⸗ tung ab. eine So er⸗ an me ein ten en — CVII. Welche hakenförmige Atome es waren, die la Gibelotte an Croc⸗en⸗Jambe genietet und Croc⸗en⸗Jambe an la Gibelotte gelöthet hatten. In dem Augenblicke, wo der Fiacre, der Ludovic und Chante⸗Lilas entführte, an der Ecke der Rue Saint⸗ Denis verſchwand, ſah Salvator aus den Tiefen von einem der Gewölbe, unter welche einzudringen die Sonne ſich zu ſchämen ſchien, auf ſich,— ähnlich zwei Schatten, nicht aus der petiſchen Hölle von Virgil oder der finſteren Hölle von Dante, ſondern aus einer ein⸗ fachen Gaſſe hervortretend,— die gepaarten Silhvuet⸗ ten von zwei Männern zukommen, die er an dem Al⸗ kohol⸗, Tabak⸗, Knoblauch⸗ und Baldriangeruche, den ſie um ſich her ausdünſteten, ſtatt der Wohlgerüche der Jugend, des Frühlings und der Veilchen, welche die zwei Verliebten mit ſich fortgenommen, mit geſchloſſenen Augen als den Vater la Gibelotte, den Kaninchen⸗ aßenlieferanten der Umgegend, und als ſeinen getreuen Diener und Freund Croc⸗en⸗Jambe, den Lumpenſamm⸗ ler⸗Aufwühler, erkannt hätte,— um ſo viel mehr er⸗ kannte er ſie mit offenen Augen. Bei den Perſonen, welche, wie Rétif de la Bre⸗ tonne und Mercier, ein beſonderes Studium aus den Neigungen, den Sitten, den Gewohnheiten der niedri⸗ gen Klaſſen, der unteren Schichten der Geſellſchaft machen, wird es ein tiefes Erſtaunen erregen, wenn ſie ſehen, daß ein Lumpenſammler einen Freund hat. Wir begreifen das Erſtaunen dieſer Perſonen, und wir wä⸗ ren erſtaunt wie ſie, gäbe unſere Stellung als Roma⸗ nenſchreiber,— manchmal ein garſtiges Gewerbe, wie vorhin unſer Freund Ludovic ſagte, und wie man ſo⸗ 332 gleich ſehen wird, da es uns nöthigt, uns in ſolchem Schmutze zu ſchleppen;— gäbe unſere Stellung als Romanenſchreiber uns nicht das Vorrecht, Alles zu wiſſen. In der That, der Lumpenſammler, der, geboren mit einem landſtreicheriſchen Temperamente,— wir ſind der Anſicht der Moraliſten, welche behaupten, der Menſch ſei der Sklave ſeines Temperaments;— in der That, ſagen wir, der Lumpenſammler, der, geboren mit einem landſtreicheriſchen Temperamente, im zarteſten Alter aus dem väterlichen Hauſe durchgegangen iſt, um, ein No⸗ madenleben, ein wildes, faſt immer nächtliches Leben führend, Lumpen zu ſammeln, der nach Verlauf einiger Jahre ſeiner Familie dergeſtalt fremd geworden iſt, daß er den Namen ſeines Vaters vergißt, den ſeinigen ſo⸗ gar, um des Spitznamens willen, den man ihm gibt, oder den er ſich gegeben hat,— der endlich Alles bis auf die Erinnerung ſeines Alters verliert,— wir glau⸗ ben, daß der Lumpenſammler zur Freundſchaft beinahe unfähig iſt. Vor Allem iſt die Freundſchaft ein edles Gefühl, und die edlen Gefühle, die man häufiger, als man wohl denkt, bei den unteren Klaſſen der Geſellſchaft trifft, exiſtiren nicht beim Lumpenſammler, dieſem Pa⸗ ria der weſtlichen Geſellſchaften. Mit den ekelhafteſten Lumpen bedeckt, affectirt er eine Art von Unfläthigkeit, iſolirt er ſich von den Maſſen, weil er inſtinctartig be⸗ greift, daß ſich die Maſſen von ihm iſoliren, wird er allmälig miſanthrop, mürriſch, zuweilen boshaft, immer herb und hart. Bemerken wir beiläufig, daß es unter den Lumpen⸗ ſammlern häufig ehemalige Strafgefangene und unter den Lumpenſammlerinnen Proſtituirte der niedrigſten Art gibt. Was hauptſächlich dazu beiträgt, den Lumpenſammler zu verdüſtern und dieſen Hang zur Ungeſelligkeit zu ver⸗ mehren, iſt der übermäßige Genuß des Branntweins, der 3 rig Ver alſo penſ und Beke mit wie pen⸗ nter ſten ler ver⸗ der 333 bei ihm allen Ausdruck überſteigt. Der Branntwein hat für den Lumpenſammler und beſonders für die Lumpen⸗ ſammlerin,— denn dieſes ſeltſame Thier beſitzt ſein Weibchen,— einen unglaublichen Reiz, einen Reiz, den nichts aufzuwiegen vermöchte; der Eine und die Andere verzehren ſo wenig als möglich an Speiſen, um ſich ſo oft und ſo reichlich als möglich ihrer Lieblings⸗ leidenſchaft überlaſſen zu können. Sie bilden ſich ein, dieſer Flammentrank unterſtütze ſie ſo gut als ſolide Subſtanzen, weil ſie die künſtliche Kraft, die ihnen der Alkohol gibt, für wirkliche Kraft halten, während dieſe Ueberreizung nur die Wirkung eines Rittels iſt, das den Magen brennt, ſtatt ihn zu ſtärken. Es herrſcht auch in der Klaſſe der Lumpenſammler eine Sterblich⸗ keit doppelt ſo groß, als die, welche die anderen Klaſſen, ſelbſt die unglücklichſten, trifft. Durch den übermäßigen Genuß des Alkohols er⸗ ſcheint ihnen der Wein gewöhnlich fad, geſchmacklos, ſo daß bei den großen Veranlaſſungen der Lumpen⸗ ſammler, der einen Augenblick den Branntwein verläßt, ſich dagegen dem Genuſſe des Glühweins gewürzt mit Pfeffer und aromatiſirt durch Citrone und Zimmet hin⸗ gibt, zur großen Verzweiflung der Schenkwirthe, welche, während ſie das Geld ihrer Kunden einnehmen, ſich darüber entrüſten, daß ſie zugleich ſo viel Elend und ſo viel Sinnlichkeit ſehen. Man begreift daher, daß es für irgend ein Gefühl, — außer den brutalen Inſtincten der Natur,— ſchwie⸗ rig iſt, in das Herz von einem dieſer unglücklichen Verworfenen Eingang zu finden, und man darf ſich alſo mit Recht darüber wundern, ſieht man einen Lum⸗ penſammler mit einem andern Menſchen fraterniſiren, und wäre dieſer Menſch Katzentödter, wie es unſer alter Bekannter la Gibelotte war. Der Vater la Gibelotte war im Grunde auch nicht mit ſeinem Gefährten Croc⸗en⸗Jambe ſo eng verbunden, wie es der Oberfläche nach den Anſchein hatte. Der 334 Vater la Gibelotte war der Freund des Lumpenſamm⸗ ler⸗Aufwühlers ungefähr wie der Bär der Freund ſei⸗ nes Wärters iſt, wie die Katze die Freundin der Maus iſt, wie der Wolf der Freund des Lammes iſt, wie der Gendarme der Freund des Gefangenen iſt, wie der Handelsaufſeher der Freund des Schuldners iſt. Croc⸗en⸗Jambe war in der That der Schuldner von la Gibelotte, und zwar Schuldner für eine ungeheure Summe, bedenkt man, daß der mittlere Verdienſt von Croc⸗en⸗Jambe nicht zwanzig Sous im Tage überſtieg, oder, um genauer zu ſprechen, zwanzig Sous in der Nacht. Die Schuld von Croc⸗en⸗Jambe gegen la Gi⸗ belotte belief ſich um dieſe Zeit auf die fabelhafte Summe von hundert fünfundſiebzig Franken vierzehn Centimes, Kapital und Zinſen inbegriffen. Croc⸗en⸗Jambe behauptete allerdings, er habe in Wirklichkeit nur fünfundſiebzig Livres zehn Sous er⸗ halten;— Croc⸗en⸗Jambe proteſtirte gegen das Deci⸗ malſyſtem und weigerte ſich durchaus, es anzunehmen; — er ſagte auch, unter dieſer Summe habe er zwei Dreißig⸗Sous⸗Stücke von Blei und zwei Fünfzehn⸗ Sous⸗Stücke von Blech getroffen. Selbſt die von Croc⸗en⸗Jambe zugeſtandene Zahl angenommen, wird man ſich nun fragen, wie la Gibe⸗ lotte Gläubiger einer fabelhaften Summe gegenüber von ſeinem Gefährten, in Betracht der precären Lage dieſer zwei Induſtriellen, habe ſein können. Vor Allem haben wir zu bemerken, daß bei den zwei Induſtriellen Einer war, deſſen Induſtrie bei Wei⸗ tem der Vorzug vor der des Andern gebührte: das war die Induſtrie des Katzentödters. Jede Katze trug la Gibelotte zwanzig bis fünfundzwanzig Sous ein; dreißig bis vierzig Sous, war es eine Angorakatze. Bei der Katze iſt nichts verloren: das Fleiſch wird Ka⸗ ninchen, der Balg wird Hermelin. Nehmen wir zu vier die mittlere Zahl der von la Gibelotte getödteten Katzen an, ſo haben wir ein Ein⸗ 335 mm⸗ kommen von fünf Franken täglich, von hundert und ſei⸗ fünfzig Franken monatlich, von achtzehnhundert Franken Naus jährlich. Von dieſer jährlichen Summe von achtzehn⸗ der hundert Franken konnte aber la Gibelotte leicht tauſend der Franken auf die Seite legen, da er ſich kaum um ſeine Nahrung zu bekümmern hatte, weil die Garköche, deren von Lieferant er war, für ihn immer einige Ueberbleibſel ere von Kalbfleiſch oder Ochſenfleiſch aufbewahrten; ⸗ von BGibelotte, wie alle große Jäger, aß nie von ſeinem ſtieg, Wildpret;— und da er auch nicht für ſeine Kleidung der beſorgt ſein durfte, weil die Abfallpelze mehr als ge⸗ Gi⸗ nügend waren, um ihn Sommer wie Winter zu kleiden. hafte La Gibelotte war alſo reichz ſo reich, daß das zehn Gerücht ging, er habe einen Wechſelagenten, und er ſpiele in der Rente. e in Doch in ſeiner Armuth hatte Croc⸗en⸗Jambe etwas, er⸗ um was ihn la Gibelotte in ſeinem Reichthum benei⸗ eci⸗ dete: Crvc⸗en⸗Jambe hatte eine Zwergin! nen; Wie hatte ſich Mademoiſelle Bébeé die Rothe, welche zwei von einem der Schaugerüſte des Boulevard entwichen ehn⸗ war, mit Croc⸗en⸗Jambe verbunden? Dies zu wiſſen iſt von keiner Bedeutung für die Leſer, und wir be⸗ Zahl ſchränken uns darauf, daß wir die Thatſache beſtätigen. ibe⸗ Croc⸗en⸗Jambe war alſo der Liebhaber von Mademoi⸗ über ſelle Bébé der Rothen, deren Portrait lange auf dem Lage Boulevard du Temple zwiſchen dem numidiſchen Löwen und dem bengaliſchen Tiger figurirt hatte, die hier noch den ſigurirten, zur großen Befriedigung der Neugierigen Wei⸗ und zum großen Nutzen der Königin Tamatave, welche, war den Martin und den Van Amburgh in der Kunſt, die la wilden Thiere zu bezaubern, zuvorkommend, in ihren ein; Käfich dreimal des Tages auf die Gefahr, einmal unter katze. drei gefreſſen zu werden, eintrat.— Rur war, ſeitdem Ka⸗ WMademviſelle Bobé die Rothe aus der Menagerie ver⸗ ſchwunden, ihr Portrait vom Anſchlagzettel verſchwunden. n la Warum war nun Mademoiſelle Béhé die Rothe Ein⸗ aus der Menagerie verſchwunden? 336 Es waren in dieſer Hinſicht mehrere Verſionen im Umlaufe. Diejenige, welche am meiſten auf dem Bou⸗ levard Glauben gefunden, war, Mademoiſelle Bébé die Rothe habe ſich eines Abends im Sacke geirrt, und, ſtatt die Hand in ihren Arbeitsſack zu ſtecken, habe ſie die⸗ ſelbe in den Einnahmeſack geſteckt; wonach ſie durch irgend eine Oeffnung der Baracke hinausgeſchlüpft ſei und ſich aus dem Staube gemacht habe. Die Königin Tomatore erhob ein gewaltiges Geſchrei über den Raub; ſie wollte Mademviſelle Bébé die Rothe beim Polizei⸗ präfecten anzeigen,— und es wäre nicht ſchwierig ge⸗ weſen, ſelbſt wenn die Flüchtige die Schuhe von Ma⸗ dame du Barry angenommen hätte, ſie wieder aufzufin⸗ den und zu verhaften;— doch es fand ſich in der Baracke des Boulevard du Temple eine Vorſehung, welche über der unklugen Zwergin wachte; das war ein gewiſſer Herr Flageolet, den man in Paris mit gekreuzten Armen, gekleidet wie ein Kärrner im Sonntagsſtaate, ſpazieren gehen ſah, von dem man keine Rente, keine Erbſchaft, keine Einſchreibung in das große Buch, kein Haus in der Sonne kannte, der aber ganz artig vom Morgen bis zum Abend drei bis vier Fünf⸗Franken⸗ Stücke in ſeiner Taſche klingen ließ. Wer war denn Herr Flageolet? Herr Flageolet war der Intendant, der Vertraute der Königin Tamatave; ihr Graf Eſſex, vergleichen wir ſie mit Eliſabeth; ihr Rizzio, wenn wir ſie mit Maria Stuart vergleichen. Es war ſogar eine vermuthliche Erbin genannter Majeſtät da, deren Abkunft man ſicherlich aufgefunden hätte, wäre das Aufſuchen der Vaterſchaft nicht durch den Codex verboten geweſen, und die man ohne Zweifel zum Andenken an die Melodie, auf die ſie geboren war, Mademviſelle Muſette*) nannte. Nun wohl, Herr Flageolet widerſetzte ſich förmlich, *) Dudelſack. mu Ter ein im Jar ein ver lich von um ſich zug trof auf wäl dem woh ſem ſetze und tiſch lang im ou⸗ die tatt die⸗ uch ſei gin ub; zei⸗ ge⸗ Ra⸗ fin⸗ acke iber ſſer ten ate, ine ein om ken⸗ ute hen mit ter den rch ifel ren 337 daß irgend eine Anzeige gegen Mademöiſelle Bbeé die Rothe gemacht werde, und die Königin Tamatave, als ſie die Großmuth ihres Geheimenraths ſah, die fie in einem gewiſſen Verdachte der Eiferſucht beſtärkte, rief: „Gut, ſie mag ſich anderswo henken laſſen. Ich bin zu glücklich, um ein paar Fünf⸗Franken⸗Stücke von einer ſolchen liederlichen Dirne befreit zu ſein!“ Da aber Mademviſelle Bébé nichts von der Groß⸗ muth wußte, die man gegen ſie auf dem Boulevard du Temple übte, ſo hielt ſie es für klug, ſich wenigſtens eine Zeit lang zu verbergen; und bald verbreitete ſich im HQuartier Saint⸗Jacgues das Gerücht, Croc⸗en⸗ Jambe habe eine Geliebte bei ſich, und eiferſüchtig wie ein africaniſcher Bey oder wie ein türkiſcher Sultan verberge er ſie vor Aller Augen. Es war nicht mög⸗ lich, das Factum zu bewahrheiten, weil die Dachkammer von Croc⸗en⸗Jambe auf einen Hof ging. Mademviſelle Bébé die Rothe, welche nicht einmal, um ſich zu zerſtreuen, die Ausſicht auf eine Straße hatte, wie man in Paris ſagt, langweilte ſich ungemein; und da ſie es nicht wagte, bei Tage aus⸗ zugehen, aus Furcht von einer anderen Rothen ge⸗ troffen zu werden, welche ſie hätte feſtnehmen können, ſo ſtand ſie einen Theil der Nacht am Fenſter, horchte auf den Geſang der Nachtigall und zählte die Sterne, während Croc⸗en⸗Jambe Lumpen ſammelte. La Gibelotte nun, der einen Katzenwechſel unter dem Hofthore des Hauſes, in welchem Croe⸗en⸗Jambe wohnte, bemerkt hatte, ſtellte ſich eines Abends an die⸗ ſem Thore auf den Anſtand. Er ſah die Zwergin an ihrem Fenſter. Setzen Sie Romev an die Stelle von la Gibelotte, ſeßzen Sie Julie an die Stelle von Mademoiſelle Bébé, und Sie werden eine bezaubernde Liebesſcene, eine pve⸗ tiſche Seene haben, die ich Ihnen, wenn Sie es ver⸗ langen, liebe Leſer, ſelbſt nach Shakeſpeare erzähle, während ich Sie bitte, nicht von mir die Scene zu be⸗ Die Mohicaner von Paris. W. 22 338 gehren, welche zwiſchen Mademoiſelle Bébé und la Gi⸗ belotte vorfiel. Das Reſultat der Scene war ganz einfach, daß am andern Tage, mit Croc⸗en⸗Jambe frühſtückend, la Gi⸗ belotte dem Lumpenſammler den Vorſchlag machte, ihm gegen fünf Franken monatlich, und zwar eingerichtet, eines von den zwei Zimmern abzutreten, die er, la Gi⸗ belotte, bewohnte. Da dies eingerichtet gerade ſo viel war, als Croc⸗en⸗Jambe ohne alle Einrichtuug bezahlte, ſo nahm der Lumpenſammler mit Dank das Anerbieten des Katzentödters an, und transportirte zu dem edel⸗ müthigen Manne ſeine Penaten und die von Mademoi⸗ ſelle Bébé. Am Ende des Monats offenbarte Croc⸗en⸗Jambe, der ſich in ſeinem neuen Domicil äußerſt wohl befand, einige Unruhe; als mitleidige Gefährtin erkundigte ſich Mademoiſelle Bébé nach den Urſachen ſeines Kummers: Croc⸗en⸗Jambe ſetzte ihr auseinander, daß er befürchte, er werde nicht im Stande ſein, ſeinen Miethzins zu bezahlen. Mademoiſelle Bebé überlegte einen Augenblick, und die Frucht dieſer Reflexionen war die Antwort, welche Croc⸗en⸗Jambe viel zu denken gab: „Ich werde die Sache mit la Gibelotte abmachen.“ Da aber die Sache wirklich abgemacht wurde, da la Gibelotte nicht mehr vom Miethzinſe mit Croc⸗en⸗ Jambe ſprach, ſo dachte Croc⸗en⸗Jambe auch nicht mehr hieran, und da er die glückliche Idee angenommen hatte, nicht mehr an den Miethzins ſeines erſten Monats zu denken, ſo hielt er es nicht für erſprießlich, dieſe Ge⸗ wohnheit in Betreff der anderen zu verlierenz da ferner ein Monat, zwei Monate, drei Monate ohne alle Re⸗ clamation von Seiten von la Gibelotte vergingen, ſo ſtellte ſich ſachte in ihm die Idee feſt, er habe das ge⸗ funden, was: außer in Sainte⸗Pelagie, ſo ſelten zu finden war, eine unentgeldliche Wohnung. Mehr noch: war die Racht ſchlecht, das heißt reg⸗ am Gi⸗ ihm tet, Gi⸗ viel Ate, eten del⸗ nvi⸗ nbe, hte, 339 neriſch, kalt oder unfruchtbar geweſen, und Croc⸗en⸗ Jambe kam durchnäßt, erfroren oder mit leerer Hotte nach Hauſe,— lauter Umſtände, unter welchen Mademoi⸗ ſelle Bébé mit ihrem Lebensgefährten zufrieden zu ſein keine Urſache hatte,— ſo geſchah es oft, daß bei den erſten lauten Worten, die er in der Stube ſeiner Miethsleute hörte, la Gibelotte an die Thüre klopfte, eintrat und, da er die Verdüſterung der Geſichter ſah, die Hand in ſeine Taſche ſteckte und ihnen zurief: „Warum? warum?.. Thränen und Zähneknir⸗ ſchen, weil die Lumpenernte ſchlecht geweſen iſt? Die Ernte der Kaninchenbälge iſt gut geweſen, und die Freunde ſind keine Türken!“ „Und was beweiſt, daß ſie keine Türken ſind?“ fragte Croc⸗en⸗Jambe, ſkeptiſch wie ein Lumpenſammler. „Sprich, wird es Dein Glück machen, wenn ich Dir dreißig Sous leihe?“ „Es wird wenigſtens unendlich viel dazu beitra⸗ gen,“ antwortete Croc⸗en⸗Jambe. „Nun wohl, ſo ſei glücklich: hier ſind fünfzehn!“ „Mit fünfzehn Sous werde ich aber nur halb glücklich ſein!“ „Nimm immerhin! verzehre dieſe.. Biſt Du nur halb glücklich, ſo werden wir nachher ſehen.“ Croc⸗en⸗Jambe ging, kaufte für fünfzehn Sous flüſſiges Glück, ſtatt für fünfzehn Sous ſolides Glück zu kaufen, trank die Glückſeligkeit, ſtatt ſie zu eſſen, und kam in der Regel ſo glücklich nach Hauſe, daß er, da er das Gewicht ſeines Glückes nicht tragen konnte, bald an den Fuß eines Weichſteines, bald an die Haus⸗ thüre, bald auf die erſte Stufe der Treppe fiel. Der Lumpenſammler fand die Exiſtenz, die ihm ſein Freund la Gibelotte bereitete, ziemlich ſanft, als eine unerwartete Kataſtrophe, wie ein Kartenhaus, das Glück, das er auf den Felſen gekittet glaubte, umſtürzte. — Der Menſch denkt, der Teufel lenkt! Die Dinge gingen ſo, wie wir geſagt haben, drei — 340 bis vier Monate, als, nach dem gemeinſchaftlichen Do⸗ micil zurückkehrend, ganz lendenlahm von dem Streite, den ſie in der Nacht des Faſching⸗Dienſtags mit unſeren jungen Leuten gehabt hatten, der Katzentödter und der Lumpenſammler in der Mitte von Gendarmen, die ihr die Ehre erwieſen, ſie zu begleiten, Mademviſelle Bébé die Rothe ſahen, deren Strohſack man bereichert durch zwei ſilberne Beſtecke gefunden, welche von einem benach⸗ barten Bijoutier verſchwunden waren, wo die Zwer⸗ gin am Tage eine Chryſocal-Uhr, die ſie der Frei⸗ gebigkeit von la Gibelotte verdankte, hatte ausbeſſern laſſen. Die Zwergin, als ſie die zwei Freunde gewahrte, blinzelte ihnen auf eine ausdrucksvolle Weiſe zu. Beide folgten ihr von fern. mit geſenktem Ohr und hängenden Armen, und ſahen ſie in die Ourſine⸗Kaſerne eintreten, wo ſie die Gendarmen, ohne Zweifel aus ehrerbietiger Rückſicht für ihre Reize, zuerſt paſſiren ließen. Bei dieſem Anblicke gerieth Croc⸗en⸗Jambe ganz in Verzweiflung, und er bat ſeinen Freund, ihm ein Fünf⸗ zehn⸗Sous⸗Stück zu leihen, allerdings bezweifelnd, ſo groß war ſein Schmerz, es werde dieſe Summe von fünfundſiebzig Centimes, wie die Neuerer ſag⸗ ten, genügen, um ihn zu tröſten, doch, bei ſeiner Er⸗ gebung in die Gebote der Vorſehung, wollte er wenig⸗ ſtens den Verſuch machen, ſich zu tröſten. Unglücklicher Weiſe war Mademviſelle Bébé die Rothe nicht mehr da, um als Vermittlerin zwiſchen Croc⸗en⸗Jambe und la Gibelotte zu dienen: hiedurch erfolgte, daß la Gibelotte Croc⸗en-Jambe nicht nur die fünfundſiebzig Centimes verweigerte, ſondern daß er ihm überdies erklärte, da er die Summe, die er ihm vorgeſchoſſen, nothwendig brauche, ſo fordere er ihn auf, ſie ihm in möglichſt kurzer Friſt zu bezahlen. Dieſe Summe, Miethzins für die Stube(Intereſſe des Geldes zu zwölf Procent inbegriffen), belief ſich aber de n, er in on g⸗ ie en ie er m n es er 341 auf die ungeheure Zahl hundert fünfundſiebzig Franken vierzehn Centimes. Die Reclamation führte Kälte zwiſchen den zwei Freunden herbei; von der Kälte gingen ſie zum Zwiſte über; vom Zwiſte waren ſie im Begriffe, zu einem Proceſſe überzugehen, bei welchem die Freiheit von Croczen⸗Jambe ſich gefährdet fand; da begegneten ſie am Tage vorher, jeder einzeln, Barthélemy Lelong, der ſeit acht Tagen völlig geheilt von ſeinem Blutſchlage aus dem Cochin⸗Hoſpital ausgetreten war, und dieſer gab ihnen zugleich einen Rath und machte ihnen eine Einladung: der Rath war, Salvator zum Schiedsrich⸗ ter bei dem Streite zu nehmen, der ſie trennte; die Einladung war, mit ihm, Barthélemy Lelong genannt Jean Taureau, zur Verherrlichung ſeiner glücklichen Wiederherſtellung ein paar Flaſchen Burgunder in der Schenke zur Goldenen Muſchel, in der Rue aux Fers, zu leeren. Und darum ſchritten Croc⸗en⸗Jambe und la Gibe⸗ lotte, am Tage vorher noch Feinde aus derſelben Ur⸗ ſache, welche Troja ins Verderben geſtürzt und die zwei Hähne von Lafontaine uneins gemacht hatte;— darum ſchritten Croc⸗en⸗Jambe und la Gibelotte, ſagen wir, am vorhergehenden Tage noch Feinde, auf Sal⸗ vator und die Schenke, Arm in Arm, ſo feſt zu, als ob ſie kein menſchliches Intereſſe oder keine menſchliche Leidenſchaft trennen könnte. „ 342 CIX. Die zwölf Procent des Vaters la Gibelotte. Die zwei Freunde gingen an Salvator vorbei, und, als hätten ſie vergeſſen, daß dieſer ihr Schiedsrichter in einer Angelegenheit vom höchſten Intereſſe ſein ſollte, beſchränkten ſie ſich darauf, daß ſie ihn ehrerbietig grüßten. Salvator, der nicht wußte, was für ein Streit ſie entzweite, und welche Ehre ſie ihm zugedacht hatten, erwiederte ihren Gruß durch ein leichtes Nicken mit dem pfe. Beide traten in die Schenke ein und ſuchten mit den Augen Barthélemy Lelong; Barthélemy Lelong war aber noch nicht angekommen. „Nun!“ ſagte Cror⸗en⸗Jambe,„wenn wir das be⸗ nützen würden, um unſere Angelegenheit Herrn Salva⸗ tor aus einanderzuſetzen?“ „Das iſt mir ganz lieb,“ antwortete la Gibelotte, der im Gegentheile ausſah, als ob ihm das gar nicht lieb wäre;„doch mir ſcheint, man könnte mittlerweile ein Gläschen Drei⸗Sechs trinken?“ „Du bezahlſt alſo? denn was mich betrifft, meine Nacht iſt ſchlecht geweſen.“ „Gewiß,“ erwiederte la Gibelotte;—„zwei Gläs⸗ chen Branntwein und den Conſtitütionnel.“ Der Kellner brachte die zwei Gläschen, ſchenkte ſie mit Fuſel voll, gab la Gibelotte den Conſtitution⸗ nel und entfernte ſich wieder mit der Flaſche. „Nun,“ rief la Gibelotte,„was machſt Du denn a?“ „Ich?“ fragte der Kellner. „Ja, Du.“ 343 „Ei! ich gebe Ihnen, was Sie verlangt haben; Sie haben zwei Gläschen und den Conſtitutionnel ver⸗ langt, und ich gebe Ihnen den Conſtitutionnel und zwei Gläschen.“ „Und Du nimmſt die Flaſche mit?“ „Allerdings.“ Nun ſo laß Dir ſagen, Gelbſchnabel, daß man ſo nicht gegen Kunden handelt.“ „Gelbſchnabel?“ „Ich habe geſagt Gelbſchnabel.“ „Er hat geſagt Gelbſchnabel!“ beſtärkte Croc⸗en⸗ Jambe. „Und wie handelt man gegen Kunden?“ fragte der Kellner, der nicht hiebei beharrt wäre, hätte la Gibe⸗ lotte das Wort geleugnet. „Man läßt die Flaſche und macht nur ein Zeichen an der Höhe des Getränkes; und geht man, ſo iſt das getrunken, was getrunken iſt!“ „Beim Teufel!“ wiederholte Croc⸗en⸗Jambe,„was getrunken iſt, iſt getrunken.. das iſt klar!“ „Und wer von Ihnen Beiden iſt derjenige, welcher bezahlt?“ „Ich,“ erwiederte la Gibelotte. „Dann iſt es etwas Anderes,“ ſagte der Kellner. Und er ſtellte die Flaſche zwiſchen die zwei Freunde. „Sprich, Affengeſicht!“ rief Eroc⸗en⸗Jambe. „Meinen Sie mich?“ fragte der Kellner. „Wen denn, wenn's beliebt?“ „Nun, was wollten Sie ſagen?“ „Ich wollte ſagen, Deine Bemerkung ſei nicht artig.“ 8 Welche Bemerkung?“ „Du haſt geſagt:„Dann iſt es etwas Anderes.““ „Nun wohl, ja... Was weiter?“ „Was weiter? Ich wiederhole Dir, daß das nicht artig iſt. Man iſt ſo gut als Herr la Gibelotte, um für eine Flaſche Branntwein zu ſtehen.“ 344 „Das iſt möglich,“ erwiederte der Kellner;„doch ich habe Befehle.“ „Befehle von wem?“ „Befehle vom Herrn.“ „Von Herrn Robinet?“ „Von Herrn Robinet.“ „Er hat Dir verboten, mir Credit zu geben?“ „Nein; doch er hat mir befohlen nur gegen baar Geld an Sie zu verkaufen.“ „So laſſe ich es mir gefallen!“ „Das ſteht Ihnen an?“ „Ja: die Ehre iſt befriedigt.“ „Dann ſind Sie nicht ſehr ſchwierig!“ „Auf Deine Geſundheit, Croc⸗en⸗Jambe!“ ſagte la Gibelotte. „Auf Deine Geſundheit, la Gibelotte!“ erwiederte Croc⸗en⸗Jambe. Und Beide nahmen ihr Glas Branntwein in An⸗ griff,— jeder mit ſeinem Charakter; Croc⸗en⸗Jambe, indem er es in ſeine Kehle warf, wie er einen Brief in die Poſtlade geworfen hätte, la Gibelotte ſchlürfend. „Haſt Du das Bulletin der geſtrigen Börſe ge⸗ ſehen?“ fragte la Gibelotte;„ich habe es nicht geſehen.“ „Du vergiſſeſt, daß ich nicht leſen kann,“ erwie⸗ derte Croc⸗en⸗Jambe. „Ah! es iſt wahr,“ ſagte la Gibelotte mit einem Ausdrucke der Verachtung. „Die Fünfprocentige hat 100 Franken 75 Centi⸗ mes gemacht,“ bemerkte ein Nachbar mit ſchwarzem Rocke, mit einer fettigen Halsbinde mit einer Kette von Chryſocal und mit zweifelhafter Miene. „Ich danke, Herr Guy d'Amour,“ erwiederte la Gibelotte. Und er ſchenkte Croc⸗en⸗Jambe ein zweites Glas Branntwein ein. „Dann iſt es für heute Baiſſe,“ fügte er bei. „Darauf wollte ich meine Hand ins Feuer legen,“ doch aar agte erte An⸗ nbe, rief end. ge⸗ en.“ wie⸗ nem nti⸗ zem dette e la las 1. en,“ „ 345 ſprach Croc⸗en⸗Jambe, während er die Hand an ſein Glas legte. „In dieſem Falle habe ich Luſt, zu kaufen,“ ſagte la Gibelotte mit dem Aplomb eines alten Wechſel⸗ agenten. „Ich, ich würde kaufen!“ erwiederte hoffärtig Croe⸗ en⸗Jambe. Und er ſandte ein zweites Glas Branntwein dem erſten nach. La Gibelotte ſchenkte ihm ein drittes ein. „Haſt Du geſehen, auf welche Art dieſer Geck Sal⸗ vator uns gegrüßt hat?“ fragte er ſeinen Gefährten. „Nein, ich habe es nicht geſehen,“ antwortete Croe⸗ en⸗Jambe. „Das iſt um ſchwitzen zu machen!.. Ah! er hält ſich alſo für den König der Commiſſionäre?“ „Mich dünkt, er hält ſich für etwas Beſſeres als dies,“ ſagte Croc⸗en⸗Jambe. „Wäreſt Du meiner Meinung,“ fuhr la Gibelotte fort, indem er dem Lumpenſammler ein viertes Glcs einſchenkte,„ſo würden wir unſere Rechnung als zwei wahre Freunde, was wir ſind, ordnen, ohne einen Drit⸗ ten in unſere Geldangelegenheiten ſich einmiſchen zu laſſen.“ „Mir iſt das ganz lieb; doch ich ſage Dir zum Voraus, daß es mich entſetzlich durſtig macht, von den Angelegenheiten zu reden.“ „So laß uns trinken!“ rief la Gibelotte. Und er ſchenkte ein fünftes Glas Branntwein Croc⸗ en⸗Jambe ein, dem es vor den Augen zu flimmern anfing. „Ich ſagte alſo,“ ſprach la Gibelotte,„Du ſeiſt mir die Summe von hundert fünfundſiebzig Franken vierzehn Centimes ſchuldig.“ „Und ich,“ entgegnete Croc⸗en⸗Jambe, der das Zahlengedächtniß noch nicht verloren hatte,„ich ſagte, ich ſei Dir nur die Summe von fünfundſiebzig Livres zehn Sous ſchuldig.“ 346 „Weil Du hartnäckig nur das Kapital rechneſt.“ „Das iſt wahr,“ erwiederte Cror⸗en⸗Jambe, ſein i hinreichend;„ich rechne hartnäckig nur das Ka⸗ pital.“ La Gibelotte füllte das Glas von Croc⸗en⸗Jambe. „Doch mit den Intereſſen, die ſich angehäuft haben, macht das gerade hundert fünfundſiebzig Franken vier⸗ zehn Centimes.“ „Wie kann eine Summe von fünfundſiebzig Livres zehn Sous produciren in ſieben Monaten 2“ „Acht Monate!“ „In acht Monaten, gut, ein Intereſſe von hundert Franken vierzehn Centimes?“ „Du wirſt das ſehen... Vor acht Monaten haſt Du Deine Wohnung bei mir genommen. „Ich war damals glücklich!“ unterbrach ſchwermü⸗ thig Eror⸗en⸗Jambe, bedenkend, mit welcher Leichtigkeit la Kt zu jener Zeit die Fünfzehn⸗Sous⸗Stücke losließ. „Und ich auch!“ ſagte la Gibelotte, bedenkend, daß zu gleicher Zeit mit Croc⸗en⸗Jambe Mademoiſelle Bébé die Rothe ihre Wohnung bei ihm genommen hatte.„Was willſt Du, mein armer Freund? man al⸗ tert, und man nimmt alle Tage ab!“ „Das iſt wahr,“ ſprach Croc⸗en⸗Jambes;„es iſt dies das Gegentheil von den Schulden, welche alternd nur zunehmen.“ „Wegen der Intereſſen, die ſich anhäufen,“ wieder⸗ holte la Gibelotte.„Ich ſagte alſo, vor acht Monaten ſeiſt Du bei mir eingezogenz ich habe Dich um fünf Franken monatlich in die Miethe genommen.“ „Ich gebe das zu.“ „Das iſt ein Glück! Vom erſten Monat fingſt Du an mich nicht zu bezahlen.“ „Dies geſchah, um nicht eine ſchlechte Gewohnheit zu verlieren.“ „Fünfmal acht macht vierzig.“ f d es ert aſt ü⸗ eit cke nd, lle ten al⸗ iſt end er⸗ ten ünf Du heit 347 „Jaz nun wohne ich ſeit einem Monat nicht mehr bei Dir: das iſt alſo nur fünfmal fieben oder fünf⸗ unddreißig.“ „Du haſt eine alte Hotte in der Stube gelaſſen, was mich verhindert hat, ſie zu vermiethen,“ ſagte la Gibelotte. „Du brauchteſt ſie nur zum Fenſter hinauszu⸗ werfen.“ „Ja, damit Du ſagen würdeſt, es ſeien hundert⸗ tauſend Franken darin geweſen.“ „Gut, es ſei,“ ſprach Croc⸗en-Jambe;„nehmen wir acht Monate anz doch morgen ſchon werde ich meine Hotte holen.“ „Nein; das iſt mein Pfand.“ „Wie! mein Miethzins wird alſo fortlaufen?“ „Bezahle mir meine hundertfünfundſiebzig Franken vierzehn Centimes, und er wird nicht fortlaufen.“ „Ei! Du weißt ja wohl, daß ich nicht den erſten Sou von Deinen hundertfünfundſiebzig Franken vier⸗ zehn Sous habe!“ „Dann widerſetze Dich nicht einem Rechnungsab⸗ ſchluſſe.“ „Schließe ab. doch ſchenk' ein.“ La Gibelotte ſchenkte ein ſiebentes oder achtes Glas Branntwein einz Croc-en-Jambe zählte nicht mehr, und der Leſer wird uns erlauben, es zu machen wie er. „Wir ſagen alſo acht Monate zu fünf Franken: vierzig Franken; ſodann fünfunddreißig Franken fünf⸗ zig Centimes auf verſchiedene Male geliehen.“ „Auf mehr als ſechzig Male.“ „Aber geliehen,— Du leugneſt es nicht?“ „Nein, ich bekenne mich als Deinen Schuldner für fünfundſiebzig Livres zehn Sous; ich ſage das Jedem, der es hören will; ich ſchreie es auf allen Dächern.“ „Nun wohl, die Intereſſen von fünfundſiebzig Franken fünfzig Centimes zu zwölf Procent„. 348 „Zu zwölf Procent? Der geſetzmäßige Zinsfuß iſt fünf Procent.. ſechs aus Toleranz.“ ½ „Mein lieber Croc⸗en-Jambe, Du vergiſſeſt das Riſicv.“ „Das iſt wahr,“ ſprach der Lumpenſammler mit einer Geberde der Beiſtimmung,„ich vergaß das Riſico.“ „Du gibſt alſo die zwölf Procent zu?“ ſagte la Gibelotte, indem er aufs Neue das Glas ſeines Ge⸗ fährten vollſchenkte. „Ich gebe ſie zu,“ erwiederte Croc⸗en⸗Jambe, deſ⸗ ſen Zunge ſchwer zu werden anfing. „Nun wohl,“ ſagte la Gibelotte,„ein erſter Mo⸗ nat zu zwölf Procent, das macht neun Franken zehn und einen halben Centime den fünfundſiebzig Franken fünfzig Centimes beizufügen, das heißt vierundachtzig Franken zweiundfünfzig und einen halben Centime.“ „Ah! das iſt alſo auf den Monat?“ „Was?“ „Deine zwölf Procent.“ „Allerdings.“ „Ei! bei dieſer Rechnung ſind es ja hundertund⸗ vierzig Procent jährlich!“ „Ah! es iſt das Riſico dabei.“ „Das iſt wahr,“ ſagte immer mehr berauſcht Croc⸗en⸗Jambe,„es iſt das Riſicv dabei.“ „Du begreifſt nun alſo ſehr wohl, daß Du mir hundert⸗ fünfundſiebzig Franken vierzehn Centimes ſchuldig biſt?“ „Oh! bei hundertundvierzig Procent jährlich wun⸗ dert es mich, daß ich Dir nicht mehr ſchuldig bin.“ „Nein,“ ſagte la Gibelotte,„Du biſt mir nicht mehr ſchuldig.“ „Das iſt erſtaunlich!“ „Du biſt alſo bereit, anzuerkennen, daß Du mir iendetkuſtßebis Franken vierzehn Centimes ſchul⸗ dig biſt?“ Ei! iſt es nicht genug mit hundertfünfundſiebzig Franken?“ hal me nen ſieb Pa ſchr verf ſor kenr fuß das mit 0 la He⸗ eſ⸗ No⸗ hn ken zig nd⸗ ſcht rt⸗ ½ un⸗ icht nir ul⸗ zig 349 „Wohl, es ſei, ich laſſe die vierzehn Centimes nach,“ ſprach la Gibelotte großmüthig. „Nein,“ entgegnete Croc⸗en⸗Jambe mit einer hof⸗ färtigen Miene,„nein, mein Herr, ich will keine Gnade: rechnen Sie dieſelben.“ „Du duzeſt mich nicht mehr, Croc⸗en⸗Jambe?“ „Nein, ich ſehe, daß ich ſehr leichtſinnig gehandelt habe, als ich Ihnen den Freundestitel gab.“ „Wenn ich Dir ſage, daß ich die vierzehn Centi⸗ mes nachlaſſe.“ „Nein, nein, ich will nicht, daß man ſie nachläßt.“ „Wir werden ſie verſpeiſen.“ „Ich habe keinen Hunger: ich habe Durſt.“ „Dann werden wir ſie vertrinken.“ „Das will ich.“ „Du biſt alſo nicht gegen mich aufgebracht?“ ſagte la Gibelotte das Glas ſeines Gläubigers voll ſchenkend. „Nein, das war Spaß; und zum Beweiſe „Laß das!“ „Zum Beweiſe. „Schweig' doch,“ ſagte la Gibelotte,„ich will kei⸗ nen Beweis.“ „Wenn ich Dir aber einen geben will!“ „Nun wohl, anerkenne zuerſt die hundertfünfund⸗ ſiebzig Franken,“ ſprach der Katzentödter, indem er ein Papier aus ſeiner Taſche zog. „Was verlangſt Du von mir? Ich kann nicht ſchreiben.“ „Mache Dein Kreuz.“ „Und zum Beweiſe,“ ſagte Croc⸗en⸗Jambe ſeine Idee verfolgend;„wenn Du mir nur zehn Franken geben willſt, ſo werde ich Deine hundertfünfundſiebzig Franken aner⸗ kennen.“ 6 „Gut! ich bin ſchon zu ſehr im Vorſchuſſe.“ „Hundert Sous!“ „Unmöglich!“ F 350 „Drei Franken!“ „Bringen wir zuerſt die alten Rechnungen in Ordnung.“ „Vierzig Sous?“ „Hier iſt die Feder: mache Dein Kreuz.“ „Zwanzig Sous? Man iſt nicht würdig, einen Freund zu haben, wenn man ſich der Gefahr ausſetzt, ſeinen Freund wegen zwanzig Sous zu verlieren!“ „Gut, hier ſind Deine zwanzig Sous,“ erwiederte la Gibelotte. Und er zog ein Fünfzehn-Sou⸗Stück aus der Taſche. „Ah! ich wußte wohl, Du werdeſt kommen,“ ſagte Croc⸗en⸗Jambe, während er ſeine Feder in die Tinte tauchte. „Und Du kommſt auch!“ erwiederte la Gibelotte, indem er ihm das Papier zuſchob. Croc⸗en⸗Jambe ſchickte ſich an, ſein Kreuz zu ma⸗ chen: doch ein Schatten trat zwiſchen das Tageslicht und ihn: dieſer Schatten war der von Salvator. Der junge Mann ſtreckte die Hand durch das Fenſter, nahm die Schuldverſchreibung, welche Croc⸗en⸗ Jambe mit dieſem Symbole, das bei den Leuten aus dem Volke mehr Werth hat, als eine Unterſchrift, zu beglaubigen ſich anſchickte, zerriß ſie in tauſend Stücke und warf auf den Tiſch fünfundſiebzig Franken fünfzig Centimes. „Das iſt die Summe, die er Ihnen ſchuldig iſt, la Gibelotte,“ ſagte er.„Ich bin fortan der Gläubi⸗ ger von Croc⸗en⸗Jambe.“ „Ah! Herr Solvator,“ rief der Lumpenſammler, „Sie haben da einen Schuldner, den ich bei meiner Treue nicht für einen Sou haben möchte!“ In dieſem Augenblicke machte ſich ein hübſches Stimmchen hörbar, als wollte es mit der weinſchweren Stimme von Croc⸗en⸗Jambe contraſtiren. „Herr Salvator,“ ſagte die Stimme, welche offen⸗ 351 bar einem jungen Mädchen gehörte,„wollen Sie dieſen in Brief in die Rue de Varennes Nr. 42 tragen.“ „Immer zum dritten Schreiber von Herrn Ba⸗ ratteau?“ „Ja, Herr Salvator; Sie bekommen Antwort. en Hier ſind fünfzig Centimes.“ tzt.„Ich danke, mein ſchönes Kind; Ihr Auſtrag wird beſorgt werden, und zwar raſch, ſeien Sie ruhig,“ ſagte erte Salvator. Und er ging wirklich eiligſt ab und ließ la Gibe⸗ der lotte im tiefſten Erſtaunen zurück, ein Erſtaunen, das nur der Freude gleich kam, welche der Katzentödter gte darüber empfand, daß er wieder in den Beſitz ſeiner nte fünfundſiebzig Franken fünfzig Centimes gelangt war. tte, ma⸗ icht CX „en⸗ 2 aus Wo der Autor das Vergnügen hat, ſeinen Leſern Herrn üce Fafiou vorzuſtellen. fzig In dem Augenblicke, wo la Gibelotte die fünfund⸗ ſiebzig Franken fünfzig Centimes in ſeine Taſche ſteckte; iſt. wo Croc⸗en⸗Jambe, völlig betrunken, ſein erſtes Schnar⸗ ubi⸗ chen ertönen ließ; wo Salvator, der eine für einen Mann von ſeinem Stande bedeutende Summe im nler, eigentlichen und im bildlichen Sinne durch das Fenſter einer geworfen hatte, von dem ſanften Stimmchen aufgefor⸗ dert einwilligte, für zehn Sou einen Gang von einer ſches Stunde zu machen,— in dieſem Augenblicke erſchien eren Barthölemy Lelong an der Thüre der Schenke zur Gol⸗ ſen⸗ denen Muſchel, an ſeinem Arme Fifine, das heißt die Frau haltend, die, wenn man Salvator glauben dürfte, 352 einen ſo mächtigen Einfluß auf das Leben des Zimmer⸗ mann übte. Mademviſelle Fifine bot beim erſten Anblicke nichts, was dieſen unerhörten Einfluß rechtfertigte, wenn nicht, daß nach einem der Geſetze des Gleichgewichts der Natur die Stärke zuweilen der Schwäche unterworfen iſt. Es war eine große Perſon von zwanzig bis fünfundzwan⸗ zig Jahren,— nichts iſt ſo ſchwierig, als genau das Alter einer Frau aus dem Volke von Paris zu ſagen, — gealtert vor der Zeit durch das Elend oder die Ausſchweifung; ihr bleicher Kopf mit den kohlſchwar⸗ zen Augen war bloß, mit blonden Haaren, welche herrlich an den Schläfen einer Frau der Welt geweſen wären, indeß ſie die Hälfte ihres Werthes durch ſchlechte Pflege verloren; der Hals war mager, aber wohl an⸗ gefügt und ziemlich anmuthig gerade in ſeiner Mager⸗ keit; die Hände waren ſchön, mehr bleich als weiß; eine Elegante hätte die Mängel davon verſchwinden gemacht, die guten Eigenſchaften verdoppelt, und es wäre ihr mit dieſen Händen gelungen, wegen ihrer Hände angeführt zu werden; der ganze, unter einem roßen wollenen Shawl und einem etwas paſſirten ſeidenen Kleide wogende, Körper hatte das biegſame Schwanken der Schlange oder der Sirene: man hätte glauben ſollen, wenn man ſie ohne Unterſtützung ließe, werde ſie ſich beugen wie eine junge Pappel unter dem Winde; was endlich in dieſem Ganzen vorherrſchte, war eine Art von träger Sinnlichkeit, der es nicht an Keiz gebrach, und die,— man ſieht es wenigſtens an dem Einfluſſe, den ſie über Jean Taureau erlangt,— nicht ohne Reſultat geweſen war. Dem Zimmermanne waren der Stolz und die Freude auf die Stirne gemalt. War es Laune, war es Gleich⸗ gültigkeit, Mademoiſelle Fifine willigte nur ſelten ein, mit ihm auszugehen, außer wenn er ihr anbot, ſie ins Theater zu führen. Mademviſelle Fifine betete das Theater an, doch ſie wollte nur ins Orcheſter oder auf P 8 8 f 353 die erſten Gallerien gehen, was ſogleich einen ganzen Tagelohn von Jean Taureau wegnahm und ihn ab⸗ hielt, ſo oft, als man es gewünſcht hätte, Mademviſelle Se dieſe ariſtokratiſche Ergötzlichkeit genießen zu laſſen. Mademviſelle Fifine hatte immer einen Ehrgeiz gehabt: den, auf das Thejatr zu gehen,— ſo ſprach ſie das Wort aus, das den Gegenſtand ihres Ehrgeizes repräſentirte.— Leider hatte ſie nicht die nothwendigen Protectionen; ſodann hatte ihr vielleicht der von uns bezeichnete Aus ſprachefehler ohne Zweifel im Geiſte der Directoren geſchadet. In Ermangelung von erſten Rollen, in Ermangelung von ſecundären Rollen würde ſich Mademoiſelle Fifine mit dem Figuriren begnügt haben; und dieſer Ehrgeiz, der weniger hoch ſtrebend als der andere, wäre vielleicht befriedigt worden, hätte ihr Jean Taureau nicht bedeutet, er wolle keine Poſſen⸗ reißerin zur Geliebten, und er werde ihr die Lenden zerſchlagen, wenn ſie die Bretter betrete. Mademoiſelle Fifine bekümmerte ſich wenig um die Drohung von Jean Taureau; ſie wußte, Jean Taureau werde ihr gar nichts zerſchlagen, und ſie im Gegentheile, wenn ſie es wollte, würde Jean Taureau wie ein Rohr biegen. Zehnmal in Augenblicken der Wuth hatte ſich die Hand des Zimmermanns gegen ſeine Geliebte erhoben, bereit, ſie niederfallend zu vernichten; Mademviſelle Fifine hatte aber nur geſagt:„Gut; ſchlagen Sie ein Weib, das iſt ſchön!“ und die Hand war träg wie die eines Kindes herabgeſunken. Jean Taureau beſaß den Stolz ſeiner Stärke: war er nicht entſetzlich durch die Eifer⸗ ſucht, oder durch die Trunkenheit erhitzt, ſo ſtieß er ich nur an wahren Hinderniſſen und verachtete es, nie⸗ derzuwerfen, was keinen Widerſtand bot. Außer ſeinen Augenblicken des Rauſches oder der Eiferſucht hatte Jean Taureau noch andere Augenblicke, während welcher es nicht rathſam war, ſich an ihm zu Die Mohicaner von Paris. W. 23 354 reiben: das waren ſeine Augenblicke der Gewiſſensbiſſe; — der Gewiſſenbiſſe und nicht der Reue, verſtehen wir uns wohl. Unter ſeinem Namen Barthélemy Lelong hatte Jean Taureau zehn Jahre vorher zu legitimer Ehe eine ſanfte, redliche, arbeitſame Frau geheirathet, die ihm drei Kinder gebar. Nach Verlauf von ſechs Jah⸗ ren des Glückes war er Mademoiſelle Fifine begeanet, und von dieſem Tage datirte ſich das ſtürmiſche Leben, das er führte, das, ohne ihn ſelbſt glücklich zu machen, das Unglück ſeiner Frau und ſeiner Kinder vildete, welche vom Gatten und vom Vater nur die verdrieß⸗ lichen oder müden Stunden hatten. Der Zimmermann fühlte wohl, daß ihn ſeine Frau wahrhaft liebte, während Mademoiſelle Fifine nicht einmal bemüht war, ſich den Anſchein zu geben, als liebte ſie ihn:— nein, was Mademviſelle Fifine ge⸗ liebt, angebetet hätte, das Weſen, für das ſie Toll⸗ heiten begangen hätte, wäre ein Schauſpieler geweſen! Warum lag Barthélemy Lelong ſo viel an einer Frau, der ſo wenig an ihm lag, und warum blieb Mademviſelle Fifine, der ſo wenig an ihm lag, bei Barthélemy Lelong? Das iſt das, was uns Descartes, der Erfinder der hakenförmigen Atome, erklären könnte; das, was Jeder von uns einmal in ſeinem Leben em⸗ pfunden hat; das, was ſich durch das Wort eines mei⸗ ner Freunde zuſammenfaßt, den ich in Betreff ſeiner und ſeiner Geliebten fragte:„Aber da Ihr Euch nicht mehr liebt, warum bleibt Ihr beiſammen?“ „Was willſt Du? wir haſſen uns zu ſehr, um uns zu trennen.“ Mademoiſelle Fifine hatte ein Kind von Barthe⸗ lemy Lelong; Barthélemy Lelong betete dieſes Kind an, und mit dieſem Kinde beſonders bog ſie den Co⸗ loß, machte ihn kommen und gehen, wie mit dem Köder der Fiſcher den Fiſch kommen und gehen macht. In ihren Tagen der Bosheit, wenn ſie,— man weiß nicht Ha der wie ten ſſe; wir atte Ehe die ah⸗ net, en, en, ete, ieß⸗ rau icht als ge⸗ oll⸗ en! ner lieb bei tes, te; em⸗ nei⸗ ner icht hé⸗ ind Fo⸗ der In icht 355 warum,— der Verzweiflung dieſes Unglücklichen be⸗ durfte, ſagte ſie zu ihm mit ihrer ſchleppenden Stimme: „Deine Tochter? was ſprichſt Du von Deiner Tochter? Du haſt nicht das Recht, ſie Deine Tochter zu nennen, da Du verheirathet biſt und ſie nicht aner⸗ kennen kannſt! Wer ſagt Dir übrigens, es ſei von Dir, dieſes Kind? Es gleicht Dir nicht!“ Und dieſer Menſch, dieſer Löwe, dieſes Rhinoceros, wälzte ſich, krümmte ſich, biß mit einem Gebrüll der Wuth in den Boden und ſchrie: „Oh! die Unglückliche! oh! die Schamloſe! ſie ſagt, mein Kind ſei nicht von mir!“ Mademviſelle Fifine ſchaute die heulende Dogge mit dem glaſigen Auge der herzloſen Frauen an; ein boshaftes Lächeln ſtülpte ihre Lippen auf und zeigte ihre Zähne, welche ſo ſpitzig wie die der Hyäne. „Nein,“ ſagte ſie,„das Kind iſt nicht von Dir, da Du es wiſſen willſt.“ Bei dieſen Worten wurde Barthelemy wieder Jean Taureauz er ſtand brüllend auf: er ſprang auf dieſe Frau mit den ſpinnenartig dünnen Gliedern ein; er hob ge⸗ gen ſie ſeine Fauſt ſo ſchwer wie der Hammer eines Cyklopen auf;z und ſie ſagte nur: „Ah! ſchlagen Sie ein Weib! das iſt ſchön!“ Da preßte Jean Taureau ſeine Hände in ſeine Haare, öffnete wahnſinnig, heulend, brüllend die Thüre mit einem Fußtritte, ſtürzte die Treppe hinab, und wehe dem Hercules vom Norden, dem Alciden vom Süden, der ſich auf ſeinem Wege gefunden hätte! Nur der Schwache konnte Gnade vor ihm finden. An einem ſolchen Abend hatte er die drei Freunde in der Freiſchenke von Bordier getroffen. Wir wiſſen, wie ſich dort die Dinge zutrugen, und wie das Drama für Barthélemy Lelong mit einem Schlage geendigt hätte, wäre Salvator nicht zur rech⸗ ten Zeit gekommen, um ihm zur Ader zu laſſen, und 356 ihn, nachdem der Aderlaß vorgenommen war, in das Cochin⸗Hoſpital zu ſchicken. Seit acht Tagen war er, wie geſagt, von dort ab⸗ gegangen, und er hatte, da er Croc⸗en⸗Jambe und la Gibelotte unter ihrem Geldſtreite begegnet war, dieſen den Rath gegeben, Salvator zum Schiedsrichter zu nehmen, und ſie eingeladen, mit ihm in der Goldenen Muſchel zu frühſtücken. Beim Eintritte von Barthélemy Lelong war einer der zwei Gäſte ſchon kampfunfähig: Croc⸗en⸗Jambe. Es blieb la Gibelotte. Barthélemy Lelong ließ drei Gedecke legen, ſtreckte die Hand über Croc⸗en⸗Jambe aus, der wie ein Fagott ſchnarchte, und ſprach feierlich die wohlbekannten Worte: „Ehre dem unglücklichen Muthe!“ Wonach man ſich, ſobald die Auſtern geöffnet wa⸗ ren, unter tauſend Bemerkungen von Mademviſelle Fi⸗ fine, welche nichts gut fand, zu Tiſche ſetzte. „Oh! wie häkelig find Sie, mein ſchönes Kind!“ ſagte la Gibelotte. „Sprich mir nicht hievon,“ erwiederte Barthélemy Lelong, indem er mit ſeiner flachen Hand hinten an ſeinem Kopfe drückte und die Zähne zuſammenpreßte; „das iſt ſo, weil ſie mit mir iſt; eine Katze würde ihr an der Barrière beſſer dünken mit ihrem Komödianten, mit ihrem Poſſenreißer, mit ihrem Hanswurſt Faſiou, als ein mit Trüffeln gefüllter Faſan mit mir im Rocher de Cancale oder bei den Freères Provengaux.“ „Ah! gut!“ ſagte Mademoiſelle Fifine mit ihrer ſchleppenden Stimme,„wieder ein neuer Zielpunkt! Es ſind mehr als acht Tage, daß ich gar nicht mehr über das Boulevard du Temple gegangen bin.“ „Das iſt wahr ſeitdem ich das Hoſpital ver⸗ laſſen habe, haſt Du keinen Fuß dahin geſetzt; doch man hat mir geſagt, vorher ſeiſt Du alle Tage dahin gegangen, und die Baracke des Herrn Copernic habe keine beſtändigere Zuſchauerin als Dich gehabt.“ zer unt Je Ta wö ſtar Br den ner ckte ott te va⸗ i⸗ my te; ihr en, ou, her rer kt! ehr er⸗ och hin abe 357 „Das iſt wohl möglich!“ erwiederte Mademviſelle Fifine mit der gleichgültigen Miene, welche Jean Tau⸗ reau in Verzweiflung brachte. „Oh! wenn ich das glaubte!“ rief der Zimmer⸗ mann, indem er ſeine eiſerne Gabel zwiſchen ſeinen Händen krümmte, wie er es mit einem Zahnſtocher ge⸗ than hätte. Sodann ſich an la Gibelotte wendend: „Siehſt Du, was mich ärgert, das iſt, daß ſie ſich immer in Creaturen vernarrt, welche keine Männer ſind, in Weißſchnäbel, die ich auf dem Daumen ver⸗ ſpeiſen würde, ſchämte ich mich nicht, mit ſolchen Fratzen⸗ geſichtern anzubinden, mit Leuten, die ich nicht anzu⸗ rühren wage, weil ich dieſe Bürſchchen, ſie berührend, zerbrechen würde! Bei meinem Ehrenworte! wenn Du ihn ſäheſt, dieſen Fafivu, Du würdeſt wie ich ſagen: „„Was iſt denn das? Iſt das ein Mann?““ „Ei! es gibt Neigungen aller Art,“ bemerkte Ma⸗ demoiſelle Fifine. „Du geſtehſt alſo, daß Du liebſt?“ rief Jean ihn aureau. „Ich ſage nicht, daß ich ihn liebe, ich ſage, es gebe Neigungen aller Art.“ Jean Taureau ſtieß eine Art von Gebrülle aus, zerſchmetterte ſein Glas auf den Platten der Schenke und ſprach: „Was für Gläſer ſind das, Kellner? Glaubſt Du, Jean Taureau pflege aus Fingerhüten zu trinken? Bringe mir ein Schoppenglas!“ Der Kellner war an die Manieren von Jean Taureau, der zu den Kunden des Hauſes gehörte, ge⸗ wöhnt; er ſtellte auf den Tiſch den verlangten Gegen⸗ ſtand, der eine halbe Flaſche faſſen mochte, und hob die Bruchſtücke des Glaſes auf. Jean Taureau ſchenkte ſein neues Glas bis an den Rand voll und leerte es auf einen Zug. „Schön!“ ſagte Fiſine,„das fängt gut an! Ich 358 kenne das: in zwanzig Minuten wird man Sie toll und voll nach Hauſe tragen müſſen.. Sie werden zehn bis zwölf Stunden zu ſchlafen haben: ich werde einen Gang nach dem Boulevard du Temple machen.“ „Iſt ſie nicht herzlos?“ fragte Barthélemy Lelong la Gibelotte mit einer Stimme voller Thränen.„Sie würde es wirklich thun, wie ſie es ſagt!“ „Warum denn nicht?“ verſetzte Mademviſelle Fifine. „Wenn Du eine ſolche Frau hätteſt, la Gibelotte,“ ſagte Barthélemy Lelong,„ſprich offenherzig, was wür⸗ deſt Du mir ihr machen?“ „Ich?“ erwiederte la Gibelotte,„ich würde ſie an den Hinterpfoten nehmen, und paf! ich gäbe ihr den Kaninchenſchlag.“ „Ja, es iſt die Katze!“ murmelte Mademviſelle Fifine;„ich würde Ihnen rathen, ſich an ihr zu rei⸗ ben, Ihnen und ihm!“ „Kellner, Wein!“ rief Jean Taureau. In dem Augenblicke, wo dieſe erſten Symptome von Aufregung ſich in der Goldenen Muſchel zwiſchen Barthélemh Lelong und Mademviſelle Fifine zu offen⸗ baren anfingen, kam ein großer, magerer, knochiger Burſche mit einem Halſe ſo lang wie der einer Guitarre, mit einer wie ein Waldhorn aufgeſtülpten Naſe, mit einfältigen, trüben, wie die eines Kalbes hervorſtehen⸗ den Augen, mit ſenffarbigen Haaren, mit grotesker Maske, kurz ein Menſch, den alle Vorübergehende mit ihrem Gelächter begrüßten, trotz ſeines unſtörbaren Ernſtes, auf die Place des Halles durch die große Ar⸗ terie hervor, welche ſie zu nähren beauftragt iſt, und die man die Rue Saint⸗Denis nennt. Was dazu beitrug, dieſes Geſicht noch poſſierlicher zu machen, das war der ſeltſame Hut, der ihm als Rahmen diente, während er zugleich ſeinen Schatten auf daſſelbe warf. Dieſer Hut war einer von den Dreiſpitzen, welche die Generation, die auf unſere ge⸗ toll den erde nple ong Sie fine. tte,“ vür⸗ an den ſelle rei⸗ ome chen fen⸗ iger rre, mit hen⸗ sker mit ren Ar⸗ und 6er als tten den ge⸗ 359 folgt iſt, nur noch als Erinnerung oder durch Tradi⸗ tion auf dem Kopfe von Jeannot geſehen hat. Als der neue Schauſpieler, den wir in Scene bringen, ſich unter die ſpöttiſche Bevölkerung der Halle wagte, war es auch, während der ganzen Zeit, die er brauchte, um die Entfernung zurückzulegen, die ihn von der Goldenen Muſchel trennte, ein ſchallendes Geläch⸗ ter, das den ganzen Markt durchlief, wie es die Er⸗ ſchütterung durch den elektriſchen Funken gethan hätte. Er aber, wie ein Todtengräber, der nicht traurig ſein zu müſſen glaubt, weil es die Anderen ſind, er glaubte ſich nicht verbunden, heiter zu ſein, weil es die Anderen waren; er ging alſo, er, der letzte Dreiſpitz, mitten durch dieſe Reihe von Lachern, mit dem Phlegma eines civiliſirten Menſchen, der durch einen wilden Stamm ſchreitet, und kam mit einem Dutzend Schritte an ſein Ziel. Dieſes Ziel war unſtreitig Salvator, denn an der Thüre der Goldenen Muſchel angelangt, blieb er vor dem Haken ſtehen, der den abweſenden Commiſſionär repräſentirte, entblößte mit einer Hand mit einer höchſt komiſchen Geberde ſeinen Kopf, während er mit der andern in ſeine gelben Haare griff, und ſagte: „Ah! nun iſt er gerade nicht da!“ Er ſtieg auf einen Weichſtein und ſchaute umher: kein Salvator da! Er erkundigte ſich bei den Grup⸗ pen, die ihn umgaben und, als ſie ihn auf einen Weichſtein ſteigen ſahen, ſogleich einen Kreis gebildet hatten, als hätten ſie einem Poſſenſpiele beizuwohnen ehofft: keiner von den Zuſchauern konnte ihm genau ſe wo derjenige war, welchen er ſuchte. Da kam ihm ein Gedanke: Salvator ſei vielleicht im Innern der Schenke. „Ei! wie dumm bin ich!“ ſagte er laut. Und er ſtieg von ſeinem Weichſteine herab,— ein für die Statue, die es einen Augenblick getragen, be⸗ 360 wunderungswürdig paſſendes Piedeſtal,— und ſchritt auf die Thüre der Goldenen Muſchel zu. Bei dem Schatten, den er am Fenſter vorüber⸗ gehend warf, wandte ſich Barthélemy Lelong lebhaft um, als hätte ihn ein Scorpion geſtochen, und rief: „Oh! ich täuſche mich nicht!“ Und ſeine Augen wandten ſich ſogleich vom Fenſter nach der Hausthüre, an welche ſie genietet zu ſein ſchienen, während er leiſe murmelte: „Er ſoll nur kommen, er komme! Ich hole ihn nicht; doch wenn er kommt!“ In dieſem Augenblicke erſchien der Menſch, der eine ſo große Heiterkeit in der Halle erregt hatte und einen ſo heftigen Zorn bei Barthelemy Lelong zu er⸗ regen ſchien, im Rahmen der Thüre, und ſtreckte, als hätte er die Fähigkeit einer Schildkröte beſeſſen, wäh⸗ rend er ſeinen Leib in der erſten Stube der Schenke ließ, ſeinen Kopf in die zweite aus, mit ſeinen trüben Augen einen Mann ſuchend, von dem wir wiſſen, daß es Salvator war, während Jean Taureau, im Glau⸗ ben, er ſuche eine Frau, und dieſe Frau ſei Mademoi⸗ ſelle Fifine, mit einer furchtbaren Stimme und bleich werdend wie ein Todter:„Herr Fafiou!“ ſchrie. Sodann ſich gegen ſeine Gefährtin umwendend: „Ah! alſo, weil Sie ihm Rendez⸗vous hier gege⸗ ben hatten, willigten Sie ein, mit mir auszugehen, Mademviſelle Fifine?“ „Ei! vielleicht!“ antwortete Mademoiſelle Fifine mit ihrer ſchleppenden Stimme. Jean Taureau ſtieß nur einen Schrei aus, machte nur einen Sprung: in einer Secunde war er auf dem unglücklichen Fafiou; er packte ihn beim Kragen und ſchüttelte ihn gerade wie im Monat Mai ein Schüler eine junge Buche ſchüttelt, um die Maikäfer herabfallen zu machen. Fafivu hatte nicht Zeit gehabt, ſich auszu⸗ kennen, und er fand ſich in den Händen ſeines furcht⸗ fio St S die er das we wa lier He heu wel ritt ber⸗ haft iſter ſein ihn der und er⸗ äh⸗ enke iben daß lau⸗ noi⸗ eich ege⸗ hen, fine chte dem und üler llen zu⸗ 361 ehe er nur die Gefahr vermuthete, die er lief. Die Gefahr war groß; er erhob auch ein kläg⸗ liches Geſchrei. „Herr Barthélemy! Herr Barthelemy!“ ſagte der arme Fafivu mit erſtickter Stimme,„ich ſchwöre Ihnen, daß ich nicht ihretwegen kam ich ſchwöre Ihnen, daß ich nicht wußte, ſie ſei hier!“ „Und um weſſen willen kamſt Du dann, elender Hanswurſt?“ „Sie laſſen mir ja nicht Zeit, es Ihnen zu ſagen.“ „Um weſſen willen kamſt Du?“ „Ich ſuchte Herrn Salvator auf.“ „Das iſt nicht wahr!“ „Ah! Sie erwürgen mich!.. Wache!“ „Um weſſen willen kamſt Du?“ „Ich ſuchte Herrn Salvator auf Zu Hülfe!“ „Ich frage Dich, um weſſen willen Du kamſt?“ „Er kam um meinetwillen,“ antwortete hinter Fa⸗ fiou eine ernſte ſanfte obſchon zugleich ſehr feſte Stimme.„Laſſen Sie dieſen Menſchen los, Jean Taureau.“ „Wahrhaftig?“ fragte dieſerz„wahrhaftig, Herr Salvator?“ „Sie wiſſen, daß ich nie lüge. Laſſen Sie dieſen Menſchen los, ſage ich Ihnen.“ „Bei meiner Treue, es war Zeit, daß Sie kamen, Herr Salvator!“ ſprach Barthélemy Lelong, während er ſein Opfer losließ und mit dem Geräuſche athmete, das, denſelben Act vollbringend, das Thier macht, von welchem er den Namen entlehnt hatte;„Herr Fafiou war nahe daran, den Geſchmack für das Brod zu ver⸗ lieren, und Herr Galilée Copernic, Schwager von Herrn Zozo vom Norden, wäre genöthigt geweſen, heute Abend ſeine Poſſe ohne Hanswurſt zu ſpielen.“ Und verächtlich den Rücken demjenigen zuwendend, welchen er für ſeinen im Herzen von Mademviſelle Fifine 362 bevorzugten Nebenbuhler hielt, ließ er Herrn Faſiou ruhig hinter Salvator aus der Schenke weggehen. CXI. Wo über Fafivu und Meiſter Copernie abgehandelt wird, und wo der Autor die Beziehungen, welche zwiſchen ihnen beſtehen, erklärt. Salvator nahm wieder ſeinen gewöhnlichen Platz an der Mauer einz Fafiou folgte ihm, wie geſagt, ſ Halsbinde ausdehnend, um ſeiner Kehle Luft zu geben. „Oh! Herr Salvator,“ ſagte er,„ich bin Ihnen zu großem Danke verpflichtet! das iſt, bei meinem Ehrenworte! das zweite Mal, daß Sie mir das Leben retten! Kann ich Ihnen einen Gefallen thun, ſo wahr ich Fafivu heiße, ich werde nicht müde, es zu wiederho⸗ len, verfügen Sie ganz und gar über mich!“ „Ich werde Dich vielleicht beim Worte nehmen,“ erwiederte Salvator. „Oh! wahrhaftig und beim guten Gott! Sie werden in dieſem Falle einen glücklichen Menſchen ma⸗ chen, das ſage ich Ihnen.“ „Ich erwartete Dich, Fafiou.“ „In der That?“ „Und da ich Dich zu ſehen verzweifelte, ſo war ich im Begriffe, Dir zu ſchreiben.“ „Ja, Herr Salvator, das iſt wahr, ich bin im Verzuge; aber ſehen Sie, ich habe Muſette allein gefunden, und finde ich Muſette allein, ei! ſo ſage ich ihr, daß ich Sie liebe.“ iſt. Reſ Her kein war fivu 363 „Du liebſt alſo alle Frauen, lockerer Geſelle?“ „Oh! nein, Herr Salvator, ich liebe nur Muſette, ſo wahr ich Fafiou heiße.“ „Und Mademoiſelle Fifine?“ „Ich liebe ſie nicht! ſie liebt mich, ſie läuft mir nach; doch ich, wenn ich ſie auf der einen Seite ſehe, entfliehe nach der andern. „Ich rathe Dir daſſelbe zu thun, wenn Du Jean Taureau ſehen wirſt; denn ich werde nicht immer zur Zeit da ſein, um Dich ſeinen Händen zu ent⸗ ziehen.“ „Oh! das iſt ein ungeſchlachter Burſche!... Doch ich verzeihe ihm: wenn man eiferſüchtig iſt...“ „Ah) Du biſt auch eiferſüchtig?“ „Wie der Tiger der Königin Tamatave!“ „Es iſt alſo Muſette, die Du liebſt?“ „Um darüber an der Auszehrung zu ſterben! Sehen Sie, in welchem Zuſtande ich mich befinde: die Liebe verzehrt all' mein Fett, bei meinem Ehrenworte!“ „Wenn Du Muſette ſo ſehr liebſt, warum heira⸗ theſt Du ſie nicht?“ „Ihre Mutter widerſetzt ſich.“ „Dann mußt Du muthig Deinen Entſchluß faſſen, Junge, und auf dieſe Frau verzichten.“ „Ganz und gar nicht! Auf ſie verzichten? Ah! ja wohl! ich habe Geduld, ich werde warten.“ „Worauf wirſt Du warten?“ „Ich werde warten, bis die Mutter abgefahren iſt.. Das kann ihr früher oder ſpäter nicht fehlen.“ Salvator lächelte unmerklich über die grauſame Reſignation, mit der Fafivu das Hinſcheiden ſeiner Schwiegermutter abwartete, um die Bielgeliebte ſeines Herzens zu heirathen. Die argwöhniſchen Leſer mögen aber nach dieſem keine zu ſchlimme Meinung von Fafion faſſen. Es war ein guter, braver Burſche, dieſer unglückliche Hans⸗ 364 wurſt, der zur gewöhnlichen Truppe der Komödianten von Herrn Galilée Copernic gehörte. Engagirt für die mäßige Summe von fünfzehn Franken monatlich, die man ihm einen Monat unter vier bezahlte, ſpielte er das Fach der Pitres, der Jean⸗ nots, der Gilles, der Jocriſſes, kurz alle Rollen von Rothſchwänzen, die ſeiner Phyſiognomie ſo ſehr ent⸗ ſprachen Doch hierauf beſchränkte ſich ſeine Beſchäftigung nicht: er war zugleich Barbier, Perrückenmacher, Fri⸗ ſeur der Truppe, welche im Ganzen aus acht Per⸗ ſonen beſtand, den Director Herrn Galilée Copernic, der die Caſſandres ſpielte, Mademoiſelle Muſette, welche die Iſabellen ſpielte, und ihn Faſiou, der die Hans⸗ wurſte und die Gilles in Rivalität mit dem ſchönen Leander ſpielte, inbegriffen. Letzteres war ein wah⸗ res Märtyrthum für Fafivu, da er, maßlos in Muſette (Iſabelle) verliebt, ſeine Geliebte unabläſſig den Ande⸗ ren Zärtlichkeiten und ihm Beleidigungen ſagen hörte. Waren die zwei jungen Leute allein, ſo entſchädig⸗ ten ſie ſich allerdings: dann bekam Fafiou alle Zärt⸗ lichkeiten, und der ſchöne Leander von fern alle Schmähun⸗ gen, welche Fafivu von nahe empfangen hatte. Und ſie war ein großes Bedürfniß für ihn, dieſe Liebe, welche zugleich die Freude und die Qual des armen Fafiou bildete! Er war allein auf der Welt, hatte weder Vater, nach Mutter, weder Oheim, noch Tante, weder Milchbruder, noch Nährvater; es hatte ihm an jeder Familie, mittelbaren oder unmittelbaren, ſeit ſeiner erſten Jugend gefehlt. Als der Vater Ga⸗ lilke Copernie an der Montagne Sainte-Genevière vorüberging, fand er ihn auf der Straße Purzelbäume machend; er hob ihn auf und verſprach, dieſe natürlichen Anlagen zu cultiviren. Er nahm ihn mit und gab ihm, um ihn an ſich zu ziehen, ein Abendbrod, von dem das Kind in ſeinen gaſtronomiſchen Träumen nie eine Ahnung gehabt hatte. Als er dieſes Zauberbild ſeiner zuk ſei ſich um Uel den wat ins ſtä die kom dar⸗ Jah nten zehn nter ean⸗ von ent⸗ ung Fri⸗ Per⸗ rnic, lche ans⸗ önen vah⸗ ſette nde⸗ rte. dig⸗ ärt⸗ n⸗ ieſe des elt, och atte ren, Ha⸗ ere me hen m, das ine ner zukünftigen Exiſtenz ſah, machte ſich Fafiou eine viel⸗ leicht übertriebene Idee von dem Gaukterleben und ließ ſich die Wirbelbeine brechen und die Knochen ausrenken, um ſich dem Karpfenſprunge und allen gymnaſtiſchen Uebungen der Clowns hingeben zu können. Man machte Anfangs Kraftſtücke auf den verſchie⸗ denen Plätzen von Paris; als ſodann Paris abgebrannt war, ging man in die Provinz und von der Provinz ins Ausland über. Man beſuchte die erſten Haupt⸗ ſtädte Europas und riß vorüberziehenden Militären die Zähne aus; man ſchluckte Säbel, man verſchlang Schlangen und aß brennendes Werg. Doch der Appetit kommt beim Eſſen ſelbſt von Werg; man war daher darauf bedacht, ſtatt in der Welt herum zu laufen, nach Paris zurückzukehren, hier eine Bühne zu errichten, und im Jahre 1824 oder 1825 erhielt man von der Polizei die Erlaubniß, das Theater auf dem Boulevard du Temple aufzuſchlagen. Von dieſer Zeit ſpielte man Paraden*) das ganze Jahr hindurch, Paraden der Mehrzahl nach beſtehend aus Brocken vom Théatre Italien und vom Theätre de la Foire; nur fanden bei dieſen grotesken Vorſtel⸗ lungen zwei jährliche Unterbrechungen ſtatt: man ſpielte in der Faſtenzeit Myſterien für die Devoten und wäh⸗ rend der Vacanzen Zauberſtücke für die Kinder. Doch wir ſprechen nur von dem, was ſich auf der Vorbühne zutrug, das heißt von dem, was man in Ausdrücken der Bank, der hohen oder kleinen**), die Bagatelle der Thüre nennt. In der That, das unent⸗ geldlich in freier Luft auf den Gerüſten geſpielte Stück war nur ein Vorwand;, um das Publikum in das In⸗ nere zu locken; und es wäre wahrhaftig Undank don dem Publikum, das man gratis beluſtigte, geweſen, 3 Poſſen für das gemeine Volk berechnet. Abenteuer und Drangſale eines Schauſpielers von Alex. Dumas. — —* 366 hätte es dieſe Aufmerkſamkeit nicht anerkannt und ſich geweigert, die Wunder zu ſehen, die der Vater Galilée Copernic ſeinen Zuſchauern vorbehielt. Und wir wagen es, zu behaupten, wir, die wir demſelben mehr als einmal beigewohnt haben: dieſes Schauſpiel war die zwei Sous werth, die man bezahlte, wenn man wegging. Das Innere dieſer Baracke war eine wahre Welt in der Verkürzung: Rieſen und Zwerge, Albinos und Weiber mit Bart, Eskimos und Bayaderen, Menſchen⸗ freſſer und Invaliden mit hölzernem Kopfe, Affen und Fledermäuſe, Eſel und Pferde, Bvas Conſtrictors und Seekälber, Elephanten ohne Rüſſel und Dromedare ohne Höcker, Orang⸗Utangs und Sirenen, das Rücken⸗ ſchild einer Rieſenſchildkröte, das Skelett eines chineſi⸗ ſhin Mandarins, das Schwert, mit welchem Ferdinand Cortez Peru erobert hatte, das Fernglas, mit dem Chriſtoph Colombus Amerika entdeckt hatte, ein Knopf von der famöſen Hoſe von König Dagobert, die Tabaksdoſe des großen Friedrich, der Rock von Herrn von Voltaire, endlich eine lebendige foſſile Kröte, in den antediluvia⸗ niſchen Schichten des Montmartre vom berühmten Cu⸗ vier gefunden!— Das war, wie geſagt, ein kurzer Prbehriſ aller Reiche der Natur und aller Wunder der elt. Eine Commiſſion von Gelehrten hätte einen ſtarken Monat nöthig gehabt, um den Katalog der tauſend Dinge abzufaſſen, von denen das Innere der Baracke des Vaters Galilée Copernic von oben bis unten emaillirt war. Die Königin Tamatave, welche in einer benach⸗ barten Baracke den! bengaliſchen Tiger und den numi⸗ diſchen Löwen zeigte, wies auch nicht, trotz ihrer Krone von Goldpapier und ihres Gürtels von Muſchelwerk, die Artigkeiten des Vaters Galilée Copernic zurück, als dieſer ihr anbot, er wolle bei ſeiner Truppe Made⸗ moiſelle Muſette, die Präſumtiverbin von einer der Inſeln unter dem Winde, engagiren. ſich ilée es, mal ous Lelt und en⸗ und und are ken⸗ eſi⸗ and oph der doſe ire, via⸗ Cu⸗ rzer der rken ſend acke iten ach⸗ mi⸗ one erk, de⸗ der 367 Mademoviſelle Muſette wurde alſo gegen die Summe von dreißig Franken monatlich von ihrer Mutter dem Vater Galilée Copernie abgetreten, um die Iſabellen in der Parade zu ſpielen und im Innern die keuſche Suſanne zwiſchen den zwei Greiſen vorzuſtellen. Um dem Engagement einen größeren Werth zu geben, unterzeichnete Herr Flageolet unmittelbar unter der Königin Tamatave, und er nahm auf der Urkunde den beſcheidenen Titel Vormund an. Mit den acht Schauſpielern,— ihn mitbegriffen, — welche ſeine Truppe bildeten, gelang es dem Vater Galilée Copernic, nach und nach dem Publikum hun⸗ dert bis hundertundfünfzig lebende Perſonen zu zeigen: Blinde, welche hier ſeit zehn Minuten ſahenz Stumme, denen man wunderbarer Weiſe die Sprache wiederge⸗ geben hatte; Taube, welche man operirt hatte, und die nun hörten wie Jedermann; einen Sergenten von der kaiſerlichen Garde, den man mitten in einem ungeheu⸗ ren Eisklumpen erfroren ſah, und der von der Bereſina durch ſeinen eigenen Bruder zurückgebracht worden warz einen kahlen Menſchen, aus deſſen Schädel man, Dank ſei es einer vom Herrn der Anſtalt verfertigten Pom⸗ made, mit bloßem Auge die rothen Haare hervorkom⸗ men ſah;z einen in der Schlacht von Trafalgar von einer Kanonenkugel durchſchoſſenen Matroſen, welchen zu beſichtigen man ſich beeilen mußte, da ihm die Aerzte nur noch drei Jahre, zwei Monate und acht Tage zu leben gaben; einen Schiffbrüchigen der Meduſa, wunderbar gerettet durch einen Haifiſch, für den er um ein Koſtgeld bei der Regierung nachſuchte; kurz, Alles, berühmte Männer, berühmte Frauen, berühmte Kinder, berühmte Pferde, berühmte Eſel, Alles fand man in vierundſechzig Quadratfuß, und mitten unter dieſen Celebritäten, Meiſter Galilée Copernic Taſchen ſpieler, Wahrſager, Seiltänzer, Marktſchreier, Zahnbrecher, Gaukler, Komödiant, bei Allem präſidirend, ſelbſt den Zuſchauern die Wunder ſeines Etabliſſement zeigend, 368 mit Beſchreibungen, wie ſie für die Beſuche paßten, die er empfing: Edelleute, Soldaten, Handarbeiter, Kapi⸗ täne, Stutzer oder Bettler. Geſchickt in allen Gewerben, mit allen Ländern durch ſeine Reiſen bekannt, mit allen Wiſſenſchaften vertraut, alle Sprachen ſprechend, alle Idiome wälſchend, nach und nach von den Handwerksleuten, den Beamten, den Kriegern, den Geiſtlichen, den Literaten und den Landleuten als College angeſehen; von den Deutſchen, den Engländern, den Italienern, den Spaniern, den Ruſſen und den Türken für einen ihrer Landsleute ge⸗ halten, war der Vater Galilée nicht die am wenigſten intereſſante Celebrität unter allen dieſen Celebritäten. Es war, um uns kurz zu faſſen, ein frecher, ein ſorg⸗ loſer, ein abenteuerlicher, ein fantaſtiſcher Zigeuner, in dem ſich tauſend verſchiedene Fähigkeiten vereinigt fan⸗ den, welche, wohl geleitet, aus ihm einen Mann von Genie gemacht hätten, ſich ſelbſt überlaſſen aber, um⸗ herſchweifend und launenhaft nur einen Empiriker und einen Marktſchreier aus ihm zu machen vermocht hatten. Fafiou, man begreift dies wohl, mußte Nutzen aus den Lectionen des trefflichen Meiſters ziehen; nur ge⸗ langte er, minder glücklich begabt als Copernic, zu einer Gränze der Kunſt und der Intelligenz, die er nie überſchreiten konnte. Copernic war lange hartnäckig für ſeine Erziehung bemüht geweſen, doch er hatte darauf verzichtet, aus ihm, wenn nicht ſeinen Gehülfen, doch wenigſtens ſeinen Stellvertreter zu machen. Da er in⸗ deſſen nicht der Mann war, der irgend ein Subject ernährte, ohne es zu benützen, ſo war er darauf bedacht, Nutzen aus ſeinem albernen Weſen, ſeiner Raivetät und, mehr noch als Alles dies, aus ſeinem dummen Kopfe zu ziehen, und er hatte aus ihm einen Jocriſſe, einen Pierrot, einen Hanswurſt, einen Pitre, einen Rothſchwanz, eine Art von ſprechendem Debureau in höchſter Vollendung gemacht. Künſtler in großer Anzahl kamen von den entfern⸗ die pi⸗ ern ten 369 teſten Quartieren, von der Barriere du Tröne, vom Faubourg du Raute, um ihn ſeine Dummheiten impro⸗ viſiren zu hören, welche zu Dutzenden in das Ohr der Zuſchauer einbrachen, wie an den Tagen öffentlicher Luſtbarkeiten die Schlagſchwärmer in Paquets in die Beine der Vorübergehenden fahren. Fanden ſich Copernic und Fafiou(Caſſandre und Gille) in Scene, ſo war es ein Lauffeuer von Calem⸗ bours, von Tölpeleien, von Quidproquo, von Wortſpie⸗ len, von Witzen, von grotesken Fragen, von albernen Antworten, kurz von Lazzi, die man in der Sprache der Cvuliſſen Balangviers nennt, um einen mit dem Spleen behafteten Engländer vor Lachen ſterben zu machen; man ſah auch in den ausſchweifendſten Con⸗ vulſionen die Zuſchauer dieſer Paraden ſich krümmen, wo die zwei Komödianten, der Meiſter und der Schüler, wie in einer gegenſeitigen Rivalität ein wunderbares Talent entwickeln. Das Intereſſanteſte hiebei iſt, daß unſer Pitre entfernt kein Bewußtſein von ſeinem Verdienſte hatte: nein, Fafiou wußte nichts von Fafiou. Er hatte Ta⸗ lent, wie die geiſtreichen Leute Geiſt haben, ohne es zu wiſſen. Einmal auf den Brettern, war er nicht mehr Fafiou: er war Gille; er ſprach zu Caſſandre, wie ein wahrer Diener zu ſeinem Herrn geſprochen hätte, ohne ſeine Betonungen zu ſuchen, ohne die Art, ſich auszudrücken, zu verändern, demüthig, natürlich, frech, je nach der Situation; und darum war er ein großer Schauſpieler. Sagen wir nun, wie Fafiou Salvator hatte kennen lernen, und wie er ihm verpflichtet worden war. Die Mohicaner von Paris. IW 24 5 1 CXII. Was für einen Dienſt Salvator Fafiou geleiſtet hatte, und welche Art von Dienſt Salvator Fafiou ihm zu leiſten bittet. War der Geiſt von Fafiou naiv, dergeſtalt naiv, daß er zuweilen bis an die äußerſten Grenzen der Dummheit gelangte, ſo war dagegen ſein Herz vor⸗ trefflich, und er wurde aufrichtig geliebt von ſeinen Ka⸗ meraden, obgleich er ihnen als Stichblatt und oft ſogar als Marterholz diente. Er war beſonders zur Liebe, wie man geſehen hat, und zur Dankbarkeit, wie man ſogleich ſehen wird, fähig. In dem ſtrengen Winter, den man durchlebt, hatten die unglücklichen Komödianten, faſt einen Mo⸗ nat, wie die Lappländer, unter dem Schnee begra⸗ ben, während dieſes ganzen Monats nicht zehn Sous Einnahme täglich gemacht; da war ihnen Salvator durch Mittel, die ſelbſt denjenigen, welche er unter⸗ ſtützte, unbekannt, zu Hülfe gekommen, und ſeit dieſer Zeit begab ſich der Dankbarſte von Allen, der Beſte, der Naivſte der Truppe, unſer Pitre Fafiou, nach ſei⸗ nem Beſuche bei Muſette, welche an der Ecke der Place Saint⸗André⸗des⸗Arcs wohnte, zu Salvator, um ihm ſeine Ehrfurcht zu bezeigen und ihn zu fragen, welchen Dienſt er ihm in ſeiner kleinen Specialität leiſten könnte. So währte die Sache drei Monate fort; alle Mor⸗ gen, von zwölf bis ein Uhr, empfing Salvator, wenn er an ſeinem gewöhnlichen Platze war, den Beſuch von Fafiou;— was erklärt, wie die Gegenwart von Fafiou in der Halle die von uns erwähnte Wirkung hervor⸗ brachte, und wie Fafivu, an die hervorgebrachte Wir⸗ tte, zu aiv, der oor⸗ Ka⸗ gar ebe, nan ebt, Mo⸗ ra⸗ ous tor ter⸗ eſer eſte, ſei⸗ lace ihm hen ſten or⸗ enn von fivu or ir⸗ 371 kung gewöhnt, derſelben keine Aufmerkſamkeit ſchenkte; — und jeden Tag erneuerte Fafiou gegen ſeinen Wohl⸗ thäter ſeine Dienſtanerbietungen, die derjenige, an wel⸗ chen ſie gerichtet waren, anzunehmen beſtändig ſich ge⸗ weigert hatte. Fafiou beharrte nichtsdeſtoweniger da⸗ bei, daß er regelmäßig Salvator ſeinen Beſuch und ſeine Dienſtanerbietungen machte; dieſer tägliche Act der Ergebenheit war bei ihm eine Gewohnheit geworden. Die Rue aux Fers, wird man ſagen, war auf ſei⸗ nem Wege, um von der Place Saint⸗André⸗des⸗Arcs nach dem Boulevard du Temple zu gehen; doch wir, die wir Fafivu kennen, antworten hierauf, daß es nur von Salvator abhing, ſein Domicil nach der Barrière du Trone zu verlegen, und der redliche, dankbare Fafiou wäre in dieſem Falle durch die Barriere du Trone ge⸗ gangen, um von der Rue Saint⸗André⸗des⸗Arts zum Boulevard du Temple zurückzukommen.— Wie aber hatte dann dieſes ehrliche, naive Herz die Hoffnung, die Königin Tamatave vom bengaliſchen Tiger oder vom numidiſchen Löwen verſchlingen zu ſehen, nähren können, und zwar einzig und allein in der Abſicht, Mademoiſelle Muſette zu heirathen? Wir erwiedern nur Eines: die Liebe iſt eine Leidenſchaft, welche toll, blind, grauſam macht, und da Faſiou leidenſchaftlich liebte, ſo war er toll, blind, grauſam der Frau gegen⸗ über geworden, welche, ſein Schickſal in der Hand hal⸗ tend, ihm mit dieſer unvarmherzigen Hand die Thüre des Glückes verſchloß, indem ſie zur Bedingung dieſes Glückes machte, daß Fafiou Muſette erſt heirathen dürfe, wenn er auf eine geſicherte Art die Summe von dreißig Franken monatlich verdiene! Faſiou, der ſeit fünf Jahren nur fünfzehn Franken monatlich ver⸗ diente,— welche ihm mit einer ſo regelmäßigen Un⸗ regelmäßigkeit bezahlt wurden, daß die mittlere Summe ſeines Gehaltes nicht fünf Franken monatlich betrug,— Fafiou ſah aber nicht am fernſten Horizonte die Mög⸗ lichkeit einer ſolchen Gehaltsvermehrung entſtehen. Die 372 Heirath von Fafiou war alſo, wie ſich Herr Galilée Copernic ſcientiviſch ausdrückte, auf die griechiſchen Ca⸗ lenden verſchoben; was Fafiou toll, blind und grauſam machte, und was ihn in den Stunden ſeiner Tollheit, Blindbeit und Grauſamkeit den Tod der Königin Ta⸗ matave wünſchen ließen. Unſere Leſer begreifen alſo, nun da wir ihnen die Beziehungen, welche zwiſchen Fafiou und Salvator be⸗ ſtanden, erklärt haben, den Satz, welchen der Pitre am Anfange des vorhergehenden Kapitels zum Com⸗ miſſionär geſagt hatte:„Herr Salvator, ſo wahr ich Fafiou heiße, wenn ich Ihnen gleichfalls einen Dienſt leiſten kann, ich werde nicht müde, es Ihnen zu wieder⸗ holen, Sie können ganz und gar über mich verfügen.“ Fafivu, der ſeine Anerbieten beſtändig zurückge⸗ wieſen geſehen hatte, war auch im höchſten Maße er⸗ freut, als er Salvator ihm erwiedern hörte:„Ich werde Dich vielleicht beim Worte nehmen, Fafiou;“ bei welcher Erwiederung Fafiou ausrief:„Ah! wahr⸗ haftig und Gott! Sie werden in dieſem Falle einen glücklichen Menſchen machen, das ſage ich Ihnen!“ „Ich zählte wohl auf Deinen guten Willen, Faſivu,“ ſagte lächelnd Salvator nach der von uns mitgetheilten Abſchweifung Mademoiſelle Muſette betreffend.„Ich habe auch über Dich verfügt, ohne Dich zu Rathe zu ziehen.“ „Ah! reden Sie, Herr Salvator, reden Sie!“ rief aufs Neue Fafivu, tief gerührt von dem Merk⸗ male des Vertrauens, das ihm Salvator gab.„Sie wiſſen ja, daß ich Ihnen mit Leib und Seele ergeben bin!“ „Ich weiß es. Höre mich alſo an, Fafiou.“ Eine der Fähigkeiten von Fafiou war, ſeine Naſe auf zweiundvierzigerlei Arten zu drehen, und ſeine Ohren auf dreiundzwanzigerlei; er öffnete alſo ſeine Ohren übermäßig und ſagte: „Ich höre, Herr Salvator.“ „Um wie viel Uhr findet Deine Parade ſtatt?“ Ul De ſie mi wo ſeck an zer che des we für wi ſie 373 „Es ſind zwei, Herr Salvator.“ „Um wie viel Uhr finden Deine Paraden ſtatt?“ „Die erſte um vier Uhr, und die zweite Abends um acht Uhr.“ „Vier Uhr, das iſt zu früh; acht Uhr, das iſt zu ſpät.“ „Ah! Teufel, man kann das doch nicht ändern: das iſt die Regel.“ „Fafivu, die erſte Parade darf heute erſt um ſechs Uhr anfangen; mehrere von meinen Freunden, welche Deinem Triumphe beizuwohnen wünſchen und nur von ſieben frei ſind, haben mich beauftragt, Dir dieſe Bitte mitzutheilen.“ „Teufel, Herr Salvator, Teufel!“ „Willſt Du mir etwa ſagen, das ſei unmöglich?“ „Ich werde Ihnen das nie ſagen, Sie wiſſen es wohl.“ „Nun?“ „Nun, da Sie wünſchen, daß die Parade erſt um ſechs Uhr ſtattfinde, ſo muß ſie wohl um dieſe Stunde anfangen.“ „Du haſt Deine Mittel?“ „Nein, ich werde ſie finden.“ „Ich kann alſo ruhig ſein?“ „Sie können ruhig ſein: wenn man mich in Stücke zerhacken wollte, Herr Salvator, man könnte nicht ma⸗ chen, daß ich vor ſechs Uhr erſcheinen würde.“ „Gut, Fafioun.. Doch das iſt nur die Hälfte des Dienſtes, den ich von Dir zu verlangen habe.“ „Deſto beſſer! denn ſonſt wäre es nicht der Mühe werth.“ „Du biſt alſo geneigt, Alles für mich zu thun?“ „Alles, Herr Salvator!. Hören Sie, wenn ich für Sie meine Schwiegermutter verſchlingen müßte, wie ich brennendes Werg verſchlungen habe, ich würde ſie verſchlingen.“ „Nein, Du bekämeſt eine zu ſchlimme Geſchichte 374 mit dem bengaliſchen Tiger und dem mumidiſchen Löwen, denen Du ſie geweiht haſt; ein Wort iſt heilig: um ſo viel mehr ein Gelübde!“ „Nun wohl, ſprechen Sie, um was handelt es ſich, Herr Salvator?“ „Es handelt ſich ganz einfach darum, Deinem Patron heute Abend wiederzugeben, was er Dir alle Tage gibt.“ „Herrn Copernic?“ „Jat⸗ „Was er mir alle Tage gibt?“ „Ja.“ „Er gibt mir nie etwas, Herr Salvator.“ „Ich bitte um Verzeihung: er gibt Dir am Ende jeder Parade denſelben Fußtritt an denſelben Ort, wenn ich mich nicht irre.“ „Auf den Hintern, ja, das iſt wahr, Herr Sal⸗ vator.“ „Nun wohl, es handelt ſich darum, wenn er Dir heute Abend den täglichen Fußtritt gibt, hinterhältiſch zu warten, bis er ſich umdreht, und ihm ſodann den⸗ ſelben zurückzugeben.“ „Wie?“ rief Fafiou, der ſchlecht verſtanden zu ha⸗ ben glaubte. „Ihm denſelben zurückzugeben,“ wiederholte Sal⸗ vator. „Den Fußtritt dem..„2 „Herrn Copernic?“ „Ihm ſelbſt.“ „Oh! das iſt unmöglich, Herr Salvator!“ ant⸗ wortete der unglückliche Faſiou erbleichend. „Und warum unmöglich?“ „Ei! weil er in der Stadt mein Director iſt, und weil er auf der Bühne mein Herr iſt, da er immer die Rollen von Caſſandre ſpielt, und ich die von Gille ſpiele... Uebrigens iſt für den Fall vorhergeſehen.“ en, um ich, lem alle nde enn ant⸗ und die ille n 375 „Wie?“ fragte Salvator ganz erſtaunt,„es iſt für den Fall vorhergeſehen?“ „Ja: in meinem Engagement ſteht, daß ich mich anheiſchig mache, der Barbier⸗Perrückenmacher⸗Friſeur der Truppe zu ſein, die Gilles, die Jeannots, die Hanswurſte, die Einfaltspinſel, die Rothſchwänze zu ſpielen; die Fußtritte auf den Hintern zu empfangen. ohne ſie je zurückzugeben.“ „Ohne ſie je zurückzugeben?“ ſagte Salvator. „Ohne ſie je zurückzugeben!— Ich will es Ihnen übrigens zeigen: ich habe mein Engagement bei mir,“ erwiederte Fafiou. Und er zog aus ſeiner Taſche ein ſchmutziges En⸗ gagement, das er Salvator darreichte: dieſer nahm es, öffnete es mit den Fingerſpitzen und ſagte: „Es iſt wahr, da ſteht:„„Ohne ſie je zurückzu⸗ geben.“ „Ohne ſie je zurückzugeben;““ oh! das ſteht hier. Verlangen Sie alſo mein Leben von mir, Herr Sal⸗ vator; doch verlangen Sie nicht, daß ich mein Enga⸗ gement verletze.“ „Warte,“ ſagte Salvator.„Ich ſehe auch in Dei⸗ nem Engagement, daß Du gehalten biſt, alle dieſe Dinge gegen fünfzehn Franken monatlich zu thun, die Dir Galilée Coperniec bezahlen ſoll.“ „Die mir Herr Galilée Copernic bezahlen ſoll, ja, Herr Salvator.“ „Nun wohl, ich glaubte, Du habeſt mir geſagt, er bezahle ſie nicht?“ „Das iſt wahr, leider wahr.“. „Während Du jeden Abend regelmäßig Deinen Fußtritt empfängſt.“ Zwei, Herr Salvator: einen bei der Parade um vier Uhr, einen bei der Parade um acht Uhr.“ „Nun wohl, mir ſcheint, mein lieber Fafiou, ſo⸗ bald Herr Galilée Copernic ſeine Verbindlichkeiten — 376 nicht hält, kannſt Du Dich auch gegen die Deinigen verfehlen.“. Fafiou riß die Augen weit auf. „Hieran hatte ich nicht gedacht,“ ſagte er. Sodann den Kopf ſchüttelnd, fügte er bei: „Gleichviel, fordern Sie von mir mein Leben; verlangen Sie aber nicht, daß ich Herrn Copernie einen Fußtritt zurückgebe... Nein, das iſt unmöglich!“ „Und warum dies, da er Dich nicht bezahlt, um ſie zu empfangen?“ „Glauben Sie, das gebe mir das Recht, zu..“ „Ich glaube es.“ „„Oh! nein, oh! nein; er verletzt ſeine Verbind⸗ lichkeiten in minus, ich würde die meinigen in plus verletzen. Unmöglich, Herr Salvator, unmöglich! Ver⸗ langen Sie mein Leben von mir!“ „Laß uns vernünftig reden, Fafivu.“ „Gut, reden wir vernünftig, Herr Salvator.“ „Ihr improviſirt alle dieſe Paraden, bei welchen Du meiner Anſicht nach ein wunderbares Talent ent⸗ wickelſt Die Wangen des Bajazzo bedeckten ſich mit Roſen der Beſcheidenheit. „Sie ſind ſehr gut, Herr Salvator... Ja, wie Sie ſagen, wir improviſiren ſie.“ „Nun wohl, was verhindert Dich, einen Fußtritt r improviſiren, wie Du ein Quidproquo improvi⸗ irſt?“ „Aber, Herr Salvator, man wird das nie geſehen haben, daß Gille Caſſandre einen Fußtritt zurückgibt!“ „Das wird um ſo unerwarteter ſein, und folglich um ſo mehr Succeß haben.“ „Oh! bei Gott!“ ſagte Fafiou, der ſchon das Ge⸗ lächter und das Beifallklatſchen ſchallen hörte und ſich bei der Künſtlerſeite faſſen ließ;„bei Gott! ich be⸗ zweifle es nicht.“ er ein hal mo Vo hal hei nid Sc nick Tal nat lich da mö gen enz nen um nd⸗ lus er⸗ 377 „Nun, alſo?. Wie, Fafiou, ein großer Sucteß erwartet Dich, und Du zögerſt?“ „Wenn ſich aber der Vater Copernic ärgert?“ „Kümmere Dich nicht hierum.“ „Wenn er mich vor die Thüre wirft, weil ich eine Grundelauſeln meines Engagement verletzt habe?“ „Ich engagire Dich.“ „Sie?“ „Ja, ich „Sie werden alſo Schauſpieldirector ſein?“ „Vielleicht.“ „Sie engagiren mich?“ „Ja... Und ich garantire Dir dreißig Franken monatlich, und, wenn es ſein muß, deponire ich zum Voraus ein Jahr von Deinem Gehalte.“ „Aber dann, wenn ich dreißig Franken monatlich habe,“ rief Fafiou im Glücksſchwindel;„aber dann...“ „Ah! mein Gott!“ „Nun?“ „Ei! dann werde ich.. dann werde ich Muſette heirathen können?“ „Allerdings... doch ſei ruhig: er wird Dich nicht fortſchicken, denn Du, mein Junge, biſt der beſte Schauſpieler ſeiner Truppe, und er wird Dich nicht nur nicht fortſchicken, ſondern verlange ſogar am andern Tage von ihm, daß er Deinen Gehalt verdopple, und er wird ihn verdoppeln.“ „Wenn er ihn nicht verdoppelt?“ „So werde ich mit meinen dreißig Franken mo⸗ natlich, meinen dreihundert fünfundſechzig Franken jähr⸗ lich da ſein.“ „Es iſt ja ein ganzes Vermögen, was Sie mir da anbieten, Herr Salvator! es iſt mehr als ein Ver⸗ mögen, es iſt das Glück!“ „Schlägſt Du Dein Glück aus, Fafivu?“ 378 „Bei meiner Treue! nein, Herr Salvator! Das iſt abgemacht,“ ſprach freudig der Pitre,„und wenn ich Ihnen die volle Wahrheit ſagen ſoll,— es iſt mir nicht unangenehm, den Vater Copernic mit gleicher Münze zu bezahlen. Er bekommt auch heute Abend, dafür ſtehe ich Ihnen, die zwei ſchönſten Fußtritte auf 2 „Nein, nicht zwei,“ unterbrach Salvator lebhaft; „laß Dich nicht durch die Situation fortreißen, Fafiou: einen einzigen Fußtritt!“ „Einen einzigen, wohl, der aber ſo viel werth ſein wird, als zwei, das verſpreche ich Ihnen,“ ſagte Fafiou. Und er machte die Geberde eines Menſchen, der einen furchtbaren Fußtritt verſetzt. „Das iſt Deine Sache,“ erwiederte Salvator; „doch einen einzigen.“ „Ja, einen einzigen, das iſt verabredet.. Sie brauchen nur einen einzigen?“ „Ich habe nur einen einzigen nöthig.“ „Was Teufels wollen Sie damit machen?“ „Das iſt mein Geheimniß, Fafiou.“ „Wohl denn, er ſoll nur einen einzigen bekommen.“ Und der Pitre wiederholte ſeine angreifende Ge⸗ berde. „So iſt es gut.“ „Oh! ich ſehe von hier aus das Geſicht des Pat⸗ rons.. Sagen Sie, ich kann unmittelbar darauf vom Gerüſte hinabſpringen.“ „Ich ſehe nichts dagegen einzuwenden.“ „Ich kenne den Vater Copernic: der erſte Augen⸗ blick wird erſchrecklich ſein.“ „Ja, doch dreißig Franken monatlich, und die Hand von Muſette. „Oh! das iſt wohl werth, daß man etwas wagt.“ „Wohl, ſo durchgehe noch einmal Deine Rolle, mein Junge, und richte es ſo ein, daß Dein Schluß⸗ fuß Uh ſei gro Bli zwe phl gen auf hur ſten geſ Das enn mir cher end, ritte aft; ou: erth agte der or; Sie 379 fußtritt von halb ſieben Uhr bis drei Viertel auf ſieben Uhr kommt.“ „Herr Salvator, um ſechs Uhr fünfunddreißig Minuten werde ich beim Gegenſchlage ſein.“ „Gut, Fafiou, und meinen Dank!“ „Adieu, Herr Salvator!“ „Adieu, Fafiou!“ Und der Pitre, nachdem er ſich ehrerbietig vor Salvator verbeugt hatte, entfernte ſich vom geheimniß⸗ vollen Commiſſionär, einen alten Refrain des Théätre⸗ de la Foire ſingend, mit heiterem Geiſte und freudigem Herzen, als hätte er erfahren, die Königin Tamatave ſei wirklich vom bengaliſchen Königstiger oder vom großen numidiſchen Löwen gefreſſen worden. Salvator ſchaute ihm, als er wegging, mit einem Blicke nach, der ſehr verſchieden von dem war, welchen er zwei Stunden vorher auf la Gibelotte und ſeinen phlegmatiſchen Schuldner geworfen hatte. Verlaſſen wir jedoch Salvator, um Faſiou zu fol⸗ gen, und wohnen wir, wenn Sie wollen, liebe Leſer, auf dem Boulevard du Temple der Parade bei, welche die enthuſiaſtiſche Menge ungeduldig erwartet, obſchon hundert Meilen davon entfernt, wir glauben es wenig⸗ ſtens, die ungewohnte Entwickelung, deren Urheber Salvator iſt, vorherzuſehen. CXIII. Profil von Galilée Copernic. Die Bühne des Sieur Galilée Copernic lag, wie geſagt, auf dem Platze, der ſich damals erſtreckte und ——lb —————— 1380 noch erſtreckt, vom Theater von Madame Saqui, wel⸗ ches das Théaͤtre des Funambules geworden iſt, bis zum Théatre du Cirque Imperial, früher genannt Cir⸗ que Olympique oder, noch populärer, Cirque Franconi. Die fünf bis ſechs Fuß hohe Bühne hatte zum Horizont eine ungeheure gemalte Leinwand in mehrere Felder abgetheilt, wo coloſſale Frauen, weiße Neger, Rieſen, Zwerge, Robben, Sirenen, Hahnenkämpfe, Scorpione Büffel verſchlingend, ein Skelett Theorbe ſpielend, Latude aus der Baſtille entweichend, Ravaillac Heinrich IV. in der Rue de la Ferronnerie ermordend, endlich der Marſchall von Sachſen den Sieg bei Fon⸗ tenoy erfechtend dargeſtellt waren.— Die Schlachten aus der Zeit der Republik und des Kaiſerreichs waren ausdrücklich verboten.— Ueberdies war eine Samm⸗ lung von allen vergangenen und zukünftigen Bildern der bekannten Meſſen an den Stangen des Gerüſtes aufgehängt und ſchaukelte ſich im Winde wie lateiniſche Segel; ſo daß das Etabliſſement des Herrn Galilée Copernic einer, im Ocean der Menge ſchiffenden, un⸗ geheuren Jonke glich. Dieſe Bühne,— es iſt nothwendig, daß wir dar⸗ auf zurückkommen,— dieſe Bühne, welche eine benütz⸗ bare Oberfläche von ſieben bis acht Fuß Breite und etwa zwanzig Fuß Länge bot, war glänzend beleuchtet durch einen Kaſten von vierzehn Lämpchen, denen ein dichter Rauch entſtrömte, welcher ſich, wie ein Periſtyl, an dieſem dem Gotte der Kunſt geweihten Tempel erhob. Man hatte ſie um fünf Uhr angezündet, und der Anblick dieſer Beleuchtung hatte ein wenig die Menge beruhigt, welche ſchon ſeit einer Stunde wartete; da aber über zwanzig Minuten die Lämpchen angezündet waren, da ſie bedeutend rauchten und trotz des Theaterzettels, der poſitiv auf den Schlag vier Uhr große Parade geſpielt von Herrn Phénix Fafion und Herrn Copernie Galilée ankündigte, Niemand erſchien, ſo gab die Menge, obſchon ſie durchaus nichts repri aus, daß nicht 381 wel⸗ſ bezahlte, Schreie der Entrüſtung und Hurrahs der bis Wuth von ſich. Cit⸗ Eines, was ich ſeitdem ich Theater mache und es i demüthig der Würdigung der Philoſophen und der Ft Analyſe der Gelehrten unterwerfe, bemerkt habe, iſt it übrigens, daß ein Zuſchauer, je weniger er bezahlt hat, deſto anſpruchsvoller iſt, und daß bei den erſten Vorſtellungen die bitterſten Kritiken und die heftigſten i Pfeifen beinahe immer von denjenigen kommen, die, illac um einzutreten, nicht die Mühe gehabt haben, die Hand eit in die Weſtentaſche zu ſtecken. ſ Die Menge, welche ſeit einer Stunde und zwanzig ten Minuten wartete und an dieſem Abend, man weiß nicht en warum, dreimal zahlreicher war als gewöhnlich, die i Menge glaubte ſich alſo berechtigt, gegen dieſes Ver⸗ ibt brechen beleidigter Men ge durch drohendes Geſchrei iſtes und Flüche entlehnt den verſchiedenen Poiſſards⸗Kate⸗ iſche chismen, welche damals im Umlaufe waren und zum ilée Gebrauche der jungen Leute von guter Familie ver⸗ ii öffentlicht wurden, zu proteſtiren. Endlich, gegen halb ſechs Uhr, erſchien Herr Galilée ütt Copernie ſelbſt, als er das von den Zuſchauern, welche ütt nichts ſahen, von den Zuhörern, welche nichts hörten, ünd ausgeſtoßene Geſchrei der Entrüſtung vernahm, welche htet Herr Galilée Copernic, der nach der ſeiner Baracke ver⸗ 8 liehenen ſchaukelnden Bewegung urtheilte, der Sturm ſtu ſei ernſt und die Menge fange an hohl zu gehei, er⸗ ⸗ ſchien, ſagen wir, endlich ſelbſt auf der Bühne mit ſei⸗ nem Caſſandre⸗Coſtume bekleidet. Doch dieſer Anblick, von dem man hätte glauben ſollen, er ſei geeignet, die Aufregung zu beſchwichtigen, 6 ſchien dieſelbe im Gegentheile zu vermehren. Trotz der els Majeſtät, mit der ſich Herr Galilée Copernic der Menge repräſentirte, brach dieſe in ein Ziſchen und Pſeifen aus, in ein Ziſchen ſo heftig, in ein Pfeifen ſo ſchrill, in daß der unglücktiche Komödiant fünf Minuten lang cht nicht ein einziges Wort articuliren konnte. 382 Als er dies ſah, wandte er ſich um, hielt ſeine beiden Hände in Form eines Trichters vor den Mund und verlangte im Innern irgend einen Gegenſtand, den ihm die weiße Hand von Mademoiſelle Muſette reichte. — Dieſer Gegenſtand war ein Hofthorſchlüſſel, deſſen Ton bald auf eine ſo triumphirende Art die Pfeifen der Menge beherrſchte, daß die Menge ganz erſtaunt ſchwieg und Meiſter Galilée Copernic allein pfeifen ließ. Man hätte glauben ſollen, es ſei ein Boa⸗Solv mitten unter einem Concerte von Klapperſchlangen. Endlich, wie man aller Dinge müde wird, ſelbſt des Pfeifens, entfernte Galilée Copernic den Schlüſſel von ſeinem Munde, und da er allein die Ruhe ſtörte, ſo trat aufs Neue Stille ein. Er benützte ſie, um bis an den Lampenkaſten vor⸗ zutreten, und nachdem er mit einer erhabenen Würde gegrüßt hatte, ſprach er: „Mylords und meine Herren, ich denke, nicht an mich ſind dieſe Pfeifen gerichtet.“ „Doch! doch! an Dich und an Fafiou!“ riefen hundert Stimmen. „Ja, ja, ja, an alle Beide!“ wiederholte die Menge.„Rieder mit Copernic! nieder mit Fafiou!“ „Mylords und meine Herren,“ fuhr Copernic fort, ſobald die Stille wiederhergeſtellt war,„es wäre Un⸗ gerechtigkeit, würde man mich für einen Verzug verant⸗ wortlich machen, der Sie verletzt, denn auf den Schlag vier Uhr mit meinem Caſſandre⸗Coſtume bekleidet, war ich bereit, die Ehre zu haben, vor Ihnen zu erſcheinen.“ „Nun wohl, warum ſind Sie denn nicht erſchie⸗ nen?“ fragten dieſelben Stimmen.„Wo waren Sie? was thaten Sie?“ „Wo ich war und was ich that, Mylords und meine Herren?“ „Ja, ja, ja, wo waren Sie? woher kommt der Verzug? Sie verletzen das Publicum! Entſchuldigun⸗ gen! Entſchuldigungen!“ die nütz Faf geſt ſehr Stö eine und den ſſen ifen aunt ifen Solo elbſt üſſel örte, vor⸗ ürde t an iefen die fort, Un⸗ rant⸗ hlag war chie⸗ Sie? und der gun⸗ 383 „Woher dieſer geheimnißvolle Verzug komme? wo⸗ her er komme, Mylords und meine Herren?.. Muß ich es Ihnen ſagen?.. Ja, ich glaube, es geziemt ſich, Ihnen dieſes Zeichen von Ehrerbietung zu geben.“ „Sprechen Sie! ſprechen Sie!“ „Nun wohl, da ich es Ihnen ſagen muß: dieſer Verzug kommt von einem ungeheuren, erſchrecklichen, unerhörten Unglück, das vor einem Augenblicke Ihrem Lieblingskünſtler, unſerem Kameraden, unſerem Freunde Phénix Fafiou zugeſtoßen iſt, welcher, wie Jeder weiß, die Bedientenrolle ſpielen ſollte; eine unerläßliche Rolle in einem Stücke von nur vier Perſonen, wobei der Diener die erſte Rolle ſpielt.“ Es entſtand eine gewaltige Bewegung in der Menge, wodurch ſie bewies, ſie ſei nicht unempfindlich für das Fafivu widerfahrene Unglück. Copernic bedeutete durch einen Wink, er wolle fortfahren, und die Zuſchauer, ungeduldig, von ihrer Angſt befreit zu werden, beeilten ſich, wieder zu ſchweigen. Caſſandre fuhr fort: „Doch was für ein Unglück iſt denn Phénix Fa⸗ fiou widerfahren? werden Sie mich einſtimmig fragen. Mylords und meine Herren, es iſt ihm ein Unglück widerfahren, wie es Ihnen, mir, dem Herrn, der Dame, unſern Freunden, unſern Feinden widerfahren kann, denn wir ſind Alle ſterblich, wie mir eines Tages im Vertrauen der Fürſt Metternich ſagte.“ Neuer Tumult unter der Menge. „Ja, Mylords und meine Herren,“ rief Copernic die durch ſeine Worte hervorgebrachte Senſation be⸗ nützend, um ſich der Menge völlig zu bemächtigen;„Fja, Fafiou, Ihr geliebter Künſtler wäre vorhin beinahe geſtorben.“ Bei dieſer Kunde brachen mehrere Zuſchauer und ſehr viele Zuſchauerinnen in ein banges, trauriges Stöhnen aus. 384 Copernic dankte der Menge mit der Hand und mit dem Blicke und fuhr dann in folgenden Worten fort: „Vernehmen Sie die Thatſache, Mylords und meine Herren, die Thatſache jedes Schmuckes entkleidet und Ihnen in ihrer erſchrecklichen Einfachheit vor die Augen geſtellt. Man hatte ſeit einiger Zeit bemerkt, daß ſich Fafiou in Winkel zurückzog, daß Fafiou traurig wurde, daß Fafiou abmagerte; das Auge umzog ſich ſichtbar mit einem blauen Kreiſe; die Backenknochen wurden von Tag zu Tag röther und hervorſpringender; die Zähne entblößten ſich vom Fleiſche, und das Kinn näherte ſich merkbar der Naſe, die ſich, der des unglück⸗ lichen Vaters Aubry ähnlich, welchen ich an den Ufern des Miſſiſſipi kennen lernte, traurig gegen das Grab neigte!.. Was hatte Fafivu? welcher brennende Schmerz wühlte dumpf in dieſem auserwählten Künſtler? ver⸗ ſchlimmerte ſich ſein Magen? ſchwächte ſich ſeine Bruſt? Nein; das Wachsthum von Phenix war vollendet.— War es das Elend, das einfache Elend, was ihn ver⸗ folgte? war er genöthigt, auf den Straßen mit bloßem Kopfe zu gehen, aus Mangel an einem Hute; barfuß zu gehen aus Mangel an Schuhen; in Hemdärmeln aus Mangel an einem Rocke? Nein, Sie konnten ſich hievon durch ſich ſelbſt überzeugen: Faſfiou hat einen neuen Dreiſpitz, neue Schuhe, eine neue Jacke, die ich ihm von meinen alten Kleidern zu nehmen erlaubt habe.— Hatte Fafiou einen geliebten Verwandten zu beweinen? führte er in der Tiefe ſeines Herzens das Trauergeleit ſeines Vaters oder ſeiner Mutter? war ſein Oheim geſtorben, ohne ihm etwas zu vermachen, oder ſein Neffe ihm Schulden hinterlaſſend? Nein, My⸗ lords und meine Herren; Fafiou hatte weder Vater, noch Mutter, Fafiou hatte keinen Oheim, Fafion hatte keine Familie.— Aber, werden Sie mich fragen, My⸗ lords und meine Herren, aber was hatte denn Faſivu? was er hatte, meine Herren? was er hatte?“ „Ja, ja, was hatte er?“ rief die Menge. „Er hatte, was zu haben wir Alle, groß wie klein* mit rt: eine und igen ſich rde, tbar rden die inn ück⸗ fern rab nerz ver⸗ uſt? ver⸗ ßem rfuß neln ich inen die aubt nzu das war chen, ater, atte My⸗ ou? lein, 385 reich wie arm, Gefahr laufen: Faſiou hatte Herzens⸗ pein! Faſion war verliebt!.. Ich höre einige Mili⸗ täre murmeln:„„Das iſt nicht wahr; Fafivu hat eine Trompetennaſe, und man iſt nicht verliebt mit einer Trompetennaſe!““ Ich erlaube mir, den Herren Mili⸗ tären aller Grade, von den Corporalen bis zu den Marſchällen von Frankreich, zu ſagen, daß ſie mir ſehr geringſchätzig, ſowohl was die Naſe von Fafivn, als was das Inſtrument betrifft, nach welchem dieſe Naſe geformt iſt, zu ſein ſcheinen. Durch welche Ungerech⸗ tigkeit ſollte der Menſch, der eine Trompetennaſe hätte, den Glückſeligkeiten dieſer Welt fremd bleiben, und welches iſt das, göttliche oder menſchliche, Geſetz, das das ausſchließliche Privilegium der Wolluſt denen, welche eine Papageinaſe haben, zum Nachtheile der⸗ jenigen, welche eine Waldhornnaſe haben, einräumt? Fafiou iſt hinſichtlich der Naſe unvollſtändig gebaut, ich gebe es zu; Fafiou iſt aber, abgeſehen von der Naſe, gebaut wie die anderen Menſchen; und wegen einer mehr oder minder habichtartigen, mehr oder min⸗ der aufgeſtülpten Naſe ſagen Sie zu ihm:„„Fort!““ Sie ſchleudern ihm das Wort: Raca! zu? Pfuil meine Herren, das fällt Ihnen im Ernſte nicht ein: Fafiou kann unpaſſend ſein, Faſiou iſt aber nicht unempfind⸗ lich für die Liebe. Und zum Beweiſe hiefür dient, Mylords und meine Herren, daß, wie ich Ihnen zu ſagen die Ehre gehabt habe, Faſiou verliebt iſt, ver⸗ liebt zum Anbinden, wahnſinnig verliebt!— Das, Mylords und meine Herren, war das Geheimniß der Magerkeit und der Melancholie von Fafiou. Was machte, was erſann bei dieſer Gelegenheit der Unglück⸗ liche? Ich kann nicht ohne zu ſchaudern daran denken, und ich ſage es Ihnen nicht ohne zu ſchaudern Er hatte die Idee, ſich durch das Waſſer, durch das Pulver, durch das Feuer, durch den Strick oder durch das Gift zu vernichten! An den Mitteln, ſein unſeli⸗ ges Vorhaben zu vollführen, fehlte es alſo Fafiou Die Mohicaner von Paris. W. 25 386 nicht; er war im Gegentheile nur in Verlegenheit über die Wahl; doches gibt Mittel und Mittel, wie mir eines Tages im Vertrauen der Herr Graf von Neſſel⸗ rode ſagte. „Er hatte vor Allem, ich wiederhole es, das Mit⸗ tel des Fluſſes; der Fluß läuft für Jedermann, und Fafiou konnte ſich vom Pont Notre⸗Dame herab ins Waſſer ſtürzen; doch mit Schrecken bedenkend, daß er ſchwimmen konnte, und daß eine Kälte von zwölf Grad herrſchte, ſah er ein, er würde nicht ertrinken und ſich nur einen Schnupfen zuziehen! Er mußte alſo auf die jedem Andern geöffnete, für ihn allein verſchloſſene Todesart verzichten. Er hatte das Mittel des Feuer⸗ gewehrs; er konnte ſich erſchießen; Fafivu überlegte aber, er habe dergeſtalt Angſt vor dem Knalle, daß er in dem Augenblicke, wo ſich der Schuß hörbar machte, über Hals und Kopf davon laufen würde, ſo daß die Kugel in die Luft ginge und wieder herabfiele, ohne ihn getroffen zu haben!— Er hatte das Mittel der Flamme; er konnte ſich wie Sardanapal auf einen Scheiterhaufen legen, ſich ſein Frühſtück, ſein Mittag⸗ eſſen, ſein Abendbrod dahin bringen laſſen, den Schei⸗ terhaufen in Brand ſtecken und verzehrend ſich verzehren machen; doch da er ſich einerſeits erinnerte, daß er Pheénir Fafiou hieß, da er andererſeits in Plinius und Herodot geleſen hatte, der Phönix erſtehe wieder aus ſeiner Aſche, ſo dünkte es ihm völlig unnütz, am Sonn⸗ tag zu ſterben, um am Montag oder Dienſtag wieder⸗ geboren zu werden.— Er hatte das Mittel des Strickes; mit anderen Worten geſagt, er konnte ſich henken; doch als er plötzlich an die Menge von Leuten dachte, deren Glück er machen ſollte, indem er ihnen den unfehlbaren Talisman, welchen man den Strick eines Ge⸗ henkten nennt, hinterlaſſen würde, da umſchwebte ein menſchenfeindliches Lächeln ſeine Lippen, und er ver⸗ zichtete auf dieſes philanthropiſche Mittel!— Es blieb das Gift, das unheilvolle Gift, das finſtere Gift; 387 denn, meine Herren, mag es das Gift vvn Mithridates, das Gift von Hannibal, das Gift von Lyruſta, das Gift der Borgia, das Gift der Medici oder das Gift der Marquiſe von Brinvilliers ſein, das Gift iſt immer Gift, wie mir eines Tags im Vertrauen der Fürſt von Talleyrand ſagte. Er beharrte alſo bei dieſem letzten Mittel, beim unheilvollen Gifte, beim finſteren Gifte, und als ich ihn ſo bleich, entſtellt, keuchend, häßlich auf mich zukommen ſah, da zitterte ich an allen Glie⸗ dern, und ich errieth beim erſten Anblicke, er habe ſich ſelbſt entleibt. Ich fragte ihn folglich liebevoll: „„Was haſt Du denn, Burſche! daß Du uns, das Publikum und mich, ſeit einer Stunde ſo warten läſſeſt?““ k „„Herr Copernic,““ antwortete Fafiou,„ich habe meinen Tagen ein Ende gemacht.““ „Dieſe Offenherzigkeit rührte mich. Zu gleicher Zeit ſetzte mich Eines in Erſtaunen, ich muß es ge⸗ ſtehen: daß ich aus ſeinem eigenen Munde die bekla⸗ genswerthe Neuigkeit von ſeinem Tode erfuhr. Da ich aber hundertmal erſtaunlichere Dinge als dieſes geſehen habe, ſo ſchritt ich in meiner Unterſuchung fort. „„Und auf welche Art,““ fragte ich ihn mit einer für mein Alter und für meine Stellung ſehr bewegten Stimme,„auf welche Art haſt Du Deinen Tagen ein Ende gemacht?““ „„Ich habe mich vergiftet,“ erwiederte mir Fafiou. „„Womit?““ „Ich geſtehe, daß mir dieſe Antwort als Erhaben⸗ heit das„daß er ſtürbe“ des alten Horaz und das „Ich“ der Medea weit hinter ſich zu laſſen ſchien. „„Und wo haſt Du Gift gefunden?““ fragte ich mit der Ruhe eines Mannes, der hundert zweiunddreißig Arten Gegengifte kennt. „„Im Schranke Ihres Schlafzimmers,““ antwor⸗ tete mir Fafion mit einer hohlen Stimme. 388 „Bei dieſen Worten ſträubte ſich meine Perrücke auf meinem Haupte, und mein Bart, den ich ſo eben raſirt hatte, wuchs raſch wieder. Ich erbleichte von der Scheitel bis zu den Zehen und ich wankte auf mei⸗ ner Baſe. „„Unglücklicher!““ rief ich meine Worte ſtammelnd, „ich hatte Dir verboten, dieſen Schrank zu öffnen!““ „„Das iſt wahr, Herr Covernic,““ erwiederte mir Fafiou mit einer verzweifelten Miene,„doch ich hatte Sie dort zwei Töpfe einſchließen ſehen.““ „Habe ich Dich nicht darauf aufmerkſam gemacht, Elender! dieſe zwei Töpfe enthalten Arſenikmus, das der große Schach von Perſien, deſſen erſter Arzt ich bin, von mir hatte verlangen laſſen, um ihn von den Ratten zu befreien, die ſeinen Palaſt beunruhigen?““ „„Ich wußte es,““ erwiederte Fafiou mit einer wilden Energie. „Und Du haſt einen davon gegeſſen?““ „„Ich habe beide gegeſſen.““ „„Sogar die Töpfe?““ „„Nein, Herr, doch ihren Inhalt.““ „„Ganz.““ „„Unglücklicher!“ rief ich. „Und ich wiederhole dreimal dieſes Adjectiv, wel⸗ ches mir die Lage von Fafiou vortrefflich zu charakteri⸗ ſiren ſchien. Dergeſtalt, Mylords und meine Herren, daß dieſe Vergiftung, die Urſache, die ſie herbeige⸗ führt hat, die Vorfälle verſchiedener Art, welche die Folge davon geweſen ſind, die Thränen, die der Selbſt⸗ mord von Faſivu aus den Augen aller ſeiner Kamera⸗ den, von denen er vergöttert wird, hervorſpringen ge⸗ macht hat,— dieſe Dinge und noch viele andere, meine Herren, welche zu Ihrer Kenntniß zu bringen unnüß iſt, zu meinem großen Bedauern momentan die Vorſtellung verzögert haben. Sind Sie nicht unbarm⸗ herzig, wie ich mir ſo gern einbilde; macht eine gewiſſe —— G———-— el⸗ ri⸗ en, ge⸗ die bſt⸗ ra⸗ ge⸗ ere, gen die rm⸗ iſſe 389 Gemüthsbewegung verurſacht durch dieſe bejammerns⸗ werthe Erzählung Ihre Herzen in der Tiefe Ihrer Bruſt beben, ſo werden Sie leicht dieſen Verzug aus Gründen eines Hintritts vergeben, und Sie werden uns erlauben, ruhig den Lauf unſerer Vorſtellungen wieder aufzunehmen und Ihnen heute Abend, wie es der Zettel ankündigt, zu ſpielen: Zwei ſehr preſſante Briefe. Luſtſpielſkizze in einem Acte, in welchem Phénix Faſiou die Rolle von Gille und Ihr Diener die von Caſſandre geben wird. „Aber, werden Sie mir ſagen,— die Mengen ſind voller unerwarteter Fragen!— aber, werden Sie mir ſagen, wie kommt es einerſeits, daß Fafivu hin⸗ gerafft wird, und daß er andererſeits, und deſſenunge⸗ achtet, die Rolle von Gille gibt? Die Antwort iſt leicht, Mylords und meine Herren, und ich habe an mehreren Höfen Europas Fragen aufgelöſt, die noch viel unauflösbarer, als die, welche Sie an mich zu richten mir die Ehre erweiſen. In der That, Mylords und meine Herren, wenige Worte werden genügen, um Ihnen dieſes Problem zu erklären.— Einige von Ih⸗ nen haben wahrſcheinlich von der ſprüchwörtlichen Ge⸗ fräßigkeit von Fafiou reden hören. Es iſt Niemand von der Geſellſchaft, der ihn nicht auf den Kreuzwegen, je nach der Jahreszeit, gedörrte Pflaumen, Miſpeln, Nüſſe oder Kaſtanien knuſpernd getroffen hat. Der un⸗ glückliche Einfluß, den natürlich dieſes beſtändige Ver⸗ ſchlucken von Leckereien auf den Darmkanal unſeres ar⸗ men Freundes haben mußte, ich will ihn nicht unter⸗ ſuchen, ich erkundige mich bei Niemand darüber, ich will ihn nicht kennen; allein den Einfluß dieſer maßloſen Gefräßigkeit auf meine Speiſekammer, ihn vermöchte ich nicht mit Stillſchweigen zu übergehen; das brauche ich Niemand zu fragen; das kenne ich nur zu gut durch mich ſelbſt. 390 „Da ich nun dachte, es ſei die Stunde gekommen, der verderblichen Gefräßigkeit von Fafiou eine Falle zu ſtellen, ſo überlegte ich mir, auf welche Art dieſe Falle geſtellt werden ſollte. Sie begreifen wohl, man hat nicht den weißen Wein mit den ausgezeichnetſten Diplomaten des Continents getrunken, ohne einen Refler von ihrem ſchlauen Scharfſinn und von ihrer wunder⸗ baren Einbildungskraft bewahrt zu haben. Eine fremde Prinzeſſin, der ich das Leben bei einer Krank⸗ heit, wo ſie von allen Aerzten aufgegeben worden war, zu retten das Glück hatte, ſchickte mir am Ende des vorigen Herbſtes zwei Töpfe mit eingemachten Birnen, Confituren, für welche ich ihr in einem vertraulichen Augenblicke meine Schwäche geſtanden hatte; doch ſo⸗ gleich mich erinnernd, daß genannter Fafiou, der für alle Dinge ſchwärmt, noch mehr als ich für die einge⸗ machten Birnen ſchwärmte, beſchloß ich, die erwähnte Falle der Leichtgläubigkeit dieſes Pitre zu ſtellen, und ich theilte ihm unter dem Siegel der Verſchwiegenheit mit, dieſe zwei Töpfe ſeien mit einem Arſenikmus ge⸗ füllt, das ich ſpeciell für den großen Schach von Perſien, in der Abſicht, die ich Ihnen geſagt, bereitet habe. Fafiou hatte damals noch keine finſtere Pläne gegen ſeine Perſon, und er ſchauderte, als er die Töpfe nur ſah! Da er aber ſeitdem in die Ihnen bekannte Ver⸗ zweiflung gerathen war, ſo dachte er an dieſe zwei Töpfe zuerſt mit einem minder großen Schrecken; ſo⸗ dann, als er ſich völlig an die Selbſtmordgedanken gewöhnt hatte, mit kaltem Blute und ſogar mit Freude. „Sie begreifen nun Alles, Mylords und meine Herren. Da er den höchſten Grad von Verzweiflung erreicht hatte und zu ſterben entſchloſſen war, ſo aß Fafion die zwei Töpfe, von denen jeder ein Pfund Mus enthielt. Die erſten Symptome waren die der Vergiftungz doch, Dank ſei es den raſch wirkenden Mitteln, die ich in ſeiner Lage anwandte, glaube ich Ihnen dafür ſtehen zu können, daß das Leben unſeres Kameraden Phénix — n, lle an en er ne k⸗ 36 es n, en ſo⸗ für ge⸗ nte ind eit ge⸗ en, be. gen ur er⸗ wei ſo⸗ ken ine ing aß und der n, für nix 391 Fafiou nicht gefährdet iſt. Wir werden alſo iß einigen Secunden die Ehre haben, die Vorſtellung zu beginnen. — Vorwärts, Muſik!“ Bei dieſem Aufrufe hörte man aus dem Innern der Baracke die Töne einer Poſaune, einer Clarinette, einer türkiſchen Trommel und einer kleiner Trommel, ähnlich dem Geräuſche, das aus einer Ketzlerwerkſtätte kommt hervordringen. Bei dieſer nachahmenden Harmonie verbeugte ſich Herr Galilée Copernic tief vor dem Publikum, und verſchwand unter dem Beifallklatſchen und dem freudigen Geſchrei der Menge, welche dieſe Erzähl ung ihres viel⸗ geliebten Caſſandre wieder in gute Laune verſetzt hatte; denn es gibt drei veränderliche Dinge, wie der Prediger Salomo ſagt: die Menge, die Weiber und die Wellen. In dem Augenblicke, wo die Muſik wüthete, ver⸗ kündigend, die fo ſehr erſehnte Parade werde ſogleich beginnen, kamen von zwei Seiten des Boulevard, näm⸗ lich in der Richtung der Baſtille und der Porte Saint⸗ Martin, mehrere Perſonen gekleidet in lange braune Mäntel, wie man ſie damals trug, herbei, welche Per⸗ ſonen unter die Menge traten und ſich bald mit ihr vermiſchten. Für einen unaufmerkſamen Vorüberg ehenden konnten dieſe verſchiedenen Perſonen ei nander fremd ſcheinenz für einen verſtändigen Beobachter war es aber augen⸗ ſcheinlich, daß ſich dieſe Mälnner unter irgend einem Titel kannten, denn jeder von. ihnen wechſelte bei ſeiner Ankunft mit denjenigen, welche ſchon da waren, ein unmerkliches Erkennungszeichen. Bald aber drangen ſie, wie geſagt, in die compacte Maſſe ein, ſonderten ſich von einander ab, und ſchienen nur hieher gekommen zu ſein, um der Vorſtellung der Parade beizuwohnen, und Niemand achtete auf die mit dem gewöhnlichen Publi⸗ kum des Herrn Galilée Copernic vermiſchte, heterogene Partei von Zuſchauern. —— ſ ſſſ 8 8 10 11 12 13 14 15 7 6