dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und„eſebedingungen. 1 Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 32. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; für wöchentlich ZBücher: 4 Bücher: 6 Büchér: ——————— auf 1 Mynat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Wonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ver Bicher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. 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Carmelite brachte eine glückliche Nacht zu, eine Nacht, die ſich nur mit jener Frühlingsnacht vergleichen ließ, wo ſie mit Colomban ihren ſchönen Roſenſtock, deſſen Wurzeln zwiſchen den Steinen einer Grabſtätte gewachſen waren, ausgehoben hatte. Er liebte ſie alſo. Dieſes ernſte, ſtarre Weſen, deſſen Geſicht allein dem Mädchen ſo viel Furcht einflößte, hatte die zarten Frömmigkeiten und die kindlichen Schwächen der Liebe! — Nur,— hierin von den anderen Menſchen verſchie⸗ den,— hatte es die Scham ſeiner Zärtlichkeiten und bewahrte in ſich ihr unausſprechliches Geheimniß. Dieſe Offenbarung der Liebe des Bretagners er⸗ quickte das Herz von Carmelite, wie ein reichlicher Re⸗ gen eine vertrocknete Flur erquickt, und ſchon am andern Tage ſah Colomban, ohne die Urſache dieſer Wieder⸗ geburt zu kennen, die alte Heiterkeit von Carmelite wie⸗ der grünen. Ihre Stunden waren fortan ausgefüllt; ſo ſehr ausgefüllt, daß ihr die Tage zu kurz und die Nächte zu lang ſchienen. Ihr Leben ging nicht auf den Zufall hin: es hatte nun einen Zweck. Die Mohicaner von Paris. IM. 1 Von dieſem Angenblicke an quartierte ſich das Glück, — welches in das Haus nur noch, ſo zu ſagen, aus Verſehen und wie ein Fremder fam, der ſich verirrt und, da er weiß, daß er ſich in der Thüre täuſcht, im⸗ mer einen Fuß aufgehoben und zum Fliehen bereit hält,— von dieſem Angenblicke an quartierte ſich das Glück kühn bald im Zimmer von Carmelite, bald im Pavillon von Colombeau, bald zugleich im Pavillon und im Zim⸗ mer ein. Und dieſes doppelte Glück kam doch nicht aus der⸗ ſelben Quelle und offenbarte ſich nicht auf dieſelbe Weiſe⸗ Colombau gewährte es einen unausſprechlichen Reiz⸗ das Mädchen ſtillſchweigend⸗ innerlich, einſam, für ſich zu lieben; er hatte für ſie ein wenig von jener leidenſchaft⸗ lichen Pietät der alten Chriſten für ihr Marienbild; eine Zuneigung, an der viel mehr die Ehrfurcht und das Be⸗ dürfniß, anzubeten, als die Liebe und das Verlangen, zu beſitzen, Theil hatten, oder an der zugleich Liebe und Anbetung Theil hatten. Sein ganzes Glück beſtand darin, daß er ſich in ſein Zimmer einſchloß, denn vor ihr zitterte er;— ſich mit der Hand auf den Augen ſammelte, ſich von der ganzen Welt abſonderte, und von den Höhen ſeiner Sammlung, wie vom Gipfel eines Berges herab, unter ſeinen Augen, wie mit Blumen bunt geſprenkelte Wieſen, wie Ebenen mit reichen Ernten, tauſend unausſprechliche Glückſeligkeiten ſich entrollen ſah. Doch mitten unter dieſer Frende, unter dieſem Glücke, unter dieſer Anbetung hatte der Schmerz, wir möchten beinahe ſagen, der Gewiſſensbiß ſeinen Zehnten; zwanzig⸗ mal weckte das Gewiſſen von Colombau dieſen durch einen ſcharfen Schmerz im Herzen auf: das war der Biß des inneren Vorwurfs. Der klagende Schatten des verrathenen Cammille trat aus der Abweſenheit hervor, wie ein Geſpenſt aus dem Grabe hervortritt, und richtete ſich vor ſeinem Bette ——— —.— c— ——.—, ——„— e zu ind in ſich der ner nter ſen, iche ücke, hten tzig⸗ inen des mille aus Bette 3 hoch auf: da war Colombau nahe daran, aufzuſtehen und ſich Carmelite zu Füßen zu werfen, um ihr ſeine Liebe zu geſtehen, nicht als das Bekenntniß einer Frende, ſondern als die Beichte eines Verbrechens. Zwanzigmal war Carmelite ihrerſeits,— jedoch ohne Gewiſſensbiſſe,— zwanzigmal war Carmelite, ſicher, geliebt zu ſein, über die Schwelle ihres Zimmers mit dem feſten Entſchluſſe getreten, zu Colombau zu gehen und ihm zu ſagen:„Du liebſt mich, Colombau!..„Ich, ich liebe Dich auch!“ Wären ſie Beide in einem dieſer Augenblicke zuſam⸗ mengetroffen, ſo würde ſicherlich das Geheimniß ihres Herzeus auf ihren Lippeu zum Ausbruche gekommen ſein. Doch jedes machte einen Theil des Weges, und kehrte dann, durch die Scham rückwärts gezogen, wieder um. Mit einem Worte, dem ähnlich, was man in der Geometrie die aſymptotiſchen Linien nennt,— von denen wir den Titel dieſes Kapitels entlehnt haben,— Linien, die ſich immer nähern, ewig ſich zur Seite gehen und, obgleich ins Unendliche verlängert, nie zuſammenlaufen, — gingen ſich ihre Seelen, ganz brennend vor Liebe, ewig zur Seite, ohne je zuſammenzutreffen. Und dennoch ſollte dieſe im Herzen verhaltene Liebe, welche jeden Tag, jede Stunde, jeden Augenblick zunahm, bald überſtrömen. Eines Morgens, nach einer in fieberhaſter Aufre⸗ gung zugebrachten Nacht, ſah Carmelite Colomban, der ſie am Tage vorher erſt um Mitternacht verlaſſen hatte, bleicher aber lächelnder als gewöhnlich bei ſich eintreten. Sie begriff, daß diesmal endlich der Bretagner ſeine Bedenklichkeiten überwunden hatte, daß ſein Entſchluß gefaßt war, und daß er zu ihr kam, um ihr Alles zu ſagen. Sie ſtand freudig auf, ging ihm entgegen und zog ihn zu ſich auf das Canapé. Doch im Rahmen der offen gebliebenen Thüre er⸗ blickte ſie die Silhouette der Gärtnerin, die einen Brief in der Hand hielt. „Mademoiſelle,“ ſagte Nanette,„es iſt ein Brief von Herrn Camille.“ Carmelite ſtieß einen ſcharfen Schrei aus und fuhr mit der Hand nach ihrem Herzen. Colombau warf ſeinen erbleichenden Kopf zurück. Die Gärtnerin, da ſie ſah, daß ihr weder das eine, noch das andere von den jungen Leuten antwortete, legte den Brief auf den Schooß von Carmelite. Carmelite kam zuerſt zu ſich; ſie war, wenn nicht die Stärkere, doch wenigſtens die Eniſchloſſenere. Alle Initiativen kamen von ihr. Sie ſeufzte, ſchüttelte den Kopf, entſiegelte den Brief und las ihn: dann, ohne ein anderes Wort auszuſprechen als:„Leſen Sie!“ reichte ſie, die Augen auf das Geſicht des jungen Mannes geheftet, den Brief Colombau. Man hätte glauben ſollen, Colombau könne nicht mehr erbleichen, und dennoch hatte ſeine Bläſſe zuge⸗ nommen. Ein erſtes Mal las er leiſe, folgende Zeilen: „Liebe Carmelite, „Endlich habe ich die Einwilligung meines Vaters, meiner Tanten und meiner ganzen Familie erhalten, und am 7. des nächſten Monats werde ich in Paris ſein. „Camille.“ ein zweites Mal laut Nie war ein Gerichteter, der ſelbſt ſein Todesurtheil las, ſo entſtellt und ſo zitternd, als der Bretagner, da er zum zweiten Male laut den Brief ſeines Freundes las. Mit dem Ellbogen auf die Rücklehne des Canapé geſtützt, ſchaute ihn Carmelite tief, glühend, erwartend⸗ daß er die Angen aufſchlage, an⸗ aut ers, und theil las. naps tend⸗ 5 Doch ſtatt ſich zu erheben, ſchloßen ſich die Angen des jungen Mannes, und zwiſchen ſeinen vereinigten Wimpern floßen zwei Thränen durch. „Was haben Sie?“ fragte ihn Carmelite mit ihrer harmoniſchſten Stimme,„und warum verſetzt Sie die Rückkehr Ihres Freundes in eine ſolche Beſtürzung?“ „Ah! Carmelite! Carmelite!“ rief der Bretagner, „fragen Sie mich das nicht!“ „Colombau,“ fuhr ſie fort,„warum ſind Sie ſo bleich, und warum weinen Sie?“ „Weil ich ſterbe, Carmelite!“ rief der junge Mann, ſeine Weſte mit voller Hand zerreißend, als ob er erſtickte. „Und Sie ſterben, Colombau,“ ſprach unbarmher⸗ zig das junge Mädchen,„weil Sie mich lieben, nicht wahr? „Ich!“ rief Colomban, indem er die Augen erſchro⸗ cken wieder öffnete;„ich! ich liebe Sie?... „Ja,“ antwortete Carmelite einfach.„Warum nicht? Ich liebe Sie wohl!“ „Schweigen Sie! ſchweigen Sie, Carmelite!“ „Oh!“ erwiederte das Mädchen,„ich ſchweige lange genng, und Sie auch! Lange genug nähren wir mit un⸗ ſerem Herzen dieſe Schlange, die es verzehrt.“ „Carmelite!“ rief Colombeau,„ich bin ein Elender!“ „Nein, Colombau, Sie ſind ein großes Herz, lange Zeit ſiegreich, doch unbeſiegt.“ „Oh! Carmelite! Carmelite!“ ſtammelte Colombau, „werden Sie mir verzeihen?“ „Und was hätte ich Ihnen denn zu verzeihen, da ich Sie liebe, da ich Sie immer geliebt habe?“ „Stille, Carmelite!“ unterbrach Colombau;„Sie hatten es ſchon geſagt, und ich hatte die Stärke gehabt, Sie nicht zu hören.“ „Wohl!“ ſprach Carmelite mit einer Art von Wuth, „ſo wiederhole ich Ihnen: ich liebe Sie, Colombau! ich liebe Sie! ich liebe Sie!“ „Carmelite! Carmelite! ich höre Sie, und Ihr Hauch verſengt mich, und Ihre Worte verzehren mich!“ Er entriß ſich durch eine Anſtrengung dieſer Zauber⸗ macht, entfernte ſich ganz wankend von Carmelite und rief: „Meine Schweſter! meine Schweſter! unſere Schuld iſt gleich! bitten wir Gott, daß wir ſie ſühnen, um die⸗ ſelbe Stärke und dieſelbe Reſignation.“ „Was nennen Sie Reſignation, mein Freund?“ „Sie verſtehen mich wohl, Carmelite!“ „Nein, bei meiner Seele, ich verſtehe Sie nicht. Wollen Sie zufällig damit ſagen, ich werde Camille heiratben?“ „Es muß wohl ſein.“ „Daß ich Camille heirathe, mit Ihrer Liebe im Her⸗ zen, und Ihre Liebe kennend?“ 8 „Es muß ſein! es muß ſein!“ rief Colombau mit dem Ausdrucke der Verzweiflung. „Und warum muß es ſein? Sagen Sie, Colombau, vor wem bin ich denn verantwottlich für meine Liebe in dieſer Welt? Ich bin, Gott ſei Dank! allein und folg⸗ lich einziger Richter und oberſter Schätzer meines Be⸗ nehmens. „Sie irren ſich, Carmelite: die Geſellſchaſt iſt der Schätzer Ihres Benehmens, und Gott iſt Ihr oberſter Richter.“ „Und wie kann die Geſellſchaft,— ich möchte wohl, daß Sie mir das erklären würden, Colombau,— wie kann die Geſellſchaft mich zwingen, das Unglück von zwei Menſchen und das meine zu machen, indem ich den⸗ jenigen, welchen ich nicht liebe, zum Nochtheile deſſen, welchen ich liebe, heirathe? Wie kann mir Gott als eine Pflicht eine Handlung auferlegen, welche nicht nur meinem Herzen, ſondern ſogar meinem Gewiſſen wider⸗ ſtrebt? Habe ich die Geſetze der Geſellſchaft zu Rathe gezogen, als ich fehlte? Als ich am Rande des Ab⸗ grundes, in deſſen Tiefe Camille und der Schmerz mit au, in olg⸗ Be⸗ der rſter ohl, wie von den⸗ ſſen, als tnur ider⸗ Rathe Ab⸗ hmerz 7 mich erwarteten, hingleitend die Arme gegen Gott aus⸗ ſtreckte und ihn zu Hülfe rief, hat mich da Gott zurück⸗ gehalten?“ „Sie läſtern Gott, Carmelite!“ „Ich läſtere Gott nicht, Colombau: ich liebe Sie!“ „Carmelite! halten wir nicht unſere Begierden und unſere Inſtincte für Rechte und für Pflichten. Sehen Sie, ſehen Sie, wohin Sie das geführt hat!“ „Ein Vorwurf, Colomban?“ „Oh!“ rief der junge Mann, indem er ihr zu Füßen ſtürzte,„Gott ſtrafe mich, wenn ich dieſen Gedanken ge⸗ habt habe! Für mich, Carmelite, haben Sie in ſich alle Leidenſchaften des Weibes, doch Sie ſind rein wie Eva am Tage ihrer Schöpfung.“ „Colombau! Colombau!“ ſagte Carmelite, während ſie auf ihr Canapé zurückſank und ihre beiden Hände auf den Kopf des jungen Mannes legte,„ich laſſe meine Rechte und meine Pflichten beiſeit und ziehe nur mein Herz zu Rathe... Wenig liegt mir daran, daß ich vor Gott und den Menſchen verantwortlich ſein ſoll: ich weiß, was ich Gott und den Menſchen zu antworten habe, bin ich nur vor Ihnen rechtfertigbar.“ „Und ich,“ verſetzte der junge Mann halb beſiegt, „denken Sie, ich willige je ein, den Eid zu vergeſſen, den ich Camille geſchworen habe? Und hätte ich dieſen Eid nicht geſchworen, denken Sie, ich würde Camille verrathen? Oh! darum ſage ich, wir müſſen Gott um die Stärke und um die Reſignation bitten!“ „Nie! nie!“ rief das Mädchen mit einer unbändigen Heftigkeit. „Carmelite! Carmelite!“ „Wie ſoll ich Gott bitten,“ fuhr ſie fort, mir,— indem er mir meine Liebe nimmt, um an ihre Stelle die Reſignation, dieſe träge, unfruchtbare Tugend, zu ſetzen, — wie ſoll ich Gott bitten, mir das Element, das Princip meines Lebens zu nehmen?.. Sie wiſſen alſo nicht, daß ich ohne Sie, ohne Ihre Gegenwart, ohne Ihre Liebe ſchon todt oder in irgend einem Kloſter lebendig begraben wäre? Ah! ich hatte den Plan hiezu am Tage der Abreiſe von Camille gefaßt, indem ich dem Winde und dem Kothe die Blüthen unſeres armen Roſen⸗ ſtockes zuwarf, und Dank ſei es Ihrer Gegenwart, ſei es der Liebe für das Leben, die Sie mir wiedergegeben, daß ich auf dieſes Vorhaben verzichtet habe.. Und ich ſoll vergeſſen, daß Sie es ſind, Colombau, der mich gerettet hat? „Oh! darum, Carmelite, wollen Sie mich mit Ihnen ins Verderben ſtürzen?“ „Heißt es, ſich ins Verderben ſtürzen, heißt es lei⸗ den, heißt es ſterben, mit einander ſterben, leiden, ſich ins Verderben ſtürzen?“ „Carmelite, um des Himmels willen!“ „Colombau, bedenken Sie doch, daß ich Sie in dieſer Welt nur vergeſſen werde, um in der andern an Sie zu denken!“ „Was dann thun? was thun?“ „Ah! Sie werden endlich vernünftig!“ verſetzte Carmelite mit einem ſcharfen Gelächter, bei dem ein Schauer die Adern von Colombau durchlief.„Was thun? Das iſt es! Oh! ich habe ſeit langer Zeit an das gedacht, was uns zu thun bleibe.“ „Nun ſo ſprechen Sie! ſprechen Sie!“ rief Colom⸗ van, der immer noch auf den Knieen lag und ſeinen Kopf zwiſchen ſeine Hände nahm, als hätte er wahn⸗ ſinnig zu werden befürchtet. „Es laſſen ſich nur zwei Entſchlüſſe faſſen, Co⸗ lombau.“ „Welche?“ „Dieſes Haus verlaſſen, fliehen⸗ in der Fremde, am Ende der Welt, in einer Einöde Indiens, auf einer Inſel Oceaniens,— vergeſſend, vergeſſen,— leben.“ — c —— —0— — S i⸗ ch tzte ein as das m⸗ nen hn⸗ Co⸗ am iner 9 „Und der andere Enutſchluß?“ fragte Colomban, hiedurch andeutend, daß er den erſten verwarf. „Der andere,“ antwortete Carmelite feſt, andere iſt, zu ſterben, Colomban.“ „Oh!“ machte der Bretagner, das Haupt bis zu ihrem Schooße neigend. „Da wir uns im Leben nicht verbinden können,“ fuhr Carmelite fort,„ſo vereinigen wir uns wenigſtens im Tode“ „Sie beleidigen Gott, Carmelite!“ „Ich glanbe nicht... Doch in jedem Falle, Co⸗ lombau, will ich lieber mit Ihnen die Ewigkeit hindurch leiden, als mit ihm die Zeit hindurch vereinigt ſein.“ „Unmöglich, Carmelite! unmöglich!“ „Das iſt gut, der Starke iſt ſchwach... Es iſt alſo am Schwachen, die Stärke für Beide zu haben.“ Colombau erhob das Haupt. „Da ich nicht Ihnen gehören kann, weil Sie mich zurückweiſen, Colombau,“ ſprach Carmelite mit einer Geberde von erhabener Größe,„da ich nicht ihm gehö⸗ ren kann, weil ich ihn ausſchlage, ſo trete ich ſchon mor⸗ gen in ein Kloſter ein... Mein Gott! nimm mich auf: ich gebe mich Dir!“ „Oh! Carmelite! Carmelite! wie ſchwach bin ich gegen Sie!“ „Sie, mein Freund, Sie ſind der Engel der Selbſt⸗ verleugnung, der Güte und der Pflicht!“ „Nein, nein, ich liebe Sie wie ein Wahnſinni⸗ ger! ich liebe Sie wie ein Raſender! Alles, was Sie wollen, Carmelite, Alles, Alles werde ich thun.“ Carmelite lächelte traurig; ihr Triumph war voll⸗ ſtändig: niedergeworfen, gebeugt, gebrochen zu ihren Füßen, hatte ihr Colombau geſagt:„Ich liebe Sie!“ „Der Entſchluß iſt ein änßerſter,“ erwiederte das Mädchen;„es iſt auch der Mühe werth, daß Sie dar⸗ über nachdenken, Colombau. Ich ſpreche wie eine Crea⸗ der „ 10 tur ohne Namen, vereinzelt, verloren in der Welt, zum Grabe hingezogen durch ihren Vater und ihre Mutter, die ihr dahin vorangegangen ſind; Sie ſind der Letzte einer edlen Familie; Sie, Sie haben einen großen Na⸗ men; Sie, Sie haben einen Vater, der Sie anbetet... Denken Sie an Ibren Vater!.. Morgen werden Sie mir das Reſultat Ihrer Ueberlegung ſagen.“ „Morgen alſo, Carmelite!“ „Morgen, Colombau!“ Hiernach verließen ſich die zwei jungen Leute, einen herzlichen, geſchwiſterlichen Händedruck wechſelnd. LV. Der Entſchluß. Die von uns ſo eben erzählte Scene war am Tage vor Faſtnacht vorgefallen. Der folgende Tag kam mit der monotonen Regel⸗ mäßigkeit, mit der die, frendigen oder traurigen, Stunden zu Werke gehen, um zweimal die Runde auf dem Ziffer⸗ blatt einer Pendeluhr zu machen. Es war ein nebeliger, düſterer Tag, eher ein Todten⸗ feſt⸗ als ein Faſtnachtwetter; wir haben das Ende da⸗ von im erſten Kapitel dieſes Buches geſehen, als wir, in den Straßen von Paris umherſchweifend, Jean Ro⸗ bert, Ludovic und Petrus trafen: ſehen wir nun den Anfang. Der Regen ſiel fein und durchdringend; die Luft war eiſig; der Himmel grau; das Pflaſter ſchwarz. Es war einer von jenen Winfertagen, wo man überall ſchlecht ———— S— 8— r, te „ en 11 iſt, vor einem Klavier, vor einem Buche, der Dichter ſeinem weißen Papier, der Maler ſeinem unvollendeten Bilde gegenüber; einer von den Tagen, wo man allein traurig und zu Zwei noch viel trauriger iſt; wo es ſcheint, der Geiſt ſei durchgefroren wie der Körper, an welchen Ort ſeines Cabinets man auch fliehen, in wel⸗ chem Winkel ſeines geliebten Zimmers man ſich auch ver⸗ bergen mag; einer von den Tagen, wo man trübſelig und leidend iſt, als ob die Winde des Kirchhofes durch die Dielen der verriegelten Thüre und die Spalten der geſchloſſenen Fenſter zögenz einer von den Tagen, wo man ſchnattert, ohne zu wiſſen, warum, trotz des Feuers im Kamine, trotz der dichten Thürvorhänge; wo die Feuch⸗ tigkeit, dieſer Alp des Tages, eindringt und einen am Halſe packt; wo man ſich, unfähig zum Widerſtande, wie im Schlafe, den ſchädlichen Einflüſſen der Atmoſphäre überläßt; einer von den Tagen endlich, wo man ſich unmächtig fühlt, ein Mißbehagen abzuſchütteln, das minder gefährlich, aber angreifender als eine Krankheit, und deſſen Ende man erwartet, ohne etwus zu thun, um entgegenzuwirken, denn man hat die Unwirkſamkeit jedes Mittels erkannt. Ein ſolcher Tag war es alſo, der, am Morgen der Faſtnacht, im Jahre 1827, die zwei jungen Leute im Pa⸗ villon von Colombau vereinigte. Ein großes Rebholzfeuer kniſterte im Kamine; doch ſo viel Heiterkeit das Feuer an den Winterabeuden gibt, eben ſo viel Melancholle gibt es, hat man am Morgen die Sonne, und wäre es auch nur einen Augenblick, ſtrahlen ſehen; das Feuer erſcheint dann als eine ver⸗ fehlte Copie, als eine lächerliche Nachahmung der Sonne; ſingt nicht mehr, es glänzt nicht mehr; es erwärmt aum. Sie ſaßen Beide vor dem Kamine, traurig, ſchweig⸗ ſam, nachdenkend, träumeriſch, von Zeit zu Zeit ein paar 12 kurze Worte wechſelnd, wie ſie zwei Verurtheilte, welche den Henker erwarten, wechſeln könnten. Carmelite nahm endlich die Frage in Angriff und ſagte: „Morgen kommt er au.“ „Morgen,“ wiederholte Colombau. „Und wir haben noch keinen beſtimmten Entſchluß gefaßt, mein Freund,“ ſprach Carmelite. „Doch,“ verſetzte Colomban, nachdem er einen Au⸗ genblick geſchwiegen,„ich habe den meinen gefaßt.“ „Dann ich auch,“ erwiederte das Mädchen, dem Bretagner die Hand reichend. „Ich werde ſterben!“ ſprach Colombau. „Ich werde ſterben!“ ſprach Carmelite. Colombau erbleichte. „Das iſt feſt beſchloſſen, Carmelite?“ fragte er mit zitternder Stimme. „Es iſt feſt beſchloſſen, Colombau,“ antwortete Car⸗ melite mit einer ſichern Stimme. „Sie werden ohne Bedauern ſterben?“ „Mit Freude, mit Glück, mit Entzücken.“ „Dann vergebe uns Gott!“ ſagr⸗ Colombau. „Gott hat uns ſchon vergeben,“ erwiederte das Mädchen, einen Blick voll Vertrauen zum Himmel auf⸗ ſchlagend. „Es iſt gut, trennen wir uns zum letzten Male, ehe wir uns auf immer vereinigen, und ſammeln wir uns, ehe wir ſterben.“ „Sie haben Abſchied zu nehmen, mein Freund.“ „Ich habe einen Brief an meinen Vater, einen an Dominique zu ſchreiben.“ „Und ich an meine drei Freundinnen von der Pen⸗ ſion, an meine Schweſtern von Saint⸗Denis.“ Die zwei jungen Leute drückten ſich die Hände und zogen ſich zurück, Carmelite in ihr Zimmer, Colombau in ſeinen Pavillon. det das uf⸗ ale, wir tan Pen⸗ und nbau 13 Colombau ſchrieb folgenden Brief an ſeinen Vater, den alten Grafen Edmund von Penhoöl: „Mein theurer und geehrter Vater, „Verzeihen Sie den Schmerz, den ich Ihnen ver⸗ urſachen werde. „Obgleich mein Entſchluß feſt gefaßt iſt, obgleich mich nichts in der Welt davon abbringen kann,— nicht einmal Ihre Liebe für mich, nicht einmal meine Dank⸗ barkeit für Sie,— zögere ich doch, und ich ſammle Kräfte, um die folgenden Zeilen zu ſchreiben. „Mein geliebter Vater, mein verehrter, mein theurer Vater, verzeihen Sie mir, verzeihen Sie mir! „Ich verzichte auf das Leben, das Sie mir ge⸗ geben. „Sie haben mich ſeit meiner Kindheit gelehrt, o mein verehrter Vater! ich ſoll mich vor Allem um die Verachtung der Menſchen bekümmern: ich flüchte mich in den Tod ans Furcht vor dieſer Verachtung. „Wenu Sie dieſen Brief empfangen, mein lieber Vater, hat Ihr Sohn zu ſein aufgehört, weil er, nach Ihren Rathſchlägen, lieber auf das Leben verzichten, als die Erfüllung ſeiner Pflicht verletzen will. „Ich habe nicht gefehlt, mein edler Vater! befürch⸗ ten Sie das nicht einen Augenblick; hätte ich gefehlt, ſo würde ich, ſtatt feig die Welt zu fliehen, meine Schuld dadurch, daß ich ſie öffentlich dem Angeſichte Aller bloß⸗ geſtellt, gebüßt haben. „Ich habe widerſtanden, geſtritten, gekämpft; denn ich hatte Ihre Verzweiflung vor Augen. „Ich ſollte beſiegt werden: ich habe es vorgezogen, zu ſterben. „Erinnern Sie ſich, mein Vater, unſerer Spazier⸗ gänge an der Küſte des wilden Meeres? Eines Tages hatte eine wüthende Fluth einen rieſigen Felſen entzwei geſchnitten, der ſeit dem Tage, wo die Erde aus den 14 Händen Gottes hervorgegangen, aufrecht und unerſchüt⸗ terlich geſtanden war; im Angeſichte dieſes gebrochenen⸗ br entwurzelten, beſiegten Felſens erzählten Sie mir die Ge⸗ tet ſchichte der Kataklysmen und der Erdrevolutionen, indem ur Sie mir den Granitblock zeigten, der, von ſeiner Baſis es gelöſt, unter den Anſtrengungen der Woge hinrollte, als da ob der Granit Pantoffelholz geworden wäre. Sie er⸗ klärten mir dieſen großen Kampf der Weſen und der Dinge; Sie machten mir begreiflich, die Titanen von He⸗ ſiod, die Furien und die Rieſen der Theogonie ſeien nichts Anderes als erloſchene Vulcane, und Sie ſagten S mir, ich ſoll mich neigen vor dieſem unabläßigen Kampfe der Kräfte der Natur. „Ich neige mich, mein Vater: der Orkan der Lei⸗ R denſchaften hat meine Kräfte gebrochen; die Fluth der menſchlichen Schmerzen hat meine Seele zugedeckt und ſie ausgelöſcht. ſc „Ich beuge das Haupt, und ich ſterbe. „Frinnern Sie ſich auch, o mein vielgeliebter Va⸗ ter! jener Worte der Nachfolge, die wir mit einander an unſeren Winterabenden laſen?... O ſüße Abende meiner Jugend, Stunden meiner Kindheit, in unſerem m alten Thurme verlaufen, wo ſeid ihr? „„Benehmet euch auf der Erde wie ein Rei⸗ ſender und ein Fremder, der an den Angele⸗ genheiten dieſer Welt keinen Theil hat.““ Le „So ſagte die heilige Nachfolge. ch „Nun wohl, mein verehrter Vater, wie ein Reiſen⸗ G der bin ich dreißig Jahre lang unter den Fremden um⸗ hergeirrt, und, eher als daß ich an den Angelegenheiten S dieſer Welt Theil nehme, verlaſſe ich das irdiſche Land de ohne Bedauern und gehe, um Sie im Himmel zu er⸗„ se warten. „Ich ſterbe mit ruhigem Gewiſſen, und ich möchte bei⸗ de nahe ſagen mit freudigem Herzen, mein Vater, wäre meine de ſelbſtſüchtige Frende nicht eine Beleidigung Ihrer Liebe. u ⸗ i e⸗ m is ls r⸗ er en en ſe ei⸗ der und Ba⸗ der nde rem ei⸗ le⸗ ſeu⸗ um⸗ iten and ker⸗ bei⸗ teine be. „ 15 „Auf beiden Knieen, mit gefalteten Händen, mit ge⸗ brochenem Herzen flehe ich Sie an, mein verehrter Va⸗ ter! verzeiben Sie mir den Kummer, den ich Ihnen ver⸗ urſache, indem Sie bedenken, Sie, der Sie mich lieben, es ſei für mich ein ſo großes Unglück geweſen, zu leben, daß es ein großes Glück iſt, zu ſterben! „Ihr undankbarer Sohn „Colombau von Peuhosl.“ Einige Thränen, ſo groß wie Regentropfen eines Sturmes, befleckten die letzte Seite dieſes Briefes, der mit einer ſchwachen Hand und mit der großen Schrift geſchrieben wax, welche beinahe immer die der ritterlichen Racen iſt. Dann ſchrieb Colombau ſogleich, ohne dieſen Brief zu verſiegeln, den er nur mit der Hand auf die Seite ſchob, einen zweiten an Dominique Sarranti. Er war alſo abgefaßt: „Mein Bruder, „Ich bin im Bigriffe, zu ſterben! An Sie wende ich mich als Freund, an Sie wende ich mich als Prieſter. „Ich bedarf zugleich des Prieſters und des Freundes. „Zum Prieſter werde ich ſagen: „Mein Bruder, ſprechen Sie nicht über meinem Leibe die grauſame Blasphemie aus, derjenige, wel⸗ cher ſterben wolle, liebe Niemand; ich ſterbe im Gegentheile, weil ich zu ſehr geliebt habe. Ich habe vor den Angen ein Buch, wo der Selbſtmord verflucht wird; es iſt darin geſagt, unter den Thieren ſei keines, das ſich ſeine eigenen Eingeweide zerreiße und ſich freiwillig des Lebens beraube. „Ja, allerdings, ja, die Thiere gehorchen blindlings dem Schöpfer; der Menſch allein empört ſich gegen ihn; doch Gott hat dem Thiere nur den Inſtinct gegeben, und er hat dem Menſchen die Leidenſchaften gegeben: 16 darin liegt das ganze Geheimniß vom Ungehorſam des Menſchen und vom Gehorſam der Thiere. „Und ſogar, ſagen Sie, mein Bruder, heißt es ſich gegen Gott empören, eigenwillig zu ihm vorwärts zu gehen? wäre die wahre Empörung von meiner Seite nicht, zu leben, um das Leben und vielleicht denjenigen, welcher es mir gegeben, zu verfluchen? Nein, indem ich auf das Licht des Tages verzichte, komme ich nur den Beſchlüſſen der Natur zuvor: das Daſein und der Tod ſind zwei von ihren Geſetzen; ein einziger Weg führt zum Leben; tauſend ſind gegen das Grab geöffnet und treiben uns zur Ewigkeit hin. O mein Gott! ich weiß, ich kann Dich nicht meines Unglückes beſchuldigen; doch ich klage meine Leidenſchaften an, welche von Dir her⸗ tommen, da ich ſie mit dem Leben an dem Tage em⸗ pfangen habe, wo meine Seele Deinen Händen entſchlüpft iſt, um auf die Erde hinabzuſteigen und das Kind zu beleben, das ſo eben geboren worden; ſie hätten mich nicht niederſchlagen können, würdeſt Du ihnen nicht die Macht dazu gegeben haben; indem ich mich alſo unter ihren Händen beuge, beuge ich mich unter Deiner Rech⸗ ten! Du haſt überdies die Dauer des Alters der Men⸗ ſchen nicht beſtimmt, alle ſollen geboren werden, leben und ſterben: das ſind Deine Geſetze; was liegt Dir an der Zeit und der Art? „Mein Tod, v Natur! ewig Verzehrende und Frucht⸗ bare! wird dir nichts von dem entziehen, was du mir gegeben haſt: mein Leib, dieſer unendlich kleine Theil des großen Ganzen, wird ſich immer mit dir unter einer andern Form wiedervereinigen; meine Seele wird ent⸗ weder mit mir ſterben und ſich in der ungeheuren Maſſe der Dinge modificiren, oder ſie wird unſterblich ſein, und ihre göttliche Weſenheit wird in dieſem Falle unverſehrt bleiben. Lange Zeit dem Glauben unterthan, läßt ſich meine Vernunft nicht mehr durch Sophismen verfübren; ich höre die Stimme Gottes ſelbſt, die mir ſagt:„„Menſch⸗ ich all; zu unk die ſoll den kei gel ſeit not ban nic not ich Ho vo! wo mi üb mi all ge zu bit eit iſt 8 ch zu te n, ch en od rt ud iß, och er⸗ m⸗ pft zu lich die ter ech⸗ en⸗ ben an cht⸗ mir heil ner ent⸗ aſſe und ehrt ſich ren; nſch⸗ 17 ich habe Dich geſchaffen, damit Du durch Dein Glück zum allgemeinen Glücke beitrageſt; und damit Du ſicher hie⸗ zu gelangen könneſt, habe ich Dir die Liebe zum Leben und das Grauen vor dem Tode gegeben; überſteigt aber die Summe der Leiden in Dir die der Glückſeligkeit, ſollten Dich die Wege, die ich Dir geöffnet habe, um den Uebeln zu entfliehen, im Gegentheile nur zu neuen Schmerzen führen, was verbindet Dich zur Dankbar⸗ keit, da das Leben, das ich Dir als eine Woblthat gegeben, für Dich eine Quelle der Mißgeſchicke geworden ſein wird?““ „Wahnſinniger! welche Anmaßung! ich glaube mich nothwendig für die Welt! Meine Jahre ſind ein unmerk⸗ bares Atom im unendlichen Raume der Zeiten; ich weiß nicht, warum, noch wie ich auf die Welt gekommen bin, noch was die Welt iſt, noch was ich ſelbſt bin; und gehe ich aufs Gerathewohl nach einem der vier Punkte des Horizonts, um es zu erfahren, ſo komme ich verwirrt von einer immer gräßlicheren Unwiſſenheit zurück! Ich weiß nicht, was mein Leib iſt, was meine Sinne ſind, was meine Seele iſt; ich weiß nicht, welcher Theil von mir das, was ich ſchreibe, denkt, und über Alles und über mich nachſinnt, ohne je dahin gelangen zu können, daß er ſich ſelbſt kennen lernt; ich verſuche es endlich⸗ mit dem Geiſte die ungeheuren Ausdehnungen des Welt⸗ alls, das mich umgibt, zu ermeſſen; ich finde mich wie gefeſſelt an den Winkel eines unbegreiflichen Raumes, ohne zu wiſſen, warum ich mehr hier, als anderswo gefeſſelt bin, und warum der kurze Augenblick meines Daſeins, ein raſcher Blitz zwiſchen zwei Nächten, eher dieſer Stunde der Ewigkeit gehört, als der, welche ihr vorangegangen iſt, oder der, welche ihr folgen ſoll. Auf allen Seiten ſehe ich nur das Unendliche, das mich wie ein Atom abſorbirt. „Und während in den acht letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts, während in den fünfzehn erſten Jahren Die Mohicaner von Paris. III. 2 18 dieſes Jahrhunderts vier Millionen Menſchen geſtorben ſind,— geopfert ein paar Ruthen Landes, Gränzen ge⸗ nannt, und dem Rufe eines Mannes, den man einen Eroberer nennt,— ſollte ich mich fürchten, mir ſelbſt und der Frau, für die und mit der ich ſterbe, die paar Tage zu weihen, die mir bleiben? Das wäre, Sie müſſen es zugeſtehen, mein Bruder, unſinnig, albern, unlogiſch, in der phyſiſchen Ordnung, wie in der moraliſchen Ordnung. „Dies für den Prieſter, Denker und Philoſophen; für den Prieſter, der, da er weiß, was ich gelitten, für mich zu Gott ſeine reinen Hände und ſeinen von jeder Leidenſchaft freien Geiſt erheben wird; für den Prieſter, der, ſo wenig chriſtlich unſer Tod auch iſt, nicht erlauben wird, daß unſere zwei Leiber ohne ein Gebet oder wenig⸗ ſtens ohne ein Gottbefohlen ins Grab ſinken. „Nun für den Freund: „Guter Dominique, theurer Freund meines Herzens, morgen früh, ſobald Du dieſen Brief empfangen haſt, wirſt Du nach dem Bas Meudon abgehen; Du kennſt das Haus, das ich bewohne: Du wirſt eintreten und auf demſelben Bette liegend die Leichname von einem jungen Manne und einem Mädchen finden, welche ge⸗ ſterben ſind, damit ſie weder vor den Menſchen, noch vor Gott über ſich ſelbſt zu erröthen haben. „Theurer Freund, Dir allein vertraue ich die letzte Sorge für unſere Beerdigung. „Wir konnten nicht mit einander in dieſer Welt leben“ wir konuten weder daſſelbe Leben leben, noch auf demſelben Lager ſchlafen; wir wünſchen wenigſtens in demſelben Sarge in der Ewigkeit zu ruhen. „Lieber Dominique, Du wirſt alſo einen Sarg ma⸗ chen laſſen, der groß genug, daß man uns neben ein⸗ ander dareinlegen kann; Du wirſt die letzten Blumen von dem Roſenſtocke pflücken, den Du in unſerem Zimmer findeſt, und Du wirſt ſie auf uns entblättern; dann wird zwe ter Bri rben ge⸗ einen tund Tage nes h, in ung. hen; „für jeder eſter, uben enig⸗ zens, haſt, kennſt und einem e e⸗ h vor letzte Welt h auf us in ma⸗ u ein⸗ lumen immer nwird 19 Alles geſchehen ſein, und wir werden nur noch Deiner Gebete bedürfen. „Doch es wird ein Mann bleiben, der Deiner ſehr bedarf, theurer Freund meines Herzens: das iſt mein Vater. „Sobald ſeinem Sohne die letzte Pflicht erwieſen iſt, wirſt Du nach der Bretagne abreiſen; nicht wahr, nichts wird Dich in Paris zurückhalten? Du wirſt ihn in Thränen finden; Du wirſt es nicht verſuchen, ihn zu tröſten: Du wirſt mit ihm weinen. „Lebe wohl, theurer Freund! worgen zu gieicher Stunde werden die Menſchen, deren Meinung ich mich opfere, weder für, noch gegen mich mehr etwas vermö⸗ gen: Carmelite und ich, wir werden zu den Füßen des Herrn liegen. „Dein Freund,... mehr als Dein Freund, Dein Bruder „Colombau von Penhosl.“ Dann verſiegelte er beide Briefe und ſchrieb die zwei Adreſſen; nur fügte er auf dem an ſeinen Va⸗ ter bei: „Auf die Poſt zu tragen.“ Auf dem an Dominique Sarranti: „Morgen früh vor ſieben Uhr überbringen zu laſſen.“ LVI. Die Nachtigallenbrut. Während dieſer Zeit ſchrieb Carmelite folgenden Brief an ihre drei Freundinnen von Saint⸗Denis: 20 An Regina, an Lydia, an Fragola. „Gott befohlen, meine Schweſtern! „Wir hatten uns in Saint⸗Denis geſchworen, wie verſchieden auch unſere Lage in der Welt ſein möchte, unſer ganzes Leben hindurch, wie dies unſere Gewohn⸗ heit in der Penſion war, uus zu lieben, uns zu ver⸗ theidigen und uns zu dienen; es war verabredet, daß im Falle einer Gefahr Jede auf den Ruf der Andern kommen ſollte, an welchem Orte und in welcher Entfer⸗ nung ſie ſich auch fände. „Nun wohl, ich halte meinen Schwur; ich rufe Euch; haoltet den Euren: kommt! „Kommt und küßt zum letzten Male die eiskalte Stirue von derjenigen, die hienieden Eure Freundin war! Kommt! mein letzter Seufter wird zu Euch flie⸗ gen und Euch ſagen:„Ich erwarte Euch!“ „Indem ich dieſe Welt verlaſſe, bin ich Euch in⸗ deſſen ein Bekeuntniß über dieſe plötzliche Abreiſe ſchuldig. „Meine Schweſteru, ich wäre Eurer unwürdig, wenn ich, meine Uebel für heilbar haltend, Euch nicht gerufen hätte, um ſie zu heilen; aber, ach! die Wunde war tödt⸗ lich, und Eure dreifache Zärtlichkeit hätte unr die Blu⸗ men unſerer Freundſchaſt darauf werfen können. „Beklaget aber nicht, daß ich vom Leben ſcheide, o meine Schweſtern! und beneidet vielmehr meinen Tod; denn ich ſterbe, wie zücken, mit Glück! „Ich liebe!— und wenn Ihr je geliebt habt, ſo werdet Ihr den Siun dieſes Portes begreifen. Liebt Ihr heute noch nicht, ſo werdet Ihr ihn morgen begrei⸗ fen.— Ich liebe den Mann meiner Wahl, meines Ge⸗ ſchmacks, meiner Träume; ich habe in einem menſchlichen Geſchöpfe alle Reichthümer der Schönheit, der Güte, der Tugend vereinigt gefunden, mit denen Jede von uns den Holden ſchmückt, den ſie heirathen ſollte! Andere leben, mit Frende, mit Ent⸗ ver in unt hal ter die ſtö we zur all für Ge ſtet nei laſ me bei des Ra we lin erſ ha ten ein wie e, hn⸗ er⸗ daß ern fer⸗ tufe alte ndin flie⸗ in⸗ ldig. wenn rufen tödt⸗ Blu⸗ de, o Tod; Ent⸗ t, ſo Liebt egrei⸗ s Ge⸗ hlichen te, der uns 21 „Da ich ihn in dieſer Welt nicht heirathen kann, ſo verlobe ich mich mit ihm heute Abend und heirathe ihn in der andern. „Wir werden heute Nacht ſterben, meine Schweſtern, und iommt Ihr morgen frübzeitig, ehe der Tod Zeit ge⸗ habt hat, ſeine Veilchen auf unſere Wangen zu entblät⸗ tern, ſo werdet Ihr das ſchönſté Brantpaar ſehen, das die Erde je getragen. „Vergießet aber keine Thräne auf ſeine Stirne, ſtöret ſeinen Schlaf nicht durch Eure Seufzer, denn es werden auch nie Seelen von Verlobten ſtrahlender, reiner zum Himmel aufgeſtiegen ſein. „Gott befohlen, meine Schweſtern! „Ich beklage einzig und allein, daß ich Euch nicht alle Drei, bevor ich ſterbe, umarmen konnte; doch was für mich die Bitterkeit dieſes Kummers mildert, iſt der Gedanke, ich hätte Euren Thränen vielleicht nicht wider⸗ ſteben können, und Eure ſo zärtliche, ſo ergebene Zu⸗ neigung hätte mich wieder Geſchmack am Leben faſſen laſſen, während mir das Sterben eine unbeſtuen Glückſeligkeit bereitet. „Beklaget mich alſo nicht; gedenket aber zuweilen meiner, wenn Ibr, am Abend, in einer heiteren Nacht, beim Scheine des Mondes, dieſes melancholiſchen Freun⸗ des der Todten, Worte ohne Folge murmelnd, auf den Arm des Mannes, den Ihr liebet, geſtützt, luſtwandelt. „Saget Euch, daß ich— die ich Euch, über den Rand der ſilberbefranſten Wolken geneint, zuſchauen werde,— daß ich auch göttliche Stunden in den Früh⸗ lingsnächten, auf die erſten Liebesworte lauſchend, die erſten Wohlgerüche der Roſen einathmend, zugebracht habe. „Gedenket meiner, wenn Ihr, allein und bi erwar⸗ tend, bei jedem Geräuſche eines Wagens, der anhält, einer Thüre, die ſich ſchließt, um das Fieber der Ab⸗ weſenheit zu beſänftigen, hingeht und in ſeinem Zimmer unherſtört, die Bücher, die Papiere, die Gegenſtände, die er berührt hat, küßt; ſaget Euch, ich habe am Abend auch die Blätter der Baumgänge geküßt, durch die er am Morgen gekommen. „Gott befohlen, meine Schweſtern! „Die Thränen treten mir in die Augen bei dem Gedauken, daß ich Euch verlaſſen ſoll; doch das Lächeln kommt mir auf die Lippen bei dem Gedanken, daß ich ihm folgen werde. „Seid glücklich! „Ihr verdient Alle das Glück, das Eure Kindheit Euch derſprach. Ich weiß nicht, warum Ihr mich ſo innig geliebt habt: ich war nicht würdig, Eine der Eurigen zu ſein. „Ihr ſeid heiter und ſorglos: ich war ernſt und nachdenkend; Ihr ſuchtet mich auf dem einſamen Fuß⸗ pfade auf, wo ich ſpazieren ging, und Ihr zoget mich an der Hand zum Geräuſche und zu den Spielen fort; doch ich verunſtaltete Euer reizendes Trio, denn Ihr er⸗ innert Euch, daß die Frau Obervorſteherin, als ſie Euch eines Tags mit verſchlungenen Armen ſah, Euch die drei Grazien naunte, worauf der Abbé ſtreng entgegnete: Madame, Sie müßten eher ſagen: die drei Tugenden.““ „Und das war die Wahrheit. „Regina war der Glaube; Lydia war die Hoffnung; Fragola war die Liebe. „Gott befohlen, mein Glaube! Gott befohlen, meine Hoffnung! Gott befohlen, meine Liebe! Gott befohlen, meine Schweſtern! „Meine Abweſenheit diene dazu, daß Ihr Euch einander noch enger anſchließt; liebet Euch noch mehr, wenn es möglich iſt: nur die Liebe iſt gut auf dieſer Welt! ſuchet von der Liebe zu leben, die mich ſterben macht: ich vermöchte Euch keine überſchwänklichere Glück⸗ ſeligkeit zu wünſchen. „Ich vermache Euch mein einziges Gut auf Erden, me er der ben ent ide, end 2 dem heln ich heit hſo der und uß⸗ mich ort; er⸗ Euch drei ete n.“ ung neine hlen, Euch nehr, ieſer erben lück⸗ rden, 23 meinen einzigen Schatz: meinen weißen Roſenſtock, wenn er nicht etwa mit uns ſtirbt; Ihr werdet ihn eine nach der andern pflegen, Ihr werdet die Blumen davon auf⸗ bewahren, und am 15. Mai, an meinem Geburtstage, entblättert Ihr ſie gemeinſchaftlich auf meinem Grabe. „So habe ich, in einer Frühlingsnacht, alle meine Frenden auf dieſer Welt entblättert. „Ihr werdet mir Verzeihung bei der Frau Ober⸗ vorſteherin erlangen. Sie nannte mich, erinnert Ihr Euch deſſen? ihren ſchönen roſenfarbigen Vogel; Ihr werdet ihr ſagen, das Blei des Jägers fürchtend, ſei ihr ſchöner roſenfarbiger Vogel zu den azurblauen Wäldern aufgeſtiegen. „Ihr werdet bei mir dieſen Brief finden; unter Eurer Adreſſe wird eine Symphonie darauf gelegt ſein, die ich componirt habe. „Ich glaube, ich hätte eine große Künſtlerin wer⸗ den können. „Dieſes Muſikſtück iſt Euch Dreien gewidmet, denn ich dachte an Euch, indem ich es ſchrieb. Es iſt betitelt« Die Nachtigallenbrut. „An einem Tage in dieſem Sommer ſah ich vom Baume ein Neſt von Nachtigallen fallen, die das Ge⸗ witter erſtickt hatte;— es gibt einen Blitz für die Vö⸗ gel, wie für die Menſchen.— Däs iſt der Gegenſtand meiner Symphonie, die Ihr zum Andenken an mich ſtu⸗ diren und ſpielen werdet. „Arme Vögelchen! ſie ſind das Bild der Illuſionen, die ich mir mein ganzes Leben gewünſcht habe, und die, kaum erſchloſſen, immer wieder geſtorben ſind. „Zum letzten Male Gott befohlen, meine Schweſtern, denn unwillkürlich, ich fühle es, befeuchten ſich meine Augen mit Thränen, und fielen dieſe Thränen auf mei⸗ nen Brief, ſo würden ſie die Worte des Glückes, die ich geſchrieben, verwiſchen. „Gott befohlen, meine Schweſtern! „Carmelite.“ 24 Nachdem ſie dieſen Brief beendigt hatte, ſchrieb ſie drei andere, in denen ſie einfach ihre drei Freundinnen auf den andern Morgen um ſieben Uhr zuſammen⸗ beſchied. Dann rief ſie die Gärtnerin und fragte dieſe: „Wird heute die Poſtbrieflade noch einmal geleert?“ „Ja, Mademoiſelle,“ antwortete Nanette;„wenn Sie ſich ein wenig beeilen, ſo werden Ihre Briefe heute um vier Uhr abgehen.“ „Und um wie viel Uhr werden ſie in Paris ausge⸗ theilt?“ „Um neun Uhr Abends, Mademviſelle.“ „Daun iſt es gut... Nehmen Sie dieſe drei Briefe und werfen Sie dieſelben auf die Poſt.“ „Ja, Mademoiſelle... Hat Mademoiſelle ſonſt nichts mehr zu befehlen?“ „Nein; warum?“ „Es iſt heute Faſtnacht.“ „Ein Feſttag,“ verſetzte Carmelite lächelnd. „Ja, Mademoiſelle, und wir haben uns zu fünf oder ſechs verabredet, nach Paris zu gehen, wo wir uns einer großen Maskerade der Wäſcherinnen von Vanvres anſchließen werden, und wenn Mademoiſelle nichts mehr braucht.. „Nein. Sie können nach Paris gehen.“ „Ich danke, Mademoiſelle.“ „üm wie viel Uhr werden Sie zurückkommen?“ „Um elf Uhr, vielleicht ſpäter; es iſt wohl möglich, daß man tanzt.“ Carmelite lächelte aufs Neue. „Unterhalten Sie ſich gut, und kommen Sie zurück wann Sie wollen,“ ſagte ſie,„wir werden Ihrer nicht bedürfen.“ Carmelite bedurfte in der That nicht nur der Gärt⸗ nerin nicht, ſondern dieſer Abgang entſprach ſogar ihren Abſichten. ſie nen nen⸗ nenn eute sge⸗ fünf wir von iſelle glich, zurück nicht Gärt⸗ ihren 25 Colombau und ſie ſollten ganz allein im Hauſe ſein, und der Gedanke dieſer Einſamkeit war es, was das Mädchen lächeln machle. Die Gärtnerin entfernte ſich, und gegen vier Uhr Abends dachten die jungen Leute, da ſie ſich allein fühl⸗ ten, nur noch an die Vorbereitungen zu ihrem Tode. Von dieſem Augenblicke an verſchwand die Welt für ſie; ſie gingen wohl noch einige Minnten unter den ſchwarzen, ihrer Blätter beraubten Bäumen im Garten umher, doch ſie gingen wie die Schatten von ſich ſelbſt. Die Blätter und die dürren Zweige, die ſie mit den Füßen traten, dieſe Bäume mit den entfleiſchten Armen, dieſer graue Himmel, den die Sonne vergebens zu durch⸗ dringen ſuchte, die Glocke des Weilers, welche melancho⸗ liſch die Stunden ſchlug, der monotone Lärm der Fa⸗ ſchingstrompete, die von Zeit zu Zeit traurig in der Ferne ertönte, Alles, Geränſch und Stille, Einſamkeit und Erinnerung an die Welt, Alles bereitete ſie zur langen Ruhe vor, Alles lud ſie zum Tode ein. Sie gingen wieder ins Haus hinauf, und außer dem Zimmer von Camille, das ſeit ſeiner Abreiſe ge⸗ ſchloſſen geblieben war, beſuchten ſie alle Räume, um einen letzten Abſchied von ihnen zu nehmen. Als ſie in das Zimmer von Carmelite kamen, öff⸗ nete dieſe das Fenſter, nahm Colombau beim Arme und ſagte zu ihm: „Ich war an dieſem Platze am Tage der Abreiſe von Camille; erſt von dieſem Tage an begriff ich den Umfang des Haſſes, den ich gegen ihn hatte, durch die Größe der Liebe, die ich für Sie hegte; von dieſem Tage an, Colombau, habe ich mit dem Leben gebrochen und mit dem Tode einen Vertrag geſchloſſen. Doch von die⸗ ſem Augenblicke an,— verzeihen Sie mir, Colombau!— iſt mir auch der ſelbſtſüchtige Wunſch gekommen, mit Ihnen zu ſterben!“ —— 26 Colombau preßte das Mädchen an ſein Herz und rief: „Dank! Dank!“ Dann trugen ſie den Roſenſtock fort, der der Ge⸗ fährte ihres Todeskampfes ſein ſollte. Auf der Schwelle blieb aber Carmelite ſtehen und ſagte zu dem jungen Manne: „Hier habe ich zum erſten Male die Ofſenbarung Ihrer Liebe erhalten... Oh! wie widerſtand ich wäh⸗ rend einer halben Stunde, die Sie dageblieben ſind, in eit jener glückſeligen Nacht, meiner Begierde, mich in Ihre . ne Arme zu werfen! Sodann, nach dem Fenſter im Gange dentend: in „Von vieſem Fenſter aus ſah ich Ihre Lampe wa⸗ S chen, und ich blieb da, bis Ihre Lampe erloſchen war.“ bu Sie gingen die Treppe hinab, Carmelite lächelnd, der junge Mann ſeufzend. we „Wie oft,“ ſprach Carmelite,„bin ich in der Fin⸗ wi ſterniß, nicht das Geränſch meiner Tritte, wohl aber das un Pochen meines Herzens hörend, hinabgegangen! Sehen un Sie, dort jener Allee folgte ich, und oft im Sommer, wenn Sie bei geſchloſſenen Vorhängen, aber offenem lu Fenſter ſchliefen, legte ich, leicht wie ein Schatten, mein 6 Ohr an die Läden, um Ihren Athem zu belauſchen. Faſt immer war Ihr Schlaf bewegt von einem böſen Traume, und ich war dann, die Arme ausgeſtreckt, die fä Bruſt kenchend, nahe daran, zu Ihnen zu ſagen:„„Oeffne mir, Colombau, ich bin der Engel der roſigen Träume.““ da Erzählen Sie mir, was Ihren Traum ſtörte, mein ſchö⸗ ner Freund.“ Zr Und ſie bot ihre Stirne dem reinen, klaren Kuſſe Be des jungen Mannes. im au Dann traten Beide, Carmelite zuerſt, Colombau hinter ihr, in den Pavillon ein. Colomban ſchloß die Thüre mit dem Schlüſſel und dem Riegel. 27 W. To die, to sleep*). Colombau legte den Schlüſſel auf den Kamin. Das Schlafzimmer des jungen Mannes hatte ſich in eine wahre Kapelle verwandelt. Alles, was es am erſchloſſenen Blumen in dem klei⸗ nen Gewächshauſe gab, deſſen Scheiben in der Sonne in einem Winkel des Gartens glänzten, wenn ſich die Sonne zufällig zeigte, war von Carmelite in Contri⸗ bution geſetzt worden. Carmelite hatte die Fenſter durch Vorhänge von weißer Mouſſeline verborgen; ſie hatte auf dem Kamine, wie auf einer Altartafel, ein geſticktes Tuch ausgebreitet, und hierauf, wie auf den Kamin, auf das Guéridon und jedes Meuble mit Blumen gefüllte Vaſen geſtellt. Alles, was ihr von Blumen nach dieſer Verthei⸗ lung geblieben war, hatte ſie auf den Boden entblättert. Man hätte glauben ſollen, ſie ſeien ſchon in die Gruft hinabgeſtiegen. Sie ſetzten ſich auf das Sopha und ſprachen unge⸗ fähr eine Stunde mit einander. Nachdem es Nacht geworden war, zündeten ſie ſo⸗ dann die Lampe an. Als hätte Carmelite bange gehabt, dieſer Tod zu Zwei könnte ihr entgehen, machte ſie jede Minute eine Bewegung, um aufzuſtehen und die Kohle zu holen, welche im Ankleidecabinet, neben dem Zimmer, auf einem Rechaud aufgehäuft lag. *) Sterben, ſchlafen. 28 Bei jeder Bewegung hielt ſie Colombau zurück; in dem Augenblicke, wo er ſie zu ſehen aufhören ſollte, hatte er ſie nicht genng geſehen: er wollte ſie noch mehr ſehen. Gegen neun Uhr Abends kam Carmelite auf den Gedanken, ſich ans Klavier zu ſetzen und zu ſingen... Im Alterthum, wenn die Schwäne ſangen, ließen ſie auch ihre Stimme in der Stunde des Todes hören. Nie waren der Schrei des Schmerzes, nie die Hymne der Freude durch einen ſolchen Geſang wiedergegeben worden! nie hatte die Stimme von Carmelite, deren Umfang von der tieſſten Saite bis zu der höchſten ging, ſolche Wunder vollbracht. Gott gab ihr, wie es ſchien, um von der Welt, die ſie verließ, Abſchied zu nehmen, um die zu begrüßen, in welche ſie eintrat, Töne der Klage und der Glückſeligkeit, denen jener gefallenen Engel ähnlich, welche, nach einer langen Verbaunung auf die Erde, durch die nnendliche Barmherzigkeit des Herrn nach dem Himmel, ihrem erſten, ihrem einzigen, ihrem wahren Vaterlande, zurückberufen ſind. Endlich müde, die Räume ohne Gränzen zu durch⸗ laufen, wo die Wirklichkeit ſchwebt, wo der Traum ſich verirrt, exloſch die Stimme wie ein melodiſcher Seufzer, der lange noch, nachdem er erloſchen, im Herzen des jungen Mannes vibrirte. Colombau hatte ſich Carmelite genähert, ſo daß dieſe, als die Sterbeimproviſation vollendet war, ihren Kopf auf ſeine Schultern und ihre beiden Hände in ſeine Hände fallen ließ. Das Klavier war wieder ſtumm geworden, wie ein Leichnam, deſſen Seele entflogen iſt. Es herrſchte in der Dunkelheit ein langes Still⸗ ſchweigen nur unterbrochen durch den vermiſchten Athem der zwei jungen Leute. Plötzlich ſchlug die Pendeluhr. Jedes zählte für ſich die Klänge des Erzes. ein bir an n we S lo di in och en uch nne ben ren ug⸗ ien, ren, der nen auf rrn rem ch⸗ ſich fzer, des daß hren in ein Still⸗ them 29 „Elf Uhr!“ ſagten Beide. Carmelite fügte bei: „Freund, es iſt Zeit.“ Colombau ſtand auf, zündete zwei Kerzen an, ließ eine davon Carmelite und ging mit der andern in das Ca⸗ binet, wo die Kohle lag. „Wohin gehſt Du?“ fragte Carmelite. „Du ſollſt wohl ſterben,“ erwiederte Colombau,„doch ich will nicht, daß Du leideſt.“ Carmelite begriff, daß es ſich um eine Fürſorge handelte, und ließ Colombau machen. Als er aber die Thüre wieder ſchließen wollte, ſagte ſie: „Nein, mein Freund; entfernen Sie ſich von mir, doch ich will Sie immer ſehen.“ Colombau ließ die Thüre offen. Seine Abſicht war, zum Voraus den Rechand im anſtoßenden Cabinet anzuzünden, ſo daß die erſten gro⸗ ben Dämpfe der Kohle entſtrömen könnten, und daß ſich nchts mehr davon losmache, als die feinen Miasmen, welche bis zum Gehirn dringen und den Tod ohne Schmerz geben. So viel Maßregeln Carmelite genommen hatte, um Thüren und Fenſter zu verſtopfen, eben ſo ſehr war Co⸗ lombau beſorgt, Alles zu öffnen, damit die äußere Luft die erſten Kohlenausſtrömungen entführe. Carmelite ſchaute ihm mit einem unbeſchreiblichen Lächeln zu. Die Hände des Mädchens waren auf eine natürliche Weiſe zum Klaviere zurückgekehrt, wie noch junge Vögel zu ihrem Neſte zurückkehren. Sie ſchweiften unbeſtimmt, aber harmoniſch auf den Taſten umher; das Inſtrument, welches ein Stöhnen hatte hören liſſen, das man für einen letzten Seufzer gehalten, ſchien wieder zu erwachen und gegen den Tod zu kämpfen, indem es, wie es der Sterbende im letzten — 30 Delirium beim Todeskampfe thut, unterbrochene Worte ohne Folge von ſich gab. Carmelite verlor Colombau, wie ſie es ihm geſagt hatte, nicht aus dem Blicke. Während ihre ſchauernden Finger über das Elfen⸗ bein und das Ebenholz hinirrten, während ihr zerſtreuter Fuß inſtinctartig das Pedal ſuchte und drückte, betrach⸗ tete ihr auf Colombau geheftetes Auge die Scheine der Flamme, welche mit einem röthlichen Reflexe die Stirne des jungen Mannes, der auf dem Boden kniete und das tödtliche Feuer anblies, beleuchteten. Nichts deutete auf ihrem Geſichte auch nur die ſchwächſte Gemüthsbewegung an. Sie hatten die Stärke und die Ruhe der den Dingen dieſer Welt fremden Leute; ſie gehörten nicht mehr der Erde an; der Donner konnte rollen, das Haus konnte einſtürzen; ſie wären unempfindlich geblieben. Ihre Leiber waren ſchon todt, und ihre Seelen allein wechſelten noch Worte unter ſich. Die Seele von Colombau, die ſich wie eine Blume unter dem Hauche des Mädchens öffnete, ſprach: „O mein Leben! o meine Liebe! ich habe die Freu⸗ den ohne Beimiſchung, die Du mir zu dieſer Stunde gibſt, nicht verdient! Ich geſtehe meine Schwäche in dieſem äußerſten Augenblick. Carmelite, meine vielge⸗ liebte Carmelite! ich habe nicht einen Tag, nicht eine Minute, nicht eine Secunde zugebracht, ohne an Dich zu denken. Du fragteſt mich vorhin, Engel der roſigen Träume, was meinen Schlaf bewegt habe: es war Dein holdes Fantom, das ſich auf mein Kopfkiſſen ſtützte und ſich gegen mich neigend mir die Stirne mit dem Ende ſeiner Haare liebkoſte; andere Male war es der anmu⸗ thige Zug der jungen Mädchen, deren Geſicht ich auf den Gemälden, in den Gebetbüchern, in den Handſchriften der vergangenen Jahrhunderte geſehen hatte: alle dieſe Mädchen, das warſt Du! immer Du! die Einen hatten orte ſagt fen⸗ uter ach⸗ der irne das die igen der unte lein ume reu⸗ inde in lge⸗ eine n igen ein und nde mu⸗ auf ften ieſe tten 31 Deine Blicke; die Andern Dein Lächeln; Alle ſangen mit Deiner Stimme; und ihr Geſang ſagte:„Komm mit uns, mein Bruder! der Menſch iſt nicht gemacht für ein einſames, ödes Leben; liebſt Du, Sohn der wilden Ufer, das Geräuſch des Oceans der Menſchen nicht, ſo kennen wir abgelegene Winkel, anbetungsn ürdige Oaſen, wo die Bäche ewig murmeln, wo die Vögel die ganze Nacht ſingen!““ Oh! wie oft, meine vieigeliebte Car⸗ melite, bin ich plötzlich aufgewacht bei dieſer Stimme, die ich für die Deinige hielt, und ich ſtreckte die Hände aus und glaubte Dich anzufaſſen; da erſchienen aber an dem Platze ſtehend, wo ich Dich geſehen, die Geſpenſter meines Gewiſſens, die mich feſthielten und vernichtet, keuchend, gebrochen auf mein fieberhaftes Bett zurück⸗ warfen... Brauche ich Dir zu ſagen, was meine Nächte beunruhigte? weiß ich nicht, was die Deinen beun⸗ ruhigte? O meine Geliebte! ich liebe Dich mit allen Mächten meines Seins, und ich exiſtire nur, ſeitdem ich Dich geliebt habe! Was iſt die Wiſſenſchaft? was iſt der Ruf? was iſt der Ruhm gegen die Liebe, die ich für Dich hege? Hat mich die Wiſſenſchaft leben gemacht? hatten der Ruf und der Ruhm einen Schlag meinem Pulſe, ein Klopfen meinem Herzen beigefügt? Nein, ich habe wirklich nur von der Stunde an gelebt, wo ich wußte, daß ich ſterben ſollte... O meine vielgeliebte Carmelite, ich möchte mir gern die Bruſt öffnen, um Dir mein Herz bloß zu zeigen: die Worte drücken die Leidenſchaften, oder vielmehr die Leidenſchaft, die in mir kocht, ſchlecht aus. Ich habe nur eine einzige Frau vor Dir auf dieſer Welt geliebt; ſie hatte Deine Schönheit, Deine Anmuth, Deine Stärke; ſie hielt mich umfangen, wie Du mich hältſt; ich ſchlang beide Arme um ihren Hals, ich küßte ihr die Augen, um die Thränen zu ver⸗ hindern, hervorzukommen, und ich ſagte ihr:„„Stirb nicht! ſtirb nicht!““ denn ſie war, wie wir, an den Pforten des Todes; und ſie ihrerſeits umarmte mich 32 zärtlich und ſprach zu mir:„„Du wirſt eine andere Frau als mich auf dieſer Welt finden, eine Frau, die Dich zärtlicher umarmen wird als ich; geſegnet ſei die Frau, welche die reine Stirne meines Sohnes küſſen wird!““ Nun wohl, dieſes theure, anbetungswürdige, angebetete Weſen, dieſe erſte Frau, die ich geliebt, meine Mutter, ich habe ſie um Deinetwillen vergeſſen, oder vielmehr, ich liebe Dich mit derſelben frommen Liebe, o meine Freundin, o meine Schweſter! Carmelite, Carmelite!... „Wie ſchön biſt Du, mein Geliebter!“ flüſterte ſie; „wie ſchön biſt Du!“ In der That, nie vielleicht war das ſchöne, edle Geſicht des Bretagners edler und ſchöner geweſen, als beim Scheine dieſer Flamme, welche zugleich die Heiter⸗ keit des Entſchluſſes gemiſcht mit der ſanften Melancholie des Beklagens erleuchtete. Die Kohle brauchte ungefähr eine Viertelſtunde, um ſich zu entzünden; ſodaun, als die zu dichten Dämpfe davon entwichen waren, ſchloß Colombau das Fenſter des Cabinets wieder und brachte, beſchienen von dem röthlichen Reflexe, den Rechaud mitten ins Zimmer. Wonach er zurückkehrte, um die Thüre des Cabinets zu ſchließen. Carmelite ſtand auf, und während das Klavier einen Seufzer von ſich gab, der diesmal gewiß der letzte war, ging ſie dem jungen Manne entgegen. Colombau war bleich und faſt wankend: er hatte die erſten Dämpfe abſorbirt, mit denen er Carmelite hatte verſchonen wollen. Beide ſetzten ſich mit verſchlungenen Armen auf das Canavé: hier hatten ſie zu ſterben beſchloſſen. Sie waren hier ſeit einigen Minuten, Auge in Auge, ihren letzten Blick beim Scheine der auf dem Kamine ſtehenden Lampe verſchlingend, als es Mitternacht ſchlug. Ein leichter Schaner war die einzige Aufmerkſamkeit, Frau Dich rau, 1 etete tter, lehr, teine „ 4 ſie; edle als iter⸗ holie um mpfe nſter. dem inets einen war, hatte nelite f das Auge, mine hlug. mkeit, 33 welche die zwei jungen Leute dem Geräuſche der entflie⸗ genden Stunde ſchenkten. In der That, was lag ihnen am Gange der Zeit, ihnen, welche ſchon einen Fuß in der Ewigkeit hatten! Wer in dieſes Zimmer eingetreten wäre und die zwei jungen Leute, fo kenſch einander umſchlingend und ihre ſüßeſten Blicke, ihre leiſe ausgeſprochenen Namen aus⸗ tauſchend geſehen hätte, würde ſie für zwei Verlobte, die von Liebe plauderten und tauſend Pläne für die Zukunft bildeten, gehalten haben. Und die Seele des Mädchens antwortete, während der Leib keuſch mit ſeinen glühenden Lippen die Stirne des jungen Mannes küßte: „Der Segen Deiner Mutter ſenke ſich auf Dein Haupt herab, o Colombau! nie wird ein reinerer Kuß über einer makelloſeren Stirne geſchwebt haben! Ich auch, o meine Liebe, o mein Leben, o mein Tod! ich habe auch nicht eine Stunde zugebracht, ohne an Dich zu denken; denn ich habe Dich geliebt ſeit dem Tage, wo ich Dich kennen lernte, und wäre ich nicht von einem ſchlimmen Hauche geblendet worden,— ich hätte Dir gern alle Glückſeligkeit geben mögen, die der Menſch auf Er⸗ den träumen kann! Doch dieſe irdiſche Liebe hätte ohne Zweifel nicht genügt, um unſere glühenden Zärtlichkeiten zu ſättigen; für eine göttliche Liebe bedarf es himmliſcher Hochzeitfeſte; und darum werfen wir unſere irdiſchen Hüllen ab, damit unſere Seelen, von der Laſt ihrer Leiber befreit, ſich in den reinen Regionen verbinden können Vor Gott, zu dem wir, uns an der Hand haltend, aufzuſteigen im Begriffe ſind, ſchwöre ich Dir, o Colombau, daß ich Dich durch den Raum, durch die unbekannten Welten lieben werde! Sollte ich, über die Schwelle dieſer Welt ſchreitend, mit Dir in den bren⸗ nenden Ofen, den die katholiſche Religion ihren Ver⸗ dammten verheißt, getaucht werden,— der ewige Schmerz wird mir mit Dir ſüßer ſein, als alle Glückſeligkeiten Die Mohicaner von Paris. MI. 3 34 hienieden... Ich ſchwöre Dir, Dich zu lieben unter den Flammen des Oſens! Sollte ich in einen tiefen Ab⸗ grund verſenkt werden, wohin Dein Blick, Deine Stimme, Dein Athem nicht gelangen können, mein Geiſt wird den Schlund erleuchten, ich werde Dich fühlen, ich werde Dich ſehen, ich werde Dich hören, denn ich ſchwöre Dir, Dich zu lieben in den Tiefen des Abgrunds!... Ich betrachte mich von dieſer Stunde an als enge mit Dir verbunden, als unauflöslich an Dich gefeſſelt; keine menſchliche Macht vermöchte uns in dieſem Augenblicke zu ſcheiden, keine göttliche Macht vermöchte uns alsbald zu trennen; denn,— Du haſt es mir oft geſagt, mein ge⸗ liebter Colombau!— dieſer rächende Gott, vor dem die Menſchen erſchrecken, iſt nichts Anderes, als die große Seele der Welt, mit der ſich unſere Seelen vermengen und vereinigen, wie, wenn der Abend gekommen iſt, die Strahlen der Sonne wieder zu ihrem Herde aufſteigen. Küſſe mich alſo, mein Colombau, und unſere Seelen mögen ſich vereinigen wie unſere Lippen, um raſcher zum leuchtenden Aufenthalte emporzuſteigen!... Schon ſehe ich alle Gegenſtände, die mich umgeben, nur durch einen Nebel; die Angen meines Leibes verdunkeln ſich allmälig; doch mir ſcheint, mit den Augen der Seele ſehe ich die Sterne funkeln, deren Kreis ſich⸗öffuet, um uns durch⸗ zulaſſen... Gott befohlen, mein Vielgeliebter! Gott befohlen Alles, was ich auf dieſer Welt liebe, Alles, was ich in der andern lieben werde; Gott befohlen! ſchließe mich in Deine Arme, vamit wir mit einander eutfliegen.. Ich höre in mir Tanſende von ſüßen Stimmen ſingen, die mir Deinen holden Namen wiederholen... Colom⸗ bau! Colombau! nie iſt eine Seele jungfräulicher als die Deine zum Himmel aufgeſtiegen! Gott befohlen, meine Liebe, mein Leben!.. Gott befohlen, mein Co⸗ lombau!“ Einen Angenblick ſchwiegen die zwei Seelen wie eingeſchlummert. 1 b nter Ab⸗ nme, den verde Dir, Ich Dir keine ke zu ld zu n ge⸗ n die große engen t, die igen. eelen zum ſehe einen älig; ch die durch⸗ Gott „was chließe en ingen, olom⸗ er als fohlen, n Co⸗ n wie 35 Die athembare Luft des Zimmers belud ſich nach und nach mit Kohlenſäure; die Kerze war nur noch eine bleiche Flamme, ein verwiſchter Schein. Die Flamme des Rechaud tanzte wie ein Irrlicht, ſich in den erſchwerten Blicken der zwei jungen Leute mit allen Farben des Prisma nuancirend. Große Schweißtropfen fielen in Perlen auf den Körper von Carmelite; veilchenblaue Tinten liefen über ihr Geſicht hin. Colombau machte eine äußerſte Anſtrengung, nahm ſie in ſeine Arme und trug ſie, ſchwankend wie ein Trun⸗ kener, haſtig auf das Bett, fiel an ſeinem Fuße nieder, ſtand wieder auf, und ſich anklammernd vermochte er wieder ſeinen Platz bei ihr einzunehmen. Ihre letzten Kräfte im Dienſte der Schamhaftigkeit verwendend, ſchlug Carmelite während dieſer Zeit den Untertheil ihres Kleides nieder, das, ſich aufhebend, den Kuöchel ihres Fußes ſehen ließ. Als ſie dies gethan hatte, fühlte ſie den Arm von Colombau, der ſie an ſich zog. „Ja, mein Bräutigam,“ murmelte ſie,„hier bin ich.“ Und die zwei jungen Leute fanden ſich zum erſten Male die Hände in den Händen, die Haare in den Haaren, die Lippen auf den Lippen. Da erſt wechſelten ſie ihren erſten Liebeskuß. Man hätte glauben ſollen, die Scham und die Keuſch⸗ heit, dieſe zwei göttlichen Schweſtern, umarmen ſich un⸗ ter dem Blicke der Jungfräulichkeit, ihrer Mutter. Colombau verloͤr ſeine Kräfte zuerſt. Er unterbrach ſich mitten in einem Kuſſe; ein eis⸗ kalter Schweiß überlief ſeinen ganzen Körper; er ver⸗ ſuchte es, ſich aufs Neue am Halſe von Carmelite anzu⸗ klammern; doch ſeine Kehle war durch eine eiſerne Hand zuſammengeſchnürt; ſeine Zunge war träge, und er ver⸗ mochte kaum die letzten Worte zu murmeln: „Komm komm„komm!“ 36 Und ſein Kopf fiel leblos auf die Bruſt von Car⸗ melite, welche trotz des Brauſens ihrer Schläfe, des Klingens ihrer Ohren, den letzten Ruf ihres Geliebten gehört hatte, und, da ſie dieſen vielgeliebten Kopf ſich ſchwer auf ihre Bruſt niederſenken fühlte, ſchauerte und einen ſchwachen Schrei ausſtieß. Es iſt eine von der Mediein notoriſch anerkannte Thatſache, welche auch alle Statiſtiken beweiſen, ohne daß indeſſen die Wiſſenſchaft den Grund davon angeben kann: bei dem Selbſtmorde eines Mannes und eines Weibes iſt es in der Regel der Mann, der zuerſt un⸗ terliegt. Wir beſtätigen das Factum vor unſern Leſern; er⸗ kläre es, wer kann. Colombau unterlag alſo zuerſt. Carmelite, als ſie begriff, ihr Geliebter habe den letzten Seufzer ausgehaucht, öffnete die Augen wieder, ſchien einen Moment ihre Kräfte wieder zu erlangen und fand Stimme genug, um noch mit allen Saiten ihres Herzens zu rufen: „Colombau! Colombau!“ Dann zog ſie an ihre Lippen die Stirne des jungen Mannes, raffte Alles zuſammen, was ihr an Leben blieb, küßte ihn zum letzten Male und ſprach: „Hier bin ich! hier bin ich!“ Und ihr Kopf fiel zu dem ihres Geliebten. Es ſchlug eben ein Uhr. zu ſch Z un au ne für der zu me vor lie Er unt ber ber ver in mei Jac ma Lar⸗ des bten ſich und nnte ohne eben eines un⸗ er⸗ den eder, und ihres ngen 37 LVIII. Ein ſehr preſſanter Brief. Es war gerade, wenn man ſich erinnert, die Stunde, zu der,— nachdem der Streit in der Freiſchenke be⸗ ſchwichtigt,— die drei jungen Leute, die wir am Ein⸗ gange dieſer Geſchichte gefunden, und ihr geheimnißvoller Retter ſich Abendbrod ſerviren ließen. Sie haben nicht vergeſſen, lieber Leſer, daß Salvator und Jean Robert, als ſie aus der Rue Aubry le⸗Boucher meggingen, ihre zwei Gefährten Petrus und Ludovic, auf dem Tiſche eingeſchlafen, unter der Obhut des Kell⸗ ners zurückließen, der auf die Empfehlung von Salvator für ſie haftete. Dann gingen der Commiſſionär und der Dichter nach der Rue Saint⸗Jacques, wo ſie der Ton des Violoncells zu Juſtin führte; ſie hörten die Erzählung des Schul⸗ meiſters und waren im Augenblicke der durch den Brief von Mina herbeigeführten Entwickelung da. Salvator lief nach der Polizei, um über das entführte Mädchen Erkundigungen einzuziehen; Jean Robert holte ein Pferd, und Juſtin folgte Babolin zur Brocante, wo Jean Ro⸗ bert und Salvator wieder mit ihm zuſammentrafen. Mit der neuen Auskunft, die er von der alten Zau⸗ berin erhalten, und der Ermahnung von Salvator, es zu verhindern, daß Jemand in das Zimmer von Mina oder in den Garten der Penſion eintrete, jagte der Schul⸗ meiſter ſodann mit verhängten Zügeln nach Verſailles. Salvator und Jean Robert aber erwarteten Herrn Jackal auf dem Pont⸗Neuf; hier nahm ſie der Polizei⸗ mann in ſeinem Wagen auf, wo er ihnen auf eine ge⸗ 38 drängte Weiſe das Abenteuer erzählte, das wir im Gegen⸗ theile in ſeiner ganzen düſtern Ausdehnung dem Leſer vor Augen gelegt haben. Laſſen wir Juſtin nach Verſailles reiten, laſſen wir Jean Robert, Salvator und Herrn Jackal nach dem Bas⸗ Mendon fahren und kehren wir zu Ludovic und Petrus zurück, welche auf dem Tiſche der Freiſchenke ſchlafen. Der Erſte, der erwachte, war Ludovic, und er er⸗ wachte bei dem Lärmen, den eine lnuſtige Geſellſchaft machte, um ſich ihrerſeits dieſes vierten Stockes zu be⸗ mächtigen, deſſen Eroberung den drei Freunden ſo viel Mühe gekoſtet hatte. Getreu der Einſchärfung von Salvator, wollte der Kellner nicht einmal erlanben, daß man in das Zimmer eintrete, wo Petrus und Ludovie ſchliefen. Der Lärm, den die Geſellſchaft, auf ihrem Verlangen beſtehend, machte, hatte den jungen Doctor ſeinem Schlafe entzogen. Er ſchlug die Angen auf und horchte. Sein erſter Gedanke, als er ſich deſſen, was vorge⸗ fallen, erinnerte, war, er werde, nachdem er die Stadt im Sturme genommen, genöthigt ſein, die Belagerung auszuhalten: diesmal griffen aber die Belagerer mit ſo munterem Gelächter an, dieſes Gelächter ſchien aus ſo jungen und ſo friſchen Kehlen hervorzukommen, daß Lu⸗ dovic dachte, es ſei vielleicht ein Vergnügen dabei zu gewinnen, daß man ſich von ſolchen Gegnern gefangen nehmen laſſe. Dem zu Folge öffnete er ſelbſt die Thüre. Anf der Stelle brach ein Trupp von Pierrots und Pierretten, von Malins und Poiſſarden mit einem ſol⸗ chen Geräuſche, mit ſo ſchallendem Gelächter ins Zim⸗ mer ein, daß Petrus ganz erſchrocken aufſprang und „Feuer!“ ſchrie. Petrus träumte von einem Brande. Mitten unter dieſem Einbruche aber fühlte Ludovit r — — gen⸗ vor wir Bas⸗ trus n. er⸗ chaft be⸗ viel der imer ugen hlafe orge⸗ Stadt rung it ſo 1s ſo Lu⸗ ei zu ngen und ſol⸗ Zim⸗ und dovit 39 zwei hübſche Arme ſich um ſeinen Hals ſchlingen, wäh⸗ rend ein Mund,— von dem jeder Hauch den Bart des Wolfes, deſſen Sammet ihm den oberen Theil des Ge⸗ ſichtes verbarg, flattern machte,— ihm mit den weißeſten Zähnen und den roſigſten Lippen, die er je geſehen, ſagte: „Du biſt es alſo, Studioſus meines Herzens, der ſich den Luxus erlaubt, Zimmer für ſich ganz allein zu nehmen?“ „Ei!“ erwiederte Ludovic,„wenn Du Dir die Mühe gegeben hätteſt, umherzuſchauen, Pierrette, mein Liebchen, ſo würdeſt Du geſehen haben, daß ich nicht allein bin.“ „Ah! ja, ja,“ verſetzte die Pierrette,„hier iſt in der That Meiſter Raphael in Perſon! Soll man Dir etwa für das Bein der Frau beim Brande des Dorfes ſtehen, Du, der Du Feuer ſchrieſt, als wir eintraten?“ Und das Mädchen hob ſeine Hoſe auf und zeigte, unter einem feinen ſeidenen Strumpfe, eines von den r wie ſie die Maler ſuchen, und die Cardinäle nden. „Ah! ich kenne dieſes Bein, Prinzeſſin!“ ſagte Petrus. „Chante⸗Lilas!“ rief Ludovie gleichzeitig. „Da ich erkannt bin, ſo lege ich meine Maske ab,“ ſprach die ſchöne Wäſcherin;„überdies trinkt man ſchlecht, wenn das Geſicht nicht entblößt iſt... Zu trinken! ich ſterbe vor Durſt!“ Und die ganze Geſellſchaft, welche aus fünf bis ſechs Wäſcherinnen von Vanvres und drei bis vier Gärtne⸗ rinnen von Mendon in Begleitung ihr Liebhaber beſtand, wiederholte im Chor: „Zu trinken! zu trinken!“ „Stille!“ ſagte Ludovic;„das Zimmer gehört mir: es iſt alſo an mir, die Honneurs deſſelben zu machen. Kellner, ſechs Flaſchen Champagner für mich!“ „Und ſechs für mich!“ rief Petrus. „So iſt es gut,“ ſprach die Prinzeſſin,„und man 40 wird das anerkennen, indem man Jedem eine Wange vorbehält.“ „Gerade oder ungerade?“ ſagte Petrus, während er eine Hand voll Münze aus ſeiner Taſche zog. „Was machen Sie, Seigneur Raphael?“ fragte Chante Lilas. „Ich ſpiele mit Ludovic um ſeine Wange gegen die meine,“ erwiederte Petrus. „Gerade für das Paar!“ antwortete Ludovic in derſelben Sprache, in der ſein Freund mit ihm ſprach. „Ah! wir brennen alſo immer noch Petarden ab,“ ſagte die Prinzeſſin, zu ihrer gewöhnlichen Redensart zurückkehrend.„Piff! paff! Es fehlt uns nur Camille: er würde das Bonguet abbrennen.“ In dieſem Augenblicke trat der Kellner mit den zwölf Flaſchen Champagner ein. „Hier iſt das Bouquet!“ rief er, indem er den Pfropf von zwei Flaſchen, deren Draht er auf der Treppe abgeſchnitten, ſpringen ließ. „Gewonnen!“ rief Ludovic, der Chante⸗Lilas auf beide Wangen küßte.„Ich entführe Dich, Sabinerin!“ Und er nahm die Prinzeſſin von Vanvres in ſeine Arme, wie er es mit einem Kinde gethan hätte, und trug ſie an einen Tiſch, wo er ſie, nachdem er ſich ſelbſt geſetzt hatte, auf ſeinen Schooß ſetzte. Nach einer Stunde waren die zwölf Flaſchen ge⸗ trunken, und ebenſo zwölf weitere, welche die Geſellſchaft, um nicht im Rückſtande zu ſein, hatte kommen laſſen. „Nun müſſen wir aber nach Vanvres zurückkehren,“ ſagte die Prinzeſſin.„Hier iſt Nanette: ſie verſprach ihrer Gebieterin, um elf Uhr nach Hauſe zu kommen, und ſie hat ihr einen Brief zu geben. Es iſt nun drei Uhr Morgens: zum Glücke iſt der Brief preſſant.“ „Vier Uhr, Prinzeſſin!“ verſetzte Petrus. „Und die Patronin ſteht um fünf Uhr auf!“ rief Chante⸗Lilas.„Vorwärts, die ganze Geſellſchaft!“ un W die de nge er gte die in ch. 5 art le: den den der auf 11 ine ind lbſt ge⸗ aft, 64 ach en, rei ief 41 „Bah!“ entgegnete die Gräfin vom Battoir,„ſie wird ſich auch luſtig gemacht haben, die Patronin, und ſie ſteht hente ſicherlich erſt um ſechs Uhr auf.“ „Prinzeſſin,“ fragte Ludovic,„wann Ihre erſte Reiſe nach Paris?“ „Oh!“ verſetzte Chante⸗Lilas,„als ob Sie ſich noch um das bekümmerten!“ „Gewiß bekümmere ich mich darum, beſonders wenn ich keine Wäſche mehr habe.“ „Ei! wie kleinlich iſt das!“ ſagte Chante⸗Lilas. „Nun wohl, Sie werden Ihre Wäſche bekommen, wann Sie ſie ſelbſt holen.“ „Chante⸗Lilas! keine Dummheiten! die Woche war hart für die weißen Hemden, und ich kann meine Kran⸗ ken nicht in einem Spitzenhemde beſuchen.“ „Kommen Sie und holen Sie Ihre Wäſche.“ „Oh! wenn es ſich nur hierum handelt, und wenn in Ihrem Wagen Platz iſt, Prinzeſſin, hier bin ich.“ „Ohne Spaß?“ 5„Es iſt, wie ich Eurer Hoheit zu ſagen die Ehre habe.“ „Bravo! bravo! wir werden Milch in der Mühle von Vanvres trinken!... Gehen Sie mit, Seigneur Raphael?“ „Gehſt Du mit, Petrus? Bah! die längſten Toll⸗ heiten ſind die beſten!“ „Beim Teufel! es fehlt mir nicht am guten Willen; unglücklicher Weiſe habe ich eine erſte Sitzung.“ „Nun, ſo verſchiebe dieſe Sitzung.“ „Unmöglich!“ erwiederte Petrus;„ich habe mein Wort gegeben.“ „Ah! das iſt heilig,“ verſetzte Chante⸗Lilas;„und die Fornarina gibt Raphael Urlaub... Komm, König der Malins!“ Hienach reichte ſie Ludovic den Arm; entſchloſſen, den Carneval luſtig zu begraben, bezahlte dieſer ſeine 42 Rechnung und die von Petrus, ſprang die Treppe zu vier und vier hinab und ſtieg in die rieſige Tapiſſiére, welche die ganze Geſellſchaft von Vanvres nach Paris gebracht hatte. Petrus, der in der Rue de l'Oueſt wohnte, nahm Abſchied von ſeinem Freunde, wünſchte ihm viel Ver⸗ gnügen, und antwortete noch, trotz der Entfernung und der Finſterniß, auf die geränſchvollen Adieux, die ihm die luſtige Geſellſchaft zuſandte. „Nun,“ fragte Ludovic,„wohin des Teufels gehen wir denn ſo? Mir ſcheint, wir ſchlagen den Weg nach Verſailles und nicht den nach Vanvres ein?“ „Hätte uns Raphael nicht verlaſſen, König der Malins,“ antwortete Chante⸗Lilas,„er würde Eurer Majeſtät ſagen, jeder Weg führe nach Rom.“ „Ich verſtehe nicht,“ entgegnete Lndovic. „Schau Nanette, die ſchöne Gärtnerin, an!“ „Ich ſchaue ſie an.“ „Wie findeſt Du ſie?“ „Hübſch.. Nun?“ „Nun, ſie iſt unter der Bedingung mitgegangen, daß ich ſie vor ihrer Thüre abſetze.“ „Gut! und warum dies?“ „Ei!“ erwiederte die Gräfin vom Battoir,„man ſagt Ihnen ja, ſie habe einen ſehr preſſanten Brief.“ „Warum hat ſie ihren Brief nicht abgegeben, ehe ſie weggegangen iſt?“ „Weil ſie am Ende des Dorfes war, als ſie dem Briefträger begegnete, weil wir zwiſchen Vanvres und dem Bas⸗Meudon warteten, und dies für ſie eine halbe Stunde Verzug gemacht hätte.“ „Gut! das iſt eine Erklärung.“ „Oh!“ ſagte Chante⸗Lilas,„und dann, da der Brief ſchon ſechsundzwanzig Tage unter Weges war, denn er kommt von den Colonien, ſo ſind einige Stun⸗ den mehr oder weniger...“ 7 — ——— li ſt — e zu ire, aris ahm Ver⸗ und ihm ehen nach der urer igen, man . ehe dem und ae der war, tun⸗ 43 „Nicht der Tod eines Menſchen,“ fiel die Gräfin vom Battoir ein. „Und ſelbſt im Falle des Todes eines Menſchen,“ ſagte Chante⸗Lilas,„haben wir nicht den Doctor bei uns?.. Nun, er ſchläft, der Doctor!“ „Oh! bei meiner Treue, ja,“ ſprach Ludovic.„Er⸗ laube, daß ich mich zu Deinen Füßen ſetze, Prinzeſſin, und meinen Kopf auf Deinen Schooß lege. Du wirſt mir das Leben retten.“ Schön!“ verſetzte das Mädchen,„hätte ich ge⸗ wußt, man nehme den Herrn zum Schlafen mit, ſo würde man ihn auf einen Gemüſewagen gelegt haben, und er wäre dort ſo gut geweſen als hier.“ „Ah! Prinzeſſin,“ verſetzte Ludovic halb einge⸗ ſchlafen,„Du läſſeſt Dir nicht Gerechtigkeit widerfahren: kein Kohl iſt ſo weich, kein Salat iſt ſo zart wie Du.“ „Mein Gott!“ ſprach Chante⸗Lilas mit einem Aus⸗ drucke tiefen Mitleids,„wie dumm iſt ein Menſch von Geiſt, wenn er zu ſchlafen Luſt hat.“ Es ſchlug fünf Uhr Morgens, als man in Belle⸗ vne ankam. Allmälig hatte das ſchallende Gelächter aufgehört, war das luſtige Geſchrei erloſchen; das Un⸗ behagen und die Kälte, von der Rückkehr am Mor⸗ gen, beſonders im Winter, unzertrennlich, laſteten auf der halbentſchlummerten Maskengeſellſchaft; Jeden drängte es, ſeine Stube, ſein Feuer, ſein Bett wieder⸗ zuſinden. Die Tapiſſiöre hielt vor der Thüre des von Co⸗ lombeau und Carmelite bewohnten Hauſes an; Nanette ſprang aus dem Wagen, zog den Schlüſſel aus ihrer Taſche und trat ein. Gut!“ ſagte ſie, als ſie durch die Thüre des offen gebliebenen und auf den Garten gehenden Corridors das Licht ſah, das im Cabinet von Golombau glänzte,„der ie Mann wacht noch und ſoll ſogleich ſeinen Brief aben. 44 „Gute Nacht, die ganze Geſellſchaft!“ Und ſie ſchloß die Thüre. Einiges dumpfe Schnarchen antwortete aus dem Innern des Wagens, der nach Vanvres weiter fuhr. Kaum hatte er aber hundert Schritte gemacht, als der Ruf:„Zu Hülfe! zu Hülfe! Herr Ludovic! Herr Ludovic!“ von der Seite erſcholl, wo man Ranette ab⸗ geſetzt hatte. Der Wagen hielt an. „Was gibt es?“ fragte Ludovic, plötzlich aufgeweckt. „Ich weiß es nicht, doch man ruft Sie,“ antwor⸗ tete Chante⸗Lilas.„Ich glaube die Stimme von Na⸗ nette zu erkennen.“ „Es wird ein Unglück geſchehen ſein!“ Ludovic ſprang aus dem Wagen und erblickte in der That Ranette; dieſe lief ganz erſchrocken herbei und ſchrie: „Zu Hülfe! zu Hülfe!“ LIX. Die Erſtickten. Er eilte auf ſie zu. „Oh! kommen Sie geſchwinde, Herr Ludovic! kom⸗ men Sie ſchnell! kommet Alle! ſie ſind todt!“ „Wer iſt todt?“ fragte Ludovic. „Mademoiſelle Carmelite und Herr Colombau.“ 5„Colomban?“ rief Ludovic;„Colombau von Pen⸗ oöl?“ „Ja, Herr Colomban von Penhoöl und Mademoi⸗ dem als err ab⸗ eckt. 0r⸗ Na⸗ der ie 45 ſelle Carmelite Gervais. Mein Gott! welch ein Un⸗ glück! So jung, ſo ſchön, ſo artig!“ Ludovic eilte auf der Stelle gegen das Haus fort und machte, da er den Gang offen fand, nur einen Sprung von der Straße nach dem Pavillon im Garten. Das von Colomban geöffnete und von ihm ſchlecht wiedergeſchloſſene Fenſter des Cabinets war abermals von Nanette geöffnet worden, welche es, nachdem ſie vergebens gerufen, wagte, durch das genſter zu ſteigen, um an die Thüre des Zimmers zu klopfen. Als ſie ſah, daß man ihr nicht antwortete, öffnete ſie die Thüre; ſogleich machte ſie aber drei Schritte rückwärts und fiel beinahe zu Boden. Eine furchtbare Strömung von Kohlenſäure um⸗ hüllte ſie wie mit einer tödtlichen Wolke. Von da an begriff ſie Alles, und da ſie dachte, ſie werde den Wagen leicht einholen, ſo eilte ſie hinweg, um ihn zu verfolgen. Ihr Geſchrei wurde gehört, der Wagen hielt an. Ludovic ſtürzte in den Pavillon durch das Fenſter des Cabinets und verſuchte es, ins Zimmer einzutreten, wurde aber ſelbſt durch den verpeſteten Danpf zurück⸗ geworfen. Er wandte ſich gegen die Luft um und athmete ſie mit voller Lunge ein. In dieſem Avgenblicke liefen alle Leute herbei. „Zerbrecht die Fenſter! ſprengt die Thüren!“ rief Ludovic;„Luftſtröme! Sie haben ſich mit Kohlen⸗ dampf erſtickt!“ Man verſuchte es, die Läden zu öffnen: ſie waren von innen geſchloſſen. Mit ein paar Fußtritten ſprengte man die Thüre. Doch diejenigen, welche auf der Schwelle erſchienen, waren genöthigt, zurückzuweichen. „Man halte Eſſig und Salzwaſſer bereit; man wecke den Apotheker auf, wenn einer im Dorfe iſt, und 46 man nehme bei ihm engliſches Salz und Ammoniak. Nanette, zünden Sie irgendwo Feuer an, und laſſen Sie Servietten heiß machen.“ Dann, wie der Bergmann in den Schlund hinabſteigt, wie der Matroſe in das Meer taucht, ſtürzte Ludovie ins Zimmer. Die luſtige Maske hatte dem Manne der Wiſſen⸗ ſchaft Platz gemacht; der Arzt wollte nun alle Hülfs⸗ mittel ſeiner Kurſt anwenden. Ludovic erreichte umhertappend das Fenſter; die Kerze war erloſchen, das Feuer des Kamins ebenſo; der Rechand hatte weder Flamme, noch Rauch mehr. Die Vorhänge fielen am Fenſter herab und ver⸗ hinderten ihn, den Drehriegel zu finden. Ludovic umwickelte ſich ſeine Hand mit ſeinem Ta⸗ ſchentuche und zerſchmetterte mit zwei Fauſtſchlägen zwei Scheiben. Ein Luftzug fing an ſich zu bilden; es war Zeit: er ſelbſt ſchwankte und mußte ſich am Klavier feſthalten. Dann ergriff er die Vorhänge mit vollen Händen, riß ſie von ihren Stangen herab, und ſo gelang es ihm, das Fenſter zu öffnen. Die durch den Sauerſtoff und den Kohlenſtoff ge⸗ bildete Kohlenſäure machte nach und nach der athem⸗ baren Luft Platz, welche nun durch drei Oeffnungen eindrang. „Tretet ein!“ rief Ludovic;„tretet ein! es iſt keine Gefahr mehr; tretet ein und erleuchtet das Zimmer.“ Man ſteckte die zweite Kerze an, und jeder Gegen⸗ ſtand wurde ſichtbar. Die zwei jungen Leute lagen, eines in den Armen des andern, auf dem Bette, als ob ſie ſo eben einge⸗ ſchlafen wären. „Iſt ein Arzt hier,“ fragte Ludovic,„ein Barbier, gleichviel! ein Menſch, der mir helfen kann?“ „Es iſt Herr Pilloy hier, ein alter Wundarzt von iak. Sie igt, wic ſen⸗ fs⸗ die der er⸗ wei eit: ten. en, hm, ge⸗ em⸗ gen eine . en⸗ men ge⸗ ier, von der Garde, ein ſehr geſchickter Maun,“ antwortete eine Stimme. „So lauft zu Herrn Pilloy,“ ſagte Ludovic;„läutet, bis er aufſteht; zieht an ihm, bis er kommt.“ Dann ging er auf das Bett zu und ſprach den Kopf ſchüttelnd: „Ahl ich glaube, wir kommen zu ſpät!“ Die Lippen des jungen Mannes waren in der That ſchwärzlich. Ludovic hob die Augenlider auf. Das Auge von Colombau war angeſchwollen, glaſig; das Auge von Carmelite trübe, von Blut unterlaufen. Kein Athem lebte mehr, weder in dem Einen, noch in dem Andern. „Zu ſpät! zu ſpät!“ wiederholte Ludovic in Ver⸗ zweiflung.„Gleichviel, thun wir immerhin, was zu thun iſt. Ihr Frauen, übernehmet das Mädchen,“ fuhr er fort;„ich übernehme den Mann.“ „Was müſſen wir thun?“ fragte Chante⸗Lilas. „So gut als nur immer möglich ausführen, was ich Dir ſagen werde: vor Allem das Mädchen ans Fen⸗ ſter tragen. „Kommt!“ ſprach Chante⸗Lilas zu ihren Freun⸗ innen. „Und wir?“ fragten die Männer. „Suchet das Feuer wieder anzuzünden ein großes Holzfeuer; erwärmet Servietten; zieht ihm die Stiefel aus. Ich werde es verſuchen, ihm am Fuße zur Ader zu laſſen. Ah! zu ſpät! zu ſpät!“ Ludovic gab dieſen Ausruf der Verzweiflung von ſich, während er Colombau vom Bette zum Fenſter trug. „Hier iſt Eſſig, hier iſt Salzwaſſer,“ ſagte Nanette. „Gieße den Eſſig in einen Teller, daß man Taſchen⸗ tücher darein tauchen und damit die Schläfe der Er⸗ ſtickten reiben kann;— Du hörſt, Chante⸗Lilas?“ „Ja, ja,“ erwiederte das Mädchen. 48 „Schneidet eine Feder, wie ich es thue, ſeht drückt die Zähne auseinander, wenn Ihr könnt, und blaſt ihr Luft in die Lunge ein.“ Man gehorchte Ludovic, wie man in einer Schlacht einem Heerführer gehorcht Carmelite hatte die Zähne feſt an einander gepreßt; doch mit Hülfe eines elfenbeinernen Meſſers gelang es Chante⸗Lilas, ihr die Kiefer auseinander zu drücken und die Feder zwiſchen die Zähne zu ſchieben. „Nun?“ fragte Ludovic. „Die Feder iſt eingeſchoben.“ „So blaſe.. Ich kann es nicht zu Stande brin⸗ gen: er hat eiſerne Zähne!.. Habt Ihr ihm ſeine Stiefel und ſeine Strümpfe ausgezogen?“ „J. „Reibt ihm die Schläfe mit Eſſig; ſprengt ihm friſches Waſſer ins Geſicht; drückt ihm die Zähne aus⸗ einander, und müßtet Ihr ſie zerbrechen. Ich will es verſuchen, ihm am Fuße zur Ader zu laſſen.“ Ludovic öffnete ſein Etui, nahm eine Lancette her⸗ aus, ſtach zweimal die Ader am Fuße, doch vergebens. Das Blut kam nicht. „Nehmt ihm ſeine Halsbinde ab; reißt ihm die Weſte, das Hemd, reißt ihm Alles vom Leibe.“ „Hier ſind glühendheiße Servietten,“ ſagte eine Stimme. „Gebet Chante⸗Lilas davon und reibet die Bruſt mit den Servietten;— Du hörſt, Chante⸗Lilas? mache es ebenſo!— Ahl hier iſt ein Meſſer.“ Es gelang Ludovic ein Meſſer zwiſchen die zwei Kiefer von Colombau zu drücken; auf die Hoffnung, eine Federſpule in einen ſo engen Ranm zu ſchieben, verzich⸗ tend, hielt er ſodann ſeine Lippen an die Lippen des jungen Mannes und verſuchte es, ihm Luft in die Lunge einzublaſen. der ſuc ein Bo Fl un ſtre ath alk au erb Zei Gl Du rin⸗ eine ihm us⸗ es her⸗ ens. die eine ruſt ache zwei eine tzich⸗ des unge 49 Die Kehle war geſchloſſen; die Luft ging nicht durch den Schlund. „Zu ſpät! zu ſpät!“ murmelte Ludovic.„Ver⸗ ſuchen wir es mit der Droſſelader.“ Er nahm wieder ſeine Lancette und öffnete mit einer wunderbaren Sicherheit die Ader am Haſſe. Doch es kam ebenſo wenig Blut als am Fuße. „Da iſt engliſches Salze und Alkali,“ ſagte der Bote, indem er Ludovic zwei Fläſchchen darreichte. „Hier, Chante⸗Lilas,“ ſprach Ludovic,„nimm das Fläſchchen mit dem Salze und halte es dem Mädchen unter die Naſe. Ich nehme das Alkali.“ „Gut!“ erwiederte Chante⸗Lilas, die Hand aus⸗ ſtreckend. „Und die Luft?“ fragte Ludovic. „Wie, die Luft?“ „Glaubſt Du, ſie ſei in die Lunge eingedrungen?“ „Mir ſcheint, ja.“ „Dann guten Mnth, mein Kind! guten Muth! Reibe die Schläfe mit Eſſig und laß ſie das Salz ein⸗ athmen.“ Der junge Doctor tauchte mittlerweile ein Tuch in alkaliſirtes Waſſer und umhüllte damit den Kopf von Colombau. Colombau blieb jedoch undeweglich; kein Hauch kam aus ſeiner Bruſt, keiner konnte darein eindringen. „Oh!“ ſagte Chante⸗Lilas,„mir ſcheint, die Lippen erbleichen!“ „Muth! Muth! Chante⸗Lilas! das iſt ein gutes Zeichen!. Oh! mein liebes Kind; ſieh, welch ein Glück in Deinem Leben, wenn Du Dir ſagen könnteſt, Du habeſt eine Frau gerettet.“ „Mir ſcheint, ſie hat geſtöhnt,“ rief Chante⸗Lilas. „Hebe das Augenlid auf und ſchau das Auge an: iſt es immer noch ſo trübe 2“ Die Mohicaner von Paris. I. 4 „ 50 „Oh! Herr Ludovic, mir ſcheint, es iſt weni⸗ ger trübe.“ „Herr Pilloy iſt nicht zu Hauſe,“ meldete zurück⸗ kehrend der Bote, den manzum Wundarzte geſchickt hatte. „Wo iſt er?“ fragte Ludovic. „Bei Herrn Gérard, bei dem es ſehr ſchlecht geht.“ „Wo wohnt Herr Gerard?“ „In Vanvres... Soll ich dahin gehen?“ „Unnütz! es iſt zu weit.“ „Oh! es ſteht auch ſehr ſchlimm bei dem armen Herrn Gerard,“ ſagte eine Stimme. „Herr Ludovic, Herr Ludovic, ſie athmet!“ rief Chante⸗Lilas. „Biſt Du deſſen ſicher, mein Kind?“ „Ich rieb ihr die Bruſt mit einer heißen Serviette: ich fühlte ihre Bruſt ſich heben Herr Ludovic, ſie greift mit ihrer Hand nach ihrem Kopfe!“ „Wohl, ſo werden wir von zweien wenigſtens eines retten! Traget ſie raſch von hier weg, damit ſie, wenn ſie die Augen öffnet, nicht ihren todten Geliebten ſieht.“ „In ihr Zimmer, in ihr Zimmer!“ rief Nanette. „Ja, in ihr Zimmer.. Ihr werdet alle Fenſter öffnen und dort ein großes Feuer machen.. Geht, eht!“ Die Frauen trugen Carmelite weg. Es fing an Tag zu werden. „Du weißt, was zu thun iſt, Chante⸗Lilas?“ rief Ludovic der Gruppe der Frauen zu, welche Carmelite wegtrug. „Nein; ſagen Sie!“ „Was Du bis jetzt gethan haſt, nichts Anderes.“ „Wenn ſie aber fragt, was mit ihrem Geliebten geſchehen ſei?“ „Sie wird wahrſcheinlich vor einer Stunde nicht ſprechen, und erſt in zwei bis drei Stunden wieder zu Sinnen kommen.“ ei au veni⸗ rück⸗ ate. eht.“ rmen rief iette: ſie eines wenn ieht.“ tte. enſter Geht, i melite res.“ liebten nicht der zu 51 „Und dann?“ „Dann werden entweder Colombau oder ich bei ihr ſein.“ Hienach kehrte Ludovic zu Colombau zurück und murmelte: „Zu ſpät! zu ſpät! Armer Colombau! oder viel⸗ mehr, arme Carmelite!“ Und er arbeitete wieder an dem jungen Manne mit der erhabenen Hartnäckigkeit des Arztes, der das Leben bis in den Armen des Todes verfolgt. LX. Um das Bett von Carmelite und beim Bette von Colombeau. Morgens um neun Uhr hielt der Wagen, in dem Herr Jackal, Salvator und Jean Robert ſaßen, vor der Thüre des Hauſes an, wo die von uns ſo eben erzählten ſchrecklichen Ereigniſſe vorgefallen waren. Drei andere Wagen ſtanden ſchon vor dieſer Thüre: ein Fiacre, eine kleine bürgerliche Caleche und ein großer mit Wappen verzierter Wagen. „Sie ſind alle Drei da,“ murmelte Salvator. err Jackal wechſelte leiſe ein paar Worte mit einem ſchwarz gekleideten Manne, der ſich bei der Thüre aufhielt. Der ſchwarz gekleidete Mann beſtieg ein an einer Schranke, ein paar Schritte von da, an ebundenes Pferd und ritt im Galopp weg. b 52 „Ich beſchäftige mich mit Ihrem Schulmeiſter,“ ſagte Herr Jackal zu Salvator und zu Jean Robert. Salvator antwortete durch einen ſtummen Dank mit dem Kopfe und trat in den Gang ein. Kaum hatte er hier drei Schritte gemacht, als ein auf dem Ruheplatze des erſten Stockes liegender Hund die Stufen herabſprang und ſeine Pfoten auf die Schul⸗ tern von Salvator legte. „Ja, mein Hund, ja, Roland! ja, ſie iſt da, ich weiß es. Auf zeige uns den Weg, Roland Der Hund ſtieg zuerſt hinauf und blieb vor der Thüre des Zimmers von Carmelite ſtehen. Hert Jackal als ein Mann, der das Recht hat, überall einzudringen, öffnete dieſe Thüre und trat ein, gefolgt von Salvator und von Jean Robert. Da bot ſich ein Gemälde von tiefer Poeſie den Blicken des Polizeibeamten und der zwei jungen Leute. Man ſtelle ſich um das Bett, auf dem Carmelite, noch erſtarrt, aber außer Gefahr, ausgeſtreckt lag, drei Mädchen knieend und betend vor;— drei Mädchen gleich an Alter, gleich an Schönheit, und alle Drei gekleidet, wie Carmelite ſelbſt gekleidet war, das heißt mit einer eigenthümlichen Tracht, welche natürlich hier ihre Be⸗ ſchreibung findet. Dieſe Tracht war die der Koſtſchülerinnen von Saint⸗Denis. Sie beſtand aus einem Kleide von feiner ſchwarzer Sarſche, mit großem, ausgeſtofftem Rocke und geſchloſſenem Leibe, auf den ein weißer, gefältelter Kra⸗ gen niedergeſchlagen war; die Aermel der Kleider weit und herabhängend, wie die Aermel der Nonnen; ein großes wollenes Band, das ſich um beide Schultern wand, umgürtete die Taille, auf dem Rücken einen Win⸗ kel bildend, deſſen Baſe am Gürtel, deſſen Spitze an den Schultern war; dieſer handbreite Gürtel war mit Wolle von ſechs Farben geſtickt: grün, veilchenblan, aurorfarbig, blan, weiß und nacaratfarbig. Es war ein halb welt⸗ in ju zu tre eir eir mit ein und chul⸗ „ich der hat, ein, den te. elite, drei leich eidet, einer von feiner und Kra⸗ weit ei ltern Win⸗ nden Wolle rbig, welt⸗ 53 liches, halb religiöſes Coſtume; eine Frau der Welt hätte in ihrem Anzuge nicht dieſe Strenge vorwalten laſſen; eine Nonne würde dieſen glänzenden, alle Farben des Regenbogens reflectirenden Gürtel nicht getragen haben. Das iſt, wie geſagt, die Tracht der Koſtſchülerinnen von Saint⸗Denis, wenn ſie in das eintreten, was man die Ausbildungsclaſſe nennt. Jean Robert erkannte mit dem erſten Blicke Fragola, und er ſchaute Salvator an, um ſie ihm zu bezeichnen; doch dieſer hatte ſie ſchon geſehen und war ſogar von ihr geſehen worden: er legte ſeinen Finger auf ſeinen Mund, um Jean Robert Stillſchweigen zu empfehlen. Plötzlich wichen die zwei Freunde erſchrocken zurück: es hatte ihnen geſchienen, der Körper mache eine Bewe⸗ gung, und ſie wußten nicht, daß Carmelite durch Ludovic gerettet worden war. „Ah! ah!“ ſagte Herr Jackal mit der Gleichgültig⸗ keit der an ſolche Schauſpiele gewöhnten Leute,„ſie iſt alſo nicht todt?“ „Nein, mein Herr,“ antwortete die größte von den jungen Frauensperſonen, diejenige, welche durch den Wuchs nit ſogar durch die Schönheit den Anderen zu gebieten ſchien. Jean Robert wandte ſich um: der Klang dieſer Stimme war ihm nicht unbekannt. Er erkannte Fräulein Regina von Lamothe⸗Houdan. „Doch der junge Mann?“ fragte Herr Jackal. „Man hofft noch,“ antwortete Regina:„es iſt ein junger Arzt bei ihm, und ſo lange er ihn nicht aufge⸗ geben hat, wird nichts verloren ſein.“ In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thüre, und zum großen Erſtaunen von Jean Robert und Salvator trat Ludovic ein. Er hatte ſeinen ganzen Faſchingsputz abgelegt und einen Mann zu Pferde abgeſchickt, um in ſeiner Wohnung einen vollſtändigen Anzug zu holen. 54 „Nun?“ fragten alle Stimmen. Ludovie ſchüttelte den Kopf. „Der Mönch iſt bei ihm,“ erwiederte er;„ich, was mich betrifft, habe nichts mehr dort zu thun.“ Dann, als man auf Carmelite deutete, welche immer noch ſtumm da lag, und deren Angen, wenn ſie ſich auf⸗ thaten, nicht zu ſehen ſchienen, ſprach Ludovic: „Oh! armes Kind!. laßt ſie in ihrer Unwiſſen⸗ heit: ſie wird immer noch zu früh ins Leben zurück⸗ kehren!“ „Meine Herren,“ ſagte Jackal zu Salvator und zu Jean Robert,„wir ſind nur zufälliger Weiſe hier; ich glaube alſo, es wäre gut, die Kranke mit ihren Freun⸗ dinnen und dem Arzte zu laſſen, ſo raſch als möglich das Protokoll zu machen, und nach Verſailles abzugehen.“ Jean Robert und Salvator verbengten ſich zum Zeichen der Beiſtimmung. Fragola ſtand auf und ſagte ein paar Worte Sal⸗ vator ins Ohr; dieſer nickte bejahend mit dem Kopfe. Wonach der Commiſſionär und der Dichter hinter Herrn Jackal hinausgingen, wie ſie eingetreten waren. Alles war im unteren Zimmer bereit, um die Er⸗ zählung des Ereigniſſes zu ſchreiben. Die Thüre des Flurganges ſtand offen, und durch die Scheiben der Fenſter des Pavillon ſah man die Ker⸗ zen brennen. „Wollen Sie ein paar Tropfen Weihwaſſer ſprengen und ein Gebet für dieſen armen Leib verrichten?“ fragte Salvator den Dichter. Jean Robert machte ein Zeichen der Einwilligung⸗ und während Herr Jackal, um ſich Ideen zu geben, die Naſe mit Tabak vollſtopfte, gingen Beide nach dem Pavillon. Colombau lag auf ſeinem Bette: über ſeinen Kopf geworfen, deutete das Tuch durch ſeine Falten jene was mer auf⸗ ſſen⸗ rück⸗ und ich eun⸗ das . zum Sal⸗ fe. inter en. Er⸗ durch Ker⸗ ngen ragte ung die dem Kopf jene *. 55 ſtrenge Form an, welche die Hand des Todes den Leich⸗ namen gibt. Ein ſchöner Dominicanermönch ſaß oben am Bette, ſein Buch offen auf ſeinem Schooße; er hatte aber den Kopf zurückgeworfen, und indeß er Todtengebete ſprach, entfielen ſtille Thränen ſeinen Angen. Als er die zwei jungen Leute ſah, welche mit ent⸗ blößtem und geſenktem Haupte eintraten, ſtand der Mönch auf; ſein Blick richtete ſich abwechſelnd auf Jean Robert und auf Salvator; doch die zwei Geſichter waren ihm offenbar unbekannt. Der Eindruck, den Salvator beim Anblicke des Mönches empfand, war hievon ganz verſchieden: als er Dominique erblickte, blieb der junge Mann ſtehen und ließ beinahe einen Freudenſchrei, jedoch gemäßigt durch die Ehrfurcht, entſchlüpfen. Bei dieſem Schrei wandte ſich der Mönch um; doch ein neuer, von ihm auf Salvator geworfener Blick lehrte ihn nicht mehr, als der erſte, und abgeſehen von dieſer natürlichen Bewegung des Erſtaunens, blieb er unem⸗ pfindlich. Salvator ging aber auf ihn zu und ſprach: „Mein Vater, ohne es zu vermuthen, haben Sie das Leben dem Manne gerettet, der vor Ihnen ſteht; und dieſer Mann, der Sie nie geſehen, der Ihnen nie ſeitdem begegnet iſt, hat Ihnen eine tiefe Bankbarkeit geweiht. Ihre Hand, mein Vater!... Der Mönch reichte ſeine Hand dem jungen Manne, der, ſo ſehr ſich auch Dominique anſtrengte, ſie zurückzu⸗ ziehen, dieſe Hand ehrerbietig küßte. „Hören Sie mich nun an, mein Vater,“ ſprach Salvator.„Ich weiß nicht, ob Sie meiner eines Tags bedürfen werden; doch bei der heiligſten Sache, die je exiſtirt hat, beim Leibe des Ehrenmannes, der ſo eben den Geiſt aufgegeben, ſchwöre ich Ihnen: das Leben, das ich Ihnen verdanke, gehört Ihnen.“ 56 „Mein Herr,“ erwiederte ernſt der Mönch,„ich nehme dies an, obſchon ich nicht weiß, wann und wo ich Ihnen den Dienſt, von dem Sie reden, habe leiſten kön⸗ nen. Die Menſchen ſind Brüder und in dieſe Welt ge⸗ ſtellt, um ſich einander zu unterſtützen: bedarf ich Ihrer⸗ ſo werde ich zu Ihnen gehen. Ihr Name und Ihre Adreſſe?“ Salvator ging an den Schreibtiſch von Colombau, ſchrieb ſeinen Namen und ſeine Adreſſe auf ein Papier und reichte dieſes dem Mönche. Der Dominicanuer legte das Papier zuſammengefaltet in ſein Gebetbuch, nahm wieder ſeinen Platz oben am Bette von Colombau ein und ſetzte ſeine Gebete fort. Die zwei jungen Leute ergriffen nach einander den in Weihwaſſer getauchten Buchszweig und beſprengten damit das Tuch, das den Leichnam von Colombau be⸗ deckte; dann knieten Beide am Fuße des Bettes nieder und verrichteten im Geiſte ein inbrünſtiges Gebet. Während ſie beteten, trat ein Mann bekleidet mit einer Livree ein, welche andeutete, daß er Diener in einem reichen bürgerlichen Hauſe war. „Mein Herr, ſagte er zu dem Mönche,„ich glaube, Sie ſind derjenige, welchen ich ſuche.“ „Was wollen Sie vyn mir, mein Freund?“ fragte Dominique. „Mein Gebieter ſtirbt, und da der Pfarrer von Van⸗ vres abweſend iſt, ſo läßt er Sie inſtändig bitten, zu kommen und ſeine Beichte zu hören.“ „Ei!“ erwiederte der Mönch,„ich bin der Gemeinde fremd; dieſer junge Mann, bei dem ich Gebete ſpreche, war mein Freund, und auf den Brief, den er mir ge⸗ ſchrieben, den ich aber leider zu ſpät empfangen habe, bin ich gekommen.“ „Mein Herr,“ verſetzte der Diener,„dieſe Eigen⸗ ſchaft eines Fremden iſt, glaube ich, gerade das, was meinen Herrn wünſchen läßt, daß Sie ihm beiſtehen — ön⸗ ge⸗ rer, hre au, pier tet am 5 den ten be⸗ eder mit in ube, agte zan⸗ zu inde eche, ge⸗ abe, gen⸗ was ehen 57 mögen... Es geht ſehr ſchlecht bei ihm, und Herr Pilloy, der Wundarzt, hat ihm, von ihm ſelbſt befragt, geantwortet, wenn er ſeine Vorſichtsmaßregeln nehmen wolle, ſo habe er keine Zeit zu verlieren.“ Der Mönch ſeufzte und ſchaute den unbeweglichen Leichnam an, deſſen Form durch das Tuch ſichtbar war. „Mein Herr,“ fuhr Jener fort,„mein Gebieter hat mir befohlen, Sie im Namen Gottes, deſſen Diener Sie ſind, zu beſchwören, Sie mögen in aller Eile zu ihm kommen.“ „Ich hätte gern dieſen armen Leib nicht verlaſſen mögen,“ ſprach der Mönch. „Mein Vater,“ ſagte Salvator,„mir ſcheint, Sie ſind Ihre Tröſtungen den Lebenden ſchuldig, ehe Sie Ihre Gebete den Todten ſchuldig ſind.“ „Und dann,“ fügte Jean Robert bei,„wenn Sie wünſchen, daß eine fromme und bei dem großen Unglück, das Ihnen begegnet, mitfühlende Seele hier bleibe, ſo bin ich da.“ „Mein Herr,“ fragte drängend der Diener,„was ſoll ich meinem Gebieter ſagen?“ „Sagen Sie ihm, mein Freund, ich folge Ihnen.“ „Oh! Dank!“ „Nach wem habe ich zu fragen?“ „Nach Herrn Gérard.“ „Seine Straße? ſeine Nummer?“ „Oh! mein Herr, die erſte Perſon, bei der Sie ſich erkundigen, wird Ihnen das Haus zeigen: mein armer Herr iſt die Vorſehung der Gegend.“ „Gehen Sie,“ ſprach der Mönch. Der Diener ging raſch ab. „Sie verſprechen mir, bis zu meiner Rückkehr hier zu bleiben?“ fragte Dominique Jean Robert. „Mein Vater,“ erwiederte der Dichter,„Sie wer⸗ den mich wiederfinden, wie Sie mich verlaſſen haben: am Fuße dieſes Bettes.“ 58 „Und wenn Sie mir etwas beſonders zu empfehlen hätten,“ ſprach Salvator,„ſo würde ich mich bemühen, Sie nach meinen beſten Kräften zu erſetzen.“ „Ich nehme Ihr Anerbieten an, mein Herr; Sie wiſſen, daß Sie mir geſagt haben, ich könne über Sie verfügen!“ „Thun Sie es.“ „Colombau hat mich beauftragt, darüber zu wachen, daß ſein Leib beim Leibe derjenigen, welche er liebte, beſtattet werde; die Vorſehung hat erlaubt, daß es nur eine Leiche gab, ſtatt zwei: ich kann alſo den Wunſch meines Freundes nicht erfüllen. Mehr noch: dieſer Leich⸗ nam muß ſo viel als möglich den Augen der armen Carmelite entzogen werden; ich habe daher beſchloſſen, heute noch, um vier Uhr, nach der Bretagne abzureiſen. GEs iſt ein Vater dort: er hat ein Recht auf den Leib ſeines Sohnes und auf meine Tröſtungen.“ „Um vier Uhr, mein Vater, wird Sie am Ende des Dorfes der Leichnam, in einen eichenen Sarg einge⸗ ſchloſſen, nach Erfüllung aller Formalitäten, in einer Poſtchaiſe erwarten. Sie brauchen nur Ihren Platz neben demſelben zu nehmen und abzureiſen.“ „Ich bin arm,“ ſagte der Mönch,„und ich habe nur eine Summe bei mir, welche kaum hinreichend für meine perſönliche Reiſe; wie kann ich... „Seien Sie unbeſorgt, mein Vater,“ unterbrach Salvator:„die Reiſekoſten werden bei der Rückkehr be⸗ zahlt ſein.“ Der Mönch näherte ſich dem Bette, hob das Tuch auf, küßte Colomban auf die Stirne und ging ab. Fünf Minuten nachher trat Herr Jackal ein. Er ging auf die zwei jungen Leute zu, ſtützte ſich auf ſeine geſpreizten Beine, ſchaukelte ſich einen Augen⸗ blick, mit den Händen in ſeinen Taſchen, wandte ſich dann beſonders an Jean Robert und fragte den jungen Mann: „Sie ſind Dichter?“ c en n, ie ie n, te, ur ch h⸗ en n, n. en es e⸗ er atz be ür 59 „Das heißt, man behauptet, ich ſei es.“ „Als Dichter,“ fuhr der Polizeimann fort,„glauben Sie an die Vorſehung, nicht wahr?“ „Ja, mein Herr, ich habe den Muth, dies zu ge⸗ ſtehen.“ „Sie brauchen in der That Muth!“ ſprach Herr Jackal, indem er ſeine Tabaksdoſe aus der Taſche zog und mit Wuth ein paar Priſen ſchlürfte. „In welcher Hinſicht ſagen Sie mir das?“ „In Betreff dieſes Briefes.“ Und er zog aus ſeiner Taſche einen Brief, den er Jean Robert zeigte, ohne ihm denſelben zu geben. „Was für ein Brief iſt dies?“ fragte Jean Robert. „Das iſt ein Brief, der geſtern Abend angekommen,“ ſagte Herr Jackal,„auf welchen man die zwei Worte⸗ ſehr preſſant zu ſchreiben beſorgt geweſen war, den der Briefträger am Ende des Dorfes der Gärtnerin Na⸗ nette übergeben hat, den die Gärtnerin Nanette mit nach Paris genommen, und der, wenn er geſtern Abend von denjenigen, an welche er adreſſirt war, geleſen worden wäre, zwei Glückliche gemacht hätte, ſtatt einen Todten und eine Verzweifelte zu machen! Leſen Sie!“ Und er gab den Brief Jean Robert. Dieſer entfaltete ihn und las: „Mein lieber Colombau, meine theure Carmelite, „Nicht wahr, Ihr werdet ſehr zufrieden, ſehr glück⸗ lich ſein, wenn Ihr dieſen Brief von Eurem Freunde Camille Rozan ankommen ſeht, ſtatt ihn ſelbſt ankommen zu ſehen? „Ich höre Euch ausrufen:„„Oh! dieſer gute, dieſer vortreffliche Camille!““ „Vernehmet, meine Theuerſten, was mir einer mei⸗ ner Landslente ſchreibt, mit dem ich zur Zeit von mei⸗ nem Heirathsprojecte mit Ihnen, Carmelite, ſprach: 60 „„Mein lieber Rozan, Deine zwei Freunde leben wie Turteltauben, ohne ſich einen Augenblick zu verlaſ⸗ ſen; ſie lieben ſich nicht nur, ſondern, ich ſage mehr, ſie beten ſich an. „„Ich glaube, Du würdeſt ſie durch Deine Rückkehr ſehr betrüben. „„Zeige Dich groß wie Alexander, der Apelles ſeine Geliebte Kampaſpe abtrat. „„Ich werde nicht ſagen: Dritt Colombau Deine Geliebte Carmelite ab; doch ich ſage: Trenne nicht zwei Herzen, die der Himmel für einander geſchaffen hat!““ „Das ſchreibt mir mein Landsmann, mein lieber Colombau. „Hiebei iſt aber Eines, was ich ſchon wußte, mein Freund: daß Du Carmelite liebteſt; es iſt dann Eines⸗ was ich nun weiß: daß Carmelite Dich liebt; es iſt endlich ein Drittes, was Du mir geſagt haſt, und was ich glanbe: daß Du eher ſterben, als zum Verräther an dem Eide, den Du mir geſchworen, werden würdeſt, an dem Eide, über Carmelite wie über eine Schweſter zu wachen. „Du ſollſt nicht ſterben, mein armer Freund, und darum gebe ich Dir Dein Wort zurück, wie das von Carmelite. „Sei alſo glücklich, Colombau! und wenn Dir Dein Opfer drückend geweſen iſt, ſo empfange dafür den größ⸗ ten Lohn, den ich Dir bieten kann; denn in dem Au⸗ genblicke, wo ich mich für immer von ihr trennen ſoll, fühle ich die ganze Liebe, die ich noch für Carmelite hegte. „Da es für mich Bedürfniß iſt, dieſe Liebe zu er⸗ ſticken und zwiſchen mein Herz und das ihrige eine un⸗ überſteigbare Schranke zu ſetzen, ſo habe ich mich auch geſtern Abend verheirathet, und ich ſchreibe Euch dieſen Morgen aus dem Hochzeitgemache. „Gott befohlen alſo, mein theurer Colomban! Gott — e— en aſ⸗ ſie ehr ine au 61 befohlen, meiue theure Carmelite! Ich wünſche Euch alles Glück, das Ihr verdient, indem ich in Demuth meine Schwäche geſtehe, ich würde ſagen, meine Schlech⸗ tigkeit, wüßte ich nicht, daß dieſe Nachricht Euch Beide, beſonders Carmelite, mit Freude erfüllen wird. „Euer Freund „Camille Rozan.“ „Nun,“ fragte Herr Jackel, während er den Brief wieder zurücknahm,„was ſagen Sie hiezu, Herr Jean Robert?“ „Ich ſage, das iſt herzzerreißend!“ antwortete der junge Mann. „Und Sie glauben immer noch an die Vorſehung?“ „Ich glaube daran.“ „Die Vorſehung, Herr Jean Robert,“ verſetzte Herr Jackal ſeine Naſe mit Tabak vollſtopfend,„ſoll ich Ihnen ſagen, was das iſt?“ „Sie werden mir ein Vergnügen machen, in Be⸗ tracht, daß ich mit Zuverſicht daran glaube.“ „Nun wohl, mein lieber Herr, die Vorſehung, das iſt eine gut gemachte Polizei!.. Laſſen Sie uns in Ver⸗ ſailles ſehen, ob wir die Braut des Schulmeiſters wie⸗ derfinden.“ Und wenn nun der Leſer zufällig laut die Frage an uns machen würde, welche Jean Robert leiſe an Salvator in dem Angenblicke richtete, wo er, getren ſei⸗ nem Verſprechen, den Commiſſionär der Rue aux Fers und den Mann der Rue de Jeruſalem nach Verſailles ab⸗ gehen ließ und ſelbſt bei der Leiche von Colombau blieb; wenn zufällig, ſagen wir, der Leſer uns fragte:„Wie konnte Herr Jackal um halb acht Uhr Morgens von den im Bas⸗Mendon von Mitternacht bis um fünf Uhr Mor⸗ gens vorgefallenen Ereigniſſen unterrichtet ſein?“ ſo wür⸗ den wir antworten: 62 Es beſtand zu jener Zeit ein ſinnreiches Inſtitut, das man das ſchwarze Cabinet naunte. Dieſes ſchwarze Cabinet war ein Ort, wo ein Dutzend Ange⸗ ſtellte ſich insgeheim damit beſchäftigten, die auf die Poſt gegebenen Briefe zu entſiegeln, und dieſe Briefe vor den Perſonen zu leſen, an die ſie adreſſirt waren. Heute gibt es kein ſchwarzes Cabinet mehr: die Sache wird am hellen Tage getrieben. Herr Jackal,— in Betracht der Gerüchte, welche über eine dreifache, republikaniſche, orleaniſtiſche und napoleoniſtiſche, Verſchwörung im Umlaufe waren,— ver⸗ achtete es ſeit einigen Monaten nicht, in ſeinen verlo⸗ renen Augenblicken das Geſchäft eines einfachen Ange⸗ ſtellten zu beſorgen. Herr Jackal hatte dem zu Folge die Nacht mit dem Entſiegeln und Leſen von Briefen zugebracht. Der Brief von Colombau an Dominique war ihm in die Hände gefallen. Es geſchah dies ungefähr Mor⸗ gens um halb fünf Uhr. Herr Jackal hatte ſogleich einen Mann zu Pferde ſteigen laſſen und ihm befohlen, mit verhängten Zügeln nach dem Bas⸗Meudon zu reiten. Herr Jackal,— wel⸗ cher behauptete, die Vorſehung ſei eine gut gemachte Polizei,— Herr Jackal hoffte, ſein Mann werde zeitig genug ankommen: ſein Mann kam einen Augenblick, nachdem man in den Pavillon von Colomban eingedrun⸗ gen, und folglich zu ſpät an. Unter dem Tumulte ſchenkte man dieſem Agenten keine Aufmerkſamkeit. Er ſah einen an Fräulein Regina von Lamothe⸗Hondan, an Frau Lydie von Marande und an Mademoiſelle Fragola Ponroy adreſſirten Brief: er nahm dieſen Brief und brachte ihn Herrn Jackal; dieſer las ihn, wie er den an Dominique adreſſirten Brief geleſen hatte, befahl dann ſeinem Manne, ein friſches Pferd zu beſteigen und den Brief wieder an den Platz zu legen, wo er ihn genommen hatte. ——— c —— ,—— ut, ſes ge⸗ oſt den die che ind er⸗ lo⸗ ge⸗ lge fen hm or⸗ rde eln el⸗ hte tig ick, un⸗ ten ina ind er ſer ief hes atz 63 Dies hatte der Bote von Herrn Jackal eben gethan, als die zwei jungen Leute den Letzteren mit einem ſchwarz gekleideten Manne ſprechen ſahen, deſſen Pferd an die Thüre einer Schenke angebunden war; was Herr Jackal leiſe dieſem Manne ſagte, iſt, er könne ſich ſchla⸗ fen legen, und der Polizeipräfect werde erfahren, mit welcher Geſchwindigkeit und welcher Intelligenz er ſeine Sendung erfüllt habe. LXI. Ein Dorfphilanthrop. Wir haben den Bruder Dominique abgehen ſehen; zum Bette von Herrn Gérard berufen, ſuchte er den würdigen Mann auf, deſſen verzweifelter Zuſtand das ganze Dorf und ſeine Umgegend in die tiefſte Unruhe verſetzte. Herr Gérard war ein Philanthrop in der vollen Be⸗ deutung des Wortes. Geben wir unſern Leſern einige Auskunft über Herrn Gérard, das heißt, theilen wir mit, was man von ihm erzählte. Herr Gérard war der reichſte Einwohner von Vanvres und der Umgegend, das blieb unbeſtritten; Niemand kannte den Belauf ſeiner Einkünfte, ſo unge⸗ heuer waren dieſe, und fragte man einen Banern über dieſen Gegenſtand, ſo antwortete er unabänderlich: „Herr Gérard?“ „Ja, Herr Gérard.“ 64 „Sie fragen mich, ob er reich ſei?“ „Das frage ich Euch.“ „Herr Gérard hat ſo viel Geld, daß er die Summe nicht weiß.“ Er bewohnte einſt, wie man ſagte, ein herrliches Gut bei Fontainebleau, das er in Verfall gerathen ließ wegen der Unglücksfälle, die ihn dort betroſſen. Vor⸗ mund von zwei reizenden Kindern, ſah er dieſe eines Tags beide verſchwinden, ohne daß er je Nachricht über ſie zu erhalten vermochte; der Geliebte einer Frau, die er anbetete, fand er an einem andern Tage, als er nach Hauſe kam, dieſe Frau von einem Neufundlands⸗ hunde ervürgt, der wahrſcheinlich, ohne daß man es bemerkte, wüthend geworden war. Dieſe Reihenfolge entſetzlicher Unglücksfälle, welche wahrſcheinlich jedem Anderu, als ihm, einen Abſcheu gegen das Menſchengeſchlecht beigebracht hätte, ſteigerte im Gegentheil ſeine Chriſtentugenden, die er bis zur erhabenſten Nächſtenliebe und zur aufopferndſten Hin⸗ gebung übte, und die ihn zum Beiſpiele der Philanthro⸗ pen und zum Idole der Bevölkerung machten. Er war um das Jahr 1821 oder 1822 nach Vanvres gekommen, in der Abſicht, ſich hier niederzulaſſen. Er hatte mehrere verfügbare Häuſer beſichtigt, ohne eines zu finden, das ihm zuſagte; endlich hatte er ſich für das beſtimmt, welches er bewohnte. Anfangs hatte man ſich geweigert, es ihm zu geben; Herr Gérard hatte aber einen ſo ortheilhußen Preis geboten, daß der Eigen⸗ thümer, obgleich er es für ſich ſelbſt gebaut, ihm das Haus abgetreten hatte. Von da an bewohnte Herr Gérard, wie geſagt, dieſes Haus, in welchem er zugleich wie ein Heiliger und wie ein Fürſt lebte: wie ein Heiliger, wegen ſeines regelmäßigen, ſittlichen Betragens; wie ein Fürſt, we⸗ gen der Almoſen, die er um ſich her ſpendete. Von ſeiner Ankunft an warin der That Vanvres auf einen Weg e⸗ on eß 65 des Wohlergehens gelangt, der es bald dazu führen mußte, daß es eines der blühendſten Dörfchen in der Umgegend von Parts wurde; von arm und dürftig, wie ſie gewe⸗ ſen, wurden die Einwohner allmälig wohlhabend; Einige galten ſogar für reich, und dieſen,— wohl verſtanden relativen,— Reichthum, der bei den am beſten Bethei⸗ ligten noch nicht die goldene Mittelmäßigkeit des lateiniſchen Dichters erreichte, hatte man ganz Herrn Gérard zu verdanken. Die Folge hievon war, daß es keine Hütte in Vanvres gab, wo der Name dieſes würdigen Mannes nicht verehrt und geſegnet wurde; nie hätte man von ihm geſprochen, ohne irgend ein charakteriſtiſches Epi⸗ theton beizufügen: es war der gute, der vortreffiche, der redliche, der tngendhafte, der wohlthätige Herr Gérard! War die Ernte ſchlecht, hatte der Mangel an Sonne das Getreide zu reifen verhindert, hatte das Uebermaß der Hitze das Korn in der Aehre verdörrt, hatte der Hagel den Roggen und den Hafer niedergeworfen, hatten die Regen im Frühling die Saat fanlen gemacht, ſchaute ein troſtloſer Bauer, auf den Stiel ſeiner unnützen Senſe oder ſeines müßigen Spatens geſtützt, mit Verzweiflung ſein Feld, das einzige Vermögen ſeines Weibes und ſeiner Kinder an, das durch eine der Geißeln, gegen welche alle Kräfte des Menſchen machtlos ſind, verwüſtet worden,— und Herr Görard kam dann auf ſeinem Pferde oder in ſeinem Cabriolet vorüber, ſo ſtieg Herr Gérard ſogleich ab, ging auf den Bauern zu, plauderte vertraulich mit ihm, tröſtete, ermuthigte ihn, und fügte ſeinen Tröſtungen, ſeinen Ermuthigungen ein mehr oder minder bedentendes Gelddarlehen bei, das immer, nicht nach den Bürgſchaften, die der Bauer bieten konnte, ſondern nach den Verluſten, die er erlitten, nach den Bedürfniſſen, die er hatte, abgemeſſen war, und zwar ohne Intereſſe von irgend einer Art. Einigen, deren Die Mohicaner von Paris. MI. 5 66 Ruf gut war, hatte er ſogar, wie man ſagte, ohne Schein geliehen. Man erzählte von ihm Züge, wie folgende zum Beiſpiel: Ein Zimmermann, der am Dache ſeines Hauſes arbeitete, fiet von einem Gerüſte herab und brach ſich das Bein. Statt ihn ins Spital zu ſchicken, wie es im vorhergehenden Jahre der Maire von Vanvres, der doch für einen der wohlthätigſten Menſchen galt, bei einem ähnlichen Falle hatte thnn laſſen, nahm Herr Göérard bei ſich nicht nur den verwundeten Zimmermann, ſon⸗ dern auch ſein Weib und ſeine Kinder auf, ließ den Wundarzt von Mendon, Herrn Pilloy, rufen, empfahl ihm den armen Kranken zur beſten Pflege und verſprach ihm Bezahlung wie für einen Fürſten. Die Geneſung dauerte drei Monate, und während dieſer Zeit blieben der Zimmermann, behandelt mit einer Sorgfalt und Aufmerkſamkeit, als ob er ein Bruder geweſen wäre, ſowie ſein Weib und ſeine Kinder, genährt, als ob ſie zur Familie gehört hätten, bei Herrn Gérard, aus deſſen Hauſe ſie nur, zahlreiche Zeichen ſeiner Wohlthätigkeit mitnehmend, weggingen. Später verſank ein armer Schenkwirth, Vater von fünf Kindern, der ſeine Frau und ſeine älteſte Tochter verloren, in eine eutſetzliche Niedergeſchlagenheit, ließ, trotz den Ermunterungen und Rathſchläge der Nachbaru⸗ ab von jeder Sorge für ſein Gewerbe, vernachläſſigte ſeine wichtigſten Geſchäfte, und blieb gleichgültig dabei, daß ſein Haus jede Kundſchaft und jeden Credit verlor ein Gläubiger, der für ſeinen Nächſten durchaus nicht die Liebe hegte, wie Herr Görard, ließ das Hausgeräth des armen Mannes verkümmern, und der Verkauf deſ⸗ ſelben ſollte die vier übrigen Kinder auf die Straße ſetzen und auf das Betteln anweiſen. Da erſt trat der Schenkwirth, der nun den ganzen Umfang ſeines Ur⸗ glückes begriff, aus ſeiner Vernichtung hervor, und am Te ſei Ki ſei ihr au kör üb Ko ver die Mi die Her fra der und wer lich Hä jan Wa Mo wei es nert imn es auf tru das doch zu ſo y nach hne zum uſes im doch inem rard ſon⸗ den fahl rach ſung eben und owie zur eſſen gkeit von chter ließ, barn, ſſigte abei, rlor; nicht eräth deſ⸗ traße t der Un⸗ d am 67 Tage des Verkaufs, als er den Gerichtsdiener ſah, der ſeine erſten Geräthſchaften verſteigern ließ, fiel er ſeinen Kindern um den Hals, bat ſie um Verzeihung wegen ſeiner Feigheit, und bot ſein Leben demjenigen, welcher ihm die Mittel geben wollte, daß er ſein Gewerbe wieder aufnehmen und ſeinen Verbindlichkeiten Genüge leiſten könnte. In dieſem Augenblicke kam Herr Gérard vor⸗ über. Er geſellte ſich der Gruppe bei, welche halb aus Käufern, halb aus Zuſchauern, herbeigezogen durch die verzweiflungsvolle Scene, beſtand; er rief den Gerichts⸗ diener und fragte ihn, um welche Summe das armſelige Mobiliar verkauft werden ſollte; und als der Gerichts⸗ diener antwortete, für achtzehnhundert Franken, da zog Herr Gérard ſogleich aus ſeiner Taſche drei Tauſend⸗ frankenbillets, von denen, wie er erklärte, achtzehnhun⸗ dert Franken zu Bezahlung der Schuld des Schenkwirthes und zwölfhundert dazu beſtimmt waren, daß er ſein Ge⸗ werbe wieder anfnehmen könnte. Da warf ſich der unglück⸗ liche Vater ſeinem Wohlthäter zu Füßen und bedeckte ſeine Hände mit Thränen der Dankbarkeit unter dem Zu⸗ jauchzen aller Anweſenden. An einem andern Tage fand eine Bäuerin, die im Walde von Meudon Holz machte, ein Knäblein von ſechs Monaten, das, im dürren Laube liegend, ſchrie und weinte; die Frau nahm das Kind in ihre Arme, trug es nach Vanvres und zeigte es den entrüſteten Einwoh⸗ nern;— denn die Regung des Gemüthes der Menge iſt immer erhaben beim Anblicke eines verlaſſenen Kindes;— es war ein allgemeiner Fluch, der wie ein Feuerregen auf das Haupt der Mutter niederfallen ſollte!— Man trug das arme Kind auf die Mairie. Die Mairie müßte das natürliche Domicil, das Vaterhaus jeder Waiſe ſeinz doch der Maire antwortete, es liegen der Gemeinde ſchon zu viel Kinder zur Laſt, und was ihn perſönlich betreffe, ſo werde er, während er ſich die Freude verſage, Kinder nach ſeinem Bilde zu erzeugen, ſich nicht damit beluſti⸗ 68 gen, daß er ſich ein nach dem Bilde eines Unbekannten geſchaffenes Kind aufbürde. Auf dieſe Antwort erhob ſich ein einſtimmiger Schrei aus der Menge:„Zum guten Herrn Gérard! zum redlichen Herrn Gérard! zum tugendhaften Herrn Gérard!“ Und die Menge ſtürzte nach dem Hauſe des Philanthropen mit dem Rufe:„Ein Kind! ein Kind!“ Herr Geérard ging in ſeinem Garten auf und ab, als der Ruf an ſein Ohr traf; bei An⸗ näherung des Geräuſches errieth er, dieſe Menge, deren Geſchrei er hörte, komme zu ihm; ohne Zweifel brachten aber die Worte:„Ein Kind! ein Kind!“ anf ſeine Ner⸗ ven eine ſchmerzliche Empfindung hervor, denn die Menge fand ihn auf einer Bank in ſeinem Garten ſitzend, ganz bleich und zitternd. Als er jedoch erfuhr, es ſei von einem Kinde von ſechs Monaten die Rede, da gewann ſeine gewöhnliche Güte, welche einen Angenblick einem unbeſchreiblichen Gefühle des Schreckens Platz gemacht hatte, alsbald die Oberhand; er ließ eine Amme holen, kam mit ihr wegen des Preiſes für die Nahrnng der Waiſe überein, und erklärte, man habe ſich nicht meht mit der Sorge für das arme kleine Weſen zu beſchäf⸗ tigen, da dieſe Sorge für die Zukunft ſeine Sache ſei; nur wünſche er, daß das Kind fern von ihm aufgezogen werde, weil der Verluſt von zwei geliebten Mündeln, den er erlitten, eine Wunde in ſeinem Herzen zurückgelaſſen habe, die der Anblick eines Kindes nnabläſſig bluten machen würde. Und die Amme nahm die Waiſe mit, für deren Exiſtenz Herr Gérard auf das Großmüthigſte Sorge trug. Kurz, mit der einfachen Erzählung der mit einau⸗ der verknüpften Tage von Herrn Gérard hätte man eine Fortſetzung zu dem Buche: die Moral in Thätigkeit, machen können. Die ganze Gegend hätte ihm eine Statue errichten müſſen, denn die ganze Gegend verdankte ihm etwasz die Gemeinde verdankte ihm einen Brunnen auf dem öffent⸗ ten hob zum zum rzte Ein rten An⸗ eren hten Rer⸗ enge anz von ann nem acht Men, der nehr häf⸗ ſeiz ogen den iſſen uten igſte nan⸗ eine eit, hten die fent⸗ 69 lichen Platze; die Krautgärtner verdankten ihm einen Querweg, um den ſie ſeit zwanzig Jahren nachſuchten; die Kirche verdankte ihm heilige Gefäße und ein Mei⸗ ſterbild; die Dorfbewohner verdankten ihm drei bis vier von ihm, in Folge eines Brandes, neu gebaute Häuſer und die neu gepflaſterte große Straße des Dorfes⸗ Und Alles dies abgeſehen von dem, was ihm die Bauern privatim ſchuldig waren; hievon zeugten der Zim⸗ mermann, der Schenkwirth und zwanzig Andere, welchen er ähnliche Dienſte geleiſtet, deren monotone Aufzählung, ſo erbaulich ſie gewiß wäre, ermüdend für unſere Leſer würde, hätten wir nicht die Gewiſſenhaftigkeit, ſie ihnen zu erſparen. Mit einem Worte, Herr Gérard war zugleich der rechtſchaffene Mann nach dem Sinne des Evangeliums und nach dem Sinne der Geſellſchaft: er beobachtete die Gebote Gottes und der Kirche mit einer bewundernngs⸗ würdigen Treue; das Dorf betete ihn an, und die Dank⸗ barkeit, die es für ſeinen Woblthäter bezeigte, hatte etwas von der Ergebenheit des Hundes für ſeinen Herrn; eine Folge hievon war, daß man um ihn Wache hielt wie um ein Mitglied der königlichen Familie, und daß ſelbſt ein Mitglied der königlichen Familie ſchlecht ange⸗ kommen wäre, hätte es nicht die Verehrung dieſer fana⸗ tiſchen Dorfbewohner getheilt. Der Mönch Dominique, den Einige von ihnen auf der Straße trafen und nach Vanvres begleiteten, begriff auch nach dem, was ſie ihm von den Tugenden von Herrn Görard erzählt hatten, die Beſtürzung, die in den Ge⸗ ſichtern der Banern ausgedrückt war, welche auf der Schwelle ihrer Tbüren oder auf der Straße ſtanden, wie man es bei den öffentlichen Calamitäten thut, um mehr im Bereiche der Reuigkeiten zu ſein. Als er dieſe allgemeine Troſtloſigkeit ſah, fragte Bruder Dominique einen von ſeinen Begleitern, was „ 70 eine Krankheit es ſei, die Herrn Gérard zum Grabe ühre. „Es iſt ein Fluß auf der Bruſt,“ antwortete derje⸗ nige, an welchen er ſich wandte. „Ja,“ ſprach ein Anderer,„und es iſt eine gute Handlung, was den Tod des lieben armen Mannes ver⸗ urſachen wird.“ Und nun erzählten die Bauern Dominique um die Wette, vierzehn Tage vorher habe Herr Gérard, als er durch den Park gegangen, Nothſchreie gebört, welche vom großen Baſſin hergekommen. Er hatte ſich in aller Haſt nach dieſer Seite gewandt. Ein paar Kinder waren am Rande des Baſſin und riefen um Hülfe, ohne daß ſie es wagten, einem ihrer Kameraden, der ins Waſſer gefallen, beizuſtehen: dieſer Knabe hatte ſich vorgebengt, um ein papiernes Schiff, das zu weit vom Rande entfernt gewe⸗ ſen, an ſich zu ziehen; er hatte das Gleichgewicht verlo⸗ ren, und man ſah am Brudeln des Waſſers den Ort, wo er ſich zerarbeitete. Herr Gérard war raſch gelau⸗ fen, und von ſeiner Stirne ſtrömte der Schweiß; deſſen ungeachtet zögerte er nicht einen Augenblick und warf ſich ins Waſſer, um den Knaben herauszuziehen; er brachte ihn auch wirklich unverſehrt ans Ufer; er aber, der arme Herr Gérard! kam, triefend von Waſſer, ſchnat⸗ ternd vom Scheitel bis zu den Zehen, in einem erbärm⸗ lichen Zuſtande nach Hauſe, und obgleich er die Kleider wechſelte, obgleich er ein großes Feuer anzünden ließ und ſich raſch in ein wohl gewärmtes Bett legte, ergriff ihn doch das Fieber noch an demſelben Tage und verließ ihn ſeitdem nicht mehr. Am Morgen ſagte Herr Pilloy, er ſtehe nicht für ſeinen Kranken, und ererklärte mit aller möglichen Scho⸗ nung dem armen Herrn Gérard, wenn er Verfügungen zu treffen habe, ſo bleibe ihm hiefür nur die gerade nothwendige Zeit. Herr Gérard, der ſich wahrſcheinlich nicht für ſo wer tion rabe rje⸗ gute ver⸗ die z er vom Haſt am es len, ein we⸗ rlo⸗ rt, au⸗ ſſen varf er ber, nat⸗ rm⸗ ider ließ riff ihn für cho⸗ gen ade 7 71 krank hielt, wurde ohnmächtig bei dieſer erſchrecklichen Kunde,— welche doch für einen frommen Mann immer minder furchtbar als für irgend einen Anderen hätte ſein ſollen,— und als er wieder zum Bewußtſein kam, ver⸗ langte er auf der Stelle einen Prieſter. Man lief zum Pfarrer von Meudon; doch der Pfar⸗ rer von Meudon war, um das heilige Abendmahl zu reichen, in ein benachbartes Dorf gegangen, wie unſre Leſer wiſſen. Da ſagte man dem Sterbenden, in Ermangelung des Pfarrers von Meudon könne er ſich an einen Prie⸗ ſter wenden, den man für fremd halte, und der in das Dorf, herbeigerufen durch den Tod von einem ſeiner Freunde, welcher ſich durch Kohlendampf getödtet, ge⸗ kommen ſei. Herr Gérard ſchickte ſogleich ſeinen Kam⸗ merdiener zu Dominique mit dem Befehle, ſo lange in den Prieſter zu dringen, bis er zu kommen einwillige. Man hat geſehen, wie der Dominicauer das Bett des Todten verließ, um ſich an das des Sterbenden zu begeben. Der Prieſter, ein edles Herz, wie ſich kaum ein zweites finden ließ, fähig, alle Hingebungen zu begrei⸗ fen, war übrigens tief gerührt von der Erzählung aller der guten Handlungen, die man ihm mitgetheilt; er beſchleunigte ſeine Schritte und kam, den Mund voll von tröſtlichen Worten, die Hände voll von Segnungen, an. Man hatte ihm die Wahrheit geſagt, als man ihm ſagte, er werde nicht nöthig haben das Haus zu ſuchen: ſobald die Bewohner von Vanvres ihn erblickten, ſtreck⸗ ten ſich alle Hände in der Richtung des Hauſes von Herrn Gérard aus. „Ob! Herr,“ murmelten die alten Weiber,„Sie werden eine fromme Beichte hören, und Sie können dem guten Herrn Gérard wohl zum Voraus die Abſolu⸗ tion geben.“ Bruder Dominique grüßte dieſe ganze Menge, bei 72. der er die ſo ſeltene Tugend fand, welche man die Dank⸗ barkeit nennt, trat in das bezeichnete Haus ein,— deſſen 1 Thüre, wie die einer Kirche, am Tage offen blieb und ſo reſpectirt war, daß ſie auch bei Nacht hätte offen bleiben können,— und fand, raſch die zur Wohnung von Herrn Gotars führende Treppe hinaufſteigend„auf der letzten Stufe den Kammerdiener, der ihn in Bas⸗Meudon auf⸗ geſucht und voranlaufend ſeinem Herrn die nahe Ankunft des Troſters verkündigt hatte. Dieſe Ankündigung, welche jeden Andern beruhigt hätte, ſchien im Gegentheile die Aufregung des frommen Mannes zu verdoppeln, und in der Erwartung von Do⸗ minique ſtieß er Seufzer aus, die den Diener dergeſtalt erſchreckten, daß er, ſtatt im Zimmer ſeines Herrn mit der Krankenwärterin zu bleiben, welche unempfindlich in einem großen, weichen Lehnſtuhle ſaß, den Dominicaner auf der Treppe erwartete. Der Prieſter trat in das Zimmer ein. — —-—————— — E Die Beichte. —— „Mein Herr,“ meldete der Kammerdiener,„der Mann, den Sie erwarten, iſt da.“ Der Sterbende machte eine ungeſtüme Bewegung, als ob er durch den ganzen Leib ſchauerte, und es ent⸗ ſchlüpfte ihm ein ſchmerzlicher Seufzer. Dann ſprach er mit einer dumpfen Stimme: e „Laſſen Sie ihn eintreten.“ nk⸗ ſſen und ben errn zten auf⸗ unft higt men Do⸗ ſtalt mit in ner der ng, nt⸗ 73 Bruder Dominique trat hinzu, und ſein Blick tauchte voll Theilnahme, voll Ehrfurcht ſogar in die Tiefe des Alcovens. Das Gefühl, das ihn für denjenigen ergriffen hatte, welcher ihn rufen ließ, war nach dem, was er von ihm gehört, ein Gefühl der Bewunderung gemiſcht mit Dankbarkeit. So jung Dominique war, ſo hatte er doch ſo viele ſchlechte Menſchen geſehen, daß er einem Manne dafür, daß er gut, dankbar war. Auf dem durch das fieberhafte Wachen des Ster⸗ benden zerknitterten Kopfkiſſen erblickte er ſodann das abgemagerte, entfärbte, leichenartige Geſicht von demjeni⸗ gen, welchen die ganze Gegend einſtimmig den guten Herrn Gérard nannte. Er bebte, ſo ſehr war dieſes Geſicht von dem ver⸗ ſchieden, was er zu ſehen erwartete. Herr Gérard ſeinerſeits ſah Dominique mit ſeiner ſchönen und ſtrengen, Frankreich fremden Tracht wie eine Erſcheinung von Zurbaran oder Leſueur und grüßte ihn mit dem Kopfe nickend. Dann ſagte er mit einer matten Stimme, indem er ſich an die Krankenwärterin wandte: „Marianne.“ Marianne ſtand ſchläferig und ſchwerfällig auf, näh⸗ erte ſich mit jenem den Somnambulen eigenthümlichen ſchwankenden Gange und fragte: „Wie befinden Sie ſich, lieber Herr?“ „Schlecht, ſehr ſchlecht, Marianne.“ „Brauchen Sie etwas?“ „Geben Sie mir zu trinken, Marianne, und laſſen Sie mich mit dieſem Herrn allein.“ Die Krankenwärterin reichte Herrn Gérard eine Taſſe Tiſane, welche durch ihre Stellung über einer Nachtlampe lau erhalten wurde. Herr Gérard trank einen Theil davon, fiel dann wieder, erſchöpft von der Anſtrengung, die er gemacht, auf das Kopfkiſſen und gab mit einer zitternden Hand die Taſſe der Krankenwärterin urück. Dieſe nahm das Gefäß, und als ſie ſah, daß drei Viertel der Flüſſigkeit darin geblieben waren, ſagte ſie, indem ſie den Trank Herrn Gérard mit einer Bewegung darbot, die der Gattung angehört und aus jeder von dieſen Lohndienerinnen eine Art von penker macht, der beauftragt iſt, ſeinem Kranken die Tortur des warmen Waſſers zu geben: „Trinken Sie, lieber Herr.“ „Ich danke, Marianne, ich danke,“ erwiederte Herr Gérard, die Hand der Krankenwärterin zurückſchiebend; „ich bitte Sie nur, die Vorhänge zuzuziehen und uns allein zu laſſen... Die Helle thut mir weh!“ Marianne zog die Vorhänge zu, und ſogleich wurde es,— abgeſehen von dem ſchwachen Scheine, den die Nachtlampe verbreitete,— dunkel im Zimmer. Während der kurzen Zeit, welche zwiſchen ſeinem Eintritte bis zu dem Momente verlaufen war, wo das Schließen der Vorhänge ihm den Anblick vom Geſichte des Kranken entzogen, hatte der Prieſter ſeine Angen auf dieſes Geſicht geheftet, das ihm, wie geſagt, ſo entfernt nicht die Phyſiognomie bot, welche er zu finden erwartete. Bruder Dominigue war ganz beſonders mit jener Macht phyſiognomiſcher Forſchung begabt, welche die Prieſter und die Aerzte beſitzen. Nach dem, was man ihm von Herrn Gérard er⸗ zählt, hatte ſich Bruder Dominique ein mit den hohen Eigenſchaften, die er rühmen hörte, im Einklange ſtehen⸗ des Geſicht vorgeſtellt. Er erwartete einen Mann zu ſehen mit einer brei⸗ ten Stirne, dem Sitze der erhabenen Inſtincte; mit of⸗ fenen, hervorſtehenden Augen, einem Zeichen von Wohl⸗ wollen; mit gerader Raſe, einem Zeichen von Feſtigkeit; — e—— c S S.——c— G— S li —— ſe ti rin rei ſie, ing on der nen err d; ns rde die em s hte en zu ſer die r⸗ en n⸗ * ——— —— 75 mit ein wenig dicken Lippen, einem Zeichen von Näch⸗ ſtenliebe. Was das Alter betrifft, ſo hatte er nicht hienach gefragt, und er bekümmerte ſich nichts darum: es ſchien ihm, die Guten ſeien ſchön, und da jedes Alter, ſelbſt das Greiſenalter, ſeine Schönheit habe, ſo werde Herr Gérard die Schönheit ſeines Alters beſitzen. Beim Anblicke von Herrn Gérard war aber Alles Tänſchung für den Prieſter geweſen; hievon dieſes Beben, das er nicht hatte bemeiſtern können, und dieſe Starr⸗ heit des Blickes, welche in den Geiſt des Beichtigers ſelbſt die geringſten Züge vom Geſichte des Sterbenden einge⸗ graben hatte. Dieſer war ein Mann von fünfzig bis fünfundfünfzig Jahren, mit niedriger, ſchmaler Stirne, obgleich der vorne kahle Schädel ſich wenigſtens ſcheinbar durch den Mangel an Haaren hätte ausbreiten müſſen; die kleinen, tief liegenden, trüb grauen Angen verſchwanden vonZeit zu Zeit unter blin⸗ zelnden und, ſei es durch die gegenwärtige Schlafloſigkeit, ſei es durch frühere Exceſſe, gerötheten Augenlidern; die dicken ergrauenden Brauen, aus deren Mitte gerade, ſtarre Haare gar zu unverhältnißmäßig vorſtanden, verbanden ſich in der Linie der Naſe und bildeten über den Augen einen Bogen von übertriebener Ausdehnung; die Naſe war dünn, ſchneidend; der Mund groß mit flachen, blei⸗ chen Lippen; was dieſes Geſicht mit der zurücklaufenden Stirne viel mehr einem Geierskopfe, als einem menſch⸗ lichen Geſichte ähnlich machte. Welche Veränderung, welche Entſtellung auch die Krankheit im Geſichte des Sterbenden hervorgebracht hatte, es war leicht, daſſelbe wiederherzuſtellen, und ſtellte man es wieder her und gab ihm den Ausdruck der Geſundheit, ſo mußte ein Phyſiognomiker betroffen ſein von der Gemeinheit der Seele und der Niederträch⸗ tigkeit des Herzens, welche das Geſammtweſen dieſer Phyſiognomie entſchleierte. 76 Was beſonders darin herrſchte, das war,— hinter einer gewiſſen Grauſamkeit ſo gemein wie die des Thie⸗ res, von dem wir geſagt haben, Herr Gérard gleiche ihm,— eine erbärmliche Botmäßigkeit, eine ſonderbare Nachgiebigkeit gegen die Willensäußerungen eines Weſens, welches es auch ſein mochte, wenn dieſes Weſen ſich nur in phyſiſcher und moraliſcher Hinſicht überlegen offen⸗ barte: es war eine Art von natürlicher Dispoſition, ſich der Sklaverei zu unterziehen, unter welcher Form ſie ſich auch bot. Man fühlte, daß es genügte,— wenn nicht etwa ſeine thieriſchen und egoiſtiſchen Inſtincte im Spiele waren,— die Hand über der Stirne dieſes Menſchen auszuſtrecken, um ihn den Kopf beugen zu machen. Er war gewiß nicht häßlicher als ein Anderer; doch ſeine Häßlichkeit war ihm eigenthümlich, ganz eigen, sui generis, wenn man ſo ſagen darf. Sie drückte in die⸗ ſem Augenblicke die Angſt auf die zurückſtoßendſte Weiſe aus. Der Anblick eines Sterbenden iſt gewöhnlich aus mehr als einem Grunde rührend, und am goldenen Fa⸗ den des Gedankens führt er gerade zu Gott! Nun wohl, der Anblick dieſes Menſchen, obgleich man ihn im Todes⸗ kampfe begriffen, dem Grabe nahe ſah, erweckte, ſtatt Theilnahme zu erregen, nur einen unüberwindlichen Wi⸗ derwillen. War es ein Biedermann, wofür ihn die öffentliche Stimme erklärte, ſo mußte man an Allem verzweifeln, denn geſtattete Gott, daß die ehrlichen Leute eine ſolche Maske trügen, an welchem Merkmale ſollte man dann die Böſen erkennen? Der ſchöne Prieſter war auch, wie geſagt, erſtaunt vor dieſem ſichtbaren Bilde der Gemeinheit, vor dieſem Typus der Niederträchtigkeit ſtehen ge⸗ blieben. Bei dieſem Anblicke faltete ſich die Stirne von ihm, dem redlichen Manne, der auf ſeinem Antlitz den Reflex ———„— — 77 der edlen und männlichen Tugenden ſeines Herzens zu tragen glanbte, und er ſetzte ſich voll Entmuthigung an das Bett dieſes Menſchen und ließ ſeinen Kopf auf ſeine Bruſt fallen. In dieſer Stellung ſchien er eutfernt nicht einer Seele mit weißen Flügeln die Hand zu reichen, ſondern vielmehr den Herrn zu bitten, er möge ihm die Kraft verleihen, die Beichte eines Böſen zu hören und Satan eine zum Voraus verdammte Seele ſtreitig zu machen. Da übrigens der Sterbende, ſtatt mit ihm zu ſpre⸗ chen, ſich darauf beſchränkte, daß er ſeufzte und weinte, ſo war es Bruder Dominique, der zuerſt das Wort nahm. „Sie haben nach mir verlangt?“ ſagte er zu Herru Gérard. „Ja,“ antwortete dieſer. „Ich höre Sie.“ Der Sterbende ſchaute den Prieſter mit einer Un⸗ ruhe an, welche aus ſeinen Angen, die man für erloſchen gehalten hätte, eine doppelte Flamme ſpringen machte. „Sie ſind ſehr jung, mein Bruder!“ bemerkte er. Der Prieſter ſtand, einer erſten Bewegung des Wi⸗ derwillens nachgebend, auf. Doch der Sterbende ſtreckte raſch eine fleiſchloſe Hand aus ſeinem Bette hervor, hielt ihn an ſeinem Rocke zurück und verſetzte: „Nein, bleiben Sie!.. Ich wollte ſagen, in Ihrem Alter haben Sie vielleicht nicht genug über die düſtere Seite des Lebens nachgeſonnen, um auf die Fragen zu antworten, die ich an Sie zu machen habe.“ „Was kann ich Ihnen ſagen?“ erwiederte der Prie⸗ ſter;„befragen Sie den Glanben, ſo werde ich mit dem Glauben antworten; befragen Sie den Geiſt, ſo werde ich mit dem Geiſte zu antworten ſuchen.“ Während eines Augenblicks der Stille, der nun ein⸗ trat, blieb der Prieſter ſtehen. 78 „Setzen Sie ſich, mein Vater,“ ſprach der Ster⸗ bende im Tone der Bitte. Dominique ſetzte ſich auf ſeinen Stuhl. „Mein Vater,“ ſprach Herr Gérard,„ich bitte Sie nun um des Himmels willen, ärgern Sie ſich nicht über die Fragen, die ich an Sie machen werde, und verſpre⸗ chen Sie mir beſonders, mich nicht zu verlaſſen, bevor Sie meine ganze Beichte empfaugen haben... Es wird genug ſein, wenn ein ſolches Geheimniß in einem einzi⸗ gen Herzen verwahrt iſt.“ „Reden Sie.“ „Sie kennen beſſer als ich die Dogmen der Kirche, zu der Sie gehören, mein Vater...“ Herr Gérard hielt inne. Dann, nach einem kurzen Zögern: „Mein Vater, glauben Sie an ein anderes Leben?“ Der Prieſter ſchaute den Sterbenden mit einem Ausdrucke an, der an die Verachtung grenzte. „Wenn ich nicht an ein anderes Leben glaubte,“ erwiederte er,„würde ich dann wohl das Kleid, das ich trage, angethan haben?“ Herr Göérard ſtieß einen Seufzer aus; der Domi⸗ nicaner hatte ihm in der That den Beweis vom Um⸗ fange ſeines Glaubens gegeben. „Ja, ich begreife,“ ſagte er;„doch glauben Sie, mein Vater, in dieſem andern Leben finde der Menſch die Belohnung ſeiner Tugenden und die Beſtrafung ſei⸗ ner Verbrechen?“ „Wozu würde es ſonſt nützen?“ „Und glauben Sie, mein Vater, die Beichte ſei durchaus nothwendig für die Vergebung unſerer Sünden, und die Verzeihung Gottes könne auf ein ſchuldiges Haupt nur durch die Vermittelung ſeines Dieners her⸗ abſteigen?“ „Die Kirche verſichert uns das, mein Herr.“ — —— ter⸗ Sie über pre⸗ evor vird nzi⸗ che, 2 em te,“ ich mi⸗ lm⸗ ie, iſch ſei⸗ ſei en, ges er⸗ 79 „Mir ſchien,“ ſagte der Sterbende,„im Falle einer vollkommenen Zerknirſchung...“ „Ja, allerdings,“ antwortete der Prieſter mit einem offenbaren Widerwillen gegen die Fortſetzung dieſer thev⸗ logiſchen Erörterung;„allerdings, in Abweſenheit eines Dieners des Herrn, kann die vollkommene Zerknirſchung die Abſolution erſetzen.“ „So daß der Menſch, der die vollkommene Zer⸗ knirſchung hat... Der Prieſter ſchaute den Sterbenden an, „Der hat.. oder der zu haben glaubt?“ Herr Gérard ſchwieg. „Welcher Sünder kann ſich rühmen, er habe die vollkommene Zerknirſchung?“ fragte der Dominicaner; welcher Schuldige kann verſichern, ſeine Reue ſei von Furcht, ſeine Gewiſſensbiſſe ſeien von Angſt frei? wel⸗ cher Sterbende kann ſagen:„„Wenn mir Gott die Tage, die er mir zählt, die Stunden, die er mir nimmt, wie⸗ dergeben wollte, ſo würden dieſe Stunden, dieſe Tage dazu angewendet, um das Böſe, das ich gethan, wieder gut zu machen?““ „Ich! ich!“ rief der Sterbende,„ich kann das ſagen.“ „Dann bedürfen Sie meiner nicht,“ ſprach der Prieſter. Und er ſtand zum zweiten Male auf. Doch durch eine Bewegung ſo raſch wie der Ge⸗ danke hielt die abgezehrte Hand von Herrn Gérard die eh des Mönches feſt, während ſeine Stimme mur⸗ melte: „Rein, nein, bleiben Sie, mein Vater!.. Ich be⸗ lüge mich ſelbſt; es iſt nicht die Reue, es ſind nicht die Gewiſſensbiſſe, was mich zu ſprechen beſtimmtz es iſt die Angſt! und ich habe die Verzeihung der Menſchen nöthig, ehe ich der Gegenwart Gottes die Stirne biete! Bleiben Sie alſo, mein Vater, ich flehe Sie an!“ 80 Dominique ſetzte ſich wieder, und er ſagte mit einer Art von Reſignation: „Ich bin hier, um nach Ihrem Willen zu thun, und nicht nach dem meinen; ſonſt, Gott iſt mein Zeuge, würde ich mich auf der Stelle entfernen. Sie reden von Angſt; nun wohl, ich weiß nicht, warum, doch die Angſt, die ich empfinde, Sie zu hören, iſt beinahe der gleich, welche Sie zu mir zu ſprechen zögern macht.“ „Mein Vater,“ fragte der Kranke,„denken Sie auch, ich ſei dem Tode ſo nahe, als man ſagt?“ „Das müſſen Sie den Arzt und nicht mich fragen, mein Bruder,“ antwortete der Prieſter. „Mir ſcheint, ich habe noch Kräfte, und ich kann war⸗ ten, mein Vater,“ ſprach zögernd der Kranke.„Könn⸗ ten Sie nicht morgen wiederkommen... oder heute Abend?“ „Sie können vielleicht warten; doch ich, ich kann nicht wiederkommen; ich habe eine traurige und fromme Pflicht zu erfüllen, und ich werde in zwei Stunden nach der Bretagne abreiſen.“ „Ah! Sie reiſen ab.. Sie verlaſſen Paris in zwei Stunden?“ al „Auf lange?“ „Auf ſo lange, als es Gott gefällt! ich gehe, um einen Vater über den Tod ſeines Sohnes zu tröſten.“ „Dann iſt es beſſer, daß es ſich ſo verhält,“ mur⸗ melte der Kranke.„Ja, Gott ſelbſt ſchickt Sie. Sie reiſen ab? Nicht wahr, Sie reiſen gewiß ab?“ „Wenn nicht Gott geſtattet, daß der Todte, den ich begleite, daß der Leichnam, den ich nach ſeiner Heimath bringe, zum Leben zurückkehrt, ſo reiſe ich ganz gewiß.“ „Und Sie ſind ſicher, daß dieſes Wunder unmög⸗ lich iſt?“ Dem Mönche ward das Herz entſetzlich beklommen; die grauenvollen Bangigkeiten und die Zögerungen dieſes leic ver ur⸗ Sie ich ath g⸗ nz ſes 81 Menſchen, die ſich ſo offenbarten, verurſachten ihm einen unſäglichen Widerwillen. „Ach! ja,“ ſagte er,„ich bin deſſen ſicher.“ Und der gute Prieſter ſtrich mit ſeinem Taſchentuche über ſeine Angen, um die Thränen, die ihnen enifloßen, zu trocknen, glücklich, ſich gewiſſer Maßen in ſeinen eige⸗ nen Schmerz zu flüchten, um der ſelbſtſüchtigen Angſt dieſes Menſchen zu euffliehen, der, ohne dieſe Thränen wahrzunehmen, murmelte: „Ja, ja, das iſt beſſer... Er reiſt in zwei Stun⸗ den ab, er verläßt die Gegend, er wird vielleicht nie mehr dahin zurückkommen... während der Pfarrer von Meudon hier bleibt!“ Dann machte er eine äußerſte Anſtrengung und ſagte: „Hören Sie mich an, mein Vater; ich will Ihnen Alles erzähleu.“ Und der Sterbende ließ mit einem Seufzer ſeinen Kopf in ſeine Hände fallen und ſchien ſich zu ſammeln. Der Mönch ſtützte ſich mit dem Ellbogen auf den Arm des Lehnſtuhles, in welchem er ſaß. Anfangs durch das Schließen der Vorhänge in eine relative Dunkelheit getaucht, hatte ſich das Zimmer all⸗ mälig erhellt, oder die Angen des Mönches hatten ſich vielmehr an dieſe Dunkelheit gewöhnt, dem die bleichen Scheine der Alabaſterlampe einen geheimnißvollen, fan⸗ taſtiſchen Charakter verliehen. In dieſer Finſterniß geſehen, erſchien der Schädel des Sterbenden noch knochiger, noch bleicher, noch bläſ⸗ ſer, noch mehr ſeines Haares beraubt; ſo geſehen, erſchien ſein Geſicht noch bleifarbiger, noch abgezehrter, noch leichenartiger; ſeine Phyſiognomie noch gemeiner, noch verworfener. Er begann mit ſchwacher Stimme, beſtändig ſeinen Kopf in ſeinen Händen haltendz und bei den erſten Die Mohicaner von Paris. III. 6 82 Worten der ſeltſamen Beichte, auf die er horchte, ohne noch zu wiſſen, was er hören ſollte, rückte der Mönch ſeinen Stuhl vom Bette zurück, als befürchtete er die Berührung dieſer Stimme, als wollte er die Befleckung durch ſie vermeiden! LXIII. Gérard Tardieu. Dieſe erſten Worte hatten indeſſen nichts, was nicht ganz natürlich, und konnten aus jedem Munde kommen. „Ich wurde Witwer mit dreißig Jahren,“ ſagte der Sterbende,„und meine erſte Ehe hätte mir ſo viel Kummer verurſacht, daß ich geſchworen, nie eine zweite einzugehen. Ich hatte keinen andern Verwandten auf der Welt, als einen älteren Bruder, der das Land 1795 verließ und ſich in Toulon auf einem Fahrzeuge ein⸗ ſchiffte, das nach Braſilien unter Segel ging. Das Waffenhandwerk widerſtrebte ihm; die Landwirthſchaft war ihm antipathiſch, und davor, daß er Handel in einem Laden treiben ſollte, hatte er ein Entſetzen; er träumte von Fahrten, Reiſen, Abentenern, und die fernen Länder waren für ihn eben ſo viel gelobte Länder. „Unter allen dieſen Ländern war Braſilien das, wel⸗ chem er den Vorzug gab; er ſchiffte ſich alſo nach Rio Janeiro ein und nahm nichts als ein kleines Gepäck mit, deſſen Werth ſich ſicherlich nicht auf tauſend Thaler be⸗ lief. Ich empfing von ihm nur drei Briefe: den erſten „ic ohne önch die kung was unde agte viel eite auf 795 ein⸗ Das haft rem mte der el⸗ Rio rit, be⸗ ten 83 im Jahr 1801; er ſagte mir in dieſem Briefe, er habe Glück gemacht, und lud mich ein, zu ihm zu kommenz ich hatte ein Grauen vor dem Meere und ſchlug es aus. 1806 erhielt ich den zweiten Brief: er ſchrieb mir, er habe Alles verloren, und ich habe wohl daran gethan, daß ich in Frankreich geblieben. Elf Jahre lang hörte ich nichts mehr von ihm, und ich erhielt weder unmittel⸗ bar, noch nittelbar irgend eine Rachricht. Im Jahre 1817 ſchrieb er mir abermals: das war das dritte Mal ſeit ſeiner Abreiſe, und es waren zwei und zwanzig Jahre vergangen, ſeitdem er abgereiſt! Er hatte ſich wieder ein Vermögen im Betrage von mehreren Millio⸗ nen gemacht; er war verheirathet und Vater von zwei Kindern; er kündigte mir ſeine nahe bevorſtehende Rück⸗ kehr an und hatte, wie er mir ſagte, keinen innigeren Wunſch, nun, da er Millionär war, als Frankreich wie⸗ derzuſehen und hier mit mir zu leben. „In der That, im Monat Juni 1817, kam er in Paris an, und ich empfing von ihm ein paar Zeilen, in denen er mich einlud, mich in aller Eile zu ihm zu begeben. Er hatte ſeine Frau auf der Ueberfahrt verloren; er war in Verzweiflung, und meine brüderliche Freundſchaft allein konnte ſeinen Kummer mildern. Ich hegte ſelbſt ein großes Verlangen, meinen Bruder wiederzuſehen, für den ich, trotz ſeiner Abweſenheit und meines Alters, die zärtliche Zuneigung des jungen Mannes bewahrt hatte. Bei Empfang des Briefes beſchloß ich alſo, abzureiſen, und ich nahm Abſchied von meinen guten Freunden in Vic⸗Deſſos..“ Bei dieſem Namen richtete der Mönch den Kopf auf und ſagte: „Vic⸗Deſſos! Sie wohnten in Vic⸗Deſſos, in der Ariége?“ „Dort bin ich geboren,“ antwortete der Sterbende; vich habe dieſes Dorf nur verlaſſen, um mich nach Paris 84 zu begeben, und gefiele es dem Himmel, ich hätte es nie Perlaſſen! Der Mönch heftete auf den Sterbenden einen neu⸗ gierigen Blick, der nicht von einer gewiſſen Beſorgniß frei zu ſein ſchien; doch dieſer fuhr fort, ohne die, übri⸗ gens faſt unmerkbare, Bewegung wahrzunehmen, die der Mönch nicht hatte unterdrücken können: „Ich kam in Paris nach einer Reiſe von acht Ta⸗ gen an und fand meinen Bruder dergeſtalt verändert, daß ich ihn nicht wiedererkannte; er dagegen erkannte mich ſogleich und umarmte mich mit einem innigen Er⸗ guſſe, der mir zu dieſer Stunde noch die Thränen in die Angen treten macht. Es wäre für mich eine entſetz⸗ liche Marter, ewig auf meinen Wangen den Eindruck dieſer zwei ſo zärtlichen Küſſe zu fühlen.“ Der Sterbende ſtrich mit ſeinem Taſchentuche über ſeine mit Schweiß bedeckte Stirne und ſchien ſich auf einige Augenblicke in ſeine Erinnerungen zu verſenken. Dominique betrachtete ihn während dieſer Zeit mit einer wachſenden Neugierde: es war ſichtbar, daß er Luſt hatte, ihn anzureden, ihn zu befragen, während ihm eine inncre Stimme ſagte, er ſollte nichts thun oder wenigſtens noch warten. Herr Gérard bat den Mönch, ihm einen Flacon zu geben, der auf dem Nachttiſche ſtand, und nachdem er mehrere Male von den flüchtigen Salzen, die der Flacon enthielt, eingeathmet hatte, fuhr er fort: „Der arme Jacques war ſo bleich, ſo mager, ſo entſtellt, wie ich es in dieſem Augenblicke bin; man hätte glauben ſollen, er habe, wie ich zu dieſer Stunde, nur noch einen Schritt zu machen, um an die Pforte ſeines Grabes zu klopfen... Er erzählte mir den Tod ſeiner Frau mit einem Schluchzen, das von ſeinem Schmerze zeugte; dann ließ er ſeine Kinder rufen, um mir in ihnen Alles zu zeigen, was ihm von ihr blieb⸗ Man brachte ſie: es waren zwei bewunderungswürdig nie neu⸗ gniß übri⸗ der Ta⸗ dert, nnte Er⸗ die ſe⸗ ruck über auf n. mit 6 i ihm oder n zu m er acon „ ſo man inde, forte Tod inem um lieb⸗ irdig 85 ſchöne Kinder; das ältere, der Knabe, blond, friſch und roſig, wie es ſeine Mutter geweſen; das Mädchen, braun, mit bleichem Teint, mit herrlichen Brauen, Wimpern und ſchwarzen Augen. Das Mädchen beſonders war reizend mit ſeinen von der Sonne Braſiliens wie die Weintrau⸗ ben unſeres Landes vergoldeten Wangen. Das Mädchen war vier Jahre alt und hieß Leonie; der kleine Knabe war ſechs und hieß Victor. „Seltſame Erſcheinung, der ich mich zu dieſer Stunde erſt erinnere! Beide ſchienen erſchrocken bei meinem An⸗ blick und weigerten ſich, mich zu küſſen. Jacques mochte ihnen immerhin wiederholen:„„Es iſt ja mein Bruder! es iſt ja Euer Oheim!““ das Mädchen fing an zu weinen und der Knabe entfloh in den Garten. Der Va⸗ ter ſuchte ſie bei mir zu entſchuldigen. Armer Jacques! er betete ſeine Kinder an, oder vielmehr, ſeine Liebe für ſie ging bis zum Wahnſinne; er konnte ſie nicht anſchauen, ohne zu weinen, ſo ſehr erinnerten ſie ihn an ſeine Frau, der Knabe durch ſeine Züge, das Mädchen durch den Charakter. Eine Folge hievon war, daß ihm dieſe Kinder, trotz der ungeheuren Liebe, die er für ſie hatte, beinahe ebenſo viel Kummer als Frende verurſachten, und daß er, wenn er ſie zu lange anſchaute, mit erſtickter Stimme zu ihrer Gonvernante ſagte:„„Nimm ſie fort, Gertrud!““ „Ich hegte eine große Zärtlichkeit für meinen Bru⸗ der: ſein Zuſtand beunruhigte mich ernſtlich. Außer die⸗ ſem Schmerze, der ſeine Geſundheit völlig untergrub,— von dem ihn aber mit der Zeit die Liebe ſeiner Kinder und meine Sorgſamkeit hätten heilen können,— war er in einer gewiſſen Epoche des Jahres, gegen den Herbſt, einem Sumpffieber preisgegeben; dieſes hatte ihn auf einer Reiſe, die er nach Mexico gemacht, befallen; er hatte ſich nie davon befreien können, und ſeit ſeiner Rück⸗ kehr nach Frankreich ergriff es ihn mit neuer Stärke. Wir zogen die beſten Aerzte von Paris zu Rathe; ihre 86 Wiſſenſchaft ſcheiterte an dieſer Vergiftung der Lunge, und das Reſultat der Conſultationen war, daß man mei⸗ nen Bruder aufforderte, auf dem Lande zu leben;— dies iſt das, was man denjenigen verordnet, welchen man nichts mehr zu verordnen weiß. Ich ſah, ſo zu ſagen, auf dem Geſichte von Jacques die Spur, die jeder Tag darauf zurückließ; am Abend war er bleicher und ſchwä⸗ cher als am Morgen, am Morgen als am Abend vor⸗ her Ich forſchte nach einem Landhauſe, und eines Tags, als ich von Fontaineblean zurückkam, ſah ich, bei der Cour⸗de⸗France, ungefähr fünf Meilen von Paris, einen Anſchlagzettel, auf welchem der Verkauf eines in Viry liegenden großen Landhauſes angezeigt war.. „In Viry⸗ſur⸗Orge?“ unterbrach der Prieſter mit derſelben Betonung, mit der er geſagt hatte:„In Vie⸗ Deſſos,“ und dabei ſchaute er den Sterbenden mit einem immer mehr fragenden Blicke an. „Ja, in Viry⸗ſur-Orge,“ wiederholte Herr Gérard. „Kennen Sie dieſe Gegend?“ „Dadurch, daß ich davon ſprechen hörte, ja.. doch ich habe nie in dieſer Gegend gewohnt, und ich habe ſie auch nicht einmal geſehen,“ antwortete der Prieſter mit einer leicht bebenden Stimme. Doch der Kranke war zu ſehr mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt, um auf die zu achten, welche ſeine Erzählung im Geiſte oder in den Erinnerungen ſeines Zuhörers erwecken konnte. Er fuhr fort: „Viry⸗ſur⸗Orge liegt ungefähr eine Viertelmeile von dem Orte, wo ich mich befand; ich wandte mich nach dieſem Dörſchen, das mir ein Bauer bezeichnete, und nach einer Viertelſtunde befand ich mich vor dem Hauſe oder dem Schloſſe, das ſpäter mir gehören ſollte.“ Nun wiſchte der Prieſter mit ſeinem Taſchentuche über ſeine Stirne: man hätte glauben ſollen, jede Pe⸗ riode der Erzählung des Kranken mache in ſeinen Augen nge, mei⸗ — man gen, Tag wä⸗ vor⸗ ines bei ris, s in mit Vie⸗ inem ard. doch auch iner enen ſeine ines von nach und auſe uche Pe⸗ gen 87 jene ſeltſamen Scheine glänzen, die man im Traume ſiecht, und mit deren Hülfe man vergebens ein in die Vergangenheit geſtürztes Ereigniß wieder aufzubauen ſucht. „Man kam zu dem Hauſe durch eine lange Linden⸗ allee; hatte man das Vorzimmer und den Speiſeſaal durchſchritten, ſo befand man ſich, jenſeits, auf einer un⸗ geheuren Freitreppe, von der aus man ein wahrhaft feenartiges Gemälde vor den Angen hatte. Es war ein Park umgeben von hundertjährigen Eichen, welche ſich in einem ſchönen, tiefen Baſſin reflectirten, das bei Nacht ein großer ſilberner Spiegel zu ſein ſchien; die Ränder dieſes kleinen Sees waren bedeckt mit Binſen, Erlen und Schilfrohr; Nympheen breiteten ſich auf ſeiner Oberfläche aus, und die zehn bis zwölf Morgen, die ihm als Rah⸗ men dienten, waren bepflanzt mit Blumen von allen Arten, von allen Ländern, von allen Farben, von allen Wohlgerüchen: auf fünfhundert Schritte vom Schloſſe war die Luft mit Woblgerüchen erfüllt, wie es die At⸗ moſphäre auf zwei Meilen von der Stadt Graſſe iſt. Dieſe Wohnung war ſicherlich die eines großen Liebhabers der Natur; denn man ſah hier alle vegetabiliſche Wun⸗ der der Schöpfung vereinigt.. Oh! mein Gott!“ mur⸗ melte der Kranke,„wenn ich nun daran denke, ſcheint es mir, man hätte ſehr glücklich in einem ſolchen Paradieſe leben können. „Ich beſichtigte das Haus: das Innere war würdig des Aeußeren. Es war, im Ganzen, ein altes Schloß meublirt von oben bis unten im modernen Geſchmacke, reich, elegant und zugleich comfortable.. Es wurde mir gezeigt von einer Frau, die im Dienſte des Mannes, dem es gehört, geweſen war. Da die Erben des Eigen⸗ thümers zahlreich, ſo ließ man das Schloß verkaufen, um alle Intereſſen auszugleichen. „Die Frau, welche mir bei dieſer Beſichtigung als Führerin diente, hatte beim Verſtorbenen keine ſehr be⸗ ſtimmte Eigenſchaft: ſie betitelte ſich ſeine Vertraute, 88 und man behauptete in der Gegend, ſie habe baares Geld geerbt, das in dem Augenblicke, wo der Herr ſtarb, im Hauſe ſein mochte. Es war eine Frau von dreißig Jahren, groß, ſtark, und an ihrem baskſſchen Accente erkaunte man leicht, daß ſie aus unſerer Heimath war; ſie hatte im Blicke, in der Tournure, in den Manieren etwas Männliches, was mir von Anfang an widerſtrebte. An meinem Accente erkanute ſie mich auch als einen Nachbar des bask'ſchen Landes, und ſich auf unſere Landsmannſchaft ſtützend, empfahl ſie ſich mir für den Fall, daß ich das Schloß, entweder in meinem Namen oder im Namen einer andern Perſon, kaufen würde, wo⸗ bei ſie ſich erbot, im Hauſe unter dem Titel, den ſie vorher gehabt, und ſogar, in Ermanglung von Beſſerem, als Kammerfrau oder als Köchin zu bleiben. „Ich ſagte ihr, ich handle für meinen Bruder, und nicht für mich; ich ſei perſönlich ſo arm, als mein Bru⸗ der reich ſei; ich fügte nur bei, ich befürchte, mein Bru⸗ der Jacques werde ſein Vermögen nicht lange zu genießen haben. Da rühmte ſie mir die Luft der Gegend, die ge⸗ ſunde Lage, die Nähe von Paris, wohin man ſich in einer Stunde begeben könne, und beſonders die Mäßig⸗ keit des Preiſes von dieſem herrlichen Gute, das man um hundert und zwanzig tauſend Franken und ſogar viel⸗ leicht um hunderttauſend,— ſo große Eile haben die Erben, ihren Theil an der Erbſchaft in Empfang zu nehmen,— dem, welcher baare Bezahlung böte, geben würde. „Mein Bruder war ganz in dieſer Lage; meiner Anſicht nach ſtand ihm das Gut vortrefflich an, und ich verſprach Orſola Pontas,— ſo hieß die Vertrante des vormaligen Eigenthümers,— meine ganze Macht über den Geiſt meines Bruders zu benützen, einmal, daß er das Schloß kaufe, und dann, daß er ſie bei ſich behalte. Ich rede lange von dieſer Fran wegen des entſetz⸗ lichen Einfluſſes, den ſie auf mein Leben gehabt hat 8 S S e= res rb, ßig nte ar; ren bte. nen ſere den men wo⸗ ſie em, und ru⸗ ru⸗ ßen ge in ig⸗ nan iel⸗ die zu ben iner ich des iber er lte. ſetz⸗ — 89 „Kaum hatte ich ſie übrigens verlaſſen, als ich mich wunderte, daß ich ihr meine Protection bei meinem Bruder Jacques verſprochen; der Eindruck, den ſie auf mich hervorgebracht, war, ich wiederhole es, eher zurück⸗ ſtoßend, als ſympathetiſch. Dagegen fand ich das Gut ſo wunderbar ſchön, ich machte bei meinem Bruder ſolche Lobeserhebungen davon, daß er mir Vollmacht gab, zu unterhandeln, und daß ich nach acht Tagen in ſeinem Namen den Kauf um den Preis von hunderttauſend Franken abgeſchloſſen hatte. „Der Einzug fand am Tage der Bezahlung des Preiſes an den Notar von Corbeil ſtatt. Unſer Geſinde beſtand aus einem Gärtner, einem Bedienten, einer Kö⸗ chin und der Kammerfran, welche mit der Sorge für die Kinder beauftragt war; ferner hatten wir einen Hund, halb St. Bernhard⸗Race, halb Neufundländer, den der Herr des von meinem Bruder in Paris bewohnten Hotels ihm auf die Bitte der Kinder abgetreten hatte, welche vom Morgen bis zum Abend mit dieſem Hunde ſpielten und ſich nicht von ihm trennen wollten: die Kinder hatten ihm den Namen Braſil zur Erinnerung an das Land gegeben, wo ſie geboren waren. „Auf meine Empfehlung geſellte man Orſola dieſem ganzen Perſonal bei. An denſelben Tage that fie für Jedermann, was ſie für mich gethan hatte, das heißt, ſie zeigte meinem Bruder das Schloß in allen ſeinen Einzel⸗ heiten, führte Jeden in ſeine Wohnung oder in ſeinen Poſten ein, und bemächtigte ſich vom erſten Augenblicke wieder, unter einer ſcheinbaren Demuth, der Stellung als Vertraute, die ſie bei ihrem vorigen Herrn inne gehabt. „Niemand hatte ſich übrigens zu beklagen über die Art, wie ſie die Dinge angeordnet; es war, als hätte ſie Jeden über ſeinen Geſchmack und ſeine Reigungen zu Rathe gezogen. Selbſt Braſil hatte eine herrliche Riſche, wo er ſich wohl den glücklichſten der Hunde gefühlt haben würde, hätte er nicht mit Beſorgniß eine in der Mauer 90 befeſtigte Kette betrachtet, welche ſeine zukünftige Freiheit zu bedrohen ſchien. „Alles fand ſich ſo comfortable in dieſer neuen Woh⸗ nung, daß das Leben vom erſten Tage an für Jeden leicht und bequem war. Wir brachten den Sommer, ſodann den Herbſt zu. Es war davon die Rede geweſen, für den Winter nach Paris zurückzukehren, Jacques zog aber das Land mit allen ſeinen Unannehmlichkeiten,— welche übrigens theilweiſe mit Hülfe eines großen Ver⸗ mögens verſchwinden,— Jacques zog das Land dem Aufenthalte in Paris vor. „Wir gelangten ſo zum Monat Februar 1818, während ſich der Zuſtand meines Bruders von Tag zu Tag verſchlimmerte; eines Morgens rief er mich in ſein Schlafzimmer, ſchickte die Kinder weg, und als wir allein waren, ſagte er zu mir: „„Mein lieber Gérard, wir ſind Menſchen; wir müſſen als Menſchen reden und beſonders handeln.““ „Ich ſaß bei ſeinem Bette, und den Gegenſtand, von dem die Rede ſein ſollte, errathend, ſuchte ich ihn über ſeine Geſundheit zu beruhigen; er reichte mir aber die Hand und ſprach: „„Bruder, ich fühle, wie mein Leben mit jedem Hauche von mir geht, und ich würde den Verluſt meines Daſeins nicht bedauern, da mich der Tod mit meiner theuren Frau wiedervereinigen ſoll, fühlte ich mich nicht durch die Zukunft meiner zwei Kinder tief angefochten. Ich weiß, daß ich ſie, indem ich ſie Dir vermache, mei⸗ nem andern Ich hinterlaſſe; unglücklicher Weiſe biſt Du aber nicht Vater, und man wird es nie vollkommen bei den Kindern der Andern. Ueberdies ſind zwei Dinge bei den Kindern zu beaufſichtigen: das materielle Leben, das des Leibes; das intellectuelle Leben, das des Geiſtes. Du wirſt mir antworten, man könne den Knaben in ein großes Collége bringen, das Mädchen in ein vortreffliches Kloſter; ich habe hieran gedacht, mein Freund; doch die iheit Boh⸗ eden mer, eſen, zog Ver⸗ dem 318, zn ſein wir wir von iber die dem nes ner icht en. ei⸗ bei nge en, es. ein es die 9¹ armen Kinder ſind an die Blumen, an die großen Wäl⸗ der, an die Luft der Fluren, an die Strahlen der Sonne gewöhnt, und ich zittere bei der Idee, ſie in dieſe Ge⸗ fängniſſe einzuſchließen, die man Penſionen nennt, in dieſe Zellen, die man Schlafſäle nennt! Sodann gibt es, meiner Anſicht nach, keinen großen Baum, als den, wel⸗ cher im hellen Tageslichte wächſt. Ich bitte Dich alſo, mein lieber Gérard, kein Collége, kein Kloſter für die armen Kinder!““ „Ich neigte mich. „„Alles, was Du willſt, Bruder,““ ſagte ich;„„be⸗ fiehl: ich werde gehorchen.““ „„Seit langer Zeit,““ fuhr Jacques fort,„hatte ich den Gedanken, ihnen einen Hofmeiſter, gleichſam einen Arzt ihres moraliſchen Lebens, zu geben, nur wußte ich nicht, auf wen ich meine Wahl lenken ſollte. Da geſtat⸗ tete Gott, der mir ohne Zweifel dieſe Beruhigung im Augenblicke meines Todes gewähren will, daß geſtern einer meiner Freunde von fünfzehnhundert Meilen an⸗ kam, um mich dieſer Verlegenheit zu entziehen.. „Es hatte in der That am Tage vorher ein Unbe⸗ kannter, der ſich weigerte, ſeinen Namen zu ſagen, nach Jacques gefragt; er war in ſein Zimmer geführt worden und wohl eine Stunde bei ihm geblieben. „„Du meinſt den Mann, der geſtern hier geweſen iſt?““ fragte ich Jacques. „„Ja,““ antwortete er mir,„„das iſt ein Mann, den ich einſt gekannt und nun nach langen Zwiſchen⸗ räumen wiedergeſehen habe; doch ſo wenig ich ihn ge⸗ ſehen, ich vermochte ſein Urtheil, ſeine Rechtſchaffenheit, ſeine Herzensgüte zu ſchätzen; bei mehreren Veranlaſ⸗ ſungen, wo er tapfer mit ſeiner Perſon bezahlt hat, war ich auch im Stande, ſeinen Muth zu würdigen. Wenige Menſchen haben mir von Anfang an eine Sympathie eingeflößt, welche die Zeit beſſer gerechtfertigt; er hat 92 3 mir einſt einen Dienſt geleiſtet, für den ich ihm bis zur Stunde meines Todes dankbar ſein werde Der junge Mönch horchte mit wachſender Aufmerk⸗ ſamkeit auf die Erzählung des Sterbenden; ſeit einigen Angenblicken ſchien ihn dieſe Erzählung, durch einen un⸗ bekannten Punkt, perſönlich zu berühren. Herr Gérard fuhr fort: „„Angelegenheiten der ernſthafteſten, gewichtigſten Art, Intereſſen, welche die höchſten politiſchen Fragen dieſes Landes berühren,— Intereſſen und Angelegen⸗ heiten, die ich kenne, ohne daß es mir indeſſen erlanbt iſt, irgend Jemand, ſelbſt Dich, mein Bruder, damit be⸗ kannt zu machen,— haben ihn zweimal gezwungen, ſich aus Frankreich zu verbannen, und nöthigen ihn heute, da er hierher zurückkehrt, ſich beinahe verborgen zu hal⸗ ten. Geſtern kam er, um von mir eine Zuflucht gegen Verfolgungen des Haſſes und des Argwohns zu verlangen, — Verfolgungen, welche ihm übrigens nur zur Ehre ge⸗ reichen. Bruder, ich denke an dieſen Mann für die Er⸗ ziehung meiner Kinder. Der Athem des Mönches wurde immer beklommener, und von Zeit zu Zeit wiſchte er mit ſeinem Taſchentuche ſeine Stirne ab. Man hätte glauben ſollen, er ſei einem inneren Kampfe, einer tiefen moraliſchen Aufregung preis⸗ gegeben; es war dies ſo, daß es der Sterbende bemerkte. „Leiden Sie, mein Vater?“ fragte er, ſich unter⸗ brechend,„und haben Sie etwas nöthig? dann klingeln Sie Marianne.“ Und mit leiſer Stimme fügte er bei: „Ach! ich brauche noch lange, denn ich verzögere, ſo viel ich kann, das entſetzliche Geſtändniß Haben Sie Geduld, mein Vater, ich bitte Sie flehentlich!“ „Fahren Sie fort,“ ſprach der Prieſter. „Wobei war ich?. Ich weiß es nicht mehr.“ „Ihr Bruder Jacques rühmte die Moralität und erk⸗ igen un⸗ ſten igen gen⸗ ubt be⸗ ſich ute, hal⸗ gen gen, ge⸗ Er⸗ ner, uche nem eis⸗ ter⸗ eln re, ben ind 2 93 ſpen Muth von ſeinem Freunde, von demjenigen, welchen er ſeinen Kindern als Hofmeiſter geben wollte.“ „Ja, es iſt wahr.. „„Das iſt ein Mann von tiefer Bildung,““ fügte Jacques bei,„ein Mann, der die Welt von den hohen bis zu den niedern Regionen kennt; alte Sprachen, neue Sprachen, Geſchichte, Wiſſenſchaften, er weiß Alles: er iſt eine lebendige Encyklopädie, und wäre ich ſicher, daß er bis zur Volljährigkeit meiner Kinder bei Dir bleiben könnte, ſo würde ich faſt ohne Bedauern ſterben.““ „„Was ſollte ihn daran verbindern?“ „„Das ſchwere Gewicht der Angelegenheiten, die ihn beſchäftigen und von der Art ſind, daß er jeden Augen⸗ blick gezwungen ſein kann, ſich nicht nur auf einige Jahre, ſondern für immer zu entfernen.. In allen Fällen, wäre er genöthigt, Dich zu verlaſſen, würde ich Dir Voll⸗ macht geben, ihn zu erſetzen: er hat einen Sohn, der ſich für den geiſtlichen Stand beſtimmt... „Verzeihen Sie,“ ſprach Dominique aufſtehend,„ich kann, ich darf Ihre Beichte nicht länger hören, mein Herr.“ „Und warum nicht, mein Vater?“ fragte Gérard mit bebender Stimme. „Weil,“ antwortete der Mönch mit einer Stimme, welche vielleicht ebenſo ſehr bebte, als die des Sterbenden, „weil ich Sie kenne und Sie mich nicht kennen; weil ich weiß, wer Sie ſind, und Sie nicht wiſſen, wer ich bin.“ „Sie kennen mich? Sie wiſſen, wer ich bin?“ rief der Kranke mit einem Ausdrucke der tiefſten Bangigkeit. „Das iſt unmöglich!“ „Sie heißen Gérard Tardieu, nicht wahr, und nicht einfach Gsrard?“ „Ja„ doch wer ſind Sie? wie heißen Sie?“ „Ich, ich heiße Dominique Sarranti.“ Der Kranke ſtieß einen Schreckensſchrei aus. Der Mönch fuhr fort: 94 „Ich bin der Sohn von Gaetano Sarranti, den Sie des Mordes und des Diebſtahls bezüchtigt haben, wäh⸗ rend er unſchuldig iſt, das ſchwöre ich!“ Der Sterbende, der ſich in ſeinem Bette aufgerichtet hatte, fiel wieder, mit dem Geſichte auf das Kopfliſſen, zurück und gab einen erſtickten Seufzer von ſich. „Sie ſehen wohl,“ ſagte der Mönch,„es hieße Sie täuſchen, länger Ihre Beichte zu hören, da ich, ſtatt mit der Mildherzigkeit eines Prieſters zu hören, mit dem Haſſe eines Sohnes, deſſen Vater Sie verleumdet und entehrt haben, hören würde!“ Und ſeinen Stuhl heftig zurückſtoßend, machte der Dominicaner eine Bewegung gegen die Thüre. Aber zum dritten Male fühlte er ſich an ſeiner Robe feſtgehalten. „Nein, nein, nein! bleiben Sie im Gegentheile,“ rief der Sterbende mit der ganzen Gewalt ſeiner Stimme; „bleiben Sie! es iſt die Vorſehung, die Sie zu mir führt; bleiben Sie! es iſt Gott, der geſtattet, daß ich, bevor ich ſterbe, das Böſe, was ich gethan, wieder gut mache.“ „Sie wollen es!“ ſprach der Mönch;„nehmen Sie ſich in Acht! Das iſt mir gerade recht, und es hat mich eine übermenſchliche Anſtrengung gekoſtet, Ihnen zu er⸗ klären, wer ich bin, und nicht den Zufall, der mich zu Ihnen geführt, zu mißbrauchen.“ „Sagen Sie die Vorſehung, mein Bruder! ſagen Sie die Vorſehung!“ wiederholte der Sterbende.„Oh! ich würde Sie am Ende der Welt geſucht haben, hätte ich Sie dort zu finden gewußt, um Sie zu nöthigen, das Geſtändniß, das entſetzliche Geſtändniß zu hören, das ich Ihnen noch zu machen habe.“ „Sie wollen es?“ fragte zum zweiten Male Do⸗ minique. „Ja,“ antwortete der Kranke,„ja, ich bitte darum, ich flehe Sie an! ja, ich will es!“ Sie äh⸗ htet ſen, Sie mit dem und der obe le,“ me; mir ich, gut Sie ich er⸗ zu gen 0h! itte as m, 95 Der Mönch fiel ganz ſchauernd in ſeinen Lehnſiuhl zurück, ſchlug die Augen zum Himmel auf und mur⸗ melte leiſe: „Mein Gott! mein Gott! was werde ich hören?“ LXIV. Wo ein Hund heult, wo eine Frau ſingt. Nach dem, was er durch ein ſeltſames Zuſammen⸗ treffen von Umſtänden entdeckt hatte, mußte Bruder Do⸗ minigue eine heftige Anſtrengung gegen ſich ſelbſt machen, damit ſein Geſicht nicht die Unruhe verrieth, die ſein Inneres bewegte. Wir haben es geſagt, als wir dem Leſer jenes herr⸗ liche Bild von Zurbaran zu zeigen verſuchten,— der Gang, die Phyſiognomie, die Rede des jungen Mönches, Alles an ihm trug das Gepräge einer finſtern, tiefen, aber verſchleierten, ſtillen Traurigkeit. Die Urſachen dieſer Traurigkeit, die er nie einem Menſchen anvertraut hatte, werden wir mit der Beichte von Gérard Tardieu, oder vielmehr mit der Erzählung der letzten Jahre dieſes Menſchen, den das ganze Dorf Vanvres und alle umliegenden Dörfer den guten, den ehrlichen, den tugendhaften Herrn Gérard nannten, ſich entrollen ſehen. Dieſer ſprach mit einer ſchwachen, häufig durch Seufzen, Stöhnen und Schluchzen gehemmten Stimme: „„Was mein Vermögen betrifft,““ fuhr mein Bru⸗ der fort,„ſo iſt ſeine Theilung ſehr einfach, und ich glaube, ſeitdem ich an meinen Tod denke, für Alles vor⸗ 96 hergeſehen zu haben. Hier iſt die Abſchrift meines bei Herrn Henry, Notar in Corbeil, niedergelegten Teſta⸗ mentes; ich übergebe ſie Dir, und Du wirſt es leſen, um zu ſehen, ob nicht ein Vergeſſen oder eine Ausloſſung gut zu machen iſt. Ich denke indeſſen, Du wirſt nichts auszuſetzen haben, denn die Verwendung meines Ver⸗ mögens iſt ſehr leicht. Jedem von meinen Kindern hin⸗ terlaſſe ich eine Million; ich wünſche, daß, abgeſehen von den für ihre Erziehung und ihren Unterhalt nothwendigen Ausgaben, die Einkünfte aus dieſen zwei Millionen ſich bis zu ihrer Volljährigkeit anhäufen mögen... Deine Freundſchaft betraue ich mit der Sorge, hierüber zu wa⸗ chen, mein lieber Gérard... Dir, da ich die Einfachheit Deiner Neigungen kenne, hinterlaſſe ich, nach Dei⸗ ner Wahl, entweder eine Summe von hunderttauſend Thalern in baarem Geld oder eine Leibrente von vier und zwanzig tauſend Franken. Käme Dir die Idee, Dich wieder zu verheirathen, ſo nähmeſt Du von den angehäuften Einkünften der Kinder entweder weitere ſechs⸗ tauſend Franken Rente oder eine weitere Summe von hunderttanſend Franken. Stürbe eines der beiden Kin⸗ der, ſo wünſche ich, daß das Ueberlebende vom Andern ſein ganzes Vermögen erbe; ſtürben Beide „Und ſchon bei dieſem Gedanken allein wurde die Stimme meines armen Bruders unverſtändlich. „„Stürben Beide, ſo würdeſt Du, da ſie auf der Welt keinen andern Verwandten als Dich haben, ihr Erbe. Ich hinterlaſſe insbeſondere allen denjenigen, welche mir gedient haben, Zeichen meiner Dankbarkeit: Du wirſt Dich nichts hierum zu bekümmern haben. Ich habe es für unnöthig erachtet, im meinem Teſtamente die Summen zu ſpecificiren, die Du der Erziehung mei⸗ ner Kinder widmen ſollſt; dieſe Ausgabe wird von Dir ohne Verſchwendung, wie ohne Spurſamkeit georduet werden. Es iſt indeſſen ein Punkt, auf den ich Deine Aufmerkſamkeit lenken werde; ich bitte Dich, meinem jäl un geſ ric das an da ſei ſei die rül dri vor me bei eſta⸗ leſen, ſſung nichts Ver⸗ hin⸗ von digen n ſich Deine wa⸗ hheit Dei⸗ uſend vier Idee, den echs⸗ von Kin⸗ dern die der ihr gen, keit: Ich ente mei⸗ Dir duet eine nem 97 Freunde Sarranti nicht weniger als ſechstauſend Franken jährlich zu bieten; die Ergebenheit der Menſchen, die unſere Kinder erziehen, hat mir nie hinreichend belohnt geſchienen, und wäre ich der Chef des öffentlichen Unter⸗ richts in Frankreich, ſo wollte ich dahin wirken, daß die Profeſſoren, welche ihr Leben damit zubringen, daß ſie das Herz und den Geiſt der neuen Generation bilden, anders belohnt wären, als die Lackeien, die dazu dienen, daß ſie ihre Kleider bürſten!...“ Der Mönch drückte ſein Taſchentuch nicht mehr an ſeine Stirne, um den Schweiß abzuwiſchen, ſondern auf ſeinen Mund, um das Schluchzen zu erſticken. Dieſe erhabene Vorſicht von Jacques Tardieu, um die Würde ſeines Freundes zu wahren und zu beſchirmen, rührte ihn in der tiefſten Tiefe ſeines Herzens. „„Stürbe eines von den zwei Kindern,““ fuhr der Kranke, immer den letzten Willen ſeines Bruders aus⸗ drückend, fort,—„ſo würden hunderttauſend Franken vom Vermögen des Lodten für Sarranti vorausgenom⸗ men; ſtürben Beide, zweimal hunderttauſend..5 Dominique ſtand auf und warf ſich in einen Lehn⸗ ſtuhl in einer Ecke des Zimmers, um hier nach ſeinem Gefallen zu weinen. Während er ſich vom Bette entfernte, konnte er ſich nicht enthalten, auf den Kranken einen Blick der tieſſten Verachtung fallen zu laſſen. Doch er brauchte nur ein paar Secunden, um ſeine Gemüthsbewegung zu beherrſchen, und die augenblickliche Einſamkeit, die er geſucht, verlaſſend, näherte er ſich mit langſamem, ernſtem Schritte dem Bette des Kranken. Sein Ange war düſter und voller Fragen, und er erwartete offenbar mit Ungeduld die Fortſetzung dieſer Beichte, deren Erzählung er gern beſchleunigt hätte, wäh⸗ rend er indeſſen keine von ihren Einzelheiten zu verlieren wünſchte. Der Kranke ſeinerſeits war dergeſtalt angegriffen, Die Mohicaner von Paris III. 7 98 ſowohl durch die Anſtrengungen, die er gemacht, um ſo lang zu ſprechen, als durch die Gemüthsbewegung, die er erlitten, daß er leichenbleich auf ſein Kopfkiſſen zurück⸗ gefallen war und ohnmächtig zu ſein ſchien. Der Dominicauer zitterte bei der Idee, Herr Gé⸗ rard könnte ſterben, ehe er ſeine Beichte vollendet, und ihn folglich in Unwiſſenheit über die Umſtände und die Thatſachen laſſen, welche zu kennen er das größte Inter⸗ eſſe hatte. Er näherte ſich alſo dieſem Manne mit ſcheinbar weniger Widerwillen und fragte ihn, ob er etwas bedürfe. „Mein Brnder,“ antwortete der Kranke,„geben Sie mir einen Löffel voll von dem herzſtärkenden Tranke, den Sie auf dem Kamine ſehen.. Mißte ich ſterben an der Anſtrengung, ich will Alles auf ein Mal ſagen!“ Der Mönch reichte dem Sterbenden einen Löffel voll von dem Elixir; Herr Gérard hatte es kaum verſchluckt, als er in der That wieder einige Stärke zu erlangen ſchien; er bedeutete Dominique durch einen Wink, er möge ſich wieder an ſein Bett ſetzen, und fuhr dann fort: „Mein Bruder übergab mir alſo die Abſchrift des Teſtaments, und ich mochte immerhin gegen die Groß⸗ muth, die er für mich entwickelte, proteſtiren, ihm ſagen, gewohnt, mit fünfzehn bis achtzehnhundert Franken jährlich zu leben, brauche ich weder ein ſo großes Ka⸗ pital, noch eine ſo ſtarke Rente; er wollte nichts hören und ſchloß die ganze Erörterung dadurch, daß er mir antwortete, der Bruder eines Mannes, der ſeinen Kin⸗ dern zwei Millionen Vermögen hinterlaſſe, ein Vormund, der für ſeine Mündel ein Vermögen von zweimal hun⸗ derttauſend Livres Rente verwalte, welche fähig, ſich zu verdoppeln, dürfe in den Augen ſeiner Reffen nicht das Anſehen haben, als lebte er auf ihre Koſten wie ein fremder Schmarotzer. Ich nahm an,— das Herz zu⸗ gleich von Traurigkeit und von Dankbarkeit erfüllt;— denn bis dahin, mein Vater, verdiente ich den Titel — c———— „e——— — „———„—„ m ſo „die rück⸗ Eé⸗ und d die uter⸗ nbar ürfe. Sie den u an 1„ voll luckt, ngen 5 fort: t des roß⸗ gen, inken Ka⸗ ören mir Kin⸗ und hun⸗ h zu das ein ⸗ Litel 99 ehrlicher Mann, den ich ſeitdem uſurpirt habe, und ich hätte eingewilligt, nicht nur das Vermögen, das mir mein Bruder hinterließ, ſondern auch mein perſönli— ches Vermögen, würde ich irgend eines gehabt haben, zu verlieren, um meinem Bruder das Leben zu retten oder es nur um einige Jahre zu verlängern... Leider war die Krankheit tödtlich, und am andern Tage nach dieſer Unterredung hatte Jacques kaum die Kraft, die Hand zu drücken... Ihrem Vater,“ ſagte der Kranke mit Anſtrengung,„Ihrem Vater,“ wiederholte er, um ſich zu befeſtigen,„der am Nachmittag ins Schloß kam. Ich werde Ihnen nicht das Portrait von Herrn Sarranti geben, mein Bruder, doch laſſen Sie mich Ihnen ein paar Worte vom erſten Eindrucke ſagen, den ſeine Gegenwart auf mich machte. Nie, ich kann es vor Gott und vor Ihnen ſchwören, nie flößte mir die Phy⸗ ſiognomie eines menſchlichen Geſchöpfes eine lebhaftere Sympathie, eine tiefere Ehrfurcht ein. Die Biederkeit, welche den Hauptcharakter ſeiner Phyſiognomie bildete, erweckte unwillkürlich das Vertrauen, und beim erſten Anblicke war man bereit, ihm ſeine Arme und ſein Herz zu öffnen! Er quartierte ſich noch an demſelben Abend im Hauſe auf die Bitten von Jacques ein, welcher erklärt hatte, er wolle ſeine Augen zwiſchen ſeinen zwei beſten Freunden, das heißt zwiſchen Herrn Sarranti und mir, ſchließen. Kaum angelangt, kam er in mein Zimmer und ſagte zu mir: „„Herr Gérard, finden Sie es nicht ſchlimm, wenn ich gleich bei meinem Eintritte ins Haus damit anfange, daß ich Sie um einen wichtigen Dienſt bitte.““ „„Sprechen Sie, mein Herr,““ erwiederte ich;„die Achtung und die Freundſchaft, die mein Bruder für Sie hegt, geben mir das Recht, Ihnen zu ſagen, was er Ihnen ſelbſt ſagen würde: Mein Herz und meine Börſe gehören Ihnen!““ „„Ich danke, mein Herr,““ antwortete Ihr Vater, 100 „„und ich werde wahrhaft glücklich ſein an dem Tage, wo Sie meine Dankbarkeit auf die Probe ſtellen können. Doch der Dienſt, den ich in dieſem Augenblicke fordere, iſt ein Act reinen Vertrauens; darum wende ich mich an Sie, denn die geringe Hoffnung, die wir haben, un⸗ ſern armen Jacques noch lange zu erhalten, beraubt mich der Freude, mich an ihn zu wenden.““ „„In welcher Hinſicht kann ich Ihr Vertrauen recht⸗ fertigen und meinen Bruder bei Ihnen erſetzen?““ „„Hören Sie, mein Herr.““ „Ich horchte aufmerkſam, und Sarranti fuhr fort: „„Ich bin beauftragt von einer Perſon, deren Na⸗ men zu nennen mir bis jetzt nicht erlaubt iſt, bei einem Notar eine Summe von hunderttauſend Thalern, die ich in meinem Felleiſen bei mir habe, unterzubringen: dieſe Summe, verſtehen Sie wohl, wünſche ich einfach zu de⸗ poniren und nicht anzulegen; es iſt wenig daran gelegen, daß ſie nichts einträgt, wenn ich ſie nur von einem Tage auf den andern und je nach den Bedürfniſſen der Per⸗ ſon, deren Mandatar ich bin, auf das erſte Verlangen zurücknehmen kann.““ „„Nichts kann leichter ſein, mein Herr, und alle Tage deponirt man unter dieſen Bedingungen eine mehr oder minder ſtarke Summe bei einem Notar.““ „„Ich danke, mein Herr; ich bin über einen Punkt beruhigt. Wollen Sie mich nun auch über den andern beruhigen, über den Hauptpunkt, über den, wo wirklich der Dienſt liegt, den ich von Ihnen verlange.““ „„Reden Sie.““ „„Dieſe Summe kann nicht unter meinem Namen deponirt werden, denn Jedermann kennt meinen völligen Mangel an Vermögen; ſie kann nicht unter dem Ihres Bruders deponirt werden, da es uns jeden Augenblick bevorſteht, daß ihn Gott zu ſich ruft. Ich wünſchte alſo, ſie würde untergebracht„„ v — S2 S—— 82 — —— e ——— ge, en. ere, ich un⸗ ubt r Ka⸗ em ich eſe de⸗ en, age er⸗ zen lle ehr nkt ern ich ten en res lick ſo, 101 „„Unter meinem Namen?““ beeilte ich mich einfach zu ſagen. „„Ja, mein Herr, und das iſt der Dienſt, den ich von Ihnen zu fordern hatte.““ „„Ich hätte gewünſcht, die Sache wäre wichtiger geweſen, mein Herr; denn es iſt nicht einmal ein Dienſt, was Sie von mir verlangen, es iſt eine einfache Gefäl⸗ ligkeit. Sobald es Ihnen beliebt, dieſe Summe zu de⸗ poniren, werden Sie mir es ſagen: ich werde Ihren Wunſch erfüllen und Ihnen perſönlich einen Gegenſchein ausſtellen, damit Sie im Falle eines Unglückes, einer Abreiſe, eines plötzlichen Todes ſich mir ſubſtituiren und beim Notar als der wahre Eigenthümer des Geldes er⸗ ſcheinen können.““ „„Gehörte das Geld mir,““ erwiederte Herr Sar⸗ ranti,„ſo würde ich dieſe Garantie, die ich als un⸗ nöthig betrachtete, ausſchlagen; doch ich wiederhole Ihnen, es gehört nicht mir und iſt beſtimmt, hohen Intereſſen zu dienen. Ich nehme alſo nicht nur den Dienſt, ſon⸗ dern auch alle Sicherheiten an, die Sie mir bieten wol⸗ len, um im gegebenen Angenblicke entweder die gänzliche Zurücknahme oder die theilweiſe Verwendung der depo⸗ nirten Summe zu erleichtern.““ „„Uebergeben Sie mir dieſe Summe, mein Herr, und in einer Stunde wird ſie bei Herrn Henry depo⸗ nirt ſein.““ „Herr Sarranti hatte wirklich in ſeinem Felleiſen die dreimal hunderttauſend Franken in Gold; wir zählten ſie; dann ſchloß ich ſie in eine Caſſette ein; ich gab ihm einen Empfangſchein in der verabredeten Form, ließ an⸗ ſpannen und fuhr nach Corbeil. „Anderthalb Stunden nachher war ich im Hauſe zu⸗ rück. Herr Sarranti ſaß am Bette meines Bruders, bei dem es immer ſchlimmer ging. Jacques hatte mehrere Male nach mir gefragt; ſein Zuſtand war ein verzwei⸗ felter, und der Arzt bürgte nicht dafür, daß er die Nacht 102 überlebte. In der That, gegen zwei Uhr Morgens ver⸗ langte er ſeine Kinder zum letzten Male zu ſehen. Ger⸗ trud, die mit uns wachte, holte ſie aus ihrem Bette und führte ſie ganz weinend herbei. Die armen Kleinen ver⸗ goßen Thränen, ohne ſich genan Rechenſchaft von ihrem Unglücke zu geben; ſie fühlten inſtinctartig, daß etwas Geheimnißvolles, Düſteres, Unendliches über ihnen ſchwebte: das war der Tod! „Jacques ſegnete die zwei Kinder, die vor ſeinem Bette niederknieten; dann küßte er ſie und winkte Ger⸗ trud, ſie wegzuführen. Die Kinder wollten nicht gehen; ihre Thränen verwandelten ſich in Schluchzen, und ihr Schluchzen in Geſchrei, als man ſie nöthigte, das Zim⸗ mer zu verlaſſen. Das war eine Scene von tiefer Traurigkeit, von entſetzlicher Herzzerreißung, und ich habe ſehr bange, zu meiner Strafe dieſes Geſchrei die ganze Ewigkeit hindurch zu hören... und dann,“ fügte der Sterbende bei,„ein anderes Geſchrei, das noch viel mehr herzzerreißend...“ Der Kranke ſank zum zweiten Male zuſammen; der Prieſter befürchtete, wenn er das Elixir verſchwende, das ihm wieder Kräfte gegeben, ſeiner Wirkſamkeit zu ſcha⸗ den; er beſchränkte ſich alſo diesmal darauf, daß er ihn Salze einathmen ließ, und dieſes Reagens genügte in der That. Herr Gérard öffnete wieder die Augen, ſtieß einen Seufzer aus, wiſchte den Schweiß ab, der von ſeiner Stirne floß, und fuhr fort: „Eine Stunde nach dem Abgange der Kinder ver⸗ ſchied mein Bruder. Sein Tod war wenigſtens ſanft, und er ſtarb, wie er es gewünſcht hatte, in unſeren Armen in den Armen zweier ehrlichen Leute, mein Herr! denn bis zur Todesſtunde meines Bruders hatte ich mir, ich ſage nicht einmal keine ſchlechte Handlung, ſondern ſogar keinen ſchlechten Gedanken vorzuwerfen.. Am andern Tage oder vielmehr an demſelben Tage, am m ni w er⸗ er⸗ nd er⸗ em as en em er⸗ nz hr m⸗ fer be tze er iel er as en er r⸗ ft, en in tte g⸗ m 103 frühen Morgen, entfernte man die beiden Kinder; Ger⸗ trud und Jean führten ſie nach Fontainebleau, wo ſie zwei Tage zubringen ſollten, und wohin ihnen, ſobald er ſeinem Freunde die letzte Ehre erwieſen, Herr Sar⸗ ranti nachfolgen würde. Sie fragten, warum man ihnen nicht erlaube, ihren Vater zu küſſen, ehe ſie weggingen; man antwortete ihnen, ihr Vater ſei nicht aufgewacht; da entgegnete aber das ältere Kind, Victor,— ich weiß nicht, warum ich es wage, dieſen Namen auszuſprechen! — Victor, der eine Idee vom Tode zu haben anfing, entgegnete: „Man hat uns ſchon einmal geſagt, Mama ſchlafe; man hat uns ſchon ſo weggeführt, und wir haben Mama nie wiedergeſehen! Papa iſt ihr nachgefolgt, und wir werden ihn auch nie mehr ſehen!““ „Doch das Mädchen, das erſt fünf Jahre alt war, ſagte: „„Warum verlaſſen uns Papa und Mama, da wir ſehr ordentlich ſind, Niemand etwas zu Leide thun und ſie ſo herzlich lieben?““ „Oh! in der That, arme Kinder! warum verließ Euch Euer Vater, und warum beſonders, indem er Euch verließ, übergab er Euch in ſolche Hände?.. Und der Kranke ſchaute ſeine abgezehrten Hände an, wie Lady Macbeth ihre blutige Hand anſchant, wenn ſie ſagt:„Oh! alles Waſſer des großen Oceans wäre nicht hinreichend, um dieſe kleine Hand zu waſchen!“ „Endlich gingen die Kinder ab,“ fuhr Herr Gérard fort;„doch Gertrud hatte alle Mühe, um ſie feſtzuhal⸗ ten; ſie ſtreckten ihre Arme aus der Caleche und riefen: „„Wir wollen Papa küſſen!..““ „Man war genöthigt, die Fenſter zu ſchließen. „Wir beſchäftigten uns ſodann mit der Erfüllung der ietzten Pflichten, die uns der Tod dieſes armen Bruders auferlegte. Er hatte uns nichts Beſonderes hin⸗ 104 ſichtlich des Begräbniſſes empfohlen; wir legten ſeinen Leib im Friedhofe von Viry nieder. Die Beerdigung war das, was ſie in einem Dorfe ſein konnte, und an ſeinem noch offenen Grabe übergab ich dem Pfarrer, der die Todtengebete ſprach, tauſend Thaler für die Ar⸗ men, damit die Gebete derjenigen, deren Unglück er ſelbſt nach ſeinem Tode erleichterte, ſich mit denen des Prie⸗ ſters vermiſchen möchten. „Wie er es verſprochen, begab ſich Herr Sarranti, als er den Kirchhof verließ, nach Fontainebleau. Er ſollte am andern oder am zweiten Tage mit den Kindern zurückkommen; ehe wir uns aber trennten, warfen wir uns, Beide in Thränen zerfließend, beim Andenken an denjenigen, welchen wir verloren, einander in die Arme. Oh! vergeben Sie mir, daß ich einen Mann, den ich ans Herz gedrückt, angeklagt, verleumdet, gebrand⸗ markt habe!“ rief der Kranke, indem er ſich an Domi⸗ nique wandte;„doch Sie werden ſehen, ich war wahn⸗ ſinnig, als ich dieſes Verbrechen beging, und, Gott ſei Dank, dieſes Verbrechen kann wieder gut gemacht werden!“ Der Mönch war, wie geſagt, ungeduldig, das Ende der Beichte zu hören, von der der Sterbende ſelbſt geſtand, ſie jei entſetzlich, ſo entſetzlich, daß, wie groß auch ſeine Schwäche, derjenige, welcher ſie that, ſo viel als möglich den Schluß hinausſchob. Er bat alſo Herrn Gérard, fortzufahren. „Ja, ja,“ murmelte dieſerz„doch fortzufahren, das iſt gerade das Schwierige, und es iſt wohl dem Reiſen⸗ den, der bis anf zwei Drittel ſeines Weges nur reiche Ebenen und fruchtbare Thäler durchwandert hat, erlaubt, einen Angenblick zu zögern, ehe er ſich in ſtinkende Sümpfe, unter tödtiiche Abſtürze und nnergründliche Schlünde wagt!“ Der Dominicaner, ſo ungeduldig er war, ſchwieg und wartete. inen gung d an rrer, Ar⸗ elbſt rie⸗ anti, Er dern wir man rme. den and⸗ omi⸗ ahn⸗ t ſei acht nde elbſt roß viel das ſen⸗ iche ubt, nde iche ieg 105 Das Warten währte nicht lange: fühlte der Kranke, daß ſeine Stärke wiederkehrte oder befürchtete er im Ge⸗ gentheile, was ihm an Kraft blieb, werde ihn ganz und gar verlaſſen, er fuhr fort: „Ich kam allein in das Schloß zurück, das nun verödet war, denn die Kinder hatten es, von Jean und Gertrud weggeführt, verlaſſen, und Herr Sarranti hatte ſich auch entfernt, um ihnen nachzufolgen. Ich war düſter und betrübt: ich hatte eine tiefe Trauer, nicht nur an den Kleidern, ſondern auch im Herzen: eine Trauer zugleich um meinen Bruder, und um fünf und vierzig Jahre der Ehre, welche ſterben ſollten! Ich hätte den Weg nach dem Schloſſe vergeſſen, wäre ich nicht durch das ſchmerzliche Geheul von Braſil geleitet worden. Man ſagt, die Hunde ſehen den unſichtbaren Gott, den man den Tod nennt, und wenn die ganze Natur bei ſeinem Vorüberziehen ſchweige, ſo begrüßen ſie ihn allein mit ihrem unheimlichen prophetiſchen Ge⸗ heul. Das Geſchrei des Hundes konnte an die Wahr⸗ heit dieſer düſteren Legende glauben machen. Glücklich, ſelbſt bei einem Thiere einen Schmerz zu finden, der dem meinigen entſprach, ging ich auch auf den Hund zu, wie ich auf ein menſchliches Geſchöpf, auf einen Freund zugegangen wäre. „Doch kaum hatte mich Braſil erblickt, als er nicht auf mich zulief, ſondern in der ganzen Länge ſeiner Kette, mit glühenden Augen, blutiger Zunge und gie⸗ rigen Zähnen, gegen mich losſtürzte. Ich bekam Angſt vor dieſem Zorne, ohne ihn zu begreifen; ich liebkoſte gewöhnlich den Hund nicht, ich mißhandelte ihn aber auch nicht. Er liebte unendlich meinen Bruder und die Kinder. Warum dieſer Haß gegen mich? Der Inſtinct hat alſo zuweilen die Oberhand über den Verſtand. „Ich ging immer weiter nach dem Schloſſe. Hier griff ein anderes Geräuſch mein Ohr an: in dieſem Schloſſe, aus dem man ſo eben eine Leiche weggebracht, 106 wo der Hund wehklagte, wo der Menſch noch die Augen trocknete, ſang eine Frauenſtimme!— Dieſe Stimme war die von Orſola. „Entrüſtet und in der Abſicht, ihr Stillſchweigen zu gebieten, näherte ich mich dem Speiſezimmer, aus dem die Stimme zu kommen ſchien. Durch die halb geöffnete Thüre ſah ich Orſola: ſie richtete das Frühſtück in Abweſenheit Aller zu und ſang dabei im baskiſchen Patois folgendes Lied unſerer Heimath;— ein gottlo⸗ 6 eyniſches, in einem ſolchen Angenblicke empörendes ied: Le bonheur est fait pour les dieux, Qni laissent le plaisir aux hommes; Bénissons ceux qui vont aux cieux, Mais consolons le coeur de ceux Qui restent au monde vd nous sommes ²)! „Mein Vater, ich vermöchte Ihnen nicht auszu⸗ drücken, welchen tiefen Widerwillen mir gegen die Frau, die es ſang, dieſes luſtige, materialiſtiſche, in einem Todten⸗ hauſe ertönende Lied einflößte. Ich wünſchte auch, daß Orſola wiſſe, ich habe ſie gehört. „„Orſola,““ ſagte ich zu ihr,„„Sie können den Tiſch abräumen; ich habe keinen Hunger.““ „Und ich ging in mein Zimmer hinauf und ſchloß mich ein. Orſola ſchwieg; doch der Hund ſtöhnte den ganzen Tag und die ganze folgende Nacht; ſein Ge⸗ heul hörte erſt in dem Angenblicke auf, wo der Wa⸗ gen, der die Kinder zurückbrachte, in den Hof des Schloſ⸗ ſes einfuhr.“ *) Das Glück iſt gemacht für die Götter, die den Men⸗ ſchen das Vergnügen überlaſſen; ſegnen wir diejenigen, welche in den Himmel gehen, tröſten wir aber das Herz derjenigen, welche auf der Welt bleiben, wo wir ſind. ugen mme igen aus halb ſtück ſchen ttlo⸗ ndes szu⸗ die ten⸗ daß den loß den Wa⸗ loſ⸗ en⸗ en, er 107 LXV. Orſola. „Nachdem mein Bruder todt,“ fuhr Herr Gérard fort,„war ich das Haupt der Familie und der Verwal⸗ ter des Vermögens der Kinder des Verſtorbenen. An⸗ fangs fühlte ich mich ſehr in Verlegenheit: ich hatte nie mehr als zwölf bis fünfzehnhundert Franken Einkünfte gehabt, welche von einem kleinen väterlichen Erbgute herrührten; gingen beträchtliche Summen in Bankbillets durch meine Hände, ſo erfaßten mich unbekannte Schauer; ſah ich Goldſäcke auf einen Tiſch umgeſtürzt, ſo bekam ich den Schwindel! nur waren dieſe Empfindungen ganz körperlich und hatten nichts Verbrecheriſches. Ich hegte keine andere Wünſche, als die, welche in dem Kreiſe, wo ich gewöhnlich lebte, ſich erſchloſſen hatten. „Herr Sarranti begann die Erziehnng der Kinder, gab mir einige Rathſchläge über die Verwendung und die Anlage der Einkünfte, und die erſten Tage verliefen in vollkommener Ruhe. „Die zwei einzigen Frauen, welche im Hauſe wohn⸗ ten, waren Gertrud und Orſola; Gertrud, die, nach⸗ dem ſie mit zwanzig Jahren die Amme meiner Schwä⸗ gerin geweſen, und ſie in ihren Armen hatte ſterben fehen, mit fünf und vierzig die Gonvernante ihrer Kin⸗ der geworden war; Orſola, die ſich, wie Sie wiſſen, im Hauſe impatroniſirt und mit dem Titel Vertraute ge⸗ ſchmückt hatte. Ich habe Ihnen geſagt, mein Vater, welchen Eindruck des Widerwillens dieſe Frau auf mich hervorzubringen angefangen. Warum dies? Abgeſehen von dem Liede, das ich ſie an jenem Tage der Beerdi⸗ 108 gung meines Bruders hatte ſingen hören, hätte ich es nicht zu ſagen gewußt. Nicht als ob ſie an ſich etwas Zurückſtoßendes gehabt hätte: im Gegentheile, ſie war ſchön. Nur mußte man es bemerken; doch ſobald man es bemerkt, kamen die Blicke, die ſie Anfangs gleichgül⸗ tig hatten vorübergehen laſſen, zu ihr zurück, und hatten ſie einmal dieſe unſelige Richtung genommen, ſo konnten ſie dieſelbe nicht mehr verlaſſen! Anfangs, als ich ſie zum erſten Male ſah, war ſie in ein diſteres Coſtume gekleidet, das ihre äußeren Vorzüge durchaus nicht gel⸗ tend machte; ihre Haare waren unter einer Art von Witwen⸗ haube verborgen; ihr übriger Anzug war, nicht ganz der einer Frau vom gemeinen Volke, doch der einer Bürgerin, welche auf jeden Gedanken der Cognetterie verzichtet hat. Das Einzige, was ich an ihr bemerkt, waren ziemlich ſchöne Angen, ſehr weiße Zähne und Lippen, deren leb⸗ haftes, faſt blutiges Roth mir beſonders aufgefallen. Doch ſeit dem Tode meines Bruders, allmählig und Woche für Woche, hatte ſie, ſo zu ſagen, eine Schönheit ins Licht geſetzt: das waren zuerſt herrliche Haare, blau durch ihre tiefe Schwärze, deren reiche Reſerve ſie unter ihrer Haube hervorgezogen, und aus denen ſie ſich glänzende Flechten gemacht hatte; es war ein Hals vergoldet wie die Aehre im Monat Juli, den ſie von einem geſchloſ⸗ ſenen Kragen befreit; es war eine Taille biegſam und geſchmeidig wie die Birke unſerer Wälder, die ſie in ein Trauerkleid von ſchwarzem Taffet gehüllt; es war ein ſpaniſcher Fuß, beſſer als dies, ein baskiſcher Fuß, den ſie des Pantoffels, der ihn bekleidet, entiedigt und! aufs Neue eingekerkert hatte, diesmal aber in einen Schuh mit flatternden Bändern; es war eine doppelte Reihe von weißen Zähnen, die ſie, ſelbſt ohne zu lächeln, zeigte, als wären ihre Lippen zu kurz und gerundet ge⸗ weſen, um ſich zuſammenzufügen; es waren endlich rei⸗ zende Worte geſprochen im Patois unſerer Gebirge, mit einem metalliſchen baskiſchen Accente, die mir, wenn ſie h es twas war man gül⸗ atten nten h ſie tume gel⸗ ven⸗ der rin, hat. nlich leb⸗ len. und heit an hrer ende wie loſ⸗ und in war uß, und nen elte ln, ge⸗ ei⸗ mit ſie 109 mich anredete, was übrigens ſelten geſchah, ein Echo der Heimath zu ſein ſchienen. „Alle dieſe ſueceſſiven Veränderungen bewerkſtelligten ſich in weniger als drei Monaten, zur großen Verwun⸗ derung aller Genoſſen des Hanſes, welche unter jener Puppe von Bure den glänzenden Nachtfalter nicht ver⸗ mutheten, der daraus ausgekrochen. Für wen machte übrigens Orſola dieſen Toiletteaufwand? Das ließ ſich unmöglich ſagen: ſie ſprach nie mit Jemand, wenn ſie nicht die Bedürfniſſe des Hauſes dazu nöthigten, und ſie hielt ſich in ihrem Zimmer die ganze Zeit auf, die ſie nicht in den ariſtokratiſchen Regionen des Hauſes be⸗ ſchäftigt war. Das geſchah für ſie ohne Zweifel! Dieſe unſchuldige Coquetterie mißfiel wahrſcheinlich ihrem frühe⸗ ren Herrn, und ſie wollte ſich nach und nach verſichern, ob ihr neuer Gebieter ſo ſtreng ſei wie der alte. Ihr neuer Gebieter, das war ich!.. „Laſſen Sie mich Ihnen alle Verführungen dieſer Frau ſagen, der ich das erſte Mal, als ich ſie geſehen, vierzig Jahre gegeben hätte, und die, ſowie ſie ihr altes Coſtume abſtreifte, mit demſelben auch die Jahre abzu⸗ ſtreifen ſchien, ſo daß ich ihr im Verlaufe von drei Mo⸗ naten kaum dreißig würde gegeben haben. Das iſt meine einzige Entſchuldigung bei der ſchändlichen Gewalt, die dieſe abſcheuliche Creatur am Ende über mich erlangte. „Ich hatte, wie geſagt, meine Frau ſehr jung und nach tranrigen Jahren des Eheſtands verloren. Begabt mit einer ziemlich kräftigen Conſtitution und mit dem Temperamente eines Sädländers, hatten bei mir die Leidenſchaften momentan einſchlafen können, doch ſie mußten unfehlbar früher oder ſpäter wiedererwachen. Mehrere Male hatte ich mich dabei ertappt, daß ich dieſe Frau im Vorübergehen anſchaute; mehrere Male, in ihrer Abweſenheit, war ich erſtaunt, daß ich an ſie dachte Orſola aber ſchien für mich keine andere Auf⸗ merkſamkeit zu haben, als die ehrerbietige Botmäßigkeit, 110 mit der ſich der Untergeordnete gegen ſeinen Herrn be⸗ nimmt. Sie hatte ſich den Dienſt von meinem Zimmer und von dem von Herrn Sarranti vorbehalten; ſie war beſorgt, hier vorzugsweiſe während des Frühſtücks oder des Mittageſſens einzutreten, und verrieth ihre Gegen⸗ wart nur durch jene Aufmerkſamkeiten, an welchen man bei dem, der ſie hat, die perſonliche Gewohnheit der übermäßigſten Reinlichkeit erkennt. Wir kamen regel⸗ mäßig in unſere Zimmer Abends um neun Uhr zurück, und um zehn Uhr war im Allgemeinen Jedermann ein⸗ * geſchlafen. „Eines Abends, als ich Banque⸗ und Verwaltungs⸗ rechnungen durchzuſehen hatte,— das war im Decem⸗ ber 1818,— unterrichtete ich Orſola von meinem Wunſche, meine Arbeit ziemlich lang in die Nacht hinein fortzu⸗ ſetzen, und bat ſie, einen Holzvorrath in mein Zimmer heraufbringen zu laſſen. Sie brachte ihn ſelbſt, als ſie kam, um die Bettdecke umzuſchlagen; ſobald das Holz niedergelegt und das Bett zugerichtet war, ging ſie wie⸗ der ab, indem ſie mich in ihrem Patois fragte: „„Hat der Herr nichts mehr nöthig?““ „„Nein,““ erwiederte ich, meinen Blick von ihr ab⸗ wendend; denn ich hatte bange, mein Blick könnte, ſich auf ſie heftend, aus meinem Herzen einen Blitz von der ſeltſamen unkeuſchen Gier, die ſie in mir erweckte, her⸗ vorſpringen machen. „Sie ging hinaus, zog ſachte die Thüre hinter ſich zu, und ich hörte ſie die Treppe hinabſteigen und in ihr, Zimmer eintreten, das unter dem meinigen lag. Ich blieb nachdenkend, ohne darauf zu achten, daß nach und nach das Feuer erloſch, und ich fing erſt an es an der Kälte wahrzunehmen, die ſich meiner langſam bemäch⸗ tigte. „Vergebens gedachte ich an dieſem Abend zu arbei⸗ ten: alle meine Gedanken waren anderswo. Ich wollte im Schlafe die Verſuchungen fliehen, die mich beſtürm⸗ ———„— e———.— n be⸗ mmer war oder egen⸗ man t der regel⸗ urück, ein⸗ ungs⸗ ecem⸗ nſche, rtzu⸗ mmer ls ſie Holz wie⸗ r ab⸗ n der her⸗ r ſich — n ihr Ich und n der mäch⸗ arbei⸗ wollte türm⸗ 111 ten; ich warf einen Arm voll Holz auf mein Feuer, legte mich zu Bette, löſchte das Licht aus, und verſuchte es, einzuſchlafen... Ich entſchlief in der That. „Es war ungefähr eine Stunde verlaufen, ſeitdem ich die Augen geſchloſſen, als ich, durch den Rauch des Athems beraubt, erwachte: das Feuer hatte im Kamine ohne Zweifel in Folge der zu großen Menge Holz, die ich hineingeworfen, um ſich gegriffen; der Wind trieb den Rauch in mein Zimmer zurück, und dieſer Rauch erſtickte mich. Ich ſprang aus meinem Bette und ſchrie: „„Zu Hülfe! Feuer!““ „Es kam aber Niemand. Ich wollte nach der Ge⸗ ſindetreppe laufen, als ich am Ende des Corridors Or⸗ ſola, mit aufgelöſten Haaren, bekleidet mit einem Ge⸗ wande, das nichts Anderes war, als ein langes Nacht⸗ hemd, mit bloßen Füßen und ihren Leuchter in der Hand, erblickte. Sie war herrlich ſo und glich einer der Erſcheinungen, wie ſie nach der Erzählung in den alten Schlöſſern oder in den verfallenen Klöſtern exiſtiren. Es war in dieſem Weibe in der That etwas von der Burg⸗ frau und von der Aebtiſſin, beſonders aber etwas Dämo⸗, uiſches! Sodann, als ob die Entfernung, welche zwi⸗ ſchen mir und ihr lag, ſie verhinderte, zu bemerken, in welcher unzüchtigen Unordnung ſie ſich befand, ſagte ſie: Sie haben um Hülfe gerufen, und ich bin her⸗ beigelaufen. Was gibt es?““ „Ich ſchaute ſie verwundert an. „„Es brennt!““ ſtammelte ich,„nes brennt!““ „„Wo „„In meinem Zimmer!““ „Sie ſtürzte hinein, ohne ſich um den Rauch zu bekümmern. „„Ah!““ ſagte ſie,„das iſt nichts.““ „„Wie! das it nichts?““ Pi „„Rein, es iſt ein Kaminfeuer, und die Kamine 112 ſind von Backſtein. Wollen Sie mir helfen, mein Herr? Wir werden das Feuer auslöſchen.““ „Eil laſſen Sie uns, um es auszulöſchen, Leute rufen!““ „„Das iſt unnöthig,““ erwiederte ſie;„„wir Beide werden es wohl auslöſchen, und ich kann es ſogar allein löſchen, wenn Sie ſich nicht damit befaſſen wollen.““ „Dieſe Kaltblütigkeit dünkte mir bewundernswerth: ich, der Mann, das heißt, das vorgeblich ſtarke Geſchöpf, hatte Angſt; ſie, die Frau, das heißt, das vermeintlich ſchwache Geſchöpf, beruhigte mich! „Ich rief nicht. In der Stimmung des Geiſtes, in der ich mich zu Bette gelegt, war die Erſcheinung, die zu mir kam, die, welche ich heraufbeſchworen. Sie trat übrigens, wie geſagt, kühn in mein Zimmer ein⸗ riß das Fenſter auf, um den Rauch zu zerſtreuen, nahm die Leilacken von meinem Bette, tauchte ſie in das Waſch⸗ becken, hielt dieſe befeuchteten Tücher vor die Oeffnung des Herdes, und fing ſo den Luftſtrom völlig auf; dann prachte ſie, das Tuch mit einer regelmäßigen Bewegung anziehend, den leeren Raum hervor und machte von den oberen Regionen die Rußlagen, die ſich entzündet hatten, herabfallen. „Eine halbe Stunde genügte für dieſe ganze Ope⸗ ration, bei der ich ihr allerdings half, jedoch mehr in meinem Geiſte in Anſpruch genommen von dieſen ſchwar⸗ zen Haaren, von dieſen weißen Füßen, von dieſen run⸗ den Schultern, welche durch ihr Nachtgewand durchſchie⸗ nen, als von dem Brande, der übrigens völlig beſiegt war. Nach einer weiteren halben Stunde war der Fuß⸗ boden mit dem Schwamme abgewiſcht, das Zimmer ſauber, das Bett wieder gemacht, und dieſes fantaſtiſche Geſchöpf, das ein den Elementen gebietender Dämon zu ſein ſchien, verſchwunden. „Die Nacht, die auf dieſes Ereigniß folgte, war G w B n — 1 8 „—„—— rr? ute ide gar ſſen pf. lich tes, ing, Sie ein, hm ſch⸗ ung ann ung den ten, pe⸗ r in var⸗ run⸗ chie⸗ ſiegt uß⸗ mer iſche zu war 113 eine von den granſamſten, die ich in meinem Leben zu⸗ brachte!.. „Ich war übrigens entſchloſſen, dieſe Kaltblütigkeit und dieſe aufopfernde Ergebenheit zu belohnen. Am andern Morgen, nach dem Frühſtücke, zur Stunde, wo ich wußte, daß ſie mit dem Aufräumen meines Zimmers beſchäftigt war, ging ich hinauf und näherte mich ihr, die an nichts mehr zu denken ſchien; ich ſtattete ihr meinen Dank ab und reichte ihr eine zwanzig Louis d'or enthaltende Börſe. Sie aber nahm meinen Dank in Demuth an und wies die Börſe ſtolz zurück. Ich drang in ſie; da antwortete ſie einfach und ohne Affectation: „Herr, ich habe nur meine Pflicht gethan!““ „Ich dachte, die Summe ſei vielleicht nicht ſtark genug, um ſie zu reizen, und da ich das letzte Wort bei dieſer Uneigennützigkeit haben wollte, ſo nahm ich alles Gold, das ſich in meiner Taſche fand, fügte es dem bei, was in der Börſe war, und bot ihr aufs Neue dieſe Börſe an, doch mit nicht mehr Erfolg. Ich fragte ſie nach dem Grunde ihrer Weigerung. „Es gibt einen erſten Grund, den ich Ihnen von Anfang geſagt habe, und der der mächtigere iſt,““ ant⸗ wortete ſie:„ich habe nur meine Pflicht gethan, und wer nur ſeine Pflicht thut, hat kein Recht auf eine Be⸗ lohnung; ſodann,““ fügte ſie lächelnd bei,„„ſodann gibt es einen zweiten Grund „„Dieſer iſt?““ fragte ich. „„Daß ich beziehungsweiſe ſo reich bin, als Sie, mein Herr.““ „„Wie ſo?““ „„Mein früherer Herr hat mir dreißigtauſend Fran⸗ ken Kapital, das heißt eine Rente von fünfzehnhundert Livres hinterlaſſen. Ich brauche nur in das Savines⸗ Thal zurückzukehren, woher ich bin, und ich werde mit meinen fünfzehnhundert Franken leben wie eine Königin.““ Die Mohicaner von Paris. M. 8 114 „„Warum haben Sie aber dann einen ſo geringen Lohn verlangt, als ich Sie aufforderte, Ihren Preis zu machen?““ fragte ich. „Abermals aus zwei Gründen,““ erwiederte ſie: „„weil ich ſeit zehn Jahren im Hauſe war und ein großes Verlangen hegte, es nicht zu verlaſſen.““ „„Das iſt der erſte. Und der zweite?““ „„Der zweite!““ ſagte ſie leicht erröthend;„der zweite iſt, weil ich mich mit dem erſten Blicke zu Ihnen hingezogen gefühlt hatte, und es mir gefiel, in Ihren Dienſt zu treten.“ „Ich ſteckte meine Börſe wieder in die Taſche, ganz beſchämt, eine ſolche Erhabenheit der Gefühle bei einer Frau zu finden, die ich bis dahin immer als eine Die⸗ nerin betrachtet hatte. „„Orſola,““ ſprach ich zu ihr,„„von morgen an werden Sie eine Frauensperſon nehmen, welche hier das thun ſoll, was Sie gewöhnlich thaten, und Sie werden ſich darauf beſchränken, daß Sie die Dienſtboten beauf⸗ „„Warum wollen Sie mich eines Vergnügens da⸗ durch berauben, mein Herr, daß Sie mich verhindern, Sie zu bedienen? iſt das Ihre Art, mich zu belohnen?““ „Sie ſagte dieſe paar Worte mit dem natürlichſten Tone. „„Wohl, es ſei,““ antwortete ich;„„Sie werden fortfahren, mich zu bedienen, da Sie behaupten, dieſer Dienſt ſei ein Vergnügen für Sie; doch Sie ſollen nur mich allein bedienen. Jean wird ſich mit Herrn Sar⸗ ranti beſchäftigen.““ „„Nun, meinetwegen!““ erwiederte ſie;„„ich nehme das an; es wird mir geſtattet ſein, um ſo mehr für Sie Sorge tragen zu können.““ „Hienach, da mein Zimmer in Ordnung gebracht war, ging ſie einfach und würdig ab, ohne zu vermu⸗ then, oder wenigſtens, ohne daß ſie den Anſchein hatte, als Za erſt ent gen zu ein der nen ren anz iner ie⸗ an das den uf⸗ da⸗ ern, 24 ſten den eſer nur ar⸗ hme für acht mu⸗ tte, 115 als vermuthete ſie, daß ſie mich ganz erſtaunt über ihr Zartgefühl zurückließ, wie ſie mich ein ander Mal ganz erſtaunt über ihre Schönheit zurückgelaſſen hatte. „Von dieſem Tage an war das Loos meines Lebens eniſchieden, und ich gehörte dieſer Frau. Sie ihrerſeits, als ſie ſah, daß ich ſie, ſtatt ihr fortwährend Befehle zu geben, wie man es bei einer Dienerin thut, mit Auf⸗ merkſamkeiten umgab, wurde zurückhaltender, ſowie ich ehrerbietiger wurde. Sie hatte, ſeitdem ſie im Hauſe war, frei, offen und keck geſprochen und mich in ihrem Patois angeredet, ſo oft ſich die Gelegenheit dazu bot; nun ſprach ſie kaum mit mir, und immer in der dritten Perſon; ſchüchtern, beinahe furchtſam geworden, zitterte ſie beim erſten Worte, erröthete ſie bei der erſten Ge⸗ berde. Hatte ſie Kenntniß von der Begierde, die ſie mir einflößte, und ſtellte ſie ſich, als wüßte ſie nichts davon? Zu jener Zeit wäre es mir unmöglich geweſen, es zu ſagen; ſeitdem konnte ich ſehen, welche wunder⸗ bare Komödiantin dieſe Frau war, und mit welcher Kunſt ſie auf ihr Ziel zuſchritt! „Der Kampf dauerte ungefähr drei Monate. „Während dieſes Zwiſchenraumes kam mein Namens⸗ tag, und Gertrud hatte den Gedanken, eine Feierlichkeit daraus zu machen. Am Abend wurden die Kinder mit prächtigen Sträußen zum Deſſert gebracht; hinter den Kindern war Sarranti, der mir die Hand reichte; dann kamen Jean und der Gärtner, um mir auch ihre Glück⸗ wünſche auszuſprechen. Ich küßte alle Welt, Kinder und große Perſonen, Profeſſor und Dienſtboten, und zwar, weil ich dachte, Orſola werde auch erſcheinen, und ich werde ſie küſſen wie die Anderen. Sie trat zuletzt ein, und ich gab einen Schrei von mir, als ich ſie erblickte. „Sie war gekleidet in ihre Tracht einer Gebirgs⸗ bewohnerin, mit dem rothen Halstuche um den Kopf, den Leib von ſchwarzem Sammet mit Gold,— etwas 116 Entzückendes zwiſchen dem Mädchen von Arles und der römiſchen Bäuerin! Sie ſagte mir ein paar Worte in ihrem Patois, um mir lange Tage und die Erfüllung Alles deſſen, was mein Herz begehre, zu wünſchen. Ich blieb ſtumm, denn ich fand nichts zu antworten und ver⸗ mochte nur die Arme gegen ſie auszuſtrecken, um ſie zu küſſen; doch ſtatt mir ihre Wangen zu reichen, neigte ſie das Haupt und bot mir ihre Stirne, erröthend wie ein Mädchen, indeß ihre Hand in meiner Hand zitterte. „Niemand im Hauſe liebte Orſola, mich ausgenom⸗ men, der ich vielleicht mehr lüſtern nach ihr war, als daß ich ſie liebte; trotz der geringen Sympathie, die ſie einflößte, war es indeſſen nur ein Schrei, um dieſer reichen Schönheit, der die Nationaltracht allen Reiz der Originalität verlieh, Lob zu ſpenden. Ich fühlte mich ſo ſehr beunruhigt, daß ich in mein Zimmer hinaufging, damit man meine Auftegung nicht wahrnehme. „Ich war ſeit einigen Augenblicken hier, ohne ein anderes Licht, als den Reflex des Feners, das im Kamine brannte, als ich den Tritt von Orſola erkannte, die ſich meinem Zimmer näherte, und da ſich meine Thüre öff⸗ nete, ſah ich ſie erſcheinen in ihrer reizenden Tracht, beleuchtet von der Kerze, die ſie in der Hand hielt. „Ich ſaß in einem Fauteuil, keuchend auf den Arm des Stuhles geſtützt, in der Stellung des Menſchen oder des Thieres, das loszuſtürzen bereit iſt. „Sie ſah mich und machte eine Bewegung, als ob ſie mich nicht hier zu finden erwartete; doch nach dieſer erſten der Verwunderung entſchlüpften Bewegung ſchritt ſie nach meinem Bette und nahm wie gewöhnlich die Decke ab.. Da ſtand ich auf, und entſchloſſen, Alles zu wagen, ging ich mit offenen Armen, ſchwankend wie ein Trunkener, auf ſie zu und rief mit dem ganzen Wahn⸗ ſinne meiner tollen Leidenſchaft: „Orſola! Orſola! wie ſchön biſt Du!.“ „Erwartete ſie dieſen Augenblick? war ſie wirklich der e in ung Ich ver⸗ e zu e ſie ein om⸗ als e ſie ieſer der mich ging, ein mine ſich öff⸗ acht, Arm oder ob ieſer chritt h die Alles wie ahn⸗ rklich 117 überraſcht? Das wurde mir nie bekannt. Ich weiß nur, daß ſie einen ſchwachen Schrei von ſich gab, daß ſie ihre Kerze fallen ließ, und daß wir uns in der Duu⸗ kelheit befanden. „O mein Vater! mein Vater!“ murmelte der Kranke, „von dieſem Augenblicke fing mein verbrecheriſches Leben an! von dieſem Angenblicke zog ſich Gott von mir zurück, und ich gehörte dem Teufel!..“ Herr Gérard fiel wie verſcheidend auf ſein Kopf⸗ kiſſen zurück, und der Dominicaner, der befürchtete, dieſe Beichte, welche ſo langſam zu der Stelle kam, die ihn intereſſirte, könnte ihm entgehen, zögerte diesmal nicht, dem Sterbenden einen zweiten Löffel voll von dem Elixir zu geben, das ſchon ſeine Kräfte wiederbelebt hatte. LXVI. Der Beſitz. Der Trank entwickelte ſeine Thätigkeit ein wenig langſamer als das erſte Mal, war aber nichtsdeſtowe⸗ niger wirkſam. Nach einer Minute der Betäubung kam der Kranke wieder zu Sinnen; er machte eine Anſtrengung und fuhr dann in folgenden Worten fort: „Von dieſem Augenblicke übte Orſola über mein ganzes Weſen eine ſolche Zanbermacht, daß ich allmälig die Herrſchaft über mich verlor, und nach Verlauf von einigen Wochen gehörte ich ihr mit Leib und Seele. „Vermöge dieſes ungeheuren, mit einer wunder⸗ 118 baren Geſchicklichkeit gelenkten Einfluſſes fand ich mich bald hingeriſſen, ihr zu gehorchen, nachdem ich ſchon ſeit einiger Zeit die Gewohnheit, ihr zu befehlen, verloren. Hätte ich nur das Bewußtſein dieſer Schmach gehabt! wäre mir nur ein einziges Mal der Gedanke gekommen, die Maſchen des Netzes, in das ich eingehüllt war, zu zer⸗ nagen! Doch nein, die Maſchen dieſes Netzes ſchienen mir von Gold zu ſein, und die Gewißheit, in der ich war, frei darin zu leben, benahm mir ſogar das Verlangen, ihm zu entkommen. „So lebte ich beinahe zwei Jahre in dieſem Bagno, das mir ein Palaſt ſchien, in dieſer Hölle, die mir ein Eden dünkte, und ich verlor nach und nach in den Be⸗ rauſchungen, in die mich dieſe Frau verſenkte, Alles, was der Himmel von redlichen Ideen, von tugendhaften Nei⸗ gungen in mich gelegt hatte. Hätte ich geſehen, wohin ſie mich führen wollte, ſo würde ich vielleicht widerſtanden haben; doch ich ſchritt, die Hand auf den Angen, fort, und hatte weder mehr das Bewußtſein von dem Wege, ki ich folgte, noch von dem Ziele, nach dem man mich ortzog. „Ich hatte wohl von Zeit zu Zeit und, ſo zu ſagen, inſtinctmäßig einige Rückkehren, die mich etwas wie einen Nothſchrei ausſtoßen machten, einige Ueberreſte von Ehr⸗ barkeit, die mein Schamgefühl eine Einwendung machen ließen; Orſola hatte aber unwiderſtehliche Tröſtungen für dieſe vorübergehenden Gemüthsunruhen, geheimniß⸗ volle Einſchläferungen für dieſes Erwachen des Gewiſſens. Ich ſtand mit einem Worte unter dieſem mächtigen, un⸗ beſiegbaren, geheimen Zauber, den, wie das Alterthum ſagt, die Unglücklichen erduldeten, welche in die Gewalt der Zauberin Circe fielen. „Dieſe Frau war in der That eine Zauberin in der Kunſt zu lieben; ſie wußte aus ihren Schmeicheleien Liebestränke zu machen, in denen man unabläßig neuge⸗ borene Kräfte wiederfand. Aus welchen Pflanzen ſetzte n — „—— — mich ſeit ren. abt! men, zer⸗ mir war, gen, gno, ein Be⸗ was Nei⸗ ohin nden fort, ee mich gen, inen Ehr⸗ chen ngen niß⸗ ſens. un⸗ hum walt der leien uge⸗ ſetzte 119 ſie ihre Tränke zuſammen? welche Worte ſprach ſie dar⸗ über? an welchem Tage des Monats, in welcher Stunde der Nacht, unter Anrufung von welcher unzüchtigen Gottheit bereitete ſie dieſelben? das weiß ich nicht; was ich aber weiß, iſt, daß ich ſie mit Wonne erſchöpfte. Und was dabei beſonders gefährlich war, iſt, daß ſie meiner Sklaverei das Aeußere der Macht, meiner Schwäche den Anſchein der Stärke gab. Von ihr regiert, war ich in meinen Angen der ſtarke Mann meines eigenen Wil⸗ lens geblieben. Es war ihre höchſte Kunſt, mich wollen zu machen, was ſie wollte, ſo daß ſie befehlend das An⸗ ſehen hatte, als gehorchte ſie. „Als ich bis zu dieſem Punkte gekommen war, ver⸗ ſuchte ſie, um mich nicht von Anfang an ein Joch fühlen zu laſſen, das ein Ueberreſt von Menſchenwürde mich wahrſcheinlich abzuſchütteln bewogen hätte, ſie verſuchte, ſage ich, ihre Gewalt bei Dingen ohne Belang; ſie hatte übertriebene Hartnäckigkeiten für die Befriedigung von unbedeutenden Launen. Sie verlangte mit Zweifel la⸗ chend, ſtellte ihr Geſuch ſelbſt als unannehmbar und monſtruos dar, gab ſich das Anſehen, als begriffe ſie nicht, wie ich gewiſſe Fantaſien unterſchreiben, mich in gewiſſe Willen fügen könne, während mir, vermöge der Zögernngen, mit denen ſie dieſe Willen, dieſe Fantaſien umgeben hatte, dieſelben, ſtatt mir exorbitant zu ſchei⸗ nen, äußerſt natürlich ſchienen; kurz, es war eine von ihren Taktiken,— und zwar nicht die ungeſchickteſte,— alle Wichtigkeit der Form zu geben, um den Fond zu verringern. Sie verſicherte ſich während dieſer zwei Jahre ihrer Herrſchaft über mich, und nach Ablauf dieſer Zeit fing ſie an ſich unumſchränkte Gebieterin meines Willens zu fühlen. „Zuweilen indeſſen, da ich mich allmälig von der wollüſtigen Schlange umwunden ſah, fragte ich mich, was ihr Zweck ſei; und ihr Zweck ſchien mir dann zu ſein, früher oder ſpäter meine Frau zu werden; doch ich muß 120 ſagen, dieſer Gedanke erſchreckte mich nicht im Minde⸗ ſten. Wer war ich denn, um mich für mehr als ſie zu halten? Ein Bauer aus unſeren Bergen, wie ſie eine Bäuerin derſelben war. Ich war reicher als ſie; doch ein Zufall, ein Unglück hatte mich reicher gemacht; ſie war aber ſchöner als ich, und Gott hatte ſie ſchöner gemacht. Sodann, wenn ich als Mitgift das Vermögen brachte, brachte ſie nicht das Glück, das Vergnügen, die Wolluſt? und ich war dahin gekommen, daß ich die Wolluſt als den einzigen Zweck des Daſeins, als das einzige Gut der Schöpfung betrachtete! im Ganzen war es alſo ſie, welche gab, und ich, der empfing. „Sobald ich das Ziel ihrer Wünſche erſchaut zu haben glaubte, und mir dieſes Ziel nicht übertrieben ſchien, überließ ich ihr, wie ich ihr den materiellen Theil meines Weſens überlaſſen hatte, auch den denkenden Theil deſſelben. Ich erzählte ihr von dem vielfachen Verdruſſe, den mir meine erſte Ehe bereitet hatte, ein Verdruß, an dem ſie lebhaften Antheil zu nehmen ſchien, doch ohne dieſe Gelegenheit zu ergreifen, um mir zu ſagen, eine zweite glücklichere Ehe könne ihn vergeſſen machen. Dieſe Verleugnung verlieh mir Muth: ich war es alſo, den ſie liebte, ich allein, und nicht das Vermögen, das ich ihr bieten konnte, und nicht die Stellung, die ich ihr geben konnte? Ich ließ ſie in mein ganzes Leben ein⸗ treten; ich gab ihr den halben Antheil an meinen koſt⸗ barſten Intereſſen; ich machte ſie zur Verwahrerin mei⸗ ner theuerſten Hoffnungen. Ich ſah, ich dachte, ich ſprach, ich athmete nur durch ſie! Ich war es nun, der ſie ahnen ließ, der ihr zu verſtehen gab, ſie könne Alles von mir fordern; doch ſie ſchien weder zu wünſchen, noch zu begreifen, was ich für den Gegenſtand ihres Trachtens gehalten hatte. „Es ſollte indeſſen ein Tag kommen, wo ſie ihre Macht verſuchen und ihren Willen energiſch offenbaren würde. inde⸗ ie zu eine doch ſie öner ögen igen, hdie das war tzu ieben Theil Theil tuſſe, „an ohne eine Dieſe den s ich ihr ein⸗ koſt⸗ mei⸗ ich der Alles chen, ihres ihre aren 121 „Dieſer Tag kam. „Wir hatten zum Gärtner einen Greis, Vater und Großvater von einem Dutzend Kinder, der die Gärten des Schloſſes vielleicht ſeit dreißig bis vierzig Jahren eultivirte. Anfänglich wußte ich nicht, was Orſola gegen ihn reizte; ich ſah es ſpäter ein... Sie fing damit an, daß ſie mir Schlimmes von dieſem armen Manne ſagte, den Jeder liebte, ſie ausgenommen; es verging nach ihrer Angabe kein Tag, an dem er ihr nicht eine unangenehme Bemerkung machte, eine unverſchämte Ant⸗ wort gab; endlich, nach einer Woche der Klagen, ſchloß ſie damit, daß ſie ſeine Entlaſſung von mir forderte. Die Sache ſchien mir ſo ungerecht, daß ich zu widerſtehen ſuchte, indem ich ihr entgegnete, Niemand habe ſich über dieſen Mann zu beklagen, und es gebe keinen Vorwand, um ihn wegzuſchicken; es wäre überdies unmenſchlich⸗ einen Greis fortzujagen, der ſeit vierzig Jahren da ſei. Sie beſtand auf ihrem Verlangen mit einer Hartnäckig⸗ keit, welche ſo ſehr außer ihren Gewohnheiten, daß ich darüber erſtaunt war; doch auf meine wiederholte Wei⸗ gerung ſchloß ſie ſich in ihr Zimmer ein, aus dem ſie zwei Tage lang nicht herausging, und während dieſer zwei Tage durfte ich auch nicht, trotz meines Bittens und Flehens, in dieſes Zimmer eintreten. Sodann, nach tau⸗ ſend Kämpfen, die ich gegen mich ſelbſt beſtand, da ich eine längere Entbehrung derjenigen, welche der materiel⸗ len Seite meines Lebens nothwendig geworden war, nicht aushalten konnte, beſchloß ich feiger Weiſe, mich in der Nacht zu Orſola zu begeben und ihr Verlangen zu bewilligen. „„Ah! das iſt ein Glück!““ ſagte ſie einfach zu mir, ohne mir nur für das Opfer, das ich ihr brachte, zu danken, und ohne den Anſchein zu haben, als hätte ſie einen Sieg davongetragen. „Am andern Tage ließ ich dem Gärtner bedeuten, er habe ſeine Lohnrechnungen in Ordnung zu bringen 122 und das Schloß zu verlaſſen. Der arme Mann, als er dieſe Kunde erfuhr, die er durchaus nicht erwartete, fiel auf eine Raſenbank und murmelte: „„Ah! mein Gott! ich glaubte meine Tage hier zu beſchließen!““ „Und er zerfloß in Thränen. „Victor und Leonie, die den Schmetterlingen nach⸗ liefen, ſahen den Greis weinen und fragten ihn nach der Urſache ſeiner Thränen... Sie liebten den Vater Vin⸗ cent ungemein: dieſer wackere Mann legte für ſie ſchöne Raupen zurück, deren Verwandlungen ihnen Herr Sar⸗ ranti erklärte; er verſah ihre Angeln mit Köder, wenn ſie im großen Baſſin fiſchten; er gab ihnen die erſten reifen Erdbeeren ſeiner Rabatten, die erſten reifen Früchte ſeiner Spaliere... Die Kinder gingen zu Herrn Sar⸗ rauti und erzählten ihm, ich jage ihren guten Freund Vincent weg; Herr Sarranti befragte ſelbſt den Greis und fand ihn in einer tiefen Troſtloſigkeit. „„Nur die Diebe und die Uebelthäter jagt man weg,“ ſagte der arme Mann,„„und ich habe nie ge⸗ ſn ich habe nie irgend Jemand etwas Böſes ange⸗ than.““ „Dann fügte er bei: „„Ah! ich werde darüber vor Schaam ſterben!““ „Herr Sarranti hielt den Fall für bedentend genug, um zu mir zu kommen, obſchon er gewöhnlich allen Ein⸗ zelheiten des Hauſes völlig fremd blieb. Zu ſeiner gro⸗ ßen Verwunderung gab ich der Sache eine Wichtigkeit, die ſie nicht zu haben ſchien. „„Ah!““ ſprach er zu mir,„haben Sie ernſte Gründe, um ſo zu handeln, ſo thun ſie wohl, mein lieber Herr Gérard; dann müſſen Sie aber dieſe Gründe laut ſagen, ſie öffentlich kund thun. Sie, der Sie ein Mann von Verſtand ſind, dürfen nicht als ein Mann von Leiden⸗ ſchaft erſcheinen; Sie, der Sie ein billiger Mann ſind, dürfen nicht als ein ungerechter Mann erſcheinen.““ s er fiel r zu tach⸗ der Vin⸗ höne Sar⸗ venn rſten üchte Sar⸗ eund reis man ge⸗ nge⸗ . nug, Ein⸗ gro⸗ rnſte ieber laut kann den⸗ ſind, 123 „Und nach dieſen Worten, da er glaubte, es ſei nicht nöthig, mehr zu ſagen, ging er weg. Er hatte Recht, dies zu denken; mein Gewiſſen war ſehr beun⸗ ruhigt, mein Herz voller Vorwürfe, da ich mich bereit fühlte, eine ſo ſchreiende Ungerechtigkeit zu begehen. Ich ſtieg alſo zu Orſola hinauf, theilte ihr die Bemerkungen von Herrn Sarranti mit und ſagte ihr von der Schaam, die mich erfülle. „„Gut!““ erwiederte ſie,„„ich glaubte, Sie haben ein Wort: Sie haben keines; denken wir nicht mehr hieran.““ „„Aber, mein liebes Kind,““ entgegnete ich,„Je⸗ dermann wird mich tadeln, daß ich, um einer Deiner Launen zu gehorchen, eine ſo ſchlimme Handlung begangen habe „„Wer wird Sie tadeln? Herr Sarranti? Was liegt Ihnen an der Meinung dieſes Menſchen, der man weiß nicht woher kommt, man weiß nicht was complot⸗ tirt?.. Oh! ich ſagte es Ihnen wohl hundertmal, Sie haben nur gegen mich Energie und Willen!““ „Es war eine von den Taktiken von Orſola, mir unabläßig zu wiederholen, ich unterziehe mich der Gewalt von Jedermann und entgehe nur ihrem Willen allein. Ueberzeugt, ich vollbringe einen Act des freiſten Willens, übergab ich nach einer Viertelſtunde dem Gärtner ſelbſt die Summe, die man ihm ſchuldig war, nebſt einem Monat von ſeinem Lohne, und forderte ihn auf, das Schloß unmittelbar zu verlaſſen. Der arme Greis ſtand auf, ſchaute mich einen Augenblick an, um zu wiſſen, ob wirklich ich es ſei, der ihm einen ſolchen Befehl gebe, und ſagte, diesmal mit trockenen Augen, indem er den Lohn, den man ihm ſchuldig war, nahm, aber den Monat Gratification lie⸗ gen ließ: „„Mein Herr, entweder habe ich einen Fehler be⸗ gangen oder ich bin unſchuldig. Habe ich einen Fehler begangen, ſo ſind Sie befugt, mich wegzujagen, und ich 124 habe kein Recht auf eine Entſchädigung; bin ich aber unſchuldig, ſo haben Sie Unrecht, daß Sie verlangen, ich ſoll gehen, und keine Entſchädigung iſt Erſatz für den Schmerz, den Sie mir bereiten.““ „Und mir den Rücken zuwendend: „„Leben Sie wohl, Herr! Sie werden Ihre ſchlimme Handlung bereuen!““ „Ich kehrte ins Schloß zurück, und während ich zurückkehrte, hörte ich den Greis murmeln: „„O meine armen Kinder!...““ „„Nun,““ ſagte ich zu Orſola,„man hat Ihnen gehorcht.““ „Mir? Welche Befehle habe ich denn gegeben?““ fragte ſie. „„Sie haben den Befehl gegeben, den Gärtner weg⸗ zujagen.““ „Gut 1““ verſetzte ſie lachend,„gebe ich Befehle ier?“ „Ich zuckte die Achſeln, denn ihre Laune war mir unbegreiflich. „„Und was hat er geſagt?““ fragte ſie. „Er hat geſagt,“ antwortete ich mit bebender Stimme,„er hat geſagt:„„O meine armen Kinder!““ . 6 „So? „„So daß ich zum erſten Male etwas fühle, was den Gewiſſensbiſſen gleicht.““ „Fühlen Sie das, mein Freund, Sie, der Sie einen ſo richtigen Geiſt und ein ſo gutes Herz haben, ſo iſt es ſo, weil Sie in der That auf meinen Antrieb eine ſchlimme Handlung begangen haben.““ „Und da ich in einem Lehnſtuhle, den Kopf in mei⸗ nen Händen haltend, ſaß und bei den Worten, die ſie geſprochen, den Kopf aufrichtete, ſah ich ſie auf mich zu⸗ kommen, ſich auf meinen Schooß ſetzen, und ſie ſagte mit ihrer ſüßeſten Stimme, in der Sprache der Heimath, die einen ſo wunderbaren Einfluß auf mich übte: —— aber gen, für mme ich hnen 2 weg⸗ fehle mir ender r 1 was Sie aben, trieb mei⸗ ie ſie h zu⸗ ſagte math, —— 125 „Mein Freund, ich bitte Dich um Verzeihung we⸗ gen meiner Boshaftigkeit!.. Ich hätte Dich vorhin beinahe zurückgerufen, doch Du warſt ſchon zu fern.““ „Es erfaßte mich der größte Stolz. „Nein, Orſola,““ erwiederte ich,„„Sie ſind nicht böſe!““ „Doch beharrlich ſprach ſie: „Hätte ich gewußt, der Abgang dieſes Gärtners könnte Ihnen wahren Kummer verurſachen, ſo hätte ich ihn nie verlangt.““ „„Sie würden alſo einwilligen, daß ich ihn zurück⸗ rufe?““ fragte ich lebhaft. „Ei! gewiß, da ich Ihnen ſage, ſein Abgang mache mir nun ſo viel Kummer als Ihnen.““ „Oh!““ rief ich,„„wie gut biſt Du, Orſola!““ „Und ich ſtand auf, um dem Greiſe nachzulaufen. „Nein, ich bin die Urſache der Verzweiflung dieſes braven Mannes: es iſt an mir, das Böſe, was ich ge⸗ than, wieder gut zu machen.““ „Und ſie zwang mich, im Zimmer zu bleiben, und lief dem Vater Vincent nach, um ihm zu verkündigen, er ſei wieder zu Gnaden bei mir aufgenommen. Das war Alles, was ſie wollte: wohlverſtanden, der gute Mann glaubte immer, ich habe ſeine Entlaſſung beſchloſſen, und Orſola habe ſeine Begnadigung erwirkt. „Drei bis vier Monate lang blieb Alles in statu quo; nur wurden dieſe drei bis vier Monate zu einer wunderbaren Arbeit verwendet, über die ich erſt ſpäter Klarheit erlangte. „Wie alle Südländer, war ich von Natur nüchtern; der Hunger und der Durſt waren für mich bis zum Alter von vierzig Jahren ein Bedürfniß und nicht ein zu befriedigendes Vergnügen geweſen; allmälig aber durch den Mißbrauch der Genüſſe der Wolluſt zur Ermattung gebracht, konnte ich Orſola nicht widerſtehen, die mich antrieb, von der Trunkenheit ihre entnervenden Auf⸗ 126 regungen zu fordern. Wie man es bei den wilden Thie⸗ ren thut, die man auf den Schaubühnen zeigt, und deren Kräfte ihre Herren mittelſt ſeltſamer, nur ihnen allein bekannter Geheimniſſe ſchwächen, ſo rief Orſola, um mich vollends zu unterwerfen, die verderblichſten ſpecifiſchen Mittel, die betäubendſten Getränke zu Hülfe. Der Ab⸗ ſinth und das Kirſchenwaſſer, dieſe zwei entſetzlichen Gifte, in einer gewiſſen Doſe genommen, wurden meine Lieb⸗ lingsgetränke, und man konnte am Morgen an meinen blöden Augen, an meinen ſtieren Blicken erkennen, bei welcher ſchmählichen Orgie ich einen Theil der Nacht zu⸗ gebracht hatte. Am Morgen blieb mir nur eine unbe⸗ ſtimmte Erinnerung an die Träume, in welchen der Sen⸗ ſualismus bis zum Schmerze getrieben worden war; dann ſchien es mir immer, als hätte, während der Schlaf⸗ ſucht des Rauſches, eine Stimme von geheimnißvollen, erſchrecklichen Wünſchen zu mir geſprochen! Der Um⸗ ſtand, deſſen ich mich beſonders entſann, war, daß Orſola ſich beſtändig über die Gouvernante der zwei Kinder be⸗ klagte, wie ſie ſich über den Gärtner beklagt hatte; was in mir am Morgen wiederkehrte, war, daß ich in ſolchen Augenblicken, wo mir nicht mehr die Kraft blieb, einen eigenen Willen zu haben, die Entlaſſung der armen Frau verſprochen hatte; beim Erwachen verflog aber dieſes in der Nacht gegebene Verſprechen wie ein Dunſt unter den anderen Dünſten des Rauſches. Eines Morgens nahm indeſſen Orſola dieſe ſeltſame Frage in Angriff und ſagte: „„Sie verſprechen mir ſchon lange, Sie wollen Gertrud wegſchicken, und Sie thun es nicht. Was bin⸗ det Sie denn ſo ſonderbar an dieſe Frau?““ „Ich war ganz verblüfft, denn ich erinnerte mich kaum, dieſes Verſprechen gegeben zu haben; ich hatte kein Motiv, um Gertrud, eine Frau von äußerſt harm⸗ loſem Charakter, zu entlaſſen, welche, einſt Amme meiner Schwägerin, deren Kinder anbetete und von ihnen ange⸗ betet wurde. Diesmal ſchlug ich es rund ab. Ich S—— 5 0==— 8 8 8 — hie⸗ eren lein nich chen Ab⸗ ifte, ieb⸗ nen bei zu⸗ be⸗ en⸗ ar; laf⸗ llen, Um⸗ ſola be⸗ was cben nen rau in den hm te llen in⸗ nich atte rm⸗ ner ge⸗ Ich 127 hätte mich geſchämt, dieſen armen kleinen Weſen,— mit denen ich mich kaum beſchäftigte, die ich ganz der Pflege dieſer guten Frau überließ,— die zarte Fürſorge zu entziehen, der ſie in ihrem Alter ſo ſehr bedurften. „Da begannen dieſelben Verfolgungen, welche in Betreff des Gärtners ſtattgefunden hatten, noch unab⸗ läßiger und erſchrecklicher. „Dem unſeligen Einfluſſe des Dämons, der mich beſaß, unterworfen, verſprach ich jede Nacht die Entlaſ⸗ ſung von Gertrud für den andern Tag; jeden Morgen kam ich von meinem Verſprechen zurück und weigerte mich. „Orſola ſchloß ſich ein, wie ſie es bei unſern Dis⸗ cuſſionen hinſichtlich des Gärtners gethan hatte; doch ich hielt die Probe aus. Ich geſtehe, daß ich noch nicht ſo ſehr alle Schaam abgelegt hatte, um den Vorwürfen von Herrn Sarranti zu trotzen und die Thränen der Kinder zu ertragen.. Diesmal war es Orſola, welche zuerſt wiederkehrte. Sie hatte dieſe Laune bereut und kam, um mich um Verzeihung zu bitten. Sie errathen, mein Vater, mit welcher Freude vieſe Verzeihung bewilligt wurde. „Dieſe Rückkehr von Orſola zu mir traf mit zwei Umſtänden zuſammen, die mir damals von geringer Be⸗ deutung zu ſein ſchienen, deren unſelige Folgen ich aber ſpäter beurtheilen konnte. Am Tage vorher hatte Jean um einen Urlaub von achtundvierzig Stunden gebeten, um in Joiguy eine kleine Erbſchaftsangelegenheit in Ordnung zu bringen, und am Morgen hatte uns Herr Sarranti mitgetheilt, es ſei ſeine Anweſenheit in Paris auf ein paar Tage nothwendig. Nachdem ſich Jean und Herr Sarranti entfernt hatten, waren die einzigen Per⸗ ſonen, welche im Schloſſe blieben, die zwei Kinder, Ger⸗ trud, Orſola und ich. Ich machte gegen Orſola hier⸗ über eine Bemerkung. „„Bin ich nicht Ihre Dienerin bei Tiſch und Bette?““ erwiederte ſie. 128 „Und ſie begleitete dieſe Antwort mit einem Blicke, der mir eine Idee von der doppelten Trunkenheit gab, die mich erwartete. „Es kam die Nacht: das Abendbrod war wie ge⸗ wöhnlich im Zimmer von Orſola ſervirt... Wir ſchlo⸗ ßen uns gegen zehn Uhr ein... Nie trieb eine Bac⸗ chantin ihren Liebhaber zur Beranſchung mit glühenderen Verführungen an: mir ſchien, als tränke ich ſtatt Wein eine am Blitze ihrer Augen entzündete Flamme! Gegen elf Uhr glaubte ich ein Getöne von Klagen zu hören. „„Was iſt das?““ fragte ich Orſola. „„Ich weiß es nicht... Sehen Sie nach, wer klagt.““ „Ich verſuchte es, von meinem Stuhle aufzuſtehen, doch ich hatte nicht drei Schritte gemacht, als ich in ein Fauteuil zurückfiel. „„Nun,““ ſprach ſie,„trinken Sie dieſes letzte Glas Wein, während ich ſtatt Ihrer gehe.““ „Es kam ein Augenblick, wo ich nur das zu thun vermochte, was Orſola ſagte. Ich leerte das Glas bis auf den letzten Tropfen. Dann ſtand ſie auf und ging hinaus. „Ich weiß nicht, wie lange ſie außer dem Zimmer blieb: ich war in die Schlafſucht verſunken, die den Menſchen ganz von dem, was ihn umgibt, iſolirt. Dieſer Schlafſucht wurde ich entzogen durch die Berührung eines Glaſes, das man an meine Lippen hielt. Ich öffnete die Augen und erkannte Orſola. „„Nun?““ fragte ich, da mir eine unbeſtimmte Er⸗ innerung an die Klagen, die ich gehört hatte, geblie⸗ ben war. „Oh!““ erwiederte ſie,„„es iſt Gertrud, welche ſehr krank geworden.““ „„Gertrud krank?““ ſtammelte ich.— „„Ja,““ antwortete Orſola; ſie beklagt ſich über Magenkrämpfe, und will nichts von meiner Hand neh⸗ ſic licke, gab, ge⸗ chlo⸗ Bac⸗ eren Wein egen ren. wer hen, ein letzte thun bis ging nmer den ieſer ines fnete Er⸗ blie⸗ elche über neh⸗ 129 men. Sie müßten hinabgehen und ſie bewegen, eiwas zu trinken, und wäre es nur ein Glas Zuckerwaſſer.““ „„Führe mich,““ ſagte ich zu Orſola. „Ich erinnere mich, daß ich nun die Treppe hinab⸗ ging, daß Orſola mich in ein Vorzimmer führte, daß ſie mich in ein Glas Waſſer gepülverten Zucker miſchen ließ, daß ſie mich in das Zimmer der Kranken ſchob und zu mir ſprach: „„Gehen Sie, bringen Sie ihr dies, und geben Sie ſe Mühe, ſie nicht ſehen zu laſſen, daß Sie betrunken ind.““ „Ich ſchämte mich in der That des Zuſtandes, in dem ich mich befand, ſtrengte mich an, wieder zur Ver⸗ nunft zu gelangen, ging mit ziemlich feſtem Schritte auf das Bett von Gertrud zu und ſagte zu ihr: „„Hier, meine gute Gertrud, trinken Sie dieſes Glas Waſſer: das wird Ihnen wohl thun!““ „Gertrud raffte ſich zuſammen, ſtreckte den Arm aus und leerte das Glas. „„Oh! Herr,““ ſagte ſie,„immer derſelbe Ge⸗ ſchmack!... Herr, Herr, einen Arzt!... Herr, ich bin ſicherlich vergiftet!““ „„Vergiftet?““ wiederholte ich, mit Schrecken um⸗ herſchauend. „„Oh! Herr, um des Himmels willen! Herr, im Namen Ihres armen Bruders, einen Arzt! einen Arzt!““ „Ich ging ganz beſtürzt hinaus. „„Du hörſt,““ ſagte ich zu Orſola,„ſie glaubt, ſie ſei vergiftet, und ſie verlangt einen Arzt.““ „„Nun, ſo eilen Sie nach Morſang und bringen Sie Herrn Ronſin mit.““ „Das war ein alter Arzt, der zuweilen mit uns zu Mittag ſpeiſte, wenn ihn ſeine Gänge in die Nähe des Schloſſes führten. „„Noch ein letztes Glas Wein,““ ſagte Orſola: „„es iſt kalt, und Sie haben zwei Meilen zu machen.““ Die Mohicaner von Paris. MI. 9 130 „Und ſie reichte mir ein Getränke, das mich, ſo ſehr ich an die ſtärkſten Liqneurs gewöhnt war, im Magen braunte, als ob ich Vitriol verſchluckt hätte!.. Ich ging hinaus, ich durchſchritt den Garten, und erreichte ganz ſtolpernd die Thüre, durch die man nach dem Felde ge⸗ langte; doch kaum hatte ich zweihundert Schritte auf der Straße nach Morſang gemacht, als ich die Bäume ſich drehen ſah, als mir der Himmel feuerfarben erſchien, die Erde unter meinen Füßen ſchwand, und ich am Rande des Weges niederfiel. „Am andern Tage befand ich mich in meinem Bette; mir war, als erwachte ich von einem entſetzlichen Alpe. „Ich klingelte: Orſola eilte herbei. „„Iſt es wahr, daß Gertrud geſtorben iſt, oder habe ich geträumt?““ fragte ich. „„Es iſt wahr,““ antwortete ſie. „„Aber,““ fügte ich zögernd bei,„an einem Gifte geſtorben?““ „„Das iſt möglich!““ „„Wie, es iſt möglich?““ rief ich. „„Ja,““ erwiederte Orſola;„„nur hüten Sie ſich davon zu ſprechen, in Betracht, daß man, da ſie nur von meiner Hand oder der Ihrigen etwas genommen hat, ſagen könnte, wir haben ſie vergiftet.““ „„Und warum würde man das ſagen?““ „„Ei! die Welt iſt ſo böſe!““ erwiederte Orſola ruhig. „„Man müßte aber einen Grund für dieſes Verbre⸗ chen angeben,““ verſetzte ich ganz erſchrocken. „„Man würde einen finden.““ „„Welchen?““ „„Man würde ſagen, Sie haben ſich zuerſt der Gou⸗ vernante entledigt, um ſich ſodann leichter der Kinder zu entledigen, die Sie beerben ſollen,““ ——— ſehr igen zing anz auf ume ien, ande nem chen oder ifte ſich nur men ſola bre⸗ Fon⸗ er zu 131 „Ich ſtieß einen Schrei aus und verbarg meinen Kopf unter meinen Betttüchern...“ „Ah! die Unglückliche!“ murmelte der Mönch. „Warten Sie, warten Sie!“ ſprach der Sterbende, „Sie ſind noch nicht beim Ende.. nur unterbrechen Sie mich nicht, denn ich fühle mich ſehr ſchwach!“ Bruder Dominique horchte mit keuchender Bruſt und beklommenem Herzen. LXVII. Wo die Spinne ihr Netz ausſpannt. Herr Gérard fuhr fort: „Der Tod von Gertrud erregte keinen Verdacht; er verurſachte nur einen großen Schmerz. Die Kinder waren untröſtlich. Orſola wollte Gertrud bei ihnen erſetzen; doch ſie hatten ein Grauen vor ihr; die kleine Leonie beſonders konnte ſie nicht ſehen. „Ich verfiel in eine tiefe Schwermuth; vier bis fünf Tage lang war ich es, der ſich in ſein Zimmer ein⸗ geſchloſſen hielt. „Herr Sarranti kam zurück; er ſuchte mich über dieſes Ereigniß zu tröſten. Er begriff, daß ich den Verluſt einer guten, treuen Dienerin beklagte; er begriff aber den Kummer nicht, der faſt einem Gewiſſensbiſſe glich. Er machte mir den Vorſchlag, eine andere Frau zu neh⸗ men, um die Kinder zu pflegen; doch die Kinder wollten nichts davon wiſſen, und, die Oppoſition von Orſola be⸗ fürchtend, ſtüßzte ich mich auf ihren Widerwillen, um die arme Gertrud nicht zu erſetzen. 132 „Orſola führte fortwährend das Hausweſen, als ob nichts vorgefallen wäre, blieb in der Entfernung, die ihr ihre Stellung vorſchrieb, und bekümmerte ſich nicht um ,— ſicher ohne Zweifel, ich könne ihr nicht ent⸗ gehen. „Eines Tags begegnete ich ihr in einem Gange. „„Was würden Sie denn thun,““ fragte ſie mich im Vorübergehen,„„wenn ſtatt Gertrud ich geſtorben wäre?““ „„Oh! wenn Du es wäreſt,““ antwortete ich, in ihrem Blicke die Flamme wiederfindend, die mich leben machte, indem ſie mich verzehrte,„wenn Du es wäreſt, Orſola, ſo wäre ich ebenfalls geſtorben.““ „„Nun denn, da ich es nicht bin, ſo laſſen Sie uns leben!““ ſprach ſie. „Und mit einem dämoniſchen Lächeln ſetzte ſie in ihrem Patvis hinzu: „„Ich werde Dich heute Nacht erwarten.““ „„Oh! nein, gewiß nicht,““ ſagte ich zu mir ſelbſt; „„nein, ich werde nicht gehen!““ „Mein Vater, die Naturforſcher ſprechen von der Zaubermacht einiger Thiere und, unter Anderem, der Schlange, welche von Zweig zu Zweig den Vogel vom Baume herab in ihren aufgeſperrten Rachen zu fallen⸗ zwingt; mein Vater, der böſe Geiſt hatte dieſe Fran mit einer ähnlichen Macht begabt; denn nachdem ich bis elf Uhr widerſtanden, fühlte ich mich unüberwindlich nach ihrem Zimmer fortgezogen, und unwillkürlich, während ich noch widerſtand, durchſchritt ich den Corridor und ſtieg Stufe für Stufe die verhängnißvolle Treppe hinauf, auf der ſie mich oben erwartete... Ich geſtand Ihnen, daß ich am andern Tage nach ſolchen in Orgien zuge⸗ brachten Nächten nur eine verworrene Idee von dem, was ich gethan und geſagt, und von dem, was man vor mir gethan, oder von dem, was man mir geſagt, be⸗ hielt. Mir ſchien am andern Tage nach dieſer Nacht, es lbſt; der der vom allen⸗ mit s elf nach rend und nauf, nen, e⸗ dem, vor „be⸗ t, es 133 ſei zwiſchen Orſola und mir nur von den Genüſſen die Rede geweſen, die man ſich mit einem Vermögen von zwei bis drei Millionen verſchaffen könne. Indem ich mich, obſchon auf eine unbeſtimmte Art, dieſes Geſprä⸗ ches erinnerte, ſchauerte ich; denn ich konnte nur durch den Tod der Kinder meines Bruders in den Beſitz dieſes ungeheuren Vermögens geſetzt werden. Und welche Wahrſcheinlichkeit war vorhanden, Gott werde dieſe zwei ſchönen Kinder zu ſich rufen, dieſe Kinder, welche ſo duftend und friſch wie die Blumen und die Früchte, un⸗ ter denen ſie ſpielten?.. Allerdings erſchreckte mich der plötzliche Tod von Gertrnd! Fühlte ich mein Herz von ſolchen Ideen beklommen, ſo ſuchte ich Herrn Sar⸗ ranti auf; ich ſprach mit ihm zuerſt von gleichgültigen Dingen, dann brachte ich das Geſpräch auf die Kinder, und ich verließ ihn nur, indem ich ihm empfahl, wohl über ſie zu wachen. Und er, der ſie von ganzer Seele liebte, antwortete mir: „„Seien Sie unbeſorgt, ich werde ſie nie ver⸗ kſe ſind nicht die Umſtände mächtiger als mein ie „Und dann verdüſterte ſich ſeine Stirne, und man hätte glauben ſollen, er errathe, welches finſtere Miß⸗ trauen, nicht gegen mich, ſondern gegen Andere, mich an⸗ treibe, ihm zu ſagen, er möge wohl über die zwei kleinen Weſen wachen, die ihm anvertraut waren. „Mein Vater, ſoll ich Ihnen nun erzählen, durch welche Reihenfolge von ſchändlichen Verführungsmitteln, durch welche Eingebung von monſtruoſen Begierden es Orſola gelang, mich an den Gedanken zu gewöhnen, es könne ſich eines Tags ein Unfall ereignen, der mich zum Eigenthümer des großen Vermögens mache, von dem ich zu glauben anfing, es ſei nothwendig für mein Glück, weil mir Orſola jede Nacht wiederholte, es ſei nothwen⸗ dig für das ihrige?.. Uebrigens, ſeltſamer Weiſe! ob⸗ ſchon nie wirklich die Rede von einer Heirath zwiſchen 134 dieſer Frau und mir geweſen war, wußte doch Jeder ſo wohl, auf welchem Punkte wir ſtanden, daß alle Leute von niedriger Stufe, um Orſola den Hof zu ma⸗ chen, ſie Madame Gérard nannten! Selbſt die Kinder hatten dieſe Gewohnheit angenommen: ſie wie⸗ derholten das, was ſie ſagen hörten. Es war wohl, deſſen bin ich ſicher, ihre Abſicht, eines Tags Madame Gérard zu werden; ohne Zweifel aber wollte ſie zu die⸗ ſem Ende warten, bis mein Leben mit dem ihrigen durch die Ketten einer entſetzlichen Schuldgenoſſenſchaft verbun⸗ den wäre. „Zuweilen, am Tage, ſchauerte ich, ganz nahe daran, einen Schreckensſchrei auszuſtoßen: blutige Ge⸗ danken hatten ſich, Geſpenſtern ähnlich, vor mir erhoben! Dann lief ich, bis ich Jemand getroffen hatte. Traf ich die Kinder, ſo floh ich anf die Seite der entgegen⸗ geſetzt, wo ich ſie ſah; begegnete ich Herrn Sarranti, ſo wiederholte ich ihm die Empfehlung, wohl über ſeine Zoͤglinge zu wachen, und ich fügte bei: „„Ich liebe ſie ſo ſehr, dieſe armen Kinder meines guten Jacques.““ „So beruhigte ich mich, ſo gab ich mir ſelbſt Kräfte durch dieſe laut ausgeſprochenen Worte der Zärt⸗ lichkeit. „Dann kamen die Nächte, und die ſchändliche Pene⸗ lope zerſtörte durch ihre Küſſe, durch ihre ſeltſamen Be⸗ gierden unerhörter Wolluſt die fromme und barmherzige Arbeit, die mein Gewiſſen am Tage von Neuem gemacht hatte! Doch ich muß geſtehen, ſo wie die Zeit verlief, hatte das Werk der Nacht weniger Mühe, die Arbeit vom Tage zu zerſtören. Kurz, obwohl ich nur in einer fernen Zukunft die Verwirklichung dieſer erſchrecklichen Hoffnung ſah, gewöhnte ich mich doch allmälig daran, die Habe meiner Reffen als meine Habe, ihr Vermögen als mein Vermögen zu betrachten, und einmal geſchah es mir, daß ich vor Orſola ſagte: 1 der ſo ale u ma⸗ ſt die wie⸗ wohl, adame u die⸗ durch erbun⸗ nahe e Ge⸗ oen! Traf gegen⸗ rranti, ſeine neines ſelbſt Zärt⸗ Pene⸗ n Be⸗ erzige emacht erlief⸗ Arbeit einer klichen aran, mögen eſchah 135 „Wenn ich einſt reich bin, kaufe ich das benach⸗ barte Gut.““ „Was kounte mich aber reich machen? Ein Zufall! — Orſola nannte die Sache ſo;— ein Zufall, der mich zum Erben der Kinder meines verſtorbenen Bruders machen würde... Doch, mein Vater,“ ſagte der Ster⸗ bende den Kopf ſchüttelnd,„wer unter ſolchen Umſtän⸗ den auf den Zufall rechnet, iſt ſehr nahe daran, ihm zu Hülfe zu kommen!..“ Als Herr Gérard dieſen Theit ſeiner Beichte erreicht hatte, war ſein Geſicht ſo ſehr entſtellt, daß ihn der Mönch unterbrechen zu müſſen glaubte, wie groß auch ſeine Reugierde, und welches Intereſſe er auch hatte, die Folge der Ereigniſſe kennen zu lernen, deren Scenerie ſich vor ihm entrollte,— mehr und mehr ſich verdüſternd, ſo wie ſie ſich entrollte. Der Sterbende ſchwieg in der That einen Augen⸗ blick, doch nur um alle ſeine Kräfte zu ſammeln. Bei dieſem Punkte ſeiner Erzählung ſchien er eben ſo begie⸗ rig, ſie zu vollenden, als er Anfangs furchtſam geweſen, ſie zu beginnen. Und dennoch fand unter dieſer leichenfarbigen Maske, auf die der Dominicaner ſeinen bangen Blick heftete, ein heftiger Kampf ſtatt; denn der Kranke ſetzte ſeine Er⸗ zählung mit einer ſo ſchwachen Stimme fort, daß Domi⸗ nique, um zu verſtehen, was er ſagte, beinahe genöthigt war, das Ohr an ſeine Lippen zu halten. „Mittlerweile,“ ſprach Herr Gérard,„ereignete ſich ein Zwiſchenfall, den ich nicht mit Stillſchweigen über⸗ gehen darf. Meine Nichte Leonie war ein Mädchen von einer großen Herzensgüte, zugleich aber von einem bei einem Kinde von ihrem Alter außerordentlichen Stolze. In Braſilien, welches Land ſie mit kaum vier Jahren verlaſſen hatte, von zwanzig Domeſtiquen von paſſiver Botmäßigkeit, von abſoluter Unterwürfigkeit bedient, hatte ſie ſich daran gewöhnt, mit einem Worte zu befehlen und 136 auf einen Wink Gehorſam zu finden. Oft, ſeit dem Tode von Gertrud, hatte ſie ſich über Orſola zu beklagen, welche den Haß nicht verbarg, den ihr die Kleine ein⸗ flößte, und bei der Sorge, die ihr für ſie zu tragen oblag, mit einer Nachläßigkeit oder mit einer Brutalität zu Werke ging, die von Leonie wahrgenommen wurde. Sie beklagte ſich deshalb einige Male bei mir; da ſie aber ſah, daß dies nichts an den Manieren von Orſola gegen ſie änderte, ſo ſprach ſie hierüber mit Herrn Sar⸗ ranti, und dieſer machte mir mit aller möglichen Zart⸗ heit begreiflich, meine perſönliche Nachſicht gegen Orſola könne dieſe nicht berechtigen, zu vergeſſen, daß Victor und Leonie die wahren Gebieter des Hauſes ſeien. „Eines Morgens, als ſich die Kinder damit belu⸗ ſtigten, daß ſie ins Baſſin Steine warfen, die Braſil untertauchend daraus holte, beklagte ſich Orſola über Kopfweh, das ihr das Bellen des Hundes verurſache. Dem zu Folge rief ſie aus dem Fenſter den Kindern zu, ſie ſollen ihre Spiele unterlaſſen oder wenigſtens eines wählen, welches nicht ſo das Gebell von Braſil errege. Die Kinder ſchauten, von wem ihnen dieſer Befehl zu⸗ kam, und als ſie ſahen, daß er von Orſola kam, ſpielten ſie fort. „„Nimm Dich in Acht, Leonie!““ rief Orſola dem Mädchen zu, das ſie ganz beſonders haßte. „„Wovor?““ fragte das Kind. „„Daß ich nicht hinabkomme; denn wenn Du machſt, daß ich hinabkomme, ſo peitſche ich Dich!““ „„Ah! ja wohl, kommen Sie doch!““ erwiederte das Mädchen. „„Du trotzeſt mir?““ rief Orſola.„„Warte ein wenig: ich komme.““ „Und ſie ſtürzte in den Garten, durchlief den Raum, der die Freitreppe vom Teiche trennte, und ſtreckte die Hand aus, um das Kind zu ergreifen, das, als es ſie kommen ſah, ruhig wartete, ohne einen Schritt rückwärts zu ode en, in⸗ gen ität de. ſie ola ar⸗ rt⸗ ola tor lu⸗ aſil ber che. zu, nes ge. zu⸗ ten em 137 thun; doch in dem Augenblicke, wo ſie das Kind ergrei⸗ fen wollte, ſprang der Hund auf ſie los und packte ſie ſelbſt beim Arme. Orſola ſtieß einen entſetzlichen Schrei aus, weniger aus Schmerz, als aus Zorn. Dieſer Schrei machte, daß von zwei verſchiedenen Seiten zwei Per⸗ ſonen herbeieilten: Herr Sarrauti, der die Kinder weg⸗ führte, und der Gärtner, der den Hund loszulaſſen nöthigte. „Orſola kam zurück und zeigte mir ihren blutigen Arm. „„Ich hoffe, Sie werden Ihre Richte beſtrafen und den Hund umbringen!““ ſagte ſie. „Vielleicht hätte ich nach ihrem Verlangen gethan; doch Herr Sarranti trat dazwiſchen und verhinderte mich daran: er hatte Alles geſehen und Alles gehört, und ſeiner Anſicht nach war Leonie unſchuldig; was Braſil betrifft, ſo hatte er, mit ſeinem Inſtincte eines ergebenen Dieners, ſeine kleine Herrin vertheidigt, und er verdiente deshalb nicht den Tod. Ich beſchränkte mich alſo dar⸗ auf, daß ich den Kindern verbot, fortan am Rande des Teiches zu ſpielen, und befahl, daß Braſil in ſeiner Niſche angekettet bleibe.— Orſola gab übrigens ihren doppelten Rachegedanken mit einer Leichtigkeit auf, die mich in Erſtaunen ſetzte und zugleich erſchreckte. Ich fing an ſie zu kennen und einzuſehen, daß ſie nicht die Frau war, die verzieh. „Um dieſe Zeit bot ein Ereigniß, das im Hauſe vorfiel, Orſola verhängnißvoller Weiſe Gelegenheit, den unſeligen Plan, auf den ſie längſt ſann, zu voll⸗ führen. „Es war um die Mitte des Monats Auguſt 1820. Seit ungefähr drei Wochen hatte Herr Sarranti plötz⸗ lich mit allen ſeinen Gewohnheiten gebrochen: ſein bis dahin ſtreng regelmäßiges Leben war zu meiner großen Verwunderung eine Reihe von Excentricitäten geworden, welche die Aufmerkſamkeit der friedlichen Bewohner des 138 Dorfes, und beſonders die der Leute vom Schloſſe zu erregen anfingen. „Man holte ihn mitten in der Nacht, und auf der Stelle mit denjenigen, welche ihn holten, abgehend, ver⸗ ſchwand er auf ganze Tage und hinterließ nur für mich bei Jean, aus dem er ſeinen vertrauten Diener gemacht hatte, eine Zeile, durch die er mir ſeine Abweſenheit anzeigte, ohne ſie zu motiviren oder ihre Dauer zu be⸗ ſtimmen. „An andern Tagen hielt er am frühſten Morgen Berathungen mit Freunden von Paris, ſchloß ſich mit ihnen in ſein Zimmer oder in den Pavillon vom Parke ein, verweilte hier lange und ſchlug es aus, zum Früh⸗ ſtück und manchmal ſogar zum Mittageſſen zu kommen. „Man traf ihn in der Abenddämmerung mit deco⸗ rirten Männern redend, welche in lange, bis ans Kinn zugeknöpfte blaue Ueberröcke gekleidet waren und in allen ihren Manieren ſich als Militäre verriethen. „Orſola horchte mehrere Male an der Thüre ſeines Zimmers, ſeines Cabinets oder des Pavillon, und ſuchte das Geheimniß dieſer langen, häufigen und myſteriöſen Unterredungen zu ergattern. Die Worte ohne Folge, die ſie hörte, konnten ſie auf eine Spur bringen; doch der geringe Zuſammenhang dieſer Worte unter ſich machte, daß die Spur bald verwiſcht war. Da indeſſen unter der Zahl der von ihr aufgefaßten Worte die Namen von König Ludwig XVIII. und von Kaiſer Napoleon häufiger wiederkehrten, als irgend etwas Anderes, ſo hatte Orſola keine Mühe, zu errathen, es ſei von einem militäriſchen Complotte die Rede, das den Umſturz der beſtehenden Regierung und die Wiederherſtellung des Kaiſerreiches zum Zwecke habe. Ich erinnere mich der teufliſchen Freude, mit der mir Orſola dieſe Entdeckung mittheilte. Sie haßte Ihren Vater, der bei allen Veranlaſſungen die Partei der Kinder nahm, und ich bezweifle nicht, ſie würde ihn bei der Polizei angezeigt haben, hätte ſie nicht ein Pro⸗ 2 j h 9 ——— —— —— — zu der ver⸗ mich acht heit be⸗ gen mit arke rüh⸗ en. eco⸗ kinn Men ines chte öſen die der uter von iger ſola chen nden ches ude, Sie artei ihn Pro⸗ chte, 139 ject von ganz anderer Art in Anſpruch genommen, und hätte ſie nicht mit ihrem erſchrecklichen Scharfſinne etwas geſehen, was ihrem Plane in den Plänen Ihres Vaters dienen konnte. „Sie erwartete alſo den Tag, die Stunde, den Augenblick, um zu handein, wie der Jaguar, auf einen Aſt gekanert, den Moment erwartet, um ſich auf den Wanderer zu ſtürzen. Es war zugleich von der Schlange und vom Tiger in dieſer geduldigen und unverſöhnlichen Creatur! „Am 18. Anguſt hatte mich Herr Sarranti, der das Schloß in der Nacht verlaſſen, durch eine Zeile ge⸗ beten, ſelbſt beim Notar von Corbeil die hunderttauſend Thaler zurückzufordern, die er bei ihm deponirt hatte; zur Erleichterung des Transportes ſollte ich zu erlangen ſuchen, daß mir wenigſtens ein Theil der Summe in Banquebillets zurückgegeben werde. „Schon am Morgen ließ ich ein Pferd anſpannen und fuhr nach Corbeil. Herr Henry hatte nur für eine geringe Summe Banquebillets; ich brachte alſo die hun⸗ derttauſend Thaler mit, wie ich ſie abgegeben hatte,— in Gold. „Am Tage kam Herr Sarranti wieder, und er ließ mich fragen, ob er mich ein paar Augenblicke allein ſprechen könne. „Ich war bei Orſola. „„Ich werde hinabkommen,“ ſagte ich zu Jean. „„Warum laſſen Sie nicht vielmehr Herrn Sarranti heraufkommen?““ fragte ſie;„„Sie wären beſſer hier, um zu reden.““ „„Sagen Sie Herrn Sarranti, er könne herauf⸗ kommen,““ antwortete ich Jean. „Als ſodann Jean abgegangen war, ſprach ich zu Orſola: „„Willſt Du mich allein laſſen?““ 140 „„Sie haben alſo Geheimniſſe für mich?““ be⸗ merkte ſie. „„Nein; doch die Geheimniſſe von Herrn Sarranti gehören ihm und nicht mir.““ „„Mit Ihrer Erlanbniß, Herr Gérard, die Geheim⸗ niſſe von Herrn Sarranti werden Ihnen gehören, oder er wird ſie behalten.““ „Und bei dieſen Worten, ſtatt abzugehen, trat ſie in ein Ankleidecabinet, von dem aus man Alles, was in meinem Zimmer geſagt wurde, hören konnte, und ſchloß ſich mit dem Schlüſſel ein. Kaum war ſie hier einge⸗ ſchloſſen, als die Thüre des Corridors ſich öffnete und Ihr Vater eintrat. Ich hätte ihn in ein anderes Zim⸗ mer, in eine einſame Allee des Parkes, mitten auf eine Wieſe führen können, müſſen; doch ich hatte bange vor dem, was zwiſchen Orſola und mir vorfallen würde, wenn wir uns wieder unter vier Augen fänden. Als mich Herr Sarranti fragte: „„Sind wir allein, und kann ich in vollem Vertrauen reden?““ „Da antwortete ich auch ohne Zögern: „„Wir ſind allein, mein Freund, und Sie können ſprechen.““ Ehe er fortfuhr, wandte ſich Herr Gérard gegen den Mönch um und fragte: „Wiſſen Sie, was mir Ihr Vater zu ſagen hatte, und ſoll ich es Ihnen wiederholen?“ „Ich weiß es nicht,“ erwiederte Dominique.„Als mein Vater Frankreich verließ, war ich im Seminar; er hatte nicht Zeit, zu mir zu kommen, um von mir Ab⸗ ſchied zu nehmen. Seitdem habe ich von ihm einen Brief datirt von Lahore erhalten; doch ſein einziger Zweck war, mich über ſeine Geſundheit zu beruhigen und mir eine Geldſumme zu ſchicken, von der er dachte, ich könnte ſie nöthig haben.“ „Ich will Ihnen alſo ſagen,“ ſprach der Sterbende, * „ r 3 T e —c— e 141 „was die Pläne Ihres Vaters waren, und in welches Complott er ſich eingelaſſen hatte. LXVIII. Das Geheimniß von Herrn Sarranti. „„Glauben Sie vor Allem, mein lieber Herr Gé⸗ rard,““ ſagte mir Ihr Vater,„daß Alles das, was ich Ihnen erzählen werde, Ihrem Bruder ſchon am erſten Tage, da ich ihn wiederſah, bekannt war, ſo daß er ſehr gut wußte, er öffne einem Verſchwörer ſeine Thüre, als er mich mit der Erziehung ſeiner Kinder betraute. „„Sie kennen meinen Namen und mein Vaterland. Ich bin Corſe; in Ajaccio in demſelben Jahre wie der Kaiſer geboren, weihte ich ihm mein Leben: ich folgte ihm nach der Inſel Elba bei der Thronentſagung von Fontaineblean, nach St. Helena nach der Schlacht von Mont Saint⸗Jean*). „„Eines Tags wird die Welt erfahren, zu welcher Qual von den Königen der Mann verurtheilt worden iſt, der ſie nach einander Alle in ſeiner Hand gehalten hat, und die Publicität der Geſchichte wird die Strafe ſeiner Kerkermeiſter und ſeiner Henker ſein. „„Ich war auch ſchon am Anfange des Jahres 1817, ohne dem erhabenen Gefangenen etwas davon zu ſagen, mit der Sorge beſchäftigt, eine Entweichung für ihn ein⸗ *) Die Franzoſen nennen ſo die Schlacht bei Waterlvo. 142 zuleiten. Ich knüpfte Verſtändniſſe mit einem amerira⸗ niſchen Schiffe an, das uns Briefe vom vormaligen Kö⸗ nig Joſeph, der ſich nach Boſton zurückgezogen, überbracht hatte; doch der Kaiſer mißbilligte gänzlich, was ich gethan zeigte mich ſelbſt dem Gouverneur an und ſagte zu ihm: „— Schicken Sie mir ihn ſchnell nach Frankreich zurück, den Burſchen, der mich von dieſem Orte der Wonne, den man St. Helena nennt, will entweichen machen!—“ „Und er wiederholte in allen ſeinen Einzelheiten dem Gouverneur den Entweichungsplan, den ich ihm ſelbſt geoffenbart hatte. „„Die Gefälligkeit, um die er den Gonverneur er⸗ ſuchte,— nämlich die Zurückſendung von einem ſeiner getreuen Diener nach Frankreich,— gehörte zu den Gefällig⸗ keiten, die man ihm zu bewilligen immer bereit iſt. Meine Abreiſe wurde alſo auf den zweiten Tag feſtgeſetzt: es fand ſich ein Schiff ſegelfertig für Portsmouth auf der Rhede von Jamestown. „Ich war in Verzweiflung, denn ich glaubte mir die Ungnade des Kaiſers zugezogen zu haben, als ich durch den General Montholon den Befehl erhielt, vor ihm zu erſcheinen. Der General führte mich in das Schlafzim⸗ mer ein, und der Kaiſer winkte ihm, uns allein zu laſſen. „Kaum war ich mit dem erhabenen Gefangenen allein, da warf ich mich ihm zu Füßen und bat ihn flehentlich, mir zu verzeihen und ſeinen Beſchluß, mich nach Frankreich zu ſchicken, zurückzunehmen. Er ließ mich reden, ſchaute mich mit einem wohlwollenden Lächeln an, nahm mich dann am Ohr und ſagte: „— Einfaltspinſel! ſteh ſogleich auf!—“ „„Dieſe Worte waren ſo weit entfernt von den Vorwürfen, die ich erwartete, daß ich ganz verblüfft aufſtand. „— Ich verzeihe Dir nicht,—“ ſagte er zu mir, „— in Betracht, daß ich Dir nur Deine zu große Treue u ca⸗ Kö⸗ cht n m: ich der en ten hm er⸗ ner ig⸗ ine es der mir ihm im⸗ ſen. nen ihn nich nich an, den üfft mir, reue 143 und Deine zu große Ergebenheit zu verzeihen hätte, und dergleichen Dinge verzeiht man nicht, abſcheulicher Corſe: man erinnert ſich ihrer.—“ „— Nun wohl! Sire, um des Himmels willen! dann entfernen Sie mich nicht von Ihnen.—“ „— Sarranti,—“ ſprach der Kaiſer, indem er mich feſt anſchante,„— ich bedarf Deiner in Frankreich.—“ „— Oh! Sire,—“ rief ich,„— das iſt etwas An⸗ deres, und welches Verlangen ich auch hege, bei Ihnen zu bleiben, ich bin bereit, auf der Stelle abzureiſen.—“ „— Höre wohl,—“ ſagte der Kaiſer zu mir,„— denn die Dinge, die ich Dir anvertrauen will, ſind ernſter Natur. Ich habe noch Anhänger in Frankreich...—“ Ich glaube es wohl, Sire: Sie haben das ganze Volk.—“ „— Einige von meinen alten Generalen conſpiriren meine Rückkehr.—“ „— Oh! Sire, in der That, warum ſollten wir Sie nicht wieder auf dem Throne ſehen? Sie ſind wohl von der Inſel Elba zurückgekommen!—“ „— Man ſchreibt nicht ein zweites Blatt wie dieſes in einem Leben wie das meinige!—“ erwiederte der Kaiſer, den Kopf ſchüttelnd.„— Ueberdies habe ich die Idee, daß es für die Zukunſt der Welt beſſer iſt, wenn ich hier ſterbe, und daß der Kaiſer der Völ⸗ ker ſeine Paſſion und ſein Golgatha hat wie Jeſus Chriſtus. Mein Tod wird ſchön ſein, Sarranti, und ich will meinen Tod nicht verfehlen!—“ „„Und er ſagte mir dieſe Worte mit demſelben Blicke des Triumphes, mit dem er den Frieden nach Marengo, Auſterlitz oder Wagram dictirte. Auf St⸗ Helena hat er ſeinen, einen Angenblick verlorenen, Ge⸗ nius wiedergefunden, wie nach dem Blutſchweiße, der ihn einen Moment daran erinnerte, daß er Menſch war, Je⸗ ſus Chriſtus ſich aufs Neue der Sohn Gottes gefühlt hat. „— Was ſoll ich denn thun, Sire?—“ fragte ich, 144 „— und warum erlauben Sie nicht, daß ich wie ein anderer Simon von Kyrene hier bleibe, um Ihr Krerz tragen zu helfen?—“ „— Nein,— antwortete der Kaiſer,„— ich wieder⸗ hole Dir, Sarranti, ich bedarf in Frankreich eines ſichern Mannes, eines Mannes, der denjenigen von meinen braven Generalen, die ſich weder den Bourbonen, noch den fremden Mächten proſtituirt haben, wie die Clanſel, die Bacheln, die Gérard, die Foy, die Lamarque, ſagen ſoll, ſie mögen nicht mehr an mich denken.—“ „— Sire, warum dies?—“ „— Weil ich, wie die alten römiſchen Kaiſer, zum Gotte übergegangen bin und ſie von meinem Flammen⸗ himmel herab anſchaue. Du wirſt in meinem Auftrage zu ihnen gehen und ihnen ſagen: Denkt nur an den Kaiſer, um überzeugt zu ſein, daß er Euch liebt und Euch ermuthigt; doch er hat einen Sohn, den man vielleicht dazu erzieht, daß er ihn haßt, ſicherlich, daß er ihn mißkennt; denkt an dieſen Sohn!—“ „— Oh! Sire, ja, ja, ich werde es ihnen ſagen!—“ „— Nur, wirſt Du beifügen, compromittirt ſein Kindesalter nicht in einem Complotte, bei dem Ihr nicht ſicher ſeid, daß es Euch glücken muß; erinnert Euch deſſen, was man mit den Aſtyanax und den Britannicus an dem Tage gethan hat, wo man vermuthete, ſie kön⸗ nen gefährlich werden!—“ „— Ja, Sire, ja, ich werde es ihnen ſagen.—“ „— Erkläre ihnen wohl, daß dies mein letzter Wille, mein politiſches Teſtament iſt; verſichere ihnen, ich habe ſehr im Ernſte und auf immer entſagt, doch entſagt zu Gun⸗ ſten meines Sohnes.—“ „— Ich werde es ihnen verſicheru, Sire.—“ „— Merke Dir wohl einen Umſtand, Sarranti, der der ihr der hal na auc ſelt nig ie ein Kreuz ieder⸗ ſichern neinen „noch lauſel, ſagen „zum nmen⸗ ftrage en Euch inen ß er nnt; ttirt otte, Euch man dem kön⸗ — Pille, ſehr Hun⸗ „der 145 denjenigen nützlich ſein kann, welche es verſuchen werden, ihn den Händen Oeſterreichs zu entreißen.—“ „— Ich höre, Sire.—“ „— Mein Sohn wohnt eine Stunde von Wien in demſelben Schloſſe, in welchem ich zweimal gewohnt habe: einmal 1805 nach Auſterlitz, einmal 1809 nach Wagram; dieſes zweite Mal blieb ich beinahe zwei Mo⸗ nate dort.. Er bewohnt den rechten Flügel, den ich auch zu meiner Wohnung gewählt hatte... Wer weiß? ſeltſamer Weiſe iſt ſein Schlafzimmer vielleicht das mei⸗ nige; man müßte ſich danach erkundigen.—“ „— Ja, Sire.—“ „— Höre, warum: ich war es überdrüſſig, daß ich Gemächer und Vorzimmer, immer voll von Höflin⸗ gen und Bittſtellern, zu durchſchreiten hatte, um in die herrlichen Gärten hinabzugehen, wo ich ſo gern am frühen Morgen und zuweilen in vorgerückter Racht ſpazieren ging, und ließ deshalb,— nicht vom Baumeiſter des Palaſtes, ſondern von meinen Genieofficieren,— eine verborgene Thüre anbringen, welche mit einer Geheim⸗ treppe in Verbindung ſtand. Dieſe Thüre ging in mein Ankleidecabinet und die Treppe in eine Art von Oran⸗ gerie; drückte man an einen in der Einfaſſung eines Spiegels verborgenen Knopf, ſo ſchob ſich der Spiegel in das Getäfel zurück und demasquirte die Oeffnung. Nun wohl, Sarranti, Du begreifſt? wird mein Sohn ſcharf bewacht, ſo kann er vielleicht durch jene Geheim⸗ thüre entfliehen, mit denjenigen zuſammentreffen, welche ihn im Parke erwarten werden, und mit ihnen die Gränze erreichen!—“ „— Oh! ja, Sire, ich begreife.—“ „— Sieh, hier iſt eine Plan vom Schloſſe Schön⸗ brunn, welchen ich heute Nacht ſelbſt gemacht habe; der Flügel des Schloſſes, den ich bewohnte, iſt in allen ſei⸗ nen Einzelheiten bezeichnet: das Schlafzimmer, das An⸗ Die Mohicaner von Paris. III. 10 146 kleidecabinet, hier findet ſich Beides; die Einfaſſung, an der man drücken muß, iſt hier im Riſſe. Dieſer Plan iſt von mir unterzeichnet; verbirg ihn ſorgfältig vor den Spionen: es wird Dein Erkennungsmittel ein.—“ „— Seien Sie unbeſorgt, Sire: man muß mich tödten, um ihn mir zu nehmen.—“ „— Trachte danach, daß Du lebend bleibſt, und daß man ihn Dir nicht nimmt; das wird beſſer ſein. Warte, das iſt noch nicht Alles.—“ „„Der Kaiſer ging an eine unter dem Fuße ſeines Bettes ſtehende Caſſette, welche eine Million in Gold enthielt; er nahm hievon dreimal hunderttauſend Franken und gab ſie mir. „— Was ſoll ich nit dieſem Gelde thun?—“ fragte ich. „— Oh! nicht Ihnen gebe ich es, Herr Corſe! ich vertraue es Ihnen, verſtehen Sie, Meiſter Cincinnatus? für die Bedürfniſſe der Sache; Sie werden ſie verwen⸗ den, wie Sie es für zweckdienlich erachten. Hundert⸗ tauſend Thaler ſind nicht viel in den Händen eines Dummkopfs; ſie ſind ein Schatz in den Händen eines verſtändigen Menſchen. Ich habe meinen erſten Feldzug in Italien mit zweitanſend Louis d'or gemacht, die ich im Koffer meines Wagens mitführte, und als ich im Quartier ankam, theilte ich jedem General vier Louis d'or zu.—“ „— Sire, die Verwendung des Geldes wird, nicht durch die Hand eines Mannes von Genie, wohl aber durch die Hand eines ehrlichen Mannes geſchehen.—“ „— Wäreſt Du genöthigt, zu fliehen... höre wohl, was ich Dir ſage, Sarranti!—“ „„Ich horchte aufmerkſam. „— Es wäre mir angenehm, wenn Du eine Zuflucht in Indien ſuchen würdeſt. Dort würdeſt Du bei Rund⸗ ſchit Sing Bahadur, Maharadſcha von Lahore und von —— bel ein ter hu „an Plan den nittel mich, daß eines Gold inken . ich tus? wen⸗ dert⸗ eines eines ldzug e ich h im Louis nicht aber . wohl, flucht Rund⸗ —— d von 147 Kaſchemir, einen meiner treuſten Diener, den General Lebaſtard de Prémont, finden..—“ Ja, Sire.—“ „— Ich habe ihn 1812 dahin geſchickt, um zu ſehen, ob er nicht in dem Augenblicke, wo ich England bekriegte, indem ich nach dem Orient durch den Norden trachtete, wie ich es 1798 nach dem Orient durch Aegypten trach⸗ tend bekriegt hatte, eine neue Empörung von Chander⸗ nagor hervorrufen und für Rundſchit Sing eine glück⸗ liche Tippo⸗Saib⸗Rolle herausarbeiten könne. Es kamen unſere Mißgeſchicke; ich wandte meine Blicke von Indien ab; doch ſeitdem ich hier bin, habe ich Nachrichten von meinem getreuen Abgeſandten erhalten; obgleich in den Dienſt des indiſchen Fürſten eingetreten, hält er ſich nichts⸗ deſtoweniger zu meiner Verfügung. Wäreſt Du alſo ge⸗ nöthigt, zu fliehen, Sarranti, ſo fliehe zu dieſer alten Amme des Menſchengeſchlechts, die man Indien nennt; theile mit Lebaſtard die Summe, die Dir bleiben wird, welche es auch ſein mag: dieſer wackere Diener war nicht reich, und er ſoll in Frankreich ein Töchterchen zurück⸗ gelaſſen haben, für deſſen Erziehung ich Sorge tragen mußte, wäre ich Kaiſer geblieben. Darum, mein lieber Sarranti, habe ich Dich denuncirt, darum jage ich Dich fort, darum verlange ich, daß man Dich nach Europa zu⸗ rückſchicke, und zwar ſo bald als möglich, hörſt Du, Ver⸗ räther? Es ſei alſo nichts mehr zwiſchen uns gemein, bis Du dort ſein wirſt.—“ „Und der Kaiſer reichte mir ſeine Hand, die ich te. „„Am zweiten Tage reiſte ich ab. „„Ich kam in Frankreich an. Es war mir wohl bekannt, daß ich, wie Alle, welche von St. Helena kamen, einer ſtrengen Unterſuchung von Seiten der Polizei un⸗ terworfen ſein ſollte. „„Man wußte, daß ich kein Vermögen beſaß: die hunderttauſend Thaler, die ich zurückbrachte, konnten 148 Verdacht erregen. Ich ſuchte Ihren Bruder auf und ſagte ihm Alles. Er ernannte mich zum Lehrer ſeiner Kinder und ermächtigte mich, in Betreff der Unter⸗ bringung der hunderttauſend Thaler mich an Sie zu wenden. Sie wiſſen, was zwiſchen uns in dieſer Hin⸗ ſicht vorging. „„Seit den vier Jahren, daß ich von St. Helena zurückgekommen bin, warte ich nun auf eine Gelegenheit, dem Kaiſer nach ſeinen Wünſchen zu dienen. Eine Ver⸗ ſchwörung iſt organiſirt, welche morgen zum Ausbruche kommen ſoll;— ich darf Ihnen nicht ſagen, wer die Häupter des Complottes ſind: ihr Geheimniß iſt nicht das meinige;— ich kann Ihnen nur die Verſicherung geben, daß morgen die ausgezeichnetſten Namen des Kaiſerreichs den Sturz der Regierung der Bourbonen verſuchen werden! „„Wird es uns glücken? wird es uns nicht glücken? Glückt es uns, ſo haben wir nichts zu befürchten, denn wir ſind die Herren; ſcheitern wir, ſo erwartet uns das Schaffot von Didier! Darum habe ich Sie gebeten⸗ die hunderttauſend Thaler aus den Händen Ihres No⸗ tars zurückzuziehen und ſich die Summe wo möglich in Papier, ſtatt in Gold, geben zu laſſen. „„Haben Sie bange, compromittirt zu werden?.. Ich ſage Ihnen vor Allem, daß Sie es nicht ſein kön⸗ nen; hegen Sie aber in dieſer Hinſicht Befürch⸗ tungen, ſo ſchreibe ich Ihnen noch heute, ich ſehe mich durch wichtige Angelegenheiten genöthigt, mich von Ihnen zu trennen, und ſcheitert die Verſchwörung, ſo fliehe ich, wie ich kann. „„Wollen Sie mir dagegen bis zum Ende beiſtehen? Dann geben Sie mir Jean, der ein treuer Diener iſt; er halte hier den ganzen Tag zwei Pferde geſattelt, von denen jedes fünfzigtauſend Thaler in einem Felleiſen tra⸗ gen ſoll. Ich habe den ganzen Weg entlang, von hier bis Breſt, Freunde, die uns verbergen werden; in Breſt zw ter ſch M ge zu und iner ter⸗ zu in⸗ lena heit, Ver⸗ uche die nicht ung des onen ken? en, uns eten, No⸗ h in kön⸗ ürch⸗ mich hnen en iſt; von tra⸗ hier Breſt 149 ſchiffe ich mich nach Indien ein, und ich begebe mich den Befehlen meines Herrn gemäß nach Lahore, um mit dem General Lebaſtard de Prémont zuſammenzutreffen. „„Das iſt es, was ich Ihnen zu ſagen hatte, lieber Herr Görard; nun halten Sie mein Leben in Ihren Händen. Beeilen Sie ſich nicht, mir zu antworten. Ich gehe in mein Zimmer, bringe alle meine Angelegenheiten in Ordnung, verbrenne die Papiere, die mich gefährden können, und in einer Viertelſtunde komme ich wieder, um Ihre Antwort zu holen.““ „Nach dieſen Worten ſtand er auf und ging weg. „In dem Augenblicke, wo er die Thüre vom Flur⸗ gange ſchloß, öffnete ſich die vom Ankleidecabinet, und Orſola erſchien. Natürlich hatte ſie die ganze vertrau⸗ liche Mittheilung gehört. „Ich befürchtete, Weib und wenig ſympathetiſch in Beziehung auf Herrn Sarranti, werde ſie ſich weigern, ihn bei ſeiner Flucht zu unterſtützen; und ich wollte ihrer Weigerung begegnen, als ſie auf die Frage, die ich an ſie richtete: „„Du haſt Alles gehört, Orſola? was iſt zu thun?““ „Zu meiner großen Verwunderung antwortete: „„Man muß thun, was er von Dir verlangt.““ „Ich ſchaute ſie erſtaunt an. „„Wie?““ verſetzte ich. „„Ich ſage Dir, man muß ihm Jean geben, ihm zwei Pferde bereit halten, und Gott... „Sie wollte ſagen:„„Gott bitten;““ doch ſie un⸗ terbrach ſich und ſagte: „„— Den Teufel bitten, er möge in ſeinem Plane ſcheitern; denn nie wird uns eine Gelegenheit wie dieſe, Millionäre zu werden, gegeben ſein!““ „Ich ſchanerte, und ſie ſah mich erbleichen. „„Oh!““ ſagte ſie,„ich glaubte, das ſei eine ab⸗ gemachte Sache, und wir haben nie mehr hierauf zurück⸗ zukommen.““ 15⁰ „Dann ſprach ſie mit dem gebieteriſchen Tone, den ſie zu gewiſſen Stunden annahm: „„Bekümmern Sie ſich nur um Eines: daß Sie Ih⸗ ren Gegenſchein von ihm zurückbekommen. Ich will ihn zu Ihnen ſchicken, damit keine Zeit verloren geht. Das Uebrige übernehme ich.““ „Und ſie ging hinaus. „Einen Augenblick nachher kam Herr Sarranti wieder. „„Sie laſſen mich rufen?““ fragte er. „Ja· „„Sie haben alſo überlegt?““ „„Jean iſt zu Ihrer Verfügung, und morgen von Tagesanbruch an werden Sie die Pferde, mit dem Gelde in den Reiſetaſchen, geſattelt erwarten.““ „Herr Sarranti öffnete ſein Portefeuille, zog ein Papier heraus und ſagte: „„Nehmen Sie, mein Herr, hier iſt Ihr Gegen⸗ ſchein; von hente an betrachte ich mich als wieder im Beſitze der hunderttauſend Thaler, da ſie vom Notar genommen ſind. Sollten mich die Umſtände verhin⸗ dern, durch Viry zurückzukommen, ſo würde Ihnen eine Zeile von mir, wenn ich weder Gefangener, noch todt bin, ſagen, wohin Sie mir das Geld zu ſchicken haben.““ „Ich nahm das Papier mit einer ſo heftig zittern⸗ den Hand, mein Geſicht hatte eine ſolche Bläſſe behalten, ſeitdem Orſola mich hatte erſchauen laſſen, ſie zähle auf die Flucht von Herrn Sarranti für die Erfüllung ihrer entſetzlichen Projecte, daß ihr Vater meine Aufregung wahrnahm; er erklärte ſie ſich natürlich als ein Zögern von meiner Seite, ihm zu dienen. „„Lieber Herr Gérard,““ ſagte er zu mir,„es iſt noch Zeit, von Ihrem guten Entſchluſſe abzugehen. Ich kann zu dieſer Stunde das Schloß verlaſſen, um nie hieher zurückzukehren, und, indem ich es verlaſſe, Ihnen eee den Das anti 15¹ den Brief übergeben, den ich Ihnen angeboten, und der beſtätigen wird, daß Sie außer allen meinen Plänen ſind. Reden Sie, und ich gebe Ihnen Ihr Wort zurück.““ „Ich zögerte, doch dieſe Frau hatte eine ſolche Herrſchaft über mich erlangt, daß ich nichts Anderes zu wagte, als das, was ſie mir zu thun befohlen atte. „„Nein,““ ſagte ich,„„Alles iſt abgemacht; ändern wir alſo nichts an unſern Anordnungen.““ „Herr Sarranti glaubte, ich bleibe aus reiner beharrlich, und drückte mir liebreich die and. „„Ich werde in Paris erwartet,“ ſagte er.„Viel⸗ leicht nehme ich Abſchied von Ihnen, um Sie nie wie⸗ derzuſehen; vielleicht komme ich und drücke Ihnen die Hand zum letzten Male. In jedem Falle, mein lieber ſiti Gérard, zählen Sie auf meine ewige Dankbar⸗ eit!““ „Und er ging ab. „Am Abend ſpeiſte ich wie gewöhnlich mit Orſola. Ich wage es nicht, Ihnen zu ſagen, was ich ihr in meiner Trunkenheit verſprach, und welches ſchändliche Verbrechen wir mit einander beſchloßen! Meine einzige Entſchuidigung iſt, daß ich nicht bei Sinnen war, daß ich meinen freien Willen verloren hatte. „Kurz, um mich des Ausdruckes von Orſola zu be⸗ dienen, am Morgen des 19. Auguſt 1820 war es ent⸗ ſchieden, daß wir am Abend, um welchen Preis es auch ſein möchte, Millionäre ſein ſollten!“ 152 LXIX. Der 19. Auguſt 1820. „Der andere Tag,“ fuhr Herr Gérard fort,„ver⸗ ging für mich bewegt von entſeßlichen Schauern, und ſo fremd ich der Politik war, ſo hegte ich doch die beißeſten Wünſche, es möge die Verſchwörung einen glücklichen Erfolg haben: mir ſchien, Orſola habe von einem Ver⸗ brechen nur für den Fall geſprochen, daß dieſe Verſchwö⸗ rung ſcheitern würde, oder daß Herr Sarranti zu fliehen genöthigt wäre. Bis um vier Uhr Nachmittags zählte ich jede Vibrirung der Glocke, und jede dieſer Vibrirun⸗ gen wiederhallte in der Tiefe meines Herzens. Hundert⸗ mal befragte ich auch meine Taſchenuhr. Der Tag rückte vor, und nichts ſtörte die gewöhnliche Ruhe der Einſam⸗ keit, in der wir lebten. „Endlich war es vier Uhr Nachmittags; wir ſollten uns zu Tiſche ſetzen.. Ich hatte ſchon bemerkt, daß die Gedecke der Kinder fehlten: Orſola hatte beſchloſſen, ſie werden allein ſpeiſen... Plötzlich hörte ich den Lärm eines Galopps. Ich eilte aus dem Salon. Ihr Vater ritt auf einem von Schaum ganz weißen Pferde in den Hof ein. Als er an die Freitreppe kam, ſtürzte das Pferd nieder. „„Verrathen! dennncirt! ich habe nur noch zu flie⸗ hen!““ ſagte Herr Sarranti.„Iſt Alles bereit?““ „„Alles!““ antwortete Orſola. „Ich konnte nicht antworten: etwas wie eine blu⸗ tige Wolke ſchwebte vor meinen Augen. „Herr Sarranti machte ſich aus den Steigbügeln los, kam auf mich zu und drückte mir die Hand. d e——— — ——— — ,— — e⸗ ten hen er⸗ vö⸗ hen lte un⸗ ert⸗ ckte m⸗ 153 „„Verrathen! verrathen!““ wiederholte er.„Oh! die Elenden! ein ſo gut angelegtes Complott! eine ſo wohl organiſirte Verſchwörung!““ „In dieſem Augenblicke kam, auf den Ruf von Or⸗ ſola, Jean mit den zwei friſchen Pferden. Ich hatte nur die Kraft, ſie Herrn Sarranti zu zeigen und zu ihm zu ſagen: „„Fliehen Sie auf der Stelle! fliehen Sie ohne Verzug! Ihre Sicherheit vor Allem!““ „Er drückte mir aufs Neue die Hand, ſchwang ſich auf eines von den zwei Pferden, während Jean das an⸗ dere beſtieg, und auf Querwegen wandten ſich Beide nach Orleans. „„Gut!““ flüſterte Orſola mir ins Ohr;„„jeden Abend nach acht Uhr geht der Gärtner bei ſeinem Schwieger⸗ ſohne, in Morſang ſchlafen: wir werden allein ſein.““ 5„„Allein,““ wiederholte ich maſchinenmäßig,„„al⸗ „„Ja,““ ſagte Orſola,„da wir, als hätten wir errathen können, was ſich ereignet, die Vorſicht gebraucht haben, uns der Gertrud zu entledigen.““ „Das Wort wir erinnerte mich an das Verbrechen, während es mich zugleich zum Mitſchuldigen machte. Ein kalter Schweiß floß über meine Stirne! Ich begriff, daß dies der Augenblick war, meine ganze Stärke zu⸗ ſammenzuraffen und zu kämpfen; doch längſt war meine Stärke verſchwunden! doch längſt ließ ich mich fortreißen, und ich kämpfte nicht mehr! „„Auf, auf, zu Tiſche!““ ſprach Orſola zu mir; „„man darf die Gelegenheit, die ſich bietet, nicht ent⸗ ſchlüpfen laſſen; ſammein wir Kräfte und benützen wir den Augenblick.““ „Ich wußte, was Orſola Kräfte ſammeln oder viel⸗ mehr mir verleihen hieß. Das hieß mich den Schwindeln des Ranſches preisgeben, während welcher ich aufhörte, Herr über mich zu ſein, und wo es mir ſchien, als wäre 15⁵4 ich vom Dämon der Gewaltthätigkeit und der Tollheit beſeſſen. Unter ſolchen Umſtänden miſchte Orſola in meinen Wein ein Aphrodiſiacum, das mich faſt wahuſinnig machte. Hatte ſie im Sueton geleſen, wenn die Schwe⸗ ſter von Caligula, Vatermörderin und blutſchänderiſche Geliebte, ihren Bruder zu einem Verbrechen habe bewe⸗ gen wollen, ſo ſei ſie ſo zu Werke gegangen? oder hatte dieſes Weib, das in ſich die Wiſſenſchaft und das Prin⸗ cip des Böſen trug, errathen, die Cantharide ſei das Aequivalent der Hippomane? „Ich hatte ſchon in der Nacht des Todes von Ger⸗ trud dieſe wüthende Trunkenheit gefühlt, die mich am Abend des 19. Auguſt nach dem Mittagsmahle ergriff. Ich ſtand um acht Uhr von Tiſche auf, in dem Augen⸗ blicke, wo vom Himmel die erſten Schatten der Nacht herabzufallen anfingen. Von Allem erinnere ich mich nur noch einer Stimme, die mir unabläßig in mein Ohr wiederholte: „Uebernimm Du den Knaben, ich übernehme das Mädchen.““ „Und zum Vieh geworden, wahnſinnig, ſchwankend, antwortete ich: i „Vorher aber,“ ſagte die Stimme zu mir,„triff alle Vorkehrungen, damit Herr Sarranti das Anſehen bekommt, als hätte er den Streich begangen.““ „„Ja,““ wiederholte ich,„„Herr Sarranti muß das Anſehen haben, als hätte er den Streich begangen.““ „Ich fühlte, daß man mich in das Cabinet fortzog, wo das Bureau war, an dem ich gewöhnlich ſchrieb, und in deſſen Kaſſe ich die von Corbeil zurückgebrachten und Herrn Sarranti übergebenen dreimal hunderttauſend Franken deponirt hatte. Orſola ſchloß die Thüre mit dem Schlüſſel; dann ſprengte ſie mit einem Brecheiſen das Schloß, ſo daß die Schublade ausſah, als wäre ſie mit Gewalt erbrochen worden⸗ „— 18 — —— in ff en a6 g. nd nd nd rit en ſie 155⁵ „„Du begreifſt?““ ſagte ſie. „Ich ſchaute ſie mit einem ſtieren Auge an. „Er hat Dir die Summe geſtohlen, die Dir Dein Notar zurückgegeben; um ſie Dir zu ſtehlen, hat er die Schublade aufgebrochen. Die Kinder traten ein, wäh⸗ rend er die Schublade ſprengte, und aus Furcht, von angegeben zu werden, hat er ſich ihrer ent⸗ edigt.““ „„Ja,““ wiederholte ich,„„er hat ſich ihrer ent⸗ ledigt.““ „„Begreifſt Du?““ fragte Orſola ungeduldig und zugleich freudig, da ſie ſah, in welchen thieriſchen Zuſtand ſie mich verſetzt hatte. „„Ja, ich begreife... Doch er, er wird leugnen!““ „„Wird er wiederkommen, um zu leugnen? wird man ihn in Indien holen? wird er es wagen, nach Frankreich zurückzukehren, wenn er als Verſchwörer, als Dieb und als Mörder zum Tode verurtheilt iſt?““ „„Nein, er wird es nicht wagen.““ „„Ueberdies werden wir Millionäre ſein, und man macht viele Dinge mit Millionen.““ „Wie werden wir Millionäre ſein?““ fragte ich mit weinſchwerer Zunge. „„Da Du den Knaben übernimmſt und ich das Mädchen...““ wiederholte Orſola. „„Das iſt wahr.““ „„Gehen wir alſo hinab.““ „Ich erinnere mich, daß ich Widerſtand leiſtete, nicht aus Vernunft, ſondern aus Inſtinct. Sie zog mich fort und nöthigte mich, die Freitreppe hinabzuſteigen. Die Kinder ſaßen da und ſchauten nach der Sonne, welche langſam unterging. „Oh! wie ſonderbar iſt das!““ ſagte ich;„„mir ſcheint, der Himmel iſt ganz mit Blut überzogen.““ „Als ſie mich erblickten, ſtanden die zwei Kinder auf und kamen, ſich an der Hand haltend, auf mich zu. 156 „„Sollen wir hineingehen, Oheim Gérard?““ fragten ſie. „Ihre Stimme brachte eine ſeltſame Wirkung her⸗ vor: ich konnte nicht antworten, ich erſtickte. „„Nein,““ erwiederte Orſola,„„ſpielt noch, meine lieben Kleinen.““ „Oh!“ fuhr der Sterbende fort,„das werde ich nie vergeſſen. In meinem Rauſche ſah ich ſie ſo, wie ich ſie noch Beide ſehe, ſchön wie Engel des Herrn: der Knabe blond, friſch, roſig; das Mädchen ernſt, braun, ſeinen verſtändigen Blick auf mich heftend und, wie es ſchien, fragend, warum ich, das Auge träg, die Hände zitternd, beim Gehen ſtolpere... In dieſem Momente ſchlug es acht Uhr. Ich hörte das Gitter vom Parke ſchließen: es war der Gärtner, der wegging. Ich ſchaute umher und ſah Orſola nicht mehr. Wo war ſie?. Ich athmete, ich fühlte mich erleichtert, ich hatte Luſt, die Kinder in meine Arme zu nehmen und mit ihnen zu fliehen; ich würde es vielleicht gethan haben, hätte ich nicht gefühlt, daß ich allein ſchon Mühe genug hatte, mich auf den Beinen zu halten. In dem Augenblicke, wo ich murmelte: „„Meine Kinder! meine armen Kinder!““ „Erſchien überdies Orſola wieder. „Sie hielt meine Flinte in der Hand. „„Hier iſt Ihre Flinte, Herr Gérard,““ ſagte ſie. „Und ſie reichte mir das Gewehr; doch mein Arm weigerte ſich, es zu nehmen. „„Oh! mein Oheim,““ rief der kleine Victor, „„gehſt Du auf den Anſtand?““ „„Ja,““ autwortete Orſola,„wir haben mor⸗ gen Gäſte, und Ihr Oheim muß ein paar Kaninchen ſchießen.““ „„Oh! nimm mich mit, Oheim!““ ſagte das Kind. „Ich ſchauerte. 3 14 n r⸗ n ———— 157 „So nimm doch Deine Flinte, Feiger 1““ flüſterte Orſola mir zu. „Ich ergriff ſie. „„Ah! lieber Oheim,““ wiederholte der kleine Knabe, „ich werde hinter Dir bleiben; ich werde keinen Lärmen machen ſei unbeſorgt!““ Hören Sie, um was Sie dieſes Kind bittet?““ ſprach Orſola laut. „Ich ſchaute den kleinen Knaben an und fragte: „„Du willſt alſo mit mir gehen?““ „„Ja, lieber Oheim, ich bitte darum! Du haſt mir verſprochen, wenn ich artig ſei, wolleſt Du mich ein⸗ mal mitnehmen.““ „„Das iſt wahr; doch biſt Du artig geweſen, Vic⸗ tor?““ ſagte Orſola. „Oh! ja, Madame,““ antwortete gewiſſenhaft das Kind;„„und wäre Herr Sarranti da, ſo würde er Ihnen ſagen, daß er ſehr zufrieden mit mir iſt.““ „Man hatte die Kinder in Unwiſſenheit darüber gelaſfen, daß ihr Hofmeiſter auf immer abgegangen war. „„Nun wohl, wenn er wirklich artig geweſen iſt⸗ ſo nehmen Sie ihn mit, Herr Gérard.““ „Nimmt man Victor mit,““ ſagte Leonie,„ſo will ich auch mitgehen.““ Ob! nein, nein!““ rief ich lebhaft,„„es iſt ſchon es iſt ſchon zu viel an Einem!““ „Sie hören, Mademoiſelle?““ ſprach Orſola;„„wir werden Sie zu Bette bringen.““ „Warum mich zu Bette bringen?““ verſetzte das Mädchen;„„ich will lieber die Rückkehr meines Bruders abwarten, und man bringe mich zu gleicher Zeit mit ihm zu Bette.““ „„Sagen Sie doch ein für alle Male dieſem Kinde, Sie wünſchen, daß es gehorche und nicht mehr erwiedere: „— Ich will.—“ „„Geh mit Orſola,““ ſagte ich zu dem Kinde. genug, 158 „„Und ich,““ rief Victor ganz freudig,„und ich gehe mit Dir, nicht wahr, lieber Oheim?““ „„Ja, komm!““ antwortete ich. „Er gab mir die Hand; ich hatte nicht die Kraft, in der meinigen dieſes gute Händchen zu behalten, das er mir anvertraute, und ich ſchob es zurück. „„Geh an meiner Seite,““ ſagte ich zu Victor. „„Voraus! voraus!““ rief Orſola, während ſie Leonie wegführte, welche, den Kopf gegen uns umgewen⸗ det, mit einem Ausdrucke, den ich nie vergeſſen werde, uns zurief:„Kommen Sie ſehr ſchnell wieder, mein Oheim!. Komm ſehr ſchnell wieder, Victor!“ „Ich wandte auch den Kopf um und ſah die Kleine im Schloſſe verſchwinden. Dann ging ich, längs dem Teiche hinſchreitend, ebenfalls in den Park. Victor marſchirte, wie es ihn Orſola geheißen hatte, etwa zehn Schritte vor mir. „Die Nacht war düſter, und unter den großen Bäu⸗ men des Parkes war die Finſterniß dichter, als irgend anderswo. Meine Stirne troff von Schweiß, und mein Herz ſchlug ſo heftig, daß ich von Zeit zu Zeit genöthigt war, ſtill zu ſtehen. „Jeder Lauf meiner Flinte war mit einer Kugel geladen. Es war in den letzten vierzehn Tagen ſehr heiß geweſen; man hatte von wüthenden Hunden, die in der Gegend herumſchweifen, geſprochen, und aus Furcht, es könnte ein Hund entweder bei Tag durch das offene Gitter oder bei Racht durch eine Breſche, die ſich in einer Mauer des Parkes gebildet, hereinkommen, hatte ich die Vor⸗ ſicht gebraucht, meine Flinte mit Kugeln zu laden; Or⸗ ſola wußte dies, als ſie mir das Gewehr in die Hände gab. Der Knabe ſchritt mir, wie geſagt, voranz ich brauchte alſo nur die Flinte an meine Schulter zu legen, loszudrücken, und Alles war geſchehen! „Mein Gott! Du hatteſt mir zum Voraus den Ge⸗ wiſſensbiß über dieſe ſchändliche Handlung gegeben; denn 3 n d ie 1e P n 1⸗ id in gt el hr in t ie er r⸗ r⸗ e n, 159 zwei⸗ oder dreimal hob ich den Kolben der Flinte an meine Schulter empor, zwei⸗ oder dreimal ſetzte ich den Finger an den Drücker des Gewehrs, und zwei⸗ oder dreimal ſenkte ich den Lauf wieder und murmelte: „„Unmöglich! unmöglich!““ „Während einer dieſer Bewegungen wandte ſich der kleine Victor umz ſo ſchnell ich auch das Gewehr geſenkt hatte, er ſah, daß ich es an die Backe gelegt... „„Lieber Oheim,“ bemerkte er,„„ich glaubte, Du habeſt mir geſagt, man dürfe nie auf Jemand anſchla⸗ gen, ſelbſt nicht einmal im Scherze, und es habe ein kleiner Knabe ſeine Schweſter ſo ſcherzend getödtet?““ „Ja, ja, Du haſt Recht, mein Kind!““ rief ich. „„Ich wollte ſcherzen, doch ich hatte Unrecht.““ „Ich weiß wohl, daß Du ſcherzen wollteſt,““ er⸗ wiederte das Kind;„„warum ſollteſt Du mich denn tödten, Du, der Du unſern armen Vater ſo ſehr liebteſt?““ „Ich ſtieß einen Schrei aus. Es hatte meinen Geiſt ein Schein wie der eines Blitzes durchzuckt; ich glaubte, ich werde ein Narr werden. „„Oh! ja, Victor,“ ſagte ich, während ich mein Ge⸗ wehr wieder über meine Schulter hing;„„„ja, ich liebte Deinen Vater ſehr!... Komm nach Hauſe zurück, Vic⸗ tor! komm, wir werden beute Abend nicht jagen!..„ „„Wie Du willſt, Oheim,““ erwiederte der Knabe erſchrocken über den Ausdruck meiner Stimme. „Ich ging auf ihn zu, nahm ihn bei der Hand und führte ihn quer durch das Gehölze nach dem Schloſſe zurück. Ich hoffte zu rechter Zeit anzukommen, um mich der Ermordung des Mädchens zu widerſetzen. Zum Un⸗ glücke befand ich mich beim Teiche: um nach Hauſe zu⸗ rückzukommen, mußte ich das Waſſer umgehen, was uns itet zehn Minuten aufhielt, oder im Nachen hinüber⸗ ahren. „„Oh! lieber Oheim, fahren wir im Nachen!““ 160 rief der Knabe;„es iſt ſo luſtig, im Nachen zu fah⸗ ren!““ „Und er ſprang zuerſt in die kleine Barke. Ich folgte ihm ſchwankend. „Das Waſſer war tief, ruhig, glatt wie ein Spie⸗ gel, beleuchtet vom Monde, der ſo eben aufgegangen. Ich ergriff beide Ruder und ruderte raſch. „Ich hatte in dieſem Augenblicke nur einen Ge⸗ danken: zeitig genug ankommen, um das Verbrechen zu verhindern und, was auch daraus entſtehen dürfte, ſagen: „„Nein, nein, ich will nicht!““ „Wir waren ungefähr mitten auf dem Teiche, als ich einen entſetzlichen Schrei hörte. Ich erkannte die Stimme von Leonie. Zu gleicher Zeit erſcholl das Ge⸗ bell von Braſil in der Nacht: er hatte ohne Zweifel auch von ſeiner Niſche, wo er zurückgehalten wurde, wie ich dieſen Schrei gehört und erkannt. „Zwei weitere Schreie, noch herzzerreißender als der erſte, machten ſich ein paar Secunden von einander börbar. „Ich ſchaute den kleinen Victor an: er war ſehr bleich. . Men Oheim, mein Oheim,““ ſagte er,„man tödtet meine Schweſter!““ „Dann rief er: „„Leonie! Leonie!““ „„Willſt Du wohl ſchweigen, Unglücklicher!““ ſagte ich. „„Leonie! Leonie!““ rief fortwährend der Knabe. „Ich ging mit ausgeſtreckter Hand, mit flammendem Blicke auf ihn zu; er war dergeſtalt erſchrocken über den Ausdruck meines Geſichtes, daß er ſich beſann, ob er ſich nicht ins Waſſer werfen ſollte;— der Arme konnte nicht ſchwimmen; er fiel, die Hände faltend, auf die Kniee und rief: „„Oh! mein guter Oheim, laß mich nicht ſterben! ter üb por unt ihn un rei vo ent ſal „i ls ie e⸗ er er hr an 161 Ich liebe Dich ſo ſehr, ich liebe Dich von ganzem Her⸗ zen, mein Oheim! Oh! ich habe nie einem Menſchen etwas zu Leide gethan!““ „Ich hatte ihn beim Kragen ſeiner Jacke gepackt. „„Mein Oheim, mein Oheim, haben Sie Mitleid S kleinen Victor!... Zu Hülfe! herbei! zu ü fe 14 „Die Stimme ſtockte: meine Hand hatte wie ein eiſerner Ring den Hals des Knaben umſchloſſen. Ich war vom Schwindel erfaßt und hatte das Selbſtbewußt⸗ ſein verloren. „„Nein, nein,“ ſagte ich,„„Du biſt verurtheilt; Du mußt ſterben!““ „Er hörte es, denn er raffte alle ſeine Kräfte zu⸗ ſammen, um mir zu entkommen. „In dieſem Augenblicke verbarg ſich der Mond hin⸗ ter einer Wolke, und ich befand mich in der Finſterniß; überdies ſchloß ich die Augen, um nicht zu ſehen. „Ich hob den Knaben bis über meinen Kopf em⸗ por, und, als ſollte ſein Gewicht nicht genügen, um ihn unter dem Waſſer verſchwinden zu machen, ſchleuderte ich ihn mit meiner ganzen Kraft in den Teich! „Das Waſſer brudelte, öffnete ſich wie ein Schlund und ſchloß ſich wieder. „Ich warf mich auf die Ruder, um das Ufer zu er⸗ reichen, doch in dem Momente, wo ich eines mit jeder von meinen Händen ergriff, erſchien der Knabe, der ſich entſetzlich zerarbeitete, wieder. Was ſoll ich Ihnen ſagen, mein Vater?“ rief ſchluchzend der Sterbende; „ich war trunken, ich war wüthend, ich war wahnſinnig! . Ich hob das Ruder auf. „Oh! Elender!“ rief Bruder Dominique, indem er aufſtand, als hätte er, ein einfacher Zuhörer, nicht die Kraft gehübt, mehr zu vernehmen. „Ja, ja, ich Elender! ich Schändlicher! denn der Die Mohicaner von Paris. II. m 162 arme Knabe ſank diesmal unter, um nicht wiederzuer⸗ ſcheinen, und als der Mond hinter der Wolke hervorkam, beleuchtete er die bleiche Stirne eines Mörders!“ Der Mönch war auf die Kniee gefallen und betete, die Stirne an den Marwor des Kamins angelehnt. Es herrſchte eine grauenvolle Stille in dieſem Zimmer. Dieſe Stille wurde unterbrochen durch eine Art von Röcheln, das aus der Kehle des Kranken kam. „Ich ſterbe, frommer Vater! ich ſterbe!“ ſeufzte er; „und ich habe Ihnen doch noch für die Ehre Ihres Va⸗ ters auf dieſer Welt, für mein Heil in jener ſo viele Dinge zu ſagen!“ LXX. Die Nacht des 19. Auguſts. Der Mönch ſtand bei dieſem Angſtſchrei raſch auf, kam zum Bette zurück, ſchob ſeinen rechten Arm unter dem Kopfe des Sterbenden durch und ließ ihn Salze einathmen. Es wäre ſchwierig geweſen, zu ſagen, welcher der Bleichere war, der Prieſter oder der Sterbende. Die Schwäche dauerte lange und ging faſt bis zur Ohnmacht. Dann, endlich, bedeutete Herr Gérard durch ein Zeichen, er glaube, er könne fortfahren, und der Dominicaner nahm wieder Platz oben am Bette. „Ich ſprang vom Nachen auf den Grgsplatz und lief nach Hauſe. Geſchrei des Kindes, Gebell des Hun⸗ des, Alles hatte aufgehört. „Es hatte mir geſchienen, das Geſchrei komme aus er⸗ m, ete, ner. von er; Va⸗ iele auf, uter alze der zur urch der und un⸗ aus 163 einem der unteren Räume. Ich rief Orſola Anfangs mit furchtſamem Tone, ſodann lauter und endlich mit der ganzen Kraft meiner Stimme: Niemand antwortete mir. Es kam mir ſodann der Gedanke, Leonie zu rufen; doch ich wagte es nicht, aus Angſt, einen Schatten heraufzu⸗ beſchwören! „Ich hatte kein Licht und ſtieg im Finſtern tappend hinab.. Ein Ueberreſt von Feuer brannte in der Küche, und ſo ſchwach der Schein, den es von ſch gab, es ließ ſich doch leicht ſehen, daß Alles in Ordnung und nichts hier vorgefallen war. Von der Küche ging ich in die Küchenſtube und rief dabei fortwährend Orſola: Nie⸗ mand antwortete. Mir ſchien indeſſen, es ſei doch von hier das Geſchrei gekommen. „Es fiel mir ein kleiner Speiſekeller ein, der hinter der Küchenſtube lag, und in dem ich noch nachſehen mußte; ich verſuchte es, die Thüre aufzudrücken, doch ich hatte gegen ein Hinderniß zu kämpfen. Abermals rief ich Orſola: keine Antwort. „Eines fiel mir indeſſen auf: beim Mondſcheine ſah ich das Fenſterwerk des Speiſekellers ganz zerbrochen; dieſes Fenſterwerk ging auf den Garten. Zu gleicher Zeit ſtieß ich mit dem Fuße an etwas. Ich bückte mich und fühlte einen auf der Erde liegenden Körper; nach der lauen Feuchtigkeit der Platte zu urtheilen, ſchien es mir, dieſer Körper ſchwimme im Blute... Ich betaſtete: das war nicht der Körper eines Kindes... Was war es denn? Ich ging rückwärts bis zur Thüre, dann durch⸗ ſchritt ich die Küchenſtube und trat wieder in die Küche ein; ich zündete eine Kerze an und kam, zum Voraus erſchrocken über das, was ich ſehen ſollte, zu dem Leich⸗ name zurück. „Was war denn vorgefallen? Dieſer Leichnam war der von Orſola! dieſes Blut, in dem er ſchwamm, war ihr Blut! es lief aus einem entſetzlichen Biſſe hervor, der die Halspulsader geöffnet und durch den Blutfluß 164 faſt augenblicklich den Tod zur Folge gehabt hatte. Ein langes Küchenmeſſer lag bei der Todten und ſchien ihrer Hand entſchlüpft zu ſein. „Meine erſte Bewegung war, daß ich glaubte, ich ſei wahnwitzig geworden, ich ſei einer entſetzlichen Sinnen⸗ täuſchung preisgegeben!... Doch nein, Alles war Wirk⸗ lichkeit: es fand ſich hier eine Leiche, es fand ſich Blut, und dieſes Blut und dieſe Leiche waren das Blut und die Leiche von Orſola. „Ich erinnerte mich nun des Geſchreis vom Kinde, des Gebelles vom Hunde, und es ward ein erſchreckliches Licht in meinem Geiſte. Ich ging an das zerbrochene Fenſter und hatte keinen Zweifel mehr. Folgendes war vorgefallen;— das ſchien mir wenigſtens klar wie das Tageslicht. „Orſola hatte, ins Haus zurückkehrend, ein Meſſer ergriffen und, freiwillig oder mit Gewalt, Leonie in den Speiſekeller geführt. Hier wollte ſie das Mädchen tödtenz erſchrocken, rief es um Hülfe, ſchrie es: das war das Geſchrei, das ich gehört hatte, und worauf das Geheul von Braſil antwortete. Der Hund liebte das Kind un⸗ endlich, wie ich ſchon geſagt habe;— er begriff, daß ſeine kleine Freundin in Todesgefahr war: ohne Zweifel machte er eine furchtb are Anſtrengung, und es gelang ihm, ſeine Kette zu zerbrechen; ſobald ſie gebrochen, machte er nur einen Sprung von ſeiner Riſche zum Fen⸗ ſter, und mit einem wüthenden Satze fiel er in den Speiſekell er ein und ſtürzte Orſola an den Hals. Seine eiſernen Kinnbacken öffneten die Gurgel von dieſer und zwangen ſie, zugleich das Kind und das Meſſer loszu⸗ laſſen. „Was war nun aus dem Kinde und aus dem Hunde geworden? Sie waren weder das eine, noch der andere mehr da. Man mußte ſie um jeden Preis wieder auf⸗ finden. „Der Anblick der Leiche von Orſola hatte mich mit Ein hrer ich nen⸗ Lirk⸗ lut, und inde, iches chene war das eſſer den dten; das eheul un⸗ daß weifel elang ochen, Feu⸗ den Seine r und loszu⸗ Hunde indere auf⸗ h mit 165 Schrecken und Zorn erfüllt; ich ging durch die äußere Thüre des Speiſekellers, welche offen geblieben, hinaus. Durch dieſe Thüre war ohne Zweifel Leonie entflohen. Ich beſchloß, ihr ſogleich nachzuſetzen; traf ich ſie, ſo verlangte meine eigene Sicherheit, daß ich ſie tödtete, wie ich ihren Bruder getödtet hatte... Der Mönch ſchauerte. „Was wollen Sie, mein Vater?“ ſprach der Ster⸗ bende;„das iſt die verhängnißvolle Verzahnung des Ver⸗ brechens! der Mörder iſt in einer eiſernen Hand, und er muß tödten, einzig und allein, weil er getödtet hat. „Ich eilte zuerſt in die Hauptallee des Parkes mit meiner Flinte in der Hand, durchforſchte die Finſterniß mit meinen Blicken, lief dahin, wo ich Geräuſch hörte, und hielt jeden Mondſtrahl, der durch das Blätterwerk drang, für das weiße Kleid des Kindes. In dieſem Augenblicke war ich wahnſinnig, trunken vor Wuth, be⸗ rauſcht von Blut. Bei jedem Getöſe, das ich hörte, hielt ich an, legte mein Gewehr an meine Schulter, rief Braſil und ſchrie: „„Biſt Du es, Leonie?““ „Doch es antwortete nichts; Alles blieb ruhig und düſter; der Park war ſtill wie das Grab, leer und leb⸗ los wie das Nichts. „Plötzlich befand ich mich am Rande des Teiches. Ich blieb erſchrocken ſtehen; meine Haare ſträubten ſich auf meinem Haupte, ich ſtieß einen Schrei aus, der nichts Menſchliches hatte, und nahm meinen Lauf in ent⸗ gegengeſetzter Richtung.. Es war in der That mehr ein Laufen, als ein Gehen, ein raſcher, fieberhafter, un⸗ geordneter Lauf, bei welchem ich, würde ich das Ziel er⸗ ſchaut haben, Alles niedergeworfen hätte, was mir in den Weg gekommen wäre. „Nichts!... Faſt eine Stunde irrte ich ſo von Allee zu Allee, von Gebüſche zu Gebüſche, von Baum zu Baum; keine Spur, kein Anzeichen; Alles war ſtill, öde. 166 Ich hatte einen Augenblick den Gedanken, mein Gewehr loszuſchießen, ſo ſehr ſchien mir dieſes Stillſchweigen der Bruder des Todes zu ſein! „Erſchöpft, ſterbend, in Schweiß gebadet, verlor ich endlich jede Hoffnung, die Spur des Kindes und des Hundes zu entdecken; ich befand mich wieder vor dem Schloſſe, am Fuße der Freitreppe, hundert Schritte vom. Teiche.. Dieſes finſtere, kalte, unbewegliche Waſſer erſchreckte mich: ich wandte die Augen ab; doch unwill⸗ kürlich kehrten meine Blicke immer wieder auf dieſelbe Seite zurück. Ich ſah am Ufer, im Schilfrohre, die Barke, einem großen geſtrandeten Fiſche ähnlich, und auf dem Raſen das Ruder.. Ich konnte dieſen Anblick nicht ertragen und trat ins Haus ein. „Ich wagte es nicht, zur Leiche von Orſola hinab⸗ zuſteigen, und kehrte in mein Zimmer zurück; die Fenſter ſtanden weit offen: ſie gingen auf den Teich. Alles ging auf dieſen elenden Teich! Ich trat an die Fenſter, um die Läden zu ſchließen; doch in dem Angenblicke, wo ich mich hinausneigte, um ſie an mich zu ziehen, blieb ich verſteinert;— ein Thier ſtreifte um den Teich⸗ mit der Naſe auf der Erde, als verfolgte es eine Spur; es war Braſil! Was ſuchte er denn? „Er vollführte, immer laufend, einen vollkommenen Kreis: ſodann blieb er bei dem Orte ſtehen, wo wir, Victor und ich, in den Nachen geſtiegen waren, hob den Kopf empor, zog die Luft ein, ſchaute nach allen Seiten, gab ein klägliches Gehenl von ſich und ſprang ins Waſ⸗ ſer... Entſetzlich! er folgte ſchwimmend demſelben Wege, dem die Barke gefolgt war; man hätte glauben ſollen, der Sog ſei ſichtbar geblieben, und er folge dieſem Soge. An der Stelle angelangt, wo ich das Kind ins Waſſer geſchlendert hatte, drehte er ſich einen Augenblick um ſich ſelbſt; dann tauchte er unter. „Ich hatte alle Evolutionen des Hundes mit ſtar⸗ cS Sc= S 5 2(G ——+—— 7— wehr der ich des dem vom aſſer will⸗ ſelbe die auf blick nab⸗ nſter Alles ſter, licke, hen, eich, pur; enen wir, den iten, Waſ⸗ ege, llen, oge. ſſer nſich ſtar⸗ 167 rem Auge, mit ſtockendem Athem beobachtet; ich hatte momentan zu leben aufgehört. „Das Waſſer wirbelte über der Stelle, wo der Hund untergetaucht warz zweimal erſchien ſein Kopf an der Oberfläche des Waſſers, und ich hörte ihn geräuſch⸗ voll athmen; das dritte Mal hielt er in ſeinem Rachen einen formloſen Gegenſtand, den er ſchwimmend nach dem Ufer fortzog; ſo erreichte er den Raſen und ſtieg, immer den Gegenſtand anziehend, den abſchüſſigen Rand hin⸗ auf. Oh! wie gräßlich! dieſer Gegenſtand, den er ſo fortzog und nach unerhörten Anſtrengungen auf das ufer zu ſchleppen vermochte, war die Leiche des kleinen Knaben!. „Entſetzen!“ murmelte der Mönch. „Oh! ſprechen Sie,“ rief der Sterbende,„begreifen Sie, was bei dieſem Anblicke in mir vorging? Wie am Tage des jüngſten Gerichtes gab der Abgrund ſeine Todten zurück!... Ich ſtieß ein Wuthgeſchrei aus, nahm wieder meine Flinte und ſprang zu vier und vier die Treppe hinab. Warum rollte ich nicht über die Stufen? warum zerſchmetterte ich nicht die Stirne auf den Plat⸗ ten der Hausflur? ich weiß es nicht. Ich erreichte die Freitreppe. Eine dichte Baumgruppe entzog mir den Anblick des Hundes und des Kindes; ich ging in der Richtung der Baumgruppe, um ſo nahe als möglich zu dem Thiere zu kommen, ohne von ihm geſehen zu werden. Bei der Baumgruppe angelangt, war ich nur noch dreißig Schritte vom Hunde; er ſchleppte den Leichnam nach der dem Schloſſe entgegengeſetzten Seite. „Ich dachte an die Breſche. Ah! ohne Zweifel war Leonie durch dieſe Breſche entflohen: durch dieſe Breſche wollte der Hund den Leichnam fortſchleppen. Hätte es der Zufall nicht gefügt, daß ich geſehen, was vorgefallen, ſo verrieth dieſer elende Hund Alles. „In dem Augenblicke, wo ich jenſeits der Baum⸗ gruppe erſchien, witterte er mich. Da ließ er das Kind 168 los und drehte gegen mich ſeinen blutigen Rachen und ſeine Flammenaugen, welche wie Kohlen funkelten. „Ich ergriff den Angenblick, wo er zögerte, ob er das Kind weiter gegen die Breſche fortſchleppen oder auf mich losſtürzen ſollte; ich zielte mit der Sorgfalt eines Menſchen, der um ſein Leben ſpielt, und drückte los. Der Hund bog ſich auf ſeinen vier Beinen und drang, ein langes, unheimliches Geheul ausſtoßend, in das Ge⸗ hölze ein. Ich eilte ihm nach, in der Hoffnung, ihn einzuholen und ihm mit einem zweiten Schuſſe den Gar⸗ aus zu machen. Er war grauſam getroffen; denn beim Mondſcheine ſah ich eine Blutſpur auf dem Raſen. Ich folgte dieſer Spur, ſo lange ich auf einem freien Boden war; als ich aber in das Gehölze gelangte, verlor ich ſie. „Nichtsdeſtoweniger lief ich bis zur Breſche. Durch dieſe Breſche hatte er hinausgehen müſſen; durch dieſe Breſche war in jedem Falle Leonie weggegangen: ein Fetzen von ihrem Halskragen hing an einem wilden Roſenſtocke. Was war aus ihr geworden? Schon über eine Stunde war ſie durch die Mauer entflohen; die Straße von Fontainebleau nach Paris lief kaum auf eine Viertelmeile vorüber. Wer würde mir ſagen, nach wel⸗ cher Seite ſie ſich gewendet? ob ſie Jemand begegnet? wohin ſie geführt worden war? Sodann, wenn man, während ich außerhalb der Mauern ſuchte, ins Schloß hineinkäme und den Leichnam von Victor fände! Wich⸗ tig vor Allem war es, dieſen Leichnam verſchwinden zu machen. „In dieſem Augenblicke kamen bei mir wieder die Selbſterhaltungsgedanken. Warum war ich ſo wahnſin⸗ nig geweſen, den Leichnam im Teiche zu laſſen? wußte ich nicht, daß nach Verlauf einer gewiſſen Zeit die Er⸗ trunkenen wieder auf das Waſſer kommen? Es war im Ganzen ein Glück, daß Braſil den Knaben aus dem Teiche gezogen und auf den Grasplatz geſchleppt hatte; ich wollte —————„ —————— —— und er auf ines los. ing, Ge⸗ ihn ar⸗ eim Ich den rlor urch ieſe ein lden über die eine wel⸗ iet? nan, hloß ich⸗ zu die iſin⸗ ußte Er⸗ im iche ollte 169 ihn an einem abgelegenen Orte des Parkes begraben, und jede Spur des Verbrechens würde verſchwinden. „Ich kehrte in den Park zurück, nachdem ich von den Dornen den erwähnten Fetzen vom Halskragen abgeriſſen hatte, und ſchlug in aller Haſt den Weg nach dem Teiche ein. Während ich lief, hatte ich einen ent⸗ ſetzlichen Gedanken, einen Gedanken, der mir den Schwin⸗ del gab.„„Finde ich den Leichnam nicht mehr am Ufer, wo ihn ſuchen?““ ſprach ich zu mir ſelbſt. Zum Glücke war er da... Zum Glücke! begreifen Sie? es iſt gräß⸗ lich, was ich Ihnen da ſage!“ „Oh! ja, ja, gräßlich!“ murmelte der Prieſter, der bei dieſer Erzählung ſeine Haare ſich auf ſeinem Haupte ſträuben fühlte. Der Sterbende fuhr fort: „Um den Knaben zu begraben, brauchte ich einen Spaten; doch ich hatte zu viel gelitten während der paar Augenblicke, die ich mich von dem Leichname ent⸗ fernt, um mich aufs Neue davon zu entfernen. Ich hing das Gewehr über meinen Rücken, ich lud den Knaben auf einen von meinen Armen und ging bis zu dem Schoppen, wo der Vater Vincent ſein Gärtnergeräth einſchloß, um hier einen Spaten zu holen. Ich fand das Werkzeng, das ich ſuchte. Das kleine Gebäude war im Küchengarten; ſo weit als möglich vom Küchengarten entfernt, am ödeſten Orte des Parkes ſollte ich den Kna⸗ ben beerdigen. Ich ſchritt aufs Neue über den Gras⸗ platz hin und ſah beim Mondſcheine die häßliche Silho⸗ nette eines Mannes ſich ausſtrecken, der unter ſeinem Arme den Leichnam eines Kindes trug: ſeine Beine bam⸗ melten vorwärts, ſein Kopf hing rückwärts. „Ich beſchleunigte meine Lauf und drang in das Gehölze ein. Die Reiſe, die ich in der Ewigkeit vom Tage meines Todes bis zu dem des jüngſten Gerichtes machen werde, wird nicht erſchrecklicher für mich ſein, als dieſer nächtliche Lauf durch die Finſterniß, welche die 170 großen Bäume verbreiteten! Meine Beine zitterten; ich keuchte und war manchmal genöthigt, meinen Marſch zu hemmen, um Athem zu ſchöpfen. „Plötzlich fühlte ich mich angehalten. Ich wollte meinen Lauf fortſetzen, doch ich wurde zurückgezogen. Es erfaßte mich ein Schauer, meine Beine bogen ſich un⸗ ter mir; der Schwindel mit ſeinem Gefolge von Ge⸗ ſpenſtern zog vor meinen Augen vorüber; ich fühlte mich dem Sterben nahe! „Endlich machte ich eine Anſtrengung, und ich hatte den Muth, zurückzuſchauen: die blonden Locken des Kna⸗ ben hatten ſich mit einem gebrochenen Aſte verſchlungen: das war das Hinderniß. Alles dies hatte nur eine Se⸗ cunde gedauert; doch während dieſer Secunde hatte ich über meinem Haupte das Meſſer der Guillotine funkeln ſehen! Ich ſchlug ein entſetzliches Gelächter auf; ich gab dem Leichname eine Erſchütterung, ein Theil der Haare blieb am Aſte; doch ich ging weiter. Ich glaubte endlich den Ort gefunden zu haben, der mir zuſagte: es war unter einer Dickung, ein paar Schritte von einer Raſenbank, auf die ich mich vielleicht in den vier Jahren, ſeitdem ich das Schloß bewohnte, nicht zweimal geſetzt hatte. Es fand ſich hier zwiſchen den Stämmen von Eichen ein Raum von ungefähr drei Fuß im Durchmeſſer; ſenkrecht die Erde ausgrabend, konnte ich in einer oder anderthalb Stunden fertig ſein. Ich ſchritt zum Werke. „Welche Stunde, mein Vater, welche Stunde brachte ich mit dem Bereiten dieſes Grabes zu!.. Es war un⸗ gefähr zwei Uhr Morgens, als ich anfing; das iſt der Augenblick, wo im Monat Auguſt die erſten Schauer der Natur, die Vögel auf den Bäumen, das Rothwild in den Gebüſchen erwachen. Beim geringſten Geräuſche wandte ich mich um, im Glauben, ich höre Tritte; das Waſſer rieſelte von meinem Geſichte; mein Athem drang 171 pfeifend aus meiner Bruſt hervor. Ich fühlte den Tag kommen! „Endlich war das finſtere Werk beendigt. Ich legte den Leib des Kindes in dieſes Loch, das keine vier Fuß Tiefe hatte; dann ließ ich die Erde darauf rollen, die ich am Rande des Grabes angehäuft hatte, und trat fie mit den Füßen, damit der Boden keine Erhöhung biete; und da nicht alle Erde Raum fand, wegen des Platzes, den der Leichnam eingenommen, ſo ſtreute ich den Reſt in der Gegend umher. Wonach ich hundert Schritte von da eine große Mooslage holte, die ich, zum Grabe zurückkehrend, auf die Stelle legte, wo die Erde friſch aufgewühlt worden war. Vermöge dieſer Vorſichtsmaß⸗ regel blieb keine Spur mehr von der gräßlichen Arbeit. Es war Zeit! als ich eben geendigt hatte, öffnete die Sonne die Wolken, und auf dem Gipfel einer Eiche, deren Aeſte ſich über meinem Haupte ausſtreckten, ſang eine Nachtigall.“ LXXI. Ende der Beichte. „Die Sonne, das Licht brachten die zwei erſchreck⸗ lichen Geſpenſter des Tages: die Erinnerung und die Ueberlegung! Ich ſah die Sonne mit der Angſt des Verurtheilten kommen, der am Morgen in ſein Gefäng⸗ niß den Kerkermeiſter eintreten ſieht, welcher beauftragt iſt, ihm die Stunde der Hinrichtung anzukündigen. „Es handelte ſich darum, einen Entſchluß zu faſſen; 172 doch Alles in mir war Angſt, Ungewißheit, Chaos, und ich hätte nicht die Geiſtesgegenwart gehabt, um zwei Rechtfertigungsmittel zu combiniren, wäre nicht faſt Alles zum Voraus von Orſola geordnet geweſen; ſelbſt der Tod von dieſer warf auf alle Ereigniſſe der unſeligen Nacht eine noch größere Unbeſtimmtheit und entfernte von mir den Verdacht; meine Anbetung für dieſe Crea⸗ tur war ſprüchwörtlich: man konnte mich alſo nicht be⸗ argwohnen, ich habe zu ihrem Tode beigetragen. Ueber⸗ dies würde der Hund, den man irgendwo todt fände, ein Beiweis ſein, daß ich, da ich nicht zeitig genug gekom⸗ men, um ihr beizuſtehen, ſie gerächt habe. „Ich hatte an mir keine Spur von dem fürchter⸗ lichen Zeugen, den nichts verſchwinden macht:— das Blut! Mit einigen Anſtrengungen der Vernunft gelang es mir auch, wieder ein wenig Ruhe zu gewinnen. „Nur, was mich mit Angſt erfüllte, das war die Flucht von Leonie; angenommen aber, Leonie werde ſprechen, ſo konnte ſie nur Orſola anklagen, und Orſola war todt. „Ich ging in mein Zimmer hinauf, ich verwiſchte alle Spuren von der Orgie des vorhergehenden Tages, ich verſchluckte mit einem Zuge, was in der Flaſche blieb, ich brachte meinen Anzug wieder in Ordnung, und lief in aller Eile zum Maire des Dorfes. Das war ein wackerer Mann, ein ſchlichter Bauer, ein Arbeiter, wie ich es auch geweſen, ein Mann, dem dieſe Gemeinſchaft der Arbeiten unſerer Ingend eine große Sympathie für mich, ein tiefes Zutrauen zu mir eingeflößt hatte. Ich trug ihm die Fabel vor, welche Orſola und ich in Be⸗ reitſchaft gehalten hatten, nämlich die zwei Kinder ſeien verſchwunden, und ihre Flucht falle ſo ſehr mit der Ab⸗ reiſe von Herrn Sarranti und dem Diebſtahle der am Tage vorher vom Notar zurückgeholten und aus mei⸗ nem erbrochenen Secretär geraubten hunderttauſend „— — 1— n b⸗ i⸗ nd 173 Thaler zuſammen, daß ich keinen Anſtand nehme, ihn dieſes Diebſtahles und dieſes Mordes zu beſchuldigen.“ „Armer Vater!“ murmelte Dominique, die Augen und die Hände zum Himmel erhebend. „Ja; doch da der Himmel mich beſtraft,“ rief der Sterbende, da ich ihm ſelbſt die Reinheit zurückgebe, die ich getrübt habe, ſo müſſen Sie mir verzeihen, mein Vater! denn wie ſoll mir Gott verzeihen, wenn Sie mir nicht verzeihen?“ „Fahren Sie fort,“ ſprach der Mönch. „Meine verſpätete Anzeige erklärte ich auf folgende Art.— Ich war am Tage vorher erſt ſehr ſpät nach Hauſe gekommen. Im Glauben, Jedermann habe ſich zu Bette gelegt, war ich unmittelbar in mein Zimmer hinaufgegangen und hatte mich ſelbſt niedergelegt. Am Morgen war ich mit Tagesanbruch erwacht; da ich kein Geräuſch im Hauſe gehört, war ich aufgeſtanden; mein Cabinet durchſchreitend, hatte ich die Schublade meines Secretärs erbrochen geſehen; ich war in das Zimmer von Orſola gegangen und hatte es verlaſſen gefunden; ich hatte mich in die Zimmer der Kinder begeben: ſie waren leer; ich hatte gerufen: Niemand hatte geantwor⸗ tet! Ich war die Treppe hinabgeſtiegen, ich hatte ge⸗ ſucht, und endlich im Speiſekeller den Leichnam von Orſola in ſeinem Blute gebadet gefunden! Die Art der Wunde hatte mir keinen Zweifel über ihre Todesart ge⸗ laſſen: ſie war erwürgt worden. Ich hatte ſodann auf dem Grasplatze liegend den Hund bemerkt, der ſeine Kette zerbrochen, und in einer erſten Bewegung, in einer von den Bewegungen, die den Menſchen außer ſich brin⸗ gen, hatte ich meine Flinte ergriffen und Braſil eine Kugel zugeſandt, worauf dieſer verwundet im Gehölze verſchwunden war. „Der Maire glaubte an dieſe Fabel; er ſetzte meine Zögerungen, meine Wiederholungen, meine Bläſſe auf Rechnung meines Schreckens; er gab mir auf ſeine Weiſe 174 alle mögliche Tröſtungen, ließ durch ſeinen Adjuncten die competenten Behörden von dem, was vorgefallen, in Kenntniß ſetzen und ging mit mir ins Schloß zurück. „Ich hatte mich wohl gehütet, zu ſagen, nach wel⸗ cher Grenze Herr Sarranti entflohen; ich hegte, wie Sie begreifen, nur einen Wunſch: daß er aus Frankreich entkommen könne. „Ich ſchloß mich in mein Zimmer ein, überließ das Schloß den Nachforſchungen der Juſtiz, und bat nur meinen Freund, den Maire von Viry, zu bewirken, daß man meinen Schmerz ſo viel als möglich ſchone. Der wackere Mann übernahm Alles und hielt mir Wort; ſo⸗ dann traf am Tage die Nachricht von der entdeckten Verſchwörung ein: da ich hierauf gerechnet hatte, ſo kam mir dieſe Nachricht zu Hülfe. Als man erfuhr, Herr Sarranti ſei einer der fanatiſchſten Agenten der Bona⸗ partiſtiſchen Partei, da verfehlten die Blätter der Regie⸗ rung nicht, dieſe Beſchuldigung des Mordes und des Diebſtahls aufzugreifen, um ſie der ganzen Partei an den Kopf zu werfen. Die Polizei wäre ſogar,— an⸗ genommen, ſie hegte einige Zweifel,— in Verzweiflung geweſen, hätte ſie den wahren Schuldigen entdeckt: man war 1820 glücklich, die Bonapartiſten mit dem Namen Mörder und Diebe zu brandmarken, wie man ſie 1815 mit dem Namen Räuber gebrandmarkt hatte; und es war für die Regierung eine Wonne, daß ſie eine ſolche Anklage auf dem Haupte eines Mannes, der von St. Helena kam und mit dem Kaiſer in vertrau⸗ tem Umgange gelebt hatte, konnte laſten laſſen. „Ich hatte alſo keine wirklich ernſte Furcht; aller Berdacht umging den Schuldigen, um den Unſchuldigen zu verfolgen; und ſo unſchuldig er war, ich bezweifle, daß ſich Ihr Vater, wäre er verhaftet worden, dem Schaffot hätte entziehen können...“ Der Prieſter ſtand auf; er war bleich wie die Lei⸗ lacken des Sterbenden. Der Gedanke, ſein Vater fal⸗ 175 lend als das Opfer einer falſchen Anklage und mit allem Anſcheine der Schuldhaftigkeit, erſchreckte ihn, um wahn⸗ ſinnig zu werden. „Oh! ich wußte wohl, daß er nicht ſchuldig war!“ ſagte er;„und dennoch hätte ich ihn ſterben ſehen, ohne ihn retten zu können!.. Oh! mein Herr, Sie ſind ſehr Er hielt inne; er wollte ſagen:„Sehr nieder⸗ trächtig!“ Der Sterbende beugte das Haupt; was er verlangte, war, es möge ſich dieſer Schmerz im Menſchen in Wor⸗ ten ausathmen, damit im Sohne nur noch die Barm⸗ herzigkeit des Prieſters bleibe. „Aber,“ fuhr der Mönch fort,„trotz des Geſtänd⸗ niſſes, das Sie mir machen, mein Herr, wird nichts⸗ deſtoweniger eine entſetzliche Anklage ewig auf dem Haupte meines Vaters laſten.“ „Bin ich nicht nahe daran, zu ſterben?“ ſtammelte der Kranke. „Nach Ihrem Tode wird es mir alſo erlaubt ſein, Alles zu offenbaren?“ rief Dominique. „Alles, mein Herr! Pries ich nicht deshalb die Vorſehung, daß ſie Sie an mein Bett geführt?“ „Ah!“ ſprach der Prieſter athmend,„mein Vater! mein armer Vater! Wiſſen Sie, mein Herr, daß er, hätte er die Anklage gekannt, welche auf ihm laſtete, auf die Gefahr, hiebei ſeinen Kopf zu verlieren, zurückge⸗ kommen wäre, um ſeine Unſchuld zu betheuern?“ „Ja, mein Vater... Nun, ſobald ich todt bin, werden Sie ihm ſchreiben, und er kann zurückkommen; doch um des Himmels willen! werfen Sie nicht die Angſt und die Verzweiflung auf die paar Stunden, die mir noch zu leben bleiben!“ Der Prieſter antwortete durch ein Zeichen, um den Sterbenden zu beruhigen. „Laſſen Sie mich Ihnen ein Geſtändniß machen,“ 176 fuhr der Sterbende fort.„Seit den ſieben Jahren, daß das Verbrechen begangen worden,— nicht wahr, ich muß von einer abſcheulichen Natur ſein?— habe ich nicht einen Augenblick das Gefühl des reinen, iſolirten Gewiſſens⸗ biſſes gehabt. Nein, nein, mitdem Gewiſſensbiſſe alleinhätte ich geſchlafen, ruhig, glücklich vielleicht gelebt; doch die Furcht vor den Gerichten, die Angſt vor der Strafe, das iſt es, was meine Tage beunruhigt, meine Nächte gequält hat!.. Oh! wie oft bin ich in meinen Träumen vor einem Tribunal erſchienen! wie oft habe ich, trotz meiner Bit⸗ ten, meiner Thränen, meiner Ableugnungen das Wort Mörder ertönen hören! wie oft habe ich auf meinem ſchauernden Halſe die Kälte der Scheere gefühlt, die meine Haare abſchnitt, und gebebt bei den Stößen des unſeligen Karrens! wie oft habe ich, in der Perſpective am Horizont, das Eiſen der häßlichen Guillotine fun⸗ keln ſehen!“ „Unglücklicher!“ ſprach der Prieſter, dieſen Men⸗ ſchen, das lebendige Bild der Angſt anſchauend, der, man fühlte es, aus Angſt grauſam werden konnte. „Darum habe ich mich von Viry verbannt; darum habe ich meinen Aufenthalt in Vanvres genommen; dar⸗ um thue ich das Gute...“ Der Prieſter wandte ſich bei dieſen letzten Worten lebhaft um. „Ja, ja, mein Vater,“ ſprach der Sterbende,„das Almoſen iſt ein Mantel, mit dem ich mich bedecke, damit man die Blutflecken auf meinen Kleidern nicht ſieht! wer würde es nun wagen, mich aus der Mitte dieſes Gelei⸗ tes von guten Handlungen zu holen, welche um mich her wachen?“ „Derjenige, welcher kommt!“ ſprach Dominique, ſeinen Finger zum Himmel erhebend;—„Gott.“ „Ja, ich weiß es,“ erwiederte der Sterbende,„der⸗ jenige, deſſen man ſich erinnert, wenn man ſterben ſoll; derjenige, welcher das Blut durch den Mantel, das Ge⸗ 177 daß ſicht durch die Maske ſieht! Doch bei dieſem, mein Vater, ich werde ich zwei mächtige Vermittler haben; meine Furcht icht und Ihre Unſchuld!“ ns⸗ Der Unglückliche wagte es nicht, zu ſagen ſeine itte Gewiſſensbiſſe. die„Es iſt gut!“ ſprach der Prieſter;„vollenden Sie.“ das„Ich habe nur noch ein paar Worte beizufügen, ält mein Vater. Wie ich Ihnen geſagt habe, war nicht em meine einzige Beſorgniß, u meine Hauptbeſorgniß das it⸗ Verſchwinden von Leonie. Ich ging auf die Polizeiprä⸗ ort fectur; ich that alle erdenkliche Schritte und ließ alle em thun: nie erhielt ich Nachricht von dem Kinde. die„Einen Angenblick hatte ich den Gedanken, nach des Vie⸗ Beſſos zurückzukehren; dort hatte jedoch Herr Sar⸗ ie ranti gewohnt, dort hatte man mich arm gekannt, und un⸗ aus Neid konnte man zu den Quellen meines Vermögens zurückgehen: ich verzichtete alſo hierauf. en⸗„Ich reiſte; ich brachte ein Jahr in Italien zu, ein ian Jahr in Flandern; doch bei jedem Sonnenaufgange, der mich an die erſchreckliche Morgenröthe vom 20. Auguſt um erinnerte, fragte ich mich, ob man nicht in dieſem Augen⸗ ar⸗ blicke in Frankreich irgend ein Anzeichen entdecke, das ſich plötzlich in der Fremde gegen mich erheben werde. ten Ich kehrte nach Frankreich zurück; ich beſuchte Burgund, ſodann die Auvergne. das„Eines Tags hörte ich in einer Hütte, wo ich um mit Gaſtfreundſchaft gebeten hatte, meine Wirthe das Leben ver eines Biedermanns in ſeinen kleinſten Einzelheiten erzäh⸗ lei⸗ len. Es handelte ſich um einen Edelmann aus der Ge⸗ ich gend von Iſſoire, der ſich in Folge eines ziemlich wich⸗ tigen Streites duellirt und ſeinen beſten Freund getödtet ue, hatte. Von dieſem Tage an hatte er ſein Schloß, ſeine Pachthöfe, ſeine Güter, ſeine Herden verkauft; er hatte er⸗ ſodann ſeine Habe unter die Armen vertheilt und von ; nützlichen Arbeiten und lobenswerthen Handlungen das Se⸗ Vergeſſen dieſes unwillkürlichen Mordes nur Die Mohicaner von Paris. HI. 178 that er es aus Gewiſſensbiſſen... Ich ſagte aber zu mir ſelbſt:„„Müßte ein Menſch, der ein wirkliches Verbre⸗ chen, einen wahren Mord begangen hätte, nicht dem Verdachte dadurch entgehen, daß er ſich einen Ruf ähn⸗ lich dem, welchen ſich dieſer Edelmann erworben, ver⸗ ſchaffen würde? Thun wir alſo aus Vorſicht, aus Egoismus, aus Angſt, was er durch Gewiſſensbiſſe an⸗ getrieben thut.““ „Ich kam nach Paris zurück; ich ſuchte einen Wohn⸗ ort in der Umgegend; ich fand dieſes Haus, das ich kaufte, und ich unternahm das große Werk der Philan⸗ thropie, das mir auch den Ruf eines Biedermannes, mit dem ich ſterben werde, eingetragen hat; bin ich aber ein⸗ mal todt, ſo gehört mein Andenken Ihnen: bringen Sie es Herrn Sarranti zum Opfer; verlangen Sie ſeine Begnadigung als Verſchwörerz ich habe es übernommen, ſeine Unſchuld als Mörder zu beweiſen.“ „Wird man aber der Ausſage eines Sohnes zu Gunſten ſeines Vaters glauben?“ „Ich habe dieſen Einwurf vorhergeſehen... Stehen Sie auf, nehmen Sie dieſen Schlüſſel...“ Der Sterbende reichte dem Mönche einen Schlüſ⸗ ſel, den er unter ſeinem Kopfkiſſen verborgen hielt. „Oeffnen Sie die zweite Schublade des Secretärs,“ fügte er bei;„Sie werden dort eine mit drei Siegeln verſehene Papierrolle finden.“. Dominique ſtund anf, nahm den Schlüſſel, öffnete den Secretär und kam mit der Papierrolle zurück. „Hier,“ ſagte er. „Steht nichts darauf geſchrieben?“ „Doch, mein Herr; es ſteht hier: „Dieſes iſt meine allgemeine Beichte vor Gott und „den Menſchen, um, ſollte es nöthig ſein, nach meinem „Tode veröffentlicht zu werden. „Unterzeichnet: Gérard Tardieu.“ mir bre⸗ dem ähn⸗ ver⸗ aus an⸗ ohn⸗ lan⸗ mit ein⸗ Sie ſeine men, zu tehen hlüſ⸗ irs,“ egeln ffnete und inem 179 „Das iſt es, mein Vater. Dieſes Papier enthält Wort für Wort und ganz von meiner Hand geſchrieben die Erzählung, die ich Ihnen ſo eben gemacht habe. Bin ich nicht mehr, ſo verfügen Sie darüber: ich entbinde Sie des Geheimniſſes der Beichte.“ Mit einer Bewegung der Freude und unwillkür⸗ Triumphes drückte der Mönch das Paquet an ſeine Bruſt. „Werden Sie mich nun nicht durch einige Worte der Hoffnung tröſten, mein Vater?“ ſagte der Ster⸗ bende. Der Mönch näherte ſich ernſt und langſam; es war, als würde ſein zum Himmel erhobenes Geſicht von einem göttlichen Lichte erleuchtet. So geſehen, ſchien er das Ideal der Menſchenliebe zu ſein. Der Sterbende, der die Verzeihung kommen fühlte, richtete ſich auf, um ihr entgegen zu gehen. „Mein Bruder,“ ſprach der Dominicaner,„es be⸗ dürfte vielleicht beim Herrn einer höheren und mächtige⸗ ren Fürbitte als der meinigen, daß er Ihnen vergebe; doch ich, als Menſch, als Sohn, als Prieſter, ich ver⸗ gebe Ihnen. Gott wolle die Sündenerlaſſung genehmi⸗ gen, welche auf Ihr Haupt herabſenken zu machen ich ihn anflehe,— im Namen des Vaters, der die Güte iſt, des Sohnes, der die Hingebung iſt und des heiligen Geiſtes, der der Glaube iſt!“ Und er legte ſachte ſeine bleichen, weißen Hände auf den kahlen Schädel des Sterbenden. „Was habe ich nun noch zu thun?“ fragte der Sterbende. „Beten Sie!“ ſprach der Mönch. Und er ging langſam, mit gefalteten Händen, hin⸗ aus, den Herrn beſchwörend, er möge geſtatten, daß er mit ſich nehme, was Schlechtes, Elendes und Niedriges in dieſem Menſchen, der dem Sterben nahe war. 180 Hinter ihm fiel der Sterbende, mit dem Geſichte gegen das Kopfkiſſen, auf ſein Bett zurück und blieb ſo unbeweglich, als ob ſich die Seele ſchon vom Leibe ge⸗ trennt hätte. LXXII. Rückkehr zu Juſtin. Laſſen wir Bruder Dominique, fortan beruhigt über das Leben und die Ehre ſeines Vaters, raſch, das Herz voll Hoffnung und Freude, die kurze Entfernung zurück⸗ legen, welche Vanvres vom Bas⸗Meudon trennt, wo er angeſpannt und zur Abfahrt bereit den Wagen finden wird, der den Leichnam von Colombau enthält,— und kehren wir zu Juſtin zurück, den wir mit verhängten Zügeln auf der Straße nach Verſailles, ausgerüſtet durch die Vermittlung von Salvator mit Inſtructionen von Herrn Jackal in Beziehung auf Madame Desmarets, ha⸗ ben hinjagen ſehen. Für diejenigen von unſern Leſern, denen der Cha⸗ rakter des Schulmeiſters, nach oberflächlicher Benrthei⸗ lung an einer gewiſſen Schwäche leidend, nicht das ganze Intereſſe zu verdienen geſchienen hat, das er Salvator, Jean Robert und uns ſelbſt eingeflößt, ſagen wir, daß dieſe Reſignation, welche beim erſten Anblicke für Mangel an Energie gehalten werden konute, uns im Gegentheile eine der ſchönſten Formen der Stärke zu ſein ſcheint. Man darf in der That die materielle Bewegung, die Thätigkeit des Körpers nicht mit der Thätigkeit und der Bewegung des Geiſtes verwechſeln. ſichte eb ſo e ge⸗ über Herz urück⸗ vo er inden und ngten durch on he⸗ Cha⸗ rthei⸗ ganze ator, daß angel theile nt. zung⸗ und 181 Der Mann, der ſich ſehr thätig glaubt, der alle Tage ſich bewegt, geht, läuft, zwei Meilen zu Fuße oder im Wagen macht, bewegt ſich viel mehr, handelt aber viel weniger, als der Mann, welcher, aus der Tiefe ſeines Arbeitscabinets, nach Verlauf von zehn Jahren einer ſchein⸗ baren Ruhe den Gedanken, der die Welt umwälzen ſoll, hervorgehen läßt. Stellen Sie den Schulmeiſter, dieſen an ſeiner Oberfläche ſo apathiſchen Menſchen, in den Kampf mit der Nothwendigkeit, und Sie werden ihn aus ſeiner Apathie, völlig gerüſtet, bereit zum Streiten, vorbereitet zum Tode, hervortreten ſehen. Was ihn verringert in den Augen von denjenigen, welche bei ihm nicht mehr als die Oberhaut betrachten,— wir verwöchten es nicht zu oft zu wiederholen, denn wir beabſichtigen, es in dieſem Buche zu beweiſen,— iſt das Familienleben, un⸗ ter das er gebengt iſt; die kindliche Pietät, welche zu⸗ weilen die großen Handlungen hervorbringt, macht auch zuweilen die großen und dunklen Hingebungen. Unter⸗ drücken Sie für Juſtin das heilige Wort, die fromme Sache, die auf ihm laſtet, die Familie, und Sie wer⸗ den ihn ſogleich ſeinen Stein zu dem geſellſchaftlichen Monumente, dem Antipoden des Thurmes zu Babel, bringen ſehen, welches um eine Schicht zu erhöhen wir Alle geboren ſind, und das man die allgemeine Harmo⸗ nie nennt. Nehmen Sie an, er ſei allein auf der Welt, mik Leidenſchaften, für die er Niemand als ſich ſelbſt veruntwortlich, und Sie werden ihn, wie jenes unter dem Scheffel verborgene Licht des Evangeliums, ſobald der Scheffel weggenommen iſt, auf der Stelle alle ſeine Strahlen um ſich her verbreiten ſehen. Wer alſo Juſtin, an ſeine Jugenderinnerungen appellirend, als vollendeten Reiter auf dem Pferde von Jean Robert hätte hinjagen, die Entfernung durchfliegen, den Raum verſchlingen ſehen, hätte verſichern können, es ſei gewiß der Arm eines ſtarken Mannes und das Knie 182 eines entſchloſſenen Mannes, welche in ſeinem wüthenden Laufe dieſes Pferd lenken, das viel mehr einem ſeine Beute entführenden Vogel, als einem ſeinen Reiter tra⸗ genden arabiſchen Roſſe ähnlich. Nach einer Stunde raſenden Galopps, während welcher die Gedanken von Juſtin, etwas vom Laufe ſei⸗ nes Pferdes entlehnend, ſich raſch in ſeinem Gehirne drängten, hielt er keuchend vor der Thüre des Penſion⸗ nats an. Er hatte, wie geſagt, etwas mehr als eine Stunde gebraucht, um fünf Meilen zu machen, und es war ge⸗ rade halb neun Uhr, als er, von ſeinem Pferde ſpringend, bei Madame Desmarets anläutete. Man war längſt im Hauſe auf; Madame Desma⸗ rets befand ſich allein in ihrem Zimmer und hatte ihre Toilette noch nicht beendigt. Juſtin ließ ihr ſagen, er wünſche ſie auf der Stelle zu ſprechen. Ganz verblüfft durch einen ſo frühen Beſuch, ließ Madame Desmarets Juſtin bitten, er möge warten, und verlangte von ihm eine Viertelſtunde, um ſich in den Stand zu ſetzen, vor ihm zu erſcheinen. Juſtin antwortete aber, die Sache, die ihn zu ihr führe, leide in Betracht ihrer Dringlichkeit keinen Ver⸗ zug, und er bitte daher die Vorſteherin der Penſion in⸗ ſtändig, ihn ſogleich zu empfangen. Sehr bennruhigt durch dieſes entſchiedene Beharren, zog Madame Desmarets einen Schlafrock an und öffnete ihre Tbüre, um in den Salon hinabzugehen; Juſtin ſtand aber vor der Thüre. Er nahm die erſtaunte Frqu bei der Hand und ließ ſie in ihr Zimmer zurückgehen, deſſen Thüre er hinter ſich ſchloß. Da erſt ſchlug die Vorſteherin der Penſion die Au⸗ gen zu Juſtin auf, den das Licht der Fenſter beleuchtete, und ſtieß einen Schrei aus. Sie war erſchrocken zugleich übe und ſeir mie fra laſ der den eine tra⸗ rend ſei⸗ irne ion⸗ unde ge⸗ end, ma⸗ ihre telle ließ und den ihr er⸗ in⸗ ren, nete ſtin ließ nter Au⸗ tete, 183 über die Todesbläſſe auf der Stirne des jungen Mannes und über die finſtere Energie, welche den Hauptcharakter ſeiner, gewöhnlich ſo ſanften und harmloſen, Phyſiogno⸗ mie bildete. „Oh! mein Gott! was iſt denn geſchehen?“ fragte ſie. „Ein ſchweres Unglück, Madame,“ antwortete Juſtin. „Ibnen oder Minas“ „Beiden, Madame.“ „Ah! mein Gott!. Soll ich Mina allein rufen laſſen, oder wünſchen Sie ſie ſelbſt zu ſehen?“ „Mina iſt nicht mehr hier, Madame.“ „Wie, Mina iſt nicht mehr hier? Wo iſt ſie denn?“ „Ich weiß es nicht.“ adame Desmarets ſchaute Juſtin Corby an, wie ſie einen Narren angeſchaut hätte⸗ „Sie iſt nicht mehr hier! Sie wiſſen nicht, wo ſie iſt! was will das beſagen?“ „Das will beſagen, Madame, daß ſie heute Nacht entführt worden iſt.“ „Geſtern Abend habe ich ſie aber ſelbſt in ihr Zim⸗ mer begleitet, wo ich ſie mit Fräulein Suſanna von Val⸗ geneuſe ließ.“ „Nun, dieſen Morgen, Madame, iſt ſie nicht mehr ort.“ „Oh! mein Gott!“ rief Madame Desmarets, die Augen zum Himmel erhebend,„ſind Sie deſſen, was Sie ſagen, ſicher, mein Herr?“ Juſtin zog aus ſeiner Taſche das mit Bleiſtift ge⸗ ſchriebene Papier, das ihm Babolin übergeben. Hier,“ ſagte er,„leſen Sie.“ Madame Desmarets las raſch das Billet. Sie erkannte die Handſchrift des Mädchens und, ſich einer Ohnmacht nahe fühlend, gab ſie einen Schrei 184 vn ſich und ſtreckte die Arme aus, um eine Stütze zu uchen. Juſtin ſprang ihr bei, hielt ſie auf und rückte ihr einen Lehnſtuhl zu. „Ah!“ ſagte ſie,„iſt das wahr, ſo müßte ich Sie auf den Knieen um Verzeihung für den Schmerz bitten, den ich Ihnen verurſache!“ „Es iſt wahr,“ ſprach Juſtin.„Doch laſſen wir uns Beide nicht niederſchlagen, Madame, ſo lange wir nicht ſicher ſind, daß es kein Mittel für dieſen Schmerz gibt, und bleibt mir keine Hoffnung mehr auf die Men⸗ ſchen, ſo wird mir die Hoffnung auf Gott bleiben.“ „Was iſt aber zu thun?“ fragte die Vorſteherin der Penſion. „Warten und mittlerweile darüber wachen, daß Nie⸗ mand in das Zimmer von Mina eindringt, noch in den Garten kommt.“ „Warten, auf wen, mein Herr?“ „Auf den Agenten der Behörde, der ſich in einer Stunde hierher begeben ſoll.“ „Wie!“ rief Madame Desmarets, mehr erſchrocken als bewegt,„das Gericht wird hierher kommen?“ „Allerdings,“ antwortete Juſtin. „Wenn dies geſchieht, ſo iſt aber mein Haus ver⸗ oren!“ Dieſer Egoismus verletzte Juſtin tief. „Was ſoll ich denn thun, Madame?“ fragte er kalt. „Mein Herr, gibt es ein Mittel, das Aergerniß zu vermeiden, ſo bitte ich Sie inſtändig, daſſelbe anzu⸗ wenden.“ „Ich weiß nicht, was Sie ein Aergerniß nennen,“ verſetzte Juſtin, die Stirne runzelnd. „Wie, Sie wiſſen nicht, was ich ein Aergerniß nenne?“ ſprach die Vorſteherin der Penſion, indem ſie ihre Hände faltete. „Das Aergerniß für mich, Madame, iſt,“ ſagte — — — — zu ihr Sie ten, wir wir nerz en⸗ erin Rie⸗ den iner cken ver⸗ 185 Juſtin,„daß eine Frau, der meine Mutter ihre Tochter anvertraut hat, der ich meine Frau anvertraut habe, es wagt, mir zu ſagen, ich ſoll ſchweigen, wenn ich ſie von ihr zurückverlange.“ Die Erwiederung war ſo ſcharf, daß Madame Des⸗ marets vernichtet ſchien. „Aber, mein Herr,“ rief ſie in Thränen zerfließend, „alle Mütter werden ihre Töchter von mir zurück⸗ nehmen!“ „Und ich, Madame,“ ſprach Juſtin, empört über den Egoismus dieſer Frau, welche vor einem Schmerze, wie der ſeine war, ſich nur mit dem Rachtheile beſchäf⸗ tigte, den die Eutfliehung von Mina ihrem Hauſe brin⸗ gen konnte,„und ich, Madame, wäre ich Richter, ſo ließe an den Giebel Ihres Penſionnats eine infamirende Schrift ſetzen, welche von dieſem Hauſe alle Mütter abwenden würde!“ „Aber, mein Herr, Ihr Unglück wird ſich nicht mil⸗ dern durch den Schaden, den Sie mir zufügen.“ „Nein; doch der Schaden, den ich Ihnen zufüge, wird verhiydern, daß Anderen ein dem meinen ähnliches Unglück widerfährt.“ „Im Namen der Liebe, die ich für Mina hegte, mein Herr, richten Sie mich nicht zu Grunde!“ „Im Namen des Vertrauens, das ich zu Ihnen hegte, verlangen Sie nichts von mir!“ Es herrſchte im Geſichte von Juſtin eine ſo ver⸗ zweifelte Entſchiedenheit, daß Madame Desmarets ein⸗ ſah, ſie habe nichts von ihm zu erwarten. Sie ſchien alſo ihren Entſchluß zu faſſen und ſagte mit einer Miene der Reſignation: „Es wird geſchehen, wie Sie wollen, mein Herr, und ich werde ſtillſchweigend meine Strafe erdulden.“ Juſtin bedeutete mit dem Kopfe nickend, das ſei ſei⸗ ner Anſicht nach das Beſte, was Madame Desmarets thun könne. 186 Sodann, nach einigen Minuten eines Schweigens, das wie Blei auf dem jungen Manne und der Vorſtehe⸗ rin der Penſion laſtete, ſagte dieſe: „Mein Herr, wollen Sie mir nun Ihrerſeits auch erlauben, ein paar Fragen au Sie zu richten?“ „Thun Sie es, Madame.“ „Welcher Urſache ſchreiben Sie das Verſchwinden von Mina zu?“ „Das weiß ich noch nicht; doch die Juſtiz wird mich hoffentlich hierüber unterrichten.“ „Sie wiſſen ganz gewiß, daß ſie nicht freiwillig verſchwunden iſt?“ Das Herz von Juſtin ſchwoll an bei dieſem Schimpfe, den man ſeiner weißen Braut anthat. „Wie, Sie, die Sie Mina ſeit ſechs Monaten vor den Augen haben, können eine ſolche Frage an mich richten?“ „Ich fragte Sie, ob Sie Ihrer Liebe ſicher ſeien?“ „Sie haben ihren Brief geleſen: wen ruft ſie denn zu Hülfe?“ „Sie wäre alſo mit Gewalt entführt worden?“ „Ohne allen Zweifel.“ „Aber, mein Herr, das iſt unmöglich: die Mauern ſind hoch, die Fenſter feſt geſchloſſen; Mina hätte ge⸗ ſchrieen!“ „Madame, es gibt Leitern für alle Mauern, Brech⸗ eiſen für alle Fenſter, Knebel für jeden Mund.“ „Sind Sie im Zimmer von Mina geweſen?“ „Nein, Madame.“ „Ei! das war das Erſte, was Sie hätten thun ſollen! Gehen Sie auf der Stelle dahin, wenn Sie wollen.“ „Gehen wir im Gegentheile nicht dahin, Madame, ich bitte Sie inſtändig.“ „Das iſt aber das einzige Mittel, um uns zuverſichern, ob ſie nicht dort iſt.“ 8, e⸗ nun rn e un ie n, 187 „Und dieſer Brief?“ „Wenn man in Folge einer Berechnung, die ich mir nicht erkläre, wenn man, um einen lichtſcheuen Plan zu vollbringen, Ihnen einen falſchen Brief zugeſchickt hätte, wenn Mina nicht entführt wäre, wenn ſie in ihrem Zim⸗ mer wäre...“ Etwas einer Blendung Aehnliches zog vor den Au⸗ gen von Inſtin vorüber. Er begriff ſelbſt ſo wenig von dem, was geſchah, daß dieſe Hoffnung, ſo unſinnig ſie auch war, in ſein Herz einzudringen anfing. Dem zu Folge entſchloß er ſich, trotz der Ermahnungen von Salvator, mit Madame Desmarets hinabzugehen bis zur Thüre des abgeſon⸗ derten Zimmers, welches das Mädchen bewohnte. Vor dieſer Thüre angelangt, klopfte Madame Des⸗ marets,— während Juſtin, die Hand auf ſeiner Bruſt, die Schläge ſeines Herzens zurückdrängte,— Madame Desmarets klopfte ſachte, dann ſtärker, dann immer ſtärker an; es war vergeblich: Niemand antwortete. Sie verſuchte es, die Thüre zu erſchüttern; eben⸗ falls vergeblich: die Thüre war von innen geſchloſſen. Madame Desmarets ſchlug nun vor, den Schloſſer holen zu laſſen; doch Juſtin, den dieſe Todesſtille wie⸗ der in ſeine erſte Verzweiflung zurückgeworfen hatte, er⸗ innerte ſich der Ermahnungen von Salvator und wider⸗ ſetzte ſich förmlich, daß der Schloſſer die Thüre öffne. „Sehen wir wenigſtens vom Garten aus, ob man nicht Jemand durch das Fenſter erblickt,“ ſagte die Vor⸗ ſteherin der Penſion. „Verzeihen Sie, Madame,“entgegnete Juſtin,„der Eintritt in den Garten iſt vorläufig Jedermann ver⸗ boten.“ „Selbſt mir?“ „Ihnen wie den Andern, Madame.“ „Iber, mein Herr, ich bin in meinem Hauſe!“ „Sie irren ſich, Madame; überall, wo das Geſetz 188 iſt, iſt das Geſetz zu Hauſe, und im Namen des Geſetzes verbiete ich Ihnen, in dieſen Garten einzutreten.“ Und zu größerer Sicherheit ſchloß er die Thüre doppelt, zog dann den Schlüſſel ab und ſteckte ihn in ſeine Taſche. Madame Desmarets hatte große Luſt, zu appelliren, zu ſchreien, im Nothfalle ſogar den Commiſſär zu holen, um Juſtin aus ihrem Hauſe bringen zu laſſen; doch ſie begriff, dieſer junge Mann, den ſie immer ſo demüthig und ſanft geſehen, würde nicht ſo handeln, wäre er nicht der Unterſtützung ſicher. „Was Juſtin betrifft,— er lehnte ſich ruhig an die Gartenthüre an. „Gedenken Sie lange als Schildwache vor dieſer Thüre zu bleiben, mein Herr?“ fragte die Vorſteherin der Penſion. ſ„Bis die Leute, welche ich erwarte, angekommen ind.“ „Und wann werden Sie ankommen?“ „Nie ſo ſchnell, als ich es wünſche, Madame“ „Und von wo kommen Sie?“ „Von Paris.“ „Dann erlauben Sie, daß ich Sie einen Augenblick verlaſſe, mein Herr!“ ſagte Madame Desmarets. „Thun Sie das, Madame,“ erwiederte Juſtin. Und er verbeugte ſich, als wollte er Madame Des⸗ marets Urlaub geben. Dieſe ging in ihr Zimmer hinauf und kleidete ſich ſchleunigſt an; ſobald ſie angekleidet war, öffnete ſie ihr Fenſter und ſchaute durch den Laden hinaus auf die Straße nach Paris. Ungefähr nach einer halben Stunde ſah ſie einen. Wagen erſcheinen, der raſch herbeikam und vor der Thüre hielt. Zwei Männer ſtiegen aus: Herr Jackal und Sal⸗ vator. e„ —„—— — c re in n, n, ſie ig cht ſer in en ick ich hr die e der 189 Herr Jackal wollte anläuten, als ſich die Thüre des Penſionnats von ſelbſt öffnete oder vielmehr von Juſtin geöfſnet wurde, der, da er das Geräuſch eines Wagens gehort und vermuthet hatte, der Wagen bringe Herrn Jackal und Salvator, dieſen in ſeiner Ungeduld ent⸗ gegenlief. Salvator, als er die Aufregung und die Bläſſe des jungen Mannes wahrnahm, ergriff ſeine Hand, drückte ſie herzlich und ſprach: „Auf; Muth, mein armer Herr Corby! Glauben Sie mir, es gibt Mißgeſchicke, welche noch größer ſind, als das Ihrige.“ Und er dachte an das Unglück von Carmelite, welche zu ſich kam, ihre Vernunft wiedererlangte und erfuhr, Colombau ſei todt. LXXIII. Die Hausſuchung. Herr Jackal, da er von Salvator erfahren hatte, Juſtin ſei der Bräutigam von Mina, verbengte ſich tief vor dem jungen Manne und fragte ihn, ob Niemand in das Zim⸗ mer oder in den Garten gekommen. „Niemand, mein Herr,“ antwortete Juſtin. „Sie ſind deſſen ſicher, mein Herr?“ „Hier iſt der Schlüſſel vom Garten.“ „Und der vom Zimmer von Mademoiſelle Mina?“ „Die Thüre iſt von innen geſchloſſen.“ „Ah!“ machte Herr Jackal. 190 Und eine ungeheure Priſe ſchlürfend, ſagte er: „Wir werden das ſehen.“ Geleitet von Juſtin, kam er ſodann in eine Art von Sprachzimmer, das zwiſchen dem Hofe und dem Garten lag, und von wo der nach dem Zimmer von Mina füh⸗ rende Corridor ausging. Umherſchauend, fragte nun Herr Jackal:, „Wo iſt die Vorſteherin der Anſtalt?“ In dieſem Angenblicke trat Madame Desmarets ein. „Hier bin ich, meine Herren,“ ſagte ſie. „Die Perſonen, welche ich von Paris erwartete,“ ſprach Juſtin. „Wußten Sie etwas vom Verſchwinden von Made⸗ moiſelle Mina vor der Ankunft dieſes Herrn?“ fragte Herr Jackal auf Juſtin deutend. „Nein, mein Herr,“ antwortete Madame Desmarets mit bewegter, zitternder Stimme;„ich habe ſogar noch keine Gewißheit über dieſes Verſchwinden, da wir nicht in das Zimmer von Mina eingetreten ſind.“ „Seien Sie unbeſorgt, wir werden ſogleich eintre⸗ ten,“ verſetzte Herr Jackal. Und ſeine Brille bis zum Nivean ſeiner Raſenſpitze niederlaſſend, betrachtete er, nach ſeiner Gewohnheit, Madame Desmarets forſchend über die zwei Gläſer, welche, wie geſagt, mehr beſtimmt ſchienen, ſeine Augen zu verbergen, als ſeinen Blick aufzuhellen, worauf er ſeine Brille wieder zurecht ſetzte und den Kopf ſchüttelte. Salvator und Juſtin erwarteten mit Ungeduld die Fortſetzung des Verhörs. „Wenn dieſe Herren in den Salon eintreten woll⸗ ten?“ ſagte Madame Desmarets;„ſie wären dort beſſer, als in dieſem Sprachzimmer.“ „Ich danke,“ erwiederte Herr Jackal, der, aufs Neue umherſchauend, bemerkte, er habe inſtinctartig und als ein vollendeter General ſein Lager in einer vortrefflichen Poſition aufgeſchlagen.„Seien Sie nur wohl durch⸗ d ſt i w 2 8Sc c— ſ er, ue 191 drungen, Madame, von der Verantwortlichkeit der Vor⸗ ſteherin einer Penſion, der eine ihrer Penſionnaires fehlt, und überlegen Sie, ehe Sie auf meine Fragen ant⸗ worten.“ „Oh! mein Herr, ich kann nicht ſchmerzlicher ange⸗ griffen ſein, als ich es bin, erwiederte Madame Des⸗ marets ihre Thränen abwiſchend,„und das Ueberlegen, ehe ich antworte, iſt unnöthig, da ich nur die Wahrheit antworten werde.“ Herr Jackal machte ein kleines Zeichen der Beiſtim⸗ mung und fuhr dann fort: „Um welche Stunde gehen Ihre Penſionnaires zu Bette, Madame?“ „Im Winter um acht Uhr, mein Herr.“ „Und die Unterlehrerinnen?“ „Um neun Uhr.“ „Wachen Einige länger, als die Anderen?“ „Eine Einzige.“ „Um wie viel Uhr geht ſie zu Bette?“ „Um halb zwölf Uhr oder um Mitternacht.“ „Wo ſchläft ſie?“ „Im erſten Stocke.“ „Ueber dem Zimmer von Mademoiſelle Mina?“ „Nein; die Perſon, welche wacht, bewohnt ein Zim⸗ mer, das zugleich auf den Schlafſaal und auf die Straße geht, während das Zimmer der armen kleinen Mina auf den Garten geht.“ „Und Sie, Madame, wo wohnen Sie?“ „In einem Zimmer des erſten Stockes, das an den Salon anſtößt und auf die Straße geht.“ „Folglich geht keines von Ihren Fenſtern auf den Garten?“ „Nur mein Ankleidecabinet erhält das Licht von die⸗ ſer Seite.“ „Um wie viel Uhr ſind Sie geſtern eingeſchlafen?“ „Ungefähr gegen elf Uhr.“ 192 „Ah!“ ſagte Herr Jackal,„machen wir zuerſt die Runde um das Haus; kommen Sie mit mir, Herr Sal⸗ vator. Sie, Herr Juſtin, bleiben Sie hier und leiſten Sie Madame Geſellſchaft.“ Man gehorchte Herrn Jackal, wie man einem Heer⸗ führer gehorcht hätte. Salvator folgte dem Polizeimanne. Juſtin blieb bei Madame Desmarets; ſie fiel auf einen Stuhl und brach in ein Schluchzen aus. „Dieſe Frau iſt nicht bei der Sache betheiligt,“ ſagte Herr Jackal, während er die Freitreppe hinabſtieg und den Hof durchſchritt, um die nach der Straße füh⸗ rende Thüre zu erreichen. „Woran ſehen Sie das?“ fragte Salvator. „An ihren Thränen,“ antwortete Herr Jackal;„die Schuldigen zittern, ſie weinen nicht.“ Herr Jackal unterſuchte das Haus. Es bildete eine Ecke an der Straße und an einem einſamen, aber gepflaſterten Gäßchen. Herr Jackal folgte dieſem Gäßchen wie ein Leithund der Fährte des Wildes. Links erhob ſich in einer Länge von ungefähr fünf⸗ zig Fuß die Mauer des Gartens vom Penſionnat, über der man die Bäume erblickte. Herr Jackal ging mit einer außerordentlichen Auf⸗ merkſamkeit am Fuße der Mauer hin. Salvator folgte Herrn Jackal. Der Polizeimann betrachtete das Gäßchen, den Kopf ſchüttelnd.. „Ein ſchlimmes Gäßchen bei Nacht,“ ſagte er;„dieſe Gäßchen ſind ausdrücklich gemacht für die Entführungen und die Diebſtähle durch Einſteigung.“ Nach ungefähr fünfundzwanzig Schritten bückte ſich Herr Jackal und hob ein Stückchen Gips auf, das ſich von der Firſte der Mauer abgelöſt hatte,— ſodann ein zweites, dann ein drittes. Er betrachtete dieſe Stückchen die al⸗ ſten eer⸗ lieb und gt.“ ties üh⸗ „die nem und ünf⸗ iber luf⸗ opf ieſe gen ſich ein chen 193 einen Augenblick und wickelte ſie dann mit der größten Sorgfalt in ſein Taſchentuch. Hienach hob er ein Stück von einem zerbrochenen Ziegel auf und warf es über die Mauer, damit es jen⸗ ſeits niederfalle. „Iſt man hier paſſirt?“ fragte Salvator. „Wir werden das ſogleich ſehen,“ erwiederte Herr Jackal.„Gehen wir ins Haus zurück!“ Salvator und Herr Jackal fanden Juſtin und Ma⸗ dame Desmarets auf demſelben Platze wieder, wo ſie dieſelben verlaſſen hatten. „Nun, mein Herr?“ fragte Juſtin. „Das kocht,“ erwiederte Herr Jackal. „Oh! ich bitte, mein Herr, haben Sie etwas ge⸗ ſehen, eine Spur erkannt?“ „Sie ſind Muſiker, junger Mann, und Sie kennen folglich das Sprüchwort:„„Gehen wir nicht ſchneller als der Geiger.“ Ich bin der Geiger; folgen Sie mir; laufen Sie mir aber nicht vor!... Herr Inſtin, den Gartenſchlüſſel, wenn's beliebt.“ Juſtin übergab den Schlüſſel Herrn Jackal, ging in den Corridor und ſagte: „Hier iſt die Thüre des Zimmers von Mina.“ „Es iſt gut, gut; die Reihe kommt an Alles; wir werden uns ſpäter hiemit beſchäftigen,“ erwiederte Herr Jackal. Und er öffnete die Gartenthüre; nun blieb er auf der Schwelle ſtehen und umfaßte mit einem Blicke das Ganze der Oertlichkeiten, die er im Einzelnen unter⸗ ſuchen ſollte. „Gut!“ ſagte er,„hier muß man Vorſicht gebrau⸗ chen und marſchiren, wie wenn die Hühner ins Feld gehen! Folgen Sie mir, wenn Sie wollen, jedoch in der Ordnung, die ich Ihnen angeben werde; ich als der Erſte, Herr Salvator als der Zweite, Herr Juſtin Die Mohicaner von Paris. II. 13 N 194 als der Dritte, Madame Desmgrets als die Vierte. Das iſt es! und nun laſſen Sie uns ineinandertreten.“ Herr Jackal wandte ſich offenbar nach dem Theil der Mauer, welchen er ſchon von außen unterſucht hatte; ſtatt den Garten ſchräg zu durchſchneiden, folgte er in⸗ deſſen der Allee, welche längs der Mauer hinlief, und ihn nöthigte, einen Winkel, dem ähnlich, den das Haus und die Mauer bildeten, zu beſchreiben. Ehe er ſich entfernte, warf er über ſeine Brille einen Blick nach dem Zimmer von Mina: die Läden des⸗ ſelben waren geſchloſſen. „Hm!“ machte er. Und er ſetzte ſich in Marſch. Die mit gelbem Sande überfahrene Allee bot nichts Außerordentliches; nachdem er aber innen fünfundzwan⸗ zig Schritte rückwärts von der Mauer gemacht hatte, blieb Herr Jackal ſtehen, hob das Stück Ziegel auf, das er über die Mauer geworfen, um ſich deſſelben als eines Zeichens zu bedienen, zeigte Salvator eine friſche, in die Rabatte eingedrückte Spur und ſagte: „Wir ſind dabei!“ Richt nur die Blicke von Salvator, ſondern auch die von Juſtin und von Madame Desmarets ſenkten ſich der Richtung des Fingers von Herrn Jackal folgend. „Sie glauben alſo, hierdurch ſei das arme Kind entführt worden?“ fragte Salvator. „Das unterliegt keinem Zweifel,“ erwiederte der Polizeimann. „Mein Gott! mein Gott!“ murmelte Madame Des⸗ marets,„eine Entführung in meinem Penſionnat!“ „Mein Herr,“ ſprach Juſtin,„geben Sie uns um des Himmels willen irgend eine Gewißheit!“ „Oh! die Gewißheit; ſchauen Sie ſelbſt, mein lie⸗ ber Freund, und Sie werden ſie haben.“ Und indeß Juſtin ſchaute, zog Herr Jackal, der ſich endlich auf einer ſichern Spur fühlte, ſeine Doſe aus n.“ eil tte; in⸗ und aus rille es⸗ chts an⸗ atte, das ines „in auch nſich d. Kind e der Des⸗ s um n lie⸗ er ſich e aus 195 ſeiner Taſche und ſtopfte ſich die Naſe mit Tabak voll, während er zugleich die Erde unter ſeiner Brille durch und Madame Desmarets über ſeine Brille hin anſchielte. „Aber, mein Herr, was bemerken Sie?“ fragte Juſtin ungeduldig. „Dieſe zwei Löcher in der Erde, verbunden, wie Sie ſehen, durch eine gerade Linie.“ „Erkennen Sie nicht die Spur einer Leiter?“ fragte Salvator Juſtin. „Bravo, das iſt es!“ „Aber dieſe Querlinie?“ fuhr Juſtin fort. „Weiter, weiter,“ ſagte Herr Jackal zu Salvator. „Das iſt,“ erwiederte dieſer, die letzte Sproſſe, die ſich, wegen der Feuchtigkeit des Bodens, einen Zoll tief in die Erde eingedrückt hat.“ „Nun fragt es ſich,“ ſprach Herr Jackal,„wie viel Menſchen auf einer Leiter laſten mußten, um die Stan⸗ gen einen halben Fuß und das Querholz einen Zoll in die Erde eindringen zu machen.“ „Unterſuchen wir die Tritte,“ ſagte Salvator. „Oh! die Tritte, das iſt ſehr verworren! Es kön⸗ nen übrigens zwei Menſchen in denſelben Tritten ge⸗ gangen ſein; wir haben Burſche, welche ſich keines an⸗ dern Syſtems bedienen, um ihre Spuren zu verbergen.“ „Wie werden Sie es denn machen?“ „Das iſt ganz einfach,“ erwiederte Herr Jackal. Und er wandte ſich gegen die Vorſteherin der Pen⸗ ſion um, welche nicht viel mehr von Allem dem, was man ſagte, verſtand, als wenn man Arabiſch oder Sanscrit geſprochen hätte, und fragte ſie: „Madame, iſt eine Leiter im Hauſe?“ „Ja, die des Gärtners.“ „Wo iſt ſie?“ „Unter dem Schoppen wahrſcheinlich.“ „Und der Schoppen?“ „Dort jenes kleine mit Stroh bedeckte Gebände.“ 196 „Rühren Sie ſich nicht: ich will die Leiter ſelbſt holen. Und Herr Jackal machte mit ziemlich viel Leichtig⸗ 4 keit einen Sprung von ungefähr fünf Fuß, um über die zahlreichen Spuren zu kommen, die man ſowohl in t den Sand der Alleen, als in den umliegenden Rabatten eingedrückt ſah, und denen er, ſeinem methodiſchen Geiſte* zufolge, erſt Aufmerkſamkeit ſchenken zu wollen ſchien, wenn die Zeit, ſie zu unterſuchen, gekommen wäre. Nach einer Minute lief er mit der Leiter herbei. 6 „Verſchaffen wir uns vor Allem über Eines Sicher⸗ heit,“ ſagte Herr Jackal. Er richtete die Leiter auf und brachte die zwei d Stangen mit den zwei Löchern in Verbindung. „Gut!“ ſagte er,„hier iſt ſchon ein Beweisſtück: wir haben wahrſcheinlich die Leiter, der man ſich bedient L hat: die Leiterſtangen und die Löcher paſſen genau zu⸗ ſammen.“ „Aber ſind denn nicht alle Leitern ungefähr nach 5 demſelben Maße gemacht?“ fragte Salvator. d „Dieſe iſt breiter, als die Leitern gewöhnlich ſind. Der Gärtner hat einen Lehrling, einen Zögling, einen 4 Sohn, nicht wahr, Madame Desmarets?“ „Er hat einen Knaben von zwölf Jahren, mein Herr 1. a! „Gut! er läßt ſich von dem Knaben helfen, den er 8 wahrſcheinlich ſeine Kunſt lehrt, und er hat eine breitere ₰ Leiter gekauft, damit der Knabe zugleich mit ihm hinauf⸗ ſ ſteigen kann.“ „Mein Herr,“ ſagte Juſtin,„ich bitte Sie inſtän⸗ d dig, iaſſen Sie uns zu Mina zurückkehren!“ t. „Wir kehren zu ihr zurück, nur auf einem Umwege.“ „Ja; doch dieſer Umweg macht, daß wir Zeit d verlieren.“ „Mein lieber Herr,“ erwiederte der Polizeimann, „bei Angelegenheiten dieſer Art liegt nichts an der Zeit; 6 er in en ſte n, ei k: nt von zwei Dingen eines: entweder bringt derjenige, wel⸗ cher Ihre Braut entführt, dieſe aus Frankreich weg, und er iſt ſchon zu weit, als daß wir ihn einholen könn⸗ ten, oder er gedenkt ſie in der Umgegend von Paris zu verbergen, und in dieſem Falle werden wir, ehe drei Tage vergehen, wiſſen, wo er iſt.“ „Ah! Gott höre Sie, Herr Jackal!.. Sie ſagten aber, Sie werden erfahren, wie viel Menſchen zu der Entführung beigetragen.“ „Ich beſchäftige mich mit dieſer Unterſuchung.“ Herr Jackal richtete in der That die Leiter an der Mauer in einer Entfernung von ungefähr drei Fuß von der Stelle auf, wo die erſte Spur war: dann ſtieg er fünf bis ſechs Sproſſen hinauf, blieb aber auf jeder Stufe ſtehen, um zu ſehen, bis zu welcher Tiefe die Leiterſtangen ſich eindrückten. Die Stangen hatten ſich nicht über drei Zoll tief eingedrückt. Von der Mitte der Leiter überſchaute Herr Jackal den Garten; er erblickte einen Menſchen in einem Wammſe auf der Thürſchwelle am Corridor. „Halt! mein Freund, wer ſeid Ihr?“ rief er. „Ich bin der Gärtner von Madame Desmarets,“ antwortete der gute Mann. 3 „Madame,“ ſagte Herr Jackal,„conſtatiren Sie die Identität dieſes Menſchen und führen Sie ihn auf dem⸗ ſelben Wege, den wir genommen hatten, hierher.“ Madame Desmarets gehorchte. „Ich ſage es Ihnen, Herr Juſtin,— und ich wie⸗ derhole es Ihnen, Herr Salvator,— dieſe Frau hat keinen Antheil an der Entführung des Kindes.“ Madame Desmarets kam mit dem Gärtner zurück, der ganz verwundert war, da er in ſeinem Garten einen auf ſeiner Leiter ſtehenden Mann fand. „Mein Freund,“ fragte ihn Herr Jackal,„habt Ihr geſtern im Garten gearbeitet?“ 198 „Nein, mein Herr, es war geſtern Faſtnacht, und in einem Hauſe, das ſo wohlgeordnet iſt, wie das von Madame Desmarets, arbeitet man an Feſttagen nicht.“ „Gut! Und vorgeſtern?“ „Vorgeſtern war Montag vor Faſtnacht, und an dieſem Tage ruhe ich aus.“ „Und am vorhergehenden Tage?“ „Am vorhergehenden Tage war der Sonntag vor Faſtnacht, ein größeres Feſt als der Dienſtag.“ „Ihr habt alſo ſeit drei Tagen nicht gearbeitet?“ „Mein Herr,“ antwortete der Gärtner,„ich habe nicht Luſt, verdammt zu werden.“ „Gut! das iſt Alles, was ich wiſſen wollte; ſomit iſt Eure Leiter ſeit drei Tagen im Schoppen?“ Meine Leiter iſt nicht im Schoppen, da Sie daran hinaufgeſtiegen ſind.“ „Dieſer Burſche iſt voll Verſtand,“ ſagte Herr Jackal;„doch es gibt etwas, wofür ich ſtehe: daß er die Fntführung nicht prakticirt 14 Der Gärtner heftete ſeine Augen gans ſtarr und erſtaunt auf den Polizeimann. „Mein Freund,“ ſagte Jackal zu ihm,„macht mir nur das Vergnügen, zu mir heraufzuſteigen.“ Der gute Mann ſah Madame Desmarets an⸗ um in ihren Augen zu leſen, ob er den Befehlen dieſes Eindringlings gehorchen ſollte. „Thut, was der Herr ſagt,“ antwortete Madame Desmarets. Der Gärtner ſtieg ein paar Sproſſen hinauf. „Nun?“ fragte Herr Jackal Salvator. „Sie drückt ſich ein, doch nicht bis zum Querholze,“ erwiederte dieſer. „Steigt hinab, mein Freund,“ ſagte Herr Jackal zum Gärtner. Der brave Mann gehorchte und rief dann: „Ich bin herabgeſtiegen!“ u — — 0) 2.— 8 ran err die und mir an, eſes ame ze,“ ackal „Bemerken Sie, wie wenig dieſer Menſch ſagt, wie aber Alles, was er ſagt, gut geſagt iſt,“ ſprach Herr Jackal. Der Gärtner lachte: das Compliment ſchmeichelte ihm. „Nun, mein Freund,“ fuhr Jackal fort,„nun nehmt Madame Desmarets in Eure Arme.“ „Ho!“ machte der Gärtner. „Was ſagen Sie denn da, mein Herr?“ fragte Madame Desmarets. „Nehmt Madame in Eure Arme,“ wiederholte Herr Jackal. „Ich werde nie ſo keck ſein,“ ſagte der Gärtner. „Und ich, ich verbiete es Euch, Pierre!“ rief die Vorſteherin der Penſion. Herr Jackal ſprang von der Leiter herab. „Steigt ſo hoch hinauf als ich war,“ ſagte er zum Gärtner. Der Gärtner ſtieg ohne Schwierigkeit hinauf und nahm Platz auf der Sproſſe, welche Herr Jackal ver⸗ laſſen hatte. Dieſer näherte ſich Madame Desmarets, ſchlang einen Arm unter den Schultern, den andern unter den Kniebeugungen durch, und hob ſie von der Erde auf, ehe ſie nur Zeit gehabt hatte, die Abſicht von Herrn Jackal wahrzunehmen. „Aber, mein Herr! aber, mein Herr!“ rief Madame Desmarets,„was machen Sie denn?“ „Madame, nehmen Sie an, ich ſei verliebt in Sie, und ich entführe ſie.“ „Das iſt eine Annahme!“ rief der Gärtner, der auf ſeiner Sproſſe ſaß. „Aber, mein Herr!“ wiederholte Madame Desma⸗ rets;„aber, mein Herr!..“ „Berühigen Sie ſich, Madame,“ erwiederte Herr Jackal;„das iſt, wie unſer Freund Pierre ſagt, nur eine Annahme. 200 Und Madame Desmarets in den Armen haltend, ſtieg er vier bis fünf Sproſſen hinauf. „Sie drückt ſich ein!“ rief Salvator, mit dem Auge den Leiterſtungen folgend, welche wirklich im Boden verſchwanden. „Drückt ſie ſich bis an das Querholz ein?“ fragte Herr Jackal. „Nicht ganz.“ „Stützen Sie den Fuß auf die zweite Sproſſe,“ ſagte Herr Jackal. Salvator führte das befohlene Manoeuvre aus. „Diesmal iſt ſie genau bei demſelben Punkte wie die andere.“ „Es iſt gut,“ erwiederte der Polizeimann;„ſteigen wir Alle hinab.“ Er ſtieg zuerſt hinab, ließ Madame Desmarets wieder die ſenkrechte Linie nehmen, ermahnte Pierre, un⸗ beweglich in der Allee zu bleiben, zog die Leiter aus dem Boden, wo fie eine Spur dem benachbarten Ein⸗ drucke ähnlich, hinterließ, und ſagte dann: „Madame Desmarets iſt, wie ich mir vorſtelle, ein wenig ſchwerer, als Mademoiſelle Mina; ich, ich bin ein wenig leichter, als der Mann, der Ihre Braut wegtrug: das gibt die Ausgleichung.“ „Und Sie ſchließen hieraus?.. „Daß Mademoiſelle Mina von drei Männern ent⸗ führt worden iſt, von denen ſie zwei auf der Leiter trugen, während der dritte dieſe Leiter, den Fuß darauf ſtützend, hielt.“ „Ah!“ machte Juſtin. „Nun wollen wir zu erfahren ſuchen, mein lieber Herr, wer dieſe drei Männer waren,“ ſagte Herr Jackal. „Ah! ich begreife,“ rief der Gärtner,„man hat eine von unſeren Penſionnairen entführt.“ Herr Jackal ſenkte ſeine Brille, um Pierre nach ſeit an Bu In d, ge en gte . wie gen ets un⸗ s in⸗ ein ein ug ent⸗ iter auf eber ckal. hat nach 201 ſeiner Bequemlichkeit anzuſchauen, und als er ihn wohl angeſchaut hatte, ſagte er: „Madame Desmarets, entfernen Sie nie dieſen Burſchen von ſich: das iſt ein wahrer Schatz von Intelligenz.“ Sodann zum Gärtner: „Mein Freund, Ihr könnt Eure Leiter unter den Schoppen zurücktragen; wir bedürfen ihrer nicht mehr.“ LXXIV. Die Tritte. Während ſich der Gärtner in der Richtung des Schoppens entfernte, unterſuchte Herr Jackal, der ſeine Brille bis auf die Stirne hinaufgeſchoben hatte und ſeine Naſe mit Tabak voll ſtopfte, die Spur der Füße. Er zog aus ſeiner Taſche ein feines Meſſer, halb Federmeſſer, halb Gartenmeſſer, öffnete eine von ſeinen acht bis zehn Klingen, und ſchnitt einen Zweig ab, mit dem er die Tritte zu meſſen anfing. „Hier ſind die Spuren, die ſich von der Mauer nach dem Fenſter, und vom Fenſter nach der Mauer wenden,— hin und zurück—“ ſagte er.„Die Ent⸗ führer waren, wie es ſcheint, von den Gewohnheiten des Penſionnats gut unterrichtet, und glaubten keine große Vorſichtsmaßregeln nehmen zu müſſen; nun... Herr Jackal ſchien verlegen. „Nun,“ wiederholte der Polizeimann,„ſind hier Schuhe genan von derſelben Länge und derſelben Breite. 202 Sollte, einmal im Garten, ein einziger Menſch den Streich ausgeführt haben, und hätten die zwei Anderen gewartet?“ „Die Schuhe ſind von derſelben Breite und der⸗ ſelben Länge,“ ſagte Salvator;„doch ſie gehören nicht demſelben Fuße an.“ „Ah! ah! und woran ſehen Sie das?“ „An den Nägeln der Sohle, welche auf verſchiedene Art angebracht ſind.“ „Das iſt, bei meiner Treue, wahr!“ rief Herr Jackal;„von zwei zu zwei Schritten findet man einen Schuh mit Nägeln im Dreieck geſtellt. Einer von un⸗ ſeren Leuten iſt Freimaurer.“ Salvator erröthete leicht. Herr Jackal ſah dieſe Röthe nicht, oder er wollte ſie nicht ſehen.“ „Ueberdies,“ fügte Salvator bei,„überdies hinkte einer von den zwei Männern mit dem rechten Fuße: der Schuh iſt, wie Sie ſehen können, auf dieſer Seite mehr übertreten, als auf der andern.“ „Das iſt abermals wahr,“ erwiederte Herr Jackal. „Sind Sie vom Handwerk geweſen?“ „Nein; ich bin oder ich war vielmehr einſt Jäger.“ „St!“ machte Herr Jackal. „Was?“ fragte Salvator. „Hier iſt eine dritte Spur... Ah! ein ganz eigenthümlicher Fuß, der keine Aehnlichkeit mit den platten Füßen hat, die wir ſo eben nnterſucht; der wahre Fuß eines Weltmannes, eines Ariſtokraten, eines vornehmen Herrn oder eines Abbé.“ „Eines vornehmen Herrn, Herr Jackal!“ „Warum beſtehen Sie auf dem vornehmen Herrn? Ich würde ſehr gern bei dieſer Sache einen Abbé tref⸗ fen,“ bemerkte der Voltairianer, Herr Jackal. „Sie werden den Schmerz haben, dies nicht zu finden.“ mit ver nie no de ſel den eren der⸗ nicht dene Herr inen un⸗ te ſie inte der mehr ackal. ger.“ ganz den der eines rrn? tref⸗ t e 203 „Und warum dies?“ „Weil wir nicht mehr in der Zeit des Abbé von Gondy leben, in jener Zeit, wo die Abbé's ritten; der Mann aber, der die Spuren zurückgelaſſen, war ein Reiter: ſehen Sie hinter dem Abſatze ſeines Stiefels die kleinen Einſchnitte, die von ſeinen Sporen herrühren?“ „Sie haben Recht!“ rief Herr Jackal.„Bei mei⸗ ner Treue, mein lieber Herr Salvator, Sie ſind faſt ſo ſtark, als Einer vom Handwerk.“ „Ich bringe auch in der That einen Theil meines Lebens mit dem Beobachten zu,“ erwiederte Salvator. „Helfen Sie mir nun der Spur der Tritte bis zum Fenſter folgen.“ „Oh! das wird nicht ſchwierig ſein,“ ſagte Salvator. Und das Aufdrücken der Schuhe und der Stiefel führte Salvator und Herr Jackal gerade zum Fenſter. Juſtin folgte ihnen, ihre Blicke auffangend, ihre Worte verſchlingend. Der arme junge Mann glich einem Geizigen, wel⸗ chem man einen Schatz geſtohlen, den er ſeit zehn Jahren mit den Augen gehütet, und der, nachdem er beinahe die Hoffnung verloren, ihn ſelbſt wiederzufinden, Freunde, verſtändiger als er, die Spur ſeiner Diebe entdecken ſieht. Was Madame Desmarets betrifft, ſo war ſie ganzs niedergeſchlagen, und ſchaute maſchinenmäßig, das Auge ſtarr, die Arme träge herabhängend. Am Fenſter angelangt, drückten ſich die Tritte mit noch mehr Energie in den Boden ein, als irgend an⸗ derswo. „Wer hat mir geſagt, Sie, Madame Desmarets oder Sie, Herr Juſtin, haben die Thüre von Mademoi⸗ ſelle Mina zu öffnen geſucht?“ fragte Herr Jackal. Beide antworteten gleichzeitig: „Wir, mein Herr.“ „Und Sie fanden ſie mit dem Riegel geſchloſſen?“ 204 „Es war die Gewohnheit von Mina, ſich alle Abende einzuſchließen,“ ſagte Madame Desmarets. „Man iſt alſo durch das Fenſter hineingekommen?“ fragte Herr Jackal. „Hm!“ bemerkte Salvator, der Laden ſcheint mir ziemlich feſt geſchloſſen zu ſein.“ „Oh! es iſt nicht ſchwer, einen Laden wieder zuzu⸗ ſchlagen,“ ſagte Herr Jackal. Er verſuchte es, ihn zu öffnen. „Ah! ah!“ rief er,„der Laden iſt nicht nur zuge⸗ ſchlagen, ſondern auch von innen und mit dem Haken geſchloſſen.“ „Mir ſcheint, das iſt weniger leicht?“ fragte Salvator. „Sie ſind ſicher, daß die Thüre mit dem Riegel geſchloſſen war?“ fragte der Polizeimann Juſtin. „Oh! mein Herr, ich habe mit meiner ganzen Kraft gedrückt.“ „Sie war vielleicht nur mit dem Schlüſſel ge⸗ ſchloſſen.“ „Die Thüre lag ſowohl oben, als in der Mitte feſt an der Einfaſſung an.“ „Ti ti ti ti ti!“ trällerte Herr Jackal,„ſoll ſich der Laden mit dem Haken, die Thüre mit dem Riegel ge⸗ ſchloſſen finden, ſo müſſen die Leute, welche hierher ge⸗ kommen ſind, wirklich ſehr geſchickt geweſen ſein.“ Er rüttelte auf's Neue am Laden. „Ich kenne nur zwei Menſchen, welche im Stande ſind, durch eine geſchloſſene Thüre und ein geſchloſſenes Fenſter hinauszugehen, und wäre der Eine nicht in Breſt und der Andere in Toulon, ſo würde ich ſagen:„„Es iſt entweder Robichon oder Gibaſſier, der den Streich ausgeführt hat.““ „Es iſt alſo möglich, durch eine geſchloſſene Thüre hinauszugehen?“ fragte Salvator. „Eil mein lieber Herr, es gibt ſogar Mittel, aus einem Orte wegzugehen, der keine Thüre hat, wie das eine ſen; Ber voll bekt vor von Zim von und verſ das wor Sal war Ma find nur zehr ſen ſein ee en?“ mir zuzu⸗ zuge⸗ aen ator. tiegel Kraft ge e feſt h der lge⸗ r ge⸗ tande ſſenes Breſt „Es treich Lhüre aus e das 205 einer meiner Vorgänger, der ſelige Herr Latude bewie⸗ ſen; glücklicher Weiſe ſind aber dieſe Mittel nicht im Bereiche von Jedermann.“ Sodann, nachdem er ſeine Naſe wieder mit Tabak vollgeſtopft, ſagte Herr Jackal: „Gehen wir in's Haus zurück, Madame.“ Und das Beiſpiel gebend, ging er, ohne ſich darum zu bekümmern, ob die Höflichkeit gebot, daß man die Andern vor ſich gehen ließ, zuerſt, blieb dann vor der Thüre von Mina ſtehen und ſagte: „Sie müſſen einen doppelten Schlüſſel von jedem Zimmer haben, Madame?“ „Ja; doch das wird unnütz ſein, wenn die Thüre von innen verſchloſſen iſt.“ „Gleichviel, liebe Madame; gehen Sie immerhin.“ Madame Desmarets verſchwand einen Augenblick, und kam mit dem verlangten Schlüſſel zurück. „Hier,“ ſagte ſie. Herr Jackal ſteckte den Schlüſſel in's Schloß und verſuchte es, ihn ſich drehen zu machen. „Der andere Schlüſſel iſt innen,“ ſagte er;„doch das Schloß iſt nicht doppelt geſchloſſen.“ Sodann wie zu ſich ſelbſt: „Ein Beweis, daß die Thüre von außen geſchloſſen worden iſt.“ „Wenn aber der Riegel vorgeſchoben iſt,“ fragte Salvator,„wie konnten die Entführer, da ſie außen waren, den Riegel innen vorſchieben?“ „Man wird Ihnen das ſogleich zeigen, junger Mann; das iſt eine Erfindung von Gibaſſier, eine Er⸗ findung, der es der Burſche zu verdanken hatte, daß er nur zu fünf Jahren Galeeren verurtheilt wurde, ſtatt zu zehn: es war Rückfall, doch es war kein Einbruch. Laſ⸗ ſen Sie mir einen Schloſſer holen.“ Man ließ einen Schloſſer holen; dieſer kam mit ſeinem Brecheiſen und hob die Thüre auf. — 206 Die Thüte gab dem Drucke nach. Alle wollten in's Zimmer ſtürzen. Jackal hielt ſie jedoch die Arme ausſtreckend zurück. „Sachte! ſachte!“ ſagte er;„Alles hängt von einer erſten Unterſuchung ab; unſere Entdeckung ſchwebt an einem Faden,“ fügte er lächelnd bei, als hätten dieſe letzten Worte einen Scherz enthalten. Dann trat er allein ein, und unterſuchte das Schloß und den Riegel. Dieſe erſte Unterſuchung ſchien ihn nicht zu be⸗ friedigen. Er nahm ſeine Brille, welche das einzige Hinder⸗ niß dagegen, daß ſein Geſicht die Schärfe eines Luch⸗ ſes erlangte, zu ſein ſchien, ganz ab; alsbald trat ein Lächeln des Triumphes auf ſeinen Lippen hervor, und mit dem Daumen und dem Zeigefinger ergriff er einen faſt unſichtbaren Gegenſtand, den er an ſich zog und dann in die Luft emporhob. „Ah! ah!“ rief er mit einer freudigen Miene,„ich ſagte Ihnen doch, unſere Entdeckung ſchwebe an einem Faden; nun hier iſt dieſer Faden!“ Und die Zuſchauer erblickten in der That ein Stück⸗ chen von einem ſeidenen Faden, ungefähr fünfzehn Cen⸗ timotres lang, das zwiſchen dem Eiſen des Riegels und dem Holze der Thüre hängen geblieben war. „Hiemit hat man die Thüre geſchloſſen?“ fragte Salvator. „Ja,“ antwortete Herr Jackal;„nur war der Faden ein halbes Motre lang; was wir hier ſehen, iſt ein Stück das abgeriſſen iſt, und um das man ſich nicht beküm⸗ mert hat.“ Der Schloſſer ſchaute Herrn Jackal mit Verwun derung an. „Gut!“ ſagte er,„ich glaubte, ich kenne alle Mittel ckend einer tan dieſe chloß be⸗ inder⸗ Luch⸗ d trat r, und einen g und „ich einem Stück⸗ n Cen⸗ els und fragte Fader Stück beküm⸗ zerwun Mittel 207 die Thüren zu öffnen und zu ſchließen; es ſcheint, ich war nur ein Kind.“ „Ich fühle mich glücklich, Sie etwas zu lehren, mein Freund,“ erwiederte Herr Jackal;„Sie ſollen ſeben, wie das gemacht wird. Man nimmt den Kropf des Rie⸗ gels in einen entzweigebogenen Faden; der Faden muß lang genug ſein, daß, wenn die Thüre geſchloſſen iſt, die zwei Enden außen hervorgehen; Sie ſchließen die Thüre, Sie ziehen den Faden an, Ihr Faden zieht den Riegel an, und der Streich iſt geſpielt. Nur zerreißt zuweilen der Faden, hängt ſich an, bleibt am Riegel, und dann kommt Herr Jackal und ſagt:„„Wäre dieſer Teu⸗ fels⸗Gibaſſier nicht auf der Wieſe*), ſo wollte ich wet⸗ ten, daß er den Streich vollführt hat.““ „Herr Jackal,“ fragte Inſtin,„der nur ein ſehr ſecundäres Intereſſe an der Erklärung nahm, ſo koſtbar ſie aus dem Geſichtspunkte der Fortſchritte der Wiſſen⸗ ſchaft war,„können wir eintreten?“ „Ja, lieber Herr Juſtin,“ antwortete der Poli⸗ zeimann. Und man trat ins Zimmer ein. „Ah!“ ſagte Herr Jackal,„eine Spur von Tritten, von der Thüre zum Bette und vom Bette zum Fenſter.“ Einen Blick auf das Bett und den daran anſtoßen⸗ den Tiſch werfend, fügte er ſodann bei: „Gut! die Kleine hat ſich zu Bette gelegt; ſie hat Briefe geleſen.“ „Ah! meine Briefe!“ rief Juſtin;„theure Mina!“ „Dann hat ſie ihr Licht ausgelöſcht,“ fuhr Herr Jackal fort;„bis dahin ging Alles gut.“ „Woran erkennen Sie, daß ſie ihr Licht ausgelöſcht hat?“ fragte Salvator. „Sehen Sie, der Docht iſt noch gebogen vom —— „ Im Bagno. 208 Hauche, und der Hauch kam, nach der Biegung des Doch⸗ tes zu urtheilen, von der Seite des Bettes... Kehren wir zu den Tritten zurück, wenn es Ihnen beliebt, Herr Salvator; betrachten Sie das mit Ihren Jägeraugen.“ Salvator verbeugte ſich. „Ah! ah!“ rief er„etwas Neues, ein Frauenfuß!“ „Was ſagte ich, mein lieber Herr Salvator? „Suchet die Frau!““ Nun, hatte ich Recht?... Wir ſagen alſo, es ſei hier ein Frauenfuß.. Ja, und zwar der Fuß einer entſchloſſenen Frau, nicht nur auf der Zehe gehend, ſondern die Fläche der Sohle und den Abſaß aufdrückend. „Fügen Sie bei,“ ſagte Salvator,„daß die Frau coquette iſt, denn ſie iſt den Alleen des Gartens gefolgt, aus Angſt, ihre Stiefelchen zu beſchmutzen. Sie ſehen, daß die Spur in gelbem Sande, ohne irgend eine Mi⸗ ſchung von Kotb⸗ gezeichnet iſt.“ „Herr Salvator! Herr Salvator!“ rief der Polizei⸗ mann,„welch' ein Unglück, daß Sie den Stand gewählt haben, dem Sie angehdören. Ich mache Sie, waun Sie wollen, zu meinem Adjutanten. Rühren Sie ſich nicht von der Stelle.“ Herr Jackal verließ das Zimmer, begab ſich in den Garten, ging durch die mit Sand überfahrene Allee bis zum Fuße der Leiter und kam zurück. „Es iſt ſo,“ ſagte er,„die Frau kommt vom In⸗ neren des Hauſes, ſie geht hinaus, ſie folgt der Allee, ſie bleibt am Fuße der Mauer ſtehen, und kehrt auf demſelben Wege, den ſie genommen, ins Hans zurück. Nun will ich Ihnen erzählen, wie ſich die Sache zuge⸗ tragen hat: hätte ich es geſehen, ich wäre hierüber nicht ſicherer.“ Jedermann horchte. „Mademoiſelle Mina iſt zur gewöhnlichen Stunde ſehr traurig, aber ruhig in ihr Zimmer zurückgekommen: ſie hat ſich zu Bette gelegt:— ſehen Sie, das Bett iſt ——— kau leſet ſche Per Taſ Lip Jac da: kant bliet geſc ſchal klop liebe ſogl Nan ſond Thü ſen, Des unte welc Frer mit Di lizei⸗ vählt Sie nicht nden e bis In⸗ Allee, auf urück. zuge⸗ nicht tunde imen: ett iſt 209 kaum aus der Form gebracht!— ſie hat die Briefe ge⸗ leſen und, dieſelben leſend, geweint:— hier iſt ihr Ta⸗ ſchentuch— es iſt zerknittert wie das Taſchentuch einer Perſon, welche weint.“ „Oh! geben Sie, geben Sie!“ rief Juſtin. Und ohne abzuwarten, daß ihm Herr Jackal das Taſchentuch gab, nahm er es und drückte es an ſeine Lippen. „Sie hat ſich alſo zu Bette gelegt,“ fuhr Herr Jackal fort,„ſie hat alſo geleſen, ſie hat alſo geweint; da man aber weder immer beten, noch immer weinen kann, ſo fühlte ſie das Bedürfniß, zu ſchlafen, und ſie blies ihr Licht ans hat ſie geſchlafen? hat ſie nicht geſchlafen? das iſt von keiner Bedeutung... Nur ge⸗ ſchah, als das Licht ausgeblaſen war, Folgendes; Man klopfte an die Thüre...“ „Wer, mein, Herr,“ fragte Madame Desmarets. „Ahl Sie wollen mehr wiſſen, als ich ſelbſt weiß, liebe Madame! Wer? Vielleicht werde ich es Ihnen ſogleich ſagen. Die Frau in jedem Falle.“ „Die Frau?“ murmelte Madame Desmarets. „Die Fran, die Tochter, die Mutter; unter dem Namen Frau bezeichne ich hier nicht das Individuum, ſondern die Gattung. Die Fran klopfte alſo an die Thüre; Mina ſtand auf und öffnete.“ „Wie ſoll aber Mina geöffnet haben, ohne zu wiſ⸗ ſen, wer klopfte?“ ſagte Madame Desmarets. „Wer ſagt Ihnen, Sie habe das nicht gewußt?“ „Sie hätte einer Feindin nicht geöffnet“ „Nein; aber einer Freundin... Ah! Madame Desmarets, werde ich ſo glücklich ſein, Sie davon zu unterrichten, daß wir in der Penſion Freundinnen haben, welche furchtbare Feindinnen ſind? Sie öffnete alſo ihrer Freundin, hinter der Freundin kam der junge Mann mit den kleinen Stiefeln und den Sporenz hinter dem Die Mohicaner von Paris. III. 14 ——— 210 Manne mit den kleinen Stiefeln und den Sporen der Mann mit den im Dreiecke genagelten Schuhen... Wie legte ſich die kleine Mina zu Bette?“ „Ich verſtehe nicht,“ erwiederte Madame Desmarets, an weſche die Frage gerichtet war. „Ich frage, was für Kleider ſie getragen habe.“ „Im Winter das Hemd und ein großes Nachtge⸗ wand.“ „Gut! man hat ihr ein Sacktuch um den Mund gebunden, man hat ſie in einen Shawl oder in eine Decke gehüllt,— ſehen Sie am Fuße ihres Bettes ihre Strümpfe und ihre Schuhe, auf dieſem Stuhle ihr Kleid und ihre Unterröcke;— und man hat ſie durch das Fen⸗ ſter weggeſchleßpt, wie ſie war.“ „Durch das Fenſter?“ fragte Juſtin;„warum uicht durch die Thür?“ „Weil man den Flurgang durchſchreiten mußte, weil das Geräuſch gehört werden konnte und es überdies viel einfacher war, daß die zwei Zimmer befanden, das Kind zu dem Manne trugen, der im Garten wartete. Und dann,“ fuhr Herr Jackal fort, „ſo gut das Fenſter und der Laden auch geſchloſſen ſind⸗ es ſindet ſich der Beweis, daß die Kleine hier durch⸗ paſſirt iſt, und ſogar, daß ſie nicht freiwillig paſſirt iſt.“ Männer, die ſich im Herr Jackai zeigte ein weites Loch am Mouſſeline⸗ vorhang; die Hand, die ſich daran angeklammert, hatte das fehiende Stück herausgeriſſen. „Die Kleine wurde alſo durch das Fenſter und über die Mauer weggetragen; hienach brachte die im Hauſe gebtiebene Perſon die Leiter wieder unter den Schoppenz ſie kehrte dann zurück, ſchloß von innen den Laden und das Fenſter, ſchlang einen ſeidenen Faden um den Knopf des Riegels, zog die Thüre zuerſt an, den Faden ſodann, und ging ruhig wieder hinauf, um ſich zu Bette zu legen. od He di di m! der Wie rets, „ ige⸗ Rund eine ihre Kleid Fen⸗ nicht weil erdies h im , der fort, ſind, durch⸗ t iſt.“ ſeline⸗ hatte und ie im den n den Faden ſt an, f, um 211 „Sie mußte aber in den Schlafſaal zurückkehrend, oder aus demſelben weggehend, geſehen werden?“ „Sind in Ihrem Hauſe keine andere Penſionnaires, die ihr beſonderes Zimmer haben, wie Mademoiſelle Mina das ihre hatte?“ „Eine Einzige.“ „Dann hat dieſe die Sache gemacht! Mein lieber Herr Salvator, die Frau iſt gefunden.“ „Wie, Sie nehmen an, die Freundin von Mina ſei die Urſache dieſer Entführung?“ „Ich ſage nicht die Urſache, ich ſage die Mitſchul⸗ dige; ich nehme nicht an, ich verſichere.“ „Suſanne!“ rief Madame Desmarets. „Madame,“ ſprach Juſtin,„glanben Sie mir, das muß ſo ſein.“ „Was kann Ihnen aber einen ſolchen Gedanken eingeben, mein Herr?“ „Die Antipathie, die ich gegen die junge Perſon das erſte Mal, da ich ſie ſah, empfunden. Oh! Ma⸗ dame, es war mir eine Ahnung, ſie werde an einem großen Unglück, das mich treffe, Schuld ſein. Sobald dieſer Herr von einer Frau ſprach,“ fuhr Juſtin auf Herrn Jackal deutend fort,„denke ich an Fräulein Su⸗ ſanna; ich hätte es nicht gewagt, ſie anzuklagen, doch ich hatte ſie im Verdachte. Um des Himmels willen, mein Herr, laſſen Sie dieſe junge Perſon kommen, und bringen Sie ſie zum Geſtändniß.“ „Nein,“ erwiederte Herr Jackal,„laſſen wir ſie nicht kommen; gehen wir vielmehr zu ihr... Madame, wollen Sie uns in die Wohnung dieſes Fräuleins führen.“ Madame Desmarets hatte Herrn Jackal gegenüber jede Widerſtandsvelleität verloren; ſie machte auch nicht die geringſte Bemerkung, ging voran und bezeichnete den Weg. 2¹2 Das Zimmer von Fräulein Suſanne lag im erſten Stocke, am Ende des Flurganges. „Klopfen Sie an, Madame,“ ſagte leiſe Herr Jackal. Madame Desmarets klopfte an, doch es antwortete Niemand. „Sie iſt vielleicht in der Elf⸗Uhr⸗Recreation,“ ſprach Madame Desmarets.„Soll ich ſie rufen?“ „Nein,“ antwortete Herr Jackal;„treten wir zuerſt in das Zimmer ein.“ „Der Schlüſſel ſteckt nicht in der Thüre.“ „Sie haben aber, wie Sie uns ſagten, einen zwei⸗ ten Schlüſſel von allen Zimmern?“ „Ja, mein Herr.“ „Nun wohl, Madame, ſo holen Sie den zweiten Schlüſſel vom Zimmer von Fräulein Suſanne, und be⸗ gegnen Sie dieſer jungen Perſon, kein Wort von dem, was man von ihr will.“ Madame Desmarets bedeutete durch ein Zeichen, man könne auf ihre Discretion zählen, und ging die Treppe hinab.. Nach einigen Secunden kam ſie mit dem Schlüſſel wieder herauf und übergab ihn Herrn Jackal. Die Thüre öffnete ſich. „Meine Herren,“ ſagte Herr Jackal,„erwarten Sie mich im Corridor; es genügt⸗ daß Madame Desmarets und ich eintreten.“ Der Polizeimann und die Vorſteherin der Penſion traten allein ein. „Wohin ſtellt Fräulein Suſanne ihre Fußbeklei⸗ dung?“ fragte Herr Jackal. „Dahin,“ antwortete Madame Desmarets ein Ca⸗ binet bezeichnend. Herr Jackal trat in das Cabinet ein, nahm von einem Brette ein paar Stiefelchen von ſaphirblauem La⸗ ſting und betrachtete die Sohle. S fro ſor bot St ich ten al. tete ach erſt vei⸗ iten be⸗ em hen, die üſſel Sie rets nſion eklei⸗ von La⸗ 213 Die Sohle hatte in ihrer ganzen Länge den gelben Sand der Allee an ſich behalten. „Kommen die Penſionnairs in den Obſtgarten?“ fragte Herr Jackal Madame Desmarets. „Nein, mein Herr,“ erwiederte dieſe;„der Obſt⸗ garten, der auf das öde Gäßchen geht, iſt zwar nicht ſorgfültis verſchloſſen, aber den Penſionnaires ſtreng ver⸗ oten.“ „Es iſt gut,“ ſagte Herr Jackal, während er die Stiefelchen wieder an ihren Platz ſtellte;„ich weiß, was ich wiſſen wollte. Wo denken Sie nun, daß Fräulein Suſanne ſei?“ „Aller Wahrſcheinlichkeit nach im Recreationshofe.“ „Welches Zimmer Ihrer Anſtalt geht auf den Hof?“ „Der Salon.“ „Gehen wir in den Salon, Madame.“ Und er entfernte ſich aus dem Zimmer von Suſanne und überließ Madame⸗Desmarets die Sorge, die Thüre zu ſchließen. „Nun?“ fragten gleichzeitig Salvator und Juſtin. „Nun,“ antwortete Herr Jackal, eine coloſſale Priſe Tabak in ſeine Naſe ſtopfend,„ich glaube, wir haben die Frau!“ LXXV. Die Valgeneuſe. Man ſtieg in den Salon hinab. Der Salon ging auf den Recreationshof, wie Ma⸗ dame Desmarets geſagt hatte, und alle Penſionnaires 214 benützten einen Sonnenſtrahl, ſo bleich er war, um ein iice Luft im Hofe zu ſchöpfen. ſche in Mädchen größer als die andern ging beiſeit K ſpazieren. übe Durch die Glasſcheiben der auf die Freitreppe geh⸗ Sa enden Thüre, umfaßte Herrn Jakal das Gemälde mit nen Blicke, die einfame Spaziergängerin zog ſein Auge Kle auf ſich. „Iſt es nicht Fräulein Suſanne, die ich dort unter ſag jener Lindenallee erblicke?“ fragte er. „Sie iſt es,“ erwiederte Madame Desmarets. Ihr „Run, Madame, ſo haben Sie die Güte, ihr zu ſchi winken, daß ſie komme.“ die „Ich weiß nicht, ob ſie kommen wird.“ dru „Wie, Sie wiſſen nicht, ob Sie kommen wird?“ „Nein.“ her „Und warum würde Sie nicht kommen?“ „Suſanne iſt ſehr ſtolz.“ Me „Winken Sie ihr immerhin, Madame,“ ſagte Herr be ( Jackal,„und kommt Sie nicht, ſo werde ich ſie holen.“ Madame Desmarets trat auf die Freitreppe hinaus und machte mit der Hand Suſanne ein Zeichen, ſie möge zu kommen. Suſanne ſchien ſie nicht zu ſehen. tra „Sie iſt vielleicht nicht taub, wenn ſie blind iſt; ru⸗ fen Sie.“ erb „Suſanne!“ rief Madame Desmarets. ren Das Mädchen wandte ſich um. „Haben Sie die Güte zu kommen, mein Kind,“ ſagte in die Vorſteherin der Penſion;„man verlangt nach Ihnen.“ ſch Fräulein Suſanne näherte ſich, aber langſam und ſer mit einer ſehr hoffärtigen Miene. Herr Jackal und Salvator hatten alle Zeit, ſie for⸗ 3 ſchend durch die OHeffnung des Vorhangs zu betrachten. Was Juſtin betrifft, er kannte ſie. naſ ein ſeit geh⸗ mit luge uter r zu Herr len.“ naus möge zru⸗ ſagte nen.“ und e for⸗ ten. „Es iſt ſeltſam,“ ſagte Salvator,„dieſes Geſicht ſcheint mir nicht ganz unbekannt.“ „Was ſagen Sie von ihr!“ fragte Herr Jackal, der über ſeine Brille mit nicht weniger Aufmerkſamkeit als Salvator geſchaut hatte. „Ich wollte meine Hand ins Feuer ſtrecken, daß dieſe Kleine eine boshafte Creatur iſt.“ „Ich würde meine Hand nicht ins Feuer ſtrecken,“ ſagte Herr Jackal,„weil es immer unklug iſt, ſeine Hand ins Feuer zu ſtrecken; doch ich bin darum nicht minder Ihrer Auſicht: der Mund iſt zuſammengepreßt, das Auge ſchön, aber ſtarr und hart. Im Ganzen ſehen Sie in dieſem Momente, wo ſie unruhig iſt, den ſchlimmen Aus⸗ druck, den ihre Phyſiognomie angenommen hat.“ Mittlerweile ſtieg Suſanne die Stufen der Freitreppe herauf und kam zu Madame Desmarets. „Sie haben mir die Ehre erwieſen, mich zu rufen, Madame!“ ſagte die junge Perſon mit einer Miene, die ihren Worten die Bedentung gab:„Ich glaube, Madame, Sie haben ſich erlaubt, mich zu rufen!“ „Ja, mein Kind, denn es iſt hier Jemand, der Sie zu ſprechen wünſcht.“ Suſaune ging an Madame Desmarets vorüber und trat in den Salon ein. Als ſie Juſtin in Begleitung von zwei Unbekannten erblickte, konnte ſie ſich eines leichten Bebens nicht erweh⸗ ren, doch ihr Geſicht blieb unempfindlich. „Mein Kind,“ ſagte Madame Desmarets ſichtbar in Verlegenheit gebracht durch den Zorn, den ſie in den ſchwarzen Angen ihrer Penſionnaire glänzen ſah.„Die⸗ ſer Herr hat einige Fragen au Sie zu machen.“ Und ſie bezeichnete Herrn Jackal. „Fragen an mich?“ verſetzte hoffärtig Suſanne: „ei! ich kenne den Herrn nicht.“ „Der Herr iſt ein Repräſentant der Behörde,“ ſagte raſch Madame Desmarets. 216 „Ein Repräſentant der Behörde,“ erwiederte Suſanne „und was habe ich mit der Behörde zu thun?“ „Beruhigen Sie ſich, meine liebe Suſanne,“ ſprach Madame Desmarets;„es handelt ſich um Mina.“ „Nun, was dann?“ Herr Jackal glaubte, es ſei für ihn Zeit, ſich in das Geſprach zu miſchen. „Was dann, mein Fräulein? dann wünſchen wir einige Auskunft über Mademoiſelle Mina zu erhalten.“ „Ueber Mademoiſelle Mina? Ich vermag Ihnen nur die Auskuft zu geben, die ihnen dieſer Herr geben könnte.“ Und ſie deutete auf Juſtin. „Das heißt, daß er ſie einmal Abends in einem Kornfelde gefunden, daß er ſie mit ſich nach Hauſe ge⸗ nommen hat, und daß er auf dem Punkte war, ſie zu heirathen, als von Ronen ich weiß nicht was für Nach⸗ richten von einem unbekannten Vater ankamen, welche die Heirath verhinderten.“ Herr Jackal hörte und betrachtete dieſe Creatur, die er zum Voraus als allen ſchlimmen Leidenſchaften des Lebens hingegeben beurtheilte, mit einer Reugierde, welche bei jedem von ihr ausgeſprochenen Worte einen Schritt auf dem Wege der Bewunderung machte. „Nein, mein Fräulein,“ ſagte er;„nicht hierübér wünſchen wir Details zu erhalten, über etwas Anderes.“ „Iſt es etwas Anderes, ſo befragen Sie Mademvi⸗ ſelle Mina ſelbſt, denn ich habe Ihnen ſoeben Alles ge⸗ ſagt, was ich von ihr weiß.“ Leider, mein Fräulein, können wir Ihren Rath nicht befolgen, ſo gut er auf den erſten Angenblick zu ſein ſcheint.“ „Und warum nicht?“ fragte Suſanne. „Weil Mademoiſelle Mina heute Nacht entführt wor⸗ den iſt⸗“ „Ah! wahrhaftig? Arme Mina!“ ſagte Suſanne rde, inen über es.“ moi⸗ Rath ſein wor⸗ anne 217 mit einem ſpöttiſchen Tone, der Juſtin einen Schrei des Zornes ausſtoßen und Salvator die Stirne runzeln machte. Herr Jackal, den dieſe Art, zu antworten, ſichtbar reizte, bedeutete nichts deſto weniger den zwei jungen Leuten durch ein Zeichen, ſie mögen ſich bewältigen. „Und ich dachte,“ ſprach er,„Sie, mein Fräulein, ihre vertraute Freundin, könnten uns einige Auskunft über ihr Verſchwinden geben.“ „Sie täuſchen ſich, mein Herr,“ erwiederte Suſanne, „und ich habe Ihnen nichts über das Verſchwinden mei⸗ ner vertrauten Freundin zu ſagen, da ich ebenſo wenig von der Urſache und den Einzelnheiten dieſes Verſchwindens weiß, als ich vorher etwas vom Verſchwin⸗ den ſelbſt wußte.“ „Mein Fräulein,“ ſprach Salvator,„denken Sie an die Verzweiflung, in welche dieſe Entführung ein⸗ mal einen Bräutigam und dann eine Mutter und eine Schweſter verſenkt, die ſich daran gewöhnt hatten, Ma⸗ demoiſelle Mina als ihre Tochter und ihre Schweſter zu betrachten.“ „Ich begreife die Verzweiflung dieſes Herrn und ich bemitleide ihn, ſowie ſeine Familie von ganzer Seele; doch was ſoll ich hiebei machen! Ich habe Mademviſelle Mina geſtern Abend um halb neun Uhr, das heißt in dem Augenblicke, wo ſie in ihr Zimmer zurückkehrte ver⸗ laſſen, und ich habe ſie ſeitdem nicht wiedergeſehen. Wol⸗ len Sie nun ſo gut ſein, mir zu ſagen, meine Herren, ob das Alles iſt, was Sie mich zu fragen haben.“ „Dieſer hoffärtige Ton ſteht einem Mädchen von Ihrem Alter ſchlecht an, mein Fräulein!“ ſprach mit ſtrengem Tone Herr Jackal, indem er ſeinen Ueberrock öffnete und ein Ende ſeiner Schärpe ſehen ließ,„und be⸗ ſonders wenn ſich dieſes Mädchen einem Manne, der das Geſetz repräſentirt, gegenüber befindet.“ „Warum ſagten Sie nicht ſogleich, Sie ſeien Poli⸗ zeicommiſſär, mein Herr!“ verſetzte Suſanne mit einer bewunderungswürdig frechen Miene:„man hätte Ihnen mit allen Rückſichten geantwortet, die man einem Poli⸗ zeicommiſſär ſchuldig iſt.“ „Kürzen wir das ab, mein Fräulein,“ ſagte Herr Jackat.„Ihr Name, Ihre Eigenſchaften, Ihr Stand?“ „Das iſt alſo ein Verhör?“ fragte Suſanne. „Ja, mein Fräulein.“ „Mein Name?“ ſagte ſie,„ich heiße Suſanne von Valgeneuſe; meine Eigenſchaften? ich bin die Tochter des Herrn Marquis Denis Réné von Valgeneuſe, Pair von Frankreich; Nichte von Herrn Louis Elément von Val⸗ geneuſe, Cardinal am römiſchen Hofe und Schweſter des Grafen Lorsdan von Valgeneuſe, Lientenant bei den Garden; mein Stand? ich bin Erbin von einer halben Million Einkünfte. Dies, mein Herr, ſind mein Stand, meine Namen, und meine Eigenſchaften.“ Dieſe mit einer wahrhaft koniglichen Geringſchätzung gegebene Antwort brachte eine verſchiedene Wirkung auf die drei Männer hervor, die ſie hörten, eine Wirkung, welche Madame Desmarets, ganz niedergeſchlagen, durch das, was bei ihr vorging, nicht bemerkte. Juſtin ſchauerte, denn er begriff ſeine, des armen, unbekannten, im Quartier Saint⸗Jacques verlorenen, Schulmeiſters, Unmacht gegen dieſe hohe ariſtokratiſche Familie, an die er angeſtoßen. „Suſanne von Valgeneuſe!“ ſagte Herr Salvator, der einen Schritt vortretend, das Mädchen mit einem halb neugierigen, halb drohenden Auge betrachtete. „Fräulein Suſanne von Valgenenſe!“ wiederholte Herr Jackal zurückweichend, wie es ein Menſch hätte thun können, der bemerkt, daß er auf eine Schlange zu tre⸗ ten im Begriffe iſt. Dann knöpfte er langſam ſeinen Ueberrock zu und ſchien einen Augenblick nachzudenken. Das Reſultat ſeiner Reflexionen war, daß er ehr⸗ nid daf Oh wi leb kla rig mi ſar wi en li⸗ on es on U⸗ en en id, ng uf ig⸗ rch en, eu, che or, em olte hun tre⸗ und hr⸗ 219 erbietig ſeinen Hut abzog und mit der höflichſten Miene, die er annehmen konnte, zu Suſanne ſagte: „Verzeihen Sie, mein Fräulein, ich wußte aber nicht „Ja, ich begreife, mein Herr: Sie wußten nicht, daß ich die Tochter meines Vaters, die Richte meines Oheims, die Schweſter meines Bruders war; gut, Sie wiſſen es nun; vergeſſen Sie es nicht.“ „Mein Fräulein,“ ſprach Herr Jackal,„ich bedaure lebhaft, daß ich Ihnen mißfallen mochte. Ich bitte Sie, klagen Sie wegen meiner Beharrlichkeit nur die trau⸗ rigen Pflichten an, welche zu erfüllen, meine Functionen mich nöthigen.“ „Schon gut! mein Herr,“ antwortete trocken Su⸗ ſanne.„Iſt das Alles, was Sie mich zu fragen hatten?“ „Ja, mein Fräulein; doch laſſen Sie mich Ihnen wiederholen, daß ich in Verzweiflung bin, Sie beleidigt zu haben, und erlauben Sie mir, zu hoffen, Sie wer⸗ den keinen Groll gegen mich hegen wegen des albernen Handwerks, das die Juſtiz mich zu treiben verurtheilt.“ „Ich werde Sie zu vergeſſen ſuchen, mein Herr,“ ſagte Suſanne, indem ſie ſich zurückzog. Und ohne Jemand zu grüßen, verließ ſie den Sa⸗ lon, nicht um wieder in den Garten zu gehen, ſondern um in ihr Zimmer hinaufzuſteigen. Herr Jackal, der ſich an ihrem Wege fand, wich einen Schritt zurück und verbeugte ſich tief. Juſtin ſtarb vor Begierde, Suſanne zu erwürgen; denn mehr als je ſchien es ihm klar, daß Fräulein von Valgeneuſe an der Entführung ſeiner Braut Theil gehabt hatte. Salvator näherte ſich ihm, ergriff ſeine Hände und agte: „Schweigen Sie; keine Bewegung, keine Geberde!“ „Es iſt aber Alles verloren!“ flüſterte Juſtin. „Richts iſt verloren, ſo lange ich Ihnen ſage: 220 „Hoffen Sie, Juſtin!““ Ich kenne dieſe Valgenenſe, und ich wiederhole Ihnen, nichts iſt verloren; nur ver⸗ geſſen Sie den Namen Gibaſſier nicht.“ Sodann ſich gegen Herrn Jackal umwendend, fragte er: „Ich glaube, wir haben nichts mehr hier zu thun, nicht wahr, mein Herr?“ „In der That,“ antwortete Herr Jackal, ziemlich verlegen, indem er ſeine Brille in der Höhe der Augen befeſtigte,„in der That, ich glaube, wir werden nicht mehr erfahren, als was wir wiſſen.“ „Ja,“ ſagte Salvator,„und wir wiſſen genug.“ Herr Jackal gab ſich den Anſchein, als hörte er nicht, näherte ſich der Vorſteherin der Penſion, die über die Wendung, welche die Sache genommen, ganz beſtürzt war, und ſprach zu ihr: „Madame, ich habe die Ehre, Sie achtungsvoll zu grüßen.“ Sodann ganz leiſe: „Wiederholen Sie Fräulein von Valgeneuſe, ich ſei gezwungen geweſen, zu thun, was ich gethan habe, und ich bitte Sie inſtändig, meinen Beſuch als nicht geſche⸗ hen zu betrachten.“ „Als nicht geſchehen, ich verſtehe, ja, mein Herr.“ Hienach verbeugte ſich Herr Jackal zum zweiten Male vor Madame Desmarets, und ging dann ab, in⸗ dem er Juſtin und Salvator ihm zu folgen winkte. Salvator, wie man geſehen, ohne Zweifel in der Hoffnung, es werde ihm, ohne die Mitwirkung von Herrn Jackal gelingen, Juſtin mit Mina wieder zu ver⸗ einigen, ſchien ſeinen Entſchluß hinſichtlich der Meta⸗ morphoſe des Polizeimanns gefaßt zu haben; nicht ſo war es aber bei Juſtin, der ſich einen Angeublick, nach den Worten von Herrn Jackal ſelbſt, auf der Spur ſei⸗ ner armen Entführten geſehen hatte. An der Hausthüre ſagte er auch: der die Fra Fré mit hol— deu mic Her Ge von ſan ſtre ſag geh rief von viel ſe, er⸗ nd, in, ich en cht ht, die rzt zu ſei ind he⸗ . ten in⸗ der von er⸗ ta⸗ ſo ach ſei⸗ 221 „Verzeihen Sie, Herr Jackal...“ „Was ſteht zu Ihren Dienſten, mein Herr?“ fragte der Polizeimann. „Mir ſchien, nachdem Sie uns geſagt:„„Suchet die Frau!““ haben Sie geſagt:„„Wir haben die Frau!““ und Sie haben beigefügt:„Dieſe Frau iſt Fräulein Suſanne.““ „Habe ich das geſagt?“ fragte der Polizeimann mit erſtaunter Miene. „Sie haben es geſagt, mein Herr, und ich wieder⸗ hole nur Ihre eigenen Worte.“ „Herr Juſtin, Sie müſſen ſich täuſchen.“ „Ich berufe mich auf Herrn Salvator.“ Herr Jackal warf Salvator einen Blick zu, der be⸗ deutete:„Sie, der Sie mich begreifen, entziehen Sie mich der Verlegenheit.“ Salvator begriff wirklich Herrn Jackal, jedoch ohne ihn zu entſchuldigen; er war daher unbarmhetzig: „Bei meiner Treue,“ erwiederte er,„mein lieber Herr Jackal, ich muß geſtehen, daß Sie, wenn mein Gedächtniß genan iſt, wirklich geſagt haben, was Ihnen von Herrn Juſtin wiederholt worden iſt: Fräulein Su⸗ ſanne ſei die Mitſchuldige der Eutführung.“ „Ich!“ verſetzte Herr Jackal ſeine Lippen vor⸗ ſtreckend,„man hat immer Unrecht, dergleichen Dinge zu ſagen, ehe ſie bewieſen ſind. Mitſchuldig! habe ich ge⸗ ſagt, das Mädchen ſei mitſchuldig, ſo habe ich Uurecht gehabt.“ „Aber, mein Herr, Sie haben ſie zuerſt angeklagt!“ rief Juſtin;„erinnern Sie ſich doch deſſen, was Sie von ihr im Zimmer der armen Mina ſagten?“ „Angeklagt iſt nicht das richtige Wort; beargwohnt vielleicht, und auch dies... „Alſo Sie argwohnen nicht einmal mehr?“ „Das heißt, ich bin tauſend Meilen davon entfernt, ſie zu beargwohnen! Die arme Unſchuldige! Gott be⸗ hüte mich hievor!“ „Und dieſe zuſammengepreßten Lippen,“ ſagte Sal⸗ vator,„und dieſes harte Ange, und dieſe ſchlimme Phy⸗ ſiognomie?“ „Ich hatte ſie ſo in der Eutfernung geſehen; doch in der Nähe hat ſich Alles verändert: die Lippe iſt an⸗ muthig, das Auge ſtolz⸗ die Phyſiognomie würdig und erhaben.“ Sodann, da ſich Juſtin nicht mit dieſer Apologie zu begnügen ſchien, weſche, nach der erſten von Herrn Jackal über Fräulein von Valgeneuſe ausgeſprochenen Meinung, ſeltſam erſcheinen konnte, ſagte er, während er ſich in ſeinen Wagen flüchtete: „Beſuchen Sie mich, Herr Juſtin, beſuchen Sie mich binnen acht Tagen auf der Polizeipräfectur: wahr⸗ ſcheinlich werde ich Ihnen eine gute Kunde zu geben ha⸗ ben; ſogleich heute Abend, bei meiner Ankunft, werde ich alle meine Leute ins Feld rücken laſſen.“ „Kehren Sie nach Hauſe zurück, Juſtin,“ ſprach Salvator, dem armen Schulmeiſter herzlich die Hand drückend,„und ich übernehme es, Ihnen, ehe vierund⸗ zwanzig Stunden vergehen, zu ſagen, was Sie zu hoffen oder zu fürchten haben.“ Als er ſodann Herrn Jackal ſeinen Wagen ſchließen ſah: „Nun! Herr Jackal, was machen Sie denn? Sie haben mich hierher gebracht, Sie müſſen mich wieder zurückführen. neberdies,“ fügte er bei, während er bei Herrn Jackal Platz nahm, und den Wagenſchlag an ſich zog,„überdies habe ich mit Ihnen über die Valgeneuſe zu reden.“ „Nach Paris!“ rief Herr Jackal, der offenbar lieber den Weg ganz allein gemacht hätte. Der Wagen ging in ſtarkem Trabe der Pferde ab. ſch zu un eir fre ha B ſa al⸗ y⸗ och an⸗ und zu rn nen der Sie ahr⸗ ha⸗ erde rach an und⸗ offen agen Sie ieder r bei ſich neuſe ieber ab. 223 Juſtin kehrte traurig, niedergeſchlagen, und nur ſchwach auf das Verſprechen von Salvator zählend, zurück.„ LXXVI. Wo der Leſer gebeten wird, nicht eine Zeile zu überſpringen. Herr Jackal hatte ſich in eine Ecke des Wagens gedrückt; Salvator ſaß in der andern. Der Wagen rollte raſch fort. Salvator ſchien trotz deſſen, was er Platz nehmend geſagt hatte, entſchloſſen, den Lauf der Reflexionen von Herrn Jackal nicht zu unterbrechen; nur hätte man glauben ſollen, er bewoche ihn nnabläſſig mit den Blicken: dieſes ſpöttiſche, faſt verächtliche Auge begegnete Herrn Jackal, ſo oft er ſeine Augen aufſchlug. Endlich kam ein Moment, wo die Erklärung, welche Salvator von ihm, zu verlangen geſchienen hatte, dem Polizeimann weniger peinlich dünkte, als dieſes Still⸗ ſchweigen. Rachdem er abwechſelnd ſeine Brille emporgehoben und geſenkt hatte, nachdem er mit wachſender Energie ein paar Priſen Tabak genommen, entſchloß er ſich und fragte den Commiſſionär interpellirend: „Sagten Sie mir nicht, lieber Herr Salvator, Sie haben mit mir über die Valgenenſe zu reden?“ „Ich wollte Sie fragen, mein lieber Herr Jackal, was Sie veranlaßt habe, ſo raſch Ihre Meinung, in Betreff der Kleinen, zu ändern... Soll ich das Wort ſagen, Herr Jackal?“ 224 „St! wir ſind nun wir zwei: Sie ſind ein verſtändiger Mann; nicht verliebt.. „Wer ſagt Ihnen das?“ „Wenigſtens nicht verliebt in ein entführtes Mäd⸗ chen; ſo daß Sie nicht den Kopf verloren haben und begreifen können.“ „Ich habe auch vollkommen begriffen!“ „Was haben Sie begriffen 5 „Daß Sie Furcht hatten, lieber Herr Jackal.“ „Dafür ſtehe ich Ihnen!“ ſeufzte der Polizeimann, der wenigſtens den Muth ſeiner Feigheit beſaß;„als nämlich dieſes Mädchen ſeinen Namen nannte, durchlief ein Schauer meine Adern.“ „Herr Jackal, ich glaubte, der erſte Artikel des Codex ſei der:„„Alle Menſchen ſind gleich vor dem Geſetze.“ „Lieber Herr Salvator, man ſetzt dergleichen Ar⸗ tikel in alle Codices, wie man oben an die königlichen Ordonnanzen ſetzt.„Karl von Gottes Gnaden, König von Frankreich und Marmora.““ Ludwig XVI. ge⸗ brauchte auch dieſe Formel, und wer hat ihm den Kopf abgehauen? Wo ſehen Sie denn die Gnade Gottes, mein lieber Herr Salvator, in dem, was auf dem Re⸗ volutionsplatze am 21. Januar 1793, Nachmittags um vier Uhr, vorfiel?“ „So daß Sie ſich zum Voraus,— und zwar, weil ſie einer Entführung, welcher Sie dieſelbe vollkommen unſchuldig wiſſen, eine junge Perſon anklagen, die Sie ſelbſt für fähig halten, eines Tages ein großes Verbres chen zu begehen,— ſchon abgeſetzt, eingekerkert, und, wer weiß? vielleicht in Ihrem Gefängniß erdroſſelt ſehen, wie Touſſaint Lonverture oder Pichegru.“ „Scherzen Sie nicht, Herr Salvator: bei Ehreiworte, ich habe an Alles das, was Sie ſagen, gedacht.“ „Dieſe Valgeneuſe ſind alſo ſehr mächtige Leute?“ meinem quis dine tenc vatt das ſtal id⸗ nd nn, als lief des em Ar⸗ hen nig ge⸗ opf. 3 es Re⸗ weil men Si bre⸗ ind, ſſelt nem gen, e2“ 225 „Ei! mein lieber Herr, da iſt vor Allem der Mar⸗ quis, der das Ohr des Königs hat; ſodann der Car⸗ dinal, der das Ohr des Papſtes hat; ferner der Lien⸗ tenant „Der das Ohr des Teufels hat!“ unterbrach Sal⸗ vator.„Ah! ich begreife. Iſt nicht außerdem Alles das, ich weiß nicht welcher Geſellſchaft, affiliirt?“ Herr Jackal ſchaute Salvator an. „Ei! ja. Iſt der Marquis nicht endlich einer der Protertoren von Saint⸗Achenl*), und hat er nicht bei den letzten Proceſſionen eine der Troddeln vom Himmel getragen?“ Herr Jackal ſchüttelte den Kopf von oben nach unten. „Wie ſeltſam iſt das!“ ſagte Salvator; zund ich glaubte, die Jeſuiten ſeien eine Erfindung des Conſti⸗ tutionnel!“ „Ah! miſche!“ rief Herr Jackal mit dem Tone eines Menſchen, der ſagen würde:„Armes Kind, wie naiv ſind Sie!“ „So daß Sie glauben, lieber Herr Jackal,“ fuhr Salvator fort,„es wäre Gefahr dabei, ſich an dieſen Leuten zu reiben?“ „Sie kennen die Fabel vom irdenen Topfe und vom eiſernen Topfe!“ „Nun, ſo machen Sie die Anwendung.“ „Aber,“ fragte Salvator,„hatte denn der Chef der Familie, der vor fünf bis ſechs Jahren ſtarb, keine Kin⸗ der, daß das ganze Vermögen an ſeinen Bruder über⸗ gegangen iſt?⸗ „Das heißt,“ erwiederte Herr Jackal,„er war nie verheirathet.“ *) Saint⸗Acheul, bis zum Jahre 1830 Erziehungsan⸗ ſtalt der Jeſniten bei Amiens. Der Ueberſetzer. Die Mohicaner von Paris. III. 15 226 „Ah! ja, ich erinnere mich. Iſt da nicht eine Geſchichte von einem natürlichen Kinde, von einem natürlichen Sohne, welcher adoptirt, anerkannt werden ſollte, der es aber nicht wurde!“ Herr Jackal ſchaute Salvator mit einem ſchiefen Auge an und fragte ihn: „Woher wiſſen Sie das?“ „Ei!“ erwiederte der Commiſſionär,„in unſerem Stande erfährt man, wenn man ein wenig Beobachter iſt, viele Dinge! Ich habe die Briefe einer ſchönen Dame einem gewiſſen Herrn Conrad von Valgeneuſe gebracht, der in der Rue du Bac wohnte; bei meiner Treue, in demſelben Hotel, das heute der Marquis bewohnt.“ „So iſt es, ſo iſt es,“ ſagte Herr Jackal. „Das iſt eine ſehr dunkle Geſchichte, nicht wahr?“ „Nicht für Jedermann,“ bemerkte Herr Joackal mit einer tief ſelbſtzufriedenen Miene. „Ich begreife,“ ſagte lachend Salvator,„nicht für diejenigen, welche die Fran gefunden haben.“ „Nun wohl, nein,“ erwiederte der Polizeimann, „außerordentlicher Weiſe war keine Frau bei dieſer ganzen Angelegenheit.“ „Was war denn dabei? Sie wiſſen, mein lieber Herr Jackal, hat man einen jungen Mann gekannt, der ſchön, reich, glücklich war, und dieſer junge Mann iſt plötzlich verſchwunden, ſo iſt es einem nicht unangenehm, zu erfahren, was aus ihm geworden?“ „Das iſt nur zu richtig. um ſo mehr, als ich Ihnen Alles, oder beinahe Alles ſagen kann.“ „Da iſt ein beinahe, das ſehr einem geiſtigen Vorbehalte gleicht! Sollten Sie zugleich auch eine Troddel vom Himmel der berufenen Saint⸗Acheul⸗Pro⸗ ceſſion gehalten haben?“ „Oh! bei Gott, nein!“ rief Herr Jackal:„ich habe Angſt vor den Jeſuiten; ich beſchütze ſie unter der Be⸗ ding Ich ſeren kann. erwie Weiſ Salr ſager was quis Fran gens hatte ſes( für ſchlec Vertr quis geneu Kind nur „war waru dem 2 wie 1 Vatet wort, Ding eine nem den efen rem hter nen euſe iner quis mit ann, ieſer ieber der n iſt ehm, s ich tigen eine Pro⸗ habe Be⸗ 227 dingung der Wiedervergeltung; doch ich liebe ſie nicht. Ich gebrauchte das Wort beinahe, weil man bei un⸗ ſerem Stande nicht immer Alles, was man weiß, ſagen kann.“ „Und dann weiß man zuweilen auch nicht Alles,“ erwiederte Salvator, auf die ihm eigenthümliche ſpöttiſche Weiſe lachend. „Nun wohl, ſo hören Sie,“ ſprach Herr Jackal, Salvator über ſeine Brille anſchauend;„ich will Ihnen ſagen, was ich weiß; ſodann werden Sie mir ſagen, was ich nicht weiß“ „Der Handel iſt geſchloſſen.“ „Nun denn!.. Der Chef der Familie, der Mar⸗ quis Charles Emmanuel von Valgeneuſe, Pair von Frankreich und Eigenthümer eines ungeheuren Vermö⸗ gens, das er von einem mütterlichen Oheim geerbt, hatte nie heirathen wollen, und man gab die Ehre die⸗ ſes Geſchmacks von Herrn Emmanuel von Valgeneuſe für das Cölibat einem ſchönen jungen Manne, der ſchlechtweg Herr Conrad hieß, den jedoch allmälig die Vertrauten des Hauſes, ſodann die Freunde des Mar⸗ quis und endlich die Freunde Herrn Conrad von Val⸗ geneuſe nannten. „War das nicht ſein Name?“ „Durchaus nicht: der ſchöne junge Mann war ein Kind der Liebe, eine Jugendſünde des Marquis, der nur durch die Augen von Herrn Conrad ſah.“ „Aber, mein lieber Herr Jackal,“ fragte Salvator, „warum, wenn er din jungen Mann ſo ſehr liebte, warum hinterließ er ſein ganzes Vermögen dem Bruder, dem Neffen, der Nichte, während der ſchöne junge Mann, wie man mir geſagt hat, im Elend ſtarb?“ „Ah! das kommt gerade davon her, daß ihn ſein Vater zu ſehr liebte! Sie wiſſen, es gibt ein Sprüch⸗ wort, welches ſagt:„Das Uebermaß ſchadet in allen Dingen.““ 228 — der plötzlich geſtorben iſt, nicht wahr?“ fragte Sal⸗ vator,— habe dieſen jungen Mann ſehr geliebt.“ Herr Jackal ſchaute diesmal Salvator über ſeine Brille an. „Er liebte ihn ſo ſehr, mein beſter Herr,“ erwie⸗ derte er,„daß, wie ich Ihnen ſagte, dieſe zu große Liebe die Urſache vom Ruine des jungen Mannes war.“ „Erklären Sie mir das.“ „Es gibt zwei Arten, einem natürlichen Kinde gegenüber zu Werke zu gehen. Die erſte, welche ſehr einfach, und darum Jedermann zu Gebot ſteht, iſt, daß man in dem Augenblicke, wo man das Kind auf der Mairie einregiſtriren läßt, erklärt man ſei der Vater deſſelben; oder, ſind Sie durch irgend einen Grund verhindert worden, dieſe Förmlichkeit zu erfüllen, ſo ſuppliren Sie dadurch, daß Sie eine Anerkennungs⸗ urkunde vor dem Notar unterzeichnen; nur können Sie in dieſem Falle dem Kinde, während Sie ihm Ihren Namen hinterlaſſen, nicht mehr, als den fünften Theil von Ihrem Vermögen hinterlaſſen. Die zweite Art iſt, zu warten, bis man fünfzig Jahre zählt, und an dem Tage, wo man fünfzig Jahre alt iſt, einen Notar kom⸗ men zu laſſen und das Kind zu adoptiren, da nach dem Geſetze die Adoption nicht vor dieſem Alter ſtattfinden darf, dann können Sie Ihrem Adoptivkinde nicht nur Ihren Namen, ſondern auch Ihr Vermögen geben. Die⸗ ſes letzte Mittel zog Herr von Valgeneuſe vor; dem zu erreicht hatte, einen Notar kommen, ſchloß ſich mit ihm in ſein Cabinet ein und ſtellte die Adoptionsurkunde aus; doch in dem Augenblicke, wo er die Feder nahm, um zu unterzeichnen, wollte das Verhäugniß, daß der Marquis Emmanuel vom Schlage geführt wurde.“ „In dem Augenblicke, wo er die Feder nahm, um zu unterzeichnen, oder in dem Augenblicke, wo er die Folge ließ er an dem Tage, wober ſein fünfzigſtes Jahr „Ja, in der That, mir ſchien, der arme Marquis, Feder Salv ſchaut wiſſen ganze kunde quest — er Grun lebte, unter Fragi gegen die U nicht denn des 2 dem ſem T wäre dieſem Beſſe mer d erben nicht, ſchei n 229 is, Feder niederlegte, nachdem er unterzeichnet hatte?“ fragte [⸗ Salvator. 3 Diesmal nahm Herr Jackal ſeine Brille ganz ab⸗ eine ſchaute Salvator ins Geſicht und ſagte: „Bei meiner Treue, Herr Salvator, wenn Sie das wie⸗ wiſſen, ſo wiſſen Sie mehr, als ich, und mehr, als die iebe ganze Welt; denn hier lag die Frage: war die Ur⸗ kunde unterzeichnet oder zu unterzeichnen? That is the question! wie Hamlet ſagt. Was den Marquis betrifft, inde— er konnte nichts mehr ſagen, aus dem vortrefflichen ſehr Grunde, weil er, obſchon er den Unfall drei Tage über⸗ daß lebte, nicht einen Moment mehr zum Bewußtſein kam.“ der„Nun wohl, Herr Jackal, ſprechen Sie offenherzig, ate uter ie Angen, wie wir ſind, was iſt Ihre Anſicht?“ rund„Meine Anſicht iſt,“ antwortete Herr Jackal, der ſo Frage ausweichend,„daß die Familie ein wenig hart ngs⸗ gegen den armen Herrn Conrad war.“ Sie„Ein wenig hart? Bah!“ ſagte Salvator;„ſobald hren die Urkunde nicht unterzeichnet war, oder der Notar ſie Cheil nicht wenigſtens beſtätigte, welche Rückſichten war man tiſt, denn einem Baſtard ſchuldig?“ dem„Es war weltkundig, daß dieſer Baſtard der Sohn kom⸗ des Marquis Emmanuel,“ bemerkte Herr Jackal. dem„Ja; nun, wenn man dies zugeſtand, mußte man inden dem jungen Manne wenigſtens den fünften Theil von die⸗ nur 1 ſem Vermögen geben, auf das er ein Recht gehabt hätte, Die⸗ wäre er anerkannt geweſen; und der fünfte Theil von m zu dieſem Vermögen mochte ungefähr zwei Millionen ſein. Jahr; Beſſer war es, Alles zu lengnen, den Sitz in der Kam⸗ ihm mer der Pairs erben, den Titel erben, das Vermögen unde erben und den Baſtard fortjagen!.. That man das ahm, nicht, Herr Jackal, und jagte man den Baſtard nicht fort?“ der„Welcher übrigens ſehr würdig abging, wie es ſcheint, denn er ließ ſeine Pferde in den Ställen, ſeine um Wagen in den Remiſen, ſeine Banquebillets im Secre⸗ r die tär, und nahm nur,— ſelbſt ſeine Feinde laſſen ihm 230 er ſie am Abend vorher im Ecarté gewonnen.“ „Teufel!“ rief Salvator,„ein junger Maun, an Ausgaben gewöhnt, wie es Herr Conrad war, kommt nicht weit mit zweitauſend Franken.“ „Nun, da täuſchen Sie ſich, mein lieber Herr,“ erwiederte der Polizeimann;„wir halten das Auge auf dieſe ruinirten Familienſöhne, wie Protectoren der Ge⸗ ſellſchaft: mit dieſen zweitauſend Franken lebte er fünf⸗ zehn Monate, er ſuchte alle ehrlichen Mittel, um ſeinen Lebensunterhalt zu verdienen, als Muſiklehrer, als Zeich⸗ nungslehrer, als Lehrer im Engliſchen und im Franzö⸗ ſiſchen,— denn er war ſehr unterrichtet, der arme Junge!— doch nichts glückte ihm: er fand nirgends Beſchäftigung, ſo daß er eines Tags, bei meiner Treue, auf das Aeußerſte getrieben, wie es ſcheint, einſehend, daß es für ihn keine Möglichkeit mehr gab, zu leben, ohne ein unterhaltener Menſch, Dirnenwirth und Gauner zu werden, den Entſchluß faßte, mit dem Daſein ein Ende zu machen, eine Piſtole bei Lepage kaufte,— die Piſtole wurde von demjenigen, welcher ſie verkauft hatte, erkannt,— einen Gang nach den Tuilerien, den Champs⸗ Elyſée's und dem Bais unternahm, um von ſeinen alten Kameraden und ſeinen alten Geliebten Abſchied zu neh⸗ men, durch die Rue Saint⸗Honoré zurückkam, in die Kirche Saint⸗Roche eintrat, hier ſein Gebet verrichtete, ſich ſodann nach der Rue de Buffon begab, wo er ein beſcheidenes Stübchen hatte... „Und was that er, als er in dieſem beſcheidenen Stübchen war,“ fragte Salvator. „Mein Gott, er that, was Colombau und Carme⸗ lite gethan haben. Er ſchrieb einen langen Brief, nicht an ſeine Freunde,— er hatte keine, oder wenigſtens ſeit dem Tage, wo er von ſeinem Oheim und von ſeinen Vettern aus dem Hotel der Rue du Bac weggejagt wor⸗ dieſe Gerechtigkeit widerfahren,— zweitauſend Franken mit, von denen er glaubte, ſie gehören wirklich ihm, da den miſſ Alle den befa er g ein legte Hél „S grof heite ciali mor arm wur war des bliel dure lung Idet ſtro Abſ fen ange nken „da „an mmt err,“ auf Ge⸗ fünf⸗ einen eich⸗ inzö⸗ arme ends reue, en, ben, uner ein die atte, mps⸗ alten neh⸗ die tete, ein een rme⸗ nicht ſeit einen wor⸗ 231 den war, hatte er keine mehr, aber an den Polizeicom⸗ miſſär ſeines Quartiers; in dieſem Briefe erzählte er Alles, was er ſeit fünfzehn Monaten gelitten, den Kampf, den er ausgehalten, die Unmöglichkeit, in der er ſich befand, ihn länger fortzuſetzen, und den Entſchluß, den er gefaßt, ſich eine Kugel vor den Kopf zu ſchießen, um ein ehrlicher Mann zu bleiben; wonach er ſich zu Bette legte, ſein Licht anzündete, ein paar Blätter der Neuen Héloiſe über den Selbſtmord las und ſich erſchoß.“ „Bei meiner Treue, Herr Jackal,“ ſagte Salvator, „Sie ſind ein wahres Tagebuch.“ „Ah!“ erwiederte der Polizeimann,„es iſt kein großes Verdienſt von mir, wenn ich Ihnen dieſe Einzel⸗ heiten gebe; die Selbſtmorde gehören zu meiner Spe⸗ cialität, und ich habe das Protocoll über den Selbſt⸗ mord von Herrn Conrad gemacht.“ „Wahrhaftig!“ c „Ja. „Ihnen, mein lieber Herr Jackal, verdankt alſo der arme junge Mann die letzte Sorge, die ihm zu Theil wurde, und die Conſtatirung ſeines Todes?“ „Die Conſtatirung war nicht ſchwierig; die Piſtole war unmittelbar am Kopfe losgedrückt worden; die Hälfte des Geſichtes war weggeſchoſſen, und was davon übrig blieb, war verbrannt; die Conſtatirung geſchah auch mehr durch den Brief, als durch die wegen der Verſtümme⸗ lung des Körpers unmöglich gewordene Erkennung einer Identität.“ „Die Valgeneuſe wurden, denke ich, von der Kata⸗ ſtrophe unterrichtet?“ „Ich brachte ihnen ſelbſt die Rachricht mit einer Abſchrift des Protocolls.“ „Welche Nachricht und welches Protocoll einen tie⸗ fen Eindruck auf ſie machen mußten.“ „Ja, mein lieber Herr, einen tiefen Eindruck, tief angemeſſen.“ 232 „Ich begreife: die Epiſtenz dieſes jungen Mannes beunruhigte ſie.“ Sie baten mich auch, ſorgſam über die letzten Einzelheiten zu wachen, und übergaben mir eine Summe von fünfhundert Franken, damit die Dinge anſtändig abgemacht würden.“ „Ah! die edlen Verwandten!“ rief Salvator. „Sie erſuchten mich noch, ihnen das Duplicat vom Beerdigungsprotocoll zu bringen, wie ich ihnen das Duplicat vom Selbſtmordsprotocoll gebracht hatte.“ „Was Sie hoffentlich thaten, Herr Jackal.“ „Gewiſſenhaft, ich darf es wohl ſagen: ich führte den Leichenwagen nach dem Friedhofe des Pére⸗Lachaiſe; ich ließ den Sarg in meiner Gegenwart in ein auf ewige Zeiten gekauftes Terrain verſenken; ich gab Befehl, auf das Grab einen Stein zu ſetzen, in den der einfache Name: Conrad, gegraben war, und ich ſagte dem Marquis, er könne ruhig ſein bis zum Tage der ewigen Auferſtehung, und er werde wahrſcheinlich ſeinen Neffen erſt im Thale Joſaphat wiederſehen.“ „Und in dieſem Glauben ſchläft die ganze Familie auf beiden Ohren?“ ſprach Salvator. „Was ſollen ſie befürchten? „Ei! ei! man hat ſo außerordentliche Dinge ge⸗ ſehen.“ „Was kann geſchehen?“ „Lieber Herr Jackal, wir ſind im Bas⸗Meudon; würden Sie die Güte haben, halten zu laſſen?“ „Herr Jackal zog die Schnur, welche dem Kutſcher das Zeichen, Halt zu machen, gab. Der Kutſcher hielt ſeine Pferde an. Salvator öffnete den Schlag und ſtieg aus. „Verzeihen Sie,“ ſagte Herr Jackal,„Sie haben nicht geantwortet.“ „Worauf?“ fragte Salvator. „Auf die Frage:„„Was kann geſchehen?““ daſ zue wa an bef He ſto etn ind lop vat all din ſcht zu vor laſ nes ten me dig om as rte ſe ige auf che em gen fen ilie ge⸗ n; her en 233 „In Betreff Conrads?“ „Ja „Run wohl, lieber Herr Jackal, es kann geſchehen, daß Conrad nicht todt iſt; daß er folglich, um wieder⸗ zuerſcheinen, nicht den Tag der ewigen Auferſtehung ab⸗ wartet und daß ihm der Herr Marquis von Valgeneuſe anderswo, als im Thale Joſaphat begegnet... Gott befohlen, lieber Herr Jackal!“ Und den Wagenſchlag ſchließend, ließ Salvator Herrn Jackal ſo betäubt zurück, daß er es war, der, ſtatt des Polizeimanns, ſagen mußte: „Kutſcher, Rue de Jeruſalem!“ LXXVII. Die feindlichen Collegen. Während Herr Jackal, ſeine Naſe mit Tabak voll⸗ ſtopfend, in der Abſicht, ſeine Idee aufzuklären und etwas von dem Räthſel zu begreifen, das ihm Salvator, indem er ſich entfernte, zugeworfen hatte, im ſtarken Ga⸗ lopp ſeiner Pferde nach Paris zurückkehrte, ſuchte Sal⸗ vator Jean Robert wieder im Leichenhauſe auf. Das war gerade in dem Augenblicke, wo Carmelite allmälig wieder zu Verſtande kam und ihre drei Freun⸗ dinnen, die ſie nicht einen Moment verlaſſen, ſich der ſchmerzlichen Aufgabe unterzogen, ihr die Unglückskunde zu eröffnen. Dominique war ſeit einer Viertelſtunde, den Leib von Colombau mit ſich führend, nach Penhosl abgegangen. Ludovic, nachdem er eine ſtrenge Verordnung hinter⸗ laſſen und am andern Tage wiederzukommen verſprochen, 234 kehrte ſeinerſeits nach der Rue Notre⸗Dame⸗des⸗Champs, wo er wohnte, zurück. Jean Robert endlich erwartete Salvator, um ſich mit ihm nach Paris zu begeben. Folgen wir der von unſeren Perſonen, mit welcher für den Augenblick das größte Intereſſe verknüpft ſein ſoll, nämlich Ludovic; wir werden zu den Anderen ſpä⸗ ter zurückkommen. Ludovic, deſſen Kopf ein wenig durch den Tag und die Nacht, die er zugebracht, beſchwert war, beſchloß, zu Fuße nach Paris zu gehen. Der Weg vom Bas⸗Meudon nach der Rue Notre⸗ Dame⸗des⸗Champs, wenn man durch Vanvres geht, iſt nur eine Promenade. Ludovie kehrte alſo ſpazierend zurück und durchſchritt das Dorf Vanvres, als er vor einem Hauſe, in das wir ſchon einen unſerer Helden geführt haben, etwa fünfzig knieende Perſonen, Männer, Weiber und Kinder, er⸗ blickte, alle betend, die Thränen in den Angen, daß ein Wunder das Leben dem guten, dem redlichen, dem wohl⸗ thätigen Herrn Gérard wiedergebe, dem der Pfarrer vom Bas⸗Meudon, von ſeinem Gange nach Bellevue zurück⸗ gekehrt, das Abendmahl reichte. Bei dieſem ziemlich ſeltenen Schauſpiele blieb Lu⸗ dovie ſtehen, näherte ſich der Gruppe, die ihm die troſt⸗ loſeſte zu ſein ſchien, und fragte: „Warum weinet Ihr, meine Freunde?“ „Ach!“ antwortete eine Stimme,„wir weinen um den Vater der ganzen Gegend.“ Ludovic erinnerte ſich, daß man wirklich den Abbé Dominique geholt hatte, um die Beichte eines Sterben⸗ den zu hören. „Ah! ja,“ ſagte er„Ihr beweint Herrn Gérard!“ „Den Freund der Unglücklichen, den Wohlthäter der Armen.“ „Iſt er geſtorben?“ fragte Ludovic. —— c—— —— —,— 235 „Nein; doch in Folge einer Unterredung, die dieſer würdige Mann mit einem Mönche gehabt, fühlte er ſich ſo geſchwächt, daß man nach dem Abendmahle geſchickt hat, und daß ihn in dieſem Angenblicke der Herr Pfarrer von Meudon mit dem Sterbſacramente verſieht.“ „Ach!“ riefen im Chore die Dorfbewohner, Seufzen und Schluchzen verdoppelnd. Ludovic war, unter ſeiner Skeptikermaske, mit einer weiblichen Empfindſamkeit begabt; die aufrichtigen Thrä⸗ nen gingen ihm gerade zum Herzen, und zogen unmerk⸗ lich ſeine Thränen an. „Wie alt iſt denn der Kranke!“ fragte er. „Kaum fünfzig Jahre, Herr,“ antwortete ein Bauer. „Ah!“ ſagte ein Anderer,„es iſt wahrlich keine Barmherzigkeit vom guten Gott, daß er ihn uns ſo jung nimmt, während es ſo viele böſe Leute gibt, die er auf der Erde läßt.“ „In der That,“ ſprach Ludovic,„fünfzig Jahre, das iſt kein Alter, um zu ſterben, beſonders, wenn man beklagt wird, wie das bei Herrn Gérard der Fall zu ſein ſcheint.“ Sodann, nachdem er einen Augenblick unſchlüſſig geweſen, fügte er bei: „Kann man den Kranken ſehen?“ „Sollten Sie zufällig Arzt ſein?“ fragten alle An⸗ weſenden. „Ja,“ antwortete Ludovie. „Arzt von Paris?“ Ludoviec lächelte. „Arzt von Paris.“ „Oh! dann treten Sie geſchwinde ein,“ ſprach ein alter Bauer. „Der Himmel ſchickt Sie,“ ſagte ein Weib. Und zu gleicher Zeit umringten ihn die Bauern, die Einen ihn bittend, die Andern ihn fortſchiebend, ſo daß er ſich faſt ins Haus getragen ſah. 236 Außer den auf der Straße knieenden Perſonen wa⸗ ren Leute in der Hausflur, auf der Treppe, im Vor⸗ zimmer, ſogar im Schlafzimmer des Sterbenden. Doch bei den Worten:„Es iſt ein Arzt von Paris! es iſt ein Arzt von Paris!“ trat Jeder auf die Seite, um Ludovic vorbeigehen zu laſſen. Der Sterbende hatte ſoeben communicirt, und das Glöckchen ertönte verkündigend, das heilige Werk ſei vollbracht. Ludovic verbeugte ſich wie die Anderen, ſo wenig gläubig er war, als der Prieſter vorüberkam, dem der Kirchendiener und Chorknaben voranſchritten, und fremde Perſonen folgten, welche in einer frommen Abſicht ihre Gebete mit denen der Kirche vermengt hatten. Als er ſodann den Kopf wieder aufrichtete, fand er ſich, er, der Dritte, im Zimmer des Sterbenden. Die zwei anderen Perſonen waren Herr Gérard, der, völlig vernichtet, auf ſeinem Bette mit dem Tode zu ringen ſchien, und ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, mit grauen Haaren und grauem Schnurrbarte, an ſeinem Knopfloche das Kreuz der Ehrenlegion tra⸗ gend, welcher, auf das Bett geſtützt, mit einem wirklichen Intereſſe den beinahe ſichtbaren Fortſchritten des Todes auf dem Geſichte des Sterbenden zu folgen ſchien. Als ſich die zwei Männer einander gegenüberſtanden, fingen ſie damit an, daß ſie ſich anſchauten, Jeder von ihnen wahrſcheinlich, um zu wiſſen, mit wem er es zu thun hatte; ſodann, da ihn dieſe forſchende Beſchauung für ſeinen Theil durchaus nichts gelehrt hatte, trat Lu⸗ dovic näher hinzu, und ſagte mit der Höflichkeit eines jungen Mannes einem Manne gegenüber, der noch ein⸗ mal ſo alt iſt als er: „Der Herr iſt wohl der Bruder des Kranken?“ „Nein, mein Herr,“ antwortete der Mann mit dem grauen Schnurrbarte, indem er Ludovic fortwährend aufmerkſam betrachtete;„ich bin ſein Arzt. Und Sie 2 —)——— n„— e——— —)6, n n, n zu 9 es n⸗ id 237 „Ich, mein Herr,“ ſprach Ludovic ſich verbengend, „ich habe die Ehre, Ihr College zu ſein.“ Der Mann mit dem grauen Schnurrbarte faltete leicht die Stirne und erwiederte: „Ja, ſoweit ein junger Mann von fünfundzwanzig Jahren der College von einem Manne ſein kann, der zehn Jahre ſeines Lebens auf den Schlachtfeldern und fünfzehn Jahre am Krankenbette zugebracht hat.“ „Verzeihen Sie, mein Herr,“ verſetzte Ludovic,„ich ſehe, daß ich die Ehre habe, mit Herrn Pilloy zu ſprechen.“ Der Arzt richtete ſich hoch auf und fragte: „Wer hat Ihnen meinen Namen geſagt, mein Herr?“ „Ich habe ihn auf eine ſehr einfache Art erfahren, und er war begleitet von den größten Lobeserhebungen. Der Zufall führte mich zu zwei unglücklichen Lenten, die ſich im Bas-Mendon mittelſt Kohlendampfs getödtet haben; ich forderte ſogleich den Beiſtand eines Collegen: man nannte Ihren Namen, ich ſchickte zu Ihnen; bei Ihnen antwortete man, Sie ſeien am Bette von Herrn Gérard.“ „Und Ihre Erſtickten?“ fragte der militäriſche Arzt ein wenig beſänftigt durch die Höflichkeit des jungen Mannes. „Ich konnte nur einen Theil retten, mein Herr; wären Sie da geweſen, ſo hätten wir vielleicht Beide gerettet.“ „Und dann,“ ſprach Herr Pilloy,„da Sie ſich am Orte befanden und erfuhren, es ſei ein Kranker im Hauſe, traten Sie ein?“ „Ich würde mir eine ſolche Unſchicklichkeit nicht er⸗ laubt haben, da ich wußte, daß Sie bei Herrn Gérard waren, hätten mich nicht die braven Leute, welche vor der Thüre weinen, gleichſam dazu gezwungen. Der äußerſte Schmerz iſt leichtgläubig, wie Sie wiſſen, mein Herr; verzeihen Sie ihnen, und wenn Sie ihnen ver⸗ ziehen haben, verzeihen Sie mir ebenfalls.“ 238 „Ei! ich habe weder dieſen Leuten, noch Ihnen etwas zu verzeihen, mein Herr: Sie ſind willkommen, und zwei Räthe ſind immer mehr werth als einer. Leider,“ fügte er die Stimme dämpfend bei,„leider würden, wie ich glaube, alle Räthe der Welt hier nichts mehr fruchten.“ Und noch leiſer ſagte der Militärarzt: „Das iſt ein verlorener Mann!“ So leiſe er geſprochen hatte, der Kranke hörte, was der gute Herr Pilloy ſagte, und gab einen Seufzer von ſich. „St!“ machte Ludovic. „Warum ſt?“ fragte der Wundarzt. „Weil das Gehör der letzte Sinn iſt, der in uns fortlebt, und der Kranke Sie gehört hat.“ Herr Pilloy ſchüttelte den Kopf, wie ein Menſch, der zweifelt. „Es iſt alſo,“ fragte Ludovic, ſich ans Ohr von Herrn Pilloy neigend,„es iſt alſo keine Hoffnung mehr?“ „Das heißt,“ antwortete der Militärarzt,„in zwei Stunden wird er todt ſein.“ Ludovic legte eine Hand auf den Arm von Herrn Pilloy und deutete mit der andern auf den Kranken, der ſich in ſeinem Bette bewegte. Herr Pilloy machte ein Zeichen mit dem Kopfe, welches bedeutete:„Oh! er mag ſich immerhin bewegen, er wird dennoch ſterben!“ Sodann ſeine Pantomime durch das Wort überſetzend: „Heute Morgen hatte ich noch die Hoffnung, ihn achtundvierzig Stunden zu erhalten; ich weiß aber nicht, welcher Einfaltspinſel ihm den Gedanken, zu beichten, in den Kopf geſetzt hat, was ganz unnöthig war, da ich ihn kenne, ſeitdem er in Vanvres wohnt, und er ein unbeſcholtener Mann iſt.— Er blieb drei Stunden mit einem Mönche eingeſchloſſen, und Sie ſehen nun, in welchem Zuſtande ihn der fromme Mann zurückgegeben hat! Ah! die Prieſter, die Mönche, die Pfaffen, die ſchle bekli emp zu d Fär klebr breit S—— 2J 239 Jeſuiten!“ murmelte der alte Soldat;„und wenn man bedenkt, daß der Kaiſer, dem wir ſo gute Dinge ver⸗ danken, uns Alles dies wiedergegeben hat!“ „Von welcher Krankheit iſt Herr Gérard befallen?“ fragte Ludovic. „Ei! von der gewöhnlichen Krankheit, bei Gott!“ erwiederte Herr Pilloy, die Achſeln zuckend, als gäbe es auf der Welt nur eine Art von Krankheit. Bei den Worten: Von der gewöhnlichen Krankheit, lächelte Ludovie; er hatte einen Schüler von Beanſſais erkannt, der die Lectionen dieſes großen Meiſters verſtändig zur Anwendung brachte. Als er aber ſodann bedachte, daß das Daſein eines Menſchen, das Gott für einen ſo kurzen Zeitraum gibt, und für die Ewigkeit wiedernimmt, zuweilen den Händen eines Ignoranten, oder, was noch ſchlimmer, eines Fa⸗ natikers überlaſſen iſt, da verſchwand ſein Lächelu; er zuckte unbemerkbar die Achſeln, und ſchaute den alten Wundarzt mit der Miene eines Mannes an, der auf ſeiner Hut iſt. „Unter der gewöhnlichen Krankheit verſtehen Sie ohne Zweifel eine Magenentzündung 2 „Natürlich,“ antwortete der Wundarzt;„man kann ſich bei Gott! hierin nicht täuſchen. Sehen Sie nur ſelbſt.“ Von ſeinem Collegen ermächtigt, näherte ſich Ludo⸗ vic dem Bette. Der Kranke ſchien in einem Zuſtande völliger Er⸗ ſchlaffung zu ſein; ſein Athem wat geräuſchvoll ſchwer, beklommen; wenn er athmete, hob ſich ſeine Bruſt ganz empor, wie beim Röcheln. Ludovie ſtudirte das Geſicht, ging vom Allgemeinen zu den Theilen, vom Ganzen zu den Einzelnheiten über. Das Geſicht war bleich und von einer gelblichen Färbung; die Extremitäten waren feucht und kalt; ein klebriger Schweiß war auf dem ganzen Geſichte ver⸗ breitet, und perlte beſonders an der Wurzel der Haare. 240 Nach dieſen äußeren Symptomen urtheilte Ludovic, die Krankheit ſei in der That bedenklich; er ſah aber den Kranken nicht in dem abſolut verzweifelten Zuſtand, wie ſein College. „Sie leiden ſehr, mein Herr?“ fragte er. Bei dieſer Frage, gemacht von einer neuen Stimme, welche Herrn Gérard eine verlorene Hoffnung wiederzu⸗ geben ſchien, öffnete dieſer die Augen und wandte den Kopf gegen den Sprecher um, der mit ihm ſprach. Ludovic war erſtaunt über die Vitalität, welche noch im Auge des Sterbenden herrſchte, eine Vitalität, welche in keinem Verhältniß zu dem ſcheinbaren Verfalle ſeiner Kräfte ſtand; das Weiße des Auges war gelb; die Ge⸗ ſichtszüge waren entſtellt; das Geſicht erſchien todt; doch vas Auge, oder vielmehr das Herz des Auges, war nicht ſo todt, als das Geſicht. Es war in dieſem Auge noch Kraft und Leben. „Wollen Sie mir Ibre Zunge zeigen,“ ſagte Ludovic. herr Gerard zeigte ſeine Zunge; ſie hatte eine weißgelbe, ins Gräuliche fallende Farbe, war belegt, und das in ihrem ganzen Umfange, doch ſie hatte nicht die ſchmale Spitze, wie die der Schlangen; ſodann war ſie weder faſt blutig an ihrer Extremität, noch roth an ihren Rändern, wie es die Zunge bei der Magenentzün⸗ dung iſt. Bis dahin war Ludovic im Zweifel geweſen, von dieſem Augenblicke an trat er in die Gewißheit ein. Durch eine unwillkürliche, beinahe maſchinenmäßige Bewegung wandte ſich auch ſein Blick vom Kranken auf den Wundarzt, und zwar mit einem Ausdrucke, in wel⸗ chem man ſich nicht täuſchen konnte. Dieſer Ausdruck wollte klar beſagen:„Ei! Sie ſehen wohl, daß es nicht die Magenentzündung iſt.“ Der alte Miltärarzt ſchien, in ſeinem Selbſtver⸗ trauen, weder die Bewegung noch den Blick von Ludovic zu bemerken. ge „C züt dor zu Kra ſtar ert Kra Geſi ſpuck Die * 241 2 Dieſe Gleichgültigkeit eines Collegen, der wenigſtens nd, die Erfahrung des Alters und der Praxis vor ihm voraus haben mußte, erſchütterte den jungen Mann in ſeiner Ueberzeugung. me, Es blieb ihm, eine letzte Unterſuchung anzuſtellen. zu⸗ Er hob das Betttuch des Kranken in die Höhe, ent⸗ den blößte ſeine abgezehrte Bruſt, legte ſeine Hand auf, drückte ſachte, langſam, doch immer mehr darauf, ſo daß och der Druck ziemlich ſtark wurde. lche Als er ſodann ſah, daß Herr Gerard den Schmerz ne durch kein Zeichen verrieth, fragte er: Ge⸗„Leiden Sie 2“ doch„Nein,“ antwortete Herr Gérard mit ſchwacher icht Stimme. noch„Wie!“ ſagte Ludovic,„wenn ich ſo darauf drücke, leiden Sie nicht?“ wic.„Ich athme ſchwerer, doch ich empfinde keinen eine chmerz.“ egt, Ludovic wandte ſich aufs Neue gegen ſeinen Colle⸗ icht gen um und ſagte ihm zum zweiten Male mit den Augen: war„Ei! Sie ſehen wohl, daß es nicht die Magenent⸗ an zündung iſt.“ zün⸗ Der alte Wundarzt ſchien die Pantomime von Lu⸗ dovic eben ſo wenig das zweite Mak, als das erſte Mal von zu begreifen. Ludoviec lächelte. hige Er war überzeugt, daß man Herrn Gérard an einer auf Krankheit behandelt hatte, an welcher er nicht litt. wel⸗“ as für eine Krankheit hatte er nun? Ludovie kreuzte die Arme und ſchaute den Kranken Sie ſtarr an; als er ſodann den Kopf ſinken ließ, als wo lite eer tiefer überlegen, erblickte er unter dem Kiſſen des ver⸗ ranken nicht nur das Taſchentuch, mit dem er ſich das ovic— abwiſchte, ſondern auch das, in welches er puckte. Die Mohicaner von Paris. II. 16 242 Man hätte glauben ſollen, das Taſchentuch ſei von Roſt befleckt; was dieſe Flecken hervorbrachte, war eine Art von blutigem Schleim. Ludovic war der Krankheit auf der Spur. Da hob er zum zweiten Male das Betttuch des Kranken auf, doch diesmal ſtatt mit der Hand auf den Magen zu drücken, hielt er ſein Ohr an die Bruſt, und zwar zum großen Erſtaunen des alten Wundarztes, der dieſe neue Art von Auscultation nicht kannte, und deſſen Geſicht einen Ausdruck von Erſtaunen und Neugierde annahm, der gleichbedeutend mit der Frage ſein mochte: „Aber was Teufels machen Sie denn da, mein lieber College?“ Nun war es Ludovie, der der Pantomime des alten Wundarztes keine Aufmerkſamkeit ſchenkte. Er ſchien befriedigt durch die Geräuſche, die er in der Bruſt des Kranken gehört hatte, denn er richtete triumphirend den Kopf auf. Er wußte mit Sicherheit, was er fortan vom Zu⸗ ſtande des Patienten zu halten hatte, und kannte die Krankheit, welche zu bekämpfen war; er hatte nur noch den Puls zu unterſuchen; er bat Herrn Görard, ihm zu geben: der Kranke gehorchte maſchinen⸗ mäßig. Der Puls hatte nicht ſeine ganze Stärke verloren; er widerſtand unter dem Finger und war ſehr ſchnell, das heißt er that über hundert Schläge in der Minute; er endlich allerdings unregelmäßig, dies jedoch ſehr leicht. pof Das war ungefähr ſo, wie es Ludovic zu finden offte. Rachdem er ſeine Unterſuchung geſchloſſen hatte, endigte der junge Doctor da, wo er hätte anfangen ſollen, aber wie ein Menſch, der an das Ufer eines Fluſſes kommt, wo man:„Zu Hülfe!“ ruft, war er zuerſt untergetaucht. on ine des den nd der ſen rde te ber lten ien des den Zu⸗ die och ihm ten⸗ en; nell, ute; ſehr den tte, igen ines e 243 Er wandte ſich gegen Herrn Pilloy um und fragte ihn, wie lange die Krankheit daure, was ihre verſchie⸗ denen Phaſen geweſen ſeien, welchen Urſachen er ſie zu⸗ ſchreibe. Der alte Arzt erzählte nun das Eintauchen von Herrn Gérard in das Baſſin des Schloſſes, und die traurigen Folgen, welche dieſes Eintauchen, durch das einem Kinde das Leben gerettet werden ſollte, für den Retter gehabt habe; er antwortete ſodann auf die an⸗ deren Fragen ſeines Collegen, und als er geendigt, fragte er ſelbſt mit einer ſpöttiſchen Miene: „Nun, mein Herr?“ „Nun, ich habe die Ehre, Ihnen für Ihre Gefäl⸗ ligkeit zu danken, mein Herr,“ erwiederte Ludovic,„ich weiß, was ich wiſſen wollte,“ „Und was wiſſen Sie?“ „Ich weiß, von welcher Krankheit der Patient be⸗ fallen iſt.“ „Gut! das war nicht ſchwer zu wiſſen, da ich damit angefangen habe, daß ich Ihnen ſagte, es ſei eine Ma⸗ genentzündung.“ „Ja; aber gerade hierin weichen unſere Meinungen von einander ab.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Wäre es Ihnen gefällig, in das anſtoßende Zim⸗ mer zu gehen, mein lieber College? Ich glaube, wir ermüden den Kranken.“ „Oh! mein Herr, um des Himmels willen, gehen Sie nicht!“ ſagte Herr Gérard, alle ſeine Kräfte zu⸗ ſammenraffend, um dieſen Wunſch auszudrücken. „Seien Sie ruhig, mein Freund,“ erwiederte Herr Pilloy, welcher glaubte, die Bitte ſei an ihn gerichtet; „ich habe Ihnen verſprochen, Sie nicht zu verlaſſen, und ich werde mein Wort haiten.“ Und die zwei Aerzte ſchickten ſich an, aus dem Zimmer wegzugehen. 244 Auf der Schwelle der Thüre begegneten ſie der Krankenwärterin. „Meine gute Frau,“ ſagte Ludovic,„wir werden in fünf Minuten zurückkehren; verlangt der Kranke in unſerer Abweſenheit etwas, ſo geben Sie ihm durchaus nichts!“ Marianne wandte ſich gegen Herrn Pilloy, als wollte ſie von ihm erfahren, ob ſie dieſem Befehle gehorchen ollte. „Ei!“ antwortete dieſer,„der Herr behauptet ja, er werde den Kranken geſund machen!“ Er erwartete, Ludovic werde laut aufſchreien; doch zu ſeinem großen Erſtaunen erwiederte Ludovic nichts: er begnügte ſich damit, daß er auf die Seite trat, um Herrn Pilloy mit der Ehrerbietung, die der Jüngere dem Aelteren ſchuldig iſt, vorbeigehen zu laſſen. LXXVIII. Wo Ludovie die Verantwortlichkeit übernimmt. Die zwei Aerzte blieben im Vorzimmer. Man konnte unmöglich ein lebendigeres Bild von Routine und der Wiſſenſchaft ſehen. „Wollen Sie mir nun die Freundſchaft erweiſen, mir zu ſagen, mein junger Freund, warum Sie mich hierher geführt haben?“ fragte Herr Pilloy. „Ei!“ antwortete Ludovic,„einmal, um den Krau⸗ ken nicht durch eine Diseuſſion zu ermüden.“ „Gut! das iſt ja ein todter Mann!“ „Ein Grund mehr, wenn das Ihre Anſicht iſt, ſie nicht vor ihm auszudrücken.“ ——— — en in 18 te en 245 „Ah! meivn Herr,“ ſagte der ehemalige Oberwund⸗ arzt,„glauben Sie denn, die Männer unſerer Generation ſeien Weichlinge, wie es die der Ihrigen ſind? Ich war dabei, und ich diente Lorreh als Gehülfe, als er dem braven Montebello beide Beine abnahm; es fand eine Discuſſion von fünf Minuten ſtatt, ob man die Opera⸗ tion an ihm machen ſollte, oder ob man ihn ſollte ſterben laſſen, ohne ihn mehr zu quälen; ſtellen Sie ſich etwa vor, man habe ſich vor ihm verborgen? Nein, mein Herr, er nahm Theil an der Discuſſion, als hätte es ſich um einen Fremden gehandelt, und ich höre ihn noch mit einer Stimme ſo feſt, als hätte er gerufen: Vor⸗ wärts! zu uns ſagen:„„Schneidet, alle Teufel! ſchneidet!““ „Es iſt möglich, mein Herr, daß man, wenn man auf einem Schlachtfelde, unter fünfzehn bis zwanzigtau⸗ ſend Verwundeten operirt, nicht Zeit hat, alle die Zart⸗ heiten zu beobachten, welche unſerer Generation den Titel Generation von Weichlingen verſchaffen, doch wir ſind hier auf keinem Schlachtfelde; Herr Gérard iſt kein Marſchall von Frankreich, wie der brave Monte⸗ bello; er iſt ein durch ſeine Lage ſehr niedergeſchlage⸗ ner Mann, der, wenigſtens wie es mir geſchienen, ge⸗ gewaltig Angſt vor dem Sterben hat, und bei dem die betroffene Einbildungskraft, dünkt mir, noch nachthei⸗ liger wirken kann, als die Krankheit.“ „Ah! was die Krankheit betrifft,— Sie ſagten mir, Sie ſeien nicht derſelben Anſicht wie ich!“ „Ueber die Krankheit, das iſt wahr.“ „Und was iſt Ihre Anſicht?2“ „Sie begehen einen Irrthum, mein Herr, daß Sie Herrn Gérard an einer Magenentzündung behandeln!“ „Ich hätte mich geirrt? „Ja, indem Sie annehmen, ich wiederhole es, Herr Göérard ſei von einer Magenentzündung befallen.“ 246 „Ich nehme aber nicht an, ich verſichere!“ „Nun wohl, ich glaube, daß der Kranke von einem andern Uebel befallen iſt, als an dem, was Sie ver⸗ ſichern.“ „Sie behaupten alſo, mein Herr?“ „Ich behaupte auch nicht, ich verſichere!“ „Sie verſichern, Herr Gérard?.!“ „Leide nicht an einer Magenentzündung; das iſt das dritte Mal, daß ich die Ehre habe, es Ihnen zu wiederholen.“ „Aber was Teufels hat er denn, wenn er keine Magenentzündung hat?“ rief ganz verwundert der alte Wundarzt. „Er hat ganz einfach eine Lungenentzündung,“ ant⸗ wortete Ludovic kalt. „Eine Lungenentzündung? Ah! Sie nennen das eine Lungenentzündung?“ „Nichts Anderes.“ „Dann verſichern Sie vielleicht auch, Sie werden ihn da herausziehen.“ „Ah! was das betrifft, mein Herr, das verſichere ich nicht; ich begnüge mich, es zu hoffen.“ „Und darf man das ſonveraine Mittel kennen, das Sie anwenden werden?“ „Ich will darüber nachdenken, lieber College, vor⸗ ausgeſetzt, Sie geben mir die Erlaubniß hiezu.“ „Wie! Sie bitten mich um Erlanbniß, meinen älte⸗ ſten Freund zu retten? „Ich bitte Sie um Erlaubniß, einen Kranken zu behandeln, der Ihnen gehört?“ „Ich gebe ſie Ihnen hundertmal, tauſendmal! ge⸗ fiele es Gott, daß dies etwas nützen würde; wollen Sie aber meine Anſicht hören, ſo ſage ich Ihnen, ich be⸗ zweifle, daß der arme Burſche die morgige Sonne ſieht.“ „Ich will alſo das Unmögliche verſuchen,“ erwie⸗ derte Ludovic, immer dieſelbe Artigkeit und dieſelbe ———— 247 Ebrerbietung gegen einen Arzt beobachtend, der der Aeltere von Beiden durch das Recht der Geburt, wenn nicht der Wiſſenſchaft war. „Das Unmögliche, das iſt das richtige Wort,“ ſagte der alte Wundarzt, der dieſe Ehrerbietung von Ludovic nicht begriff, welche er für Uuſchlüſſigkeit hielt. „Was haben Sie nun bis jetzt gethan, mein ehren⸗ werther College?“ fragte Ludovic der Form wegen. „Ich habe zwei Aderläſſe vorgenommen, Blutegel auf den Magen geſetzt, und den Kranken einer abſoluten Diät unterworfen. Ein Lächeln ſchwebte über die Lippen von Ludovic, viel mehr erzeugt durch das Mitleid, das ihm der Kranke einflößte, als durch die Ironie, die ihm dieſes Univerſalmittel einflößen mußte, das ſo ſehr in der Mode zu jener Zeit: die Blutegel und die Diät, dieſer andere Blutegel des Magens.“ Die zwei Aerzte waren ſo weit in ihrer Erörterung, als einige Bauern, ungeduldig, das Wunder zu erfahren, das die Gegenwart eines zweiten Arztes hatte bewirken ſollen, in das Vorzimmer des Philanthropen von Van⸗ vres eindrangen. „Nun,“ riefen alle zugleich, geht es beſſer? iſt er gerettet?“ Der älte Militärarzt, der daran gewöhnt war, ſich dieſelben Worte in die Ohren ſchreien zu hören, ſo vft er aus dem Hauſe des ehrlichen Herrn Gérard wegging, glaubte wieder, ſie ſeien an ihn gerichtet. Aber ach! iſt die Welle veränderlich, iſt das Weib noch veränderlicher, als die Welle, ſo gibt es etwas, was noch tauſendmal veränderlicher iſt, als die Welle und das Weib zugleich: das iſt die Menge. Einer von den Bauern, der am meiſten Ludovic angetrieben, in das Haus des gemeinſchaftlichen Wohl⸗ thäters einzutreten, antwortete auch grober Weiſe dem 248 alten Arzte, als dieſer ſagte:„Wir werden thun, was wir können, meine Freunde, ſeid ruhig.“ „Nicht Sie fragen wir das.“ Ohne Zweifel machte ſodann der würdige Herr Pilloy, der unſerem berühmten Freunde Lorrey beide Beine des braven Montebello hatte abnehmen helfen, über die Menge dieſelbe Bemerkung wie wir; nur machte er ſie eine Secunde zu ſpät. Er entſchuldigte ſich auch dadurch, daß er die Stirne faltete, und in ſeinem In⸗ nern den gottloſen Wunſch that, als möchte die prahle⸗ riſche Wiſſenſchaft des jungen Arztes in Betreff des Kranken eine eclatante Niederlage erleiden, damit er die Summe der Geringſchätzung zu theilen habe, welche die Dorfbewohner nun gegen ihn äußerten. Ein anderer Bauer wandte ſich unmittelbar an Lu⸗ dovic, und ſagte, indem er zugleich die Frage ſtellte und die Antwort gab: „Nun, wie haben Sie ihn gefunden? nicht wahr, es ſteht ſehr ſchlimm bei ihm?“ „Nicht wahr, es iſt keine Hoffnung mehr, mein Herr?“ fragte ein Zweiter. „Nicht wahr, er wird nicht davon kommen, mein Herr?“ ſagte ein Dritter. „Meine Freunde,“ antwortete Ludovic,„ſo lange der Kranke nicht todt iſt, muß man Vertralen haben nicht zu der Kunſt der Aerzte, ſondern zu der Natur, und, Gott ſei Dank! Herr Gérard iſt nicht todt!“ Die Menge ließ ein Hurrah ertönen. „Sie werden ihn retten?“ fragten zwanzig Stimmen. „Ich werde alle meine Kräfte aufbieten,“ antwortete Ludovic. „Oh! retten Sie ihn! retten Sie ihn, mein Herr,“ rief man ihm von allen Seiten zu. Auf dieſes Geſchrei öffnete Marianne halb die Thüre des Zimmers. „Was geht denn vor?“ fragte der Kranke, den — rr de n, e ch le⸗ es ie ie in in ge en tr, n. 249 dieſer ganze Tumult ſchmerzlich ergriff,„kann man mich denn nicht ruhig ſterben laſſen?“ „Oh! Herr,“ ſagte die wackere Frau,„es iſt nicht mehr vom Sterben die Rede.“ „Wie!“ rief der Kranke,„es iſt nicht mehr vom Sterben die Rede?“ Und ſeine Angen, die man für erloſchen gehalten hätte, ſchleuderten eine doppelte Flamme. „Nein, Herr, der junge Arzt, der vorhin gekommen iſt, ſagte den Banern, er werde Sie vielleicht retten.“ „Ach! vielleicht!“ verſetzte der Kranke, während er den Kopf wieder auf ſein Kiſſen ſinken ließ. Jü jedem Falle, Marianne, entferne er ſich nicht! oh! um des Himmels willen, er entferne ſich nicht!“ Dann blieb er, gelähmt durch dieſe Anſtrengung, unbeweglich, und ſcheinbar nur durch eine Art von Pfei⸗ fen lebend, das ſein Hauch aus der Bruſt gehend her⸗ vorbrachte. „Meine Herren, meine Herren,“ ſagte die Kranken⸗ wärterin,„Herr Gérard iſt ohnmächtig, man ſollte glau⸗ ben, er verſcheide.“ Ludovic ging raſch hinein, nahm die Hand und fühlte den Puls. „Es iſt nichts,⸗ ſagte er;„nur eine durch die Auf⸗ regung verurſachte Ohnmacht. Muth, mein Herr!“ rief er dem Kranken zu. Dieſer ſtieß einen Seufzer aus. Marianne hatte alle Mühe der Welt, die Menge von einem Einfalle ins Zimmer abzuhalten. „Mein Herr,“ ſprach der alte Arzt zu ſeinem jün⸗ geren Collegen,„ohne Zweifel werden Sie ſich nicht darauf beſchränken, daß Sie zu dem Kranken ſagen: „„Muth!““ Sie werden ihm etwas verordnen.“ „Geben Sie mir Papier, eine Feder und Tinte,“ ſagte Ludovic zu der Krankenwärterin, ich will eine Verordnung ſchreiben.“ 250 Alle wetteiferten, ſo raſch als möglich die verlang⸗ ten Gegenſtände zu finden. Der Kranke, der auf das Wort vielleicht die einen Augenblick gefaßte Hoffnung wieder verloren hatte, zerarbeitete ſich in ſeinem Bette, faltete die Hände und drückte durch ſeine Gebärden klarer, als er es durch ſeine Worte gethan, die Bitte aus:„Im Namen des Herrn, laßt mich doch ruhig ſterben!“* Niemand achtete aber auf den grauſamen Tod, den man ihm auferlegte, ſo ſehr hegte Jedermann das Ver⸗ langen, ihm das Leben zu erhalten. Ludovic ſuchte einen Platz, wo er die Verordnung ſchreiben könnte; doch alle Meubles waren überladen von Flaſchen, Töpfen, Gläſern, Tellern, Unterſchaalen aller Art. Die Bauern, als ſie die Verlegenheit des jungen Mannes bemerkten, boten ihm die Einen ihren Rücken, die Andern ihren Schooß an. Ludovic fand einen paſſenden Rücken und bediente ſich deſſelben als eines Tiſches, um die Verordnung zu ſchreiben. „Laſſen Sie das holen,“ ſagte er zur Kranken⸗ wärterin. Er hatte nicht ſo bald ſein Verlangen ausgeſprochen, als die Verordnung, ſeinen Händen entriſſen, in die von vier bis fünf Anweſenden überging, die ſich um das Vergnügen. Herrn Gérard nützlich zu ſein, ſtritten. Ein Hinkender bemächtigte ſich endlich des koſtbaren Papiers und knappte ſo ſchnell er konnte fort „Meine gute Frau,“ ſagte Ludovic zu der Kranken⸗ wärterin,„Sie werden alle halbe Stunden Herrn Gérard einen halben Löffel voll von dem Tranke geben, den man Ihnen bringen wird; Sie verſtehen? nicht öfter, nicht minder oft als alle halbe Stunden, nicht mehr als einen halben Löffel voll; nur dies kann ihn retten.“ „ wi na det ve de wi Ce Fr ſich ger bei Sc hal go ſich der ſch ie d ne u, P 19 en en n, on as en n⸗ rd an ht en 251 „Alle halbe Stunden, einen halben Löffel voll,“ wiederholte die Krankenwärterin. „Ja, ſo iſt es ſehr gut!... Ich muß durchaus nach Paris zurückkehren.“ Der Kranke ſtieß einen Seufzer aus; es ſchien ihm, der Reſt ſeines Lebens verlaſſe ihn. Ludovic hörte dieſen Seufzer, eine heiße Bitte des verzweifelten Menſchen, und ſagte: „Ich muß nach Paris zurückkehren, doch in drei Stun⸗ den komme ich wieder, um zu ſehen, welche Wirkung der Trank hervorgebracht hat.“ „Und Sie ſind ſicher, daß ihn der Trank retten wird?“ brummte der alte Arzt. „Sicher iſt nicht das richtige Wort, mein lieber College; beſſer als irgend Jemand wiſſen Sie, daß der Menſch nie einer Sache gewiß iſt; doch....“ Ludovic warf einen Blick auf den Kranken. „Doch ich hoffe!“ ſagte er. Dieſes letzte Wort veranlaßte ein neues Hurrah der Freude in der Menge. Der Kranke raffte ſeine Kräfte zuſammen, richtete ſich in ſeinem Bette auf und ſagte: „Drei Stunden, mein Herr; ſuchen Sie nicht län⸗ ger auszubleiben.“ „Ich verſpreche es Ihnen, mein Herr.“ „Ich werde die Minuten zählen,“ fügte der Kranke bei, während er mit ſeinem Taſchentuche ſeine von einem Schweiße, welchen man für den der Todesnoth hätte halten können, bedeckte Stirne abwiſchte. Nach dieſen Worten ging Ludovie mit ſeinem alten Collegen ab, er bat ihn, zuerſt zu paſſiren, verbeugte ſich vor ihm und gab ihm mit einem Worte alle Zeichen der Ehrfurcht, die man einem Aelteren und Höheren ſchuldig iſt. Ludovic nahm, wie er geſagt hatte, den Weg nach 252 Paris, nur ſuchte er diesmal ein Cabriolet, einen Fiacre oder dergleichen, um früher zurück zu ſein. Der Militärarzt folgte ihm voll Groll und ohne den Mund aufzuthun. Ludovie ſeinerſeits glaubte, es ſei nicht an ihm zu⸗ erſt zu ſprechen, nicht einmal, um von ſeinem Collegen Abſchied zu nehmen. Dieſes Stillſchweigen hätte ſicherlich bis zu ihrer Trennung gedauert, wenn nicht der Hinkende, der zum Apotheker gegangen, bei den zwei Nebenbuhlern ange⸗ kommen, um ihnen die Zunge zu löſen. Der Hinkende zeigte Ludovic den Trank, der ihm übergeben worden war. „Iſt es das, Herr?“ fragte er. „Ja, mein Freund,“ antwortete Ludovic das Fläſch⸗ chen anſchauend,„nun ſage der Krankenwärterin, ſie ſoll Punkt für Punkt meine Vorſchrift befolgen.“ Dieſes Zuſammentreffen diente Herrn Pilloy als Vorwand, um wieder das Wort zu nehmen: „Sie glanben vielleicht, mein lieber College, ich wiſſe nicht, was dieſes Fläſchchen enthält?“ fragte er. „Warum ſollte ich Ihnen dieſe Beleidigung anthun?“ antwortete Ludovic. „Es iſt ein Brechmittel, was Sie ihm da geben?“ „In der That, es iſt ein Brechmittel!“ „Bei Gott! Sie müßten ihm wohl ein Brechmittel geben, da Sie an eine Lungenentzündung glanben!“ „Mein Herr,“ſprach Ludovic kalt,„ich habe eine ſolche Achtung vor Ihrem Wiſſen und vor Ihrer Erfahrung, daß ich wünſchte, ich würde mich täuſchen, hieße das nicht zugleich den Tod des Kranken wünſchen.“ Nach dieſen Worten ſchlug Ludovic, da er am Ho⸗ rizont weder ein Cabriolet, noch einen Fiacre erblickte, mitten durch die Felder einen Fußpfad ein, der ihn ſchneller an den Ort ſeiner Beſtimmung führen zu müſſen ſchien, als es die Landſtraße gethan hätte. un ſel ge lie der nick hab 253 Der alte Arzt ſeinerſeits kehrte neugierig, zu erfah⸗ ren, welche Wirkung auf ſeinen ſterbenden Freund der Trank hervorbringen würde, nach Vanvres zurück, und gerade drittehalb Stunden nach dem Abgange von Lu⸗ dovic war er am Bette des Kranken, der ihn diesmal nicht ohne einen gewiſſen Widerwillen hier Platz neh⸗ men ſah. Ein ſolcher Eifer ſetzte die Dorfbewohner, die ihn eintreten ſahen, in Erſtaunen; er ſetzte noch viel mehr die Krankenwärterin in Erſtannen, welche gewohnt, ſehr lange auf Herrn Pilloy zu warten, wenn man ihn rief, ganz verwuudert war, als ſie ihn herbeieilen ſah, da man ihn nicht rief. Der Eroberwundarzt gab ſich indeſſen nicht einmal die Mühe, ſeinen unerwarteten Beſuch zu motiviren. Er verſuchte es, Herrn Gerard zu befragen; doch dieſer, war es nun Mißtrauen, oder hatte ſeine Schwäche zugenommen, weigerte ſich, ihm zu antworten. Dann wandte er ſich gegen die Krankenwärterin um, und fragte: „Nun, meine liebe Marianne, was Neues?“ „Ach! Herr,“ antwortete die gute Frau,„es geht ſehr kümmerlich!“ „Haben Sie ihm von dem famöſen Trank einge⸗ geben?“ „Ja, Herr.“ „Welche Wirkung hat er hervorgebracht?“ „Eine ſchlimme Wirkung, eine ſchlimme Wirkung, lieber Herr Pilloy.“ „Welche Wirkung denn?“ fragte der alte Wundarzt, der ſich tückiſch die Hände rieb. „Er hat ſich erbrochen, Herr.“ „Ah! ich war deſſen ſicher! Zum Glücke bin ich nicht verantwortlich für die Folgen, und ſtirbt er, ſo habe ich ihn nicht getödtet. 254 „Nein, das iſt wahr,“ ſprach die gute Franz;„doch Sie hatten ihm das Leben abgeſprochen.“ „Bei Gott!“ erwiederte der Oberwundarzt der großen Armee,„man ſpricht immer das Leben ab, ſonſt, wenn ein Kranker ſtürbe, was manchmal geſchieht, würde man dem Arzte ſagen:„„Er iſt geſtorben, und Sie hatten ihm nicht das Leben abgeſprochen!““ Auf dieſe Art iſt die Ehre der Arzneiwiſſenſchaft gerettet.“ „Ja,“ ſagte Marianne,„und kommt der Kranke davon, ſo vergrößert das die Ehre des Arztes.“ Die Anſchuldigungen des alten Wundarztes und die medico⸗philoſophiſchen Bemerkungen der Krankenwärterin dauerten eine halbe Stunde. Nach Verlauf dieſer halben Stunde kam Ludovic an. Er trat gerade in dem Augenblicke ein, wo Herr Pilloy ohne Mitleid für ſeinen beſten Freund,— die Wiſſenſchaft iſt wie Saturn, ſie verſchlingt ihre Kinder!— er trat, ſagen wir, in dem Augenblicke ein, wo Herr Pilloy, da er den Kranken faſt unmittelbar den Löffel voll Brechtrank, den er genommen, wieder von ſich geben ſah, Herrn Gérard anſchauend, deſſen verzerrtes Geſicht das Leiden ausdrückte, laut ſagte: „Er iſt entſchieden verloren!“ Ludovic hörte dieſe Worte, achtete aber nicht darauf, ging gerade auf den Kranken zu, ſchaute ihn aufmerkſam an und fühlte ihm den Puls. Nach einer Minute,— einer Minute voller Ban⸗ gigkeit für dieſes wackere Herz, voller Unruhe von einer verzagenden Art für den alten Wundarzt, erhob er die Stimme. Sein Geſicht, das zugleich der Arzt, die Kranken⸗ wärterin und der Sterbende forſchend betrachteten, drückte die vollkommenſte Befriedigung aus. „Es geht gut!“ ſagte er. „Wie, es geht gut?“ fragte Herr Pilloy erſtaunt⸗ „Ja, der Puls hat ſich wieder gehoben.“ der ſt, rde eſe nke die rin n. err die err ffel en cht uf, am n⸗ ner die en⸗ ckte 255 „Ah! hienach urtheilen Sie, daß es beſſer gehe?“ „Armer, unglücklicher junger Mann, er hat ſich er⸗ brochen!“ „Er hat ſich erbrochen?“ wiederholte Ludovic, Ma⸗ rianne anſtaunend. „Sie ſehen wohl, daß er verloren iſt!“ „Im Gegentheile,“ erwiederte Ludovic ruhig,„hat er ſich erbrochen, ſo iſt er gerettet.“ „Sie ſtehen für das Leben meines beſten Freundes?“ rief Herr Pilloy wüthend. „Ja, mein Herr,“ antwortete Ludovic,„ich verbürge mich dafür bei meinem Kopfe.“ Der alte Arzt nahm ſeinen Hut, und ging mit der Mine eines Algebriſten weg, gegen den man behaupten würde, zwei und zwei machen fünf. Ludovie ſchrieb eine andere Verordnung, und über⸗ gab ſie der Krankenwärterin. „Liebe Frau,“ ſagte er,„ich habe die Verantwor⸗ tung übernommen! Sie wiſſen, was dies in der Sprache der Mediein bedeutet? Man führe meine Vor⸗ ſchriften buchſtäblich aus, man befolge keine andere, und Herr Gérard iſt gerettet.“ Der Sterbende gab einen Freudenſchrei von ſich, ergriff die Hand des jungen Mannes, und drückte, ehe ſich dieſer dagegen hatte wehren können, ſeine Lippen darauf. Doch plötzlich ſchien ſich ſein Geſicht unter dem Luſuſe eines unbeſchreiblichen Schreckens völlig zu ent⸗ ellen. „„Und der Mönch! und der Mönch!“ murmelte er, während er vernichtet auf ſein Kopfkiſſen zurückfiel. — 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16