— Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 6 Eduard Oltmann in Gießen, ſ . 7 . ⁰ * Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und GFeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek, Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſ Bücher jeden Tag von Morgens pfangnahme und Rückgabe der 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ſ 1 wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3„ 6 5 5. Auswäptige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 6. Schadenersatz. 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Dieſes Herz war das von Juſtin. Wir täuſchen uns: wir müßten ſagen Herzen. Dieſe Herzen waren die von Juſtin, von ſeiner Mutter, von Schweſter Céleſte, vom guten Profeſſor und vom Pfarrer der Bouille, der nicht wußte, was er Schlimmes that und ſich in der Einfalt ſeiner Seele für einen Boten der Freude hielt, während er im Ge⸗ gentheil ein Bote der Schmerzen war. Doch diejenige, welche von Allen am meiſten ge⸗ litten, denn ſie hatte für ſich und ihren Sohn gelitten, war die Mutter. Sie, die am Anfang ſo ſtark, war am Ende ge⸗ lähmt geweſen. Vor dem Abſchied war ſie, ohne ein Wort zu ſagen, ohne einen Schrei von ſich zu geben, ohne eine Thräne zu vergießen, unmerklich ohnmächtig geworden. Keiner von dieſen egoiſtiſchen ünglücklichen hatte ihre Ohnmacht bemerkt. Derjenige, welcher es bemerkte, weil es ihm ſchien, als ränge ein Theil ſeines Herzens mit dem Tode, war Juſtin. Die Mohicaner von Paris. I. 1 „Meine Mutter! meine Mutter!“ rief er,„ei! ſeht doch meine Mutter!“ Man ſtürzte ſich auf die Blinde; Juſtin fiel vor ihr auf die Kniee und nmſchlang ſie mit ſeinen Armen. Ihr Geſicht war wachsfarbig geworden; ihre Hände waren kalt wie Marmor; ihre Lippen bläulich. Die Letztgeborenen der Hoffnungen ihres Alters waren geſtorben. Das Erſchreckliche bei Allem dem war, daß man die Schuld nicht auf irgend Jemand werfen, nicht gegen irgend Jemand Anklage erheben konnte. Jedermann hatte eine gute Abſicht gehabt, ſelbſt der arme Pfarrer der Bouille. Das war Verhängniß, nichts Anderes. Man lief zum Apotheker, der Salze gab. Nittelſt der Salze und des Eſſigs kam Madame Corby wieder zu ſich. Das Erſte, nicht was ſie ſah⸗ die arme Blinde! ſondern was ſie fühlte, war ihr Sohn, der ſie tröſtete, er, der des Tröſtens ſelbſt ſo ſehr bedurfte. Doch der gute Juſtin bemerkte ſeinen Schmerz nicht, wenn Jemand in ſeiner Nähe litt, und beſonders, wenn dieſer Jemand ſeine Mutter war. Er blieb alſo bei Madame Corby, nicht nur bis ſie wieder zu ſich gekommen war, ſondern ſogar bis ſie ſich zu Bette gelegt hatte. Dann aber, da ſie begriff, daß es für ihren Sohn Bedürfniß war, ſelbſt zu weinen, und wohl fühlte, er wage es nicht, in ihrer Gegenwart zu weinen, aus Furcht, ſie in Verzweiflung zu bringen, verlangte ſie von ihm, daß er ſich in ſein Zimmer zurückziehe. Juſtin ging in ſein Stübchen hinab; Alles, was er vom erſten Stocke mitnahm, war der Orangenblüthen⸗ kranz, den Mina, als ſie ihn verlaſſen, von ihrem Kopfe geriſſen und ihm zugeworfen hatte. Der gute Profeſſor ging mit Inſtin hinab. us ſie n⸗ em 3 Was den Pfarrer der Bouille betrifft,— er hatte nichts mehr in Paris zu thun; er ſetzte ſich um ſechs Uhr Abends wieder in den Wagen nach Ronen und nahm das verfluchte Geld mit, das ein ſo großes Un⸗ glück verurſacht hatte. Während er ſich von dem Babylon entfernte, wo ſich bald unſer Drama entrollen wird, waren Juſtin und ſein Profeſſor wieder in die Stube der Schüler hinabgegangen, denen man aus-Anlaß der großen Feier⸗ lichkeit, welche ſtatthaben ſollte, und zugleich wegen des Faſching⸗Monntags. der ausnahmsweiſe in dieſem Jahre auf den Anfang des Februars ſfiel, Vacanz gegeben hatte. Das düſtere Geſicht ſeines Zöglings flößte dem guten Müller eine tiefe Angſt ein; er fing an, in der Hoffnnng, ihn zu zerſtreuen, Juſtin an alle mögliche gemeinſchaftlich erlebte Geſchichten zu erinnern, und ging dabei bis zu dem Augenblick, wo das Zuſammen⸗ treffen mit dem kleinen Mädchen vorgefallen war. Hier wollte er anhalten; nun war es aber Juſtin, der ſeinerſeits umſtändlich das anbetungswürdige Leben erzählte, das er ſeit ſechs Jahren geführt hatte. „Wir find zu glücklich geweſen,“ ſagte er;„viele Ahnungen haben mir verkündigt, ich miſſe mich darauf vorbereiten, früher oder ſpäter den Sieg, den ich über mein ſchlimmes Geſchick davongetragen, thener zu be⸗ zahlen. Ich habe ſechs Jahre lang eine nnausſprech⸗ liche Glückſeligkeit genoſſen; das iſt beinahe das Sechs⸗ tel des Lebens: wenige Menſchen können daſſelbe ſagen. Ich habe die Freuden dieſer ſechs Jahre vergeſſen; ich werde das Unglück vergeſſen, wie ich die Freude ver⸗ geſſen habe: Frenden und Schmerzen werden ſich eines Tages in der grauen Tinte der Vergangenheit ver⸗ ſchmelzen. Seien Sie alſo nicht beſorgt um mich, mein lieber Meiſter; halten Sie mich nie für fähig, einen fin⸗ ſtern Vorſatz zu faſſen... Gehöre ich übrigens mir? bin ich mich nicht meiner guten Mutter⸗ meiner armen Schweſter ſchuldig? Nein, nein, mein lieber Meiſter, mein Entſchluß ſteht feſt: ich habe gegen die Armuth gekämpft, ich werde gegen den Schmerz kämpfen... Laſſen Sie ein paar Tage meine Wunden ſich vernarben; erlauben Sie beſonders, daß ich allein bleibe; in der Einſamkeit iſt für die ergebenen Herzen eine unbekannte Religion: die Reſignation, lieber Meiſter, iſt die Stärke der Schwachen, und Sie werden mich ſtärker und geprüf⸗ ter in den Kampf des Lebens zurückkehren ſehen.“ Der alite Meiſter entfernte ſich erſtaunt, beinahe er⸗ ſchrocken über die Macht der Reſignation dieſes Men⸗ ſchen, aber völlig beruhigt über die Folgen ſeiner Ver⸗ zweiflung. Juſtin, nachdem er Müller bis zu gleitet hatte, kehrte in ſein Zimmer zurück und ging langſam und lang mit gekreuzten Armen und geſenktem Kopfe auf und ab, wobei er von Zeit zu Zeit die Angen ur Decke emporrichtete, als hätte er vom Himmel eine Erklärung des Räthſels verlangen wollen, das man das Verhängniß nennt. Zwei⸗ oder dreimal ging er bis zur Thüre des Schrankes, wo das Violoncell in ſeinem Kaſten ſchlum⸗ merte. Doch er öffuete die Thüre nicht einmal. An dieſem Abend war er noch zu ſchwach. Bis Morgens um drei Uhr ging er ſo auf und ab; er hatte vom vorhergehenden Morgen an nicht weinen können. Sein Schmerz verſteinerte ſich, ſo zu ſagen⸗ in ſei⸗ nem Buſen und erſtickte ihn. Er warf ſich auf ſein Beit: die Miüdigkeit gewann die Oberhand, und er entſchlief. In der Nachk vorher hatte er dieſelbe Schlafloſig⸗ keit und denſelben Schlaf gehabt: nur hatte die Freude r Hausthüre be⸗ en ei⸗ ein ig⸗ ude —. 5 ſeine Augen offen gehalten, und die Müdigkeit des Glückes hatte ſie geſchloſſen! Glücklicher Weiſe war an dieſem Tage Faſching⸗ Dienſtag und folglich Vacanz: es ſtand ihm alſo frei, ſich mit ſeinem Schmerz zu iſoliren, ihm zu Leibe zu gehen, mit ihm zu ringen, es zu verſuchen, ihn zu Bo⸗ den zu werfen. Der Kampf dauerte den ganzen Tag. Nachdem er ſeine Mutter und ſeine Schweſter umarmt hatte, ging er bei Tagesanbruch aus; er wollte aufs Neue den Ort beſuchen, wo er in einer ſchönen Juninacht das Kind im Getreide und in den Blumen liegend gefunden hatte. Es gab weder Kornblumen, noch Klapperroſen, noch blonde Aehren mehr; die Erde war, wie ſein Herz, kahl, entblößt, geſprungen durch den Winter. Er erging ſich im Walde von Mendon, der ſo hei⸗ ter, ſo lachend, ſo voll Sonne und Grün, wenn er mit ſeinem Profeſſor darin luſtwandelte; er gelangte bis zu den Thoren von Verſailles. Doch er hatte die Stärke, nicht bis zum Penſionat zu gehen. Wozu ſollte es nützen, die Arme wiederzuſehen? War er nicht ſicher, daß ſie fern von ſeinem Anblick weinte? war er nicht ſicher, daß ſie bei ſeinem Anblick noch mehr weinen würde? Hoffnung blieb ihm keine mehr! Es war für ihn klar, daß Mina einer reichen ariſtokratiſchen Familie angehörte; und welche Ausſicht war vorhanden, daß man ſie ihm, dem Demüthigen, dem Armen, geben würde? Er konnte ſie allerdings ſehen; das wollte er aber gerade nicht thun. Juſtin kam Abends um zehn Uhr nach Hauſe; er hatte fünfzehn Meilen am Tage gemacht und fühlte nicht die geringſte Müdigkeit. Seine Mutter und ſeine Schweſter erwarteten ihn, Beide unruhig. Er kam mit lächelndem Geſichte zurück, küßte ſie und ſtieg in ſein Zimmer hinab. Es ereignete ſich daſſelbe, was ſich am Tage vor⸗ her ereignet hatte: er ging langſam und traurig auf und ab; er zählte die Stunden bis Mitternacht; ſodann, nachdem er, wie am vorhergehenden Tage, mehrere Male vor dem Schranke, wo ſein Violoncell war, ſtehen ge⸗ blieben, entſchloß er ſich, die Thüre zu öffnen, zog das Inſtrument aus ſeinem Kaſten und ſchaute es mit tiefer Melancholie an. Das Mädchen hatte ihn, wie man ſich erinnert, in einer kindiſchen Laune veranlaßt, auf dieſes düſtere In⸗ ſtrument zu verzichten; wir haben mehrere Male geſe⸗ hen, wie er es aus ſeinem Kaſten zog, zwiſchen ſeine Kniee ſchloß, ſich in der fehlenden Melodie berauſchte, aber wir haben ihn keine einzige Note entlocken hören. Heute kam er zu ihm zurück. „Ich bin undankbar geweſen, o mein alter Freund! o mein zärtlicher Tröſter!“ ſagte er.„Ich habe dich während meiner Tage der Freude verlaſſen: ich finde dich in den Tagen meines Unglücks wieder!“ Und er küßte das Violoncell voll Innigkeit. „O nnerſchöpfliche Quelle der Tröſtungen,“ fuhr er fort;„Muſik! Zuflucht der weinenden Seelen; ich habe es gemacht wie der verlorene Sohn: ich habe dich eines Tags verlaſſen, thenre Familie meiner Seele! die Schmerzen haben mich in Schaaren überfallen, und ich komme zu dir zurück mit geguetſchten Füßen und ge⸗ brochenem Herzen, und du ſtreckſt mir die Arme entgegen, harmoniſche Göttin! und du nimmſt mich auf, das Herz voll Mitleid und Liebe!“ Und er zog, wie er es mit dem Inſtrumente ge⸗ macht, aus dem Schranke ſein altes Mufikbuch, legte es auf ſein Pult, öffnete es, ſetzte ſich auf das hohe Ta⸗ bouret, nahm das Violoncell und hielt den Bogen auf die Saiten. e [= f R, le e⸗ g it in 8 ne te, n. d! ich de er abe nes die ich ge⸗ en, erz ge⸗ es Ta⸗ auf — 7 In dem Momente, wo er ſpielen wollte, entfielen zwei Thränen ſeinen Augen. Er ſchob den Bogen unter ſeinen Arm, trocknete langſam ſeine feuchten Angenlider und fing an denſelben ernſten, ſchwermüthigen Geſang zu ſpielen, den Salvator und Jean Robert zwei Stunden vor dem Anfange dieſer Erzählung gehört hatten. Man weiß, wie Salvator an die Thüre klopfte, wie die zwei Freunde von Juſtin eingeführt wurden, wie ſie ihn nach der Urſache ſeiner Thränen fragten, wie der Schulmeiſter ihnen ſeine Geſchichte zu erzählen einwilligte. Dieſe Geſchichte iſt die, welche wir unſern Leſern ſo eben vor Angen gelegt haben. Die zwei jungen Lente hörten ſie mit ſehr verſchie⸗ denartigen Eindrücken an. Der Dichter war lebhaft bewegt bei gewiſſen Stel⸗ len: bei der Scene der Mutter, die ihren Sohn eher zum Unglück verdammt, als daß ſie ihn eine zweifelhafte Handlung begehen läßt, traten ihm die Thränen in die Augen. Der Philoſoph hörte ſie vom Anfang bis zum Ende mit einer ſcheinbaren Unempfindlichkeit an; nur bebte er beim Namen von Fräulein Suſanne und Herru Loredan von Valgeneuſe; es war, als hörte er dieſe Namen nicht zum erſten Male ausſprechen, und jeder von ihnen ſchien in moraliſcher Hinſicht auf ihn denſelben Eindruck zu machen, den in phyſiſcher die Berührung eines harten Körpers bei einer ſchlecht geſchloſſenen Wunde macht. „Mein Herr,“ ſagte Jean Robert,„wir wären un⸗ würdig, gehört zu haben, was Sie uns erzählt, ver⸗ ſuchten wir es, einem Manne wie Ihnen Alltagströſtun⸗ gen zu geben. Hier ſind unſere Adreſſen; bedürfen Sie je zweier Freunde, ſo bitten wir Sie, uns den Vorzug zu geben.“ Und zugleich riß Jean Robert ein Blatt aus ſeinem Portefeuille, ſchrieb die zwei Namen und die zwei Adreſſen darauf und gab ſie Juſtin. Dieſer nahm ſie und legte ſie zwiſchen die Blätter ſeines Muſikbuches. Hier war er ſicher, ſie alle Tage wiederzufinden. Dann reichte er ſeine beiden Hände den zwei jun⸗ gen Leuten. In dem Augenblick, wo dieſe vier Hände ſich drück⸗ ten, klopfte man heftig an die Thüre. Wer konnte zu dieſer Stunde klopfen? Juſtin war ſo losgetrennt von jedem anderen In⸗ tereſſe, als dem, welches ſein Innerſtes erfüllte, daß es ihm nicht einmal einfiel, dieſes ſo kräftige Klopfen könnte ihn betreffen. Er ließ die zwei jungen Leute hinausgehen und, indem ſie hinausgingen, die Thüre dem nächtlichen oder vielmehr morgendlichen Beſuche öffnen, denn die erſten Strahlen des Tages fingen an zu erſcheinen. Derjenige, welcher an die Thüre klopfte, war ein Knabe von dreizehn bis vierzehn Jahren, mit blonden, rings um ſeinen Kopf gekräuſelten Haaren, mit roſigen Wangen, mit leicht zerlumpten Kleidern. Ein ächter Pariſer Straßenjunge mit einer blauen Blonſe, einer Mütze ohne Schild, mit niedergetretenen Schuhen. Er ſchaute empor, um zu ſehen, wer die Thüre geöffnet. „Ah! Sie ſind es, Herr Salvator!“ ſagte er. „Was willſt Du zu dieſer Stunde hier, Herr Ba⸗ bolin?“ fragte der Commiſſionär, indem er den Straßen⸗ jungen freundſchaftlich beim Kragen ſeiner Blouſe nahm. „Ei! ich bringe Herrn Inſtin, dem Schulmeiſter, einen Brief, den die Brocante heute Nacht, als ſie ihre Runde machte, gefunden hat.“ „Ah! was den Schulmeiſter betrifft,“ ſagte Sal⸗ in en n en 7 9 vator:„Du weißt, daß Du mir bis zum 15. März leſen zu können verſprochen haſt?“ „Nun! nun! nun! wir ſind erſt beim 7. Februar; es iſt noch keine Zeit verloren.“ „Du weißt, daß ich Dir, wenn Du am 15. nicht geläufig lieſeſt, am 16. die Bücher wieder nehme, die ich Dir gegeben habe?“ „Selbſt die, wo Bilder darin ſind?.. Oh! Herr Salvator!“ „Alle ohne Ausnahme.“ „Nun, ſo ſehen Sie, daß man leſen kann,“ ſagte der Knabe. Und er warf einen Blick auf die Adreſſe des Briefes und las: „An Herrn Juſtin, Faubourg Saint⸗Jacques, Nr. 20. „Einen Lonis d'or Belohnung demjenigen, welcher ihm dieſen Brief übergibt. „Mina.“ Die Adreſſe und der Beiſotz waren mit Bleiſtift geſchrieben. „Ueberbring' es geſchwinde, geſchwinde, mein Kind!“ ſagte Salvator, während er Babolin gegen die Wohnung des Schulmeiſters hinſchob. Babolin eilte mit zwei Sprüngen über den Hof, trat ein und rief: „Herr Juſtin! Herr Juſtin! ein Brief von Made⸗ moiſelle Mina!“ „Was machen wir? fragte Jean Robert. „Bleiben wir,“ antwortete Salvator;„es iſt wahr⸗ ſcheinlich, daß dieſer Brief ein neues Ereigniß mittheilt, bei welchem unſer Beiſtand dieſem wackern jungen Manne nützlich ſein kann.“ Salvator hatte nicht vollendet, als Juſtin bleich wie ein Geſpenſt auf der Schwelle ſeiner Thüre erſchien. 10 „Sie ſind noch da!“ rief er;„Gott ſei gelobt!.. Leſen Sie, leſen Sie!“ Und er reichte den zwei jungen Leuten den Brieft Salvator nahm ihn und las: „Man entführt mich mit Gewalt, man ſchleppt mich fort.. ich weiß nicht wohin! Zu Hülfe, Juſtin! rette mich, mein Bruder! oder räche mich, mein Gatte! „Mina.“ „Oh! meine Freunde!“ rief Juſtin, indem er die Arme gegen die zwei jnngen Leute ausſtreckte,„die Vor⸗ ſehung hat Sie hierher geführt!“ „Nun,“ ſprach Salvator zu Jean Robert,„Sie ver⸗ langten Roman: ich hoffe hier iſt, mein Theurer!“ XXX. Zuerſt das Dringendſte. Die drei jungen Leute ſchauten ſich einen Augen⸗ blick an. Die erſte Minute gehörte der Beſtürzung; die zweite war, bei Salvator beſonders, eine Rückkehr zur Kalt⸗ blütigkeit. „Ruhe!“ ſagte er,„die Sache iſt ernſt: wir dürfen nicht als Kinder handeln.“ „Aber man entführt ſie!“ rief Juſtin;„man ent⸗ führt ſie! ſie ruft mich zu Hülfe! ſie verlangt von mir, daß ich ſie räche!“ en⸗ ite ilt⸗ fen nt⸗ nir, 11 „Ja, ganz richtig, und darum muß man wiſſen, wer ſie entführt, und wohin man ſie entführt.“ „Oh! wie das wiſſen? mein Gott! mein Gott!“ „Man erfährt Alles mit der Zeit und mit Geduld! Nicht wahr, Sie ſind Ihrer Mina ſicher?“ „Wie meiner ſelbſt.“ „Nun, ſo ſeien Sie ruhig, Sie wird ſich wehren. Suchen wir das Dringendſte auf dem kürzeſten Wege zu erreicheu.“ „Oh! ja, erbarmen Sie ſich meiner.. Ich werde wahnſinnig!“ Die Reſignation von Juſtin verſchwand vor dem Gedauken, Mina ſei in den Händen von irgend einem Räuber und könne einer phyſiſchen oder moraliſchen Ge⸗ waltthat unterworfen werden. „Babolin iſt da?“ fragte Salvator. „Befragen wir ihn.“ „Befragen wir ihn!“ wiederholte Juſtin. „In der That,“ ſprach Jean Robert,„hiemit müſ⸗ ſen wir anfangen.“ Man ging wieder in das Zimmer des Schülſeiſters hinein. „Vor Allem,“ ſagte Salvator,„geben Sie dieſem Knaben einen Lonis d'or für ſeine Mutter, und ein Stück Münze für ihn.“ Juſtin zog zwei Louis d'or und zwei Fünf⸗Fran⸗ ken⸗Stücke aus ſeiner Taſche und gab ſie Babolin. Salvator bemächtigte ſich aber der Hand des Kna⸗ ben in dem Augenblick, wo ſie ſich ſchloß, öffnete ſie wie⸗ der mit Gewalt, nahm, zur großen Verzweiflung von Babolin, einen Louis d'or und ein Fünf⸗Franken⸗Stück und gab Beides Juſtin zurück. „Stecken Sie dieſe fünf und zwanzig Franken wie⸗ der in die Taſche,“ ſagte er;„binnen einer Stunde wer⸗ den Sie eine Verwendung hiefür finden.“ Hienach wandte er ſich gegen den Knaben um und fragte: „Wo hat Deine Mutter dieſen Brief gefunden?“ „Wie beliebt?“ verſetzte der Knabe mit der Miene eines Schmollenden. „Ich frage Dich: wo hat Deine Mutter dieſen Brief gefunden. welche Straßen hat ſie gemacht?“ „Weiß ich das? fragen Sie ſie ſelbſt.“ „Er hat Recht,“ ſagte Salvator;„ſie muß man fragen, und es iſt ſogar wahrſcheinlich, daß ſie auf Ihren Beſuch rechnet... Warten Sie!. organiſiren wir unſere Batterien!“ „Leiten Sie uns: ich werde gehorchen. Ich, ich habe den Kopf verloren.“ „Sie wiſſen, daß Sie über mich verfügen können, mein lieber Salvator,“ ſagte Jean Robert. „Ja, und ich gedenke Ihnen auch eine Rolle in die⸗ ſem Drama zu geben.“ „Gut! und ſie ſei ſo thätig, als Sie wollen! Ich habe meine Gemüthsbewegungen als Autor gehabt; es nicht unangenehm, ſie auch als Schauſpieler zu haben.“ „Oh! ich bitte Sie, meine Herren, ich bitte Sie!“ ſagte Juſtin, der jede Minnte, welche verlief, als koſtbar betrachtete. „Sie haben Recht... Hören Sie, was wir thun müſſen.“ „Sprechen Sie!“ „Herr Juſtin, Sie werden dieſem Knaben zu ſeiner Mutter folgen.“ „Ich bin bereit.“ „Warten Sie!.. Herr Jean Robert, Sie werden ſich ein geſatteltes Pferd verſchaffen und mit ihm nach der Rue Triperet Nr. 11. zurückkehren.“ „Nichts kann leichter ſein.“ „Ich, ich will die Anzeige bei der Polizei machen.“ S— er en ch 13 „Kennen Sie dort Jemand?“ „Ich kenne den Mann, den wir brauchen.“ „Gut!. und dann?“ „Und dann komme ich zu Ihnen in die Rue Tri⸗ peret Nr. 11 zur Mutter dieſes Knaben, und dort wer⸗ den wir auf das Weitere bedacht ſein.“ „Komm, Kleiner, vorwärts!“ ſagte Juſtin. „Hinterlaſſen Sie zuvor ein Wort, um Ihre Mut⸗ ter zu bernhigen,“ ſagte Salvator;„es iſt möglich, daß Sie erſt ſpät zurückkommen, oder daß Sie gar nicht zurückkommen.“ „Sie haben Recht,“ erwiederte Juſtin;„arme Mut⸗ ter! ich vergaß ſie!“ Und er ſchrieb haſtig ein paar Zeilen auf ein Pa⸗ pier, das er offen auf dem Tiſche ſeines Zimmers lie⸗ gen ließ. Er theilte ſeiner Mutter mit, ohne ihr etwas ſu⸗ deres zu ſagen, er habe ſo eben einen Brief erhalten, der ſeinen Tag in Anſpruch nehme. „Und nun laſſen Sie uns gehen!“ rief er. Die drei jungen Leute eilten aus dem Hauſe; es mochte halb ſieben Uhr Morgens ſein. „Hier iſt Ihr Weg,“ ſprach Salvator, indem er von fern Juſtin die Rue des Urſulines bezeichnete;„hier der Ihre,“ fügte er, Jean Robert die Rue de la Bourbe zeigend, bei;„und hier der meine,“ vollendete er, wäh⸗ u er den Weg durch die Rue Saint⸗Jacques ein⸗ hng. Als er dreißig Schritte gemacht hatte, wandte er ſich noch einmal um und rief: „Das Rendez⸗vons iſt in der Rue Triperet No. 111“ Folgen wir dem Haupthelden der Ereigniſſe, welche in dieſem Angenblicke vor ſich gehen, und— während Jean Robert nach der Rue de[Univerſits läuft, um ſich ſein Pferd ſatteln zu laſſen, und Salvator ſich in Eile auf die Polizei begibt— begleiten wir Juſtin Corby, der, 14 auf den Ferſen von Babolin gehend, nach der Rue Tri⸗ peret zuſchreitet. Die Rue Triperet iſt, wie Jeder weiß, oder viel⸗ mehr wie Jeder nicht weiß, eine mit der Rue Copean parallele und auf die Rue Gracieuſe ſenkrecht zulanfende Gaſſe. Dieſes ganze Quartier erinnerte noch im Jahre 1827 an das Paris von Philipp Anguſt. Die um die Mauern von Sainte Pélagie kreiſenden kothigen Fuß⸗ pfade gaben dieſem Gefängniß das Anſehen einer mitten auf einer Inſel erbauten alten Feſtung; die kaum acht bis zehn Fuß breiten Gaſſen waren noch verſperrt durch Haufen von Miſt und Schutt, und die Kloaken, wo die unglücklichen Bewohner dieſer Quartiere vegetirten, gli⸗ chen viel mehr Hütten, als Häuſern. Vor einem dieſer Löcher blieb Babolin ſtehen. „Es iſt hier,“ ſagte er. Das war ein ſtinkender Ort, der aus allen Poren Elend und Unreinigkeit ſchwitzte. Iuſtin merkte nicht einmal darauf. „Gehe voran,“ ſagte er,„ich werde Dir folgen.“ Babolin trat als ein Menſch ein, der, wie man ſagt, an des Hanſes Gelegenheiten gewöhnt iſt. Nach zehn Schritten blieb Inſtin ſtehen. „Wo biſt Dn?“ ſagte er;„ich ſehe nicht.“ „Ich bin hier, Herr Juſtin,“ erwiederte der Kuabe, indem er ſich dem Schulmeiſter näherte;„nehmen Sie mich unten an der Blouſe.“ Juſtin nahm Babolin unten an der Blouſe und kletterte die hohe Leiter hinauf, welche unter dem an⸗ ſpruchsvollen Namen Treppe zur Mutter Brocante führte. Sie kamen vor die Thüre ihres Hundeſtalls,— und die Wohnung der Brocante ſchien in jeder Beziehung dieſen Namen zu rechtfertigen, denn kaum war man auf dem Ruheplatze, als man das Geſchrei von einem Dutzend „—— ——— c—— c—— * N* t ) E n 7 15 Hunde hörte, welche in allen Tonarten bellten, kläfften und heulten. „Ich bin es, Mutter,“ ſagte Babolin, der ſich ein Sprachrohr aus ſeinen beiden Händen machte, die er ans Schlüſſelloch hielt;„öffnet, ich bin mit Geſellſchaft da.“ „Wollt ihr wohl ſchweigen, wüthendes Geſindel!“ rief im Innern der Stube, ſich an die Meute wendend, die Stimme der Brocante;„man hört ſich ſelbſt nicht hier. Wirſt du ſchweigen, Cäſar! wirſt dn ſchwei⸗ gen, Pluto! Stille, Alle!“ Und auf den mit einer drohenden Stimme ausge⸗ ſprochenen Befehl trat eine ſolche Stille ein, daß man hätte eine Maus in dieſem Hauſe gehen hören, dem es übrigens nicht an Mäuſen fehlen mußte. „Du kannſt nun eintreten, Du und Deine Geſell⸗ ſchaft,“ ſagte die Stimme. „Und wie dies?“ „Du brauchſt nur die Thüre aufzumachen; der Riegel iſt nicht vorgeſchoben.“ „Oh! das iſt etwas Anderes,“ verſetzte Babolin. Und er hob die Klinke auf, öffnete die Thüre, welche dem ungeduldigen Juſtin Einlaß gewährte, und ſtellte ihn vor ein Schauſpiel, das, ohne gerade äußerſt veih zu ſein, doch eine beſondere Beſchreibung ver⸗ ient. Man denke ſich, in der That, eine Art von Halle in ihrer Länge und ihrer Breite getheilt durch zwei krenz⸗ weiſe Balken, deren Beſtimmung es war, das Dachwerk dieſes Speichers zu tragen, aus dem man eine Stube gemacht hatte; eine Decke, beſtehend aus Latten, die als Unterlage den Ziegeln des Dachſtuhles dienten, und durch deren Zwiſchenräume man den erſten Schimmer des Ta⸗ ges erſchauen konnte; an gewiſſen Stellen ſo bedrohliche Ausbauchungen des Daches, daß es außer Zweifel war, die Bedeckung werde beim erſten Sturmwinde einſtürzen! Man ſtelle ſich grane, fenchte Gypswände vor, an denen * einſame Spinnen, mit Verachtung Völkerſchaften von Inſecten aller Art anſchanend, hinliefen,— und man wird den Eindruck des Ekels begreifen, der jeden Men⸗ ſchen ergriffen hätte, welcher an einen ſolchen Ort, unter der Macht eines Gefühles, das minder gebieteriſch als das, welches Juſtin dahin zog, gerufen worden wäre. Ein Dutzend Hunde, Doggen, Dachshunde, Pudel, falſche Däneu, regten ſich in einer der Ecken der Stube, alle aufgehäuft in einem alten, aus Weiden geflochtenen Korbe, wo bequem höchſtens vier bis fünf Platz gehabt hätten. Auf dem Winkel, den die zwei Balken bildeten, hockte eine Krähe, welche mit den Flügeln ſchlug, ohne Zweifel als eine Kundgebung ihrer Freude während des Hundeconcerts. Auf einem Schemel ſitzend, an den Fuß des Bal⸗ kens angelehnt, der, einem Pfeiler ähnlich, dieſes ganze wankende Gebände ſtützte, umgeben von einer Art von Böſchung von Lumpen von allen Stoffen und allen Farben, welche drei bis vier Fuß hoch an der Mauer aufſtieg, hielt eine Frau von fünfzig Jahren dem An⸗ ſcheine nach, groß, mager, knochig, abgemergelt wie ein Cabrioletpferd, zwiſchen ihren Beinen knieend ein junges Mädchen, deſſen lange Haare ſie mit einer Sorgfalt kämmte, welche bei der alten Zigennerin entweder eine große Liebe für das Mädchen, oder einen großen Reſpect für die Schönheit ſeiner Haare bezeichnete. Dieſe Scene, der es nicht an Pittoreskem gebrach, beſonders wegen des typiſchen Gegenſatzes der Perſonen, aus denen ſie beſtand, war beleuchtet durch eine auf einem umgekehrten Korbe ſtehende Lampe von Stein⸗ gut, die ihrer Form nach viel Aehnlichkeit mit jenen bei den Ausgrabungen in Herculanum oder Pompeji auf⸗ gefundenen Lampen hatte. Die alte Frau,— ohne Zweifel diejenige, welche Babolin unter dem Namen Brocante bezeichnet hatte,— wa gel Ka Bre gan wat klei um von dere wel die zerr dun Wo war zeſſi Aug Bab ihr ſchm ren Reir den blau höhl gefa oder die ſie h Selt Die — — — — X — 17 war bekleidet mit braunen Fetzen, rechts und links auf⸗ geleſenen Stoffen, welche an einander genäht, wie die Karte eines Schneiders, ein Muſter von allen Nnancen vom Brann zu bieten beſtimmt ſchienen. Die zwiſchen ihren Beinen knieende Kleine hatte als ganzes Coſtume nur ein langes Hemd von roher Lein⸗ wand, dem ähynlich, mit welchem Scheffer Mignon be⸗ kleidet; di eſes Hemd nahm die Form einer Blouſe an, unſchloſſen, wie es war, an den Hüften von einer Art von grau und kirſchrothen baumwollenen Schnur, an deren Enden zwei große Eicheln ähnlich denen hingen, welche an den Vorhanghaltern dienen; der Hals und die Bruſt des Kindes waren verborgen unter einer ganz zerriſſenen, kirſchrothen wollenen Echarpe, welche mit der dunklen Nuance der Schuur harmonirie, ſo weit die Wolle mit der Baumwolle harmoniren kann. Ihre gekrenzten Füße, auf denen ſie gekauert ruhte, waren nackt. Es waren reizende Füße, ein Paar Füße einer Prin⸗ zeſſin, einer Andaluſierin, oder einer Zigennerin. Was ihr Geſicht betrifft, das ſie der Thüre in dem Augenblick zuwandte, wo ſich dieſelbe öffnete, um Babolin und dem Schulmeiſter Eingang zu gewähren,— ihr Geſicht hatte jene krankhafte Bläſſe der armen ver⸗ ſchmachtenden Blumen unſerer Vorſtädte; ihre Züge wa⸗ ren von einer bewunderungswürdigen Regelmäßigkeit und Reinheit; doch die abgemagerten Umriſſe dieſes leiden⸗ den Geſichtes trübten die Vewunderung. Die mit einem blauen Kreiſe umgebenen Augen, die Tiefe der Augen⸗ höhlen, die nnruhigen Blicke, die Halbflächen der ein⸗ gefallenen Backen, der wie eine Erinnerung des Hungers oder der Angſt halb geöffnete Mund, die ernſte Stirne, die ſaufte, harmoniſche Stimme, die ſpärlichen Worte, die ſie hören ließ, Alles trug dazu bei, ihrem Anblick etwas Seltſames, Fantaſtiſches zu verleihen, was unſernFreund Die Mohicaner von Paris. n. 2 Petrus, hätte er ſich dieſem reizenden Modell gegenüber befunden, an die Idee, die er ſich von Medea als Kind oder von Circe als Inngfran gemacht, gemahnt hätte. Es fehlte ihr nichts als ein goldener Stab und der Rahmen der Berge Theſſaliens oder der Abruzzen, um eine Magierin zu ſein; es fehlte ihr nichts als eine Tunica mit purpurrothen Blumen, als Perlen um die Arme und in den Haaren, um eine Zauberin zu ſein; es fehlte ihr nichts als ein Kranz von Seeroſen und ein Wagen von Perlmutter, von Tauben gezogen, um eine Fee zu ſein. Im Uebrigen, und um zu der unſeligen Wirklichkeit zurückzukehren, war es,— abgeſehen von der Poeſie und einer ſeltſamen Reinlichkeit unter all dieſem Elend— die Verkörperung der Pariſerin dieſer traurigen Vor⸗ ſtädte; der Mangel an Luft, der Mangel au Sonne, der Mangel an Nahrung, die Abweſenheit dieſer drei Lebenselemente war in unauslöſchbaren Charakteren auf dem ganzen gebrechlichen Leibe der armen Creatur ſichtbar. Sagen wir ſogleich, auf die Gefahr, die Handlung unſeres Dramas, von dem übrigens die Geſchichte von Juſtin und Mina nur eine Epiſode iſt, zu hemmen, ſagen wir ſogleich, was man von dieſem geheimnißvol⸗ len, poetiſchen Kinde wußte. Wir werden Babolin und den Schulmeiſter auf der Thürſchwelle, wo wir ſie laſſen, wiederfinden. um: Juſt Eſel ren, kaufe zurüt aus ſich e die 2 allen ſchrie die de die R hielt nahm und 1 vollbr die e rettet. Meile gefall ( die B enüber s Kind hätte. ud der ruzzen, s eine um die ſein; n und „um lichkeit Poeſie nd— Vor⸗ onne, drei n auf reatur dlung von men, ßvol⸗ f der 19 XXXI. Roſe⸗de⸗Nosl. Eines Abends,— das war am 20. Anguſt ungefähr um neun Uhr,— kam die Brocante mit einem Karren, den Juſtin im Hofe hätte ſehen können, und mit einem Eſel, den er hätte könuen in einem Stalle ſchreien hö⸗ ren,— die Brocaute kam, ſagen wir, von einem Ver⸗ kaufe einer Laſt Lumpen in der Papierfabrik in Eſſonne zurück; da ſah ſie am Rande der Straße, als käme ſie aus dem Graben hervor, die Silhonette eines Kindes ſich erheben, das, mit offenen Armen, mit bleicher Stirne, die Bruſt keuchend, den ganzen Leib ſchauernd, und mit allen Zeichen des tiefſten Schreckens auf ſie zuſtürzte und ſchrie: „Zu Hülfe! zu Hülfe! zu Hülfe!“ Die Brocante gebörte zu jener Racevon Zigennerinnen, die den ſeltſamen Inſtinct hat, die Kinder zu entführen, wie die Raubvögel die Lerchen und die Tauben entführenz ſie hielt ihren Eſel an, ſprang von ihrem Karren herab, nahm die Kleine in ihre Arme, ſtieg wieder mit ihr auf und veitſchte ihren Eſel. Und wir müſſen ſagen, indem ſie dieſe Handlung vollbrachte, hatte ſie viel mehr das Ausſehen einer Wölfin, die ein Lamm fortſchleppt, als einer Frau, die ein Kind rettet. Schnell wie der Gedanke, war dieſes Ereigniß fünf Meilen von Paris zwiſchen Juviſh und Fromenteau vor⸗ gefallen. Die Kleine kam von der linken Seite der Straße. Ganz nur beſchäftigt, ſich raſch zu entfernen, dachte die Brocante erſt nachdem ſie ungefähr eine Viertelmeile im Trabe ihres Eſels gemacht, daran, das Kind zu un⸗ terſuchen. Die Kleine war baarköpſig, ihre langen Haare, deren Flechten ſich entweder bei dem Laufe, den ſie ge⸗ macht, oder in dem Kampfe, den ſie ausgehalten, auf⸗ gelöſt hatten, hingen hinten ihr herab; ihre Stirne rie⸗ ſelte von Schweiß; ihre Füße zeugten von einem langen Laufe querfeldein, und ihr weißes Kleid war ganz durch⸗ furcht von einer Blutrinne, die aus einer zum Glücke nicht ſehr tiefen Wunde kam, welche mit einem ſpitzigen oder ſchneidenden Inſtrumente gemacht oder vielmehr verſucht worden zu ſein ſchien. Einmal im Karren, war die Kleine, welche höchſtens fünf bis ſechs Jahre alt zu ſein ſchien,— den Umſtand be⸗ nützend, daß die Brocaute beide Hände brauchte, um ihren Eſel zu führen und zu peitſchen,— wie eine Natter vom Schooße der alten Frau auf den Boden des Kar⸗ rens geſchlüpft und hatte ſich in die entfernteſte Ecke ge⸗ flüchtet, von wo ſie alle Fragen nur mit den Worten erwiederte: „Sie läuft mir nicht nach? nicht wahr, ſie läuft mir nicht nach?“ Wonach die Brocante, welche, wie es ſchien, ebenſo ſehr als das kleine Mädchen verfolgt zu werden befürchtete, den Kopf verſtohlen aus ihrem Karren hervorſtreckte, auf die Straße ſchaute, und da ſie dieſelbe öde und verlaſſen ſah, das Kind beruhigte, bei dem der Schrecken ſo groß zu ſein ſchien, daß die materielle Thatſache ſeiner Wunde und der Schmerzen, die es hiedurch empfinden mußte, nur eine faſt vergeſſene Einzelheit war. Gegen Mitternacht,— dergeſtalt hatte die Brocante, den Eifer des Mädchens unterſtützend, den Eſel zu ra⸗ ſchem Trabe angetrieben,— gegen Mitternacht kam man an der Barridre von Fontainebleau an. Beim Gitter durch die Octroi⸗Beamten angehalten, brauchte die Brocante nur ihren Kopf zu zeigen und zu ſage Bea! hera! Kart fernt alte reich oder hatte geber einer mir ſie it bei 2 Stuf könne Thür biſt; geöff ſie m Karr zu br maßr Riege — u un⸗ aare, e ge⸗ auf⸗ e rie⸗ angen urch⸗ nicht oder rſucht hſtens d be⸗ „um Katter Kar⸗ e ge⸗ orten t mir benſo htete, „auf laſſen groß unde nur ante, ra⸗ man uten, d zu 21 ſagen:„Ich bin es, die Brocante,“ und da die Oetroi⸗ Beamten ſie einmal im Monat mit ihrer Ladung Lumpen herausfahren und am andern Tage mit dem leeren Karren zurückkommen zu ſehen gewohnt waren, ſo ent⸗ fernten ſie ſich ſogleich, und der Eſel, der Karren, die alte Frau und das kleine Mädchen zogen in die Stadt ein. Durch die Rue Muuffetard und die Rue de la Clef reichten ſie ſodann die Rue Triperet. Das in der entfernteſten Ecke des Karrens gekauerte oder vielmehr auf ſich ſelbſt zuſammengerollte Mädchen hatte, wie geſagt, kein anderes Lebenszeichen von ſich ge⸗ geben, als daß es von Zeit zu Zeit die Brocante mit einer Stimme voll unausſprechlicher Angſt gefragt: „Sie läuft mir nicht nach? nicht wahr, ſie läuft mir nicht nach?“ Kaum war ſie vem Wagen herabgeſtiegen, da ſtürzte ſie in den Gang, ſie erreichte, als hätte ſie die Fähigkeit, bei Racht zu ſehen, die Treppe und kletterte ſo raſch die Stufen hinauf, als es nur die behendeſte Katze hätte thun können. Die Brocante ſtieg hinter ihr hinauf, öffnete die Thüre ihres elenden Winkels und ſagte zu dem Mädchen: „Tritt ein, Kleine! Niemand weiß, daß Du hier biſt; ſei alſo ruhig.“ „Sie wird mich nicht hier ſuchen?“ fragte das Kind. „Es iſt keine Gefahr.“ Und die Kleine ſchlüpfte wie ein Wieſel durch die geöffnete Thüre. Die Brocante machte die Thüre zu und verſchloß ſie mit dem Schlüſſel; dann ging ſie hinab, um ihren Karren unter den Schoppen und ihren Eſel in den Stall zu bringen. Wieder hinaufſteigend, nahm ſie dieſelben Vorſichts⸗ maßregeln, ſchloß die Thüre hinter ſich und ſchob den Riegel vor. Sie zündete ein auf dem Scherben einer zerbroche⸗ 22 nen Flaſche aufgeſpießtes Lichtſtümpfchen an und ſuchte, ſich mit dieſem bleichen Scheine lenchtend, die arme kleine Flüchtige. Dieſe war tappend in den entfernteſten Winkel des Speichers gelangt; hier war ſie niedergekniet und ſprach nun Alles, was ſie von Gebeten wußte. Die Brocante rief ihr. Aber die Kleine machte ihr mit dem Kopfe ein Zeichen der Weigerung. Die Brocante nahm ſie bei der Hand und zog ſie nach ſich. Die Kleine kam, jedoch mit einem offenbaren Wi⸗ derwillen. Die Alte zog ſie an ſich, um ſie zu befragen. Doch auf alle ihre Fragen erwiederte das Kind nur die Worte: „Nein, ſie würde mich tödten!“ So konnte die Brocante weder erfahren, aus wel⸗ cher Gegend das Kind war, noch wer ſeine Eltern, noch wie es hieß, noch warum man es tödten wollte, noch warum man ihm die Wunde gemacht, die es an der Bruſt hatte. Die Kleine beobachtete faſt ein Jahr lang eine völlige Stummheit; nur einmal rief ſie in ihrem von einem erſchrecklichen Traume bewegten Schlafe, einem gräßlichen Alp preisgegeben: „Ah! Guade! Gnade, Madame Gérard! ich habe Ihnen nichts zu Leide gethan; tödten Sie mich nicht!“ Alles, was man alſo wußte, war, daß die Frau, die ſie hatte tödten wollen, Madame Gérard hieß. Was das Kind betrifft, da man es mit irgend einem Namen rufen mußte, und da es ſo bleich war, als die Roſen, welche mitten im Winter blühen, ſo nannte es die Brocante, ohne zu vermuthen, welche poetiſche Taufe ſie ihm gab, Ro ſe⸗de⸗Noöl*). *) Weihnachtsroſe. nich nun ſein. paat Pla Ma nen ihre zeich an, gut ſtan eine kauf Qua von gelb zwei klein zurü ſtuhl Bab chte, leine des prach ein g ſie Wi⸗ nur wel⸗ tern, ollte, an eine von inem habe ht rau, inem die e es aufe 23 An demſelben Abend, als ſie ſah, daß die Kleine nichts ſagen wollte, zeigte ihr die Brocante in der Hoff⸗ nung, ſie werde am andern Tage ein wenig geſchwätziger ſein, eine Art von Bett, auf dem ein Kind lag, das ein paar Jahre älter als ſie, und hieß ſie bei dem Kinde Platz nehmen. Doch ſie weigerte ſich hartnäckig: die Farbe der Matratze, der Schmutz der Decke widerſtrebten der Klei⸗ nen, welche ihre feine Wäſche und der elegante Schnitt ihres Kleides als einer reichen Familie angehörend be⸗ zeichneten. Sie nahm einen Stuhl, lehnte ihn an die Wand an, ſetzte ſich darauf und ſagte, ſie werde ſo ſehr gut ſein. Sie brachte die Nacht wirklich auf dieſem Stuhle zu. Bei Tagesanbruch entſchlief ſie aber. Gegen ſechs Uhr Morgens, während das Kind ſchlief, ſtand die Brocante auf und verließ das Haus. Sie ging nach der Rue Neuve⸗Saint⸗Médard, um vollſtändigen Anzug für das kleine Mädchen zu kaufen. Die Rue Neuve⸗Saint⸗Médard iſt der Temple des Quartier Saint⸗Jacques. Dieſer vollſtändige Anzug beſtand aus einem Kleide von blauem Baumwollenzeug mit weißen Tüpfeln, einem gelben Halstuche mit rothen Blumen, einer Kinderhanbe, zwei Paar wollenen Strümpfen und einem Paar Schuhe. Das Ganze hatte ſieben Franken gekoſtet. Die Brocante hoffte wohl die Verlaſſenſchaft des kleinen Mädchens um die vierfache Summe zu verkaufen. Eine Stunde nachher kam ſie mit ihrem Einkaufe zurück; ſie fand die Kleine immer noch auf ihrem Stroh⸗ ſtuhle gekauert und allen Lockungen widerſtehend, die ihr Babolin machte, um ſie zu beſtimmen, mit ihm zu ſpielen. Als ſich der Schlüſſel im Schloſſe drehte, zitterte 24 das kleine Mädchen an allen Gliedern, als die Thüre ſich öffnete, wurde es bleich wie der Tod. Da ſie die Kleine einer Ohnmacht nahe ſah, fragte ſie die Brocante, was ſie habe. „Ich glaubte, ſie ſei es!“ antwortete das Mädchen. „Sie!...“ Alſo war es entſchieden eine Frau, die es floh. Die Brocante breitete auf einem Schemel das blaue Kleid, das gelbe Halstuch, die Haube, die Strümpfe und die Schuhe aus. Das Kind ſchaute ihr mit einer gewiſſen Uurnhe zu. „Komm hierher!“ ſagte die Brocante zu der Kleinen. Ohne ſich vom Stuhle zu rühren, deutete die Kleine mit dem Finger auf die Kleider. „Dieſe Kleider ſind nicht für mich?“ fragte ſie mit einer verächtlichen Miene. „Und für wen denn?“ ſagte die Brocaute. „Ich werde ſie nicht anziehen,“ erwiederte das Kind. „Du willſt alſo, daß Sie Dich wieder erkennt?“ „Nein, nein, nein, das will ich nicht.“ „Dann mußt Du dieſe Kleider anziehen.“ „Und mit dieſem Anzug wird ſie mich nicht er⸗ kennen?“ „Nein.“ „Dann kleiden Sie mich ſogleich an.“ Und ohne eine Schwierigkeit zu machen, ließ ſie ſich ihr hübſches weißes Kleid, ihren Batiſtunterrock, ihre feinen Strümpfe und ihre zierlichen Schuhe ausziehen. Alles dies war übrigens mit Blut befleckt: man mußte es ſogleich waſchen, um nicht Verdacht bei den Nachbarn zu erregen. Das Mädchen zog die Kleider an, die ihm die Bro⸗ cante gekauft hatte: eine demüthige Livree des Elends, ein offenbares Symbol des Lebens, das ihrer harrte. ſie dad deck an Kle ſich ein in i Bro ſein übe Ger von auf eher Küc ſauc Faſo Stü tag dieſe ſie g Thüre ragte chen. Frau, blaue impfe e z. inen. leine mit das 2 er⸗ ſich ihre n. man den Zro⸗ nds, 25 Die Brocante wuſch die Kleider des Kindes, ließ ſie trocknen und verkaufte ſie um dreißig Franken. Das war ſchon ein gutes Geſchäft. Doch die alte Hexe hoffte eines Tags ein beſſeres dadurch zu machen, daß ſie die Eltern des Kindes ent⸗ decken und es ſeiner Familie zurückgeben, oder vielmehr an ſeine Familie verkanfen würde. Denſelben Widerwillen, den es dem Kinde bereitet, Kleider geringerer Art zu tragen, offenbarte es, als es ſich darum handelte, die Mahle der Familie zu theilen. Ein leberreſt von Fleiſch in einer Pfanne gewärmt, ein Stück ſchwarzes Brod beim Ausſchuß gekauft oder in der Stadt erbettelt, das war die gewöhnliche Koſt der Brocante und ihres Sohnes. Babolin, der nie an einer andern Tafel, als an der ſeiner Mutter geſpeiſt, hatte keine gaſtronomiſche Wünſche über ſeiner Lage. Nicht daſſelbe war bei Roſe⸗de⸗Noöl der Fall. Ohne Zweifel war die Arme gewohnt, ausgeſuchte Gerichte mit Silbergeſchirr, von Tellern und Schüſſeln von Porzellan zu eſſen, denn ſie warf nur einen Blick auf das Frühſtück von Babolin und Brocante und ſagte: „Ich habe keinen Hunger.“ Beim Mittageſſen war es daſſelbe. Die Brocante begriff, das elegaute Kind würde eher vor Entkräftung ſterben, als etwas von ihrer Küche anrühren. „Was brauchſt Du denn? Faſanen mit Orangen⸗ ſance oder getrüffelte Ponlarden?“ „Ich verlange weder getrüffelte Poularden, noch Faſanen mit Hrangenſauce; aber ich möchte gern ein Stück Weißbrod haben, wie man es bei uns am Sonu⸗ tag den Armen gab.“ Die Brocante, ſo hart ſie war, wurde gerührt von dieſer ſo einfachen und zugleich ſo kläglichen Antwort; ſie gab Babolin einen Son und ſagte: „Hole ein Brödchen beim Bäcker in der Rue Co⸗ pean.“ Babolin nahm den Sou, machte nur einen Satz die Treppe hinab, nur einen Sprung von der Rue Tri⸗ veret zur Rue Copeau, kam nach fünf Minuten zurück und brachte ein Brödchen mit weißer Krume und gol⸗ dener Kruſte. Die arme Roſe⸗de⸗Noöl hatte großen Hunger; ſie verzehrte es bis anf das letzte Krümchen. „Nun, behagt Dir das beſſer?“ fragte die Brocante. „Ja, Madame, und ich danke Ihnen,“ erwiederte das Kind. Nie war es einem Menſchen eingefallen, die Bro⸗ cante Madame zu nennen. „Schöne Madame!“ ſagte ſie.„Und nun, Fräu⸗ lein Zierling, was wollen Sie zu Ihrem Nachtiſche?“ „Ich möchte gern ein Glas Waſſer haben,“ erwie⸗ derte das Mädchen. „Gib den Krug,“ ſagte die Brocante zu ihrem Sohne. Babolin brachte einen ganz abgeſtoßenen Krug ohne Henkel und reichte ihn der Kleinen. „Sie trinken hieraus?“ ſagte ſie mit ſanfter Stimme zu Baholin. „Das heißt, die Mutter trinkt hieraus; ich ſtürze mir das Waſſer in den Hals.“ Und er hob den Krug einen halben Fuß über ſei⸗ nen Kopf, ließ einen Waſſerſtrahl herauslaufen, und em⸗ pfing ihn in ſeinem Munde mit einer Geſchicklichkeit, welche die Gewohnheit, die er in dieſer Uebung hatte, beurkundete. „Ich werde nicht trinken,“ ſagte das Kind. „Warum nicht?“ fragte Babolin. „Weil ich nicht wie Sie zu trinken verſtehe.“ „Gut! Du ſiehſt, daß das Fräulein ein Glas verl die Kri trat flieſ thar oder miſe Wa inde wir boli mich nich Satz Tri⸗ urück gol⸗ Sſ ante. derte Bro⸗ räu⸗ 2 wie⸗ rem ohne mme türze ſei⸗ em⸗ eit, atte, Hlas 27 braucht,“ ſprach die Brocante, die Achſeln zuckend. „Wenn das nicht zum Erbarmen iſt!“ „Ein Glas?“ verſetzte Babolin;„es muß irgendwo eines ſein.“ Und nachdem er einen Angenblick geſucht, entdeckte er eines in einer Ecke. 3 „Hier,“ ſagte er, indem er das Glas mit Waſſer füllte und es dem Mädchen reichte,„trink!“ „Nein,“ erwiederte die Kleine, ich werde nicht trinken.“ „UUnd warum wirſt Du nicht trinken?“ „Weil ich keinen Durſt habe.“ „Doch, Du haſt Durſt, da Du ſo eben zu trinken verlangteſt.“ Das Mädchen ſchüttelte den Kopf. „Du ſiehſt wohl, daß wir Lumpenpack ſind,“ ſagte die Mutter,„und daß das Fränlein weder aus unſern Krügen, noch aus unſern Gläſern zu trinken vermöchte.“ „Nein, wenn ſie ſchmutzig ſind,“ ſprach ſauft und traurig das Mädchen;„und ich habe doch„ ich habe ſehr Durſt,“ fügte das Kind in Thränen zer⸗ fließend bei. Babolin eilte hinab, wie er es das erſte Mal ge⸗ than, lief zum nächſten Brunnen, wuſch das Glas drei oder viermal, und brachte es durchſichtig wie ein böh⸗ miſcher Kriſtall und voll von einem friſchen, klaren Waſſer zurück. „Ich danke, Herr Babolin,“ ſagte die Kleine. Und ſie leerte das Glas auf einen Zug. „Oh! Herr Babolin!“ rief der Straßenjunge, indem er ein Rad ſchlug.„Sage doch, Mutter, wenn wir zu Croc⸗en⸗Jambe gehen, wird mau„Herr Ba⸗ bolin und Madame Brocante!““ melden.“ „Verzeihen Sie,“ erwiederte die Kleine,„man hat mich Herr und Madame ſagen gelehrt; ich werde es nicht mehr ſagen, wenn es nicht gut iſt.“ „Doch, mein Kind, doch, es iſt gut,“ verſetzte die Brocante, unwillkürlich unterjocht durch dieſe Ueberle⸗ genheit der Erziehung, über welche die Leute aus dem Volke zuweilen ſpotten, die aber immer ihre Wirkung auf ſie hervorbringt. Am Abend, beim Schlafengehen, wiederholte ſich die Scene vom vorhergehenden Tage. Die Mutter und der Sohn ſchliefen auf einer ein⸗ zigen, mitten unter Lumpen, in eine Ecke der Stube geworfenen Matratze. Roſe⸗de⸗Noöl weigerte ſich beharrlich, neben ihnen Platz zu nehmen. Auch in dieſer Nacht ſchlief ſie auf ihrem Stuhle. Am andern Tage machte die Brocante eine Au⸗ ſtrengung. Sie ſteckte in ihre Taſche die dreißig Franken, den Preis der Kleider des Kindes, kaufte eine Schlafbank für vierzig Sous, eine Matratze für zehn Sons,— ein wenig dünn, aber reinlich,— ein Kopfkiſſen für drei Fran⸗ ken fünfzig Centimes, zwei Paar Tücher von Madapo⸗ lam*) und eine baumwollene Decke; Alles von einer tadelloſen Weiße. Sie ließ dies in ihren Speicher tragen. Sie hatte gerade für drei und zwanzig Franken ge⸗ kauft und war alſo quitt mit dem Mädchen. „Oh! das hübſche weiße Bettchen!“ rief die Kleine, als ſie ihr Lager anfgeſtellt und geordnet ſah. „Das iſt für Sie, Fräulein Zierling,“ ſagte die Brocaute;„da es ſcheint, daß Sie eine Prinzeſſin ſind, ſo behandelt man ſie auch als Prinzeſſin. „Ich bin keine Prinzeſſin,“ erwiederte das Mäd⸗ chen;„ich hatte aber dort ein weißes Bett.“ „Nun, Sie werden hier eines haben wie dort... Sind Sie zufrieden?“ *) Eine Art von Pereal nic En das die gen Art zu zig das ben Ka laſſ arn hatt vom hän Noi Ecke nan blau Blu ihr die ere⸗ dem kung ſich ein⸗ tube hnen uhle. An⸗ den bank ein ran⸗ apo⸗ einer ge⸗ eine, die ſind, Näd⸗ 29 „Oh! Sie ſind ſehr gut!“ rief das Mädchen. „Wo werden Sie nun wohnen? muß man Ihnen nicht in der Rue de Rivoli einen erſten Stock über dem Entreſol miethen?“ „Wollen Sie mir dieſen Winkel hier geben?“ fragte das Mädchen. Uud ſie bezeichnete eine Vertiefung des Speichers, die eine Art von Cabinet bildete. „Das wird Ihnen genügen?“ ſagte die Brocante. „Ja Madame, erwiederte das Kind mit ſeinem gewöhnlichen ſanften Tone. Man ſchob das Lager in den Winkel, Allmälig meublirte ſich der Winkel und wurde eine Art von Zimmer. Die Brocante war durchaus nicht ſo arm, als ſie zu ſein den Anſchein hatte; ſie war nur entſetzlich gei⸗ zig, und es koſtete ſie eine ungeheure Ueberwiudung, das Geld aus dem Verſtecke zu nehmen, wo ſie es auf⸗ bewahrte. Doch die Broraute hatte eine Induſtrie: ſie ſchlug Karten. Statt ſich in Geld von ihren Kunden bezahlen zu laſſen,— was oft nicht ohne Schwierigkeit in einem ſo armen Quartier, wie das, welches ſie bewohnte, war, hatte ſie die Idee, ſich in Naturalien bezahlen zu laſſen. Von der Trödlerin forderte fie einen Zitzvorhang; vom Ebeniſten einen kleinen Tiſch; vom Ausſchußwaaren⸗ händler einen Teppich; ſo daß der Winkel von Roſe⸗de⸗ Noöl nach Verlauf eines Monats meublirt war, und die Ecke, die ſie auf dem Speicher bewohnte, Ruhealtar ge⸗ nannt wurde. Roſe⸗de⸗Roöl war glücklich oder beinahe glücklich. Wir ſagen beinahe glücklich, weil ihr Kleid von blauem Baumwollenzeng, ihr gelbes Halstuch mit rothen Blumen, ihre wolleuen Strümpfe und ihre Kinderhanbe ihr ungemein mißſielen. 30 So wie ſich dieſe Gegenſtände abuutzten, machte ſich auch Roſe⸗de⸗Noöl eine Art von eigener Doilette. Dies betraf vor Allem ihre Haare, welche ſie mit außerordentlicher Sorgfalt kämmte, und die ſo lang waren, daß ſie, wenn ſie dieſelben zurückwarf, auf ihren Enden mit den Ferſen ging. Sodann bald ein Hemd von rohem Stoffe mit einer improviſirten Knotenſchnur um den Leib geknüpft; bald ein Turban aus einer Schürze von lebhafter Farbe gemacht, bald ein alter Shawl, in den ſie ſich drapirte wie in einen Mantel, bald ein Weißdornzweig, aus welchem ſie ſich einen duftenden Kranz machte; doch ſo wie ſie ſich kleidete, näherte ſich ihr pittoreskes Gewand immer einem Typus, wobei der Maler ſeine Rechnung gefun⸗ den hätte, wäre es nun ſeine Aufgabe geweſen, die Creo⸗ lin der Antillen, die Gitana Spaniens oder die Drnidin Galliens darzuſtellen. Da aber Roſe⸗de⸗Noöl nie ausging, da die Sonne in den Speicher nur durch ſchmale Oeffnungen gelangte, da ſie nur Brod aß und Waſſer trank, da die Kälte von allen Seiten in die Stube von Brocaute eindrang, da ſie keinen Unterſchied zwiſchen dem Sommer und dem Winter machte und immer auf dieſelbe Art, bei zehn Grad Kälte oder ſechs und zwanzig Grad Wärme, ge⸗ kleidet war, ſo bot ſie den kränklichen leidenden Anblick, den wir zu ſchildern verſucht haben; abgeſehen davon, daß von Zeit zu Zeit ein trockener Huſten, der auf die Wangen von Roſe⸗de⸗Noöl eine lebhaftere Farbe brachte, ſo oft er eintrat, andeutete, die elende Wohnung, die ſie bedeckte, ohne ſie zu ſchützen, habe ſchon auf ihre Ge⸗ ſundheit einen unglücklichen Einfluß gehabt und könne in der Zukunft einen noch unglücklicheren Einfluß auf fie haben. Von ihrer Familie und von dem erſchrecklichen Er⸗ eigniß, das ihr Znſammentreffen mit der Brocante her⸗ beigeführt, die das arme Kind allmälig ſo ſehr liebte⸗ als ſpr zw kni ſch war zu dan rufe and ſchn vora er d iſt K komn nicht erwa das e ſich mit lang ihren mit ipft; arbe pirte chem e ſie mer fun⸗ reo⸗ tidin onne igte, von da dem zehn ge⸗ lick, von, die chte, ſie Ge⸗ nne auf her⸗ bte. 4 als ſie zu lieben fähig war, halte man nie mehr ge⸗ ſprochen, als das, was wir geſagt.. Dies war Roſe de⸗Noöl, das heißt das Kind, das zwiſchen den Beinen der Brocante in dem Augenblick kniete, wo Babolin und der Schulmeiſter auf der Thür⸗ ſchwelle erſchienen. XXXII. Sinistra Cornix. Das Schauſpiel, das die Angen von Juſtin traf, war alſo im Stande, die Aufmerkſamkeit eines Menſchen zu erregen, der weniger als er in einen einzigen Ge⸗ danken verſunken: in den der entführten und um Hülfe rufenden Mina. Er trat in den Speicher ein, unempfindlich für jede andere Idee, als die, welche ihm das Herz zuſammen⸗ ſchnürte. „Mutter,“ ſprach Babolin, der dem jungen Manne voranging, wie ein Dolmetſcher demjenigen, für welchen er das Wort zu führen beauftragt iſt, vorangeht;„hier iſt Herr Juſtin, der Schulmeiſter: er wollte in Perſon kommen, um Sie über Dinge zu fragen, die ich ihm nicht ſagen konnte.“ Die Alte lächelte wie eine Frau, die dieſen Beſuch erwartete. „Und der Lonis d'or?“ fragte ſie halblaut. „Hier iſt er,“ antwortete Babolin, indem er ihr das Goldſtück in die Hand gleiten ließ.„Doch Ihr 32 müßtet dafür Roſe de⸗Noöl einen guten wattirten Rock kanfen.“ „Ich danke, Babolin,“ ſagte das Mädchen, ſeine Stirne dem Straßenjungen darbietend, der ſie brüder⸗ lich küßte;„doch ich friere nicht.“ Und während ſie dies erwiederte, huſtete ſie zwei⸗ bis dreimal auf eine Art, welche die Worte, die ſie geſprochen, Lügen ſtrafte. Doch, wie geſagt, alle dieſe Einzelheiten, welche einem Andern als Juſtin aufgefallen wären, exiſtirten nicht für ihn oder exiſtirten nur im Zuſtande der Mor⸗ gendünſte, welche zwiſchen dem Reiſenden und dem Ziele, das er erreichen will, aufſteigend dieſes Ziel verſchleiern, ohne es ihm zu verbergen. „Madame,“ ſagte er. Bei dem Wort Madame ſchaute die Brocante empor, um zu ſehen, ob wirklich ſie es war, an die man ſich wandte. Juſtin war die zweite Perſon, die ſie Madame genannt hatte; die erſte war Roſe⸗de⸗Noöl. „Madame,“ ſagte Juſtin,„Sie haben dieſen Brief gefunden?“ „Ei! das ſcheint wohl ſo, da ich es bin, die Ihnen denſelben geſchickt hat,“ erwiederte die Brocante. „Ja, und ich bin Ihnen ſehr dankbar hiefür; nur wollte ich Sie fragen, wo Sie ihn gefunden haben.“ „Im Quartier Saint⸗Jacques, ſicherlich.“ „Ich möchte gern wiſſen, in welcher Straße.“ „Ich habe nicht nach dem Anſchlage geſchaut; doch das mußte ſo etwa in der Gegend der Rue Dauphine zur Rue Moyffetard ſein.“ „Ich bitte Sie inſtändig,“ ſprach Inſtin,„ſuchen Sie ſich genan der Einzelheiten zu erinnern.“ „Ah!“ rief die Brocante,„ich glaube entſchieden, daß es in der Rue Saint⸗André⸗des⸗Arcs war.“ Für einen mehr als Juſtin mit dieſer Art von Zig oba beſti zu 1 Juſt Jede ims Alte ob i zen! er iſ er iſt zuma harn Man Sie ſprack für r wiß r höher Dun ſeine niß a des L Die Rock ſeine ider⸗ wei⸗ e ſie elche irten Mor⸗ iele, iern, ante man dame Brief hnen nur . . doch hine uchen den, von 33 Zigeunerin, mit der er es zu thun hatte, vertrauten Be⸗ obachter wäre es klar geweſeu, daß die Brocante in einer beſtimmten Abſicht in ihren Reden umherſchweifte. Juſtin glaubte zu begreifen. „Hier,“ ſagte er,„das iſt, um Ihre Erinnerungen zu unterſtützen.“ Und er gab ihr einen zweiten Lonis d'or. „Mutter,“ ſagte Babolin,„gewähre doch Herrn Juſtin, was er von Dir verlangt; Herr Juſtin iſt nicht Jedermann, und er iſt gar wohl gelitten und geachtet im Quartier Saint⸗Jacques!“ „In was miſchſt Du Dich, Bube?“ verſetzte die Alte;„geh doch zum Brunnen, der ſpricht, und ſieh, ob ich dort bin.“ „Ah! wie Du willſt,“ verſetzte Babolin;„im Gan⸗ zen hat Herr Inſtin mich erſucht, ihn hieher zu führen; er iſt hier, er mag die Sache angreifen, wie er kann; er iſt groß genug, um ſeine Angelegenheiten ſelbſt ab⸗ zumachen.“ Und er ſpielte mit den Hunden. „Brocante,“ ſprach Roſe⸗de⸗Noöl mit ihrer ſanften, harmoniſchen Stimme,„Sie ſehen, daß dieſer junge Mann ſehr unruhig und fehr gequält iſt; ich bitte, ſagen Sie ihm, was er zu wiſſen wünſcht.“ „Oh! ich beſchwöre Sie, mein ſchönes Kind,“ ſprach der Schulmeiſter, die Hände faltend,„bitten Sie für mich!“ „Sie wird es ſagen,“ erwiederte Roſe⸗de⸗Noöl. „Sie wird es ſagen! ſie wird es ſagen!... Ge⸗ wiß werde ich es ſagen,“ murmelte die Alte, wie einer höhern Macht gehorchend.„Du kennſt meine Schwäche; Du weißt, daß ich Dir nichts verweigern kann.“ „Nun, Madame,“ ſprach Juſtin, der nur mit Mühe ſeine Ungeduld bemeiſterte,„ſtrengen Sie Ihr Gedächt⸗ niß an! erinnern Sie ſich.. erinnern Sie ſich, um des Himmels willen!“ Die Mohicaner von Paris. M. 3 34 „Ich glaube, es war... Ja, dort war es. nnn bin ich meiner Sache ſicher. Uebrigens könnte man ſich an die Karten wenden.“ „Dann,“ ſagte Juſtin, wie mit ſich ſelbſt ſprechend, und ohne auf die letzten Worte der Brocante zu merken, „dann ſind ſie wohl über den Pont Reuf gefahren und haben ſich wahrſcheinlich zur Barriore Fontainebleau oder zur Barriöre Saint⸗Jacques begeben.“ „Richtig,“ verſetzte die Brocante. „Woher wiſſen Sie das?“ fragte der junge Mann. „Ich ſage richtig, wie ich wahrſcheinlich ge⸗ ſagt hätte.“ „Hören Sie, wenn Sie etwas wiſſen, in des Him⸗ mels Namen, ſagen Sie es mir.“ „Ich weiß nichts, als daß ich auf der Place Mau⸗ bert einen Brief mit Ihrer Adreſſe gefunden, und daß ich Ihnen dieſen Brief geſchickt habe.“ „Brocante,“ ſprach Roſe⸗de⸗Noöl,„Sie ſind ein S Weib! Sie wiſſen noch Anderes und ſagen es nicht.“ „Nein,“ entgegnete die Brocante,„ich weiß nichts mehr.“ „Sie haben Unrecht, den Herrn wegzuſchicken, wie Sie es thun, Mutter: es iſt ein Freund von Herrn Salvator.“ „Ich ſchicke den Herrn nicht weg; ich ſage ihm, ich wiſſe nicht, was er von mir verlangt; nur muß man, wenn man etwas nicht weiß, diejenigen fragen, welche es wiſſen.“ „Wen muß ich über dieſe Sache fragen? Sagen Sie es geſchwinde.“ „Diejenigen, welche Alles wiſſen: die Karten.“ „Es iſt gut,“ ſprach der Schulmeiſter,„ich danke was Sie mir geſagt haben, iſt immer gut, wenn mal es weiß; ich will zu Herrn Salvator auf die Polizei gehen.“ Nach dieſen Worten machte der junge Mann ein paar Schritte gegen die Thüre. Ant die Vog geſch Bede terri eine gen die ſuche um d Sie beſag das mit t ſich i geſchl ie man hend, rken, und oder Kann. h ge⸗ Him⸗ Mau⸗ d daß d ein en es nichts wie ator.“ m, ich man, welche nSie . anke man ehen.“ n ein 35 Doch die Brocante beſann ſich ohne Zweifel eines Andern und rief: „Herr Juſtin!“ Der junge Mann wandte ſich um. Die Alte deutete mit dem Finger auf die Krähe, die über ihrem Kopfe mit den Flügeln ſchlug. „Sehen Sie den Vogel,“ ſagte ſie,„ſehen Sie den Vogel?“ „Ich ſehe ihn,“ erwiederte Juſtin. „Nicht wahr, er ſchlägt mit den Flügeln?“ „Ja.“ „Es iſt gut; ſobald der Vogel mit den Flügeln geſchlagen, hat er keine große Hoffnung.“ „Hat denn dieſes Schlagen mit den Flügeln eine Bedentung?“ „Jeſus Gott! Sie fragen das? ein Mann, der un⸗ terrichtet iſt, wie Sie, ein Schulmeiſter, der weiß, daß eine Krähe ein Prophetenvogel iſt?“ „Nun, ſo laſſen Sie hören: was bedeutet das Schla⸗ gen mit den Flügeln Ihres Vogels?“ „Es bedeutet, es bedeutet, daß Sie nicht ſo bald die Perſon finden werden, die Sie ſuchen, denn Sie ſuchen Jemand.“ „Ja, und ich würde Alles geben, was ich beſitze, um die Perſon, die ich ſuche, wiederzufinden.“ „Nun, Sie ſehen, der Vogel weiß das ſo gut als Sie und ich. „Was will aber dieſes Schlagen mit den Flügeln beſagen?“ „Dieſes Schlagen mit den Flügeln... ſehen Sie, das iſt das Bild Ihrer Drangſale: wie dieſer Vogel mit den Flügeln in die Luft ſchlägt, ſo zerarbeiten Sie ſich im leeren Raumez er hat dreimal mit den Flügeln geſchlagen, ein Jahr für das Mal; drei Jahre werden Sie auf dieſe Nachforſchung verwenden. Ich rathe Ihnen 36 alſo im Namen des Vogels nicht, unſichere Schritte an⸗ zufangen, bevor die Karten geſprochen haben.“ „So mögen ſie ſprechen!“ Und wie ein Menſch, der, dem Ertrinken nahe, ſich an jeden Aſt anklammert, kehrte Inſtin um, ganz ge⸗ neigt, den Karten zu glauben, ſollte das, was die Kar⸗ ten ſagen würden, auch nur den geringſten Anſchein von Wahrheit haben. „Wollen Sie das kleine Spiel oder das große Spiel?“ fragte die Brocante. Machen Sie was Sie wollen... Hier iſt ein Louis d'or.“ „Ah! dann ſollen Sie das große Spiel haben und den Erfolg von Caglioſtro!. Gib mir mein großes Spiel, Roſe,“ ſagte die Brorante. Roſe⸗ de⸗Noöl ſtand auf; ſie war ſchlank, biegſam wie eine Palme; ſie nahm das Kartenſpiel aus der Schublade einer in einer Ecke ſtehenden Truhe und reichte es der Alten mit ihren kleinen, magern, ſpitzig zulaufenden, aber weißen Händen, woran Rägel ſo ſorgfältig gepflegt als die einer Modedame, ſichtbar waren. Trotz der Gewohnheit, ſolche cabbaliſtiſche Experi⸗ mente zu ſehen, die er ohne Zweifel ſchon oft beobachtet hatte, näherte ſich Babolin der Alten, kanerte ſich mit gekreuzten Beinen auf den Boden und ſchickte ſich an, mit einer naiven Bewunderung bei der Zauberſcene, welche vor ſich gehen ſollte, zuzuſchauen. Die Brocante zog ein großes tannenes Brett, in Form eines Hufeiſens, vor und legte es auf ihren Schooß. „Rufe Phares,“ ſagte ſie zu dem Mädchen, indem ſie mit einer Bewezung des Kopfes den auf dem Bal⸗ ken ſitzenden Vogel bezeichnete, welcher auf dieſen einem der drei cabbaliſtiſchen Worte vom Balthaſarsmahl ent⸗ lehnten Namen antwortete. geh ihre gan Scd Alte Sch wele und Hun ſtoß Hun der Ern Dis Tiſch Broe von Mar trat die ſie n ihr für ſicher Juſti könne von gleich te an⸗ e, ſich nz ge⸗ Kar⸗ n von große iſt ein n und roßes egſam s der und ſpitzig gel ſo chtbar pperi⸗ achtet h mit ch an, welche t, in ihren indem Bal⸗ einem ent⸗ 37 Die Krähe hatte mit den Flügeln zu ſchlagen auf⸗ gehört und wartete, wie es ſchien, auf den Augenblick, ihre Rolle in der Scene, die ſich vorbereitete, zu ſpieten. „Phares!“ ſang das Mädchen, das dieſem Rufe die ganze Sanftheit ſeiner Stimme gab. Die Krähe ſprang vom Balken auf die rechte Schulter von Roſe⸗de⸗Noöl, dieſe hockte ſich vor der Alten nieder und neigte ein wenig auf ihre Seite die Schulter, auf der der Vogel ſaß. Da gab die Brocante eine ſeltſame Note von ſich, welche halb aus der Kehle, halb von den Lippen kam, und zugleich etwas vom Rufe und vom Piiffe hatte. Bei dieſem durchdringenden Tone ſprangen die zwölf Hunde mit einem einzigen Satze und ſich an einander ſtoßend aus ihrem Korbe und nahmen, als ächte gelehrte Hunde, was ſie waren, ihren Platz rechts und links von der Zauberin, ſetzten ſich auf ihr Hintertheil mit dem Ernſte von Doctoren, welche bereit ſind, eine theologiſche Disenſſion in Angriff zu nehmen, und bildeten um den Tiſch einen vollkommenen Kreis, in deſſen Mitte ſich die Brocante befand. Als die, ſcheinbar nothwendigen, Vorbereitungen von Seiten der Hunde, welche während dieſes ganzen Manvenvre klägliche Schreie ausſtießen, vollendet waren, trat wieder die Stille ein. Die Brocante ſchaute nach und nach den Vogel und die Hunde an, und als dieſe Revue paſſirt war, ſprach ſie mit feierlichem Tone Sylben entlehnt einer fremden, ihr ſelbſt vielleicht unbekannten Sprache, welche Araber für Franzöſiſch hätten halten können, Franzoſen aber ſicherlich nicht würden für Arabiſch gehalten haben. Wir wiſſen nicht, ob Babolin, Roſe⸗de⸗Nosl und Juſtin den Sinn dieſer Worte verſtanden; verſichern können wir jedoch, daß er von den zwölf Hunden und von der Krähe begriffen wurde, urtheilen wir nach dem gleichen rhythmiſchen Kläffen der Hunde und dem durch⸗ dringenden Geſchrei des Vogels, das ſelbſt der heiſeren in Note nachgeahmt war, welche die Alte ausgeſtoßen, um loſ ihre Meute zu rufen. Als ſodann das Gekläffe beendigt war und das ſpr Geſchrei des Vogels erloſchen, legten ſich die Hunde nieder, welche bis dahin ehrerbietig und einander melan⸗ choliſch anſchauend auf ihrem Hintertheile geſeſſen hatten. Die Krähe aber ſprang von der Schulter von Roſe⸗de⸗Noöl auf den Kopf der Alten und klammerte ie Lan ſich daran an, indem ſie ihre Klauen in die Haare der A 7 1 Brocante eindrückte. 1 Das Gemälde würde ſich nun einem Genremaler 1 alſo dargeſtellt haben: unt Der Speicher düſter, nur durchfurcht von einigen Lichtſtreifen, welche mit großer Mühe durch die ſpär⸗ w 3 lichen Oeffnungen eindrangen. ſch 3 Die Alte ſitzend, mit den im Kreiſe ausgeſtreckten Hunden um ſich her; Babolin zu ihren Füßen liegend w uit Roſe⸗de⸗Noöl am Pfeiler ſtehend. Dieſe Gruppe beleuchtet durch den röthlichen Schein 3 der irdenen Lampe. nai Juſtin ſtehend, bleich, ungeduldig, halb verloren in Kre Helldunkel. zit Die Krähe von Zeit zu Zeit mit den Flügeln ſchlagend, unheimliche Schreie ausſtoßend, und an die Fabel vom Raben, der dem Adler nachahmeh noc will, erinnernd, nur mit dem Unterſchiede, daß dit Sch Klauen des Raben in der weißen Wolle des Schafes 26 feſtgehalten wurden, während die Klanen der Krähe i von den grauen Haaren der Alten feſthielten. Das Gemälde war ein fantaſtiſches, ſeltſames, und würde ſeine Macht ſelbſt über eine minder erhitzt. auft Einbildungskraft, als die von Juſtin, geübt haben. und Beleuchtet, wie geſagt, durch den unruhigen, röth Sy lichen Schein der Lampe, ſtreckte die Zauberin den Arn beri iſeren um d das unde elan⸗ atten. von merte re der maler reckten gend; Schein ten im lügeln an die hmen aß die Schafes ähe in tſames erhitzt. n. 5 5 39 in die Luft aus und beſchrieb mit dieſem nackten, fleiſch⸗ loſen Gliede rieſige Kreiſe. „Stille, Alle!“ ſagte ſie;„die Karten werden ſprechen.“ Hunde und Krähe ſchwiegen. Da begannen durch die heiſere Stimme der Bro⸗ cante die Karten ihre myſteriöſen Offenbarungen. Vor Allem miſchte die alte Sibylle die Karten und. ließ von Juſtin mit der linken Hand abheben. „Wohl verſtanden,“ ſagte ſie,„Sie verlangen hier Auskunft über eine Perſon, die Sie lieben?“ „Die ich anbete!“ erwiederte Juſtin. „Gut! Sie ſind der Kreuzbube, das heißt, ein unternehmender und gewandter junger Mann.“ Juſtin lächelte traurig: die Initiative und die Ge⸗ wandtheit waren im Gegentheil gerade die zwei Eigen⸗ ſchaften, die ihm weſentlich fehlten. „Sie, ſie iſt die Herzdame, das heißt, eine ſaufte und liebende Fran.“ Bei Mina war das wenigſtens ſo. Nachdem die Karten gemiſcht und abgehoben waren, nachdem man übereingekommen, daß Juſtin durch den Kreuzbuben und Mina durch die Herzdame vertreten werden ſollten, ſchlug Brocante zuerſt drei Karten um. Sie begann ſechsmal daſſelbe Manveuvre. So oft zwei Karten von derſelben Farbe kamen, mochten es nun zwei Kreuze, zwei Eckſteine oder zwei Schüppen ſein, nahm ſie die höchſte Karte und legte ſie vor ſich, indem ſie die Karten, die ſich ihr ſo boten, von links nach rechts anreihte. Nach ſechs Verſuchen hatte ſie ſechs Karten. Nachdem dieſe Operation beendigt war, miſchte ſie aufs Neue, ließ abermals mit der linken Hand abheben und begann wieder das Experiment, wobei ſie daſſelbe Syſtem befolgte. Eines von den Paguets gab drei Aſſe; die Zau⸗ berin nahm ſie alle Drei und legte ſie neben einander⸗ 40 Dieſes Brelan*) kürzte ihre Operation ab, indem es ihr drei Karten gab, ſtatt einer. Dann fuhr ſie fort, bis ſie ſiebzehn Karten hatte. Die zwei Mina und Juſtin vertretenden Karten waren herausgekommen. Vom Krenzbuben an zählte die Alte ſieben Karten von rechts nach links, den Krenzbuben mit einbegriffen. „Gut!“ ſagte ſie;„diejenige, welche Sie lieben, iſt ein blondes Mädchen von ſechzehn bis ſiebenzehn Jahren.“ „So iſt es,“ erwiederte Juſtin. Sie zählte noch ſiebenmal und hielt beim umge⸗ kehrten Herzſieben an. „Zerſtörte Pläne!.. Sie haben einen Plan mit ihr gemacht, der nicht ausgeführt werden konnte.“ „Leider!“ murmelte Juſtin. Die Alte zählte noch ſiebenmal und hielt beim Kreuznenn an. „Dieſe Pläne ſind vernichtet worden durch Geld, das man nicht erwartete,— etwas wie eine Penſion oder Erbſchaft.“ Sie zählte aufs Neue ſiebenmal und hielt beim Schüppenzehn an. „Und, ſeltſam!“ fuhr ſie fort;„dieſes Geld, das gewöhnlich lachen macht, hat Sie weinen gemacht!“ Sie nahm ihre Berechnung wieder auf, hielt beim umgekehrten Schüppenaß an und ſagte: „Der Brief, den ich Ihnen geſchickt habe, kommt von der jungen Perſon, welche mit dem Gefängniß bedroht iſt.“„ „Mit dem Gefängniß?“ rief Juſtin;„unmöglich!“ „Ei! die Karten ſind da!.. Mit dem Gefängniß mtit dem Einſperren!“ *) Drei gleiche Karten. entf Fal dah den Fre umg Fra din nem Sch nun Wal will eina ten eine den etw erle dem tte. ten rten fen. ben, tzehn mge⸗ mit beim Seld, nſion beim „das 0 beim ommt ngniß : lich! ingniß 41 „Im Ganzen,“ murmelte Juſtin,„wenn man ſie entführt, ſo geſchieht es, um ſie zu verbergen... Fahren Sie fort, fahren Sie fort! Sie haben bis daher Recht!“ „Der Brief iſt während eines Beſuches von Freun⸗ den angekommen.“ — „Ja, ſo iſt es, von Freunden... von guten Freunden.“ Die Brocante zählte noch ſiebenmal, hielt bei der umgekehrten Schüppendame an und ſprach: „Das Uebel widerfährt Ihnen von einer brünetten Frau, die diejenige, welche Sie lieben, für ihre Freun⸗ din hält.“ „Vielleicht Fräulein Suſaune von Valgenenſe?“ „Die Karten ſagen: Eine brünette Frau! ſie nennen ihren Namen nicht.“ Sie ſetzte ihre Berechnung fort und hielt beim Schüppenacht an. „Das verfehlte Project war eine Heirath.“ Juſtin war ganz keuchend: bis dahin, mochte es nun Zufall oder Magie ſein, hatten die Karten die Wahrheit geſagt. „Oh! fahren Sie fort!“ rief er,„um des Himmels willen, fahren Sie fort.“ Sie fuhr fort und deutete auf eines der drei neben einander gelegten Aſſe. „Ho! ho!“ ſagte ſie,„Complott!“ Nach ſieben anderen Karten kam ſie zum umgekehr⸗ ten Kreuzkönig, und ſie ſprach: „Sie werden in dieſem Augenblick unterſtützt durch einen redlichen Mann, der gern Dienſte leiſtet.“ „Salvator!“ murmelte Juſtin,„das iſt der Name, en er mir angegeben.“ „Doch man iſt ihm in ſeinen Projecten zuwider; etwas, was er zu dieſer Stunde für Sie unternimmt, erleidet Verzug.“ 42 „Das blonde Mädchen? das blonde Mädchen?“ fragte Juſtin. Die Alte zählte ſiebenmal und hielt beim Schüp⸗ penbuben an. „Oh!“ ſprach ſie,„das Mädchen iſt von einem brünetten jungen Manne von ſchlimmen Sitten entführt worden.“ „Weib!“ rief Juſtin,„wo iſt ſie? ſage, wo ſie iſt, und ich gebe Dir Alles, was ich habe.“ Und er ſtörte in ſeiner Taſche und zog eine Hand voll Geld heraus, das er eben auf den Tiſch, wo die Brocante ihre Karten miſchte, werfen wollte, als er ſich beim Arme feſtgehalten fühlte. Er wandte ſich um: es war Salvator, der, nachdem er ohne geſehen und gehört zu werden eingetreten, ſich dieſer übertriebenen Freigebigkeit widerſetzte. „Stecken Sie Ihr Geld wieder in die Taſche,“ ſagte er zu Juſtin;„gehen Sie hinab, ſpringen Sie auſ das Pferd von Herrn Jean Robert, reiten Sie im Ga⸗ lopp nach Verſailles, verhindern Sie es, daß man in das Zimmer von Mina eintritt, und wachen Sie darüber, daß Niemand einen Fuß in den Recreationshof ſetzt. Es iſt halb acht Uhr: um halb neun Uhr können Sie bei Madame Desmarets ſein.“ „Aber.. verſetzte Juſtin. „Gehen Sie, ohne eine Minute zu verlieren: es muß ſein.“ „Aber.. „Gehen Sie, oder ich ſtehe für nichts!“ wiederholte Salvator. „Ich gehe,“ ſagte Juſtin. lind während er die Stube verließ, rief er der Bro⸗ cante zu: „Seien Sie ruhig, ich werde Sie wiederſehen.“ Er ging raſch hinab, nahm den Zaum aus den Hän⸗ den von Jean Robert, ſchwang ſich in den Sattel als eit un he ſai n?“ hüp⸗ inem führt iſt, Hand die ſich hdem ſich ſche,“ e auſ Ga⸗ an in über, ſetzt. Sie t: es rholte Bro⸗ Hän⸗ 1 als 43 ein Pächtersſohn, der gewohnt iſt, alle Pferde zu reiten, und verſchwand im Galopp durch die Rue Copeau, das heißt auf dem kürzeſten Wege, um die Straße nach Ver⸗ ſailles zu erreichen. XXXIII. Wie die Karten immer Recht haben. Der Bewachung des Pferdes überhoben, ſuchte Jean Robert umhertappend die Leiter, deren Lage ihm durch Salvator bezeichnet worden war, welcher ihn von der Polizei zurückkehrend zuerſt beim Rendez vous gefunden. Wir könnten eine gute Anzahl Scherze über die Leitern, die Speicher und die Dichter machen; Jean Robert hatte aber, wie geſagt, ein Pferd, ein treffliches Halbblutpferd, das ſeine fünf Meilen in der Stunde zu⸗ rücklegte. Jean Robert trat alſo aus der Kategorie der Dichter mit den Leitern und den Speichern heraus. Beim Anblicke von Salvator hatte die Alte ihr Kartenſpiel fallen laſſen und einen tiefen Seufzer ausge⸗ ſtoßen; die Hunde waren in ihren Korb zurückgekehrt; die Krähe hatte wieder ihren Platz auf dem Balken ein⸗ genommen. Als Jean Robert eintrat, ſah er alſo nur eine Gruppe, welche als pittorest das Malerauge ſeines Freuudes Petrus ergötzt hätte und eben durch dieſes Pittoreske ſich unmittelbar ſeines Dichterherzens be⸗ mächtigte. Das war die Gruppe, welche aus der auf einem Schämel ſitzenden alten Kartenſchlägerin, aus Babolin, der zu ihren Füßen lag, und aus Roſe⸗de⸗Noöl beſtand, welche an ihrer Seite an den Pfeiler angelehnt war. Die Brocante erwartete offenbar mit Bangigkeit, was Salvator ſagen würde. Die zwei Kinder lächelten dieſem wie einem Freunde zu, jedes aber mit einem andern Ausdrucke. Bei Babolin war dieſes Lächeln das der Heiterkeit, bei Roſe⸗de⸗Noöl war es das Lächeln der Schwermuth. Doch zum großen Erſtaunen der Brocante ſchien Salvator dem, was vorgefallen, keine Aufmerkſamkeit zu ſchenken. „Ihr ſeid es, Brocante?“ ſagte er.„Wie geht es Roſe⸗de⸗Nosl?“ „Gut, Herr Salvator, ſehr gut!“ anwortete das Mädchen. „Nicht Dich frage ich das, armes Kind, ſondern dieſe Frau.“ „Sie huſtet ein wenig,“ erwiederte die Alte. „Iſt der Arzt da geweſen?“ „Ja, Herr Salvator.“ „Was hat er geſagt?“ „Wir müſſen vor Allem dieſe Wohnung verlaſſen.“ „Er hat wohl daran gethan, Euch dies zu ſagen; ich ſage es Euch ſchon lange, Brocante.“ Sodann ſtrenger und die Stirne faltend: „Warum hat dieſes Kind noch nackte Beine und Füße?“ „Es will weder Strümpfe, noch Schuhe anziehen, Herr Salvator.“ „Iſt das wahr, Roſe⸗de⸗Noöl?“ fragte der junge Mann mit Sauftmuth, jedoch mit einem Tone, in dem ein gewiſſer Vorwurf lag. „Ich will keine Strümpfe anziehen, weil ich nur grobe wollene Strümpfe habe; ich will keine Schuhe an⸗ ziehen, weil ich nur plumpe lederne Schuhe habe.“ Her um Sal geke Zug lin, and, keit, unde keit, uth. hien nkeit tes das dern ſen.“ genz und ehen, junge dem nur e an⸗ 45 „Warum kauft Dir die Brocante nicht baumwollene Strümpfe und Schuhe von Ziegenfell?“ „Weil das zu theuer iſt, Herr Salvator, und weil ich zu arm bin.“ „Du irrſt Dich, das iſt nicht theuer,“ entgegnete Salvator;„Du lügſt, Du biſt nicht arm.“ „Herr Salvator!“ „Schweige! Und höre wohl, was ich Dir ſage.“ „Ich höre, Herr Salvator.“ „Und Du wirſt gehorchen?“ „Ich werde mich bemühen.“ „Und Du wirſt gehorchen?“ wiederholte der junge Mann mit gebietendem Tone. „Ich werde gehorchen.“ „Wenn Du in acht Tagen,— Du hörſt mich wohl? wenn Du in acht Tagen nicht ein Zimmer für Dich und Babolin, ein Cabinet mit Luft und Sonne für dieſes Kind, und einen beſondern Stall für die Hunde gefunden haſt, ſo nehme ich Roſe⸗de⸗Noöl von Dir.“ Die Alte umſchlang mit ihrem Arme den Leib des Mädchens und drückte es an ſich, als hätte Salvator ſeine Drohung auf der Stelle verwirklichen wollen. „Sie würden mir das Kind entziehen? mein Kind, das ſeit ſieben Jahren bei mir iſt?“ „Bor Allem iſt es nicht Dein Kind,“ erwiederte Salvator:„es iſt ein von Dir geſtohlenes Kind.“ „Gerettet, Herr Salvator! gerettet!“ „Geſtohlen oder gerettet, Du wirſt die Sache mit Herrn Jackal erörtern.“ Die Brocante ſchwieg, drückte aber das Kind nur um ſo ſtärker an ſich. „Uebrigens bin ich nicht deshalb gekommen,“ fuhr Salvator fortz„ich bin wegen des armen jungen Mannes gekommen, den Du, als ich eintrat, zu plündern im Zuge warſt.“ 46 „Ich plünderte ihn nicht, Herr Salvator: ich nahm, was er mir freiwillig gab.“ „Den Du alſo täuſchteſt?“ „Ich täuſchte ihn nicht; ich ſagte ihm die Wahrheit.“ „Woher wußteſt Du die Wahrheit?“ „Durch die Karten.“ „Du lügſt!“ „Die Karten haben aber. „Die Karten ſind ein Mittel der Prellerei.“ „Herr Salvator, beim Haupte von Roſe⸗de⸗Noöl: Alles was ich ihm geſagt habe, iſt wahr.“ „Was haſt Du ihm geſagt?“ „„Er liebe ein blondes Mädchen von ſechzehn bis ſiebenzehn Jahren.“ „Wer hat Dir das geſagt?“ „Das ſtand in den Karten.“ „Wer hat Dir das geſagt?“ wiederholte gebietend Salvator. „Babolin, der es im Quartier erfahren hat!“ „Das iſt alſo das Handwerk, das Du treibſt?“ ſprach Salvator zu Babolin. „Verzeihen Sie, Herr Salvator, ich glaubte nicht, ich thne etwas Schlimmes, wenn ich dies Brocante mit⸗ theile; es iſt im Faubvurg Saint⸗Jacques bekannt, daß Herr Juſtin in Mademoiſelle Mina verliebt war.“ „Fahre fort, Brocante. Was haſt Du ihm noch geſagt?“ „Ich habe ihm geſagt, das Mädchen liebe ihn; es habe ein Heirathsproject ſtattgefunden, dieſes Project ſei aber durch eine unerwartete Geldſumme zerſtört worden.“ „Wer hat Dir das geſagt? „Ei! Herr Salvaior, der Kreuzzehn bedeutet Gels' und der Schüppenacht geſcheiterten Plan.“ „Wer hat Dir das geſagt?“ wiederholte Salvator, der immer ungeduldiger wurde. „Ein guter Pfarrer, Herr Salvator, ein guter altet . Pf Gr ma ken wa Pfe ken geſi ein Si den hatt Pla übe getr Hül hüb kom zwei mit ſchli entf ahm, meit. toöl: bis etend bſt?“ nicht, mit⸗ „daß noch nz es ect ſei den.“ deutet a n.“ vator, alter 47 Pfarrer, der gewiß nicht log. Er ſagte unter einer Gruppe von Leuten, die ihn befragten:„„Und wenn man bedenkt, daß eine Summe von zwölftauſend Fran⸗ ken. Ich weiß nicht, ob es zehn oder zwölf waren.“ „Gleichviel.“ „„Und wenn man bedenkt,““ ſagte der gute alte Pfarrer,„daß eine Summe von zwölftauſend Fran⸗ ken, die ich gebracht habe, an dieſem ganzen Unglück Schuld iſt!““ „Gut, Brocante! Und was haſt Du ihm dann noch geſagt?“ „Ich habe ihm geſagt, Mademoiſelle Mina ſei durch einen brünetten jungen Mann entführt worden.“ „Woher weißt Du das?“ „Herr Salvator, der Schüppenbube war da, ſehen Sie, und der Schüppenbube.. „Woher weißt Du, daß das Mädchen entführt wor⸗ den iſt?“ wiederholte Salvator mit dem Fuße ſtampfend. „Ich habe es geſehen, mein Herr.“ „Wie, Du haſt es geſehen?“ „Wie ich Sie ſehe.“ „Wo dies?“ „Auf der Plate Maubert.“ „Du haſt Mina auf der Plate Manbert geſehen?“ „Heute Nacht, Herr Salvator, heute Nacht... Ich hatte ſo eben die Rue Galande gemacht, ich machte die Place Maubert; plötzlich fährt ein Wagen ſo raſch vor⸗ über, daß man hätte glauben ſollen, er werde vom Winde getragen; das Fenſter ſenkt ſich; ich höre rufen:„Zu Hülfe! herbei! zu Hülfe! man entführt mich!“ und ein hübſches blondes Köpfchen, ein wahres Cherubsköpfchen kommt aus dem Schlage hervor. Zugleich erſcheint ein zweiter Kopf... der eines brüneiten jungen Mannes mit Schnurrbart. Er zieht die Schreiende zurück und ſchließt das Fenſter wieder; doch diejenige, welche man entführte, hatte Zeit gehabt, einen Brief hinauszuwerfen.“ 48 „Und dieſer Brief?.. „Iſt der, welcher mit der Adreſſe von Herrn Juſtin bezeichnet war.“ „Um wie viel Uhr war das, Brocante 7“ „Es mochte Morgens um ſechs Uhr ſein, Herr Salvator.“ „Gut! Iſt das Alles?“ „Ja, es iſt Alles.“ „Beim Haupte von Roſe⸗de⸗Noöl?“ „Beim Haupte von Roſe⸗de⸗Noöl!“ „Warum haſt Du nicht ganz einfach Herrn Juſtin die Sache erzählt, wie ſie ſich zugetragen?“ „Ich habe mich in Verſuchung führen laſſen: er wird ſagen, was ihm begegnet iſt, und das wird mir Kunden bringen!“ „Höre, Brocante, hier iſt ein Louis d'or dafür, daß Du die Wahrheit geſprochen,“ ſagte Salvator;„doch von dieſem Lonis d'or wirſt Du dem Kinde drei Paar baumwollene Strümpfe und ein Paar Schuhe von Zie⸗ genfell kaufen.“ „Ich will rothe Schuhe, Herr Salvator,“ ſagte Roſe⸗de⸗Noöl. „Du wirſt ſie von der Farbe nehmen, die Dir be⸗ liebt, mein Kind,“ erwiederte Salvator. Und ſich an die Brocante wendend: „Du haſt gehört? finde ich Dich in acht Tagen, auf den Tag, auf die Stunde, noch hier, ſo nehme ich Roſe⸗ de⸗Nosl fort!“ „Oh! oh!“ murmelte die Alte. „Und Du, Roſe, wenn ich Dich noch mit nackten Füßen treffe, ſo laſſe ich Dich kleiden, wie Du warſt⸗ als ich Dich vor fünf Jahren zum erſten Male ſah.“ „Oh! Herr Salvator!“ rief die Kleine. Er näherte ſich ſodann zum letzten Male der Alten und ſprach halblaut zu ihr: „Brocante, vergiß nicht daß Du mir für dieſes Kint Kält Kält welck ihm und er S Mon Erei derer vorg und befar die z ſie b Gitte Taler Die ſtin err nſtin mir daß doch ßaar Zie⸗ ſagte be⸗ „auf Roſe⸗ ackten varſt⸗ Alten dieſes 49 Kind mit Deinem Kopfe hafteſt! Läſſeſt Du es vor Kälte in Deinem Speicher ſterben, ſo laſſe ich Dich vor Kälte, Hunger und Elend in einem Kerker ſterben.“ Nach dieſer Drohung neigte er ſich zu der Kleinen, welche ihrerſeits ihre Stirne ſeinem Kuſſe entgegenbot. Und die Stube verlaſſend, winkte er Jean Robert ihm zu folgen. Jean Robert warf einen letzten Blick auf die Alte und die zwei Kinder und ging hinter Salvator hinaus. „Was für ein ſeltſames Mädchen iſt das?“ fragte er Salvator, als ſie auf die Straße kamen. „Gott allein weiß es!“ antwortete dieſer. Und während ſie die Rue Copeau und die Rue Mouffetard hinabgingen, erzählte er dem Dichter das Ereigniß der Nacht vom 20. Auguſt, und wie die Kleine, deren Schönheit eine ſo mächtige Wirkung auf ihn her⸗ vorgebracht, in die Hände der Brocante gefallen war und ſich nun, eine Perle, mitten in dieſem Miſthaufen befand. Die Geſchichte war nicht lang, wie man weiß: als die zwei jungen Leute auf den Pont-Reuf kamen, war ſie beendigt. „Hier!“ ſagte Salvator, während er ſich an das Gitter der Statue von Heinrich IW. anlehnte. „Sie halten hier an?“ fragte Jean Robert. „J „Warum halten wir hier an?“ „Um zu warten.“ „Worauf wollen Sie warten?“ „Auf einen Wagen!“ „Wohin ſoll er uns führen?“ „Oh! mein Lieber, Sie ſind ſehr neugierig.“ „Als dramatiſcher Dichter wiſſen Sie, daß es ein Talent iſt, mit dem Intereſſe haushälteriſch umzugehen.“ Die Mohicaner von Paris. M. 4 „Wie Sie wollen.. Warten wir.“ Sie warteten übrigens nicht lange. Rach zehn Minnten drehte ſich ein mit zwei kräftigen Pferden beſpannter Wagen um den Quai des Orfoͤvres und hielt vor der Statue von Heinrich IV. au. Ein Mann von ungefähr vierzig Jahren öffnete den Schlag vom Innern aus, wo er ſaß, und ſagte: „Geſchwinde, geſchwinde!“ Die beiden jungen Leute ſtiegen ein. „An den bewußten Ort,“ ſagte der Mann im Wa⸗ gen zum Kutſcher. Und der Wagen ging im Galopp ab, drehte ſich am, Ende des Pont⸗Nenf und eilte auf dem Ouai de 1Ecole fort. XXXIV. Herr Jackal. Erzählen wir unſern Leſern, was Salvator Jeal Robert zu erzählen nicht für geeignet erachtet hatte. Als er Juſtin und Jean Robert in der Rue d Faubvurg Saint⸗Jacques verließ, ging Salvator, wir geſagt, nach der Polizei. Er gelangte in die abſcheuliche Gaſſe, genaunt Ru de Jeruſalem,— ein ſchmaler, kothiger, düſterer Weg übet den die Sonne nur ſich verſchleiernd hinzieht. Salvator trat durch die Thüre der Präfectur mi der leichten, ungezwungenen Manier eines Vertraute von dieſem finſtern Hotel ein. ftigen fövres te den Wa⸗ ich am, tai de Jea Rue di wi int Ru Weg . ttur mil rtrautel 51 Es war ſieben Uhr Morgens, das heißt kaum Dämmerung. Der Concierge hielt ihn an. „He! mein Herr!“ rief er ihm zu:„wohin gehen Sie?„ He! mein Herr!“ „Nun?“ verſetzte Salvator, indem er ſich umwandte. „Ah! verzeihen Sie, Herr Salvator, ich erkannte Sie nicht,“ ſagte der Concierge. Und er fügte lachend bei: „Das iſt Ihre Schuld: Sie ſind gekleidet wie ein Herr!“ „Iſt Herr Jackal ſchon in ſeinem Burean?“ fragte Salvator. „Das heißt, er iſt noch dort, er iſt dort über Racht geweſen.“ Salvator durchſchritt den Hof, ging unter das der Thüre gegenüberliegende Gewölbe, betrat eine kleine Treppe links, ſtieg zwei Stockwerke hinauf, kam in einen Corridor und fragte den Huiſſier nach Herrn Jackal. „Er iſt in dieſem Augenblicke ſehr beſchäftigt“ er⸗ wiederte der Huiſſier. „Sagen Sie ihm, Salvator, der Commiſſionär der Rue aux Fers, ſei da.“ Der Huiſſier verſchwand durch eine Thüre und kam ſogleich wieder zurück. „In zehn Minuten gehört Herr Jackal Ihnen.“ Einen Moment nachher öffnete ſich wirklich die Thüre wieder, und ehe man Jemand ſah, hörte man eine Stimme rufen: „Suchet die Frau! bei Gott! ſuchet die Frau!“ Dann erſchien der Mann, deſſen Stimme man gehört. Unternehmen wir es, das Portrait von Herrn Jackal zu zeichnen. Es war ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, mit übermäßig langem, magerem, dünnem, nach dem Ausdrucke der Raturforſcher, wurmförmigem Halſe und dabei mit kurzen, nervigen Beinen. Sein Körper offenbarte Geſchmeidigkeit; ſeine Beine bezeichneten Behendigkeit. Der Kopf ſchien zugleich allen Klaſſen der Ordnung der fleiſchfreſſenden, auf den Zehen gehenden Thiere anzugehören: das Haar, oder die Mähne, oder das Fell, wie man will, war gräulich fahl; die langen, am Kopfe emporgeſpitzten und mit Haaren verſehenen Ohren glichen denen des Jaguars; am Abend in Gelb, am Tage in Grün ſpielend, hielten die Augen die Mitte zwiſchen denen des Luchſes und denen des Wolfes; ſenkrecht verlängert und der der Katze ähnlich, zog ſich die Pupille zuſammen oder erweiterte ſich, je nach dem Grade von Dunkel⸗ heit oder Licht, in dem ſie vperirte; die Naſe und das Kinn, die Schnauze, wollen wir ſagen, war zugeſpitzt wie die eines Windhundes. Der Kopf eines Fuchſes und der Leib eines Iltiſſes. Die Beine, von denen wir ein Wort geſagt haben, deuteten übrigens an, dieſer Menſch könne, den Mardern ähnlich, überallhin ſchlüpfen und durch die kleinſten Oeff⸗ nungen paſſiren, vorausgeſetzt⸗ daß der Kopf einzudrin⸗ gen vermöge. Die ganze Phyſiognomie offenbarte, wie die des Luchſes, Liſt, Schlauheit, Feinheit; man fühlte, daß Herr Jackal, wie der nächtliche Jäger der Kaninchen und der Hühner, ſein Dickicht in der Rue de Jeruſalem, um auf die Jagd zu gehen, nur bei Einbruch der Nacht ver⸗ laſſen konnte. Er blinzelte mit den Augen und erblickte im Halb⸗ ſchatten des Corridors denjenigen, welchen man ihm ge⸗ meldet hatte. „Ah! Sie ſind es, Herr Salvator?“ ſagte er, in⸗ dem'er mit großem Eifer auf ihn zuging.„Was ver⸗ ſchafft mir das Vergnügen, Sie ſo frühe am Morgen zu ſehen?“ hal zw nich Ert mer und eine ung iere Fell, opfe chen e in enen igert imen nkel⸗ das ſpitzt tiſſes. aben, rdern Oeff⸗ drin⸗ des Herr d der n auf ver⸗ Halb⸗ m ge⸗ r, in⸗ s ver⸗ en z 53 „Man hat mir geſagt, mein Herr, Sie ſeien ſehr beſchäftigt,“ antwortete Salvator, der mit großer Mühe den Widerwillen, den ihm der Polizeimann einflößte, zu überwinden ſchien. „Das iſt wahr, mein lieber Herr Salvator; doch Sie wiſſen wohl, daß es keine Beſchäftigung gibt, die ich nicht auf der Stelle verlaſſe, um das Vergnügen zu haben, mit Ihnen zu plaudern.“ „So treten wir in Ihr Cabinet ein,“ ſagte Sal⸗ vator, ohne auf die complimentöſe Phraſe von Herrn Jackal zu antworten. „Das iſt unmöglich; ich habe zwanzig Perſonen, die auf mich warten.“ „Haben Sie mit dieſen zwanzig Perſonen lange zu thun?“ „Ungefähr zwanzig Minuten: eine Minute für die Perſon. Ich muß um neun Uhr im Bas⸗Mendon ſein.“ „Im Bas⸗Meudon?“ Ja „Was Tenfels wollen Sie dort machen?“ „Eine Erſtickung conſtatiren.“ „Eine Erſtickung?“„ „Zwei junge Leute, die ſich das Leben genommen haben, ja... Der Aeltere von beiden iſt vierund⸗ zwanzig Jahre alt, wie es ſcheint.“ „Arme junge Leute!“ ſagte Salvator mit einem Seufzer. Dann zur Sache von Juſtin zurückkehrend: „Teufel! es iſt mir höchſt ärgerlich, daß ich Sie nicht bequem ſprechen kannz ich hatte Ihnen etwas ſehr Ernſtes mitzutheilen.“ „Eine Idee...“ „Nun?“ „Ich fahre und bin allein in meinem Wagen; kom⸗ men Sie mit mir: Sie werden mir Ihren Fall unter Weges erzählen. Mit zwei Worten, um was handelt es ſich?“ „Um eine Entführung.“ „Suchet die Frau „Beim Teufel! das iſt es, was wir ſuchen.“ „Oh! nein, nicht die entführte Frau.“ „Welche denn?“ „Die, welche die Andere entführen läßt.“ „Sie glauben, es ſtecke eine Frau dahinter?“ „Es iſt eine Frau bei Allem, Herr Salvator: das iſt es, was unſer Handwerk ſo ſchwierig macht. Ge⸗ ſtern meldet man mir, ein Decker habe vom Dache fal⸗ lend das Leben eingebüßt.“ „Sie haben geſagt:„Suchet die Frau!““ „Das das Erſte, was ich ſagte.“ 5 un 3 „Sie ſpotteten über mich; ſie behaupteten, ich habe die verrückte Gewohnheit, ſo zu antworten! Man ſucht die Frau, und man findet ſie.“ „Gut! wie dies?“ „Der Burſche hatte ſich umgedreht, um eine Frau zu ſehen, die ſich in einer Manfarde gegenüber anklei⸗ dete, und, bei meiner Treue! er fand ſo viel Vergnügen an der Anſchauung, daß er nicht mehr darauf Acht gab, wo er war; der Fuß glitſcht ihm aus, und plumps, da liegt er!“ „Er iſt todt?“ „Er war maustodt, der Dummkopf!.. Nun! iſt das beſchloſſen, kommen Sie mit mir nach dem Bas⸗ Mendon?“ „Ja, doch ich habe einen Freund.“ „Es find vier Plätze im Wagen.— Fargeau,“ ſagte Herr Jackal zum Huiſſier,„laſſen Sie anſpannen.“ „Ich muß zuvor nach der Rue Triperet gehen und werde von dort zurückkommen.“ „Ich gebe Ihnen eine halbe Stunde.“ wer im war abg vor Wa fuhr Hin des den bis poli Zig brü aus zur um Lut Na ſche er häu ſein Lad ſtich iſt delt das Ge⸗ fal⸗ habe ſucht Frau nklei⸗ nügen gab⸗ 8, da n iſt Bas⸗ eau,“ imen.“ n und 55 „Wo werden wir uns wiederfinden?“ „Rendez⸗vous bei der Statue Heinrich W.; ich werde den Wagen halten laſſen, Sie ſteigen ein, und im Galopp, Kutſcher!“ Wonach Herr Jackal in ſein Bureau zurückgekehrt war und Salvator Jean Robert in der Rue Triperet abgeholt hatte. Die Dinge waren nach dem feſtgeſtellten Programm vor ſich gegangen: die zwei jungen Leute hatten im Wagen von Herrn Jackal Platz genommen, und alle Drei fuhren nach dem Bas⸗Meudon. Wir haben es verſucht, Herrn Jackal in phyſiſcher Hinſicht zu ſchildern: nun einen Pinſelſtrich in Betreff des Moraliſchen. Herr Jackal war ein vormaliger Polizeicvmmiſſär, den ſeine wunderbaren Fähigkeiten von Stock zu Stock bis zu dieſem höchſten Giebel des Chefs der Sicherheits⸗ polizei hatten ſteigen laſſen. Herr Jackal kannte alle Diebe, alle Ganner, alle Zigeuner in Paris; freigelaſſene Galeerenſklaven, bann⸗ brüchige Galeerenſtlaven, geübte Diebe, Diebslehrlinge, ausgelernte Diebe, Diebe, die ſich aus den Geſchäften zurückgezogen, Alles dies wimmelte unter ſeinem weit umfaſſenden Blicke im kothigen Pandämonium der alten Lutetia, ohne ſich, wie groß auch die Dunkelheit der Nacht, die Tiefe der Steinbrüche, die Zahl der Frei⸗ ſchenken ſein mochten, ſeinem Auge entziehen zu können; er war beſchlagen in ſeinen Garnis*), ſeinen Spiel⸗ häuſern, ſeinen Bordellen, wie Philidor in den Feldern ſeines Schachbrettes; wenn er einen ausgenommenen Laden, ein zerbrochenes Fenſter, einen gegebenen Meſſer⸗ ſtich nur anſchaute, ſagte er:„Ah! ich kenne das! das iſt die Manier zu arbeiten von Dem und Dem.“ *) Häuſer, wo Schlafſtellen für einzelne Nächte ver⸗ miethet werden. Und ſelten irrte er ſich. Herr Jackal ſchien keinem der Bedürfniſſe der Na⸗ tur unterworfen zu ſein. Hatte er nicht Zeit, zu früh⸗ ſtücken, ſo frühſtückte er nicht; hatte er nicht Zeit, zu Mittag zu ſpeiſen, ſo ſpeiſte er nicht zu Mittag; hatte er nicht Zeit, zu Nacht zu eſſen, ſo aß er nicht zu Nacht; hatte er nicht Zeit, zu ſchlafen, ſo ſchlief er nicht. Herr Jackal trug mit gleichem Glücke und mit glei⸗ cher Bequemlichkeit alle Verkleidungen: Rentier des Marais, General des Kaiſerreichs, Mitglied des Caveau, Concierge von vornehmem Hauſe, Portier von kleinem⸗ Gewürzkrämer, Wundmittelhändler, Seiltänzer, Pair von Frankreich, Voltigeur von Gent, er war Alles, was man wollte, und hätte den geſchickteſten und vielſei⸗ tigſten Schauſpieler beſchämt. Proteus wäre gegen ihn nur ein Grimaſſenmocher von Tivoli oder vom Boulevard du Temple geweſen. Herr Jackal hatte weder Vater, noch Mutter, noch Schweſter, noch Bruder, noch Sohn, noch Tochter; er war allein in der Welt und ſchien der Familie durch eine aufmerkſame Vorſehung beraubt worden zu ſein, welche ihm, indem ſie ihm die Zeugen ſeines geheimniß⸗ vollen Lebens nahm, allein auf ſeinem Wege zu gehen erlaubte.. Herr Jackal hatte in den vier Fächern ſeiner Biblio⸗ thek vier Ausgaben von Voltaire! Zu einer Zeit, wo Jedermann, bei der Polizei be⸗ ſonders, Jeſult von der langen Robe oder von der kurzen Robe war, hatte er allein ſeine freie Sprache⸗ citirte das Dictionnaire philoſophique bei jeder Veranlaſſung und wußte die Putelle auswendig. Dieſe vier Exemplare des Verfaſſers von Candide waren in Chagrin gebunden und am Schnitt verſilbert, ein Trauer⸗ emblem des begrabenen Glaubens ihres Cigenthümers. Jackal glaubte nicht an das Gute; das Böſe be⸗ herrſchte für ihn die ganze Schöpfung. Das Böſe ſein dere ang die ſich von wele dieſ nach auch erſte ſehe bar heb eine Hei! er1 den mer er t auf fall Ble rech ſagt Na⸗ üh⸗ zu atte cht; lei⸗ des an, em, ßair was ſcher * noch 3 urch ſein, niß⸗ ehen blio⸗ i be⸗ der ache⸗ ieer Dieſe en in auer⸗ ers e be⸗ Boͤſe 57 unterdrücken ſchien ihm der einzige Zweck des Lebens zu ſein; er begriff eine Welt mit anderen Endzwecken nicht. Es war eine Art von Erzengel Michael der nie⸗ deren Regionen; das jüngſte Gericht hatte ſchon für ihn angefangen, und er machte Gebrauch von der Gewalt, die ihm die Geſellſchaft anvertraut, wie der Würgengel ſich ſeines Schwertes bedient. Die Menſchen ſchienen ihm eine große Sammlung von Marionetten und von Gliedermännchen zu ſein, welche alle Arten von Gewerben treiben; die Fäden dieſer Marionetten und dieſer Gliedermännchen ſetzten, nach ſeiner Anſicht, die Frauen in Bewegung; er hatte auch eine Monomanie, von der wir ein Muſter bei den erſten Worten, die er, ſein Cabinet öffnend, ſprach, ge⸗ ſehen haben, eine Monomanie, die ihn beinahe unfehl⸗ bar zur Entdeckung des Verbrechens führte, deſſen Ur⸗ heber er wollte kennen lernen. So oft man ihm eine Verſchwörung, einen Mord, einen Diebſtahl, eine Entführung, einen Einbruch, eine Heiligthumsentweihung, einen Selbſtmord anzeigte, gab er nur zur Antwort:„Suchet die⸗Frau!“ Man ſuchte die Frau, und wenn die Frau gefun⸗ den war, brauchte man ſich um nichts mehr zu beküm⸗ mern: das Uebrige fand ſich ganz allein. Er hatte ſelbſt den Beweis hievon gegeben, indem er das Beiſpiel des Deckers eitirte, der von einem Dache auf das Pflaſter herabgeſtürzt war. Herr Jackal hatte eine Frau im Grunde dieſes Un⸗ falls geſehen, wo ein Anderer einen fatſchen Tritt, eine Blendung, einen Schwindel geſehen haben würde. Und die Erfahrung hatte bewieſen, daß Herr Jackal recht geſehen. Herr Jackal war alſo ſeinem Grundſatze treu, als er zu Salvator in Betreff der Entführung von Mina ſagte:„Suchet die Frau!“ Dies war,— und wir bleiben ſehr hinter dem Portrait, das wir gern von ihm hätten zeichnen mð⸗ gen,— dies war Herr Jackal, das heißt, der Mann, mit welchem und in deſſen Wagen Salvator und Jean Robert längs dem Quai der Tuilerien hinfuhren. Ah! wir vergeſſen einen charakteriſtiſchen Zug der Phyſiognomie von Herrn Jackal: er trug eine grüne Brille, nicht um beſſer zu ſehen, ſondern damit man ihn weniger ſehe. Wollte er den freien Gebrauch ſeiner Augen haben, ſo hob er mit einer raſchen Bewegung ſeine Brille an nem ſeine Stirne empor; der Strahl ſeines in allen Farben em ſpielenden Blickes warf eine Flamme zwiſchen ſeinen war Angenlidern aus, dann ſenkte er ſeine Brille wieder, ſche doch ohne die Hände daran zu legen, durch ein leichtes Schauern der Schlafmuskeln: beim Schauern dieſer mo Muskeln fiel die Brille von ſelbſt nieder und nahm geſ wieder ihren Platz in der Fuge ein, die ihr ſtählerner ſchr Bogen nach und nach auf der Naſe von Herrn Jackal im ausgegraben hatte. zei Selten brauchte er dieſe Inſpection zu erneuern, ſo thr raſch, tief und ſicher war ſein Blick. Dieſer Blick glich jenen ſtillen Sommerblitzen, welche ger zwiſchen zwei Welken in den heißen Abenden im Monat Ec Auguſt durchzucken. bel um zer nb⸗ nn, und der üne man ben, an ben inen der, chtes ieſer ahm rner ackal n, ſo eche donat 59 XXXV. Suchet die Frau. Herr Jackal, als er die zwei jungen Leute in ſei⸗ nem Wagen aufnahm, fing damit an, daß er ſeine Brille emporhob und auf Jean Robert einen von den Blicken warf, die ihm den moraliſchen und den phyſiſchen Men⸗ ſchen offenbarten. Nach einer Secunde fiel ſeine Brille wieder nieder, mochte er nun Jean Robert als einen Dichter, der, wie geſagt, ſchon den erſtern Kreis der Popularität über⸗ ſchritten, erkannt haben, oder hatten die redlichen Linien im Geſichte des jungen Mannes genügt, um ihm anzu⸗ zeigen, es werde nie etwas für ihn auf dieſer Seite zu thun ſein. „Ah!“ ſprach er, als er es ſich in einer der aus⸗ gepolſterten Ecken ſeines Wagens bequem gemacht, welche Ecke er Salvator hatte abtreten wollen, was aber dieſer beharrlich ausgeſchlagen,„wir ſagen alſo, es handle ſich um eine Entführung?“ Herr Jackal nahm ſeine Tabaksdoſe,— eine rei⸗ zende, zarte, feine Bonbonnidre, welche einſt Paſtillen für die Pompadour oder die Dubarry enthalten mußte, — und ſchlürfte mit Wolluſt eine ſtarke Priſe Tabak. „Nun, ſo erzählen Sie mir das.“ Jeder Menſch hat ſeine ſchwache Seite, ſeine ſchlecht in den Stix getauchte Ferſe, ſeinen verwund⸗ baren Punkt. Herr Jackal hatte den ſeinigen, und wir haben es, — ein ungetrener Geſchichtſchreiber,— unterlaſſen, deſ⸗ ſelben zu erwähnen. Herr Jackal konnte das Eſſen, das Trinken, das Schlafen entbehren, doch er konnte das Schnupfen nicht entbehren. Seine Tabatidre und ſein Tabak waren für ihn unerläßliche Dinge. Man hätte glauben ſollen, aus ſeiner Tabaksdoſe ſchöpfe er die zahlloſe Serie geiſtreicher Gedanken, durch deren augenblickliche und unabläßige Production er ſeine Zeitgenoſſen in Erſtaunen ſetzte. Er ſchlürfte alſo ſeine Priſe und ſagte:„Nun, ſo erzählen Sie das.“ Was er zum zweiten Male hören ſollte, hatte Herr Jackal ſchon ein erſtes Mal gehört, doch ſchlecht⸗ zwiſchen zwei Thüren, mit andern Ideen beſchäftigt. Es war für ihn Bedürfniß, die Sache noch einmal zu hören. Dieſe zweite Anhörung änderte nichts in ſeinen Au⸗ ſichten, obgleich die Erzählung mit den Einzelheiten ver⸗ mehrt war, welche Salvator aus dem Munde der Bro⸗ cante vernommen hatte. „Und man hat die Frau nicht geſucht?“ ſagte er. „Man hat nicht Zeit gehabt: wir wiſſen die Sache erſt ſeit ſieben Uhr Morgens.“ „Teufel! ſie werden das Zimmer umgekehrt und den Garten mit den Füßen zertreten haben.“ „Wer?“ „Ei! dieſe Dummköpfe!“ Unter dieſen Dummköpfen verſtand Herr Jackal die Vorſteherinder Penſion, die Unterlehrerinnen, die Zöglinge, „Nein,“ erwiederte Salvator,„es iſt keine Gefahr.“ „Wie ſo?“ „Iuſtin iſt mit verhängten Zügeln auf dem Pferde dieſes Herrn(Salvator deutete auf Jean Robert) nach Verſailles geritten und wird ſich als Schildwache vor die Thüre ſtellen.“ „Wenn er ankommt!“ das Jac den wor ſetzt ters wiri trat entf Mi wie gen gew Jac daß das der Fan Lau eine Herr ſchen nmal An⸗ ver⸗ Bro⸗ er. Sache und al die linge. fahr.“ Pferde nach he vor * 61 „Wie, wenn er ankommt?“ „Kann ein Schulmeiſter reiten? Sie mußten mir das ſagen, ich hätte Ihnen den Huſaren gegeben.“ Der Huſar war einer von den Leuten von Herrn Jackal, der ſich durch ſeine Geſchicklichkeit in der Reitkunſt den eleganten und ausdrucksvollen Beinamen Huſar er⸗ worben hatte. Ich habe ihm dieſelbe Bemerkung gemacht,“ ver⸗ ſetzte Salvator,„ doch er antwortete mir, als ein Päch⸗ tersſohn ſei er ſeit ſeiner Kindheit geritten.“ „Gut! Und wenn man nun die Frau findet, ſo wird Alles vortrefflich gehen. „Aber ich ſehe keine Frau bei ihr, der man miß⸗ trauen könnte,“ entgegnete Salvator. „Man muß der Fran immer mißtrauen.“ „Sind Sie nicht ein wenig abſolut, Herr Jackal?“ „Sie ſagen, ein junger Mann habe Ihre Mina entführt?“ „Meine Mina?“ verſetzte Salvator lächelnd. „Die Mina des Schulmeiſters, kurz die fragliche Mina.“ „Jaz die Brocante, die ſie Morgens um vier Uhr, wie ich Ihnen ſagte, vorüberfahren ſah, hat einen jun⸗ gen Mann erkannt; ſie behauptet ſogar, er ſei brünet ſſen „Bei Nacht ſind alle Katzen grau,“ Jackal. Und er ſchüttelte bei dieſem Sprüchworte den Kopf. „Sie zweifeln?“ fragte Salvator. „Hören Sie... Mir ſcheint es nicht natürlich, daß ein junger Mann ein junges Mädchen entführt: das iſt nicht mehr in unſeren Sitten, weun nicht etwa der junge Mann von einer großen, bei Hofe ſehr mächtigen Familie iſt, und im neunzehnten Jahrhundert gegen Lauzun und Richelien abzuſtechen befürchtet; der Sohn eines Pair von Frankreich, der Neffe eines Cardinals . erwiederte Herr oder eines Erzbiſchofs... Die Greiſe verführen,— ich ſage das für Sie, Herr Salvator, und beſonders für dieſen Herrn, der Stücke macht,“ fügte der Polizeimann bei, indem er durch eine unmerkliche Bewegung mit dem Kopfe Jean Robert bezeichnete,„weil das Alter un⸗ mäßig und überſättigt iſt; doch eine Eutführung von Seiten eines jungen Mannes, der die Schönheit und die Kraft hat, das iſt ein monſtruöſes Verbrechen.“ „Es iſt doch ſo.“ „Dann ſuchen wir die Frau! Offenbar iſt eine Frau bei dieſem Verbrechen betheiligt; in welchem Grade? das weiß ich nicht; doch eine Frau muß irgend eine Rolle bei dem geheimuißvollen Drama ſpielen. Sie ſagen, Sie ſehen keine Frau bei ihr; ich, ich ſehe dort nur Frauen: Lehrerinnen, Unterlehrerinnen, Freun⸗ dinnen aus der Penſion, Kammerjungfern. Ach! Sie wiſſen nicht, was das iſt, Penſionate, Sie naives Herz!“ Hier ſchlürfte Jackal eine zweite Priſe. „Sehen Sie, Herr Salvator,“ fuhr er fort,„alle dieſe Penſionate ſind eben ſo viel Feuerherde, wo die fünfzehujährigen Mädchen leben und ſich zerarbeiten, del Salamandern ähnlich, von denen die alten Naturforſcher ſprechen. Ich, was mich betrifft, weiß Eines ganz wohlt hätte ich die Ehre, eine heirathsfähige Tochter zu veſitzen ſo würde ich ſie eher in meinen Keller einſperren, al in eine Penſion geben. Und Sie haben keine Idee vol den Klagen, die man im Bureau der Sitten über dit Penſionate erhält, nicht als wären die Vorſteherinnen ſtrafbar, doch die kleinen Mädchen ſind immer verliebt: das iſt die alte Fabel von Eva; Lehrerinnen, Unterleh⸗ rerinnen, Aufſeherinnen ſind beſtändig wach, wie Hunde um einen Pachthof oder die Leibwachen um den Köni Doch wie ſoll man den Wolf verhindern, in den Schaf ſtall einzudringen, wenn das Lamm ſelbſt dem Wolfe di Thüre öffnet?“ „Das iſt hier nicht der Fall: Mina betete Juſtin an⸗ ma fen St dur zw Ih die die ſor Gü ihr ihr den hei eri zeh ter wir fol bol vor den am unf bei reg ich für ann dem un⸗ von und eine chem gend elen. ſehe reun⸗ Sie „alle o die , den orſchet wohl! eſi en, 3 et ee von ver dit rinnen rliebt terleh⸗ Hundt König Schaf olfe die tin an“ 63 „Dann iſt es eine Freundin, die das Geſchäft ge⸗ macht hat; darum habe ich geſagt und ich wiederhole: „„Suchen wir die Frau!““ „Ich fange an mich Ihrer Meinung zu unterwer⸗ fen, Herr Jackal,“ erwiederte Salvator, indem er die Stirne faltete, um ſeinen Geiſt zu zwingen, bei einem dunklen und verdächtigen Punkte ſtehen zu bleiben. „Ei! gewiß,“ fuhr der Polizeimann fort,„ich zweifle nicht an der Kenſchheit Ihrer Mina... Wenn ich ſage, Ihre Mina, ſo will ich ſagen, die Mina Ihres Schulmeiſters. Sie hat, deſſen bin ich ſicher, in die Penſion eintretend keinen ſchlimmen Keim, um damit die Pflanzen zu verderben, die ſie umgaben, mitgebracht; ſorgfältig erzogen, konnte ſie in ſich nur die Schätze der Güte und der Unſchuld tragen, die ſie unter den Blicken ihrer Adoptivverwandten angehäuft hatte; doch wie viel ſchlechte Pflanzen verbreiten für eine reine Blume, die ihre Wohlgerüche gibt, ihre unheilvollen Dünſte, mit denen, ihnen unbewußt, die Familie ſie ſeit ihrer Kind⸗ heit vergiftet hat! Das Kind, das man für ſorglos und leichtſinnig hält, vergißt nie etwas, Herr Salvator, erinnern Sie ſich deſſen wohl; derjenige, welcher mit zehn Jahren die unſchuldigen Zauberſtücke auf dem Thea⸗ ter des Ambigu⸗Comique oder der Gaieté hat geben ſehen, wird, wenn es ein Knabe iſt, mit fünfzehn Jahren die Lanze des Ritters verlangen, um die Rieſen, die Ver⸗ folger und Hüter der Prinzeſſin ſeiner Wahl zu durch⸗ bohren; iſt es eine weibliche Perſon, ſo wird ſie ſich vorſtellen, ſie ſei dieſe von ihren Verwandten verfolgte Prinzeſſin, und ſie wird, um ſich mit dem Liebhaber, von dem man ſie getrennt, wiederzuvereinigen, alle Mittel auwenden, die ihr der Zauberer Maugis oder die Fee Colibri enthüllt haben. ünſere Theater, unſere Muſeen, unſere Mauern, unſere Promenaden, Alles trägt dazu bei, im Herzen der Kinder tanſend Neugierden zu er⸗ regen, die der erſte der beſte Vorübergehende auf eine Frage, in Ermangelung des Vaters und der Mutter, vefriedigen wird; Alles trägt dazu bei, in ihm dieſen Hunger, Alles kennen zu lernen, dieſen Durſt, Alles zu begreifen, der das Uebel des Kindes iſt, entſtehen zu machen und zu unterholten; und die Mutter, welche ihrer Tochter nicht erklären kann, warum in die Kirche eintretend, ein ſchöner junger Mann Weihwaſſer einem Mädchen bot; warum an einem Sommertag ein Liebespaar ſich anf dem Felde umarmte; warum man ſich heirathet; warum der Eine in die Meſſe geht, während der Andere nicht dahin geht; die Mutter, die ihrer Tochter keines von den Myſterien enthüllen kann, die dieſe unbeſtimmt erſchaut, ſchickt ſie, erſchrocken über ihre nach Maßgabe ihrer Jahre wach⸗ ſende Neugierde, in ein Penſionat, wo ſie von ihren älteren Schweſtern dieſe die Geſundheit und die Tugend erſtörenden Geheimniſſe lernt, welche ſie ſodann jün⸗ geren Schweſtern anvertraut. So, mein lieber Herr Salvator,— ich ſage Ihnen dies zu Ihrer Inſtruction⸗ wenn Sie je eine Frau nehmen,— ſo tritt, ſelbſt wenn es aus der anſtändigſten, ehrbarſten Familie kommt, das Mädchen in das Penſionat den giftigen Samen, der ſpäter ein ganzes Feld vergiften ſoll, in ſich tra⸗ gend ein!“ „Aber,“ fragte Salvator, während Jeau Robert mit Erſtaunen zuhörte,„aber es gibt ohne Zweifel ein Mittel hiegegen?“ „Ei! freilich gibt es ein Mittel hiegegen, wie ge⸗ gen etwas Anderes; es gibt, bei Gott! für Alles ein Rittel! doch wäs wollen Sie? es iſt eine Mauer ſtär⸗ ker, höher, ausgebreiteter, als die von China umzureißen! Das iſt die Gewohnheit, dieſe Geißel der Geſellſchaften⸗ So haben zum Beiſpiel ſeit einiger Zeit die jungen Teute eine traurige Gewohnheit angenommen, eine Ge⸗ ine Mittel wohnheit, die um ſo trauriger⸗ als es kei 0 dagegen gibt. „Welche?“ Jah verſe des unnö kann das vier word man getre ſal, Die ter, ſen zu zu hrer end, bot; dem Eine eht; rien ſie ach⸗ hren gend jün⸗ Hert tion, wenn mmt⸗ amen, tra⸗ tobert el ein ie ge⸗ es ein ſtär⸗ eißen! haften⸗ jungen ne Ge⸗ Mittel 65 „Das iſt die, ſich zu tödten. Ein junger Mann liebt ein Mädchen, das ihn nicht liebt; er nimmt ſich nicht die Zeit, zu warten, daß es ihn liebe, und tödtet ſich! Ein Mädchen liebt einen jungen Mann, der es nicht mehr liebte, und auf den es rechnete, daß er als Gatte die Uebelthaten des Liebhabers bedecke: es tödtet ſich! Zwei junge Leute lieben ſich und die Eltern erlau⸗ ben nicht, daß ſie ſich heirathen: ſie tödten ſich! Und wiſſen Sie, warum ſie ſich meiſtens tödten?“ „Ei! weil ſie des Lebens müde ſind,“ erwiederte Jean Robert. „Oh! nein, mein Herr Dichter,“ entgegnete der Polizeimann;„man iſt nie des Lebens müde, und zum Beweiſe dient, daß man, je älter man wird, deſto mehr daran hängt. Es gibt hundert Selbſtmorde von jungen Leuten unter fünfundzwanzig Jahren gegen einen Selbſt⸗ mord eines Greiſes über ſechszig. Man tödtet ſich— es iſt erbärmlich, dies ſagen zu müſſen!— der junge Mann, um ſeiner Geliebten einen Poſſen zu ſpielen, die Geliebte, um dem Liebhaber einen Poſſen zu ſpielen, der Liebhaber und die Geliebte, um den Eltern einen Poſſen zu ſpielen; ein erſchrecklicher Poſſen, der, um ein Jahr, um ſechs Monate, um acht Tage, um eine Stunde verſchoben, durch die Liebe der Frau, durch die Rückkehr des jungen Mannes, durch die Einwilligung der Eltern unnöthig geworden wäre. Früher war es nicht ſo: man kannte den Selbſtmord nicht, oder man kannte ihn kaum; das Mittelalter, das heißt ein Zeitraum von drei bis vier Jahrhunderten, zählt nicht zehn erwieſene Selbſt⸗ morde.“ „Im Mittelalter,“ bemerkte Jean Robert,„hatte man Klöſter.“ „Vortrefflich! Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen, junger Mann. Man hatte eine große Trüb⸗ ſal, man fühlte einen großen Schmerz, man faßte einen Die Mohicaner von Paris. n. 5 Ekel gegen das Leben: der Mann wurde Mönch, die Frau Nonne: das war die Art, ſich zu erſchießen, ſich zu erſticken, ſich zu ertränken. Hören Sie, heute ſoll ich im Bas⸗Meudon den Selbſtmord von Mademoiſelle Carmelite und Herrn Colombeau conſtatiren. Nun wohl„ Die zwei jungen Leute bebten. „Verzeihen Sie,“ ſagten ſie gleichzeitig, Herrn Jackal iſb as? „War Mademviſelle Carmelite nicht eine Schülerin von Saint⸗Denis?“ fragte Salvator. „Ganz richtig.“ „War Herr Colombau nicht ein junger bretoniſcher Edelmann?“ fragte Jean Robert. „Gewiß.“ „Dann begreife ich den Brief, den dieſen Morgen Fragola erhalten hat,“ murmelte Salvator. „Oh! armer Junge,“ ſagte Jean Robert,„ich habe ſeinen Namen von Ludovic nennen hören.“ „Das Mädchen war aber ein Engel!“ ſprach Sal⸗ vator. „Der junge Mann war aber ein Heiliger!“ rief Jean Robert. — „Ei! freilich,“ erwiederte der alte Voltairianer⸗ „darum ſind ſie zum Himmel aufgeſtiegen; die armen Kinder fanden ſich auf der Erde nicht an ihrem Platze.“ Und er ſprach dieſe Worte mit einer ſeltſamen Miſchung von Spott und Rührung. „Oh! mein Gott!“ ſagte Jean Robert,„der arme Lndovic wird in Verzweiflung ſein.“ „Ohl mein Gott!“ murmelte Salvator,„die arme Fragola wird ſehr traurig ſein.“ „Doch ſind die Urſachen dieſes Todes ein Geheim⸗ niß oder können Sie uns dieſelben mittheilen?“ fragte Jean Robert. rn rin her gen abe Sal⸗ rief ner⸗ rmen tze.“ amen arme arme heim⸗ fragte 67 „Die Kataſtrophe in allen ihren Einzelheiten? Oh! mein Gott, ja; Sie werden nur die Namen zu ändern haben, um ein Gedicht oder einen Roman daraus zu machen: ich ſtehe Ihnen dafür, daß Stoff dazu vorhan⸗ den iſt!“ Und während man vom Quai de la Conférence nach dem Pont de Sövres fuhr, gab Herr Jackal den aufmerkſamen jungen Lenten folgende Erzählung, welche, indeß ſie beim erſten Anblick ganz außerhalb der Er⸗ eigniſſe, die wir mittheilen, zu ſein ſcheint, ſich doch am Ende, ein wenig früher oder ein wenig ſpäter, mit ihnen verbinden wird. Unſere Leſer mögen ſich alſo gedulden; wir ſind erſt beim Prologe des Buches, das wir ſchreiben, und wir müſſen nothwendig unſern Perſonen ihre Stellung geben. XXXVI. Wo bewieſen iſt, daß man zufällig und einmal unter hundert gute Nachbarn treffen kann. Das 12. Arrondiſſement war im Jahre 1827 und iſt noch heute das ärmſte Arrondiſſement der Hauptſtadt, wie man dies aus dem von der Adminiſtration der öf⸗ fentlichen Unterſtützung nach der letzten Zählung veröf⸗ fentlichten numeriſchen Etat erſehen kann. So iſt im 1. Arrondiſſement die Zahl der dürftigen Bevölkerung 3,707 Individuen auf 112,740 Einwohner, während im 12. Arrondiſſement auf eine Bevölkerung von 95,243 die Zahl der Dürftigen 12,204 beträgt, daß in dieſem Arrondiſſement die größte Anzahl von Schuhflickern, Kutſchern⸗ Lumpen⸗ ſammlern, Trödlern, Waſſerträgern, Laſtträgern und Tagelöhnern aller Art wohnt, ſo wird man ſehen, daß wir nicht übertreiben, wenn wir ſagen, dieſes Quartier ſei heute noch das elendſte. 1 Dieſes Quartier bietet in der Vogelperſpective eine beinahe viereckige Form; es iſt abgetheilt in vier Qnar⸗ tiere, welche den Namen Quartier de'Obſervatoire, Quartier Saint⸗Jacques, Quartier du Jardin des Plan⸗ tes und Quartier Saint⸗Marcel führen. Sowie wir in unſerer Erzählung vorrücken, werden wir, da ein großer Theil der Ereigniſſe dieſer Geſchichte im 12. Arrondiſſement vorgehen ſoll, nach und nach un⸗ ſeren Leſern die Phyſiognomie dieſer Quartiere zeigen. Bemerken wir vor Allem: einer der pittoreskeſten Theile iſt der zwiſchen der Rue du Val⸗de⸗Grace und der Rue de la Bourbe vegriffene des Quartier Saint⸗ Jacques. Steigt man die Rue Saint⸗Jacques von der Rue du Val⸗de⸗Grace zum Faubourg hinauf, ſo führen in der That alle Häuſer der rechten Seite, alt, häßlich und ſchlecht gebaut, zu bezaubernden Gärten, wie ſich kaum noch einige um gewiſſe ariſtokratiſche Hotels in Paris nden. ſchen den Nummern 330 und 350 der In ein zwi Rue Saint⸗Jacques liegendes Haus wollen wir unſern Leſer geleiten, und Jeder, der an das Quartier Saint⸗ Jacques denkend aus Gewohnheit ſich die üblen Gerüche des Elends zu Gehirn ſteigen fühlt, wird, wie wir hof⸗ fen, entzückt ſein, wenn er mit uns den Duſt der Ro⸗ ſen und Jasmine athmet, der durch die Fenſter dieſer bevorrechteten Wohnungen, welche auf einen wahren Lichtwinkel des irdiſchen Paradieſes gehen, eindringt. Die Fagade des Hauſes, das die Helden der von Herrn Jackal erzählten unglücklichen Geſchichte bewoh⸗ Bedenkt man, —— — ie n⸗ nd ier ine ar⸗ re, n⸗ den chte un⸗ en. ſten und int⸗ Rue in und aum aris der ſern aint⸗ rüche hof⸗ Ro⸗ ieſer hren t. von woh⸗ 69 nen, hatte jenen traurigen Ton, mit dem die Zeit und der Regen die alten Mauern von Paris überziehen. Man trat in das Haus durch eine kleine, ſchmale Thüre ein, und man gelangte in einen ſelbſt mitten am Tage finſtern Gang. Derjenige, welcher zum erſten Male in dieſen Gang gekommen wäre, würde ihn für den gefährlichen Weg zu der Werkſtätte eines Falſchmünzers gehalten haben; doch die letzte Schwelle überſchreitend, hätte ſich der For⸗ ſcher ſogleich in einer Art von Eden geſehen. Aus dem Gange ausmündend, trat man in der That in einen Hof ein, der in einen großen Garten führte; hier war man wahrhaft geblendet, da man ein kleines weißes Haus mit grünen Läden, die Seiten ge⸗ ſchmückt mit emporrankenden Roſen, mit Gaisblatt und Waldreben, ſah. Das Haus beſtand aus einem Erdgeſchoße und zwei Stockwerken, deren Fenſter, vermöge der entzückenden Lage des kleinen Gebändes, alle auf den Garten gingen; dieſe drei Stockwerke, das Erdgeſchoß einbegriffen, bil⸗ deten ſechs Wohnungen, jede gleichmäßig aus drei Zim⸗ mern und einer Küche beſtehend. Vier von dieſen Wohnungen, die zwei des Erdge⸗ ſchoſſes und die des erſten Stockes, hatten Arbeiterfami⸗ lien inne, welche, nüchtern und geordnet, ſtatt ſich vor der Barrisre zu betrinken wie ihre Werkſtattkameraden, ihren Sonntag dem Anbau eines Gartenſtückchens weih⸗ ten, das die Zugehör ihrer beſcheidenen Wohnung bildete. Im zweiten Stocke wohnten auf demſelben Boden, der eine rechts, die andere links, die zwei Hauptperſonen dieſer Geſchichte. Derjenige, welcher die Zimmer links bewohnte, war ein junger Mann von zwanzig bis dreinndzwanzig Jah⸗ ren,— ein hübſcher Menſch mit trenherzigem Geſichte, mit hellblauen Augen und blonden Haaren, welche ge⸗ rade auf ſeine viereckigen Schultern fielen. Er way eher klein, als groß von Wuchs⸗ doch die Breite ſeiner Schul⸗ tern bezeichnete bei ihm e war geboren in Quimper Mühe geweſen, die Aug ine ungewöhnliche Stärke. Er zes wäre aber eine nunütze en auf ſeinen Geburtsſchein zu werfen, um zu ſehen, daß er Bretagner, ſo ſehr trug ſein Geſicht das Gepräge der Energie und der Redlichkeit der ſchönen gäliſchen Race an ſich. Sein Vater, ein armer alter Edelmann, der zu⸗ rückgezogen in einem Thu urme, dem letten Ueberreſte eines während der Kriege in der Vendee niedergeriſſenen Schloſſes aus dem dreizehnten Jahrhundert, lebte, hatte ihn in Paris gelaſſen, wo er ſeine Erziehung gemacht, um die Rechte zu ſtudiren. Bei ſeinem Austritte aus dem Colläge hatte der junge Colombau von Penhoöl ſeinen Aufenthalt in dieſem Zimmer des erwähnten Hauſes der Rue Saint⸗Jacques genommen, das er ſeit drei Jahren, das heißt ſeit 1823, um welche Zeit unſere Erzählung beginnt, bewohnte. Sein Vater gab ihm jedes Jahr zwölfhundert Fran⸗ ken: der wackere Mann theilte ſo mit ſeinem Sohne Alles, was ihm von ſeinem Erbe blieb. Die Wohnung von Colombau koſtete dieſen nur zweihundert Franken M dem jungen Manne tau iethzins jährlich; es blieben alſo ſend Franken, das heißt ein gan⸗ zes Vermögen für einen nüchternen⸗ ſparſamen, geord⸗ neten jungen Mann, wie er es war. Wir täuſchen uns, wenn wir ſagen, es ſeien ihm tauſend Franken jährlich geblieben; von den tau nd Franken müſſen wir Franken monatlich, abziehen, der einzige L Colomban erlaubte, ohne Zweifel, um ni die Miethe eines Klaviers, zehn uxus, den ſich cht eines der politiſchen Axiome der alten Bretagner lügen zu machen, ein bis auf unſere Tage Auguſtin Thierry ſagt, und den Handwerksmann, als einen der drei P geſellſchaftlichen Exiſtenz, ſtellt. übergegangenes Axiom⸗ das, wie den Muſiker neben den Ackerbauet feiler der ul⸗ Er ütze zu ſein keit zu⸗ ines enen ate acht, dem inen der e, ung Fran⸗ ohne nur alſo gan⸗ eord⸗ ihm aufend zehn en ſich es der rachen, s, wie rbauer ler der 71 Man war im Monat Januar des Jahres 1823. Colombau hatte ſein drittes Jahr der Rechtsſtudien be⸗ gonnen; es ſchlug zehn Uhr in der Kirche Saint⸗Jatques⸗ du⸗Haut⸗Pas. Der junge Mann ſaß an der Ecke ſeines Kamins und war beſchäftigt, den Codex Juſtinians zu ſtu diren, als er plötzlich erſchreckliches Weheklagen und Geſtöhne hörte. Er öffnete die Thüre des Ruheplatzes und ſah an der mit der ſeinen parallelen Thüre ein bleiches Mädchen mit aufgelöſten Haaren, das in Thränen zerfließend und die Hände ringend um Hülfe rief. Die Wohnung der von Colomban gegenüber hatten ein junges Mädchen und ſeine Mutter inne; die Mutter war Witwe eines Kapitäns, der bei Ehamp Aubert im Feldzuge von 1814 getödtet worden, und lebte von einer Penſion von zwölfhundert Franken und einigen Nadel⸗ arbeiten, die ihr die Weißzenghändlerinnen des Quartiers verſchafften. Sie wohnte ſeit ſechs Monaten allein hier, als eines Morgens Colombau, von der Rechtsſchule zurückkehrend, auf ſeinem Ruheplatze ein ſchönes, großes Mädchen er⸗ blickte, das ihm völlig unbekannt war. Colombau war von Natur wenig geſprächig, und erſt ein paar Tage nach dieſer Erſcheinung, die ſich übri⸗ gens zwei oder dreimal wiederholt hatte, erfuhr er von einem ſeiner Nachbarn im Erdgeſchoſſe, Mademoiſelle Earmelite ſei die Tochter von Madame Ger ais, ſeiner Nachbarin; ſie ſei, als Tochter eines Ritters der Ehren⸗ legion, in der königlichen Anſtalt von Saint⸗Denis erzo⸗ gen worden, und da ihre Exziehung beendigt, ſo ſei ſie zurückgekommen, um bei ihrer Mutter zu leben. Dieſes Begegnen des jungen Mannes und des Mäd⸗ chens hatte im Monat September 1822, zur Ferienzeit, ſtattgefunden. Colomban hatte vierzehn Tage nachher Paris verlaſſen, um zwei Monate im Thurme von Pen⸗ hosl zuzubringen, und von ſeiner Rückkehr im Monat Rovember hatte er bis zum Januar 1823 nur ſelten l Gelegenheit gehabt, das Mädchen zu ſehen; man traf F ſich zuweilen auf der Treppe, die Milchbüchſe in der 2 Hand haltend; man grüßte ſich artig, doch ohne ein Wort zu wechſeln. Das Mädchen war zu ſchüchtern; Colomban zu j ehrfurchtsvoll. n Eines Tags aber, als der junge Mann frühzeitiger v als gewöhnlich, ſein tägliches Frühſtück tragend, die e Treppe hinaufſtieg, vegegnete er dem Mädchen, das, um h ein paar Minuten im Verzug, hinabging, um das ihrige r zu holen.— Sie hielt erröthend den jungen Mann an, der, ſe nachdem er ſie, nicht als Student, ſondern als Edelmann, ſe — die erſte Erziehung verliert ſich nie,— gegrüßt hatte, 2 weiter gehen wollte, und ſagte zu ihm: z „Ich habe eine Bitte an Sie zu richten, mein Herr; il meine Mutter und ich, wir lieben ungemein die Muſik⸗ und wir bringen gewöhnlich alle Abende ſehr angenehm 6 damit zu, daß wir Sie eine Stunde zum Klavier ſingen d hören; ſeit drei Tagen aber iſt meine Mutter ſehr un⸗ päßlich, und obgleich ſie ſich nicht beklagt hat, hat uns n doch der Arzt, als er uns geſtern Abend beſuchte, wäh⸗ h rend Sie ſangen, geſagt, däs Getöſe des Klaviers müſſe C ſie ermüden.“ „Verzeihen Sie, mein Fräulein,“ erwiederte der w junge Mann, ebenfalls pis an die Augen erröthend,„ich V 9 wußte durchaus nichts von der Krankheit Ihrer Frau Mutter; glauben Sie mir, ich würde mir nie verzeihen, A geſpielt zu haben, hätte ich gewußt.. ſit te „Oh! mein Gott! mein Herr,“ verſetzte das Mäd⸗ chen,„ich bitte Sie um Verzeihung, daß ich Sie eines 1ih Vergnügens beraube, und ich danke Ihnen von ganzem F Herzen, daß Sie ſich dieſe Entbehrung um unſeretwillen ko auflegen wollen.“ S nat ten raf der ein zu iger die um rige der, ann, atte, err; uſik⸗ nehm ingen run⸗ t uns wäh⸗ müſſe te der d,„ich Frau eihen, Mäd⸗ eines“ anzem willen 73 Die zwei jungen Leute grüßten ſich, und ſobald Co⸗ lomban in ſeine Wohnung zurückkam, ſchloß er ſein Klavier, um es nicht eher wieder zu öffnen, als bis Madame Gervais geſund wäre. Nur begegnete er ſeit dieſer Stunde dem Mädchen häufiger. Die Krankheit der Mutter verſchlimmerte ſich; jede Minute lief Carmelite vom Arzte zur Apotheke; mehrere Male hörte ſie Colombau zu einer ziemlich weit vorgerückten Stunde der Nacht hinabgehen: wohl hätte er ihr ſeine Dienſte anzubieten gewünſcht,— und nie hätte ein beklagenswertheres Mädchen die Dienſte eines redlicheren und nneigennützigeren Herzens empfangen; — doch Colombau war von einer Schüchternheit, welche ſeiner Redlichkeit gleichkam; die Form ſeines Anerbietens ſetzte ihn übrigens noch mehr in Verlegenheit, als das Anerbieten ſelbſt, und erſt als er das Mädchen ſo ver⸗ zweiflungsvoll um Hülfe rufen hörte, wagte er es, ſich ihr zur Verfügung zu ſtellen. Leider war es zu ſpät: nicht das Bedürfniß der Hülfe hatte das Mädchen veranlaßt, zu rufen, ſondern die Angſt, der Schrecken. Madame Gervais, die das Bett ſeit vier Tagen nicht verließ, auf die ernſte Drohung einer bis zu ihrem höchſten Grade gelangten Pulsadergeſchwulſt,— was Carmelite mitzutheilen der Arzt ſich wohl gehütet hatte, — Madame Gervais, um eine Beklemmung zu bekämpfen, welche ſie faſt des Athems beraubte, verlangte ein Glas Waſſer; Carmelite, die es ihr nicht pur geben wollte, ging ins Nebenzimmer, um den Trank zu bereiten; eine Art von Seufzer, der einem Rufe glich, machte, daß ſie ſich beeilte. Sie ging wieder hinein und fand ihre Mut⸗ ter den Kopf zurückgeworfen; ſie ſchob den Arm unter ihrem Halſe durch und hob ihr den Kopf auf: die arme Frau ſchuute ihr Kind auf eine ſeltſame Weiſe an; ſie konnte nicht ſprechen, wie es ſchien, doch ihre ganze Seele war in ihre Augen übergegangen. Beſtürzt, zitternd, und dennoch ſtark gerade durch ihren Schrecken, ſt hob Carmelite fortwährend den Kopf ihrer Mutter empor, i und hielt das Glas an ihre Lippen. Doch in dem Au⸗ ſp genblicke, wo die Lippen und das Glas ſich berühren zi ¹ ſollten, gab Madame Gervais einen tiefen, gedehuten, re ſchmerzlichen Seufzer von ſich; dann drückte ihr Kopf i 1 mit ſeiner ganzen Laſt auf den Arm ihrer Tochter und i — fiel mit ihm auf das Kiſſen. Das Mädchen machte eine Anſtrengung, hob den b Kopf zum zweiten Male auf, ſchob das Glas zwiſchen die Lippen von Madame Gervais und ſagte: ül „Trink doch, Mutter.“ Doch die Zähne waren an einander gepreßt, und die ge Kranke antwortete nicht. Carmelite lüpfte den Fuß des ge Glaſes. Das Waſſer floß auf beiden Seiten der Lippen li herab, drang aber nicht in den Mund ein. di Die Augen der Kranken blieben übermäßig geöffnet und ſchienen ſich nicht von ihrer Tochter abwenden zu in können. hi Carmelite fühlte den Schweiß auf ihrer Stirne perlen. di Dieſe großen, weit geöffneten Augen gaben ihr in⸗ de deſſen Muth. ke „Aber trink doch, Mütterchen!“ wiederholte ſie. Die Kranke antwortete dies Mal ebenſo wenig als K das erſte Mal. Da ſchien es Carmelite, der Hals, den S ſie mit ihrem Arme unterſtützte, vereiſe ſich raſch, und m dieſe Todeskälte ergriff auch ſie. Erſchrocken, ließ ſie den zu Kopf ihrer Mutter auf das Kiſſen fallen, ſtellte das Glas kö auf den Tiſch, warf ſich auf den Leib ihrer Mutter, um⸗ u ſchlang ſie mit ihren Armen, bedeckte ihr Geſicht mit A Küſſen und richtete ſich wieder auf, um ſie mit Augen faſt ſo ſtarr als die der Kranken anzuſchauen. Da er hatte die Unglückliche, der es nie eingefallen, das einzige ur Weſen, das ſie auf der Welt beſaß und liebte, könnte en, or, Au⸗ ren ten, opf und den die die des pen ffnet n zu tirne r in⸗ e. g als „den und e den Glas „um⸗ t mit Augen a erſt inzige könnte 75 ſterben, eine entſetzliche Ahnung! und dennoch konnte ſie, die ihre Mutter erſt einen Augenblick vorher hatte ſprechen hören, nicht glanben, der lebergang vom Leben zum Tode ohne eine heftige Erſchütterung, ohne Ge⸗ räuſch, ohne Geſchrei ſei etwas Mögliches; ſie drückte ihre Lippen auf die Stirne ihrer Mutter; doch ihre fieberglühenden Lippen wurden von einer entſetzlichen Empfindung durchſchauert, als ſie dieſe Marmorſtirne berührten. Sie wich drei Schritte zurück, erſchrocken, aber nicht überzeugt. Der Kopf war leicht auf die Seite des Zimmers gewendet niedergefallen; ſo daß die ſtarren großen Au⸗ gen fortwährend Carmelite mit einem Ueberreſte mütter⸗ lichen Ausdrucks anſchauten; aber dieſe Augen, ſtatt ihr die Ruhe zu geben, fingen an ſie zu ängſtigen. Verwirrt, nach rechts und nach links ſchauend, doch immer wieder die Angen auf dieſe erſchrecklichen Angen heftend, rief ſie mit aller Gewalt ihrer Lunge: „Mutter! Mutter! ſo ſprich doch! antworte mir doch, Mutter! oder ich glaube, daß Du todt biſt... daß Du todt biſt!“ wiederholte ſie, indem ſie voll Bangig⸗ keit näher hinzutrat. Doch vor der leichenartigen Unbeweglichkeit dieſes Körpers blieb ſie ſelbſt unbeweglich, nachdem ſie einen Schritt verſucht. Sie rief fortwährend ihrer Mutter mit herzzerreißenden Schreien, aber ohne daß ſie ſie an⸗ zurühren wagte; und müde, keine Antwort erhalten zu können, verlaſſen vom Muthe, länger in dieſem Zimmer unter dem Blicke dieſer geſpenſtiſchen Augen zu bleiben, Alles befürchtend, doch über Nichts ſicher, öffnete ſie die Thüre der Wohnung und fing an um Hülfe zu rufen. Colombau trat auf dieſen Ruf aus ſeinem Zimmer und erblickte, wie geſagt, das Mädchen mit aufgelöſten Haaren, in Thränen gebadet und die Hände ringend. „Mein Herr! mein Herr!“ ſagte ſie,„meine Mutter ſchaut mich an, doch ſie antwortet mir nicht!“ „Sie iſt wahrſcheinlich vor Schwäche ohnmächtig,“ erwiederte der junge Mann, da er auch entfernt nicht an den Tod glaubte. Und er trat in das Schlafzimmer ein. Er bebte, als er dieſen Körper erblickte, der ge⸗ wiſſer Maßen das Anſehen einer Leiche angenommen hatte: das Geſicht war hypokratiſch; die Glieder waren ſtarr; die Hand, an deren Gelenk er die Schläge des Pulſes ſuchte, war kalt wie Marmor! Er erinnerte ſich, als ein fünfzehnjähriger Knabe ſeine Mutter, die edie Gräfin von Penhoöl, auf ihrem aradebette ausgeſtreckt geſehen zu haben, und er er⸗ kannte auf der Stirne des Leichnams, den er zu dieſer Stunde vor Augen hatte, die bläulichen Tinten des Todes. „Nun, mein Herr?.. nun?“ fragte ſchluchzend Carmelite. Der junge Mann gab ſich den Anſchein, als glaubie er beſtändig an eine Ohnmacht, um allmälig das Mäd⸗ chen auf den Schlag, der es treffen ſollte, vorzubereiten⸗ „Oh!“ erwiederte er,„Ihre Mutter iſt ſehr ſchlimm⸗ armes Kind.“ „Warum antwortet ſie mir aber nicht, mein Herr? warum antwortet ſie mir nicht?“ „Nähern Sie ſich, mein Fränlein,“ ſagte Co⸗ lombau. „Ich wage es nicht. ich wage es nicht Warum ſchaut ſie mich ſo an? was verlangt ſie denn von mir?„ was will ſie denn, daß ſie mich ſo anſchaut?“ „Sie verlangt, daß Sie ihr die Angen ſchließen, mein Fräulein! ſie verlangt, daß wir für die Ruhe ihrer Seele beten!“ 6 an ge⸗ atte: arr; ulſes nabe hrem r er⸗ dieſer des hzend laubte Mäd⸗ reiten. imm, Herr? e Co⸗ e denn ſich ſo ließen, e ihrer „Sie iſt aber nicht todt, nicht wahr?“ rief das ädchen. „Knieen Sie nieder, mein Fräulein!“ ſprach Co⸗ lombau, indem er ihr das Beiſpiel gab. „Was ſagen Sie, mein Herr?“ „Ich ſage, mein Fräulein: Gott, der uns das Leben gegeben, hat das Recht, es uns wieder zu nehmen, wenn es ihm beliebt.“ „Oh!“ rief Carmelite, wie vom Blitze getroffen; „oh! ich ſehe, ich ſehe. meine Mutter iſt todt!“ ſeut Und ſie fiel rückwärts, als ob ſie ſelbſt ſterben ollte. Der junge Mann empfing ſie in ſeinen Armen und trug ſie ohnmächtig auf ihr Bett, das im anſtoßenden Zimmer war. Auf die von dem Mädchen ausgeſtoßenen Schreie, auf den Lärmen, den die ſo eben von uns erzählte Stene gemacht, kam die Frau von einem der Arbeiter des erſten Stockes mit einer ihrer Freundinnen, welche in dieſem Angenblicke bei ihr war, herauf. Die zwei Frauen, als ſie die Thüren der Wohnung offen fanden, traten ein und erblickten Colombau, der es verſuchte, Carmelite dadurch zum Bewußtſein zurück⸗ zurufen, daß er ihr in die Hände ſchlug. Als dieſes Mittel nicht raſch genug wirkte, nahm eine von den Frauen eine Flaſche, welche auf der Toi⸗ lette ſtand, und übergoß das Geſicht der armen Waiſe mit Waſſer. Carmelite kam zitternd und mit den Zähnen klap⸗ pernd zu ſich; die zwei Frauen wollten ſie auskleiden und zu Bette bringen. Doch ſie raffte ihre Kräfte zuſammen, ſtemmte ſich auf ihren Füßen an, wandte ſich gegen Colombau und ſprach zu ihm; „Mein Herr, Sie haben geſagt, meine Mutter ver⸗ lange, daß ich ihr die Augen ſchließe„ Führen Sie führen Sie mich, ich bitte Siel.. Bangigkeit ihren ſonſt würde mich zu ihr.. Sonſt,“ fügte ſie bei, indem ſie voll Mund an das Ohr von Colombau hielt,„ ſie mich die Ewigkeit hindurch ſo anſchauen!“ Sie!“ erwiederte der junge Mann, welcher „Kommen um in den Angen der Waiſe zu einen Anfang von Deliri ſehen glaubte. Und ſie durchſchritt, geſtützt auf den jungen Mann, ihr Zimmer, trat in das Zimmer ihrer Mutter ein, deren Starrheit Blick, obgleich ſchon glaſig, ſeine erſchreckliche behalten hatte, näherte ſich mit langſamen, feierlichen Schritten dem Bette, neigte ſich über den Leichnam, und drückte ihm in frommer Weiſe und eines nach dem an⸗ dern die Augen zu⸗ Wonach Carmelite, der die Kräfte vollends ent⸗ ſchwanden, auf den Leichnam ihrer Mutter fiel und zum zweiten Mal ohnmächtig wurde. 4 XXXVI. Fra Dominico Sarranti. Der junge Mann nahm Carmelite in ſeine Arme und trug ſie, wie er es mit einem Kinde gethan hatte, in das anſtoßende Zimmer, wo die zwei Frauen wartetet⸗ Der Augenblick, ſie auszukleiden und zu Bette zu legen, war gekommen⸗ Colomban kehrte in ſeine Wohnung zurück, nachdem er eine von den Nachbarinnen gebeten hatte, ſich zu ihm zu begeben, ſobald das Mädchen im Bette wäre. ihm Nac und Del ren rde her zu nn, eren heit chen und an⸗ ent⸗ zum Arme hatte, rteten. ette zu achdem zu ihm 79 Die Nachbarin trat zehn Minuten nachher bei ihm ein. „Nun?“ fragte er. „Sie iſt wieder zu ſich gekommen,“ antwortete die Nachbarin;„doch ſie hält ihren Kopf mit beiden Händen und ſpricht Worte ohne Zuſammenhang, als ob ſie das Delirium hätte.“ „Hat ſie Verwandte?“ fragte der junge Mann. „Wir kennen keine von ihr.“ „Freundinnen im Quartier?“ „Keine Freundin! es waren ruhige Leute, welche äußerſt zurückgezogen lebten: das kannte Niemand in der Welt.“ „Was gedenken Sie mit ihr zu thun? Sie kann nicht in dieſer Todtenwohnung bleiben. Man müßte ſie das Zimmer wechſeln laſſen.“ „Ich würde Ihnen wohl das meinige anbieten,“ ſagte die Nachbarin;„doch wir haben nur ein Bett... Im Ganzen,“ fügte die wackere Frau, wie mit ſich ſelbſt ſprechend, bei:„ich werde meinen Mann zum Schlafen auf den Speicher ſchicken und die Nacht auf einem Stuhle zubringen.“ Dieſe Hingebungen für Unbekannte gehören aus⸗ ſchließlich gewiſſen Frauen aus der Arbeiterclaſſe: die Frau aus dem Volke bietet ihren Tiſch, ihre Stube, ihr Bett mit mehr Uneigennützigkeit an, als der Handels⸗ mann ein Glas Waſſer anbietet. Mag ſie der mora⸗ liſche oder der phyſiſche Schmerz zu Hülfe rufen, mag es ein Menſch im Todeskampfe oder ein Menſch in der Verzweiflung ſein, die Frau aus dem Volke bietet ihre Fürſorge, ihre Tröſtungen, ihre Hülfeleiſtungen aller Art mit einer Großmuth und einer Selbverlengnung, die eines ihrer ſchönſten Anrechte auf die Bewunderung des Philoſophen und des Beobachters bilden. „Nein,“ ſagte Colomban,„thun Sie etwas Beſ⸗ ſeres: ſchleppen Sie das Bett der Waiſe in mein Zim⸗ mer, bringen Sie das meinige in ihren Alcoven; dann holen Sie einen Prieſter, um beim Todtenbette zu wa⸗ chen: ich werde einen Arzt für ſie holen.“ Die Nachbarin ſchien zu zögern. „Was gibt es?“ fragte Colombau. „Es wäre mir lieber, ich würde den Arzt holen, und Sie würden den Prieſter holen.“ „Warum?“ „Weil die gute Frau plötzlich geſtorben iſt.“ „Ach! ja, ſehr unvermuthet.“ „Und folglich geſtorben„. Sie begreifen?“ „Nein, ich begreife nicht.“ „Geſtorben ohne Beichte.“ „Wohl; doch Sie geſtehen ſelbſt, daß es eine Hei⸗ lige war.“ „Ja, aber ein Prieſter„ ein Prieſter hört nicht auf iiete „Wie! ein Prieſter würde weigern, bei einer Todten zu wachen?“ Er „Eine Todte, die nicht gebeichtet hat... darauf kann man eine Wette eingehen.“ „Gut So holen Sie den Arzt, ich übernehme den Prieſter.“ „Ah! der Arzt, der iſt nicht ſehr weit; er wohnt beinahe gegenüber.“ „Ich brauche nur Jemand, der mir einen Brief in die Rue du Pot⸗de⸗Fer trägt.“ „Geben Sie mir den Brief; ich werde wohl Je⸗ mand finden.“ Colomban ſetzte ſich an einen Tiſch und ſchrieb: „Kommen Sie, mein Freund! ein Lebender und ein Todter bedürfen Ihrer.“ Und er legte den Brief zuſammen und ſchrieb darauf die Adreſſe: „An den Bruder Dominigue Sarranti, Dominicaner⸗ mbuch, Rue du Pot⸗de⸗Fer, No, 11.“ tig M bro mel an in a⸗ n, ei⸗ icht iner rauf 381 Dann übergab er den Brief der Nachbarin. Die Nachbarin ging hinab. Mittlerweile bewerkſtelligte Colombau den beabſich⸗ tigten Auszug, indem er ſein Bett in das Zimmer des und das Bett des Mädchens in fein Zimmer rachte. Die Frau, welche auf Beſuch bei der Nachbarin war, übernahm es, bis zur Ankunft des Arztes bei Car⸗ melite zu bleiben und, wenn es ſein müßte, die Nacht an ihrem Bette zuzubringen. Das Delirium vermehrte ſich jeden Augenblick. Die Frau nahm ihren Platz bei Carmelite; Colom⸗ bau ging zum Specereihändler hinab, kaufte eine Kerze, u ſie oben an das Bett der Todten und zündete ie an. Während der Abweſenheit von Colombau war die Nachbarin mit dem Arzte zurückgekommen, und den Mann der Wiſſenſchaft bei der Kranken laſſend, hatte ſie der Todten den frommen Dienſt geleiſtet, ihr die Hände auf der Bruſt zu kreuzen und in die Hände ein Crucifir zu geben. Colombau zündete die Kerze an, kniete nieder und ſprach die Todtengebete. Es war nicht zu viel an zwei Frauen, um Carme⸗ lite zu pflegen; der Arzt hatte die erſten Symptome einer Gehirnentzündung erkannt; er hatte eine Ver⸗ ordnung zurückgelaſſen und ſie ſtrenge zu befolgen er⸗ mahnt: die Gehirnentzündung konute von einfach, wie ſie war, hitzig werden. Was die Mutter betrifft, ſie war am Bruche von einem der großen Gefäße des Herzens geſtorben. Viele ſtarke Geiſter würden gelacht haben, hätten ſie dieſen ſchönen, zweiundzwanzigjährigen jungen Mann auf den Knieen beim Bette einer unbekannten Frau und Todtengebete aus dem Gebetbuche mit dem Wappen ſeiner Familie leſend geſehen. Die Mohicaner von Paris. I. 6 Colombau war aber ein reli alten Tage, der, wie ſeine Ahnen, Güter und Schlöſſer verkauft hätte, um Walter Habenichts nach Jeruſalem mit den Worten: Dies le volt!*) zu folgen. Er betete alſo mit einer wahren Inbrunſt, indem er aus ſeinem Gebete jeden irdiſchen Gedanken zu ver⸗ bannen ſuchte, als er hinter ſich das Geräuſch einer auf ihren Angeln knirſchenden Thüre hörte. Er wandte ſich um. Derjenige, welchen er hatte holen laſſen, kam auf ſeinen Ruf: Bruder Dominiqne, mit ſeiner ſchönen weiß und ſchwarzen Tracht, ſtand auf der Schwelle. Dieſer junge Mönch, von kaum ſiebenundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren, war faſt der einzige Freund, — die Collége-Kameraden ausgenommen, die man Freunde zu nennen übereingekommen iſt, und die eine beſondere Race bilden,— dieſer junge Mönch, ſagen wir, war faſt der einzige Freund, den Colombau in Paris hatte. Als Colombau eines Tags an der Kirche Saint⸗ Jacques⸗du⸗Haut⸗Pas vorbeiging, ſah er die Bevöl⸗ ſerung der Straße und der Vorſtadt ſich an der Thüre drängen; er fragte, was es ſei, und man antwortete ihm, ein junger Mann, bekleidet mit einer langen weißen Robe, halte eine Predigt. Er trat ein. Es ſtand in der That ein Mönch, jung an Jahren, doch gealtert durch die ſtrengen Uebungen oder durch den Schmerz, auf der Kanzel und predigte. Seine Rede hatte zum Gegenſtand die Reſig⸗ nation. Der Mönch hatte ſie in zwei ſehr von einander abgeſonderte Theile getheilt. Bei den Mißgeſchicken, welche von Gott kommen, *) Gott will es. giöſer Bretagner der das bei unte Reſi kom verh hebe Eur und Feig und die Cha geth zu ſi Leut Colo jung und geſch zwei zubr dieſe rauh mehr der der ſſer lem dem ver⸗ auf auf weiß nzig und, man eine agen u in aint⸗ evöl⸗ hüre rtete eißen hren, h den ſig⸗ ander nmen, 83 das heißt bei Todesfällen, bei erſchrecklichen Unfällen, bei unheilbaren Gebrechen ſagte er: „Ja, ergebet Euch, meine Brüder! benget Euch unter den Arm, der züchtigt; betet und betet an! Die Reſignation iſt eine Tugend!“ Bei allen Mißgeſchicken aber, die von Menſchen kommen, wie getäuſchte Ambitionen, ruinirte Vermögens⸗ verhältniſſe, geſcheiterte Pläne, ſagte er: „Wirket gegen das Unglück, meine Freunde, er⸗ hebet Euch ſtark durch Euer Vertrauen zum Herrn, zu Eurem Rechte und zu Euch ſelbſt; beginnt den Streit und haltet den Kampf aus. Die Reſignation iſt eine Feigheit!“ Colombau wartete, bis die Predigt beendigt war, und beim Ausgange aus der Kirche drückte er dem Mönche die Hand, wie er es, nicht einer mit einem geheiligten Charakter bekleideten Perſon, ſondern jedem Menſchen gethan hätte, in welchem er die drei Tugenden ehrte, die zu ſchätzen ihn ſein eigener Charakter in den Stand ſetzte: Die Einfalt des Herzens, die Redlichkeit, die Stärke. Von dieſem Tage an hatten ſich die zwei jungen Leute,— der Mönch war vier bis fünf Jahre älter als Colombau,— von dieſem Tage an hatten ſich die zwei jungen Leute eine ſeltſame Gemeinſchaft der Grundſätze und der Gefühle geoffenbart. Dem zu Folge hatten ſie eine enge Vrrbindung geſchloſſen, und es kam ſelten vor, daß ſie nicht ein oder zweimal in der Woche ein paar Stunden mit einander zubrachten. Werfen wir einen Blick rückwärts und ſehen wir dieſen jungen Mönch ernſt und nachdenkend auf dem rauhen Wege der Vergangenheit auf uns zukommen. Er nannte ſich Dominique Sarranti und hatte mehr als eine Analogie mit dem finſteren Heiligen, den der Zufall zu ſeinem Patron gemacht. Er war geboren in Vic⸗Denos, ei nem am Saume eines Waldes, ſechs Meilen von Foit, einen Sprung von der ſpaniſchen Gränze liegenden Dörfchen im De⸗ partement der Arrisge. Sein Vater war Corſe und ſeine Mutter Catalv⸗ nierin; er hatte von Beiden in ſeinem Charakter, denn er beſaß das düſtere Gedächtniß des Corſen und die erſchreckliche Zähigkeit des Cataloniers. Wer ihn auf der Kanzel mit ſeiner mächtigen Geberde geſehen hätte, wer ihn mit ſeinem ernſten und ſtrengen Worte gehört hätte, würde ihn ſogleich für einen in Miſſion in Frankreich begriffenen ſpaniſchen Mönch gehalten haben. In Ajacciv in demſelben Jahre wie Napoleon geboren an das Glück ſeines Landsmannes gebunden⸗ hatte ſein Vater alle Wechſelfälle dieſes Glückes erduldet; er hatte den beſiegten Kaiſer nach der Inſel Elba be⸗ gleitet; er war dem verrathenen Napoleon nach St. He⸗ lena gefolgt. Im Jahre 1816 war er nach Frankreich zurückge⸗ kehrt. Warum hatte er ſo bald den erhabenen Gefan⸗ genen verlaſſen? Gaetano Sarranti hatte das unge⸗ ſunde Klima, die verzehrende Sonnenhitze vorgeſchützt. Diejenigen, welche ihn kannten, glaubten nicht au dieſen Beweggrund, und ſie betrachteten Sarranti als einen von den geheimnißvollen Agenten, welche der Kaiſer der Sage nach in Frankreich verbreitete, um eine Rückkehr von St. Heleua zu verſuchen, wie er ein Rückkehr von der Juſel Elba verſucht hatte, oder wenig⸗ ſtens, ſollte dieſe Rückkehr unmöglich ſein, über die In⸗ tereſſen ſeines Sohnes zu wachen. Er war als Lehrer von zwei Kindern bei einen ſehr reichen Manne, Herrn Gérard, eingetreten. Dieſe Kinder waren nicht der Sohn und die Tochtet von Herrn Gérard, ſondern ſein Reffe und ſeine Nichte. Doch plötzlich, im Jahre 1820, zur Zeit der Ver⸗ ſchwörung Nantos und Bérard, war Gaetano Sarrauti verſchwunden, und man ſagte, er habe ſich nach Indien zu der getre raut der Boir klein gefu Fam Soh Corſ zu 3 niqu ſeher geiſtl ſein einen mach ſame ganz ſager ins ziemt des beha ſein Sul bleich rung De⸗ talv⸗ denn d die f der wer hätte, kreich oleon uden, uldet; be⸗ t. He⸗ ückge⸗ efan⸗ unge⸗ ützt. icht an iti als he der m eine r eine wenig⸗ ie I einen Tochter Nichte. er Ver⸗ arranti Indier 85 zu einem ehemaligen General von Napoleon begeben, der 1813 in den Dienſt eines Fürſten von Lahore getreten. Wir haben ſchon dieſer Flucht von Gaetano Sar⸗ rauti bei Gelegenheit des Verſchwindens des Wagners der Rue Saint⸗Jacques, eines Bruders der Mutter Boivin, erwähnt, ein Verſchwinden, in Folge deſſen die kleine Mina die Thüre, an die ſie geklopft, verſchloſſen gefunden hatte und vom Schulmeiſter und von ſeiner Familie aufgenommen worden war. Wir ſprachen bei dieſer Gelegenheit auch von einem Sohne, den im Seminar Saint⸗Sulpice der flüchtige Corſe hatte. Dieſer Sohn war der Mann, deſſen Portrait wir zu zeichnen verſucht haben; es war der Bruder Domi⸗ nique Sarranti, den man wegen ſeines ſpaniſchen An⸗ ſehens allgemein den Fra Dominicvo nannte. Der junge Mann hatte ſich jeder Zeit für den geiſtlichen Stand beſtimmt; als ſeine Multer todt und ſein Vater nach St. Helena abgegangen war, wurde er einem Seminar übergeben. 8 Bei ſeiner Rückkehr von St. Helena im Jahre 1816 machte ſein Vater,— welcher ſehr ungern dieſen ſelt⸗ ſamen Beruf bei einem jungen Manne ſah, der etwas ganz Anderes als Prieſter werden konnte,— ſein Vater, ſagen wir, machte einen letzten Verſuch, ihn zu bewegen, ins bürgerliche Leben zurückzukehren; er brachte eine ziemlich bedeutende Summe mit, um die Unabhängigkeit des jungen Mannes zu ſichern; doch dieſer weigerte ſich beharrlich. Als Gaetano Sarranti verſchwunden war, wurde ſein Sohn, der damals, wie geſagt, Penſionär bei Saint⸗ Sulpice, mehrere Male auf die Polizei gerufen. Einmal ſahen ihn ſeine Kameraden düſterer und bleicher als gewöhnlich zurückkommen. m⸗ ilfe zen ung ime rrn und er⸗ Er⸗ gene unte 3 ent⸗ imer egen gſten ligen iner⸗ ieſes ieſter März ruder ieben⸗ toßen, , mit n Ge⸗ urz iu wiſſet gehen 87 den Schatten der Häuſer ſuchend, um ſeine träumeriſche Stirne, welche unabläſſig die Spur eines finſteren Kum⸗ mers an ſich trug, darein zu verſenken, ſo hätte man ihn für einen von jenen ſchönen Mönchen von Zurbaran ge⸗ halten, der, von der Leinwand herabgeſtiegen, ein Flüchtling des Grabes, mit dem gleichmäßigen, ſonoren Schritte des der Einladung von Don Juan folgenden ſteinernen Gaſtes auf die Erde zurückgekehrt wäre. Der unbeugſame Wille und die tiefe Energie, die ſich in dieſem Geſichte ausgeprägt fanden, Loffenbarten indeſſen mehr die Strenge eherner Grundſätze, als den Kampf ehrgeiziger Leidenſchaften. Es war überdies das redlichſte Urtheil, die geſun⸗ deſte Vernunft, das reichſte Herz der Welt. Das einzige unverzeihliche Verbrechen, deſſen ſich ein Menſch in ſeinen Augen ſchuldig machen konnte, war die Gleichgültigkeit in Betreff der Menſchheit; denn die Liebe für die Menſchheit ſchien ihm das Hauptelement des Lebens der Völker; er gerieth zuweilen in eine be⸗ wunderungswürdige Begeiſterung, wenn er in der Zu⸗ kunft, ſo fern ſie war, jene allgemeine Harmonie ge⸗ gründet auf die Verbrüderung der Nationen erſchaute, iich das Seitenſtück der Harmonie der Welten bil⸗ en ſoll. Sprach er von der zukünftigen Unabhängigkeit der Nationen, ſo geſchah es mit einer ergreifenden Beredt⸗ ſamkeit; man fühlte ſich dann zu ihm und mit ihm hin⸗ geriſſen durch einen Aufſchwung unwiderſtehlicher Sym⸗ pathie; ſein Wort hinterließ in Euch etwas wie einen Refler ſeines Herzens; ſeine Rede theilte Euch ſeine Stärke mit; man war im Begriffe, einen Flügel ſeines Rockes zu nehmen und zu ſagen:„Voran, Prophet; ich folge Dir.“ Nur nagte ein furchtbarer Wurm an dieſer köſt⸗ lichen Frucht: das war die Bezüchtigung des Diebſtahls und des Mordes, die auf ſeinem Vater laſtete. XXXVIII. Symphonie des Frühlings und der Roſen⸗ Das war der junge Mönch, der auf der Schwelle erſchien. Er blieb ſtehen, betroffen von dem Schanſpiele, das er vor Angen hatte. „Freund,“ ſprach er nit ſeiner traurigen Stimme, der er bei Gelegenheit einen tröſtlichen Ausdruck zu geben wußte,„die Frau, welche hier liegt, iſt hoffentlich weder Ihre Mutter, noch Ihre Schweſter?“ „Nein,“ antwortete Colomban;„ich war fünfzehn Jahre alt, als ich meine Mutter verlor, und ich hatte nie eine Schweſter.“ „Gott erhalte Sie zum Troſte der alten Tage Ihres Vaters, Colombau,“ ſprach der Prieſter. Und er ſchickte ſich an, vor dem Leichnam nieder⸗ zuknieen. Warten Sie, Dominique,“ ſagte Colomban;„ich 4 habe Sie holen laſſen.. Dominique unterbrach ihn: „Sie haben mich holen laſſen, weil Sie meiner bedurften. Ich bin gekommen, und hier bin ich.“ „Ich habe Sie holen laſſen, mein Freund, weil die Fran, die Sie hier liegen ſehen, wie vom Blitze getrof⸗ fen durch den Bruch von einem der großen Gefäße des Herzens, eine ſo gute Chriſtin, eine ſo fromme Frau ſie auch war, ohne Beichte geſtorben iſt.“ „Es geziemt Gott allein, und nicht den Menſchen, zu beurtheilen, in welcher Verfaſſung ſie geſtorben iſt,“ antwortete der Mönch.„Beten wir!“ fln ſch or der die ſto Le ru lich gel zel ſei ern elle das me, zu lich ehn atte age der⸗ „ich iner ldie trof⸗ des u ſie ſchen, iſt,“ 89 Und er kniete oben am Bette nieder. Colombau, da er wußte, daß eine Wärterin bei der Tochter war und ein Prieſter bei der Mutter, konnte nun für die Beerdigung Sorge tragen. Im Vorübergehen erkundigte er ſich nach Carmelite. Ganz erſchöpft, war das Mädchen unter dem Ein⸗ flnſſe eines vom Arzte verſchriebenen Schlaftrunkes ent⸗ ſchlummert. Colombau nahm alles Geld, was er hatte, und ordnete mit der Kirche, mit dem Leichengepränge, mit dem Conſervator des Friedhofes alle Einzelheiten von dieſem fünften Acte des Lebens. Am Abend um ſieben Uhr kam er nach Hauſe zurück. Er fand Dominique, wenn nicht im Gebete, doch wenigſtens in der Meditation beim Bette der Ver⸗ ſtorbenen. Der Mann Gottes hatte nicht einen Angenblick das Leichenzimmer verlaſſen. Colombau verlangte von ihm, daß er etwas Nah⸗ rung zu ſich nehme. Der Mönch ſchien den gewöhn⸗ lichen Bedürfniſſen des Lebens nicht unterworfen; er gehorchte jedoch der Aufforderung ſeines Freundes; nach zehn Minuten war er aber zurück und nahm wieder ſeinen Platz am Bette der Todten ein. Carmelite war mit einem verdoppelten Delirium erwacht. Der Armen, da ſie nicht das Bewußtſein ihres Zu⸗ ſtandes hatte, blieb wenigſtens Alles, was um ſie her vorging, unbekannt. Im Ganzen genommen waren die brennenden Schmerzen des Leibes beſſer, als die tiefen Bangig⸗ keiten der Seele. Die Nachbarinnen übernahmen die frommen Sorgen der Beerdigung; ein Schreiner brachte den Sarg; die Nägel wurden durch Schrauben erſetzt, damit in der s die arme Carmelite nicht die iefe ihres Delirium Schläge auf den Sarg ihrer Mutter höre. Der Tod war piötzlich geweſen; erſt am zweiten Tage wurde der Leichnam nach Saint⸗Jacques⸗du⸗Haut⸗ Pas getragen. Bruder Dominique las die Todtenmeſſe in einer beſonderen Kapelle. Dann wurde der Leib nach dem Weſt⸗Friedhofe gebracht. Coiombau begleitete den Leichnam mit zwei Arbei⸗ tern, die ſich entſchloßen, ihren Tagelohn zu verlieren, um dieſe fromme Pflicht zu erfüllen. Die Gehirnentzündung von Carmelite verfolgte ihren Lauf; bewunderungswürdig durch den Arzt behandelt, war ſie genöthigt, Schritt für Schritt vor der Wiſſenſchaft zu⸗ rückzuweichen. Nach Verlauf von acht Tagen kam Carmelite wie⸗ der zum Bewußtſein; nach zehn Tagen verbürgte ſich ve it für ihre Erhaltung; am vierzehnten Tage ſtand ie auf. Ihre Thränen floßen;— ſie war gerettet! Die Schwäche der Armen war aber Anfangs ſo groß, daß ſie kaum einen Ton articuliren konnte. Als ſie die Augen wieder ffnete, erblickte ſie an ihrem Bette das redliche Geſicht von Colombau; das letzte Geſicht, das ſie die Augen ſchließend geſehen, das erſte, das ſie dieſelben wiederöffnend ſah. Sie winkte mit dem Kopfe, um Erkennung und Dank zu bezeichnen; dann that ſie ihre durch das Fieber abgemagerte Hand aus den Betttüchern und reichte ſie dem jungen Manne, der ſie, ſtatt ſie zu drücken, ach⸗ tungsvoll küßte, als ob das auf die Stirne des Mäd⸗ chens gepreßte Siegel des Schmerzes in den Augen des edlen Bretagners ein Titel der Ehrfurcht wäre, der für den Moment ſo groß als die Krone auf der Stirne einer Königin. e n t⸗ ten ar zu⸗ ie⸗ ſich and ſo an das hen, und eber e ſie ach⸗ Räd⸗ des für tirne 91 Die Wiedergeneſung von Carmelite erforderte einen Monat; am Anfange des März nahm ſie wieder ihr Zimmer, und Colombau kehrte in das ſeinige zurück. Von dieſem Tage an wurde die Vertraulichkeit, welche unter den zwei jungen Leuten begonnen hatte, unterbrochen. Colombau bewahrte in einer Falte ſeines Gedächt⸗ niſſes die Erinnerung an die Schönheit und die Güte des Mädchens. Carmelite bewahrte in einem Winkel ihres Herzens eine gränzenloſe Dankbarkeit und eine ergebene Zunei⸗ gung für Colombau. Doch ſie hörten auf ſich anders zu ſehen, als wie zwei auf demſelben Boden wohnende Nachbarn, das heißt in ſeltenen Zwiſchenräumen. Begegnete man ſich, ſo entſpann ſich eine kleine Plauderei vor der Thüre, doch das war Alles; nie überſchritt das Eine die Schwelle des Andern. Es kam der Monat Mai; der Garten von Colom⸗ ban ſtieß an den von Carmelite an; eine einfache Syrin⸗ genhecke erhob ſich zwiſchen dieſen beiden Gärten, welche ſo weniger getrennt waren, als die von Pyramos und Thisbe, die eine Mauer trennte. Die jungen Leute waren alſo gewiſſer Maßen in demſelben Garten, weil, wenn der Wind die Syringen bewegte, die Hecke ſich aufthat, als wollte ſie den Plaudereien Durchgang gewähren, und die Blumen ſich bald zum Einen, bald zum Andern zerſtreuten. Eines Abends, auf die Bitte von Carmelite, öffnete der junge Mann das Klavier wieder und entlockte, die⸗ ſem lange geſchloſſenen, lange wie ſein Herz ſtummen Inſtrumente tauſend harmoniſche Noten, welche, durch die Fenſter ſeines Zimmers entſchlüpfend, in der ruhigen Luft der Abenddämmerung vibrirten und dann, durch die benachbarten Fenſter eindringend, das Mädchen in ſei⸗ nem Bette liebkoſten wie die erfriſchenden Strömungen des Frühlings. Es war alſo zugleich Wohlgeruch und Melodie. Dann, im Grunde von Allem dem, Traurigkeit, tiefe Traurigkeit! Die arme Carmelite! ſie war in der beſten oder in der ſchlechteſten Stimmung, um zu lieben, je nachdem Sie, guter Leſer, aus der Liebe einen Schmerz oder eine Freude, ein Unglück oder ein Glück machen wollen. Was wird nun aus dieſer kränklichen Gemüthsver⸗ faſſung werden? In einem der vorhergehenden Kapitel ſagten wir, alle auf der rechten Seite dieſes Theils der Rue du Val⸗de⸗Grace und der Rue Saint⸗Jacques liegenden Hänſer haben zu reizenden Gärten geführt. Von dieſen Fenſtern der jungen Leute, aus denen ſo viel Harmonie hervorkam, und wo ſo viele Wohlge⸗ rüche eindrangen, entrollte ſich in der That folgendes Panorama vor den Augen. Rechts, nördlich, ein ungeheures Gehege mit Pap⸗ peln und großen Bäumen bepflanzt. Links, ſüdlich, eine Reihenfolge von Gärten, be⸗ pflanzt mit Acacien, Syringen, Jasminſträuchen und Bohnenbäumen mit den gelben traubenförmigen Blüthen. Am Horizont, weſtlich, wie eine Hängmatte von Grün, worin die Sonne unterging, der Gipfel der Bäume des Luxembourg. Im Centrum dieſer drei Hauptpunkte eines der ſchönſten Schauſpiele, die ſich den Augen eines Dichters oder eines Verliebten bieten können. Man denke ſich ein zwanzig bis fünfundzwanzig Morgen großes Feld von blühenden Roſen um ein klei⸗ nes Grabmahl, erbaut im ſiebzehenten Jahrhundert und ſeiner Form nach ziemlich ähnlich den Kapellen, welche die Erben auf dem Pore⸗Lachaiſe über der Gruft ihres Erblaſſers errichten laſſen. . n n e r, u n en e es p⸗ e nd n. on me er rs zig ei⸗ ind che res 93 Und wenn wir ſagen ein Roſenfeld,— eine Ebene in der Gegend von Perſepolis, wo die Königin der Blumen geboren ſein ſoll,— ſo glaube man nicht, es ſei dies die geringſte Uebertreibung von uns: in einer Stadt wie Paris iſt es ſchon ſo ſüß, fünf bis ſechs Roſentöpfe um ſich zu ſehen, daß es vielleicht fabelhaft ſcheint, man könne ein ganzes Feld vor den Augen ha⸗ ben. Nichts iſt indeſſen wahrer, und man kann heute noch, nach einem Zeitraume von dreißig Jahren, die vier bis fünf Morgen ſehen, welche von dieſem lieblichen Felde übrig geblieben ſind. Es war alſo, wie geſagt, nicht ein mit Klee oder Luzerne bepflanztes Feld, ſondern ein wahres Roſenfeld, das die Luft auf zwei Stunden in der Runde mit ſeinen Wohlgerüchen erfüllte. Alle Gegenden der Welt ſchienen in dieſen Garten, um dieſes Grab, als hätte dieſes Grab die Reliquien eines Heiligen enthalten, die ſchönſten Roſen ihres Lan⸗ des gebracht zu haben. Man hätte glauben ſollen, es ſeien die colorirten Blätter der Monographie der Roſe, zu jener Zeit durch den Engländer Lindley veröffentlicht. Nichts fehlte hiebei, keine Gattung, keine Varietät; die fünf Welttheile figurirten hier in ihren ſchönſten Blumen verkörpert. Es war die Kaukaſiſche Roſe, die Kamtſchataliſche Roſe, die geſprenkelte Roſe von China, die Caroliner Roſe, die glänzende Roſe der Vereinigten Staaten, die Mai⸗Roſe, die Schwediſche Roſe, die Alpen⸗ Roſe, die Sibiriſche Roſe, die gelbe Roſe der Levante, die Roſe von Nankin, die Damastener Roſe, die Ben⸗ galiſche Roſe, die Provencer Roſe, die Champagner Roſe, die Roſe von St. Clond, die Provinſer Roſe,— von der die Legende behauptet, ſie ſei von Syrien nach Provins durch einen Grafen von Brie bei der Rückkehr von den Krenzzügen gebracht worden;— kurz, es war die, weil ſie vollſtändig, vielleicht einzige Sammlung der bis dreitauſend Varietäten alle Tage vermehrt, Kunſtgärtuern nicht zu jener Zeit bekaunten zwei⸗ von Roſen, eine Zahl, die ſich noch eine Progreſſion, worüber wir den genug Lob zu ſpenden vermöchten. Der Litel Königin der Blumen⸗ den die Roſe äufige Wiederholung abgedro⸗ ſchen geworden,“ ſagt der Gute Gärtner;„die Roſe vereinigt alle Arten von Vollkommeuheiten, die man bei einer Blume wünſchen kann: die verführeriſche Coquet⸗ terie ihrer Knoſpen, die zierliche Dispoſition ihrer leicht geöffneten Blätter, die anmuthigen Umriſſe ihrer ganz aufgegangenen Blüthen geben ihr die Vollkommenheit der Formen; es gibt keinen ſüßeren und lieblicheren Wohlgeruch, als den ihrigen; ihr Incaruat iſt das der vollkommenſten Schönheit; mit lebhafteren Nuancen ahmt ſie dem feurigen Teint der Bacchantin nach und ihre Weiße wird ein Emblem der Unſchuld und der Reinheit.“ Dieſe Definition der Roſe, eine Definition gefärbt wie ein altes Paſtellgemälde aus der Zeit von Ludwig XV., wird uns als natürlicher Uebergang dienen, um zur friſchen Schönheit unſerer Heldin zu gelangen; in der That, einige Worte dem Portrait beigefügt, das der Gute Gärtner von der ſouveränen Blume entworfen hat⸗ werden genügen, um Carmelite zu malen. Sie war groß und biegſam von Geſtalt, mit ſehr dunkel kaſtanienbraunen Haaren, welche ſo reichlich und träftig wuchſen, daß ſie dem Auge rauh zu ſein ſchienen⸗ aber beim Berühren weich wie Seide waren. Saphirblaue Augen, korallenrothe Lippen, perleu⸗ weiße Zähne vollendeten das Ganze dieſes ſchönen⸗ köſt⸗ lichen Geſchöpfs. Eines Tags, gegen das Ende des Monats Mai, waren Colombau und Carmelite, ſchauend und athmend, jedes an ſeinem Fenſter; das Mädchen war wie geblen⸗ det von dem Schauſpiel, wie berauſcht von dem Wohl⸗ geruche. verdient, iſt durch zu h e ſe ei t⸗ ht nz it en er mt re vie ird en at, 5 at, ehr und ten, len⸗ öſt⸗ tai, end, len⸗ ohl⸗ Den ganzen Tag war die Hitze erſtickend geweſen; es hatte drei bis vier Stunden geregnet, und gegen ſieben Uhr Abends, als ſie ihr Fenſter öffnete, war Carmelite erſtaunt, da ſie ganz in Blumen dieſes Roſen⸗ feld ſah, welches ſie am Morgen in Knoſpen geſehen hatte. Sie begriff ebenſo wenig dieſes plötzliche Aufblü⸗ hen der Pflanzen, als ſie an einem Schmerzenstage, deſſen Andenken ihrem Geiſte immer gegenwärtig war, den plötzlichen Uebergang vom Leben zum Tod be⸗ griffen hatte. Als am Abend Beide in den Garten hinabgegangen und nur durch die Hecke der ſchon verblühten Syringen von einander getrennt waren, befragte auch Carmelite Colombau über dieſe raſche Verwandlung der Knoſpen in Blumen. Carmelite war ſehr unwiſſend in der Botanik; denn in der Zeit, wo die Ereigniſſe vorgehen, die wir erzäh⸗ len, wurde dieſe Wiſſenſchaft als ziemlich überflüſſig bei der Erziehung eines Mädchens betrachtet. Colombau, der mehr als einmal Gelegenheit gehabt hatte, dieſe Unwiſſenheit wahrzunehmen, fing nun, immer durch die bewegliche grüne Mauer, einen Curſus der Fflanzen⸗ phyſiologie an, wobei er dieſes reizende Studium von den genauen, aber, für die Frauen beſonders, unver⸗ ſtändlichen Worten befreite, mit denen es die Gelehrten überhäuft haben. Er beſchrieb ihr die Organiſation der Pflanzen auf eine höchſt einfache Art, indem er ſie auf die drei Ele⸗ mentarorgane zurückführte, welche durch ihre Vereini⸗ gung alle Pflanzengewebe conſtituiren, Gewebe ver⸗ gleichbar im Princip einer Gummiauflöſung, die ſich verdichtend ihre feinen Faſern mit einander verwickelt, in welchen Faſern ſich allmälig zahlloſe Zellen bilden; er machte ihr begreiflich, dieſe drei Elementarorgane ent⸗ halten den inkruſtirenden Stoff des Holzes, die kriſtalli⸗ firten Säfte, das Satzmehl, den Klebeſtoff, die flüch⸗ tigen Oele und die verſchiedenen Färbeſtoffe, unter denen der bedentendſte der grüne Stoff. Von den Elementarorganen kam er zu den zuſam⸗ mengeſetzten Organen, indem er von der Haut ſprach, die ihnen als Uebergang dient; er nahm eine Pflanze im embryonären Zuſtand, in der Periode, wo ſie, kaum geboren, noch am mütteriichen Stängel hängt, und ließ ſie alle Phaſen des Wachsthums bis zu dem Aungenblicke verfolgen, wo dieſe Pflanze, fähig, ſich von ihrem Stamme loszumachen, ſich ſelbſt reproducirt. Nachdem er ſo ſeiner jungen Nachbarin eine raſche und klare Definition von allen Organen der Pflanzen, — Wurzeln, Stängel, Blätter, Knoſpen,— gegeben hatte, erklärte er ihr die Verwandlungen, bei mehreren vou dieſen Vegetabilien, gewiſſer Organe von ihnen in Dorne,— wie bei den Diſteln, den Sauerdorneu, den falſchen Acacien,— oder in Ranken, wie bei der Rebe, den Erbſen und den Paſſionsblumen. Er machte ſie mit der zwiſchen allen Reichen der Natur beſtehenden Solidarität bekannt; wie der Menſch ebenſo wenig der Pflanze entbehren kann, als die Pflanze des Menſchen; wie Alles in dieſer Welt auf eine ſo har⸗ moniſche Weiſe eingerichtet iſt, daß das Eine unter der Abweſenheit des Andern leiden würde; er entdeckte ihr die Geheimniſſe der Nahrung bei den Pflanzen; er ſagte ihr, wie ſie zugleich durch die Wurzel und die Blätter, im Boden und in der Luft die für ihre Entwickelung nothwendigen Elemente ſchöpfen; er ſetzte ihr auseinan⸗ der, wie der Saft,— der nichts Anderes iſt als die Circulation des Blutes bei den Pflanzen,— ſich von nnten nach oben erhebt, und ließ ſie durch einen friſch abgeſchnittenen Zweig eines Weinſtocks den Ausfluß des Saftes genannt die Thränen der Rebe ſehen; er lehrte ſie endlich, daß die Pflanzen ſchlaſen, athmen, ſich wiedererzeugen wie die Thiere, und er erfüllte ihren jungen Verſtand mit Erſtaunen, da er ihr enthüllte, ge⸗ en m⸗ ch, nze um ieß icke me ſche en, ben eren in den ebe, der enſch anze har⸗ der e ihr ſagte itter, lung inan⸗ s die von friſch des er „ ſich ihren ge 97 wiſſe Pflanzen haben natürliche Bewegungen, welche mit Unbeweglichkeit der Vegetabilien con⸗ traſtiren. Zehnmal wollte er ſich unterbrechen, aus Furcht, ſie zu ermüden oder wenigſtens zu langweilen; doch hätten nicht die Nacht und das Blätterwerk das Geſicht von Carmelite verſchleiert, ſo würde er im Gegentheil darin das tiefſte Entzücken geleſen haben. Plötzlich, als man einen Stern vorüberziehen ſah, kam man von der Fflanzenphyſiologie auf die Aſtrono⸗ mie; man ließ die von den Menſchen allen dieſen unbe⸗ kannten Welten, Gegenſtänden ihrer ewigen Neugierde, gegebenen mythologiſchen Namen die Revue paſſiren; der Himmel, die Erde, das Meer, die modernen Zeiten, das Alterthum, Griechenland, Aegypten, Indien wurden in Contribution geſetzt, um dieſe erſten Stunden der Vertraulichkeit zwiſchen zwei jungen Leuten in einer Frühlingsnacht zu feiern. Sie dachten nicht an die Menſchen; ſie dachten nicht einmal an ſich ſelbſt; ſie ahnten nicht einen Augen⸗ blick, daß die Blumen, die Welten, die Wolken, die Sterne, die Lüfte, auf denen ſie ſeit der Abenddämme⸗ rung reiſten, ſie unfehlbar allmälig in die ätheriſchen Regionen der platoniſchen Liebe führen mußten. Und was war denn dieſer leidenſchaftliche, glühende Eifer, mit dem Colombau die Harmonien der Natur beſchrieb, wenn nicht eine leuchtende Kundgebung der friſcheſten und mächtigſten Liebe, welche je, eine Pilanze des Lebens oder des Todes, im Herzen eines jungen Mannes gekeimt? Dieſe Kraft der Aufmerkſamkeit, das Entzücken des Mädchens während dieſer Revue der Wunder der Schö⸗ pfung, welche ſo raſch und faſt ohne mehr Spuren zu hinterlaſſen, als der Stern, den ſie hatten hinſchweben ſehen, vorübergezogen, was war es denn, wenn nicht die Offenbarung der erſten Liebe? Die Mohicaner von Paris. U. 7 Und füget dieſer Gemüthsverfaſſung von ſiebenzehn Jahren bei der Einen, von zweiundzwanzig Jahren beim Andern bei, daß der Tag ſtürmiſch geweſen, daß die Luft lau und von Wohlgerüchen erfülit war, und daß bei den Strahlen der Sonne, bei der Liebkoſung dieſer Lüfte ein ganzes Roſenfeld am Morgen in Knoſpen, am Abend in Blumen ſtand! XXXIX. Das Grab der la Valliere. An dieſem Abend alſo, berauſcht durch den Wohl⸗ geruch der Roſen, der ſie umhüllte, wie jene duftende Wolke, worin Virgil ſeine Göttinnen verbirgt, unter dieſem leuchtenden Himmel, deſſen Sterne ſich verliebt wie eben ſo viele Apollos und Daphnes zu verfolgen ſchie⸗ nen, in dieſer durch den Regen des Tages abgekühlten Atmoſphäre, mit einem Worte, in dieſer erſten ruhigen, heiteren, balſamiſchen Frühlingsnacht erſchloſſen ſich die Herzen der zwei jungen Leute der Liebe, wie ſich dem befeuchtenden Thau am Abend der Kelch der Blumen erſchloß. Nachdem ſie Mitternacht ſchlagen hörten, als ſie die hellen Glockenklänge bis zwölf zählten, bebten ſie, gaben einen Schrei von ſich, wechſelten einen raſchen guten Abend und gingen zitternd wie Schuldige hinauf. Nachdem ſie zum zweiten Stocke gelangt waren⸗ blieben ſie ſtehen. Das Fenſter des Bodens war offen; der ohl⸗ ende eſem wie chie⸗ lten gen, die dem men e die aben uten ieben der Mond beleuchtete ſchweigſam und melancholiſch das von Roſen umgebene Grab. „Was für ein Grab iſt das?“ fragte Carmelite, während ſie ſich mit dem Ellenbogen auf das Fenſter⸗ geſims ſtützte. „Es iſt das Grab von Mademoiſelle de la Valliöre,“ antwortete der junge Mann, der ſich neben ihr in dem engen durch die Oeffnung des Fenſters gegebenen Raume auflehnte. „Wie, das Grab von Mademoiſelle de la Vallidre findet fich hier?“ fragte Carmelite. „Alle dieſe Terrains, die Sie hier ſehen,“ antwor⸗ tete Colombau,„bildeten einſt den Garten eines dem Orden, deſſen poetiſchen Namen Sie führen, gehörenden Kloſters; mitten in dieſem Garten war eine Kirche, nach den alten luteciſchen Sagen auf den Rninen eines Tem⸗ pels der Ceres erbaut; man kennt nicht genau die Epoche der Stiftung dieſer Kapelle; nur glaubt man, ſie datire aus der Zeit der Regierung von Robert dem Frommen; gewiß iſt, daß ſie ſchon am Ende des zehnten Jahrhun⸗ derts Benedictiner⸗Mönche der Abtei von Marmoutier inne hatten, welche ſie als Priorei bis zum Jahre 1604 beſaßen, wo ſie den Carmeliterinnen von der Reform der heiligen Thereſe abgetreten wurde.— Catharina von Orleans, Herzogin von Longueville, erhielt, angetrieben von einigen Devoten, die ihr den Titel Stifterin anbo⸗ ten, vom König, durch die Unterſtützung von Maria von Medici, alle für die Gründung dieſer Anſtalt nöthigen Vollmachten. Mit der Erlaubniß von König Heinrich IW. und dem Gutheißen von Papſt Clemens VIII. ließ man von Avila nach Paris ſechs Carmeliterinnen kommen, welche durch die ſeraphiſche Heilige Thereſe de Cepedes formirt worden waren. Dieſe ſechs Nonnen waren die erſten ihres Ordens in Frankreich; ſie bewohnten das Kloſter, welches hier war und nicht mehr exiſtirt; ſie beteten, ſangen, ſtarben in dieſer Kirche, von der nur noch das Grab übrig iſt, nach deſſen Nanen Sie fragen.“ „Oh! wie intereſſant iſt das!“ rief Carmelite in ihrem Erſtaunen über die Offenbarung dieſer Geheimniſſe der ewigen Natur und der ephemeren Vergangenheit. „Und weiß man⸗ wie die ſechs Nonnen hießen?“ „Ich weiß es,“ erwiederte lächelnd der junge Bre⸗ tagner;„denn ich bin der Mann der Legenden. Sie hießen Anna von Jeſus, Anna von St. Bartholomäus, Iſabella von den Engeln, Beatrir von der Empfängniß, Iſabella von St. Paul und Eleonora von St. Bern⸗ hard. Die Herzogin von Longueville ging ihnen entge⸗ gen und wollte, daß ihr Einzug in die Priorei dur ein Feſt gefeiert werde.“ Alles dies war nicht ſo intereſſant, als Carmelite ſagte und Colombau es zugab; doch die armen Kinder n Vorwand belogen einander, denn ſie wollten nur eine Alles war gut in finden, um ſich nicht zu verlaſſen. dieſem Falles das nyſtiſche Geſpräch nahm auch ſeinen Fortgang. „Oh! wie gern hätte ich ein Feſt von jener Zeit ſehen mögen!“ ſagte Carmelite. „Wohl, mein Fräulein, hör Colombau:„bleiben Sie, wo Sie ſind; ſchließen Sie die Augen, ſetzen Sie die Einbildungskraft an die Stelle des Geſichtes; ſtellen Sie ſich vor, Sie haben zu Ihrer Linken ein düſteres Kloſter mit hohen Maueru; dort, Ihnen gegenüber, die Kirche,— und warten Sie.. Der junge Mann ging raſch in ſein Zimmer. „Wohin gehen Sie?“ fragte Carmelite. „Ich will ein Buch holen,“ rief der junge Mann aus dem Innern ſeiner Wohnung. Und er kam nach fünf Minuten, ein Buch in der Hand haltend, zurück. „Schließen Sie nun die Augen,“ ſagte er⸗ „Sie ſind geſchloſſen.“ en Sie,“ erwiederte 101 „Sehen Sie das Kloſter links?“ 70 „Sehen Sie die Kirche Ihnen gegenüber?“ „Ja.“ Colombau öffnete das Buch. Der Mond glänzte ſirahlend in ſeinem Zenith und warf auf dieſe ganze ruhige, ſtille Natur ein ſo reines Colombau wie am hellen Tage leſen konnte. r las. „Am Mittwoch dem 24. Auguſt, am Tage des heiligen Bartholomäus, wurde in Paris eine neue und feieriiche Proceſſion den Schweſtern⸗Carmeliterinnen ge⸗ macht, welche an dieſem Tage von ihrem Hauſe Beſitz ergriffen; das Volk ſtrömte in großer Menge herbei, als wollte es Ablaß gewinnen; die Nonnen gingen in ſchöner Ordnung, angeführt vom Doctor Duval, der ihnen, einen Stab in der Hand haltend, als Pedell diente und eine gewaltige Aehnlichkeit mit einem Wehr⸗ wolf hatte. „Doch das Unglück wollte, daß dieſes große und heilige Myſterium durch zwei Geigen, welche eine Ber⸗ gamasque zu ſpielen anfingen, geſtört und unterbrochen wurde; was dieſe armen Leute vertrieb und ſie verau⸗ laßte, ſich ganz erſchrocken mit ihrem Anführer, dem Wehrwolf, in ihre Kirche zurückzuziehen; ſobald ſie hier, als an einem Orte der Freiheit und Sicherheit, ange⸗ langt waren, begannen ſie das Te Peum laudamus zu ſingen.““ „Haben Sie geſehen?“ fragte Colombau. „Ja, doch etwas Anderes als das, was ich zu ſehen hoffte,“ erwiederte lächelnd Carmelite. „Man ſieht nicht immer, was man zu ſehen glanbt, wenn man die Augen offen hat, geſchweige denn, wenn man ſie geſchloſſen hat.“ „Und in dieſes Kloſter zog ſich Mademoiſelle de la Valliöre zurück?“ „In dieſes Kloſter, wo ſie ſechsunddreißig Jahre unter fortwährenden Uebungen einer immer mehr erbau⸗ lichen Frömmigkeit zubrachte und am 6. Juni des Jah⸗ res 1710 ſtarb.“ „Und hier, in dieſem Grabe,“ fragte das Mädchen, „ruht der Leib der armen Herzogin?“ „Dieſes behaupten hieße viel ſagen.“ „Sie iſt alſo ausgegraben worden?“ „Im Jahre 1790 hob ein Decret der Nationalver⸗ ſammlung das Kloſter aufz man brach die Kirche ab... Wer weiß, was aus dem Leibe der armen Sünderin geworden iſt, welche Le Brun unter den Zügen der hei⸗ ligen Magdalena dargeſtellt hatte. Und dennoch, wie ich Ihnen, die Sie ſich mehr als hundert Jahre nach ihrem Tode um ſie bekümmern, geſagt habe, dennoch behauptet die Tradition, er ſei verſchont worden, und ruhe immer noch in der Gruft unter dieſer kleinen Kapelle.“ „Und,“ fragte Carmelite mit dem Zögern der Neugierde, welche getänſcht zu werden befürchtet,„man kann ohne Zweifel nicht hineinkommen?“ „Ich bitte um Verzeihung, mein Fräulein,“ erwie⸗ derte Colomban,„man kommt nicht nur hinein: man wohnt darin.“ „Und welcher Profane kann in dieſem geheiligten Ruheorte wohnen?“ „Der Gärtner, mein Fräulein; derjenige, welcher alle die ſchönen Roſen cultivirt, deren Wohlgerüche wir in dieſem Augenblicke einathmen.“ „Oh! wie gern möchte ich dieſe Kapelle beſuchen!“ rief Carmelite. „Nichts kann leichter ſein.“ „Wie iſt es zu machen?“ „Man braucht nur den Gärtner um die Erlaubniß zu bitten.“ „Wenn er ſie mir aber verweigert?“ ſo Li ta mi ve od au ne lat re u⸗ h⸗ n, er⸗ rin ei⸗ wie ach och und nen der nan wie⸗ man gten lcher wir en!“ bniß 103 „Weigert er ſich, Sie das Grab ſehen zu laſſen, ſo bitten Sie ihn, ſeine Roſen ſeben zu dürfen, und aus Liebe für ſeine Roſen wird er Ihnen erlauben, das Grab zu ſehen.“ „Dieſe Roſen gehören alſo ihm?“ „Er iſt der privilegirte Beſitzer derſelben.“ „Und was kann er mit ſo vielen Roſen machen?“ „Ei! er verkauft ſie,“ erwiederte der junge Bre⸗ tagner. „Oh! der abſcheuliche Menſch!“ verſetzte Carmelite mit einem ganz kindiſchen Vorwurf;„dieſe ſchönen Roſen verkaufen! Ich glaubte, er rultivire ſie aus Religion oder wenigſtens zu ſeinem Vergnügen!“ „Er verkauft ſie... Und ſchauen Sie! von hier aus ſehen Sie unter meinem Fenſter drei Roſenſtöcke, die er kürzlich an mich verkauft hat.“ Carmelite neigte ſich auf die Seite, und ihre ſchö⸗ nen, flatternden Haare ſtreiften das Geſicht des jungen Mannes, der einen Schauer ſeinen ganzen Leib durch⸗ laufen fühlte. Sie fühlte zu gleicher Zeit den Hauch von Colom⸗ bau durch ihre Haare ziehen, denn ſie wich raſch und ganz erröthend zurück. „Oh!“ ſagte ſie unklug,„wie gern möchte ich einen von den Roſenſtöcken haben, die dieſe Kapelle umgeben!“ „Werden Sie mir erlanben, Ihnen einen von den meinigen anzubieten?“ verſetzte haſtig Colomban. „Oh! ich danke, mein Herr,“ erwiederte Carmelite, welche nun ihre Unbeſonnenheit wahrnahm;„ich möchte einen haben, doch von meinen Händen aus dieſer Erde gezogen, wo Schweſter Loniſe von der Barmherzigkeit gelebt und wo ihr Körper geruht hat, vielleicht jetzt noch ruht.“ „Warum gehen Sie nicht morgen ſchon dahin?“ „Ich hätte nie den Muth, allein zu gehen.“ „Ich biete Ihnen meinen Arm an, wenn Sie ihn annehmen wollen.“ Carmelite blieb einen Augenblick verlegen; endlich aber machte ſie eine Anſtrengung und antwortete: „Hören Sie, Herr Colomban, ich hege eine tiefe Achtung und eine große Dankbarkeit für Sie, doch ginge ich an Ihrem Arme am hellen Tage aus, ſo würden alle Baſen des Quartiers an einer ſolchen Unſchicklichkeit ein Aergerniß nehmen.“ „So gehen wir am Abend dahin.“ „Kann man am Abend gehen?“ „Warum nicht?“ „Mir ſcheint, der Gärtner müſſe ſich zu gleicher Zeit mit ſeinen Blumen ſchlafen legen, um zu derſelben Zeit wie ſie aufzuſtehen.“ Ich weiß nicht, um welche Stunde er ſich ſchlafen„ legt, doch ich weiß, daß er lange vor ihnen aufſteht.“ „Woher wiſſen Sie das?“ „Zuweilen, bei Nacht, wenn ich nicht ſchlafe. (die Stimme von Colombau zitterte leicht, als er dieſe Worte ſprach), ſtelle ich mich ans Fenſter und erblicke ihn mit einer Laterne in der Hand im Garten umhertrabend. Sehen Sie, mein Fräulein, das Irrlicht, das durch den Garten läuft, iſt er es nicht?“ „Wohin läuft er ſo?“ fragte das Mädchen. „Wahrſcheinlich einer Katze nach.“ „Doch wenn er aufſteht,“ ſagte Carmelite lächelnd, „ſo muß es, obgleich ſehr frühzeitig für ihn, für uns ſehr ſpät ſein.“ „Spät?“ verſetzte Colombau. S Wie viel Uhr mag es ſein?“ a „— „üngefähr zwei uhr,“ antwortete Colombau mit einem gewiſſen Zögern. „Oh! nie din ich ſo ſpät zu Bette gegangen!“ rief das Mädchen die Hände zum Himmel erhebend.„ or⸗ gens um zwei Uhr, mein Gott! Oh! geſchwinde, gute ſe 3 2 —ꝛ,— . ihn dlich tiefe inge rden hreit eicher elben lafen 2 dieſe ke ihn abend. durch chelnd, ir uns mit rief „Mor e gute 105 Nacht, Herr Colombau!.. Ich danke Ihnen für die lehrreichen Stunden, die Sie mich haben zubringen laſ⸗ ſen, und an einem Abend,“ fügte ſie leiſe bei,„an einem Abend, wenn alle Nachbarn zu Bette gegangen ſind, werde ich Sie um Ihren Arm bitten, um einen Roſenſtock auszugraben.“ „Wir werden nie eine ſchönere Nacht finden, als dieſe, mein Fräulein,“ ſagte der junge Mann, der ſich anſtrengte, um nicht beim Sprechen zu zittern. „Oh! wenn ich glaubte, ich werde nicht geſehen,“ erwiederte offen und treuherzig das Mädchen,„ich würde ſogleich gehen.“ „Von wem ſollen Sie zu dieſer Stunde geſehen werden?“ „Ei! einmal von der Portiöre.“ „Nein, ich habe ein Mittel, um die Thüre zu öffnen, ohne ſie aufzuwecken.“ „Wie! Sie wollen mit einem Dieterich öffnen?“ „Oh nein! mit einem Schlüſſel, den ich habe machen laſſen. Ich komme zuweilen vom Leſecabinet nach Mit⸗ ternacht nach Hanſe, und da die Portière kränklich iſt, ſo war es mir ein Bedenken, ſie aufzuwecken.“ „Nun, wenn es ſich ſo verhält, ſo gehen wir ſo⸗ gleich; ich glaube auch, ich möchte mich immerhin zu Bette legen, ich würde an meinen Roſenſtock denkend nicht einſchlafen.“ War es wirklich Dein Roſenſtock, was Dich einzu⸗ ſchlafen verhindert hätte, Carmelite? Nein. Doch Du glaubteſt es, armes Kind, unſchuldige Jungfrau, und gerade Deine Unſchuld war es, was Dich zu dieſem nächtlichen Ausfluge am Arme des jun⸗ gen Mannes, der ſo unſchuldig als Du, antrieb. Carmelite ſetzte ein Häubchen auf und warf ein Halstuch auf ihre Schultern; der junge Mann nahm ſeinen Hut, und Beide ſtiegen mit kleinen Schritten die Treppe hinab ſie gingen ſehr ſachte, und dennoch mach⸗ ten ſie noch genug Geräuſch, um die Vögel aufzuwecken, die in den Syringen ſchliefen, und als dieſe Vögel ſie vorübergehen hörten und den ſchönen Mond ſahen, fingen ſie an zu ſingen, glaubten ſie nun, es erſcheine die Mor⸗ henröthe, oder wollten ſie Theil nehmen an dem nächt⸗ lichen Feſte, das der Frühling und die Natur den zwei jungen Leuten gaben. Nachdem ſie die Rue Saint⸗Jacques und die Rue du Val⸗de⸗Grace durchſchritten hatten, gelangten ſie in die Rue d'Enfer und zu der großen hölzernen Gitter⸗ thüre, welche als Eingang für den ehemaligen Garten der Carmeliterinnen diente. Sie klingelten. Es war ſehr früh oder ſehr ſpät, um zu klingeln; der Gärtner zögerte auch einen Augenblick. Doch auf den zweiten Ruf der Klingel ſah man den Mann und die Laterne ſich bewegen; Beide näher⸗ ten ſich; die Laterne erhob ſich zur Höhe des Geſichtes der zwei Beſuche, und der Gärtner erkannte den jungen Mann, den er alle Tage an ſeinem Fenſter ſah, und deſſen wohlklingende Stimme er zuweilen, unter ſeinen Roſenſträuchen ausgeſtreckt, begleitet von den Tönen des Klaviers, hörte. Der Gärtner öffnete die Thüre und führte dieſen zweiten Adam und dieſe neue Eva in ſein Paradies ein. Das war, wie geſagt, eine ungeheure Pflanzſchule, wo man nur Roſen cultivirte. Nichts vermag dieſes unendlich ſüße Gefühl, dieſes Gefühl friſcher Beranſchung auszudrücken, das die zwei jungen Leute erfaßte, als ſie in den Roſenharem ein⸗ drangen, deſſen Sultan, eine Laterne in der Hand, die harmoniſchen Namen nannte, welche in ihren Ohren klangen wie den Geſängen der Vögel entſchlüpfte Noten So Arm in Arm, und auf die Benennung der Ro⸗ ein Ca ant pas mer kau beit ein ver! Phi ob der Hae ich⸗ ken, ſie gen or⸗ cht⸗ wei Rue e in tter⸗ rten eln; man iher⸗ chtes ngen und einen des dieſen s ein. chule, dieſes zwei n ein⸗ , die Ohren Roten. er Ro⸗ 107 ſen horchend, gelangten ſie vor das Grab oder die Ka⸗ pelle der Schweſter Louiſe von der Barmherzigkeit. Carmelite zögerte, einzutreten, auf die Einladung von Colombau entſchloß ſie ſich. Doch faſt in demſelben Augenblicke ging ſie mit einer Art von Schrecken wieder heraus, als ſie an den Wänden angelehnt oder aufgehängt,— ſtatt religiöſer Embleme, die ſie zu finden erwartete,— Schaufeln, Spaten, Gießkannen, Schiebkarren und all das Geräthe ſah, deſſen ſich der Gärtner bediente. Das Mädchen machte nun neugierig die Runde um das Grab. Sechs bis acht Fuß hohe Roſenſtöcke umgaben es einförmig. „Was für herrliche Roſenſtöcke find das?“ fragte Carmelite. „Das ſind Alexandrien⸗Roſen mit weißen Blüthen,“ antwortete der Gärtner;„ſie kommen vom Süden Euro⸗ pas oder von den Küſten der Barbarei; aus ihren Blu⸗ men macht man die Roſeneſſenz.“ „Wollen Sie einen ſolchen Stock an mich ver⸗ kaufen?“ „Welchen?“ fragte der Gärtner. „Dieſen,“ erwiederte Carmelite. Und ſie dentete auf den, welcher ſich am nächſten beim Grabe erſchloß. Der Gärtner trat in die Kapelle ein und nahm einen Spaten. Eine Nachtigall ſang zwanzig Schritte von da ihr verliebteſtes Lied. Der Mond war nicht mehr der Mond: es war die Phöbe der Griechen, welche verliebt auf die Erde ſchaute, ob ſie den Schatten von Endymion nicht wiederſehe. Die Nachtluft ſo ſanft, daß ſie ein vom Munde der Natur gegebener Kuß zu ſein ſchien, zog durch die Haare der jungen Leute. der That eine Stene voll Farbe und e Mädchen in Trauerkleidern, dieſer blonde junge Mann, und dieſer Gärt⸗ Racht, bei die⸗ Es war in Poeſie, dieſes groß ſchwarz gekleidete, ner, der die Erde zu dieſer Stunde der ſer kühlen Luft, beim Mondſcheine, beim Geſange der Nachtigall ausgrub. Jeder Athem von ihnen ſchien auch zu ſagen:„Oh! welch ein gutes Ding iſt das Leben! Dank Dir, o Herr, daß Du es uns zu gleicher Zeit gegeben!“ Der erſte Spatenſtoß des Gärtners wiederhalte Ke ſchmerzlich im Herzen der beiden jungen Leute; es ſchien ihnen, dieſe Erde aufwühlen, in der der Leib der from⸗ men Geliebten jenes königlichen Egviſten ruhte, den man Bi i XIV. nannte, heiße etwas wie eine Ruchloſigkeit an egehen. Sie verließen die Pflanzſchule, ihren Roſenſtock mitnehmend, doch mit einer Angſt, der der Kinder ähn⸗ die lich, welche eine Roſe auf einem Kirchhoſe gepflükt ha aben. Sobald ſie aus dem Garten waren, vergaßen ie ha dieſe traurigen Gedanken, und einen letzten Blick auf die ha Pflanzſchule werfend, die ihnen nur noch eine Art Wolke von Wohlgerüchen zuſandte, die Sterne anſchauend und alle Ansſtrömungen des Lebens, die ſich um ſie her er⸗ hoben, ſo zu ſagen, einſaugend, dankten ſie der Vorſeh⸗ ung für alle Vohithaten, mit denen ſie dieſelbe in die⸗ — ſer unbeſchreiblichen Frühlingsnacht überhäuft hatte! ———— 8— — und eſer ärt⸗ die⸗ der uch ben! allte chien rom⸗ man igkeit nſtock ähu⸗ flückt n ſie uf die Wolke d und er er⸗ orſeh⸗ n die⸗ XL. Colombau. Das Herz des jungen Bretagners, den wir Colom⸗ bau genannt haben, war ein reiner Diamant mit vier Kanten: die Güte, die Sanftmuth, die Unſchuld und die Redlichkeit. Einige ſtarke Geiſter des Collöge hatten ihm den Beinamen Colombau der Einfaltspinſel zum Andenken an gewiſſe gute Thaten gegeben, wobei er der Bethörte geweſen. Seine herculiſche Stärke hätte ihm wohl erlaubt, die böſen Zungen zum Schweigen zu bringen; doch er hatte für alle dieſe Kläffer dieſelbe Verachtung, welche die Neufundländer und die Moloſſen auf dem St. Bern⸗ in für einen türkiſchen Hund oder einen King⸗Charles aben. Eines Tags jedoch fiel es einem armſeligen, ſtreit⸗ ſüchtigen Bürſchchen, einem jungen Creolen von Loui⸗ ſiana, der kürzlich erſt ins Collöge gekommen, als er ſah, mit welcher unſtörbaren Geduld Colombau, ohne das Geſicht zu verändern, die Schmähungen anhörte, mit denen er ihn ſeit einigen Augenblicken überhäufte; es fiel dieſem Creolen ein, ſagen wir, ihn, auf dem Rücken eines Großen reitend, von hinten an ſeinen blonden Haarlocken zu ziehen. Wäre es eine Schäkerei geweſen, ſo würde Co⸗ lombau nichts geſagt haben. Doch es war ein Schmerz. Es geſchah dies während der Abendrecregtion; man ging im Hofe der Turnanſtalt umher. Als er ſich, unter dem Gelächter der ganzen Re⸗ creation, ſo grauſam an den Haaren gezogen fühlte und einen heftigen Schmerz empfand, wandte ſich Colombau um und packte, ohne das geringſte Zeichen von Auf⸗ regung oder Zorn von ſich zu geben, den Creolen am Kragen ſeines Rockes, riß ihn von den Schultern des Großen und trug ihn unter das Klettergerüſt, wo ein Seil mit Knoten hing. Hier befeſtigte er ihm das Seil um den Leib, und nachdem er ſehr kalt dieſe Operation vollführt hatte, ſchlenderte er ihn, der Kopf und die Arme baumelnd, in den Raum, wo er ſich mit einer wunderbaren Ge⸗ ſchwindigkeit ſchaukelte. Die anderen Schüler, welche nicht lachten, prote⸗ ſtirten, doch ſie proteſtirten vergebens. Der Große, von deſſen Schultern Camille Rozan, — ſo hieß der Creole,— geriſſen worden war, wat hinzu und forderte Colombau auf, ſeinen Kameraden zu befreien. Colomban zog aber ganz einfach ſeine Uhr, ſchaute ſe und ſagte, während er ſie wieder in die Taſche eckte: „Noch fünf Minuten!“ Die Strafe währte ſchon fünf Minuten. Der Große, der Colombau um einen Kopf über⸗ ragte, ſprang auf den Bretagner los; doch dieſer faßte ſeinen Gegner um den Leib, hob ihn von der Erde auf, preßte ihn zuſammen, um ihn zu erſticken, wie dies Hercules, nach dem, was man ihm in ſeinem Curſus der Mythologie geſagt, bei Antäos gethan, und legte ihn endlich auf den Boden, unter dem Beifallklatſchen aller Schüler, welche ſchon im Collöge ſich immer auf die Seite des Stärkeren ſtellen lernten⸗ Colomban ſtützte ſein Knie auf die Bruſt des Großen; dieſer, der nicht athmen konnte, bat um Gnade; un gin de ig ſach int lebh nd a uf⸗ am des ein und tte, nd, Ge⸗ ote⸗ zan, mwat 1zn aute aſche iber⸗ faßte Erde dies ſus legte ſchen auf des nade; 1 doch der hartnäckige Bretagner zog abermals ſeine Uhr und ſagte einfach: „Noch zwei Minuten!“ Da erſcholl ein Hurrah des Triumphes durch den ganzen Hof. Während dieſes Jubels nahm die dem Körper von Camille Rozan verliehene Bewegung ab, dauerte jedoch nichtsdeſtoweniger immer fort. Nach Ablauf der fünf Minuten gab Colombau, der ſein Wort ſo gewiſſenhaft hielt, als ſein Landsmann Duguesclin, wieder den Athem dem Großen, welcher ſich wohl hütete, ſeine Genugthunng zu nehmen, und band den ſtreitſüchtigen Americaner los; dieſer ging aus Wuth ins Krankenzimmer und blieb hier einen Monat mit Verrückung des Gehirnes im Bette. Das Gelächter begleitete, wie man leicht begreift, den Rückzug des Creolen; Jeder beeiferte ſich, Colom⸗ bau Glück zu wünſchen; Colombau gab ſich aber den Anſchein, als hörte er dieſe Lobeserhebungen nicht, nahm ruhig ſeinen Spaziergang wieder auf und wandte ſeinen Ritſchülern den Rücken zu, nachdem er ihnen die brü⸗ derliche Warnung gegeben: „Ihr ſeht, was ich zu thun vermag! Das erſte Mal, daß Einer von Euch mich foppt, wird ihm daſ⸗ ſelbe geſchehen.“ Einen Monat lang hegte man ernſte Beſorgniſſe für den kleinen Camille Rozan. Derjenige aber, deſſen Angſt bis zur Verzweiflung giug, war der gute Colombau; er vergaß, daß ihn die Herausforderung in den Fall gerechter Selbſtverthei⸗ digung geſetzt hatte, und betrachtete ſich als einzige Ur⸗ ſache dieſes Fiebers. „ Seine Verzweiflung verwandelte ſich ganz natürlich in tiefe Freundſchaft während der Geneſung des jungen enſchen; er fühlte bald für den kleinen Camille die kebhafte Zärtlichkeit, welche die Starken für die Schwa⸗ —— die Beſiegten haben, chen, die Sieger für lichkeit, welche aus ans der mildeſten von a entſpringt. Allmä den göttlichſten Fibern llen Tugenden, Zärtlichkeit eine lig wurde di Freundſchaft, wie eine beſchirmen wahre Zuneigung die eines älteren Camille Rozan ſch lombau anzuſchließ zugleich die Fu Schwäche war gleicher Zeit überſteigbare, und ſeinen Beſchützer. Schwach und tro fahr ausgeſetzt⸗ ähnlich, Bruders für einen eits aufrichtig Co⸗ bei ſeiner Zuneigung thie betheiligt: ſei ſchützt zu fühlen; zu Stolz eine un⸗ en, nur waren es angenehm, ſich be chtbare Schranke zwi gegeben, zu erhalten; chte nur einen Schritt zu machen doch dieſer brau mit ſeinem ruhigen und die „Nun! was gibt e Tone zu fragen: plötzlich wieder um. Drohung kehrte Wie bei der Eiche, gen tigen Aeſte auszuſtrecken, um Sturm zu beſchirmen. Heranwachſend, rückgedrängt tige Freund unter tauſend angene geſonderte ohr gegen den inen Stolz zu⸗ chien Camille ſe och eine aufrich⸗ für Colombau nur n wahrt zu haben; er hmen Formen kun Studienquartiete konnten ſie ſich nur in den Erholun verwieſen, ſehen und ſprechen; do war ſo lebhaft bei dem C ſeinem Freund ihn zu ſchreibe war, bildete fi terbrochene Correſpondenz, Bedürfniß des daß er, wenn er von thalten konnte, an obald der briefliche Verkehr eröffnet die zwiſchen zwei Liebenden. Die jungen Freundſchaften, die ſich zum erſten Male offenbaren, haben in der That die ganze Hiße einer erſten Liebe; wie eine Perſon, welche bis dahin einſam gelebt hat, wartet das Herz nur auf die Stunde der Freiheit, um in der Sonne den Schatz ſeiner inner⸗ ſten Gedanken erblühen zu laſſen; es kommt dann aus zwei Herzen, welche in derſelben Lage, ein Concert von Plandereien hervor, das ziemlich ähnlich dem Geſchwätze der Vögel in den erſten Frühlingstagen. Derjenige, welcher gleichſam ebenen Fußes in das Leben eingetreten iſt und die Zaubereien der jungen, keuſchen Göttin, die man die Freundſchaft nennt, nicht kennen gelernt hat, iſt zu beklagen! denn weder die leidenſchaftliche Liebe der Frau, noch die ſelbſtſüchtige Zuneigung des Mannes werden ihm die reinen Freuden enthüllen, welche die zwiſchen zwei ſechzehnjährigen Herzen ausgetauſchten geheimnißvollen Geſtändniſſe geben. Von dieſem Augenblicke an waren alſo die zwei jungen Leute enge verbunden; und da Camille im näch⸗ ſten Jahre in ein Quartier mit Colombau überging, ſo wurden ſie Copains, nach dem techniſchen Ausdrucke des Collége, das heißt, ſie bildeten eine Gemeinſchaft von Allem, was ſie beſaßen, von den Federn und dem Papier bis zur Wäſche und dem Geld. Schickte die Familie des Americaners Confitnren von Gojaven und Conſerven von Ananas, ſo ſchob Ca⸗ mille die Hälfte davon in die Truhe von Colombau; chickte der Graf von Penhoöl einige geſalzene Eßwaaren von der Küſte der Bretagne, ſo legte Colombau die Hälfte in das Pult von Camille Rozan. Dieſe täglich an Zärtlichkeit zunehmende Freund⸗ ſchaft wurde plötzlich gebrochen durch die Abreiſe von Camille, den ſeine Eltern nach Louiſiana in dem Augen⸗ blick zurückriefen, wo er ſeine Philoſophie beendigen ſollte. Man trennte ſich unter zärtlichen Umarmungen, Die Mohicaner von Paris. n. 8 und verſprach ſich einander wenigſtens einmal alle vier⸗ zehn Tage zu ſchreiben. Die drei erſten Monate hielt Camille das gegebene Wort; dann kamen ſeine Briefe nur noch von Monat zu Monat, dann von drei zu drei Monaten. Was den trenen Bretagner betrifft,— er hielt gewiſſenhaft ſein Verſprechen, und nie gingen vierzehn Tage vorüber⸗ ohne daß er ſeinem Freunde ſchrieb. Am Tage nach der Nacht, die wir im vorhergehen⸗ den Kapitel zu ſchildern verſucht haben, Morgens um zehn Uhr, brachte die alte Portidre dem jungen Manne einen Brief, deſſen geliebten Stempel er ſogleich er⸗ kannte. Der Brief war von Camille. Er kam nach Frankreich zurück. Sein Schreiben ging ihm um einige Tage vorau⸗ Camille verlangte von Colombau, mit ihm in der Welt daſſelbe gemeinſchaftliche Leben wiederanzufangen, das ſie im Collége geführt hatten. „Du haſt drei Zimmer und eine Küche,“ ſchrieb er: „mir die Hälfte Deiner Küche, mir die Hälfte Deiner drei Zimmer!“ „Bei Gott! ich glanbe wohl!“ antwortete laut der Bretagner, tief bewegt durch die unerwartete und un⸗ verhoffte Rückkunft des jungen Mannes. Dann dachte er plötzlich, wenn ſein theurer Camille komme, ſo brauche er ein Bett, eine Toilette, einen Tiſch, und beſonders ein Canapé, auf dem ſich der träge Creole ausſtrecken fönne, um die ſchönen Cigarren zu rauchen, die er ohne Zweifel vom mexicaniſchen Meer⸗ buſen mitbringe,— und er ſtürzte aus dem Zimmer mit den zwei⸗ bis dreihundert Franken Erſparniſſe, die er beſaß, um ſich alle dieſe Dinge erſter Nothwendigkeit zu verſchaffen. Auf der Treppe begegnete er Carmelite. „Oh! mein Gott! wie glücklich ſehen Sie dieſen die ern von aus kom doc Ih gni die den geſe nich deſ ein lei Mie Die Koꝝ Gat Leic Sie Ten Col mir Ihr hab mir verl ier⸗ bene onat hielt zehn hen⸗ um anne er⸗ ran. n der ngen, b er: einer ut der d un⸗ amille einen träge en ze Meer⸗ immer e, die iigkeit dieſen 115 Morgen aus, Herr Colombau!“ ſagte Carmelite, als ſie die Freude auf dem Antlitz ihres Nachbars ſtrahlen ſab. „Oh! mein Fräulein, ich bin glücklich, ſehr glücklich!“ erwiederte Colombau;„es kommt ein Freund von mir von America, von Mexico, von Louiſiana an! ein Freund aus dem Collége, der theuerſte von allen meinen Freunden!“ „Vortrefflich!“ ſagte das Mädchen.„Und wann kommt er an?“ „Ich kann Ihnen den Tag nicht genau ſagen; doch ich wollte, er wäre ſchon hier.“ Carmelite lächelte. „Ah! ich wollte, er wäre ſchon da, wiederhole ich Ihnen, denn ich bin überzengt, es würde Ihnen Ver⸗ gnügen gewähren, ihn zu ſehen und zu hören; es iſt die lebendige Schönheit und Heiterkeit; nie, ſelbſt in den Träumen der Maler, habe ich ein ſchöneres Geſicht geſehen.. ein wenig weibiſch vielleicht,“ fügte er bei, nicht um die Schönheit des Freundes zu vermindern, deſſen Portrait er ſo offenherzig gemacht hatte, ſondern einzig und allein, um in den Gränzen der Wahrheit zu bleiben;—„ein wenig weibiſch; doch gerade dieſe Miene ſteht ſeiner ganzen Perſon bewunderungswürdig. Die Prinzen der Feeumährchen haben keinen anmuthigeren Kopf, die Studenten von Salamanca keinen ſo cavalidren Gang, und unſere Studenten in Paris keine ſo ſorgloſe Leichtigkeit! Ueberdies... ah! das iſt für Sie, die Sie die Muſik lieben: überdies hat er eine bezaubernde Tenorſtimme, und er bedient ſich derſelben wundervoll! Oh! Sie werden die alten Duette hören, die wir im Collége ſangen... Und was die Muſik betrifft, es kam mir heute Nacht, als ich Sie verließ, der Gedanke, Ihnen einen Vorſchlag zu machen: Sie ſagten mir, Sie haben in Saint⸗Denis die Muſik ſtudirt?“ „Ja, ich ſolfeggirte leidlich, und ich hatte, wie man mir ſagte, eine ſchöne Altſtimme. Als ich Saint⸗Denis verließ, bedauerte ich es auch, einmal, weil ich mich von drei guten Freundinnen trenne Ihre Freundſchaft für Herrn und ſodann wegen meiner mu fortſetzen konnte; gewiſſe nert, die ich nicht beit wäre ich eine Stande geweſen.“ „Nun, wenn „ich ſage nicht, ich werde bin nicht eitel genug hiezu laſſen: ohne ſelbſt ſehr ſtark zu ſein, h Collöge vortreffliche Grundſätze von erhalten; ich habe ſeitdem viel Meiſter, Herrn Müller⸗ ſtudirt, und ich ſtelle das Ihrer Verfügung.“ Colombau viel geſagt; außerordentliche, doch der, Umſtand Camille hatte ihn gewiſſer Maße er war entzückt, ſtrahlend, dieſe Kühnheit und Redſel Carmelite nahm Anbieten eines Vermöger geweſen, als dieſer und ſie war im Begriffe erſten Stufen der Treppe caner erblickte, der die vollzogen, un mehrere Male zu ſeinem Sie wollen,“ hielt erſchrocken inne: n mußte, woran mich Camille Rozan erin⸗ ſikaliſchen Studien, mir ſcheint, durch Ar⸗ Stärke zu erlangen im verſetzte Colombau, Ihnen Lectionen geben, ich aber ich werde Sie ſtudiren abe ich doch im einem alten deutſchen Reſultat meiner Kenntniſſe zu er hatte nie ſo in ſeinem friedlichen Leben der Ankunft ſeines Freundes n außer ſich gebracht; berauſcht, und das hatte ihm igkeit verliehen⸗ mit großer Dankbarkeit an; das us wäre ihr nicht ſo angenehm Porſchlag ihres jungen Nachbars, „ihm zu danken, als ſie, die hinaufſteigend, den Domini⸗ Todtenwache bei ihrer Mutter d den ſie ſeit jenem unglücklichen Tage ſchon Freunde hatte kommen ſehen. Sie kehrte errbthend in ihr Zimmer zurück. Golombau, ſeinerſeits, ſchien ganz verlegen. Der Mönch ſchaute Colombau einem Auge voller Vor beſagen:„Ich glaubte a da ich Ihnen me hier iſt aber ein Sie mir nichts geſtanden! erſtaunt und mit würfe an. Dieſer Blick wollte lle Ihre Geheimniſſe zu wiſſen, ine ganze Freundſchaft gegeben habe; ziemlich wichtiges Geheimniß, von den 1 Ank hieß ſein Alle zeln tade The nant welec Leb die und bild bis nur ruhi ihm Zuſt der ſpra würi verze redli und fügte um ſchie ich in⸗ en, Ar⸗ im a, ich iren im chen viel e zu e ſo eben ndes acht; ihm das nehm ars, , die mini⸗ Rutter ſchon ehen. d mit wollte wiſſen, habe; n dem 117 Colombau erröthete wie das Mädchen; und den Ankauf des Zimmergeräthes auf ſpäter verſchiebend, hieß er den jungen Mönch in ſeine Wohnung eintreten. Nach fünf Minuten ſah Dominique tiefer im Herzen ſeines Freundes, als dieſer ſelbſt darin ſah. Colombau hatte ihm übrigens Alles erzählt,— Alles, bis auf die letzte Nacht mit den reizenden Ein⸗ zelnheiten, wovon ſein Herz noch ganz berauſcht war. Colombau wegen dieſer redlichen und keuſchen Liebe tadelnd, wäre der Mönch im Widerſpruche mit ſeinen Theorien über die allgemeine Liebe geweſen: denn er nannte die Liebe den Sinn für die Anderen, unter welcher Form ſie ſich auch offenbarte, den Knoten des Lebens, in dem er ſo das Leben mit einem Baume, die Liebe mit dem Knoten aus dem das Blatt entſteht, und die Menſchheit mit den Früchten, welche die Krone bilden, verglich. Bruder Dominique ſah alſo in dieſer entſtehenden, bis dahin dem jungen Manne unbekannten, Leidenſchaft nur ein belebendes Fieber, deſſen Symptome mehr be⸗ ruhigend, als erſchreckend waren. Andererſeits verzieh er Colombau, daß er nicht mit ihm von ſeiner Liebe geſprochen, da Colömban ſelbſt den Zuſtand ſeines Herzens nicht kannte. In dem Augenblicke, wo er erfuhr, er liebe, war der junge Bretagner darüber faſt erſchrocken. Der Mönch lächelte, nahm ihn bei der Hand und ſprach: „Sie bedürfen dieſer Liebe, mein Freund: ſonſt würde ſich Ihre Jugend in einer apathiſchen Indolenz verzehren. Eine edle Leidenſchaft, wie die, welche Ihr redliches Herz faſſen muß, kann Ihnen nur Kräfte geben und Sie wiedergebären. Sehen Sie dieſe Gärten,“ fügte der Mönch auf die Pflanzſchule deutend bei:„geſtern um dieſe Stunde war die Erde vertrocknet, die Pflanzen ſchienen gelähmt, die Vegetation gehemmt; da iſt der er n, n. er hte n.“ ie e⸗ ich en, af⸗ em en; nen nn, die und äfte ſind, und So g ſie r den ellen: ſch in kein es zu rz iſt u, iſt meine zehren ht be⸗ en des Trüm⸗ 119 „Und Sie können doch nicht lieben, mein Bruder,“ ſagte Colombau. Der junge Mönch lächelte traurig und erwiederte: „Nein, ich kann nicht mit Ihrer irdiſchen, fleiſchli⸗ chen Liebe lieben, denn Gott hat mich für ſich genom⸗ men, doch indem er mich der individuellen Liebe entzogen, hat er mir eine viel mächtigere Liebe gegeben: die Liebe für Alle! Sie lieben eine Fran glühend, mein Freund, ich, ich liebe die Menſchheit leidenſchaftlich! Damit Sie lieben, muß der Gegenſtand Ihrer Liebe jung, reich ſein und Sie durch Gegenliebe belohnen; ich, ich liebe im Gegentheil über Alles die Armen, die Schwachen, die Leidenden, und habe ich nicht die Stärke, diejenigen zu lieben, welche mich haſſen, ſo beklage ich ſie wenigſtens! „Oh! Sie tänſchen ſich, Colombau, wenn Sie mir ſagen, es ſei mir verboten, zu lieben; der Gott, dem ich mich gegeben habe, iſt die Quelle aller Liebe, und es gibt Augenblicke, wo ich, wie die heilige Thereſe, nahe daran bin, über Satan zu weinen, weil er das einzige Geſchöpf, dem es nicht zu lieben erlaubt iſt.“ Das Geſpräch ging lange auf dieſem fruchtbaren Boden fort, auf den es den Bruder Dominique geführt hatte; man ließ alle Eroberungen, die der Menſch den edlen Leidenſchaften des Herzens verdankte, die Revue paſſiren, und nachdenkend ahnte Colombau allmälig, der Monch habe zu dieſer Stunde erſt eine Ecke vom Schleier des Lebens vor ſeinen Augen aufgehoben: un⸗ ter dieſem Worte, das ſo befruchtend wie die großen Tropfen eines Sommerregens, fühlte er ſich beſſer und würdiger, geliebt zu ſein. Der Gedanke, das Mädchen theile vielleicht nicht ſeine Liebe, bot ſich nicht einmal ſeinem Geiſte; unter dieſem Hauche der Wahrheit fühlte er ſeine Lunge behaglicher, und den ernſten, träumeriſchen Bretagner abſtreifend, erſchien er dem Mönche als ein enthuſiaſtiſcher, leidenſchaftlicher junger Mann; man hätte ihn für einen Dichter oder für einen Maler gehal⸗ ten; für einen Dichter, ſo ſehr entlehnten ſeine Ausdrücke Bilder von der großen allgemeinen Poeſie; für einen Maler, ſo ſehr malte er eher, als daß er ſie erzählte, eine Liebe mit den warmen Farben, die er aus ſeinem entflammten Herzen ſchöpfte. Und ohne Zweifel würden ſie den Tag mit dem Auspreſſen der Brüſte dieſer fruchtbaren Iſis, die man die Liebe nennt, zugebracht haben, wäre nicht der Name Colombau, zweimal von einer friſchen Stimme wieder⸗ holt, auf der Treppe ertönt. „Oh!“ rief Colombau,„das iſt die Stimme von Camille!“ Der fromme Bretagner hatte dieſe Stimme ſeit drei Jahren nicht gehört, und dennoch hatte er ſie wiedererkannt. „Colomban! Colombau!“ wiederholte die frendige Stimme. Colombau öffnete die Thüre und empfing Camille in ſeinen Armen. Nie ſchloß ein Blinder, es für ſeinen Freund hal⸗ tend, das Unglück in einer ſo brüderlichen Umarmung an ſeine Bruſt. XLI. Camille. Beim Anblicke von Camille, den er nicht kannte, zog ſich der Bruder Dominique, trotz der dringenden Bitten von Colombau, um ihn zum Bleiben zu bewegen, dis⸗ creter Weiſe zurück. hi „e „ ke en e, m an me er⸗ on rei int. ige ille hal⸗ ung 30 itten dis⸗ Camille folgte ihm mit den Augen, bis ſich die Thüre hinter ihm geſchloſſen hatte. „Ho! ho!“ ſagte er mit einem komiſchen Ernſt, „ein Römer hätte ſich für gewarnt gehalten.“ „Wie ſo?“ „Haſt Du das Sprüchwort der Alten vergeſſen: „Sollteſt Du aus Deinem Hauſe tretend an einen Stein ſtoßen oder einen Raben links ſehen, ſo kehre in Deine Wohnung zurück!““ Eine Wolke der Traurigkeit zog raſch und faſt ſchmerzlich über das ſo offene, ſo freie, ſo heitere Geſicht von Colomban. „Du biſt alſo immer derſelbe, mein armer Camille,“ ſagte er,„und Dein erſtes Wort iſt eine Entzaubernng für den Freund, der Dich ſeit drei Jahren erwartet?“ „Und warum dies?“ „Weil dieſer Rabe, wie Du ihn nennſt. „Du haſt Recht, ich müßte ihn eine Elſter nennen: er iſt halb weiß, halb ſchwarz.“ ß Ein zweiter Schlag ſchlen Colombau ins Herz zu treffen. „Weil dieſer Rabe oder dieſe Elſter, wie Du ſagſt, einer der beſten Menſchen, eine der erhabenſten Intelli⸗ genzen, eines der redlichſten Herzen iſt, die ich kenne. Wirſt Du ihn ſelbſt kennen, ſo iſt es Dir gewiß är⸗ gerlich, daß Du ihn einen Augenblick mit jenen Prieſtern vermengt haſt, welche gegen Gott kämpfen, ſtatt für ihn zu kämpfen, und Du wirſt die kindiſche Benennung, mit der Du ihn begrüßt, bereuen.“ „Ho! ho! immer ernſt und ſententiös wie ein Miſ⸗ ſionär, mein lieber Colombau!“ ſagte lachend Camille. „Nun, es mag ſein! ich habe Unrecht; Du weißt, daß dies meine Gewohnheit iſt; ich bitte Dich um Verzeihung, wenn ich Deinen Freund verleumdet habe,— denn, nicht wahr, dieſer ſchöne Mönch iſt Dein Freund?“ fügte der Americaner mit minder ſpöttiſchem Tone bei. „Und ein aufrichtiger Freund, ja, Camille,“ ſprach ernſt der Bretagner. „Ich berene meinen Spottnamen oder mein Bei⸗ wort, wie Du willſt: doch Du begreifſt, da ich Dich im Collége als einen ziemlich wenig frommen Menſchen ver⸗ laſſen hatte, ſo konnte ich ein wenig erſtaunt ſcheinen⸗ als ich Dich in Conferenz mit einem Mönche fand.“ „Dein Erſtaunen wird aufhören, wenn Du Brnuder Dominique kennen lernſt. Aber,“ ſprach Colombau, in⸗ dem er Ton und Geſicht veränderte und ſeiner Stimme ihre liebkoſende Milde, ſeiner Phyſiognvmie ihr freund⸗ ſchaftliches Anſehen gab,„aber es handelt ſich nicht um Bruder Dominigue, ſondern um Bruder Camille; der Eine iſt mein Bruder Kraft Gottes, der Andere mein Bruder Kraft der Menſchen. Du biſt alſo hier! Du biſt es! Umarme mich noch einmal! Ich kann Dir nicht ſagen, welche Freude mir Dein Brief bereitet hat, und welche Freude mir Deine Gegenwart gewährt und beſon⸗ ders gewähren wird, denn⸗ nicht wahr, wir werden in Gemeinſchaft leben, wie im Collége?“ „Mehr noch als im Collge,“ verſetzte Camille faſt ſo freudig als ſein Freund.„Im Collége waren unſerem gemeinſchaftlichen Leben auf allen Seiten Feſſeln ange⸗ legt; hier haben wir im Gegentheil weder tobende, noch verdrießliche Kameraden zu befürchten, und wir können unſere Tage damit zubringen, daß wir umherlaufen, Muſik machen, ins Theater gehen, und unſere Nächte, daß wir plaudern, was uns im Collsge ſehr ſtrenge ver⸗ boten war. „Ja,“ erwiederte Colombau,„ich erinnere mich der Plandereien des Schlafſaales,— gute, theure Plaude⸗ reien!“ „Beſonders die der Nächte vom Sonntag auf den Montag, nicht wahr?“ „Ja,“ ſprach Colombau, mit einem halb traurigen, halb heiteren Lächeln der Erinnerung,„ja, die der Rächte ——— 8 er ne d⸗ m er ein Du cht nd on⸗ faſt em ge⸗ och nen en, hte, ver⸗ der ude⸗ den gen, ichte 123 vom Sonntag auf den Montag beſonders. Ich ging wenig aus, ich hatte keine Verwandte in Paris, ich blieb den ganzen Tag im Hofe des Collöge mit meinen Gedanken und,— ich rühme mich deſſen,— mit mei⸗ nen Träumen eingeſperrt. Und Du, als ein Herum⸗ ſchwärmer, erwachteſt an dieſem Tage am frühen Mor⸗ gen wie eine Lerche, entflogſt munter ſingend wie ſie, und Gott weiß, auf welche reizende Neſter Du nieder⸗ fielſt! Ich ſah Dich immer ohne Reid, aber mit Bedauern weggehen und Du kamſt doch zu mir beladen mit der Beute des Tages zurück, Du theilteſt ſie mit mir, und wir hatten für die ganze Nacht genug, Du, um die Er⸗ zählung Deiner leichtfertigen Freuden zu geben, ich, um ſie anzuhören.“ „Wir werden dieſes Leben wiederanfangen, Colom⸗ bau, und ſei ruhig, weiſe, wie Du biſt! thöricht, wie ich bin, werde ich noch mehr als eine Nacht damit zubrin⸗ gen, daß ich Hir die Abentener des Tages erzähle, denn ich habe dort gelebt wie ein wahrer Robinſon, und ich hoffe wohl mein Pariſer Leben wieder aufzunehmen, wo ich es verlaſſen habe.“ „Die Jahre haben Dich nicht verändert,“ ſagte freundlich, aber beſorgt der ernſte Bretagner. „Nein! und ſie haben mir beſonders meinen guten Appetit gelaſſen. Sage mir, wo ißt man hier, wenn man Hunger hat?“ „Man hätte im Speiſezimmer gegeſſen, wenn ich benachrichtigt geweſen wäre.“ „Du haſt alſo meinen Brief nicht erhalten?“ „Doch, aber erſt vor einer Stunde.“ „Ohl es iſt wahr, in der That, er iſt mit demſelben Packetboot wie ich abgegangen, er iſt im Havre mit demſelben Packetbvot wie ich angekommen, und er hat vor mir nur den Vorſprung der Poſt vor der Diligence. mehr, Dich zu fragen:„„Wo ißt man „Mein lieber Colombau, es iſt mir nicht unange⸗ nehm, daß Du Dich mit Robinſon verglichen haſt; das beweiſt mir, daß Du an Entbehrungen gewöhnt biſt.“ „Du machſt mich ſchauern, Colombau! keine Scherze dieſer Art; ich bin kein Romanheld: ich eſſe! Ich frage Dich noch einmal: wo ißt man hier?“ „Hier, mein Freund, trifft man ſeine Anordnungen mit der Portidre oder mit einer guten Frau aus der Si die uns Koſt in Bauſch und Bogen gibt.“ „Ja, doch in außerordentlichen Fällen?“ „Man hat Flicoteaux“ „Oh! der wackere Flicoteaux, Place de la Sor⸗ bonne! Flicoteaux beſteht alſo immer noch? er hat noch nicht alle Beefſteaks gegeſſen?“ Und der Americaner rief: „Flicoteaux! ein Beeſſteak mit ungeheuer viel Kar⸗ toffeln!“ Dann nahm er ſeinen Hut. „Wohin gehſt Du?“ fragte Colombeau. „Ich gehe nicht, ich laufe! ich laufe zu Flicoteaux. Läufſt Du mit mir?“ „Nein.“ „Wie, nein?“ „Muß ich Dir nicht ein Bett zum Schlafen, einen Tiſch zum Arbeiten, ein Canapé zum Rauchen kaufen?“ „Ah! was das Rauchen betrifft,— ich habe treff⸗ liche Cigarren von der Havanna! Das heißt, ich habe, wenn die Douane ſo gut ſein will, ſie mir zurückzugeben. S Herren Douaniers müſſen hübſche Puros rau⸗ en „Ich beklage Dein Unglück, doch als Chriſt und nicht als Egviſt: ich rauche nicht.“ „Du biſt voller Laſter, mein lieber Freund, und ich weiß nicht, wo Du eine Fran finden wirſt, die Dich liebt.“ r m ich S me Lie Ot tar ſec tin en er en r⸗ ch 125 Colombau erröthete. „Iſt ſie gefunden?“ ſagte Camille.„Gut!“ Und Colomban die Hand reichend: „Theurer Freund, meinen aufrichtigen Glückwunſch! Das iſt alſo nicht wie bei der Koſt? man findet Solches im Quartier! Colombau, Du kannſt ſicher ſein, daß ich mich, ſobald ich gefrühſtückt, aufs Suchen lege. Ah! es thut mir leid, daß ich Dir nicht eine Negerin mit⸗ gebracht habe... Oh! verachte ſie nicht, es gibt herr⸗ liche! doch die Douaniers bätten ſie mir genommen; außländiſches Fabricat, confiscirt!... Kommſt Du mit?“ „Nein, ſage ich Dir.“ „Ah! es iſt wahr, Du hatteſt nein geſagt. Wa⸗ rum hatteſt Du nein geſagt?“ „Leeres Hirn!“ „Leer? Du biſt nicht der Anſicht meines Vaters, mein Vater behauptet, ich habe eine Krabbe im Hirn... Warum hatteſt Du nein geſagt?“ „Weil ich Deine Wohnung meubliren muß.“ „Das iſt richtig. Menblire eiligſt meine Wohnung, ich laufe, um meinen Magen zu meubliren. In einer Stunde Beide hier? Fa „Willſt Du Geld?“ „Ich danke, ich habe.“ „Gut, wenn Du keines mehr haſt, wirſt Du neh⸗ men.“ „Wo dies?“ fragte Colombau lachend. „In meiner Börſe, wenn ſich darin findet, mein Lieber. Ich bin ſehr reich: Rothſchild iſt nicht mein Oheim, Laffitte iſt nicht mein Pathe! Ich habe ſechs⸗ tauſend Livres jährlich, fünfhundert Vvres monatlich, ſechzehn Franken dreizehn Sous und anderthalb Cen⸗ times täglich. Willſt Du die Tuilerien, Saint⸗Clond 126 oder Rambouillet kaufen? In meiner Börſe ſind drei Monate Vorſchuß.“ Hier zog Camille aus ſeiner Taſche eine Börſe, durch deren Maſchen man das Gold konnte funkeln ſehen. „Wir werden ſpäter hievon ſprechen,“ ſagte Co⸗ lombau. „In einer Stunde komm hierher zurück.“ In einer Stunde, abgemacht.“ „ „Dann: „Va mourir pour ton prince, et moi pour mon pays*)!“ rief Camille. Und er eilte die Stufen hinab, nicht in der Abſicht, für ſeinen Fürſten zu ſterben, wie ſo poetiſch der Vers von Caſimir Delavigne ſagte, ſondern um bei Flicoteaur zu frühſtücken. Colombau ging mit einem ruhigeren, mehr mit ſeinem Charakter harmonirenden Schritte hinab. Sie ſehen, lieber Leſer, der ſpöttiſche Leichtſinn, mit dem Camille die wichtigſten Gegenſtände behandelte, hatte ſich ſogleich bei ſeinem Eintritt bei Colombau durch das erſte Wort, das er in Beziehung auf den Bruder Dominique geſprochen, geoffenbart. Man beſchuldigt die Franzoſen, ſie ſeien herzlos, leichtfertig, ſpöttiſch. Hier war es der Franzoſe, der den ganzen briti⸗ ſchen Ernſt zeigte, und der Americaner, der den ganzen franzöſiſchen Leichtſinn hatte. Wären nicht ſein Alter, ſein Geſicht, ſeine elegante Kleidung, ſeine ansgezeichnete Haltung geweſen, man hätte Camille für einen Pariſer Gamin gehalten; er hatte den Witz, die Lebhaftigkeit, das trenherzige Ge⸗ lächter und die Redeweiſe eines Solchen. *) Stirb für Deinen Fürſten, ich ſterbe für mein Va⸗ terland!. . im ſeit ſer Sc drei rſe, en Co⸗ non cht, ers aux mit inn, elte, urch uder los, riti⸗ azen ante man er Ge⸗ Va⸗ Man mochte ihn immerhin in die Ecke eines Zim⸗ mers ſchieben, in eine Fenſtervertiefung einſperren, zwi⸗ ſchen zwei Thüren mauern und es hier verſuchen, ver⸗ nünftig mit ihm zu reden, eine ernſte Idee in ſeinen Kopf zu bringen,— die erſte Fliege riß ihn mit ſich fort, und er war ſo wenig mehr beim Geſpräche, als der auf der Straße Vorübergehende. Er bot indeſſen den Vortheil, daß man nicht lange mit ihm zu ſprechen brauchte, um ſeinen Charakter zu kennen; nach einer Converſation von fünf Minuten, wenn man nicht etwa ein Sieb im Geiſte hatte, kannte man ihn durch und durch. Sein Geſicht, ſeine Sprache, ſein Gang, ſeine ganze Perſon enthüllten ihn. Es war übrigens ein reizender Cavalier, wie ihn Colombau Carmelite angekündigt hatte. Er hatte vor Allem einen herrlichen Kopf auf einem, ohne mager oder groß zu ſein, ſchlanken Leibe von ſcheinbar zarter Complexion, weil er geſchmeidig und anmuthig. 5 Seine Augen waren lang, lebhaft, von einem in das Kaſtanienbraune fallenden Schwarz, wahre Creolen⸗ augen, ſammetartig mit ſechs Linien langen Wimpern. Sein wundervoll ſchwarzes Haar umgab, wie ein Rahmen von Ebeuholz mit bläulichen Reflexen, ſein fei⸗ nes, leicht bräunlich gefärbtes Geſicht. Die Naſe war gerade, gut proportionirt, an die Stirne wie die Naſe einer griechiſchen Statue ange⸗ ſchloſſen. Der Mund war klein, ſchön, friſch, mit ein wenig gegen außen gebogenen Lippen, Lippen, denen ein Kuß immer zu entſchlüpfen bereit iſt. In ſeinem ganzen Aeußeren, in ſeiner Haltung, in ſeinen Manieren, ſogar in ſeinem Anzuge, obgleich die⸗ ſer reizende Vogel der Tropengegenden, dieſer herrliche chmeiterling des Aequators vielleicht zu ſchreiende Hals⸗ 128 binden, zu bunte Weſten trug, Alles, bis auf ſeine Klei⸗ dung, ſagen wir, hatte ein ſolches Anſehen von Diſtinc⸗ tion, daß ihn die älteſten Marquiſen für einen Edelmann von altem Geſchlechte gehalten hätten. Seine launenhafte, coquette, glühende Schönheit bildete einen ſeltſamen Contraſt mit der ernſten, ſtren⸗ gen, ich möchte beinahe ſagen, granitartigen Schönheit von Colombau. Der Eine hatte die Stärke und die Schönheit des autiken Hercules, der Andere die Weichheit, die jugend⸗ liche Gracie, die Morbidezza von Caſtor, von Antinous und ſogar von Hermaphroditos. Wer immer Beide ſich umſchlungen haltend geſehen hätte, würde nicht begriffen haben, durch welche geheime Sympathien, durch welche myſteriöſe Verwandtſchaften dieſer ſtarke Maun und dieſer ſchwache Jüngling ſich ge⸗ genſeitig in die Arme gezogen fanden; es waren nicht zwei Brüder, denn die Natur hat ein Grauen vor Un⸗ ähnlichkeiten;— es waren alſo zwei Freunde. Doch durch welche unbekannte Bande ſchloſſen ſich ihre zwei Herzen an einander an? Wir haben es im vorhergehenden Kapitel geſagt; der Schutz, mit dem Colombau den jungen Menſchen bedeckt hatte, war unmerklich eine tiefe Freundſchaft ge⸗ worden; ſtatt ſie auf die Einen und die Anderen zu zer⸗ ſtreuen, hatte Colombau in ſeinem Herzen die Reich⸗ thümer der Zuneigung vergraben, die er im Collége für Camille Rozan angehäuft. Er nahm ihn alſo auf, man hat dies geſehen, wie ein Bruder ſeinen vielgeliebten Bruder aufnimmt, und was die Macht ſeiner Freundſchaft beweiſt, iſt der Um⸗ ſtand, daß er den ganzen Tag hindurch die neue Zunei⸗ gung vergaß, die ihm Bruder Dominique enthüllt hatte. Er machte aus dem kleinen Salon, wo er die weni⸗ gen Kameraden aus dem Colläge empfing, die ihn bes ſuchten, das Schlafzimmer von Camille. lei⸗ nc⸗ nn heit en⸗ heit des nd⸗ ous hen ime ften ge⸗ licht Un⸗ ſich agt; ſchen ge* zer⸗ eich⸗ für wie und Um⸗ mei⸗ atte. eni be zurück, daß er zwei Stunden ſpäter, Hauſe komme. Seit zwei Stunden mußte Camille auf ihn warkẽn. kin; er lächelte zum Vo Camille ſagen würde. Da Colombau im Alcoven des anſtoßenden Zimmers ſchlief, ſo waren ſie nur durch eine Scheidewand ge⸗ trennt, welche ſo dünn, daß man aus einer Stube Alles hörte, was in der anderen geſchah oder geſagt wurde. Colombau hatte zuerſt die Tapezirer des Quartier Saint⸗Jarques beſucht, hier aber hatte er, wie man weiß, nur nußbaumene Meubles gefunden, und Colom⸗ bau, der auf einer angemalten Lagerſtätte ſchlief, hatte egriffen, ſein ariſtokratiſcher Freund werde nur Maha⸗ gonimeubles annehmen. Er war allmälig die Rue S gangen, hatte die zwei Arme und ſo die Rue de Cléry erreicht. Dort hatte er gefunden, was er brauchte; ein Bett von Mahagoni, einen Schreibtiſch von Mahagoni, ein Canapé und ſechs Stühle ebenſo. Das koſtete fünfhundert Franken. Da dies gerade das Doppelte der Summe, die beſaß, ſo war er genöthigt, die Differenz zu ent⸗ ehnen. Was das Bettgeräth betrifft, ſo nahm er die zwei Matratzen, den Hauptpfühl und die Decke von ſeinem aint⸗Jacques hinabge⸗ der Seine überſchritten Bette, und behielt für ſich den Strohſack, ein Kiſſen, das Leintuch und ſeinen Wintermantel. Colombau kehrte ganz in Verzweiflung parüber als er geſagt, nach Camille war zum Glücke nicht nach Hauſe gekommen. „Ah! deſto beſſer!“ ſagte Colombau zu ſich ſelbſt. Der liebe Camille, er wird ſein Zimmer bereit finden!“ Colombau wartete den ganzen Tag auf Camille. Camille kam erſt Abends um elf Uhr. Colombau führte ihn ganz ſtrahlend in ſein Zimmer raus über das, was ſein theurer Die Mohicaner von Paris. II⸗ 9 „Uh!“ ſagte dieſer, indem er in ein Gelächter aus⸗ brach,„Mahagonimenbles? Mein Lieber, nur die Neger haben bei uns ſolche Menbles.“ Colombau fühlte ſich zum dritten Male im Herzen getroffen. „Doch gleichviel, lieber Colombau,“ fügte Camille bei,„Du haſt Dein Beſtes gethan. Umarme mich und empfange meinen Dank.“ Und er umarmte Colombau, ohne zu ahnen, wie wehe ihm die Anrede gethan, noch wie wohl ihm der Kuß thun ſollte. XLII. Geſchichte der Prinzeſſin von Vanvres. ——————— Die erſten Tage verliefen mit Erinnerungen an die Vergangenheit und mit der Erzählung der verſchiedenen Abenteuer, deren Opfer oder Held Camille geweſen war. Alle Freuden dieſer reichen, aber mitten in ihrem kamen von der Befriedi⸗ gung, wie alle ihre Traurigkeiten vom Mangel eines Reichthum egoiſtiſchen Natur Vergnügens kamen. Er war viel gereiſt; er hatte Griechenland, Italien, den Orient, America geſehen; ſeine Converſation mußte alſo voll Intereſſe für den Geiſt von Colombau ſein, der begierig war, Alles zu erfahren, Alles kennen zu lernen, Camille war aber weder als Gelehrter, noch al Künſtler, noch in Handelsgeſchäften gereiſt. Er war als Vogel gereiſt, und jeder neue Wind — eger rzen nille und wie der n die denen war. ihrem friedi⸗ eines talien, mußte in, der lernen. ch als Wind hatte von ſeinen Flügeln Alles bis auf den Staub des Landes, das er verließ, geſtreift. Eines war ihm jedoch auf ſeinen Reiſen aufgefallen. Dieſes Eine, was ihm aufgefallen, waren aber we⸗ der die Monumente, noch die Landſchaften, weder die Sitten, noch die Menſchen, weder die Schönheiten der Kunſt, noch die der Natur; nein! was ihn ergriffen, geblendet hatte, das waren die vielfachen Schönheiten der Frau in den verſchiedenen Klimaten. Camille war mehr ein Menſch der Empfindungen, als der Eindrücke; ſeine Glückſeligkeiten verbreiteten ſich durch ſeinen ganzen Körper, doch ſie überſchritten nicht die Oberhaut: er nahm die Freude, das Glück, die Wolluſt, die Liebe, wie man ein Bad nimmt; er blieb mehr oder minder lang darein getaucht, je nachdem ihm das Bad mehr oder minder angenehm war. Daraus ging hervor, daß Camille alle große Wäl⸗ der, alle Urwälder, alle Savannen, alle Seen, alle Prairien, Griechenland mit ſeinen Ruinen, Jeruſalem mit ſeinen Erinnerungen, den Ril mit ſeinen tauſend Städten für den Kuß des erſten ſchönen Mädchens, dem er auf ſeinem Wege begegnet wäre, gegeben hätte. Vergebens verſuchte es Colomban mit einer Hart⸗ näckigkeit, welche von ſeiner Naivetät zeugte, ihn zu be⸗ den verſchiedenen Orten zu ſprechen, die er durchlaufen: er blieb ſtumm; nicht als hätte es ihm an der Form gefehlt, um ſeine Eindrücke wiederzugeben: die Form war im Gegentheil zugleich beſtimmt und ppetiſch; rief ihn aber ſein Freund an die Ufer des Ohio oder in die große Moſchee von Kairo, ſo kam ihm die Erinnerung an eine junge Indianerin mit der rothen Haut oder an eine ſchöne Griechin mit den ſchwarzen Angen in den Kopf, und die ernſte Erzählung lief querfeldein. ls er eines Tages mit Colombau von Griechen⸗ land ſprach, von dieſem claſſiſchen Lande, das mehr als irgend ein tagners erregte, verſucht hatte, ihn zur Inſeln, die er beſucht, Delos, Zea, Pap dieſen Blume deren Namen allein zum Herze mungen jener antiken fünfzehn Jahren tränkt, ſteigen m Einzelheiten ſeine Amathunt, in allen ihren jungen Mädchen der Da hatte erzä bat ihn Colombau nund ihm zu ſagen von Abydos, en wir, von Athen zu ſpreche druck bei ſeiner nach der ſie mi des Collöge gereiſt. Aukun t einander durch den ſt, daß ich mit Dir von Athen rede?“ B zu beſtimmen, zur hos, Cythere, nkörben Poeſie, ft 132 anderes die Begeiſterung des bat ihn dieſer, eſchreibung aller B woran ſich rdanellen, unter hlen laſſen; inſtändig, in dieſer großen nachdem er es verge des Joniſchen n alle jugendliche Bre⸗ bens der pittoresken eſchreibung von Paros, Ithaka, Lesbos, jungen Archipels, Strö⸗ der Geiſt mit achen; nachdem er ihn Liebſchaft mit einem den Oleandern — eines Tags, ſa⸗ ernſt mit ihm „was ſein Ein⸗ Stadt geweſen, Archipel der Bänke „Ahi Du will fragte Camille. „Ja, Du ſollſt mir ſagen, was Du davon denkſt.“ „Was ich von Athen denke?„ Teufel! Ich habe Dir hierüber nichts zu ſagen.“ „Wie, Du haſt mir hierüber nichts zu ſagen?“ „Nein.. Ei! Du kennſt Montmartre, nicht wahr 2 Nun, es iſ herrſcht dieſe Anhöh Camille, rakter lagen ganz ir Er betrachtete derſelben Glei und de welche ſein nnoch Schätze von t auf einer Anhöhe wie e den Piräus.“ Geiſt, ſein Temperament, ſein Cha⸗ n dieſer Schätzung v die ernſteſten chgültigkeit und den w Erinnerungen 5 Gedächtniß der vergeß Eines T ags ſagte ſpieler, der in der ird man liche Creole wied Komödie des Da Montmartre, nur on Athen. Seiten des Lebens mit nſelben Leichtſinn. bei Gelegenheit ſehen, uweilen in ſeinem erfand. Colombau, das heißt der Schau⸗ ſeins von Camille be⸗ 8 n n 8, 8, b⸗ tit hu m rn ſa⸗ hm in⸗ ſen, inke e?“ ſt.“ habe hr? be⸗ Cha⸗ s mit ſehen, einem chau⸗ amille 133 die Rolle des Moraliſten ſpielte,— Colombau ſagte zu ihm: „Höre, Camille, Du kannſt nicht ſo nichsthuend bleiben. Mache Dir Vergnügen, ſo viel Du willſt, wenn es Deine Geſundheit aushält, das iſt Deine Sache; doch das Vergnügen iſt nicht der Zweck des Lebens; der Zweck des Lebens, der wahre Zweck iſt die Arbeit; Du mußt alſo darauf bedacht ſein, etwas zu thun. Jede Beſchäftigung wird Dir überdies das Vergnügen theurer machen; und dann iſt Dein Vermögen nicht ſo groß, daß es Dir nicht eines Tags unzulänglich ſcheinen ſollte, wenn Du heiratheſt und Frau und Kinder haſt. Nimmſt Du gleich beim Eintritt ins Leben die Gewohnheit des Müßiggangs an, ſo wirſt Du nicht mehr im Stande ſein, Dir das abzugewöhnen; Du wirſt nirgends mehr empfangen werden, denn Deine Ruhetage werden die Arbeitsſtunden der Andern ſein. Hätteſt Du einen be⸗ ſchränkten Geiſt, eine ſchwache Einbildungskraft, ſo ließe ich Dich vielleicht nach Deinem Belieben gehen; doch Du haſt ganz im Gegentheil herrliche Anlagen, wunderbare Fähigkeiten... Was kannſt Du thun? Ei! mein Gott! ich weiß es wie Du nicht! Wir werden darüber reden, wenn Du willſt; doch mittlerweile erkenne ich bei Dir eine für alle Arbeiten, ſowohl für die Werke der Kunſt, als für die der Wiſſenſchaft, geeignete Intelligenz; Du kannſt einen guten Advocaten, einen guten Arzt, einen au⸗ ten Compoſiteur geben; Du haſt die Erhabenheit der Mufik: ich habe mehrere von den Melodieen, die Du im Collége gemacht, aufbewahrt, und in einer Entfernung von fünf Jahren häbe ich in dieſen Melodien Motive von be⸗ wunderungswürdiger Friſche und Originalität gefunden. Wähle alſo um Gotteswillen ein Gewerbe! treibe Ju⸗ risprudenz oder Medicin; werde ein Gelehrter oder ein Künſtler; werde aber Etwas! Ich weiß nicht, wie ich Dich leiten ſoll; ich kenne Deine Neigungen nicht ſeit der langen Zeit, daß Du mich verlaſſen haſtz doch glaube mir, mein lieber Camille, es iſt beſſer⸗ Du thuſt irgend eine Arbeit, und wäre ſie auch nicht nach Deinem Ge⸗ ſchmacke, als Du thuſt keine.“ „Ich werde hieran denken,“ erwiederte Camille, wel⸗ cher ausſah, als hätte er eben ſo viel Luſt, zu denken, als ſich zu henken. „Glaubte ich Dir ſo theuer zu ſein, als Du es mir biſt,“ fuhr Colombau mit einem unſtörbaren Ernſte fort, „ſo würde ich Dich mit dem Verluſte meiner Freund⸗ ſchaft bedrohen, wählſt Du nicht irgend einen Stand. Bruder Dominique nennt den Menſchen, der nicht arbei⸗ tet, einen unredlichen Menſchen, und er hat Recht.“ „Es iſt gut,“ ſprach Camille halb heiter, halb eruſt: „man wird ihn wählen, Deinen Stand. Ich denke bei mir ſelbſt hieran, ohne daß ich das Anſehen habe, doch im Grunde denke ich nur hieran: ſo frage ich mich alle Abende, wenn ich mich auskleide, aus welcher gebeimniß⸗ vollen Urſache meine Hoſenträger, welche am Morgen flach und gerade auf meinem Rücken liegen, am Abend wie Kabel zuſammengerollt und verkrümmt ſeien. Nun, mein lieber Freund, dieſe Wahrnehmung hat mich tiefe Reflexionen machen laſſen, und ich glaube, es wäre ein philanthropiſches Werk, eine Verbeſſerung in der Ver⸗ fertigung der Hoſenträger herbeizuführen.“ Colombau gab einen Seufzer von ſich. „Ah! Colombau,“ ſagte Camille:„ſeufze nicht ſo wegen eines Scherzes. Was Teufels wirſt Du bei einem Unglücke machen?.. Morgen laſſe ich mich bei der Rechtsſchule einſchreiben; ich kaufe einen Coder und laſſe ihn in Chagrin binden, damit er ein rührendes Emblem desjenigen ſei, welchen ich Dir verurſacht*).“ „Camille! Camille!“ rief Colombau.„Du bringſt *) Ein unüberſetzbares Wortſpiel: chagrin eine Art von Leder, le chagrin der Kummer. ir t, d⸗ i⸗ ſt: ei ch lle iß⸗ zen end un, efe ein er⸗ ſo nem der laſſe em ingſt n 135 mich in Verzweiflung, und ich befürchte, Du wirſt nie ein Mann.“ Camille ſah, daß er das Geſpräch auf ein anderes Terrain überführen mußte, oder der Dialog würde ſich zur Melancholie hinwenden. „Ah! Du befürchteſt, ich werde nie ein Mann!“ ſagte er;„in jedem Falle iſt dieſe Furcht nicht die Dei⸗ ner Wäſcherin.“ Colombau ſchaute Camille mit der Miene eines Menſchen an, zu dem man mitten in der Converſation plötzlich in einer fremden Sprache ſpricht. „Meine Wäſcherin?“ verſetzte er. „Ah! mein Schalk, Du ſagteſt mir nichts davon, daß Du die Hände mit dieſer Seife waſcheſt!.. Teu⸗ fel! mein Herr Doctor, mein Herr Weiſer, mein heili⸗ ger Hieronymus hat eine achtzehnjährige Wäſcherin, der man wegen ihrer bezaubernden Schönheit einſtimmig den Namen: die Prinzeſſin von Vanvres und die Königin der Mi⸗Caröme*) gegeben! Nun kommt ſein beſter Freund aus den Urwäldern von Amerika zu ihm mit einem aus eben dieſen Wäldern entlehnten Ueberfluſſe an Saft, und der Herr wird zum Verräther an den erſten Pflichten der Gaſtfreundſchaft, indem er vor ſeinem Gaſte ſeine koſtbarſten Schätze verbirgt. Ventre⸗Mahon! wie, ich weiß nicht, welche Perſon von Walter Scott ſagt, ver⸗ ſtehen Sie ſo die elementarſten Regeln der Gemeinſchaft, und iſt nicht eine Art von Verrath in Ihrer Geheim⸗ nißkrämerei?“ „Mein Freund,“ erwiederte Colombau,„Du magſt mir glauben, wenn Du willſt, doch ich kenne nur ſehr wenig das Geſicht meiner Wäſcherin.“ „Du kennſt das Geſicht Deiner Wäſcherin ſehr wenig?“ *) Mitte der Faſten. 136 „Ich ſchwöre es Dir“. „Dann iſt es wohl der Mühe werth, ein ſolches Geſicht zu haben, damit ein dreijähriger Kunde, ein jun⸗ ger Mann von fünfundzwanzig Jahren gar nicht darauf merkt; denn ich habe ſie gefragt, wie lange Du ihr Kunde ſeiſt, und ſie antwortete mir:„„Drei Jahre!““ „Das iſt möglich,“ verſetzte Colombau,„ich habe keinen Grund, die Wäſcherin zu wechſeln, wenn meine Wäſcherin gut wäſcht.“ „Und wenn ſie hübſch iſt!“ „Camille, es gibt gewiſſe Frauen, um deren Schön⸗ heit oder Häßlichkeit ich mich nie bekümmere.“ „Seht doch den Herrn Vicomte von Penhoöl!. Du Ariſtokrat!.. Herr von Béranger mit ſeiner Li⸗ ſette iſt alſo ein Pöbelmenſch? Wer war denn Liſette, wenn nicht die Wäſcherin von Herrn von Béranger? Ah! es iſt wahr, Herr von Béranger hat ein Lied ge⸗ macht, in welchem er ſagt, er ſei nicht adelig, ſondern gemein, ſehr gemein: das erklärt Liſette, Frétillon, Su⸗ zon.. Doch Herr Colombau von Penhoöl, Teufel!““ „Was willſt Du, Camille? es iſt ſo.“ Camille erbob die Arme mit einem komiſchen Mit⸗ leid zum Himmel. „Es iſt ſo?“ ſagte er.„Wie! das höchſte Weſen ſtrengt ſich an, um vor Deine Angen alle Wunder der Schönheit verkörpert in einem einzigen Geſchöpfe zu ſtel⸗ len, und Du, Heide, behaupteſt, Du habeſt etwas Wich⸗ tigeres zu thun, als dieſes Meiſterwerk zu betrachten! Würde der ſelige Raphael die Fornarina mit denſelben Verachtung behandelt haben, wie Du die Prinzeſſin von Vanvres, ſo hätten wir die Madonna della Sedia nicht, Unglücklicher! Und wer war die Fornarina? Eine Wäſcherin, welche ihre Wäſche in der Tiber wuſch. Sage nicht nein: ich habe mich im Hafen der Ripetta er⸗ kundigt.“ „Gut, es mag ſein: ich gebe Alles dies zu. Nun —,— es n⸗ uf . be ne it⸗ ſen der ſtel⸗ ich⸗ ten! ben von dia Fine age er⸗ Nun — 137 ſage: woher kennſt Du meine Wäſcherin, wo haſt Du ſie geſehen?“ „Ah! dahin wollte ich Dich führen! Die Schlangen der Eiferſucht zerreißen Dir die Bruſt, nicht wahr 2“ „Du biſt ein Narr!“ erwiederte Colombau die Ach⸗ ſeln zuckend. „Du gibſt mir Dein Wort, daß Dich die Prinzeſſin von Vanvres nicht beſonders intereſſirt?“ „Oh! das verſichere ich Dir, ſo wahr ich ein Edel⸗ mann bin.“ t „Dieſer Fee des Gewäſſers, dieſer Najade der Seine den Hof machen, hieße alſo nicht auf Deinen Gütern jagen?“ „Nein, hundertmal nein!“ „Dann höre aufmerkſamz ich fange an: „Geſchichte des erſten Zuſammentreffens von Guillaume Felir Camille von Rozan, Creolen von Lyui⸗ ſiana, mit Ihrer Hoheit Mademoiſelle Chante⸗Lilas, Prin⸗ zeſſin von Vanvres, Wäſcherin im Fürſtenthum Van⸗ vres. „Es war geſtern... Ein Romanendichter würde ſagen, es war an einem blendenden Nachmittage des Monats Mai; doch dieſer Romanendichter würde Dich betrügen, mein Lieber, denn es regnete gewaltig, wie Du weißt, da Du den Regenſchirm mitgenommen; ein Grund, der mich in Betracht der Entfernung der Fiacres, welches Beförderungsmittel man nur in den civiliſirten Ländern findet, verhinderte, anszugehen, während Du in der Rechtsſchule warſt. Ich beklage mich nicht hierüber, denn das machte, daß ich in Deiner Abweſenheit das Vergnügen hatte, die Wäſcherin zu empfangen, welche hier ganz durchwäſſert wie der Wein im Collége an⸗ kam... Du erinnerſt Dich unſeres Ueberfluſſes?. Nun, ſo war die Prinzeſſin von Vanvres durchwäſſert. Mein erſter Gedanke, als ich ſie ſo naß ſah, war,— bewundere meine Philoſophie!— mein erſter Gedanke 138 war, einen zweiten Regenſchirm zu kaufen; denn,— be⸗ halte dieſes Axiom wohl, Colombau,— ſo unnütz zwei Regenſchirme ſind, wenn das Wetter ſchön iſt, ebenſo unzulänglich iſt ein Regenſchirm, wenn das Wetter ſchlecht iſt, und man geht Jever ſeinerſeits.“ „Doch das iſt ein Detail. „Deine Wäſcherin kam alſo in Deine Arche, eine weiße Taube! nur kam ſie am Anfange der Sündfluth⸗ ſo daß ſie, als ſie von Deinem Zimmer aus ſah, wel⸗ ches Wetter außen herrſchte, und wie das Gew äſſer, nach dem Worte der Bibel, auf Erden wuchs, daß alle hohen Berge bedeckt wurden, kein Beden⸗ ken trug, das Anerbieten, für den Augenblick hier zu ver⸗ weilen, das ich ihr machte, anzunehmen. „Laß hören, Colombau, was hätteſt Du an meiner Stelle gethan?.. Sprich offenherzig.“ „Ei! fahre in Deiner Erzählung fort, ungezogener Junge!“ erwiederte Colombau, den das Geſchwätze die⸗ ſes Spottvogels unwillkürlich beluſtigte. „Offenbar hätteſt Du, wenn ich Dich gut kenne, entweder die Wäſcherin ſich ganz und gar mit Waſſer füllen laſſen, oder wenn Du menſchlich genug geweſen wäreſt, ihr Dein Dach anzubieten, ſo würdeſt Du ihr den Rücken zugewandt und ſie ſo der Reize Deines Ge⸗ ſichtes beraubt haben; oder Du hätteſt wieder angefan⸗ gen zu leſen und ſie des Zaubers Deiner Converſation beraubt. Das hätteſt Du gethan, nicht wahr? unter dem Vorwande, Herr Edelmann, es gebe Frauen, welche keine Frauen für Sie ſeien! Ich, ich bin nur ein Wil⸗ der; ich habe auch gethan, was der Indianer in ſeinem Wigwam, der Araber unter ſeinem Zelte thut: ich habe gewiſſenhaft alle Pflichten der Gaſtfreundſchaft erfüllt. Die erſte, der ich mich, nach einigen kleinen Redensarten, entledigen zu müſſen glaubte, war die, daß ich ſie ihr Halstuch ablegen ließ, in Betracht, daß es von der Ecke genannten Halstuches auf ihren Rücken rieſelte, wie vom ihr me ob. tet ne e ei ſo ht ne h, el⸗ n⸗ er⸗ ier ner ie⸗ ne, ſer ſen ihr He⸗ an⸗ ion ter che il⸗ em abe illt. en, ihr cke om * Fiſchbeine eines Regenſchirmes; ohne dieſe mildthätige Vorſichtsmaßregel hätte die Prinzeſſin von Vanvres un⸗ fehlbar einen heftigen Katarrh bekommen, und das würde ich mir bitter zum Vorwurfe gemacht haben!.. Ah! ich ſehe von hier aus den ſchlimmen Gedanken, der Dich ſticht, wie Meiſter Amyot ſagt... Nun wohl, nein, ich hatte keine böſe Abſicht, und ich kann, wie Hippolyt, ſagen, der Tag war nicht reiner als der Grund meines Herzens! Der Vers iſt nicht da, und hierüber bin ich entzückt: ich habe die Verſe nie leiden können. Es geſchah, ich wiederhole es Dir, aus reiner Men⸗ ſchenliebe, und zum Beweiſe dient, daß ich ihr, die eiſige Kälte Deines Zimmers für ſie befürchtend, ein Foulard bot, das ſich auf Deinem Stuhle fand. „Wie! Herr Tartuffe hätte es hoffentlich nicht beſ⸗ ſer gemacht? „Es war Dein weißes Foulard, das ſchönſte von allen Deinen Foulards! ich muß Dir ſogar ſagen, daß es die Prinzeſſin mitgenommen hat, im Glauben, es ge⸗ höre ihr. „Doch das iſt abermals ein Detail. „Sobald ſie in dieſer Hinſicht geſchützt war, bot ich ihr einen Stuhl an, doch zu ihrem Ruhme muß ich be⸗ merken, daß ſie ſich weigerte, ſich daraufzu ſetzen, nicht als ob ſie, die Prinzeſſin von Vanvres, ſich unwürdig erach⸗ tet hätte, vor dem Demüthigſten ihrer Diener Platz zu nehmen, ſondern, weil ſie, ganz triefend, wie ſie war, den Utrechter Sammet Deines Mobiliars zu beſchädigen befürchtete... Ich glaubte das wenigſtens aus der Art zu errathen, wie ſie, nach einigen Manieren, einen Platz an meiner Seite auf dem Canapé nahm, das ihr, mit einem Zwilchüberzuge bekleidet, keine Gefahr zu laufen ſchien. „Und was Du mir nun nicht wirſt glanben wollen, o Colomban! Du, der Du die Liſetten leugneſt, die Fré⸗ tillons geringſchäßſt und die Suzons von Herrn von 140 Béranger verachteſt, iſt, daß wenn man unter dem 860 40— 920 55“ weſtlicher Länge und dem 290— 33* nördlicher Länge geboren iſt, nicht ungeſtraft neben ei⸗ nem hübſchen Mädchen ſitzt, und wäre dieſes Mädchen eine Wäſcherinz ſiehſt Du, Colombau, es entſteht zwi⸗ ſchen ihr und uns ein gewiſſes Etwas, das dem gleich⸗ kommt, was unſer Profeſſor der Phyſik im Collége die elektriſchen Strömungen nannte. Dieſe Strömungen,— Du weißt das nicht, Don Sokrates, König der Weiſen! — dieſe Strömungen machen in zehn Minuten im Ge⸗ hirne tauſend muntere Gedanken keimen, wachſen und blühen, welche nie ein Artikel des Codex, ſo hinreißend er auch ſein möchte, ſich erſchließen machen würde. „Ein Gedanke dieſer Art, lieber Freund, trieb mich an, zu ihr zu ſagen: „„Prinzeſſin von Vanvres, bei meiner Ehre, ich finde Eure Hoheit bezaubernd!““ „Und es war ohne Zweifel ein ähnlicher Gedanke, der ſie wie eine Klapperroſe erröthen machte. „So unſchuldig Du biſt, mein lieber Colombau, brauche ich Dir doch nicht zu ſagen: eine Frau, je mehr ſie erröthet, deſto ſchöner iſt ſie. Die Prinzeffin von Van⸗ vres war alſo die Schönſte der Prinzeſſinnen, und mein Kopf fing an ſich zu drehen, als ſich zum Glücke meine Augen, die ſich mit meinem Kopfe drehten, auf das weiße Foulard hefteten, welches ihr Halstuch erſetzt hatte. „Dieſes Foulard, Freund, gehörte Dir; ich wußte nichts von Deiner Antipathie gegen die Feen, die Na⸗ jaden, die Weſſernixen; ich befürchtete zum Verräther an der Freundſchaft zu werden, und dieſe Furcht hielt mich am Rande des Abgrundes zurück. „Du ſchwörſt mir nun, daß Dir die Prinzeſſin von Vanvres fremd iſt: ſehr gut! da ich vom Lande der Abgründe bin, ſo fürchte ich dieſe nicht. Es biete ſich die Gelegenheit, und ich werde mich ganz ſicher hinab⸗ gleiten laſſen!“ 141 Als dieſer Redeſchluß beendigt war, wollte Colom⸗ bau einige Bemerkungen machen; doch Camille fing an mit reizender Stimme zu ſingen: Lisette, ma Lisette, Tu m'as trompé toujours; Mais vivé la grisette!—, .„ Je veun, Lisette,, Boire à nos amours ¹) 4 Und bei den Tönen dieſer harmoniſchen, klangvollen,. zauberhaften Stimme, welche die geheimſten Fibern des Herzens ſchauern machte, wußte Colombau nichts An⸗ deres mehr zu thun, als Beifall zu klatſchen. LL u XLIII. Die Eiche und das Schilfrohr. Dieſe Erzählung vom erſten Zuſammentreffen von Camille mit der Prinzeſſin von Vanvres, eine Erzäh⸗ lung, die wir nicht nur in ihrem Ganzen, ſondern auch in ihren Einzelheiten zu wiederholen verſucht haben, wird beſſer als alle Analyſen, die wir hätten machen können, einen Begriff vom Charakter von Camille, einem Cha⸗ rakter voll Sorgloſigkeit und Heiterkeit, geben. *Liſette, meine Liſette, Du haſt mich immer betrogen; doch es lebe die Griſette! Ich will, Liſette, auf unſere Liebſchaft trinken! 142 Dieſe Heiterkeit, welche unter Männern nicht gerade immer von einem ſehr geläuterten Geſchmacke war, wirkte jedoch auf den ernſten Bretagner ungefähr wie die Schön⸗ thuereien einer Katze oder das Geſchwätz eines Papageis gewirkt haben würden; Camille fing immer damit an, daß er Unrecht hatte, und endigte immer damit, daß er Recht hatte. Es gab indeſſen einen Punkt, an welchem ſeine Be⸗ harrlichkeit ſcheiterte. Das regelmäßige, ſogar monotane Leben, das Co⸗ lombau führte, war nicht gerade das ideale Leben, das Camille geträumt hatte; er fühlte ſich anch unbehaglich und beengt in dieſem friedlichen Winkel. Die Mobilien des Bretagners flößten ihm jene Art von Angſt ein, welche einem jungen Manne ohne Beruf der Anblick ſeiner Zelle beim Eintritt in ein Kloſter einflößen muß. Als Colombau eines Tags von der Schule zurück⸗ kam, fand er oben an ſeinem Bette einen Todtenkopf mit zwei Knochen im Kreuze befeſtigt und darüber die tröſtlichen Worte: Camille, man muß ſterben! Der ernſte, nachdenkende Geiſt des jungen Mannes erſchrak durchaus nicht vor dieſer finſtern Maxime, und er ließ über ſeinem Bette die trübſelige Zierrath, welche Camille hier angebracht hatte. So dünſtete dieſe, in den Angen von Colombau ſo lachende, Wohnung für Camille die Miasmen des Semi⸗ nars aus; Alles reizte ihn auf, Alles ſtimmte ihn trau⸗ rig, bis auf das poetiſche Grab der la Vallidre, das Colombau und Carmelite ſo viel träumen gemacht hatte: dieſes ewige Bild des Todes, das er vor den Angen hatte, ein tröſtliches Bild für eine fromme Seele, em⸗ pörte ihn und gab ihm die bitterſten Sarkasmen ein. „Warum,“ ſagte er zu Colombau,„warum kaufſt ade kte ön⸗ eis an, er o⸗ s lich ien in, lick uß. ick⸗ die nes ind che ſo mi⸗ au⸗ das tte: gen em⸗ ufſt 143 Du nicht ſogleich eine Conceſſion auf einem Kirchhofe? Ließeſt Du die Wände mit einem ſchwarzen Tuche mit ſilbernen Thränen behängen, ſo hätteſt Du Dein Leben lang eine Behauſung von toller Heiterkeit, und Du könn⸗ teſt ſie ſelbſt nach Deinem Hinſcheiden bewohnen.“ Zwanzigmal machte er Colombau den Vorſchlag, das, was er ihre Einkerkerung nannte, gegen eine Woh⸗ nung in Paris, oder wäre es ſogar in den Vor⸗ ſtädten von Paris, wie die Rue de Tournon oder die Rue du Bac, zu vertauſchen. Nie wollte ſich Colombau hiezu herbeilaſſen. Dann hörte Camille, wie einem Geiſte der Fügſam⸗ keit nachgebend, auf, vom Ausziehen zu ſprechen, aber er fuhr fort durch unabläſſige Witze und Einfälle gegen ihre mönchiſche Einkloſterung nach dieſem Ziele hinzuſtre⸗ ben. Obgleich ungeduldiger Natur, hatte er aber, wenn er einen Widerſtand fand, der ſtärker als ſein Wille, eine Geſchmeidigkeit in den Wirbelbeinen ſeiner Einbil⸗ dungskraft, wenn es erlaubt iſt, ſich ſo auszudrücken, die ihm die Leichtigkeit der Ratter, durch die engſten Aus⸗ gänge durchzukommen, verlieh; er temporiſirte alſo und verſuchte es, unter dem Hinderniſſe, das er nicht umzu⸗ ſtürzen vermochte, hinzuſchlüpfen, wobei er ſich, ſo oft ſich die Gelegenheit bot, die ergebene Freundſchaft von Colombau, ſeine Schwäche gegen das verzogene Kind zu Nutze machte; alle ſeine Beſtrebungen waren aber auf den einzigen Punkt gerichtet, ſo ſchnell als möglich daß Quartier Saint⸗Jacques zu verlaſſen. Zu ſeinem Unglücke, abgeſehen vom hohen Preiſe der Hausmiethe in einem anderen Quartier, welcher Preis das Gleichgewicht des Budget von Colombau geſtört hätte, abgeſehen davon, daß dieſer einſame Aufenthalts⸗ ort dem emſig ſeinen Studien obliegenden Bretagner trefflich zuſagte,— zum Unglücke für Camille, ſagen wir, widerſtrebte es Colomban, dieſe Wohnung zu verlaſſen, 144 wo ihm zum erſten Male die Liebe unter ihren friſcheſten Farben erſchienen war. Den Leichtſinn von Camille befürchtend, hatte er es nicht gewagt, ihm das Geheimniß anzuvertrauen, von dem ſein Herz voll war; daher kam es, daß die Hart⸗ näckgkeit von Colombau, weder ſeine Wohnung, noch ſo⸗ gar das Quartier zu verlaſſen, ein Räthſel für den Ame⸗ ricaner blieb. Camille war mehr als einmal Carmelite begegnet, mehr als einmal hatte der feurige Creole die köſtliche Schönheit ſeiner Nachbarin bewundert und Colombau über dieſe reizende Betrübte befragt;— in Trauer um ihre Mutter, war Carmelite ſchwarz gekleidet;— doch Colombau hatte nur kurz geantwortet: „Die Trauer, die dieſe junge Perſon trägt, iſt die um ihre Mutter, ich hoffe, ihr Schmerz wird ſie in Dei⸗ nen Augen ehrwürdig machen.“ Und Camille hatte nicht mehr von Carmelite ge⸗ ſprochen. Nur eines Tages, als er von Paris zurück⸗ kam, wie er ſagte, ſetzte ſich der Creole breit in einen Lehnſtuhl, zündete eine Havanna an und begann folgende Erzählung: „Ich komme vom Luxembourg.. „Sehr gut!“ ſagte Colombau. „Ich bin unſerer Nachbarin begegnet.“ „Wo dies?“ „Ich kehrte nach Hauſe zurück, als ſie ausging.“ Colomban ſchwieg. „Sie hielt ein Päckchen in der Hand.“ „Nun, was ſiehſt Du hierin Intereſſantes?“ „Warte doch.“ „Ich warte, wie Du bemerkſt.“ „Ich fragte den Concierge, was ſie in ihrem Päck⸗ chen habe.“ „Warum dies?“ biſ ein nen nde äck⸗ 145⁵ „Um es zu wiſſen.“ „Ah!“ „Er antwortete mir:„„Hemden.““ Colombau ſchwieg. „Weißt Du aber, für wen dieſe Hemden ſind?“ fuhr Camille fort. „Ei! ich denke für eine Weißzeughandlung.“ „Für die Hoſpitäler und die Klöſter, mein Lieber!“ „Armes Kind!“ murmelte Colombau. „Da fragte ich Marie Jeſiie „Wer iſt das, Marie Jeanne?“ „Deine Portisre! Du wußteſt nicht, daß Deine Por⸗ tiore Marie Jeanne heißt?“ „Nein!“ „Wie! und Du biſt ſeit drei Jahren im Hauſe?“ Colomban machte eine Bewegung mit den Augen, dem Munde und den Schultern, welche beſagen wollte: „In welcher Beziehung intereſſirt es mich, daß meine Portiere Marie Jeanne heißt?“ „Nun!“ ſprach Camille,„das iſt Dein Charakter, doch es handeit ſick nicht um dieſes... Ich fragte alſo Marie Jeanne:„„Wie viel kann dieſe ſchöne junge Per⸗ ſon damit verdienen, daß ſie Hemden für die Klöſter und die Hoſpitäler macht?““ Weißt Du, was ſie verdieut?“ „Nein,“ erwiederte Colombau,„doch ſie muß wenig verdienen.“ „Einen Frank für das Hemd, mein Lieber.“ „Oh! mein Gott!“ „Weißt Du aber, wie viel Zeit ſie braucht, um ein Hemd zu machen?“ „Wie ſoll ich das wiſſen?“ „Es iſt wahr, ich vergaß, daß Du nicht neugierig biſt. Nun wohl, mein Lieber, ſie braucht einen ganzen Tag, um ein Hemd zu machen, und noch indem ſte wie eine Negerin hackt, das heißt von ſechs Uhr Morgens Die Mohicaner von Paris. I. 10 pis zehn Uhr Abends arbeitet, und will ſie dreißig Sous k verdienen,— gerade ſo viel, um ihr Eſſen zu haben, 1 begreiſſt Du?— ſo muß ſie die Nacht dazu verwenden.“ 1 Colomban wiſchte den Schweiß ab, der auf ſeiner Stirne perlte. „Iſt das nicht erſchrecklich?“ fuhr Camille fort. ſ „Antworte, Granitherz! Iſt es möglich, daß Geſchöpfe d des guten Gottes, ſchön, jung, von ausgezeichnetem We⸗ ſen, dieſes Leben der Laſtthiere führenſ?“ „Du haſt Recht, Camille, ſehr Recht!“ ſprach Co⸗ lombau, beinahe ebenſo bewegt durch die Empfindſamkeit e ſeines Freundes, als durch die Armuth des Mädchens, „und ich weiß Dir Dank für Deine Rührung zu Gun⸗ e ſten der fleißigen Frauen, dieſer frommen im Dunklen Waltenden, welche in den Angen Gottes durch ihre be⸗ v harrliche Arbeit den Müßiggang der Andern ſühnen.“ „Gut! das ſagſt Du wohl in Beziehung auf mich? 1 Meinen Dank!... Doch gleichviel! Ueberdies bin ich f auch Deiner Anſicht. Wie!— das iſt eine Schändlich⸗ u keit, bei meinem Ehrenwort!— die Frau.. die Frau, 8 welche Gott in die Welt geſetzt hat, um die Glückſelig⸗ keit des Mannes zu bilden, um ſeine Kinder zu ſchaffen, 3 zu nähren, zu erziehen; dieſes Geſchöpf, gekneiet aus b Roſenblättern, Blumenduft und Thautropfen; dieſes Ge⸗ 1 ſchöpf, deſſen Lächeln für das Herz des Mannes iſt, was der S Sonnenſtrahl für die Natur; dieſes Geſchöpf iſt im Lohne a der Klöſter und der Hoſpitäler um einen Frank im Tage! a Rechnet man die Sonutage und das Feiern ab, ſo macht das kaum dreihundert Franken jährlich!... Da nun, A um die Wohnung ihrer Mutter zu behalten, Deine Nach⸗ ſie Wußteſt Du, daß ſie Carmelite iſt eißt?“ h ß„Ja!“ ſe „Da Deine Nachbarin Carmelite hundert und fünf⸗ fr zig Franken Miethe pezahlt, ſo bleiben ihr für die Klei⸗ tet dung, die Heizung, die Koſt hundert und fünfzig Fran⸗ ken jährlich, das heißt ein und vierzig Centimes täglich, wenn ſie nicht etwa die Nacht zubringt wie den Tag, und dieſe Nachtarbeit würde ihr dann höchſtens fünfzig Franken mehr eintragen!. Und wenn ich bedenke, daß ein Weſen wie ich, meines Gleichen,— nur daß ſie ſchöner iſt, als ich,— zu einer ſolchen Marter ver⸗ dammt ſein ſoll!.. Aber, mein Freund, es gibt keine menſchliche Gerechtigkeit, und man muß eine Revolution machen, um Alles dies zu ändern!“ „Ich glaube,“ ſagte Colombau,„ſie hat nebſt dem eine kleine Penſion von dreihundert Franken.“ „Ah! wahrhaftig, Du glaubſt? dreihundert Franken! eine kleine Penſion von dreihundert Franken, und hundert und fünzig Franken, die ſie verdient, Summe: vierhundert und fünfzig Franken... Und das ſcheint Ihnen genügend, Ihnen, der Sie zwölfhundert Franken jährlich haben? Ah! Herr Philanthrop, vierhundert und fünfzig Franken für dreihundert und fünfundſechzig Tage, und ſogar für dreihundert und ſechsundſechzig, wenn das Jahr ein Schaltjahr iſt, ſcheinen Ihnen genügend, um zu wohnen, ſich zu kleiden, zu frühſtücken, zu Mittag zu eſſen, zu Nacht zu eſſen, ſeinen Stuhl in der Kirche zu bezahlen? Aber, Unglücklicher! wenn die Regierung gend⸗ thigt wäre, die Pflanzen zu nähren, weißt Du, daß der Sauerſtoff und der Kohlenſtoff, die man verdunſten müßte. auf das Doppelte der Summe, welche dieſes arme Kind ausgibt, zu ſtehen kämen?“ „Das iſt wahr,“ erwiederte der Bretagner, der die Armuth von Carmelite noch nicht unter dieſem engen Ge⸗ ſichtspunkte ins Auge gefaßt hatte,„das iſt wahr, das iſt betrübend; ich frage mich, wie ſie es machen kann?“ „Du fragſt Dich das?“ verſetzte Camille entzückt, ſeine Genugthuung an Colombau zu nehmen.„Ah! Du fragſt Dich das? Nun! ich will Dir antworten: ſie arbei⸗ tet faſt alle Rächte bis Morgens um drei Uhr!“ „Das hat Dir die Portiere geſagt?“ 148 „Nein, die Portisre hat es mir nicht geſagt, ich habe es geſehen.“ „Du, Camille?“ „Ja, ich, Camille von Rozan, Creole von Loniſiana, ich häde es geſehen.“ „Wann dies?“ „Eil. eſtern vorgeſtern und die vorher⸗ gehenden Lage.“ „Und wie haſt Du es geſehen?“ „Nicht wahr, ſie iſt nicht reich genug, um bei Nacht eine Lampe oder eine Kerze zu brennen, wenn ſie ſchläft? Sobald nun alſo die Lampe oder die Kerze im Zimmer der Nachbarin brennt, wacht ſie. Es brennt aber alle Rächte die Lampe oder die Kerze in ihrem Zimmer bis Morgens um drei Uhr.“ „Woher weißt Du das, Du, der Du nicht bis um drei ihr Morgens wachſt?“ „Ah! gut! ich wache nicht bis um drei Uhr Mor⸗ gensi wer ſagt Dir das? Nun, darin täuſchſt Du Dich: vorgeſtern, zum Beiſpiel, war Opertag, nicht wahr?“ „Ja, ich glaube... ich weiß es nicht. „Dh! er kenut nicht die Opertage! Montag, Mitt⸗ woch, Freitag, Wilder! Vorgeſtern war alſo Opertag... Montag!“ „Gut.“ „Und wenn Du auch nicht wollteſt, es iſt doch ſo. Nun wohl, als ich aus der Oper wegging, traf ich einen alten Kameraden vom Collége... „Einen Kameraden von uns?“ „Von wem denn?“ „Und welchen?“ „Ludovic.“ „Ah! ja, einer der wackeren Jungen des Collége. Es iſt erſtaunlich, wie man ſich aus dem Geſichte ver⸗ liert!“ „Sprich mir nicht hievon! es würde zu den trau⸗ 1 1, ht er le is rigſten Reflexionen führen, wenn man darüber nach⸗ dächte.“ „Was iſt aus ihm geworden?“ „Er treibt Arzneiwiſſenſchaft: ſie haben Alle die Wuth, etwas zu thun.“ Nur Du „Ah! hiebei erwartete ich Dich, und Du biſt glück⸗ lich hineingetappt... Doch laſſen wir das!.. Er treibt alſo Arzneiwiſſenſchaft.“ „Und es wird ihm gelingen: das iſt eine bewunde⸗ rungswürdige Jutelligenz, nur ein wenig zu materiali⸗ ſtiſch in der Form.“ „Ja, ſehr materialiſtiſch in der Form: die Prinzeſſin von Vanvres wird Dir ein Wort hievon ſagen können.“ „So daß?„ „Ja, ad eventum„. Doch um festinare ad eventum zu können, muß man die Einzelheiten beendi⸗ gen. Ludovic wird Dich beſuchen; Ihr ſeid Nachbarn, ich habe ihm Deine Adreſſe gegeben.“ „Oh ewiger Wiederkäuer, welche Beziehung findet zwiſchen Ludovic...“ „Und Carmelite ſtatt?“ „Das frage ich Dich.“ „Warte, ich will es Dir ſagen!... Das iſt ein wahrer Erwürger der Entwickelungen! Wenn Du The⸗ ſeus geweſen wäreſt, hätteſt Du wohl die Erzählung von Theramen beim zehnten Verſe abgeſchnitten? Und Du hätteſt nie erfahren, daß die Welle, die das Ungeheuer gebracht, vor Schrecken zurückgewichen war; Du hätteſt nicht erfahren, daß der Leib des genannten Ungeheuers mit gelblichen Schuppen bedeckt, daß ſein Kreuz ſich in gekrümmten, umgeſchlagenen Falten bog, lauter Einzelheiten vom größten Intereſſe für einen Vater! Was Teufel! wenn einem Vater ſein Sohn von einem Ungehener gefreſſen worden iſt, ſo iſt es das Wenigſte, daß er weiß, von welchem Ungeheuer, 150 und iſt das Ungehener ſchön, ſo hat er den Troſt, ſich zu ſagen:„„Mein Sohn iſt von einem Ungehener gefreſſen worden, doch das Ungehener, das ihn gefreſſen, iſt ein ſchönes Ungeheuer.““ „Du weißt, daß ich Dich höre?“ „Das iſt Deine Pflicht! Doch ich habe Mitleid mit Bir und kürze ab. Welche Beziehung zwiſchen Lu⸗ dovic und Carmelite ſtattfinde? Ich will es Dir ſagen. Ich traf alſo Ludovic beim Ausgange der Oper.“ „Du haſt mir das ſchon geſagt.“ „Ich wiederhole es Dir. Man begegnet nicht einem Freunde, Du begreifſt das wohl? einem Freunde aus dem Collége, den man ſeit drei Jahren nicht geſehen, ohne das Bedürfniß zu fühlen, ſich einander die Epiſo⸗ den ſeiner Jugend noch einmal zu erzählen. Ich trat folglich mit Ludovic ins Cafs der Oper ein; es handelte ſich darum, der Erzählung Körper zu geben; das iſt ein Detail, das ich Dir erklären muß.. „Uebergehe das Detail.“ „Ja, weil Dir das Detail zur Schande gereicht, nicht wahr, Egoiſt?“ „Alſo das Detail?“ „Höre: Du haſt mich vorgeſtern faſten laſſen, Scheinheiliger!“ „Ich?. „Fin Montag! Allerdings, ohne es zu vermuthen; ich mache Dir auch keinen Vorwurf, ich conſtatire ganz einfach. Da Du mich ohne Dein Wiſſen hatteſt faſten laſſen, in Betracht, daß Du friſches Schweinefleiſch ver⸗ langt, und man uns harte Eier vorſetzte,— eine Me⸗ tamorphoſe, der Du mit Deiner gewöhnlichen Zerſtreuung keine Aufmerkſamkeit ſchenkteſt,— ſo glaubte ich meine Kräfte dadurch wiederherſtellen zu müſſen, daß ich ein Huhn in Geſellſchaft unſeres Freundes Ludovie ſpeiſte. War das Huhn nur ein Vorwand, um zu plaudern, oder die Converſation nur ein Vorwand, um das Huhn ————. — cen 3— zu en ein id n. em en, ſo⸗ rat lte ein en, en; anz ſten er⸗ Re⸗ ung ine ein ſte. rn, uhn 151 zu eſſen? Ich weiß es nicht. Ich muß Dir indeſſen ſagen, daß die Converſation unendlich viel länger währte, als das Huhn, und daß es gegen drei Uhr Morgens war, als ich die Mauern unſeres Kloſters wiedererreichte. Den Himmel anſchauend,— eher im Müſſiggange, als um zu wiſſen, wie das Wetter am andern Tage ſein werde,— erblickte ich durch das Fenſter unſerer Nach⸗ barin die bleiche Helle der Arbeitslampe, und es geſchah in einem reinen Gefühle der Menſchlichkeit, daß ich mich zwei Tage nachher, nämlich heute, als ich ſie mit einem Päckchen in der Hand ausgehen ſah, jener Nachtwache erinnerte und Marie Jeanne befragte Du weißt nun Alles, was Marie Jeanne geantwortet hat. Armes Mädchen!“ „Ja, armes Mädchen! Du haſt Recht, Camille, und noch ärmer, als Du glaubſt; denn ſie hat keinen Verwandten auf dieſer Welt, keinen Freund, keine Zu⸗ neigung!“ „Das iſt ja erſchrecklich!“ rief Camille.„Und, wie! Du, ihr Nachbar ſeit fünf bis ſechs Monaten, ſeit einem Jahre vielleicht, haſt nicht ihre Bekanntſchaft zu machen geſucht?“ „Doch,“ erwiederte ſeufzend der Bretagnerz„ich habe mehrere Male mit ihr geplandert. Und Colombau war vielleicht in dieſem Augenblicke im Begriffe, ſeinem Freunde Alles zu ſagen, hätte dieſer nicht ſein Vertrauen durch eine von jenen Phraſen zu⸗ rückgedrängt, welche Columbau, wenn er eben nachgeben wollte, unabläſſig wieder in den Vertheidigungsſtand verſetzten. „Ah! geheimnißvoller Bretagner!“ rief Camille, „Du haſt mit ihr geplaudert, und Du haſt mir nicht ein Wort von dieſer Plauderei geſagt. Du willſt alſo die Redlichkeit, deren Privilegium Beine Race an ſich ge⸗ riſſen hat, lügen machen, unter dem Vorwande, ſie habe einen harten Kopf und eine viereckige Stirne? In der 152 That, Deine Verſchwiegenheit in Betreff der Prinzeſſin von Vanvres hätte mich müſſen beſtimmen, auf meiner Hut zu ſein. Ich verzeihe Dir nur unter einer Bedin⸗ gung: daß Du mir ſogleich dieſe Paſtorale in allen ihren Einzelheiten erzählſt, und zwar, ohne die rhetoriſchen Blumen zu ſparen; ganz das Gegentheil von Dir in dieſer Hinſicht, liebe ich die langen Erzählungen... Ich nehme eine Cigarre, ich zünde ſie an, und ich höre Dich. Sprich, Colombau, Du ſprichſt ſo gut!“ „Ich verſichere Dir, Camille,“ erwiederte Colom⸗ bau verlegen,„es iſt in unſeren Plandereien nichts für Dich Intereſſantes geweſen.“ „Ah! hiebei faſſe ich Dich, Burſche!“ „Wie ſo?“ „Sagen, es ſei nicht intereſſant für mich, heißt das nicht mit hierunter verſtehen, es ſei intereſſant für Dich? Ich bitte Dich, mir die Nuance von Intereſſe zu ſchil⸗ dern, welche dieſe Converſation für Deinen Geiſt, für Deine Einbildungskraft oder für Dein Herz gehabt hat; mit einem Wort, ich wiederhole Dir in Beziehung auf Carmelite, was ich Dir hinſichtlich der Prinzeſſin von Vanvres geſagt habe; obgleich es mir, deſſen ſei ſicher, nie eingefallen iſt, unſere Nachbarin in dieſelbe Kategorie zu ſetzen, wie meine Prinzeſſin... Dieſe ſchöne Perſon, welche die Nächte damit zubringt, daß ſie Hemden für die Klöſter und die Hoſpitäler macht, intereſſirt ſie Dich beſonders?.. Antworte mir, Co⸗ lombau! Colombau, antworte mir!“ So unmittelbar von ſeinem Freunde aufgefordert, ſtreckte Colombau die Hand gegen ihn aus, berührte mit itſer Hand ſein Knie und ſprach mit ſanftem, ernſtem one: „Höre, Camille, ich will Dir Alles erzählen; aber, um Gottes willen, behandle mein vertrauliches Geſtänd⸗ niß nicht mit Deinem gewöhnlichen Leichtſinne, und be⸗ wahre mein Geheimniß, wie ich es ſelbſt bewahrt haben wi He ſer un ge Ce me ich Ho zu off Du leg We ich den nac nich haſt ſetze von mei nuich Dis denk mir, Gar ung enſch ſin er n⸗ en en in n⸗ ür as E il⸗ ſt, ug ſin ſei ſe o⸗ würde, hätte ich nicht geglaubt einen Winkel meines Herzens vor Dir verbergen, wäre ein Verrath an un⸗ ſerer Freundſchaft.“ Hienach begann Colombau wieder für Camille die umſtändliche Erzählung, die er ſchon Bruder Dominique gemacht hatte. „Und was hat Bruder Dominique geſagt?“ fragte Camille, als ſein Freund zu ſprechen aufgehört. Colombau wiederholte dem jungen Creolen, welche Ermuthigungen ihm der Mönch gegeben. „Ah! gut!“ rief Camille,„das iſt der Geiſtliche meiner Träume! wäre ich der Sohn eines Geiſtlichen, ich wollte nicht, daß mein Vater von einem anderen Holze als dieſer. Er hat ſehr wohl daran gethan, Dich zu ermuthigen, der Bruder Dominique, obſchon Du, offenherzig geſprochen, mir nicht ausſiehſt, als bedürfteſt Du ſehr der Ermuthigung; Feuer an entzündetes Werg legen ſchien mir immer eine müſſige Arbeit zu ſein. Was mich ärgert, iſt, daß ich das nicht errathen habe; ich hätte es doch nach den kindiſchen Reden, die Du in den erſten Tagen nach meiner Ankuuft führteſt, und nach der Hartnäckigkeit, mit der Du dieſes Quartier nicht verlaſſen wollteſt, vermuthen müſſen. Ah! Du haſt wohl daran gethan, mich hievon in Kenntniß zu ſetzen; es war Zeit: morgen rückte ich ins Feld. Doch von dieſem Angenblicke an iſt es vorbei; die Geliebte meines Wirthes iſt wie die Frau von Cäſar: ſie darf nicht einmal beargwohnt ſein! Verlaß Dich auf meine Discretion und ſage mir, wie Du zu handeln ge⸗ denkſt Dein Gang zum Ziele ſcheint mir, erlaube mir, Dir dies zu bemerken, im umgekehrten Verhältniß des Ganges Deiner Leidenſchaft abzunehmen; Du beteſt ungeheuer an, doch Du rückſt nicht vor.“ „Was nennſt Du vorrücken?“ fragte Colombau faſt erſchrocken. „Ei! ich nenne vorrücken Alles, was nicht zurück⸗ 154 weichen heißt, und ich nenne zurückweichen den Rückzug, den Du ſeit einem Monat, daß ich hier bin, operirt haſt. Ah! ich bedenke Eines„. Ich Dummkopf, ich Einfaltspinſel, der ich bin! oh! ich gerupfter Vogel! meine Gegenwart beengt Dich, theurer Freund! Schon morgen befreie ich dich davon.“ „Camille, Camille, mein Freund, überlegſt Du wohl!“ Es war der Löwe im Jardin des Plantes, der in ſeinem Käfich dieſes bellenden Pommers bedurſte. „Gewiß überlege ich, Colombau: ich will der Glückſeligkeit meines einzigen Freundes keine Feſſeln entgegenſetzen.“ „Du feſſelſt mich durchaus nicht, Camille.“ „Oh! ich thue dies übermäßig, und ſchon morgen ſuche ich mir eine Junggeſellenwohnung.“ „Ja, das iſt es,“ ſprach Colombau traurig,„Du willſt mich verlaſſen; Du biſt meiner Nachbarſchaft müde; unſere Freundſchaft iſt Dir beſchwerlich!“ „Ah! Colombau, mein Freund, nun ſprichſt Du Albernheiten!“ 5„Nun wohl, es ſei, geh; doch ich werde mit Dir gehen.“ „Dann lauf zum Hauseigenthümer, und wenn meine Gegenwart Dir nicht unangenehm iſt„ „Kind!“ rief der treffliche Bretagner. „Nun wohl, ſo ſchließe in unſerer Beider Namen einen Vertrag von drei, ſechs, neun vorausgeſetzt, ich wiederhole es Dir, daß... „Camille,“ unterbrach Colombau,„ich liebe Car⸗ melite von ganzer Seele, doch wenn Du mir ſagteſt; „„Colombau, meine Beſitzungen in America ſind in Brand geſteckt worden, ich bin zu Grunde gerichtet, ich muß mir ein neues Vermögen ſchaffen; ſieh meine Arme: ſie ſind ſchwach! Ich brauche Deine beiden kräftigen Arme, Sohn der alten Bretagne!““ Camille, ic zu lie zu cher rgen „Du ſchaft tDu Dir venn amen eſetzt, Car⸗ teſt: d in „ich neine eiden mille, ich würde auf der Stelle gehen, ohne Bedauern, ohne Schmerz, ohne einen Blick zurückzuwerfen, ohne nur ieſern über dieſe Hälfte meines Lebens, die ich hier ließe.“ „Gut! gut! gut! das iſt abgemacht; ich weiß, daß Du es thun würdeſt, wie Du es ſagſt.“ Der Bretagner lächelte traurig und ſprach: „Allerdings würde ich es thun.“ „Nun, laß hören: wohin wird Dich dieſe Liebe noch führen? „Wahrſcheinlich zur Heirath.“ „Ho! ho! mit einem kleinen Mädchen, das Hem⸗ den für die Klöſter und die Hoſpitäler macht, Du, der Vicomte von Penhoöl, der Du aus der Zeit von Ro⸗ bert dem Starken ſtammſt?“ „Es iſt die Tochter eines Kapitäns, eines Officiers der Ehrenlegion.“ „Ja, Kanonenadel... Gleichviel! wenn das Dir zuſagt, wenn es Deinem Vater zuſagt, ſo kann Nie⸗ mand etwas dagegen haben.“ „Mein Vater wird Alles für das Glück ſeines ein⸗ zigen Sohnes thun.“ „Warum nimmſt Du dann die Beſprechungen nicht in Angriff?“ „Ei! mein lieber Camille, ich weiß vor Allem nicht, ob mich Carmelite liebt.“ „Und dann willſt Du, ehe Du Dich auf den dor⸗ nenvollen Pfad wirfſt, den man die Ehe nennt, den Wohlgeruch der blühenden Wieſen der Liebe athmen; gut; das iſt eine Anwandlung von Sinnlichkeit, die ich begreife, ein Raffinement der Wolluſt, das ich ſchätze; mittlerweile wirſt Du aber, wie ich hoffe, das arme Geſchöpf nicht die Angen ſich bei dieſer Spinnenarbeit zu Grunde richten laſſen.“ „Welches Mittel habe ich, um es anders zu ma⸗ chen, Camille? bin ich reich genng, um ihr zu Hülfe zu 156 kommen? wäre ich Millionär, würde ſie das Anerbieten ig einer Unterſtügung annehmen, was wäre die Form, r unter der ich es verkleiden wollte?“ „Sie wird eine Unterſtützung nicht annehmen, doch haſ ſie wird Arbeit annehmen.“ 6 „Wie ſoll ich ihr Arbeit verſchaffen?“ „Oh! wie ſchwerfällig biſt Du, Freund!“ „Erkläre mir das; Du machſt mich vor Ungeduld Ge ſterben!“ „Einer meiner Freunde von den Colonien hat mich a beauftragt, ihm ſechs Dutzend Hemden, halb von hollän⸗ ſche diſcher Leinwand, halb von Batiſt zu ſchicken; ich habe 3 den Stoff dieſer Tage gekauft, und man bringt ihn mir Z heute Abend oder morgen. Der Freund, der mir dieſen 5 Auftrag gibt, hat im Durchſchnitt den Preis von jedem Sit Hemd zu fünfundzwanzig Franken heſtimmt; man braucht i für ein Männerhemd drei Motres fünfundzwanzig Cen⸗ z timotres Stoff: nehmen wir die Leinwand zu fünf Fran⸗ verf ken an, ſo macht das ſechzehn Franken fünfundzwanzig Gen Centimes für das Hemd; es bleiben alſo acht Franken Pen fünfundſiebzig Centimes für die Fagon. Nun wohl, Fe wir geben dieſe Hemden der Nachbarin zu machen; es das ſcheint, ſie arbeitet wie eine Fee; ſie wird acht Franken fünfundſiebenzig Centimes für das Hemd verdienen, ſtatt Shr eines Franks... Iſt das klar?“ „Sie wird das nicht annehmen,“ erwiederte Co⸗ richt lombau den Kopf ſchüttelnd. 6s i „Wie, ſie wird es nicht annehmen?“ und „Sie wird glauben, es ſei nur ein ſinnreiches Mittel, um ihr zu Hülfe zu kommen; ſie kennt den Preis der Arbeit, und iſt die Rede von der fabelhaften Ziffer, die Du nennſt, ſo wird ſie es ausſchlagen.“ „Oh! was für ein halsſtarriger Bretagner biſt Du! lerin Wie ſollte ſie ſich weigern, für ihre Arbeit den Preis anzunehmen, den man mich in einem großen Verfer⸗ verw eten orm, doch duld mich län⸗ ae mir eſen dem ucht Cen⸗ ran⸗ uzig nken ohl, nken ſtatt Co⸗ iches reis ffer, Du! reis rfer⸗ tigungsmagazine bezahlen läßt? Was Teufels, ich werde ihr meine Rechnungen zeigen!“ „Auf dieſe Art ſcheint mir die Sache annehmbar, und ich danke Dir aufrichtig, daß Du die Idee gehabt haſt.“ „Nun, ſo ſchlage es ihr heute Abend vor.“ „Ich werde daran denken.“ „Denke zugleich daran, daß Hemden nähen kein Gewerbe iſt. Ich bin in der Welt umhergelaufen und habe zuweilen,— das wird Dich lachen machen,— ich habe zuweilen, ein Widerſpiel von vielen Anderen, welche ſchauen, ohne zu ſehen, geſehen, ohne zu ſchanen. Ich habe geſehen, daß die Zeit nicht fern iſt, wo die Maſchinen in einer Stunde die Nadelarbeit verrichten werden, welche hundert Frauen nicht in einer Woche verrichten. Schau die indiſchen Kaſchemire an: ein ganzes Dorf arbeitet ſechs Monate, um einen Shawl zu machen, den die Lyoner Werkſtühle in zwölf Stunden verfertigen!.. Nun, man muß Carmelite ein anderes Gewerbe ſuchen, welches, im Falle der Herr Graf von Penhoöl ſeinem Herrn Sohne nicht erlauben ſollte, eine Hemdenmacherin zu heirathen, wenigſtens erlaubt, daß das arme Mädchen nicht Hungers ſtirbt.“ Colomban ſchaute Camille mit Augen voll von Thränen an. „Ich habe Dich nie ſo ernſt, ſo gut, und ſo richtig urtheilend geſehen, Camille! ich danke Dir; denn es iſt Deine Freuudſchaft für mich, was Dich beſeelt und leitet.“ Doch ohne bei dieſen liebevolen Schmeicheleien zu verweilen, fragte Camille: „Haſt Du mir nicht geſagt, ſie liebe die Muſik?“ „Leidenſchaftlich! ſie iſt ſogar eine gute Tonkünſt⸗ lerin, wie ich glaube.“ „Haſt Du ſie ſingen oder ſpielen hören?“ „Nie; die Arme hat kein Klavier.“ 158 „Sie wird eines haben.“ „Wie ſo?“ „Ich weiß es nicht; doch ich ſage Dir, ſie wird eines haben.“ „Du willſt augenblicklich zu weit gehen, Camille.“ „Ich werde nicht weit gehen, um ein Klavier für ſie zu finden: es wird das Deinige ſein.“ „Wie, das meinige?“ „Allerdings.“ „Mein Klavier iſt aber ein alter Kaſten.“ „Ich weiß es wohl, und gerade deshalb.“ wirſt ihr ein ſchlechtes Klavier geben? pfui doch!“ „Oh! wie einfältig biſt Du, lieber Freund!“ „Ich danke Dir.“ „Nein, das iſt ein Freundſchaftswort. Doch be⸗ greifſt Du, ich habe Dir hundertmal geſagt, ich könne Dein Klavier nicht leiden, ſein Ton ſei zu boch für mich.. Was für eine Stimme hat ſie?“ „Eine Altſtimme.“ „Gut ſo! Du haſt eine Barytonſtimme. Wir wer⸗ den Dein Klavier vertanſchen; ich lege fünfhundert Fran⸗ ken darauf: Ihr habt ein vortreffliches Klavſer! Iſt ein Klavier nicht wie ein Regenſchirm? Ein einziges genügt für zwei und ſogar für drei.“ „Aber, Camille... „Es iſt ſchon geſchehen: das Klavier iſt gekauft; morgen wird es hier ſein.“ „Du täuſchſt mich, Camille!“ „Es iſt, wie ich Dir zu ſagen die Ehre habe. Ich wollte Dir dieſe Ueberraſchung an Deinem Namenstage bereiten, weil aber Dein Namenstag vorüber iſt, ſo habe ich ſie auf Deinen Geburtstag verſchoben; nur, da Dein Geburtstag noch nicht gekommen iſt, und es mich langweilt, auf einem für mich zu hohen Klavier zu ſpielen, gebe ich Dir den Gegenſtand morgen, das heißt Tai mu ren Fre liche der ſprie unſe habe hera dieſe iſt, ausf lohnt mäßi B age der beſeit mach vird ſle.“ für pfui be⸗ önne für wer⸗ Fran⸗ tein nügt uft; Ich tage r„ da mich r zu heißt 159 am Geburtstage Deines Vaters, Deines Oheims, Deiner Tante oder eines Deiner Vetter. Was Teufel! es muß wohl Jemand von Deiner Familie morgen gebo⸗ ren ſein!“ 3 rief der Bretagner,„Dank, mein reund! Dank!“ XLIV. La Gemma di Parigi. Trotz des Umfangs des Buches, das wir veröffent⸗ lichen, und des Vergnügens, das ein Autor immer in der Analyſe des Charakters ſeiner Perſonen findet, ent⸗ ſpricht es nicht unſerem Plane, Tag für Tag das Leben unſerer drei jungen Leute zu verfolgen, was wir gethan haben würden, hätten wir ihre Geſchichte abgeſondert herausgegeben, was wir aber nicht wagen wollen, ſobald dieſe Geſchichte nur eine Epiſode des großen Ganzen iſt, das wir der Neugierde unſerer Leſer überliefern. Wir ſagen alſo nur, daß Camille ſeine Entwürfe ausführte, wie er ſie Colombau auseinandergeſetzt hatte. Carmelite, welche keine Einwendung gegen die Be⸗ lohnung ihrer Arbeit zu machen hatte, als ſie den über⸗ mäßigen Betrag der Rechnungen von Camille ſah, nahm das Anerbieten des jungen Mannes an, und von dieſem Tage, da der Vermittler, dieſer Blutegel, der ſich von der Subſtanz des Erzeugers und des Käufers mäſtet, beſeitigt war, trat der Wohlſtand in das Haus ein; nur machte Carmelite mehr Schwierigkeiten in Betreff des neu gekanften Klaviers, das von der Wohnung der zwei Freunde in die ihrige verſetzt werden ſollte. Doch be⸗ drängt von Colomban, für den ſie eine mit Ehrfurcht gemiſchte Zuneigung hegte, entſchloß ſie ſich, ihre Thüre dem melodiſchen Gaſte zu öffnen. Mehr noch: ſie willigte ein, Lectionen im Geſange zu nehlmen, welche ihr die zwei jungen Leute abwechſelnd zu geben ſich anheiſchig machten. Die ſchwierigſten Stücke entzifferte Carmelite mit dem erſten Blicke, und ſie führte dieſelben glänzend aus; ihr Fingerſatz war elegant; ihre Unwiſſenheit in der Muſik kam aber wenigſtens ihrer Unwiſſenheit in der Liebe gleich. Sie ſpielte, ohne genau den Werth deſſen, was ſie ſpielte, zu kennen, und das iſt,— man erlaube einen Augenblick einem Profanen, ſich in eine Sache zu miſchen, die ihn nichts angeht,— das iſt das große Laſter der muſikaliſchen Bildung, welche die Mädchen in den Pen⸗ ſionats erhalten. Man füllt den Kopf der Zöglinge mit einer abſcheulichen Muſik unter dem Vorwande, das ſei die leichte Muſik. So ſei der Profeſſor unglücklicher Weiſe mit einer von jenen Stimmen begabt, die man Salonſtimmen nenunt,— was klar eine für das Theater unmögliche Stimme bezeichnet,— er habe überdirs das endemiſche Fieber der Sänger, das darin beſteht, daß man ſelbſt Romanzen componirt, als wäre es genügend, irgend eine Stimme zu haben, um Muſiker zu ſein; nun, dieſer Profeſſor wird allen den jungen Köpfen Fautaſien von einem faſt zweideutigen Geſchmacke ein⸗ gießen; ſingt er nicht, ſo iſt die Gefahr ungefähr die⸗ ſelbe: ſtatt ſeiner Romanzen wird er ſeine Quadrillen, ſeine Walzer, ſeine Galoppe, ſeine Fantaſien, ſeine Va⸗ riationen, ſeine Capricen auferlegen,— traurige Ca⸗ pricen! einfältige Variationen! Um Gottes willen! meine Damen Penſionsvorſte⸗ herinnen, verlangen Sie doch von Ihren Profeſſoren, all An dri ſie Ler Fr Mi dar ben tere in die die im Rhe zwei be⸗ ucht hüre nge elnd mit aus; der der s ſie inen chen, der Pen⸗ linge das icher man eater das daß gend, ſein; öpfen ein⸗ die⸗ illen, Va⸗ Ca⸗ orſte⸗ oren, 161 daß ſie die Muſik lehren, die ſie gelernt haben, und nicht die, welche Sie machen! Wie! Sie haben die unübertreffli⸗ chen Werke der großen Meiſter, der rieſigen Genies, die man Haydn, Händel, Gluck, Mozart, Weber und Beetho⸗ ven neunt, und Sie genehmigen die Gavotten dieſer Herren? Man ſollte glauben, das ſei unmöglich! Durchaus nicht: die Sache geſchieht im Gegentheil alle Tage. Die arme Carmelite mit allen ihren natürlichen Anlagen war ſie ſo: man hatte ihr immer nur Muſik dritten oder vierten Ranges in die Hände gegeben, und ſie wußte nichts von allen Zaubern der wahren Muſik. Sie empfing auch die erſten Worte der zwei jungen Leute über dieſen Gegenſtand mit Begeiſterung. Das war ganz einfach eine Offenbarung. Nur entſpann ſich ein Streit zwiſchen den zwei Freunden. Ernſt wie ein Deutſcher, überdies ein Schüler von Müller, fand Colomban die ganze Formel ſeiner Ge⸗ danken und ſeiner Träumereien in der deutſchen Muſik. Lebhaft und leicht wie ein Neapolitaner, begriff und bewunderte Camille nur die italieniſche Muſik. Zwiſchen ihren Geſchmacksrichtungen in der Muſik war gerade der Unterſchied, der zwiſchen ihren Charak⸗ teren ſtattfand. Tauſend Diseuſſionen erhoben ſich unter ihnen in Betreff der muſikaliſchen Bildung von Carmelite. „Die deutſche Mufik,“ ſagte Colombau,„das ſind die menſchlichen Leidenſchaften in Muſik geſetzt.“ „Die italieniſche Muſik,“ ſagte Camille,„das iſt die Träumerei in den Geſang gebracht.“ „Die deutſche Muſik iſt tief und traurig wie der im Schatten ſeiner Tannen und ſeiner Felſen fließende Rhein,“ ſagte Colomban. „Die italieniſche Muſik iſt heiter und azurblan wie Die Mohicaner von Paris. U. 11 162 das Mittelländiſche Meer im Schatten der Oleander,“ ſagte Camille. Der Kampf würde ewig gewährt haben, hätte der ver⸗ nünftige Bretagner nicht einen Waffenſtillſtand vorgeſchlagen. Eolombau erbot ſich, das Mädchen gleichzeitig die Mu⸗ ſik von Beethoven und von Cimaroſa, von Mozart und von Roſſini, von Weber und von Bellini ſtudiren zu laſſen. Die zwei Straßen waren verſchieden, führten aber auf einem Umwege zu demſelben Ziele. Man fing alſo an, und Carmelite erhielt Lectionen von beiden Freunden. Nach Verlauf von drei Monaten war ſie im Stande, ein Terzett ausgezeichnet mit ihnen zu ſingen. Von dieſem Tage an war das Glück in das Haus eingezogen, wie drei Monate vorher der Wohlſtand durch dieſelbe Thüre und auf demſelben Wege eingezogen war. Man kam faſt alle Abende im kleinen Salon des Mädchens zuſammen,— Camille, der erfindſame Menſch, hatte eines Tags die Idee gehabt, die Tapete in Ab⸗ weſenheit von Carmelite erneuern zu laſſen, um der Waiſe ſo viel als möglich das grauſame Andenken an das Zimmer, wo ihre Mutter geſtorben, zu erſparen; man prachte hier zwiſchen ſieben und zwölf Uhr köſtliche Abende zu, welche ſo raſch verlaufen zu ſehen man ganz erſtaunt war. Begabt mit einer Barytonſtimme von wunderbarem umfange, ſang Colombau bald ein Stück von Weber oder Mozart, bald eine Arie von Mehul oder Grétry. Camille hatte eine Tenorſtimme von engeliſcher Milde, Reinheit und Lieblichkeit. Sang er die bekannte Arie von Joſeph, ſo hatte ſein Ausdruck eine ſolche Zartheit, eine ſo tiefe Traurigkeit, daß weder Colombau, noch das Mädchen ihn bis zum Ende hören konnten, ohne daß ſich ihre Augen von Thränen befeuchteten. Carmelite wagte es nicht, allein zu ſingen; ſie hatte bis dahin ihre Stimme, und zwar ſchüchtern, nur er⸗ en. u⸗ nd ber ien de, ns rch ar. des ſch, Ab⸗ der an en; iche nan rem der cher inte lche a, ten, ſie nur 163 in Duetten mit dem Einen oder dem Andern der zwei Freunde oder in Terzetten mit Beiden hören laſſen. Es war eine Stimme von bedeutendem Umfang und außerordentlicher Stärke; bei gewiſſen Melodien in Moll kamen aus dieſem Kindermunde Noten ergrei⸗ fend wie die Töne einer Trompete bei einem Todten⸗ marſche. In anderen Angenblicken ſchluchzte dieſe Stimme wie die Töne eines Violoncells. Dann waren wieder die Noten, welche daraus her⸗ vorgingen, ſanft wie die Töne einer Kriſtallflöte oder die Klänge des Hautbois. Die zwei Freunde hörten ſie mit Entzücken an, und Camille, der ſonſt nicht einen Tag in der Oper fehlte, hatte keinen Fuß mehr dahin geſetzt, ſeitdem er das ge⸗ hört hatte, was er die Perle von Paris, la gemma di Parigi, nannte. Beide waren erſtaunt über die Fort⸗ ſchritte, welche Carmelite von Stunde zu Stunde machte. Eines Abends waren ſie wie verblüfft, als ſie Car⸗ melite die ganze Partitur von Don Juan, die ſie ihr erſt den Tag vorher gegeben, ſingen hörten. Sie beſaß in der That ein wunderbares Gedächtniß: es war für ſie hinreichend, ein Stück ein einziges Mal zu hören, um es eine Viertelſtunde nachher Note für Note zu wie⸗ derholen. Colombau hatte eine ganze Sammlung von deut⸗ ſcher Muſik: doch in ein paar Ronaten war ſie er⸗ ſchöpft. Dann übernahm es Camille, für die Bedürf⸗ niſſe der philharmoniſchen Geſellſchaft zu ſorgen; er durch⸗ ſtörte alle Magazine und wählte mit Recht Stücke von ſeinen Lieblingsmeiſtern, welche Colombau aber Werke aus den Zeiten des verdorbenen Lateins nannte. Carmelite verſchlang mit fieberhaftem Eifer alle Partituren, und nach ünd nach ſchmückte ſich ihr Kopf mit den Hauptwerken aller großen Meiſter; und da ſie über dem Geſange das Spiel nicht vernachläſſigte, 164 ſo war ſie nach einiger Zeit eine Tonkünſtlerin von aus⸗ gezeichnetem Wiſſen und Talent geworden. Die Abende vergingen ſo damit, daß man einander ſingen hörte; das war die Hauptbeſchäftigung; dann, nach jedem Stücke, kam ein witziger Einfall von Camille, ein un⸗ widerſtehlicher Einfall, der ſeine Zuhörer wie tolle Kinder lachen machte. Oder war es auch ein Reiſeabenteuer, ein piquan⸗ tes oder verwegenes Abenteuer, doch immer züchtig erzählt. Eines ſetzte Colomban beſonders in Erſtaunen: daß dieſer gleichgültige Reiſende, welcher für ihn Italien, Griechenland, Kleinaſien als ein Zugvogel, der nichts geſe⸗ hen, nichts behalten, nichts begriffen, beſucht hatte, ſeit⸗ dem er Carmelite ſeine Reiſen erzählte, zugleich als Ge⸗ lehrter, als Maler und als Dichter gereiſt war. Bald erzählte er ſeine Forſchungen unter Ruinen; bald ſeine Spaziergänge im Mondſcheine am Ufer der großen Seen; ſeine Lagerungen in der Wüſte oder in den Ur⸗ wäldern; und dann war es ein neuer Camille, ein unbe⸗ kaunter Camille mit Erzählungen voller Farbe, Leiden⸗ ſchaft, Begeiſterung und Treuherzigkeit. Colombau war ganz verwundert über die Metamor⸗ phoſe; ſein Freund erſchien ihm in einem blendenden Glanze. Das war nicht mehr der leichtſinnige, windige, ſorgloſe, prahleriſche Junge: es war ein reizender Ca⸗ valier, der zugleich die Eigenſchaften und die Diſtinction des Mannes der Geſellſchaft, das Ungeſtüm, die Leiden⸗ ſchaft und das Abenteuerliche des Künſtlers vereinigte. Wer hatte dieſes Wunder bewirkt? Colombau wußte es nicht; auch fiel es ihm nicht ein, ſich das zu fragen. Wir aber, meine Leſer, die wir neugieriger ſind als der Bretagner, ſuchen wir mit einander, woher dieſe Veränderung im Geiſte und in den Manieren von Ca⸗ mille von Rozan kam, wie er ſich zuweilen ſelbſt halb im Scherze, halb ſtolz nannte. Die Uürſache dieſer Veränderung iſt nicht ſchwer zu finden. ——— u1 fü w kei ha ha 8⸗ er ch n⸗ er n⸗ lt. aß u, ſe⸗ it⸗ ze⸗ ald ne en lr⸗ be⸗ en⸗ or⸗ den ige, Ca⸗ tion en⸗ gte. ßte en. ſind ieſe Ca⸗ ab en. 165 Haben Sie einen Pfauen allein auf der ſcharfen Kante eines Daches ſpazieren gehen ſehen? Es kann nichts Schöneres, zugleich aber auch nichts ſo Trauriges und beſonders in ſeine Perſon ſo Vernarrtes geben! nur, wenn er eine Pfauin erblickt, hebt er ſogleich ſeinen Fä⸗ cher von Diamanten, Perlen und Rubinen empor. Nun wohl, die Diamanten, die Perlen und die Ru⸗ bine, mit denen die Erzählungen von Camille beſäet waren, ſtrahlten auf dieſe Art unter den Blicken des Mädchens. Er ſchlug das Rad, wie eine triviale, aber aus⸗ drucksvolle Phraſe ſagt. Würde er zwanzig Jahre mit Colombau gelebt ha⸗ ben, er hätte der Freundſchaft nicht die Ehre erwieſen, für ſie einen von den Edelſteinen ſeines reichen Schmuck⸗ käſtchens auszulegen. Doch für den geheimnißvollen, unbekannten Gott, der unſichtbar über dem Haupte der Mädchen ſchwebt, hatte Camille nicht genng Schätze der Schönheit, des Geiſtes und der Einbildungskraft. Es iſt mit zwei alten Freunden wie mit dem Manne und der Frau; ſie halten ſich nicht für verbunden, ſich für einander in Unkoſten zu ſetzen; doch es erſcheine ein Dritter, und auf der Stelle wird das Geſpräch funkelnd werden, wie das von zwei Stummen, welche plötzlich die Sprache wiederfinden. Der ehrliche Colomban ſchrieb die frühere Schweig⸗ ſamkeit und die gegenwärtige Zungenfertigkeit von Camille keiner andern Urſache, als dem ungleichen und launen⸗ haften Charakter des jungen Mannes zu. Für Carmelite, welche, in der ſtrengen Penſion von Saint⸗Denis erzogen, ſodann Krankenwärterin ihrer Mutter und Zeuge von ihrem Tode geworden war, hatte die Traurigkeit bis dahin den wahren Grund ihres Lebens gebildet, und der ernſte Bretagner ſetzte ohne ſein Wiſſen und ſogar ohne Wiſſen des Mädchens die 166 wohlthätigen, aber betrübenden Lectionen des Penſio⸗ nats fort. Würde in dieſem Angenblicke gerade zu ihrem Her⸗ zen gehend eine unmittelbare Aufforderung ſie gefragt haben, welchen von den zwei jungen Leuten ſie am mei⸗ ſten liebe, ſie hätte unzweifelhaft, ohne Zögern, mit na⸗ türlichem Inſtinct, in einer unwiderſtehlichen Hinreißung, Colombau bezeichnet. Weit entfernt, ſie zurückzuſtoßen, zog ſie ſein ern⸗ ſter Charakter an; ſie begegneten einander jeden Augen⸗ ti in den Schätzungen, die ſie über alle Gegenſtände egten. Camille aber hatte einen dem von Carmelite ganz entgegengeſetzten Charakter: ſeine Lebhaftigkeiten beun⸗ ruhigten ſie; ſein Leichtſinn war ihr anſtößig; ſie war immer bereit, ihn als ältere Schweſter wie einen Schü⸗ ler auszuzanken, denn ihre kräftige, entſchloſſene Natur hatte ihr über Camille ein wenig von der Herrſchaft ge⸗ geben, welche Colombau ſchon im Collége über ſeinen americaniſchen Mitſchüler gewonnen. Sie hatte für ihn viel mehr die Sorgſamkeit, die man für die Kinder hegt, als die Zärtlichkeit, welche man für einen jungen Mann empfindet. Wenn ſie arbeitete oder allein ſein wollte, und Ca⸗ mille trat unverſehens ein, war ſie nicht verlegen, ihm zu ſagen:„Gehen Sie, Sie beläſtigen mich.“ ₰ Rie hätte ſie es gewagt, ein ſolches Wort zu Co⸗ lombau zu ſprechen. Colomban beläſtigte ſie übrigens auch nie. Eine Folge hievon war, daß Carmelite ſelbſt ſich über ihre Gefühle tänſchte; ſie hielt allmälig die Ver⸗ traulichkeit, die ſich zwiſchen ihr und Camille gründete, für eine größere Lebhaftigkeit der Zuneigung; ſie hielt für Furcht die ehrerbietige, aber tiefe Liebe, die ſie mit Colomban verband. Colomban ſchien ſie zurückzuhalten; Camille ſchien ſie fortzureißen. Sie wurde von Colomban geliebt; ſie wurde von Camille verführt. Wie erſchaut die Kindheit das Leben, wenn nicht als ein Gewinde von Blumen, deren ſchönſte die glän⸗ zendſte iſt? wie erſchaut ein junges Mädchen das Le⸗ ben, wenn nicht als ein gelobtes Land, wo ſie den Kranz ihrer Träume ſoll entblättern können. Das Leben mit Colombau, das war das Studinm und die Arbeit jedes Tages; das Leben mit Camille, das war eine ewige Reiſe durch das buntſcheckige Land der Phantaſie. Bekam Carmelite am Abend Luſt, ein Muſikſtück zu Set von dem man geſprochen, ſo ſagte Colombau zu ihr: „Morgen ſollen Sie es haben.“ Aber Camille, raſch im Befriedigen der Wünſche Anderer, wie er mit aller Hitze die ſeinen befriedigte, Camille, und war es Mitternacht, fiel der Regen in Strömen, waren die Muſikmagazine geſchloſſen und die Herausgeber eingeſchlafen, Camille, der ſich nichts um den Regen und die Stunde bekümmerte, Camille, der zu Fuße durch ganz Paris lief, machte Lärm vor der Thüre des Händlers, bis dieſer, angelockt durch den über⸗ triebexen Preis, den der junge Mann in Betracht der ſpäten Stunde bot, zu öffnen ſich eutſchloß. Eines Tags, im Luxembourg, hatte Carmelite, übri⸗ gens ziemlich unbeſtimmt, den Wunſch, ein paar Blü⸗ then von einem rothblümigen Kaſtanienbaume zu be⸗ ſitzen, kundgegeben. „Ich kenne einen Baumgärtner, der in der Rue de la Santé wohnt,“ ſagte Colombau;„bei Ihrer Rück⸗ kehr, liebe Carmelite, ſollen Sie einen ganzen Arm voll von dieſen Blumen haben.“ Aber, behende wie eine Katze, war Camille trotz 168 der gerechten Vorwürfe von Colombau, der ihn daran erinnerte, daß ſie in einem öffentlichen Garten waren, ſchon auf den Baum geklettert, hatte einen ganzen Aſt von dem rothblümigen Kaſtanienbaume abgebrochen, und war, ohne von einem Aufſeher bemerkt worden zu ſein, wieder herabgeſtiegen, denn bei ihm fand eine Art von Bündniß zwiſchen dem Glücke und der Keckheit ſtatt; ein Chirvmantiſt, der die Hand von Camille ſtudirt hätte, würde gewiß vom Marsberge bis ans Fauſtgelenke die Glückslinie gerade, feſt, ohne irgend eine Abweichung erkannt und verfolgt haben. Es war in der That unmöglich, zugleich verwegener und glücklicher als Camille zu ſein. Dieſe Handlungen und andere ähnliche, welche ſich bei jedem Anlaß und jeden Augenblick wiederholten, floßten Carmelite eine große Zuneigung für den jungen Mann ein, eine Zuneigung, an der ebenſo wohl das Er⸗ ſtaunen als die Bewunverung Theil hatten. Colombau gewahrte an mehreren Symptomen, welche Anziehungskraft der Ereole auf das Mädchen übte. „Das iſt ſehr natürlich,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, ohne ſich Anfangs um dieſe Anziehungskraft zu beküm⸗ mern;„er hat die Schönheit, die Heiterkeit, die An⸗ muth, den Glanz; ich, ich habe nur die Traurigkeit und die Stärke.“ Dann, allmälig, in der Redlichkeit ſeines Gemüthes, — und wie er ſo dachte, wurde ſeine Stirne düſterer und ſein Herz beklommener,— allmälig ſagte er ſich: „Mein Gott! Du haſt mich mit vier und zwanzig Jahren ernſt gemacht wie einen Greis! Welch ein tran⸗ riger Gefährte werde ich für ein Mädchen ſein, deſſen Begierden alle den meinigen antipathiſch ſind. Und den⸗ noch,“ fügte er zweifelnd bei...„Alles ſagt mir, ich ſei fähig, das Glück von Carmelite zu machen, und ich werde die Kraft und die Macht dazu haben, wenn ich den Wunſch und den Willen habe!“ Ce die lie rau ren, Aſt und ſein, von tt; itte, die ung ener ſich ten, igen Er⸗ elche lbſt, üm⸗ An⸗ und hes, erer h: nzig ran⸗ eſſen den⸗ „ich ich wich 169 Dann ſchaute er ſie an, wie ſie ſchön, jung, lä⸗ chelud ganz nahe beiſammen faßen, und es dünkte ihm, die zwei Jugendglorien, welche ihre Stirne umſchloſſen bilden nur eine, und es ſei dies eine Liebesglorie Hiebei ſchüttelte er den Kopf, und bleich, im Schat⸗ ten ſtehend, während Camille und Carmelite von Licht ſtrahlten, ſprach er: „Vergebens möchte ich mich täuſchen; dieſe zwei jungen Leute lieben ſich, und das iſt gerecht und billig. Und dennoch hatte ich eine andere Exiſtenz für Carme⸗ lite geträumt... Thenre Carmelite! ich hätte eine hohe, ſtolze Dame aus ihr gemacht! Camille ſieht beſſer als ich: er wird eine glückliche Frau aus ihr machen!“ Und von dieſer Stunde an beſchloß Colombau, trotz des ſchmerzlichſten Bedauerns, trotz der Traurigkeit, die ſich ſeiner jeden Tag mehr bemächtigte, völlige Selbſt⸗ verleugnung zu üben und Camille mit den Schätzen zu bereichern, die er angehänft hatte. Eines Abends, als Camille und Carmelite mit ent⸗ zückender Stimme, auf einander geſtützt, die Haare flat⸗ ternd, den Athem vermengt, ein Liebesduett geſungen, in welchem alle Saiten jener menſchlichen Leidenſchaft, die beinahe die himmliſche Octave berührt, vibrirt hat⸗ ten, legte Colomban, in ſein Zimmer zurückkehrend, die Hand auf die Schulter von Camille und ſprach, die Au⸗ gen voller Thränen, die Bruſt voller Seußzer, aber mit ruhigem Tone: „Camille, Du liebſt Carmelite!“ „Ich?“ rief Camille erröthend.„Ich ſchwöre Dir...“ „Schwöre nicht, Camille, und höre mich an,“ ſprach Colombau.„Du liebſt Carmelite vielleicht ohne daß Du es weißt, doch Du liebſt ſie tief, wenn nicht auf dieſelbe Weiſe, doch wenigſtens eben ſo ſehr, als ich ſie liebe.“ „Aber Carmelite?“ verſetzte Camille. „Ich habe Carmelite nicht gefragt,“ etwiederte Co⸗ 7 170 lombau.„Wozu? Nein, ich weiß hinreichend, was der Zuſtand ihres Herzens iſt! Ich geſtehe, zu Eurer Bei⸗ der Lobe, daß der Kampf lange gedauert hat, und daß Ihr gewiſſer Maßen unwillkürlich zu einander hingezo⸗ gen worden ſeid. Vernimm alſo, was mein Plan iſt...“ „Nein! nein!“ rief Camille,„es iſt an mir, Dir meinen Plan zu ſagen, Colombau. Es iſt lange genug, daß ich von Dir empfange, ohne Dir zu geben, daß ich von Dir Deine Hingebungen annehme, ohne ſie Dir erwie⸗ dern zu können! Du haſt vielleicht Recht; ja, ich bin auf dem Punkte, Carmelite zu lieben, zum Verräther an unſerer Freundſchaft zu werden; doch von dieſer Liebe, das ſchwöre ich Dir, Colombau, habe ich ihr nie ein Wort geſagt, und bis zu dieſem Momente, bis zu die⸗ ſer Stunde, wo Du ſie aus der Tiefe meines Herzens reißeſt, um ſie mir vor meine Augen zu legen, habe ich ſie vor mir ſelbſt verborgen... Das iſt der erſte Feh⸗ ler, den ich gegen Dich begangen; aber, ich wiederhole es Dir, über den ſo ſanften Abhang der Freundſchaft zu Drei hingleitend, vermuthete ich nicht, ich gehe ge⸗ rade auf die Liebe zu. Du ſiehſt es für mich: Dank Dir! Du ſagſt es mir: deſto beſſer! es iſt noch Zeit! Ja, ja, theurer Colombau, ich war auf dem Punkte, Carmelite zu lieben, und dieſe Liebe macht mir Grauen, als ob Carmelite die Frau meines Bruders wäre. Ich habe alſo, Dich hörend, mein Herz ſondirend, den Ab⸗ grund erſchauend, einen äußerſten Entſchluß gefaßt: ich reiſe ſchon heute Abend ab.“ „Camille!“ „Ich reiſe... ich will zwiſchen meine Wünſche und meine Leidenſchaft eine unüberſteigbare Schranke ſetzen; ich werde über das Meer ziehen und im Herzen Schottlands oder Englands leben; doch ich verlaſſe Pa⸗ ris, doch ich verlaſſe Carmelite, doch ich verlaſſe Dich!“ rief Camille. den ſen Ca ſich troe Bli Se Au lom Ich beze eine ſah, men 171 Und er zerfloß in Thränen und warf ſich auf ein Canapé. Colombau blieb ſtehen feſt wie der Fels ſeines Strandes, an dem ſich ſeit ſechstauſend Jahren des Mee⸗ res Wogen brechen. „Ich danke Dir für Deine edle Abſicht!“ ſagte er; „ich weiß Dir dafür Dank wie für das größte Opfer, das Du mir bringen kannſt; doch es iſt zu ſpät, Camille!“ „Wie, zu ſpät?“ verſetzte der Creole, ſein ganz in Thränen gebadetes Haupt erhebend. „Ja, zu ſpät!“ erwiederte Colombau.„Beſäße ich den Egoismus, Deine Aufopferung anzunehmen: würde ich nun aus dem Herzen von Carmelite die Liebe reiſ⸗ ſen, die ſie für Dich hegt?“ „Carmelite liebt mich? Du biſt deſſen ſicher?“ rief Camille aufſpringend. Colombau ſchaute den jungen Mann an, deſſen Ge⸗ ſicht ſich wie unter den Strahlen der Auguſtſonne ge⸗ trocknet hatte. „Ja, ſie liebt Dich,“ antwortete er. Camille begriff, was alles Selbſtſüchtiges in dem Blitze der Freude lag, der durch ſeine Augen aus ſeiner Seele gezuckt hatte. „Ich werde alſo reiſen,“ ſagte er:„weit von den Augen, weit vom Herzen.“ „Ihr werdet Euch nicht trennen,“ entgegnete Co⸗ lombau,„oder vielmehr, ich werde Euch nicht trennen. Ich müßte ſehr feig ſein, wenn ich eine Liebe nicht zu bezähmen wüßte, welche das Unglück eines Bruders und einer Schweſter machen würde.“ „Colombau! Colombau!“ rief der Creole als er ſah, wie ſein Freund ſich gegen ſich ſelbſt anſtrengte. „Bekümmere Dich nicht um mich; die Ferien kom⸗ men in einigen Tagen; ich werde reiſen.“ „Nie!“ 172 „Ich werde reiſen, ſo wahr als ich es Dir ſage. Nur,“ fügte der Bretagner mit zitternder Stimme bei, ſind 1 „nur verſprich mir Eines, Camille! „Was?“ dieſ „Du verſprichſt mir, das Glück von Carmelite zu nert machen?“ loſe „Colombau!“ rief der Creole, ſeinem Freunde in die Arme fallend. ſpra „Du ſchwörſt mir, ſie zu achten, ſo lange ſie nicht Deine Fran ſein wird?“ „Vor Gott!“ ſchwor Camille feierlich. und „Nun wohl,“ ſagte Colombau, die Augen abwi⸗ zu ſchend,„ich werde meine Reiſe um einige Tage beſchlen⸗ ruhi nigen; denn Du begreifſt wohl, Camille? ſo ſtark ich Vat ſein mag, ich bin von zu friſchem Datum reſignirt, um unaufhörlich das Schauſpiel Eures Glückes vor den Au⸗ allei gen haben zu können... Ich würde Euch betrüben wie Dec ein Vorwurf! Ich werde alſo ſchon morgen reiſen; und rück meine Verzweiflung wird das Gute haben, daß ſie mei⸗ armen Vater ein paar Tage des Glückes mehr ttren gibt!“ „Oh! Colombau,“ ſprach Camille, den edlen Bre⸗ tagner umarmend,„oh! Colombau, wie ſchwach und elend bin ich gegen Dich! Verzeih mir, daß ich Dich zu dieſem ewigen Opfer Deines Glückes verurtheile; aber Du ſiehſt, mein lieber, mein verehrter Colombau, ich täuſchte Dich, als ich Dir ſagte, ich werde reiſen; ich wäre nicht gereiſt: ich hätte mich getödtet!“ „Unglücklicher!“ rief Colombau.„Ich werde rei⸗ ſen, und ich werde mich nicht tödten: ich habe einen Vater!“ Dann, mit ruhigerem Tone: Und dennoch. nicht wahr, Du begreiſſt, daß! Abe man für eine Frau, die man liebt, ſtirbt?“ „Ich begreife wenigſtens nicht, daß man ohne ſie ſ lebt.“ gel 173 age.„Du haſt Recht,“ erwiederte Colombau;„zuweilen bei, ſind mir dieſe Gedanken ſelbſt gekommen.“ „Dir, Colombau?“ perſetzte Camille erſchrocken, denn dieſe Worte hatten in dem Munde des düſteren Bretag⸗ e zu ners eine ganz andere Bedeutung, als in dem des ſorg⸗ loſen Creolen. e in„Mir, Camille, ja!.. Doch beruhige Dich,“ ſprach Colombau. nicht„Ja, Du ſagteſt es, Du haſt einen Vater!“ „Auch habe ich Euch Beide, meine guten Freunde, und ich würde befürchten, einen Gewiſſensbiß bei Euch bwi⸗ zu hinterlaſſen! Gehe alſo in Dein Zimmer! ich bin hle ruhi; ich habe nun nur noch einen Wunſch: meinen k ich Vater wiederſehen!“ um Als ihn ſodann der junge Mann, ungeduldig, Au⸗ allein zu ſein, düſter und troſtlos wie ein durch den wie Decemberwind ſeines Blätterwerks beraubter Baum zu⸗ und rückgelaſſen hatte, murmelte Colombau: mei⸗„Mein Vater! oh! ich hätte mich nie von Dir mehr trennen müſſen!“ Bre⸗ und h zu aber „ich ich XLV. 22 Abreiſe. e Die Abreiſe von Colombau war von ihm auf den daß Abend des folgenden Tages feſtgeſetzt worden. Es war für den jungen Mann eine grauſame Mi⸗ ne ſie nute, die Miunte, wo er dieſe Abreiſe Carmelite ankün⸗ digen mußte. 174 Carmelite ſaß und ſtickte, als Colombau, von Ca⸗ mille gefolgt, bei ihr eintrat. Sie ſchaute empor, lächelte den zwei Freunden zu, reichte ihnen die Hand und ſetzte dann ihre Sticke⸗ rei fort. Es trat ein Augenblick des Stillſchweigens ein. Die Bruſt der zwei Freunde war beklommen, um nicht mehr athmen zu können; ein ſanfter, reiner Athem kam aus der dritten Bruſt hervor. In dem Augenblicke, wo Carmelite die Freunde nach der Urſache ihres Stillſchweigens fragen wollte, ſagte der Bretagner mit ſeinem ſchwermüthigen Tone: „Carmelite, ich reiſe.“ Carmelite bebte und hob raſch das Haupt empor. „Wie, Sie reiſen?“ fragte ſie. c „d. „Und wohin gehen Sie?“ „Nach der Bretagne.“ „Nach der Bretagne? Warum nach der Bretagne, einen Monat, ehe die Ferien beginnen?“ „Es muß ſein, Carmelite.“ Das Mädchen ſchaute ihn ſtarr an und wiederholte: „Es muß ſein?“ Der junge Mann raffte alle ſeine Kräfte zuſammen, um eine am Tage vorher vorbereitete Lüge auszu⸗ ſprechen. „Mein Vater will es,“ ſagte er. Doch die ehrlichen Lippen von Colombau boten ſich ſo ſchlecht zu Verkleidung der Wahrheit, daß er dieſe vier Worte mehr ſtammelte, als ausſprach. „Sie reiſen! Und ich?“ verſetzte das Mädchen mit einem erhabenen Egoismus. Colombau wurde bleich wie der Tod: ſein Herz war nahe daran, ſtill zu ſtehen. Camille fühlte im Gegentheil, daß eine Flamme gne, olte: men, szu⸗ ſich dieſe mit Herz mme ſein Geſicht zog, und daß ſein Herz immer raſcher ug. „Sie wiſſen, Carmelite,“ ſagte Colombau:„die menſchliche Sprache hat ein Wort, an dem ſich alle unſere alle unſere Hoffnungen brechen: Es muß eim!“ Colombau hatte dieſe Worte mit einer ſolchen Ent⸗ ſchloſſenheit geſprochen, daß Carmelite das Haupt neigte, als wären ſie durch den Mund des Schickſals ſelbſt ge⸗ ſprochen worden. Doch die zwei Freunde ſahen ſtille Thränen aus ihren Augen auf ihre Stickerei fallen. Da entſpann ſich ein furchtbarer Kampf im Herzen des Bretagners„. Camille folgte auf dem Geſichte von Colombau allen Fortſchritten ſeines inneren Schmer⸗ zes; Colombau ſollte vielleicht eben unterliegen, Carme⸗ lite zu Füßen fallen und ihr Alles ſagen, da ſprach Ca⸗ mille, die Hand auf die Schulter von Colombau legend: 6„Lieber Colombau, um des Himmels willen, reiſe nicht!“ Dieſes Flehen verlieh Colombau wieder ſeinen gan⸗ zen Muth. „Es muß ſein,“ ſagte er zu Camille, wie er zu Carmelite geſagt hatte. Camille wußte wohl, was er flehend that, und welche Macht ſeine Stimme über das Herz ſeines Freun⸗ des hatte. Dieſe drei Worte, welche Carmelite nicht genügt hatten, genügten übrigens Camille. Camille ſchwieg: die Wirkung, die er hatte hervor⸗ bringen wollen, war hervorgebracht. Es folgte ein trauriger Abend auf die Erklärung von Colombau. Erſt in dem Augenblicke, wo ſie ſich verlaſſen ſollten, ſahen die jungen Leute klar in ſich ſelbſt. Colombau begriff, welche unwiderſtehliche, tiefe, un⸗ 176 begränzte Liebe er für Carmelite hegte. Wäre er ge⸗ nöthigt geweſen, dieſe Liebe aus ſeiner Bruſt zu reißen, er würde ſich ebenſo wohl das Herz ausgeriſſen haben. Doch dieſe Liebe,— ſeiner ſicher, wie er es war, und nicht befürchtend, es werde je bei ihm dahin kom⸗ men, daß er ſeinen Freund verrathe,— er konnte ſie wenigſtens bewahren als einen Schatz von Thränen und Schmerzen. Carmelite ihrerſeits begriff, welche heftige Zuneigung ſie für Colomban hegte. Hatte ſie ſich aber in ihren einſamen Rächten, unter ihren Mädchenträumen, von Angeſicht zu Angeſicht dieſer Zuneigung gegenüber befunden und in der Naivetät ihrer Seele au die Heirath gedacht, welche in ihren Augen die Folge jeder lebhaften Zuneigung ſein mußte, dann hatte ſie ſich gefragt, ob der Vater von Colombau,— ein alter, wahrſcheinlich von den Vorurtheilen ſeiner Kaſte angeſteckter Edelmann,— je dazu einwilligen würde⸗ daß ſein Sohn eine Waiſe ohne Vermögen und ohne Na⸗ men heirathe. Ihr Vater war allerdings als Kapitän und auf dem Schlachtfelde geſtorben, doch in der Zeit, zu der wir gekommen ſind, hatte die Reſtauration zwiſchen dem Schwerte, das Napoleon gedient, und dem, welches Lud⸗ wig XVIII. gedient, eine ſolche Demarcationslinie gezo⸗ gen, daß nichts Erſtannliches, ſelbſt für Carmelite, darin lag, daß der Graf von Penhoöl nicht zu der Heirath ſeines Sohnes mit der Tochter des Kapitäns Gervais einwilligte. Der erſte Gedanke, der Carmelite kam, war, der Vater von Colombau habe erfahren, in welchem vertrau⸗ lichen Verhältniß die drei jungen Leute lebten, und er rufe Colombau zurück, damit daſſelbe aufhöre. Der Stolz von Carmelite empörte ſich; ſie machte keine Fragen mehr. Es war ein trauriger Tag, dieſe letzten Stunden⸗ Ca des wo Cam lang gliche Die ge⸗ en, n. ar, m⸗ ſie und ung uter eſer hrer die ate ein daſte daß Na⸗ auf der dem Lud⸗ gezo⸗ arin irath rvais der trau⸗ nd er achte nden, 177 welche die drei Freunde mit einander zubrachten, Stun⸗ den, in denen mehrere Male die Rede auf den Lippen ſtockte und die Thränen aus den Augen fielen. Doch während dieſer äußerſten Stunden verrieth nicht ein Wort, nicht ein Blick des ſtrengen Bretagners die verzehrende Leidenſchaft, die er in ſeiner Bruſt ver⸗ barg. Wie der junge Spartaner, ließ er ſich mit einem Lächeln auf den Lippen die Eingeweide zerreißen. Dieſes Lächeln war freilich das der Traurigkeit. Es erſchien die Stunde der Abreiſe; Colombau ſagte Carmelite durch einen auf die bleichen, feuchten Wangen des Mädchens gedrückten freundſchaftlichen Kuß Lebe⸗ wohl; dann entfernte er ſich, von Camille fortgezogen. Camille führte Colombau bis zur Diligence. Hier nahm Colombau ſeinen Freund zum letzten Male beiſeit und ließ ihn ſchwören, er werde Carmelite als beſtimmt, ſeine Frau zu werden, und bis ſie ſeine Frau ſei, achten. Dann kam Camille nach dem Hauſe der Rue Saint⸗ Jacques zurück, wo er das Mädchen ganz in Thränen and. Hieß es nicht in der That das Herz von Carmelite brechen, das letzte Band zerreißen, das ſie noch an ihrem Leben von einſt feſthielt? Die Freundſchaft von Colom⸗ bau, entſtanden aus der Hingebung und der Dankbarkeit am Bette ihrer todten Mutter, hatte ihr als Uebergang zwiſchen der Vergangenheit und der Zukunft gedient; dieſe Abreiſe riß aus dem Herzen der Waiſe die letzten Fetzen ihrer Kindheit! Fortan allein in der Welt,— denn Colomban hatte nicht geſagt, wann er zurückkommen werde,— nur vermögend, Freundſchaft und Schutz von Camille, das heißt, von einem jungen Manne zu ver⸗ langen, deſſen Leichtſinn und Zerſtreuungsfucht ihr, ver⸗ glichen mit der ernſten Zärtlichkeit von Colombau, in Die Mohicaner von Paris. M. 12 178 ihrer erſchrecklichen Wahrheit erſchienen,— hatte ſie eine von jenen tiefen Traurigkeiten erfaßt, welche an die Ver⸗ zweiflung gränzen, und ſie fühlte ſich nun vereinzelt, ver⸗ loren in dieſer unbekannten Wüſte, die man die Welt nennt, ohne Zuneigung, ohne Stärke, ohne Stütze! Sie weinte alſo, die Arme, bitter und reichlich, als Camille kam. Bei dem Geräuſche, das der Creole zurückkehrend machte, ſchaute Carmelite nur empor, um zu ſehen, ob Colombau nicht zufällig mit ihm zurückgekehrt ſei. Als ſie ihn allein ſah, ließ ſie ihren Kopf wieder auf ihre Bruſt fallen. Camille blieb einen Augenblick ſtillſchweigend auf der Thürſchwelle ſtehen; er war weniger, als er glaubte, im Herzen des Mädchens vorgerückt. Er begriff auch, daß er nicht von ſich, ſondern vom Bretagner ſprechen mußte. „Ich komme,“ ſagte er,„um Ihnen von Colombau die Verſicherung ſeiner tiefen Freundſchaft zu bringen.“ „Was für eine Freundſchaft iſt das?“ fragte Car⸗ melite mit einer düſtern Miene;„eine Freundſchaft, die ſich nach Belieben knüpft und löſt. Würde ich nicht, wenn ich hätte abreiſen müſſen, meine Freunde, ſobald mein Reiſeplan gefaßt war, davon unterrichtet haben? und hätte ich ihn, nachdem er gefaßt war, ſo ſchnell und ſo grauſam ausgeführt?“ Arme Carmelite! ſie vergaß oder gab ſich den An⸗ ſchein, als vergäße ſie, was ihr Colombau vom Briefe ſeines Vaters geſagt hatte. Camille ſah ein, was im Herzen des Mädchens vor⸗ ging, und auch, welchen Nutzen er aus dieſer vorgeblichen Oppoſition des Vaters von Colomban ziehen konnte; doch durch einen Brief von Colombau, wenn Camille ſich auf dieſes Motiv ſtützte, konnte er auf der That der Lüge ertappt werden, und Camille wußte, das rechtſchaf⸗ fer au ha eir Ca hei ein leg ſie neu laſſ ihn Cat abg Alle wie erſp für ſcha den ihm ine er⸗ er⸗ elt als end ob der auf bte, om bau n.“ Car⸗ die icht, bald en und An⸗ riefe vor⸗ chen nte; nille der haf⸗ 179 fene Herz der Waiſe würde ihm Alles vergeben, die Lüge ausgenommen. Er beſchloß alſo, ſich in der Nähe der Wahrheit zu alten. „Glauben Sie mir, liebe Carmelite,“ ſagte er,„nur ein ſehr wichtiger Beweggrund konnte Colombau beſtim⸗ men, abzureiſen.“ „Was iſt aber dieſer wichtige Beweggrund?“ fragte Carmelite;„mir das Geſtändniß deſſelben verweigern, heißt das nicht mir ſagen, er ſei beleidigend für mich?“ Camille ſchwieg. „Was iſt es? ſprechen Sie!“ fügte Carmelite mit einer gewiſſen Ungeduld bei. „Ich kann nicht, Carmelite.“ „Sie müſſen, Camille, wenn Sie einen Werth darauf legen, daß meine Freundſchaft für Colomban bleibt, was ſie iſt, aufrichtig und ſtark; Sie müſſen, und es iſt Ih⸗ nen nicht erlaubt, mich Ihren Freund beargwohnen zu laſſen: es iſt Ihre Pflicht, ihn zu rechtfertigen, da ich ihn anklage.“ „Ich weiß, ich weiß Alles dies, Carmelite!“ rief Camille;„fragen Sie mich aber nicht, warum Colombau abgereiſt iſt. Ihnen zu Liebe, mir zu Liebe, uns Allen zu Liebe, fragen Sie mich das nicht!“ „Ich frage Sie es im Gegentheil gebieteriſch,“ er⸗ wiederte das Mädchen;„iſt es ein Kummer, den er mir erſparen will, ſo ſprechen Sie, denn kein Kummer kann für mich größer ſein, als der einer verrathenen Freund⸗ ſchaft. Erklären Sie ſich alſp im Namen der Redlichkeit!“ „Sie wollen es, Carmelite?“ ſagte Camille, der ſich den Anſchein gab, als wiche er der Gewalt. „Ich fordere es.“ „Nun denn, er iſt abgereiſt..„ Camille hielt inne, als weigerte ſich ſeine Zunge, ihm zu gehorchen. „Sprechen Sie! ſprechen Sie!“ 180 „Nun, Colombau iſt abgereiſt, weil 4 Wei „Weil.. wiederholte zögernd der junge Mann. „Nun?“ „Oh! es iſt ſo ſchwer zu ſagen, Carmelite!“ „Es iſt alſo nicht die Wahrheit?“ „Es iſt die reine Wahrheit.“ „Dann ſagen Sie ſie raſch und dreiſt.“ „Colomban iſt abgereiſt... Colombau iſt abge⸗ reiſt.. weil ich Sie liebe!“ Er hatte Recht, zu zögern, der geſchickte Creole, ehe er das ich ausſprach. Es lag ein tiefer Abgrund in dieſem Fürwort, ſo kurz es war. Hätte Camille, ſtatt zu ſagen:„Ich liebe Sie!“ geſagt:„Colombau iſt abgereiſt, weil er ſie liebt,“ ſo ſtand Camille Colombau nicht nach. Hätte Camille geſagt:„Weil Colombau Sie liebt, und ich Sie auch liebe,“ ſo ſtellte er Carmelite mit der ganzen Wahlfreiheit zwiſchen dieſe doppelte Liebe. Carmelite ermaß mit einem Blicke die aufopfernde Hingebung des Bretagners, welcher abgereiſt war, den Egoismus des Creolen, der geblieben war. Haben wir, wir ſagen nicht den Charakter, ſondern das Temperament von Camille wohl analyſirt, ſo weiß der Leſer ſchon, daß, nicht um eine Leidenſchaft, ſondern um eine einfache Laune zu befriedigen, Camille vor keinem Hinderniß zurückgewichen wäre, konnte nun das Hinder⸗ niß durch die Liſt umgangen, konnte es nur durch den Muth über den Haufen geworfen werden; er ging immer auf ſein Ziel zu, gerade, wenn er konnte, ſchräge, wenn er es nur auf eine ſchräge Art zu erreichen vermochte. Sinnlich vor Allem, war es die Heftigkeit der Begierden und nicht die Tiefe der Verdorbenheit, was ihn eine ſchlimme Handlung zu begehen veranlaſſen konnte; hatte dieſe ſchlimme Handlung ein böſes Reſultat, ſo war er fähig zu heftigen Gewiſſensbiſſen, welche aber um ſo we⸗ Crer mich nn. ge⸗ — ₰ — N 181 niger dauerhaft, als die Reizbarkeit ſeiner Nerven ſeinen Gewiſſensbiſſen eine übertriebene Energie verlieh. Und dennoch, ſo ſittenlos Camille inſtinctartig ſein mochte, das letzte Opfer ſeines Freundes, den er ſo eben ihn gelei⸗ tend umarmt hatte, war ſeinem Geiſte noch ſo gegen⸗ wärtig, daß er, trotz dieſer tiefen Sittenverderbtheit, zö⸗ gerte, ihn ſo ſchnell zu verrathen. Er antwortete alſo Carmelite eine halbe Wahrheit, indem er ihr erwiederte:„Colombau iſt abgereiſt, weil ich Sie liebe!“ So antwortend war er nur halb Verräther. Colombau hätte ſeinen Freund nicht reiſen laſſeu; wäre aber dieſer Freund ohne ihn davon in Kenntniß zu ſetzen oder wider ſeinen Willen gereiſt, ſo würde er ge⸗ ſagt haben:„Camille iſt abgereiſt, weil er Sie liebt; Camille iſt mehr werth als ich, da ich nicht den Muth gehabt habe, abzureiſen.“ Die Urſache der Abreiſe von Colomban, auf dieſe Art Carmelite eröffnet, brachte auch auf ſie die Wirkung eines Donnerſtreichs hervor. Sie ſchaute Camille ſturr an, ſo ſtarr, daß dieſer erröthete und die Augen niederſchlug. „Camille, Sie lügen!“ ſagte ſie;„nicht Ihretwegen iſt Colombau abgereiſt.“ Camille erhob das Haupt. Dieſe Anſchuldigung war nicht dieſe, welche er be⸗ fürchtete. „Einzig und allein meinetwegen,“ antwortete er. „Was konnte denn Colombau die Liebe machen, die Sie für mich zu haben behaupten?“ fragte das Mädchen. „Er hatte bange, Sie zu lieben,“ erwiederte der Creole. „Guter Colombau!“ murmelte Carmelite. Dann wandte ſie ſich an Camille und ſprach: „Laſſen Sie mich allein, mein Freund; es iſt für mich Bedürfniß, zu weinen und zu beten.“ 182 Camille nahm die Hand des Mädchens und küßte ſie ehrerbietig; eine Thräne fiel aus ſeinen Augen auf die Hand von Carmelite. Welche Quelle hatte dieſe Thräne geliefert? War es die Dankbarkeit, die Scham oder der Gewiſſensbiß? Carmelite erkundigte ſich nicht hienach: für ſie war eine Thräne eine Thräne, das heißt eine Perle, die der Schmerz, ſich darein verſenkend, aus dem tiefen Ocean holt, den man das Herz nehnt. Camille ging in ſeine Wohnung zurück und war ganz erſtannt, ſein Zimmer erleuchtet zu finden. Er war noch mehr erſtaunt, als er eine Frau in ſeinem Zimmer ſah. Dieſe Frau war die Prinzeſſin von Vanvres, welche, von der nahe bevorſtehenden Abreiſe von Colombau un⸗ terrichtet, die Wäſche brachte, die ſie von ihm hatte. Nur hatte ſich die ſchöne Chante⸗Lilas,— man er⸗ innert ſich, daß dies der Name der Prinzeſſin von Van⸗ vres war,— um eine Viertelſtunde verſpätet. Da ſie aber die Wäſche irgend Jemand übergeben wollte, ſo hatte ſie die Rückkehr von Camille abgewartet. Camille war, wie man weiß, erſt zurückgekommen, nachdem ihn Carmelite gebeten, ſie allein zu laſſen, ſo daß es in dem Augenblicke, wo Camille in ſein Zimmer kam, halb elf Uhr ſein mochte. Das war ſehr ſpät, um allein nach Vanvres zurück⸗ zukehren. Camille bot der Prinzeſſin das Zimmer ſeines Freundes Colombau an. Die Prinzeſſin machte einige Schwierigkeiten, doch auf die Verſicherung, es ſei ein Riegel an der Verbin⸗ dungsthüre, nahm ſie an. War nun ein Riegel da oder war keiner da? blieb der Riegel vorgeſchoben oder gezogen? Das werden wir wahrſcheinlich beim erſten Zuſammentreffen des verführe⸗ riſchen Camille und der ſchönen Chante⸗Lilas errathen. wij mil erſe er unn auf eine nera eine Bem keite Dich 2 ßte auf Par iß? war der ean anz in che, un⸗ an⸗ eben rtet. men, ſo mer rück⸗ ines doch bin⸗ blieb wir ihre⸗ en XLVI. Sturmnacht. Da wir,— bis jetzt wenigſtens,— durchaus nicht wiſſen, was in dieſer Nacht vorfiel, ſo wollen wir Ca⸗ mille in dem Angenblicke nehmen, wo er am andern Tage, Morgens gegen elf Uhr, vor der Thüre von Carmelite erſcheint und eine Minute träumeriſch ſtehen bleibt, ehe er an dieſe Thüre klopft. Wovon träumte Camille? Von dem ſchwierigen, wir möchten beinahe ſagen, unmöglichen Werke, das er unternahm. Er kannte Carmelite, er wußte, daß ihre Tugend auf ſtrengen und tief befeſtigten Grundſätzen beruhte. Um ſie zu beſiegen, mußte man alſo Gewalt oder eine außerordentliche Geſchicklichkeit anwenden. Camille war eben ſo geſchickt, als er ſtark war. Er ſtudirte Carmelite ſeit langer Zeit, wie ein Ge⸗ neral einen Kriegsplatz ſtudirt. Sollte er ihn nach dem Beiſpiele von Malherbe durch eine regelmäßige Belagerung, das heißt, durch emſige Bemühungen, durch die Beſtrebungen und Aufmerkſam⸗ keiten jedes Augenblicks nehmen, deren Wirkſamkeit der Dichter in den Verſen proclamirt: Entn cette beauté m'a la place rendue, Que d'un siége si long elle avait défendue; Mes vainqueurs sont vaineus!..*) Endlich hat dieſe Schönheit mir den Platz überge⸗ ben, den ſie gegen eine ſo lange Belagerung verthei⸗ digt; meine Sieger ſind beſiegt... 184 Sollte man ſich deſſelben durch Aushungerung, mit Gewalt, durch Laufgräben, durch Stürmung bemäch⸗ tigen? Nein, dieſe ganze Strategie wäre geſcheitert. Man konnte nur durch Ueberrumpelung ſiegen. Camille beharrte alſo hiebei, und nachdem dieſer Entſchluß gefaßt war, wartete er kalt auf die Ge⸗ legenheit. Es war das letzte Brauſen ſeines Herzens, das letzte Verlangen ſeiner Einbildungskraft, was er,— mit dem Vorbehalte, Verlangen und Brauſen ſpäter wieder aufzuwecken,— in der Pauſe eines Angenblicks, die er vor der Thüre von Carmelite machte, einzuſchläfern be⸗ müht war. Er trat ein. Carmelite hatte wenig geſchlafen und viel geweint. Sie empfing Camille kalt. Dieſer Empfang entſprach den Plänen von Camille. Von dieſem Tage an war er hartnäckig befliſſen, ein exemplariſches Leben zu führen. Er ſtrebte nach dem Gegentheile ſeiner früheren Thorheiten und Unregelmäßigkeiten und gab jeden Au⸗ enblick Beweiſe von einer Vernnuft, der man ihn un⸗ ähig gehalten hätte. Er dämpfte das Geränſchvolle ſeiner gewöhnlichen Heiterkeit und wurde ernſt und zurückhaltend. Man begreift, was der Zweck von Camille war. Er mußte aus dem Herzen von Carmelite das letzte Andenken an den Abweſenden löſchen. Wie konnte aber Camille Colombau vergeſſen machen? Indem er dem Mädchen den ganzen Ernſt, die ganze Melancholie, den ganzen Ordnungsgeiſt des Bretagners gepfropft auf eine größere Leutſeligkeit und eine außerordentliche Diſtine⸗ tion wiedergab. Carmelite glaubte naiver Weiſe, dieſe Verwand⸗ lung rühre halb von dem Kummer, den Camille die er in im an fün er pfl gelt drir nad der Wn ihn mar nom nicht gew mit ich⸗ eſer He⸗ das mit der er be⸗ int. ille. ſen, eren Au⸗ un⸗ chen tzte ber dem den eine inc⸗ nd⸗ die Abreiſe ſeines Freundes verurſache, halb von der Liebe, die er für ſie fühle, her. Es ſchmeichelte ihrem Mädchenſtolze, daß der junge Mann, einzig und allein in der Hoffnung, ihr zu ge⸗ fallen, ſeinem Charakter, ſeinen Gewohnheiten, ſeinen Neigungen Zwang anthat und ſeine theuerſten und entſchiedenſten Launen von ſich warf. Ei! mein Gott! jedes achtzehnjährige Mädchen hätte ſich ebenſo getäuſcht. Camille betete früher die Oper an, und nun ſetzte er keinen Fuß mehr dahin. Camille ging regelmäßig drei Tage in der Woche in die Reitſchule und machte von da ſeine Promenade im Walde: er verzichtete plötzlich auf die Reitſchule und auf den Spazierritt. Camille hatte in den oberen Quartieren von Paris fünf bis ſechs Freunde, Americaner wie er, mit denen er von Zeit zu Zeit zu Mittag und zu Nacht zu ſpeiſen pflegte: Camille ging nicht mehr aus⸗ Zwanzigmal, während er bei Carmelite war, klin⸗ gelte oder klopfte man bei ihm; jedes Mal, trotz des dringenden Zuredens von Carmelite, weigerte er ſich, nachzuſehen, wer klopfte oder klingelte. Wie Carmelite, wollte er in der Einſamkeit und in der Sammlung des Gemüths leben. Camille hatte botaniſche Werke gekauft; dieſe Wiſſenſchaft war ihm ganz fremd, und er bat Carmelite, ihn zu lehren, was Colombau ſie gelehrt hatte. Man würde uns nun ſchlecht begreifen, glaubte man, Camille habe kalt dieſe Maske der Heuchelei ge⸗ nommen, um Carmelite zu verführen. Er liebte ſie. Dieſes Wort hat indeſſen, auf Camille angewandt, nicht das Gewicht deſſelben Wortes auf Colombau an⸗ gewandt. Der Bretagner liebte mit aller Macht ſeiner Seele; 186 Camille liebte mit allen Begierden ſeiner Einbildungs⸗ kraft; nur waren die Begierden größer, als ſie je geweſen. Bis dahin umgeben von Frauen der leichten Er⸗ oberung, war Camille übermäßig aufgeregt durch die hartnäckige Tugend von Carmelite, und er ſetzte alle Mittel ſeines Geiſtes in Thätigkeit, um darüber zu ſie⸗ gen, während er vielleicht ſelbſt nur die Verführungen ſeines Herzens anzuwenden glaubte. Hätte Carmelite, ſtatt ſich über die Verwandlung, deren Ruhm ſie ſich zuſchrieb, zu täuſchen, Camille ge⸗ zwungen, ſeinen urſprünglichen Charakter, ſeine natür⸗ lichen guten Eigenſchaften und ſeine natürlichen Fehler wiederanzunehmen, ſo hätte ſie vielleicht, vermöge der glühenden Liebe, die er für ſie fühlte, ein redliches und gutes Weſen aus ihm gemacht, indeß ſie, indem ſie ſich durch ihn täuſchen ließ und ſich ſelbſt tänſchte, ihn, ohne ihr Wiſſen, auf dieſem Wege der Lüge und des Betrugs ermuthigte. Eine Folge hievon war, daß Camille jeden Tag mehr Boden gewann. Die Stellung, die ihm ſeine Offenherzigkeit bei Carmelite durch die Worte gemacht:„Colombau iſt ab⸗ gereiſt, weil ich Sie liebe,“ hatte ihn jedes Geſtändniſſes überhoben, wie ſie Carmelite jeder Antwort überhob. Sobald Colombau Camille das Feld frei ließ, verzichtete er auf Carmelite. Es fragte ſich, ob Carmelite Camille lieben konnte. Doch der junge Creole hatte den Glanz des Colibris und die Geſchmeidigkeit der Brillenſchlange. Nicht ein einziges Mal ſagte er zu dem Mädchen: „Wollen Sie meine Frau ſein?“ Jeden Augenblick ſagte er aber:„Wenn Sie meine Frau ſein werden.. Und es wurden dann die entzückendſten Pläne zu Reiſen, von denen man in der Welt der Künſtler aus⸗ ruhen würde, vor den Angen des Mädchens entwickelt. kei be get ehr bei von auf ſam den The des die dure den gebe gezo lebe wie die( ſchie 187 Da ſah Carmelite, unter der glühenden Beredtſam⸗ keit von Camille, wie ein glänzendes Panorama alle bezaubernde Bilder dieſes Lebens zu zwei ſich entrollen. Eines Tags antwortete ſie lächelnd: „Das iſt ein Traum, Camille!“ Der junge Mann drückte ſie an ſein Herz und rief: „Nein, Carmelite, es iſt eine Wirklichkeit.“ Von dieſem Tage an fühlte Camille, daß er richtig getroffen hatte. Das Mädchen war in der Gewalt von Camille. Camille blieb aber nichtsdeſtoweniger ernſt und ehrfurchtsvoll; Carmelite war keine von den Frauen, bei denen man ſich zweimal umwandeln darf. Eine NRiederlage, das war der Tod der Hoffnungen von Camille. Er wartete alſo mit der Geduld der auf einem Aſte auf der Lauer liegenden Tigerkatze, der im Buſche zu⸗ ſammengerollten Schlange. Eines Abends ging ſie in den Garten hinab,— in den Garten, wo drei Monate vorher Colomban einen Theil der Nacht mit dem Mädchen zugebracht hatte. An dieſem Abend herrſchte eine erſtickende Hitze. Es war einer von den glühenden Tagen am Ende des Monats Auguſt geweſen, wo der Donner vergebens die dichte Atmoſphäre zu durchdringen ſucht; Blitze durchfurchten, einen erſchrecklichen Sturm vorherſagend, den Himmel von Weſten nach Oſten. Doch vergebens flehten die auf ihren Stängeln gebeugten Pflanzen, die auf ihren Zweigen zuſammen⸗ gezogenen Blätter um einen wohlthätigen Regen. Gleich einer Luftpumpe ſchien der Himmel die be⸗ lebende Luft zu abſorbiren, und die ganze Natur keuchte wie von einem nahen Schlagfluſſe bedroht. Die zwei jungen Leute erlitten, ohne ihr Wiſſen, die Einwirkung dieſer elektriſchen Atmoſphäre: das Leben ſchien momentan in ihnen gehemmt, und ſie warteten 188 wie die Blumen, wie die Thiere, kurz wie die ganze Natur auf den Regen, der ihnen die Vitalität wieder⸗ geben ſollte. Es fand indeſſen ein Unterſchied zwiſchen Carmelite und Camille ſtatt: an die tropiſche Hitze ſeiner Heimath gewöhnt, hatte Camille durchaus nicht, wie Carmelite, das Selbſtbewußtſein verloren, und als er die lethar⸗ giſche Betäubung, die träumeriſche Schlafſucht des Mäd⸗ chens ſah, begriff er, die ſo lange erſehnte Gelegenheit komme ihm endlich entgegen. Wie das Lied der Amme den Säugling ihn wie⸗ gend einſchläfert, ſo begannen ſeine Liebesworte, ge⸗ ſchickt abgeſtuft und gewiſſer Maßen wie entblätterter Mohn auf das Hanpt von Carmelite geſchüttelt, ſie in den magnetiſchen Schlaf, den tiefſten, den gefährlichſten, den unwiderſtehlichſten von allen Schlafen, zu verſetzen. Wer im Schatten die Augen des jungen Mannes hätte funkeln ſehen, hätte ſich im Feuer ſeiner Blicke nicht tänſchen können. So lähmt der Sperber, ſich in einem immer engeren Kreiſe drehend, die Lerche, die er einſchläfert. So bezaubert die Schlange den Vogel, den ſie von Zweig zu Zweig bis in ihren gähnenden Rachen herab⸗ zuſteigen zwingt. Oh! nicht ſo hatte Colombau Carmelite in der anbetungswürdigen Frühlingsnacht angeſchaut, welche Beide in demſelben Garten, im Schatten derſelben Syringen zugebracht. Zwiſchen dieſen zwei Rächten war, wie zwiſchen den zwei jungen Leuten, der Unterſchied, der zwiſchen dem Frühling und dem Sommer ſtattfindet. In der That, jung, friſch, ſchüchtern, wagte es dort der Frühling kaum, ſeine Knoſpen zu erſchließen. Kräftig, kühn, verzehrend, ſtreute der Sommer hier im Gegentheil ſeine Blumen umher. anze der⸗ elite nath lite, har⸗ äd⸗ heit vie⸗ ge⸗ rter in ten, n. mnes licke ren von rab⸗ der lche lben den dem dort hier Auf der einen Seite war es die Kindheit mit ihren Schwankungen, ihren Unruhen, ihren Bangigkeiten. Auf der anderen Seite war es die Jugend mit ihrer Dreiſtigkeit, mit ihrem Feuer, mit ihrem Ungeſtüm. An dem Frühlingstage, welcher der Nacht vorher⸗ gegangen, die Colombau und Carmelite mit einander zugebracht, hatte der Donner auch gerollt, hatte das Leben auch gehemmt geſchienen; doch der Regen war gefallen, und die Vegetation war vom Tode gerettet geweſen. In dieſer Sommernacht dagegen erflehten die Pflan⸗ zen vergebens die Milde des Himmels: ſie mußten das Haupt beugen, ihre Blumenblätter eines nach dem an⸗ dern fallen laſſen und ſterben. Nach dem Bilde der Pflanzen, war Carmelite auch gezwungen, das Haupt unter dem Gewichte der Feuer⸗ nacht zu beugen, und in Ermangelung von belebendem Thau waren es die unausſprechlichen Freuden der Liebe, die ſie ihrer Betäubung entzogen, ihrem Schlafe entriſſen. In dieſer Nacht löſte die arme Carmelite eines nach dem andern die Blätter von ihrem Unſchuldskranze ab, und der Schutzengel ihrer Jugend ſtieg wieder zum Himmel auf und verbarg in ſeinen Händen die Röthe ſeiner Stirne. Allein in ihr Zimmer zurückgekehrt, erblickte ſie ihren ſchönen Roſenſtock auch ganz vom Sturme gebeugt. Sie ging mit Wangen zugleich glühend und von Thränen benetzt auf ihn zu Was an Blüthen und Knoſpen daran war, ſie pflückte Alles, legte es in einen weißen Schleier, ſchloß es in eine Schublade ihrer Toilette und ſprach: „Sterbet, ſterbet, Roſen von Colombau!“ Dann nahm ſie eine Waſſerflaſche, goß ihren ganzen Inhalt, den Kopf ſchüttelnd, an den Fuß ihres Roſen⸗ ſtocks und murmelte traurig: „Nun blühet Roſen von Camille!“ —————————— 190 XLVII. Der Menſch denkt. Sobald Carmelite ihm gehörte, nahm Camille ſein Natnrell wieder an. Das Ziel war erreicht: wozu fortan die Heuchelei? Bemerken wir indeſſen, daß er die zu ſehr hervor⸗ ſpringenden Seiten ſeines Charakters glättete und ſich bemühte, dem Mädchen zu gefallen, das er leidenſchaft⸗ lich liebte. Unter den berauſchenden Glückſeligkeiten dieſer ſelt⸗ ſamen Liebe hatte Carmelite die erſten Tollheiten und den Leichtſinn des jungen Americaners vergeſſen. Dieſe anbetungswürdigen Stunden ſchienen ihr ewig währen zu müſſen, und, war es nun Vertrauen zu Ca⸗ mille, war es Selbſtbeherrſchung, ſie ſchien ſich nichts um die Zukunft zu bekümmern. Sie glaubte ſich unbeſchränkte Gebieterin des jun⸗ gen Mannes, da ſie ihn gegen alle ihre Wünſche unter⸗ würfig, gegen alle ihre Worte gehorſam ſah. So eines Tags, als ſie auf dem Geſichte eines Nachbars,— immer die Nachbarn! verdammte Rach⸗ barn! möchten Sie, lieber Leſer, nie Nachbarn haben und nie der Nachbar von irgend Jemand ſein!— als ſie eines Tags auf dem widerlichen Geſichte eines Nach⸗ bars unzweideutige Merkmale der Mißbilligung wahrzu⸗ nehmen geglaubt hatte, theilte ſie es Camille mit, und dieſer machte ihr ſogleich den Vorſchlag, auszuziehen. Carmelite nahm es an. Man war nur um das Quartier beſorgt, das man bewohnen würde. Camille wollte in eines der reichſten Quartiere von Paris gehen, nach der Chauſſée d'Antin,— in flo er Ch unc die ſtell ren, lebt alſo nich ſond Bar Mas Arm daru Aufe reize einſe das Ein blatt wie Vöge Maß ſang gelnd gefall ſich i eine zu z feiern ſein lei? vor⸗ ſich aft⸗ ſelt⸗ und wig Ca⸗ chts jun⸗ ter⸗ ines ach⸗ ben als ach⸗ rzu⸗ und in den Mittelpunkt aller Blicke, während man alle Blicke floh; umgeben von tauſend Nachbarn, während man erſchreckt durch einen einzigen Nachbar floh. Das war abermals eine von den Nuancen vom Charakter von Camille: es wäre dem Hochmüthigen nicht unangenehm geweſen, in der Sonne der Pariſer Welt die Schönheiten ſeiner neuen Eroberung zur Schau zu ſtellen. Ohne ſich den Zweck des jungen Mannes zu erklä⸗ ren, begriff aber Carmelite, daß das Glück im Schatten lebt und in der Sonne ſtirbt, wie das Veilchen; ſie gab alſo die größten Bangigkeiten kund; ſie bat Camille, nicht an die reichen Quartiere von Paris zu denken, ſondern im Gegentheil ihr Neſt unter einen ſchattigen Baum der Umgegend zu hängen. Camille unterlag unwillkürlich der wohlthätigen Macht von Carmelite: er bot ihr eines Morgens den Arm, um nach dem Lande zu gehen; es handelte ſich darum, einen vor den Nachbarn geſchützten, einſamen Aufenthaltsort zu ſuchen Ach! wer von uns armen Träumern hat nicht den reizenden Plan gemacht, ſein Neſt an einem ſchattigen, einſamen Orte zu bauen, wo die Stimme der Menſchen das melodiſche Lied ſeiner Liebe nicht ſtören würde? Ein weißes Häuschen, berankt von Weinreben, Geis⸗ blatt und. Roſenſtöcken; umgeben von großen Bäumen, wie ein ſonorer Käfich, wo die ewige Symphonie der Vögel ertönt! ein Bach begränzt von Goldknöpfen, Maßlieben und Mausöhrchen, deſſen Gemurmel den Ge⸗ ſang dieſer Muſiker der Luft begleitet; ein ſich hinſchlän⸗ gelnder Fußpfad, wo die im vorhergehenden Jahre ab⸗ gefallenen Blätter das Geränſch der Tritte dämpfen, die ſich in einem dunklen Walde verlieren; mit einem Worte eine Art von Betzimmer von Grün, wohin man ſich zu zwei zurückziehen und zu jeder Stunde den Gott feiern könnte, der den Himmel, die Arbeit und die Liebe 192 geſchaffen hat! ſagen Sie, iſt das nicht der anbetungs⸗ würdige Traum, den Jeder von uns gemacht hat und ewig zu verwirklichen verſucht iſt? Nun wohl, dieſen Traum verwirklichten Camille und Carmelite: ſie gingen an einem Sonntage Morgens ab, jedes ſeinerſeits, aus Furcht, den Neid der Einen und die Bosheit der Andern zu erregen, und trafen bei der Barrisre du Maine zuſammen, wo ſie ſich Arm in Arm nahmen, mit der Freude von Neuliebenden, welche auf eine Stunde ſich zu trennen genöthigt geweſen ſind⸗ Es war an einem herrlichen Tage; der Himmel hatte ſich mit einem blendenden Azur angethan; die Ebe⸗ nen wogten unter eiuem goldenen Teppich; die Bäume der Straße ſchüttelten majeſtätiſch ihre Helmbüſche, von denen die erſten verwelkten Blätter entflogen, wie ſich von unſeren Herzen die erſten Illuſionen löſen. Die zwei jungen Leute ſchienen unter einem Triumphbogen zu gehen; die Natur gibt ſolche Feſte den Liebenden mit einer wunderbaren Verſchwendung: eine verſchwie⸗ gene und gefällige Mitſchuldige, eine unverſiegbare Amme, ſcheint ſie wie eine Mutter ihre fruchtbaren Brüſte der neugeborenen Liebe zu bieten. Sie gingen ſo durch die Ebenen, welche nach Meu⸗ don führen, auf dem ganzen Wege die Bewunderung der Einen und der Andern erregend; Jeder folgte ihnen entzückt mit den Augen, die Aelteſten wie einer Erinne⸗ rung und einem Beklagen der Vergangenheit, die Jüng⸗ ſten wie einem Verſprechen und einer Hoffnung auf die Zukunft. Es war in der That ein Paar würdig die Blicke anzuziehen, jung, ſchön, verliebt: Camille mit einem Re⸗ flexre von Hochmuth, Carmelite mit einer Nuance von Schwermuth; es war das lebendige Bild des Glückes, dem nicht einmal das weiße Wölkchen fehlte, das immer am reinſten Himmel einen Flecken bildet; man hätte keit ber hat hat ſen dieſ doch von ſion men ſo 1 kom mer Ueb nem vier; hatt Back und Pha lon, empo ſodan glauben ſollen, man könne etwas von ihrer Glückſelig⸗ die g und ille ens nen bei in lche ind. mel FEbe⸗ ume von ſich Die gen den wie⸗ me, der Reu⸗ ung hnen nne⸗ ing⸗ die licke Re⸗ von ckes, mer ätte elig⸗ 193 keit behalten, wenn man nur einen Flügel ihrer Kleider berühre. Sie kamen ſo nach dem Bas⸗Mendon.— Meudon hatte Camille noch zu ſehr bevölkert geſchienen. In das Häuschen eintretend, das ſie nicht kannte, hatte Carmelite eine Freude: ſie fand hier ihren Ro⸗ ſenſtock. Ohne zu wiſſen, welche geheime Erinnerungen mit dieſer poetiſchen Staude verknüpft waren, kannte Camille doch die tiefe Zärtlichkeit von Carmelite für dieſe Art von wohlriechendem Talismanz er hatte einem Commiſ⸗ ſionär den Befehl gegeben, den kürzeſten Weg zu neh⸗ men, während er und Carmelite den längſten wählten, ſo daß dieſe, wie geſagt, ihren Roſenſtock vor ihr ange⸗ kommen fand. Als ihr Roſenſtock umarmt, geliebkoſt in ihr Zim⸗ mer getragen war, beſchäftigte ſich Carmelite mit dem Uebrigen des Hauſes. Das war eine reizende kleine Hütte, erbaut von ei⸗ nem Künſtler nach Art der ländlichen Häuſer, welche vierzig Jahre früher Marie Antoinette in Klein⸗Trianon hatte errichten laſſen, das heißt ein Bau von Erde, Backſteinen, Holz mit ſeiner Rinde, Jungfernrebe, Epheu und Jasminen;— das Ganze ſchiefwinkelig wie die Phantaſie, pittoresk wie der Zufall. Im Erdgeſchoße waren das Vorzimmer, der Sa⸗ lon, das Speiſezimmer, die Küche. Eine kleine innere Treppe ging zu einer Terraſſe empor, welche man leicht bedecken konnte, wodurch ſie ſodann ein reizendes Sommerſpeiſezimmer wurde. Eine äußere Treppe, die ſich längs der Mauer hin⸗ zog, und um deren Geländer ſich die rieſigen Blätter der Oſterluzeien rollten, führte zu zwei Zinern und zwei Ankleidecabinets. Zwei Dienſtbotenzimmer vervollſtändigten dieſes Die Mohicaner von Paris. I. 13 194 kleine Rothkehlchenneſt, das beinahe ganz unter den Blättern, dem Mooſe und den Blumen verborgen war. Ein köſtlicher kleiner Pavillon erhob ſich im Garten. „Oh!“ ſagte Carmelite, als ſie ihn beſichtigte,„das iſt ein hübſcher Pavillon! Was werden wir damit machen?“ „Das wird die Wohnung von Colomban ſein,“ ant⸗ wortete Camille ruhig. Carmelite wandte ſich ab; ſie fühlte, daß ſie pur⸗ purroth wurde. Zehnmal, wie man wohl begreift, war der Name Colombau von Camille ausgeſprochen worden; bei Car⸗ melite ſchien dieſer Name an die Tiefe ihres Herzens feſtgenietet zu ſein und nicht mehr daraus hervorkom⸗ men zu können; doch nie war der Schatten des verra⸗ thenen Freundes wie diesmal im ganzen Glanze ſeiner Redlichkeit erſchienen. So hoffte alſo Camille, nachdem er ihn ſchmählich betrogen, Colombau zum Zeugen ſeines Verrathes zu machen. Die Erinnerung an die Redlichkeit von Colombau war ſogleich in den Geiſt von Carmelite zurückgekehrt, und obſchon ſie nichts von der tiefen Liebe, welche Co⸗ lombau für ſie hegte, und folglich von dem Umfange des Opfers, das er ſeinem Freunde gebracht, wußte, fühlte ſie doch, daß es Colombau grauſam verletzen mußte, wenn man ihm das Schanſpiel ihrer Liebe für einen Andern gab. Als ihre Röthe vergangen war, wiederholte ſie auch mit unſicherer Stimme: „Colombau 2... Haben Sie mir nicht geſagt, er ſei abgereiſt, weil Sie mich liebten?“ „Allerdin,s,“ antwortete Camille. „Wenn er abgereiſt iſt, weil Sie mich liebten, ſo liebte er mich alſo anch?“ fuhr das Mädchen fort. „Ei! gewiß liebte er Dich, theure Freundin!“ er⸗ . wie wif wet gen tig Ab den wel Can war Fuß ſchm Zim war Cole abge Sep Eine legte durch Jacg lomb über die 2 ſtrich ſchrei den r. ten. das mit ant⸗ pur⸗ ame Far⸗ zens om⸗ rra⸗ iner hlich zu ibau ehrt, Co⸗ des ihlte ßte, inen auch t. er , ſo er⸗ wiederte Camille;„doch Du weißt, die Abweſenheit ver⸗ wiſcht viele Dinge: wird ihm nicht, wenn er auch ein wenig argwöhniſch vor unſerer entſtehenden Glückſeligkeit geweſen iſt, ſeine Freundſchaft für uns unſer gegenwär⸗ tiges Glück theuer machen?“ Carmelite ſeufzte; es war alſo anerkannt, daß die Abweſenheit viele Dinge verwiſchte.. Somit, dachte ſie, wenn ſich Camille entfernte, wür⸗ den viele Dinge verwiſcht werden! Sie ging ganz träumeriſch in ihr Zimmer hinauf. Dieſes Zimmer war die Zwillingsſchweſter von dem, welches Carmelite in der Rue Saint⸗Jacques bewohnte: Camille hatte es auf dieſelbe Art meubliren laſſen; es waren dieſelben weißen Vorhänge, dieſelbe roſenfarbige Fußdecke. Mit der Phantaſie des Künſtlers und dem Ge⸗ ſchmacke des Weltmannes meublirt, enthielten die anderen Zimmer Meiſterwerke der Pariſer Kunſtſchreinerei; es war eine Reihe von Bondvirs, in denen ſich der ernſte Colombau ſehr unbehaglich gefühlt haben würde. Camille hatte alſo weiſe gethan, daß er ihm eine abgeſonderte Wohnung vorbehalten. Die zwei Liebenden prachten den ganzen Monat September in einer himmliſchen Vertraulichkeit zu; der Eine ſtand nur auf, um an die Andere zu denken, Dieſe legte ſich nur zu Bette, um von Jenem zu träumen. Nicht ein Augenblick des Tages verging, der nicht durchaus, ausſchließlich für ſie gemacht zu ſein ſchien. Sie hatten Alles vergeſſen, Paris, die Rue Saint⸗ Jacgues, die ganze Welt, und wir würden ſagen, Co⸗ lombau, könnten wir nicht von Carmelite Rechenſchaft über die Seufzer verlangen, die ſie zuweilen, indem ſie die Augen ſchloß und mit der Hand über die Stirne ſtrich, entſchlüpfen ließ. Abgeſehen von den Seufzern,— die der Geſchicht⸗ ſchreiber allein wahrnehmen kann, während ſie der Lieb⸗ ——— —— 196 haber nicht hörte,— hatte die Welt in ihren Augen nur ein Stück Land: ihren Garten; nur einen Fluß: den Bach ihres Gartens, und wir fügen ſogar bei, nur eine Sonne: die, welche hinter den großen Bäumen ih⸗ res Gartens aufging. Ihre Gleichgültigkeit gegen die Dinge war ihrer Gleichgültigkeit gegen die Menſchen ähnlich: die Muſik⸗ ſtücke fehlten, gewiſſe Toilettegegenſtände des Einen und des Andern verlangten Erneuerung, man hatte tauſend Gründe, nach Paris zu gehen; doch man war ſo gut in dem Hüttchen des Bas⸗Mendon, daß man ſich nicht entſchließen konnte, daſſelbe zu verlaſſen. Und dann, wieder mit einander in der Rue Saint⸗ Jacques erſchefnen, in das Haus zurückkehren, wo man Alles mitzunehmen geglaubt hatte, indeß man doch ſo viele Dinge vergeſſen, deren Mangel die Nothwendigkeit fühlbar machte, wieder an allen den ſpöttiſchen Nach⸗ barn vorbeigehen, das war eine Unverſchämtheit, welche die Kräfte von Carmelite überſtieg. Ueberdies, da man einen Monat lang alle dieſe Gegenſtände entbehrt hatte, konnte man ſie auch noch ei⸗ nen Monat entbehren. Warum ging Camille oder Carmelite, der Eine oder die Andere, nicht allein nach Paris? Allein nach Paris gehen, der Eine oder die Andere, das hieß ſich verlaſſen, und ſich einen Augenblick in die⸗ ſen ſtrahlenden erſten Stunden der Liebe verlaſſen hieß ſich für eine Ewigkeit verlaſſen. Man ertrug alſo noch vierzehn Tage die Entbeh⸗ rung dieſer Gegenſtände, deren Abweſenheit man An⸗ fangs nicht bemerkt hatte, welche aber, man wußte nicht warum, alle Tage unentbehrlicher wurden. An einem ſchönen Abend mußte man ſich indeſſen entſchließen, ein Verzeichniß von allen den Dingen zu machen, deren man bedurfte, und es wurde verabredet, Camille ſollte am andern Morgen nach Paris gehen und zu Taſ und ung dieſe tin: tet uns ben: Mei zu ſ Miſe melit ſichte resze ſich f der; eine man hen, teſten wenn ( nen d Alles, was in der Hütte des Bas⸗Meudon fehlte, kaufen, oder im Hauſe des Quartier Saint⸗Jacques holen. Nachdem er bis vor der Thüre geweſen und zehnmal zurückgekommen war, ging Camille ab. Carmelite folgte ihm mit den Augen, ſo lange ſie ihn ſehen konnte. Camille ſeinerſeits ſandte ihr Tauſende von Küſſen zu und machte ihr alle Arten von Zeichen mit ſeinem Taſchentuche. Endlich verſchwand er an der Ecke des Weges. Camille ſollte den erſten den beſten Wagen nehmen, und vor zwei Uhr Nachmittags wäre er ſicherlich zurück. Aber ſeht doch ein wenig die Bosheit der Vorſeh⸗ ung, der man, wir wiſſen nicht warum, fortwährend dieſen Namen gibt, deur darf man Vorſehung eine Göt⸗ tin nennen, welche ſo bitter aller unſerer Entwürfe ſpot⸗ tet und jeden Augenblick ſich damit beluſtigt, daß ſie uns auf die verletzendſte Weiſe myſtificirt? Wir werden die Treue von Camille nicht übertrei⸗ ben: wir haben lange und offenherzig genug unſere Meinung über den Creolen geſagt, um nicht verdächtig zu ſcheinen; aber ſprechen Sie, iſt nicht eine Nuance von Miſanthropie im Verfahren der Vorſehung gegen ihn? Sechs Wochen lang iſt er an der Seite von Car⸗ melite geblieben, ohne ſie einen Augenblick aus dem Ge⸗ ſichte zu verlieren; endlich kommt der Wechſel der Jah⸗ reszeit; der Herbſt mit ſeinen erſten Octoberwinden macht ſich fühlbar: Carmelite braucht weniger ſommerliche Klei⸗ der; Camille ſtärker geſtoffte Pantalons; man braucht eine Menge andere Dinge, und trotz Alles deſſen, was man braucht, entſchließt ſich Camille, nach Paris zu ge⸗ heu, nur mit beklommenem Herzen und mit dem lebhaf⸗ teſten Verlangen, zwei Stunden nach ſeinem Abgange, wenn dies möglich iſt, zurückzukehren. Camille geht alſo in den lobenswertheſten Intentio⸗ nen der Welt ab. ———— ——— ——— —— — 198 Dieſe Abweſenheit konnte ihm überdies die Rückkehr nur theurer machen; er wird wiederkommen, nachdem er während einer Entfernung von einigen Stunden alle ſeine Liebesſchätze erneuert hat. Ach! Wie es ſcheint, ermüdet durch die ziemlich indiscrete Art, auf welche man ſich gegen ſie in den letzten Zeiten benommen hat, traut die Verſehung den Bewohnern un⸗ ſeres überläſtigen Planeten nicht mehr und vereitelt un⸗ barmherzig ihre Pläne! Ohne Zweifel in Folge dieſer tiefen Ermüdung ver⸗ eitelte die Vorſehung den Entſchluß von Camille, indem ſie ihn in den gefährlichſten Hinterhalt, den es für einen Menſchen von ſeinem Charakter gab, fallen ließ. Er hatte nicht zweihundert Schritte außerhalb Bas⸗ Meudon gemacht, als er in einer Wolke von Goldſtaub zwei Mädchen in weißen Kleidern erblickte, welche auf zwei ſchwarzen jungen Eſeln ritten. Der Menſch denkt, aber der Teufel lenkt! XLVIII. Camille bei den Volskern. Einer der größten Vorwürfe, den man meiner Un⸗ wiſſenheit gemacht hat, iſt, ich habe eines Tags, ich weiß nicht mehr bei welcher Veranlaſſung, geſagt, der Wet⸗ terableiter ziehe den Blitz an. Nehmen wir an, lieber Leſer, die Lectionen des ge⸗ lehrten Herrn Buloz über die Elektricität und über die vol noc Zw ſint Leu ein ſpr Fla ſobe dem Ent ben, Gef halt geſch erho das den dem ganz Cam Mäd hierh alleir zum er eine rete iten un⸗ ver⸗ dem inen Bas⸗ taub auf Un⸗ weiß Wet⸗ ge⸗ r die voltaiſche Säule haben mir nichts genützt, und ich ſei noch heute in meinen Irrthum verſunken. Ich ſagte:„Wie der Wetterableiter keinen andern Zweck hat, als den, den Blitz auzuziehen, ſo, denken wir, ſind die Mädchen einzig und allein beſtimmt, die jungen Leute anzuztehen;“ und dies ſagend, glaubte ich weder eine ſehr neue, noch ſehr gewagte Meinung auszu⸗ ſprechen. Die zwei Mädchen zogen alſo in ihre Richtung die Flamme, welche aus den Augen von Camille ſprang, ſobald der junge Creole ſie von fern in der Mitte ihrer Wolke erblickte. Er verdoppelte den Schritt, und da es ſein Marſch dem der Eſel zuvorthat, ſo war er nur noch in geringer Entfernung von den beiden Amazonen, als eine derſel⸗ ben, zufällig ſich umwendend, ihr Thier anhielt und ihre Gefährtin durch einen Wink aufforderte, ebenfalls anzu⸗ halten. Camille, als er dieſes Manveuvre ſah, ging noch geſchwinder und erreichte bald die zwei Reiterinnen; da erhob ſich die Größere auf dem hölzernen Brettchen, auf das ſie ihre Füße ſtützte, warf die Zügel ihrem Eſel auf den Hals, fiel, auf die Gefahr, in den Staub zu rollen, dem jungen Manne in die Arme und küßte ihn mit der ganzen Gewalt ihrer Lippen. „Oh! Chante⸗Lilas, Prinzeſſin von Vanvres!“ rief Camille. „Endlich! Du biſt es alſo, Undankbarer!“ ſagte das ädchen.„Wie lange ſuche ich Dich!“ „Du ſuchſt mich, Prinzeſſin?“ verſetzte Camille. „Aller Orten! ich bin ſogar nur in dieſer Abſicht hierher gekommen.“ „Wie ich,“ erwiederte Camille,„ich war einzig und allein hierher gekommen, um Dich zu ſuchen.“ „Nun wohl,“ ſprach Chante⸗Lilas, indem ſie Camille zum zweiten Male küßte,„da wir uns gefnnden haben 200 ſo iſt es, glaube ich, unnütz, daß wir uns länger ſu⸗ chen.. Umarmen wir uns alſo und ſprechen wir nicht mehr hievon.“ „Sprechen wir nicht mehr hievon und umarmen wir uns!“ ſagte Camille, das befohlene Manveuvre voll⸗ führend. „Ah! höre rief Chante⸗Lilas. „Was?. Haben wir uns vielleicht noch nicht ge⸗ nug umarmt?“ unterbrach Camille. „Nein, das iſt es nicht. Erlaube mir, Dir meine vertraute Freundin, Mademoiſelle Paquerette*), Com⸗ teſſe du Battvir**) vorzuſtellen. Ich halte es für unnd⸗ thig, Dir zu bemerken, daß ihr Taufname Paguerette iſt und Comteſſe du Battoir... „Ihr Adelsname... Gut! Und ihr Familienname?“ „Sie heißt ganz einfach Colombier“**)“, antwortete die ſchöne Wäſcherin. F „Füge noch bei, daß dies der Name ihrer Lippen iſt, denn nie wird ein Liebesgeruckſe aus einem roſige⸗ ren und friſcheren Munde hervorkommen.“ Die Roſen der Lippen von Paquerette kletterten ſogleich zu ihren Wangen empor, und ſie war ſcherlich im Begriffe, die Angen niederzuſchlagen, als die Prin⸗ zeſſin von Vanvres ſie zwang, ihren Blick auf Camille zu heften, indem ſie nun den jungen Mann ihrer erſten Ehrendame vorſtellte. „Herr Camille von Rozan, americaniſcher Edel⸗ mann,“ ſagte Chante⸗Lilas;„er hat Millionenz auf den Antillen und, wie Du ſehen kannſt, ſeine Taſchen voll von Petarden.“ *) Maßliebe. **) Gräfin von Waſchbläuel. ***) Taubenhaus. feu em die que wo me ſan den lich als eiß gro unk ſo der Ro von Her ſu⸗ Die Prinzeſſin von Va nvres nannte Petarden*) die icht feurigen Worte, mit denen Camille ſeine Unterhaltung zu emailliren pflegte. wir„Und,— ohne unbeſcheiden zu ſein,— wohin ginget ol⸗ Ihr ſo?“ fragte Camille. „Ei! ich habe es Bir die Prinzeſſin,„wir ſuchten geſagt, Unglücklicher!“ rief Dich auf, nicht wahr, Pa⸗ querette?“ 3„Ganz gewiß, wir gingen nicht anderswohin,“ ant⸗ ine wortete die Comteſſe. ſ„Wie kommt es,“ fragte Camille,„daß Ihr heute, nb⸗ am Dienſtag, nicht in Eurem naſſen Königreiche wohnt, iſt meine ſchönen Najaden? Sollte die Sonne aus Unacht⸗ ſamkeit Euren Palaſt ausgetrocknet haben?“ e“„Es gibt hier nichts Ausgetrocknetes, als unſere iete Gaumen, mein Edelmann,“ erwiederte Chante⸗Lilas, in⸗ dem ſie ihre Zunge ſchnalzen ließ,„und wenn Sie wirk⸗ pen lich ſo ſehr Edelmann ſind, als Sie ſagen, und ſogar ige⸗ als Sie das Anſehen haben eiten hübſchen kleinen Ort ſo werden Sie uns ſogleich aufſuchen— wäre er auch groß und garſtig, mir gleichviel!— wo wir Milch eſſen rlich und Fladen trinken können.“ rin⸗„Prinzeſſin!“ rief Camille. 53 nille„Gut! ich wollte das Gegentheil ſagen, doch ich bin ſten ſo durſtig, daß ich darüber den Verſtand verliere!“ „Ich gehe ſpornſtreichs auf Entdeckung aus,“ erwie⸗ del⸗ derte Camille, indem er ſich in Marſch ſetzte. d Chante⸗Lilas hielt ihn aber an einem Flügel ſeines von Rockes zurück und rief: „Oh! der Prinzeſſin von Vanvres gibt man nicht von dieſer Farbe zu ſehen, Herr Ruggieri!“ „Was willſt Du damit ſagen, Prinzeſſin meines Herzens?“ fragte der Creol ——— *) Schlagſchwärmer. e unbefangen. 202 „Sie befürchtet einfach, Sie werden nicht mehr zurückkommen, und wir haben ſehr Durſt,“ antwortete Paquerette. „Du haſt es geſagt, Paquerette,“ verſetzte Chante⸗ welche Camille beſtändig an ſeinem Rocke feſt⸗ ielt. „Ich, Prinzeſſin!“ rief der junge Mann,„ich Dich verlaſſen, fliehen, während Du mich abſchickſt, um Fla⸗ den für Dich zu holen? Mit was für Menſchen haſt Du gelebt, ſeitdem ich Dich nicht mehr geſehen, mein Herz⸗ chen? Wie! eine Abweſenheit von ſechs Wochen hat Dich dergeſtalt verändert, daß Du der Redlichkeit von Camille von Rozan, einem americaniſchen Edelmann, mißtrauſt? Oh! ich erkenne Dich nicht mehr, Prinzeſſin meiner Seele! Man hat mir meine Chante⸗Lilas ausgewechſelt!“ Und er hob ſeine Arme verzweiflungsvoll zum Him⸗ mel empor. „Nun wohl, gehe voran!“ ſagte Chante⸗Lilas, in⸗ dem ſie die Schöße des Rockes losließ;„oder vielmehr, nein,“ fügte ſie, ſich eines Andern beſinnend, bei:„es wäre grauſam, Dich bei dieſer erſtickenden Sonne die Reiſe zweimal machen zu laſſen! Gehen wir mit einan⸗ der auf Entdeckung aus„. Nur ſuche meinen Eſel wiederzufinden: ich weiß nicht, was während unſerer Wiedererkennung aus ihm geworden iſt.“ Der Eſel war wirklich verſchwunden; man mochte immerhin weit hinaus auf die zwei großen Ebenen ſchauen, welche auf beiden Seiten der Straße lagen: nicht die Ahnung von einem Eſel! Nach einigen Nachforſchungen fand man indeſſen den Flüchtling wieder. Er hatte ſich in einen Graben gelegt und ſchlief im Schatten. Man lud ihn höflich ein, wieder auf die Straße heraufzuſteigen, und das Thier entſprach mit einer Sanft⸗ muth und einem Gehorſam, wozu wenige Menſchen fähig geweſen wären, der Aufforderung und bot auf das Alleranmuthigſte ſeinen Rücken dem Mädchen. Die Gräfin vom Battoir trat nun ihren Eſel Ca⸗ mille ab und ſtieg hinter Chante⸗Lilas auf. Dann begab ſich die luſtige Karavane auf den Weg, um einen Pachthof, eine Schenke oder eine Mühle zu ſuchen. Der ſchlaue Camille hatte nicht auf ein Mal alle ſeine Petarden, wie die Prinzeſſin von Vanvres ſagte, losgeſchoſſen; Gott weiß, mit welchen munteren Witzen die Straße beſprenkelt wurde! Reiter und Reiterinnen warfen ſich dieſelben in ſonoren Noten zu, die Ebene wiederhallte von ihrem Gelächter, die Vögel bielten ſie für ihre fröhlichen Collegen und wurden nicht ſcheu, als ſie vorüberzogen; dieſes Trio von Reiſenden glich den drei erſten Sonntagen des Monats Mai: es waren drei Fleiſch gewordene Frühlinge. Camille hatte ſchon gefragt, wie es komme, daß an einem Dienſtag die beiden Mädchen auf der Landſtraße von Paris ſeien und Eſel peitſchen, ſtatt bei ihrer Wäſche zu ſein und Hemden zu fälteln; Chante⸗Lilas überließ das Wort Paquerette, und dieſe ſagte dem jungen Manne, da genannter Dienſtag der Feſttag ihrer Patro⸗ nin, ſo ſeien ſie ausgeflogen in der entſchiedenen Abſicht, den Americaner zu ſuchen. Chante⸗Lilas kam, wie man ſieht, auch auf ihre Hämmel zurück. „Aber wie geht es zu, daß ich Dich eher auf dieſer Straße ſinde, als auf einer andern?“ bemerkte Camille. „Einmal habe ich Dich auf allen Straßen geſucht,“ antwortete die Prinzeſſin,„doch ich ſuchte Dich ganz be⸗ ſonders auf dieſer, weil man mir ſagte, Du wohneſt im Bas⸗Meudon.“ „Gut! Wer hat Dir das geſagt?“ fragte Camille. „Ei! alle Nachbarn.“ „Wohl, Prinzeſſin,“ verſetzte Camille mit vollkom⸗ 204 mener Sicherheit,„die Nachbarn haben Dich ganz ein⸗ fach blau anlaufen laſſen, mein Kind!“ „Unmöglich!“ „So wahr, als ich dort die Mühle unſerer Träume erblicke.“ Man erblickte in der That eine Mühle am Hori⸗ ont. „Wenn mich aber die Nachbarn blau anlaufen lie⸗ ßen, was wohl möglich iſt, warum treffe ich Dich auf dem Wege von Meudon?“ fragte Chante⸗Lilas mit dem Vertrauen und der Leichtglänbigkeit, die die Apanage der Griſetten zu der Zeit waren, wo es noch Griſetten und Leichtgläubigkeit gab. Camille zuckte die Achſeln wie ein Menſch, der ſa⸗ gen will:„Wie, Du erräthſt nicht?“ Chante⸗Lilas verſtand die Geberde und erwiederte: „Nein, ich errathe nicht.“ „Nichts kann natürlicher ſein,“ ſprach Camille.„Mein Notar wohnt in Meudon, und ich habe Geld bei meinem Notar geholt. Höre!“ Und er ſchlug an die Taſche ſeiner Weſte und ließ die Goldſtücke erklingen, die er für ſeine Einkäufe mit⸗ genommen hatte. „Es iſt wahr,“ verſetzte die Prinzeſſin, überzeugt durch den Klang der rechtfertigenden Stücke;„ich glaube Dir. Nun mußt Du mich aber Deinen Notar ſehen laſſen. Ich habe ſchon mehrere Male von Notaren reden hören, und ich wünſche einen zu ſehen. Man ſagt, das ſei ſehr intereſſant.“ „Und man hat Recht, dies zu ſagen, Prinzeſſin: es iſt ſogar viel intereſſanter, als man ſagt.“ Man kam nach der Mühle, was den Gedanken des Mädchens eine andere Richtung gab. Ach! abermals etwas, was verſchwindet, die Mühle! ehe zehn Jahre vergehen, werden unſere Enkel in ein Gelächter ausbrechen, wenn wir ihnen ſagen, die Mühlen tart dum nich hoff Ede Tret 205 haben einſt dazu gedient, um das Korn zu mahlen, und iſt das Antiken⸗Muſeum nicht darauf bedacht, eine auf⸗ zubewahren, ſo werden ſich unſere Abkömmlinge weigern, an die Realität der Aehnlichkeit zu glauben, wenn wir ihnen eine Beſchreibung davon machen. Ein Beſuch in einer Mühle war indeſſen früher ein reizendes Ziel von Spaziergängen für die jungen Män⸗ ner und die Mädchen; es gab von allen Größen, von allen Farben, von allen Namen. Es gab die Schöne Mühle, die Weiße Mühle, die Rothe Mühle, die Schwarze Mühle, die Fladen⸗Mühle, die Butter⸗Mühle, es gab Mühlen für jeden Geſchmack. Man ſetzte ſich an einen Tiſch, ſchaute drei bis vier Stunden lang zu, wie ſich die Flügel der Mühle dreh⸗ ten, aß dabei Fladen und trank Milch; das war ein rei⸗ nes, unſchuldiges Vergnügen, das keine ſociale Ordnung umſtürzte. Die drei jungen Leute, nachdem ſie ihre Eſel ange⸗ bunden, traten in die Mühle ein, wo man ihnen warmen Fladen und kalte Milch vorſetzte. Camille und Paquerette griffen tüchtig zu, als die Prinzeſſin von Vanvres beim dritten Mund voll, den ſie von dem Fladen nahm, ausrief: „Oh! wie dumm ſind wir, daß wir Fladen eſſen!“ „Ei! Prinzeſſin,“ unterbrach Camille,„ſprich doch in der Eirzahl, wenn's beliebt.⸗ „Oh! wie dumm biſt Du, daß Du Fladen iſſeſt.“ „Bravo!“ rief Camille,„das iſt beſſer als eine Pe⸗ tarde: das iſt eine Rakete Und warum bin ich dumm, daß ich Fladen eſſe?“ „Ei! weil es drei Uhr Nachmittags iſt, weil wir nicht werden zu Mittag ſpeiſen können, und weil ich hoffe, daß uns Herr Camille von Rozan, americaniſcher Edelmann, ein herrliches Mahl anbieten wird.“ „Alles, was Du willſt, Prinzeſſin! Bei meiner Trene, nicht wahr, es iſt das Wenigſte, wenn man ſich 206 ſo lange geſucht hat, wie wir, daß man ſich nicht ver⸗ läßt, ohne gegenſeitig auf die Geſundheit getrunken zu haben?“ „Nun, ſo beſtelle das Mittagsbrod.“ „Oh! nicht hier, meine Schäferinnen.“ „Wo denn?“ „In Paris. Teufel! man ſpeiſt zu ſchlecht auf dem Lande! Das Land iſt gut, um Appetit zu geben, aber nicht, um ihn zu befriedigen.“ „In Paris alſo.. Und wo werden wir in Pa⸗ ris ſpeiſen?“ „Bei Veéfour.“ „Bei Véfour?. Oh! welch ein Glück!“ rief Chante⸗Lilas, indem ſie zum Zeichen ihrer Freude ihre Finger ſchnalzen ließ;„ich höre ſchon ſo lange von Vé⸗ four reden: man ſagt, das ſei ſehr intereſſant.“ „Wie die Notare,“ verſetzte Camille;„es gibt ſogar Leute, welche behaupten, das ſei noch intereſſanter, in Betracht, daß man bei Véfour ſpeiſt, während man bei den Notaren geſpeiſt wird.“ „Oh! Pagquerette,“ rief die Prinzeſſin,„Du wirſt Dich hoffentlich nicht beklagen! Das iſt eine Petarde: bei Véfour!“ „Vorwärts, vorwärts, meine Kinder!“ ſagte Ca⸗ mille.„Ich muß Euch bemerken, daß ich vor dem Mit⸗ tageſſen einige Einkäufe zu machen habe.“ „Für Damen?“ fragte Chante⸗Lilas, den Arm von Camille bis aufs Blut kneipend. „Ah! ja wohl, Damen!“ verſetzte Camille.„Kenne ich Damen?“ „Für wen halten Sie mich denn?“ ſagte Chante⸗ S indem ſie ſich mit einem komiſchen Stolze hoch auf⸗ richtete. „Dich, Prinzeſſin?“ erwiederte der junge Mann, ſie umarmend,„ich halte Dich für die friſcheſte, witzigſte, hü un wi ßig ſtü vor dieſ den hat imn plöt ſein ame Lila habe welc felt, enne ante⸗ auf⸗ ann, igſte, 207 hübſcheſte Wäſcherin, welche je am Ufer eines Fluſſes, unter der Haube des Himmels, geblüht hat!“ Ein leerer Fiacre kam an der Mühle vorüber; man winkte ihm, anzuhalten. Dann band man die Eſel los, und gegen ein Drei⸗ higſousſtück,— es gab zu jener Zeit noch Dreißigſous⸗ ſtücke,— übernahm es der Knecht der Mühle, ſie nach Vanvres zurückzuführen. Wonach man in den Fiacre ſtieg und die Adreſſe von Véfvur gab. Von den Einkäufen war keine Rede, wenigſtens für dieſen Tag. Beim Nachtiſche, als man die Erdbeeren gegeſſen, den Kaffee zu ſich genommen, das Aniswaſſer verkoſtet hatte, erinnerte ſich Paquerette Colombier, deren Rolle immer ſchwieriger zwiſchen den zwei jungen Leuten wurde, plötzlich, ihr Oheim, ein alter Militär, erwarte ſie, um ſeine Wunden zu verbinden. Und ſie that, was wir thun wollen: ſie ließ den americaniſchen Edelmann unter vier Augen mit Chante⸗ Lilas. Nur werden wir, die wir keinen verwundeten Oheim haben, nach dem Bas⸗Meudon zurückkehren, wo Carmelite, welche ſeit ſieben Uhr Abends am Fenſter ſteht, verzwei⸗ felt, da ſie Mitternacht ſchlagen hört. 208 XLIX. Letzte Herbſttage. Eines der Fenſter der Wohnung ging auf die Straße vom Petit⸗Hameau. An dieſem Fenſter ſtand Carmelite mit den Ellenbogen das Geſims geſtützt, den Kopf in ihre Hände ver⸗ enkt. Von da hörte ſie die ſeltenen, fernen Geräuſche, welche mitten in der Finſterniß von der Ebene kamen, und zwanzigmal hatten ſie die dürren Aeſte, welche krachten, und die gelben Blätter, die zu fallen anfingen, beben ge⸗ macht, als ob ſie den Tritt von Camille gehört hätte. Doch zu dieſer Stunde konnte Camille nicht zu Fuße von Paris zurückkommen; nicht auf das Geräuſch ſeiner Schritte mußte ſie warten, ſondern auf das Geräuſch eines Wagens. Die Stille der Nacht, das melancholiſche Gemurmel des Windes in den Bäumen, die Blätter, welche ſchauernd niederfielen, die Nachteule, die ihr unheimliches Geſchrei auf der benachbarten Pappel hören ließ, Alles trug zur Vermehrung der Traurigkeit von Carmelite bei, und es kam ein Moment, wo dieſe Traurigkeit ſo tief war, daß zwei Bäche ſtiller Thränen ihren Augen entſtürzten und durch ihre Finger liefen. Welch ein Unterſchied zwiſchen dieſer düſtern Herbſt⸗ nacht voller Schauer, allein in Erwartung von Camille an einem Fenſter zugebracht, und jener Frühlingsnacht mit Colomban unter Syringen und Roſen durchlebt! Und es waren doch kaum fünf Monate zwiſchen dieſen zwei Nächten verlalifen! ga es nac räu ſpn in Ree Her and Arn gen, entg Mar ſehn kunft türli auf weni zu le als Inſti Die raße ogen ver⸗ ſche, und hten, nge⸗ te. Fuße einer äuſch rmel ternd ſchrei r d es daß und rbſt⸗ mille nacht 7 ſchen Es braucht allerdings nicht fünf Monate, um eine ganze Exiſtenz zu verändern: es braucht eine Minute! es braucht einen Augenblick! es braucht eine Sturm⸗ nacht! Endlich, gegen ein Uhr Morgens, ertönte das Ge⸗ räuſch eines Wagens auf dem Pflaſter der Straße. Carmelite wiſchte ſich die Augen ab, horchte mit ge⸗ ſpanntem Ohr, und ſah mit einem Gefühle von Gluck, in das ſich eine Traurigkeit miſchte, über die ſie ſich keine Rechenſchaft gab, den Wagen ſich nach der abhängigen Seite der Straße wenden und vor der Thüre halten. Woher kam denn die Erſchütterung dieſer Fiber des Herzens, der einen ſcharfen Schmerz gab, während alle anderu vor Freude bebten? Sie wollte die Treppe hinab eilen, um früher in den Armen von Camille zu ſein. Sie konnte nur bis auf die erſte Stufe gehen. Camille aber, nachdem er aus dem Wagen geſtie⸗ gen, nachdem er die Thüre wieder geſchloſſen, ſprang ihr entgegen. Er fand Carmelite auf halbem Wege, wankend, an die Mauer angelehnt. Woher kam bei ihr, die ſeine Rückkehr ſo ſehr er⸗ ſehnt hatte, dieſe ſchmerzliche Schwäche bei ſeiner An⸗ kunft? Camille, er ſchloß Carmelite mit dem ihm na⸗ türlichen Erguſſe in ſeine Arme. Er hatte am Morgen die Prinzeſſin von Vanvres auf dieſelbe Weiſe an ſeine Bruſt gedrückt,— etwas weniger ſtark vielleicht, etwas weniger glühend vielleicht: er hatte ſich ſeine Abweſenheit von Carmelite vergeben zu laſſen. Dieſe erwiederte Camille ſeine Liebkoſungen kälter, als ſie ſelbſt geglaubt hätte. Es iſt in der Frau ein Inſtinct, der ſie felten täuſcht: der Mann nimmt immer Die Mohicaner von Paris. M. 14 —— 210 genug von der Frau nit ſich, die er verläßt, um einen Verdocht der Frau einzuflößen, zu der er zurückkommt. Carmelite kannte die Natur dieſes Verdachtes durch⸗ aus nicht; es ſchien ihr, ſie habe außer der Abweſenheit Camille noch etwas Anderes vorzuwerfen. Was?— ſie wußte es nicht, doch die ſchmerzliche Fiber, die ſich in der Tiefe ihres Herzens gerührt hatte, war die des Vorwurfs. „Verzeih mir, meine Geliebte, daß ich Dir Unruhe bereitet!“ ſagte Camille;„doch ich ſchwöre Dir, eine raſchere Rückkehr hat nicht von mir abgehängt.“ „Schwöre nicht,“ ſprach Carmelite;„zweifle ich? warum ſollteſt Du mich täuſchen? Wenn Du mich immer liebſt, ſo hat Dich ein Wille, der ſtärker als der Deine, zurückgehalten; wenn Du mich nicht liebſt, was iſt mir dann an der Urſache gelegen?“ „Oh! Carmelite!“ rief Camille:„ich Dich nicht mehr lieben? Wie ſollte ich denn das machen? wie wäre es mir möglich, zu leben ohne Dich?“ Carmelite lächelte traurig. Es ſchien ihr, ein verſchleierter Schatten, der Schat⸗ ten eines Weibes, ziehe zwiſchen ihr und ihrem Gelieb⸗ ten durch. Camille führte ſie in ihr Zimmer zurück und ſchloß das Fenſter,— die Nächte fingen an kalt zu ſein. Carmelite war fünf Stunden an dieſem Fenſter geblieben und hatte die Kühle der Luſt nicht bemerkt. Sie war nahe daran, zu ſagen:„Laß das Fenſter offen, Camille; ich erſticke!“ Sie öffnete den Mund; doch ihre Lippen artikulirten keinen Laut: ſie ſank auf ihr Canapé. Camille drehte ſich um, ſah ſie und warf ſich zu ihren Füßen. „Höre, was geſchehen iſt,“ ſagte er.„Stelle Dir vor, ich habe in Paris zwei Creolen von Martinique getroffen, zwei Freunde von mir, die ich ſeit. ich Mau einig und mit ohne inen mt. urch⸗ nheit liche atte, ruhe eine ich? nmer eine, mir nicht wäre chat⸗ elieb⸗ chloß enſter rkt. enſter lirten h zu Dir nique ich kann Dir nicht ſagen, wie lange nicht mehr geſehen.. Wir ſprachen von unſerem ſchönen Vaterlande, wo Du einſt wohnen wirſt, wir ſprachen von Dir...“ „Von mir?“ verſetzte Carmelite ſchauernd. „Gewiß von Dir.. Kann ich von etwas An⸗ derem ſprechen?. Ich habe Dich nicht genannt, wohl verſtanden. Sie ſind mit mir gegangen, umunſere Ein⸗ käufe zu machen,— einen Tbeil davon wenigſtens,— doch unter der Bedingung, daß ich mit ihnen zu Mittag ſpeiſe und mit ihnen in die Oper gehe es war die Abſchiedsvorſtellung von Lais... Du weißt, Du und die Muſik, Ihr ſeid meine einzigen Leidenſchaften! Wa⸗ rum warſt Du nicht dabei? wie gut hätteſt Du Dich unterhalten!“ Carmelite machte eine unbeſchreibliche Bewegung mit den Augenbrauen. „Ich war nicht dort,“ ſagte ſie. „Nein, Du warſt hier, meine arme Geliebte; doch das iſt Deine Schuld: Du wollteſt nicht mitgehen.“ „Ja, es iſt meine Schuld; ich beklage mich auch „Und ſtatt Dich zu beluſtigen, haſt Du Dich doch gelangweilt!“ „Nein, ich habe auf Dich gewartet.“ „Höre, Du biſt ein Engel!“ rief Camille. Und er küßte Carmelite aufs Neue voll Leidenſchaft. Sie ließ ihn faſt zerſtreut machen. Ueber dem Kopfe des vor ihr knieenden jungen Mannes betrachtete ſie ihren Roſenſtock, der nur noch einige bleiche, kränkliche Blumen hatte,— die letzten. Eine derſelben fing ſogar an ſich zu entblättern, und Carmelite ſah ihre Blätter eines nach dem andren mit einer tiefen Schwermuth fallen. Camille fühlte wohl, daß ſeine Worte abglitten, ohne einzudringen; er blieb beharrlich und kam auf die nicht 212 Einzelheiten zurück, die ſeiner Erzählung Wahrſcheinlich⸗ keit geben ſollten. Carmelite hatte am Ende den Sinn der Worte ver⸗ loren und hörte nur noch das Geräuſch derſelben. Sie lächelte, ſie machte Zeichen mit dem Kopfe, ſie antwortete einſylbig; doch ſie wußte ebenſo wenig, was ſie antwortete, als was Camille ſagte. Es ſchlug zwei Uhr; Carmelite ſchauerte. „Zwei Uhr?“ rief ſie.„Sie ſind müde; ich bin es auch, mein Freund; gehen Sie in Ihr Zimmer und laſſen Sie mich allein. Morgen werden Sie mir Alles ſagen, was Sie mir noch zu ſagen haben; ich weiß, daß Ihnen nichts Unangenehmes begegnet iſt, und ich bin glücklich.“ Camille war es ſeit einigen Minuten unbehaglich: er wußte nicht mehr, wie er hinauskommen, wie er blei⸗ ben ſollte. Er ſchien indeſſen betrübt über die Worte von Carmelite. „Du ſchickſt mich fort, Böſe?“ ſagte er. „Wie?“ fragte das Mädchen. „Gut! gut!“ erwiederte Camille,„ich ſehe, daß Du mit mir ſchmollſt.“ „Ich?“ entgegnete Carmelite;„und warum ſollte ich mit Dir ſchmollen?“ „Ei! was weiß ich? Eine Laune!“ „In der That,“ ſprach Carmelite mit einem trauri⸗ gen Lächeln,„vielleicht bin ich launenhaft, Camille; doch 5 werde dieſen Fehler abzulegen ſuchen... Morgen alſo!“ Camille umarmte zum letzten Male Carmelite, die ſeinen Kuß empfing, wie es eine Marmorſtatue gethan hätte, und ging hinaus. Kaum hatte ſie die Thüre ſich hinter ihm ſchließen ſehen, als das Wort, das in Anweſenheit des jungen ihn mit ern wel erſt nen Bet jun Häl Ver brac im e Pav ſenh⸗ ſager chigt reich, feld, ver⸗ 5 ſie was bin und Alles weiß, hbin lich: blei⸗ von daß ſollte auri⸗ doch orgen „die ethan ießen ingen Mannes nicht aus ihrem Munde hervorgehen konnte, ihm nun, da er abweſend, entſchlüpfte. „Ich erſticke!“ ſagte ſie. Und ſie öffnete wieder das Fenſter und ſtützte ſich mit dem Ellenbogen auf das Geſims, wie ſie es Camille erwartend gethan hatte. Hier blieb ſie unbeweglich bis zum Tage. Bei den erſten gräulichen Strahlen des Morgens, welche niederfielen, ſchauerte ſie, und als ob ſie jetzt erſt die Stunde wahrgenommen hätte, ſchlug ſie ihre ſcho⸗ Augen zum Himmel auf, ſeufzte und legte ſich zu ette. Das war die erſte Wolke, die am Himmel der zwei jungen Leute hinzog. Camille hatte Carmelite geſagt, er habe nur die Hälfte der Einkäufe gemacht. Er hatte ſie gar nicht gemacht, wenn man ſich der Verwendung ſeiner Zeit erinnern will. Es war alſo dringend, nach Paris zurückzukehren. Er kehrte dahin zurück. Diesmal waren die Einkäufe vollſtändig: nichts brachte Camille von ſeinem Entſchluſſe ab. Er kam auch frühzeitig wieder nach Hauſe. Carmelite erwartete ihn nicht am Fenſter; ſie ging im Garten auf und ab; in dem Garten, wo der leere Pavillon von Colomban ſtand. Uebrigens wurden von dieſem Tage an die Abwe⸗ ſenheiten von Camille immer häufiger, und die Nachſicht, ſagen wir mehr, die Gleichgültigkeit von Carmelite ermu⸗ thigte ihn nur, ſtatt ihn zurückzuhalten. Allmälig wurden ſeine Gänge nach Paris ſo zahl⸗ reich, daß ſeine Anweſenheit im Hauſe eine Ausnahme war⸗ An einem Tage war es ein Gang nach dem Mars⸗ feld, an einem andern Tage die erſte Vorſtellung einer Oper, an einem dritten ein Hahnenkampf an der Bar⸗ riere. Wohl ſagte Camille jedes Mal zu Carmelite: 214 „Willſt Du mit mir gehen, Geliebte?“ doch jedes Mal antwortete Carmelite:„Ich danke.“ Und Camille ging allein. Eines Morgens, während einer ſeiner Abweſenheiten, klingelte man an der Thüre. Carmelite hörte die Glocke, doch das war ein Ge⸗ töne, das ſie nicht mehr ſchauern machte. Als man indeſſen zum zweiten Male klingelte, richtete ſie den Kopf auf und legte ihre Stickerei nie⸗ der; ſodann, da die Gärtnerin zu öffnen zögerte, trat ſie ans Fenſter, that den Vorhang ein wenig auseinan⸗ der und ſchaute, wer klingelte. Carmelite ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung, faſt des Schreckens aus: es war Colombau. Sie wäre beinahe rückwärts gefallen. Sie lief auf den Ruheplatz; die Gärtnerin, welche aus der Tiefe des Gartens kam, trat in den Corridor. „Nanette,“ rief Carmelite,„führen Sie dieſen Herrn in den Gartenpavillon und ſagen Sie ihm nicht, daß ich hier bin.“ Dann ſchloß ſie ihre Thüre wieder, drehte den Schlüſſel um, ſchob ganz zitternd den Riegel vor, und ſetzte ſich oder fiel vielmehr auf ihr Canapé. Es war Colombau. Colombau hatte Camille mit ſeiner gewöhnlichen Regelmäßigkeit geſchrieben; da aber Camille ſeit der Abreiſe des Bretagners keinen Fuß mehr in die Rue Saint⸗Jacques geſetzt hatte, ſu waren die Briefe von Colombau bei Marie Jeanne geblieben. Hierdurch kam es, daß der ſorgloſe Camille, da er keine Briefe erhalten, es nicht für nöthig erachtet hatte, an ſeinen alten Collégekameraden zu ſchreiben. Ueberdies entfernte er, ſo viel in ſeiner Macht lag, das Andenken an Colombau von ſich. Colombau, das war die verrathene Freundſchaft, das verletzte Verſprechen, das war der Gewiſſensbiß. tät hei Mal Dieſes Stillſchweigen hatte Colombau beunruhigt, ſo wenig argwöhniſch er war. Das Gemüth des ſtrengen Bretagners hatte ſich eiten, auch,— er bildete es ſich wenigſtens ein,— unter den wilden Schönheiten ſeiner Heimath geſtählt. Ge⸗ Er glaubte von den Peulven'*) von Carnac ihre Härte, von dem armoricaniſchen Felsgeſtade ſeinen Wi⸗ gelte, derſtand entlehnt zu haben. nie⸗ Eines Tags hatte er ſich geſagt:„Ich bin geheilt; trat ich will meine Rechtsſtudien wiederaufnehmen. Dann inan⸗ werde ich ſehen, was Camille und Carmelite machen.“ Und da er dieſe zwei Namen ausſprechend mit den „faſt Lippen gelächelt hatte, ſo bildete er ſich ein, er habe mit dem Herzen gelächelt. Er war alſo abgereiſt, da er ſich Sieger glaubte. velche Sein vermeintlicher Sieg war eine Niederlage; nur dor. täuſchte er ſich ſelbſt, und Gott allein kannte das Ge⸗ 3 dieſen heimniß ſeiner Schwäche. 3 nicht, Er kam nach Paris und nahm einen Wagen, um 6 raſcher in der Rue Saint Jacques zu ſein. den Es war ſieben Uhr Morgens; er würde Camille und im Bette finden. Camille war träge wie ein Creole. Carmelite würde aufgeſtanden ſein; er erinnerte lichen ſich, daß ſie mit den Vögeln erwachte und, wie ſie, den t der erſten Schimmer des Tages, den erſten Strahl der Rue Sonne beſang. e von Er kam mit klopfendem Herzen und entflammter Stirne nach der Rue Saint⸗Jacques. da er Marie Jeanne ſah ihn aus dem Wagen ſteigen. hatte,„Ah! da iſt Herr Colomban!“ ſagte ſie.„Wohin gehen Sie denn, Herr Colombau?“ t lag, Colombau blieb plötzlich ſtehen und erwiederte: ſchaft, iß. Druidiſche Denkmäler. 216 „Wohin ich gehe? Ei! zu mir, zu Camille.“ „Ah! wohl! Herr Camille iſt vor vielen Tagen ausgezogen.“ „Ausgezogen?“ wiederholte Colombau. ä⸗ ja, ja. „Und?„ Colombau zögerte. „Und Carmelite?“ fragte er mit einer Anſtrengung. „Oh! ebenfalls ausgezogen.“ „Wohin ſind ſie denn gegangen?“ fragte Colombau. „Ah! der Mann wird Ihnen das ſagen: er weiß es, glaube ich; ſodann auch Mademoiſelle Chante⸗Lilas, die Wäſcherin.“ Colombau lehnte ſich an die Wand an, um nicht zu fallen. „Gut!“ ſagte er.„Geben Sie mir den Schlüſſel von meinem Zimmer.“ „Den Schlüſſel von Ihrem Zimmer?“ verſetzte Marie Jeanne;„wozu?“ „Wozu verlangt man den Schlüſſel von ſeinem Zimmer?“ „Man verlangt den Schlüſſel von ſeinem Zimmer, um in ſeine Wohnung zu gehen; doch Sie haben keine Wohnung mehr hier.“ „Wie ſo?“ fragte der Bretagner mit erſtickter Stimme. „Weil Sie auch ausgezogen ſind.“ „Ich, ich bin auch ausgezogen? Sind Sie toll?“ „Nein, ich bin nicht toll. Sie können hinaufgehen, wenn Sie wollen: es iſt kein einziges Meuble mehr in Ihrem Zimmer: Herr Camille hat Alles mitgenommen und geſagt, Sie werden mit ihnen wohnen.“ „Mit ihnen?“ wiederholte Colombau. Und eine Feuerwolke zog über ſeine Augen hin. „Aber da ich mit ihnen wohnen ſoll, ſo muß ich doch wenigſtens wiſſen, wo ſie wohnen,“ ſagte er. zal rie ge dor tag ern Lei ma und ſter ihr agen ung. bau. weiß las, nicht üſſel arie nem ner, „Ei! ich glaube, in Meudon,“ erwiederte Marie Jeanne. Der junge Mann, der ſeinen Wagen noch nicht be⸗ zahlt hatte, ſtieg mit ſeinem Felleiſen wieder ein und rief dem Kutſcher zu: „Nach Meudon!“ Anderthalb Stunden, nachdem er dieſe zwei Worte geſprochen, war Colombau in Mendon. Doch man erinnert ſich, daß Camille im Bas⸗Meu⸗ don wohnte. Colombau ging mit ſeiner Geduld und ſeiner bre⸗ tagniſchen Hartnäckigkeit von Thüre zu Thüre, ohne zu ermüden. Beim letzten Hauſe ſagte man ihm, die jungen Leute wohnen ohne Zweifel im Bas⸗Meudon Colomban fuhr nach dem Bas⸗Meudon. Im Bas⸗Mendon erhielt er poſitinere Auskunft; man bezeichnete ihm das Haus; er klingelte ein erſtes und dann ein zweites Mal. Carmelite ſchaute, wie wir erwähnt, durch das Fen⸗ ſter, erkannte Colombau und befahl Ranette, nicht von ihr zu ſprechen und Colombau in den Pavillon zu führen. 218 L. Derjenige, welcher zurückkommt. Als Nanette Colombau die Thüre öffnete, war er faſt ſo bleich als Carmelite. Er wollte nach Camille fragen, doch ſeine Stimme erſtarb auf ſeinen Lippen. „Zu Herrn von Rozan, nicht wahr?“ fragte Na⸗ nette, ihm zu Hülfe kommend. „Ja,“ flüſterte Colombau. „Er iſt nicht hier, mein Herr,“ erwiederte Ranette. Und ſie ſetzte ſich in Marſch, geſolgt von Colom⸗ ſt den ſie geraden Weges nach dem Gartenpavillon ührte. Carmelite, nachdem ſie die Hausthüre hatte öffnen und wieder ſchließen hören, ſtand auf; ſie zog ihre Rie⸗ gel zurück, drehte ihren Schlüſſel, öffnete wieder die Thüre ihres Zimmers, ſchlich auf den Fußſpitzen hinaus und ſchaute durch das Fenſter des Corridors, der auf den Garten ging. voran. Erklärung von ihm zu verlangen. Er öffnete die Thüre des Pavillon. Der Pavillon war leer. Er wandte ſich gegen Nanette um und fragte: „Wohin führen Sie mich?“ „Ei! in Ihre Wahnung, mein Herr,“ antwortete die Gärtnerin. „In meine Wohnung?“ Es drängte ihn, zu Camille zu kommen und eine Colombau folgte Ranette nicht mehr; er ſchritt ihr rer mme Na⸗ ette. lom⸗ illon ffnen Rie⸗ die naus auf tihr rtete „Jaz find Sie nicht der Freund, den Herr Camille von Bretagne erwartet?“ „Camille erwartet mich?“ „Seit zwei Monaten.“ „Und wo iſt Camille?“ „Er iſt in Paris.“ „Er wird aber heute zurückkommen?“ „Das iſt wahrſcheinlich.“ „Geht er oft nach Paris?“ „Faſt alle Tage.“ „Ah! das iſt es,“ murmelte Colombauz„er hat hier ſein Quartier, doch ſie wohnt in Paris; Camille hat wohl befürchtet, ſie zu compromittiren, nicht nur, wenn er in demſelben Hauſe, ſondern ſogar, wenn er in demſelben Stocke wie ſie wohne. Der liebe Camille, ich hatte ihn ſchlecht beurtheilt... Ah! ich bin böſe!“ Und er wandte ſich an Nanette und ſagte zu ihr: „Ich will Camille hier erwarten; ſobaid er zurück⸗ kehrt, werden Sie ihn von meiner Ankunft benach⸗ richtigen.“ Nanette nickte bejahend mit dem Kopfe und ent⸗ fernte ſich. Als Colombau allein war, ſchaute er rings umher und ſtrich dann mit der Hand über die Angen: er glaubte das Spielzeng eines Blendwerks zu ſein. Es war ſein Zimmer, ſein Zimmer von der Rue Saint⸗Jacques, ganz und gar in einen reizenden Garten verſetzt! Dieſelben Menbles, dieſelbe Tapete, er fand Alles hier wieder, wie durch Zauber, Alles, von ſeinem Codex, — welcher auf ſeinem Nachttiſche, bei ſeinem Handleuchter, liegend gerade bei der Stelle aufgeſchlagen war, wo er drei Monate vorher das grüne Merkzeichen eingelegt hatte,— bis auf die kleinen Kübel von Roſenſtöcken, welche vor ſeinem Fenſter grünten! Dieſes Zimmer, das war ein Gewiſſensbiß von 220 Camille, der ſich ein Verbrechen von Colomban verzeihen zu laſſen hatte. Camille ſah darin nur eine zarte und zärtliche Aufmerkſamkeit ſeines Freundes. Nur war für ihn dieſes Zimmer voll von düſteren Erinnerungen. Nichts iſt trauriger wiederzuſehen mit einem zer⸗ riſſenen Herzen und Augen in Thränen, als die Gegen⸗ ſtände, die man in glücklichen Zeiten geſehen hat. Während er ſeinem Freunde eine freudige Ueber⸗ raſchung zu bereiten glaubte, war es nicht ein Henkers⸗ werk, was Camille dadurch vollbrachte, daß er Colom⸗ bau nöthigte, im Sterbezimmer ſeiner erſten Illuſionen zu wohnen? Wie in jener Nacht, wo ſich die Abweſenheit von Camille bis um ein Uhr Morgens verlängerte, Carme⸗ lite geſagt hatte:„Ich erſticke!“ ſo wiederholte auch Colombau:„Ich erſticke!“ und er eilte, Luft ſuchend, in den Garten. Carmelite hatte ihr Fenſter nicht verlaſſen: ſie ſah ihn aus dem Pavillon herauskommen, oder vielmehr herausſpringen. Sie drückte ihre Hand auf ihr Herz und warf ihren Kopf zurück: die Arme war einer Ohnmacht nahe. Als ſie ihre Augen wieder öffnete und ſie nach dem Garten lenkte, ſaß Colombau auf einer Bank, den Kopf in ſeinen Händen, ganz in derſelben Stellung, in der ſie Camille erwartend vier Stunden lang geblieben. Er blieb auch vier Stunden wartend, wie Carme⸗ lite geblieben war. Plötzlich hörte man das Rollen eines Wagens, der vor der Thüre hielt; dann ertönte die Klingel kräftig unter einer von jenen Erſchütterun⸗ gen, in denen man leicht die Hand des Herrn erkennt. Diesmal war Nanette an ihrem Poſten und öffnete ſchleunigſt. Ohne Zweifel meldete ſie Camille, Colomban ſei mil den gar zwe das wer nun mer ſein Bei vor 221 ihen angekommen; denn ſtatt in den erſten Stock hinaufzu⸗ gehen, durchſchritt Camille den Corridor und erſchien im liche Garten. Er ſuchte Colombau mit den Augen, ſah ihn auf eren ſeiner Raſenbank ſitzen und ging gerade auf ihn zu. Colombau, der ſeine Stirne in ſeinen Händen hielt, zer⸗ ſah ihn nicht. gen⸗ Beim Geräuſche der Tritte ſchaute er indeſſen empor und erblickte Camille vor ſich. ber⸗ Er gab einen Schrei von ſich und war in weniger ers⸗ als einer Secunde in ſeinen Armen. om⸗ Carmelite beobachtete Alles dies durch ihren Vor⸗ nen hang. Richts ſtörte bei Colombau die Freude, die es ihm von bereitete, ſeinen Freund wiederzuſehen; er glaubte Ca⸗ me⸗ mille im Bas⸗Mendon, Carmelite in Paris. uch Die zwei jungen Leute kamen Arm in Arm nach „in dem Hauſe zurück. Carmelite, als ſie dieſelben ſich nähern ſah, ging ſah ganz zitternd in ihr Zimmer, deſſen Riegel ſie zum ehr weiten Male vorſchob. Camille zeigte ſeinem Freunde das ganze Haus, das Zimmer ausgenommen, wo ſich Carmelite befand. Der Bretagner war nicht erſtaunt über den ein dem wenig weibiſchen Luxus der Ausſchmückung der Woh⸗ den nung: er kannte den Geſchmack von Camille. der Nachdem das ganze Haus, mit Ausnahme des Zim⸗ mers von Carmelite, beſichtigt war, führte der Creole me⸗ ſeinen Freund vor die geheimnißvolle Thüre, an der llen Beide zwei⸗ bis dreimal, ohne daß ſie ſich öffnete, nte vorübergegangen waren. Hier hielt er Colombau an. un⸗ t.„Den Hut in die Hand!“ ſprach Camille. iete„Warum?“ fragte der Bretagner. „Hier iſt das Allerheiligſte!“ ſei„Was willſt Du danit ſagen?“ 222 „Höre,“ erwiederte Camille mit dem ihm eigen⸗ thümlichen halb ſpöttiſchen, halb ernſten Tone;„ich hatte nur ſehr unbeſtimmte oder, wenn Du lieber willſt, ſehr entſchiedene Ideen über die Religion: Jeder betet den Gott ſeiner Wahl an; ich weiß nicht, warum ich es anders machen ſollte, als die übrige Welt.“ „Worauf zielſt Du ab, und was für ein Zimmer iſt dies?“ fragte Colombau.„Vollende!“ „Das iſt der Tempel der Göttin des Schönen, des Guten, des Großen, eine Art von Pan Hermaphro⸗ dit, zugleich an der Frau durch ihre Schwäche und ihre Schönheit, am Manne durch den Muth und die Stärke Theil habend. Dieſes Zimmer, Colombau, ent⸗ hält das Weſen, das ich über Alles in der Welt an⸗ bete; das menſchliche Geſchöpf, das ich der Gottheit gleich verehre! Neige Dich alſo und, wie ich Dir ge⸗ ſagt habe, entblöße Dein Haupt, indem Du über dieſe Schwelle trittſt; denn es iſt gewiß nie einem Sterb⸗ lichen vergönnt geweſen, das Geſicht eines verehrteren Idols zu betrachten.“ Carmelite hörte von ihrem Zimmer aus Alles, was Camille ſagte; ſie ſtand auf, bleich, aber entſchloſſen, wie ſie es bei den großen Veranlaſſungen war, ging gerade auf die Thüre zu, und in dem Augenölicke, wo Camille die Hand an den Knopf legen wollte, um zu öffnen, öffnete ſie ſelbſt. Colombau, als er das Mädchen erblickte, wäre beinahe rückwärts gefallen. „Treten Sie ein, mein Freund!“ ſagte Carmelite einfach. „Nnn, was haſt Du denn?“ fragte Camille, die Bangigkeit ſeines Herzens unter dieſer Heiterkeit ver⸗ bergend, welche bald ſeine Maske, bald ſein Geſicht war;„erkennſt Du Carmelite nicht mehr? Dann will ich Euch einander vorſtellen.. Mademviſelle Carme⸗ lite Gervais, der Herr Vicomte von Penhosl„der dat get den reic Har lite men redl Eng da? Fre Herr Vicomte von Penhosl, Mademviſelle Carmelite Gervais.“ Die zwei jungen Leute ſchauten ſich an, Colombau betäubt vor Erſtannen, Carmelite unbeweglich vor Scham! „Ei! ſo umarmt Euch doch!“ rief Camille;„wer Teufels hält Euch denn zurück?.. Vollt Ihr, daß ich einen Gang im Walde von Meudon mache?“ Dieſe, im Grunde freundſchaftliche, in der Form aber beleidigende Aufforderung brachte eine ganz ver⸗ ſchiedene Wirkung auf Carmelite und Colombau hervor: das Mädchen erröthete bis ans Weiße der Augen; das Geſicht des Bretagners überzog ſich mit einer Todesbläſſe. Beide wichen einen Schritt zurück. Was Carmelite erröthen und zurückweichen machte, dos war die verletzte Achtung vor der Frau, die belei⸗ digte Scham: ein verächtliches Lächeln ſchwebte über ihre Lippen. Was Colombau erbleichen und zurückweichen machte, das war die verrathene Treue, es waren die mit Füßen getretenen heiligen Verſprechungen der Freundſchaft? eine Wolke des Schmerzes bedeckte ſeine Stirne. Die Verlegenheit war grauſam für Beide. Carmelite machte ihr dadurch ein Ende, daß ſie dem Bretagner offenherzig und liebreich ihre Hand reichte. Dieſer,— in Erinnerung an die bleiche, zarte Hand, die er eines Tags aus dem Bette von Carme⸗ lite, welche am Fieber darnieder lag, hatte hervorkom⸗ men ſehen,— gab ſogleich die ſeinige, und die zwei redlichen Hände verketteten ſich ganz ſchauernd auf das Engſte. 45 was für ſeltſame Manieren habt Ihr denn da?“ ſagte Camille;„ſeit wann umarmt denn der Freund die Fran ſeines Freundes nicht?“ 224 Colombau erhob das Haupt und ſchaute Camille mit einem ſtrahlenden Blicke an. „Deine Frau?“ rief er voll Freude,— denn vor dem erfüllten Verſprechen vergaß er Alles;—„Deine Frau?“ wiederholte er mit Thränen in den Angen, ohne die Unruhe zu bemerken, in die ſeine Worte Carmelite verſetzten. „Oder beinahe,“ ſagte Camille;„denn ich erwartete nur Deine Rückkehr, um unſere Heirath in Ordnung zu bringen.“ „Ah!“ machte Colombau kalt. Dann ſprach er mit einer Miene, welche nicht ganz von einer Drohung frei war. „Nun wohl, hier bin ich!“ „Auf, auf!“ rief Camille, den Faden zerreißend, den Colombau angeknüpft hatte;„wenn Du ſie nicht aus Liebe für ſie umarmſt, ſo umarme ſie mir zu Liebe.“ Colombau näherte ſich Carmelite, verbeugte ſich ehrfurchtsvoll und ſagte: „Wollen Sie mir erlauben, Mademoiſelle?“ „Madame, Madame,“ rief Camille. „Wollen Sie mir erlauben, Sie zu umarmen, Ma⸗ dame?“ wiederholte Colombau. „Oh! von ganzem Herzen!“ rief Carmelite, die Augen zum Himmel aufſchlagend, als wollte ſie ihn zum Zeugen der Wahrheit ihrer Worte nehmen;„und Gott, der mich hört, weiß, daß ich Ihnen aus der tiefſten Tiefe meines Herzens dieſes Zeichen der Zunei⸗ gung gebe.“ Hienach umarmten ſich die zwei jungen Leute er⸗ röthend. „Nun, wie todt ſeid Ihr!“ ſagte Camille lachend. „Mein Gott! wie einfältig ſeid Ihr Beide! Iſt es nicht ausgemacht, daß wir drei fortan nur eins, höch⸗ ſtens zwei ſein werden?“ „Es iſt gut,“ erwiederte Colombau;„doch ehe ich dieſ Ihr das in i geni einet unbe Jun Lehn der gefur Ihne einwi noch will.“ wenn ſagen, mir g genn Frau, letzt! Die vor eine ohne elite rtete ze zanz end, nicht be.“ ſich die ihn und der mei⸗ er⸗ end. es öch⸗ ich dieſe reizende Einladung annehme. wünſchte ich mit Ihnen zu reden.“ „Mit Ihnen!“ wiederholte der Creole;„Teufel! das iſt ernſt!“ „Sehr ernſt!“ verſetzte Colombau. „Biſt Dn dabei? fragte Camille Carmelite. „Nein,“ erwiederte Cokombau,„Mademoiſelle wird in ihrem Zimmer bleiben, während wir zu Dir gehen.“ „Gehen wir zu mir,“ ſagte Camille. Und er öffnete die Thüre der von Carmelite ge⸗ genüber. Der Bretagner folgte ihm, nachdem er Carmelite einen Blick zugeworfen, der beſagen wollte:„Seien Sie unbeſorgt, mit Ihnen will ich mich beſchäftigen.“ Sie lächelte traurig, ſeufzte und kehrte in das Junere ihres Zimmers zurück. „Nun,“ fragte Camille, indem er ſich in einen Lehnſtuhl warf und zu wechſeln ſuchte, wie man in der Jägerſprache ſagt,„wie haſt Du Deinen Pavillon gefunden?“ „Reizend!“ erwiederte Colombau,„und ich danke Ihnen für dieſe liebevolle Eringerung; doch ich werde nie einwilligen, in dieſem Pavillon zu wohnen.“ „Und warum nicht?“ „Weil ich weder der Mitſchuldige Ihrer Fehler, noch der Schild Ihrer ſchlimmen Leidenſchaften ſein will.“ „Colombau!“ rief Camille, die Stirne faltend. „Oh! wir werden uns ſogleich erzürnen, Camille, wenn Sie wollen; vorher laſſen Sie mich Ihnen aber ſagen, was ich Ihnen vorzuwerfen habe. Sie hatten mir geſchworen,— und das war eine der Bedingun⸗ gen meiner Abreiſe,— Carmelite zu achten wie Ihre Frau, und Sie haben Ihr Verſprechen ſchändlich ver⸗ letzt! Von dieſem Tage an, Camille, beſteht eine Kluft Die Mohicaner von Paris. I. 15 226 zwiſchen uns: die, welche ein redliches Herz von einem meineidigen Herzen trennt, und ich werde keinen Augen⸗ blick länger hier bleiben.“ Dieſe Worte ſprechend, machte Colombau einen Schritt gegen die Thüre. Camille verſperrte ihm aber den Weg und hielt ihn zurück. „Höre,“ ſagte er zu ihm,„ſo wahr als Du mein einziger Freund biſt,— und ich wäre ſehr unglücklich, wenn es ſich anders verhielte!— ſo wahr als ich gern für Dich die Hälfte von dem gethan haben möchte, was Du für mich gethan haſt, ich liebe, ich verehre Car⸗ melite, ich bete ſie an, und es hat nicht von mir allein abgehängt, meinen Schwur zu halten.“ Colombau lächelte mit Verachtung. „Nun wohl, ich berufe mich auf ſie ſelbſt,“ fuhr Camille fort.„Höre ſie, befrage ſie; Du wirſt es hof⸗ fentlich auf ſie ankommen laſſen? Frage ſie, ob ich es je durch irgend ein Mittel verſucht habe, nicht allein ſie zu verführen, ſondern ſie nur auf die Probe zu ſtellen; frage ſie, ob wir nicht Beide unwillkürlich, verhängniß⸗ voller Weiſe durch die geheimnißvollen Kräfte einer glühenden Sommernacht hingeriſſen worden ſeien; frage ſie, ob wir nicht, wie zwei gerade durch ihre Unſchuld verrathene Kinder, Beide die Gelegenheit angenommen haben, ohne ſie zu ſuchen?.. Du, der Du Deiner Leidenſchaft zu gebieten weißt, Du, der Du eine Wil⸗ lensmacht beſitzeſt, welche die menſchlichen Kräfte über⸗ ſteigt, wäreſt vielleicht nicht unterlegen; ich aber, ſchwach, wie Du mich kennſt, mein Freund, fühlte um mich her, ohne ſie zu rufen, tauſend Begierden fliegen, denen ähn⸗ lich, welche ich in meinem Herzen verſchloß, und die aus dem Herzen von Carmelite entflogen; ich that meine Angen zu,— die ganze Welt verſchwand für mich! Kannſt Du darum ſagen, Colombau, ich ſei ein treuloſes Herz, ein unredlicher Menſch? Rein, denn ſo wahr ich iſt den Luſt verz Dei ſein inem ugen⸗ einen hielt mein cklich, gern was Car⸗ allein fuhr hof⸗ ch es allein ellen; gniß⸗ einer frage ſchuld mmen Neiner Wil⸗ über⸗ wach, hher, ähn⸗ e aus meine mich! uloſes hr ich Camille von Rozan heiße, wird Carmelite zu der Zeit, die Du ſelbſt beſtimmen ſollſt, meine Frau ſein. Du begreifſt, ich wollte Dir Alles dies nicht ſchreiben: das wäre eine endloſe briefliche Discuſſion geweſen; nun Du aber hier biſt, iſt es, wie geſagt, Deine Sache, den Hochzeittag feſtzuſetzen.“ Colombau blieb einen Augenblick nachdenkend. „Iſt es die Wahrheit, was Du mir da ſagſt?“ fragte er Camille ſtarr anſchauend. „Bei meiner Ehre!“ antwortete der junge Mann, indem er ſeine Hand auf ſeine Bruſt legte. „Wenn es ſich ſo verhält, ſo bleibe ich,“ ſprach Colombau;„denn ich werde immerhin einen redlichen Menſchen zum Freunde haben. Was die Zeit der Hei⸗ rath betrifft, ſo iſt es an Dir, ſie zu beſtimmen, und natürlich: je eher, deſto beſſer.“ „Heute ſchon, hörſt Du, Colombau, heute ſchon ſchreibe ich meinem Vater; ich bitte ihn, mir die für meine Heirath nöthigen Papiere zu ſchicken, und in ſechs Wochen können wir das Aufgebot verkündigen.“ „Setzen wir zwei Monate, um nichts zu über⸗ eilen. Biſt Du aber auch der Einwilligung Deines Vaters ſicher?“ „Warum ſollte ſie mir mein Vater verweigern?“ „Dein Vater iſt reich, Camille, und Carmelite iſt arm!“, „Die Tugend von Carmelite wird ihre Mitgift in den Augen meines Vaters ſein.“ „Unglücklicher Verſchwender!“ hatte Colombau große Luſt auszurufen,„Du haſt dieſe Mitgift zum Voraus verzehrt!“ „Sollte ſich aber Dein Vater dennoch, gegen alle Deine Wünſche, Deiner Heirath widerſetzen?“ ſagte er. „Das iſt unmöglich, lieber Freund!“ „Nimm es einen Augenblick an, ſo unmöglich es zu ſein ſcheint. Was würdeſt Du thun?“ 228 „Ich bin vierundzwanzig Jahre alt: ich würde meine Volljährigkeit abwarten und Carmelite trotz meines Va⸗ ver ters heirathen.“ „Es iſt ein trauriges Ding um die Empörung eines mil Sohnes gegen ſeine Elternz doch es iſt etwas noch vie! kur Traurigeres, ein Mädchen entehrt zu haben und ihm ein, ſeine Ehre nicht wiedergeben.. Schreibe alſo dieſen ſie Brief, ſchreibe ihn als ehrfurchtsvoller Sohn, zugleich aber als entſchloſſener Mann; die Packetbote gehen aum faß 5., 15. und 25. jedes Monats ab; übermorgen iſt der 15., Du haſt daher keine Minute zu verlieren.“ wir „Und Du bleibſt?“ fragte Camille. Nie „Ich bleibe,“ antworteie Colombau. mei Und er legte auf dem Tiſche von Camille eine Feder par und Papier bereit und fügte bei: dult „Ich erwarte Deinen Brief im Pavillon.“ Dann ging er faſt freudig über die Redlichkeit ſei⸗ nes Freundes hinab. laul Can die LI. was Derjenige, welcher geht. nes Eine Viertelſtunde nach Colombau trat Camille in den Pavillon, ein halb beſchriebenes Blatt in der Hand Bitte haltend, ein. Mon „Iſt es ſchon gemacht?“ fragte Colombau erſtaunt. „Nein,“ erwiederte Camille;„im Gegentheil, ich habe kaum angefangen.“ in an unt. ich 229 Colombau ſchaute ihn wie ein Richter an, der verhört. „Oh! eile nicht, mich zu verurtheilen!“ ſagte Ca⸗ mille.„Bei den erſten Worten ſind mir Deine Bemer⸗ kungen in Betreff der Einwilligung meines Vaters wieder eingefallen, und ſie dünkten mir wahrſcheinlicher, als ich ſie Anfangs gefunden hatte.“ „Was liegt Dir daran, da Dein Entſchluß feſt ge⸗ faßt iſt?“ verſetzte der Bretagner. „Das iſt wahr; doch ich denke an die Briefe, die wir werden wechſeln müſſen, ehe wir zum Ziele kommen. Nie habe ich gehofft, die Einwilligung meines Vaters auf meine erſte Bitte zu erlangen; wir müſſen alſo ſtreiten, parlamentiren; die Tage werden vergehen, unſere Unge⸗ duld wird zunehmen.“ „Wie ſoll man es anders machen?“ „Ich glaube das Mittel gefunden zu haben.“ „Nenne es.“ „Ich muß ſelbſt gehen und meinen Vater um Er⸗ laubniß, zu heirathen, bitten.“ Der Bretagner heftete ſeinen ſtarren Blick auf Camille. Dieſer hielt den Blick ſeines Freundes aus, ohne die Augen niederzuſchlagen. „Du haſt Recht, Camille,“ ſprach Cylombau,„und was Du vorſchlägſt, iſt die Sache eines ehrlichen Man⸗ nes— oder eines treuloſen Schurken!“ „Ich hoffe, Du zweifelſt nicht an mir?“ „Nein.“ „Du begreifſt, in drei Tagen inſtändigen mündlichen Bittens erlange ich mehr von meinem Vater, als in drei Monaten brieflichen Drängens und Beſtürmens.“ „Ich denke das wie Du.“ „Drei Wochen hin, drei Wochen her, vierzehn Tage, um meinen Vater zu beſtimmen: das iſt eine Sache von zwei Monaten.“ 230 „Du biſt die eingefleiſchte Logik und Vernunft ge⸗ worden, Camille.“ „Die Vernunft kommt mit dem Alter, mein guter Colombau. Leider...“ „Was?“ „Oh! das iſt ein faſt unausführbarer Plan.“ „Wie ſo?“ „Ich kann Carmelite nicht mitnehmen.“ „Natürlich.“ „Andererſeits kann ich ſie nicht hier laſſen.“ „Was hindert Dich daran?“ „Ein Mädchen allein, den Beleidigungen der Nach⸗ barn und der Vorübergehenden ausgeſetzt!“ Colombau faltete die Stirne und entgegnete: „Glaubſt Du denn, ich werde Carmelite beleidigen laſſen?“ „Du willſt alſo über ſie wachen?“ Colombau lächelte. „Wahrhaftig,“ ſagte er,„ich glaubte, Du kenneſt mich beſſer.“ „Du wirſt unter demſelben Dache mit ihr bleiben?“ „Allerdings.“ „Colombau,“ rief Camille,„wenn Du dies thuſt, ſo wird mein ganzes Leben nicht hinreichen, um dieſen Be⸗ weis von Freundſchaft anzuerkennen.“ „Undankbarer!“ murmelte der Bretagner. „Nein, Colombau, nein, ich bin kein Undankbarer; doch ich kenne Deine Empfindlichkeit bei ſolchen Mate⸗ rien: ich befürchtete, Dich zu verletzen, wenn ich Dir anbiete, Du mögeſt allein bei einem jungen Mädchen in einem vereinzelten Hauſe wohnen.“ .„Habe ich nicht drei Monate allein mit Carmelite gewohnt, ehe ſie Dich kannte?“ „Ja, doch ehe ſie mich kannte, wie Du ſagſt.. „Und warum ſollte mich der Gedanke, die Frau meines Bruders, meine geheiligte Schweſter zu bewa⸗ chen Car Sch Dei bin Tre heit mel vert Dei Dic ma Ker nich ſie voll Har nich gen rich verl und ihr mit ſich Kur meſt n?“ ſo Be⸗. chen, verletzen? wollteſt Du auf meine frühere Liebe für Carmelite anſpielen?“ „Colombau!“ „Hältſt Du mich für fähig, zum Verräther an einem Schwure zu werden?“ „Ich halte Dich für fähig, eher zu ſterben! und Deine Größe macht mich ſehr klein. Oh! ja, ja, ich bin ſchlecht, und Du biſt gut, und Du haſt beſonders die Treue des Moloſſes, wie Du ſeine Stärke und Ergeben⸗ heit beſitzſt.. Ich weiß, daß Du das Leben von Car⸗ melite beſſer vertheidigen wirſt, als Du das meinige vertheidigen würdeſt, und das meinige beſſer, als ich das Deinige vertheidigen würde; ich habe alſo keine Furcht; Dich hier wiſſend, würde ich die Reiſe um die Welt machen, wäre ich gezwungen, ſie zu machen.“ „Dann ſetze Carmelite von Deinem Vorhaben in Kenntniß,“ ſprach Colombau;„Du begreifſt, daß ich nicht ohne ihre Beiſtimmung annehmen werde.. Würde ſie mich zurückweiſen, ſo könnteſt Du immer noch in voller Sicherheit abreiſen; ich würde ein Zimmer ihrem Hauſe gegenüber miethen... neben ihrem Hauſe, wenn nicht gegenüber, und ſie wäre ebenſo ſehr vor Beleidigun⸗ gen geſchützt, als wenn ich gegenwärtig.. Unter⸗ richte ſie alſo raſch, denu Du haſt nicht mehr Zeit zu verlieren, als da es ein Brief war, der abgehen ſollte, und nicht Du.“ Camille gehorchte, ohne ein Wort zu ſagen. Schauernd empfing Carmelite die Kunde, die er ihr brachte. Sie machte indeſſen keine Einwendung, ſetzte keinen Widerſtand entgegen. Sie hörte den Vorſchlag an, betrachtete Camille mit einer Miene unbeſchreiblichen Erſtaunens, und ohne ſich genau die ſeltſame Gemüthsbewegung, die ihr dieſe Kunde verurſachte, zu analyſiren, fühlte ſie inſtinctartig 232 die ganze Niedrigkeit von Camille, die ganze Größe von Colombau.. Der Bretagner ſchien ihr ſo erhaben, daß er in ihren Augen, wie ein Rieſe, ſo zu ſagen, die Ferſe auf der Stirne des Zwerges hatte, den er ſeinen Freund nannte. Die einzige Veränderung, welche bei dieſem Pro⸗ jecte eintrat, war, daß man die Abreiſe auf den 23. des Monats October verſchob. Das Packetbvot der Colonien ging, wie geſagt, am 25. ab; man hatte alſo zehn Tage bis dahin zuzubringen. Colomban erzählte das ſtrenge, faſt klöſterliche Leben, das er im Thurme von Penhoöl, am Ufer des brauſen⸗ den Meeres umherſchweifend, oder am Bette ſeines Va⸗ ters ſigend, dem er die Odyſſee vorgeleſen, geführt hatte. Carmelite entdeckte Colombau die Schätze muſikali⸗ ſchen Wiſſeus, die ſie während der langen Abweſenheit des Bretagners und der häufigen Abweſenheiten von Camille aufgehäuft hatte. Camille ſuchte die Heiterkeit der früheren Abende zurückzurufen; doch abgeſehen davon, daß die der Ab⸗ reiſe nahen Stunden nur voll der Beſorgniſſe und des Leides ſein konnten, war zwiſchen dieſen drei Perſonen ein Geſpenſt mit drei Geſichtern. Für Camille war es das Gewiſſen. Für Colombau war es der Zweifel. Für Carmelite war es die Entmuthigung. Dieſes Geſpenſt ſchwebte unabläſſig über ihren Häuptern, oder ſchritt ernſt und düſter an ihnen vorüber während der traurigen, melancholiſchen Abende, welche bis zur Abreiſe von Camille verliefen. Es gab zuweilen Angenblicke dumpfer Ungeduld, worüber ſie ſelbſt erſchraken; man hätte glauben ſollen, Leuten ähnlich, welche parlamentiren in dem Momente, wo ſie eine Gefahr laufen haben ſie Eile, ſich zu ver⸗ laſſen, da ſie ſich früher oder ſpäter verlaſſen mußten. mi zu get um um eine zer ſtan das in auf eund Pro⸗ des am gen. ben, ſen⸗ Va⸗ tte. ali⸗ heit von nde Ab⸗ des nen ren ber che ld, en, te, er⸗ Man kam zum 23. October in dieſer traurigen Ge⸗ müthsverfaſſung. Es war verabredet, Colombau werde Camille bis zur Diligence führen, welche von Paris um zehn Mor⸗ gens abgehen und folglich auf der Straße von Verſailles um elf Uhr paſſiren ſollte. Der Bretagner that in dieſer Racht kein Auge zu; um ſechs Uhr war er, das Erwachen von Camille er⸗ wartend, auf. Um acht Uhr trat er in ſein Zimmer ein. „Wie viel Uhr iſt es?“ fragte Camille. „Acht Uhr,“ antwortete Colombau. „Oh! dann haben wir Zeit,“ ſagte Camille;„laß mich noch eine Stunde ſchlafen.“ Die Thüre von Carmelite war offen; ſie hörte die Antwort des trägen Creolen. „Er hat Recht,“ ſagte ſie,„laſſen Sie ihn ſchlafen, mein Freund.“ Colombau machte die Thüre von Camille wieder zu und trat bei Carmelite ein. Es war, als hätte ſie ſich nicht niedergelegt: ihr Bett war kaum berührt. „Sie ſind müde, Carmelite,“ ſprach Colombau, ſeinen beſorgten Blick auf das Mädchen heftend. „Ja,“ erwiederte Carmelite,„ich habe einen Theil der Nacht geleſen.“ „Und den andern Theil haben Sie geweint?“ „Ich? nein!“ ſagte Carmelite, den Bretagner mit 8 einem trockenen, fieberglühenden Auge anſchauend. Colombau neigte das Haupt und ſtieß einen Seuf⸗ zer aus. Sodann, obgleich er wußte, daß Alles bereit war, ſtand er auf und ging hinaus, unter dem Vorwande, das Gepäcke zu überwachen. Die Wahrheit iſt, daß ihm dieſes Alleinſein mit 234 Carmelite das Herz brach, und daß er der Luft und der Einſamkeit bedurfte. Um neun Uhr kam er wieder herauf, trat in das Zimmer von Camille ein und nöthigte ihn, aufzuſtehen. Eine Viertelſtunde nachher war der Creole im Speiſe⸗ zimmer, wo ihn Carmelite und Colombau erwarteten. Dieſe letzten Minuten, welche der Trennung vor⸗ hergingen, waren nicht viel trauriger als die Abende der abgelaufenen Tage. Es iſt mit der Gewißheit einer Abreiſe wie mit der Gewißheit des Todes: man gewöhnt ſich dergeſtalt ſtufen⸗ weiſe an das Unglück, das droht, daß man, da man nicht mehr überraſcht iſt, wenn es ausbricht, unempfind⸗ lich dabei ſcheint; die Quelle der Thränen iſt nach und nach fließend verſiegt! Der Wagen, der Camille nach der Straße führen ſollte, wartete vor der Thüre. Im Augenblick des Ein⸗ ſteigeus ſchaute man ſich zum letzten Male anz; die drei Geſichter vermengten ſich, indem ſie ſich küßten. Colombau und Camille weinten aber allein. „Ich vertraue Dir mein Leben,“ ſagte Camille; „mehr als mein Leben, meine Seele.“ Und Camille ſprach ohne Zweifel in dieſem Augen⸗ blicke die Wahrheit. „Geh! ich hafte Dir dafür vor Gott, bei meiner Seele und bei meinem Leben!“ antwortete feierlich der Bretagner, indem er ſeine großen Augen ſo klar wie der Himmel, den ſie anſchauten, aufſchlug. Die zwei jungen Leute gingen nach der Thüre. Colombau wandte ſich um, und als er Carmelite, die Arme hängend, den Kopf auf die Bruſt geſenkt, einer Bildſäule der Verlaſſenheit ähnlich, daſtehen ſah, ſchlug er Camille vor, ſie mitzunehmen, damit ſie wenigſtens erſt im letzten Momente von ihm ſcheide. Carmelite ſchaute Colombau mit Augen an, in denen die Dankbarfeit glänzte. mu M ſcht dur lop zur die hin ſie die aus unt ſeit wa gen Ca tro zu das hen. eiſe⸗ vor⸗ der der fen⸗ nan ind⸗ und ren Ein⸗ drei ille; zen⸗ iner der der lite, ner ug ens nen Doch ſie ſagte mit einem Tone, der eine tiefe Ent⸗ muthigung verrieth: „Wozu ſoll es nützen?“ Camille kam zum letzten Male zurück; zum letzten Male drückte er ſie an ſein Herz, dann wich er faſt er⸗ ſchrocken von ihr. Er hatte eine Marmorſtatue zu umfangen geglaubt. Es war noch zehn Minuten bis elf Uhr: man durfte keine Zeit verlieren; Colombau zog Camille fort; Beide ſtiegen in den Wagen, und dieſer ging im Ga⸗ lopp ab. Die Thüre war offen geblieben. „Schließen Sie die Thüre!“ ſagte Carmelite düſter zur Gärtnerin. Die Gärtnerin gehorchte und machte die Thüre zu, die ſich geräuſchvoll ſchloß. Carmelite ſchauerte. „Das iſt die Thüre meines Grabes,“ ſprach ſie. Und ſie ſtieg langſam, Stufe um Stufe, die Treppe hinauf, kehrte in ihr Zimmer zurück und ſiel mehr, als ſie ſich ſetzte, auf ihr Canapé. Woher kamen dieſe Entmuthigung, dieſe Traurigkeit, dieſe Kälte von Carmelite? Von der Vergleichung, welche unwillkürlich eine ausgezeichnete Frau zwiſchen einem Manne wie Camille und einem Manne wie Colombau macht. Und in der That, Colombau,— der vom Tage ſeiner Ankunft in den Augen von Carmelite gewachſen war,— Colomban hatte in den abgelaufenen zehn Ta⸗ gen rieſige Verhältniſſe erreicht. Zwiſchen ſeiner Abreiſe und ſeiner Rückkehr hatte Carmelite einen böſen Traum gemacht. Einen Traum.. oh! ja! die Wirklichkeit wäre zu troſtlos geweſen! Drei Monate lang hatte ſie die Geliebte eines Gecken zu ſein geglaubt, der allerdings hübſch und beluſtigend, 236 doch ohne Abel, ohne Herz, ohne Gemüth, ohne Stärke; einer Art von geputzter, geölter, gepuderter, frifirter Puppe, welche im Ganzen genommen in Angenblicken unterhaltend, aber unwürdig der geringſten ernſten Zu⸗ neigung. Oh! das war ein entſetzlicher Traum, und dieſer Americaner mit den geſtreiften Halsbinden, mit den bunten Weſten, mit den hellfarbigen Beinkleidern, mit den goldenen Ketten und den Rubinringen, war irgend eine Incernation des Dämons der Nacht, der ſich auf die Bruſt der Eingeſchlafenen kauert.— Alle dieſe Heirathspläne, dieſe Abreiſe, um ſich mit einer Familie in der Tiefe Americas zu berathen, dieſe Drohung der Rückkehr. welche über ihr ſchwebte, nicht wie die Flamme der Hoffnung, ſondern wie der Blitz des Schwertes,— Alles dies konnte nur der fieberhafte Traum einer Som⸗ mernacht in einem glühenden Gehirne ſein! Ja, ja, Alles dies war ein Traum! Die Wirklichkeit war das große, redliche Herz, das man Colomban nannte. Dieſer, oh! ja wohl! das war ein einfacher, ein großer, ein ſtarker Mann, kurz ein Mann! Dieſer konnte zu einer Frau ſagen:„Schließe die Augen und gehe!“ und die Frau konnte geführt von ihm blindlings gehen; dieſer konnte ſagen:„Ich will nicht!“ und man hätte ihm gehorcht:„Ich will!“ und man hätte auf ihn ge⸗ hört:„Du mußt ſterben!“ und man wäre geſtorben. Dieſer hatte die Größe, den Adel und die Treue, die Güte und die Stärke. Es war alſo dieſer, welcher, ſeit drei Monaten abweſend, von ſeinem Freunde den Schatz, den er ihm anvertraut, zurückforderte. Als aber die arme Carmelite emporſchaute und um ſich her alle die Gegenſtände ſah, welche Camille gehör⸗ ten, ach! die Unglückliche! da erkannte ſie wohl, daß ſie eine Frühlingsnacht hindurch dem Bretagner wie einem ſchö rica ten ſie! Wir verd in d gebr bew kein ſie, ſie, ſtän gebi Sch Zim ſie! ſchlu Ent fort zer von Aug ſtan Blie mal glich Sor nenf m r⸗ ſie ſchönen Traume zur Seite gegangen, daß aber der Ame⸗ ricaner die erſchreckliche Wirklichkeit war. Alle Thränen, die das weite Herz der Frau enthal⸗ ten kann, entſtürzten ſodann in Strömen ihren Augen; ſie beweinte ihren Irrthum, die entblätterte und in den Wind geworfene Blume ihrer Illuſionen, ihr Glück, das verdunſtet war wie ein Wohlgeruch, den man unvorſichtig in die Flamme geſchleudert; ſie beweinte ihr für immer gebrochenes Leben, wie man ſeine Mutter oder ſein Kind beweint; ſie rang die Hände vor Verzweiflung, ſie, die keine Geberde gemacht hattez ſie beklagte ſich ganz laut, ſie, die keinen Seufzer von ſich gegeben; ſie ſchluchzte ſie, die keine Thräne vergoſſenz ſie warf auf die Gegen⸗ ſtände um ſie her Blicke einer von einer giftigen Schlange gebiſſenen Löwin; ſie ſtand auf und ging mit großen Schritten, keuchend, das Auge fieberglühend, in ihrem Zimmer auf und ab. Wäre der Fluß unter ihrem Fenſter vorbeigelaufen, ſie hätte ſich unfehlbar in den Fluß geſtürzt. In der That, als hätte ſie einen verzweifelten Ent⸗ ſchluß gefaßt, ging ſie auf das Fenſter zu und öffnete es. Es war ein erſter Stock, kaum ſo hoch wie ein Entreſol: ſie hätte ſich halb getödtet, doch ſie würde fortgelebt haben. Sie machte einen Schritt rückwärts mit einem Seuf⸗ zer der Wuth und des Schmerzes. Plötzlich aber funkelten ihre Augen, ihre traurigen, von Thränen der Verzweiflung überflutheten, ſchönen Augen,— ſie funkelten, indem ſie ſich auf einen Gegen⸗ ſtand hefteten, der ſie zu entzücken ſchien; in denſelben Blicken, wo ſich eine Minute vorher der tieſſte Gram malte, glänzte etwas, was einer unausſprechlichen Freude glich; eine Flamme durchzuckte ihre Thränen, wie ein Sonnenſtrahl die Wolken durchzuckt, und wie im Son⸗ nenſtrahle ein auf einer Blume zitternder Thautropfen 238 flimmert, ſo ſchoß ein Blitz der Glückſeligkeit mitteſt durch ihre Thränen. Sie hatte ihren weißen Roſenſtock geſehen,— ihren weißen Roſenſtock, das Symbol der Unſchuld, die Erin⸗ nerung an ihre erſte Liebe! „O mein Roſenſtock!“ ſagte ſie, indem ſie ihn auf die Gefahr, ſich an den Dornen zu verwunden, an ihr Herz drückte,„in der Nacht, da ich dich aushob, kamſt du kaum aus der Erde, unſerer gemeinſchaftlichen Mut⸗ ter, hervor; du ſtellteſt noch nicht in der Sonne die Glo⸗ rie deiner weißen Knoſpen, umhüllt von deinem Moos⸗ mantel, aus; das Feuer des Tages konnte dich nicht erreichen, die Kälte der Nacht konnte dich nicht ergrei⸗ fen... O mein Roſenſtock! wie ich, haſt du während der Hitze einer glühenden Sommernacht die Schätze dei⸗ ner glänzenden Blüthen gezeigt; du warſt ſtolz auf deine weißen. Blumenblätter; du ſtrahlteſt in der Sonne, die du für deinen Freund hieltſt; du glaubteſt an die Ewig⸗ keit des Lebens, wie ich an die Ewigkeit der Liebe glaubte! O mein Roſenſtock, warum haſt du deine Blü⸗ then gegeben, wie ich meine Liebe gegeben habe, da wir Beide ſterben ſollten!“ Und ſie brach die paar verſpäteten Blüthen ab, welche noch das Haupt ihres Roſenſtocks bekränzten, und ſtatt ſie in ihren Mädchenſchleier zu legen, wie ſie es mit den andern gethan hatte, entblätterte ſie dieſelben und gab ſie dem Winde preis, der ſie auf das kothige Pflaſter des Weges forttrug. itteſt hren Frin⸗ auf ihr amſt Rut⸗ Glo⸗ vos⸗ nicht grei⸗ rend dei⸗ eine die wig⸗ iebe Blü⸗ wir ab, und e es lben hige LII. Die verwundete Löwin. Von dieſer Stunde an betrachtete Carmelite dieſes Haus, wie ſie es geſagt hatte, als ihr Grab, und den Garten am Hauſe als ihren Friedhof; ſie begriff La⸗ valliöre, welche ihre drei Jahre des Lichtes und der Sonne durch dreißig Jahre des Schattens in der Tiefe eines Kloſters gebüßt hatte; ſie begriff Magdalena, welche, da ſie es nicht wagte, ihre Augen bis zur Stirne von Chriſtus zu erheben, ſeine Füße mit ihren Haaren trocknete. Ihre Zukunft ſchien ihr zuſammengefaßt in den zwei mit ſchwarzen Buchſtaben auf ein weißes Blatt geſchrie⸗ benen Worten: Weinen und Sterben. Und in der That, nichts konnte ſie fortan an die Güter dieſer Welt feſſeln, und ſie ſah ſich im Leben gehen, wie das Geſpenſt von ſich ſelbſt. Sie blieb drei Viertelſtunden in ihre düſteren Be⸗ trachtungen verſunken, das heißt ſo lange, als der Bre⸗ tagner brauchte, um Camille zu begleiten, das Vorüber⸗ fahren der Diligence zu erwarten und zurückzukommen. Dieſe drei Viertelſtunden waren Jahrhunderte für Carmelite. Als Colombau wiederkam, fand er, ſtatt des jun⸗ gen Mädchens, das er verlaſſen, gebeugt unter der troſt⸗ loſeſten Niedergeſchlagenheit eine Art von Geſpenſt mit finſterer Haltung, mit erloſchenen Farben, mit ſtieren Angen. 6%06 er begriff nichts, der unſchuldige Colombau: er glaubte, dieſe Verzweiflung habe keine andere Ur⸗ 240 ſache, als die Abreiſe von Camille, er und verſuchte es, die arme Verlaſſene dadurch zu tröſten, daß er ihr von der Rückkehr ſprach. Nun erſt verſtand er, nach der Art, wie Carmelite den Kopf ſchüttelte, daß das Uebel aus einer andern Quelle kam, und er begann ſeine Rolle des ergebenen Freundes, indem er ſie brüderlich befragte. Carmelite antwortete nicht; ſtumm für ſeine Blicke, taub für ſeine Worte, trug ſie in ſich einen ſo ungehen⸗ ren Schmerz, daß es ſchien, ſie befürchte ihren Freund damit niederzubengen. Der erſte Tag verging ſo. Colombau, als er das Mädchen ſeine Tröſtungen zurückweiſen ſah, wie ein kran⸗ kes Kind, das mit dem Finger einen wohlthätigen Trank zurückweiſt, Colombau ſchrieb der nervöſen Aufregung, in der er Carmelite wiedergefundeu, dieſe Traurigkeit zu, die er für vorübergehend hielt, und verſchob eine ernſtere Befragung auf den andern Tag und auf die folgenden Tage. Doch am andern Tag und an den folgenden Tagen war die Schwermuth von Carmelite dieſelbe, und das Mädchen entzog ſich fortwährend jedem Geſtändniß. Die Zeit verging alſo, ohne dem Bretagner die ge⸗ heimnißvollen Urſachen dieſer tiefen Verzweiflung zu enthüllen. Die Stunden des Tages waren mit einer unabän⸗ derlichen Regelmäßigkeit eingetheilt; alle Morgen vom Monat November an brach Colombau, trotz des Regens, des Kothes, des Windes, des Schnees, der Kälte, zwi⸗ ſchen ſieben und acht Uhr vom Bas⸗Meudon auf, um zu Fuße nach Paris in die Rechtsſchule zu gehen und dem Curſus beizuwohnen, der um halb zehn Uhr begann. Dieſer Curſus endigte um halb elf Uhr: Colomban war alſo pünktlich um Mittag zurück. Man frühſtückte; dann, eine Stunde nachher, nahm jedes ſeinerſeits ſeine Arbeit, und man ſah ſich erſt um . on rt, us des cke, eu⸗ nd as an⸗ ank ng, keit ine die en as ge⸗ zu in⸗ om n8, vi⸗ um nd m. au hm um ſechs Uhr, d wieder. Man brachte die übrige Zeit des Abends eutweder leſend, oder indem man Muſit machte, ſelten plaudernd mit einander zu. Der Bretagner fühlte wohl, daß es ſeine Pflicht war, Carmelite zu befragen; döch er ſah den Wider⸗ ſtand des Mädchens, und ohne daß er die Gelegenhei⸗ ten, das Geſpräch auf dieſen Boden zu bringen, floh. ſuchte er ſie nicht mehr, wobei er handelte wie ein ver⸗ ſtändiger Arzt bei einer organiſchen Krankheit, das heißt, mehr von der Zeit, als von der Wiſſenſchaft, mehr von Gott, als vom Arzte erwartend. Was aber Colombau in Erſtaunen ſetzte, das wa⸗ ren die ungehenren Fortſchritte, welche Carmelite in der Muſik ſeit der Abreiſe von Camille gemacht hatte. Es war, als hätte ſich ein neuer, unbekannter, faſt erſchrecklicher muſikaliſcher Sinn in ihr entwickelt. Spielte ſie nnr, ſo hatte ihr Klavier eine Stimme, eine Seele: es weinte, es ſeufzte, es ſchluchzte; ſang ſie, ſo hatte ihre Stimme, beſonders in den hohen Noten, einen Um⸗ fang, ein Gefühl, eine ſchmerzliche Bitterkeit, wodurch aus dieſer Stimme die Stimme eines troſtloſen Engels wurde, der den Verluſt des Himmels mit menſchlichen Accenten beklagt. Die Sonntage wurden beſonders der Muſik und dem Spaziergange gewidmet; man brachte ſie gemein⸗ ſchaftlich zu, ohne ſich eine Viertelſtunde von einander zu entfernen. War das Wetter ſo ſchlecht, daß man nicht ausgehen konnte, ſo kam man im Pavillon von Colomban zuſammen. Der Bretagner war Anfangs er⸗ ſtaunt über dieſe Wahl von Carmelite, über dieſe Be⸗ vorzugung ſeines Zimmers, während man einen gemein⸗ ſchaftlichen Salon hatte; doch als ein ächter franzöſiſcher Juriſt, der die proviſoriſchen Geſetze als definitiv an⸗ Die Mohicaner von Paris. M. 16 as heißt im Augenblicke des Mittageſſens, 242 nimmt, hatte er dieſe Laune von Camille angenommen, ohne ſich Rechenſchaft darüber zu geben. Es hatte übrigens Carmelite nicht an Vorwänden gefehlt, um Colombau zu beweiſen, ſein Zimmer ſei günſtiger für ihre Planderei, als irgend ein anderes. An einem Tage war das Klavier von Carmelite um ei⸗ nen Ton geſunken, und das Klavier von Colombau ging beſſer für ihre Stimme; an einem andern Tage rauchte der Kamin des Salon, und der Kamin von Colombau war vortrefflich; wieder an einem andern Tage war es ein ernſtes Buch, deſſen man bedurfte, um eine That⸗ ſache, ein Datum zu bewahrheiten, und die ernſten Bü⸗ cher fanden ſich nur in der Bibliothek von Colombau. Kurz, es gab hundert Gründe, im Zimmer von Colom⸗ bau zuſammenzukommen, und nicht anderswo, und zum Beweiſe dient, daß man hier zuſammenkam. So vergingen mehrere Wochen; man enmpfing keine Briefe von Comille, und Colombau bemerkte mit Erſtau⸗ nen, daß ſich Carmelite nie bei Nanette erkundigte, ob Briefe angekommen ſeien. Gegen das Ende des Decembers traf indeſſen der erſte Brief ein. Colombau brachte ihn ganz freudig Carmelite. Sie ſaß an ihrem Klavier. „Ein Brief von Camille!“ rief Colombau, als er in ihr Zimmer eintrat. Doch ohne ihre Hände von den Taſten anfzuheben, ſprach Carmelite: „Leſen Sie, mein Freund.“ Colomban pflegte den Wünſchen des Mädchens ohne Widerſtreben zu gehorchen. Er entſiegelte den Brief und las. Der Brief erzählte alle Erörterungen, welche Ca⸗ mille nicht mit ſeinem Vater, ſondern mit ſeinen Tanten, ſeinen Großtanten, ſo wie mit der übrigen Familie ge⸗ habt, die ſich beſtändig ſeinem Plane entgegengeſetzt ge⸗ n, ne 243 zeigt hatte, und ſich zur Stunde, wo er dieſe Zeilen ſchrieb, mehr als je widerſetzte. Außerdem war der Brief voll der lebhafteſten Zärt⸗ lichkeit für Carmelite, der tiefſten Dankbarkeit für Co⸗ lombau; es fand ſich ſogar im allgemeinen Tone des Briefes eine Art von Melancholie, welche nicht gewöhn⸗ lich beim Americaner, und die der Bretagner auf Rech⸗ nung ſeiner durch die Uneinigkeit der Familie gefeſſelten Liebe und des Kampfes, den er aushielt, ſetzte. Worüber ſich aber Colombau wunderte, das war die mehr als kalte Art, wie Carmelite dieſen Brief ih⸗ res zukünftigen Gatten aufnahm; er wagte es nicht, ihr eine Bemerkung in dieſer Hinſicht zu machen; als er je⸗ doch Abends allein war, fragte er ſich in ſeinem In⸗ nern nach der Urſache dieſer augenſcheinlichen Kälte, und je mehr er in den geheimnißvollen Tiefen des Herzens der Frau ſuchte, deſto mehr entfernte er ſich von der Wirklichkeit. Gegen das Ende des Januars kam ein zweiter Brief von Camille voll leidenſchaftlicher Zärtlichkeit. Die Käm⸗ pfe währten im Schvoße der Familie Rozan immer noch fort; Camille hatte indeſſen einige Verwandte für ſeinen Plan eingenommen; einige andere hatte er gerührt; kurz, er hatte ein wenig Terrain gewonnen: man war alſo im Fortſchritte. Dieſen zweiten Brief empfing Carmelite mit derſel⸗ ben Gleichgültigkeit wie den erſten: ſie las alle die glühenden Zeilen, ohne im Geringſten davon bewegt zu werden; als ſie die letzte erreicht hatte, machte ſie den Brief zu und legte ihn auf den Kamin ohne Affectation, aber mit einer eiſigen Verachtung. Colombau war wohl verſucht, dieſen Umſtand zu benützen, um ſie zu befragen; aber er fand ſie, jenſeits ihrer ſcheinbaren Kälte, ſo aufgeregt, ſo fieberiſch, daß er befürchtete, ſie wie die Sinnpflanze, wenn er ſie nur berühren würde, niederzubengen. 244 Er verzichtete alſo für den Augenblick, irgend eine Frage an ſie zu machen, und beſchränkte ſich darauf, daß er, jedoch vergebens, wie er es ſeit drei Monaten . die Urſachen dieſes krankhaften Zuſtandes uchte. So verging ein Jahr. Colombau, um das Mädchen nicht allein zu laſſen, ſchrieb an ſeinen Vater, eine Pflicht halte ihn in Paris zurück, und er werde nicht das Glück haben, ihn wäh⸗ rend der Ferien dieſes Jahres zu beſuchen. Statt ſich langſam wie ein Jahr der Abweſenheit hinzuſchleppen, war dieſes Jahr übrigens mit einer au⸗ ßerordentlichen Schnelligkeit, in einer unausſprechlichen Heiterkeit auf der Seite von Colombau, in einer leiden⸗ ſchaftlichen Bewunderung und in einem beſtändigen Ge⸗ wiſſensbiſſe auf der Seite von Carmelite verlaufen. Als ſie eines Abends wie gewöhnlich beiſammen ſaſ⸗ ſen,— es war dies am 23. des Monats October, ge⸗ rade am Jahrestage der Abreiſe von Camille,— äußerte Colombau die Anſicht, einfach geſtützt auf die Redlich⸗ keit, die er beim Crevlen vorausſetzte, dieſer, der ſeit ei⸗ nem Monat ſein fünfundzwanzigſtes Jahr vollendet hatte, würde unſtreitig zurückkommen, um mit oder ohne Ein⸗ willigung ſeines Vaters zu heirathen. Carmelite ſchüttelte den Kopf auf die bezeichnende Weiſe, welche ſchon mehrere Male den Bretagner beun⸗ ruhigt hatte, ohne daß er indeſſen den beſtimmten Sinn davon begriff, was ihn noch viel mehr beunruhigt hätte. Diesmal beſchloß er, eine Erklärung von dem Mäd⸗ chen zu verlangen. „Carmelite,“ ſagte er,„es iſt heute ein Jahr, daß unſer Freund abgereiſt iſt; es iſt hente ein Jahr, daß Sie bei den Verſicherungen, die ich Ihnen über die bal⸗ dige Rückkehr von Camille gab, traurig den Kopf ſchüt⸗ telten, wie Sie es in dieſem Augenblicke thun. Ich habe vergebens die Urſache dieſer ſtilſchweigenden Mißbilli⸗ — end uf, ten en, ris ih⸗ eit Uu⸗ en n⸗ e⸗ ſ⸗ e⸗ —— 245 gung geſucht, und da ich ſie nicht einſehen konnte, ſo bitte ich Sie, mir dieſelben redlich zu ſagen, wie ich ſie von Ihnen verlange.“ „Alles iſt ernſt bei Ihnen, Colombau,“ erwiederte Carmelite;„und da Sie die höchſte Vernunft ſind, ſo wollen Sie, daß der Grund von jeder Sache gleichſam zu Ihnen komme. Nun wohl! dieſe Kopfbewegung, mein Freund, iſt eine Formel meiner Ungläubigkeit... Ich habe nicht Ihr anbetungswürdiges Vertrauen, da ich nicht Ihre faſt göttliche Vollkommenheit beſitze: von dem Augenblicke an, wo Camille abgereiſt iſt, habe ich an ſeiner Rückkehr gezweifelt; ein Jahr iſt abgelaufen, und ich zweifle mehr als je daran!“ „Oh! Sie täuſchen ſich!“ rief Colombau...„Sie kennen alſo die Vorurtheile nicht, mit denen die ameri⸗ caniſchen Familien behaftet ſind? Das einzige Hinderniß gegen die Rückkehr von Camille liegt hierin, deſſen ſeien Sie ſicher; Camille bekämpft dieſe Vorurtheile: unter einem leichtfertigen Anſcheine hat er ein redliches Herz⸗ und ich bedaure, Carmelite, daß Ihnen, da Sie Gele⸗ genheit gehabt haben, ihn zu ſchätzen, nicht über ſeine Treue eine unerſchütterliche Gewißheit geblieben iſt.“ Carmelite ſeufzte. „Sie, Colombau,“ ſagte ſie,„Sie ſind ein Gold⸗ herz; Sie ſehen überall das Gute, weil Sie es in ſich tragen. Sie ſagen mir, ich habe Gelegenheit gehabt, Camille zu ſchätzen... Ja, mein Freund, ich habe ihn geſchätzt, und deshalb wiederhole ich Ihnen:„„Camille wird nicht wiederkommen.““ „Ei! was kann Ihnen denn dieſen beleidigenden Glauben gegeben haben?“ „Unſer Leben von drei Monaten, in welchem ich ihn begriffen habe, ohne ihn zu befragen, in welchem ich ihn kennen gelernt habe, ohne ihn zu ſtudiren... Man lebt zwanzig Jahre mit einem Freunde, ohne daß dieſer Freund einen kennen lernt, während es mit einer Frau 246 gewiſſe Augenblicke gibt, wo man ſich offenbart, gewiſſe Stunden, wo man ſich verräth; das Sichgehenlaſſen, das eine nothwendige Folge des vertranten Verkehrs iſt, zwingt uns, die Maske abzulegen: ſo habe ich den wah⸗ ren Charakter von Camille ergründet... Ich will ihn nicht in ſeiner Abweſenheit und in Ihrer Gegenwart ſchmähen; doch für mich geht aus dieſer Kenntniß, die ich erlangt habe, eine Kälte hervor, die ſich zuerſt in Widerwillen und dann allmälig in Verachtung verwan⸗ delt hat. Camille mag mich auf eine gewiſſe Art lie⸗ ben, ich beſtreite es nicht; doch er hat für mich ein we⸗ nig von jener furchtſamen Liebe des ſchlimmen Schülers für ſeinen Lehrer; ich beherrſche ihn mehr, als ich ihn rühre, und ſeine Eitelkeit iſt mehr befriedigt, mich zu beſitzen, als ſeine Liebe darüber glücklich iſt. Ich leugne nicht, daß er in dem Angenblicke, wo er mich verließ, bei der Erſchütterung der Abreiſe die Abſicht gehabt hat, wiederzukommen? gewöhnt an die leichte Liebe gewiſſer Frauen, war er erſtaunt, ſogar insgeheim darüber auf⸗ gebracht, in mir ein Hinderniß aller Tage, einen Wider⸗ ſtand aller Augenblicke zu treffen; er hat mich überrum⸗ pelt, aber nicht beſeſſen, und dieſer Kampf, den er zwei⸗ tauſend Meilen von uns beſteht, erhält ihn im Grunde immer im Athem; glauben Sie aber mir, mein Freund, ich bin für Camille nur der Preis eines Sieges und nicht das Ziel einer ernſtlichen Zuneigung. Colombau ſchaute das Mädchen mit einer tiefen Traurigkeit an. „Carmelite,“ ſagte er,„Sie lieben Camille nicht mehr?“ „Ich habe ihn nie geliebt!“ antwortete ſie ſtolz, als ob dieſe paar Worte ſie hätten rechtfertigen müſſen. „Oh! ſagen Sie das nicht!“ ſprach mit Sanftmuth Colombau. „Vor Gott,“ erwiederte Carmelite feierlich,„vor iſſe as iſt. ah⸗ ihn art die in in⸗ ie⸗ ve⸗ ers hn zu ne bei at, ſer f⸗ r⸗ u⸗ i⸗ de id, nd en z. n. th or 247 Gott ſage ich die Wahrheit, Colombau ich habe Camille nie geliebt.“ „Und dennoch....“ verſetzte der junge Mann zögernd. „Und dennoch ſei ich beſiegt worden.. das iſt es, was Sie ſagen wollen, nicht wahr, mein Freund? Nun wohl, ja, ich bin beſiegt worden, doch nicht durch meine Schwäche; doch nicht durch die Stärke von Ca⸗ mille: ich bin beſiegt worden durch eine unbekannte Macht, welche größer als die meine; durch eine ge⸗ heimnißvolle Macht, welche größer als die ſeine; er hat keine Anſtrengung gewagt, um meinen Fall herbei⸗ zuführen, wie er Ihnen ſagte, um ſich zu entſchul⸗ digen, daß er zum Verräther an ſeinem Schwure ge⸗ worden; doch er hat kalt auf die Gelegenheit gewartet, und das iſt es, was ich ihm vorwerfe, das iſt es, was mir, nicht die Röthe der Scham, ſondern die Flamme des Zornes und der Verachtung zur Stirne ſteigen macht.“ „Oh! ſchweigen Sie, Carmelite!“ ſagte Colombau, indem er die Hand auf ſeine Augen legte, als ob ſeine geſchloſſenen Augen, weil ſie ihn verhinderten, Carmelite zu ſehen, auch ſeine Ohren verhindert hätten, ſie zn ören. „Und,“ ſprach Carmelite, auf dem ſchlüpferigen Wege fortgeriſſen,„ſoll ich Ihnen die volle Wahrheit ſagen, Colombau?“ „Oh! nein, nein, ich will nichts mehr hören,“ rief der Bretagner. „Warnm haben ſie mich dann gefragt?“ verſetzte ſie faſt drohend. „Reden Sie alſo.“ „Wohl, Sie werden meinen Schmerz in ſeinem gan⸗ zen Umfange, meinen Fehler in ſeiner ganzen Tiefe ken⸗ nen, wenn Sie erfahren, daß ich in jener Nacht des Sieges von Camille nicht Camille nachgab.“ 248 „Wem denn?“ fragte Colombau. „Einem Geſpenſte meiner Einbildungskraft, einem Traume meines Herzeus; Camille war nur der Abge⸗ ordnete meines Unglücks, nur der Namenleiher des Ver⸗ hängniſſes.“ Colombau ſchlug zu Carmelite ſeinen Blick ſo klar und durchſichtig wie das Licht auf und ſagte: „Carmelite, ich verſtehe Sie nicht.“ „Oh! Colombau,“ erwiederte ſie,„es war eine ſchöne Nacht, eine glückliche Nacht, wo wir den Roſenſtock am Fuße des Grabes der armen Lavalliöre ausgehoben haben!“ Und ſie ſtand langſam auf, verließ den Pavillon und ging wieder in ihr Zimmer hinauf, während Co⸗ lombau, faſt geblendet durch den erſten Lichtſtrahl, der in ſein Herz fiet, ihr mit den Augen folgte und murmelte: „Oh! mein Gott! mein Gott! ſie hätte mich alſo lieben können, da ſie Camille nicht liebte?„ LIII. Wo Jeder, nicht nur in ſeinem eigenen Herzen, ſondern auch in dem des Andern klar zu ſehen anfängt. Von dieſem Tage an wurde der Verkehr der zwei jungen Leute von einfach und vertraulich, wie er war, kalt und abgemeſſen. Carmelite ſah ein, daß ſie Colombau zu viel ge⸗ ſagt hatte. 3 Colombau hatte bange, ſchlecht gehört zu haben. —— 249 Er glaubte immer an die Rückkehr von Camillez er benahm ſich behutſam gegen Carmelite und floh alle Gelegenheiten, das Geſpräch auf das ſchlüpferige Ter⸗ rain zu bringen, wo das Mädchen beinahe ein Geſtänd⸗ niß hatte entfallen laſſen. Der Gedanke, er liebe Carmelite immer mehr, ſeine Leidenſchaſt nehme von Tag zu Tag zu, erſchreckte ihn. Was wäre es denn geweſen, wenn er die Gewiß⸗ heit gehabt hätte, er liebe Carmelite? Er hätte auf der Stelle Paris verlaſſen und wäre nach der Bretagne zurückgekehrt. Mittlerweile verliefen die Tage, die Monate, die Wochen, und die Einwilligung des Vaters von Camille kam nicht an; man empfing immer Briefe vom Creolen, Briefe, in denen ſich die lebhafteſte Zärtlichkeit, zuweilen die glühendſte Leidenſchaft malte, doch das war Alles. Eines Morgens erhielt man einen Brief von ſeinem Bruder. Camille war gefährlich krank geworden. Carmelite empfing dieſe Nachricht mit einer faſt eben ſo großen Gleichgültigkeit wie die anderen. Die Krankheit dauerte drei Monate. Wir wiſſen Alle, was die Gemüthsbewegungen bei der Wiedergeneſung ſind, nachdem die Krankheit mit ihrer ſieberiſchen, entfleiſchten Hand uns die Thore des Grabes halb offen gezeigt hat. Die erſten Worte, oder vielmehr die erſten Freuden⸗ ſchreie ſind Hymnen der Dankbarkeit an den rettenden Gott, an die Familie, an die Freunde, an diejenigen, welche man liebt, und ſogar an diejenigen, welche man geliebt hat; die ſchlimmen Gefühle ſind erloſchen, die guten ſind gewachſen; man ſollte glauben, das Fieber habe, alle faule Miasmen des Leibes fortnehmend, zu gleicher Zeit die Schmarotzerpflanzen der Seele entwur⸗ zelt; das Herz wird ein fruchtbarer Neubruch, der ſich mit friſchen Blumen bedeckt und nur Wohlgerüche aus⸗ 250 dünſtet. Eine große Krankheit iſt eine Art von Station zwiſchen dem Leben und dem Tode, eine Ruhegelegenheit, wo die Seele, ganz von der Materie losgebunden, frei über den menſchlichen Leidenſchaften ſchwebt, wie jene Roſenkreuzer, welche auf den Gipfeln der Berge wohn⸗ ten, um ſich mehr unmittelbar mit dem Geiſte Gottes zu unterhalten. Das Zimmer des Geneſenden iſt ein Kloſter, in welchem die Metamorphoſe des alten Aeſon ſich bewerk⸗ ſtelligt hat: der alte Menſch iſt verſchwunden, der neue ſammelt ſich darin und meditirt; die Böſen werden darin gut und die Guten beſſer. Der Geneſende, der zum Leben zurückkehrt, gleicht dem Kinde, das zur Welt kommt; Alles um ihn her iſt Heiterkeit, Licht, Friſche, Zauber; er reicht beide Hände jedem Menſchen, den er ſieht, wie einem alten Freunde; ſeine, lange Zeit in Banden gehaltene, Zärt⸗ lichkeit hat das Ungeſtüm und die Klarheit des Stro⸗ mes, der ſeinen Damm durchbricht, und kein Hemmniß vermöchte ſich ihr zu widerſetzen. So daß vor dieſem raſchen, herrlichen Erguſſe die Verwandten, die Freunde, ſelbſt die einfachen Zuſchauer ſich zurückhalten, aus Furcht, ihn zu hemmen, und ge⸗ neigt ſind, Alles zu verſprechen, mit dem Hintergedanken jedoch, ſpäter nichts zu erfüllen. Welches iſt denn das väterliche Herz, das dem Kinde die Klapper verweigern kann, die es begehrt, und nach der es weinend die Arme ausſtreckt? So erhielt Camille von ſeinem Vater und der übri⸗ gen Familie in dem Augenblicke, wo die Geneſung bei ihm eintrat, das Verſprechen, nichts widerſetze ſich fortan ſeiner Heirath mit Carmelite, und das war das Thema, welches er in dem Briefe, den er an ſeine Freunde unter der Herrſchaft dieſer noch fieberhaften Wiedergeneſung ſchrieb, paraphraſirte. Von der Exaltation des Augen⸗ blicks eine neue Gluth entlehnend, war ſein Brief ein n ht er de en 0 iß ie er e⸗ en d 251 Meiſterſtück der Liebesleidenſchaft, und der gute Colombau reichte ihn Carmelite und ſprach, die Augen voll Thrä⸗ nen, zu ihr: „Sie ſehen, Carmelite, daß ich mich nicht getäuſcht hatte.“ Doch für Carmelite war es nicht daſſelbe; ſie be⸗ freite alle leidenſchaftliche Ausdrücke des Briefes von den durch das Fieber erregten Hinreißungen, und ſie weigerte ſich, in dieſem Schreiben etwas Anderes zu ſehen, als jenes Sonnengeſpenſt mit den lebhaften Far⸗ ben, den ephemeren Sohn des Sturmes, der mit ihm verſchwindet. Ueberdies handelte es ſich nicht mehr darum, den Grad der Liebe, welche Camille für ſie haben konnte, kennen zu lernen; ſollte er in das lange Fieber zurück⸗ fallen, aus dem er hervortrat, Carmelite hätte keinen Schritt gethan, um ihn zu retten; ſie hätte vielleicht nicht die Kaltblütigkeit des Henkers gehabt, doch ſie hatte den Muth des Richters, und ſie ſprach in ihrem Innern unwiderruflich das Urtheil. Die größte Freude für Carmelite wäre es geweſen, keine Briefe vom Creolen mehr zu empfangen, nichts mehr von ihm zu hören, ihn bis auf den Namen zu vergeſſen. Sie liebte Colombau mit der ganzen Macht ihres Herzens, mit der ganzen Stärke ihres Kummers, mit der ganzen Größe ihrer Gewiſſensbiſſe. Wenn ſie ihn zu⸗ gleich ſo traurig und ſo ſtolz auf die Redlichkeit ſeines Freundes ſah, ſo fühlte ſie ein faſt unwiderſtehliches Ver⸗ langen, Colombau um den Hals zu fallen und ihm ihre Liebe zu geſtehen; doch die ſtrenge Stirne des jungen Manues hielt ſie ab und nöthigte ſie, in ſich ſelbſt zu⸗ rückzukehren. Dieſe Liebe, die ſich ihrer jeden Tag mehr bemäch⸗ tigte, war nicht Liebe; es war etwas Beſſeres: es war die Anbetung, die ein höheres, faſt göttliches Weſen einflößt. 252 Hätte, wenn ſie ihn verſtohlen anſchaute und mit den Augen verſchlang, Colombau einen von ihren Blicken wahrgenommen, dieſer Blick, ſo einfach und beſcheiden der Bretagner war, würde ihn von Allem unterrichtet haben. Und dennoch hatte der Zwang, den ſie einander gegenüber empfanden, für Beide Augenblicke von unaus⸗ ſprechlicher Süßigkeit. Wenn Colombau las,— meiſtens eine Ode von Hugo, ein Gedicht von Lamartine,— da neigte ſich Carmelite, die ihn anſchaute und ihm zuhörte, ſie ſtreckte ſich, ſie legte ſich beinahe auf ihr Canapé, den jungen Mann mit den Augen bedeckend und einer jungen Löwin ähulich, bereit, ſich mit einem Sprunge auf den falben Löwen, den Gegenſtand ihrer mächtigen Liebesgluth, zu ſtürzen. Sang Carmelite entweder das Pria che spunti Laurora des neapolitaniſchen Maeſtro, oder das hitzige Fieber von Grétry, ſo hörte Colombau auf zu ath⸗ men; er lauſchte wie in Ertaſe und ſchante, ſo zu ſagen, zu, wie jede der funkelnden Noten aufſtieg, jenen Rake⸗ ten ähnlich, welche, auf der Erde erſchloſſen, am Himmel aufblühen, glänzen und erlöſchen. Er, mit ſeiner ſchüch⸗ ternen, ehrfurchtsvollen Liebe, ſchien die Frau zu ſein, und er hätte ſein Leben gegeben, nicht einmal um die Lippen von Carmelite zu küſſen, ſondern um nur den göttlichen Hauch, die himmliſche Harmonie, welche daraus hervorkam, einzuathmen. Sie nahmen Abſchied von einander um Mitternacht oder um ein Uhr Morgens; Colombau kehrte dann in ſeinen Pavillon zurückz hinter ihm ſchloß Carmelite ihre Thüre, oder ſie gab ſich den Anſchein, als ſchlöße ſie dieſelbe; dann, wenn ſich kaum das Geräuſch der Tritte auf den letzten Stufen der Treppe verloren hatte, offnete ſie die Thüre wieder, lief ans Fenſter des Flurgangs, ſchaute dem jungen Manne nach, wie er den Garten — —— e,— S 8 t v 5— 8 8 8S„— ———— durchſchritt, und die Augen auf das Licht geheftet, das durch die Scheiben des Pavillon ſchien, wachte ſie manch⸗ mal bis zum Tage wie dieſes Licht, erſchöpfte ſich wie daſſelbe in ihrer verzehrenden Liebe, und zog ſich erſt zurück, wenn das Licht erloſchen war. Zuweilen riß ſie dieſe fieberhafte Gluth ſogar wei⸗ ter fort. In den ſchönen Sommernächten, wo die Sterne allein die Erde beleuchten oder vielmehr die Finſterniß zu unterſcheiden erlauben, ging ſie auf den Fußſpitzen hinab, trat furchtſam in den Garten ein und erreichte ein Gebüſche, wo ſie einen Angenblick Halt machte; dann, wie die Feen, wie die Undinen, deren Schatten dem Grabe entſchlüpft, um bei der Wohnung des Mannes, den ſie in ihrem Leben geliebt, weiß und klagend umher⸗ zuirren, drehte ſich Carmelite um den Pavillon von Colombau. Manchmal auch, bewegt durch ein ähnliches Gefühl, öffnete der junge Mann ſeine Thüre, kam, die Luft mit voller Bruſt einathmend, heraus und ſetzte ſich auf die Raſenbank, auf der er, Camille erwartend, am Tage, wo er von der Bretagne zurückkehrte, geſeſſen hatte. Hier blieb er unbeweglich, die Augen auf das Fenſter des Flurgangs geheftet, durch das ihm ohne Zweifel ſein Blick bis ins Zimmer von Carmelite zu tauchen ſchien. Da näherte ſich Carmelite ſachte, langſam, von Baum zu Baum, ihren Athem zurückhaltend; ſie ſchaute ihn mit Flammenangen durch die Finſterniß an, und zog ſich erſt zurück, wenn er ſelbſt wieder in ſeine Woh⸗ nung ging, ohne zu wiſſen, daß die Seele von der⸗ jenigen, welche er liebte, einem Irrlichte ähnlich, ihn eine Stunde lang umſchwebt hatte. In einer Nacht, als die Erde mit einem Schnee⸗ teppich bedeckt war, und, da ſie es nicht wagte, hinaus⸗ zugehen, aus Furcht, die Spur ihrer Tritte auf der weißen, wattirten Fläche zu hinterlaſſen, Carmelite am Fenſter ihres Flurganges ſtand, die Angen auf das Licht 254 der Lampe von Colombau geheftet, ohne ſich um Kälte oder Wärme zu bekümmern,— denn das Feuer hätte ihre Hände nicht erwärmt, denn der Schnee hätte ihre Stirne nicht gekühlt,— in einer Winternacht alſo ſah ſie die Thüre des Bretagners ſich öffnen und dieſen, welcher auf den Fußſpitzen herauskam, wie ſie es oft ſelbſt that, ſich nach dem Hauſe wenden, wo er verſchwand. Die erſte Bewegung von Carmelite war, in ihr Zimmer zu fliehen. Doch die Neugierde gewann die Oberhand; überdies hätte ſie, die Thüre öffnend und wieder ſchließend, ihre Gegenwart verrathen. Sie hüllte ſich in den Fenſtervorhang und wartete. Das Krachen der Stufen deutete an, daß Colombau die Treppe heraufſtieg, und nach einigen Secunden er⸗ ſchien ſein Schatten wirklich oben auf den Stufen und rückte langſam im Flurgange vor. Als er die Thüre des Mädchens erreicht hatte, blieb er ſtehen, lehnte ſich an die Wand an und verweilte hier, den Athem an ſich haltend und in der Stellung eines Betrachtenden, als ob er durch dieſe geſchloſſene Thüre hätte ſchauen können. Von Zeit zu Zeit machte ſich ſeine auf ſein Herz gelegte Hand von ſeiner Bruſt los, drückte auf ſeine Augen und ſchien Thränen abzuwiſchen. Das war eine Offenbarung für Carmelite. Was ſuchte er vor ihrer Thüre, wenn nicht, was ſie oft ſelbſt vor der ſeinigen ſuchte? Was für Thränen konnte er vergießen, wenn nicht die brennenden Thränen der Liebe, die bitteren Thränen der Wehmuth? Und in der That, bald verwandelten ſich die ſtillen Zähren von Colombau in Schluchzen. Carmelite legte ihre beiden Hände auf ihren Mund, um ſogar ihren Athem am Ausſtrömen zu verhindern; denn ſie fühlte, der Schrei:„Ich liebe Dich! ich liebe Dich!“ war nahe daran, ihren Lippen zu entſchlüpfen. „ d S—— S* Zu gleicher Zeit aber wiederholte ſie ſich ſelbſt hun⸗ dertmal in der Minute, mit einer Stimme ſo haſtig als die Schläge ihres Herzens:„Gott ſei geprieſen! er liebt mich! er liebt mich! er liebt mich!“ Oh! welche tolle Luſt hatte Carmelite, ihm um den Hals zu fallen und ihn wüthend zu küſſen! doch das ernſte Geſicht des Bretagners erſchien ihr plötzlich im Geiſte, und ihr Wille hemmte ihr Verlangen, wie ihre Hand ihren Mund geſchloſſen hatte. Colombau konnte wohl der geheimnißvollen Nacht ſeine Traurigkeit, ſein Weh, ſeine Liebe anvertrauen; er konnte ſich in der Einſamkeit, die er für ſtumm und blind hielt, über die Strenge der Pflicht, die er erfüllte, be⸗ klagen; aber ſeine Pflicht mit Füßen treten und laut das Geheimniß geſtehen, das ſeine Thränen leiſe verriethen, — zwiſchen Dieſem und Jenem war eine unüberſchreit⸗ bare Kluft befeſtigt. Carmelite beſchloß alſo, ſich innerlich dieſe unerwar⸗ tete, unausſprechliche, gränzenloſe Freude zu geſtehen, jedoch ohne äußerlich etwas davon ſehen zu laſſen. Colombau blieb ſo ungefähr eine Stunde, kniete dann nieder, küßte die Thürſchwelle, erhob ſich wieder mit einem Seufzer und entfernte ſich langſam. Carmelite folgte ihm mit den Augen, his er in den Pavillon zurückgekehrt war, und nun erſt wagte ſie es, auf die Kniee fallend, was ſie leiſe gemurmelt hatte, laut auszurufen: „Gott ſei geprieſen! er liebt mich! er liebt mich! er liebt mich!“ „ =—-— ſ 12 13 14 15 u 6 7 8 9 10 11 ——