91. S—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. 3 Eduard Okkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cheih und geſebedingungen. 1 ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Dafſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 N.— Pf 1 W f 2„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene', verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. T 3 —————— ——— 6 5 . . 3 — Die Wohicaner von varis, ⸗ Von 1* — Alerandre Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. Erſtes bis viertes Bändchen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1854. — . In welchem der Verfaſſer den Vorhang von dem Theater aufhebt, wo ſein Drama ſpielen ſoll. Will der Leſer mit mir eine Pilgerfahrt nach den Tagen meiner Jugend machen und die Hälfte vom Laufe meines Lebens, das heißt ein Vierteljahrhundert zurück⸗ gehen, ſo werden wir mit einander am Aufange des Jahres der Gnade 1827 Halt machen, und wir werden den Generationen, die aus dieſer Zeit datiren, ſagen, was das phyſiſche und moraliſche Paris der letzten Jahre der Reſtauration war. Beginnen wir mit dem phyſiſchen Anblick des neuen Babylon. Von Oſten nach Weſten war Paris im Jahre 1827 ungefähr, was es 1854 iſt. Paris am linken Ufer der Seine iſt natürlich ſtationär und zielt eher darauf ab, ſich zu entvölkern, als zu bevölkern; im Gegenſatze zur Civiltſation, welche vom Oſten nach dem Weſiten fortſchreitet, ſchreitet Paris, dieſe Hauptſtadt der civiliſir⸗ ten Welt, vom Süden nach dem Norden fort; Montronge reißt Montmartre an ſich. Die einzigen wirklichen Arbeiten, welche auf dem linken Ufer von 1827 bis 1854 gemacht wurden, ſind der Platz und die Fontaine Cuvier, die Rue Guy Lab⸗ roſſe, die Rue de Juſſien, die Rue de[Ecole⸗Polytech⸗ nigue, die Rue de Oueſt, die Rue Bonaparte, der Die Mobicaner von Paris. I. 1 Orleaus⸗Bahnhof, der der Barridre du Maine; endlich die Sainte Clotilde⸗Kirche, die ſich auf der Place Belle⸗ Chaſſe erhebt, der Palaſt des Staatsrathes auf dem Quai d'Orſay und das Hotel des Miniſters der ans⸗ wärtigen Angelegenheiten auf dem Quai des Invalides. Ganz anders war es auf dem rechten Ufer, das heißt in dem zwiſchen dem Pont d'Auſterliz und dem Pont d'Jena begriffenen Raume, längs dem Fuße des Montmartre. Im Jahre 1827 erſtreckte ſich Paris in Wirklichkeit im Oſten nur bis zur Baſtille,— und es war noch das ganze Boulevard Beaumarchais zu banen; im Norden nur bis zur Rue de la Tour d' Auvergne und der Rue de la Tour⸗des⸗Dames, und im Weſten nur bis zum Schlachthauſe du Roule, und der Allee des Veuves. Doch vom Quartier des Faubourg Saint⸗Antoine, das von der Place de la Baſtille bis zur Barridre du Trone geht; vom Quartier Popincourt, das vom Fau⸗ bourg Saint⸗Antoine bis zur Rue Ménilmontant geht; vom Quartier des Faubourg du Temple, das von der Rue Ménilmontant zum Faubvurg Saint⸗Martin geht; vom Quartier Lafayette, das vom Faubourg Saint⸗ Martin bis zum Faubourg Poiſſonniére geht; vom Quartier Turgot endlich, vom Quartier Trudaine, vom Quartier Breda, vom Quartier Tivoli, vom Quartier der Place de l Europe, vom Quartier Beaujon; von den Rues de Milan, de Madrid, Chaptal, Bourſault, de Laval, de Londres, d'Amſterdam, de Conſtantinople, de Berlin, u. ſ. w. u. ſ. w. war noch nicht die Rede. Quartiere, Plätze, Squares, Straßen, der Zauberſtab der Fee, die man die Induſtrie nennt, hat ſie alle aus der Erde hervorſpringen gemacht, um als Gefolge für die Fürſten des Handels zu dienen, welche man die Eiſenbahnen von Lyon, von Straßburg, von Brüſſel und vom Havre nennt. In fünfzig Jahren wird Paris den ganzen Raum — — ——„ —— 3 uusgefüllt haben, der heute zwiſchen ſeinen Vorſtädten und ſeinen Feſtungswerken leer bleibt; dann wird Alles, was Vorſtadt iſt, Paris ſein, und neue Vorſtädte wer⸗ den ſich an allen Oeffnungen dieſer ungeheuern Ring⸗ mauer ausdehnen. Wir haben geſehen, was das phyſiſche Paris 1827 war; ſehen wir nun, was das moraliſche war. Karl X. regierte ſeit zwei Jahren; ſeit fünf Jahren war Herr von Villöle Präſident des Conſeil; ſeit drei Jahren war Herr Delavau auf Herrn Angles, der ſo ſchwer im Prozeſſe Maubreuil compromittirt, gefolgt. König Karl X. war gut; er hatte ein zugleich ſchwa⸗ ches und redliches Herz und ließ um ſich die zwei Par⸗ teien wachſen, welche ihn, während ſie ihn zu befeſtigen glaubten, ſtürzen ſollten: die Ultr a⸗Partei und die Prieſter⸗Partei. Herr von Villöle war weniger ein Staatsmann, als ein Börſenmann; er wußte die öffentlichen Fonds in Bewegung zu ſetzen, zu verrücken, umzurühren, unter einander zu mengen; das war aber Alles. Uebrigens perſönlich ein ehrlicher Mann, der ſich von den Finan⸗ zen nach fünf Jahren, ſo arm, als er eingetreten war, und nachdem ihm Milliarden durch die Hände gegangen, zurückziehen ſollte. Herr Delavau war ohne verſönlichen Werth, ganz und gar, nicht dem König, ſondern der doppelten Par⸗ tei, welche in ſeinem Namen regierte, ergeben. Sein Perſonalchef forderte Beichtzettel von den Angeſtellten und ſelbſt von den Agenten; man konute nicht als Po⸗ lizeiſpion angenommen werden, wenn man nicht wenig⸗ ſtens in einer der dem Tage der Zulaſſung vorhergehen⸗ den zwei Wochen gebeichtet hatte. Der Hof war traurig und wurde nur erheitert durch die Jugend, das Bedürfniß nach Zerſtreuung und die Seite des Charakters der Frau Herzogin von Berry. Die Ariſtokratie war ängſtlich und geſpalten; ein Theil klebte an den halbliberalen Traditionen von Lnd⸗ wig XVIII. und behauptete, die Ruhe der Zukunft hänge von einer weiſen Vertheilung der Gewalt unter die drei großen Staatskörper, den König, die Kammer der Pairs und die Deputirten⸗Kammer, ab; der andere Theil warf ſich mit aller Heftigkeit rückwärts, wollte 1827 wieder mit 1788 verknüpfen, leugnete die Revolu⸗ tion, leugnete Bonaparte, leugnete Napoleon, und glaubte keine andere Stütze nöthig zu haben, als die, an welcher ſich Ludwig IX., ihr Ahnherr, und Ludwig XIV., ihr Vorfahre, feſtgehalten hatten, nämlich das göttliche Recht. Das Bürgerthum war, was es zu allen Zeiten ge⸗ weſen iſt: ein Freund der Ordnung, ein Begüuſtiger des Friedens; es wünſchte eine Aenderung und zitterte, dieſe Aenderung könnte ſtattfinden; es ſchrie gegen die Nativnalgarde, gegen den Verdruß, Wachdienſte thun zu müſſen, und wurde wüthend, als man im Jahre 1828 die Nationalgarde auflöſte. Im Ganzen folgte es dem Leichenbegängniſſe des Generals Foy, nahm Partei für Grégoire und für Mannel, unterſchrieb bei den Tonquet⸗ Ausgaben und kaufte zu Millionen die Tabaksdoſen mit der Charte. Das Volk war offen von der Oppoſition, ohne ge⸗ nau zu wiſſen, ob es bonapartiſtiſch oder republikaniſchz es wußte nur, daß die Bourbonen nach Frankreich im Ge⸗ folge der Engländer, der Oeſterreicher und der Koſaken zurückgekehrt waren. Da es aber die Engländer, die Oeſter⸗ reicher und die Koſaken haßte, ſo haßte es natürlich auch die Bourbonen und wartete nur auf den Augenblick, ſich ih⸗ rer zu entledigen. Jede neue Verſchwörung wurde mit frendigem Zurtf begrüßt: für das Volk waren Didier, Berton, Carré Märtyrer; die vier Sergenten von la Rochelle Götter! Nachdem wir nun auf drei ſucceſſiven Stufen vom König zur Ariſtokratie, von der Ariſtokratie zum Bürger⸗ — er——.+— —— it e⸗ en r⸗ ie it r la r⸗ 5 thum und vom Bürgerthum zum Volke herabgeſtiegen ſind, ſteigen wir noch eine Stufe tiefer herab, und wirwerden uns an den nur von den bleichen Laternen der Rue de Jeruſalem beleuchteten Rändern der Geſellſchaft befinden. Nehmen Sie an, wir ſeien an den Abend der Faſt⸗ nacht von 1827 verſetzt. Seit zwei Jahren gibt es keine Polizei⸗Maskeraden mehr; die Wagen, deren doppelte Reihe die Boulevards durchfurcht, ganz beladen mit Poiſſarden und Malins, welche, ſo oſt ſie ſich kreuzen, anhalten, ſind Privat⸗ wagen. Einige von dieſen Wagen gebören im Grunde einem vortrefflichen jungen Manne Namens Labattue, der drei oder vier Jahre ſpäter an einer Bruſtkrankheit in Piſa ſterben wird, und obgleich er Alles in der Welt thut, daß man erfahre, daß dieſe ungeheuren Maskera⸗ den, dieſe Hornbläſer, dieſe Reiter ihm gehören, wollen die Zuſchauer doch beharrlich nichts von ſeinem Namen wiſſen und thun Lord Seymour die Ehre an. Unter den Cabarets ſind am meiſten in der Mode: bei der Courtille Desnoyers, der Salon de Flore, die Courtille; bei der Barridre du Maine Tonnelier. Die beſuchten Bälle ſind: die Chaumisre, gehalten von Lahire;— zwei Racen, welche heute zu verſchwin⸗ den im Begriffe ſind, tanzen dort auf dem Vulcan, der ſie verſchlingen ſoll: die Studenten, die Griſetten; die Lorette und die Arthurs, welche ihre Stelle eingenom⸗ men haben, ſind noch unbekannt: Gavarni wird für ſie ſein reizendes Auslader⸗Coſtume*) ſchaffen; der Prado, der dem Juſtizpalaſte gegenüber blinkt; das Colyſée, das hinter dem Chateau d'Eau ſteht; die Porte Saint⸗Mar⸗ tin und Franconi, welche allein mit der großen Oper das Privilegium der Maskenbälle haben. *) Les débardeurs, diel Auslader der Schiffe, haben in Paris eine beſonders reizende Tracht. Wohl verſtanden, wir ſprechen hier von der Oper nur der Erinnerung wegen: in der Oper tanzt man nicht, man geht ſpazieren, die Frauen im Domino, die Män⸗ ner im ſchwarzen Frack. Auf den andern Bällen, bei Desnoyers, im Salon de Flore, bei Tonnelier, in der Chaumiöre, im Prado, im Colyſée, bei der Porte Saint⸗Martin, bei Franconi tanzt man auch nicht: man chahuttirt. Die Chahut war ein gemeiner Tanz, gegen den der Cancan das, was der Stummel und der Galgenknaſter gegen die Havannah⸗Cigarre ſind. Tief unter allen dieſen Orten, die wir genannt ha⸗ ben, ſind die abſcheulichen Löcher, die man Freiſchenken nennt. Es gibt ſieben in Paris: Zur Schwarzen Katze, Rue de la Vieille Dra⸗ perie, in der Cité; Zum Weißen Kaninchen, dem Gymnaſe gegen⸗ über; Zu den Sieben Billards, in der Rue de Bondy; Hotel d'Angleterre, Rue Saint⸗Honoré, der Cirette gegenüber; Bei Paul Niquet, Rue aur Fers; Bei Baratte, in derſelben Straße. Endlich bei Bordier, an der Ecke der Rue Anbry⸗ le⸗Boucher und der Rue Saint Denis. Zwei von dieſen Freiſchenken haben Specialitäten. Die Schwarze Katze vereinigt beſonders die Die be à la carouble und à la fourline; das Weiße Kanin⸗ chen die charrieurs, die scionneurs und die vantarniers. Oh! man beruhige ſich, wir werden uns nicht in einen Rothwälſch⸗Dialog einlaſſen und ein Buch machen, das man nur mit Hülfe des ſchändlichen Wörterbuchs von Bicötre und der Conciergerie verſtehen kann. Wir entledigen uns im Gegentheil, um nicht mehr darauf zurückzukommen, aller dieſer ekelhaften Ausdrücke, 6 ——— c 5 — er t, n⸗ on y er be n⸗ in n, hs hr 3 7 die uns eben ſo ſehr als unſern Leſern widerſtreben würden. Sagen wir alſo raſch, was die Diebe à la carouble und à la fourline, die charrieurs, die scionneurs und die vantarniers ſind. Die Diebe à la carouble ſind Diebe mit falſchen Schlüſſeln. Die Diebe à la fonreins ſind Leute, welche Börſen, Uhren, Schnupftücher aus den Taſchen ſtehlen. Die charrieurs ſind diejenigen, welche bei den Wechs⸗ lern unter dem Vorwande eintreten, ſie wollen Stücke mit dem Bildniß dieſes oder jenes Königs, mit dieſer oder jener Jahreszahl wählen, und während ſie die ver⸗ langten Stücke wählen, für fünfzig Franken davon in jeden Aermel ſchieben. Die scionneurs ſind diejenigen, welche mit einem Schnupftuche oder einem Stricke den Hals einer Perſon umwickeln, die ſie beſtehlen wollen, und ſie auf ihre Schultern laden, während ihre Genoſſen ſie durchſtören. Die vantarniers endlich ſind diejenigen, welche, um zu ſtehlen, bei Nacht, mit Hülfe von Strickleitern durch die Fenſter einſteigen. Die fünf anderen Freiſchenken ſind ganz einfach Sammelplätze von Dieben aller Kategorien. Um dieſe ganze Bevölkerung von freigelaſſenen Ga⸗ leerenſklaven, von Betrügern, von Freudenmädchen, von Dieben aller Art, von Banditen jeder Gattung zu über⸗ wachen, hat ein Arrondiſſement nur ſechs Inſpectoren und einen Friedensbeamten; die Stadtſergenten ſind noch nicht geſchaffen und werden es erſt 1828 durch Herrn von Belleyme. Dieſe Inſpectoren thun den Dienſt in bürgerlicher Tracht. Jede von ihnen verhaftete Perſon wird zuerſt nach dem Saint⸗Martin⸗Saale, das heißt nach dem Depot, geführt; hier hat man gegen ſechzehn Sons für die erſte Nacht und gegen zehn Sous für die anderen Nächte ein Recht auf ein beſonderes Zimmer. Von da werden die Männer nach der Force oder nach Bicötre, die Mädchen nach den Madelonettes in der Rue des Fontaines, beim Temple, die Diebinnen nach Saint⸗Lazare in der Rue du Faubourg Saint⸗Denis geſchickt. Die Hinrichtungen finden auf der Grove ſtatt. Herr von Paris*) wohnt in der Rue des Marais Nr. 43. Die erſte Frage, die der Leſer an ſich ſelbſt macht, oder die er an uns machen würde, wenn wir ihm nicht ent⸗ gegen kämen, iſt:„Da die Polizei weiß, wo die Diebe zu nehmen ſind, warum nimmt ſie dieſelben nicht?“ Die Polizei kann nur auf friſcher That verhaften; das Geſetz iſt in dieſem Punkte poſitiv, und die Diebe aller Klaſſen wiſſen das wohl. Könnte die Polizei anders verhaften, als mit der Hand in der Taſche, ſo brauchte ſie, da ſie faſt Alle kennt, nur ihr Garn in allen Winkeln und Höhlen von Paris auszuwerfen, und es gäbe keine Diebe mehr, oder in jedem Falle ſo wenig, daß es nicht der Mühe werth wäre, ſich darüber zu beklagen. Heute beſteht keine von dieſen Freiſchenken mehr: die einen ſind bei den Abbrüchen verſchwunden, welche die Verſchönerung von Paris nothwendig macht; die andern ſind geſchloſſen, erloſchen, todt. Bordier allein iſt am Leben geblieben; doch die Freiſchenke von 1827 iſt ein eleganter Laden von Spe⸗ zereiwaaren geworden, wo man getrocknete Früchte, Con⸗ fituren und feine Liqueurs verkauft, und hat nichts mehr von der unſaubern Höhle, in welche wir unſere Leſer zu führen genöthigt ſind. *) Das iſt der Titel des Henkers. en—„— — in ie en 1e t, be 5 er er lle on er rth che die die pe⸗ on⸗ ehr zu X IHI. Die Cavaliere der Halle. Wir haben unſere Leſer ſchon darauf aufmerkſam gemacht, das erſte Blatt unſeres Buches trage das Da⸗ tum der Faſtnacht vom Jahre der Gnade 1827 an ſich. Nur berührte dieſer Tag der äußerſten Tollheit ſeine letzte Stunde: es ſollte Mitternacht ſchlagen. Drei junge Leute gingen Arm in Arm die Rue Saint⸗Denis hinab; zwei von ihnen trällerten die Haupt⸗ motive der Quadrillen, die ſie im Colyſée gehört, wo ſie die erſten Stunden der Nacht zugebracht hatten; der Dritte beſchränkte ſich darauf, daß er ſpielend in den goldenen Knopf eines Stöckchens biß. Die zwei Trällernden trugen die Livree des Tages und die Verkleidung jener Zeit. Der Dritte, derjenige, welcher nicht ſang, der in der Mitte zwiſchen den zwei Andern ging, der der Ael⸗ teſte von den Dreien zu ſein ſchien, oder wenigſtens der Ernſthafteſte, der ſeine zwei Freunde um einen Kopf überragte und, wie geſagt, in den Knopf ſeines Stockes biß,— war in einen von den braunen Tuchmänteln mit Sammetkragen gehüllt, wie man ſie zu jener Zeit trug, heute aber nur noch an den Giebeln der Werke von Chateaubriand und Byron ſieht. Dieſer kam aus einer Künſtler⸗Soirée, welche in der Rue Sainte⸗Appoline ſtattgefunden hatte. Unter ſeinem Mantel war er bekleidet mit ſchwarzen langen Hoſen, die ein nerviges Bein mit feinen Gelen⸗ ken hervorhoben, und an ſeinem zierlichen Fuße trug er einen durchbrochenen ſeidenen Strumpf und einen lackir⸗ 10 ten Escarpin; militäriſch zugeknöpft,— obſchon es ſicht⸗ bar war, daß der Mann durchaus in keiner Beziehung zur Armee ſtand,— ließ ſein ſchwarzer Frack oben und unten nur die äußerſten Enden einer weißen Piquéweſte vorſchauen; ſein Hals ſpielte bequem in einer Binde von ſchwarzem Atlaß, und ſein Kopf, deſſen Haare ſich von Natur kräuſelten, war bedeckt mit einem von jenen ab⸗ geplatteten Hüten, die man auf dem Ball unter dem Arme trug und, wenn man wegging⸗ bis auf die Ohren eindrückte, eine Kopfbedeckung, die man Claque⸗Hut nannte. Hätten die ſpärlichen Wanderer, welche zu dieſer Stunde der Rue Saint⸗Denis folgten, den Mantel auf⸗ heben können, in den ſich der Unbekannte drapirte, deſſen Anzug wir in dieſem Augenblicke beſchreiben, ſie würden ſich verſichert haben, daß dieſes unter dem Knö⸗ chel zugeknövfte und wie Tricot anliegende Beinkleid, dieſer Frack mit dem eleganten Schnitt und den anmu⸗ thig fallenden Schößen, dieſe Weſte von engliſchem Pi⸗ qué mit ciſelirten goldenen Knöpfen offenbar aus dem Magazin von einem der ausgezeichnetſten Schneider des Boulevard de Gand kamen und für einen von den jun⸗ gen Modeherren verfertigt worden waren, die man zu jener Zeit noch Dandys nannte⸗ während man ſie heute mit dem ſchon ein wenig abgenutzten Namen Löwen bezeichnet. Und dennoch ſchien derjenige, welcher dieſe Kleidung trug, entfernt nicht die Prätenſion zu haben, für einen Elegant gelten zu wollen; es genügte in der That, ihn einen Moment anzuſchauen, um die Gewißheit zu erlan⸗ gen, daß man vor den Augen nicht das hatte, was man einen Mann nach der Mode nennt: er hatte in ſeinem ganzen Weſen etwas, was eine zu große Unab⸗ hängigkeit der Bewegungen offenbarte, um auf eine von den Gliederpuppen, weiche Sklaven der Falten ihrer Halsbinde oder der Steife ihres Kragens ſind, anwend⸗ — m id te n n en ut er te, ſie ö⸗ id, u⸗ Bi⸗ em des un⸗ zu ute en ung nen ihn an⸗ was ein ab⸗ von hrer end⸗ 4. 11 bar zu ſein. Sodann hatten ſich ſeine Hände, als wi⸗ derſtrebte ihnen dieſe faſhionable Feſſel, bei ſeinem Ab⸗ gange aus der Soirée eiligſt der Handſchuhe entledigt, was am Zeigefinger der Rechten einen von den dicken Ringen zu ſehen erlaubte, welche, genannt Ringe à 1 chevalière, als Siegel dienten, mochten ſie nun mit einer perſönlichen Deviſe oder einem Familienwappen verſehen ſein. Uebrigens bildeten die zwei anderen jungen Leute einen ſeltſamen Contraſt mit dieſer Art von Byronſſchen Erſcheinung. Coſtümirt, wie wir ſchon bemerkt haben, als Starke der Halle oder vielmehr als Malins, wie man damals ſagte, bekleidet mit Weſten von weißem Plüſch mit kirſchrothem Kragen und weiß und blau ge⸗ ſtreiften Atlaßhoſen; den Leib umſchloßen der Eine mit einem rothen Kaſchemir, der Andere mit einem gelben; an den Füßen ſeidene Strümpfe mit goldenen Zwickeln und Schuhe mit Diamantſchnallen; von oben bis unten mit Bändern von allen Farben aufgeputzt; den langhaari⸗ gen Hut umgeben mit einer Guirlande von weißen und roſenfarbigen Camelien, von denen die beſcheidenſte in dieſer Jahreszeit nicht weniger als einen Thaler bei Madame Bayon oder bei Madame Prevoſt, den damals berühmteſten Blumenhändlerinnen, koſtete; die Wangen hoch gefärbt vom Purpur der Jugend, das Feuer in den Au⸗ gen, die Freude auf den Lippen, die Fröhlichkeit im Herzen, die Sorgloſigkeit in goldenen Buchſtaben auf ihre ganze Perſon geſchrieben, waren dieſe zwei jungen Leute wohl die doppelte Verkörperung der franzöſiſchen Heiter⸗ keit, das Bild der luſtigen Vergangenheit, deren Leichen⸗ begängniß ihr Freund, ſchwarz gekleidet, düſter wie die Zukunft, frommer Weiſe anzuführen ſchien. Wie fanden ſich nun dieſe der Tracht nach und, wie es ſchien, den Charakteren nach ſo verſchiedenen Männer beiſammen, und warum gingen ſie zu Fuß zu einer ſolchen Stunde in einer der fünfzig kothigen Stra⸗ 12 ßen, welche Paris vom Boulevard Saint-Denis zum Quai de Goͤvres durchziehen? Das iſt ganz einfach: die zwei Starken hatten keinen Wagen vor der Thüre des Colyſée gefunden; der junge Mann mit dem braunen Mantel hatte vergebens einen in der Rue Sainte⸗Appoline geſucht. Schon ziemlich erhitzt durch den Punſch und den Biſchof hatten die zwei Starken beſchloſſen, Auſtern in der Halle zu eſſen. Bei voller Vernunft erhalten durch ein paar Glä⸗ ſer Orgeat und Johannisbeerſaft, kehrte der junge Mann mit dem braunen Mantel, um ſich ſchlafen zu legen, nach ſeiner Wohnung, in der Rue de LUniverſité, zurück. Alle Drei begegneten ſich zufällig an der Ecke der Rue Sainte⸗Appoline und der Rue Saint-Denis; die zwei Malins erkannten einen Freund in dem jungen Manne mit dem braunen Mantel, der ſie ſicherlich nicht erkannt hätte. Beide riefen einſtimmig: „Sieh da! Jean Robert!“ „Ludovic! Petrus!“ erwiederte der junge Mann mit dem braunen Mantel. Im Jahre 1827 nannte man ſich nicht mehr Pierre, ſondern Petrus, nicht mehr Louis, ſondern Ludovic. Alle Drei drückten ſich die Hände auf das Innigſte, und man fragte einander, was man zu einer ſo ungewöhnlichen Stunde auf dem Pflaſter des Königs mache. Die Erklärung wurde von beiden Seiten gegeben. Wonach die zwei Malins, von denen der Eine, Pe⸗ trus, ein Maler, und der Andere, Ludovic, ein Arzt, ihrem Freunde, der ein Dichter war, ſo dringlich zu⸗ redeten, er möge mir ihnen bei Bordier in der Halle zu Nacht ſpeiſen, daß Jean Robert einwilligte. Das war alſo unter ihnen feſtgeſetzt worden, und nach der Geſchwindigkeit ihres Marſches dem Ziele zu —— c „— um ten der ns en lä⸗ nn ach der die en cht nn lle ind zu 13 hätte man glauben können, es ſei dies ein Entſchluß, von dem Keiner von den Dreien wieder abgehen würde, als plötzlich, zwanzig Schritte von der Cour Batave, Jean Robert ſtehen blieb. „Ah!“ fragte er,„nicht wahr, es iſt feſt beſchloſ⸗ ſen, daß wir zu Nacht ſpeiſen?... Bei wem ſagt Ihr?“ „Bei Bordier.“ „Gut! bei Bordier?“ „Gewiß iſt es feſt beſchloſſen,“ erwiederte einſtim⸗ mig Petrus und Ludovic;„warum nicht?“ „Weil es immer noch Zeit iſt, zurückzuweichen, weun man eben eine Dummheit machen will.“ „Eine Dummheit! Und worin 2“ „Ei! darin, daß Ihr, ſtatt ruhig bei Very, bei Philippe oder bei den Frores⸗Provengaux zu ſoupiren, die Nacht in einer gemeinen Schenke zubringen wollt, wo wir einen Aufguß von Campecheholz unter dem Vorwande von Bordeaux trinken und Katzenfleiſch ſtatt Gehägekaninchen eſſen werden.“ „Was Teufels haſt Du deun heute Abend gegen Katzenfleiſch und Campecheholz, o Dichter?“ fragte Ludovic. „Mein Lieber,“ ſagte Petrus,„Jean Robert hat einen großen Succeß im Théätre⸗Francais gehabt; er gewinnt hundert und fünfzig Franken alle zwei Tage; ſeine Taſchen ſind voll Gold, und er iſt Ariſtokrat ge⸗ worden.“ „Werdet Ihr nicht etwa ſagen, Ihr gehet aus Spar⸗ ſamkeit dorthin?“ „Nein,“ erwiederte Ludovic:„um ein wenig von Allem zu befühlen.“ „Puh! eine ſchöne Nothwendigkeit!“ rief Jean Robert. Ich erkläre,“ ſprach Ludovic,„daß ich mich nur mit dieſem einfältigen Coſtume, in dem ich ausſehe wie ——— 14 ein Müller, der bei der Conſeription gezogen, aufgeputzt habe, um heute Abend in der Halle zu ſonpiren: ich ſoupire dort, oder ich ſonpire gar nicht.“ „Ah! ja,“ verſetzte Petrus,„Du ſprichſt als Me⸗ diciner; das Hoſpital und das Amphitheater der Anato⸗ mie haben Dich auf alle Schauſpiele, ſo häßlich ſie ſein mögen, vorbereitet; als Philoſoph und Materialiſt biſt Du gepanzert gegen alle Ueberraſchungen. Ich, der ich in meiner Eigenſchaft als Maler nicht immer Cam⸗ pechewein zu trinken und Katzenfleiſch zu eſſen gehabt habe; ich, der ich in den Verſchlag der Löwen einge⸗ treten und in den Graben der Bären hinabgeſtiegen bin, wenn ich nicht drei Franken hatte, um den Vater Sa⸗ turnin oder Mademoiſelle Roſine die Blonde zu mir heraufkommen zu laſſen; ich bin nicht ekel. Gott ſei Dank! Aber,“ fügte er bei, indem er auf ſeinen Gefährten mit der hohen Geſtalt deutete,„dieſer ein⸗ drucksfähige junge Mann, dieſer empfindſame Dichter⸗ dieſer Erbe von Byron, dieſer Fortſetzer von Göthe, kurz dieſer Jean Robert, welches Geſicht wird er in dem ſchlechten Hauſe machen? Hat er mit ſeinen kleinen Händen, mit ſeinem kleinen Fuß, mit ſeinem reizenden creoliſchen Accent die geringſte Idee von der Art, wie man ſich in der Welt, in der wir ihn vorſtellen wollen benehmen muß? Hat er ſich je nur gefragt, er, der bei der Nationalgarde nie mit dem linken Fuß abgehen konnte, mit welchem Fuße man in eine Freiſchenke ein⸗ trete, und ſeine keuſchen, an den Jungen Kran⸗ ken von Millevoye und an die Junge Gefan⸗ gene vom André Chénier gewöhnten Ohren, ſind ſie auch beſchaffen, um die kleinen Scherze anzuhören, welche unter ſich die Nachtcavaliere austauſchen, welche dieſen Ort emailliren?... Nein!.. Was will er denn bei uns machen? Wir kennen ihn nicht! Wer iſt dieſer Fremde, der ſich in unſere Feſte zu miſchen wagt? Vade retro, Jean Robert!“ ————— tzt ich U ein er m⸗ bt e in, a⸗ ir tt en n⸗ en ie er en u⸗ Un⸗ n⸗ ſie che en bei ſer de 15 „Mein lieber Petrus,“ antwortete der junge Mann, welcher der Gegenſtand einer Diatribe geweſen, bei der wir, ſo weit es in unſerer Macht lag, den Geiſt beibehielten, der zu jener Zeit in den Ateliers gäng und gäbe war,„mein lieber Petrus, Du biſt nur halb trunken, doch Du biſt ganz Gasconier.“ „Ah! gut! ich bin von Saint⸗Lo! Wenn es Gas⸗ conier in Saint⸗Lo gibt, ſo wollen wir auch behaupten, es gebe Normannen in Tarbes.“ „Nun denn! ich ſage Dir, Gasconier von Saint⸗ Lo! Du ſtellſt Fehler zur Schau, die Du nicht haſt, um gute Eigenſchaften, die Du beſitzſt, zu verkleiden. Du ſpielſt den Sittenloſen, weil Du naiv zu ſcheinen be⸗ fürchteſt; Du ſpielſt das ſchlimme Subject, weil Du gut zu ſcheinen errötheſt! Du biſt nie in den Verſchlag der Löwen eingetreten; Du biſt nie in den Graben der Bären hinabgeſtiegen, und Du haſt nie den Fuß in eine Schenke der Halle geſetzt, ebenſo wenig als Ludovic, ebenſo wenig als ich, ebenſo wenig als die jungen Leute, die ſich achten, oder die Handwerker, welche arbeiten.“ „Amen!“ ſprach Petrus gähnend. „Gähne und ſpotte, ſo lange Du willſt, prunke mit Deinen eingebildeten Laſtern, um die Gallerien zu blen⸗ den, weil Du haſt ſagen hören, alle große Männer haben Laſter gehabt, Andrea del Sarto ſei Dieb geweſen, Rembrandt Völler; doch vor uns, die wir Dich als gut kennen, doch vor mir, der Dich wie einen jüngeren Bruder liebt, bleibe, was Du biſt, Petrus: offenherzig und naiv, gefühlvoll und enthuſiaſtiſch. Ei! mein Lieber, wenn es erlaubt iſt, blaſirt, abgeſtumpft zu ſein,— meiner Anſicht nach iſt dies nie erlaubt,— ſo ſei es geſtattet, wenn man geächtet war wie Dante, verkannt wie Macchiavelli, oder verrathen wie Byron. Biſt Du verrathen, verkannt oder geächtet geweſen? Betrachteſt Dn das Leben von der traurigen und un⸗ 16 fruchtbaren Seite des Horizonts? ſind Millionen in Deinen Händen zerſchmolzen, ohne etwas Anderes darin zurückzulaſſen, als den Schmutz des Undanks oder die Rarbe der Enttäuſchung? Nein! Du biſt jung, Du ver⸗ kaufſt Deine Bilder, Deine Geliebte iſt Dir aufs In⸗ nigſte ergeben, die Regierung hat bei Dir einen Tod des Sokrates beſtellt: Ludovic wird Dir, wie des verabredet iſt, als Phädon ſtehen, ich ſtehe Dir als Alcibiades; was Teufels willſt Du mehr 2.. In einer Freiſchenke zu Nacht ſpeiſen? Speiſen wir, mein Lieber! Das wird wenigſtens ein Reſultat haben: das, Dich der⸗ geſtalt anzuekeln, daß Du in Deinem Leben nicht mehr wirſt dahin zurückkehren wollen.“ „Biſt Du zu Ende, Mann mit dem ſchwarzen Frack?“ ſagte Petrus. „Ja, ungefähr.“ „So laß uns weiter gehen.“ Petrus ſetzte ſich in Marſch, indem er ein halb vacchiſches, halb obſcönes Lied anſtimmte, als hätte er ſich ſelbſt beweiſen wollen, die ernſte und liebevolle Ler⸗ tion, die er von Jean Robert empfangen, habe keinen Eindruck auf ihn hervorgebracht. Bei der letzten Strophe war man mitten in der Halle; es ſchlug halb ein Uhr in der Saint⸗Enſtache⸗ Kirche. „Ah!“ ſagte Ludovic, der, wie man geſehen, we⸗ nig Theil an dem Geſpräche genommen hatte und, ein nachdenkender und beobachtender Geiſt, ſich leicht führen ließ, wohin man ihn führen wollte, überzeugt, überall, wohin der Menſch gehe, möge man ihn dem Menſchen oder der Natur gegenüber führen, werde er Stoff zur Beobachtung oder zur Träumerei ſinden,„ah! es han⸗ delt ſich nun darum, eine Wahl zu treffen— Tre⸗ ten wir bei Paul Niquet, bei Baratte oder bei Bordier 4 ein?“ in Sa gaſ 17 in„Bordier iſt mir empfohlen: treten wir bei Bordier in ein,“ erwiederte Petrus. ie„Treten wir bei Bordier ein!“ wiederholte Jean r⸗ Robert. n⸗„Wenn Du nicht etwa Deine Gewohnheiten oder E Deine Zuneigungen in einem andern Tempel haſt, keu⸗ ie ſcher Säugling der Muſen!“ s„Oh! Du weißt wohl, daß ich nie in dieſes Quar⸗ er tier gekommen bin... Mir gleichviel alſo!... Wir r werden überall ſchlecht ſoupiren, und ich gebe keiner von er⸗ dieſen Schenken den Vorzug.“ h„Wir ſind an Ort und Stelle. Scheint Dir die Schenke hinreichend einäugig?“ 24„Ich finde ſie ſogar blind!“ „Dann laß uns eindringen.“ lnd ſeinen Hut auf ſein Ohr drückend, lief Petrus in die Schenke mit der Ungezwungenheit, mit dem alb Sans fagon und der Dreiſtigkeit eines alten Stamm⸗ er gaſtes der Anſtalt. ec⸗ Seine zwei Freunde folgten ihm. nen ½ der che⸗ we⸗ ein III. en 4 Die Freiſchenke. zur han⸗ Die Schenke war voll, übervoll. Tre Das Erdgeſchoß, das man nur mit Mühe erkennen dier 3 würde, ſieht man das reizende, zierliche Magazin, welches heute ſeine Stelle einnimmt,— das Euteeß beſtand Die Mohicaner von Paris. 1. 18 aus einem niedrigen, räucherigen, feuchten, übelriechen⸗ den Saale, wo in einem unglaublichen Durcheinander angehäuft eine ganze Welt auf die verſchiedenſte Art coſtumirter Männer und Frauen ſich bewegte, unter denen übrigens die Verkleidungen der Malins und der Poiſſarden vorherrſchend waren. Einige von dieſen Frauen,— und wir müſſen ſagen, das waren die zierlichſten und hübſcheſten,— einige von dieſen Frauen verriethen, als Poiſſarden verkleidet, am Halſe und an den Schultern tief hinab entblößt, die Aermel bis an die Achſel zurückgeſchlagen, mit Zinnober geſchminkt, mit Schönfleckchen beſäet, ſie verriethen, ſagen wir, durch eine männlichere Stimme, durch einen Fluch, den ſie kräftiger ausſprachen, äls es ſich für ihren ſeidenen Rock und ihre Spitzenhaube geziemte, eine doppelte Verkleidung: Verkleidung im Coſtume und Verkleidung des Geſchlechts; doch durch einen ſeltſamen Mißbrauch der Carnevals Fantaſieen, ohne Zweifel, waren es nicht dieſe, welchen am Wenigſten die Männerſchaar hul⸗ digte aus der ungefähr zwei Drittel der edlen Verſamm⸗ lung beſtanden. Stehend, ſitzend, liegend, lachte, ſchwatzte, ſang Alles das in den unzuſammenhängendſten Tonarten und mit einer ſolchen Verwirrung, daß die Maſſe jeder Be⸗ ſchreibung entging und ſich nur einige Einzelheiten aus dem ungeſtalten Ganzen hervorhoben und in die Augen fielen. Es war ein undurchdringliches Gewimmel, in dem ſich Alles vermiſchte und verlor; die muskeligen Arme der Männer ſchienen den Frauen zu gehören; die zar⸗ ten Beine der Frauen ſchienen den Männern zu gehö⸗ ren; ein bärtiger Kopf ſchien aus einem üppigen Buſen hervorzukommen; von einer haarigen Bruſt glaubte man, ſie trage den ſchwermüthigen Kopf einer fünfzehnjähri⸗ gen Jüdin! Es wäre ſelbſt Petrus, nachdem er mit großer Mühe die Rümpfe wieder aufgebaut und jedem ſeine terſch hörte verkn halfte ein 2 an d Schu nene eines hatte Kind mache herhü ein Mazi der ſpran Gotte der L funge veran bei il daß e zweite gung menſt zuheb völlig führte chen⸗ ander Art unter d der ieſen die auen d an s an ninkt, wir, den denen pelte dung rauch nicht hul⸗ imm⸗ ſang und Be⸗ as lugen dem Arme zar⸗ gehö⸗ Buſen man, ähri⸗ r mit edem 19 ſeinen Kopf zurückgegeben, unmöglich geweſen, zu un⸗ terſcheiden, wem die Füße, die Beine, die Arme ge⸗ hörten, dergeſtalt waren alle dieſe Glieder vermengt, verknüpft, verdreht, unentwirrbar, in einander ver⸗ halftert! Die Gruppen, die man beſonders unterſchied, waren ein Pierrot, der ſich den Anſchein gab, als ſchliefe er an der Wand, mit einer Pierrette rittlings auf den Schultern: ſo daß der Pierrot, deſſen Kopf das kattu⸗ nene Wamms der Pierrette verbarg, das Ausſehen eines Rieſen mit zu kleinem Kopfe und zu kleinen Armen hatte; ein Polichinelle, der die Runde im Saale, ein Kind auf jedem von ſeinen zwei Höckern tragend, zu machen verſuchte; ein Türke, der auf einem Beine um⸗ herhüpfte, um zu beweiſen, daß er nicht betrunken war; ein junger Burſche als Affe verkleidet,— eine von Mazurier in die Mode gebrachte Verkleidung,— der von Stuhl zu Stuhl, von Gruppe zu Gruppe ſprang und die Prieſter der Göttin Thorheit und des Gottes Carneval,— die Traurigſte der Göttinnen und der Luſtigſte der Götter,— die nnerwartetſten Ausru⸗ fungen mit ihren kreiſchenden Stimmen von ſich zu geben veranlaßte. Ein furchtbares Hurrah empfing die drei Freunde bei ihrem Eintritt in den Saal. Der Pierrot offenbarte ſeine Androgeneität dadurch, daß er das Wamms der Pierrette aufhob und ſeinen zweiten Kopf zeigte. Der Polichinelle hielt in ſeiner umdrehenden Bewe⸗ gung an, wie ein Geſtirn, das mit einem Kometen zuſam⸗ menſtoßen würde. Der Türke verſuchte es, beide Beine zugleich auf⸗ zuheben, was ſeinen augenblicklichen Sturz und den völligen Bruch eines Tiſches, auf den er fiel, herbei⸗ führte. Der Affe endlich befand ſich mit einem Sprunge 20 auf der Schulter von Petrus und fing an unter dem Gelächter der Geſellſchaft die ariſtokratiſchen Camelien ſeines Hutes zu entblättern. „Wenn Du mir glauben willſt, ſo gehen wir von hier weg,“ ſagte Jean Robert zu Petrus:„es wird mir übel.“ „Weggehen, ehe wir eingetreten ſind?“ erwiederte Petrus;„was fällt Dir ein? Man würde glauben, wir haben Angſt, und Jagd auf uns in den Straßen von Paris machen, wie Seine Majeſtät Karl X. auf die Wildſchweine des Waldes von Compiogne Jagd macht.“ 6 „Was iſt Deine Anſicht?“ fragte Jean Robert Ludovic. „Meine Anſicht iſt, daß wir, da wir einmal hier ſind, bis um Ende gehen müſſen.“ h“ „Gebt Acht!“ ſprach Petrus,„man ſchaut nach uns: Du, der Du ein Theatermenſch biſt, weißt, daß Alles von den Debuts abhängt.“ Und er ging gerade auf den Krater zu, der ſich unter dem Türken geöffnet hatte, und wo der Unglückliche ſo tief niedergeſunken war, daß nur noch die Spitze ſeiner Stiefel und das äußerſte Ende ſeines Reiherbuſches ſichtbar blieben, und ſagte, immer mit ſeinem Affen auf den Schultern: „Herr Muſelmann, Ihr kennt das Wort Eures Patrones Mahomet Ben Abdallah, des Neffen vom großen Abu Thaleb, Fürſten von Mekka?“ „Nein,“ antwortete eine Stimme aus den Tiefen des eingebrochenen Tiſches. „Da der Berg nicht zu mir kommt, ſo komme ich zum Berge— Er nahm ſodann unverſehens den Affen an der Haut ſeines Halſes, hob ihn auf, wie er es mit ſeinem Hute gethan hätte, grüßte den Türken mit dem Jungen⸗ der ſpra Mu dieſe wie und den, gela Stä nenn an d einer unzu ein als wir dieſe Anſte er es zügli zugel antw auf e gung ken, dem nelien rvon dmir ederte uben, raßen auf Jagd obert lhier nach daß r ſich ckliche Spitze nſches n auf Eures vom iefen „ſo der einem ngen, 21 der am Ende ſeines ausgeſtreckten Armes zappelte, und ſprach: „Empfangt den Ausdruck meiner Ehrfurcht, guter Muſelmann.“ Und er ſetzte den Jungen wieder auf ſeine Schulter; dieſer glitt aber eiligſt an ſeinem ganzen Körper hinab, wie er es an einem Klettermaſte gethan haben würde, und verſchwand, um Grimaſſen in einer Ecke zu ſchnei⸗ den, wohin nicht das Licht der drei oder vier Lampen gelang, welche die Schenke erhellten. Dieſer Beweis von Höflichkeit und zugleich von Stärke trug Petrus allgemeinen Beifall ein. Der Türke erwiederte den Gruß nun ſehr maſchi⸗ nenmäßig; doch er klammerte ſich wie ein Ertrinkender an die Hand an, die ihm Petrus reichte, welcher ihn mit einem Ruck wieder auf ſeine Füße ſtellte, eine ſichtbar unzulängliche Baſis, für den Augenblick wenigſtens, für ein ſo tief erſchüttertes Monument. „Es ſind offenbar zu viel Leute hier,“ ſprach Petrus, als er die von uns erzählte That vollbracht hatte.„Gehen wir in den erſten Stock hinauf.“ „Wie Du willſt,“ erwiederte Ludovie,„obſchon es dieſem Schauſpiele nicht an Intereſſe gebricht.“ Ein Kellner, der ihnen bei ihrem Eintritt in die Anſtalt folgte, ohne Zweifel, um ſich zu verſichern, daß er es mit Conſumenten zu thun habe, miſchte ſich unver⸗ züglich ins Geſpräch. „Dieſe Herren wünſchen in den erſten Stock hinauf⸗ zugehen?“ fragte er. „Es wäre uns in der That nicht unangenehm,“ antwortete Petrus. „Hier iſt die Treppe,“ ſprach der Kellner, indem er auf eine Art von ſchneckenförmiger Stiege deutete. Die drei Freunde begannen die ſchwierige Aufſtei⸗ gung unter dem Geziſche und dem Gelächter der Mas⸗ ken, welche ziſchten und lachten, ohne nur zu wiſſen, 22 warum,— um den Lärmen zu machen, mit dem ſich die Leute, die nur beſpitzt ſind, zu berauſchen, und diejeni⸗ gen, welche nun trunken ſind, zu beſaufen. Im erſten Stocke war der Saal voll wie im Erd⸗ geſchoße, es war dieſelbe Anhäufung von Lenten in einer und derſelben räucherigen Stube, mit neugierigen Wän⸗ den, welche durch die Riſſe einer ſchmutzigen, grauen Tapete ſchauten, mit grün und gelb geſtreiften rothen Vorhängen und einem ſchwarzen Plafond. Von der Thürſchwelle aus geſehen, war dieſe Welt, die noch einen Grad unter der, welche man verlaſſen, zu ſtehen ſchien,— dieſe Welt beleuchtet, wenn nicht verdunkelt, durch die röthlichen und fahlen Scheine von drei bis vier Lampen, war das lebendige Bild, die fühl⸗ bare Verkörperung, der verworreuen, buntſcheckigen, un⸗ vereinbaren Ideen, die ſich im Gehirne eines Betrun⸗ kenen durchkreuzen. „Ho! ho!“ ſagte Jean Robert, der vorangegangen war und die Thüre aufgemacht hatte,„es ſcheint, die Hölle von Bordier iſt gerade das Gegentheil von der Hölle von Dante; je höher man hinaufſteigt, deſto tiefer kommt man hinab.“ „Nun, was ſagſt Du dazu 2“ fragte Petrus. „Ich ſage, daß es nur abſcheulich war, daß es nun aber intereſſant wird.“ „Gehen wir immer weiter hinauf!“ ſprach Petrus. „Thun wir das!“ billigte Ludovic. Und die drei Freunde ſetzten ihre Aufſteigung auf der immer ſchlechteren und ſchmäleren Treppe fort. Im zweiten Stocke daſſelbe Gedränge, daſſelbe Schanſpiel in einer ungefähr ähnlichen Decoration, wenn nicht etwa, daß der Plafond niedriger war, die Atmo⸗ ſphäre dicker und die athembare Luft folglich mit mehr ungeſunden Dünſten beladen. „Nun?“ ſprach Ludovic. „Was ſagſt Dn, Jean Robert?“ fragte Petrus⸗ Dich Tiſch fünfz Nive beha der, trüm von Gral Bruſ teriel geoff Jean brech reit, ſeiner gleich auf betra nach höher änder e man ch die iejeni⸗ Erd⸗ einer Wän⸗ rauen rothen Welt, laſſen, nicht e n fühl⸗ , un⸗ etrun⸗ angen t, die n der tiefer s nun etrus. ng auf aſſelbe wenn Atmo⸗ tmehr zetrus. 23 „Gehen wir immer weiter hinauf!“ antwortete der Dichter. Im dritten Stocke war es noch ſchlimmer. Es fanden ſich hier auf den Tiſchen und unter den Tiſchen, auf den Bänken und unter den Bänken etwa fünfzig menſchliche Geſchöpfe,— wenn der unter das Niveau des Viehes geſunkene Menſch dieſen Namen zu behalten verdient. Dieſe fünfzig Geſchöpfe, Männer, Weiber und Kin⸗ der, waren gelagert, ausgeſtreckt, eingeſchlafen neben zer⸗ trümmerten Tellern und zerbrochenen Flaſchen, befleckt von Brühen, geröthet von den Weinen. Eine einzige Lampe erleuchtete düſter die Stube. Man würde geglaubt haben, es ſei die Lampe eines Grabes, hätte nicht rauhes, heiſeres Schnarchen, aus der Bruſt mehrerer Schläfer hervorkommend, laut die ma⸗ terielle Exiſtenz dieſer, intellectnell todten, Trunkenbolde geoffenbart. Es wurde Jean Robert ſchwach ums Herz; doch Jean Robert war Meiſter über ſich: ſein Herz hätte brechen können, ſein Wille würde ſich nicht gebeugt haben. Petrus und Ludovie ſchauten einander an, ganz be⸗ reit, der Eine trotz ſeiner Begeiſterung, der Andere trotz ſeiner Kälte, umzukehren. Jean Robert aber, da er ſah, daß die Treppe, gleichſam an die Mauer angeklebt, zu dem höheren Stocke auf die Art einer Müllerkeiter aufſtieg, Jean Robert betrat die Treppe und ſagte, behaglicher dem Anſcheine nach, je weniger er es in Wirklichkeit war: „Vorwärts, meine Herren, Sie haben es gewollt; höher hinauf, immer höher!“ Jean öffnete halb die Thüre des vierten Stockes. Die Decoration blieb hier dieſelbe, doch die Scene änderte ſich. Fünf Männer ſaßen um einen Tiſch, auf welchem man die Ueberreſte von Würſten und Schinken mitten 24 unter acht bis zehn Flaſchen erblickte, die ſich wie Ke⸗ gel, nur weniger ſymmetriſch geordnet, erhoben. Dieſe Männer waren im Stadtkleide. Wenn wir ſagen im Stadtkleide, ſo wollen wir damit einfach ſagen, ſie ſeien nicht coſtumirt geweſen, und haben nur Blouſen, Kittel oder Wämmſer getragen. Die drei Freunde traten ein; der Kellner, der ihnen von Stock zu Stock gefolgt war, trat hinter ihnen ein⸗ Die Ankömmlinge blieben auf der Thürſchwelle ſte⸗ hen, ließen einen Blick in der Stube umherlaufen, und Jean Robert machte ein Zeichen, welches beſagen wollte: „Das iſt es, was uns anſteht.“ Die Pantomime war ſo ausdrucksvoll, daß Petrus erwiederte: „Wahrlich! wir werden hier ſein wie Prinzen!“ „In der That,“ ſprach Ludovic,„es wird uns nichts mehr fehlen, als athembare Luft.“ „Gut!“ verſetzte Petrus,„man wird dadurch ma⸗ chen, daß man ein Fenſter öffnet.“ „Wo ſoll man den Herren den Tiſch decken?“ fragte der Kellner. „Hier!“ antwortete Robert. Und er bezeichnete mit dem Finger die Seite der Stube der entgegengeſetzt⸗ wo ſich die fünf erſten Gäſte befanden. Die Stube war ſo niedrig, daß man nothwendig beim Eintritt ſeinen Hut abnehmen mußte, und ſelbſt wenn man den Hut abnahm, ſtieß Jean Robert, der Größte von den drei jungen Leuten, mit dem Kopfe an der Decke an. „Was wünſchen die Herren?“ fragte der Kellner. „Sechs Dutzend Auſtern, ſechs Hammelscotelettes und einen Pfannkuchen,“ antwortete Petrus. „Wie viel Flaſchen?“ „Drei Flaſchen Chablis erſter Qualität, mit Sel⸗ terſer Waſſer, wenn es in dieſem Hauſe gibt.“ Bei dieſer Frage, welche auf eine Meile nach der Ariſt liche cadir ein mode Vid den wußt „als 2 dem gerin Stuh geſtel Aben nern, Mus zurüc n n 2 L m eKe⸗ n wir „und . ihnen mein. e ſte⸗ „und ollte: etrus uns ma⸗ ragte e mit eſetzt, endig ſelbſt der fe an er. lettes Sel⸗ h der Ariſtokratie roch, wandte ſich einer von den fünf urſprüng⸗ lichen Gäſten gegen die Ankömmlinge um und ſagte: „Ho! ho! wir haben es, wie es ſcheint, mit Mus⸗ cadins zu thun.“ „Mit Hausſöhnen.“ „Oder mit Bürgern von der hohen Pogre*)!“ rief ein Dritter. Und die fünf Trinker lachten laut auf. Da die modernen Romane und die Denkw ürdigkeiten von Vidoeg die Leute der guten Geſellſchaft noch nicht mit den Rothwälſch-Ausdrücken vertraut gemacht hatten, ſo wußten die drei Abenteurer nicht, daß ſie ganz einfach als Diebe behandelt worden waren; ſie ſchenkten auch dem Gelächter, das auf die Beleidigung folgte, nur eine geringe Aufmerkſamkeit. Jean Robert hatte ſchon ſeinen Mantel auf einen Stuhl gelegt und ſein Stöckchen in die Ecke des Fenſters geſtellt. Der Kellner ſchickte ſich an, wegzugehen, um das Abendbrod zu beſtellen, als derjenige von den Män⸗ nern, welcher zuerſt geſprochen und die jungen Leute als Muscadins behandelt hatte, den Kellner an ſeiner Schürze zurückhielt und ihn fragte: „Nun?“ „Nun, was?“ verſetzte der Kellner. „Hat man nicht ſchon Karten verlangt?“ „Doch.“ „Warum hat man ſie dann nicht gebracht?“ —— *) PLa haute pögre iſt eine Aſſpeiation von ausgezeich⸗ neten Dieben. Vidveg hat dieſer Aſſociation in ſei⸗ nem Werke:„Die wahren Gehe imniſſe von Paris“(in der Ueberſetzung durch den Franckh'ſchen Verlag veröffentlicht) ein beſonderes Kapitel gewid⸗ met. D. Ueberſ. 26 „Weil Sie wiſſen, daß man keine in dieſen Stunden der gibt.“ war „Aus welchen Gründen?“ lege „Fragen Sie Herrn Delavau!“ „Wer iſt das, Herr Delavau?“ verg „Der Polizeipräfect.“ mit „Was macht das mir, der Polizeipräfect?“ inne „Das mag Ihnen nichts machen, doch das würde„ uns etwas machen.“ ſetzte „Was würde es Ihnen machen?“ Zug. „Wir müßten das Etabliſſement ſchließen und hätten dadurch den Kummer, Sie nicht mehr empfangen zu den können.“ ich k „Ei! wenn man nicht ſpielt, was ſollen wir denn hier thun?“ Piu i „Man zwingt Sie nicht, zu bleiben.“ „Höre, Du kommſt mir vor wie ein unhöfliches Bürſchchen, weißt Du? und man wird den Herrn davon unterrichten.“ „Oh! unterrichten Sie den Papſt, wenn Sie wollen!“ „Und Du glaubſt, wir werden hiemit zufrieden ſein?“ „Sie müſſen wohl.“ „Und wenn wir nicht zufrieden ſind?“ „Nun,“ erwiederte der Kellner mit dem ſpöttiſchen Gelächter, das gewöhnlich die Scherze der Leute aus dem Volke begleitet,„wenn Sie nicht zufrieden ſind, wiſſen Sie, was Sie thun werden?“ „Nein.“ „Sie werden Karten nehmen.“ welch „Tauſend Donner! ich glaube, Du machſt Dich Taur luſtig über mich?“ ſchrie der Trinker, indem er aufſtand— und auf den Tiſch einen Fauſtſchlag that, der die Fla⸗ 3 ſchen, die Gläſer und die Teller ſechs Zoll hoch aufſprin gen machte.„Karten! das iſt es gerade, was wir ver⸗8 langen!“ Doch der Kellner war ſchon auf der halben Treppei 27 unden der Trinker ſah ſich genöthigt, wieder niederzuſitzen, und wartete, aller Wahrſcheinlichkeit nach, nur auf eine Ge⸗ legenheit, ſeine ſchlimme Laune ausbrechen zu laſſen. „Ah!“ murmelte er,„es ſcheint, der Burſche hat vergeſſen, daß ich Jean Taureau heiße und einen Ochſen mit einem Fauſtſchlage tödte. Ich werde ihn daran er⸗ innern müſſen.“ würde Und er nahm vom Tiſche eine halbvolle Flaſche, ſetzte den Hals an ſeinen Mund und leerte ſie anf einen Zug. hätten„Jean Taureau hat Verdruß,“ flüſterte einer von gen zu den fünf Tiſchgenoſſen ſeinem Nachbar ins Ohr,„und ich kenne ihn, das muß auf irgend Einen zurückfallen!“ denn„Dann mögen ſich die Muscadins*) in Acht neh⸗ men,“ erwiederte derjenige, welchem dieſe vertrauliche Mittheilung gemacht worden war. fliches davon llen!“ ſein?“ IV. tiſchen s dem Jean Tanreau. wiſſen Wir haben geſagt, derjenige von den fünf Trinkern, welcher Karten verlangt und ſich ſelbſt mit dem Namen Dich Taureau**) getauft,— welcher Name übrigens äußerſt fſtan e Fla⸗*) Muscadin, ein aus der Zeit der Revolutivn von 89 fſprin⸗ vererbter Ausdruck; man nannte ſo die Elegants, ir ver⸗ Stutzer, als nach musc, Biſam, riechend. D. Ueberſ. reppeiß**) Taureau, Stier. * paſſend für ſeinen Körperbau zu ſein ſchien, habe nur auf eine günſtige Gelegenheit, um ſeinen Zorn ausbre⸗ chen zu laſſen, gewartet. Die Gelegenheit bot ſich bald. Wir hoffen, der Leſer folgt uns aufmerkſam genug, um die Bemerkung, welche Ludovic in Betreff der At⸗ moſphäre der Stube gemacht, nicht vergeſſen zu haben. Der Speiſendampf, der Weingeruch, der Tabaks⸗ rauch, die Ausdünſtungen der Gäſte hatten in der That die Luft in dieſer Art von Speicher völlig unathembar für die Bruſt an eine reinere Luft gewöhnter Menſchen gemacht. Aller Wahrſcheinlichkeit nach hatte man das Fenſter ſeit dem letzten Sonnenſtrahle des letzten Herb⸗ ſtes nicht geöffnet; eine Folge hievon war, daß derſelbe Erhaltungsinſtinet die drei Freunde zu dem einzigen Fenſter trieb, das dieſem unſaubern Winkel Licht und, in den äußerſten Fällen, wie der, in welchem man ſich nun befand, Luft gab. Petrus kam zuerſt dahin; er hob den unteren Theil auf und hing den Ring an den Nagel, der zum Feſthalten dieſes unteren Theiles beſtimmt war. Jean Taureau hatte die Gelegenheit, die er ſuchte, gefunden. Er ſtand von ſeinem Schemel auf, ſtemmte ſeine beiden Fäuſte auf den Tiſch und ſagte, inbem er ſich collectiv an die drei jungen Leute, beſonders aber an Petrus wandte: „Dieſe Herren öffnen das Fenſter, wie es ſcheint?“ „Wie Sie ſehen, mein Freund,“ erwiederte Petrus. „Ich bin nicht Ihr Freund,“ entgegnete Jean Tan⸗ reuu;„ſchließen Sie das Fenſter.“ „Herr Jean Taureau,“ verſetzte Petrus mit einer ironiſchen Höflichkeit,„hier iſt mein Freund Ludovic, ein ausgezeichneter Phyſiker, der Ihnen in zwei Secunden erklären wird, aus welchen Elementen die Luft beſtehen muß, um athembar zu ſein.“ Tone Petrr die d nicht ſein, Theil zwanz etwas in B „ Taure vor de meine. Meinu haben, „ reau⸗ Tiſchg zu erke bezeich e nur usbre⸗ genig, er At⸗ ben. abaks⸗ That embar enchen n das Herb⸗ erſelbe nzigen u, an ſich Theil zum ſuchte, e ſeine er ſich ber an eint?“ Betrus. Tau⸗ einer ic, ein cunden eſtehen 29 „Was ſingt denn der da mit ſeinen Elementen?“ „Herr Jean Taureau,“ antwortete Ludovic in einem Tone der Höflichkeit, der in keiner Hinſicht dem von Petrus nachgab, nicht einmal in der Nuauce des Spottes, die dieſer angenommen,„er ſagt, die Atmoſphäre, um nicht ſchädlich für die Lunge eines ehrlichen Mannes zu ſein, müſſe beſtehen aus fünfundſechzig bis ſechsundſechzig Theilen Stickſtoff, aus zweiundzwanzig bis dreiund⸗ zwanzig Theilen Sauerſtoff und zwei Theilen Waſſer,— etwas mehr, etwas weniger...“ „Sage doch,“ unterbrach einer von den vier Männern in Blouſe,„ich glaube, er ſpricht Lateiniſch mit Dir?“ „Gut! dann will ich Franzöſiſch mit ihm reden.“ „Und wenn er es nicht verſteht?“ „Dann wird er durchgebläut!“ rief Jean Taureau. Und er zeigte ein Paar Fäuſte, welche an Größe dem Kopfe eines Kindes gleich kamen. Hernach ſprach er mit einer Stimme, die, hätte er es mit Leuten von ſeiner Klaſſe zu thun gehabt, würde keine Oppoſition zugelaſſen haben: „Vorwärts. ſchließen wir das Fenſter, und zwar auf der Stelle!“ „Das iſt vielleicht Ihre Meinung, Meiſter Jean Taureau,“ erwiederte ruhig Petrus, indem er die Arme vor dem offenen Fenſter kreuzte,„doch es iſt nicht die meine.“ „Wie, es iſt nicht die Deine? Du haſt alſo eine Meinung, Du?“ „Warum ſollte ein Menſch nicht ſeine Meinung haben, wenn ein Thier eine zu haben ſich anmaßt.“ „Sage doch, Croc⸗en-Jambe,“ ſprach Jean Tau⸗ reau⸗ die Stirne faltend, indem er ſich an einen ſeiner Tiſchgenoſſen wandte, der leicht als ein Lumpenſammler zu erkennen geweſen wäre, wäre er auch nicht durch den bezeichnenden Namen, den ihm ſein Kamerad gab, ver⸗ 30 rathen worden,„ich glaube, dieſer Unglücksmuscadin Fenf nennt mich Thier?“ „Das ſcheint mir auch,“ antwortete Croc⸗en⸗jambe. „Nun, was iſt da zu thun?“ vint „Man muß ihn zuerſt das Fenſter ſchließen laſſen, 3 da dies Deine Idee iſt, und ihn ſodann niederſchlagen.“ vorſ „Gut! das heiße ich ſprechen!“ Hierauf rief er, als ob er eine dritte Aufforderung h. an Empörer richtete: Inte „Vorwärts, Donner! ſchließt das Fenſter!“ 3 „Oh!“ erwiederte ruhig Petrus,„es gibt weder Phyſ Donner, noch Blitze; das Fenſter wird offen bleiben.“ ioht Jean Taureau füllte ſo ungeſtüm feine Bruſt mit welc der Luft, welche den jungen Leuten völlig unathembar zu ſein ſchien, daß dieſe Aſpiration dem Brüllen des Thieres glich, deſſen Namen er angenommen. Mon Robert roch den Streit und wollte ihn verhindern, obgleich er einſah, daß es ſchon beinahe unmöglich war. leicht Konnte übrigens Einer zu dieſem Reſultate gelangen, ſo war er es ſicherlich, das heißt, der Einzige, der kalten genar Blutes. 3 penſa Er ging mit ruhiger Miene auf Jean Taureau zu das und ſagte, um zu beſchwichtigen:„ Croc! „Mein Herr, wir kommen von Außen, und als wir ſonder in dieſe Stube eintraten, erſtickten wir beinahe.“ einer c „Ich glaube wohl,“ bemerkte Ludovic,„man athmet Name hier nur Kohlenſäure ein.“ in Un „Erlauben Sie alſo, das Fenſter nur einen Angen⸗ Haken blick zu öffnen, um eine andere Luft einzulaſſen; wir wühlt, werden es ſodann wieder ſchließen.“ 2 „Sie haben das Fenſter ohne meine Erlanbniß acht b geöffnet,“ ſagte Jean Taurean. ſonder 1„Was weiter?“ verſetzte Petrus. eingen 1„Sie mußten darum bitten, und man hätte Ihnen Goſſe 1 vielleicht die Erlaubniß gegeben.“ Einer 1„Genug, genng!“ etwiederte Petrus;„ich habe das cadin imbe. aſſen, gen.“ erung t mit mbar des dern, war. ngen, kalten u zu s wir thmet ugen⸗ wir ubniß hnen e das 31 Fenſter geöffnet, weil es mir ſo gefiel, und es wird offen bleiben, ſo lange es mir gefällt.“ „Schweig doch, Petrus!“ unterbrach Jean Robert. „Nein, ich werde nicht ſchweigen... Glaubſt Du denn, ich ſei gewohnt, mir von Burſchen dieſer Art vorſchreiben zu iaſſen?“ Bei dem Worte Burſche ſtanden die vier Kamera⸗ den von Jean Tanreau ebenfalls vom Tiſche auf und näherten ſich angenſcheinlich in der Abſicht, die ſchlimmen Intentionen des Herausforderers zu unterſtützen. Nach der Härte ihrer Züge und nach der in ihrer Phyſiognomie ausgeprägten Wildheit oder wenigſtens Rohheit waren das vier ungeſchlachte, rauhe Geſellen, welche verſtärkt durch die fünfte Perſon, deren Weſen wir ſchon kennen, wie dieſe nur eine günſtige Gelegen⸗ heit ſuchten, um durch einen guten, ſchönen Streit die Monotonie ihrer Faſchingsnacht zu brechen. Es war übrigens für Jeden von dieſen Lenten leicht, ein Handwerk zu bezeichnen. Derjenige, welchen Jean Taureau Croc⸗en⸗jambe genannt hatte, war offenbar, nicht ein eigentlicher Lum⸗ penſammler, wie die auf dem Tiſche ſtehende Laterne und das Inſtrument, das ihm den charakteriſtiſchen Namen Croc⸗en⸗jambe eingetragen, konnten glauben machen, ſondern ein einer Varietät hievon angehörender Menſch, einer Varietät, die man Aufwühler nannte, nach dem Namen ihrer Induſtrie, die darin beſtand, daß ſie nicht in Unrathhäufen ſtörten, ſondern mit der Spitze ihres Hakens in den Zwiſchenränmen des Pflaſters der Goſſen wühlten. Durch dieſe Klaſſe von Induſtriellen, welche ſeit acht bis zehn Jahren durch Polizeiverordnung und be⸗ ſonders dadurch, daß Trottvirs die Stelle der Chauſſeen eingenommen haben, aufgehoben worden iſt, wurde die Goſſe oft in einen Pactolus verwandelt, und mehr als Einer fand darin Ringe, Juwelen, Edelſteine, mochten 32 ſie nun verloren oder beim Ausſchütteln eines Teppichs oder einer Matte aus dem Fenſter geworfen worden ſein, wie ich in meinen Denkwürdigkeiten erzählt habe, daß zu der Zeit, wo die Ereigniſſe vorfallen, die den Gegenſtand dieſes Buches bilden, die Ohrringe der Georges hinausgeworfen wurden, welche indeſſen glück⸗ licher Weiſe den Herren Aufwühlern entgingen. Der zweite Trinker, den Jean Taureau nicht ge⸗ nannt, und den wir, die wir dieſes Vergeſſen gut zu machen berufen ſind, mit ſeinem Spottnamen bezeichnen werden, hieß Sac à⸗Plätre*), was. ſein Gewerbe hin⸗ länglich geoffenbart hätte, ſelbſt wenn die Kalkflecken und der weißliche Staub, womit ſein Geſicht und ſeine Hände bedeckt waren, ihn nicht als einen Maurer ſeinen Freunden und ſeinen Feinden präſentirt haben würden. Unter den Erſten war Jean Taureau: der Art, wie ſie Bekanntſchaft gemacht hatten, gebricht es nicht an Charakter, und ſie wird die hereuliſche Kraft des Mannes ſchildern, den wir ſo eben in Scene gebracht haben, und der beſtimmt iſt, in dieſer Geſchichte, nicht eine der erſten Rollen zu ſpielen, ſondern eine Rolle,— die Folge wird es uns beweiſen,— welche nicht ganz ohne Wichtigkeit. Ein Haus der Cité brannte; von den Flammen erfaßt, war die Treppe eingeſtürzt; ein Mann, eine Frau und ein Kind ſchrieen aus einem Fenſter des zweiten Stockes:„Zu Hülfe!“ Der Mann, der ein Maurer war, verlangte nur eine Leiter oder ſogar nur einen Strick; mit dieſer Leiter oder dieſem Stricke rettete er ſeine Frau und ſein Kind⸗ Doch die Anweſenden verloren den Kopf; man brachte Leitern, die um die Hälfte zu kurz, Stricke, welche die Laſt von drei Perſonen nicht zu tragen ver⸗ mochten. *) Gypsſack. Str dere noch verb keine Arm ſich Kind Tau und ſtand ließ den t nurt mächt ſchaue er ſti ſeiner 2 beiwo fünf Die ppichs orden rzählt i, die e der glück⸗ t ge⸗ ut zu ichnen hin⸗ nund ſeine ſeinen irden. „wie a annes „und der die ohne nmen eine des nur eiter Kind. man ricke, ver⸗ 33 Das Feuer griff um ſich; der Rauch drang in Strömen aus den Fenſtern, den Flammen vorangehend, deren Schein man ſchon ſah. Jean Taureau ging vorüber. Er blieb ſtehen. „Nun!“ rief er,„habt Ihr denn weder Stricke, noch Leitern? Ihr ſeht wohl, daß dieſe Leute da oben verbrennen werden!“ Die Gefahr war in der That ſehr drohend. Jean Taureau ſchaute umher, und als er ſah, daß keiner der verlangten Gegenſtände kam, rief er, die Arme ausſtreckend: „Auf, wirf das Kind herab, Sac⸗à Plätre!“ Mit dieſem Namen angerufen, hütete der Maurer ſich wohl, hierüber ärgerlich zu werden; er nahm das Kind, küßte es auf beide Backen und warf es Jean Taureau zu. Ein Angſtſchrei erſcholl aus der ganzen Menge. Jean Taureau empfing das Kind in ſeinen Armen und reichte es ſogleich denjenigen, welche hinter ihm ſtanden. „Nun wirf Deine Frau herab!“ ſagte er. Der Maurer nahm die Frau in ſeine Arme und ließ ſie, troß ihres Geſchreis, denſelben Weg machen, den das Kind gemacht hatte. Jean Taureau empfing die Frau in ſeinen Armen; nur that er einen Schritt rückwärts. „Das iſt da!“ ſagte er, indem er die halb ohn⸗ mächtige Frau auf ihre Füße ſtellte, während die Zu⸗ ſchauer in Bravos und Beifallsrufe ausbrachen. Nun iſt es an Dir!“ rief er dem Manne zu. Und er ſtützte ſich auf ſeine Beine mit der ganzen Macht ſeiner kräftigen Lenden. Von den zweitauſend Perſonen, die dem Schauſpiele beiwohnten, war nicht eine, deren Athem man in den fünf folgenden Secunden hörte. Die Mohicaner von Patis. 1. 3 34 Der Maurer ſtieg auf den Rand des Fenſters, machte das Zeichen des Kreuzes, murmelte:„Hert er⸗ barme Dich!“ ſchloß die Augen und ſprang hinab. Diesmal war der Schlag furchtbar: Jean Taureau bog ſich auf ſeinen Knieen und machte drei Schritte rückwärts, wurde aber nicht umgeworfen. Ein ungeheurer Schrei erhob ſich aus der Menge. Alle Welt ſtürzte auf den Mann zu, der dieſes erſchreckliche Kraftſtück vollbracht hatte; ehe man aber zu ihm kam, that Jean Taureau die Arme aus einander und fiel rückwärts, ohnmächtig und Blut ſpeiend, nieder. Weder das Kind, noch die Frau, noch der Mann hatten eine einzige Schramme. Jean Taureau war eine Ader der Lunge geſprungen, Man brachte ihn nach dem Hötel⸗Dieu, das er nach zwei Tagen wieder verließ. Der dritte Gefährte, deſſen Geſicht ſo ſchwarz war als das von Sac⸗à⸗Plätre weiß, gehörte ſichtbar zur ſchätzenswerthen Klaſſe der Köhler und hieß Tonſſaint. Jean Taurean, der bei ſeinem Verkehr mit den Archi⸗ tekten dieſe von einem Neger von Genie ſprechen hörte, welcher beinahe eine Revolution in St. Domingo ge⸗ macht hätte, Jean Taureau, dem es nicht an einem ge⸗ wiſſen natürlichen Verſtande fehlte, hatte ihm den Bei⸗ namen Touſſaint⸗Louverture gegeben. Der Vierte war ein Mann von ungefähr fünſziz Jahren mit lebhaften Augen und raſchen Geberden, deſſen ganze Perſon einen ſtarken Geruch von Baldrian ausdünſtete; er trug eine Jacke von Sammet, eine Weſte und eine Mützg von Katzenfell; er antwortete in ſeinen vertrauten Umgang auf den Namen Vater la Gibelotte⸗ Er war es, der alle Schenken der Halle mit den Dachkaninchen verſah, von denen Jean Robert befürch⸗ tete, man werde ſie ihm ſtatt der Gehägekaninchen vor⸗ ſetzen, und der Baldriangeruch, den er ausdünſtet, war das, wodurch er die unglücklichen Thiere anzog, deren Flei um wir eine Vat fünft der nom Sav Vor zuwe kraft die ſelbſt erzäh wäre genat von haber Fuß ken, Hand einem der b bedür ſchien nur it ſchmet G zu der vi,; einem zuſamt enſters, err er⸗ b. aureau Schritte tenge. dieſes ber zu inander nieder. Mann rungen er nach rz war ar ezur uſſaint. Archi⸗ hörte go ge⸗ em ge⸗ n Bei⸗ fünſziz berden, aldrian Weſte ſeinen lotte⸗ tit den efürch⸗ n vor⸗ war deren 5 „ 35 Fleiſch er um zehn Sous an Garköche, deren Felle er um fünfzehn Sous an Gerber verkaufte. Die Induſtrie war einträglich, aber gefährlich, und wir erinnern uns, 1834 oder 1835 den Bericht über einen Prozeß geleſen zu haben, wobei ein College des Vaters ld Gibelotte zu einem Jahr Gefängniß und fünfhundert Franken Geldbuße verurtheilt wurde, trotz der trefflichen Vertheidigungsrede, in der er, die gaſtro⸗ nomiſche Frage nach Art von Carsme und Brillat⸗ Savarin behandelnd, den Richtern den unbeſtreitbaren Vorzug des Katzenfleiſches vor dem Kaninchenfleiſch nach⸗ zuweiſen verſucht hatte. Der fünfte Tiſchgenoß— den wir am Ende bringen, kraft des evangeliſchen Axioms: Die Erſten werden die Letzten ſein— der fünfte war Jean Taureau ſelbſt, der nach dem, was wir von ſeiner Muskelkraft erzählt haben, eine weitere Beſchreibung entbehren könnte, wäre es nicht für uns von Werth, durch ein möglichſt genaues phyſiſches Portrait die moraliſche Entwickelung von einem der ſeltſamſten Charaktere, die wir gekannt haben, vorzubereiten. Jean Taureau war ein Mann von ungefähr fünf Fuß ſechs Zoll, gerade und ſtark wie die eichenen Bal⸗ ken, die er abvierte, denn er war Zimmermann ſeines Handwerks,— eine Art von Farneſiſchem Hercules, aus einem Granitblock gehauen, ſelbſt Block, und ein Menſch, der beim erſten Anblick, ſtatt der vier Verbündeten zu bedürfen, die ihm zu Hülfe vorrückten, gebaut zu ſein ſchien, um Einen nach dem Andern ſeine drei Feinde, nur indem er ſie mit dem Finger berührte, niederzu⸗ ſchmettern. Gehen wir nun von der Beſchreibung des Körpers zu der der Phyſiognomie und der Kleider über, ſo ſagen wir, daß das Geſicht des Zimmergeſellen, umrahmt von einem ſchwarzen, dicken Backenbart, der unter dem Kinn zuſammenlief, das eines Mannes von dreißig bis vierzig 36 Jahren war; kurze, krauſe Haare, aus denen die Alten beim Sohne von Jupiter und Semele das Symbol der Stärke gemacht hatten, ein Hals, deſſen Dicke den ehr⸗ geizigen Namen rechtfertigte, den unſer Mann ſich ſelbſt gegeben oder von ſeinen Kameraden angenommen hatte, dieſen Typus der unvernünftigen, rohen raft. Fügen wir ein vergeſſenes Detail bei: Jean Tau⸗ reau war bekleidet mit einem Wamms, einer Hoſe, einer Weſte und einer Mütze von grünlichem Sammet. Aus der Taſche ſeines Wammſes ſtand der Gipfel eines Winkelholzes hervor und aus ſeinem Hoſenſacke der Kopf eines langen eiſernen Zirkels, der rittlings auf die Naht geſetzt war, ſo daß ein Schenkel ſich im Sacke verlor und der andere nach außen hing. Dies waren die fünf Gegner, mit denen es,— wenn ſie nicht zurückwichen, und vielleicht war dies nicht einmal ein unfehlbares Mittel, den Streit zu vermeiden, — mie denen es, ſagen wir, Ludovic der Arzt, Petrus d Maler und Jean Robert der Dichter zu thun haben ollten. V. Die Schlacht. Wir haben am Anfang des vorhergehenden Kapi⸗ tels geſagt, in welcher ſtrategiſchen Lage ſich, hinſicht⸗ lich ihrer Feinde, die drei Helden unſerer Geſchichte be⸗ fanden, die wir von der Rue Sainte⸗Appoline zun Eing ihre Frei gekre aus rung gierd und, würd Sub hund Taur Alles Athle geleg vor i ume eintre oder und! über Robet allen muß, ( combit deſſen langen ſöniich den K Alten bol der en ehr⸗ h ſelbſt hatte, rohen Tau⸗ Hoſe, nmet. Gipfel icke der auf Sacke es, s nicht neiden, Petrus haben Kapi⸗ inſicht⸗ hte be⸗ e zum 37 Eingange der Hallen geführt haben, und denen wir, durch ihre unvorſichtige Odyſſee, bis zum vierten Stocke der Freiſchenke gefolgt ſind. Petrus ſtand, an das offene Fenſter angelehnt, mit gekrenzten Armen da und ſchaute die fünf Männer aus dem Volke mit einer Miene der Herausforde⸗ rung an. Ludovic betrachtete Jean Taureau mit einer Neu⸗ gierde, welche für ihn den Ernſt der Lage verminderte, und, ein Mann der Wiſſenſchaft, ſagte er ſich, er würde hundert Franken geben, wenn er ein ſolches Subject zu ſeciren hätte. Bei weiterer Ueberlegung würde er vielleicht zwei⸗ hundert gegeben haben, wenn dieſes Subject Jean Taureau ſelbſt geweſen wäre; denn er hätte ſichtbar Alles dabei zu gewinnen gehabt, wäre ein ſolcher Athlet todt und ausgeſtreckt vor ihm auf einem Tiſche gelegen, ſtatt daß er voll Leben und drohend aufrecht vor ihm ſtand. Jean Robert war, wie geſagt, vorgeſchritten, halb um es zu verſuchen, die Sache beizulegen, halb um eintretenden Falles die erſten Streiche zu empfangen oder zu geben. Jean Robert, der, ſo jung er war, viele Bücher und beſonders die Theorie des Marſchalls von Sachſen über die moraliſchen Einflüſſe geleſen hatte,— Jean Robert wußte wohl, welchen großen Vortheil es unter allen Umſtänden, wo die Stärke angewendet werden muß, gewährt, den erſten Schlag zu thun. Eine geſchickte Praxis des Boxens und der Savate, combinirt von einem damals noch unbekannten Profeſſor, deſſen Name aber ſpäter eine große Berühmtheit er⸗ langen ſollte, beruhigte überdies Jean Robert, der per⸗ ſönlich mit einer phyſiſchen Stärke begabt war, welche den Kampf zweifelhaft gemacht hätte, wäre er einem 38 minder furchtbaren Manne, als Jean Taureau gegen⸗ über geſtellt geweſen. Er war alſo, wie geſagt, entſchloſſen, die Verſöh⸗ nungsmittel bis zu dem Augenblick anzuwenden, wo es Feigheit geweſen wäre, den Kampf nicht anzu⸗ nehmen. Er war auch der Erſte, der wieder das Wort nahm, das gelähmt auf den Lippen Aller während der durch die vier Männer, welche Jean Taureau zu Hülfe kamen, operirten angreifenden Bewegung. „Hören Sie,“ ſagte er,„ehe wir uns ſchlagen, wollen wir uns erklären.. Was wünſchen dieſe Herren?“ „Nennen Sie uns dieſe Herren, um uns zu be⸗ leidigen?“ verſetzte der Aufwühler;„wir ſind keine Herren, verſtehen Sie?“ „Ihr habt Recht,“ rief Petrus,„Ihr ſeid keine Herren; Ihr ſeid Lümmel!“ „Man hat uns Lümmel genannt!“ brüllte der Katzentödter. „Ah! wir werden Euch die Lümmel geben!“ ſchrie der Maurer. „Laßt mich doch paſſiren!“ ſagte der Köhler. „Schweigt, Ihr Alle, und haltet Euch ruhig, das iſt meine Sache!“ Warum iſt das mehr Deine Sache, als die un⸗ ere?“ „Einmal, weil man ſich nicht zu fünf gegen drei ſtellt, beſonders, wenn ein Einziger genügt... An Deinen Platz, Gibelotte! an Deinen Platz, Auf⸗ wühler!“ Die zwei Männer gehorchten der Aufforderung, und der Katzentödter und Croc⸗enjambe ſetzten ſich brummend nieder. „Es iſt gut!“ ſagte Jean Taureau.„Und nun⸗ meine kleinen Liebesgötter, werden wir das Lied mit der⸗ ſelbe nehm belie Leute Forn im( ſeine erlau Pulv inden vorri mit Robe ſagte ten Zimn verſe wählt verſch nicht ſo ge Taur gegen⸗ erſöh⸗ , wo anzu⸗ Wort ährend an zu hlagen, dieſe zu be⸗ keine d keine te der ſchrie das ie un⸗ en drei . An Auf⸗ g, und mmend d nun, it der⸗ 39 ſelben Melodie und bei der erſten Strophe wieder auf⸗ nehmen. Wollen Sie das Fenſter ſchließen, wenn's beliebt?“ „Nein,“ antworteten gleichzeitig die drei jungen Leute, welche, in Betracht der Betonung die artige Formel, von der die Aufforderung begleitet war, nicht im Ernſte hatten nehmen können. „Aber,“ verſetzte Jean Taureau, indem er über ſeinem Kopfe und ſo weit der Plafond ſie auszuſtrecken erlaubte, ſeine Arme erhob,„ſo wollen Sie ſich alſo in Pulver verwandeln laſſen?“ „Verſuchen Sie es,“ erwiederte kalt Jean Robert, indem er einen Schritt mehr gegen den Zimmermann vorrückte. Petrus machte nur einen Sprung und ſtellte ſich mit dieſem Sprunge vor den Hercules, als wollte er Robert einen Schild mit ſeinem Leibe bilden. „Halte die zwei Anderen mit Ludovic im Reſpect,“ ſagte Jean Robert, indem er Petrus mit der umgekehr⸗ ten Hand zurückſchob;„ich übernehme dieſen.“ Und er berührte mit der Fingerſpitze die Bruſt des Zimmermanns. „Ich gloube, Sie reden von mir, mein Prinz?“ verſetzte ſpottend der Coloß. „Von Dir ſelbſt.“ „Und was verſchafft mir die Ehre, von Ihnen ge⸗ wählt zu werden?“ „Ich könnte Dir antworten, weil Du als der Un⸗ verſchämteſte die ſchönſte Lection verdieneſt; doch das iſt nicht der Grund.“ „Ich erwarte den Grund.“ „Nun denn, da wir denſelben Vornamen haben, ſo gehören wir natürlich zuſammen: Du heißeſt Jean Tanreau, und ich heiße Jean Robert.“ „Ich heiße allerdings Jean Taureau,“ erwiederte 40 der Zimmermann;„doch Du, Du lügſt, wenn Du ſagſt, Du heißeſt Jean Robert; Du heißeſt Jean F..1 Der junge Mann im ſchwarzen Frack ließ nich vollenden; eine von ſeinen zwei krenzweiſe auf ſeiner Bruſt liegenden Fäuſten ſprang wie eine Stahlfeder auf und ſchlug den Coloßen an den Schlaf. Jean Taureau, der ſich nicht gerührt hatte, als er in ſeinen Armen eine ihm vom zweiten Stocke zugewor⸗ fene Fran empfing, Jean Taureau machte drei bis vier Schritte rückwärts und fiel auf einen Tiſch, deſſen zwei Füße unter ſeiner Laſt brachen. Eine ungefähr ähnliche Evolution ging in demſelben Augenblick unter den vier anderen Kämpfenden vor. Petrus, ein Meiſter mit dem Stocke, unterſchlug, in Ermangelung eines Stockes, dem Maurer ein Bein und ſchleuderte ihn zu Jean Taureau nieder, während Lodovic, in ſeiner Eigenſchaft als Anatomiker, dem Köhler in der Gegend der Leber, zwiſchen der ſiebenten Rippe und dem Schenkelknochen, einen Fauſtſchlag ver⸗ ſetzte daß man ſein Geſicht unter der Kohlenlage, die es bedeckte, erbleichen ſehen konnte. Jean Taureau und der Manrer ſtanden wieder auf. Touſſaint, der ſtehen geblieben war, ſetzte ſich, ohne Athem und ſeine beiden Hände an ſeine Seite preſſend, auf einen an die Wand angelehnten Schemel. Doch es war dies, wie man wohl begreift, nur ein erſter Angriff, ein dem eigentlichen Kampfe vorher⸗ gehendes Scharmützel, und die jungen Leute bezweifelten dies nicht, denn Jeder von ihnen hielt ſich zu einem neuen Sturme bereit. Die Ueberraſchung war indeſſen eben ſo groß für die Zuſchauer, als für die handelnden Perſonen ge⸗ weſen. Beim Anblick ihrer zwei Kameraden, Jean Taureau und Sac⸗à⸗Plätre, welche rückwärts niederfielen, beim enmten ver⸗ „ die ieder ohne ſend, r ein rher⸗ felten inem ß fi ge⸗ treau beim 41 Anblick von Touſſaint⸗Lonverture, welcher ſich ſetzte wie ein Menſch, der genug hat, ſtanden Beide anf und rückten, der Eine ſeinen Haken, der Andere eine Flaſche in der Hand vor, um ihren Theil am Feſte zu nehmen. Der Maurer war nur das Opfer eines Ueber⸗ falls geweſen und hatte ſich mit mehr Scham als Schmerz wiedererhoben. Dem Zimmermann hatte es geſchienen, als wäre er vom Ende eines Balkens durch ein Catapult geſchleu⸗ dert an deu Kopf getroffen worden. Die Erſchütterung ſeines Gehirns theilte ſich einen Augenblick ſeinem ganzen Körper mit; er blieb ein paar Secunden betäubt, mit einer Blutwolke vor den Augen, einem Brauſen in den Ohren. Die Blutwolke iſt übrigens kein Bild; der Fauſt⸗ ſchlag von Jean Robert hatte, vom Schlafe abgleitend, über die Stirne hingeſtreift, und der Siegelring, den der junge Mann am Zeigefinger trug, hatte ein wenig über den Angenbrauen des Zimmergeſellen eine blutige Furche geöffnet. „Ah! tauſend Donner!“ rief er, während er mit einem noch unſichern Schritte auf ſeinen Gegner los⸗ ging,„ſo iſt es, wenn man unverſehens überfallen wird: ein Kind würde einen ſchlagen!“ Nun, ſo nimm Dir diesmal Deine Zeit, Jean Taureau, und halte Dich gut; denn es iſt meine Ab⸗ ſicht, Dich die zwei anderen Füße des Tiſches zerbrechen zu machen. Jean Taureau rückte mit aufgehobener Fauſt vor und gab ſich ſo aufs Neue ſeinem Gegner preis, wie dies faſt immer der Geſchicklichkeit gegenüber die un⸗ erfahrene und ſelbſtvertrauende Stärke thut; die ganze Theorie des Boxens beruht hierauf: die Fauſt braucht weniger Zeit, um eine gerade Linie zu durchlaufen, als um eine Parabel zu beſchreiben. 42 Diesmal war es aber nicht der Angriff, ſondern nur die Vertheidigung, was Jean Robert ſeinen Hän⸗ den anvertraut hatte: ſein rechter Arm diente ihm nur noch, um den furchtbaren Schlag zu dämpfen, mit dem ihn Jean Taureau bedrohte, und in dem Augenblick, wo die Fauſt des Zimmermanns auf ihn niederfiel, machte Jean Robert behende eine Drehung und gab, unterſtützt durch ſeine hohe Geſtalt, ſeinem Gegner ge⸗ rade mitten auf die Bruſt einen von jenen erſchrecklichen Fußtritten hinter ſich, deren Privilegium und Geheim⸗ niß damals nur Lecvur allein beſaß. Jean Robert hatte nicht gelogen in der Prophe⸗ zeiung, die er gegen den Zimmermann ausgeſprochen: dieſer nahm rückwärts den Weg, den er ſchon gemacht, und legte ſich, wenn er nicht gerade fiel, abermals auf den Tiſch. Er ſprach nicht und ſchrie nicht: der Schlag, den er erhalten, hatte ſeine Stimme völlig ausgelöſcht. Was die drei Anderen betrifft, ſo hatte ſich Fol⸗ gendes mit ihnen ereignet. Petrus ſtellte ſich mit ſeiner gewöhnlichen Behen⸗ digkeit zwei Feinden entgegen: dem Aufwühler, der mit ſeinem Haken in der Hand auf ihn losrückte, ſchleuderte er ein Stühlchen ins Geſicht, und während der Menſch und das Geräth ſich mit einander entſchmutzten, warf er durch einen Stoß mit dem Kopfe auf den Bauch als ein wahrer Bretagner, was er war, den Maurer auf ſeinen Hintern. Ludovic hatte es alſo nur mit dem Katzentödter, einem wenig furchtbaren Gegner zu thun, doch in ſeiner Unwiſſenheit in der Kunſt, in der ſeine beiden Gefähr⸗ ten vollendete Meiſter waren, packte er ihn um den Leib und rollte mit ihm auf den Boden. 4 Nur hatte Gibelotte den ganzen Nachtheil des Kampfes: er war unter Ludovic gefallen. Statt aber ſeinen Vortheil zu benützen, fragte ſich dieſer, während er Bal brei nack ſahe derg ſein Kat rief bra ohn mel der Erſ raſc gew zeug und mar chen den Sto wen ſchw welc gan renn dern Hän⸗ nur dem blick, rfiel, gab, ge⸗ ichen eim⸗ phe⸗ hen: acht, auf den Fol⸗ hen⸗ mit derte enſch warf as auf dter, einer fähr⸗ den des aber rend 43 er ſeinen Gegner unter ſeinem Knie feſthielt, woher der Baldriangeruch komme, der ſich ſo im Uebermaße ver⸗ breitete. Er dachte über dieſes ziemlich unlösbare Problem nach, als der Aufwühler und der Maurer, da ſie ſahen, daß der Zimmermann zum zweiten Male nie⸗ dergeworfen war, Touſſaint ſich nur mit Mühe von ſeinem Fauſtſchlage an die Seite erholte, und der Katzentödter unter den Knieen von Ludovic lag, aus⸗ riefen: „Zu den Meſſern, zu den Meſſern!“ In dieſem Momente kam der Kellner zurück und brachte die Auſtern. Mit einem Blicke berurtheilte er die Lage, ſetzte ſein Muſchelwerk auf den Tiſch und eilte die Treppe hinab, ohne Zweiſel, um den hiebei intereſſirten Perſonen zu melden, was vorging. Doch ſeine Erſcheinung war für die Schauſpieler der Scene nur ein Detail. Sie hatten zu viel zu thun, um ſich mit ſeinem Erſcheinen und Verſchwinden zu beſchäftigen, was ſo raſch erfolgt war, daß man, wären die Auſtern nicht geweſen, welche von der Gegenwart eines Kellners zeugten, an einen Traum hätte glauben können. Kein Traum war aber das, was im vierten Stocke und im Stocke darunter geſchah. Bei dem durch den doppelten Fall des Zimmer⸗ manns verurſachten Lärmen, beim Krachen des zerbro⸗ chenen Tiſches, bei dem Rufe:„Zu den Meſſern! zu den Meſſern!“ erwachten die im Saale des dritten Stockes eingeſchlafenen Trunkenbolde plötzlich; die am wenigſten Berauſchten horchten; Einer von ihnen ſchwankte nach der Thüre, öffnete ſie, und diejenigen, welche noch zu ſehen vermochten, ſahen den Kellner ganz erſchrocken im Halbdunkel der Treppe vorüber⸗ rennen. 44 Als Leute von Erfahrung vermutheten nun dieſe Menſchen, was vorging, und plötzlich hörten die drei jungen Freunde auf den Stufen ein Geränſch von ha⸗ ſtigen Tritten und Geſchrei, das dem Brüllen des Mee⸗ res im Sturme glich. Es war der Schaum der Halle, der ſtieg, und bald ſah man durch die gähnende Thüre die Stube ſich mit ſeltſamen, weinſchweren, verblödeten und beſonders darüber, daß ſie mitten in ihrem Schlafe geſtört worden, wüthenden Perſonen füllen. „Ah! man ermordet ſich alſo hier!“ riefen zwanzig heiſere, abſcheulich klingende Stimmen. Beim Anblicke dieſer Menge oder vielmehr dieſer Meute, fühlte Jean Robert, der am meiſten für Ein⸗ drücke Empfängliche von den drei jungen Leuten, un⸗ willkürlich ſeine Adern jene Empfindung eiſiger Kälte durchlaufen, welche jedes Weſen, ſo ſtark es auch ſein mag, bei der Berührung eines Reptils erfaßt, und ſich an ſeinen Kameraden den Maler wendend, mur⸗ melte er: „Ah! Petrus, wohin haſt Du uns geführt!“ Petrus improviſirte aber ein ganz neues Vertheidi⸗ gungsſyſtem. Auf die Schreie: Zu den Meſſern! zu den Meſ⸗ ſern!“ welche die vier Wüthenden wiederholten, denn der Zimmermann und Tonſſaint, da ſie die Stimme wie⸗ dergefunden hatten, nahmen ihren Antheil an dem Con⸗ certe von Drohungen antwortete Petrus durch den Ruf: „Zu den Barrikaden!“ der nicht ein einziges Mal in den Straßen von Paris hörbar geworden war, ſeit dem Tage, dem dieſes Vertheidigungsſyſtem einen hiſtoriſchen Namen gegeben hat. Bekanntlich haben ſich die Pariſer ſpäter für dieſe Stummheit von zweihundert und fünfzig Jahren ent⸗ ſchädigt. 2 Und indem er den Schrei:„Zu den Barricaden!“ au er zw der Bä ſtil ber der rei Lut ſchi ind von ſter von nich es was dem das Rol chen riec dieſe e drei n ha⸗ Mee⸗ und e ſich nders rden, anzig dieſer Ein⸗ „un⸗ Kälte ſein und mur⸗ heidi⸗ Meſ⸗ denn wie⸗ Con⸗ Ruf: den dem ſchen dieſe ent⸗ en!“ 4⁵ ausſtieß, zog Petrus Jean Robert nach ſich, zwang er Ludovic wieder aufzuſtehen, und flüchtete ſich mit ſeinen zwei Gefährten in eine Ecke, die ſie auf der Stelle von der übrigen Stube durch einen Wall von Tiſchen und Bänken trennten. Petrus hatte überdies den Augenblick des Waffen⸗ ſtillſtandes, ſo kurz er war, den ihm ſein Sieg gegeben, benützt, um vom Fenſter den einſt vergoldeten Stab, der die Vorhänge trug, und der ſeit dem Anfange des Kampfes der Gegenſtand ſeines Trachtens war, abzu⸗ reißen. Jean Robert hatte ſeinen Stock mitgenommen, Ludovic begnügte ſich mit den Waffen, die ihm die Natur gegeben. In einem Augenblick waren die drei Freunde Pe⸗ ſchirmt hinter einer improviſirten Feſte. „Freunde,“ ſprach Petrus zu den zwei Andern, indem er ihnen in einer Ecke der Baſtei einen Haufen von leeren Flaſchen, von zerbrochenen Tellern, von Au⸗ ſterſchalen, von eiſernen Gabeln, von Meſſern ohne Hefte, von Heften ohne Klingen zeigte,„Ihr ſeht, es wird uns nicht an Munition fehlen.“ „Nein,“ erwiederte Jean Robert;„doch wie verhält es ſich hinſichtlich der Schläge und der Wunden? Ich, was mich betrifft, habe gegeben, aber keine bekommen.“ „Völlig unverſehrt!“ fagte Petrus. „Und Du, Ludovic?“ „Ich glaube, ich habe einen Fauſtſchlag zwiſchen dem Kinnbacken und dem Schlüſſelbein bekommen; doch das iſt es nicht, was mich beſchäftigt.“ 5 was beſchäftigt Dich denn?“ fragte Jean obert. „Ich möchte gern wiſſen, warum derjenige, mit wel⸗ ich es zuletzt zu thun hatte, ſo ſtark nach Baldrian riecht?“ In dieſem Augenblick fügte das Gebrülle der Menge 46 eine neue Beſorgniß den ſchon ziemlich ernſten Beſorg⸗ niſſen der jungen Leute bei. VI. Herr Salvator. Der Anblick der Menge brachte auf die Männer aus dem Volke einen Eindruck ganz dem entgegengeſetzt her⸗ vor, den er auf die drei Freunde hervorbrachte. Der Zimmermann und ſeine Gefährten fühlten, daß ihnen eine Hülfe zukam. Jean Robert und ſeine Freunde begriffen, daß es neue Gegner waren, die zu ihnen kamen. Die Menſchen werden durch die Sympathie zu ihres Gleichen hingezogen. Während ſie grimmige Blicke auf die drei jungen Leute warfen, die ſich in ihre Feſte zurückgezogen, umgab auch dieſe Menge Jean Taureau und ſeine Gefährten und verlangte von ihnen Erklärung über all dieſen Lärmen. Die Erklärung war ſchwer zu geben; der Zimmer⸗ mann hatte ein erſtes Unrecht gehabt: daß er von den jungen Leuten gefordert, ſie ſollten das Fenſter ſchließen. Dann hatte er ein zweites Unrecht gehabt, das noch ſchwerer, als das erſte: daß er von Jean Robert einen Fauſtſchlag und einen Fußtritt erhalten, die ihm der eine das Geſicht zerriſſen und der andere die Bruſt eingedrückt. Er erzählte ſeine Fälle der Menge; doch wie er auch die Sache drehte, er konnte nicht herauskommen ſah von als ſen von den, klein durc auf Tod den fährt eſorg⸗ raus t her⸗ daß aß es ihres ungen mgab nund men. nmer⸗ nden ießen. das tobert e ihm Bruſt i er mmen 47 aus dem doppelten Kreiſe:„Ich wollte das Fenſter ſchließen laſſen, und das Fenſter iſt offen geblieben!— Ich wollte ſchlagen, und ich bin geſchlagen worden.“ Die Menge, als eine wackere Menge, was ſie war, im Grunde voll geſunden Menſchenverſtandes, trotz ihrer Vorurtheile gegen die ſchwarzen Fräcke, die Menge, welche einſah, daß Jean Taureau, um mich eines Vollis⸗ ausdruckes zu bedienen, der Narr im Spiele war, fing auch an ihm ins Geſicht zu lachen. Der Zimmermann bedurfte nicht dieſer neuen Auf⸗ regung. Er war nur wüthend; dieſes Lachen machte ihn wahnſinnig. Er ſuchte mit den Augen die drei jungen Leute, ſah ſie in ihrer Ecke verbarricadirt und ſchon angegriffen von ſeinen vier Gefährten, welche nicht minder erbittert als er. „Haltet ein!“ rief er,„haltet ein! Laßt mich die⸗ ſen Schwarzfrack in Staub zermalmen.“ Doch die vier Gefährten waren tanb. Dagegen blieben ſie allerdings nicht ſtumm. Der Aufwühler war unter dem Auge von einem von Ludovie geſchleuderten Flaſchenſcherben getroffen wor⸗ den, welcher Scherbe ihm die Backe aufgeriſſen. Jean Robert hatte durch einen Schlag mit einem kleinen Stuhle Touſſaint den Kopf ſchwer verletzt. Petrus endlich hatte mit zwei Hieben ſeines Stockes, durch die Zwiſchenräume der Barricade, den Katzentödter auf die Bruſt und den Maurer an die Seite getroffen. Die vier Verwundeten brüllten aus vollem Halſe: „Schlagt ſie todt! ſchlagt ſie todt!“ Es war in der That ein Kampf auf Leben und Tod geworden. Außer ſich durch das Gelächter der Menge und durch den Anblick des Blutes, das auf die Kleider ſeiner Ge⸗ fährten und auf die ſeinigen rieſelte, zog Jean Taureau 48 aus ſeiner Taſche ſeinen eiſernen Zirkel und rückte, die furchtbare Waffe in der Haud, allein gegen die Barri⸗ cade vor. Petrus und Ludovic ſtürzten ihm mit einer und derſelben Bewegung, Jeder mit einer Flaſche bewaffnet und bereit, dem Zimmermann den Kopf zu zerſchmettern, entgegen; Jean Robert aber, der ſah, daß es der ein⸗ zige Gegner war, welcher noch übrig blieb, und daß man mit ihm einmal ein Ende machen müſſe, ließ ſeine zwei Freunde, indem er ſie an ihren Jacken zurückzog, wieder von der Barricade herabſteigen, gab dieſer einen Fuß⸗ tritt, der eine Breſche öffnete, ging mit ſeinem Stöckchen in der Hand aus dieſer Breſche hinaus und ſagte zu Jean Taureau: „Sie haben alſo noch nicht genug?“ Die Menge brach in ein Gelächter aus und klatſchte in die Hände. „Nein!“ erwiederte der Zimmermann,„und ich werdi erſt genug haben, wenn ich Dir ſechs Zoll von meinen Zirkel in den Bauch geſtoßen.“ „Das heißt, da Sie nicht der Stärkere ſind, Jean Taureau, ſo wollen Sie der Schlechtere ſein? das heißt, weil Sie mich nicht beſiegen können, ſo wollen Sie mich ermorden?“ „Tauſend Donner, ich will mich rächen!“ ſchrie der Zimmermann, der ſich durch den Lärmen ſeiner eigenen Worte aufſtachelte. „Nimm Dich in Acht!“ verſetzte der junge Mann; „denn bei meinem Ehrenworte, Du biſt nie eine Gefahr Ktſ der ähnlich, welche Du in dieſem Augenblicke äufſt!“ Er wandte ſich ſodann an die Menge und ſprach; „Ihr ſeid Männer; bringt dieſen Menſchen zur Vernunft. Ihr ſeht, daß ich ruhig bin, und daß er wahnſinnig iſt.“ Vier oder fünf Männer trennten ſich vom Kreiſe, und man vent dopp daß fen Dich theid Inſtr Zoll Taur chen wenn aus d Schei 1 zehn Mann T vor S D die Di Peripe ſchen Gewiſſ haſt al Ur ſeine B ßend, dem ſch Die Y te, die Barri⸗ e n waffnet nettern, er ein⸗ ß man ne zwei wieder n Fuß⸗ töckchen u Jean latſchte werd meinen „Jean ie mich rie der eigenen Mann; Gefahr enblicke rach; n zur daß er Kreiſe, 49 und traten zwiſchen Jean Robert und den Zimmer⸗ mann. Doch ſtatt ihn zu beſänftigen, ſchien dieſe Inter⸗ vention den Grimm von Jean Taureau nur zu ver⸗ doppeln. Er ſtieß die fünf Männer einfach dadurch zurück, daß er die Arme ausſtreckte. „Ah!“ ſagte er, ich bin nie eine Gefahr gelau⸗ fen der ähnlich, welche ich jetzt laufe! Gedenkſt Du Dich mit dieſem Stöckchen gegen meinen Zirkel zu ver⸗ theidigen? Sprich!“ Und er ſchwang über ſeinem Kopfe das ſpitzige Inſtrument, das, ſich ausdehnend, wenigſtens achtzehn Zoll Länge angenommen hatte. „Das iſt es gerade, worin Du Dich täuſchſt, Jean Taurean,“ erwiederte der junge Mann:„mein Stöck chen iſt kein Stöckchen; es iſt eine Schlange, und wenn Du daran zweifelſt, ſieh,“ fügte er bei, indem er aus dem dünnen Stocke den Degen zog, dem er als Scheide diente,„ſieh ihre Zunge!“ Und eine viereckige, feine, ſpitzige, zwölf bis fünf⸗ zehn Zoll lange Klinge glänzte in der Fauſt des jungen Mannes, der ſich auslegte wie für ein Duell. Die Menge brüllte vor Frende und bebte zugleich vor Schrecken. Der Wein war getrunken, das Blut ſollte fließen; die Dinge nahmen den gewöhnlichen Stufengang; die Peripetien folgten ſich nach den Geſetzen der dramati⸗ ſchen Kunſt immer intereſſanter. „Ah!“ ſagte der Zimmermann, ſichtbar um den Gewiſſensbiß erleichtert, gegen den er kämpfte,„Du haſt alſo auch eine Waffe? Ich wartete nur hierauf.“ Und den Kopf geſenkt, mit aufgehobenem Arme, ſeine Byuſt mit der Unerfahrenheit der Stärke emblö⸗ ßend, ſtürzte Jean Taureau auf den jungen Mann mit dem ſchwarzen Fracke und dem feinen Degen zu. Die Mohicaner von Paris. 1. 4 50 Plötzlich aber packte ihn eine mächtige Hand am Armgelenke, ſchüttelte ihn kräftig und zwang ihn, den Zirkel loszulaſſen, der, niederfallend, im Boden ſtecken blieb. Der Zimmermann ſtieß einen gräßlichen Fluch ans und wandte ſich um. Kaum aber hatte er denjenigen geſehen, welcher ſich ſeinem Vorhaben widerſetzt, als ſeine Stimme vom Ausdrucke der Drohung zum Tone der Ehrfurcht über⸗ ging, und er ſagte: „Ah! Herr Salvator, verzeihen Sie, das iſt etwas Anderes.“ „Herr Salvator!“ wiederholte die Menge;„ah! ſeien Sie willkommen: das ſollte eine ſchlimme Wendung nehmen!“ „Herr Salvator?“ murmelten gleichzeitig Jea Robert, Petrus und Ludovic.„Was iſt das?“ „Das iſt ein Burſche, deſſen Name als gute Vor⸗ bedeutung dienen kann,“ fügte Petrus bei;„wir wollen ſehen, ob er ſeinem Namen Ehre macht.“ Der Mann, der, dem Gotte des Alterthums ähn lich, ſo wunderbar dazwiſchen gekommen war, um, alle Wayrſcheinlichkeit nach, eine friedliche Entwickelung on di Stelle eines blutigen Ausgangs zu ſetzen, und der auc aus einer Maſchine hervorgegangen zu ſein ſchien, ſo plötz lich und unvorhergeſehen war ſeine Erſcheinung, mocht ungefähr dreißig Jahre alt ſein.. Es war in der That in dem Augenblick, wo er erſchien und ſeinen beherrſchenden Blick auf der Menge umherlaufen ließ, das männliche und ſanfte Geſicht des Mannes in dieſem dreißigſten Lebensjahre, wo die Schönheit in ihrer ganzen Kraft iſt und die Kraft in ihrer ganzen Schönheit. Einen Augenblick ſpäter wäre es ſehr ſchwierig, un nicht zu ſagen unmöglich, geweſen, ihm ein beſtimmis Alter auf etwa zehn Jahre anzuweiſen. heit woll ſeine ſich Falt Mär man Dru ner dem worf ſich Krei laufe einen mit unter beide verlie ſeiner und 6 ten u der H Leſer minde ihnen geben. ( dreißi S lockt, Wirkli auf ſe nd am , den ſtecken ch ans welcher e m tüber⸗ etwas „ah endung Je au Vor⸗ wollen s ähn n, aller n dit er auch mocht wo el Menge cht des 0 die raft in ig, un immtes 51 Seine Stirne hatte wohl die Reinheit und Klar⸗ heit der Jugend, wenn ſein Blick neugierig und wohl⸗ wollend umherſchweifte, ſobald aber das Schauſpiel, das ſeinen Angen begegnete, ihm CEkel einflößte, da zogen ſich ſeine ſchwarzen Brauen zuſammen, und ſeine mit Falten bedeckte Stirne entlehnte das Ausſehen von der Männlichkeit. So, als er, nachdem er den Arm des Zimmer⸗ manns aufgehalten und ihn einzig und allein durch den Druck ſeiner Hand die Waffe, mit der er ſeinen Geg⸗ ner bedrohte, loszulaſſen gezwungen hatte, als er, nach⸗ dem er einen raſchen Blick auf die drei jungen Leute ge⸗ worfen und in ihnen Menſchen aus der Geſellſchaft, die ſich an dieſen ſchlimmen Ort verirrt, erkannt hatte, den Kreis vollends umfaßte, den er nur zur Hälfte durch⸗ laufen, und den Aufwühler mit klaffendem Geſicht auf einem Tiſche ausgeſtreckt ſah, die Kleider des Maurers mit großen Blutflecken beſprenkelt, den Köhler bleich unter ſeiner ſchwarzen Larve, und den Katzentödter beide Hände auf ſeiner Seite, ſchreiend, er ſei todt, da verlieh dieſer Anblick, auf den' er doch gefaßt ſein mußte, ſeiner ganzen Phyſiognomie einen Ausdruck von Härte und Strenge, bei dem die Unbändigſten den Kopf ſenk⸗ ten und die Trunkenſten erbleichten. Da der Mann, den wir in Scene gebracht haben, der Hauptheld unſerer Geſchichte iſt, ſo müſſen unſere Leſer uns erlauben, für ihn zu thun, was wir für viel minder wichtige Perſonen gethan haben, nämlich, die möglichſt genaue Beſchreibung ſeiner Perſon zu geben. 6 Es war vor Allem, wie geſagt, ein Mann von dreißig Jahren oder ſo ungefähr. Seine ſchwarzen Haare waren geſchmeidig und ge⸗ ockt, was ſie minder lang ſcheinen ließ, als ſie in Wirklichkeit waren, und wenn ſie in ihrer ganzen Länge auf ſeine Schultern niedergefallen wären; ſeine Augen 52 waren blau, ſanft, durſichtig, klar wie das Waſſer ei⸗ nes Sees, und wie das Waſſer des Sees, mit dem wir ſie verglichen, den Himmel wiederſcheint, ſo ſchienen die Angen des jungen Mannes mit dem wohlklingenden Namen der Spiegel zu ſein, wo ſich die heiterſten Gedanken der Seele reflectirten. Das Oval ſeines Geſichtes war von einer Raphae⸗ liſchen Reinheit, nichts ſtörte den anmnthigen Umriß deſ⸗ ſelben, und man folgte den harmoniſchen Linien mit der unansſprechlichen Freude, die man beim Anblick der ſanften krummen Linie empfindet, die in den erſten Ta gen des Monats Mai die aufgehende Sonne am Hori⸗ zont im Profil zeichnet. Die Naſe war gerade und ſtark, ohne zu bedeutend vorzutreten, der Mund war klein, gut menblirt und dem Anſchein nach fein, denn unter dem ſchwarzen Schnurrbarte, der ihn beſchattete, konnte man die Zeich⸗ nung unmöglich genau erſchauen. Sein eher mattes, als bleiches Geſicht war um⸗ geben von einem ſchwarzen und dichten, aber nicht dicken Bart; die Scheere oder das Raſirmeſſer hatten gewiß nie ihren Weg hier durch gemacht; es war das Milch⸗ haar in ſeiner ganzen Dünne, der jungfräuliche Bart in ſeiner ganzen Zartheit, ſeiden, die Züge mildernd, ſtatt ſie hart zu machen. Beſonders auffallend aber an dieſem jungen Manne war der weiße Ton, das Matte ſeiner Haut; dieſer Ton war in der That weder die gelbliche Bläſſe des Gelehrten, noch die weiße Bläſſe des Wüſtlings, noch die bleifarbige Bläſſe des Verbrechers: um einen Be⸗ griff von der makelloſen Bläſſe dieſes Geſichtes zu geben, werden wir Bild und Vergleichung nur in der melancho⸗ liſchen und leuchtenden Bläſſe des Mondes, in den durchſichtigen Blumenblättern des weißen Lotus, im un⸗ befleckten Schnee, der die Stirne des Himalaya be⸗ kränzt, ſinden. Wos ſeine Kleidung betrifft, ſo beſtand ſie aus eine an Aut hun zem Kop Kür eine welc krat * nach dene ſie. der ſtant zogi und die ſ groß Nam iſt e diene Ehre phael ſechs er m ( dram ſuchte gefall ſer jn quos e ei⸗ m wir hienen zenden terſten aphae⸗ ß deſ⸗ it der der n Ta⸗ Hori⸗ eutend rt und arzen Zeich⸗ rum⸗ dicken gewiß Milch⸗ Bart dernd, Ranne dieſer e des noch n Bi⸗ geben, ancho⸗ * n den m un⸗ be⸗ e aus 53 einer Art von ſchwarzem Sammetpaletot, den man uur an die Taille anzuſchließen gebraucht hätte, um ihm das Ausſehen eines Wammſes aus dem fünfzehnten Jahr⸗ hundert zu geben, einer Weſte und Beinkleidern von ſchwar⸗ zem Sammet. Eine Mütze von demſelben Stoffe ſaß auf ſeinem Kopfe, und man war gans erſtaunt, ſo wenig man Künſtler ſein mochte, daß man vergebens die Feder von einem Adler, einem Reiher oder einem Strauße ſuchte, welche aus dieſer Mütze eine Toque gemacht hätte. Was mitten unter der Menge einen ſeltſam ariſto⸗ kratiſchen Charakter dieſer Kleidung gab, welche ein nachläßig um den Hals geſchlungenes, purpurrothes ſei⸗ denes Foulard vervollſtändigte, war der Umſtand, daß ſie ſtatt von Banmwolleſammet zu ſein, wie die Klei⸗ der der Leute aus dem Volke, aus Seideſammet be⸗ ſtand, wie die Robe einer Schauſpielerin oder einer Her⸗ zogin. Dieſe maleriſche Tracht fiel nicht nur Jean Robert und Ludovic, ſondern auch Petrus auf; die Wirkung, die ſie auf den Letzteren hervorbrachte, war ſogar ſo groß, daß er, nachdem er, wie geſagt, als er den Namen von Salvator nennen hörte, ausgerufen:„Das iſt ein Burſche, deſſen Name als gute Vorbedeutung dienen kann; wir wollen ſehen, ob er ſeinem Namen Ehre macht,“ beifügte: „Teufel! welch ein ſchönes Modell für meinen Ra⸗ phael bei ſeiner Fornarina, und wie würde ich ihm ſechs Franken für die Sittzung geben, ſtatt vier, wenn er mir ſtehen wollte!“ Jean Robert aber, der in ſeiner Eigenſchaft als dramatiſcher Dichter überall und in Allem Theatereffecte ſuchte, war am meiſten der ehrfurchtsvolle Empfang auf⸗ gefallen, deſſen Gegenſtand von Seiten der Menge die⸗ ſer junge Mann geweſen, ein Empfang, der ihn an das Luos ego von Neptun erinnerte, wie er unter ſeinem —————— ⸗ ————, 54 göttlichen Dreizack die erzürnten Wellen des ſicilianiſchen Archipels ebnete. VII. Wo Jean Taureau definitiv ſeinen Rückzug nimmt und die Menge ihm folgt. Seit dem Eintritte des geheimnißvollen Fremden, den man mit dem Namen Salvator begrüßte, herrſchte die tiefſte Stille im Saale, und man hörte kaum das Athmen von dreißig bis vierzig Perſonen, die ihn füllten. Dieſe Stille wurde vom Zimmermann für einen Tadel genommen; einen Augenblick verblüfft und be⸗ täubt durch die Gegenwart des Ankömmlings und durch die Art, wie dieſer ihn entwaffnet hatte, erholte er ſich allmälig wieder, und er ſagte, ſo ſehr als es ihm möglich die heiſeren Töne ſeiner Stimme mildernd: „Herr Salvator, laſſen Sie mich Ihnen er⸗ kären „Du haſt Unrecht,“ unterbrach der junge Mann mit dem Tone eines Richters, der ein Urtheil aus⸗ „Wenn ich Ihnen aber ſage.. „Du haſt Unrecht!“ wiederholte der junge Mann. „Aben „Du haſt Unrecht, ſage ich Dir.“ „Woher wiſſen Sie das im Ganzen, da Sie nicht da geweſen ſind, Herr Salvator?“ . wie und vere „We Prü beko jung Sche mit Dich zu ve Rech ſei A Bart Du gebe, „ uns ken. haber iſchen mt mden, rſchte m das e ihn einen id be⸗ durch er ſich s ihm d: n er⸗ Mann aus⸗ ann. e nicht 55 „Brauche ich da geweſen zu ſein, um zu wiſſen, wie ſich die Dinge zugetragen haben?“ „Ei! mir ſcheint. 4 Salvator ſtreckte die Hand gegen Jean Robert und ſeine zwei Freunde aus, die ſich in einer Gruppe vereinigt hatten und ſich auf einander ſtützten. „Schau,“ ſprach er. „Nun, ich ſchaue,“ erwiederte Jean Taureau. „Was dann?“ „Was ſiehſt Du?“ „Ich ſehe drei Muscadins, denen ich eine Tracht Prügel verſprochen habe, und die ſie früher oder ſpäter bekommen werden.“ „Du ſiehſt drei wohl gekleidete, elegante, anſtändige junge Leute, welche das Unrecht hatten, in eine ſolche Schenke zu gehen, doch das war kein Grund, um Streit mit ihnen zu ſuchen.“ „Ich, Streit mit ihnen ſuchen?“ „Ah! wirſt Du nicht am Ende ſagen, ſie haben Dich herausgefordert, Dich und Deine vier Gefährten?“ „Sie ſehen aber, daß ſie im Stande waren, ſich zu vertheidigen.“ „Weil ſie die Geſchicklichkeit und beſonders das Recht auf ihrer Seite hatten... Du glaubſt, die Stärke ſei Alles, Du, der Du frecher Weiſe Deinen Namen Barthélemy Lelong in Jean Taureau verwandelt haſt? Du haſt den Beweis vom Gegentheil bekommen. Gott gebe, daß Dir die Lection von Nutzen ſein möge.“ „Wenn ich Ihnen aber ſage, daß ſie es ſind, die uns Burſche, Thiere, Lümmel genannt haben!“ „Und warum haben ſie Euch ſo genannt?“ „Daß ſie uns geſagt haben, wir ſeien betrun⸗ en „Ich frage Dich, warum ſie Euch das geſagt haben?“ „Weil wir wollten, daß ſie das Fenſter ſchließen.“ „Und warum wollteſt Du nicht, daß das Fenſter offen ſein ſollte?“ Wet veil „Weil was? Laß hören.“ „Weil ich den Luftzug nicht liebe,“ antwortete Jean Taureau. „Weil Du trunken warſt, wie es Dir dieſe Herren geſagt haben; weil Du Streit mit Jemand ſuchen woll⸗ teſt und die Gelegenheit bei den Haaren ergriffen haſtz weil Du abermals Händel zu Hauſe gehabt haſt, und dann ſollten Dir Unſchuldige die Launen oder die Un⸗ treuen bezahlen von Mademoiſelle.. „Schweigen Sie, Herr Salvator! ſprechen Sie ihren Namen nicht aus,“ unterbrach raſch der Zimmer⸗ mann;„die Unglückliche, ſie wird mir noch den Tod bringen!“ „Ah! Du ſiebſt, daß ich den rechten Fleck berührt habe,“ ſprach der Fremde. Und die Stirne faltend, fügte er bei: Dieſe Herren haben wohl daran gethan, daß ſie das Fenſter öffneten; die Luft, die man hier athmet, iſt verpeſtet; und da es nicht zu viel iſt an zwei offenen Fenſtern für vierzig Perſonen, ſo wirſt Du auf der Stelle ein zweites öffnen.“ Ich?“ verſetzte der Zimmermann, der ſich, ſo zu ſagen, mit den Füßen am Boden anklammerte;„ich ein Fenſter öffnen, während ich verlange, daß man das andere ſchließe? Ich, Barthélemy Lelong, der Sohn mei⸗ nes Vaters?“ „Du, Barthélemy Lelong, ein Trunkenbold und Zänker, der Du den Namen Deines Vaters entehrſt und darum wohl daran gethan haſt, einen Uebernamen anzu⸗ nehmen,— ich ſage Dir, daß Du ſogleich dieſes Fenſter öffnen wirſt, um Dich dafür zu beſtrafen, daß Du die drei Herren herausgefordert haſt.“ „Und ſollte der Donner über meinem Haupte rollen, ſchä rufe rief eine ergr Not Sal hätt man ſich wie als warf könn abha werd enſter Jean erren woll⸗ haſt; und Un⸗ Sie mer⸗ Tod rührt iß ſie hmet, fenen f der ſo zu „ich das mei⸗ und und anzu⸗ enſter u die ollen, 57 ich würde nicht gehorchen,“ erwiederte Barthélemy Le⸗ long, indem er ſeine Fauſt gegen die Stubenvecke erhob. „Dann kenne ich Dich unter keinem Namen mehr; Du biſt für mich nur ein grober, händelſüchtiger Arbei⸗ ter und ich jage Dich von da, wo ich bin, fort.“ Und die Hand mit der Geberde eines Kaiſers aus⸗ ſtreckend: „Gehe!“ „Ich werde nicht gehen!“ prüllte der Zimmermann ſchäumend vor Wuth. „Im Namen Deines Vaters, den Du ſo eben ange⸗ rufen, befehle ich Dir, zu gehen.“ „Nein, Donnerwetter! nein, ich werde nicht gehen!“ rief Barthélemy Lelong, indem er ſich rittlings auf eine Bank ſetzte und die Bank mit ſeinen beiden Händen ergriff, als wollte er ſich eine Waffe für den Fall der Noth daraus machen. „Du willſt mich alſo aufs Aenßerſte treiben?“ ſagte Salvator mit einer ſo ruhigen Stimme, daß man nie hätte denken können, ſie enthalte eine ſchwere Drohung. Und er ging zu gleicher Zeit auf den Zimmer⸗ mann zu. Nähern Sie ſich nicht, Herr Salvator, nähern Sie ſich nicht!“ rief der Zimmermann. Und er wich die ganze Länge der Bank zurück, ſo wie der junge Mann vorrückte. Willſt Du hinausgehen?“ fragte Salvator. Der Zimmermann nahm die Bank und hob ſie auf, als wollte er den jungen Mann damit ſchlagen. Dann warf er ſie aber fern von ſich und ſagte: „Sie wiſſen wohl, daß Sie Alles mit mir machen können, was Sie wollen, und daß ich mir eber die Hand abhauen, als Sie ſchlagen würde.... Doch freiwillig werde ich nicht gehen, nein! nein! nein!“ „Elender Starrkopf!“ rief Salvator, indem er 58 Jean Taureau zugleich bei der Halsbinde und beim Hoſengurt packte. Jean Taureau ſtieß ein Gebrülle der Wuth aus und rief: „Sie können mich wegtragen; ich werde mit mir machen laſſen, doch ich gehe nicht freiwillig.“ „Es ſoll nach Deinem Wunſche geſchehen,“ erwie⸗ derte Salvator. Und er gab dem trägen Coloſſen einen heftigen Stoß, entwurzelte ihn, ſo zu ſagen, vom Boden, wie er eine Eiche von der Erde entwurzelt hätte, trug ihn bis auf die Treppe, ſchaukelte ihn darüber und fragte: „Willſt Du die Treppe Stufe um Stufe hinab⸗ gehen oder auf einmal hinabkommen?“ „Ich bin in Ihren Händen, machen Sie mit mir, was Sie wollen; doch freiwillig gehen... nein, das werde ich nicht thun!“ „Alſo wirſt Du mit Gewalt gehen, Elender!“ Und er ſchleuderte ihn wie einen Ballen vom vier⸗ ten Stock in den dritten hinab. Man hörte den Körper von Jean Taureau oder von Barthélemy Lelong, mag nun der Leſer den Zim⸗ mermann lieber nach ſeinem Familiennamen oder nach dem Uebernamen, den er ſich ſelbſt gegeben, nennen, hinabrollen und von Stufe zu Stufe aufprallen. Die Menge gab keinen Schrei von ſich, that den Mund nicht auf: ſie war befriedigt;— ſie bewunderte. Die drei jungen Leute allein waren tief bewegt⸗ Petrus, der Lacher, war düſter geworden; Lndovic, der Phlegmatiker, fühlte ſein Herz heftig ſchlagen; Jean Robert, der empfindſame Dichter, war ſcheinbar der Ein⸗ zige, der ſeine Kaltblütigkeit behalten. Nur, als er Salvator ohne den Zimmermann zurück⸗ kommen ſah, ſteckte er ſeinen Degen in die Scheide und i mit ſeinem Taſchentuch über ſeine ſchweißbedeckte tirne. ſo wan ben Jea Sal eine Mer beim as mir rwie⸗ ftigen ie er n bis inab⸗ tmir, „das . vier⸗ oder Zim⸗ nach ennen, t den iderte. ewegt. c, der Jean r Ein⸗ urück⸗ e und edeckte 59 Dann ging er gerade auf Salvator zu, reichte ihm die Hand und ſprach: „Mein Herr, ich danke Ihnen, daß Sie meine Freunde und mich von dieſem verteufelten Trunkenbold befreit haben; ich befürchte aber ſehr für ihn die Fol⸗ gen dieſes Sturzes.“ „Befürchten Sie nichts für ihn, mein Herr!“ er⸗ wiederte Salvator, indem er ſeine weiße, ariſtokratiſche Hand, dieſe Hand, welche ein ſo wunderbares Kraftſtück vollbracht hatte, in die Hand legte, die man ihm bot; „er wird höchſtens vierzehn Tage bis drei Wochen das Bett hüten, und während dieſer vierzehn Tage oder drei Wochen wird er bitterlich die vorgefallene Scene be⸗ weinen.“ „Wie! dieſer unbändige Menſch wird weinen?“ fragte Jean Robert mit Verwunderung. „Er wird bittere Thränen, blutige Thränen weinen, ſage ich Ihnen.. Er iſt das beſte Herz und der red⸗ lichſte Menſch, den ich kenne... Bekümmern Sie ſich nicht um ihn, ſondern um Sie.“ „Wie, um mich?“ „Ja... Wollen Sie mir erlauben, daß ich Ihnen einen Freundesrath gebe?“ „Sprechen Sie, mein Herr.“ „Nun wohl,“ ſagte Salvator die Stimme dämpfend, ſo daß ihn kein Anderer, als der, an welchen er ſich wandte, hören konnte,„nun wohl, wenn Sie mir glau⸗ ben wollen, betreten Sie nie mehr dieſes Haus, Herr Jean Robert.“ „Sie kennen mich?“ rief Jean Robert erſtaunt. „Ei! ich kenne Sie wie Jedermann,“ antwortete Salvotor mit ausgezeichneter Höflichkeit;„ſind Sie nicht einer unſerer berühmten Dichter?“ Jean Robert erröthete bis unter die Augen. „Und nun,“ ſprach Salvator, indem er ſich an die Menge wandte und Ton und Manieren völlig veränderte, „Ihr müßt zufrieden ſein, Ihr Leute! ich denke, Ihr häbt für Euer Geld genug gehabt! Erweiſt mir alſo die Freundſchaft und macht Euch ſo ſchnell als möglich aus dem Staube; es iſt hier nur Luft für vier: damit ſage ich Euch, meine lieben Freunde, daß ich mit dieſen drei Herren allein zu bleiben wünſche.“ Die Menge gehorchte, wie es ein Schwarm Schi⸗ ler auf die Stimme des Lehrers thut; ſie ging in Ord⸗ nung hinab, nachdem ſie mit der Stimme, dem Kopfe und der Hand den jungen Mann gegrüßt, der zu be⸗ fehlen ſchien, und deſſen Geſicht nach der ſtürmiſchen Scene, welche vorgefallen, nicht mehr bewegt war, als das Angeſicht des Firmaments nach dem Sturme. Die vier Kameraden von Jean Taureau, den Auf⸗ wühler einbegriffen, dem ſeine Wunde den Rauſch ver⸗ mieben hatte, defilirten mit geſenktem Kopfe vor Sal⸗ varor, und Jeder, als er an ihm vorbeikam, verbeugte ſich ſo ehrerbietig, wie es ein Militär vor ſeinem Obern gethan hätte. Als ſich der Letzte entfernt hatte, erſchien der Kell⸗ ner auf der Thürſchwelle. Soll ich immer noch die Herren bedienen 2 fragte er. „Mehr als je,“ antwortete Jean Robert. Er wandte ſich ſodann an Salvator und fragte: „Werden Sie uns das Vergnügen machen, mit uns zu Nacht zu ſpeiſen, Herr Salvator?“ „Sehr gern,“ erwiederte Salvator;„verlangen Sie aber nichts für mich; ich beſtellte eben mein Abendbrod unten, da hörte ich Geräuſch und ging herauf.“ „Sie hören, Kellner?“ rief Jean Robert;„das Abendbrod von Herrn Salvator mit dem unſern.“ „Verſtanden!“ antwortete der Kellner. Und er eilte hinab. Fünf Minuten nachber ſaßen die vier jungen Leut bei Tiſche. Be wa der dem ſchle Obe ann ins deru Pen ſitio auch zer, neru Rue dame ſehen ein k ſch'er nicht ganz Sie haupt ſeit d abget Petrr „da Ihr alſo öglich damit dieſen Schir Ord⸗ Kopfe be⸗ iſchen r, als Auf⸗ er⸗ Sal⸗ beugte Obern Kell⸗ nen?“ te mit n Sie dbrod das „ Leute 61 Man trank zuerſt auf die Sieger, dann auf die Beſiegten, daun auf den, welcher ſo glücklich erſchienen war, um ein größeres Blutvergießen zu verhüten. „Sie ſcheinen mir übrigens mit dem Boxen, mit der Savate und der Fechtkunſt ziemlich vertraut zu ſein!“ ſagte Salvator lachend zu Jean Robert.„Sie haben dem armen Jean Tanreau einen majeſtätiſchen Fauſt⸗ ſchlag an den Schlaf, einen ſiegreichen Fußtritt an den Oberbauch gegeben, und waren im Begriffe, ihm einen anmuthigen Degenſtich beizubringen, als ich zum Glück ins Mittel trat... Doch gleichviel! Sie waren bewun⸗ derungswürdig aufgepflanzt, und an der Stelle von Herrn Petrus würde ich eine Skizze von Ihnen in dieſer Po⸗ ſition machen.“ „Ah! ah!“ rief Petrus,„Sie kennen mich alſo auch?“ „Oh! ja.“ erwiederte Salvator mit einem Seuf⸗ zer, als riefe dieſe Bejahung eine ſchwermüthige Erin⸗ unerung in ihm zurück;„ehe Sie ein Atelier in der Rue de Oueſt hatten, wohnten Sie in der Rue du Regard; damals hatte ich das Vergnügen, Sie einige Male zu ſehen.“ Sodann ſich an den dritten Gefährten wendend, der ein beharrliches Stillſchweigen beobachtete und, wie es ſchen, die Löſung eines Problems verfolgte, das er nicht löſen konnte, fragte Salvator: Was haben Sie denn, Herr Ludovic? Sie ſehen ganz ſorgenvoll aus! Ich würde das begreifen, wenn Sie noch Ihr Examen zu machen und Ihre Theſe zu be⸗ haupten hätten; das iſt aber Gon ſei Dank! eine ſeit drei Monaten abgethane Sache, und zwar mit Ehren abgethan!“ Jean Robert ſchaute Salvator mit Erſtaunen an; Petrus brach in ein Gelächter aus. „Ah! bei Gott! Herr Salvator,“ ſagte Ludovic, „da Sie ſo viele Dinge wiſſen 62 „Sie ſind ſehr gut!“ unterbrach lächelnd Salvator. „Da Sie wiſſen, daß mein Freund Jean Robert Dichter iſt; da Sie wiſſen, daß mein Freund Petrus Maler iſt; da Sie wiſſen, daß ich Arzt bin, wiſſen Sie wiſſen Sie, warum der Katzentödter nach Baldrian ſtank?“ „Sind Sie Fiſcher, Herr Ludovic?“ „In meinen verlorenen Augenblicken,“ erwiederte Ludovic,„doch ich ſuche immer beſchäftigt zu ſein.“ „Nun denn, ſo wenig Sie Fiſcher ſein mögen, ſo wiſſen Sie doch, daß man mit Biſam oder mit Anis das Korn parfumirt, mit dem man die Karpfen ködert.“ „Man braucht nicht Fiſcher zu ſein, um das zu wiſſen, man braucht nur ein wenig Naturkundiger zu ſein.“ „Nun wohl, der Baldrian iſt für die Katzen, was der Biſam und der Anis für die Karpfen ſind; er zieht ſie an; und da Meiſter Gibelotte ein Katzenfiſcher iſt... „Oh!“ ſagte Ludovie mit ſich ſelbſt ſprechend, mit dem halbkomiſchen Phlegma, das eine der originellen Nuancen ſeines Charakters bildete,„o Wiſſenſchaft! geheimnißvolle Göttin! wird es denn immer durch Zu⸗ fall geſchehen, daß man eine Ecke deines Schleiers auf⸗ hebt? Und wenn man bedenkt, daß, wenn ich mich heute Abend nicht als Maler verkleidet hätte, wenn Petrus nicht den Gedanken gehabt hätte, in einer Freiſchenke zu ſonpiren, wenu wir nicht in Streit gerathen wären— ich mich nicht mit einem Katzentödter geſchlagen haben würde, und Sie nicht gekommen wären, um den Frie⸗ den wiederherzuſtellen, und die Wiſſenſchaft brauchte vielleicht noch zehn Jahre, fünfzig Jahre, ein Jahrhun dert, um zu entdecken, daß der Baldrian die Katzen au⸗ zieht, wie der Biſam die Karpfen!“ Das Abendbrod war heiter. Petrus erzählte, im Atelierſtyle, die Geſchichte von zwanzig Portraits, welche er in einer Fuhrmannsherberge vator. Kobert ßetrus wiſſen nach ederte en, ſo Anis dert.“ s zil ger zu „was r zieht ä 34 , mit inellen ſchaft! ch Zu⸗ s auf⸗ hheute Petrus enke zu eu,— haben Frie⸗ rauchte hrhun⸗ en an⸗ hte von erberge 63 gemacht hatte, um ſeine Zeche zu bezahlen, die ſich auf zehn Franken und zwanzig Centimes belaufen; was für iedes Portrait den ungeheuren Preis von ein und fünf⸗ zig Centimes gab. Lndovic bewies mathematiſch, eine hübſche Frau ſei nie ſchwer krank, und er behauptete dieſes Paradoxon mit einer Lebhaftigkeit und einer Begeiſterung, wie man ſie von ſeiner phlegmatiſchen Perſon entfernt nicht er⸗ wartete. Jean Robert erzählte den Plan von einem neuen Drama, das er für Bocage und Madame Dorval ſchrieb, über welches Drama ihm der junge Mann mit dem Sammetgewande die richtigſten Bemerkungen machte. Dann folgten ſich die Flaſchen, und da Petrus und Ludovic im Complott abgekartet hatten, Herrn Salvator ein Räuſchchen anzuhängen, um ihn ſprechen zu machen, ſo geſchah, was faſt immer in ſolchen Fällen geſchieht: Herr Salvator behielt ſeine Kaltblütigkeit, und die zwei jungen Leute benebelten ſich. Was Jean Robert betrifft,— er trank ſelbſt in der Freiſchenke nur Waſſer. Allmälig überſchritten Petrus und Ludovic, ſich ge⸗ genſeitig aufregend, für ſich ſelbſt die Gränze der Trun⸗ kenheit, zu der ſie Salvator gern hätten führen mögen: ſie erzählten gehaltloſe oder moraliſche Geſchichten; ſie wiederholten Witze, über die man ſchon am Anfang des Abendbrods gelacht hatte; kurz, ſie verſanken plötzlich und Beide ſympathetiſch in die vollſtändigſte Erſchlaffung, eine Lage, aus der ſie ohne Erſchütterung in den tiefſten Schlaf übergingen. 3 ² 1 3 6 * VIII. Während Petrus und Ludovie ſchlafen Kaum hatten die zwei Schläfer durch ihr Schnar⸗ chen angezeigt, ſie nehmen tige Meaſchen und überlaſſen die Converſation Jedem, der ſie zu behaupten vermöge da ſtützte Salvator ſeine Ellenbogen auf den Tiſch, ließ ſeinen Kopf in ſeine Hände fallen, ſchaute Jean Robert ſtarr an und fragte: Sagen Sie, Herr Dichter, warum wollten Sie die Nacht in der Halle zubringen 2 „Ei! um meinen Freunden, Petrus und Ludovic, ein Vergnügen zu machen.“ „Einzig und allein?“ „Einzig und allein.“ 77 angetrieben? „Nichts, daß ich wüßte.“ „Sie ſind deſſen ſicher?“ „So viel als man ſeiner ſelbſt ſicher ſein kann.“ „Dann täuſchen Sie mich nicht, doch Sie täuſchen ſich ſelbſt. Nein, dieſe Herren, die hier einen ſo guten Schlaf ſchlafen, ſind nicht die Urſache, ſondern nur der Vorwand. Wiſſen Sie, warum Sie hierher gekommen ſind? Sie ſind gekommen, um Ibr Handwerk als Philo⸗ ſoph, Beobachter, Sittenmaler, Dichter, Romantiker zu treiben; Sie ſind gekommen, um das menſchliche Herz in anims vili zu ſindiren, wie man in der Schule ſagt, nicht ſo?“ „Es iſt Wahres in Ihrer Bemerkung,“ erwiederte lächelnd Jean Robert.„Ich habe bis jetzt nur Theater⸗ ihren Abſchied als vernünf⸗ Und nichts hat Sie zu dieſer Gefälligkeit für ſie ſtücke ken: es S ganz ſellſe Dän nen des den Leich finde Anſi wähl Sha die nicht bei ein( mach Wäl Sie Sie ſchla Erin von mach per den in ſe wenn Min ſeine in de betru Die nar⸗ nünf⸗ dem, ſeine ſeine agte: ie die oic, ür ſie . n. uſchen guten ur der mmen Philo⸗ ker zu e Herz ſagi iederte heater⸗ 65 ſtücke geſchrieben, doch ich will mich nicht hierauf beſchrän⸗ ken ich will Sittenromane machen, auf die Weiſe, wie es Shakeſpeare bei ſeinen Dramen that, indem er eine ganze geſchichtliche Periode umfaßte und die ganze Ge⸗ ſellſchaft vom Todtengräber bis zu Hamlet, Prinz von Dänemark, in Contribution ſetzte. Und was ſoll ich Ih⸗ nen ſagen? im Drama Hamlet iſt es nicht die Scene des Todtengräbers, die ich am wenigſten liebe, und unter den Perſonen ſind es nicht dieſe Gräberſchaufler, dieſe Ser„die ich am wenigſten philoſophiſch nde.“ „Ja, Sie haben Recht, und ich bin vielleicht Ihrer Anſicht; doch Sie benehmen ſich ſchlecht hiebei, oder Sie wählen vielmehr den Ort der Scene ſchlecht. Wo zeigt Shakeſpeare die Todtengräber? Bei ihrem Geſchäfte, die Füße im Grabe, einen Schädel in der Hand, und nicht in der Taverne von Yaughan, dem Weinhändler, bei dem ſich der erſte Todtengräber durch den zweiten ein Glas Branntwein holen läßt.. Wollen Sie Poeſie machen? Lieben Sie ein Weib und laufen Sie in den Wäldern umher... Wollen Sie Theater machen? Gehen Sie in die Geſellſchaft bis um Mitternacht; ſtudiren Sie Molidre und Shakeſpeare bis um zwei Uhr Morgens; ſchlafen Sie hierauf ſechs Stunden, verſchmelzen Ihre Erinnerungen mit Ihren Lecturen und ſchreiben Sie von neun Uhr bis Mittag... Wollen Sie Romane machen? Nehmen Sie Leſage, Walter Scott und Cvo⸗ per, das heißt den Sittenmaler, den Charactermaler, den Naturmaler; ſtudiren Sie den Menſchen zu Hauſe: in ſeinem Atelier, wenn er Maler iſt; in ſeinem Bureau, wenn er Kaufmann iſt; in ſeinem Cabinet, wenn er Miniſter iſt; auf ſeinem Throne, wenn er König iſt; in ſeiner Krambude, wenn er Schuhmacher iſt; doch nicht in der Schenke, in der er ermüdet ankommt, aus der er betrunken weggeht. Auf das Schild der Schenken müßte Die Mohicaner von Parts. I. 5 man das Wort von Dante: Lasciate ogni speranza, ſetzen. Und dann welch eine erbärmliche Nacht wählen Sie für Ihre Studien! eine Faſchingsnacht, eine Nacht, wo Jeder von dieſen Menſchen nicht an ſeinem Platze iſt, wo Alle Alles, von ihrer Hoſe bis auf den Ueberzug ihres Strohſackes, verpfändet haben, um ſich mit prun⸗ tenden Coſtumen aufzuputzen; eine Nacht, wo ſie den Reichen nachäffen, eine Nacht, wo ſie Alles ſind, nur nicht ſie ſelbſt. Wahrhaftig, Herr Beobachter,“ fügte Salvator, die Achſeln zuckend, bei,„Sie beobachten auf eine ſeltſame Art.“ „Fahren Sie fort, fahren Sie fort,“ ſagte Jean Robert;„ich höre.“ „Nun! was würden Sie zu einem Menſchen ſagen, der das menſchliche Herz in einem Narrenhauſe ſtudirte? Nicht wahr, Sie würden ihn ſelbſt als Narren behan⸗ deln? Was machen Sie aber Anderes hier zu dieſer Stunde? Hören Sie mich an, Herr Jean Robert; der Zufall hat uns zuſammengeführt, die gewöhnlich e Bewe⸗ gung wird uns bald trennen; wir werden uns vielleicht nie wiederſehen. Laſſen Sie mich Ihnen einen Rath geben.. Ich ſcheine Ihnen ſehr vermeſſen, nicht wahr?“ „Oh! durchaus nicht, das ſchwöre ich Ihnen.“ „Was wollen Sie? ich habe auch einen Roman ge⸗ macht.“ „Sie?“ „Jaz doch einen von den Romanen, die man nicht druckt, ſeien Sie unbeſorgt: ich werde Ihnen nicht Con⸗ currenz machen; damit wollte ich Ihnen nur ſagen, ich habe die Prätenſion, Beobachter zu ſein. Die Romane, Dichter, macht die Geſellſchaft; ſuchen Sie in Ihrem Kopfe, durchwühlen Sie Ihre Einbildungskraft, graben Sie in Ihrem Gehirne, Sie werden darin in drei Mo⸗ naten, in ſechs Monaten, in einem Jahre nichts dem Aehnliches finden, was der Zufall, das Verhängniß, die Vorſehung, welchen Namen Sie dem Worte, das i ſuch Aeh die knüß ein in 2 man uner höch tern man des Frei Grè Wer und liche daß ſen 6 Don ſage ſen E oder Kren anza, ählen Kacht, ze iſt, erzug prun⸗ den „nur fügte n auf Jean ſagen, dirte? behan⸗ dieſer tz der Bewe⸗ elleicht Rath a“ an ge⸗ n nicht tCon⸗ n, ich omane, Ihrem graben i M⸗ ts dem iß, die 67 ſuche, geben wollen, Sie werden, ſage ich, daran nichts dem Aehnliches finden, was der Zufall, das Verhängniß oder die Vorſehung in einer Nacht in einer Stadt wie Paris knüpft und löſt, aufwickelt und entwickelt!— Haben Sie ein Sujet für Ihren Roman?“ „Nein, noch nicht. Das Theater nehme ich gern in Angriff: es ängſtigt mich nicht ſo ſehr; doch der Ro⸗ man mit ſeinen Verzweigungen, ſeinen Epiſoden, ſeinen unerwarteten Entwickelungen, ſeinen Treppen, welche zur höchſten Stufe der Geſellſchaft hinaufſteigen, ſeinen Lei⸗ tern, die in die tieſſten Abgründe hinabgehen, ein Ro⸗ man mit dem Boudoir der Prinzeſſin und der Manſarde des Arbeiters; ein Roman mit den Tuilerien und der Freiſchenke, wo wir ſind, mit Notre⸗Dame und dem Grove⸗Platze,— ich geſtehe Ihnen, daß ich vor dem Werke zurückweiche, daß ich vor der Arbeit erſchrecke, und daß es mir ſcheint, es ſei hiebei nicht eine gewöhn⸗ liche Laſt, ſondern eine Welt aufzuheben.“ „Nun wohl ich,“ verſetzte Salvator,„ich glanbe, daß Sie ſich tänſchen.“ „Ich täuſche mich?“ „Ja.“ „Worin?“ „In dem, daß Sie machen wollen.“ „Allerdings.“ „Hierin haben Sie Unrecht! machen Sie nicht: laſ⸗ ſen Sie machen.“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Wie iſt Asmodi verfahren?“ „Er hob die Dächer der Häuſer auf und ſagte zu Don Clevphas:„„Schau!““ „Haben Sie die Macht von Asmodi? Rein. Ich ſage Ihnen auch: machen Sie es noch einfacher; verlaſ⸗ en Sie dieſe Schenke, folgen Sie dem erſten Manne oder der erſten Fran, die Sie in der Straße, auf dem Krenzwege, auf dem Quai treffen; dieſer erſte Mann he oder dieſe erſte Frau wird wahrſcheinlich nicht der Held oder die Heldin einer Geſchichte ſein, aber er oder ſie wird einer von den Fäden des großen menſchlichen Ro⸗ mans ſein, den Gott componirt,— in welcher Abſicht? — Gott allein weiß es!— machen Sie ſich ganz ein⸗ fach zu ſeinem Mitarbeiter, und vom erſten Schritte an ſeien Sie ſicher, daß Sie auf der Spur eines entſetzli⸗ chen oder poſſierlichen Abenteuers ſein werden.“ „Es iſt aber Nacht.“ „Ei! ein Grund mehr! die Nacht iſt für die Dich⸗ ter, die Verliebten, die Patrouillen, die Diebe und die Romanenſchreiber gemacht.“ „Ich ſoll alſo meinen Roman ſogleich anfangen?“ „Er iſt ſchon angefangen.“ „Wahrhaftig?“ „Gewiß.“ „Seit welcher Stunde?“ „Seit der Stunde, wo Ihre Freunde zu Ihnen ge⸗ ſagt haben:„„Speiſen wir in der Halle zu Nacht.““ „Sie ſcherzen!“ „Rein, bei meiner Ehre! Sie brauchen nur zu wol⸗ len. Jean Taureau wird eine Perſon von Ihrem Ro⸗ man ſein, Gibelotte wird eine Perſon von Ihrem Roman ſein, Touſſaint Lonverture wird eine Perſon von Ihrem Roman ſein, Sac⸗à⸗Plätre wird eine Perſon von Ihrem Roman ſein, Croc⸗en⸗jambe wird eine Perſon von Ihrem Roman ſein; Ihre zwei Freunde, welche ſchlafen, ohne zu ahnen, daß wir ihnen Rollen zutheilen, werden Per⸗ ſonen von Ihrem Roman ſein; ich ſelbſt, wenn Sie mich für würdig erachten, werde eine Perſon von Ihrem Ro⸗ man ſein. Nur verlaſſen Sie ihn nicht bei der Ey⸗ poſition.“ „Ah! bei meiner Treue, Sie haben Recht, und ich verlange nichts Anderes, als ihn zu verfolgen.“ „Dann ſagen Sie ſich wohl Folgendes; daß Sie uicht mehr ein Autor ſind, der Situationen ſchafft, Er⸗ eine mit boo Held r ſie Ro⸗ icht? ein⸗ e an etzli⸗ 12. n ge⸗ 44. wol⸗ Ro⸗ oman hrem hrem hrem ohne er⸗ n Ro⸗ r Ex⸗ nd ich Sie ⸗ Er⸗ 69 eigniſſe abwägt, Entwickelungen vorbereitet, ſondern daß Sie ein Schauſpieler“ des großen menſchlichen Dramas ſind, deſſen Theater die Welt iſt, das zu Decorationen die Städte, die Wälder, die Flüſſe, die Meere hat, wo Jeder nach ſeinem Intereſſe, ſeiner Laune, ſeiner Phantaſie dem Anſcheine nach handelt, in Wirklichkeit aber durch die unſichtbare und mächtige Hand des Ge⸗ ſchicks angetrieben wird. Die Thränen, welche dabei fließen werden, werden ächte Thränen ſein, das Blut, welches dabei vergoſſen werden wird, wird ächtes Blut ſein, und Sie ſelbſt werden Ihre Thränen und Ihr Blut mit dem Blute der Andern vermengen.“ „Ei! was liegt dem Dichter daran, daß er leidet, 6 die Kunſt etwas bei ſeinem Leiden zu gewinnen at.“ „Ah! Sie ſind ſo, wie ich Sie beurtheilte. Hören Sie, die Witterung hat ſich in eine ſtrengere Kälte ver⸗ wandelt, die Nacht iſt ſchön, der Mond ſcheint herrlich, laſſen Sie uns gehen und die Fortſetzung der Geſchichte ſuchen, deren erſte Kapitel wir nicht geſchrieben, aber ge⸗ ſpielt haben.“ „Ich kann meine zwei Freunde nicht hier laſſen.“ „Warum nicht?“ „Wenn ihnen Unglück widerführe?“ „Es iſt keine Gefahr: ich werde ein Wort zum Kell⸗ ner ſagen, und wenn man erfährt, daß ſie unter meinem Schutze ſtehen, ſo wird der kühnſte Gauner dieſer Schenke nicht ein Haar von ihrem Haupte berühren.“ „Wohl, es ſei!“ ſprach Jean Robert;„nur werden Sie die Güte haben, die Ermahnung in meiner Gegen⸗ wart zu geben.“ „Gern!“ Salvator näherte ſich der Treppe und ließ ein auf eine gewiſſe Weiſe modulirtes Pfeifen hören, das zugleich mit der Pfeife des Maſchiniſten und mit der des Hoch⸗ bootsmanns Aehnlichkeit hatte. Man pflegte Herrn Salvator nicht warten zu laſ⸗ ſen, wie es ſcheint, denn kaum waren die letzten Noten e ſeltſamen Modulation erloſchen, als der Kellner er⸗ ien. „Herr Salvator ruft?“ ſagte er. Ja Er ſtreckte den Arm gegen die zwei Schläfer aus. „Dieſe zwei Herren gehören zu meinen Freunden, Meiſter Babylas; Du verſtehſt?“ „Ja, Herr Salvator,“ autwortete einfach der Kellner. „Kommen Sie!“ ſagte der junge Mann zum Dichter. Und er ging zuerſt hinaus. Jean Robert, der zurückgeblieben war, verlangte die Rechnung. Er fügte der Bezahlung fünf Franken für den Kellner bei und fragte: „Mein Freund, machen Sie mir das Vergnügen, mir zu ſagen, wer der Herr iſt, der Ihnen meine zwei Freunde empfohlen hat.“ „Das iſt kein Herr, das iſt Herr Salvator.“ „Wer iſt aber Herr Salvator?“ „Sie kennen ihn nicht?“ „Nein, da ich Sie frage, wer er ſei.“ „Es iſt der Commiſſionär der Rue aux Fers.“ „Wie?“ „Ich ſage Ihnen, es ſei der Commiſſionär der Rue aux Fers.“ Der Kellner antwortete mit ſolchem Ernſte, daß man nicht bezweifeln konnte, er ſpreche die Wahrheit. „Herr Salvator hat offenbar die Wahrheit geſagt⸗ und wir fangen einen Roman an, wie noch keiner ge⸗ macht worden iſt,“ murmelte Jean Robert. laſ⸗ koten r er⸗ us. nden, der chter. angte anken ügen zwei Rue daß eit. eſagt, rge⸗ 7 IX. Die zwei Freunde von Salvator. Der Mond ſchien in der That herrlich, wie es der Commiſſionär der Rue aux Fers geſagt hatte. Die Uhr der Tuchhalle deutete die zweite Stunde nach Mitternacht an. Die Fontaine des Innocents,— dieſes Meiſterwerk von Jean Goujon, dem einzigen Bildhauer⸗Architekten, den wir gehabt haben,— erſchien zur Rechten der jungen Leute, als ſie die Schenke verließen, bewunderungswür⸗ dig beleuchtet von der glänzenden Lampe, welche die Hand Gottes ſelbſt am Gewölbe des Firmamentes auf⸗ gehängt hat; ihre zierlichen verſtäbten Pilaſter, ein Wun⸗ der korinthiſcher Architektur, zeichneten ſich in ihrer ganzen Gracie und in ihrer ganzen Reinheit; die Naja⸗ den, dieſe zu Frauen gemachten Waſſertropfen, die der Chevalier Bernin ſo ſehr angeſtaunt, die ſchönen Naja⸗ den mit den milden, lieblichen Umriſſen ſchienen ihre Draperien von ſich zu ſchieben und in das Baſſin des hinabzuſteigen, um ihre kleinen Füße darin zu aden. Die zwei jungen Leute nahmen ſich trotz der ſocia⸗ len Entfernung, welche die Verſchiedenheit der Rangſtu⸗ fen zwiſchen ihnen feſtzuſtellen ſchien, beim Arm und traten in die Rue Saint⸗Denis auf der Seite des Juſtiz⸗ palaſtes ein. Als ſie auf dem Platze des Chateiet an⸗ langten, blieben ſie ſtehen; der Strom floß zu ihren Füßen; Notre⸗Dame erhob ſich vor ihnen mit der Maje⸗ ſtät der unbeweglichen Dinge; die Sainte Chapelle ragte mit ihrem gezackten Kamme über den Häuſern empor, wie Leviathan über den Wogen. Sie hätten ſich mitten im Paris des fünfzehnten Jahrhunderts glauben können. Um die Illuſion zu vermehren, kam überdies ein Schwarm junger Leute in Coſtumen aus der Zeit von Karl VI. auf dem Quai de Govres herbei: ſie ſchrieen aus vollem Halſe: „Es iſt zwei Uhr vierzehn Minuten; wir ſind ruhig; Pariſer, ſchlafet!“ Und in der That, nichts verhinderte, zu glauben, es ſei eine von den Truppen Unzufriedener, welche die Bür⸗ gergemeinde, die oberlehensherrliche Eigenthümerin des Schlachthauſes von Paris, von Zeit zu Zeit an König Karl VI. abſandte, um ihm neue Conceſſionen zu ent⸗ reißen. Es waren die Gois, die Tibers, die Lhuillier, die Meulott, mit Cabache, dem furchtbaren Schinder, an ihrer Spitze. Sie ſchienen ſpazieren zu gehen und, um die Un⸗ ordnungen anzufangen, nur auf den Untergang des Mon⸗ des oder das Aufſtehen des Königs zu warten. Unſere zwei jungen Leute ließen die Maskerade an ſich defiliren, gingen raſch über den Pont au Change und kamen auf den kleinen Platz, der zwiſchen dem Pont Saint⸗Michel und der Rue de la Harpe liegt. Etwa dreißig Studenten und Griſetten tanzten, in fantaſtiſche Coſtumes, gekleidet, mit großem Frendengeſchrei um fünf bis ſechs brennende Strohbunde. Jeau Robert, welcher in ſeinen Arbeiten mitten im Studium der Geſchichte von Frankreich begriffen war, ſuchte unwillkürlich mit den Angen den Weichſtein, auf dem ein Kopf ausgehauen, der einen Beutel am Halſe hängen hatte, und der, wie unſere alten Chronik⸗ ſchreiber ſagen, auf dieſem Platze bis zum ſiebenzehnten Jahrhundert blieb. Es ſchien, dieſe jungen Leute, welche faſt alle das Coſtume des Mittelalters trugen, das ſich großer Gunſt zu erfreuen anfing, ſeien nur hieher gekommen, um vier⸗ nitten nnen. ein t von rieen uhig; n, es Bür⸗ n des König ent⸗ illier, r, an e Un⸗ Mon⸗ de an hange Pont n, in eſchrei en im war, , auf am ronik⸗ ehnten le das Gunſt vier⸗ 73 hundert Jahre nach dem Ereigniß gegen den gräßlichen Verrath zu proteſtiren, deſſen Andenken dieſer Platz zurückruft. Es geſchah in der That in einer friedlichen Nacht, in einer Nacht erleuchtet von einem Monde ſo glänzend als der, welcher in dieſem Augenblick ſchimmerte, Mor⸗ gens um zwei Uhr, das heißt zu derſelben Stunde, daß, am 12. Juni des Jahres 1418, Peérinet Leclerc ſeinem Vater unter dem Kopfkiſſen ſeines Bettes hervor die Schlüſſel des Saint⸗Germain⸗Thores ſtahl und die Stadt achthundert Leuten des Herzogs von Burgund öffnete, welche außerhalb der Manern unter der Anführung von Villiers. Herrn der Isle⸗Adam, warteten. Alles, was in die Hände der burgundiſchen Ritter fiel, Weiber, Kinder, Greiſe, wurde ohne Gnade und Barmherzigkeit umgebracht. Die Biſchöfe von Cou⸗ tances, von Saintes, von Bayeux, von Senlis, von Evreux wurden in ihrem Bette ermordet, der Conne⸗ table und der Kanzler aus ihren Häuſern geriſſen und zuſammengehauen, ſodann ihre Glieder umhergeſtreut und ihre Köpfe durch die Straßen geſchleppt. Die Schlächterei dauerte acht Tage; nach acht Tagen vertrieben die Pariſer die Burgunder und blieben Herren der Stadt. Man ſuchte dann den Verräther, die Urſache zugleich dieſer Schande und dieſes Unglücks; man durch⸗ wühlte ganz Paris von unten bis oben, um Peérinet Leclerc zu finden. Périnet Leclerc war verſchwunden, und man hörte nie mehr etwas von ihm. Ein Bildhauer Meiſter verfertigte in der Eile ein plumpes Bild vom Verräther, und nachdem die Menge die Büſte von Haus zu Haus, von Thüre zu Thüre ge⸗ tragen hatte, nachdem man ſie an die Backen geſchlagen und ihr ins Geſicht geſpieen, haute derſelbe Meiſter den Iudas des fünfzehnten Jahrhunderts mit ſeinem Beutel am Halſe auf dieſem Weichſteine aus, wo ihn die alten Hiſtoriker geſehen. Dieſe Erinnerung war es, was Jean Robert be⸗ ſchäftigte, deſſen Augen die buntſcheckige, muntere, durch den vorübergehenden Reflex der Flammen beleuchtete Gruppe verlaſſen hatten, um im Halbſchatten der Ecken und im Schatten der Straßen zu forſchen; er fragte ſich halblaut: „Ich möchte wohl wiſſen, wo dieſer Weichſtein war?“ „An der Ecke des Platzes und der Straße Saint⸗ André⸗des⸗Arcs,“ erwiederte Salvator, als wäre er vom erſten bis zum letzten Worte im Geiſte von Jean Robert dem Monolog gefolgt, dem ſeine Frage als Schluß diente. „Woher wiſſen Sie eine Sache, die ich nicht weiß?“ fragte Jean Robert. „Vor Allem iſt dieſes Erſtaunen ein wenig an⸗ maßend!“ verſetzte Salvator lachend.„Glauben Sie, mein Herr Dichter, es ſeien immer die Leute, deren Handwerk es iſt, zu wiſſen, welche wirklich wiſſen? Mir ſchien, die Unwiſſenheit Ihres Freundes Ludovic über den Baldrian hätte Ihnen als Lection dienen müſſen.“ „Entſchuldigen Sie mich,“ erwiederte Jean Robert, „das Wort iſt mir entſchlüpft; es wird mir nicht mehr geſchehen. Ich fange an wahrzunehmen, daß Sie alle Dinge wiſſen.“ „Ich weiß nicht alle Dinge,“ entgegnete Salvator; „doch ich lebe mit dem Volke, das die ganze Welt iſt, das die alte Fabel von Argus mit den hundert Augen, von Briareus mit den hundert Armen verwirklicht; das ſtärker iſt als die Könige, und mehr Geiſt hat als Herr von Voltaire! Nun denn, eine von den guten Eigen⸗ ſchaften oder von den Fehlern dieſes Volkes iſt das Gedächtniß, und beſonders das Verräthereien rächende Ge⸗ dächtniß. Ein Verräther, den die Könige wieder in Ehren eingeſetzt und mit Orden sbändern bedeckt haben, dem die alten be⸗ durch chtete Ecken ragte ar?“ aint⸗ re er Jean als iß?“ an⸗ Sie, eren Mir über bert, mehr alle tor; iſt, gen, das Herr gen⸗ das Ge⸗ hren die 75 Ariſtokratie wieder ihre Thüre geöffnet hat, den die Bour⸗ geviſie im Vorübergehen grüßt, iſt immer ein Verräther für das Volk; für die übrige Geſellſchaft wieder der Name eines ehrlichen Menſchen geworden, iſt ſein Name für das Volk immer ein ehrloſer Name, ein verfluchter Name, kurz ein Verräthername. Und die Zeit iſt viel⸗ leicht nicht fern,“ fügte Salvator mit einer düſteren Miene bei, welche einen Augenblick ſeiner Phyſiognomie einen Ausdruck verlieh, deſſen man ſie nicht fähig ge⸗ halten hätte,„die Zeit iſt vielleicht nicht fern, wo Sie ein Beiſpiel von dem, was ich Ihnen hier ſage, haben werden. Nun wohl, dieſer Name von Peérinet Leclerc, deſſen ſich nur die Gelehrten in den hohen Klaſſen der Geſellſchaft erinnern, ohne daß das Volk viel, als Detail, von dem Verrathe weiß, den er ins Gedächtniß zurück⸗ ruft,— iſt eine der verfluchten Erinnerungen des Volks, um ſo mehr verflucht, als die Rache nicht befriedigt werden konnte, als die Strafe das Verbrechen nicht ge⸗ ſühnt hat, und als die Vorſehung, diesmal, wie ein eingeſchlafener oder verkaufter Richter, die Augen ge⸗ ſchloſſen zu haben ſcheint, um den Schuldigen durch⸗ ſchlüpfen zu laſſen... Kommen Sie!“ Salvator ſchlng den Weg durch die Rue Saint⸗ André des⸗Ares ein. Robert folgte dem ſeltſamen Manne, den der Zu⸗ fall zu ſeinem Führer gemacht hatte, und ging mit ihm durch die öde, düſtere Straße. Zwiſchen der Rue Macon und der Place Saiut⸗ André⸗des⸗Arcs blieb der Gefährte des Dichters vor einem kleinen, weißen, reinlichen, aber ſchmalen Hauſe, das nur drei Fenſter in der Fronte hatte, ſtehen. Eine eichenholzfarbig angemalte kleine Thüre ge⸗ währte den Eingang in dieſes Haus. Salvator zog einen Schlüſſel aus der Taſche und ſchickte ſich an, einzutreten. „Es iſt alſo ausgemacht, daß wir den Reſt der 76 Nacht mit einander zubringen?“ ſagte er zu Jean Robert. „Sie haben es mir angeboten, ich habe es ange⸗ nommen; wollen Sie Ihr Anerbieten zurücknehmen?“ „Nein, Gott ſei Dank! Doch was wollen Sie? ſo wenig ich auch bin, ich habe zwei Weſen welche über meine Abweſenheit beſorgt würden, wenn ſich meine Ab⸗ weſenheit über eine gewiſſe Gränze hinaus verlängerte: dieſe zwei Weſen ſind eine Frau und ein Hund.“ „Beruhigen Sie dieſelben; ich werde Sie hier er⸗ warten.“ „Geſchieht es aus Discretion, daß Sie es aus⸗ ſchlagen, hinaufzugehen? Dann hätten Sie Unrecht: ich bin einer von den Geheimnißvollen, welche nichts ver⸗ bergen, und die der Sonne trotzend unbekannt bleiben. Iſt es nicht ein Wort von Talleyrand, daß an dem Tage, wo ein Diplomat die Wahrheit ſage, er alle Welt täuſchen werde? Ich bin dieſer Diplomat; nur habe ich nicht die Mühe, eine Welt zu täuſchen, die ſich nicht um mich bekümmert.“ „Dann„“ erwiederte Jean Robert, welcher vor Be⸗ gierde, hinaufzugehen, um das Hausweſen des Commiſ⸗ ſärs zu ſehen, brannte,„dann, wie die Italiener ſagen: Permesso?“ „Si,“ antwortete Salvator in vortrefflichem Tos⸗ caniſch:„sottante vederete il cane, ma non la signora!“ Die Thüre öffnete ſich, und die zwei jungen Leute traten in den Gang ein. „Warten Sie, daß ich Ihnen Licht mache,“ ſagte Salvator. Und er zog aus ſeiner Taſche ein Phosphor⸗Feuer⸗ zeug und ſchickte ſich an, ein Zündhölzchen einzutauchen; plötzlich aber erſchien oben auf der Treppe ein Licht und ließ ſeine Strahlen längs der Wand herabfallen. Dann vernahm man eine ſanfte Stimme, welche fragte: „Be wan ich: blick Tre) hero ſale ſchm Mat zuſt „laf Her den ein als ſagt geki ſirer Dic den hab Ber wen Jean ange⸗ Sie? über Ab⸗ erte: r er⸗ aus⸗ ich ver⸗ iben. dem Welt e ich tm nmiſ⸗ gen: Tos⸗ ra! Leute ſagte euer⸗ chen; und elche 77 „Biſt Du es, Salvator?“ „Ja, ich bin es,“ erwiederte der junge Mann. „Bei meiner Treue,“ fügte er bei, indem er ſich um⸗ wandte,„nicht Sie waren es, der ſich täuſchte, ſondern ich: Sie werden die Frau und den Hund ſehen.“ Der Hund war derjenige, welchen man zuerſt er⸗ blickte; auf die Stimme ſeines Herrn war er nach der Treppe geſprungen, deren Stufen er wie ein Wetterwirbel herabkam. Vor ſeinem Herrn angelangt, legte dieſem das coloſ⸗ ſale Thier ſeine Vorderpfoten auf die Schultern, drückte ſchmeichelnd ſeinen Kopf an die Wangen des jungen Mannes, und fing an kleine Schreie der Zärtlichkeit aus⸗ zuſtoßen, wie es ein King⸗Charles hätte thun können. „Es iſt gut, Roland, es iſt gut!“ ſagte Salvator: „laß mich paſſiren; Du ſiehſt wohl, daß mir Deine Herrin Fragola etwas zu ſagen hat!“ Doch der Hund, der Jean Robert erblickte, ſtreckte den Kopf über die Schulter ſeines Gebieters und ließ ein Knurren vernehmen, das übrigens mehr eine Frage, als eine Drohung war. „Es iſt ein Freund, Roland; ſei alſo vernünftig,“ ſagte Salvator. Und nachdem er den Hund auf ſein ſchwarzes Maul geküßt, wiederholte er: „Vorwärts! laß mich paſſiren, Roland!“ Roland trat auf die Seite, ließ ſeinen Herrn paſ⸗ ſiren, beroch Jean Robert im Vorübergehen, leckte dem Dichter die Hand und nahm hinter ihm, als wollte er den Zug ſchließen, ſeinen Rang auf der Treppe. Jean Robert hatte auf Roland einen raſchen Lieb⸗ haberblick geworfen. Es war ein herrliches Thier von der Race der St. Bernhardshunde, halb Dogge, halb Reufundländer, das, wenn es ſich auf den Hinterpfoten erhob, fünf und einen 78 halben Fuß hoch ſein mochte; ſeine Haare hatten die Farbe des Löwen. Dieſe Bemerkungen wurden zwiſchen dem Erdge⸗ ſchoße und dem erſten Stocke gemacht; hier verließen alle Beobachtungen von Jean Robert den Hund und wandten ſich gegen Fragola. Es war eine junge Frau von ungefähr zwanzig Jahren, deren lange, blonde Haare das bleiche und fanfte Geſicht umrahmten, unter deſſen Haut man roſige Tinten von einer reizenden Feinheit erblickte; die Kerze, die ſie in einem Kriſtallleuchter in der Hand hielt, be⸗ leuchtete ihre großen, azurblauen Angen, und ihr lächeln⸗ der, halb geöffneter Mund ließ zwei Reihen Perlen unter Lippen ſo roth wie friſche Kirſchen ſehen. Ein kleines Muttermahl unter dem rechten Ange, von den Frauen des Volkes ein Wunſch genannt, nahm in gewiſſen Jahreszeiten die Farbe einer kleinen Erdbeere an und hatte ihr wohl den poetiſchen Namen Fragola eingetragen, der ganz gemacht war, um Jean Robert zu ergreifen. Die Gegenwart des Letzteren hatte ihr Anfangs⸗ wie Roland, einige Beſorgniß eingeflößt; doch ſie war, wie Roland, beruhigt worden durch die Antwort:„Es iſt ein Freund.“ Sie fing alſo damit an, daß ſie Salvator eine lächelnde Stirne darbot, auf die der junge Mann zärt⸗ lich, wir möchten beinahe ſagen, ehrfurchtsvoll ſeine Lip⸗ pen drückte. Sie wandte ſich ſodann an Jean Robert und ſagte mit einem reizenden Lächeln: „Freund meines Freundes, ſeien Sie willkommen!“ Und während ſie dem Dichter mit einer Hand leuch⸗ tete, kehrte ſie, mit der anderen den Hals von Salvator umſchlingend, ins Zimmer zurück. Jean Robert folgte ihnen. ſtehe fen nie r Aus Stin din Freu Auge gina zuſan gen, gens * dahin die dge⸗ ßen und nzig und oſige erze, be⸗ hen⸗ nter luge, iahm beere gola rt zu angs, war, „Es eine zärt⸗ e Lip⸗ ſagte nen!“ leuch⸗ lvator 79 Nur blieb er discret in einer erſten kleinen Stube ſtehen, die als Speiſezimmer zu dienen ſchien. „Ich hoffe, Du biſt nicht aus Beſorgniß nicht ſchla⸗ fen gegangen?“ fragte Salvator;„ich würde mir das nie verzeihen, mein Kind.“ Der junge Mann ſprach dieſe Worte mit einem Ausdruck, der etwas Väterliches hatte. „Nein,“ erwiederte das Mädchen mit einer ſanften Stimme;„doch ich habe einen Brief von jener Freun⸗ din bekommen, von der ich zuweilen mit Dir ſprach.“ „Von welcher?“ verſetzte Salvator;„Du haſt drei Freundinnen, von denen Du oft ſprichſt.“ „Du könnteſt ſagen, ich habe vier.“ „Ja, das iſt wahr... Nun, von welcher iſt im Augenbick die Rede?“ „Von Carmelite.“ „Sollte ihr ein Unglück zugeſtoßen ſein?“ „Das ahnet mir. Wir ſollten uns, ſie, Lydie, Re⸗ gina und ich, morgen in der Meſſe von Notre⸗Dame zuſammenfinden, wie wir dies alle Jahre zu thun pfle⸗ gen, und ſtatt deſſen gibt ſie uns auf ſieben Uhr Mor⸗ gens Rendez⸗vous.“ „Wo dies 2“ Fragola lächelte. „Sie verlangt von uns Geheimhaltung, mein Freund.“ „Oh! bewahre das Geheimniß!“ ſagte Salvator. „Ein Geheimniß! Du kennſt meine Anſicht hierüber: das iſt die heilige Arche!“ wandte ſich ſodann gegen Jean Robert um und ach: In einem Augenblick gehöre ich Ihnen.. Ken⸗ nen Sie Neapel?“ „Nein; doch ich hoffe in den nächſten paar Jahren dahin zu gehen.“ „Nun, ſo unterhalten Sie ſich damit, daß Sie die⸗ 80 ſes kleine Speiſezimmer anſchauen: es iſt eine ſehr ge⸗ me naue Erinnerung an das des Hauſes vom Dichter in feit Pompeji, und wenn Sie zu Ende ſind, plandern Sie zie, mit Roland.“ übe Nachdem er ſo geſprochen, trat Salvator mit Fra⸗ geſe gola in das zweite Zimmer ein, deſſen Thüre er hinter ſich ſchloß. ſieb Ung ſche von dige dige X. Fle vera Plauderei eines Dichters mit einem Hunde. ſle Als Jean Robert allein war, nahm er die Kerze ausg und näherte ſie den Wänden des Speiſezimmers, indeß zurü Roland ſich mit einem Seufzer der Zufriedenheit auf ſchöp einen Teppich legte, der guer vor der Thüre ausgebrei⸗, für t der junge Mann und das Mädchen deſto tet war, durch die ſ entfernt hatten, was ſein gewöhnliches Lager zu ſein IJuge chien. Eine Zeit lang mochte Jean Robert das Licht imm Auge merhin an die Wand halten, er ſah nichts; ſeine Augen einen ſchauten gewiſſer Maßen im Innern, ſeine Erinnerungen deckte zogen zwiſchen ihm und dem, was er vor ſich hatte, die m durch. Was ſeine Augen ſahen, das war in dieſem vel⸗ Dichte lorenen Quartier oben auf der düſteren Treppe das tiven ſchöne Mädchen, das ſich mit ſeiner Kerze in der Hand 2 herabneigte; es waren dieſe langen Haare mit den gol menn denen Reflexen, es waren dieſe herrlichen blanen Augen Landſe die ein Wiederſchein des Himmels, ſelbſt wenn der Him Fenſte Die„ 6 ge⸗ in Sie Fra⸗ inter Kerze indeß t auf ebrei⸗ idchen n ſein tim⸗ Augen ungen hatte, nver⸗ das Hand n gol⸗ lugen, Hin⸗ 81 mel nicht mehr da; das war dieſe durchſichtige Haut ſo fein wie ein Roſenblatt; das war dieſe unendliche Gra⸗ zie, welche zuweilen beim Menſchen oder beim Thiere ein übermäßig langer Hals verleiht: beim Thiere im Schwa⸗ nen, im Menſchen bei Raphael; es war dieſer ganze geſchmeidige Körper, auf dem, man fühlte dies, die fiebernde Hand der Krankheit oder die eiſige Hand des Unglücks gelaſtet haben mußte; es war endlich dieſe Er⸗ ſcheinung von Fragola, nicht minder wunderbar, als die von Salvator, wobei die eine die andere zu vervollſtän⸗ digen ſchien, um in den Augen des Dichters einen leben⸗ digen und belebten Traum zu machen. Alles dünkte ihm ſeltſam bis auf das carminrothe Fleckchen unter dem Auge, das Salvator wahrſcheinlich veranlaßt hatte, dem Mädchen den Namen Fragola zu geben, was wieder das reizende Diminutiv Frago⸗ letta gab. Sodann hatte der Name Regina, den das Mädchen ausgeſprochen, im Dichter eine ariſtokratiſche Erinnerung zurückgerufen, welche in keiner Beziehung zu den Ge⸗ ſchöpfen von niedriger Lage ſtehen konnte, mit denen er für den Angenblick ſein Leben verbunden, die aber nichts⸗ deſtoweniger in ſeinem Herzen die ſonorſten Faſern der Jugend vibriren gemacht. Allmälig aber wurde der Schleier, den er vor den Angen hatte, immer durchſichtiger, und er fing an durch einen Nebel die Bilder zu ſehen, welche die Wand be⸗ deckten. Die artiſtiſche Seite gewann die Oberhand über die myſteriöſe, die Wirklichkeit über den Traum; der ichter war vor einer der genauſten Copien der decbra⸗ tiven Malerei des Alterthums. Die vier großen Theile der Wand enthielten Rah⸗ men mit Gehäuſen umgeben: jeder Rahmen ſtellte eine Landſchaft durch die Säulen eines Periſtyls oder die enſter eines Zimmers geſehen vor. Die Mohicaner von Paris. 1. 6 Die Gehäuſe ſtellten alle jene Phantaſien vor, welche die archäologiſche Wiſſenſchaft ſeitdem populär gemacht hat, ſo die Stunden des Tages und der Nacht, die Tänzer, die Grille zwei Schnecken, die an ihren Wagen geſpannt, führend, die Tauben aus derſelben Schaale trinkend u. ſ. w. Das Ganze war mit vollkommenem Geſchmack und einer Treue des Tons, die den Coloriſten bezeichnete, copirt. Das wäre ein neues Erſtaunen für Jean Robert geweſen, hätte ihn etwas von Seiten ſeines neuen und ſeltſamen Freundes in Erſtannen ſetzen können. Er ſtellte alſo nicht erſtannt, ſondern nachdenkend, zuerſt ſeinen Leuchter auf den Tiſch, der einen Umfang von nur fünf bis ſechs Fuß mitten im Zimmer bildete und ſetzte ſich ſodann auf einen Stuhl. Dann richteten ſich ſeine Angen unbeſtimmt auf die verſchiedenen Gegenſtände des Speiſezimmers, und ſe verweilten am Ende auf dem Hunde. Er erinnerte ſich der Worte von Salvator:„Wenn Sie zu Ende ſind, plandern Sie mit Roland.“ Und er lächelte bei dieſer Erinnerung. Dieſe Worte, die einem Andern vielleicht ein ſchlech⸗ ter Spaß geſchienen hätten, erſchienen ihm als eine ganz natürliche Empfehlung; ſie hatten ihm eine Sym⸗ pathie mehr zwiſchen ihm und ſeinem neuen Freunde geoffenbart. Jean Robert, ein naives Herz, zart und gnt, glaubte in ſeinem Stolze nicht, Gott habe für die Menſchen allein die Ausgabe einer Seele gemacht: wi die Dichter des Orients, wie die Brahminen Indiens, war er nahe daran, zu glauben, das Thier ſei eine ein⸗ geſchlafene oder bezauberte Seele, welche an den Ufen des Ganges den Zauber der Natur, bei den Orcider⸗ talen die Magie der großen Circe erdulde. Oft hatte er ſich den Menſchen in der Kindheit der Welt vorge ſtellt ſeine hatte die 2 gewe gedie ware dama ihrem ſie, d achter mit ſ gen. der die ſi der L macht Sonn er F Ochſen Fichter ſtörte mit il Thiere zu ſag prac herabl c ₰ Kindhe berührt Bellen den, u zuweile Zuckerſ laſſen. vor, pulär N acht, ihren ſelben k und chnete, Kobert n und nkend, mfang ildete uf die nd ſie „Wenn ſchlech⸗ ls eine Sym⸗ reunde d gnt, ür die t: wie ndiens, ne ein⸗ Ufern cciden⸗ t hatte vorge⸗ 83 ſtellt, den Menſchen, dem in der Schöpfung die Thiere, ſeine untergeordneten Brüder, vorangegangen, und es hatte ihm dann geſchienen, es ſeien die Thiere, und ſogar die Pflanzen, die untergeordneten Schweſtern der Thiere, geweſen, welche der Menſchheit als Führer und Lehrer gedient. Nach dem dankbaren Traume ſeines Geiſtes waren es die Weſen, die wir heute leiten, welche uns damals führten, welche unſere ſchwankende Vernunft mit ihrem ſchon befeſtigten Inſtincte lenkten, die uns riethen, ſie, dieſe Kleinen und dieſe Einfachen, die wir heute ver⸗ achten! Und in der That, ſagte der Dichter, wenn er mit ſich ſelbſt ſprach, der Boabab, der damit angefan⸗ gen. daß er ein Baum geweſen, der ein Wald geworden, der Jahrhunderte wie eine Kette von großen Greiſen, die ſich an der Hand halten, hat vorüberziehen ſehen; der Wandervogel, der mit jedem Flügelſchlage eine Meile macht, und der alle Länder geſehen; der Adler, der der Sonne ins Antlitz ſchaut, vor welcher wir die Blicke nieder⸗ ſchlagen; der Nachtvogel mit den Gluthaugen, der in der Finſterniß fliegt, wo wir ſtraucheln; die großen Ochſen, welche unter den grünen Eichen oder den dunklen Fichten wiederkäuen und mit den Füßen auf eine zer⸗ ſtörte Civiliſativn in den weiten Campagnen von Rom mit ihren breiten, fahlen Horizonten treten; alle dieſe Thiere ſollten nicht etwas Unbekanntes dem Menſchen zu ſagen haben, wenn es dem Menſchen gelänge, ihre Sprache zu verſtehen, und wenn er ſie zu befragen ſich herabließe? Jean glaubte ſich zu entſinnen, er habe in ſeiner Kindheit mit ſeiner Hand die allgemeine Verbrüderung berührt; er war überzengt, er habe eine Zeit lang das Bellen junger Hunde, den Geſang kleiner Vögel verſtan⸗ den, und ſogar den Wohlgeruch der Roſeninbſpen, die er zuweilen, in dem Augenblick, wo ſie ſich erſchloßen, die bheeie die ihm ſeine Mutter gegeben, wollte eſſen aſſen. 84 Sodann, wie er groß geworden, hatte es ihm ge⸗ ſchienen, dieſer faſt menſchliche Verſtand, den er als Kind bei den Thieren und bei den Pflanzen gefunden, ſei verſchwunden und habe ſich verwirrt, wie der Hanf, den die Poltergeiſter am Rocken des bretoniſchen Mädchens verwirren, das ihn, der vergeblichen Arbeit müde, in ſeiner Ungeduld ins Feuer wirft. Was hat dieſe rährende Einigkeit gebrochen, die den Menſchen mit dem Thiere und der Pflanze, d. h. mit dem Demüthigen und dem Einfachen verband? Die Hoffart! Das war der Unterſchied zwiſchen der orientalen Welt und der occidentalen. Indien, auf das der Euroväer immer zurückkommen muß, ſo oft er, ſeines ſtreitſüchtigen Occidents müde, ſeine Seele wieder in den Urquellen zu ſtärken nöthig hat; Indien, dieſe gemeinſchaftliche Mutter des Men⸗ ſchengeſchlechts; Indien, unſere majeſtätiſche Ahnfrau, wurde für ſein zartes Mitleid dadurch belohnt, daß es fruchtbar blieb: ſein Symbol iſt die nährende Kuh. Kriege, Mißgeſchicke, Knechtſchaften gehen über daſſelbe ſeit dreitanſend Jahren hin, und ſeine unverſiegbare Bruſt iſt immer bereit, dreihundert Millionen Menſchen, Eingeborene und Fremde, zu ſtillen. So iſt es nicht mit unſerer armen occidentalen Welt, mit unſerer kargen griechiſchen und lateiniſchen Civiliſation geweſen. Die griechiſche Stadt, die römiſche Stadt haben die Kunſt vergöttlicht und die Natur ihrer Würde entſetzt; ſie machten aus den Menſchen Sklaven ſie nannten die Thiere Beſtien; ſie zwangen die Erde auszugeben, ohne daß ſie darauf bedacht waren, der Erde neue Kräfte zu verleihen. Eines Tags fand ſich Athen eine Ruine, Rom eine Wüſte; es waren herrlich Wege da, auf denen Niemand mehr reiſte, Triumpt⸗ bögen, welche bei Nacht die Schatten der Heere⸗ geführ von den Schatten der Triumphatoren, vorüberziehen ſahen, und Waſ welc rührt die f alte ters an d plau mit ihm des die„ oder raſch des ſeiner blieb e nen die dem Gemt vator ſtehen . nge⸗ Kind „ ſei „den chens i ie den mit ntalen mmen müde, öthig Mer⸗ nfrau, aß es Kuh. ſſelbe gbare ſchen ntalen iſchen miſche ihrer laven Erde, „du id ſic rrliche umph eführ ſahen, 85 und Meilen lange Aquäducte, die fortwährend das Waſſer der Flüſſe nach den ſtummen Städten führten, welche keine Einwohner mehr zu tränken hatten. Und alle dieſe Ideen, welche drei Civiliſationen auf⸗ rührten und durch die elektriſche Kette des Gedankens, die ſie der modernen Welt offenbart, in ihrem Grabe die alte Welt beben machten, erwachten im Geiſte des Dich⸗ ters beim Anblick des Hundes und bei der Erinnerung an die Worte von Salvator:„Wenn Sie zu Ende ſind, plaudern Sie mit Roland.“ Jean Robert war mit dem Anſchauen und ſogar mit dem Denken zu Ende; er rief alſo Roland, um mit ihm zu plaudern. Als ſein Name mit dem kurzen, entſchiedenen Tone des Jägers ausgeſprochen wurde, richtete Roland„der, die Schnauze zwiſchen ſeinen Pfoten ausgeſtreckt, ſchlief, oder vielmehr ſich den Anſchein gab, als ſchliefe er, raſch den Kopf auf und ſchaute Jean Robert an. Jean Robert ſprach zum zweiten Male den Namen des Hundes aus und ſchlug dabei mit ſeiner Hand auf ſeinen Schenkel. Der Hund erhob ſich auf ſeine Vorderpfoten und blieb auf die Weiſe der Sphinxe hocken. Jean Robert wiederholte zum dritten Male ſei⸗ nen Ruf. Der Hund kam auf ihn zu, legte ſeinen Kopf auf die Kniee des Dichters und ſchaute ihn freundlich an. „Armer Hund!“ ſagte Jean Robert mit liebkoſen⸗ dem Tone. Roland ließ ein halb zärtliches, halb klagendes Gemurre hören. „Ah! ah!“ ſprach Jean Robert,„dein Herr Sal⸗ vator hatte Recht: es ſcheint, wir werden uns ver⸗ ſtehen.“ Beim Namen Salvator ließ der Hund ein kleines Gebelle der Freundſchaft vernehmen und ſchaute nach der Thüre. Ro! „Ja,“ ſagte Jean Robert,„er iſt dort im Zimmer neben an, mit Deiner Gebieterin Fragola, nicht wahr, mel Roland?“ leich Roland ging an die Thüre, hielt ſeine Schnauze nur an den Zwiſchenraum, der zwiſchen dem Untertheil der Sei Thüre und dem Boden beſtand, athmete geränſchvoll, wei kam wieder zurück und legte, ſeine lebhaften, verſtändigen, meſſ faſt menſchlichen Augen ſchließend, ſeinen Kopf auf den Schooß des Dichters. Rol „Sehen wir ein wenig, wer unſer Vater und un⸗ ſere Mutter ſind,“ ſagte Jean Robert..„Gib deine Pur Pfote, wenns beliebt.“ Der Hund hob ſeine dicke Pfote auf und legte ſie mit einer Leichtigkeit, welche unmöglich ſchien, in die ariſtokratiſche Hand von Jean Robert. ode Jean Robert unterſuchte die Zwiſchenräume der im Zehen. geſe „Ah!“ ſagte er,„ich vermuthete es... Sehen wir mac unſer Alter.“ drü Und er that die mächtigen Lippen des Thieres aus⸗ mah einander und entblößte hiedurch eine doppelte Reihe furchtbarer, elfenbeinweißer Zähne, welche jedoch in den ger Tiefen des Rachens ſchon ein wenig angegriffen waren. „Ah! ah!“ ſagte Jean Robert,„wir ſind nicht mehr von der erſten Ingend: wären wir eine Frau, ſo tiefe würden wir unſer Alter ſeit zehn Jahren verbergen; wären wir ein Mann, ſo würden wir anfangen es zu das verbergen.“ zwe Der Hund blieb nnempfindlich; es ſchien ihm völlig jung gleichgültig zu ſein, daß Jean Robert ſein Alter wußte⸗ Als der Dichter dies ſah, ſetzte er ſeine Unterſuchung wor fort, in der Hoffnung, zu einem Detail zu gelangen, das auf eine wirkſamere Art die Empfindlichkeit der Nerven„es von Roland reizen würde. gefü ich der immer wahr, nauze il der chvoll, digen, if den d un⸗ deine te ſie in die e der n wir aus⸗ Reihe n den aren. nicht u, ſo rgen; es zu völlig ußte. chung „das erven 87 Dieſes Detail bot ſich bald dem Blicke von Jean Robert. Roland hatte, wie geſagt,— abgeſehen von etwas mehr Länge in ſeinem, unter dem Bauche beſonders, leicht gekräuſelten Haare,— die falbe Haut des Löwen; nur bemerkte Jean Robert an der Flanke der rechten Seite zwiſchen der vierten und fünften Rippe einen weißen Punkt von ſieben bis acht Linien im Durch⸗ meſſer. „Ah! ah!“ fragte er,„was iſt das, mein armer Roland?“ Und er drückte mit der Fingerſpitze auf den weißen Punkt. Roland ſtieß einen Seufzer aus. „Ei! eine Narbe!“ ſagte Robert. Es war Robert nicht unbekannt, daß die Wunden oder die Brandmahle das färbende Hel zerſtören, das im Haargewebe kreiſt; er hatte in den Geſtüten Rappen geſehen, denen man einen Stern dadurch auf die Stirne machte, daß man ein glühend heißes Inſtrument darauf drückte; er begriff, daß hier eine Wunde oder ein Brand⸗ mahl war. Eher eine Wunde als ein Brandmahl, da der Fin⸗ ger eine Narbe erkannte. Er ſchaute nach der linken Flanke. An der linken Flanke trug Roland, nur ein wenig tiefer, eine ähnliche Narbe. Robert drückte mit dem Finger darauf, wie er es das erſte Mal gethan hatte; der Hund ſtieß bei dieſem zweiten Drucke einen ſchmerzlichen Seufzer aus, der dem jungen Beobachter durch die Narbe der Rippe erklärt wurde. Auf der linken Seite war die Rippe gebrochen worden. „Ah! ah! mein ſchöner Roland,“ ſagte der Dichter, „es ſcheint, wir haben, wie unſer Homonyme, Krieg geführt.“ 88 Roland hob den Kopf empor, öffnete halb das un Maul und gab ein Gebelle von ſich, das Jean Robert an bis in die Tiefe der Adern ſchauern machte⸗ Dieſe Klage hatte einen ſo traurigen Charakter, ſal daß Salvator aus dem Zimmer herauskam und Jean Robert fragte: Er „Was iſt denn Roland geſchehen?“ be „Nichts. Sie haben mich mit Roland plaudern Li heißen,“ erwiederte lachend Jean Robert;„ich habe ihn nach ſeiner Geſchichte gefragt, und er war eben im Zuge ſie mir zu erzählen.“ „Und was hat er Ihnen erzählt? Laſſen Sie hören! Ich wäre begierig, die Wahrheit zu erfahren.“ b „Warum ſoll er lügen?“ verſetzte Jean Robert;„es 5 iſt kein Menſch.“ 6 „Ein Grund mehr, daß Sie mir Ihr Geſpräch wie⸗ derholen,“ erwiederte Salvator mit einer Dringlichkeit, di die mit einer gewiſſen Unruhe gemiſcht zu ſein ſchien. „Nun, ſo vernehmen Sie Wort für Wort unſern Dialog. Ich fragte ihn, weſſen Sohn er ſei: er ant⸗ wortete mir, er ſei gekreuzt von einem St. Bernhards⸗ d hunde und einem Neufundländer; ich fragte ihn nach 5 ſeinem Alter; er antwortete mir, er ſei zwiſchen neun und zehn Jahre alt; ich fragte ihn, woher der weiße 3 Fleck rühre, den er an jeder ſeiner Flanken habe, und lag er antwortete mir, es ſei die Spur einer Kugel, welche S in ſeine rechte Seite eingedrungen und an ſeiner linken Seite, ihm eine Rippe brechend, herausgekommen.“ falt „Ah! ah!“ verſetzte Salvator,„Alles das iſt völlig 6 genau.“ „Deſto beſſer! Das beweiſt, daß ich kein Ihrer diß Lectionen ganz unwürdiger Beobachter bin.“ Zuſ „Das will ganz einfach beſagen, daß Sie Jäger kiege ſind, daß Sie foiglich an der Haut, welche Roland zwi⸗ müſe ſchen den Zehen der Pfoten hat und der Farbe ſeines An Felles ſeine Verwandtſchaft mit dem Schwimmhunde das tobert akter, Jean udern e ihn Zuge ören! wie⸗ chkeit, en. mſern ant⸗ ards⸗ nach neun weiße und elche inken völlig hrer äger zwi⸗ eines unde 89 und dem Gebirgshunde erkannten; daß Sie ſeine Zähne anſchauten und am Hundszahne, von dem die Marke ver⸗ ſchwunden, und an dem etwas beſchädigten Mahlzahne ſahen, daß er nicht mehr markirt; daß Sie die zwei Fle⸗ cken betaſteten und hiebei an der Höhlung der Haut und der Erhabenheit des Knochens fühlten, daß er eine Kugel bekommen, welche auf der rechten Seite eingedrungen, auf der linken Seite herausgekommen war und eine Rippe gebrochen hatte. Iſt das ſo?“ „Ich fühle mich gedemüthigt.“ „Und er hat Ihnen nichts Anderes geſagt?“ „Sie traten getade in dem Augenblicke ein, als er mir erzählte, er habe ſeine Wunde nicht vergeſſen, und bei Gelegenheit werde er ſich wahrſcheinlich desjenigen, welcher ſie ihm gemacht, erinnern. Ich rechne nun auf Sie, daß Sie mir das Uebrige ſagen.“ („Es iſt nur ein Unglück,— und ich geſtehe in dieſem Punkte meine tiefe Unkenntniß: daß ich nicht mehr weiß, als Sie.“ „Wahrhaftig?“ „Als ich eines Tags, vor vier bis fünf Jahren, in der Umgegend von Paris jagte. „Sie jagten?“ Wilderte, wollte ich ſagen: ein Commiſſionär jagt nicht Ich fand dieſes arme Thier in einem Graben; es war ganz blutig, von einer Kugel durchbohrt, verſcheidend. Seine Schönheit erregte mein Mitleid; ich trug es an eine Quelle und wuſch ſeine Wunde mit kaltem Waſſer, in das ich ein paar Tropfen Branntwein gegoſſen; bei der Pflege, die ich ihm gab, ſchien es wie⸗ dergeboren zu werden. Es erfaßte mich die Luſt, mir dieſes herrliche Thier anzueignen, an welchem, nach dem Zuſtande, in dem ich es fand, ſeinem Herrn wenig zu liegen ſchien; ich brachte es auf den Wagen eines Ge⸗ müſegärtners und kehrte dieſem Wagen folgend zurück. An demſelben Abend und ſogleich nach meiner Ankunft, 90 behandelte ich es wie ich, im Val⸗de⸗Grace, von Flin⸗ tenſchüſſen getroffene Menſchen hatte behandeln ſehen, und ich hatte das Glück, den Hund zu heilen; das iſt Alles, was ich von Roland weiß... Ah! verzeihen Sie, ich irre mich: ich vergaß, daß Roland eine Dank⸗ barkeit für mich hegt, welche Menſchen beſchämen würde, und daß er bereit iſt, ſich für mich und für die Leute, die ich liebe, tödten zu laſſen;— nicht wahr, Roland?“ Bei dieſem Aufrufe gab Roland einen Schrei freudi⸗ ger Beiſtimmung von ſich und legte ſeine zwei Vorder⸗ pfoten auf die Schulter ſeines Herrn, wie er es bei deſſen Ankunft gethan hatte. „Gut, gut,“ ſagte Salvator;„Du biſt ein ſchöner, braver Hund, Roland, das weiß man.. Nieder mit den Pfoten!“ Roland ſetzte ſeine Pfoten auf die Erde und legte ſich wieder quer vor die Thüre, auf denſelben Teppich, wo er lag, als ihn Jean Robert zu ſich rief. „Und nun,“ fragte Salvator,„wollen Sie kom⸗ men?“ „Gern; doch ich befürchte unbeſcheiden zu ſein.“ „Warum?“ „Weil Ihre Gefährtin dieſen Morgen einen Gang zu machen hat und vielleicht auf Ihre Begleitung rechnete.“ „Nein.. Sie haben gehört, daß Sie mir ant⸗ wortete, ſie könne mir nicht ſagen, wohin ſie gehe.“ „Und Sie laſſen ſo Ihre Geliebte an Orte gehen, die ſie Ihnen nicht nennen kann?“ fragte lachend der Dichter. „Wackerer Dichter, erfahren Sie, daß es keine Liebe da gibt, wo kein Vertrauen iſt. Ich liebe Fragola von ganzem Herzen, und ich würde eher meine Mutter bearg⸗ wohnen, als daß ich einen Argwohn gegen ſie hätte.“ „Gut; doch es iſt vielleicht unvorſichtig, allein Mor⸗ ri eir ne die me fra ſeit im wed zang tung ant⸗ hen, der iebe von arg⸗ 91 gens um ſechs Uhr wegzugehen und mit einem Kutſcher aus Paris hinauszufahren.“ „Ja, wenn ſie nicht Roland bei ſich bätte, doch mit Roland laſſe ich ſie die Reiſe um die Welt machen, ohne zu befürchten, es könnte ihr ein Unglück widerfahren.“ „Dann iſt es etwas Anderes.“ Während er ſich ſodann mit einer gewiſſen Coquette⸗ rie in ſeinen Mantel hüllte, ſprach Jean Robert: Sagen Sie.„ich hörte Ihre Gefährtin, von einer ihrer Freundinnen redend, den Namen Regina nennen.“ „Das iſt ein ungewöhnlicher Name.. Ich habe die Tochter eines Marſchalls von Frankreich dieſes Na⸗ mens gekannt.“ „Die Tochter des Marſchalls von Lamothe⸗Hondan?“ fragte Salvator. „Ganz richtig.“ Das iſt die Freundin von Fragola. Jean Robert folgte, ohne ein Wo ſeinem geheimnißvollen Gefährten Er ging von einem Erſtaunen zum andern über. Kommen rt beizufügen, XI. Die Seele und der Leib. Während ſeines zehn Minuten langen Aufenthaltes im Schlafzimmer hatte Salvator völlig die Kleider ge⸗ wechſelt. 9 92 Er war, wie man ſich erinnert, in einem Sammet⸗ anzug eingetreten und kam heraus mit einem lang⸗ haarigen weißen Reberrock, einer bis an den Hals zuge⸗ knöpften, übereinander gehenden Weſte und einer dunkel⸗ farbigen Hoſe. Bei dieſer Kleidung war es nicht mög⸗ lich, genan zu ſagen, welcher Klaſſe der Geſellchaft er angehörte: die Art, wie er dieſe Kleider trüge, die Sprache, die er ſpräche, würden ihm einen Rang in der Geſellſchaft anweiſen. Den Hut auf dem Ohr, war Salvator ein Arbeiter im Sonntagsſtaat; den Hut gerade auf dem Kopf, war Salvator ein Mann der Welt im Negligé. Jean Robert bemerkte Alles: er bemerkte dieſe faſt ungreifbare Nuance. „Wohin wollen wir gehen?“ fragte Salvator, als er ſich wieder mit dem Dichter auf der Straße fand, nachdem er die Thüre ſeines Ganges zugezogen. „Wohin Sie wollen! Haben Sie mich nicht für dieſe Nacht übernommen?“ „Thun wir, was die Alten thaten,“ verſetzte Sal⸗ vator:„werfen wir eine Feder in die Luft und folgen wir derſelben.“ Sie gingen bis mitten auf die Place Saint⸗André⸗ des⸗Arcs. Salvator riß ein Stückchen Papier aus einem kleinen Portefeuille, überließ es dem Winde, und dieſer trug es in der Richtung der Rue Ponpée fort. Die zwei Freunde folgten dem Papier, das vor ihnen flatterte wie einer von den ſchönen Rachtſchmetter⸗ lingen mit den weißen Flügeln; ſie kamen in die Rue de la Harpe. Ein zweites in die Luſt geworfenes Papier deutete ihnen den Weg nach der Rue Saint⸗Jacques an. Sie gingen vor ſich hin, ohne zu wiſſen, wohin ſie gingen; wohin die Plauderei geht, wohin der Traum geht: auf den Zufall, aufs Gerathewohl; ſie gingen ohne ein Ziel, ohne eine beſtimmte Richtung: wohin der Wind met⸗ ang⸗ uge⸗ nkel⸗ ög⸗ — die der eiter war faſt als and, für Sal⸗ lgen dré⸗ nem und vor tter⸗ Rue utete n ſie aum ohne Lind 93 und die Wolke in einer ſchönen Nacht gehen; ſie gingen, um die Schätze ihres Geiſtes auszutauſchen, um die friſchen Blüthen ihrer Seele einzuathmen. Zwei oder dreimal hatte es Jean Robert verſucht, das Geheimniß des myſteriöſen jungen Mannes zu er⸗ gattern, jedes Mal war aber Salvator ſeinen Fragen entwiſcht, wie der Fuchs durch eine geſchickte Finte dem Windhunde entkommt, der ihn verfolgt. Zu un⸗ mittelbar angegriffen, ſagte er endlich: „Was wir ſuchen, iſt ein zu machender Roman, nicht wahr? was ich Ihnen erzählen ſoll, iſt ein beendig⸗ ter Roman? Ihrem Wunſche nachgeben, hieße rückwärts gehen. Gehen wir vorwärts!“ Jean Robert ſah, daß ſein Gefährte unbekannt zu bleiben wünſchte, und drang nicht weiter in ihn. Ueberdies wurde der Ideengang der jungen Leute durch einen Zwiſchenfall geſtört. Mehrere Männer und einige Frauen waren um einen auf dem Pflaſter ausgeſtreckten Menſchen ver⸗ ſammelt. „Er iſt betrunken,“ ſagten die Einen. „Er ſtirbt,“ ſagten die Andern. Der Menſch röchelte. Salvator durchſchnitt die Menge, kniete nieder, hob den Kopf des Menſchen auf, wandte ſich ſodann gegen Jean Robert um und ſagte: „Es iſt Barthélemy Lelong, der von einer Gehirn⸗ congeſtion getroffen ſtirbt, wenn ich ihm nicht auf der Stelle zur Ader laſſe.. Es muß in der Gegend ein Apotheker ſein; klopfen Sie an die Thüre: die Apo⸗ ſind verpflichtet, zu jeder Stunde der Nacht aufzu⸗ ehen.“ Jean Robert ſchaute umher; die zwei jungen Leute waren, ohne daran zu denken, in die Mitte des Faubourg⸗ Saint⸗Jacques, ungefähr auf die Höhe des Cochin⸗ Hoſpitales, gekommen. 94 Dem Hoſpital gegenüber las Jean Robert an einer Art von Laden: Apotheke von Lonis Renand. Es war ihm wenig am Namen des Apothekers ge⸗ legen, wenn uur der Apotheker öffnete. Er klopfte wie ein Menſch, der die Nothwendigkeit der Eile begreiflich machen will. Nach fünf Minuten ächzte die Thüre auf ihren Angeln, Herr Lonis Renand erſchien auf der Schwelle ſeines Magazins, mit einer Barchenthoſe bekleidet, eine baumwollene Mütze auf dem Kopfe, und fragte, was man wolle. „Halten Sie Binden und ein Waſchbecken bereit; es muß einem Menſchen der von einer Gehirncongeſtion bedroht iſt, zur Ader gelaſſen werden.“ Man brachte den armen Zimmermann: er war völlig ohne Bewußtſein. Iſt ein Arzt da, um den Kranken zu behandeln?“ fragte Herr Lonis Renand.„Ich kann nicht zur Ader laſſen und bin mehr Kräuterhändler als Apotheker.“ „Bekümmern Sie ſich um nichts,“ erwiederte Sal⸗ vator;„ich habe Chirurgie ſtudirt und werde die Opera⸗ tion übernehmen.“ „Ich beſitze keine Lancette,“ ſagte der Apotheker. „Ich habe mein Beſteck bei mir,“ verſetzte Sal⸗ vator. Die Menge füllte das Magazin. „Meine Herren,“ rief Salvator,„wollen Sie dieſem Menſchen nützlich ſein?“ „Gewiß, Herr Salvator,“ antwortete einer der Anweſenden, indem er dem jungen Manne die Hand reichte. Salvator nahm die Hand, die ſich gegen ihn aus⸗ ſtreckte, und Jean Robert glaubte den Commiſſionär ein M ſeh Je ſch klo Kr den an wei ihn Ro Ap En Dr Jee „m ohr der arn der ner ge⸗ wie lich ren elle ine vas eit; ion var 2. der al⸗ ra⸗ ſem der and s⸗ ein 9⁵ Maurerzeichen mit dem ihm Unbekannten wechſeln zu ſehen. Einige Stimmen wiederholten leiſe: „Herr Salvator!“ „Nun,“ ſagte der junge Mann, der mehr als je Jean Robert ſeinen prädeſtinirten Namen zu verdienen ſchien,„während ich dieſem Unglücklichen zur Ader laſſe, klopft am Hoſpital an und meldet die Ankunft eines Kranken.“ Drei oder vier Perſonen entfernten ſich, geführt von dem Manne, der mit Salvator geſprochen, und klopften an die Thüre des Hoſpitals. Unterſtützt von den Zurückgebliebenen nahm mittler⸗ weile der Apotheker dem armen Jean Taureau die Halsbinde ab, entkleidete ihn ſeines Wamnſes und zog ihm deu Arm aus ſeinem Hemde. Die Halsadern waren zum Berſten angeſchwollen. „Muß man den Arm umbinden?“ fragte Jean Robert. „Haben Sie Binden bereit?“ fragte Salvator den Apotheker. „Ich will holen,“ erwiederte Lonis Renand. „Preſſen Sie den Arm kräftig über der Ader, Herr Robert; ich hoffe, das wird genügen,“ ſagte Salvator. Robert gehorchte; Einer der Anweſenden nahm das Ende des Armes, ein Anderer nahm das Becken, ein Dritter die Lampe. „Geben Sie wohl auf die Arterie Acht!“ ſagte Jean Robert ein wenig benuruhigt. „Ah! ſeien Sie unbeſorgt,“ erwiederte Salvator „mehr als einmal habe ich bei Nacht zur Ader gelaſſen, ohne ein anderes Licht, als den Mondſchein oder das der Laterne. Solche Unfälle ſind gewöhnlich bei dieſen armen Teufeln und begegnen ihnen immer, wenn ſie ans der Schenke weggehen.“ Er hatte nicht geendigt, als, ehe man ſeine mit der 06 Lancette bewaffnete Hand ſich dem Arme von Barthé⸗ lemy hatte nähern ſehen, das Blut ſchwarz und ſchau⸗ mig hervorſprang. „Teufel!“ ſagte er, den Kopf ſchüttelnd,„es war eit. Die Operation war mit der Leichtigkeit und Hand⸗ fertigkeit eines vollendeten Praktikers gemacht worden. Barthélemy athmete. „Wenn er genug Blut verloren hat, werden Sie es ſagen,“ ſprach der Apotheker, der mit einer Binde herbeikam. „Ah!“ erwiederte Salvator,„wir können ihm ohne Nachtheil entziehen: es fehlt ihm nicht daran... Laſ⸗ ſen Sie fließen!“ Als der Kranke zwei Schälchen Blut verloren hatte, ſchlug er die Augen auf. Der erſte Blick war trübe, glaſig, unverſtändig; allmälig aber hellte ſich ſein Auge auf, der göttliche Strahl erſchien darin. Der Blick von Barthélemy hef⸗ tete ſich auf den Liebhaber⸗Wundarzt. „Oh! gut, Herr Salvator,“ ſagte er,„beim wahr⸗ haftigen Gott! es freut mich, daß ich Sie ſehe.“ „Deſto beſſer, mein lieber Barthélemy!“ verſetzte der junge Mann,„und ich bin auch erfreut, Sie zu ſehen. Es fehlte wenig, daß ich dieſes Vergnügen nicht mehr gehabt hätte.“ „Ah! ah,“ ſagte Barthslemy, der allmälig wieder zum Bewußtſein kam;„Sie haben mir alſo zur Ader gelaſſen?“ „Ja, ich,“ erwiederte Salvator, während er ſorg⸗ fältig ſeine Lancette abtrocknete und in ſein Beſteck ſchob. „Sie wollten alſo nicht meinen Tod?“ „Ich? Aus welchem Grunde ſollte ich Ihren Tod wollen?“ „Ah! da Sie mich die Treppe hinabwarfen, glaubte ich, wol eine Zor öffn ei! fehl ente eine Leb der kopf Dic laſſe falte ſich begr mit kom brech ſie t mit Di rths⸗ chau⸗ war an⸗ en. Sie Zinde ohne Laſ⸗ hatte, dig; tliche hef⸗ vahr⸗ ſetzte ie zu nicht ieder Ader ſorg⸗ ſchob. Tod aubte 97 ich, man thue das nur, wenn man einen Menſchen tödten wolle.“ „Sie ſind ein Narr!“ „Nein, ich begreife, daß man die Leute tödtet, die einen in Zorn bringen, und ich habe Sie dadurch in Zorn gebracht, daß ich mich weigerte, das Fenſter zu öffnen. Doch nachdem ich es hatte ſchließen wollen... ei! Sie begreifen, da konnte ich es ſelbſt auf Ihren Be⸗ fehl nicht mehr öffnen, ohne in meinen eigenen Augen eutehrt zu ſein und dabei hatte dieſer Muscadin eine ſo hoffärtige Miene!“ „Dieſer Muscadin hat mir ſo eben Ihnen das Leben retten helfen, Barthélemy; Sie ſehen alſo, daß er Ihnen ebenſo wenig als ich gehäſſig war.“ Barthélemy wandte ſich um und ſah Jean Robert, der ihn lächelnd anſchaute. „Ah! es iſt bei meiner Treue wahr!“ ſagte er. Jean Robert reichte ihm die Hand und ſprach: „Ohne Groll, mein Freund!“ „Oh!“ erwiederte Barthélemy,„ich bin kein Trotz⸗ kopf, und ſobald Sie mir die Hand bieten...“ „Ich hätte gern hiemit angefangen,“ ſagte der Dichter;„Sie werden mir die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß Sie das nicht wollten.“ „Das iſt wahr,“ verſetzte Barthélemy, die Stirne faltend..„Ein Mann muß ſehr dumm ſein, daß er ſich ſo viel Beſchwerde macht, weil ein Weib. Aber begreifen Sie, Herr Salvator... Sie iſt abermals mit dieſem kleinen Schmächtling von Bobino zurückge⸗ kommen. Ich kann doch das Lumpenkerlchen nicht zer⸗ brechen, und darauf zählte ſie.. Ah! ſie weiß wohl, was ſie thut, die Unglückliche, daß ſie keinen Mann annimmt!“ „Stille, beruhigen wir uns, Barthélemy.“ „Das iſt für Sie leicht zu ſagen, für Sie, der Sie mit einem Engel des guten Gottes leben, Herr Sal⸗ Die Mohicaner von Paris. I. 7 98 vator. Doch Sie verdienen das, in Betracht, daß Sie nur leben, um Gutes zu thun; und man müßte von Gott verlaſſen ſein, um Ihnen Böſes anzuthun!.. Gleich⸗ viel! ſo alt ich bin, ich bin ein guter Vater, und ich verdiene nicht, daß man mir meine Tochter entführt! Seit drei Tagen ſuche ich ſie wie ein Narr; ſie wird ſich irgendwo bei ihrer ſchuftigen alten Mutter verborgen haben; doch bei ihr kann ich ſie unmöglich holen: ſie ſchreit:„„Mörder!““ ſobald ſie mich erblickt, ſo daß ich ihr ſchon zwei Nächte in der Salle Saint⸗Martin ver⸗ danke... Oh! ich würde wohl vier, und dann ſechs, und dann acht Nächte dort zubringen, um meine Tochter, meine kleine Fifine, wiederzuſehen.. Armer Cherub! ſie wird an Sommer⸗Johanni zwei Jahre alt ſein.“ Und der Coloß fing an zu weinen wie ein Weib. „Nun, was ſagte ich Ihnen?“ fragte Salvator Jean Robert, der dieſes ſeltſame Schauſpiel neugierig vetrachtete. „Es iſt wahr,“ erwiederte der Dichter. „Ah! man wird Dir Deine Tochter zurückgeben,“ ſprach Salvator. „Sie werden das thun, Herr Salvator?“ „Wenn ich es Dir verſpreche!“ „Ja, Sie haben Recht, und ich habe Unrecht: ſo⸗ bald Sie verſprechen, iſt es klar, daß Sie halten wer⸗ den... Ah! thun Sie das, Herr Salvator; und wenn es ſein muß. nun, ſehen Sie ich werde Ihnen nicht mehr die Mühe machen, mich die Treppe dinabzuwerfen. Sie ſagen mir:„Jean Taureau, wirf Dich!““ und ich werde mich von ſelbſt hinabwerfen.“ „Herr Salvator,“ ſprach zurückkehrend der Mann, der es übernommen hatte, am Hoſpital anzuklopfen,„es iſt gegenüber offen.“ „Nicht für mich, hoffentlich?“ verſetzte Barthélemh. „Und für wen denn?“ fragte Salvator. „Ah! ich gehe nicht dahin.“ gut reic Ha und hat nen here ſelb zu len vere Fifi Du mach vato iſt d meh théle weg Sie on leich⸗ id ich ührt! wird orgen ſie aß ich ver⸗ ſechs, chter, erub! ſein.“ eib. lwator gierig eben,“ t ſo⸗ n wer⸗ und werde Treppe „wirf Mann, R„„es 6lemy. 99 „Wie, Du gehſt nicht?“ „Ich liebe das Spital nicht, das Spital, das iſt gut für die Bettler, und man iſt, Gott ſei Dank! noch reich genug, um ſich zu Hauſe verpflegen zu laſſen.“ „Ja, nur wird man zu Hauſe ſchlecht gepflegt; zu Hauſe ißt man vor der Zeit, man trinkt vor der Stunde, und wenn man ſich zwei⸗ oder dreimal zu Hauſe gepflegt hat, wie Du Dich pflegſt, ſo geht man an einem ſchö⸗ nen Morgen ins Hoſpital, um nur bei Nacht wieder herauszukommen... Auf, Barthélemy, vorwärts.“ „Ich will nichts vom Spital, ſage ich Ihnen.“ „Wohl, es ſei! Kehre nach Hauſe znrück und ſuche ſelbſt Deine Tochter; Du fängſt an mich verdrießlich zu machen.“ „Herr Salvator, ich werde gehen, wohin Sie wol⸗ len. Herr Salvator, wo iſt das Spital? ich verehre das Spital.“ „So iſt es gut.“ „Doch nicht wahr, Sie werden ihr meine kleine Fifine wieder nehmen?“ „Ich verſpreche Dir, ehe drei Tage vergehen, haſt Du Nachricht von ihr.“* „Was werde ich aber während dieſer drei Tage machen?“ „Du wirſt Dich ruhig verhallen.“ „So bald als möglich, nicht wahr, Herr Sal⸗ vator?“ „Man wird thun, was man kann. Gehe!“ „Ja, ja, ich gehe, Herr Salvator... Ah! das iſt drollig! wo ſind denn meine Beine? ich kann nicht mehr gehen.“ Salvator winkte; zwei Männer näherten ſich Bar⸗ thélemy; er ſtützte ſich auf ſie und ſagte, während er wegging: „Sie haben mir verſprochen, mir ſpäteſtens in drei t von meiner Tochter zu geben, Herr Tagen Nachricht Salvator; vergeſten Sie das nicht.“ Und von der andern Seite der Straße, an der Thüre des Hoſpitals, die ſich hinter ihm ſchließen ſollte, rief der Zimmermann noch einmal: „Vergeſſen Sie nicht meine arme kleine Fifine, Salvator.“ „Sie haben Recht, ſprach Jean Robert,„nicht in der Schenke muß man die Leute ſehen.“ Herr XII. Was man im Faubvurg Saint⸗Jaeques in der Nacht vom Faſchings⸗Dienſtag auf den Aſchermittwoch im Hofe eines Apothekers hörte. Die Operation war beendigt, der Kranke im Ho⸗ ſpital, die jungen Leute hatten ſich nur auf den Weg zu begeben mit dem tröſtlichen Gedanken, daß, würde ſie nicht die Laune erfaßt haben, Morgens um drei Uhr in den Straßen von Paris umherzulaufen, ein Menſch geſtorben wäre, der vielleicht noch dreißig bis vierzig Jahre zu leben hatte. Ehe ſie ſich aber wieder auf den Weg begaben, ver⸗ langte Salvator von ſeinem Wirthe Waſſer und ein Becken, um ſeine von Blut befleckten Hände zu waſchen⸗ Das Waſſer fand ſich im Vorrath, die Waſchbecken waren aber ſeiten bei dem würdigen Apotheker; das ein⸗ ige, das er beſaß, enthielt das aus den Adern des Zimmermanns gezogene Blnt, und Salvator hatte ihn ermahnt, dieſes Blut ſorgfältig aufzubewahren, ume dem Beſ Anf lich waſ Sie Tro dieſe der „ plö Ruh melo Orte dabe der cord Jare ſes woch ſtork zum ten, eines Herr der ollte, Herr ht in htvom ofe n Ho⸗ Weg würde ei Uhr Menſch vierzig n, ver⸗ nd ein aſchen hbecken as ein⸗ ern des tte ihn um es 101 dem Doctor zu zeigen, der am andern Morgen ſeinen Beſuch im Hoſpital machen würde. Das Verlangen des jungen Mannes erſchien alſo Anfangs als eine Indiscretion. Der Apotheker ſchaute rings umher und ſagte end⸗ lich zu Salvator: „Ei! wenn Sie ſich die Hände mit friſchem Waſſer waſchen wollen, gehen Sie in den Hof und waſchen Sie ſich dieſelben am Pumpbrunnen.“ Salvator nahm dies an; es waren auch einige Tropfen Blut auf die Hände von Jean Robert geſpritzi: dieſer folgte ſeinem Freunde. Doch ein äußerſt angenehmer Eindruck hielt ſie auf „der Schwelle der Thüre des Hoſes zurück. Sie ſchanten ſich an. In der That, ihr Erſtannen war groß: ſie hörten plötzlich, in dem Augenblick, wo ſich die Küchenthüre des Apothekers geöffnet, unter dem Schweigen und der Ruhe dieſer heiteren Racht wie durch einen Zauber die melodiſchſten Accorde erklingen. Woher kamen dieſe lieblichen Töne? von welchem Orte? von welchem himmliſchen Inſtrument? Ganz nahe dabei war die hohe Mauer des Kloſters. Entführte der Oſtwind der Orgel der Kirche dieſe bezaubernden Ac⸗ corde, um ſie den ſpärlichen Wanderern der Rue Saint⸗ Jacques zu bringen? War die heilige Cäcilie ſelbſt vom Himmel in die⸗ ſes fromme Haus herabgeſtiegen, um den Aſchermitt⸗ woch zu feiern? Erhob ſich die Seele einer im Alter der Engel ge⸗ ſtorbenen Novize bei den Tönen dieſer göttlichen Harfen zum Himmel? Die Melodie, welche unſere zwei jungen Leute hör⸗ ten, war weder eine Opernarie, noch das heitere Solo eines vom Maskenballe heimkehrenden Muſikers. 102 Es war vielleicht ein Pſalm, ein Kirchenlied, ein Blatt aus einer alten bibliſchen Muſik geriſſen. Das von Rachel, welche ihre Söhne in Rama be⸗ weint und nicht getröſtet ſein will, weil ſie nicht mehr waren. Das war es; denn wenn man dieſe Melodie hörte, glaubte man, wie klagende Schatten als heilige Hym⸗ nen der Kindheit, als religiöſe Melancholien von Se⸗ haſtian Bach und Paleſtrina vorüberziehen zu ſehen. Hätte man dieſer rührenden Fantaſie einen Namen geben müſſen, ſo würde man ſie: Reſignation, ge⸗ nannt haben. Kein mehr oder minder ausdrucksvoller Name hätte ſich beſſer geſchickt. Die Welodie nahm zu Gunſten des Muſikers ein. Der Muſiker mußte melancholiſch und ergeben ſein, wie ſeine Muſik; die zwei jungen Leute hatten gleich⸗ zeitig dieſe Idee. Sie fingen alſo damit an, daß ſie thaten, was ſie hier zu thun beabſichtigten, nämlich, daß ſie die Hände wuſchen, wonach ſie den Mufiker aufzuſuchen feſt ent⸗ ſchloſſen waren. Nachdem die Operation beendigt, brachte ihnen der Apotheker eine Serviette, wogegen ihm Jean Robert, um ihn für die Mühe, die man ihm gemacht, zu ent⸗ ſchädigen, ein Fünf⸗Franken⸗Stück bot. Um dieſen Preis hätte ſich der Apotheker gern drei⸗ mal in der Nacht ſtören laſſen. Er verwickelte ſich auch in Dankſagungen. Als Jean Robert dies ſah, bat er ihn um Er⸗ laubniß, noch einige Augenblicke im Hofe bleiben zu dürfen, um die klagende Melodie zu hören, die ſich ſeihtet mit der Ueberfülle der Improviſation ver⸗ reitete. „Bleiben Sie, ſo lange Sie wollen,“ antwortete der Apotheker. mei we Rie hen St Liv ein be⸗ mehr örte, ym⸗ Se⸗ . amen ge hätte in. ſein, leich⸗ s ſie ände tent⸗ nder obert, ent⸗ drei⸗ n Er⸗ en e ſich n ver⸗ vortete 103 „Doch Sie?“ fragte Jean Robert. „Ah! das beläſtigt mich in keiner Hinſicht, da ich meine Thüre wieder ſchließen und mich zu Bette legen werde.“ „Wie werden wir aber hinaus kommen?“ „Die Hausthüre wird bloß mit der Klinke und dem Riegel geſchloſſen: Sie brauchen nur den Riegel zu zie⸗ hen und die Klinke aufzuheben, und Sie ſind auf der Straße.“ „Wer wird die Thüre wieder ſchließen?“ „Ah! bah! die Thüre! ich möchte ſo viel tauſend Livres Einkommen haben, als ſie im Jahre offen bleibt.“ „So geht Alles gut,“ ſagte Jean Robert. „Ja, Alles geht gut,“ erwiederte entzückt der Apotheker. Dann ſchloß er wieder ſeine Thüre und ließ die zwei jungen Leute als Herren des Hofes zurück. Mittlerweile hatte ſich Salvator einem Fenſter des Erdgeſchoſſes genähert, durch deſſen Läden man Licht erblickte. Offenbar kam aus dem Zimmer, auf das dieſes Fenſter ging, die Melodie. Salvator zog die Läden an ſich: ſie waren innen nicht angehakt und gaben nach. Da erblickten ſie durch eine Oeffnung des Vorhangs einen jungen Mann von ungefähr dreißig Jahren, der einem ziemlich hohen Tabouret ſaß und Violoncell pielte. Obſchon ein Mnuſikheft auf einem Pulte, der vor ihm ſtand, geöffnet war, ſchien doch der junge Mann ſeine zum Himmel aufgeſchlagenen Augen nie auf die Blätter zu ſenken; er ſchien ſogar nicht einmal das Be⸗ wußtſein des Stückes, das er ſpielte, zu haben: ſeine Haltung war die eines Menſchen, der der tieſſten See⸗ lenpein preisgegeben iſt; ſeine Hand führte maſchinen⸗ mäßig den Bogen, doch ſeine Gedanken waren anderswo. 104 Es fand offenbar in ihm ein eniſetzlicher Kampf ſtatt, ohne Zweifel der Kampf des Willens gegen den Schmerz, denn von Zeit zu Zeit verdüſterte ſich ſeine Stirne, und während er die traurigſten Accorde aus ſeinem Inſtrumente hervorgehen ließ, ſchloß er die Au⸗ gen, als ob er, die äußeren Dinge nicht mehr ſehend⸗ mit ihnen das Gefühl ſeines inneren Schmerzes verloren hätte. Endlich ſchien das Inſtrument, wie ein Menſch im Todeskampfe, einen herzzerreißenden Schrei auszu⸗ ſtoßen, und der Bogen entfiel den Händen des Mufikers. War die Seele beſiegt? der Menſch weinte! Zwei große ſtille Thränen floßen über ſeine Wangen. Der Muſiker nahm ſein Taſchentuch, wiſchte ſich langſam die Augen ab, ſieckte das Taſchentuch wieder ein, neigte ſich, hob den Bogen auf, ſetzte ihn auf die Saiten ſeines Violoncells und nahm ſeinen Geſang ge⸗ rade da wieder auf, wo er ihn unterbrochen hatte. Das Herz war beſiegt; die Seele ſchwebte über dem Schmerze mit den Flügeln der Stärke. Die zwei jungen Lente hatten eine tiefe Aufmerk⸗ ſamkeit und ein mächtiges Intereſſe dem einſamen Drama gewidmet, das vor ihren Augen in Erfüllung gegangen. „Nun?“ ſagte Salvator mit fragendem Tone. „Es iſt unglaublich!“ erwiederte Jean Robert, eine Thräne trocknend, die am Winkel ſeines Auges perlte. „Das iſt der Roman, den Sie ſuchten, mein lieber, Dichter; er iſt hier in dieſem armſeligen Hauſe, in die⸗ ſem der leidet, in dieſem Violoncell, das weint.“ „Kennen Sie dieſen Menſchen?“ fragte Jean Robert. „Ich? Ganz und gar nicht,“ antwortete Salva⸗ tor;„ich weiß ſeinen Namen nicht; ich habe ihn nie geſehen; doch ich brauche ihn nicht zu kennen, um Ihnen z ſagen, daß in ihm eines der düſterſten Blätter vom uche des menſchlichen Herzens iſt. Der Mann, der ſeine Thränen abwiſcht und mit dieſer Einfachheit wie⸗ ampf den ſeine aus Au⸗ hend, loren enſch iszu⸗ kers. igen. ſich ieder f die 3ge⸗ über merk⸗ rama ngen. eine erlte. lieber die⸗ das obert. alva⸗ n nie Ihnen vom der wie⸗ 105 der zum Werke ſchreitet, iſt ein ſtarker Mann, das ſchwöre ich Ihnen, und daß dieſer Mann geweint hat, muß ſein Schmerz ungeheuer ſein. Treten wir ein und bitten wir ihn, uns ſeine Geſchichte zu erzählen.“ „Was denken Sie?“ verſetzte Jean Robert, indem er ſtehen blieb. „Ich denke ſogar nur hieran,“ antwortete Salva⸗ tor, während er auf die Thüre zuſchritt und den Klopfer oder die Glocke ſuchte. „Und Sie glauben,“ fragte Jean Robert, der ſei⸗ nen Gefährten zum zweiten Male zurückhielt,„Sie glauben, dieſer Mann werde ſein Unglück dem Erſten dem Beſten, der ihn darum erſucht, erzählen?“ „Einmal ſind wir nicht die Erſten die Beſten, Herr Jean Robert; wir ſind...“ Salvator unterbrach ſich. Jean Robert hoffte einen Blitz entſchlüpfen zu ſehen, mit deſſen Hülfe er im ver⸗ gangenen Leben ſeines Gefährten leſen oder wenigſtens buchſtabiren würde. „Wir ſind Philoſophen,“ fuhr Salvator fort. „Ah! ja, Philoſophen,“ verſetzte Jean Robert ein wenig verdrießlich. „Ueberdies ſehen wir weder wie betrunkene Magi⸗ ſter, noch wie muthwillige Studenten, noch wie neu⸗ gierige Spießbürger aus; unſer Diplom als ehrliche Leute iſt auf unſere Stirne geſchrieben. Ich weiß nicht, welche Meinung Sie beim erſten Anblick von mir ge⸗ habt haben, doch ich bin im Stande, zu behaupten, daß Jeder, der Sie ſieht, und wäre es auch nur einmal, bereit ſein wird, Ihnen ſein Geheimniß zu geben, wie ich Ihnen meine Hand gebe.“ Hiebei reichte Salvator dem jungen Manne die Hand, als ein Patent der Redlichkeit einem redlichen Menſchen gegeben. „TDreten wir alſo mit hoher Stirne ein; alle Meu⸗ ſchen ſind Brüder und ſich Beiſtand ſchuldig, alle Lei⸗ den ſind Schweſtern und ſich Hülfe ſchuldig.“ Dieſe Worte wurden mit einem Gefühle unbeſchreib⸗ licher Schwermuth ausgeſprochen. „Vorwärts alſo, da Sie es wollen!“ ſagte Jean Robert. „Habe ich nicht alle Ihre Bedenklichkeiten gehoben, und haben Sie mir noch eine Einwendung zu machen?“ „Nein. Gleichwohl bin ich nicht ſo ſicher als Sie, daß uns der Muſiker günſtig aufnehmen wird.“ „Er leidet, alſo iſt es für ihn Bedürfniß, zu kla⸗ gen,“ ſprach Salvator;„wir werden für ihn providen⸗ tielle Weſen, Abgeſandte Gottes werden. Der ver⸗ zweifelte Menſch hat nichts zu verlieren, er kann nur gewinnen, daß man ſeinen Kummer theilt. Treten wir alſo muthig ein, und bleibt Ihnen ein Schatten von Zandern, ſo ſage ich Ihnen, daß es nun nicht mehr die Neugierde iſt, was mich antreibt, ſondern die Pflicht.“ Und ohne die Antwort von Jean Robert abzu⸗ warten, that Salvator, der weder Klopfer noch Glocke gefunden, drei kleine Schläge auf die Weiſe der Frei⸗ maurer an die Thüre. Während dieſer Zeit ſtudirte Jean Robert durch die Scheibe die Wirkung, welche dieſe Unterbrechung auf den Violoncelliſten hervorbringen würde. Dieſer ſtand auf, legte ſeinen Bogen auf das Ta⸗ bouret, lehnte ſein Inſtrument an die Wand an und öffnete die Thüre, ohne das geringſte Zeichen des Er⸗ ſtaunens von ſich gegeben zu haben. Dieſe Ruhe war vollkommen im Einklang mit der von Salvator ausgeſprochenen Meinung. Entweder erwartete dieſer Mann Jemand,— und wen konnte er erwarten, wenn nicht einen Tröſter? Oder er war genug abgelöſt von den Dingen dieſer Welt, daß ihn fortan nichts, was von der Welt kam, den Er⸗ der und ieſer kam, 107 in Erſtaunen ſetzte, und dann mußte er ohne Vergnügen, aber auch ohne Aerger die zwei jungen Leute empfangen. „Mit wem habe ich die Ehre, zu ſprechen?“ fragte er, als er Salvator und Jean Robert erblickte. „Mit unbekannten Freunden,“ antwortete Salvator. Dieſes Wort genügte dem Violoncelliſten. „Treten Sie ein,“ ſagte er, ohne ſich mehr um den ſeltſamen Beſuch und die Stunde der Nacht, in der er gemacht wurde, zu bekümmern. Die beiden jungen Leute folgten ihm; Jean Ro⸗ bert, der zuletzt eintrat, ſchloß die Thüre hinter ſich. Sie befanden ſich nun in eben dem Zimmer, wo ſie den Muſiker durch die Fenſterſcheiben geſehen hatten. Es war ein Zimmer, das durch ſeine Einfachheit in Erſtaunen ſetzte und entzückte; nicht einmal ein Zim⸗ mer, ein Stübchen, jedoch köſtlich, reinlich und weiß von oben bis unten; eine wahre Nonnenzelle, was die Spär⸗ lichkeit der Meubles betrifft; ein wahrer Mädchenpalaſt hinſichtlich des zarten, beſcheidenen Geſchmacks, der ihre Wahl dictirt hatte. Man war, wenn man eintrat, ganz erſtaunt, einen jungen Mann in dieſem Zimmer zu ſehen; die Röthe würde Euch zu gleicher Zeit zu Geſichte ge⸗ ſtiegen ſein, da Euch der Gedanke gekommen wäre, der junge Mann hätte dieſem keuſchen Neſte Gewalt anthun können. War es nicht das Lager eines Kindes, was man hinter dieſem Vorhang von weißer Mouſſeline er⸗ ſchaute? Dieſe Zwergroſenſtöcke, welche in kleinen Kri⸗ ſtallgläſern blühten, war das nicht Spielzeug eines Kindes? Welche Hände pflegten dieſe lieblichen Vögel, die in ihren Käfichen flatterten, wenn nicht die eines zwölfjährigen Mädchens? Entweder war es nicht das Zimmer des jungen Mannes, oder es wohnte ein Mäd⸗ chen bei ihm: ſeine Schweſter ohne Zweifel; und dennoch ſchien nach dem erſten Anblick der Muſiker allein zu wohnen. War es erlaubt, zu denken, eine andere Frau als eine Schweſter habe das Recht, in dieſes Zimmer ein⸗ zutreten? Nein. Das Zimmer war keuſch; die Stirne des jungen Mannes klar. Nie war eine unreine Frau in dieſem Zimmer geweſen. Nie hatte der Schatten eines ſchlimmen Gedankens die Oberfläche dieſer Stirne gerunzelt. Es fand ſich eine Erklärung. Ja, dieſer junge Mann wohnte hier; doch ſeine Schweſter trug Sorge für ſein Zimmer, wuſch es, blänkte es, ſchmückte es mit ſeinen Blumen. Wie konnte man alſo traurig ſein in dieſem heitern Winkel? Von dem Violontelliſten eingeladen, ſich zu ſetzen, wollten die jungen Leute dies nicht thun, bevor ſie ihm den Zweck ihres Beſuches erklärt hätten. „Mein Herr,“ ſprach Salvator,„erlauben Sie mir, eine Frage an Sie zu richten, ehe ich mich bei Ihnen niederlaſſe. Liegt es in der Macht eines Men⸗ ſchen, das Unglück zu erleichtern, das Sie zu erdulden ſcheinen?“ Der Violoncelliſt ſchante den, welcher dieſe philo⸗ ſophiſche Frage au ihn richtete, mit derſelben Ruhe an⸗ von der er einen Beweis gegeben, als er Morgens um drei Uhr, ohne nur zu fragen:„Wer iſt da?“ ſeine Thüre geöffnet hatie. „Nein, mein Herr,“ erwiederte er einfach. „Dann entfernen wir uns,“ verſetzte Salvator. „Laſſen Sie uns Ihnen indeſſen immerhin in Form einer Eutſchuldigung ſagen, warum wir uns Sie zu ſtören erlaubt haben. Dieſer Herr(Salvator deutete mit dem Finger auf Jean Robert), dieſer Herr iſt im Begriff, ein Buch über die Leiden des Menſchen zu machen; er ſtudirt, wann er kann, wo er kann. Als wir in den Hof eintraten, hörten wir Sie; wir näher⸗ wir Iht kon dür Her Th bar mit ſie Me ſyn kra ſpr den Br den ſeit ſich ſtet ein⸗ gen mer ens eine es, tern tzen, ihm Sie bei Ren⸗ lden hilo⸗ an, um ſeine ator. Form e zu utete ſt im n zu Als äher⸗ 109 ten uns, und durch die Scheiben dieſes Fenſters ſahen wir Sie weinen.“ Der junge Mann gab einen Seufzer von ſich. Salvator fuhr fort: „Was auch die Urſache Ihres Schmerzes ſein mag, Ihre Thränen haben uns tief bewegt, und wir ſind ge⸗ kommen, um Ihnen unſere Börſe anzubieten, wenn Sie dürftig ſind, unſern Arm, wenn Sie ſchwach ſind, unſer Herz, weun Sie betrübt ſind.“ Die Augen des Violoncelliſten befeuchteten ſich mit Thränen; diesmal waren es aber Thränen der Dank⸗ barkeit. Es war in den Worten von Salvator, in dem Tone mit dem ſie geſagt worden, in der Phyſiognomie, die ſie begleitete, in der ganzen Perſon des edlen jungen Mannes eine ſolche Redlichkeit, eine ſolche Größe, eine ſo tiefe Zärtlichkeit für ſeines Gleichen, daß man ſich ſympathetiſch zu ihm hingezogen fühlte. Hingetrieben durch dieſe unwiderſtehliche Anziehungs⸗ reichte ihm der Violoncelliſt beide Hände, und er prach: „Ich beklage diejenigen, welche ihre Wunde vor den Menſchen verbergen, beſonders, wenn ſie blutet! Brüdern ſeine Wunden zeigen heißt ſie dieſelben vermei⸗ den lehren.— Setzet Euch, Brüder, und höret mich an.“ Die zwei jungen Leute machteu es ſich jeder nach ſeinem Gefallen bequem, das heißt, Jean Robert ſtreckte ſich in einem Fautenil ans, und Salvator lehnte ſich ſtehend an die Wand an. Der Mann mit dem Violoncell begann. 110 XIII. Der Zögling und ſein Profeſſor. Und nun erlaube uns der Leſer, unſere Erzählung an die Stelle von der des Violoncelliſten zu ſetzen; die Erzählung wird vollſtändiger werden, da wir die Fähig⸗ keit haben, von dieſem vortrefflichen Manne, den wir in Scene gebracht, zu ſagen, was ſeine Beſcheidenheit ihm ſelbſt zu ſagen nie erlauben würde. Sieben Jahre vor dem Tage, wo ſich der Periſtyl der rieſigen Geſchichte geöffnet hat, in welche einzugehen wir uns durchaus nicht gefürchtet, glich das Zimmer, das der Violoncelliſt bewohnte, und über das die zwei jungen Leute ſo ſehr erſtaunt geweſen waren, entfernt nicht dem, weiches wir in ſeiner reizenden Einfachheit be⸗ ſchrieben haben. Statt des weißen Mouſſelinenvorhangs, der das Bett umgab und dem Alceven das Anſehen einer kleinen Kapelle verlieh; ſtatt der auf dem Kamine ſtehenden Jungfrau von Stuck, die ihre beiden Arme über die Bewohner dieſes Zimmers wie einen ewigen Segen aus⸗ ſtreckte; ſtatt der zwei Leuchter mit ihren roſenfarbigen Kerzen, welche mit der Mouſſeline des Bettes und der Statuette der Jungfrau dieſem Aufenthaltsorte einen Duft von Ruhe und Sammlung gaben, war es eine Art von niedriger, geplatteter, enger, kalter, feuchter Stube, ohne wohlriechende Blumen, ohne ſingende Vögel, ohne Tapeten. Die einzigen Zierathen der Wände beſtanden in einem alten Stiche in geätzter Manier die Melan⸗ cholie von Albrecht Dürer vorſtellend, und dem Stiche —,— ſch tio au mit bis unt kah arr lung die hig⸗ r in ihm. iſtyl ehen mer, zwei fernt t be⸗ das einen nden die aus⸗ ien der einen eine chter ögel⸗ n in Stiche an⸗ 1¹¹ gegenüber in einem kleinen Spiegel mit gelbem Holz⸗ rahmen, über dem zwei Buchszweige im Kreuze ange⸗ bracht waren; der Hintergrund der Stube war verbor⸗ gen durch einen großen Vorhang von grüner Sarſche, der, mit Nägeln an den Balken der Decke befeſtigt, bis auf die Platten herabfiel, welche als Fußboden dienten: das war ohne Zweifel ein Schleier von befreundeten Händen vorgezogen, um vor dem Beſuche das ſchmerzliche Schau⸗ ſpiel eines dürftigen Lagers zu verdecken. Dieſe Stube war, mit einem Worte, die elendſte, traurigſte Wohnung, die man ſich möglicher Weiſe vor⸗ ſtellen kann; man fühlte ſein Herz tief bewegt, wenn man umherſchaute, denn man würde vergebens einen einzigen Punkt geſucht haben, wo das Auge angenehm hätte ausruhen können: die Wände ſchwitzten Nothdurft; die Balken der Stubendecke, die ſich unter der Laſt bogen, welche ſie vielleicht ſeit dreihundert Jahren trugen, droh⸗ ten Untergang; die Atmoſphäre war ſchwer, verdorben. Erblickte man die Klappe, die man an der Thüre angebracht hatte, ſo ſchauerte man, wie wenn man einen Kerker beſucht. Es war weniger die Zelle eines ſtrengen Cenobiten, als die Kammer eines armen Narren. Mit Ausnahme eines alten eichenen Tiſches, einer ſchwarz angemalten hölzernen Tafel, um Demonſtra⸗ tionen mit der Kreide darauf zu machen, eines Pultes, auf dem ein dicker Band, ohne Zweifel die Werke von Händel oder die Pſalmen von Marcello enthaltend, lag; mit Ausnahme einer ziemlich langen Bank, auf der acht bis zehn Perſonen Platz hatten, eines hohen Schemels und eines Strohſtuhls, war das Innere der Stube ſo kahl als die Wände. Derjenige, welcher dieſe Stube bewohnte, war ein armer Schulmeiſter des Quartier Saint⸗Jacques. Zu jener Zeit, nämlich im Jahre 1820, war es ihm 3 * 112 durch große Geduld gelungen, eine kleine Kinderſchule zu gründen. Gegen die mäßige Summe von fünf Franken mo⸗ natlich, die man ihm nicht immer pünktlich bezahlte, lehrte er, nach ſeinem Programm, das Leſen, das Schreiben, die heilige Geſchichte und die vier Species des Rechnens, in Wirklichkeit lehrte er aber viel mehr, als ſein Programm verſprach. Der Sohn eines armen Pächters der Provinz, war er in einem Alter von zehn Jahren in das Collége Louis⸗ le⸗Grand geſchickt worden; kaum hatte man die Bücher von ihm geöffnet, da erkannte der verſtändige Profeſſor, deſſen Sorge er anertraut worden; in dem Knaben un⸗ gewöhnliches Geſchick und ſeltene Anlagen. Dieſer Profeſſor, ein beſcheidener, wackerer Mann, alt an Jahren, jung an Herz; ein Baum, der in der Sonne der Welt Zweige getrieben und Früchte getragen hätte, der aber, der warmen Luft und der belebenden Säfte beraubt, hinter den feuchten, bemvoſten Mauern ſeines Collége verkrüppelt war, faßte nach Verlauf eines Jahres Freundſchaft für ihn und ſchloß ſich ihm ſo zärt⸗ üch an, als ſich nur ein Vater ſeinem letzten Kinde an⸗ ſchließen könnte. Er war auch vor dreißig Jahren aus ſeiner Provinz nach Paris gekommen; gleichſam in fremder Sphäre in⸗ mitten dieſer Geſellſchaft in verjüngtem Maßſtabe, die man das Collége nennt, umgeben von Familienſöhnen, reichen jungen Leuten, hatte er, ein armer Knabe, wie ſein junger Schüler, in dem er ſich wiederaufleben ſah⸗ ſich mehr als einmal nach dem grünen Fußpfade zurück⸗ geſehnt, der nach dem väterlichen Pachthofe führte; mehr als einmal hatte er bittere Thränen bei der Erinnerung an die Freiheit geweint, die man in der Luft ſeiner Heimath athmete; wie ſein Zögling endlich, hatte er die Augen geſchloſſen, um die Vergangenheit zu vergeſſen⸗ und er hatte ſich blindlings auf den rauhen, holperigen — chule mo⸗ hlte, das ecies nehr, war ouis⸗ ücher eſſor, nun⸗ kann, n der ragen enden auern eines zärt⸗ e an⸗ tovinz re in⸗ „ die hnen, „ wie ſah, urück⸗ mehr erung ſeiner er die geſſen⸗ erigen 113 Weg der Wiſſenſchaft geworfen, wo der Hellſehendſte ſich immer an irgend einem unauflösbaren Problem, an einer unbekannten Theorie ſtößt. Dieſe ſympathetiſche Aehnlichkeit der Armuth, des Verſtandes und der Vereinzelung gab von Anfang an⸗ wir glauben dies ſchon geſagt zu haben, dem alten Pro⸗ feſſor die tiefſte Zuneigung für den kleinen Juſtin. So hieß der Knabe. Indem er ihm die erſten Tropfen der Wiſſenſchaft einflößte, bemühte er ſich, für ihn ihre Bitterkeit zu mil⸗ dern; er reichte ihm die Hand in den dichten Geſtrüppen, welche die erſten Zugänge des Studiums verſperren; er hielt von ihm die ſcharfen Dornen, die brennenden Neſ⸗ ſeln ab; ſeine Sorgſamkeit ſcheute keine Mühe, um ihm unter ſeinen Schriiten einen leichten Pfad durch das Dickicht dieſes unbekannten Landes zu bahnen. Juſtin ſeinerſeits faßte für ſeinen alten Lehrer eine gärtſichkeit ſo reich wie die eines Sohnes, ſo dankbar und ehrfurchtsvoll wie die eines Schülers. Sobald die Erholungsſtunde geſchlagen hatte, durch⸗ ſchritt er, nachdem er Bücher und Hefte in ſeine Ba⸗ racke eingeſchloſſen, wie man im Collöge ſagt, mit ein paar Sprüngen den Hof, und mochte er nun kein Ver⸗ gnügen an den Spielen finden, hatte er keinen Freund von ſeinem Alter, oder war ſein einziger Kamerad, ſein einziger Freund ſein alter Profeſſor, ſobald die Erho⸗ lungsſtunde geſchlagen hatte, ſagen wir, ſuchte er ihn in ſeinem Zimmer auf, und nun begann die füßeſte Plau⸗ derei unter ihnen. Bald war es die Geſchichte, bald waren es die My⸗ thologien oder die Reiſen, die den Gegenſtand dieſes Geſpräches bildeten; bald waren es die Werke der alten Dichter oder der großen Künſtler, die man die Revne paſſiren ließ. Drang plötzlich ein heiterer Sonnenſtrahl, etwas wie Die Mohicaner von Paris. l. 8 eine Erinnerung an die Fluren, wie einen Wohlgeruch der Wälder mit ſich bringend, ins Zimmer ein, da trie⸗ ben die Verſe von Virgil und Homer, dieſen großen Prieſtern der Natur, auf ihren Lippen, wie die Blumen im Monat April aus der Erde hervorkommen; der Greis bewunderte die Dichter durch die Ratur und ließ den Knaben die Natur durch die Dichter anſchauen. Der Sonntag war es beſonders, der im Flügel ſei⸗ nes weißen Kleides die ſüßeſten Stunden der Woche brachte. An der Ecke des Kamins im Winter, in den Wäl⸗ dern von Verſailles, von Meudon und von Montmorench im Sommer war man einen ganzen Tag mit einander zuzu⸗ bringen berechtigt. Oh! dieſen ſechs Tage lang ſo ſehr erſehnten Tag, wie benützte man ihn, indem man eine lange Discuſſion über irgend einen ſtreitigen Punkt in Angriff nahm. An einem Tag war es ein alter Kamerad des Pro⸗ feſſors, der ihm einen Beſuch gemacht, an einem andern Tag war es der Brief von der Familie, den man zehn⸗ mal las; kurz es war immer eine lehrreiche oder intereſ⸗ ſante Plauderei. Wenn zufällig,— ein Zufall, der ſich nicht unr einmal im Jahre wiederholte,— der Lehrer zu einer Feierlichkeit, zu einem vfficiellen Mahle, zum Obervor⸗ ſteher oder zu einem hohen Functionär der Univerſität gerufen wurde, wohin er Juſtin nicht mitnehmen konnte, ſo brachte dieſer die Recreationen des Sonntags damit zu, daß er ſpazieren ging mit einem Knaben ſeines Alters, der arm und vereinzelt wie er, aber von einer Intelli⸗ genz, welche ſo widerſpänſtig war, als die ſeine leicht erfaſſend. Es war dies faſt der einzige Kamerad, den er im Collége hatte, nicht als wären ihm die andern Zög⸗ linge widerwärtig geweſen: im Gegentheil, er hätte Je⸗ dermann geliebt; doch er war von Allen verlaſſen. uch ie⸗ en en eis den ſei⸗ che zu⸗ ag, ion ro⸗ ern hn⸗ reſ⸗ uur ner DT ität „ſo zu, ers, elli⸗ icht im ög⸗ c ve 115 Die Ungleichheit des Vermögens trennt ſchon die Kinder in der Lehranſtalt, wie ſie die Männer ſpäter in der Geſellſchaft trennen wird, und die zwei Schüler, de⸗ ren Schatten man vereinigt ſich auf die großen Wände der Palliſade im Recreactionshofe werfen ſieht, ſind im⸗ mer zwei Arme oder zwei Reiche. Eines Tags offenbarte ſich der alte Lehrer von Ju⸗ ſtin dieſem unter einer ganz neuen Form. Längſt hatte er ihm eine ebenſo angenehme, als unerwartete Ueberraſchung vorbehalten. Das Zimmer, das der gute Herr Müller,— dies war der Name des alten Profeſſors,— bewohnte, lag über der Kranken⸗ ſtube; man war alſo zur äußerſten Behutſamkeit genö⸗ thigt, und der Boden war ſo dünn, daß man die leich⸗ teſten Tritte ſchallen hörte. Bei ſeiner Seelengüte hatte der alte Profeſſor bange die geringſte Störung in der Ruhe der Kranken zu verurſachen; aus dieſem Grunde hatte er darauf verzichtet, die einzige Leidenſchaft, welche je ſein Herz ſchlagen gemacht, zu befriedigen: er betete die Muſiß an und ſpielte Violoncell mit der Wiſſenſchaft und der Liebe eines deutſchen Violoncelliſten. Seit den drei Jahren, die er dieſes unglückliche Zim⸗ mer bewohnte,— ein Datum, das ungefähr mit dem Eintritt von Juſtin ins Collége zuſammenfiel,— hatte er weder ſeinen Bogen, noch ſein Violoncell berührt, und dennoch wartete er, ohne ſich zu beklagen, auf den Augen⸗ blick, wo er in dem neuen Zimmer, das man für ihn beſtimmte und ihm ſeit achtzehn Monaten verſprach, ſeine Lieblingsbeſchäftigung wiederaufnehmen könnte. Dieſer ſehnſüchtig erwartete Tag kam endlich. Es war eine ſüße Ueberraſchung für Juſtin, als er den, in ſeine neue Wohnung eingeſetzten, geliebten Mei⸗ ſter die erſten Accorde dem Violoncell, dieſem Inſtru⸗ mente ſo ernſt und ſchwermüthig wie eine Klage der Wälder, entlocken hörte. Inſtin gerieth in eine tiefe Extaſe, und ſo lange 116 Herr Müller ſpielte, hörte er mit gefalteten Hän⸗ den zu. Von dieſem Augenblick an ließ Juſtin nicht eine Minute ſeinem alten Profeſſor Ruhe, bis er ihm von dieſen ſo lange eingeſchlafenen Harmonieſchätzen mitge⸗ theilt, welche erwachend alle Fibern ſeiner Seele in Be⸗ wegung geſetzt hatten. Jeden Tag kam Juſtin, um ſeine Lection zu nehmen, das heißt, jeden Tag widmete der junge Menſch der Muſik die Zeit, die er vorher der Recreation gewidmet, welche übrigens nie etwas Anderes, als eine unter dem An⸗ ſcheine des Vergnügens verkleidete Arbeit geweſen war. Dann entzifferte man die Werke der Meiſter, man verglich die Alten mit den Neuen, Porpora mit Weber, Bach mit Mozart, Haydn mit Cimaroſa; man brand⸗ markte die Plagiatoren, man machte die Geſchichte der Muſik ſeit ihrem Anfange beim Gregorianiſchen Geſang bis auf Gui von Arezzo und von Gui von Arezzo bis auf unſere Tage;— ſodann kam man von der Mufik, — jedoch nur in der Art der Epiſode,— auf die Ma⸗ lerei und die Poeſie, dieſe zwei Schweſtern, zurück; kurz, wie der Lehrer einſt ſeinen Zögling auf die grünen Ebenen der Wiſſenſchaft geführt hatte, führte er ihn nun auf die azurblauen Ebenen der Kunſt. Aber dieſe durch eine ſanfte und zugleich geſchickte Hand in das Herz des Knaben geworfenen Sämen keim⸗ ten, blühten und trugen Früchte in der Vereinzelung Beider. Die Vereinzelung hat das Gute, daß ſie den Men⸗ ſchen zwingt, die unausſprechliche Zartheit zu Pegreifen, welche in ihm iſt, eine Zartheit, von der er, verloren in dieſer egviſtiſchen Geſellſchaft, die uns die Hälfte unſeres Lebens raubt, nie etwas wüßte; die Vereinzelung ge⸗ wöhnt den Menſchen daran, eine beſtändige Rückkehr zu ſc ſelbſt zu machen: das iſt die tägliche Samm⸗ ung. Hän⸗ eine von itge⸗ Be⸗ men, Nuſik elche An⸗ war. man eber, tand⸗ e der eſang o bis Ruſik, Ma⸗ kurz, rünen nnn hickte keim⸗ elung Men⸗ eifen, en in iſeres 8 ge hr zu amm⸗ 117 Es iſt eine ganze Religion in der Einſamkeit! die Vereinzelung macht die Schlechten gut, die Guten beſſer. In der Stille ſpricht Gott zum Herzen der Menſchen; in der Einſamkeit ſpricht der Menſch zum Herzen Gottes. Die Vereinzelung zu zwei iſt noch beſſer, als die alleinige Vereinzelung! die Vereinzelung zu zwei iſt ein Traum, ein Feenmährchen. Das war der Traum des alten Lehrers und ſeines Zöglings, ein Tranm von ſieben Jahren, dem ſie der Kummer plötzlich entzog. Eines Morgens, an einem Sonntag im Februar 1814, kam der wöchentliche Brief, der Familienbrief. Er war ſchwarz geſiegelt. Das war nicht die Handſchrift des Vaters, das war nicht die Handſchrift der Mutter. War der Vater geſtorben? war die Mutter ge⸗ ſtorben? Wenn der Vater oder die Mutter lebte, warum verkündigte nicht der überlebende Theil die erſchreck⸗ liche Nachricht? Juſtin entſiegelte zitternd den Brief. Das Unglück ging weiter, als die traurige Ahnung hatte vorherſehen können. Die Koſaken hatten die Ernte verwüſtet, die Spei⸗ cher geplündert, den Pachthof in Brand geſteckt; der Mutter, die ſich auf das Bett ihrer Tochter geworfen, um ſie den Flammen zu entreißen, waren die Augen verbrannt worden. Die Mutter war blind! Doch der Vater! warum hatte der Vater nicht ge⸗ ſchrieben? Der Vater, ein alter Soldat der Republik, hatte, als er den Umfang ſeines Unglücks geſehen, den Kopf berloren; er hatte ſeine Flinte genommen und eine Jagd auf Kvſaken angefangen. 118 Er tödtete neun derſelben. In dem Augenblick aber, wo er auf den zehnten aulegte, ohne zu bemerken, daß er ſelbſt in einen Hinter⸗ halt gefallen war, gingen ein Dutzend Schüſſe zugleich los: zwei Kugeln durchbohrten ſeine Bruſt; eine dritte zerſchmetterte ihm den Schädel! Er ſtürzte todt zu Boden. Der Lehrer theilte den Gram des Schülers; die Thränen des Greiſes und die des Kindes vermengten ſich; aber Thränen und Klagen vermochten nichts; man mußte ſich verlaſſen. Juſtin umarmte ſeinen zweiten Vater;— der Pro⸗ feſſor verdiente wohl dieſen Namen, denn hatte der junge Menſch vom Erſten das Leben des Körpers empfangen, ſo hatte er vom Zweiten das Leben der Seele erhalten; und die zwei Freunde trennten ſich. XIV. Der Kampf des Lebeus. Der Vater todt, die Mutter blind, die Schweſter noch zu jung, um zu arbeiten, das Haus verbrannt, die Ernte vernichtet,— was konnte der arme Iuſtin thun? — Ein Knabe von ſechzehn Jahren! Er ſchrieb Alles dies ſeinem alten Profeſſor und bat ihn um Rath. Die Antwort ließ nicht auf ſich warten. Herr Müller rieth Juſtin lebhaft, nach Paris zurück⸗ ne m ze eit ſte hnten nter⸗ gleich dritte die ngten man Pro⸗ junge ngen, alten; weſter t, die thun? r und urück⸗ 119 zukommen. War Paris nicht das Land der Mittel und Quellen? Ueberdies würde er da ſein, um ihn mit allen ſei⸗ nen Kräften zu unterſtützen. Der wackere Mann war arm; döch er hatte Nie⸗ mand auf der Erde, und ſo war er reich. Er ſtellte ſeinen kleinen Schatz, die Erſparniſſe von zehn Jahren, zur Verfügung von Juſtin, und er lud ihn ein, in einem Hauſe in der Nähe des ſeinigen abzu⸗ ſteigen. Es wäre Hochmuth geweſen, dies auszuſchlagen; Juſtin kam nicht einmal ein ſolcher Gedanke: er nahm an. Da geſchah es, daß er ſich in Paris in dem Hauſe des Faubourg Saint⸗Jacques, wo Jean Robert und Salvator eingetreten waren, niederließ. Er nahm ſein Quartier in der elenden Stube, von wir unſern Leſern einen Begriff zu geben verſucht haben. Ein Jahr lang bewarb er ſich vergebens auf allen Seiten um Lectionen. Jeder lachte dieſem Profeſſor von fünfzehn und einem halben Jahre ins Geſicht. Erſt im zweiten Jahre erhielt er einige Repetitio⸗ nen; doch das wenige Geld, das ſie eintrugen, genügte entfernt nicht für die Nahrung von drei Perſonen. Dieſe Repetitionen nahmen ihm nur drei Stunden im Tage weg; er ſuchte, welchen andern Erwerbszweig er betreiben könnte. Da erfuhr er, die Stelle eines Muſiklehrers an einem Penſionat von jungen Mädchen ſei erledigt: er präſen⸗ tirte ſich, verſehen mit einem Empfehlungsbriefe von Herrn Müller an die Vorſteherin der Anſtalt. Juſtin wurde mit offenen Armen empfangen. Der gute alte Meiſter hatte in ſeinem Briefe ge⸗ ſagt, man würde ihm einen wahren Dienſt erweiſen, wenn man ſeinen Schützling annähme und ihm die er⸗ ledigte Stelle gäbe. Der junge Mann habe es nöthig, fügte er bei. Die Vorſteherin der Anſtalt, welche wußte, daß Herr Müller arm war, dachte, ſie werde wohlfeilen Kaufes ihren Zweck erreichen. Sie bot ihm zwanzig Franken monatlich an. Der alte Profeſſor, der auf ſeinen Zögling ſtolz war, rieth ihm, dies auszuſchlagen. Juſtin nahm das Gebot an. Mit dieſen zwanzig Franken monatlich und dem Gelde der Repititionen konnte man leben,— allerdings beſcheiden, ſehr beſcheiden leben; doch das materielle Leben war geſichert. Von dieſer Seite hatte man alſo keine ernſte Ur⸗ ſache der Beſorgniß: die Vergangenheit war ſchwarz, die Gegenwart war nur düſter. Wo die Unruhe anfing, das war, wenn man den Namen des theuren Meiſters im Hauſe ausgeſprochen hatte. Und die Stunde ſchlug nicht ein einziges Mal in der Kirche Saint⸗Jacques⸗de⸗Haut⸗Pas, ohne daß dieſer Namen ausgeſprochen wurde⸗ Man war ihm den von ihm geborgten Schatz ſchul⸗ dig: eine Summe von tauſend Franken, eine ungeheure Summe, welche Juſtin nicht einmal in einem Jahr ver⸗ diente; wie ſie zurückbezahlen? wie Arbeit finden? Man bewarb ſich überall darum. Wir wiederholen: die Mutter war blind, die Toch⸗ ter war fleißig, aber von ſchwächlicher Geſundheit und faſt immer krank. Ein Holzhändler des Boulevard Mont Parnaſſe brauchte zweimal wöchentlich einen Buchführer. Juſtin begab ſich zu ihm. Sein Anzug, ohne ſehr dürftig zu ſein, war doch höchſt beſcheiden; der Holzhändler gab fünfzig Franken ſeinem Vorgänger, einem Vorſtadt⸗Dandy, der nur daß ien ſtols dem ings ielle Ur⸗ varz, den ate. l in ieſer ſchul⸗ heure ver⸗ Toch⸗ und naſſe doch anken nur 121 kam, wenn er keinen Son mehr in der Taſche hatte, oder wenn ihm ſeine Liebesabeutener Zeit ließen. Der Holzhändler bot Juſtin fünf und zwanzig Fran⸗ ken: Juſtin nahm es an. Rit der ſtrengſten Sparſamkeit brauchte Juſtin vier Jahre, um die tauſend Franken, die er nöthig hatte, vollſtändig zu machen. Seine Repititionen im Griechiſchen und Latei⸗ niſchen, ſeine Lectionen in der Muſik, ſeine Buchführung nahmen ihm nicht mehr als acht Stunden im Tage weg. Es blieben ihm noch vier Stunden Tag und zwölf Stunden Nacht. Er ſuchte neue Schüler und einen neuen Erwerbs⸗ zweig. Juſtin fühlte ſich zu Allem fähig, geſtützt auf die doppelte Pflicht, ſeine Mutter und ſeine Schweſter zu erhalten und dem guten Müller ſein Darlehen zurück⸗ zubezahlen. Ein neuer Erwerbszweig war leichter zu finden, als neue Schüler. Er fand ihn. Ein paar Schritte vom Hauſe, ein wenig weiter oben in der Vorſtadt, war eine Typographie, wo eine täglich erſcheinende Zeitung gedruckt wurde; der Factor, — ein braver Burſche, der wahrſcheinlich zwölf Jahre voraus die Revolution von 1830 kommen fühlte,— brach, ohne Zweifel müde, die Bogen royaliſtiſcher Ele⸗ gien ſeines Patrons, eines hohen Angeſtellten im Mini⸗ ſterium, zu corrigen,— der Factor, ſagen wir, brach eines Morgens ſeine Kette, öffnete ſeine Flügel und enflog. Der Eigenthümer des Journals und der Drucker, welche am Abend in Verlegenheit waren, wie ſie die Correcturen ihres Blattes ſollten beſorgen laſſen, erfuh⸗ ren, es wohne in der Nachbarſchaft ein junger Mann, der mit den für dieſe mühſame Arbeit erforderlichen Ei⸗ genſchaften begabt ſei. 122 Man fragte ihn, ob er dieſe Stelle annehmen wolle. Dieſe Stelle war das gelobte Land für Juſtin. Juſtin war ſo glücklich, nichts von der Politik zu wiſſen, mit der ſich zu beſchäftigen er keine Zeit gehabt; ſo ſehr ſein Herz haſſen konnte, haßte er die Fremden, welche in Frankreich eingefallen waren, die Koſaken, die ſeinen Pachthof angezündet, die Augen ſeiner Mutter verbrannt, ſeine Schweſter zur Waiſe gemacht hatten. Meinung hatte er aber keine, oder vielmehr, das arme, ehrliche Weſen! er hatte nur eine; ſeine Mutter und ſeine Schweſter ernähren; die tauſend Franken Herrn Müller zurückbezahlen. Man bemerkte ihm, er müſſe zwei Drittel der Nacht arbeiten: er nahm dennoch au. Als man ihn fragte, wie viel er als Verdienſt ver⸗ lange, antwortete er:„Was Sie wollen.“ Er trat alſo um die Mitte des Jahres 1818 als Factor in dieſe Druckerei ein. Ein Jahr nachher, auf den Tag, hatte er ſeinem alten Lehrer die tauſend Franken, die dieſer ihm geliehen, zurückbezahlt. Wieder ein Jahr ſpäter hatte er ſechshundert Fran⸗ ken erſpart. Welche ſchöne Träume machte Er arme Inſtin! er ſah ſich nach Verlauf von vier Jahren mit einer Mit⸗ gift von dreitauſend Franken für ſeine Schweſter und vierhundert Franken für die Hochzeitkoſten ausgerüſter. Aber er! er, was war er? Ein Arbeiter, ein Tage⸗ löhner, eine Mühle, deren Ticktack nur von zwei Uhr bis ſechs Uhr Morgens ſtill ſtand. Von dieſen Menſchen ſprechend, hat ein frommer Mund geſagt:„Arbeiten iſt beten.“ Der Traum von Inſtin hatte das Schickſal von jedem Traume er entſchwand. Juſtin wurde krank, ſchwer krank: eine Hirnhautent⸗ 0 „— c—— — volle. it zu t; ſo velche einen annt, das utter berrn Nacht ver⸗ 8 als einem ehen, Fran⸗ n! er Mit⸗ und üſter. Tage⸗ Uhr mmer von utent⸗ ——— 123 zündung führte ihn in acht Tagen an die Pforte des Grabes. Ein hitziges Fieber, das ſie in ihrem Gefolge hatte, feſſelte ihn zwei Monate an ſein Bett. Ein ruſiſches Sprüchwort ſagt: die Mißgeſchicke kommen in Truppen. Dieſes ruſſiſche Sprüchwort hat Recht, wie wenn es ein franzöſiſches oder ein ſpaniſches wäre. Sobald der arme Juſtin krank war, entging ihm Alles. Die Muſiklectionen wurden einem von der Mode begünſtigten Pianiſten übertragen, der keine nöthig hatte; doch er war in der Mode; er kam auch nur, wenn er zu kommen Zeit fand. Die Buchführung wurde dem Dandy zurückgegeben, der ſich gebeſſert zu haben behauptete. Das royaliſtiſche Blatt hatte Bankerott gemacht; es war getödtet worden durch die Heftigkeit, mit der es die unfindbare Kammer zu unterſtützen geſucht. Da aber ein Factor ohne Zeitung ein Luxus war, den ſich der verſtorbene Eigenthümer nicht erlauben konnte, ſo dankte das gefallene Journal den Factor ab. Es blieben die Repetitionen. Zum Unglück hatte man die Ferienzeit erreicht, und alle Jöglinge waren abgereiſt. Glücklicher Weiſe aber war der gute Müller daz Mül⸗ ler, die Providenz der armen Familie, der Mann, durch den Gott erſetzt worden war, als Gott, mit dem Sturze eines Reiches beſchäftigt, ſeine Blicke von dem demüthigen, in Brand geſteckten Pachthofe abgewandt hatte. Man hatte ihm ſeine tauſend Franken zurückgegeben: man konnte ihn wieder darum bitten. Juſtin machte ihn zum Gegenſtand ſeines erſten Ausgangs, zum Ziele ſeines erſten Beſuches. Er ſchleppte ſich, noch ſchwach, indem er ſich an den Wänden hielt, zum Profeſſor. 124 Er fand ihn in ſeinem Zimmer auf einem kleinen Koffer ſitzend, den er ſo eben geſchloſſen hatte. „Ah! biſt Du da, Junge!“ ſagte er,„es freut mich ſehr, zu ſehen, daß es beſſer bei Dir geht.“ „Ja, Herr Müller,“ erwiederte Juſtin,„und Sie ſehen, mein erſter Beſuch war Ihnen beſtimmt.“ „Ich danke.. Bei meiner Trene, ich war im Seſ von Dir Abſchied zu nehmen, Dir Lebewohl zu ſagen.“ Wie! Sie reiſen alſo?“ fragte Juſtin mit Beſorgniß. „Ja, mein Freund, ich mache meine große Reiſe.“ „Welche große Reiſe?“ „Ich ſprach nie mit Dir davon, weil Du, wenn ich davon geſprochen hätte, nicht die tauſend Franken, die Du mir zurückgegeben, von mir entlehnt haben würdeſt.“ „Mein Gott!“ murmelte Inſtin. „Ich habe Dir geſagt, ich ſei von derſelben Stadt, wie der berühmte, der große Weber; als Kinder kann⸗ ten wir uns; als junge Leute liebten wir uns; als Mann habe ich ihn bewundert!... Immer gelobte ich mir, nicht zu ſterben, ohne den Autor vom Freiſchütz und von Oberon wiedergeſehen zu haben; durch angeſtrengte Arbeit,— Du weißt, was das iſt!— hatte ich mir tauſend Franken erſpart, um dieſe Krone der Freude und des Stolzes meinem Alter aufſetzen zu können; ich war im Begriffe, abzureiſen, als Du meine armen tau⸗ ſend Franken brauchteſt. Ich ſagte:„Bah! wir ſind noch jung: Gott wird Weber und mich lange genug leben laſſen, daß Juſtin Zeit hat, mir die tauſend Fran⸗ ken, die ich ihm anbieten will, zurückzugeben.““ „Theurer Herr Müller!“ „Ich habe ſie Dir angeboten, mein Kind; Du haſt ſie genommen; ich ſah, wie Du Dich anſtrengteſt, armer Galeerenſklave der Ehre, um es dahin zu bringen⸗ daß Du mir das Geld zurückgeben könnteſt, und ich alter Egoiſt, der ich Dir hätte ſagen müſſen;„„Arbeite we⸗ inen reut Sie im vohl niß. iſe nich die eſt.“ tadt, ann⸗ Nann mir, und engte mir rende z ich tau⸗ ſind eng Fran⸗ haſt gteſt, ngen, alter ewe⸗ 125 niger, Du haſt Zeit; die Jugend hat Mittel, doch man muß ſie ſchonen!““ ich ſagte Dir nichts von Allem dem, mein liebes armes Kind, und ich bitte Dich deshalb um Verzeihung... Ich ließ Dich machen;.. allerdings hörte ich immer wiederholen:„„Der arme Weber iſt krank; er hat es auf der Bruſt und wird es nicht lange treiben!““ Abgeſehen davon, daß in ſeiner Muſik die letzten Seufzer einer entfliehenden Seele waren. In Folge von Entbehrungen haſt Du mir die tauſend Fran⸗ ken zurückgegeben; Du wirſt aber wenigſtens zugeſtehen, daß ich nie hierüber mit Dir ſprach.“ „Ach! Herr Müller!.. „Nein, ich ſchwöre Dir, mein armes Kind, das iſt ein Bedürfniß für mich! Kaum hatte ich das Geld in den Händen, als ich mir ſagte:„„Gut, das wird für die Ferien ſein!““ Du begreifſt? wenn Weber, den ich ſeit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr geſehen habe, ſterben würde!.. Aber, Gott ſei Dank! ich werde ihn zuvor umarmen!.. Oh! der liebe große Maun! ich habe geſtern einen Brief von ihm erhalten; er iſt in Dresden beſchäftigt, eine deutſche Oper für den König von Sach⸗ ſen zu componiren. Dieſen Morgen habe ich gepackt, meinen Platz nach Straßburg beſtellt: hier iſt mein Schein; heute Abend reiſe ich ab! Ich wollte zu Dir gehen, um Dich zum Abſchied zu umarmen, mein Kind; Du kommſt: wir frühſtücken mit einander.“ „Ah! Herr Müller,“ murmelte Juſtin mit erſtickter Stimme,„ich eſſe noch nicht.“ Welch ein Unglück, daß Du nicht mit mir reiſen kannſt! Nicht wahr, das iſt unmöglich?“ „Ganz unmöglich.“ „Ich ſehe es ein... Deine Muſikſtunden, Deine Repetitionen, Deine doppelte Buchhaltung, Deine Cor⸗ recturen, Du wirſt Alles wieder aufnehmen?“ „Ja,“ ſeufzte Juſtin. 126 Müller war ſo freudig geſtimmt, daß er dieſen Seufzer nicht hörte. Dieſer Seufzer,— ſo traurig als der letzte Ge⸗ danke von Weber,— war doch das Fahrewohl einer äußerſten Hoffnung. Juſtin hätte nur ſagen dürfen:„Ich brauche Ihre tauſend Franken, lieber Herr Müller, um nicht mit un⸗ vorſichtig raſchem Schritte zur Geſundheit zurückzukehren; ich brauche Ihre tauſend Franken, um meine Mutter und meine Schweſter zu ernähren; Sie werden Weber ſpäter ſehen, oder Sie werden ihn ſogar nicht ſehen, aber bleiben Sie, guter Herr Müller, bleiben Sie!“ Miüller hätte vielleicht einen Seufzer ſo traurig als der, welcher Juſtin entſchlüpfte, ausgeſtoßen, doch er wäre ſicherlich geblieben. Juſtin ſagte nichts; er umarmte Herrn Müller, nahm von ihm Abſchied, ging weinend nach Hauſe und fiel ganz niedergeſchlagen auf ſein Bett. An demſelben Tage, um fünf Uhr, reiſte Müller nach Dresden ab. Als Müller abgereiſt war, erſchöpfte man die letzten Mittel. Wiedergeneſend, machte Juſtin eine neue Anſtren⸗ gung, und er ging dahin und dorthin, um ſich ſeine alten Lectionen und neue Lectionen zu erbitten; doch zwei Drittel der Eltern antworteten ihm mit dem philan⸗ thropiſchen Dank:„Sie haben eine zu ſchlechte Ge⸗ ſundheit!“ Da kam dem jungen Manne, der Alles, faſt ſeinen Muth, ſeine Hoffnung, ſeinen Glauben, erſchöpft hatte, der Gedanke, eine Primärſchule in dieſer armen Vor⸗ ſtadt, welche zu voll an Kindern, zu leer an Mitteln, zu gründen. Eine wackere Arbeiterin wagte es zuerſt, ihm ihren Sohn zu geben; eine Andere, welche im Tagelohn be⸗ ſchäftigt war und den ihrigen nicht behalten konnte, ver⸗ trau als brac Jahr Schi friſch ſie d trug ſchen geſag Reich Spe arme es zu achtz Schn lebtet genor ſterl gegar Webe rienm hatte Fran reue ieſen Ge⸗ einer Ihre un⸗ e utter beber aber üller lcher erlich nahm fiel nach etzten ſtren⸗ alten zwei ilan⸗ Ge⸗ einen hatte, Vor⸗ tteln, ihren n be⸗ ver⸗ 127 traute ihm denſelben, mehr um ſich ſeiner zu entledigen, als um ihn die vier Species lernen zu laſſen; eine Dritte brachte ihm zwei Schüler zugleich, Zwillinge von ſieben Jahren. Nach Verlauf von ſechs Monaten hatte er acht kleine Schüler, von denen die Einen immer blonder, immer friſcher, jmmer roſiger als die Andern. Doch er mußte ſie den ganzen Tag behalten, und ſeine acht Penſionäre trugen ihm monatlich vierzig Franken ein, denn er be⸗ ſchenkte ſie, wie wir am Anfange des vorigen Kapitels geſagt haben, für fünf Franken monatlich mit allen Reichthümern des Schreibens, des Leſens und der vier Species. Das bezahlt man übrigens auch heute noch den armen Schulmeiſtern dieſer verlorenen Quartiere. Nach zwei Jahren, im Monat Juni 1820, hatte er es zu achtzehn Schülern gebracht, was ihm tauſend und achtzig Franken für den Unterhalt ſeiner Mutter, ſeiner Schweſter und von ihm gab, und mit dieſer Summe lebten ſie alle Drei, da ſich das Wort leben ſtreng genommen durch die Paraphraſe: Nicht Hungers ſterben! überſetzen läßt. Was Herrn Müller betrifft,— er war nach Dresden gegangen und von dort wieder zurückgekehrt; er hatte Weber geſehen und umarmt; er war ſeinen ganzen Fe⸗ rienmonat bei ihm geblieben, und bei ſeiner Rückkehr hatte er zu Juſtin geſagt: „Ich habe bis auf den letzten Son meine tauſend Franken ausgegeben; doch, bei meiner Geige! ich be⸗ reue es nicht!“ 128 XV. Das Hausweſen des Schulmeiſters. Das Haus, deſſen Erdgeſchoß Juſtin bewohnte hatte über dem Erdgeſchoße nur einen Stock. Dieſer Stock beſtand aus zwei Stuben und einen Cabinet, aus dem man eine Küche gemacht hatte. In dieſem erſten Stocke wohnten die Mutter und die Schweſter des jungen Mannes⸗ Das einzeln im Hofe ſtehende Häuschen, das mit den benachbarten Häuſern nur durch eine ſeiner Seiten zuſammenhing, war aller Wahrſcheinlichkeit nach ge⸗ baut worden, um als Wohnung für den Werkführer der Spinnerei zu dienen, deren Trümmer man einige Schritte von da erblickte. In dieſem finſteren, ungeſunden Winkel, dem ſih Licht nur von einem mit hohen Gebäuden umgebenel Hofe zukam, ſchmachteten eine Mutter, ihre Tochter und ihr Sohn. Die Mutter, eine von Blindheit geſchlagene arme Frau hielt ſich im erſten Zimmer auf, wo ihre Kinder ſich alle Abende verſammelten; ſie überſchritt vielleicht nicht dreimal im Jahre die Schwelle dieſes Zimmers. Fromm, vereinzelt, des Geſichtes beraubt, war ſi geduldig. Man hatte ſie nie klagen hören: ſie beſaß die ei⸗ habene Reſignation einer Matrone des Alterthums un übte die ſtrengen Tugenden einer ſolchen; Sparta hätt ſie götuich verehrt, ein Detret des röniſchen Sennt hätte befohlen, ſich vor ihr zu entbloßen, wie vo einer Prieſterin der großen Göttin. dies Jac wir uns antn habe ſchö liebe Kell liden ihre erſte artig hofe mal Wor lich! inne Zeit präg Aug ſchäf Frau vergi herbe tigun gens Wint ſchlof Die ohnte einem er und as mit Seiten ch ge⸗ kführer einige em ſein ebene ter und e arme Kinder ielleicht mers. war ſi die et⸗ ms un ta hätt Seuati wie vol 129 Die franzöſiſche Geſellſchaft marterte ſie. Ah! die franzöſiſche Geſellſchaft, ſie iſt es, der wir diesmal zu Leibe gehen. Wir wiſſen wohl, daß wir unterliegen werden, wie Jacob in ſeinem Kampfe mit dem Engel; doch wenn wir einſt Gott Rechenſchaft ablegen, und Gott ſpricht zu uns:„Was habt Ihr gethan?“ ſo werden wir ihm antworten:„Es war uns unmöglich, zu ſiegen: wir haben gekämpft.“ Die Tochter, ein kränkliches, ſchwächliches Ge⸗ ſchöpf, ohne Athem; eine Blume der Felder, eine Maß⸗ liebe der Wieſen, ein Maiblümchen des Waldes in einen Keller verpflanzt, die Tochter beſaß einige von den ſo⸗ liden Tugenden der Mutter, doch ſie hatte entfernt nicht ihre Selbſtverleugnungsſtärke. Mit einem Aneurysma behaftet, das ſie bei der erſten heftigen Erſchütterung zu tödten drohte, inſtinct⸗ artig ihre junge Exiſtenz durch die Maner eines Kirch⸗ hofes geſchloſſen fühlend, wurde ihre Reſignation manch⸗ mal zur Verrätherin an ihr; nicht, als ob ihr je ein Wort der Bitterkeit entſchlüpft wäre,— ſie war zu chriſt⸗ lich hiezu,— doch ſie ließ ſich, wenn man ſo ſagen darf, innerlich brechen; ihre Verzweiflung war in ihr: von Zeit zu Zeit trug ihre elfenbeinfarbige Stirne das Ge⸗ präge davon an ſich, und ihre Mutter erblickte mit den Augen des Herzens dieſe finſteren Spuren. Vom Morgen bis zum Abend in ſeiner Claſſe be⸗ ſchäftigt, konnte der Sohn ſelten am Tage zu den zwei Frauen hinaufgehen; dieſe Freude war ihm nur dann vergönnt, wenn ihn ſein alter Profeſſor beſuchte und ſich herbeiließ, auf eine Stunde ſeine Stelle in Beaufſich⸗ tigung der Kinder einzunehmen. Die Schule wurde im Sommer um acht Uhr Mor⸗ gens geöffnet und um ſechs Uhr Abends geſchloſſen, im Winter um neun Uhr geöffnet und um fünf Uhr ge⸗ ſchloſſen. Die Mohicaner von Paris. 1. 9 130 Faſt alle dieſe Kinder waren Söhne von Arbeitern der Vorſtadt, beſtimmt, früher oder ſpäter das Handwerk ihres Vaters zu ergreifen; ſie hatten alſo nicht nöthig, Stndien im Lateiniſchen und Griechiſchen zu machen. Es waren aber zwei unter der Zahl, von denen der Vater, der, früher Arbeiter bei einem Mechanicus, ein wohlhabender Meiſter geworden war, den Einen für die Ecole Polylitechnique, den Andern für die Ecole des Arts⸗et⸗Meétiers beſtimmt hatte. Man ſollte ſie ins Collge bringen, ſobald ſie ihr zwölftes Jahr erreicht hätten. Sie hatten noch, der Aeltere zwei Jahre, ſein Bruder drei Jahre vor ſich. Inſtin, der ſie mit wunderbaren Fähigkeiten begabt ſah, befruchtete dieſe guten Keime und theilte ihnen, der arme Prometheus, ein wenig von dem heiligen Feuer mit, das der alte Profeſſor in ihm entzündet hatte. Dieſe zwei Knaben ausgenommen, welche die hohen Studien ein wenig in ihm zurückriefen, wollten die an⸗ dern Kinder nur die im Programme ausgeſprochenen, einfachen Elemente lernen, und ihre Eltern wollten nicht, daß man ſie etwas Anderes lehre. Durch dieſe geringe Anforderung, hinſichtlich des Unterrichtes, erfolgte, daß die Mutter und die Schweſter den jungen Mann unterſtützen und im Rothfall erſetzen konnten. Befand ſich die Schweſter wohl, ſo ging ſie in die Stube von Juſtin hinab, welche, wie geſagt, als Schul⸗ diente, und während der Sohn einige Angenblicke der Mutter Geſellſchaft leiſtete, ließ ſie die Kinder leſen und lehrte ſie dieſelben bis hundert zählen, indem ſie die Ziffern mit einem Stück Kreide auf die Tafel zeichnete. Jeden Tag empfing die Mutter in ihrer Stube das Drittel der Claſſe, ſechs kleine Kinder: das war die Verthätlichung des sinite parvulos ad me venire. Die ſechs Kinder knieten um den Strohſtuhl, wo ſie ſaß, ſi lehr rüh ſech glei ihre Bre das mili Stu ſes mon ziers gege Ver Abſe kreid konn krän ein 2 zwöl in d der der von Tage ofen Sche eitern dwerk thig, . nder nicus, n für e des e ihr dit ſich. t ſah, „der Feuer e. hohen e an⸗ enen, nicht, ch des weſter rſetzen in die Schule cke der n und ſie die chnete. be das ar die Die 131 lehrte ſie ihr Gebet ſprechen und erzählte ihnen eine rührende Epiſode aus dem Alten Teſtament. Das war ein anbetungswürdiges Schauſpiel, dieſe ſechs blonden Köpfe und dieſe zwölf roſigen Lippen, gleichförmig geöffnet, um Gebete zu murmeln. Man hätte glauben ſolleu, ſo knieend verbinden ſie ihre Herzen, um Gott zu bitten, daß er der armen Breſthaften das Geſicht wiedergebe. So war bis zum Monat Juni des Jahrs 1821 das einſiedleriſche, traurige Leben, das dieſe kleine Fa⸗ milie führte. Den alten Profeſſor ausgenommen, der oft einige Stunden bei ihnen zubrachte, ſtörte nichts den Lauf die⸗ ſes friedlichen Daſeins, das ſo flach wie eine Ebene, ſo monoton wie ſie. Zuweilen im Sommer erlaubte man ſich einen Spa⸗ ziergang; in dieſem Falle wandte man ſich gewöhnlich gegen Montrouge. Ach! man hatte von den Wäldern von Meudon, Verſailles und Montmorency, von den grünen Teppichen Abſchied genommen, um dem Rande ausgetrockneter, kreidiger Gräben zu folgen; die Mutter und die Tochter konnten nicht, die Eine blind, die Andere ſchwach und kränklich, die langen Spaziergänge unternehmen, welche ein Mann von fünfundvierzig Jahren und ein Knabe von zwölf machten. Bei den großen Gängen erreichte man Montrouge, in der Regel hielt man aber bei zwei Dritteln oder auf der Hälfte des Weges an; man ſetzte ſich an den Rand der Straße, und ein paar Stunden lang entlehnte man 2 der Sonne Licht und Wärme für den Reſt des ages. Im Winter ſetzte man ſich an einen kleinen Porzellan⸗ ofen und in dieſen legte man gewiſſenhaft zwei kleine Scheiter für den ganzen Abend, der bis neun Uhr dauerte. Es war wohl ein Kamin da, doch ein ungehenrer, 132 in welchem man alle acht Tage eine Fuhre Holz ver⸗ brannt hätte. Man hatte ihn verſtopft: wenn die Kamine nicht warm halten, ſo halten ſie kalt. Kam Herr Müller um neun Uhr, ſo machte man unabänderlich den Vorſchlag, ein Scheit in das Feuer zu legen; aber ebenfalls unabänderlich ſchlug es der gute Profeſſor aus, unter dem Vorwande, er ſei in vollem Schweiße, und von dieſem Angenblick rückte man ein wenig näher um den unnützen Ofen zuſammen. Um den Mangel des Feuers vergeſſen zu machen, erzählte der wackere Mann ſodann eine luſtige Geſchichte, — wie ſie die Witwe von Scarron erzählte, um die Abweſenheit des Bratens vergeſſen zu machen,— und ſeine Heiterkeit erwärmte ſeine Zuhörer wie ein wohl⸗ thätiger Strahl. Die Heiterkeit iſt die Sonne, welche von Zeit zu Zeit auf den Winter der Armuth ſcheint! Während dieſer zwei letzten Jahre beſonders ſchätzte Juſtin die Wohlthaten der Muſik. Sobald es neun Uhr geſchlagen und man ſich durch das letzte Vibriren der Glocke von Saint⸗Jacques⸗du⸗ Haut⸗Pas verſichert hatte, der Abend werde ohne den Beſuch von Herrn Miller voröbergehen, küßte Juſtin ſeine Mutter und ſeine Schweſter und ging in ſein Zimmer hinab. Hier zündete er eine Kerze an, welche von einem an einem Pulte befeſtigten Leuchter getragen wurde, öffnete auf dieſem Pulte ein altes Muſikbuch, ſchaute es einen Augenblick an, nahm das Violoncell aus ſeinem Kaſten, ſtäubte es ſorgfältig mit ſeinem Taſchentuche ab und ſchloß es wie einen Freund in ſeine Arme. Ei! mein Gott! war es nicht in der That ein Freund? war es nicht die göttliche Stimme, welche, ſie harmoniſch formend, alle innerſte Klagen des jungen Mannes aushanchte, dieſe Klagen, die, die ganze übrige ver⸗ nicht man euer der ollem ein chen, ichte, n die und wohl⸗ it zn hätzte durch s⸗du⸗ e den Juſtin ſein einem wurde, ute es ſeinem che ab at ein he, ſie jungen übrige 133 Zeit ſtumm, nur zwei Stunden Zeit hatten, um ſich zu ergießen? war es nicht die wohlthätige Quelle, woran ſich das durſtige Herz tränkte? war es nicht ein anderes Er ſelbſt, ein ſprechender Spiegel, dieſes ſonore Inſtru⸗ ment, dem er ſeine Leiden erzählte, und das ſie wie ein getrenes Echo wiederholte? Da ſeine ganze Familie nur aus einer blinden Mutter und einer kranken Schweſter beſtand, da er zum einzigen Gefährten nur ſeinen alten Profeſſor, zu Zeugen nur die kahlen Wände ſeiner Stube hatte, ſo hatte er ſie aus ſeinem Violoncell einen jungen Freund, eine Familie, ein Vaterland gemacht. Er athmete auch am Abend zwei Stunden lang die belebende Luft ein, die ihm den ganzen Tag gefehlt hatte. Allmälig aber wurde ſeine Atmoſphäre, trotz der harmoniſchen Schwingungen des wohlthätigen Inſtru⸗ ments, ſchwerfälliger; es fing an ihm an Luft zu fehlen; er verſank, ohne ſein Wiſſen, in eine tiefe Melancholie, der ihn Herr Müller, welcher dies bald gewahr wurde, hartnäckig zu entziehen ſuchte. „Du wirſt vor der Zeit alt werden,“ ſagte er zu ihm;„Du wirſt in Deinen beſten Jahren verwelken; Du mußt ausgehen, ein wenig Menſchen ſehen, das Leben wenigſtens mit dem Ellenbogen berühren, wenn Du Dich nicht darein miſchen kannſt. Die Ferienzeit rückt heran, wir müſſen einen Ausflug mit einander machen. Triff Deine Anſtalten: am 15. Auguſt werde ich Dich ab⸗ holen.“ Er verwelkte in der That in ſeinen ſchönſten Jah⸗ ren, der arme Schullehrer! ſein Ange wurde trübe, ſeine Wangen höhlten ſich aus, ſeine Stirne bedeckte ſich mit Falten, ſeine Haut vergelbte, wie das Pergament an ſeinen alten Büchern; man hätte glauben ſollen, er habe dreißig Jahre zurückgelegt, und er trat doch kaum in ſein dreiundzwanzigſtes Jahr ein; es trug aber auch 134 Alles dazu bei, ihn alt zu machen: die Leute, mit denen es er lebte, die Stube, wo er wohnte; ſein Geſicht, ſeine Haltung, ſein Gang, ſeine Stimme, kurz ſeine ganze Perſon entlehnte von denjenigen, welche ihn umgaben, tire und von allen Gegenſtänden, die er vor Augen hatte, ihr Alter und ihre Armuth. Ih Er wäre ſicherlich unterlegen, hätte ihn nicht ein 3 neuer Kummer erſchüttert und ihn hombopathiſch,— das Wort war noch nicht erfunden, doch Alles, was er⸗ gel funden werden ſoll, exiſtirt zum Voraus,— hätte ihn nicht ein neuer Kummer, ſagen wir, homöopathiſch dem ſuc Leben zurückgegeben. Au Ach! es iſt mit dem Schmerze wie mit gewiſſen wä Krankheiten: man heilt die einen durch die andern. Juſtin verdiente, wie man weiß, tauſend und acht⸗ lan zig Franken jährlich, und mit dieſer geringfügigen Summe vermochte er die dringendſten Bedürfniſſe zu beſtreiten; konnte er aber etwas von einem ſo dürftigen öff Einkommen erſparen? Trieb er die Sparſamkeit nicht ſchon bis zur Entbehrung? „Du mußt die Welt, wenn nicht ſehen, doch wenig⸗ ſtens mit dem Ellenbogen berühren,“ ſagte der alte M Meiſter. mit Das ließ ſich leicht ſagen!— War es aber mög⸗ ein lich, dies zu thun mit der fadenſcheinigen Kleidung, die ein iet vier Jahren im Sommer wie im Winter ten trug?— neberdies war die ganze Ausſtattung des Hauſes ſpr zu erneuern wie die von Juſtin. ſer Die Schweſter hatte Wunder der Flickerei an altem ge Weißzeug vollbracht; die Strümpfe des Bruders waren ge vom Saume bis zur Fußſpitze eine herrliche Moſaikar⸗ beit. Wohl hatte man ſich gelobt, nur in der äußerſten wo Noth etwas zu kaufen, doch ſo weit war man gekom⸗ in men: alle dieſe ausgebeſſerte, geflickte Wäſche, welche die ich armen Leute nie verlaſſen hätten, ſie verließ ſie; denn nen eine nze ben, ihr ein er⸗ ihn dem ſſen cht⸗ igen zu igen icht nig⸗ alte 1ög⸗ die nter uſes ltem aren kar⸗ ſten om⸗ die enn 135 es iſt mit der Wäſche wie mit den Freunden, hatte der alte Profeſſor den ſo bekannten Vers: Donec eris felix, multos numerabis amicos! ci⸗ tirend bemerkt. „So lange Ihr keine Strümpfe nöthig habt, habt Ihr!“ hatte er geſagt,„und habt Ihr nöthig, ſo fehlt es Euch daran!“ Man hatte bei dieſer Bemerkung des alten Müller gelächelt, jedoch traurig. Man mußte alſo einen neuen Erwerbszweig auf⸗ ſuchen, und beſonders mußte man ſich beeilen, denn der Angenblick ſollte kommen, wo er zu ſchlecht gekleidet wäre, um ihm nachzugehen. Und warten, bis er käme, hieß Gefahr laufen, zu lange zu warten. Juſtin klopfte aufs Neue an alle Thüren. Die Mehrzahl der Thüren blieb verſchloſſen, einige öffneten ſich, um eine Abweiſung paſſiren zu kaſſen. Man ging am Abend ſpazieren, da man nicht mehr bei Tage ſpazieren zu gehen wagte. Als ſich Juſtin eines Abends bei der Barriöre du Maine befand und auf ſeinen alten Profeſſor wartete, mit dem er zu einer Dame gehen ſollte, deren Sohn eine Repitition verlangte, hörte er über ſeinem Kopfe einen Streit zwiſchen dem Contrabaſſiſten und dem zwei⸗ ten Violiniſten. Woher kam dieſer Streit? aus welcher Quelle ent⸗ ſprang er? die Sache blieb Juſtin unbekannt, und die⸗ ſer ſchenkte ihr auch nicht mehr Aufmerkſamkeit, als ir⸗ gend einer Sache, die für ihn ohne Intereſſe,— als fol⸗ gende Worte an ſein Ohr trafen: „Herr Duruflé,“ ſagte der Contrabaſſiſt,„nach dem, was vorgefallen, ſchwöre ich, daß ich nie mehr einen Fuß in daſſelbe Haus mit Ihnen ſetze, und zum Beweiſe gehe ich auf der Stelle von hier weg!“ Der Contrabaſſiſt kam in der That mit raſchen 136 Schritten, ſeinen Contrabaß unter dem Arm und mit ſeinem Bogen wie mit einem Flamberg fechtend, heraus. teufe Es mußte etwas ſehr Ernſtes zwiſchen dem zweiten Violiniſten und ihm vorgefallen ſein. „Oh!“ machte plötzlich Inſtin,„oh!..“ Dir, Und er ſchlug ſich vor die Stirne. Es war ihm ein Gedanke gekommen. ſchla Zu gleicher Zeit, da dieſer Gedanke zu Juſtin durch das Fenſter der Schenke kam, kam Herr Müller ſeiner⸗ ſolch ſeits vom Ende der Straße herbei. nes kleid zerin ſo a ſie d XVI. det Vom Muſiker Spielmann. wie den Juſtin erwartete ſeinen Profeſſor, ohne einen Schritt ohne zu thun, um ihm entgegen zu gehen; man hätte glauben deut ſollen, ſeinen Platz verlaſſend, befürchte er ſeinen Gedan⸗ ken zu verlieren. an i Er erzählte dem Greiſe, was vorgefallen war. „Ah! ah!“ ſfagte dieſer,„eine erledigte Stelle!“ tellic Und plötzlich kam ihm auch ein Gedanke: dieſer ſeine Platz des Contrabaſſiſten in einer Schenke, ſo widrig er ſter wäre, hätte den Vortheil, daß er die Eintönigkeit des tig Lebens des jungen Mannes bräche. Spi Ueberdies wäre der Ertrag eine große Erleichterung ſeher für die arme Familie. „Aber,“ fügte er bei,„wird man ihn Dir geben wollen?“ eine „Ich hoffe es,“ erwiederte beſcheiden Juſtin. mit aus. eiten urch ner⸗ hritt uben dan⸗ 6 ieſer et des ung ben 137 „Ich glaube es,“ ſprach Müller,„oder ſie müßten teufelmäßig ſchwierig ſein.“ „Nun, ich will hineingehen und mich erkundigen.“ „Ich gehe mit Dir hinein und erkundige mich mit Dir,“ verſetzte der gute Profeſſor. Juſtin hütete ſich wohl, das Anerbieten auszu⸗ ſchlagen. Es läßt ſich leicht begreifen, welche Wirkung in einer ſolchen Kneipe der Eintritt dieſes ernſten jungen Man⸗ nes und dieſes ruhigen Greiſes,— Beide ſchwarz ge⸗ kleidet,— hervorbrachte. Die Tänzer zeigten ſie mit dem Finger ihren Tän⸗ zerinnen und ſchlugen ein Gelächter auf. Die zwei Freunde bemerkten dieſe Heiterkeit nicht, ſo allgemein ſie war, oder thaten nicht, als bemerkten ſie dieſelbe. Sie fragten bei einem der Kellner nach dem Herrn der Anſtalt. Ein dicker Burſche von einem Schenkwirth, rund wie Silen, röther als der Wein, den er ſeinen Kun⸗ den vorſetzte, kam mit einer geſchäftigen Miene herbei, ohne Zweifel im Glauben, es handle ſich um eine be⸗ deutende Beſtellung. zwei Freunde richteten ſchüchtern ihr Geſuch an ihn. Und wenn man bedenkt, daß das Herz eines in⸗ telligenten Mannes, eines Künſtlers, eines Sohnes, der ſeine Mutter ernährte, eines Bruders, der ſeine Schwe⸗ ſter ernährte, eines nützlichen und koſtbaren Bürgers hef⸗ tig ſchlug aus Furcht, er könnte ſich mit ſeiner Bitte, in einer Schenke zu werden, abgewieſen ehen! Ach! Alles iſt relativ auf dieſer Welt! Die Bewilligung dieſes Platzes überſetzte ſich durch einen ſchwarzen Rock und Hoſen für ihn, durch einen 138 wuttirten Rock für ſeine Mutter, durch ein Kleid fir un ſeine Schweſter. Oh! lacht, lacht, Ihr, die Ihr nie den Hunger und die Kälte für theure Weſen zu befürchten gehabt habt! ii 2 doch für mich, der ich auch eine Mutter und eine Schwe⸗ vit ſter mit hundert Franken monatlich zu ernähren hatte, iſt das Lachen eine Ruchloſigkeit! i Die zwei Freunde ſetzten alſo ſchüchtern ihr Geſuch den 6 auseinander. cheſt Der Wirth erwiederte, das ſei nicht ſeine Sache, e 6 das gehe den Orcheſterchef an. gan Er erbot ſich übrigens, ihm die Bitte des jungen ſ Mannes vorzulegen, was angenommen wurde, und nach ſes O fünf Minuten brachte er die befriedigende Antwort, Ju⸗ ven ſtin, wenn er die für das wichtige Geſchäft eines Con⸗ welche trabaſſiſten an den Barriöre unerläßlichen wiſſenſchaftli⸗ chen Bedingungen erfülle, könne ſogleich gegen drei Fran⸗ u ken für die Marke eintreten. 6 Es war dreimal in der Woche Ball, und er würde 6t O folglich ſechsunddreißig Franken monatlich verdienen. jn So viel hatten ihm ungefähr ſeine acht erſten Schü⸗ 1 3 ler eingetragen; es war alfo Peru,— im Jahre 1821 d ſagte man Peru, heute ſagt man Californien,— Polkes es war alſo Pern für ihn, dieſer Platz: er willigte auch 2 ein und verlangte nur Zeit, um ſein Violoncell im Fau⸗ Lampe bourg Saint⸗Jacques zu holen. Doch man antwortete ihm, das ſei unnöthig; man we hatte die Deſertion des Contrabaſſiſten vorhergeſehen zen P und war für einen Contrabaß beſorgt geweſen, der am Ende der zweite Violiniſt geſpielt hätte. Ein Contra⸗ baſſiſt bot ſich an der Stelle des Abgegangenen an; A⸗ überi alſo aufs Beſte wie in der Welt von Pan⸗ ckes o gloß. 2 Juſtin war entzückt in der Tiefe des Herzens, daß ſein Violoncell, ein jungfräuliches Inſtrument, fromm für und abt! hwe⸗ atte, eſuch ache, ngen nach Ju⸗ Con⸗ ftli⸗ ran⸗ ürde 821 auch Fau⸗ man ehen am tra⸗ Al⸗ zan⸗ daß mm 139 und einſiedleriſch, der Profanation entging, mit der es bedroht geweſen. Der junge Mann dankte Herrn Müller und wollte ihn wegſchicken, doch der gute Profeſſor erklärte, er werde den Debuts ſeines Zöglings beiwohnen und, um ihn durch ſeine Gegenwart zu ermuthigen, die Anſtalt erſt nach Beendigung des Balles verlaſſen. Juſtin dankte ſeinem Profeſſor die Hand, ließ ſich den Contrabaß bringen und nahm ſeinen Platz im Or⸗ cheſter, zum großen Erſtannen der Zuſchauer, welche, ganz bereit, ihn bei ſeinem Eintritt auszupfeifen, nun faſt verſucht waren, ihm Beifall zu klatſchen. Es war ein eines Genremalers würdiges Gemälde, die⸗ ſes Orcheſter,— wenn es erlaubt iſt, den anſpruchs⸗ vollen Namen dem Vereine der acht Tauben zu geben, welche die hölliſchen Quadrillen ſpielten, bei deren Tö⸗ nen die drei bis vierhundert, die Stammgäſte genann⸗ ter Schenke bildenden, Perſonen tanzten;— es war, ſa⸗ gen wir, ein eines Genremalers würdiges Gemälde, die⸗ ſes Orcheſter, in deſſen Mitte, mit ihm vermengt, ein junger Mann, ſtill und ernſt wie der arme Juſtin ſaß. Er hatte das Ausſehen eines Märtyrer⸗Muſikers, der mit dem Stricke um den Hals zur Beluſtigung eines Volkes von Heiden ſpielen würde. Beleuchtet durch die über ſeinem Kopfe hängenden Lampen, erſchien ſein Geſicht in ſeinem vollen Ausdruck. Juſtin war durchaus nicht ſchön, der arme Junge! doch man fühlte, daß die dürftige Luft, die dieſer gan⸗ zen Phyſiognomie den Ton gab, die wahre oder viel⸗ mehr die einzige Urſache war, die ſein Geſicht häßlich machte; zöge die Erleuchtung der einfachſten Freuden über dieſe Stirne, glänzte ein reines Gefühl des Glü⸗ ckes vder des Vergnügens in dieſen Augen, öffnete ein Lächeln dieſe Lippen, ſo würde dieſes Geſicht gewiß, in Ermangelung der Schönheit, alsbald das Gepräge einer 140 Sauftmuth und einer ſeltenen Diſtinction an⸗ nehmen. Mit beiden Händen einen Contrabaß von der dop⸗ pelten Höhe ſeines Violoncells bearbeitend, mit ſeinen langen blonden Haaren, welche auf ſeine Stirne fielen, wenn das Tempo eilig war, mit ſeinen großen, blauen, ſchwimmenden Angen, mit dem über ſeine ganze Perſon verbreiteten Ausſehen von Traurigkeit mußte er noth⸗ wendig Jedem, der ihn in dieſem Moment geſehen hätte, ein tiefes Intereſſe, eine mächtige Sympathie einflößen. Stellt Euch Lißt vor, jung von Alter, ſchön von Begeiſterung. Nun! das war unſer Schulmeiſter Juſtin. Nach dem Contretanz machte ihm der Orcheſterchef die aufrichtigſten Complimente und ſeine Collegen, die Inſtrumentiſten, ſpendeten ihm lauten Beifall. Tänzer und Tänzerinnen klatſchten in die Hände. Der gute alte Profeſſor war außer ſich vor Freude er klatſchte auch in die Hände und weinte vor Rüh⸗ rung. So wahr iſt es, daß der Triumph immer der Triumph bleibt, wer auch diejenigen ſein mögen, welche ihn zuerkennen. Um elf Uhr erkundigte ſich Juſtin, wie lange der Ball dauern werde. Man antwortete ihm:„Manchmal bis Morgens um zwei Uhr.“ Da winkte er dem guten Müller. Dieſer eilte herbei. Die Mutter und die Schweſter, welche in einer tödi⸗ lichen Angſt ſein mußten, ſollten benachrichtigt werden: nie, gar nie war Juſtin über zehn Uhr auswärts ge⸗ blieben. Der gute Profeſſor begriff die Lage: er lief über Hals und Kopf weg und fand Madame Corby,— dies war der Name der Mutter von Juſtin, den wir zun erſter Mad hört, eine funde die Bru n an⸗ dop⸗ ſeinen fielen, lauen, Berſon noth⸗ hätte, lößen. von terchef i nde. reude; Rüh⸗ e der welche ge der orgens rtödt⸗ erden ts ge⸗ f übet — dies rzun 141 erſten Male auszuſprechen die Ehre haben,— und fand Madame Corby und ihre Tochter im Gebete. „Nun,“ ſprach er eintretend,„Ihre Gebete ſind er⸗ hört, tugendhafte Frau und fromme Mutter: Juſtin hat eine Stelle von ſechsunddreißig Franken monatlich ge⸗ funden!“ Die zwei Frauen gaben einen Frendenſchrei von ſich. Der Profeſſor erzählte ihnen das Abenteuer. Mit dem vollkommenen Zartgefühl, das gewöhnlich die Frauen beſitzen, begriffen Madame Corby und ihre Tochter den Umfang des Opfers, das ihr Sohn und ihr Bruder den Bedürfniſſen der Lage brachte. „Guter, theurer Juſtin!“ ſprachen ſie. Und es lag in ihrem Tone ein ſo zärtlicher Aus⸗ druck, daß er beinahe klagend war. „Oh! bemitleiden Sie ihn nicht,“ ſprach der Pro⸗ feſſor.„Das iſt ein Triumphi Er iſt ſchön, er iſt herr⸗ lich! er gleicht Weber, als er jung war.“ Und nachdem er ſo geſprochen, da er nicht mehr zu ſagen gewußt hätte, nahm er Abſchied von den zwei Frauen, um nach der Schenke zurückzukehren. Er verließ die Barrisre erſt mit ſeinem Zögling Morgens um zwei Uhr. Sie fanden die Riegel der Hausthüre durch die Sorge der Schweſter von Juſtin zurückgezogen. Am Ende des Monats hatte Juſtin zwölfmal ge⸗ ſpielt, und er erhielt ſeine ſechs und dreißig Franken. Man konnte mit dieſen ſechs und dreißig Franken die nothwendigſten Gegenſtände kaufen. Und nun glauben wir unſern Leſern hinreichend gezeigt zu haben, was Alles gründlich Gutes und Red⸗ liches im Herzen unſeres Helden war; wir werden da⸗ her nur noch ein paar Worte beifügen, um das Gemälde ſeines Charakters zu vervollſtändigen. Dieſer Charakter war übrigens in ſeinem Geſammt⸗ weſen leicht durch ein einziges Wort zu definiren⸗ 142 Es war das Wort, durch das Salvator Jean Ro⸗ ei die Melodie, welche Juſtin ausführte, bezeichnet atte: Reſignativn. Setzen wir hinzu daß, wenn dieſe Tugend, eine etwas negative Tugend, je eine menſchliche Geſtalt an⸗ nähme, um auf die Erde herabzuſteigen, ſie gewiß keine andere als die des ergebenen Juſtin wählen würde. Man erlaube uns, ein wenig Analyſe zu machen: wir haben zehn Bände vor uns,— zwanzig, wenn uns zehn nicht genügen,— und überdies iſt es nicht ein Abenteuer, was wir erzählen, ſondern die Geſchichte eines leidenden Herzens. Durchforſchen wir dieſes Herz bis in ſeine verborgenſten Falten; ſehen wir, was aus dieſem durch das Unglück ſo wohl geſtählten Charakter werden wird; ſehen wir, was daraus werden wird vor einem ungeheuren Glück oder vor einem unermeßlichen Schmerz! Wird es widerſtehen oder brechen? Die Leſer mögen uns glauben: es iſt hiebei ein Studium von ergreifendem Intereſſe. Hier iſt ein in der vollen Bedeutung des Wortes jungfräulicher Mannz er hat bis jetzt gelebt wie die Vögel des Himmels,— von Luft zu Luft, von Ebene zu Ebene das Korn ſuchend, das er nach ſeinem Neſte zurückbrachte; bis heute war es ſein einziger Gedanke, ſeine einzige Sorge die materiellen Bedürfniſſe des Lebens zu befriedigen; um den Preis ſeiner Nachtwachen, um den Preis ſeines Schweißes, um den Preis ſeines Blu⸗ tes iſt es ihm gelungen, ſeiner armen Familie immer die Exiſtenz, manchmal ſogar eine Art von Wohlſtand zu geben. Was hat er für ſich ſelbſt ethan? Nichts. ſunehſe Würde er nicht allein in der Welt, wenn er weder Schweſter, noch Mutter gehabt hätte, Mittel gefunden hal zu des geb dur unt lieg die mig hab den eine erhe Luf wen uns von nich nur kön fahr er reif rath den, gebe gebe Ro⸗ ichnet eine t an⸗ keine chen: uns t ein ichte Herz aus akter vor ichen ein rtes die bene teſte eine ens um lu⸗ mer and der den 143 haben, ſeine Studien fortzuſetzen, Baccalaureus, Licentiat zu werden, wer weiß? vielleicht Doctor; und nun, ſtatt des Lehrſtuhles einer Facultät, auf den ihn ſeine Arbeit gebracht hätte, ſtatt des ehrenvollen Ranges, zu dem er durch die Beharrlichkeit gelangt wäre, welche einer der unterſcheidenden Charaktere ſeiner ergebenen Natur iſt, liegt er begraben in einer Art von Caſematte, wo ihn die Pflicht feſt genagelt hat, wo ihn die kindliche Fröm⸗ migkeit gefeſſelt hält. Oh! wir, die wir unſere Mutter ſo ſehr geliebt haben und ſo zärtlich von ihr geliebt worden ſind, wer⸗ den uns gewiß nie über die Familie beklagen. Abſorbirt aber die Familie,— welche in Folge eines großen Unglücks Unterſtützung von der Geſelſſchaft erhalten ſollte,— von ihr dem Elend überlaſſen, einer Luftpumpe ähnlich, die Luft von einem ihrer Ritglieder, wenn wir uns dann nicht laut beklagen, ſo vermöchte uns doch Niemand zu verhindern, daß wir leiſe ſeufzen. Von ſeiner Familie kam alſo das ganze Unglück von Juſtin; und dennoch würde ihm, dem Goldherzen, nichts eine ſo tiefe Verzweiflung verurſacht haben, als nur der Gedanke, ſeine Familie hätte nicht mehr exiſtiren können. Wie konnte er alſo da herauskommen? Juſtin wollte nicht herauskommen: er wollte fort⸗ fahren, morgen zu leben, wie er geſtern gelebt; wie er ſeine Jünglingszeit geopfert hatte, ſo würde er ſein reiferes Alter, ſein Leben opfern. Doch es würde für ihn das Alter, ſich zu verhei⸗ rathen, eintreten; eine Frau würde ihm mitten in dieſer Einöde, ſtatt dieſer Dürre, alle Heiterkeiten, alle Freu⸗ den, alle Beranſchungen der Jugend bringen Ach! wo ſie finden, dieſe geſegnete Frau, dieſe an⸗ gebetete Rachel? Hatte man Laban zehn Jahre Zeit und Arbeit zu geben? 144 Welche Geſellſchaft ſah man? Genügte es, ſich ans Fenſter zu ſtellen, um in der Ferne das gelobte Land der jungen Leute zu ſehen, das man ein Mädchen nennt? Und dann, im Grunde, würde er es wagen, zu hei⸗ rathen, der ehrliche und ängſtliche Juſtin? Sagte ihm ſein Gewiſſen nicht, die Heirath ſei ein Vertrag, der die Seelen ebenſo binde, wie die Hände? Und gehörte ſeine Seele ihm? Gehörten ſeine Hände ihm? Stand es ihm frei, eine Fremde an den mütter⸗ lichen Herd zu führen? würde er nicht das, was er an Zärtlichkeit einer Gattin gegeben hätte, ſeiner Mutter, ſeiner Schweſter genommen haben? Dies, was die Seele betrifft. Würde die Frau, die Gattin nicht in den Anſprü⸗ chen ihrer Jugend, der Coquetterie ihres Putzes einen Theil von dem geringen Einkommen verzehren? Dies, was die Hände betrifft. Nein, die Heirath war kein Mittel, dieſem tiefen Unglück abzuhelfen. Man mußte alſo die Selbſtverleugnung ewig fort⸗ etzen. ſ Das war es, was Juſtin that. Vielleicht in den Drangſalen ſterben! Das war er zu thun bereit. Oder Alles von der Güte Gottes erwarten. Ach! Gott hatte bis jetzt die arme Familie nicht verwöhnt, und ohne eine Ruchloſigkeit war es ihm wohl erlaubt, zu zweifeln. Dennoch war es die Hand Gottes, welche Inſtin aus dieſem Abgrunde zog. Eines Abends im Monat Juni, als nach einem der Sonnentage, da in der Natur ein Feſt iſt, Juſtin mit ſeinem alten Lehrer von einem Spaziergange nach der Ebene von Montrouge zurückkam, erblickte der junge der das hei⸗ i ein de? tter⸗ r an tter, prü⸗ inen efen ort⸗ 145 Mann unter dem Getreide, den Klapperroſen und den Kornblumen ein Mädchen von neun bis zehn Jahren, das in tiefem Schlafe zu liegen ſchien. Gott ſandte ihm unter der Geſtalt dieſes Mädchens einen ſeiner Engel zur Belohnung ſeiner hohen Tugend. e XVII. Die Kette des guten Gottes. Die Kleine, die ſie ſo zu ihrem Erſtaunen erblick⸗ ten, und vor der ſie ſtehen blieben, vergebens umher⸗ ſchauend, um den Vater od in weißes Kleid, das um Bande umſchloſſen war. Sie war blond und den ſchon gelben Aehren, Klapperroſen liegend, welch Wiege über ihrem Kopfe bildeten, hatte ſie das An⸗ ſehen einer kleinen Taube in ihrem Neſte. Ihre mit blauen Stiefelchen bekleideten Füße hingen am Rande des Grabens der Straße mit einer Nach⸗ läßigkeit herab, die eine tiefe Ermattung bei dem armen Kinde bezeichnete. Man hätte glauben ſollen, es ſei die Fee der Ernte, welche ausruhe von den An rend der milden Wache d h immliſche Bahn durchlaufe Die Mohicaner von Paris. 1. er die Mutter zu ſuchen, trug ihren Leib von einem blauen roſig, und ſo mitten unter den Kornblumen und den eum ſie her ſtehend, wie eine Heiligen in ihrer Niſche oder einer ſtrengungen des Tages wäh⸗ es Mondes, der ſie, ſeine nd, mit Liebe anſchaue. 10 146 Ihr Athem, obgleich ein wenig gepreßt, war ſanft wie der ſanfteſte Oſtwind, und unter dieſem reinen Hauche ſchaukelte ſich mit Coquetterie der bewegliche Halm⸗ ſchmuck des Korns. Die zwei Freunde würden die Nacht mit dem Anſchauen dieſes anbetungswürdigen ſchlafenden Kindes zugebracht haben, ein ſolches Entzücken bereitete ihnen dieſes friſche blonde Köpfchen; alsbald aber wurden ſie ihrer Beſchauung durch die Beſorgniß eutzogen, die ihnen der Gedanke an die Gefahren einflößte, denen in ſeiner Vere inzelung dieſes reizende kleine Weſen preisgegeben war. Welche Frau war denn ſeine Mutter, die man ver⸗ gebens mit den Augen ſuchte, und warum ließ ſie mitten im Felde, in der Nacht, dem Winde und der Feuchtigkeit ausgeſetzt, dieſen ſo ſchwächlichen und ſo zarten Körper liegen? Die arme Kleine mußte ſchon lange da ſein; ihr Schlaf bezeugte es. Die zwei Freunde, welche mitten in ihrem Marſche ſtehen zu bleiben pflegten, ſo oft ein ſtreitiger Punkt ihnen ſchwer feſtzuſtellen ſchien, die zwei Freunde waren ein paar Schritte von da ſtille geſtanden; hier hatten ſie ungefähr eine Viertelſtunde über folgenden Punkt discutirt, der in der That wohl aufgeklärt zu wer⸗ den verdiente, aber dennoch in der Dunkelheit geblieben war: „Entlehnt die Schönheit des Geſichts etwas von der Schönheit der Seele oder entlehnt ſie nichts?“ Und die zwei Freunde hatten während dieſer Vier⸗ telſtunde weder Jemand geſehen, noch gehört. Wo war denn nur die Mutter dieſer Kleinen? Müde von einem langen Spaziergang,— die Stie⸗ felchen der Kleinen waren mit Staub bedeckt,— ruhten übrigens die Eltern der Kleinen vielleicht irgendwo in der Nachbarſchaft im Korne. Juſtin und Herr Müller hatten ſchon umhergeſchaut, jede ſein daß ohn Hert Mät legte weck rief Klei rend ſeine der Pro ſich rung kann Ton ſanft auche am⸗ dem indes ihnen en ſie ihnen ſeiner geben ver⸗ mitten tigkeit körper z ihr mitten ft ein ezwei inden; genden twer⸗ lieben s von Vier⸗ 7 Stie⸗ ruhten wo in ſchaut, 147 jedoch vergebens; Sie waren ſo ſehr überzeugt, die Mutter der Kleinen könne nicht weiter von ihr entfernt ſein, als es eine Grasmücke von ihrem Reſte ſein kann, daß ſie abermals ſchauten. Nichts! Endlich entſchloſſen ſie ſich, die Kleine zu wecken. Sie öffnete ein Paar große, azurblaue Augen. Es war, als ſähe man zwei lebendige Kornblumen. Sie ſchaute die zwei Männer ohne Schrecken, faſt ohne Erſtaunen an. „Was machſt Du denn da, mein Kind?“ fragte Herr Müller. „Ich ruhe aus,“ erwiederte die Kleine. „Wie, Du ruhſt aus?“ riefen gleichzeitig die zwei Männer. „Ja, ich war ſehr müde, konnte nicht mehr gehen, legte mich nieder und bin eingeſchlafen.“ Der erſte Schrei dieſes durch zwei Fremde aufge⸗ e Kindes war alſo nicht, daß es ſeine Mutter rief! „Du ſagſt, Du ſeiſt ſehr müde geweſen, meine Kleine?“ wiederholte Herr Müller. Oh! ja, mein Herr!“ erwiederte das Kind, wäh⸗ rend es ſeinen Kopf ſchüttelte, um die blonden Locken ſeiner Haare wieder an ihren Platz zu bringen. „Du haſt alſo einen weiten Weg gemacht?“ fragte der Schulmeiſter. „Ja; ſehr weit.“ „Wo ſind denn Deine Eltern?“ ſagte der alte Profeſſor. „Meine Eltern?“ erwiederte die Kleine, indem ſie ſich aufſetzte und die zwei Fremden mit einer Verwunde⸗ rung anſchaute, als hätten ſie von Dingen einer unbe⸗ kannten Welt mit ihr geſprochen. 2„Ja, Deine Eltern,“ wiederholte Juſtin mit ſanftem Tone. 148 „Ich habe keine Eltern,“ ſprach einfach das Mäd⸗ er, chen mit demſelben Tone, als ob es geſagt hätte:„Ich weſ weiß nicht, wovon Sie reden.“ Die zwei Freunde ſchanten ſich gegenſeitig mit Er⸗ ſtaunen an, und ſchauten dann die Kleine mitleidig an. mar „Wie, Du haſt keine Eltern?“ fragte der Profeſſor. weif „Nein, mein Herr.“ bäut „Wo iſt denn Dein Vater?“ „Ich habe keinen.“ der „Deine Mutter?“ „Ich habe keine.“ „Wer hat Dich denn aufgezogen?“ „Meine Amme.“ „Wo iſt ſie?“ „In der Erde.“ Und die Kleine, indem ſie dieſe Worte ſprach, zer⸗ Pi in Thränen, jedoch ohne einen Schrei von ſich zu geben. Die zwei Freunde wandten ſich gerührt jeder auf eine Seite um, um vor einander zu verbergen, daß ſie von weinten. Die Kleine blieb unbeweglich und ſchien neue Fra⸗ aufne gen zu erwarten. „Wie kommt es, daß Du ganz allein hier biſt?“ fragte Herr Müller nach einer Pauſe von einem Augenblick. hier Sie wiſchte nun ihre Augen mit dem Rücken ihres Händchens ab; ihre, um wie der Kelch einer Blume man den Than ihrer Thränen zu empfangen, vorwärts ge⸗ über rundete Unterlippe ſchloß ſich wieder und nahm wieder es m Faul ihren Platz ein. dieſes Dann antwortete ſie mit zitternder Stimme: „Ich komme vom Lande.“ um L „Von welchem Lande?“ biſt?“ „Von der Buuille.“„ „Bei Rouen?“ fragte Juſtin mit Freude, als wäre warte Mäd⸗ „Ich t Er⸗ gan. eſſor. zer⸗ h zu auf ß ſie Fra⸗ blick. ihres lume ge⸗ ieder wäre 149 er, der ſelbſt aus der Gegend von Rouen, entzückt ge⸗ weſen, der Landsmann dieſes ſchönen Kindes zu ſein. „Ja, mein Herr,“ antwortete das Mädchen. In der That, das war ein friſches Kind der Nor⸗ mandie mit prallen, fleiſchigen Backen, ein Mädchen weiß und roſenfarbig, ein wahres blühendes Apfel⸗ bäumchen. „Wer hat Dich denn aber hierher gebracht?“ fragte der alte Meiſter. „Ich bin allein gekommen.“ „Zu Fuße?“ „Nein, im Wagen bis Paris.“ „Wie, bis Paris?“ „Ja, und zu Fuße von Paris bis hierher.“ „Und wohin gingſt Du?“ „Ich ging in eine Vorſtadt von Paris, in den Faubourg Saint⸗Jacques, wie ſie es nennen.“ „Und was wollteſt Du dort machen?“ „Ich wollte dem Bruder meiner Amme einen Brief von unſerem Pfarrer bringen.“ „Damit der Bruder Deiner Amme Dich bei ſich aufnehme, ohne Zweifel?“ „Ja, mein Herr.“ „Wie kommt es nun, mein Kind, daß Du Dich hier befindeſt?“ „Weil die Diligence zu ſpät angekommen iſt, wie man geſagt hat,— ſo daß Jedermann in der Vorſtadt über Nacht blieb. Da ſah ich die Barridre; ich dachte, es müſſen Felder in der Nähe ſein, ſuchte und fand dieſes.“ „Somit warſt Du hier in Erwartung des Morgens, unic zu der Perſon zu begeben, der Du empfohlen j 2“ „Ja, mein Herr, ſo iſt es: ich wollte den Tag er⸗ wartend wachen; doch ich bin zwei Nächte in kein Bett 150 gekommen: ich war müde ſtreckte mich unwillkürlich auf der Erde aus, und ſobald ich lag, entſchlief ich.“ St haſt keine Angſt, daß Du ſo in freier Luft Si liegſt?“ „Wovor ſoll ich Angſt haben?“ fragte das Mäd⸗ ver chen mit dem ſtolzen Vertrauen der Blinden und der ſtre Kinder, die, da ſie nichts ſehen, nichts zu fürchten ver⸗ möchten. 1Abt „Aber,“ verſetzte Herr Müller, erſtaunt über den haf offenen Verſtand, mit dem alle dieſe Antworten gegeben wurden,„fürchteſt Du nicht wenigſtens die Feuchtigkeit, das die Kälte?“ heſe ie „Oh!“ erwiederte ſie,„ſchlafen die Vögel und die Blumen nicht in den Feldern?“ i So viel naive Vernunft in einem Kinde von die⸗ Ju ſem Alter, ſo viel Anmuth, ſo viel Elend bewegten tief Kin das Herz der zwei Freunde. bei Es war die Vorſehung ſelbſt, welche dieſes Kind hierher gebracht, um Juſtin dadurch zu tröſten, daß ſie ſagt ihm zeigte, es gebe unter dem geſtirnten Himmelsge⸗ die wölbe Geſchöpfe, welche noch mehr enterbt als er. ſpre Sie brauchten nicht mit einander zu berathen, um über den Entſchluß, der zu faſſen wäre, überein zu neh kommen; Beide boten gleichzeitig der Kleinen an, ſie mitzunehmen. erw Doch ſie ſchlug es aus. „Ich danke, meine guten Herren,“ ſagte ſie,„nicht ich für Sie habe ich einen Brief.“ ſter „Gleichviel,“ verſetzte Juſtin,„komm immerhin bis Abe morgen, und morgen wirſt Du, wenn Du willſt, zum lege Bruder Deiner Amme gehen.“ Und der junge Mann bot zu gleicher Zeit die Hand der Waiſe, um ihr über den Graben ſpringen zu ſetze helfen. Ma Doch ſie weigerte ſich aufs Neue und ſagte, indem ſie nach dem Monde, dieſer Uhr der Armen, ſchaute: ſche h auf Luſt Mäd⸗ d der ver⸗ r den geben igkeit, d die ndie⸗ ntief Kind ß ſie elsge⸗ „um n zu t, ſie nicht n bis zum tdie en ze indem te 151 „Es iſt ungefähr Mitternacht; der Tag wird in drei Stunden kommen; es iſt nicht der Mühe werth, daß ich Sie beläſtige.“ „Ich verſichere Dich, daß Du uns nicht beläſtigſt,“ verſetzte Juſtin, der immer die Hand gegen ſie ausge⸗ ſtreckt hielt. „Und dann,“ fügte der Profeſſor bei,„wenn eine Gendarmen vorbeikäme, würdeſt Du ver⸗ haftet.“ „Warum ſollte man mich verhaften?“ entgegnete das Mädchen mit der Logik der Kindheit, welche oft die geſchickteſten Advokaten in Verlegenheit ſetzt.„Ich habe Niemand etwas Böſes gethan.“ „Man würde Dich verhaften, mein Kind,“ ſagte Juſtin,„weil man Dich für eines von den ſchlimmen Kindern halten könnte, die man Vagabunden nennt und bei Nacht verhaftet... Komm alſo!“ Juſtin hatte aber nicht nöthig:„Komm alſo!“ zu ſagen. Sobald ſie das Wort Vagabund hörte, ſprang die Kleine über den Graben, faltete die Hände und ſprach mit flehender Stimme: „Oh! nehmen Sie mich mit, meine guten Herren! nehmen Sie mich mit!“ „Gewiß, mein ſchönes Kind, nehmen wir Dich mit,“ erwiederte der Profeſſor;„gewiß nehmen wir Dich mit.“ „Wohl! wohl!“ rief Juſtin.„So komm geſchwinde; ich will Dich zu meiner Mutter und zu meiner Schwe⸗ ſter führen; ſie ſind Beide ſehr gut; ſie werden Dir Abenbrod geben und Dich dann in ein warmes Bett legen. Du haſt vielleicht lange nicht gegeſſen?“ „Ich habe ſeit heute Morgen nicht gegeſſen.“ „Ach! die arme Kleine!“ rief mit ebenſo viel Ent⸗ ſetzen als Liebfreundlichkeit der Profeſſor, deſſen vier Mahle täglich mathematiſch geregelt waren. Die Kleine täuſchte ſich im Sinne des zugleich egoiſti⸗ ſchen und mitleidigen Ausrufs des guten Müller; ſie 152 glaubte, man klage den Pfarrer, der ſie in die Diligence gebracht, an, daß er es ihr an Proviant habe fehlen ſe ſie beeilte ſich daher, ihn zu rechtfertigen, und agte: „Oh! das iſt meine Schuld; ich hatte Brod und Kirſchen, doch das Herz war mir ſo ſchwer, daß ich nicht eſſen konnte. Und ſehen Sie,“ fügte ſie bei, indem ſie ein in ihrer Nähe im Getreide verborgenes Körbchen, in welchem ſich wirklich ein wenig verwelkte Kirſchen und ein wenig ausgetrocknetes Brod fanden, an ſich zog, „hier iſt der Beweis.“ „Du mußt zu müde ſein, um gehen zu können,“ ſprach Inſtin zu dem Kinde,„ich will Dich tragen.“ „Oh! nein,“ erwiederte muthig die Kleine,„ich würde noch eine Meile zu Fuße machen.“ Die zwei Freunde wollten es nicht glauben, und trotz der wiederholten Weigerungen des Kindes ſtreckten ſie ihre Arme kreuzweiſe gelegt aus, verketteten ſich durch die Hände, und nachdem die Kleine jeden ihrer Arme um den Hals von einem der Freunde geſchlungen hatte, hoben ſie ſie bis zur Höhe ihres Gürtels auf und ſchick⸗ ten ſich an, ſie auf dieſem Palankin von Menſchenfleiſch wegzutragen, den die Kinder mit dem ausdrucksvollen Namen Kette des guten Gottes bezeichnen. Doch in dem Augenblick, wo ſie ſich auf den Weg begeben wollten, hielt ſie die Kleine zurück. „Mein Gott,“ ſagte ſie,„ich habe alſo den Kopf verloren?“ „Was gibt es, mein Kind?“ fragte mit Theilnahme Juſtin. „Ich habe den Brief unſeres Pfarrers vergeſſen.“ „Wo iſt er 2 „In meinem Päckchen.“ „Und wo iſt Dein Päckchen?“ „Dort, im Getreide, bei dem Platze, wo ich mit meinem Kornblumenkranze lag.“ beet ſie Ueb blur des nich blüh in d genb ihre— eine imm um gence fehlen und und nicht m ſie chen, ſchen zog, ten,“ „ „ich und ckten urch rme atte, chick⸗ leiſch ollen Weg Kopf hme mit 153 Und ſie entſchlüpfte ihren Armen, ſprang über den Graben, ergriff ihr in eine Serviette gewickeltes Päckchen und ihren Blumenkranz, ſetzte mit einer außerordentlichen Behendigkeit abermals über den Graben, und nahm wieder ihren Platz auf den Händen der zwei Freunde, die ſich alsbald nach der Barrisre wandten, welche man auf zwei bis dreihundert Schritte erblickte. XVIII. O dyyelos. Die Art, wie die kleine Waiſe ihr Päckchen hielt, beengte im Athmen den alten Profeſſor, an deſſen Bruſt ſie es drückte. Er hieß ſie das Päckchen an das Knopfloch ſeines Ueberrocks hängen. Es blieben noch das Kirſchenkörbchen und der Korn⸗ blumenkranz, den die Arme geflochten hatte in Erwartung des Tags, welchen zu erwarten der Schlaf ihr jedoch nicht die Zeit gegeben. Sie behielt ihn ohne Zweifel inſtinctartig als das blühende Andenken an ihre erſte Stunde der Einſamkeit in dieſer Welt. Juſtin verſtand es wenigſtens ſo; denn in dem Au⸗ genblick, wo die Kleine, wahrnehmend, daß die Blumen ihres Kranzes die Wange des jungen Mannes ſtreiften, eine Bewegung machte, um ihn wegzuwerfen, wobei ſie immer ihre Gefährten anſchaute, als wollte ſie dieſelben um Rath fragen,— nahm Juſtin, deſſen Hände beſchäf⸗ 154 tigt waren, den Kranz zwiſchenzſeine Zähne, ſetzte ihn dem hübſchen Mädchen auf den Kopf und ging weiter. Sie war reizend ſo, die arme Kleine! die ſchwarzen Kleider der zwei Freunde hoben bewunderungswürdig die Weiße ihres Röckchens und die himmliſche Reinheit ihres Geſichtes hervor; ihre Stirne beſonders ſchien, vom Monde beleuchtet, zu ſtrahlen wie die eines himmliſchen Geſchöpfes. Man hätte glauben ſollen, es ſei die junge Schwe⸗ ſter einer Druidin, welche im Triumphe nach dem heiligen Walde getragen werde. Einen Augenblick unterbrochen, nahm das Geſpräch wieder ſeinen Gang. Juſtin konnte nicht müde werden, den harmoniſchen Stimmton des Kindes zu hören. Er fing alſo wieder an zu fragen. „Und was iſt das Gewerbe des Bruders Deiner Amme?“ fragte er.. „Er iſt Wagner.“ „Wagner?“ wiederholte Juſtin mit der Miene eines Menſchen, der ein Unglück vorherſieht. „Ja, mein Herr.“ „Im Faubourg Saint⸗Jacques?“ „Ja, mein Herr.“ „Ich kannte aber nur einen Wagner in No. 111.“ „Ich glaube dieſer iſt es.“ Juſtin vollendete nicht; ungefähr ein Jahr vorher war die Wagnerwerkſtätte plötzlich geſchloſſen und ſodann, von einem Schloſſer bewohnt, wieder geöffnet worden. Juſtin wollte nichts ſagen, was das Mädchen beunruhi⸗ gen konnte, ehe er ſelbſt ſicher wäre, daß ſeine Beſorgniß begründet. „Ah! ja, ja,“ ſprach das Mädchen,„ich ſage ſogar nicht einmal mehr, ich glaube, daß dieſer es iſt; ich weiß es gewiß.“ „Wie, Du weißt es gewiß, mein Kind?“ „Ja ich habe mehrere Male die Adreſſe ge⸗ leſ für an dei des e ihn iter. arzen ürdig nheit vom iſchen chwe⸗ ligen präch rden, eie Riene orher dann rden. ruhi⸗ rgniß ſogar 15⁵ leſen, man hatte mich ermahnt, ſie auswendig zu lernen für den Fall, daß ich den Brief verlieren würde.“ „Und Du erinnerſt Dich des Namens, der auf der Adreſſe ſtand?“ „Gewiß.. Es war:„„An Herrn Durier...“ Die zwei Freunde ſchauten ſich an, doch ohne zu antworten. Da es ſich einbildete, ihr Stillſchweigen rühre von dem geringen Vertrauen her, das ſie ſeinen Worten ſchenkten, ſo fügte das Kind mit einer Bewegung des Stolzes bei: „Oh! ich kann ſchon lange leſen.“ „Ich bezweifle es nicht,“ erwiederte ernſt der alte Profeſſor. „Und was gedachteſt Du bei dem Bruder Deiner Amme zu thun?“ „Ich gedachte zu arbeiten.“ „Was?“ „Was man will. Ich kann vielerlei.“ „Unter Anderem?“ „Ich kann nähen, bügeln, Hauben ausputzen, ſticken, Spitzen machen.“ Je mehr die zwei Freunde die Kleine zum Spre⸗ chen veranlaßten, deſto mehr neue Eigenſchaften entdeck⸗ ſe an ihr, und deſto mehr Zuneigung faßten ſie ür ſie. Sie wußten bald ihre ganze kleine Geſchichte; ſie war in ein gewiſſes Geheimniß gehüllt.“ In einer Nacht hielt ein Wagen bei der Bouille anz das war im Jahre 1812; es ſtieg ein Mann aus, der in ſeinen Armen eine Laſt trug, deren Form ſich un⸗ möglich unterſcheiden ließ. Vor der Thüre eines einſamen, am Ende des Dor⸗ fes liegenden Häuschens angelangt, zog er einen Schlüſſel aus ſeiner Taſche, öffnete die Thüre, ging in der Fin⸗ „ 156 ſterniß hinein, und legte die Laſt auf das Bett, eine Börſe und einen Brief auf den Tiſch. Dann ſchloß er die Thüre wieder, ſtieg in ſeinen Wagen und fuhr weiter. Eine Stunde nachher blieb eine gute Frau, welche vom Markte von Ronen kam, vor demſelben Hauſe ſtehen, zog ebenfalls einen Schlüſſel aus der Taſche, öffuete die Thüre und hörte zu ihrem großen Erſtaunen, als ſie die Thüre kaum geöffnet, das Schreien eines Kindes. Sie zündete eiligſt die Lampe an und ſah etwas Weißes, das ſich beſtändig ſchreiend auf ihrem Bette zer⸗ arbeitete. Dieſes weiße Etwas, das auf ihrem Bette ſchrie und ſich zerarbeitete, war ein einjähriges kleines Mädchen. Da ſchaute die gute Frau, immer mehr erſtaunt, umher und erblickte auf dem Tiſche den Brief und die Börſe. Sie öffnete den Brief und las mit großer Mühe, — denn ſie las nicht ſehr geläufig,— folgende Zeilen. „Frau Boivin, man weiß, daß Ihr ein gutes und redliches Weib ſeid, und dies beſtimmt einen Vater, der Frankreich zu verlaſſen im Begriffe iſt, Euch ſein Kind anzuvertrauen. „Ihr findet zwölfhundert Franken in der auf Eurem Tiſche liegenden Börſe; das iſt das Koſtgeld für das erſte Jahr, welches Euch vorausbezahlt wird. „Vom 28. October des nächſten Jahres, dem Jah⸗ restage von heute, erhaltet Ihr durch die Vermitte⸗ 6 Pfarrers der Bouille hundert Franken mö⸗ natlich. „Gebt dem Kinde die beſte Erziehung, die Ihr ihn geben könnt, und beſonders die einer guten Hausfrau. Gott weiß, welche Prüfungen er ihr vorbehält. „Ihr Taufname iſt Mina; ſie ſoll keinen andern führen, bis ich ihr den gegeben häbe, welcher ihr gehört. „28. October 1812.“ zu ihn Bör das erg Got ſten dem vorh der welc aufb ſem beſch in e ſpar wack pünk ware gebli Sor Toch Pfar zu ei den, ſie al eine einen elche hen, fnete ks ſie 8. twas zer⸗ chrie ines unt, die ühe, ilen. und der Kind rem das ah⸗ itte⸗ mo⸗ ihm rau. dern ört. 157 Frau Boivin las den Brief dreimal, um ihn recht zu verſtehen; als ſie ihn ganz begriffen hatte, ſchob ſie ihn in die Taſche, nahm das Kind in ihre Arme, die Börſe in ihre Hand, und lief zum Pfarrer, um ihn über das, was ſie thun ſollte, um Rath zu fragen. Die Antwort des Pfarrers war nicht zweifelhaft: er gab der Mutter Boivin den Rath, das Kind, das ihr Gott vertraute, anzunehmen und mit der größtmöglich⸗ ſten Sorgfalt aufzuziehen. Die Mutter Boivin ging alſo wieder mit der Börſe, dem Kinde und dem Briefe nach Hauſe. Das Kind wurde in die Wiege des zwei Jahre vorher geſtorbenen Sohnes der Mutter Boivin gelegt; der Brief wurde in ein Portefeuille eingeſchloſſen, in welchem die brave Frau die Dienſtetats ihres Mannes aufbewahrte, der, Sergent bei der alten Garde, in die⸗ ſem Augenblick den Rückzug aus Rußland zu machen beſchäftigt war; die zwölfhundert Franken aber wurden in ein Verſteck gelegt, dem die Mutter Boivin ihre Er⸗ ſparniſſe anvertraute. Man hatte nichts mehr vom Sergenten Boivin gehört. War er todt? war er Gefangener? Nie hatte die wackere Frau Nachricht von ihrem Manne erhalten. Sieben Jahre lang war das Koſtgeld des Kindes vünktlich bezahlt worden; ſeit dritthalb Jahren aber waren die Anweiſungen zu ihrer Verfallzeit ganz aus⸗ geblieben, was die gute Frau nicht abhielt, dieſelbe Sorge für Mina zu tragen, die ſie als ihre eigene Tochter betrachtete. Vor acht Tagen war ſie geſtorben, ſie hatte dem Pfarrer die Sorge für das Kind hinterlaſſen; es ſollte zu einem Bruder, einem Wagner in Paris, geſchickt wer⸗ den, den ſie lange nicht mehr geſehen, deſſen Redlichkeit ſie aber verſicherte. Dieſer Bruder hieß Durier und wohnte im Erdge⸗ 158 ſchoße des Hauſes Nr. 111, Faubourg Saint⸗Jacques in Paris. Däs war es, was das Mädchen erzählt hatte, und was die Freunde wußten, als ſie in die Stube von Ju⸗ ſtin kamen. Kehrte Juſtin ſpät nach Hauſe zurück, ſo fand er ſeine Schweſter immer wachend und ihn erwartend. Diesmal, wie immer, erwartete Céleſte, ſo hieß ſie, ihren Bruder. Sie öffnete die Thüre beim Geräuſche der Tritte und hörte ſich rufen. Sogleich ging ſie hinab, und das Erſte, was ſie ſah, war die kleine Mina, die ihr Bruder ihr vorſtellte. Erſtaunt über die Schönheit der Kleinen, küßte ſie dieſe, ohne nur zu fragen, woher ſie komme. Dann hob ſie das Mädchen von der Erde auf, nahm es in ihre Arme und trug es in aller Eile in das Zimmer ihrer Mutter. Die Mutter konnte das Kind nicht ſehen; doch ſie hatte, wie alle Blinde, Augen an den Fingerſpitzenz ſie berührte die Waiſe und überzengte ſich, daß ſie ſchön war. Man erzählte der Mutter die ganze Geſchichte; Céleſte hatte große Luſt, dieſe Geſchichte zu hören, doch man zeigte ihr das Kind, das vor Schlaf umfiel; Cé⸗ leſte mußte ihm alſo ſo raſch als möglich ein Bett in ihrem Zimmer aufſchlagen. Das war etwas Leichtes. Man ging ins Erdgeſchoß hinab, nahm dort die große Tafel, welche zu arithmetiſchen Erläuterungen diente, ſetzte ſie auf vier Schemel, breitete eine Matratze aus, und Madame Corby nahm die Stirne des Kindes und legte ihre Hände darauf als einen drei⸗ fachen Segen der Mutter, der Blinden und der Haus⸗ wirthin, ein Segen, der der Kleinen Glück bringen ſollte kat kan ehe ler kur ſch der unt rei Au die dar zuh Co hef an der tques und id er ß ſie, ritte s ſie tellte. te ſie auf, — ile in h ſie itzen; ſie ichte; doch Cé⸗ ett in t die ungen tratze des drei⸗ Haus⸗ ſollte. 159 Dieſe legte ſich zu Bette und verſank, als ſie ſich kaum ausgeſtreckt hatte, in einen tiefen Schlaf. Am andern Morgen, ehe ſeine Kinder in ihre Claſſe kamen, begab ſich Juſtin zu einem der Nachbarn des ehemaligen Wagners, einem ihm bekannten wackern Köh⸗ ler Namens Touſſaint und fragte ihn, ob er ihm Aus⸗ kunft über den Wagner geben könnte, der im Erdge⸗ ſchoße des Hauſes 111 vor dem Schloſſer gewohnt habe, der jetzt dort wohne. Juſtin traf es ſehr gut. Touſſaint und Durier waren Freunde. Durier hatte an der bekannten Verſchwörung Nantsos und Böérard Theil genommen, welche die Einnahme des Fort von Vincennes bezweckte und ſo ein in ganz Frank⸗ reich durch das oberſte Comité angezetteltes Complott zum Ausbruch bringen ſollte, eine Verſchwörung, welche durch die Entdeckungen von Bérard geſcheitert war. Er war in dieſe Sache durch einen Corſen Namens Sarranti hineingezogen worden, der ein großes Gewicht darauf legte, Durier zum Genoſſen zu haben, wegen der zahlreichen Arbeiter, über die er verfügte. Mitten in der Nacht nun, vor dem Tage, wo das Complott zum Ausbruche kommen ſollte, hatte Touſſaint heftig an die Thüre von Durier klopfen hören; er war an ſein Fenſter getreten und hatte den Fremden erkannt, der ſeit einiger Zeit die Werkſtätten des Wagners beſuchte. Einen Angenblick nachher hatte er Beide weggehen und ſich in aller Haſt nach der Barrisre wenden ſehen. Von dieſem Tage an waren Durier und Sarranti nicht wieder erſchienen. Das war nicht die einzige Anklage, welche, nicht auf Durier, ſondern auf dem Corſen gelaſtet hatte: Tonſſaint hatte durch Polizeiagenten, welche die Haus⸗ ſuchung bei Durier vorgenommen, erfahren, Sarranti ſei überdies bezüchtigt geweſen, er habe bei einem ſeiner 160 Freunde eine beträchtliche Summe, etwa fünfzig bis die ſechzigtauſend Franken, geſtohlen. Nal Ohne Zweifel mittelſt des Geldes, über das ſie ver⸗ fügen konnten, hatten ſie raſch genug Havre erreicht, um wer ſich Beide aufeinem im Abgange begriffenen Indienfahrer einzuſchiffen. heil Seit jener Zeit hatte man weder von dem Einen, und noch von dem Andern mehr etwas gehört. Vielleicht, fügte Tonſſaint bei, könnte man Kin Nachrichten über ſie durch einen Sohn von Sarranti er⸗ halten, der Zögling im Saint⸗Sulpice⸗Seminar war. das Doch begreiflicher Weiſe werde der Sohn mit aller Zu⸗ Kin rückhaltung auf Fragen antworten, die von einem Frem⸗ den an ihn gemacht werden, da ihn die ſchwere Anklage, das welche auf ſeinem Vater laſte, in Angſt erhalten müſſe. ſich Juſtin verſuchte es, ſeine Nachforſchungen weiter zu treiben, Touſſaint wußte aber nicht mehr. Der junge Mann kehrte nach Hauſe zurück, ohne es für geeignet zu erachten, einen Schritt bei Herrn Sar⸗ ranti Sohn zu thun. Auch war es ihm eben ſo lieb, daß der Wagner verſchwunden und, da er verſchwunden, nicht wieder erſchien. Er kehrte alſo, wie geſagt, nach Hauſe zurück und theilte, zum erſten Male Heuchler, ſeiner Mutter die ſchlimme Kunde mit. „Deine ſchlimme Kunde iſt im Gegentheil eine gute Kunde,“ erwiederte Madame Corby, der ihr Sohn, das ſtin Evangelium leſend, den Sinn des Wortes 6 dyys10s der — eine gute Kunde, weil es ein Engel Gottes iſt, der über ſie uns ſchickt,— gelehrt hatte. Sch Und es war für alle Drei eine ungeheure Freude, die Hoffnung, das reizende Weſen im Hauſe zu behalten. über Sie ſchienen in der That zu der Periode des ge⸗ meinſchaftlichen Lebens gekommen zu ſein, wo man fühlt, daß, beſtändig ſich von ihrer eigenen Subſtanz nährend, Di — — .— — bis ver⸗ um ahrer inen, man ti er⸗ war. Zu⸗ Frem⸗ klage, nüſſe. er zu ne es Sar⸗ agner ieder und rdie gute „das 8108 „der ede, alten. s ge⸗ fühlt, rend, 161 die innige Vertraulichkeit in Ermangelung von neuen Nahrungsmitteln abnimmt. Sie fühlten, ihnen unbewußt, die gebieteriſche Noth⸗ wendigkeit, ſich alle Drei ſelbſt zu erneuern. Sie waren lange genug unter der Sündfluth in die heilige Arche eingeſchloſſen geblieben; die Taube kam und brachte deu Oelzweig. Man erfaßte alſo mit Entzücken den Gedanken, das Kind bei ſich zu behalten. Und ſo willigte dieſe arme Familie, welche kaum das Nothwendige hatte, ein, ſich für das Glück, dieſes Kind zu beſitzen, noch ärmer zu machen. Ihrer Anſicht nach hieß mit dieſem kleinen Weſen das Perſonal der Familie vermehren ſich, indem man ſich ſelbſt ärmer machen würde, bereichern. XIX. Vogel im Käfich. Nachdem dieſer Entſchluß gefaßt war, ſchrieb Ju⸗ ſtin an den Pfarrer, der für das Kind ſeit dem Tode der Amme Sorge getragen, einen ausführlichen Bericht über ſein Zuſammentreffen mit demſelben und über die Schritte, welche gethan worden. Er ſagte ihm, es müſſen fortan alle Nachrichten über die kleine Mina von ihm und ſeiner Mutter ver⸗ langt werden, da ſie bei ihm wohnen werde. Sodann, da der Pfarrer das einzige Weſen auf Die Mohicaner von Paris. I. 11 162 Erden war, das ſich, nachdem Frau Boivin geſtorben, für das Kind intereſſirte oder zu intereſſiren ſchien, bat man ihn, er möge ſeine Einwilligung zur Adoption der Waiſe geben. Die Antwort ließ nicht auf ſich warten; der Prie⸗ ſter dankte im Namen Gottes, des großen und, leider! faſt einzigen Belohners der menſchlichen Tugenden der guten Familie für ihre fromme Handlung. Sollte ihm eine Rachricht von dem unbekannten Protector der kleinen Mina zukommen, ſo werde er dieſe Nachricht auf der Stelle dem Schulmeiſter mittheilen. Nachdem dieſer Punkt geordnet und das Gewiſſen derjenigen, welche das Kind bei ſich aufgenommen, be⸗ ruhigt war, befragte man ſich über die Lebensweiſe, die man für die Kleine wählen ſollte. „Ich übernehme ihre Erziehung,“ ſagte Juſtin. „Ich, ihre Religion,“ ſagte die Mutter. „Ich, ihre Ausſteuer,“ ſagte die Schweſter. Dann regelte man die Zeit ihres Auſſtehens, ihrer Mahle, ihrer Arbeiten; nach einer Unterredung von einer Stunde zwiſchen dem Bruder, der Schweſter und der Mutter war ſie unauflöslich an das Innere der Familie gebunden. Dergeſtalt, daß wenn man ſie in dieſem Augenblick zurückgefordert hätte, dies ein tiefer Kummer für alle dieſe vortreffliche Herzen geweſen wäre. Mittlerweile ſchlief die Kleine, ohne zu wiſſen, daß über die Zukunft ihres Lebens entſchieden worden war, und daß ſie unabänderlich in dieſem demüthigen, aber ſympathetiſchen Hauſe fipirt ſein ſollte. Plötzlich machte ein Schluchzen, das aus dem Zim⸗ mer kam, wo ſie lag, die drei wie im Familienrath ver⸗ ſammelten Perſonen beben. Die Mutter, die in ihrem Lehnſtuhle ſaß, ſtand auf; Juſtin lief bis an die Thüre des Schlafzimmers; Celeſte trat aber allein ein. als der geh war lich Lan wei ihre öffn ſie, dem Die pete nicht Céle ten und klein beſor zuſtr der ten, welch lich e Sont macht Pfart Verg! ſtorben, n, bat ion der rPrie⸗ leider! en der kannten er dieſe len. ewiſſen en, be⸗ ſe, die in. ſtehens, redung hweſter ere der genblick ür alle en, daß war, „ aber n Zim⸗ th ver⸗ ſtand nmers; 163 Das Kind war ſo vernünftig, daß man es beinahe als eine junge Perſon betrachten mußte, und ein Gefühl der Schamhaſtigkeit hatte Juſtin auf der Schwelle zurück⸗ gehalten. Was die Kleine ſchluchzen machte, mein Gott! es war nichts als ein Traum; Mina hatte einen entſetz⸗ lichen Traum gemacht; ſie hatte ſich von Gendarmen als Landſtreicherin verhaftet geglaubt, und in ihrem Traume weinte ſie bis zum Schluchzen: dieſes Schluchzen machte ihrem Schlafe ein Ende. Unglücklicher Weiſe konnte ſie, als ſie die Augen öffnete, glauben, der Traum währe fort; die düſtere Tapete dieſer Stube beklemmte ihr das Herz: wo war ſie, wenn nicht im Gefängniß? Welch ein Unterſchied zwiſchen dieſem Zimmer und dem Stübchen, das ſie bei der Mutter Boivin bewohnte! Die Wände des Stübchens hatten allerdings keine Ta⸗ peten; doch ſie waren glänzend weiß; das Fenſter hatte nicht den gelben Vorhang, der das von Mademoiſelle Céleſte ſchmückte; doch es ging auf einen ſchönen Gar⸗ ten voller Blumen im Frühling, voller Früchte im Herbſte und voll Sonne im Sommer. War das Wetter ein wenig warm, ſo ſchlief die kleine Mina bei offenem Fenſter, und da ſie jeden Abend beſorgt war, Korn auf dem Boden ihres Zimmers aus⸗ zuſtreuen, ſo wurde ſie beim Frühroth durch den Geſang der Vögel aufgeweckt, welche in dem Baume zwitſcher⸗ ten, deſſen Aeſte neugierig in ihr Zimmer ſchauten, welche auf dem Rande ihres Fenſters flatterten und end⸗ lich an den zwei Füßen ihres Bettes marodirten. Oh! dieſes Leben, dieſe Luft, dieſe Blumen, dieſe Sonne, dieſe Vögel hatten ſie weiß und roſenfarbig ge⸗ macht wie eine Pfirſich, die liebe Kleine! Und dann dieſe Stube ſo weiß als die Wände der Pfarrkirche, das war, in Ermangelung eines anderu Vergleichungspunktes, die ſchönſte Stube, die ſich die 164 Kleine vorſtellen konnte: ſie erinnerte ſie an die Orgel, an den Weihrauch, an die Jungfrau und alle die Fee⸗ reien der Kirche, welche mächtig auf die junge Ein⸗ bildungskraft wirken. So wach ſie war, blieb Mina doch einen Augen⸗ blick im tiefſten Zweifel. Dieſer ernſte junge Mann, dieſer freundliche Greis, mit denen ſie zuſammengetroffen; die Promenade, die ſie im Mondſcheine, zwiſchen den Armen der zwei Män⸗ ner getragen, gemacht hatte, Alles dünkte ihr ein Traum; ſie hatte den Gedanken, aus dem Bette zu ſpringen und ſich der Wahrheit zu perſichern; doch ſie wagte es nicht, und während ſie ihr Schluchzen unterdrückte, ſetzte ſie ſich auf ihr Bett und ſuchte ihre Ideen zu ſammeln. In dieſer Stellung, die ein Bildhaner für eine Statuette des Zweifels gewählt hätte, fand ſie die gute Céleſte. Zwei ſchwere Thränen floßen noch über ihre Wangen „Was haſt Du, mein liebes Kind?“ fragte Céleſte, indem ſie das Mädchen in ihre Arme ſchloß.„Du weinſt!“ Mina erkannte das bleiche, krankhafte Geſicht vom vorhergehenden Tage; ſie erwiederte ihrer neuen Freun⸗ din den Kuß, den ſie empfangen, und erzählte ihr ſo⸗ dann ihren Traum. Wonach Céleſte ſelbſt das Wort nahm, und nach einigen Minuten war die Kleine vertraut mit den Schrit⸗ ten von Juſtin: ſie wußte, daß der Wagner verſchwun⸗ den, und daß der Brief des Pfarrers unnütz war. „Und was nun?“ fragte das Kind mit kläglichen Tone, indem es ſo ängſtliche Blicke auf Céleſte heftete, daß dieſe ihrerſeits Thränen in ihren Augen fühltej „und was nun?... „Du biſt nun bei uns und gehörſt uns, mein Kind,“ ſprach Céleſte;„Du wirſt die Tochter unſerer Mutter ſein, die Schweſter von Juſtin und mir, und obgleich wir Dich eben inde ſtrec ins gen das Frei ihre den vor tiſch die« es, liebt Son aber fruch men. Kind leicht in ei bewe ſein daß als n Orgel, Fee⸗ e Ein⸗ lugen⸗ Greis, e, die Män⸗ raum; en und nicht, tzte ſie ln. r eine ie gute zangen. „Du ht vom Freun⸗ ihr ſo⸗ d nach Schrit⸗ ſchwun⸗ glichen heftete, fühlte; Kind,“ Mutter obgleich 165 wir nicht reich find, werden wir doch Alles thun, um Dich glücklich zu machen.“ „Oh! Schweſter Céleſte!“ ſagte das Kind, dieſe ebenfalls küſſend;„oh! Bruder Juſtin!“ fügte es bei, indem es ſeine Händchen gegen den jungen Mann aus⸗ ſtreckte, deſſen Kopf im Thürrahmen ſichtbar wurde. Juſtin konnte nicht länger an ſich halten; er ſtürzte ins Zimmer und küßte die Hände, die das Kind ge⸗ gen ihn ausſtreckte. In einem Augenblick war Mina von dem Leben, das ſie führen ſollte, unterrichtet. Ach! das war nicht das Leben der Luft und der Freiheit, an das ſie ſich auf dem Lande gewöhnt hatte; ihre kleinen Füße ſollten ihren Gang am Morgen durch den Thau und die Blumen vergeſſen; ſie ſollte nicht mehr vor ihren Augen den ſchönen Strom haben, der majeſtä⸗ tiſch und langſam, nach dem Meere den Handel und die Induſtrie führend, hinfloßz doch die Arme, ſie fühlte es, ſie würde ſtatt deſſen gute Herzen haben, die ſie liebten; ſie würde die Zärtlichkeit haben, dieſe milde Sonne der Seele, welche nicht die Sonne des Leibes, aber doch die einzige iſt, deren Wärme die mächtige, fruchtbare Gluth der andern vergeſſen laſſen kann. Die Stunde, die Claſſe zu beginnen, war gekom⸗ men. Juſtin ging hinab, um ſeine Thüre den achtzehn Kindern zu öffnen. Die Schweſter blieb allein bei Mina. Sie wollte die Kleine ankleiden; doch dieſe ſprang, leicht wie ein Vogel, vom Bette herab und kleidete ſich in einem Angenblick an; Mina wollte ihrer Schweſter beweiſen, ſie ſei kein ſo kleines Mädchen, als ſie zu ſein das Anſehen habe, und ſie werde ſich ſo benehmen, daß ſie denjenigen, welche ſie aufgenommen, ſo wenig als möglich zur Laſt werde. Nachdem ihre Toilette beendigt war, ging die Kleine 166 in das Zimmer der Mutter, um ihr Gebet zu verrichten nartr und zu frühſtücken. außer So lange es ſich um das Gebet handelte, war Alles gut: das Kind kannte alle die ſüßen Gebete des nur Kindes, Ausflüſſe des Glaubens, des Dankes, der Liebe. und d Als aber das Frühſtück kam, da gab es für Mina blüth eine traurige Enttäuſchung. 2 Fühlte bei der Mutter Boivin Mina den Hunger wir d ſich regen, ſo ging ſie hinab; war es Sommer, ſo 2 pflückte ſie Früchte, brach die Hälfte von einem Laibchen wohnh ab und aß ihr Brod mit Aprikoſen, Pflaumen, Erdbee⸗ zu ſich ren, Kirſchen oder Pfirſichen; war es Winter, ſo ging es dré ſie in den Stall und ins Hühnerhaus: im Stalle fand ſatzes ſie laue Milch, die ſie ſelbſt vom Euter von Marianne wir ge wolk; im Hühnerhauſe fand ſie noch warme Eier, welche eine 2 ſie unter dem Bauche der Hühner nahm. beruhi Mina hatte alſo keine Idee, daß man etwas Ande⸗ i res beim Frühſtück eſſen könne, als Früchte, Milch damit oder Eier. rechne, In Paris war nicht hievon die Rede. Corby Die ganze Familie frühſtückte am Morgen die ab⸗ Tag le ſcheuliche Flüſſigkeit, die man Kaffee mit Milch zu nen⸗ nen übereingekommen iſt; warum? wir wiſſen es nicht, keit in da in das gräßliche Getränke, welches wir der Analyſe Kleinet der Gelehrten unterwerfen, viel mehr Waſſer kommt, Boden. als Milch, viel weniger Kaffee, als Cichorie. D Nicht, als wüßte man das nicht; nein, Jedermann brannt. weiß es; bietet ächten Kaffee den achtmalhunderttauſend D Conſumenten von Paris an: ſie werden ihn ausſchla⸗ S gen; ſie werden Euch ſagen, der Kaffee ſei erhitzend M und die Cichorie erfriſchend. und ſch Gutz doch ſagt ganz einfach:„Ich frühſtücke Cichorie N mit Milch;“ man muß den Muth ſeiner Nahrungsmittel habt, n beſitzen. ſen: ge Nein, nein, man will durchaus das Anſehen haben, melken, als tränke man Kaffee, weil der Kaffee nicht in Mont⸗ Duelle chten war edes iebe. Mina unger ſo bchen dbee⸗ ging fand anne velche nde⸗ Milch ab⸗ nen⸗ nicht, alyſe mmt, nann uſend chla⸗ tzend horie nittel ben, kont⸗ 167 martre wächſt, während man Cichorie an jedem Orte, außer Martinique, Bourbon und Mokka, haben kann. Die Linde blühe nur in Pekin, der Thee wachſe nur in Paris: die Chineſen werden Thee von Paris, und die Engländer, die Franzoſen, die Ruſſen Linden⸗ blüthe von Pekin kommen laſſen. Das iſt wenigſtens unſere Meinung; man ſieht, daß wir den Muth von dieſer wie von andern haben. Die ganze Familie hatte alſo die melancholiſche Ge⸗ wohnheit, einen Napf von dieſem erfriſchenden Getränke zu ſich zu nehmen; und wenn einer unſerer Leſer, den es drängt, zur Entwickelung zu kommen, kraft des Grund⸗ ſatzes von Horaz: Ad eventum festina, die Zeilen, die vir geſchrieben, für einen wunderlichen Einfall oder für eine Abſchweifung hält, ſo wollen wir ihn ſchleunigſt beruhigen, indem wir ihm ſagen, daß es eine zu den Acten der Kleinen gehörige Rechtfertigungsurkunde iſt, damit man ihr nicht als Verbrechen den tiefen Ekel an⸗ rechne, den ſie gegen den Kaffee mit Milch von Mama Corby, Bruder Juſtin und Schweſter Céleſte an den Tag legen wird. Kaum hatte ſie einen Löffelvoll von dieſer Flüſſig⸗ keit in den Mund genommen, da wurde es der armen Kleinen übel, und ſie warf das Ganze wieder auf den oden. Die drei Tiſchgenoſſen glaubten, ſie habe ſich ge⸗ brannt. Das war es nicht. Sie fand das Ding gräulich, untrinkbar. Man mochte ihr immerhin ſagen, und wieder ſagen und ſchwören, es ſei Milch, ſie glanbte es nicht. Nicht, als hätte ſie einen ſchlimmen Charakter ge⸗ habt, nicht, als wäre ſie im Geringſten halsſtarrig gewe⸗ ſen: gewohnt, ſelbſt die gute ſchwarz und weiße Kuh zu nelken, glanbte die arme Kleine ganz einfach aus guter Quelle den wahren Geſchmack der Milch zu kennen. 168 „Dann,“ ſprach das anmuthige Kind mit viel Ehr⸗ furcht gegen die dreifache Behauptung ſeiner Wirthe, „dann gibt es Pariſer Milch und Milch von der Bouille.“ Das war eine ſo unbeſtreitbare Wahrheit, daß keiner von den Opponenten ſie zu beſtreiten verſuchte. Bemerken wir ſogleich: als Mina am andern Tage ſah, daß man eine beſondere Suppe für ſie gemacht hatte, überwand ſie den Abſcheu, den ihr das unbe⸗ kannte Getränke, das man ihr am Tage vorher geboten, eingeflößt hatte, und verſchluckte es mit einem Helden⸗ muth, durch den ſie unſere ganze Bewunderung verdient. Das Frühſtück war nicht das Einzige, was ſie in dem traurigen Hauſe in Erſtaunen ſetzte. Wie man ihr am Abend ihrer Ankunft ein Nachttuch um den Kopf ge⸗ bunden hatte, bis eine Hanbe für ſie gemacht wäre, für ſie, welche gewohnt, mit bloßem Kopfe und bei offenem Fenſter zu ſchlafen, ebenſo breitete ſich in vielen andern Dingen die Tranrigkeit dieſes Hausweſens wie ein dichter Schleier um ſie aus. Alles ſetzte ſie in Verwunderung: die graue Tapete des Zimmers der Schweſter, die braunen Vorhänge des Zimmers der Mutter, das ernſte Geſicht des jungen Schulmeiſters, ſeine Stimme, ſeine ſchwarze Kleidung, ſeine alten gelben Bücher; Alles erſchien ihr düſter, bis auf das Violoncell, das ſie in Thränen zerfließen machte, als ſie es zum erſten Male am Abend um zehn Uhr, in einem Halbſchlafe, ſpielen hörte. Bei ihrer trefflichen Organiſation betrübte ſie ſich indeſſen nicht ſehr tief über Alles das, weil ſie ſich mit einem Anſcheine von geſundem Verſtande einbildete, da ſie nur das Landleben kenne, ſo ſei es möglich, daß in der Stadt Jedermann auf dieſe ſtrenge Weiſe lebe. Sie mächte ſich alſo ſelbſt Vernnhft und beſchloß in ihrem inneren Forum, ſich dem halbklöſterlichen Leben zu unterwerfen. Doch, ein armes Kind der Wieſen und der Felder zwi ſich Ter Rel war als gen den ihre ode ſchl wie zud den nell Cél arn wur ihr geſ die unb ſpre hab mit zwe emp Ehr⸗ irthe, ie daß hte. Tage macht unbe⸗ ote elden⸗ dient. ſie in in ihr of ge⸗ wäre, d bei vielen s wie Lapete ge des ungen idung, r, bis nachte, lhr, in ſie ſich ich mit te, da daß in e. loß in ben zu Felder, 169 zwiſchen vier feuchten Wänden eingeſchloſſen, nahm ſie ſich mehr vor, als ſie halten konnte; ſie hatte weder das Temperament, noch das Alter, um ſich in dieſe traurige Regel zu fügen; ihre Augen waren zu lebhaft, ihr Blut war zu jung und zu warm, ihre friſche Stimme zu klar, als daß ſie plötzlich ihrer, wie die einer Lerche mor⸗ gendlichen, munteren Stimme zu ſchweigen, ihrem Blute, dem glühenden Safte der Jugend, ſich zu beſänftigen, ihren Augen, ſanften Sternen des Herzens, zu erlöſchen oder nur halb zu glänzen gebieten konnte. Es ent⸗ ſchlüpfte ihr unwillkürlich treuherziges Gelächter ſchallend wie Liederſang, und ſie ſtrengte ſich vergebens an, dieſe Schätze kindlicher Heiterkeit, die ſie in ſich trug, zurück⸗ zudrängen. Als ſie eines Tags, während ſie das Gras, das in dem feuchten, düſtern Hofe wuchs, ausraufte, das Ritor⸗ nell eines Liedes ihrer Heimath ſang, erſchien Schweſter Céleſte am Fenſter; da entfiel das Meſſer, mit dem die arme Mina das Gras ausraufte, ihren Händen; ſie wurde bleich und fing an an allen Gliedern zu zittern. Sich in dieſem Grade vergeſſen zu haben ſchien ihr eine ungeheure Profanation, wie laut in einer Kirche geſprochen haben. Ein ander Mal, aſs ſie allein in der Stube des Schulmeiſters, welche zugleich, wie man ſich erinnert, die Claſſe war, ſeine alten Bücher aufräumte, die eine unbekannte Sprache, für welche ſie viel Ehrfurcht hegte, ſprachen, erblickte ſie in einer Ecke das Violoncell, das Juſtin wieder in ſeinen Kaſten zu legen nicht Zeit ge⸗ habt hatte. Seit langer Zeit wartete ſie auf die Gelegenheit, mit dieſem Inſtrumente allein zu ſein. Dies fand ſich nun ſo, und ſie war getheilt zwiſchen zwei ſehr entgegengeſetzten Gefühlen. Einerſeits hatte der Eindruck, den ſie das erſte Mal empfunden, als ſie ſeine ſchwermüthigen Töne gehört, 170 eine Art von Groll in ihr erregt, den entſchloſſen kund⸗ zugeben ihr nicht unangenehm geweſen wäre. Andererſeits, lebhaft geſtachelt durch eine Neugierde der ähnlich, durch welche angetrieben die Kinder das in einer Uhr eingeſchloſſene Thier zu ſehen verlangen, hatte ſie ein heftiges Gelüſte, zu erfahren, was in dem Inſtrumente vorging, wenn man den Bogen auf den Saiten umherſpazieren ließ. Sie wäre ſehr verlegen geweſen, hätte ſie ſagen ſollen, welches von dieſen beiden Gefühlen, die Neu⸗ gierde oder die Rache, das überwiegende war. Wir, die wir fünfmal ihr Alter haben, tragen kein Bedenken, zu glauben, daß es die Neugierde war, und wir zweifeln um ſo weniger hieran, als das Reſultat da iſt, um uns Recht zu geben. Sie nahm mit den Fingerſpitzen den auf einem Stuhle liegenden Bogen, näherte ſich mit leiſen Tritten dem Violoncell, fing an aufder ſilbernen Saite zu ſägen, und machte, daß ſie eine Art von ſonorem Schnarren von ſich gab, als der Schulmeiſter, der ein Papier auf dem Tiſche vergeſſen hatte, die Thüre wieder öffnete und plötzlich auf der Schwelle des Zimmers erſchien. Nie, freundliche Leſerin! nie, lieber Leſer! ſeitdem die erſte Sünderin vom Schutzengel des Paradieſes auf friſcher That des Diebſtahls ertappt worden iſt, nie be⸗ deckten ſich unter blonden Haaren ſo roſige Wangen mit einem ſchärferen Roth! Das Herz der armen Kleinen klopfte wie das eines verwundeten Vogels. Uum ſie zu beruhigen, mußte Juſtin lächelnd ihre Hand nehmen und ſie beinahe mit Gewalt mit dem Bo⸗ gen über die Saiten ſtreichen laſſen. Doch die Gemüthsbewegung, die ſie ergriff. war ſo ſtark, daß ſich bei ihr in tiefen Haß die einfache Anti⸗ pathie verwandelte, die ſie gegen das arme Inſtrument hegte. mißſti und ſ vom. munte Natur in da Arbeit nd⸗ erde in en, dem den gen eu⸗ kein und da em tten en ren auf und em auf be⸗ mit ————— nes hre Bo⸗ nti⸗ ent 171 Wir nannten Sie ſo eben freundliche Leſerin, o ſchöne Augen, die uns die Ehre erweiſen, uns zu leſen! Wiſſen Sie, warum wir Sie ſo mit unſern ſüßeſten Beiwörtern liebkoſen? Weil Sie in der Frauen⸗ eigenſchaft zu den zarteſten Gemüthsbewegungen fähig ſind, und wir es dahin bringen wollen, daß Sie Ihren Einfluß bei unſern Leſern gebrauchen, welche, zu unge⸗ duldig, finden dürften, wir verfallen in die Idylle.„ Laſſen Sie unst dem erſchrecklichen Drama, das wir ſchreiben, dieſe duftende, blühende Pforte der Jugend öffnen; wir werden frühe geung zu den Leidenſchaften des Mannesalters und zu den Verbrechen der reiferen Jahre kommen. Nicht wahr, freundliche Leſerin, Sie erlauben uns, Sie noch eine Zeit lang durch die von Maßlieben und Goldknöpfen geſprenkelten Wieſen beim Geräuſche der ſingenden Vögel und der murmelnden Bäche zu führen? XX. Der Zauberſtab. Weit entfernt, gegen Mina ihre Adoptivfamilie zu mißſtimmen, beſtärkten dieſe Züge und ähnliche Juſtin und ſeine Schweſter nur in der guten Meinung, die ſie vom Herzen der kleinen Waiſe hatten; ſtatt ſie zu tadeln, nunterten ſie Mina auf, dem Impulſe ihrer reizenden Natur zu folgen, welche einige Strahlen der Heiterkeit in das Haus warf; ſie hätten ihr gern aus allen ihren Arbeiten ein Vergnügen, aus allen ihren Tagen ein Feſt 172 machen mögen: ſie wußten wohl, dieſe reinen Herzen, daß die Kindheit ein ewiger Sonntag iſt. Doch die Mutter war blind; die Schweſter oft krank; alle Drei in dürftigen Umſtänden. Die Verwandten konnten nur ihre Traurigkeit der Kleinen geben: ſie war es alſo, welche durch die Gnade Gottes ihnen ihre Heiterkeit gab. Sie gewann am Ende im Hauſe eine ſo große Herrſchaft, daß es mit dem Hauſe war, wie es mit der Natur beim Ausgange aus dem Winter iſt: zuerſt kahl und troſtlos, ſchien es zum Leben wiedergeboren zu werden, und allmälig nahm es unter einem unſichtbaren Safte Knospen, Blätter und Blüthen an. Der Schulmeiſter war trotz der Bemühungen des alten Profeſſors,— und obgleich er nach dem Ausdrucke von dieſem die Welt mit dem Ellenbogen berührt hatte,— der Schulmeiſter war in dieſem Kampfe zwi⸗ ſchen ſeinem Gewiſſen und ſeinen Neigungen, zwiſchen ſeiner Pflicht und ſeinen Begierden unterlegen; er war, wie es Herr Müller vorhergeſagt, verwelkt mitten im ſchönen Frühling ſeiner Jugend; in drei Jahren war er um zehn Jahre älter geworden. Das war das Gegentheil bei der kleinen Minat bei ihrer Berührung verjüngte ſich die Familie. Es iſt in der That das Eigenthümliche der ſorgloſen Kindheit, daß ſie Alles, was in ihre Nähe kommt, wiederbelebt und verjüngt. Ueberall, wo ihr weißes Kleid hinſtreift, wächſt das Gras, blühen die Knospen. Die kleine Mina war kaum zwei Jahre in der Familie des Schulmeiſters, und ſchon hatte das Haus eine völlige Umwandlung erlitten. Einmal ging ſie auf der Ebene von Montrouge ſpa⸗ zieren, und auf dieſer dürren Ebene war ſie im Stande, ein Dutzend Büſchel Maßlieben und wilde Veilchen zu entdecken.. ccieich me ein dur im: erſt Kä kon ent gen Er ähn die ſich eine ma ma Ent rzen, oft t der nade große t der kahl n zu baren mdes drucke ührt zwi⸗ iſchen war, n im ar er bei iſt in dheit, belebt ſt das n der Haus e ſpa⸗ tande, en zu ——— 173 Sie entwurzelte ſie mit einem Meſſer, legte ſie in ihr Taſchentuch, brachte ſie nach Hauſe, und Madame Corby war ſehr gerührt, als ſie unter ihrer Hand zwei Blumentöpfe fühite, die ſie an die Sonne erinnerten, welche ſie nicht mehr ſehen konnte. Ein ander Mal waren es zwei Zwergroſenſtöcke, die ihr ein Gärtner aus der Rachbarſchaft geſchenkt; ſie ſetzte ſie in zwei Gläſer und ſtellte ſie auf den Kamin von Juſtin, während er ausgegangen war. Am Abend fand ſie der Schulmeiſter bei ſeiner Rückkehr, und es ergriff ihn eine ſüße Gemüthsbewegung, als er dieſe Roſen anſchaute, die ihn daran erinnerten, daß es um Paris einen Frühling mit blühendem Kleide gab, den er nicht genoß. Die Schweſter Céleſte hatte auch ihre Ueberraſchung; mehrere Male äußerte ſie vor der Waiſe ihren Wunſch, eine kleine Katze zu beſitzen, und wäre es nur, um ſie durch das Verwirren ihres Fadens zu zerſtreuen, der immer ſo gut entwirrt war; eines Abends war ſie ſehr erſtaunt, als ſie, ihr Kopfkiſſen aufhebend, ein weißes Kätzchen mit einem blauen Bande um den Hals hervor⸗ kommen ſah. Es war abermals Mina, welche dieſe Katze entdeckt und derſelben ein Halsband aus ihrem Gürtel gemacht hatte. Jeden Tag hatte ſie einen andern Einfall; das ganze Erfindungsgenie der Kindheit war in dieſem blonden Kopfe concentrirt; man hätte glauben ſollen, dem Zephyr ähnlich athme ſie nur, um den Frühling zu beleben und die Roſen und den Jasmin blühen zu machen. Man ſah auch nur noch durch ſie, man unterhielt ſich auch nur noch von ihr: Mina hier, Mina da! Wie eine angenehme Note, welche Jedermann gefällt, hörte man ihren Namen vom oben bis unten im Hauſe ertönen. Hatte man einen Einkauf zu machen, ſo überließ man es ihrem Geſchmack; einen Entſchluß zu faſſen, ihrer Entſcheidung; einen Plan auszuführen, ihrem Willen. „ 174 Sie war ſouveraine Gebieterin eines kleinen Staa⸗ tes; ſie regierte ihre drei Unterthanen mit ihrem geſun⸗ den Verſtande, ihrem guten Herzen und ihrer Heiterkeit. Alle Drei fühlten und anerkannten auch den wohl⸗ thätigen Einfluß, den dieſes Kind auf ſie übte; der Tod von einem der drei Mitglieder der Familie hätte nicht mehr Schmerz den zwei Ueberlebenden bereitet, als der Abgang des Mädchens ihnen allen Dreien verurſacht haben würde. Sie nannten ſie den Engel der Heiterkeit. Und in der That, es war eine Bezauberung aller Stunden. Eines Tags war ſie nach dem Walde von Mendon mit Herrn Müller und Juſtin gegangen;— es war ein Sonntag, wohlverſtanden;— ſie erblickte auf ein Dutzend Fuß auf einem Aſte ein Finkenneſt. Ihre Lüſtern⸗ heit erwachte alsbald, und ſie unternahm es, dem alten Profeſſor und Juſtin zu beweiſen, es ſei etwas äußerſt Leichtes, ihr dieſes Neſt zu holen, wobei ſie bemerkte, ſie verſtehe es, auf Bäume zu klettern, und wenn keiner von den Männern hinauſſteige, ſo werde ſie ſelbſt ſtei⸗ gen. Juſtin hatte in ſeiner Jugend dieſe Kunſt ge⸗ übt, und er hatte ſie ſicherlich nicht ſo ſehr vergeſſen, daß er vor einem ſo geringen Aufſteigen zurückweichen mußte. Eines aber erregte Beſorgniß bei ihm: um auf Bäume zu ſteigen, mußte man den Stamm mit den Armen und den Knieen umfangen, und dieſe Operation konnte nur zumwahrſcheinlichen Schaden des Rockes und der Hoſe des jungen Mannes geſchehen. Juſtin kratzte ſich am Ohr und ſchaute nach dem Neſte. Der gute Profeſſor begriff, was Juſtin beſchäftigte; er warf ſeinen breitkrämpigen Hut auf den Boden, lehnte ſich an den Baum an, verband ſeine Hände und erbot ſich, ſeinem Zögling als kurze Leiter zu dienen. Dieſer bat um Verzeihung wegen der großen Frei⸗ hei der Fi Fr Kr Be daß gen bei fern Hal war hatt cher den, von antr ſie d Rück Sch häus lang ausg Juſti than zu w Fenſt alle ſchlag Staa⸗ geſun⸗ erkeit. wohl⸗ r Tod nicht ls der rſacht 5 aller endon ar ein f ein iſtern⸗ alten ußerſt nerkte, keiner ſtei⸗ ſtge⸗ eſſen, eichen m auf it den ration s und hdem ftigte; lehnte erbot Frei⸗ 175 heit, die er ſich nehme, ſtieg auf ſeine Schultern, hob den Arm empor, erreichte das Neſt, und legte fünf Finken in die Hände von Mina, die ſie ſpringend vor Freude empfing. Es iſt in der Kindheit eine ſo unwiderſtehliche Kraft, ein ſo gebieteriſcher Wille, eine ſolche Macht des Befehlens, daß man durchaus gehorchen muß. Fügen wir bei: es iſt das Eigenthümliche der Greiſe, daß ſie duldſamer gegen die Kindheit ſind, als die jun⸗ gen Leute, ohne Zweifel, weil die jungen Leute näher b dieſem Alter ſind und die Greiſe weiter davon ent⸗ ernt. Sie wußte übrigens wohl, was ſie that, die kleine Halsſtarrige, wenn ſie die Finken verlangte, und das war nicht das erſte NReſt, nach dem es ſie gelüſtete: ſie hatte,— irgendwo, im Keller oder auf dem Spei⸗ cher,— einen ſchmutzigen, ſchwarzen, alten Käfich gefun⸗ den, den ſie abkratzte, abwiſchte, glättete; und dieſen von ihr wiederhergeſtellten Käſich wollte ſie benützen. Sie nahm alſo die Finken mit, ohne Juſtin zu antworten, der ihr ſagte, ſie werde nicht wiſſen, wohin ſie dieſelben bringen ſollte; und fünf Minuten nach ihrer Rückkehr kam ſie gasz triumphirend in die Stube des Schulmeiſters mit ihrem glänzenden Käfich und ihrer häuslich eingerichteten Finkenfamilie. Hiebei tauchte in ihr aber eine Idee auf, welche lange ihr kleines Gehirn beſchäftigte, ehe ſie zu Tage ausging: das war die Idee, für den Käfich von Bruder Juſtin zu thun, was ſie für den Käfich ihrer Finken ge⸗ than hatte. Nur handelte es ſich hier nicht darum, zu ſcheuern, zu waſchen und zu poliren; man mußte die Tapete, die Fenſtervorhänge, die Bettvorhänge wechſeln. Die arme Kleine brauchte hiezu ein Jahr; ſie hatte alle Arten von Lannen, und da ihr Juſtin nichts abzu⸗ ſchlagen wußte, ſo waren es bald zehn Sous für ein 176 Band, das ſie nicht kaufte, bald zwanzig Sous für ein Spitzenende, das bei der Händlerin blieb; kurz von zehn zu zehn Sous, von zwanzig zu zwanzig Sous häufte ſie eine Summe von ſiebenzig Franken an, von denen fünfzehn verwendet wurden, um durch eine perlgraue Tapete mit blauen Roſen die abſcheuliche, erdfarbige, fettige, feuchte Tapete, die das Auge betrübte, zu erſetzen, und fünfundfünfzig, um Mouſſelinevorhänge zu kaufen. welche, von ihr und von Schweſter Céleſte gemacht, die am Ende ihre Mitſchuldige geworden, die Stelle der Vorhänge von grüner Sarſche einnahmen. Die Metamorphoſe des Zimmers bewerkſtelligte ſich an einem Abend, durch die Gefälligkeit eines Tapeten⸗ händlers, der ſeinen Sohn in der Claſſe von Juſtin hatte und zu dieſem Taſchenſpielerſtückchen dadurch bei⸗ trug, daß er vier Arbeiter das Papier an die Wand kleben ließ, während Juſtin die Dandys und die Coquet⸗ ten der Barridre du Maine ſpringen machte. Als Juſtin nach Hauſe kam, glanbte er, man habe einen Ruhealtar in ſeinem Zimmer gemacht; er wollte ſchmälen, zanken, ſich beklagen; Mina reichte ihm ihre beiden roſigen Wangen, und Iuſtin konnte unr das Kind an ſein Herz drücken. Und Stufe um Stufe verjüngte und erheiterte ſich dieſes traurige Haus, wie ſeine Bewohner ſich verjüngt und aufgeheitert hatten. Als Mina zu dieſem Grade des Einfluſſes gelangt war, erklärte ſie den alten religiöſen Muſikbüchern den Krieg, und ſie brachte es dahin, daß Sebaſtian Bach, Paleſtrina, Haydn in den Schrank zurückkehrten, und daß, um dieſe erhabenen Ahnherren zu erſetzen, welche die Freunde der Jugend des Schulmeiſters geweſen waren, Juſtin eines Tages mit Fragmenten der Parti⸗ tur einer komiſchen Oper, die er, auf den Quais Schar⸗ teken durchſtöbernd, gefunden hatte, nach Hauſe kam. Wer ganz verblüfft war, wer rückwärts zu fallen dach trat dieſ altet Min rig Lau! Juſt und den Lebe Min das Aug hölz vern blieb doch im h fernt er a den zuerl mehr traur Die ir ein von Sous denen graue rbige, ſetzen, aufen. t„ die e der te ſich peten⸗ Juſtin h bei⸗ Wand oquet⸗ habe wollte m ihre s Kind rte ſich rjüngt gelangt rn den Bach, i, und welche geweſen Parti⸗ Schar⸗ kam. tfallen 177 dachte, das war Herr Müller, als er eines Abends ein⸗ trat und Juſtin die Hauptmotive von Don Guliſtan, dieſem luſtigen Stücke in drei Akten, entziffernd fand. Mina erklärte aber,— wahrſcheinlich um ihren alten Groll gegen das Violoncell zu befriedigen,— Mina erklärte, die heiterſten Melodien ſcheinen ihr trau⸗ rig auf dieſem Inſtrumente. Man beurtheile, in welchem Grade ſie dem armen Schulmeiſter den Kopf verdreht hatte, und wie er den Launen dieſes Kindes zu gehorchen bereit war: ſie machte Juſtin ſo viel Neckereien wegen ſeines Violoncells,— und Sie wiſſen, ob der arme Mann ſein Inſtrument, den ſchwermüthigen Gefährten ſeines melancholiſchen Lebens, liebte!— die tyranniſche Gewalt der kleinen Mina über ihn war ſo groß, daß ſie ihn beſtimmte, auf das Violoncell zu verzichten. Ach! es war ein ſehr trauriger Angenblick, der Augenblick, wo der arme Juſtin ſein Violoncell in das hölzerne Gefängniß einſchloß, zu dem es auf Lebenszeit verurtheilt war. Sie werden mir ſagen, es ſeien ihm drei Tage ge⸗ blieben, um Contrabaß an den Barriören zu ſpielen; doch dieſe Muſik, welche für den frommen Schulmeiſter im höchſten Grade profane Muſik war, dünkte ihm ent⸗ fernt nicht eine hinreichende Entſchädigung für das, was er an Haydn, Paleſtrina und Sebaſtian Bach verlor. Uebrigens hatte Mina, ohne ihm etwas zu ſagen, den beſten Grund für ihr Recht, ihm dieſes Opfer auf⸗ zuerlegen. Was war für ihn die Muſik? Der Troſt bei ſeinem Grame. Was brauchte er ſich zu zerſtreuen, da er ſich nicht mehr grämte? getröſtet zu werden, da er nicht mehr traurig war? War ſie nicht das lebendige Lied? Die Mohicaner von Paris. 1. 12 178 Iſt es endlich richtig, zu ſagen, wie wir es gethan, die Mißgeſchicke kommen in Schaaren, ſo iſt es auch wahr, wenn man ſagt, ein Glück komme ſelten allein. An einem Herbſtabend, beim Wiederbeginnen der Claſſen, öffnete auch Inſtin ganz einfach beide Flügel ſeiner Thüre Fortuna, welche anklopfte. Die launenhafte Göttin hatte das freundliche Ge⸗ ſicht eines Notars der Rue de la Harpe angenommen. Sie fragen mich naiv, deſſen bin ich ſicher:„Es gab alſo Notare in der Rue de la Harpe?“ Es gab nicht Notare, es gab einen Notar. Dieſer Notar hieß Meiſter Jardy. Er hatte zwei Söhne, deren heißeſter Wunſch es war, zwei Claſſen in einem Jahre zu machen, oder mit an⸗ dern Worten, im folgenden Jahre die Claſſe, welche man die dritte nannte, zu überſpringen und von der vierten in die zweite überzugehen. Juſtin war den ganzen Tag beſchäftigt, und da es die zwei jungen Leute auch waren, ſo durfte man nicht an Lectionen bei Tag denken. Auch konnte Juſtin nicht auf ſeine Claſſe verzichten. Was den jungen Leuten anſtand, das waren Lectio⸗ nen am Abend, drei in der Woche und jede von zwei Stunden. Unter dieſen Bedingungen ging die Sache vortreff⸗ lich bei Juſtin. Dreimal in der Woche machte er an der Barrieère tanzen, und da er wegen des Verbots ſeiner kleinen Deſpotin nicht mehr in ſeinem Zimmer Violoncell ſpielen konnte, ſo hatte er eine große Liebe für dieſe Beſchäfti⸗ gung gefaßt, die ihm noch von Zeit zu Zeit ſeinen Contrabaß ans Herz zu drücken erlaubte. Ein Contrabaß iſt kein Violoncell; die Muſik der Schenke war nicht die Muſik von Beethoven; doch wir ſind bekanntlich nicht auf dieſer Welt, um die duftende Blume aller unſerer Wünſche ſich erſchließen zu ſehen⸗ raden Harpe Itali von„ e und weiter ten C Bogel Wund ( Meiſt 2 Notar ( . Herr C denjer von il muß 1 ogar der H 2 auch, Jahre walt ſ Eintri macht. than, auch llein. der lügel Ge⸗ nmen. „Es war, it an⸗ man ierten da es nicht chten. ecti⸗ zwei rtreff⸗ rrière leinen pielen chäfti⸗ ſeinen ik der h wir ftende ſehen. 179 Juſtin bot dem Notar ſeine drei freien Abende an. Der Notar gab weder den geraden, noch den unge⸗ raden Tagen einen Vorzug; ein Notar der Rue de la Harpe hat weder in der großen Oper, noch bei den Italienern eine Loge. Die drei Abende von Juſtin waren die drei Abende von Meiſter Jardy. Der würdige Notar bot fünfzig Franken monatlich, und am Ende des Jahres einen Zuſatz von fünfzig weiteren Franken, wenn ſeine zwei Söhne in der zwei⸗ ten Claſſe aufgenommen würden. Juſtin willigte ein; er machte ſich in Bauſch und Bogen anheiſchig, gegen hundert Franken monatlich ein Wunder zu vollbringen. Es wurde verabredet, daß ſchon am andern Tage Meiſter Jardy ſeine zwei Söhne ſchicken ſollte. Die Reinlichkeit des Stübchens von Juſtin hatte den Notar beſonders verführt. Er hatte zweimal wiederholt: „Was für ein reizendes Stübchen haben Sie da, Herr Pierre Juſtin Corby!“ In ſeiner Eigenſchaft als Notar erließ Meiſter Jardy denjenigen, mit welchen er ſprach, nicht einen einzigen von ihren Namen. „Welch ein reizendes Stübchen haben Sie da! Ich muß Madame Jardy ein ähnliches einrichten laſſen!“ Und wer hatte dieſes ſo freundliche Stübchen, das ſogar den Notar verführte, eingerichtet? Minn, der Engel der Heiterkeit! Als ſich der Notar entfernt hatte, nahm Juſtin auch, ohne zu bemerken, daß Mina ihrem fünfzehnten Jahre zu ging, dieſe in ſeine Arme, küßte ſie mit aller Ge⸗ walt ſeiner Lippen und ſagte: „Du biſt mein guter Genius, Kind! ſeit Deinem hier hat das Glück ſein Reſt im Hauſe ge⸗ macht.“ „ 180 den Und er hatte Recht, wenn er das ſagte, der Sih wackere Se es wär eine wahre Fee, 5 vin wahrer Genius, dieſes Mädchen mit ſeinem Zauberſta e Ratt „Mit ſeinem wird man ſagen;„Sie aben noch nicht hievon geſprochen!“ vieln Im Gegentheil, liebe Leſer! im Gegentheil, freund⸗ treuz liche Leſerinnen! wir haben nur hievon geſprochen. ſchtc Dieſer Zauberſtab, das war die Jugend. ſeri Flam Glück denen den reichet nen, i gegral Ein Sommernachtstraum lühend theil Es war eine Nacht ſo friſch, als der Tag g ie blich d geweſen. Die Vögel, welche, ohne Zweifel erſtickt dur eimte die Hitze des Tages, das Zimmer in ihren grünen Pö läſten gehütet hatten, fingen an die Stimmen ihrer rolde hören zu laſſen: die Nachtigall, die Grasmü nir ih das Rothkehlchen, ſie beſangen die ſchöne Svmien folge! mit den kühlen Lüften. Nachtſchmetterlinge ſo groß, n n ſie Vögel zu ſein ſchienen, der Todtenkopf, der iun nehr! ſchwanz, der Sphinx der Pappel flatterten geräuſch nt um die Bäume mit zahlloſen Schwärmen iene zu ſeu Käfern, welche entartete Söhne he Auiti Jahler zu ſein ſcheinen, und durch den friſchen Sn Ritte Schwung gebracht, ſchienen die Blumen der E n der P ihren Stängeln gewiegt, zu Ehren des Gottes zu ſeinen der den Mond und die Sterne, dieſe ſanften, b 3ſ Abend Sonnen der Finſterniß, ſchuf. Die Klapperroſen verſch enoß gen ſich mit den Kornblumen; die Maßlieben reich , der e, ein rſtabe. „Sie freund⸗ lühend t durch en Pa⸗ rer He⸗ smücke, ernacht ß, daß Pfauen⸗ iuſchlos jenen Naikäfer ind i ne, auf tanzen bleichen rſchlan⸗ reichter 181 den Veilchen die Handz das Mausöhrchen mit den Gold⸗ augen ſchaute verliebt den vorbeifließenden Bach an. Vögel, Schmetterlinge, Blumen feierten das Feſt der Natur. Ein junger Mann, der im Kornfelde ſaß oder vielmehr lag, ſchien, den Kopf auf ſeine hinter ihm ge⸗ kreuzten Peme ſtützend, die Augen zum Himmel aufge⸗ ſchlagen, mit Wonne die unausſprechliche Heiterkeit die⸗ ſer Sommernacht zu genießen. Auf der Stirne dieſes jungen Mannes waren in Flammenbuchſtaben die reinen Entzückungen einer neuen Glückſeligkeit geſchrieben; man konnte auf ſeinem Antlitz den noch ſichtbaren Spuren der Freuden des vorhergehen⸗ den Tages, ſchon geſchwächt, verwiſcht durch den ſieg⸗ reichen Einfall des gegenwärtigen Tages, folgen. Ein gleichgültiger Vorübergehender hätte allein glauben kön⸗ nen, die Runzeln ſeiner Stirne ſeien ſeit Kurzem erſt gegraben, wie die Furchen durch den Pflug in einer neu geackerten Erde; ein Beobachter hätte im Gegen⸗ theil ſehr raſch erkannt, daß in dieſen, beim erſten An⸗ dürren, Furchen die grünſten, friſcheſten Gedanken eimten. Dieſer junge Mann war unſer Schulmeiſter. Oder verbeſſern wir uns vielmehr ſogleich und geben wir ihm nicht mehr dieſen Namen, der ein ganzes Ge⸗ folge von ſchmerzlichen Illuſionen mit ſich führt; nein, es war nicht mehr der Schulmeiſter; nein, es war nicht mehr der Vioſoncelliſt, der die Scala ſeines ernſten In⸗ ſtruments erweckte und ſie zwang, über ſeine Schmerzen zu ſeufzen; nein, es war nicht mehr dieſer vor den Fahren alte junge Mann, den wir ſo ſorgenvoll in der Nitte ſeiner traurigen Familie geſehen haben; es war der Vogel der Fluren, dem das Glück im Vorübergehen ſeinen Käfich geöffnet hatte, und der in der balſamiſchen i die kaum erſchloſſenen Früchte ſeiner Freiheit genoß. 182 Es war mit einem Worte derjenige, welchen wir noch im vorletzten Kapitel den unglücklichen Ju⸗ gewe ſt in nannten. den Begrüßen Sie ihn, liebe Leſer und befreundete Le⸗ abha ſerinnen, denn er hatte große Fortſchritte anf der Straße nach des Glückes gemacht. die Wie ein verſpäteter Reiſender, hatte er raſch den dürf 3 verlorenen Weg und die verlorene Zeit wieder eingeholt;; und, 8 er hatte laufend die langen Jahre ſeiner Vereinzelung hatte hinter ſich gelaſſen.— Der Weg iſt ſo kurz vom Un⸗ mit glück zum Glück, daß er in ſechs Monaten die Sorgen für ſeines ganzen Lebens hatte vergeſſen können.. Hatte er plötzlich Glück gemacht? war ein unbe⸗ Mäd kannter Verwandter von fernen Inſeln bei ihm angekom⸗ men, ausdrücklich, um ihn mein Neffe zu nennen„ und zu ſeinem Erben einzuſetzen? oder hatte vielmehr ſich die Arbeit, dieſer wahre Oheim aus America, der immer Tau mehr gibt, als man erwartet, ſeine ſüße Muße ge⸗ hatte ſchaffen? Auge Sollte er nicht an dieſem Tage, zu dieſer Stunde, ſiel — es war ein Donnerſtag, Balltag,— ſolite er nicht; fräul die Haare herababhängend wie die Zweige einer Weide, ihren ſein ſingendes Inſtrument zwiſchen den Knieen, im Or 1 cheſter der Schenke ſitzen, wo wir ihn demüthig um di der ſit Stelle des Contrabaſſiſten haben bitten ſehen? zugel Was machte er denn da, im Kornfeide liegend, wi und ein Hirte von Virgil, ein Tityrus oder ein Damätas, während ihn ſeine Pflicht anderswohin rief? ſagte Nein, ſeine Pflicht rief ihn nicht ins Orcheſter; brau ſeine zwei Zöglinge hatten mit triumphirenden Schritten den Abgrund der Dritten überſprungen; er hatte Let⸗ traur tionen die Hülle und die Fülle, Erſparniſſe, um ein wöhn Haus zu kaufen, und ſchon ſeit drei bis vier Monatel von hatte er darauf verzichtet, an der übelklingenden Syn ſeine phonie Theil zu nehmen, zu der ihn die Nothdurft hin⸗ getrieben. nicht wir Ju⸗ te Le⸗ Straße h den eholt; zelung n Un⸗ Sorgen unbe⸗ em ſennen elmehr immer e e tunde, nicht Weide, m Or⸗ m die d, vi mätas cheſter hritten te Lec⸗ m ein onaten Sym⸗ ft hin⸗ 183 Er war da, wo er ſein ſollte; nirgends wäre er beſſer geweſen; der Platz, den er am Rande des Feldes einnahm, den Kopf im Getreide, die Füße gegen die Straße hin⸗ abhängend, beim Mondſcheine, in einer ſchönen Sommer⸗ nacht; dieſer Platz war der, welchen fünf Jahre vorher die Kleine einnahm, die auf eine zauberhafte Art das dürftige Haus des Faubourg Saint⸗Jacques verwandelt und, eine unſchuldige Medea, unſern Helden verjüngt hatte; es war der Jahrestag ihres Zuſammentreffens mit Juſtin, und er dankte in dieſem Augenblick Gott für den wunderbaren Schatz, den er ihm geſchickt. Man war im Monat Juni des Jahres 1826; das Mädchen war eine große, ſchlanke Jungfrau geworden. Das Kind hatte ſein fünfzehntes Jahr erreicht. Es war eine ſchöne Undine, denen ähnlich, welche ſich in den Bächen ſpiegeln, deren leichte Cascaden vom Taunus herabfallen und ſich in den Rhein werfen. Sie hatte lange Haare, blond wie das Gold der Aehren, Angen azurblau wie die Kornblumen, unter denen man ſie liegend gefunden, Wangen roth wie die beim jung⸗ fräulichen Athem, der ihrem Munde entſtrömte, über ihrem Kopfe zitternden Klapperroſen. Man hätte glauben ſollen, ſie ſei aus allen Blumen der Felder gemacht, wo ſie fünf Jahre vorher die Nacht zugebracht; es war ein lebendiger Blumenſtrauß, roſig und friſch. Juſtin ſeinerſeits war faſt ſchön geworden; wir ſagten ſchon, er habe wenig hiefür zu thun gehabt; er brauchte nur denſelben Weg zu gehen wie das Glück. Das Bewußtſein ſeiner Glückſeligkeit benahm ſeinem traurigen Geſichte die finſtere Miene, die man ſonſt ge⸗ wöhnlich an ihm fand, und ſein Antlitz hatte nichts mehr von ſeiner Phyſiognomie der Unglückstage behalten, als ſeine Sanftheit und ſeine Würde. Er hatte ſich eines Tags im Spiegel betrachtet und nicht wiedererkannt; er war roth geworden, da er ſich 184 ſchön gefunden, und ſeit dieſer Zeit, denn er begriff, daß er ſchön wurde, weil Mina ſchön war, hatte er eine Sorgfalt auf ſeine Perſon verwendet, die ihm bis dahin fremd geweſen. Und man mußte ſich auch verſchönern nur bei der Berührung dieſes anbetungswürdigen Geſchöpfes. Gingen ſie mit einander auf der Ebene von Mont⸗ rouge ſpazieren, ſo war es ein herrliches Paar: er blond, ſie blond; ſie roſenfarbig, er weiß; der Arm des Mädchens wie eine Liane um den Arm des jungen Mannes geſchlungen, ihr Kopf beinahe ſeine Schulter berührend, als hätte ſie ſich eine Stütze daraus machen wollen, das war eine köſtliche Harmonie, ein reizen⸗ des Duo! Man ſah ſie vorübergehen,— die guten Herzen, wohl verſtanden,— mit dem innigen Vergnügen, das man empfindet, wenn man mit dem Blicke berühmten oder glücklichen Leuten folgt; diejenigen, welche ſie für den Bruder und die Schweſter hielten, bewunderten ſie; diejenigen, welche ſie für Brautleute hielten, beneide⸗ ten ſie. Sie ſahen Beide ſo gut, ſo frendig, ſo jung aus! Juſtin, ſeitdem er glücklich war, ſchien kaum fünfund⸗ zwanzig Jahre alt zu ſein; ſeine Jugend, die er ſo wenig benützt, ſo ſchlecht genoſſen, kehrte in dem Alter, wo er ſie verlaſſen, das heißt, beinahe im Kindesalter, zu ihm zurück. Alle kleine Knaben liefen auf Mina zu, alle kleine Mädchen liefen auf Juſtin zu, alle arme Leute ſtreckten ohne Unterſchied gegen den Einen oder die An⸗ dere die Hand aus. Wir haben in allen Einzelheiten erzählt, wie Mina vom Kinde Mädchen geworden; wie Juſtin von ungloͤck⸗ lich wieder glücklich geworden; folgen wir Beiden in ihrem neuen Leben. Die Erziehung des Kindes iſt gemacht: Muſik, Zeichnen, Geſchichte, alte Literatur, neue Literatur, man hat eine Sinn man ihre Seel verſch warte chen, Körp Erde Liebe erſchl fer, c laufer Feſt Parit Blun ſters, Tepp Tape Wohl ausg in de Scha der G die d zu ſe nicht noch neſter daß eine ahin der ont⸗ et des ngen ulter chen izen⸗ rzen, das mten für ſie; ide⸗ aus! und⸗ enig er ihm alle eute An⸗ Rina lck⸗ n in ſik, man 185 hat ſie Alles gelehrt; ſie hat Alles behalten. Es iſt eine junge Perſon voll Diſtinction, deren moraliſcher Sinn herangewachſen iſt in der fruchtbaren Erde, die man die Familie nennt; ihre Neigungen ſind einfach wie ihre Kleider; ihr Sonntagskleid iſt das Symbol ihrer Seele: ſie hat die unbefleckte Weiße davon, und bis jetzt verſchloſſen für die Begierden, wie der Kelch einer Blume, wartet ſie, um ſich zu öffnen, auf die Sonne der Mäd⸗ chen, die man die Liebe nennt. Es war eine keuſche Seele in einem jungfräulichen Körper. Im Herzen von Juſtin hat ſich, wie in einer guten Erde, die man noch nie beſäet, eine junge und kräftige Liebe, welche ihre Aeſte ſchon bis zum Himmel erhebt, erſchloſſen. Wie bemerkte Juſtin, daß er verliebt war? Durch ein Leiden,— ein Leiden, das um ſo ſchär⸗ fer, als er des Leidens entwöhnt. Der Donnerſtag des Fronleichnamsfeſtes war ver⸗ laufen. Zu jener Zeit, wo die Menſchen Gott noch ein Feſt zu haben erlaubten, waren mehrere Straßen von Paris, beſonders aber die der großen Vorſtädte, mit Blumen beſtreut und glichen unter den Füßen des Prie⸗ ſters, der das heilige Sacrament trug, ausgebreiteten Teppichen; dabei waren die Wände mit Tüchern oder Tapetenwerk behängt, der Weihrauch verbreitete ſeine Wohlgerüche, die Roſenblätter flogen mit vollen Händen ausgeworfen in der Luft, man läutete mit allen Glocken in den verſchiedenen Kirchen. Es war ein entzückendes Schauſpiel unter dem ſtrahlenden Himmel, den Theorien der Griechen ähnlich, die Mädchen mit weißem Schleier, die der Proceſſion der Geiſtlichkeit folgten, vorüberziehen zu ſehen. Damals, wo die Regierung die Studenten nicht in die Provinzſchulen gepfercht hatte, fanden ſich noch auf den Dächern der Vorſtädte, wie Schwalben⸗ neſter, Schwärme von jungen Leuten, die ſich aus den 186 Fenſtern ihrer Manſarden neigten, um die keuſche weiße Herde defiliren zu ſehen. Mina gehörte zum Zuge; bei den Gittern des Val⸗de⸗Grace angelehnt, erwartete ſie Juſtin im Vor⸗ übergehen. Der Zug kam an. Juſtin entdeckte bald die Jungfrau, welche, wie die höchſte und ſchönſte Blume eines Straußes, mit dem Kopfe alle ihre Gefährtinnen beherrſchte. Er hatte keine andere Abſicht, kein anderes Verlan⸗ gen, als ſie vorüberkommen zu ſehen; doch er ſchlug, als wäre er verhängnißvoller Weiſe nach dieſer Seite gezogen worden, die Augen auf und ſah an einem Fen⸗ ſter einen jungen Mann, deſſen glühende Augen über dieſem ganzen Schwarme von Schwänen ſtrahlten. Schaute dieſer junge Mann die Eine oder die An⸗ dere an? Juſtin ſchien es, er ſei nur wegen Mina hier⸗ her gekommen und ſchaue nur Mina an. Eine Röthe nein, eine Flamme ſtieg Juſtin zu Geſichte, und von dieſem Angenblick an ſah der arme Schulmeiſter klar in ſeinem Innern. Eine Schlange hatte ihm ins Herz gebiſſen;— beſſer noch: in das Herz ſeines Herzens, wie Hamlet ſagt. Er war eiferſüchtig. Juſtin verbarg ſein Geſicht in ſeinen Händen, als hätte das Mädchen, an ihm vorbeiziehend und die Röthe ſeines Geſichtes wahrnehmend, die Urſache hievon begrei⸗ fen müſſen. Rach Hauſe zurückgekehrt, ſchloß er ſich in ſein Zim⸗ mer ein, und er blieb zwei ganze Stunden allein, um ſich zu befragen. Wenn nach dieſen zwei Stunden die Liebe, die er für das Mädchen hegte, ihm noch nicht völlig geoffen⸗ bart war, wenn er noch zögerte, das Gefühl ſeines Her⸗ zens zu nennen, ſo ſollte bald eine Revolution in ihm vorgehen, die ihm jeden Zweifel benehmen mußte. Ge lich, Sti trat Sch ſein Mir in! küß wo Cél mar gan erla war fall anſ ſtin trof dieſ Bli erſc geſe ſetzt erſc ſter Tag veiße des Vor⸗ e die dem rlan⸗ hlug, Seite Fen⸗ über An⸗ hier⸗ Röthe und eiſter beſſer t. als Röthe grei⸗ Zim⸗ ſich ie er ffen⸗ Her⸗ ihm 187 Am Abend, gegen zehn Uhr, nachdem ſie die letzten Geſchäfte des Hauſes beſorgt, ging Mina, wie gewöhn⸗ lich, hinab, um Juſtin gute Nacht zu ſagen, und ihm die Stirne zum brüderlichen Kuſſe zu reichen. An dieſem Abend, als Mina in das Zimmer ein⸗ trat, durchlief ein Schauer den jungen Mann vom Scheitel bis zu den Zehen, und eine Flamme zog über ſein Geſicht, der ähnlich, welche über die Stirne von Mina an dem Tage lief, wo Juſtin ſie mit dem Bogen in der Hand überraſchte. Er küßte ſie auf die Stirne; doch indem er ſie küßte, wurde er bleich, bleich wie Mina an dem Tage, wo ſie ihr Lied in dem dunklen Hofe ſang und, von Céleſte überraſcht, eine Profanation der ähulich, welche man begeht, wenn man lant in einer Kirche ſpricht, be⸗ gangen zu haben glaubte. Der Kuß, den er ihr gab, dünkte ihm gottlos, un⸗ erlaubt, voll Begehrlichkeit; er wich mit Schrecken zurück, warf den Stuhl um und wäre beinahe zu Boden ge⸗ fallen, als das Mädchen, das ihn mit ängſtlichen Angen anſchante, zu ihm ſagte: „Ach! wie bleich biſt Du heute Abend, Bruder Ju⸗ ſtin! Was haſt Du denn? ſollteſt Du krank ſein?“ Oh! ja, er war ſehr krank, der arme Juſtin! Er war von einer tödtlichen Liebe im Herzen ge⸗ troffen. Von dieſem Tage des Fronleichnamsfeſtes an, von dieſer Stunde, wo er wahrnehmend, daß ſich ein kühner Blick auf Mina geheftet, ſich eiferſüchtig gefühlt hatte, erſchien er Jedermann höchſt ſeltſam: er hatte unvorher⸗ geſehene Anwandlungen, welche die Familie in Erſtaunen ſetzten, Frenden ohne eine ſcheinbare Urſache, die ſie erſchreckten; dann verſank er plötzlich wieder in ein fin⸗ ſteres, hartnäckiges Stillſchweigen. Ihm, den man nie hatte ſingen hören, fiel es eines Tags, als er von ſeinem Zimmer in das ſeiner Mutter 188 hinaufging, ein, die ganze Tonleiter zu durchlaufen, alle Noten des menſchlichen Klaviers in den Wind zu ſchleudern. An einem andern Tag ſah man ihn, wie ein Schüler in den Ferien, durch die Straßen von Paris Luftſprünge machen. Endlich ſchloß er ſich ganze Abende in ſein Zimmer ein, ohne daß das geringſte Geräuſch ſeine Gegenwart verrieth, und ſchaute man indiscreter Weiſe durch das Schlüſſellech, ſo ſah man ihn bald unbeweglich ſitzen, als ob er verſteinert wäre, bald gehen und geſticultren, als ob er ein Narr wäre. Dieſe Symptome und noch viel erſchrecklichere wur⸗ den von Schweſter Céleſte und von der Mutter Corby, ſo blind ſie war, bemerkt. Die zwei Frauen gedachten, ſich dem alten Pro⸗ feſſor zu eröffnen, der der Kalchas der zwei einfachen Geſchöpfe geblieben, wie er zugleich der Mentor von Juſtin war. Herr Müller hatte längſt das Geheimniß des jun⸗ gen Mannes ergattert, und er faßte den Entſchluß, mit ihm darüber zu reden. Sie ſchloßen ſich eines Abends Beide ein, und wie ein alter Arzt, der nicht einmal ſeinem Kranken den Puls zu fühlen braucht, um die Bedentung des Uebels zu ſchätzen, ging der gute Müller gerade auf die Sache los, und er hätte ſeinen Zögling beinahe zu Boden ge⸗ worfen, als er, nachdem die Thüre kaum geſchloſſen war, mit den Worten begann: „Juſtin, mein Junge, Du biſt wahnſinnig in Mina verliebt!“ ner ver wer Her und terr war eine mel und wie ſollt Ich fält war aufen, nd zu e ein Paris mmer wart das „als „als wur⸗ orby, Pro⸗ achen von jun⸗ mit wie den ebels ache ge⸗ war, dina 189 XXII. Flagrante Liebe. Juſtin blieb niedergeſchmettert. Alſo dieſes Geheimniß, das er ſo tief in ſein In⸗ nerſtes verſenkt, das er ſelbſt vor ſeinem alten Freunde verborgen geglaubt hatte, wußte ſein alter Freund! und wenn er, der nicht im Hauſe wohnte, den Zuſtand ſeines Herzens kannte, ſo waren die Mutter, die Schweſter und, wer weiß? vielleicht auch das Mädchen davon un⸗ terrichtet. Die Gewißheit, daß ſein Geheimniß entſchleiert war, beunruhigte und lähmte ihn, und mit dem Anſcheine eines Verbrechers, die Stirne gebeugt, die Zunge ſtam⸗ melnd, antwortete er: „Das iſt die Wahrheit.“ Der gute Profeſſor ſchaute ihn an, zuckte die Achſeln und ſprach dann: „Auf, erhebe das Haupt!“ Juſtin erhob das Haupt, unterwürfig und erröthend wie ein Kind. „Schau mich an,“ fuhr Müller fort. Juſtin ſchaute ihn an und ſtammelte: „Mein lieber Meiſter... „Ei! mein lieber Zögling,“ verſetzte dieſer,„warum ſollteſt Du nicht verliebt ſein?“ Es iſt „Wer ſollte denn verliebt ſein, wenn nicht Du? Ich, denke ich, nicht... Spiele nicht länger den Ein⸗ fältigen!. Was verdrießt Dich bei dieſer Liebe, und warum machſt Du ein Geheimniß daraus? Biſt Du 190 nicht im Alter, zu lieben, und konnteſt Du in der gan⸗ zen Welt einen würdigeren Gegenſtand Deiner Liebe finden? Liebe alſo, mein Junge, liebe, wie Du gear⸗ beitet haſt: liebe mit Ehre, mit Leidenſchaft, mit Wahn⸗ ſinn, wenn Du kannſt! Es ſoll ſo gut ſein, zu lieben!“ „Sie haben alſo nicht geliebt?“ „Ich habe nie Zeit dazu gehabt... Es gibt tauſend Dinge, die Du nicht weißt, und die Dir die Liebe erklären wird, wie man verſichert. Mit der Ar⸗ beit und der Liebe klärt ſich Alles um uns und in uns auf; man arbeitete: man war ſtark: man liebt; man wird gut.“ Juſtin ſchüttelte aber trotz der väterlichen Worte ſeines Freundes den Kopf und antwortete nicht. „Nun,“ ſagte der Profeſſor mit dem Tone der tief⸗ ſten Zärtlichkeit, indem er ſeine Hände nahm,„was hin⸗ dert Dich, zu ſprechen? was hält Dich zurück? wem, wenn nicht mir, wirſt Du die erſten Freuden Deines Herzens anvertrauen? haben wir nicht mit einander ge⸗ litten und geweint? wo wirſt Du ein Herz, das mit⸗ fühlender als das meine wäre, ein Ohr, das aufmerk⸗ ſamer als das meine, finden? Vielleicht ſiehſt Du nicht ganz klar in Deinem Herzen; dann entwirren wir Beide die Sache, werden wir wieder zehn Jahre jünger. Erinnerſt Du Dich unſerer Promenaden im Walde von Verſailles? Wir gingen in der Nacht und ſchauten den Himmel an,— ſiehſt Du, man ſchaut immer den Himmel an, wenn man etwas wünſcht oder fürchtet; wir gingen alſo den Himmel anſchauend und hielten uns bei der Hand. Einſt fragteſt Du mich:„„Wenn ich mich in dieſem Walde verirren würde, wie ſollte ich meinen Weg wiederfinden?““ und ich antwortete Dir; „„Sei ruhig, nie wirſt Du Dich mit mir verirren!““ Nun denn, es iſt ebenſo heute.. Gib mir die Hand und laß uns mit einander den Weg machen; gleicht das Herz nicht ein wenig dem unentwirrbaren Wal irrt Pfad küßte Man wohl die S Augt und ſon f das„ nicht Man licher zweife die n uns e dasen liebt? Beleit wüßte Seite ein A gan⸗ Liebe gear⸗ zahn⸗ en gibt r die Ar⸗ uns man vorte tief⸗ hin⸗ wem, eines rge⸗ mit⸗ merk⸗ Du wir nger. Balde auten rden chtet; nuns n ich te ich Dir: en!““ die chen; baren 191 Walde, wo wir in der Finſterniß gingen? Du biſt ver⸗ irrt, gib mir die Hand, und wir Beide werden den Pfad wiederfinden!“ Juſtin fiel ſeinem alten Lehrer um den Hals und küßte ihn, während Thränen ſeinen Augen entrieſelten⸗ „Weine, mein Sohn, weine,“ ſprach der wackere Mann;„vor Freude oder vor Schmerz, es thut immer wohl, zu weinen; die Thränen erfriſchen das Herz, wie die Sommerregen die gewitterſchwülen Tage des Monats Auguſt; doch nachdem Du geweint haſt, erheitere Dich und laß uns von Deinen Hoffnungen reden.“ „Oh! mein guter Meiſter, mein geliebter Meiſter!“ „Was denn?“ „Wenn ſie mich nicht lieben würde?“ „Biſt Du verrückt?“ fragte der Greis;„und warum ſoll ſie Dich denn nicht lieben? In ihrem Alter ſingt das Herz ſein erſtes Lied; warum ſollte das ihrige es nicht für Dich ſingen, mein guter, würdiger Sohn?“ „Alſo, mein lieber Herr Müller,“ fragte der junge Mann,„Sie glauben, daß ſie mich liebt?⸗ „Ich bin deſſen ſicher... ſo wahr Du ein red⸗ licher Menſch biſt und einfältig genug, um daran zu zweifeln.“ „Ich habe ſie aber nie gefragt.“ „Und Duhaſt äußerſt Recht gehabt! iſt das eine Frage, die man thut? hatten wir, die wir Freunde ſind, nöthig, uns einander zu ſagen, daß wir uns lieben? ſieht ſich das nicht?“ „Ja, Sie ſprechen die Wahrheit, mein Freund, ſie liebt mich.“ „Ich glaube es wohl! daran zweifeln heißt ihr eine Beleidigung anthun.“ „Oh! mein guter und verehrter Meiſter, wenn Sie wüßten, wie glücklich mich dieſe Verſicherung von Ihrer Seite macht, wenn Sie wüßten, wie ſehr ich mich ganz ein Anderer finde, als ich vor einem Augenblicke war! 192 ich bin aufgeheitert, verwandelt! ich werde, ſo zu ſagen, mir ſelbſt theurer; ich habe von meiner Perſon, das ſpreche ich nur gegen Sie aus, eine Meinung, die ganz verſchieden von der, welche ich bis daher gehabt habe; liebe mich gewiſſer Maßen, daß ich mich geliebt fühle.“ Und in der That, erinnern Sie ſich Ihrer erſten Liebe, Sie, der Sie mich leſen? hat es Ihnen nicht ge⸗ ſchienen, Sie empfinden etwas Zärtlicheres für Sie ſelbſt nach dem erſten Geſtändniß einer Frau? hat es Ihnen nicht geſchienen, Sie ſeien ein Anderer als Sie ſelbſt, oder, beſſer, Sie werden mehr Sie ſelbſt, als Sie es je geweſen! Das Bewußtſein des Glückes macht ſtolz! aber welchen Drang zum Erguſſe hat der Stolz, den man fühlt! wie möchte man gern Arme voll Blumen haben, um ſie mit vollen Händen allen Menſchen auf den Kopf zu werfen! Sie ſprachen ſo lange mit einander, der junge Mann und der Greis, der junge Mann glühend und der Greis ſich am Feuer der Liebe wiedererwärmend. Und dennoch wareu zuweilen die Blitze der Frende, welche die Augen des jungen Mannes ſchleuderten, ver⸗ ſchleiert durch die Wolken, die über ſeine Stirne zogen. Während einer ſolchen Finſterniß ſagte er: „Ach! ich bin bald dreißig Jahre alt; ſie iſt kaum ſechzehn: ich könnte beinahe ihr Vater ſein. Befürchten Sie nicht, mein Freund, daß wir die kindliche Pietät, die brüderliche Zärtlichkeit für wahre Liebe nehmen?“ „Vor Allem,“ etwiederte der Greis,„Du zählſ noch nicht dreißig Jahre, wenn ich ein gutes Gedächtniß habe, und hätteſt Du auch dreißig zurückgelegt, ſo ſiehſt Du doch nicht aus, als wäreſt Du über fünf und zwanzig alt: Deine blonden Haare verjüngen Dich un zehn Jahre. Aengſtige Dich alſo nicht wegen Deines Alters; laß ſogar Mina ihr ſechzehntes Jahr erreichen⸗ und Lieb woh rede vor Sac gent wide See im unte die Woh Woh ging trent mehr zum des Stu mit er di cell z Freu Die Ihnen ſelbſt, Sie es aber man haben, Kopf junge d und nd. rende, „ er⸗ zogen. tkaum ürchten Pietät, n? zählſt ächtniß o ſiehſt uf und ich m Deines reichen, 193 und frene Dich ohne Furcht und ohne Scham Deiner Liebe. Du haſt ſie durch Deine exemplariſche Tugend wohl verdient, mein Sohn.“ Nach dieſen Worten umarmte der Greis Juſtin, wie er es wirklich mit ſeinem Sohne gethan hätte. Und es wurde zwiſchen den zwei Freunden verab⸗ redet, daß man, da Mina erſt fünfzehn Jahre alt ſei, vor der Mutter, der Schweſter und dem Mädchen die Sache geheim halten ſollte. Die Mutter und die Schweſter würden nicht ſtark genug ſein, um das Geheimniß zu bewahren, und es widerſtrebte den zwei Freunden, in der unſchuldigen Seele des Mädchens die Wünſche zu erwecken, weiche im Herzen von Juſtin ſprangen wie neugeborene Pferde. Man nahm ſich nur vor, ſo oft als möglich allein unter ſich davon zu reden. Mit welcher Vorſicht ſchloßen auch die zwei Freunde die Thüre, aus Furcht, das Geheimniß könnte wie ein Wohlgeruch aus dem Zimmer entſchlüpfen und bis zur Wohnung der Frauen hinaufſteigen. An den Abenden, wo der alte Meiſter wiederkam, ging Alles gut; um zehn Uhr, zu welcher Stunde man ſich unabänderlich im erſten Stocke zu Bette legte, trennte man ſich von den Frauen, um hinabzugehen, und mehr als einmal bemerkte Herr Müller, daß er ſich, zum hundertſten Male die Erzählung der Liebeseindrücke des jungen Mannes anhörend, bis zur ungewohnten Stunde der Mitternacht verſpätet hatte. Wenn er aber nicht da war, der theure Profeſſor, mit wem konnte Juſtin von ihr reden? über wen konnte er die Schätze ſeiner inneren Frende ergießen? Oh! wenn er es gewagt hätte, mit ſeinem Violon⸗ cell zu plaudern! Zuweilen zog er dieſen ſeit langer Zeit ſtummen Freund nicht nur aus ſeinem Schranke, ſondern ſogar Die Mohicaner von Paris. 1. 13 194 aus ſeinem Kaſten; er drückte ihn an ſein Herz⸗ preßte ihn zwiſchen ſeinen Knieen, ließ ſeine Finger in der ganzen Länge ſeines Griffbreites hingleiten und ſtrich in der Stille mit dem ſchwebenden Bogen über die Saiten. Dann lächelte er, denn mit dem Ohre der Ein⸗ bildungskraft hörte er Alles, was ihm das Violoncell geſagt hätte, wenn dieſem zu ſprechen erlaubt geweſen wäre. Andere Male genügte ihm dieſer ſtumme Dialog nicht; dann, in den ſchonen Sommernächten, ging er ſachte hinaus, zog den Riegel der Hausthüre, erreichte die Barridre, und gierig zugleich nach Geräuſch. Einſamkeit und Bewegung wandeite er durch die Ebene und recitirte dem Monde, dem nächtlichen Freunde der Liebe und des Unglücks, die ſchönſten Strophen der griechiſchen und lateiniſchen Dichter, welche die Liebe beſungen haben. In einer dieſer Nächte, am Jahrestage ſeines Zu⸗ ſammentreffens mit dem Mädchen, hatte er ſich unter den Aehren, den Klapperroſen und den Kornblumen aus⸗ geſtreckt, unter denen wir ihn am Anfange des vorigen Kapitels entdeckten. Dieſer Abend war eine Feierlichkeit, ein Feſtabend; er war, wie geſagt, nur da, um dem Herrn für den Engel, den er ihm geſandt, zu danken. Nachdem er en paar Stunden im Getreide zuge⸗ bracht, fiel es ihm, da es halb zehn Uhr in der Kirche Saint⸗Jacques⸗du Haut⸗Pas ſchlug, auch ein, er habe noch Zeit, nach Hauſe zurückzukehren und Mina, ehe ſie ſchlafen gegangen wäre, gute Nacht zu ſagen. Er öffnete ſogleich den Cirkel ſeiner großen Beine, und lief in aller Eile zurück, um nach Hauſe zu kommen. Vor der Thüre fand er einen etwa zwölfjährigen Straßenjungen, welcher auf ihn wartete, einen von den Pariſer Knaben, deren Portrait Barbier, der große Dichter von 1830, drei Jahre ſpäter machen ſollte. Der Knabe hielt ihn an. das zwei es gi rief: mir: dort!“ ihm men? hier.“ Kleine wohnt der Li wohnt auf S da Si nicht? hier iſ U „ es wec ſtatt d dern fi n S achder Schloß zog ihr reßte der ch in iten. Ein⸗ ncell veſen ialog er Achte mkeit itirte des und en. Zu⸗ unter aus⸗ rigen en; rden zuge⸗ irche habe he ſie geine, men. rigen n den große 195 Mein Herr,“ ſagte er,„hier iſt Ihr Taſchentuch, das Sie verloren haben.“ „Wiel mein Taſchentuch?“ „Ja, es iſt aus Ihrer Taſche gefallen, als Sie vor zwei Stunden weggingen.“ „Und Du haſt es gefunden?“ „Warum haſt Du es nicht ſogleich zurückgegeben?“ „Ich war nicht gatz ſicher, daß es Ihnen gehörte; es gingen mehrere Herren zu gleicher Zeit vorüber. Ich rief:„Oho! wer verliert ſein Taſchentuch?““ man ſagte mir:„„Es gehört dem Herrn, der dort geht, dort, dort!““ Sie waren ſchon eine Viertelmeile entfernt. „„Gut!““ erwiederte ich,„ich will lieber warten, als ihm nachlaufen.. Wird dieſer Herr zurückkom⸗ men?““„Gewiß.“„Wo wohnt er?““„„Er wohnt hier.“„„Wer iſt er?““„„Er iſt der Liebhaber der Kleinen.“„„Und die Kleine“ wo wohnt ſie?““„ Sie wohnt bei ihm.“„Ah! gut!““ ſagte ich,„wenn er der Liebhaber der Kieinen iſt, und die Kleine bei ihm wohnt, ſo wird er bald zurückkommen!““ Und ich habe auf Sie gewartet... Daran habe ich wohl gethan, da Sie da ſind... Nun, Sie nehmen Ihr Taſchentuch nicht?“ „Doch, mein kleiner Freund,“ verſetzte Juſtin,„und hier iſt etwas für Deine Mühe.“ Und er gab dem Knaben zehn Sous. „Gut! ein weißes Stück,“ ſagte dieſer;„ich will es wechſeln laſſen: die Alte würde mir es ganz nehmen, ſtatt daß ich ihr von zehn Sous fünf gebe und die an⸗ dern fünf behalte.“ Der Knabe machte ein paar Schritte, indeß Juſtin nachdenkend mit einer zitternden Hand den Schlüſſel in's Schloß ſteckte; doch der Straßenjunge kehrte wieder um, zog ihn an ſeinem Rock und fragte: „Sagen Sie doch, mein Herr?“ 196 „Was?“ „Wenn Sie wiſſen wollen, ob ſie Sie liebt.. „Wer?“ „Die Kleine, Ihre Geliebte.“ „Nun?“ „Sie müſſen die Alte in der Rue Triperet No 11. beſuchen. Sollten Sie übrigens die Nummer vergeſſen: die Alte iſt in der ganzen Straße bekannt; fragen Sie nach der Brocante, und Jedermann zeigt Ihnen ihre Wohnung. Sie wird Ihnen für zwanzig Sous das große Spiel machen.“ Juſtin hörte aber nicht mehr; er öffnete die Thüre und ſchloß ſie wieder vor der Naſe des Knaben, der bei einem Specereihändler das Zehn Sous⸗Stück gegen zehn Sous wechſeln ließ, oder vielmehr gegen neun und einen halben, denn unter dem Titel von Mäklergebühr ohne Zweifel kaufte er ſich für zwei Liards Zuckerſyrup. Dann ſchlug er im Galopp den Weg nach der Rue Triperet ein. Juſtin aber, ſtatt zu den Frauen hinaufzugehen und ſeinen Abend vollends in Familie zuzubringen, ging in ſein Zimmer, ſchloß ſich ein, warf ſich in einen Lehu⸗ ſtuhl und blieb hier unbeweglich und dus Herz voll der finſterſten Ahnungen. Seine Liebe gehörte nicht ihm; ſein Geheimniß war in Jedermanns Händen. 3 Er war für den ganzen Faubourg Saint⸗Jacques der Liebhaber der Kleinen! liches deſſe dami oder in da macht und derer verzel Tage bald losgef reich, aber ten v ( welcht Wunt gemac 2 Herz; die Tl Fenſte das 5 o 11. eſſen n Sie ihre das Thüre er bei nzehn einen ohne r Rue en und oll der iß war acues 197 XXIII. Die Moſchiten. Es gibt in Indien, beſonders in Korrah, ein häß⸗ liches Inſekt, eine Art von Mücke genannt Moſchit, deſſen Stich höchſt gefährlich iſt; es begnügt ſich nicht damit, daß es das Blut ausſaugt wie der Zinzaro, oder mit einem Stachel ſticht wie die Weſpe; es legt in das Loch, welches es ſeinem Opfer ins Fleiſch ge⸗ macht hat, ein kleines Ei, das in drei Tagen auskriecht, und einen Wurm gebiert, der wiederum eine Anzahl an⸗ derer Würmer erzeugt, die Euch bei lebendigem Leibe verzehren. Meiſtens ſtirbt man hieran in zwölf bis dreizehn Tagen. Um dieſem Unfall zuvorzukommen, muß man, ſo⸗ bald man ſich geſtochen fühlt, auf der mit einem Biſtouri losgeſtrammten Wunde ein Blatt Kautabak ausbreiten. Es gibt rings um uns her, in Europa, in Frank⸗ reich, in Paris, allerdings unter einer andern Form, aber noch gefährlichere Inſekten in der Art der Moſchi⸗ ten von Korrah: das ſind die Nochbarn. Gefährlicher haben wir geſagt, denn man weiß, welchen Balſam man auf die von der Mücke gemachte Wunde anzuwenden hat, während die von den Nachbarn gemachten Wunden tödtlich ſind. Der Nachbar iſt ohne Mitleid, ohne Gemüth, ohne Herz; er tritt bei Euch durch die Thüre ein, wenn Ihr die Thüre offen laßt; durch das Fenſter, wenn Ihr das Fenſter offen laßt; durch das Schlüſſelloch, wenn Ihr das Fenſter ſchließt. Er ſtiehlt Euch Euer Geheimniß 198 mit derſelben Frechheit, mit der Euch der abgefeimteſte Dieb in der Nacht Euer Geld ſtiehlt; dabei findet in⸗ deſſen ein Unterſchied zwiſchen den Nachbarn und den Dieben zum Vortheil des Diebes ſtatt: der Dieb ſetzt wenigſtens ſein Leben auf's Spiel, während der Nachbar das Leben der Andern auf's Spiel ſetzt. Man würde ſich mit einem Seufzer begnügen und ſich in dieſe Geißel fügen, wie ſich Indien in die Cho⸗ lera fügt, wie ſich Aegypten in die Peſt fügt, wie die Engländer ſich in den Nebel fügen, wenn in der Natur⸗ geſchichte nachgewieſen wäre, das Gebrechen, das man die Nachbarſchaft nennt, klebe der ganzen Gattung anz aber keines Weges; es iſt dem privilegirten Lande, das man Frankreich nennt, eigenthümlich; überall, in Deutſch⸗ land, in England, in Spanien, hat man die Achtung von den Andern, weil man die Selbſtachtung hat. In unſerem Frankreich allein, in ſein Zimmer zu⸗ rückgezogen, bei verſchloſſener Thüre und verſchloſſenen Läden, fühlt man um ſich her das Ange und das Ohr des Nachbars. Nicht als wäre er Euch gerade gehäſſig, nein— dann würde der Strafcodex eine Rechtfertigung für ihn zulaſſen; oft ſogar, wenn er Euch Böſes anthut, geſchieht es unwillkürlich, obſchon er es immer thut; nein: er will ganz einfach ſehen, was bei Euch vorgeht; Ihr ſeid ihm Rechenſchaft ſchuldig über das, was in Eurem Hauſe geſagt wird, geſchieht; Ihr ſeid ſein natürlicher Schuldner; er iſt Gläubiger Eures Glückes. Außerdem ſind alle dieſe Leute redlich, wenn Ihr wollt; ſie beobachten die im Bulletin aufgeführten Geſetze; ſie unterwerfen ſich ſtreng allen Polizeiverordnungen; ſie bezahlen pünktlich ihre Steuern, fegen die Schwelle ihrer Bude im Winter, beſprengen das Vordertheil ihres Ma⸗ gazins im Sommer, halten ein neues Brunnenſeil für den Brandfall bereit, gehen am Sonntag in die Kirche, am Montag ins Theater, beziehen einmal wöchentlich die verg gend Laſte ren, run ſer der( den zu ſe die T ſein 1 der das e troffe Arme der N zweid 6 das n der B und h Vorſte C doch p heram men, 2 velten verlore Jahr ter; di iteſte in⸗ den ſetzt chbar und Cho⸗ e die atur⸗ man an; das itſch⸗ tung rzu⸗ ſenen Ohr n— rihn chieht e ſeid urem licher Ihr ſetze; iz ſie ihrer Ma⸗ il für irche, ntlich 199 die Wache, kurz, ſie führen ſich auf wie Jedermann, vergeſſen jedoch, daß die Discretion eine erhabene Tu⸗ gend iſt, und die Neugierde natürlich ein abſcheuliches Laſter. Wir verzweifeln auch gar nicht, binnen einigen Jah⸗ ren,— das fängt ſchon an,— die intelligente Bevölke⸗ rung von Paris dieſe Kaſernen, welche man die Häu⸗ ſer von vier Stockwerken nennt, verlaſſen und mit Hülfe der Eiſenbahnen ſich auf einen Rayon von zehn Stun⸗ den um Paris in abgeſonderte Wohnnngen verbannen zu ſehen, wo die Schwächen der Einen verborgen und die Tugenden der Andern vor dem Verdachte geſchützt ſein werden. Das Wort, das der Straßenjunge ausgeſprochen: der Liebhaber der Kleinen, war übrigens nicht das erſte dieſer Art, von dem die Ohren von Juſtin be⸗ troffen worden. Mehr als einmal, wenn er mit dem Mädchen am Arme durch die Vorſtadt ging, hatte er in den Augen der Nachbaren ſpöttiſche Blicke und auf ihren Lippen zweideutiges Lächeln wahrgenommen. Dieſes ſchöne Mädchen, am Arme des jungen Mannes, das mit ihm ausging, während er weder der Gatte, noch der Bruder, war das nicht etwas, um darein zu beißen, und hieß das nicht die am wenigſten ſcharfen Zähne der Vorſtadt verſuchen? Es iſt wahr, man hatte Mina als Kind gekannt; doch plötzlich vergeſſend, daß man ſie nach und nach hatte heranwachſen ſehen, wollte man ſie nicht für das neh⸗ men, was ſie war, nämlich für ein großes, heiraths⸗ fähiges Frauenzimmer, das aber nicht heirathete. Man ſuchte auf jede Weiſe die Urſache dieſes dop⸗ velten Cölibats zu finden; man vergaß, daß keine Zeit verloren war, da Mina kaum fünfzehn und ein halbes Jahr zählte; man dachte, es ſtecke ein Geheimniß dahin⸗ ter; die Reugierigſten kießen ſich wie diebiſche Vögel auf 200 die Familie nieder, um ihr ihr Geheimniß zu ſtehlen; ſie wurden ſanft zurückgetrieben; man war auf Muth⸗ maßungen reducirt; von Muthmaßungen ging man zu den Geſchwätzen über und von den Geſchwäßen zum Ge⸗ ſchrei. Endlich miſchte ſich die Verleumdung darein, klopfte an die Schwelle des friedlichen Hauſes, ſtieg von Stufe zu Stufe hinauf, und erſtürmte es völlig. Das Leben war ſo nicht mehr möglich. Juſtin hatte den Gedanken, auszuziehen; doch das Quartier verlaſſen hieß Gefahr laufen, ein ſchlimmeres zu finden, hieß der Bosheit der Nachbarn Recht geben; und dann, im Grunde, war es leicht, von dieſem Hauſe zu ſcheiden, wo man zugleich ſo glücklich und ſo elend gelebt hatte? war es nicht ein Theil von ſich ſelbſt, den man ſo fern von ſich werfen ſollte? war nicht das ganze Leben dieſer vier Perſonen in unvertilgbaren Charakteren an die Wände dieſer zwei Stockwerke geſchrieben? Nein, das war mehr als ſchwierig, das war un⸗ möglich! Man verzichtete alſo darauf, das Haus zu verlaſ⸗ ſen; da man jedoch einen Entſchluß faſſen mußte, da man nicht mit einem Raſirmeſſerſchnitte alle ſchlimme Zungen des Quartiers abſchneiden konnte, ſo beſchloß man, den alten Profeſſor um Rath zu fragen. Dazu griff man übrigens immer in verzweifelten Lagen. Herr Müller kam zur gewöhnlichen Stunde; man ließ das Mädchen in der Wohnung oben; die Mutter ging für dies Mal in das Zimmer ihres Sohnes hinab⸗ und als alle Vier, Herr Müller, die Mutter, die Schwe⸗ ſter und der junge Mann, verſammelt waren, hielt mau einen Familienrath. Der Rath des alten Profeſſors war ganz einfach. „Laßt Morgen die Kinder als Verlobte aufbieten, und verheirathet ſie in vierzehn Tagen.“ Juſtin gab einen Freudenſchrei von ſich ſeine Vert ſchw dieſe Mut went feſſo „es mit daſ Pro die verz ſie t tet neu vort Pro wiei hlen; luth⸗ n zu Ge⸗ rein, on hatte laſſen ß der unde, man ar es n ſich rvier Lände un⸗ erlaſ⸗ „ da limme ſchloß ifelten man Nutter hinab, Schwe⸗ t man infach. bieten, 201 Dieſer Rath von Müller entſprach dem Verlangen ſeines Herzens. Eine Heirath brachte in der That ſogleich jeden Verdacht zum Schweigen. Man hatte alſo nicht zu ſchwanken, es war unnütz, ein anderes Mittel zu ſuchen; dieſes war das wahre, das gute, das einzige. Man würde dieſen Beſchluß gefaßt haben, hätte die Mutter nicht die Hand ausgeſtreckt und geſagt: „Einen Augenblick Geduld! ich habe nur eine Ein⸗ wendung zu machen, doch ſie iſt ernſt.“ „Welche?“ fragte Juſtin erbleichend. „Es gibt keine Einwendung,“ ſprach der alte Pro⸗ feſſor. „Doch, Herr Müller,“ erwiederte Madame Corby, „es gibt eine.“ „Welche? Laſſen Sie hören“ „Sprechen Sie, meine Mutter! murmelte Juſtin mit zitternder Stimme. „Man kennt die Eltern von Mina nicht“ „Ein Grund mehr, daß ſie über ſich ſelbſt verfügt, da ſie nur von ſich allein abhängt,“ verſetzte der alte Profeſſor. „Und dann,“ wagte ſchüchtern Céleſte zu bemerken, die Eltern von Mina haben auf ſie von dem Tage an verzichtet, wo ſie aufhörten, die Rente zu bezahlen, die ſie der Mutter Boivin zukommen zu laſſen ſich verpflich⸗ tet hatten.“ Dieſe faſt mit leiſer Stimme, durch einen ſchüchter⸗ nen Mund, gemachte Bemerkung ſchien indeſſen Inſtin vortrefflich. „Ah! ja!“ rief er,„Céleſte hat Recht.“ „Ich glaube wohl, daß ſie Recht hat,“ ſagte der Profeſſor. „Sie könnte in der That nicht Unrecht haben,“ er⸗ wiederte Madame Corby, und ich will einen Mittel⸗ 202 weg vorſchlagen, der hoffentlich Jedermann befriedigen wird.“ „Sprechen Sie, meine Mutter,“ rief Juſtin;„wir wiſſen Alle, daß Sie die auf die Erde herabgeſtiegene Weisheit ſind.“ „Die Geſetze erlauben erſt mit fünfzehn Jahren und fünf Monaten zu heirathen; heirathet Ihr ſogleich, ſo werdet Ihr das Anſehen haben, als hättet Ihr nur auf den Augenblick, wo das Geſetz die Heirath erlaubte, gewartet und von ſeiner Wohlthat mit einer Geſchwin⸗ digkeit Gebrauch gemacht, deren Intention ſchlecht aus⸗ gelegt werden kann.“ „Das iſt wahr, Juſtin,“ ſagte der Profeſſor. Juſtin ſeufzte. Es ließ ſich in der That nichts hierauf erwiedern. „In ſieben Monaten, am nächſten 5. Februar, wird Mina ſechzehn Jahre alt; warten wir ſo lange. Sech⸗ zehn Jahre, das iſt beinahe das Alter der Vernunft für eine Frau; es iſt wichtig, mein Sohn, daß man er⸗ fahre, Mina habe ſich gegeben: heiratheſt Du ſie heute, ſo hätteſt Du das Anſehen, Du habeſt ſie genommen.“ „Und dann?“ fragte Juſtin ganz zitternd vor Freude. „Dann, da der Pfarrer der Bouille zur Stunde den Vormund von Mina vertritt, wirſt Du Dir zum Vorans die Einwilligung des würdigen Prieſters ver⸗ ſchaffen, und am nächſten 6. Februar wird Mina Deine Fran ſein.“ „Oh! meine Mutter! meine gute Mutter!“ rief Juſtin. Und er ſiel vor ſeiner Mutter auf die Kniee, drückte ſie an ſein Herz und bedeckte ihr Geſicht mit Küſſen. „Aber mittlerweile?“ fragte Céleſte. „Ja,“ ſagte der Profeſſor,„mittlerweile werden die Schwätzereien, die Verleumdungen ihren Fortgang nehmen.“ rend denr ſie 1 mich gute dam Prof ſah, vorſe Ung Das ſtänd Ich Jahr habe zer l ein“ Mon nun, im S Jung Juſti Mon geno theur Händ digen „wir egene ahren leich, r nur ubte, win⸗ aus⸗ rn. wird Sech⸗ t für ner⸗ eute, vor unde zum ver⸗ eine rief niee, mit rden zang 203 „Man müßte auch darauf bedacht ſein, Mina wäh⸗ rend der ſieben Monate irgendwohin zu bringen.“ „Irgendwohin, meine Mutter? wohin ſollen wir ſie denn bringen, die Arme?“ „In ein Penſionat. gleichviel, wohin, wenn ſie nur nicht hier bleibt.“ „Ich kenne Niemand, dem ich Mina anzuvertrauen mich entſchließen würde!“ rief Juſtin. „Warten Sie doch, warten Sie doch,“ verſetzte der gute Profeſſor,„ich habe, was Sie brauchen.“ „Wahrhaftig, mein lieber Herr Müller?“ fragte Ma⸗ dame Corby, indem ſie mehr der Stimme des alten Profeſſors, als dem alten Profeſſor ſelbſt, den ſie nicht ſah, die Hand reichte. „Was haben Sie im Blicke und was wollen Sie uns vorſchlagen?“ fragte Juſtin mit dem Tone entſchiedener Ungeduld. „Was ich vorſchlagen will, mein lieber Juſtin? Das Einzige, bei Gott! was unter den ſchwierigen Um⸗ ſtänden, in denen wir uns befinden, vorzuſchlagen iſt. Ich habe in Verſailles eine alte Freundin von dreißig Jahren her, die einzige Frau, die ich vielleicht geliebt haben würde,“ fügte der gute Profeſſor mit einem Seuf⸗ zer bei,„wenn ich Zeit gehabt hätte; ſie hält gerade ein Penſionat von Mädchen: Mina wird dieſe ſieben Monate bei ihr bleiben, und einmal in der Woche... nun, einmal in der Woche wirſt Du ihr Deinen Beſuch im Sprachzimmer machen... Steht Dir das an, mein Junge?“ „Ei! das muß mir wohl anſtehen,“ erwiederte Juſtin. „Potz Tauſend! wie ſchwierig Du wirſt! vor ſechs Monaten hätteſt Du das mit ſchönen Kußhänden an⸗ genommen.“ „Und ich nehme es noch mit Dank an, mein guter, theurer Freund,“ ſprach Juſtin, indem er Müller beide Hände reichte. 204 „Und Sie, was ſagen Sie, liebe Madame Corby?“ fragte der Profeſſor. „Ich ſage, daß Sie ſchon morgen mit Juſtin nach Verſailles gehen müſſen, lieber Herr Müller.“ Hienach trennte man ſich, indem man ſich Rendez⸗ vous in der Rue de Rivoli bei der Station gab, wo man zu jener Zeit die Gondoles*) nahm;z das waren die einzigen Wagen, welche mit den Coucous**) der Place Louis XV. den Transport der Reiſenden von Paris nach Verſailles beſorgten. Nach einer Unterredung von einer Viertelſtunde mit der Vorſteherin des Penſionats bemerkte der junge Mann, daß Müller die ſoliden Tugenden ſeiner alten Freundin durchaus nicht übertrieben habe. Als ſie erfuhr, welches Intereſſe Müller für ihre zukünftige Penſionaire hegte, erbot ſie ſich, Mina für den Preis ihrer Koſt zu nehmen, und man kam überein, ſie am nächſten Sonntag zu bringen. Die zwei Freunde verließen das Penſionat entzückt über die Vorſteherin und kehrten zu Fuß durch den Wald von Verſailles zurück, der für ſie von unausſprech⸗ lichen Erinnerungen erfüllt war. Wir ſagten, man habe von dieſem Familiencomplott nichts gegen Mina merken laſſen; die Arme wußte alſo nicht das erſte Wort davon. Sie hatte wohl einiges Geflüſter gehört; ſie hatte wohl die Einen und die An⸗ dern ſich gewiſſe Blicke zuwerfen ſehen, deren Ausdruck ſie nicht ganz verſtand; ſie fühlte unbeſtimmt, daß ein Geheimniß ſie umſchwebte; ſie witterte es, ſo zu ſagen, jedoch ohne die Spuren davon finden zu können. Dieſe Kunde traf ſie alſo eines Morgens wie ein Donnerſtreich. Sie hatte nie gedacht, ihr Leben könnte *) Gondeln. **) Kukuke. ſich ſüße gant von Sin eine Aug wen etwe als meir gear im um fünf Blir Hau die Anf war könn daß Zuſe habe man ſei e zehn juns by?“ nach ndez⸗ wo varen der von mit ann, udin ihre rden n, ſie tzückt den rech⸗ plott alſo niges An⸗ druck ein gen, e ein önnte 205 ſich ändern, ſo ſehr hatte ſie ſich aus dieſem Leben eine ſüße Gewohnheit gemacht; wie die Mauer des Hofes ihr ganzer Horizont war, ſo war ihr Leben in der Familie von Juſtin ihre ganze Zukunft; es war ihr nie in den Sinn gekommen, ſie könnte eine andere Zukunft oder einen andern Horizont haben; ſie verſchloß freiwillig ihre Augen ihrem Geſchicke, ohne etwas Anderes zu denken, wenn die Blätter fielen, als der Winter ſei nahe, ohne etwas Anderes zu ſehen, wenn die Blätter wiederkamen, als die Rückkehr des Frühlings. Eines Tags hatte ſie die Mutter gefragt: „Was wird nach meinem Tode aus Dir werden, mein Kind?“ „Ich werde Ihnen folgen,“ hatte Mina lächelnd geantwortet;„müſſen Sie nicht Jemand haben, der Sie im Himmel bedient wie auf der Erde?“ „Im Himmel werde ich alle Engel des Paradieſes um mich haben.“ „Das iſt wahr; doch ſie haben nicht, wie ich, fünf Jahre mit Ihnen gelebt.“ Und wie es ihr unmöglich geſchienen, je die arme Blinde zu verlaſſen, ſo ſchien es ihr unmöglich, je das Haus zu verlaſſen. Mit tiefem Kummer nahm ſie alſo die Kunde dieſer plötzlichen Abreiſe auf; man erklärte ihr Anfangs die Gründe davon nur ſehr unvollkommen; ſie war ſo rein, daß ſie nicht zu begreifen vermochte, man könne von ihren Ausgängen übel reden; ſie war ſo keuſch, daß ſie nicht wußte, welche Folgerungen man aus ihrem Zuſammenwohnen mit einem jungen Manne ziehen konnte. Sie würde unſchuldig in ſeinem Zimmer geſchlafen haben, ohne daß es ihr eingefallen wäre, es könnte Je⸗ mand etwas daran zu mißbilligen finden Man mochte ihr immerhin zu verſtehen geben, es ſei ein Gebrauch, der Geſetzeskraft habe, daß ein ſech⸗ zehnjähriges Mädchen nicht in demſelben Hauſe mit einem jungen Manne wohnen dürfe; trotz der Anſicht der Mutter 206 und der Schweſter, trotz der Meinung ſelbſt des Profeſ⸗ ſors, wollte ſie es nicht glauben, und ſie nahm nie das ſeltſame Princip an, man könnte ſich darüber aufhalten, daß man Juſtin mit ihr wohnen ſah, während man ſich nicht darüber aufhielt, daß er mit Céleſte wohnte. Mit beklommenem Herzen und die Augen voller Thränen ſollte ſie alſo dieſes traurige Haus verlaſſen, das für ſie das Paradies ihres Glückes geworden war. XXIV. Das Penſionat. Am erſten Donnerſtag des Monats Juli im Jahre 1826 führte ſie Juſtin in Begleitung ſeines alten Leh⸗ rers nach Verſailles. Den ganzen Weg entlang that Mina den Mund nicht auf; ſie war bleich und düſter und ſchante kaum umher. Einen Augenblick, da er ſie ſo traurig ſah, fühlte Juſtin ſein Herz ſchwach werden, und er gedachte ſie, allem Weibergeklatſche des Quartiers trotzend, nach Hanſe zurückzuführen. Er theilte ſeine Abſicht Herrn Müller mit. Aber mochte nun der alte Profeſſor einſehen, wel⸗ ches egoiſtiſche Intereſſe unwillkürlich die Worte von Juſtin dietirte, oder mochte er, minder intereſſirt bei der Frage und mit einem freieren Gewiſſen, um zu han⸗ deln, begabt, bis zum Ende zu gehen entſchloſſen ſein, Lerr Müller hielt feſt und warf Juſtin ſeine gefährliche Schwäche vor. Man kam nach dem Penſionat. Der Unſchuldige, den man zum Schaffot führt, hat kein ſo beſtürztes Geſicht, wenn er auf den Richtplatz kommt und das Werkzeng der Todesſtrafe ſieht, wie es dern i blick z welcher welche 5 Augen ihm di V dieſer 8 nen, 1 ſiehſt, Gegen alſo ſte Heimke D Händed M 207 rofeſ⸗ das der armen Mina war, als ſie die großen ſteinernen d Mauern, welche die Penſion umgaben, und das eiſerne Gitter ſah, durch das man eintrat. Dieſe Mauern waren doch mit Epheu bedeckt und n Waldreben überragt; die Spieße dieſes Gitters wa⸗ ulet ren doch vergoldet. ſſen Frau von Staöl ſehnte ſich, vor dem Genfer See, war nach ihrer Goſſe in der Rue Saint⸗Honoré zurück. Die arme Mina hätte ſich von einem Palaſte nach dem traurigen Hauſe des Faubourg Saint⸗Jacques zu⸗ rückgeſehnt. Sie ſchaute ihre beiden Reiſegefährten mit ihren in Thränen ſchwimmenden Augen an. Mein Gott! welch ein ſchmerzlicher Blick! Die zwei Männer mußten wahrhaftig Herzen von Stein gemacht wie die Mauern dieſes Penſionats haben, daß ſie nicht ahre vor dieſen ſchönen flehenden Augen ſchmolzen. Leh⸗ Sie ſchaute ſie ſo Beide lange, von Einem zum An⸗ dern übergehend, an, ohne in dieſem äußerſten Augen⸗ nicht blick zu wiſſen, an wen ſie ſich wenden ſollte, an den, her. welchen ſie als ihren Vater betrachtete, oder an den, ühlte welchen ſie ihren Freund nannte. . Inſtin wäre bald ſchwach geworden; er hatte die Augen abgewandt, um die Wunde zu vermeiden, die ihm dieſer Blick ins Herz bohrte. Müller nahm ſeine Hand und drückte ſie kräftig; wel⸗ dieſer Druck der Hand bedeutete: „Muth, Junge! ich habe auch große Luſt, zu wei⸗ bei nen, und zum Beweiſe dient, daß ich erſticke; doch Du ban⸗ ſihſt, ich bewältige mich⸗ Muth! wenn wir in ihrer ſein, Gegenwart weich werden, ſind wir verloren! ſuchen wir liche alſo ſtark zu bleiben; wir werden mit einander bei der Heimkehr weinen!“ Das ſind die tauſend Dinge, welche der einfache hat Händedruck des alten Profeſſors bezeichnete. Man führte Mina zur Vorſteherin der Penſionz 208 dieſe empfing ſie in ihren Armen und küßte ſie mehr wie eine Tochter, als wie eine Koſtſchülerin. Ach! dieſer mütterliche Kuß verdüſterte Mina, ſtatt ſie aufzuheitern. So war alſo die Welt! eine Fremde hatte alſo das Recht, Euch zu küſſen wie eine Mutter? Sie erinnerte ſich ihres erſten Erwachens im Zimmer der Schweſter: die Tapete bei der Vorſteherin der Penſion war ungefähr der im Zimmer von Céleſte ähnlich. Alle Erinnerungen ihrer erſten Stunden der Ein⸗ ſamkeit kehrten in ihren Geiſt zurück; ſie fühlte ſich mehr verlaſſen und allein als je. Juſtin küßte ſie auf die Stirne, der alte Profeſſor küßte ſie auf beide Wangen, und fünf Minuten nachher hörte die arme Mina die Thüre des Penſionats mit der Herzbeklemmung des Gefangenen ſchließen, der die Riegel ſeines Kerkers hinter ſich vorſchieben hört. Die Vorſteherin der Penſion ließ ſie zu ſich ſitzen nahm ihre Hände und ſuchte ſie, auf dem Geſichte des Mädchens die Spuren eines tiefen Kummers mehr er⸗ rathend als leſend, zu tröſten. Doch ſtatt ſie zu beruhigen, reizten ſie dieſe Alltags⸗ tröſtungen nur: ſie verlangte in das Zimmer geführt zu werden, das man für ſie beſtimmte; denn es war zwi⸗ ſchen der Vorſteherin der Penſion und den zwei Freun⸗ den verabredet worden, daß ihr ein beſonderes Zimmer gegeben werden ſollte, um ihr das Verdrießliche des gemeinſchaftlichen Schlaſſaales zu erſparen. Man entſprach ihrem Wunſche und führte ſie in ihr Zimmer. Es war ein wahres Bondoir einer Penſionaire, zu zierlich für eine Nonne, nicht genug für ein Mädchen der Welt; die Kattuntapete mit blauen Blumen erin⸗ nerte an die, welche Mina für das Zimmer von Juſtin gewählt hatte; eine zwiſchen zwei Alabaſtervaſen, welche künſtliche Blumen enthielten, ſtehende Pendeluhr ſtellte Paul vor, wie er Virginie über den Fluß bringt; ein Kupf Patr oder ihren bus von Klav Meu Gerä auch Com die 1 eine tend das heure faſt n Mädc Sonn ſo fri Maul durch auf a 2 gelege vierze um il dem. Die wie ſtatt das nerte eſter: efähr Ein⸗ mehr feſſor chher it der Riegel ſitzen, te des hr er⸗ ltags⸗ hrt zu zwi⸗ reun⸗ immer e des in ihr naire, ädchen erin⸗ Juſtin welche ſtellte ein 209 Kupferſtich das Märtyrthum der heiligen Julie, der Patronin der Vorſteherin, vorſtellend zierte die Wand, oder befleckte ſie vielmehr, unſerer Anſiht nach, mit ihrem ſchwarzen Rahmen; ſechs leichte Stühle von Bam⸗ bus und verſchiedenfarbigem Stroh, ein Lager mit blauen, von einem Baldachin herabfallenden Zitzvorhängen, ein Klavier zwiſchen dem Fenſter und dem Kamin, ein paar Meubles von einfachem Geſchmack vervollſtändigten das Geräth des Zimmers, mit dem ſich ſtreng genommen auch ein Mädchen, das mehr als Mina an Luxus und Comfort gewöhnt geweſen wäre, hätte begnügen können. Das Kind war ſelbſt betroffen von der Heiterkeit, die man in dieſem Zimmer athmete; wenn es einmal eine Einſamkeit ſein ſollte, ſo war ſie blühend und duf⸗ tend immerhin mehr werth. Blühend und duftend war das richtige Wort: durch das geöffnete Fenſter erſtreckte ſich der Blick über unge⸗ heure Gärten voller Bäume und Blumen. Plötzlich hörte Mina ein gewaltiges Freudengeſchrei faſt unter. ihr. Sie trat ans Fenſter. Es war die Erholungsſtunde, und ungefähr dreißig Mädchen ſtürzten in den Hof, um dieſe Stunde, einen Sonnenſtrahl zwiſchen der doppelten Racht der Claſſen, ſo fröhlich als möglich anzuwenden. Der Hof war mit Sand beſtreut, mit Linden und Maulbeerfeigenbäumen bepflanzt. Durch das Blätterwerk der Bäume ſah Mina wie durch einen beweglichen Schleier die geräuſchvolle Schaar auf alle Arten laufen, ſpielen, ſpringen, tanzen. Die Großen gingen zu Zwei und Zwei in den ab⸗ gelegenſten Winkeln ſpazieren. Wovon ſprachen dieſe vierzehnjährigen Herzen und Lippen? Oh! wie verlangte ſie auch nach einer Gefährtin, um ihr das Geheimniß ihres Herzens zu ſagen, von dem Juſtin nichts hatte wiſſen wollen. Die Mohicaner von Paris. I. 14 1. 210 Und das ſchallende Gelächter, das freudige Geſchrei der Mädchen wirkten doch ganz anders auf ſie, als die Beileids⸗ bezeigungen der alten Freundin des Profeſſors; ſie durch⸗ ging alle Erinnerungen ihrer erſten Jahre; ſie ſah das Häns⸗ chen der Bonille wieder, die Mutter Boivin, die weiß und ſchwarze Kuh, welche ſo gute Milch gab, doß ſie nie ähnliche getrunken, ihren guten Pfarrer, der ein und ſechzig Jahre alt geweſen war, als ſie ihn verlaſſen, und nun fiebenzig ſein mußte. Sie dachte von dieſem Fen⸗ ſter aus, wo ſie war, viele von den reichen Mädchen, die ſie in den Winkeln ſpazieren gehen und plandern ſah, wären zu glücklich geweſen, wie ſie ein abgelegenes Zim⸗ mer in dieſem ariſtokratiſchen Hauſe bewohnen zu dür⸗ fen; ſie gedachte endlich der wockeren Leute, die ſie, arm, umherirrend, eine Waiſe, bei ſich aufgenommen, die ſie zu dieſer Erziehung geführt, zu dieſem Range erboben; ſie dachte an die fromme Mutter Corby, an die gute Schweſter Céleſte, an den trefflichen Profeſſor und beſonders an Juſtin! an Juſtin, deſſen Thränen ſie geſehen, deſſen Hand ſie zittern gefühlt, und der ihr mit einem ſo zar⸗ ten Tone, während er ſeine Lippen auf ihre Stirne drückte, zugeflüſtert hatte:„Muth, meine geliebte Mina! ſechs Monate ſind bald vorüber!“ Da da fand ſie ihre Klagen egoiſtiſch, ihre Traurigkeit undankbar; da ſchaute ſie umher, ſah Tinte, Feder und Papier, nahm Alles dies mit beiden Händen, ſetzte ſich an den Tiſch und ſchrieb an die Familie des Faubvurg Saint⸗Jacques einen anbetungswürdigen Brief des Dankes und der Segnungen. Es war Zeit, daß dieſer Brief ankam: der arme Juſtin war beim Ende ſeiner Kräfte, und es bedurfte nicht weniger als dieſer Erinnerung des Mädchens, um ihn der Niedergeſchlagenheit zu entreißen, in die ihn dieſe traurige Abreiſe verſenkt hatte. Ach! welch eine düſtere Wanderung hatten ſie bei der Heimkehr gemacht,— ſein alter Freund und er! Zerf weni denke rathe gewe hatte ſelbſt Scen todt weint bekla derge er ve ane ſen, Empfi nen m S zur F A das Y er hab Abreiſe die W bringe! würde; des Er meinen Müller ider eids⸗ urch⸗ äus⸗ weiß ß ſie und und Fen⸗ chen, ſah, Zim⸗ dür⸗ arm, ſie zu veſter s an eſſen zar⸗ tirne kina! ihre inte, nden, e des Brief arme durfte „um dieſe e bei Sie waren zu Fuß zurückgekehrt, im Glauben, eine Zerſtreunng auf dieſem lachenden Wege zu finden,— wenigſtens ſicher, hier die Einſamkeit zu finden. Sie hatten nicht ein Wort gewechſelt; man hätte denken ſollen, es ſeien zwei Geächtete, welche aufs Ge⸗ rathewohl fliehen, ohne das Ziel ihres Laufes zu kennen. Herr Müller, der ſtärker dem Mädchen gegenüber geweſen, war Juſtin gegenüber ſchwach geworden. Auf der Hälfte des Weges von Verſailles nach Paris hatte er von ſeinem Zögling den Muth verlangt, den er ſelbſt ihm zu geben verſprochen. Als man nach Hauſe kam, war es eine troſtloſe Scene; der Abend, der folgte, war ein Trauerabend. Wäre Mina für immer abgereiſt, in Lebensgefahr, todt geweſen, man hätte ſie nicht mehr beklagt und be⸗ weint, als man ſie lebend und fünf Meilen von Paris beklagte und beweinte. Der Greis glaubte vor den Frauen den Muth wie⸗ dergefunden zu haben, den er vor Juſtin verloren, und er verſuchte es, ſie zu tröſten. Doch das ſtand ihm übel an er fühlte, daß er falſch griff und wider ſein Gewiſ⸗ ſen, wider ſein Herz ſprach, und ſo geſtattete er ſeinen Empfindungen ihren Ausbruch und vermengte ſeine Thrä⸗ nen mit denen der Familie. Ja, der Familie, denn Mina gehörte ganz und gar zur Familie. Man klagte ihn ſodann an, er habe ſeinen Plan, das Mädchen ſo zu entfernen, nicht genug reifen laſſen, er habe die Ausführung zu leichtſinnig beſchleunigt, die Abreiſe zu ſehr übereilt, während noch nichts drohte, und man die Waiſe überdies in ein Penſionat von Paris hätte bringen können, wo man ſie alle Tage beſucht haben würde; man machte ihn verantwortlich für die Folgen des Ereigniſſes; Jedes glaubte ſeinen Theil des allge⸗ meinen Uinglücks zu erleichtern, wenn es dem guten Herrn Müller die Schuld beimeſſe. Der gute Mann hörte alle dieſe zu ſpäten Beſchul⸗ digungen an, nahm alle dieſe Vorwürfe mit einem über⸗ menſchlichen Heldenmuth auf den Rücken und ging wie der Sündenbock, mit den Miſſethaten des Stammes be⸗ laden ab. Sobald Herr Müller weggegangen, ſobald dieſe drei armen Weſen allein waren, ſenkte ſich die monotone Schwermuth der erſten Jahre auf ihr Haupt, brei⸗ tete, wie die nächtliche Fledermaus, ihre Trauerflügel aus und umſchwebte ſie ſtillſchweigend. Und, in der That, nach dem Abgange des heiteren Kindes nahmen ſdie Wände ihre düſteren Tinten wieder an; nachdem der Singvogel entflogen, war der Käfich traurig. Alles in der Wohnung ſprach von Mina, um zu ſagen:„Sie war hier; ſie iſt nicht mehr da!“ Die Mutter! Der Mutter, die ſie Tag und Racht unter der Hand hatte, der Mutter, die ſeit ſechs Jahren, um ihre kranke Tochter zu erleichtern, die kleine Mina mit der Füh⸗ rung des Hauſes beauftragt hatte, wobei ſie ſich mehr auf ſie, als auf ihre eigene Tochter verließ, der Mutter zernagte das Herz der Gedanke, das zerbrechliche Rohr, auf das ſie ihr Alter geſtützt, werde ihrer Hand fehlen. Die Schweſter! Die Schweſter, dieſes ſchwächliche Geſchöpf, ſie, die am Abend nicht einſchlafen konnte, ohne die Stimme der reizenden Kleinen zu hören, deren Ankunft ſie etwas in der Welt außer ihrem Bruder und ihrer Mutter lieben und wieder einigen Geſchmack am Leben finden gemacht hatte; die Schweſter, die die Güter vergaß, die Gott ihr verweigerte, in der Erinnerung an die Freuden, welche er Andern gab, die Schweſter war auch gewohnt, ihn um ſie her, welche faſt immer unbeweglich ſaß, gehen⸗ laufen, ſich bewegen, drehen zu ſehen, dieſen brennenden Salpeter, den man ein Kind nennt. gew Abn ſes fräu ten Gen den, fen rück gens ſang Eng ſeine ſehe Gott Tag Brie drei Abw Verſ gang pfan hätte durch chul⸗ über⸗ wie s be⸗ dieſe otone brei⸗ lügel iteren ieder däfich m zu Hand ranke Füh⸗ mehr kutter Rohr, ehlen. ie, die ne der vas in lieben emacht Gott welche ihn gehen, nenden 213 Und der Bruder! Der arme Juſtin, wieder der traurige Schulmeiſter geworden, war er es nicht, der am meiſten durch dieſe Abweſenheit litt? Als er in ſein Zimmer zurückgekehrt war,— in die⸗ ſes Zimmer, das Jean Robert und Salvator ſo jung⸗ fräulich und ſo ſauber gefunden,— hatte er nur die al⸗ ten kahlen Wände, den leeren Kamin, das große ſchwarze Gemälde, ein klägliches Symbol ſeiner erloſchenen Freu⸗ den, ſeiner entflogenen Illuſionen, geſehen. Er hatte ſich ganz angekleidet auf ſein Bett gewor⸗ fen und alle ſeine, durch die Gegenwart der Familie zu⸗ rückgedrängten, Thränen geſchluchzt. Wie! dieſes kleine Mädchen, einen Vogel des Mor⸗ gens,— halb Nachtigall, halb Lerche,— deſſen Ge⸗ ſang ihn alle Tage zur ſelben Stunde erweckte; dieſen Engel, der alle Abende, ehe er ſeine Flügel ſchloß, ihm ſeine weiße Stirne geboten hatte, er ſollte ihn nicht mehr ſehen, er ſollte ihn nicht mehr hören! Mein Gott! mein Gott! Welche Nacht brachte er zu, und welch ein düſterer Tag folgte auf dieſe düſtere Nacht! Zum Glücke kam, wie wir oben geſagt haben, der Brief des Mädchens an; das war eine Dankſagung von drei Seiten, ein entzückender Lobgeſang. Sie bat die Familie um Verzeihung wegen ihrer Abweſenheit, als wäre ſie, die man mit Gewalt nach Verſailles geſchleppt hatte, die einzige Urſache ihres Ab⸗ gangs geweſen. Sie dankte für alles Gute, was ſie von ihnen em⸗ pfangen, als ob nicht ſie das Gute ihnen gegeben hätte! Es waren die Gedanken eines Engels geſchrieben durch die Hand eines Kindes. Alles dies tröſtete ein wenig den armen Juſtin. Und dann, wie er dem Mädchen geſagt hatte, ſo ſagte 214 ihm die Hoffnung:„Geduld! ſechs Monate ſind bald vorüber!“ Wer weiß jedoch, welche Ereigniſſe im Zeitraume von ſechs Monaten aus der halb geöffneten Hand des Geſchickes fallen können? XXV. Wo von den Wilden des Faubourg Saint⸗Jacques die Rede iſt. Jeder nahm allmälig ſeinen gewohnten Lebensgang wieder an. ² Juſtin, ſeine Mutter und ſeine Schweſter umſchlan⸗ gen ſich alle Drei mit derſelben Kette, die ſie einſt an einander nietete, und fingen wieder an, die Kugel ihres ſchweren Daſeins zu ſchleppen. Nur war es ein Leben, das, wo möglich, noch trau⸗ riger als ihr erſtes Leben; denn die Monotonie ihres gegenwärtigen Lebens vermehrte ſich durch die verlorene Freude ihres vergangenen Lebens. Das Ende des Sommers verlief alſo ſehr langſam damit, daß ſie die Tage zählten, welche ſie noch von der Rückkehr des Mädchens trennten. Dieſe Rückkehr war, wie geſagt, auf den 5. Februar 1827 feſtgeſetzt. Die Hochzeit ſollte am Tage nachher ſtattfinden. Man hatte an den guten Pfarrer der Bouille ge⸗ ſchrieben, um ihn zugleich um ſeine Erlaubniß und um ſeinen Segen zu bitten. er! geko der er Y ſo h der Tag liche weſei in ih ſter( ſeits mann ren H dem wand ein n einen ( mann ausge in der würd auf b Reuve bald aume des die gang lan⸗ t an ihres rau⸗ hres rene ſam der ruar ge⸗ um Er hatte die Erlaubniß geſchickt und geantwortet, er werde Alles in der Welt thun, wenn der Angenblick gekommen ſei, um den Segen ſelbſt zu bringen. Am 6. Februar ſollte Juſtin alſo der Glücklichſte der Menſchen ſein. Juſtin faßte auch zuerſt wieder Muth. Als er eines Tages von Verſailles zurückkam, wo er Mina mit Herrn Müller beſucht, hatte er ſie ſo hübſch, ſo heiter, ſo liebevoll gefunden, daß er gewiſſer Maßen der Familie die Heiterkeit wiedergegeben. Man war dem Monat Januar nahe. Noch fünf Wochen Warten, noch ſieben und dreißig Tage Geduld, und Juſtin ſollte den grünen Gipfel menſch⸗ licher Glückſeligkeit erreichen. Auch würde Eines bald die gute Familie zerſtrenen. Das waren die Vorbereitungen zur Heirath. Juſtin und die Mutter waren wohl der Anſicht ge⸗ weſen, man müßte Mina von der Veränderung, welche in ihrem Leben vorgehen ſollte, unterrichten; doch Schwe⸗ ſter Céleſte und der alte Profeſſor hatten jedes ſeiner⸗ ſeits erwiedert: Unnöthig! ich ſtehe für ſie!“ Sodann, wir müſſen es ſagen, machte ſich Jeder⸗ mann eine kindiſche Freude aus dem Erſtannen der then⸗ ren Kleinen, wenn man am 6. Februar Morgens, nach⸗ dem man ſie am Tage vorher unter irgend einem Vor⸗ wande zur Beichte hätte gehen laſſen, aus dem Schranke ein weißes Kleid, einen Strauß von weißen Roſen, einen Kranz von Hrangenblüthen ziehen würde. Jedermann würde ſie umgebend da ſein; Jeder⸗ mann würde ihre Freude ſehen, die gute blinde Mutter ausgenommen; doch ſie würde die Hand ihres Sohnes in der ihrigen halten, und an dem Schauern dieſer Hand würde ſie Alles errathen. Vom Anfange des Januars war man nur noch dar⸗ auf bedacht, ein anſtändiges Zimmer zum Empfange der Reuvermählten in Bereitſchaft zu ſetzen. Es war in 216 demſelben Bau, auf demſelben Boden eine kleine Woh⸗ nung der der Mutter und der Schweſter ähnlich, beſteh⸗ end aus zwei Zimmern, welche ganz nach Wünſchen ge⸗ macht zu ſein ſchienen, um zur Aufnahme der beiden jungen Leute zu dienen. Dieſe Wohnung hatte eine arme kleine Familie inne, welche einen großen Vortheil im Ausziehen fand, denn Juſtin erbot ſich, auf ſeine Rechnung vier Termine zu übernehmen, die ſie ſchuldig war. Die Wohnung wurde am 9. Januar frei, und man gedachte ſie ſo raſch als möglich zu meubliren: man hatte nicht ganz einen Monat vor ſich. Man kehrte das ganze Haus um, um etwas daraus zu ziehen, was man der Wohnung der jungen Wirth⸗ ſchaft anpaſſen könnte; doch nichts ſchien jung genug friſch genug, ſchön genng, um zu dieſer Ehre erhoben zu werden. Alle Drei ſtimmten darin überein, man müſſe ein neues Mobiliar kaufen, allerdings einfach, aber friſch und nach dem Geſchmacke des Tags. Man ſchweifte alſo bei allen Ebeniſten der Gegend umher; denn Tapezirer gab es in dieſem Lande nicht, und wir glauben ſogar verſichern zu können, daß es noch heutigen Tages nicht einen einzigen dort gibt. Endlich entdeckte man in der Rue Saint⸗Jacques, ein paar Schritte vom Val de Grace, einen Ebeniſten, deſſen Magazin von Meubles ſtrotzte. Meubles von Nußbaumholz, wohlverſtanden, im Jahre 1827 war von Mahagonimeubles weder im Fau⸗ bourg, noch ſogar in der Rue Saint⸗Jacques die Rede; man ließ die Einwohner, welche die andern Quartiere durchlaufend ſolche bemerkt hatten, darauf hoffen; man erwartete von Tag zu Tag; das Schiff, das mit dieſem koſtbaren Holze beladen war, konnte jeden Augenblick an⸗ kommen wenn es nicht untergegangen. Rus eine dies liche Mol nötl Ebe gem Nuf ſchie über gen; daru Sai den kenn Arm gen ihr komn turer Sün wie glück den häßli beſtir Loh⸗ ſteh⸗ ge⸗ iden inne, denn e z man man raus irth⸗ en en zu e ein friſch gend nicht, noch ques, iſten, im Fau⸗ tede; tiere man ieſem an⸗ 217 Dies war aber Alles, was man den Ebeniſten der Rue du Faubourg Saint⸗Jacques entnehmen konnte. Mittlerweile, wenn man Eile hatte, eine Commode, einen Secrétaire, ein Bett zu bekommen, mußte man dies von Nußbaumholz, dieſem Mahagoni der Unglück⸗ lichen, kaufen. Trotz des tollen Ehrgeizes der guten Familie, ein Mobiliar von Mahagoni zu beſitzen, war man alſo ge⸗ nöthigt, ſich mit den Menbles zu begnügen, die der Ebeniſt anbot. Man war übrigens ſo ſehr gewohnt, ſich mit Weni⸗ gem zu begnügen, daß die neuen Meubles ſelbſt von Nußbaumholz dieſen braven Leuten als ein Schatz er⸗ ſchienen. Was die Vorhänge und das Weißzeug betrifft, das übernahm Schweſter Ceéleſte. Die Arme war ſeit ſechs Monaten nicht ausgegan⸗ gen; das gab eine ganze Reiſe für ſie; es handelte ſich darum, bis zu einem, zu jener Zeit ſchon im Quartier Saint⸗Jacques berühmten, Leinwandhändler zu gehen, den man Oudot nannte. Das war weit für die arme Céleſte; Gott allein kennt die erhabene Selbſtverleugnung, die die Seele der Armen erfüllte; Gott allein weiß, ob während des lan⸗ gen Ganges der Schatten eines neidiſchen Gedankens ihr redliches Herz ſtreifte. Und doch für wen machte ſie dieſe Einkäufe? Konnte ſich das arme Mädchen nicht fragen:„Wie kommt es, wenn Gott das Leben zwei menſchlichen Crea⸗ turen von demſelben Geſchlechte gibt, welche Beide keiner Sünde ſchuldig, da ſie ſo eben erſt geboren worden ſind; wie kommt es, daß die Eine dahin gelangt, daß ſie ſchön, glücklich und im Begriffe iſt, den Mann zu heirathen, den ſie liebt, und den ſie anbetet, während die Andere häßlich, krank, betrübt, und als alte Jungfer zu ſterben beſtimmt iſt?“ 218 Rein, ſie fragte ſich das nicht, und wenn ſie es ſich gefragt hätte, ſo würde ſie dieſe Ungleichheit bei zwei ähnlichen Weſen nicht einmal murren gemacht haben. Weit entfernt hievon, ging ſie freudig hin, als hätte ſie ihre eigene Ausſteuer zu kaufen gehabt. Dieſe alte Jungfer war in der That eine Heilige, und trotz ihres geringen Reſpectes für die Andern, war⸗ teten die Nachbarn unleugbar nur auf ihre Heilig⸗ ſprechung, um ſie anzubeten. Alle Vorübergehenden grüßten ſie ehrfurchtsvoll; dergeſtalt ſtrahlte ihre bleiche, kränkliche Stirne von glänzender Tugend. Die Mutter, welche nichts zur Verſchönerung des Hochzeitgemachs thun konnte, aber dennoch zum neuen Luxus der zwei jungen Leute beitragen wollte, nahm aus ihrer Commode die alten, reichen Spitzen, welche ihr Brautkleid geſchmückt hatten, und die ſie vom Tage ihrer Verheirathung weder mehr geſehen, noch angezogen. Sie gab ſie Juſtin, daß er ſie waſchen und an das Kleid des Mädchens nähen ließe. Herr Müller wollte auch ſein Geſchenk bringen. Eines Morgens, das war am 28. oder 29. Januar, ſah man,— zum großen Erſtaunen der Nachbarn, welche alle Tage ein neues Meuble vorübertragen ſahen, ohne ſich die wirkliche Urſache dieſer täglichen Anſchaffungen erklären zu können,— man ſah, ſagen wir, eines Mor⸗ gens, zu ihrer Verwunderung, einen großen, mit einem dicken Tuche bedeckten Wagen ankommen, der ein ſtärkes Geräuſch auf dem Pflaſter machte. Kaum hatte das unbekannte Vehikel vor der großen Thüre des Hauſes, das Juſtin bewohnte, angehalten, da war es umgeben von allen Baſen, allen Straßenjungen, allen Hunden, allen Hühnern der Vorſtadt. Man hätte glauben ſollen, man ſei bei einer Poſt⸗ ſtation in einem Provinzdörfchen. Die Vorſtadt Saint⸗Jacques iſt eine von den pri⸗ mit etw Hoſ ſteie oder geg Wa aud ſein der Seg geht ſein⸗ verh der welch Mal die( Einig Jacq des„ Reiſe hat, wie k um ſi deten das L wie währe s ſich zwei u. hätte ilige, war- eilig⸗ voll; von des euen maus ihr ihrer das nuar, elche ohne ngen Mor⸗ inem ärkes roßen i da ngen, Poſt pri⸗ 219 mitivſten Vorſtädten von Paris. Woher rührt dies? etwa davon, daß von dieſem Quartier, da es von vier Hoſpitälern umgeben iſt, wie eine Citadelle von vier Ba⸗ ſteien, dieſe vier Hoſpitäler den Tonriſten entfernen? oder daß, weil es zu keiner großen Landſtraße führt, gegen keinen Mittelpunkt mündet, der Durchzug der Wagen hier ſehr ſpärlich iſt? Sobald ein Wagen in der Ferne erſcheint, macht auch der privilegirte Straßenjunge ein Sprachrohr aus ſeinen beiden Händen und ſignaliſirt ihn allen Einwohnern der Vorſtadt, gerade wie man an den Meeresküſten ein Segel ſignaliſirt, das man am Horizont erblickt. Auf dieſen Ruf verläßt Jedermann ſeine Arbeit, geht auf ſeine Thürſchwelle herab, oder pflanzt ſich vor ſeinem Laden auf und erwartet kalt die Ankunft des verheißenen Wagens. In einem gegebenen Augenblick erſcheint er. Hurrah! da iſt der Wagen! Sogleich nähert man ſich ihm, man ſchaut ihn mit der naiven Freude, mit der kindiſchen Verwunderung an, welche die Wilden kundgeben mußten, als ſie zum erſten Male die ſchwimmenden Häuſer, genannt Schiffe, und die Centaurien, genannt Spanier, erblickten. Da offenbaren ſich die verſchiedenen Charaktere: Einige von den Eingeborenen des Faubourg Saint⸗ Jacques umgeben ihn; Andere benützen die Anweſenheit des Kutſchers, der ſich erfriſchen gegangen iſt, und des Reiſenden, der ſich auf dieſe ſüdlichen Ländereien verirrt hat, und eingetreten iſt, wo er zu thun hatte: Jene,— wie die Mexicaner die Kleider ihrer Eroberer aufhoben, um ſich zu verſichern, ob ſie einen Theil ihrer Haut bil⸗ deten oder nicht bildeten,— Jene, ſagen wir, berühren das Leder des Wagens, oder ſtreichen mit ihren Händen wie mit einem Kamme über die Mähne des Pferdes, während Andere auf den Bock klettern, zur innigen Frende 220 der Mütter, welche großmüthig die Erlaubniß hiezu ertheilen. Hat ſich der Kutſcher erfriſcht, iſt der Reiſende zu⸗ rückgekehrt, ſo verſucht es das Pferd, ſich wieder in Marſch zu ſetzen; doch nur mit einer unendlichen Mühe kann es die Vorſtadt verlaſſen, ohne ein halb Dutzend Kinder, die ihm das Geleite geben, zu zerquetſchen. Endlich gelingt es ihm, ſich frei zu machen, und es geht ab. Ein neues Hurrah der Bevölkerung, ein Hurrah des Abſchieds! man folgt ihm eine Zeitlang; mehrere ſpan⸗ nen ſich an die Federn des Wagens anz endlich verſchwin⸗ den Roß und Wagen zum großen Bedauern der Menge und zur Freude des Reiſenden, der entzückt iſt, civiliſirte Länder zu erreichen. Wollen Sie nun einen Begriff von der Wichtigkeit haben, die ein ſolches Ereigniß annimmt? Lieber Leſer, treten Sie an demſelben Abend in das Haus von einer der Perſonen ein, die dieſen Wagen ha⸗ ben vorüberfahren ſehen; zur Stunde, wo der Familien⸗ vater von der Arbeit zurückkehrt, hören Sie ihn fragen: „Frau, was hat es heute Neues gegeben?“ Und die Frau und die Kinder antworten: „Es iſt ein Wagen durchgekommen!. Nachdem dies in Form einer Parentheſe gegeben iſt, mag man ſich das Erſtaunen und den Jubel des Quar⸗ tiers vorſtellen, als man den ungeheuren Wagen von völlig unbekannter Form erblickte. Man begreift, wie er umgeben, angeſchaut, berührt, in allen Richtungen unterſucht wurde. Nicht wahr, wir haben geſagt, welches Vergnügen nur durch ſeinen Durchzug dieſer fantaſtiſche, mit ſeinem nilen Rückenſchild bedeckte Wagen bereitet habe? Nun wohl,— das war nichts gegen das Ftenden geſchrei, das ſich von allen Seiten, von den Buden, von den als glau Stü ſtaut buch Mer grof dicke ſo b dert und gieri ſie Stü Nutz zu e ſchei wir dieſe eine hagt biete Arm denn eine hiezu z⸗ tarſch an es r, die nd es h des ſpan⸗ hwin⸗ Renge liſirte tigkeit ndas nha⸗ ilien⸗ agen: eniſt, Quar⸗ von rührt, nügen einem ereitet den⸗ n den Thüren, von den Fenſtern, von den Dächern, erhob, als man, nachdem die Decke abgenommen war,— un⸗ glaublicher Lurus! feenhafter Traum!— ein ungeheures Stück von Mahagoniholz ſah. Die ganze Vorſtadt bebte, die Ausrufungen des Er⸗ ſtaunens liefen von Haus zu Haus, und das Pflaſter war buchſtäblich bedeckt mit einer aufmerkſamen, entzückten Menge. Man begriff nicht recht, was die Beſtimmung dieſes großen Holsſtückes, das ein langes, ungefähr einen Fuß dickes Gevierte repräſentirte. Da es aber wunderbar lackirtes Mahagoniholz war, ſo begnügte man ſich damit, daß man es naiv bewun⸗ derte. Man nahm den ungeheuren Block vom Wagen herab und trug ihn in das Haus, deſſen Thüre man den Neu⸗ gierigen vor der Naſe ſchloß. Das war aber nicht die Rechnung der Menge: da ſie den Tribut der Bewunderung hinreichend dieſem Stücke bezahlt hatte, ſo wollte ſie mit aller Gewalt ſeinen Nutzen kennen lernen. Man fragte ſich gegenſeitig; die Einen neigten ſich zu einer Commode hin, die Andern zu einem Secrétaire. Doch jede von dieſen Conjecturen ſchien unwahr⸗ ſcheinlich. Die Parteigänger der Unwahrſcheinlichkeit,— was wir die Skeptiker nennen,— ſtützten ſich darauf, daß dieſer ſeltſame Gegenſtand keine Schubladen habe, und eine Commode ohne Schubladen, wäre ſie auch von Ma⸗ hagoni, könne nicht die kleinſte von den Commoditäten bieten, die ſie zu verſprechen ſcheine. Einer von den Alten bot eine Wette an, es ſei eine Armoire; doch er hätte ſicherlich ſeine Wette verloren, denn Niemand hatte eine Spur von einer Thüre geſehen; eine Armoire ohne Thüre aber, obgleich es immer ein 222 Luxusgegenſtand blieb, war ein überflüſſiges Meuble. Es wurde dargethan, der Alte habe Unrecht. Dem zu Folge gruppirte man ſich um den Wagen und hielt Rath. Das Reſultat des Rathes war, man müſſe die Laſt⸗ träger bei ihrem Abgange aus dem Hauſe erwarten und ſie hefragen. Die Laſtträger erſchienen, und es handelte ſich darum, wer das Wort führen ſollte; dieſe Sendung fiel einer dicken Gevatterin zu, welche ihre beiden Fäuſte auf die Hüften ſtützte und ſtolz vorſchritt. Zum Unglück für die keuchende Menge war der Eine von den Laftträgern taub, der Zweite ein Anvergnat; der Eine konnte folglich nicht hören, und der Andere ſich nicht verſtändlich machen. Eine längere Conferenz unnöthig erachtend, ließ der erſte Laſtträger ſeine Peitſche als ein ächter Tauber, was er war, knallen und trieb trinmphirend ſeinen Wagen an, was die Menge zwang, auf die Seite zu treten, um ihm die Paſſage frei zu laſſen. Man mag uns glauben, wenn man will— nie aber ward einem Bewohner der Vorſtadt die Offenbarung die⸗ ſes Geheimniſſes zu Theil, das heute noch ein Nahrungs⸗ ſtoff für die langen Winterabende iſt. Wir bitten ſogar dringend diejenigen von unſeren Leſern, welche errathen haben dürften, es handle ſich um ein Klavier, dies Nie⸗ mand zu enthüllen, damit dieſer Zweifel fortbeſtehen und die Strafe für die entſetzlichen Nachbarn ſein möge. Bloc fanat Sain Klav theur armet pfing des j vollſte wund Platz ſchmü weiß. S den Kranz den ſi dem 2 gefund N tigkeit glaube die S Rückte uble. aen Laſt⸗ arten rum, einer f die Eine nat; e ſich ß der was an, ihm aber die⸗ ngs⸗ ogar then Nie⸗ und 223 XXVI. Eine Freundin aus der Penſion. In der That, dieſes ſeltſame Ding, dieſer ungeheure Block, dieſes ſcheinbar maſſive Mahagoniſtück, das die fanatiſche Aufmerkſamkeit der Müſſigen des Faubourg Saint⸗Jacques auf ſich gezogen hatte, war ein herrliches Klavier, welche der alte Profeſſor als Hochzeitgeſchenk ſeiner theuren Mina ſandte. Man ſtelle ſich die Verwirrung und die Frende der armen Familie vor, als ſie dieſes reiche Geſchenk em⸗ pfing. Sobald man das Klavier in das zukünftige Zimmer des jungen Ehepaars geſtellt hatte, fand ſich das Zimmer vollſtändig, und es war, als hätte es nur noch auf das wundervolle Meuble gewartet, das ſo natürlich an ſeinem Platze ſtand. Es war ein reizendes', einfaches Zimmer ſo ge⸗ ſchmückt, ein wahres Waldtanbenneſt, ganz roſig und weiß. hatte am Kopfe des Bettes in einen eirun⸗ den Rahmen von Eichenholz mit Gold incruſtirt den Kranz von Kornblumen und Klapperroſen eingefügt, den ſich das Mädchen, in Erwartung des Tags, an dem Abend geflochten, wo man es im Getreide liegend gefunden hatte. Nach dem Platze, den es einnahm, und der Wich⸗ tigkeit, die man ihm im Zimmer gegeben, hätte man glauben ſollen, es ſei eines von den Ex voto, wie ſie die Seeleute über dem Haupte der Jungfrau bei der Rückkehr von gefahrvollen Reiſen aufhängen. 224 Hatten ſich nicht in der That von dem Tage an, wo das Mädchen dieſen Kranz geflochten, die um die Familie her aufgethürmten Sturmwolken aufgehellt, ſo⸗ dann zerſtreut, und man hatte endlich in ihrem goldenen Wagen die Schutzfee des Hauſes herabkommen ſehen? Das Innere war alſo ſo geſchmückt vollſtändig und bereit, das junge Ehepaar zu empfangen. Noch ſechs Tage, und die Sonne des Glückes ſollte aufs Neue und glänzender als je für dieſe redlichen Leute ſtrahlen. Juſtin unterhielt eine lange und häufige Correſpon⸗ denz mit der Vorſteherin der Penſion: dieſe war entzückt über ihre Schülerin und ſah mit Schmerz dem Angen⸗ blick entgegen, wo ſie ſich von ihr trennen müßte. Mit der Familie, welche ſie in alle ihré Pläne eingeweiht hatte, einverſtanden, war ſie auch der Meinung, man ſollte Mina in einer völligen Unwiſſenheit über das Glück laſſen, das ihrer harrte, aus Furcht, es könnte das glühende Herz des Mädchens übermäßig aufregen. Und in der That, wozu ſollte es nützen, ſie auch nur eine Stunde vorher in Kenntniß zu ſetzen? waren ſie nicht Alle ihrer Einwilligung ſicher? hatten ſich nicht Céleſte und der alte Müller für ſie verbürgt? bekam man nicht jeden Angenblick Beweiſe ihrer dankbaren Zu⸗ neigung für die Familie und ihrer tiefen Zärtlichkeit für den jungen Mann? Zwanzigmal hatte ſie die Vor⸗ ſteherin der Penſion ohne ſein Wiſſen befragt, und zwanzigmal hatte ſie die Gewißheit erlangt, die in ihrem Herzen keimende Liebe erwarte nur einen Strahl, um ſich zu erſchließen und zu blühen, eine Gewißheit, welche die Vorſteherin immer wieder gegen Juſtin aus⸗ geſprochen. Man hatte alſo zu dieſer glückſeligen Stunde nur Urſachen der Frende und der Zufriedenheit. Unter dem Vorwand, ihr das Maß zu einem Halb⸗ ſaiſonkleid zu nehmen, hatte man ihr die Nähterin ge⸗ ſchick nann der, ten die k Sach Herr men, Wort man gebot der P ſicher Mouf ſpät 6 dern G mit il nahe bourg und ſein; ſetze nichts Die an, die „ſo⸗ enen n2 und ſollte Leute ſpon⸗ tzückt ugen⸗ Mit weiht man das önnte gen. auch varen nicht bekam Zu⸗ it für Vor⸗ und e in trahl, aus⸗ e nur Halb⸗ n ge⸗ 225 ſchickt, die ihr das machte, was man die großen Kleider nannte, das heißt die Feſttagskleider; die kleinen Klei⸗ der, das heißt die Kleider für gewöhnliche Tage, mach⸗ ten Mina und Schweſter Céleſte ſelbſt. Am 5. Februar, an ihrem Geburtstage, ſollte man die kleine Mina in Verſailles holen. Mehrere Male hatte Juſtin die Frage gethan: „Wie werden wir Mina holen?“ Und jedes Mal hatte der alte Profeſſor geantwortet: „Kümmere Dich nicht um dies, Junge: das iſt meine Sache.“ Am letzten Tage wiederholte Inſtin ſeine Frage. „Ich habe einen herrlichen Wagen beſtellt!“ ſagte Herr Müller. Juſtin umarmte ſeinen alten Profeſſor. Es brachten Alle mit einander,— Mina ausgenom⸗ men,— einen herrlichen Abend zu; man ſagte kein Wort, das nicht hundertmal wiederholt worden wäre; man fragte ſich, ob man nichts vergeſſen, ob das Auf⸗ gebot angeſchlagen und bekannt gemacht worden ſei, ob der Pfarrer von Saint Jacques du⸗Haut⸗Pas die Stunde ſicher beſtimmt habe, dob die weißen Atlaßſchuhe, das Mouſſelinekleid und der Orangenblüthenkranz nicht zu ſpät kommen werden. Am Ende des Abends bereitete die Mutter den Kin⸗ dern und Müller ein ſehr angenehmes Erſtaunen. Sie kündigte ihnen an, ſie werde em andern Tage mit ihnen nach Verſailles gehen. Man mochte ihr immerhin einwenden, es ſeien bei⸗ nahe fünf Meilen von Paris und ſechs Meilen vom Fau⸗ bourg Saint⸗Jacgues nach Verſailles; das würde hin und zurück zwölf Meilen machen; ſie werde gerädert ſein; da ſie ſeit ſechs Jahren nicht mehr ausgegangen, ſo ſetze ſie ihre Geſundheit⸗ einer Gefahr aus: ſie wollte nichts hören und behauptete ihr Vorhäben gegen Alle, Die Mohichner vvn Patis I. * 7 5 b — 226 ſchoß die ſolideſten Vernunftgründe Breſche und faßte ſich in dem unerſchütterlichen Entſchluß zuſammen: „Ich bin die Erſte geweſen, die ſie bei der Abreiſe umarmt hat; ich will die Erſte ſein, die ſie bei der Rück⸗ kehr umarmt.“ Man trat am Ende ihrem Verlangen bei. Während man ihr alle Arten von Einwendungen machte, wünſchte übrigens Jedes, daß ſie beharrlich bleibe. Es wurde verabredet, daß man ſich am andern Morgen um ſieben Uhr bereit halten ſollte, und am an⸗ dern Morgen um drei Viertel auf ſieben Uhr ſah man in der That zur unausſprechlichen Verwunderung der Nachbarn den von Herrn Müller am Tage vorher ange⸗ kündigten herrlichen Wagen erſcheinen. Es war ein rieſiger Fiaere mit Wappen verziert an beiden Füllungen und ſchreiend gelb angemalt; es be⸗ ſtehen heute kaum noch zwei bis drei ſolche antediluvia⸗ niſche Fiacres: das ſind die Mammuths und Maſtodons der Gattung; ſeit etwa zehn Jahren ſind ſie in den Zu⸗ ſtand der Curioſitäten übergegangen; wir würden das Muſeum, wo man ſie aufbewahrt, angeben, wenn wir es kenneten. Es war eine Arche, wo ſich an regneriſchen Sonn⸗ tagen eine ganze Bürgerfamilie einſchloß, und es fanden darin vier Paar Thiere, das heißt ſieben bis acht Perſonen Raum, ohne daß man gerade einem Nachbar zu be⸗ ſchwerlich war; heute braucht man für acht Perſonen vier Coupés; das iſt allerdings viermal weniger läſtig, doch es iſt achtmal theurer! Iſt das ein Fortſchritt? Wir wiſſen es nicht; wir laſſen die Schande oder den Ruhm davon bei der Nach⸗ welt den Wagenvermiethern. Herr Müller ſtieg zuletzt ein, nachdem er dem Apo⸗ theker,— der wie die Andern vor der Thüre ſtand mit ſeinem Gehülfen und ſeiner Haushälterin, welche man gewöh der V Prieſt Made zuzuſt Verſai zurück T H ungedi Trabe Penſio nicht a wollte. D fernt, ſtürzter welchen und m ſchweig durcha und de thun w Wohnn Pfarrer fragen „2 naud, berin!“ „C aus,“ nich erf ſterben. faßte breiſe Rück⸗ ingen rrlich dern an⸗ man der ange⸗ rt an s be⸗ uvia⸗ dons Zu⸗ das ir es onn⸗ anden ſonen be⸗ ſonen äſtig, ;wir Nach⸗ Apo⸗ mit man gewöhnlich die Apothekerin nannte,— den Schlüſſel der Wohnung übergeben und ihn erſucht hatte, falls ein Prieſter vom Lande käme und nach Herrn Juſtin oder Mademoiſelle Mina fragen würde, ihm dieſen Schlüſſel zuzuſtellen und ihm zu ſagen, die ganze Familie ſei in Verſailles, werde aber am Abend mit ſeiner Mündel zurückkommen. Der Prieſter werde daher gebeten, zu warten. Hienach nahm der Profeſſor Platz bei ſeinen drei ungeduldigen Freunden, und der Wagen ging in ſtarkem Trabe mit der glücklichen Familie ab, um ſie nach dem Penſionat von Verſailles zu führen, wo das Mädchen nicht an die Ueberraſchung dachte, die man ihm bereiten wollte. Der Fiacre hatte ſich nicht zwanzig Schritte ent⸗ ſernt, als alle Nachbarn au die Thüre des Apothekers ſürzten und ihn fragten, was für einen Gegenſtand und welchen Auftrag man ihm gegeben. Herr Lonis Renand wollte den Discreten ſpielen und mit einer hoffärtigen, wichtigen Miene ein Still⸗ ſchweigen beobachten; doch das ſchien der Apothekerin durchaus nicht nöthig. „Ta ta ta!“ ſagte ſie,„dahinter iſt kein Geheimniß! und dann verbergen ſich nur die Leute, welche Böſes thun wollen: der Gegenſtand, das iſt der Schlüſſel der Wohnung, und der Auftrag iſt, dieſen Schlüſſel einem Pfarrer vom Lande zu geben, der nach ſeiner Mündel fragen wird.“ „Mademoiſelle Franeviſe,“ ſprach Herr Louis Re⸗ naud, während er majeſtätiſch u ſein Haus eintrat, „ich habe Ihnen immer geſagt, ſie ſeien eine Schwä⸗ tzerin!“ „Gut, Schwätzerin oder nicht, die Sache iſt her⸗ aus,“ erwiederte Mademoiſelle Frangoiſe;„ſie hätte nich erſtickt, und ich kann doch nicht an einem Blutſchlage ſterben.“ 228 Raſch verbreitete ſich im Faubourg⸗Saint⸗Jacques„ die Neuigkeit, die ganze Familie ſei nach Verſailles ab⸗ Stra gefahren, Mina ſei die Mündel eines Prieſters, und man b erwarte ihren Vormund im Verlaufe des Tages. zelun Da der Tag, der ſich eröffnet, ein heiliger Sonn⸗ Bror tag war und folglich Niemand etwas zu thun hatte, ſo ſtationirten einen Theil des Tages auf der Straße fuhr Gruppen, plaudernd und Hypotheſen machend. wie Als die Stunde des Frühſtücks für die Einen oder Thür die Andern kam, ſtellten diejenigen, für welche die Stunde woe gekommen war, Schildwachen aus, die den Auftrag hatten, gegen ihnen Meldung zu machen, wenn der Prieſter am Hori⸗ ſ zont erſcheine. Fiaer Es ſchlug acht Uhr, neun Uhr, zehn Uhr, elf Uhr in der Kirche Saint⸗Jacques du⸗Haut⸗Pas, ohne daß undk man eine Soutane erſcheinen fah, und ohne daß die ver⸗ duld; ſchiedenen Muthmaßungen einen Schritt gegen die⸗Wahr⸗ Bes⸗ heit machten; nur liefen um halb zwölf Uhr einige wenn Frauen, welche aus dem Hochamte kamen und dem Kerne der Gläubigen vorangingen, wie eine leichte Vorhut man einem Armeecorps vorangeht, es liefen, ſagen wir, einige er lief Frauen mit ausgeſtreckten Armen und ganz athemlos Blutſt herbei und riefen nach rechts und nach links, durch die Straße eilend: „Sie heiratben ſich! ſie heirathen ſich! der Pfarrer die V von Saint⸗Jacques hat das Aufgebot verkündigt! ſie ihr ve heirathen ſich! ſie heirathen ſich!“ ſieben Dieſe Neuigkeit durchflog in ſeiner ganzen Länge das 2 Quartier Saint⸗Jacques mit der Geſchwindigkeit eines elektriſchen Schlages. moiſel Von da an trat wieder ein wenig Ruhe in der Vor⸗ ſtadt ein: man wußte alſo das große Geheimniß des ſagte Schulmeiſters! Nur gab es hier, wie überall, einige ſtarke Geiſter, ſprach welche ſagten: „Ich vermuthete es!“ Freun acques s ab⸗ d man Sonn⸗ tte, ſo Straße noder Stunde hatten, Hori⸗ lf Uhr e daß e ver⸗ Wahr⸗ einige Kerne 229 „Ah! ein großer Witz!“ rief vorübergehend ein Straßenjunge:„ſie haben vermuthet, ein ſchöner Burſche werde ein ſchönes Mädchen heirathen! um ſolche Prophe⸗ zeiungen zu machen, braucht man nicht die Karten der Brocante.“ Mittlerweile rollte der Fiacre, kam nach Verſailles, fuhr durch drei bis vier Straßen, welche wiederhallten wie die Gaſſen einer Rekropolis, und hielt vor der Thüre des Penſionats gerade in dem Augenblicke an, wo ein Fiacre von derſelben Nuance im Galopp in ent⸗ gegengeſetzter Richtung umkehrte. Man hätte glauben ſollen, es ſeien zwei ſiameſiſche Fiacres, die ihre Anfügung zerriſſen. Borhut einige hemlos ch die farrer tſie ge das eines r Vor⸗ iß des 6 Es war übrigens Zeit, daß man ankam; die Mutter und die Schweſter waren müde und ſtarben vor Unge⸗ duld; der alte Profeſſor fluchte über die Länge des We⸗ ges. Er fluchte, er, der ihn gewöhnlich ſo kurz fand, wenn er kam oder zu Fuße zurückkehrte. Das Herz von Juſtin ſchlug immer heftiger, je mehr man ſich Verſailles näherte; eine Viertelmeile mehr, und er lief Gefahr wie ſeine Nachbarin Francoiſe, von einem Blutſchlage getroffen zu werden. Kurz, wir wiederholen, es war Zeit. Man trat in die Penſion ein; die Mutter kannte die Vorſteherin nicht; man führte ſie zu ihr; ſie dankte ihr vor Allem für die innige Fürſorge, mit der ſie ſeit ſieben Monaten ihre Adoptivtochter umgeben. Man ſchickte zu dem Mädchen. Die Kammerfran kam zurück und meldete, Made⸗ moiſelle Mina ſei nicht in ihrem Zimmer. „Sehen Sie bei Fränlein Suſanne von Valgeneuſe,“ ſagte die Vorſteherin. Sie wandte ſich ſodann wieder an ihre Gäſte und ſprach: „Ohne Zweifel iſt ſie im Zimmer von einer ihrer Freundinnen, Fräulein Suſanne von Valgeneuſe, einer 230 reizenden, ſehr ſanften, wohlerzogenen Perſon ungefähr von ihrem Alter und aus derſelben Gegend des Landes, wo ihr Vater bei Rouen große Güter hat; fie haben ſich ſeit dem Eintritt von Mina an einander angeſchloſ⸗ ſen, und ich kann mir zu dieſer Verbindung nur Glück wünſchen. Sollten Sie glauben, daß ſie Zwei mir eine Unterlehrerin erſparen? Mina lehrt Muſik, das Fran⸗ zöſiſche und Geſchichte, während Suſanne Lectionen im Zeichnen, im Rechnen und im Engliſchen gibt... Ah! hier kommt ſie!“ Mina erſchien in der That, ganz roſig vor Freude, ganz athemlos vor Glück, und gab einen Schrei von ſich, als ſie die ganze Familie verſammelt ſah. Es war, als kennete ſie weder den alten Profeſſor, noch Schweſter Céleſte, noch ſogar Juſtin, denn ſie lief gerade auf Madame Corby zu, warf ſich in ihre Arme und rief: „Meine Mutter!“ Der Anblick von Madame Corby hatte ſie auf den Gedanken gebracht, es gehe etwas Außerordentliches vor oder es ſollte etwas Außerordentliches vorgehen. Sie war auch ſehr bewegt, als man ihr ſagte, da ſie an demſelben Tage ſechzehn Jahre alt ſei, ſo werde ſie das Penſionat verlaſſen, um nicht mehr dahin zurück⸗ zukehren. Juſtin eröffnete ihr dieſe Frende, während er ſie nach ſeiner Gewohnheit auf die Stirne küßte und an ſein Herz drückte. Mina war ſehr freundlich, und dennoch fand ich eine Nuance von Leid in ihrer Freude; Mina, ein zartes Herz, war an drei Dinge anhänglich geworden an Ma⸗ dame, das heißt an die Vorſteherin; an Snſanne, ihre Freundin, und an ihr Stübchen, das auf den Recrea⸗ tionshof ging, wo es ſo geräuſchvoll war in den Spielſtun⸗ den, ſo ruhig die ganze übrige Zeit, Sie bat alſo um Erlaubniß, von ihrem Stübchen und pelt ſchi find dem Sei dure ſtan man der nen ihrer hera Jai vorn ſich mild vollk und roch path Min Leid Eind zurü lich reich ngefäht andes, haben eſchloſ⸗ Glück ir eine Fran⸗ nen im 2h! Freude, on ſich, ofeſſor, ſie lief Arme uf den vor, e, d werde zurück⸗ er ſie n ſein ch eine zartes Ma⸗ e, ihre iecrea⸗ elſtun⸗ übchen und von Suſanne Abſchied nehmen zu dürfen, eine dop⸗ pelte Erlaubniß, die ſie ohne Mühe erlangte. Man kam überein, daß ſie von ihrem Stübchen Ab⸗ ſchied nehmen und bei ihrer Rückkehr Suſanne im Salon finden ſollte. Mina ging mit der Hand, mit dem Kopfe und mit dem Lächeln grüßend weg. Ihr Zimmer lag im Erdgeſchoße auf der andern Seite des Hauſes, und ſie hatte nur den Corridor zu durchſchreiten. Sie trat ein, grüßte religiöſer Weiſe jeden Gegen⸗ ſtand, jedes Geräth, wie man Freunde grüßt, denen man Lebewohl ſagen will, kniete vor dem Betpulte nie⸗ der und ſprach dieſelben Dankgebete die ſie in dem klei⸗ nen Hauſe des Faubourg Saint⸗Jacques am Tage nach ihrer Ankunft geſprochen hatte. Mittlerweile hatte man Suſanne in den Salon herabkommen laſſen. Es war eine ſchöne Perſon von ungefähr neunzehn Jahren, mit großen ſchwarzen Angen, denen man nichts vorwerfen konnte, als ein wenig natürliche Härte, die ſich aber nach dem Willen des Mädchens wunderbar milderten; ſie hatte ſchwarze Haare und Brauen, welche vollkommen mit ihren Augen harmonirten; ſie war groß und ſchlank, hatte einen kurzen, gebieteriſchen Ton, und roch auf eine Meile nach Ariſtokratie. Der erſte Anblick des Mädchens wirkte nicht ſym⸗ pathetiſch auf Juſtin. Bei der Nachricht aber, daß ſie auf immer von Mina getrennt werden ſollte, ſchien Suſanne ein ſolches Leid zu fühlen, daß der in ihrem Geſichte zu leſende Eindruck tiefer Betrübniß genügte, um Juſtin zu ihr zurückzuführen. Ueberdies hatte Suſanne Madame Corby ſo freund⸗ lich gegrüßt, Schweſter Ceéleſte ſo herzlich die Hand ge⸗ reicht, ſo anſtändig dem alten Profeſſor zugelächelt,— 232 der, wie Juſtin, einer ihrer Bekannten war, obgleich Beide ſie nicht kannten,— daß Juſtin alsbald ſeine Meinung über ſie änderte Sodann, wie die guten Herzen, welche im guten Eindruck weiter gehen, als im ſchlechten, neigte er ſich an das Ohr von Madame Corby und ſagte leiſe: „Meine Mutter, Mina ſcheint die Trennung von ihrer Freundin lebhaft zu bedauern; ich möchte nicht, daß Mina morgen das geringſte Leid hätte: wenn wir Fräulein Suſanne einlüden, den morgigen Tag bei uns zuzubringen?“ „Sie würde es aueſchlagen,“ erwiederte die Mutter. Mit dem Tacte einer Blinden hatte Madame Corby in der Stimme von Fräulein von Valgeneuſe gewiſſe Saiten erkannt, welche, hart klingend, ihr eine ſchlimme Vermuthung über die freundſchaftlichen Empfindungen des Mädchens eingaben. „Aber wenn ſie annimmt?“ verſetzte Inſtin. „Unſer Haus iſt ein ſehr armes Haus für ein ſo reiches Fräulein!“ „Sie wird morgen nach der Feier zurückkehren, und heute Nacht wird ſie in meinem Zimmer ſchlafen.“ „Doch wo wirſt Du ſchlafen?“ „Ah! ich werde wohl einen Ort finden, um ein Gurtbett unterzubringen.“ „Wer wird aber das Fräulein zurückführen?“ „Sie haben Recht, meine Mutter.“ Man zog die Vorſteherin über dieſe große Frage zu Rath, und das Reſultat der Berathung war: am anderen Tage würden die Vorſteherin der Penſion und Fräulein Suſanne von Valgenenſe in Paris gegen zehn Uhr Morgens aukommen, der Trauung beiwohnen und nach der Ceremouie nach Verſailles zurückkehren. Man theilte dieſen Plan Fräulein Suſanne mit, ſie nahm ihn mit Freuden an, obgleich man ſie in Un⸗ wiſ nac Fre Brr hab ſie i eber woh ſo 1 nach zurü Frei Thr verk men Suſ der erwe mal ſich! umar um1 Mad lich z und eich ſeine uten ſich von uicht, wir uns tter. orby wiſſe mme ngen in ſo und ein rage am und zehn und mit. Un⸗ 233 wiſſenheit hinſichtlich des Zwockes ließ, in welchem ſie nach Paris gehen würde. Man befürchtete ihre Indiscretion gegen ihre Freundin. Fräulein Suſanne bat nur um Erlaubniß, ihren Bruder, Herrn Loredan von Valgeneuſe, von dem Vor⸗ haben für den anderen Tag unterrichten zu dürfen. Einen Angenblick früher in Kenntniß geſetzt, hätte ſie ihn mündlich unterrichten können, denn er habe ſie ſo eben im Sprachzimmer verlaſſen. Da Herr Loredan von Valgeneuſe in Verſailles wohnte, oder vielmehr hier ein Abſteigequartier hatte, ſo bedachte indeſſen Suſanne, daß es Zeit genug, ihm nach dem Abgange von Mina zu ſchreiben. Uebrigens kam in dieſem Augenblick das Mädchen zurück und warf ſich mit aller Haſt in die Arme ſeiner Freundin. In der Furcht, auch nur einen Anſchein von einer Thräne im Augenwinkel von Mina glänzen zu ſehen, verkündigte ihr Juſtin, ſie könne, ſtatt Abſchied zu neh⸗ men, ihrer Freundin auf Wiederſehen ſagen: Fräulein Suſanne und Madame Desmarets,— das war der Name der Vorſteherin der Penſion,— werden ihnen die Ehre erweiſen, den andern Tag mit ihnen zuzubringen. Von da an hatten die Augen von Mina nicht ein⸗ mal mehr nöthig, abgewiſcht zu werden: ſie trockneten ſich von ſelbſt; ſie ſprang vor Frende, umarmte Suſanne, umarmte Madame Desmarets. Dann wandte ſie ſich gegen die geliebte Familie um und rief: „PHier bin ich.. ich bin bereit.“ Man ſagte ſich zum letzten Male auf Wiederſehen; Madame Desmarets und Suſanne verſprachen, pünkt⸗ lich zu ſein; die fünf Reiſenden ſtiegen in den Wagen und ſchlugen wieder den Weg nach Paris ein, während 234 Suſanne in ihr Zimmer zurückkehrte und an ihren Bru⸗ der ſchrieb: „Hinter Dir iſt die Familie angekommen; ſie nimmt Mina mit. Ich glaube, daß morgen etwas Außeror⸗ dentliches in der Rue Saint⸗Jacques vorgehen wird. Wir ſind eingeladen, Madame Desmarets und ich, den Tag bei ihnen zuzubringen; willſt Du Dich über die Ereigniſſe auf dem Laufenden erhalten, ſo richte es ſo ein, daß Du Madame und mich in Deiner Caleche fährſt. „Deine Schweſter, die Dich liebt. „S. von V.“ XXVII. Der Heirathsantrag. Wie es Juſtin gehofft, verließ ſeine theure kleine Mina die Penſion und ſollte nach Hauſe zurückkehren, ohne daß der Schatten eines Bedauerns über ihre Stirne zu ziehen das Recht hatte. Sie war wohl ein wenig beſorgt, wie ihre ariſto⸗ kratiſche Freundin den Steig des Faubourg Saint⸗Jac⸗ ques, den Hof des Apothekers, den finſtern Eingang der Wohnung und alle dieſe Mahle, wenn nicht des Elends, doch wenigſtens der Armuth, anſehen würde, die ſie nur bemerkte, indem ſie dachte, eine Andere könnte ſie be⸗ merken. Mina war indeſſen beſorgt, aber ſie ſchämte ſich Bru⸗ mmt eror⸗ vird. den die s ſo leche leine hren, tirne riſto⸗ Jac⸗ g der ends, e nur e be⸗ ſich 235 nicht: ſie hätte dieſe armſelige Wohnung mit Freunden nicht gegen einen Palaſt mit Fremden vertauſcht; über⸗ dies glaubte ſie ihrer Suſanne ſo ſicher zu ſein, wie ihrer ſelbſt, und ſie ſagte ſich, in welchem Stande ſie eine Freundin hätte, und ſo gering auch dieſer Stand ſein möchte, ſie würde ſich immer erfreut und geehrt füh⸗ len, von ihr empfangen zu werden. Die Reiſe ſchien Jedermann kurz, beſonders aber Mina, welche nicht einmal bemerkte, daß es eine Reiſe war; ihre Hand in der von Juſtin, den Kopf bald in die Ecke des Wagens zurückgelehnt, bald auf die Schul⸗ ter des jungen Mannes geſtützt, machte ſie einen von den goldenen Träumen, wie man ſie nur von fünfzehn bis achtzehn Jahren macht. Wie groß auch die Neugierde der Einwohner der Vorſtadt war, ſie hatte nicht gegen eine ſo weit vorge⸗ rückte Stunde Stand halten können: von ſieben Uhr an war Jeder, je nach ſeiner mehr oder minder großen Be⸗ harrlichkeit, in ſein Hans zurückgekehrt, und die letzte Thüre hatte ſich hinter dem letzten Nachbar geſchloſſen, — deſſen Rückzug die Straße völlig verödet ließ, wie ſie das Schließen ſeiner Thüre finſter laſſen ſollte,— als man das ungewohnte Geräuſch des Rollens von einem Wagen hörte der vor der Thüre des Apothekers anhielt. Der Apotheker, welcher noch nicht zu Bette gegangen war,— weniger, um gewiſſenhaft den Auftrag von Herrn Müller zu erfüllen, als um den Pflichten ſeines Gewer⸗ bes zu gehorchen,— der Apotheker, ſagen wir hatte kaum gehört, daß der Wagen anhielt als er die Thüre wieder öffnete und, ſeine Nachbarn erkennend, den Schlüſ⸗ ſel Herrn Müller mit der Bemerkung übergab, der Prie⸗ ſter, den er erwarte, habe ſich nicht gezeigt. „Welcher Prieſter?“ fragte das Mädchen. „Ein mir befreundeter Prieſter,“ antwortete Herr Müller, der vielleicht zum erſten Male, jedoch entſchul⸗ digt durch die Abſicht, log. 236 Der brave Mann log aus einem guten Beweg⸗ grunde. Man ſchickte den Fiacre weg, und während ihn Herr Müller bezahlte, flüſterte er ihm ein paar Worte zu, welche keine andere waren, als die: „Seien Sie morgen Vormittag auf den Schlag zehn Uhr hier.“ „Man wird da ſein, Herr,“ antwortete der Fiacre. „Sie beſtellen den Fiacre, lieber Papa Müller?“ fragte Mina. „Ja, mein Kind; ich habe Euch morgen eine kleine Spazierfahrt machen zu laſſen. „Du biſt dabei, Bruder Juſtin?“ fragte Mina. „Ich glanbe wohl!“ erwiederte Juſtin. „Dh! dann, welch ein Glück!“ rief Mina. Und ſie hüpfte in das Haus hinein, und ſagte gu⸗ ten Morgen jedem Geräthe der Wohnung der Rue Saint⸗Jacques, wie ſie Lebewohl jedem Geräthe des Penſionats von Verſailles geſagt hatte. Man legte ſich erſt um Mitternacht zu Bette und, ganz außerordentlicher Weiſe! blieb Madame Corby bis zu dieſer Stunde auf, was, ſo lange Mina und ſogar Müller ſich erinnern konnten, nie geſchehen war. Um Mitternacht trennte man ſich. Juſtin gab dem Mädchen ſeinen letzten väterlichen Kuß auf die Stirne; der Kuß am anderen Tage ſollte ein Gattenkuß ſein. Müller wünſchte Jedermann gute Nacht; er hatte nicht die geringſte Luſt, ſich zu entfernen, und erbehaup⸗ tete, wenn Geiger da wären, würde er mit Schweſter Céleſte tanzen. Die arme Schweſter Céleſte! ſie lächelte traurig: ſie hatte nie getanzt. Die zwei Männer gingen in das Zimmer von Ju⸗ ſtin hinab und planderten hier noch eine Stunde. mo die mit e⸗ err zu, ehn re. r?“ eine gu⸗ Rue des und, bis ogar 237 Dann entfernte ſich Müller. Juſtin nahm ſein Violoncell aus ſeinem Kaſten, ſchloß es zwiſchen ſeine Knten und ſpielte, mit ſeinem Bo⸗ gen zwei Zoll über den Saiten ſtreichend, in Gedanken eines der heiterſten Motive von I Matrimonio segreto, das er mit den übertriebenſten Phantaſien ſchmückte. Um drei Uhr entſchloß er ſich endlich, zu Bette zu gehen, doch er war zu glücklich und folglich zu ſehr auf⸗ geregt, um ernſtlich zu ſchlafen; überdies hätte er, ernſt⸗ lich ſchlafend, das Gefühl ſeines Glückes verloren. Man hätte glauben ſollen, er entſchlufe nur in der Hand haltend, was ihn zum Erwachen zurückführte, wie der Taucher das Seil hält, das ihn, wenn er in der Tiefe des Waſſers erſtickt, an die Oberfläche des Mee⸗ res zurückbringen ſoll. Um ſechs Uhr war er auf den Beinen. Er begriff die Langſamkeit der Zeit nicht; die Pen⸗ deluhr ging zu ſpät, die große Feder der Sonne war zerbrochen, der Tag würde nie kommen! Der Tag kam um halb acht Uhr, wie er im Hofe kam; es war hier in Wahrheit nie er, ſondern nur ein Namensleiher. Juſtin ging zur Hausthüre, um hinauszuſchanen. Was wollte er dort ſehen? Er wußte es ſelbſt nicht; es gibt Augenblicke, wo man die Thüre öffuet, als vb man Jemand erwartete.. Er erwartete das Glück. Das Gläck, das ſo ſelten kommt, wenn man ihm die Thüre zum Voraus öffnet! Es waren ſchon Buden offen; es waren ſchon Nach⸗ barn auf der Schwelle ihrer Hausthüre. Mehrere Perſonen machten Juſtin Zeichen. Der Bäcker gegenüber, ein dicker Handwerksmann mit mehligem Geſichte und prallen Bauche, rief ihm zu: „He! es iſt alſo heute, Nachbar?“ 238 Juſtin ging wieder hinein und ſchritt zu ſeiner Toilette. Sie ſolite ihm eine Stunde nehmen. Er hatte lackirte Schuhe, durchbrochene ſeidene Strümpfe, einen ſchwarzen Frack und ſchwarze Beinklei⸗ der, eine weiße Weſte und eine weiße Halsbinde. Er glättete ſeine ſchönen blonden Haare, welche auf ſeinen Hals herabfielen und ihm, nach der Behauptung von Müller, das deutſche Ausſehen gaben, das ſo ſehr dem alten Profeſſor gefiel, weil es ſeinen Zögling Weber ähnlich machte. Gegen acht Uhr hörte er Geräuſch über ſeinem Kopfe. Es waren die zwei Mädchen, welche aufſtanden. Wenn wir ſagen die zwei Mädchen, ſo nehmen wir die Mitte des Alters von Mina und von Céleſte. Mina zählte ſechzehn Jahre, Celeſte ſechsund⸗ zwanzig. Das war eine Mitte von einundzwanzig Jahren. Nachdem Mina erwacht, ſollten die ihr für die⸗ ſen feierlichen Tag vorbehaltenen Ueberraſchungen be⸗ ginnen. Während das Mädchen ſeine erſte Toilette machte, ging Schweſter Céleſte hinaus und holte aus dem Zim⸗ mer des zukünftigen Ehepaars den ganzen weißen Putz mit Ausnahme des Kranzes von Orangenblüthen. Plößzlich, als ſie ſich umwandte, ſah Mina auf ihrem Bette ausgebreitet den Unterrock von weißem Taffet, das Monſſelinekleid mit Spitzen und die ſeidenen Strümpfe. Am Fuße des Bettes ſtanden weiße Atlaßſchuhe. Mina ſchaute alle dieſe Gegenſtände mit Erſtau⸗ nen an. „Für wen das?“ fragte ſie. „Ei! für Dich, Schweſterchen.“ „Sammle ich zufällig heute Almoſen?“ ſagte Mina lächelnd. „Nein, Du biſt bei der Hochzeit.“ dert hübſ chelt einen der um i Wan in ih Minc man mit d Etwa Mutt⸗ ner ene lei⸗ auf ng ehr ber em en. ie⸗ be⸗ te, m⸗ utz em as fe. u⸗ na 239 Mina ſchaute Schweſier Céleſte ganz verwun⸗ dert an. „Wer heirathet denn?“ fragte fie. „Das iſt ein Geheimniß!“ „Ein Geheimniß?“ „Ja. „Ah! ſage es mir!“ verſetzte das Kind, mit ſeinen hübſchen Händen die Wangen der alten Jungfer ſtrei⸗ chelnd. „Du wirſt das Juſtin fragen,“ erwiederte dieſe. „Oh! Juſtin!“ rief Mina,„wie lange habe ich ihn nicht geſehen! Wo iſt er denns“ „Er wartet, bis Du angekleidet biſt.“ „Ah! dann will ich mich raſch ankleiden.“ Und von Céleſte unterſtützt, kleidete ſich Mina in einem Nu an. Was in der Regel am meiſten Zeit bei der Toilette der Frauen braucht, iſt der Kopfputz. Doch ihre Haare kräuſelten ſich von Natur. Ein Kammſtrich genügte, um ſie in dicken Locken um ihre Finger zu rollen. Fünf bis ſechs Locken fielen ſo auf jeder Seite ihrer Wangen herab, rollten auf ihre Schultern, verloren ſich in ihrer Bruſt, und Alles war geſchehen. „Nun bin ich angekleidet, Schweſter Céleſte,“ ſagte Mina.„Wo iſt Juſtin?“ „Komm!“ erwiederte Céleſte. Um aus der kleinen Wohnung wegzugehen, mußte man das Zimmer von Madame Corby durchſchreiten. Die Blinde erkannte den Tritt von Mina⸗ Madame Corby, während ſie Mina küßte, griff mit der Hand nach ihrem Kopfe; es war, als ſuchte ſie Etwas. Dieſes Etwas fehlte. „Sie hat Juſtin noch nicht geſehen?“ fragte die Mutter. — 240 „Nein, Juſtin erwartet ſie.“ „So gehe,“ ſprach Madame Corby;„es gibt Au⸗ genblicke, wo einem das Warten ſo lange dünkt.“ Schweſter Céleſte öffnete die Thüre; Mina wollte hinabgehen. „Nein,“ ſagte Schweſter Céleſte,„hier!“ Sie öffnete die Thüre gegenüber. Es war die des von uns geſchilderten hübſchen Brautgemachs. Juſtin ſtand mitten im Zimmer und hielt in der Hand, was dem Putze von Mina fehlte, was Madame Corby auf der Stirne der Waiſe geſucht hatte: den Hrangenblüthenkranz. Mina begriff Alles. Sie gab einen Freudenſchrei von ſich, erbleichte und ſtreckte die Hände aus, als wollte ſie eine Stütze ſuchen. Die Stütze war da. Juſtin machte nur einen Sprung und empfing ſie in ſeinen Armen. Sodann, während er ſeine Lippen auf die von Mina drückte, ſetzte er ihr den Orangenblüthenkranz auf die Stirne. So, in einem kleinen erſtickten Schrei, warb Juſtin um die Hand von Mina, und antwortete Mina, ſie willige ein, Juſtin zu heirathen. Fünf Minuten nachher war Mina zu den Füßen von Madame Corby, welche, nachdem ſie den Kopf des Kindes betaſtet und das, was ſie zehn Minuten vorher vergebens geſucht, darauf gefunden hatte, ihre zitternde Hand emporhob und ſprach: „Im Namen alles Glückes, das ich Dir verdanke, ſegne ich Dich, mein Kind!“ In dieſem Augenblick erſchienen drei Perſonen an der Thüre. Das waren einmal Madame Desmarets und Su⸗ ſanne von Valgeneuſe; ſodann, hinter dieſen Damen; er⸗ F ge Au⸗ ollte ſchen der me den und chen. ſie von ranz uſtin ſie üßen des orher ende anke, nan Su⸗ er blickte man den Kopf des Profeſſors, der ſich auf den Fußſpitzen erhob, um zu ſehen, wie die Sache ſtand. Plötzlich fühlte ſich der gute Profeſſor um den Leib gefaßt, beinahe erſtickt. Es war Juſtin, der ihn umarmte. „Nun?“ fragte der brave Mann. „Sie liebt mich!“ rief Juſtin. „Als Schweſter?“ ſagte Müller lachend. „Als Schweſter, als Braut, als Frau, als Gattin! Sie liebt mich, theurer Herr Müller! oh! ich bin der Glücklichſte der Menſchen!“ Juſtin hatte Recht: in dieſem Augenblick berührte er jenen Culminationspunkt, welchen zu erreichen ſo wenig Menſchen geſtattet iſt. Er berührte den Gipfel des Glücks. Es bahnte ſich indeſſen ein kleiner Groom, bekleidet mit einem ſchwarzen Rock und einer weißen Hoſe, Um⸗ ſchlagſtiefel an den Beinen und einen Hut mit Borte und ſchwarzer Cocarde auf dem Kopfe, einen Weg zwi⸗ ſchen den Perſonen dieſer Scene durch und kam bis zu Suſanne von Valgeneuſe, der er ein zuſammengerolltes Papierchen und einen Bleiſtift überreichte. „Von Herrn Loredan,“ ſagte engliſch der Groom; „er bittet um Antwort.“ Suſanne entrollte das Papierchen und ſah nichts als ein ungeheures Fragezeichen. Sie begriff und ſchrieb unter dieſes Fragezeichen folgende paar Zeilen: „Mina heirathet! Sie nimmt ihren großen Ein⸗ faltspinſel von einem Schulmeiſter zum Manne. „Bezahle Deiner Liebe den Lohn und gib ihr den Abſchied mit dem Vorbehalte, ſie ſpäter wieder in Deinen Dienſt zu nehmen. „S. von V.“ Die Mohicaner von Paris. 1. 242 „Hier, Dick, bring' dies Deinem Herrn,“ ſagte ſie; „es iſt die Antwort.“ Juſtin hatte Alles geſehen, doch ohne Etwas zu errathen. Es durchzog indeſſen eine Art von Ahnung eines unbekannten Unglücks wie ein Schauer ſeine Adern. Er ging ans Fenſter, um zu ſchauen, wem dieſes Billet übergeben würde. Ein ſchöner, eleganter junger Mann wartete vor der Thüre in einer Caleche. Das war ohne Zweifel Herr Loredan von Val⸗ geneuſe. Als er den Tritt des Groom hörte, wandte er ſich um; Juſtin konnte ſein Geſicht ſehen. Es war derſelbe junge Mann, der am Fronleich⸗ namsfeſte Mina auf eine ſo ſeltſame Weiſe angeſchaut hatte, daß der Schulmeiſter die erſte Schlange der Eifer⸗ ſucht in ſein Herz beißen gefühlt. Der kleine Groom übergab das Billet dem jungen Manne; er las es und winkte ihm, wieder ſeinen Platz neben dem Kutſcher einzunehmen. Der Knabe ſaß noch nicht auf dem Bock, als der Wagen im Galopp abging. Me Jal der die auf vorl nich Due nen die Prie meh Erſe ging nach eine würt Jacg ſo gi 243 ſie; zu ines XXVIII. ieſes Der Pfarrer der Bouille. vor Während dieſe Dinge im kleinen Hauſe der Rue du gal⸗ Faubourg Saint⸗Jacques vorgingen, ſtieg ein wackerer Mann von einem Prieſter, ſiebenzig bis zweiundſiebenzig ſich Jahre alt, unter Demonſtrationen der Neugierde und der Frende, nach deren Urſache er ſich vergebens fragte, ich⸗ die Straße hinauf. aut Die Bewohner des Faubourg Saint⸗Jacques, welche, fer⸗ auf die Ausſage der Apothekerin, ſeit dem Morgen des vvorhergehenden Tages einen Prieſter erwarteten, hatten gen nicht ſobald die Soutane und den Dreiſpitz des Abbé latz Ducornet,— ſo hieß der Pfarrer der Bouille,— erſchei⸗ nnen ſehen, als ſie einander, die Näheren mit dem Worte, der die Entfernteren mit der Geberde, ſagten:„Da iſt der Prieſter!“ Und da man nach einem ſo langen Warten nicht mehr auf ihn rechnete, ſo brachte, wie geſagt, ſeine Erſcheinung den lebhafteſten Eindruck hervor. Jeder näherte ſich ihm; man umgab ihn, und er ging mit einem Gefolge. Und da es ſchien, als ſchaute er nach rechts und nach links, um ſich in der Straße zu orientiren, ſo ſagte eine Frau Baſe, indem ſie ſich verneigte, zu ihm: „Guten Morgen, Herr Pfarrer!“ „Guten Morgen, meine liebe Frau!“ erwiederte der würdige Abbé. Und da er ſah, daß er bei No. 300 der Rue Saint⸗ Jacques war, ſtatt bei No. 20 des Faubourg zu ſein, ſo ging er weiter. 244 „Der Herr Pfarrer kommt vielleicht wegen einer Hochzeit?“ fragte die Baſe. „Bei meiner Treue, ja!“ verſetzte der Pfarrer, indem er ſtehen blieb. „Wegen der Hochzeit von Nr. 20?“ ſagte eine Andere. „Ganz richtig!“ antwortete der Pfarrer, ganz verwundert. Und als er die Glocke von Saint-Jacques halb zehn ſchlagen hörte, ging er abermals weiter. „Wegen der Hochzeit von Herrn Juſtin?“ ſagte eine dritte Baſe. „Mit der kleinen Mina, deren Vormund Sie ſind?“ ſagte eine Vierte. Der Pfarrer ſchaute die Baſen mit einer immer mehr erſtaunten Miene an. „Laßt doch den braven Mann in Ruhe, Weiber⸗ volk!“ rief ein Küfer, der ein Faß bereifte;„Ihr ſeht wohl, daß er Eile hat.“ „Ja, in der That, ich habe Eile!“ ſprach der gute Prieſter. Es iſt ſehr weit, der Faubvurg Saint⸗ Jacques. Hätte ich gewußt, daß es ſo weit iſt, ſo würde ich einen Wagen genommen haben.“ „Ah! bah! Sie ſind an Ort und Stelle, Herr Abbé, es iſt nur noch ein Schritt.“ „Ei! es iſt dort, wo Sie einen gelben Fiacre ſtehen ſehen,“ ſagte eine von den Frauen. „Vorhin,“ ſprach eine Andere,„vorhin war auch ein unbedeckter Wagen da, mit einem ſchönen jungen Manne darin, einem gepuderten Kutſcher auf dem Bocke und einem kleinen Diener, der nicht größer war, als eine Amſel; doch es ſcheint, dieſer Wagen gehörte nicht zur Hochzeit: er iſt wieder weggefahren.“ „Ich ſehe keinen Fiacre,“ ſagte der Pfarrer, der abermals ſtehen blieb und ſich einen Lichtſchirm aus einer Hand machte. ver He c der bez ma ſeit in iner rer, eine ganz halb eine Sie imer ber⸗ ſeht gute int⸗ ürde bbé, acre ein nne und eine zur der aus „Oh! ſeien Sie unbeſorgt, Sie werden ſich nicht verirren; überdies begleiten wir Sie bis zur Thüre, Herr Pfarrer.“ „He! Babolin! lauf doch voraus und ſage Herrn Juſtin, er möge nicht ungeduldig werden, der Pfarrer, den er erwarte, komme ſo eben.“ Der Junge, welchen man mit dem Namen Babolin bezeichnete, und der derſelbe war, den wir ſchon zwei⸗ mal haben erſcheinen ſehen, nahm ſeinen Lauf durch die Straße hinauf und ſang dabei auf eine Melodie von ſeiner Erfindung: Eh! oui, je vas lui dire, lui dire, lui dire... Eh! oui, Je vas lui dire, lui dire, tout de méme*)! Der Dialog und ſogar der Trialog nahm ſeinen Fortgang. „Sie ſind nie bei den Juſtin geweſen, HerrPfarrer?“ „Nein, meine guten Freunde, ich bin nie in Paris geweſen.“ „Ei! woher ſind Sie denn?“ „Von der Bouille.“ „Von der Bouille? Wo iſt das?“ fragte eine Stimme. „Rieder⸗Seine!“ antwortete eine andere Stimme, von der ſpäter Herr Prudhomme ſeinen Baßton ent⸗ lehnen ſollte. „In der That, Nieder⸗Seine,“ verſetzte der Abbé Ducornet„Es iſt eine reizende Gegend, die man das Verſailles von Ronen nennt.“ „Oh! Sie werden ſie gut logirt finden!“ „Und beſonders gut meublirt! Seit drei Wochen hat man nichts Anderes gethan, als Meubles vorüber⸗ getragen.“ „Und Meubles, daß König Karl X. keine ſchönere in den Tuilerien hat!“ *) Ja, ich will es ihm ſagen u. ſ. w. 246 „Er iſt alſo reich, dieſer gute Herr Juſtin?“ „Reich? Reich wie eine Kirchenmaus.“ „Nun, wie macht er es denn?“ „Es gibt Leute, welche verbrauchen, was ſie haben, und Andere, welche ſogar verbrauchen, was ſie nicht haben, ſagte ein Perrückenmacher. „Gut! Wirſt Du nicht etwa Schlimmes vom ar⸗ men Schulmeiſter reden, weil er ſich ſelbſt raſirt?“ „Ja, der raſirt ſich gut! Vor drei Wochen hatte er am Kinn einen Einſchnitt von einem halben Zoll!“ „Ei!“ verſetzte ein Straßenjunge, ein vertrauter Freund von Babolin,„ſein Kinn gehört ihm: er kann damit machen, was er will; Niemand hat etwas zu ſagen; würde er Pflückerbſen darein pflanzen, ſo wäre das ſein Recht!“ „Ah!“ ſagte der Abbé,„ich ſehe den gelben Fiacre.“ Ich glaube wohl, daß Sie ihn ſehen!“ verſetzte der Straßenjunge;„er iſt ſo groß wie das Walffiſch⸗ ger ppe im Jardin des Plantes, nur iſt er reicher an⸗ gemalt.“ „Kommen Sie geſchwinde, Herr Pfarrer!“ rief Babolin, der ſeine Sendung vollzogen hatte;„man wartet nur auf Sie.“ „Ah! verſetzte der Pfarrer,„wenn man nur noch auf mich wartet: ich komme.“ Und der wackere Prieſter ſtrengte ſich an und befand ſich wirklich nach fünf Minuten neben dem gelben Fiaere und der Hausthüre gegenüber. „Gleichviel,“ murmelte er,„es iſt noch größer als die Buuille, und ſogar als Ronen, dieſes Paris.“ Juſtin und Minna erwarteten ihn bei der Thüre. Als er dieſe zwei ſchönen jungen Leute ſah, blieb der Prieſter ſtehen und lächelte. „Ah!“ ſprach er,„mein Gott, Du haſt ſie in Wahr⸗ heit für einander geſchaffen!“ Mina lief auf ihn zu und fiel ihm um den Hals, 247 wie zur Zeit, wo der gute Pfarrer die Mutter Boivin beſuchte, und ſie acht Jahre alt war. Er umarmte ſie und ſchob ſie dann zurück, um ſie anzuſchauen. In dieſem ſchönen Mädchen, das nahe daran, eine Frau zu werden, würde er nie das Kind erkannt haben, welches er ſechs Jahre vorher nach Paris mit ſeinem weißen Kleide, ſeinen azurnen Halbſtiefelchen und ſeinem blauen Gürtel expedirt hatte. Doch er erkannte ſie an ihrer freundlichen Lieb⸗ koſung. Man hatte noch fünf Minuten zu warten, ehe man zur Kirche ging. „Kommen Sie herauf, Herr Pfarrer!“ ſagten gleich⸗ zeitig Juſtin und Mina. Der Pfarrer ſtieg die Treppe hinauf. Mina ließ ihn in das Brautgemach eintreten, wo Mutter Corby, Schweſter Céleſte, Madame Desmarets, Fräulein Su⸗ ſanne von Valgeneuſe und der alte Profeſſor waren. „Unſer lieber Pfarrer von der Bouille, Mama Corby,“ ſagte Mina;„der Abbs Ducornet, Madame.“ „Ja, ja,“ ſprach der Abbé ganz freudig,„und er bringt die Mitgift ſeiner Mündel.“ „Wie! die Mitgift ſeiner Mündel?“ „Ja wohl! Denken Sie ſich, vor drei Tagen er⸗ halte ich einen recommandirten Brief mit dem Stempel von Deutſchland, und in dieſem Briefe eine Anweiſung von zehntauſend achthundert Franken auf die Herren Leclerc und Louis, Banquiers in Rouen.“ „Und dann?“ fragte Juſtin mit bebender Stimme. „Warten Sie! ich verfahre nach der Ordnung; es iſt die Anweiſung, was ich zuerſt eröffne; von der An⸗ weiſung ſpreche ich zuerſt.“ „Ja, wir hören.“ Madame Corby erbleichte ſichtbar. 248 Die anderen Perſonen ſchienen an der kaum ange⸗ fangenen Erzählung des guten Prieſters ein relatives Intereſſe zu nehmen, aber, ſelbſt Mina, noch nichts von dem zu ſehen, was vielleicht ſchon an Juſtin und ſeiner Mutter zu erſcheinen anfing. „Bei der Anweiſung war ein Brief,“ fuhr der Pfarrer der Bouille fort. „Ein Brief?“ murmelte Juſtin. „Ein Brief?“ wiederholte Madame Corby. „Ah! ah! ein Brief!“ ſagte der Profeſſor nicht minder bewegt, als Juſtin und Madame Corby. „Hier iſt dieſer Brief,“ ſprach der Abbé. Und er entfaltete einen Brief, der wirklich einen fremden Stempel an ſich trug, und las: „Mein lieber Abbé, „Eine Reiſe, die ich ſo tief in Indien gemacht habe, daß meine Verbindungen mit Frankreich unter⸗ brochen wurden, iſt die Urſache, warum Sie ſeit Jah⸗ ren keine Nachricht mehr von mir erhielten; doch ich kenne Sie, ich kenne die würdige Frau Boivin, der ich vi Kind anvertraut: Mina wird darum nicht gelitten aben. „Heute nach Europa zurückgekehrt und in Wien durch unerläßliche Geſchäfte aufgehalten, welche noch einige Zeit dauern können, beeile ich mich, Ihnen durch einen Wechſel des Hauſes Arnſtein und Eskeles auf das Haus Leclerc und Louis in Rouen die Summe von zehntauſend achthundert Franken zu ſchicken, mit denen ich gegen Sie im Rückſtand bin. „Sie werden fortan regelmäßig, bis zu meiner Rück⸗ kehr, deren Datum ich Ihnen nicht genau beſtimmen kann, die als Koſtgeld für meine Tochter verſprochenen zwölfhundert Franken erhalten. „Wien, am 21. Januar 1827 „Der Vater von Mina.“ ic ſin lie de un e⸗ n er ht en 249 Bei dieſen letzten Worten, während Mina freudig in die Hände klatſchend ausrief:„Oh! welch ein Glück, Juſtin! Papa lebt noch!“ ſchaute Juſtin ſeine Mutter an, und als er ſah, daß ſie bleich war wie eine Todte, ſtieß er einen Schrei aus. „Meine Mutter! meine Mutter!“ ſagte Juſtin. Die Blinde ſtand auf und ging mit ausgeſtreckten Armen auf ihren Sohn zu: die Stimme hatte ſie geleitet. „Du begreifſt, nicht wahr, mein Sohn,“ ſprach ſie, „Du begreifſt?“ Juſtin autwortete nicht, er ſchluchzte. Mina ſchaute dieſe ſeitſame Scene an, ohne etwas davon zu verſtehen. „Aber was haben Sie denn, Mama Corby?“ fragte ſie;„aber was haſt Du denn, Bruder Juſtin?“ „Du begreifſt, nicht wahr, mein liebes armes Kind,“ fuhr die Mutter fort,„Du begreifſt, daß Du Mina arm und eine Waiſe heirathen konnteſt?“ „Mein Gott!“ rief Mina, die zu errathen anfing. „Du begreifſt aber auch, daß Du Mina nicht hei⸗ rathen kannſt, da ſie reich und von einem Vater ab⸗ hängig iſt?“ Meine Mutter, meine Mutter!“ rief Juſtin,„ha⸗ ben Sie Mitleid mit mir!“ „Das wäre ein Diebſtahl, mein Sohn!“ ſprach die Blinde, die Hand zum Himmel erhebend, als wollte ſie Gott beſchwören,„und wenn Du zweifelſt, ſo appellire ich an Alles, was von redlichen Leuten hier iſt, und es ſind hoffentlich nur redliche Leute hier.“ Juſtin ſank vor ſeiner Mutter auf die Kniee. „Ah! Du begreifſt mich, da Du nun auf den Knieen liegſt,“ ſagte die Blinde. Dann ſtreckte ſie die Hände über ihm aus, warf den Kopf zurück, als hätte ſie den Himmel ſehen können, und ſprach: 250 „Mein Sohn, ich ſegne Dich für den Schmerz, wie ich Dich für die Freude geſegnet, und ich werde, wie ich hoffe, Deine geliebte Mutter im Unglück ſein, wie ich es in der Glückſeligkeit geweſen wäre.“ „Oh! meine Mutter! meine Mutter!“ rief Juſtin„mit Ihnen, mit Ihrer Unterſtützung, mit Ihrem Muthe werde ich das thunz doch ohne Sie, oh! ohne Sie wäre ich, glaube ich, ein unredlicher Menſch geweſen!“ „Es iſt gut, mein Kind!— Umarme mich, Céleſte.“ Céleſte näherte ſich. „Führe mich zu meinem Stuhle zurück,“ ſagte ſie leiſe;„ich fühle, daß mich die Kraſt verläßt.“ „Mein Gott! was gibt es denn?“ fragte Mina. „Es gibt, es iſt.. Mina,“ erwiederte Juſtin in ein Schluchzen ausbrechend,„. bis zu dem Tage, wo Dein Vater ſeine Einwilligung geben wird,— und wahrſcheinlich wird er ſie nie geben!— können wir nur Bruder und Schweſter für einander ſein.“ Mina ſtieß einen Schrei aus. „Oh!“ rief ſie,„mit welchem Rechte macht mein Vater, der mich ſeit ſechzehn Jahren verlaſſen hat, heute Anſprüche auf mich? Er behalte ſein Geld: er laſſe mir mein Glück! er laſſe mir meinen armen Juſtin! nicht als Bruder, ſondern, mein Gott! verzeihe mir, als Gatten!. Juſtin. oh! Iuſtin! Juſtin, mein Geliebter! herbei! herbei! verlaſſe mich nicht!“ Und mit einem letzten Schmerzensſchrei ſiel das Mädchen ohnmächtig in die Arme von Juſtin. Eine Stunde nachher reiſte Mina, in Thränen zer⸗ fließend, eine Hand in der Hand ihrer Freundin Suſanne und den Kopf auf die Schulter von Madame Desma⸗ rets geſtützt, nach Verſailles ab. Ehe ſie in den Wagen ſtieg, hatte Suſanne Zeit 251 gefunden, mit Bleiſtift ein alſo abgefaßtes Billet zu ſchreiben, das ſie einem Commiſſionär übergab: „Die Heirath iſt fehlgeſchlagen! Es ſcheint, Mina iſt reich und die Tochter von irgend Jemand. „Wir kehren mit der ſchönen Troſtloſen nach Ver⸗ ſailles zurück. „Morgens um elf Uhr. „S. von V.“ — 9 10 11 12 13 14.