Leihbibliothet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebebingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8S. Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eine⸗ Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgab 8 e von mir zurückerſtattet wird. 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücherz .———— auf Mont T Pf. 3 „ 1 Mr. 50 Pf. 2 M— Pf. answürtige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Seiner Liebenswürdigkeit und der Herzensgüte ſeiner Frau ſchulde ich viel zu viel, als daß ich hoffen dürfte mich jemals meiner Pflicht der Dankbarkeit ent⸗ ledigen zu können; daſſelbe gilt von meinen ſehr theuern Freunden G. B. Cuneo, den Gebrüdern Antonini und Giovanni Rinv. Die paar Thaler welche ich von meinen Och⸗ ſenhäuten gelbst, waren bald verbraucht, und da ich mit Frau und Kind meinen Freunden nicht lange zur Laſt liegen wollte, ſo ergriff ich zwei Erwerbszweige die aber, das muß ich geſtehen, jeder für ſich und beide zuſammen, für unſere Bedürfniſſe kaum genügten. Der erſte war daß ich Handelsmäkler wurde. Ich trug Muſter aller Art bei mir; ich führte alle Artikel, von den italieniſchen Nudeln an bis zu den Rouener Zeugen. Der zweite war daß ich Lehrer der Mathe⸗ 4 matik im Hauſe des achtungswerthen Herrn Paolo Semidei wurde. Dieſes Leben währte bis zu meiner Anwer⸗ bung in die öſtliche Legivn. Die Riogrande⸗Frage begann ſich zu löſen und zu ordnen; ich brauchte nicht mehr nach die⸗ ſer Seite zu ſehen. Da nun die öſtliche Repub⸗ lik, ſo nannte ſich die Republik Montevideo, mich frei wußte, ſo bot ſie mir alsbald eine Beſchäf⸗ tigung die für meine Talente und namentlich meinen Character beſſer paßte als das Stunden⸗ geben und das Muſterkartenreiten. Man bot mir das Commando der Corvette Conſtitution, und ich nahm es an. Das bſtliche Geſchwader ſtand unter den Be⸗ fehlen des Oberſten Coſſe; das von Buenos⸗Ayres unter dem Admiral Brown. Mehrere Rencontres und mehrere Gefechte hatten zwiſchen beiden Geſchwadern ſtattgefunden, 6 nur zu ganz mittelmäßigen Ergebniſſen ge⸗ führt. i dieſelbe Zeit wurde ein gewiſſer Vidal traurigen Angedenkens mit dem Staatsminiſterium der Republik betraut. Einer der erſten und beklagenswertheſten Acte vieſes Menſchen war daß er ſich der Sorge um das Geſchwader entſchlug, indem er behauptete es ſei für den Staut zu läſtig. Dieſes Geſchwa⸗ der, das ungeheure Summen gekoſtet hatte und bei gehbriger Unterhaltung, die damals leicht ge⸗ weſen wäre, ein entſcheidendes Uebergewicht über ₰ℳ 5 La Plata begründen konnte, wurde gänzlich zer⸗ ſtört. Man verkaufte die Schiffe um ſchmähliche Preiſe und verſchleuderte das Materigl. Ich wurde zu einer Erpedition beſtimmt die mancherlei Ereigniſſe nach ſich ziehen ſollte. Man ſchickte mich mit dem Pereyra, einer Brigantine von 18 Kanonen, nach Corrientes. Außer dieſen achtzehn Geſchüzen hatten wir zwei Drehkanonen. Unter meiner Admiralſchaft ſollte noch die Corvette Roeida ſegeln. Cyrrientes kämpfte damals gegen Roſas und ich ſollte es gegen den Dictator unterſtüzen. Vielleicht hatte die Expedition noch einen an⸗ dern Zweck, aber dieß war das Geheimniß des Herrn Staatsminiſters. Man geſtatte dem Herausgeber dieſer Me⸗ moiren über den Zuſtand der Republik Mon⸗ tevideo im Jahre 1841 einige Erklärungen zu geben, welche der General Garibaldi in ſeinem Tagbuch nicht geben zu müſſen glaubte. Die Erklärungen ſind um ſo genauer, als ſie im Jahre 1849 dem Herausgeber von einem Manne dietirt wurden der in der Geſchichte der öſtlichen Republik eine große Rolle geſpielt hat, nämlich von dem General Pacheco y Obes, einem unſerer beſten Freunde. Seid ruhig, liebe Leſer, wir werden die Feder dann ſogleich dem andern nicht minder guten Freunde zurückgeben der Joſeph Garibaldi heißt. 6 Denn ihr ſehet daß dieſer erſte Befreier Ita⸗ liens gleich Cäſar eben ſo gut die Feder führt wie das Schwert. * 3ℳ 1 Montevideo. Wenn der Reiſende, auf einem jener Schiffe welche die Ureinwohner des Landes für fliegende Häuſer hielten, aus Europa ankommt und den wachehabenden Matroſen: Land! rufen hört, ſo ſind die erſten Dinge die er bemerkt zwei Berge. Ein Berg von Ziegelſteinen welcher die Ca⸗ thedrale iſt, die Mutterkirche, la Matriz, wie man hier zu Lande ſagt. Dann ein Granitberg mit etwas Grün be⸗ tupft und mit einem Leuchtthurm auf der Spize. Dieſer heißt der Cerrv. 3 Wenn er näher kommt, entdeckt er unter den Thürmen der Cathedrale, deren porzellanene Kup⸗ peln in der Sonne funkeln, die unzähligen und verſchiedenartigen Miradores, d. h. Gallerien wo⸗ mit beinahe alle Häuſer bedeckt ſind; ſodann dieſe Häuſer ſelbſt, roth oder weiß, mit ihren Terraſſen die am Abend friſche Kühlung geben; hierauf am Fuße des Cerro die Saladeros, ein großes Gebäude wo das Fleiſch eingeſalzen wird; end⸗ lich am Ufer der Bucht ſelbſt die reizenden Quin⸗ ten oder Landhäuſer, die Wonne und den Stolz der Einwohner, die man an den Feiertagen auf den Straßen nichts Anderes ſagen hört als: 7 — Gehen wir in den Miguelete!— Gehen wir in die Aguada!— Gehen wir in den Arroyv Secv! Wenn ihr dann zwiſchen dem Cerro und der von allen Seiten her durch die rieſige Cathedrale beherrſchten Stadt den Anker werfet; wenn die Jolle euch mit kräftigen Ruderſchlägen raſch nach dem ufer entführt; wenn ihr am Tag Gruppen von Amazonen und Cavalieren nach dieſen ſchönen Quinten reiten ſehet; wenn ihr am Abend, durch die offenen Fenſter hindurch welche Ströme von Har⸗ monie und Licht auf die Straßen ergießen, die Melodien des Claviers oder die Klagen der Harfe, die muntern Triller der Quadrillen oder wehmüthige Romanzenklänge vernehmet, ſo wißt daß ihr in Montevidev ſeid, der Vicekönigin jenes Silberfluſſes für deſſen Königin ſich Buenos⸗ Ayres ausgibt, und der ſich in einer Mündung in achtzig Stunden Breite in die Atlantis er⸗ gießt. Juan Diaz de Solis war der Erſte der zu Anfang des Jahres 1516 la Plata, die Küſte und den Strom, entdeckte. Das Erſte was die Schildwache bemerkte war der Cerrv. Hocherfteut rief er dann auf Lateiniſch: Montem video. Daher der Name der Stadt deren Geſchichte wir ſchnell ſtizziren wollen. Solis, der ſchon ein Jahr vorher den Ruhm gehabt Rio Janeiro zu entdecken, ſollte ſich ſeines neuen Glückes nicht lange erfreuen; nachdem er 8 zwei ſeiner Schiffe in die Bucht geſandt, fuhr er mit dem dritten den Plata hinab, ließ ſich aber von den Indianern durch allerlei Freundſchafts⸗ zeichen in einen Hinterhalt verlocken und wurde getödtet, gebraten und gefreſſen an den Ufern eines Baches der zum Andenken an dieß furcht⸗ bare Ereigniß noch heutigen Tages Arroyo de Solis heißt. Dieſe Horde menſchenfreſſender, übrigens ſehr tapferer Indianer gehörte dem Urſtamme der Charruas an. Er war Herr im Lande, wie am anderen Ende des Feſtlandes die Huronen und die Sivux. Er leiſtete auch Widerſtand gegen die Spanier, die inmitten täglicher Kämpfe und beſonders all⸗ nächtlicher Angriffe Montevidev erbauen mußten. Dieſem Widerſtand iſt es zuzuſchreiben daß Mon⸗ tevideo, obwohl es, wie geſagt, ſchon 1516 ent⸗ deckt wurde, als Stadt kaum hundert Jahre zählt. Endlich, gegen Schluß des vorigen Jahrhun⸗ derts, kam ein Mann der die urſprünglichen Her⸗ ren der Küſte mit einem Vertilgungskrieg überzog worin ſie vernichtet wurden. In drei lezten Ge⸗ fechten worin ſie, wie die alten Teutonen, Weiber und Kinder in ihre Mitte ſtellten und fielen ohne einen Schritt zurückzuweichen, verſchwanden ihre Reſte, und als Denkmal dieſer entſcheidenden Nie⸗ derlage kann der Reiſende noch heute am Fuße des Aceguaberges die Gebeine der lezten Char⸗ ruas bleichen ſehen. Dieſer moderne Marius, der Ueberwinder die⸗ — 9 ſer modernen Teutonen, war der Commandant Jorge Pachecv, der Vater des Generals Pacheco y Obes, aus deſſen Munde wir, wie geſagt, die Details beſizen welche wir unſern Leſern vor Augen legen. Aber die Ausrottung der Wilden erweckte dem Commandanten Pacheco Feinde die weit zäher, weit gefährlicher und beſonders weit ſchwerer zu vertilgen waren als die Indianer, da ſie nicht durch einen religiöſen Glauben der mit jedem Tag ſchwächer wurde, ſondern im Gegentheil durch ein materielles Intereſſe das ſich tagtäglich erhöhte aufrecht erhalten wurden; dieſe Feinde waren die Schmuggler von Braſilien. Das Prohibitivſyſtem war die Grundlage des ſpaniſchen Handels. Es war alſo ein hartnäckiger Krieg zwiſchen dem Commandanten vom Lande und den Schmugglern, die bald mit Liſt bald mit Gewalt ihre Stoffe und ihren Tabak in das montevideaniſche Gebiet einzuführen verſuchten. Der Kampf war lang, hartnäckig, tödtlich. Don Jorge Pacheco, ein Mann von herculiſcher Stärke, rieſigem Wuchs und unerhbrter Wachſam⸗ keit, hatte es endlich, wenigſtens hoffte er das, ſo weit gebracht daß er die Schmuggler zwar nicht vernichtete wie die Charruas, denn dieß war unmöglich, aber ſie doch von der Stadt entfernte, als ſie auf einmal kühner und unternehmender wieder erſchienen; ſie waren jezt feſter als je um einen einzigen Willen geſchaart der eben ſo mäch⸗ tig, eben ſo muthvoll und beſonders eben ſo in⸗ 10 war wie der Commandant Pacheco elbſt. Dieſer ſchickte ſeine Spione im Lande aus und erkundigte ſich nach den Urſachen einer ſolch heftigen Erneuerung der Feindſeligkeiten. Alle kehrten mit einem einzigen Namen im Munde zurück: Artigas. Wer war dieſer Artigas? Ein junger Mann von fünf und zwanzig Jahren, tapfer wie ein alter Spanier, ſchlau wie ein Charrua, flink wie ein Gauchv. Er hatte von allen drei Racen Etwas, wenn auch nicht im Blut, doch wenigſtens im Kopfe. Jezt entſpann ſich ein bewundernswürdiger Kampf der Schlauheit und Kraft zwiſchen dem alten Commandanten vom Lande und dem jungen Schmuggler; aber letzterer war jung und gewann an Stärke; der andere war zwar nicht beſonders alt, aber ſchachmatt. Vier oder fünf Jahre lang verfolgte er Artigas und ſchlug ihn überall wo er ihn traf. Aber der geſchlagene Artigas wurde weder getödtet noch gefangen genommen. Am folgen⸗ den Tag kam er wieder zum Vorſchein. Der Mann der Stadt wurde des Kampfes zuerſt über⸗ drüſſig, und gleich einem jener alten Römer aus der Zeit der Republik die ihren Hochmuth dem Wohl des Landes opferten, machte er der Regie⸗ rung den Vorſchlag, er wolle ſeiner Gewalt ent⸗ ſagen wenn man Artigas zu ſeinem Nachfolger im Commando ernenne, denn nach ſeinem —„——————— — en+„— ——„—— —, — — —— 65——— 11 Dafürhalten könne nur dieſer das Werk vollen⸗ den das er, Pacheco, nicht auszuführen vermöge, nämlich die Vertilgung der Schmuggler. Die Regierung ging darauf ein, und gleich jenen römiſchen Räubern die ſich dem Papſt un⸗ terwerfen und unter allgemeiner Verehrung in der Stadt umherziehen deren Schrecken ſie gewe⸗ ſen, hielt Artigas ſeinen Triumpheinzug in Mon⸗ tevideo und nahm das Vertilgungswerk an der auf wo ſein Vorgänger es hatte fallen aſſen. Nach Verfluß eines Jahres war der Schmug⸗ gel, wo nicht vernichtet, doch verſchwunden. Dieß geſchah 58 oder 60 Jahre vor den Er⸗ eigniſſen bei welchen Garibaldi ſich nun betheili⸗ gen wird; aber wir ſind vor allen Dingen dra⸗ matiſcher Schriftſteller und können's uns nicht abgewöhnen unſere Dramen mit einem Prolog zu eröffnen. Dieſer Prolog iſt übrigens nicht ohne Intereſſe; er lehrt Männer und Oertlichkeiten kennen von denen man bisher in Europa nicht viel wußte. Artigas war damals ſieben oder acht und zwanzig Jahre alt; zur Zeit wo der General Pacheco mir dieſe Einzelnheiten gab, zählte er drei und neunzig und lebte unbekannt in einer kleinen Quinta des Präſidenten von Paraguay. Seitdem iſt er ohne Zweifel geſtorben. Er war ein ſchöner junger Mann, tapfer und kräf⸗ tig, der würdige Vertreter der drei Mächte die nacheinander in Montevideo regierten. 33 Don Jorge Pacheco war der Typus der rit⸗ terlichen Tapferkeit der alten Welt, jener ritter⸗ lichen Tapferkeit die mit Columbus, Pizarro und Fernando Cortez die Meere durchfahren hat. Artigas dagegen war der Mann vom Lande. Er konnte das vertreten was man dort die na⸗ tionale Partei nannte, die zwiſchen den Portugie⸗ ſen und den Spaniern ſtand, d. h. zwiſchen den Fremden die, bei ihrem Aufenthalt in den Städten wo Alles an portugieſiſche und ſpaniſche Sitten erinnerte, Portugieſen und Spanier geblieben waren. Dann war noch ein dritter Typus und ſogar eine dritte Macht übrig von welcher wir auch ſprechen müſſen, denn ſie iſt zugleich die Plage des Städters und des Landbewohners. Dieſer dritte Typus iſt der Gaucho, welchen Garibaldi ſo pittoresk gekennzeichnet hat, indem er ihn den Centaur der neuen Welt nannte. In Frankreich nennen wir Gaucho Alles was in jenen weiten Ebenen, in jenen unermeßlichen Steppen, in jenen endloſen Pampas lebt die ſich vom Meeresufer bis an den öſtlichen Abhang der Anden erſtrecken. Wir täuſchen uns; der Capi⸗ tän Head von der engliſchen Marine war der Erſte der die Manie aufbrachte den Landbewohner mit dem Gaucho zu verwechſeln, welcher in ſeinem Stolz nicht bloß die Gleichheit, ſondern auch die Aehnlichkeit zurückweist. Der Gaucho iſt der Zigeuner der neuen Welt. Ohne Güter, ohne Haus, ohne Familie, beſitzt ſe —— N———————— — en— 13 er nichts als ſeinen Wollmantel, ſein Pferd, ſei⸗ nen Lazo und ſeine Bolas. Sein Meſſer iſt ſeine Waffe, ſein Lazo und ſeine Bolas ſind ſein Gewerbe. Artigas blieb alſo Commandant vom Lande, zur großen Befriedigung des ganzen Publicums mit Ausnahme der Schmuggler, und er bekleidete dieſe wichtige Stelle noch als die Revolution von 1810 ausbrach, welche die Vernichtung der ſpa⸗ niſchen Herrſchaft in der neuen Welt zum Zweck und wirklich auch zum Reſultat hatte. Sie begann 1810 in Buenos⸗Ahres und en⸗ dete 1824 in Bolivia mit der Schlacht von Ah⸗ acuchv. Der Chef der Unabhängigkeitstruppen war damals der General Antonio Joſe de Sucre. Er hatte fünftauſend Mann unter ſeinem Befehl. Der Obergeneral der ſpaniſchen Truppen war Don Juan de la Serna, der letzte Vicekönig von Peru. Er befehligte eilftauſend Mann. Die Patrioten beſaßen nur eine einzige Ka⸗ none; ſie waren, wie aus dieſen Zahlen erſicht⸗ lich, kaum einer gegen zwei; es fehlte ihnen an Munition und an Mundvorrath, an Pulver und an Brod. Man brauchte nur zu warten, ſo er⸗ gaben ſie ſich; man griff an und ſie ſiegten. Der patriotiſche General Alejo Cordova be⸗ gann die Schlacht. Er befehligte 1500 Mann; er ſteckte ſeinen Hut auf ſeinen Degen und rief: — Vorwärts! 14 — Im Schnellſchritt oder im gewöhnlichen Schritt? fragte ein Offizier. — Im Siegesſchritt! antwortete Alejo Cordova. Abends hatte die ganze ſpaniſche Armee ca⸗ pitulirt und befand ſich in der Gefangenſchaft von Leuten die am Morgen ihre Gefangenen geweſen. Artigas war einer der Erſten geweſen welche die Revolution als Befreierin begrüßten. Er hatte ſich an die Spitze der Bewegung auf dem Lande geſtellt, und dann hatte er Pacheco ange⸗ boten ſeinerſeits ihm das Commando zu überlaſ⸗ ſen, wie früher Pacheco für ihn gethan hatte. Dieſer Tauſch wäre vielleicht gerade zu Stande gekommen, als Pacheco im Hauſe Caſablanca am Uruguay von ſpaniſchen Seeleuten überrum⸗ pelt und gefangen genommen wurde. g Artigas ſezte nichtsdeſtoweniger ſein Befrei⸗ ungswerk fort. In kurzer Zeit jagte er die Spa⸗ nier aus dem ganzen Landgebiet zu deſſen König er ſich gemacht hatte, ſo daß ſie jezt nur noch die Stadt Montevideo beſaßen. Aber Monte⸗ video konnte als die zweite befeſtigte Stadt Ame⸗ rica's einen ſtarken Widerſtand leiſten. Die erſte war Saint⸗Jean dUllva. Nach Montevidev hatten ſich alle Anhänger der Spanier geflüchtet, geſtüzt auf eine Armee von viertauſend Mann. Artigas, der ſich auf ſeinen Bund mit Buenos⸗Ayres ſtüzte, belagerte die Stadt. Aber eine portugieſiſche Armee kam den Spa⸗ niern zu Hilfe und entſezte Montevidev. 15 Im Jahre 1812 wurde die Stadt von Neuem belagert. Der General Rondeau für Buenos⸗ Ayres und Artigas für die montevideaniſchen Patrioten vereinigten ihre Streitkräfte und ſchlo⸗ ßen Montevidev von Neuem ein. 3 Die Belagerung währte drei und zwanzig Monate; dann endlich überlieferte eine Capitula⸗ tivn den Siz der zukünftigen öſtlichen Republik den Belagerern die damals von dem General Alvear befehligt wurden. Wie war Alvear Obergeneral geworden und nicht Artigas? Wir werden es ſogleich ſagen. Nach zwanzigmonaklicher Belagerung und dreijähriger Berührung zwiſchen den Männern von Buenos⸗Ahres und den Montevideanern waren die Abweichungen in Gewohnheiten und Sitten, ich möchte beinahe ſagen, die Stammes⸗ verſchiedenheiten, aus einfachen Zwiſtigkeiten all⸗ mählig Gründe des Haſſes geworden. Artigas hatte ſich alſo wie Achill unter ſein Zelt zurückgezogen, oder vielmehr er hatte ſein Zelt mit ſich genommen und war verſchwunden in jenen Tiefen der Ebene die er aus ſeiner Ju⸗ gend⸗ und Schmugglerzeit ſo gut kannte. „Der General Alvear hatte ſein Commando übernommen und war zur Zeit der Uebergabe von Montevideo Obergeneral der Portenos; ſo nennt man im Lande die Leute von Buenos⸗ Ayres, während man die Montevideaner die Leute„ — vom Oſten nennt. Suchen wir hier die zahlreichen Verſchieden⸗ 16 heiten begreiflich zu machen die zwiſchen den Por⸗ tenos und den Leuten vom Oſten beſtehen. Der Mann von Buenos⸗Ayres, der in der Perſon ſeines Ahnherrn ſeit dreihundert Jahren im Lande wohnt, hat ſchon am Ende des erſten Jahrhunderts ſeiner Verſezung nach America alle Ueberlieferungen des Mutterlandes, d. h. Spa⸗ niens, verloren; ſeine Intereſſen wurzeln im Boden, ſein ganzes Leben knüpft ſich an denſel⸗ ben; die Bewohner von Buenos⸗Ayres ſind heut zu Tage beinahe eben ſo gut Americaner wie die Indianer die von ihnen aus dem Lande gejagt wurden. Der Montevideaner dagegen, der— wohl⸗ verſtanden ebenfalls in der Perſon ſeines Ahn⸗ herrn— ſeit kaum einem Jahrhundert in dem Lande wohnt, hat noch nicht vergeſſen können daß er der Sohn, Enkel und Urenkel des Spaniers iſt. Er iſt ſich zwar ſeiner neuen Nationalität bewußt, hat aber die Ueberlieferungen vom alten Europa nicht vergeſſen und neigt ſich aus Drang zur Civiliſation zu demſelben hin, während der Landbewohner von Buenos⸗Ayres ſich tagtäglich von ihm entfernt um in die Barbarei zurückzu⸗ kehren. Auch das Land iſt nicht ohne Einfluß auf die rückgängige Bewegung von der einen und die fortſchreitende von der andern Seite. Die Bevblkerung von Buenos⸗Ayres, die über unermeßliche Haiden mit weitaus einander ſtehen⸗ den Wohnungen, in einem waſſerloſen, holzarmen — — ——— S——„ — — 17 Lande verbreitet iſt und nur ſchlechte Hütten be⸗ ſitzt, nimmt in dieſer Vereinzelung, in dieſen Ent⸗ behrungen und Entfernungen einen düſtern, unge⸗ ſelligen, ſtreitſüchtigen Character an. Ihre Nei⸗ gungen gehen auf den wilden Indianer der Gren⸗ zen zurück, mit dem ſie einen Handel in Straußen⸗ federn, Roßdecken und Lanzenſchäften treibt, lauter Erzeugniſſen von Ländern die den Eurvpäern un⸗ bekannt ſind und gegen Branntwein und Tabak ausgetauſcht werden. Der Indianer nimmt Tabak und Branntwein in jene großen Ebenen der Pam⸗ pas mit, deren Namen er ſich angeeignet oder denen er vielleicht den ſeinigen gegeben hat. Die Bevölkerung von Montevidev dagegen bewohnt ein ſchönes Land das von Flüſſen und Thälern durchſchnitten iſt. Sie hat aller⸗ dings nicht große unermeßliche Wälder wie Nord⸗ america, aber in jedem ihrer Thäler hat ſie Bäche die von dem Quebracho mit der Eiſenrinde, von dem Ubajai mit der goldenen Frucht und von dem Sanet mit dem reichen Aſtwerk beſchattet werden. Ueberdieß wohnt und lebt ſie gut. Ihre Häuſer, Mühlen und Pachthöfe ſtehen nahe bei⸗ ſammen, und ihr offener gaſtlicher Character iſt der Civiliſativn zugeneigt, deren Parfüm ihr durch die Nähe des Meeres auf den Flügeln des Win⸗ des zugetragen wird der aus Europa weht. Für die Bevölkerung von Buenos⸗Ahres iſt der Indianer zu Pferd der Typus der Vollkom⸗ menheit. Garibaldi. II. 2 Für den Landbewohner von Montevidev iſt der Typus der Vollkommenheit der Europäer im engen Frack, ſchmaler Halsbinde, von Kopf zu Fuß eingezwängt. Der Mann von Buenos⸗Ayres bildet ſich ein an Eleganz der Erſte in America zu ſein: er wird leicht warm, aber auch leicht wieder ruhig; er hat mehr Phantaſie als der Montevideaner. Die erſten Dichter die America gekannt hat ſind in Buenvs⸗Ayres geboren. Vareta und Lafinur, Dominguez und Mannal ſind Portenos. Der Montevideaner iſt weniger pvetiſch, aber ruhiger, feſter in ſeinen Entſchließungen und Plänen. Wenn ſein Nebenbuhler für den Erſten an Eleganz gilt, ſo bildet er ſeinerſeits ſich ein der Erſte an Muth zu ſein. Unter den Dichtern findet man die Namen Hidalgo, Berrv, Figuerva, Juan Carlos Gomez. Die Damen von Buenos⸗Ayres ihrerſeits hal⸗ ten ſich für die ſchönſten Frauen Südamericas, von der Meerenge von Lemaire an bis zum Amazonenſtrom. In Wirklichkeit haben die Montevideanerinnen vielleicht weniger blendende Geſichter als ihre Nachbarinnen; aber ihre Formen ſind bewunderns⸗ würdig; ihre Füße, ihre Hände, ihre Tournüre ſcheinen direct aus Sevilla oder Granada zu kommen. Alſo zwiſchen beiden Ländern: Rivalität an Muth und Eleganz bei den Männern, Hert Mät man geni Leut vide ein ehen von weni Land Zige ( er fi ſtehe die ſ tale würd vorh erſten dung iſt im ein et hig; mer. ſind nur, aber und rſten ein htern erva, hal⸗ icas, zum nnen ihre erns⸗ rnüre a zu den 19 Rivalität an Schönheit, Grazie und Tvurnüre bei den Frauen, Rivalität an Talent bei den Poeten, dieſen Hermaphroditen der Geſellſchaft— reizbar wie Männer, launiſch wie Weiber, und bei alledem manchmal naiv wie Kinder. In all dieſen Umſtänden lagen, wie man ſieht, genügende Urſachen zur Feindſeligkeit zwiſchen den Leuten vnn Buenos⸗Ahres und denen von Monte⸗ videv, zwiſchen Artigas und Alvear. Es war nicht bloß eine Trennung, ſondern ein Haß; nicht bloß ein Haß, ſondern ein Krieg. Alle Elemente der Antipathie wurden von dem ehemaligen Schmugglerhauptmann gegen die Leute von Buenos⸗Ahres aufgewühlt. Es lag ihm fortan wenig an den Mitteln, wenn er nur zu ſeinem Zweck gelangte, und ſein Zweck war die Porte⸗ nos aus dem Lande zu jagen. Artigas ſammelte jetzt alle Mittel welche das Land ihm bot und ſtellte ſich an die Spitze dieſer Zigeuner Americas die man die Gauchos nennt. Es war gewiſſermaßen der heilige Krieg den er führte; deßhalb konnte auch Nichts ihm wider⸗ ſtehen, weder die Armee von Buenos⸗Ayres noch die ſpaniſche Partei, welche einſah daß die bru⸗ tale Gewalt an die Stelle der Intelligenz treten würde wenn Artigas nach Montevidev zurückkäme. Diejenigen die dieſe Rückkehr der Barbarei vorhergeſehen, hatten ſich nicht getäuſcht. Zum erſtenmal ſahen ſich Vagabunden ohne alle Bil⸗ dung und Organiſativn zu einem Armeecorps 20 vereinigt und hatten einen General. Mit Artigas als Dietator begann alſo jetzt eine Periode die einige Aehnlichkeit mit dem Sanseulottismus von 1793 hat. Montevideo ſollte alſo die Herrſchaft des barfußgehenden Mannes mit den wogenden Caſonſillos, mit der ſchottiſchen Chiripa, mit dem zerriſſenen Poncho der das Alles bedeckte, mit dem ſchief auf dem Ohrſitzenden und durch den Barbijo befeſtigten Hut erleben. Montevideo wird jetzt Zeuge unhörter, grotes⸗ ker, zuweilen furchtbarer Scenen. Oft ſind die erſten Claſſen der Geſellſchaft zu gänzlicher Unmacht verurtheilt. Artigas wurde daſſelbe was ſpäter Roſas war, nur daß er mehr Muth beſaß als der letztere und nicht grauſam war. So unglücklich dieſe Dictatvrialregierung von Artigas war, ſo hatie ſie doch auch ihre glän⸗ zende und nationale Seite. Sie beſtand in dem Kampf zwiſchen Montevideo und Buenos⸗Ayres, welches letztere von Artigas unaufhörlich ge⸗ ſchlagen wurde und zuletzt all ſeinen Einfluß verlor; ferner in ſeinem hartnäckigen Widerſtand gegen die portugieſiſche Armee die 1815 ins Land fiel. Den Vorwand zu dieſem Einfall bildete die regelloſe Verwaltung von Artigas, ſowie die Nothwendigkeit die Nachbarvölker vor ähnlichen Unordnungen zu ſchützen welche durch die an⸗ ſteckende Macht des Beiſpiels entſtehen konnten. Dieſe Unordnungen hatten im Lande ſelbſt die Oppoſition der gebildeten Partei vermehrt. Die h S di di lic An lar ten De de Hie dur ſein als Vie auft Hof zu e Lan Kräf rühr ( dunſt und gas wo e 1848 verth tigas e die von ſchaft nden tdem dem rbijo otes⸗ erſten nacht päter als von län⸗ dem hres, ge⸗ nfluß tand ins die die chen an⸗ ten. die Die 21 hohen Claſſen beſonders wünſchten ſehnlichſt einen Sieg der die portugieſiſche Herrſchaft an die Stelle dieſer nationalen Regierung ſetzen würde, welche die Zügelloſigkeit und die brutale Tyrannei der materiellen Stärke nach ſich zog. Gleichwohl widerſtand Artigas, trotz dieſer lichtſcheuen Verſchwörung im Innern, trotz der Angriffe der Portugieſen und Portenos, vier Jahre lang, lieferte dem Feind drei regelmäßige Schlach⸗ ten, und als er endlich beſiegt oder vielmehr im Detail erdrückt war, zog er ſich nach Entre⸗Rios, d. h. auf die andere Seite des Uruguay, zurück. Hier repräſentirte er ſelbſt als Flüchtling, wo nicht durch ſeine Streitkräfte, doch wenigſtens durch ſeinen Namen noch immer eine furchtbare Macht, als ſein Unterfeldherr Ramirez ſich empörte, drei Viertheile der noch vorhandenen Armee gegen ihn aufwiegelte und ihn dermaßen ſchlug, daß er alle Hoffnung aufgab ſeine verkorene Stellung wieder zu erobern; er ſah ſich daher genöthigt dieſes Land zu verlaſſen, wo er gleich Antäus neue Kräfte zu gewinnen ſchien ſo oft er die Erde be⸗ rührte. Gleich einer jener Wetterſäulen welche ver⸗ dunſten nachdem ſie Alles auf ihrem Weg zerſtört und niedergeworfen haben, verſchwand jetzt Arti⸗ gas und begab ſich ins Innere von Paraguay, wo er, wie wir bereits geſagt haben, im Jahr 1848, zur Zeit wo Garibaldi noch Montevideo vertheidigte, 3— 94 Jahre alt, im Genuß 22 all ſeiner geiſtigen Fähigkeiten und beinahe all ſeiner Kräfte noch lebte. Als Artigas beſiegt war, gab es keine Oppo⸗ ſition mehr gegen die portugieſiſche Herrſchaft. Sie ſetzte ſich im Lande feſt, und der Baron da Laguna, ein geborner Franzoſe, war ihr Vertreter im Jahr 1825. In dieſem Jahr wurde Monte⸗ video ſammt allen portugieſiſchen Beſitzungen Americas an Braſilien abgetreten. Montevideo wurde nunmehr von einer kaiſer⸗ lichen Armee von achttauſend Mann beſetzt. Da geſchah es daß ein Montevideaner der als Verbannter in Buenos⸗Ahres wohnte zwei⸗ unddreißig Verbannungsgenoſſen zuſammenbrachte und mit ihnen beſchloß ſeinem Vaterland die Frei⸗ heit zurückzugeben oder zu ſterben. Dieſe Handvoll Patrioten ſchiffte ſich auf zwei Kähnen ein und landete in Larenal⸗Grande. Ihr Anführer hieß Juan Antonio Lavalleja. Er hatte zum Voraus mit einem Gutsbeſizer in der Gegend Intriguen angeknüpft, und dieſer ſollte im Augenblick ſeiner Landung Pferde für ihn bereit halten. Kaum war er daher ans Land geſtiegen, ſo ſchickte er einen Boten an dieſen Mann, erhielt aber zur Antwort, Alles ſei ent⸗ deckt, die Pferde ſeien weggenommen worden, und wenn man ihm und ſeinen Gefährten einen guten Rath geben dürfe, ſo beſtehe er darin daß ſie ſich ſo ſchnell als möglich wieder einſchiffen und nach Buenos⸗Ayres zurückkehren ſollen. Lavalleja hingegen erwiderte er ſei in der Ab⸗ hie hert Sie Sie aus und wirt e all pp⸗ haft. n da reter onte⸗ ngen riſer⸗ der wei⸗ achte Frei⸗ zwei leja. er in ieſer für tand ieſen ent⸗ und uten ſie und Ab⸗ 23 ſicht gekommen vorwärts zu ziehen und nicht unnzukehren. Demgemäß ließ er ſeine Ruderer nach Buenos⸗Ayres zurückfahren und nahm am 19. April mit ſeinen dreißig Mann im Namen der Freiheit Beſitz vom Gebiete von Montevidev. Am folgenden Tag befand ſich die kleine Schaar die eine Pferderazzia gemacht, bei welcher ſie übrigens von den meiſten Gutsbeſitzern unter⸗ ſtützt worden war, bereits auf dem Weg nach der Hauptſtadt und ſtieß auf eine Abtheilung von zweihundert Reitern. Unter ihnen waren vierzig Brafilianer, die hundertſechszig andern aus dem Oſten. Dieſe Truppe ſtand unter einem ehemali⸗ gen Waffengenoſſen Lavalleja's, dem Oberſten Julian Laguna. Lavalleja konnte den Kampf vermeiden, rückte jedoch im Gegentheil geraden Wegs auf die zweihundert Reiter zu. Nur erbat er ſich, ehe er handgemein wurde, eine Beſpre⸗ chung mit Laguna. — Was wünſchen Sie und was wollen Sie hier machen? fragte Laguna, indem er von ſelbſt auf Lavalleja zuritt. — Ich komme um Montevidev von der Fremd⸗ herrſchaft zu befreien, antwortete Lavalleja; wenn Sie für mich ſind, ſo kommen Sie mit mir; wenn Sie gegen mich ſind, ſo liefern Sie mir Ihre Waffen aus oder bereiten Sie ſich zum Kampfe. — Ich weiß nicht was die Worte„Waffen ausliefern“ beſagen wollen, antwortete Laguna, hoffe daß Niemand es mich je lehren wir 24 — So ſtellen Sie ſich an die Spitze Ihrer S und laſſen Sie uns ſehen für welche Sache ott iſt. S — Es ſoll geſchehen, antwortete Laguna und galopirte zu ſeinen Soldaten zurück. Aber in demſelben Augenblick entfaltete La⸗ valleja die Nationalfahne, blau, weiß und roth wie die unſrige, und alsbald traten dic hundert⸗ ſechszig Krieger aus dem Oſten auf ſeine Seite über. Die vierzig Braſilianer wurden gefangen ge⸗ nommen. Lavalleja's Marſch auf Montevideo wurde von nun an ein Triumphzug und hatte zur Folge daß die bſtliche Republit, verkündet durch den Willen und die Begeiſterung eines ganzen Volkes, ihren Rang unter den Nationen einnahm. Roſas. Während dieſer Zeit wuchs ein Name welcher dereinſt der Schrecken der argentiniſchen Conföde⸗ ration werden ſollte. Kurz nach der Revolution von 1810 verließ ein junger Menſch von fünfzehn bis ſechszehn Jahren die Stadt Buenos⸗Ayres und ging auf das Land. Er hatte ein verſtörtes Geſicht und ging raſchen Schritts. Dieſer junge Menſch hieß Juan Manvel Roſas. Warum verließ er, beinahe noch in den Kin⸗ derjahren, als Flüchtiger das Haus wo er ge⸗ boren worden? Warum wollte er als Städter die rum ſoll und lor die Gel der Her Pa Sit und meſ der die ihn Lat hal Eſt bal da erkl Gi beg ſeit wir inn rer iche und La⸗ oth ert⸗ ber. ge⸗ de Age den kes, cher de⸗ ließ ehn auf und ſas. Kin⸗ ge⸗ dter 25 die Leute vom Lande um ein Aſyl bitten? Da⸗ rum weil er, der einſt ſein Vaterland beohrfeigen ſollte, ſeiner Mutter eine Ohrfeige gegeben hatte, und weil der väterliche Fluch ihn verfolgte. Dieſes im Uebrigen unwichtige Ereigniß ver⸗ lor ſich bald im Lärm der wichtigeren Ereigniſſe die vor ſich gingen, und während alle ehemaligen Genoſſen des Flüchtlings ſich unter der Fahne der Unabhängigkeit ſammelten um die ſpaniſche Herrſchaft zu bekämpfen, verlor er ſich in die Pampas, begann ein Gaucholeben, adoptirte die Sitten des Haucho, wurde einer der beſten Reiter und einer der gewandteſten Männer dieſer uner⸗ meßlichen Ebenen in Handhabung des Lazo und der Bola, ſo daß ein Unbekannter der ihn in dieſen wilden Künſten ſo wohl bewandert ſah, ihn nicht für einen Städter, ſondern für einen Landbewohner, ja für einen wahren Gaucho ge⸗ halten haben würde. Roſas trat zuerſt als Taglöhner in einer Eſtancia ein, dann wurde er Capitaz— Gari⸗ baldi hat uns geſagt was ein Capitaz iſt— ſo⸗ dann Haushofmeiſter, ein Titel der ſich von ſelbſt erklärt. In letzterer Eigenſchaft verwaltete er die Güter der mächtigen Familie Anchonna; von da beginnt ſein Glück als Gutsbeſitzer. Da wir die Abſicht haben Roſas in allen ſeinen Erſcheinungsweiſen darzuſtellen, ſo wollen wir ſagen in welcher Gemüthsverfaſſung er ſich inmitten der Ereigniſſe befand die vor ſich gingen. 26 Roſas hatte ſich während der Wunder die durch die Revolution gegen Spanien hervorge⸗ bracht wurden in Buenos⸗Ahres befunden. Wer Muth beſaß, der ſuchte jetzt die Berühmtheit auf dem Schlachtfeld; wer Talent, Bildung und Klug⸗ heit beſaß, ſuchte ſie in den Rathsverſammlungen. Roſas war lüſtern nach Ruhm, aber welche Art von Ruhm konnte er erreichen? welchen Ruf konnte er erwerben, da er weder den Muth des Schlachtfeldes noch ſtaatsmänniſche Einſicht beſaß? Jeden Augenblick hörte er irgend einen glor⸗ reichen Namen in ſeine Ohren ſchallen; es waren als Miniſter die Namen Rivadavia, Paſos d'Aguero; als Krieger, die Namen Saint⸗Martin, Balcarce, Rodriguez und Las Heras. Und alle dieſe Namen, deren Lärm aus der Stadt kam und das Echo der Einſamkeit wach rief, erneuerten zu gleicher Zeit ſeinen Haß gegen dieſe Stadt die für Jederman Triumphe hatte, ihm ſelbſt aber nur das Exil geboten. Aber ſchon damals träumte Roſas von der Zukunft und bereitete ſie dadurch vor daß er mit den Gauchos in den Pampas umherirrte. Er theilte das Elend des Armen, ſchmeichelte den Vorurtheilen des Mannes der Ebene, reizte ihn gegen den Städter auf, brachte ihm ſeine Kraft zum Bewußtſein, bewies ihm ſeine numeriſche Ueberlegenheit und ſuchte ihm begreiflich zu machen daß das Land nur ernſtlich zu wollen brauche um ſeinerſeits Herr der Stadt zu werden, die ſo lange Zeit als Königin geherrſcht habe. die rge⸗ Wer auf lug⸗ gen. Art Ruf des ſaß? glor⸗ aren aſos rtin, der wach een atte, der rmit Er den e ihn Kraft riſche achen em lange 27 Inzwiſchen verſtrichen die Jahre und man ſchrieb 1820. Jetzt beginnt Roſas fern von den Pampas, geſtützt auf den Einfluß welchem er den Bewoh⸗ ner der Ebene unterworfen hat, am Horizont aufzutauchen. Wir haben geſehen was in Montevidev vor⸗ gefallen war. Sehen wir jetzt was ſich in Buenos⸗ Ayres zutrug. Die Miliz von Buenos⸗Ayres empört ſich gegen den Gouverneur Rodriguez; ein Regiment Landmiliz, los Colorados dé las Conchas, die Rothen der Conchas, zieht am 5. October 1820 in die Stadt, mit einem Oberſten an ihrer Spitze dem Buenos⸗Ayres wohl bekannt iſt und den man in Buenos⸗Ayres kennt. Dieſer Oberſt heißt Roſas. Tags darauf werden die Milizen vom Lande und die Milizen von der Stadt handgemein. Nur befand ſich an dieſem Tag der Oberſt nicht an der Spize ſeines Regiments. Ein heftiges Zahnweh, das gleich nach dem Gefechte aufhörte, hielt ihn, ohne Zweifel zu ſeinem großen Be⸗ dauern, vom Kampfe fern. Warum denn nicht? Oetavian hatte am Tage der Schlacht von Actium auch das Fieber. Roſas hatte viel mit Octavian gemein. Der Unterſchied beſteht nur darin daß Oetavian ſpä⸗ ter Auguſtus wurde, was Roſas höchſt wahr⸗ ſcheinlich nie werden wird. Sein Einzug in Buenos⸗Ayers war die ein⸗ 28 zige Kriegsthat die er in ſeinem ganzen politi⸗ ſchen Leben aufzuweiſen hatte.* Dee Inſurgenten der Stadt wurden beſiegt. Jezt ſtellte ſich Rivadavia, der ſchon ſeit lan⸗ ger Zeit berühmt und nun zum Miniſter des Innern ernannt worden war, ans Ruder. Rivadavia war einer der genialen Männer wie ſie in den Tagen des Sturmes auf der Ober⸗ fläche der Revolutionen emportauchen. Er war lang in Europa gereist, er beſaß eine univerſelle Bildung und ſchien vom glühendſten, namentlich auch vom reinſten Patriotismus beſeelt zu ſein. Nur hatte der Anblick dieſer europäiſchen Civili⸗ ſation, die er in Paris und London ſtudirt, ihm einen falſchen Begriff über ihre Anwendbarkeit bei einem Volk beigebracht das keine zehn Jahr⸗ hunderte ſocialer Kämpfe hinter ſich hatte und nicht im ſelben Schritte ging wie wir; er wollte den Gang der Zeit beſchleunigen, für America daſſelbe thun was Peter der Große für Ruß⸗ land gethan hatte; da er aber nicht dieſelben Mittel beſaß wie Peter, ſo ſcheiterte er. Vielleicht würde es indeß, wenn er einige Gewandtheit mit ſeinem Genie verbunden hätte, gelungen ſein; aber er verlezte die Leute in ihren Gewohnheiten. Gewiſſe Gewohnheiten ſind eine Nationalität, andere ein Stolz. Er verſpottete das americaniſche Coſtüm, zeigte offen ſeinen Wi⸗ derwillen gegen die Chaqueta, ſeine Verachtung gegen die Chiripa, die Weſte und den Unterrock des Landmannes, und da er zu gleicher Zeit kei⸗ 29 nen Hehl daraus machte daß er dem Frack und Ueberrock den Vorzug gab, ſo wurde er allmählig unpopulär und die Gewalt entwiſchte ihm unver⸗ merkt aus den Händen. Und doch wie viele Dinge gibt er nicht für dieſe zwei Kleidungsſtücke die er beſeitigen will! Seine Verwaltung iſt die glücklichſte die Buenos⸗ Ayres jemals hatte. Er gründet Univerſitäten, er ſtiftet Lyceen und führt den gegenſeitigen Un⸗ terricht in den Schulen ein; unter ſeiner Ver⸗ waltung werden Gelehrte aus Europa berufen, vie Künſte finden Schutz und entwickeln ſich; kurz Buenos⸗Ayres heißt im Lande des Columbus das Athen von Südamerica. Wir haben bereits von dem braſilianiſchen Krieg geſprochen der 1826 ausbrach. Um ihn zu beſtehen, machte Buenvos⸗Ayres rieſige Anſtren⸗ gungen, erſchöpfte ſeine Finanzen und ſchwächte dadurch die Mittel der Verwaltung. Nachdem die Finanzen erſchöpft und die Mit⸗ tel der Verwaltung geſchwächt waren, begann die Revolutivn. Wir haben es bereits geſagt, in Buenos⸗ Ayres wie in Montevidev hatten Stadt und Land ſelten die gleiche Meinung und ebenſo ſelten die gleichen Intereſſen. Buenos⸗Ayres machte eine Revolutivn. Alsbald erhob ſich das Land in Maſſe, zog gegen die Stadt, bemächtigte ſich derſelben und machte ſeinen Anführer zum Oberhaupt der Re⸗ gierung. 30 Dieſer Anführer war Roſas. Im Jahr 1830 wird alſo Roſas durch den doe Einfluß des Landes und durch die Oppofition der Als Stadt, welche er durch die Verwaltung Rivada⸗ Se vias halbwegs ordentlich eingerichtet findet, zum hin Gouverneur erwählt. keir Jezt verſucht Roſas, der Gaucho der Pam⸗ mel pas, ſich mit der Civiliſation zu verſöhnen. Er ſeir ſcheint die wilden Sitten zu vergeſſen die er bis⸗ wo her angenommen, die Schlange will ſich häuten. in Aber die Stadt will von ſeinem freundlichen not ntgegenkommen Nichts wiſſen, die Civilifation kan eigert ſich den Treuloſen zu begnadigen der Wi ins Lager der Barbarei übergegangen iſt. Zeigt wa ſich Roſas in Uniform, ſo fragen ſich die Männer der des Schwerts ganz Keiſe auf welchem Schlachtfeld er ſeine Epauletten gewonnen hat. Spricht er vot 1 in einer Verſammlung, ſo fragt der Ppet den Ar Mann von Geſchmack in welcher Eſtancia ſich Roſas dieſen Sthl angeeignet hat. Erſcheint er in ihr einer Abendgeſellſchaft, ſo zeigen die Damen mit Si dem Finger auf ihn und ſagen: Seht da den kor verkleideten Gauchd! So rumpft man auf allen ſel' Seiten die Naſe über ihn und macht ihm na⸗ mentlich auch mit dem beißenden Spott des anv⸗ ſta nymen Epigramms, worin die Portenos ſo be⸗ res rühmt ſind, das Leben ſguer. Die drei Jahre ſeiner Regierung verſtrichen die in dieſem für ſeinen Hochmuth tödtlichen Kampf, be und vielleicht muß man den moraliſchen Qualen un die er während dieſer Zeit auszuſtehen hatte, le — den der da⸗ um am⸗ Er bis⸗ ten. chen tion der eit nner tfeld e den ſich rin mit den llen na⸗ anv⸗ be⸗ chen mpf, alen atte, 31 wenn auch nicht ſeinen ganzen wilden Troz, ſo doch einen erhöhten Grad deſſelben zuſchreiben. Als er daher die Gewalt niederlegte und, die Seele voll Haß, das Herz voll Galle, den Palaſt hinabſtieg, in der Ueberzeugung daß es für ihn keine Möglichkeit eines Bundes mit der Stadt mehr gebe, da ſuchte er ſeine getreuen Gauchos, ſeine Eſtancias wo er der große Herr, das Land wo er der König war, wieder auf, aber das Alles in der Abſicht eines Tags als Dietator nach B⸗ nvs⸗Ayres zurückzukehren, wie Sulla, den er nicht kannte und von dem er wahrſcheinlich nie ein Wort reden gehört hatte, nach Rom zurückgekehrt war, mit dem Schwert in der einen Hand und der Brandfackel in der andern. Um dieſen Zweck zu erreichen, verlangte er von der Regierung irgend ein Commando in der Armee welche gegen die wilden Indianer mar⸗ ſchirte. Die Regierung, die ihn fürchtete, glaubte ihn durch Bewilligung dieſer Gunſt zu beſeitigen. Sie gab ihm alle Truppen worüber ſie verfügen konnte, ohne zu bedenken daß ſie hiedurch ſich ſelbſt ſchwächte und Roſas ſtark machte. Als Roſas einmal an der Spitze der Armee ſtand, erregte er eine Revolution in Buenos⸗Ay⸗ res, ließ ſich an die Spitze der Regierung beru⸗ fen, aecceptirte ſie nur unter den Bedingungen die er ganz willkürlich auferlegte, da er die bewaffnete Macht des Landes in der Hand hielt, und kehrte mit der abſoluteſten Dictatur die man je gekannt, d. h. mit toda la suma del poder publico; mit der Staatsgewalt in ihrem ganzen Umfang, nach Buenos⸗Ayres zurück. Der Gouverneur den er zu Fall brachte oder vielmehr jählings ſtürzte, war der General Juan Ramon Balcarce, einer der Männer die im Unab⸗ hängigkeitskrieg das Meiſte geleiſtet hatten, eines der Häupter der föderaliſtiſchen Partei für deren Stüze Roſas ſich ausgab. Balcarce war ein edles Herz, ſein Glaube an das Vaterland war eine Religion. Er hatte Vertrauen in Roſas ge⸗ ſezt und viel zu ſeiner Erhebung beigetragen. Balcarce war der Erſte den Roſas vpferte. Er ſtarb in der Verbannung, und als ſein Leichnam unter dem Schuze des Ti wieder über die Gränze kam, da verwei der Familie nicht bloß die öffentlichen Ehren die einem Gou⸗ verneur gebührten, ſondern ſogar ein einfaches Trauergeleite wie jeder Bürger es anzuſprechen hat. Von 1833 an alſo datirte die wahre Gewalt von Roſas. Seine erſte Regierung, ein fortge⸗ ſeztes Gewebe von Verſtellung, hatte jene grau⸗ ſamen Inſtincte die ihm ſpäter eine blutige Be⸗ rühmtheit verſchafften noch nicht zu Tage gebracht. Dieſe Periode war nur durch die Erſchießung des Majors Montero und der Gefangenen von S. Nicvlas bezeichnet worden. Vergeſſen wir indeſ⸗ ſen nicht daß um dieſe Zeit mehrere lichtſcheue und unerwartete Todesfälle vorkommen, Todes⸗ fälle von jener Art deren Datum die Geſchichte ohne Weiteres mit blutigen Buchſtaben ins Buch der Nationen eingetragen hat. 4 nzen oder uan nab⸗ ines eren ein war ge⸗ gen. Er nam die milie Hou⸗ aches hat. walt rtge⸗ rau⸗ Be⸗ acht. des S. ndeſ⸗ cheue odes⸗ hichte Buch 33 So verſchwanden zwei Führer vom Lande durch deren Einfluß Roſas in den Schatten ge⸗ ſtellt werden konnte. In dieſes Datum fällt der Tod Arbolito's und Molina's; etwas Aehn⸗ liches widerfuhr, wie uns ſcheint, den beiden Con⸗ ſuln die Octavian zur Schlacht von Actium be⸗ gleitet hatten. Schildern wir ſogleich Roſas, der uns bis jezt nur als Dictator erſcheint, aber auf dem höchſten Grad der Gewalt angelangt iſt die ſich je ein Menſch über eine Nation angemaßt hat. Im Jahr 1833, d. h. in dem Zeitpunkt wo wir angelangt ſind, zählt Roſas zwei und dreißig Jahre. Er hat ein europäiſches Ausſehen, blonde Haare, weiße Geſichtsfarbe, blaue Augen, den Backenbart in der Höhe des Mundes abgeſchnit⸗ ten, im Uebrigen weder Schnurr⸗ noch Kinnbatt. Sein Blick wäre ſchön wenn man ihn beurthei⸗ len könnte; aber Roſas iſt gewöhnt weder ſeinen Freunden noch ſeinen Feinden ins Geſicht zu ſchauen, weil er weiß daß er in einem Freund beinahe immer einen verſteckten Feind hat. Seine Stimme iſt ſanft, und wenn er das Bedürfniß fühlt zu gefallen, ſo fehlt es ſeiner Unterhaltung nicht an Reiz. Seine Feigheit iſt ſprüchwörtlich, der Ruf ſeiner Verſchlagenheit iſt univerſell, My⸗ ſtificationen gehen ihm über Alles. Darin be⸗ ſtand ſeine Hauptbeſchäftigung bevor er ſich den ernſten Geſchäften widmete; als er einmal an der Spize der Gewalt ſtand, war es ihm nur noch eine Zerſtreuung. Garibaldi. II. 3 Sonſt waren ſeine Zerſtreuungen brutal wie ſeine Natur; die Schlauheit verträgt ſich vortreff⸗ lich mit der Brutalität. Führen wir ein Paar Beiſpiele an. Eines Abends als er allein mit einem ſeiner Freunde ſoupiren ſollte, verbarg er den zum Mahle beſtimmten Wein und ließ auf dem Buffet nur eine Flaſche der bekannten Leroyſchen Me⸗ dicin, der zu ihrer Berühmtheit nichts Anderes fehlt als daß ſie zu Moliere's Zeit erfunden worden wäre. Der Freund ſuchte Wein, griff nach der Flaſche, koſtete ihren Inhalt, fand ihn recht angenehm und leerte die Flaſche über das Eſſen. Roſas, der den Nüchternen ſpielte, trank bloß Waſſer und begab ſich gleich nach aufge⸗ hobener Tafel nach ſeiner Eſtancia. Während der Nacht wurde es dem Freund zum Sterben weh. Roſas lachte herzlich über den Scherz; wenn der Freund geſtorben wäre, ſo würde Roſas ohne Zweifel noch herzlicher ge⸗ lacht haben. Wenn er in einer ſeiner Eſtancias einen Städter empfing, ſo machte er ſich den Spaß ihm die unartigſten Pferde zum Reiten zu geben, und ſeine Freude war um ſo größer je gefährlicher der Reiter herabfiel. Im Regierungspalaſt hatte er ſtets Narren und Spaßmacher um ſich und behielt dieſe wun⸗ derliche Umgebung mitten unter den ernſteſten Geſchäften. Als er 1829 Buenos⸗Ayres bela⸗ gerte, hatte er vier arme Teufel bei ſich. Er wie treff⸗ einer zum uffet Me⸗ deres nd en griff ihn das trank ufge⸗ reund über wäre, r ge⸗ einen ß ihm „und licher arren wun⸗ ſteſten bela⸗ „ G 35 hatte Mönche aus ihnen gemacht und ſich ſelbſt kraft ſeiner Vollgewalt als ihr Prior aufgethan. Er nannte ſie Fray Regica, Fray Chaja, Fray Lechuza und Fray Biscacha. Außer den Hans⸗ wurſten und Poſſenreißern liebte Roſas auch die Confitüren; er hatte immer alle möglichen Sor⸗ ten unter ſeinem Zelt. Den Confitüren waren auch die Mönche nicht abhold, und von Zeit zu Zeit verſchwanden einige Töpfe; dann nahm Ro⸗ ſas die ganze Sippſchaft in's Gebet. Die Mönche wußten wie theuer eine Lüge zu ſtehen käme. Der Frevler bekannte alſo. Er wurde dann als⸗ bald entkleidet und von ſeinen drei Cameraden mit Ruthen geſtrichen. Jedermann hat in Buenos⸗Ayres ſeinen Mu⸗ latten Euſebio gekannt, und zwar um ſo beſſer als Roſas an einem öffentlichen Empfangtag auf den Einfall kam für ihn daſſelbe zu thun was Frau Du Barry in Lucienne für ihren Neger Zamore that. Euſebio empfing in Gouverneursuniform die Huldigung der Behörden für ſeinen Herrn. Trotz aller Freundſchaft für ſeinen Mulatten verfiel dieſer furchtbare Freund auf die Grille ihm eine Poſſe zu ſpielen, eine Poſſe wie alle die⸗ jenigen die in Roſas Kopfe wuchſen. Er that als hätte man eine Verſchwörung entdeckt deren Oberhaupt Euſebio wäre. Es handelte ſich um nichts Geringeres als ihn ſelbſt, Roſas, zu er⸗ dolchen. Euſebio wurde, trotz ſeiner Verſicherun⸗ gen treuer Ergebenheit, verhaftet; Roſas hatte ſeine eigenen Richter, die ſich nichts darum be⸗ kümmerten ob der Angeklagte ſchuldig war oder ſch nicht. Roſas klagte an, ſie richteten und verur⸗ wa theilten den armen Euſebio zum Tode; Euſebio gui mußte ſich allen Vorbereitungen zur Hinrichtung ein unterziehen; er beichtete, wurde auf den Richt⸗ nae plaz geführt, traf dort den Henker und ſeine vor Knechte; dann erſchien plözlich wie der Gott der 1 antiken Tragödie Roſas und erklärte daß er, da die ſeine Tochter Manuelita ſich in ihn verliebt habe ein und ihn heirathen wolle, ihn begnadige. c Es braucht wohl kaum bemerkt zu werden ſat daß Euſebio, wenn er auch nicht hingerichtet wurde, der 1 doch aus Angſt beinahe geſtorben wäre. Lie Wir haben den Namen Manuelita ausge⸗ chri ſprochen. Wir haben geſagt daß ſie die Tochter 1 des Dietators war. Sagen wir unſern Leſern, nue die das Recht haben es nicht zu wiſſen, was für wei eine Dame dieſe Manuelita war, welche die Vor⸗ em; 1 ſehung als guten Genius an die Seite ihres hin Vaters ſtellte, und deren Hauptbeſchäftigung wäh⸗ nen rend der ſchönen Tage ihres Lebens darin beſtand dpar 1 daß ſie jeden Tag um Gnade bat, die ihr auch eine manchmal gewährt wurde. Tra Manuelita iſt jezt eine Dame von vierzig lita Jahren; ſie hat ſich aus Anhänglichkeit an ihren ſah ¹ Vater und vielleicht auch ein wenig im Intereſt Anf der Sendung die ſie vom Himmel empfangen nicht verheirathet, oder vielmehr war ſie 1850 ſein ſeit welcher Zeit wir ſie aus dem Auge verloren keit haben, noch unvermählt. und n be⸗ oder erur⸗ ſebio tun Richt⸗ ſeine tt der r, da habe erden urde, usge⸗ ochter eſern, s für Vor⸗ ihres wäh⸗ eſtand auch ierzig ihren tereſſi angen 1850 rloren 37 Manuelita war juſt nicht was man eine ſchöne Frau nennt; ſie war etwas Beſſeres: ſie war eine allerliebſte Perſon, ſie beſaß ein diſtin⸗ guirtes Geſicht, den feinſten Tact, war cokett wie eine Europäerin, und fragte außerordentlich viel nach dem Eindruck den ſie auf die Fremden her⸗ vorbrachte. Manuelita iſt ſchwer verläumdet worden, und dieß war ganz natürlich; ſie war die Tochter eines Mannes auf welchen ſich aller Haß con⸗ centrirte. Man behauptete ſie habe die grau⸗ ſamen Inſtinete ihres Vaters geerbt und, gleich der Tochter des Pabſtes Borgia, die kindliche Liebe in einer anderen zärtlicheren und weniger chriſtlichen vergeſſen. An allem dem iſt kein wahres Wort. Ma⸗ nuelita blieb aus zwei Gründen ledig: erſtens weil Roſas manchmal das Bedürfniß nach Liebe empfand und wußte daß die einzige, wirkliche, hingebende und unendliche Liebe auf die er rech⸗ nen konnte die ſeiner Tochter war; vielleicht auch darum weil Roſas, der jezt als Privatmann in einem Winkel Englands verborgen lebt, in ſeinen Träumen von künftigen Königskronen für Manue⸗ lita eine ariſtokratiſchere Verbindung ſchimmern ſah, als diejenigen waren auf die er damals Anſprüche machen durfte. Nein, ſo ſtreng die Geſchichte gegen Roſas ſein muß, ſo mild wird ſie, um keine Ungerechtig⸗ keit zu begehen, gegen Manuelita ſich erweiſen, und was wir hier auf dieſer Seite der Welt ſagen, das weiß dort Jedermann und wird es in ſeinem Herzen als Wahrheit bekennen; Ma⸗ nuelita war der beſtändige, wenn auch zuweilen machtloſe Damm welcher dem ſtets im Ueberwallen begriffenen Zorn ihres Vaters Einhalt that. Als Kind hatte ſie ein ſeltſames Mittel von Roſas Alles zu erlangen was ſie nur wünſchte; ſie ließ den Mulatten Euſebio beinahe nackt ausziehen, wie ein Pferd ſatteln und zäumen und band ſich die Gauchosſporen an ihre andaluſiſchen Füßchen; Euſebio mußte ſich auf alle Viere ſtellen; Ma⸗ nuelita beſtieg ſeinen Rücken, und nun ließ die wunderliche Amazone ihren menſchlichen Buce⸗ phalus vor ihrem Vater allerlei Sprünge und Schwenkungen machen; Roſas lachte über den Scherz, und wenn er gelacht hatte, gewährte et Manuelita die erbetene Gunſt. Später, als ſie begriff daß ſie dieſes Mittel troz ſeiner Wirkſamkeit nicht mehr anwenden konnte, verrichtete ſie bei dem Dictator dasſelbe Werk das Mäcenas bei Auguſt verrichtete, als er ihm ſeine Schreibtafel zuwarf worauf die Worte ſtan⸗ den: Surge carnifex! Aber Manuelita ſtellte es dabei anders an; ſie kannte ihren Vater beſſer als irgend ein anderer Menſch, ſie wußte die kleinen Eitelkeiten wofür er zugänglich war; ſie wartete den rechten Augenblick ab, ſie flehte und manchmal gelang es dieſer milden, barmherzigen Schweſter, der Geſegneten des Herrn. Manuelita war zugleich die Königin und die Selavin des häuslichen Herdes; ſie verwaltete rd es Ma⸗ veilen allen Als Roſas e ließ ehen, d ſich öchen Ma⸗ ß die Buce⸗ und den rte er ltroz onnte, Werk rihm ſtan⸗ lte es beſſet e di r3 e und rzigen id die altete 39 das Haus, verpflegte ihren Vater, leitete alle diplomatiſchen Beziehungen und war der eigent⸗ liche Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten von Buenos⸗Ayres. Kurz und gut, wie Roſas ein apartes Weſen war und nichts mit der Geſellſchaft zu thun, mit Niemand Etwas gemein hatte, ſo war Manue⸗ lita, als ſie ſpäter Manuela wurde, nicht blos ein ſeltſames Geſchöpf mitten unter den Leuten, ſondern auch Allen fremd, und ging allein ihren Weg in der Welt, fern von der Liebe der Män⸗ ner, außerhalb der Sympathie der Frauen. Roſas hatte überdieß einen Sohn Namens Juan, der ſich aber niemals bei der Politik ſeines Vaters betheiligte; er hatte ferner eine Enkelin die kaum der Kindheit entwuchs, jezt aber als keuſche Frau und glückliche Gattin in der Perſon ihres Mannes einen ehrenwerthen und geehrten Namen führt. Nachdem er einmal die Gewalt errungen, war ſeine Hauptarbeit die Vernichtung der Conföde⸗ ration. Lopez, der Gründer der Conföderation, wird krank; Roſas läßt ihn nach Buenos⸗Ahres kom⸗ men und verpflegt ihn in ſeinem eigenen Hauſe. Lopez ſtirbt an Gift. Quiroga, das Oberhaupt der Conföderation war zwanzig Kämpfen, einer mörderiſcher als der andere, entronnen. Sein Muth iſt zum Beiſpiel, ſeine Biederkeit zum Sprüchwort geworden. Quiroga ſtirbt von Mbrderhand. Cullen, der Berather der Conföderation, wird Gouverneur von Santa⸗Fe; Roſas improviſirt ihm eine Revolution. Cullen wird vom Gou⸗ verneur von Santiagv an Roſas ausgeliefert und darauf erſchoſſen. Alle hervorragenden Leute der föderaliſtiſchen Partei haben dasſelbe Schickſal wie die hervor⸗ ragenden Perſonen in Italien unter den Borgia, und indem Roſas die gleichen Mittel anwendet wie Alexander VI. und ſein Sohn Cäſar, ge⸗ langt er zur Herrſchaft über die argentiniſche Republik, die, obſchon zu einer vollkommenen Einheit herabgeſchmolzen, nichtsdeſtvweniger den pompbſen Titel Conföderation beibehält und, wunderlich genug, die Feindin der Unitarier wird. Sprechen wir einige Worte von den Männern die wir ſo eben genannt haben, und laſſen wir ihre anklagenden Geſpenſter einen Augenblick wie⸗ der aufleben. Dieß iſt etwas wie die Scene vor der Schlacht in Shakeſpeare's Richard II. Ueberdieß findet ſich bei all dieſen Leuten ein Beigeſchmack von Naturzuſtändlichkeit der bekannt zu werden verdient. Wir haben mit dem General Lopez begonnen. Eine einzige Anecdote wird eine Idee, nicht bloß von dieſem Führer ſelbſt, ſondern auch von den Leuten geben mit denen er zu thun hatte. Lopez war Gouverneur von Santa⸗Fe. Er hatte in Entre⸗Rios einen perſönlichen Feind an dem Oberſten Ovandv. Lezterer wurde in Folge der Id nig ich Sc den hal Lo wird iſirt Gou⸗ t und iſchen rvor⸗ rgia, endet „ ge⸗ niſche nenen den und, rier nnern wir wie⸗ vr nein kannt nnen. bloß en Er d an Folge 41 einer Empörung als Gefangener vor Lopez ge⸗ ührt. k General frühſtückte; er empfing Ovando aufs Verbindlichſte und lud ihn ein ſich an ſeine Tafel zu ſezen. Es entſpann ſich unter ihnen ein Geſpräch wie unter Tiſchgenoſſen denen die gleiche Stellung die vollſtändigſte Höflichkeit auf ganz gleichem Fuße geboten hätte. Inzwiſchen unterbrach ſich Lopez gegen die Mitte des Mahles plözlich. — Oberſt, ſagte er, wenn ich in Ihre Ge⸗ walt gefallen wäre wie Sie in die meinige ge⸗ fallen ſind, und zwar im Augenblick des Mahles, was würden Sie gethan haben? — Ich würde Sie an meinen Tiſch eingela⸗ den haben wie Sie mich einluden. — Gut, aber nach dem Frühſtück? — Da hätte ich Sie erſchießen laſſen. — Es freut mich ungemein daß Sie auf dieſe Idee gekommen ſind, denn dieß iſt auch die mei⸗ nige; Sie werden nach Tiſch erſchoſſen werden. — Soll ich mich ſogleich entfernen oder kann ich vollends frühſtücken? — O frühſtücken Sie vollends, Oberſt, die Sache hat keine Eile. Man ſezte alſo das Mahl fort; man nahm den Cafe und die Liqueure; dann ſagte Ovando: — Ich glaube daß es Zeit iſt. — Ich danke Ihnen daß Sie nicht gewartet haben bis ich Sie daran erinnert, antwortete Lopez. 42 Hierauf rief er ſeine Ordonnanz und fragte — Iſt die Rotte bereit? — Ja, mein General, antwortete die Or⸗ donnanz. Dann wandte er ſich gegen Ovando un ſagte: — Adieu, Oberſt! — Kein Adieu, ſondern auf Wiederſehen, antwortete dieſer; in Kriegen wie wir ſie führen lebt man nicht lange. Und er entfernte ſich mit einer Verbeugung Fünf Minuten ſpäter verkündete eine Flintenſalv unter der Hausthüre des Generals daß der Oberf Ovando aufgehört hatte zu leben. Gehen wir zu Quiroga über. Dieſer iſt beſſer bekannt bei uns. Sein Ruf hat die Meere überfahren und in Paris ein Eche gefuuden. Die Mode hat ſich ſeiner bemächtigt; von 1820 bis 1823 hat man Mäntel à la Qui roga und Hüte à la Bolivar getragen. Es iſt wahrſcheinlich daß weder der Eine noch der An⸗ dere jemals den Mantel oder Hut trug den ihre Bewunderer auf zweitauſend Meilen Entfernung annahmen. Quiroga war, wie Roſas, gleichfalls ein Mann vom Lande. Er hatte in ſeiner Jugend als Sergent gegen die Spanier gedient. Als er in ſeine Heimath Rioja zurückkam, miſchte er ſich unter die inneren Parteien, wurde der Herr des Landes, dann, nachdem er die höchſte Stufe del Macht erreicht hatte, warf er ſich in den Kampf ragte Or un ſehen, ühren gung. nſalve Oberſ 1 Ruf Echy htigt; Qui Es iſt rAn⸗ ihre nung Mam a er in ſich r des fe der dampj 43 der verſchiedenen Factionen der Republik, und in dieſem Kampf offenbarte er ſich zum erſten Mal vor America. Nach Jahresfriſt war Quiroga der Degen der föderaliſtiſchen Partei; nie hat ein Menſch ganz einfach durch ſeine perſönliche Tapferkeit ſolche Reſultate erlangt. Sein Name bekam zu⸗ lezt einen Zauber der Armeen werth war. Seine Haupttactit mitten im Gefecht beſtand darin daß er die möglich größte Summe von Gefahren auf ſich ſelbſt heranzog, und wenn er im Gewühl ſeinen Kriegsſchrei erſchallen, wenn er die lange Lanze, die ſeine Lieblingswaffe war, in ſeiner Hand zittern ließ, da machten die tapferſten Her⸗ zen Bekanntſchaft mit der Furcht. Quiroga war grauſam oder vielmehr wild; aber in ſeiner Wildheit lag immer etwas Großes und Edelmüthiges. Es war die Wildheit des Löwen und nicht die des Tigers. So wird der Oberſt Pringles, einer ſeiner größten Feinde, gefangen genommen und gleich darauf ermordet. Der Mörder dient unter Qui⸗ roga; er meldet ſich, in der Meinung einen gu⸗ ten Lohn verdient zu haben. Quiroga läßt ihn ſein Verbrechen erzählen und dann auf der Stelle erſchießen. Ein andermal werden zwei feindliche Offiziere von ſeinen Leuten gefangen genommen, die, der Hinrichtung ihres Cameraden eingedenk, ſie dießmal lebendig vor ihn führen. Er macht ihnen den Antrag ihre Fahne zu verlaſſen und unter der ſeinigen zu dienen; einer von ihnen weigert ſich, der andere nimmt an. — Gut, ſagte er zum leztern, laſſen Sie uns zu Pferde ſteigen und der Erſchießung Ihres Ca⸗ meraden zuſehen. Der Renegat gehorcht, ohne eine Bemerkung zu machen, mit Beeiferung und plaudert auf dem ganzen Weg vergnügt mit Quiroga, deſſen Ad⸗ jutant er bereits zu ſein wähnt, während der Verurtheilte, von einem Piquet mit geladenen Gewehren escortirt, ruhig zum Tode ſchreitet. Auf dem Richtplaz angelangt, befiehlt Qui⸗ roga dem Offizier der den Verrath an ſeiner Par⸗ tei verweigert hat niederzuknien. Aber nach dem Commando: Fertig! hält er inne. — Hören Sie einmal, ſagt er zu dem Offi⸗ zier der ſich bereits todt glaubte, Sie ſind ein Tapferer, nehmen Sie das Pferd dieſes Herrn da und reiten Sie fort. Und er deutet auf das Pferd des Renegaten. — Aber ich? fragt dieſer. — Du! antwortete Quiroga, du bedarfſt kei⸗ nes Pferdes mehr, denn du mußt ſterben. Und troz der flehentlichen Bitten die der dem Leben Wiedergeſchenkte für ſeinen Cameraden ein⸗ legt, läßt er ihn erſchießen. Quiroga wurde nur zweimal beſiegt, und zwar von dem General Paz, dem amerſcaniſchen Fabius, einem der tugendhafteſten und unbeſchol— tenſten Männer die je gelebt haben. Zweimal vernichtete Paz die Armeen Quiroga's in den einet an. ie uns es Ca⸗ erkung dem n Ad⸗ d der denen et. Qui⸗ Par⸗ h dem Offi⸗ d ein Herrn gaten. ſt kei⸗ rdem n ein⸗ und riſchen eſchol⸗ eimal den 45 furchtbaren Schlachten von Tablada und Onca⸗ tevo. Es war für die jungen, kaum aus der Erde hervorgekommenen Republiken ein ſchönes Schauſpiel, die Kunſt, Tactik und Strategie im Kampfe mit dem unbeugſamen Muth und dem eiſernen Willen Quiroga's zu ſehen; aber nach⸗ dem einmal Paz, in Folge eines Wurfkugelſchuſ⸗ ſes der ſeinem Pferde die Beine zerſchmetterte, hundert Schritte von ſeiner Armee in Gefangen⸗ ſchaft gerathen, war Quiroga unüberwindlich. Nach Beendigung des Kriegs zwiſchen der unitariſchen und der föderaliſtiſchen Partei unter⸗ nahm Quiroga eine Reiſe in die innern Pro⸗ vinzen, wurde aber auf dem Rückweg, in Bar⸗ ranca Vanco, von etwa 30 Mbrdern angefallen die Feuer auf ihn gaben. Er war krank und hatte ſich gelegt; eine Kugel die durch die Wa⸗ genwand fuhr zerſchmetterte ihm die Bruſt; ob⸗ ſchon tödtlich verwundet, erhob er ſich und öffnete blaß und blutbedeckt den Schlag. Als die Mör⸗ der den Helden, der bereits beinahe eine Leiche geworden, aufrecht daſtehen ſahen, ergriffen ſie die Flucht. Aber Santos Perez ging gerade auf Quiroga zu, und als dieſer auf ein Knie geſun⸗ ken war und ihm ins Geſicht ſchaute, brachte er ihn vollends um. Da kamen die Mörder zurück und vollendeten das angefangene Werk. Die Gebrüder Renafe, die in Cordova commandirten, führten im Ein⸗ verſtändniß mit Roſas dieſes Heldenſtück aus. Aber Roſas hatte ſich abſichtlich ſo fern gehalten daß man ihn nicht bemerkte; er konnte jezt für den auf ſeinen Antrieb Gemordeten Partei er⸗ greifen und die Mörder verfolgen. Sie wurden verhaftet, proeeſſirt und erſchoſſen. Bleibt noch Cullen. Cullen, ein geborner Spanier, hatte ſich in der Stadt Santa⸗Fe niedergelaſſen und mit Lo⸗ pez verbündet, der ihn zu ſeinem Miniſter und politiſchen Gewiſſensrath machte. Der ungeheure Einfluß welchen Lopez von 1820 bis zu ſeinem 1833 erfolgten Tod auf die argentiniſche Republik ausübte, machte Cullen zu einem Manne von ungemeiner Bedeutung. Als in den Tagen des Unglücks Roſas als Verbannter nach Santa⸗Fe auswanderte, leiſtete Cullen ihm alle möglichen Dienſte. Aber dieſe Dienſtleiſtungen ließen den zukünftigen Dictator nicht vergeſſen daß Cullen einer der Männer war die dem Willkürſyſtem in der argentiniſchen Republik ein Ende machen wollten. Gleichwohl wußte er ſeinen böſen Willen unter den gleißneriſchſten und freundſchaftlichſten Formen zu verbergen. Nach dem Tode des Generals Lopez wurde Cullen zun Gouverneur von Santa⸗Fe ernannt und weihte ſeine Zeit der Einführung von Ver⸗ beſſerungen in der Provinz. Dabei machte er, ſtatt ſich als Feind der franzöſiſchen Blveade zu zeigen, keinen Hehl aus ſeinen Sympathien für Frankreich, da er bedachte daß dieſe Macht ſeinen civiliſatoriſchen Ideen ſehr förderlich werden konnte. Da erregte Roſas eine Revolution gegen ihn die er 1 ſtüzt in Freu Roſe Cull klärt weg terte die cher ſiche es c Iba zu r daß fehl er ir Fe brec ein Lope zuſtr fluſſ den Gefi 183 tariſ mac zt für ei er⸗ oſſen. ich in t Lo⸗ un heure einem ublik von ndes ta⸗Fe lichen den ullen nder liten. unter rmen vurde ſannt Ver⸗ te er, de zu n für einen nnte. n die 47 er öffentlich und mit Truppenſendungen unter⸗ ſtüzte. Cullen wurde beſiegt und flüchtete ſich in die Provinz Santiago del Eſtero, wo ſein Freund, der Gouverneur Ibarra, commandirte. Roſas, der, obſchon er die Conföderation zerſtörte⸗ Cullen für einen unitariſchen Wilden er⸗ klärt hatte, knüpfte mit Ibarra Unterhandlungen wegen Auslieferung des Beſiegten an. Sie ſchei⸗ terten lange Zeit, und Cullen glaubte ſich auf die Verſicherungen ſeines Freundes Ibarra, wel⸗ cher ſchwor ihn niemals auszuliefern, vollkommen ſicher, als er eines Tags, im Augenblick wo er es am wenigſten erwartete, von den Soldaten Ibarra's verhaftet wurde um zu Roſas geführt zu werden. Dieſer aber ſchickte, als er erfuhr daß man Cullen gefangen einbringen wollte, Be⸗ fehle ihn unterwegs zu erſchießen, weil ihm, wie er in einem Brief an Cullens Nachfolger in Santa⸗ Fe ſagte, der Proceß bereits durch ſeine Ver⸗ brechen gemacht ſei die alle Welt kenne. Cullen war ein angenehmer Geſellſchafter und ein humaner Character. Seinen Einfluß auf Lopez verwandte er immer auf Abwendung all⸗ zuſtrenger Maßregeln, und in Folge dieſes Ein⸗ fluſſes ließ der General Lopez, troz der dringen⸗ den Bitten von Roſas, nicht einen einzigen der Gefangenen erſchießen die er im Feldzug von 1831, welcher die bedeutendſten Führer der uni⸗ tariſchen Partei in ſeine Gewalt brachte, ge⸗ macht hatte. Im Uebrigen beſaß Cullen alle äußeren For⸗ 48 men der Civiliſativn, aber ſeine Bildung wa oberflächlich und ſeine Talente mittelmäßig. Auf ſolche Art entlevigte ſich Roſas, vielleich der einzige unter den Führern der föderaliſtiſchen Partei der nicht den geringſten Waffenruhm be ſaß, der Kämpen dieſer Partei. Er war forta der einzige b.deutende Mann in der argentini ſchen Republik und zugleich der unbeſchränkte Ge bieter von Buenos⸗Ayres. Als er nun zur Allmacht gelangt war, begam er ſeine Rache an den obern Claſſen die ihn ſ lange mit Verachtung behandelt hatten. Mitte unter den eleganteſten Ariſtveraten zeigte er ſit unaufhörlich in der Chaqueta oder ohne Hals binde. Er gab Bälle bei denen er mit ſeine Frau und ſeiner Tochter präſidirte, und wozu u mit Ausſchluß aller ausgezeichneten Perſönlich keiten von Buenos⸗Ayres, Kärrner, Mezger un ſogar die Freigelaſſenen der Stadt einlud. Eines Tags eröffnete er den Ball damit da er ſelbſt mit einer Sclavin und Manuelita m einem Gauchv tanzte. Aber nicht blos auf dieſe Art züchtigte er d. ſtolze Stadt; er proclamirte das furchtbare Princih — Wer nicht mit mir iſt, der iſt wider mig Wer ihm mißfiel, wurde als unitariſcher Wi der bezeichnet, und wen Roſas einmal ſo bezeich net hatte, der beſaß kein Recht mehr auf Freihel Eigenthum, Leben oder Ehre. Um die Theorien des Dietators practiſch z machen, organiſirte ſich unter ſeinen Auſpiei die! noch Lum Sbir Befe alle öffen wen eines den Lebe um ſolch den verü ſich bele ſach dam lier dieſe das prei wa leicht ſchen be ortan ntini⸗ Ge gan hn ſt Kitte r ſi Hals ſeine zu er nlich r un it da ta m er di rincih mic r Wi ezeich reihei iſchz ſpiei 49 die berüchtigte Geſellſchaft Mas horca, d. h noch mehr Galgen. Sie beſtand aus allem Lumpengeſindel, aus allen Bankrotirern und allen Sbirren der Stadt. Zu ihren Mitgliedern gehörten auf höchſten Befehl der Polizeichef, die Friedensrichter, kurz alle diejenigen die für die Aufrechthaltung der öffentlichen Ordnung zu ſorgen hatten, ſo daß, wenn Mitglieder dieſer Geſellſchaft das Haus eines Bürgers erbrachen um es zu plündern oder den Eigenthümer zu ermorden, der in ſeinem Leben oder Eigenthum bedrohte Mann vergebens um Hilfe rief, denn es war Niemand da der ſolchen Gewaltthätigkeiten entgegentrat. Sie wur⸗ den ſowohl bei hellem Tag als bei dunkler Nacht verübt, ohne daß man ein Mittel erdenken konnte ſich ihnen zu entziehen. Verlangt man einige Beiſpiele? Es ſei. Wir belegen unſere Anklagen immer ſogleich mit That⸗ ſachen. Die Elegans von Buenos⸗Ayres hatten damals die Gewohnheit ihre Backenbärte en col- lier zu tragen. Aber unter dem Vorwand daß dieſer Bartſchnitt den Buchſtaben U bilde und Unitarier bedeute, bemächtigte ſich die Mas horca dieſer Unglücklichen und raſirte ſie mit ſchlecht geſchliffenen Meſſern, ſo daß der Bart mit Stücken Fleiſch herabfiel; hierauf gab man das Opfer dem Geſpötte des gemeinſten Pöbels preis der ſich aus Neugierde zuſammengeſchaart Garibaldi. II. 4 —— hatte und ſeinen blutigen Spaß manchmal bis zum Tode trieb. Die Frauen vom Volk begannen damals in ihren Haaren das rothe Band zu tragen das unter dem Namen Mono bekannt iſt. Eines Tags ſtellte ſich die Mas horca auf die Schwelle der Hauptkirchen, und alle Frauen die ein⸗ oder ausgingen ohne den Knoten auf dem Kopfe zu haben, mußten ſich's gefallen laſſen daß man ihnen mit glühendem Theer einen ſolchen auf⸗ heftete. Auch war es nichts Außerordentliches einer Frau die Kleider abreißen und ſie mitten auf der Straße durchpeitſchen zu ſehen, und zwar weil ſie irgend ein Tüchlein, ein Kleid oder einen Schmuck trug worauf man blau oder grün erkannte. Ebenſo wurde es mit den ausgezeichnetſten Männern ge⸗ trieben, und ſie ſezten ſich den höchſten Gefahren aus wenn ſie ſich mit einem Kleidungsſtück oder einer Cravate von dieſen beiden Farben aus dem Hauſe wagten. Während Perſonen die ohne Zweifel zum Voraus bezeichnet waren und jenen Claſſen der obern Geſellſchaft angehörten die eine unſichtbare Rache verfolgte, Opfer ſolcher Gewaltthätigkeiten wurden, verhaftete man auch zu Hunderten ſolche Bürger deren Anſichten nicht, wir wollen nicht ſagen mit denen des Dictators, ſondern mit den unbekannten Berechnungen ſeiner zukünftigen Po⸗ litik im Einklang ſtanden. Niemand kannte das Verbrechen um deſſenwillen er feſtgenommen wurde⸗ kam wur jede nen dure entl Dun bei decit Frar nich die aufl hole chen man den gen men 6 wert durc Thü ſte d botet der über Zwe bis in das ines velle oder e zu man auf⸗ Frau raße gend trug enſo ge⸗ hren oder dem zum n det tbare keiten ſolche nicht t den Po⸗ das urde, 51 und es war auch überflüſſig, da ja Roſas es kannte. Wie das Verbrechen unbekannt war, ſo wurde auch das Urtheil als unnöthig erklärt, und jeden Tag wurden, um den kommenden Gefange⸗ nen Plaz zu machen, die vollgepropften Kerker durch zahlreiche Erſchießungen ihres Ueberfluſſes entledigt. Dieſe Erſchießungen fanden in der Dunkelheit ſtatt, und auf einmal fuhr die Stadt bei dem Donner nächtlicher Salven welche ſie decimirten vom Schlafe auf. Und Morgens ſah man, was man ſelbſt in Frankreich in den ſchrecklichſten Tagen von 1793 nicht erlebt, die Fuhrleute der Polizei ganz ruhig die Leichname der Ermordeten in den Straßen aufleſen und die Erſchoſſenen im Gefängniß ab⸗ holen. Dann führten ſie dieſe ungenannten Lei⸗ chen alle zuſammen an einen großen Graben, wo man ſie unter einander hineinwarf, ohne daß es den Angehörigen der Opfer geſtattet war die Ihri⸗ gen herauszuſuchen und ihnen einen letzten from⸗ men Dienſt zu erweiſen. Nicht genug; die Kärrner die dieſe beklagens⸗ werthen Reſte führten kündigten ihre Ankunft durch die roheſten Scherze an, ſo daß Alles die Thüren ſchloß und entfloh. Manchmal ſchnitten ſie die Köpfe ab und füllten Körbe damit, dann boten ſie dieſelben mit dem gewöhnlichen Geſchrei der Obſthändler vom Lande den entſetzten Vor⸗ übergehenden feil und kreiſchten: — Unitariſche Pfirſiche! Wer will unitariſche 5 ſche Pfirſich ſch —— ——— Bald geſellte ſich die Berechnung zur Barbarei; die Confiscation zum Tode. Roſas begriff daß er ſich nur dadurch am Ruder erhalten konnte daß er um ſich her In⸗ tereſſen ſchuf die mit den ſeinigen ſolidariſch ver⸗ bunden waren. Er zeigte alſo einem Theil der Geſellſchaft das Vermögen des andern Theils und ſagte zu ihm: — Das gehört dir!. Von dieſem Augenblick an war der Ruin der ehemaligen reichen Leute von Buenos⸗Ayres voll⸗ endet, und man ſah die Freunde des Dictators mit ſcandalöſer Schnelligkeit ungeheure Vermögen erwerben. Was kein Tyrann zu träumen gewagt hatte, was weder Nero noch Domitian eingefallen war, das hat Roſas ausgeführt. Nachdem er den Vater getödtet, hat er dem Sohn verboten Trauer zu tragen; dieſes Verbot wurde öffentlich ver⸗ kündet und angeſchlagen. Und man mußte es wohl verkünden und anſchlagen, denn ſonſt hätte man in Buenos⸗Ayres nichts Anderes mehr ge⸗ ſehen als Trauerkleider. Dieſer maßloſe Despotismus traf auch die Fremden und unter andern einige Franzoſen. Roſas, der ſich Alles gegen ſie erlauben zu dür⸗ fen glaubte, ermüdete die gewiß weltbekannte Geduld des Königs Ludwig Philipp und führt die erſte Blocade durch Frankreich herbei. Aber die auf ſolche Art mißhandelten hohen Claſſen der Geſellſchaft begannen aus Buenos⸗ Kli tra der Ge in fre ger der „ver rei; am In⸗ In⸗ ver⸗ das hm: der voll⸗ tors ögen atte, war, den rauet ver⸗ e es hätte r ge⸗ die zoſen. dür⸗ annte ührte ohen enos⸗ 53 Ayres zu fliehen und warfen ihre Blicke auf den öſtlichen Staat, wo der größere Theil der geäch⸗ teten Stadt ein Aſyl ſuchte. Vergebens verdoppelte die Polizei des Dicta⸗ tors ihre Wachſamkeit; vergebens wurde Todes⸗ ſtrafe auf Auswanderung geſezt; vergeblich fügte man zu dem Tod noch grauenhafte Nebenumſtände, denn Roſas ſah bald daß der Tod nicht mehr genügte; der Schrecken und Haß den Ro ſas einflößte waren ſtärker als die von ihm ausge⸗ dachten Mittel: die Auswanderung nahm von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute zu. Um die Flucht einer ganzen Familie auszuführen, brauchte man nur eine Barke zu finden die groß genug war ſie aufzunehmen. War ſie gefunden, ſo preßten ſich Vater, Mutter, Kinder, Brüder, Schweſtern in verworrenem Knäul hinein, ließen Häuſer, Güter, Vermögen im Stich, und jeden Tag ſah man im bſtlichen Staat, d. h. in Monte⸗ videv einige dieſer Barken mit Paſfagieren an⸗ kommen deren einzige Habſeligkeit noch in den leidern beſtand die ſie auf dem Leibe trugen. Und keiner dieſer Paſſagiere hatte das Ver⸗ trauen zu bereuen das er in die Gaſftfreundſchaft der bſtlichen Bevölkerung geſezt hatte. Dieſe Gafffreundſchaft war groß und edelmüthig wie in einer antiken Republik; es war eine Gaſt⸗ freundſchaft wie das argentiniſche Volk ſie übri⸗ gens auch von Freunden oder vielmehr von Brü⸗ dern erwarten durfte die mit ihm ſo oft unter wereinigten Fahnen gegen den Engländer, den Spanier oder Braſilianer gekämpft, gemeinſame auswärtige Feinde, aber weniger gefährlich als dieſer in ihrer Mitte geborene Feind. Die Argentiner kamen in Maſſe und lande⸗ ten; die Einwohner erwarteten ſie im Hafen und wählten nach Maßgabe ihrer pecuniären Mittel oder der Größe ihrer Wohnung diejenige Zahl von Emigranten die ſie aufnehmen konnten. Vie⸗ tualien, Geld, Kleider, Alles wurde dann den Unglücklichen zur Verfügung geſtellt, bis ſie ſich einige Subſiſtenzmittel geſchaffen hatten, wobei Jedermann ihnen an die Hand ging; die Ein⸗ wanderer ihrerſeits zeigten ſich erkenntlich und gingen ſogleich an die Arbeit um ihren Gaſt⸗ freunden die durch ihre Ankunft auferlegte Laſt zu erleichtern und die Aufnahme neuer Flücht⸗ linge möglich zu machen. Zu dieſem Zweck ar⸗ beiteten Leute die an alle Genüſſe des Lurus gewöhnt waren in den geringſten Gewerben, und adelten dieſelben um ſo mehr in je grellerem Widerſpruch ſolche Handarbeiten mit ihrer geſell⸗ ſchaftlichen Stellung ſtanden. . So figurirten die ſchoͤnſten Namen der argen⸗ tiniſchen Republik in der Emigration. Lavalle, der glänzendſte Degen ihrer Armee; Florencio Varela, ihr ſchönſtes Talent; Aguero, einer ihrer erſten Staatsmänner; Echaverria, der Lamartine des La Plata Staates; Vega, der Bayard der Andenarmee; Guttierez, der glückliche Sänger des Nationalruhmes; Alfina, der große Advoeat und berühmte Bürger, erſcheinen auf der ————+ ( 1 me als de⸗ und ittel h Vic⸗ den ſich obei in⸗ und aſt⸗ Laſt cht⸗ ar⸗ rus und rem ſell⸗ gen⸗ nee; erv, der der liche roße der . 5⁵ Liſte der Emigranten, wie auch Sanz Valiente, Molino Torres, Ramos Mejia, die großen Eigen⸗ thümer; ferner Rodriguez, der alte General der Unabhängigkeits⸗ und unitariſchen Armeen; Olo⸗ zabal, einer der Tapferſten dieſer Andenarmee, deren Bayard, wie wir ſo eben geſagt, Vega war. Roſas verfolgte nämlich mit gleicher Wuth den Unitarier und den Föderaliſten; er hatte keinen andern Zweck als ſich aller derjenigen zu entledigen die ein Hinderniß für ſeine Dietatur werden konnten. Dieſer Gaſtfreundſchaft gegen die Opfer ſei⸗ ner Verfolgung iſt der Haß zuzuſchreiben welchen Roſas gegen den öſtlichen Staat hegte. Zur Zeit von welcher wir ſchreiben, war General Fructuoſo Rivera Präſident der Republik. Es war ein Mann vom Lande wie Roſas und Quiroga; nur war er vom erſtern in ſofern gänzlich verſchieden als alle ſeine Inſtincte ihn der Civiliſativn zuführten. Als Krieger iſt Ri⸗ vera ein Mann von unerreichtem Edelmuth. Fünf und dreißig Jahre hindurch hat man ihn auf den politiſchen Schaupläzen ſeines Landes figuriren geſehen; fünf und dreißig Jahre hin⸗ durch hat man ihn nach ſeinen Waffen ſpringen geſehen ſo oft der Ruf erſcholl: Krieg dem Aus⸗ länder! Als die Revolution gegen Spanien begann, opferte er ſein Vermögen, denn für ihn war es ein unwiderſtehliches Bedürfniß zu geben; er war nicht großmüthig, ſondern verſchwenderiſch. 56 Und gleich wie Rivera verſchwenderiſch gegen die Menſchen war, ſo war Gott es gegen ihn geweſen. Er war ein ſchöner Cavalier im Sinn des ſpaniſchen Wortes Caballero, das Soldat und Gentleman zugleich in ſich begreift. Braun von Farbe, hochgewachſen, mit durchdringendem Blick begabt, voll Grazie in der Unterhaltung, durch den zauberiſchen Nimbus ſeiner Geberde die nur ihm allein gehörte die Leute hinreißend, iſt er der populärſte Mann des bſtlichen Staates 3 geweſen. Aber dabei muß man auch ſagen daß nie ein ſchlechterer Adminiſtrator die Finanzen eines Volkes desorganiſirt hat; er hatte ſein Pri⸗ vatvermögen zerrüttet und er zerrüttete auch das Staatsvermögen, nicht um für ſich ſelbſt neue Reichthümer zu erwerben, ſondern weil er als Staaksmann alle die fürſtlichen Gewohnheiten des Privatmannes beibehalten hatte. Aber zur Zeit wo wir mit unſerer Erzählung angelangt ſind, machte ſich dieſer Ruin noch nicht fühlbar. Rivera begann ſeine Präſidentenherr⸗ ſchaft und war von den fähigſten Männern des Landes umgeben: Obes, Herrera, Vasquez, Al⸗ varez, Ellauri, Luiz Eduard Perez waren wirk⸗ lich, wo nicht Miniſter, doch wenigſtens die Di⸗ rectoren ſeiner Regierung, und mit dieſen Män⸗ nern war Alles was Fortſchritt, Freiheit und Fortſchritt hieß dem ſchönen Lande geſichert. Obes, der erſte von Rivera's Freunden, war ein Mann von antikem Character; ſein Patrio⸗ tismus, ſeine Seelengröße, ſeine ausgezeichneten gen ihn inn dat un em ng, rde nd, tes daß ri⸗ das eue als ten ing icht rr⸗ des Al⸗ irk⸗ Di⸗ in⸗ ind ar io⸗ ten zen 57 Talente, ſein gründliches Wiſſen ſtellen ihn unter die großen Männer America's; und damit ſeiner Popularität Nichts fehlte, ſtarb er in der Ver⸗ bannung als eines der erſten Opfer des Roſas'⸗ ſchen Syſtems im öſtlichen Staate. Luiz Eduard Perez war der Ariſtides von Montevidev; ein ſtrenger Republicaner, ein be⸗ geiſterter Patriot, weihte er ſein langes Leben der Tugend, der Freiheit und ſeinem Lande. Vasquez, ein Mann von Talent und großer Bildung, leiſtete dem Land ſeine erſten Dienſte bei der Belagerung von Montevidev, im Krieg gegen Spanien, und endete ſeine Laufbahn wäh⸗ rend der Belagerung gegen Roſas. Herrera, Alvarez und Ellauri, Schwäger von Obes, bleiben hinter den Vorgenannten nicht, zu⸗ rück; ſie gehörten nicht bloß dem öſtlichen Staate als treue Vertheidiger, ſondern auch der ganzen americaniſchen Sache an. Ihre Namen werden daher auch ſtets heilig ſein in dieſem großen Lande des Columbus, das ſich vvm Cap Horn bis an die Barrow'ſche Meerenge erſtreckt. Manuel Oribe. Die Präſidentſchaft Rivera's ging 1834 zu Ende; der General Manuel Oribe folgte ihm durch den Einfluß Rivera's ſelbſt, der an ihm einen Freund und Fortſezer ſeines Syſtems zu haben überzeugt war. In der That war Ma⸗ 58 nuel Oribe von Rivera zum General ernannt worden und hakte als Kriegsminiſter in ſeinem Cabinet geſeſſen. Oribe gehörte zu den erſten Familien des al Landes. Nach 1811 kämpfte er für ſeine Ver⸗ ti theidigung und zeichnete ſich ſtets durch perſön⸗* liche Bravvur aus; aber er war ein ſchwacher ih Kopf und hatte wenig Verſtand; dieß erklärt ſein Bündniß mit Roſas, dem er ſich gänzlich hingab,. of ohne zu bedenken daß es den Untergang derſel⸗ be ben Unabhängigkeit mit ſich führte für welche er Fe Oribe, ſo oft gekämpft hatte. Als General war er gänzlich unfähig; ſeine Leidenſchaften hatten die Heftigkeit der nervöſen Naturen und trieben ihn zur Grauſamkeit; ſonſt un war er ein entſchloſſener Mann. Als Regent war er öconomiſcher als Rivera, eil und man kann ihm nicht vorwerfen daß er das de Deficit des Staatsſchazes vergrößert habe; gleich⸗ P wohl fällt die ganze Verantwortung ſür den Un⸗ 5 S tergang des öſtlichen Staates auf ſein Haupt. Er vergaß daß man, um Parteihaupt zu ſein, di etwas mehr als den Willen dazu beſizen muß, w und trennte ſich von der großen nationalen Pa⸗ in tei die Rivera zum Chef hatte; er wollte ſich eine eigene Partei ſchaffen, erweckte das Wiß⸗ trauen des Landes und warf ſich, erſchrocken über ſeine Schwäche, Roſas in die Arme. Obſchor der Allianzvertrag geheim blieb, ſchöpſte man doch zö Verdacht daß er an den geheimen Feindſeligkeiten tu der Regierung gegen die argentiniſche Emigration rir „ 59 Theil nehme, und da Nichts der öffentlichen Mei⸗ nung mehr zuwider lief als das Roſas'ſche Sy⸗ ſtem, ſo trat das Land auf die Seite Rivera's, als dieſer ſich 1836 an die Spize einer Revolu⸗ tion gegen Oribe ſtellte. Troz dieſer beinahe einſtimmigen Oppoſition die ihn bedrohte, widerſtand Oribe bis zum Jahr 1838. Er verließ den Präſidentenſtuhl durch eine officielle Verzichtleiſtung vor den Kammern und begab ſich ins Ausland, nachdem er dieſelben Kammern um Erlaubniß gebeten hatte ſich zurück⸗ zuziehen. Aber als er aus dem Lande war, zwang ihn Roſas gegen dieſe Verzichtleiſtung zu proteſtiren, und, was man in America noch nie erlebt hatte, er erkannte ihn als Oberhaupt der Regierung eines Landes aus welchem er ſelbſt verjagt wor⸗ den war. Dieß war ungefähr wie wenn Ludwig Philipp in Claremont einen Vicekönig der fran⸗ zöſiſchen Republik ernannt hätte. In Montevidev lachte man Anfangs über dieſe Excentrieität des Dictators; er aber traf während dieſer Zeit Anſtalten um das Gelächter in Thränen zu verwandeln. Die natürliche Folge davon war der Krieg zwiſchen den beiden Nationen. Dieſer Krieg war furchtbar. Hribe, den einige von Roſas bezahlte fran⸗ zöſiſche Journale den hochberühmten und tugendhaften Oribe genannt haben, war da⸗ rin zugleich General und Henker. 60 welche Südamerica geliefert, und auf denen die Geſchichte, als klagende Mutter in der Gegen⸗ wart und als rächende Göttin für die Zukunft, zehntauſend Morde eingetragen hat. Greifen wir aufs Gerathewohl unter die Be⸗ richte welche Roſas von ſeinen Offizieren und Agenten erhielt. Der General Don Mariano Acha, der in der feindlichen Armee dient, vertheidigt San Juan und ergibt ſich am 22. Auguſt 1842 nach achtund⸗ vierzigſtündigem Widerſtand. Don Joſe Santos f Ramirez, Offizier von Roſas, übermacht jezt der Regierung von San Juan den officiellen Bericht über dieſes Ereigniß; es findet ſich darin folgen⸗ der Saz: Alles iſt in unſerer Gewalt, aber mit Pardon und Garantie für alle ein Sohn von La Madrid. Nehmet die Nummer 3067 des Diario de la Tarde, d. h. des Abendblattes von Buenos⸗ Gefangene; unter ihnen befindet . Ayres vom 20. October 1841, dann werdet ihr neben dem vfficiellen Bericht von Joſe Santos Ramirez, welcher die Garantie für das Leben der Gefangenen darthut, folgenden Saz leſen:. Desaguadero 22. September 1841. „Der angebliche unitariſche Wilde Mariano Acha iſt geſtern enthauptet und ſein Kopf öffentlich ausgellt worden. Unt. Angel Pacheco“. Geben wir hier einige dieſer blutigen Blätter —-— 61 Dieſer Angel Pacheco, ein Offizier von Ro⸗ ſas, darf nicht verwechſelt werden mit ſeinem Vetter Pachecv y Obes, einem der hartnäckigſten Feinde des Dietators. Wartet; ihr erinnert euch daß im Bericht von Ramirez die Stelle vorkommt: „Unter den Gefangenen befindet ſich ein Sohn von La Madrid“. Oeffnet die Gaceta mercantile Nro. 5703, vom 21. Auguſt 1842, ſo werdet ihr darin fol⸗ genden Brief finden welchen Nazario Benavides an Don Juan Manuel Roſas geſchrieben hat. Miraflores; auf dem Marſch, 7. Juli 1842. „In meinen früheren Depeſchen habe ich Ihnen die Gründe mitgetheilt warum ich den wilden Ciriaco La Madrid am Leben ließ; da ich jedoch erfuhr daß er ſich an mehrere Häupter der Pro⸗ vinz gewendet hat um ſie zum Abfall zu verlei⸗ ten, ſo habe ich ihn bei meiner Ankunft in Rioja enthaupten laſſen, wie auch den unitariſchen Wil⸗ den Manuel Julian Frias von Santiagv. Unt. Nazario Benavides“. Manuel Oribe befehligt die Roſas'ſche Armee welche die argentiniſchen Provinzen unterwerfen ſoll, und ſchlägt am 11. April 1842 auf dem i von Santa Fe den General Juan Pablo opez.* Unter den Gefangenen befindet ſich der Ge⸗ neral Don Juan Apoſtol Martinez. Leſet folgendes Bruchſtück aus einem Brief von Oribe. „Im Hauptquartier der Barrancas de Cu⸗ ronda, 17. April 1842. „Etliche und dreißig Todte und einige Ge⸗ ziet fangene, worunter der unitariſche Wilde und an⸗ Ker gebliche General Juan Apoſtol Martinez, wel⸗ chem geſtern der Kopf abgeſchnitten wurde. „Unt. Manuel Oribe“. dar Wenn die Gaceta mercantile euch noch zur 3 Hand iſt, ſo ſchlaget ſie noch einmal auf, dann Sl werdet ihr in der Nummer 5903, unterm 20. M. September 1842, einen officiellen Bericht von Manuel Antonio Saravia, Beamten in der Ar⸗ mee Oribe's, finden. Dieſer Bericht enthält eine Liſte von ſiebzehn da' Individuen worunter ein Bataillonschef und ein Ko) Lapitän, die in Numayan gefangen genommen eun wurden und die gewöhnliche Züchtigung der Todesſtrafe erleiden mußten. Kehren wir zu dem hochberühmten und tugendhaften Oribe Nr. 3067 des Piario de la Tarde vom 21. October 1842 zurick.„A Er berichtet darin über die Schlacht von Monte Grande. „Hauptquartier Ceibal, 14. September 1842. Unter dieſen Gefangenen befanden ſich der unitariſche Wilde und Verräther Exoberſt Faciendo 63 Borda, der auf der Stelle nebſt andern A angeblichen Offizieren ſowohl von ſein der Reiterei als der Infanterie hinge⸗ richtet wurde. Unt. Manuel Oribe.“ Cv⸗ Ge⸗ an⸗ el⸗ te zur ann von Ar⸗ zehn ein men ung und ario von 842. der endo ern bon ſein, wo bereits die Köpfe der angebli⸗ 63 Oribe hat Glück. Ein Verräther liefert ihm den Gouverneur von Tucuman nebſt ſeinen Offi⸗ zieren aus; er beeilt ſich daher Roſas davon in Kenntniß zu ſezen. Sein Brief lautet wie folgt: „Hauptquartier Metau, 2. October 1842. „Die unitariſchen Wilden welche der Comman⸗ dant Sandoval mir ausgeliefert hat, nämlich Marion, der angebliche Generalgouverneur von Tucuman, Avellaneda, der angebliche Oberſt J. M. Vilela, der Capitän Joſe Eſpejo und der Oberlieutenant Leonardo Roſas ſind auf der Stelle in der gewöhnlichen Form hin⸗ gerichtet worden, mit Ausnahme Avellane⸗ da's, dem ich den Kopf abſchlagen ließ; dieſen Kopf ließ ich dann auf dem Marktplaz zu Tu⸗ cuman ausſtellen. „Unt. Manuel Oribe.“ Laſſen wir dieſen hier und gehen wir zu ei⸗ nem andern Henkersknecht von Roſas über. „Catamarea, den 29. des Roſasmonats 1841. „An Seine Excellenz den Herrn Gouverneur D. Cl. Arredondv. Nach mehr als zweiſtündigem Feuer und nach⸗ dem wir die ganze Infanterie in die Pfanne ge⸗ hauen, wurde auch die ganze Cavallerie vernich⸗ tet, und der Anführer allein iſt über den Cerro d'Ambaſte entkommen. Man verfolgt ihn, und ſein Kopf wird bald auf dem Marktplaz zu ſehen 64 chen Miniſter Gonzalez und Dulce ſo⸗ wie Eſpeches prangen. „Unt. M. Maza. „Es lebe die Conföderation!“ Derſelbe Maza bringt eine lange Namensliſte von unitariſchen Wilden, angeblichen Führern und Offizieren die nach der Schlacht vom 29. hingerichtet wurden. Es befinden ſich darunter Offiziere aller Grade vom Oberſten abwärts. Unterm 4. November 1841 ſchreibt er von Catamarca aus: „Ich habe Ihnen bereits gemeldet daß wit den unitariſchen Wilden Cubas gänzlich geſchla⸗ gen, daß man ihn verfolge und daß wir bald den Kopf des Banditen haben würden. Er wurde in der That in Cerro d'Ambaſte, und zwar in ſeinem Bette gefangen; folglich befindet ſich der Kopf des Banditen Cubas auf dem Marktplaz dieſer Stadt ausgeſtellt. „Nach dem Treffen:* „Man hat neunzehn Offiziere von Cubas ge⸗ fangen genvmmen. Ich habe keinen Par don gegeben. Der Sieg war vollſtändig und nicht ein einziger iſt mir entronnen. „Unt. M. Maza“. Halten wir beiläufig eine Nachleſe im Bo⸗ letin da Mendoza, Nr. 12. Folgender Brief iſt auf dem Schlachtfeld von Arroyo Grande geſchrieben, und zwar von dem Oberſten Don Geronimo Coſta an den Gouver⸗ neur Aldao: zi 5 rern 20 unter von wir ſchla⸗ bald wurde ar in ch det ktplaz s ge⸗ Par g und ² Br⸗ d von n dem et 65 „Wir haben mehr als 150 Chefs und Offi⸗ ziere gefangen genommen die auf der Stelle hingerichtet wurden.“ Jedes Feuerwerk hat ſein Bouquet; ſchließen wir dieſes Blutfeuerwerk auch mit einem ſolchen. Ich komme auf Roſas zurück. Der Oberſt Zelallaran wird getödtet. Man. bringt Roſas ſeinen Kopf. Roſas amüſirt ſich drei Stunden lang damit daß er dieſen Kopf mit dem Fuß herumſtößt und anſpuckt; dann hört er daß ein anderer Oberſt, der Waffenbruder des Genannten, Gefangener iſt. Sein erſter Gedanke iſt ihn erſchießen zu laſſen, aber er beſinnt ſich anders. Statt zum Tod, verurtheilt er ihn zur Tortur. Der Gefangene ſoll drei Tage hindurch je zwölf Stunden lang dieſen abgehauenen Kopf auf einem Tiſche vor ſich haben. Roſas läßt einen Theil der Gefangenen des Generals Paz mitten auf dem St. Niclasplaz erſchießen. Darunter befand ſich der Oberſt Vi⸗ dela, ehemaliger Gouverneur von Saint⸗Louis. Im Augenblick der Hinrichtung ſtürzt der Sohn des Verurtheilten ſeinem Vater in die Arme. — Erſchießet ſie alle Beide, ſagt Roſas. Und Sohn und Vater ſinken von Kugeln durchbohrt einander in die Arme. Im Jahr 1832 läßt Roſas achtzig indianiſche Gefangene auf einen Plaz von Buenos⸗Ayres führen und am hellen Tag vor den Augen aller Welt mit Bajonetten niederſtoßen. Camilla OGorman, ein junges Mädchen von Garibaldi. I. 5 1 1 66 achtzehn Jahren, aus einer der erſten Familien von Buenos⸗Ahres, wird von einem vier und zwanzigjährigen Prieſter verführt. Sie verlaſſen die Stadt mit einander und flüchten ſich in das Dörfchen Corrientes, wo ſie ſich für verheirathet ausgeben und eine Art von Schule errichten. Corrientes fällt in die Gewalt des Dictators. Von einem Prieſter erkannt und bei Roſas de⸗ nuncirt, werden ſie nach Buenos⸗Ahres zurück⸗ gebracht, wo Roſas ohne Weiteres befiehlt man ſolle ſie erſchießen. Man wendet ein, Camilla O Gorman ſei im achten Monat ſchwanger. — So taufet den Bauch! ſagt Roſas, der als guter Chriſt die Seele des Kindes retten will. Nachdem der Bauch getauft iſt, wird Camilla O Gorman erſchoſſen. Drei Kugeln fuhren durch die Arme der un⸗ glücklichen Mutter, die inſtinetmäßig ihre Hände ausgebreitet hatte um ihr Kind zu ſchüzen. Jezt, wie kommt es daß Frankreich Leute wie Roſas zu Freunden und Leute wie Garibaldi zu Feinden hat? Und in der That erhöhte der Vertrag von 1846, der vom Admiral Mackau unterzeichnet iſt und ſeinen Namen führt, die Gewalt des Die⸗ tators, mit welchem nur die öſtliche Republik den Kampf fortſezte. Damals erſchien Garibaldi bei ſeiner Rückkehr von Rio Grande. Auf der einen Seite Roſas und Oribe, d. h. 67 die Stärke, der Reichthum, die Macht im Kampfe für den Deſpotismus. Auf der andern Seite eine arme kleine Re⸗ publik, eine Stadt mit geſchleiften Mauern, ein leerer Schaz, ein Volk ohne alle Mittel, außer Stands ſeine Vertheidiger zu bezahlen, aber für die Freiheit ſtreitend. Garibaldi beſann ſich nicht; er ging geraden⸗ wegs zu dem Volk und zu der Freiheit. Wir geben ihm die Feder zurück und laſſen ihn ſeine Kämpfe während dieſer hartnäckigen Belagerung erzählen, die neun Jahre dauerte, bei⸗ nahe ſo lang als die Belagerung Trojas. F. Ich ſprenge meine Schiffe in die Luft. Der wahre Grund der Expeditivn war nicht daß man den Bewohnern von Corrientes Unter⸗ ſtüzung und Lebensmittel bringen, ſondern daß man ſich meiner entledigen wollte. Wie kam es daß ich in meiner noch ſo un⸗ bedeutenden Stellung bereits ſo mächtige Feinde hatte? Dieß iſt ein Geheimniß das ich niemals ergründen konnte. Bei meiner Einfahrt in den Fluß befand ſich die öſtliche Armee zu San Joſe in Uruguay und die Armee Oribe's in Bajada, der Hauptſtadt der Provinz Entre Rios; beide bereiteten ſich zum Kampfe vor; die Armee von Corrientes ihrerſeits traf Anſtalten um zur bſtlichen Armee zu ſtoßen. Ich ſollte den Parana hinauf bis nach Cor⸗ rientes fahren, d. h. eine Entfernung von ſechs⸗ hundert Miglien zwiſchen zwei feindlichen Ufern, und überdieß verfolgt von einem Geſchwader das viermal ſtärker war als das meinige. Während dieſer ganzen Fahrt konnte ich nur an öden Inſeln oder Küſten landen. Als ich Montevidev verließ, konnte man hun⸗ dert gegen eins wetten daß ich nie mehr zurück⸗ kommen würde. Gleich bei meiner Wegfahrt hatte ich einen Kampf mit der Batterie von Martin⸗Garcia zu beſtehen, einer Inſel in der Nähe des Zuſammen⸗ fluſſes der zwei großen Ströme Parana und Uru⸗ guay, wo man ſchlechterdings vorüberfahren muß, da nur ein einziger Canal in halber Kanonen⸗ ſchußweite von der Inſel für Schiffe von einer gewiſſen Tonnenzahl vorhanden iſt. Ich hatte einige Todte und unter ihnen einen wackern italieniſchen Offizier, Namens Poecarobba, dem eine Kanonenkugel den Kopf wegriß. Ueberdieß hatte ich acht oder zehn Verwundete. Drei Miglien von der Inſel Martin⸗Garcia gerieth die Conſtitution in den Sand. Un⸗ glücklicher Weiſe trat der Unfall zur Ebbezeit ein. Es koſtete uns unſägliche Mühe ſie wieder flott zu machen; aber bei dem Muth der Mann⸗ S zog ſich unſere kleine Flotille noch aus der Sache. Während wir damit beſchäftigt waren alle ſchweren Gegenſtände auf die Ghlette zu ſchaffen, nur hun⸗ rück⸗ inen zu men⸗ Uru⸗ muß, nen⸗ einer einen obba, wdete. arcia Un⸗ ein. ieder kann⸗ 8 der alle — 69 begannen wir das feindliche Geſchwader heran⸗ kommen zu ſehen; es zeigte ſich auf der andern Seite der Inſel und ſteuerte in ſchöner Ordnung auf uns los. Ich befand mich in einer ſchlimmen Lage; um die Conſtitution flott zu machen, hatte ich alle Kanonen auf die Gölette Proceda ſchaf⸗ fen laſſen, wo ſie angehäuft ſtanden und folglich ganz nuzlos waren. Es blieb uns alſo nur die Brigantine Pereſia, deren muthiger Commandant ſich mit dem größten Theil ſeiner Mannſchaft in meiner Nähe befand und uns bei unſerer Arbeit unterſtüzte. Inzwiſchen rückte der Feind, ſtolz anzuſehen, unter dem Beifallsgeſchrei der Truppen auf der Inſel und ſiegesgewiß mit ſieben Schiffen auf uns an. Troz der drohenden Gefahr worin ich mich befand, verzweifelte ich nicht. Nein, Gott ſchenkt mir die Gnade daß er mich bei ſolchen äußerſten Gelegenheiten ſtets mein Vertrauen auf ihn feſt⸗ halten läßt; aber ich überlaſſe es Andern, und beſonders den Seeleuten, meine Lage zu beur⸗ theilen. Es handelte ſich nicht bloß das Leben — auf dieſes hätte ich in einem ſolchen Augen⸗ blick gerne verzichtet— ſondern auch die Ehre zu retten. Je ſicherer die Leute die mich hieher geſchoben darauf gerechnet hatten daß ich meinen Ruf da laſſen würde, um ſo feſter war ich ent⸗ ſchloſſen ihn blutig, aber rein aus dieſem ſchlim⸗ men Orte zu ziehen. 70 Es handelte ſich nicht darum dem Kampf aus⸗ zuweichen, ſondern ihn in der beſtmöglichen Stel⸗ lung anzunehmen. Da nun meine Schiffe, weil ſie leichter waren als die feindlichen, weniger Waſſer zogen, ſo fuhr ich ſo viel als möglich ans Ufer, das mir, wenn auf dem Fluſſe Alles ver⸗ loren ging, als leztes Rettungsmittel die Landung bot. Ich ließ das Verdeck der Gölette ſo viel als möglich räumen, damit einige Kanonen Dienſt thun konnten, und nachdem dieſe Anordnungen getroffen waren, wartete ich. Das Geſchwader das mich angreifen wollte war von Admiral Brown befehligt; ich wußte alſo daß ich es mit einem der tapferſten See⸗ leute zu thun hatte. Der Kampf wüthete drei Tage, ohne daß der Feind es für gerathen hielt eine Enterung zu verſuchen. Am Morgen des dritten Tages hatte ich zwar noch Pulver, aber keine Wurfgeſchoſſe mehr. Ich ließ die Ketten der Schiffe zertrümmern, die Nägel, Hämmer, alles Kupfer und Eiſen was die Kanonenkugeln und Kartätſchen erſetzen konnte, zuſammenraffen und ſchleuderte Alles dem Feinde ins Geſicht. Endlich gegen die Neige des dritten Tages, als ich nicht ein einziges Wurfgeſchoß mehr an Bord und über die Hälfte meiner Leute ver⸗ loren hatte, ließ ich die drei Schiffe anzünden, während wir unter der feindlichen Kanvnade das Land erreichten, wobei jeder Mann ſeine Muskete n — — S— — 8— c—=— 8 aus⸗ Stel⸗ weil niger ans ver⸗ dung viel ienſt ngen vollte wußte See⸗ ß der zu zwar 50 as die onnte, Feinde Lages, hr an e ver⸗ ünden, e das uskete 71 mitnahm und jeder ſeinen Antheil an noch übri⸗ gen Patronen erhalten hatte. 3 Alle transportabeln Verwundeten wurden mit⸗ genommen. Was die andern betrifft, ſo habe ich bereits geſagt wie es bei ſolchen Gelegen⸗ heiten zu gehen pflegt. Aber wir waren 150 oder 200 Miglien von Montevideo entfernt und auf einem feindlichen Ufer. Zuerſt verſuchte es die Beſazung der Inſel Martin⸗Garcia uns zu beläſtigen; aber noch ganz warm von unſerem Gefecht mit dem Admiral Brown, empfingen wir ſie ſo daß ſie nicht wieder kamen. Dann machten wir uns auf den Weg durch die Wüſte und lebten von den wenigen Mund⸗ vorräthen die wir mitgebracht, und die wir uns auf dem Marſch verſchaffen konnten. Die Oeſtlichen hatten neuerdings die Schlacht am Arroyo Grande⸗ verloren; wir vereinigten uns mit den Flüchtlingen die ich um mich ſammelte, und nach fünf⸗ oder ſechstägigen Gefechten, Ent⸗ behrungen und Leiden wovon man ſich keinen Be⸗ griff machen kann, zogen wir wieder in Montevi⸗ dev ein, wohin ich unverſehrt dasjenige zurückbrachte was ich nach der Meinung ſo Vieler hätte ver⸗ lieren müſſen: Die Ehre! Dieſes Gefecht und mehrere andere die ich gegen den Admiral Brown zu beſtehen hatte, ſezten mich bei ihm in ſo gute Erinnerung, daß er noch während des Krieges den Dienſt des Dietators verließ. Er kam nach Montevideo und ſuchte mich auf, ehe er ſeine eigene Familie ſah. Er traf mich in meinem Haus auf dem Portone küßte mich einmal ums andere als wenn ich ſein Sohn geweſen wäre; der treffliche Mann konnte es nicht müde werden mich an ſeine Bruſt zu drücken und ſeiner innerſten Theilnahme zu ver⸗ ſichern. Dann als er mit mir fertig war, wandte er ſich gegen Anita und ſagte: — Madame, ich habe lange Zeit gegen Ihren Gatten gekämpft und zwar ohne Erfolg; ich ſezte meinen Kopf darauf ihn zu überwinden und zu meinem Gefangenen zu machen, aber es iſt ihm ſtets gelungen mir zu widerſtehen und zu entkom⸗ men. Hätte ich das Glück gehabt ihn zu be⸗ kommen, ſo würde er aus meiner Behandlung erſehen haben wie hoch ich ihn ſchäze Ich erzähle dieſe Anecdote, weil ſie dem Ad⸗ miral Brown mehr Ehre macht als mir ſelbſt. III. Man bildet die Legionen. Nach dem Sieg von Arroyv Grande mar⸗ ſchirte Oribe auf Montevidev, mit der Erklärung daß er Niemand begnadigen würde, nicht einmal die Ausländer. Inzwiſchen wurde Alles was ihm in den Weg kam geköpft oder erſchſſen. Da ſich damals in Montevidev viele Italienet und ſah. tone ſein nnte tzu ver⸗ te er hren ſezte d zu ihm tkom⸗ ube⸗ lung Ad⸗ ſt. mar⸗ ärung inmal Weg liener 73 befanden, die theils in Handelsgeſchäften theils in Folge ihrer Verbannung gekommen waren, ſo erließ ich an meine Landsleute einen Aufruf daß ſie die Waffen ergreifen, eine Legion bilden und bis zum Tod für dieſe Leute kämpfen ſollten die ihnen Gaftfreundſchaft geſchenkt hatten. Während dieſer Zeit vereinigte Rivera die Reſte ſeiner Armee. Ihrerſeits bildeten Franzoſen eine Legivn mit. welcher die franzöſiſchen Basken ſich vereinigten, während die Spanier eine bildeten an welche ſich die ſpaniſchen Basken anſchloßen. Aber drei oder vier Monate nach ihrer Bildung ging die ſpaniſche Legion, die großentheils aus Carliſten beſtand, zum Feinde über und wurde die Hauptkraft des Angriffs, wie die italieniſche Legion die Haupt⸗ kraft der Vertheidigung war. Die italieniſche Legion erhielt keinen Sold, aber Rationen Brod, Wein, Salz, Oel und der⸗ gleichen; jedoch ſollten nach dem Krieg die Ueber⸗ lebenden oder die Frauen und Kinder Ländereien und Vieh erhalten. Die Legion beſtand Anfangs aus 4— 500 Mann, hernach ſtieg ſie bis auf 800, denn je mehr vie europäiſchen Schiffe verbannte Italiener brachten, oder ſolche die ihr Glück geſucht hatten, ihre Hoffnungen aber durch den ſchlechten Stand der Dinge getäuſcht ſahen, um ſo ergiebiger wur⸗ den die Anwerbungen. Die Legion war Anfangs in drei Bataillone 74 getheilt, das erſte unter Danuzio, das zweite unter Ramella, das dritte unter Manecini. Oribe wußte um alle dieſe Vorbereitungen zur Vertheidigung, nur glaubte er nicht daran. Er marſchirte, wie ich geſagt habe, auf Montevidev, lagerte aber in Cerrito. Vielleicht hätte er bei der Unordnung die in der Stadt herrſchte mit einem Schlag eindringen können; allein er glaubte zahlreiche Anhänger zu haben, und erwartete eine Kundgebung von ihnen. Dieſe Kundgebung kam nicht zu Stande, und ſo gab Oribe der Stadt Zeit die Vertheidigung zu organiſiren. Er blieb alſo ungefähr eine Marſchſtunde von Montevidev mit 12— 14,000 Mann ſtehen. Die Stadt konnte ihnen nach einer gewiſſen Zeit 9000 Mann entgegenſtellen, worunter 5000 Schwarze denen man die Freiheit geſchenkt hatte und die vortreffliche Soldaten abgaben. Als Oribe die Hoffnung aufgegeben hatte auf freundſchaftlichem Wege in Montevidev ein⸗ zuziehen, befeſtigte er ſich in Cerritv, und die Schar⸗ müzel begannen. Die Montevideaner befeſtigten ſich ebenfalls ſo gut ſie konnten; unſer Ingenieur war der Oberſt Echevarriv. Die oberſte Organiſation der Truppen war dem General Paz vertraut. Jvaquin Suarez war Präſident, Pacheco) Obez war Kriegsminiſter. Bald verließ Paz Montevidev um Corrientes und Entre⸗Rios aufzuwiegeln. hin Sc Leg und hab dan ſchr ein mö Ju lich weite zer Er idev, bei mit wbte eine kam Stadt von iſſen 5000 hatte hatte ein⸗ char⸗ falls der war co h entes 75 Als man zum erſten Mal über die Linien hinauszog, wurde, ich weiß nicht ob durch die Schuld der Führer oder der Soldaten, die ganze Legion von einem paniſchen Schrecken ergriffen und kehrte heim, ohne einen Schuß gethan zu haben. Ich nöthigte einen der drei Comman⸗ danten ſeine Entlaſſung einzureichen. Dann hielt ich eine kräftige Anrede an die Italiener und ſchrieb zum zweitenmal an Auzani, der ſich in einem Handlungshaus in Uruguay befand, er möchte doch zu mir kommen. Dieſer treffliche Freund ſtellte ſich um den Juli ein. Mit ihm gewann Alles wieder Kraft und Leben; die Verwaltung der Legion war ſchauer⸗ lich; er widmete ihr alle Sorgfalt. Während dieſer Zeit hatte man, ſo gut es gehen wollte, wiederum eine kleine Flottille or⸗ ganiſirt deren Commando mir übertragen wurde. Mancini nahm meinen Plaz an der Spize der Legion ein. Die Flotille ſtand durch den Fluß mit dem Cerrv in Verbindung, einer Feſtung die in der Gewalt der Montevideaner geblieben, obſchon ſie drei oder vier Stunden weiter hinweg auf dem Plataufer lag als der Cerritv, der in die Gewalt Oribe's gefallen war. Der Cerro war für uns ſehr nothwendig. Er war ein Stüzpunkt um ſich zu verproviantiren, um Streifpartien auf die Ebene zu ſchicken und um die Flüchtigen zu ſammeln. 76 Vor der Organiſation der Vertheidigung hatte das Geſchwader des Admirals Brown einen Ver⸗ ſuch auf den Cerro und die Ratosinſel gemacht. Drei Tage lang vertheidigte ich die Inſel und die Feſtung. Die Inſel hatte 18⸗ und Z2pfünder, und ich nöthigte den Admiral Brown ſich mit großen Verluſten zurückzuziehen. Ich habe geſagt daß bei der Ankunft Auzani's die Beutelſchneidereien aufgehört hatten; ſeine Ehrenhaftigkeit machte ihren Einfluß auf allen Märkten geltend; die Beutelſchneider fanden ihre Rechnung nicht. Jezt wurde ein Complot gebildet das zur Abſicht hatte uns Beide zu ermorden und die italieniſche Legion an den Feind zu verkaufen. Auzani erhielt Wind davon. Die Verſchworenen ſahen daß da nichts zu machen war, und eines Morgens als die Legion auf dem Vorpoſten ſtand, gingen 20 Offiziere und 50 Soldaten zum Feind über. Aber die Soldaten kehrten, dieſe Anerkennung ſind wir ihnen ſchuldig, allmählig einer nach dem andern wieder zurück. Die Legion war ſomit von den Verräthern geſäubert, was nur zum Glück ausſchlagen konnte; Auzani ließ die ganze Mannſchaft antreten. — Hätte ich zwiſchen den Guten und den Schlechten ſichten wollen, ſagte er, ſo wäre mir dieß nicht ſo gut gelungen wie es jezt durch das Benehmen der Schlechten gelungen iſt. Ger wel Beg rau und nom ang und der gegr Die ein Pfer wir 200 ſecht and das zuri ſam ſche geft Feu war dar nung dem thern nnte; den e mit das 77 Ich haranguirte die Truppen ebenfalls; der General Pacheco hielt eine Rede. Einige Tage nach dem erſten Auszug, bei welchem die italieniſche Legion einen ſo traurigen Begriff von ſich eingeflößt hatte, beſtand ich da⸗ rauf daß man ſie wieder zu Ehren bringen ſolle, und beantragte eine Expedition die auch ange⸗ nommen wurde. Man ſollte die Truppen Oribe's angreifen die vor dem Cerro ſtanden. Pacheco und ich ſtellten uns an die Spize der Legion; der Feind wurde um zwei Uhr Nachmittags an⸗ gegriffen und um fünf Uhr in die Flucht geſchlagen. Die Legion, die aus 400 Mann beſtand, griff ein Bataillon von 600 an. Pacheco war zu Pferde, ich je nach Bedarf zu Fuß oder zu Pferd; wir tödteten dem Feind 150 Mann und nahmen ihm 200 Gefangene ab. Wir ſelbſt hatten fünf oder ſechs Todte und ungefähr zehn Verwundete, unter andern einen Offizier Namens Ferrecei, dem man das Bein abſchneiden mußte. Wir kehrten im Triumph nach Montevideo zurück; Tags darauf ließ Pacheco die Legion zu⸗ ſammenkommen, ſpendete ihr Lob und Dank und ſchenkte dem Sergenten Loreto eine Ehrenflinte. Das Gefecht hatte am 28. März 1843 ſtatt⸗ gefunden. Jezt war ich ruhig; die Legion hatte die Feuertaufe empfangen. Im Mai ſegnete man die Fahne ein. Sie war von ſchwarzem Stoff und der Veſuv war darauf gemalt. Dieß war das Sinnbild Italiens 78 . 3 3 und der Revolutionen die es in ſeinem Schovße barg. Sie wurde einem jungen Manne von zwanzig Jahren, Namens Sacchi, anvertraut, der ſich im Gefecht vom Cerro vortrefflich benommen hatte. Später kämpfte er mit mir in Rom und iſt jezt Oberſt. W. Der Oberſt Neyra. Am 17. November deſſelben Jahres hatte die italieniſche Legion Vorpoſtendienſt; ich befand mich allein bei ihr. Nach dem Frühſtück ſezte ſich der monte⸗ videaniſche Oberſt Nehra zu Pferd und durch⸗ ſtreifte die Linie mit etlichen Mann. Man ſchoß auf ihn und er fiel tödtlich ver⸗ wundet zu Boden. Als der Feind ihn fallen ſah, ſprengte er heran und bemächtigte ſich ſeines Leichnams. Kaum hörte ich dieß, ſo raffte ich, um den Leichnam eines ſo tapfern Offiziers nicht den Beſchimpfungen des Feindes preiszugeben, etwa hundert Mann, wie ſie mir gerade unter die Hand kamen, zuſammen und griff mit ihnen an⸗ Ich bekam den Leichnam des Oberſten wieder Aber jezt wurden die Soldaten Oribe's hart⸗ näckig und echielten ſolche Verſtärkung daß ich umzingelt wurde; auch mir kamen, als ſie dieß ſahe gant Leut nahr aus kräft ganz gem Anle aber Verl vider leger bewi geha ( wie nicht L ſeine er b volll eine net ooße unzig h im tte. id iſt ¹9 ſahen, neue Leute zu Hilfe, ſo daß allmählig die ganze Legiovn am Gefechte Theil nahm. Begeiſtert durch meine Zurufe, ſtürmten meine Leute jezt vor, warfen Alles über den Haufen, nahmen eine Batterie und verjagten den Feind aus ſeinen Stellungen. Er marſchirte jezt mit allen ſeinen Streit⸗ kräften auf uns zu. Die ganze oder beinahe die ſagte ihr Lob und Dank im Namen Italiens und ganze Garniſon zog aus, das Gefecht wurde all⸗ gemein und währte acht Stunden. Wir waren genöthigt worden die im erſten Anlauf genommenen Poſitionen wieder aufzugeben, aber wir hatten dem Feind einen ungeheuren Verluſt beigebracht, und wir blieben in Monte⸗ videv in Wahrheit als Sieger; unſere Ueber⸗ legenheit über den Feind war uns von nun an bewieſen. Wir hatten ſechszig Todte oder Verwundete gehabt. habt hatte mich ſo hinreißen laſſen, daß ich wie ein gemeiner Soldat angriff; ich hatte alſo nicht geſehen was um mich her vorging. Aber mitten im Gewühl hatte ich Auzani mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe kämpfen geſehen, und er beherrſchte, das wußte ich, die Schlacht ſo vollkommen daß kein Detail ihm entging. Noch am ſelben Abend erſuchte ich ihn um einen Bericht über diejenigen die ſich ausgezeich⸗ net hatten. Tags darauf ließ ich die Legion antreten, offizieren vor. Nach dieſen beiden Gefechten hatte die ita⸗ lieniſche Legion einen ſolchen Einfluß über den Feind gewonnen, daß er, wenn er ſie mit dem Bajonet heranmarſchiren ſah, ſie nicht mehr er⸗ wartete, oder wenn er ſie erwartete, ſo wurde er über den Haufen geworfen. Während dieſer Zeit war es Rivera gelungen ein kleines Armeecorps von 5— 6000 Mann zu⸗ ſammenzubringen, mit welchem er das Feld hielt und den Feind bekämpfte. Er hatte Urquiza, den dermaligen Präſidenten der argentiniſchen Republik, vor ſich. Von Zeit zu Zeit ſchickte er über den Cerro Proviant nach Montevidev. Oribe wurde es müde Rivera ſo manbvriren zu ſehen; er detachirte eine Abtheilung von ſeiner Armee zu Urquiza und überſchickte ihm den Be⸗ fehl mit Hilfe dieſer Verſtärkung Rivera zu ver⸗ nichten. V. Uebergang über die Boyada. Wir hörten in Montevideo daß die Leut Oribe's heranrückten. Jezt beſchloß der Generl Paz dieſe Schwächung zu benüzen. Jenſeits von Cerrito ſtand ein Corps vol ungefähr 1800 Mann das den Cerro beobachtete nahm Beförderungen unter Offizieren und Untet⸗ zeh Ce e ren unt übe tro wir erw vat unſ die wei die zwi das Cer abe füg ſein entt nter⸗ den dem r er⸗ ourde ngen n zu⸗ hielt enten Zeit nach riren ſeiner Be⸗ vet⸗ Leute eneral von chtete . 81¹ Wir brachen den 23. April 1844 Abends zehn Uhr auf. Der Plan war folgender: Wir wollten das Obſervationscorps vor dem Cerro angreifen; wenn Oribe dieß ſah, ſo mußte er Hilfe ſchicken und ſich dadurch ſchwächen; wäh⸗ rend dieſer Zeit ſollte die Garniſon ausrücken und das Lager angreifen. Wir zogen am Meeresufer hin und gingen über den Arroyo Seco, wo uns das Waſſer troz ſeines Namens bis unter die Schultern reichte. Auf der andern Seite angelangt, nahmen wir die Ebene und umgingen das Lager. Wir marſchirten ſo behutſam daß Niemand erwachte. Endlich kamen wir im Angeſicht des Obſer⸗ vationscorps an. Die Garniſon von Cerro ſollte ausfallen und unſern Angriff unterſtüzen. Die zwei Offiziere die dort commandirten bekamen Streit miteinander, weil jeder den Befehl für ſich verlangte. Wenn die 1800 Mann in die Flucht geſchlagen waren, ſo ſollten wir auf Oribe zurückkehren und ihn zwiſchen zwei Feuer nehmen, das unſrige und das Feuer der Garniſon. Dieſe Zänkerei im Cerro vereitelte Alles; die Garniſon zog aus, aber Oribe, der über ſeine ganze Macht ver⸗ fügen konnte, warf ſie zurück, und ſo konnte er ſeinerſeits auf uns marſchiren und den gegen ihn entworfenen Schlachtplan ausführen. Garibaldi. II. 6 82 Wir wurden alſo unſererſeits von der Armee Oribe's und dem Beobachtungscorps angegriffen; es blieb uns nichts Anderes übrig als den Rück⸗ zug auf den Cerro anzutreten und dem Feind möglichſt viel Schaden zuzufügen. Ich übernahm das Commando des Nachtrabs um dieſen Rückzug ſo kräftig als möglich zu decken. Zwiſchen uns und dem Cerro befand ſich ein ſchlammiger Bach Boyada genannt. Wir mußten hinüberwaten, obſchon uns der Koth bis an den Bauch ging. Um den Uebergang zu ſtören, hatte der Feind auf einem Hügel eine Batterie von vier Kanonen aufgepflanzt, die zu feuern begann als wir ins Waſſer ſtiegen. Aber die italieniſche Legion ge⸗ wöhnte ſich von Tag zu Tag beſſer an den Krieg. Sie beachtete dieſen Kartätſchenhagel ſo wenig als wäre es ein gewöhnlicher Hagel geweſen. Jezt ſah ich was für wackere Leute unſer⸗ Neger waren. Sie ließen ſich tödten indem ſie mit einem Knie auf der Erde den Feind erwat⸗ teten. Ich war mitten unter ihnen und konnte alſo ſehen wie ſie ſich benahmen. Der Kampf währte ſechs Stunden. Im Dienſte von Montevideo befand ſich ein Engländer. Mein Engländer vom lezten Feldzug hat mich mehr als einmal an ſeinen Landsmann erinnert. Er hatte von Pachecv, der ihn kannte, Vollmacht Alles zu thun was er für Montevide nülich Ler zun der ſieb vid Her Riv Leg gan den mee fen; ück⸗ eind 83 glauben würde. Er hatte 40 oder 50 Mann zuſammengebracht. Wir nannten ihn Samuel; ich weiß nicht ob er noch einen andern Namen hatte. Ich habe nie einen tapfereren Mann geſehen. Nach dem Uebergang über die Boyada kam er allein mit ſeiner Ordonnanz auf uns zu. — Nun Samuel, fragte ich ihn, wo iſt dein Regiment? — Regiment, rief er, Achtung! Niemand erſchien, Niemand antwortete; ſeine Leute waren alle getödtet worden, vom erſten bis zum lezten. Ein Tagesbefehl des Generals Paz ertheilte der italieniſchen Legion das größte Lob: ſie hatte ſiebzig Kampfunfähige. Wir kehrten über den Cerro nach Monte⸗ videv zurück. Samuel beſchäftigte ſich augenblicklich mit Herſtellung eines neuen Corps. VE Die italieniſche Legion lehnt die ihr angebotenen Ländereien ab. Am 30. Januar 1845 ſchrieb der General Rivera, der das Verhalten der italieniſchen Legion im Gefecht am Cerro und beim Ueber⸗ gang über die Boyada ſehr bewunderte, folgen⸗ den Brief an mich: „Mein Herr, „Als ich im vorigen Jahre der ehrenwerthen 84 franzöſiſchen Legion eine gewiſſe Anzahl von Ländereien ſchenkte, ein Geſchenk, das angenom⸗ men und in den Journalen beſprochen wurde, hoffte ich, der Zufall würde in mein Haupt⸗ quartier irgend einen Offizier der italieniſchen Legion führen, der mir Gelegenheit gäbe einen glühenden Wunſch meines Herzens zu befriedigen, d. h. der italieniſchen Legion meine Hochachtung zu beweiſen für die wichtigen Dienſte die Ihre Landsleute der Republit in ihrem Krieg gegen die Invaſionsarmee von Buenos⸗Ayres geleiſtet haben. „Um nicht länger Etwas aufzuſchieben was ich für eine heilige Pflicht halte, ſchicke ich an⸗ bei, und zwar mit dem größten Vergnügen, einen Schenkungsact zu Gunſten der berühmten und tapfern italieniſchen Legion, als aufrichtiges Pfand meiner perſönlichen Dankbarkeit für die herviſchen Dienſte welche dieſes Corps meinem Lande ge⸗ leiſtet hat. „Das Geſchenk kommt allerdings weder dieſen Dienſten noch meinem Wunſche gleich, und den⸗ noch werden Sie, wie ich hoffe, ſich nicht weigern es in meinem Namen Ihren Cameraden anzl⸗ bieten und ihnen meine Wohlgeneigtheit und Dankbarkeit zu vermelden, deren auch Sie ſelbſ als ihr würdiger Commandant ſich verſichert hal⸗ ten mögen, zumal Sie ſchon vor dieſer Zeit unſere Republik beigeſtanden und ſich ein ſo unbeſtreit⸗ bares Recht auf unſere Erkenntlichkeit erworben haben. von om⸗ rde, upt⸗ chen inen gen, tung Ihre egen eiſtet was an⸗ einen und fand ſchen ge⸗ ieſen den⸗ igern anzu⸗ und ſelbſ ha nſeret ſtreit⸗ orben 85 „Ich ergreife dieſe Gelegenheit, Oberſt, um Sie zu bitten daß Sie die Verſicherung meiner ausgezeichteten Hochachtung genehmigen mögen. „„Fructuoſo Rivera“. Das Merkwürdige dabei iſt daß dieſer vor⸗ treffliche Patriot ſein eigenes Vermögen angriff um uns dieſes Geſchenk zu machen. Die Län⸗ dereien die er uns anbot gehörten nicht der Re⸗ publil, ſondern waren ſein Privatbeſiz. Ich antwortete ihm daher am 23. Mai, um welche Zeit ich ſeinen Brief erhielt: „Eecellentissimo Signore, „Der Oberſt Parrodi hat mir, in Gegenwart ſämmtlicher Offiziere der italieniſchen Legion, Ihrem Wunſch zu Folge den Brief zugeſtellt wo⸗ mit Sie mich unterm 30. Januar beehrten, und zugleich eine Urkunde worin Sie aus freien Stücken der italieniſchen Legion einen Antheil Ländereien ſchenken die aus Ihren Beſizungen genommen ſind und, zwiſchen dem Arroyo de las Avenas und dem Arroyo Grande, im Norden von Rio Negro liegen, überdieß eine Viehheerde und die auf dem Terrain befindlichen Häuſer. „Sie ſagen daß Sie dieſe Schenkung als Be⸗ lohnung unſerer Dienſte für die Republik machen. „Die italieniſchen Offiziere haben, nachdem ſie Kenntniß von dem Brief und ſeinem Inhalt ge⸗ nommen, einſtimmig im Namen der Legion er⸗ klärt daß ſie, als ſie Waffen verlangten und der Republik ihre Dienſte anboten, nichts Anderes zu empfangen gehofft haben als die Ehre ſich bei 86 den Gefahren zu betheiligen, denen die Söhne des Landes das ihnen Gaſtfreundſchaft geſchenkt ausgeſezt ſind. Sie folgten dabei lediglich der Stimme ihres Gewiſſens. Nachdem ſie geleiſtet was ſie für eine einfache Pflichterfüllung halten werden ſie, ſo lange die Belagerung es nothwen⸗ dig macht, fortfahren die Mühſeligkeiten und Ge⸗ fahren der edlen Montevideaner zu theilen, aber ſie wünſchen keinen andern Lohn für ihre Arbeit. „Ich habe demnach die Ehre Eurer Excellenz die Antwort der Legion mitzutheilen die mit mei. nen eigenen Gefühlen und Grundſäzen vollkom⸗ men übereinſtimmt. „Ich ſchicke Ihnen alſo die Schenkungsacte zurück. „Gott verleihe Ihnen ein langes Leben. „Joſeph Garibaldi“, Die Italiener fuhren alſo fort ohne alle Ver⸗ gütung zu dienen; die einzige Art etwas Geld zu bekommen wenn ſie ſchlechterdings ein neues Kleidungsſtück brauchten, beſtand darin daß ſi den Dienſt für einen franzöſiſchen oder baskiſchen Kaufmann verrichteten, der dann ſeinem Erſaz⸗ mann etwa zwei franzöſiſche Franken bezahlte. Es verſteht ſich von ſelbſt daß, wenn ein Kampf ſtattfand, der Erſazmann für den Titulat focht und ſich tödten ließ. S —— =——— 2 e— — öhne henkt der eiſtet ten, wen⸗ Ge⸗ abet rbeit. ellenz mei⸗ lkom⸗ sacte i4. Ver⸗ Geld neues ß ſie iſchen Erſaz⸗ lte. n ein itular 87 VII. Rivera in Ungnade. Ich habe erzählt welchen Plan der General Paz bei unſerm nächtlichen Auszug aus Monte⸗ videv hatte. Gelang er, ſo veränderte er die ganze Sach⸗ lage, und Oribe wurde höchſt wahrſcheinlich zur Aufhebung der Belagerung gezwungen; aber nachdem dieſer Plan einmal ins Waſſer gefallen war, kehrten wir zu unſerer täglichen Garniſon zurück, d. h. zu den Vorpoſten die ſich auf beiden Seiten immer mehr befeſtigten, bis wir unſerer⸗ ſeits eine Linie von Batterien hatten die den feindlichen Batterien etwa entſprach. Mittlerweile verließ uns der General Paz, um den Aufſtand in der Provinz Corrientes zu leiten und der nationalen Sache dadurch aufzu⸗ helfen daß er den General Urquiza, der dem Ge⸗ neral Rivera gegenüberſtand, zur Theilung ſeiner Streitkräfte nöthigte. Aber die Sache ging keineswegs nach Wunſch, und zwar in Folge der Ungeduld des Generals Rivera, der, den beſtimmteſten Befehlen ſeiner Regierung zum Troz, eine Entſcheidungsſchlacht annahm und ſie auf den Feldern von India⸗ Muerte vollſtändig verlor. Unſere Landarmee wurde geſchlagen; zweitau⸗ ſend Gefangene, vielleicht noch mehr wurden, 88 allen Geſezen der Humanität und des Krieges zuwider, erdroſſelt, gehenkt und geköpft. Viele blieben auf dem Schlachtfeld; andere wurden in den unermeßlichen Steppen zerſtreut. Der General Rivera erreichte mit einigen Begleitern die braſilianiſche Grenze und wurde als der Urheber dieſes ungeheuren Unglücks von der Regierung verbannt. Nach dem Verluſt der Schlacht von India⸗ Muerte blieb Montevideo auf ſeine eigenen Mit⸗ tel angewieſen. Der Oberſt Correa übernahm das Commando der Garniſon. Inzwiſchen blieb die Seele der Vertheidigung zwiſchen Pacheco und mir eoncentrirt; einer unſerer Führer konnte indeß nach dieſer beklagenswerthen Schlacht noch verſchiedene Abtheilungen zerſtreuter Soldaten zu⸗ ſammenraffen und mit ihnen in den geeignetſten Gegenden den Guerillakrieg führen. Der General Llanos brachte ungefähr 200 Mann zuſammen, und da er ſich lieber mit den Vertheidigern von Montevideo vereinigen wollte, ſtürzte er über die Feinde die den Cerro beob⸗ achteten her, ſchlug ſich durch und kam zu uns in die Feſtung. Pachecv benüzte dieſe kleine Verſtärkung und ſ auf die Idee einen Handſtreich zu ver⸗ uchen. Am 27. Mai 1845 ſchifften wir in Monte⸗ video bei Nacht die italieniſche Legion und einige andere vom Cerro genommene Truppen ein und leg alt ein ver bra an an vor mö Vo den jen ſi nen geſe Tor Nu Off när wir zuri mic nän eges dere eut. igen urde von dia⸗ Rit⸗ ahm lieb heco nnte noch zu⸗ tſten 200 den llte, eob⸗ uns und ver⸗ nte⸗ nige und 89 legten uns mit dieſem kleinen Corps in einem alten verlaſſenen Pulverthurm in den Hinterhalt. Am Morgen des 28 machte die Reiterei des Generals Llanos, beſchützt von der Infanterie, einen Ausfall und lockte den Feind nach dem Pul⸗ verthurm zu; als dieſer dann in die Nähe kam, brachen die Unſrigen, mit der italieniſchen Legion an der Spize, heraus, griffen mit dem Bajonet an und bedeckten die Erde mit Leichen. Nun ſtellte ſich das ganze Obſervationscorps vor dem Cerro in Linie auf, und es begann ein mörderiſches Gefecht das ſich endlich zu unſerem Vortheil entſchied. Der Feind wurde gänzlich geſchlagen, mit dem Bajonet verfolgt, und es bedurfte eines jener Stürme worin Donner, Hagel und Regen ſich vermiſchen, Stürme von denen man ſich kei⸗ nen Begriff machen kann wenn man ſie noch nie geſehen hat, um dem Kampf ein Ende zu machen. Die Verluſte des Feindes waren bedeutend. Er hatte eine Menge von Verwundeten und Todten; unter den lezteren befand ſich der General Aunz, einer der beſten und tapferſten feindlichen Offiziere, der von der Kugel eines unſerer Legiv⸗ näre getödtet wurde. Ueberdieß erbeutete man viel Vieh, ſo daß wir voll Freude und Hoffnung nach Montevidev zurücktehrten. Das Gelingen dieſes Handſtreiches veranlaßte mich der Regierung einen andern vorzuſchlagen, nämlich die italieniſche Legivn auf der Flotille 90 einzuſchiffen, meine Leute ſo gut als möglich zu verſtecken und ſo den Fluß hinauf bis nach Bue⸗ nos Ayres zu fahren, daſelbſt bei Nacht zu lan⸗ den, mich nach der Wohnung des Diectators zu verfügen, ihn feſtzunehmen und nach Montevider zu bringen. Wenn dieſe Expedition gelang, ſo machte ſie dem Krieg mit einem einzigen Schlag ein Ende aber die Regierung ging nicht darauf ein. Inzwiſchen ging ich, wenn unſere Landarme manchmal Ruhe genoß, auf unſere kleine Flotil zurück, täuſchte die Wachſamkeit des Blocadege ſchwaders, fuhr in die See hinaus und entert irgend ein Kauffarteiſchiff, das ich dann, dem Co⸗ pitän Brown unter der Naſe, gefangen in do Hafen einbrachte. Hin und wieder lockte ich durch wohlberechne Manöver das ganze Blocadegeſchwader auf mi und machte den Hafen für Kauffarteiſchiffe fr welche der belagerten Stadt alle möglichen ang⸗ nehmen und nitzlichen Dinge brachten. Von Zeit zu Zeit ſchiffte ich mich auch mi etwa hundert der entſchloſſenſten Legionäre b Nacht ein und verſuchte einen Sturm auf di feindlichen Schiffe die ich wegen ihrer ſchwere Artillerie bei Tag nicht angreifen konnte; ab⸗ dieß war beinahe immer vergebens; der Feind der gegen meine Ueberrumpelungen auf der Hl war, blieb bei Nacht nicht vor Anker, ſonder verfügte ſich nach irgend einem fernen Ort w. ich ihn nicht vermuthete. ich de ſch Ke Ke M di ur ge A A tir ni te B ich zu Bue⸗ lan⸗ rs evidev hte ſie Ende; darme Flotill adege⸗ entert em Co⸗ in de rechnei uf mit ffe fre ang uch mi äre bo auf di chwers e; abe Fein der Hu ſonden Ort w 91 Endlich eines Tags zog ich, da ich der Sache durchaus ein Ende machen wollte, mit drei klei⸗ nen Schiffen, den am wenigſten ſchlechten des kleinen Geſchwaders, aus und beſchloß den Feind bei hellem Tage in der Höhe der Rhede von Monte⸗ videv anzugreifen. Das Geſchwader des Dictators beſtand aus drei Kriegsſchiffen; dem 25. März, dem General Echague und dem Maypu; dieſe drei Schiffe führten 84 Kanonen, Ich hatte bloß acht von kleinem Caliber, aber ich kannte meine Leute: wenn es uns gelang an den Feind zu kommen, ſo war er verloren. Ich rückte in Schlachtlinie gegen das Ge⸗ ſchwader vor. Schon waren wir beinahe in Kanonenſchußweite, noch eine Miglie, und der Kampf wurde unvermeidlich. Alle Terraſſen von Montevidev waren von Neugierigen bedeckt, und die Maſten der im Hafen liegenden Kauffartei⸗ und Kriegsſchiffe aller Nationen waren ſo zu ſa⸗ gen mit Menſchen beflaggt. Alle dieſe Zuſchauer harrten angſtvoll dem Ausgang eines Gefechtes entgegen das mit jedem Augenblick unvermeidlicher wurde. Aber nun wollte der Befehlshaber der argen⸗ tiniſchen Flotte ſich der Gefahr dieſes Kampfes nicht ausſezen; er ſtach ins Meer, und wir kehr⸗ ten, ſchlecht entſchädigt durch den allgemeinen Beifall der uns begrüßte, in den Hafen zurück. Anglo⸗franzöſiſche Interventivn. 92 VIII. Inzwiſchen geſtalteten ſich die Dinge äußerſt ſer ür Montevidev, als die anglo⸗franzöſiſche gi Intervention der und theilten ſich darein. Blocade ein Ende machte; die di beiden Mächte nahmen die feindliche Flotte weg 4 Nun beſchloß man eine Expeditivn gegen ſo ni Der Zweck derſelben war die Wegnahme der el Martin⸗Garcia, der Stadt Colonia und 6 einiger andern Punkte, beſonders des Saltvo, mit⸗ en man Verbindungen mit Braſilien et⸗ ährend man zugleich einen Kem der Armee vom Lande bildete um die vernichtete öffnen konnte, w ſez Ich ſchiffte 200 Freiwillige auf meiner Flo⸗ tille ein und zog gegen das Fort Martin⸗Garcia. Wir fanden es vom Feinde verlaſſen und nahmen Beſiz davon. kle Die Stadt Col —— onia war gleichfalls verlaſſe, ſt als das anglofranzöſiſche Geſchwader und unſert. kleine Flotille vor ihr erſchienen. Die italieniſche Legion landete und warf„ General Montero zurück, der mit einer überlege⸗ nen Truppenzahl auf der andern Seite der Stadt 6 chen eröffneten die Geſchwader, ich weiß 5 icher Abſicht, ein ſehr lebhaftes Feuet n. ußerſt ſiſche die weg gegen te der und mit⸗ n er⸗ Kern ichtete Flo⸗ arcia. ahmen unſer rf den erlege⸗ Stadt h weiß Feuer 93 gegen die verlaſſene Stadt; ſie ſezten ihre Trup⸗ pen ans Land und bildeten unſere Reſerve beim Angriff gegen den General Monterv. Gegen zwei Uhr Nachmittags hielten wir un⸗ ſern Einzug in der Stadt. Die italieniſche Le⸗ gion wurde in einer Kirche einquartirt, ich gab die ſtrengſten Befehle daß man ſelbſt das unbe⸗ deutendſte Eigenthum der feindlichen Einwohner, ihre Häuſer hatten verlaſſen müſſen, ſchonen bUe. Ich brauche nicht zu verſichern daß die Legio⸗ näre auf das Gewiſſenhafteſte gehorchten. Die Stadt wurde von den Unſern, die eine Garniſon zurückließen, bewacht und befeſtigt. Die engliſche und die franzöſiſche Flotille fuhren in den Parana ein und zerſtörten in einem dreitägi⸗ gen Gefecht die Batterien die den Fluß be⸗ herrſchten. Der Widerſtand des Feindes war heroiſch. Ich fuhr jezt mit meiner kleinen Flotille, die aus einer Brigg, einer Gblette und mehreren kleinen Schiffen beſtand, weiter den Fluß hinauf. Während der ganzen Zeit unſeres Zuſammen⸗ fahrens hatten der franzöſiſche Admiral und der engliſche Commodore mir die lebhafteſte Sym⸗ pathie bezeigt, und beſonders der Admiral Lainé gab mir noch ſpäter Beweiſe davon. Sehr oft ſezten ſich der eine oder der andere an unſer Bivouac und aßen von dem geräucher⸗ ten Fleiſch das unſere einzige Nahrung aus⸗ machte. 94 Auzani, der uns auf unſerer Expedition be⸗ gleitete, theilte dieſe ehrenvolle Sympathie. Er war einer jener Leute die man nur zu ſehen braucht um ſie zu lieben und zu ſchäzen. Während unſere Flotte den Uruguay hinauf⸗ fuhr, ſtießen einige Reiter zu uns unter dem Capitän de la Cruz, einem Mann vom ſchönſten Charakter und größten Muthe. Dieſe Paar Leute folgten der Flotille, indem ſie am Ufer des Urugnay hinritten, und leiſteten uns die größten Dienſte, zuerſt als Kundſchafter und dann durch Sicherung von Lebensmitteln. Sie beſezten verſchiedene Ortſchaften: Las Vae⸗ cas, Mercedes u. ſ. w. Der Feind wurde überall wo man ihm be⸗ gegnete geſchlagen. Payſanda, eine Feſtung am Ufer des Urn. guay, wollte uns mit ihrer Artillerie zermalmen, richtete jedoch nicht viel Schaden an. Oberhalb Payſanda nahmen wir in einer Eſtancia Namens Hervidero Stellung und blieben dort mehrere Tage. Der General Lavalleja verſuchte mit Fußvolk, Reiterei und Artillerie einen nächtlichen Angrif auf uns, wurde jedoch von unſern unüberwind⸗ lichen Legionären mit bedeutenden Verluſten zu⸗ rückgeworfen. —— Von Hervidero aus ſchrieb ich durch den Ca⸗ pitän Montaldi, der auf einer Handelsgölette nach Montevideo zurückkehrte, an die Regierung; die Gölette wurde vor Payſanda von den feind⸗ lich ein tal lie lich ſer des fiel lan ner Fre gat ge keit tüc na ein hie thi nauf⸗ dem nſten indem iſteten hafter itteln. Vac⸗ n be⸗ Uru⸗ lmen, einet lieben ngrif wind⸗ n zu⸗ n Ca⸗ ölette rung; feind⸗ 95 lichen Schiffen angegriffen, umzingelt und nach einem kräftigen Widerſtand des Capitäns Mon⸗ taldi, den ſeine Leute allein auf dem Verdeck ließen, weggenommen. Montaldi gerieth in Gefangenſchaft. Eine Menge von Fahrzeugen die unter feind⸗ lichem Banner ſchifften geriethen täglich in un⸗ ſere Gewalt. Ich ließ den größten Theil der Mannſchaft frei in ihre Heimath zurückkehren. Gualeguaychu, eine Stadt am rechten Ufer des Uruguay und am Gualeguay in Entre Rios, fiel durch Ueberrumpelung in unſere Hände. Hier bekam ich denſelben Don Leonardo Mil⸗ lan, der mich in früheren Zeiten, als ich in ſei⸗ ner Gefangenfchaft war, hatte wippen laſſen. Es verſteht ſich von ſelbſt daß ich ihm die Freiheit ſchenkte ohne ihm ein Leid zu thun; ſeine ganze Strafe beſtand in der Angſt die er aus⸗ geſtanden hatte als er mich erkannte. Gualeguaychu wurde verlaſſen; die Stadt war keine haltbare Stellung, aber ſie bezahlte eine tüchtige Kriegsſteuer an Geld, Kleidern und Waffen. Endlich nach einer Menge von Gefechten und Abenteuern gelangten wir mit dem Geſchwader nach Salto, ſogenannt weil der Uruguay hier einen Waſſerfall bildet und über demſelben nur noch für kleinere Schiffe fahrbar iſt. Der General Lavalleja, der den Ort beſezt hielt, verließ ihn bei unſerer Ankunft und nö⸗ thigie alle Einwohner ihm zu folgen. Im Uebrigen eignete ſich der Ort vollkom⸗ 96 men für den Zweck der Expedition, da er nicht allzuweit von der Grenze lag. Ich beſchloß alſo uns hier einzurichten. Meine erſte Operation war daher daß ich ge⸗ gen Lavalleja marſchirte, der ſich am Zapevi, ei⸗ nem Nebenfluß des Uruguay, gelagert hatte. Ich brach während der Nacht mit unſerer Infanterie und den wenigen Reitern des Capitäns de la Cruz auf. Bei Tagesanbruch befanden wir uns in der Nähe des Lagers, das wir auf der einen Seit durch Fuhrwerke, auf der andern durch den Uru⸗ guay und im Rücken durch den Zapevi verthei⸗ digt fanden. Ich bildete meine Leute in zwei kleine Go⸗ lonnen und marſchirte mit meiner Reiterei auf beiden Flügeln zum Angriff. Nach einem Gefecht von etlichen Minuten waren wir Herrn des Lagers; der Feind befand ſich in voller Flucht und ſezte über den Zapevi. Das Ergebniß dieſer Operativn war daß ſ⸗ gleich alle Familien die gewaltſam fortgeſchleppt worden nach Salto zurückkehrten. Wir nahmen dem Feind etwa hundert Gefan⸗ gene ab und bekamen viele Pferde, Ochſen, Mi⸗ nition, auch eine Kanone, dieſelbe die beim A⸗ griff auf Hervidero auf uns geſchoſſen hatte; ſie war aus einer italieniſchen Gießerei und trug däl Namen ihres Gießers, Coſimo Cenni, ſowie das Datum 1492 eingebrannt.. Dieſe Expedition machte der Legion die gri fäl Le. au we mit der La un der kon mit Fel ma du che e e der nu ein tete — mit nicht h ge⸗ i, ei⸗ nſerer itäns in der Seite Uru⸗ erthei⸗ Ce⸗ ei auf inuten befand apevi. aß ſo⸗ chleppt Gefan⸗ „Mu⸗ m An⸗ te; ſe ug den ie ds n di 97 größte Ehre und hatte wichtige Folgen. Unge⸗ fähr 3000 Einwohner kehrten zurück. Unter Auzani's Leitung beſchäftigten ſich meine Legionäre ſogleich mit Errichtung einer Batterie auf dem Marktplaz der Stadt, einer Poſitivn welche die ganze Umgebung beherrſchte. Ich ſchickte Curiere nach Braſilien um mich mit den Flüchtlingen in Verbindung zu ſezen, mit deren Hülfe die Organiſation einer Armee vom Lande begann. In kurzer Zeit war die Batterie aufgeführt und mit zwei Kanonen ausgerüſtet, ſo daß ſie den Angriffen des Generals Urquiza begegnen konnte, der am Morgen des 6. December 1845 mit 3500 Reitern, 800 Fußgängern und einer Feldbatterie heranrückte. Meine Anordnungen waren von der Art wie man fie trifft wenn man die materiellen Kräfte durch den moraliſchen Einfluß verhundertfa⸗ chen will. Ich befahl dem Geſchwader ſich zurückzuzie⸗ hen und nicht ein einziges Schiffchen in unſerem Bereich zu laſſen. Ich vertheilte meine Leute in den Sträßchen und ließ dieſelben verbarricadiren; nur die Hauptſtraßen blieben offen. Ich erließ einen höchſt aufregenden Tagesbefehl und erwar⸗ tete den Feind, der voll Vertrauen auf ſeine Macht ſeinen Soldaten erklärt hatte ſie hätten es mit lauter Haſenfüßen zu thun. Gegen neun Uhr Morgens griff er uns auf Garibaldi. n. 7 98 allen Punkten an; wir antworteten ihm mit Plänklerſchüſſen von allen Sträßchen aus und mit unſern beiden Kanonen. Als der Augenblick gekommen war und ich ihn über unſern Widerſtand verblüfft ſah, ließ ich ihn durch zwei Reſervecompagnien angreifen; aber nun zog er ſich ſchmählich zurück, mit Hinterlaſ⸗ ſung vieler Todten und Verwundeten in den Häuſern deren er ſich Anfangs bemächtigt hatte. Er hatte bei ſeinem Angriff weiter Nichts ge⸗ wonnen als einige Stücke Vieh die er uns for⸗ nahm, und auch dieſen geringen Erfolg hatte er nur dem Piquet eines engliſchen Kriegsſchiffes zu verdanken das uns, in Verbindung mit einem franzöſiſchen, auf Befehl der betreffenden Regie⸗ rungen nach Salto gefolgt war. Dieſe beiden Schiffe hatten ſich erboten uns bei der Vertheidigung der Stadt beizuſtehen; das engliſche Piquet befeſtigte ein Haus das den Cor⸗ ral ſchüzte, wo ungefähr 600 Stück Vieh ein⸗ geſperrt waren. Der Feind ſchickte eine ſtark⸗ Abtheilung Infanterie nach dieſem Punkt; die engliſchen Soldaten wurden von einem paniſchen Schrecken ergriffen und entflohen zum Theil durch die Fenſtet, zum Theil durch die Thüren, ſo daß die Soldaten Urquiza's mit aller Bequemlichkeit das Vieh wegtreiben konnten. Drei und zwanzig Tage lang erneuerte der Feind ſeine Angriffe ohne irgend ein Reſultat zu erlangen. Bei Nacht kam die Reihe an uns. Wir lieſ mit und d 6 ß i erlaſ⸗ den hatte. ge⸗ fort⸗ te er es zu einem kegie⸗ un das Cor⸗ ein⸗ ſtarke z die durch daß ichkeit e der ſultat ließ⸗ 99 ſen ihn keinen Augenblick in Ruhe; wir hatten kein Fleiſch, aber wir aßen unſere Pferde. End⸗ lich trat er, überzeugt von der Nuzloſigkeit ſeiner Anſtrengungen, den Rückzug an und geſtand, daß er bei ſeinen verſchiedenen Angriffen auf uns mehr Leute verloren habe als in der Schlacht von India⸗Muerte. Urquiza ſuchte ſich meiner Schiffe zu bemäch⸗ tigen um über den Fluß zu kommen; aber meine Wachſamkeit vereitelte ſeinen Plan und er mußte zwölf Stunden weiter unten überſezen; ſodann lagerte er ſich wieder auf der andern Seite des Uraguay, auf den Feldern von Camardia, ge⸗ genüber von Saltv. Während Urquiza dieſes Lager behauptete, ſchickte ich am hellen Tag einige Reiter unter dem Schuz unſerer Schiffe und etlicher Fußgänger über den Fluß. Dieſe kleine Schaar überfiel die Hüter einer ſehr bedeutenden Roßheerde die in den Pampas weidete, jagte etwa hundert Stück vor ſich her, damit wir diejenigen erſezen konnten die wir ge⸗ geſſen hatten, und trieb ſie mir über den Fluß zu, ehe der Feind ſich von ſeiner Ueberraſchung erholt hatte und auch nur einen Verſuch machte es zu verhindern. IX. Affaire von Salto Sant⸗Antoniv. Inzwiſchen war der Oberſt Baez von Bra⸗ ſilien her mit ungefähr 200 Reitern zu uns ge⸗ ſtoßen. Der General Medina ſammelte Truppen, und wir erwarteten ihn von Tag zu Tag. In der That meldete er mir am 7. Februar 1846 daß er ſich am nächſten Tag mit 500 Reitern auf den Höhen des Zapevi einfinden würde. Er fragte nach der Stärke des Feindes und bat für den Fall eines Angriffes um Unterſtü⸗ zung. Ich gab ſeinem Boten die Antwort mit daß ich am 8. mit genügenden Truppen um ſeinen Einzug ins Land zu ſchüzen auf den Höhen des Zapevi ſtehen würde. Demgemäß brach ich gegen neun Uhr mit 150 Mann von der Legivn und 200 Reitern auf und zog am Uruguay hin. Wir begaben uns nach Las Laperas, unge⸗ fähr drei Stunden von Saltv, während in unſe⸗ rer Nähe 400 Mann vom Corps des Generals Servando Gomez ſtanden, den einzigen feindli⸗ chen Truppen die ſich für den Augenblick zur Beobachtung bei Salto befanden. Unſer Fußvolk nahm Stellung unter einem Zapere. Ein Zapere iſt ein von vier Pfoſten getrage⸗ — S e—— —— c) ——— N. gra⸗ g und der daß auf und rſtü⸗ daß inen des 150 und nge⸗ nſe⸗ rals ndli⸗ zur inem age⸗ 101 nes Strohdach, das uns keinen andern Vortheil gegen die verſengenden Sonnenſtrah⸗ en bot. Die Reiterei unter dem Oberſten Baez und dem Major Caraballo dehnte ſich bis an den Zapevi aus. Auzani war, an einem Bein leidend, mit 20 oder 30 gleichfalls kranken Soldaten zur Ver⸗ theidigung Saltos zurückgeblieben. Sonſt waren noch etwa zehn Mann da um die Batterie zu bedienen. Es war ungefähr halb zwölf Uhr Vormittags. Ich ſah eine bedeutende feindliche Reiterſchaar aus den Ebenen des Zapevi gegen die Anhöhen heranrücken wo ich ſtand. Beinahe zu gleicher Zeit ſah ich daß jeder Reiter einen Fußgänger hinter ſich hatte. Und in der That ſezten die Reiter in kurzer Entfernung von meinem Stand⸗ ort ihre Fußgänger ab, die ſich alsbald ordneten um gegen uns zu marſchiren. Unſere Reiterei eröffnete das Feuer gegen den Feind, aber auf ſeine numeriſche Ueberlegenheit pochend griff er ſie an und jagte ſie raſch in die Flucht. Sie ſprengte nach unſerem Zapere zu, in welchen bereits die feindlichen Kugeln flogen. Da ich nun begriff daß der wahre Wider⸗ ſtand in meinen wackern Legionären beſtand, und daß der eigentliche Kampf da ſein mußte wo ſie waren, ſo ſprengte ich auf ſie zu; aber als ich mitten unter dem feindlichen Feuer bei den erſten 102 Reihen ankam, ſpürte ich auf einmal daß mein Pferd unter mir zuſammenbrach und mich in ſei⸗ nem Fall mitriß. Meine erſte Idee war daß meine Leute, wenn ſie mich fallen ſähen, mich todt glauben würden, und daß dieſer Glaube Unordnung unter ſie brin⸗ gen könnte. Ich hatte daher im Fallen die Gei⸗ ſtesgegenwart eine Piſtole aus meinen Holftern zu ziehen und ſie, während ich mich raſch aufrichtete, in die Luft zu ſchießen, damit man deutlich ſah daß ich ganz unverlezt und bei heiler Haut war. Man hatte in der That kaum Zeit gehabt mich auf dem Boden zu ſehen, ſo hatte ich mich bereits wieder aufgerichtet und ſtand mitten unter den Meinigen. Inzwiſchen rückte der Feind mit ſeinen 1200 Reitern und 300 Fußgängern beharrlich vorwärts. Von unſerer Reiterei im Stich gelaſſen, wa⸗ ren wir im Ganzen nur 190 Mann ſtark. Ich hatte nicht Zeit eine lange Rede zu halten; ohne⸗ hin iſt das nicht meine Art. Ich erhob meine Stimme und ſprach bloß die Worte: — Die Feinde ſind zahlreich, unſer ſind we⸗ nige; um ſo beſſer. Je weniger wir find, um ſo glorreicher wird der Kampf ſein; laßt uns ruhig ſein, nur aus der nächſten Nähe ſchießen und mit dem Bajonet angreifen. So ſprach ich zu Männern bei denen jedes Wort wie ein electriſcher Funke zündete. Ueberdieß wäre jeder andere Entſchluß in ei⸗ nem ſolchen Augenblick verderblich geweſen. Un⸗ ein ſei⸗ enn en, rin⸗ Hei⸗ zu tete, ſah var. abt nich nter 200 irts. wa⸗ Ich hne⸗ mnme we⸗ n ſo uhig mit edes ei⸗ 103 gefähr tauſend Schritte von uns hatten wir zu unſerer Rechten den Uruguay mit einigen dichten Gehölzen, aber ein Rückzug wäre jezt das Signal zum allgemeinen Verderben geweſen; ich hatte dieß begriffen und dachte daher nicht einmal daran. Als die feindliche Colonne auf ſechzig Schritt nahe kam, gab ſie eine Salve die uns großen Verluſt brachte; aber die Unſern antworteten ihr mit einem noch weit mörderiſcheren Gewehrfeuer, zumal da unſere Flinten nicht bloß mit Kugeln, ſondern auch mit Rehpoſten geladen waren. Der Commandant der Infanterie ſank tödt⸗ lich getroffen; die Reihen lösten ſich, und ich an der Spize meiner Tapfern, die Flinte in der Hand, brach unter ihnen ein. Es war Zeit; die Reiterei war bereits auf unſern Flanken und dicht hinter uns. Das Gewühl war furchtbar. Einige Mann vom feindlichen Fußvolk ver⸗ dankten ihre Rettung einer ſchleunigen Flucht. Dieß gab mir Zeit der Reiterei Stand zu halten. Unſere Leute drehten ſich als ob man jedem einzelnen dieß Manöver befohlen hätte. Alle, Of⸗ fiziere und Soldvaten, ſchlugen ſich wie Giganten. Jezt kehrten einige Reiter unter einem wackern Offizier Namens Vega beſchämt über die Flucht des Oberſten Baez und ſeiner Leute die uns im Stich ließen, zu uns zurück, da ſie lieber un⸗ ſer Schickſal theilen als ihren ſchmählichen Rück⸗ zug fortſezen wollten. Wir ſahen ſie auf einmal wieder mitten un⸗ 104 ter dem Feind erſcheinen und ſich auf unſerer Seite aufſtellen. Es gehörte wahrlich viel Muth dazu das zu thun was ſie thaten. Im Uebrigen wurde der Angriff den ſie bei ihrem Wiedererſcheinen ausführten in dieſem kri⸗ tiſchen Augenblick uns ſehr nüzlich; er trennte und warf den Feind der bereits theilweiſe zur Verfolgung der Flüchtigen aufgebrochen war. Bei unſerer zweiten Salve that daher die Reiterei, als ſie ihr Fußvolk vernichtet und 25 bis 30 Mann von den Ihrigen unter unſerem Feuer fallen ſah, einen Schritt rückwärts, und ſezte ungefähr 600 Mann ab, die zu den Cara⸗ binern griffen und uns von allen Seiten um⸗ zingelten. Rings um uns her war der Boden mit Leich⸗ namen von Pferden und Menſchen, ſowohl von den Feinden als von unſern eigenen Leuten, überſät. Ich könnte zahlloſe einzelne Züge von Bra⸗ vour erzählen. Alle fochten wie unſere alten Helden im Taſp und Arioſt; viele waren mit Wunden jeder Art bedeckt, von Kugeln, Säbelhieben und Lanzen⸗ ſtichen. Ein fünfzehnjähriger Trompeter den wir den Rothen nannten, und der uns während des Kamp⸗ fes mit ſeinem Inſtrument anfeuerte, erhielt einen Lanzenſtich. Seine Trompete wegwerfen, ſein Meſſer ergreifen und ſich auf den Reiter werfen der Au nar jun ter ſes Act von unt geg bot ja Br n füh we ihr nſerer 8 zu e bei kri⸗ ennte d 25 ſerem z die und Fara⸗ um⸗ eich⸗ von uten, Bra⸗ Taſo Art nzen⸗ den amp⸗ einen ſein erfen 105 der ihn verwundet hatte, war die Sache eines Augenblicks. Nur ſtarb er während er ſeinen Stoß führte. Nach dem Kampf fand man die beiden Leich⸗ name krampfhaft an einander feſthaltend. Der junge Menſch war mit Wunden bedeckt, der Rei⸗ ter hatte am Schenkel die tiefe Spur eines Biſ⸗ ſes den ſein Feind ihm beigebracht. Von Seiten unſerer Gegner kamen ebenfalls Acte außerordentlicher Verwegenheit vor. Einer von ihnen ergriff, als er ſah daß der Schuppen unter dem wir uns geſchaart hatten, wo nicht gegen die Kugeln, doch gegen die Sonne Schuz bot, ein brennendes Scheit, ſezte ſich in Galop, jagte mitten unter uns durch und ſchleuderte den Brand wie einen Blizſtrahl auf das Strohdach. Der Brand fiel auf die Erde ohne daß der Reiter ſeinen Zweck erreichte, aber dieſer hatte eine verwegene That ausge⸗ ührt. Unſere Leute wollten auf ihn ſchießen, ich wehrte ihnen. — Man muß die Tapfern ſchonen, rief ich ihnen zu; ſie ſind unſeres Stammes. Und Niemand gab Feuer. Im Uebrigen war es ein Wunder wie all dieſe wackern Leute auf mich hörten. Ein Wort von mir gab den Verwundeten ihre Kraft, den Zögernden ihren Muth wieder und verdoppelte den Feuereifer der Tapfern. Als ich den Feind von unſerem Feuer deci⸗ 106 mirt, von unſerem Widerſtand ermüdet ſah, da ſich erſt ſprach ich vom Rückzug, ſagte jedoch nicht: 1 „Wir wollen uns zurückziehen“, ſondern:„Wenn wir uns zurückziehen, werden wir, hoffe ich, nicht einen einzigen Verwundeten auf dem Schlachtfeld laſſen“. — Nein, nein, rief Alles. Im Uebrigen waren wir beinahe ſämmtlich verwundet. Als ich alle meine Leute ganz gelaſſen und zuverſichtlich ſah, gab ich ruhig den Befehl ſie ſollten ſich fechtend zurückziehen. Glücklicherweiſe hatte ich nicht einmal eine Rize, ſo daß ich überall ſein und jeden Feind der ſich zu frech heranwagte dafür züchtigen konnte. Die wenigen Kamfpffähigen die wir noch hat⸗ ten ſangen patriotiſche Lieder, wobei die Verwun⸗ deten im Chor einſtimmten. Der Feind begriff das nicht. Was uns am ſchmerzlichſten berührte, war der Waſſermangel. Die einen riſſen Wurzeln aus und kauten ſie, andere ſogen an Bleikugeln, andere tranken ihren Urin. Zum Glück kam die Nacht und mit ihr einige Friſche. Ich ließ meine Leute eine Colonne bil⸗ den und ſtellte die Verwundeten mitten unter ſi. Nur zwei die man ſchlechterdings nicht fortſchaffen konnte wurden auf dem Schlachtfeld gelaſſen. Ich ſchärfte meinem Häuflein ein daß keiner mäch ſchick zurü alle Ohn Hun mach was unſet nur c „ übrie . nach Glat bleib lonn Stu Wal noch fund und Der und „ ici enn offe eten ntlich 107 ſich vom andern entfernen ſolle, und eommandirte den Rückzug nach einem Wäldchen zu. Der Feind hatte ſich vor uns deſſelben be⸗ mächtigt, wurde aber kräftig hinausgeworfen. Ich ſchickte Kundſchafter aus, die mit der Nachricht zurückkamen die feindlichen Reiter ſeien beinahe alle abgeſeſſen und laſſen ihre Pferde waiden. Ohne Zweifel bildeten ſie ſich ein wir hätten aus Hunger und aus Mangel an Munition Halt ge⸗ und hl ſie macht; aber Hunger verſpürten wir keinen, und was die Munition anbetrifft, ſo hatten wir bei unſern todten Feinden ſo viel angetroffen als wir eine d der nte. hat⸗ wun⸗ ar det n ſie, ihren einige ebil⸗ r ſie. affen . keiner nur wollten. i Jezt blieb das Schwierigſte noch zu thun übrig. Der Feind lagerte zwiſchen uns und Salto; nach einſtündiger Raſt, die unſere Gegner auf den Glauben brachte wir würden die ganze Nacht da⸗ bleiben, befahl ich meinen Leuten wieder eine Cv⸗ lonne zu bilden, und nun wagten wir uns im Sturmſchritt mit gefälltem Bajonnet, gleich einem Waldbach, mitten unter den Feind. Die Trompeter blieſen zum Aufſizen; aber ehe noch jeder Mann Sattel, Zügel und Pferd ge⸗ funden hatte, waren wir bereits vorüber. Wir begaben uns in eine Art von Dickicht, und dort mußten Alle ſich auf den Bauch legen. Der Feind kam auf uns zu ohne uns zu ſehen, und ließ zum Angriff blaſen. Ich ließ ihn auf fünfzig Schritte herankom⸗ 108 men, dann erſt rief ich: Feuer! und gab ſelbſ das Beiſpiel. Fünfundzwanzig oder dreißig Mann und eben ſo viele Pferde fielen; der Feind machte Rechts⸗ umkehrt und zog in ſein Lager zurück. Ich ſagt zu meinen Leuten: — Wohlan Kinder, jezt, glaube ich, iſt de Augenblick gekommen zu trinken. Und beſtändig an unſerem Wäldchen hinzie⸗ hend, unſere Verwundeten tragend, die hartnäcki⸗ ſten Feinde die nicht von uns laſſen wollten in der Ferne haltend, kamen wir an den Bach. Bein Einzug ins Dorf erwartete uns eine gewaltig Gemüthsbewegung. Arzani war da und wein 9 vor Freude. Er küßte zuerſt mich und dann alle Andern. Er hatte gleichfalls ein Gefecht gehabt. G. war mit ſeinen wenigen Leuten vom Feind an gegriffen worden, der ihn vorher zur Uebergabe aufgefordert hatte, mit dem Bemerken wir ſeien Alle zuſammen todt oder gefangen. Aber Auzani hatte geantwortet: — Die Italiener ergeben ſich nicht. Pac euch fort, ſonſt ſchmettere ich euch mit meinen Schwadronen nieder. So lang ich einen Came⸗ raden bei mir habe, fechten wir zuſammen; un wenn ich allein bin, zünde ich die Pulverkamme an und ſprenge mich mit euch Allen in die Luft Der Feind verlangte nicht mehr zu wiſſen und zog ſich zurück. 6 2 Hüll aber c 3 itaili San und derh vall etwo ande getr Legi behe an! der zur Lun b ſelb d eben Rechts⸗ h ſagt iſt de hinzie⸗ tnäckig⸗ Iten in Bein waltigt weint ndern. nd a bergabt ir ſeien Pac meinen Came⸗ t; und kammer e Luft en und 109 Als daher meine Leute in Salto Alles in Hülle und Fülle vorfanden, ſagten ſie zu mir: — Du haſt uns zum erſten Mal gerettet, aber Auzani hat uns zum zweiten Mal gerettet. Tags darauf ſchrieb ich an das Comite der itailieniſchen Legivn in Montevideo wie folgt: „Brüder, „Geſtern haben wir auf den Feldern von Sant⸗Antonio, anderthalb Stunden von der Stadt, das furchtbarſte und glorreichſte unſerer Gefechte gehabt. Die vier Compagnien unſerer Legion und etwa zwanzig Reiter die ſich unter unſern Schuz geflüchtet, haben ſich nicht nur gegen 1200 Reiter des Generals Servando Go⸗ mez vertheidigt, ſondern auch die feindliche In⸗ fanterie, welche ſie 300 Mann ſtark angriff, gänz⸗ lich vernichtet. Das Feuer begann um Mittag und endete um Mitternacht. „Weder die Zahl der Feinde noch ſeine wie⸗ derholten Chargen, weder die Maſſe ſeiner Ca⸗ vallerie noch die Angriffe ſeiner Fuſiliere haben etwas über uns vermocht; obſchon wir keinen andern Schuz hatten als eine von vier Pfählen getragene Schuppenruine, ſo haben doch die Legionäre die Angriffe der hartnäckigen Feinde beharrlich zurückgewieſen. Alle Offiziere haben an dieſem Tag als Soldaten gekämpft. Auzani, der in Salto geblieben war und den der Feind zur Uebergabe aufforderte, antwortete mit der Lunte in der Hand, und dicht neben der Pulver⸗ 1¹⁰ kammer ſtehend, obſchon der Feind ihn verſiche hatte daß wir alle todt oder gefangen ſeien. „Wir haben 30 Todte und 50 Verwundete alle Offiziere mit Ausnahme von Scarone, Sa carello, dem Major und Traverſi, ſind verwunde jedoch nur leicht. Ich gäbe meinen Namen d italieniſcher Legionär nicht um eine Welt von Gohb „Um Mitternacht haben wir uns nach Salt zurückgezogen. Wir waren noch etwas über 10 geſunde Mann ſtark. Die Leichtverwundeten man ſchirten an der Spize und hielten den Feind in Zaum wenn er allzu frech wurde. „Oh! das iſt ein Gefecht das in Erz ge goſſen zu werden verdient. „Lebt wohl, ein andermal ſchreibe ich eut ausführlicher. „Euer Joſeph Garibaldi.“ „N. S. Die verwundeten Offiziere ſind: G⸗ ſana, Marvechetti, Beruli, Remolini, Saccarell der Jüngere, Sacchi, Grafigna und Rodi.“ Dieß war unſer leztes großes Gefecht it Montevidev. X. Ich ſchreibe an den Papſt. Uum dieſe Zeit erfuhr ich in Montevidev doß Pius IX. Papſt geworden. S Anfänge dieſer Regierung ſind weltb⸗ annt. Gleich Vielen, glaubte ich an eine Aera de Freiheit in Italien. erſiche n. n ma eind in Erz ge ich eut di⸗ d; Ce⸗ ccarelb i.“ echt in * deo daf weltb⸗ lera del 111 Um den Papſt in ſeinen großherzigen Ent⸗ ſchlüſſen zu unterſtüzen, beſchloß ich ihm ſogleich meinen Arm und die Mitwirkung meiner Waffen⸗ brüder anzubieten. Diejenigen die bei mir an eine ſyſtematiſche Oppoſition gegen das Papſtthum glauben, können aus nachſtehendem Brief erſehen daß es ſich nicht ſo verhält; meine Hingebung galt der Sache der Freiheit im Allgemeinen, auf welchem Punkt der Weltkugel dieſe Freiheit ſich Bahn brechen mochte. Aber man wird dennoch begreifen daß ich meinem Vaterlande den Vorzug ſchenkte, und daß ich mich bereit erklärte unter dem Manne zu dienen der zum politiſchen Meſſias Italiens be⸗ rufen war. Auzani und ich glaubten dieſe erhabene Rolle ſei Pius IX. vorbehalten, und wir ſchrieben nach⸗ ſtehenden Brief an den päpſtlichen Nuntius, mit der Bitte unſer und unſerer Legionäre Wünſche Seiner Heiligkeit vorzulegen. „Sehr verehrter Herr! „Vom Augenblick an wo wir die erſten Nach⸗ richten von der Erhebung des Papſtes Pius IX. und von ſeiner Amneſtie zu Gunſten der armen Geächteten erhielten, haben wir mit ſtets ſteigen⸗ der Aufmerkſamkeit und Theilnahme die Spuren verfolgt welche das Oberhaupt der Kirche auf der Bahn des Ruhmes und der Freiheit eindrückt. Die Lobſprüche deren Echv von der andern Seite der Meere bis zu uns gelangt, die Aufregnng womit Italien die Einberufung der Deputirten 1¹2 aufnimmt und begrüßt, die verſtändigen Conceſ⸗ ſionen die der Preſſe gemacht wurden, die Ein⸗ führung der Bürgergarde, der Impuls welchen man dem Volksunterricht und der Induſtrie ge⸗ geben, abgeſehen von den zahlreichen Maß⸗ regeln die ſämmtlich die moraliſche Hebung und den Wohlſtand der armen Claſſen ſo wie die Bildung einer neuen Verwaltung zum Ziele haben, kurz Alles hat uns überzeugt daß endlich einmal aus dem Schooß unſeres Vaterlandes der Mann hervorgegangen der die Bedürfniſſe ſeines Jahr⸗ hunderts begreife und ſich, gemäß den ſtets neuen, ſtets unſterblichen Lehren unſerer erhabenen Re⸗ ligion, ohne ihrem Anſehen Eintrag zu thun, gleichwohl den Forderungen der Zeit anzuſchmie⸗ gen wiſſe; und wir haben, obſchon alle dieſe Fortſchritte vhne Einfluß auf uns ſelbſt waren, nichtsdeſtoweniger ſie von ferne beobachtet, indem wir das allgemeine Einverſtändnß Italiens und der ganzen Chriſtenheit mit unſern Beifallsrufen und Wünſchen begleiteten; aber als wir vor etlichen Tagen von dem ruchloſen Attentat hörten wo⸗ durch eine vom Ausland gehegte und geſchüzte Faction, die nach ſo langer Zeit noch nicht müde iſt unſer armes Vaterland zu zerreißen, die jezt beſtehende Ordnung der Dinge umzuwerfen trach⸗ tete, ſchien es uns, die Bewunderung und Be⸗ geiſterung für den Papſt ſei ein allzuſchwacher Tribut, und eine größere Pflicht ſei uns auferlegt. „Wir Schreiber dieſer Zeilen, verehrteſter Herr, ſind diejenigen die, ſtets von dieſem ſelben Geiſte neeſ⸗ Ein⸗ chen ge⸗ Naß⸗ und die ben, umal ann ahr⸗ uen, Re⸗ hun, mie⸗ dieſe ren, dem der und chen wo⸗ üzte üde jezt ach⸗ Be⸗ cher egt. err, eiſte 113 beſeelt der uns dem Exil Troz bieten ließ, in Monte⸗ videv für eine Sache die uns gerecht ſchien die Waffen ergriffen und einige hundert Landsleute zuſammengerafft haben, die hieher gekommen waren in der Hoffnung ein weniger qualvolles Leben zu finden als uns in unſerem Vaterland beſchieden war. „Es ſind jezt fünf Jahre daß, während der Belagerung dieſer Stadt, Jeder von uns mehr als einmal ſeinen Muth und, ſeine Reſignativn zeigen mußte, und, Dank ſei es der Vorſehung wie auch jenem antiken Geiſt der unſer italieni⸗ ſches Blut noch immer entflammt, unſere Legion hat Gelegenheit gehabt ſich auszuzeichnen, und ſo oft dieſe Gelegenheit ſich darbot, hat ſie ſo guten Gebrauch davon gemacht daß ſie— ich glaube es ohne Eitelkeit ſagen zu dürfen— auf dem Weg der Ehre alle andern Corps überflügelte die mit ihr wetteiferten. „Wenn daher heute die Arme die einige Waffenübung beſizen von Sr. Heiligkeit ange⸗ nommen werden, ſo verſteht es ſich von ſelbſt daß wir ſie bereitwilliger als je dem Dienſte des Mannes widmen werden der ſo viel für das Vaterland und für die Kirche thut. „Wir werden uns alſo glücklich ſchäzen wenn wir bei dem Erlbſungswerk des Papſtes Pius IX. mitwirken können; wir führen das Wort im Na⸗ men unſerer Cameraden, und wir werden es mit all unſerm Blut nicht zu theuer einzulbſen glauben. „Wenn Ew. Eminenz glaubt daß unſer An⸗ Garibalbi. II. 8 114 erbieten dem Papſt angenehm ſein könne, ſo wollen Heil Sie daſſelbe am Fuße ſeines Thrones niederlegen. unſe „Nicht der lächerliche Wahn daß unſer Arm nothwendig ſei veranlaßt uns zu dieſem Aner⸗ terſti bieten; wir wiſſen zu gut daß der Stuhl des dal heiligen Petrus auf Grundlagen ruht welche Abri durch Menſchenhände weder erſchüttert noch be⸗ feſtigt werden können, und daß überdieß die neue uebe Ordnung der Dinge zahlreiche Vertheidiger zählt welche die ungerechten Angriffe ihrer Feinde kräftig zurückweiſen werden; aber da das Geſchäft unter die Guten vertheilt und die harte Arbeit den„„ Starken zugewieſen werden muß, ſo erweiſen Sie uns die Ehre uns unter dieſe zu zählen. „Inzwiſchen danken wir der Vorſehung daß ſtets ſie den heiligen Vater vor den Ränken der Schlec⸗ mein ten bewahrt hat, und unſere glühenden Wünſche gehen dahin daß ſie ihm viele Jahre ſchenken als möge zum Glück der Chriſtenheit und Italiens. nich „Es übrigt uns nur noch die Bitte an Ew. ſchüe Eminenz daß Sie uns die Mühe die wir Ihnen mach verurſachen verzeihen und die Verſicherung der nem ausgezeichneten Hochachtung und innigen Ver⸗ nehn ehrung genehmigen mögen womit wir zeichnen es „Ew. Eminenz brüd „ergebenſte Diener: liche „J. Garibaldi. mir „F. Auzani. ab a „Myntevideo, 12. October 1847. Wir warteten vergebens; es kam keine Nach⸗ hart richt, weder von dem Nuntins noch von Seiner kich llen gen. Arm ner⸗ des lche be⸗ neue ählt iftig nter den Sie daß ech⸗ ſche nken ens. Ew. nen der Ver⸗ iner 11¹⁵ Heiligkeit. Jezt beſchloßen wir mit einem Theil unſerer Legion nach Italien zu gehen. Meine Abſicht war die Revolution da zu un⸗ terſtüzen wo ſie bereits unter Waffen ſtand, und da hervorzurufen wo ſie noch ſchlummerte, in den Abruzzen zum Beiſpiel. Nur beſaß keiner von uns einen Sou zur Ueberfahrt. Xl. kehre nach Europa zurück. eb Auzanis Pos⸗ Ich griff zu einem Mittel das bei edlen Herzen ſtets verfängt: ich eröffnete eine Subſeription unter meinen Landsleuten. Die Sache befand ſich bereits in gutem Gang, als einige ſchlimme Geſellen die Legionäre gegen mich aufzuwiegeln verſuchten und diejenigen ein⸗ ſchüchterten die geneigt waren mir zu folgen. Man machte den armen Leuten weiß, ich wolle ſie ei⸗ nem gewiſſen Tod entgegenführen, das Unter⸗ nehmen wovon ich träume ſei unausführbar, und es warte ihrer ein ähnliches Lvos wie der Ge⸗ brüder Bandiera. Die Folge war daß die Aengſt⸗ licheren zurücktraten und daß nur 85 Mann bei mir blieben, aber auch von dieſen fielen noch 29 ab als ſie ſchon eingeſchifft waren. Zum Glück waren diejenigen die bei mir aus⸗ harrten die Tapferſten und hatten beinahe ſämmt⸗ lich unſer Gefecht von Sant⸗Antyniv mitgemacht. 116 Ueberdieß beſaß ich einige Leute vom Oſten die auf mein Glück vertrauten, und unter ihnen mei⸗ nen armen Neger Aguyar, der bei der Belage⸗ rung Roms fiel. Ich habe geſagt daß ich eine Subſeription unter den Italienern geſtattet hatte um unſere Reiſekoſten zu beſtreiten. Der größere Theil dieſer Summe war von Stephan Antonini, einem in Montevidev anſäßigen Genueſer, geliefert worden. Die Regierung ihrerſeits erbot ſich uns mit allen ihren Kräften zu unterſtüzen; aber ich wußte wie arm ſie war, und wollte daher Nichts von ihr annehmen als zwei Kanonen und achthundert Flinten die ich auf unſere Brigg ſchaffen ließ. Aber im Augenblick der Abfahrt erging es uns mit dem Commandanten des Biponte Carolo, von Nervi, gerade wie einſt den Fra⸗ zoſen bei dem Kreuzzug Balduins mit den Ve⸗ netianern, welche verſprochen hatten ſie ins heilige Land zu führen. Er machte ſolche Forderungen daß wir Alles bis auf unſere Hemden verkaufen mußten um ihn zu befriedigen, ſo daß während der Fahrt einige von uns aus Mangel an Klei⸗ dern beſtändig im Bette blieben. Wir befanden uns bereits dreihundert Stun⸗ den von der Küſte, ungefähr auf der Höhe der Orinocomündungen, und ich harpunirte zum Zeit⸗ vertreib mit Orrizoni auf dem Bugſpriet nach heben als ich auf einmal Feuer rufen örte. Vom Bugſpriet hinab auf den Schiffsſchnabel von hin der mit eine Feu verl Bre die dick glic lege der ihn nich Hel zit“ mit ſein hüt gef der in ſchi ſell hät n die mei⸗ elage⸗ iption unſere dieſer m in rden. s mit wußte von ndert 9 es onte Fran⸗ tVe⸗ eilige ingen aufen hrend Klei⸗ Stun⸗ e der Zeit⸗ nach rufen nabel 117 von da auf das Verdeck ſpringen und die Luke hinabgleiten, war Sache einer Secunde. Bei der Vertheilung der Lebensmittel hatte der Proviantmeiſter die Unvorſichtigkeit begangen mit einem Licht in der Hand Branntwein aus einer Tonne zu laſſen; der Branntwein hatte Feuer gefangen, der Proviantmeiſter den Kopf verloren und, ſtatt die Tonne zu verſchließen, den Branntwein in Strömen herausfließen laſſen; die Vorrathskammer, die nur durch ein kaum zoll⸗ dickes Brett von der Pulverkammer getrennt war, glich einem wahren Feuerſee. Bei dieſer Ge⸗ legenheit ſah ich wie ſelbſt die tapferſten Männer der Furcht zugänglich ſind, wenn die Gefahr ihnen in einer Form entgegentritt an welche ſie nicht gewöhnt ſind. Alle dieſe Leute, die auf dem Schlachtfeld Helden, Halbgötter waren, rannten jezt kopflos, ziternd, beſtürzt wie Kinder untereinander herum. Nach Verfluß von zehn Minuten hatte ich mit Hilfe Auzani's, der beim erſten Lärmſchrei ſein Bette verlaſſen, das Feuer gelbſcht. Der arme Auzani mußte wirklich das Bett hüten, nicht als ob es ihm gänzlich an Kleidern gefehlt hätte, ſondern weil er bereits heftig an der Krankheit litt woran er bei unſerer Ankunft in Genua ſterben ſollte, nämlich an der Lungen⸗ ſchwindſucht. Dieſer bewundernswürdige Mann, an welchem ſelbſt ſein ärgſter Todfeind, wenn er einen Feind hätte haben können, nicht einen einzigen Fehler 118 gefunden haben würde, wollte, nachdem er ſein Leben der Sache der Freiheit gewidmet, auch in ſeinem lezten Augenblick noch ſeinen Waffenbri⸗ dern niüzlich werden; man half ihm täglich auf das Verdeck heraufſteigen; als er nicht mehr gehen konnte, ließ er ſich tragen, und nun ertheilte er, auf einer Matraze liegend, häufig an mich angelehnt, den auf dem Hintertheil des Schiffes um ihn verſammelten Legionären ſtrategiſchen Unterricht. Der arme Auzani war eine wahre Enchelv⸗ pädie von Wiſſenſchaften; es wäre mir eben ſo ſchwer Alles aufzuzählen was er wußte, als Etwas aufzufinden was er nicht gewußt hätte. In Palo, ungefähr fünf Miglien von Ali⸗ cante, landeten wir um für Auzani eine Ziege und Orangen zu kaufen. Hier erfuhren wir vom ſardiniſchen Viceconſul einen Theil der Ereigniſſe die ſich in Italien zu⸗ trugen. Wir vernahmen da die Proclamirung der pie⸗ monteſiſchen Verfaſſung und die Geſchichte der fünf glorreichen Tage Mailands, lauter Dinge die wir bei unſerer Abfahrt von Montevidev, d. h. am 27. März 1848, nicht hatten wiſſen können. Der Viceconſul ſagte er habe italieniſche Schiffe mit der dreifarbigen Fahne vorüberkommen ge⸗ ſehen. Mehr brauchte es für mich nicht um mich zur Aufpflanzung des Banners der Unabhängig⸗ keit zu beſtimmen. Ich ſtrich die Flagge von —- n———— 8 ——- ——.—— r ſein ich in nbri⸗ h auf mehr heilte mich hiffes iſchen yelo⸗ en ſo als ätte. Ali⸗ Ziege onſul n zu⸗ pie⸗ der inge ideo, viſſen ge⸗ mich chife 119 Montevideo unter welcher wir ſchifften, und hißte augenblicklich die ſardiniſche Fahne auf, die mit⸗ telſt eines alten Leintuches, einer rothen Caſake und des Reſtes der grünen Aufſchläge an unſerer Uniform improviſirt wurde. Man erinnert ſich daß unſere Uniform die rothe Blouſe mit grünen, weiß eingefaßten Auf⸗ ſchlägen war. Am 24. Juni, dem Johannisfeiertag, kamen wir vor Nizza an. Viele waren der Anſicht wir ſollten ohne weitere Erkundigungen landen. Ich riskirte mehr als jeder Andere, da noch ein Todes⸗ urtheil auf mir laſtete. Gleichwohl trug ich kein Bedenken oder viel⸗ mehr ich würde kein Bedenken getragen haben, denn ich wurde von Leuten die auf einem Schiff vorbeikamen erkannt, mein Name verbreitete ſich wie ein Lauffeuer in der Stadt, ganz Nizza drängte ſich nach dem Hafen, und ſo wurden wir mit allgemeinem Jubel empfangen und mit den freundlichſten Einladungen beſtürmt. Sobald man erfuhr daß ich mich in Nizza befand und daß ich über den Ocean gefahren war um der italieniſchen Freiheit zu Hilfe zu kommen, ſtröm⸗ ten die Freiwilligen von allen Seiten herbei. Aber ich hatte für den Augenblick Ausſichten die ich für beſſer hielt. Wie ich an den Papſt Pius IX. geglaubt hatte, ſo glaubte ich an den König Carl Albert; ſtatt mich viel um Medici zu bekümmern, den ich nach Viareggio abgeſchickt um dort den Aufſtand —,— 120 zu organiſtren, glaubte ich, da ich den Aufſtand organiſirt und den König von Piemont an der Spize deſſelben fand, ich könnte jezt nichts Beſ⸗ ſeres thun als ihm meine Dienſte anzubieten. Ich ſagte meinem armen Auzani Lebewohl, ein um ſo ſchmerzlicheres Lebewohl als wir beide wußten daß wir einander nicht wiederſehen wür⸗ den; dann ging ich nach Genua und von da ins Hauptquartier des Königs Carl Albert. Der Verlauf der Dinge bewies mir daß ich Unrecht gehabt hatte. Ich ſchied vom König unter beiderſeitiger Unzufriedenheit und ging nach Turin, wo ich Auzani's Tod vernahm. Ich verlor die Hälfte meines Herzens, den beſſern Theil meines Geiſtes. Rtalien verlor einen ſeiner ausgezeichnetſten Söhne. D Ralien! Italien! Unglückliche Mutter! welche Trauer für dich als dieſer Tapferſte unter den Tapfern, dieſer Biederſte unter den Biedern auf immer dem Licht deiner ſchönen Sonne die Augen verſchloß! Beim Tod eines Mannes wie Auzani, das ſage ich dir, o Italien, ſoll die Nation welcher er angehört aus der tiefſten Tiefe ihres Herzens einen Schmerzensſchrei ausſtoßen, und wenn ſie nicht weint, wenn ſie nicht wehklagt wie Rahel in Rama, dann verdient dieſe Nation weder Sympathie noch Mitleid, da ſie für ihre edelſten Märtirer weder Sympathie noch Mitleid ge⸗ zeigt hat. tand der Beſ⸗ ohl, eide wür⸗ ins ich önig nach den ſten ter! nter ern die das her ens ſie hel der ten ge⸗ 12¹ Ol ein Märtirer, ein hundertfacher Märtirer war unſer vielgeliebter Auzani, und die ſchmerz⸗ lichſte Qual die dieſer Tapfere erduldet beſtand darin daß er als armer Sterbender das Vater⸗ land berührte, daß er nicht, wie er gelebt hatte, kämpfend für ſeine Ehre und Wiedergeburt ſter⸗ ben durfte. O Arzani! hätte ein Genie wie das deinige die Kämpfe in der Lombardei, die Schlacht von Novara, die Belagerung Roms geleitet, ſo würde der Fremdling nicht mehr unſere vaterländiſche Erde beſchmuzen und in frechem Hohn die Ge⸗ beine unſerer Helden mit Füßen treten. Die italieniſche Legion hatte, wie man geſe⸗ hen, vor der Ankunft Auzani's wenig geleiſtet; aber als er erſchienen war und unter ſeinen Auſpicien begann für ſie eine Laufbahn des Ruhms um welche die geprieſenſten Nationen ſie beneiden dürften. Unter allen meinen perſönlichen Bekannten welche je die Muskete oder das Schwert getra⸗ gen, weiß ich nicht einen Einzigen der ſich in Be⸗ zug auf Naturgaben, auf Inſpirationen des Mu⸗ thes und practiſche Anwendung der Wiſenſchaften mit Auzani meſſen dürfte. Er beſaß die unge⸗ ſtüme Tapferkeit Marna's, die Kaltblütigkeit Da⸗ vero's, die Gelaſſenheit, die Bravvur und das krie⸗ Leriſche Naturell Manara's. 8 Der Leſer kennt dieſe drei weiteren Märtirer ber italieniſchen Freiheit noch nicht, wird aber bald ihre Bekanntſchaft machen. Garibaldi, der nicht für 122 Auzani's militäriſche Kenntniſſe waren der ſeltenſten Art, die Allſeitigkeit ſeines Wiſſens be⸗ wundernswürdig. Im Beſiz eines unvergleich⸗ lichen Gedächtniſſes, ſprach er mit unerhörter Ge⸗ nauigkeit von den vergangenen Dingen, ſelbſt wenn ſie ins graue Alterthum hinaufgingen. In ſeinen lezten Jahren hatte ſein Character ſich merklich verändert; der arme Freund war herb, zornſüchtig, unduldſam geworden, und wahr⸗ lich nicht ohne Grund. Beinahe beſtändig von Schmerzen, den Nachwehen ſeiner zahlreichen Wun⸗ den und eines langjährigen ſtürmiſchen Lebens, gequält, ſchleppte er eine unerträgliche, eine wahre Märtirersexiſtenz hin. Ich überlaſſe es einer gewandteren Feder das militäriſche Leben Auzani's zu verzeichnen, das wohl verdient von einem ausgezeichneten Schrif⸗ ſteller in die Hand genommen zu werden. In Italien, in Griechenland, in Portugal, in Spa⸗ nien, in America wird man, bei Verfolgung ſei⸗ ner Spuren, allenthalben die Urkunden für ein Heldenleben finden. Das von Auzani geführte Tagebuch der ita⸗ lieniſchen Legion von Montevidev iſt nur einn Epiſode aus ſeinem Leben. Er war der Aelteſt dieſer Legion, die von ihm herangebildet, geleitet und verwaltet wurde, mit der er ſich vollſtändig identificirt hatte. den Druck ſchrieb, ſpricht gewiſfermaßen zu ſich ſelbſt und nicht zu den Leſern. A. D. ei der be⸗ leich⸗ rGe⸗ ſelbſt ractet war vahr⸗ n Wun⸗ bens, vahre r das das chrift⸗ In Spa⸗ g ſei r ein rita⸗ eine elteſte leitet ändig ſelbſt 123 O Italien! wenn der Allmächtige das Ende deiner Leiden feſtgeſezt haben wird, dann wird er dir Männer wie Auzani geben, um deine Söhne zur Vertilgung derjenigen zu führen wel⸗ che dich herabwürdigen und tiranniſiren. XII. Noch einmal Montevideo. Jezt wollen wir, bevor wir auf Garibaldi's lombardiſchen Feldzug vom Jahr 1848 kommen, in Bezug auf Montevideo dasjenige nachholen was er ſelbſt in ſeiner Beſcheidenheit nicht erzäh⸗ len konnte. * 4 * Wir haben das Gefecht vom 24. April 1844 geſchildert, wir haben den gefährlichen Boyada⸗ übergang erzählt, wir haben geſagt wie die ita⸗ lieniſchen Legionäre ſich dabei benommen. Der Offizier welcher dem General Paz den Bericht erſtattete, ſagte von ihnen blos: — Sie haben ſich wie die Tiger geſchlagen. — Kein Wunder, antwortete Paz, ſie haben einen Löwen zum Anführer. X * Nach der Schlacht von Sant⸗Antonio ſchrieb Admiral Lainé, Commandant der Laplataſtation, voll Bewunderung für dieſe ausgezeichnete Waf⸗ 124 fenthat, an Garibaldi folgenden Brief, deſſen Autograph G. B. Cunev, ein Freund des Gene⸗ rals, in Händen hat. Lainé's Admiralſchiff war die Africaine. „Ich wünſche Ihnen Glück, lieber General, daß Sie durch Ihre einſichtsvolle und uner⸗ ½ ſi ſchrockene Leitung ſo mächtig zu dieſer Waffenthat beigetragen haben, auf welche die Soldaten der großen Armee die für einen Augenblick Eurvpa beherrſchte ſtolz geweſen wären. „Ebenſo wünſche ich Ihnen Glück zu der Ein⸗ fachheit und Beſcheidenheit welche Ihrem ſehr detaillirten Bericht über dieſe Waffenthat, deren ganze Ehre man ungeſcheut Ihnen zuſchreiben darf, erhöhten Reiz verleihen. „Im Uebrigen hat dieſe Beſcheidenheit Ihnen die Sympathien von Leuten gewonnen welche im Stande ſind Ihre Leiſtungen ſeit ſechs Monaten gebührend zu würdigen. Zu dieſen gehört ganz beſonders auch der ehrenwerthe Baron Deffaudis, der Ihren Character ehrt und in dem Sie einen warmen Vertheidiger beſizen, beſonders wenn es ſich darum handelt nach Paris zu ſchreiben um ungünſtige Eindrücke zu verwiſchen die durch ge⸗ wiſſe Jvurnalartikel hervorgerufen werden könn⸗ ten; es gibt nun einmal Leute welche nicht ge⸗ wöhnt ſind die Wahrheit zu ſagen, ſelbſt wenn ſie Thatſachen erzählen die ſich unter ihren eige⸗ nen Augen zugetragen haben. „Empfangen Sie, General, die Verſicherung meiner Hochachtung.„Lains“ ſſen ne⸗ war ral, ner⸗ hat der opa in⸗ ſehr ren ben nen im aten anz dis, nen es um ge⸗ nn⸗ ge⸗ enn ige⸗ ung . . 125 Das Bulletin deſſen Einfachheit Lainé ſo ſehr bewunderte, befindet ſich weiter oben, am Schluſſe des Paragraphen 9. Mit dieſem Schreiben an Garibaldi nicht zu⸗ frieden, wollte Admiral Lainé ihm auch noch per⸗ ſönlich ſeine Complimente darbringen. Er fuhr nach Montevidev und begab ſich in die Rue du Portone, wo Garibaldi wohnte. Dieſes Quar⸗ tier, das ſo armſelig war wie das vom geringſten Legionär, ſchloß nicht, ſondern war Tag und Nacht Jedermann offen, ganz beſonders auch für den Wind und Regen, wie Garibaldi bei Gelegenheit dieſer Anecdote mir erzählte. Nun war es Nacht; der Admiral ſchob die Thüre auf und da das Haus nicht beleuchtet wat, ſtieß er ſich an einem Stuhl. — Hola! ſagte er, muß man denn durchaus h Hals brechen wenn man Garibaldi beſuchen will? — He, Frau, rief Garibaldi ſeinerſeits, ohne die Stimme des Admirals zu erkennen, hörſt du Sin im Vorzimmeriſt? Leuchte och. — Und mit was ſoll ich leuchten? antwortete Anita; weißt du nicht daß wir keine zwei Sous im Hauſe haben um ein Licht zu kaufen? — Das iſt wahr, antwortete Garibaldi phi⸗ loſophiſch. Er ſtand auf, öffnete das Zimmer wo er war, und ſagte, um in Ermanglung eines Lichtes ſei⸗ nen Beſuch durch ſeine Stimme zurechtzuleiten: 126 — Hieher, hieher! Der Admiral trat ein; es war ſo finſter daß er ſich nennen mußte, damit Garibaldi er⸗ fuhr mit wem er es zu thun hatte. Admiral, ſagte er, Sie werden mich ent⸗ ſchuldigen, aber als ich meinen Vertrag mit der Republik Montevidev abſchloß, vergaß ich unter den Rationen die man uns ſchuldete, die Lichter beſonders aufzuführen. Nun bleibt, wie Anita Ihnen geſagt hat, das Haus, da es nicht zwei Svus beſitzt um Lichter zu kaufen, unbeleuchtet. Glücklicher Weiſe vermuthe ich daß Sie kommen n mit mir zu plaudern, und nicht um mich zu ehen. Der Admiral plauderte wirklich mit Gari⸗ baldi, ſah ihn aber nicht. Er begab ſich von da zum Kriegsminiſter, General Pachecv y Obes, und erzählte wie es ihm ergangen war. Der Kriegsminiſter, der ſo eben das unten ſtehende Decret erlaſſen hatte, nahm ſogleich hun⸗ dert Patagonier(fünfhundert Franken) und ſchickte ſie Garibaldi. Dieſer wollte ſeinen Freund Pacheco nicht durch eine ablehnende Antwort beleidigen, nahm aber gleich in der Frühe die hundert Patagonier und vertheilte ſie an die Wittwen und Kinder der in Salto Sant⸗Antonio gefallenen Krieger; für ſich behielt er nur ſo viel um ein Pfund Lichter zu kaufen, womit er ſeine Frau haushälteriſch um; Lai Lai fole auf gem acht wie fech Bel gen feſt niſo ſam deſſ Ger Con Cat dach die gent beſt Pro ſter er⸗ nt⸗ der ter ter lita wei tet. nen zu ari⸗ ſter, ihm ten un⸗ ickte cht hm nier der e ter iſch . 127 umzugehen erſuchte, für den Fall daß Admiral Lainé ihm einen zweiten Beſuch machen wollte. Das Deeret das Pacheco y Obes erließ, als Lainé an ſeine Freigebigkeit appellirte, lautet wie folgt: „Generalbefehl. „Um unſern tapfern Waffenbrüdern die ſich auf den Feldern von Sant⸗Antonio unſterblich gemacht, einen deutlichen Beweis für die Hoch⸗ achtung des ganzen Heeres zu geben das ſie, wie auch ſich ſelbſt, in dieſem denkwürdigen Ge⸗ fechte mit Ruhm bedeckt haben; „Beſchließt der Kriegsminiſter: „1) Am 15. d., dem Tag auf welchen die Vehörde die Ueberreichung der Abſchrift des ge⸗ genwärtigen Deerets an die italieniſche Legion feſtgeſezt hat, wird eine große Parade der Gar⸗ niſon ſtattfinden, die ſich in der Marktſtraße ver⸗ ſammein wird, ihre Rechte an den kleinen Plaz deſſelben Namens anlehnend und in der vym Generalſtab zu bezeichnenden Ordnung. „2) Die italieniſche Legivn wird ſich auf dem Conſtitutionsplaz verſammeln, ihren Rücken der Cathedrale zukehrend, und dort wird ſie obge⸗ dachte Abſchrift von einer Deputation empfangen die aus einem Chef, einem Offizier, einem Ser⸗ genten und einem Soldaten von jedem Corps beſtehen und den Oberſten Francescv Tages zum Präſidenten haben ſoll. „3) Die Deputation wird ſich, nachdem ſie 128 zu ihren reſpectiven Corps zurückgekehrt iſt, mit ihnen auf den angezeigten Plaz begeben, indem ſie als Ehrencolonne vor der Fremdenlegion defilirt, und zwar während die Corpschefs mit dem Ruf ſalutiren: Eslebedas Vaterland! Es leben General Garibaldi und ſeine tapfern Genvoſſen! „4) Die Regimenter haben Morgens vier Uhr in Linie zu ſtehen. „5) Eine authentiſche Abſchrift dieſes Tags⸗ befehls wird der italieniſchen Legion und dem Ge⸗ neral Garibaldi zugeſtellt. „Pachecv y Obes.“ Das Decret lautete: „1) Daß folgende Worte in goldenen Lettern auf das Banner der italieniſchen Legion einge⸗ ſchrieben werden ſollen: Gefecht der italieniſchen Legion unter den Be⸗ fehlen Garibaldi's am 8. Februar 1846. „2) Daß die italieniſche Legion bei allen Paraden den Vorrang haben ſolle; „3) Daß die Namen der in dieſem Kampf Gefallenen auf eine im Regierungslocal aufzu⸗ hängende Tafel geſchrieben werden; „4) Daß alle Legionäre zur beſondern Aus⸗ zeichnung am linken Arm ein Wappen tragen ſol⸗ len, worauf beifolgende in einen Kranz gefaßte Inſchrift ſtehe: „Invincibili combatterono, 8. Febrajo 1846. Ueberdieß ließ Garibaldi, um den Legionären die am 8. Februar an ſeiner Seite gefallen einen hö kei Kr ſch He An hat Au wel ter ein ihr An 129 höchſten Beweis ſeiner Sympathie und Dankbar⸗ keit zu geben, auf dem Schlachtfeld ein großes Kreuz errichten das auf der einen Seite die In⸗ ſchrift trug: „Den XXXVI Italienern die am 8. Februar MDCOCXLVI geſtorben.“ und auf der andern Seite: „CLXXXIV Italiener auf dem Felde Sant⸗ Antoniv.“ So arm Garibaldi war, ſo traf er doch eines Tags einen Legionär der noch ärmer war. Der arme Teufel hatte kein Hemd. Garibaldi nahm ihn in eine Ecke, zog ſein Hemd aus und ſchenkte es ihm. Als er nach Hauſe kam, verlangte er von Anita ein anderes. Aber Anita ſchüttelte den Kopf und ſagte: — Du weißt wohl daß du blos ein einziges hatteſt; du haſt es verſchenkt, jezt ſieh ſelbſt zu. Und nun blieb Garibaldi ohne Hemd, bis Auzani ihm eines ſchenkte. Aber Garibaldi war unverbeſſerlich. Eines Tags, als er ein feindliches Schiff weggenommen hatte, vertheilte er die Beute un⸗ ter ſeine Gefährten. Nach der Vertheilung rief er ſeine Krieger, einen um den andern, zu ſich und fragte ſie nach ihren Familienverhältniſſen. Dann gab er den Bedürftigſten von ſeinem Antheil und ſagte: Garibaldi. n. 9 130 — Nehmt das, es iſt für eure Kinder. Es befand ſich überdieß eine bedeutende Geld⸗ ſumme an Bord, aber Garibaldi behielt keinen Centime für ſich, ſondern ſchickte Alles an den Staatsſchaz in Montevidev. Einige Zeit nachher war der Antheil an der Priſe ſo vollſtändig verſchwunden, daß nur noch drei Sous im Hauſe blieben. Dieſe drei Sous ſind der Gegenſtand einer Anecdote welche mir Garibaldi ſelbſt erzählte. Eines Tages hörte er ſein Töchterchen Tereſita ſchreien. Das Kind ging ihm über Alles. Er lief hin um zu ſehen was es gebe. Die Kleine war eine Treppe hinuntergerollt und blutete im Geſicht. Garibaldi wußte nicht wie er ſie tröſten ſollte; da fielen ihm auf einmal die drei Sous ein, welche das ganze Vermögen des Hauſes bildeten und für große Veranlaſſungen in Reſerve gehal⸗ ten wurden. Er nahm dieſe drei Sous und ging fort um irgend ein Spielzeug für das Kind zu kaufen. Vor der Thür begegnete er einem Boten der ihm von Seiten des Präſidenten Jvaquin Suarez eine wichtige Mittheilung in Ausſicht ſtellte. Er ging ſogleich zu dem Präſidenten, vergaß gänzlich den Grund warum er ausgegangen wal, und behielt mechaniſch die drei Sous in der Hand⸗ bet nd An ent er Th ner wir eld⸗ einen den der noch einer E reſita lief erollt llte; ein, deten ehal⸗ t um n. zoten iquin sſicht ergaß war, and⸗ 131 Die Beſprechung währte zwei Stunden und betraf wichtige Gegenſtände. Nach dieſen zwei Stunden kam Garibaldi nach Hauſe zurück; das Kind war beſchwichtigt, Anita aber ſehr unruhig. — Man hat die Börſe geſtohlen! rief ſie ihm entgegen. Nun dachte Garibaldi an die drei Sous die er noch in der Hand hatte. Er ſelbſt war der Dieb. Der Feldzug in der Lombardei. Jezt wollen wir mit Hilfe eines Freundes von Garibaldi, des tapfern Oberſten Medici, welchen man übrigens aus der Einfachheit ſeiner Worte beurtheilen kann, unſere Erzählung da wieder auf⸗ nehmen wo Garibaldi ſie unterbrochen hat. Sein Zug nach Sicilien würde uns zwingen mit ſeinen Memoiren hier innezuhalten, wenn Medici nicht die Fortſezung auf ſich nähme. Und wir geſtehen es, dieſe Art von Garibaldi zu ſprechen gefällt uns beſſer als ihn ſelbſt von ſich ſprechen zu laſſen. In der That vergißt Garibaldi beim Erzäh⸗ len unaufhörlich ſeinen eigenen Antheil an den Thaten die er preisgibt, um die Verdienſte ſei⸗ ner Waffenbrüder deſto beſſer hervorzuheben. Da wir uns nun ſpeciell mit ihm ſelbſt beſchäftigen, 132 ſo kann ein Dritter ihn weit beſſer in ſein wah⸗ res Licht ſtellen. Wir laſſen alſo den Oberſten Mediei den lom⸗ bardiſchen Feldzug von 1848 erzählen. N Ich reiste um die Mitte des Jahres 1846 von London nach Montevidev. Weder ein politiſcher noch ein commercieller Grund rief mich nach Südamerica: ich ging mei⸗ ner Geſundheit wegen hin. Die Aerzte glaubten mich ſchwindſüchtig; aus Italien war ich meiner liberalen Geſinnungen wegen verbannt worden, und ſo entſchloß ich mich zu einer Meerfahrt. Ich kam ſieben oder acht Monate nach dem Gefecht von Salto Sant⸗Antonio in Montevidev an. Der Ruf der italieniſchen Legion ſtand in ſeiner ſchönſten Blüthe. Garibaldi war damals der Held des Augenblicks. Ich machte ſeine Be⸗ kanntſchaft, erſuchte ihn um Aufnahme in die Le⸗ gion und er bewilligte meinen Wunſch. Tags darauf trug ich die rothe Blouſe mit den grünen Aufſchlägen und ſagte voll Stolz zu mir ſelbſt: — Ich bin Soldat Garibaldi's. Bald wurde unſer Verhältniß ein innigeres. Er ſchenkte mir ſeine Freundſchaft, ſein Vertrauen, und als ſeine Abreiſe beſchloſſen war, einen Mo⸗ 133 nat bevor er Montevidev verließ, fuhr ich mit ei⸗ nem Paketboot nach Havre. Ich hatte ſeine Inſtructionen; ſie waren klar und beſtimmt wie alle die Garibaldi gibt. Ich war beauftragt nach Piemont und Tos⸗ cana zu gehen und daſelbſt mehrere ausgezeich⸗ nete Männer aufzuſuchen, unter andern Fenzi, Guerrazzi, Beluomini, den Sohn des Generals. Ich hatte die Adreſſe Guerrazzi's, der ſich in der Nähe von Piſtoja verſteckt hatte. Mit Hülfe dieſer mächtigen Bundesgenoſſen ſollte ich den Aufſtand organiſiren; Garibaldi ſollte bei ſeiner Landung bei Via⸗Reggio Alles zum Ausbruch bereit finden; wir ſollten uns Lue⸗ ca's bemächtigen und dahin marſchiren wo die Hoffnung winkte. Ich fuhr während des Aufſtandes vom 15. Mai durch Paris; ich kam nach Italien, und nach Verfluß eines Monats hatte ich dreihundert Mann, bereit zu marſchiren wohin ich ſie führen würde, und wäre es in die Hölle. Da vernahm ich daß Garibaldi in Nizza ge⸗ landet hatte. Mein erſtes Gefühl war tiefe Empfindlich⸗ keit darüber daß er unſere Verabredungen ſo gänzlich vergeſſen. Jezt hörte ich daß Garibaldi von Nizza ab⸗ gereist war und Auzani ſterbend dort gelaſſen hatte. Ich liebte Auzani ſehr; Jedermann liebte ihn. Ich eilte nach Nizza, Auzani lebte noch. Ich ließ ihn nach Genua ſchaffen, wo er die 134 lezte Gaſtfreundſchaft im Palaſt des Marquis Gavotto erhielt, in der Wohnung welche der Ma⸗ ½ ler Gallino dort innehatte. Ich ſezte mich zu ſeinen Häupten feſt undz verließ ihn nicht mehr. Mein Schmollen mit Garibaldi bekümmerte ihn mehr als es der Mühe werth war. Er ſprach oft von ihm; eines Tags ergriff er meine Hand und ſagte in einem prophetiſchen Ton der ſeine Inſpiration in einer andern Welt zu ha⸗ ben ſchien: — Medici, ſei nicht ſtreng gegen Garibaldiz er iſt ein Mann dem der Himmel ein ſolch eſchick beſchieden hat, daß man wohlthut ihn zu unterſtüzen und ihm zu folgen. Die Zulkunfti Italiens beruht auf ihm; er iſt ein Präoeſtinit⸗ 1 ter. Ich habe mich mehr als einmal mit ihm überworfen; aber feſt überzeugt von ſeiner Sen dung, bin ich immer zuerſt wiedergekehrt. Dieſe Worte bleiben mir, wie immer die lez⸗½ ten Worte eines Sterbenden uns bleiben, und ½ haben mir ſeither ſehr oft in den Ohren getönt. ½ Auzani war Philoſoph und fragte wenig nach den materiellen Pflichten der Religion. Im Au⸗ genblick des Sterbens jedoch, als man ihn fragte ob er keinen Prieſter zu ſehen wünſche, antwor wortete er: — Doch, laßt einen kommen. Und als ich mich über dieſen Act, den ich eine Schwäche nannte, verwunderte, ſagte er? — Lieber Freund, Italien erwartet in dieſemz tunſt ini⸗ ½ ihm lez⸗ ½ und ½ tönt. nach Au⸗ ½ ragte wo⸗ nich * ieſem 135 Augenblick viel von zwei Männern, von Pius IX. und von Garibaldi. Deßhalb darf man die Leute die mit Garibaldi zurückgekehrt ſind nicht in den Geruch der Kezerei kommen laſſen. Darauf empfing er die Sacramente. Seine letzten Worte lauteten: — Vergiß meine Ermahnungen in Bezug auf Garibaldi nicht. Damit verſchied er. Der Leichnam und die Papiere Auzani's wur⸗ den ſeinem Bruder, einem entſchiedenen Anhän⸗ ger der öſterreichiſchen Partei, übergeben. Der Leichnam wurde nach Alzate, der Va⸗ terſtadt Auzani's, gebracht, und dem Sarge die⸗ ſes Mannes, der ſechs Monate früher in ganz Italien keinen Stein gefunden hätte wo er ſein Haupt hinlegen konnte, folgte jezt ein Triumphgeleite. Als man in Montevideo ſeinen Tod erfuhr, war es eine allgemeine Trauer in der Legion; man ſang ihm ein Requiem, und der Legionsarzt, Dockor Bartolomev Odieine, hielt eine Leichenrede. Was Garibaldi betraf, ſo nannte er, um bei der Organiſativn der lombardiſchen Freiwilligen ſein Andenken möglichſt friſch zu erhalten, das erſte Bataillon derſelben nach Auzani. Nach dem Tod dieſes Freundes war ich nach Turin gereist. Eines Tags führte mich der Zufall, als ich unter den Arcaden ſpazieren ging, gerade vor Garibaldi hin. Bei ſeinem Anblick kam mir die Ermahnung 136 Auzani's ins Gedächtniß; ſie wurde allerdings unterſtüzt durch die innige und ehrerbietige Zärt⸗ lichkeit die ich gegen Garibaldi hegte. Wir ſanken einander in die Arme. Dann, nachdem wir uns zärtlich geküßt, kam uns beiden die Erinnerung an das Vaterland zu gleicher Zeit wieder. — Nun was wollen wir jezt thun? fragten wir einander. — Ei, ſagte ich, kommen Sie denn nicht von Roverbella? haben Sie denn nicht Carl Albert Ihren Degen angeboten? Seine Lippen verzogen ſich höhniſch. — Dieſe Leute da, ſagte er, ſind nicht wür⸗ dig daß Herzen wie die unſrigen ſich ihnen un⸗ terwerfen; keine Perſonen, lieber Medici, Nichts als das Vaterland, immer das Vaterland! Da er nicht geneigt ſchien mir Näheres über ſeine Beſprechung mit Carl Albert mitzutheilen, ſo fragte ich ihn nicht weiter darüber. Später vernahm ich daß König Carl Albert ihn mehr als kalt empfangen und ihn nach Turin gewieſen hatte um daſelbſt die Befehle ſeines Kriegsminiſters, Herrn Ricci, abzuwarten. Herr Ricei hatte ſich zu erinnern geruht daß Garibaldi ſeine Befehle erwartete; er hatte ihn kommen laſſen und zu ihm geſagt: — Ich rathe Ihnen ſehr nach Venedig zu gehen; dort werden Sie das Commando über einige kleine Schiffe übernehmen und können als Co gla nut in bes ein En un die der lot me ings ärt⸗ kam land gten von lbert wür⸗ un⸗ 8 als über eilen, lbert urin eines daß ihn zu über als 137 Corſar den Venetianern ſehr nüzlich ſein. Ich glaube daß Ihr Plaz dort iſt und nirgends anders. Garibaldi gab Herrn Rieci keine Antwort; nur ging er nicht nach Venedig, ſondern blieb in Turin. So kam es daß ich ihm unter den Arcaden begegnete. — Nun, was thun wir jezt? fragten wir einander von Neuem. Mit Leuten vom Gepräge Garibaldi's ſind Entſchlüſſe bald gefaßt. Wir entſchloßen uns nach Mailand zu gehen und reisten noch am ſelben Abend ab. Der Augenblick war gut; man hatte eben die Nachricht von den erſten Unfällen der pie⸗ monteſiſchen Armee erhalten. Die proviſoriſche Regierung gab Garibaldi den Generalstitel und ermächtigte ihn Bataillone lombardiſcher Freiwilligen zu organiſiren. Garibaldi und ich, unter ſeinen Befehlen, machten uns ſogleich an die Arbeit. Alsbald ſtieß ein Bataillon Freiwilliger aus Vicenza zu uns, das uns vollkommen organiſirt aus Pavia zukam. Dieß war ein Kern. Garibaldi ſchuf das Bataillon Auzani, das er bald vollſtändig hatte. Ich war beauftragt dieſe ganze Barricaden⸗ jugend, die in fünf Tagen mit dreihundert Flin⸗ ten und vier⸗ oder fünfhundert Mann Radetzky . 138 und ſeine 20000 Soldaten aus Mailand verjagt hatte, zu discipliniren. Aber wir ſtießen auf dieſelben Schwierigkeiten wie Garibaldi im Jahr 1850. Dieſe Freiwilligencorps, welche den Geiſt der Revolution vertreten, machen den Regierungen immer bange. Ein einziges Wort kann einen Begriff vom Geiſt der unſrigen geben. Mazzini war der Fahnenträger und eine ſei⸗ ner Contpagnien nannte ſich die Compagnie Mediei. Das Erſte was man that war alſo daß man uns Waffen verweigerte; ein bebrillter Herr der eine bedeutende Stelle im Miniſterium einnahm, ſagte ganz laut, dieß ſeien verlorne Waffen, und Gati⸗ baldi ſei ein Haudegen, weiter Nichts. Wir antworteten es ſei gut; wir würden uns ſchon Waffen verſchaffen, aber man möchte uns gefälligſt Uniformen geben. Man erwiderte es ſeien keine Uniformen vor⸗ handen; dagegen öffnete man uns die Magazine wo öſterreichiſche, ervatiſche und ungariſche Klei⸗ der ſich vorfanden. Dieß war ein herzlich ſchlechter Wiz gegenüber von Leuten die gegen die Crvaten, Ungarn und, Oeſterreicher in den Tod geführt zu werden ver⸗ langten. Alle dieſe jungen Leute, die den erſten Häuſern, zum Theil ſogar Millionärsfamilien von Mailand an⸗ gehbrten, weigerten ſich mit Entrüſtung. Gleichwohl mußte man ſich entſcheiden; man kon ten ein üb Le ker ve Fl eir ſät vom e ſei⸗ edici. uns eine ſagte Gari⸗ uns uns vor⸗ azine Klei⸗ rüber und, vel⸗ zum an⸗ man konnte nicht theils im Frack theils im Rock fech⸗ ten; wir nahmen die Lein wanttittel der bſter⸗ reichiſchen Soldaten und machten Blouſen daraus. Es war zum Todtlachen, wir ſahen aus wie ein Regiment von Köchen; es hätte ein wohlge⸗ übtes Auge dazu gehört um unter e groben Leinwand die goldene Jugend Mailands zu er⸗ kennen. Während man die Kleider anmaß und fertigte, verſchaffte man ſich mit allen möglichen Mitteln Flinten und Munitivn. Endlich nachdem wir einmal bewa gekleidet waren, brachen wir unter Abfingung patriotiſchen Hymne nach Bergamo auf⸗ mich betraf, ſo hatte ich 180 Leute, die, wie ich bereits geſagt habe, beinahe ſämmtlich den erſten F milien Mailands ange⸗ hörten, unter meinem B n In Bergamo kam Mazzini zu uns und nahm unter lebhaftem Zuruf einen Plaz in unſern Reihen ein. Hier vereinigte ſich ein Regiment von Berga⸗ masken, regelmäßigen Recruten der piemonteſiſchen Armee, mit uns; es führte zwei Kanonen die der Nationalgarde gehörten. Kaum waren wir angekommen, als ein Be⸗ fehl des Mailänder Comite, beſtehend aus Fanti, Maeſtri und Reſtelli, uns zur rückrief. Wir ſollten in Eilmärſchen wiederkehren. Wir gehorchten und begannen unſere Rückkehr nach Mailand. 140 Aber ſchon in Monza vernahmen wir daß Maiiland capitulirt hatte und daß ein öſterreichi⸗ ſches Reitercorps zu unſerer Verfolgung detachirt war. Garibaldi befahl ſogleich den Rückzug auf Como; unſer Spiel war ſo nahe als möglich an die Schweizergrenzen zu rücken. Garibaldi ſchickte mich zum Nachtrab um den Rückzug zu decken. Wir waren ſehr ermüdet von dem Eilmarſch den wir ſo eben gemacht hatten. Wir hatten nicht Zeit gehabt in Monza zu eſſen, und nun ſanken wir vor Hunger und Erſchöpfung um; unſere Leute zogen ſich in Unordnung und gänz⸗ lich demoralifirt zurück. Die Folge dieſer Demoraliſativn war daß bei unſerer Ankunft in Como die Deſertion unter uns einriß. Von fünftauſend Mann die Garibaldi hatte, traten viertauſend zweihundert in die Schweiz über; wir blieben mit achthundert. Garibaldi nahm, wie wenn er noch immer ſeine fünftauſend Mann hätte, mit ſeiner gewöhn⸗ lichen Ruhe in Camerlata, dem Vereinigungs⸗ punkt mehrerer Straßen, vorwärts von Como, Poſition. Hier pflanzte er ſeine zwei Geſchüze als Bat⸗ terie auf und ſchickte Curiere an Manara, an Griffini, an Durando, an Apice, kurz an alle Freiwilligenchefs in der obern Lombardei, ſie ſollten ſich in den feſten Stellungen die ſie inn bis ſi ver: arſch atten nun um; änz⸗ daß unter atte, weiz nmer öhn⸗ ngs⸗ omo, Bat⸗ an an rdei, e ji 141 innehaben, und die um ſo ſicherer und leichter bis zum letzten Augenblick haltbar ſeien als ſie ſich an die Schweiz anlehnen, mit ihm ins Ein⸗ vernehmen ſezen. Die Aufforderung blieb erfolglos. Nun zog ſich Garibaldi von Camerlata nach demſelben San Fermo zurück, wo wir 1859 die Oeſterreicher ſo vollſtändig ſchlugen. Aber ehe wir auf dem Marktplaz Poſition nahmen, ließ er uns antreten und haranguirte uns. Garibaldi's Anſprachen ſind lebhaft, pittoresk, hinreißend, ſie haben die wahre Beredſamkeit des Soldaten. Er ſagte, wir müſſen den Krieg als Parteigänger, bandenweiſe fortſezen; dieſer Krieg ſei der ſchönſte und ungefährlichſte, man müſſe nur Vertrauen zu dem Führer haben und ſich auf ſeine Gefährten ſtüzen. Troz dieſer warmen Anrede fanden in der Nacht neue Deſertionen ſtatt, und Tags darauf war unſere Schaar auf vier⸗ oder fünfhundert Mann zuſammengeſchmolzen. Nun beſchließt Garibaldi zu ſeinem großen Bedauern nach Piemont zurückzukehren; aber im Augenblick wo er über die Gränze ziehen will überfällt ihn die Scham; er macht in Caſtellettv am Teſſin Halt, er befiehlt mir die Umgegend zu durchſtreifen und ſo viel wie möglich Deſerteure zurückzubringen. Ich gehe nach Luganv und bringe dreihundert Mann zurück; wir zählen uns, wir ſind 750. Garibaldi findet die Anzahl ge⸗ nügend um gegen die Oeſterreicher zu marſchiren. Am 12. Auguſt erläßt er ſeine berühmte Pro⸗ clamation, worin er erklärt daß Carl Albert ein Verräther ſei, daß die Italiener ſich nicht mehr auf ihn verlaſſen können und dürfen, und daß jeder Patriot es für ſeine Pflicht halten müſſe den Krieg für eigene Rechnung zu führen. Nachdem dieſe Proclamativn in einem Augen⸗ blick erlaſſen worden wo man von allen Seiten zum Rückzug bläst, marſchiren wir allein vor⸗ wärts, und Garibaldi macht mit ſeinen 750 Mann eine offenſive Bewegung gegen die öſterreichiſche Armee. Wir marſchiren auf Arvna; dort bemächtigen wir uns zweier Dampfboote und etlicher keinen Schiffe. Wir beginnen die Einſchiffung; ſie währt bis zum Abend, und am folgenden Morgenbei Tages⸗ anbruch kommen wir nach Luinv. Garibaldi war krank; er hatte ein Wechſel⸗ fieber deſſen Anfälle er vergebens zu bekämpfen verſuchte. In einem dieſer Anfälle ging er ins Wirths⸗ haus zur Schnepfe, ein vereinzeltes Haus vor Luino, vom Dorfe durch einen kleinen überbrück⸗ ten Bach getrennt, und ließ mich rufen. — Medici, ſagte er, ich bedarf durchaus zwei Stunden Ruhe; übernimm meine Stelle und wache über uns. Das Wirthshaus zur Schnepfe war ſchlecht ang gen reic den Nic ruh reg ſtar Br und und kun fer rieſ Fie mi me wi we lge⸗ iren. Pro⸗ t ein mehr daß nüſſe gen⸗ eiten vor⸗ dann iſche tigen inen bis ges⸗ hſel⸗ pfen rths⸗ vor rück⸗ zwei und lecht 143 gewählt für einen Kranken der ruhig ſchlafen wollte. Es war das erſte Haus das vom Feind angegriffen werden mußte, wenn er in die Ge⸗ gend kam. Wir hatten keine Nachricht von den Oeſter⸗ reichern; wir wußten nicht waren wir zehn Stun⸗ den oder einige Kilometer von ihnen entfernt. Nichtsdeſtoweniger ſagte ich zu Garibaldi er ſolle uhig ſchlafen; ich werde e Vorſichtsmaß⸗ regeln treffen damit er nich t geſtört Sehe Mit dieſem Verſprechen ging ich: die Flinten ſtanden in tn der ande ern Seite v er Brücke, unſere Leute lagerten zwiſchen der Brice und Luinv. Ich ſtellte Schildwachen vor das Wirthshaus und ſchickte Bauern ab um die Gegend auszu⸗ kund ſchaften. Nach einer halben Stunde kamen meine Strei⸗ fer ganz entſezt zurück und riefen: Die Seſtreicher! die Oeſtreicher! Ich ſtürzte mich in Garibaldi's Zimmer und rief gleichfalls: — Die Oeſtreicher! Garibaldi befand ſich eben in einem heftigen Fieberanfall; er ſprang aus dem Bett und befahl mir den Apell ſchlagen und unſere Leute zuſam⸗ menkommen zu laſſen; von ſeinem Fenſter aus würde er Alles überſehen und zu uns kommen wenn es Zeit wäre. In der That war er nach zehn Minuten mit⸗ ten unter uns. 144 Er theilte unſer Häuflein in zwei Colonnen; die eine ſollte den Weg verſperren und den Oeſter⸗ reichern Stand halten; die andere nahm eine Flankenpoſitivn damit man uns nicht umging, und ſie konnte ſogar angreifen. Bald erſchienen die Oeſterreicher auf der Hauptſtraße; wir ſchäzten ſie auf 1000 bis 1200 Mann; ſie bemächtigten ſich ſogleich der Schnepfe. Garibaldi ertheilte alsbald der Colonne welche die Hauptſtraße verſperrte Befehl zum Angriff; ſie beſtand aus 400 Mann und griff entſchloſſen 1200 an. Es iſt Garibaldis Gewohnheit niemals weder die Feinde noch ſeine eigenen Leute zu zähſen; man ſteht dem Feind gegenüber, alſo muß man den Feind angreifen. Man muß geſtehen daß dieſe Tactik ihm bei⸗ nahe immer glückt. Da inzwiſchen die Oeſterreicher Stand hielten, ſo fand Garibaldi daß es nöthig wurde ſeine ganze Streitmacht ins Treffen zu führen; er rief die Flankencolonne, erneuerte den Angrif, und dießmal erreichte er ſeinen Zweck. Ich hatte vor mir eine Mauer über die ich mit meiner Compagnie hinwegkletterte; ich befand mich im Garten; die Oeſterreicher feuerten durch alle Oeffnungen des Wirthshauſes. Aber wir ſtürzten uns mitten in die Kugeln, griffen mit dem Bajonet an, und durch all dieſe Oeffnungen die kaum vorher noch Feuer geſpieen drangen wir jezt ein. ließ nen; eſter⸗ eine ging, der 1200 epfe. elche grif; loſſen veder en; man bei⸗ lten, ſeine griff, ich fand durch geln, dieſe pieen 145 Die Oeſterreicher zogen ſich in vollſtändiger Unordnung zurück. Garibaldi hatte den Angriff zu Pferd, vor⸗ wärts von der Brücke, fünfzig Schritte vom Wirthshaus, mitten im Feuer geleitet; es war ein Wunder daß er, der gleich einer Scheibe dem feindlichen Feuer ausgeſezt war, von keiner Kugel getroffen wurde. Sobald er den Feind auf der Flucht ſah, rief er mir zu ich ſolle ihn mit meiner Compagnie verfolgen; die Deſertion hatte ſie auf hundert Mann herabgebracht, und mit dieſen hundert Mann begann ich auf eilfhundert Jagd zu machen. Es war kein großes Verdienſt dabei; die Oeſter⸗ reicher ſchienen von einer wahren Panik ergriffen zu ſein, ſie warfen Flinten, Torniſter nebſt Pa⸗ trontaſchen weg und liefen bis nach Vareſe. Sie ließen in der Schnepfe etwa hundert Todte und Verwundete; in unſern Händen etwa achtzig Gefangene. Ich hörte ſie hätten in Germiniada Halt ge⸗ macht; aber als ich dahin zurückkehrte, waren ſie bereits aufgebrochen. Ich ſuchte ihre Spuren; aber ſo ſchnell ich laufen mochte, ſo konnte ich ſie nicht erreichen. Während der Nacht kam die Nachricht daß ein zweites bſterreichiſches Corps, bedeutender als das erſte, gegen uns marſchire. Garibaldi be⸗ fahl mir in Germiniada Stand zu halten; ich ließ augenblicklich Barricaden bauen und die Häu⸗ ſer mit Schießſcharten verſehen. Garibaldi. I. 10 — — — — 146 Wir hatten in dieſer Art von Befeſtigung eine ſolche Uebung erlangt, daß wir kaum eine Stunde brauchten um das elendeſte Neſt ſo her⸗ zurichten daß es eine Belagerung aushalten konnte. Die Nachricht war falſch. Garibaldi ſchickte zwei oder drei Compagnien in verſchiedenen Richtungen ab; dann als ſie zu⸗ rückkamen, ſammelte er ſeine ganze Mannſchaft und gab Befehl nach Guerla zu marſchiren, und von da nach Vareſe, wo er im Triumph aufgenommen wurde. Wir rückken geradezu gegen Radetzky vor. In Vareſe beſezten wir die Höhe von Buimo di Sopra, welche Vareſe beherrſcht und unſern Rückzug ſicherte. Da ließ Garibaldi einen öſterreichiſchen Spion erſchießen. Dieſer Spion ſollte drei ſtarken öſterreichiſchen Colonnen die gegen uns heranrückten Aufſchlüſſe über unſere Stärke geben. Die eine marſchirte auf Como, die andere auf Vareſe, die dritte trennte ſich von den beiden an⸗ dern und zog gegen Luinv. Es war klar daß die Oeſterreicher den Plan hatten ſich zwiſchen Garibaldi und Lugano zu ſtel⸗ len und ihm jeden Rückzug ſowohl nach Pie⸗ mont als nach der Schweiz abzuſchneiden. Wir brachen nun von Buimv nach Arei⸗ ſate auf. Dort detachirte Garibaldi mich mit meiner Cot dete kam Oeſ von ſion pät mich möc mick den. und kom Poſ wel ſche neu fen hiel ang befe 147 Compagnie, die fortwährend den Vortrab bil⸗ dete, nach Viggia. Als ich mit meinen hundert Mann dort an⸗ kam, erhielt ich Befehl unverzüglich gegen die Oeſterreicher aufzubrechen. Die erſte Colonne von welcher ich Kenntniß erhielt war die Divi⸗ ſion dAſpre, fünftauſend Mann ſtark. Es war dieß derſelbe General d'Aſpre der ſpäter die Mezeleien von Livorno anrichtete. In Folge des erhaltenen Befehls bereitete ich mich zum Kampfe vor, und um ihn in der beſt⸗ möglichen Stellung zu beſtehen, bemächtigte ich mich der drei kleinen Dörfer die ein Dreieck bil⸗ den. Sie heißen Catzone, Ligurno und Roderv und beherrſchen alle Straßen die von Como her kommen. Hinter dieſen Dörfern befand ſich eine ſtarke Poſition, San Maſſev, ein unerſtürmbarer Fels welchen ich gewiſermaßen nur hinunterzurut⸗ ſchen brauchte um in die Schweiz d. h. in neutrales Land zu kommen. Ich hatte meine hundert Mann in drei Hau⸗ fen getheilt, von denen Jeder ein Dorf beſezt hielt. Ich ſelbſt war in Ligurnv. Ich war bei Nacht mit vierzig Mann dort ne und hatte mich ſo gut wie möglich efeſtigt. r Tagesanbruch griffen die Oeſterreicher mich an. Sie hatten ſich zuvor Rodero's bemächtigt 148 welches ſie leer angetroffen; ſeine Garniſon hatte ſich während der Racht in die Schweiz zurückge⸗ zogen; ich beſaß noch acht und ſechzig Mann. Ich rief die dreißig Mann die ich in Catzone hatte zurück und marſchirte im Sturmſchritt nach San Maſſev; dort konnte ich Stand halten. Kaum hatte ich mich feſtgeſezt, ſo wurde ich angegriffen; die Oeſterreicher beſchoßen uns von Rodero aus mit Kanonenkugeln und Conerevſchen Raketen. Ich warf meine Blicke rings umher; der Fuß des Berges war vollſtändig von Reiterei um⸗ zingelt. Nichtsdeſtoweniger beſchloßen wir uns kräftig zu vertheidigen. Die Oeſterreicher ſtürmten den Berg heran; das Schießen begann. Unglücklicher Weiſe hat⸗ ten wir nur zwanzig Patronen jeder, und unſere Flinten waren mehr als mittelmäßig. Beim Lärm unſerer Fuſillade bedeckten ſich die angrenzenden Schweizerberge mit Neugieri⸗ gen. Fünf oder ſechs Teſſiner die ihre Carabi⸗ biner bei ſich hatten konnten es nicht mehr aus⸗ halten; ſie kamen zu uns herüber und feuerten als Liebhaber mit.— Ich behauptete meine Stellung und hielt den Kampf aufrecht bis meine Leute ihre lezten Patro⸗ nen verſchoſſen hatten. Ich hoffte immer Garibaldi würde die Kanv⸗ nen der Oeſterreicher hören und nach dem Feuet zu kommen, aber Garibaldi hatte etwas Anderes atte ckge⸗ n tzone nach ich von ſchen Fuß um⸗ äftig ran; hat⸗ nſere ſich gieri⸗ rabi⸗ aus⸗ erten t den atro⸗ danv⸗ Feuer deres 149 zu thun als uns beizuſpringen; er hatte gehbrt daß die Oeſterreicher gegen Luino heranrückten, und nun marſchirte er ihnen entgegen. Als alle meine Patronen verſchoſſen waren. glaubte ich es ſei Zeit an den Rückzug zu den⸗ ten. Geleitet von unſern Teſfinern, nahmen wir über die Felſen hin einen Weg der nur den Landeskindern bekannt iſt. Eine Stunde ſpäter befanden wir uns in der Schweiz. Ich zog mich mit meinen Leuten in ein Wäld⸗ chen zurück; die Einwohner liehen uns Kiſten worin wir unſere Flinten verbargen um ſie bei nächſter Gelegenheit wieder zu holen. Wir hatten acht und ſechzig Mann ſtark über vier Stunden gegen Fünftauſend Stand gehalten. Der Generak d'Aſpre ließ in alle Zeitungen rücken, er habe ein hartnäckiges Gefecht gegen Garibaldi's Armee beſtanden und derſelben eine vollſtändige Niederlage beigebracht. Nur die Oeſterreicher können ſolche Späſſe machen. XIV. Der lombardiſche Feldzug. Fortſetzung. Garibaldi marſchirte, wie ich geſagt habe, auf Luino; aber bevor er dort ankam, erhielt er die Nachricht daß Luino bereits von den Oeſterrei⸗ chern beſezt ſei, und daß die Colonne d'Aſpre 150 nach dem großen Siege über uns ſich Areiſate's bemächtigt habe. Garibaldi's Rückzug auf die Schweiz wurde dadurch ſehr ſchwierig. Er beſchloß alſo gerade⸗ wegs auf Morazzone, eine ſehr feſte und folglich ſehr vortheilhafte Stellung, zu marſchiren. Ohnehin hatte der Kanonendonner den er gehört ihm den Mund wäſſern gemacht. Kaum hatte er ſich gelagert, ſo ſah er ſich vollſtändig von fünftauſend Oeſterreichern um⸗ zingelt. Er hatte fünfhundert Mann bei ſich. Mit dieſen fünfhundert Mann hielt er einen ganzen Tag lang den Angriff der fünftauſend Oeſterreicher aus. Als die Nacht kam, bildete er ſeine Mann⸗ ſchaft zu geſchloſſenen Colonnen und ging mit dem Bajonet auf den Feind los. Begünſtigt von der Dunkelheit, machte er eine blutige Oeffnung und befand ſich wieder auf freiem Feld. Eine Stunde von Morazzone verabſchiedete er ſeine Leute, beſchied ſie nach Lugano und brach zu Fuß mit einem als Bauer verkleideten Füh⸗ rer nach der Schweiz auf. Eines Morgens erfuhr ich in Luganv, Gari⸗ ribaldi, von dem man geſagt hatte er ſei bei Morazzone getödtet oder gefangen worden, ſei in einem benachbarten Dorf angekommen. Da kamen die prophetiſchen Worte Auzani's mir ins Gedächtniß zurück. wi ner ſec rei te's urde ade⸗ glich et ſich um⸗ inen ſend inn⸗ mit auf dete rach üh⸗ ari⸗ bei ſei ni's 151 Ich eilte zu ihm und fand ihn todmüde, wie gerädert, kaum der Sprache mächtig, in ſei⸗ nem Bette. Er hatte ſpeben einen Marſch von ſechzehn Stunden gemacht und war den Oeſter⸗ reichern durch ein Wunder entkommen. Seine erſte Frage, als er mich erblickte, war: — Haſt du deine Compagnie bereit? — Ja, antwortete ich. — Nun wohl, ſo laß mich heute Nacht ſchla⸗ fen; morgen wollen wir unſere Leute ſammeln und wieder anfangen. Ich mußte lachen; vorausſichtlich mußte er am folgenden Tage ſo ſteif ſein, daß er kein Bein rühren konnte. Am folgenden Tag war Garibaldi zu mei⸗ nem großen Erſtaunen wieder auf den Füßen; bei dieſem Manne ſind Seele und Kbörper gleich, beide von Erz. Aber es gab nichts mehr zu thun; Garibal⸗ di's lombardiſcher Feldzug war zu Ende. Er ging nach Piemont zurück und kam wie⸗ der nach Genua. Dort überbrachte ihm eine ſicilianiſche Depu⸗ tativn Vorſchläge. Man erſuchte ihn nach Sicilien zu kommen und daſelbſt die Sache der Revolution zu unter⸗ ſtüzen. Er erklärte ſich anfangs bereit und kam mit dreihundert Mann nach Livornv. Aber als er dort die Vorfälle in Rom erfuhr, gab er ſeine ſiciliſche Expedition auf und zog nach Rom. 152 Dort werden wir ihn bald wiederfinden. Ich meinerſeits war mit meiner Compagnie, die nach Beiziehung einiger Deſerteure achtzig Mann zählte, in Lugano geblieben und hatte Erlaubniß erhalten, mich dort mit ihnen im Depot aufzuhalten. Unſere Waffen waren noch immer verſteckt, ſo daß wir ſie jeden Augenblick holen konnten. Während dieſer kurzen Ruhe organiſirten wir, um unſere Zeit nicht zu verlieren, einen Aufſtand in der Lombardei. Der Bundesrath bekam Wind davon und ließ den Canton Teſſin durch die eidgenöſſiſchen Contingente beſezen. Nun beſchloß man mich zu interniren. Ich wurde mit zweihundert Mann, die zum größten Theil unter Garibaldi, zum andern Theil mit mir gedient hatten, nach Bellinzona geſchickt, wo man uns, als gefährlich und zu einer Grenz⸗ verlezung wohl fähig, in einer Caſerne bewachte. Der Plan nahm nichtsdeſtoweniger ſeinen Fortgang. Die Generale Aſcioni und Apice ſollten von Luganv aufbrechen und durch das Intelvi⸗Thal nach Como marſchiren. Ich meinerſeits ſollte von Bellinzona aufbre⸗ chen, über die San Joriopaſſage, eine der höchſten und ſchwierigſten an der Grenze, an den Comer⸗ ſee hinabkommen und dort die Einwohner zu den Waffen rufen. Hierauf ſollte ich mit meiner Schaar zu den 153 beiden Generalen ſtoßen. Da wir genau be⸗ obachtet wurden, ſo war die Sache ziemlich ſchwer auszuführen. Auf einer Anhöhe welche Bellinzona beherrſcht, ſtehen die Ruinen eines alten Schloſſes das frü⸗ her den Visconti gehörte. Hier hatte ich unſere Waffen und die Muni⸗ tivn die ich mir nachher hatte verſchaffen können aufbewahren laſſen. Ich hatte im Ganzen zweihundert fünfzig Mann. Ich theilte ſie in acht oder zehn Ban⸗ den, die ſich auf verſchiedenen Wegen und ohne die Aufmerkſamkeit der Truppen auf ſich zu zie⸗ hen im Schloß einfinden ſollten. Gegen alle Erwartung glückte die Sache voll⸗ kommen. Jeder erſchien auf dem Plaz ohne auf ein Hinderniß geſtoßen zu ſein; ich bewaffnete meine ganze Mannſchaft und war bereit nach dem Ge⸗ birge aufzubrechen, d h. über die Grenze zu ziehen. Auf einmal hörte ich Generalmarſch ſchlagen; die Truppen trafen Anſtalten mich zu verfolgen. Nun aber hatten die Einwohner mich ſehr lieb gewonnen; ſie erhoben ſich zu meinen Gun⸗ ſten und drohten ſogar Sturm zu läuten und Barricaden zu bauen wenn das Trommeln nicht aufhöre. Von dieſer Sorge entlaſtet, gab ich meinen Leuten Befehl ſich auf den Marſch zu begeben; 154 es war Ende Oetobers, der Nordwind blies und ſtellte uns eine Sturmnacht in Ausſicht. Wir marſchirten die ganze Nacht gegen den Wind und hatten beſtändig den Schnee im Ge⸗ ſichte. Der Tag kam und wir marſchirten den ganzen Tag; wir mußten über den ſchneebedeck⸗ ten Gipfel des Jorio hinweg; der Winter hatte die Wege unbrauchbar gemacht; gleichwohl kamen wir hinüber, ſtampften aber beinahe immer bis über die Kniee, oft ſogar bis an die Achſelhöhlen, im Schnee. Nach unſäglichen Mühen kamen wir auf dem Gipfel an; dort aber erwartete uns ein noch furchtbarerer Feind als alle die wir bis jezt über⸗ wunden hatten, nämlich der Sturm. In einem Augenblick waren wir gänzlich ge⸗ blendet und ſahen keine zehn Schritte mehr um uns her. Fezt ſagte ich zu meinen Leuten ſie ſollten ſich feſt an einander ſchließen, in einer einzigen Reihe marſchiren und mir ſo raſch als möglich folgen. Drei bleiben zurück, ſie fallen um ſich nicht wieder zu erheben, ſie werden unter dem Schnee begraben und ſchlafen auf dem Gipfel des Joriv. Ich ging voran, ohne einen gebahnten Weg zu haben, ohne zu wiſſen wohin ich kam, im Ver⸗ trauen auf unſer gutes Glück; aber auf einmal halte ich an; der Fels weicht unter meinen Füßen, noch ein Schritt und ich ſtürze in den Abgrund⸗ und den Ge⸗ den deck⸗ hatte men bis hlen, dem noch üiber⸗ lten zigen glich ſich dem ipfel Weg Ver⸗ nmal ißen, und. 155 Ich ließ Halt machen und befahl Jeder ſolle an ſeinem Plaz bleiben bis es Tag würde. Nun ſuchte ich allein mit einem Führer die ganze Nacht durch nach einem Weg; jeden Augen⸗ blick wich der Boden oder vielmehr der Schnee unter uns, jeden Augenblick glitten wir aus. Es iſt ein Wunder daß nicht der eine oder andere von uns beiden verſank oder ſonſt im Fallen umkam. Endlich bei Tagesanbruch gelangten wir in die Nähe etlicher verlaſſener Hütten. Da ſie in⸗ deß wenigſtens einigen Schuz boten, ſo wollte ich zu meinen Leuten zurückkehren. Aber nun verſagten mir die Kräfte und ich ſank todmüde und ſteif vor Kälte zuſammen. Mein Führer trug mich in eine der Hütten; es gelang ihm Feuer zu machen und mich wieder zum Bewußtſein zu bringen. Inzwiſchen wollte das Glück daß meine Leute denſelben Weg wie ich einſchlugen und zwei Stun⸗ den ſpäter mich eingeholt hatten. Wir brachen von Neuem auf und gingen bei Gravedona an den Comerſee hinab. Dort machte ich einen halben Tag Halt und marſchirte dann weiter, um zu den beiden Gene⸗ ralen zu gelangen mit denen ich ein Zuſammen⸗ treffen verabredet, und die während meines Mar⸗ ſches einen Aufſtand hatten erregen ſollen. Aber die beiden Generale hatten die Oeſter⸗ reicher nicht geſchlagen, ſondern ſich von ihnen ſchlagen laſſen, und ich war nahe daran mit dem 156 Kopf an die Diviſion Wohlgemuth anzurennen, die bereits das Intelvithal beſezt hielt, und an Dampfſchiffe die voll von Oeſterreichern waren. Nun ſchlug ich einen Querweg ein, zog ins Menaggiothal und beſezte am äußerſten Ende deſſelben Portezzo am Luganerſee; für meinen Rückzug behielt ich mir das Cavarniathal vor, das an die Schweizergrenze ſtieß. Die Stellung war prächtig; ich ſtand in Ver⸗ bindung mit Lugano, von wo ich Leute und Mu⸗ nitivn erhalten konnte; aber Niemand erſchien bei mir und ich wartete acht Tage vergebens. Da concentrirten die Oeſterreicher ihre Trup⸗ pen und marſchirten auf Portezzv. Ich zog mich ins Cavarniathal zurück und machte auf dem San⸗Lucio, einem Grenzberg zwiſchen der Schweiz und der Lombardei, Halt. Im Fall ich ange⸗ griffen wurde, gedachte ich wieder das Gleiche zu thun wie bei San Maſſev. Aber es wurden bloß einige Flintenſchüſſe ge⸗ wechſelt. Zwei von meinen Leuten ſtarben an ihren Wunden. Es war Nichts zu machen; alle Uebergänge waren mit Schnee bedeckt; der Winter wurde im⸗ mer grimmiger; ich kehrte in die Schweiz zurück, verbarg meine Flinte und dann mich ſelbſt. Unglücklicherweiſe war ich ſchwerer zu verber⸗ gen als eine Flinte, und da ich ſchwer compro⸗ mittirt war, ſo handelte es ſich bei mir nicht mehr um ein bloſes Interniren, ſondern um Ein⸗ änge rück, ber⸗ pro⸗ icht Ein⸗ 157 ſperrung; falls ich verhaftet wurde, mußte ich mich glücklich ſchäzen wenn die Schweizerbehörden mich nicht an die Oeſterreicher auslieferten. Ich beſchloß daher alles Mögliche zu thun um nach Piemont zurückzugelangen. Man lieh mir einen Wagen um aus Lugano zu kommen, von da wollte ich nach Magadino, dann nach Genua und von dort Gott weiß wohin. Ich fuhr alſo durch Lugano als ein Holzwa⸗ gen mir die Straße verſperrte. Ich mußte voll Ingrimm warten bis er abgeladen hatte, aber da kam der Commandant des eidgenöſſiſchen Bataillons vorbei; er erkannte mich, rief die Wache und ließ mich verhaften. Man führte mich ins Gefängniß; dieß war das Geringſte was ich erwarten mußte. Inzwiſchen ging es doch beſſer als ich hoffte. Da die angeſehenſten Einwohner Luganv's ſämmt⸗ lich meine Freunde waren, ſo erwirkten ſie daß ich nach der ſardiniſchen Grenze gebracht wurde. Ich fuhr raſch durch Piemont; Toscana hatte ſich als Republik erklärt; ich ſchiffte mich in Ge⸗ nua nach Florenz ein; in Livorno meldete uns ein Telegramm daß der Großherzog durch. Vor⸗ ſchüzung einer Krankheit Montanelli getäuſcht hatte und über Siena nach Portv⸗Ferrajv eni⸗ flohen war. Alsbald befahl Guerrazzi der Nationalgarde von Livorno ſich einzuſchiffen, den Großherzog zu verfolgen und ihn feſtzunehmen. 158 Als er aber dieſen Befehl unterzeichnete, mel⸗ dete man ihm ich ſei in Livorno angekommen. — Bieten Sie ihm das Commando der Ex⸗ peditivn an, ſagte Guerrazzi, und beſtimmen Sie ihn zur Annahme. Begreiflicher Weiſe brauchte man mich nicht lange zu bitten; ich ſtellte mich unverzüglich der proviſoriſchen Regierung zu Befehl. Wir beſtiegen den G iglio und ſegelten nach der Inſel Elba. Kaum waren wir auf der See als man eine Danmpffregatte ſignaliſirte. War ſie franzöſiſch, engliſch, öſterreichiſch: Wir wuß⸗ ten Nichts; aber die Klugheit verbot allzunahe zu kommen. Ich ließ alſo den Gigliv einen Umweg machen, und ſtatt direct in Livorno zu landen, landete ich im Golfo di Campo, fuhr durch die Inſel und kam nach Porto Ferrajo. Man hatte den Großherzog nicht geſehen. Die Expedition war zu Ende. Jezt kehrte ich nach Florenz zurück und reor⸗ ganiſirte dort ungehindert die Trümmer meiner Colonne die ich mit neuen Freiwilligen verſtärkte, denn Alles was nach Florenz geflohen war wollte mit mir kommen. Während meines Aufenthalts in Florenz wur⸗ den zwei Reactionsverſuche gemacht die ich nie⸗ derdrückte. Eines Morgens verbreitete ſich das Gerücht, die Oeſterreicher ſeien von der modeneſiſchen Grenze her im Anzug; ich eilte mit meinen Leuten hin. mel⸗ en. rEx⸗ Sie nicht der nach See War uß⸗ ahe weg en, die or⸗ ner kte, lte r⸗ ie⸗ t, ze 1. 159 Es war Nichts. Ein dritter Reactionsverſuch glückte; die Re⸗ gierung des Großherzogs wurde wieder herge⸗ ſtellt, und ich mußte, da ich den Auftrag über⸗ nommen hatte ihn zu verhaften, natürlich jezt abziehen. Außer meiner Legion befand ſich in Florenz eine vollkommen organiſirte polniſche Legion; ich erließ eine Aufforderung an ſie und ſie folgte mir. Ich zog über die Apenninen und kam nach Bologna. Dort wurde ich von der republicaniſchen Re⸗ gierung ſchlecht empfangen, da ſie mich für einen Deſerteur hielt. Der General Mezzacapo bildete in Bologna eine Diviſivn die Rom zu Hilfe ziehen ſollte. Er muſtert uns, überzengt ſich daß wir keine Deſer⸗ teure ſind, und macht uns zu ſeinem Vortrab. Wir zogen über Foligno, Narni und Civita Caſtellana. Dort lehnten wir uns an das Sa⸗ binergebirge um den Franzoſen auszuweichen. Wir zogen durch die Porta San Givvanni in Rom ein. Sagen wir jezt wie es dort ausſah. 160 XV. Rom. Am Morgen des 24. April war der Vortrab der franzöſiſchen Diviſivn vor dem Hafen von Civita⸗Veechia angekommen, und ein Adjutant des Generals Oudinot war ans Land geſtiegen um mit dem Präfecten der römiſchen Republik, Ma⸗ nucci, zu parlamentiren. Er ſagte zu ihm, der Zweck der franzöſiſchen Intervention ſei die mo⸗ raliſchen und materiellen Intereſſen der römiſchen Bevölkerung zu ſchüzen; Frankreich haſſe die Anarchie und den Despotismus gleich ſehr und wolle Ita⸗ lien eine vernünftige Freiheit ſichern; es hoffe beim römiſchen Volke die alte Sympathie zu fin⸗ den die es früher mit dem franzöſiſchen Volke verknüpft habe; inzwiſchen aber ſei, da die Flotte nicht ohne Gefahr auf dem Meere bleiben könne, eine ſchleunige Landungserlaubniß nothwendig; ſollte dieſe verweigert werden, ſo würde ſich der franzöſiſche General zu ſeinem großen Bedauern genöthigt ſehen Gewalt zu brauchen. Ueberdieß müſſe er der Stadt Civita⸗Vecchia erklären daß man ihr, wenn ein einziger Schuß fiele, eine Million Kriegsſteuer auferlegen würde. Und während der General Oudinot dieſe Sprache führte, entwaffnete er, ohne die Antwort der römiſchen Regierung abzuwarten, an welche Manucei berichten wollte, das Bataillon Metara, beſezte das Fort, ſchloß die ſtädtiſche Druckerei, trab von des um Ma⸗ der mo⸗ chen chie ta⸗ offe fin⸗ olke otte me, ig; der ern ieß aß ine eſe ort che ra, ei, 164 ſtellte eine Schildwache davor und verwehrte die Landung eines Corps von fünfhundert Lom⸗ barden. Dieſe fünfhundert Lombarden waren ein Ber⸗ ſaglieribataillon, commandirt von Manara, der, aus ſeinem Vaterland vertrieben, von Piemont zurückgeſtoßen, in Rom ein Grab verlangte. Es beſtand aus der lombardiſchen Ariſtvera⸗ tie und wollte ſich mit den Vertheidigern der Re⸗ publik vereinigen. Dandolo geſteht es ſelbſt in ſeinem Buch: Freiwillige und Berſaglieri; es geſchah nicht aus Sympathie für ihre Sache, ſondern weil es nicht mehr wußte an welchem andern Orte der Welt es eine Zuflucht ſuchen ſollte. Die BVerſaglieri waren zwei Tage nach dem General Oudinot angekommen; der General war es jezt der die Landungserlaubniß ertheilte die er für ſich ſelbſt hatte entbehren können. Dandolo, ein Nachkomme des Dogen, gleich dem-Geſchichtſchreiber, dem Sohn des berühmten Siegers von Conſtantinopel, den Namen Heinrich führend, landete zweimal um vom General dieſe Erlaubniß zu erlangen; ſie wurde ihm nicht bloß brutal verweigert, ſondern man ertheilte ihm auch den beſtimmten Befehl wieder umzukehren. Als er Manara die Antwort hinterbrachte, ſtieg dieſer gleichfalls ans Land, um zu ſehen ob er glücklicher ſein würde als ſein Adjutant. Aber nein. Garibaldi. II. 11 162 — Sie find Lombarde? fragte ihn der Ge⸗ neral. — Allerdings, antwortete Manara. — Ei nun, verſezte der General, wie kommt es daß Sie als Lombarde ſich in die römiſchen Angelegenheiten miſchen? — Sie miſchen ſich ja auch hinein und ſind doch Franzoſe, antwortete Manarg. Damit kehrte er dem General den Rücken und ging an Bord zurück. Aber als man dort erfuhr daß der franzöſiſche General die Landung verwehrte, da erreichte die Erbitterung den höchſten Grad. Man hatte ſeit der Abfahrt von Genua viel von dem ſchlimmen Meer und von der Aufein⸗ anderpfropfung zu leiden gehabt. Berſaglieri und Freiwillige wollten ins Waſſer ſpringen und ans Ufer ſchwimmen, was auch daraus entſtehen mochte. Als Manara ſeine Leute feſt zu dieſem äußer⸗ ſten Mittel entſchloſſen ſah, verfügte er ſich aber⸗ mals zu General Oudinvt und ſezte es durch dringende Vorſtellungen durch daß das Bataillon in Porto d'Anzio landen durfte. Der franzöſiſche General verlangte Anfangs, Manara ſolle von Rom fern bleiben und ſich gänzlich neutral halten, bis zum 4. Mai, wo Alles beendigt ſein würde. Aber Manara weigerte ich. — General, antwortete er, ich bin bloß Ma⸗ jor im Dienſte der römiſchen Republik; ich ſtehe — —————— 163 unter dem Miniſter und meinem General. Folg⸗ lich kann ich eine ſolche Verpflichtung nicht über⸗ nehmen. Jezt glaubte Manucci im Namen des Kriegs⸗ miniſters auf die Bedingungen des Generals Ou⸗ dinot eingehen zu müſſen, und in Folge dieſes Verſprechens durften die lombardiſchen Freiwilli⸗ gen und Berſaglieri am 27. in Porto d Anzio landen. Sie zogen am 28. nach Albano und bivouakirten in der römiſchen Campagna. Während der Nacht ließ der Kriegsminiſter, General Joſeph Avanzone, ob er nun die von Manucci im Namen Manaras übernommenen Verpflichtungen nicht kannte oder ob er ſich nicht darum bekümmerte, den Berſaglieri den Befehl zukommen augenblicklich nach Rom zu marſchiren. Am Morgen des 29. hielten ſie unter dem Freudengeſchrei einer unzähligen Menſchenmenge ihren Einzug daſelbſt. Bei der Nachricht von der Ankunft der Fran⸗ zoſen in Civita⸗Vecchia hatte die römiſche Ver⸗ ſammlung ſich permanent erklärt. Jezt wurde die wichtige Frage aufgeworfen: Soll man den Franzoſen die Thore öffnen oder ſoll man der Gewalt Gewalt entgegenſtellen? Der Triumvir Armellini und viele Andere waren der Anſicht man ſolle die Franzoſen als Freunde empfangen. Mazzini, Cernuschi, Sterbini und die Mehr⸗ heit verlangten man ſolle ſich kräftig und bis auf's Aeußerſte vertheidigen. 164 Man müſſe vor allen Dingen die Ehre retten, ſagten ſie. Die Verſammlung bedachte ſich nicht lange: am 26. April Nachmittags 2 Uhr wurde unter dem Jubel der ganzen römiſchen Bevölkerung folgendes Decret beſchloſſen: „Im Namen Gottes und des Volkes, „Die Verſammlung, nach der vom Triumvir empfangenen Mittheilung, legt die Ehre der Re⸗ publik und den Auftrag Gewalt mit Gewalt zu vertreiben in ſeine Hände.“ Nachdem der Widerſtand beſchloſſen war, wurde Cernuschi, welcher die Barricaden von Mailand erbaut hatte, zum Inſpector der Barri⸗ caden von Rom gemacht: die Höhen wurden mit Kanonen beſezt und das Volk tummelte ſich in banger Erwartung eines großen Ereigniſſes. Da erſchien der Mann der Vorſehung. Auf einmal erſcholl in den Straßen Roms ein lautes Geſchrei: — Garibaldi! Garibaldi! Eine unermeßliche Volksmenge zog vor ihm her, warf die Hüte in die Luft, ſchwenkte die Taſchentücher und rief: — Da iſt er! Da iſt er! Es wäre unmöglich die Begeiſterung zu be⸗ ſchreiben die ſich bei ſeinem Anblick der Bevölke⸗ rung bemächtigte; man hätte glauben ſollen der Schutzgott der Republik komme zur Vertheidigung Roms herbei; der Muth des Volkes wuchs mit ſeinem Vertrauen, und es war als hätte die Ver⸗ tten, nge: nter ung mvir Re⸗ tzu war, von arri⸗ rden ſich es. oms ihm die be⸗ lke⸗ der ung mit Ver⸗ 165 ſammlung nicht bloß die Vertheidigung, ſondern auch den Sieg decretirt. Einige Zeilen aus der Geſchichte der rö⸗ miſchen Revolution von Biagio Miraglia können einen Begriff von dieſer Begeiſterung geben. „Dieſer geheimnißvolle Siegesheld, umgeben von einem ſo glänzenden Strahlenſchein des Ruh⸗ mes, der, den Erbrterungen der Verſammlung fremd und damit unbekannt, am Vorabend des Angriffes auf die Republik nach Rom kam, war in den Augen des römiſchen Volkes der einzige Mann der das Widerſtandsdecret aufrecht zu hal⸗ ten vermochte. „Darum drängte ſich das Volk unverzüglich ſchaarenweiſe um den Mann der die Bedürf⸗ niſſe des Augenblicks perſonificirte und die Hoff⸗ nung Aller war.“ So gab das öffentliche Bedürfniß Garibaldi ſeinen Generalstitel zurück, der ihm im lezten Krieg ſelbſt von denjenigen für die er focht ſtreitig gemacht wurde. **** Hier folgen einige Details welche Garibaldi ſelbſt bei der Dringlichkeit ſeines Zuges nach Sie eilien uns nicht geben konnte; aber wir beſizen ſie von ſeinem Freunde Veechi, dem Geſchicht⸗ ſchreiber des Kriegs von 1848, dem Mitglied der römiſchen Conſtituirenden, dem Soldaten vom 30. April ſowie vom 3. und 30. Juni, endlich dem Manne bei welchem Garibaldi ſeinen lezten Monat in Genua zugebracht und von deſſen Hauſe aus er ſich eingeſchifft hatte. Wir laſſen Herrn Veechi ſprechen oder wir ge⸗ ben vielmehr ſeine Originalaufzeichnungen. Herr Vecchi ſpricht ebenſo rein franzöſiſch wie italieniſch. Der Tod Roſſi's und die Flucht des Pap⸗ ſtes trafen Garibaldi in Ravenna, wo er eine ſtarke Legion von Freiwilligen angeworben hatte. Er beſchloß allein nach Rom zu gehen und ſich mit der proviſoriſchen Regierung zu verſtän⸗ digen, deren Factotum Sterbini war; aber man gab ihm zu verſtehen daß ſeine Anweſenheit in Rom eben ſo gefährlich ſein würde als die Canto⸗ nirung ſeiner Legionäre in den Delegationen; und ſo erhielt er Befehl ſich in Macerata einzucaſerniren, einer ſtillen, ruhigen Stadt wohin man ihm den Ruf eines Räubers vorangehen ließ. Kaum hatte er ſich dort eingeniſtet, als er Befehl erhielt mit ſeiner Legion nach Rieti zu ge⸗ hen; die Truppen marſchirten über Tolentino, Foligeno und Spoletv. Er ſelbſt kam nach Ascoli, weil er erfahren hatte daß die lombardiſch⸗papiſtiſche Polizei durch Geld, Einſchüchterungen und Bannſtrahlen die Apenninenbevölkerung gegen die proviſoriſche Re⸗ gierung in Rom aufzuwiegen begann. zten ſſen wie zap⸗ eine tte. und tän⸗ nan in nto⸗ und ren, den er ge⸗ ino, ren uch die Re⸗ 167 Ich war damals Capitän im 33. piemonteſi⸗ ſchen Linienregiment und genoß einen zweimonat⸗ lichen Urlaub in Ascoli, als meine Mitbürger mich zum Deputirten in der römiſchen Conſtitui⸗ renden ernannten. Am 20. Januar beſuchte mich Garibaldi; Tags darauf wollte er über das Gebirge, das voll von Schnee lag und von Räubern wimmelte, nach Rieti aufbrechen; die Rathſchläge der Klug⸗ heit, die Einwendungen der Patrioten reizten ſeine militäriſch⸗touriſtiſchen Gelüſte nur noch mehr; länger als eine Stunde wurden wir von der Volksmenge begleitet welche weinte und weh⸗ klagte; Viele umarmten mich, weil ſie glaubten ſie würden mich nie wieder ſehen. Der General war begleitet von Nino Birio, ſeinem Ordonnanzoffizier, von dem Capitän Sacchi, ſeinem Kriegsgefährten in der neuen Welt und von ſeinem Neger Aguyar. Der Reſt ſeines Gefolges beſtand aus mir und einem kleinen Hunde der, beim Gefecht von Sant⸗Antoniv in der Pfote verwundet, die Fahne von Buenos⸗Ayres, unter welcher er bisher ein⸗ hergezogen, verlaſſen hatte und unter das Ban⸗ ner Garibaldis übergetreten war. Das geſcheidte Thierchen hinkte beſtändig zwiſchen den vier Beinen von Garibaldi's Pferd einher. Es hieß Guerellv. In der erſten Nacht wohnten wir beim Gou⸗ verneur von Arguata, Cajeta Rinaldi, dem Chef 168 der geiſtlichen Reaction, die, je weiter wir voran⸗ rückten, immer mächtiger ſich in unſerm Rücken erhob. Wir blieben bis zehn Uhr Abends in einem unbeleuchteten Saale des Endgeſchoßes, während beſtändig Leute ein⸗ und ausgingen und leiſe zi⸗ ſchelten. Ich machte dem General meine Bemer⸗ kungen darüber, worauf er mit ſeiner gewöhnli⸗ chen Ruhe franzöſiſch antwortete: — Sie beſtellen das Eſſen. Er glaubte nicht ſo wahr zu ſprechen; wir wurden wie Cardinäle bewirthet und ſtanden erſt um Mitternacht von der Tafel auf. Zum Ab⸗ ſchied ſchenkte uns der Gouverneur vier Pfund Trüffeln auf den Weg. Morgens vier Uhr ſtie⸗ gen wir zu Pferde, und der Sohn des Herrn Rinaldi begleitete uns mit einer dreifarbigen ſeidenen Fahne bis an den Gipfel des Berges. Mittags verzehrten wir ein Lamm das der General viertelsweiſe an einem Reiſachfeuer bra⸗ ten ließ; Abends quartierten wir uns in einer abgelegenen Herberge ein die vokl von bewaff⸗ neten Bauern war. Vielleicht hatten ſie ihre Loſung von Arguata aus erhalten; es waren unheimliche Phyſiognomien; wir luden ſie zum Trinken ein, aber ſie lehnten es ab. Wir ſuchten unſer Nachtlager, und wir ſchlie⸗ fen mit dem Säbel an der Seite und dem Fin⸗ ger am Piſtolendrücker. Als Garibaldi aufſtand, war ſein rechtes Bein geſchwollen, und im linken Ellenbogen hatte er ran⸗ ücken inem rend e zi⸗ mer⸗ ynli⸗ 169 rheumatiſche Schmerzen die er aus Amerika mit⸗ gebracht. Er konnte einen Stiefel nicht anziehen und legte ſeinen Arm in eine Schärpe. Nach einem halbſtündigen Marſch wollten un⸗ ſere Pferde nicht mehr weiter gehen. Wir zogen allerdings eine ſteile Anhöhe hinan die durch den nächtlichen Froſt ſpiegelglatt geworden war. Eine Stunde weit liefen unſere Thiere auf unſern Mänteln die wir vor ihnen ausbreiteten; ſodann kamen wir an eine Ebene wo der Schnee unſern Pferden bis an die Bruſt ging; um mich zu erwärmen, ſtieg ich ab und erkundigte mich nach dem Befinden des Generals, der mit einem einzigen Stiefel vor mir herritt; am andern Fuß trug er bloß einen wollenen Strumpf. — Nun, fragte ich, wie gehts, General? Er grüßte mich mit dem freundlichen Lächeln das ſeiner ſtarken und heitern Natur eigen iſt und ſagte: — Danke, es geht vortrefflich. Da ich neben ihm herſchritt, ſo machte er mich, ohne Zweifel um ſeine grimmigen Schmer⸗ zen zu übertäuben, auf das großartige Anſehen dieſer wilden Natur aufmerkſam. Wir befanden uns wirklich mitten unter wunderlichen Bergen deren Felſengipfel an Titanenſchlöſſer gemahnten. Ueberall von der Länge der Zeit unterwühlte und von ihren Gipfeln abgeriſſene Felsblöcke, in ſchmale, abſchüſſige Thäler und ins Bett eines furchtbaren, toſenden, ſchlammigen und ſchäumen⸗ den Stromes herabgerollt; da und dort einige 170 wenige Häuſer in Dickichten von Eichen, Buchen, Caſtanienbäumen und Tannen, durch weißliche Rauchwolken ſich verrathend die aus ihren Ka⸗ minen emporſtiegen. Dieſe Landſchaft à la Salvator Roſa, vom Sturme verdüſtert und noch drohender gemacht durch das Pfeifen des Windes, exaltirte die Seele Garibaldi's. — Hier, ſagte er, möchte ich mit der ganzen Armee Radetzky's zuſammentreffen; unſere wackern Legionäre würden nicht einen einzigen von ſeinen Soldaten nach Wien zurückkehren laſſen; hier würden wir Varus und unſere im Teutoburger⸗ walde gefallenen Brüder rächen. Gegen fünf Uhr waren wir in der Nähe von Cascia, einer kleinen Häuſergruppe auf dem Gip⸗ fel eines grünenden Hügels; der Wind hatte die Wolken verjagt, die Sonne glänzte auf die ſchnee⸗ igen Höhen, ſo daß ſie wie Silberberge auf einem azurnen Grund erſchienen der ſich gegen Weſten lebhaft röthete. Wir ruhten in der Nähe einer Strohhütte aus, als vier junge Leute auf uns zukamen und fragten wer wir ſeien. Beim Namen Garibaldi entfernten ſie ſich ſchnell, und eine Viertelſtunde nachher kamen der Gonfaloniere, die angeſehen⸗ ſten Einwohner, die Nationalgarde, die ganze Volksmenge mit Muſik uns entgegen, um den General zu einem Beſuch in dem Dorfe einzu⸗ laden. Wie durch den Zauberſtab einer Fee wurde —„— ip⸗ die nee⸗ nem ſten ütte und ldi nde en⸗ nze den zu⸗ rde 171 ein Triumphbogen von Blätterwerk hergeſtellt; das Theater wurde beleuchtet; im Hauſe des Gouverneurs, der inzwiſchen ein eifriger Clerica⸗ ner war, wurde ein Diner und ein Ball veran⸗ ſtaltet. Ich erinnere mich daß man hier Garibaldi einen poetiſchen Bauern vorſtellte der weder leſen noch ſchreiben konnte, aber eine ganze Dichtung über das Hirtenleben dictirt hatte. Gegen neun Uhr flüſterte mir ein Nachbar leiſe ins Ohr, ein Junge von fünfzehn Jahren ſchmachte im Gemeindegefängniß, verdummt durch die Schläge und Mißhandlungen ſeines Vaters, der mit ſechszig Jahren eine junge Bäurin als zweite Frau geheirathet und in Folge ihrer Auf⸗ reizungen ſeinen Sohn eines reſpectwidrigen Be⸗ nehmens beſchuldigt habe. Der Gouverneur erhielt etwa zwanzig Thaler und warf den Jungen ins Gefängniß. Ich ermittelte das Factum und ſprach mit dem General davon. Der Vater wurde beſchieden, eben ſo der un⸗ glückliche Junge. Es war eine comiſche und zu⸗ gleich abſcheuliche Scene. Der Vater wollte zwar zugeben daß man ſeinen Sohn aus dem Gefäng⸗ niß laſſe, verlangte aber naiv die für ſeine Ein⸗ ſperrung bezahlte Summe zurück. Der Junge weinte heiße Thränen und umarmte Garibaldi; der Gouverneur wußte nicht mehr was für eine Miene er machen ſollte. Am Ende haranguirte er das Volk vom Balcon herab, und der Junge 172 wurde von den Gamins des Dorfes im Triumphe umhergetragen. Am folgenden Morgen um fünf Uhr brach eine Abtheilung Nativnalgarde bei einem feinen durchdringenden Regen mit uns auf. Sie begleitete uns bis nach Rieti und escor⸗ tirte einen in dem Ort wo wir frühſtückten ge⸗ fangen ſizenden Finanzbeamten, der ein von dem bourbonſchen General Landi, welcher die beweg⸗ liche Colonne an der Grenze der römiſchen Staa⸗ ten commandirte, bezahlter Spion war. Die in Rieti eincaſernirte italieniſche Legion war im Ganzen 1500 Mann ſtark und beſtand aus drei Bataillonen, zu welchen noch neunzig Lanciers kamen die auf Koſten ihres Comman⸗ danten, des Grafen Angelo Maſina von Bologna, uniformirt und beritten gemacht waren. Mit ihnen zog er Rom zu Hilfe. Bei der Landung der Franzoſen in Civita⸗ Veechia lag die Legion in Anagni, der Wiege und dem Grabe des Papſtes Bonifaz VIII. * X — Aber dieſem General dem ein ganzes Volk das Geleite gab thaten Soldaten Noth. Man improviſirte ihm eine Brigade aus Ele⸗ menten die einander ganz fremd waren, aus Leu⸗ ten die ſich nicht kannten, die ſich aber in der Begeiſterung welche er einflößte vereinigen, ver⸗ ſchmelzen und amalgamiren ſollten. phe rach nen cor⸗ ge⸗ em eg⸗ aa⸗ ion and zig an⸗ na, ta⸗ ege olk le⸗ u⸗ der er⸗ 173 Dieſe Brigade formirte ſich: Aus zwei Bataillonen ſeiner eigenen Legion, worunter etwa vierzig Mann die mit ihm von Montevidev zurückgekommen waren und die rothe Blouſe mit den grünen Aufſchlägen trugen; Aus 300 Mann die aus Venedig zurück⸗ kamen; Aus 400 Studenten; Aus 300 mobilifirten Zollwächtern; Endlich aus 300 Emigranten, im Ganzen 2500 Mann die mit der Vertheidigung der Mauern, von der Porta Porteſe bis zur Porta Pancrazio und Cavallegieri, beauftragt waren und alle un⸗ ter dem Namen Vier Winde bekannten An⸗ höhen außerhalb der Mauern der Villa Corſini bis zur Villa Pamfili beſezten. Es war höchſt wahrſcheinlich daß die Fran⸗ zoſen, die Civita⸗Veechia als Grundlage ihrer Operationen behalten wollten, ihre Anſtrengungen auf dieſen Punkt richten würden. Am 28. April war der franzöſiſche Vortrab in Palv, wo ſchon Tags zuvor ein Jägerbatail⸗ lon angekommen war, das den Weg abſuchte. Am 29. war er in Caſtel⸗Guido, d. h. fünf Stunden von Rom. Jezt ſchickte der Obergeneral ſeinen Bruder, den Capitän Oudinot, und einen Ordonnanzoffi⸗ zier mit fünfzehn Chevaulegers auf Recognoseci⸗ rung aus. Dieſer Poſten kam an den Punkt wo die bei⸗ den Aureliſchen Straßen, die alte und die neue, 174 ſich theilen, und traf eine Stunde von Rom auf die römiſchen Vorpoſten. Der commandirende Offizier trat vor und wandte ſich an die Franzoſen mit der Frage: — Was wollt ihr? — Nach Rom gehen. — Das kann nicht geſchehen. — Wir ſprechen im Namen der franzöſiſchen Republik. — Und wir im Namen der römiſchen Repu⸗ blik; alſo zurück, meine Herren! — Und wenn wir nicht zurück wollen? — So werden wir euch zu zwingen ver⸗ ſuchen. — Wie? — Mit Gewalt. — Dann, ſagte der franzöſiſche Offizier, in⸗ dem er ſich gegen die Seinigen wandte, wenn es ſo iſt, ſo gebt Feuer. Zugleich zog er eine Piſtole aus ſeinen Holftern und ſchoß ſie ab. — Feuer! antwortete der römiſche Comman⸗ dant. Da die Recognoscirungstruppe zu ſchwach war um Widerſtand zu leiſten, ſo zog ſie ſich im Galopp zurück, ließ aber einen franzöſiſchen Jä⸗ ger der ſich unter ſeinem todten Pferde verwickelt hatte in unſern Händen. Er wurde nach Rom gebracht. Das franzöſiſche Bulletin ſagt, wir hätten die Flucht ergriffen und wären verfolgt worden; 175 auf aber wenn es ſich ſo verhielte, wie wäre es denn möglich geweſen daß wir einen Gefangenen ge⸗ und macht und nach Rom gebracht hätten, während wrir doch zu Fuß und die Franzoſen beritten waren Im Uebrigen werden wir mehr als einen Irrthum dieſer Art zu berichten haben. hen Die Recognoscirungstruppe meldete alſo dem General daß Rom bereit ſei ſich zu vertheidigen, pu⸗ und daß er ſich die Hoffnung aus dem Sinne ſchlagen müſſe ohne Schwertſtreich unter allge⸗ meinem Jubelruf daſelbſt einziehen zu dürfen. Der franzöſiſche Obergeneral ſezte nichtsdeſto⸗ weniger ſeinen Marſch fort. Am folgenden Tag, d. h. am 30. April, rückte er im Sturmſchritt vor; ſeine Soldaten muß⸗ ten ihr Gepäcke in Maglianilla zurücklaſſen. Berichtigen wir einen kleinen Irrthum in Be⸗ zug auf den 30. April, wie wir den Irrthum in ern Betreff des 29. berichtigt haben. Die franzöſiſchen Schriftſteller haben geſagt, er⸗ in⸗ nn n⸗ die Soldaten ſeien durch eine niedrige Intrigue in Folge einer einfachen Recognoscirung in die Stadt ch gelockt worden und in eine Schlinge gefallen. im Das Gefecht vom 30. war keine Recognos⸗ ä⸗ eirung und die Franzoſen wurden nicht in eine lt Falle gelockt. Es war ein Kampf auf welchen der franzö⸗ ſiſche General ſich vollkommen gefaßt hielt, und en als Beweis mag der bei einem todten franzöſi⸗ ſchen Offizier gefundene Schlachtplan dienen wel⸗ 176 chen der Oberſt Maſi dem General Kriegsmini⸗ ſter zuſtellte.*) „Man mache einen doppelten Angriff durch die Porta Angelica und die Porta Cavallegieri, um die Aufmerkſamkeit des Feindes zu theilen. „Durch die erſte werfe man die feindlichen Truppen die auf dem Monte⸗Mario liegen, dann wird man die Porta Angelica beſezen können. „Wenn unſere Truppen dieſe beiden Puncte beſezt haben, ſo werden wir den Feind mit dem größtmöglichen Nachdruck in allen Richtungen zurücktreiben, und der Hauptſammelplaz ſei der St. Peters⸗Plaz. „Man empfiehlt beſonders das franzöſiſche Blut zu ſchonen.“ Die Idee des franzöſiſchen Generals war nicht bloß ſchlecht, ſondern wurde auch ſchlecht ausgeführt; wir wollen es zu beweiſen verſuchen. Die Straße von Civita⸗Veechia nach Rom theilt ſich ungefähr 1500 Meter von den Mauern in zwei Theile; rechts führt ſie nach der Porta San⸗Pancrazio, links nach der Porta Cavalle⸗ gieri, die ſich in der Nähe des hervorſpringen⸗ den Winkels des Vaticans befindet. Um den beſchloſſenen Plan zu verfolgen und *) Ich ſchreibe hier keinen Roman, ſondern gebe Memoiren heraus. Ich bin daher genöthigt ſtreng nach dem Text zu überſezen. Ich ſtrafe Niemand Lü⸗ gen und behaupte Nichts, ſondern inſtruire einen Pro⸗ ceß vor dem höchſten und oberſten Tribunal der Wahrheit. de die 3öſ mi Pc ſal nini⸗ urch ieri, n. chen ann nete dem gen der ſche war echt en om ern rta lle⸗ en⸗ ind ebe eng Lü⸗ ro⸗ der 177 1 den Monte⸗Mario von hinten zu nehmen, ſodann die Porta Angelica zu belagern, mußte die fran⸗ zöſiſche Armee, beim Theilungspunct angelangt, mit einer Brigade ſich links gegen den Aquäduct Paolo hin, mit der andern ſich rechts gegen Ca⸗ ſale di San Pio wenden und ſich der Porta Cavallegeri zu bemächtigen ſuchen. Hier war der ſchwere Irrthum welchen die Franzoſen begingen. Sie warfen auf die rechte Seite die Voltigeure des 20. Linienregiments, die einen rauhen, von Wald durchſchnittenen und ſchwer zugänglichen Boden vorfanden, und auf die Höhen der linken die Jäger von Vincennes; ungefähr 150 Meter von den Mauern wurden dieſe tapfern verlornen Kinder der feindlichen Armee von dem Kartätſchenhagel niedergeſchmettert, wel⸗ chendie Batterie von der Baſtei San⸗Mariv ausſpie. Gleichwohl fiel das Unglück nicht ſo groß aus als es hätte werden können, weil ſie ſich im Krieg gegen die Araber eine große Gewandtheit erworben hatten alle Unebenheiten des Bodens zu ihrem Schuze zu benüzen. Ihr eigenes Feuer dagegen wurde vortrefflich geleitet und verurſachte uns große Verluſte. Hier ſielen der Lieutenant Marducti, ein äußerſt hoff⸗ nungsvoller junger Mann, deſſen Mutter nach der Rückkehr des Papſtes Pius IX. zu achttägiger Gefängnißſtrafe verurtheilt wurde, weil ſie Blu⸗ men auf das Grab ihres Sohnes gelegt; der Adjutant Major Pallini, der Brigadier della Ver⸗ Garibaldi. II. 12 178 dova, der Capitän Pifferi, der Lieutenant Belli und einige andere für die Welt namenloſe, uns aber theure Krieger, ein Stephanis, Ludovic und der Capitän Leduc, ein braver Belgier der für uns im Unabhängigkeitskriege gefochten. Aber es fehlte nicht an Lebenden um an die Stelle der Todten zu treten; ſchon am Morgen verkündete Trommelgewirbel den Römern das Heranrücken der Franzoſen, und im Nu waren die Mauern und Baſteien mit Menſchen bedeckt. Während die Voltigeure vom 20. Linienregi⸗ ment und die Jäger von Vincennes unſer Feuer erwiderten, ſezte die Hauptmacht der franzöſiſchen Colonne, die wohl ſehen konnte daß man ihr Kugeln entgegenſchleuderte und keine Blumen ſtreute wie ſie erwartet hatte, ihren Marſch fort. Im Augenblick wo ſie erſchien, begann eine Batterie von vier Geſchüzen von einer Baſtei herab Kartätſchen zu ſchießen. Der franzöſiſche General ließ ſogleich auf den Waſſerleitungen eine Batterie aufführen um unſer Feuer zu erwidern, und auf einem Hügel zwei andere Geſchüze gegen die Vaticansgärten zu, wo ſich wenige Soldaten befanden, aberteine un⸗ geheure Volksmenge unter den Waffen ſtand. Nachdem unſer Feuer einen Augenblick in Folge der wohlgezielten Schüſſe der Jäger von Vincennes nachgelaſſen hatte, ſchickte der franzö⸗ ſiſche General die Brigade Molière, welche tapfer bis zum Fuß der Mauern vorrückte; aber, wie ich geſagt habe, die Todten waren raſch erſezt wort tigke rula den des von nun anzt dure növ ſchic ſtär kon: ihm für Ob röm Uel auf fall bli auf Fre inn elli uns und für die gen das ren eckt. egi⸗ euer chen iht men fort. eine aſtei auf um üge un⸗ k in von mzö⸗ apfer wie erſezt 179 worden und das Feuer entbrannte mit neuer Hef⸗ tigkeit, ſo daß es die Spizen der Colonnen Ma⸗ rulaz und Bouat niederſchmetterte; ſie mußten den Rückzug antreten und in den Vertiefungen des Bodens Schuz ſuchen. Garibaldi folgte allen dieſen Bewegungen von den Gärten der Villa Pamfili aus. Als er nun den Augenblick gekommen glaubte um ſelbſt anzugreifen, ließ er mehrere kleine Abtheilungen durch die Weingärten ſchleichen; aber dieſes Ma⸗ növer wurde entdeckt, und das 20. Linienregiment ſchickte den Jägern von Vincennes eine Ver⸗ ſärkung, damit ſie nicht überrumpelt werden konnten. Garibaldi ließ jetzt ſagen daß er, wenn man ihm eine Verſtärkung von 1000 Mann ſchicke, für den Erfolg des Tages gut ſtehe. Man ſchickte ihm ſogleich das Bataillon des Oberſten Galleti und das erſte Bataillon der römiſchen Legion unter dem Oberſten Morelli. Er ſtellte Compagnien auf um die bedrohten Uebergänge zu vertheidigen; andere wurden be⸗ auftragt die Flanken und den Rücken des Aus⸗ falls zu ſchüzen, und nun warf er ſich an der Spize der ganzen Mannſchaft die ihm übrig blieb auf die Franzoſen. unglücklicher Weiſe verwechſelten unſere Leute auf den Wällen die Soldaten Garibaldi's mit Franzoſen und feuerten auf ſie. Garibaldi hielt inne bis der Irrthum aufgeklärt war, und dann 180 ſtürmte er mit dem Bajonet im offenen Feld auf das Centrum der franzöſiſchen Armee los. Hier entſpann ſich ein furchtbarer Kampf zwiſchen den Tigern von Montevideo, wie man ſie nannte, und den africaniſchen Löwen. Fran⸗ zoſen und Römer ſchlugen ſich Leib an Leib, erſtachen einander mit dem Bajonet, rangen, warfen einander zu Boden, richteten ſich wie⸗ der auf. Garibaldi hatte endlich Feinde gefunden die ſeiner würdig waren. Hier fielen von uns der Capitän Montaldi, die Lieutenants Rigli und Zamboni; verwundet wurden der Major Marochetti, der Chirurg Scheenda, der Offizier Ghiglioni, der Caplan Ugo Baſſit, der ohne Waffen, mitten unter den Kämpfenden, den Wunden und dem Tode Troz bot um den Bleſſirten beizuſtehen und die Ster⸗ benden zu tröſten; ein frommes Herz, eine er⸗ barmungsvolle Seele, von den Prieſtern dem Märtyrerthum überantwortet; endlich die Lieute⸗ nants Dall'Oro, Treſſoldi, Rolla und der junge Stadella, Sohn des neapolitaniſchen Generals. Nach einſtündigem Kampf mußten die Fran⸗ zoſen weichen; ein Theil zerſtreute ſich auf dem Felde, ein anderer Theil zog ſich auf das Haupt⸗ corps zurück. Zweihundert ſechzig geriethen in unſere Ge⸗ fangenſchaft. In dieſem Augenblick machte der Artillerie⸗ capitän Fabar, Ordonnanzoffizier des Ober⸗ auf mpf nan an⸗ eib, en, vie⸗ die ldi, idet urg lan den roz ter⸗ dem ute⸗ nge ls. an⸗ dem upt⸗ Ge⸗ rie⸗ er⸗ 181 generals, als er den ſchlechten Erfolg des vom General ſo ſchlecht berechneten Angriffes ſah, ſeinem Chef den Vorſchlag, er wolle einen neuen Angriff auf einem Wege leiten den er genau kenne, und der ihn ganz unbemerkt bis unter die Mauern Roms gegenüber den Gärten des Vati⸗ cans führen würde. In der Nähe dieſes Wegs und mitten in den Weinbergen verborgen, ſeien vier oder fünf Häuſer wo man Abtheilungen zurück laſſen könnte. Der Obergeneral erklärte ſich einverſtanden, gab ihm eine Brigade vom Corps Levaillant, und der Capitän Fabar brach auf. Das Unternehmen war im Anfang leicht, und die Vertheidiger Roms ahnten in der That Nichts vom Marſch der Colonne, bis ſie auf die conſulariſche Straße der Porta Angelica kam. Dort aber wurde ſie, ſobald die franzöſiſchen Waffen in der Sonne zu blizen anfingen, von den päpſtlichen Gärten her mit einem furchtbaren Feuer empfangen, und eine der erſten Kugeln traf ihren Führer, den Capitän Fabar. Obſchon führerlos, vertheidigte die Cplonne ſich tapfer und erwiderte eine Zeitlang das Feuer von den Mauern; aber aufs Neue deci⸗ mirt und niedergeſchmettert, da ſie unſere Truppen vom Monte Mariv im Rücken, das Feuer aus der Engelsburg, das ihnen den Weg nach der Porta Angeliea verſchloß von der Front hatten, über⸗ dieß ganz ſchutzlos dem Kugelregen und Kartätſchen⸗ 182 hagel aus den Vaticansgärten ausgeſetzt waren, der ihnen die Rückkehr in die alten Stellungen nicht geſtattete, wurden die Franzoſen genbthigt ſich in die am Weg entlang zerſtreut liegenden Winzerhäuschen zu flüchten, wo unſere Artillerie ſie noch immer beſchoß. Auf dieſe Art war eine ganze Brigade, welche den linken Flügel des franzöſiſchen Armeecorps bildete, von ihrem Centrum getrennt und in Ge⸗ fahr gefangen zu werden. Zum Glück für den General Levaillant kamen unſere Truppen vom Monte Mario nicht herab, und zweitauſend Mann die hinter der Parta Angelica ſtanden und über ſie herfallen konnten rührten ſich nicht. Eben ſo wenig Glück hatte der Obergeneral auf ſeinem rechten Flügel, d. h. auf dem Punkt wo Garibaldi gekämpft; einen Augenblick hatten das Feuer und der Kampf in Folge des Rück⸗ zugs der Franzoſen aufgehört, aber als General Oudinot ſeine Leute zurückgeworfen ſah, hatte er, aus Furcht von Civita Veechia abgeſchnitten zu werden, die Reſte der Brigade Moliere vor⸗ geſchoben, und in den für einen Augenblick flau gewordenen Kampf war wieder ein neuer Eifer gekommen. Aber Kriegskenntniß, Disciplin, Muth, ungeſtümmer Angriff, Alles ſcheiterte bei unſern Soldaten, ſo jung und erfahrungslos ſie noch waren. Das macht daß Garibaldi da war, hoch zu 183 Roß, mit flatternden Haaren, dem ehernen Stand⸗ bild des Schlachtengottes gleich. Beim Anblick des Unverwundbaren erinnerte ſich Jeder an die Großthaten der unſterblichen Vorfahren und jener Welteroberer auf deren Gräbern er ſtand; man hätte glauben können Alle ſeien ſichs bewußt daß die Schatten eines Camillus, eines Cincinnatus und Cäſar vom Capitol auf ſie herabſchauen. Der franzöſiſchen Leidenſchaftlichkeit und Wuth ſezten ſie die römiſche Ruhe, die äußerſte Willenskraft der Verzweiflung entgegen. Nach vierſtündigem hartnäckigem Kampf be⸗ mächtigte ſich der Bataillonschef vom 20. Linien⸗ regiment, gegenwärtig General Picard, mit un⸗ erhörter Anſtrengung und ausgezeichnetem Muth, an der Spitze von dreihundert Mann, einer guten Stellung aus welcher er die Studenten vertrieb; da jedoch Garibaldi beinahe in dem⸗ ſelben Augenblick ein Bataillon Verbannter unter Arcivni erhalten hatte, ſo warf ſich eine Ab⸗ theilung der römiſchen Legion, zwei Compagnien ſtark, mit gefälltem Bajonet vorwärts, ergriff die Offenſive wieder, warf mit unwiderſtehlichem Un⸗ geſtüm jedes Hinderniß zu Boden und umzingelte den Oberſtlieutenant Picard in dem Hauſe aus welchem er ſich eine Feſtung gemacht hatte. Von allen Seiten und in der Front von Rino Birio angegriffen, der perſönlich mit ihm kämpfte, mußte Sich zuletzt mit ſeinen dreihundert Mann er⸗ geben. 184 Dieſer Rieſenkampf entſchied den Tag und veränderte die Geſtalt der Dinge vollſtändig. Es handelte ſich nicht mehr darum ob Oudinot in Rom einziehen werde, ſondern ob er nach Civita⸗ Verehia zurückkehren könne. In der That konnte Garibaldi, der als Herr der Villa Pamfili und der Waſſerleitungen die aureliſche Straße beherrſchte, durch eine raſch⸗ Bewegung den Franzoſen nach Caſtel⸗Guido zu⸗ vorkommen und ihnen die Straße verſperren. Das Reſultat dieſer Bewegung war gewiß; der linke Flügel der Franzoſen konnte, niederge⸗ ſchmettert von den Gärten des Vaticans aus und, wie wir bereits geſagt haben, ohne einen andern Schuz als die zerſtreuten Winzerhäuschen, ſeinen Rückzug nicht antreten, ohne ſich dem ver⸗ tilgenden Artillerie⸗ und Kleingewehrfeuer von den Mauern her auszuſezen. Der rechte Flügel, der im offenenen Feld von Garibaldi geſchlagen und zerſtreut worden, be⸗ fand ſich in jenem Augenblick unſeliger Ent⸗ muthigung der auf eine unerwartete Niederlage folgt, und konnte nur einen ſchwachen Widerſtand entgegenſezen. Ueberdieß waren die Franzoſen durch einen zehnſtündigen Kampf erſchöpft und beſaßen keine Cavallerie um ihren Rückzug zu ſchüzen. Wir hatten zwei Linienregimenter in Reſerve, zwei Dragonerregimenter, zwei Schwadronen Carabinieri, das lombardiſche Bataillon unter Mangra, dem freilich durch Manueci's Wort die 185 ſ gebunden waren, und hinter uns ein ganzes olk. Garibaldi hatte die Lage richtig beurtheilt, denn vom Schlachtfeld aus ſchrieb er an den Kriegsminiſter Avizzana: — Schicken Sie mir friſche Truppen, und wie ich Ihnen verſprochen habe die Franzoſen zu ſchlagen, was ich auch gethan, ſo verſpreche ich Ihnen jetzt dafür zu ſorgen daß nicht ein Einziger zu ſeinen Schiffen zurückkomme. Aber nun erhob, ſagt man, der Triumvir ſeine mächtige Stimme gegen dieſen an. — Wir dürfen uns, ſagte er, Frankreich nicht durch eine vollſtändige Niederlage zum Todfeind machen, und eben ſo wenig dürfen wir unſere jungen Reſerveſoldaten in offenem Feld gegen einen zwar geſchlagenen, aber tapfern Feind blos⸗ ſtellen. Dieſer ſchwere Irrthum Mazzini's raubte Garibaldi den Ruhm eines Tages à la Napoleon und machte den Sieg vom 30. fruchtlos. Es war ein unſeliger Irrthum, und gleichwohl läßt er ſich entſchuldigen bei einem Manne der alle ſeine Hoffnungen auf die demveratiſche Partei Frank⸗ reichs unter Ledru Rollin geſezt hatte; es war ein ſehu der für Italien unberechenbare Folgen nach ich zog. Garibaldi's Plan konnte, wenn man ihn an⸗ genommen hätte, die Geſchicke Italiens ver⸗ ändern. 186 In der That war die Stellung höchſt ein⸗ fach, und ich kann mich jezt, da der Haß er⸗ loſchen iſt und ein neuer Tag für Italien an⸗ bricht, auf die Ehrlichkeit unſerer Gegner ſelbſt berufen. Oudinot hatte Rom mit zwei Brigaden an⸗ gegriffen, die eine unter General Levaillant, die andere unter General Molière; ein Bataillon Jäger zu Fuß, zwölf Feldkanonen und fünfzig Pferde vervollſtändigten die Diviſion; wir haben geſehen in welchen erbärmlichen Zuſtand am Abend des 30. April dieſes Armeecorps gebracht war deſſen linken Flügel man ungeſchickter Weiſe zu weit ausgedehnt, und deſſen rechten Flügel Garibaldi als Herr der Villa Pamfili, der Waſſerleitungen und der alten aureliſchen Straße, auf ſein Centrum zurückgeworfen hatte. Man mußte unverzüglich mit allen verfügbaren Truppen vorwärts marſchiren und die Franzoſen entweder zu ſchleuniger Flucht, die nothwendig wurde wenn ſie Civita⸗Vecchia wieder erreichen wollten, oder zu einem neuen Kampfe zwingen, der bei ihrer ungünſtigen Stellung nur mit ihrer gänzlichen Ver⸗ nichtung enden konnte. Die franzöſiſche Armee wäre entweder vet⸗ tilgt oder zur Uebergabe gezwungen worden. Intereſſant war daß während dieſes ganzen Tages die römiſchen Militärmuſiken die Marſeil⸗ laiſe ſpielten, während man gegen die Leute focht die unter den begeiſternden Tönen dieſer Hymne einſt Europa beſiegt hatten. Es iſt wahr, ſie ſangen dieſelbe nicht mehr. Abgeſehen von unſern Todten und Verwun⸗ deten, richteten die Flinten⸗ und Kanonenkugeln an dieſem Tage großen Schaden an unſern Denkmälern an, und wir konnten uns eines weh⸗ müthigen Lächelns nicht erwehren als wir in den franzöſiſchen Zeitungen laſen, die Belagerung würde ſich wahrſcheinlich in die Länge ziehen, weil die Ingenieure ſich alle Mühe geben die Kunſtdenkmäler zu beſchüzen. In Wahrheit fielen Kugeln aller Art hagel⸗ dicht auf die St. Peterskuppel und den Vatican. In der pauliniſchen Capelle, die reich an Fresken von Michel Angelo, Zuccari und Lorenzo Sabati iſt, wurde eines der Gemälde ſchräg durch ein Wurfgeſchoß getroffen. In derſixtiniſchen Capelle wurde ein Gemälde von Buonarotti beſchädigt. Im Ganzen verloren die Franzoſen an dieſem Tag an Todten, Verwundeten und Gefangenen 1300 Mann. Wir unſerer Seits hatten etwa hundert Todte oder Kampfunfähige und einen einzigen Gefangenen. Dieſer Gefangene war unſer Caplan Ugo Baſſi, der bei einer unſerer rückgängigen Be⸗ wegungen, als er den Kopf eines Sterbenden dem er Troſt zuſprach auf ſeinen Schoos gelegt dieſen erſt verlaſſen wollte bis er ſeinen lezten Seufzer ausgehaucht hätte. Man kann ſich die Freude denken die am Abend und in der Nacht nach dieſem erſten Ge⸗ 188 fecht in Rom herrſchte. Wie ſich die Dinge künftig auch geſtalten mochten, die Geſchichte konnte, ſo glaubte man wenigſtens, nicht läugnen daß wir nicht bloß einen ganzen Tag lang den erſten Soldaten der Welt Stand gehalten, ſon⸗ dern ſie auch zum Rückzug gezwungen hatten. Die ganze Stadt war wie bei einem National⸗ feſt beleuchtet; von allen Seiten hörte man Ge⸗ ſänge und Muſik. Wenn dieſe fröhlichen Töne aus dem Hauptquartier kamen, ſo mußten ſie natürlich den Gefangenen das Herz zerſchneiden. Der Capitän Fabie wendet ſich an einen rbmiſchen Offizier, den Geſchichtſchreiber Vecchi, und fragt ihn: — Will man mit dieſem Jubel und dieſen Geſängen uns verhöhnen? — Nein, antwortete ihm Veecchi, glauben Sie das nicht; unſer Volk iſt edelmüthig und höhnt das Unglück nicht, aber es feiert ſeine Blut⸗ und Feuertaufe; wir haben heute die erſten Soldaten der Welt überwunden; wollen Sie uns verhindern das Andenken der Todten und die Wiederauferſtehung unſeres alten Rom zu feiern? Dieſe Antwort, die in einem vortrefflichen Franzöſiſch gegeben wurde, rührte den Capitän Fabie dermaßen daß er mit Thränen in den Augen rief: — Nun wohl, von dieſem Standpunct aus ſage ich auch: Es lebe Rom! Es lebe Italien! Kein gefangener Soldat wurde in das ihm nge chte nen den on⸗ nal⸗ Ge⸗ öne ſie en. nen echi, ſen ben und eine ſten Sie und zu hen tän den aus en! ihm 189 beſtimmte Quartier geſchickt, ohne daß man ihn zuvor mit Lebensmitteln und allem Nothwendigen verſehen hatte. Den Offizieren welche ihren Degen verloren hatten, wurde ein anderer zugeſtellt. Tags darauf, am 1. Mai, ſchon in aller Frühe, bildete der unermüdliche Garibaldi, nachdem er vom Kriegsminiſterium Erlaubniß erhalten hatte die Franzoſen mit ſeiner Legion, d. h. mit 1200 Mann anzugreifen, zwei Colonnen, wovon der eine Theil mit Maſina durch die Porta Cavalle⸗ gieri, der andere unter ſeinen eigenen Befehlen durch die Porta San Pancraziv auszog. Die wenige Reiterei die er hatte wurde durch eine Schwadron Dragoner verſtärkt. Garibaldis Abſicht war die Franzoſen in ihrem Lager zu überrumpeln und ihnen eine Schlacht zu liefern, obwohl er ſechsmal ſchwächer war als ſie; er hoffte übrigens, beim Lärm des Flinten⸗ und Kanonenfeuers würde das ganze Volk ihm zu Hilfe eilen. Aber als er ans Lager kam, vernahm er daß die Franzoſen in der Nacht aufgebrochen waren und ſich gegen Caſtel Guido zurückgezogen hatten; ferner daß Maſina, der den kürzeſten Weg eingeſchlagen, ihren Nachtrab eingeholt hatte und ihn beunruhigte. Jetzt ſchlug Garibaldi einen Sturmmarſch an und holte Maſina bei dem Wirthshaus von Malagrotta ein, wo die Franzoſen maſſenhaft zuſammenrückten und ſich zum Gefecht vorzube⸗ 190 reiten ſchienen. Er nahm ſogleich in den Flanken der franzöſiſchen Armee auf einer Anhöhe eine vortheilhafte Stellung, aber im Augenblick wo die Unſern angreifen wollten, trat ein Offizier hervor, kam auf die Hauptſtraße und verlangte mit Garibaldi zu parlamentiren. Garibaldi ließ ihn vor ſich führen. Der Parlamentär ſagte, er ſei von dem fran⸗ zöſiſchen Obergeneral abgeſchickt um über einen Waffenſtillſtand zu unterhandeln und ſich zu ver⸗ ſichern ob das römiſche Volk wirklich die repu⸗ blikaniſche Regierung wünſche und ſeine Rechte vertheidigen wolle. Als Beweis für ſeine ehr⸗ lichen Abſichten, erbiete ſich der General uns den gefangenen Pater Ugo Baſſi zurückzugeben. Während dieſer Beſprechung traf ein Befehl vom Miniſter des Innern ein daß Garibaldi nach Rom zurückkehren ſolle. Die Legion zog um vier Uhr Mittags ſammt dem Parlamentär in die Stadt ein. Dem General Oudinot wurde der gewünſchte Waffenſtillſtand bewilligt. XVI. Auszug gegen die neapolitaniſche Armee. Während dieß Alles vor ſich ging, rückte die neapolitaniſche Armee, gegen 20000 Mann ſtark, den König an ihrer Spize, mit ſechsunddreißig Feuerſchlünden und einer prächtigen Reiterei, voll die ißig voll . 191 Stolz auf ihre letzten Siege in Calabrien und Sicilien, heran um die Stadt vom linken Tiber⸗ ufer aus zu berennen. Sie hatte Velletri, ſodann Albanv und Frascati militäriſch beſetzt, war rechts durch die Apenninen, links durch das Meer gedeckt, und dehnte ihre Vorpoſten bis auf einige Stunden von unſern Mauern aus. Als Garibaldi, der durch den Waffenſtillſtand beſchäftigungslos geworden, dieß ſah, verlangte er ſeine Muße zur Bekriegung des Königs von Neapel anzuwenden. Die Erlaubniß wurde ihm bewilligt. Am Abend des 4. Mai zog Garibaldi mit ſeiner Legion aus, die 2500 Mann ſtark war. Unter dieſen 2500 Mann befanden ſich das Bataillon der Berſaglieri Manara's, das wieder in den Vollbefiz ſeiner Rechte gekommen war (deren es ſich übrigens dem König von Neapel gegenüber nie entäußert hatte), die Zollwächter, die academiſche Legion, zwei Compagnien der mobilen Nationalgarde und einige andere Frei⸗ willigencorps. Der Sammelplatz war die Piazza del Popolo, die Stunde ſechs Uhr; Garibaldi war ange⸗ kommen. Ein deutſcher Flüchtling der die Belagerung Roms als Major unter Garibaldi mitmachte und ſpäter ein vortreffliches Tagebuch darüber heraus⸗ gab, Guſtav von Hoffſtetter, derzeit eidgenöſſiſcher Oberſt, ſpricht ſich über die äußere Erſcheinung des Generals folgendermaßen aus: 192 „Schlag ſechs Uhr erſchien G. mit ſeinem Stab und ward mit donnernden Evvivas empfangen. Ich ſah ihn hier zum erſten Mal und nur flüchtig. Er iſt ein etwas kleiner Mann mit ſonnver⸗ branntem Geſicht und vollſtändig antiken Zügen. „Ruhig und feſt ſitzt er zu Pferde, als wäre er darauf geboren. Unter einem ſpitzen Hute mit ſchmaler Krempe und ſchwarzer voller Strauß⸗ feder drängt ſich das tiefbraune Haar hervor. Der röthliche Bart bedeckt zur Hälfte das Geſicht. Ueber der rothen Bluſe flattert der kurze, weiße americaniſche Mantel.— Sein Stab trägt eben⸗ falls die rothe Bluſe, und ſpäter wurde ſogar die ganze italieniſche Legion in dieſe Farbe gekleidet. „Unmittelbar hinter ihm ritt ſein Stallmeiſter, ein Mohr von ungeheuren Dimenſionen, der ihm von America gefolgt war, im ſchwarzen Mantel und mit einer langen Lanze mit rothem Fähnchen. „Alle ſeine Leute trugen die Piſtolen und prächtigen Dolche im Gürtel, keinem fehlte 1 große americaniſche Reitpeitſche von Büffel⸗ eder Fahren wir in der Beſchreibung fort. Dieß⸗ mal iſt es Emil Dandolo der ſpricht; der arme junge Mann wurde gleichfalls verwundet bei der Belagerung Roms wo ſein Bruder fiel; er ſtarb ſpäter in Mailand an der Schwindſucht und hat eine Darſtellung der Ereigniſſe hinterlaſſen an denen er Theil genommen. Er erzählt wie folgt: „Begleitet von ihren Ordonnanzen, zerſtreuen em en. ig. er⸗ en. äre ute uß⸗ r. cht. iße en⸗ die et. 2 tel en. ind lte fel⸗ der 193 ſich alle dieſe aus America gekommenen Offiziere, kommen wieder zuſammen, reiten in Unordnung da und dorthin, ſind überall thätig, aufmerkſam, unermüdlich. Wenn die Truppe Halt macht um zu campiren und ſich einige Ruhe zu gönnen, ſo iſt es intereſſant anzuſehen wie ſie, während die Soldaten ihre Gewehre in Pyramiden ſtellen, von ihren Thieren ſpringen und, jeder in Perſon, den General mit inbegriffen, für die Bedürfniſſe ihrer Thiere ſorgen. „Erſt dann denken die Reiter an ſich ſelbſt, und wenn ſie in der Nähe keine Lebensmittel be⸗ kommen können, ſo ſprengen drei oder vier Oberſte oder Majore, mit Lazos bewaffnet, über das Feld hin um Schafe oder Ochſen zu ſuchen. Haben ſie das Gewünſchte beiſammen, ſo treiben ſie die Heerde vor ſich her, vertheilen eine gegebene Anzahl compagnienweiſe, und nun beginnen ſie alle zuſammen, Söldaten und Offiziere, zu ſchlach⸗ ten, in Viertel zu zerſchneiden und an ungeheuren Feuern rieſige Stücke Hammel⸗, Ochſen⸗ und Schweinefleiſch zu braten, kleineres Gethier, Trut⸗ hühner, Enten und anderes Federvieh gar nicht gerechnet. „Während dieſer Zeit bleibt Garibaldi, wenn die Gefahr fern iſt, unter ſeinem Zelte liegen; iſt dagegen der Feind in der Nähe, ſo kommt er nicht vom Pferde, ſondern ertheilt Befehle und beſichtigt die Vorpoſten; nur wirft er ſeine eigen⸗ thümliche Uniform ab, kleidet ſich als Bauer und nimmt in eigener Perſon die gefährlichſten Nach⸗ Garibaldi. II. 13 194 einer Anhöhe welche die Umgegend beherrſcht und ſondirt mit ſeinem Fernrohr ſtundenlang die Tiefen des Horizonts. Wenn die Trompete des Generals das Signal zum Aufbruch gibt, wer⸗ den die Pferde die zerſtreut auf der Wieſe wei⸗ den mit Hilfe derſelben Lazos eingefangen und zurückgebracht, die Marſchordre wird den Tag zuvor feſtgeſetzt, und das Corps bricht auf ohne daß Jemand weiß oder ſich darum bekümmert wohin es ziehi. forſchungen vor; meiſtens ſitzt er auf irgend er „Garibaldi's perſonliche Legion iſt etwa tau⸗ ſend Mann ſtark; ſie beſteht aus dem regelloſe⸗ ſten Menſchengemiſch das man ſehen kann, aus Leuten von jedem Rang und jedem Alter, aus Jungen von zwölf bis vierzehn Jahren die ſich theils durch eine edle Begeiſterung, theils durch ein unruhiges Naturell zu dieſem unabhängigen Leben berufen fühlen; aus alten Soldaten welche der glänzende Name des berühmten Con⸗ dottiere aus der neuen Welt zuſammenführt, bei alledem aber auch aus Manchen die ſich bloß der Hälfte von Bayards Wahlſpruch, nämlich ohne Furcht, rühmen können, ſonſt aber im Ge⸗ wirre des Kriegs die Ausgelaſſenheit und Straf⸗ loſigkeit ſuchen. „Die Offiziere werden unter den Muthvoll⸗ ſten ausgewählt und ohne Rückſicht auf Ancien⸗ netät oder die gewöhlichen Regeln des Vor⸗ rückens zu den obern Graden erhoben. Heute ſieht man einen mit dem Säbel an der Seite, die ſtel ſeh Tr die ſin wa ten der 195 er iſt Capitän; morgen wird er zur Abwechslung ſc§ht die Mustete ergreifen, ſich in Reih und Glied S ſtellen, und nun iſt er wieder Soldat. An Sold es fehlt es nicht, er wird durch das Papier der wer⸗ Triumvirn geliefert, das weiter nichts koſtet als die Mühe es drucken zu laſſen; im Verhältniß ſind es mehr Offiziere als Soldaten. „Der Wagenmeiſter d. h. der Bagageaufſeher ohne war Capitän, der Koch des Generals war Lieu⸗ mert tenant, die Ordonnanz hatte denſelben Grad; der Generalſtab beſteht aus Majoren und Oberſten. „Bei ſeiner patriarchaliſchen Einfachheit, die ſo groß iſt daß man ſie für affectirt halten könnte, aus gleicht Garibaldi mehr einem indianiſchen Stam⸗ aus meshäuptling als einem General. Aber wenn ſich die Gefahr heranzieht oder zum Ausbruch kommt, durch dann zeigt er einen wahrhaft bewundernswürdi⸗ gen Muth und Ueberblick. Was ihm für einen General nach den militäriſchen Regeln der Kunſt Cyn⸗ an ſtrategiſchem Wiſſen fehlen könnte, das wird „bei bei ihm durch eine betäubende Thätigkeit erſetzt.“ — — — — = bloß Ihr ſeht es, auf alle Gemüther, auf alle mlich Naturen macht dieſer außerordentliche Mann den Ge gleichen Eindruck. traf⸗ Kommen wir auf die Expeditivn gegen die Neapolitaner zurück. Die Truppe ſetzte ſich Abends gegen acht cien⸗ Uhr in Bewegung. Niemand wußte wohin man Vot⸗ zog. Man hielt ſich rechts bis man ſich, nach Heute Beſchreibung eines großen Kreiſes, auf dem Weg Seite, nach Paleſtrina befand. Die Nacht war hell und friſch; man mar⸗ ſchirte ſchweigend und im Eilſchritt. Der General⸗ ſtab ſorgte ſelbſt für den Sicherheitsdienſt. Die Offiziere machten in Begleitung einiger Reiter große Touren in der Gegend umher; war der Boden zu uneben, ſo machte die Colonne Halt, die Adjutanten ſondirten das Terrain und mach⸗ ten hernach ihre Meldung, worauf der Zug von Neuem aufbrach. Dieſes wiederholte Haltmachen hatte außer dem Vortheil der Sicherheit auch noch den daß die Truppen ausruhen konnten, ſo daß ſie ohne allzugroße Ermüdung bis acht Uhr Morgens zu marſchiren vermochten. Eine Stunde von Tivoli machte man Halt; man hatte ſeit einiger Zeit den Weg von Reneſti, welcher auf den nach Paleſtrina führt, verlaſſen und war auf einer alten Römerſtraße gegen Tivoli gezogen. Durch dieſen nächtlichen Eilmarſch hatte det General einen dreifachen Vortheil erreicht. Erſtens hatte er die Spione irre geführt, die, als ſie ihn durch die Porta del Popolo hinaus⸗ ziehen ſahen, glauben mußten, die Expedition ſei gegen die Franzoſen gerichtet, welche damals in Palo angehalten und ſich auf ch Art von Congreß mit dem Triumvirat eingelaſſen hatten. Zweitens befand ſich Garibaldi in Tivoli auf der rechten Flanke der Operationslinie der Nea⸗ politaner, die in Velletri campirten und ihre Plänkler in ver Richtung von Rom bis auf die Höhen von Tivoli ausſchickten. mar⸗ eral⸗ Die eiter der Halt, tach⸗ von ußer daß ohne s zu ivoli Zeit nach einer der die, aus⸗ n ſei s in von tten. auf Nea⸗ ihre die Drittens wurde der nächtliche Marſch über eine öde, ſchatten⸗ und waſſerloſe Haide durch die Friſche der Dunkelheit zu einer wahren Wohl⸗ that für die Truppen. Abends fünf Uhr trat man wieder in Reih und Glied und marſchirte nach den Ruinen der Villa Adriana, die etwa eine Stunde von dem Haltort, am Fuße des Berges liegt auf welchem Tivoli ſich erhebt. Der General hatte Anfangs die Abſicht ge⸗ habt ſich da zu lagern, aber er beſann ſich an⸗ ders und wollte die Gegend zuvor vollſtändig ausforſchen laſſen. Er legte keine Truppen nach Tivoli, weil er bloß für den äußerſten Nothfall in die Städte einziehen wollte. Mitten unter den Trümmern der Villa Adriana die eine Feſtung bilden, lagerte ſich die ganze Brigade mit Mann und Roß; die unterirdiſchen Zimmer dieſes ungeheuren Gebäudes waren gut genug conſervirt daß man ſich darin einquartiren konnte. Dieſe Villa iſt von Adrian ſelbſt erbaut; ſie iſt zweitauſend Fuß lang, tauſend breit; ein klei⸗ ner Orangen⸗ und Feigenhain iſt auf dem Platz des ehemaligen Palaſtes emporgewachſen. Am 6. Mai brach man Morgens acht Uhr auf, die Berſaglieri an der Spitze; um auf die Hauptſtraße von Paleſtrina zu gelangen, mußte man über den Paß von San Veterino. Man braucht eine Stunde durch die Schlucht; um zwölf Uhr lagerte man in einem andern Thal 198 wo man friſches Waſſer und Schatten vorfand. Man bemerkte kein Haus, aber ringsum war Alles grün. Um halb ſechs machte man ſich von Neuem auf den Marſch und zog den Berg hinan. Die Laſtthiere welche die Munition trugen wurden vorangetrieben. Die Soldaten trugen jeder ſein Brod; um Fleiſch bekümmerte man ſich nicht; man fand welches an allen Haltorten; die Berſaglieri allein hatten Töpfe. Auf dem Gipfel des Berges angekommen, fand man eine vollkommen erhaltene alte Römer⸗ ſtraße die nach Paleſtrina führte, wo man Mor⸗ gens ein Uhr eintraf. Dieſe Römerſtraße war eine wahre Wohlthat, denn ſie war ſo gut erhalten daß kein Laſtthier einen falſchen Tritt that und der Wind kein Körnchen Staub aufregte. Inzwiſchen machte man häufig Halt, um den Soldaten Ruhe zu gönnen. Sie durften, in Anbetracht der Arbeit die ihrer wartete, nicht allzu müde ankommen. Der General ſchickte nach allen Seiten Patrouillen aus. Eine von ihnen, die ſechzig Mann ſtark war und von dem Lieutenant Bronzelli, demſelben der zehn Jahre ſpäter auf dem Schlachtfeld von Treponti fiel, commandirt wurde, hatte die glück⸗ lichſten Reſultate; ſie griff ein von den Neapoli⸗ and. war uem Die rden um fand llein men, mer⸗ Nor⸗ hat, thier kein den in nicht iten war der von lück⸗ voli⸗ 199 tanern beſeztes Dorf an, ſchlug den Feind in die Flucht und nahm ihm einige Gefangene ab. Zwei von den Unſern die ſich nicht ergeben wollten wurden förmlich in Stücke gehauen. Am 9. erfuhr man daß ein anſehnliches Corps Neapolitaner gegen Paleſtrina heranrücke, und in der That ſah man gegen zwei Uhr Nach⸗ mittags vom Sanct Petersberg herab, welcher die Stadt beherrſcht und von unſerer zweiten Compagnie beſezt war, die feindliche Colonne in guter Ordnung auf den beiden Straßen die ſich an der Porta del Sole vereinigen herankommen. Es waren zwei Regimenter Infanterie der könig⸗ lichen Garde und eine Abtheilung Reiter. Garibaldi ſchickte ihnen als Plänkler zwei Compagnien ſeiner Legion, eine Compagnie der mobilen Nationalgarde und die vierte Compagnie der Berſaglieri entgegen⸗ Leztere beſezte die linke Seite der langen Ge⸗ birgskette die im Thale erſtirbt. Manara beherrſchte von der Plattform des Thores aus zu Pferd dieſe prächtige Scene und ließ durch einen Trompeter die Bewegungen kund thun die man ausführen ſollte. Man konnte ſich bei einer Revue glauben, ſo ruhig ging Alles vor ſich und ſo ſicher entſprachen die Bewegungen den Trompeteſignalen. Als wir in die Nähe der Neapolitaner kamen, begann ein ſehr lebhaftes Feuer und die andern Erpeditivnscorps zogen in dichter Colonne zum Thore hinaus. 200 Der feindliche Anführer wollte jezt ſeine er⸗ ſten Pelotons als Plänkler ausdehnen, aber die Soldaten weigerten ſich voll Angſt auseinander⸗ zugehen. Wir unſererſeits rückten unter beſtän⸗ digem Feuern vorwärts. Jezt umging unſere äußerſte Rechte unter dem Lieutenant Rozat eine Mauer die am Vorrücken hinderte und zerſtreute ſich lebhaft in der Flanke des Feindes. Die Neapolitaner ſchwankten einen Augenblick, dann lösten ſie plözlich ihre Reihen und ergrif⸗ fen die Flucht, beinahe ohne ihre Flinten abzu⸗ ſchießen. Nun drangen einige Mann vom Ba⸗ taillon Manara in ihre Mitte ein und holten fünf vder ſechs Gefangene heraus. Auf dem rechten Flügel ging es, wenn auch langſamer, doch auf dieſelbe Weiſe vor ſich. Die erſte Compagnie Berſaglieri ließ die Neapolitaner bis auf Piſtolenſchußweite heranrücken, gab dann unerwartet eine tüchtige Salve, machte einen kräf⸗ tigen Bajonnetangriff und jagte ſie ohne Mühe in die Flucht; ſie trieb den Feind hinter einan⸗ der aus drei Häuſern die er beſezt hatte, und hielt mit der größten Ruhe einen Cavalleriean⸗ griff aus der manchen neapolitaniſchen Reiter das Leben koſtete. Dies war der Augenblick welchen Garibaldi erwartete; er ſchickte Manara ein Bataillon zur Verſtärkung, nebſt dem Befehl auf der ganzen Linie anzugreifen. In ihrer Flanke von den Lombarden nieder⸗ geſchmettert, in der Mitte von den Legionären er⸗ ren 201 und den Verbannten zurückgeworfen, ergriffen die Königlichen ſchleunig und vollſtändig die Flucht, mit Hinterlaſſung von drei Kanonen auf dem Schlachtfeld. Der Kampf währte drei Stunden und wurde ohne große Mühe zu gutem Ende geführt. Die Feinde leiſteten einen ſo ſchwachen Widerſtand daß wir uns wundern mußten. Hätten wir Reiterei zum Verfolgen gehabt, ſo wäre ihr Verluſt bedeutend geweſen. Aber als Garibaldi den Feind ſo eilig fliehen und die Unſern in Unordnung ihm nachjagen ſah, fürchtete er einen Hinterhalt und ließ zum Rück⸗ zug blaſen. Wir hatten etwa zwölf Todte und zwanzig Verwundete, unter ihnen den tapfern Capitän Ferrari, der einen Bajonnetſtich in den Fuß be⸗ kam. Der Verluſt der Neapolitaner betrug etwa hundert Mann. Das materielle Ergebniß war, wie man ſieht, gering anzuſchlagen, aber die moraliſche Wirkung war gryß. Zweitauſend fünfhundert Soldaten Garibal⸗ di's hatten ſechstauſend Neapolitaner vollſtändig in die Flucht geſchlagen. Ungefähr zwanzig arme Teufel von Gefan⸗ genen, beinahe ſämmtlich von der Reſerve, folg⸗ lich ihren Familien entriſſen und gezwungen für eine Sache zu kämpfen die nicht die ihrige war, wurden vor Garibaldi geführt. Zitternd und 202 mit gefalteten Händen flehten ſie um ihr Leben. Es waren ſchöne Leute, gut uniformirt, aber ab⸗ ſcheulich bewaffnet, mit ſchweren Steinſchloßflin⸗ ten; ihre Torniſter hatten ſie voll von Heiligen⸗ und Madonnenbildern, Reliquien und Amuletten. Sie trugen ſolche am Hals, in den Taſchen, kurz überall. Sie ſagten, der König ſtehe mit zwei Schweizerregimentern, drei Cavallerieregimen⸗ tern und vier Batterien in Albano; man erwarte weitere Verſtärkungen aus Neapel; ſie ſelbſt ſeien unter General Zucchi ausgeſchickt worden um Paleſtrina zu nehmen und ſich Garibaldi's zu bemächtigen, der ihnen einen ganz unbeſchreib⸗ lichen Schrecken einjagte. Wir lagerten über Nacht vor Paleſtrina außen. Am folgenden Morgen marſchirten wir vor⸗ wärts, um fünf Stunden weiter Vorpoſten zu beſezen; unſere Patrouillen wagten ſich bis in die feindlichen Linien hinein die ihre Piquets in einer Entfernung von zwei Stunden hatten. Um nicht müßig zu gehen, ließen wir unſere Soldaten manövriren, die ſeit Solaro nicht ein einziges Mal mehr exercirt hatten. Es war ein ſchöner und für die republicaniſche Sache zu den beſten Hoffnungen berechtigender Anblick wie dieſe Leute, eine Viertelſtunde von dem Feinde entfernt, die Handhabung der Waffen erlernten die ſie jetzt ſogleich gegen ihn brauchen ſollten, wie ſie beim Trompetenklang und Trommelwirbel die Pelotonſchule und das Plänklerfeuer ſtudirten. ben. ab⸗ flin⸗ gen⸗ tten. hen, mit nen⸗ arte eien zu eib⸗ ina or⸗ zu in in ſere ein ein wie de ten en, bel n. 203 Wir kehrten Abends in die Stadt zurück, aber nur um einen neuen Angriff zu machen. Am 7. Mai waren wir um Nitternacht unter ſtrömendem Regen angekommen. Das Bataillon Manara hatte ein Auguſtinerkloſter als Quartier erhalten, aber die Mönche hatten nicht dffnen wollen, und müde, triefend von Regen, mußten die Republicaner bei eiſigem Winde eine Stunde lang vergebens klopfen. Endlich riß den Ber⸗ ſaglieri die Geduld, man ließ die Sapeure kom⸗ men und die Thüre einſchlagen. Obgleich die Soldaten an dieſem Abend bei ihrer ſchrecklichen Müdigkeit wüthend über einen ſolchen Empfang waren, obgleich Garibaldi deut⸗ lich genug ſagte und ſeine Leute wiſſen ließ daß er die der Republik feindlichen Mönche eben ſo gut bekriege wie die Neapolitaner, ſo gelang es doch Manara und den Offizieren unſere Soldaten zu beſchwichtigen und Unordnungen zu verhindern, wie man ſie bei einer ſolchen Gelegenheit erwarten konnte. Man legte ſich ganz gelaſſen aufs Pflaſter der Gänge und ſuchte in einer kurzen Ruhe die Kraft zu neuen Strapazen. Glücklicher Weiſe machten uns die Neapoli⸗ taner nicht gar zu viel Unruhe. Nun kamen am Abend der Schlacht die Berſaglieri vor ihr Kloſter zurück und fanden es von Neuem geſchloſſen; ſie mußten von Neuem das Thor einſchlagen laſſen. Dießmal waren die Brüder geflohen. Sie hatten nicht glauben können daß Republicaner 204 ſo wenig Groll in ihrem Buſen tragen, und ſie fürchteten, die Sanftmuth die wir gezeigt möchte ein Fallſtrick ſein der eine unheimliche Rache berge. Sie hatten daher ihre Zellenſchlüſſel mitge⸗ nommen. Um die zu einer noch ſo beſcheidenen Lagerung nothwendigen Decken und ſonſtigen Gegenſtände zu bekommen, mußte man einige Thüren einſchlagen. Zum Glück waren die Sa⸗ peure nicht fern. Nach Einſchlagung der Thüren wurde das Beiſpiel anſteckend; ſtatt ſich wie das erſtemal mit dem Pflaſter der Gänge zu begnügen, verlangten die Soldaten Matrazen und Pritſchen; die Offiziere, denen das Moralpredigen entleidete, befolgten das ſchlechte Beiſpiel und nahmen die Zellen ein. In weniger als einer halben Stunde war das Oberſte zu unterſt gekehrt; kaum hatte man Zeit vor die Kirche, den Keller und die Bibliothek Schildwachen zu ſtellen. Im Uebrigen war Nichts zu nehmen; die Brüder hatten nur die groben Möbel zurückgelaſſen, die man nicht in Säcke ſtecken konnte; aber eine Menge Bauern, die unſern Soldaten zu dieſer Umwühlung zugeredet hatten, machten ſich die Verwirrung zu Nutze und trugen wie die Ameiſen zu drei oder vier diejenigen Stücke fort die für einen einzigen zu ſchwer waren. Viele von den Unſern die ſich nicht viel mit der Religion zu ſchaffen machten, ſtreiften im ganzen Kloſter herum und ſchäzten ſich glücklich daß ſie es auch einmal mit Mönchen zu thun chte che ge⸗ nen gen ige a⸗ ren s en, n; te, die ide tte die er ie ne ſer ie en ür it m hatten. Der Eine kam mit einem breiten Domini⸗ canerhut aus einer Zelle, ein Anderer ſchritt mit einer langen weißen Kutte über ſeiner Uniform gravitätiſch in den Gängen umher. Beim Appell erſchienen Alle mit brennenden Rieſenkerzen in den Händen, und während der ganzen Nacht vom§. auf den 10. war das Kloſter zur Feier unſeres Sieges über die Neapolitaner glänzend beleuchtet. Die Correſpondenz der armen Brüder wurde eben ſo wenig reſpectirt als das Uebrige, und mehr als ein Brief welcher den keuſchen Stiftern der Orden die Schamröthe bis an die Ohren getrieben hätte, wurde von den Soldaten im Triumph herbeigebracht und vorgeleſen! Am 10. machten wir in Paleſtrina Halt und lagerten auf den Wieſen. Den Neapolitanern ſchien die Luſt zu weitern Angriffen vergangen zu ſein; ſie beſezten die Hügel von Albano und Frascati und zogen allmählig weiter vor Rom. Garibaldi, der einen vereinigten Angriff der Neapolitaner und Franzoſen fürchtete, trat noch am ſelben Abend ſeinen Rückmarſch nach Rom an; wir zogen ſtill und in vollkommener Ord⸗ nung, auf beinahe unwegſamen Pfaden, eine Stunde am feindlichen Lager vorüber, ohne daß ein Unfall die Ruhe dieſes prächtigen Narſches geſtört hätte. Endlich am Morgen des 12. kamen wir in Rom an, nachdem wir in der Nacht vierzehn Stunden zurückgelegt ohne einen Augenblick an⸗ 206 zuhalten; wir hatten das größte Bedürfniß nach Ruhe; viele von uns die bloß an einen Auszug von etlichen Stunden geglaubt, hatten der Leichtig⸗ keit wegen weder Töpfe noch Torniſter noch Weißzeug mitgenommen. Aber als die Nacht kam, mußten wir, ſtatt auszuruhen, wieder zu unſern Flinten greifen. Man hatte in der Stadt Lärm gemacht, das Gerücht ging daß die Franzoſen den Monte Mario angriffen; wir zogen haſtig zur Porta Angelica hinaus, wechſelten einige Flintenſchüſſe mit den Franzoſen und ſchliefen dann, die Hand an unſern Waffen, am Rande eines Grabens. XVII. Gefecht von Velletri. Von dieſem Augenblick an geſtatten uns die Aufzeichnungen die Garibaldi uns bei ſeiner Ab⸗ fahrt nach Sicilien hinterlaſſen, ihm das Wort zurückzugeben und die Feder wieder in ſeine Hand zu legen. Am 12. Mai erließ die römiſche conſtituirende Verſammlung bei der Nachricht von der helden⸗ müthigen Vertheidigung Bolognas, folgendes Decret. Rom 12. Mai 1849. „Die eonſtituirende Verſammlung im Namen Gottes und des Volkfes! „Decretirt: „Einziger Artikel. z „ en— die lb⸗ ort ine de en⸗ es 207 „Es wird erklärt daß das heldenmüthige Volk Bologna's ſich um das Vaterland und die Republik wohl verdient gemacht hat und der würdige Nebenbuhler ſeines Bruders, des römi⸗ ſchen Volkes, iſt*). Am ſelben Tag wo Bologna ſiel, erſchien in Rom der außerordentliche Geſandte der franzöſi⸗ ſchen Republik, Ferdinand von Leſſeps, in Be⸗ gleitung von Michel Accurſt, dem Abgeſandten der römiſchen Republik in Paris. Durch Vermittlung des franzöſiſchen Geſandten wurde der Waffenſtillſtand um den es ſich ſeit vierzehn Tagen handelte, und gegen welchen ich nichſen 1. Mai ſo ſtark erhoben hatte, abge⸗ oſſen. Die römiſche Regierung beſchloß dieſe Waffen⸗ ruhe zu benüzen um ſich der neapolitaniſchen Armee zu entledigen, ohne daß dieſe eigentlich zu fürchten war; doch iſt es immer läſtig 20000 Mann mit 36 Kanonen auf dem Halſe zu haben. Ich täuſche mich, ſie hatte nur noch 33 Ka⸗ nonen, denn wir haiten aus Paleſtrina drei mit⸗ gebracht. Bei dieſer Gelegenheit glaubte die Regierung einen Oberſten und einen Brigadegeneral zu Diviſionsgeneralen ernennen zu miüſſen; der erſte war Roſetti, der zweite war ich. 3) Da Medici der Expedition nach Paleſtrina nicht anwohnte, ſo ſind die meiſten dieſer Details Emil Dan⸗ dolo entnommen. Expedition. Einige Freunde drängten mich ich ſolle dieſe untergeordnete Stellung unter einem Manne der Sie ernannte Roſetti zum Commandanten der geſtern noch mein Untergebener geweſen nicht an⸗ nehmen. Aber ich geſtehe daß ich ſolchen Fragen der Eigenliebe ſtets unzugänglich war; hätte man mir Gelegenheit gegeben auch nur als Gemeiner gegen den Feind meines Vaterlandes den Degen zu ziehen, ſo würde ich als Berſagliere gedient haben. Ich nahm alſo dankbar den Dienſt als Diviſionsgeneral an. Am 16. Mai Abends zog die ganze Armee der Republik, d. h. 10000 Mann mit 12 Kanv⸗ nen, durch die Porta San Giovanni aus den Mauern Roms. Unter dieſen 10000 Mann waren 1000 Reiter. Unterwegs bemerkte man daß das Corps Manara, das zur Theilnahme an der Expedition bezeichnet worden war, fehlte. Man ſchickte einen Stabsoffizier, um ſich zu erkundigen warum Manara, ſonſt immer der Erſte wenn es ſich um einen Marſch gegen den Feind handelte, dießmal der Lezte war. Man hatte nur Eines vergeſſen, nemlich ihn in Kenntniß zu ſezen; man fand ihn wüthend; er glaubte allein auf die Seite geſchoben worden zu ſein. Wir paſſirten den Teverone auf der Straße nach Tivoli; hier hielten wir uns rechts und kar 209 der kamen nach einem höchſt ermüdenden Marſch für unſere Leute gegen eilf Uhr Morgens in Zaga⸗ ieſe rola an. Obgleich wir nicht viel Weg zurückge⸗ der legt hatten, waren wir ſechzehn Stunden lang an⸗ marſchirt. Dieß kam von der Tiefe der Colonne her. Wir hatten einen unerträglichen Staub. der Ueberdieß war an gewiſſen Stellen der Weg ſo 3 mir ſchmal daß wir einzeln gehen mußten. 1 ner In Zagarola fanden wir weder Brod noch gen Fleiſch vor; die neapolitaniſche Diviſivn hatte ent dafür geſorgt, ſie hatte Alles aufgegeſſen und ſo als ziemlich auch Alles getrunken. Der Generalſtab hatte vergeſſen den Fall mee vorherzuſehen. nv⸗ Glücklicher Weiſe hatte ich einige Stück Vieh en mitgenommen; meine Leute fingen etliche andere mit dem Lazo; man ſchlachtete, viertheilte, briet ter. und aß. rps Freilich erhielt ich, als ich mich über dieſen ion WMangel an Vorſorge beſchwerte wodurch die ganze Armee an den Rand des Hungertodes zu gebracht wurde, zur Antwort: man habe durch der Herbeiſchaffung von Lebensmitteln die Aufmerk⸗ en ſamkeit des Feindes zu erregen geſürchtet. Sehr gut! hn Wir blieben ungefähr dreißig Stunden in d; dieſem Flecken und verließen ihn ohne Brod, wie en wir gekommen waren. Am 18. Mai wurde der Marſchbefehl um ße ein Uhr ertheilt; aber man brach in Wirklichkeit nd Garibaldi. 11. 14 erſt Abends ſechs Uhr auf. Solche Halte ſind ermüdender als Eilmärſche. Endlich um ſechs Uhr konnte ich mich wieder an die Spitze der Vortrabsbrigade ſtellen und brach nach Valmontane auf. Die andern Bri⸗ gaden folgten mir. Ich hatte die größte Stille in Reih und Glied, die größte Wachſamkeit vorn und auf den Flanken befohlen; ich hatte Nach⸗ richt erhalten daß die neapolitaniſche Armee mit 19— 20000 Mann, worunter zwei Schweizerregi⸗ menter, und mit dreißig Kanonen bei Velletri lagerte. Man ſagte der König von Neapel befinde ſich in Perſon in der Stadt. In der That hielten die Königlichen Velletri, Albanv und Frascati beſezt; ihre Vorpoſten kamen bis nach Frattvechie. Ihr linker Flügel war durch das Meer gedeckt, ihr rechter lehnte ſich an die Apenninen; nachdem ich Paleſtrina verlaſſen, hatten ſie es beſezt und beherrſchten auf dieſe rt das Thal, worin ſich der einzige brauchbare Weg für eine Armee befand die von Rom her gegen ſie anrückte. Sie konnten uns alſo einen ernſtlichen Widerſtand entgegenſezen; ohnehiu waren ſie uns in Bezug auf Stellung, Trup⸗ penzahl, Kanonen und Reiterei überlegen. Aber der glückliche Erfolg des erſten Unter⸗ Shnn⸗ war eine Verheißung für das zweite. Ohnehin waren die Truppen des Königs von Neapel gänzlich demoraliſirt, und im Krieg macht bekanntlich die moraliſche Kraft Alles aus. ſind ieder und Bri⸗ tille vorn mit regi⸗ erte. ſich letri, men war h an aſſen, dieſe hbare het einen nehin Trup⸗ Intet⸗ weite. von macht 211 Um den Feind zu einem Rückzug oder zu einer Schlacht zu zwingen, hatte man gedacht man müſſe ſich raſch des Thales bemächtigen und eine Flankenſtellung einnehmen, wodurch die Verbindungen der neapolitaniſchen Armee mit Neapel bedroht wurden, und Monte Fortinv war zu dieſem ſtrategiſchen Punct auserſehen worden. In der That konnten wir uns, wenn wir dieſen Punct beſaßen, auf Citerna werfen und den Königlichen den Weg nach ihrer Grenze ver⸗ ſperren; wir konnten uns auch Velletris bemäch⸗ tigen, wenn ſie es zufällig verließen um uns zu umgehen; endlich konnten wir uns mit all unſe⸗ rer Macht auf das ſchwächſte Corps des Feindes werfen, wenn er den Fehler beging ſich zu ver⸗ theilen. Bei einbrechender Nacht kamen wir an eine ſehr ſchmale Paſſage die in der Nähe von Val⸗ montone münbet; wir brauchten zwei Stunden dazu. Das Regiment Manara nebſt einer Schwa⸗ dron Dragoner und zwei Kanonen wurde beauf⸗ tragt den Vortrab zu decken. Wir kamen um zehn Uhr an; es war dichte Finſterniß; der Lagerplatz war ſchlecht; man mußte das Waſſer eine Stunde weit holen. Am 18. ſezten wir mit derſelben Schnellig⸗ keit unſern Marſch fort; wie Tags zuvor, hatten wir Paleſtrina und Valmontone vom Feind ver⸗ laſſen gefunden. Monte Fortino, das man uns ſo leicht ſtreitig machen konnte, fanden wir ebenfalls frei. 242 Die ganze bourboniſche Armee war im vollen Rückzug auf Velletri begriffen. Am Morgen des 19. verließ ich die Stellung von Monte Fortino, um mit der italieniſchen Legion, dem 3. Bataillon des 3. Regiments rö⸗ miſcher Infanterie und einigen Reitern unter dem braven Marina, im Ganzen ungefähr 1500 Mann, auf Velletri zu marſchiren. Neben mir ritt Ugo Baſſi, der fortwährend unbewaffnet, aber ein vortrefflicher Reiter war und mir als Ordonnanzoffizier diente; mitten im Feuer ſagte er einmal ums andere zu mir: — General!ich bitte Sie um Alles, ſchicken Sie mich an gefährliche Orte und nicht einen andern der Ihnen nüzlicher ſein könnte. Im Angeſicht von Velletri angekommen, ſchickte ich eine Abtheilung ab, mit dem Befehl bis unter die Mauern der Stadt vorzurücken um die Gegend zu recognosciren, den Feind her⸗ anzulocken und ihn wo möglich zur Ergreifung der Offenſive zu veranlaſſen. Ich hoffte allerdings nicht mit meinen 1500 Mann die 20000 Man des Königs von Neapel zu ſchlagen, aber ich hoffte, wenn der Kampf eingeleitet wäre, ſie heranzulocken und ſo zu be⸗ ſchäftigen, daß das Gros unſerer Armee Zeit gewänne heranzukommen und ſich bei der Schlacht zu betheiligen. Auf die Höhen über dem Weg nach Velletri ſtellte ich die Hälfte meiner Legion, 200 bis 300 Mann ins Centrum, die Hälfte des Batail⸗ * 21¹3 lons rechts und Marina mit ſeiner Handvoll Reiter auf die Straße ſelbſt. Meine übrige Mannſchaft behielt ich in zweiter Linie als Reſerve. Als der Feind unſere geringe Anzahl ſah, griff er uns augenblicklich an; zuerſt zog ein Jägerregiment zu Fuß aus den Mauern, zer⸗ ſtreute ſich und begann ein Plänklerfeuer gegen unſere Vorpoſten. Dieſe zogen ſich dem erhaltenen Befehl gemäß zurück. Hinter den neapolitaniſchen Jägern erſchienen jezt einige Bataillone Linie nebſt einem zahlreichen Reitercorps. Ihr Anprall war heftig, aber nicht von Dauer. Als ſie in halbe Flintenſchußweite kamen, gaben unſere Leute in aller Ruhe ein vortrefflich gezieltes Feuer auf ſie, worauf ſie ſchnell Halt machten. Das Feuer hatte ſchon ſeit einer halben Stunde begonnen. In dieſem Augenblick warf der Feind zwei Schwadronen Jäger zu Pferd auf die Straße; ein verzweifelter Angriff von dieſen mußte den Sieg entſcheiden. Nun ſtellte ich mich an die Spize meiner fünfzig oder ſechzig Reiter, und wir griffen 500 ann an. Die Neapolitaner kamen uns mit großem Ungeſtüm auf den Leib. Ich ſiel und wurde zehn Schritte von meinem Pferde weggeſchleudert; 21¹4 ich richtete mich wieder auf und blieb mitten im Siuihr⸗ wo ich nach beſten Kräften um mich ug. Mein Pferd hatte es eben ſo gemacht wie ich; es hatte ſich wieder erhoben. Ich ſchwang mich hinauf und gab mich unſern Leuten die mich für todt halten konnten dadurch zu er⸗ kennen daß ich meinen Hut auf den Säbel ſteckte und in der Luft ſchwenkte. Ueberdieß war ich leicht erkenntlich, da ich allein einen weißen Poncho mit rothem Futter trug. Ein lautes Geſchrei empfing meine Wieder⸗ auferſtehung. Die neapolitaniſchen Reiter waren in ihrem Ungeſtüm bis zu unſerer Reſerve gedrungen, wäh⸗ rend die Linienbataillone in geſchloſſener Colonne ihnen folgten. Gerade dieſer Feuereifer war ihr Verderben, denn als ihre Flanken nicht mehr von dem Regi⸗ ment Jäger zu Fuß geſchüzt waren, als ſie auf allen Hügeln rechts und links unſere Leute im Hinterhalt, unſere Reſerve in der Front vorfan⸗ den, gaben ſie ſich wie eine Scheibe den Schüſſen unſerer Soldaten Preis. In dieſem Augenblick ließ ich den Ober⸗ general um Verſtärkung bitten, mit dem Be⸗ merken daß ich die Schlacht gehörig eingeleitet glaube. Die Antwort lautete, man könne mir keine ſchicken, da die Soldaten noch nicht gegeſſen hätten. im ich wie ing ten er⸗ ckte er⸗ n⸗ er⸗ e⸗ tet ine ſen 2¹5 Nun beſchloß ich mit meinen eigenen Kräf⸗ ten, die aber leider bei entſcheidenden Augen⸗ blicken immer unzulänglich waren, mein Möglich⸗ ſtes zu thun. Ich ließ auf der ganzen Linie zum Angriff blaſen; wir waren 1500 gegen 5000. In demſelben Augenblick wurden unſere zwei Kanonen als Batterie aufgeſtellt und donnerten, das Plänklerfeuer verdoppelte ſich, und meine 40— 50 Lanciers unter Marina warfen ſich auf 3— 4000 Mann Fußvolk. Inzwiſchen hörte Manara, der eine Stunde von uns ſtand, unſer Feuer und ließ den Ober⸗ general um Erlaubniß bitten nach dem Kanonen⸗ donner hinzumarſchiren. Nach Verfluß einer Stunde wurde es ihm bewilligt. Dieſe wackern jungen Leute kamen unter dem Feuer der feindlichen Artillerie im Sturmſchritt von der Hauptſtraße her. Als ſie unſern Nach⸗ trab erreichten, öffnete ſich dieſer um ſie durch⸗ zulaſſen. Sie defilirten unter Trompetengeſchmet⸗ ter mit einer bewundernswürdigen Begeiſterung. Beim Anblick dieſer kleinen, braunen, kräftigen jungen Leute, als man ihre ſchwarzen Helmbüſche im Winde flattern ſah, erſcholl aus Aller Mund ein donnerndes Hoch auf die Berſaglieri. Sie antworteten mit einem Evviva Garibaldi und rückten in die Linie. In dieſem Augenblick wurde der Feind von einer Poſition zur andern getrieben und zog ſich 216 unter den Kanonen des Platzes zurück, die zum größten Theil rechts vom Thore ſtanden und ſich an ein Kloſter anlehnten; zwei von den Geſchüzen beſtrichen die Hauptſtraße, die andern beſchoßen die linke Flanke unſerer Colonne, wo die Plänk⸗ ler zerſtreut waren; aber bei der Beſchaffenheit des Bodens, der meinen Leuten zahlreiche Er⸗ höhungen bot hinter denen ſie ſich verbergen konnten, richteten ſie keinen großen Schaden an. Kaum auf dem Schlachtfeld angelangt, ſuchte Manara mich mit den Augen. Er hatte mich bald in meinem weißen Mantel erkannt und galoppirte auf mich zu; aber unterwegs wurde er durch einen Zwiſchenfall aufgehalten den ich hier erzähle, weil er den Geiſt unſerer Leute vor⸗ trefflich kennzeichnet. Etwa zwanzig von ſeinen Leuten hatten, als ſie an der Muſik vorbeizogen die eine luſtige Melodie ſpielte, dem Einfluß dieſer Melodie nicht widerſtehen können und unter den Kugeln und Kartätſchen der Neapolitaner zu tanzen angefangen. Im Augenblick wo Manara ſelbſt mitten in einem Kugelregen lachend ihnen zuſchaute, riß eine Kanonenkugel zwei Tänzer weg. Es entſtand eine kurze Pauſe. Aber Manara rief: — Heda, Muſik! Die Muſik fing wieder an und der Tanz be⸗ gann von Neuem, mit noch größerem Eifer als vorher. Ich meinerſeits hatte, als ich die Berſaglieri um ſich zen ßen nk⸗ heit Er⸗ gen hte ich nd de ich or⸗ s ge nd n. in 2¹7 kommen ſah, Ugo Baſſi abgeſchickt um Manara zu ſagen daß ich ihn zu ſprechen wünſche. Sein erſtes Wort war die Frage ob ich nicht verwundet ſei. — Ich glaube, antwortete Ugo Baſſi, daß der General zwei Kugeln bekommen hat, eine in die Hand und die andere in den Fuß; da er jedoch nicht klagt, ſo werden ſeine Wunden wohl nicht gefährlich ſein. Ich hatte in der That zwei Streifſchüſſe er⸗ halten mit denen ich mich aber erſt am Abend abgab, als ich nichts Anderes mehr zu thun hatte. Manara erzählte mir die Scene welcher er ſpeben angewohnt. — Können wir, fragte er mich, mit ſolchen Leuten nicht einen Sturm aufVelletri verſuchen? Ich begann zu lachen. Mit zweitauſend Mann und zwei Kanonen eine Stadt wegneh⸗ men die wie ein Adlerneſt hoch auf einem Berge ſaß und von zwanzigtauſend Mann mit dreißig Geſchützen vertheidigt war! Aber in dieſer wackern Jugend wehte ein ſolcher Geiſt daß ſie keine Unmöglichkeit ſah. Ich ſchickte nun Boten ins Hauptquartier. Hätte ich nur fünftauſend Mann gehabt, ſo würde ich das Unternehmen verſucht haben; ſo groß war der Enthuſiasmus meiner Leute und die Entmuthigung der Neapolitaner. Rechts vom Thor ſah man mit bloßem Auge eine Art von Breſche in der Mauer; dieſe Breſche war mit Faſchinen verſtopft, aber einige Kano⸗ 218 nenkugeln würden ſie practicabel gemacht haben; Angriffscolonnen konnten unter dem Schuz zahl⸗ ſeicher Bäume auf den Seiten des Hügels bis zu dieſer Breſche gelangen; die Sapeurs von allen Corps hätten die Hinderniſſe niedergehauen und das Uebrige gethan. Zwei Scheinangriffe würden den Hauptan⸗ griff gedeckt haben. Statt deſſen mußte man ſich begnügen unſere Berſaglieri mit den Leuten auf den Wällen plän⸗ keln zu laſſen, während vom Capuzinerkloſter aus zwei Schweizerregimenter ein ſchreckliches Artil⸗ leriefeuer gegen ſie unterhielten. Endlich entſchloß ſich der Obergeneral mir mit der ganzen Armee zu Hilfe zu kommen; aber als er eintraf, war der günſtige Augenblick vor⸗ über. Da ich nicht daran zweifelte daß der Feind während der Nacht die Stadt räumen würde, indem ich wußte daß der König bereits mit ſechs⸗ tauſend Mann aufgebrochen war, ſo machte ich den Vorſchlag eine ſtarke Abtheilung an das neapolitaniſche Thor zu ſchicken und dem Feind, im Augenblick wo er ſich in Unordnung zurück⸗ zöge, in die Flanken zu fallen; die Beſorgniß uns übermäßig zu ſchwächen verhinderte die Aus⸗ führung dieſes Planes. Gegen Mitternacht befahl ich Manara, da ich wiſſen wollte wo ich daran war, einen Offi⸗ zier mit vierzig zuverläſſigen Mann bis unter die Mauern von Velletri, wo möglich bis nach Velletri ſelbſt, zu ſchicken. til⸗ nir ber or⸗ ind de, hs⸗ ich as nd, ck⸗ niß 18 da fi⸗ ter ch 219 Manara beauftragte damit den Unterlieute⸗ nant Emil Dandolo, der vierzig Mann nahm und in der Dunkelheit gegen die Stadt vorrückte. Zwei Bauern denen er begegnete verſicherten ihn daß die Stadt verlaſſen ſei. Dandolo und ſeine Leute ruͤckten nun bis an das Thor vor; keine Schildwache. In Folge unſerer Beſchießung war die Stadt verbarricadirt worden. Die Berſaglieri kletterten über die Barricade weg und befanden ſich in der Stadt. Sie war wirklich öde und verlaſſen; Dandolv machte einige Gefangene die ſich verſpätet hatten, und von ihnen ſowie von den Stadtbewohnern die er aufweckte erfuhr er Alles was er zu wiſſen brauchte, nämlich daß die Neapolitaner gleich mit anbrechender Nacht ihren Rückzug begonnen hat⸗ ten, aber in ſolcher Haſt und Unordnung, daß ſie den größten Theil ihrer Verwundeten zurück⸗ ließen. t Tagesanbruch machte ich mich zu ihrer Verfolgung auf, aber es war mir unmöglich ſie einzuhvlen. Ueberdieß erhielt ich, während ich mich auf der Hauptſtraße nach Terracina befand, Befehl zu der Colonne zu ſtoßen deren eine Hälfte nach Rom zurückkehrte, während die an⸗ dere beſtimmt war Froſinone von den Freiwilli⸗ gen Zuechis zu befreien welche dieſe Stadt be⸗ unruhigten. Auf dieſe Art entkam uns der Feind, auf dieſe Art errangen wir an einem Tage der ent⸗ 220 ſcheidend werden konnte blos einen unbedeutenden Vortheil. Vier Dinge waren es die man an dieſem Tage nicht verſtand: Man verſtand es nicht eine Verſtärkung zu ſchicken als ich ſie verlangte. Man verſtand es nicht zu ſtürmen als man zu mir geſtoßen war. Man verſtand es nicht den Rückzug der Nea⸗ politaner zu verhindern. Man verſtand es nicht die Fliehenden zu beunruhigen. XVIII. Der dritte Juni. Ich kehrte am 24. Mai nach Rom zurück, wo eine ungeheure Volksmenge mich mit wahn⸗ ſinnigem Freudengeſchrei begrüßte. Während dieſer Zeit bedrohten die Oeſterreicher Ancona. Bereits war ein erſtes Corps von viertauſend Mann von Rom aufgebrochen, um die Delega⸗ tionen und die Marken zu vertheidigen. Es handelte ſich um Abſendung eines zweiten; aber bevor man es aus Rom ziehen ließ, glaubte Roſetti ſich im Intereſſe der Sicherheit dieſer Stadt verpflichtet folgenden Brief an den Herzog von Reggiv zu ſchreiben: „Bürger General, „Meine feſte Ueberzeugung iſt daß die Armee den ſem zu nan ea⸗ zu ich, n⸗ nd a⸗ n; te ſer og 221 der römiſchen Republik eines Tages an der Seite der Armee der franzöſiſchen Republik fechten wird um die heiligſten Rechte der Völker zu wahren. Dieſe Ueberzeugung veranlaßt mich Ihnen Vor⸗ ſchläge zu machen auf welche Sie, wie ich hoffe, eingehen werden. Es iſt mir zu Ohren gekom⸗ men daß zwiſchen der Regierung und dem bevoll⸗ mächtigten Miniſter Frankreichs ein Vertrag unter⸗ zeichnet worden ſei der Ihre Beiſtimmung nicht erhalten habe. „Ich trete nicht auf die Geheimniſſe der Politik ein, aber ich wende mich als Obergeneral der römiſchen Armee an Sie. Die Oeſterreicher ſind im Anzug; ſie ſuchen ihre Truppen in Foligno zu concentriren; von da wollen ſie ihren rechten Flügel an das toseaniſche Gebiet lehnen, durch das Tiberthal vorrücken und über die Abruzzen ihre Vereinigung mit den Neapolitanern bewerk⸗ ſtelligen. Ich glaube nicht daß Sie die Verwirk⸗ lichung eines ſolchen Planes gleichgültig mitan⸗ ſehen könnten. „Ich glaube Ihnen meine Vermuthungen über die Bewegungen der Oeſterreicher mittheilen zu müſſen, beſonders in einem Augenblick wo Ihre unentſchiedene Haltung unſere Kräfte lähmt und dem Feind einen Erfolg ſichern kann. Dieſe Gründe ſcheinen mir gewichtig genug daß ich Sie um einen unbegrenzten Waffenſtillſtand und um die Anzeige der Feindſeligkeiten fünfzehn Tage vor ihrer Wiederaufnahme bitte. „General, dieſen Waffenſtillſtand glaube ich 4 ————— 222 nothwendig um mein Vaterland zu retten, und ich bitte darum im Namen der Ehre der franzö⸗ ſiſchen Armee und Republik. „Falls die Oeſterreicher mit ihren Colonnen nach Civita Caſtellana voranrücken ſollten, ſo würde in der Geſchichte auf die franzöſiſche Armee die Verantwortlichkeit fallen uns zur Theilung unſerer Streitkräfte, in einem Augenblick wo ſie uns ſo nothwendig ſind, gezwungen und dadurch die Fortſchritte der Feinde Frankreichs geſichert zu haben. Antwort und um Annahme des Brudergrußes zu bitten. „Roſetti.“ Der franzöſiſche General antwortete: „General, „Die Befehle meiner Regierung lauten be⸗ ſtimmt; ich ſoll ſobald als möglich in Rom ein⸗ ziehen. Ich habe der römiſchen Behörde den Waffenſtillſtand gekündigt den ich auf die drin⸗ genden Vorſtellungen des Herrn von Leſſeps für den Augenblick bewilligt hatte. Ich habe unſre Vorpoſten ſchriftlich in Kenntniß geſetzt daß die beiden Armeen berechtigt ſeien die Feindſeligkeiten wieder zu beginnen. „Um jedoch Ihren Landsleuten, die Rom gerne verlaſſen würden, dieſe Möglichkeit zu erleichtern, und auf den Wunſch des Herrn Kanzlers der franzöſiſchen Geſandtſchaft verſchiebe ich den An⸗ Ich habe die Ehre, General, Sie um baldige er in und nzö⸗ nnen „ſo rmee lung o ſie urch t zu ldige zu be⸗ ein⸗ den rin⸗ für nſre die eiten erne tern, der An⸗ 223 griff auf die Stadt bis wenigſtens Montag Morgen. „Empfangen Sie, General, die Verſicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung. „Der Obergeneral des Armeecorps des Mittelmeeres, Oudinot, Herzog von Reggiv.“ Dieſer Verſicherung zufolge ſollte der Angriff erſt am vierten Juni beginnen. Freilich hat ein franzöſiſcher Autor, Folard, in ſeinem Commentar zu Polyb geſagt: „Ein General der im Vertrauen auf einen Vertrag einſchläft wird ſich beim Erwachen ge⸗ täuſcht finden.“ Am 3. Juni gegen drei Uhr erwachte ich bei Kanonendonner. Ich wohnte in der Via Carroze Nr. 59 mit zwei Freunden: Orrigoni, von dem ich bereits ein Wort geſagt zu haben glaube, und Daveriv, von dem ich ebenfalls zu ſprechen Gelegenheit hatte, demſelben der bei Velletri die Compagnie der Jungen befehligte. Beide ſprangen bei dieſem unerwarteten Ge⸗ töſe zu gleicher Zeit wie ich aus dem Bette. Daverio war ſehr leidend an einem Abſceß; ich befahl ihm zu Hauſe zu bleiben. Was Orrigoni betraf, ſo hatte ich keinen Grund ſein Mitkommen zu verhindern. Ich ſprang aufs Pferd, ſagte er könne zu mir kommen wo und wann er wolle, und galop⸗ pirte nach der Porta San Pancraziv. 224 Dort fand ich Alles im Feuer. Es hatte ſich Folgendes zugetragen: Unſere Vorpoſten an der Villa Pamfili be⸗. ſtanden aus zwei Compagnien Bologneſer Ber⸗ ſaglieri und aus zweihundert Mann vom ſechsten Regiment. Schlag zwölf Uhr in der Nacht, als folglich der Tag des 3. Juni begann, ſchlich ſich eine franzöſiſche Colonne mitten in der Dunkelheit nach der Villa Pamfili: — Wer da? rief die Schildwache, als ſie Tritte vernahm. — Viva PItalia! antwortete eine Stimme. Die Schildwache glaubte Landsleute vor ſich zu haben; ſie ließ ſie herankommen und wurde erdolcht. Die Colonne drang in die Villa Pamfili. Alles was ihr in den Weg kam wurde nieder⸗ gemacht oder gefangen genommen. Einige Mann ſprangen vom Fenſter aus in den Garten hinab. Die Eilfertigſten zogen ſich hinter das Kloſter San Pancraziv zurück und riefen: Zu den Waffen! Die Andern liefen nach den Villen Valentini und Corſini. Gleich der Villa Pamfili wurden auch dieſe durch Ueberrumpelung genommen, jedoch nicht ohne einigen Widerſtand zu leiſten. Das Geſchrei der hinter San Pancrazio Ge⸗ flüchteten ſowie die Schüſſe der Vertheidiger der ni ſe ht e⸗ r 225 Villa Corſini und Valentini hatten die Kanoniere geweckt. Im Augenblick wo ſie dieſe beiden Villen von den Franzoſen beſezt ſahen, richteten ſie ihr Feuer darauf. Der Kanvnendonner rief die Trommeln und die Glocken wach. Geben wir eine Idee von dem Schlachtfeld auf welchem das Schickſal des Tages ſich ab⸗ ſpinnen ſoll. Von der Porta San Pancraziv aus geht eine Straße welche direct nach Vascello führt; ſie iſt ungefähr 250 Fuß lang. Hier theilt ſich der Weg; der Hauptzweig ſenkt ſich rechts an den ummauerten Gärten der Villa Corſini hin und mündet in die Hauptſtraße nach Civita⸗Veechia. Der zweite Zweig, der kein bffentlicher Weg mehr iſt, ſondern eine Gartenallee, führt direct nach der 300 Meter entfernten Villa Corſini. Dieſe Allee iſt auf beiden Seiten von hohen und dichten Myrtenhecken eingefaßt. Der dritte biegt links ab und zieht ſich wie der erſte auf der entgegengeſezten Seite an der hohen Gartenmauer der Villa Corſini hin. Die Villa Vasecello iſt ein großes und maſ⸗ ſives dreiſtockiges Gebäude, umgeben von Gärten und Mauern. Fünfzig Schritte davon ſteht ein Häuschen aus welchem man auf die Fenſter der Villa Corſini feuern kann. Auf dem Wege links, hundert Schritt ehe er Garibaldi. II. 15 226 ſich von der Straße trennt, ſtehen zwei Häus⸗ chen: eines hinter dem Garten der Villa Cor⸗ ſini, das andere zwanzig Schritte weiter vor⸗ wärts. Die Villa Corſini liegt auf einer Anhöhe und beherrſcht die ganze Umgebung; ihre Stellung iſt ſehr ſtark, denn wenn man ſie ganz einfach und ohne Annäherungswerke angreift, ſo muß man durch das Gitterthor am äußerſten Ende des Gartens gehen und, bevor man in die Villa kommt, das concentrirte Feuer aushalten welches der Feino, geſchüzt durch die Hecken, die Vaſen, die Bruſt⸗ wehren, die Bildſäulen und das Haus ſelbſt, auf den Punct gibt wo die Gartenmauern ſich in ſpi⸗ zem Winkel vereinigen, ohne eine andere Oeffnung zwiſchen ſich zu laſſen als die des Thores. Dieſes Terrain iſt überall ſehr uneben und bietet jenſeits der Villa Corſini viele günſtige Puncte für den Feind, der, in ſeinen Vertiefungen liegend oder geſchüzt durch Baumgruppen, im Fall er das Haus verlaſſen muß, ſeine Reſerven vor dem Feuer der Angreifer ſicherſtellen kann. Als ich an die Porta San Panecrazio kam, waren die Villa Pamfili, die Villa Corſini und die Villa Valentini genommen. Vascello befand ſich noch in unſerer Ge⸗ walt. Nun war die Wegnahme der Villa Corſini ein ungeheurer Verluſt für uns; ſo lang wir ſie beſaßen, konnten die Franzoſen ihre Parallelen nicht ziehen. — —„„ 8 8—— Wir mußten ſie alſo um jeden Preis wieder nehmen; dieß war für Rom eine Lebensfrage. Die Feuer kreuzten ſich zwiſchen den Kanv⸗ nieren der Wälle ſowie den Leuten von Vascello und den Franzoſen der Villa Corſini und der Villa Valentini. Ich ſprengte mitten auf die Straße, ohne viel darnach zu fragen ob mein weißer Poncho und mein Federhut den franzöſiſchen Schüzen als Scheibe dienen konnten, und berief mit Stimme und Geberde alle Leute die geneigt waren mir zu folgen. Offiziere und Soldaten ſchienen aus der Erde hervorzuſchlüpfen. Im Nu hatte ich Nino Bixio, meinen Ordon⸗ nanzoffizier; Daverio, den ich meinem Befehl zu Folge in der Via Carroze geblieben glaubte; Ma⸗ rina, den gewöhnlichen Commandanten meiner Lanciers; endlich Sacchi und Marochetti, meine alten Kriegscameraden von Montevidev. Sie ſammelten die Trümmer der bologneſiſchen Berſa⸗ glieri, ſtellten ſich an die Spize der italieniſchen Legivn, ſprengten zuerſt fort und rißen die andern nach ſich. Nichts vermochte ihren Ungeſtüm aufzuhalten. Die Villa Corſini wurde wieder genommen, aber auf dem Wege dorthin waren ſo viele Leute ge⸗ blieben, daß die Ankommenden den zahlreichen Colonnen die gegen ſie heranrückten nicht zu wi⸗ derſtehen vermochten. Sie mußten alſo zurückweichen. 228 Inzwiſchen waren jedoch andere nachgerückt und zu ihnen geſtoßen. Die Anführer verlang⸗ ten, wüthend über die erlittene Schlappe, von Neuem zu marſchiren. Marina, der eine Kugel durch den Arm bekommen hatte, hob ſeinen blu⸗ tigen Arm in die Höhe und rief:„Vorwärts!“ Ich gab, um dieſe tapfern Soldaten zu unter⸗ ſtüzen, alle Mannſchaft von Vascello her die ich entbehren konnte; man blies zum Angriff und die Villa Corſini wurde wieder genommen. Eine Viertelſtunde ſpäter war ſie verloren und koſtete uns ein theures Blut. Marina war, wie ich geſagt habe, am Arm verwundet; Nino Bixiv hatte eine Kugel in die Seite bekommen; Daverio war getödtet. Im Augenblick wo ich von Marina verlangte er ſolle ſich verbinden laſſen und Biriv weg⸗ tragen ließ, war Manara, der, troz der wider⸗ ſprechenden Befehle die er empfangen, vom Campo Vaceino herbeigeeilt war, bereits in meiner Nähe. — Laß deine Leute ausfallen, ſagte ich zu ihm, du ſiehſt ja daß wir dieſe Barake da wieder nehmen müſſen. Seine erſte Compagnie unter dem Capitän Ferrari, ehemaligem Adjutanten des Generals Durando, hatte ſich bereits außerhalb der Porta San Pancrazio als Plänkler entfaltet. Ferrari war ein Tapferer der mit uns den Doppelfeldzug nach Paleſtrina und Velletri gemacht hatte; bei Paleſtrina hatte er einen Bajonnetſtoß ins Bein bekommen, war aber bereits wieder geheilt. ſckt ig⸗ on gel . er⸗ ich die nd m ie te g⸗ r⸗ po e. zu er in ls ta 9 ei n 229 Manara ließ ſeinen Trompeter Appel blaſen, Ferrari ſammelte ſeine Leute und holte die Be⸗ fehle ſeines Oberſten ein. Er ließ das Bajonnet auf die Flinten ſtecken, zum Angriff blaſen und drang vorwärts. Im Augenblick wo er an das Gitterthor, d. h. auf 300 Meter vom Häuschen kam, begann ein Kugelregen über ihn und ſeine Leute. Nichtsdeſtoweniger rückte er beharrlich gegen die Villa vor, die wie ein Vulcan toste und Flammen ſpie, als ſein Lieutenant Mangiagalli ihn am Rock zupfte und ihm zurief: — Capitän, he Capitän, ſehen Sie denn nicht daß wir nur noch unſer zwei ſind? Ferrari ſchaute zum erſten Mal rückwärts. Von ſeinen achtzig Leuten lagen acht und zwanzig todt oder verwundet um ihn her. Die Andern hatten den Rückzug angetreten. Sie thaten jezt das Gleiche. Manara war wüthend daß der Reſt ſeiner Compagnie unter meinen Augen ſeine beiden Offiziere im Stich gelaſſen hatte. Er rief die zweite Compagnie unter dem Capitän Heinrich Dandolo, einem reichen mailän⸗ diſchen Nobile, aber venetianiſchen Stammes, wie ſein herzoglicher Name anzeigt. Er nahm die Trümmer der erſten dazu und rief: — Vorwärts, Lombarden! Ihr müßt euch tödten laſſen oder dieſe Villa wieder nehmen. Be⸗ denket daß Garibaldi auf euch ſieht. 230 Ferrari machte ein Zeichen daß er ein Wort zu ſprechen habe. — Sprich! ſagte Manara. — General, ſagte Ferrari zu mir, was ich Ihnen ſagen will, das ſage ich nicht in der Hoffnung die Gefahr zu verringern, ſondern den Zweck zu erreichen. Ich kenne die Loealitäten, ich komme ſo eben heraus, und Sie haben ge⸗ ſehen daß ich mich länger beſonnen habe heraus⸗ zugehen als hinein. Ich nickte ihm beifällig zu. — Nun wohl, ich mache folgenden Vorſchlag. Statt die Allee einzuſchlagen und in der Front anzugreifen, wollen wir, die Compagnie Dandolo links, die erſte rechts, hinter die Myrtenhecken ſchleichen. Ein Stein den ich der Compagnie Dandolo zuwerfe iſt für ſie das Zeichen daß meine Leute bereit ſind; ein Stein von ihrer Seite ſoll ihre Antwort ſein; dann ſollen unſere acht Trompeter zugleich blaſen und wir wollen vom Fuße der Terraſſe aus zum Sturm voran⸗ dringen. — Thut was ihr wollt, antwortete ich, aber nehmt mir dieſe Barake wieder. Ferrari brach an der Spize ſeiner Compagnie auf, und Dandolo an der Spize der ſeinigen. Ich ſchickte ihnen den Capitän Hoffſtetter mit etwa fünfzig Studenten nach, um das Haus links zu beſezen von dem ich bereits geſprochen, und das ſpäter unter dem Namen das ver⸗ brannte Haus bekannt war. . k g. en tie ß re en 25 ie 231 Nach zehn Minuten hörte ich die Trompeten und beinahe ſogleich auch das Kleingewehrfeuer. Man höre was ſich zutrug: Die beiden Compagnien waren unter dem Schuz der Hecken und Weinreben in der That, wie Ferrari hoffte, ungeſehen und ungehört bis auf etwa vierzig Schritt von der Terraſſe vorge⸗ drungen. Hier waren die Signale ausgetauſcht worden, die Trompeter hatten geblaſen und meine wackern Berſaglieri hatten Sturm gelaufen. Aber von der Terraſſe, vom großen Salon des erſten Stocks, von der Treppe die dahin führte und von allen Fenſtern heraus war ein ſchreckliches Feuer gekommen. Dandolo hatte eine Kugel in den Leib be⸗ kommen und war rücklings zu Boden geſtürzt; der Lieutenant Sylva wurde neben dem Capitän Ferrari verwundet; der Unterlieutenant Manchis erhielt beinahe im ſelben Augenblick zwei Ku⸗ geln, die eine in den Schenkel, die andere in den Arm. Und gleichwohl drangen die Berſaglieri, ge⸗ führt von ihrem Capitän Ferrari, auch nach Dandolo's Tod mit einer äußerſten Anſtrengung noch immer vorwärts. Sie hatten die Terraſſe erklettert und die Franzoſen bis in die kreis⸗ förmige Treppe der Villa zurückgeworfen. Hier erſtarben ihre Anſtrengungen; ſie hatten die Franzoſen zugleich in der Front und in der 232 Flanke; man ſchoß aus nächſter Nähe auf ſie und jede Kugel warf ihren Mann zu Boden. Ich ſah ſie nuzlos kämpfen und fallen; ich begriff daß ſie ſich vergebens bis zum lezten Mann tödten laſſen würden. Ich ließ zum Rückzug blaſen. Ich hatte zweitauſend Mann, die Franzoſen aber zwanzigtauſend; ich nahm das Caſino Cor⸗ ſini mit einer Compagnie, ſie nahmen es mit einem Regiment wieder. Die Franzoſen begriffen nämlich, wie ich, vollkommen die Wichtigkeit dieſer Stellung. Meine Berſaglieri kamen zu mir zurück; ſie hatten vierzig Todte im Garten der Villa gelaſſen und waren beinahe alle verwundet. Man mußte neue Truppen erwarten. Ich ſchickte Orrigoni und Ugo Baſſi in der Stadt umher, um mir Alles zuzuſchicken was ſie auftreiben würden: ich wollte, um meinem Ge⸗ wiſſen zu genügen, eine lezte äußerſte Anſtrengung verſuchen. Ich ließ die Leute hinter der Villa Vascello in Sicherheit ſtellen. Nach etwa einer Stunde kamen mir hinter⸗ einander Compagnien von der Linie, Studenten, Zollwächter, der Reſt der lombardiſchen Berſag⸗ lieri und Bruchſtücke von verſchiedenen Corps zu. Mitten unter ihnen befand ſich Marina zu Pferd, mit etwa zwanzig Lanciers die er mir zu⸗ führte. — ten ſen or⸗ nit ch, er ſie — 233 Er hatte ſich verbinden laſſen und kehrte nun in den Kampf zurück. Jezt zog ich mit einer kleinen Gruppe von Dragonern aus Vascello; bei meinem Anblick er⸗ ſcholl ein donnerndes Hoch auf Italien und die Republik, die Kanonen donnerten von den Mauern herab, die über unſern Köpfen hinfliegenden Ku⸗ geln verkündeten den Franzoſen einen neuen An⸗ griff, und wir alle zuſammen, ohne Ordnung, unter einander, Marina an der Spize ſeiner Lanciers, Manara an der Spize ſeiner Ber⸗ ſaglieri, ich ſelbſt an der Spize Aller, ſtürzten uns auf die, ich will nicht ſagen uneinnehmbare, aber unhaltbare Villa. Als wir vor das Thor kamen, konnten nicht Alle hinein; der Strom verlief ſich nach rechts und links; diejenigen die auf die Seite geſchoben wurden, verbreiteten ſich als Plänkler auf beiden Seiten des Caſino; andere erkletterten die Mauern und ſprangen in den Garten der Villa; wieder andere endlich drangen bis in die Villa Valen⸗ tini, nahmen ſie und machten Gefangene daſelbſt. Hier ſah ich etwas Unglaubliches ſich er⸗ eignen: Marina bildete an der Spize ſeiner Lanciers die Spize der Colonne; der uner⸗ ſchrockene Reiter verſchlang den Boden, flog über die Terraſſe weg, und als er an den Fuß der Treppe kam, ſtieß er ſeinem Pferd die Spo⸗ ren in den Leib und galopirte hinauf, ſo daß er einen Augenblick, einer Reiterſtatue gleich, auf 234 in Abſatz erſchien der in den großen Salon rt e. Dieſe Apotheoſe währte indeß kurz; eine Flintenſalve aus unmittelbarer Nähe warf den Reiter zu Boden; das Pferd fiel, von neun Ku⸗ geln durchbohrt, auf ihn. Manara kam hinter ihm, einen Bajonnetan⸗ griff leitend dem Nichts zu widerſtehen vermochte; einen Augenblick war die Villa Corſini unſer. Der Augenblick war kurz, aber erhaben. Die Franzoſen ſammelten alle ihre Reſerven und griffen alle zugleich an; ehe ich noch die vom Sieg unzertrennliche Unordnung wieder gut machen konnte, begann der Kampf, hartnäckiger, blutiger, tödtlicher als zuvor, von Neuem; ich ſah, zurückgeworfen von den beiden unwiderſteh⸗ lichen Mächten des Krieges, dem Feuer und dem Schwert, die Leute wieder an mir vorbeikommen die ich einen Augenblick zuvor hinſtürmen geſehen hatte. Man trug die Verwundeten weg, unter ihnen den braven Lieutenant Rozat. — Mich hat's, ſagte er als er an mir vor⸗ überkam. Er zeigte mir ſeine in Blut ſchwimmende Bruſt. Ich habe ſehr furchtbare Gefechte geſehen, ich habe unſere Gefechte von Rio Grande geſehen, ich habe die Bohada geſehen, ich habe den Salto Sant⸗Antonivo geſehen, aber ich habe Nichts ge⸗ ſehen was der Mezelei an der Villa Corſini gleichkäme. 3 — — —„ ——— lon ine en du⸗ n⸗ te; n ie ut er, ch m en en er 235 Ich zog zulezt hinaus: mein Poncho war von Kugeln durchlöchert, aber ich hatte nicht eine ein⸗ zige Wunde. Zehn Minuten nachher waren wir nach Vas⸗ cello zurückgekehrt, in die Linie von Häuſern die uns gehörten, und das Feuer begann aus allen Fenſtern von Neuem auf die Villa Corſini. Es war Nichts mehr zu machen. Gleichwohl kamen am Abend etwa hundet Mann, geführt von Emil Dandolo, dem Bruder des Gefallenen, und von Mameli, einem äußerſt hoffnungsvollen jungen Dichter aus Genua, zu mir und baten mich um die Erlaubniß einen lez⸗ ten Verſuch zu machen. — Thut es, ſagte ich, arme Jungen, viel⸗ leicht hat Gott es euch eingegeben. Sie brachen auf und kamen zurück, nachdem ſie die Hälfte ihrer Leute verloren hatten. Emil Dandolo hatte einen Schuß im Schen⸗ kel, Mameli im Bein. Wir hatten furchtbare Verluſte erlitten. Die italieniſche Legion hatte fünfhundert Todte oder Verwundete. Die Berſaglieri, von denen nur ſechshundert Mann ins Gefecht gekommen waren, hatten hun⸗ dertfünfzig Todte. Alle andern Verluſte waren in demſelben Ver⸗ hältniß. Der Geſammtverluſt meiner Diviſion von viertauſend Mann betrug tauſend, worunter hundert Offiziere. Abends zählte mir Bertani in ſeinem Bericht 236 hundert achtzig verwundete Offiziere, ſowohl von der Villa Corſini als von der Porta del Popolo, aufz die Berſaglieri allein hatten zwei todte und eilf verwundete Offiziere. Die getödteten Offiziere waren der Oberſt Daveriv, der Oberſt Marina, der Oberſt Pollini, der Major Romorino, der Adjutant Major Pe⸗ ralta, der Lientenant Bonnet, der Lieutenant Emmanuel Cavalleri, der Unterlieutenant Grani, der Capitän Dandolo, der Lieutenant Scarani, der Capitän David, der Lieutenant Sarete, der Lieutenant Cazzanega. An dieſem Tage kamen bewundernswürdige Züge von Muth und Hingebung vor. Beim lezten Angriff warfen ſich Ferrari und Mangiagalli, die nicht mit uns hatten eindringen können, mit einigen Mann auf die Villa Valen⸗ tini. Hier hatten ſie den hartnäckigſten Widerſtand zu überwinden: ſie kämpften von Treppe zu Treppe, von Zimmer zu Zimmer, aber nicht mehr mit Flinten, denn dieſe waren nuzlos geworden, ſondern mit Säbeln. Der Säbel Mangiagalli's zerbrach in der Mitte; aber er focht mit dem Stumpf weiter und ſchlug, mit Ferrari an ſeiner Seite, ſo wüthend um ſich daß ſie Herren der Villa Valentini blieben. Der achtzehnjährige Sergent Furier Mon⸗ frini hatte einen Bajonnetſtich durch die rechte Hand erhalten; er kieß ſich verbinden und er⸗ on lo, nd rſt ni, e⸗ nt ti, i, er e — M —-—— E 237 ſchien einen Augenblick nachher wieder in Reihe und Glied. — Was willſt du hier? rief Manara ihm zu; bei deiner Bleſſur taugſt du zu Nichts. — Bitt' um Entſchuldigung, Herr Oberſt, antwortete Monfrini, ich mache die Zahl größer. Dieſer brave junge Mann wurde getödtet. Der Lieutenant Bronzelli nahm, als er er⸗ fuhr daß ſein Ordonnanzſoldat, den er ſehr liebte, in der Villa Corſini getödtet worden, vier ent⸗ ſchloſſene Mann, kehrte bei Nacht in die Villa zurück, holte den Leichnam ſeines Freundes und beerdigte ihn. Ein mailänder Soldat, Valla Longa, ſah den Corporal Fivzani tödtlich verwundet fallen; es war im Augenblick wo wir zurückgeworfen wurden. Er wollte ihn nicht in den Händen der Franzoſen laſſen und lud den Sterbenden auf ſeine Schultern. Nach zwanzig Schritten wurde auch er von einer Kanonenkugel getroffen und ſank todt neben dem Sterbenden nieder. Der Schmerz des Lieutenants Emil Dandvlo ging der ganzen Armee zu Herzen. Ich habe geſagt daß er nebſt Mameli mich um Erlaubniß zu einem lezten Angriff gebeten und daß ich ih⸗ nen ihren Wunſch bewilligt hatte. Dandolo drang in die Villa Corſini, beſchäf⸗ tigte ſich aber nur mit einer einzigen Sache, mit ſeinem Bruder; er glaubte ihn bloß verwundet oder gefangen; mitten im Feuer rief er ſeinen Cameraden zu:„Seht ihr meinen Bruder nicht?“ 238 Mitten im Feuer bekümmerte er ſich Nichts um ſich ſelbſt; er trat zu den Verwundeten und den Todten hin, befragte die Verwundeten, beſah die Todten. Mittlerweile bekam er eine Kugel in den Schenkel und ſiel. Seine Cameraden trugen ihn weg. Er wurde ins Lazareth gebracht und verbun⸗ den; ſo bald er verbunden war, nahm er einen Stock um ſich zu ſtüzen und begann hinkend aufs Neue nach ſeinem Bruder zu ſuchen. Er trat ins Haus wo Ferrari war; dort lag der todte Hein⸗ rich Dandolo. Ferrari, der ſich zu ſchwach fühlte um den Ausbrüchen eines Schmerzes wie er ihn hier ahnte beizuwohnen, warf einen Mantel über den Leichnam. Emil trat ein, fragte, drängte; Alle antwor⸗ teten, Heinrich Dandolo ſei verwundet worden und höchſt wahrſcheinlich in Gefangenſchaft ge⸗ rathen; aber Niemand wollte ſagen daß er todt ſei. Endlich, da er doch früher oder ſpäter die unſelige Nachricht erfahren mußte, ließ Manara ſich erbitten ſie ihm anzukündigen. Im Augenblick wo er an einem der kleinen Luſthäuschen vorüberging welche die Franzoſen weggenommen hatten, winkte ihm Manara zu ſich hinein. Alle Anweſenden entfernten ſich. — Such deinen Bruder nicht länger, armer —————————— —,———— m en ie en n⸗ n 18 te n er b⸗ r ————————,. —,———— 239 Freund, ſagte Manara, indem er ihn bei der Hand nahm; ich werde künftig dein Bruder ſein. Emil fiel augenblicklich zuſammen, mehr weil die furchtbare Nachricht ihn niederſchmetterte als weil ſein Blutverluſt und der Schmerz ſeiner Wunde ihn geſchwächt hatte. Zwei junge Mädchen kamen auf einmal vor ihren Vater, deſſen Tod man berichtete; die eine von ihnen ſank ohnmächtig auf den Leichnam nie⸗ der, und als ſie ſich wieder erhob, war ſie wahn⸗ ſinnig. Eine Mutter die ihren Sohn ſterben ſah, konnte keine Thränen vergießen; aber nach drei Tagen war ſie todt. Ein Vater dagegen, deſſen Namen ich ver⸗ ſchweigen will um ihn nicht dem Haß der Prie⸗ ſter zu bezeichnen, brachte mir, als ſein erſter Sohn tödtlich verwundet war, den zweiten, drei⸗ zehnjährigen, mit den Worten: — Lehre ihn ſeinen Bruder rächen. Sein Urahn, der alte Horatius, würde es nicht beſſer gemacht haben. Ende des zweiten Bandes. n 2 9 10 11 12 13 14 15 . —