Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von. Gdnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 5 Ceih und Neſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines be Lines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben de n B entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt beträgt: werden und für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 2.——————— auf 1 Monat: Mk. 50 Pf. 2 WM.— Pf. 1 5. Auswäptige Abonnenten haben für S 4— und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und 6 ahr ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Schad ehersatz. 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Durch die verſchiedenen Erſcheinungen des Le⸗ bens das zu beſchreiben wir unternommen haben, werden wir ſehr häufig nach Piemont, das Ge⸗ burtsland Garibaldi's, zurückgeführt werden. Die Männer der pvlitiſchen That, wenn ſie Männer des Fortſchritts ſind, haben ihre Stunden der Schwäche, worin ſie, um neue Kräfte zu gewinnen, gleich Antäus das Bedürfniß empfinden jene vaterländiſche Erde wieder zu berühren, welche Brutus in ſeinem angeblichen Wahnſinn als die gemeinſchaftliche Mutter küßte. Wir müſſen daher eine flüchtige Stizze von den Vorgängen in Pie⸗ mynt von 1820— 1824 geben, einer Epoche mit welcher dieſe Geſchichte beginnt. des ⸗ aren Brü⸗ chaft ma⸗ rinz na⸗ hen anz ner na⸗ en, uf⸗ er ur en e⸗ t 5 Dieſe beiden großen Feinde des Königthums, deren Wahlſpruch L. P. D.(Lilia Pedibus Destrue, Zertritt die Lilien mit den Füßen), lau⸗ tete, hatten großen Antheil an der franzb⸗ ſiſchen Revolution. Swedenborg, deſſen Anhänger Guſtav III. ermordeten, war ein Magier; Philipp Egalité, der für den Tod Ludwigs XVI. ſtimmte, war großer Orient; beinahe alle Jacobiner und eine große Anzahl Franciscaner waren Maurer. Napoleon nahm die Freimaurerei unter ſeinen Schutz, aber eben dadurch fälſchte er ſie, lenkte ſie von ihrem Zweck ab, bog ſie nach ſeinem eigenen Belieben und machte ſie zum Werkzeug des Des⸗ potismus. Es iſt nicht das erſtemal daß man aus Schwertern Ketten geſchmiedet hat. Foſeph Na⸗ poleon war Großmeiſter des Ordens; der Erzkanz⸗ ler Cambacérès war Großmeiſter Adjunct; Ivachim Murat zweiter Großmeiſter Adjunct; die Kaiſerin Joſephine präſidirte, als ſie 1805 in Straßburg war, beim Einweihungsfeſt der Loge der freien Cavaliere von Paris. Zu dieſer Zeit war Eugen Beauharnais ehrwürdiger Titular der St. Eu⸗ gensloge von Paris; als er ſpäter mit der Würde eines Vicekönigs nach Italien kam, ernannte ihn der große Orient von Mailand zum Großmeiſter und ſouveränen Commandeur des höchſten Raths des 32. Grads, d. h. er bewilligte ihm die größte Ehre die man ihm nach den Statuten des Or⸗ dens anthun konnte. Bernadotte war Maurer; ſein Sohn, der Prinz 7 endlich erklärte ſich der König Friedrich Wilhelm von Holland als Schutzherrn des Ordens und erlaubte daß der Kronprinz, ſein Sohn, den Titel als ehrwürdiger Titular der Loge Wilhelm Friedrich von Amſterdam annahm. Nach der Rückkehr der Bourbonen bat der Marſchall Beurnonville den König Ludwig XVIII., er möchte den Orden unter den Schutz eines Mit⸗ glieds ſeiner Familie ſtellen; aber Ludwig XVIII. war ein Mann von gutem Gedächtniß, er hatte den Antheil nicht vergeſſen welchen die Freimau⸗ rerei an der Kataſtrophe von 1793 genommen; deßhalb gab er zur Antwort: er würde nie einem Mit⸗ glied ſeiner Familie erlauben in irgend eine ge⸗ heime Geſellſchaft zu treten. In Italien fiel die Freimaurerei mit der franzöſiſchen Herrſchaft; aber an ihrer Stelle be⸗ gann der Carbonarismus aufzutauchen, welcher die Aufgabe da wo die Freimaurerei ſie verlaſſen hatte wieder aufzunehmen ſchien, um ſie in ihrer freiheitlichen Richtung fortzuſetzen. Zwei andere Secten tauchten neben dieſer auf. Die eine nannte ſich die catholiſch⸗apoſtoliſch⸗ römiſche Congregation, die andere die Cynſiſtvriale. Die Mitglieder der Congregation hatten als Erkennungszeichen ein ſtrohgelbes Seidenbändchen mit fünf Knbpfen. Die Affiliirten der untern Orden ſprachen nur von Acten der Frömmigkeit und Wohlthätigkeit. Von den Geheimniſſen der Secte, welche nur den obern Graden bekannt waren, konnte man bloß ſprechen wenn man zu 8 zwei war. Wenn ein dritter dazukam, hörte die Unterhaltung augenblicklich auf. Die Loſung der Congreganiſten war: Psweopid, d. h. Freiheit; die geheime Parole hieß: Ode, d. h. Unabhängig⸗ keit. Dieſe Secte, die in Frankreich unter den Neucatholiken entſtanden war und mehrere unſerer beſten und ſtandhafteſten Republikaner zu Mit⸗ gliedern zählte, hatte die Alpen überſchritten, war in Piemont und von da in die Lombardei einge⸗ zogen. Dort aber erhielt ſie nur wenig Anhän⸗ ger und erloſch in Bälde, weil es den geheimen Agenten Oeſtreichs gelungen war ſich in Genua die Patente welche man den Eingeweihten aus⸗ ſtellte, ſo wie die Statuten und Erkennungszeichen zu verſchaffen. Die Conſiſtoriale war gegen die Oeſterreicher gerichtet. An ihrer Spitze ſtanden die bedeutend⸗ ſten Fürſten Italiens pie nicht zum Hauſe Habs⸗ burg gehörten, und zum Präſidenten hatten ſie den Cardinal Gonſalvi. Der einzige Fürſt der nicht ausgeſchloſſen wurde, wat der Herzog von Modenc. Daher ſeine furchtbaren Verfolgungen gegen die Patrioten, als der Bund bekannt wurde. Er mußte ſich Oeſterreichs Verzeihung für ſeinen Abfall erkaufen, und um ſich mit dieſer Macht auszuſöhnen, bedurfte es nichts Geringeres als das Blut ſeines Verſchwörungsgenoſſen Menotti. Die Conſiſtorialiſten hatten die Abſicht Franz 1I. Italien zu entreißen und es unter ſich zu vertheilen. Außer Rom und der Romagna, die er behielt, erwarb er Toscana; die Inſel Elba und die v—— 9 Marken gingen an den König von Neapel über; Parma, Piacenza und ein Theil der Lombardei fielen mit dem Königstitel dem Herzog von Mo⸗ dena zu; Maſſa, Carrara und Lucca dem König von Sardinien; der Kaiſer Alexander von Rußland endlich, der aus Abneigung gegen Oeſterreich dieſe geheimen Pläne begünſtigte, erhielt entweder An⸗ cona oder Civita⸗vecchia, oder Genua, um eine Niederlaſſung am Mittelmeere anzulegen. Wie man ſieht, vertheilte alſo dieſer letztge⸗ nannte Bund, ohne die Völker zu fragen oder die natürlichen Ländergränzen zu berückſichtigen, die Seelen untet ſich, wie nach einer Razzia die Araber eine erbeutete Heerde vertheilen, und das Recht das dem geringſten auf europäiſchem Bo⸗ den gebornen Geſchöpfe zuſteht, ſich ſeinen Herrn ſelbſt zu wählen und nur bei demjenigen der ihm zuſagt als Bedienter einzutreten, dieſes Recht wurde den Nationen verweigert. Zum Glück war ein einziges von all dieſen Projecten, das der Carbonari, nach dem Herzen Gottes; dieſes iſt es auch das jetzt ſeiner Voll⸗ ziehung entgegengeht. Der Carbonarismus, der allein berufen war Früchte zu bringen, wuchs inzwiſchen kräftig in der Romagna heran. Er hatte ſich mit der Secte der Welfen vereinigt, die ihren Sitz in Ancona hatte und ſich auf den Bonapartismus ſtützte. Lucian wurde zum Grade des Großlichtes er⸗ hoben. In den geheimen Verſammlungen bewies man die Nothwendigkeit den Prieſtern die Macht zu entreißen, man ſtellte Brutus als Vorbild auf und bereitete die Gemüther auf die Republik vor. In der Nacht vom 34. Juni kam die Bewe⸗ gung zum Ausbruch. Sie hatte das traurige Ende das die erſten Verſuche dieſer Art gewöhn⸗ lich nehmen. Jede Religion die Apoſtel haben muß hat zuerſt Märtyrer: fünf Carbonari wurden erſchoſſen, die andern zu lebenslänglichen Galeeren. verurtheilt; einige die man weniger ſchuldig fand, wurden auf zehn Jahre in einer Feſtung ein⸗ geſperrt. Jetzt wurde die Secte klüger, nahm einen andern Namen an und nannte ſich die lateiniſche Geſellſchaft. In demſelben Augenblick eonſpirirte dieſelbe Geſellſchaft in der Lombardei und breitete ihre Verzweigungen über die andern Provinzen Ita⸗ liens aus. Mitten auf einem Ball welchen der Graf Porgia in Rovigo gab, ließ der öſterreichi⸗ ſche Gouverneur mehrere Perſonen verhaften, und am folgenden Tag erklärte er jeden der in den Carbonarismus eintreten würde des Hochverraths ſchuldig. Am heftigſten aber war die Bewegung in Neapel. Coletta verſichert in ſeiner Geſchichte, die Zahl der Carbonari in dieſem Königreiche habe die ungeheure Höhe von 642,000 erreicht, und nach einem Dyeument der Wiener Hofkanzlei wäre er noch unter der Wahrheit geblieben.„Die Zahl der Carbonari im Königreich beider Sici⸗ lien,“ ſagt dieſes Doeument,„belauft ſich auf — ——0——— — en — SS 8 0——— 11 mehr als 800,000, und weder Polizei noch Ueber⸗ wachung kann dieſer Ueberfluthung Einhalt thun; es wäre alſo Unſinn die Vernichtung der Geſell⸗ ſchaft zu verlangen.“ Zu gleicher Zeit wo die Bewegung in Nea⸗ pel ſtattfand, am 1. Januar 1820, erhob Riego, ein anderer Märtyrer, deſſen Todesgeſang ſeitdem eine Siegeshymne geworden iſt, das Banner der Freiheit, und ein Decret Ferdinands VIi. ver⸗ kündete daß, nachdem der Wille des Volks ſich geoffenbart habe, der König entſchloſſen ſei die von den außerordentlichen allgemeinen Cortes von 1812 ausgerufene Verfaſſung zu beſchwören. Die Gefängniſſe öffneten ſich und gaben Spa⸗ nien ein Miniſterium. Ferdinand I. von Neapel mußte in ſeiner Eigenſchaft als ſpaniſcher Infant, obſchon er ab⸗ ſoluter Souverän blieb, der ſpaniſchen Verfaſſung Gehorſam ſchwören. Es war damals wie ein Erdbeben in Calabrien, Capitanata und Salerno. Die neapolitaniſche Regierung, ſchwach, unſchlüſſig und argwöhniſch, decretirte einige ungenügende Reformen, welche den General Pepe nicht ver⸗ hinderten ſeinerſeits die Revolution zu machen. Neapel erhielt, wie im Jahr 1798, ſeine proviſo⸗ riſche Regierung und ſeine Abgeordnetenkammer. Einige Zeit ſpäter brach die piemonteſiſche Re⸗ volution aus. Am Morgen des 10. März ließ der Capitän Graf Palma das Regiment von Ge⸗ nua zu den Waffen greifen unter dem Ruf: Der Kbnig und die ſpaniſche Conſtitution! 12 Am folgenden Tag wurde eine proviſoriſche Regierung eingeſetzt. Im Namen des Königreichs Italien erklärte ſie Oeſterreich den Krieg. So hatte die Revolution, nachdem ſie von Ancona ausgegangen war, Neapel erreicht und war nach Turin zurückgekehrt. Drei Vulcane hatten ſich in Italien geöffnet, den von Spanien ungerechnet, und die Lombardei bewegte ſich in einem feurigen Dreieck. Der König Victor Emmanuel hatte, wenn man ſich recht erinnert, der heiligen Allianz ver⸗ ſprochen dem Volk durchaus keine Conceſſion zu machen. Zwei Tage nach dem Ausbruch in Genua dankte Victor Emmanuel, um ſeinem Wort treu zu bleiben, zu Gunſten ſeines Bruders Carl Fe⸗ lix, welcher damals in Modena war, ab und er⸗ nannte den Prinzen von Carignan, den nachma⸗ ligen König Cark Albert, zum Regenten. Dieſe Abdankung eines Fürſten mit italieni⸗ ſchem Herzen zu Gunſten eines unbedingten An⸗ hängers von Oeſterreich war ein großes Unglück für die Patrioten. Santa Roſa, einer der Beförderer der Bewe⸗ gung, rief daher auch: „O Nacht vom 13. März 1821, wie viel Unheil haſt du über mein Vaterland gebracht! Du haſt uns alle entmuthigt, du haſt ſo viele zur Vertheidigung des Vaterlandes gezückte Degen ſich ſenken gemacht, ſo viele theure Hoffnungen zertrümmert! Mit dem König Victor Emmanuel —* —— N 13 ſiegte die Nationalität Piemonts; das Vaterland war in dem König, es perſonificirte ſich in dieſem biedern Herzen, und wir hatten die Revolutivn gemacht unter dem Ruf: Muth! er wird uns eines Tags verzeihen daß wir ihn zum König von ſechs Millionen Italiener gemacht haben!“ Aber anders verhielt es ſich mit Carl Felix; mit dieſem verſank man abermals unter das Joch Oeſterreichs und alles mußte neu begonnen werden. Inzwiſchen war noch nicht alle Hoffnung ver⸗ oren. Am 14. März erſchien der Prinz von Ca⸗ rignan, der zum Regenten ernannt worden, auf dem Balcon und prvelamirte unter namenloſem Beifallsgeſchrei des Volkes die Verfaſſung Spa⸗ niens. Da dieſe That auf die Zukunft unge⸗ heure Folgen ausüben mußte, da der Fürſt Carl Albert eines Tages den Prinzen von Carignan verläugnen ſollte, ſo iſt es von Wichtigkeit nicht bloß das Factum der mündlichen Verkündigung der Verfaſſung anzuführen, ſondern wir müſſen auch eine Abſchrift von dem Anſchlag mittheilen der an die Häuſer und Mauern Turins gemacht wurde. Hier folgt die wörtliche Ueberſetzung: „In dem ſchwierigen Augenblick wo wir uns befinden, iſt es uns unmöglich uns in die engen Gränzen unſerer Regentenrolle einzuſchließen. Un⸗ ſere Ehrfurcht und Unterthänigkeit gegen Seine Majeſtät Carl Felix, welchem der Thron ange⸗ 14 hört, hätten uns rathen müſſen jede Betheiligung bei einer Aenderung der Grundgeſetze des König⸗ reichs abzulehnen, voder wenigſtens ſo lange zu zögern bis wir die Abſicht unſeres neuen Svouve⸗ räns gekannt hätten. Aber da der gebieteriſche Drang der Umſtände augenſcheinlich iſt, und da wir auf der andern Seite den wohlerhaltenes und glückliches, nicht aber bereits durch die Parteiungen des Bürgerkriegs zerfleiſch⸗ tes Volk zu übergeben wünſchen, ſo haben wir, in Folge reiflicher Erwägung aller Dinge, auf das Gutachten unſeres Rathes und in der Hoff⸗ nung daß Seine Majeſtät, durch dieſelben Erwä⸗ gungen gedrängt, unſern Beſchluß mit Ihrer höch⸗ ſten Billigung beehren werde; wir haben, ſagen wir, beſchloſſen: daß die Verfaſſung Spaniens als Staatsgeſetz anerkannt werden ſolle, unter Vor⸗ behalt der Abänderungen welche der König und die Nationalvertretung gemeinſchaftlich vornehmen werden.“ Fünf Jahre nach ſeiner Einführung in Fla⸗ lien hatte alſo der Carbonarismus eine Verfaſſung in Spanien, eine Verfaſſung in Neapel und eine Verfaffung in Piemont durchgeſetzt. Aber die zuletztgeborne ſollte zuerſt erwürgt werden. Statt nach Genua oder Mailand zurückzukeh⸗ ren, ſtatt die von dem Prinzen von Carignan gegebenen Freiheiten gutzuheißen oder zu befeſti⸗ gen, erließ König Carl Felir am 3. April deſſel⸗ ben Jahres nachſtehendes Ediet: —„ 8 G— 15 „Sintemal es die Pflicht jedes getreuen Un⸗ terthanen iſt ſich freiwillig derjenigen Anordnung der Dinge zu unterwerfen welche er durch Gott und durch die Vollſtreckung der ſouveränen Ge⸗ walt eingeführt findet, ſo erkläre ich daß es Uns, die Wir nur von Gott abhängen, ganz allein zuſteht die Uns geeignet erſcheinenden Mittel zu wählen um das allgemeine Beſte zu erreichen, und daß Wir folglich denjenigen der es wagen würde gegen die von Uns nothwendig geglaubten Maßregeln zu murren nicht mehr als getreuen Unterthanen betrachten würden. Wir erklären daher, als Richtſchnur für Jedermann, daß Wir nur diejenigen die ſich unverzüglich unterwerfen als getreue Unterthanen anerkennen werden, und daß Wir von dieſer Unterwerfung Unſere Rück⸗ kehr in Unſere Staaten abhängig machen.“ Zur gleichen Zeit wo der König Carl Felix dieſes Edict, ein wahres Muſter von Verblendung, Dummheit und Starrköpfigkeit, erließ, ernannte er eine Militärcommiſſion um über die Verbrechen des Verraths, Aufruhrs und Ungehorſams zu er⸗ kennen die begangen worden. Zum Glück befanden ſich die Hauptverbrecher, d. h. diejenigen deren Namen heut zu Tage in Piemont die glorreichſten ſind, bereits auf der Flucht. Die von Carl Felix ernannte Commiſſion verlor keine Zeit. In fünf Monaten richtete das Tribunal 178 Angeklagte. Es verurtheilte 73 zum Tod und zur Confiscation, die andern zum Gefängniß und zu den Galeeren. 16 Unter den zum Tod Verurtheilten waren 60 abweſend und wurden in Effigie gehängt. Nennen wir ihre Namen, damit man ſieht wer die Männer waren die von dieſer ſtupid abſolu⸗ ten Regierung, welche ſeit Tarquinius immer nur die höchſten und intelligenteſten Köpfe abzuſchla⸗ gen wußte, verfolgt wurden.. Es waren der Lieutenant Pavia, der Lieute⸗ nant Anſaldi, der Arzt Ratazzi, der Ingenieur Appiani, der Advocat Doſſena, der Advocat Lurri, der Capitän Baroni, der Graf Bianco, der Oberſt Regis, der Major Santa Roſa, der Capitän Leſiv, der Oberſt Caraglio, der Major Collegno, der Capitän Radice, der Oberſt Morozzo, der Fürſt della Ciſterna, der Capitän Ferraſo, der Capitän Pachiarotti, der Advocat Marochetti, der Unterlieutenant Auzzano, der Advocat Ravina. Im Ganzen 6 Oberoffiziere, 30 Subalterne, 5 Aerzte, 10 Advoeaten, 1 Fürſt, ſämmtlich Män⸗ ner von ausgezeichneten Gaben des Geiſtes und Herzens. Zwei waren verhaftet und hingerichtet wor⸗ den: der Carabinier-Lieutenant JFohann Baptiſt Lanari und der Capitän Jacob Garelli. Ihre Hinrichtung fand am 21. Juli und am 25. Auguſt ſtatt. Einer der Hauptſchuldigen war ohne Wider⸗ rede Carl Albert. Er hatte die Verfaſſung nicht, wie ſeine Anhänger ſagten, unter Vorbehalt der Gutheißung des Königs Carl Felix proelamirt, ſeiner ſont Vor der All wer ver acht die eilte Mod Audi Stac herzo G eine Ungn ſiſcher Carl dena rung den 2 lung zöſiſch bericht 60 wer olu⸗ nur hla⸗ ute⸗ ieur tri, erſt tän n, der der der rne, än⸗ und or⸗ tiſt er⸗ cht, der irt, 17 ſondern in folgenden Ausdrücken welche dieſen Vorbehalt durchaus nicht annehmen: „Im Vertrauen daß Seine Majeſtät der König, durch dieſelben Gründe be⸗ wogen, dieſen Beſchluß mit Seiner Allerhöchſten Gutheißung bekleiden werde, ſoll die ſpaniſche Verfaſſung verkündet und als Staatsgeſetz beob⸗ achtet werden.“ Beim Empfang des Schreibens welches ihm die Weigerung des Königs Carl Felix mittheilte, eilte daher der Prinz von Carignan ſogleich nach Modena; aber der König. verweigerte ihm eine Audienz, und der Herzog ließ ihn aus ſeinen Staaten verweiſen. Der Prinz begab ſich nach Florenz, zum Groß⸗ herzog von Toscana. Es handelte ſich für Carl Albert nicht um eine einfache Verbannung, um eine augenblickliche Ungnade, ſondern um den Verluſt des piemonte⸗ ſiſchen Thrones. Das Gerücht verbreitete ſich, Carl Felix wolle die Krone dem Herzog von Mo⸗ dena vermachen, und dieſer, der bei der Verſchwö⸗ rung der italieniſchen Fürſten gegen Oeſterreich den Thron nicht erhalten, werde nun das Ziel ſeiner unaufhörlichen Wünſche erreichen. Der Prinz von Carignan vertraute ſeine Stel⸗ lung dem Grafen de la Maiſon⸗Fort, dem fran⸗ zöſiſchen Geſandten in Florenz, an. Der Graf berichtete darüber an Ludwig XVIII. Garibaldi. I. 2 Wir theilen hier ein Bruchſtück aus ſeinem Schreiben mit: „Um den Prinzen von Carignan ſeines Erbes zu berauben, will man die Herzogin von Modena, älteſte Tochter des Königs Victor Emmanuel, auf den Thron berufen. Dieſe Leichtfertigkeit womit man das edle Haus Savoyen von einem Thron entfernen möchte den es ſelbſt gegründet hat, und dieſe unſerm Jahrhundert ganz eigenthümliche Un⸗ vankbarkeit kann dem Chef eines Hauſes nicht zu⸗ ſagen das achtzehnmal mit demſelben verwandt iſt, und dieſe Politik kann der franzöſiſchen Regie⸗ rung nicht anſtehen, welche wenigſtens das Recht hat die gänzliche Unabhängigkeit des Souveräns zu erlangen der den Schlüſſel Italiens in ſeiner Hand hält.“ Ludwig XVIII. theilte die Anſicht ſeines Mi⸗ niſters. Er ſchrieb dem Prinzen von Carignan daß er ihm eine Zuflucht am franzöſiſchen Hof anbiete. Das war als ob er zu ihm ſagte:„Sie haben nichts zu fürchten; ich nehme Ihre In⸗ tereſſen in meine Hände. Ich werde nicht geſtat⸗ ten daß ein Anderer als Sie König von Pie⸗ mont werde.“ Und in Wahrheit konnte der König der ſeinem Volk eine Charte vetroyirt hatte, einem Prinzen kein Verbrechen daraus machen daß er eine Ver⸗ faſſung verſprochen die nicht anerkannt wor⸗ den war. Aber es war nothwendig daß der Prinz von em es na, auf mit ron nd zu⸗ ndt gie⸗ echt äns iner nan ſtat⸗ Pie⸗ inem inzen Ver⸗ wor⸗ von 19 Carignan in den Augen der heiligen Allianz Buße that. Von den drei aus dem Carbynarismus ent⸗ ſtandenen Verfaſſungen war die piemonteſiſche ſchon in ihrer Geburt durch König Carl Felir mit eigener Hand erſtickt worden; die zweite, die neapolitaniſche, ward durch den öſterreichiſchen Einfall vernichtet; die dritte und einzig überlebende, die ſpaniſche, ſollte nunmehr durch den franzö⸗ ſiſchen Einfall zerſtört werden. Es handelte ſich darum daß der Prinz von Carignan, welcher die ſpaniſche Verfaſſung in Turin proclamirt hatte, dieſelbe Verfaſſung in Madrid bekämpfen ſollte. Der Trank war bitter zu verſchlucken. Aber wenn Paris wohl eine Meſſe werth war, ſo war Piemont wohl eine Arznei werth. Der Prin von Carignan verbarg ſeine Scham⸗ röthe unker den langen Haaren einer Grenadier⸗ mütze, machte den Feldzug von Spanien mit und war einer der Sieger vom Trocaderv, ſo daß er, als Carl Felix am 27. April 1831 ſtarb, ohne ſonderliche Schwierigkeiten unter dem Namen Carl Albert den Thron beſtieg. Oeſterreich, das lieber ſeinen Erzherzug von Modena da geſehen hätte, erhob ein lautes Geſchrei; es ſchilderte Carl Albert den Königen als Carbo⸗ naro und den Carbonari als Verräther. Dieß war eine doppelte Lüge. Carl Albert war kein Carbonaro: die Pro⸗ elamation kraft welcher er die Verfaſſung gab, bewies daß er dieſelbe nur mit Widerwillen und gezwungen gab. Carl Albert war kein Verräther, denn er hatte keine perſönliche Verpflichtung übernommen: er war ganz einfach ein Prinz der den Ehrgeiz hatte König zu werden. Die Schmach daß er am an⸗ dern Ende Europas die Verfaſſung vernichtete die er in Turin proclamirt hatte, wurde durch den Muth des Grenadiers verwiſcht: der Soldat hatte den Prinzen abſolvirt. Deßhalb wurde auch ſeine Thronbeſteigung von den italieniſchen Patrioten mit Freuden begrüßt. Del Pozzv ſchrieb ihm aus ſeiner Verbannung in London: „Die halben Mittel und die unvollkommenen Maßregeln dienen und helfen in der Politik zu Nichts; Piemont will einen conſtitgtionellen König.“ Ein anderer Patriot, der anonym blieb, ſchrieb ihm aus Marſeille: „Stellen Sie ſich an die Spitze der Nation; ſchreiben Sie auf Ihr Banner: Einheit, Frei⸗ heit, Unabhängigkeit; erklären Sie ſi als Träger und Dolmetſcher der Volksrechte; nehmen Sie den Titel Regenerator Italiens an; befreien Sie es von den Barbaren; bauen Sie die Zukunft auf, geben Sie einem Jahrhundert Ihren Namen, gründen Sie eine Aera die von Ihnen datire, ſeien Sie der Napoleon der italie⸗ niſchen Freiheit. und atte er atte an⸗ tete den atte ung den ung nen ü llen rieb on; ei⸗ ſi hte; an; Sie dert von lie⸗ 2 „Werfen Sie Oeſterreich mit Ihrem Handſchuh den Namen Italiens entgegen; dieſer alte Name wird Wunder thun. Appelliren Sie an alles Große und Hochherzige was es auf der Halbinſel gibt. Eine feurige, muthvolle Jugend, durchglüht von den beiden Leidenſchaften welche die Helden machen, von Haß und Ruhm, lebt ſeit langer Zeit in einem einzigen Gedanken und ſchmachtet nur nach dem Augenblick denſelben zur That zu bringen. „Rufen Sie dieſe Jugend zu den Waffen, ſtellen Sie die Städte und Feſtungen unter den Schutz der Bürger, und wenn Sie dann für nichts anderes mehr zu ſorgen haben als für den Sieg, ſo geben Sie ihr den Anſtoß, ſammeln Sie alle diejenigen um ſich die ſich durch hohe Intelligenz, Muth, Uneigennützigkeit und Reinheit von niedrigen Leidenſchaften einen bedeutenden Ruf gegründet haben. Flößen Sie der Menge dadurch Vertrauen ein daß Sie jeden Zweifel in Ihre Abſichten verwiſchen und allfe freien Männer um Beiſtand anrufen. Sire, ich ſage Ihnen die Wahrheit. Die freien Männer erwarten Ihre Antwort durch Thaten; aber wie ſie auch aus⸗ fallen mag, ſeien Sie gewiß daß die Nachwelt Sie als den erſten aller Menſchen oder als den niedrigſten der italieniſchen Tyrannen bezeichnen wird. „Wählen Sie!“ Was Könige in Wahrheit zu den Auserwähl⸗ ten des Herrn macht, das ſind Briefe ſolcher Ert die man nur an ſie ſchreibt. Hätte der König Carl Albert den Rathſchlägen ſeines anonhmen Correſpondenten gefolgt, ſo hätte er ſicherlich mit Goito begonnen, aber wahrſcheinlich nicht mit Novara geendet. Carl Albert warf den Brief ins Feuer, und ſtatt die breite Bahn zu betreten die ihm vffen ſtand, ſchlug er den ſchmalen Fußpfad einer lah⸗ men Politik ein. Von dieſem Augenblick an war der Bruch zwiſchen dem König von Sardinien und dem jungen Italien erklärt. Das junge Ita⸗ lien! Um dieſe Zeit wurden die drei Worte zum erſtenmal ausgeſprochen. Aus was beſtand es damals? Aus Joſeph Mazzini, dem unermüd⸗ lichen Förderer der italieniſchen Einheit; Jvſeph Mazzini, der kaum durch einige politiſche Schrif⸗ ten bekannt war und ſich den Verfolgungen der Mailänder Polizei durch die Flucht nach Mar⸗ ſeille entzogen hatte, wo er den erſten Stein zu dem Rieſenwerk das er unternommen dadurch legte, daß er unter tauſend Schwierigkeiten die Nummern ſeines jungen Italiens maſſenhaft nach Piemont ſchickte. Die piemonteſiſchen Edelleute und Prieſter, die ſich Carl Alberts bemächtigt hatten, zitterten als ſie die Sturmglocke des Gedankens erſchallen hörten; in den zwei Jahren ſeit ſie am Hof Wurzel gefaßt, hatten ſie bereits ihre Macht er⸗ meſſen können; gleichwohl kannten ſie den König Carl Albert mit ſeinem brennenden Durſt ren bet nei önig men mit mit und offen lah⸗ ruch dem Ita⸗ zum d es müd⸗ oſeph chrif⸗ der Mar⸗ in zu durch n die nhaft ieſter, erten allen Hof t er⸗ den Durſt Beſchluß der Commiſſivn daß ſämmtliche Ange⸗ 23 nach Popularität, und obſchon er ſcheinbar mit Oeſterreich fraterniſirte, ſo fürchteten ſie doch es möchte einmal, wir wollen nicht ſagen ein Sauer⸗ teig von Liberalismus, aber doch ein Blitz des Ehrgeizes wieder in ihm erwachen. Man wußte daß Carl Albert in jenen fieberiſchen Nächten wie die Könige ſie haben von dem Throne Italiens träumte. Nun aber konnte er dieſen Thron nur dann beſteigen wenn er der Revolution die Hand reichte. Der Thron Italiens wurde nicht von den Königen vergeben, ſondern von den Völkern. Man mußte eine Schranke zwiſchen ihm und den Patrioten errichten. Eines Tags erhob ſich Jemand und ſagte: „Es iſt Zeit daß man ihm Blut zu koſten gibt.“ Am ſelben Tag wurde König Carl Albert be⸗ nachrichtigt daß in der Armee eine große Ver⸗ ſchwörung gegen ihn angezettelt werde, die nichts als ſeine Entthronung zum Zwecke abe. Die Thatſachen wurden entſtellt, die Gefah⸗ ren übertrieben; man griff alle Fibern des Men⸗ ſchen und des Fürſten an, um ihm jenen tödt⸗ lichen Groll einzupflanzen deſſen dieſe Menſchen bedurften, die ſich die Retter der Monarchien nennen. Eine außerordentliche Unterſuchungscommiſſion wurde in Turin eingeſetzt um den Verfolgungen in Piemont einen einheiklichen Impuls zu geben. Die erſte Verletzung des Strafgeſetzes war der 2 klagten, Militäre oder nicht, vor ein Kriegsgericht geſtellt werden ſollten. Damals wurde die denkwürdige Antwort er⸗ theilt welche wir ſogleich leſen werden. Ein Offizier der als Richter in der Unter⸗ ſuchungscommiſſion ſaß, befragte einen Rechtsge⸗ lehrten über einige Grundſätze des Criminalrechtes. Der Rechtsgelehrte antwortete ihm, die erſte Grundlage jedes Geſetzes, die erſte Regel jedes Codex ſei: „Ein Militärgericht muß ſich incompetent er⸗ klären über Bürger zu richten.“ — Das iſt uns unmöglich, antwortete der Offizier; der General hat uns befohlen uns com⸗ petent zu erklären. Und für dießmal war die Idee des Generals die Grundlage des Geſetzes, die Regel des Codex. Der Erſte der den Purpur des neuen Königs mit ſeinem Blut befleckte war der Corporal Tam⸗ burelli; er wurde von hinten erſchoſſen weil er das Verbrechen begangen hatte ſeinen Solvaten das junge Italien votzuleſen. Der zweite war der Lieutenant Tolla, des Verbrechens ſchul⸗ dig aufrühreriſche Bücher in den Händen gehabt, um das Cymplott gewußt und es nicht angezeigt zu haben. Wie Tamburelli, wurde er von hinten erſchoſſen. Es war dieß eine ſinnreiche Erfindung der piemonteſiſchen Magiſtratur um die Strafe des Erſchießens eben ſo ſchimpflich zu machen wie den Galgen. Man begnügte ſich nicht zu tödten, man wollte del ru get au zu die er, hal vor Lar er Blr Ra fan Rig kam richt er⸗ ter⸗ sge⸗ tes. erſte edes er⸗ der om⸗ rals dex. nigs am⸗ Uer aten eite hul⸗ abt, eigt nten ung des den llte 25 auch zu entehren ſuchen. Am 15. Juni erſchoß man, abermals von hinten, den Sergenten Miglio Joſeph Beglia und Anton Gavotti. Alle dieſe Männer ſtarben mit bewunderns⸗ würdigem Muth. Jacob Rufini ſchmachtete in den Gefängniſſen della Torre zu Genua. Man ſuchte ihn durch alle möglichen Mittel, durch Entziehung der Nah⸗ rung und des Schlafes um ſeine Kräfte zu brin⸗ gen; er fühlte daß er nicht bloß phyſiſch, ſondern auch moraliſch ſchwach wurde; er beſchloß nicht zu warten bis man ihn zwiſchen den Tod und die Schande ſtellen würde. Da er fürchtete daß er, wenn es drauf und dran käme, nicht die Kraft haben möchte den Tod zu wählen, ſo machte er von der Thüre ſeines Gefängniſſes eine eiſerne Lanze los, ſchärfte ſie und ſchnitt ſich damit den Hals ab. In den Zuckungen ſeines Todeskampfes hatte er noch die Kraft mit ſeinem Finger und ſeinem Blut an die Wand zu ſchreiben: „Durch dieſes Teſtament vermache ich meine Rache Italien.“ Als man am Morgen in ſein Zimmer trat, fand man ihn todt. In Genua wurden erſchoſſen: Luccano Placenza und Ludwig Turfv. In Aleſſandria: Dominik Ferrari, Joſeph Menardi, Foſeph Rigano, Amandi Coſta, Johann Marini. Dann kam die Reihe an Andreas Vochieri. Widmen wir dieſem einige Zeilen, wie wir es bei Jacob Rufini gethan haben. Ein Verurtheilter aus Aleſſandria der die lan⸗ gen Qualen von Feneſtrella überlebte, hat in ſei⸗ nen Memviren eine Schilderung vom Todeskampfe des Andreas Vochieri hinterlaſſen. „Vor allen Dingen,“ ſagt er von ſich ſelbſt ſprechend,„nahm man mir meine Bücher, die aus einer Bibel, einer Sammlung chriſtlicher Gebete und einer Geſchichte der berühmten Capuziner Pie⸗ monts heſtanden. Dann legte man mir Ketten an die Füße und führte mich in einen andern Kerker, der noch feuchter, noch ſchwärzer und ſchmutziger war als der erſte, dabei doppelt verriegelte Fen⸗ ſter und Thüren mit doppelten Vorhängſchlöſſern hatte. Dieſer Kerker ſtieß an das Gefängniß des armen Vochieri; einige ſchlecht reparirte Riſſe ge⸗ ſtatteten mir zu ihm hinüberzuſchauen, und ver⸗ möge eines ſchwachen Lichtſchimmers der hindurch⸗ ſickerte konnte ich etwas von ihm ſehen. „Er lag mit Ketten an den Füßen auf einer elenden Bank; zu feinen Seiten ſtanden zwei Wächter mit bloßen Säbeln; an der Thüre ſtand eine Schildwache mit einer Flinte. Es herrſchte ein furchtbares Schweigen in dieſem düſtern Ker⸗ ker; die Soldaten ſchienen beſtürzter zu ſein als der Gefangene ſelbſt. Von Zeit zu Zeit kamen zwei Capuziner um ihm zuzuſprechen. „So hatte ich ihn eine ganze Woche lang vor den Augen und konnte, ſo ſchmerzlich es mir war ihn in dieſem Zuſtande zu ſehen, meinen 27 r es Blick kaum von ihm verwenden. Endlich eines Tages holte man ihn ab und führte ihn zum Tode.“ lan⸗ Aber was der Gefangene nicht erzählt, weil er es nicht wiſſen konnte, das iſt die Thatſache mpfe daß Vochieri auf dem längſten Weg zum Tod geführt wurde. Freilich führte dieſer Weg vor elbſt ſeinem Hauſe vorbei, und in dieſem Hauſe wohn⸗ aus ten ſeine Schweſter, ſeine Frau und ſeine zwei ebete Kinder. Man hoffte, beim Anblick des Liebſten Pie⸗ was er auf der Welt beſaß, würde ſein Muth an ſchwanken und er würde Enthüllungen machen. rker, Aber er lächelte wehmüthig. iger— Sie haben vergeſſen, ſagte er, daß es in Fen⸗ der Welt noch Etwas gibt das ich mehr liebe ſſern als Schweſter, Frau und Kind, nämlich Italien... des Es lebe Italien! ge⸗ Dann wandte er ſich zu den Galeerenaufſehern ver⸗ die ihn ſtatt Soldaten erſchießen ſollten, und ſagte urch⸗ das einzige Wort:„Vorwärts!“ Eine Viertelſtunde ſpäter fiel er von ſechs einer Kugeln durchbohrt. zwei In Nizza befand ſich damals ein junger Mann ſtand der dieſes Blut fließen ſah. Da that er in ſei⸗ ſchte nem Innern einen Eidſchwur daß er ſein ganzes Ker⸗ Leben dem Cultus dieſer Freiheit widmen wolle als für welche ſo viele Märtyrer dahinſanken. men Dieſer junge Mann, der damals 26 Jahre zählte, war Joſeph Garibaldi. lang Laſſen wir ihn ſelbſt ſprechen und die wunder⸗ mir gleichen Ereigniſſe ſeines von kühnen Thaten ausge⸗ einen füllten Lebens erzählen. Aler. Dumas. 5 Meine Eltern. Ich bin in Nizza am 22. Juli 1807, nicht bloß in demſelben Hauſe, ſondern auch in dem⸗ ſelben Zimmer wie Maſſena, geboren worden. Der berühmte Marſchall war bekanntlich eines Bäckers Sohn. Das Erdgeſchoß des Hauſes iſt noch heute eine Bäckerei. Aber bevor ich von mir ſelbſt rede, erlaube man mir einige Worte von meinen vortrefflichen Eltern zu ſagen, deren ehrenwerther Character und innige Zärtlichkeit ſo großen Einfluß auf meine Erziehung und meine phyſiſche Entwicklung ausübten. Mein Vater, Dominik Garibaldi, aus Chia⸗ vari gebürtig, war eines Seemanns Sohn und ſelbſt Seemann; ſeine Augen ſahen, als ſie ſich öffneten, das Meer, auf welchem er beinahe ſein ganzes Leben zubringen ſollte. Er war freilich weit entfernt die Kenntniſſe zu beſitzen wodurch einige Männer ſeines Fachs und beſonders einige Männer unſerer Epoche ſich auszeichnen. Er hatte ſeine maritime Erziehung nicht in einer beſondern gec koſt ziel Fec Tu — glit the der Vo ſicht em⸗ en. nes iſt ube chen cter auf ung ia⸗ und ſich ſein lich rch ige atte 29 Schule, ſondern auf den Schiffen meines Groß⸗ vaters erhalten. Später hatte er ſelbſt ein Schiff befehligt und ſich immer ehrenvoll aus der Sache gezogen. Sein Vermögen war mancherlei Glücks⸗ wechſeln unterworfen, und ich habe oft ſagen hö⸗ ren, er hätte uns reicher hinterlaſſen können als er gethan hat. Aber daran liegt Nichts. Es ſtand dem gu⸗ ten Vater wahrlich frei ein ſo mühſam erworbe⸗ nes Geld ſo zu verbrauchen wie es ihm am Beſten zuſagte, und ich bin ihm nichts deſto we⸗ niger dankbar für das Wenige was er mir hin⸗ terlaſſen hat. Im Uebrigen bin ich feſt überzeugt daß er, von all dem Geld das er in den Wind geworfen, nichts mit ſo großem Vergnügen aus⸗ gegeben hat als die Summe die meine Erziehung koſtete, obſchon dieſelbe eine ſchwere Laſt für ſein Budget war. Man glaube indeſſen nicht daß meine Er⸗ ziehung im mindeſten ariſtveratiſch geweſen ſei. Mein Vater ließ mir weder im Turnen, noch im Fechten, noch im Reiten Unterricht ertheilen. Das Turnen lernte ich indem ich an den Wandtauen hinaufkletterte und an den Schiffſeilen hinab⸗ glitt; das Fechten indem ich meinen Kopf ver⸗ theidigte und ſo gut wie möglich die Köpfe An⸗ derer zu ſpalten ſuchte; das Reiten indem ich die erſten Reiter der Welt, d. h. die Gauchos, zu Vorbildern nahm. Die einzige körperliche Uebung meiner Jugend — und auch bei dieſer hatte ich keinen Lehrer— war das Schwimmen. Wann und wie ich es lernte, weiß ich nicht; es iſt mir als hätte ich es immer verſtanden und als beſäße ich eine Amphi⸗ biennatur. So wenig ich Luſt habe mich ſelbſt zu loben, ſo will ich doch, ohne etwas beſonders Preiswürdiges darin zu finden, ganz einfach ſa⸗ gen daß ich einer der ſtärkſten Schwimmer in der Welt bin. Man braucht mir daher, da mein Selbſt⸗ vertrauen in dieſer Beziehung bekannt iſt, durch⸗ aus keinen Dank dafür zu wiſſen daß ich nie das mindeſte Bedenken getragen habe ins Waſſer zu ſpringen um einem Mitmenſchen das Leben zu retten. Wenn übrigens mein Vater mich alle dieſe Künſte nicht lernen ließ, ſo war mehr die Zeit Schuld daran als er ſelbſt. In dieſer traurigen Epoche warem die Prieſter die abſoluten Herren Piemonts, und ihr beſtändiges Dichten und Trach⸗ ten ging dahin die jungen Leute viel eher zu nichtsnutzigen faullenzeriſchen Mönchen als zu Bürgern zu machen, die im Stande wären unſe⸗ rem unglücklichen Vaterlande zn dienen. Außer⸗ dem fürchtete mein armer Vater in ſeiner innigen Zärtlichkeit ſogar den Schatten jedes Studiums aus welchem ſpäter eine Gefahr für uns entſtehen konnte. Was meine Mutter, Roſa Ragiundo, betrifft, ſo erkläre ich mit Stolz daß ſie eine in jeder Beziehung muſterhafte Frau war. Gewiß ſoll jeder Sohn von ſeiner Mutter daſſelbe ſagen, aber es es phi⸗ elbſt ders ſa⸗ der lbſt⸗ ch⸗ das zu ieſe Zeit igen rren ach⸗ zu nſe⸗ ßer⸗ igen ums hen rifft, eder ſoll aber 31 keiner wird es mit innigerer Ueberzeugung ſagen können als ich. Eine der Kümmerniſſe meines Lebens, und zwar nicht die geringſte, iſt und bleibt daß es mir nicht gelungen iſt ſie glücklich zu machen, ſondern daß ich im Gegentheil ihre letzten Tage ſchmerzlich betrübt habe. Gott allein kennt die Beängſtigungen die meine abenteuerliche Lauf⸗ bahn ihr eingeflößt hat, denn Gott allein kennt die unermeßliche Zärtlichkeit womit ſie mich um⸗ faßt hielt. Wenn es irgend ein gutes Gefühl in meiner Seele gibt, ſo geſtehe ich offen und laut daß ich es ihr verdanke. Ihr engelgleicher Cha⸗ racter mußte ſich nothwendig in mir wiederſpie⸗ geln. Verdanke ich nicht ihrem Mitleid gegen das Unglück, ihrem Erbarmen mit allen Leiden⸗ den, meine innige, ich möchte beinahe ſagen mit⸗ leidsvolle Liebe für das Vaterland, eine Liebe welche mir die Neigungen und die Sympathie meiner unglücklichen Mitbürger erworben hat? Ich bin gewiß nicht abergläubiſch, aber doch kann ich verſichern daß ich in den furchtbarſten Umſtänden meines Lebens, wenn der Ocean ge⸗ gen den Kiel und die Flanken meines Schiffes brüllte das er wie einen Kork in die Höhe warf, wenn die Kanonen gleich einem Sturmwind um meine Ohren ziſchten, wenn die Flintenkugeln hageldicht um mich her fielen, ſie beſtändig auf den Knien, in ihr Gebet begraben, zu den Füßen des Allmächtigen niedergebeugt ſah, den ſie für mich, das Kind ihres Herzens, anflehte, und was geſtaunt hat, das iſt die Ueberzeugung daß mir kein Unglück zuſtoßen könne, wenn eine ſo heilige Frau, ein ſolcher Engel für mich bete. II. Meine erſten Jahre. Die erſten Jahre meiner Jugend verbrachte ich wie alle Kinder unter fröhlichen Spielen und Thränen, mehr auf Vergnügungen als auf Arbeit, mehr auf Zerſtreuung als auf Studien erpicht, ſo daß ich von den Opfern die meine Eltern für mich brachten nicht ſo viel Nutzen zog als ich bei einem etwas geſetzteren Weſen hätte thun müſſen⸗ In meiner Jugend ſtieß mir nichts Außerordent⸗ liches zu. Ich hatte ein gutes Herz. Dieß war ein Geſchenk Gottes und meiner Mutter. Und dem Drange dieſes guten Herzens habe ich immer mit inniger Luſt Genüge geleiſtet. Ich hegte ein tiefes Mitleid gegen Alles was klein, ſchwach und leidend war. Dieſes Mitleid erſtreckte ſich bis auf die Thiere, voder vielmehr es begann mit ihnen. Ich erinnere mich daß ich eines Tags eine Grille fand und in mein Zimmer trug; dort ſpielte ich mit ihr, und da ich ſie mit der gewöhnlichen Un⸗ geſchicklichkeit oder vielmehr Rohheit der Kinder berührte, ſo riß ich ihr einen Fuß aus; darüber grämte ich mich dermaßen daß ich mich mehrere Stunden einſchloß und bitterlich weinte. mir den Muth verlieh über den man zuweilen ter ich und nich So zäh Nel mir ihm mei Erke Arer ich Hert ders ſtudi dieſe mit ter( maßt tione die i einer chen mir ilige achte und beit, icht, für bei ſſen⸗ ent⸗ war Und imer ein und auf nen. rille un⸗ nder über rere Ein andermal als ich mit einem meiner Vet⸗ ter im Vardepartement auf die Jagd ging, blieb ich am Rand eines tiefen Grabens ſtehen wo die Wäſcherinnen ihre Arbeit zu verrichten pflegten, und wo eine arme Frau eben wuſch. Ich weiß nicht wie es zuging, aber ſie fiel ins Waſſer. So klein ich war— ich zählte kaum acht Jahre — ſo ſprang ich hinein und rettete ſie. Ich er⸗ zähle dieß um zu beweiſen wie ſehr mir dieſes Gefühl angeboren iſt das mich drängt meinen Nebenmenſchen beizuſtehen, und wie wenig ich mir es zum Verdienſte anrechnen kann wenn ich ihm folge. Unter den Lehrern die ich in dieſer Periode meines Lebens hatte, bewahre ich eine beſondere Erkenntlichkeit dem Pater Giovanni und Herrn Arena. Bei dem erſten lernte ich wenig, da ich, wie ich bereits geſagt, mehr Luſt zum Spielen und Herumſtreichen als zum Arbeiten hatte. Beſon⸗ ders habe ich öfters bereut daß ich nicht Engliſch ſtudirte, wie ich hätte thun können, und ich habe dieſen Fehler bei meinen zahlreichen Begegnungen mit Engländern ſtets bitter empfunden. Da Pa⸗ ter Giovanni überdieß zum Hauſe und gewiſſer⸗ maßen zur Familie gehörte, ſo litten meine Lec⸗ tionen auch durch die allzu große Vertraulichkeit die ich mir gegen ihn erlaubte. Dem zweiten, einem vortrefflichen Lehrer, verdanke ich das Bis⸗ chen was ich weiß; beſonders aber ſchulde ich ihm ewigen Dank dafür daß er mich durch be⸗ Garibaldi. I. ſtändige Lectüre der römiſchen Geſchichte in meine Mutterſprache eingeweiht hat. Der Fehler daß man die Kinder nicht in der Sprache und in den Zuſtänden des Vaterlandes unterrichtet, wird in Italien häufig begangen, und ganz beſonders in Nizza, wo die Nachbarſchaft Frankreichs auf die Erziehung einwirkt. Dieſer erſten Einleitung in unſere Geſchichte und der Beharrlichkeit womit mein älterer Bruder Angelo mir das Studium derſelben wie auch unſerer ſchönen Sprache empfahl, habe ich es alſo zu verdanken wenn ich mir einige geſchichtliche Kennt⸗ niſſe und einige Leichtigkeit im Ausdruck erwor⸗ ben habe. Ich will dieſe erſte Periode meines Lebens mit der Erzählung eines Factums ſchließen das zwar keine große Bedeutung hat, aber doch einen Begriff von meiner Neigung zu einem abenteuer⸗ lichen Leben geben kann. Ueberdrüſſig der Schule und meiner ſitzenden Lebensart, machte ich eines Tags einigen meiner Kameraden den Vorſchlag nach Genua zu ent⸗ fliehen. Geſagt gethan. Wir machten einen Fiſcher⸗ kahn los und ſteuerten nach Oſten. Wir befan⸗ den uns bereits auf der Höhe von Monaco, als ein von meinem vortrefflichen Vater abgeſchickter Corſar uns kaperte und tiefbeſchämt in unſere re⸗ ſpectiven Häuſer zurückbrachte. Ein Abbé hatte uns geſehen und verrathen: daher kommt ver⸗ muthlich die äußerſt geringe Sympathie die ich füt dieſe Herren hege. Fri Ich mir auf ſtar wer Vo: ren nen voll Ty cher Chi Nie tend mich lant wür neine der indes und ſchaft ieſer der ngelo nſerer ſo zu ennt⸗ rwor⸗ ebens das einen teuer⸗ enden neiner ent⸗ iſcher⸗ befan⸗ , als hickter re re⸗ hatte t ver⸗ ich für 35 Meine Gefährten bei dem Abenteuer waren, ich erinnere mich ihrer noch wohl, Cäſar Parodi, Rafael von Andreis und Cöleſtin Bermond. III. Meine erſten Reiſen. „O Frühling, Jugend des Jahres! v Jugend, Frühling des Lebens!“ hat Metaſtaſio geſagt. Ich will hinzufügen; Wie ſchön erſcheint Alles in der Sonne der Jugend und des Frühlings! In dieſem prächtigen Sonnenglanz biſt du mir erſchienen, o ſchöne Coſtanza, erſtes Schiff auf welchem ich das Meer durchfurchte. Deine ſtarken Flanken, dein hohes und leichtes Maſt⸗ werk, Alles bis auf die Frauenbüſte an deinem Vordertheil entlang wird mit dem unverwiſchba⸗ ren Griffel meiner Jugendphantaſie ewig in mei⸗ nem Gedächtniß eingegraben bleiben! Wie deine Matroſen, ſchöne und theure Coſtanza, ſich voll Grazie über ihre Ruder neigten, als ächte Typen unſerer unerſchrockenen Ligurier! Mit wel⸗ cher Freude ich mich auf den Schiffsgang wagte um ihren Volksliedern und ihren harmoniſchen Chören zu lauſchen! Sie ſangen Liebeslieder; Niemand lehrte ſie damals andere; ſo unbedeu⸗ tend ſie waren, ſo rührten und berauſchten ſie mich doch. O! hätten dieſe Lieder dem Vater⸗ land gegolten, ſie würden mich begeiſtert, ſie würden mich wahnſinnig gemacht haben! Aber wer hätte ihnen denn damals geſagt daß es ein Italien gebe? Wer hätte ſie gelehrt daß ſie ein Vaterland zu rächen und zu befreien hutten? Nein, nein! Wir wurden wie Juden in dem Glauben großgezogen daß das Leben keinen an⸗ dern Zweck habe als Geld zu erwerben. Und während dieſer Zeit, wo ich voll Freude von der Straße aus das Schiff betrachtete auf dem ich in die See ſtechen ſollte, richtete meine Mutter weinend meine Reiſeausſteuer her. Aber es war mein Beruf die Meere zu be⸗ fahren. Mein Vater hatte ſich aus allen Kräf⸗ ten widerſetzt; der treffliche Mann hätte gewünſcht ich ſolle eine friedliche und gefahrloſe Bahn ein⸗ ſchlagen, ich ſolle Prieſter, Advocat oder Arzt werden: aber meine Ausdauer ſiegte; ſeine Liebe beugte ſich vor meiner jugendlichen Beharrlichkeit, und ich ſchiffte mich auf der Brigantine Coſtanza ein, mit dem Capitän Angelo Peſante, dem kühn⸗ ſten Seefahrer den ich je geſehen habe. Hätte unſere Marine den Zuwachs erhalten den man hoffen konnte, ſo wäre Peſante zum Commando eines der erſten Kriegsſchiffe berechtigt geweſen, und einen mannhafteren Capitän als ihn hätte es nicht gegeben. Peſante hat niemals eine Flotte befehligt, aber man wende ſich an ihn, ſo wird er bald eine geſchaffen haben, von den Barken an bis zu den Dreideckern; wenn dieß je zu Stande kommt, wenn er je dieſen Auftrag erhält, ſo bürge ich dafür daß es zum Nutzen und zum Ruhm des Vaterlandes ausſchlagen wird. ein ein en? dem an⸗ eude auf teine be⸗ räf⸗ nſcht ein⸗ Arzt Liebe hkeit, nza ühn⸗ Hätte man ando eſen, hätte Flotte wird arken e zu hält, zum 37 Ich machte meine erſte Reiſe nach Odeſſa; dieſe Reiſen ſind ſeitdem etwas ſo Alltägliches und Leichtes geworden, daß es ſich nicht der Mühe verlohnt ſie zu ſchildern. Meine zweite Reiſe ging nach Rom, aber dießmal mit meinem Vater; er hatte während meiner erſten Abweſenheit unendlich viel Angſt um mich ausgeſtanden und daher beſchloſſen daß ich, da ich ſchlechterdings reiſen wollte, mit ihm reiſen ſollte. ⸗ Wir beſtiegen ſeine eigene Tartane: Santa Reparata. Nach Rom! Welche Freude nach Rom zu reiſen! Ich habe erzählt wie meine Studien, in Folge der Rathſchläge meines Bruders und der Belehrungen meines würdigen Profeſſors, ſich die⸗ ſer Richtung zugekehrt hatten. Rom! Was war es für mich, einen glühenden Verehrer des Alter⸗ thums, anders als die Hauptſtadt der Welt, eine entthronte Königin aus deren unermeßlichen, rie⸗ ſigen, erhabenen Trümmern gleich einem glänzen⸗ den Geſpenſt die Erinnerung an Alles hervor⸗ geht was in der Vergangenheit groß geweſen! Nicht bloß die Hauptſtadt der Welt, ſondern auch die Wiege jener heiligen Religion welche die Sclavenketten gebrochen, welche die bisher mit Füßen getretene Menſchheit geadelt hat; jener Re⸗ ligion deren erſte und wahre Apoſtel die Lehrer der Nationen, die Befreier der Völker waren, während ihre entarteten Nachfolger die wahren Landplagen Italiens ſind und in ſchnöder Ge⸗ winnſucht ihre Mutter, ja unſer Aller Mutter, an den Fremdling verkauft haben. Nein, nein, das Rom das ich in den Träu⸗ men meiner Jugend ſah war nicht bloß das Rom der Vergangenheit, ſondern auch das Rom der Zukunft; es trug in ſeinem Buſen die Idee der Wiedergeburt eines Volkes das durch die Eifer⸗ ſucht der Mächte verfolgt wurde, weil es von Geburt aus groß war, weil es an der Spitze der Nationen ſchritt und dieſelben zur Civiliſa⸗ tion führte. Rom! Ach wenn ich an ſein Unglück, ſeine Erniedrigung, ſein Märtyrerthum dachte, da wurde es mir über Alles heilig und theuer. Ich liebte es mit allen Kräften meiner Seele, nicht bloß in den herrlichen vielhundertjährigen Kämpfen um ſeine Größe, ſondern auch in den kleinſten Ereig⸗ niſſen die ich wie einen koſtbaren Schatz in mei⸗ nem Herzen aufbewahrte. Und ſtatt abzunehmen, wuchs meine Liebe zu Rom durch Entfernung und Verbannung. Oft, ſehr oft habe ich auf der andern Seite des Mee⸗ res, dreitauſend Meilen entfernt, den Allmächtigen angefleht mich Rom wieder ſehen zu laſſen. Kurz, Rom war für mich Italien, weil ich Italien nur in der Vereinigung ſeiner zerſtreuten Glieder er⸗ blicke, und weil Rom für mich vorzugsweiſe das Symbol der italieniſchen Einheit iſt. ttter, räu⸗ Rom der der ifer⸗ von pitze iliſa⸗ ſeine ude iebte ß in um reig⸗ mei⸗ e ze Oft, Mee⸗ tigen Kurz, nur r er⸗ das 39 W. Meine Einweihung. Einige Zeit lang trieb ich mit meinem Vater den Küſtenhandel; dann ging ich auf der Bri⸗ gantine Aetna, Capitän Joſeph Gervinv, nach Cagliari. Während dieſer Reiſe wurde ich Zeuge eines ſchrecklichen Unglücks das mir unvergeßlich bleiben wird. Als wir auf der Rückfahrt von Cagliari uns auf der Höhe des Caps von Noli befanden, bekamen wir die Geſellſchaft einiger Schiffe unter denen eine allerliebſte eataloniſche Feluke war. Nachdem wir zwei oder drei Tage ſchönes Wetter gehabt, verſpürten wir einige Stöße des Windes den unſere Seeleute den Libieno genannt haben, weil er, bevor er ins Mittelmeer kommt, über die libyſche Wüſte hinfährt. Unter ſeinem Hauch be⸗ gann das Meer anzuſchwellen und tobte bald ſo wüthend, daß es uns unwiderſtehlich nach Vado hintrieb. Die erwähnte catalvniſche Feluke hielt ſich anfangs vortrefflich, und ich nehme keinen An⸗ ſtand zu ſagen daß Jeder von uns, wenn er aus dem bisherigen Wetter auf das kommende ſchloß, lieber an ihrem Bord als auf ſeinem eigenen Schiff geweſen wäre. Aber das arme Schiff ſollte uns bald einen äußerſt ſchmerzlichen Anblick darbieten; eine furchtbare Woge warf es um, und bald ſahen wir auf dem Abhang ſeines Ver⸗ 40 deckes nur noch einige Unglückliche die uns die Hände entgegenſtreckten, aber ſchnell von einer noch furchtbareren Welle als die erſte war weg⸗ gerafft wurden. Die Cataſtrophe fand auf unſe⸗ rem rechten Garten ſtatt, und es war uns materiell unmöglich dem unglücklichen Schiff zu Hilfe zu kommen. Die andern Barken die uns folgten befanden ſich in der gleichen Unmöglichkeit. Neun Perſonen von derſelben Familie kamen alſo elen⸗ diglich vor unſern Blicken um; ſelbſt den verhär⸗ tetſten Augen entſielen einige Thränen, ſie wur⸗ den aber bald durch das Gefühl unſerer eigenen Gefahr getrocknet. Die andern Schiffe kamen indeß, als wären die böſen Gottheiten durch die⸗ ſes Menſchenopfer beſchwichtigt worden, ohne Un⸗ fall in Vado an. Von Vado fuhr ich nach Genua und kehrte dann nach Nizza zurück. Von da an begann ich eine Reihenfolge von Reiſen in die Levante, in deren Verlauf wir drei⸗ mal von den Seeräubern gekapert und ausge⸗ plündert wurden. Die Sache geſchah zweimal auf der gleichen Reiſe, ſo daß die zweiten Piraten wüthend wurden weil ſie nichts mehr bei uns vorfanden. Bei ſolchen Kämpfen begann ich mich mit der Gefahr vertraut zu machen und zu be⸗ merken daß ich, ohne ein Nelſon zu ſein, Gott ſei Dank! gleich ihm fragen konnte: Was iſt Furcht? Bei einer dieſer Reiſen auf der Brigantine Corteſe, Capitän Barlaſemeria, blieb ich krank 3 die einer weg⸗ unſe⸗ eriell e gten Keun elen⸗ här⸗ wur⸗ enen men die⸗ Un⸗ hrte von drei⸗ sge⸗ mal aten uns mich be⸗ Hott iſt tine rank 41 in Conſtantinopel zurück. Das Schiff war ge⸗ zwungen weiter zu gehen, und da die Krankheit ſich länger hinauszog als ich geglaubt hatte, ſo kam ich in große Geldnoth. Auch in der unglücklichſten Lage in die ich kam, auch beim ſchwerſten Verluſt der mich be⸗ drohte, machte ich mir jehr wenig Kummer; ich habe immer das Glück gehabt irgend eine men⸗ ſchenfreundliche Seele zu treffen die ſich für mein Schickſal intereſſirte. Unter dieſen menſchenfreundlichen Seelen iſt eine die ich nie vergeſſen werde: Frau Luiſe Sauvaigo aus Nizza, eine herzensgute Dame die ich nächſt meiner Mutter für die vollendetſte Frau in der Welt halte. Sie machte das Glück ihres Gatten, eines vortrefflichen Mannes, und leitete mit bewunderungswürdiger Einſicht die Erziehung ihrer ganzen kleinen Familie. Warum habe ich hier von ihr geſprochen? Ich weiß es ſelbſt nicht. Doch ja, ich weiß es: darum weil ich ſchreibe um ein Bedürfniß meines Herzens zu befriedigen, und weil mein Herz mir die obigen Worte dictirte. Die damals erfolgte Kriegserklärung zwiſchen der Pforte und Rußland trug dazu bei meinen Aufenthalt in der türkiſchen Hauptſtadt zu ver⸗ längern. Während dieſer Periode und im Augen⸗ blick wo ich nicht mehr wußte von was ich mor⸗ gen leben ſollte, kam ich als Hauslehrer zu einer Wittwe Timoni. Ich erhielt dieſen Platz auf die Empfehlung eines Doctors der Medicin, Herrn Diego, dem ich hier für ſeine Gefälligkeit meinen Dank abſtatte. Ich kam als Lehrer von drei Jungen ins Haus, blieb mehrere Monate da, begann aber dann auf der Brigantine Notre Dame de Grace, Capitän Caſabona, mein Schifferleben wieder. Dieß war das erſte Schiff wo ich als Capi⸗ tän commandirte. Ich werde mich nicht lange bei meinen andern Reiſen verweilen, ſondern will hier bloß ſagen daß ich, ſtets von einem tiefen Inſtinct des Pa⸗ triotismus gequält, in allen Verhältniſſen meines Lebens unaufhörlich nach Menſchen, nach Ereig⸗ niſſen oder auch nach Büchern gefragt habe die mich in die Geheimniſſe der Wiederauferſtehung Italiens einweihen könnten; aber bis in mein vier und zwanzigſtes Jahr blieb dieſe Nachfor⸗ ſchung vergeblich, und ich mühte mich nutzlos ab. Endlich auf einer Reiſe nach Taganrog traf ich an meinem Bord einen italieniſchen Patrioten, der mir zuerſt einen Begriff von der Art und Weiſe gab wie es in Italien vorwärts ging. Es war ein Schein von Hoffnung für unſer unglückliches Land vorhanden. Ich erkläre es laut, Chriſtoph Columbus war, als er, im atlantiſchen Meer verloren, von ſeinen Gefährten bedroht die er um drei Tage gebeten hatte, am Ende des dritten Tages Land! rufen hörte, nicht glücklicher als ich in dem Augenblicke war wo ich das Wort Vaterland vernahm und den erſten durch die franzöſiſche Revolution von Fr ode als ſetz Un inen drei da, mein api⸗ dern agen Pa⸗ eines reig⸗ e die hung mein hfor⸗ ab. traf oten, und unſer war, einen beten rufen blicke un on 1830 angezündeten Leuchtthurm am Hvyrizont erblickte. Es gab alſo Männer die ſich mit der Erlö⸗ ſung Italiens beſchäftigten. Bei einer andern Reiſe die ich an Bord der Clorinde machte, traf ich mit einer Abtheilung Saint⸗Simoniſten zuſammen welche Emil Barrault nach Conſtantinopel führte. Ich hatte wenig von der Secte Saint⸗Simons gehört; nur wußte ich daß dieſe Männer die verfolgten Apoſtel einer neuen Religion waren. Ich näherte mich ihrem Führer und eröffnete mich ihm als italieniſcher Patriot. Da, während dieſer durchſichtigen Nächte des Orients, die, wie Chateaubriand ſagt, nicht die Finſterniß, ſondern nur die Abweſenheit des Ta⸗ ges ſind, unter dieſem ganz mit Sternen über⸗ ſäten Himmel, auf dieſem Meer deſſen herber Wind hochherzige Gefühle mit ſich zu führen ſcheint, beſprachen wir nicht bloß die kleinen Na⸗ tionalitätsfragen auf die ſich mein Patriotismus bisher beſchränkt hatte— Fragen die ſich bloß auf Italien, auf Erörterungen von Provinzial⸗ intereſſen bezogen— ſondern auch die große Frage der Menſchheit. Vor allen Dingen bewies mir der Apoſtel daß der Mann der ſein Vaterland vertheidige oder das Vaterland Anderer angreife, weiter Nichts als ein Soldat ſei der in der erſten Voraus⸗ ſetzung ſeine Pflicht erfülle, in der zweiten ein Unrecht begehe; daß aber derjenige der ſich auf den cosmopolitiſchen Standpunkt ſtelle, der die ganze Welt als ſein Vaterland betrachte, ſeinen Degen und ſein Blut jedem Volk anbiete das gegen die Tyrannei fechte, mehr als ein Soldat, daß er ein Held ſei. Jetzt gingen in meinem Kopf wunderliche Lichter auf, bei deren Schein ich in einem Schif nicht mehr das Mittel um die Erzeugniſſe eines Landes gegen die eines andern auszutauſchen, ſondern den geflügelten Boten erblickte der das Wort des Herrn und das Schwert des Erzengels bringe. Ich war voll Verlangen nach Aufre⸗ gungen, voll Begierde nach neuen Dingen abge⸗ reist, indem ich mich fragte ob dieſer unwider⸗ ſtehliche Beruf den ich in mir verſpürte, und den ich Anfangs ganz einfach auf den Poſten eines Capitäns zu langen Reiſen beſchränkt geglaubt hatte, nicht noch unbemerkte Horizonte für mich habe. Dieſe Horizonte erblickte ich halb und halb durch den unbeſtimmten Nebel der fernen Zukunft. V. Die Ereigniſſe von Saint⸗Julien. Das Schiff auf welchem ich dießmal aus dem DOrient zurückkam hatte den Hafen von Marſeille zum Beſtimmungsort. Dort angelangt, vernahm ich die geſcheiterte Revolution in Piemont ſowie die Erſchießungen in Chambery, Aleſſandria und Genua. Co lar mi Ni ger ter ein res die einen das dat, rliche Schiff eines chen, das ngels ufre⸗ abge⸗ ider⸗ den eines laubt habe. halb unft. dem rſeille eiterte ingen 45 In Marſeille ſchloß ich mit einem gewiſſen Covi Freundſchaft. Covi führte mich zu Mazzini. Ich hatte entfernt keine Ahnung von der langjährigen Gemeinſamkeit der Grundſätze die mich einſt mit dieſem Manne verbinden würde. Niemand kannte noch den beharrlichen, hartnäcki⸗ gen Denker, der ſich in dem Werk welches er un⸗ ternommen durch Nichts entmuthigen läßt, nicht einmal durch den Undank. Beim Tode Vochieri's hatte Mazzini ein wah⸗ res Kriegsgeſchrei erhoben. Er hatte in das junge Italien geſchrieben: „Italiener! wenn wir unſers Namens würdig bleiben wollen, ſo iſt jetzt der Tag gekommen un⸗ ſer Blut mit dem der piemonteſiſchen Märthrer zu vermiſchen.“ Solche Dinge rief man im Jahre 1833 nicht ungeſtraft in Frankreich. Einige Zeit nachdem ich ihm vorgeſtellt worden und erklärt hatte daß er auf mich zählen dürfe, war Mazzini, der ewig Geächtete, genöthigt worden Frankreich zu ver⸗ laſſen und ſich nach Genf zurückzuziehen. Wirklich ſchien in dieſem Augenblick die repu⸗ blicaniſche Partei in Frankreich gänzlich vernichtet zu ſein. Es war kaum ein Jahr nach dem 5. Juni, einige Monate nach dem Proceß der Kämpfer vom Kloſter Saint⸗Merri.. Mazzini hatte dieſen Augenblick gewählt um einen neuen Verſuch zu wagen. Die Patrioten hatten ſich bereit erklärt, ver⸗ langten aber einen Führer. Man dachte an Ramorino, der noch ganz ſtrahlte von ſeinen Kämpfen in Polen. Mazzini billigte dieſe Wahl nicht; ſein raſt⸗ loſer Denkergeiſt warnte vor dem Blendwerk großer Namen; aber die Mehrheit wollte Namorino, Mazzini gab nach. Nach Genf berufen, nahm Ramorino das Commando der Expeditivn an. In der erſten Beſprechung mit Mazzini wurde beſchloſſen daß zwei republicaniſche Colonnen gegen Piemont zie⸗ hen ſollten, die eine über Savoyen, die andere über Genf. Ramorino erhielt 40,000 Franken um die Koſten der Expedition zu beſtreiten, und reiste mit einem Secretär Mazzini's, welcher den Auf⸗ trag hatte den General zu überwachen, ab*. Alles das geſchah im September 1833. Die Expedition ſollte im October ſtattfinden. Aber Ramorino zog die Sache dermaßen in die Länge daß er erſt im Januar 1834 bereit war, Mazzini hatte trotz aller Zögerungen und Ausflüchte des polniſchen Generals feſt Stand gehalten. Endlich am 31. Januar kam Ramorinv, in Folge einer ernſtlichen Aufforderung Mazzini's, mit zwei andern Generalen und einem Adjutan⸗ ten zu ihm nach Genf. *) Dieſe Ereigniſſe, die auf einem Punkt vor ſich gingen wo Garibaldi nicht war, und hier nur als hiſto⸗ riſche Erklärungen mitgetheilt werden, ſind dem Werke Angelo Brofferio's über Piemont entnommen. lit di R ha ru fol un ganz raſt⸗ roßer rino, das erſten daß t zie⸗ ndere die reiste Auf⸗ nden. en in war. und Stand ii zini's, utan⸗ or ſich hiſto⸗ Werke 47 Die Beſprechung war traurig und von düſtern Vorzeichen getrübt. Mazzini beantragte die mi⸗ litäriſche Beſetzung des Dyrfes Saint⸗Julien, wo die ſavoyiſchen Patrioten und die franzöſiſchen Republicaner die ſich der Bewegung angeſchloſſen hatten zuſammentreffen ſollten. Von da aus ſollte man die Fahne des Auf⸗ ruhrs erheben. Ramorino erklärte ſich einverſtanden. Die bei⸗ den Colonnen ſollten am ſelben Tag aufbrechen: die eine ſollte von Carouge, die andere von Nyon ausmarſchiren; letztere ſollte über den See fahren um ſich auf der Straße von Saint⸗Julien mit der erſten zu vereinigen. Ramorinv behielt das Commando der erſten Colonne; die zweite ſtand unter den Befehlen des Polen Grabsky. Die Genfer Regierung, die ſich einerſeits mit Frankreich, andererſeits mit Piemont zu verfeinden fürchtete, ſah die Bewegung mit ſcheelem Auge. Sie wollte ſich dem Abmarſch der von Ramo⸗ rinv commandirten Colonne von Carouge wider⸗ ſetzen; aber das Volk erhob ſich und die Regie⸗ rung war genöthigt ſie ziehen zu laſſen. Anders ging es der Colonne die von Nyon ausging. Zwei Schiffe ſegelten ab, das eine mit der Mannſchaft, das andere mit den Waffen. Ein Regierungsdampfſchiff das zu ihrer Ver⸗ folgung ausgeſandt wurde, ſequeſtrirte die Waffen und verhaftete die Mannſchaft. Als Ramorino die Colonne die ſich ihm an⸗ ſchließen ſollte nicht kommen ſah, begann er, ſtatt ſeinen Marſch nach Saint⸗Julien fortzuſetzen, ſich am See hinzuziehen. Lange Zeit marſchirte man ohne zu wiſſen wohin; Niemand kannte die Abſichten des Gene⸗ rals; es herrſchte eine grimmige Kälte, die Wege waren abſcheulich. Außer einigen Polen beſtand die Colonne aus italieniſchen Freiwilligen die vor Ungeduld zu fechten brannten, aber ſich durch die Länge und Schwierigkeiten des Weges leicht ermüden ließen. Die italieniſche Fahne kam durch einige arme Dörfer; keine befreundete Stimme begrüßte ſie; man begegnete auf der Straße nur neugierigen oder gleichgiltigen Leuten. Ermattet von ſeinen langen Arbeiten, folgte Mazzini, der die Feder gegen die Flinte vertauſcht hatte, der Colonne. Von einem hitzigen Fieber verzehrt, halbtodt, den Schmerz auf ſeine Stirne geſchrieben, ſchleppte er ſich auf dem rauhen Wege fort. Schon mehrere Male hatte er Ramorino gefragt was ſeine Abſichten ſeien und welchen Weg er einſchlage. Und jedesmal hatten die Antworten des Ge⸗ nerals ihn ſchlecht befriedigt. Man kam nach Carra und blieb daſelbſt um zu übernachten; Mazzini und Ramorinv befanden ſich im gleichen Zimmer. Ramorino ſaß in ſeinen Mantel gehüllt neben lich Tha fähr umh ten; ſank an⸗ ſtatt ſich viſſen ene⸗ Wege aus d zu und eßen. arme ſie; rigen olgte uſcht ieber tirne Wege orino Weg nden teben 49 dem Feuer; Mazzini heftete ſeinen düſtern und argwöhniſchen Blick auf ihn. Auf einmal ſagte er mit ſeiner klangvollen nß welcher das Fieber noch mehr Ausdruck verlieh: — Auf dieſem Weg haben wir keine Hoff⸗ nung mit dem Feind zuſammenzutreffen. Wir müſſen an einen Ort gehen wo wir unſere Pro⸗ ben ablegen können. Wenn der Sieg unmöglich iſt, ſo wollen wir Italien wenigſtens beweiſen daß wir zu ſterben wiſſen. — An Zeit und Gelegenheit um nutzloſen Gefahren Trotz zu bieten wird es uns nie fehlen, antwortete der General, und ich würde es für ein Verbrechen halten die Blüthe der italieniſchen Jugend nutzlos auszuſetzen. — Es gibt keine Religivn ohne Märtyrer, erwiderte Mazzini; gründen wir die unſrige, und müßte es mit unſerem Blute geſchehen. Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen als man Flintenſchüſſe hörte. Ramorino ſprang auf. Mazzini ergriff einen Carabiner, indem er Gott dankte daß er ſie end⸗ lich auf den Feind halte ſtoßen laſſen. Aber dieß war die letzte Anſtrengung ſeiner Thatkraft, das Fieber verzehrte ihn; ſeine Ge⸗ fährten erſchienen ihm, wie ſie ſo in der Nacht umherliefen, als Geſpenſter; ſeine Schläfe ſumm⸗ ten; die Erde drehte ſich unter ſeinen Füßen; er ſank ohnmächtig nieder. Garibaldi. I. Als er wieder zur Beſinnung kam, befand er ſich in der Schweiz, wohin ſeine Gefährten ihn mit großer Mühe zurückgebracht hatten. Das Schießen von Carra war ein blinder Lärm ge⸗ weſen. Ramorino erklärte jetzt Alles für verloren, wei⸗ gerte ſich weiter zu marſchiren und befahl den Rückzug. Während dieſer Zeit brach eine Colonne von hundert Mann, bei welcher ſich eine Anzahl fran⸗ zöſiſcher Republicaner befand, von Grenoble auf und zog über die ſavoyſche Grenze. Aber der franzöſiſche Präfect benachrichtigte die ſardiniſchen Behörden; die Republicaner wur⸗ den in der Nacht unverſehens bei den Grotten von Echelles angegriffen und nach einſtündigem Gefecht zerſtreut. In dieſem Gefecht machten die ſardiniſchen Soldaten zwei Gefangene: Angelv Volontieri und Joſeph Borrel. Nach Chambery gebracht und zum Tode ver⸗ urtheilt, wurden ſie auf demſelben Boden er⸗ ſchoſſen wo noch das Blut von Effico Tolla rauchte. So endete dieſe unglückliche Expeditivn, die man in Frankreich die tolle Geſchichte von Saint⸗ Julien nannte. fini ohr Fre tret für All mic tige ner dieſ ſog aus heit plat nah Stu ſollt Dor auf d er ihn Das ge⸗ wei⸗ den vn fran⸗ e auf htigte wur⸗ rotten digem iſchen i und ver⸗ n er⸗ Tolla , die Saint⸗ VI. Der Gott der guten Leute. Ich hatte bei der Bewegung welche ſtatt⸗ finden ſollte meine Aufgabe erhalten und dieſelbe ohne alle Widerrede angenommen. Ich war als Matroſe erſter Claſſe auf der Fregatte Eurydice in den Staatsdienſt ge⸗ treten. Mein Geſchäft war daſelbſt Proſelyten für die Revolution zu gewinnen, und ich hatte Alles gethan was in meinen Kräften ſtand. Wenn die Bewegung gelang, ſo ſollte ich mich nebſt meinen Genoſſen der Fregatte bemäch⸗ tigen und dieſelbe zur Verfügung der Republica⸗ ner ſtellen. Aber in meinem Feuereifer hatte ich mich zu dieſer Stelle nicht hergeben wollen. Ich hatte ſogar gehört daß in Genua eine Bewegung ausbrechen und daß man ſich bei dieſer Gelegen⸗ heit der Gendarmeriecaſerne auf dem Sarzana⸗ platz bemächtigen ſolle. Ich überließ die Weg⸗ nahme des Schiffes meinen Genoſſen, ſetzte, zur Stunde wo die Bewegung in Genua ſtatthaben ſollte, einen Kahn ins Meer und landete an der Douane. Von da war ich mit zwei Sprüngen guf dem Sarzanaplatz, wo, wie ich bereits geſagt habe, die Caſerne ſtand. Ich wartete ungefähr eine Stunde, aber es bildete ſich keine Zuſammenrottung. Bald hörte man ſagen die Sache ſei geſcheitert, die Republi⸗ caner ſeien entflohen, und man habe bereits Ver⸗ haftungen vorgenommen. Da ich in die ſardiniſche Marine bloß einge⸗ treten war um der republicaniſchen Bewegung zu dienen die man vorbereitete, ſo hielt ich es für unnütz an Bord der Eurydice zurückzukehren, und dachte auf die Flucht. Im Augenblick wo ich ſolche Betrachtungen anſtellte, begannen Truppen den Platz einzu⸗ ſchließen, denn man hatte ohne Zweifel erfahren daß die Republicaner ſich der Gendarmeriecaſerne bemächtigen wollten. Ich begriff daß ich keine Zeit zu verlieren hatte. Ich flüchtete mich zu einer Obſthändlerin und geſtand ihr meine Lage. Die treffliche Frau beſann ſich nicht lange: ſie verſteckte mich in ihrem Hintergebäude, ver⸗ ſchaffte mir Bauernkleider, und Abends gegen acht Uhr ging ich im Spazierſchritt durch das Laternenthor zu Genua hinaus, um ſomit dieſes Leben des Exils, des Kampfes und der Verfolgung zu beginnen das ich höchſt wahrſcheinlich noch nicht abgeſchloſſen habe. Ohne einen beſtimmten Weg einzuſchlagen, ſchritt ich nach dem Gebirge zu. Ich mußte durch eine Menge Gärten, über eine Menge Mauern hinweg. Glücklicher Weiſe war ich mit ſolchen gymnaſtiſchen Uebungen vertraut, und nach einer Stunde befand ich mich außerhalb des letzten Gartens, über der letzten Mauer. fan feh bli⸗ Ver⸗ ine⸗ ng zu s für hren ungen einzu⸗ ahren aſerne rlieren dlerin lange: „ver⸗ gegen das dieſes un noch lagen, durch kauern ſolchen einet letzten 53 Ich ſchlug die Richtung von Caſſiopea ein und gelangte in die Berge von Seſtri. Nach zehn Tagen oder vielmehr nach zehn Nächten kam ich nach Nizza. Dort ging ich geraden Wegs in das Haus meiner Tante auf dem Victvriaplatz und bat ſie meine Mutter vorzubereiten, damit ſie nicht allzuſehr erſchrecke. Ich ruhte einen Tag aus und machte mich dann in der folgenden Nacht von Neuem auf den Weg, begleitet von zwei Freunden, Joſeph Jaun und Angelo Guſtavini. Als wir an den Var kamen, fanden wir ihn von langem Regen angeſchwellt; aber für einen Schwimmer wie ich war dieß kein Hinderniß. Ich kam halb gehend, halb ſchwimmend hinüber⸗ Meine zwei Freunde waren auf der andern Seite des Fluſſes geblieben. Ich nickte ihnen ein Lebewohl zu. Ich war gerettet, aber nicht außer Gefahr, wie wir ſogleich ſehen werden. Voll Zuverſicht ging ich auf ein Zollhaus zu. Ich ſagte den Soldaten wer ich ſei und warum ich Genua verlaſſen habe. Die Zollwächter erklärten mir ich ſei ihr Ge⸗ fangener bis auf weitern Befehl, und dieſen Be⸗ fehl müßten ſie in Paris einholen. Da ich dachte ich würde bald eine Gelegen⸗ heit zum Entwiſchen finden, ſo leiſtete ich keinen Widerſtand. Ich ließ mich nach Graſſe führen und von da nach Draguignan. In Draguignan brachte man mich in ein Zimmer im erſten Stock, deſſen offenes Fenſter auf einen Garten ging. Ich näherte mich dem Fenſter als wollte ich die Gegend betrachten; vom Fenſter auf den Boden waren es bloß ungefähr fünfzehn Fuß. Ich ſprang hinaus, und während die Zollwächter, weniger flink oder mehr um ihre Beine beſorgt als ich, den langen Weg über die Treppe mach⸗ ten, erreichte ich die Straße und warf mich von da aus ins Gebirge. Ich kannte die Route nicht, aber ich war See⸗ mann. Wenn die Erde mich im Stich ließ, ſo blieb mir der Himmel, dieſes große Buch worin ich meinen Weg zu leſen gewöhnt war. Ich vrientirte mich mit Hilfe der Sterne und ging Marſeille zu. Am folgenden Abend kam ich in ein Dorf deſſen Namen ich nicht erfahren habe, da ich andere Dinge zu thun hatte als darnach zu fragen. Ich trat in ein Wirthshaus. Ein junger Mann und eine junge Frau wärmten ſich in der Nähe des Tiſches, der zum Abendeſſen ge⸗ deckt war. Ich verlangte Etwas zu eſſen; ſeit geſtern hatte ich Nichts genoſſen. Der Wirth machte mir jetzt den Vorſchlag mich an den Tiſch zu ſetzen und mit ihm und ſeiner Frau zu ſpeiſen. Ich nahm es an. Das Mahl war gut, der Landwein angenehn, nic the ge ha ſei ein enſter e ich den Fuß. chter, ſorgt nach⸗ von See⸗ ſo vorin ging Dorf ich h zu unger ch in ge⸗ eſtern ſchlag und nehm, 55 das Feuer brannte luſtig. Ich hatte einen jener Augenblicke des Wohlbehagens wie ſie ſich nach einer überſtandenen Gefahr einſtellen, wenn man Nichts mehr fürchten zu müſſen glaubt. Mein Wirth wünſchte mir Glück zu meinem guten Appetit und zu meinem fröhlichen Geſichte. Ich ſagte ihm, über meinen Appetit brauche er ſich nicht zu wundern, denn ich habe ſeit acht⸗ zehn Stunden Nichts gegeſſen. Was mein fröh⸗ liches Geſicht betreffe, ſo laſſe es ſich nicht minder einfach erklären; ich ſei in meinem Lande wahr⸗ ſcheinlich dem Tode, in Frankreich dem Gefängniſſe entronnen. Nachdem ich ſo weit herausgerückt war, konnte ich aus dem Uebrigen kein Geheimniß mehr machen. — Mein Wirth ſah ſo bieder, ſeine Frau ſo gut⸗ herzig aus, daß ich ihnen Alles erzählte. Jetzt ſah ich zu meinem großen Erſtaunen das Geſicht des Mannes ſich verdüſtern. — Ei wie, was haben Sie denn? fragte ich ihn. — Nach dem Geſtändniß das Sie mir ſo eben abgelegt, antwortete er, glaube ich mich durch mein Gewiſſen verpflichtet Sie zu verhaften. Ich begann zu lachen, denn ich wollte mir nicht den Anſchein geben als ob ich dieſe Mit⸗ theilung ernſtlich nähme. Ueberdieß gab es, einer gegen einen, keinen Menſchen auf der Welt den ich gefürchtet hätte. — Ah ſo, ſagte ich, Sie wollen mich alſo ver⸗ haften? Dazu wird es beim Deſſert früh genug ſein. Laſſen Sie mich mein Nachteſſen vollenden 56 — ich wills Ihnen doppelt bezahlen— ich habe noch Hunger. Und ich aß weiter ohne mir die mindeſte U⸗ ruhe anſehen zu laſſen. Aber bald bemerkte ich daß mein Wirth, wenn er zur Ausführung ſeines geäußerten Vorhabens Helfershelfer brauchte, um ſolche nicht in Verlegen⸗ heit kam. Sein Haus war der Sammelplatz der Dorf⸗ jugend: jeden Abend kam man dahin um zu trinken, zu rauchen, nach Neuigkeiten zu fragen und zu kannegießern. Die gewohnte Geſellſchaft ſtellte ſich allmählig ein, und bald waren etwa zehn junge Leute im Wirthshaus beiſammen. Sie ſpielten Karten, tranken, ſangen. Der Wirth ſprach nicht mehr vom Verhaften, gleichwohl verlor er mich nicht aus dem Auge. Allerdings hatte ich nicht das geringſte Päck⸗ chen bei mir und meine Garderobe konnte nicht für meine Zeche gutſtehen. Ich beſaß einige Thaler in meiner Taſche und ließ ſie klingeln. Dieß Getöne ſchien den Wirth ein wenig zu beruhigen. Als einer der Trinker mitten unter lautem Bravogeſchrei ein Lied vollendet hatte, wählte ich meinen Augenblick, nahm ein Glas in die Hand und rief: — Laßt mich auch eins ſingen! Und ich begann den Gott der guten Leute anzuſtimmen. d———— ſc0— c———„— — 3) 20 hae te Un⸗ wenn abens legen⸗ Dorf⸗ um zu fragen nählig ute im arten, aften, Auge. Päck⸗ nicht e n Wirth autem lte ich Hand uten 57 Hätte ich keinen andern Beruf gehabt, ſo hätte ich Sänger werden können; ich beſitze einen Tenor der bei gehöriger Ausbildung einen gewiſſen Umfang erreicht hätte. Die Verſe Berangers, die Gemüthlichkeit wo⸗ mit ich ſie ſang, der brüderliche Geiſt des Refrains, die Popularität des Dichters, Alles das riß die Zuhörer ſammt und ſonders hin. Ich mußte zwei oder drei Verſe wiederholen, beim letzten fielen ſie mir um den Hals und riefen: Es lebe Beranger! es lebe Frankreich! es lebe Italien! Nach einem ſolchen Erfolg konnte von einer Verhaftung nicht mehr die Rede ſein; mein Wirth ließ kein Wort mehr davon verlauten, und ich habe nie erfahren ob er im Ernſt geſprochen oder bloß einen Spaß hatte machen wollen. Man ſang, ſpielte und trank die ganze Nacht hindurch; bei Tagesanbruch erbot ſich dann die ganze luſtige Bande mir das Geleit zu geben, eine Ehre die ich natürlich annahm; wir trennten uns erſt nach einem Marſch von mehreren Stunden. Beranger hat freilich nie erfahren welchen Dienſt er mir geleiſtet. VII. Ich trete in den Dienſt der Republik iv Grande. Ich kam ohne Unfall in Marſeille an, ungefähr zwanzig Tage nachdem ich Genua verlaſſen hatte. 58 Ich täuſche mich, es war mir ein Unfall zu⸗ geſtoßen, den ich im Peuple ſouverain las. Ich war zum Tode verurtheilt. Es war das erſtemal daß ich die Ehre hatte meinen Namen in einem Journal gedruckt zu ehen. 6 Da es nun gefährlich war ihn zu behalten, ſo vertauſchte ich ihn gegen den Namen Pane. Ich blieb einige Zeit beſchäftigungslos in Marſeille und machte allen Gebrauch von der Gaſtfreundſchaft eines Freundes, Namens Joſeph Paris. Endlich gelang es mir eine Anſtellung als zweiter Commandant am Bord der Union, Ca⸗ pitän Gazan, zu finden. Am folgenden Sonntag, als ich gegen fünf Uhr Abends mit dem Capitän am hintern Fenſter ſtand, beobachtete ich unterhalb dem Quai St. Anne einen Gymnaſiſten der zum Zeitvertreib aus einem Nachen in den andern ſprang, aber auf einmal einen Fehltritt that. Er ſtieß einen Schrei aus und fiel ins Meer. Ich war in voller Sonntagsuniform; aber als ich das Geſchrei des Jungen hörte und ihn verſchwinden ſah, ſprang ich geſtiefelt und geſpornt ins Waſſer. Zweimal tauchte ich vergebens unter; erſt das drittemal hatte ich das Glück meinen Gymnaſiſten unter dem Arm zu faſſen und auf die Oberfläche zurückzubringen. Als er einmal oben war, koſtete es mich wenig Mühe mehr ihn aufs Quai zu bringen eine ⸗ las. hatte t zu lten, e. in der ſeph als Ca⸗ fünf nſter St. treib aber Reer. aber ihn ornt nter; einen auf venig eine 59 ungeheure Volksmenge hatte ſich bereits verſam⸗ melt und empfing mich mit Jubel und Bravo⸗ geſchrei. Es war ein junger Menſch von vierzehn Jahren, Namens Joſeph Rambaud. Die Freudenthränen und Segnungen ſeiner Mutter belohnten mich reichlich für das Bad das ich genommen hatte. Da ich damals den Namen Joſeph Pane führte, ſo iſt es wahrſcheinlich daß er, wenn er überhaupt noch lebt, den wahren Namen ſeines Retters nie erfahren hat.. Ich machte am Bord der Union meine dritte Reiſe nach Odeſſa, und bei meiner Rückkehr ſchiffte ich mich auf einer Fregatte des Bey von Tunis ein. Ich verließ dieſelbe im Hafen von Goulette, kehrte dann mit einer türkiſchen Brigg zurück und traf Marſeille ungefähr in demſelben Zuſtand wie Herr von Belzunce zur Zeit des ſchwarzen Todes im Jahr 1720. Die Cholera hatte ſich mit erneuter Wuth eingeſtellt. Mit Ausnahme der Aerzte und der barmher⸗ zigen Schweſtern war Alles nach den Landhäuſern entflohen. Die Stadt glich einem ungeheuern Kirchhof. Die Aerzte verlangten Freiwillige zum Spital⸗ dienſt. Ich erbot mich dazu nebſt einem Trieſter, der mit mir aus Tunis zurückkam. Wir nahmen unſere Wohnung im Spital und theilten uns in die Nachtwachen. 60 Dieſer Dienſt währte vierzehn Tage. Da inzwiſchen die Cholera nachließ und ich eine Anſtellung fand die mir Gelegenheit ſ neue Länder zu ſehen, ſo engagirte ich mich als zweiter Commandant auf der Brigg Nautonnier von Nantes, Capitän Beauregard, auf der Abfahrt nach Rio Janeiro begriffen. Viele meiner Freunde haben mir geſagt ich ſei vor allen Dingen ein Dichter. Wenn nur derjenige ein Dichter iſt der eine Flias oder eine göttliche Comb die, Lamar⸗ tineſche Betrachtungen oder Hrientalen wie Victor Hugo hevorzubringen vermag, dann bin ich keiner; aber wenn man auch denjenigen ſo nennen kann der ganze Stunden lang in den azurblauen tiefen Waſſern nach den Geheimniſſen der unterſeeiſchen Vegetation forſcht, der im Ange⸗ ſicht der Bucht von Riv Janeiro, Neapel oder Conſtantinopel in Entzücken verſinkt, der mitten im Kugelregen von Sohneszärtlichkeit, von Kindheits⸗ erinnerungen oder Fugendliebe träumt, ohne zu bedenken daß dieſer Traum mit einem zerſchmet⸗ terten Kopf oder einem weggeriſſenen Arm endigen kann, dann bin ich ein Dichter. Im letzten Kriege zog ich einmal todesmüde, denn ich hatte ſeit zwei Nächten nicht geſchlafen und war ſeit zwei Tagen kaum vom Pferde ge⸗ kommen, mit meinen vierzig Berſaglieri, meinen vierzig Reitern und etwa tauſend nicht gerade aufs beſte bewaffneten Fußgängern, hart neben Urban und ſeinen 12000 Mann hin. Ich hatte mit ich affte als ier ahrt h ſei eine rar⸗ len ann igen den ſſen nge⸗ oder im its⸗ zu net⸗ gen ide, fen ge⸗ nen ufs n 61 dem Oberſt Türr und fünf oder ſechs Mann einen kleinen Fußpfad auf der andern Seite des Orfanv⸗ berges eingeſchlagen. Auf einmal vergaß ich Er⸗ müdung und Gefahren und machte Halt um einer Nachtigall zuzuhören. Es war eine Mondſcheinnacht und herrliches Wetter; der Vogel betete ſeinen Roſenkranz von harmoniſchen Tönen in den Wind, und als ich dieſen kleinen Freund meiner jungen Jahre hörte, da war es mir als fühlte ich einen wohlthätigen, neubelebenden Thau auf mich herabregnen. Meine Begleiter glaubten ich ſei entweder über den ein⸗ zuſchlagenden Weg nicht ganz klar, oder ich höre fernen Kanonendonner oder auch Pferdegetrappel auf der Hauptſtraſſe. Aber nein, ich belauſchte die Nachtigall, die ich ſeit beinahe zehn Jahren nicht fingen gehört hatte, und meine Verzückung währte nicht bloß bis meine Umgebung mir zwei⸗ oder dreimal wiederholt hatte:„General, der Feind iſt da!“ ſondern bis der Feind ſelbſt durch Schüſſe ſich angekündigt und die nächtliche Zau⸗ berin verſcheucht hatte. So, als ich nach langer Fahrt an den Granit⸗ felſen hin, welche den Hafen ſo vollſtändig allen Blicken entziehen, daß die Indianer in ihrer ausdrucksvollen Sprache ihn Nelhero hy, d. h⸗ verborgenes Waſſer, genannt haben; nach Zurück⸗ legung des Fahrwaſſers das in eine ſeeartig ruhige Bucht führt; auf dem weſtlichen Ufer dieſer Bucht, die vom Pav d'Anucar, einem ungeheuren kegelartigen Felſen der den Schiffen nicht als 62 Leuchtthurm, ſondern als Abſteckpfahl dient, be⸗ herrſchte Stadt ſich erheben ſah; als ich um mich her dieſe üppige Natur prangen ſah von welcher Afrika und Aſten mir nur einen ſchwachen Be⸗ griff hatten geben können, da war ich wahrhaft ent⸗ zückt von dem Schauſpiel das ſich vor mir entrollte. Bald nach meiner Ankunft im Hafen von Rio Janeiro führte mir mein guter Stern das ſeltenſte Ding das es in der Welt gibt, einen Freund, zu. Dieſen brauchte ich nicht zu ſuchen, wir brauch⸗ ten uns nicht zu ſtudiren, um uns zu kennen; wir kreuzten uns, wir wechſelten einen Blick und Alles war geſagt; nach einem Lächeln, nach einem Händedruck waren wir, Roſſetti und ich, Freunde auf Tod und Leben. Ich werde ſpäter Gelegenheit haben ausführ⸗ licher von dieſer auserwählten Seele zu ſprechen; und dennoch werde ich ſein Freund, ich ſein Bru⸗ der, ich ſo lange Zeit ſein Unzertrennlicher, viel⸗ leicht ſterben, ohne daß mir die Freude zu Theil wird ein Kreuz auf den unbekannten Punkt der amerikaniſchen Erde zu pflanzen wo die Gebeine dieſes edeln, heldenherzigen Mannes ruhen. Nachdem wir, Roſſetti und ich, einige Monate in Müſſiggang zugebracht— Müſſiggang nenne ich einen Handel für welchen keiner von uns beiden geſchaffen war— brachte uns der Zufall in Verbindung mit Zambecarri, Secretär des Bento Gonzalés, Präfidenten der Republik Rio Grande, die mit Braſilien im Kriege lag. Beide waren Kriegsgefangene in Santa Eruz, mich cher Be⸗ ent⸗ llte. Rio enſte „zu. uch⸗ nen; und inem unde ühr⸗ hen; Bru⸗ viel⸗ heil der eine nate ang von der etär blik lag. 63 einer Feſtung die ſich rechts am Eingang des Hafens erhebt und von wo aus man die Schiffe anruft. Zambecarri, beiläufig geſagt der Sohn des berühmten Luftſchiffers der auf einer Reiſe nach Syrien verloren ging und von dem man nie wieder Etwas gehört hat, machte mich mit dem Präſidenten bekannt, der mir Caperbriefe gegen Braſilien ausſtellte. Nach einiger Zeit entflohen Gonzalès und Zambecarri ſchwimmend und kamen glücklich nach Rio Grande zurück. VII. Corſar. Wir rüſteten den Mazzini, ein kleines Schiff von etwa 30 Tonnen auf welchem wir Küſten⸗ handel trieben, kriegsmäßig aus und ſtachen mit ſechszehn Abenteuergenoſſen in die See. Wir waren alſo frei, wir ſchifften alſo unter einer re⸗ publicaniſchen Flagge, wir waren alſo Corſaren. Mit ſechszehn Mann Schiffsvolk und einer Barke erklärten wir einem Kaiſerreich den Krieg. Als ich auſſer dem Hafen war, ſteuerte ich geradewegs gegen die Maricainſeln, die fünf bis ſechs Meilen von der Mündung der Rhede liegen, indem ich mich links hielt; unſere Waffen und unſere Munition lagen unter geräuchertem Fleiſch verborgen, bei dem Manioc, der einzigen Nah⸗ rung der Neger. Ich fuhr auf die größte dieſer Inſeln zu, die einen Ankerplatz beſitzt; ich warf da Anker, ſprang ans Land und erkletterte den höchſten Punct. Dort ſtreckte ich mit einem Gefühl ſtolzen Wohlbehagens beide Arme aus und that einen Schrei wie der Adler wenn er hoch oben in den Lüften ſchwebt. Der Ocean gehörte mir und ich nahm Beſitz von meinem Reiche. An Gelegenheit meine Macht darin zu üben fehlte es nicht lange. Während ich wie ein Meervogel hoch oben auf meiner Warte ſaß, bemerkte ich eine Gölette die unter braſilianiſcher Flagge ſchiffte. Ich gab ein Zeichen daß man Alles vorbe⸗ reiten ſolle um wieder in die See zu ſtechen und ſtieg ans Ufer hinab. Wir fuhren gerade auf die Gblette los, die keine Ahnung davon hatte daß ſie zwei oder drei Meilen vom Fahrwaſſer von Rio Janeiro eine ſolche Gefahr laufen könnte. Als wir näher kamen, gaben wir uns zu er⸗ kennen und forderten ſie zur Uebergabe auf; ſie leiſtete, dieſe Gerechtigkeit muß ich ihr widerfahren laſſen, keinen Widerſtand. Wir ſtiegen an Bord und bemächtigten uns ihrer. Jetzt ſah ich einen armen Teufel von portu⸗ gieſiſchem Paſſagier mit einem Käſtchen in der Hand auf mich zukommen. Er bffnete es: es war voll von Diamanten; er bot es mir als Löſegeld für ſein Leben. ihn in bef Ha Leb ver Cp: reic rech ung mit wol gut deſſ gem wel pil kom lien Sü in d nan uns warf den lzen inen den Beſitz üben oben lette orbe⸗ und die drei eine er⸗ ſie hren Bord ortu⸗ der war egeld 65 Ich ſchlug den Deckel wieder zu und gab es ihm zurück, mit dem Bemerken, ſein Leben ſtehe in keiner Gefahr, und er könne folglich ſeine Dia⸗ manten für eine beſſere Gelegenheit aufſparen. Nur hatten wir keine Zeit zu verlieren; wir befanden uns gewiſſermaſſen unter dem Feuer der Hafenbatterien. Wir ſchafften die Waffen und Lebensmittel vom Mazzini auf die Gölette und verſenkten den Mazzini, der, wie man ſieht, als Corſar ein glorreiches, aber kurzes Daſein hatte. Die Gblette gehörte einem reichen Oeſter⸗ reicher der die Inſel Grande bewohnte, welche rechts wenn man über den Hafen hinauskömmt, ungefähr 15 Meilen vom Lande liegt. Sie war mit Cafe beladen den er nach Europa ſchicken wollte. Das Schiff war alſo für mich doppelt eine gute Priſe, da es einem Oeſterreicher gehörte, deſſen Landsleuten ich ſchon in Europa nicht hold geweſen, und einem Kaufmann aus Braſilien, mit welchem ich in Amerika Krieg führte. Ich gab der Gölette den Namen Scarrv⸗ pilla, was von Farrapos(Lumpenvolk) her⸗ kommt, ein Name welchen das Kaiſerreich Braſi⸗ lien den Bewohnern der jungen Republiken Südamerika's gab, wie Philipp iI. die Empörer in den Niederlanden Land⸗ und Meerlumpen nannte. Bisher hatte die Gölette Luiſe geheißen. Im Uebrigen paßte der Name recht gut für uns. Nicht alle meine Gefährten waren Roſſetti, Garibaldi. I. 5 und ich muß geſtehen daß das Ausſehen vieler von ihnen nichts weniger als beruhigend war; dieß erklärt die ſchleunige Uebergabe der Gölette und die Angſt des Portugieſen der mir ſeine Dia⸗ manten anbot. Uebrigens hatten über die ganze Zeit wo ich das Corſarenhandwerk trieb, meine Leute Befehl das Leben, die Ehre und die Habe der Paſſagiere zu reſpectiten. ich wollte ſagen bei Todes⸗ ſtrafe; aber dieſer Zuſatz iſt unnöthig, denn da nie Jemand gegen meine Befehle gefrevelt hat, ſo hatte ich nie Jemand zu beſtrafen. Sobald die erſten Einrichtungen am Bord getrof⸗ fen waren, ſteuerten wir nach Riv de la Plata, und um durch ein Beiſpiel zu zeigen welchen Reſpect ich in Zukunft für Leben, Freiheit und Beſitz unſerer Gefangenen verlange, ließ ich, auf der Höhe der St. Catharineninſel, etwas oberhalb des Caps Ita⸗ pocoroya angelangt, die Jolle des gecaperten Schiffes ins Meer ſetzen, gab den Paſſagieren all ihr Eigenthum mit, verſorgte ſie mit Lebensmitteln, ſchenkte ihnen die Jolle und ließ ſie weiter ziehen wohin ſie wollten. Fünf Neger die am Bord der Gblette als Sclaven waren und denen ich die Freiheit ſchenkte, traten bei mir als Matroſen ein; hierauf ſetzten wir unſere Fahrt nach Rio de la Plata fort. Wir ankerten bei Maldonato, einer Stadt der öſtlichen Republik Uruguay. Dort wurden wir von der Bevölkerung und ſogar von den Be⸗ hörden vortrefflich empfangen, ſo daß wir uns kot eler ar; lette Dia⸗ ich fehl iere des⸗ da hat, trof⸗ und ſpect ſerer rSt Ita⸗ erten nall teln, ehen als nkte, etzten Stadt urden Be⸗ 67 alles mögliche Gute davon verſprachen. Roſſetti fuhr daher ganz ruhig nach Montevidev ab um daſelbſt einen Theil unſerer Ladung zu verſilbern. Wir blieben in Maldonato— das heißt am Eingang dieſes prächtigen Fluſſes der bei ſeiner Mündung dreißig Meilen breit iſt— acht Tage lang unter beſtändigen Feſtlichkeiten die beinahe ein tragiſches Ende genommen hätten. Oribe, der in ſeiner Eigenſchaft als Oberhaupt der Re⸗ publik Montevidev die andern Republiken nicht anerkannte, gab dem politiſchen Chef von Mal⸗ dynato Befehl mich zu verhaften und ſich meiner Gblette zu bemächtigen. Glücklicherweiſe war der politiſche Chef von Maldonato ein braver Mann: ſtatt den erhaltenen Befehl auszuführen, was bei meiner Argloſigkeit nicht ſchwer geweſen wäre, ließ er mir bedeuten ich möchte ſo ſchnell als möglich meinen Ankergrund verlaſſen und an meinen Be⸗ ſtimmungsort, wenn ich einen hätte, abreiſen. Ich verpflichtete mich noch am ſelben Abend abzufahren, aber ich hatte ebenfalls zuvor eine kleine Rechnung ins Reine zu bringen. Ich hatte an einen Kaufmann in Maldonato einige Ballen Cafe von unſerer Ladung, ſo wie einige meinem Oeſterreicher gehbrenden Bijou⸗ teriewaaren verkauft, um dafür Lebensmittel an⸗ zuſchaffen. Ob nun mein Käufer ein ſchlechter Zahler war oder ob er gehört hatte daß ich Ge⸗ fahr lief verhaftet zu werden, kurz es war mir bisher unmöglich geweſen zu meinem Geld zu kommen; da ich nun am Abend abreiſen mußte, 68 ſo hatte ich keine Zeit zu verlieren, und es war durchaus nothwendig mich vor meiner Abfahrt aus Maldonato bezahlt zu machen, weil mir dieß während meiner Abweſenheit weit ſchwerer ge⸗ worden wäre. Demgemäß befahl ich gegen neun Uhr Abends“ aufzuhiſſen, dann ſteckte ich Piſtolen in meinen Gürtel, warf den Mantel über meine Schultern und ſchritt ruhig nach dem Hauſe meines Kauf⸗ manns zu. Es war ein prächtiger Mondſchein, ſo daß ich ſchon von Weitem meinen Mann auf ſeiner Thür⸗ ſchwelle erblickte wo er Luft ſchöpfte; er ſah mich ebenfalls, erkannte mich und winkte mir mit der Hand ich ſolle mich entfernen, denn ich laufe Gefahr. Ich that als ob ich Nichts ſähe, ging gerade auf ihn zu, ſezte ihm ſtatt aller Erklärung ein Piſtol an die Kehle und ſagte zu ihm: — Mein Geld! Er wollte ſich auf eine Erklärung einlaſſen; aber als ich ihm zum drittenmal die Worte; mein Geld! wiederholt hatte, da bat er mich einzutre⸗ ten und zählte mir die zweitauſend Patagonier die er mir ſchuldete auf den Tiſch. Ich ſteckte mein Piſtol wieder in den Gürtel, nahm meinen Sack unter den Arm und kehrte nach der Gölette zurück ohne im Mindeſten beun⸗ ruhigt worden zu ſein. Abends elf Uhr lichteten wir den Anker um den Plata hinaufzufahren. 4 zu 69 IX. La Plata. Bei Tagesanbruch befand ich mich zu meinem großen Erſtaunen mitten unter den Klippen von Piedras⸗Negras. Wie hatte ich mich in eine ſolche Lage ver⸗ irrt, während ich doch keine Minute geſchlafen, ſonders unaufhörlich die Küſte im Auge behalten, zugleich aber in dieſer nach dem Monduntergang wieder düſter gewordenen Nacht beſtändig den Compaß beobachtet und mich nach ſeinen Anzeigen gerichtet hatte? Es war nicht der Augenblick dieſe Frage an mich zu ſtellen; die Gefahr war unermeßlich: wir hatten Klippen am Backbord und am Steuerbord, vorn und hinten, das Verdeck war buchſtäblich mit Schaum bedeckt; ich ſprang auf die Fockſegel⸗ ſtange und befahl am Backbord anzuluven; wäh⸗ rend die Mannſchaft dieß ausführte, riß der Wind unſere kleine Marsſtange weg. Inzwiſchen beherrſchte ich von meinem Platz aus Schiff und Klippen, ſo daß ich den Weg an⸗ zeigen konnte auf welchen ich die Gblette zu füh⸗ ren hatte; ſie ihrerſeits wurde, als wäre Leben in ſie gefahren und als ahnte ſie die Gefahr worin ſie ſchwebte, ſo folgſam gegen das Steuer⸗ ruder wie ein Pferd gegen den Zügel; endlich nachdem wir eine Stunde lang zwiſchen Leben und Tod geſchwebt, ſo daß ich die älkeſten Ma⸗ 70 troſen erbleichen und die ungläubigſten beten ſah, befanden wir uns außer Gefahr. Sobald ich wieder athmen konnte, wollte ich mir über die Urſachen Licht verſchaffen die mich mitten unter dieſe furchtbaren, den Schiffern ſo wohlbekannten, auf den Karten ſo genau ange⸗ zeigten Klippen geführt hatten, von denen ich mich drei Meilen entfernt glaubte, während ich mich mitten unter ihnen befand. Ich betrachtete den Compaß: er lief noch im⸗ mer umher; wenn ich ihm gefolgt wäre, ſo wäre ich gerade auf die Küſte gefahren. Endlich erklärte ſich mir Alles. Im Augenblick wo ich die Gölette verließ um bei meinem Cafekäufer meine zweitauſend Pata⸗ gonier zu holen, hatte ich Befehl ertheilt für den Fall eines Angriffs die Säbel und Flinten auf das Verdeck zu ſchaffen; der Befehl war vollzogen worden, und man hatte die Waffen in einer Ca⸗ zunächſt bei dem Compaßhäuschen nieder⸗ gelegt. Dieſe Maſſe Eiſen hatte die Magnetnadel an ſich gezogen. Man nahm die Waffen weg und der Compaß bekam ſeine normale Richtung wieder. Wir fuhren weiter und kamen nach Jeſus Maria, das auf der andern Seite von Monte⸗ videv liegt, ungefähr in derſelben Entfernung wie Maldonatv. Hier nichts Neues, außer daß unſere Lebens⸗ mittel ausgingen, da wir vor unſerer Abfahrt keine Zeit gehabt hatten uns zu verproviantiren⸗ N li ſo A ſah, ich mich n ſo nge⸗ mich mich im⸗ väre um ata⸗ den auf ogen der⸗ l an und eder. eſus nte⸗ wie 71 Nun war nach dem gegebenen Befehl keine Mög⸗ ligkeit des Landens vorhanden, und gleichwohl ſollte der Hunger von zwölf Burſchen die guten Appetit beſaßen befriedigt werden. Ich befahl zu laviren, aber ohne uns von der Küſte zu entfernen. Eines Morgens entdeckte ich, ungefähr vier Meilen weit vom Land, ein Haus das ich für eine Farm hielt. Ich befahl ſo nahe als möglich am Land zu ankern, und da ich keinen Nachen mehr hatte, nachdem ich den meinigen, wie bereits erzählt, den bei der St. Catharineninſel gelan⸗ deten Leuten geſchenkt, ſo organiſirte ich mit einem Tiſch und einigen Fäſſern einen Floß und wagte mich, mit einem Bovotshaken ausgerüſtet, auf die⸗ ſes Fahrzeug neuer Art. Mein einziger Begleiter war ein Matroſe der gleich mir Garibaldi hieß ohne mit mir verwandt zu ſein; ſein Vorname war Moriz. Das Schiff lag vor zwei Ankern, da von den Pampas her ein ſehr heftiger Wind wehte. So waren wir denn mitten unter die Klippen geſchleudert, nicht ſchiffend, ſondern auf dem Tiſch herum uns drehend und wendend und jeden Augenblick in Gefahr umzuſchlagen. Endlich, nach⸗ dem wir Wunder von Equilibriſtik ausgeführt, wurden wir glücklich ans Ufer geworfen; ich ließ Moriz bei unſerm Floße zurück und wagte mich ins Innere des Landes. 72 X. Die vrientaliſchen Ebenen. Das Schauſpiel das ſich jezt meinem Blicke darbot und über welches mein Auge zum erſten⸗ mal hinſchweifte, erfordert zu einer würdigen und erſchöpfenden Beſchreibung das Zuſammenwirken einer Poetenfeder und eines Malerpinſels. Ich ſah, gleich den Wellen eines feſt gewordenen Meeres, die unermeßlichen Horizonte der vrienta⸗ liſchen Ebenen vor mir wogen, ſo genannt weil ſie auf der Oſtküſte des Uruguayfluſſes liegen, der ſich im Angeſicht von Buenos Ayres und ober⸗ halb Colonia in den Riv de la Plata ergießt. Es war, das ſchwöre ich, ein höchſt neuer An⸗ blick für einen Menſchen der von der andern Seite der Atlantis kam, und beſonders für einen Italiener, der auf einem Boden geboren und auf⸗ gewachſen iſt wo man nur ſelten einige Morgen Land ohne ein Haus oder irgend ein Werk der Menſchenhand findet. Hier dagegen Nichts als das Werk Gottes; ſo iſt die Erde am Schöpfungstag aus den Hän⸗ den des Herrn hervorgegangen, ſo iſt ſie noch heute. Es iſt eine ungeheure, unermeßliche, un⸗ durchſchreitbare Prairie; ſie gleicht einem ſtellen⸗ weiſe gebuckelten grünen Blumenteppich und ver⸗ ändert ſich nur an den Ufern des Arrogafluſſes, wo allerliebſte Baumgruppen mit üppigem Blät⸗ terwerk ſich erheben und im Winde wiegen. licke ſten⸗ und rken Ich enen nta⸗ weil der ber⸗ eßt. An⸗ ern nen gen der es; än⸗ un⸗ en⸗ er⸗ es, ät⸗ 73 Pferde, Ochſen, Gazellen, Strauße ſind, in Ermanglung menſchlicher Geſchöpfe, die Bewoh⸗ ner dieſer unüberſehbaren Einöden durch welche bloß der Gaucho, dieſer Centaur der neuen Welt, einherzieht, gleichſam um den ganzen Trupp der wilden Thiere nicht vergeſſen zu laſſen daß Gott ihnen einen Herrn gegeben hat... Aber dieſer Herr, mit welchem Auge ſehen die Stiere, die Hengſte, die Strauße, die Gazellen ihn heran⸗ kommen! Es iſt als wollte jedes am lauteſten gegen ſein angebliches Herrſcherrecht proteſtiren: der Hengſt durch ſein Gewieher, der Stier durch ſein Gebrülle, der Strauß und die Gazelle durch ihre Flucht. Und dieſer Anblick warf mich im Geiſt nach dem Lande zurück wo ich geboren war, wo die Menſchen, dieſe nach dem Bilde Gottes geſchaf⸗ fenen Weſen, wenn ihr bſterreichiſcher Unterdrücker vorübergeht, ihn begrüßen und ſich krümmen, weil ſie es nicht wagen dieſelben Zeichen von Unabhän⸗ gigkeit zu geben wie die wilden Thiere der Pam⸗ pas beim Anblick des Gaucho. Allmächtiger, heiliger Gott, wie lange noch wirſt Du eine ſo tiefe Erniedrigung deines Ge⸗ ſchöpfes geſtatten? Aber laſſen wir dieſe traurige, verzweiflungs⸗ volle alte Welt und kehren wir zur neuen Welt zurück, die ſo jung, ſo voll von Zukunft und Hoffnung iſt. Wie ſchön er iſt, der Hengſt der vrientaliſchen Ebenen, mit ſeinen geſpannten Hälſen, mit ſeinen 74 dampfenden Nüſtern, ſeinen bebenden Lippen welche niemals die kalte Berührung des Stahls verſpürt haben! Wie frei unter den Schlägen ſeiner Mähne und ſeines Schweifes ſeine Flanken wogen die nie⸗ mals von einem Knie gedrückt oder von einem Sporn blutig geſtochen worden! Wie ſtolz er iſt, wenn er durch ſein Gewieher ſeine Horde von zerſtreuten Stuten herbeizieht und, ein wahrer Sultan der Wüſte, auf ſeiner Flucht vor der be⸗ herrſchenden Erſcheinung des Menſchen ſie alle mit Schnelligkeit eines Wirbelwindes mit ſich fort⸗ reißt! OHerrlichkeiten der Natur! Wunder der Schöpf⸗ ung! Wie die Gemüthsbewegung ſchildern die dieſer fünfundzwanzigjährige Corſar bei eurem Anblick empfand, als er zum erſtenmal ſeine Arme der Unermeßlichkeit entgegenſtreckte! Aber da dieſer Corſar zu Fuße war, ſo er⸗ kannten weder der Stier noch der Hengſt ihn als Menſchen. In den Wüſten Amerikas wird der Menſch durch das Pferd ergänzt, und ohne daſ⸗ ſelbe wird er das geringſte der Thiere. Im An⸗ fang blieben ſie bei meinem Anblick verblüfft ſte⸗ hen; bald aber kamen ſie mir, ohne Zweifel aus Verachtung meiner Schwäche, ſo nahe daß ſie mein Geſicht mit ihrem Athem befeuchteten. Beunruhigt euch niemals wegen des Pferdes, das ein edles, großherziges Thier iſt; aber trauet nicht immer dem Stier, denn er iſt eine heimtückiſche, finſtere Beſtie. Was die Gazellen und Strauße betrifft, ſo entflohen ſie, nachdem ſie, gleich dem elche ſpürt ähne nie⸗ inem r iſt, von ahrer rbe⸗ e mit fort⸗ höpf⸗ die urem Arme o er⸗ als der daſ⸗ An⸗ t ſte⸗ aus ß ſie teten. das nicht iſche, auße dem 75 Pferd und dem Stier, aber in umſichtigerer Weiſe, ihre Recognoscirung angeſtellt, ſchnell wie der Blitz; dann als ſie auf dem Gipfel eines Hügels angekommen waren, drehten ſie ſich um und ſchauten zurück, ob ſie nicht verfolgt wurden. In dieſer Zeit, d. h. gegen das Ende von 1834 und den Anfang von 1835, wußte dieſer Theil des vrientaliſchen Bodens noch Nichts von irgend einem Kriege: deßhalb ſtieß man da auf ſo große Haufen wilder Thiere. XI. Die Dichterin. Und gleichwohl kam ich an eine Eſtancia*). Ich fand eine Frau ganz allein, die Frau des Capitaz**). Sie konnte es nicht auf ſich nehmen ohne Einwilligung ihres Mannes einen Ochſen zu ver⸗ kaufen oder zu verſchenken; ich mußte alſo die Rückkehr des letzteren abwarten. Ohnehin war es ſpät, und ich hätte vor dem morgenden Tag das Thier nicht bis ans Meer bringen können. Es gibt Augenblicke im Leben deren Erinne⸗ rung, wenn ſie auch immer mehr in die Ferne rückt, fortlebt und ſich ſo zu ſagen im Ge⸗ *) So heißen die ſüdamerikaniſchen Farmen. **) Herr des Hauſes. 76 dächtniß pyramidirt, ſo daß ſie, welcher Art auch die andern Ereigniſſe unſeres Lebens ſein mögen, hartnäckig den Platz darin behauptet den ſie einmal eingenommen hat.— Ich ſollte, mitten in dieſer Wüſte, in dem Weibe eines halbwilden Menſchen eine junge Dame von Erziehung und Bildung treffen, eine Dichterin die ihren Dante, Petrarca und Taſſo auswendig kannte. Nachdem ich die wenigen ſpaniſchen Worte geſprochen die ich damals wußte, antwortete ſie mir zu meiner angenehmen Ueberraſchung ita⸗ lieniſch. Sie lud mich verbindlich ein Platz zu nehmen bis ihr Mann zurückkäme. Während der Unter⸗ haltung fragte mich meine huldreiche Wirthin ob ich die Pveſien Quintana's kenne, und als ich es verneinte, verehrte ſie mir einen Band derſel⸗ ben, mit dem Bemerken, ſie ſchenke ihn mir wenn ich ihr zu lieb ſpaniſch lerne. Ich fragte ſie dann ob ſie nicht ſelbſt Verſe mache. — Wie ſoll man, antwortete ſie, im Ange⸗ ſichte einer ſolchen Natur nicht zum Dichter werden? Und dann recitirte ſie mir, ohne ſich bitten zu laſſen, einige Gedichte voll innigen Gefühls und wunderbarer Harmonie. Ich würde ihr den ganzen Abend, ja die ganze Nacht zugehört haben, ohne an meinen armen Moriz zu denken, der am Floß auf mich wartete; aber jetzt kam der Mann zurück und machte der pvetiſchen Seite des Abends ein Ende um mich zum materiellen Zweck meines Art ſein t den nitten ilden und ante, Porte te ſie ita⸗ hmen nter⸗ n ob s ich erſel⸗ wenn dann nge⸗ chter itten ühls den ben, am tann ends ines 77 Beſuches zurückzuführen. Ich ſetzte ihm meinen Wunſch auseinander, und es wurde beſchloſſen daß er am nächſten Tag einen Ochſen ans Ufer bringen und an mich verkaufen ſolle. Mit Tagesanbruch verabſchiedete ich mich von meiner ſchönen Wirthin und kehrte zu Moriz zurück. Er hatte ſich ſo gut wie möglich zwiſchen ſeinen vier Tonnen verſchanzt und war ſehr un⸗ ruhig, als er mich nicht zurückkommen ſah, denn er fürchtete ich möchte von den Tigern gefreſſen worden ſein, die in dieſem Theile Amerikas ſehr häufig und weniger harmlos ſind als die Hengſte, ja ſelbſt die Stiere. Nach einigen Augenblicken erſchien der Capitaz mit einem Stier den er am Laſſo nachſchleppte. Das Thier war in wenigen Minuten geſtochen, abgezogen und in Riemen zerſchnitten, denn die Südamerikaner beſitzen eine große Fertigkeit in dieſer Blutarbeit. Es handelte ſich jetzt darum den in Stücke zerſchnittenen Ochſen vom Ufer aufs Schiff zu bringen, d. h. wenigſtens tauſend Schritte weit durch die Klippen hindurch in denen ein wüthen⸗ des Meer tobte. Moriz und ich machten uns an das Geſchäft. Man kennt die Beſchaffenheit des Fahrzeugs das uns an Bord bringen ſollte. Ein Tiſch mit einem Faß an jeden Fuß gebunden und in der Mitte eine Art von Pfahl. Bei der Herfahrt hatten wir unſere Kleider an dieſen Pfahl ge⸗ 78 hängt; auf dem Rückweg ſollte er unſere Lebens⸗ mittel tragen und außerhalb des Waſſers erhalten. Wir ſchoben das Fahrzeug ins Meer und ſchwangen uns hinauf; Moriz hatte eine Stange in der Hand, ich eine Rudergabel in der Fauſt, und ſo begannen wir zu manövriren, während wir Waſſer bis an die Kniee hatten, da die La⸗ dung zu ſchwer für das Schiffchen war; aber gleichviel, wir ſteuerten munter darauf los. Unſer Manöver geſchah unter lautem Beifalls⸗ rufen des Amerikaners und der Mannſchaft der Gölette, deren Wünſche vielleicht noch mehr der Rettung des Fleiſches als unſerer eigenen galten, und Anfangs war die Fahrt ziemlich glücklich; aber als wir an eine Linie von Klippen kamen durch welche wir hindurch mußten, verſanken wir zweimal beinahe gänzlich. Das Glück wollte daß wir allen Schwierig⸗ keiten zum Trotz mit heiler Haut hinüberkamen. Aber als wir uns einmal über der doppelten Linie von Klippen befanden, war die Gefahr noch lange nicht überſtanden, ſondern vielmehr noch größer geworden. Wir fanden mit unſern Stangen den Grund nicht mehr, und folglich war es uns unmöglich dem Fahrzeug ſeine Richtung zu geben. Ueber⸗ dieß riß uns die Strömung, die immer ſtärker wurde je weiter wir in den Fluß hineinkamen, weit von der Gölette fort. Ich ſah den Augenblick kommen wo wir durch die ode hol Se da zu; ma dar auf ſeir bal geb He bel der vo ſec bens⸗ alten. und tange Fauſt, hrend La⸗ aber falls⸗ t der r de alten, cklich; kamen n wit ierig⸗ nen. pelten nch noch Hrund öglich Ueber⸗ ſtärker amen, durch 79 die Atlantis fahren und erſt vor St. Helena oder am Cap der guten Hoffnung anhalten würden. Unſern Gefährten blieb, wenn ſie uns ein⸗ holen wollten, nichts Anderes übrig als unter Segel zu gehen; das thaten ſie denn auch, und da der Wind vom Lande her blies, ſo hatte die Gölette uns bald erreicht und überholt. Aber im Vorbeifahren warf ſie uns ein Seil zu; wir banden unſer Fahrzeug an das Schiff; man brachte zuerſt die Lebensmittel in Sicherheit, dann hißten wir, Moriz und ich, uns ſelbſt hin⸗ auf; endlich nach uns kam der Tiſch, der in ſeinen Platz im Speiſeſaal wieder eingeſetzt und bald ſeiner urſprünglichen Beſtimmung zurückge⸗ geben wurde. Wir fühlten uns für die Mühe welche die Herbeiſchaffung der Lebensmittel uns gekoſtet hatte belohnt, als wir den glorreichen Appetit ſahen womit unſere Genoſſen zugriffen. Einige Tage ſpäter kaufte ich einem Balander der uns kreuzte für dreißig Thaler einen Kahn ab. Noch an dieſem Tag wurden wir die Spitze von Jeſus⸗Maria anſichtig. XII. Das Gefecht. Wir hatten die Nacht vor Anker, ungefähr ſechs Meilen ſüdlich von der Sitze von Jeſus⸗ Marig, unmittelbar gegenüber den Sümpfen von 80 San Gregoriv, zugebracht; es blies ein ſchwacher Nordwind, als wir von Montevideo her zwei Barken erblickten die wir für befreundet hielten; da ſie jedoch das verabredete Zeichen einer rothen Flagge nicht hatten, ſo hielt ich es für gerathen in ihrer Erwartung unter Segel zu gehen; über⸗ dieß befahl ich die Musketen und Säbel aufs Verdeck zu ſchaffen. Die Maßregel war, wie man ſogleich ſehen wird, nicht unnütz; die erſte Barke, auf der nur drei Perſonen ſichtbar waren, kam immer näher auf uns zu; als ſie in Gehörweite war, forderte derjenige welcher der Führer ſchien uns zur Ueber⸗ gabe auf, und im ſelben Augenblick bedeckte ſich das Verdeck der Barke mit Bewaffneten die zu feuern anfingen, ohne uns Zeit zu einer Antwort zu laſſen. Ich rief zu den Waffen und ſprang auf eine Flinte zu, dann commandirte ich, da wir aufgebraßt dalagen, ſtatt aller Antwort: — Braſſet die Vorderſegel! Da ich jedoch ſpürte vaß die Gblette nicht mit der gewohnten Folgſamkeit dem Befehl nach⸗ kam, wandte ich mich gegen das Steuerruder um und ſah daß die erſte Salve den Steuermann getödtet hatte, der einer meiner beſten Matroſen war. Er hieß Fiorentino und war aus einer von unſern Inſeln. Es war keine Zeit zu verlieren. Der Kampf entbrannte mit Wuth; der Lancione— ſo nannte man dieſe Art von Barken mit der wir es zu thun hatten— hatte ſich an unſern Garten rechts acher zwei lten; othen then über⸗ aufs ehen nur äher derte ber⸗ ſich i wort ang da ticht ach⸗ ann oſen von mpf nte zu 81 feſt angeklammert, und einige ſeiner Leute waren bereits auf unſere Verſchanzungen geſtiegen. Glücklicherweiſe wurden wir mitteiſt einiger Flintenſchüſſe und Säbelhiebe mit ihnen fertig. Nachdem ich meinen Leuten dieſe Enterung abwehren geholfen, ſprang ich an die Schote des Fockſtagſegels, wo Fiorentino getödtet worden war, und ergriff das verlaſſene Steuerruder; aber im Augenblick wo ich meine Hand darauf legte um eine Bewegung auszuführen, traf mich eine feind⸗ liche Kugel zwiſchen dem Ohr und der Halspuls⸗ ader, fuhr mir durch den Hals und warf mich bewußtlos auf's Verdeck. Der übrige Theil des Kampfes, der eine Stunde dauerte, wurde von Ludwig Carniglia, einem Steuermannscandidaten, von Pascal Sodola, Johann Lamberti, Moriz Garibaldi und zwei Malteſern ausgefochten. Die Italiener hielten ſich alſo vortrefflich, aber die Fremden und die fünf Schwarzen flüchteten ſich in den Kiel des Schiffes. Endlich entfloh der Feind, von unſerm Widerſtand ermüdet, nachdem ihm etwa zehn Leute kampf⸗ unfähig gemacht waren; die Unſrigen aber ſetzten, da der Wind ſich erhoben hatte, ihre Fahrt fluß⸗ aufwärts fort. Obſchon ich wieder zum Bewußtſein gekommen war und den Gebrauch meiner Sinne wieder er⸗ halten hatte, ſo blieb ich doch gänzlich träge und folglich nutzlos während des letzten Theils der Affaire. Garibaldi. I. 82 Ich geſtehe daß meine erſten Empfindungen, als ich die Augen wieder aufſchlug und von Neuem zu leben anfing, wonnevoll waren. Ich kann ſagen ich ſei todt geweſen und⸗ wieder er⸗ wacht, ſo vollſtändig und ohne allen Schein von Leben war meine Ohnmacht geweſen; aber ich will ſchnell hinzufügen daß dieſes Gefühl phyſi⸗ ſchen Behagens ſehr bald durch das Bewußtſein der Lage erſtickt wurde worin wir uns befanden. Tödtlich verwundet oder nicht viel beſſer, ohne einen Menſchen an Bord der die geringſte Kennt⸗ niß von der Schifffahrt, den geringſten geogra⸗ phiſchen Begriff hatte, ließ ich mir die Carte bringen, befragte ſie mit meinen Augen, welche mit einem Schleier bedeckt waren den ich für den des Todes hielt, und deutete mit dem Finger auf Santa⸗Fe im Paranafluſſe. Keiner von uns hatte je den Plata befahren, mit Ausnahme von Moriz, der einmal den Uruguay hinauf gekommen war. Die Matroſen, die durch meinen Zuſtand und den Anblick der Leiche Fiorentinos in Schrecken verſetzt wurden und überdieß gefangen genommen und als Seeräuber behandelt zu werden fürchte⸗ ten— die Italiener theilten, das muß ich ſagen, dieſe Beſorgniß nicht oder wußten ſie zu ver⸗ bergen— deſertirten in ihrer Angſt bei der erſten Gelegenheit die ſich darbot. Inzwiſchen erblickten ſie in jeder Barke, in jedem Kahn, in jedem ſchwimmenden Baumſtamm einen feindlichen Lan⸗ civne der zu ihrer Verfolgung ausgeſandi ſei. Der Leichnam unſeres unglücklichen Cameraden gen, von Ich er⸗ von ich i tſein den. hne nnt⸗ gra⸗ arte lche den auf atte riz, var. und cken men hte⸗ gen, ver⸗ ſten kten dem an⸗ den 83 wurde mit den üblichen Ceremonien in den Fluß geworfen, denn mehrere Tage lang konnten wir nirgends landen. Ich muß ſagen daß dieſe Art von Beſtattung mir nicht ſehr behagte, und daß ich einen um ſo ſtärkern Widerwillen dagegen empfand, als ſie aller Wahrſcheinlichkeit zufolge mich ſelbſt bald treffen ſollte. Ich ſchüttete gegen meinen lieben Ludwig Carniglia mein Herz dar⸗ über aus. Dabei ſchwebte mir beſtändig die Stelle aus Foscolo vor Augen: „Ein Stein, ein Stein der meine Gebeine von denjenigen unterſcheide welche der Tod auf der Erde und im Ocean ausſtreut!“ Mein armer Freund weinte und verſprach mir mich nicht ins Waſſer werfen zu laſſen, ſondern mir ein Grab zu graben und mich ſanft darein zu betten. Wer weiß ob er beim beſten Willen ſein Verſprechen hätte halten können? Mein Leichnam hätte irgend einen Meerwolf, irgend einen Caiman des ungeheuren Plataſtroms geſättigt. Ich hätte Italien nicht wieder geſehen, ich hätte für dieſes Land, die einzige Hoffnung meines Lebens, nicht mehr fechten können. Wer hätte damals meinem ſehr theuren Lud⸗ wig geſagt daß ich meinerſeits vor Jahresfriſt ihn von den Klippen fortgewälzt, von dem Meere verſchlungen ſehen und vergebens ſeinen Leichnam ſuchen ſollte, um ihm das Verſprechen zu halten das er mir gegeben, ihn in fremder Erde zu be⸗ ſtatten und auf ſeinem Grabe einen Stein nieder⸗ 84 zulegen der ihn dem Gebet des Reiſenden em⸗ pfehle? Armer Ludwig! Er verpflegte mich wie eine Mutter während meiner langen und ſchmetzlichen Krankheit, worin ich keine andere Erleichterung hatte als ſeinen Anblick und die Aufmerkſam⸗ keiten womit dieſes goldgute Herz mich über⸗ ſchüttete. XIII. Ludwig Carniglia. Ich will ein wenig von Ludwig ſprechen— und warum ſollte ich, weil er ein einfacher Matroſe iſt, nicht von ihm reden? O ich verſichere euch, er war eine edle Seele; edel in der Art wie er unter allen Umſtänden und an allen Orten die italieniſche Ehre hochhielt; edel in der Art wie er allen möglichen Stürmen Trotz bot; edel in der Art wie er mich beſchützte, behütete, verpflegte, gleich als wäre ich ſein Kind geweſen. Als ich in meinem langen Todeskampf auf meinem Schmer⸗ zensbette lag, als ich, von aller Welt verlaſſen, im Wahnſinn des Todes delirirte, da ſaß er mit der Hingebung und Geduld eines Engels zu den Häupten meines Bettes und verließ mich keinen Augenblick, außer um zu weinen und mir ſeine Thränen zu verbergen. O Luigi! deine Gebeine, die in den Abgründen der Atlantis zerſtreut liegen, verdienten ein Denkmal auf welchem der dankbare eine ichen rung ſam⸗ iber⸗ 1— tröſe uch, e er die wie lin gte, ich mer⸗ ſſen, mit den inen eine ine, gen, bare 85 Geächtete eines Tags dich ſeinen Mitbürgern als Beiſpiel aufſtellen und dir dieſe frommen Thränen zurückgeben könnte die du über ihn vergoſſen haſt. Ludwig Carniglia war von Deiva, einem Oertchen der öſtlichen Riviera. Er hatte keine literariſche Bildung erhalten, aber er ergänzte dieſen Mangel durch eine merkwürdige Intelligenz. Ohne alle nautiſchen Kenntniſſe welche den Pilo⸗ ten ausmachen, führte er die Schiffe mit dem Scharfſinn und dem Glück eines vollendeten Steuermanns bis nach Gualeguay. In dem ſo eben erzählten Gefechte hatten wir es hauptſäch⸗ lich ihm zu verdanken daß wir nicht dem Feind in die Hände fielen; mit einer Donnerbüchſe be⸗ waffnet, auf dem gefährlichſten Poſten ſtehend, war er der Schrecken der Angreifer. Hoch und kräftig gewachſen, vereinigte er Flinkheit mit Stärke. Sanft bis zur Zärtlichkeit im gewöhn⸗ lichen Gang des Lebens, beſaß er die ſeltene Gabe ſich bei Allen beliebt zu machen. Ach! die beſten Söhne unſeres unglücklichen Landes endigen auf dieſe Weiſe mitten unter Fremden, ohne den Troſt einer Thräne zu genießen und.... vergeſſen! XIV. Gefangenſchaft. Ich blieb neunzehn Tage lang ohne eine andere Pflege als diejenige die mir von Ludwig Carniglia ertheilt wurde. 86 Nach Verfluß von neunzehn Tagen kamen wir nach Gualeguay. Wir hatten an der Mündung des Ibigqui, eines Armes des Parana, ein Schiff getroffen das von einem Mahoner, Namens Don Lucas Tartaulo, befehligt wurde, einem braven Mann der ſich ungemein verbindlich gegen mich erwies und mich mit Allem verſorgte was er bei meinem Zuſtand für mich nützlich glaubte. Alles was er mir bot wurde angenommen, denn wir beſaßen auf der Gölette buchſtäblich Nichts mehr als Cafe; deßhalb brauchte man den Cafe zu Allem, ohne ſich darum zu bekümmern ob er für mich ein ſehr geſundes Getränke und eine wirkſame Arznei war. Ich hatte Anfangs ein ſchreckliches Fieber gehabt, begleitet von einer Schwierigkeit des Schluckens die beinahe bis zur Unmöglichkeit ging. Das war nicht zu verwundern, denn die Kugel war zwiſchen dem Halswirbelbein und dem Schlund hindurchgefahren; dann, nach acht oder zehn Tagen, hatte das Fieber ſich gelegt, ich hatte zu ſchlucken angefangen, und mein Zuſtand war leidlich geworden. Don Lucas hatte noch mehr gethan: beim Abſchied hatte er mir— wie auch einem ſeiner Paſſagiere, Namens dArragaida, einem in Amerika anſäßigen Biscayer— Empfehlungsſchreiben nach Gualeguay mitgegeben, und namentlich an den Gouverneur der Provinz Entra Rios, Don Pascal Echague. Dieſer ließ ihm, da er eine Reiſe machen mußte, ſeinen eigenen Arzt, Don Ramon 87 Delarea, einen ſehr tüchtigen jungen Argentiner, zurück. Er unterſuchte meine Wunde, und als er auf der entgegengeſetzten Seite von derjenigen wo ich den Schuß empfangen hatte die Kugel unter ſeinem Finger rollen fühlte, zog er ſie ſehr geſchickt mittelſt eines Einſchnittes in die Haut heraus; dann widmete er mir noch einige Wochen lang, d. h. bis zu meiner vollſtändigen Wieder⸗ herſtellung, die liebreichſte und— vergeſſen wir auch nicht das zu erwähnen— uneigenniüzigſte Pflege. Ich verweilte ſechs Monate in Gualeguay und wohnte während dieſer Zeit im Hauſe des Don Jaeinto Andreas, der mich, wie auch ſeine ganze Familie, mit der größten Rückſicht und Freund⸗ lichkeit behandelte. Aber ich war Gefangener oder nicht viel beſſer. Trotz des beſten Willens von Seiten des Gou⸗ verneurs Don Pascal Echague, trotz der freund⸗ lichſten Theilnahme der braven Bevölkerung Gualeguay's war ich genöthigt die Entſcheidung des Dictators von Buenos Ayres abzuwarten, welcher Nichts entſchied. Der Dictator von Buenos Ayres war damals Roſas, mit welchem wir uns ſpäter bei Gelegen⸗ heit von Montevideo beſchäftigen werden. Nachdem meine Wunde geheilt war, begann ich Ausflüge zu machen, aber auf Befehl der Be⸗ hörde waren meine Spazierritte beſchränkt. Für meine confiscirte Ghlette gab man mir einen Thaler täglich, was viel war in einem Land wo Alles 8⁸ äußerſt wohlfeil iſt, und wo man keine Gelegen⸗ heit zu Ausgaben findet;— aber das wog mir die Freiheit nicht auf. Im Uebrigen wurde dieſe tägliche Ausgabe von einem Thaler der Regierung wahrſcheinlich läſtig, denn man machte mir Vorſchläge zur Flucht; aber die Leute die mir im beſten Glauben dieſe Vorſchläge machten arbeiteten, ohne es ſelbſt zu wiſſen, der Polizei in die Hände. Man ſagte mir die Regierung würde mein Verſchwinden ohne großen Verdruß anſehen. Es bedurfte keiner Ge⸗ walt um mich zu einem Entſchluß zu bringen den ich bereits projectirt hatte. Der Gouverneur von Gualeguay war ſeit der Abreiſe des Don Pascal Echague ein gewiſſer Leonardo Millan; er hatte mir bisher weder Gutes noch Böſes gethan, und ich hatte bis zu dieſem Augenblick keinen Grund mich über ihn zu beklagen, obſchon er mir wenig Theilnahme bewieſen hatte. Ich beſchloß alſo zu entfliehen, und in dieſer Abſicht begann ich meine Vorbereitungen, um bei der erſten Gelegenheit die ſich bieten würde ge⸗ rüſtet zu ſein. An einem Gewitterabend begab ich mich daher nach dem Hauſe eines braven alten Mannes den ich häufig beſuchte, und der drei Meilen vom Orte wohnte. Dießmal theilte ich ihm meinen Entſchluß mit und bat ihn mir für einen Führer und Pferde zu ſorgen, damit ich eine von einem Engländer gehaltene Eſtancia auf dem linken Ufer des Parana erreichen könnte. Hier würde ich ohne allen Zweifel Schiffe finden 89 die mich incognito nach Buenos Ayres oder Monte⸗ videv brächten. Er ſorgte mir für einen Führer und für Pferde, und wir machten uns, um nicht entdeckt zu werden, querfeldein auf den Weg. Wir hatten ungefähr 54 Meilen zurückzulegen, was man, wenn man fortwährend Galopp ritt, in einer halben Nacht äbmachen konnte. Als der Tag kam, befanden wir uns ungefähr eine halbe Meile vom Ibiqui entfernt; der Führer erſuchte mich hier ein wenig in einem Gehölz zu warten, während er ſich erkundigen würde. Ich wars zufrieden; er verließ mich und ich blieb allein. Ich ſtieg ab, band den Zügel meines Pferdes an einen Baumaſt, legte mich unter demſelben Baum nieder und wartete ſo zwei oder drei Stunden; als ich dann meinen Führer nicht wieder erſcheinen ſah, ſtand ich auf und beſchloß nach dem nahen Saum des Waldes zu gehen; aber im Augen⸗ blick wo ich dieſen Saum erreichte, hörte ich hinter mir einen Flintenſchuß und das Geraſchel einer Kugel im Graſe. Ich drehte mich um und erblickte eine Abtheilung Reiler die mich mit dem Säbel in der Fauſt verfolgten; ſie befanden ſich bereits zwiſchen mir und meinem Pferde.— Unmöglich zu fliehen, nutzlos mich zu vertheidigen— ich ergab mich. 90 ſie XV. neu Die Wippe. ant mi( Man band mir die Hände auf den Rücken, ſetzte mich aufs Pferd und band mir dann auch, fän die Füße in den Gurt des Pferdes ein. In dieſem Aufzug wurde ich nach Gualeguay ſpu zurückgebracht, wo mich, wie man ſogleich ſehen wird, eine noch ſchlimmere Behandlung erwartete. fet Man wird mich keiner allzugroßen Weichheit gegen mich ſelbſt beſchuldigen können; gleichwohl geſtehe ich daß ich jedesmal bebe ſo oft ich mich an dieſen Umſtand meines Lebens erinnere. Ich wurde vor Don Leonardo Millan geführt.. D Er befahl mir diejenigen anzuzeigen welche mir die Mittel zur Flucht geliefert hätten. Es ver⸗ 3 ſteht ſich von ſelbſt daß ich erklärte, ich habe meine Flucht allein vorbereitet und allein ausgeführt. Ar Nun trat Don Leonardo Millan, da ich gebunden al war und er Nichts zu fürchten hatte, zu mir da heran und begann mit ſeiner Peitſche auf mich m loszuſchlagen. Hierauf fragte er von Neuem und gl 13 ich läugnete wieder. Da befahl er mich ins Gefängniß zu führen m und ſagte meinem Führer einige Worte leiſe di ins Ohr. G 3 Dieſe Worte waren der Befehl mich auf die V Folter zu bringen. m Als ich in die für mich beſtimmte Kommer ai kam, ſchlangen mir daher meine Wächter, indem cken, auch tete. heit vohl mich ihrt. mir ver⸗ eine hrt. den mir mich und hren leiſe die mer dem 91 ſie mir meine Hände auf dem Rücken ließen, einen neuen Strick um die Fauſtgelenke, warfen das andere Ende deſſelben um den Balken und zogen mich vier oder fünf Fuß in die Höhe. Jetzt trat Don Leonardo Millan in mein Ge⸗ fängniß und fragte mich ob ich geſtehen wolle. Ich konnte Nichts thun als ihm ins Geſicht ſpucken, und ich gewährte mir dieſe Befriedigung. — Schon gut, ſagte er indem er ſich ent⸗ fernte; wenn es dem Gefangenen gefallen wird zu geſtehen, ſo rufet mich, und wenn er geſtanden hat, ſo laßt ihn wieder auf den Boden herab. Damit ging er hinaus. Ich blieb zwei Stunden auf ſolche Art hängen. Das ganze Gewicht meines Körpers ruhte auf meinen blutrünſtigen Fauſtgelenken und meinen ausgerenkten Schultern. Mein ganzer Leib brannte wie ein Ofen; jeden Augenblick verlangte ich Waſſer, und menſchlicher als mein Henker, verſahen mich meine Wächter damit, aber das Waſſer vertrocknete wenn es in meinen Magen kam, wie wenn man es auf eine glühende Eiſenplatte geſchüttet hätte. Man kann ſich von meinen Leiden nur dann einen Begriff machen wenn man die Folterqualen liest welche die Gefangenen im Mittelalter auszuſtehen hatten. Endlich nach zwei Stunden erbarmten ſich meine Wächter oder glaubten ſie mich todt, und ließen mich herab. Ich fiel meiner ganzen Länge nach auf den Boden. Ich war nur noch eine träge Maſſe, ohne ein 92 anderes Gefühl als einen dumpfen tiefen Schmerz — ein Leichnam oder nicht viel weniger. In dieſer Lage und ohne daß ich ein Bewußt⸗ ſein deſſen hatte was man mit mir that, wurde ich in Feſſeln geſchlagen. Ich war mit gebundenen Händen und Füßen fünfzig Meilen durch die Sümpfe geritten; die Muskitos, die in dieſer Jahreszeit zahlreich und wüthend ſind, hatten aus meinem Geſicht und meinen Händen eine einzige Wunde gemacht. Ich hatte zwei Stunden lang eine furchtbare Folter ausgeſtanden, und als ich wieder zur Beſinnung kam, war ich mit einem Mörder zuſammengebunden. Obgleich ich mitten unter den ſchrecklichſten Qualen nicht ein einziges Wort geſagt und ob⸗ gleich Don Jacinto Andreas zu meiner Flucht nicht mitgeholfen hatte, ſo war er dennoch ins Gefängniß geworfen worden; unter den Einwoh⸗ nern des Landes herrſchte Angſt und Schrecken. Was mich betrifft, ſo wäre ich ohne die Pflege einer Frau, die für mich ein Engel der Barmherzigkeit war, geſtorben. Sie vergaß alle Furcht und kam dem armen Gefolterten zu Hülfe. Sie hieß Madame Alleman. Dieſer mildherzigen Wohlthäterin habe ich es zu verdanken daß es mir in meinem Gefängniſſe an Nichts fehlte. Nach einigen Tagen ließ mich der Gouverneur, da er ſah daß es unnöthig war mir Geſtändniſſe abzuquälen, daß ich eher ſterben als einen meiner„ Freunde verrathen würde, und da er es wahr⸗ ite mer ußt⸗ urde und und Ich olter nung iden. hſten b lucht ins woh⸗ cken. die der alle ülfe.„ h es miſſe eur, niſſe iner e 93 ſcheinlich nicht wagte die Verantwortlichkeit für dieſen Tod zu übernehmen, in die Hauptſtadt der Provinz Bajada bringen. Hier blieb ich zwei Monate im Gefängniß, dann ließ mir der Gouverneur ſagen, es ſei mir erlaubt die Provinz frei zu verlaſſen. Obſchon ich ein politiſcher Gegner Echagues war und ſeit⸗ dem mehr als einmal gegen ihn gefochten habe, ſo kann ich doch meine Verpflichtungen gegen ihn nicht verſchweigen; noch heute möchte ich wünſchen daß ich ihm meinen Dank für Alles was er für mich und beſonders für meine Befreiung gethan hat beweiſen könnte. Später ließ das Kriegsgeſchick alle militäriſchen Chefs der Provinz Gualeguah in meine Hände fallen, und alle wurden in Freiheit geſetzt, ohne daß man ſich im Mindeſten an ihrem Eigenthum oder an ihren Perſonen vergriffen hätte. Was Don Leonardo Millan betraf, ſo wollte ich ihn nicht einmal ſehen, weil ich fürchtete ſein Anblick möchte mich an meine ausgeſtandenen Leiden erinnern und zu einer Handlung veran⸗ laſſen die meiner unwürdig wäre. XVI. Reiſe in der Provinz Rio Grande. Von Bajada aus ſchiffte ich mich auf einer italieniſchen Brigantine, Capitän Ventura, ein. Dieſer Capitän war ein wackerer und in jeder 94 Beziehung empfehlungswerther Mann; er behan⸗ übe delte mich mit ritterlichem Edelmuth und führte ede mich bis an die Mündung des Iguaſſu, eines unt Nebenfluſſes des Parana, wo ich mich auf einen ver von Pascal Carbone befehligten Balander nach ſie Montevidev einſchiffte. wer Das Glück begann mir zu lächeln; auch Car⸗ kla bone behandelte mich vortrefflich. kon Das Glück wie das Unglück kommt maſſen⸗ weiſe; ich hatte für den Augenblick mit dem letztern kon abgeſchloſſen, und nun ſtellte ſich das erſtere in ununterbrochener Reihenfolge ein. In Montevidev fand ich eine Menge Freunde, die unter denen ich hauptſächlich Johann Baptiſt Cuneo für und Napolevn Caſtellini erwähnen muß. Bald erſchien auch endlich Roſſetti, den ich, wie man ſich erinnert, in Montevideo zurückgelaſſen; er kam au aus Rio Grande, wo er bei dieſen ſtolzen Repu⸗ der eine vortreffliche Aufnahme gefunden ſich atte. In Montevidev beſtand meine Achtserklärung me noch fort. Mein Widerſtand gegen die Lanciones ſin und die Verluſte die wir ihnen zugefügt hatten, waren me wenigſtens ein ſcheinbarer Vorwand. Ich war ſte daher genöthigt mich im Hauſe meines Freundes Pj Pazante verborgen zu halten, wo ich einen Monat x blieb. Meine Einſperrung war übrigens höchſt erträg⸗ zu lich; ich bekam Beſuche von einer Menge Lands⸗ ſpt leute, die in dieſer Zeit der Wohlfahrt und des R Friedens ſich da niedergelaſſen hatten und gegen⸗ han⸗ ührte eines inem nach Car⸗ iſſen⸗ ztern re in unde, unev Bald man kam tepu⸗ nden rung ones aren war ndes onat räg⸗ nds⸗ des 95 über ihren Freunden aus der alten Welt eine edelmüthige Gaſtfreundſchaft übten. Der Krieg und beſonders die Belagerung von Montevidev veränderten die Lage der meiſten unter ihnen; ſie wurde ſchlecht und zum Theil ſehr bedauerns⸗ werth. Die armen Leute! Ich habe ſie oft be⸗ klagt; leider daß ich nichts Beſſeres für ſie thun konnte! Nach Verfluß eines Monats, als die Zeit ge⸗ kommen war wo ich meine Reiſe antreten ſollte, brachen wir, Roſſetti und ich, nach Rio Grande auf. Wir mußten dieſen Weg zu Pferd machen; dieß war eine große Freude, ein großes Vergnügen für mich. Wir reisten was man à escotero nennt. Erklären wir dieſe Art zu reiſen, die in Bezug auf Schnelligkeit die Poſt, ſo raſch ſie auch in den civiliſirten Ländern ſein mag, weit hinter ſich läßt. Man mag zu zwei, drei oder vier ſein, ſo reist man mit etwa zwanzig Pferden, welche gewohnt ſind denjenigen zu folgen die einen Reiter haben; merkt der Reiſende daß ein Thier müde iſt, ſo ſteigt er ab, legt ſeinen Sattel auf ein freies Pferd, ſchwingt ſich hinauf, galoppirt drei oder vier Stunden, nimmt dann wieder ein anderes Pferd, und ſo fort, bis er entſchloſſen iſt Halt zu machen. Die müden Pferde ruhen im Weiter⸗ ſpringen aus, da ſie von ihrem Sattel und ihrem Reiter befreit find. Wähend des kurzen Haltes welchen die Reiter 96 beim Pferdewechſel machen, nagt die ganze Horde vor einige Büſchel Gras ab und ſauft wenn ſie Waſſer Me findet; die eigentlichen Mahlzeiten werden bloß Pa zweimal des Tages gehalten, Morgens und Abends. Se So kamen wir nach Piratinin, dem Sitz der Regierung von Rio Grande; die Hauptſtadt war dur zwar Porto Allegre, aber da ſie ſich in der Ge⸗ gen walt der Kaiſerlichen befand, war der Sitz der wa Republik in Piratinin. nic Piratinin iſt gewiß einer der ſchönſten Punkte— der Welt mit ſeinen zwei Regionen: einer Region Urſ von Ebenen und einer Region von Bergen. 3 Die Region der Ebenen iſt vollkommen tropiſch; Nic da wachſen die Bananen, das Zuckerrohr, der ger Orangenbaum. Zwiſchen den Stengeln dieſe kom Pflanzen und Bäume kriechen die Klapperſchlange, und die ſchwarze Schlange, die Corallenſchlange. Hier, er wie in den Jungeln Indiens, ſpringen der Tiger, Leb der Jaguar und der Puma, ein harmloſer Löwe mü von der Größe eines tüchtigen Bernhardiner⸗ wir hundes. gut Die Bergregion iſt gemäßigt wie mein ſchönes Clima von Nizza; hier gibt es Pfirſiche, Birnen, Mo Pflaumen, alle Früchte Europas; hier prangen dieſe prächtigen Wälder die keine Feder genau zu beſchreiben vermag, mit ihren Fichten, die gerade wie Schiffsmaſte, zweihundert Fuß hoch ſind, und deren Stamm fünf oder ſechs Männer kaum um⸗ ſpannen können. Im Schatten dieſer Fichten wachſen die Taquares, rieſige Rohre die, gleich den Rey Farnkräutern der antediluvianiſchen Welt, eine Höhe — — — Horde aſſer bloß ends. tz det war Ge⸗ der unkte egion piſch; „der dieſer ange, Hier, iger, Löwe iner⸗ önes rnen, ngen zu erade und um⸗ chten den Höhe 97 von achtzig Fuß, in ihrem Stamm aber kaum Mannsdicke erreichen; hier wachſen die Barba de Pao, buchſtäblich Bart der Bäume, den man als Serviette gebraucht, und dieſe Lianen die durch ihre vielfachen Verſchlingungen die Wälder un⸗ durchdringlich machen. Hier ſind jene Lichtungen, genannt campestres, wo ganze Städte empor⸗ wachſen: Lima de Serra, Vaccaria, Lages— nicht bloß drei Städte, ſondern drei Departements — eaucaſiſche Bevölkerung, von portugieſiſchem Urſprung und homeriſcher Gaftfreundſchaft. Da braucht der Reiſende Nichts zu ſagen, Nichts zu verlangen. Er tritt ins Haus und geht geraden Wegs ins Gaſtzimmer; die Domeſtiken kommen ungerufen, ziehen ihm die Schuhe ab und waſchen ihm die Füße. Er bleibt ſo lang er will, geht ſo bald es ihm gefällt, ſagt nicht Lebewohl, dankt nicht, wenn es ſo in ſeiner Ge⸗ müthsart liegt, und trotz dieſer Ungezogenheit wird derjenige der nach ihm kommt nicht minder gut empfangen als er. Dies iſt die Jugend der Natur, dieß iſt der Morgen der Menſchheit. XVII. Die Lagunen von los Patos. In Piratinin wurde ich von der Regierung der Republik aufs Beſte uengen. Bento Garibaldi. I. — 98 ein echter fahrender Ritter aus dem Sagenkreis Carls des Großen, ſeinem Herzen nach Bruder eines Olivier und Roland, ſtark, gewandt, bieder wie dieſe, ein wahrer Centaur, der ein Pferd tummelte wie ich dieß nur noch bei dem General Netto geſehen habe, das vollendete Muſter eines Reiters, war abweſend. Er befand ſich an der Spitze einer Reiterbrigade auf dem Marſch gegen Silva Tanaris, einen kaiſerlichen Chef der über den Canal von San Gonzalés herübergekommen war und dieſen Theil der Provinz Piratinin be⸗ unruhigte, welcher damals der Sitz der republicani⸗ ſchen Regierung, vermöge ſeiner Alpenlage ein reizendes Dörfchen, Hauptort vom Departement gleichen Namens und ganz von einer kriegeriſchen Bevblkerung umgeben war die für die Sache der Freiheit glühte. In ſeiner Abweſenheit war es der Finanz⸗ miniſter Almeida der mir die Honneurs der Stadt machte. Ein Wort über Rio Grande, von dem man, aus ſeinem Namen zu ſchließen, glauben ſollte, es liege an einem großen Fluß oder ſei ſelbſt ein ſolcher. Rio Grande iſt die Lagune von los Patos — der Entenſee— und mag etwa dreißig Stunden lang ſein. Abgeſehen von einigen Untiefen mit denen wir uns ſpäter zu beſchäftigen haben werden, iſt die Lagune tief und voll von Kaimans; ſi wird von fünf Flüſſen gebildet, die ſich an ihrem nördlichen Ende hineinergießen und wie die fünf 99 Finger einer Hand ausſehen deren Fläche das Ende der Lagune iſt. Es gibt einen Ort von wo aus man die fünf Flüſſe zugleich erblickt; er heißt deßhalb Viamao (ich habe die Hand geſehen). Viamav hatte ſeinen Namen verändert und hieß damals Settembrina, zum Andenken an die Proclamirung der Republik im September. Da ich in Piratinin unbeſchäftigt war, ſo bat ich um Erlaubniß mich der Operationscolonne gegen San Gonzalès anzuſchließen, die von dem Präſidenten commandirt wurde. Ich ſah nun dieſen tapfern Mann zum erſten Male und ver⸗ brachte einige Tage im vertrauten Verkehr mit ihm. Er war in Wahrheit das verzogene Kind der Natur; ſie hatte ihm Alles geſchenkt was den echten Helden ausmacht. Bento Gonzalés ging in ſein ſechzigſtes Jahr als ich mit ihm bekannt wurde. Hoch und ſchlank, ſaß er, wie ich bereits geſagt habe, mit bewunderungswürdiger Grazie und Leichtigkeit zu Pferde; man hätte ihm da nicht mehr als fünf und zwanzig Jahre gegeben. Tapfer und glücklich, würde er, gleich einem Ritter Arivoſts, keinen Augenblick gezögert haben einen Rieſen zu bekämpfen, und hätte derſelbe die Ge⸗ ſtalt Polyphems und die Rüſtung des Ferragus gehabt. Er war einer der Erſten geweſen die den Krieg verlangt hatten, jedoch nicht in einem Zweck perſönlichen Ehrgeizes, ſondern wie jeder andere Sohn dieſes kriegeriſchen Volkes. Im Lager lebte er, wie der geringſte Prairienbewohner, 100 von gebratenem Fleiſche und reinem Waſſer. Am erſten Tage wo wir uns ſahen lud er mich zu ſeinem frugalen Mahle ein, und wir unterhielten uns ſo vertraulich als wären wir Jugendfreunde geweſen und auf ganz gleichem Fuße geſtanden. Bei ſo viel natürlichen und erworbenen Gaben war Bento Gonzalés der Abgott ſeiner Mitbürger, und trotz all dieſer Gaben war er, ſeltſam genug, beinahe immer unglücklich in ſeinen kriegeriſchen Unternehmungen, was mich ſtets auf den Glauben gebracht hat daß bei den Kriegsereigniſſen und dem Glücke der Helden der Zufall weit mehr ausmache als das Genie. Ich begleitete die Colonne bis nach Camodos dem Uebergangsort über den Canal von San Gonzalès, welcher die Lagune von los Patos mit Merin verbindet. Sylva Tanaris hatte ſich bei der Nachricht vom Anmarſch einer republikaniſchen Colonne in größter Haſt dahin zurückgezogen. Da der Präſident ihn nicht einholen konnte, ſo trat er ſeinen Rückzug an. Ich that natürlich daſſelbe und zog in ſeinem Gefolge nach Piratinin zurück. Um dieſe Zeit erhielten wir die Nachricht von der Schlacht von Rio⸗Pardo, wo die kaiſerliche Armee vollſtändig von den Republikanern be⸗ ſiegt wurde. Am h zu elten unde nden. aben irger, ng, ſchen uben und mehr odos, San s mit nnte, irlich tinin von rliche be⸗ 101 XVIII. Ausrüſtung der Lancivnes in Camaeua. Ich wurde hierauf mit der Ausrüſtung zweier Lanciones beauftragt die ſich auf dem Camacua befanden einem Fluß der beinahe ganz parallel mit dem Canal von San Gonzalès läuft und gleich ihm in die Lagune von los Patos mündet. Ich hatte, theils an Matroſen die aus Monte⸗ ide gekommen waren, theils an ſolchen die ich in Piratinin fand, ungefähr dreißig Mann von allen Rationen zuſammengebracht. Es verſteht ſich on ſelbſt daß mein lieber Ludwig Carniglia uuch dabei war, aber zu ſeinem Unglück. Ich 6 hatte überdieß als neuen Rekruten einen coloſſalen ei ſchen Franzoſen, Bretagner von Geburt, den wir den großen Hans nannten, und einen andern Namens Franz, einen ächten Flibuſtier und würdigen Küſtenbruder. Wir kamen nach Camacua: dort trafen wir einen Amerikaner Namens John Griggs, der eine „ Farm von Bento Gonzalès bewohnte, jetzt aber im Begriff ſtand die Vollendung zweier Schaluppen zu überwachen. Ich wurde zum Befehlshaber 8 dieſer noch im Bau befindlichen Flotte ernannt, nit dem Grad eines capitano tenente. Es war wirklich etwas Intereſſantes um dieſen 3 Bau, und er machte der weltbekannten ameri⸗ kaniſchen Beharrlichkeit alle Ehre. Man mußte das Holz von der einen Seite, das Eiſen von der 102 andern herbeiſchaffen; zwei oder drei Zimmerleute hieben das Holz zu, ein Mulatte ſchmiedete das Eiſen. Auf dieſe Art waren die beiden Schaluppen verfertigt worden, von den Nägeln an bis zu den eiſernen Maſtreifen. Nach Verfluß von zwei Monaten war die Flotte bereit. Man bewaffnete jedes Schiff mit zwei kleinen ehernen Kanonen; vierzig Schwarze und Mulatten wurden den dreißig Europäern bei⸗ geſellt, ſo daß ſich die Geſammtzahl der beiden Mannſchaften auf ſiebenzig Köpfe belief. Die Lanciones konnten, der eine fünfzehn bis achtzehn, der andere zwölf bis fünfzehn Tonnen halten. Ich übernahm das Commando auf dem ſtärkern⸗ den wir Rio Pardo tauften. John Griggs erhielt den Befehl über den andern, welcher der Republikaner hieß. Roſſetti war in Piratinin geblieben, wo er das Journal„le Peuple“ redigirte. Unmittelbar nach Vollendung des Baues be⸗ gannen wir die Lagune von los Patos zu durch⸗ ſtreifen. Einige Tage verſtrichen mit Abfangung einiger unbedeutender Priſen. Die Kaiſerlichen hatten unſern beiden Schaluppen von achtundzwanzig Tonnen zuſammen dreißig Kriegsſchiffe und einen Dampfer entgegenzuſtellen. Aber wir unſerer Seits hatten die Untiefen inne. Die Lagune war für große Schiffe nur in einer Art von Canal fahrbar der ſich an ihrem öſtlichen Ufer hinzog. rleute das uppen u den r die f mit warze n bei⸗ eien n bis onnen rkern, rden wo er s be⸗ durch⸗ agung uppen reißig tellen. inne. ur in ihrem Auf den entgegengeſetzten Seiten dagegen war ihr Boden abſchüſſig, und wir mußten, trotz des wenigen Waſſers das wir zogen, mehr als dreißig Schritte vor dem Ufer ſtranden. Die Sandbänke reichten ungefähr wie Kamm⸗ zähne in die Lagune hinein, nur ſtanden dieſe Zähne ſehr weit auseinander. Wenn wir genöthigt waren zu ſtranden und die Kanonen eines Kriegsſchiffes oder Dampfers uns beläſtigten, rief ich: — Holla ihr Enten, ins Waſſer! Und meine Enten ſprangen ins Waſſer; ſodann nahm man den Lancione auf die Arme und trug ihn auf die andere Seite der Sandbank. Mitten unter all dem nahmen wir ein reich⸗ beladenes Schiff weg und führten es auf die Weſt⸗ küſte des Sees, in die Nähe von Camacua. Dort verbrannten wir es, nachdem wir Alles daraus genommen was man nehmen konnte. Dieß war unſere erſte Priſe die der Mühe werth war; ſie machte unſerer kleinen Marine große Freude. Fürs Erſte erhielt jeder ſeinen Antheil an der Beute, und vom Reſervefond ließ ich meinen Leuten Uniformen machen. Die Kaiſer⸗ lichen, die uns ſehr verachtet hatten und nie eine Gelegenheit hinausließen ſich über uns luſtig zu machen, begannen unſere Wichtigkeit in der Lagune einzuſehen und mußten zahlreiche Schiffe zum Schutz ihres Handels verwenden. Das Leben das wir führten war thätig und voll von Ge⸗ fahren wegen der numeriſchen Ueberlegenheit unſeres 104 Feindes, zugleich aber war es anziehend, pittoresk und ſtand im Einklang mit meinem Charakter. Wir waren nicht bloß Seeleute, ſondern nöthigen Falls auch Reiter; im Augenblick der Gefahr fanden wir ſo viel und noch mehr Pferde als wir bedurften, und in zwei Stunden konnten wir eine zwar nicht elegante, aber furchtbare Schwadron bilden. Die ganze Lagune entlang befanden ſich Eſtan⸗ cias die wegen der Nähe des Kriegs von ihren Eigenthümern verlaſſen waren; wir trafen dort Thiere aller Art zum Reiten und zum Eſſen; über⸗ dieß gab es auf jeder dieſer Farmen angebaute Landtheile, wo wir Korn im Ueberfluß, ſüße Ba⸗ taten und vortreffliche Orangen bekamen, da dieſe Gegend die beſten von ganz Südamerika erzeugt. Die Horde die mich begleitete, eine wahre Cosmo⸗ politenſchaar, beſtand aus Männern von allen Farben und Nationen. Ich behandelte ſie mit einer Güte die ſolchen Leuten gegenüber vielleicht nicht ganz am Platze war; aber ſo viel kann ich verſichern daß ich dieſe Güte niemals zu bereuen hatte, denn Jeder gehorchte auf meinen erſten Befehl, und ich kam nie in die Nothwendigkeit mich zu ärgern oder eine Strafe zu verhängen. XX. Die Eſtancia della Barra. In der Provinz Camacua, wo wir unſer kleines Arſenal hatten und von wo die republi⸗ resk kter. igen fahr wir eine rn tan⸗ hren dort ber⸗ aute Ba⸗ ieſe ugt. mo⸗ llen mit eicht ich uen ſten keit nſer bli⸗ 105 kaniſche Flotille ausgezogen war, wohnten auf einer unermeßlichen Fläche ſämmtliche Familien der Brüder von Bento Gonzalès, wie auch ent⸗ ferntere Verwandte; zahlloſe Heerden weideten auf dieſen prächtigen Ebenen welche der Krieg verſchont hatte, da ſie ſich außer dem Bereich ſeiner zerſtörenden Hand befanden. Die Erzeugniſſe des Landbaus waren hier in einer Fülle angehäuft wovon man in Europa keinen Begriff haben kann. Ich habe ſchon weiter oben geſagt daß man in keinem Land der Erde eine ehrlichere und herzlichere Gaftfreundſchaft treffen könne; dieſe Gaſtfreundſchaft nun fanden wir in dieſen Häuſern, wo die vollſtändigſte Sym⸗ pathie für uns vorwaltete. Die Eſtancias wo wir uns, wegen ihrer Nähe beim Fluß und wegen des guten Empfanges auf den wir rechnen konnten, beſonders gerne zu Gaſte luden, gehörten den Schweſtern des Präſidenten: Donna Anna und Donna Antonia. Erſtere hatte ihre Güter auf den Ufern des Camacua, letztere auf dem des Arroyo grande. Ich weiß nicht, war es eine Wirkung meiner Einbildungskraft oder ganz einfach eines der Vorrechte meiner ſechs und zwanzig Jahre, aber Alles verſchönerte ſich in meinen Augen, und ich kann verſichern daß kein Abſchnitt meines Lebens meinen Gedanken lebhafter und namentlich reizender vorſchwebt als dieſe Periode die ich jezt erzählen will. Das Haus der Donna Anna war ganz beſonders ein Paradies für mich; dieſe prächtige Frau war zwar nicht mehr jung, ————FÜ%Y 106 hatte aber einen äußerſt heitern Charakter; ſie hatte eine ganze Emigrantenfamilie von Pelotas, einer Stadt der Provinz deren Haupt der Doctor Paolo Ferreira war, bei ſich; drei junge Mädchen, immer eine bezaubernder als die andere, bildeten die Zierde dieſes Ortes der Wonne; eine von ihnen, Manvela, war die unumſchränkte Gebieterin meiner Seele; obſchon ohne Hoffnung ſie je zu be⸗ ſitzen, konnte ich es mir nicht verwehren ſie zu lieben. Sie war mit einem Sohne von Bento Gon⸗ zalés verlobt. Gleichwohl hatte ich einmal, als ich mich in Gefahr befand, Gelegenheit zu bemerken daß ich der Dame meines Herzens nicht gleichgiltig war; und dieſes Bewußtſein ihrer Sympathie genügte um mich über die Unmöglichkeit ihres Beſitzes zu tröſten. Im Allgemeinen ſind die Frauen von Rio Grande ſehr ſchön; unſere Leute hatten ſich galant zu ihren Sclaven gemacht, aber ich muß geſtehen daß nicht alle einen ſo reinen und uneigen⸗ nützigen Cultus für ihre Göttinnen bewahrten wie ich für Manvela. So oft daher ein widriger Wind, ein Sturm, eine Expevition uns nach dem Arroyo Grande oder Camacua trieb, herrſchte Jubel unter uns. Der kleine Wald von Firiva, der den Eingang des einen bezeichnete, oder der Orangenhain der die Mündung des andern ver⸗ deckte, wurden immer mit einer dreifachen Salve von luſtigen Hurrahs begrüßt, worin unſere vet⸗ liebte Begeiſterung ſich kundgab. —, „ hatte einer ßaolo mmer die hnen, einer e zu Son⸗ ch in ß ich war; ügte s zu —, von ji muß gen⸗ eten riger dem ſchte riva, der ver⸗ alve ver⸗ 107 Eines Tages, als wir uns, nachdem wir unſere Schiffe ans Land gezogen, auf der Eſtancia della Barra, welche der Donna Antonia, Schweſter des Präſidenten, gehbrte, vor einem ſogenannten galpon da chargueada befanden, einem Schuppen wo das Fleiſch eingeſalzen und bereitet wird, meldete man uns plötzlich, der Oberſt Juan Pietro de Abrecu, wegen ſeiner Schlauheit Moringue, d. h. der Marder, genannt, ſei zwei oder drei Stunden von uns mit ſiebzig Reitern und achtzig Fußgängern gelandet. Die Sache war um ſo wahrſcheinlicher, als wir wußten daß Moringue ſeit der Wegnahme der Feluke welche wir verbrannt hatten, nachdem wir den koſtbarſten Theil der Ladung zu uns ge⸗ nommen, Rache geſchworen hatte. Dieſe Nachricht machte mich überglücklich. Die Leute des Oberſten waren deutſche und öſterreichiſche Söldner, denen ich recht gern die Schuld heim⸗ bezahlte welche jeder gute Italiener gegen ihre Brüder in Europa eingegangen hat. Wir waren im Ganzen etwa ſechzig Mann ſtark, aber ich kannte meine Leute, und mit ihnen glaubte ich mich fähig nicht bloß hundert fünfzig, ſondern dreihundert Oeſterreichern Stand zu halten. Ich ſchickte alſo nach allen Seiten Plänkler aus und behielt etwa fünfzig Mann bei mir. Die zehn oder zwölf Mann die ich auf Re⸗ cognoscirung ausgeſandt hatte, kehrten alle mit der gleichen Erklärung zurück, daß ſie Nichts ge⸗ ſehen hätten. 108 Es lag ein ſtarker Nebel und mit Hilfe des⸗ ſelben hatte der Feind ihren Nachforſchungen ent⸗ gehen können. Ich beſchloß mich nicht gänzlich auf den Verſtand des Menſchen zu verlaſſen, ſondern auch den Inſtinet der Thiere zu befragen. Wenn eine Expeditivn dieſer Art ſtattfindet und Leute aus einem andern Land um eine Eſtancia her einen Hinterhalt legen, ſo geben gewöhnlich die Thiere, welche den Fremden riechen, Zeichen von Unruhe, in Betreff deren ſich der aufmerkſame Beobachter nicht täuſchen kann. Von meinen Leuten gejagt, verbreiteten ſich die Thiere um die Eſtancia her, ohne durch irgend ein Zeichen kundzugeben daß etwas Ungewöhnliches in der Umgegend vor ſich gehe. Ich glaubte alſo keine Ueberraſchung mehr fürchten zu müſſen; ich befahl meinen Leuten ihre geladenen Flinten, ſo wie ihre Munition in die Rechen zu ſtellen die ich im Galpon hatte an⸗ bringen laſſen, und gab ihnen das Beiſpiel der Sicherheit, indem ich mich zum Frühſtück ſetzte und ſie einlud das Gleiche zu thun. Dieſe Einladung nahmen ſie gewöhnlich an, ohne ſich bitten zu laſſen. Gott ſei Dank, an Lebensmitteln fehlte es nicht. Nach dem Frühſtück ſchickte ich jeden an ſein Geſchäft. Meine Leute arbeiteten wie ſie aßen, d. h. tüchtig und wacker; ſie ließen ſich nicht bitten: die einen gingen zu den Lanciones, die ans Ufer gez die des⸗ ent⸗ ſtand ſtinct indet incia nlich ichen ſame ſich gend iches nehr ihre die an⸗ der etzte an, icht. ſein 109 gezogen und in der Reparatur begr n waren, die andern in die Schmiede; einige in den Wald um Kohlen zu machen, andere zum Fiſchen. Ich blieb allein mit dem Meiſter Schiffskoch, der ſeine Küche in der freien Luft vor der Thüre des Galpon hergerichtet hatte und den Topf über⸗ wachte worin unſer Fleiſch ſchäumte. Fch ſelbſt ſchlürfte wollüſtig meinen Mate, eine Art von Paraguaythee den man mit Hilfe einer gläſernen oder hölzernen Röhre aus einem Kürbis genießt. Ich hatte nicht die mindeſte Ahnung daß der Oberſt Marder, der aus der Gegend war, durch irgend eine Liſt die Wachſamkeit meiner Leute getäuſcht, unſern Thieren Vertrauen eingeflößt und ſich mit ſeinen hundertfünfzig Oeſterreichern in einem Wald, fünf bis ſechshundert Schritte von uns, auf den Bauch gelegt hatte. Auf einmal hörte ich, zu meinem großen Erſtaunen, hinter mir das Angriffsſignal er⸗ ſchallen. Ich drehte mich um, Fußvolk und Reiterei kamen im Galopp einhergeſprengt; jeder Reiter hatte einen Infanteriſten hinter ſich; diejenigen die keine eigenen Pferde hatten, klammerten ſich an die Mähnen der vorhandenen feſt. Ich war mit einem einzigen Sprung im Gal⸗ pon. Der Koch folgte mir; aber der Feind war ſchon ſo nahe, daß ich, im Augenblick wo ich über die Thürſchwelle ſetzte, einen Lanzenſtich durch meinen Mantel erhielt. 110 Ich habe bereits geſagt daß die Flinten ge⸗ laden im Rechen ſtanden. Es waren ihrer ſechzig. Ich ergriff eine und ſchoß; dann eine zweite, dann eine dritte, und zwar mit einer ſolchen Ge⸗ ſchwindigkeit daß man nicht glauben konnte daß ich allein war, und mit ſolchem Glück daß drei Mann fielen. Ein vierter, fünfter und ſechster Schuß folgten auf die drei erſten; da ich unter die Maſſe ſchoß, ſo traf jede Kugel. Wäre dieſe Maſſe auf den Einfall gekommen den Schuppen anzugreifen, ſo hätte ſie dem Cor⸗ ſaren und ſeinen Fahrten auf einmal den Garaus machen können; aber da der Koch ſich mir ange⸗ ſchloſſen und gleichfalls Feuer gegeben hatte, ſo ließ ſich der Oberſt Marder trotz all ſeiner Schlauheit täuſchen und glaubte uns alle zuſam⸗ men im Galpon. Pr ſtellte ſich daher mit ſeiner Mannſchaft etwa hundert Schritte vom Schuppen auf und begann zu plänkeln. Das rettete mich. Da der Koch kein ſehr geübter Schütze und in unſerer Lage jeder verlorner Schuß ein großer Schaden war, ſo befahl ich ihm ſich aufs Laden zu beſchränken und die geladenen Gewehre mir zu überreichen. Eines wußte ich mit Beſtimmtheit, nämlich daß meine Leute, da ſie die Landung des Feindes bereits vermutheten, ſo bald ſie Schüſſe hörten, Alles begreifen und mir zu Hülfe eilen würden. ge⸗ hzig. veite, Ge⸗ daß drei gten choß, men Cor⸗ raus nge⸗ „ſo einer ſam⸗ chaft und und oßer den mir nlich ndes ten, den. 11¹ Ich täuſchte mich nicht. Mein wackerer Lud⸗ wig Carniglia erſchien zuerſt durch die Rauch⸗ wolke hindurch die zwiſchen dem Galpon und der feindlichen Schaar hing, welche ihrerſeits ein hölliſches Feuer gab. Unmittelbar nach ihm kamen Ignaz Bilbav, ein braver Biscayer, und ein nicht minder braver Italiener, Namens Lorenzo. Im Nu waren ſie mir zur Seite und ſuchten mirs gleichzuthun. Sodann kamen Eduard Mutru, Nacemento Raphael und Procope— von den beiden Letzteren war der eine ein Mulatte, der andere ein Schwarzer— end⸗ lich Francesco da Sylva. Ich möchte die Namen all dieſer tapfern Genoſſen, ſtatt ſie aufs Papier zu ſchreiben, in Erz graben können: ſie waren im Ganzen dreizehn und kämpften an meinen Seiten fünf Stunden lang gegen hundertfünfzig Feinde. Dieſe Feinde hatten ſich aller Häuſer, Baran und ſonſtiger Gebäude rings um uns her bemäch⸗ tigt und unterhielten von da aus ein furchtbares Feuer auf uns. Andere hatten ſich auf das Dach gehißt, deckten es ab, ſchoſſen durch die Locher auf uns herunter und warfen brennende Faſchinen herab. Aber während die Einen die Faſchinen löſchten, erwiderten die Andern das Schießen, und zwei orer drei fielen durch die von ihnen ſelbſt gemachten Löcher todt mitten unter uns. Wir unſererſeits hatten mit den Bajonetten Schießſcharten in die Mauer des Schuppens geſtoßen und konnten auf dieſe Art ziemlich gedeckt feuern. 112 Gegen drei Uhr that der Neger Procope einen glücklichen Schuß: er zerſchmetterte dem Oberſt Moringue den Arm. Dieſer ließ alsbald zum Rückzug blaſen und brach auf; er nahm ſeine Verwundeten mit, ließ aber fünfzehn Todte auf dem Platze. Ich ſelbſt hatte von meinen dreizehn Mann fünf Todte und fünf Verwundete: drei ſtarben an ihren Wunden, ſo daß dieſes Gefecht, eines der hitzigſten in die ich je gekommen, mich acht Mann koſtete. Dieſe Gefechte waren um ſo mörderiſcher für uns als wir weder Arzt noch Wundarzt hatten. Die leichten Wunden wurden mit Kaltwaſſer⸗ umſchlägen behandelt, die man ſo oft als mög⸗ lich erneuerte. Dieß war traurig, barbariſch vielleicht, aber was wollt ihr? es ließ ſich einmal nicht anders machen. Roſſetti, der ſich zufällig nebſt unſern übrigen Genoſſen in Camacua befand, konnte zu ſeinem großen Leidweſen nicht zu uns gelangen. Die Einen mußten, da ſie verfolgt wurden und ohne Waffen waren, ſchwimmend über den Fluß ſetzen; die andern vergruben ſich im Wald; ein einziger wurde entdeckt und getödtet. Dieſes ſo gefährliche, aber von einem ſo glück⸗ lichen Ausgang gekrönte Gefecht gab unſern Leuten, ſo wie den Bewohnern der Küſte, die ſchon ſeit langer Zeit den Ausfällen dieſes verwegenen und unternehmenden Feindes ausgeſetzt waren, ein ungeheures Selbſtvertrauen. einen Oberſt und ließ Pann ben eines acht für tten. ſſer⸗ mög⸗ was chen. igen nem Die ohne gen; iger lück⸗ ten, ſeit und ein 113 Im Uebrigen war Moringue der beſte Guerillas⸗ führer der Kaiſerlichen. Er eignete ſich ganz be⸗ ſonders zu ſolchen Ueberfällen, und ich muß ſagen daß er dieſen mit einer Schlauheit geleitet, welche ihm gewiß den Namen Marder verdient haben würde, wenn er ihn nicht ſchon früher empfangen hätte. In der Gegend geboren und, wie geſagt, auf's Genaueſte mit derſelben bekannt, mit einer Verſchlagenheit und Unerſchrockenheit begabt die in jeder Probe Stich hielten, that er der republikaniſchen Sache großen Schaden, und das Kaiſerreich Braſilien hat die Unterwerfung dieſer muthvollen Provinz unſtreitig hauptſächlich ihm zu ver⸗ danken. Wir indeß feierten unſern Sieg. Donna Antonia gab uns ein Feſt auf ihrer Eſtancia, die etliche Miglien von dem Galpon entfernt war wo wir den Kampf beſtanden hatten. Bei dieſem Feſt erfuhr ich daß ein ſchönes junges Mädchen bei der Nachricht von der Ge⸗ fahr worin ich ſchwebte erblaßt war und ſich mit großer Theilnahme nach mir erkundigt hatte— ein Sieg der meinem Herzen theurer war als der blutige Sieg den ich davongetragen. O ſchönes Mädchen des amerikaniſchen Feſtlandes! ich war ſtolz und glücklich dir auf irgend eine Weiſe, wenn auch nur in Gedanken, anzugehören. Du warſt für einen Andern beſtimmt und ſollteſt ihm ge⸗ hören, mir ſelbſt aber beſchied das Geſchick jene andere Blume aus Braſilien die ich heute beweine Garibalbi. 1. 8 114 und mein ganzes Leben lang beweinen werde.— Holde Mutter meiner Söhne! ſie lernte ich nicht im Siege, ſondern im Unglück und im Schiff⸗ bruch kennen, und weit mehr als meine Jugend, mein Geſicht, meine Verdienſte, kettete mein Miß⸗ geſchick ſie für's ganze Leben an mich. Anita! Theure Anita! XX. Erxpedition nach St. Catarina. Wenig, ja ſogar nichts Bedeutendes mehr fiel nach dieſem Ereigniß auf der Lagune von los Patos vor. Wir bauten zwei neue Lanciones. Die erſten Elemente hiezu fanden ſich in unſerer vorhergehenden Priſe vor; die Herſtellung ſelbſt aber blieb nicht uns allein überlaſſen, ſondern auch die Bewohner S Nachbarſchaft ſtanden uns dabei wacker zur eite. Als die zwei neuen Schiffe fertig und ausge⸗ rüſtet waren, wurden wir berufen zur republi⸗ kaniſchen Armee zu ſtoßen, welche damals Preto Allegre, die Hauptſtadt der Provinz, belagerte. So lange wir an dieſem Theil des Sees blieben, richtete die Armee Nichts aus und auch wir konnten Nichts ausrichten. Dieſe Belagerung wurde indeß von Bento Manvel geleitet, der allgemein und mit vollem Rechte als ein tüchtiger Soldat, General und ich iff⸗ end, Niß⸗ nehr von rſten den nicht hner zur sge⸗ ubli⸗ reto erte. ben, nten ent llem und 115 Organiſator galt. Es war derſelbe der ſpäter die Republikaner verrieth und zu den Kaiſerlichen überging. Man dachte auf die Expedition gegen Santa Catarina. Ich wurde betufen daran Theil zu nehmen und unter die Befehle des Generals Ca⸗ navarro geſtellt. Nur ergab ſich eine Schwierigkeit, nämlich daß wir nicht über die Lagune hinauskommen konnten, da die Mündung derſelben von den Kaiſerlichen bewacht wurde. In der That lag auf dem ſüdlichen Ufer die befeſtigte Stadt Rio Grande du Sud, und auf dem nördlichen Ufer San Joſe du Nord, eine kleinere, aber gleichfalls befeſtigte Stadt. Nun befanden ſich dieſe beiden Plätze, wie auch Porto Allegre, noch in der Gewalt der Kaiſerlichen und machten ſie zu Herren des Ein⸗ und Ausganges des Sees. Sie beſaßen allerdings nur dieſe drei Puncte, aber das war ſchon genug. Indeß mit Leuten wie ich ſie commandirte gab es keine Unmöglichkeit. Ich machte den Vorſchlag die zwei kleineren Lanciones in der Lagune zu laſſen; ihr Befehls⸗ haber ſollte ein ſehr guter Seemann, Zefferino dutra, ſein. Ich mit den beiden andern wollte dann, indem ich Griggs und den verwegenſten Theil unſerer Abenteurer unter meinen Befehlen hatte, die Expeditivn begleiten und auf dem Meer operiren, während der General Canavarro auf dem Land operirte. 116 Dieß war ein ſehr ſchöner Plan, nur handelte es ſich noch um die Ausführung. Ich machte den Vorſchlag zwei Karren zu bauen, die groß und feſt genug wären um auf jeden von ihnen einen Lancione zu ſtellen, und an dieſe Karren die zum Ziehen nöthige Anzahl von Ochſen und Pferden zu ſpannen. Mein Vor⸗ ſchlag wurde angenommen und ich mit der Aus⸗ führung beauftragt. Nur nahm ich bei näherer Ueberlegung fol⸗ gende Aenderungen vor. Ich ließ durch einen geſchickten Wagner, Namens de Abreu, acht ungeheure Räder von zuverläſſiger Feſtigkeit mit allen dem zu tragenden Gewicht angemeſſenen Mitteln verfertigen. An einem der Enden des Sees— demjenigen das Riv Grande du Sud gegenüber liegt, d. h. im Nordoſten, befindet ſich in der Tiefe einer Schlucht ein kleiner Bach der aus der Lagune de los Patos in den See Tramandai fließt, auf welchen unſere beiden Lanciones geſchafft werden ſollten. Ich ließ eines unſerer Fuhrwerke in dieſe Schlucht bringen und ſo tief als möglich unter⸗ tauchen; ſodann hoben wir, wie bei den Trans⸗ porten über die Sandbänke hinweg, den Lancione ſo weit in die Höhe bis ſein Kiel auf der doppelten Achſe ruhte. Hundert Hausochſen die wir mit unſerm feſteſten Seilwerk an die Deichſel ſpannten, wurden auf einmal angetrieben, und mit einer unbeſchreiblichen Befriedigung ſah ich das größere aff ieſe ter⸗ ns⸗ one lten mit ten, iner 117 meiner beiden Schiffe wie ein gewöhnliches Päckchen in Bewegung geſetzt. Der zweite Wagen folgte, wurde wie der erſte beladen und gleichfalls glücklich in Gang gebracht. Jetzt wurde den Einwohnern das merkwürdige und ungewohnte Schauſpiel zu Theil wie zwei Schiffe auf Karren vier und fünfzig Miglien, d. h. achtzehn Stunden weit, von zweihundert Ochſen fortgezogen wurden, und zwar ohne die mindeſte Schwierigkeit, ohne den geringſten Unfall. Am ufer des Tramandaiſees angelangt, wurden die Lanciones wieder ins Waſſer geſetzt; hier nahm man die kleinen durch die Reiſe nothwendig gamachten Reparaturen vor, die aber ſo unbe⸗ deutend waren daß man nach drei Tagen weg⸗ fahren konnte. Der Tramandaiſee wird durch laufende Waſſer gebildet die ihre Ouelle am öſtlichen Abhang der Gebirgskette des Epinaſſo haben. Er bffnet ſich in den atlantiſchen Ocean, iſt aber ſo ſeicht daß er nur bei den großen Fluten die Tiefe von vier oder fünf Fuß erreicht. Fügen wir hinzu daß auf dieſer von allen Seiten offenen Küſte das Meer beinahe niemals ruhig, ſondern die meiſte Zeit über ſtürmiſch iſt. Das Getöſe der Klippen an der Küſte, von den Seeleuten Pferde genannt, wegen des Schaumes den ſie um ſich her ſpritzen, erſtreckt ſich auf mehrere Miglien ins Innere hinein und wird häufig für Donnergeroll gehalten. 118 XXI. Abfahrt und Schiffbruch. Als wir endlich ſegelfertig waren, warteten wir die Stunde der hohen Flut ab und wagten uns gegen vier Uhr Nachmittags hinaus. Bei dieſer Gelegenheit kam uns unſere lange Gewohnheit. mitten unter den Klippen zu ſchiffen trefflich zu Statten, und trotz dieſer Uebung kann ich noch heute nicht ſagen durch welches mehr verwegene als geſchickte Manöver es uns gelang unſere Schiffe hinauszubringen, obſchon wir, wie geſagt, die Zeit der vollen Flut gewählt hatten. Da es uns überall an Tiefen fehlte, ſo brach die Nacht herein bis unſere Anſtrengungen zum Ziele führten und wir den Anker im Ocean jenſeits dieſer wüthenden Klippen auswarfen, die ihr wildes Toben zu verdoppeln ſchienen als ſie ſahen daß wir ihnen entkamen. Bemerken wir hier daß noch nie ein Schiff, vor den unſrigen, aus dem Tramandaiſee heraus⸗ gekommen war. Gegen acht Uhr Abends lichteten wir den Anker und begannen unſere Fahrt. Tags darauf, um drei Uhr Abends lagen wir ſchiffbrüchig an der Mündung des Aſerigua, eines Fluſſes der aus der Sierra do Eſpinaſſo ent⸗ ſpringt und ſich in der Provinz Santa Catarina, zwiſchen den„Thürmen“ und Santa Maura, ins Meer ergießt. ten ten ge fen nn ehr ng vie en. die ele its hr en iff, 18⸗ en vir tes nt⸗ a, ns 119 Von dreißig Mann Schiffsvolk waren ſechzehn ertrunken. Erzählen wir wie dieſe furchtbare Cataſtrophe ſich zutrug.. Gleich am Abend und ſchon im Augenblick unſerer Abfahrt drohte der Südwind, der die Wolken zuſammentrieb und mit großer Heftigkeit blies. Wir ſteuerten parallel an der Küſte hin; der Riv Pardo hatte, wie ich bereits geſagt, etwa dreißig Mann an Bord, einen Zwölfpfünder auf Walzen, eine Anzahl Koffer und eine große Menge von Gegenſtänden aller Art die wir aus Vorſicht mitgenommen, denn wir wußten nicht wie viel Zeit wir auf dem Meere zubringen, an welches Ufer wir gerathen und unter welchen Um⸗ ſtänden wir dieſes Ufer erreichen würden, da wir uns auf dem Wege nach einem feindlichen Lande befanden. Das Schiff war alſo überladen, und ſo wurde es oft gänzlich bedeckt von den Wellen, die von Minute zu Minute mit dem Winde wuchſen und es einige Mal zu verſchlingen drohten. Ich be⸗ ſchloß daher mich der Küſte zu nähern und wo möglich an einem Punkte zu landen der uns zu⸗ gänglich ſchiene; aber das Meer, das immer ärger tobte, geſtattete uns nicht die paſſende Stellung zu wählen; wir wurden von einer furchtbaren überdeckt die uns vollſtändig auf die Seite warf. Ich befand mich in dieſem Augenblick hoch oben auf dem Fockſtagmaſt, wo ich einen Weg 120 durch die Klippen zu entdecken hoffte; der Lancione ſchlug mit dem Steuerbord um, und ich wurde etwa dreißig Fuß hinweggeſchleudert. Obſchon ich mich in einer gefährlichen Lage befand, dachte ich doch, bei der Zuverſicht die meine Schwimmkunſt mir einflößte, keinen Augen⸗ blick an den Tod; da ich aber einige Cameraden bei mir hatte die keine Seeleute waren, und die ich kaum vorher im höchſten Grade ſeekrank auf dem Verdeck liegen geſehen, ſo ſchwamm ich nicht nach der Küſte, ſondern raffte einige Gegen⸗ ſtände zuſammen die vermöge ihrer Leichtigkeit auf der Oberfläche zu bleiben verſprachen, und ſchob ſie gegen das Schiff. Zugleich rief ich meinen Leuten zu, ſie ſollten ſich ins Meer werfen, irgend ein Strandgut ergreifen und das Ufer zu gewinnen ſuchen, das wohl noch eine Miglie ent⸗ fernt war. Das Schiff war umgeſchlagen, aber das Maſtwerk erhielt es noch auf ſeiner Backbord⸗ ſeite außerhalb des Waſſers. Der Erſte den ich ſah hatte ſich an den Wand⸗ tauen feſtgeklammert; es war Eduard Mutru, einer meiner beſten Freunde; ich ſchob ihm ein Stück von einer Treppenluke zu, mit der Ermahnung es nicht aus der Hand zu laſſen. Als er auf dem Wege zur Rettung war, warf ich meine Blicke auf das Schiff. Das Erſte oder vielmehr das Einzige was ich ſah, war mein theurer, muthvoller Ludwig Carniglia; er befand ſich im Augenblick der Cata⸗ ſtrophe am Steuerruder und hatte ſich am Hinter⸗ ione urde Lage die gen⸗ den die ich gen⸗ gkeit und ich fen, r zu ent⸗ aber ord⸗ and⸗ iner tück ung varf was wig ata⸗ ter⸗ 121 theil des Schiffes feſtgeklammert; unglücklicher Weiſe trug er gerade eine ſchwere Tuchjacke die er nicht mehr hatte ausziehen können, und die ihm die Arme dermaſſen zuſammenſchnürte, daß er unmöglich ſchwimmen konnte ſo lange er darin gefangen war. Er rief mir das zu, als er ſah daß ich gegen ihn her kam. — Hait nur feſt, antwortete ich, ich komme dir zu Hilfe. In der That kletterte ich wie eine Katze auf das Schiff zurück und gelangte zu ihm. Ich klammerte mich dann mit einer Hand an einem Vorſprung feſt, mit der andern zog ich ein Meſſerchen aus der Taſche das unglücklicher Weiſe ziemlich ſchlecht ſchnitt, und begann die Jacke am Kragen und am Rücken aufzutrennen; noch eine einzige Anſtrengung, und ich hatte den armen Carniglia von ſeinem Hinderniß befreit, als auf einmal eine furchtbare Welle über uns zuſammenſchlug, das Schiff zertrümmerte und alle noch am Bord be⸗ findliche Mannſchaft ins Meer warf; Carniglia wurde wie die andern hinabgeſtürzt und kam nicht wieder zum Vorſchein. Ich ſelbſt wurde wie ein Wurfgeſchoß in die Tiefe des Meeres geſchleudert und kam ganz be⸗ täubt wieder an die Oberfläche empor, hatte aber mitten in meiner Betäubung nur eine einzige Idee, nämlich meinem theuern Ludwig zu Hilfe zu kommen. Ich ſchwamm alſo um das Gerippe des Schiffes herum und rief mitten im Sturmesgebraus und Meeresgetobe beſtändig ſeinen 122 Namen, aber er antwortete mir nicht; er war für immer verſchlungen, dieſer wackere Camerad der mir auf dem Plata das Leben gerettet, und dem ich trotz aller Anſtrengungen ſeine That nicht zu vergelten vermochte. Als ich die Hoffnung aufgeben mußte meinem Carniglia zu helfen, warf ich meine Blicke wieder um mich her. Es war ohne Zweifel eine Gnade von Gott, aber in dieſem Augenblick allgemeiner Todesnoth hatte ich nicht die mindeſte Angſt um meine eigene Rettung, ſo daß ich mich mit den Andern beſchäftigen konnte. Jetzt ſah ich meine Cameraden zerſtreut, nach Maßgabe ihrer Geſchicklichkeit vder Kraft von einander getrennt, auf das Ufer los ſchwimmen. Ich holte ſie augenblicklich ein, warf ihnen einen Ruf der Aufmunterung zu, ſchwamm voraus und war einer der Erſten, wo nicht der Erſte der durch vie Klippen hinauskam, indem ich ungeheure, berg⸗ hohe Wogen durchſchneiden mußte. Ich erreichte das Ufer. Mein Schmerz über den Verluſt meines armen Carniglia ließ mich in Bezug auf mein eigenes Schickſal gleichgiltig und verlieh mir eine unüberwindliche Kraft. Kaum hatte ich Fuß gefaßt, ſo drehte ich mich um, da ein letzter Schimmer von Hoffnung ſich noch in mir regte. Vielleicht konnte ich meinen Luigi noch ein⸗ mal ſehen. Ich betrachtete dieſe verſtörten, jeden Augen⸗ blick auf's Neue von den Wellen bedeckten Ge⸗ 123 ſichter eines ums andere, aber Carniglia war wirklich verſchwunden; die Abgründe des Oceans hatten mir ihn nicht zurückgegeben. Jetzt ſah ich Eduard Mutru wieder, denjeni⸗ gen der mir nach Carniglia der Liebſte war und dem ich ein Stück von einer Treppenluke zuge⸗ ſchoben hatte, mit der Mahnung ſich mit ſeiner ganzen Kraft daran feſtzuklammern. Ohne Zweifel hatte die Heftigkeit des Meeres ihm daſſelbe aus den Händen geriſſen. Er ſchwamm noch, war aber erſchöpft, und die Krampfhaftigkeit ſeiner Be⸗ wegungen bewies daß er ſich in der äußerſten Noth befand.. Ich habe geſagt wie ſehr ich ihn liebte; er war der zweite Bruder meines Herzens den ich an dieſem Tage verlieren ſollte. Ich wollte nicht in einem einzigen Augenblick um Alles kommen was ich in der Welt liebte. Ich ſtieß das Schiffstrümmer mit deſſen Hilfe ich ſelbſt das Ufer erreicht hatte ins Meer, warf mich mitten in die Wogen und ſuchte mit gänzlicher Gleich⸗ giltigkeit die Gefahr wieder auf, welcher ich kaum erſt entkommen war. In einer Minute war ich nur noch einige Klafter von Eduard entfernt und rief ihm zu: — Halt feſt! Muth.... Ich bin da, ich rette Dich! Vergebliche Hoffnung, nutzloſe Anſtrengungen! Im Augenblick wo ich das ſchützende Holz gegen ihn vorſchob, ſank er unter und verſchwand. Ich ſiieß einen Schrei aus, ließ meine Stütze los und tauchte unter. Dann, als ich meinen 124 armen Freund nicht fand, dachte ich, er ſei viel⸗ leicht an die Oberfläche des Waſſers zurückgekom⸗ men. Ich arbeitete mich wieder hinauf, es war Nichts! Ich tauchte wieder unter und kehrte von Neuem zurück. Ich rief mit derſelben Verzweif⸗ lung nach ihm wie ich nach Carniglia gerufen hatte, aber eben ſo vergeblich; auch Eduard Mu⸗ tru war verſchlungen von den Tiefen dieſes Oceans den er ſo muthvoll durchfahren hatte um zu mir zu gelangen und der Sache der Völker zu dienen. Abermals ein Märtyrer der italieniſchen Frei⸗ heit der weder ſein Grab noch ſein Kreuz haben wird! Die Leichname der ſechszehn Ertrunkenen die wir bei dieſem Unglücksfall zählten, dieſer treuen Genoſſen meiner Abenteuer, wurden mehr als dreißig Miglien weit gegen Norden von den Wo⸗ gen fortgewälzt und von den Strömungen hin⸗ geriſſen. Ich ſuchte jetzt unter den vierzehn Ueber⸗ lebenden, die in dieſem Augenblick ſämmtlich das Ufer erreicht hatten, ein befreundetes Geſicht, eine italieniſche Phyſionomie. Nicht eine einzige! Die ſechs Italiener die mich begleitet hatten waren todt: Carniglia, Mutru, Staderini, Na⸗ vone, Giovanni... Der Name des ſechsten iſt mir entfallen. Ich bitte das Vaterland um Verzeihung daß ich ihn vergeſſen habe; ich weiß wohl daß ich dieß nach einem Zeitraume von zwölf Jahren ſchreibe; ich weiß wohl daß ſeit dieſer Zeit viele weit furcht⸗ bare mein daß gebe ich: glei Her gele kaun wie wär woh der blick rend einz hab woh daß juſt Tot Ver viel⸗ ekom⸗ war ven weif⸗ rufen Mu⸗ ceans mir enen. Frei⸗ haen n die reuen als Wo⸗ hin⸗ leber⸗ das eine atten Na⸗ en iſt ß ich dieß eibe; ucht⸗ 125 barere Ereigniſſe als das ſo eben erzählte in meinem Leben vorgekommen ſind; ich weiß wohl daß ich eine Nation fallen geſehen, daß ich ver⸗ gebens die Vertheidigung einer Stadt verſucht; ich weiß wohl daß ich verfolgt, verbannt, gehetzt gleich einem wilden Thier, die Frau welche das Herz meines Herzens geworden war ins Grab gelegt habe; ich weiß wohl daß ich, als das Grab kaum ausgefüllt war, von demſelben fliehen mußte wie einer der Verdammten Dante's die mit rück⸗ wärts gebogenem Kopfe voran ſchreiten; ich weiß wohl daß ich kein Aſhl mehr habe, daß ich von der äußerſten Spitze Africa's her auf dieſes Europa blicke das mich wie einen Banditen verſtößt, wäh⸗ rend ich ſtets nur einen einzigen Gedanken, eine einzige Liebe, eine einzige Verzweiflung gehabt habe, nämlich das Vaterland; ich weiß das Alles wohl, aber darum bleibt es nicht minder wahr daß ich mich dieſes Namens erinnern müßte. Leider erinnere ich mich ſeiner nicht! Tanger, März und April 1859. „ J. 8 Xi John Griggs. Seltſam! Es waren, abgeſehen von mir ſelbſt, juſt die guten, tüchtigen Schwimmer die ihren Tod gefunden. Ohne Zweifel hatten ſie, im Vertrauen auf ihre Geſchicklichkeit, es vernachläſſigt ſich der ſchwimmenden Trümmer zu bemächtigen 126 und ſich ohne dieſe Hilfr über dem Waſſer zu erhalten gehofft, während dagegen unter denjenigen die ich ganz unverletzt wieder um mich verſammelt fand einige junge Amerikaner waren, von denen ich ſelbſt mitangeſehen hatte daß es ſie Mühe koſtete über einen zehn Fuß breiten Flußarm zu ſchwimmen. Dieß ſchien mir unglaublich, und dennoch war es die Wahrheit. Die Welt däuchte mich eine Wüſtniß. Ich ſetzte mich ans Ufer, ließ meinen Kopf in meine Hände ſinken, und ich glaube daß ich weinte. Mitten in meiner Abſpannung drang eine Klage an mein Ohr. Jetzt erinnerte ich mich daß ich, obſchon dieſe Leute mir unbekannt, beinahe fremd waren, dennoch als ihr Anführer im Kampf oder Schiffbruch die Verpflichtung hatte ihr Vater in der Noth zu ſein. Ich richtete mein Haupt wieder empor. — Was gibt es? fragte ich, und wer klagt? Zwei oder drei Mann antworteten zähne⸗ klappernd. — Ich friere. Nun erſt ſpürte ich, der ich bisher nicht daran gedacht hatte, daß ich ebenfalls fror. Ich ſtand auf und ſchüttelte mich; einige meiner Cameraden waren bereits erſtarrt und ſaßen oder lagen da um ſich nicht wieder zu er⸗ heben. ——— c r ++— rzu igen melt enen Nühe zu war f in ich eine dieſe moch bruch Noth agt? ihne⸗ arn inige und u er⸗ 127 Ich zupfte ſie beim Arm. Drei oder vier befanden ſich in derjenigen Periode der Erſtarrung wo man die Mattigkeit des Todes dem Leiden der Bewegung vorzieht. Ich rief die Kräftigſten zu Hilfe, zwang die Erſtarrten ſich zu erheben, nahm einen von ihnen bei der Hand, ermahnte diejenigen die ihre Kräfte noch nicht verloren hatten daſſelbe zu thun, und rief ihnen zu: — Laßt uns laufen. Zugleich ging ich mit dem Beiſpiel voran. Anfangs war es ſchwer, ja ſogar ſehr ſchmerz⸗ haft, unſere ſteifgewordenen Gelenke in Bewegung zu bringen; aber allmählig fanden unſere Glieder ihre Elaſticität wieder. Wir tummelten uns ungefähr eine Stunde lang herum; dann hatte unſer neuerwärmtes Blut ſeinen Kreislauf in unſern Adern wieder begonnen. Wir hatten unſere Turnübung in der Nähe des Aſeriguafluſſes angeſtellt, der ſich parallel mit dem Meere hinzieht und eine halbe Miglie von dem Ort wo wir waren in daſſelbe ergießt; dann zogen wir am rechten Ufer des Fluſſes hinauf und fanden, ungefähr vier Miglien von unſerem Ausgangspunct, eine Eſtancia und in derſelben die Gaftfreundſchaft die ewig auf der Schwelle eines amerikaniſchen Hauſes ſitzt. Unſer zweites Schiff, das von Griggs cvm⸗ mandirt wurde und Seival hieß, konnte, obſchon kaum größer als der Rio Pardo, in Folge ———— 128 ſeiner verſchiedenen Bauart, gegen den Sturm ankämpfen, ihm Trotz bieten und ſiegreich ſeinen Weg fortſetzen. 6 Ich muß aber auch ſagen daß Griggs ein vor⸗ trefflicher Seemann war. Ich ſchreibe von einem Tage auf den andern, da ich morgen vielleicht genöthigt werde die Zu⸗ fluchtsſtätte zu verlaſſen wo ich heute ausruhe. Ich weiß nicht ob ich ſpäter Zeit bekommen werde von dieſem trefflichen, tapfern jungen Mann all das Gute zu ſagen was ich von ihm denke; ich will daher, da ſein Name ſich gerade unter meiner Feder befindet, jetzt den Tribut bezahlen den ich ſeinem Gedächtniß ſchulde. Armer Griggs! Ich habe kaum ein Wort von ihm geſprochen, und gleichwohl, wo habe ich je einen Mann von bewundernswürdigerem Muth und liebens⸗ würdigerem Charakter getroffen?— Von einer reichen Familie ſtammend, hatte er ſein Geld ſein Genie und ſein Blut der aufkeimenden Republik dargeboten, und er hat Alles was er ihr ver⸗ ſprochen in vollſtem Maße geleiſtet. Eines Tags kam ein Brief von ſeinen Verwandten in Nord⸗ amerika, die ihn einluden eine coloſſale Erb⸗ ſchaft in Empfang zu nehmen; aber er hatte bereits das ſchönſte Erbe empfangen das einem Manne von Ueberzeugung, Treue und Glau⸗ ben beſchieden iſt, die Märtyrerspalme! Er war geſtorben für ein unglückliches, aber hoch⸗ herziges und tapferes Volk. Und ich, der ich ſo viele glorreiche Todesfälle geſehen, ich hatte den —.——)— — —————„——-0——— c—— — —.———„———— ann n⸗ iner ſein blik ver⸗ ags ord⸗ Erb⸗ atte nem lau⸗ Er och⸗ hſo den 129 den Körper meines armen Freundes entzweigeſpalten geſehen wie einen Eichſtamm durch das Beil des Holzhauers; die Büſte mit ſeinem unerſchrockenen, noch von der Flamme des Kampfes bepurpurten Geſichte war aufrecht auf dem Verdeck der Caſ⸗ ſapa ſtehen geblieben, aber die Glieder lagen zerſchmettert und vom Leibe abgeriſſen rings um ihn her. Ein Kartätſchenſchuß hatte ihn aus der Nähe von zwanzig Schritten getroffen, und ſo ver⸗ ſtümmelt zeigte er ſich mir an dem Tage wo ich mit einem meiner Gefährten, auf Befehl des Generals Canavarro, die Flottille anzündete und das Schiff meines Freundes beſtieg, der ſo eben buchſtäblich wie vom Blitz erſchlagen worden war. O Freiheit, Freiheit! welche Königin der Erde kann ſich rühmen in ihrem Gefolge eine Helden⸗ ſchaar zu beſizen wie du ſie im Himmel haſt! XXIII. Santa Catarina. Derjenige Theil der Provinz Santa Cata⸗ rina wo wir Schiffbruch litten haite ſich glück⸗ licher Weiſe, bei der Nachricht vom Anrücken der republikaniſchen Streitkräfte, gegen den Kaiſer empört; wir fanden alſo keine Feinde, ſondern Verbündete; wir wurden nicht bekämpft, ſondern mit Jubel begrüßt, und die armen Einwohner welche wir um Gaſtfreundſchaft angeſprochen ſtellten uns alle ihre Transportmittel zur Ver⸗ fügung. Garibaldi. 1. Der Capitän Balduino ließ mir ſein Pferd vorführen, und wir begaben uns unverzüglich auf den Marſch um zu Canavarro's Vortrab unter dem Oberſten Texeira zu ſtoßen, der ſo raſch als möglich nach der Lagune von Santa Catarina marſchirte, in der Hoffnung ſie zu überrumpeln.*) Ich muß geſtehen daß es uns wenig Mühe koſtete das Städtchen zu bekommen, das die La⸗ gune beherrſcht und das ſeinen Namen von ihr geborgt hat. Die Beſazung trat haſtig den Rück⸗ zug an, und drei kleine Kriegsſchiffe ergaben ſich nach einem ſchwachen Kampfe; ich ging mit mei⸗ nen Schiffbrüchigen an Bord der Gölette Ita⸗ parika, die mit ſieben Kanonen ausgerüſtet war. In den erſten Tagen dieſer Beſchäftigung ſchien das Glück einen Vertrag mit den Repu⸗ blikanern abgeſchloſſen zu haben: die Kaiſerlichen, die an einen ſo plözlichen Einfall der Lezteren nicht glaubten und nur unbeſtimmte Nachrichten von ihnen beſaßen, hatten Befehl ertheilt die Lagune mit Waffen, Munikion und Soldaten zu verſehen; nun aber kam dieß Alles an als wir bereits Herren der Stadt waren und fiel folglich in unſere Hände; was die Einwohner betraf, ſo empfingen ſie uns als Brüder und Befreier, ein Titel den wir leider während unſeres Aufenthaltes inmitten dieſer freund⸗ lichen Bevölkerung nicht zu rechtfertigen wußten. *) Dieſe Provinz Santa Catarina iſt dieſelbe welche der Kaiſer von Braſilien ſeiner Schweſter bei ihrer mit dem Prinzen von Joinville zur Mit⸗ gift gab. 6 5 ———— erd auf ter als ina . 5 ühe La⸗ ihr ü ⸗ ſch mei⸗ ta⸗ var. ung epu⸗ hen, nicht von gune hen; rren nde; uns eider und⸗ ßten. velche ihrer Mit⸗ 6 5 — 131 Canavarro ſchlug ſein Hauptquartier in der Lagunenſtadt auf, welche die Republikaner Giu⸗ liana tauften, weil ſie im Monat Juli darin ein⸗ gezogen waren. Er verſprach die Errichtung einer Provinzialregierung, deren erſter Präſident ein ehrwürdiger Prieſter war welcher einen großen Nimbus bei dieſer ganzen Bevölkerung beſaß; die eigentliche Seele derſelben war, mit dem Titel eines Regierungsſecretärs, Roſſetti, der ſich frei⸗ lich zu allen Aemtern vortrefflich eignete. Alles ging alſo vollkommen nach Wunſch: der Oberſt Texeira mit ſeiner wackern Vortrabs⸗ colonne hatte die Feinde verfolgt, ſie genöthigt ſich in der Hauptſtadt der Provinz einzuſchlieſ⸗ ſen und ſich des größern Theiles vom Lande be⸗ mächtigt; wir wurden von allen Seiten her mit offenen Armen empfangen und verſtärkten uns mit einer großen Anzahl kaiſerlicher Deſerteure. Prächtige Pläne wurden von dem General Canavarro entworfen, einem äußerſt biedern Soldaten der unter einem rauhen Aeußern ein treffliches Herz barg; er pflegte zu ſagen, aus dieſer Lagune von Santa Catarina werde die Hyder hervorgehen die das Kaiſerreich verſchlinge, und vielleicht wären ſeine Worte zur Wahrheit geworden, wenn man bei dieſer Expeditivn mit mehr Verſtand und Vorſicht zu Werke gegangen wäre; aber unſer hochmüthiges Gebahren gegen die Einwohner und die Unzulänglichkeit der Mit⸗ tel brachten uns um die Früchte dieſes glänzen⸗ den Feldzugs. 132 XXIV. Eine Frau. Ich hatte niemals ans Heirathen gedacht und glaubte mich auch, bei meinem Unabhängigkeits⸗ ſinn und unwiderſtehlichen Drang zu einem aben⸗ teuerlichen Leben, gänzlich unfähig zu einer Gat⸗ tenrolle; eine Frau und Kinder zu haben ſchien mir ganz unmöglich für einen Mann der ſein Leben einem Princip geweiht hat, deſſen Erfolg, ſo vollſtändig er auch ſein mag, ihm doch nie⸗ mals die für einen Familienvater nothwendige Gemüthsruhe laſſen kann. Das Schickſal hatte anders beſchloſſen: nach dem Tode Ludwigs, Eduards und meiner andern Gefährten fühlte ich mich gänzlich verlaſſen, und es war mir als ſtände ich allein da in der Welt. Es war mir nicht ein einziger jener Freunde geblieben deren das Herz bedarf wie das Leben der Nahrung bedarf. Die Ueberlebenden waren mir, wie ich bereits geſagt habe, fremd; es waren ohne Zweifel wackere Seelen und gute Herzen; aber ich kannte ſie zu kurze Zeit um auch nur mit einem einzigen von ihnen in ein innigeres Verhältniß getreten zu ſein. In dieſer unermeß⸗ lichen Leere die durch die furchtbare Cataſtrophe um mich her entſtanden war, fühlte ich das Be⸗ dürfniß nach einer Seele die mich liebtez ohne dieſe Seele wurde mir das Daſein unerträglich, beinahe unmöglich. Ich hatte zwar Roſſetti, und eits⸗ ben⸗ Hat⸗ hien ſein folg, nie⸗ dige hatte vigs, ühlte als unde eben aren aren rzen; nur geres meß⸗ rophe Be⸗ ohne glich, ſſetti, 133 das heißt einen Bruder, wieder gefunden; aber Roſſetti wurde von ſeinen Amtspflichten dermaſ⸗ ſen in Anſpruch genommen daß er nicht mit mir zuſammen leben konnte, und ich ſah ihn kaum ein⸗ mal in der Woche. Ich hatte alſo, wie geſagt, das Bedürfniß nach irgend Jemand der mich liebte. Nun aber iſt die Freundſchaft eine Frucht der Zeit: ſie braucht Jahre um zu reifen, wäh⸗ rend die Liebe dem Blitze gleicht und zuweilen eine Tochter des Sturmes iſt. Doch was liegt daran? Ich gehöre zu den⸗ jenigen welche die Stürme, wie ſie auch ſein mögen, den Windſtillen des Lebens und des Her⸗ zens vorziehen. Ich mußte alſo eine Frau haben; eine Frau allein konnte mich heilen; eine Frau, das heißt die einzige Zuflucht, der einzige Engel des Tro⸗ ſtes, der Stern im Sturme. Eine Frau iſt die Gottheit die man niemals vergebens anruft wenn man ſie mit dem Herzen, und beſonders wenn man ſie im Unglück anruft. Mit dieſem unaufhörlichen Gedanken wandte ich von meiner Cajüte auf der Itaparica aus meinen Blick nach dem Lande. Der Hügel von Barra war in der Nähe, und von meinem Bord aus entdeckte ich ſchöne junge Mädchen mit ver⸗ ſchiedenen häuslichen Arbeiten beſchäftigt. Eine von ihnen zog mich ganz beſonders an.— Man befahl mir zu landen, und ich begab mich ſo⸗ gleich nach dem Hauſe auf welchem mein Blick ſchon ſo lange haftete; mein Herz pochte, aber 134 bei all ſeiner Aufregung beherbergte es einen jener Entſchlüſſe vie niemals nachgeben.— Ein Mann lud mich zum Eintritt ein; ich wäre ein⸗ getreten wenn er mirs auch verboten hätte;— ich hatte dieſen Mann einmal geſehen. Ich ſah das junge Mädchen und ſagte zu ihr:„Jung⸗ frau, du mußt die Meinige werden!“ Durch dieſe einfachen Worte hatte ich ein Band geſchaffen das nur der Tod zerreißen konnte. Ich war an einen verbotenen Schaz gerathen, aber an einen Schaz von ſolchem Werth!... Wenn dabei ein Fehler begangen wurde, ſo war die Schuld gänz⸗ lich auf meiner Seite. Es war ein Fehler wenn zwei Herzen durch ihre Vereinigung die Seele eines Unſchuldigen zerriſſen. Aber ſie iſt todt und er iſt gerächt!— Wo habe ich die Größe des Fehlers erfahren?— Hier, an den Mündungen des Eridanus, an dem Tage als ich, in der Hoffnung ſie dem Tod abzukämpfen, krampfhaft ihren Puls prückte um ſeine letzten Schläge zu zählen, als ich ihren ent⸗ fliehenden Athem einſog, ihren keuchenden Hauch mit meinen Lippen auffing. Ach! ich küßte ſter⸗ bende Lippen; ach! ich umſchloß eine Leiche, und ich weinte die Thränen der Verzweiflung.*) *) Dieſe Stelle iſt abſichtlich mit einem dunkeln Schleier bedeckt, denn als ich nach ihrer Durchleſung zu Garibaldi zurückkehrte und ihm ſagte:„Leſen Sie das, lieber Freund; die Sache ſcheint mir nichtklar,“ da las er ſie wirklich, antwortete aber nach einer Weile nen Ein ein⸗ ſah ng⸗ ieſe ffen an nen ein inz⸗ enn eele Wo an Tod um ent⸗ uch ſter⸗ und keln ung Sie Rd* eile 135 XXV. Der Streifzug. Der General hatte beſchloſſen daß ich mit drei wohlgerüſteten Schiffen ausziehen ſolle um die kaiſerlichen Flaggen anzugreifen die an der Küſte Braſiliens kreuzten. Ich bereitete mich zu dieſem harten Geſchäfte vor, indem ich alle zu meiner Ausrüſtung nöthigen Elemente zuſammen⸗ raffte. Meine drei Schiffe waren der Rivo Pardo, unter meinem eigenen Befehl, die Caſſapara, unter Griggs— beides Göletten— und der Seival, unter dem Italiener Lorenzo. Die Mündung der Lagune war von den kaiſerlichen Kriegsſchiffen blokirt; aber wir zogen bei Nacht hinaus ohne beunruhigt zu werden⸗ Anita, fortan die Genoſſin meines ganzen Lebens und folglich aller meiner Gefahren, hatte durchaus darauf beſtanden ſich mit mir einzuſchiffen. Auf der Höhe von Santos angelangt, ſtießen wir auf eine kaiſerliche Corvette die vergebens zwei Tage lang Jagd auf uns machte. Am zweiten Tag näherten wir uns der Inſel do Abrigo, wo wir zwei mit Reis beladene Suma⸗ ken wegfingen. Wir ſezten unſere Kreuzfahrt fort und machten noch einige andere Priſen. Acht Tage nach unſerer Abfahrt ſteuerte ich auf die La⸗ gune zu. mit einem Seufzer:„Es muß ſo bleiben.“ Zwei Tage ſpäter ſchickte er mir ein Heft mit der Ueberſchrift: Anita Garibaldi. 136 Ich weiß nicht warum ich ein unheimliches Vorgefühl deſſen hatte was hier vorfiel; ſchon vor unſerer Abfahrt hatte ſich nemlich ein ge⸗ wiſſes Mißvergnügen gegen uns kundgegeben. Ich war überdieß von der Annäherung eines be⸗ deutenden Truppencorps unter dem General An⸗ drea, der ſich durch Herſtellung des Friedens auf Para einen großen Ruf erworbe, hatte, in Kennt⸗ niß geſezt. Auf der Höhe der Inſel Santa Catarina begegneten wir bei unſerer Rückfahrt einer bra⸗ ſilianiſchen Ktiegspataſche. Wir hatten den Riv Pardo und den Seival. Seit mehreren Ta⸗ gen hatte ſich die Ca dunkeln Nacht von uns ſſapara während einer getrennt. Wir entdeckten das feindliche Schiff von unſerm Vordertheil aus, und es war unnöglich ihm auszuweichen. Wir ſteuerten alſo auf daſſelbe zu und griffen es ent⸗ ſchloſſen an. Wir begannen das Feuer und der Feind antwortete; aber da die See hoch ging, ſo hatte der Kampf nur ein geringes Reſultat. Er endete mit dem Verluſt einiger unſerer Pri⸗ ſen; ihre Commandanten hatten, erſchreckt durch die Ueberlegenheit des Feindes, die Segel ge⸗ ſtrichen. Andere begaben ſich nach der nahen Küſte. Eine einzige von unſern Priſen wurde geret⸗ tet; ihr Befehlshaber war Ignaz Bilbao, ein wackerer Biscayer der mit ihr in den damals in unſerer Gewalt befindlichen Hafen von Imbituba einfuhr. Der Seival ſchlug, da ſeine Geſchütze hes hon ge⸗ en. be⸗ An⸗ auf nt⸗ na ra⸗ a⸗ er ten 18, ir t⸗ er t. i⸗ 137 demontirt waren und er Waſſer fing, dieſelbe Richtung ein; ich war alſo genöthigt das Gleiche zu thun, da ich zu ſchwach war um allein das Meer zu behaupten. Wir zogen, vom Nordoſtwind getrieben, in Imbituba ein; mit einem ſolchen Wind war es uns unmöglich in die Lagune zurückzukehren, und vorausſichtlich hatten wir von den kaiſerlichen Schiffen die in Santa Catarina ſtationirten und von dem Andurinka, dem Kriegsſchiff mit welchem wir zu thun gehabt, in Kenntniß ge⸗ ſezt waren einen Angriff zu erwarten: wir mußten uns alſo zum Kampf vorbereiten. Die demontirten Kanonen des Seival wurden auf ein Vorgebirge gebracht welches die Bucht gegen Oſten zu verſchloß, und auf dieſem Vorgebirge er⸗ richteten wir eine mit Schanzkörben bedeckte Bat⸗ terie. In der That bemerkten wir ſchon am folgen⸗ den Tag beim Morgengrauen drei Schiffe die auf uns zukamen. Der Riv Pardo wurde im Hintergrund der Bucht quer gelegt und begann einen ſehr ungleichen Kampf, da die Kaiſerlichen unendlich ſtärker waren als wir. Ich hatte Anita ans Land bringen wollen, allein ſie hatte ſich geweigert, und da ich im Grund meines Herzens ihren Muth bewunderte und darauf ſtolz war, ſo that ich, nachdem meine erſten Bitten zurückgewieſen worden, bei dieſer und bei andern Gelegenheiten Nichts um ihren Willen zu erzwingen. 138 Der Feind, der durch den zunehmenden Wind in ſeinem Manöver begünſtigt wurde, behauptete ſich unter Segel, indem er kleine Schläge machte und uns wüthend beſchoß. Auf dieſe Art konnte er nach Belieben alle Winkel ſeines Feuers öffnen und richtete es gänzlich auf unſere Gölette. Gleich⸗ wohl kämpften wir unſerer Seits mit der hart⸗ näckigſten Entſchloſſenheit, und da wir aus ſol⸗ cher Nähe angriffen daß man ſich der Carabiner bedienen konnte, ſo war das Feuer von beiden Seiten im höchſten Grade mörderiſch; in Folge unſerer numeriſchen Schwäche waren die Verluſte bei uns größer als bei den Kaiſerlichen, und ſchon war unſer Verdeck mit Leichnamen und Verſtümmelten überſät; aber obgleich die Flanke unſeres Schiffes von Kugeln durchlöchert war, obgleich unſer Maſtwerk bedeutenden Schaden ge⸗ litten hatte, waren wir entſchloſſen nicht zu wei⸗ chen und uns lieber bis auf den lezten Mann tödten zu laſſen als zu ergeben. Allerdings wurden wir in dieſem hochherzigen Entſchluſſe durch den Anblick der braſilianiſchen Amazone beſtärkt die wir an Bord hatten. Anita hatte, wie ich be⸗ reits geſagt, ſich nicht bloß geweigert ans Land zu gehen, ſondern ſie nahm auch mit dem Cara⸗ biner in der Hand am Kampfe Theil. Wir wur⸗ den in demſelben, das muß ich geſtehen, wacker unterſtüzt von Manvel Rodriguez, dem tapfern Commandanten unſerer Landbatterie, die über die ganze Dauer des Gefechts eben ſo geſchickt als kräftig Feuer gab. ike ei⸗ n en en ie E⸗ id a⸗ r⸗ er n ie 8 139 Der Feind war ſehr hartnäckig, beſonders gegen die Gölette. Mehreremal während des Kampfes bedrängte er ſie in ſolcher Nähe daß ich glaubte er wolle eine Enterung verſuchen. Er wäre willkommen geweſen. Wir waren auf Alles vorbereitet. Endlich nach fünfſtündigem erbittertem Kampfe trat der Feind zu unſerm großen Erſtaunen den Rückzug an; ſpäter erfuhren wir daß der Com⸗ mandant der ſchönen Amerikanerin gefal⸗ len war, und daß ſein Tod das Ende des Kampfes veranlaßt hatte. „ Während dieſes Gefechtes hatte ich eine der lebhafteſten und ſchmerzlichſten Gemüthserregun⸗ gen meines Lebens. Anita, die mit dem Säbel in der Hand auf dem Verdeck der Gölette ſtand und unſere Leute anfeuerte, wurde nebſt zwei Mann von einer Kanonenkugel niedergeworfen. Ich ſprang auf ſie zu, in der Meinung nur noch eine Leiche vorzufinden, aber ſie erhob ſich ganz unverlezt wieder, während die beiden Mann todt waren. Ich bat ſie jezt aufs Dringendſte ſie möchte ins Zwiſchendeck hinabgehen. — Ja ich will hinunter, ſogte ſie, aber nur um die Memmen heraufzujagen die ſich dort ver⸗ krochen haben. Sie ging wirklich hinab, kam aber bald wie⸗ der, indem ſie zwei oder drei Matroſen vor ſich her trieb, die ſich jezt aufs Tiefſte ſchämten daß ſie weniger Muth gezeigt hatten als ein Weib⸗ Den Reſt des Tages verwandten wir dazu 140 daß wir unſere Todten beerdigten und die ſehr bedeutenden Schäden ausbeſſerten welche das feindliche Feuer unſerer Gölette zugefügt hatte. Als am folgenden Tag die Kaiſerlichen nicht wie⸗ der zum Vorſchein kamen, ſo ſchifften wir, da ſie ſich ohne Zweifel zu einem neuen Angriff vor⸗ bereiteten, unſere Kanonen ein, lichteten gegen Nacht den Anker und ſteuerten von Neuem auf die Lagune zu. Als der Feind unſere Abfahrt bemerkte, wa⸗ ren wir ſchon weit; gleichwohl begann er uns zu verfolgen, konnte uns aber erſt im Verlauf des folgenden Tags einige Kanonenſchüſſe nach⸗ ſchicken die keinen Schaden thaten, ſo daß wir ohne weitern Unfall in die Lagune zurückkehrten, wo die Unſrigen uns mit Jubel empfingen und ſich nicht genug darüber wundern konnten daß wir einem numeriſch ſo überlegenen Feind ent⸗ kommen waren. XXVI. Die Plünderung von Imerui. Andere Ereigniſſe erwarteten uns in der Lagune. Da die Feinde fortwährend vom Lande her in ſo überlegener Stärke gegen uns heranrückten daß keine Ausſicht auf einen erfolgreichen Wider⸗ ſtand vorhanden war, und da wir uns auf der andern Seite durch Ungeſchicklichkeiten und Bru⸗ talitäten die Einwohner der Provinz Santa Ca⸗ ——„— c=— — 141 tarina dermaßen entfremdet hatten, daß ſie im Begriff ſtanden ſich zu empören und an die Kai⸗ ſerlichen anzuſchließen; da ferner die Bevölkerung der am äußerſten Ende des Sees gelegenen Stadt Imerui ſich ſogar bereits empört hatte, ſo erhielt ich vom General Canavarro Befehl dieſe un⸗ glückliche Ortſchaft mit Feuer und Schwert zu züchtigen, und ich mußte durchaus dem Com⸗ mando gehorchen. Die Einwohner und die Beſazung hatten von der Seeſeite her Vorbereitungen zur Vertheidi⸗ gung getroffen; ich landete alſo in einer Entfer⸗ nung von drei Miglien und überfiel ſie, im Au⸗ genblick wo ſie es am wenigſten erwarteten, von der Bergſeite her; überrumpelt und geſchlagen, wurde die Beſazung in die Flucht gejagt, und wir waren die Herren von Imerui. Ich wünſche für mich ſelbſt, ſo wie für je⸗ des noch nicht ganz entmenſchte Geſchöpf, daß ich nie wieder einen ſolchen Befehl empfangen möge; dieſer aber hatte ſo beſtimmt gelautet daß ich mich ſchlechterdings ihm nicht entziehen konnte. Obſchon es lange und ausführliche Berichte über ſolche Geſchichten gibt, halte ich es doch für un⸗ möglich daß die furchtbarſte Darſtellung die Wirk⸗ lichkeit erreicht. Möge der liebe Gott ſich meiner erbarmen und mir vergeben; aber ich habe nie in meinem Leben einen Tag gehabt der eine ſo bittere Erinnerung in meiner Seele zurückgelaſſen hätte wie dieſer. Niemand macht ſich einen Be⸗ griff davon wieviel Mühe es mich, nachdem ich 142 die Plünderung freigeſtellt, koſtete Gewaltſam⸗ keiten gegen die Perſonen zu verhindern und die Zerſtörung auf lebloſe Dinge zu beſchränken, und gleichwohl gelang es mir, glaube ich, über alle Erwartung; aber was Hab und Gut anbetraf, ſo war es mir unmöglich der Unordnung vorzu⸗ beugen. Nichts wirkte da, weder das Anſehen des Commandos noch Strafen noch ſogar Schläge. Ich mußte zulezt mit der Rückkehr des Feindes drohen. Ich verbreitete das Gerücht, er habe Ver⸗ ſtärkung erhalten und kehre gegen uns zurück, aber Alles war vergebens, und wäre der Feind wirklich zurückgekommen, ſo hätte er uns in unſerer vollſtändigen Auflöſung gänzlich zuſammenhauen können. Unglücklicher Weiſe hatte die Stadt, obſchon ſie klein war, eine Menge Magazine voll von Weinen und aleoholhaltigen Getränken, ſo daß, außer mir ſelbſt der ich nie etwas Anderes als Waſſer trinke, und einigen Offizieren die ich bei mir zurückzuhalten gewußt hatte, Alles toll und voll war; dazu kam daß ich meine Leute zum größten Theile kaum kannte, daß ſie neu⸗ angeworbene Recruten und folglich noch ohne Disciplin waren. Fünfzig entſchloſſene Krieger die uns unverſehens überfallen hätten, würden uns ganz ſicherlich den Garaus gemacht haben. End⸗ lich jedoch gelang es mir durch Drohungen und Anſtrengungen aller Art dieſe entfeſſelten Beſtien wieder aufs Schiff zu bringen. Man brachte einige Lebensmittel ſowie etliche 143 ſam⸗ vor der Plünderung bewahrt gebliebene und zur die Vertheilung beſtimmte Gegenſtände aufs Schiff und und kehrte in die Lagune zurück. alle Während dieſer Zeit zog ſich der Vortrab des traf, Oberſten Texeira vor dem Feinde zurück, der orzu⸗ raſch und zahlreich heranrückte. ehen Als wir in die Lagune zurückkamen, begann läge. man das Gepäck auf das rechte Ufer zu ſchaffen, ndes und bald mußten die Truppen nachfolgen. 19 Neue Kämpfe. ſerer Ich hatte an dem Tage wo die Diviſion auf auen das rechte Ufer gebracht wurde viel zu ſchaffem tadt, denn wenn auch die Armee nicht ſehr zahlreich voll war, ſo wollten doch das Gepäcke und die Hin⸗ ſo derniſſe aller Art kein Ende nehmen. An der 1 eres ſchmalſten Spitze der Mündung verdoppelte die ſ ich Strömung ihre Heftigkeit. Man arbeitete alſo toll von Sonnenaufgang bis Mittag um die Divi⸗ eute ſion mit Hilfe aller Barken die man auftreiben neu⸗ konnte herüberzuſchaffen. hne Gegen Mittag begann die feindliche Flottille, die aus zweiundzwanzig Segeln beſtehend, zu er⸗ ſ uns ſcheinen; ſie vereinigte ihre Bewegungen mit den nd⸗ Landtruppen, und ſelbſt auf den Kriegsſchiffen und befand ſich außer der gewöhnlichen Mannſchaft tien eine große Menge Soldaten. Ich erkletterte den nächſten Berg um den Feind zu beobachten, und erkannte im Nu daß er den Plan hatte ſeine iche 144 Streitkräfte am Eingang der Lagune zu vereini⸗ gen. Ich benachrichtigte augenblicklich den Gene⸗ ral Canavarro pavon, und dieſer ertheilte augen⸗ blicklich die entſprechenden Befehle, aber trozdem kamen unſere Leute nicht früh genug um den Eingang der Lagune zu vertheidigen. Eine auf der Spize des Molo von uns errichtete und von dem wackern Capotto commandirte Batterie ver⸗ mochte nur ſchwachen Widerſtand zu leiſten, da ſie bloß Geſchüze von kleinem Caliber hatte die überdieß von ungeſchickten Artilleriſten ſchlecht be⸗ dient wurden. Blieben unſere drei kleinen repu⸗ blikaniſchen Schiffe die auf die Hälfte der Mann⸗ ſchaft zurückgebracht waren, da man die andere Hälfte ans Land geſchickt hatte um den Ueber⸗ gang der Truppen zu unterſtüzen. Theils aus Unmöglichkeit, theils weil ſie dem furchtbaren Kenpf der ſich vorbereitete lieber fern bleiben wollten, ſtießen ſie, troz der Befehle die ich ab⸗ ſchickte, nicht zu uns, ſondern überließen uns die ganze Laſt des Gefechtes. Während dieſer Zeit kam der Feind, vom Wind und der Fluth getrieben, mit vollen Segeln gegen uns. Ich eilte daher meinerſeits an mei⸗ nen Poſten auf dem Rio Pardo, wo meine muthige Anita bereits die Kanonade begonnen hatte, indem ſie das Geſchüz deſſen Direction ſi übernommen ſelbſt richtete, ſelbſt Feuer gab und unſern eingeſchüchterten Leuten Muth einſprach. Der Kampf war furchtbar und hartnäckiger als man hätte glauben ſollen. Wir verloren nicht viel ſcha Offi ich ſcho rabi ſo 1 dieſe gefä geh mac was daß ten hab brin hore aber den fänd den Ver kun liche maf dun Fack verſ vom mei⸗ eine nen und iger icht 145 viel Leute, weil mehr als die Hälfte der Mann⸗ ſchaft auf dem Lande war; aber von den ſechs Offizieren die auf das Schiff zurückgekehrt, war ich der einzige der am Leben blieb. Alle unſere Geſchüze wurden zu Schanden ge⸗ ſchoſſen. Dann aber wurde der Kampf mit dem Ca⸗ rabiner fortgeſetzt, und wir ſchoßen unaufhörlich ſo lange der Feind an uns vorüberzog. Während dieſer ganzen Zeit blieb Anita bei mir, auf dem gefährlichſten Poſten; ſie wollte weder ans Land gehen noch von einem Schutzmittel Gebrauch machen; ja ſie verſchmähte es ſogar ſich zu bücken, was doch der tapferſte Mann thut, wenn er ſieht daß die Lunte an die feindliche Kanone gehal⸗ ten wird. Endlich glaubte ich ein Mittel gefunden zu haben um ſie aus dem Bereich der Gefahr zu bringen. Ich befahl ihr, und es bedurfte wenn ſie ge⸗ horchen ſollte eines Befehles von mir, beſonders aber auch der Wahrſcheinlichkeit daß der Mann den ich abſchicken würde irgend einen Vorwand fände um nicht wiederzukehren— ich befahl ihr den General um Verſtärkung zu bitten, mit dem Verſprechen daß ich, wenn er mir dieſe Verſtär⸗ kung ſchicken wollte, zur Verfolgung der Kaiſer⸗ lichen in die Lagune zurückkehren und ſie der⸗ maßen beſchäftigen würde daß ſie an keine Lan⸗ dung denken ſollten, müßte ich auch mit der Fackel in der Hand ihre Flotte anzünden. Anita verſprach mir daß ſie auf dem Land bleiben Garibaldi. I. 10 146 und mir die Antwort durch einen zuverläſ⸗ ſigen Mann ſchicken wolle, aber zu meinem großen Kummer kam ſie ſelbſt zurück: der General hatte mir keine Leute zu ſchicken; er befahl mir, nicht die feindliche Flotte zu verbrennen, was er als eine verzweifelte und nuzloſe Anſtrengung betrach⸗ tete, ſondern zurückzukehren nachdem ich die Hinderniſſe und die Munition gerettet hätte. Ich gehorchte. Jetzt gelang es uns, unter dem Feuer das keinen Augenblick nachließ, die Waffen und die Munition ans Land ſchaffen zu laſſen, eine Operation welche in Ermanglung eines Offiziers meine Anita leitete, während ich ſelbſt von einem Schiff aufs andere ging und an den entzündbarſten Plaz von jedem das Feuer legte wovon es verzehrt werden ſollte. Dieß war eine furchtbare Aufgabe, da ich eine dreifache Revue von Todten und Verwun⸗ deten abhalten mußte. Es war eine wahre Me⸗ zig von Menſchenfleiſch; man ſchritt über die Büſten hin die von ihren Körpern getrennt waren; bei jedem Schritt ſtieß der Fuß auf abgeriſſene Glieder. Der Commandant des Ita⸗ parica, Juan Enriquez de la Laguna, lag unter zwei Drittheilen ſeiner Mannſchaft, mit einer Kanonenkugel die ihm mitten in die Bruſt ein ſolches Loch gemacht hatte daß man den Arm hindurchſtecken konnte. Der arme John Griggs war, wie ich ſchon oben erzählt habe, von einem Kartätſchenſchuß aus nächſter Nähe geradezu entzweigeriſſen worden. Ich befühlte hatt wie Ang auf Fah Feu Bar fel! ten⸗ feſt ſtatu brei Sch dem das Rio Wel erläſ⸗ roßen hatte nicht r als trach⸗ die unter „ die n zu glung id ich id an Feuer a ich wun⸗ Me⸗ r die rennt auf Ita⸗ lag chaft, n die man John habe, Nähe ühlte 147 mich bei dieſem Anblick und fragte mich wie ich, da ich mich ſo wenig geſchont als die Andern, hatte ganz bleiben können. In einem Augenblick umhüllte eine Rauch⸗ wolke unſere Schiffe, und unſere wackern Todten erhielten wenigſtens, da ſie auf dem Verdeck ihrer Schiffe verbrannt wurden, einen ihrer würdigen Scheiterhaufen. Während ich mein Zerſtörungswerk vollbrachte, hatte Anita ihr Rettungswerk vollbracht. Aber wie? guter Gott! auf eine Art die mich mit Angſt und Schrecken erfüllte. Um die Waffen auf die Küſte zu ſchaffen und dann nach dem Schiff zurückzukehren, machte ſie vielleicht zwanzig Fahrten und zwar beſtändig unter dem feindlichen Feuer hin. Sie befand ſich in einer kleinen Barke mit zwei Ruderern, und dieſe armen Teu⸗ fel bückten ſich ſo tief wie möglich um den Flin⸗ ten⸗ und Kanonenkugeln auszuweichen. Sie aber ſtand mitten im Kartätſchenhagel feſt auf dem Hintertheil des Schiffes, ſie zeigte ſich aufrecht, ruhig und ſtolz wie eine Pallas⸗ ſtatue, und Gott, der ſeine Hand über mich aus⸗ breitete, bedeckte zu gleicher Zeit ſie mit dem Schatten dieſer Hand. Es war beinahe ſinkende Nacht als ich, nach⸗ dem ich die Ueberlebenden um mich geſammelt, das Ende unſerer Diviſion erreichte, die ſich nach Rio Grande zurückzog, und zwar auf demſelben Weg auf welchem wir einige Monate vorher mit 148 den freudigſten Hoffnungen im Siegerlaufe ein⸗ hergekommen waren. XXVIII. Zu Pferde. Inmitten der plötzlichen Wechſelfälle meines abenteuervollen Daſeins habe ich ſtels angenehme Stunden, gute Augenblicke gehabt, und obſchon meine damalige Lage auf den erſten Blick nicht zu denjenigen zu gehören ſcheint die mir eine freunvliche Erinnerung zurückließen, ſo kann ich ſie dennoch, wo nicht als eine beglückte, ſo doch als eine an gemüthlichen Erregungen reiche be⸗ zeichnen.. An der Spize einer kleinen Handvoll Leute, des ganzen Ueberreſtes von ſo vielen Streitern denen das Prädicat der Tapferkeit im vollen Maße zukam, zog ich, ſtolz auf die Lebenden, ſtolz auf die Todten, beinahe ſtolz auf mich ſelbſt, zu Pferde einher. Neben mir ritt die Königin meiner Seele, die Frau die aller Bewunderung würdig war. Ich war in einer Laufbahn begrif⸗ fen die noch anziehender war als die Marine; was kümmerte es mich daß ich, gleich dem grie⸗ chiſchen Philoſophen, Nichts beſaß als was ich bei mir trug? daß ich einer armen Republik diente die Niemand bezahlte, und von welcher ich, wenn ſie reich geweſen wäre, keine Bezahlung hätte an⸗ nehmen wollen? Hatte ich nicht einen Säbel an meiner Seite hängen, einen Carabiner in meinem Satt Anit hend ſchlu Belv Lage begli rikan ſchön 2 Las wo ſich uns die ſich Cim das den, ſer Texe von ſchlu viſiv und Gefe ( Vact ein⸗ eines ehme ſchon nicht eine nich doch e be⸗ eute, eitern ollen nden, ſelbſt, nigin rung egrif⸗ rine: grie⸗ s ich iente wenn e an⸗ an inem 149 Sattelbogen ſtecken? Hatte ich nicht neben mir Anita, meinen Schaz, ein Herz das ebenſo glü⸗ hend wie das meinige für die Sache der Völker ſchlug? Betrachtete ſie nicht die Kämpfe als eine Beluſtigung, als eine einfache Zerſtreuung des Lagerlebens? Die Zukunft lächelte mir heiter und beglückt, und je wilder und verlaſſener die ame⸗ rikaniſchen Einöden wurden, um ſo köſtlicher und ſchöner erſchienen ſie mir. Wir ſezten alſo unſern Rückmarſch bis nach Las Torres fort, der Grenze beider Provinzen, wo wir unſer Lager ſchlugen. Der Feind hatte ſich begnügt die Lagune wieder zu nehmen und uns nicht weiter verfolgt. Die Diviſion Acunha, die aus der Provinz San⸗Paolo kam, vereinigte ſich mit der Diviſion Andrea und marſchirte nach Cima⸗da⸗Serra, einem gebirgigen Departement das zur Provinz Rio Grande gehörte. Die uns befreundeten Bergbewohner baten, da ſie von überlegenen Truppen angegriffen wur⸗ den, den General Canavarrv um Hilfe, und die⸗ ſer entſandte eine Expeditivn unter dem Oberſt Texeira. Wir nahmen Theil daran. Empfangen von den Serramins unter dem Oberſt Aranha, ſchlugen wir bei Santa⸗-Vittoria die feindliche Di⸗ viſion gänzlich. Acunha ertrank im Pelatasfluß, und der größte Theil ſeiner Truppen gerieth in Gefangenſchaft. Dieſer Sieg brachte die beiden Departements Vaccaria und Lages wieder unter die Botmäßig⸗ 15⁰ keit der Republik, und wir zogen triumphirend in der Haupſtadt des letzteren ein. Die Nachricht vom Einfall der Kaiſerlichen hatte der braſilianiſchen Partei wieder Muth ge⸗ macht, und Mello, ein feindlicher Chef, hatte in dieſer Provinz ſein Corps um etwa fünfhundert Reiter verſtärkt. Der General Bento Manvel, welchem der Auftrag geworden ihn zu bekämpfen, hatte dieß wegen ſeines Rückzugs nicht thun können und bloß den Oberſt Portinko zur Verfolgung Mel⸗ los abgeſchickt, der auf San Paolo marſchirte. Unſere Stellung und Stärke befähigte uns Mello nicht bloß den Paß zu verlegen, ſondern ihn ſogar zu vernichten. Das Schickſal wollte es nicht; ungewiß ob der Feind über Vaccaria oder über Coritibani kam, theilte der Oberſt Te⸗ reira ſeine Truppe in zwei Corps und ſchickte den Oberſten Aranha mit ſeiner beſten Reiterei nach Vaccaria, während wir mit dem Fußvolk und nur wenigen Reitern, die beinahe ſämmtlich un⸗ ter den Gefangenen ausgehoben worden, nach Coritibani marſchirten. Denſelben Weg machte der Feind. Dieſe Theilung unſerer Streitkräfte brachte uns Verderben; unſer letzter Sieg, der feurige Character unſeres Anführers und die Nachrichten die wir vom Feinde hatten, Alles das hatte zur Folge daß wir ihn gar zu ſehr verachteten. Mit drei Tagmärſchen waren wir in Coritibani und lagerten uns unfern dem Maromba, über welchen die„ ſtellt an d ſchlie C rung fen! mit hatte dem S 1 und erwo Kurz ſtellt einie auf. Anb Geg geſc den blike und raul um viel Bod linie unte rend chen ge⸗ e in dert der dieß und Nel⸗ uns ern Ute aria Te⸗ den ach und un⸗ ach chte rige ten zur Mit ind hen 151 die Kaiſerlichen vorausſichtlich ſezen mußten. Man ſtellte einen Poſten ans Ufer und Schildwachen an die Pläze wo man es für nöthig hielt; dann ſchlief man in aller Ruhe ein. Ich jedoch war an dieſe Art von Kriegfüh⸗ rung zu ſehr gewöhnt als daß ich hätte feſt ſchla⸗ fen können. um Mitternacht wurde der Poſten am Fluſſe mit ſolcher Wuth angegriffen daß er kaum Zeit hatte zu entfliehen und einige Flintenſchüſſe mit dem Feinde zu wechſeln. Beim erſten Schuſſe war ich auf den Beinen und rief:„Zu den Waffen!“ Auf dieſen Ruf erwachte Alles und hielt ſich zum Kampfe bereit. Kurz nach Tagesanbruch erſchien der Feind und ſtellte ſich, nachdem er über den Fluß geſezt, in einiger Entfernung von uns in Schlachtordnung auf. Jeder Andere als Texeira würde, beim Anblick der numeriſchen Ueberlegenheit ſeines Gegners, Eilboten nach dem zweiten Corps ab⸗ geſchickt und bis zu ſeiner Vereinigung mit Aranha den Feind hingehalten haben; aber der tapfere Repu⸗ blikaner fürchtete, derſelbe möchte ſich zurückziehen und ihm dadurch eine Gelegenheit zum Fechten rauben. Er ſtürzte alſo in den Kampf ohne ſich um die vortheilhafte Stellung ſeines Gegners viel zu kümmern. Der Feind, der ſich die Ungleichheiten des Bodens zu Nutzen machte, hatte ſeine Schlacht⸗ linie auf einem ziemlich hohen Hügel aufgeſtellt, unter welchem ein tiefes, durch vieles Gebüſch 152 verſperrtes Thal ſich befand; überdieß hatte er in ſeinen Flanken einige Pelotons in Hinterhalt ge⸗ gelegt. Texeira befahl den Angriff, und ſein Befehl wurde kräftig vollzogen. Der Feind trat jezt einen verſtellten Rückzug an. Unſere Leute be⸗ gannen ihn zu verfolgen, ohne ihr Gewehrfeuer einzuſtellen; aber auf einmal wurden ſie von den im Hinterhalt gelegenen Pelotons angegriffen, die ihnen unſichtbar geblieben waren, jezt aber ſie in der Flanke faßten und in Unordnung über das Thal zurückwarfen. Wir verloren bei dieſem Scharmüzel einen unſerer beſten Offiziere, Manvel N.„den unſer Chef ſehr liebte. Aber unſre Linie bildete ſich bald wieder und vrang mit neuem Ungeſtüm vor; der Feind wich und trat den Rückzug an. Es gab auf beiden Seiten nicht viele Todte oder Verwundete, denn es waren nur wenige Truppen in den Kampf gekommen. Gleichwohl zog ſich der Feind mit großer Haſt zurück und wir verfolgten ihn hartnäckig; aber da ſeine zwei Cavalerielinien neun Miglien weit unaufhörlich flohen, ſo konnten wir mit un⸗ ſerer Infanterie ihn nicht einholen. Als wir in die Nähe des Paſſa du Maromba kamen, machte der Anführer unſeres Vortrabs, Major Giacinto, dem Oberſten die Meldung daß der Feind in größter Unordnung ſeine Ochſen und Pferde über den Fluß treibe, was ihm zu beweiſen ſcheine daß derſelbe ſeinen Rückzug fortſetzen wolle. Texeira beſann ſich keinen Augenblick; er ließ unſer klei⸗ nes mir nac ſeret ſein ten Bli hat ſen trie wal gem Plä ſie, unſ laſſ ihre Th ſtell zue wei vol dre Sc En Of blie na e er t ge⸗ efehl jezt be⸗ euer den ffen, aber über eſem nvel nſre mit den odte nige oßer kig; lien un⸗ in chte nto, in iber daß eira 153 nes Reiterpeloton Galopp anſchlagen und befahl mir ſo ſchnell als möglich mit meinem Fußvolk nachzurücken. Aber dieſer Rückzug war bloß eine Finte von un⸗ ſerem verſchmizten Gegner, und leider gelang ihm ſeine Liſt nur allzu gut. Die Terrainunebenhei⸗ ten und ſein haſtiger Marſch hatten ihn unſern Blicken entrückt, und als er an den Fluß kam, hatte er zwar, wie der Major Giacinto zu wiſ⸗ ſen gethan, ſeine Ochſen und Pferde hinüberge⸗ trieben, aber die Mannſchaft hatte ſich hinter waldigen Hügeln verſteckt und für uns unſichtbar gemacht. Die Kaiſerlichen ließen zur Unterſtützung ihrer Plänklerlinie ein Peloton zurück, dann aber machten ſie, da ſie in Erfahrung gebracht daß wir in unſerer Unvorſichtigkeit unſer Fußvolk dahinten ge⸗ laſſen, einen Gegenmarſch, und bald ſah man ihre Schwadronen den leichten Abhang eines Thales herankommen. Unſer Peloton, das den Feind auf ſeiner ver⸗ ſtellten Flucht verfolgte, bemerkte die Schlinge zuerſt, hatte jedoch nicht mehr Zeit ihr auszu⸗ weichen. Es wurde in der Flanke gefaßt und vollſtändig über“ den Haufen geworfen; unſere drei anderen Reiterſchwadronen hatten dasſelbe Schickſal, und zwar troz des Muthes und der Entſchloſſenheit Texeira's, ſowie einiger unſerer Offiziere von Rio Grande; in wenigen Augen⸗ blicken waren unſere Reiter durchbrochen und nach allen Richtungen hin zerſtreut. 154 Sie waren, wie geſagt, meiſt Gefangene von Santa Vittoria her, auf welche wir vielleicht etwas unbedachtſamer Weiſe gerechnet hatten;— ſie konnten in Wahrheit unſerer Sache nicht wohl ſehr zugethan ſein:— dann waren es neue, aus der Provinz gekommene Soldaten und ungeſchickte Reiter;— ſie lösten ſich daher auch beim erſten Anprall auf und ließen ſich, nachdem ſie einige Todte verloren, zum großen Theil gefangen nehmen. — Es entging mir keiner von den Zwiſchenfällen der Cataſtrophe; im Beſitz eines guten Pferdes, war ich, nachdem ich mein Fußvolk zu möglichſt ſchnellem Marſche aufgemuntert, vorangeſprengt und betrachtete von einem Hügel herab das trau⸗ rige Ergebniß des Kampfes. Meine Fußgänger thaten alles Menſchenmög⸗ liche um zur rechten Zeit anzukommen, aber es war vergebens. Von meiner Höhe herab ſah ich daß es zu ſpät war als daß ſie uns den Sieg zubringen konnten, aber noch früh genug um zu verhindern daß Alles verloren ging.— Ich rief etwa zwölf von meinen alten Gefährten, die flinkſten und tapferſten, zu mir: ſie eilten herbei. Die übrige Truppe überließ ich dem Major Pei⸗ chotto und nahm auf meinem Hügel eine durch Bäume befeſtigte Stellung ein.— Von da aus hielten wir dem Feinde Stand; er ſah jetzt ein daß er noch nicht ganz Sieger war, und wir bildeten einen Vereinigungspunkt für diejenigen von den Unſern die den Muth nicht vollſtändig verloren hatten.— Der Oberſt zog ſich, nachdem — er Rei ſtief wut unſ mit vol hur unt ſchl wir Fei von eicht vohl der ickte rſten nige nen. illen des, ichſt engt rau⸗ ög⸗ es ich Sieg zu rief die bei. ßei⸗ urch aus ein wir gen dig dem 15⁵ er Wunder von Muth verrichtet, mit einigen Reitern auf uns zurück: der Reſt des Fußvolks ſtieß auf dieſem Punkte wieder zu uns, und nun wurde die Vertheidigung furchtbar und mörderiſch. Gleichwohl kämpften wir, begünſtigt durch unſere Stellung und dreiundſiebenzig Mann ſtark, mit Vortheil; der Feind, der Mangel an Fuß⸗ volk hatte und nicht gewohnt war gegen dieſe Waffe zu fechten, griff uns vergebens an; fünf⸗ hundert Mann trefflicher Reiterei, voll Ungeſtümm und Siegerſtolz, erſchöpften ſich vor etlichen ent⸗ ſchloſſenen Leuten, ohne ſie auch nur ein einziges Mal durchbrechen zu können.— Gleichwohl durften wir, troz dieſes augenblicklichen Vortheils, dem Feind nicht die Zeit gönnen ſeine Truppen wieder zu ſammeln, die mehr als zur Hälfte mit der Verfolgung unſerer Flüchtlinge beſchäftigt waren, und beſonders mußten wir eine ſicherere Zufluchts⸗ ſtätte ſuchen als diejenige war die uns bisher Schutz gewährt hatte. Ein mit Bäumen bewach⸗ ſenes Inſelchen bot ſich in der Entfernung von ungefähr einer Miglie unſeren Blicken dar. Wir begannen unſern Rückzug nach demſelben. Ver⸗ gebens ſuchte der Feind uns zu durchbrechen, vergebens erneuerte er ſeinen Angriff ſo oft ihm das Terrain einen Vortheil bot: Alles war umſonſt. Bei dieſer Gelegenheit kam es uns übrigens ſehr wohl zu Statten daß die Offiziere Carabiner be⸗ ſaßen, und da wir ſammt und ſonders erprobte Krieger waren, da wir feſt zuſammenhielten und dem Feind Troz boten, von welcher Seite er ſich 156 zeigen mochte, da wir ſomit in guter Ordnung, mit einem furchtbaren und wohlgezielten Feuer zurück⸗ wichen, ſo erreichten wirunſern Zufluchtsort, wo der Feind nicht einzudringen wagte.* Einmal geſchüzt von unſern Baumgruppen, fanden wir eine Lichtung und ſahen, fortwährend dicht zuſammengedrängt, fortwährend die Flinten in der Fauſt, der Nacht entgegen. Von allen Seiten rief uns der Feind zu: „Ergebt euch!“ aber unſere Antwort beſtand in einem unverbrüchlichen Schweigen. Der Rückzug. Als die Nacht eingebrochen war, trafen wir Anſtalten zum Abmarſch; unſere Abſicht war den Weg nach Lages wieder einzuſchlagen. Die größte Schwierigkeit dabei beſtand in der Fortſchaffung der Verwundeten. Der Major Peichotto beſon⸗ ders konnte ſich, mit ſeiner Kugel die er in den Fuß bekommen, gar nicht helfen. Gegen zehn Uhr Abends begannen wir, nach⸗ dem wir es den Verwundeten möglichſt bequem ge⸗ macht, unſern Marſch; wir verließen unſere Baum⸗ gruppe und ſuchten an der Linie des Waldes hinzuziehen. Dieſer Wald, der größte vielleicht in der ganzen Welt, erſtreckt ſich von den An⸗ ſchwemmungen des Plata bis zu denen des Ama⸗ zonenſtroms, dieſer beiden Könige der Flüſſe, und krönt die Kämme der Sierra de Eſpinaſſo auf „mit rück⸗ der pen, rend nten zu: d in wir den ößte ung ſon⸗ den ach⸗ ge⸗ um⸗ des“ icht An⸗ ma⸗ und auf 157 einem Umfang von 34 Grad Breite; ſeine Aus⸗ dehnung der Länge nach kenne ich nicht, ſie muß unermeßlich ſein. Die drei Departemens Cima da Serra, Vac⸗ caria und Lages liegen, wie ich bereits geſagt zu haben glaube, in Lichtungen dieſes Waldes. Coritibani, eine Art von Cvlonie die von den Einwohnern der Stadt Coritiba gegründet wurde und im Bezirke Lages, Provinz Santa Catarina, lag, war der Schauplaz der Epiſode die ich er⸗ zähle; wir zogen alſp an unſerm vereinzelten Gehölze hin um uns ſo ſehr als möglich dem Walde zu nähern und, wenn es immer thunlich war, in der Richtung von Lages zu dem Corps Aranha's zu ſtoßen das ſich ſo zur Unzeit von uns entfernt hatte. Als wir aus dem Gehölze rückten, begegnete uns eines jener Ereigniſſe welche beweiſen wie ſehr der Menſch ein Sohn der Umſtände iſt, und was ein paniſcher Schreck ſelbſt bei den Muthvollſten vermag. Wir marſchirten in aller Stille, wie es unſerer Stellung angemeſſen war, und waren entſchloſſen den Feind zu bekämpfen, wenn er ſich unſerm Rückzug widerſezt hätte. Ein Pferd das am Saume des Gehölzes ſtand wurde bei dem wenigen Lärm den wir machten ſcheu und enifloh. Man hörte eine Stimme rufen: — Das iſt der Feind! Auf einmal bekamen dieſe drei und ſiebzig Mann die ſo muthvoll gegen fünfhundert Stand 158 gehalten, daß man ſagen konnte ſie haben ge⸗ ſiegt, Angſt, ergriffen die Flucht und zerſtreuten ſich dermaßen, daß es ein Wunder war wenn nicht der eine oder der andere von den Flücht⸗ lingen auf den Feind ſtieß und ihn aufmerkſam machte. Endlich gelang es mir wieder einen Kern zu ſammeln an welchen ſich die Uebrigen anſchloſſen, ſo daß wir uns bei Tagesanbruch an dem Saume dieſes Waldes und auf dem Marſch nach Lages befanden. Der Feind, der keine Ahnung von unſerer Flucht hatte, ſuchte uns am folgenden Tag ver⸗ geblich.* Am Kampftage war die Gefahr groß, die An⸗ ſtrengung ungeheuer, der Hunger dringend, der Durſt brennend geweſen; aber wir mußten käm⸗ pfen, um unſer Leben kämpfen, und dieſe Idee beherrſchte alle andern. Als wir uns einmal im Walde befanden, geſtaltete ſich das anders; Alles mangelte uns, und die Noth, die keine Ableitung mehr in der Gefahr hatte, gab ſich grauſam, furchtbar, unerträglich zu empfinden. Der Man⸗ gel an Lebensmitteln, die Niedergeſchlagenheit Aller, die Wunden Einiger, die Unmöglichkeit dieſelben zu verbinden, Alles das rief beinahe eine vollſtändige Entmuthigung hervor. Vier Tage lang fanden wir nichts Anderes als Wurzeln, und ich will die Mühſale nicht ſchildern unter welchen wir uns einen Weg in dieſem Walde bahnten, wo nicht einmal ein Fu unl zw deſ ſchi zw mer nir ge ihn ent zer zu ſch wi tire Ve Pie Fu aße ges ank ge⸗ uten enn kſam zu ſſen, ume ges ſerer ver⸗ An⸗ der äm⸗ dee im lles ung an⸗ heit keit ahe res icht 159 Fußpfad vorhanden war, und wo die Natur in unbarmherziger Fruchtbarkeit einen zweiten und zwar dichten Wald von Geröhricht hervorbringt, deſſen Trümmer an gewiſſen Stellen unüber⸗ ſchreitbare Wälle bilden. Einige unſerer Leute deſertirten in der Ver⸗ zweiflung; es war eine Arbeit ſie wieder zuſam⸗ menzubringen und ihnen durch Energie zu impo⸗ niren; es gab vielleicht nur ein einziges Mittel gegen eine ſolche Entmuthigung, und dieſes habe ich gefunden. Ich ließ ſie antreten und erklärte ihnen daß ich ihnen vollkommen frei ſtelle ſich zu entfernen und nach jeder beliebigen Richtung zu zerſtreuen, oder aber vereint und als Corps weiter zu marſchiren, die Verwundeten zu beſchüzen und ſich gegenſeitig zu vertheidigen. Die Arznei wirkte; von dem Augenblick an wo jedem der Abzug frei ſtand, dachte keiner mehr ans Deſer⸗ tiren, ſondern Alle gewannen wieder Hoffnung und Vertrauen. Fünf Tage nach dem Kampfe fanden wir eine Picada, d. h. einen durch den Wald geführten Fußpfad für einen einzelnen, ſelten für zwei Mann. Dieſer Weg führte uns an ein Haus, wo wir zwei Ochſen ſchlachteten und uns ſatt aßen. Von da ſezten wir unſern Marſch nach La⸗ ges fort, wo wir an einem ſchrecklichen Regentag ankamen. 160 XXX. Aufenthalt in Lages und der Umgegend. Das gute Städtchen Lages, das uns als Sieger ſo feſtlich empfangen, hatte bei der Nach⸗ richt von unſerer Niederlage ſeine Fahne ein⸗ gezogen, und einige der Entſchloſſenſten hatten das kaiſerliche Syſtem wieder hergeſtellt. Dieſe ent⸗ flohen übrigens bei unſerer Ankunft, und da ſie Kaufleute waren, ſo hatten ſie größtentheils ihre Magazine voll von Waaren aller Art zurückge⸗ laſſen. Dieß kam uns äußerſt erwünſcht, denn wir glaubten ohne Gewiſſensbiſſe das Eigenthum unſerer Feinde uns aneignen und dadurch, bei den manigfachen Handelszweigen denen ſie oblagen, unſere Stellung bedeutend verbeſſern zu können. Inzwiſchen ſchrieb Texeira an Aranha er ſolle zu uns ſtoßen, und erhielt um dieſe Zeit Nach⸗ richt von der Ankunft des Oberſten Portinko, welchen Bento Manvel abgeſchickt hatte um dem⸗ ſelben Mello'ſchen Corps zu folgen mit dem wir bei Coritibani ſo unglücklich zuſammengerathen waren. Ich habe in Amerika der Sache der Völker gedient, und zwar mit voller Aufrichtigkeit; ich bin folglich Gegner des Abſolutismus dort wie in Europa; ich liebe das Syſtem das mit mei⸗ ner Anſicht im Einklang ſteht und bekämpfe das widerſtreitende Syſtem. Ich habe die Menſchen zun abe ego Bo unſ den erze blic den Un für jeni Kin min Rei wir lege in ten! den zu lan Por wu tigt war abe anr vin als kach⸗ ein⸗ as ent⸗ a ſi ihre ckge⸗ denn hum den gen, en. ſolle ach⸗ 7 inko, em⸗ wir then ölker ich wie mei⸗ das chen 161 zuweilen bewundert, ich habe ſie häufig beklagt, aber ich habe ſie niemals gehaßt. Wenn ich ſie egviſtiſch und boshaft fand, ſo habe ich ihre Bosheit und ihren Egvismus auf die Rechnung unſerer unglückſeligen Natur geſetzt. Ich bin ſeit⸗ dem von dem Schauplaz der Ereigniſſe die ich erzähle abgetreten; ich befinde mich im Augen⸗ blick wo ich dieſe Zeilen ſchreibe zweitauſend Stun⸗ den davon entfernt, man kann folglich an meine Unparteilichkeit glauben. Nun wohl, ich ſage es für meine Freunde wie für meine Feinde, die⸗ jenigen die ich bekämpfte waren unerſchrockene Kinder des amerikaniſchen Feſtlandes, aber nicht minder unerſchrocken waren diejenigen in deren Reihen ich meinen Plaz eingenommen hatte. Es war alſo ein kühnes Unternehmen wenn wir beſchloßen Lages gegen einen zehnfach über⸗ legenen Feind zu vertheidigen, dem noch überdieß in Folge ſeines lezten Sieges der Kamm bedeu⸗ tend geſchwollen war. Durch den Fluß Canvas, den wir nicht genügend beſezen konnten um ihn zu vertheidigen, von ihm getrennt, warteten wir lange Tage auf das Eintreffen Aranhas und Portinkos, und während dieſer ganzen Periode wurde der Feind von einer Handvoll Leute beſchäf⸗ tigt. Sobald jedoch die Verſtärkungen angekommen waren, marſchirten wir entſchloſſen gegen ihn, aber jezt war er es der den Kampf nicht mehr annahm, ſondern ſich auf die benachbarte Pro⸗ vinz San Paolo zurückzog, wo er eine mächtige Unterſtüzung zu finden hoffte. Garibalvi. 1. 11 162 Bei dieſer Gelegenheit überzeugte ich mich von den Mängeln und Fehlern welche den repu⸗ blikaniſchen Armeen in der Regel vorgeworfen werden: ſie beſtehen gewöhnlich aus Leuten die voll von Patriotismus und Muth ſind, jedoch nur ſo lange unter den Fahnen bleiben wollen als der Feind droht, dann aber ſich entfernen und davon machen wenn er verſchwindet. Dieſer Fehler wurde beinahe unſer Verderben, zumal im vorliegenden Fall, wo ein beſſer unter⸗ richteter Feind ihn zu unſerer gänzlichen Vernich⸗ tung hätte ausbeuten können. Die Serraſianer waren die erſten die ihre Reihen verließen. Die Leute Portinko's folgten ihnen. Man bedenke wohl daß die Deſerteure nicht blos ihre eigenen Pferde, ſondern auch die der Diviſion mitnahmen, und auf dieſe Art ſchmolz unſere Streitmacht von Tag zu Tag ſo raſch zu⸗ ſammen, daß wir bald genöthigt waren Lages zu verlaſſen und uns nach der Provinz Riv Grande zurückzuziehen, weil wir die Erſcheinung deſſelben Feindes fürchten mußten den wir zur Flucht ge⸗ nöthigt, und der eben durch ſeine Flucht uns be⸗ ſiegt hatte. Möge dieß den Völkern die ſich befreien wol⸗ len als Warnung dienen; mögen ſie ſich's wohl geſagt ſein laſſen daß man die krieggeübten und an Disciplin gewöhnten Soldaten des Despo⸗ tismus nicht mit Blumen, Feſten und Illumina⸗ tionen bekämpft, ſondern mit Soldaten die noch beſſer disciplinirt und noch beſſer an den Krieg ger die mich tepu⸗ orfen die doch ollen rnen ben, nter⸗ nich⸗ ihre lgten teure h die molz h zu⸗ es zu ande elben t ge⸗ s be⸗ wol⸗ wohl und espo⸗ nina⸗ noch Krieg 163 gewöhnt ſind als ſie ſelbſt; daß alſo diejenigen die nicht im Stande ſind ein Volk, nachdem ſie es aufgewiegelt, zum Krieg und zur Disciplin abzurichten, ſich von dieſer ſchweren Arbeit fern halten ſollen. Es gibt auch Vblker bei denen es nicht der Mühe veuh iſt ſie aufzuwiegeln: der Brand iſt un⸗ eilbar. Der Reſt unſerer Truppen die auf ſolche Art abgenommen hatten, als wir an den nothwen⸗ digſten Dingen und beſonders an Kleidern Man⸗ gel zu leiden anfingen— eine furchtbare Ent⸗ behrung beim Heranrücken des in dieſen hohen Regionen äußerſt unfreundlichen und rauhen Winters— der Reſt unſerer Truppen, ſage ich, begann ſich zu demvraliſiren und unverholen die Heimkehr zu verlangen. Texeira war alſo genö⸗ thigt dieſer Forderung Folge zu leiſten: er be⸗ fahl mir von den Bergen herabzuſteigen und mich mit der Armee zu vereinigen, während er ſeiner Seits ſich anſchickte das Gleiche zu thun. Dieſer Rückzug war höchſt mühſelig, theils wegen der ſchwierigen Wege, theils wegen der geheimen Feindſeligkeiten der Waldbewohner, die erbitterte Gegner der Republikaner waren. Ungefähr 70 Mann ſtark, ſtiegen wir alſo die Picada di Peloffo— ich habe bereits geſagt was eine Picada war— herab und mußten nunmehr wiederholten unvorhergeſehenen Hinterhalten Troz bieten, aus denen wir, Dank der Entſchloſſenheit der Männer die ich führte, wie auch ein wenig 164 dem Vertrauen das ich im Allgemeinen meinen Untergebenen einflöße, mit einem unerhörten Glück entkamen. Der Fußpfad den wir einſchlugen war ſchmal, ſo daß kaum zwei Mann neben ein⸗ ander gehen konnten, und auf allen Seiten von Geſträuchen umgeben. Der Feind, der als Ein⸗ geborner des Landes alle Localitäten kannte, legte ſich an den günſtigſten Pläzen in Hinter⸗ halt, dann umringte er uns indem er ſich plötz⸗ lich mit wüthendem Geſchrei erhob, während ein Flammenkreis ſich kniſternd und praſſelnd um uns her entzündete, ohne daß wir die Schüzen ſehen konnten, die glücklicher Weiſe mehr Lärm machten als Schaden anrichteten. Im Uebrigen behaupteten meine Leute eine ſo muſterhafte Ordnung und hiel⸗ ten ſo feſt in der Gefahr zuſammen, daß nur einige Wenige leicht verwundet wurden und wir nur ein einziges Pferd verloren. Dieſe Ereigniſſe erinnern in Wahrheit an die Zauberwälder Taſſo's, wo jeder Baum lebte und eine Stimme und Blut hatte. Wir erreichten das Hauptquartier in Mala⸗ Caſa, wo damals Bento Gonzalès ſich befand, der die Functionen des Präſidenten und Ober⸗ generals in ſich vereinigte. KM. Schlacht von Taquari. Die republikaniſche Armee machte ſich zum Aufbruch bereit. Was den Feind betraf, ſo hatte inen lück ugen ein⸗ von Ein⸗ nnte, nter⸗ lötz⸗ ein uns ehen nals teten hiel⸗ nur wir die und kala⸗ fand, be⸗ zum 165 er ſich ſeit der verlornen Schlacht von Rio Pardo in Porto Allegre neu formirt, war ſodann unter den Befehlen des alten Generals Georgiv von dieſem Plaz ausgerückt und hatte ſein Lager an den Ufern des Cahe aufgeſchlagen, wo er die Ankunft des Generals Calderon erwartete, der mit einem achtunggebietenden Cavalleriecorps von Rio Grande aufgebrochen war, durch das offene Land ziehen und ſich mit ihm vereinigen ſollte. Der große Uebelſtand den ich oben bezeichnet habe, d. h. das Auseinanderlaufen der republikani⸗ ſchen Truppen ſobald ſie nicht mehr vor dem Feind ſtanden, geſtattete ihm Alles was er unternehmen wollte, ſo daß, im Augenblick wo der General Netto, der die Truppen des offenen Landes com⸗ mandirte, ein genügendes Corps um Calderon zu ſchlagen zuſammengebracht hatte, dieſer bereits am Cahe zur Hauptmacht der kaiſerlichen Armee geſtoßen war. Der Präſident mußte ſchlechterdings die Di⸗ viſion Netto an ſich ziehen, wenn er im Stand ſein wollte den Feind zu bekämpfen, und deß⸗ halb hob er die Belagerung auf. Dieſes Manö⸗ ver ſowie die darauf erfolgte Vereinigung wur⸗ den glücklich ausgeführt und machten der militä⸗ riſchen Fähigkeit des Oberbefehlhabers alle Ehre. Wir brachen mit der Armee von Mala Caſa auf, ſchlugen die Richtung von San Leopoldo ein und rückten in einer Entfernung von zwei Mi⸗ glien vom feindlichen Heere vorwärts; nachdem wir ſodann zwei Tage und zwei Nächte unauf⸗ 166 hörlich marſchirt waren, und zwar beinahe ohne Speiſe und ohne Trank, gelangten wir in die Nähe von Taquari, wo wir den General Netto trafen, der uns entgegen kam. Wenn ich ſagte: beinahe ohne Speiſe, ſo iſt dieß vollkommen wahr. Sobald der Feind un⸗ ſere Bewegung erfahren hatte, marſchirte er ent⸗ ſchloſſen auf uns zu, holte uns mehrere Male ein und griff uns an, während wir einen Augen⸗ blick ausruhten und unſer Fleiſch brieten, das unſere einzige Nahrung ausmachte. Nun geſchah es zehnmal daß, als unſer Braten eben fertig wurde, die Schildwachen zu den Waffen riefen und wir kämpfen mußten, ſtatt ein Frühſtück oder Mittagsmahl einzunehmen. Endſich machten wir bei Pinhurinho, ſechs Miglien von Taquari, Halt und trafen alle Anſtalten zur Schlacht. Die republikaniſche Armee, die tauſend Mann Fußvolk und fünftauſend Reiter zählte, beſezte die Höhen des Pinhurinhv, eines, wie ſchon ſein Name andeutet, mit Fichten bewachſenen Berges, der zwar nicht ſehr hoch iſt, aber dennoch die umliegenden Berge beherrſcht. Die Infanterie ſtand im Centrum, befehligt von dem alten Ober⸗ ſten Crescenziv. Der rechte Flügel gehorchte dem General Netto und der linke Flügel dem General Canavarro. Die beiden Flügel beſtanden ledig⸗ lich aus Reiterei, und zwar unſtreitig der beſten von der Welt. Auch die Infanterie war vor⸗ trefflich. Das ganze Heer brannte von Kampf⸗ begier. es, die erie ber⸗ em ral ſten or⸗ pf⸗ 167 Der Oberſt J. Antonio bildete mit einem Cavalleriecorps die Reſerve. Der Feind ſeinerſeits hatte viertauſend Fuß⸗ gänger und, wie man ſagte, dreitauſend Reiter, wie auch etliche Kanonen; ſeine Stellung hatte er auf der andern Seite des kleinen Waldbaches genommen der uns von ihm trennte, und ſeine Haltung war ganz und gar nicht zu verachten. Seine Armee beſtand aus den beſten Truppen des Kaiſerreichs, die von einem ſehr alten und ſehr fähigen General commandirt wurden. Der feindliche General hatte uns bis jezt mit großem Eifer verfolgt und alle ſeine Anordnun⸗ gen zu einem regelmäßigen Angriff getroffen. Zwei Kanonen die auf ſeiner Seite des Wald⸗ bachs aufgeſtellt waren, ſchmetterten unſere Caval⸗ lerielinien nieder. Bereits hatten unſere Tapfern von der erſten Brigade unter den Befehlen Net⸗ to's vom Leder gezogen und warteten nur noch auf das Trompetenſignal, um auf die zwei Ba⸗ taillone loszuſtürzen die über den Bach gekom⸗ men waren. Dieſe wackern Feſtländer waren voll Siegeszuverſicht, denn ſie und Netto waren noch nie geſchlagen worden. Die Infanterie, die ſtaf felförmig in Abtheilungen auf dem Gipfel des Hü⸗ gels ſtand und durch einen kleinen Vorſprung ge⸗ deckt war, bebte vor Kampfbegier. Bereits hatten die furchtbaren Lanciers Canavarro's eine Bewe⸗ gung vorwärts gemacht, die rechte Flanke des Feindes umzingelt und ihn zu einer Frontverän⸗ 1 derung genbthigt die derſelbe in Unordnung aus⸗ geführt hatte. Es war ein wahrer Lanzenwald, dieſes un⸗ vergleichliche Corps, das beinahe gänzlich aus Sclaven beſtand welche von der Republik freigegeben und unter den beſten Roſſebändigern der Provinz ausgewählt worden waren; ſämmtlich Schwarze, mit Ausnahme der Oberoffiziere. Nie hatte der Feind den Rücken dieſer Kinder der Freiheit ge⸗ ſehen. Ihre Lanzen die über das gewöhnliche Maß dieſer Waffe hinausgingen, ihre ſchwarzen Geſichter, ihre kräftigen Glieder, noch ſtärker ge⸗ worden durch rauhe und anſtrengende Uebungen, endlich ihre treffliche Disciplin, Alles machte ſie zum Schrecken des Feindes. Bereits hatte der anfeuernde Zuruf des Ge⸗ nerals in jeder Bruſt angeklungen;„Jeder kämpfe heute wie wenn er vier Körper hätte um das Vaterland zu vertheidigen, und vier Seelen um es zu lieben,“ hatte dieſer Tapfere geſagt, der alle Eigenſchaften eines Feldherrn beſaß, nur das Glück nicht. Was uns betraf, ſo pochte unſere Seele der Schlacht entgegen und ſchwamm in Siegeszuver⸗ ſicht. Nie hatte ſich ein ſchönerer Tag, nie ein prächtigeres Schauſpiel mir dargeboten. Im Centrum unſerer Infanterie, auf dem äußerſten Gipfel des Hügels ſtehend, überſchaute ich Alles: Schlachtfeld und beide Armeen. Die Ebenen auf denen das mörderiſche Kriegsſpiel aufgeführt wurde, waren mit niedrigen, aber wenigen Pflan⸗ eben vinz arze, der ge⸗ liche rzen ge⸗ gen, ſie Ge⸗ npfe das um der das der er⸗ ein Im ſten es: nen hrt an⸗ 169 zen beſät, die weder den ſtrategiſchen Bewegun⸗ gen noch dem Blick der ihnen folgte ein Hinder⸗ niß darboten, und ich konnte zu mir ſagen daß zu meinen Füßen, unter mir, in einigen Minuten die Schickſale des größten Theils vom amerika⸗ niſchen Feſtlande, vielleicht ſogar des größten Reiches der Welt, entſchieden werden ſollten. Wird ein Volk dort entſtehen oder nicht? Dieſe ſo eng zuſammengedrängten, ſo feſt anein⸗ ander geſchweißten Corps, ſollen ſie jetzt zerſtört und zerſtreut werden? Soll dieß Alles in einem einzigen Augenblick ein in Blut ſchwimmender Haufen von Leichen und von zermalmten, abge⸗ riſſenen Gliedern werden? Dieſe ganze ſchöne und lebensvolle Jugend, ſoll ſie jetzt mit ihrem Blute die prächtigen Gefilde da düngen? Gott bewahre! Blaſet, Trompeten; donnert, Kanonen; heule, Schlacht! und möge Alles entſchieden werden, wie bei Zama, wie bei Pharſalus, wie bei Actium! Aber nein, es ſollte nicht ſo kommen; auf dieſer Ebene ſollte das Blutbad nicht ſtattfinden. Eingeſchüchtert durch unſere ſtarke Stellung und feſte Haltung, bekam der feindliche General allerlei Bedenken, zog ſeine beiden Bataillone über den Bach zurück und ging von der Offen⸗ ſive die er ergriffen hatte wieder zur Defenſive über. Der General Calderon war gleich bei Beginn des Angriffs getödtet worden, und daher war vielleicht das Bedenken Georgiv's entſtanden. Da er uns nicht angiff, mußten wir nicht un⸗ 170 ſererſeits ihn angreifen? Dieß war die Anſicht der Mehrheit. Hätten wir klug gehandelt? Wenn der Kampf in den urſprünglichen Bedin⸗ gungen und troz unſerer bewunderungswürdigen Stellung begann, ſo waren alle Ausſichten für uns. Aber wenn wir dieſe Stellung verließen um einen Feind anzugreifen der uns an Fußvolk vierfach überlegen war, ſo mußte der Kampf auf das andere Ufer des Baches verlegt werden. Dieß war mißlich, obſchon verlockend. Kurz und gut, wir kämpften nicht oder ſo viel als nicht und blieben den ganzen Tag einander rem als zu Scharmüzeln kam. In unſerer Armee war das Fleiſch ausge⸗ gangen und beſonders die Infanterie war aus⸗ gehungert; noch unerträglicher vielleicht als der Hunger war der Durſt; man fand nirgends Waſſer, außer an dieſem Fluß der ſich in der Gewalt des Feindes befand. Aber unſere Leute waren an alle Entbehrungen gewöhnt, und nur eine einzige Klage kam über die Lippen dieſer vor Hunger und Durſt verſchmachtenden Krieger, die Klage daß ſie nicht fechten durften.— O Ita⸗ liener! Italiener! wenn ihr einmal ſo einig und ſo nüchtern, ſo ausdauernd in den Strapazen und Entbehrungen ſein werdet wie dieſe Männer des amerikaniſchen Feſtlandes, dann wird, ihr dürft es mir glauben, der Fremdling nicht mehr euer Land zertreten und euern Herd beſchmuzen. Dann, o Italiener, wird Italien ſeinen Plaz, nicht der habe 2 Gev ſucht zehn hina Stel über ſi gegenüber ſtehen, ohne daß es zu etwas Weite⸗ ſch greif gang die Sch ken vort fant Bat Sie fähi Leut dem ſtüzt Bat Mar war Gekr nſicht delt? edin⸗ digen für ießen ßvolk auf wiel inder zeite⸗ 18ge⸗ aus⸗ der ends der eute nur ieſer , die Ita⸗ und azen nner ihr nehr tzen. blaz, 17¹ nicht bloß in der Mitte, ſondern an der Spize ve Nationen des Weltalls, wieder eingenommen aben. Während der Nacht war der alte General Georgio verſchwunden, und als der Tag kam, ſuchten wir vergebens nach dem Feinde; erſt gegen zehn Uhr Morgens, im Augenblick wo der Nebel hinaufſtieg, erblickte man ihn wieder in den feſten Stellungen von Taquari. Bald darauf erfuhren wir daß ſeine Reiterei über den Fluß zog. Die Kaiſerlichen befanden ſich alſo im vollen Rückzug; wir mußten ſie an⸗ greifen, und unſer General beſann ſich nicht lange. Die feindliche Reiterei hatte ihren Flußüber⸗ gang mit Hilfe einiger Schiffe bewerkſtelligt; aber die Infanterie war unter dem Schutz derſelben Schiffe und des Waldes vollſtändig auf dem lin⸗ ken Ufer geblieben und hatte ſomit eine äußerſt vortheilhafte Stellung inne. Unſere zweite In⸗ fanteriebrigade, aus dem dritten und zwanzigſten Bataillon beſtehend, ſollte den Angriff beginnen. Sie that es mit der ganzen Bravvur deren ſie fähig war. Aber der Feind war dieſen wackern Leuten numeriſch ſo ſehr überlegen daß ſie, nach⸗ dem ſie Wunder der Tapferkeit verrichtet, unter⸗ ſtüzt von der erſten Brigade ſowie dem erſten Bataillon Artillerie(ohne Kanone) und von der Marine; ſich zurückziehen mußten. Der Kampf war furchtbar, beſonders an dem Walde, wo das Gekrache der Flintenſchüſſe und das Gepraſſel 172 der zerſchmetterten Bäume mitten in einem dicken Rauch ein wahres Höllengetöſe verurſachte. Wir zählten nicht weniger als 500 Todte und Verwundete von jeder Seite. Die Leichname unſerer tapfern Republikaner wurden noch am ſteilen Uferrand gefunden, wohin ſie den Feind zurückgetrieben und wo ſie ihn beinahe in die Strömung geſtürzt hatten. Unglücklicher Weiſe waren dieſe Verluſte ohne ein Reſultat das im Verhältniß zu ihrer Bedeutung ſtand, weil der Kampf eingeſtellt wurde als die zweite Brigade den Rückzug antrat. Mittlerweile kam die Nacht, und der Feind konnte ungeſtört ſeinen Flußübergang vollenden. Mitten unter ſeinen glänzenden Eigenſchaften, die ich gebührend hervorgehoben zu haben glaube, muß ich auch einige Fehler des Generals Bento Gonzalès bezeichnen: der beklagenswertheſte un⸗ ter ihnen war eine gewiſſe Bedenklichkeit, die wahrſcheinliche Urſache des ſo oft unglücklichen Verlaufes ſeiner Operationen. Statt dieſe fünf⸗ hundert Mann die numeriſch viel zu ſchwach ge⸗ gen die Angreifer waren in den Kampf zu ſchicken, hätte man nicht bloß unſere ſämmtliche Infanterie, ſondern auch unſere Reiterei gegen den Feind führen und zwar die letztere abſitzen laſſen müſſen, weil ſie in Folge des ſchwierigen Terrains nicht auf ihre gewöhnliche Art kämpfen konnte; ein ſolches Manöver hätte uns ſicherlich einen glän⸗ zenden Sieg verſchafft, wenn wir den Feind zum Weichen bringen und in den Fluß werfen konnten; dicken Lodte name Feind n die Weiſe im der igade Feind den. aften, aube, ento un⸗ „die lichen fünf⸗ ge icken, terie, Feind üſſen, nicht ein glän⸗ zum nten; 173 aber leider fürchtete ſich der General ſeine ganze Infanterie zu wagen, die einzige die er ſelbſt, die einzige welche die Republik beſaß. Jedenfalls war das Ergebniß unſererſeits ein ſchrecklicher Verluſt, da wir nicht wußten wie wir unſere braven Infanteriſten wieder erſezen ſollten, während dagegen die Infanterie die Haupt⸗ ſtärke des Feindes bildete und zahlreiche Rekruten alsbald die in ſeinen Reihen entſtandenen Lücken ausfüllten. Kurz und gut, der Feind blieb auf dem rech⸗ ten Ufer des Taquari und war folglich Sieger im ganzen Feldzug. Wir unſerer Seits ſchlugen wieder den Weg nach Malacavia ein. Alle dieſe falſchen Manbver verſchlimmerten die Lage der Republik. Wir kamen nach San Levpoldo und Settembrina, endlich in unſer altes Lager von Malacavia zurück, verließen es jedoch ſchon nach wenigen Tagen wieder, um das von Bella Vtſta zu beziehen. Eine Operation welche der General um dieſe Zeit ausdachte hätte uns wieder in eine vortreff⸗ liche Stellung bringen können, wenn das Schickſal die Anſtrengungen dieſes eben ſo unglücklichen als hervorragenden Mannes nach Verdienſt unter⸗ ſtüzt hätte. XXKXII. Der Sturm auf San Joſe du Nord. Der Feind hatte, um ſeinen Streifzug auf das Land machen zu können, ſeine Feſtungen von 174 Infanterie entblößen müſſen. San Joſe du Nord war ganz beſonders geſchwächt. Dieſer Plaz, der auf dem nördlichen Ufer der Mündung des Patosſees lag, war einer der Schlüſſel des ganzen Handels der Provinz, ohne von ſeiner politiſchen Bedeutung ſprechen zu wol⸗ len. Sein Beſiz hätte die ganze im Augenblick für die Republikaner ſo unglückliche Sachlage ver⸗ ändern können. Es wurde alſo nicht bloß zweck⸗ mäßig, ſondern ſogar nothwendig ihn wegzu⸗ nehmen. In der That enthielt er Gegenſtände aller Art deren man für die Kleidung des Sol⸗ daten bedurfte, denn in dieſer Beziehung befand ſich unſere Armee im beklagenswertheſten Zuſtand. Aber nicht bloß darum, ſondern auch als der ein⸗ zige Hafen in der Provinz, verdiente San Joſe du Nord daß man alle Opfer brachte um ſich ſeiner zu bemächtigen. Ueberdieß fand man erſt hier den Atalaga, d. h. den Signalmaſt der Schiffe, der ihnen die Tiefe der Waſſer in der Mündung des Fluſſes anzeigte. Unglücklicher Weiſe beging man bei dieſer Expedition wieder denſelben Fehler wie bei Ta⸗ quari. Sie wurde mit bewundernswürdiger Um⸗ ſicht und in tiefſter Stille ausgeführt, ging aber verloren weil man den lezten Schlag nicht zu führen vermochte. Acht Tagemärſche von je 25 Miglien hinter einander führten uns unter die Mauern der Fe⸗ ſtung. Es war eine jener Winternächte in denen 175 ein Obdach und Feuer eine Wohlthat der Vor⸗ ſehung ſind, und unſere armen Freiheitsſoldaten, ausgehungert, in Lumpen gehüllt, ſtarr vor Kälte und Näſſe, da wir von einem furchtbaren Un⸗ wetter überfallen worden waren, rückten ſchweig⸗ ſam gegen die mit Schildwachen beſezten Forts und Laufgräben heran. In kurzer Entfernung von den Mauern ließ man die Pferde der Offiziere unter der Obhut einer von Oberſt Amaral befehligten Reiterſchwa⸗ dron, dann ſammelte Jeder ſeine armſeligen Kräfte und bereitete ſich zum Kampfe. Das Werda der Schildwachen gab das Sig⸗ nal zum Sturme; der Widerſtand war ſchwach und währte kurz auf den Mauern; die Kanonen der Forts gaben kein Feuer. Um halb zwei Uhr Morgens begannen wir den Sturm; um zwei Uhr waren wir Herren der Laufgräben ſo wie der drei oder vier Forts welche den Plaz gar⸗ nirten und die mit dem Bajonet weggenommen wurden. Wir hatten uns des ganzen Laufgrabens ſo wie der Forts bemächtigt, wir waren in die Stadt eingedrungen, und es ſchien unmöglich daß ſie uns entgehen könnte. Aber auch dießmal wieder wartete unſer ein Lvos das man für unglaublich hätte halten ſollen. Einmal innerhalb der Mauern und auf den Straßen von San Jvfe, glaubten unſere Soldaten jetzt ſei Alles zu Ende, und zer⸗ ſtreuten ſich zum größten Theil um zu plündern. Während dieſer Zeit hatten die Kaiſerlichen ſich 176 von ihrer Ueberraſchung erholt und ſammelten ſich in einem befeſtigten Stadttheile; wir griffen ſie an, aber ſie warfen uns zurück. Unſere Of⸗ fiziere ſuchten auf allen Seiten nach Soldaten um die Angriffe zu erneuen, aber das Suchen war vergebens, oder wenn man einigen von un⸗ ſern Leuten begegnete, ſo waren ſie entweder mit Beute beladen oder betrunken; großen Theils hat⸗ ten ſie auch ihre Flinten beim Einſtoßen der Hausthüren zerbrochen oder wenigſtens ſtark be⸗ ſchädigt. Der Feind ſeinerſeits verlor keine Zeit; meh⸗ rere im Hafen liegende Kriegsſchiffe nahmen Po⸗ ſitivn und beſtrichen mit ihren Batterien die Straßen wo wir uns befanden; man verlangte Unterſtüzung in Rio Grande du Sud, einer Stadt auf dem entgegengeſezten Ufer der Mün⸗ dung des Patos, während ein einziges Fort deſ⸗ ſen Beſezung wir verſäumt hatten dem Feind Zu⸗ flucht gewährte. Das erſte von all dieſen Forts, das Kaiſerfort, das wir durch einen glorreichen, mörderiſchen Sturm in unſere Hände gebracht hatten, wurde durch eine furchtbare Exploſion des Pulvermagazins, die uns eine Menge Leute ko⸗ ſtete, nuzlos gemacht, und das Ende vom Ganzen war daß gegen Mittag der herrlichſte Sieg ſich in einen ſchmählichen Rückzug verwandelte. Die wackern Krieger weinten vor Wuth und Ver⸗ zweiflung. Bedenkt man unſere Lage und die Anſtrengungen die wir gemacht hatten, ſo war unſer Verluſt unermeßlich. fant terei Bel in e Ma ſchm Käl Bar Ver erbf nate Bär nich kon wirl mit gro laſſe 177 Von dieſem Augenblick an war unſere In⸗ fanterie nur noch ein Skelett; das Bischen Rei⸗ terei das die Expedition mitmachte mußte den Rückzug decken. Die Abtheilung zog in ihre Quartiere von Bella Viſta zurück, und ich blieb mit der Marine in Saint⸗Simon. Meine ganze Truppe war auf etwa vierzig Mann, Offiziere und Soldaten, zuſammenge⸗ ſchmolzen. XXXIII. Anita. Mein Aufenthalt in Saint⸗Simon hatte zum Zweck, wenn auch nicht zum Reſultat, einige jener Kähne bauen zu laſſen die aus einem einzigen Baumſtamm beſtehen, und mittelſt deren ich die Verbindung mit einem andern Theil des Sees erbffnen wollte. Aber während der etlichen Mo⸗ nate die ich da blieb erſchienen die verſprochenen Bäume nicht, und folglich konnte auch unſer Plan nicht ausgeführt werden. Da ich mich nun nicht mit Barken befaſſen konnte, der Müßiggang aber mir ein Greuel iſt, ſo beſchäftigte ich mich mit Pferden. Es gab wirklich in Saint⸗Simon eine Maſſe Füllen, und mit dieſen machte ich meine Seeleute zu Reitern. Saint⸗Simon war ein ſehr ſchönes und großes Landgut, obſchon damals theilweiſe ver⸗ laſſen und zerſthrt; es gehörte einem Grafen von Garibaldi. 1. 12 178 Saint⸗Simon, der, wie ich glaube, früher exilirt worden war, und deſſen Erben gleichfalls als Feinde der Republik in die Verbannung ziehen mußten. Ich weiß nicht ob er mit dem berühm⸗ ten Saint⸗Simon verwandt war, dem Stifter jener Religion deren Jünger mich in den Cos⸗ mopolitismus und in die allgemeine Brüderſchaft eingeweiht hatten. Aber da dieſe Saint⸗Simon im Augenblick unſere Feinde waren, ſo behandelten wir ihr Gut wie erobertes Land, d. h. wir quartierten uns in ihren Häuſern ein und ſchlachteten ihr Vieh für unſere Küche. Unſere Erholung beſtand darin daß wir un⸗ ſere Füllen oder vielmehr die Füllen der Herren von Saint⸗Simon zähmten. Hier war es wo meine theure Anita mir meinen Erſtgebornen in die Arme legte. Ich nannte ihn nicht nach einem Heiligen, ſondern nach einem Märtyrer. Er heißt Menotti. Er wurde am 16. September 1840 geboren und war aller Wahrſcheinlichkeit nach am Tage der Schlacht von Santa Vittoria gezeugt worden. Seine glückliche Geburt war nach den Entbeh⸗ rungen und Gefahren die ſeine Mutter ausge⸗ ſtanden ein wahres Wunder. Dieſe Entbehrungen und dieſe Leiden, von denen ich nicht geſprochen habe um meine Er⸗ zählung nicht zu unterbrechen, müſſen hier ihren Plaz finden, und es iſt für mich eine Pflicht, wo nicht die! Geſo erzäl es a den torig daß Wäl mitte und an! deter und Vert nigſt men ter bere reich Cor Halt dieſe den bis rilirt als ehen ihm⸗ tifter Cos⸗ chaft blick Gut uns ieh un⸗ rren mir Ich dern oren age den. eh⸗ ge⸗ von Er⸗ ren wo 179 nicht die Welt, ſo doch die wenigen Freunde die dieſes Tagbuch leſen werden, das herrliche Geſchöpf kennen zu lehren das ich verloren habe.*) Anita hatte, wie immer, auf der ſo eben erzählten Expedition mich begleiten wollen und es auch wirklich durchgeſetzt. Man erinnert ſich daß wir in Verbindung mit den Serraſiern unter Oberſt Aranha bei Santa Vit⸗ toria den Brigadier Acunha ſchlugen, und zwar ſo daß die feindliche Diviſion gänzlich vernichtet wurde. Während dieſes Gefechts blieb Anita zu Pferd mitten im Feuer als Zuſchauerin unſeres Sieges und der Niederlage der Kaiſerlichen. Sie war an dieſem Tage die Vorſehung unſerer Verwun⸗ deten, die wir, in Ermanglung von Chirurgen und Lazarethen, ſelbſt nach beſtem Wiſſen und Vermögen verbanden. Unſer Sieg vereinigte, we⸗ nigſtens für den Augenblick, die drei Departe⸗ ments Lages, Vaccaria und Lima da Serra un⸗ ter der Botmäßigkeit der Republik. Ich habe bereits erzählt wie wir nach einigen Tagen ſieg⸗ reich in Lages einzogen. Aber anders war es mit dem Kampf von Coritibani. Ich habe erzählt wie troz der muthvollen Haltung Texeira's unſere Reiterei durchbrochen *) Es braucht wohl kaum bemerkt zu werden daß dieſes Tagbuch nur für etliche Freunde geſchrieben wor⸗ den war, und daß es der intimſten Eiuflüſſe bedurfte bis es mir anvertraut wurde. A. Dumas. 180 wurde, und wie ich mit meinen 63 Fußgängern von mehr als 500 Mann feindlicher Reiterei um⸗ zingelt blieb. Anita mußte an dieſem Tage die düſterſten Wechſelfälle des Krieges durchmachen. Da ſie ſich nur ungern der Rolle einer that⸗ loſen Zuſchauerin des Kampfes unterwarf, ſo be⸗ trieb ſie die Zuſendung der Munition, weil ſie fürchtete den Kämpfern möchten die Patronen ausgehen. Das Feuer das wir im Gang halten mußten ließ allerdings vermuthen daß unſer Ge⸗ ſchüz, wofern man es nicht erneuere, bald er⸗ ſchöpft ſein könnte. Anita näherte ſich alſo in dieſer Abſicht dem Hauptſchauplaz des Kampfes, als etwa zwanzig feindliche Reiter die einige un⸗ ſerer Flüchtlinge verfolgten über unſere Trainſol⸗ daten herfielen. Eine vortreffliche Reiterin und im Beſiz eines herrlichen Pferdes, konnte Anita fliehen und ihnen entkommen; aber in dieſer Weiberbruſt ſchlug ein Heldenherz. Statt zu fliehen, munterte ſie unſere Soldaten zur Verthei⸗ digung auf und ſah ſich plötzlich von den Kai⸗ ſerlichen umzingelt. Ein Mann würde ſich er⸗ geben haben; ſie aber ſtieß ihrem Pferd die Spo⸗ ren in den Leib und jagte mitten durch den Feind, nachdem ſie bloß durch ihren Hut eine einzige Kugel bekommen die ihr die Haare weggeriſſen, aber ihren Schädel nicht einmal geſtreift hatte. Vielleicht wäre ſie entkommen wenn nicht ihr Pferd, von einer andern Kugel tödtlich getroffen, geſtürzt wäre vor ſich dieſe Mu beſa verb Sto gege den Wor zeug niß zu her, tete, ten oder behi gen und mir das hatt ihre gern um⸗ rſten that⸗ be⸗ l ſie onen alten Ge⸗ er⸗ in pfes, un⸗ nſol⸗ und nita ieſer zu thei⸗ Kai⸗ er⸗ Spo⸗ ind, zige ſſen, atte. erd, ürzt 181 wäre. Sie mußte ſich jezt ergeben und wurde vor den feindlichen Oberſt geführt. Erhaben an Muth in der Gefahr, zeigte ſich Anita wo möglich im Unglück noch größer; dieſem Generalſtab gegenüber, der über ihren Muth erſtaunt war, aber nicht Bildung genug beſaß vor einer Frau ſeinen Siegeshochmuth zu verbergen, wies ſie mit derbem und höhniſchem Stolz einige Worte zurück die ihr Verachtung gegen die überwundenen Republikaner zu verkün⸗ den ſchienen, und kämpfte eben ſo wacker mit dem Wort wie ſonſt mit den Waffen. Anita glaubte mich todt. In dieſer Ueber⸗ zeugung erbat ſie ſich und erlangte die Erlaub⸗ niß mich unter den Leichen auf dem Schlachtfeld zu ſuchen. Sie irrte lange allein und einem Schatten gleich auf der blutgedüngten Ebene um⸗ her, den Mann ſuchend den ſie zu finden fürch⸗ tete, und die auf ihren Geſichtern liegenden Tod⸗ ten umkehrend bei denen ſie an ihren Kleidern oder ihrem Wuchs einige Aehnlichkeit mit mir fand. Ihr Suchen blieb vergebens. Mir dagegen behielt das Schickſal den Schmerz vor ihre eiſi⸗ gen Wangen mit meinen Thränen zu benezen, und als jene namenloſe Qual mich traf, war es mir verſagt eine Handvoll Erde, eine Blume auf das Grab der Mutter meiner Söhne zu werfen. Sobald Anita einigermaßen ſich überzeugt hatte daß ich noch lebte, dachte ſie nur noch auf ihre Flucht. Eine Gelegenheit fand ſich bald. Sie benüzte die Trunkenheit des ſiegreichen Fein⸗ 182 des und ging in ein Haus neben demjenigen wo man ſie gefangen hielt. Eine Frau empfing ſie und gewährte ihr Schuz ohne ſie zu kennen. Mein Mantel, den ich weggeworfen hatte um in meinen Bewegungen freier zu ſein, war einem Feind in die Hände gefallen; ſie tauſchte ihn ge⸗ gen den ihrigen aus, der ſchöner und werthvol⸗ ler war. Die Nacht kam; Anita flüchtete ſich in den Wald und verſchwand darin. Es bedurfte zu gleicher Zeit das Löwen⸗ und das dieſes heiligen Geſchöpfes um ſich auf ſolche Art zu wagen. Nur wer die unermeßlichen Wälder geſehen hat welche die Gipfel des Eſpinano bedecken, mit ihren hundert⸗ jährigen Fichten die beſtimmt ſcheinen den Himmel zu ſtüzen und die als die Sählen dieſes pracht⸗ vollen Tempels der Natur emporragen, mit dem rieſigen Geröhricht dazwiſchen das von wilden Thieren und Reptilien mit tödtlichem Stich wim⸗ melt, kann ſich einen Begriff von den Gefahren bilden die ſie durchzumachen und von den Schwie⸗ rigkeiten die ſie zu überwinden hatte. Glücklicher Weiſe wußte die Tochter der amerikaniſchen Step⸗ pen nicht was Furcht war. Sie hatte von Cori⸗ tibani nach Lages zwanzig Stunden in undurch⸗ dringlichen Wäldern zurückzulegen; wie ihr dieß ganz allein und ohne Nahrung gelungen, das weiß nur Gott. Die wenigen Einwohner dieſes Theils der Provinz denen ſie begegnen konnte, waren gegen die Republikaner feindlich geſinnt; ſobald ſie un⸗ ſere legte in! der hen zug ſchre Gef tete ſenb hin in ſag dieſ wel em lop in bei Uel bei die ſell der ten ſie ſie ten w ſi nen. n in inem ge⸗ vol⸗ h in wen⸗ pfes ilden vim⸗ hren wie⸗ icher Step⸗ Fori⸗ dieß das der egen 183 ſete Niederlage erfuhren, bewaffneten ſie ſich und legten an mehrern Orten Hinterhalte, namentlich in den Picadas auf welchen die Flüchtigen in der Richtung von Coritibani nach Lages hinzie⸗ hen mußten. In den Cabecas, d. h. in den beinahe un⸗ zugänglichen Theilen dieſer Fußpfade, wurde ein ſchreckiches Blutbad unter unſern unglücklichen Gefährten angerichtet; Anita's Anblick aber trieb, ſei es nun daß ihr guter Stern über ihr leuch⸗ tete, oder daß die bewundernswürdige Entſchloſ⸗ ſenheit womit ſie über dieſe gefährlichen Stellen hinſchritt Reſpect einflößte, die Mörder immer in die Flucht, denn ſie glaubten ſich, wie ſie ſelbſt ſagten, von einem geheimnißvollen Weſen verfolgt. In der That war es ſeltſam anzuſehen wie dieſe tapfere Frau auf einem feurigen Renner, welchen ſie in dem Hauſe wo ſie Gaftfreundſchaft empfangen ſich erbeten und erlangt hatte, im Ga⸗ lopp zwiſchen den Felſen dahinjagte, und zwar in einer Sturmnacht, beim Schein der Blize und beim Getbſe des Donners. Vier Reiter die am Uebergang des Fluſſes Cauvas ſtanden, entflohen beim Anblick dieſer Viſion und ſtürzten ſich hinter die Gebüſche. Während dieſer Zeit kam Anita ſelbſt auf dem Geſtade an; der Bach war von dem Regen und Berggewäſſern zu einem bedeu⸗ tenden Fluß angeſchwollen, und gleichwohl ſezte ſie über dieſen wüthenden Strom, nicht mehr, wie ſie vor einigen Tagen gethan hatte, in einer gu⸗ ten Barke, ſondern ſie ſchwamm hinüber, aber an 184 die Mähne ihres Pferdes angeklammert, das ſie mit beſtändigen Zurufen aufmunterte. Die Fluth ſtürzte ſich toſend, nicht über einen ſchmalen Raum, ſondern über eine Strecke von fünfhundert Fuß hin, und gleichwohl gelangte ſie glücklich und unverletzt an das andere Ufer. Eine Taſſe Cafe die ſie in aller Eile in La⸗ ges hinabſtürzte, war Alles was die unerſchrockene Reiſende in vier Tagen genoß, denn ſo lange brauchte ſie um in Vaccaria das Corps des Ober⸗ ſten Aranha zu erreichen. Hier trafen wir uns wieder nach achttägiger Trennung, nachdem wir einander todt geglaubt hatten. Man denke ſich unſere Freude! Nun wohl, eine noch größere Freude erwar⸗ tete mich an dem Tage als Anita, auf der Halb⸗ inſel welche die Lagune von Los Patos auf der Seite der Atlantis ſchließt, in einem einzeln liegen⸗ den Hauſe wo ſie die großherzigſte Gaſtfreundſchaft empfangen hatte, unſern vielgeliebten Menotti gebar. Das Kind kam mit einer Narbe am Kopf auf die Welt; dieſe Narbe kam von dem Sturz den ſeine Mutter mit dem Pferd gethan hatte. Und man laſſe mich hier noch einmal all un⸗ ſern Dank gegen die vortrefflichen Leute ausſpre⸗ chen die uns Gaſtfreundſchaft geſchenkt hatten; ich bewahre ihnen, das dürfen ſie wohl glauben, eine ewige Erkenntlichkeit. In dem Lager, wo es uns an den nothwendigſten Dingen fehlte und wo ich ſicher nicht einmal ein Tüchlein für die arn har und ſtan arm ma fen. nen ritt mei eine nan nier führ auff guß ter ſehr nes auf See ich der mir die inen von ſie La⸗ kene nge ber⸗ iger ubt ar⸗ alb⸗ der en⸗ haft bar. auf den un⸗ re⸗ en; en, ind die arme Wöchnerin gefunden hätte, würde ſie dieſe harte Prüfung, bei welcher die Frau ſo viel Kraft und eine ſo ſorgfältige Pflege bedarf, kaum über⸗ ſtanden haben. Ich entſchloß mich alſo, im Intereſſe meiner armen Theuern, eine Reiſe nach Settembrina zu machen und daſelbſt einige Kleidungsſtücke zu kau⸗ fen. Ich hatte gute Freunde dort und unter ih⸗ nen einen vortrefflichen, Namens Blingini. Ich ritt durch überſchwemmte Ebenen wo das Waſſer meinem Pferd bis an den Bauch reichte. In einer früher angebauten Gegend, Paſſa Velha ge⸗ nannt, begegnete ich dem Lanciercapitän Mar⸗ nieno, der mich als guter Kamerad empfing; er führte in dieſer beſtändigen Regenzeit die Ober⸗ aufſicht über die Pferde. Ich kam Abends bei einem furchtbaren Regen⸗ guß dort an, und als am zweiten Tag das Wet⸗ ter nicht beſſer wurde, that der gute Capitän alles Mögliche um mich länger aufzuhalten. Aber der Zweck meiner Reiſe lag mir viel zu ſehr am Herzen, und troz der Einwendungen mei⸗ nes wackern Freundes machte ich mich von Neuem auf den Weg durch dieſe Ebenen die einem großen See glichen. In der Entfernung von einigen Miglien hörte ich ein lebhaftes Schießen in der Gegend aus der ich eben kam; eine bange Vermuthung ſtieg in mir auf, aber ich konnte nicht wieder umkehren. Ich gelangte alſo nach Settembrina, kaufte die wenigen Effecten die ich bedurfte und machte 186 mich dann, noch immer beſorgt wegen der gehör⸗ ten Schüſſe, auf den Rückweg nach Saint⸗Si⸗ mon. Als ich wieder nach Paſſa Velha kam, er⸗ fuhr ich die Urſache des Lärmens den ich vernom⸗ men hatte und das traurige Ereigniß das ſich noch am Tag meiner Abreiſe zugetragen. Moringue, derſelbe der mich in Camacua überrumpelt und den ich mit meinen vierzehn Mann zum Rückzug mit einem zerſchmetterten Arm gezwungen, hatte den Capitän Marnieno, ſeine Leute, ſein Vieh und den größten Theil der Pferde überfallen. Die beſten von den letztern waren eingeſchifft, die anderen umgebracht wor⸗ den. Moringue hatte dieſen Ueberfall mit Kriegs⸗ ſchiffen und Fußvolk ausgeführt. Nachdem er ſp⸗ dann ſeine Fußgänger eingeſchifft, war er mit ſeiner Reiterei nach Rio Grande du Nord gezo⸗ gen, zum Schrecken aller kleinen republikaniſchen Abtheilungen die ſich ſicher geglaubt und auf dem ganzen Land zerſtreut hatten. Unter ihnen befanden ſich meine wenigen Seeleute, die ſich in den Wald flüchten mußten. Mein erſter Schrei war, wie leicht zu begrei⸗ fen: Anita, was iſt aus Anita geworden! Anita hatte ſich am zwölften Tag nach ihrer Enibindung halb nackt auf's Pferd geworfen; ſie hatte ihr armes Kind vor ſich auf den Sattel gelegt und auf dieſe Art in den Wald fliehen müſſen. Ich fand alſo im Hauſe weder Anita noch die guten Leute die ihr Gaftfreundſchaft geſchenkt hatt des wiſſ zu blie wei des wir wer diti h in grei⸗ hrer ſ attel ehen noch 187 hatten, aber ich traf ſie am Saume eines Wal⸗ des wo ſie ſich verborgen hielten, ohne genau zu wiſſen wo der Feind war und ob ſie noch etwas zu fürchten hatten. Wir kehrten nach Saint⸗Simon zurück und blieben noch einige Zeit da; dann zogen wir weiter und ſchlugen unſer Lager am linken Ufer des Capivari auf, d. h. an demſelben Fluß wo wir ein Jahr vorher unſere Schiffe auf Fuhr⸗ werken zu der ſo ſchmählich verunglückten Expe⸗ dition von Santa Catarina fortgeſchafft hatten. Ach dort hatte mein Herz voll von Hoffnun⸗ gen geſchlagen, die jezt auf traurige Weiſe ent⸗ ſchwunden waren. Der Capivari beſteht aus verſchiedenen Bä⸗ chen, von den zahlreichen Seen her die den nörd⸗ lichen Theil der Provinz Rio Grande an der Meeresküſte und am öſtlichen Abhang der Eſpi⸗ nanokette bedecken. Er hat ſeinen Namen von Capinara, einer in den Flüſſen Amerika's ſehr häufigen Binſenart, die in den Colonien Capi⸗ necos heißt. Von Capivari und von Sangrados de Abreel aus, einem Verbindungscanal zwiſchen keinem Sumpf und einem See, wo wir mit unerhörter Mühe etliche Kähne zuſammengebracht hatten, machten wir einige Fahrten nach der weſtlichen Küſte des Sees und richteten eine Transportver⸗ bindung zwiſchen beiden Ufern ein. 188 XXXIV. Roſſetti. Inzwiſchen verſchlimmerte ſich die Lage der republikaniſchen Armee von Tag zu Tag; ihre Bedürfniſſe wurden größer, ihre Mittel geringer; die beiden Kämpfe bei Taquari und San Foſe du Nord hatten die Infanterie decimirt, die zwar nicht ſehr ſtark, aber doch die Hauptkraft der Belagerungsoperationen war. Dieſe äußerſten Bedürfniſſe hatten Deſertionen zu Folge; die Be⸗ völkerung wurde, wie es bei allen langen Kriegen zu gehen pflegt, überdrüſſig; die Krank⸗ heit der Gleichgiltigkeit, die ſchlimmſte von allen, ſtellte ſich ein, und von allen Seiten her regte ſich das Gefühl daß es Zeit ſei der Sache ein Ende zu machen. In dieſem Zuſtand der Dinge machten die Kaiſerlichen Vergleichsvorſchläge die zwar für die Republikaner beziehungsweiſe vortheilhaft waren, aber dennoch abgelehnt wurden. Dieß erhöhte die Mißſtimmung unter dem unglücklichſten und folglich überdrüſſigſten Theil der Armee und des Volkes; endlich beſchloß man die Belagerung aufzugeben und ſich zurückzuziehen. Die Diviſion Canavarrv, zu welcher die See⸗ leute gehörten, wurde auserſehen die Bewegun⸗ gung zu beginnen und die Päſſe der Serra zu öffnen, die von General Labattue, einem Fran⸗ zoſen in kaiſerlichen Dienſten, beſezt waren. Bento Go drei ſoll Bet dem non fiel mat lieb Her ſetti lieb mei was eine dein die beſt lien eine i neir triek man der ihre ger; oſe war der rſten Be⸗ gen ank⸗ llen, egte ein die die ren, öhte und des ung See⸗ un⸗ zu 189 Gonzalès mit dem Reſt der Armee ſollte hinten⸗ drein marſchiren und den Nachtrab bilden. Die republikaniſche Beſazung von Settembrina ſollte zu allerletzt kommen, aber ſie konnte dieſe Bewegung nicht ausführen; die Stadt wurde von dem bekannten Moringue überfallen und wegge⸗ nommen. Hier ſtarb mein theurer Roſſetti. Nachdem er Wunder der Täpferkeit verrichtet, fiel er gefährlich verwundet vom Pferde, und als man ihn aufforderte ſich zu ergeben, wollte er ſich lieber tödten laſſen als ſeinen Degen überreichen. Abermals eine ſchmerzliche Wunde für mein Herz! Man hat mich mehr als einmal von Roſ⸗ ſetti ſprechen hören, man weiß wie innig ich ihn liebte; man erlaube mir daher, ſo ungenügend meine Feder ſein mag, Italien zu wiederholen was ich ihm ſchon ſo oft geſagt habe: — O Italien, meine Mutter! ich habe hier einen meiner theuerſten Brüder und du haſt einen deiner edelſten Söhne verloren. Er war in Genua geboren. Seine Eltern, die ihn nicht verſtanden, hatten ihn für die Kirche beſtimmt; aber er wurde einer der feurigſten ita⸗ lieniſchen Patrioten die ich je gekannt habe. Zu einem Abenteurerleben geboren, reiste er, da er in Italien nicht athmen konnte, nach Rio Ja⸗ neiro, wo er bald Handel bald Mäcklergeſchäfte trieb. Aber Roſſetti war nicht zum Geſchäfts⸗ mann geſchaffen; er war eine exotiſche Pflanze 190 die auf dem Boden des Agios und der Berech⸗ nung ſchlecht gedieh. Nicht als ob Roſſetti nicht einen ſeltenen Ver⸗ ſtand und die nothwendige Begabung zu Kennt⸗ niſſen aller Art beſeſſen hätte; gewiß konnte er in allen Dingen auf den erſten Rang Anſpruch machen. Aber Roſſekti war der italieniſchſte aller Italiener, d. h. der edelmüthigſte und verſchwen⸗ deriſchſte Menſch von der Welt. Nur macht man bei ſolchen kaufmänniſchen Fehlern„kein Glück, ſondern geht mit Rieſenſchritten dem Verderben entgegen. So erging es Roſſetti. Er war gut gegen Alle und ſein Haus ſtand Allen, ganz beſonders den unglücklichen Italie⸗ nern, offen. Er wartete nicht bis die Geächteten ihn aufſuchten, ſondern er ging ihnen entgegen; deßhalb waren auch ſeine Mittel bald erſchöpft. Selbſt unglücklich, konnte er mit ſeinem Engels⸗ herzen keinen Italiener leiden ſehen. Konnte er ihm nicht mit feiner Börſe aushelfen, ſo hieß er ihn in ſeiner armen Hütte warten, zog durch die Straßen der Stadt und kehrte nicht heim ohne eine Unterſtüzung für den Wartenden mitzubrin⸗ gen. Seine Gutherzigkeit, Offenheit und Biever⸗ keit machten ihn aber auch zum allgemeinen Lieb⸗ ling, und bei ſeinen menſchenfreundlichen Verle⸗ genheiten half ihm Jedermann gerne aus Die Schlacht von Cauſa fand ſtatt. Die Re⸗ publikaner wurden darin von den Kaiſerlichen ge⸗ ſchlagen. Bento Gonzales und die angeſehen⸗ ſten brac fand wie San davv brief ten blika geſch errei 2 an r 2 nicht Dart dern lien, Söh mach Leich birgs terno ungli 2 Kühe 191 ſten Führer geriethen in Gefangenſchaft. Man brachte ſie nach Rio Janeiro. Unter ihnen be⸗ fand ſich unſer Landsmann Zambecarri, den ich, wie ich bereits erzählt, in den Gefängniſſen von Santa⸗Cruz kennen gelernt hatte. Man ſprach davon einen Kreuzzug zu beginnen und Caper⸗ briefe für uns auszuſtellen. Roſſetti und ich hat⸗ ten keine Ruhe mehr bevor wir mit dem repu⸗ blikaniſchen Banner in den unermeßlichen Ocean geſchleudert wurden. Roſſetti beſorgte Alles und erreichte den Zweck den wir uns vorgeſezt hatten. Man weiß das Uebrige, da man uns von da an nicht mehr aus dem Auge verloren hat. Ach es gibt keinen Winkel auf der Erde wo nicht die Gebeine eines edlen Italieners liegen. Darum ſollte Italien ſich nie mehr freuen, ſon⸗ dern auf ewig in Trauer hüllen. O armes Ita⸗ lien, du wirſt die Abweſenheit deiner verlornen Söhne empfinden, wenn du einmal den Verſuch machſt dich über dieſen von den Raben gefreſſenen Leichnamen zu erheben. X Die Picada das Antas. Dieſer zur Winterszeit mitten in einem Ge⸗ birgsland und unter unaufhörlichem Regen un⸗ ternommene Rückzug war der furchtbarſte und unglücklichſte den ich je erlebt habe. Wir nahmen ſtatt aller Mundvorräthe einige Kühe am Stricke mit, da wir wohl wußten daß 192 wir auf dem Fußpfad den wir zu durchwandern hatten kein eßbares Thier finden würden. Obſchon auf dem Rückzug begriffen, verfolg⸗ ten wir die Abtheilung des Generals Labattue, aber ohne ſie jemals einholen zu können. Nur die Waldbewohner griffen, um ihre Sympathien mit uns an den Tag zu legen, ſeinen Vortrab an. Wir ſahen dieſe Naturmenſchen in der Nähe und ſie waren nicht feindlich gegen uns. Anita mußte während dieſes dreimonatlichen Rückzugs Alles durchmachen was man menſch⸗ licher Weiſe durchmachen kann ohne dabei zu Grunde zu gehen, und ſie überſtand Alles mit einem Stvicismus und Muth wofür ich keine Worte finde. Man muß die Wälder dieſes Theils von Bra⸗ ſilien einigermaßen kennen um ſich eine Idee von den Entbehrungen einer Truppe zu machen die keine Transportgelegenheiten beſaß, und deren einziges Verproviantirungsmittel aus dem Laſſo beſtand, einer Waffe die allerdings in den mit Vieh oder großem Wildpret bedeckten Ebenen ſehr nüzlich iſt, in dieſen dichten Wäldern aber, wo die Tiger und Löwen hauſen, nicht den mindeſten Vortheil bringt. Um das Unglück voll zu machen, ſchwollen die in dieſen Urwäldern ſehr häufigen Flüſſe un⸗ geheuer an; der ſchreckliche Regen der uns heim⸗ ſuchte wollte nicht aufhören, und ſo kam es daß häufig ein Theil unſrer Truppen ſich zwiſchen zwei Flüſſen verfing und ganz und gar keine Nahrung — —-——— . 195 ſich ſelbſt nicht geſucht haben würden, die ſie aber mir zu Liebe anſchafften und womit ſie die Mut⸗ ter und das Kind wieder ein wenig ſtärkten. Derjenige der ihr die erſten und wirkſamſten Hilfsmittel brachte, hieß Manzev; ſein Name ſei geſegnet! Ich hatte mich vergebens abgemüht um meine beiden Maulthiere zu retten; ich mußte die ar⸗ men Beſtien zulezt herzſchlächtig, verſchlagen und gänzlich heruntergekommen im Stiche laſſen; dann legte ichden Reſt des Weges durch den Wald zu Fuße zurück. Am ſelben Tag fand ich meine Frau und mein Kind wieder und erfuhr was meine lieben Cameraden für ſie gethan hatten. Neun Tage nach ſeinem Eintritt in den Wald kam der Nachtrab unſerer Diviſivn mühſam her⸗ aus; wenige Offiziere hatten ihre Pferde zu ret⸗ ten vermocht: der Feind, der uns fluchtartig vor⸗ anzog, hatte zwei Geſchüze in der Picada ge⸗ laſſen, aber wir ſahen ſie im Vorbeiziehen kaum an. Die Transportmittel fehlten, und ohne Zwei⸗ fel ſtehen dieſe Kanonen noch jezt an demſelben Plaz wo ich an ihnen vorübergekommen war. Das Unwetter ſchien ſich auf den Wald be⸗ ſchränkt zu haben; kaum waren wir draußen, kaum befanden wir uns in der Nähe von Lima da Serrd und von Vaccaria, ſo fanden wir ſchönes Wetter. Darüber und über einigen Ochſen die in unſere Hände fielen und uns für unſer langes 196 Faſten entſchädigten, vergaßen wir Erſchöpfung, Hunger und Regen. Wir blieben einige Tage im Departement Vac⸗ caria, um die Diviſion von Bento Gonzalés zu erwarten, die in Unordnung und um ein Drittel herabgeſchmolzen zu uns gelangte. Der unermüdliche Moringue nämlich war, als er vom Rückzug dieſer Diviſion erfuhr, zur Ver⸗ folgung ihres Nachtrabs aufgebrochen, hatte raſt⸗ los Jagd auf ſie gemacht, ſie bei jeder Gelegen⸗ heit angegriffen und ſich zu dieſem Werk der Zer⸗ ſtörung mit den Bergbewohnern verbündet, die ſtets feindſelig gegen die Republicaner geſinnt waren. Alles das verſchaffte Labattue die nöthige Zeit um ſeinen Rückzug und darauf ſeine Ver⸗ einigung mit der kaiſerlichen Armee zu bewerk⸗ ſtelligen. Aber bei dieſer Vereinigung hatte er kaum noch einige hundert Mann; er hatte mit denſelben Uebelſtänden zu kämpfen gehabt wie wir, und war noch überdieß einem jener außeror⸗ dentlichen Ereigniſſe ausgeſetzt geweſen die um ih⸗ rer Seltſamkeit willen erzählt zu werden verdienen. General Labattue, der durch zwei Waldungen, genannt di Mattos, zu ziehen hatte, traf daſelbſt einige der eingeborenen Stämme die unter dem Namen Bugrès bekannt ſind und als die wil⸗ deſten in Braſilien gelten. Als ſie den Durchzug der Kaiſerlichen erfuhren, fielen ſie aus drei oder vier Hinterhalten über ſie her und thaten ihnen allen möglichen Schaden. Uns dagegen be⸗ unruhigten ſie auf keinerlei Weiſe, und wenn ſich ng, ac⸗ zu ttel als er⸗ ſt⸗ en⸗ er⸗ ets ige er⸗ erk⸗ er mit wie or⸗ en, bſt em vil⸗ zug er nen be⸗ ſich * 1— 197 auch auf dem Weg viele jener Fallen vorfanden welche die Indianer ihren Feinden legen, ſo wa⸗ ren ſie doch nicht mit Raſen oder Heidekraut be⸗ deckt, ſondern lagen offen da und waren ſomit ganz ungefährlich. Während unſers kurzen Aufenthalts am Saume eines dieſer Rieſenwälder kam eine Frau heraus die in ihrer Jugend von den Wilden geraubt wor⸗ den war und unſere Nähe benüzt hatte um zu entfliehen. Das arme Geſchöpf befand ſich in einem kläg⸗ lichen Zuſtand. Da wir jezt vor keinem Feind mehr zu flie⸗ hen und in dieſen hohen Regionen auch keinen mehr zu verfolgen hatten, ſo ſezten wir unſern Marſch in kurzen Etappen fort, mußten aber in gänzlicher Ermanglung von Pferden unterwegs Füllen zähmen. Das republikaniſche Lanciercorps war gänzlich unberitten geworden und mußte ſich alſo durch Füllen wieder auf die Beine helfen. Es war übrigens ein glänzendes und troz täglicher Wiederholung ſtets neues Schauſpiel um dieſe kräftigen ſchwarzen Jünglinge, von denen jeder den Beinamen Pferdebändiger verdiente welchen Virgil dem Pelops gibt. Man mußte ſie ſehen, wie ſie auf dieſe wilden Kinder der Steppen, die von Gebiß, Sattel und Sporn nichts wußten, hinaufſprangen, ſich an ihren Mäh⸗ nen feſtklammerten und mit ihnen in der Ebene herumwirbelten, bis der Vierfüßler dem Menſchen nachgab und ſich als überwunden bekannte. 198 Aber der Kampf währte lange; das Thier er⸗ gab ſich erſt nachdem es alle ſeine Bemühungen erſchöpft hatte um ſich ſeines Tyrannen zu ent⸗ ledigen; der Menſch ſeinerſeits entwickelte eine Gewandtheit, Kraft und Beherztheit die alle Be⸗ wunderung verdienten; er war an alle Bewe⸗ gungen des Thieres gebunden, preßte es zwiſchen ſeinen Beinen wie mit Zangen, ſprang mit ihm empor, wälzte ſich mit ihm, richtete ſich mit ihm auf und ließ es nicht eher los als bis das Pferd, triefend von Schweiß, weißſchäumend, zitternd auf ſeinen Kniekehlen, gebändigt war. Drei Tage genügen für einen guten Pferde⸗ bändiger um vas ſtörrigſte Thier dem Gebiß ge⸗ horſam zu machen. Aber nur ſelten werden die Füllen von den Soldaten gut gebändigt, beſonders auf den Mär⸗ ſchen, wo zu viele Störungen vorkommen. Nachdem wir durch die Mattos gezogen, mar⸗ ſchirten wir durch die kleine Provinz Miſſiones gegen Cruz⸗Alta, den Hauptort derſelben, und von da nach Saint⸗Gabriel, wo das Hauptquar⸗ tier aufgeſchlagen und Baraken zur Lagerung der Armee erbaut wurden. Sechs Jahre dieſes gefahr⸗ und abenteuer⸗ vollen Lebens hatten mich nicht ermüdet, ſo lange ich allein geblieben war; aber jezt da ich eine kleine Familie beſaß, machte dieſe Trennung von allen meinen alten Bekannten und der vieljäh⸗ rige gänzliche Mangel an Nachrichten von mei⸗ nen Eltern den Wunſch in mir rege, mich einem — 4* — en är⸗ ar⸗ 1es nd ar⸗ der er⸗ ge on h⸗ ei⸗ 199 Orte zu nähern wo ich Etwas von meinem Va⸗ ter und meiner Mutter erfahren könnte. Ich hatte alle dieſe zärtlichen Neigungen einen Augenblick in mein Herz zurückdrängen können, aber ſie hat⸗ ten ſich darin angehäuft und verlangten ihren freien Lauf. Dazu kam noch daß ich auch von meiner andern Mutter die ſich Italien nennt Nichts wußte. Die Familie iſt mächtig, aber das Vaterland iſt unwiderſtehlich. Ich beſchloß alſo, wenigſtens für die nächſte Zeit, nach Montevidev zurückzukehren und bat den Präſidenten um Urlaub ſo wie um die Er⸗ mächtigung mir eine kleine Ochſenheerde anzu⸗ ſchaffen, die ich unterwegs ſtückweiſe zu verkaufen gedachte um meine Reiſekoſten zu beſtreiten. XXXVI. Ochſentreiber. So war ich denn truppiere, d. h. Ochſen⸗ treiber. Mit Erlaubniß des Finanzminiſters brachte ich in einer Eſtancia, genannt el Corral das pedras, in ungefähr zwanzig Tagen mit unſäglicher Mühe ungefähr 900 Stück Vieh zuſammen. Dieſes Vieh war gänzlich wild, und noch größere Müh⸗ ſeligkeiten erwarteten mich unterwegs, wo ich auf beinahe unüberwindliche Hinderniſſe ſtieß. Das größte von allen war der Uebergang über den Rio Negro, der um ein Haar mein ganzes Capi⸗ tal verſchlang. Ich hatte nicht bloß die Schwie⸗ 200 rigkeiten des Uebergangs und meinen Mangel an Erfahrung in dieſem neuen Gewerbe gegen mich, ſondern hauptſächlich auch die Unredlichkeit eini⸗ ger Capitaze die ich als Treiber gedungen hatte. Gleichwohl rettete ich fünfhundert Stück, aber in Betracht der ſchlechten Fütterung, des langen Weges und der mühſeligen Paſſagen wurden ſie für unfähig erachtet ihren Beſtimmungsort zu erreichen. Ich beſchloß alſo ſie umzubringen, die Häute abzuziehen und ſie zu verkaufen, eine Operation von welcher mir nach Abzug der Koſten etwa hundert Thaler übrig blieben, mit denen ich die erſten Bedürfniſſe meiner Familie zu beſtreiten hatte. Hier muß ich eine Begegnung verzeichnen die mir einen meiner theuerſten, beſten und zärt⸗ lichſten Freunde verſchaffte. Leider iſt es wiederum einer der in der beſ⸗ ſern Welt der Befreiung Italiens entgegenharrt. Als wir auf unſerm lezten Rückzug in die Nähe von Saint⸗Gabriel kamen, hatte ich von einem italieniſchen Offizier von viel Geiſt, Muth und Bildung erzählen gehört, der als Carbongro verbannt, zuerſt in Frankreich am 5. Juni, ſo⸗ dann in Oporto, während der langen Belagerung welche der Stadt den Namen die Uneinnehm⸗ bare eintrug, gefochten und endlich, als er gleich mir Europa verlaſſen mußte, ſeinen Muth und ſeine Kenntniſſe dem Dienſt der jungen Republi⸗ ken Südamerika's gewidmet hatte. Man erzählte von ihm ſo viele Züge von Muth, Kaltblütigkeit und Stärke, daß ich manch⸗ in ür te 201 mal geäußert hatte:— Wenn ich einmal mit dieſem Manne zuſammentreffe, ſo muß er mein Freund werden. Er hieß Auzani. Eine Anecdote von ihm hatte ganz beſonderes Aufſehen erregt. Bei ſeiner Ankunft in Amerika hatte Auzani ein Empfehlungsſchreiben an die Herrn N, Kauf⸗ leute in V. und ebenfalls Italiener, mitgebracht. Dieſe Herren hatten ihn zu ihrem Factotum gemacht. Auzani war zugleich ihr Caſſier, ihr Buch⸗ halter und ihr Vertrauensmann; noch mehr, er war der gute Genius ihres Hauſes. Wie alle ſtarken und muthigen Leute, war er ruhig und ſanft. Das Haus, deſſen eigentlicher Director er ge⸗ worden, war eines von denjenigen wie man ſie nur in Südamerika findet, und die alle nur er⸗ denklichen Artikel zugleich führen. Unglücklicher Weiſe lag die Stadt worin es ſich befand, in der Nähe des Waldes wo die in⸗ dianiſchen Bugrès wohnten, von denen ich im vorigen Capitel einige Worte geſagt habe. Einer der Häuptlinge war der Schrecken die⸗ ſer kleinen Stadt, welche er zweimal jährlich mit ſeinem Stamm heimſuchte und ganz will⸗ kürlich brandſchazte, ohne daß ſie den mindeſten Widerſtand wagte. Zuerſt kam er mit zwei⸗ voder dreihundert Mann, dann mit hundert, hernach als der zu⸗ 202 nehmende Schrecken ſeine Macht befeſtigt hatte, mit fünfzig, und zulezt fühlte er ſich dermaßen als Herr, daß er allein erſchien, ganz allein ſeine Befehle ertheilte und ſeine Forderungen kund⸗ that, als ſtände ſein ganzer Stamm hinter ihm und wäre bereit die Stadt mit Feuer und Schwert zu verheeren. Auzani hatte viel von dieſem Eiſenfreſſer vernommen und Alles was man von ihm er⸗ zählte angehört, ohne ſeine Anſicht über die Kühn⸗ heit des wilden Häuptlings und den Schrecken den er durch ſein troziges Weſen einflößte im Mindeſten zu äußern. Dieſer Schrecken war ſo groß, daß, wenn der Ruf erſcholl:; der Häuptling des Mattos iſt da! alle Fenſter verſchloſſen, alle Thüren verriegelt wurden, gleich als hätte man vor einem tollen Hunde gewarnt. Der Indianer war an dieſe Zeichen des Entſezens gewöhnt und ſie ſchmei⸗ chelten ſeinem Hochmuth. Er wählte die Thüre die ihm am beſten zuſagte, klopfte, und wenn ſie geöffnet wurde, was immmer mit der Schnellig⸗ keit der Angſt geſchah, ſo konnte er das ganze Haus plündern, ohne daß der Herr, die Nach⸗ barn oder ſonſtige Bewohner ſich's einfallen ließen ſeinen Rückzug zu beunruhigen. Nun dirigirte Auzani ſeit zwei Monaten das Handelshaus, in dem größten Artikel wie in den kleinſten Details, zur großen Zufriedenheit ſei⸗ ner beiden Principale, als der Schreckensruf erſcholl: — Der Häuptling der Mattos! „ — 203 tte Wie gewöhnlich wurden Thüren und Läden ßen haſtig verſchloſſen. iü Auzani war allein im Hauſe und mit dem . Abſchluß ſeiner Wochenrechnung beſchäftigt; er hm hielt es bei der geräuſchvollen Ankündigung die eit man machte nicht der Mühe werth ſich zu deran⸗ giren und blieb daher hinter ſeinem Tiſch ſizen, ſſer ohne Thüre und Fenſter zu ſchließen. er⸗ Der Indianer blieb vor dieſem Hauſe ſte⸗ hn⸗ hen, das mitten in der allgemeinen Beſtürzung ien über ſeine Erſcheinung ganz gleichgiltig ausſah. im Er trat ein und ſah einen Mann mit freundli⸗ cher Miene am Tiſch ſizen und ſeineRechnung machen. der Er pflanzte ſich mit gekreuzten Armen vor da ihm auf und ſchaute ihn voll Verwunderung an. gelt Auzani blickte auf. len Er war die Höflichkeit ſelbſt. ieſe— Was wollen Sie, mein Freund? fragte et er den Indianer. üre— Wie! Was ich will? fragte dieſer dagegen. ſie— Allerdings, verſezte Auzani; wenn man ig⸗ in einen Laden kommt, ſo wünſcht man Etwas nze 4. zu kaufen. ich⸗ Der Indianer lachte laut auf. ßen— Du kennſt mich alſo nicht? fragte er. — Woher ſoll ich Dich kennen? Es iſt das das erſte Mal daß ich Dich ſehe. in— Ich bin der Häuptling der Mattos, ver⸗ ſei⸗ ſezte der Indianer, indem er ſeine Arme öffnete oll:* und an ſeinem Gürtel ein Arſenal zeigte das aus vier Piſtolen und einem Dolch beſtand. 204 — Nun wohl, Häuptling der Mattos, was willſt du? fragte Auzani. — Etwas zu trinken, antwortete der Andere. — Was? — Ein Glas Aguardiente. — Nichts leichter als das. Bezahle vorher, ſo werde ich dir dein Glas einſchenken. Der Indianer begann von Neuem zu lachen. Auzani runzelte die Stirne ein wenig. — Höre, ſagte er, du lachſt mir jezt ſchon zum zweiten Mal ins Geſicht, ſtatt mir zu ant⸗ worten. Ich finde das unhöflich. Ich erkläre dir alſo daß ich dich, wenn du es zum dritten Mal thuſt, aus dem Hauſe werfe. Auzani hatte dieſe Worte mit einer Feſtigkeit ausgeſprochen die jedem andern als einem India⸗ ner den Maßſtab von dem Manne gegeben hätte den er vor ſich ſah. Vielleicht begriff der Häuptling, aber er that als ob er nicht begriffe. — Ich habe dir geſagt du ſolleſt mir ein Glas Aguardiente geben, wiederholte er, indem er mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlug. — Und ich habe dir geſagt daß du vorher bezahlen ſolleſt, wiederholte Auzani; wo nicht, ſo bekommſt du Nichts. Der Indianer warf Auzani einen zornigen Blick zu, aber Auzani's Auge begegnete dem ſei⸗ nigen. Bliz hatte ſich mit Bliz gekreuzt. Auzani ſagte vft: — Es gibt keine andere Kraft außer der mo⸗ raliſchen. Sieh den Menſchen der, dich anſieht uſt re. er, n. on t⸗ re en it te at n m 205 kühn, ſtarr und beharrlich an; wenn er die Au⸗ gen niederſchlägt, ſo biſt du ſein Herr und Mei⸗ ſter. Aber ſchlag die deinigen nicht nieder, ſonſt iſt er Herr und Meiſter. Auzani's Blick hatte eine unwiderſtehliche Macht; der Indianer ſchlug die Augen nieder. Er fühlte ſeine Unterlegenheit und wüthend über dieſen unbekannten Zauber wollte er ſich Muth erſaufen. — Gut, ſagte er, da iſt ein halber Piaſter, ſchenk ein! — Es iſt mein Beruf die Leute zu bedienen die zahlen, ſagte Auzani ruhig. Und er ſchenkte dem Indianer ein Glas Schnaps ein. Der Indianer ſtürzte es hinab. — Yoch eins, ſagte er. Auzani reichte ihm ein zweites. Der Indianer ſtürzte es gleichfalls hinunter. — YNoch eins, ſagte er. So lange das Geld ausreichte um die Liba⸗ tionen des Indianers zu decken, machte Auzani keine Bemerfung; aber als das Geldſtück ver⸗ trunken war, hielt er inne. — Nun? fragte der Indianer. Auzani machte ihm ſeine Rechnung. — Spute dich, drängte der Wilde. — Ohne Geld keinen Schnaps! erwiederte Auzani. Der Indianer hatte richtig gerechnet. Die fünf oder ſechs Gläſer Aguardiente die er getrun⸗ — ————— 206 ken, hatten ihm den Muth zurückgegeben den er unter Auzani's Löwenblick verloren hatte. — Aguardiente ſagte er, nach einer ſeiner Pi⸗ ſtolen greifend, Aguardiente! oder ich bringe Dich um. Auzani, der dieß kommen geſehen, hielt ſich bereit. Er war ein Mann von fünf Fuß neun Zoll, von außerordentlicher Stärke und bewun⸗ dernswürdiger Gewandtheit. Er ſtemmte ſeine rechte Hand auf den Ladentiſch, ſprang hinüber, warf ſich mit ſeinem ganzen Gewicht auf den Indianer und ergriff mit ſeiner linken Hand das rechte Fauſtgelenke ſeines Gegners, ehe dieſer Zeit hatte den Hahn zu ſpannen. Der Indianer konnte den Stoß nicht aushal⸗ ten. Er ſtürzte rücklings zu Boden; Auzani fiel über ihn her und ſezte ihm das Knie auf die Bruſt. Jezt hielt er mit ſeiner linken Hand die rechte des Indianers ſo daß ſeine Waffe ungefährlich wurde, mit der andern riß er ihm Piſtolen und Dolch aus dem Gürtel und warf ſie in La⸗ den; dann riß er ihm ſeine Piſtole aus der Hand, nahm ſie beim Lauf und zerarbeitete ihm das Geſicht mit Kolbenſchlägen. Endlich, als er dachte daß der Indianer, um uns des Kunſtausdruckes zu bedienen, genug habe, richtete er ſich auf, ſtieß ihn mit tüchtigen Fußtritten zur Thüre hinaus, wälzte ihn in die Goſſe und ließ ihn mitten in derſel⸗ ben liegen. Der Indianer hatte wirklich genug. Er ſtand auf und zeigte ſich nie wieder in Saint⸗Gabriel. Auzani hatte den Krieg in Portugal unter 207 dem Namen Ferrari mitgemacht. Unter dieſem Namen hatte er ſich vortrefflich gehalten, unter dieſem Namen hatte er ſich den Capitänsgrad er⸗ worben, unter dieſem Namen hatte er zwei ſchwere Wunden, die eine am Kopf, die andere auf der Bruſt bekommen, ſo ſchwer, daß er an einer derſelben nach ſechszehn Jahren erlag. Die Kopfwunde beſtand in einem Säbelhieb der ihm den Schädel geöffnet hatte. Die Bruſtwunde kam von einer Kugel die in der Lunge ſtecken geblieben war und ſpäter eine Lungenſchwindfucht herbeiführte. Wenn man Auzani von den Wundern von Muth ſagte die er unter dem Namen Ferrari ver⸗ richtet hatte, ſo lächelte er und ſagte, Ferrari und Auzani ſeien zwei verſchiedene Perſonen. unglücklicher Weiſe konnte der arme Auzani zwar ſeine Heldenthaten auf Rechnung des von ſeiner Phantaſie geſchaffenen Weſens ſchreiben, aber ſeine Wunden nicht auf daſſelbe übertragen. Dieß war der Mann von dem man mir er⸗ zählt hatte, welchen ich kennen zu lernen und zu meinem Freund zu machen wünſchte. In Saint⸗Gabriel erfuhr ich daß er Geſchäfte halber einige Stunden weit verreist ſei. Ich erkun⸗ digte mich und ſtieg zu Pferde um ihn aufzuſuchen. Unterwegs fand ich am Ufer eines kleinen Baches einen Mann der bis an die Bruſt ent⸗ blößt war und ſein Hemde wuſch. Ich begriff daß dieß der Mann war den ich ſuchte. Ich ging auf ihn zu, reichte ihm die Hand und nannte mich. Von dieſem Augenblick an waren wir Brüder. 208 Er befand ſich nicht mehr in ſeinem Hand⸗ lungshaus, ſondern war gleich mir in den Dienſt der Republik, Rio Grande getreten. Er befeh⸗ ligte die Infanterie der Diviſion des Juan An⸗ toniv, eines der berühmteſten republikaniſchen Füh⸗ rer; übrigens verließ er gleich mir dieſen Dienſt und begab ſich nach Saltv. Wir verbrachten einen Tag zuſammen, gaben einander unſere Adreſſen, und es wurde beſchloſ⸗ ſen daß wir nichts Wichtiges mehr vornehmen wollten ohne einander in Kenntniß zu ſezen. Man geſtatte mir ein Detail das von unſerm Elend und unſerer Brüderſchaft ein Bild geben kann. Auzani beſaß nur ein Hemd, aber er beſaß zwei Paar Hoſen. Ich war in Bezug auf Hemden ſo arm als er, während er in Bezug auf Hoſen reicher war als ich. Wir übernachteten unter demſelben Dach, aber er reiste vor Tagesanbruch ab ohne mich zu wecken. Als ich erwachte, fand ich das beſſere Paar ſeiner Hoſen auf meinem Bette. Ich hatte Auzani kaum geſehen, aber er war einer der Männer die man auf den erſten Blick beurtheilt. Als ich daher in den Dienſt der Re⸗ publik Montevidev trat und den Auftrag erhielt die italieniſche Legivn zu organiſtren, war es mein Erſtes daß ich an Auzani ſchrieb er möchte dieſe Arbeit mit mir theilen. Er kam und wir verließen uns nicht mehr bis zum Tage wo er, in meinen Armen ſterbend, die italieniſche Erde berührte. — 2OGe—