Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und Geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ledem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ † — ſ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß ver Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— Königin Margvt. Von Alerandre Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von Augnuſt Zoller. 75 Neuntes und zehntes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. I. Das Jagdbuch. Es waren fünf Tage ſeit den von uns erzählten Er⸗ eigniſſen abgelaufen. So eben hatte es vier Uhr geſchla⸗ gen; doch bereits war im Louvre Alles wach, wie dies gewöhnlich an Jagdtagen geſchah, als ſich der Herzog von Alencon, einer ihm zugekommenen Einladung zufolge, zu der Königin Mutter begab. Die Königin Mutter war nicht in ihrem Schlafge⸗ mach, aber ſie hatte Befehl gegeben, ihren Sohn warten zu laſſen, wenn er käme. Nach einigen Minuten trat ſie aus einem geheimen Cabinet, in das außer ihr Niemand kam. Sie pflegte ſich in vaſſelbe zurückzuziehen, um ihre chemiſchen Opera⸗ tionen vorzunehmen. Zugleich mit der Königin Mutter kam, ſei es durch die halb geöffnete Thüre oder an ihren Kleidern hängend, der durchdringende Geruch eines ſcharfen Parfum, und durch die Oeffnung dieſer Thüre gewahrte Alencon einen dicken Dampf, dem eines verbrannten Gewürzes ähnlich, welcher in einer weißen Wolke in dem Laborato⸗ rium aumherſchwamm. das die Königin verließ. Der Herzog konnte ſich eines neugierigen Blickes nicht erwehren. „Ja,“ ſagte Catharina von Medicis,„ja, ich habe einige alte Pergamente verbrannt, und dieſe ſtrömten einen ſo ſtinkenden Geruch aus, daß ich Wachholder auf die Gluth warf.“ Alencon verbeugte ſich. „Nun,“ ſagte Catharina, in den langen Aermeln ihres Schlafrockes ihre Hände verbergend, welche mit leichten rötlich gelben Flecken beſprengt waren,„was habt Ihr Neues ſeit geſtern?“ „Nichts, meine Mutter.“ „Habt Ihr Heinrich geſehen?“ „Ja.“* „Weigert er ſich immer noch, abzureiſen?“ „Durchaus.“ „Der Schelm!“ „Was ſagt Ihr, Madame?“ „Ich ſage, daß er reiſt.“ „Ihr glaubt?“ „Ich bin deſſen ſicher.“ 6 „Dann entgeht er uns.“ „Ja,“ ſprach Catharina. „Und Ihr laßt ihn abziehen?“ „Ich laſſe ihn nicht nur ziehen, ſondern ich ſage Euch noch mehr: er muß ziehen.“ „Ich begreife Euch nicht, meine Mutter.“ „Hört wohl was ich Euch ſagen werde, Franz. Ein ſehr geſchickter Arzt, derſelbe, der mir das Jagdbuch ge⸗ geliehen hat, das Ihr ihm bringen werdet, gab mir die Verſicherung, der König von Navarra wäre auf dem Punkte, von einer auszehrenden Krankheit befallen zu werden, von einer von den Krankheiten, für welche die Wiſſenſchaft kein Mittel kennt. Ihr begreift aber, daß es, ſoll er einmal an einem ſo grauſamen Uebel ſterben, beſſer iſt, wenn er ferne von uns, als wenn er hier am Hofe unter unſern Augen ſtirbt.“ 3. „In der That, das würde uns zu viel Schmerz bereiten.“ abe nen die res ten Ihr uch in ge⸗ die em zu die aß n, m „ 7 „Beſonders Eurem Bruder Karl,“ ſprach Catharina, „während der König, wenn Heinrich ſtirbt, nachdem er ihn verrathen hat, dieſen Tod als eine Strafe des Him⸗ mels betrachten wird.“ „Ihr habt Recht, meine Mutter,“ ſagte Heinrich voll Bewunderung.„Wißt Ihr aber auch gewiß, daß er es thun wird.“ „Alle ſeine Maßregeln ſind getroffen. Der Zuſam⸗ menkunftsort iſt der Wald von Saint⸗Germain. Fünfzig Hugenotten ſollen ihm als Geleite bis Fontainebleau die⸗ nen, wo fünfhundert andere ſeiner harren.“ „Und meine Schweſter,“ ſprach Alencon mit leich⸗ tem Zögern und ſichtbaerm Erbleichen,„meine Schweſter Margot geht mit ihm?“ „Ja,“ antwortete Catharita,„das iſt abgemacht. Iſt aber Heinrich todt, ſo kehrt Margot als Witiwe und frei an den Hof zurück.“ „Und Heinrich wird ſterben, Madame, Ihr ſeyd deſſen gewiß 2.. „Der Arzt, der mir das Buch gegeben hat, behaup⸗ tete es wenigſtens.“ „Wo iſt das Buch, Madame?“ Catharina kehrte mit langſamen Schritten in das ge⸗ heimnißvolle Cabinet zurück und kam einen Augenblick nachher mit dem Buche in der Hand wieder heraus. „Hier iſt es,“ ſprach ſie. Alencon ſchaute das Buch, das ihm ſeine Mutter reichte, mit einem gewiſſen Schrecken an. „Was für ein Buch iſt dies, Madame?“ fragte der Herzog zitternd. „Ich habe es Euch bereits geſagt, mein Sohn, es iſt eine Abhandlung, um Falken aufziehen und dreſſiren zu lernen, durch einen ſehr gelehrten Mann für den Herrn Caſtruceio Caſtracani, den Tyrannen vyn Lucca, ab⸗ gefaßt.“ „Und was ſoll ich damit machen?“ „Tragt es zu Euerem guten Freunde Heinrich, der 8 Euch, wie Ihr mir ſagt, darum gebeten hat, um ſich in der Wiſſenſchaft der Beize zu unterrichten. Da Ihr heute mit dem König auf die Falkenjagd reitet, ſo wird er nicht verfehlen, ein paar Seiten zu leſen, um Seiner Majeſtät zu beweiſen, daß er ihren Rath befolgt und Lectivnen nimmt. Das Ganze beſteht nur darin, daß Ihr es ihm ſelbſt übergebt.“ „Oh, ich werde nicht den Muth dazu haben,“ ver⸗ ſetzte Alencon bebend. „Warum?“ ſprach Catharina,„es iſt ein Buch, wie jedes andere, ausgenommen, daß die Blätter, weil es ſo lange eingeſchloſſen war, an einander kleben. Ver⸗ ſucht es alſo nicht, darin zu leſen, denn man kann es nur thun, wenn man den Finger naß macht und die Seiten Blatt für Blatt umſchlägt, was viel Zeit weg⸗ nimmt und viel Mühe verurſacht.“ „So daß nur ein Menſch, welcher ein großes Ver⸗ langen hat, ſich zu unterrichten, ſich dieſe Zeit und dieſe Mühe nehmen kann?“ „Ganz richtig, mein Sohn, Ihr begreift.“ „Oh!“ ſagte Alengon,„ſeht Henriot iſt bereits im Hofe. Gebt, Madame, gebt, ich will ſeine Abweſenheit benützen, um das Buch zu ihm zu tragen. Bei ſeiner Rückkehr wird er es ſinden.“ „Es wäre mir lieber, wenn Ihr es ihm ſelbſt ge⸗ ben würdet, Franz; es kommt mir ſicherer vor.“ „Ich habe Euch bereits geſagt, daß ich nicht den Muth dazu hätte, Madame.“ „Geht doch; aber legt es wenigſtens an einen Ort, wo es ſehr in die Augen fällt.“ „Ich werde es an die ſichtbarſte Stelle und ganz offen legen. Iſt es ungeeignet, wenn es offen liegt?“ „Nein.“ Alengon nahm mit zitternder Hand das Buch, das Catharina mit feſter Hand gegen ihn ausſtreckte. „Nehmt, nehmt, es iſt keine Gefahr dabei, da ich es beruhre. Ueberdieß habt Ihr Handſchuhe.“ den Au ben bei gen vie ten vor die ſich vird iner und daß er⸗ uch, veil zer⸗ es die e⸗ ger⸗ ieſe im heit iner den Ort, ganz * 5 Dieſe Vorſichtsmaßregel genügte Alengon nicht, denn er wickelte das Buch in ſeinen Mantel. „Eilt, eilt,“ ſprach Catharina,„Heinrich kann jeden Augenblick wieder herauftommen.“ „Ihr habt Pecht, Madame, ich gehe.“ Und der Herzog entfernte ſich wankend vor Angſt. Wir haben bereits mehrere Male den Leſer in die Wohnung des Königs von Navarra eingeführt; wir ha⸗ ben ihn in demſelben luſtigen und ſchrecklichen Sitzungen beiwohnen laſſen, je nachdem der Schutzgeiſt des zukünfti⸗ gen Königs von Frankreich lächelte oder drohte. Aber nie vielleicht war in dieſem durch den Mord von Blut befleck⸗ ten, vonder Orgie mit Wein beſprengten, durch die Liebe von balſamiſchen Düften durchzogenen Mauern, nie war in dieſem Winkel des Louvre ein bleicheres Geſicht erſchienen, als das des Herzogs von Alengon, der, ſein Buch in der Hand, die Thüre des Schlafzimmers des Konigs von Navarra öffnete. Und dennoch war Niemand, wie es der Herzog erwartete, in dieſem Zimmer, um mit neugierigem oder unruhigem Auge die Handlung zu beobachten, die er zu begehen im Begriffe war. Die erſten Strahlen des Tages erleuchteten das vollkommen leere Gemach. An der Wand hing das Schwert bereit, das Herr von Mouy Heinrich mitzunehmen gerathen hatte. Einige Glieder eines Panzergürtels lagen auf dem Boden zer⸗ ſtreut. Eine anſtändig gefüllte Börſe und ein kleiner Dolch waren auf einem Schranke ſichtbar und leichte, noch in dem Kamin flackernde Aſche, ſo wie andere An⸗ zeichen ſagten Alengon ganz deutlich, daß der König von Navarra ein Panzerhemd angelegt, Geld von ſeinem Schatz⸗ meiſter verlangt und gefährdende Papiere verbrannt hatte. „Meine Mutter täuſchte ſich nicht, der Schurke hat mich verrathen,“ ſprach Alengon. Dieſe Ueberzeugung verlieh ohne Zweifel dem jun⸗ gen Menſchen eine neue Kraft; denn nachdem er mit Königin Margot. Ml. 2 ——————————— —————— dem Blicke alle Winkel des Zimmers durchforſcht, nach⸗ dem er die Thürvorhänge aufgehoben, nachdem ihm ein großes Geräuſch in den Höfen und ein tiefes in dem Gemache herrſchendes Stillſchweigen bewieſen hatten, daß Niemand daran dachte, ihn zu beobachten, zog er das Buch unter ſeinem Mantel hervor, legte es raſch auf den Tiſch, wo die Börſe war, und lehnte es an ein Pult von geſchnitztem Eichenholz. Dann trater ſogleich zurück, ſtreckte den Arm aus und öffnete mit einem Zögern, das ſeine Furcht verrieth, mit ſeiner behandſchuhten Rechten das Buch an einer Stelle, wo ſich ein Jagdkupferſtich befand. Als das Buch geöffnet war, machte Alencon ſogleich einige Schritte rückwärts, zog ſeinen Handſchuh aus und warf ihn in die noch glühende Kohle, welche kurz zuvor die Briefe verzehrt hatte. Das geſchmeidige Leder fniſterte auf den Kohlen, krümmte und breitete ſich aus, wie der Leichnam einer Schlange, und ließ bald nur noch einen ſchwarzen, zuſammengezogenen Ueberreſt zurück. Alengon blieb, bis die Flamme den Handſchuh gänzlich verzehrt hatte. Dann rollte er den Mantel zu⸗ ſammen, in den das Buch gewickelt geweſen war, warf ihn unter ſeinen Arm und kehrte raſch in ſein Zimmer zurück. Als er mit zitterndem Herzen hier eintrat, hörte er Tritte auf der Wendeltreppe, und da er nicht daran zweifelte, Heinrich käme zurück, ſo ſchloß er eiligſt ſeine Thüre. Dann ſtürzte er nach dem Fenſter; aber man ſah von hier aus nur einen Theil des Hofes vom Loupre. Heinrich war nicht in dieſem Theile, und es beſtä⸗ tigte ſich dadurch ſeine Ueberzeugung, dieſer wäre zu⸗ rückgekehrt. Der Herzog ſetzte ſich, öffnete ein Buch und ver⸗ ſuchte es zu leſen. Es war eine Geſchichte von Frank⸗ reich von Pharamond bis auf Heinrich 1I., für welche der König Karl ein paar Tage nach ſeiner Thronbeſtei⸗ gung ein Privilegium gegeben hatte. Aber der Geiſt des Herzogs war nicht bei der Sache. Das Fieber der — 11 Erwartung glühte in ſeinen Adern. Das Schlagen ſeiner Pulſe wiederhallte in ſeinem Gehirn. Wie man in einem Traume oder in einer magnetiſchen Ertaſe fieht, ſo kam es Franz vor, als ſchaute er durch die Mauern. Sein Blick ſenkte ſich in das Zimmer von Heinrich, trotz des dreifachen Hinderniſſes, das ihn von dieſem trennte. Um den furchtbaren Gegenſtand zu entfernen, den er mit den Augen des Geiſtes zu ſehen glaubte, ſuchte der Herzog die Blicke ſeines Innern auf etwas Anderes zu lenken, als auf das furchtbare Buch, das auf dem Pulte von geſchnitztem Eichenholz offen lag. Aber ver⸗ gebens nahm er, eines nach dem andern ſeine Gewehre, einen nach dem andern ſeine Juwelen, vergebens ging er hundertmal im Zimmer auf und ab: jede Einzelnheit des Bildes, das er in dem Buche nur flüchtig geſehen hatte, ſtand vor ſeinem Geiſte. Es war ein Herr zu Pferde, der den Dienſt eines Falkeniers verrichtend das Vorloß warf, um den Falken zuruckzulocken, und im ge⸗ ſtreckten Galopp über einen Moorgrund hinritt. So ge⸗ waltig auch der Wille des Herzogs war, ſo triumphirte doch die Erinnerung über dieſen Willen. Dann war es auch nicht allein das Buch, was er vor ſich ſah, er ſah auch den König von Navarra, wie er ſich dem Buche näherte, das Bild betrachtete, die Blätter umzuwenden ſuchte, das Hinderniß wahrnahm, das ſich dem Umwenden widerſetzte, dieſes Hinderniß, den Finger naß machend, beſiegte und die Blätter zum Umwenden zwang. Bei dieſem, obgleich ganz der Phantaſie entſproſſe⸗ nen, Anblick wankte Alengon und mufßte ſich mit einer Hand auf einen Schrank ſtutzen, während er mit der an⸗ dern ſeine Augen bedeckte, als ob er, wenn ſie bedeckt wären, nicht noch beſſer das Schauſpiel ſehen würde, daß er fliehen wollte. Dieſes Schauſpiel war ſein eigener Gedanke. Plotzlich ſah Alengon Heinrich durch den Hof ſchrei⸗ 2* 12 ten. Der Bearner blieb einen Augenblick bei Leuten ſtehen, welche auf zwei Maulthiere Jagdvorräthe packten, die in nichts Anderem beſtanden, als in Silber und in Reiſeefferten. Sobald ſeine Befehle gegeben waren, durchſchritt er in gerader Linie den Hof und ging ſicht⸗ bar auf die Eingangsthüre zu. Alencon blieb unbeweglich an ſeinem Platze. Hein⸗ rich war alſo nicht die geheime Treppe heraufgeſtiegen. Alle Angſt, die er ſeit einer Viertelſtunde gefühlt, hatte er vergebens gefühlt. Wos er beendigt oder wenigſtens ſeinem Ende nahe glaubte, ſollte wieder anfangen. Alengon öffnete die Thüre ſeines Zimmers und horchte an der des Corridor. Diesmal war keine Täu⸗ ſchung möglich, es mußte Heinrich ſeyn. Alengon er⸗ kannte ſeinen Tritt und ſogar das beſondere Geräuſch ſeiner Spornrädchen; die Thüre der Wohnung von Hein⸗ rich öffnete ſich und ſchloß ſich wieder. Alencon kehrte in ſein Zimmer zurück und ſank auf einen Stuhl. „Zu dieſer Stunde geht es ſo bei ihm,“ ſagte er zu ſich ſelbſt:„er hat ſein Vorzimmer, dannſein erſtes Zim⸗ mer durchſchritten und iſt in ſein Schlafzimmer gelangt. Hier wird er mit den Augen ſeine Börſe, ſein Schwert und ſeinen Dolch geſucht haben, dann hat er das Buch offen auf dem Pulte gefunden.“ „„Was für ein Buch iſt das?““ wird er ſich ge⸗ fragt haben,„„wer hat es mir gebracht?““ „Dann wird er ſich ihm genähert und den Kupfer⸗ ſtich betrachtet haben, der einen ſeinen Falken zurückru⸗ fenden Reiter darſtellt. Er will es ſofort leſen und ver⸗ ſucht es, die Blätter umzuwenden.“ Hier lief ein kalter Schweiß über die Stirne von Franz. „Wird er rufen?“ ſprach er,„iſt es ein raſch wir⸗ kendes Gift? Nein, nein, denn meine Mutter ſagte mir, er müßte langſam an der Auszehrung ſterben.“ Dieſer Gedanke beruhigte ihn ein wenig. . 13 So vergingen zwei Minuten, ein Jahrhundert des Todeskampfes Secunde für Secunde verbraucht, und jede von dieſen Serunden lieferte, was die Einbildungs⸗ kraft an wahnſinnigen Schreckniſſen zu erfinden vet⸗ mag, eine ganze Welt von Viſionen. Alengon fonnte es nicht länger aushalten. Er ſtand auf und durchſchritt ſein Vorzimmer, das ſich bereits mit Edelleuten zu füllen begann. „Seyd gegrüßt, meine Herren,“ ſagte er,„ich gehe zum König hinab.“ Und um ſich in ſeiner verzehrenden Unruhe ſelbſt zu täuſchen, vielleicht auch nur um ein Alibi vorzubereiten, ging Alencon wirklich zu ſeinem Bruder hinab. Warum begab er ſich zu ihm? Er wußte es eigentlich nicht.. Was hatte er ihm zu ſagen? Nichts! Es war nicht Karl, den er ſuchte; es war Heinrich, den er ſloh. Die Wachen ließen ihn eintreten, ohne ihm ein Hinderniß entgegenzuſetzen; an Jagdtagen gab, es keine Etiquette, keinen Befehl. Franz durchſchritt nach und nach das Vorzimmer, den Salon und das Schlafzimmer, ohne Jemand zu finden. Endlich dachte er, Karl wäre ohne Zweifel in ſeinem Waffencabinet, und öffnete die Thüre, welche vom Schlafzimmer in dieſes Cabinet ging. Karl ſaß vor einem Tiſche in einem großen Fau⸗ teuil mit hoher geſchnitzter Lehne. Er wandte der Thüre, durch welche Franz eingetreten war, den Rücken zu. Es ſchien, als wäre er in eine Beſchäftigung ver⸗ tieft, die ihn gan und gar beherrſchte. Der Herzog näherte ſich auf den Fußſpitzen; Karl as. „Bei Gott!“ Lief plötzlich der König,„das iſt ein bewunderungswürdiges Buch. Ich habe davon ſprechen hören, glaubte aber nicht, daß es in Frankreich vor⸗ handen wäre.“ Alencon horchte und machte noch einen Schritt⸗ 14 „Verfluchte Blätter!“ ſagte der König, ſeinen Dau⸗ men an ſeine Lippen legend und dann auf das Buch drückend, um das Blatt, das er geleſen, von dem zu trennen, welches er leſen wollte.„Man ſollte glauben, man hätte die Blätter an einander geklebt, um den Blicken der Menſchen die Wunder zu entziehen, die es enthält.“ Alencon machte einen Sprung vorwärts. Das Buch, über das Karl ſich beugte, war das⸗ jenige, welches Alencon bei Heinrich niedergelegt hatte. Ein dumpfer Schrei entfuhr ihm. „Ah! Ihr ſeyd es, Alencon,“ ſprach Karl;„ſeyd willkommen und ſchaut das ſchönſte Jagdbuch an, das je aus eines Menſchen Feder hervorgegangen iſt.“ Die erſte Bewegung von Alencon war, das Buch den Händen ſeines Bruders zu entreißen, aber ein hölli⸗ ſches Lächeln feſſelte ihn an ſeinen Platz, ein furchtba⸗ rer Gedanke umſpielte ſeine bleichen Lippen; er fuhr mit der Hand über ſeine Augen hin, wie ein geblendeter Menſch. Dann allmählig ſich erholend, aber ohne einen Schritt vorwärts oder rückwärts zu thun, fragte Alengon: „Sire, wie kommt dieſes Buch in die Hände Eurer Majeſtät?“ „Das iſt ganz einfach. Ich ging ſo eben zu Hen⸗ riot hinauf, um zu ſehen, ob er bereit wäre. Er war ſchon nicht mehr in ſeiner Wohnung; ohne Zweifel lief er in den Ställen umher; aber an ſeiner Stelle fand ich dieſes unſchätzbare Werk, das ich mitnahm, um es nach Bequemlichkeit leſen zu können.“ Und der König ſetzte abermals ſeinen Daumen an ſeine Lippen und drehte noch einmal das rebelliſche Blatt um. „Sire,“ ſtammelte Alencon, deſſen Haare ſich ſträubten, deſſen ganzer Leib von einer furchtbaren Angſt geſchüttelt wurde,„Sire, ich wollte Euch ſagen... „Laßt mich dieſes Kapitel vollenden, Franz,“ ſprach Karl,„dann könnt Ihr mir ſagen, was Ihr wollt, Ich — N — 15 habe bereits fünfundzwanzig Blätter geleſen, das heißt verſchlungen.“ „Er hat fünfundzwanzigmal das Gift gekoſtet,“ dachte Franz.„Mein Bruder iſt todt!“ Dann meinte er, es gäbe einen Gott im Himmel, der vielleicht nicht der Zufall wäre. Franz trocknete mit ſeiner zitternden Hand den Schweiß ab, der in großen Tropfen auf ſeiner Stirne ſtand, und wartete ſchweigend, wie ihm ſein Bruder be⸗ fohlen hatte, bis er das Kapitel vollends geleſen hätte. II. Die Peize. Karl las immer noch. In ſeiner Neugierde ver⸗ ſchlang er das Buch, und jedes Blatt hing. wie geſagt⸗ ſey es wegen der Feuchtigkeit, der das Buch lange aus⸗ geſetzt geweſen war, ſey es aus einem andern Grunde, an dem folgenden Blatte. Alengon betrachtete mit ſtarrem Auge dieſes furcht⸗ bare Schauſpiel, deſſen Entwickelung er allein vorherſah. „Ah,“ murmelte er,„was geht denn hier vor? Wie! ich ſollte abreiſen, ich ſollte mich verbannen, ich ſollte einen eingebildeten Thron ſuchen, während Heinrich bei der erſten Kunde der Krankheit von Karl in irgend eine befeſtigte Stadt zwanzig Meilen von Paris zurück⸗ fehren würde, um auf dieſe Beute zu lauern, welche uns der Zufall Freisgibt, und mit einem Schritt in der Hauptſtadt ſeyn könnte, ſo daß, ehe der König von Polen nur Nachricht von dem Tode meines Bruders erhalten hätte, die Dynaſtie bereits verändert wäre; das iſt un⸗ möglich.“ Dieſe Gedanken beherrſchten das erſte Gefühl un⸗ willkührlichen Abſcheus, das Franz antrieb, Karl zu⸗ 16 rückzuhalten. Es war das beharrliche Geſchick, das Heinrich zu bewachen und die Valvis zu verfolgen ſchien, und gegen welches der Herzog noch einmal anzuſtreben verſuchen wolite. In einem Augenblicke änderte ſich ſein ganzer Plan in Beziehung auf Heinrich. Es war Karl und nicht Heinrich, der das vergiftete Buch geleſen hatte. Heinrich ſollte ſich entfernen, aber verurtheilt entfernen. Von dem Au⸗ genblick an, wo das Geſchick ihn noch einmal rettete, mußte Heinrich bleihen, denn Heinrich war weniger zu fürchten als Gefangener in Vincennes oder in der Ba⸗ ſtille, als wenn er König an der Spitze von dreißigtau⸗ ſend Mann geweſen wäre. Der Herzog von Alencon ließ Karl ſein Kapitel vollenden. Als der König aber das Haupt erhob, ſagte er: „Mein Bruder, ich wartete, weil Eure Majeſtät es mir ſo befohlen hatte, aber zu meinem großen Be⸗ dauern, da ich Euch Dinge von der größten Wichtig⸗ keit mitzutheilen habe.“ „Ah, zum Teufel!“ ſprach Karl, deſſen Wangen ſich allmählig purpurroth färbten, mochte er nun mit zu großem Eifer geleſen haben, oder fing das Gift be⸗ reits an zu wirken,„zum Teufel! wenn Du mir aber⸗ mals von derſelben Sache ſprechen willſt. Du gehſt ab, wie der König von Polen abgegangen iſt. Ich habe mich ſeiner enkledigt, und werde mich Deiner entledigen; kein Wort mehr hierüber.“ „Mein Bruder,“ erwiederte Franz,„ich will auch nicht von meiner Ahreiſe mit Euch ſprechen, ſondern von der eines Andern. Eure Majeſtät hat mich in meinem tieſſten, zarteſten Gefuͤhle verletzt, in meiner brüderlichen Ergebenheit für ſie, in meiner Treue als Unterthan, und es liegt mir daran, ihr zu beweiſen, daß ich kein Verräther bin.“ „Stille,“ ſprach Karl, ſtützte ſich mit dem Ellen⸗ bogen auf das Buch, kreuzte die Beine übepeinander —— — * M — 17 und ſchaute Alengon wie ein Mann an, der gegen ſeine Gewohnheit einen Vorrath von Geduld ſammelt,„ſtille, irgend eiu neues Gerücht, irgend eine Beſchuldigung am frühen Morgen?“ „Nein, Sire, eine Gewißheit, ein Complott, das mein lächerliches Zartgefühl allein Eurer Majeſtät zu enthüllen mich verhindert hatte.“ „Ein Complott?“ ſagte Karl,„laßt Euer Complott hören!“ „Sire, während Eure Majeſtät am Fluſſe und in der Ebene des Veſinet jagen wird, erreicht der König von Navarra den Wald von Saint⸗Germain. Eine Truppe von Freunden erwartet ihn in dieſem Walde und ſoll mit ihm fliehen.“ „Ah! ich wußte es wohl,“ ſprach Karl.„Abermals eine ſchöne Vexleumdung gegen meinen armen Henriot. Werdet Ihr einmal ein Ende mit ihm machen?“ „Eure Majeſtät braucht wenigſtens nicht lange zu warten, um ſich zu verſichern, ob das, was ich ihr zu ſagen die Ehre gehabt habe, eine Verleumdung iſt oder nicht.“ „Wie dies?“ „Dieſen Abend wird unſer Schwager abgereiſt ſeyn.“ Karl ſtand auf und ſprach: „Hört: ich will noch einmal Miene machen, als glaubte ich an Eure Erfindung; aber ich kündige Euch, Dir und Deiner Mutter, an, daß dieſes Mal das letzte Mal iſt.“ Dann die Stimme erhebend, fügte er bei: „Man rufe den König von Navarra!“ Eine Wache machte eine Bewegung, um zu gehor⸗ chen; aber Franz hielt ſie durch ein Zeichen zurück. „Ein ſchlechtes Mittel, mein Bruder. Auf dieſe Art werdet Ihr nichts erfahren. Heinrich wird leugnen, ein Signal geben, ſeine Genoſſen ſind gewarnt und verſchwinden; dann wird man meine Mutter und mich * 1 18 nicht nur der Geiſterſeherei, ſondern auch der Verleum⸗ dung beſchuldigen.. Was verlangt Ihr alſo?“ „Daß mich Eure Majeſtät im Namen unſerer Bru⸗ derliebe höre, daß ſie im Namen meiner Ergebenheit, welche ſie erkennen wird, nicht zu haſtig verfahre. Macht es ſo, Sire, daß der wahre Schuldige, daß derjenige, welcher Eure Majeſtät ſeit zwei Jahren in der Abſicht verräth, bis er ſie in der That verrathen kann, endlich durch einen unfehlbaren Beweis als ſchuldig erkannt und nach Verdienſt beſtraft wird.“ Karl antwortete nicht. Er ging an ein Fenſter und öffnete es. Das Blut ſtieg ihm zu Kopfe. Endlich wandte er ſich um und ſagte: „Nun, was würdet Ihr thun? Sprecht, Franz.“ „Sire, ich würde den Wald von Saint⸗Germain durch drei Abtheilungen Chevaurlegers umſtellen, die zu einer verabredeten Stunde, um eilf Uhr etwa, ſich in Marſch zu ſetzen und Alles, was ſich im Walde befindet, an dem Pavillon von Franz I. zuſammen zu treiben hätten⸗ den ich wie durch Zufall als Sammelplatz für das Mit⸗ tageſſen bezeichnen würde. Dann, wenn ich, während ich den Schein hätte, als folgte ich meinem Falken, Heinrich ſich entfernen ſehen⸗ würde, ritte ich an den Sammelplatz⸗ wo er mit allen ſeinen Genoſſen gefangen ſeyn wird.“ „Der Gedanfe iſt gut; man laſſe meinen Kapitän der Garden kommen.“ Alencon zog aus ſeinem Wammſe eine ſilberne, an einer goldnen Kette hängende Pfeife und pfiff. Herr von Nancey erſchien. Karl ging auf ihn zu und gab ihm ſeine Befehle mit leiſer Stimme. Während dieſer Zeit hatte ſein großer Windhund Actäon eine Beute ergriffen, die er im Zimmer umher⸗ rollte und unter tauſend tollen Sprüngen mit den Zäh⸗ nen zerriß, Karl wandte ſich um und ſtieß einen furchtbaren * ru⸗ it, cht ge, cht ich mt 19 Fluch aus. Die Beute, welche Actäon gemacht, war das koſtbare Jagdbuch, von dem es erwähnter Maßen nur drei Exemplare in der ganzen Welt gab. Die Strafe kam dem Fehler gleich. Karl ergriff eine Peitſche. Der Riemen pfiff und umhüllte das Thier mit einem dreifachen Knoten. Actäon ſchrie laut auf und verſchwand unter einem Tiſche, der mit einem ungeheu⸗ ren Teppich bedeckt war und ihm als Zufluchtsort diente. Karl hob das Buch auf und ſah zu ſeiner großen Freude, daß nur ein Blatt fehlte, und dieſes Blatt ge⸗ hörte nicht einmal zum Terxt, ſondern war ein Kupfer⸗ ich. Karl ſchloß das Buch ſorgfältig in einen Schrank ein. Alencon ſchaute ihm unruhig zu. Er hätte ge⸗ wünſcht, daß dieſes Buch, nun da ſeine furchtbare Sen⸗ dung erfüllt war, aus den Händen von Karl gekommen wäre. Es ſchlug ſechs Uhr. Dies war die Stunde, zu der der König in den Hof hinabkommen ſollte, welcher ſich bereits mit prächtig ge⸗ zäumten Pferden, mit reichgekleideten Männern und Frauen gefüllt hatte. Die Jäger hielten ihre behaubten Falken auf den Fäuſten. An einigen Piqueurs ſah man Hörner, mit denen ſie ſich verſehen hatten, falls der König, der Beize müde, wie ihm dies zuweilen begegnete, ein Reh oder einen Damhirſch hetzen wollte. Der König ging hinab, ſchloß aber zuvor ſein Waffen⸗ cabinet. Alengon folgte jeder ſeiner Bewegungen mit glühenden Blicken und ſah ihn ſeinen Schlüſſel in die Taſche ſtecken. Die Treppe hinabſteigend blieb der König ſtille ſte⸗ hen, fuhr mit der Hand an die Stirne und ſagte: „Ich weiß nicht, was ich habe, aber ich fühle mich ſchwach.“ Die Beine des Herzogs von Alencon zitterten nicht weniger, als die des Königs. „In der That,“ ſtammelte der Herzog,„es ſcheint mir, es iſt ſtürmiſch Wetter.“ „Sturm im Monat März?“ ſagte Karl,„Ihr ſeyd ein Narr. Nein, ich habe Schwindel, meine Haut iſt trocken, ich bin müde, das iſt das Ganze.“ Dann fuhr er mit halber Stimme fort: „Sie werden mich umbringen mit ihrem Haſſe und ihren Complotten.“ Als er aber in den Hof trat, brachten die Morgen⸗ luft, das Geſchrei der Jäger, die hundertfachen lärmen⸗ den Begrüfungen der Verſammelten auf Karl die ge⸗ wöhnliche Wirkung hervor. Er athmete freier und luſtiger. Mit dem erſten Blicke ſuchte er Heinrich; dieſer be⸗ fand ſich in der Nähe von Margarethe. Die zwei vor⸗ trefflichen Gatten ſchienen ſich nicht einen Augenblick ver⸗ laſſen zu können, ſo ſehr liebten ſie ſich. Als Heinrich den König erblickte, ließ er ſein Pferd ſpringen, und er war mit drei Courbetten ſeines Thieres bei ſeinem Schwager. „Ah! ah!“ ſagte Karl,„Ihr ſeyd zur Parforcejagd beritten, Henriot; doch Ihr wißt, daß wir heute eine Falkenjagd machen.“ Dann, ohne die Antwort abzuwarten, fuhr der König S Stirne faltend und mit beinahe drohendem Tone ort: „Auf, meine Herren, vorwärts, wir müſſen um neun Uhr bei der Jagd ſeyn.“ Catharina betrachtete Alles dies aus einem Fenſter des Louvre. Ein aufgehobener Vorhang gewährte ihrem bleichen, verſchleierten Kopfe freien Raum, während der ſchwarz gekleidete Körper im Halbſchatten verſchwand. Auf den Befehl von Karl dehnte ſich dieſe ganze gol⸗ dene, geſtickte, parfumirte Menge, den König an der Spitze, aus, um durch die Pforten des Louvre zu ziehen, und wälzte ſich wie eine Lauwine auf die Straße nach Saint⸗ Germain, mitten unter dem Geſchrei des Volkes, das ſei den Co Lä Th als die lei ſa eint eyd iſt und erd tes ne ig ne er er e, d 21 ſeinen jungen König begrüßte, welcher ſorgenvoll, nach⸗ denkend, auf ſeinem ſchneeweißen Pferde einherritt. „Was hat er Euch geſagt?“ fragte Margarethe Heinrich. „Er hat mir über die Schönheit meines Pferdes ein Compliment gemacht.“ „Sonſt nichts?“ „Sonſt nichts.“ „Dann weiß er etwas.“ „Ich befürchte es.“ „Wir müſſen auf unſerer Hut ſeyn.“ Heinrich erleuchtete ſein Geſicht mit jenem feinen Lächeln, das bei ihm Gewohnheit war und für Mar⸗ garethe beſonders bedeutete:„Seyd unbeſorgt, meine Theure.“ Kaum hatte der Zug den Hof des Louvre verlaſſen, als ſich Catharina von dem Vorhange zurückzog. Eines war ihr jedoch nicht entgangen: ſie hatte die Bläſſe von Heinrich, ſeine Nervenzuckungen, ſeine leiſen Unterredungen mit Margarethe wahrgenommen. Heinrich war bleich, weil ſein Blut, da er nicht den ſanguiniſchen Muth beſaß, unter allen Umſtänden, wo ſein Leben auf das Spiel geſetzt war, ſtatt ihm in den Kopf zu ſteigen, zum Herzen zurückſtrömte. Er hatte Nervenzuckungen, weil die Art, wie ihn Karl empfangen, ſo verſchieden von dem Empfange, der ihm gewöhnlich von dem König zu Theil wurde, einen gewaltigen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Er hatte ſich mit Margatethe beſprochen, weil, wie wir wiſſen, von dem Manne und der Frau in politiſcher Hinſicht eine Offenſive⸗ und Defenſivallianz abgeſchloſſen worden war. Catharina aber erklärte ſich die Dinge ganz anders. „Diesmal,“ murmelte ſie mit ihrem florentiniſchen Lächeln,„diesmal wird der theure Henriot wohl hängen bleiben.“ Nachdem ſie eine Viertelſtunde gewartet hatte, um 22 der ganzen Jagd Zeit zu laſſen, ſich aus Paris zu ent⸗ fernen, ging ſie, um ſich von der Sache ſelbſt zu über⸗ zeugen, aus ihrem Zimmer, ſchritt durch den Gang, ſtieg die kleine Wendeltreppe hinauf und öffnete mit Hülfe ihres doppelten Schlüſſels die Wohnung des Königs von Navarra. Aber vergebens ſuchte ſie in der ganzen Wohnung das Buch, vergebens ging ihr glühender Blick von den Tiſchen zu den Stühlen, von den Stühlen zu den Pul⸗ ten, von den Pulten zu den Fächern, von den Fächern ſu den Schränken über; nirgends gewahrte ſie, was ſie uchte. „Er hat es ohne Zweifel in irgend einen Schrank eingeſchloſſen,“ ſagte ſie,„und wenn er es noch nicht geleſen hat, ſo wird er es leſen.“ Und ſie ſtieg wieder hinab, diesmal feſt überzeugt, ihr Plan wäre gelungen. Der König verfolgte mittlerweile den Weg nach Saint⸗Germain, wo er nach anderthalb Stunden ſchar⸗ fen Rittes anlangte; man begab ſich nicht einmal zu dem alten Schloſſe, das ſich mitten unter den auf dem Berge zerſtrenten Häuſern erhob. Man zog über die hölzerne Brücke, welche damals vor dem Baume lag, den man noch heut' zu Tage die Sülly's⸗Eiche nennt. Dann machte man den geſchmückten Barken, welche der Jagd folgten, ein Zeichen damit der König und die Leute ſeines Hofes leichter über den Fluß gelangen könn⸗ ten ſich in Bewegung zu ſetzen. In einem Augenblick bewegte ſich dieſe ganze luſtige, von ſo verſchiedenartigen Intereſſen belebte, Jugend auf dem herrlichen Wiesgrunde, der von der waldigen Höhe von Saint⸗Germain herabläuft und plötzlich das Ausſehen einer großen Stickerei mit buntſcheckigen, tauſendfarbigen Perſonen bekam, wobei der an ſeinem Ufer ſchäu⸗ mende Fluß die ſilberne Franſe bildete. Vor dem König, der auf ſeinem weißen Roße ſeinen Lieblingsfalken auf der Fauſt einherritt, mar⸗ ſchi hoh der trat hin her! tes alle wu war leue Sc abz zu ſich Kri blie in auf erh Ha Ra G Sc die ſtie ern har thi m ie g⸗ t. 4 ie n⸗ 23 ſchirten die Jägerburſche mit grauen Wämmſern und hohen Stiefeln, welche, ein halbes Dutzend Hunde mit der Stimme beherrſchend, die Rohre am Ufer nieder⸗ traten. In dieſem Angenblick kam plötzlich die bis jetzt hinter Wolken verborgene Sonne aus dem düſtern Ocean hervor, in den ſie getaucht war. Ein Strahl ihres Lich⸗ tes beleuchtete all' dieſes Gold, alle dieſe Juwelen, alle dieſe gluhenden Augen, und aus dem ganzen Lichte wurde ein Feuerſteom. Jetzt, und als hätte er nur dieſen Moment er⸗ wartet, damit eine ſchöne Sonne ſeine Niederlage be⸗ leuchte, erhob ſich ein Reiher, einen langen, klagenden Schrei ausſtoßend, mitten aus dem Schilfe. „Haw! haw!“ rief Karl, ſeinem Falken die Haube abziehend und ihn dem Flüchtling nachwerfend. „Haw! haw!“ rief man einſtinmig, um den Vogel zu ermuthigen. Einen Augenblick von dem Lichte geblendet, drehte ſich der Falke gieichſam um ſich ſelbſt und beſchrieb einen Kreis, ohne vorzurücken oder zurückzuweichen; dann er⸗ blickte er plötzlich den Reiher und nahm raſch ſeinen Flug in der Richtung desſelben. Der Reiher aber, der ſich als ein kluger Vogel auf mehr als hundert Schritte von den Jägerburſchen erhob, hatte, während der König ſeinem Falken die Haube abnahm und dieſer ſich an das Licht gewöhnte, Raum oder vielmehr Höhe gewonnen. So kam es, daß er, als ihn ſein Feind erblickte, mehr als fünf hundert Schritte entfernt war, und da er in den höheren Zonen die für ſeine mächtigen Flügel erforderliche Luft fand, ſtieg er raſch empor. „Haw! haw! Ber⸗de⸗Fer,“ rief Karl ſeinen Falken ermuthigend,„beweiſe uns, daß du Race haſt. Haw! haw!“ Das edle Thier ſchoß, als hätte es dieſe Ermu⸗ thigung verſtanden, wie ein Pfeil fort, wobei es eine 24 ſchräge Linie verfolgte, welche in tie ſenkrechte Linie auslaufen ſollte, die der Reiher nahm, der fortwährend ſtieg, als wollte er im Aether verſchwinden. „Ah! zweifacher Feigling,“ rief Karl, als hétte ihn der Flüchtige hören können, ſetzte ſein Pferd in Ga⸗ lopp und folgte der Jagd, ſo gut er konnte, wobei er den Kopf zurücklegte, um die zwei Vögel nicht eine Sekunde aus dem Auge zu verlieren.„Ah! zweifacher Feigling du fliehſt. Aber Ber⸗de⸗Fer hat Race; warte! warte! haw! Bec⸗de⸗Fer, haw!“* Der Kampf war wirklich intereſſant; die zwei Vö⸗ gel näherten ſich einander, oder vielmehr der Falke näherte ſich dem Reiher. Es fragte ſich nur, wer bei dieſem erſten Angriff die Oberhand behalten würde. Die Furcht hatte beſſere Flügel, als der Muth. Von ſeinem Fluge fortgeriſſen ſchoß der Falke unter dem Bauche des Reihers durch, den er hätte beherrſchen ſollen. Der Reiher benützte ſeine Ueberlegenheit und brachte ihm einen Schlag mit ſeinem langen Schnabel bei. Wie von einem Dolchſtoße getroffen, machte der Falke ganz betäubt drei Wendungen um ſich ſelbſt, und man hätte einen Augenblick glauben ſollen, er werde ſich herablaſſen. Aber wie ein verwundeter Krieger, der ſich furchtbarer erhebt, ſtieß er einen ſchrillen, drohenden Schrei aus und nahm ſeinen Flug wieder nach dem Reiher. Der Reiher hatte ſeinen Vortheil benützt und die Richtung ſeines Fluges verändernd eine Biegung gegen den Wald gemacht, wobei er dießmal Raum zu ge⸗ winnen und durch die Entfernung ſtatt durch die Höhe zu entkommen ſuchte. Aber ſein Verfolger war von edler Race und hatte den Flügelſchlag eines Geierfalken. Er wiederholte das⸗ ſelbe Manveuvre und ſlog ſchräge auf den Reiher zu, der zwei oder drei Angſtſchreie ausſtieß und ſenfrecht ſich zu erheben ſuchte, wie er es das erſie Mal gethan hatte. inie end étte Ha⸗ er eine cher rte! Vö⸗ alke bei ter —5 Kaum waren zehn Sekunden in dieſem doppelten Kampfe hingegangen, als die zwei Vögel in den Wolken zu ver⸗ ſchwinden ſchienen. Der Reiher war kaum noch ſo groß wie eine Lerche, und der Falke erſchien wie ein ſchwar⸗ zer Punkt, der jeden Augenblick unmerklicher wurde. Karl und ſein Hof folgten den zwei Vögeln nur noch mit dem Blicke. Jeder war, die Augen auf den Flüchtling und ſeinen Verfolger geheftet, an ſeinem Platze geblieben. „Bravo! bravo! Bec⸗de⸗Fer!“ rief plötzlich der Kö⸗ nig.„Seht, ſeht, meine Herren, er hat die Oberhand. Haw! Haw!“ „Meiner Treue, ich geſtehe, daß ich weder den einen, noch den andern ſehe,“ ſprach Heinrich. „Ich auch nicht,“ ſagte Margarethe. „Ja, aber wenn Du ſie nicht ſiehſt, Henriot, ſo kannſt Du ſie doch noch hören,“ verſetzte Karl,„den Reiher wenigſtens. Hörſt Du, hörſt Du, er bittet um Gnade!“ Es ſtiegen in der That einige Klageſchreie, die nur ein geübtes Ohr aufzufaſſen vermochte, vom Himmel zur Erde herab. „Schau! ſchau!“ rief Karl,„und Du wirſt ſie ſo⸗ gleich ſchneller herabſinken ſehen, als ſie hinaufgeſtiegen ſind.“ Als der König dieſe Worte ſprach, erſchienen die zwei Vögel wirklich allmählig wieder. Es waren nur zwei ſchwarze Punkte, aber an der Verſchiedenheit der Größe dieſer Punkte konnte man leicht ſehen, daß der Falke obenauf war. „Seht! ſeht!“ rief Karl,„Ber⸗de⸗Fer hält ihn.“ Von dem Raubvogel beherrſcht, verſuchte es der Reiher nicht einmal mehr, ſich zu vertheidigen. Er ſank raſch herab, beſtändig von dem Falken geſchlagen und nur durch ſein Geſchrei antwortend. Plötzlich zog er die Flügel zuſammen und ließ ſich wie einen Stein Königin Margot. III. 3 26 herabfallen; aber ſein Gegner that dasſelbe, und als der Flüchtling wieder ſeinen Flug nehmen wollte, be⸗ täubte ihn ein letzter Flügelſchlag; er ſetzte ſeinen Sturz ſich um ſich ſelbſt drehend fort, und in dem Augenblick, wo er die Erde berührte, ließ ſich der Falke auf ihn nieder und ſtieß ein Siegesgeſchrei aus, welches das Niederlagsgeſchrei des Beſiegten bedeckte. „Zum Falken! zum Falten!“ rief Karl und ſprengte in der Richtung der Stelle fort, wo die zwei Vögel niedergefallen waren. Aber plötzlich parirte er ſein Roß, ſtieß einen Schrei aus, ließ den Zügel los und klammerte ſich mit einer Hand an die Mähne ſeines Pferdes an, während er mit der andern nach ſeinem Magen griff, als hätte es ſeine Eingeweide zerreiſſen wollen. Bei dieſem Schrei eilten alle Höflinge herbei. „Es iſt nichts, es iſt nichts,“ ſagte Karl, das Ge⸗ ſicht entflammt, die Augen wild, verſtört;„es fam mir nur vor, als ob ein glühendes Eiſen durch meinen Ma⸗ gen dränge. Geht, geht, es iſt nichts.“ Und er ſetzte ſein Pferd abermals in Galopp. Alenhon erbleichte. „Was gibt es denn wieder?“ fragte Heinrich ſeine Gemahlin. „Ich weiß es nicht,“ erwiederte Margarethe.„Doch habt Ihr meinen Bruder geſehen? er war purpurroth.“ „Es iſt ſonſt nicht ſeine Gewohnheit,“ ſagte Hein⸗ Die Höfiinge ſchauten einander erſtaunt an und folg⸗ ten dem König. Man gelangte zu der Stelle, wo ſich die zwei Vögel niedergelaſſen hatten. Der Falke zerhackte bereits das Gehirn eihers. Kal ſprang von ſeinem Pferde, um den Kampf näher zu betrachten. Als er aber die Erde berührte, war er genöthigt, ſich am ttel zu halten, denn der Boden drehte ſich als turz blick, f ihn das engte Bögel einen einer r mit ſeine z Ge⸗ n mir Ma⸗ ſeine „Doch roth.“ Hein⸗ Vögel s das Kampf öthiat, ſe ſich 27 um ihn. Er fühlte einen gewaltigen Drang, ſich zu er⸗ brechen. „Mein Bruder! mein Bruder!“ rief Margarethe, „was habt Ihr?“ „Ich habe,“ erwiederte Karl,„was Porcia haben mußte, als ſie die glühenden Kohlen verſchluckt hatte; ich brenne und es iſt mir, als ſtünde mein Athem in Flammen.“ In demſelben Augenblick ſtieß Karl ſeinen Athem aus und ſchien erſtaunt, daß er kein Feuer aus ſeinen Lippen hervorkommen ſah. Man hatte indeſſen den Falken wieder aufgenommen und behaubt und alle Welt war um Karl verſammelt. „Nun, nun, was ſoll das bedeuten? Beim Leibe Chriſti, es iſt nichts oder wenn es etwas iſt, ſo ſprengt mir die Sonne den Kopf und höhlt meine Augen aus. Vorwärts, zur Jagd, meine Herren. Hier iſt eine ganze Compagnie von jungen Wildenten. Laßt Alles los! Corbveuf, wir wollen uns beluſtigen.“ Man nahm wirklich fünf bis ſechs Falken die Hau⸗ ben ab, ſchleuderte ſie und ſie ſchoſſen in der Richtung des Wildprets fort, während die ganze Jagd abermals das Ufer des Fluſſes erreichte. „Nun, was ſagt Ihr, Madame?“ fragte Heinrich ſeine Gemahlin. „Daß der Augenblick günſtig iſt,“ erwiederte Mar⸗ garethe,„und daß wir, wenn ſich der König nicht um⸗ wendet, von hier aus leicht zum Walde gelangen können.“ Heinrich rief den Jägerburſchen, der den Reiher trug, und während die lärmende, vergoldete Lauwine ſich cef der Böſchung fortwälzte, welche gegenwärtig die Terraſſe bildet, blieb er allein zurück, dem Anſcheine nach, um den Leichnam des Beſiegten zu unterſuchen. In dieſem Augenblick, und als wollte er ihm zu Hülfe kommen, erhob ſich ein Faſan. Heinrich ließ ſeinen Falken los; er hatte, um ſich —— von der allgemeinen Jagd zu entfernen, den Vorwand einer beſondern Jagd. MI. Der Pavillon von Franz l. Es war etwas Schönes um die Falkenjagd, durch Könige gemacht, beſonders als Könige noch beinahe Halbgötter waren und die Jagd nicht allein zu den Ver⸗ gnügungen, ſondern zu den Künſten gehörte.. Nichtsdeſtoweniger müſſen wir dieſes königliche Schauſpiel verlaſſen, um an einen Ort des Waldes zu dringen, wo alle Schauſpieler der Scene, die wir ſo eben erzählt haben, bald wieder zu uns kommen werden. Rechts von der Allee des Violettes, einer langen Arcade von Laubwerk, wo unter den Lavendeln und Heidekräutern ein Haſe unruhig von Zeit zu Zeit die Shren ſpitzt, während der Hirſch mit hohem Ge⸗ weih die Naſenlöcher aufſperrt und horcht, iſt eine Lich⸗ tung, weit genug entfernt, um von der Straße aus nicht geſehen zu werden, aber doch nicht ferne genug, daß man von dieſer Lichtung aus die Straße nicht ſehen ſollte. Mitten in dieſer Lichtung lagen zwei Männer auf dem Raſen; ſie hatten unter ſich einen Reiſemantel, an ihrer Seite ein langes Schwert und in ihrer Nähe, je⸗ der eine Muskete mit ausgeſchweiftem Schlunde, da⸗ mals Poitrinal genannt. Nach der Eleganz ihrer Tracht glichen ſie von Ferne den luſtigen Plauderern des De⸗ cameron, von Nahem aber durch das Bedrohliche ihrer Waffen jenen Bandiken, welche Salvator Roſa hundert Jahre ſpäter auf ſeinen Landſchaften nach der Natur malte. 29 Einer von ihnen ſtützte ſich auf ein Knie und horchte, wie einer von den Haſen oder Hirſchen, von denen wir ſo eben geſprochen haben. „Es ſcheint mir,“ ſagte er,„die Jagd hatte ſich uns bedeutend genähert. Ich hörte ſogar das Geſchrei der Jäger, wie ſie den Falken ermuthigten.“ „Und nun,“ ſagte der Andere, der die Ereigniſſe mit viel mehr Philoſophie als ſein Kamerad zu erwar⸗ ten ſchien,„nun höre ich nichts mehr; ſie müſſen ſich entfernt haben. Ich ſagte es Dir wohl, es wäre ein ſchlechter Ort zum Beobachten. Man wird allerdings nicht geſehen, aber man ſieht auch nicht.“, „Was Teufel, mein lieber Annibal,“ verſetzte der Erſte von den Sprechenden,„wir mußten irgendwo un⸗ ſers genen Pferde, dann die zwei Handpferde und end⸗ lich Se zwei Maulthiere unterbringen, welche ſo bela⸗ den ſind, daß ich nicht weiß, wie ſie es machen wollen, um uns zu folgen. Ich kenne aber nur dieſe alten Bu⸗ chen und die hundertfährigen Eichen, welche ſich dieſes ſchwierigen Geſchäftes auf eine geeignete Weiſe zu ent⸗ ledigen vermögen. Weit entfernt alſo Herrn von Mouh, wie Du es thuſt, zu tadeln, erkenne ich in allen Vor⸗ bereitungen zu dem Unternehmen, das er geleitet hat, den Scharfſinn eines wahren Verſchwörers.“ „Gut,“ ſagte der zweite Edelmann,„das Wort iſt heraus, ich erwartete es. Daran faſſe ich Dich. Wir verſchwören uns alſo, wir conſpiriren?“ „Wir conſpiriren nicht, wir dienen dem König und der Königin.“ „Dieſe aber conſpiriren, und es kömmt ſomit ganz auf das Gleiche heraus.“ „Coconnas, ich habe Dir bereits geſagt,“ verſetzte La Mole,„ich zwinge Dich nicht im Geringſten, mir bei einem Abenteuer zü folgen, das mich einzig und allein ein beſonderes Gefühl, welches Du nicht theilſt und nicht theilen kannſt, unternehmen läßt.“ „Ei Mord und Tod! wer ſagt denn, Du zwingeſt gar keinen Menſchen, der das zu thun, was er aber glaubſt Du, ich werde Dich gehen folgen, beſonders wenn ich ſehe, daß mich? Ich kenne vor Allem Coconnas zu zwingen vermöchte, nicht thun will; laſſen, ohne Dir zu Du zum Teufel gehſt.“ „Annibal! Annibal!“ ſagte La MWole,„ich glaube, ich ſehe dort ihren weißen Zelter. Oh es iſt doch ſon⸗ derbar, daß ſchon bei dem Gedanken, ſie werde kommen, mein Herz ſchlägt.“ „In der That, es iſt ſeltſam,“ verſetzte Coconnas gähnend,„mein Herz ſchlägt nicht im Mindeſten.“ „Sie iſt es nicht,“ ſagte La Mole.„Was iſt denn geſchehen? es hat doch zwölf Uhr geſchlagen, wie es mir ſcheint.“ „Ohne Zweifel irrſt. Du Dich, die Mittagsſtunde iſt noch nicht da, und wir haben noch Zeit, einen Schlaf zu machen. Und in dieſer Ueberzeugung ſtreckte ſich Coconnas auf ſeinem Mantel aus, wie ein Menſch, der den Be⸗ weis mit den Worten verbinden will. Als aber ſein Ohr den Boden berührte, hob er den Finger auf und bedeutete La Mole durch ein Zeichen, er ſolle ſchweigen. „Was gibt es?“ fragte dieſer. „Stille, diesmal höre ich etwas; ich täuſche mich nicht.“ „Es iſt ſonderbar, ich mag immerhin horchen, ich höre nichts.“ „Du hörſt nichts?“ „Nein.“ „Nun, ſo ſchau jenen Hirſch an,“ ſprach Coconnas aufſtehend und die Hand auf den Arm von La Mole „Dort.“ Und Coconnas zeigte das Thier La Mole mit dem Finger. „Nun?“* Erd unb weih der Dar wie Reck ſchie wirk es d fern keit über Anſt tere dieſe Will der die) hielt raſck nach wiet der z er hen daß ube, ſon⸗ nen, mas denn es unde chlaf nnas Be⸗ ſein f und eigen. mich n, ich onnas Mole t dem 31 „Du wirſt ſehen.“ La Mole betrachtete das Thier, das ſeinen Kopf zur Erde ſenkte, als ſchickte es ſich an, zu graſen. Es horchte unbeweglich. Bald hob es ſeine mit prachtvollem Ge⸗ weih beladene Stirne empor und ſpitzte das Gehör nach der Seite, von welcher ohne Zweifel das Geräuſch fam. Dann jagte es plötzlich ohne eine ſcheinbare Urſache raſch wie der Blitz fort. „Oh! oh!“ ſagte La Mole,„ich glaube Du haſt Recht, denn der Hirſch entſlieht.“ „Da er nun entflieht,“ verſetzte Coconnas,„ſo ge⸗ ſchieht es, weil er das hört, was Du nicht hörſt.“ Ein dumpfes, kaum vernehmbgres Geräuſch bebte wirklich durch das Gras; für minder geübte Ohren wäre es der Wind geweſen; für Reiter war es ein ent⸗ fernter Galopp von Pferden. La Mole war in einer Sekunde auf den Beinen. „Hier ſind ſie,“ ſprach er,„friſch auf!“ Coconnas erhob ſich, aber ruhiger; die Lebhaftig⸗ keit des Piemonteſen ſchien in das Herz von La Mole übergegangen zu ſeyn, während es im Gegentheil den Anſchein hatte, als hätte ſich die Sorgloſig eit des Letz⸗ teren ſeines Freundes bemächtigt. Der Eine handelte in dieſer Sache aus Enthuſiasus, der Andere wider ſeinen Willen. Bald ſchlug ein gleichmäßiger Lärmen an das Ohr der zwei Freunde. Das Wiehern eines Pferdes machte, daß die Roſſe, welcheſie zehn Schritte von ihnen entfernt bereit hielten, die Ohren ſpitzten, und in der Allee erſchien, raſch wie ein Schatten vorüberziehend, eine Frau, die ſich nach ihrer Seite wand, ein ſeltſames Zeichen machte und wieder verſchwand. „Die Königin!“ riefen Beide gleichzeitig. „Was bedeutet dies?“ fragte Coconnas. „Sie hat mit dem Arme ſo gemacht,“ erwiederte La Mole,„das bedeutet: ſogleich.“ 32 „Sie hat ſo gemacht,“ ſagte Coconnas,„das bedetu⸗ tet: Geht!“ „Dieſes Zeichen heißt:„ Wartet auf mich!“ „Dieſes Zeichen heißt:„Rettet Euch.“ „Nun, ſo wollen wir je handeln,“ ſagte La Mole. Coconnas zuckte die nieder. hatte eine Truppe von Reitern, In demſelben Augenblicke ſetzten Richtung d aber durch Proteſtanten erkannten. ſpricht aufſtehend. Peſt! das wird „Laßt un „ Erſten gehen!“ La Mole; „Im Gegentheil es Weges, „wenn wir entdeckt ſind, „Gehe, der nach ſeiner Ueberzeugung ich werde bleiben.“ Achſeln und legte ſich wieder kam in der entgegenge⸗ den die Königin verfolgt dieſelbe Allee mit verhängten Zügeln in denen die zwei Freunde Glühend, beinahe wüthend ſpran⸗ gen ihre Pferde wie die Heuſchrecken, von denen Hiob Sie erſchienen und verſchwanden. ernſt,“ ſagte Coconnas, abermals s in den Pavillon von Franz dem gehen wir nicht dahin,“ erwiederte 9 wird ſich die Auf⸗ merkſamkeit des Königs zuerſt nach dieſem Pavillon richten, weil er der allgemeine „Diesmal kannſt Coconnas. ein Reiter wie ein Blitz mitten unte ſchien und über Gräben, zu den zwei Evelleuten gelangte. Piſtole und lenkte ſein P eine Coconnas hatte Verſammlungsort iſt.“ Du wohl Recht haben,“ brummi⸗e ₰ faum dieſe Worte geſprochen, als Gebüſche Laufe nur mit den Knieen. uy!“ rief Coconnas unruhig und nun flinker geworden als La Mole; flieht! „Herr von Mo Man flüchtet „Raſch, raſch!“ ſich alſo?“ rief der Hugenott, packt! Ich habe einen Umweg gemacht, ſagen. Und da er, Vorwärts Marſch!“ während er dieſe Worte ſprach, r den Bäumen er⸗ Schranken ſetzend, Er hielt in jeder Hand ferd bei dieſem wüthenden „Herr von Mouy „ſchnell aufge⸗ um es Euch zu nicht zu renn det! ſeine im! groß um rend Hert verſe wied herb ande zure was Und Vor aus Coe Ich umſ weg ſein zige kant „iſt führ Ma Lieb den enge⸗ rfolgt ügeln eunde pran⸗ Hiob rmals z dem ederte Auf⸗ ichten, immte „ as ten er⸗ ſetzend, rHand henden g und Mouy aufge⸗ uch zu nicht zu 33 rennen aufhörte, ſo war er bereits weit, als er vollen⸗ det hatte und als von La Mole und Coconnas der Sinn ſeiner Rede völlig aufgefaßt war. „Und die Königin?“ rief La Mole. Aber die Stimme des jungen Mannes verlor ſich im weiten Raume. Herr von Mouy hatte bereits eine zu große Entfernungerreicht, um ihn zu hören, und beſonders um ihm zu antworten. Coconnas hatte bald ſeinen Entſchluß gefaßt, wäh⸗ rend La Mole unbeweglich blieb und mit den Augen Herrn von Mouy verfolgte, der zwiſchen den Zweigen verſchwand, welche ſich vor ihm öffneten und hinter ihm wieder ſchloſſen. Er lief nach den Pferden, führte ſie herbei, ſprang auf das ſeinige, warf den Zügel des andern La Mole in die Hände und ſchickte ſich an, fort⸗ zureiten. „Vorwärts, vorwärts!“ ſprach er.„Ich wiederhole, was Herr von Mouy geſagt hat: Vorwärts, Marſch! Und von Mouy iſt ein Mann, welcher gut ſpricht. Vorwärts, vorwärts, La Mole!“ „Einen Angenblick,“ verſetzte La Mole,„wir ſind aus einer gewiſſen Urſache hiehergekommen.“ „Wenn wir nicht gehenkt werden ſollen,“ erwiederte Coconnas,„ſo rathe ich Dir, keine Zeit zu verlieren. Ich ahne, Du wirſt Rhetorik machen, das Wort Flucht umſchreiben, von Horaz ſprechen, der ſeinen Schild wegwarf, und von Epaminondas, welchen man auf dem ſeinigen zurückbrachte. Ich aber ſage Dir nur ein ein⸗ ziges Wort: Wo Herr von Mouy Saint⸗Phale flieht, kann alle Welt fliehen...“ „Herr von Mouy Saint⸗Phale,“ ſprach La Mole, „iſt nicht beauftragt, die Königin Margaretha zu ent⸗ führen; Herr von Mouy Saint-Phale liebt die Königin Margarethe nicht.“ „Mord und Tod! daran thut er recht, wenn die Liebe ihn veränlaſſen würde, Dummheiten zu begehen, denen ähnlich, auf welche ich Dich ſinnen ſehe. Fünf⸗ 34 malhunderttauſend Teufel mögen die Liebe holen, welche den Kopf der zwei bravſten Edelleute koſten kann. Corne de boef, wie König Karl ſagt, wir conſpiriren, mein Lieber, und wenn man ſchlecht conſpirirt, muß man Sohl die Flucht ergreifen. Zu Pferde, zu Pferde, La Mole!“ „Rette Dich, mein Lieber, ich hindere nicht daran, ſondern fordere Dich ſogar noch dazu auf. Dein Leben iſt koſtbarer, als das meinige; vertheidige es alſo.“ „Man muß mir ſagen: Coconnas, laſſen wir uns mit einander hängen, und nicht: Coconnas, rette Dich ganz allein.“ „Bah, mein Freund,“ erwiederte La Mole,„der Strick iſt für Bauernkerle gemacht, und nicht für Edel⸗ leute wie wir ſfind!“ „Ich fange an zu glauben,“ ſagte Coconnas mit einem Seufzer,„daß die Vorſichtsmaßregel, welche ich getroffen habe, nicht ſchlecht iſt.“ „Welche?“ „Daß ich mir den Henker zum Freund gemacht habe.“ „Du biſt bitter, mein lieber Coconnas.“ „Aber was machen wir?“ rief dieſer ungeduldig. „Wir wollen die Königin aufſuchen.“ „Wo difß?“ „Ich weiß es nicht.... Den König aufſuchen.“ „Wo dieß?“ „Ich weiß es nicht, aber wir werden ſie finden, und zu zwei thun, was fünfzig Perſonen nicht vermoch⸗ teu, oder nicht zu thun gewagt haben.“ „Du faſſeſt mich bei der Eitelkeit, Hyaeinth; das iſt ſchlimm!“ „Gut; aber nun zu Pferde, und vorwärts.“ „Mir ganz lieb.“ La Mole wandte ſich, um nach dem Sattelknopf zu greifen, in dem Augenblick, wo er den Fuß auf den Steigbügel hob, ließ ſich eine gebieteriſche Stimme vernehmen: — hinter waren durch durchſt G von Le 3 Schrit „ dem L La M denn? zuſchle C Dich“ mache 4 tönnt⸗ den ſe das nicht zwei durch Gehe und i uns.“ che rne ein an La an, ben uns ich „der del⸗ mit ich n.“ nden, noch⸗ ts iſt knopf auf imme 35 „Halt! ergebt Euch!“ ſprach die Stimme. Zu gleicher Zeit erſchien die Geſtalt eines Mannes hinter einer Eiche, dann eine ondere, dann dreißig. Es waren die Chevaurlegers, die ſich auf dem glatten Bauche durch das Heidekraut gearbeitet hatten und das Gehölze durchſuchten. „Was habe ich Dir geſagt?“ murmelte Coconnas. Eine Art von dumpfem Stöhnen war die Antwort von La Mole. Die Chevauxlegers waren noch ungefähr dreißig Schritte von den zwei Freunden entfernt. „Laßt hören!“ fuhr der Piemonteſe ganz laut mit dem Lieutenant der Chevaurlegers und ganz leiſe mit La Mole ſprechend fort:„Meine Herren, was gibt es denn?“ Der Lieutenant befahl, auf die zwei Freunde an⸗ zuſchlagen. Coconnas ſagte ganz leiſe. „Aufgeſeſſen! La Mole, es iſt noch Zeit; ſchwinge Dich auf Dein Pferd, wie ich es Dich hundertmal habe machen ſehen.“ Dann ſich gegen die Chevaurlegers umwendend: „Ei! den Teufel, meine Herren, ſchießt nicht, Ihr könntet Freunde tödten.“ Nun wieder zu La Mole: „Durch die Bäume ſchießt man ſchlecht; ſie wer⸗ den ſchießen und uns fehlen.“ „Unmöglich,“ erwiederte La Mole;„wir können das Pferd von Margarethe und die zwei Maulthiere nicht mit uns fortnehmen. Dieſes Pferd und dieſe zwei Maulthiere würden ſie compromittiren, während ich durch meine Antworten jeden Verdacht beſeitigen werde. Gehe, mein Freund, gehe!“ „Meine Herren,“ ſagte Coconnas den Degen ziehend und in die Luft rehebend,„meine Herren, wir ergeben uns.“ Die Chevaurlegers erhoben ihre Musketen. 36 „Aber vor Allem ſagt uns, warum müſſen wir uns ergeben?“ „Ihr möget den König von Navarra fragen.“ „Welches Verbrechen haben wir begangen?“ „Der Herzog von Alencon wird es Euch ſagen.“ Coconnas und La Mole ſchauten ſich an, der Name ihres Feindes war in dieſem Angenblick durchaus nicht geeignet, ſie zu beruhigen. Es leiſtete jedoch weder der Eine noch der Andere Widerſtand. Coconas wurde aufgefordert, vom Pferde zu ſteigen, ein Manveuvre, das er ohne Bemerkung aus⸗ führte. Dann wurden Beide in die Mitte der Chevaur⸗ legers genommen, und man ſchlug den Weg nach dem Pavillon von Franz I. ein. „Du wollteſt den Pavillon von Franz l. ſehen,“ ſagte Coconnas zu La Mole, als er durch die Bäume die Mauern eines reizenden gothiſchen Gebändes erblickte; „nun wohl, es ſcheint, Du wirſt ihn ſehen.“ La Mole reichte, ohne zu antworten, Coconnas die Hand. Neben dieſem reizenden Pavillon, der zur Zeit von Ludwig Kll. erbaut worden war und der Pavillon von Franz 1. genannt wurde, weil dieſer ihn ſtets zu ſeinen Jagdrendezvous wählte, hatte man eine Art von Hütte für die Piqueurs errichtet, welche gewiſſermaßen unter den Musketen, Hellebarden und Schwertern ver⸗ ſchwand, wie ein Maulwurfshügel unter einer reifenden Ernte. In dieſe Hütte hatte man die Gefangenen geführt. Beleuchten wir nun die, beſonders für die zwei Freunde ſehr wolkenreiche, Lage der Dinge durch die Erzählung deſſen, was vorgefallen war. Die proteſtantiſchen Edelleute hatten ſich verabredeter⸗ maßen in dem Pavillon von Franz I. verſammelt, zu n Herr von Mouy, wie man weiß, einen Schlüſſel eſaß. E ſtellten die Che pen in von de rührte, rumpel 2 ihr Tr ſagt, wartet ber ſck die rot auf di daß ſie den g umhül allee t der Le den K den K Hute, Alles 2 um ur e räder ſchleud Warn § Marg Herrn vortre ſich ni finden uns en Name nicht ndere Bferde aus⸗ vaur⸗ em hen, äume lickte; onnas Zeit willon ets zu rt von maßen n ver⸗ ifenden führt. reunde ählung redeter⸗ elt, zu chlüſſel 37 Herren des Waldes, wenigſtens wie ſie glaubten, ſtellten ſie an verſchiedenen Orten Wachen auf, deren ſich die Chevaurlegers mittelſt einer Verwandlung weißer Schär⸗ pen in rothe Schärpen,— eine Vorſichtsmaßregel, die von dem geiſtvollen Eifer von Herrn von Nancey her⸗ rührte,— ohne einen Schwertſtreich durch kräftige Ueber⸗ rumpelung bemächtigten. Die Chevaurlegers ſetzten, den Pavillon umſchließend, ihr Treibjagen fort. Aber Herr von Mouy, der, wie ge⸗ ſagt, den König am Emde der Allee des Violettes er⸗ wartete, ſah dieſe rothen Schärpen mit Wolfstritten ein⸗ ber ſchleichen, und von dieſem Augenblicke an kamen ihm die rothen Schärpen auch verdächtig vor. Er warf ſich auf die Seite, um nicht geſehen zu werden, und bemerkte, daß ſich der weite Kreis immer mehr verengte, ſo daß er den ganzen Wald durchſtreichen und den Sammelplatz umhüllen mußte. Zu gleicher Zeit ſah er im Hintergrunde der Haupt⸗ allee die weißen Reiherbüſche hervorragen und die Büchſen der Leibwache des Königs glänzen. Endlich erkannte er den König ſelbſt, währen der auf der entgegengeſetzten Seite den König von Navarra erblickte. Nun durchſchnitt er die Luft kreuzweiſe mit ſeinem Hute, was das verabredete Zeichen war, um anzudeuten, Alles wäre verloren. Auf dieſes Zeichen kehrte der König auf der Stelle um und verſchwand. Sogleich drückte Herr von Mouy ſeine großen Sporn⸗ räder ſeinem Pferde in den Bauch, ergriff die Flucht und ſchleuderte, indem er floh, La Mole die von uns erwähnten Warnungsworte zu. Der König, der das Verſchwinden von Heinrich und Margarethe wahrgenommen hatte, kam in Begleitung von Herrn von Alencon herbei, um Beide aus der Hütte her⸗ vortreten zu ſehen, worin auf ſeinen Befehl Alles, was ſich nicht nur in dem Pavillon, ſondern auch in dem Walde finden würde, eingeſchloſſen werden ſollte. 38 Alencon galoppirte voll Vertrauen neben dem König, deſſen ſchlechte Laune ſich noch durch furchtbare Schmerzen vermehrte. Mehrere Male war er einer Ohnmacht nahe geweſen, und ein Mal hatte er ſogar Blut gebrochen. „Vorwärts! vorwärts!“ ſprach der König anlangend; „es drängt mich in den Lonvre zurück. Schießt mir alle dieſe Parpaillots von Bau weg; es iſt heute Sanct Blaſius, der Vetter von Sanct Bartholomäus.“ Bei dieſen Worten des Königs ſetzte ſich der ganze Haufen von Spießen und Büchſen in Bewegung, und man nöthigte die Hugenotten, die man theils im Walde, theils in dem Pavillon verhaftet hatte, einen nach dem andern aus der Hütte herauszutreten. Aber von dem König von Navarra, von Margarethe und von Herrn von Mouy war nichts zu ſehen. „Nun,“ ſagte der König,„wo iſt Heinrich, wo iſt Margot. Ihr habt mir ſie verſprochen, Alencon und Corbveuf! man muß mir ſie finden.“ „Der König und die Königin von Navarra?“ ver⸗ ſetzte Herr von Nancey,„wir haben ſie nicht einmal ge⸗ ſehen.“ „Hier ſind ſie.“ rief Frau von Nevers. Es erſchienen wirklich in dieſem Augenblick am Ende einer Allee, welche nach dem Fluße führte, Heinrich und Margot, Beide ganz ruhig, als ob gar nichts vorginge; Beide den Falken auf der Fauſt und nach der Art der Verliebten mit ſo viel Kunſt an einander geſchloſſen, daß ihre Pferde, nicht minder vereinigt als ſie, im Galoppiren ſich mit den Nüſtern zu liebkoſen ſchienen. Wüthend ließ nun Alencon die Umgegend durchſuchen, und bei dieſer Gelegenheit geſchah es, daß man La Mole und Cvcvnnas unter ihrer Epheulaube fand. Sie zogen auch in den Kreis ein, welchen die Garden mit brüderlicher Durchſchlingung bildeten. Nur konuten ſie ſich, da ſie keine Könige waren, keine ſo gute Haltung geben, wie Heinrich und Margarethe. La Mole war zu bleich, Coconnas zu roth. als wel zige Pio cher Au fall wiſſ erſe Her daß auf tige Züg und der die bere eine Wa önig, erzen nahe n. en; alle aſius, ganze und Jalde, dem arethe vo iſt und ver⸗ al ge⸗ Ende ch und ginge; rt der n, daß oppiren ſuchen, Mole Garden fonuten Haltung war zu 39 IV. Die Uachforſchungen. Das Schauſpiel, welches die jungen Leute gewahrten, als ſie in den Kreis traten, war eines von denjenigen, welche man nie vergißt, hätte man ſie auch nur ein ein⸗ ziges Mal und nur einen Augenbeick geſehen. Karl[X. hatte, wie geſagt, alle die der Hütte der Piqueurs eingeſchloſſenen und hinter einander von den Wa⸗ chen herausgezogenen Hugenotten defiliren laſſen. Er und Alencon folgten jeder Bewegung mit gierigem Auge, in der Erwartung, den König von Navarra eben⸗ falls heraustreten zu ſehen. Sie wurden in ihrer Erwartung getäuſcht. Damit begnügte man ſich aber nicht, man mußte wiſſen, was aus Heinrich und Margarethe geworden war. Als man am Ende der Allee die beiden jungen Gatten erſcheinen ſah, erbleichte Alengon, während Karl ſein Herz ſich erweitern fühlte, denn er wünſchte inſtinktartig, daß Alles, was ihn ſein Bruder zu thun genöthigt hatte, auf dieſen zurückfallen möchte. „Er wird alſo entkommen,“ murmelte Franz. In dieſem Augenblick wurde der König von ſo hef⸗ tigen Schmerzen in den Eingeweiden befallen, daß er den Zügel losließ, mit beiden Händen an ſeine Seiten faßte und Schreie ausſtieß, wie ein Raſender. Heinrich näherte ſich ihm voll Eifer, aber während der Zeit, die er dazu brauchte, nur die zweihundert Schritte, die ihn vom König trennten, zu durcheilen, hatte ſich Karl bereits wieder erholt. „Woher kommt Ihr, mein Herr?“ fragte Karl mit einer Härte der Stimme, welche Margarethe beben machte. „Von der Jagd, mein Bruder,“ erwiederte ſie. „Die Jagd war am Ufer des Fluſſes und nicht im Walde.“ 1 4⁰ „Mein Falke hat ſich auf einen Faſanen geworfen, Sire,“ ſprach Heinrich,„und zwar in dem Augenblick, wo wir zurückgeblieben waren, um den Reiher zu ſehen.“ „Wo iſt der Faſan?“ „Hier, nicht wahr, ein ſchöner Hahn?“ Und hiebei überreichte Heinrich dem König mit der unſchuldigſten Miene den Vogel mit dem Gefieder von Purpur, Azur und Gold. „Ah! ah!“ ſprach Karl,„aber warum ſeyd Ihr mir nicht nachgeritten, nachdem dieſer Faſan genommen war?“ „Weil er ſeinen Flug nach dem Parke gerichtet hatte, Sire, ſo daß wir, als wir am ufer des Fluſſes hinab⸗ ritten, Euch eine halbe Meile vor uns bereits wieder ge⸗ gen den Wald hinaufreiten ſahen; dann fingen wir an, auf Eurer Spur fortzugaloppiren, denn da wir zu der Jagd Eurer Majeſtät gehören, ſo wollten wir ſie auch nicht verlieren.“ „Und alle dieſe Edelleute,“ verſetzte Karl,„waren ſie auch eingeladen?“ „Was für Edelleute?“ erwiederte Heinrich, und ſchaute fragend rings umher. „Euere Hugenotten, bei Gott!“ rief Karl;„wenn ſie Jemand eingeladen hat, ſo bin ich es jedenfalls nicht geweſen.“ „Nein, Sire,“ antwortete Karl,„aber vielleicht war es Herr von Alencon.“ „Herr von Alencon, wie ſo?“ „Ich?“ rief der Herzog. „Dol ja, mein Bruder,“ erwiederte Heinrich,„habt Ihr geſtern nicht verkündigt, Ihr wäret König von Na⸗ darra? Nun, die Hugenotten, die Euch zum König verlangt haben, kommen, um Euch zu danken, daß Ihr die Krone angenommen, und dem König, daß er ſie gegeben hat. Nicht wahr, meine Herren?“ „Ja! ja!“ riefen zwanzig Stimmen;„es lebe der Herzog von Alencon! es lebe König Karl!“ „Ich bin nicht der König der Hugenotten,“ ſagte Fra auf zu Heit keit ein entg Kro daß Ric Ale frag wech men ſpra Leut ſein conr ten, glau von der on mir tte, ab⸗ ge⸗ an, der auch ſie und oenn falls eicht habt Na⸗ önig Ihr r ſie e der ſagte 41 Franz, vor Zorn erbleichend, und verſtohlen einen Blick auf Karl werfend, fügte er bei,„und ich hoffe es nie zu werden.“ „Gleichviel!“ verſetzte Karl,„Ihr ſollt erfahren, Heinrich, daß ich dieſe Geſchichte ſehr ſonderbar finde.“ „Sire,“ ſprach der König von Navarra mit Feſtig⸗ keit,„Gott vergebe mir, man ſollte glauben, ich ſtünde ein Verhör aus.“ „Und wenn ich Euch ſagte' ich verhöre Euch, was würdet Ihr antworten?“ „Daß ich ſo gut König bin, wie Ihr, Sire,“ entgegnete Heinrich mit ſtolzem Tone;„denn nicht die Krone, ſondern die Geburt macht das Königthum, und daß ich meinem Bruder und Freunde, nie aber meinem Richter antworten werde.“ „Ich möchte doch wiſſen,“ murmelte Karl,„woran ich mich in meinem Leben zu halten habe.“ „Man führe Herrn von Mouy herbei,“ ſprach Alengon,„Herr von Mouy muß feſtgenommen ſeyn.“ „Iſt Herr von Mouy unter den Gefangenen?“ fragte der König. Heinrich hatte einen unruhigen Moment, und wechſelte einen Blick mit Margarethe; aber dieſer Mo⸗ ment war von kurzer Dauer. Keine Stimme antwortete. „Herr von Mouy iſt nicht unter den Gefangenen,“ ſprach endlich Herr von Nancey;„einige von unſern Leuten glauben ihn geſehen zu haben, aber keiner iſt ſeiner Sache gewiß.“ Alencon murmelte einen Fluch durch die Zähne. „Ei!“ ſagte Margarethe, auf La Mole und Co⸗ connas deutend, die dieſes Geſpräch mit angehört hat⸗ ten, und auf deren Einverſtändniß ſie rechnen zu können glaubte;„Sire, hier ſind zwei Edelleute von Herrn von Alencon, befragt ſie, ſie werden antworten.“ Der Herzog fühlte den Streich. Königin Margot. III. 4 42 „Ich habe ſie verhaften laſſen, gerade um zu be⸗ weiſen, daß ſie nicht mein ſind,“ ſprach der Herzog. Der König betrachtete die zwei Edelleute und bebte, als er La Mole erkannte. „Oh! oh! abermals dieſer Provencal,“ rief er. Coconnas verbeng teſich auf das Zierlichſte. „Was machtet Ihr, als man Euch verhaftete?“ fragte der König. „Sire, wir plauderten über Kriegs- und Liebes⸗ abenteuer.“ „Zu Pferde! bis unter die Zähne bewaffnet! bereit zur Flucht?“ „Nein, Sire,“ ſprach Coconnas,„Euere Majeſtät iſt ſchlecht unterrichtet. Wir lagen unter dem Schatten einer Buche, sub tegmine fagi.“ „Ah! Ihr laget unter dem Schatten einer Buche.“ „Und wir wären ſogar zu ftiehen im Stande ge⸗ weſen, wenn wir auf irgend eine Weiſe den Zorn Eurer Majeſtät auf uns geladen zu haben geglaubt hätten. Sptecht, meine Herren, auf Euer Soldatenwort,“ ſagte Coconnas, ſich gegen die Chevaurlegers umwendend, „glaubt Ihr, wir hätten entkommen können, wenn es unſer Wille geweſen wäre.“ „Es iſt allerdings wahr, daß dieſe Herren keine Bewegung gemacht haben, um die Flucht zu ergreifen,“ ſagte der Lieutenant. „Weil ihre Pferde ferne waren,“ rief der Herzog von Alencon. „Ich bitte Monſeigneur unterthäuigſt um Ver⸗ zeihung,“ entgegnete Coconnas,„ich hatte das meinige zwiſchen den Beinen und mein Freund, der Herr Graf de La Mole hielt das ſeinige am Zaum.“ „Iſt das wahr, meine Herren?“ fragte der König. „Es iſt wahr, Sire,“ antwortete der Lieutenant; „Herr von Coronnas iſt ſogar von dem ſeinigen abge⸗ ſtiegen, als er uns erblickte.“ wo mi „l gef Ba ma ble mit me nich als zien Go mir hät Auf nän mei fuh: fah rich es⸗ reit ſtät tten he. ge⸗ urer ten. agte end, nes keine en rzog Ver⸗ inige Graf önig. ant; bge⸗ Coconnas machte eine lächelnde Grimaſſe, welche wohl bedeuten ſollte:„Ihr ſeht, Sire.“ „Aber die Handpferde, die Maulthiere, die Kiſten, mit denen ſie beladen ſind?“ fragte Franz. „Sind wir Stallknechte?“ entgegnete Coconnas; „laßt den Burſchen kommen, der ſie bewachte.“ „Er findet ſich nicht,“ ſprach der Herzog wüthend. „Dann wird er wohl Angſt kefommen und ſich geflüchtet haben,“ verſetzte Coconnas.„Von einem Bauernburſchen kann man nicht die Ruhe eines Edel⸗ mannes verlangen.“ „Immer daſſelbe Syſtem,“ ſprach Alenqon und bleckte die Zähne.„Zum Glücke, Sire, habe ich Euch mitgetheilt, daß dieſe Herren ſeit einigen Tagen nicht mehr in meinem Dienſte ſind.“ „Ich,“ rief Coconnas,„ich ſollte das Ungluck haben, nicht mehr Eurer Hoheit zu gehören?“ „Ei, Mord und Tod' mein Herr, Ihr wißt beſſer, als irgend Jemand, daß Ihr Eure Entlaſſung in einem ziemlich unverſchämten Briefe genommen habt, den ich, Gott ſey Dank, aufbewahrte und glücklicher Weiſe bei mir habe.“ „Oh!“ erwiederte Coconnas,„ich hoſſte, Eure Hoheit hätte mir meinen Brief verziehen, der in der erſten Aufwallung ſchlechter Lanne geſchrieben wurde. Ich erfuhr nämlich, daß Eure Hoheit in einem Gange des Louvre meinen Freund La Mole hatte erdroſſeln wollen...“ „Was ſagt Ihr da?“ unterbrach ihn der König. „Ich glaubte, Eure Hoheit wäre allein geweſen,“ fuhr Coconnas treuherzig fort.„Seitdem ich aber er⸗ fahren habe, daß drei andere Perſonen.. „Stille!“ ſprach Karl,„wir ſind hinreichend unter⸗ richtet.“ Dann ſich an den König von Navarra wendend: „Euer Wort, daß Ihr nicht entfliehen werdet?“ „Ich gebe es Eurer Majeſtät.“ 4* 44 „Kehrt mit Herrn von Nancey nach Paris zurück und nehmt den Arreſt in Eurem Zimmer. Ihr, meine Herren,“ rief er, ſich an die zwei Edelleute wendend, „gebt Eure Degen ab.“ La Mole ſchaute Margarethe an. Sie lächelte. So⸗ gleich übergab La Mole ſeinen Degen dem Kapitän, der ihm zunächſt ſtand. Coconnas that daſſelbe. „Und Herr von Mouy, hat man ihn wieder ge⸗ funden?“ fragte der König. „Nein, Sire,“ antwortete Herr von Nancey,„ent⸗ weder war er nicht im Walde oder er hat ſich geflüchtet.“ „Deſto ſchlimmer!“ ſprach der König.„Kehren wir zurück. Mich friert, und ich bin wie geblendet.“ „Sire, das iſt der Zorn,“ ſagte Franz. „Vielleicht. Es flimmert mir vor den Augen. Wo ſind denn die Gefangenen? Ich ſehe ſie nicht mehr. Iſt es denn ſchon Nacht? Oh, Barmherzigkeit! ich brenne!... Zu Hülfe! zu Hülfe!“ Und der unglückliche König ließ die Zügel ſeines Pferdes los, ſtreckte die Arme aus und fiel, unterſtützt von den über dieſen zweiten Anfall erſchrockenen Höf⸗ lingen, rückwärts. Franz wiſchte ſich den Schweiß von der Stirne, denn er allein kannte die Urſache des Uebels, das ſeinen Bruder marterte. Bereits unter der Bewachung von Herrn von Nancey betrachtete der König von Navarra dieſe ganze Scene mit wachſendem Erſtaunen. „Ei, ei,“ murmelte er mit jener wunderbaren an⸗ ſchauenden Erkenntniß, die aus ihm in gewiſſen Augen⸗ blicken gleichſam einen Erleuchteten machte,„ſollte ich zufälliger Weiſe zu meinem Glück verhaftet worden ſeyn?“ Er ſchaute Margot an, deren vom Erſtaunen er⸗ weiterte Augen ſich von ihm auf den König, und vom König auf ihn wandten. rück teine end, So⸗ der ge⸗ ent⸗ tet.“ wir denn einen incey cene tan⸗ igen⸗ ſollte rden ter⸗ vom 45 Diesmal war der König ohne Bewußtſeyn. Man ließ eine Tragbahre bringen, auf welche man ihn legte. Man bedeckte ihn mit einem Mantel, den einer von den Reitern von ſeinen Schultern losmachte, und der Zug ſchlug ruhig wieder den Weg nach Paris ein, von wo man am Morgen flinke Meuterer und einen luſtigen RKönig hatte ausziehen ſehen, und wohin man nun einen ſterbenden König, umgeben von gefangenen Rebellen zu⸗ rückkehren ſah. Margarethe hatte bei Allem dem weder die Frei⸗ heit ihres Körpers, noch die ihres Geiſtes verloren. Sie machte ihrem Gemahl ein letztes Zeichen des Einver⸗ ſtändniſſes und ritt dann ſo nahe an La Mole vorüber, daß dieſer die zwei griechiſchen Worte auffaſſen konnte, welche ſie fallen ließ: M oece. Das heißt: „Fürchte nichts.“ „Was hat ſie geſagt?“ fragte Coconnas. „Sie hat mir geſagt, ich folle nichts fürchten.“ „Deſto ſchlimmer,“ murmelte der Piemonteſe,„deſto ſchlimmer, das bedeutet, daß es nicht gut für uns hier ſteht. So oft mir dieſes Wort als Ermuthigung zuge⸗ rufen wurde, habe ich von irgend woher eine Kugel oder einen Degenſtich in den Leib oder einen Blumen⸗ topf auf den Kopf bekommen. Fürchte nichts! wurde es in hebräiſcher, griechiſcher, lateiniſcher oder franzöſiſcher Sprache ausgeſprochen, bedeutete ſtets für mich: Nimm dich in Acht!“ „Vorwärts, meine Herren!“ rief der Lieutenant der Chevauxlegers. „Ohne unbeſcheiden ſehn zu wollen,“ ſagte Co⸗ „erlaube ich mir die Frage: wohin führt man uns?“ 5 Vincennes, glaube ich,“ erwiederte der Lieu⸗ enant. „Ich würde lieber anderswohin gehen,“ verſetzte Coconnas.„aber man hat in dieſer Hinſicht nicht immer freie Wahl.“ Unterwegs erholte ſich der König von ſeiner Ohn⸗ macht und kam wieder ein wenig zu Kräften. In Nanterre wollte er ſogar zu Pferde ſteigen, aber man verhinderte ihn daran. „Benachrichtigt den Meiſter Ambroiſe Paré,“ ſprach Karl bei ſeiner Ankunft im Louvre.. Er ſtieg von ſſeiner Sänfte herab, ging, ſich auf den Arm von Tavannes ſtützend, die Treppe hinauf und erreichte ſeine Gemächer, in welche ihm auf ſeinen Be⸗ fehl Niemand folgen durfte. Jedermann fiel ſein tiefer Ernſt auf. Während des ganzen Marſches war er in Gedanken verſunken, ſprach mit Niemand ein Wort und beſchäftigte ſich weder mehr mit der Verſchwörung, noch mit den Verſchwörern. Offenbar nahm ihn nichts Anderes mehr in Anſpruch, als ſeine Krankheit, eine ſo plötzlich erſcheinende, ſo ſeltſame, ſo ſchmerzliche Krankheit, wobei einige Symp⸗ tome ganz dieſelben waren, wie man ſie bei ſeinem Bruder Franz il. kurze Zeit vor ſeinem Tode wahrge⸗ nommen hatte. Es wunderte ſich auch Niemand, daß der Eintritt bei dem König für Jeden mit Ausnahme von Meiſter Paré verboten war. Miſanthropie bildete bekanntlich den Grundcharakter des Fürſten. Karl trat in ſein Schlafgemach, ſetzte ſich auf ein Ruhebett, ſtützte den Kopf auf Kiſſen und wollte, beden⸗ kend, Meiſter Ambroiſe Paré könnte vielleicht nicht zu Hauſe ſeyn, die Zeit des Wartens benützen. Demzufolge klatſchte er mit) den Händen. Ein Mann von der Wache erſchien. „Meldet dem König von Navarra, ich wolle ihn ſprechen,“ ſagte Karl. Der Mann verbeugte ſich und gehorchte. Karl warf ſeinen Kopf zurück. Eine furchtbaxe —)—„— — ſetzte umer Ohn⸗ In man rach auf und Be⸗ rend nken, eder rern. ruch, „ſo ymp⸗ inem re⸗ tritt eiſter den ein den⸗ te Ein ihn bare — 47 Schwere des Gehirns ließ ihm kaum die Fähigkeit, ſeine Gedanken mit einander zu verbinden. Eine blutige Wolke ſchwamm vor ſeinen Augen, ſein Mund war trocken und er hatte bereits, ohne ſeinen Durſt zu ſtillen, eine ganze Flaſche Waſſer geleert. Mitten unter dieſer ſchlafartigen Betäubung öffnete ſich die Thüre und Heinrich erſchien; Herr von Nancey kam hinter ihm, blieb aber im Vorzimmer ſtehen. Der König von Navarra wartete, bis die Thüre wieder geſchloſſen war, und ſchritt dann vor. „Sire,“ ſagte er,„Ihr habt mich rufen laſſen; hier bin ich.“ Der König bebte bei dieſer Stimme und ſtreckte maſchinenmäßig die Hand aus. „Sire,“ verſetzte Heinrich und ließ die Hände an ſeinen Seiten herabhängen,„Eure Majeſtät vergißt, daß ich nicht mehr ihr Bruder, ſondern ihr Gefan⸗ gener bin.“ „Ah, das iſt wahr!“ ſprach Karl,„ich danke, daß Ihr mich daran erinnert habt. Mehr noch: es fällt mir ein, Ihr habt mir verſprochen, offenherzig zu antworten, wenn wir allein wären.“ „Ich bin bereit, dieſes Verſprechen zu halten. Fragt Sire.“ Der König goß kaltes Waſſer in ſeine Hand und hielt es an ſeine Stirne. „„Was iſt an der Anſchuldigung des Herzogs von Alengun wahr? Antwortet, Heinrich.“ „Nur die Hälfte; Herr von Alencon ſollte fliehen, und ich ſollte ihn begleiten.⸗ „Und warum ſolltet Ihr fliehen?“ fragte Karl.„Seyd Ihr unzufrieden mit mir, Heinrich?“ „Nein, Sire, im Gegentheil, ich habe mich nurüber Eure Majeſtät glücklich zu preiſen, und Gott, der in den Herzen lieſt, ſieht in dem meinigen die tiefe Zunei⸗ gung, die ich für meinen Bruder und König hege.“ Natur gegründet, daß man die Leute flieht, die man liebt, und die uns lieben.“ „Ich floh auch nicht diejenigen, welche mich lieben; ich floh die Menſchen, die mich haſſen. Erlaubt mir Euere Majeſtät, offenherzig zu ſprechen?“ „Sprecht.“ „Diejenigen, welche mich hier haſſen, Sire, ſind Herr von Alengon und die Königin Mutter.“ „Bei Alengon ſage ich nicht nein,“ verſetzte Karl, „aber die Königin Mutter überhäuft Euch mit Aufmerk⸗ ſamkeiten aller Art.“ „Gerade deshalb mißtraue ich ihr, Sire, und es iſt mir wohl bekommen, daß ich ihr mißtraue.“ „Ihr?“ „Ihr, oder ihrer Umgebung. Ihr wißt, Sire, das Unglück der Könige iſt nicht immer, daß ſie zu ſchlecht, ſondern daß ſie zu gut bedient werden.“ „Erklärt Euch, Ihr habt Euch verbindlich gemacht, mir Alles zu ſagen.“ „Und Eure Majeſtät ſieht, daß ich meine Verbind⸗ lichkeit erfülle.“ „Fahrt fort.“ „Euere Majeſtät liebt mich, wie ſie mir geſagt hat?⸗ „Das heißt, ich liebte Euch vor Eurem Verrath, Henriot.“ „ebt, Ihr liebtet mich immer noch, Sire.“ „Gut!“ „Wenn Ihr mich liebt, ſo müßt Ihr wünſchen, daß ich lebe.“ „Ich wäre in Verzweiflung geweſen, wenn Euch ein Unglück getroffen hätte.“ „Wohl, Sire, zweimal wäre Euere Majeſtät beinahe in dieſe Verzweiflung verſetzt worden.“ „Wie dies?“ „Ja, denn zweimal hat mir die Vorſehung allein „Es ſcheint mir,“ ſagte Karl,„es iſt nicht in der Köt Sc „D ein ein nun des des Heir Den vertl — nder man eben; mir ſind Karl, nerk⸗ d es das echt, acht, ind⸗ t7 ath, hen, uch ahe lein 49 das Leben gerettet. Allerdings hatte das zweite Mal die Vorſehung die Züge Euerer Majeſtät angenommen.“ „Und welche Maske trug ſie das erſte Mal?“ „Die eines Mannes, der ſehr erſtaunt wäre, wenn er ſich mit ihr vermengt ſehen würde, die Maske von René. Ja, Ihr, Sire, Ihr habt mich vom Schwerte errettet.“ Karl runzelte die Stirne, denn er erinnerte ſich der Nacht, in welcher er Heinrich in die Rue des Barres geführt hatte. „Und René?“ ſagte er. „René hat mich vom Gift gerettet“ „Teufel, Du haſt Glück, Henriot,“ ſprach der König und ſuchte zu lächeln, während ein heftiger Schmerz ein Zuſammenziehen ſeiner Nerven verurſachte. „Das iſt ſonſt nicht ſein Gewerbe.“ „Zwei Wunder haben mich alſo gerettet, Sire; ein Wunder der Reue von Seiten des Florentiners, ein Wunder der Güte von Eurer Seite. Ich geſtehe nun Eurer Majeſtät, ich befürchtete, der Himmel könnte des Wunderthuns müde werden, und wollte in Betracht des Arioms: Hilf dir und Gott wird dir helfen, fliehen.“ „Warum haſt Du mir das nicht früher geſagt, Heinrich?“ „Sagte ich dieſe Worte geſtern, ſo war ich ein Denunciant.“ „Und indem Du ſie heute ſagſt?“ „Heute iſt es etwas Anderes; ich bin angeklagt und vertheidige mich.“ „Und Du biſt des erſten Verſuches ſicher, Henriot?“ „So ſicher als des zweiten.“ „Und man verſuchte, Dich zu vergiften?“ „Man hat es verſucht.“ „Womit?“ „Mit Opiat.“ „Wie vergiftet man mit Opiat?“ „Es ſcheint mir,“ ſagte Karl,„es iſt nicht in der Natur gegründet, daß man die Leute flieht, die man liebt, und die uns lieben.“ „Ich floh auch nicht diejenigen, welche mich lieben; ich floh die Menſchen, die mich haſſen. Erlaubt mir Euere Majeſtät, offenherzig zu ſprechen?“ „Sprecht.“ „Diejenigen, welche mich hier haſſen, Sire, ſind Herr von Alengon und die Königin Mutter.“ „Bei Alencon ſage ich nicht nein,“ verſetzte Karl, „aber die Königin Mutter überhäuft Euch mit Aufmerk⸗ ſamkeiten aller Art.“ „Gerade deshalb mißtraue ich ihr, Sire, und es iſt mir wohl bekommen, daß ich ihr mißtraue.“ „Ihr?“ „Ihr, oder ihrer Umgebung. Ihr wißt, Sire, das Unglück der Könige iſt nicht immer, daß ſie zu ſchlecht, ſondern daß ſie zu gut bedient werden.“ „Erklärt Euch, Ihr habt Euch verbindlich gemacht, mir Alles zu ſagen.“ „Und Eure Majeſtät ſieht, daß ich meine Verbind⸗ lichkeit erfülle.“ „Fahrt fort.“ „Euere Majeſtät liebt mich, wie ſie mir geſagt hat?⸗ „Das heißt, ich liebte Euch vor Eurem Verrath, Henriot.“ „Setzt, Ihr liebtet mich immer noch, Sire.“ „Gut!“ „Wenn Ihr mich liebt, ſo müßt Ihr wünſchen, daß ich lebe.“ „Ich wäre in Verzweiflung geweſen, wenn Euch ein Unglück getroffen hätte.“ „Wohl, Sire, zweimal wäre Euere Majeſtät beinahe in dieſe Verzweiflung verſetzt worden.“ „Wie dies?“ „Ja, denn zweimal hat mir die Vorſehung allein ein ein nun des des Heit Den vert! nder man eben; mir ſind Karl, nerk⸗ d es das echt, acht, ind⸗ t7 ath, hen, uch ahe lein 49 das Leben gerettet. Allerdings hatte das zweite Mal die Vorſehung die Züge Euerer Majeſtät angenommen.“ „Und welche Maske trug ſie das erſte Mal?“ „Die eines Mannes, der ſehr erſtaunt wäre, wenn er ſich mit ihr vermengt ſehen würde, die Maske von René. Ja, Ihr, Sire, Ihr habt mich vom Schwerte errettet.“ Karl runzelte die Stirne, denn er erinnerte ſich der Nacht, in welcher er Heinrich in die Rue des Barres geführt hatte. „Und René?“ ſagte er. „René hat mich vom Gift gerettet“ „Teufel, Du haſt Glück, Henriot,“ ſprach der König und ſuchte zu lächeln, während ein heftiger Schmerz ein Zuſammenziehen ſeiner Nerven verurſachte. „Das iſt ſonſt nicht ſein Gewerbe.“ „Zwei Wunder haben mich alſo gerettet, Sire; ein Wunder der Reue von Seiten des Florentiners, ein Wunder der Güte von Eurer Seite. Ich geſtehe nun Eurer Majeſtät, ich befürchtete, der Himmel könnte des Wunderthuns müde werden, und wollte in Betracht des Arioms: Hilf dir und Golt wird dir helfen, fliehen.“ „Warum haſt Du mir das nicht früher geſagt, Heinrich?“ „Sagte ich dieſe Worte geſtern, ſo war ich ein Denunciant.“ „Und indem Du ſie heute ſagſt?“ „Heute iſt es etwas Anderes; ich bin angeklagt und vertheidige mich.“ „Und Du biſt des erſten Verſuches ſicher, Henriot?“ „So ſicher als des zweiten.“ „Und man verſuchte, Dich zu vergiften?“ „Man hat es verſucht.“ „Womit?“ „Mit Opiat.“ „Wie vergiftet man mit Opiat?“ Artäon. Als Karl allein war, wunderte er ſich, daß er weder das eine noch das andere von ſeinen zwei Getrenen hatte erſcheinen ſehen; ſeine zwei Getreuen waren ſeine Amme Madeleine und ſein Windhund Actäon. „Die Amme wird wohl zu den Hugenotten ihrer Bekanntſchaft gegangen ſeyn, um Pſalmen mit ihnen zu ſingen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„und Actäon ſchmollt noch mit mir wegen des Peitſchenhiebes, den ich ihm dieſen Morgen gegeben habe.“ Karl nahm wirklich eine Kerze und ging zu der guten Frau. Die gute Frau war nicht zu Hauſe. Eine Thüre der Wohnung von Madeleine ging, wie man ſich er⸗ innert, in das Waffencabinet. Er näherte ſich dieſer Thüre. Mittlerweile erfaßte ihn wieder eine von den Kriſen, wie ſie bereits plötzlich auf ihn hereingebrochen waren. Der König litt, als ob man ihm die Eingeweide mit einem feurigen Eiſen durchwühlen würde; ein unaus⸗ löſchlicher Durſt peinigte ihn; er ſah eine Taſſe Milch auf einem Tiſche, leerte ſie mit einem Zuge und fühlte ſich etwas beruhigt. Dann nahm er die Kerze, die er auf einen Schrank geſtellt hatte, und trat in das Cabinet. Zu ſeinem großen Erſtaunen kam ihm Actäon nicht entgegen. Hatte man ihn eingeſchloſſen? In dieſem Falle würde er riechen, daß ſein Herr von der Jagd zurückgekommen wäre, und ſchreien. Karl pfiff, rief; es erſchien nichts. Er machte vier Schritte vorwärts, und als das Licht bis in die Ecke des Cabinets drang, gewahrte er in dieſer eine träge, auf dem Boden ausgeſtreckte Maſſe. weder nhatte Amme ihrer nen zu lt noch dieſen guten Thüre ch er⸗ dieſer riſen, varen. de mit maus⸗ Milch fühlte chrank nicht ieſem Jagd Licht dieſer 53 „Holla! Actäon, holla!“ rief Karl. Er pfiff abermals. Der Hund regte ſich nicht. Karl lief auf ihn zu und berührte ihn: das arme Thier war ſteif und kalt. Aus ſeiner vom Schmerze zuſammengezogenen Schnauze waren einige Tropfen Galle vermiſcht mit einem blutigen, ſchaumigen Geifer gefallen. Es hatte in dem Cabinet ein Barett ſeines Herrn ge⸗ funden und ſeinen Kopf auf dieſen Gegenſtand legend, der ihm einen Freund darſtellte, ſterben wollen. Bei dieſem Schauſpiel, das ihn ſeine eigenen Schmer⸗ zen vergeſſen ließ und ihm ſeine ganze Energie wieder verlieh, kochte der Zorn in den Adern von Karl; er wollte ſchreien, aber eingezwängt in ihre Größe beſitzen die Könige nicht die Freiheit dieſer erſten Bewegung, welche jeder Menſch zu Gunſten ſeiner Leidenſchaft oder ſeiner Vertheidigung benützt. Karl bedachte, es könnte hier ein Verrath obwalten, und ſchwieg. Er kniete bei ſeinem Hund nieder und unterſuchte die Leiche mit dem Blicke eines Erfahrenen. Das Auge war glaſig, die Zunge war roth und von Eiterblat⸗ tern durchlöchert; es war eine ſeltſame Krankheit, welche Karl beben machte. Der König zog ſeine Handſchuhe wieder an, welche er ausgezogen und in ſeinen Gürtel geſteckt hatte, hob die bleifarbige Lippe auf, um die Zähne zu unterſuchen, und bemerkte in den Zwiſchenräumen einige weißliche Bruchſtücke, die ſich angehängt hatten. Er machte dieſe Bruchſtücke los und ſah, daß es Papier war. In der Nähe dieſes Papiers war die Geſchwulſt heftiger, das Zahnfleiſch ganz aufgelaufen und die Haut wie von Vitriol zerfreſſen. Karl ſchaute aufmerkſam um ſich her. Auf dem Teppich lagen einige Stückchen Papier, dem ähnlich, welches er bereits in dem Rachen des Hundes wahr⸗ genommen hatte; eines von dieſen Stückchen, das etwas ——————————— 4 größer war, als die andern, bot Spuren von einem Holz⸗ ſch nitte. Die Haare ſträubten ſich auf Karls Haupte; er er⸗ kanute ein Bruchſtück von dem Bilde, einen Herrn auf der Falkenjagd darſtellend, das Actäon aus ſeinem Jagd⸗ buche geriſſen hatte. „Ah!“ ſagte er erhleichend,„das Buch war ver⸗ giftet.“ Dann ſeine Erinnerungen wiederbelebend, rief der König plötzlich: „Tauſend Teufel! ich habe jedes Blatt mit meinem Finger berührt und bei jedem Blatte habe ich den Finger an den Mund gethan, um ihn zu befeuchten. Dieſe Ohnmachten, dieſe Schmerzen, dieſes Erbrechen!.. Ich bin todt!.. Farl blieb einen Augenblick unbeweglich unter dem Gewichte dieſes furchtharen Gedankens. Dann erhob er ſich mit einem dumpfen Geſchrei, ſtürzte nach der Thüre ſeines Cabinets und rief: „Meiſter René! Meiſter René! man laufe nach dem Pont Saint⸗Michel und bringe mir den Florentiner; in zehn Minuten muß er hier ſeyn. Einer von Euch nehme ein Pferd und ein Handpferd, um früher zurück zu ſeyn. Kommt Meiſter Ambrviſe Paré, ſo laßt ihn warten.“ Ein Mann von der Leibwache lief weg, um dem Befehle Folge zu leiſten. „Ah!“ murmelte Karl,„ich werde erfahren, wer dieſes Buch Henriot gegeben hat, und ſollte ich die ganze Welt foltern laſſen.“ Schweiß auf der Stirne, die Hände krampfhaft zu⸗ ſammengezogen, die Bruſt keuchend, ſtarrte Karl ſeinen Hund an. Nach zehn Minuten klopfte der Florentiner ſchüch⸗ tern und nicht ohne Bangigkeit an die Thüre des Königs. Es gieht Gewiſſen, für welche der Himmel nie rein iſt. „Herein!“ ſprach Karl. riſ Re wif hab Ra Leie zwi ſtor zu Ker Kar gehe weld Rett öffne des pierſt das gab. ptom A der giftet „ E Holz⸗ er er⸗ nauf Jagd⸗ r ver⸗ ef der einem inger Dieſe Ich dem ob er Thüre em in ehme ſeyn. dem wer ganze t zu⸗ einen hüch⸗ nigs. iſt. 55 Der Parfumeur erſchien. Farl ging mit gebiete riſcher Miene auf ihn zu. „Euere Majeſtät hat mich rufen laſſen,“ ſagte René zitternd. „Ja. Ihr ſeyd ein geſchickter Chemiker, nicht wahr?“ „Sire..“ und Ihr wißt Alles, was die geſchickteſten Aerzte wiſſen?“ „Eure Majeſtät übertreibt.“ „Nein, meine Mutter hat es mir geſagt. neberdies habe ich Vertrauen zu Euch und will lieber Euch um Rath fragen, als jeden Anderen. Seht,“ ſagte er, die Leiche des Hundes entblößend,„ſeht, was dieſes Thier zwiſchen den Zähnen hat, und ſagt mir, woran es ge⸗ ſtorben iſt.“ Während René fich, eben ſo ſehr um ſeine Unruhe zu verbergen, als um dem König zu gehorchen, mit der Kerze in der Hand bis auf den Boden bückte, erwartete Karl aufrecht ſtehend, die Augen auf dieſen Menſchen geheftet, mit leicht begreiflicher Ungeduld auf das Wort, welches ſein Todesurtheil oder das Unterpfand ſeiner Rettung ſeyn ſollte. René zog eine Art von Sealpel aus ſeiner Taſche, öffnete es, machte mit der Spitze von dem Rachen des Windhundes die an dem Zahnfleiſche hängenden Pa⸗ pierſtückchen los und betrachtete lange und aufmerkfam Blut und die Galle, welche jede Wunde von ſich gab. „Sire,“ ſprach er zitternd,„das ſind traurige Sym⸗ ptome.“ Karl fühlte, wie ein eiſiger Schauer alle ſeine Adern durchlief und bis in ſein Herz drang. „Ja,“ ſagte er,„nicht wahr, dieſer Hund iſt ver⸗ giftet worden?“ „Ich befürchte es, Sire.“ „Mit welcher Art von Giſt?“ „Mit einem mineraliſchen Gifte, wie ich vermuthe.“ 56 „Köriet Ihr Gewißheit barüber erlangen, daß er vergiftei„orden iſt?“ „A dings, wenn ich ihn öffnen und den Magen unterſuchen würde?“ „Heffnet ihn, ich will keinen Zweifel haben.“ „Man müßte Jemand rufen, der mir helfen würde.“ „Ich werde Euch helfen,“ ſagte Karl. „Ihr, Sire!“ „Ja, ich. Und welche Symptome werden wir finden, wenn er vergiftet iſt?“ „Rothe Platten und Herboriſationen im Magen.“ „Vorwärts, zum Werke,“ ſprach Karl. René öfſnete mit einem Scalpelſchnitte die Bruſt des Windhundes und ſchob ſie kräftig auseinander, wäh⸗ rend Karl, ein Knie auf der Erde mit zitternder Hand leuchtete. „Seht, Sire,“ ſprach René,„hier ſind die deut⸗ lichen Spuren. Dieſe rothen Platten ſind die von mir vorher bezeichneten; dieſe mit Blut gefüllten Adern, welche die Wurzeln einer Pflanze zu ſeyn ſcheinen, ſind das, was ich unter dem Namen Herboriſationen bezeich⸗ net habe. Ich finde hier Alles, was ich ſuchte.“ „Der Hund iſt alſo vergiftet?“ a, Sire.“ „Mit einem mineraliſchen Gifte?“ „Aller Wahrſcheinlichkeit nach.“ „Und was würde ein Menſch empfinden, der aus Unachtſamkeit von demſelben Gifte verſchluckt hätte?“ „Heftigen Kopfſchmerz, Brennen im Innern, als ob er glühende Kohlen im Leibe hätte, Schmerzen in den Eingeweiden, Erbrechen.“ „Auch Durſt?“ „Einen unauslöſchlichen Durſt.“ „Das iſt es, das iſt es,“ murmelte der König. „Sire, vergebens ſuche ich den Zweck aller dieſer Fragen.“ „Wozu ihn ſuchen? Ihr braucht den Zweck nicht zu nicht der ⸗ ich es ſi ken word Buch ſeript zeigt dem ſtam der ſich e worde ß er agen rde.“ iden, en.“ Bruſt wäh⸗ Hand deut⸗ mir dern, ſind zeich⸗ r aus 24 ls ob nden g. dieſer cht zu 57 wiſſen; beantwortet meine Fragen, weiter habt Ihr nichts zu thun.“ „Eure Majeſtät mag mich befragen.“ „Welches Gegengift wäre einem Menſchen zu geben, der dieſelbe Subſtanz verſchlungen hätte, wie mein Hund?“ René dachte einen Augenblick nach. „Es gibt mehrere mineraliſche Gifte,“ ſagte er;„ehe ich antworte, wünſchte ich wohl zu wiſſen, um welches es ſich handelt. Hat Eure Majeſtät irgend einen Gedan⸗ ken über die Art und Weiſe, wie ihr Hund vergiftet worden iſt?“ „Ja,“ ſprach Karl,„er hat ein Blatt aus einem Buche gefreſſen.“ Blatt aus einem Buche?“ „Ja.“ 5 „Und Eure Majeſtät beſitzt dieſes Buch?“ „Hier iſt es,“ ſprach Karl, nahm das Jagdmanu⸗ ſeript von dem Fache, in welches er es gelegt hatte, und zeigte es René. René machte eine Bewegung des Erſtaunens, die dem König nicht entging. „Er hat ein Blatt aus dieſem Buche gefreſſen?“ ſtammelte René. „Dieſes.“ Karl zeigte das zerriſſene Blatt. „Erlaubt Ihr, daß ich noch ein anderes zerreiße?“ „Thut es.“ René zerriß ein Blatt und brachte es in die Nähe der Kerze. Das Papier fing Feuer, und es verbreitete ſich ein ſtarfer Knoblauchgeruch in dem Cabinet. „Er iſt mit einer Wiſchung von Arſenik vergiftet worden,“ ſagte René. „Seyd Ihr deſſen gewiß?“ „Wie wenn ich es ſelbſt bereitet hätte.“ „Und das Gegengift?“ Rens ſchüttelte den Kopf. Königin Margot. III. 5 „Wie?“ ſprach Karl mit dumpfer Stimme,„Ihr kennt kein Gegengift?“ „Das Beſte iſt Eiweiß in Milch geſchlagen, aber..“ „Was aber?“ „Es müßte ſogleich genommen werden, ſout „Sonſt?“ „Sire, es iſt ein furchtbares Gift,“ verſetzte René. „Es tödtet jedoch nicht ſogleich?“ ſprach Karl. „Nein, aber es tödtet ſicher, wie viel Zeit man auch zum Sterben braucht, und zuweilen iſt dies eine Berechnung.“ Farl ſtützte ſich auf den Marmortiſch. „Sagt nun,“ ſprach er, die Hand auf die Schul⸗ ter von René legend,„Ihr kennt dieſes Buch?“ „Ich, Sire?“ a „Sire, ich ſchwöre Euch...“ „Rene,“ ſprach Karl,„hört mich wohl: Ihr habt die Königin von Navarra mit Handſchuhen vergiftet; Ihr habt den Prinzen von Porcian mit dem Rauche einer Lampe vergiftet; Ihr habt den Prinzen von Condé mit einem Riechapfel zu vergiften geſucht. René, ich laſſe Euch das Fleiſch, Fetzen für Fetzen, mit einer glühenden Zange vom Leibe reißen, wenn Ihr mir nicht ſagt, wem dieſes Buch gehört.“ Der Florentiner ſah, daß mit dem Zorne von Karl. R. nicht zu ſcherzen war, und beſchloß mit Dreiſtig⸗ keit zu bezahlen. „Und wenn ich die Wahrheit ſage, Sire, wer bürgt mir dafür, daß ich nicht noch granſamer geſtraft werde, als wenn ich ſchweige?“ „Ich.“ „Gebt Ihr mir Euer königliches Wort?“ „Bei meinem adeligen Worte, Euer Leben ſoll ge⸗ ſchont werden,“ ſprach der König. „Dieſes Buch gehört mir.“ miſ Nar Aler kenj ſes 2 und tige in d drüc Stin mir es n Zuge in di Köni worde René. Zeit s eine Schul⸗ t habt t Ihr einer dé mit laſſe henden „wem Karl reiſtig⸗ bürgt werde, l ge⸗ 59 „Euch!“ rief Karl zurückweichend und den Gift⸗ miſcher mit irrem Auge anſchauend. „Ja, mir.“ „Und wie iſt es aus Euern Händen gekommen?“ „Die Königin Mutter hat es von mir mitgenommen.“ „Die Königin Mutter!“ „In welcher Abſficht?“ Ich glaube, in der Abſicht, es dem König von Navarra bringen zu laſſen, der von dem Herzog von Alencon ſich ein ſolches Buch erbeten hatte, um die Fal⸗ kenjagd zu ſtudiren.“ „Oh!“ rief Karl,„das iſt es, ich weiß Alles. Die⸗ ſes Bnch war wirklich bei Henriot. Es gibt ein Geſchick, und ich unterliege demſelben.“ In dieſem Augenblick wurde Karl von einem hef⸗ tigen, trockenen Huſten ergriffen, wonach ein neuer Schmerz in den Eingeweiden folgte. Et ſtieß ein paar unter⸗ drückte Schreie aus und fiel auf ſeinen Stuhl zurück. „Was habt Ihr, Sire?“ rief René mit erſchrockener Stimme. „Nichts,“ erwiederte Karl;„ich habe nur Durſt, gebt mir zu trinken.“ René füllte ein Glas mit Waſſer und überreichte es mit zitternder Hand dem König, der es in einem Zuge leerte. „Nun,“ ſprach Karl, indem er eine Feder nahm und in die Dinte tauchte,„nun ſchreibt auf dieſes Buch...“ „Was ſoll ich ſchreiben?“ „Ich werde Euch dietiren:“ „Dieſes Handbuch der Falfenjagd iſt von mir der Königin Mutter, Catharina von Medicis, gegeben worden.“ 5* ——————— René nahm die Feder und ſchrieb. „Und nun unterzeichnet.“ Der Florentiner unterzeichnete. „Ihr habt mir das Leben verſprochen,“ ſpräch der Parfumeur. „Und werde von meiner Seite Wort halten.“ 5 René. „Ah! das geht mich nichts an,“ſagte Karl.„Wenn man Euch angreift, vertheidigt Euch.“ „Sire, kann ich Frankreich verlaſſen, wenn ich mein Leben bedroht glaube?“ „Ich werde Euch hierauf in vierzehn Tagen ant⸗ worten; aber mittlerweile...“ Karl legte, die Stirne faltend, einen Finger auf ſeine bleichen Lippen. „Oh! ſeyd unbeſorgt, Sire.“ Nur zu glücklich, ſo wohlfeilen Kaufes wegzukom⸗ men, verbengte ſich der Florentiner und trat ab. Hinter ihm erſchien die Amme an der Thüre ihres Zimmers. „Was gibt es denn, mein Charlot?“ ſagte ſie. „Ich bin im Thau gegangen und das muß mir übel bekommen ſeyn.“ „In der That, Du biſt ſehr bleich, mein Charlot.“ „Ich bin auch ſehr ſchwach. Gib mir Deinen Arm, Amme, daß ich zu Bette gehen kann.“ Die Amme ging lebhaft auf ihn zu. Karl ſtützte ſich auf ſie und gelangte in ſein Zimmer. werde ich mich allein zu Bette legen,“ ſagte Karl. „Und wenn Meiſter Ambroiſe Paré kommt?“ „So ſagſt Du ihm, es gehe beſſer und ich bedürfe ſeiner nicht mehr.“ „Aber was wirſt Du einſtweilen nehmen?“ „Oh! eine ſehr einfache Arzenei,“ erwiederte Karl, Aber von Seiten der Königin Mutter?“ fragte noch nes Sch übri ner Wat der ten vora Hert ſener zuſte zu n der L ſchlo von brück durch ich der fragte „Wenn mein nant⸗ er auf um⸗ ihres ie. ß mir arlot.“ Deinen ſtützte ſagte edürfe Karl, 61 „Eiweiß in Milch geſchlagen. Doch bald hätte ich ver⸗ geſſen, Amme,“ führ er fort,„der arme Aetäon iſt ge⸗ ſtorben. Man muß ihn morgen früh in einer Ecke des Garteüs vom Louvre beerdigen laſſen. Es war einer meiner beſten Freunde... Ich laſſe ihm ein Grabmal ſetzen, wenn ich Zeit dazu habe.“ VI. Der Wald von PYincennes. Heinrich wurde, wie dieß Karl IX. befohlen hatte, noch an demſelben Abend nach dem Walde von Vincen⸗ nes gefübrt. So nannte man damals das berühmte Schloß, von dem heutzutage nur ein rieſiges Bruchſtück übrig iſt, welches jedoch genügt, um einen Begriff von ſei⸗ ner ehemaligen Größe zu geben. Die Reiſe wurde in einer Sänfte gemacht. Vier Wachen gingen an jeder Seite, und Herr von Nancey, der Ueberbringer des Befehls, welcher Heinrich die Pfor⸗ ten des ſchützenden Gefängniſſes öffnen ſollte, marſchirte voraus. An der Schlupſpforte des Thurmes hielt man an. Herr von Nantey ſtieg vom Pferde, öffnete den geſchloſ⸗ ſenen Schlag und lud den König ehrfurchtsvoll ein, aus⸗ zuſteigen. Heinrich gehorchte, ohne die geringſte Bemerkung zu machen. Jeder Aufenthaltsort ſchien ihm ſicherer, als der Louvre, und zehn Thüren, die ſich hinter ihm ſchloßen, ſchloßen, ſich zu gleicher Zeit zwiſchen ihm und Catharina von Medicis. Der königliche Gefangene ſchritt über die Zug⸗ brücke, ging durch die drei Thüren des Thurmes und durch die drei Thüren, welche zur Treppe führ Stockwerk ſtieg, Herrn von Nancey immer voran, ein ten, und Als der Kapitän der G ſich anſchickte, noch weiter hinauf „Monſeigneur, arden hier ſah, daß er zugehen, ſagte er: haltet hier an.“ ah! ah!“ ſprach Heinrich „es ſcheint, es wird mir die Ehre des „Sire,“ antwortete Herr von N delt Euch als gekröntes Haupt.“ „Teufel, Teufel!“ ſprach „zwei oder drei Stockwerke mehr gedemüthigt. Ich bin hier ancey,„man behan⸗ Heinrich zu ſich ſelbſt, hätten mich keineswegs zu gut, und man wird etwas „Will Euere Majeſtät mir folgen?“ ſagte Herr von „Ventre⸗ſaint⸗gris!“ Navarra,„Ihr wißt wohl dem handelt, was ich will dern von dem, was mein S er, daß ich Euch folge?“ erwiederte der König von! „daß es ſich hier nicht von oder was ich nicht will, ſon⸗ chwager Karl beſiehlt. Befiehlt ———————————— ge ich Euch, mein Herr.“ angte in einem Gang, an deſſen Ende man ziemlich großen Saal mit düſteren Mauern und von ſehr traurigem Ausſeh Heinrich ſchaute mit einer ganz von Unruhe frei war. „Wo ſind wir?“ ſagte er. „Wir gehen durch den Fo „Ah! ah!“ rief der König Es war in dieſem S kannen und Folterbän Klöpfel für den ſpaniſt Unglücklichen beſtimm n Blicke umher, der nicht lterſaal, Monſeigneur.“ aale allerlei zu ſehen: ke für die Waſſerfolter; ſteinerne Sitze, für die ter zu erwarten⸗ und über dieſen ßen dieſer Sitze ohne eine andere Marterkunſt befeſtigt. Daß ſie t, welche die Fol anden rings im Saale umher, n den Sitzen ſelbſt, an den Fů waren eiſerne Ringe in der Mauer Symmetrie, als die der die der nic wie hol bar ma TDeu Go Ehr vor Unb hefo r: ehen, tockes daß er behan⸗ ſelbſt, swegs etwas rvon von t von „ſon⸗ efiehlt man auern nicht r.“ leif⸗ und die rten eſen Sitze dere ſie „ „ 63 aber ſo nahe an den Sitzen angebracht waren, bewies hinreichend, daß ſie die Glieder derjenigen, welche hier Platz nehmen mußten, zu erwarten hatten. Heinrich ſetzte ſeinen Weg fort, ohne ein Wort zu ſagen, verlor dabei aber nicht das Geringſte von dem abſcheulichen Apparat, der gleichſam die Ge⸗ ſchichte des Schmerzes an die Wände ſchrieb. Dieſes aufmerkſame Umherſchauen machte, daß Heinrich nicht vor ſeine Füße ſah und ſtolperte. „Ei!“ ſagte er,„was iſt denn das?“ Und er deutete auf eine Art von Furche, die durch die feuchten Steinplatten gezogen war, welche den Bo⸗ den bildeten. „Es iſt die Rinne, Sire.“ „Regnet es denn hier?“ „Ja Blut.“ „Ah,“ ſprach Heinrich,„ſehr gut. Werden wir nicht bald in mein Zimmer kommen?“ „Allerdings, Monſeigneur, wir ſind daran,“ er⸗ wiederte ein Schatten, der ſich in der Dunkelheit hervor⸗ hob, und je näher man kam, deſto ſichtbarer und fühl⸗ barer wurde. 4 Heinrich, der die Stimme erkannt zu haben glaubte, machte einige Schritte und erkannte auch das Geſicht. „Ah! Ihr ſeyd es, Beaulieu,“ ſagte er,„was Teufels macht Ihr hier?“ „Sire, ich habe ſo eben meine Ernennung zum Gouverneur des Schloſſes von Vincennes erhalten.“ „Gut, mein lieber Freund, Euer Debut macht Euch Ehre; einen König zum Gefangenen, das iſt nicht übel.“ „Um Vergebung, Sire,“ verſetzte Beaulien,„aber vor Euch habe ich zwei Edelleute bekommen.“ „Welche? Doch verzeiht, ich begehe vielleicht eine Unbeſcheidenheit; dann will ich nichts geſagt haben.“ „Monſeigneur, man hat mir keine Geheimhaltung hefohlen. Es ſind die Herren La Mole und Coconnas.“ „Ah! das iſt wahr, ich habe ſie verhaften ſehen: arme Leute! Wie ertragen ſie ihr Unglück?“ „Auf eine ganz entgegengeſetzte Weiſe; der Eine iſt heiter, der Andere iſt traurig; der Eine ſingt, der An⸗ dere ſeufzt.“ 2 „Welcher ſeufzt?“ „Herr de La Mole, Sire.“ „Meiner Treue!“ ſprach Heinrich,„ich begreife eher den Seufzenden, als den Singenden. Nach dem, was ich geſehen habe, iſt das Gefängniß nichts Heiteres, In welchem Stocke ſind ſie einquartiert?“ „Ganz oben im vierten.“ Heinrich ſtieß einen Seufzer aus. Dort wäre er gern geweſen. „Vorwärts, Herr von Beaulieu,“ ſagte Heinrich, „habt die Güte, mir mein Zimmer zu zeigen; es drängt mich, daſſelbe zu ſehen, denn ich bin ſehr müde vom vergangenen Tage.“ „Hier iſt es, Monſeigneur,“ ſprach Beaulien, und er deutete auf eine offene Thüre. 5„Nro. 2,“ ſagte Heinrich;„und warum nicht ro. 12“ „Weil es vorbehalten iſt.“ 7 „Ah! es ſcheint, Ihr erwartet einen Gaſt von beſ⸗ ſerem Adel, als ich bin.“ „Ich habe nicht geſagt, Monſeigneur, es wäre ein Gefangener.“ „Und wer iſt es denn?“ „Monſeignenr wolle nicht auf ſeiner Frage beharren, denn ich wäre, Stillſchweigen beobacheend, genöthigt, mich gegen den Gehorſam zu verfehlen, den ich Euch ſchuldig bin.“ „Das iſt etwas Anderes,“ ſprach Heinrich. Und er wurde noch nachdenklicher, als er es bis jetzt geweſen war. Das Nro. 1 beſchäftigte ſichtbar ſeine Reugierde. er Gouverneur verlengnete indeſſen ſeine urſprüng⸗ —— 7 de ne we de jed ver ein Lu nal an Ker zul vert wil Co rich, es nüde und ſicht beſ⸗ ein en, igt, uch bis bar ng⸗ ————— 65 liche Höflichkeit nicht. Mit tauſend redneriſchen Vor⸗ ſichtsmaßregeln führte er Heinrich in ſein Zimmer ein, machte alle mögliche Entſchuldigungen über die Be⸗ quemlichkeiten, die ihm etwa fehlen könnten, ſtellte zwei Soldaten au ſeine Thüre und entfernte ſich. „Nun wollen wir uns zu den Andern begeben,“ ſprach der Gouverneur, ſich an den Kerkermeiſter wen⸗ dend. Der Kerkermeiſter ging voraus. Man ſchlug den Weg ein, auf dem man gekommen war. Man durch⸗ ſchritt den Folterſaal und den Corridor, gelangte zu der Treppe, und Herr von Beaulien ſtieg, beſtändig ſei⸗ nem Führer folgend, drei Stockwerke hinauf. Als man oben bei dieſen drei Stockwerken anlangte, welche, das erſte mit eingerechnet, vier machten, öffnete der Kerkermeiſter nach und nach drei Thüren, wovon jede mit zwei Schlöſſern und drei ungeheuren Riegeln verſehen war. Kaum hatte er die dritte Thüre berührt, als man eine freudige Stimme ausrufen hörte: „Ei, Mordi! öffnet doch, und wäre es nur, um Luft einzulaſſen. Euer Ofen iſt ſo heiß, daß man bei⸗ nahe erſtickt!“ Und Coconnas, den der Leſer ohne Zweifel bereits an ſeinem Lieblingsfluche erkannt hat, machte nur einen Sprung von dem Orte, wo er war, bis zu der Thüre. „Einen Augenblick, mein edler Herr,“ ſagte der Kerkermeiſter,„ich komme nicht, um Euch heraus⸗ zulaſſen, ſondern um einzutreten, und der Herr Gou⸗ verne ir folgt mir.“ „Der Herr Gouverneur,“ ſagte Coconnas;„was will er hier machen?“ „Enuch beſuchen.“ „Damit erweiſt er mir eine große Ehre.“ erwiederte Coconnas;„der Herr Gouvernent ſey willkommen.“ Herr von Beaulieu trat wirklich ein und drängte das herzliche Lächeln von Cveonnas alsbald durch eine von 66 jenen ruhigen Höflichkeiten zurück, welche den Gouver⸗ neuren von Feſtungen, den Kerkermeiſtern und den Hen⸗ kern eigenthümlich ſind. „Habt Ihr Geld, mein Herr?“ fragte er den Ge⸗ fangenen. „Ich,“ ſprach Coconnas,„keinen Thaler.“ „Juwelen?“ „Ich habe einen Ring.“ „Wollt Ihr mir erlauben, daß ich Euch durchſuche?“ „Mordi!“ rief Coconnas vor Zorn roth werdend, „es kommt Euch wohl zu Statten, daß Ihr im Ge⸗ fängniſſe ſeyd, und ich auch.“ „Man muß für den Dienſt des Königs Alles leiden.“ „Die ehrlichen Leute,“ rief der Piemonteſe,„die auf dem Pont⸗Neuf plündern, ſind alſo wie Ihr im Dienſte des Königs? Mordi! ich war ſehr ungerecht, mein Herr, denn bis jetzt hielt ich ſie für Diebe.“ „Mein Herr, ich grüße Euch,“ ſagte Beaulieu.„Ker⸗ kermeiſter, ſchließt dieſen Herrn ein.“ Der Gouverneur entfernte ſich und nahm dabei den Ring von Coconnas, einen ſehr ſchönen Smaragd, mit, den ihm Frau von Nevers als Erinnerung an die Farbe ihrer Augen geſchenft hatte. „Zum Andern,“ ſagte er hinausgehend. Man durchſchritt ein leeres Zimmer und das Spiel der drei Thüren, der ſechs Schlöſſer und neun Riegel fing wieder an. Die letzte Thüre öffnete ſich und ein Seufzer war das erſte Geräuſch, welches das Ohr der Eintretenden berührte. Dieſes Zimmer war noch düſterer anzuſchauen, als dasjenige, durch welches Herr von Beaulieu kam. Vier lange und ſchmale Schießſcharten, welche von innen nach außen gingen, erleuchteten nur ſchwach den traurigen Aufenthaltsort. Eiſerne Stangen, welche mit ſo viel Kunſt gekreuzt waren, daß der Blick beſtändig durch eine ſchräge Linie aufgehalten wurde, verhinderten den ſch liq Kl der ſen fur uver⸗ Hen⸗ Ge⸗ e end, Ge⸗ en.“ „die im echt, „ Ker⸗ den mit, arbe piel ing war den als on den mit rch den 67 Gefangenen, durch dieſe Schießſcharten auch nur den Himmel zu ſehen. Bogenleiſten gingen von jeder Ecke des Saales aus und vereiniaten ſich mitten am Plafond, wo ſie ſich in einer Einſetzroſe verloren. La Mole ſaß in einem Winkel und verharrte trotz des Beſuches, als ob er nichts gehört hätte. Der Gouverneur verweilte einen Augenblick auf der Schwelle und ſchaute den Gefangenen an, welcher, den Kopf in ſeinen Händen, unbeweglich blieb. „Guten Abend, Herr de La Mole,“ ſagte Beaulieu. Der junge Mann richtete langſam den Kopf auf. „Guten Abend, mein Herr,“ erwiederte er. „Mein Herr,“ fuhr der Gouverneur fræt,„ich komme, um Euch zu durchſuchen.“ „Das iſt unnöthig,“ ſprach La Mole,„ich werde Euch Alles zuſtellen, was ich habe.“ „Was habt Ihr?“ „Ungefähr dreihundert Thaler, dieſe Juwelen, dieſe Ringe“ „Gebt, mein Herr,“ ſagte der Gouverneur. „Hier.“ La Mole wandte ſeine Taſchen um, ſtreifte ſeine Ringe Lon den Fingern und riß die Agraffe von ſeinem Hute. „Habt Ihr ſonſt nichts mehr?“ „Nichts, das ich wüßte.“ „Und das ſeidene Band, das um Euren Hals ge⸗ ſchlungen iſt, was hängt daran?“ fragte der Gouverneur. „Mein Herr, es iſt kein Juwel, es iſt eine Re⸗ liquie.“ „Gebt.“ „Wie, Ihr verlangt?“ „Ich habe Befehl, Euch nichts zu laſſen, als Eure Kleider, und eine Reliquie iſt fein Kleidungsſtück.“ La Mole machte eine Bewegung des Zornes, welche bei der ſchmerzlichen, ruhigen Würde, die ihn auszeichnete, die⸗ ſen an heftige Bewegungen gewöhnten Menſchen viel furchtbarer vorfam. Aber bald beruhigte er ſich und erwiederte: „Es iſt gut, mein Herr, Ihr ſollt ſehen, was Ihr verlangt.“ Und ſich abwendend, als wollte er ſich dem Lichte nähern, machte er die angebliche Reliquie los, welche nichts Anderes war, als ein Medaillon, ein Porträt enthaltend, das er aus dem Medaillon zog und an ſeine Lippen drückte. Als er es aber wiederholt geküßt hatte, ſtellte er ſich als ließe er es fallen, preßte ſodann mit aller Gewalt den Abſatz ſeines Stiefels darauf und zermalmte es in tau⸗ ſend Stücke. „Mein Herr!“ rief der Gouverneur. Und er bückte ſich, um zu ſehen, ob er nicht aus der Zerſtörung den unbekannten Gegenſtand retten fönnte, den ihm La Mole entziehen wollte. Aber das Bild war buchſtäblich in Staub verwandelt. „Der König wollte dieſen Juwel haben,“ ſprach La Mole,„aber er hatte kein Recht auf das Porträt, das er euthielt. Hier iſt das Medaillon, Ihr könnt es nehmen.“ „Mein Herr,“ verſetzte Beaulien,„ich werde mich bei dem König beklagen.“ Und ohne von dem Gefangenen auch nur mit einem einzigen Worte Abſchied zu nehmen, entfernte er ſich ſo zornig, daß er dem Kerfermeiſter die Sorge überließ, die Thüren ohne ſeine Ueberwachung zu ſchließen. Der Kerkermeiſter machte einige Schritte, um hinaus⸗ zugehen als er aber ſah, daß Herr von Beaulien bereits die erſten Stufen der Treppe hinabſtieg, ſagte er, ſich um⸗ wendend: „Meiner Treue. lieber Herr, es iſt mir gut zu Statten gekommen, daß ich Euch aufgefordert habe, mir die hundert Thaler ſogleich zu geben, durch deren Vermittelung ich ein⸗ willige, Euch mit Euren Gefährten ſprechen zu laſſen; denn hättet Ihr ſie mir nicht gegeben, ſo würde ſie der Gou⸗ verneur mit den dreihundert andern genommen haben, und mein Gewiſſen erlaubte mir nicht mehr, etwas für Euch zu thun; aber ich bin zum Voraus bezahlt, ich habe iſt wi ni Ihr ichte chts end, ckte. als den tau⸗ aus nte, war La das i bei rem ſ die ue⸗ eits um⸗ tten dert ein⸗ enn ou⸗ en, für abe 69 Euch verſprochen, Ihr ſollet Euren Kameraden ſehen,.. kommt, ein ehrlicher Mann hält ſein Wort... Wenn es jedoch möglich iſt, ſprecht ſowohl Euch als mir zu Liebe nichts von Politik.“ La Mole verließ ſein Zimmer und befand ſich Cocon⸗ nas gegenüber, welcher eben in ſeiner Stube auf⸗ und abging. Die zwei Freunde warfen ſich einander in die Arme. Der Kerkermeiſter gab ſich den Anſchein, als wiſchte er ſich den Winkel des Auges ab, und ging hinaus, um zu wachen, daß man die Gefangenen nicht überraſchte, oder vielmehr daß man ihn ſelbſt nicht überraſchte. „Ah, Du biſt hier!“ rief Coconnas,„ſprich, hat Dir der abſcheuliche Gouverneur ſeinen Beſuch gemacht?“ „Wie Dir, denke ich.“ „Und Dir Alles genommen?“ „Ebenfalls wie Dir.“ „Oh! mir, ich beſaß nicht viel, einen Ring von Henriette das war Alles.“ „Und baares Geld?“ „Ich hatte Alles, was ich beſaß, dem braven Ker⸗ kermeiſter gegeben, damit er uns dieſe Zuſammenkunft verſchaffte.“ „Ah, ah!“ ſprach La Mole,„es ſcheint, er empfängt aus zwei Händen.“ „Du haſt ihn alſo auch bezahlt?“ „Ich habe ihm hundert Thaler gegeben.“ „Deſto beſſer.“ 3„Deſto beſſer, daß unſer Kerkermeiſter ein Schuft iſ 2“ „Allerdings; man wird mit Geld Alles machen, was man nur immer will, und es wird uns hoffentlich nicht daran fehlen.“ „Sprich, begreifſt Du, was uns begegnet?“ „Vollkommen... Wir ſind verrathen worden.“ „Durch wen?“ „Durch den ſchändlichen Herzog von Alencon. Ich hatte Recht, daß ich ihm den Hals umdrehen wollte.“ „Und glaubſt Du, unſere Sache ſey von ernſter Bedeutung?“ „Ich denke.“ „Es iſt alſo die Folter zu befürchten?“ „Ich verberge Dir nicht, daß ich bereits daran ge⸗ dacht habe.“ „Und was wirſt Du ſagen, wenn es dazu kommt?“ „Und Du?“ „Ich werde ſchweigen,“ gntwortete La Mole mit einer fieberhaften Röthe. „Du wirſt ſchweigen?“ rief Coconnas. „Ja, wenn ich die Kraft dazu habe.“ „Wohl, ich aber,“ verſetzte Coconnas,„wenn man dieſe Schaͤndlichkeit gegen mich begeht, ſtehe Dir dafür, daß ich vtelerlei Dinge ſagen werde.“ „Was für Dinge?“ fragte La Mole lebhaft. „Oh! ſey ruhig! von jenen Dingen, welche Herrn von Alengon einige Zeit am Schlafen verhindern ſollen.“ La Mole wollte etwas erwiedern, als der Kerker⸗ meiſter, der ohne Zweifel ein Geräuſch gehört hatte, berbeilief, jeden von den zwei Freunden in ſein Zimmer ſtieß und die Thure hinter ihnen ſchloß. v. Die Wachoſigur. Seit acht Tagen war Karl an ſein Bett gefeſſelt; es hatte ſich ſeiner ein langſames Fieber bemächtigt, das von heftigen Anfällen unterbrochen wurde, welche eine große Aehnlichkeit mit epileptiſchen Erſcheinungen hatten. Während dieſer Anfälle ſtieß er zuweilen ein Gebrülle aus, das mit dem größten Schrecken die in ſeinem Vorzimmer aufgeſtellten Wachen hörten, während —— Ich nſter t?“ mit man Dir errn en.“ ker⸗ tte, mer elt; igt, lche gen ein in end — 71 die ſeit einiger Zeit durch ſo viel unheilvolles Geräuſch erweckten Echos des alten Louvre dasſelbe in ihren Tiefen wiederholten. Waren dieſe Anfälle vorüber, ſo ſank er völlig entkräftet, mit erloſchenem Auge, in die Arme ſei⸗ ner Amme zurück und beobachtete ein Stillſchweigen, deſſen Beweggrund ſich eben ſo wohl in der Verachtung, als im Schrecken ſuchen ließ. Wollte man ſagen, was jedes ſeiner Seits, ohne ihre Gefühle einander mitzutheilen,— denn die Mutter und der Sohn flohen ſich mehr, als ſie ſich ſuchten,— wollte man ſagen, was Catharina von Medicis und der Herzog von Alengon an finſteren Gedanken im Grunde ihres Innern umwälzten, ſo müßte man das häßliche Gewimmel eines Vipernneſtes zu ſchildern ſuchen. Heinrich war in ſeinem Zimmer eingeſchloſſen wor⸗ den und auf ſeine eigene Bitte an Karl hatte Niemand die Erlaubniß erhalten, ihn zu ſehen, ſelbſt Margarethe nicht ausgenommen: dieß war in den Augen von Allen eine völlige Ungnade. Catharina und Alengon alhmeten freier, denn ſie hielten ihn für verloren. Heinrich aß und trank ruhiger, denn er glaubte vergeſſen zu ſeyn. An dem Hofe ahnete Niemand die Urſache der Krankheit des Königs. Meiſter Ambroiſe Paré und Mazille, ſein College, hatten eine Magenentzündung er⸗ kannt, indem ſie ſich bei dem Reſultate über die Urſache täuſchten. Sie hatten deßhalb eine mildernde Behand⸗ lung vorgeſchrieben, was nur den von René angegebenen Trank unterſtützen konnte, welchen Karl dreimal des Tags als einzige Nahrung aus den Händen ſeiner Amme empfing. La Mole und Coconnas waren im ſtrengſten Ge⸗ wahrſam in Vincennes. Margarethe und Frau von Nevers machten zehn Verſuche, um zu ihnen zu dringen oder wenigſtens ihnen ein Billet zukommen zu laſſen, aber es gelang ihnen nicht. Eines Morgens, mitten unter ewigem Abwechſeln von Gut und Schlimm, ſühlte ſich Karl ein wenig beſſer 72 und gab Befehl, den ganzen Hof eintreten zu laſſen, der wie gewöhnlich, obgleich kein Lever ſtatthatte, je⸗ den Morgen ſich für das Lever einfand. Die Thüren wurden alſo geöffnet, und man konnte an der Bläſſe ſeiner Wangen, am Vergelben ſeiner elfenbeinernen Stirne, an der fieberhaften, aus ſeinen hohlen, von einem dun⸗ felblauen Kreiſe umgebenen, Augen hervorſpringenden Flamme ſehen, welche furchtbare Verheerungen bei dem jungen Monarchen rie unbekannte Krankheit angerichtet hatte, von der er befallen worden war. Das königliche Gemach war bald voll von Höflin⸗ gen, Neugierigen und Intereſſirten. Catharina, Alencon und Margarethe wurden unter⸗ richtet, daß Karl empfing. Alle drei traten in kurzen Zwiſchenräumen nach ein⸗ ander ein, Catharina ruhig, Alencon lächelnd, Marga⸗ rethe niedergeſchlagen. Catharina ſetzte ſich zu den Häupten ihres Sohnes, ohne den Blick zu bemerken, mit welchem dieſer ſie hatte nahe kommen ſehen. Alengon ſtellte ſich unten an das Bett.. Margarethe ſtützte ſich auf einen Schrank und konnte ſich, als ſie die bleiche Stirne, das abgemagerte Geſicht und die eingefallenen Augen ihres Bruders wahr⸗ nahm, eines Seufzers und einer Thräne nicht enthalten. Karl, dem nichts entging, ſah dieſe Thräne, hörte dieſen Seufzer und machte Margarethe ein unmerkliches Zeichen mit dem Kopfe. Dieſes Zeichen, ſo unmerklich es auch war, er⸗ hellte das Antlitz der armen Königin von Navarrg, der Heinrich etwas zu ſagen nicht die Zeit gehabt hatte, oder vielleicht ſogar nichts hatte ſagen wollen. Sie fürchtete für ihren Gemahl, ſie zitterte für ihren, Geliebten. Fur ſich ſelbſt fürchtete ſie nicht, ſie kannte La Mole zu gut und wußte, daß ſie auf ihn rechnen konnte. befin Mu „ich ſie 1 mir wöh brä: „we Die thur Au letz geſo nich Da ling ent ſſer en, je⸗ ren äſſe ne, un⸗ den em htet lin⸗ ter⸗ ein⸗ rga⸗ nes, atte und gerte ahr⸗ lten. hörte iches er⸗ arra, ehabt ollen. ihren Mole 73 „Nun, mein lieber Sohn,“ ſprach Catharina,„wie befindet Ihr Euch?“ „Beſſer, meine Mutter, beſſer.“ „Und was ſagen Eure Aerzte?“ „Meine Aerzte? oh! das find große Doctoren, meine Mutter,“ ſprach Karl in ein Gelächter ausbrechend; „ich geſtehe, es macht mir ungemein viel Vergnügen, ſie über meine Krankheit ſtreiten zu hören. Amme, gib mir zu trinken.“ Die Amme brachte Karl eine Taſſe von ſeinem ge⸗ wöhnlichen Tranke. „Was laſſen ſie Euch einehmen, mein Sohn?“ „Oh, Madame, wer verſteht etwas von ihrem Ge⸗ bräu?“ erwiederte Karl, gierig den Trank leerend. „Das Beſte für meinen Bruder wäre,“ ſprach Franz, „wenn er aufſtehen und die ſchöne Sonne benützen könnte. Die Jagd, die er ſo ſehr liebt, würde ihm gewiß wohl thun.“ „Ja,“ verſetzte Karl mit einem Lächeln, deſſen Ausdruck der Herzog unmöglich errathen konnte,„die letzte hat mir jedoch ſehr geſchadet.“ Karl hatte dieſe Worte auf eine ſo ſeltſame Weiſe geſagt, daß das Geſpräch, in welches ſich die Anweſenden nicht einen Augenblick gemiſcht hatten, hiebei ſtehen blieb. Dann machte er ein Zeichen mit dem Kopf; ſeine Höf⸗ linge verſtanden, daß der Empfang vorüber war, und entfernten ſich. Alencon machte eine Bewegung, um ſich ſeinem Bruder zu nähern, aber ein inneres Gefühl hielt ihn zurück; er verbeugte ſich und trat ab. Margarethe warf ſich auf die fleiſchloſe Hand ihres Bruders, drückte und küßte ſie, und ging ebenfalls weg⸗ „Gute Margot!“ murmelte Karl. Catharina allein blieb auf ihrem Platze. Als Karl ſich unter vier Augen mit ihr ſah, wich er in ſeinem Königin Margot. I. 6 74 Bette mit dem Gefühle des Schreckens rück, das uns vor einer Schlange zurückweichen macht. Unterrichtet durch die Geſtändniſſe von René, dann vielleicht mehr noch durch das Stillſchweigen und die Ueberlegung, hatte Karl nicht einmal mehr das Glück, zu zweifeln. Er wußte vollkommen, wem und was er ſeinen Tod zuzuſchreiben hatte. Als ſich Catharina dem Bette näherte und eine Hand, kalt wie ihr Blick, nach ihrem Sohne ausſtreckte, bebte dieſer und bekam bange. „Ihr bleibt, Madame?“ ſagte er zu ihr. „Ja, mein Sohn,“ antwortete Catharina,„ich habe mich über wichtige Dinge mit Euch zu unterreden.“ „Sprecht, Madame,“ erwiederte Karl, noch mehr zurückweichend. „Sire,“ ſagte die Königin,„ich habe Euch ſo eben verſichern hören, Euere Aerzte wären große Dyetoren.“ „Und ich verſichere es noch, Madame.“ „Was haben ſie jedoch gethan, Sire, ſeitdem Ihr krank ſeyd?“ „Nichts, das iſt wahr;. aber wenn Ihr gehört hättet, was ſie geſagt haben, in der That, Madame, man wünſcht krank zu ſeyn, nur um ſo gelehrte Diſſertativ⸗ nen zu hören.“ „Soll ich Euch etwas ſagen, mein Sohn?“ „Was denn? ſprecht, Madame.“ „Ich hege den Verdacht, daß dieſe großen Doctoren nichts von Euerer Krankheit verſtehen.“ „Wirklich, Madame!“ „Daß ſie vielleicht ein Reſultat ſehen, daß ihnen aber die Urſache entgeht.“ „Das iſt möglich,“ ſprach Karl, welcher nicht be⸗ griff, wohin ſeine Mutter abzielte. „So, daß ſie das Symptom behandeln, ſtatt das Vebel zu behandeln.“ „1 Un ful Me heil fun wif * gefe eine d dave Rac Karl ſeine Witt s uns dann d die ck, zu ſeinen Hand, bebte habe mehr eben ren.“ Ihr ättet, man atio⸗ toren aber be⸗ das 5 5 75 „Bei meiher Seele,“ verſetzte Karl erſtaunt,„ich glaube, Ihr habt Recht, meine Mutter.“ „Wohl, mein Sohn, da es weder für mein Hetz, noch für das Wohl des Staates taugt, daß Ihr ſo lange krank ſeyd, inſofern die moraliſche Kraft bei Euch darunter leiden könnte, ſo verſammelte ich die ausge⸗ zeichnetſten Doctoren.„ „In der Kunſt der Aerzte, Madame?“ „Nein, in einer tieferen Kunſt, welche nicht allein⸗ in den Leibern, ſondern auch in den Herzen zu leſen⸗ geſtattet.“ „Ah! eine ſchöne Kunſt, Madame,“ ſprach Karl, „man hat Recht, die Könige nicht darin zu unterrichten. Und Euere Nachforſchungen haben ein Reſultat gehabt?“ fuhr er fort. „Welches?“ „Das von mir gehoffte; und ich bringe Eurer Majeſtät das Mittel, das ihren Körper und ihren Geiſt heilen ſoll.“ Karl bebte. Er glaubte, ſeine Mutter hätte ge⸗ funden, er ſterbe noch zu langſam, und deshalb beſchloſſen, wiſſentlich zu vollenden, was ſie ohne es zu wiſſen an⸗ gefangen hatte. „Und wo iſt dieſes Mittel?“ ſprach Karl, ſich auf einen Ellenbogen erhebend und ſeine Mutter anſchauend. „Es liegt in dem Uebel ſelbſt, antwortete Catharina. „Wo iſt denn das Uebel?“ „Merkt wohl auf, mein Sohn. Habt Ihr zuweilen davon ſprechen hören, daß es geheime Feinde gibt, deren Rache aus der Ferne das Opfer tödtet?“ „Durch das Eiſen oder urch das Gift?“ fragte Karl, ohne einen Augenblick das unempfindliche Geſicht ſeiner Mutter aus dem Blicke zu verlieren. „Nein, durch viel ſicherere, durch viel ſchrecklichere Mittel.“ „Erklärt Euch.“ 76 „Mein Sohn,“ fragte die Florentinerin,„glaubt Ihr an die Werke der Kabala und der Magie?“ Karl unterdrückte ein Lächeln der Verachtung und des Unglaubens und ſagte: „Sehr.“ „Nun wohl,“ ſprach Catharina lebhaft,„daher kommen Euere Leiden. Ein Feind Euerer Majeſtät, der es nicht gewagt hätte, Euch in das Geſicht anzu⸗ greifen, hat in der Finſterniß conſpirirt. Er hat gegen die Perſon Euerer Majeſtät eine um ſo furchtbarere Con⸗ ſpiration gerichtet, als er keine Genoſſen hatte, und als die geheimnißvollen Fäden dieſer Conſpiration un⸗ faßbar waren.“ „Oh, oh!“ ſprach Karl empört über ſo viel Unver⸗ ſchämtheit. „Sucht wohl, mein Sohn,“ verſetzte Catharina; verinnert Euch gewiſſer Entweichungsverſuche, welche dem Mörder die Strafloſigkeit ſichern ſollten.“ „Dem Mörder!“ rief Karl,„dem Mörder! man hat es alſo verſucht, mich umzubringen, meine Mutter?“ Das Katzenauge von Catharina rollte heuchleriſch unter dem gefaltenen Augenliede hin und her. „Ja, mein Sohn; Ihr zweifelt vielleicht daran,⸗ aber ich, ich habe die Gewißheit erlangt.“ „Ich zweifle nie an dem, was Ihr ſagt,“ antwor⸗ tete der König bit er.„Und wie hat man es verſucht, mich zu tödten, ich bin neugierig, dieß zu erfahren?“ „Durch die Magie, mein Sohn.“ „Erklärt Euch, Madame,“ verſetzte Karl, ſeine Beobachterrolle wieder aufnehmend. „Wenn es dem Verſchwörer, den ich bezeichnen will, und den Eure Majeſtät bereits im Grunde ihres Herzens bezeichnet hat, zu entkommen gelungen wäre, ſo würde Niemand die Urſache der Leiden Eurer Ma⸗ jeſtät durchdrungen haben: aber glücklicher Weiſe, Sire, wachte Euer Bruder über Euch.“ „Welcher Bruder?“ fragte Karl. wer ſo1 Gel Oh „ſch laubt und daher eſtät, anzu⸗ gegen Con⸗ und n un⸗ nver⸗ rina; dem man er? eriſch aran, twor⸗ ucht, 12 2 ſeine hnen hres äre, Ma⸗ Sire, 77 „Euer Bruder Alencon.“ „Ah! ja, das iſt wahr. Ich vergeſſe ſtets, daß ich einen Bruder habe,“ murmelte er bitter lachend. „Und Ihr ſagt, Madame...“ „Daß er glücklicher Weiſe die materielle Seite der Verſchwörung gegen Eure Majeſtät entdeckt habe. Aber während er, das unerfahrene Kind, nur die Spuren eines gewöhnlichen Complottes, nur die Beweiſe für den beabſichtigten Streich des jungen Mannes ſuchte, ſuchte ich Beweiſe von einer viel ernſteren Thätigkeit, denn ich kenne das Gewicht des Geiſtes dieſes Schuldi⸗ en. „Oh! man ſollte glauben, meine Mutter, Ihr ſprächet von dem König von Navarra,“ ſagte Karl, welcher wiſſen wollte, wie weit die florentiniſche Ver⸗ ſtellung gehen würde. Catharina ſchlug heuchleriſch die Augen nieder. „Ich habe ihn verhaften und wegen des fraglichen Streiches nach Vincennes führen laſſen,“ fuhr der König fort.„Sollte er ſchuldiger ſeyn, als ich vermuthe?“ „Fühlt Ihr das Fieber, das Euch verzehrt?“ fragte Catharina. „Ja, gewiß, Madame,“ erwiederte Karl die Stirne faltend. „Fühlt Ihr die brennende Hitze, die Euer Herz und Eure Eingeweide zernagt?“ „Ja, Madame,“ antwortete Karl immer finſterer werdend. „Und die ſcharfen Kopfſchmerzen, welche wie eben ſo viele Pfeile durch Eure Augen fahren, um in Euer Gehirn zu gelangen?“ „Ja, ja, Madame. Oh! ich fühle Alles dieß. Oh! Ihr wißt mein Uebel gut zu beſchreiben.“ „Das iſt ganz einfach,“ verſetzte die Florentinerin, „ſchaut.„ Und ſie zog unter ihrem Mantel einen Gegenſtan hervor und reichte ihn dem König. 78 Es war eine ungefähr zehn Zoll hohe Figur von gelblichem Wachs. Dieſe Figur war zuerſt mit einem von Gold funkelnden Kleide von Wachs, wie die Figu⸗ rine ſelbſt, und dann mit einem Königsmantel von dem⸗ ſelben Stoffe angethan. „Nun,“ fragte Karl,„was ſoll dieſe kleine Statue bedeuten?“ „Seht, was ſie auf dem Kopfe hat,“ ſprach Ca⸗ tharina. „Eine Krone,“ autwortete Karl „Und im Herzen?“ „Eine Nadel. Nun?“ „Nun, Sire, erkennt Ihr Euch?“ „Mich?“ „Ja, Euch, mit Eurer Krone, mit Eurem Mantel.“ „Und wer hat dieſe Figur gemacht?“ ſprach Karl, den die Komödie ermüdete.„Der König von Navarra ohne Zweifel?“ „Neir, Sire.“ „Nicht?.... Dann verſtehe ich Euch nicht.“ „Ich ſage nein,“ verſetzte Catharina,„weil ſich Eure Majeſtät an die ſtrenge Thatſache halten könnte. Ich würde ja geſagt haben wenn mir Eure Majeſtät die Frage auf eine andere Weiſe vorgelegt hätte.“ Karl antwortete nicht; er ſuchte alle Gedanken dieſer finſtern Seele zu durchdringen, welche ſich in dem Augen⸗ blicke für ihn verſchloß, wo er ſich nahe daran glaubte, darin leſen zu können. „Sire,“ fuhr Catharina fort,„dieſe Statue iſt durch die Sorge Eures Herrn Staatsanwaltes Laguesle in der Wohnung des Mannes aufgefunden worden, der an dem Tage der Falkenjagd ein Handpferd für den König von Navarra bereit hielt.“ „Bei Herrn de La Mole?“ ſprach der König. „Bei ihm ſelhſt. Schaut, wenn es Euch gefällt, noch einmal die ſtählerne Nadel an, die das Herz durch⸗ ſtö me gle von inem igu⸗ dem⸗ tatue Ca⸗ Karl, arra ſich nnte. jeſtät ieſer igen⸗ ubte, e iſt le in ran önig fällt, urch⸗ 79 vringt, und ſeht, welcher Buchſtabe auf die Etiquette geſchrieben iſt, die ſie trägt.“ „Ich ſehe ein M.“ „Das heißt Mors, der Tod; es iſt dieß die ma⸗ giſche Formel, Sire. Der Erfinder ſchreibt ſo ſeinen Wunſch auf die Wunde, die er gräbt. Wollte er ſein Opfer mit Wahnſinn ſchlagen, ſo hätte er, wie dieß der Herzog von Bretagne bei Karl V. that, die Nadel in den Kopf geſtochen und ein F(Furor, Wahnſinn) ſtatt eines M. geſetzt.“ „Eurer Meinung nach,“ ſprach Karl IX.,„iſt alſo derjenige, welcher nach meinem Leben trachtet, Herr de La Mole?“ „Ja, wie der Dolch nach dem Heczen trachtet; aber hinter dem Dolche iſt der Arm, der ihn ſtößt.“ „Das iſt alſo die ganze Urſache des Uebels, an welchem ich leide? Und wie ſoll man ſich dabei be⸗ nehmen?“ fragte Karl.„Ihr wißt es, Ihr, meine gute Mutter; aber ich, gerade das Gegentheil von Euch, die Ihr Euch Euer ganzes Leben damit abgegeben habt, ich bin ſehr unwiſſend in der Kabbala und in der Magie.“ „Der Tod des Erfinders bricht den Zauber, das iſt das Ganze. An dem Tage, an welchem der Zauber zer⸗ ſtört wird, hört auch das Uebel auſ,“ ſprach Catharina. „Wirklich?“ rief Karl mit erſtaunter Miene. „Wie? Ihr wißt das nicht?“ „Verdammt! ich bin kein Zauberer.“ „Wohl, Eure Majeſtät iſt voch nun überzeugt?“ „Gewiß.“ „Und die Ueberzeugung wird die Ungewißheit vertreiben?“ „Ihr ſagt das nicht aus Artigkeit?“ „Nein, meine Mutter, es kommt aus dem Grunde meines Herzens.“ Das Geſicht von Catharina erheiterte ſich. „Gott ſey gelobt!“ rief ſie, als ob ſie an Gott ge⸗ glaubt hätte. 5 „Ich weiß nun, von wem mein Zuſtand herrührt, und wen ich folglich zu beſtrafen habe.“ „Und wir werden ſtrafen... „Herrn de La Mole; habt Ihr nicht geſagt, er wäre der Schuldige?“ „Ich habe geſagt, er wäre das Werkzeug.“ „Wohl,“ ſprach Karl, zuerſt Herrn de La Mole; das iſt das Wichtigſte. Alle die Kriſen, von denen ich befallen bin, können gefährlichen Verdacht um uns her erwecken. Es iſt dringend, daß es Licht werde, und bei dem Glanze, den dieſes Licht von ſich gibt, wird ſich die Wahrheit enthüllen.“ „Alſo Herr de La Mole?... „Sagt mir vortrefflich als Schuldiger zu; ich nehme ihn an. Beginnen wir bei ihm, und wenn er einen Ge⸗ noſſen hat, ſo wird er ſprechen.“ „Ja,“ murmelte Catharina,„wenn er nicht ſpricht, ſo wird man ihn ſprechen machen. Wir haben untrüg⸗ liche Mittel hiezu.“ Dann fügte ſie aufſtehend laut bei: „Ihr erlaubt doch, Sire, daß das Verhör beginnt?“ „Ich wünſche es, Madame; je eher, deſto beſſer.“ Catharina drückte ihrem Sohne die Hand, ohne das Nervenzucken zu begreifen, das dieſe Hand bewegte, wäh⸗ end ſie die ihrige drückte, und verließ das Zimmer, eben⸗ falls vhne das ſardvniſche Lachendes Königs und die furchtbare, dumpfe Verwünſchung zu hören, die auf dieſes Lachen folgte. Der König fragte ſich, ob keine Gefahr dabei wäre, wenn man dieſe Frau gehen ließe, welche in einigen Stunden vielleicht ſo viel Arbeit machen würde, daß es am Ende nicht mehr möglich wäre, Einhalt zu thun. In dieſem Augenblicke, da er nach dem hinter Ca⸗ tharina herabfallenden Thürvorhang ſchaute, hörte er ein leichtes Kniſtern hinter ſich, und ſich umwendend gewahrte er Margarethe, welche den Vorhang aufhob, der vor dem zu der Amme führenden Gange angebracht war. Mar⸗ „Ja, Gott ſey gelobt!“ wiederholte Karl ironiſch. bet me ſetz unt täu von als in alſo Bat rich. oniſch. „ und wäre Nole; nich her d bei h die ehme Ge⸗ richt, er.“ das väh⸗ ben⸗ are, gte. äre, gen am Ca⸗ ein rte em ar⸗ —————————— 81 gatethe, deren Bläſſe, deren ſtarre Augen und unterbrückter Athem die heftigſte Aufregung andeuteten. „Oh, Sire, Sire!“ rief Margarethe, nach dem Bette ₰ ihres Bruders ſtürzend,„Ihr wißt wohl, daß ſie lügt!“ „Wer, ſie?“ fragte Karl. „Hört, Karl, es iſt allerdings furchtbar, ſeine Mutter anzuklagen; aber ich vermuthete, ſie würde bei Euch bleiben, um ſie noch mehr zu verfolgen. Doch bei meinem Leben, bei Eurem Leben, bei unſern beiden Seelen ſage ich Euch, daß ſie lügt!“ „Sie verfolgen!... Wen verfolgt ſie?“ Beide ſprachen aus Inſtinkt leiſe; man hätte glau⸗ ben ſollen, ſie befürchteten ſich ſelbſt zu hören. „Zuerſt Euern Henriot, der Euch liebt, der Euch mehr ergeben iſt, als irgend Jemand in der Welt.“ „Du glaubſt es, Margot?“ ſprach Karl. „Oh, Sire, ich bin deſſen gewiß.“ „Ich auch.“ „Wenn Ihr deſſen gewiß ſeyd, mein Bruder,“ ver⸗ ſetzte Margarethe erſtaunt,„warum habt Ihr ihn verhaften und nach Vingennes bringen laſſen?“ „Weil er mich ſelbſt darum gebeten hat.“ „Er hat Euch darum gebeten, Sire?“ „Ja, Henriot hat ſonderbare Anſichten. Vielleicht täuſcht er ſich, vielleicht hat er Recht; aber es iſt eine von ſeinen Anſichten, er ſey ſicherer in meiner Ungnade, als in meiner Gunſt, ferne von mir, als in meiner Nähe, in Vincennes, als im Louvre.“ „Ahl ich begreife,“ ſprach Margarethe;„und er iſt alſo in Sicherheit?“ „So ſehr, als es ein Menſch ſeyn kann, für den mir Baulien mit ſeinem Kopfe bürgt.“ „Oh, ich danke, mein Bruder; ſo viel für Hein⸗ rich. Aber. „Was aber?“ fragte Karl. „Aber es gibt noch eine andere Perſon, für die ich 82 mich vielleicht mit Unrecht intereſſire, doch ich intereſſire mich einmal „Und wer iſt dieſe Perſon?“ „Sire, erſpart mir... ich würde es kaum wagen, ſie meinem Bruder zu nennen, und wage es vollends nicht, ihren Namen vor dem König auszuſprechen.“ „Herr de La Mole, nicht wahr?“ „Ach! Ihr wolltet ihn einſt tödten, Sire, und er iſt nur durch ein Wunder Eurer königlichen Rache ent⸗ gangen.“ „Und zwar, Margarethe, als er eines einzigen Ver⸗ brechens ſchuldig war. Nun aber, da er zwei begangen „Sire, er iſt des zweiten nicht ſchuldig.“ „Haſt Du denn nicht gehört, was unſere gute Mutter geſprochen hat, arme Margot?“ „Oh, ich ſagte Euch ja bereits, Karl,“ verſetzte Mar⸗ garethe, die Stimme dämpfend,„ich ſagte Euch, daß ſie gelogen hat.“ „Ihr wißt vielleicht nicht, daß eine Wachsfigur vor⸗ handen iſt, welche bei Herrn de La Mole mit Beſchlag belegt wurde.“ „Doch, mein Bruder, ich weiß es.“ „Daß dieſe Figur am Herzen mit einer Nadel durchbohrt iſt, und daß die Nadel, welche ſie ſo ver⸗ wundet, ein Fähnchen mit einem M trägt?“ „Ich weiß es ebenfalls.“ „Daß dieſe Figur einen Königsmantel auf den Schultern und eine Königskrone auf dem Haupte hat?“ „Ich weiß Alles dies.“ „Was habt Ihr dann zu ſagen?“ „Daß dieſe kleine Figur, welche einen Königsmantel auf den Schultern und eine Königskrone auf dem Haupte trägt, eine Frau und nicht einen Mann darſtellt.“ „Bah!“ rief Karl,„und die Nadel, die das Herz durchdringt?“ „Iſt ein Zauber, um ſich von dieſer Frau geliebt zu zu ge we au dr eit ha Ha mi klä zu dac un reſſire aen, llends 7. er iſt ent⸗ Ver⸗ angen lutter Mar⸗ aß ſie vor⸗ ſchlag Nadel ver⸗ den at?“ antel upte Herz liebt 83 zu machen, und keine Bosheit, um einen Mann ſterben zu laſſen.“ „Aber der Buchſtabe M?“ „Bedeutet nicht Mors, wie die Königin Mufter geſagt hat.“ „Waos bedeutet er denn ſonſt?“ „Er bedeutet. er bedeutet den Namen ber Frau, welche Herr de La Mole liebt.“ „Und dieſe Frau heißt?“ „Dieſe Frau heißt: Margarethe,“ ſprach die Königin von Navarra, fiel vor dem Bette des Königs auf die Kniee, nahm ſeine Hand in die ihrigen und drückte ihr in Thränen gebadetes Geſicht auf dieſe Hand. „Stille, meine Schweſter,“ ſprach Karl und ließ einen unter der gefallenen Stirne hervorfunfelnden Blick um ſich herlaufen;„denn wie Ihr uns gehört habt, eben ſo könnte man Euch hören.“ „Ob, was liegt mir daran!“ rief Margarethe das Haupt erhebend.„Warum iſt nicht die ganze Weltda, um mich zu hören! Vor der ganzen Welt würde ich er⸗ klären, daß es ſchändlich iſt, die Liebe eines Edelmannes zu mißbrauchen, um ſeinen Ruf mit einem Mordver⸗ dachte zu beflecken.“ „Margot, wenn ich Dir ſagte, daß ich ſo gut wie Du weiß, was iſt und was nicht iſt.“ „Mein Bruder!“ „Wenn ich Dir ſagte, daß Herr de La Mole unſchuldig iſt.“ „Ihr wißt...“ „Wenn icht Dir ſagte, daß ich den wahren Schul⸗ digen kenne.“ „Den wahren Schuldigen!“ rief Margarethe;„es iſt alſo ein Verbrechen begangen worden?“ „Ja, frewillig oder unfreiwillig, es iſt ein Ver⸗ brechen begangen worden.“ „An Euch?“ 84 „An mir.“ „Unmöglich!“ „Unmöglich?. Schau mich an, Margot.“ Die junge Frau ſchaute ihren Bruder an und bebte, als ſie ihn ſo bleich ſah. „Margot, ich habe keine drei Monate mehr zu leben,“ ſprach Karl. „Ihr, mein Bruder! Du, mein Karl!“ rief ſie. „Margot, ich bin vergiftet.“ Die Königin ſtieß einen Schrei aus. „Schweige doch!“ ſagte Karl;„man muß glauben, ich ſterbe durch Magie.“ „Und Ihr kennt den Schuldigen?“ „Ich kenne ihn.“ „Ihr habt geſagt, es wäre nicht La Mole.“ „Nein, er iſt es nicht.“ „Es iſt ſicherlich auch nicht Heinrich.“ „Mein.“ „Großer Gott! wäre es? „Wer?“ „Mein Bruder,.. Alengon.. murmelte Mar⸗ garethe. „Vielleicht.“ „Oder gar,.. oder gar. Margarethe dämpfte abermals die Stimme, als wäre ſie ſelbſt über das er⸗ ſchrocken, was ſie ſagen wollte,„oder gar unſere Mutter?“ Karl ſchwieg. Margarethe ſchaute ihn an, las in ſeinem Blicke Alles, was ſie darin ſuchte, und fiel immer noch auf den Knieen und halb zurückgebeugt auf einen Stuhl. „Oh, mein Gott, mein Gett!“ murmelte ſie,„das iſt unmöglich!“ „Unmöglich!“ ſprach Karl mit einem ſcharfen Lachen, „es ärgert mich, daß René nicht hier iſt, er würde Dir meine Geſchichte erzählen.“ „Er? René?“ und hr zu uben, Nar⸗ pfte r⸗ ſere licke auf uhl. das hen, Dir 85 „Ja, er würde Dir zum Beiſpiel erzählen, daß ihn eine Frau, der er nichts zu verweigern wagt, um ein Jagdbuch gebeten hat, welches in ſeiner Bibliothek ver⸗ ſteckt war; daß ein feines Gift auf jedes Blatt dieſes Buches gegoſſen worden iſt; daß das Gift für irgend Jemand, ich weiß nicht für wen beſtimmt, durch eine Laune des Zufalls oder durch eine Strafe des Himmels auf eine andere Perſon gefallen iſt, als auf diejenige, für welche es beſtimmt war. Wenn Du indeſſen, in Abweſenheit von René, das Buch ſehen willſt, es iſt dort in meinem Cabinet, und Du wirſt von der Schrift des Florentiners finden, daß dieſes Buch, welches in ſeinen Blättern den Tod von noch zwanzig Perſonen enthält, von ſeiner Hand ſeiner Landsmännin gegeben wurde.“ „Stille, Karl, ebenfalls ſtille,“ ſprach Margarethe. „Du ſiehſt nun wohl ein, daß man glauben muß, ich ſterbe an Magie.“ „Aber das iſt ungerecht, das iſt ſchändlich! Gnade! Gnade! Ihr wißt wohl, daß er unſchuldig iſt.“ „Ich weiß es, aber man muß ihn für ſchuldig halten. Erdulde den Tod Deines Geliebten; es iſt dies wenig, um die Ehre des Hauſes Frankreich zu reiten. Ich erdulde den Todſ, damit das Geheimniß mit mir ſterbe!“ Margarethe beugte das Haupt, denn ſie begriff, daß zur Rettung von La Mole bei dem König nichts mehr zu machen war, und entfernte ſich weinend und ohne auf etwas Anderes zu hoffen, gls auf ihre eigenen Mittel.* Während dieſer Zeit verlor Catharina, wie es Karl vorher geſehen hatte, keine Minute, und ſie ſchrieb an den Staatsprocurator Laguesle einen Brief, von dem die Geſchichte auch das geringſte Wort aufbewahrt hat, einen Brief, der ein blutiges Licht auf dieſe ganze Be⸗ gebenheit wirft. 86 „Herr Procurator! Dieſen Abend ſagt man mir als gewiß, daß La Mole ein Sacrilegium begangen hat. In ſeiner Wohnung in Paris hat man viele ab⸗ ſcheuliche Dinge, wie Bücher und Papiere, ge⸗ funden. Ich bitte Euch, den erſten Präſidenten zu rufen, und ſo ſchnell als möglich einen Prozeß einzuleiten, die Angelegenheit der Wachsſigur be⸗ treffend, der ſie einen Stich in das Herz gegeben haben, und zwar gegen den König.*) Catharing. VIII. Die unſichtbaren Schilde. Am Tage, nachdem Catharina den Brief geſchrieben hatte, der ſo eben dem Leſer vor Augen lag, trat der Gouverneur mit ſehr impoſanter Begleitung bei Co⸗ connas ein; ſie beſtand aus zwei Hellebardieren und vier Schwarzröcken.. Coconnas wurde aufgefordert, in einen Saal hinab⸗ zugehen, wo ihn der Procurator Laguesle und zwei Richter erwarteten, um ihn nach dem Befehle vor Catharina zu verhören. Während der acht Tage, die er im Gefängniß zuge⸗ bracht, hatte Coconnas viel nachgedacht, abgeſehen davon, daß jeden Tag La Mole und er, einen Augenblick durch die Sorge des Kerkermeiſters vereinigt, der ihnen, ohne ihnen et⸗ was davon zu ſagen, dieſe Ueberraſchung bereitet hatte, welche ſie ohne Zweifel nicht allein ſeiner Menſchenfreundlichkeit ver⸗ dankten, abgeſehen davon, ſagen wir, daß La Mole und er mit einander das Benehmen überlegt hatten, welches ſie verfolgen *) Wortgetren. 6 daß In a⸗ „ ge⸗ enten rozeß r be⸗ geben eben der Co⸗ und nab⸗ hter zu uge⸗ von, die net⸗ che ver⸗ mit 5 gen 87 ſollten, und das in einem völligen Leugnen beſtand. Er war alſo überzeugt, daß mit einiger Gewandtheit ſeine Sache die beſte Wendung nehmen würde. Die Anklagen waren nicht ſtärker gegen ihn und ſeinen Freund, als gegen die Andern. Heinrich und Margarethe hatten feinen Flucht⸗ verſuch gemacht; ſie konnten alſo in einer Angelegenheit nicht gefahrdet ſeyn, wo die Hauptſchuldigen frei waren. Coconnas wußte nicht, daß Heinrich daſſelbe Schloß be⸗ wohnte wie er, und er erfuhr durch die Gefälligkeit ſeines Kerkermeiſters, daß über ſeinem Haupte Proteetionen ſchwebten, die er ſeine unſichtbaren Schilde nannte. Bis jetzt hatten ſich die Verhöre auf die Pläͤne des Königs von Navarra, auf die Fluchtverſuche und auf den Antheil bezogen, den die zwei Freunde daran nehmen ſollten. Coconnas hatte beſtändig auf eine mehr als unbeſtimmte und mehr als gewandte Weiſe geantwortet. Er ſchickte ſich an, auf dieſelbe Weiſe zu antworten und er bereitete zum Voraus alle feine Erwiederungen vor, als er wahrnahm, daß das Verhörplötzlich den Gegenſtand änderte. Es handelte ſich um einen oder mehrere Beſuche, welche bei René gemacht, um eine oder mehrere Wachs⸗ figuren, welche auf Antrieb von La Mole verfertigt worden ſeyn ſollten. Wie ſehr Coconnas auch vorbereitet war, ſo glaubte er doch zu bemerken, daß die Anklage viel von ihrer Intenſität verlor, da es ſich, ſtatt von einem Verrath an einem König, von der Verfertignng der Statue einer Kö⸗ nigin handelte, überdies von einer höchſtens acht bis zehn Zoll hohen Statue. Er antwortete daher ſehr heiter, daß weder er noch ſein Freund mehr mit Puppen ſpielten, und bemerkte mit Vergnügen, daß wiederholt ſeine Antworten ein Gelächter zur Folge hatten. Man hatte noch nicht, wie der Vers, geſagt: Ich habe gelacht und bin nun entwaffnet; aber dies war bereits viel in Proſa, und Coconnas glaubte ſeine Richter entwaffnet zu haben, weil ſie gelächelt hatten. — 88 Als ſein Verhör beendigt war, ſtieg er ſo ſingend, ſo geräuſchvoll in ſein Zimmer hinauf, daß La Mole für den er dieſen Lärmen machte, die glücklichſten Schlüſſe daraus ziehen mußte. Man ließ dieſen ebenfalls herabkommen. La Mole ſah wie Coconnas mit Erſtaunen, daß die Anklage von ihrem erſten Wege abging und einen neuen Pfad ein⸗ ſchlug. Man befragte ihn über ſeine Beſuche bei René. Er antwortete, er wäre nur einmal bei dem Florentiner geweſen. Man fragte ihn, ob er dieſes Mal nicht eine Wachsſigur beſtellt hätte? Er autwortete, René habe ihm dieſe Figur ganz fertig gezeigt. Man fragte ihn, ob die Figur nicht einen Mann darſtellte. Er antwortete, ſie ſtellte eine Frau dar. Man fragte ihn, ob der Zauber nicht zum Zwecke hätte, den Tod dieſes Mannes zu be⸗ wirken? Er antwortete, der Zweck des Zaubers wäre, ſich von dieſer Frau geliebt zu machen. Dieſe Fragen wurden gemacht und auf hunderterlei Arten gedreht und umgedreht. Aber auf alle dieſe Fragen, auf welche Weiſe man ſie auch ſtellte, gab La Mole be⸗ ſtändig dieſelben Antworten. ———— Die Richter ſchauten ſich mit einer gewiſſen Unent⸗ ſchloſſenheit an, denn ſie wußten nicht, was ſie vor einer ſolchen Einfachheit thun oder ſagen ſollten, als ein dem Staatsprocurator überbrachtes Billet die Schwierigkeit mitten durchſchnitt. Es war in folgenden Worten abgefaßt: „Wenn der Angeklagte leugnet, ſchreitet zur pein⸗ lichen Frage. Der Procurator ſteckte das Billet in ſeine Taſche, lächelte La Mole zu und entließ ihn freundlich. be Bi daf we kän ſo die er Er ſter theu ſie er n mon wir zurü ſo v fürc kiſſer und iſt u und nend der, die H mals Kön ngend, Mole chlüſſe Mole e von ein⸗ René. ntiner t eine habe ihn, rtete, auber u be⸗ wäre, terlei agen, e be⸗ nent⸗ einer dem gkeit ein⸗ ſche, 89 La Mole kehrte in ſeinen Kerker, wenn auch nicht ebenſo beruhigt, doch beinahe eben ſo heiter als Coconnas zurück. „Ich glaube, es geht Alles gut,“ ſagte er. Eine Stunde nachher hörte er Tritte und ſah ein Billet, das unter der Thüre durchgeſchoben wurde, ohne daß er die Hand wahrnehmen konnte, die ihm dieſe Be⸗ wegung gab. Er nahm es und dachte, die Depeche käme aller Wahrſcheinlichkeit nach vom Kerkermeiſter. Als er das Billet ſah, erfaßte eine Hoffnung, beinahe ſo ſchmerzlich wie eine Tänſchung, ſein Herz. Er hoffte, dieſes Billet wäre von Margarethe, von der er, ſeitdem er im Gefängniß ſaß, keine Nachricht erhalten hatte. Er ergriff es zitternd, die Handſchrift hätte ihn beinahe ſterben gemacht. „Muth,“ ſagte das Billet„„ich wache.“ „Oh!“ rief La Mole, dieſes Papier, das eine ſo theure Hand berührt hatte, mit Küſſen bedeckend,„wenn ſie wacht, bin ich gerettet!“ Damit La Mole dieſes Billet begreife, und damit er mit Coconnas Glauben zu dem habe, was der Pie⸗ monteſe ſeine unſichtbaren S childe nannte, müſſen wir den Leſer in das kleine Haus, in das kleine Zimmer zurückführen, wo ſo viele kaum verdunſtete Wohlgerüche, ſo viele ſüße Erinnerungen, ſeitdem zu Leiden und Be⸗ fürchtungen geworden, das Herz einer halb auf Sammet⸗ kiſſen zurückgeworfenenen Frau brachen. „Königin ſeyn, ſtark ſeyn, jung ſeyn, ſchön ſeyn und leiden, was ich leide!“ rief dieſe Frau,„oh, das iſt unmöglich!“ Dann ſtand ſie auf in ihrer Bewegtheit, ging hin und her, blieb plötzlich ſtille ſtehen, ſtützte ihre bren⸗ nende Stirne an einen eiſigen Marmor, erhob ſich wie⸗ der, bleich und das Geſicht mit Thränen bedeckt, rang die Hände unter ſchmerzlichen Ausrufungen und fiel aber⸗ mals wie gebrochen in ihren Lehnſtuhl zurück. Plötzlich hob ſich der Thürvorhang, der die Woh⸗ Königin Margot. IlI. 7 —.——— nung der Rue Cloche⸗Percée von der Wohnung der Rue Tiſon trennte. Ein ſeidenes Kniſtern ſtreifte an der Wand hin, und die Herzogin von Nevers erſchien. ſ „Oh!“ rief Margarethe,„Du biſt es! Mit welcher Ungeduld erwartete ich Dich. Laß hören! welche Kunde haſt Du?“ „Schlimme, ſchlimme, meine arme Freundin. Ca⸗ tharina betreibt ſelbſt das Verhör und befindet ſich noch in dieſem Augenblick in Vincennes.“ 3 „Und René?“ 3 „Er iſt verhaftet.“ „Ehe Du ihn haſt ſprechen können?“ at dr „Und unſere lieben Gefangenen?“ „Ich habe Nachricht von ihnen.“ „Durch den Kerkermeiſter?“ „Allerdings.“ „Nun?“ 7 „Sie ſprechen ſich jeden Tag. Vorgeſtern hat man ſie durchſucht. La Mole zerbrach lieber Dein Porträt, ihr als daß er es ausgeliefert hätte.“ „Der liebe La Mole.“ „Annibal hat den Ingquiſitoren in das Geſicht gelacht.“ „Guter Annibal! Aber hernach?“ „Man befragte ſie dieſen Morgen über die Flucht des Königs, über ſeine Pläne in Beziehung auf einen Aufruhr in Navarra, und ſie haben nichts geſagt.“ „Oh! ich wußte wohl, daß ſie ſchweigen würden. Aber dieſes Schweigen tödtet ſie wohl ebenſo gut, als wenn ſie ſprächen.“ ang „Ja, aber wir retten ſie.“ über „Du haſt alſo an unſer Unternehmen gedacht?“ dari „Ich habe mich ſeit geſtern mit nichts Anderem wür: „Der Vertrag iſt mit Beaulien abgeſchloſſen Ah! meine liebe Königin, was für ein ſchwer zugänglicher, verka ng der fte an chien. welcher Kunde Ca⸗ h noch t man rträt, acht.“ Flucht einen „ irden. „als em Ah! icher, 91 gieriger Mann das iſt! Es koſtet das Leben eines Men⸗ ſchen und dreimal hunderttauſend Goldthaler.“ „Du nennſt ihn einen ſchwer zugänglichen, gierigen Mann, und er verlangt nicht mehr als das Leben eines Menſchen und dreimal hunderttauſend Thaler?. Das iſt ja nichts!“ „Nichts? dreimal hunderttauſend Thaler! Alle Deine Juwelen und die meinigen werden nicht dazu hinreichen.“ „Oh, das iſt gleichgültig. Der König von Navarra wird bezahlen; der Herzog von Alengon wird bezahlen; mein Bruder Karl wird bezahlen; und wenn nicht....“ „Du ſprichſt, wie eine Verrückte. Ich habe die dreimal hunderttauſend Thaler.“ „Du?“ „Ja, ich.“ „Und wie haſt Du ſie Dir verſchafft? Iſt es ein Geheimniß?“ „Für Jedermann, nur für Dich nicht.“ „Oh, mein Gott!“ ſprach Margarethe, mitten unter ihren Thränen lächelnd,„ſollteſt Du ſie geſtohlen haben?“ „Urtheile ſelbſt.“ „Sprich.“ „Erinnerſt Du Dich des furchtbaren Nantvuillet?“ „Des reichen Kauzes, des Wucherers?“ „Wenn Du willſt.“ „Nun?“ „Als er eines Tags eine gewiſſe blonde Fran mit grünen Augen, geſchmuͤckt mit drei Rubinen, von denen der eine auf der Stirne, die andern zwei auf den Schläfen angebracht waren, ein Kopfputz, der ihr ſo gut ſtand, vor⸗ übergehen ſah und nicht wußte, daß es eine Herzogin war, da rief dieſer reiche Kauz, dieſer Wucherer:„„Für drei Küſſe würbe ich an der Stelle dieſer drei Rubine drei Diaman⸗ ten, jeden von hunderttauſend Thern, entſtehen laſſen.““ „Nun, Henriette?“ „Meine Liebe, die Diamanten ſind entſtanden und verkauft.“ 7* 92 „Oh, Henriette, Henriette!“ murmelte Margarethe. „Höre!“ rief die Herzogin mit einem zugleich naiven und erhabenen Ausdruck, der das Jahrhundert und die Frau zuſammenfaßt,„höre, ich liebe Annibal.“ „Das iſt wahr,“ ſprach Magarethe lächelnd und er⸗ röthend,„Du liebſt ihn ſehr, Du liebſt ihn ſogar zu ſehr.“ Und dennoch drückte ſie ihr die Hand. „Durch unſere drei Diamanten ſind alſo die drei⸗ malhunderttauſend Thaler und der Menſch bereit,“ fuhr Henriette fort. „Der Menſch? welcher Menſch?“ „Der Menſch zum Tödten. Du vergißt, daß man einen Menſchen tödten muß.“ „Ah! Du haſt denjenigen gefunden, welchen Du brauchteſt?“ „Vollkommen.“ „Zu demſelben Preiſe?“ fragte lächelnd Margarethe. „Zu demſelben Preiſe hätte ich zehn gefunden,“ ant⸗ wortete Henriette.„Nein, nein, ganz einfach um fünf⸗ hundert Thaler.“ „Um fünfhundert Thaler haſt Du einen Menſchen gefunden, welcher einwilligte, ſich tödten zu laſſen?“ „Was wiliſt Du, man muß doch leben.“ „Meine liebe Freundin, ich verſtehe Dich nicht. Svrich klar und deutlich. In unſerer Lage nimmt das Löſen der Räthſel zu viel Zeit weg.“ „Höre alſo: der Kerkermeiſter, dem die Bewachung von La Mole und Coconnas anvertraut wurde, iſt ein alter Soldat, welcher weiß, was eine Wunde bedeutet; er will wohl unſere Freunde retten helfen, aber er will feinen Platz nicht verlieren. Ein Dolchſtoß geſchickt ge⸗ ſührt macht die Sache ab; wir geben ihm eine Beloh⸗ nung und der Staat eine Entſchädigung. Auf dieſe Art empfängt der brave Mann aus zwei Händen und hat die Fabel von dem Pelikan erneuert.“ „Aber ein Dolchſtoß.„ ſprach Margarethe. „Seh unbeſorgt, Annibal wird ihn führen.“ ſic Lo kel gar ben erket mit ſpitz arethe. naiven und die und er⸗ ſehr.“ ie drei⸗ fuhr ß man e Du arethe. ant⸗ fünf⸗ nſchen nicht. it das chung iſt ein eutet; r will kt ge⸗ geloh⸗ e Art d hat 93 „In der That,“ verſetzte Margarethe lachend,„er hat La Mole drei Stöße ſewohl mit dem Degen, als mit dem Dolche gegeben, und La Mole iſt nicht geſtorben; es iſt alſo alle Hoffnung vorhanden.“ „Böſe! Du würdeſt verdienen, daß ich hiebei ſtehen bliebe.“ „Oh! nein, nein, im Gegentheil, ſage mir das Uebrige, ich bitte Dich darum; wie werden wir ſie retten?“ „Auf folgende Weiſe: die Kapelle iſt der einzige Ort des Schloſſes, wohin die Frauen dringen können, welche keine Gefangenen ſind. Man verbirgt uns hinter dem Altar. Unter dem Altartuche finden ſie zwei Dolche. Die Thüre der Sacriſtei wird vsrher geöffnet. Coconnas verſetzt ſeinem Kerkermeiſter den Stoß; dieſer fällt und ſtellt ſich, als wäte er todt; wir erſcheinen, wir werfen jede einen Mantel über die Schultern unſerer Freunde; wir fliehen mit ihnen durch die kleine Thüre der Sa⸗ eriſtei, und da wir das Loſungswort haben, ſo kommen wir ohne Hinderniß hinaus.“ „Und ſind wir einmal außen?„ „Zwei Pferde warten vor dem Thore, ſie ſchwingen ſich auf, verlaſſen die Jsle de France und erreichen Lothringen, von wo ſie von Zeit zu Zeit incognito zurück⸗ kehren.“ „Oh! Du gibſt mir das Leben wieder,“ ſagte Mar⸗ garethe.„Wir retten ſie alſo?“ „Ich wollte beinahe dafür ſtehen.“ „Und dies bald?“ „Gewiß, in drei bis vier Tagen; Beaulien wird uns benachrichtigen.“ „Wenn man Dich in der Umgegend von Vincennes erkennt; das dürfte unſerem Vorhaben ſchaden.“ Wie ſoll man mich erkennen? Ich gehe als Nonne mit einer Haube, hei der man nicht einmal meine Naſen⸗ ſpitze ſieht.“ „Wir können nicht vorſichtig genug ſeyn.“ 94 „Ich weiß es wohl, Mordi! wie der arme Anni⸗ bal ſagen würde.“ „Und der König von Navarra, haſt Du Dich nach ihm erkundigt?“ 8 „Ich habe nicht verfehlt, dies zu thun.“ „Nun?... „Er iſt nie ſo luſtig geweſen, wie es ſcheint. Er lacht, er ſingt, er ſpeiſt mit Appetit, und verlangt nur Eines: ſtrenge Bewachung.“ „Er hat Recht. Und meine Mutter?“ „Sie betreibt, wie ich Dir ſage, den Prozeß ſo ſcharf als ſie kann. „Ja, aber ſie hat keine Vermuthung in Beziehung auf uns?“ „Wie ſoll ſie eine Vermuthung haben? Alle Die⸗ jenigen welche in das Geheimniß eingeweiht ſind, haben ein Intereſſe, es zu hewahren. Ah! ich wußte, daß ſie den Richtern von Paris hatte ſagen laſſen, ſie ſollten ſich bereit halten.“ „Handeln wir raſch, Henriette. Wenn unſere Freunde das Gefängniß ändern wurden, müßte man Alles wieder von vorne anfangen.“ „Sey unbeſorgt, ich wünſche eben ſo ſehr wie Du, ſie außen zu ſehen.“ „Oh! ja, ich weiß es, und danke Dir tauſendmal für das, was Du gethan haſt, um zu dieſem Ziele zu ge⸗ langen.“ „Adieu, Margarethe, adieu, ich begebe mich wieder in's Feld.“ „Und Du biſt des Herrn von Beaulien ſicher?“ „Ich hoffe es.“ „Des Kerkermeiſters?“ „Er hat es verſprochen,“ „Der Pferde?“ „Es ſind die beſten aus dem Stalle des Herzogs von Nevers.“, „Ich bete Dich an, Henriette.“ Ha Ver den wil nar La hör die mi bal ſtic der Kr ret der He ſch Fr wi we we ho un lnni⸗ nach Er nur ſcharf ehung Die⸗ haben aß ſie en ſich reunde wieder e Du, al für zu ge⸗ wieder 2 erzs 95 Und Margarethe warf ſich ihrer Freundin um den Hals, wornach ſich die zwei Frauen trennten, unter dem Verſprechen, ſich am andern Tag und alle Tage an demſelben Orte und zu derſelben Stunde zu ſehen. Dies waren die zwei reizenden, ergebenen Geſchöpfe, wilche Coconnas ſo richtig die unſichtbaren Schilde nannte. IX. Die Pichter. „Nun, mein braver Freund,“ ſprach Coconnas zu La Mole, als ſich die zwei Gefährten nach dem Ver⸗ höre, in welchem zum erſten Male von der Wachsfigur die Rede geweſen war, beiſammen fanden,„es ſcheint mir, Alles geht zum Entzücken und wir werden wohl bald von den Richtern aufgegeben werden, ein Diagno⸗ ſticvn, was gerade dem entgegengeſetzt iſt, wenn man von den Aerzten aufgegeben wird; denn wenn der Arzt den Kranken aufgibt, ſo geſchieht es, weil er ihn nicht mehr retten kann, während im Gegentheil, wenn der Richter den Angeklagten aufgibt, dies der Fall iſt, weil er die Hoffnung verliert, ihm den Kopf abſchneiden zu laſſen.“ „Ja,“ ſprach La Mole,„es iſt mir ſogar, als er⸗ ſchaute ich in der Höflichkeit, in der Leichtigkeit der Kerkermeiſter, in der Elaſticität der Thüren unſere edlen Freundinnen. Aber ich erkenne Herrn von Beaulieu nicht.“ „Ich erkenne ihn wohl,“ ſprach Coconnas;„nur wird es viel koſten. Aber baſta! die Eine iſt eine Prin⸗ zeſſin, die Andere iſt Königin; ſie ſind Beide reich und werden nie Gelegenheit finden, ihr Geld ſo gut anzu⸗ wenden. Nun wollen wir unſere Lection gut wieder⸗ holen: man führt uns in die Kapelle; man läßt uns unter der Bewachung unſeres Kerkerrieiſters; wir finden 96 am bezeichneten Orte jeder einen Dolch; ich ſtoße unſe⸗ rem Führer ein Loch in den Bauch.“ „Nein, nicht in den Bauch, Du würdeſt ihm ſeine fünfhundert Thaler ſtehlen; in den Arm.“ „Ah, ja, in den Arm; das müßte ihn zu Grurde richten, den guten armen Mann. Man würde bald ſehen, daß eine Gefälligkeit von ſeiner wie von meiner Seite im Spiele geweſen iſt. Nein, nein, in die rechte Seite, in⸗ dem ich den Dolch geſchickt an den Rippen hingleiten laſſe; das iſt ein wahrſcheinlicher und unſchuldiger Stoß.“ „Wohl, es mag ſeyn. Hernach?“ „Hernach verrammelſt Du die große Pforte mit Bän⸗ ken, während unſere zwei Prinzeſſinnen hinter dem Altar hervoreilen, wo ſie verborgen ſind, und Henriette die kleine Thüre öffnet. „Und dann,“ ſprach La Mole mit einer bebenden Stimme, welche wie Muſik durch die Lippen zieht,„und dann erreichen wir den Wald. Ein Kuß jedem von uns gegeben, macht uns freudig und ſtark. Siehſt Du uns, Annibal, über unſere raſchen Pferde herabgeneigt und das Herz ſanft bewegt! Oh, es iſt etwas Schönes um die Furcht, um die Furcht in freier Luft, wenn man ſein gutes Schwert an der Seite hat und ſeinem Renner Hurrah zuruft, wenn man ihm beide Sporen in den Leib drückt und er bei je⸗ dem Hurrah ſpringt und fliegt.“ „Ja,“ ſprach Coconnas,„aber die Furcht zwiſchen vier Mauern, was ſagſt Du dazu, La Mole?“ Ich kann ein Wörtchen davon ſprechen, denn ich habe ſo etwas empfun⸗ den, als das bleiche Geſicht von Beaulien zum erſten Male in meinem Zimmer erſchien, hinter ihm im Schatten Par⸗ tiſanen glänzten und ein unheilſchwangeres Getöſe von an einander geſtoßenem Eiſen ſich hörbar machte. Ich ſchwöre Dir, ich dachte ſogleich an den Herzog von Alen⸗ gon, und erwartete ſein häßliches Geſicht zwiſchen zwei gemeinen Hellebardier-Köpfen zu ſehen. Ich täuſchte mich, und das war mein einziger Troſt, aber ich verlor nicht Alles, denn als die Nacht eintrat, träumte ich davon.“ Get zu taſi den nac lieb ihr; rige We ich geſt kern ver loh Die ich unſe⸗ ſeine runde ſehen, ite im te, in⸗ laſſe; Bän⸗ Altar kleine enden ddann geben, mibal, ʒ ſanft m die ert an wenn bei je⸗ nvier in ein pfun⸗ Male Par⸗ von Ich Alen⸗ zwei uſchte verlor von.“ 97 „Alſo,“ ſagte La Mole, der ſeinen eigenen lachenden Gedanken verfolgte, ohne ſeinen Freund bei den Ausflügen zu begleiten, die der ſeinige auf dem Gebiete der Phan⸗ taſie machte,„alſo haben ſie Alles vorhergeſehen, ſogar den Ort, wohin wir uns zurückziehen ſollen. Wir gehen nach Lothringen, mein Freund. Ich wäre in der That lieber nach Navarra gegangenz in Navarra war ich bei ihr; aber Navarra iſt zu entfernt, Nancy iſt beſſer. Ueb⸗ rigens ſind wir dort nur fünfzig Stunden von Paris. Weißt Du, daß ich ein Leid mit mir fortnehme, wenn ich von hier mich entferne?“ „Ah, meiner Treue, nein! Ich, was mich betrifft, geſtehe, daß ich all' mein Leid hier laſſe.“ „Wohl, ich bedaure, daß ich unſern wñ digen Ker⸗ kermeiſter nicht mitnehmen kann, ſtatt. „Aber er würde nicht wollen,“ ſagte Coconnas er verlöre zu viel; fünfhundert Thaler von uns, eine Be⸗ lohnung von der Regierung, vielleicht ein Vorrücken im Dienſte; was dieſer Burſche glücklich leben wird, wenn ich ihn getödtet habe.. Aber was haſt Du denn 2 „Nichts? ein Gedanke geht mir durch den Kopf.“ „Er ſcheint nicht ſehr kuſtig zu ſeyn, denn Du wirſt furchtbar blaß.“ „Ich frage mich, warum man uns nach der Ka⸗ pelle führt.“ „Damit wir unſere Oſtern halten,“ verſetzte Co⸗ connas;„es iſt, wie mir ſcheint, gerade die Zeit dazu.“ „Aber man führt nur die zum Tode Verurtheilten oder die Gefolterten dahin.“ „Oh, oh!“ rief Coconnas, ebenfalls leicht erbleichend, „das verdient Aufmerkſamkeit. Wir wollen über dieſen Punkt den braven Mann befragen, den ich umbringen ſoll. He, Schließer, Freund!“ „Der Herr ruft mich,“ ſagte der Kerkermeiſter, der auf den erſten Stufen der Treppe lauerte. „Ja, kommt doch.“ 98 „Hier bin ich.“ „Es iſt abgemacht, daß wir aus der Kapelle uns flüchten ſollen, nicht wahr?“ „Stille,“ flüſterte der Schließer, ängſtlich um ſich herſchauend. „Sey ruhig, Niemand hört uns“ „Man wird uns alſo in die Kapelle führen.“ „Allerdings, es iſt ſo der Gebrauch.“ „Es iſt der Gebrauch?. „Ja nach jedem Todesurtheil iſt es gebräuchlich, dem Verurtheilten zu erlauben, daß er die Nacht in der Ka⸗ pelle zubringt“ Coconnas und La Mole ſchauten ſich ſchauernd an. „Ihr glaubt alſo, daß wir zum Tode verurtheilt werden?“ „Allerdings, aber Ihr glaubt es auch wohl.“ „Wie, wir auch?“ fragte La Mole. „Gewiß, wenn Ihr es nicht glauben würdet, ſo hättet Ihr nicht Alles zu Eurer Flucht vorbereitet.“ „Weißt Du, daß das, was er da fagt, ſehr vernünf⸗ tig iſt“ ſprach Coconnas zu La Mole. „Ja, ich weiß jetzt auch, daß wir, ſo wie es mir ſcheint, ein großes Spiel ſpielen.“ „Und ich auch!“ ſagte der Kerkermeiſter.„Glaubt Ihr, daß ich nichts wage?... Wenn ſich der Herr in einem Augenblicke der Aufregung in der Richtung tänſchen würde..“ „Mordi! ich wollte, ich wäre an Deiner Stelle,“ ſprach Coconnas langſam,„und ich hätte es mit keinen andern Händen, als mit dieſen, und mit keinem andern Eiſen, als mit demjenigen zu thun, welches Dich berühren wird.“ „Zum Tode verurtheilt,“ murmelte La Mole,„es iſt unmöglich!“ „Unmöglich?“ verſetzte naiv der Kerkermeiſter,„und warum?“ „Stille,“ ſagte Coconnas,„ich glaube, man öffnet die Thüre unten.“ — „ge wer ſone erhe Ma und Coe Die von Ma ſein das dieſ Unt tön es mit er gen wü fan des übe Ke tete aus La uns ſich dem Ka⸗ n. eilt ittet inf⸗ mir ubt in chen . nen ſen, 4 iſt und fnet 99 „In der That,“ ſprach lebhaft der Kerkermeiſter, „geht hinein, geht hinein!“ „Und wann glaubt Ihr, daß das Urtheil gefällt werden wird?“ fragte La Mole. „Späteſtens morgen. Aber ſeyd unbeſorgt, die Per⸗ ſonen, welche davon in Kenntniß geſetzt werden ſollen, erhalten Nachricht.“ „Dann wollen wir uns umarmen und von dieſen Mauern Abſchied nehmen.“ Die zwei Freunde warfen ſich einander in die Arme, und jeder kehrte in ſein Zimmer zurück, La Mole ſeufzend, Coconnas trällernd. Es fiel nichts Neues bis ſieben Uhr Abends vor. Die Nacht ſenkte ſich düſter und regneriſch auf den Thurm von Vincennes herab, eine wahre Entweichungsnacht. Man brachte das Abendbrod für Coconnas, welcher mit ſeinem gewöhnlichen Appetit ſpeiſte, während er an das Vergnügen dachte, das er hätte, wenn er durch dieſen die Mauern peitſchenden Regen eingenäßt würde. Und bereits ſchickte ex ſich an, bei dem dumpfen, ein⸗ tönigen Gemurmel des Windes zu entſchlummern, als es ihm vorkam, wie wenn der Wind, den er zuweilen mit einem ſchwermüthigen Gefühle hörte, das er, ehe er im Kerker war, nie erfahren hatte, ſeltſamer als gewöhnlich unter allen dieſen Pforten pfiffe und der Ofen wüthender als gewöhnlich lärmte. Dieſes Phänomen fand jedesmal ſtatt, wenn man einen von den Kerkern des obern Stockwerkes öffnete, und beſonders den gegen⸗ über. An dieſem Geräuſch erkannte Annibal immer, der Kerkermeiſter werde kommen, inſofern daſſelbe andeu⸗ tete, daß er aus dem Zimmer von La Mole trat. Diesmal aber ſtreckte Coconnas vergeblich den Hals aus, ſpitzte er vergeblich das Ohr. Die Zeit verlief, Niemand kam. „Das iſt ſeltſam,“ ſprach Coconnas,„man hat bei La Mole geöffnet, und öffnet nicht bei mir. Sollte La 7 100 Mole gerufen worden ſeyn? iſt er krank? was ſoll das bedeuten?“ Alles iſt Verdacht und Unruhe für einen Gefangenen, wie auch Alles Hoffnung und Freude für ihn iſt. Es verging eine halbe Stunde, dann eine Stunde, und endlich waren anderthalb Stunden vorüber. Coconnas fing an aus Aerger einzuſchlafen, als das Geräuſch des Schloſſes ihn auffahren machte. „Oh! oh!“ ſagte er,„iſt es ſchon die Stunde zum Abgang und führt man uns in die Kapelle, ohne daß wir verurtheilt ſind? Mordi! das wäre ein Vergnügen, in einer ſolchen Nacht zu fliehen, denn es iſt ſchwarz, in einem Kamin: wenn nur die Pferde nicht blind ind.“ Er wollte eine luſtige Frage an den Schließer rich⸗ ten, als er ſah, daß dieſer ſeinen Finger auf die Llppen legte und dabei ſeine großen Augen ſehr beredt im Kopfe herum wälzte. Man hörte in der That hinter dem Kerkermeiſter ein Geräuſch und erblickte Schatten. Plötzlich unterſchied er mitten in der Finſterniß zwei Bickelhauben, guf welche von der rauchigen Kerze Licht⸗ ſtreifen geworfen wurden. „Oho!“ fragte er mit leiſer Stimme,„was be⸗ dieſe traurige Erſcheinung? Wohin gehen wir denn?“ Der Kerkermeiſter antwortete nur mit einem Tone der große Aehnlichkeit mit einem Seufzer hatte. „Mordi!“ murmelte Coconnas,„was für ein nieder⸗ trächtiges Daſeyn! ſtets Ertreme, nie feſter Grund. Man zappelt entweder in hundert Fuß tiefem Waſſer, oder man ſchwebt über den Wolken; nie eine Mitte! Sprecht, wohin gehen wir?“ „Folgt den Hellebardieren, mein Herr,“ ſagte eine ſchnarrende Stimme, woran Coconnas erkannte, daß die Soldalen, die er im Halbdunkel erblickte, von einem Gerichtsdiener begleitet wurden. —— „n ret me ihr bu ha bei „d ein die M au lä Se in Hi ſa de M ſoll nen, inde, als zum daß igen, varz, lind open opfe iſter zwei icht⸗ be⸗ wir one der⸗ ind. ſſer, tte! eine daß em 101 „Und Herr de La Mole?“ fragte der Piemonteſe, „wo iſt er? was wird aus ihm?“ „Folgt den Hellebardieren,“ wiederholte dieſelbe ſchnar⸗ rende Stimme, mit demſelben Tone. Man mußte gehorchen. Coconnas verließ ſein Zim⸗ mer und gewahrte den ſchwarzen Mann, deſſen Stimme ihn ſo unangenehm berührt hatte. Es war ein kleiner buckeliger Schreiber, der ohne Zweifel die Robe gewählt hatte, damit man nicht bemerkte, daß er zugleich krumm⸗ beinig war. Er ſtieg langſam die Wendeltreppe hinab. Im erſten Stocke hielten die Wachen an. „Das iſt viel hinabgeſtiegen,“ murmelte Coconnas, „aber noch nicht genug.“ Die Thüre öffnete ſich. Coconnas hatte den Blick eines Luchſes und den Geruch eines Leithundes. Er roch die Richter und ſah im Schatten die Silhouette eines Mannes mit entblößten Armen, der ihm den Schweiß auf die Stirne trieb. Nichtsdeſtoweniger nahm er die lächelndſte Miene an, neigte den Kopf auf die linke Seite, wie dieß nach dem Coder des vornehmen Weſens in jener Zeit üblich war, und trat, die Fauſt auf der Hüfte, in den Saal. Man hob einen Vorhang auf und Coconnas er⸗ blickte wirklich Richter und Schreiber. Einige Schritte von dieſen Richtern und Schreibern ſaß La Mole auf einer Bank. Coconnas wurde vor das Tribunal geführt. Vor den Richtern angelangt, blieb er ſtehen, grüßte La Mole mit einem Zeichen des Kopfes und mit einem Lä⸗ cheln und wartete ſodann. „Wie heißt Ihr, mein Herr?“ fragte ihn der Prä⸗ ſident. „Marcus Annibal von Coconnas,“ antwortete der Edelmann mit vollkommener Grazie,„Graf von Mont⸗ pantier, Chenaur und andern Orten; aber ich denke, man kennt unſere Eigenſchaften.“ 102 „Wo ſeyd Ihr geboren?“ „In Saint⸗Colomban, in der Nähe von Suſa.“ „Wie alt ſeyd Ihr?“ „Sieben und zwanzig Jahre und drei Monate.“ „Gut,“ ſagte der Präſident. „Es ſcheint, das macht ihm Vergnügen,“ murmelte Coconnas. „Nun ſprecht,“ fuhr der Präſident nach einem Augen⸗ blick des Stillſchweigens fort, der dem Schreiber Zeit ließ, die Antworten des Angeklagten aufzuzeichnen,„was war Euer Zweck, als Ihr das Haus des Herrn von Alengon verließet?“ „Mich mit meinem Freunde, Herrn de la Mole, den Ihr hier ſeht, zu verbinden, und der, als ich es ver⸗ ließ, daſſelbe bereits ſeit einigen Tagen verlaſſen hatte.“ „Was thatet Ihr auf der Jagd, bei der Ihr ver⸗ haftet worden ſeyd?“ „Ich jagte,“ antwortete Coconnas. „Der König war auch bei dieſer Jagd und fühlte die erſten Anfälle von dem Uebel, an welchem er bis dieſen Augenblick leidet.“ „Was das betrifft, ſo war ich nicht in der Nähe des Königs, und kann nichts darüber fagen. Ich wußte ſogar nicht einmal, daß er von einem Uebel befallen worden iſt.“ Die Richter ſchauten ſich mit einem ungläubigen Lächeln an. „Ah! Ihr wußtet es nicht?“ ſagte der Präſident. „Ja, mein Herr, und es thut mir leid. Obgleich der König der Franzoſen nicht mein König iſt, ſo habe ich doch viel Sympathie für ihn.“ „Wirklich?“ „Bei meinem Ehrenwort! Es iſt nicht wie bei ſeinem Bruder, dem Herzog von Alencon. Dieſer, das muß ich geſtehen.“... „Es handelt ſich hier nicht um den Herzog von Alengon, ſondern um Seine Majeſtät.“ M wo An La un bei ſey Me nic nelte igen⸗ Zeit was von den ver⸗ tte.“ ver⸗ ihlte bis ußte llen igen t. eich ae bei das von 103 „Wohl, ich habe Euch geſagt, ich wäre des Kö⸗ nigs unterthänigſter Diener,“ antwortete Coconnas, ſich mit einer bewundernswürdigen Indolenz auf ſeinen Hüften wiegend. „Wenn Ihr wirklich ſein Diener ſeyd, wie Ihr behauptet, wollt Ihr uns ſagen, was Ihr von einer gewiſſen magiſchen Statue wißt?“ „Ah! gut, wir kommen auf die Geſchichte von der Statue zurück, wie es ſcheint.“ „Ja, mein Herr, mißfällt Euch das?“ „Nein, keineswegs, das iſt mir lieber. Vorwärts.“ „Warum befand ſich dieſe Statue bei Herrn de La Mole?“ „Bei Herrn de La Mole, dieſe Statue? Bei René, wollt Ihr ſagen.“ „Ihr erkennt alſo, daß ſie vorhanden iſt?“ „Verdammt! wenn man ſie mir zeigt.“ „Hier iſt ſie. Iſt es die, welche Ihr kennt?“ „Allerdings.“ „Schreiber,“ ſprach der Präſident,„notirt, der Angeklagte gebe zu, daß er die Statue bei Herrn de La Mole geſehen habe.“ „Nein, nein,“ rief Coconnas,„verwirren wir uns nicht: bei René geſehen habe.“ „Bei Reué, es ſey. An welchem Tage?“ „An dem einzigen Tage, an welchem wir, Herr de La Mole und ich, dort geweſen ſind.“ „Ihr geſteht alſo, daß Ihr mit Herrn de La Mole bei René geweſen ſeyd?“ „Habe ich je dergleichen verhehlt?“ „Schreiber, notirt, der Angeklagte geſtehe zu, er ſey bei René geweſen, um Beſchwörungen zu machen.“ „Holla! he! nur ſachte, nur ſachte, Herr Präſident. Mäßigt Eueren Enthuſiasmus, Herr Präſident, ich habe nicht ein Wort hievon geſagt.“ 104 „Ihr leugnet, daß Ihr bei René geweſen ſeyd, um Beſchwörungen zu machen?“ „Ich leugne es. Die Beſchwörung hat ſich zufällig und ohne Vorbedacht gemacht.“ „Aber ſie hat doch ſtattgefunden?“ „Ich kann nicht in Abrede ziehen, daß etwas vor⸗ gefallen iſt, was einem Zauber gleicht.“ „Schreiber, notirt, der Angeklagte geſtehe zu, es ſey bei René ein Zauber gegen das Leben des Königs bereitet worden.“ „Wie! gegen das Leben des Königs! Das iſt eine ſchändliche Lüge! Es iſt nie ein Zauber gegen das Leben des Königs bereitet worden.“ „Ihr ſeht es, meine Herren,“ ſprach La Mole. „Stille!“ rief der Präſident; dann ſich gegen den Schreiber umwendend, fuhr er fort:„Gegen das Leben des Königs, habt Ihr das?“ „Nein, nein,“ ſagte Coconnas,„die Statue iſt überdies auch gar keine Statue eines Mannes, ſondern die einer Frau.“ „Nun, meine Herren, was ſagte ich Euch?“ ver⸗ ſetzte La Mole. „Herr de La Mole,“ ſprach der Präſident,„ant⸗ wortet, wenn wir Euch fragen, aber unterbrecht nicht das Verhör von Andern.... Alſo Ihr ſagt, es ſey eine Frau?“ „Allerdings, ſage ich es.“ „Warum hat ſie dann eine Krone und einen Kö⸗ nigsmantel?“ „Bei Gott!“ ſprach Coconnas, das iſt ganz ein⸗ fach; es war. La Mole ſtand auf und legte einen Finger auf ſei⸗ nen Mund. „Das iſt richtig,“ ſagte Coconnas.„Was wollte ich doch erzählen,. als ob das die Herren anginge!“ „Ihr beharrt auf Eurer Behauptung, dieſe Statue ſey eine Frauenſtatue?“ de der kn La „tl für des die wel vyn dag weſ nas um ällig vor⸗ „es nigs eine eben den eben e iſt dern ver⸗ ant⸗ nicht eine 105 „Ja, gewiß, ich beharre darauf.“ „Und Ihr weigert Euch, zu ſagen, wer dieſe Frau iſt?“ „Eine Frau meines Landes, die ich liebte und von der ich geliebt zu werden wünſchte,“ ſprach La Mole. „Man fragt nicht Euch, Herr de La Mole!“ rief der Präſident;„ſchweigt doch, oder man wird Euch knebeln.“ 2 „Knebeln?“ ſprach Coconnas,„was ſägt Ihr da, Mann mit dem ſchwarzen Rocke? Man wird meinen Freund, einen Edelmann, knebeln? Geht doch!“ „Laßt René eintreten,“ rief der Staatsprocurator Laguesle. „Ja, laßt René eintreten,“ verſetzte Coconnas, „thut das. Wir wollen doch ſehen, wer Recht hat, Ihr Drei, oder wir Zwei?“ René trat ein, bleich, gealtert, beinahe unkenntlich für die zwei Freunde, viel mehr gebeugt unter der Laſt des Verbrechens, das er begehen wollte, als durch die Verbrechen, welche er begangen hatte. „Meiſter René,“ ſprach der Richter,„erkennt Ihr die hier gegenwärtigen Angeklagten?“ „Ja, mein Herr,“ antwortete René mit einer Stimme, welche ſeine Aufregung verrieth.. „Wo habt Ihr ſie geſehen?“ „An verſchiedenen Orten, und beſonders bei mir.“ „Wie oft find ſie bei Euch geweſen?“ „Ein einziges Mal.“ Während René ſprach, erheiterten ſich die Züge von Coconnas immer mehr. Das Geſicht von La Mole dagegen blieb eruſt, als ob er eine Ahnung gehabt hätte. „Uad bei welcher Gelegenheit ſind ſie bei Euch ge⸗ weſen.“ René ſchien einen Augenblick zu zögern. „Um eine Wachsfigur bei mir zu beſtellen,“ ſagte er. „Verzeiht, verzeiht, Meiſter René,“ ſprach Cocon⸗ nas,„Ihr begeht einen Irrthum.“ Königin Margot. 111, 8 106 „Stille,“ rief der Präſident; dann ſich gegen René umwendend:„Iſt dieſe Figurine die eines Mannes oder die einer Frau?“ „Eines Mannes,“ antwortete René. Coconnas ſprang auf, als ob er einen elektriſchen Schlag bekommen hätte. „Eines Mannes!“ ſagte er. „Eines Mannes,“ wiederholte René, aber mit ſo ſchwacher Stimme, daß ihn der Präſident kaum hörte. „Und warum hat dieſe männliche Statue einen Kö⸗ nigsmantel auf den Schultern und eine Krone auf dem Haupte?“ „Weil dieſe Statue einen König darſtellt,“ ant⸗ wortete René. „Heilloſer Lügner!“ rief Coconnas außer ſich. „Schweig, Coconnas, ſchweig,“ unterbrach ihn La Mole,„laß dieſen Menſchen reden. Jedem ſteht es zu, ſeine Seele zu verderben.“ „Aber, Mordi! nicht den Leib der Andern.“ „Und was bedeutete die ſtählerne Nadel, welche die Statue mit dem Buchſtaben M, auf ein Fähnchen ge⸗ ſchrieben, im Herz hatte?“ „Die Nadel ſtellte das Schwert oder den Dolch dar, der Buchſtabe M bedeutet Mors.“ Coconnas machte eine Bewegung, um René zu er⸗ droſſeln. Vier Wachen hielten ihn zurück. „Es iſt gut,“ ſagte der Procurator Leguesle,„das Gericht iſt hinlänglich unterrichtet. Führt die Gefan⸗ genen in die Wartekammer zurück.“ „Es iſt unmöglich, ſich ſolcher Dinge be⸗ ſchuldigen zu hören, ohne Einſprache zu thun!“ rief Coconnas. „Thut Einſprache, mein Herr, man hindert Euch nicht daran. Wachen, Ihr habt gehört.“ Die Wachen bemächtigten ſich der zwei Angeklagten und führten ſie hinaus, La Mole durch eine Thüre, Co⸗ ronnas durch die andere. e— e er— —— gegen annes iſchen nit ſo rte. n Kö⸗ f dem ant⸗ n L s zu, e die ge⸗ Dolch u er⸗ „das fan⸗ be⸗ rief Fuch gten Co⸗ 107 Dann machte der Procurator dem Menſchen ein Zeichen, den Coconnas in der Dunkelheit geſehen hatte, und ſagte zu ihm: „Enutfernt Euch nicht, Meiſter, Ihr habt dieſe Nacht u thun.“ „Bei welchem ſoll ich anfangen?“ fragte der Menſch, ehrfurchtsvoll ſeine Mütze in die Hand nehmend. „Bei dieſem,“ erwiederte der Präſident, auf La Mole deutend, den man nur noch wie einen Schatten zwiſchen den Wachen erblickte. Dann näherte er ſich René, welcher zitternd ſtehen geblieben war, in der Erwartung man würde ihn in das Chatelet zurückführen wo er ſeinen Kerker hatte, und ſprach: „Gut, mein Herr, ſeyd unbeſorgt, der König und die Königin ſollen erfahren, daß ſie Euch die Kenntniß der Wahrheit zu danken haben.“ Aber ſtatt René Kraft zu verleihen, ſchien ihn dieſes vollends niederzuſchmettern, und er antwortete nur mit einem tiefen Seußzer. X. Der ſpaniſche Vock. Erſt als man ihn in ſeinen neuen Kerker zurückge⸗ führt und die Thüre hinter ihm geſchloſſen hatte, fing Coconnas, ſich ſelbſt überlaſſen und nicht mehr aufrecht gehalten durch den Kampf mit den Richtern und durch ſeinen Zorn gegen René, die Reihe ſeiner traurigen Betrachtungen an. „Es ſcheint mir,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„die Sache nimmt eine äußerſt ſchlimme Wendung, und es wäre Zeit, ein wenig in die Kapelle zu gehen. Ich mißtraue den Todesurtheilen, denn unſtreitig beſchäſtigt man ſich damit, uns zu dieſer Stunde zum Tode zu 108 verurtheilen. Ich mißtraue beſonders ſolchen Sentenzen, welche bei den verſchloſſenen Thüren einer Feſtung vor ſo häßlichen Geſichtern gefällt werden, wie alle diejenigen waren, welche mich umgaben. Man will uns im Ernſte den Kopf abſchlagen.... hm, hm! ich komme auf das zurück, was ich ſo eben ſagte; es wäre Zeit, in die Kapelle zu gehen.“ Auf dieſe mit halber Stimme ausgeſprochenen Worte folgte ein Stillſchweigen und dieſes Stillſchweigen wurde durch einen dumpfen, erſtickten Schrei unterbrochen, der nichts Menſchliches hatte. Der Schrei ſchien die dicke Mauer zu durchdringen und auf dem Eiſen der Gitter⸗ ſtangen zu vibriren. Coconnas bebte unwillkührlich, und bieſer Mann war doch ſo brav, daß bei ihm der Muth dem Inſtinkte der wilden Thiere glich. Coconnas blieb unbeweglich an der Stelle, wo er die Klage gehört hatte. Er zwei⸗ felte, daß eine ſolche Klage von einem menſchlichen Weſen ausgeſprochen werden könnte, und hielt ſie für das Seufzen des Windes in den Bäumen oder für eines von den tauſend Getöſen der Nacht, welche aus den zwei unbe⸗ kannten Welten, zwiſchen denen unſere Welt ſich dreht, herabzukommen oder zu dieſen hinaufzuſteigen ſcheinen; da gelangte eine zweite Klage noch ſchmerzlicher, noch tiefer zu Coconnas, und dießmal erkannte er nicht nur ganz beſtimmt den Ausdruck des Schmerzes in der menſchlichen Stimme, ſondern er glaubte auch in dieſer Stimme die von La Mole zu erkennen. Bei dieſem Tone vergaß der Piemonteſe, daß er durch zwei Thüren, durch drei Gitter und durch eine zwölf Fuß dicke Mauer zurückge halten wurde. Er warf ſich mit ſeinem ganzen Gewichte gegen die Mauer, als wollte er ſie niederwerfen und dem Opfer zu Hülfe eilen, und rief: „Man ermordet alſo Jemand hier!“ Aber er traf auf ſeinem Wege die Wand, an die er „ enzen, g vor alle luns omme it, in Worte vurde „der dicke itter⸗ Nann inkte glich wei⸗ zeſen ufzen den nbe⸗ eht, ; da iefer ganz chen die S eine varf als len, — 109 nicht gedacht hatte, und fiel, gequetſcht von dem Stoße, auf eine ſteinerne Bank zurück. Das war Alles. „Oh! ſie haben ihn umgebracht,“ murmelte er, „das iſt abſcheulich, aber hier kann man ihn nicht ver⸗ theidigen... nichts, keine Waffen!“ Er ſtreckte die Hände um ſich her aus. „Ah! dieſer eiſerne Ring,“ rief er,„ich reiße ihn aus und wehe dem, der ſich mir naht.“ Coconnas ſtand auf, ergriff den eiſernen Ring und erſchütterte ihn mit einem erſten Riſſe ſo gewaltig, daß er offenbar bei dem zweiten los geworden wäre Aber plötzlich öffnete ſich die Thüre, und das Licht von zwei Fackeln überſtrömte den Kerker. „Kommt, mein Herr,“ ſagte dieſelbe ſchnarrende Stimme, die ihm bereits ſo unangenehm geweſen war, und als ſie ſich vrei Stockwerke weiter unten hören ließ, den ihr mangelnden Reiz nicht erhalten zu haben ſchien; „kommt, mein Herr, der Gerichtshof erwartet Euch.“ „Gut,“ ſagte Coconnas und ließ ſeinen Ring los, „ich werde meinen Spruch hören, nicht wahr?“ „Ja, mein Herr.“ „Oh, ich athme, gehen wir.“ Und er folgte dem Gerichtsdiener, der mit ſeinem abgemeſſenen Schritte, ſeinen ſchwarzen Stab in der Hand haltend, ihm voranſchritt. Trotz der Zufriedenheit, die er bei einer erſten Be⸗ wegung ausgedrückt hatte, warf Coconnas doch auf ſei⸗ nem Marſche einen unruhigen Blick rechts, links, voran, zurück. „Oh!“ murmelte er,„ich erblicke meinen würdigen Kerkermeiſter nicht. Ich geſtehes ſeine Anweſenheit fehlt mir.“ Man trat in den Saal, den die Richter ſo eben verlaſſen hatten und wo nur allein ein Mann ſtand, in welchem Coconnas den Staatsprocurator erkannte, der 110 wiederholt im Laufe des Verhöres und ſtets mit großer e Erbitterung das Wort geführt hatte. d Es war in der That derjenige, welchem Catharina bald ſchriftlich, bald mündlich den Prozeß beſonders em⸗ d pfohlen hatte. Ein aufgehobener Vorhang ließ den Hintergrund 5 des Saales erſchauen. Dieſer Saal aber„ deſſen e Tiefen ſich in der Dunkelheit verloren, bot in ſeinen er⸗ S leuchteten Theilen einen ſo furchtbaren Anblick, daß Co⸗ ſie connas fühlte, wie ſeine Beine unter ihm brachen, und: „Oh, mein Gott!“ ausrief. Nicht ohne Urſache hatte Coconnas dieſen Schrei des Schreckens ausgeſtoßen. Das Schauſpiel war in der That gräßlich. Wäh⸗ rend des Verhörs durch den Vorhang verborgen, der nun aufgehoben war, erſchien der Saal wie der Vorhof ce der Hölle. vo In der erſten Abtheilung ſah man eine Folterbank, de verſehen mit Stricken, mit Kloben und anderen Marter⸗ be werkzeugen; etwas entfernter erblickte man ein flammen⸗ Ve des Kohlenfeuer, das ſeinen röthlichen Schimmer auf alle St Gegenſtände warf, die daſſelbe umgaben, und die Sil⸗ Re houette von denjenigen, welche ſich zwiſchen Coconnas lei und dem Feuer befanden, noch mehr verdüſterte. An einer von den Säulen, welche das Gewölbe trugen, ſtand unbeweglich wie eine Statue ein Mann mit einem Stricke in der Hand. Man hätte glauben ſollen, er wäre von demſelben Steine, wie die Säule, an der er de klebte. An den Wänden, über den ſteinernen Bänken Se zwiſchen eiſernen Ringen, hingen Ketten und glänzten„ Klingen. „Oh!“ murmelte Coconnas,„das iſt der Folterſaal, der völlig bereit gehalten nur noch auf den Patienten zu warten ſcheint! Was ſoll das bedenten?“ „Auf die Kniee, Mareus Annibal Coconnas!“ von ſprach eine Stimme, bei der der Edelmann ſeinen Kopf gef 6 roßer rina em⸗ rund eſſen ner⸗ Co⸗ ind: chrei äh⸗ der hof ank, ter⸗ ten⸗ alle Sil⸗ nas An and em er er ken ten al, ten 1/ pf — 1 ½4 emporrichtete,„auf die Kniee, um das Urtheil zu hören, das gegen Euch geſprochen worden iſt.“ Es war eine von den Aufforderungen, gegen welche die ganze Perſon von Annibal ſich inſtinktartig ſträubte. Als er aber gerade im Begriffe war, ſich dagegen zu erheben, drückten zwei Männer auf eine ſo un⸗ erwartete und beſonders ſo gewichtige Weiſe auf ſeine Schultern, daß er mit beiden Knieen auf den Boden fiel. Die Stimme fuhr fort: „Urtheil, geſprochen von dem im Thurme von Vin⸗ cennes verſammelten Gerichtshofe gegen Marecus Annibal von Coconnas, beſchuldigt und überwieſen des Verbrechens des Hochverrathes, eines Vergiftungsverſuches, der Zau⸗ berei und der Magie gegen die Perſon des Königs des Verbrechens der Verſchwörung gegen die Sicherheit des Staates, ſowie deſſen, daß er durch ſeine ſchändlichen Rathſchläge einen Prinzen von Geblüt zur Rebellion ver⸗ leitete.“ Bei jeder dieſer Anſchuldigungen ſchüttelte Coconn os den Kopf und ſchlug den Takt, wie es ungelehrige Schüler thun. Der Richter fuhr fort: „In Folge hievon ſoll der genannte Marcus Annibal von Coconnas von dem Gefängniß nach dem Platze, ge⸗ nannt Saint⸗Jean en⸗Grove zum Behuf der Enthauptung geführt werden. Seine Güter aber ſollen confiscirt, die 112 Bäume ſeiner Waldungen in einer Höhe von ſechs Fuß abgehauen, ſeine Schlöſſer geſchleift, und es ſoll ein Pfahl mit einer kupfernen Platte aufgeſtellt werden, worauf das Verbrechen und die Strafe zu conſtatiren ſind.“ „Was meinen Kopf betrifft,“ ſagte Ceconnas,„ſo glaube ich wohl, daß man ihn abſchlagen wird, denn er iſt in Frankreich und ſehr bloßgeſtellt. Was aber meine hochſtämmigen Waldungen und meine Schlöſſer betrifft, ſo zweifle ich, ob alle Sägen und alle Hacken des ſehr chriſtlichen Königreichs das geringſte Loch daran machen werden.“ „Stille!“ rief der Richter, und er ſuhr fort: „Ueberdies ſoll der genannte Coconnas „Wie? unterbrach ihn Crconnas,„es ſoll mir noch etwas nach der Enthauptung geſchehen? Dh! das ſcheint mir ſehr ſtreng.“ „Nein, mein Herr,“ ſagte der Richter,„vor der⸗ ſelben.“ Und er fuhr fort: „Ueberdies ſoll der genannte Coconnas ver der Voll⸗ ziehung des Urtheils der außerordentlichen peinlichen Frage der zehn Keile unterworfen werden,“ un kei ver zig wu bet ihr Fuß Pfahl if das „„ſo nn er meine trifft, ſehr achen noch eint der⸗ oll⸗ age 113 Coconnas ſprang auf und ſchmetterte den Richter gleichſam mit einem funkelnden Blicke nieder. „Und warum dies?“ rief er, denn er fand keine andere Worte, als dieſe Naivetät, um die Menge von Gedanken auszudrücken, welche in ſeinem Geiſte auf⸗ tauchten. Dieſe Folter war in der That für Coconnas der völlige Umſturz aller ſeiner Hoffnungen. Er ſollte in die Kapelle erſt nach der Folter geführt werden, und an dieſer ſtarb man häufig; man ſtarb um ſo leichter daran, je mehr man muthig und ſtark war; denn man betrachtete es dann als eine Feigheit, zu geſtehen, und ſo lange man nicht geſtand, wurde die Folter fortgeſetzt, und nicht nur fortgeſetzt, ſondern verdoppelt. Der Richter überhob ſich jeder Erwiederung gegen Coconnas, da die Folge des Spruches für ihn antwortete. Er fuhr nun fort: „Um ihn zu nöthigen, ſeine Genoſſen, Complotte und Machinationen im Einzelnen zu geſtehen.“ „Mordi!“ rief Coconnas,„das nenne ich eine Schändlichkeit; das nenne ich mehr als eine Schändlich⸗ keit, ich nenne es eine Feigheit.“ Gewöhnt an die Zornausbrüche der Opfer, welche das Leiden beſchwichtigt, indem es dieſelben in Thränen verwandelt, machte der unempfindliche Richter nur eine ein⸗ zige Gebehrde. Bei den Füßen und bei den Schultern ergriffen, wurde Coconnas umgeworfen, fortgetragen auf das Folter⸗ bett gelegt und gebunden, ehe er nur diejenigen, welche ihm Gewalt authaten, hatte ſehen können. „Schurken!“ brüllte Ceronnas und ſchüttelte der⸗ 114 geſtalt in einem Wuthparorismus das Bett und die Ge⸗ ſtelle, daß die Folterknechte ſelbſi zurückwichen.„Schur⸗ ken! martert mich, brecht mir die Glieder, reißt mich in Stücke Ihr werdet nichts erfahren, das ſchwöre ich Euch. Ah! Ihr glaubt mit Stücken Holz und Eiſen bringe man einen Edelmann meines Namens zum Sprechen? Geht, geht, ich trotze Euch“ „Macht Euch kereit, Alles zu notiren,“ ſagte der Richter zu dem Schreiber. „Ja, halte Dich bereit!“ brüllte Coconnas,„und wenn Du Alles ſchrei ſt, was ich Euch heilloſen Henfers⸗ knechten ſage, ſo mußt Du genug zu thun haben. Schreibe, ſchreibe!“ „Wollt Ihr Offenharungen machen?“ fragte der Richter mit ſeinem ruhigen Tone. „Nichts, kein Jota, geht zum Teufel!“ „Denkt nach während der Vorbereitungen, mein Herr. Vorwärts, Meiſter, legt dem Herrn die Stiefeln an.“ Bei dieſen Worten trennte ſich der Mann, der bis jetzt unbeweglich, die Stricke in der Hand, ſtehen ge⸗ blieben war, von der Säule und näherte ſich mit lang⸗ ſamen Schritten Coconnas, welcher ſich umwandte, um ihm eine Grimaſſe zu ſchneiden. Es war Meiſter Caboche, der Henker des Gerichts⸗ bezirkes von Paris. Ein ſchmerzliches Erſtaunen malte ſich auf den Zügen von Coconnas. der, ſtatt zu ſchreien und ſich zu krümmen, unbeweglich blieb und ſeine Augen nicht von dem Ge⸗ ſichte dieſes vergeſſenen Freundes, welcher in einem ſol⸗ chen Momente erſchien, losmachen fonnte. Caboche ſchob ihm, ohne daß eine Muskel ſeines Geſichts ſich bewegte, ohne daß es ſchien, als hätte er Coconnas je anderswo als auf der Folterbank geſehen, zwei Bretter zwiſchen die Beine, legte zwei andere Bret⸗ ter außen an die Beine und umband das Ganze mit dem Stricke, den er in der Hand hielt. ſe de dat M Br auf wie ſich Sc gab Kei Gef Er cher zurt verb cont ie Ge⸗ Schur⸗ rich in Euch. bringe echen? e der „und nkers⸗ reibe, ichter Herr. bis ge⸗ ang⸗ um hts⸗ gen ten, Ge⸗ ſol⸗ nes er en, et⸗ em 115 Dies war der Apparat, den man die ſpaniſchen Stiefeln nannte. Bei der gewöhnlichen peinlichen Frage zwängte man ſechs Keile zwiſchen die zwei Bretter, welche, ſich aus⸗ dehnend, das Fleiſch zerquetſchten. Bei der außerordentlichen Frage ſchlug man zehn Keile ein, und dann zerguetſchten die Bretter nicht nur das Fleiſch, ſondern machten auch die Knochen krachen. Als die vorbereitende Operation vorüber war, ſenkte Meiſter Caboche die Spitze des Keils zwiſchen die zwei Bretter. Dann ſchaute er, ſeinen Klöpfel in der Hand, auf einem Knie liegend, den Richter an. „Wollt Ihr ſprechen?“ fragte dieſer. „Nein,“ antwortete Cocvnnas, obgleich er fühlte, wie der Schweiß auf ſeiner Stirne perlte und ſeine Haare ſich auf ſeinem Kopfe ſträubten. vorwärts,“ ſprach der Richter,„den erſten eil.“ Meiſter Caboche hob ſeinen mit einem ſchweren Klöpfel bewaffneten Arm und führte einen gewaltigen Schlag auf den Keil, der einen matten Ton von ſich gab. Die Folterbank zitterte. Coconnas entſchlüpfte keine Klage bei dieſem erſten Keile, der gewöhnlich die Entſchloſſenſten ſeufzen machte. MWehr noch: der einzige Ausdruck, der auf ſeinem Geſichte hervortrat, war der eines unſäglichen Erſtaunens. Er ſchaute mit unverwandten Augen Caboche an, wel⸗ cher, den Arm emporgehoben, halb gegen den Richter zuruckgewendet, ſich zu einer Verdoppelung anſchickte. „Was war Eure Abficht, als Ihr Euch im Walde verbarget?“ fragte der Richter. „Uns in den Schatten zu ſetzen,“ antwortete Co⸗ connas. „Vorwärts!“ ſagte der Richter. Caboche führte einen zweiten Schlag, welcher wie der erſte ſcholl. 116 Aber Coconnas zuckte nicht mehr als bei dem erſten, und ſein Auge ſchaute fortwährend den Henker mit dem⸗ ſelben Ausdrucke an. Der Richter runzelte die Stirne und murmelte: „Das iſt ein harter Chriſt; iſt der Keil bis an das Ende eingedrungen, Meiſter?“ Caboche bückte ſich, als wollte er es unterſuchen. Während er ſich aber bückte, ſagte er ganz leiſe zu Co⸗ connas:* „Schreit doch, Unglücklicher!“ Dann ſich wieder erhebend, ſprach der Henker: „Bis an das Ende, Herr.“ „Den zweiten Keil eingeſchlagen,“ verſetzte kalt der Richter. Die drei Worte von Caboche erklärten Coconnas Alles. Der würdige Henker hatte ſeinem Freunde den größten Dienſt geleiſtet, den ein Henker einem Edel⸗ mann leiſten kann. Er erſparte ihm mehr als den Schmerz, er erſparte ihm die Schmach der Geſtändniſſe, indem er ihm zwi⸗ ſchen die Beine elaſtiſche lederne Keile eintrieb, deren oberer Theil nur mit Holz beſchlagen war, ſtatt ihm eichene Keile einzutreiben. Dabei ließ er ihm über⸗ dies ſeine Kraft, um dem Schaffot zu trotzen. „O! braver, braver Caboche,“ murmelte Coconnas, „ſey ruhig, ich werde ſchreien, da Du es mir befiehlſt, und wenn Du nicht mit mir zufrieden biſt, mußt Du ſehr ſchwieriger Natur ſeyn.“ Während dieſer Zeit hatte Caboche das Ende eines Keils, welcher viel dicker war, als der erſte, zwiſchen die Bretter geſchoben. Vorwärts,“ ſagte der Richter. Bei dieſem Worte ſchlug Caboche, als wäre es ſeine Aufgabe geweſen, mit einem Streiche den Thurm von Vincennes zu zertrümmen. „Ah! ah! hu! hu!“ ſchrie Coconnas aus wechſeln⸗ — den 2 Knoc ſeine des. holte geno Ohr dem erſti zu war den dab zeic me ſten, dem⸗ das chen. Co⸗ t der onnas unde Edel⸗ ſparte zwi⸗ deren t ihm über⸗ nnas, fiehiſt, tDu eines iſchen ire es Lhurm chſeln⸗ — 117 den Tonarten.„Tauſend Donner! Ihr zerbrecht mir die Knochen, nehmt Euch doch in Acht!“ „Ah!“ ſprach der Richter ächelnd,„der zweite thut ſeine Wirkung; es wunderte mich auch.“ Coconnas ſchnaufte, wie der Blaſebalg eines Schmie⸗ des. „Was thatet Ihr alſo in dem Walde?“ wieder⸗ holte der Richter. „Ei, Mordi! ich habe es Euch bereits geſagt, ich genoß vie friſche Luft.“ „Vorwärts,“ ſprach der Richter. „Geſteht,“ flüſterte Caboche dem Gefolterten in das Ohr. „Was?“ „Alles, was Ihr wollt; aber geſteht irgend etwas.“ Und er führte den zweiten Schlag, der an Stärke dem erſten nichts nachgab. Coconnas ſchrie, daß er glaubte, er würde ſich ſelbſt erſticken. „Oh! la la!“ ſagte er ſodann,„was wünſcht Ihr zu wiſſen, mein Herr? Auf weſſen Befehl ich im Walde war?“ „Ja, mein Herr.“ „Ich war dort auf Befehl des Herrn von Alencon.“ „Schreibt,“ ſagte der Richter. „Habe ich ein Verbrechen begangen, indem ich dem König von Navarra eine Falle ſtellte, ſo war i dahei nur ein Wertzeug un gehorchte meinem Herrn.“ Der Schreiber ſchickte ſich an, ſeine Worte aufzu⸗ zeichnen. „Ah! Du haſt mich angezeigt, Bleichgeſicht,“ mur⸗ melte der Leidende,„warte, warte!“ Und er erzählte die Beſuche von Franz bei dem König von Navarra, die Zuſammenkünfte von Herrn von Mouy mit Herrn von Alencon, die Geſchichte von dem rothen Mantel, wobei er aus Erinnerung von Zeit zu Zeit laut ſchrie und ſich nene Hammerſchläge verſetzen 118 ließ. Endlich gab er ſo genaue, ſo wahrhaftige, ſo unbeſtreitbare und ſchreckliche Ausſagen gegen den Her⸗ zog von Alencon; er wußte ſich ſo gut den Anſchein zu verleihen, als ließe er ſich dieſelben nur durch die Hef⸗ tigkeit ſeiner Schmerzen entreißen; er machte Grimaſſen, brüllte und beklagte ſich auf eine ſo natürliche Weiſe, daß der Richter ſelbſt am Ende einen Schrecken darüber bekam, daß er einen Sohn von Frankreich ſo ge⸗ waltig compromittirende Umſtände einzutragen haben ſollte. „Schön,“ ſagte Caboche zu ſich ſelbſt,„das iſt ein Herr, dem man die Dinge nicht zweimal ſagen muß. Mein Jeſus! wie wäre es geweſen, hätte ich hölzerne Keile ſtatt lederner genommen.“ Man begnadigte auch Coconnas mit dem letzten Keile der außerordentlichen Folter. Aber ohne dieſen zu zählen, hatte er es mit neun andern zu thun gehabt, was hingereicht hätte, ſeine Beine zu Brei zu zermalmen. Der Richter machte bei Coconnas die Gnade gel⸗ tend, die er ihm in Betracht ſeiner Geſtändniſſe bewilligte, und entfernte ſich. Der Leidende blieb allein mit Caboche. „Nun,“ ſagte dieſer,„wie geht es, mein edler Herr?“ „Ah, mein Freund, mein braver Freund, mein lie⸗ ber Caboche,“ erwiederte Coconnas,„ſey überzeugt, daß ich mein ganzes Leben dankbar für das ſeyn werde, was Du für mich gethan haſt.“ „Peſt! Ihr habt Recht, denn wenn man wüßte, was ich für Euch gethan habe, ſo würde ich Euern Platz auf der Folterbank einnehmen, und man dürfte mich nicht ſchonen, wie ich Euch geſchont habe.“ „Aber wie biſt Du auf den geiſtreichen Gedanken gekommen?“ „Seht, ſagte Caboche, während er die Beine von Coconnas in blutige Linnen wickelte:„ich wußte, daß Ihr verhaftet waret, ich wußte, daß man Euch den Proteß machte, ich wußte, daß die Königin Catharina —— —— lich me zig ma mo Urt nic ger Sa er, an Fo boc für bei mit „w erſt bit 119 Euern Tod wollte; ich errieth, daß man Euch der pein⸗ lichen Frage überantworten würde, und nahm hienach meine Vorſichtsmaßregeln.“ „Auf Gefahr, was daraus entſtehen dürfte?“ „Mein Herr,“ ſagte Caboche,„Ihr ſeyd der ein⸗ zige Edelmann, der mir die Hand gegeben hat, und man hat Gedächtniß und Herz, obgleich man Henker iſt, und gerade vielleicht weil man Henker iſt. Ihr werdet morgen ſehen, wie ich mein Geſchäft gut verrichte.“ „Morgen?“ ſagte Coconnas. „Allerdings, morgen.“ „Was für ein Geſchäft?“ Caboche ſchaute Coconnas verwundert an. „Wie, was für ein Geſchäft? Habt Ihr denn den urtheilsſpruch vergeſſen?“ „Ah, ja, der Spruch, ich hatte ihn vergeſſen.“ Coconnas hatte ihn nicht vergeſſen, aber er dachte nicht mehr daran. Er dachte an die Kapelle, an das unter dem heili⸗ gen Tuche verborgene Meſſer, an Henriette und an die Königin, an die Thüre der Saeriſtei und an die am Saume des Waldes wartenden Pferde; hieran dachte er, an die Freiheit, an den Ritt in friſcher Luft, an die Sicherheit jenſeits der Gränze von Frankreich. „Nun handelt es ſich darum, Euch geſchickt von der Folterbank auf die Tragbahre zu bringen,“ ſagte Ca⸗ boche.„Vergeßt nicht, daß Ihr für Jedermann, ſogar für meine Knechte, gebrochene Beine habt, und daß Ihr bei jeder Bewegung einen Schrei ausſtoßen müßt.“ „Aje!“ rief Coconnas, als er die zwei Knechte mit der Tragbahre auf ſich zukommen ſah. „Auf, auf, ein wenig Muth!“ ſprach Caboche, „wenn Ihr jetzt ſchon ſchreit, was werdet Ihr hernach erſt thun?“ „Mein lieber Caboche,“ erwiederte Coconnas,„ich bitte Euch, laßt mich nicht durch Eure ſchätzenswerthen 120 Gehülfen berühren. Sie haben vielleicht keine ſo leichte Hand, wie Ihr.“ „Stellt die Tragbahre neben die Folterbank,“ ſprach Caboche. Die zwei Knechte gehorchten. Meiſter Caboche nahm Coconnas in ſeine Arme, wie er es mit einem Kinde gethan hätte, und legte ihn auf die Tragbahre nieder; aber trotz dieſer Behutſamkeit ſtieß Coconnas furchtbare Schreie aus. Der brave Kerkermeiſter erſchien nun mit einer Laterne. „In die Kapelle,“ ſagte er. Und die Träger von Coconnas entfernten ſich, nach⸗ dem dieſer Caboche einen zweiten Händedruck gegeben hatte. Der erſte war dem Piemonteſen zu erſprießlich ge⸗ weſen, als daß er hätte ferner den Schwierigen ſpielen ſollen. XI. Die Rapelle. Das düſtere Geleite ſchritt im tiefſten Stillſchweigen über die zwei Zugbrücken des Thurmes und durch den großen Hof des Schloſſes, welcher zu der Kapelle führte, aus deren Fenſtern ein bleiches Licht fiel, das die grauen Geſichter der Apoſtel in rothen Röcken beleuchtete. Coconnas athmete gierig die Rachtluft ein, obgleich dieſe ganz mit Regen geſchwängert war. Er betrach⸗ tete die tiefe Dunkelheit und beglückwünſchte ſich, daß alle Umſtände für ſeine Flucht und die ſeines Gefährten günſtig waren. Er bedurfte ſeiner ganzen Willenskraft, ſeiner gan⸗ zen Klugheit, ſeiner ganzen Selbſtbeherrſchung, um nicht von Kat eine ſah. tete ein: ſchl dah an reic die beh geſt zwe Coc ihn. Eir hin eine und dem in chte ach me, ihn tkeit iner ach⸗ ben ge⸗ elen igen den yrte, uen leich ach⸗ daß rten Jan⸗ icht von der Tragbahre herabzuſpringen, ſobald er in der Kapelle angelangt im Chor drei Schritte vom Altar einen Menſchen in einem großen weißen Mantel liegen ſah. Es war La Mole. Die zwei Soldaten, welche die Tragbahre beglei⸗ teten, waren an der Thüre ſtehen geblieben. „Da man uns die letzte Gnade erweiſt, uns noch einmal mit einander zu vereinigen,“ ſprach Coconnas mit ſchleppender Stimme,„ſo tragt mich zu meinem Freunde.“ Die Träger hatten keinen Gegenbefehl und machten daher auch keine Schwierigkeit, die Bitte von Coconnas zu erfüllen. La Mole war düſter und bleich. Sein Kopf ruhte an dem Marmor der Mauer; ſeine ſchwarzen Haare in reichlichen Schweiß gebadet, der ſeinem matten Antlitz die Bläſſe des Elfenbeins verlieh, ſchienen die Steifheit behalten zu haben, nachdem ſie ſich auf ſeinem Haupte geſträubt hatten. Auf ein Zeichen des Schließers entfernten ſich die zwei Knechte, um den Prieſter zu holen, nach welchem Coconnas verlangte. Dieß war das verabredete Zeichen. Coconnas folgte ihnen mit ängſtlichem Auge. Aber er war nicht der Einzige, der den glühenden Blick auf ſie geheftet hatte. Kaum waren ſie verſchwunden, als zwei Frauen hinter dem Altar hervorſtürzten und in den Chor mit einem Freudenſchauer einbrachen, der ihnen vorherging und gleichſam die Luft bewegte, wie ein heißer Hauch dem Sturme vorhergeht. Margarethe eille auf La Mole zu und ſchloß ihn in ihre Arme. La Mole ſtieß einen furchtbaren Schrei aus, einen von jenen Schreien, wie ſie Coconnas in ſeinem Ge⸗ fängniſſe gehört hatte. „Mein Gott! was iſt Euch denn, La Mole?“ ſagte Margarethe, voll Schrecken zurückweichend. Königin Margot. III. 9 122 La Mole ſeufzte und drückte ſeine Hände vor ſeine Augen, als wollte er Margarethe nicht ſehen. Margarethe war noch mehr erſchrocken über dieſes Stillſchweigen und über dieſe Geberde, als über den Schmerzensſchrei, den La Male ausgeſtoßen hatte. „Oh!“ rief ſie,„was haſt Du denn? Du biſt voll Blut.“ Coconnas, der nach dem Altar gelaufen war, der den Dolch ergriffen hatte, der Henriette bereits um⸗ ſchlungen hielt, wandte ſich um. „Steh' doch auf,“ ſagte Margarethe,„ich bitte Dich; Du ſiehſt, der Augenblick iſt gekommen.“ Ein furchtbares Lächeln der Traurigkeit zog über die bleichen Lippen von La Mole, der nicht mehr lächeln zu ſollen ſchien. „Theure Königin,“ ſprach der junge Mann,„Ihr hattet ohne Catharina und folglich ohne ein Verbrechen gerechnet. Ich habe die Folter ausgeſtanden und meine Knochen ſind gebrochen, mein ganzer Leib iſt nur eine Wunde, und die Bewegung, welche ich in dieſem Augen⸗ blick mache, um meine Lippen auf Eure Stirne zu vrücken, verurſacht mir Schmerzen, ſchlimmer als der Tod.“ La Mole drückte wirklich, mit großer Anſtrengung und völlig erbleichend, ſeine Lippen auf die Stirne der Königin. „Die Folter!“ rief Coconnas,„ich habe ſie auch ausgeſtanden; aber hat der Henker für Dich nicht ge⸗ than, was er für mich gethan hat?“ Coconnas erzählte nun Alles. ih, verſetzte La Mole,„das begreift ſich. Du m am Tage unſeres Beſuches die Hand gegeben; ich aber vergaß, daß alle Menſchen Brüder ſind, und behandelte ihn mit Verachtung. Gott beſtraft mich für en Stolz, Gott ſey gelobt!“ La Mole faltete die Hände. — ih Ar ker A ſei un rü eit B al eine ieſes den voll der um⸗ bitte über cheln „Ihr echen neine eine ugen⸗ e zu s der gung te der auch t ge⸗ Bü zeben; „ und ch für ———— Coconnas und die zwei Frauen wechſelten einen Blick unſäglichen Schreckens. „Auf, auf,“ ſagte der Kerkermeiſter, der bis jetzt an der Thüre geſtanden hatte, um zu horchen, und nun zurückgekommen war,„verliert keine Zeit, lieber Herr von Coconnas; meinen Degenſtich, und macht mir das als würdiger Edelmann, denn ſie werden kommen.“ Margarethe war zu La Mole niedergekniet, einer von jenen Marmorfiguren ähnlich, welche über ein Grab hei dem Bildniſſe deſſen ſich beugen, welchen daſ⸗ ſelbe enthält. „Vorwärts, Freund,“ ſagte Coconnes,„Muth ge⸗ faßt; ich bin ſtark, ich trage Dich, ich ſetze Dich auf Dein Pferd, ich nehme Dich ſogar vor mich, wenn Du Dich nicht auf dem Sattel halten kannſt, aber laß uns eilig fliehen. Du hörſt wohl, was dieſer brave Mann ſagt: es hundelt ſich um das Leben.“ La Mole machte eine übermenſchliche, eine erhabene Anſtrengung und ſprach: „Es iſt wahr, es handelt ſich um Dein Leben.“ Und er verſuchte aufzuſtehen. Annibal nahm ihn unter den Armen und richtete ihn auf. La Mole gab während dieſer Zeit nur eine Art von dumpfem Murren von ſich. Aber in dem Augenblick, wo Coconnas ihn losließ, um zu dem Ker⸗ kermeiſter zu gehen, und der Leidende nur noch von den Armen der zwei Frauen unterſtützt wurde, bogen ſich ſeine Bein?, er fiel, trotz der Anſtrengung der in Thränen zerfließenden Margarethe, wie eine Maſſe nieder, und der herzzerreißende Schrei, den er nicht länger zu⸗ rückzuhalten im Stande war, machte die Kapelle von einem düſteren Echo erſchallen, welches lange unter den Gewölben vibrirte. „Ihr ſeht,“ ſagte La Mole, mit einem Tone voll Betrübniß,„Ihr ſeht es, meine Königin, laßt mich alſo, ſcheidet von mir mit einem letzten Lebewohl. 9 124 Ich habe nicht geſprochen, Margarethe, Euer Geheim⸗ niß iſt in meine Liebe gehüllt geblieben und wird mit mir ſterben. Gott befohlen, meine Königin!“ Margarethe umfing, ſelbſt halb leblos, mit ihren Armen dieſen reizenden Kopf und drückte einen beinahe frommen Kuß darauf. „Du, Annibal,“ ſprach La Mole,„Du, den die Schmerzen verſchont haben, Du, der Du jung biſt und leben kannſt, fliehe, mein Freund, gewähre mir den Troſt, Dich in Freiheit zu wiſſen.“ „Die Stunde geht vorüber,“ rief der Kerkermeiſter, „vorwärts, beeilt Euch.“ Henriette ſuchte Annibal ſanſt fortzuziehen, während Margarethe vor La Mole knieend, mit zerſtreuten Haaren und von Thränen überſtrömten Augen, einer Magda⸗ lena glich. „Fliehe, Annibal,“ wiederholte La Mole,„fliehe, gib unſern Feinden nicht das luſtige Schauſpiel des Todes von zwei Unſchuldigen.“ Coconnas drängte Henriette, die ihn nach der Thüre zog, ſachte zurück und ſprach mit einer ſo feier⸗ lichen Geberde, daß ſie beinahe majeſtätiſch wurde: „Madame, gebt zuerſt die fünfhundert Thaler, die Ihr dieſem Manne verſprochen habt.“ „Hier ſind ſie,“ ſagte Henriette, Dann ſich gegen La Mole umwendend und traurig den Kopf ſchüttelnd, fuhr Coconnas fort: „Was Dich betrifft, mein guter La Mole, Du thuſt mir Unrecht, wenn Du nur einen Augenblick glaubſt, ich könnte Dich verlaſſen. Habe ich denn nicht geſchworen, mit Dir zu leben und zu ſterben? Aber Du leideſt zu ſehr, mein Freund, und ich verzeihe Dir.“ Und er legte ſich entſchloſſen neben ſeinem Freunde nieder, neigte ſich gegen deſſen Haupt und berührte ſeine Stirne mit den Lippen. Dann zog er ſachte, ſachte, wie es eine Mutter für ihr der gehr Ged geßt unſe Ma mit mac mit als wele anb Ver reth Ver dem zum ſich him La dopf eim⸗ mit hren nahe die und den iſter, hrend raren gda⸗ iehe, des der feier⸗ „ die aurig thuſt t, ich oren, ſt zu eunde ſeine ———— 125 ihr Kind thun würde, den Kopf ſeines Freundes an ſich, der nun an ſeiner Bruſt ruhte. Margarethe war finſter; ſie hatte den Dolch auf⸗ gehoben, der den Händen von Coconnas entfallen war. „Oh! meine Königin,“ ſprach la Mole, der ihre Gedanken begriff und die Arme nach ihr ausſtreckte,„ver⸗ geßt nicht, daß ich ſterbe um auch die letzte Ahnung von unſerer Liebe zu erſticken.“ „Aber was kann ich denn für Dich thun,“ rief Margarethe voll Verzweiflung,„wenn ich nicht einmal mit Dir ſterben darf?“ „Du kannſt machen,“ ſprach La Mole,„Du kannſt machen, daß mir der Tod ſüß ſeyn und mir gleichſam mit lächelndem Antlitz erſcheinen wird.“ Margarethe näherte ſich ihm mit gefaltenen Händen, als wollte ſie ihm ſagen, er möge ſprechen. „Erinnerſt Du Dich jenes Abends, Margarethe, an welchem Du im Austauſche für mein Leben, das ich Dir anbot, und das ich Dir heute gebe, mir ein heiliges Verſprechen leiſteteſt?“ Margarethe bebte. „Ah! Du erinnerſt Dich,“ ſprach La Mole,„denn Du ſchauerſt.“ „Ja, ja, ich erinnere mich,“ erwiederte Marga⸗ rethe,„und bei meiner Seele, Hyazinth, ich werde dieſes Verſprechen halten.“ Margarethe ſtreckte von ihrem Platze die Hand nach dem Altar aus, als wollte ſie Gott zum zweiten Male zum Zeugen ihres Schwures nehmen. Das Antlitz von La Mole klärte ſich auf, als hätte ſich das Gewölbe der Kapelle geöffnet und wäre es ein himmliſcher Strahl auf ihn herabgefallen. „Man kommt, man kommt,“ rief der Schließer. Margarethe ſtieß einen Schrei aus und ſtürzte auf La Mole zu. Aber die Furcht, ſeine Schmerzen zu ver⸗ doppeln, hielt ſie zitternd vor ihm zurück. 126 Henriette drückte ihre Lippen auf die Stirne von Coconnas und ſprach zu ihm: „Ich begreife Dich, mein Annibal, und bin ſtolz auf Dich. Ich weiß wohl, daß Dein Heldenmuth Deinen Tod herbeiführen wird, aber ich liebe Dich wegen Deines Heldenmuthes. Vor Gott werde ich Dich ſtets mehr als Alles lieben. Und was Margarethe für La Mole zu thun geſchworen hat, das ſchwöre ich Dir, ohne zu wiſſen was es iſt, auch für Dich zu thun.“ Und ſie reichte Margarethe ihre Hand. „Wohl geſprochen; ich danke,“ ſagte Coconnas. „Ehe Ihr mich verlaßt, meine Königin,“ ſprach La Mole,„noch eine letzte Gnade. Gebt mir irgend ein Andenken, das ich küſſen kann, wenn ich das Schaffot beſteige.“ „Oh ja,“ rief Margarethe,„ſogleich...“ Und ſie machte von ihrem Halſe ein kleines goldenes Reliquienkäſtchen los, welches von einer Kette von dem⸗ ſelben Metall getragen wurde. „Sieh hier,“ ſagte ſie,„eine heilige Reliquie, die ich ſeit meiner Kindheit trage. Meine Mutter hat ſie mir um den Hals gehängt, als ich noch ganz klein war und ſie mich noch liebte. Sie kommt von unſerem Oheim, dem Papſt Clemens; ich habe ſie nie von mir gegeben. Nimm hin!“ La Mole nahm die Reliquie und küßte ſie gierig. „Man öffnet die Thüre!“ rief der Kerkermeiſter. „Flieht, meine Damen, flieht!“ Die zwei Frauen ſtürzten hinter den Altar, wo ſie verſchwanden. In demſelben Augenblick trat der Prieſter ein. — gerä in n ohnt cenn Antt obgl ſeiti und Kön zerr und die Str und auf den beſti den ſich es i über der ohn zur Geg ertr on olz en ies als n s ach ein ffot nes em⸗ ie, hat ein em mir ter. ſie 127 XII. Der Platz Saint Jean-en- Gréve. Es war ſieben Uhr Morgens. Die Menge wartete geräuſchvoll aufden Plätz n, in den Straßen, auf den Quais. Um ſechs Uhr Morgens war ein Karren, derſelbe, in welchem man die zwei Freunde nach ihrem Duell ohnmächtig in den Louvre zurückgebracht hatte, von Vin⸗ cennes abgegangen, durchzog langſam die Rue Saint⸗ Antoine, und die Zuſchauer auf ſeinem Wege ſchienen, obgleich ſo ſehr an einander gedrängt, daß ſie ſich gegen⸗ ſeitig beinahe erdrückten, Bildſäulen mit ſtarren Augen und zu Eis verwandeltem Munde zu ſeyn. Es wurde in der That an dieſem Tage durch die Königin Mutter dem ganz en Volke von Paris ein herz⸗ zerreißendes Schauſpiel geboten. In dem Karren, von dem wir geftinehe haben, und der, am Morgen von Vincennes abgegangen, durch die Straßen zog, lehnten ſich, auf ein paar Bunden Stroh liegend⸗ zwei junge Leute mit entblößtem Haupte und völlig ſchwarz gekleidet an einander.„ connas hielt auf ſeinem Schooße La Mole, de Kopf etwas über den Karren hervorlag, während ſeine A lugen, ohne eine Richtung anzunehmen, umher irrten. Die Menge aber, um einen gierigen Blick bis in den Grund des hr⸗ Zu tauchen, hob ſich, drängte ſich, ſtieg auf die Wei ſteine und ſchien zufrieden, wenn es ihr gelungen war, ſ und gar die beiden Körper zu überſchauen, welche i von dem Leiden trennten, um der Zerſtörung ſnnih Es hatte ſich die Sage verbreitet, La Mole ſterbe, ohne auch nur das Geringſte von dem, was man ihm zur Laſt legte, zugeſtanden zu haben, während man im Gegentheil verſicherte, Coconnas habe den Schmerz nicht ertragen können und Alles bekannt. 128 Man ſchrie auch von allen Seiten:„Seht! ſeht den Rothen! dieſer hat geſprochen! dieſer hat Alles geſagt! er iſt ein Feiger und Urſache an dem Tode des Andern. Der Andere iſt im Gegentheil ein Braver und hat nichts zugeſtanden.“ Die zwei jungen Leute hörten wohl, der eine die Lobeserhebungen, der andere die Beleidigungen, womit man ihren Zug zum Tode begleitete. Und während La Mole ſeinem Freunde die Hände drückte, gab ſich eine erhabene Verachtung auf dem Geſichte des Piemonteſen kund, der von ſeinem abſcheulichen Karren herab die alberne Menge betrachtete, wie er ſie von einem Triumph⸗ wagen aus betrachtet haben würde. Das Unglück hatte ſein himmliſches Werk vollbracht, es hatte das Geſicht von Cochnnas geadelt, wie der Tod ſeine Seele vergöttlichen ſollte. „Sind wir bald angelangt?“ fragte La Mole.„Ich kann nicht mehr, Freund, ich glaube, ich werde in Ohnmacht fallen.“ „Warte, warte, La Mole, wir kommen vor der Rue Tiſon und vor der Rue Cloche-Percée vorüber. Schau' ein wenig.“ „Oh! hebe mich auf, daß ich noch einmal dieſes glückſelige Haus ſehe.“ Coconnas ſtreckte die Hand aus und berührte die Schulter des Henkers. Er ſaß vorne auf dem Karren und führte das Pferd. „Meiſter,“ ſagte er zu ihm,„thu' uns den Gefallen und halte einen Augenblick vor der Rue Tiſon an.“ Caboche machte mit dem Kopfe eine bewilligende Geberde und hielt vor der Rue Tiſon an. La Mole erhob ſich, unterſtützt von Coconnas, mit großer Anſtrengung und ſchaute, das Auge von einer Thräne verſchleiert, nach dem kleinen, ſchweigſamen, ſtum⸗ men, wie ein Grab verſchloſſenen Hauſe; ein Seufzer ſchwellte ſeine Bruſt und er murmelte mit leiſer Stimmet vie! hat oh: zuſ Ha ohn der daß dar Ha bäu blu rag ſter zwe wer Du ſter bef des und die mit La eine eſen ph⸗ cht, der Ich in der ber. eſes die ren llen nde mit iner um⸗ fzer iſer „Fahret wohl, Tugend, Liebe, Leben.“ Und er ließ den Kopf wieder auf die Bruſt finken. „Muth gefaßt,“ ſagte Coconnas,„wir werden vielleicht Alles dieß da oben wieder finden.“ „Glaubſt Du?“ ſprach La Mole. „Ich glaube es, weil es mir der Prieſter geſagt hat, und beſonders, weil ich es hoffe. Aber werde nicht ohnmächtig, mein Freund. Dieſe Elenden, welche uns zuſchauen, würden über uns lachen.“ Caboche hörte die letzten Worte, peitſchte mit einer Hand ſein Pferd und reichte mit der andern Coconnas, ohne daß es Jemand ſehen konnte, einen kleinen Schwamm, der mit einer ſo kräftigen Flüſſigkeit geſchwängert war, daß La Mole, ſobald er daran gerochen und die Schläfe damit gerieben hatte, ſich wieder geſtärkt und belebt fühlte. „Ah!“ ſagte La Mole,„ich erwache wieder.“ Und er küßte die an einer goldenen Kette an ſeinem Halſe hängende Reliquir. Als man an die Ecke des Quai gelangte und ſich um das reizende, von Heinrich ll. errichtete, kleine Ge⸗ bäude wandte, ſah man das Schaffot wie eine nackte, blutige Plattform ſich erheben. Dieſe Plattform über⸗ ragte alle Köpfe. „Freund,“ ſprach La Mole,„ich würde gern zuerſt ſterben.“ Coconnas berührte die Schulter des Henkers zum zweiten Male mit ſeiner Hand. „Was gibt es, edler Herr?“ fragte dieſer, ſich um⸗ wendend. „Braver Mann,“ ſprach Coconnas,„nicht wahr, Du thuſt mir einen Gefallen? Du haſt es mir wenig⸗ ſtens geſagt.“ „Ja, und ich wiederhole es Euch.“ „Mein Freund hier hat mehr gelitten als ich, und beſitzt folglich weniger Kraft.“ „Nun?“ „Er ſagt mir, er würde zu ſehr leiden, wenn er 130 mich zuerſt ſterben ſehen müßte. Ueberdieß, wenn ich zuerſt ſterben ſollte, wäre Niemand da, um ihn auf das Schaffot zu tragen.“ „Gut, gut,“ ſprach Caboche, mit dem Rücken ſeiner Hand eine Thräne abwiſchend;„ſeyd unbeſorgt, man wird thun, was Ihr wünſcht.“ „Und mit einem Schlage, nicht wahr?“ ſagte mit leiſer Stimme der Piemonteſe. „Mit einem.“ „Wohl, wenn Ihr wieder Kräſte ſammeln müfßt, ſo ſammelt ſie bei mir.“ Der Karren hielt an. Man war an Ort und Stelle. Coconnas ſetzte ſeinen Hut auf. Ein Getöſe, dem der Wellen des Meeres ähnlich, drang an die Ohren von La Mole. Er wollte aufſtehen⸗ aber die Kräfte fehlten ihm, und Caboche und Coconnas mußten ihn unter den Armen halten. Der Platz war mit Köpfen gepflaſtert, die Stufen des Stadthauſes ſchienen ein mit Zuſchauern bevölkertes Amphitheater. Aus jedem Fenſter ſchauten belebte Ge⸗ ſichter mit flammenden Blicken hervor. Als man ſah, wie der ſchöne junge Mann, der ſich nicht mehr auf den gebrochenen Beinen halten konnte, im höchſten Grade ſich anſtrengte, um ohne Unterſtützung auf das Schaffot zu gehen, erhob ſich ein ungeheutes Geſchrei wie ein Ruf allgemeiner Verzweiflung. Die Männer brüllten, die Weiber ſtießen Wehklagen aus. „Das war einer von den Vortrefflichſten des Hofes,“ ſagten die Männer,„er ſollte nicht auf Saint⸗Jean⸗en⸗ Groͤve, ſondern auf dem Pré⸗aur-Cleres ſterben.*) „Wie ſchön er iſt! wie bleich er iſt!“ riefen die Frauen.„Der iſt es, welcher nicht geſprochen hat.“ „Freund,“ ſagte La Mole,„ich kann mich nicht mehr halten, trage mich!“ *) Saint⸗Jean⸗en⸗Gröve war zu jener Zeit der Richtplatz, der Peér⸗aux⸗Cleres der Platz, welchen man gewöhnlich für Zweikämpfe wählte. Der Ueberſ. auf ſein ohn forn Geſ nich her ohn die klei kleit gan neri der rück ſterl geſe drü deck mut Thr Coe der npfe 131 „Warte,“ erwiederte Coconnas. Er machte dem Henker ein Zeichen und dieſer ging auf die Seite; dann bückte er ſich, nahm La Mole in ſeine Arme, wie er ein Kind genommen hätte, und ſtieg, ohne zu wanken, mit Fi Laſt die Treppe der Platt⸗ form hinauf, wo er La Mole unter dem wüthendſten Geſchrei und Beifallklatſchen der Menge niederlegte. Coconnas nahm ſeinen Hut vom Haupte und grüßte. Dann warf er ſeinen Hut neben ſich auf das Schaffot. „Schau' umher,“ ſagte La Mole,„erblickſt Du ſie nicht irgendwo?“ Coconnas ſchaute langſam rings auf dem Platze um⸗ her, hielt, an einem Punkte angelangt, an und ſtreckte ohne die Augen abzuwenden ſeine Hand aus, welche die Schulter ſeines Freundes berührte. „Schan',“ ſagte er,„ſchau' nach dem Fenſter jenes kleinen Thurmes.“ Und mit ſeiner andern Händ zeigte er La Mole das kleine Monument, das noch jetzt, ein Trümmer aus ver⸗ gangenen Jahrhunderten, zwiſchen der Rue de la Van⸗ nerie und der Rue du Monton beſteht. Z ei ſchwarz gekleidete Frauen ſtanden an einan⸗ der gelehnt nicht unmittelbar am Fenſter, ſondern etwas rückwärts. „Ah!“ ſagte La Mole,„ich fürchtete nur Eines, zu ſterben, ohne ſie wiederzuſehen. Ich habe ſie wieder⸗ geſehen und kann nun ſterben.“ Und die Augen gierig auf das kleine Fenſter geheftet, drückte er das Reliquienkäſtchen an ſeinen Mund und be⸗ deckte es mit Küſſen. Coconnas be grüßte die zwei Frauen mit aller An⸗ muth, die er ſich in einem Salon gegeben hätte. Dieſes Zeichen erwiedernd, ſchwangen ſie ihre von Thränen durchnäßten Taſcheutücher. Caboche berührte mit dem Finger die Schulter von Coconnas und machte ihm ein verſtändliches Zeichen. „Ja, ja,“ ſagte er Piemonteſe. 132 Dann ſich gegen La Mole umwendend, ſprach er: „Umarme mich und ſtirb hut. Es wird Dir nicht ſchwer werden, Freund, denn Du biſt ſo muthig.“ „Ah,“ entgegnete La Mole,„es wird kein Verdienſt von mir ſeyn, wenn ich gut ſterbe, ich leide ſo ſehr.“ Der Prieſter näherte ſich und ſtreckte ein Cruciſir gegen La Mole aus, der ihm lächelnd das Reliquien⸗ käſtchen zeigte, welches er in der Hand hielt. „Gleichviel,“ ſagte der Prieſter,„bittet immerhin denjenigen um Kraft, welcher gelitten hat, was Ihr leiden ſollt.“ La Mole küßte die Füße Chriſti. „Empfehlt mich zum Gebete den Damen der gebe⸗ nedeiten Heiligen Jungfrau,“ ſagte er. „Beeile Dich, La Mole,“ ſprach Coconnas,„Du thuſt mir ſo wehe, daß ich fühl e, wie ich ſchwach werde.“ „Ich bin bereit,“ ſprach La Mole. „Könnt Ihr Euern Kopfgerade halten?“ fragte Ca⸗ boche, indem er ſein Schwert hinter dem nieder⸗ knieenden La Mole richtete. „Ich hoffe es,“ verſetzte dieſer. „Dann wird Alles gut gehen.“ „Aber Ihr,“ ſagte La Mole,„Ihr werdet meine Bitte nicht vergeſſen; dieſes Religeruſchen wird Euch die Thüre öffnen.“ „Seyd unbeſorgt. Doch ſucht den Kopf ein wenig gerate zu halten.“ La Mole richtete den Hals auf und ſprach, ſeine Augen nach dem Thürmchen wendend: „Gott befohlen, Margarethe, ſey ge Er vollendete nicht. Mit einem Scuge ſeines blitzenden Schwertes machte Caboche das Haupt fallen, und dieſes rollte zu den Füßen von Coconnas. Der Körper ſtreckte ſich ſachte aus, als wollte er niederliegen. Ein ungeheurer Schrei, eine Zuſammenballung von tauſend Schreien, erſcholl, und Coconnas kam es vor, als gel ſag der „h ein mi St ſeit Tl Hä er: nicht ienſt — eiſir uien⸗ erhin Ihr gebe⸗ „Du rde.“ Ca⸗ eder⸗ eine Euch enig ſeine ines llen, e er als hätte er aus allen dieſen Frauenſtimmen einen Ton gehört, ſchmerzlicher als alke übrigen. „Ich danke, mein würdiger Freund, ich danke,“ ſagte Coconnas und reichte zum dritten Male die Hand dem Henker. „Mein Sohn,“ ſprach der Prieſter zu Coconnas, „habt Ihr Gott nichts anzuvertrauen?“ „Meiner Treue, nein, mein Vater,“ erwiederte der Piemonteſe,„Alles was ich ihm zu ſagen hatte, habe ich geſtern Euch ſelbſt geſagt.“ Dann, ſich gegen Caboche umwendend, ſprach er: „Auf, Henker, mein letzter Freund, noch einen Dienſt.“ Und ehe er niederkniete, ließ er über die Menge einen ſo ruhigen, ſo heiteren Blick gehen, daß ein Ge⸗ murmel der Bewunderung ſein Ohr liebkoſte und ſeinen Stolz lächeln machte. Dann drückte er den Kopf ſeines Freundes zwiſchen ſeine Hände, hauchte einen Kuß auf ſeine blauen Lippen, warf einen letzten Blick nach dem Thürmchen, kniete, dieſen vielgeliebten Kopf zwiſchen den Händen behaltend, nieder und ſprach: „Nun mir!“ Er hatte dieſe Worte nicht vollendet, als ſein Haupt auf einen Streich von Caboche von ſeinem Rumpfe flog. Als dieſer Schlag gethan war, erfaßte ein krampf⸗ haftes Zittern den würdigen Mann. „Es war Zeit, daß es zu Ende ging,“ murmelte er. „Armes Kind!“ Und er zog mit Mühe aus den krampfhaft zuſam⸗ mengepreßten Händen von La Mole das goldene Reli⸗ quienkäſtchen und warf ſeinen Mantel auf die traurigen Ueberreſte, welche der Karren in ſeine Wohnung zurück⸗ führen ſollte. Das Schauſpiel war vorüber, die Menge verlief ſich. 134 XIII. Der Thurm des Prillhanſes. Die Nacht war über die Stadt herabgeſunken, welche noch bebte von dem Geräuſch der Hinrichtung, deren ein⸗ zelne Umſtände von Mund zu Mund gingen und in jedem Hauſe die heitere Stunde des Abendbrodes verdüſterten. Aber im Gegenſatze gegen die ſchweigſame, traurige Stadt war der Louvre geräuſchvoll, luſtig, beleuchtet. Es fand ein großes Feſt im Palaſte ſtatt, ein Feſt, be⸗ fohlen von Karl IX., ein Feſt, das er für den Abend zu gleicher Zeit bezeichnet hatte, da er für den Morgen die Hinrichtung bezeichnete. Die Königin von Navarra hatte ſchon am Abend vor⸗ her den Befehl erhalten, ſich dabei einzufinden, und in der Hoffnung, La Mole und Coconnas würden in der Nacht gerettet, in der feſten Ueberzeugung, alle Maß⸗ regeln wären für ihre Flucht getroffen, hatte ſie ihrem Bruder geantwortet, ſie wurde ſeinen Wünſchen ent⸗ ſprechen. Aber ſeitdem ſie durch die Scene in der Kapelle jede Hoffnung verloren, ſeitdem ſie in einer letzten Be⸗ wegung frommer Gefühle für dieſe Liebe, die größte und tiefſte, die ſie in ihrem Leben empfunden, der Hinrich⸗ tung beigewohnt hatte, hatte ſie ſich auch gelobt, daß ſie weder Bitten noch Drohungen veranlaſſen ſollten, einem freudigen Feſte im Lonvre an demſelben Tage beizuwoh⸗ nen, an welchem ſie ein ſo trauriges Feſt auf der Gröve geſehen. Der König Karl IX. gab an demſelben Tage einen neuen Beweis von jener Macht des Willens, welche vielleicht Niemand auf dieſen Grad trieb, wie er. Seit vierzehn Tagen an das Bett gefeſſelt, hinfällig wie ein Sterbender, bleich wie eine Leiche, ſtand er gegen fünf Uhr auf und legte ſeine ſchönſten Gewänder an. Es iſt ————— eche ein⸗ edem rten. urige chtet. „ be⸗ nd zu n die vor⸗ nd in nder Maß⸗ hrem ent⸗ pelle Be⸗ e und nrich⸗ aß ſie einem woh⸗ Frève einen velche Seit e ein fünf Es iſt ———— 135 nicht zu leugnen, daß er während der Toilette dreimal in Ohnmacht fiel. Gegen acht Uhr erkundigte er ſich, was aus ſeiner Schweſter geworden wäre, und fragte, ob man ſie ge⸗ ſehen hätte und ob man wüßte, was ſie machte. Nie⸗ mand antwortete ihm, denn die Königin war gegen eilf Uhr zurückgekehrt und hatte ſich, Jedermann ihre Thüre verbietend, eingeſchloſſen. Aber es gab keine verſchloſſene Thüre für Karl. Auf den Arm von Herrn von Nancey geſtützt, ſchleppte er ſich nach den Gemächern der Königin von Navarra und trat plötzlich durch die Thüre des geheimen Ganges ein. Obgleich er auf ein trauriges Schauſpiel gefaßt war und ſein Herz darauf vorbereitet hatte, ſo war doch das, was er erblickte, noch viel beklagenswerther, als das von ihm Geträumte. Halb todt, auf einem Ruhebette liegend, den Kopf in Kiſſen begraben, weinte, betete Margarethe nicht, ſondern ſie röchelte ſeit ihrer Rückkehr wie eine im Todeskampfe Begriffene. In der andern Ecke des Zimmers lag Henriette von Nevers, dieſe unerſchrockene Frau, bewußtlos auf dem Boden ausgeſtreckt. Als ſie von der Gröéve zurücktehrte, waren ihre Kräfte wie die von Margarethe zuſammen⸗ gebrochen, und die arme Gillonne ging von der Einen zur Andern, ohne daß ſie es wagte, ein Wort des Troſtes an ſie zu richten. In den Kriſen, die auf ſolche große Kataſtrophen folgen, iſt man geizig mit ſeinem Schmerze, wie mit einem Schatz, und man hält Jeden für einen Feind, der uns den geringſten Theil davon zu entziehen ſucht. Karl 1X. ließ Nantey im Gang, öffnete die Thüre und trat bleich und zitternd ein. Weder die Eine noch die Andere von den zwei Frauen ſah ihn. Gillonne allein, welche in dieſem Augenblick Henriette unterſtützte, erhob ſich auf ein Knie und ſchaute den König ganz erſchrocken an⸗ 136 Der König machte eine Geberde mit der Hand. Sie ſtand auf, verbeugte ſich und trat ab. Hienach wandte ſich Karl gegen Margarethe, ſchaute ſie einen Augenblick ſchweigend an und ſagte dann mit einem Tone, deſſen man dieſe rauhe Stimme nicht hätte fähig halten ſollen: „Margot, meine Schweſter!“ Die junge Frau bebte, richtete ſich auf und flüſterte: „Eure Majeſtät!“ „Muth gefaßt, meine Schweſter.“ Margarethe ſchlug die Augen zum Himmel auf. „Jo,“ ſprach Karl,„ich weiß es wohl, aber höre mich.“ Die Königin von Navarra bedeutete durch ein Zei⸗ chen, daß ſie hörte. „Du haſt mir verſprochen, auf den Ball zu kommen,“ ſagte Karl. „Ich!“ rief Margarethe. „Ja, und Deinem Verſprechen zufolge erwartet man Dich, und wenn Du nicht kämeſt, würde man ſtaunen, Dich nicht dort zu finden.“ „Entſchuldigt mich, mein Bruder, Ihr ſeht, ich bin leidend.“ „Strenge Dich gegen Dich ſelbſt an.“ Margarethe ſchien einen Augenblick einen Verſuch zu machen, ihren Muth zu beleben; dann ließ ſie plötz⸗ lich ihr Haupt wieder auf die Kiſſen fallen und rief: „Nein, nein, ich werde nicht gehen.“ Karl nahm ſie bei der Hand, ſetzte ſich auf ihr Ruhebett und ſprach: „Du haſt ſo eben einen Freund verloren, ich weiß es, Margot. Aber ſchau' mich an, habe ich nicht alle meine Freunde verloren? und mehr noch, meine Mutter! Du, Du konnteſt ſtets nach Deinem Gefallen weinen, wie Du in dieſem Augenblick weinſt. Ich war in der Stunde meiner heftigſten Schmerzen ſtets genöthigt, zu lächeln; Du leideſt, ſchau' mich an, ich ſterbe. Auf, and. aute mit hätte erte: f. höre Zei⸗ ren,“ man mnen, h bin rſuch f. f ihr weiß t alle tter! inen, n der t, zu Auf, . 137 Margot, Muth gefaßt! Ich bitte Dich, meine Schweſter, im Namen unſerer Ehre! Wir tragen als ein kummer⸗ volles Kreuz den Ruf unſeres Hauſes; tragen wir es wie der Herr bis zur Schädelſtätte, und wenn wir wie Er auf dem Wege ſtraucheln, ſo wollen wir uns muthig und ergeben wie Er wiedererheben.“ „Oh, mein Gott, mein Gott!“ rief Margarethe. „Ja,“ ſprach Karl, ihre Gedanken beantwortend, „das Opfer iſt hart, meine Schweſter; aber Jeder bringt das ſeinige; die Einen mit ihrer Ehre, die Andern mit ihrem Leben. Glaubſt Du, daß ich mit meinen fünf⸗ undzwanzig Jahren und mit dem ſchönſten Throne der Welt es nicht beklage, ſterben zu müſſen 2... Schau' mich an.. meine Augen, meine Geſichtsfarbe, meine Lippen ſind die eines Sterbenden, das iſt wahr; aber mein Lächelm. würde mein Lächeln nicht glauben machen, ich hoffe? Und dennoch wirſt Du mich in acht Tagen, in vierzehn Tagen, in einem Monat ſpäteſtens, bewei⸗ nen, meine Schweſter, wie denjenigen, welcher heute ge⸗ ſtorben iſt,“ „Mein Bruder!% rief Margot, ihre beiden Arme um den Hals von Karl ſchlingend.. „Auf, kleide Dich an, liebe Margarethe,“ ſagte der König,„verbirg Deine Bläſſe und erſcheine auf dem Ball. Ich habe Befehl gegeben, Dir neue Eoelſteine und Deiner Schönheit würdige Gewänder zu über⸗ bringen.“ „Oh! Diamanten, Gewänder!“ ſprach Margarethe, „was liegt mir jetzt an Allem dem?“ „Das Leben iſt lang, Margarethe,“ verſetzte Karl lächelnd,„wenigſtens für Dich.“ „Nie! nie!“ „Meine Schweſter, erinnere Dich eines Umſtandes: zuweilen ehrt man die Todten am Beſten, wenn man das Leiden erſtickt oder vielmehr verbirgt.“ Königin Margot. 1II. 10 138 „Wohl, Sire,“ ſprach Margarethe ſchauernd,„ich werde gehen.“ Eine Thräne, welche ſogleich von den trockenen Augenlidern getrunken wurde, befeuchtete das Auge von Karl. Er beugte ſich auf ſeine Schweſter herab, küßte ſie auf die Stirne, blieb einen Augenblick vor Henriette ſtehen, die ihn weder geſehen noch gehört hatte, und ſagte: „Arme Frau!“ Dann entfernte er ſich ſtillſchweigend. Hinter dem König traten mehrere Pagen mit Kiſten und Etuis ein. Margarethe hieß mit einem Zeichen der Hand Alles auf den Boden ſetzen. Die Pagen traten ab, Gillonne blieb allein. „Lege mir Alles zurecht, was ich brauche, um mich anzukleiden, Gillonne,“ ſagte Margarethe. Gillonne ſchaute ihre Gebieterin mit erſtaunten Augen an. „Ja,“ ſagte Margarethe mit einem Ausdrucke, deſſen Bitterkeit ſich nicht ſchildern läßt,„ja, ich kleide mich an, ich gehe auf den Ball, man erwartet mich dort. Beeile Dich alſv. Der Tag wird vollſtändig ſeyn: Feſt auf der Gréve dieſen Morgen, Feſt im Louvre dieſen Abend.“ „Und die Frau Herzogin?“ ſprach Gillonne. „Oh! ſie, ſie iſt ſehr glücklich, ſie kann hier bleiben, ſie kann weinen, ſie kann nach Belieben leiden. Sie iſt keine Königstochter, keine Königsfrau, keine Königs⸗ ſchweſter. Sie jſt nicht Königin. Hilf mir, mich an⸗ kleiden, Gillonne.“ Das Mädchen gehorchte. Der Schmuck war pracht⸗ voll das Kleid glänzend. Margarethe war nie ſo ſchön geweſen.. Sie betrachtete ſich in einem Spiegel. und erble kund bat das die als Ger Täfe con Ede „ich nen von ette und ſten lles nich nten ſſen nich ort. Feſt eſen ben, e iſt igs⸗ an⸗ cht⸗ chön 139 „Mein Bruder hat ſehr Recht,“ ſagte ſie,„s iſt ein erbärmliches Ding um das menſchliche Geſchöpf.“ In dieſem Augenblick trat Gillonne, welche auf eine Minute hinausgegangen war, wieder ein. „Madame,“ ſagte ſie,„es iſt ein Menſch da, der nach Euch verlangt.“ „Nach mir?“ „Ja, nach Euch.“ „Wer iſt dieſer Menſch?“ „Ich weiß es nicht, aber ſein Ausſehen iſt furchtbar, und ſein Anblick allein hat mich beben gemacht.“ „Frage ihn nach ſeinem Namen,“ ſprach Margarethe erbleichend. Gillonne ging hinaus und kehrte nach ein paar Se⸗ kunden wieder zurück. „Er wollte mir ſeinen Namen nicht ſagen, Madame, bat mich jedoch, Euch dieſes zuzuſtellen.“ Und ſie reichte Margarethe das Reliquienkäſichen, das dieſe am Abend zuvor La Mole geſchenkt hatte. „Oh! laß ihn eintreten, laß ihn eintreten,“ ſprach die Königin raſch und wurde noch bleicher, noch eiſiger, als ſie zuvor geweſen war. Ein ſchwerer Tritt erſchütterte den Boden. Ohne Zweifel entrüſtet darüber, daß es ein ſolches Geräuſch wiederholen ſollte, murrte dus Echo unter dem Täfelwerk und ein Mann erſchien auf der Schwelle „Ihr ſeyd...7“ ſagte die Königin.. „Derjenige, welchen Ihr eines Tages bei Montfau⸗ eon ſahet, und der in ſeinem Karren zwei verwundete Edelleute in den Louvre zurückbrachte.“ „Ja, ja, ich erkenne Euch, Ihr ſeyd Meiſter Caboche.“ „Der Henker des Gerichtsbezirkes von Paris.“ Dies waren die einzigen Worte, welche Henriette von allen hörte, die man ſeit einer Stunde um ſie her ausſprach. Sie machte ihren bleichen Kopf von ihren beiden Hän⸗ den los und ſchaute den Henker mit ihren Smaragdaugen 10* 140 an, aus denen ein doppelter Flammenſtrahl hervorzubrechen ſchien. „Und Ihr kommt?...“ ſagte Margarethe zitternd. „Um Euch an das Verſprechen zu mahnen, das Ihr dem jüngeren von den zwei Edelleuten, demjenigen, wel⸗ cher mich beauftragte, Euch dieſes Reliquienkäſtchen zu über⸗ geben, geleiſtet habt. Ihr erinnert Euch deſſelben, Ma⸗ dame?“ „Oh! ja,“ rief die Königin,„und nie wird ein ed⸗ lerer Schatten eine edlere Befriedigung gefunden haben. Aber wo iſt er?“ „Er iſt bei mir mit dem Leichnam.“ „Bei Euch! warum habt Ihr ihn nicht gebracht?“ „Man konnte mich an der Pforte des Louvre anhalten, man konnte mich nöthigen, meinen Mantel aufzuheben. Was würde man geſagt haben, wenn man unter dieſem Mantel einen Kopf geſehen hätte?“ „Gut, behaltet ihn bei Euch; ich werde ihn morgen holen.“ „Morgen?“ ſagte Meiſter Caboche,„es wird vielleicht zu ſpät ſein.“. „Warum dies?“ „Weil die Königin Mutter für ihre kabaliſtiſchen Erperimente die Köpfe der zwei erſten Verurtheilten beſtellt hat, die ich enthaupten würde.“ „Oh. Entheiligung! die Köpfe unſerer Geliebten!“ rief Margarethe, auf ihre Freundin zulaufend, welche plötzlich aufrecht ſtand, als ob ſie eine Feder auf ihre Füße geſtellt hätte.„Henriette, mein Engel, hörſt Du, was die⸗ ſer Menſch ſagt?“ „Ja. Was iſt zu thun?“ „Man muß mit ihm gehen.“ Dann jenen Schmerzensſchrei ausſtoßend, mit welchem im höchſten Maße Unglückliche zum Leben zurückkehren, rief Henriette: todt!“ „Ah! es war mir doch ſo wohl, ich war beinahe 3 ma ma Sä Her hei fole auf tau wä mit tra vor vor che die Fre wa S wa All den unt blie vel⸗ ber⸗ Ma⸗ ed⸗ ben. ten, ben. ſem gen eicht chen tellt u!“ elche Füße die⸗ hem en, nahe 141 Während dieſer Zeit warf Margarethe einen Sammet⸗ mantel über ihre bloßen Schultern. „Komm, komm,“ ſagte ſie,„wir werden ſie noch ein⸗ mal ſehen.“ Margarethe ließ alle Thüren ſchließen, befahl, die Sänfte an die kleine verborgene Pforte zu bringen, nahm Henriette unter dem Arm, ſchritt mit ihr durch den ge⸗ heimen Gang und machte Caboche ein Zeichen, ihr zu folgen. An der Thüre unten war die Sänfte. An der Pforte außen wartete ein Knecht von Caboche mit einer Laterne. Die Träger von Margarethe waren vertraute Leute, taub und ſtumm, ſicherer, als es Saumthiere geweſen wären. Die Sänfte wurde, Meiſter Caboche und ſein Knecht mit der Laterne voran, ungefähr zehn Minuten fortge⸗ tragen; dann hielt ſie an. Der Henker öffnete den Schlag, während der Knecht vorauslief. Margarethe ſtieg aus und half ſodann der Herzogin von Nevers ausſteigen. Bei dem großen Schmerze, wel⸗ cher Beide mit ſeiner ganzen Gewalt gefaßt hatte, war dieſe nervige Organiſation die ſtärkere. Der Thurm des Drillhauſes ragte vor den zwei Frauen wie ein düſterer, ungeſtalter Rieſe empor und warf ein röthliches Licht durch die Schießſcharten an ſeiner Spitze herab, hinter denen zwei Flammen bemerkbar waren. Der Knecht erſchien wieder an der Thüre. „Ihr könnt eintreten,“ ſagte Caboche;„es ſchläft Alles im Thurme.“ In demſelben Augenblicke erloſchen die Lichter hinter den Schießſcharten. Feſt an einander geſchloſſen, traten die zwei Frauen unter die kleine bogenförmige Pforte und ſchritten im Schatten auf dem feuchten, holperigen Boden hin. Sie er⸗ blickten ein Licht im Hintergrunde eines Ganges und wandten 142 ſich, geführt von dem ſchauderhaften Herrn des Hauſes, nach dieſer Seite. Die Thüre ſchloß ſich hinter ihnen. Eine Wachsfackel in der Hand, führte ſie Caboche in einen niedrigen, rauchigen Saal. Mitten in dieſem Saale ſtand ein Tiſch mit den Ueberreſten eines Abendbrodes und mit drei Gedecken. Dieſe drei Gedecke waren ohne Zweifel für den Henker, deſſen Frau und ſeinen erſten Gehülfen. An der am meiſten in die Augen ſpringenden Stelle ſah man ein mit dem königlichen Siegel verſehenes Per⸗ gament an die Wand genagelt. Es war dies das Hen⸗ ferpatent. In einer Ecke ſtand ein großes Schwert mit einem langen Griffe. Es war dies das flammende Schwert der Gerechtigkeit. Da und dort erblickte man plumpe Bilder, heilige Märtyrer unter allen Arten von Foltern darſtellend. Hier angelangt, machte Caboche eine tiefe Ver⸗ beugung. „Eure Majeſtät wird mich entſchuldigen,“ ſagte er, „wenn ich es gewagt habe, bis in den Louvre zu dringen und Euch hieher zu führen; aber es war der ausdrückliche und letzte Wille des Edelmannes, und ſo ſah ich mich ge⸗ Rhig. „Ihr habt wohl daran gethan, Meiſter, Ihr habt wohl gethan,“ ſprach Margarethe.„Hier zur Belohnung Eures Eifers.“ Caboche betrachtete traurig die von Gold ſtrotzende Börſe, welche Margarethe auf den Tiſch legte. „Gold! immer Gold!“ murmelte er.„Ach! Ma⸗ dame, daß ich nicht ſelbſt mit Gold das Blut erkaufen fann, welches ich heute zu vergießen genöthigt geweſen bin!“ „Meiſter,“ ſprach Margarethe mit einem ſchmerzlichen Zögern und um ſich her ſchauend,„Meiſter, müſſen wir noch anderswohin gehen? Ich ſehe nicht! „Nein, Madame, nein, ſie ſind hier; aber es iſt ein trauriges Schauſpiel, das ich Euch erſparen könnte, wenn ich C Ih Fr „n Eit gir Au der ſin au wa m Se Ii wi uſes, n. e in aale und eifel lfen. telle Per⸗ Hen⸗ inem wert eilige Ver⸗ e er, ngen kliche ge⸗ habt nung zende Ma⸗ ufen in“ ichen wir tein wenn 143 ich Euch in einem Mantel verborgen das brächte, was Ihr ſuchet.“ Margarethe und Henriefte ſchauten ſich gegenſeitig an. „Nein,“ ſagte Margarethe, welche in dem Blicke ihrer Freundin denſelben Entſchluß las, den ſie gefaßt hatte, „nein, zeigt uns den Weg, und wir werden Euch folgen.“ Caboche nahm die Fackel und öffnete eine Thüre von Eichenholz, welche auf eine Treppe von ein paar Stufen ging, die ſich unter die Erde verſenkte. In demſelben Augenblick jam ein Luftzug, machte ein paar Funken von der Fackel fliegen und warf in das Geſicht der Prinzeſ⸗ ſinnen den üblen Geruch der Fäulniß und des Blutes. Henriette ſtützte ſich, weiß wie eine Alabaſterſtatue, auf den Arm ihrer Freundin, deren Gang noch ſicherer war; aber auf der erſten Stufe wankte ſie. „Oh! ich werde es nie können,“ ſagte ſie. „Wenn man wirklich liebt,“ ſprach die Königin,„ſo muß man bis zum Tode lieben.“ Sie boten ein zugleich furchtbares und rührendes Schauſpiel, dieſe zwei Frauen, glänzend von Schönheit, Jugend, Schmuck, ſich beugend unter dem ſchmutzigen Ge⸗ wölbe, die Schwächere ſich ſtützend auf die Stärkere, die Stärfere am Arme des Henlers ſich haltend. Man gelangte auf die letzte Stufe. In dem unterirdiſchen Gewölbe lagen zwei menſchliche Formen, bedeckt mit einem großen Tuche von ſchwarzer Farbe. Caboche hob eine Ecke auf, näherte ſeine Fackel und ſprach: „Schaut, Frau Königin.“ Die zwei jungen Männer lagen in ihren ſchwatzen Kleirern in der furchtbaren Symmetrie des Todes neben einander. Nahe an den Rumpf geſetzt, ſchienen ihre Köpfe nur mitten um den Hals durch einen lebhaft rothen Kreis getrennt. Der Tod hatte ihre Hände nicht geſchieden, denn, war es nun Zufall, war es eine fromme Aufmerk⸗ 144 ſamkeit des Henkers, die rechte Hand von La Mole ruhte in der linken von Coconnas. Es lag ein Liebesblick unter den Augenlidern von La Mole, es lag ein verächtliches Lächeln unter denen von Coconnas. Margarethe kniete neben ihren Geliebten nieder und hob mit ihren von Edelſteinen funkelnden Händen ſeinen Kopf empor. An die Mauer gelehnt, vermochte die Herzogin von Nevers ihren Blick nicht von dem bleichen Geſichte los⸗ zumachen, auf welchem ſie ſo oft die Freude und die Liebe geſucht hatte. „La Mole! theurer La Mole,“ murmelte Margarethe. „Annibal! Annibal!“ rief die Herzogin von Nevers, „ſo ſchön, ſo ſtolz, ſo brav!... Du antworteſt nicht mehr!“ 6 Und ein Strom von Thränen entſtürzte ihren Augen. Dieſe ſo hochmüthige, ſo unerſchrockene, im Glück ſo kecke Frau, dieſe Frau, welche den Skepticismus bis zum höchſten Zweifel trieb, dieſe Frau hatte noch nie an den Tod gedacht. Margarethe gab ihr ein Beiſpiel. Sie verſchloß in einen mit Perlen geſtickten und mit den feinſten Eſſenzen parfumirten Sack den Kopf von La Mole, der noch ſchöner war, da er ſich dem Sammet und dem Golde näherte, und dem eine beſon⸗ dere Vorbereitung, welche zu jener Zeit bei den könig⸗ lichen Einbalſamirungen angewendet wurde, die Schönheit erhalten ſollte. Henriette näherte ſich ebenfalls und hüllte den Kopf von Coconnas in einen Flügel ihres Mantels. 5 Und mehr unter ihrem Schmerze als unter ihrer Laſt gebengt, ſtiegen Beide die Treppe hinauf, mit einem letzten Blick nach den Ueberreſten, welche ſie der Will⸗ kühr des Henkers in dieſem traurigen Verwahrungsorte gemeiner Verbrecher überließen. die hei ſpr Co der die ſtie ihr me we un ſaa ein ſich die dig gol De am M hal ſo uhte von von und inen von los⸗ die the. ers, icht hren lück bis nie und dopf dem ſon⸗ nig⸗ heit den hrer nem ill⸗ orte —— „Fürchtet nichts, Madame,“ ſprach Caboche, der dieſen Blick errieth;„die Edelleute ſollen begraben, in heiliger Erde beſtattet werden, das ſchwöre ich Euch.“ „Und Du läßt mit Dieſem Meſſen für ſie leſen,“ ſprach Henriette, riß von ihrem Halſe ein prachtvolles Collier von Rubinen und bot es dem Henker. Man kehrte in den Louvre zurück, wie man von demſelben ausgegangen war. An der Pforte gab ſich die Königin zu erkennen. Unten an ihrer Geheimtreppe ſtieg ſie aus; dann ging ſie in ihre Wohnung, legte ihre traurige Reliquie in das Cabinet des Schlafzim⸗ mers, das von dieſem Augenblick an ein Betzimmer zu werden beſtimmt war, ließ Henriette in ihrem Gemache und kehrte gegen zehn Uhr Abends in den großen Ball⸗ ſaal zurück, in denſelben, wo wir vor bald zwei und einem halben Jahre das erſte Kapitel unſerer Geſchichte ſich eröffnen ſahen. Aller Augen wandten ſich nach ihr, und ſie trug dieſen allgemeinen Blick mit einer ſtolzen, beinahe freu⸗ digen Miene, denn ſie hatte frommer Weiſe den letzten Wunſch ihres Geliebten erſüllt⸗ Als Karl ſie erblickte, durchſchritt er wankend die goldene Woge, die ihn umgab. „Meine Schweſter,“ ſprach er laut,„ich danke Euch.“ Dann fügte er ganz leiſe bei: „Nehmk Euch in Acht! Ihr habt einen Blutflecken am Arm.“ „Oh! was iſt daran gelegen, Sire,“ erwiederte Margarethe,„wenn ich nur ein Lächeln auf den Lippen habe.“ XIV. Der Blutſchweiß. Einige Tage nach der furchtbaren Scene, die wir ſo eben erzählt haben, d. h. am 30. Mai 1574, als 146 der Hof in Vincennes war, hörte man plötzlich einen gewältigen Lärmen im Zimmer des Königs, welcher mitten auf dem Balle, den er an dem Todestage der zwei jungen Leute gegeben, heftiger als je krank gewor⸗ den war und auf Anrathen der Aerzte eine reinere Luft auf dem Lande geſucht hatte. Es war acht Uhr Morgens. Eine kleine Gruppe von Höflingen lief im größten Eifer in das Vorzimmer, als plötzlich ein Schrei erſcholl und auf der Schwelle des Gemaches die Amme von Karl, die Augen in Thränen gebadet und vor Verzweiflung laut kreiſchend, erſchien. „Zu Hülfe dem König! zu Hülfe dem König!“ „Steht es denn ſchlimmer bei Seiner Majeſtät?“ fragte der Kapitän von Nancey, den der König, wie wir geſehen haben, von jedem Gehorſam gegen die Königin Catharina entbunden hatte, um ihn ganz allein ſeiner Perſon beizugeſellen. „Oh! wie viel Blut, wie viel Blut!“ ſprach die Amme.„Die Aerzte! ruft die Aerzte!“ Mazille und Ambroiſe Paré löſten ſich bei dem erhabenen Kranken ab, und Ambroiſe Paré, welcher die Wache hatte, war, als er den König einſchlafen ſah, dieſe Betäubung benützend auf einige Augenblicke weg⸗ gegangen. Während dieſer Zeit hatte der König einen ſtarken Schweiß bekommen, und da Karl an einer Erſchlaffung der Harngefäße litt und dieſe Erſchlaffung einen Blut⸗ fluß der Haut herbeiführte, ſo hatte der blutige Schweiß die Amme erſchreckt, die ſich an dieſes ſeltſame Phänomen nicht gewöhnen konnte und, wie man ſich erinnern wird eine Proteſtantin, ihm unabläßig ſagte, das in der Bartholomäusnacht vergoſſene Blut habe ſein Blut gefordert. Man ſtürzte in allen Richtungen fort; der Doctor ſollte nicht ferne ſeyn und man mußte ihn nothwendig finden. Das Vorzimmer blieb alſo leer, denn Jeder ſtre des erſ tra erl loi her ſig erh an ein W S kor un Er ric me kön Ue M bei me die ſpr inen ſcher der wor⸗ Luft uppe mer, velle in end, t?“ wir igin iner die dem die ſah, veg⸗ rken ung lut⸗ tige ame ſich te, abe etor ndig eder ——— 147 ſtrebte begierig darnach, ſeinen Eifer durch Herbeiführung des verlangten Arztes an den Tag zu legen. Da öffnete ſich eine Thüre, und man ſah Catharina erſcheinen. Sie durchſchritt raſch das Vorzimmer und trat lebhaft in das Gemach ihres Sohnes. Karl war auf ſeinem Bette ausgeſtreckt, das Auge erloſchen, die Bruſt keuchend. Von ſeinem ganzen Körper floß ein röthlicher Schweiß. Seine Hand hing am Bette herab und am Ende jedes ſeiner Finger ſtand ein flüſ⸗ ſiger Rubin. Es war ein furchtbares Schauſpiel. Doch bei dem Geräuſch der Tritte ſeiner Muiter erhob ſich Karl, als hätte er dieſelben erkannt. „Um Vergebung, Madame,“ ſagte er, ſeine Mutter anſchauend,„ich wünſche im Frieden zu ſterben.“ „Sterben! mein Sohn,“ verſetzte Catharina,„wegen einer vorübergehenden Kriſe dieſes gewöhnlichen Uebels! Wollt Ihr ſo verzweifeln?“ „Ich ſage Euch, Madame, ich fühle, wie meine Seele hingeht, ich ſage Euch, Madame, daß der Tod kommt, Tod aller Teufel!.... Ich fühle, was ich fühle, und weiß, was ich ſage.“ „Sire,“ ſprach die Königin,„Eure Phantaſie iſt Eure ſchwerſte Krankheit. Seit der wohlverdienten Hin⸗ richtung jener zwei Zauberer, jener zwei Mörder, die man La Mole und Coconnas nannte, müſſen ſich Eure körperlichen Leiden vermindert haben. Das moraliſche Uebel allein dauert noch fort, und wenn ich nur zehn Minuten mit Euch ſprechen könnte, ſo würde ich Euch Peweiſen. „Amme,“ ſprach Karl,„wache an der Thüre, Nie⸗ mand ſoll eintreten; die Königin Catharina von Me⸗ dicis will mit ihrem vielgeliebten Sohne, Karl IX., ſprechen.“ Die Amme gehorchte. „In der That,“ fuhr Karl fort,„dieſe Unterredung mußte einmal ſtattfinden; beſſer heute als morgen. Mor⸗ 148 gen wäre es überdies vielleicht zu ſpät. Nur muß eine dritte Perſon unſerer Unterredung beiwohnen.“ „Warum?“ „Weil, ich wiederhole es Euch, der Tod auf dem Anmarſche iſt,“ verſetzte Karl mit furchtbarer Feierlichkeit; „weil er jeden Augenblick, wie Ihr, bleich und ſtumm und ohne ſich anmelden zu laſſen, eintreten kann. Es iſt alſo Zeit, da ich dieſe Nacht dazu verwendet habe, meine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, dieſen Morgen die Angelegenheiten des Königreichs zu orrnen.“ „Und wer iſt die Perſon, die Ihr zu ſehen wünſcht?“ fragte Cathorina. „Mein Bruder, Madame. Laßt ihn rufen.“ „Sire,“ ſagte die Königin,„ich ſehe mit Vergnügen, daß die mehr durch den Haß dictirten, als den Schmer⸗ zen entriſſenen Anſchuldigungen ſich in Eurem Geiſte verwiſchen und bald auch aus Eurem Herzen verſchwinden werden. „Amme! rief Catharina,„Amme!“ Die gute Frau, welche außen wachte, öffnete die Thüre. „Amme,“ ſprach Catharina,„auf Befehl meines Sohnes, ſagt Herrn von Nancey, wenn er kommt, er ſoll den Herzog von Alencon holen.“ Karl machte ein Zeichen, das die gute Frau, als ſie zu gehorchen ſich anſchickte, wieder zurückhielt. „Ich habe geſagt, Madame, meinen Bruder,“ ver⸗ ſetzte Karl. Catharina riß die Augen auf, wie die Tigerin, wenn ſie in Wuth geräth, Karl aber erhob gebieteriſch die Hand. „Ich will mit meinem Bruder Heinrich ſprechen,“ ſagte er.„Heinrich allein iſt mein Bruder; nicht jener, der als König in der Ferne regiert, ſondern der, welcher hier gefangen ſitzt. Heinrich foll meinen letzten Willen erfahren.“ „Und ich,“ rief die Florentinerin mit einer unge⸗ wöhnlichen Kühnheit, dem Willen ihres Sohnes gegen⸗ über hegt „wer glau Fren beizi Mut befe Bru Kap wiſſe Bett der fügt Sch weiſ allei knie der frag der Cat gebe arte Kar die Euc ſtau eine dem keit; und iſt eine rgen gen, ner⸗ eiſte den üre. ines ſoll ſie ver⸗ rin, iſch n 7 „ er, cher llen ge⸗ ————— über, ſo ſehr trieb ſie der Haß, den ſie gegen den Bearner hegte, aus den Gränzen ihrer gewöhnlichen Verſtellung, „wenn Ihr, wie Ihr ſagt, dem Grabe ſo nähe ſeyd, glaubt Ihr, ich werde irgend Jemand, beſonders einem Fremden, mein Recht, Euch in Eurer letzten Stunde beizuſtehen, mein Recht als Königin, mein Recht als Mutter abtreten?“ „Madame!“ ſprach Karl,„noch bin ich Koͤnig, noch befehle ich, Madame: ich ſage Euch, daß ich meinen Bruder Heinrich ſprechen will, und Ihr ruft meinen Kapitän der Garden nicht! Tauſend Teufel! Ihr ſollt wiſſen, daß ich noch die Kraft habe, ihn ſelbſt zu holen.“ Und er machte eine Bewegung, um aus ſeinem Bette zu ſpringen, wodurch ſein Leib, dem Chriſti nach der Geißelung ähnlich, entblößt wurde. „Sire!“ rief Catharina, ihn zurückhaltend,„Ihr fügt uns Allen eine Beleidigung zu: Ihr vergeßt die Schmach, die unſerer Familie angethan worden iſt! Ihr weiſt unſer Blut zurück; ein Sohn von Frankreich ſoll allein an dem Sterbebette eines Königs von Frankreich knieen. Mein Flatz iſt durch die Geſetze der Natur und der Etiquette bezeichnet, ich bleibe alſo.“ „Und mit welchem Rechte, Madame, bleibt Ihr hier?“ fragte Karl. „Mit dem Rechte der Mutter.“ „Ihr ſeyd nicht mehr meine Mutter, Madame, als der Herzog von Alengon mein Bruder iſt.“ „Ihr ſprecht im Fieberwahne, mein Herr,“ ſagte Catharina.„Seit wann iſt diejenige, welche das Leben ge⸗ geben hat, nicht mehr die Mutter deſſen, welcher es empfing?“ „Von dem Augenblicke an, Madame, wo dieſe ent⸗ artete Mutter nimmt, was ſie gegeben hat,“ antwortete Karl, einen blutigen Schaum abwiſchend, der ihm auf die Lippen ſtieg. „Was wollt Ihr damit ſagen, Farl, ich verſtehe Euch nicht,“ murmelte Catharina, ihren Sohn mit er⸗ ſtaunten, weit aufgeriſſenen Augen anſchauend. 150 „Ihr werdet mich begreifen, Madame.“ Karl ſuchte unter ſeinem Kopfpfühl und zog einen kleinen ſilbernen Schlüſſel hervor. „Nehmt dieſen Schlüſſel, Madame, und öffnet mei⸗ nen Reiſekoffer; er enthält gewiſſe Papiere, welche für mich ſprechen werden.“ Und Karl ſtreckte ſeine Hand nach einem prachtvoll gearbeiteten Koffer aus, welcher mit einem ſilbernen Schloſſe verſehen war und an dem am meiſten in die Augen fallenden Platze des Zimmers ſtand. Beherrſcht durch die erhabene Stellung, welche Karl über ihr einnahm, gehorchte Catharina, ging mit lang⸗ ſamen Schritten auf den Koffer zu, öffnete ihn, blickte in das Innere und wich plötzlich zurück, als hätte ſie in den Seiten des Geräthes irgend eine entſchlummerte Schlange geſehen. „Nun,“ ſprach Karl, der ſeine Mutter nicht aus den Augen verlor,„was iſt denn in dieſem Koffer, das Euch erſchreckt?“ „Nichts,“ erwiederte Catharina. „Dann ſtreckt Eure Hand hinein, Madame, und nehmt ein Buch heraus. Es muß ein Buch darin ſeyn, nicht wahr?“ ſprach Karl mit einem bleichen Lächeln, das bei ihm furchtbarer war, als je bei einem Andern die ſchwerſte Drohung. „Ja,“ ſtammelte Catharina. „Ein Jagdbuch?“ . „Nehmt es und bringt es mir.“ Catharina erbleichte krotz ihrer Standhaſtigkeit und zitterte an allen Gliedern. Sie ſtreckte ihre Hand in das Innere des Koffers und murmelte, indem ſie das Buch nahm: „Unſeliges Geſchick!“— „Gut!“ ſagte Karl.„Hört mich nun: dieſes Jagd⸗ buch, ich war wahnſinnig, ich liebte die Jagd über Alle Beg bren nicht mitt bewe die! verze Kno Kar unte Sch liche thar hatt Haf zend fiuch rich gent über broi welc Sch gert nen nei⸗ für voll nen die arl ng⸗ ckte e in erte aus das und yn, n, ern nd as gd⸗ ber 151 Alles, dieſes Jagdbuch, ich habe es zu ſehr geleſen. Begreift Ihr, Madame?.. Catharina ſtieß einen dumpfen Seufzer aus. „Es war eine Schwäche,“ fuhr Karl fort;„ver⸗ brennt es, Madame. Man ſoll die Schwächen der Könige nicht erfahren.“ Catharina näherte ſich dem Kamine, warf das Buch mitten auf den brennenden Herd, blieb ſinnend und un⸗ beweglich davor ſtehen und betrachtete mit ſtarrem Auge die bläulichen Flammen, welche die vergifteten Blätter verzehrten. Während das Buch brannte, verbreitete ſich ein Knoblauchgeruch in dem Zimmer. Bald warues gänzlich verzehrt. „Und nun, Madame, ruſt meinen Bruder,“ ſprach Karl mit unwiderſtehlicher Majeſtät. Vom höchſten Erſtaunen ergriffen, niedergebeugt unter vielfältigen Gemüthsbewegungen, welche ihr tiefer Scharfſinn nicht zu analyſiren, ihre beinahe übermenſch⸗ liche Kraft nicht zu bekämpfen vermochten, machte Ca⸗ tharina einen Schritt vorwärts und wollte ſprechen. Die Mutter hatte einen Gewiſſensbiß; die Königin hatte enen Schrecken: die Giftmiſcherin kehrte zu ihrem Haſſe zurück. Dieſes Gefühl beherrſchte alle andern. „Verflucht ſey er!“ rief ſie, aus dem Zimmer ſtür⸗ zend,„er trinmphirt, er gelangt zu ſeinem Ziele; ver⸗ fiucht, verflucht ſey er!“ „Ihr hört? meinen Bruder, meinen Bruder Hein⸗ rich!“ rief Karl, ſeine Mutter mit der Stimme verfol⸗ gend;„meinen Bruder Heinrich, mit dem ich ſogleich über die Regentſchaft des Königreiches ſprechen will.“ Beinahe in demſelben Augenblick trat Meiſter Am⸗ broiſe Paré durch die Thüre, der gegenüber, durch welche Catharina abgegangen war. Er blieb auf der Schwelle ſtehen, um die mit einem Metalldunſte geſchwän⸗ gerte Atmoſphäre des Zimmers einzuziehen, und ſagte: — 152 „Wer hat hier Arſenik verbrannt?“ „Ich,“ antwortete der König. XV. * Die Plattform des Thurmes von Pincennes. Heinrich von Navarra ging allein und träumeriſch auf der Terraſſe des Thurmes umher; er wußte, daß der Hof in dem Schloſſe war, das er hundert Schritte vor ſich ſah, und ſein durchdringendes Auge errieth den ſter⸗ benden Karl hinter den Mauern. Es war ein Wetter von Azur und Gold: ein breiter Sonnenſtrahl ſpiegelte ſich in den entfernten Ebenen, während er den Gipfel der auf den Reichthum ihres erſten Laubwerks ſtolzen Bäume des Waldes mit flüffigem Golde übergoß. Selbſt die grauen Steine des Thurmes ſchienen ſich mit der ſanften Wärme des Himmels zu ſchwängern, und wilde Nelken, von dem Hauche des Oſtwindes in die Spalten der Mauer getragen, öffneten ihre rothen und gelben Sammetblüthen den Küſſen eines lauen Luftzuges. Aber der Blick von Heinrich verweilte weder bei den grünen Ebenen, noch bei den vom Golde überſtrahlten Gipfeln; ſein Blick überſprang die zwiſchenliegenden Räume und heftete ſich, glühend von Ehrgeiz, an die Hauptſtadt Frankreichs, welche dazu beſtimmt war, einſt die Hauptſtadt der Welt zu werden. „Paris!“ murmelte der König von Navarra,„da liegt Paris, das heißt die Freude, der Triumph, der Ruhm, die Macht und das Glück; Paris, wo der Louvre iſt, und der Louvre, wo der Thron iſt. Und ein Einziges trennt mich von dem ſo ſehr erſehnten Paris: die Wälle, welche ſich an meinen Füßen hinzie⸗ hen und mit mir meine Feindin einſchließen.“ führ hent Ma ſpie! weg hiel duld den zieh Sac Hüg es 1 tüch Sie ten verſ bere erz Gele hiel erka umg und mit nich Ki 8. riſch der vor ſter⸗ eiter nen, rſten olde enen en, s in und ges. den lten nden die einſt 153 Und ſeinen Blick von Paris nach Vincennes zurück⸗ führend, bemerkte er zu ſeiner Linken in einem von blü⸗ henden Mandelbäumen verſchleierten Thälchen einen Mann, auf deſſen Panzer hartnäckig ein Sonnenſtrahl ſpielte, ein entſammter Punkt, welcher bei jeder Be⸗ wegung dieſes Mannes im Raume umherſprang. Dieſer Mann ſaß auf einem feurigen Roſſe und hielt an der Hand ein Pferd, das nicht minder unge⸗ dulvig zu ſeyn ſchien. Der König von Navarra heftete ſeine Augen auf den Reiter und ſah ihn ſein Schwert aus der Scheide ziehen, die Spitze in ſein Sacktuch ſtecken und dieſes Sacktuch wie ein Signal ſchwingen. In demſelben Augenblick wiederholte ſich auf dem Hügel gegenüber ein ähnliches Signal, dann flatterte es rings um das Schloß her wie ein Gürtel von Sack⸗ tüchern. Es war Herr von Mouy mit ſeinen Hugenotten. Sie wußten, daß der König im Sterben lag, und hat⸗ ten ſich, befürchtend, es könnte etwas gegen Heinrich verſucht werden, verſammelt, um zur Vertheidigung bereit zu ſeyn. Heinrich richtete ſeine Blicke auf den Reiter, den er zuerſt wahrgenommen hatte, beugte ſich über das Geländer hinaus, bedeckte ſich die Augen mit der Hand, hielt ſo die Sonnenſtrahlen ab, die ihn blendeten, und erkannte den jungen Hugenotten. „Mouy!“ rief er, als ob dieſer es hätte hören können. Und in ſeiner Frende, ſich endlich von Freunden umgeben zu ſehen, hob er ſelbſt ſeinen Hut in die Höhe und ließ ſeine Schärpe flattern. Alle die weißen Fähnchen bewegten ſich abermals mit Lebhaftigkeit, welche von ihrer Freude zeugte. „Ah! ſie erwarten ſagte er,„und ich kann nicht zu e kommen.... Warum that ich es nicht, Königin Margot. III. 11 154 da ich es vielleicht vermochte!... Nun habe ich zu lange gezögert.“ Und er machte ihnen eine Geberde der Verzweif⸗ lung, worauf von Mony mit einem Zeichen antwortete, das wohl bedeuten ſollte:„Ich werde warten!“ In dieſem Augenblick hörte Heinrich Tritte auf der ſteinernen Treppe. Er zog ſich raſch zurück Die Hu⸗ Wnotten begriffen die Urſache dieſes Rückzuges. Die chwerter wurden wieder in die Scheide geſtoßen und die Taſchentücher verſchwanden Heiurich ſah von der Treppe her eine Frau kommen, deren keuchender Athem einen raſchen Lauf andeutete und erkanute, nicht ohne einen geheimen Schrecken, der ihn ſtets bei ihrem Anblick erfaßte, Catharina von Medicis. Hinter ihr waren zwei Wachen, welche oben an der Treppe ſtille ſtanden. „Oh, oh!“ murmelte Heinrich,„es muß etwas Neues, Wichtiges vorgefallen ſeyn, daß die Königin Mutter mich hier auf der Piattform des Thurmes von Vincennes aufſucht.“ Catharina ſetzte ſich auf eine ſteinerne Bank und lehnte ſich an die Zinne, um Athem zu ſchöpfen. Heinrich näherte ſich ihr mit ſeinem freundlichſten Lächeln und fragte: „Wollt Ihr mich ſuchen, meine gute Mutter?“ „Ja mein Herr,“ antwortete Catharina,„ich wollte Euch einen letzten Beweis meiner Zuneigung geben. Wir ſind einem erhab nen Augenblicke nahe; der König ſtirbt und will Euch ſprechen.“ „Mich?“ ver etzte Heinrich vor Freude Hebend. „Ja, Euch. Man hit ihm, ich bin es feſt über⸗ zeugt, geſagt, daß Ihr nicht nur nach dem Throne von Navarra Euch ſehnet, ſondern daß Euer Streben auch nach dem Throne von Frankreich gerichtet ſey.“ Ob rief Heinrch. „Das iſt nicht der Fall, ich weiß es wohl, aber er X glau redu Gru Euck Ant! gen Euer Euck Eur will. diger zuru ſchat die? von tige, die Scht zu v ſie 1 ſtellt h zu weif⸗ rtete, f der Hu⸗ Die und men, utete „der von nder twas nigin von gung ahe; ber⸗ von auch glaubt es und Niemand zweifelt daran, daß der Unter⸗ redung, welche er mit Euch pflegen will, die Abſicht zu Grunde liegt, Euch in eine Falle zu locken.“ „Mich?“ „Ja. Karl will, ehe er ſtirbt, wiſſen, was er von Euch zu fürchten oder zu hoffen hat, und von Eurer Antwort auf ſeine Anerbietungen, gebt wohl Acht, hän⸗ gen die letzten Befehle ab, die er geben wird, das heißt Euer Leben oder Tod.“ „Aber was ſoll er mir denn anbieten?“ „Was weiß ich? Wahrſcheinlich unmögliche Dinge!“ „Habt Ihr keine Ahnung, meine Mutter?“ „Mein, aber ich vermuthe, zum Beiſpiel...“ Catharina hielt inne. „Was?“ „Ich vermuthe, daß er, die ehrgeizigen Abſichten bei Euch vorausſetzend, von denen man ihm geſagt hat, aus Eurem Munde den Beweis von dieſem Ehrgeiz erlangen will. Denkt, er verſuche Euch, wie man wohl die Schul⸗ digen verſucht, um ein Geſtändniß ohne Folter hervor⸗ zurufen. Denkt,“ fuhr Catharina, Heinrich feſt an⸗ ſchauend, fort, er trage Euch eine Statthalterſchaft, ſogar die Regentſchaft an.“ Ein unſägliche Freude verbreitete ſich in dem Herzen von Heinrich; aber er errieth den Schlag, und dieſe kräf⸗ tige, geſchmeidige Seele ſprang unter dem Angriffe zurück. „Mir?“ ſagte er,„die Falle wäre zu plump. Mir die Regentſchaft, während Ihr da ſeyd, während mein Schwager Alengon da iſt?“ Catharina kniff ſich in die Lippen, um ihre Freude zu verbergen. „Ihr leiſtet auf die Regentſchaft Verzicht?“ fragte ſie lebhaft. „Der König iſt todt,“ dachte Heinrich,„und ſie ſtellt mir eine Falle.“ Dann antwortete er laut: 112 156 „Ich muß zuerſt den König von Frankreich hören, denn nach Eurem eigenen Geſtändniß, Madame, iſt Alles, was Ihr da ſagt, nur eine Vorausſetzung.“ „Allerdings,“ ſprach Catharina,„Ihr könnt Euch aber immerhin über Eure Abſichten erklären.“ „Ei, mein Gott!“ erwiederte Heinrich in unſchul⸗ digem Tone,„da ich keine Anſprüche habe, ſo habe ich auch keine Abſichten.“ „Das heißt nicht antworten,“ ſagte Catharina, welche fühlte, daß die Zeit drängte, und ſich von ihrem Zorne hinreißen ließ;„ſprecht Euch auf die eine oder auf die andere Art aus.“ „Ich kann mich nicht über Vorausſetzungen aus⸗ ſprechen. Es iſt eine ſo ſchwierige und beſonders ſo ernſte Sache, einen beſtimmten Entſchluß zu faſſen, daß man die Wirklichkeit abwarten muß.“ „Hört, mein Herr,“ ſagte Catharina,„es iſt keine Zeit zu verlieren, und wir verlieren ſie in leerem Streite und in gegenſeitigen Feinheiten. Spielen wir unſer Spiel als König und Königin. Nehmt Ihr die Regentſchaft an, ſo ſeyd Ihr todt.“ „Der König lebt,“ dachte Heinrich. Dann ſprach er laut und mit feſtem Tone: „Madame, Gott hält das Leben der Menſchen und der Könige in ſeinen Händen; er wird mich erleuchten. Man melde Seiner Majeſtät, ich ſey bereit, vor ihm zu erſcheinen“ „Bedenkt es wohl, mein Herr.“ „Seit den zwei Jahren, die ich geächtet bin, ſeit dem Monat, den ich gefangen gehalten werde,“ antwor⸗ tete Heinrich mit ernſtem Tone,„habe ich Zeit gehabt, nachzudenken, und ich habe nachgedacht. Wollt alſo die Güte haben, zu dem König hinabzugehen und ihm zu ſagen, ich folge Euch. Dieſe zwei Braven,“ fügte Heinrich, auf die zwei Soldaten deutend, bei,„werden darüber wachen, daß ich nicht entfliehe. Ueberdies iſt dies gar nicht meine Abſicht.“ Wor ihre wäre deshe Brüſ ſager Erei in de und hinal Sold leger durch in de ten, ſeinet Ihr Euch Pfert eben hört macht geben dem Helle ören, Alles, Euch ſchul⸗ be ich velche Zorne uf die aus⸗ ernſte man keine treite Spiel ſchaft und chten. m zu „ſeit twor⸗ habt, o die mn zu fügte erden es iſt 157 Es lag ein ſolcher Ausdruck von Feſtigkeit in den Worten von Heinrich, daß Catharina wohl einſah, alle ihre Verſuche, unter welcher Form ſie auch verkleidet wären, würden nichts über ihn gewinnen, und ſie ſtieg deshalb in Eile hinab. Sobald ſie verſchwunden war, eilte Heinrich an die Brüſtung und machte von Mouy ein Zeichen, womit er ſagen wollte:„Nähert Euch und haltet Euch auf jedes Ereigniß bereit.“ Von Mouy, welcher abgeſtiegen war, ſchwang ſich in den Sattel, ritt im Galopp mit dem Handpferde vor und faßte zwei Büchſenſchüſſe von dem Thurme Poſto. Heinrich dankte ihm mit einer Geberde und ging hinab. k Auf dem erſten Treppenabſatze fand er die zwei Soldaten, welche auf ihn warteten. Ein doppelter Poſten von Schweizern und Chevaur⸗ legers bewachte den Eingang der Höfe, und man mußte durch eine doppelte Reihe von Partiſanen ſchreiten, um in das Schloß zu kommen oder hinaus zu gelangen. Catharina hatte hier angehalten und wartete. Sie hieß die zwei Soldaten, welche Heinrich folg⸗ ten, ſich entfernen, legte eine von ihren Händen auf ſeinen Arm und ſprach: „Dieſer Hof hat zwei Thore; an jenem, welches Ihr hinter den Gemächern des Königs ſeht, erwarten Euch, wenn Ihr die Regentſchaft ausſchlagt, ein gutes Pferd und die Freiheit: an dieſem, durch welches Ihr ſo eben gegangen, wenn Ihr auf die Stimme des Ehrgeizes hört. Was ſagt Ihr?“ „Ich ſage, wenn der König mich zum Regenten macht, Madame, ſo werde ich den Soldaten Befehle geben, nicht Ihr. Ich ſage, wenn ich in der Nacht aus dem Schloſſe gehe, werden ſich alle dieſe Piken, alle dieſe Hellebarden, alle dieſe Musketen vor mir ſenken.“ „Wahnfinniger!“ murmelte Catharina außer ſich, 158 „glaube mir, ſpiele mit Catharina nicht das furchtbare Spiel um Leben und Tod.“ „Warum nicht?“ verſetzte Heinrich, Catharina feſt anſchauend;„warum nicht eben ſo gut mit Euch als mit jedem Anderen, da ich bis jetzt gewonnen habe?“ „Geht alſo zu dem König hinauf, mein Herr, da Ihr weder glauben noch hören wollt,“ ſagte Catharina mit einer Hand auf die Treppe deutend, mit der andern mit einem von den zwei vergifteten Dolchen ſpielend, welche ſie in der hiſtoriſch gewordenen Scheide von ſchwar⸗ zem Chagrin trug. „Geht zuerſt hinauf, Madame,“ erwiederte Heinrich; „ſo lange ich nicht Regent bin, gebührt Euch die Ehre des Vortritts.“ Catharina errieth alle ſeine Abſichten, wagte es aber nicht, dagegen zu kämpfen, und ging voraus. XVI. Die Uegentſchaft. Der König fing an ungeduldig zu werden. Er hatte Herrn von Nancey in ſein Zimmer rufen laſſen und ihm Befehl gegeben, Heinrich zu holen, als dieſer erſchien. Karl ſtieß einen Freudenſchrei aus, und Heinrich blieb erſchrocken, als ob er ſich einer Leiche gegenüber geſehen hätte. Die zwei Aerzte, welche ſich an ſeiner Seite be⸗ fanden, entfernten ſich; der Prieſter, der den unglück⸗ lichen Fürſten zu einem chriſtlichen Ende ermahnt hatte, zog ſich ebenfalls zurück. Karl l[X. war nicht beliebt, und doch weinte man viel in den Vorzimmern. Bei dem Tode der Könige, wie ſie auch geweſen ſeyn mögen, gibt es immer Leute, die ge thar bei dieſe war ſpiel folo! eine ſchlo ſtan Gef ſein Blu Eint ger wele hatt nich gepl es gen ein ner auß rend Tag raiſt nich Sch für bin tbare feſt als e 2“ da arina ndern lend, war⸗ rich; Ehre te es Er aſſen dieſer nrich über e be⸗ lück⸗ hatte, man nige, eute, 159 dit etwas verlieren und dieſes Etwas unter dem Nachfol⸗ ger nicht wieder zu finden fürchten. Dieſe Trauer, das Schluchzen, die Worte von Ca⸗ tharina, die finſtern und majeſtätiſchen Zubereitungen bei den letzten Angenblicken eines Königs, der Anblick dieſes Königs ſelbſt, welcher von einer Krankheit befallen war, von der die Wiſſenſchaft damals noch kein Bei⸗ ſpiel gehabt hatte, brachten auf den noch jungen und folglich für Eindrücke empfänglichen Geiſt von Heinrich eine ſo furchtbare Wirkung hervor, daß er, obgleich ent⸗ ſchloſſen, bei Karl keine neue Unruhe über ſeinen Zu⸗ ſtand zu veranlaſſen, wie geſagt, unfähig war, das Gefühl des Schreckens zurückzudrängen, das ſich auf ſeinem Geſichte ausprägte, als er den König ganz von Blut triefend erblickte. Karl lächelte traurig; den Sterbenden entgeht kein Eindruck bei ihrer Umgebung. „Kommt hieher, Henriot,“ ſagte er, ſeinem Schwa⸗ ger die Hand reichend, mit einer Weichheit der Stimme, welche Heinrich bis dahin nie bei ihm wahrgenommen hatte.„Kommt, denn es wuͤrde mir wehe thun, Euch nicht zu ſehen; ich habe Euch in meinem Leben viel geplagt, mein armer Freund, und glaubt mir, ich mache es mir jetzt zum Vorwurf. Zuweilen habe ich denjeni⸗ gen, welche Euch verfolgten, die Hände gereicht; uber ein König iſt nicht Herr der Ereigniſſe, und außer mei⸗ ner Mutter Catharina, außer meinem Bruder Anjvu, außer meinem Bruder Alencon, hatte ich über mir wäh⸗ rend meines Lebens etwas Beengendes, was von dem Tage, wo ich den Tod berühre, aufhört: die Staats⸗ raiſon.“ „Sire,“ ſtammelte Heinrich,„ich erinnere mich an nichts mehr, als an die Liebe, die ich ſtets für meinen Schwager hegte, und an die Achtung, welche ich ſtets für meinen König gehabt habe.“„ „Ja, ja, Du haſt Recht,“ ſagte Karl,„und ich bin Dir dankbar, daß Du ſo ſprichſt, Henriot; denn 160 Du haſt in der That viel gelitten unter meiner Regie⸗ rung, abgeſehen davon, daß während dieſer Zeit Deine arme Mutter geſtorben iſt. Aber Du mußteſt ſehen, daß man mich oft angetrieben hat. Zuweilen widerſtand ich, zuweilen aber auch gab ich aus Ermüdung nach. Doch Du haſt es geſagt, wir wollen nicht mehr von der Vergangenheit ſprechen, nun da mich die Gegenwart drängt, da mich die Zukunft erſchreckt.“ Und dieſe Worte ſprechend, verbarg der arme König ſein leichenblaſſes Geſicht in ſeinen fleiſchloſen Händen. Dann nach kurzem Stillſchweigen fuhr er, indem er ſein Haupt ſchüttelte, um dieſen traurigen Gedanken daraus zu verjagen, und dabei einen Blutthau um ſich regnen ließ, mit leiſer Stimme und ſich gegen Heinrich vorbeugend fort: „Man muß den Staat retten, man muß es ver⸗ hindern, daß er in die Hände von Fanatikern oder Frauen fällt.“ Karl ſprach dieſe Worte, wie geſagt, mit leiſer Stimme, und dennoch glaubte er hinter der Tapete des Bettes etwas wie einen dumpfen Ausruf des Zornes zu vernehmen. Vielleicht geſtattete eine, ohne daß es Karl ſelbſt wußte, in der Wand angebrachte Oeffnung der Königin Catharina, dieſe letzte Unterredung zu belauſchen. „Von Frauen?“ verſetzte der König von Navarra, um eine Erklärung hervorzurufen. „Ja, Heinrich,“ ſagte Karl,„meine Mutter will die Regentſchaft, bis mein Bruder von Polen zurückkehrt. Aber höre, was ich Dir ſage, er wird nicht zurückkommen.“ „Wie! er wird nicht zurückkommen?...“ rief Hein⸗ rich, deſſen Herz in der Stille vor Freude jauchzte. „Nein, er wird nicht zurückkommen,“ fuhr Karl fort;„ſeine Unterthanen werden ihn nicht gehen laſſen.“ „Aber glaubt Ihr nicht, mein Bruder, daß die Königin Mutter ihm zum Voraus geſchrieben hat?“ „Allerdings; aber Nancey hat den Courier in Cha⸗ teau⸗Thierry aufgefangen und mir den Brief zurückge⸗ brac Doc bin Bru ſchei Mal „ſte er f Ant! des Dich ſchlu habe nen Tag fehlt mit und „Ich aus Thri hint den wär⸗ Kirc flöße liche Troſ ſicht egie⸗ eine hen, tand ach. der vart önig den. mer nken ſich rich ver⸗ uen iſer des zu arl der en. ra, die hrt. n.“ in⸗ arl n. die ha⸗ ge⸗ bracht. Dieſem Briefe nach ſollte ich ſterben, wie ſie ſagte. Doch ich ſchrieb auch nach Warſchau; mein Brief, ich bin es feſt überzengt, iſt dort angekommen, und mein Bruder wird überwacht ſeyn. Somit wird aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach der Thron erledigt.“ Ein zweites Schauern, noch merklicher als das erſte Mal, machte ſich in dem Alkoven hörbar. „Sie iſt offenbar da,“ ſagte Brin zu ſich ſelbſt; „ſie horcht, ſie wartet.“ Karl hörte nichts. „Ich ſterbe nun ohne männliche Erben,“ fuhr er fort. Dann hielt er inne: ein ſüßer Gedanke ſchien ſein Antlitz zu erleuchten, und ſeine Hand auf die Schulter des Königs von Navarra legend, ſprach Karl: „Ach! erinnerſt Du Dich, Henriot, erinnerſt Du Dich des armen kleinen Kindes, das ich Dir eines Abends, ſchlummernd und von einem Engel bewacht, gezeigt habe? Ach! Henriot, ſie werden es mir tödten!... „Oh, Sire!“ rief Heinrich, die Augen von Thrä⸗ nen befeuchtet,„ich ſchwöre Euch vor Gott, daß ich Tag und Nacht über ſeinem Leben wachen werde. Be⸗ fehlt, mein König.“ „Ich danke, Henriot, ich danke,“ ſprach der König mit einem Erguſſe, der ſeinem Charakter ſehr ferne war und nur aus der Lage der Dinge hervorgehen konnte. „Ich nehme Dein Wort an. Mache keinen König aus ihm,.. glücklicher Weiſe iſt es nicht für den Thron geboren,.. ſondern einen glücklichen Menſchen. Ich hinterlaſſe ihm ein unabhängiges Vermögen; es beſitze den Adel ſeiner Mutter, den des Herzens. Vielleicht wäre es beſſer für das Kind, wenn man es für die Kirche beſtimmen würde; es dürfte weniger Furcht ein⸗ ſtößen. Oh! mir däucht, ich würde, wenn nicht glück⸗ licher, doch ruhiger ſterben, hätte ich hier zu meinem Troſte die Liebkoſungen des Kleinen und das fanfte Ge⸗ ſicht der Mutter.“ 162 „Sire, könnt Ihr ſie nicht holen laſſen?“ „Die Unglücklichen! ſie würden nicht von hier weg⸗ kommen. Es iſt eine den Königen vorgeſchriebene Be⸗ dingung: ſie dürfen weder nach ihrem Gefallen leben, noch darnach ſterben. Aber ſeitdem ich Dein Verſprechen habe, hin ich ruhiger.“ Heinrich dachte nach. „Ja allerdings, ich habe verſprochen, mein König; werde ich aber auch halten können?“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Ich ſelbſt, werde ich nicht geächtet, mehr noch be— droht ſeyn, als der Kleine? Denn ich, ich bin ein Mann, und er iſt nur ein Kind.“ „Du täuſcheſt Dich,“ antwortete Karl;„bin ich ein⸗ mal todt, ſo wirſt Du ſtark und mächtig, und Dieſes wird Dir Kraft und Macht verleihen.“ Bei dieſen Worten zog der Sterbende ein Perga⸗ ment unter ſeinem Kopfliſſen hervor. „Nimm,“ ſagte er. Heinrich durchlief das mit dem königlichen Siegel verſehene Blatt. „Mir die Regentſchaft?“ fragte er vor Freude er⸗ bleichend. „Ja, Dir die Regentſchaft in Erwartung der Rück⸗ kehr des Herzogs von Anjou, und da der Herzog aller Wahrſcheinlichfeit nach nicht zurückkehren wird, ſo ver⸗ leiht Dir dieſes Papier nicht die Regentſchaft, ſondern den Thron.“ „Mir den Thron?“ murmelte Heinrich. „Ja,“ ſprach Karl,„Dir, der allein würdig und beſonders fähig iſt, dieſe galanten Wüſtlinge, dieſe ver⸗ lorenen Töchter zu regieren, die von Blut und Thränen leben. Mein Brnder Alengon iſt ein Verräther; er wird ein Verräther gegen Alle ſeyn. Laß ihn alſo in dem Thurme, in welchen ich ihn geſperrt habe. Meine Mut⸗ ter wird Dich umbringen wollen, verbanne ſie. Mein Bruder Anjon wird in deri, in vier Mongten, in einem — Jal ſtre Pa ter unv Ble die ſtar Her käm fols mu not der daß Ge Hus ſchy ſo hier wel Dir Dic zwe von ein fehl neit eg⸗ Be⸗ en, hen ig; he⸗ nn, ein⸗ ſes ga* 163 Jahr vielleicht Warſchau verlaſſen und Dir die Gewalt ſtreitig machen; antworte Heinrich durch ein Breve des Papſtes. Ich habe dieſe Sache durch meinen Botſchaf⸗ ter, den Herzog von Nevers, unterhandelt, und Du wirſt unverzüglich das Breve erhalten.“ „Oh, mein König!“ „Fürchte nur Eines, Heinrich, den Bürgerkrieg. Bleibſt Du jedoch bekehrt, ſo vermeideſt Du ihn; denn die Hugenottenpartei hat nur unter der Bedingung Be⸗ ſtand, daß Du Dich an die Spitze derſelben ſtellſt, und Herr von Condé beſitzt nicht die Kraft, gegen Dich zu kämpfen. Frankreich iſt ein Land der Ebenen, Heinrich, folglich ein katholiſches Land. Der König von Franktkich muß der Koͤnig der Katholiken und nicht der der Huge⸗ notten ſein; denn der König von Frankreich muß der König der Mehrzahl ſeyn. Man ſagt, ich fühle Gewiſſensbiſſe, daß ich die Bartholomäusnacht gemacht habe: Zweifel, ja; Gewiſſensbiſſe, nein. Man ſagt: ich ſchwitze das Blut der Hugenotten durch alle Poren. Ich weiß, was ich aus⸗ ſchwitze, Arſenik und nicht Blut.“ „Oh! Sire, was ſagt Ihr?“ „Nichts. Soll mein Tod gerächt werden, Henriot, ſo ſoll es durch Gott allein geſchehen. Sprechen wir hievon nur noch, um die Freigniſſe vorherzuſehen, welche die Folgen davon ſeyn werden. Ich hinterlaſſe Dir ein gutes Parlament, ein erprobtes Heer. Stütze Dich auf das Parlament und auf das Heer, um Deinen zwei einzigen Feinden, meiner Mutter und dem Herzog von Alencon, zu widerſtehen.“ In dieſem Augenblick hörte man in der Vorhalle ein dumpfes Geräuſch von Waffen und militäriſchen Be⸗ fehlen. „30 bin todt,“ murmelte Heinrich. „Du fürchteſt, Du zögerſt?“ ſagte Karl unruhig. „Ich!“ verſetzte Heinrich,„nein, ich fürchte nicht; nein, ich zögere nicht: ich nehme an.“ Karl reichte ihm die Hand. Und da ſich in dieſem 164 Augenblick ſeine Amme ihm näherte, einen Trank in der Hand haltend, den ſie in dem anſtoßenden Zimmer berei⸗ tet hatte, ohne darauf Achtung zu geben, daß ſich das Geſchick von Frankreich drei Schritte von ihr entſchied, ſprach er: „Rufe meine Mutter, gute Amme, und ſage auch, man möge Herrn von Alengon kommen laſſen.“ XVII. Der Bönig iſt todt: es lebe der Bönig! Catharina und der Herzog von Alengon traten, Beide leichenbleich vor Schrecken und zitternd vor Wuth, ein paar Minuten nachher ein. Catharina wußte, wie es Heinrich errathen, Alles und hatte Franz mit wenigen Worten Alles mitgetheilt. Sie machten einige Schritte und blieben dann wartend ſtehen. Heinrich ſtand oben an dem Bette von Karl. Der König wußte nicht, was vorgegangen war, und erklärte ihnen ſeinen Willen. „Madame,“ ſagte er zu ſeiner Mutter,„hätte ich einen Sohn, ſo würdet Ihr Regentin, oder in Ermange⸗ lung von Euch würde es der König von Polen, oder in Ermangelung des Königs von Polen mein Bruder Franz; aber ich habe keinen Sohn, und nach mir gehört der Thron meinem Bruder, dem Herzog von Anjou, welcher abweſend iſt. Da er früher oder ſpäter erſcheinen wird, um dieſen Thron zu fordern, ſo ſoll er nach meinem Willen nicht einen Menſchen an ſeinem Platze treffen, der durch beinahe gleiche Rechte ihm ſeine Anſprüche ſtreitig machen könnte und folglich das Königreich Prä⸗ tendenten⸗Kriegen preisgeben würde. Darum nehme ich Euch nicht zur Regenktin, Madame; denn Ihr hättet zwiſchen Euren zwei Söhnen zu wählen, was ſehr pein⸗ lich nen ließ gen ſie Die mei wel mit dem Eu befe kön Fra halt Feſi die ſtret die ſein Fra ſchl beu lang furc Tüc der ei⸗ as ed, ch, ide in ie en te lich für Euer Herz wäre. Darum wähle ich nicht mei⸗ nen Bruder Franz, denn Franz könnte zu ſeinem älteren Bruder ſagen:„„Ihr hattet einen Thron, warum ver⸗ ließet Ihr denſelben?““— Nein, ich wähle einen Re⸗ genten, der die Krone in Berwahrung nehmen kann und ſie in ſeinen Händen und nicht auf feinem Kopf behält. Dieſen Regenten, begrüßt ihn, Madame, begrüßt ihn, mein Bruder; dieſer Regent iſt der König von Navarra.“ Und mit einer Geberde des höchſten Befehles be⸗ grüßte er Heinrich mit der Hand. Catharina und Alencon machten eine Bewegung, welche zwiſchen einem Nervenzittern und einem Gruße mitten inne ſtand. „Nehmt, durchlauchtiger Regent,“ ſprach Karl zu dem König von Navarra,„hier iſt das Pergament, das Euch bis zur Rückkehr des Königs von Polen den Ober⸗ befehl über die Armeen, die Schlüſſel des Schatzes, das königliche Recht und die königliche Gewalt verleiht.“ Catharina verſchlang Heinrich mit dem Blicke; Franz war ſo wankend, daß er ſich kaum aufrecht zu halten vermochte; aber die Schwäche des Einen und die Feſtigkeit der Andern zeigten ihm, ſtatt ihn zu beruhigen, die ihn ganz von Nahem bedrohende Gefahr. Heinrich machte nichtsdeſtoweniger eine heftige An⸗ ſtrengung, und ſeine Furcht überwältigend nahm er die Rolle aus den Händen des Königs, richtete ſich in ſeiner ganzen Höhe auf und heftete auf Catharina und Franz einen Blick, mit dem er wohl ſagen wollte: „Nehmt Euch in Acht, ich bin Euer Gebieter.“ Catharina begriff dieſen Bick. „Nein, nein, nie!“ ſagte ſie;„nie ſoll mein Ge⸗ ſchlecht das Haupt unter einem fremden Geſchlechte beugen; nie ſoll ein Bourbon in Frankreich regieren, ſo lange ein Valois übrig bleibt.“ „Meine Mutter, meine Mutter,“ rief Karl 1X., ſich furchtbarer als je in ſeinem Bette mit den gerötheten Tüchern erhebend,„nehmt Euch in Acht, noch bin ich 166 König, nicht mehr für lange Zeit, ich weiß es wohl, aber es bedarf nicht langer Zeit, um die Mörder und Giftmi⸗ ſcher zu beſtrafen.“ „Wohl, ſo gebt dieſen Befehl, wenn Ihr es wagt. Ich, ich werde die meinigen geben. Kommt, Franz, kommt!“ Und ſie ging, den Herzog von Alengon mit ſich ziehend, raſch hinaus. „Nancey!“ rief Karl.„Nancey, herbei, herbei! Ich befehle es, ich will es, verhaftet meine Mutter, verhaftet meinen Bruder, verhaftet...“ Ein Blutſtrom ſchnitt Karl das Wort in dem Au⸗ genblick ab, wo der Kapitän der Garden die Thüre öffnete und der König röchelte halb erſtickt auf ſeinem Beite: Nancey hatte nur ſeinen Namen gehört. Die Be⸗ fehie, welche darauf gefolgt waren, hatten ſich, minder deutlich ausgeſprochen, in der Luft verloren. „Bewacht die Thüre,“ ſagte Heinrich,„und laßt Niemand eintreten.“ Nancey verbeugte ſich und ging ab. Heinrich richtete ſeine Augen wieder auf den leb⸗ loſen Koͤrper, den man fur eine Leiche hätte halten können, wurde nicht ein leichter Hauch die Schaumfranſe bewegt haben, welche ſeine Lippen umgab. Er betrachtete den König lange und ſagte dann, mit ſich ſelbſt ſprechend: „Das iſt der entſcheidende Augenblick,.. ſoll ich regieren? ſoll ich leben?“ In derſelben Sekunde hob ſich der Vorhang des Al⸗ koven, ein bleiches Haupt erſchien dahinter und eine Stimme ertönte mitten unter dem Schweigen des Todes, das in dem königlichen Zinmer herrſchte. „Lebt,“ ſagte dieſe Stimme. „René!“ rief Heinrich. „Ja, Sire.“ „Deine Weiſſagung iſt alſo falſch: ich werde nicht König ſeyn?“ rief Heinrich. noch ob i Ren Bre ihre imm des hieh diene und ich t hat, und niß. ihn bend daß ſeine auf ich a mir Mut ſagte ber ni⸗ gt. nz, ſich ei! ter, lu⸗ ete der aßt eb⸗ ten nſe nn, ich Al⸗ ine 7 cht 167 „Ihr werdet es ſeyn, Sire; aber die Stunde iſt noch nicht gekommen.“ „Woher weißt Du das? Sprich! damit ich erkenne, ob ich Dir glauben ſoll.“ „Hört!“ „Ich höre.“ „Bückt Euch.“ Heinrich buckte ſich über den Körper von Karl. René beugte ſich ebenfills. Es trennte ſie nur die Breue des Bettes, und die Entfernung wurde noch durch ihre doppelte Bewegung vermindert. Zwiſchen Beiden lag, immer noch ohne Stimme und ohne Bewegung, der Leib des ſterbenden Königs. „Hört,“ ſagte René,„durch die Königin Mutter hieher beſtellt, um Euch zu verderben, will ich lieber Euch vienen, denn ich habe Vertrauen zu Eurem Horoſcop, und wenn ich Euch diene finde ich zugleich in dem, was ich thue, das Intereſſe meines Leibes und meiner Seele.“ „Und es iſt ebenfalis die Koͤnigin, die Dir befohlen hat, mir dieſes zu ſagen?“ fragte Heinrich voll Zweifel und Bangigkeit. „Nein,“ ſprach René,„aber vernehmt ein Geheim⸗ niß.“ Und er neigte ſich noch mehr Heinrich ahmte ihn nach, ſo daß ihre Köpfe ſich beinahe berührten. Dieſe Unterredung zweier über den Leib eines ſter⸗ benden Königs gebeugter Männer hatte etwas ſo Düſteres, daß ſich die Haare des abergläubiſchen Florentiners auf ſeinem Haupte ſträubten indaß ein ſtarker Schweiß auf der Stirne von Heinrich perlte. „Hört,“ fuhr René fort,„hört ein Geheimniß, das ich allein kenne, und das ich Euch enthülle, wenn Ihr mir bei dieſem erbenden ſchwört, mir den Tod Eurer Mutter zu verzeihen.“ N „Ich habe es Euch bereits einmal verſprochen,“ ſagte Heinrich, deſſen Geſicht ſich merklich verdüſterte. 168 „Verſprochen, aber nicht geſchworen,“ verſetzte René und machte eine Bewegung rückwärts. „Ich ſchwöre es Euch,“ ſprach Heinrich, ſeine rechte Hand über dem Haupte des Königs ausſtreckend. „Wohl, Sire,“ ſagte der Florentiner haſtig,„der König von Polen kommt.“ „Nein,“ erwiederte Heinrich,„der Courier iſt durch König Karl aufgehalten worden.“ „Der König Karl hat nur einen auf der Straße nach Chateau⸗Thierry aufgehalten; aber die Königin Mutter hat in ihrer Vorſicht drei auf verſchiedenen Wegen abgeſchickt.“ „Oh, wehe mir!“ rief Heinrich. „Ein Bote iſt dieſen Morgen von Warſchau ange⸗ kommen. Der König reiſte hinter ihm ab, ohne daß Jemand daran dachte, ſich zu widerſetzen; denn in War⸗ ſchau wußte man noch nichts von der Krankheit des Königs. Der Bote iſt Heinrich von Anjou nur um einige Stunden voran.“ „Oh! hätte ich doch wenigſtens acht Tage!“ „Ja, aber Ihr habt nicht einmal acht Stunden. Hörtet Ihr das Geräuſch der Waffen, die man in Be⸗ reitſchaft ſetzt?“ „J „Dieſe Waffen, man hält ſie für Euch bereit; ſie werden kommen und Euch ſogar hier in dem Zimmer des Königs morden.“„ „Der König iſt noch nicht todt.“ René ſchaute Karl feſt an. „In zehn Minuten wird er es ſeyn. Ihr habt alſo noch zehn Minuten, weniger zu leben.“ „Was ſoll ich thun? 2 „Fliehen, ohne eine Minute, ohne eine Secunde zu verlieren.“ „Aber wie dies? Wenn ſie im Vorzimmer warten, werden ſie mich tödten, ſobald ich hinauskomme.“ „Hört, ich wage Alles für Euch. Vergeßt es nie.“ + r„— c„———— 1— nge⸗ gar⸗ des um den. Be⸗ ſie mer habt e zu ten, ie.“ „Seyd unbeſorgt.“ „Folgt mir durch dieſen geheimen Gang, ich führe Euch bis zu der Schlupfpforte. Dann, um Euch Zeit zu gönnen, gehe ich zu der Königin und melde ihr, Ihr ſteiget eben hinab. Man wird glauben, Ihr habet dieſen geheimen Gang entdeckt und denſelben zu Eurer Flucht benützt. Kommt, kommt!“ 3 Heinrich bückte ſich auf Karl hinab, küßte ihn auf die Stirne und ſprach: „Gott befohlen, mein Bruder. Ich werde es nie vergeſſen, daß es Dein letzter Wunſch war, in mir Deinen Kachfolger zu ſehen; ich werde nie vergeſſen, daß es Dein letzter Wille war, mich zum König zu machen. Stirb im Frieden! Im Namen unſerer Brüder verzeihe ich Dir das vergoſſene Blut!“ „Geſchwinde, geſchwinde!“ ſagte René,„er kommt zu ſich; flieht, ehe er die Augen öffnet, flieht!“ „Amme,“ murmelte Karl,„Amme!“ Heinrich nahm von dem Kopfkiſſen von Karl das nun unnütze Schwert des ſterbenden Königs, ſteckte das Pergament, welches ihn zum Regenten machte, in ſeine Bruſt, küßte Karl zum letzten Male auf die Stirne, wandte ſich um das Bett und eilte durch die Oeffnung, die ſich wieder hinter ihm ſchloß. „Amme!“ rief der König mit ſtärkerer Stimme. Die gute Frau eilte herbei. „Nun, was gibt es, mein Charlot?“ fragte ſie. „Amme,“ ſprach der König, das Augenlid gesffnet und das Auge erweitert durch die furchtbare Starrheit des Todes,„es muß etwas vorgefallen ſeyn, während ich ſchlief: ich ſehe ein großes Licht; ich ſehe Gott, unſern Herrn; ich ſehe unſern Herrn Jeſus; ich ſehe die gebenedeite Jungfrau Maria. Sie beten, ſie flehen für mich: der Allmächtige verzeiht mir.... Er ruft mich! Mein Gott! mein Gott! nimm mich in Deine Barmherzigkeit auf!... Mein Gott! vergiß, daß ich Königin Margot. III. 12 170 König war, denn ich komme zu Dir ohne Scepter und ohne Krone. Mein Gott! vergiß die Verbrechen des Königs, um Dich nur der Leiden des Menſchen zu er⸗ innern. Mein Gott! hier bin ich!“ Und Karl, der während er dieſe Worte ſprach, ſich immer mehr erhoben hatte, gleichſam um der Stimme, die ihn rief, entgegenzugehen, ſtieß nur einen Seufzer aus und fiel ſtarr und unbeweglich in die Arme ſeiner Amme. Mittlerweile und während die von Catharina be⸗ fehligten Soldaten ſich in der Flur aufſtellten, durch welche Heinrich kommen ſollte, folgte dieſer, von René geführt, dem geheimen Gange, erreichte die Schlupf⸗ pforte, ſchwang ſich auf das Pferd, das ſeiner harrte, und jagte nach dem Orte, wo er Herrn von Mouy zu finden wußte. Bei dem Getöſe ſeines Pferdes, deſſen Galopp das ſonore Pflaſter erdröhnen machte, wandten ſich plötzlich einige Wachen um und riefen: „Er flieht! er flieht!“ „Wer flieht?“ ſchrie die Königin Mutter, ſich einem Fenſter nähernd. „Der König Heinrich! der König von Navarra!“ riefen die Wachen. „Feuer!“ ſprach Catharina,„gebt Feuer auf ihn.“ Die Wachen ſchlugen an; aber Heinrich war bereits zu weit entfernt. „Er flieht!“ rief die Königin Mutter,„er iſt folglich beſiegt!“ „Er flieht!“ murmelte der Herzog von Alencon, „ich bin folglich König!“ Aber in demſelben Augenblick, und während Franz und ſeine Mutter noch am Fenſter ſtanden, krachte die Zugbrücke unter den Hufen der Pferde. Man vernahm Waffengeklirre und ein gewaltiges Getöſe. Ein junger Mann ſprengte im Galopp, gefolgt von vier Edel⸗ leuten, welche wie er mit Schweiß, Staub und Schaum 1. bedeckt waren, in den Hof und rief:„Frankreich! nic wit ein unt † Kö ſ nig non die Be . — 171 „Mein Sohn!“ ſchrie Catharina, beide Arme aus dem Fenſter ſtreckend. „Meine Mutter!“ erwiederte der junge Mann, vom Pferde ſpringend. „Mein Bruder Anjou!“ rief Franz voll Schrecken und warf ſich zurück. „Iſt es zu ſpät?“ fragte Heinrich von Anjon ſeine Mutter. „Nein, im Gegentheil, es iſt gerade die rechte Zeit. Hätte Dich Gott an der Hand geführt, er könnte Dich nicht gelegener hieher gebracht haben. Schau' und höre.“ Herr von Nancey, der Kapitän der Garden, trat wirklich auf den Balcon des königlichen Gemaches. Alle Blicke wandten ſich nach ihm. Er brach ein Stäbchen entzwei, ſtreckte, in jeder Hand eines von den zweien Stücken haltend, die Arme aus und rief: „König Karl IX. iſt todt! König Karl IX. iſt todt! König Karl IX. iſt todt“ Und er ließ die zwei Stücke des Stäbchens fallen. „Es lebe König Hejnrich 11I.!“ rief nun Catharina, ſich in frommer Dankbarkeit bekrenzend.„Es lebe Kö⸗ nig Heinrich III!“ Alle Stimmen, die des Herzogs Franz ausge⸗ nommen, wiederholten dieſen Ruf. „Ah! ſie hat mich hintergangen,“ ſprach Franz, ſich die Bruſt mit den Nägeln zerfleiſchend. „Ich ſiege,“ rief Chatharina,„und dieſer verhaßte Bearner wird nicht regieren!“ 172 XVII. Epilog. Ein Jahr war ſeit dem Tode von König Karl IX. und der Thronbeſteigung ſeines Nachfolgers abgelaufen. König Heinrich 1II., glücklicher Fürſt des Landes durch die Gnade Gottes und ſeiner Mutter Cathaxina, hatte ſich zu einer ſchönen Proceſſion zu Ehren Unſerer Lieben Frau von Clery begeben. Er war mit der Königin ſeiner Gemahlin und dem ganzen Hofe zu Fuße abgegangen. König Heinrich III. konnte ſich wohl dieſen kleinen Zeitvertreib erlauben: keine ernſte Sorge nahm ihn zu dieſer Stunde in Anſpruch. Der König von Navarrg befand ſich in Navarra, wo er ſchon ſo lange zu ſeyn gewünſcht hatte, und beſchäftigte ſich viel, wie man ſagte, mit einem hübſchen Mädchen aus dem Blute der Mont⸗ morency, das er die Foſſeuſe nannte. Margarethe war bei ihm, traurig und düſter; ſie fand in ſeinen ſchönen Gebirgen keine Zerſtrenung, aber doch wenigſtens eine Erleichterung für die zwei großen Schmerzen ihres Lebens: die Abweſenheit und den Tod. Paris war ſehr ruhig und die Königin Mutter, die man, ſeit ihr geliebter Sohn Heinrich König war, wirklich als Regentin betrachten konnte, hielt ſich da⸗ ſelbſt abwechſelnd im Louvre und im Hotel de Soiſſons auf, das auf der Stelle lag, welches gegenwärtig die Fruchthalle bedeckt, und wovon nur noch die zierliche Säule übrig iſt, die man vor der Straße ſieht. Sie war eines Abends damit beſchäftigt, die Ge⸗ ſtirne mit René zu ſtudiren, von deſſen kleinen Ver⸗ räthereien ſie nichts wußte, und der bei ihr durch das falſche Zeugniß, das er in der Angelegenheit von Co⸗ 6 i 1 — ——— —„— en zu rg yn te, nt⸗ ar en ine 8: er, ar, = ns die che e⸗ er⸗ as 173 connas und La Mole abgelegt hatte, wieder in Gnade gekommen war, als man ihr meldete, ein Mann, der ihr eine Sache von größter Wichtigkeit mittheilen zu müſſen behaupte, warte in ihrem Betzimmer. Sie ging raſch hinab und fand Herrn von Maurevel. „Er iſt hier!“ rief der ehemalige Kapitän der Pe⸗ dardirer, der gegen die königliche Etiquette Catharina keine Zeit ließ, das Wort an ihn zu richten. „Wer, er?“ ſagte Catharina. „Wer ſoll es ſeyn, Madame, wenn nicht der König von Navarra?“ „Hier?“ verſetzte Catharina;„hier! er!... Heinrich!... Und was will der Unkluge hier?“ „Wenn man dem Anſcheine glauben dürfte, ſo käme er, um Frau von Sauve zu ſehen. Glaubt man der Wahrſcheinlichkeit, ſo kommt er, um gegen den König zu conſpiriren.“ „Und woher wißt Ihr, daß er hier iſt?“ „Geſtern ſah ich ihn in ein Haus treten, und einen Augenblick nachher kam Frau von Sauve eben dahin.“ „Wißt Ihr gewiß, daß er es iſt?“ „Ich wartete ſeine Rückkehr ab, das heißt, ich war⸗ tete einen Theil der Nacht. Um drei Uhr begaben ſich die zwei Liebenden wieder auf den Weg. Der König führte Frau von Sauve bis zu der Pforte des Louvre. Hier trat ſie mit Hülfe des Concierge, der ohne Zweifel in ihrem Intereſſe iſt, ohne beunruhigt zu werden ein, und der König kehrte ein Lied trällernd und mit ſo freiem Schritte zurück, als wäre er mitten in ſeinem Gebirge.“ „Wohin iſt er zurückgekehrt?“ „In die Rue de l'Arbre⸗Sec, in den Gaſthof zum Schönen Geſtirn, zu demſelben Wirthe, wo die zwei Zau⸗ berer wohnten, welche Eure Majeſtät enthaupten ließ.“ „Warum habt Ihr mir das nicht ſogleich gemeldet?“ „Weil ich meiner Sache noch nicht gewiß genug war.“ 174 „Während jetzt?.. „Jetzt bin ich es.“ „Ihr habt ihn geſehen?“ „Vollkommen. Ich lag bei einem Weinhändler gegenüber im Hinterhalt; ich ſah ihn zuerſt in daſſelbe Haus wie am Abend vorher eintreten; dann, da Frau von Sauve zögerte, hielt er unkluger Weiſe ſein Ge⸗ ſicht an eine Fenſterſcheibe im erſten Stocke, und dies⸗ mal blieb mir kein Zweifel mehr. Ueberdies kam einen 6 Augenblick nachher Frau von Sauve abermals zu ihm.“ „Und Ihr glaubt, ſie werden wie in der vergan⸗ genen Nacht bis drei Uhr Morgens bleiben?“ „Es iſt wahrſcheinlich.“ „Wo iſt dieſes Haus?“ „Bei der Croix⸗des⸗Pelits⸗Champs, gegen Saint⸗ Honoré.“ „Gut. Herr von Sauve kennt Eure Handſchrift nicht?“ „Nein.“ „Setzt Euch und ſchreibt.“ Maurevel gehorchte, nahm eine Feder und ſprach:. „Madame, ich bin bereit.“ Catharina dietirte: „Während der Baron von Sauve ſeinen Dienſt im Louvre thut, iſt die Baronin mit einem ihr befreundeten 1 Laffen in einem Hauſe in der Nähe der Croix⸗des⸗Petits⸗ Champs, gegen Saint⸗Honoré; der Baron kann das Haus an einem rothen Kreuze erkennen, das man an die. Mauer machen wird.“ „Was ſoll ich hiemit thun?“ fragte Maurevel.* „Macht eine Abſchrift von dieſem Briefe,“ ſprach Catharina. Maurevel gehorchte. „Nun laßt einen von dieſen Briefen durch einen ge⸗ wandten Menſchen dem Baron von Sauve zuſtellen,“ ſagte die Königin,„und den andern ſoll dieſer Menſch in den Gängen des Louvre fallen laſſen.“ — ler lbe au e⸗ 8⸗ E 82 n⸗ 5 im ten ts⸗ us die ach e⸗ ge⸗ gte 175 „Ich begreife nicht,“ verſetzte Maurevel. Catharina zuckte die Achſeln. „Ihr. begreift nicht, daß ein Ehemann, der einen ſolchen Brief erhält, ſich ärgert?“ „Wie mir ſcheint, ärgerte er ſich nicht zur Zeit . des Königs von Navarra.“ „Einem König gehen Dinge hin, die einem ein⸗ fachen Liebhaber nicht hingehen. Aergert er ſich übri⸗ gens nicht, ſo werdet Ihr Euch für ihn ärgern.“ „Ich „Allerdings.“ „Ihr nehmt einen Mann, ſechs Mann, wenn es ſeyn muß, Ihr vermummt Euch', ſprengt die Thüre, als ob Ihr von dem Baron abgeſchickt wäret, Ihr über⸗ raſcht die Liebenden mitten in ihrer geheimen Zuſammen⸗ kunft, Ihr ſchlagt im Namen des Gatten, und das Bil⸗ let, welches in einem Gange des Louvre verloren und von einer guten Seele gefunden worden iſt, die es be⸗ reits in Umlauf gebracht hat, beweiſt am andern Tage, daß es eine Rache des Mannes geweſen iſt. Nur hat es der Zufall gefügt, daß der Liebhaber der König von Navarra war; aber wer konnte dieß errathen, da Je⸗ dermann glaubte, er wäre in Pau.“ Maurevel ſchaute Catharina voll Bewunderung an, und entfernte ſich mit einer tiefen Verbeugung. Zu gleicher Zeit, da Maurevel das Hotel Soiſſons verließ, trat Frau von Sauve in das kleine Haus der Croix⸗des⸗Petits⸗Champs. Heinrich erwartete ſie an der halb geöffneten Thüre. Sobald er ſie auf der Treppe erblickte, fragte er: „Man iſt Euch nicht gefolgt?“ „Nein,“ erwiederte Charlotte,„wenigſtens nicht, daß ich es wüßte.“ „Ich meines Theils glaube, man iſt mir nicht nur in der vergangenen Nacht, ſondern auch dieſen Abend gefolgt.“ 176 „Ah! mein Gott, Ihr erſchreckt mich, Sire; wenn ein gutes Andenken, das Ihr einer alten Freundin gönnt, eine ſchlimme Folge für Euch hätte, ich wäre untröſtlich.“ „Seyd unbeſorgt, Geliebte,“ ſagte der Bearner, „wir haben drei Schwerter, welche im Schatten wachen.“ „Drei, das iſt ſehr wenig, Sire.“ „Das iſt genug, wenn dieſe Schwerter Mouy⸗ Saucourt und Barthélemy heißen.“ „Herr von Mouy iſt alſo mit Euch in Paris?“ „Allerdings.“ „Er wagke es, in die Hauptſtadt zurückzukehren? Er hat alſo wie Ihr irgend eine ärme Frau, welche in ihn verliebt iſt?““ „Nein, aber einen Feind, deſſen Tod er geſchwo⸗ ren hat. Nur der Haß, meine Theure, läßt den Men⸗ ſchen ſo viele Thorheiten begehen als die Liebe.“ „Ich danke, Sire.“ „Oh, ich ſage das nicht in Beziehung auf die gegen⸗ wärtigen Thorheiten, ſondern in Beziehung auf die vor⸗ hergegangenen und zufünftigen. Aber ſtreiten wir nicht hierüber, wir haben keine Zeit zu verlieren.“ „Ihr habt alſo immer noch im Sinne, abzureiſen?“ „Dieſe Nacht.“ „Die Angelegenheiten, deren wegen Ihr nach Paris gekommen ſeyd, ſind beendigt?“ „Ich bin Euretwegen gekommen.“ „Gascogner!“ „Ventre⸗ſaint⸗gris! mein Liebchen, ich ſpreche die Wahrheit; aber fort mit dieſen Erinnerungen, ich habe noch zwei oder drei Stunden, um glücklich zu ſeyn, und dann eine Trennung auf Ewig.“ „Ah! Sire,“ ſprach Frau von Sauve,„es gibt nichts Ewiges, als meine Liebe.“ Heinrich ſagte kurz zuvor, er hätte keine Zeit zum Streiten; er ſtritt alſo nicht, er glaubte, oder der Skep⸗ tiker gab ſich wenigſtens den Anſchein, als vb er glaubte. r in 0⸗ n⸗ die abe ind hts um ep⸗ bte. 177 Herr von Mouy und ſeine Gefährten waren, wie dies der König von Navarra erwähnt, mittlerweile in der Um⸗ gegend des Hauſes verborgen. Der Verabredung gemäß ſollte Heinrich das kleine Haus um Mitternacht ſtatt um drei Uhr verlaſſen; man würde ſodann Frau von Sauve in den Louvre zurückbegleiten und von da ſich nach der Rue de la Ceriſaie begeben, wo Maurevel wohnte. Erſt im Verlaufe des Tages hatte Herr von Mouy endlich ſichere Nachricht von dem Hauſe bekommen, das ſein Feind bewohnte. Sie waren ungefähr ſeit einer Stunde an ihrem Poſten, als ſie einen Menſchen, auf einige Schritte von fünf andern gefolgt, erblickten, der ſich der Thüre des leinen Hauſes näherte und nach einander vepſchiedene Schlüſſel verſuchte.. Bei dieſem Anblick machte Herr von Mouy, der in der Vertiefung einer benachbarten Thüre verborgen war, nur einen Sprung von ſeinem Verſtecke bis zu dieſem Menſchen und faßte ihn beim Arme. „Wartet einen Augenblick,“ ſagte er;„man geht nicht da hinein.“ Der Menſch machte einen Satz zurück, und hiebei fiel ihm ſein Hut vom Kopfe. „Mouy von Saint⸗Phale!“ rief er. „Maurevel!“ brüllte der Hugenott, ſein Schwert erhebend.„Ich ſuche Dich, Du kommſt mir entgegen, ich danke!“ Aber der Grimm ließ ihn Heinrich nicht vergeſſen, und ſich gegen das Fenſter umwendend pfiff er auf die Weiſe der Bearner Hirten. „Das wird genügen,“ ſagte er zu Saucourt.„Nun herbei, Mörder, herbei!“ Und er ſtürzte auf Maurevel zu. Dieſer hatte Zeit gehabt, eine Piſtole aus ſeinem Gürtel zu ziehen. „Ah! diesmal,“ ſprach der Todtſchläger des Königs, 178 auf den jungen Mann zielend,„diesmal glaube ich, daß Du todt biſt.“ Und er drückte los. Aber Herr von Mouy warf ſich auf die rechte Seite, und die Kugel ziſchte vorüber, ohne ihn zu treffen, „Nun iſt die Reihe an mir,“ rief der junge Mann. Und er brachte Maurevel einen ſo furchtbaren Schwert⸗ ſtreich bei, daß die ſcharfe Spitze, obgleich der Streich den ledernen Gürtel traf, das Hinderniß durchdraͤng und tief in das Fleiſch ging. Der Mörder ſtieß einen wilden Schrei aus, der einen ſo tiefen Schmerz kundgab, daß die Sbirren, welche ihn begleiteten, glaubten, er wäre auf den Tod verwundet, und erſchrocken in der Richtung der Rue Saint⸗Honoré entflohen. Maurevel war nicht tapfer. Als er ſah, daß er von ſeinen Leuten verlaſſen war, und da er einen Gegner, wie Mouy, vor ſich hatte, ſuchte er ebenfalls die Flucht zu er⸗“ greifen und eilte, um Hülfe ſchreiend, auf demſelben Wege fort, den die Sbirren genommen hatten. Herr von Mouy, Saucvurt und Barthelemy ver⸗ folgten dieſelben von ihrem Eifer fortgeriſſen. Als ſie in die Rue de Grenelle gelangten, in die ſie gelaufen waren, um ihnen den Weg abzuſchneiden, öffnete ſich ein Fenſter, und ein Mann ſprang aus dem erſten Stocke auf die vom Regen friſch benetzte Erde. Es war Heinrich. Das Pfeifen von Herrn von Mouy hatte ihn auf irgend eine Gefahr aufmerkſam gemacht, der Piſtolenſchuß zeigte ihm an, daß die Gefahr groß war, und bewog ihn, ſeinen Freunden zu Hülfe zu eilen. Feurig, kräftig, ſtürzte er ihnen mit dem Schwerte in der Hand nach. Ein Schrei leitete ihn: er kam von der Barrieére des Sergents. Es war Maurevel, der, ſich von Mouy bedrängt fühlend, zum zweiten Male ſeine vom Schrecken fortgeriſſenen Leute zu Hülfe rief. gr ni er S ta A aß ſich ne nn. rt⸗ en tief ien re uy en 179 Er mußte ſich umdrehen oder von hinten erdolcht werden. Maurevel wandte ſich um, begegnete dem Eifen ſeines Feindes und führte beinahe in demſelben Augen⸗ blick einen ſo geſchickten Stoß gegen ihn, daß ſeine Schärpe durchbohrt wurde. aber Herr von Mouy ſtieß ſogleich nach, das Schwert drang abermals in das Fleiſch, und ein doppelter Vluſrayl ſprang aus einer doppelten Wunde hervor. „Friſch auf! Mouy,“ rief Heinrich, welcher eben an⸗ kam,„friſch auf!“ Herr von Mouy bedurfte keiner Ermuthigung. Er griff Maurevel auf's Neue an, aber dieſer erwartete ihn nicht. Seine linke Hand an ſeine Wunde haltend, nahm er einen verzweiflungsvollen Lauf. „Schlag' ihn raſch todt,“ rief der König.„Seine Soldaten halten an, und die Verzweiflung der Feigen taugt nichts für die Braven.“ Maurevel, deſſen Lungen beinahe zer ſprangen, deſſen Athem pfiff, dem ein blutiger Schweiß auf dem Leibe ſtand, fiel plötzlich vor Erſchöp fung nieder, abher raſch er⸗ hob er ſich wieder, und ſich auf einem Knie umdrehend, bot er Mouy die Spitze ſeines Schwertes. „Freunde, Freunde!“ rief Mautevel,„ſie ſind nur zu Zwei! Feuer! ſchießt auf ſe!“ Saucourt und Barthelemy hatten ſich wirklich bei der Verfolgung von zwei Sbirren, welc che durch die Rue des Poulies fortgelaufen waren, verirrt, und der König und Herr von Mouy befanden ſich allein den vier Menſchen gegenüber. „Feuer! brüllte Maurevel fortwährend, indeß einer von ſeine en Soldaten wirklich mit ſeiner Büchſe anſchlug. „Ja, aber zuvor ſtirb, Verräther ſtirb, Elender, ſtirb verdammt wie ein Mörder!“ rief Herr von Mouy. Und er ergriff mit der einen Hand das ſchneidende Schwrt von Maurevel und tauchte mit der andern das ſeinige von oben nach unten ſeinem Feinde in die Bruſt, und zwar mit ſolcher Kraft, daß er ihn an die Erde ſpießte. 180 „Hab' Acht! hab' Acht!“ rief Heinrich. Mouy ließ ſeinen Degen in dem Körper von Mau⸗ revel und machte einen Sprung rückwärts, denn ein Sol⸗ dat hatte auf ihn angeſchlagen und war im Begriff, ihn niederzuſchießen. In demſelben Augenblicke durchbohrte Heinrich den Soldaten mit ſeinem Degen, und dieſer fiel, einen Schrei ausſtoßend, neben Maurevel nieder. Die zwei anderen Soldaten ergriffen die Flucht. „Komm'! Mouy, komm'!“ rief Heinrich.„Verlieren wir keinen Augenblick; würden wir erkannt, ſo wäre es um uns geſchehen.“ „Wartet, Sire, mein Schwert,“ ſprach Mouy. „Glaubt Ihr, ich werde es in dem Leibe des Elenden laſſen?“ Und er näherte ſich Maurevel, welcher ſcheinbar be⸗ wegungslos auf der Erde lag; aber in dem Augenblick, wo Mouy mit der Hand den Griff ſeines Degens faßte, welcher wirklich in dem Leibe von Maurevel ſtecken ge⸗ blieben war, erhob ſich dieſer bewaffnet mit der Büchſe, die der Soldat hatte fallen laſſen, und ſchoß die Kugel Herrn von Mouy mitten in die Bruſt. Der junge Mann ſtürzte nieder, ohne einen Schrei auszuſtoßen. Heinrich warf ſich auf Maurevel, aber dieſer war ebenfalls zuſammengebrochen, und ſein Degen durchdrang nur eine Leiche. Der König mußte fliehenz das Geräuſch hatte viele Verſonen herbeigezogen, die Nachtwache konnte kommen. Heinrich ſuchte unter den Neugierigen ein bekanntes Ge⸗ ſicht und ſtieß plötzlich einen Freudenſchrei aus. Er hatte Meiſter La Hurieère erkannt. Da die Scene am Fuße der Croir du Trahoir, das heißt vor der Rue de LArbre⸗See vorfiel, ſo hatte unſer alter Bekannter, deſſen von Natur trübe Laune ſeit dem Tode von La Mole und Coconnas, ſeinen zwei geliebten Gäſten, noch trauriger geworden war, ſeine Oefen und nei vo! lot u⸗ ol⸗ hn en rei en y. en e⸗ 6 er en 181 Caſſerole verlaſſen, wo er eben das Abendbrod für den König von Navarra bereitete, und war herbeigelaufen. „Mein lieber La Hurière,“ ſagte Heinrich,„ich em⸗ pfehle Euch Herrn von Mouy, obgleich ich ſehr befürchte, daß nichts mehr für ihn zu thun iſt. Schafft ihn in Euer Haus, und wenn er noch lebt, ſpart nichts; hier iſt meine Börſe; was den Andern betrifft, ſo laßt ihn in der Goſſe liegen, wo er wie ein Hund verfaulen mag.“ „Aber Ihr?“ fragte La Hurieère. „Ich habe ein Lebewohl zu ſagen. Ich laufe und 2 zehn Minuten bin ich bei Euch; haltet meine Pferde ereit.“ Heinrich fing wirklich an in der Richtung des klei⸗ nen Hauſes der Croir⸗des⸗Petits⸗Champs fortzulaufen; als er aber aus der Rue de Grenelle hervorkam, blieb er vom Schrecken gefeſſelt ſtehen. Eine zahlreiche Gruppe war vor der Thüre ver⸗ ſammelt. „Was gibt es denn in dieſem Hauſe?“ fragte Hein⸗ rich,„was iſt geſchehen?“ „Oh! ein großes Unglück, Herr,“ antwortete der⸗ jenige, an welchen er ſich wandte.„Eine ſchöne junge Dame iſt von ihrem Manne erdolcht worden, dem man ein Billet zugeſtellt hatte, um ihn zu benachrichtigen, ſeine Frau wäre mit einem Liebhaber zuſammen.“ „Und der Mann?“ rief Heinrich. „Er iſt gerettet.“ „Die Frau? 4 „Sie iſt dort.“ „Todt?“ „Noch nicht, aber Gott ſey Dank, nicht viel beſſer.“ „Oh!“ rief Heinrich,„ich bin alſo verflucht!“ Und er ſtürzte in das Haus. Das Zimmer war voll von Menſchen; alle dieſe Menſchen umgaben ein Bett, auf welchem die arme Char⸗ lotte, von zwei Dolchſtichen durchbohrt, ausgeſtreckt lag. 182 Ihr Gatte, der zwei Jahre lang ſeine Eiferſucht gegen Heinrich zu verbergen wußte, hatte dieſe Gelegen⸗ heit ergriffen, um ſich an ihr zu rächen. „Charlotte! Charlotte!“ rief Heinrich, die Menge theilend und vor dem Bette auf die Kniee ſtürzend. Charlotte öffnete ihre ſchönen, bereits vom Tode verſchleierten Augen, ſtieß einen Schrei aus, der das Blut aus ihren zwei Wunden ſpringen machte, ſtrengte ſich an, um ſich zu erheben, und ſprach: „Oh! ich wußte wohl, daß ich nicht ſterben konnte, ohne ihn noch einmal zu ſehen.“ Und als hätte ſie nur dieſen Augenblick abgewar⸗ tet, um Heinrich die Seele zurückzugeben, die ihn ſo heiß geliebt, drückte ſie nun ihre Lippen auf die Stirne des Königs von Navarra, flüſterte ein letztes Mal:„Ich liebe Dich,“ und fiel todt zurück. Heinrich konnte nicht länger weilen, ohne ſich in das Verderben zu ſtürzen. Er zog ſeinen Dolch, ſchnitt eine Locke von dieſen ſchönen blonden Haaren, die er ſo oft gelöſt hatte, um ihre Länge zu bewundern, und entfernte ſich ſchluchzend, mitten unter dem Schluchzen der An⸗ weſenden, welche keine Ahnung hatten, daß er über ſo erhabenes Unglück weinte. „Freund, Liebe,“ rief er ganz außer ſich vor Schmerz und Schrecken,„Alles verläßt mich, Alles entgeht mir zu gleicher Zeit.“ „Ja, Sire,“ ſagte ganz leiſe ein Menſch zu ihm, welcher ſich von der Gruppe der vor dem Hauſe zuſam⸗ mengeſchaarten Neugierigen getrennt hatte und ihm ge⸗ folgt war,„aber Ihr habt immer noch den Thron.“ „René!“ rief Heinrich. „Ja, Sire, René, der über Euch wacht; dieſer Elende hat Euch verſcheidend genannt; man weiß, daß Ihr in Paris ſeyd, die Bogenſchützen ſuchen Euch, flieht, flieht!“ „Und Du ſagſt, ich werde König ſeyn, René, ich, ein Flüchtling?“ 183 „Schaut, Sire,“ ſprach der Florentiner, auf einen Stern deutend, der glänzend hinter einer ſchwarzen Wolke hervortrat,„nicht ich ſage es, dieſer prophezeit es Euch.“ Heinrich ſtieß einen Seufzer aus und verſchwand in der Dunkelheit. ffffffffſſe 10 11 12 13 14 15 16