—— Die Holländerin. B and. Holländerin. Roman von ——— 5 Alerander Dumas. Deutſch von Auguſt Schrader. ——— 8 6 3 Leipzig, C. Berger's Buchhandlung. 1848. 1. — Iſt Madame Van⸗Dick vielleicht krank? fragte Triſtan, der, da er ſich nichts vorzuwerfen hatte, gern wiſſen mochte, wie er ſich in ſeiner Lage zu verhalten habe. — Nein, antwortete der Kaufmann, ſie iſt nur übeler Laune. Ein kleiner häuslicher Zwiſt, fügte er lä⸗ chelnd hinzu, iſt die Urſach. — Verzeihung, ſprach Triſtan, ſollte ich vielleicht dieſe Urſach herbeigeführt haben? — Nun, da Sie es wiſſen wollen, ja; aber ein für alle Mal ja! — Hat Ihnen Madame geſagt, wodurch ich ihr Mißfallen erregt? Ja. und Die Holländerin. II. 1 * — — Sie behauptet, daß Sie ihr den Hof gemacht hätten. — Ich ſchwöre Ihnen— — Es bedarf Ihres Schwures nicht, denn ich weiß, daß ſie lügt. — Mein beſter Herr Van⸗Dick, ich weiß, daß ich Ihnen viel zu danken habe, Sie haben für mich gethan, was der beſte meiner Freunde nicht für mich gethan ha⸗ ben würde, und ſelbſt in dieſem Augenblicke geben Sie mir einen Beweis Ihres Vertrauens, der mich hoch ehrt und für den ich Ihnen mein ganzes Leben dankbar ſein werde; ich glaube indeß, daß es wohlgethan iſt, wenn wir uns trennen. — Aus welchem Grunde? — Weil ich Madame, ich weiß nicht weshalb, miß⸗ falle. Außerdem iſt es auch vorauszuſehen, daß ſie be⸗ harrlich in Sie dringen wird, mich zu entlaſſen. Soll ich Ihnen nun für Ihre liebevolle Aufnahme eine ewige Unruhe bereiten? Ich zürne Ihnen nicht, Herr Van⸗Dick, das Andenken an Ihre Freundſchaft wird ſtets in meinem Herzen leben, aber erlauben Sie mir, Ihrer Ruhe wegen, das Haus zu verlaſſen. — Sie ſind ein Narr! — Willigen Sie nicht ein? — O durchaus nicht! — Dann muß ich vie Verantwortlichkeit dieſer Tren⸗ nung auf mich nehmen. — Das verbiete ich Ihnen, mein beſter Freund. — In dieſem Falle würden Sie meinetwegen ſtets beläſtigt werden. — Nein. — Madame Van⸗Dick wird Ihnen ſtets etwas zu ſagen haben. — Nein! — Eines ſchönen Tages werden Sie ſich von dem Geſagten überzeugt halten, und anſtatt als gute Freunde zu ſcheiden, trennen wir uns in einer gereizten Stimmung. — Nein, nein und tauſendmal nein! Sie kennen mich noch nicht, mein beſter Triſtan, ich beſitze einen ei⸗ ſernen Willen. Sie bleiben bei uns, und meine Frau wird Ihnen zwar nicht verzeihen, weil ſie Ihnen nichts zu verzeihen hat; aber ſie wird ſich beſänftigen, und zwar aus dem Grunde, weil ich es will. Darum, mein Freund, vergeſſen Sie nicht, daß ſich unter uns nichts geändert hat und daß Sie bei uns bleiben. Was werden Sie die⸗ ſen Abend beginnen? — Ich weiß es nicht. — Gut, ſo bleiben Sie hier, ich muß ausgehen. 1* Ich ſage Ihnen im Voraus, daß meine Frau kommen und Frieden mit Ihnen ſchließen wird, wenn Sie es wollen. — Das glaube ich kaum. — Glauben Sie es nur, vorausgeſetzt, daß Sie thun, was ſie verlangt. — Ich habe es immer gethan. — Vielleicht auch nicht. Triſtan ſah Herrn Van⸗Dick an, der, die Naſe auf ſeinen Teller gerichtet, den eben ausgeſprochenen Worten keine Abſicht untergelegt zu haben ſchien. — Nur eins, fuhr der Kaufmann fort, verbiete ich Ihnen zu thun — Und was? — Daß Sie mich verlaſſen. — Dieſes ausgenommen— — Haben Sie in Allem freies Spiel. Was auch immerhin geſchehen wird, mag meine Frau zu Ihnen über⸗ treten, oder Ihre Feindin bleiben, Sie können feſt auf das zählen, was ich Ihnen vorhin geſagt habe. — Danke! — Ich gehe jetzt, um einen meiner Freunde zu be⸗ ſuchen, denſelben, von dem ich Ihnen erzählte, daß er früher in Mailand wohnte, er iſt von dort mit ſeiner Frau hierher gekommen. — Ach, zu dem Doctor Mametin. — Recht. — Behandelt er unſern Eduard? — Nein, er beſchäftigt ſich nicht mehr mit Mediein, er iſt ſo alt, daß er kaum noch ausgehen kann. — Iſt ſeine Frau jung. — Ja. — Schön? Jä. — Ah, Herr Van⸗Dick—! — Sie täuſchen ſich; außerdem iſt ſie ſehr klug und züchtig, und Mametin iſt einer von den alten Freunden, die man nicht betrügt. — Ich bin ganz Ihrer Meinung, die Frau eines Freundes muß man heilig halten. — Pah! Je nachdem die Frau iſt. Alſo auf Wie⸗ derſehen! Schließen Sie Frieden, wenn Sie können. Herr Van⸗Dick reichte Triſtan freundſchaftlich die Hand und ging. Unſer Freund blieb im Saale, ergriff ein Buch und las; Madame Van⸗Dick verharrte aber in ihrem Grolle ien nicht. Daß Triſtan darüber erfreut war, iſt wohl unnütz anzuführen. Während der Zeit, welche er, ein Vuch vor den Augen, im Saale zubrachte, dachte er — 6— über ſeine gegenwärtige Lage nach. Wäre er dem Triebe ſeines unabhängigen Charakters gefolgt, ſo würde er lie⸗ ber das Haus verlaſſen haben, als mit Euphraſia einen Kampf zu unterhalten, welche, an ihrer Eigenliebe ver⸗ letzt, dem Empfindlichſten, was eine Frau beſitzt, früher oder ſpäter über ihn ſiegen konnte, denn ſie war nicht wie andere Frauen und Herr Van⸗Dick nicht wie andere Männer. Er zog es indeß vor, die Kataſtrophe ruhig abzuwarten, als ſie zu beſchleunigen. Wenn Triſtan das Haus des Kaufmanns verließe, ohne zu wiſſen, was er beginnen ſollte, ſo würden ſeine kleinen Erſparniſſe, die ihm dieſes unerwartete Zuſammentreffen erlaubt hatte, bald aufgezehrt ſein, und wenn nicht ein neues Abenteuer ihm zu Hülfe käme, ſo würde ihm nichts weiter übrig geblieben ſein, als ſich ein Piſtol zu kaufen und die Ge⸗ ſchichte aus dem Walde von Boulogne von Neuem anzu⸗ fangen. Auch war er der Abenteuer müde, denn ſie brach⸗ ten ihm nichts weiter als eine augenblickliche Hülfe und blieben ohne erſprießliche Folgen für ſeine Lage. Was hätte auch unfer Held zu erwarten gehabt? Seine Mut⸗ ter war todt und ſeine Frau war Lerheirathet: wo, wann und wie? wußte er nicht, er zog es auch vor, ſtets dar⸗ über in Unwiſſenheit zu bleiben. Das Haus des Herrn Van⸗Dick war demnach der einzige Hafen, der ihn vor den Stürmen und Wogen des Lebens, denen er augenſcheinlich draußen preisgegeben war, ſchützen konnte. Es mußte alſo Alles geſchehen, daß er bleiben konnte, wo er war. Der junge Eduard war neun Jahre alt, die Erziehung deſſelben ſicherte ihm mindeſtens einen neunjährigen Aufenthalt im Hauſe und Herr Van⸗ Dick hätte nach Ablauf dieſer Friſt den Mann nicht ver⸗ laſſen können, der die ſchönſte Zeit ſeines Lebens der Er⸗ ziehung ſeines Sohnes geopfert, er würde ihm jedenfalls eine Stellung geben, dis ihm ein ruhiges Leben ſicherte. Unglücklicherweiſe war aber das Mittel, das Triſtan zur Erreichung dieſes Zweckes anwenden wollte, nicht daſ⸗ ſelbe, was Madame Van⸗Dick gefunden hatte und, wie es ſchien, von Herrn Van⸗Dick gebilligt wurde. Was konnte auch bei Wilhelm's Ankunft geſchehen, wenn Triſtan während der Abweſenheit deſſelben als Euphraſia's Lieb⸗ haber fungirt hätte? Der Hauslehrer erinnerte ſich aber des Eides, den er dem Handlungsdiener geſchworen, und er beſchloß, unter Herrn Van⸗Dick's Protection Wilhelm's Rückkehr ruhig abzuwarten. War er einmal wieder im Hauſe, ſo glaubte er annehmen zu können, daß Euphra⸗ ſia ihren alten Umgang wieder fortſetzte und das, was zwiſchen ihr und Triſtan vorgefallen, vergeſſen würde. Als Triſtan in ſeinen Betrachtungen bis zu dieſem Punkte gekommen war, beſchloß er ſogleich an Wilhelm zu ſchreiben, ihn um Beſchleunigung ſeiner Geſchäfte und ſeiner Rückkehr zu bitten, und als Grund dieſer Bitte ei⸗ nen Freundſchaftsdienſt, den er ihm leiſten ſollte, anzu⸗ geben, denn er wußte, daß dieſes, verbunden mit dem Wunſche, Euphraſia wieder zu ſehen, ein unfehlbares Mit⸗ tel zur Beförderung ſeines Planes ſei. Es war bereits gegen zehn Uhr, und da er annahm, daß Madame Van⸗Dick nicht mehr ſichtbar werden würde, ging er in ſein Zimmer, ſchrieb an Wilhelm einen kurzen Brief, und überließ ſich, eingewiegt von ſeinen Hoffnun⸗ gen, einem ruhigen Schlafe, dem Lohne ſeines Kampfes und ſeiner guten Geſinnungen. Es war ſchon ſpät, als Triſtan am nächſten Morgen erwachte. Eilig ließ er den Brief an Wilhelm zur Poſt beſorgen und ſtieg in dem Augenblicke die Treppe hinab, als es elf Uhr ſchlug. Bei ſeinem Eintritte in den Speiſeſaal traf er Herrn Van⸗Dick an, der bereits mit dem Leſen der Zeitung beſchäſtigt war. — Nun, fragte der Kaufmann, haben Sie Madame geſtern Abend noch geſehen? — Nein. — Alſo immer noch Krieg? — Es ſcheint ſo. — So erwarten wir den Frieden. Wie geht es Ihnen? — Gut. — Das iſt die Hauptſache. Triſtan blickte nun auf den Tiſch und daß er nur mit zwei Couverts beſetzt war. — Teufel, dachte er, ſollte ich ſchon exilirt ſein? Die Köchin brachte die Schüſſeln. Herr Van⸗Dick ſetzte ſich zu Tiſche und gab Triſtan ein Zeichen, ſeinem Beiſpiele zu folgen. Triſtan ſetzte ſich. — Wird Madame bei Tiſche erſcheinen? fragte der Hausherr. — Nein, Herr! antwortete die Köchin. — Warum iſt nur für zwei Perſonen gedeckt? — Weil Madame in ihrem Zimmer eſſen will. — Allein? — Nein, Herr, mit einer Freundin. — Gut; ſo eſſen wir. Alſo immer noch offene Fehde? — Und ich trage die Schuld, antwortete Triſtan. — Sie wird ſich beruhigen, tragen Sie keine Sorge. Während des Eſſens ſprachen die beiden Männer über andere Sachen. Nach demſelben begann Herr Van⸗Dick: — Eouard befindet ſich jetzt beſſer, ich glaube, Sie können heute den Unterricht wieder beginnen. Gehen Sie zu ihm und geben Sie dem kleinen Taugenichts Beſchäf⸗ tigung. Auf Wiederſehen, Freund! —— —0— Triſtan ſtieg die Treppe hinan und klopfte an Eduard's Zimmerthür.„Herein!“ war die Antwort und der über⸗ raſchte Hauslehrer erkannte Euphraſia's Stimme. Unent⸗ ſchloſſen ſtand er einen Augenblick da, dann aber öff⸗ nete er. Madame Van⸗Dick und ihre Freundin ſaßen am Bette des Knaben. Eine hohe Röthe überzog Madame Van⸗ Dick's Geſicht, als ſie Triſtan erblickte. — Was wünſchen Sie, mein Herr? fragte ſie. — Madame, ich komme zunächſt, um mich nach dem Befinden dieſes Kindes zu erkundigen. — Es geht ihm gut, mein Herr! Dieſe Worte ſprach die Dame in einem Tone, der andeutete:„Jetzt können Sie gehen.“ — Es geht ihm alſo gut? entgegnete der Lehrer. — Ja, mein Herr! — Dann kann ich wohl den Unterricht wieder be⸗ ginnen? — Wer hat Ihnen Befehl ertheilt, hierher zu kommen? Bei dieſer impertinenten Phraſe ward Triſtan roth bis über die Ohren; kaltblütig gab er indeß zur Antwort: — Niemand, Madame, denn Niemand hat das Recht, mir Befehle zu ertheilen; aber Herr Van⸗Dick, — 11— der, wie ich glaube, der Vater dieſes Kindes iſt, hat mich erſucht, ihm ſeine Lection zu ertheilen. — So ſagen Sie Herrn Van⸗Dick, daß ich mich dem widerſetze. Triſtan grüßte und verließ Euphraſia und ihre Freun⸗ din, welche durch Blicke und Geberden Madame Van⸗Dick begreiflich zu machen ſuchte, daß eine ſolche Unterhaltung vor Zeugen nicht ſtatthaft ſei. Vor Zorn weinend kehrte Triſtan zu Herrn Van⸗ Dick zurück und theilte ihm mit, was vorgefallen. — Gut, antwortete dieſer. Wollten Sie wohl die Güte haben, Herr Triſtan, und jene Briefe beantworten? Gehen Sie in Wilhelm's Kabinet und leiſten Sie mir dieſen Dienſt. Es iſt vielleicht eine langweilige Arbeit, aber Sie ſehen ja, daß es nicht meine Schuld iſt; meine Frau will durchaus, daß Sie Wilhelm's Stelle ein⸗ nehmen. Mit der gleichgültigſten Miene von der Welt reichte der Kaufmann dem Hauslehrer die in Rede ſtehenden Briefe. Auch am Abend war der Tiſch nur für zwei Perſo⸗ nen gedeckt — Wo iſt Madame? fragte Herr Van⸗Dick. — In ihrem Zimmer, antwortete Lotte. —— — Man ſage ihr, daß ſie zu Tiſche komme. — Madame will allein eſſen, ſprach die zurückkeh⸗ rende Magd. — Gut, ſo verbiete ich, daß hier für ſie gedeckt werde. Fort! Herr Van⸗Dick und Lotte wechſelten unbemerkt einen Blick. Von Seite des Kaufherrn ſchien er zu ſagen: „Biſt Du zufrieden?“ und von Seite der Köchin:„Ohne Sorge, es wird geſchehen!“ Die beiden Männer ſetzten ſich zu Tiſche. Kaum hatten ſie Platz genommen, ſo ward eine Klingel ſo hef⸗ tig gezogen, daß es ſchallend durch das Haus tönte. — Wir werden etwas Neues erfahren, ſprach der Kaufmann. — Ich bin untröſtlich, antwortete Triſtan. — Sie wird einer Lection bedürfen. Lotte trat ein. — Herr, ſprach ſie, Madame will eſſen. — Gieb ihr nichts. — Iſt geſchehen. — Nun? — Madame ſagt, daß ſie das Recht habe zu be⸗ fehlen. — Bleibe in Deiner Küche. = 13— — Und daß ſie mich aus dem Hauſe werfen wolle. — Fürchte nichts. — Wenn aber Madame wieder klingelt? — So antworte nicht. Ein abermaliges Läuten ertönte. — Soll ich hinaufgehen? fragte der Diener, der ſich im Saale befand. — Nein. Du, Lotte, geh und ſieh nach den Kar⸗ toffeln, Du weißt, mein Kind, daß ich ſie weich gern eſſe. Lotte konnte ſich eines Lächelns nicht erwehren. Die Glocke ertönte zum dritten Male. — Ich werde die Glocke mit Papier ausfüllen laſſen, ſprach Herr Van⸗Dick. Triſtan wußte nicht mehr, was er antworten ſollte. — O das Ding iſt noch nicht aus, ſprach Euphra⸗ ſta's Gatte. Wir erleben heute noch etwas. Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als die Thür mit einer ſolchen Heftigkeit aufgeriſſen wurde, daß Triſtan erſchreckt auf ſeinem Stuhle zuſammenfuhr. Madame Van⸗Dick, mit Shawl und Hut angethan, trat ein. Man erfinde eine fabelhafte Röthe, und man hat die ihrer Wangen.* — Nun, mein Herr, ſprach ſie zu ihrem Manne, haben Sie nun genug meine Galle angeregt? — Ich, Madame? fragte Herr Van⸗Dick mit der ruhigſten Miene von der Welt. — Wodurch habe ich Ihr Mißfallen mir zugezogen? — Dadurch, daß Sie mir dieſem Menſchen gegen⸗ über Unrecht geben. Die zornige Euphraſia zeigte auf Triſtan. — Zunächſt, meine theure Euphraſia, betragen Sie ſich gegen dieſen Herrn artig, oder ich muß Sie erſuchen, ſich in Ihr Zimmer zurückzuziehen. — Das heißt mit andern Worten, mich zur Thür hinauswerfen. — Ganz recht. — Iſt es nicht ſchon genug, mir die Nahrung zu weigern? — Warum eſſen Sie nicht mit uns? — Weil ich nicht will! — und ich will nicht, daß Lotte Ihnen den Tiſch auf Ihrem Zimmer decke. — Man weiß, warum. — Und warum? — Weil ſie Ihre Maitreſſe iſt. —— — Dann iſt es ſehr natürlich, daß ich ihr die Ar⸗ beit erſpare. — Wie unmoraliſch! Sie wollen nicht, daß man mir das Eſſen auf mein Zimmer bringe? Sie wollen mich zwingen, mit Leuten zu leben, die ich nicht kenne, die ich verabſcheue? — Ja! — Gut, mein Herr! Von heute ab haben Sie keine Frau mehr? — Machen Sie mir keine vergebliche Freude, theure Euphraſia! Sie wollen alſo wirklich gehen? — Ja, mein Herr! — Und werden nie zurückkehren? — Gott ſoll mich bewahren! — Glückliche Reiſe! — Wie, Sie laſſen mich gehen? — Sie wollen es ja. — Gut; ich weiß jetzt, was mir zu thun bleibt! Madame Van⸗Dick ging der Thür zu. Herr Van⸗ Dick rief ſie zurück. — Was wollen Sie? fragte die Gattin. — Sie wollen nicht wiederkommen? — Nie! Nie! — Nun gut, ſo nehmen Sie den Hausſchlüſſel mit' —— denn, kommen Sie nach zehn Uhr zu Hauſe, liegt Alles im Schlafe und Niemand wird Ihnen öffnen. Nach dieſen Worten ergriff Herr Van⸗Dick Triſtan's Arm und ſprach zu ihm: — Kommen Sie, wir wollen im Garten eine Ci⸗ garre rauchen. Madame Van⸗Dick verließ racheſchnaubend das Haus; aber ſei es Zufall oder Vorſicht— ſie hatte einen Haus⸗ ſchlüſſel in ihrer Taſche. 2 Wie eine Wahnſinnige rannte Madame Van⸗Dick aus dem Hauſe ihres Gatten. Als ſie indeß ſah, daß man ſie beobachtete, ging ſie langſamer und ſuchte ſich das Anſehen einer Spaziergängerin zu geben. Sechs Uhr war bereits vorüber, und als ihr Geiſt ein wenig ruhiger geworden war, vrängte ſich ihr die Frage auf: wohin? Um Herrn Van⸗Dick zu erſchrecken, hatte ſie ihm zwar geſagt, daß ſie nicht wieder zurücktehren würde, aber in dem Angenblicke, in dem ſie dieſe Worte ſprach, wußte —,— ſie noch nicht, wo ſie die gaſtliche Aufnahme finden würde, deren ſie, fern von dem Dache des Gemahls, bedurfte. Als ſie der Ironie gedachte, mit welcher ihr Mann die ange⸗ drohte Scheidung aufgenommen, beſchloß Euphraſia, um jeden Preis die Nacht außerhalb ihrer Wohnung zuzu⸗ bringen, denn ſie war überzeugt, daß Herr Van⸗Dick, wenn er am folgenden Morgen erführe, ſie ſei nicht im Hauſe geweſen, in alles willigen würde, um den Eclat zu ver⸗ meiden. Euphraſia dachte, wie wohl natürlich, an die Freun⸗ din, welche am Morgen Zeugin jener Scene geweſen war; bei ihr hoffte ſie ein Aſyl zu finden, um ſo mehr, da ſie ihr Verfahren gebilligt hatte. Sie ſchlug demnach den Weg nach der Wohnung dieſer Freundin ein, die, beiläufig geſagt, Witwe war. Das Haus, welches dieſe Witwe be⸗ wohnte, lag nicht weit vom Prinzen⸗Kanale und bald hatte ſie die Thür deſſelben erreicht. Madame Van⸗Dick ſtieg die Treppen hinan bis zum zweiten Stockwerke, blieb vor der erſten Thür rechts ſtehen und zog die Glocke. Es erfolgte keine Antwort. Euphraſia wartete einige Augenblicke und zog zum zweiten Male die Glocke. Daſſelbe Schweigen. Man ſollte glauben, daß Madame Van⸗Dick unge⸗ Die Holländerin. II. 2 —— duldig werden würde; o nein— ruhig klopfte ſie nun mit der Hand an die Thür, die aber verſchloſſen blieb. Die Thür gegenüber öffnete ſich und eine alte Frau, die mit dem Kopfe herausſah, theilte unſerer Dame mit, daß es unnütz ſei, länger zu klopfen, da alle Bewohner dieſer Wohnung ausgegangen ſeien. Euphraſig befand ſich demnach in einer großen Ver⸗ legenheit; die Nothwendigkeit, unter das Dach des Gatten zurückzukehren, kämpfte mit Vortheil gegen Eigenliebe und Zorn, die ihr ſagten, es zu fliehen. Plötzlich, als ob ein rettender Gedanke in ihr aufſtiege, blieb ſie ſtehen, ſchlug dann eine Querſtraße ein und ſchritt einem der einſamſten Stadttheile zu⸗ Endlich trat ſie in eine von den ruhigen Straßen, welche, obgleich noch zur Stadt gehörig, dennoch ſchon das Land ankündigen. Vor einem kleinen Hauſe, deſſen Giebel der Straße zugewandt war und gaſtlich ei⸗ nige Schwalbenneſter bedeckte, blieb ſie ſtehen. Die Fenſter dieſes kleinen, freundlichen Hauſes er⸗ glänzten im letzten Schimmer der ſcheidenden Sonne, und wie eine zierliche Arabeske wand ſich ein Weinſtock, deſſen grünes Laub mit der Weiße der Mauer lieblich contraſtirte, an der Facade deſſelben hin. In den Fenſtern des erſten Stockwerks ſangen Vögel und feierten in Liedern den Abſchied der Sonne. Man — Dieſe Begleitung muß aber ſehr läſtig ſein? — Nein; wir reiſen mit Extrapoſt, und ich möchte lieber nicht reiſen, als mich von ihm trennen. — So iſt er wohl ein Andenken? — Ja, ein Andenken, auf das mein Mann nicht ei⸗ ferſüchtig ſein will, ſprach Louiſe, indem ſie dem Greiſe lächelnd die Hand reichte. Dieſer ſah die junge Frau mit einem Blicke väterlicher Zärtlichkeit an und drückte innig die dargebotene Rechte. — Ach, Sie ſind ſehr glücklich! — Sind Sie es nicht? — Nicht immer, und dieſer Umſtand iſt es, der mich zu Ihnen führt, um mir Rath und Troſt von Ihnen zu erbitten. — Sie ſind unglücklich? Ja. — Das iſt unmöglich! Herr Van⸗Dick liebt Sie. — Ich werde Ihnen heute Abend alles erzählen, ant⸗ wortete Madame Van⸗Dick, indem ſie die Suppe zu eſſen begann, die man ihr ſervirt hatte. Von wo kommen Sies fragte ſie Louiſe, um dem Geſpräche eine andere Richtung zu geben, denn ſie wollte die Frau allein zu ihrer Ver⸗ trauten machen. — Von Mailand. — — Sie wollten doch ſobald nicht zurückkehren? — Es iſt wahr; aber Louiſe wollte abreiſen, ſprach der Doctor, und wie immer, war ich auch diesmal ihrer Meinung. — O mein Gott, welch eine glückliche Ehe! — Sie beklagen ſich, Sie, die beneidetſte Frau der ganzen Stadt? — Sie werden ſehen, daß ich ſehr zu beklagen bin. — Gedenken Sie eine zweite Reiſe zu unternehmen? — Nein, antwortete Louiſe. — Wollen Sie auf das Land gehen? — Noch nicht. „ Unter Fragen und Antworten dieſer Art, die ſin uns ohne Intereſſe ſind, ward die Mahlzeit beſchloſſen. Herr Mametin ſtand zuerſt vom Tiſche auf, indem er zu ſeiner Frau ſprach: — Ich habe einige Briefe zu ſchreiben und laſſe Dich mit Madame Van⸗Dick allein, damit ſie Dir ihren Kum⸗ mer mittheilen kann. Und nachdem er Euphraſia die Hand geküßt, ergriff er ſanft mit beiden Händen Louiſe's Kopf und drückte einen Kuß auf ihre Stirn, wie ein Va⸗ ter bei dem Abſchiede von ſeiner Tochter zu thun pflegtz dann verließ er das Zimmer. Die beiden Frauen gingen ———— 6. 23 in den Garten und ließen ſich auf den Stühlen nieder, die am Eingange einer Laube ſtanden.* — Wie glücklich ſind Sie, da Sie fo geliebt wer⸗ den! begann Madame Van⸗Dick. ₰ — Der würdige Mann! ankwortete Luuiſe. Nie habe ich eine aufmerkſamere Zärtlichkeit gefunden, als die ſei⸗ nige. Ich bin ſein einziges Glück auf dieſer Welt, ich würde in den Tod gehen, um ihm einen Kummer zu er⸗ ſparen. h — Sie ſind ſehr glücklich! — Es iſt wahr! Jener Kummer, von dem Sie vor⸗ hin ſprachen, iſt wohl nur ein Scherz geweſen, nicht wahr? — Durchaus nicht! 8— Was iſt Ihnen denn begegnet, liebe Freundin? — Zunächſt muß ich Ihnen mittheilen, was ſich während Ihrer Abweſenheit ereignet hat. Sie wiſſen doch, daß mein Mann eine Reiſe nach Mailand gemacht, wo er Sie beſucht hat. Ohne ſich um meinen Schmerz zu küm⸗ „ mern, führte er dieſe Reiſe eben ſo plötzlich aus, als der 5 Gedanke in ihm aufſtieg. Aber nun denken Sie ſich, beſte Freundin, was jetzt wieder geſchehen iſt. 3 *— Nun? — Herr Van⸗Dick intereſſirt ſich bis zur Leidenſchaft für einen Menſchen, den er auf der Straße von Mailand — angetroffen, hierher geführt und in unſer Haus aufgenom⸗ men hat, und dieſer Menſch richtet nun die größeſte Ver⸗ wirrung in unſerm Hausweſen an. — Welch eine Idee! — Hören Sie nur weiter, das iſt noch nicht alles. Derſelbe Menſch nun— ich muß geſtehen, daß er ein eleganter und ziemlich hübſcher Mann iſt, obgleich er ein fades, nichtsſagendes Geſicht beſitzt— iſt leidenſchaftlich in mich verliebt und macht mir auf eine ſehr zudringliche Art den Hof. — Und Sie? — Ich habe meinen Mann davon unterrichtet. — Daran haben Sie unrecht gethan. Sie hätten dem jungen Manne ſagen ſollen, daß er ſeine Zeit teg anwenden möge, und alles wäre geſagt geweſen. — Glauben Sie? — Gewiß. — Nun, ich habe es ihm geſagt, er fuhr aber be⸗ harrlich fort. — Und dann? — Dann ſagte ich Herrn Van⸗Dick, daß ich gehört hahe, der Neuangekommene verlaſſe das Haus. — Die Antwort? — War ein lautes Lachen. —z————„— —.————— e⸗ — Weiter! — Als die Nachſtellungen dieſes Herrn mir zu ſtark wurden, ſagte ich meinem Manne, daß ihm die Wahl bliebe zwiſchen mir und Herrn Triſtan. — Triſtan! rief Louiſe und bebte zuſammen. — Ja, Triſtan. Kennen Sie ihn? — Vielleicht! Wie ſieht er aus? — Er iſt ein ſchlanker, brauner Mann mit ſchwarzen Augen, ſingt und zeichnet. Wie er ſagt, iſt er Franzoſe und war früher mit einer Frau verheirathet, die er licbte, wie er nie eine andere liebte und lieben wird; ſie iſt aber todt. Iſt er das? — Nein, antwortete Louiſe, die Zeit gehabt hatte, ihre Sinne zu ſammeln und um alles in der Welt eine Frau wie Madame Van⸗Dick nicht zur Vertrauten eines ſolchen Geheimniſſes machen wollte; nein, der, den ich kenne, fuhr ſie fort und huſtete, um ihr Zittern zu ver⸗ bergen, iſt blond. — Dann iſt er es nicht. — Und dieſer Herr liebt Sie? fragte Louiſe. — Bis zum Wahnſinn. — Wie aber kommt es, daß er Sie liebt, wie Sie ſagen, nachdem er Ihnen geſtanden hat, daß er nie eine Perſon lieben wird, wie er ſeine Frau geliebt? —5 Madame Van⸗Dick ward ein wenig roth, denn ſie ſah, daß ſie ſich feſtgefahren hatte. Die Männer ſprechen immer ſo, entgegnete ſie nach einem Augenblicke, um ſich intereſſant zu machen, oder die Frau, die ſie begehren, an einen doppelten Sieg glau⸗ ben zu machen. Es iſt wahr, das Mittel iſt nicht ſchlecht. Be⸗ fündet ſich dieſer Herr Triſtan immer noch in Ihrem Hauſe? ihm die Sie. 4— kehren? Sig Und was hat Ihr Mann geantwortet, als Sie Wahl zwiſchen Ihnen und Triſtan ließen? Er hat Triſtan gewählt. Und nun? Nun habe ich das Haus verlaſſen und zähle auf Auf mich! Was kann ich dabei thun? Nichts, als mir ein Aſyl geben. Hier? Hier! Wollen Sie denn wirklich nicht wieder zurück⸗ Nein. Ich bin untröſtlich, Ihnen das, was Sie wün⸗ chen, nicht gewähren zu können. — Warum? — Weil wir morgen auf das Land reiſen. — Sie ſagten mir aber vorhin, daß Sie nicht rei⸗ ſen würden. — Das iſt wahr; aber ich weiß, daß es Herr Ma⸗ metin ſehnlichſt wünſcht, und da er mir nie etwas ver⸗ weigert, glaube ich mich ihm nachgiebig zeigen zu müſſen. Eine andere, die weniger mit ihren eigenen Angele⸗ genheiten beſchäftigt geweſen wäre, als Madame Van⸗Dick, hätte ſehr leicht Louiſe's große Bewegung bemerkt. — Ein unglückliches Zuſammentreffen! ſprach Eu⸗ phraſia in einem ſchmerzlichen Tone. — Außerdem, meine beſte Freundin, iſt der Entſchluß, den Sie glauben gefaßt zu haben, nur eine Grille. Den⸗ ken Sie denn, daß Sie das Haus Ihres Gatten verlaſſen können, ohne Aufſehen in der Stadt zu erregen? Da die Welt die wahre Urſache nicht kennt, wird man alle St ld auf Sie wälzen. Denken Sie an Ihr Kind und cl Sie ſicherlich, Herr Van⸗Dick hat Sie nur gehen laſſen⸗ weil er weiß, daß Sie wieder zurückkehren, wenn Sie den Rath einer Freundin gehört, die Ihnen offen und frei er⸗ klärt, daß das Unrecht auf Ihrer Seite iſt. Darum ge⸗ hen Sie dieſen Abend ruhig in Ihr Haus zurück und thun — Sie, als ob nichts vorgefallen ſei, Sie werden dann durch Milde erlangen, was man Ihrem Zorne verweigerte. — Ach, ich bin ſehr unglücklich! rief Madame Van⸗ Dick. — Sie denken ſich Ihre Lage ſchlimmer, als ſie in der That iſt. Ich bin indeß Ihrer Anſicht, Herr Triſtan muß nicht nur Ihr Haus, ſondern Amſterdam, ſelbſt Hol⸗ land verlaſſen. Man kann den Zwiſchenraum zwiſchen ſich und einem Manne, der liebt, nie genug ausdehnen. — Sie haben Recht. — Machen Sie dies Ihrem Manne begreiflich. Iſt Triſtan reich? — Nein. — Hat er keine andere Stellung, als die, welche ihm Ihr Mann gegeben? — Nein. — Das iſt nicht gut. — Warum? — Weil man ihn nicht fortſchicken kann, ohne ihm ſeine Stellung zu rauben. — Was thut das? Er hat mich beleidigt. — Ich gebe es zu; das Elend iſt aber für einen Mann, der nichts verbrochen hat als eine junge, ſie Frau zu lieben, eine zu harte Strafe. Euphraſia ſchlug die Augen nieder. Nach einer Pauſe fuhr ſie fort: — Sie ſagten mir vorhin, liebe Freundin, Herr Triſtan müſſe Holland verlaſſen, und jetzt meinen Sie wieder, es dürfe nicht geſchehen, ohne ihm ſeine Stellung zu rauben? Beides läßt ſich nicht vereinigen. — Sie haben Recht, ich dachte ſo eben daran; man müßte ihm eine ähnliche an einem dritten Orte, entfernt von hier, zu verſchaffen ſuchen. In dieſem Augenblicke trat der Doctor zu den beiden Damen. — Nun, prich er mit einem wohlwollenden Lächeln, haben Sie Ihre großen Geheimniſſe ausgetauſcht? Darf man näheß treten N. — Ja, mein. beſter Freund, antwortete Louiſe mit zitternder Stimme, vot Ihnen haben wir keine Geheimniſſe. — Welche von Ihnen bedurfte einef Vertrauten? — Ich! ſprach Euphraſia. — Um in dieſer Angelegenheit ein baldiges Reſultat zu erzielen, können Sie uns ein wenig helfen, fügte Louiſe hinzu. — Dieſe Sorge überlaſſe ich Ihnen, ſprach Euphraſia, indem ſie aufſtand, ich muß nach Hauſe zurückkehren, da Sie mir die erbetene Gaſtfreundſchaft verweigern. —— — Wie, rief Herr Mametin, Du verweigerſt Madame Van⸗Dick eine gaſtliche Aufnahme? — Ich liebe meine Freundin zu ſehr, um ihr eine ſolche zu bewilligen. Unſere liebe Uebermüthige will näm⸗ lich eines kleinen Streites wegen, den ſie mit ihrem Ge⸗ mahle gehabt, nicht wieder zu ihm zurückkehren, ſondern hier bleiben und uns zu Genoſſen des Kummers machen, den ſie dem armen Herrn Van⸗-Dick dadurch bereiten wird. Ich habe ihr deshalb ein wenig gegrollt und ſie will nun zurückkehren und ihren Mann um Verzeihung bitten, nicht wahr? — Ach, meine beſte Freundin! antwortete Euphraſia, indem ſie Louiſe die Hand reichte. — Um die Sache noch einfacher zu machen, fuhr der Doctor fort, wollen wit Madame Van⸗Dick begleiten. — O, das iſt unnütz, der Abend iſt ſchön und hell wie der Tag, außerdem will ich auch nicht, um ihn zu beſtrafen, daß mein Mann um meine Rückkunft weiß. Lyuiſe athmete wieder auf, denn der Leſer kann ſich wohl denken, daß dieſer Vorſchlag, wenn Euphraſia ihn angenommen, ihr eine nicht geringe Verlegenheit herbei⸗ geführt haben würde. — Freunde, meine theuren Freunde, verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen mit meinen Familienangelegenheiten — läſtig geweſen bin, ſprach Madame Van⸗Dick, indem ſie ſich zu ſeufzen bemühte; erlauben Sie, daß ich mich zu⸗ rückziehe! Die beiden Frauen umarmten ſich. — Morgen, ſprach Herr Mametin, ſehen wir uns vielleicht. — Ach ja, kommen Sie, kommen Sie, rief Euphraſia, Sie werden mich ſehr glücklich machen! Mit dieſen Worten näherte ſie ſich der Straßenthür, welche ihr eine Magd öffnete. — Wir wollen Ihnen nicht feſt verſprechen, daß wir morgen beſtimmt kommen, fügte Louiſe hinzu, aber jeden⸗ falls werden wir uns mit dem beſchäftigen, wovon wir ſprachen. Noch einmal drückten ſich die beiden Frauen die Hand, dann ſchieden ſie. Madame Van⸗Dick ging, im höchſten Grade auf Triſtan erbittert, aber erfreut einen Vorwand gefunden zu haben, um unter ihr eheliches Dach zurückkehren zu kön⸗ nen, dem Prinzen⸗Kanale zu, und Herr Mametin und Louiſe kehrten Arm in Arm in den Saal zurück. Es iſt leicht begreiflich, daß Louiſe ein wenig nach⸗ denkend geworden war. „ — Was fehlt Dir, mein Kind? ſprach der Doctor, indem er ſich ihr zur Seite niederließ. — O nichts, mein Freund, ich dachte noch an das, was mir Madame Van⸗Dick vorhin mittheilte, antwortete Louiſe und konnte ſich eines hohen Erröthens nicht er⸗ wehren. — Was hat ſie Dir erzählt? — Nichts als Thorheiten. — Ich glaube es, denn ſie iſt ein wenig thöricht. — Sie behauptet nämlich, daß ein junger Mann, dem ihr Gatte ſehr zugethan iſt und der als Erzieher ih⸗ res Sohnes im Hauſe wohnt, ſie liebt. Da die Nach⸗ ſtellungen deſſelben ihr läſtig werden, verlangt ſie, daß er das Haus des Herrn Van⸗Dick verlaſſe. Nun aber hat der arme junge Mann keine andere Stelle, und ich habe ihr geſagt, daß man, bevor man ihm dieſe raubte, ihm eine andere, wo möglich ſehr entfernt von hier, verſchaffen müſſe. Ich dachte, daß Sie ihm vielleicht dabei nützlich ſein könnten. — Was hat der junge Mann gelernt? — Alles, wie mir Madame Van⸗Dick ſagte; er hat ſogar Mediein ſtudirt, fügte Louiſe hinzu, die ſich der Ein⸗ zelnheiten, welche Euphraſia mitgetheilt, nicht mehr ent⸗ ſinnen, dieſen Umſtand aber, ohne Befürchtung eines Wi⸗ derſpruches, anführen konnte. — Und Du hältſt dafür, daß man ſich um dieſen jungen Mann bemühe? — Ja. — Wie heißt er? Louiſe ſtockte und wurde roth. — Weißt Du ſeinen Namen nicht? — O ja, er nennt ſich Triſtan, antwortete ſie ſehr laut, um die Bewegung zu verbergen, die ſich ihrer un⸗ willkührlich bei Nennung dieſes Namens bemächtigte. — Ich verſtehe, ſprach der Doctor mit einem Blicke voll unausſprechlicher Milde; Du intereſſirſt Dich für den Mann, weil ſein Name Dich an Dein früheres Glück er⸗ innert. Sei ruhig, mein Kind, ich werde an ihn denken. — Wie gut ſind Sie! — Mein armes Kind, Du biſt gut, Du, ſo jung und ſchön, opferſt einem Greiſe Dein Leben; er wird ſich jedoch beeilen, recht bald zu Gott zurückzukehren und Dich Deiner Freiheit und Dein Herz den Illuſionen der Jugend zurückzugeben. Glaubſt Du, Louiſe, daß ich eiferſüchtig bin, oder daß ich eine andere Sorge hege als die, Dich glücklich zu machen? Es giebt Tage, meine beſte Louiſe, wo ich bereit bin, das Haus zu verlaſſen, um in irgend Die Holländerin. II. 3 —— einem Winkel zu ſterben und Dich reich und glücklich zu machen, denn ich, der hohe Greis, ich maße mir durchaus nicht das Recht an, mein Geſchick an das Deinige zu ket⸗ ten; aber ich bleibe, weil ich Dich liebe und weil ich die Ueberzeugung hege, daß die Natur in das Opfer, das Du mir bringſt, nicht lange mehr willigen wird. — Was ſagen Sie da, mein Freund, mein Vater? Verdanke ich Ihnen nicht Alles? Was wäre aus mir ge⸗ worden, wenn die Vorſehung Sie mir nicht entgegengeführt? Glauben Sie, daß ich auch nur einen Augenblick das Glück vergeſſe, deſſen Sie mich theilhaftig werden laſſen, und deſſen ich vielleicht nicht einmal würdig bin? Es iſt wahr, indem ich von Madame Van⸗Dick dieſen Namen nennen hörte, erinnerte ich mich des unglücklichen Todes meines Mannes und ich fürchtete, daß der Verluſt ſeiner Stelle und das Elend jenen jungen Mann zu demſelben Ent⸗ ſchluſſe verleiten könnten. Sie ſehen, daß ich keinen Au⸗ genblick an Ihrem Herzen gezweifelt, da ich mich an Sie wandte. — Und daran haſt Du wohl gethan. Morgen ſchon werde ich mich mit dem jungen Manne beſchäftigen und für ihn ſorgen, als ob er mein eigener Sohn wäre. Um⸗ arme mich, liebes Kind, denn ich will mich zurückziehen um Dir nicht länger läſtig zu ſein. — — Wie können Sie mir nur ſolche Sachen ſagen! rief Louiſe, umſchlang mit ihren Armen den Hals des Greiſes und drückte einen Kuß auf ſeine Stirn. — Ich will damit nur geſagt haben, daß Du Alles thun ſollſt, was Dir gut ſcheint, antwortete der Doctor, und daß ich glücklich bin, den geringſten Deiner Launen zuvorzukommen. Habe ich Dir je etwas verweigert? Du wollteſt Frankreich verlaſſen, und ich habe Dich in dieſes Lund geführt, weil ich hoffte, Dir Zerſtreuung zu bereiten; Du haſt Italien ſehen wollen, und vierundzwanzig Stun⸗ den ſpäter ſaßen wir im Wagen. In Mailand, wo wir uns einige Zeit aufhalten wollten, fiel es Dir plötzlich ein, abzureiſen; ich ließ Poſtpferde beſtellen und wir ſind hier⸗ her zurückgekehrt: dies alles macht mich ſo glücklich, daß ich die Laſt meines Alters kaum fühle. Darum ſei im⸗ merhin ausgelaſſen und launiſch, und grolle mit mir, wenn ich nicht im Augenblicke gehorche, Du haſt das Recht da⸗ zu, denn, indem ich für Dein Glück ſorge, mache ich viel⸗ leicht nur ein wenig das Unrecht wieder gut, das ich in meinem Leben begangen habe. — Wie, Sie haben etwas Unrechtes begangen? — Vielleicht; jedoch ohne meinen Willen. Jugend hat nicht Tugend, und ich war einmal jung, obgleich man mir es heute nicht mehr anſieht. Es lebt vielleicht jemand 3* — 36 in der Welt, der durch meine Schuld leidet, und das Gute, das ich ausübe, wenn man anders meinen Gehorſam für Dich ſo nennen kann, iſt nur eine kleine Sühnung der Vergangenheit. — Was wollen Sie damit ſagen? — Ich will ſagen, liebes Kind, daß ſich vielleicht alles ausgleichen wird, daß ich in Dir die Gelegenheit erblicke, welche die Vorſehung mir geſendet, um mich mit Gott auszuſöhnen, und daß das Glück, mit welchem ich Dich zu umgeben verſucht habe, mich glücklicher macht, als Dich. Ich will ſagen, daß Du mir behülflich biſt, eine ſchwarze Erinnerung aus meinem Leben zu verlöſchen. Wenn ich mein Alter und meine Schwachheit betrachte, ſo denke ich immer, daß der gütige Gott mich nicht ſterben läßt, ehe ich allen denen, die ich liebe, nicht das gegeben habe, was ich ihnen ſchulde. — So haben Sie noch nie zu mir geſprochen! — Verzeihe mir, mein Kind, wenn ich Deine Trau⸗ rigkeit durch die Erzählung meiner Sünden noch vermehre. Reden wir nicht mehr davon, ſondern ſuchen wir morgen unſerm Unbekannten zu helfen. Morgen früh wollen wir ihn beſuchen. — Und ich, antwortete Louiſe, die fürchtete, daß ihr Mann ſie zu Madame Van⸗Dick führte, ich gehe auf das Land. —— 6 — 2— — Ich glaubte, Du zögeſt es vor, hier zu bleiben? — Nein, ich will lieber auf das Land gehen. — Gut, ſo gehſt Du morgen dahin, und wenn Du es erlaubſt, begleite ich Dich. Doch nun wollen wir uns trennen, mein Engel, es iſt ſchon ſpät. Bitte Gott, daß er mir verzeiht, und er wird mir verzeihen. — Gute Nacht, mein Freund, antwortete Louiſe und bedeckte die dargebotene Hand des Greiſes mit Küſſen. Louiſe zog die Glocke. Die Kammerfrau erſchien und beide gingen in das Schlafzimmer der Madame Mametin, ein Meiſterwerk, das Koketterie, Lurus und Geſchmack er⸗ funden. Später zog auch Herr Mametin die Glocke. Ein alter Diener erſchien und beide gingen nach dem entgegen⸗ geſetzten Flügel des Hauſes in das Schlafzimmer des Grei⸗ ſes, ein wahres Muſter von Einfachheit. Eine Stunde ſpäter waren, mit Ausnahme eines ein⸗ zigen, alle Lichter im Hauſe ausgelöſcht. Dieſes Licht brannte in Louiſe's Zimmer, welche, ein Buch in der Hand, zu leſen ſchien; ſie las aber nicht, ſondern gedachte der Begebniſſe des verfloſſenen Tages und derer, die ſich viel⸗ leicht am nächſten Morgen ereignen würden. ———— 3. 3 Es war zehn Uhr am nächſten Morgen, als ein Wa⸗ 3 gen, mit zwei eleganten Pferden beſpannt, vor der Thür des Doctors Mametin wartete, und Louiſe, in einem rei⸗ zenden Sommeranzuge, in dieſen Wagen ſtieg.„Auf mor⸗ gen!“ rief ſie noch einmal ihrem Manne zu, der freundlich mit dem Kopfe nickte und dann den Weg nach Herrn Van⸗Dick's Hauſe einſchlug. Er fand den Kaufmann in ſeinem Garten. Mit aus⸗ gebreiteten Armen ging Herr Van⸗Dick dem Doctor ent⸗ gegen. — Nun, mein beſter Doetor, wie geht es Ihnen? — Gut; wie geht es Madame Van⸗Dick? — Ich glaube, es geht ihr gut. — Wie, Sie glauben?— — Jo, denn ich ſehe ſie nicht mehr. — Iſt ſie denn nicht zurückgekehrt? 3 ½ 6 — Ich denhe, ja. — Wir haben ſie geſtern Abend geſehen. — So6 Fa; ſie kam uns zu beſuchen und mit uns zu eſſen. — — 5 — O Ihr armen Freunde! Und was hat ſie Ihnen erzählt? — Daß Sie ſie ſehr unglücklich machten. Wer iſt denn dieſer Herr Triſtan, den Sie hier im Hauſe haben? — Ein vortrefflicher junger Mann, deſſen Bekannt⸗ ſchaft ich machte, als ich Mailand verließ. — Nun? — Nun, das iſt alles. — Iſt er denn nicht der Grund des Unfriedens, der in Ihrem Hauſe herrſcht? — Ganz recht. 1— Was hat er gethan? — Nichts. — Ihre Frau behauptet, daß er ihr den Hof mache. — Ihr? — Ja. — Sie iſt toll. — Und deshalb bin ich gekommen. — Das begreife ich nicht. 3 6— Sie wiſſen, daß ich Ihnen herzlich zugethan bin⸗ * — Das weiß ich! ð— Nun, ich will, daß Sie glücklich ſeien. — Ich bin es, vorzüglich, wenn ich Sie ſehe⸗ — Aber Ihre Frau? — 60— — Macht mich auch ſehr glücklich, da ich ſie nicht mehr ſehe. — Das klingt etwas parador. — Durchaus nicht. — Kurz, ich bin gekommen, um Sie Ihrer Verle⸗ genheit zu entreißen. — Wie ſollte das geſchehen? — Dieſer Triſtan entzweit Sie mit Madame. — So iſt's. — Das darf nicht ſein. — Glauben Sie? — Es iſt immer beſſer, wenn es nicht ſo iſt, wie es iſt. — Das iſt möglich. — Iſt er einmal aus dem Hauſe, kehrt Ihre Frau zu Ihnen zurück. — Leider, wird ſie das! — Doch Scherz bei Seite, ſprach der Doctor lächelnd; iſt dieſer Triſtan ein anſtändiger Mann? — Ich bürge für ihn! — Gut; ich nehme ihn. — O nein, ich behalte ihn. — Aber Ihre Frau? — Meine Frau mag ihn lieben oder haſſen, beides — 4⁴ —— gilt mir gleich. Mir gefällt Triſtan, und darum will ich, daß er bleibe. — Doch wozu nützt er Ihnen? — Er erzieht meinen Sohn. Und welchen Grund ihres Haſſes hat Ihnen meine Frau angegeben? — Sie behauptet, daß er ihr den Hof macht. — Und ſie liebt ihn nicht? — Nein. — Beſter Doctor, ich kenne meine Frau zu gut, ſie hat Ihnen nicht den wahren Grund geſagt. — Weshalb ſollte ſie dieſem Manne zürnen? — Vielleicht deshalb, weil er das Gegentheil von dem thut, worüber ſie ſich beklagt. — Um ſo mehr Grund, den jungen Mann wegzu⸗ ſchaffen. — Wie, ſollte ich ihn auf die Straße werfen, da er mir einen ſolchen Beweis von ſeiner Biederkeit giebt? — Er wird nun eben der Swaße nicht bedürfen, wenn ich mich ſeiner annehme. — Sie? — Schon ſeit einer Stunde wiederhole ich es Ihnen. — Ah, das iſt etwas anders. — Sie geben ihn mir? — Nein, noch nicht. —— — Warum? — Weil ich noch überlege, ob er bei Ihnen glücklicher iſt, als bei mir; in dieſem Falle würde ich mich fügen. — Er wird bei mir glücklicher ſein, das iſt gewiß. Danke — Ganz gewiß, denn meine Frau wird ihn wenig⸗ ſtens nicht haſſen. — Wenn er nun aber Madame Mametin den Hof machte, wie dann? — So mag er es thun, das wird ſie zerſtreuen; aber Madame Mametin iſt eine Frau von Geiſt, die ſich darüber nicht ärgern wird. — Es thut mir leid, daß Euphraſia Sie nicht hört! Die beiden Männer ſahen ſich an und lächelten. — Nun, was beſchließen wir? fragte der Dortor. — Wir beſchließen, daß ich Triſtan Ihrer Sorge überlaſſe, wenn er ſich bei mir unglücklich fühlt und um ſeine Entlaſſung nachſucht. — So ſchließen wir dieſe Verhandlung. Jetzt werde ich mich Madame Van⸗Dick vorſtellen und ihr meine Hul⸗ digungen darbringen. — Warten Sie eine Minute, ſie wird wahrſcheinlich herabkommen. In dieſem Augenblicke erſchien Triſtan. Herr Van⸗ — — — 83— Dick drückte ihm herzlich die Hand, dann verbeugte ſich der Hauslehrer vor Herrn Mametin, der ihn mit einer Miene betrachtete, die dem, was Madame Van⸗Dick von ihm er⸗ zählt hatte, keinen Glauben beizumeſſen, ſondern der Ver⸗ muthung ihres Mannes Recht zu geben ſchien, denn der Doctor fand in Triſtan einen zu ſchönen Mann, als daß die Kaufmannsfrau ihre Blicke nicht auf ihn werfen ſollte, und dann erſchien er ihm wieder zu fein gebildet, um Eu⸗ phraſia den Hof zu machen. — Mein beſter Triſtan, begann Herr Van⸗Dick, Herr Dottor Mametin(Triſtan verbeugte ſich), von dem ich ſchon oft zu Ihnen geſprochen habe, intereſſirt ſich für Sie, und da er geſtern Abend das Glück hatte, einen Beſuch von meiner Frau zu empfangen, iſt er eiligſt gekommen, um mir zu ſagen, daß er Ihnen, im Falle Sie mein Haus zu verlaſſen gedächten— was übrigens Gott verhüten möge— das ſeinige öffnen und für Sie ſorgen werde. — Mein Herr, Ihre Güte rührt mich tief, antwortete Triſtan; ich weiß aber nicht, worin ich Ihnen nützlich ſein könnte. — Haben Sie nicht Medicin ſtudirt? — Ja. — Nun, ſo ſoll meine ganze Praris, die ich vor Kurzem aufgegeben habe, um frei zu ſein, die Ihrige werden, und durch meine Empfehlung hoffe ich Ihnen eine ganz glückliche Stellung zu verſchaffen. — Ich danke abermals, mein Herr, denn, obgleich ich Medieciner bin, ſo bin ich doch ſeit zu langer Zeit dieſer Wiſſenſchaft entfremdet, daß es noch eines ernſten Studiums bedürfte, ehe ich dieſelbe ausüben könnte. — In dieſem Falle würden Sie mit mir ſtudiren. — Darf ich wiſſen, mein Herr, wem ich dieſe ganz beſondere Protertion zu danken habe, womit Sie mich zu beehren gedenken? — Dem Aberglauben einer Perſon, der ich in allem folge. — Und darf ich fragen, ohne indiseret zu erſcheinen, in welcher Beziehung dieſer Aberglaube zu mir ſteht? fragte Triſtan, der von der Antwort des Doctors nichts verſtand. — Das iſt ſehr einfach: Sie führen den Namen ei⸗ ner Perſon, welcher der Perſon, von der ich vorhin ſprach, ſehr theuer geweſen iſt. — Und dieſe Perſon? — Iſt auf eine höchſt unglückliche Weiſe geſtorben; daher der Aberglaube. — Ich würde mit Vergnügen von Ihrem freundlichen Anerbieten Gebrauch machen, wenn ich einen Grund hätte, dieſes Haus, das beſte und gaftfreiſte, das ich kenne, zu verlaſſen. — 5 — Was auch immerhin geſchehen möge, mein Herr, vergeſſen Sie nicht, daß Sie nicht in mir einen Schützer, ſondern einen Freund haben, und daß Herr Van⸗Dick, wenn ich Ihnen auf irgend eine Weiſe nützen kann, Ih⸗ nen meine Adreſſe geben wird. Der Doctor und Triſtan verbeugten ſich, dann ſprach man von andern Sachen, bis ein Diener meldete, daß das Frühſtück ſervirt ſei. In dem Augenblicke, als man zu Tiſche gehen wollte, erfuhr Herr Van⸗Dick von dem Diener, daß ſeine Frau ſich immer noch nicht zeigen wolle. — Sie frühſtücken mit uns, ſprach Herr Van⸗Dick zu dem Doctor. — Nein, ich habe bereits mit meiner Frau gegeſſen, die auf das Land gegangen iſt, und wenn Sie erlauben, begrüße ich Madame Van⸗Dick und ſuche ihr ein wenig Vernunft beizubringen. — Ganz nach Ihrem Gefallen, beſter Freund; ich fürchte aber, daß ſie dabei Ihre Zeit verlieren. Herr Mametin ließ indeß bei Euphraſia anfragen, ob ſie ſichtbar ſei, und dieſe ließ antworten, daß ſie ihn erwarte. — Sie ſehen, ſprach ſie in dem Augenblicke, als er die Thür öffnete, daß man mich immer noch leiden läßt, das kann nicht länger ſo fortgehen. — 46— — Beruhigen Sie ſich, beruhigen Sie ſich. — Wiſſen Sie auch, wer dieſer Menſch iſt? — Er ſcheint mir ein wackerer junger Mann zu ſein. — Er hat Sie getäuſcht, er iſt ein Vagabond, den mein Mann auf der Landſtraße aufgerafft hat, der hier ſeinen Vortheil ſucht, nichts weiß, unſerm Kinde nichts beibringt, ihm nur eine ſchlechte Erziehung giebt und we⸗ der Land noch Stand beſitzt. — Meine beſte Madame Van⸗Dick, Sie übertreiben die Sache. Ich habe mit dem jungen Manne geſprochen, und finde ihn durchaus nicht übel. Ich weiß zwar nicht, was er Ihnen zu Leide gethan, allein ich glaube, daß Ihr Gemahl keinen beſſern Lehrer für ſeinen Sohn finden konnte. — Und er will ihn nicht fortſchicken? — Nein, er behält ihn; ich habe ihm ſogar den Antrag geſtellt, für ihn zu ſorgen, er widerſetzt ſich dem aber in allem Ernſte. — O wie unglücklich bin ich! rief Euphraſia unter Thränen. Ich kann hier nicht länger bleiben. — Es wird ſich Alles ordnen laſſen. Haben Sie nur ein wenig Geduld, ſprach der Doctor, dem es leid zu werden anfing, zu der Dame gegangen zu ſein. — Doctor, wollen Sie mir einen Dienſt leiſten? — — — Gern. — Gehen Sie zu meinem Manne und ſagen Sie ihm, daß dieſer Zuſtand nicht länger ſo bleiben könne und daß ich ernſtlich geſonnen ſei, das Haus zu ver⸗ laſſen. — Bedenken Sie, was Sie thun, antwortete der Doctor, um Euphraſia zu überzeugen, daß er ihren Wor⸗ ten Glauben ſchenke. — Sagen Sie ihm, daß ich überall die Schänd⸗ lichkeit erzählen würde, der ich zum Opfer gefallen bin. O ich weiß auch noch andere Sachen, die ich nur nicht ſagen will. — Und was wiſſen Sie? — Richtswürdigkeiten von dieſem Manne! — Sind Sie auch gewiß, daß nicht der Zorn aus Ihnen redet? — Ich werde mich furchtbar rächen! rief Euphraſia unter einem Strome von Thränen. — O weinen Sie nicht, meine liebe Madame Van⸗ Dick, ich werde Ihren Auftrag vollziehen; doch verſprechen Sie mir, nicht mehr zu weinen. Dieſe Scene hatte den guten Mann tief bewegt. Es giebt gute Menſchen, welche ein Weib nicht wei⸗ nen ſehen können, was auch der Grund ihrer Thränen — — 8— ſei, ohne ein wirkliches Mitgefühl zu empfinden; wir hal⸗ ten es für Pflicht, dem Leſer anzuzeigen, daß der Doctor einer von dieſen guten Menſchen war. Er richtete ſeinen Auftrag getreulich aus, und Herr Van⸗Dick gab dieſelbe Antwort wieder, welche der Doctor Euphraſia hinterbrachte. — Gut, ſprach ſie, jetzt weiß ich, was mir zu thun bleibt! Auf eine faſt brutale Weiſe entließ ſie Herrn Ma⸗ metin, der ſein Anerbieten in Bezug auf Triſtan noch ein⸗ mal wiederholte und, überdrüſſig dieſes Streites, Herrn Van⸗Dick die Hand zum Abſchiede reichte. In ſeiner Wohnung angelangt, ließ er einen Wagen konimen, um ſich zu Louiſe zu begeben. Zwei Stunden ſpäter war er abgereiſt. Als Triſtan und Herr Van⸗Dick am nächſten Mor⸗ gen um elf Uhr in den Speiſeſaal traten um zu früh⸗ ſtücken, fanden ſie den Tiſch nicht gedeckt. — Warum iſt das Frühſtück nicht bereit? — Herr, antwortete Lotte, Madame hat mir ver⸗ boten, zu decken; ich habe ihr zwar geantwortet, daß ich nur von Ihnen Befehle zu empfangen hätte, außerdem von Niemandem; ſie hat aber doch Alles verſchloſſen, Tiſchzeug, Silberzeug, Wein und Teller— dann hat ſie — den Schlüſſel in ihre Taſche geſteckt und iſt ausge⸗ gangen. — Man hole einen Schloſſer. Der Schloſſer kam. Herr Van⸗Dick ließ alle Thüren öffnen und befahl, daß man in Zukunft alle Schlüſſel nur an ihn abgebe. — Sind dieſen Morgen Briefe an mich angekom⸗ men? fragte er den Diener. — SJa, Herr, aber Madame hat ſie an ſich genom⸗ men und zurückbehalten. — Der Erſte, der ſich unterſteht, antwortete Herr Van⸗Dick, auch nur den kleinſten Befehl von Madame zu befolgen, den jage ich aus dem Hauſe. Jetzt zum Frühſtück! Man kann ſich wohl denken, welchen Eindruck alle dieſe Vorfälle, deren Grund er war, auf den armen Tri⸗ ſtan machten. Obgleich er ſich aus den bereits angeführ⸗ ten Gründen vorgenommen hatte, Alles ruhig zu ertra⸗ gen, ſo gab er ſich doch in dieſem Augenblicke das Ver⸗ ſprechen, da Herr Mametin ihm ſeine Freundſchaft ange⸗ tragen, nur ſo lange auszuharren, als es ihm Dankbar⸗ keit und Delicateſſe erlauben würden. Hätte Triſtan nicht Wilhelm's Ankunft erwarten wollen, um ihm Aufklärung über die wahre Sachlage zu geben, da er vermuthete Die Holländerin. IH. 4 — Euphraſia würde ihn belügen, er hätte dieſen Morgen noch das Haus verlaſſen. Ueber das, was ſeine Frau dieſen Morgen ausge⸗ führt, war Herr Van⸗Hick, trotz ſeiner Kaltblütigkeit, doch ſehr erbittert, denn eine Unterbrechung ſeiner Ge⸗ wohnheiten war das Aergſte, was ihn treffen konnte. Sie hatte ihm Briefe und Frühſtück vorenthalten! Nach dem Frühſtück ging Triſtan in Eduard's Zim⸗ mer, um den Unterricht zu beginnen, denn der Knabe war völlig geneſen und im Stande, zu arbeiten. Herr Eduard ſtand am Fenſter und machte Seifenblaſen. — Wie geht es, lieber Eduard? fragte Triſtan, in⸗ dem er ſeinem Schüler näher trat. Das Kind wandte den Kopf und als es Triſtan ſah, fuhr es ruhig fort ſeine Seifenblaſen zu bilden ohne zu antworten. — Haben Sie mich verſtanden? fuhr Triſtan in ei⸗ nem trockenen Tone fort, denn die Unart des Knaben är⸗ gerte ihn ein wenig. — Ja. — Warum antworten Sie mir nicht? — Weil mir Mama verboten hat, Ihnen zu ant⸗ worten. —— — Wir wollen unſern Unterricht beginnen, ſprach Triſtan ſich faſſend. — Ich bedarf Ihres Unterrichtes nicht. — Herr Van⸗Dick will es. — Aber Mama will es nicht, und ich muß meiner Mama gehorchen. — Ich werde dieſe Weigerung Ihrem Vater an⸗ zeigen. — Das können Sie thun. Bleich vor Schaam und Zorn ſtieg Triſtan die Trep⸗ pen hinab, und erzählte Herrn Van⸗Dick, was vorgefal⸗ len. Ohne ein Wort zu entgegnen, ſchritt der Vater dem Zimmer des Sohnes zu, öffnete die Thür, ging direct nach dem Fenſter, warf die mit Seifenwaſſer angefüllte Taſſe in den Garten und gab ſeinem lieben Söhnchen ein Paar ſo vortrefflicher Ohrfeigen, wie ſie ſelten väterliche Hände zu appliciren pflegen. Ohne auf das Geſchrei des Kindes zu achten, rief er: — Arbeite! Dann verließ er das Zimmer. Der Knabe weinte und ſchrie eine halbe Stunde lang; als er aber ſah, daß, trotz ſeiner Anſtrengung, die Mut⸗ ter nicht erſchien, entſchloß er ſich endlich, ſeinen Unter⸗ richt zu nehmen. 4* —— Man denke ſich Triſtan's Lage! Während dieſer Zeit war Herr Mametin bei Louiſe angekommen. Als die junge Frau ihn erblickte, rief ſie ihm entgegen: — Nun? — Dein Schützling bleibt bei Herrn Van⸗Dick. Louiſe athmete wieder auf. — Haben Sie ihn geſehen? fügte ſie hinzu. — Ja. Er iſt ein hübſcher junger Mann, Herr Van⸗Dick will ſich nicht von ihm trennen. — Haben Sie einen Platz für ihn gefunden? — Ja. — Wo? — Bei mir. — Bei Ihnen? Louiſe erbleichte bei dieſen Worten; aber glücklicher⸗ weiſe bemerkte es ihr Mann nicht. Wundert Dich das? fragte er, denn wenn er auch ihre Bläſſe nicht geſehen, ſo hatte er doch das Beben ih⸗ rer Stimme gehört. — In der That. — Und warum? — Ein Mann, den wir nicht kennen— — Haſt Du ihn mir nicht ſelbſt empfohlen? — 653— — Es iſt wahr, antwortete Louiſe, da er aber nicht kommt— — Vielleicht kommt er. — Glauben Sie? — Herr Van⸗Dick wird den Kampf mit ſeiner Frau nicht länger beſtehen können. — Um ſo ſchlimmer. — Warum? — Weil ich Luſt habe, ein wenig zu reiſen. — Das ſoll uns nicht hindern; im Gegentheil, er wird während unſerer Abweſenheit das Haus verwalten., Du gedenkſt doch nicht auf der Stelle zu reiſen? — Ja. — In wieviel Zeit? — In fünf oder ſechs Tagen. — Wohin willſt Du? — Gleichviel, wohin. Ich habe Langeweile. Der Greis fuhr mit der Hand über ſeine Augen und zerdrückte eine Thräne, welche dieſes Wort ihm in die Augen trieb. — Wir werden morgen reiſen, wenn Du willſt, in dieſem Augenblicke ſelbſt, wenn Du mir nur nicht mehr ſagſt, daß Du Dich langweilſt. — O Verzeihung, mein väterlicher Freund, rief — Louiſe und warf ſich in die Arme des Doctors, ich habe heute ſehr ſchwache Nerven. — In der That, antwortete der Doctor und ergriff ihre Hand, Du haſt ein wenig Fieber; es wird aber vor⸗ übergehen. — Verzeihen Sie mir? — Wenn Du es verlangſt! Wann reiſen wir? — Wir werden bleiben. Ich war thöricht! — Um ſo beſſer, denn ich muß Dir geſtehen, daß das Reiſen ein wenig anſtrengend für mich iſt. — Und das ſagten Sie mir nicht? — Ich liebe Dich zu ſehr, um das nicht zu wollen, was Du willſt. Louiſe antwortete nicht, aber ſie ergriff die Hand des Greiſes, küßte ſie und dachte: — O mein Gott, wie wird das Alles noch enden! Madame Van⸗Dick war während des ganzen Tages nicht ſichtbar. Als ſie Abends, es mochte gegen elf Uhr ſein, von ihrer Freundin nach Hauſe zurückkehrte, ſchien in dem Hauſe des Kaufmanns ſchon Alles der Ruhe zu pflegen. Nachdem ſie die Thür ihres Schlafzimmers hin⸗ ter ſich verſchloſſen, gab ihr die Nacht, welche auch den Haß gegen Triſtan geboren, einen neuen und ſchrecklichen Rachegedanken ein. Sie ſetzte ſich an das Piano. Diesmal aber ſpielte ſie nicht den letzten Gedanken von Weber, ſondern der Trauermarſch von Beethoven ertönte unter ihren Fingern. Madame Van⸗Dick ſpielte aus Leibeskräften. Triſtan erwachte zuerſt, und ihm war im erſten Au⸗ genblicke klar, daß dieſer Scherz die ganze Nacht dauern würde, deshalb waffnete er ſich mit Geduld. Einige Augenblicke ſpäter ſchlug auch Herr Van⸗Dick die Augen auf. Der Holländer hatte zwar jeden Abend eine große Luſt zum Schlafen, heute aber lag eine wahre Schlafſucht wie Blei auf ſeinen Augenlidern. Der Gatte kannte den Charakter ſeiner holden Gattin zu genau, um — 565— nicht wie Triſtan zu begreifen, daß das Concert vor dem hellen Morgen nicht endigen würde. Er nahm demnach eine ſitzende Stellung in ſeinem Bette ein und zündete ein Licht an. Wir müſſen den Leſer inſtändigſt bitten, uns die Be⸗ ſchreibung des Geſichtes zu erlaſſen, das Herr Van⸗Dick ſchnitt, als er nach der Uhr ſah und bemerkte, daß er kaum eine halbe Stunde geſchlafen hatte. Diesmal war es unmöglich, Euphraſia Schweigen zu gebieten, denn man hätte ihr zugleich geſagt:„Deine Nache gelingt!“ Ein leiſes Lächeln umſpielte die Lippen des Hollän⸗ ders, als er an Triſtan's Geſicht dachte, das er bei An⸗ hörung dieſer Symphonie machen mußte, und in dieſem Gedanken ſchien er einen ſchwachen Troſt zu finden, denn ſein Geſicht nahm bald die gewöhnliche Ruhe wieder an. — Die Sache verſpricht recht heiter zu werden, ſprach er leiſe bei ſich ſelbſt; ich kann nicht mehr eſſen, wenn ich nun auch nicht mehr ſchlafen kann, ſteht mir eine be⸗ neidenswerthe Zukunft bevor. Nach dieſer Reflexion erhob ſich Herr Van⸗Dick, fuhr in ſeine Hoſen, öffnete das Fenſter, zündete eine Cigarre an und betrachtete durch die Rauchwolke derſelben die Sterne. Auch Triſtan hatte ſich eine Cigarre angezündet und verſuchte zu leſen. Die ſchauerliche Grabesmuſik verhin⸗ derte ihn aber den Sinn zu faſſen, deshalb verließ auch er ſein Bett, fuhr in die Hoſen und rauchte am offenen Fenſter eine Cigarre. Das Loos derer, die ein ſchlechtes Gewiſſen im Leibe, aber kein Piano im Hauſe haben, ſchien ihm in dieſer Nacht ein beneidenswerthes zu ſein. — O Tugend, dachte er, das iſt dein Lohn! Der Trauermarſch von Beethoven iſt ein Meiſterwerk, und übt unter andern Umſtänden einen mächtigen Eindruck auf das Gemüth aus; wenn man aber ſchlafen will, und hört ihn ſo vortragen, wie ihn Madame Van⸗Dick Ve⸗ hufs Erreichung ihres Zweckes vortrug, berührt er den⸗ noch unangenehm. Es war unſerm Triſtan unmöglich, dem Concerte länger zuzuhören, deshalb öffnete er leiſe die Thür und ſuchte der Grabesharmonie zu entfliehen, da dieſe ihn nicht fliehen wollte. Nachdem er ſich mit einem kleinen Vorrathe von Cigarren verſehen, öffnete er das Fenſter des Corridor's das auf die Straße hinaus⸗ ging, lehnte ſich ſo bequem als möglich auf das Fen⸗ ſtergeſims und fuhr fort zu rauchen. Die Töne gelang⸗ ten natürlich viel ſchwächer zu ſeinen Ohren und ſeine Lage begann erträglicher zu werden. So mochte er wohl fünf Minuten den Rauch ſeiner 58 Cigarre in die friſche Nachtluft hinausgeblaſen haben, als er zufüllig nach links ſah. Da ſchien es ihm, als ob eine andere Cigarre, die wie ein Johanniswürmchen glühte, durch die Nacht leuchtete. Hinter dieſer Cigarre erkannte er das Geſicht des Herrn Van⸗Dick, der, wie man ſich erinnern wird, ſich in das Fenſter ſeines Zimmers gelegt hatte, das auf die Straße hinausging. — Herr Van⸗Dick! Herr Van⸗Dick! rief Triſtan. Der Kaufmann ſah auf und erkannte ſeinen Haus⸗ lehrer. — Ah, ſind Sie da? ſprach er. Gott ſegne Sie! — Hol' Sie der Teufel, wollen Sie wohl ſagen? — Seit wie lange ſind Sie wach? — Seit dem Beginne des Concert's. Und Sie, armer Herr Van⸗Dick? — Ebenſo lange. In den Worten„ebenſo lange“ lag ein ſo komiſcher Schmerz, daß Triſtan ſich eines Lächelns nicht erwehren konnte. — Glauben Sie, daß es noch lange dauern wird? fragte Herr Van⸗Dick. — Ich fürchte es. — Richt übel! — Herr Van⸗Dick! —- 55— — Nun? — Mir kommt ein Gedanke an. — Reden Sie ſchnell, wir können ihn gebrauchen. — Wenn wir uns für die Nacht in ein Hotel ein⸗ quartierten? — Es iſt bereits Mitternacht, außerdem bin ich auch zu bekannt. — Das iſt wahr. — Haben Hie keinen andern Gedanken, als dieſen? — Nein. — Dann ſind Sie ein koſtbarer Menſch im Unglück. In dieſem Augenblicke verdoppelte Madame Van⸗Dick, die vielleicht an der Flucht ihrer Feinde zweifelte, die Anſtrengung, womit ſie muſicirte. — Himmel, rief Herr Van⸗Dick, ich halte es nicht mehr aus! Triſtan! — Hier! — Sind Sie ſtark? — Ja. — Sehr ſtark? — Gewiß; warum? — Schleichen Sie auf den Fußſpiten an die Thür des Schlafzimmers meiner Frau und ſehen Sie nach, ob — 5 der Schlüſſel im Schloſſe ſteckt. Mich würde man hören, da ich zu ſchwerfällig bin. — Und dann? — Dann kommen Sie zurück und ſagen es mir. — Gut. Triſtan, der nicht wußte, wo Herr Van⸗Dick hin⸗ auswollte und ſich an der Sache zu heluſtigen anfing, ſchlich leiſe die Treppe hinab. Jemehr er ſich der Thür Euphraſia's näherte, deſto grimmiger wurde das Getöſe. Einen Augenblick ſpäter kam er zurück. — Nun? rief Herr Van⸗Dick, als er den erwarteten Kopf wieder erſcheinen ſah. Der Schlüſſel iſt in der Thür. — Gut, ſo gehen wir hinab. — Zu welchem Zwecke? — Sie ſollen ihn erfahren. Auf dem Corridor der Madame Van⸗Dick trafen beide Männer zuſammen. — Leiſe, leiſe! ſprach Herr Van⸗Dick. — O, Sie können gehen, wie Sie wollen, antwor⸗ tete Triſtan; und wenn das Haus einſtürzte, Madame Van⸗Dick würde es nicht hören. So kamen ſie bei der Thür an. Herr Van⸗Dick — 65— öffnete, trat ein und ergriff, ohne ein Wort zu reden, inen der Henkel des Piano's. Euphraſia war über dieſen zweifachen Beſuch ſo er⸗ ſchreckt, daß ihre Hände zitternd von den Taſten glitten. — Was wollen Sie hier beginnen? fragte ſie, in⸗ dem ſie aufſtand. — Wir ſuchen dieſes liebenswürdige Inſtrument. — Warum? — um es in den Kanal zu werfen. — Sie werden es nicht berühren! — Das wollen wir ſehen! — Das Inſtrument ſtammt von meiner Mutter. — Eine köſtliche Erbſchaft! Beſter Triſtan, wollten Sie wohl den andern Griff erfaſſen und mir dieſes inter⸗ eſſante Hausgeräth auf die Hausflur ſchaffen helfen? — O, das iſt eine Infamie! rief Madame Van⸗Dick, mir bleibt nicht einmal ſoviel Freiheit, auf meinem Piano zu üben. — Das nennt ſie üben! Vorwärts! Herr Van⸗Dick machte Miene, das Inſtrument zu ergreifen. — Ich ſage Ihnen, daß dieſes Piano von meiner Mutter kommt! rief weinend Euphraſia. — Kommt der Gedanke etwa auch von Ihrer Mut⸗ — ter, um Mitternacht den Trauermarſch zu ſpielen, damit ich nicht ſchlafen kann? Euphraſia antwortete nicht. Die beiden Männer ergriffen das Inſtrument. Frauen von Euphraſia's Charakter ſind feig, wenn ſie den öffentlichen Scandal nicht zu Hülfe rufen können, um dieſe Zeit war nicht daran zu denken. — Ich werde nicht mehr ſpielen, ſprach ſie. — Wer bürgt uns dafür? — Verſchließen Sie das Piano. — Gut, ich bin zufrieden, antwortete Herr Van⸗ Dick; aber bei dem erſten Tone, den ich wieder vernehme, nd Stücke. und zertrümmere ich es in tauſe Bei dieſen Worten verſchloß er das Inſtrument und ſteckte den Schlüſſel in ſeine Taſche. Triſtan und Herr Van⸗Dick kehrten auf ihre Zimmer zurück. Der übrige Theil der Nacht verfloß in völliger Ruhe. Am nächſten Morgen kamen drei Briefe von Wil⸗ helm an. Der eine war für Euphraſia, der andere für Herrn Van⸗Dick, der dritte für Triſtan. Was der Inhalt des an Madame Van⸗Dick gerichte⸗ ten Brieſes war, kann ſich der Leſer eben ſo gut denken, als wir es ihm mittheilen wollen. Der aber an ihren Mann enthielt Folgendes. „Mein beſter Herr Van⸗Dick! „Alles geht gut von ſtatten. Das Haus Daniel hat Sie bezahlt. Heute erhielt ich von ihm 300,000 Franks in Kaſſenauweiſungen, welche unfehlbar einen Tag ſpäter als dieſer Brief in Ihre Hände gelangen müſſen. Es war zu ſpät, um dieſen Brief zu franki⸗ ren und einen Empfangſchein darüber zu erwirken. Aus Furcht, ver Brief möchte verloren gehen und die Poſt, da ſie deſſen Empfang nicht beſcheinigt, könnte die Erſtattung verweigern, habe ich ihn für heute zu⸗ rückbehalten. Empfangen Sie die Verſicherung treue⸗ ſter Ergebenheit von Ihrem ergebenen Diener. Daſſelbe theilte er Euphraſta mit und fügte hinzu, daß dieſe ſchnelle Beendigung des Geſchäfts ihn hoffen laſſe, bald zurückzukehren. Als Triſtan Wilhelm's Handſchrift erkannte, fühlte er ſich einen Augenblick freudig bewegt: — Der gute Menſch hat mich doch nicht vergeſſen, dachte er, öffnete und las: „Mein Herr! „Ich empfange einen Brief, von wem? müſſen Sie wiſſen. Dieſer Brief zeigt mir an, daß Sie ſich, ungeachtet der Verſprechen, die Sie mir gegeben, ſcham⸗ los in Bezug auf mich betragen haben. Ich weiß, daß Sie das Haus des Herrn Van⸗Dick verlaſſen müſſen, varum bitte ich Sie, mir Ihre Adreſſe zukommen zu laſſen, denn nach meiner Zurückkunft gedenke ich Sie Ihres Betragens wegen zur Rechenſchaft zu ziehen.“ — Der junge Mann iſt ein Narr! ſprach Triſtan, indem er ruhig den Brief zuſammenlegte und ihn eben ſo ruhig in die Taſche ſteckte. An dieſem Tage erſchien auch Madame Van⸗Dick wieder zum Frühſtück und Nittageſſen an demſelben Tiſche, an welchem ihr Mann und Triſtan ſaßen. — Dieſes Erſcheinen kündigt mir eine neue Schlech⸗ tigkeit an, dachte Triſtan. Herr Van⸗Dick ſcheint ſeit der Piano⸗Scene auch kälter gegen mich geworden zu ſein, ich glaube demnach wohl zu thun, wenn ich ſpäteſtens morgen das Haus verlaſſe. Triſtan hatte zwar Herrn Van⸗Dick ſeinen Entſchluß noch nicht mitgetheilt; er packte aber ſchon am nächſten Morgen ſeinen Koffer. Die Ankündigung, daß das Früh⸗ ſtück ſervirt ſei, rief ihn von dieſer Beſchäftigung ab. Er ließ alſo ſeinen Koffer unvollendet und ging in den Speiſeſaal. Hier traf er Euphraſta mit ihrer Freundin, welche zum Frühſtück eingeladen war. Kalt, faſt unver⸗ vergeſſen ſein? Was ſoll dieſer Brief enthalten? — 65— ſchämt, dankte die Frau vom Hauſe dem freundlich grü⸗ ßenden Triſtan. Herr Van⸗Dick, der mit Freuden die gute Geſtaltung der Dinge ſah, reichte dem jungen Manne freundſchaftlich die Hand. Auch Herr Eduard, vollkom⸗ men hergeſtellt, erſchien wieder bei Tiſche. — Haſt Du gethan, was ich Dir geſagt habe? flüſterte die Mutter dem Knaben zu, indem ſie ihn küßte. — Ja, antwortete das Kind. Man ſetzte ſich zu Tiſche. Einige Augenblicke nachher ſprach Madame Van⸗Dick zu ihrer Freundin: — Ich habe dieſen Morgen einen Brief aus Frank⸗ reich erhalten.(Es war erlogen.) — Von wem? — Von meiner Couſine Emilie. — Sind die Briefe angekommen? fragte Herr Van⸗ Dick. Euphraſia bebte unwillkührlich zuſammen. — Ja, antwortete ſie. — Wie kommt es, daß ich den Brief nicht erhalten, den mir Wilhelm geſtern angekündigt? — Das iſt ſonderbar, ſprach Euphraſia, ſollte er — 300,000 Franken vom Hauſe Daniel. Die Holländerin. II. 5 —— — Dieſe Summe lohnt die Mühe, nachzufragen, antwortete Triſtan. Herr Van⸗Dick zog die Glocke. Ein Diener erſchien. — Iſt dieſen Morgen ein Brief von Brüſſel ange⸗ kommen? fragte der Kaufmann. — Ja, Herr. — Wo iſt er? — Ich habe ihn in den Speiſeſaal gelegt, wohin ich ſtets die Briefe lege. — Man ſuche nach. — Er lag dort auf jenem Tiſche. — Er iſt aber nicht mehr da. — Wo kann er ſein, fragte Euphraſia. — Weißt Du auch genau, daß Du ihn dorthin ge⸗ legt haſt? Frage Lotte, ob ſie ihn vielleicht an einen an⸗ dern Platz gelegt. — Vorausgeſetzt, antwortete die Freundin, daß er nicht geſtohlen iſt. — Von wem? fragte Herr Van⸗Dick. — Wenn man Leute um ſich hat, die man nicht kennt— antwortete Euphraſia. Triſtan erbleichte bei dieſen Worten. — Kennen Sie Ihre Domeſtiken nicht? ſprach er — 6— zu Herrn Van⸗Dick, der die Abſicht ſeiner Frau verſtan⸗ den hatte. — Euphraſia hat Recht, man muß dieſe Leute ſtets fürchten; es ſollte mich indeß wundern, denn dieſer hat ein ehrliches Geſicht und für Lotte verbürge ich mich. — Du haſt doch den Brief nicht genommen? fragte die Mutter ihren Sohn. — Nein, Mama. — Aber Du haſt ihn geſehen? — Ja. — Würdeſt Du ihn wiedererkennen? — Ja, Mama. — Nun ſo geh, und hilf dem Peter ſuchen.. — Wo ſoll ich ſuchen? — Ueberall. Das Kind verließ den Tiſch. Peter kam zurück und zeigte an, daß die Köchin den Brief nicht berührt habe. — Es iſt ſehr unrecht, daß man ihn auf einen Tiſch legt, ohne mich davon zu benachrichtigen. — Madame war da, antwortete der Diener, und als ich ihn nicht mehr dort liegen ſah, wohin ich ihn gelegt, glaubte ich, ſie habe ihn zu ſich genommen. Euphraſia erröthete bei dieſen ganz natürlichen Worten. — Dieſer Brief enthält eine bedeutende Summe, 5* fügte Herr Van⸗Dick hinzu, es iſt ſehr unklug, ihn ſo herumliegen zu laſſen. — Ach Herr, ſprach zitternd der Diener, den man des Diebſtahls verdächtigt hatte, ich bin ein ehrlicher Menſch und unfähig— — Ich klage Dich nur der Nachläſſigkeit an, mein Freund. Der Brief wird ſich wiederfinden, fürchte nichts. — Der Briefträger, fuhr der Bediente fort, hat von Madame eine Quittung unterzeichnen laſſen, und deshalb glaubte ich nicht nöthig zu haben, mich ferner um dieſen Brief zu kümmern. — Dann müſſen Sie wiſſen, wo der Brief hinge⸗ kommen iſt, ſprach Herr Van⸗Dick zu ſeiner Frau. — Ich weiß nichts davon, antwortete ſie mit einer Vewegung, die ſie vergebens zu unterdrücken ſuchte. Schon ſtand die Dame im Begriffe, den Tiſch zu verlaſſen, als der Knabe mit dem Briefe in der Hand in den Saal trat. — Ah, um ſo beſſer, rief Triſtan, mich quälte eine peinliche Unruhe. — Iſt er das? fragte Eduard. — Ja, antwortete Herr Van⸗Dick, indem er den Brief ergriff; wie kommt es aber, daß er erbrochen iſt? Das Kind deutete an, indem es nach ſeiner Mutter hinüberblickte, daß es nichts davon wiſſe. 6— — Wo haſt Du ihn gefunden? fragte Herr Van⸗ Dick weiter. — In dem Zimmer des Herrn Triſtan, war die zö⸗ gernde Antwort des Knaben. — In meinem Zimmer? rief der junge Mann. — Ja, ſprach das Kind. — Und an welchem Orte meines Zimmers haben Sie ihn gefunden, mein kleiner Freund? fügte Triſtan todten⸗ bleich werdend hinzu. — In Ihrem Koffer, antwortete Eduard furchtſam, als er ſah, daß Aller Blicke auf ihm hafteten. Triſtan fuhr vom Stuhle auf, als ob ihn eine Schlange gebiſſen hätte. — Man hat Sie eine Richtswürdigkeit begehen laſ⸗ ſen, mein Kind, ſprach der junge Mann, die ſich in die⸗ ſem Augenblicke noch aufklären muß. Ich bitte, ich for⸗ dere ſogar von Ihrem Herrn Vater, daß er Sie geſtehen läßt, wozu man Sie verleitet. — Dieſes Kind weiß nicht, was es ſpricht, antwor⸗ tete Euphraſia, die anfing ängſtlich zu werden; der Brief iſt gefunden, und das iſt die Hauptſache. Mit dieſen Worten näherte ſie ſich der Thür, Triſtan aber trat ihr in den Weg und verhinderte ſie, das Zimmer zu verlaſſen. — 0 — Verzeihung, Madame, ſprach er, wenn ich mich Ihrer Entfernung widerſetze; Sie haben die Anklage ge⸗ hört, Sie müſſen nun auch die Wahrheit hören. Das Kind ſah ſeine Mutter an und wußte nicht mehr, was es beginnen ſollte. — Dieſer erbrochene Brief iſt in dem Koffer gefun⸗ den, den ich zu meiner Abreiſe vorbereitete, ſprach Triſtan weiter, und er kann nur von dem hineingelegt ſein, der ihn erbrochen und gewußt hat, was er enthält. Dieſer Knabe konnte nur dann in mein Zimmer gehen, wenn man es ihm geſagt, denn er würde überall, nur dort nicht geſucht haben. Herr Van⸗Dick, wollten Sie die Güte ha⸗ ben und das Kind fragen, wer ihm geſagt, bis in mein Zimmer zu dringen und den Brief dort zu ſuchen. — Antworte, ſprach Herr Van⸗Dick zu ſeinem Sohne in einem Tone, der ihn mahnte, nicht zu lügen. Die ernſte Wendung der Sache hatte den Kaufmann tief bewegt. — Mama hat es mir geſagt, antwortete das Kind. Man denke ſich den Eindruck, den dieſe Worte her⸗ vorbrachten. Niemand gedachte indeß der Freundin, die Euphraſia eingeladen hatte, um Zeugin von Triſtan's Dieb⸗ ſtahl zu ſein. — Er lügt! rief die Mutter. — Schweigen Sie, Madame, ſprach Herr Van⸗Dick —— in einem befehlenden Tone. Iſt das alles, was Dir Deine 3 Mutter geſagt hat? fragte er den Knaben. Sprich die Wahrheit, oder ich jage Dich zum Hauſe hinaus! t— Mama, antwortete ſchluchzend das Kind, hat mich zuerſt mit dem Briefe fortgeſchickt, um ihn in Herrn Tri⸗ ſtan's Koffer zu legen, dann hat ſie mir geſagt, ich ſolle n den Brief wieder holen, wenn ſie es bei Tiſche verlangte, 5 und dann ſagen, wo ich ihn gefunden hätte. r Madame Van⸗Dick wurde bleich wie eine Todte und n ſchwieg. — Haſt Du nicht gelogen? fragte der Vater ſein 6 Kind. 3— Nein, Papa, ich ſchwöre es. — Gut, fuhr der Kaufmann fort, indem er aufſtand, x e gehen Sie auf Ihr Zimmer, Madame; ich werde unſere Angelegenheiten in Ordnung bringen und heute noch ver⸗ laſſen Sie mein Haus, denn ich dulde keine Diebin unter l meinem Dache. Madame Van⸗Dick entfernte ſich. i Herr Van⸗Dick, der an heftige Aufregung nicht ge⸗ ⸗ wöhnt war, trocknete den Schweiß, der in dicken Tropfen von ſeiner Stirn rann. — Sie ſehen wohl ein, wandte ſich Triſtan zu dem ſchweißtriefenden Holländer, daß ich unter dieſen Umſtän⸗ — den nicht anders handeln konnte. So lange mir nur Ei⸗ genſinn unbedeutende Poſſen zu ſpielen ſuchte, habe ich geſchwiegen, aber jetzt— — Jetzt haben Sie recht gethan, mein Freund, ant⸗ wortete Herr Van⸗Dick, indem er ihm die Hand reichte, denn Sie haben nur Ihre Pjlicht gethan. Alles übrige iſt meine Sache. Die Freundin, am ganzen Körper zitternd, war auf einen Stuhl geſunken und wußte nicht, welchen Ton ſie bei der Sache anſtimmen ſollte. Mit Thränen in den Augen und faſt krank über das Geſchehene, kehrte Triſtan in ſein Zimmer zurück. Als er allein war, entſchlüpfte ſeinen Lippen unwillkührlich Louiſe's Name. 5. Als unſer Held ein wenig ruhiger geworden war, erinnerte er ſich des Herrn Mametin, den ihm die Vor⸗ ſehung einige Tage zuvor ſo wunderbar auf ſeinem Lebens⸗ wege entgegengeführt hatte. Inbrünſtig dankte er der gött⸗ lichen Schickung, die ſich ſeiner ſo gnädig annahm; er gab ſich indeß das feſte Verſprechen, daß dies der letzte Verſuch ſein ſolle, den er gegen das Schickſal unternähme und daß er, wenn auch dieſer endete wie alle andern, die er be⸗ gonnen, ſein Leben von ſich werfen wolle. Nachdem er alle ſeine Habſeligkeiten ſorgfältig zuſam⸗ mengepackt, nahm er Abſchied von dem Zimmer, in wel⸗ chem er glücklich zu leben gehofft hatte, und ging zu Herrn Van⸗Dick hinab. Er traf den Kaufmann in ſeinem Zim⸗ mer und zwar ſo beſchäftigt mit Briefſchreiben, daß er das Oeffnen der Thür nicht gewahrte. Triſtan näherte ſich Herrn Van⸗Dick, und als er ihm zur Seite ſtand und ſah, daß er immer noch mit großer Aufmerkſamkeit fortarbeitete, ſprach er zu ihm: — Ich werde mich zurückziehen, wenn ich ſtöre. — Ah, Sie ſind da, beſter Triſtan! Ich habe Ihren Eintritt nicht bemerkt, verzeihen Sie. Nun, was ſagen Sie zu den ſaubern Geſchichten? — Ich habe keine Meinung darüber. — Ich hielt zwar meine Frau zu ſehr viel Dingen fähig, aber zu dieſem nicht. — Man muß ihr verzeihen. Der Zorn iſt ein ſchlechter Rathgeber und Madame Van⸗Dick iſt genug beſtraft. Ich verzeihe ihr von ganzem Herzen. — Hat ſie mit Ihnen geſprochen? —— — Nein, ich habe ſie nicht geſehen. — Beruhigen Sie ſich, es ſoll Ihnen nichts mehr geſchehen. — Davon bin ich überzeugt. — Sie wird das Haus verlaſſen, ſprach Herr Van⸗ Dick in einem Tone, der verrieth, daß ſein Entſchluß ſchon ſchwankte. — Sie wird hier bleiben. — Sie können aber nicht länger mit ihr leben. — Das iſt mir völlig klar. — Nun? — Es ſteht mir nicht das Recht zu, nachdem ich, wenn auch ohne meine Schuld, bereits ſo viel Uneinigkeit angeſtiftet, ferner noch die Saat der Zwietracht in ein Haus zu ſäen, das mich ſo gaſtfreundlich, wenigſtens von Ihrer Seite, mein beſter Herr Van⸗Dick, aufgenommen hat. Ich werde Madame Van⸗Dick weichen. — Wohin gehen Sie? — Zu dem Doctor Mametin. — Sie haben Recht, lieber Triſtan, ich an Ihrer Stelle würde auch nicht anders handeln. Madame Ma⸗ metin iſt eine liebenswürdige Frau und der Doctor ein Mann, der mehr vermag, als ich. Gehen Sie dann in Gottes Namen zu ihm. —— — Sie billigen alſo meine Abſicht? — Vollkommen. — Darf ich hoffen, Herr Van⸗Dick, daß mich bei dem Scheiden aus Ihrem Hauſe Ihre Achtung begleitet? — Meine Achtung und Freundſchaft! — Und wenn wir uns einſt begegnen ſollten— — Werde ich Ihnen die Hand reichen, wie jetzt. Ich hoffe, Sie und der gute Doctor werden mich recht oft be⸗ ſuchen. Doch darf ich Ihnen jetzt einen Rath ertheilen? — Reden Sie, Herr Van⸗Dick. — Wohnen Sie nicht in demſelben Hauſe, das Herr Mametin bewohnt, es iſt für irgend einen ſtets läſtig. Wenn Sie meinem Rathe Gehör geben, ſo miethen Sie ſich ein Haus allein — Den Plan habe ich bereits gefaßt, wenn nicht ein Haus, doch wenigſtens ein Zimmer. — Miethen Sie das kleine Haus, das dem Herrn Mametin's gegenüber liegt und in dieſem Augenblicke frei ſteht, Sie werden es um einen billigen Preis erhalten. — Sie haben Recht; doch jetzt bitte ich Sie um ei⸗ nen Dienſt. Gerr Van⸗Dick legte die Hand an den Schlüſſel ſei⸗ ner Kaſſe. — Alles was Sie wollen, beſter Freund. — Triſtan erröthete und hielt die Hand des Kaufmanns zurück. — Danke, ſprach er, es handelt ſich um etwas an⸗ deres. — Warum nicht um dieſes? — Weil ich deſſen nicht bedarf. — Reden Sie offen, Sie können mir dieſes Geld ſpäter zurückzahlen. — Danke tauſendmal, mein beſter Herr Van⸗Dick, ich habe, was ich gebrauche. — Nach Gefallen, doch vergeſſen Sie nicht, daß meine Freundſchaft und meine Kaſſe ſtets zu Ihrer Ver⸗ fügung ſtehen. Doch nun zur Sache. — Sie wiſſen, daß ich mit Wilhelm ſtets in einem guten Einverſtändniſſe ſtand. — Ja. — Er iſt ein braver junger Mann, deſſen Freund⸗ ſchaft mir werth iſt. — Ganz recht. — Wollten Sie nun die Güte haben und ihn bei ſeiner Rückkehr auf Ihr Wort und auf das meinige ver⸗ ſichern, daß er mir nichts vorzuwerfen hat, und daß ich ſtets glücklich ſein werde, ihn zu ſehen. — Sind Sie böſe mit einander? — Ja. — Seit wann? — Seit geſtern. — Wie können Sie das wiſſen? — Er hat es mir geſchrieben. — Und weshalb? — Ich weiß es nicht. — Meine Frau wird ihm geſchrieben haben. — Glauben Sie? Was kann ſie mir aber aufge⸗ bürdet haben? — Daß Sie ihr den Hof machen, wie ſie auch mir geſagt hat. — Aber ich begreife nur nicht, fuhr Triſtan fort, der ſich ſtellen wollte, als wüßte er von Wilhelm's und Euphraſia's Verhältniſſe nichts, oder die Abſicht hatte, von Herrn Van⸗Dick zu hören, daß rer darum wüßte, ich be⸗ greife nicht, was ihn die Sache angehen kann. Herr Van⸗Dick ſah Triſtan von der Seite an und ſprach in einem Tone, der ſich nicht beſchreiben läßt: — Einfaltspinſel! Triſtan mußte lächeln. — Doch eins noch möchte ich wiſſen, da wir gerade allein ſind, ſprach Herr Van⸗Dick. Sind Sie gern hier geweſen? Reden Sie offen. — Sehr gern. — War Ihnen das Leben, das ich Ihnen bot, an⸗ genehm genug? — Ja. — Und gedachten Sie längere Zeit bei uns zu bleiben? — Wenn es möglich geweſen wäre, immer. — Warum haben Sie ſich dann mit meiner Frau entzweit? — Nicht ich habe mich mit ihr, ſie hat ſich mit mir entzweit. — Aber warum? Was haben Sie ihr gethan? — Wollen Sie es wiſſen? — Ja. — Im Ernſt? — Im vollen Ernſt. — Nun, mein beſter Herr Van⸗Dick— aber ich weiß wirklich nicht, wie ich beginnen ſoll. — Reden Sie offen; oder wollen Sie, daß ich Ih⸗ nen helfe? — Das wäre mir lieb. — Meine Frau hat Ihnen als Einleitung erzählt, daß man ſie gegen ihren Geſchmack verheirathet habe? — Ja. —— — Sie hat Ihnen geſagt, daß ſie unglücklich iſt? — Faſt daſſelbe. — Sie hat Sie über Ihr. Leben befragt? — Ganz recht. — Sie hat Sie ferner gefragt, ob Sie in Ihrem Sen ſchon verliebt geweſen? — Trifft alles zu. — Und was haben Sie ihr darauf geantwortet? — Daß ich es geweſen, aber nie mehr ſein würde. — Unkluger Menſch, das iſt es ja eben, was hier alles verdirbt! Hat ſie Ihnen nach Wilhelm's Abreiſe ihre Liebe geſtanden? — Ja. — Und was haben Sie ihr geantwortet? — Daß ich ſie nicht lieben könnte, ohne Freundſchaft und Dankbarkeit zu verletzen. — Gut. Und an dieſer Idee haben Sie feſtgehalten? — Ja. — Und nun ſtaunen Sie über das, was geſchehen? — Nein. — Was habe ich Ihnen auf der Reiſe von Mailand nach Amſterdam geſagt? — Ich erinnere mich deſſen nicht mehr, antwortete Tri⸗ ſtan, der das volle Geſtändniß des Kaufmanns erlangen wollte. — 0 — Ich habe Ihnen geſagt, daß Sie nur unter der Vedingung bei mir bleiben könnten, wenn meine Frau Sie lieben würde. — Ich erinnere mich. — Sie hätten ſich auch erinnern ſollen, daß ich Ih⸗ nen den Rath gegeben, alles aufzubieten, um zu dieſem Reſultate zu gelangen. — Wohl wahr. — Sie haben es nicht erlangt, und deshalb müſſen wir uns trennen, ſo leid es mir auch thut. — Es gab nur ein Mittel, die Gunſt Ihrer Frau zu erlangen. — Und welches? — Ich mußte ihr Liebhaber werden, da ich das Ding voch einmal bei ſeinem Namen nennen muß. — Gut, dieſes Mittel hätten Sie aus Freundſchaft für mich, um bleiben zu können, anwenden ſollen. — Dann hätte ich Sie aber betrogen. — Glauben Sie denn, daß ich einen ſolchen Betrug nicht lieber gehabt hätte, als die ewigen Zänkereien? Wie oft habe ich Ihnen geſagt, daß mir meine regelmäßigen Mahlzeiten, meine Ruhe und mein häuslicher Frieden über alles gehen. Wilhelm hat mich beſſer verſtanden. — Was wollen Sie damit ſagen? —— — Ich will damit ſagen, daß ſeit der Zeit, die er im Hauſe lebt, nicht der vierte Theil des Streites vorgefallen iſt, als ſeit der kurzen Zeit, die Sie hier ſind. — Das kommt daher, weil er das Mittel angewen⸗ det hat— — Das Ihnen meine Frau vorgeſchlagen hat. — Sind Sie ihm deshalb nicht böſe? 0 durchaus nicht! Was wäre ohne ihn aus mir wohl geworden? Verdanke ich dieſem lieben Wilhelm nicht mein ganzes Glück? — Nun, dann zittern Sie für dieſes Glück. — Warum? — Weil Ihre Frau ihn nicht mehr liebt. — Seit wann? — Seit ſie mich liebt. — O, da kennen Sie meine liebe Frau ſchlecht! Sie ſind böſe mit Wilhelm? — Ja. — Wie Sie mir vorhin ſagten, trägt Euphraſia die Schuld daran? — Sie haben Recht. — Will ſie denn mit Wilhelm bleiben, wie ſie frü⸗ her war? O, Sie Thor! — Das iſt recht. Die Holländerin. II. 6 — 82— — Sie thaten Unrecht, es zu verweigern. — Ich hatte es verſprochen. — Wem? Wilhelm? — Ja. — Dann kann ich Sie nur beklagen, mein armer Triſtan. Aber ſeien Sie ruhig, ich werde Wilhelm ent⸗ täuſchen und er wird mir glauben. Zum Teufel, warum wollen Sie uns verlaſſen? — Ich muß. 3 — Nun, ſo wünſche ich Ihnen ſo viel Glück, als Sie verdienen. Die beiden Männer umarmten ſich. — Erlauben Sie, daß ich meine Koffer bis dieſen Abend hier laſſen kann? fuhr Triſtan fort. — So lange Sie wollen. — Ich werde jetzt das Haus in Augenſchein nehmen, ſprach unſer Held und ſchritt der Thür zu. — Daran thun Sie wohl, ſprach Herr Van⸗Dick, der ihn begleitete. — Und von dort werde ich zu Herrn Mametin gehen. — Dann kommen Sie ſobald als möglich zurück und ſagen mir, was er beſchloſſen hat. In dieſem Augenblicke öffnete Herr Van⸗Dick die Thür, welche auf die Straße führte. männer nicht gäbe, dachte Triſtan, indem er ſich entfernte. beklagen, wenn er nicht ſo wäre! ſich ſelbſt, indem er ſich an ſein Büreau ſetzte, daß es — Nehmen Sie noch einmal meinen Dank, mein beſter Herr Van⸗Dick. Triſtan drückte noch einmal die Hand ſeines gaſtlichen Freundes und ſtieg die Stufen der Steintreppe hinab. — Man ſage mir ja nicht, daß es dergleichen Ehe⸗ Wie wäre Herr Van⸗Dick mit einer ſolchen Frau wohl zu — Man ſage mir ja nicht, ſprach Herr Van⸗Dick zu keine brave Leute mehr giebt! Triſtan iſt ein braver jun⸗ ger Mann, und er hat Recht, wenn er ſein Wort hält, denn für einen Mann, wie er iſt, würde meine Frau eine langweilige Geliebte ſein. Ruhig ſetzte er ſeine Correſpondenz fort. 6. Frei aufathmend, ſchritt Triſtan dem Hauſe zu, das ihm Herr Van⸗Dick bezeichnet hatte. Eine alte Frau be⸗ aufſichtigte dieſes Haus, das der Beſitzer mit vollſtändiger —— Einrichtung zur Miethe ausbot. Der Preis war ſehr mäßig, da es faſt auf dem Lande lag. Unſerm Triſtan gefiel die Wohnung, und da die Alte, welche ſie zeigte, von dem Beſitzer mit Vollmacht verſehen war, ſo ſchloß er mit ihr ab, zahlte auf drei Monate den Zins voraus und gab Auftrag, die zurückgelaſſenen Koffer von Herrn Dick holen zu laſſen, wo auch nähere Erkundigungen ü ihn einzuziehen ſeien, wenn es für gut befunden w Dann fragte er, ob das Haus, welches gegenüber lag, des Herrn Mametin ſei. Auf die bejahende Antwo guten Frau ſchritt Triſtan über die Straße und klopfte a dieſelbe Thür, an welche zwei Tage zuvor Madame Van⸗ Dick geklopft hatte. Ein Diener öffnete; er behielt aber die halbgeöffnete Thür in der Hand wie ein Menſch, der antworten will, daß niemand zu Hauſe ſei. Und in der That, dies war es, was er antwortete, als Triſtan fragte: — Herr Mametin? — Er iſt mit Madame auf dem Lande, fügte der Diener hinzu. — Wann wird er zurückkehren? — Wir wiſſen es nicht. — Wo iſt das Landhaus? 2—— — Eine und eine halbe Meile von hier. — Trägt man Herrn Mametin die Briefe dorthin? — Alle zwei Tage. — Dann werde ich ihm einige Worte ſchreiben. Der Diener öffnete die Thür, ließ unſern Freund in den Speiſeſaal treten und brachte Papier, Feder und Dinte 3 rbei. Triſtan ergriff die Feder und begann die erſte ₰ eile zu ſchreiben. Aber noch hatte er keine vier Worte 2 ollendet, als er einen Papagei ſingen hörte: Ja, das Gold iſt nur Chimäre.“ Der junge Mann zitterte und ward bleich. Er hatte ſich nicht getäuſcht, es war die Stimme ſei⸗ nes Vogels. Triſtan ſah ſich um, und fürchtend, er habe geträumt, ſuchte er das ihm bekannte Thier. Es war nicht in dem Speiſeſaale. Da ſang der Papagei noch einmal und zwar im höch⸗ ſten Falſet: „Ja, ja, ja, das Gold iſt nur Chimäre!“ Triſtan folgte der Richtung, welche ihm die Stimme angab, und kam in den Garten, wo er in einem prächtigen Vogelbauer den Papagei erblickte, den er von ſeiner Mut⸗ ter erhalten, Louiſen hinterlaſſen und in Mailand wieder⸗ gefunden hatte. — 86— Der arme Menſch zitterte am ganzen Körper, denn er war feſt überzeugt, daß der Vogel derſelbe war; dies bewies aber immer noch nicht, daß er ſich bei ſeiner Frau befand. Konnte er nicht verkauft, verſchenkt, oder wohl geſtohlen ſein? Der Diener, welcher dieſen ihm unbekannten Mat 1 plötzlich aufſtehen, in den Garten laufen und mit dem pagei ſprechen geſehen, glaubte es mit einem Diebe, mindeſtens doch mit einem Verrückten zu thun zu habe er war daher Triſtan gefolgt und harrte, hinter ihm te⸗ hend, des Verlaufs dieſes Abenteuers. 8 Triſtan ſah ihn an und wußte nicht, was er ihn fragen ſollte. — Ein ſchönes Thier, ſprach der Domeſtik, indem er auf den Papagei zeigte, nicht wahr, mein Herr? — Ja. Wem gehört dieſer Vogel? — Dem Herrn und der Madame Mametin. — Sind Sie ſchon lange hier? — Nein, mein Herr. — War der Papagei ſchon in dem Hauſe, als Sie in den Dienſt des Doctors traten? — Ja. — Iſt Madame Mametin alt? — O nein. Kennt der Herr ſie nicht? — 87— — Nein. — Madame Mametin iſt noch ſehr jung. — Ja, ja, ich erinnere mich, ſprach Triſtan, der ſich von ſeinem Erſtaunen erholte und den Bedienten nicht merken laſſen wollte, daß er auf das, wonach er fragte, 6 großes Gewicht legte; ja, ſprach er, ich erinnere mich, iſt ſie nicht brünett? 2— Nein, mein Herr, ſie iſt blond. — Wiſſen Sie das genau? — O ſehr genau. — Nicht ſtark? — Ja. — Mehr klein, als groß? — Ja. — Iſt ſie Franzöſin? — Der Herr kennt ſie! — und ihr Taufnahme iſt? — Louiſe. Triſtan zitterte. Er wußte auch weshalb. — Mein Freund, fuhr Triſtan fort, wiſſen Sie ge⸗ nau, daß Herr und Madame Mametin auf dem Lande ſind? — Ja, mein Herr. — Und iſt der Ort, wo ſie ſind, nicht weiter, als . Sie mir angegeben haben? — * ein — Gut, ſo werde ich, anſtatt zu ſchreiben, ſelbſt gehen. Triſtan kehrte in den Speiſeſaal zurück, zerriß den angefangenen Brief, verließ das Haus und trat zu Fuß den Weg an, den ihm der Diener bezeichnet hatte.* Man kann ſich leicht denken, mit welchen an dungen der arme Triſtan ſeinen Weg verfolgte. — Was für ein Geſicht ſoll ich meiner Frau ent⸗ gegenſchneiden, die mich in der andern Welt wähnt, dachte Triſtan. Wenigſtens muß ſie bei dem erſten Anblicke ei⸗ nen nicht unbedeutenden Schrei ausſtoßen. Und was wird ihr Mann dazu ſagen? Ich frage, was wird ihr Mann dazu ſagen, und ich bin der Mann. Ich glaube, ich werde ſehr lächerlich ausſehen. Soll ich nun als Mann auftreten, der ſeine Frau ſucht, oder ſoll ich ganz einfach der Einladung des Doctors folgen, und ſcheinen, als ob ich nichts wüßte? „Im erſten Falle iſt leicht ein Irrthum möglich. Kann Madame Mametin nicht zufällig Louiſe heißen? Kann ſie meinen Papagei nicht zufällig beſitzen und doch nicht meine Frau ſein? Verhält ſich die Sache ſo, wird Herr Mametin ſeinen Gärtner, ſeinen Portier und alle ſeine Domeſtiken kommen laſſen und ihnen auſtragen, mich ganz ſanft aus der Thür zu ſchieben, da ich für die Gaſt⸗ freundſchaft, die er mir bietet, Verwirrung in ſein ruhi⸗ ges Haus bringe. Und doch möchte ich tauſend gegen eins wetten, daß Madame Mametin meine Frau iſt, denn mir fällt ein, daß mir Herr Van⸗Dick geſagt, er habe Perrn Mametin in Mailand beſucht. Dort habe ich auch meinen Papagei gehört— es iſt klar, Louiſe war in Mailand. Ja, ja, Louiſe iſt meine Frau und keine Macht der Erde ſoll mich von ihr trennen. Ich werde ſehr ar⸗ tig eintreten und ſagen, daß ich meine Frau ſuche. Ich bin doch neugierig, was ſie ſagen werden.„Mein Gott, was werden ſie ſagen, fuhr er nach einem Augenblicke der Ueberlegung fort. Da meine Frau in Mailand mich nicht ſehen wollte, wird ſie es hier noch viel weniger wollen. Ich habe keine Beweiſe; ſie wird mich zur Thür hinauswerfen laſſen, wenn ſie nachſichtig iſt, und mich verhaften laſſen, wenn ſie es nicht iſt. Man wird mir den Prozeß machen, man wird bei dieſer Gelegenheit er⸗ fahren, daß ich todt bin, man wird mich fragen, mit welchem Rechte ich lebe, und beweiſe ich, daß ich das Recht habe, lebendig zu ſein, wird man entdecken, daß . ich Karl getödtet habe und mein Kopf hat die längſte Zeit auf ſeinem Rumpfe geſeſſen. Meine Frau und ihr Mann werden ſich ſchön in's Fäuſtchen lachen. „Jemehr ich daruber nachdenke, ſprach Triſtan wei⸗ ter, jemehr entflieht der Zweifel; es iſt klar, ich werde Louiſe dort vorfinden. Herr Mametin iſt jedenfalls der Mann, den ich in Mailand in der Loge geſehen habe. Als ich bei Herrn Van⸗Dick mit ihm ſprach, war es mir auch, als ob ich ihn irgendwo geſehen hätte. Aber gut, daß ich daran denke: woher mag wohl dieſe vlötzliche Freundſchaft für mich kommen? Sollte Louiſe meine An⸗ weſenheit in Amſterdam wiſſen und eine Annäherung wün⸗ ſchen? Sollte ſie dieſes Mittel erfunden haben? Auf jeden Fall iſt es das Beſte, nicht mit der Thür in das Haus zu fallen. Unter dieſen Gedanken war unſer Held an ein ele⸗ gantes Gitter gelangt, durch deſſen Stäbe man einen rei⸗ zenden Garten erblickte. Am Ende dieſes Gartens erhob ſich ein kleines weißes Häuschen, ganz von Weinlaub und Epheu eingehüllt. Merkwürdigerweiſe glich dieſes Haus, wie eine Zwillingsſchweſter der andern, jenem kleinen Hauſe, das Triſtan einſt in Auteuil bewohnt hatte. Unſer Wandersmann zog den Glöckenzug. Ein gro⸗ ßer Hund ſchlug an, und der Gärtner öffnete die Pforte. — Herr Mametin? fragte Triſtan. — Er iſt nicht zu Hauſe; aber Madame iſt zu ſprechen. Triſtan's Aufregung verdoppelte ſich. — Will der Herr mit Madame reden? fragte der Gärtner weiter. — Ja. — Welchen Namen ſoll ich melden? — Madame kennt mich nicht; melden Sie daher ganz einfach einen Herrn, den Herr Mametin hierher be⸗ ſchieden habe. — Treten Sie gefälligſt in den Saal. Der Gärtner führte den Ankömmling in den Garten und ließ ihn in ein großes, reich ausgeſtattetes Zimmer des Erdgeſchoſſes eintreten. Das Erſte, was unſerm Tri⸗ ſtun in die Augen fiel, war das Portrait ſeiner Frau. 7. Triſtan mochte vielleicht fünf Minuten gewartet ha⸗ ben, als die Thür des Saals ſich öffnete und Louiſe ein⸗ trat. Der junge Mann, dem ſie in dieſem Augenblicke 5— ſchöner erſchien als je, trat ihr einige Schritte entgegen. Das Lächeln, welches ſeine Lippen umſchwebte, ſchien zu ſagen:„Sie erwarteten mich wohl nicht? Nun da bin ich, kommen Sie in meine Arme.“ Louiſe, welche ſich von dem Gärtner die Perſon hatte beſchreiben laſſen, die ſie erwartete und außerdem, ſeit jie auf dem Lande wohnte, jeden Augenblick ihren erſten Mann kommen zu ſehen glaubte, war auf dieſen Anblick vorbe⸗ reitet, denn ihre Ahnung und die ungewöhnliche Anmel⸗ dung des Fremden hatte ihr den Namen deſſelben ge⸗ nannt. Als ſie die Thür öffnete und ihren Mann erblickte, ward ſie bleich wie der Tod; die junge Frau aber unter⸗ drückte ihre Bewegung und ſprach ernſt und ruhig zu Triſtan: — Sie wünſchen meinen Mann zu ſprechen, mein Herr? Wie vom Blitze getroffen ſtand Triſtan da. Er glaubte die Beute eines Traumes zu ſein, fuhr mit der Hand über ſeine Stirn und ſah Louiſe mit ſtarren Augen anz; er fand aber daſſelbe liebliche Geſicht, denſelben lä⸗ chelnden Mund, der dieſe ſonderbare Frage an ihn ge⸗ richtet hatte. — — Ja, Madame, antwortete er, um zu ſehen, wie weit ſie den Scherz treiben würde. — Er iſt nicht zu Hauſe, mein Herr. — Der Gärtner hat es mir bereits geſagt. — Er wird auch ſobald nicht zurückkehren, ſprach Louiſe, die, weil ſie ſelbſt ſich nicht ſetzte, auch Triſtan kei⸗ nen Platz anbot, die Hoffnung zu hegen ſchien, daß der Beſuch ohne weitere Erklärung ſich wieder entfernen würde. — Das iſt ärgerlich, entgegnete Triſtan, denn ich habe über wichtige Sachen mit Herrn Mametin zu reden, fügte er betonend hinzu. — So ſetzen Sie ſich, mein Herr, vielleicht kommt er früher zurück, als ich denke. Bei dieſen Worten zeigte Louiſe auf einen Stuhl, wendete dann den Rücken dem Fenſter zu, damit ſie den Schatten im Geſicht hatte, und nahm ihrem Manne ge⸗ genüber Platz wie eine Frau, welche ſich anſchickt, ſo ar⸗ tig als möglich auf das zu hören, was ein Beſuch, den ſie nicht ablehnen konnte, ſagen wird. — Madame, ſprach Triſtan, man ſagt, daß Herr Mametin Sie über Alles liebt? — Das iſt wahr, mein Herr. — Dieſe Frage, von einem Fremden ausgeſprochen, muß Ihnen hoöchſt ſeltſam erſcheinen; aber ſo fremd ich Ihnen auch ſein mag, vielleicht habe ich das Recht, dieſe Frage an Sie zu richten. Louiſe antwortete nicht. — Man ſagt ferner, fuhr Triſtan fort, daß Herr Mametin nichts unternimmt, ohne Sie zu Rathe gezogen zu haben? — HGerr Mametin iſt ein Ehemann, wie man ihn nicht oft findet, ein Ehemann, mein Herr, der alles ver⸗ meidet, um mir auch nur eine Minute Langeweile zu ver⸗ urſachen, von Kummer kann demnach die Rede gar nicht ſein. — Folglich wird Ihnen Herr Mametin auch das mitgetheilt haben, was er ſo gütig war, mir anzutragen? — Das hat er; ich muß ſelbſt hinzufügen, daß er es auf meine Veranlaſſung gethan. — Iſt es möglich! — Ja, mein Herr. — Und wem habe ich dieſes Glück zu danken? — Nur dem Zufalle, mein Herr, denn nur der Zufall allein hat alles gefügt. — Der Zufall? — Ja, denn der Zufall hat gewollt, daß Ihr Name derſelbe iſt, den eine Perſon führte, die mir unendlich theuer war. — und iſt ſie Ihnen jetzt nicht mehr theuer? fragte Triſtan, dem bei jedem Worte, das Louiſe ſprach, das Herz immer lauter klopfte. — Rein, mein Herr! antwortete ſie feſt. — Seit wie lange? — Seit ſechs Monaten. — und wie kam es, daß dieſe Perſon das Mißfallen einer ſo guten und liebenswürdigen Dame erregte? — Weil er eine andere Frau liebte. — So war es alſo Ihr— — Es war mein erſter Mann, mein Herr. Louiſe antwortete mit einer ſo großen Ruhe, daß es Augenblicke gab, wo Triſtan zu träumen wähnte. — Und Sie haben ihn geliebt? fuhr er fort. — Wie keinen andern. — Was iſt aus dieſem erſten Manne geworden? — Seit meiner Wiederverheirathung iſt er todt. — Und wenn er es nicht wäre? — Das iſt unmöglich! — Wenn es aber dennoch ſo wäre? — Dann, antwortete Louiſe, würde ich mich damit nicht begnügen, ihn zu vergeſſen, ich würde ihn verachten. — Und warum? — Kann ein Mann, der eine Frau, die er zu lieben —— vorgiebt, in einer ſolchen Lage verläßt, worin mich mein Mann gelaſſen hat, der lebt und ſich weder um das Glück, um die Liebe, noch um das Leben derſelben kümmert, kann ein ſolcher Mann von dieſer Frau etwas anderes als Haß und Verachtung erwarten? Und wenn die Umſtände es fügten, daß er für todt gehalten wurde, wenn der Zufall ihn ſeiner Frau entgegenführt, die, da ſie Witwe zu ſein glaubte, ſich wieder verheirathete, nicht aus Liebe, ſondern aus Nothwendigkeit; wenn er ſelbſt dem Manne dieſer Frau ſeine Stellung verdankt, muß er die Vergangenheit derſelben nicht vergeſſen, da ein einziges Wort ſie verder⸗ ben, ein einziges Zeichen ſie compromittiren kann? Das, mein Herr, iſt die Pflicht eines Mannes, der ſich in einer ſolchen Lage befindet, wenn ihm ſonſt noch einiges Zart⸗ gefühl im Herzen geblieben iſt, das, mein Herr, ich bin davon überzeugt, würden Sie als ein Mann von Ehre ebenfalls thun, wenn Sie ſich an der Stelle dieſes Man⸗ nes befänden. — Es iſt wahr, Madame, antwortete Triſtan, der das Schwierige ſeiner Lage und die Wahrheit von Louiſe's Worten einſah, es iſt wahr; wenn aber dieſer Mann nicht ſo ſtrafbar iſt, als Sie glauben, wenn die Umſtände allein ihn zwangen, ſich zu entfernen und ſich für todt halten zu laſſen, wenn eine Wunde ihn von ſeiner Frau fern hielt und es ihm unmöglich machte, auszugehen, ſie folg⸗ lich nicht ſehen konnte— würde dieſer Mann immer noch Haß und Verachtung verdienen? — Wenn man nicht gehen kann, kann man ſchreiben. — Wenn man nun geſchrieben hat, und der Brief, trotz aller Bemühungen, nicht an ſeine Adreſſe zu befördern geweſen, da dieſe ſelbſt ſpurlos verſchwunden war? — So hätte er ſelbſt Nachforſchungen anſtellen ſollen. — Wenn er aber eines Verbrechens wegen, an dem er unſchuldig war, ſich der Gefahr ausſetzte, verhaftet zu werden? — Ohne zu berückſichtigen, daß ſeine Rechtfertigung nicht ausbleiben konnte, hätte die Frau wohl verdient, daß er ſich einer Verhaftung ausſetzte. Ich würde ihm indeß immer noch verziehen haben, wenn er, anſtatt mit einer Geliebten zu entfliehen, allein entflohen wäre, und wenn man, bei Ermittelung des Grundes ſeiner Flucht, neben der Gefahr, die er vorſchützte, nicht auch eine neue Liebe bei ihm entdeckt hätte. Triſtan wußte nichts mehr zu antworten, beſtürzt ſaß er da. — Aber, Madame, fuhr er plötzlich fort, indem er eine Idee auffaßte, die ihm einen ſichern Weg zu bahnen ſchien, warum hat Sie Ihr Mann verlaſſen? Die Holländerin. II. 7 — 5— — Um ſich zu tödten. — Und aus welchem Grunde wollte er ſich tödten? — Weil ich die Freiheit, die ich durch ſeinen Tod erlangte, zu einer zweiten Heirath benützen ſollte, da dieſe mich vielleicht glücklicher, als die erſte machte. — Nun, Madame, mir ſcheint, daß dieſe Denkungsart denn doch etwas mehr werth wäre, als Haß und Verachtung. — Aber der Tod war nicht am rechten Orte, und das Schweigen kann nicht entſchuldigt werden. — O, im Gegentheil, es kann nur zu gut entſchul⸗ digt werden. — Und wie, mein Herr? — Dieſer Verſuch, ſich ſelbſt zu tödten, hat ihn nicht reicher gemacht, er konnte Sie darum nicht wieder auf⸗ ſuchen. Und nehmen wir an, er hätte Sie wieder geſehen, wäre nicht das wahrſcheinliche Gefängniß ein weit größe⸗ res Elend für Sie und ihn geweſen, als das, was er durch den Selbſtmord beſeitigen wollte? Deshalb ſprach der Mann bei ſich ſelbſt:„Indem ich mein Leben geheim halte, vollbringe ich das Opfer, das ich durch meinen Tod beabſichtigte. Louiſe wird mich vergeſſen, und gewiß wird ſie früher oder ſpäter das Glück finden, das ich ihr nicht ſchaffen konnte.“ Das ſagte er, Madame, und deshalb verachten Sie ihn? —— cht Ub — — Wenn das, was Sie mir ſagen, mein Herr, die Gedanken meines Mannes ſind— und ich glaube es— ſo wird er gewiß ſehr glücklich ſein, wenn er, indem er mich wiederfindet, ſieht, daß ſeine Wünſche erfullt ſind. Ich habe ihn vergeſſen und den achtbaren Mann gefunden, deſſen Fürſorge er mein Leben anzuvertrauen gedachte. Nehmen Sie meinen innigen Dank für das, was Sie mir geſagt, denn ſollte ich ihn vielleicht wiederſehen, ſo werde ich meinem Unwillen Schweigen gebieten und ihm mit den Worten die Hand reichen:„ich danke Ihnen!“ Triſtan war mit ſeinen eigenen Waffen geſchlagen. Es war unmöglich, eine unverſchämtere Ruhe zu erheu⸗ cheln, als Louiſe erheuchelte. — Sie haben Recht, Madame, immer Recht, ant⸗ wortete Triſtan, indem er ſich erſchöpft auf ſeinen Stuhl zurückwarf; Sie gebrauchen auf eine grauſame Art Ihren Vortheil. So ſind Sie alſo unbarmherzig? — Richt ich, Gott iſt es, der alles ſo gefügt. — Und Sie lieben Herrn Mametin? — Wie eine Tochter ihren Vater liebt. — Iſt er nie Ihr Gatte geweſen? — Nur dem Namen nach, das ſchwöre ich bei mei⸗ ner Mutter! — Dann muß man ihm alles bekennen. 7* — 5 — Nie werde ich dieſem Greiſe, der vielleicht noch zwei oder drei Jahre zu leben hat, ſeinen letzten Troſt, ſeine letzte Lebensfreude entziehen. Vergleichen Sie die beiden Männer, und Sie werden finden, daß das, was Sie mir vorſchlagen, eine Schändlichkeit iſt. — Aber was gedenken Sie zu thun? Wollen Sie denn, daß ich jetzt, wo ich Sie wiedergefunden, Sie, die ich noch immer liebe, wollen Sie denn, daß ich fern von Ihnen lebe? Das iſt unmöglich! — Und doch muß es ſein. — Wenn ich aber nicht einwillige? — So gehen wir. — Und wenn ich das Geſetz zu Hülfe rufe? — So werden Sie mich und ſich ſelbſt entehren, das iſt alles. Kein Tribunal wird das, was wir ausſagen würden, glauben. Sie ſind noch jung, mein Freund, auch ich. Die Zukunft kann die traurige Vergangenheit uns vergeſſen machen, doch wünſche ich es nicht, denn ich müßte in derſelben Zeit auch den Tod eines Mannes wünſchen, den ich liebe und verehre. — Was ſoll ich denn nun beginnen? — Was Sie wollen. Sie finden Geſchmack am Reiſen — reiſen Sie. S— 8 — — 101— — Sie können ſcherzen, Louiſe, in einem ſolchen Au⸗ genblicke! — Nun, ſo bleiben Sie bei uns, wenn Sie das lie⸗ ber wollen. Betrachten Sie Herrn Mametin als einen Vater, der Sie lieben wird, und mich als eine treu erge⸗ bene Freundin; für das Uebrige laſſen Sie Gott ſorgen. Tragen Sie nicht ſelbſt die Schuld, daß alles ſo kommen mußte? — Es iſt wahr, ſprach Triſtan mit geſenktem Haupte; werden Sie mir verzeihen? — Ich verzeihe Ihnen, antwortete Louiſe, und werde Sie auch vielleicht— wieder lieben. In dieſem Augenblicke ertönte die Glocke am Gitter⸗ thor. Louiſe deutete Triſtan an, ſich zu ſetzen; ſie ſelbſt nahm dieſelbe Stellung wieder ein wie bei dem Beginnen dieſer Unterhaltung. Einige Augenblicke ſpäter meldete ein Diener die Rückkunft des Herrn Mametin. ⸗ — Bitten Sie ihn, ſprach Louiſe zu dem Diener, daß er in den Saal komme, Herr Triſtan und ich, wir erwarteten ihn. Louiſe ſtand auf und legte ihre Hand an Triſtan's Lippen. Der junge Mann küßte dieſe Hand, wie an je⸗ — 102— nem Tage, als das junge Mädchen ſie ihm zum erſten Male reichte. Eine Minute ſpäter öffnete Herr Mametin die Thür des Saales. Triſtan, der ſo bewegt war, daß er ſich kaum zu faſſen vermochte, ſtand auf; Louiſe eilte dem Greiſe entgegen und bot ihm ihre Stirn, auf welche er einen Kuß drückte. S. Die beiden Fenſter. Die Unterredung, welche Triſtan mit Herrn Mametin hatte, iſt für den Leſer ohne Intereſſe, deshalb übergehen wir ſie mit Stillſchweigen; wir berichten nur, daß Erſterer jeden Augenblick närriſch zu werden glauhte, und daß er alles annahm, was ſein neuer Schützer ihm anbot, ohne recht zu wiſſen, was er annahm. Louiſe hatte die beiden Männer allein gelaſſen. Ihre Gegenwart war nicht allein unnütz, ſie konnte ſelbſt pein⸗ lich für ſie werden. — 103— Triſtan that, als ob er ſeine Frau nicht wiedergefun⸗ den hatte, und ſo erfuhr er denn aus dem Geſpräche, daß Herr Mametin Louiſe anbetete. Der Doetor war natürlich vertraulicher, als bei der erſten Unterredung mit Triſtan, ſo daß er ihm erzählte, wie er Louiſe kennen gelernt. Tri⸗ ſtan hatte ſogar das Glück, eine Lobrede auf Louiſe's er⸗ ſten Mann zu hören, der, wie Herr Mametin meinte, ſich einer ſo edeln Sache wegen getödtet hatte, und Gott müſſe ihm ſchon, der Abſicht wegen, dieſen Selbſtmord verzeihen. Der Doctor lud unſern Triſtan ein, mit ihm und Louiſe zu eſſen; dieſer aber, wie man wohl denken kann, lehnte es höflich ab, indem er den Wechſel ſeiner Wohnung vorwandte. Er nahm alſo Abſchied von dem Doctor und entfernte ſich. Als unſer Held im Freien war, athmete er hoch auf. Der Lurus, welcher Louiſe umgab, ließ ſie jetzt in Triſtan's Augen natürlich ſchöner erſcheinen, als früher, und außerdem war auch die Frau, welche er wiederfand, wirklich nicht dieſelbe, die er verlaſſen hatte. Es iſt wahr, Triſtan hatte Louiſe ſtets geliebt; das gemeinſchaftliche Le⸗ ben aber, und vorzüglich das Elend, hatte dieſer Liebe den ſchönſten Reiz geraubt. Gezwungen, den geliebten Gegen⸗ ſtand jeden Tag, jede Stunde, jede Minute ſelbſt zu ſehen, hatte ſich das Herz daran gewöhnt, die Sache, welche ſtets — 104— zu ſeiner Verfügung ſtand, nicht mehr als einen Schatz zu betrachten; jetzt aber, da er ſie nur als eine Freundin betrachten durfte, hegte er dieſelbe Liebe wieder für ſie als in jener Stunde, wo er bei der Mutter um ihre Hand warb, und wenn wir hinzufügen, daß er ſie noch mehr liebte, glauben wir nicht zuviel geſagt zu haben. Triſtan wählte das Zimmer, deſſen Fenſter nach der Straße hinausgingen und denen von Louiſe's Zimmer ge⸗ genüber lagen, zu ſeinem Schlafgemache. Louiſe und Herr Mametin waren zur Stadt zurück⸗ gekehrt, denn Lyuiſe hatte es gewollt. Ungeachtet der drin⸗ genden Bitte des Doctors, in ſeinem Hauſe ein Zimmer zu bewohnen, blieb Triſtan dennoch in dem ſeinigen, das er ſich ſorgfültig und mit vielem Geſchmack eingerichtet hatte. Jeden Tag aber beſuchte der junge Mann den Doctor, der ihm vom erſten Augenblicke an ſehr gewogen war und der Vorſehung dankte, ihm einen ſo liebenswürdigen Ge⸗ ſellſchafter geſendet zu haben. Beide plauderten dann zu⸗ ſammen, oder gingen aus, um arme Kranke zu pflegen und zu heilen. Der offene, ehrliche Charakter des Greiſes hatte un⸗ ſern Helden bald ſo gefeſſelt, daß er ihm mit kindlicher Liebe zugethan war. Die Rolle, welche ihm Louiſe zu⸗ getheilt, fiel ihm nicht mehr ſchwer, er ſpielte ſie ſogar mit einer gewiſſen Hingebung, die ihn glücklich machte. Oft ging Herr Mametin nach dem Mittageſſen aus, und Triſtan blieb dann mit Louiſe allein; oder, war Herr Mametin ermüdet, ſo blieb er zu Hauſe und bat Triſtan, ſeiner Frau den Arm zu reichen und ſie ſpazieren zu füh⸗ ren. Seitdem der Doctor Louiſe kannte, hatte ſie ſtets einen ſo reinen Lebenswandel geführt, daß er ſie, ohne den geringſten Argwohn, dem Don Juan ſelbſt anvertraut haben würde. Die beiden Gatten, die beiden Freunde, die beiden Liebenden, oder wie man ſie nennen will, gingen dann Arm in Arm eine Stunde lang in den Feldern ſpazieren und kehrten fröhlich nach Hauſe zurück, wo Herr Mametin ſie lächelnd empfing. Dem jungen Manne reichte er die Hand und ſeiner Frau küßte er die Stirn. Gegen zehn Uhr trennte man ſich. Louiſe ging in ihr Schlafzimmer und der Doctor in das ſeinige. Triſtan verfügte ſich in ſein kleines Haus. Nie zündete er eine Lampe oder ein Licht an; er ſetzte ſich an das Fenſter und betrachtete die hehre Majeſtät der Nacht, welche ſtill und klar über dem Felde ausgebreitet lag. Von Zeit zu Zeit ertönte durch das nächtliche Schwei⸗ gen eine liebliche Stimme, welche die Gedanken des Träu⸗ — 6— mers harmoniſch einwiegte. Verſtummte die Stimme, ſo erſchien an dem Fenſter, auf welches Triſtan faſt immer die Augen gerichtet hatte, ein weißer Schatten. Dieſer Schatten brachte ſeine Hand den Lippen näher, ſandte ſchweigend einen Kuß ſeinem Nachbar zu und ſchloß das Fenſter. Dann flimmerte hinter dem geſchloſſenen Fenſter⸗ vorhange noch kurze Zeit ein Licht und Triſtan, mit Au⸗ gen und Seele dem Scheine dieſes Lichtes folgend, das ſein Stern geworden war, ſchloß nur dann erſt ſein Fenſter, wenn das Louiſe's in Dunkelheit zurückſank. Hieraus zog er den Schluß, daß ſeine Frau ſich zur Ruhe begeben hatte und vielleicht von ihm träumte. 9. So waren faſt drei Wochen verfloſſen, als Triſtan eines Morgens Wilhelm zu ſich in das Zimmer treten ſah. Der Handlungsdiener war bleich, ein Beweis, daß ihn ein drückendes Gefühl peinigte. Kaum war er in das Zimmer ſeines Rebenbuhlers getreten, als er den Kopf hängen ließ und Anſtand nahm, Triſtan die Hand zu rei⸗ — 107— chen, denn er wußte nicht, ob dieſer ſie annehmen oder ausſchlagen würde. Triſtan ſah, was dem armen Menſchen fehlte, und da auch er einer gewiſſen Bewegung nicht widerſtehen konnte, ging er dem Commis mit offenen Armen ent⸗ gegen. Nun erfolgte eine Umarmung, in der Wilhelm un⸗ ſern Triſtan faſt erdrücken wollte. — Ei, ei, rief Triſtan, ſind Sie denn gekommen, um mich zu morden? — Ach, mein beſter Freund, rief Wilhelm, indem er ihm die Hand reichte, haben Sie mir verziehen? — Ich bin Ihnen niemals böſe geweſen. — Wiäre es möglich? — Ich ſchwöre es Ihnen. — Ach, ich war ſehr ungerecht. — Sagen Sie lieber ſehr verliebt, mein armer Freund. Sie ſind es doch nicht mehr, da Sie kommen, und mir die Hand reichen? — Ich weiß alles. — Wer hat es Ihnen erzählt? — Hert Van⸗Dick. — Mit allen Nebenumſtänden? Ja. — 108— — Welch ein ſonderbarer Mann! — Nun, mein beſter Triſtan, was habe ich Ihnen geſagt? Habe ich nicht vorausgeſehen, daß Euphraſia Sie lieben würde? — Sie beurtheilen die Dame vielleicht ein wenig zu ſtreng, antwortete Triſtan, der ſah, daß Wilhelm ſehr be⸗ trübt war und ihn nicht ganz zu Boden ſchmettern wollte. — O, jetzt iſt alles vorbei! Ich kenne auch Ihr ſchönes Benehmen bei dieſer ganzen Sache. Was haben Sie mit meinem Briefe gemacht? — Ich habe ihn zerriſſen. — Danke, danke, mein edler Freund! Ein lauter Seufzer entſtieg der gepreßten Bruſt des armen Wilhelm. — RNein, nein, fuhr er fort, indem er mit Thränen in den Augen in dem Zimmer auf⸗ und abſchritt, nein, ſprach er, als ob er einer innern Stimme antwortete, ich werde ihr nicht verzeihen, ſie hat mich zu einer Schlech⸗ tigkeit verleitet. Und ich konnte an Ihnen zweifeln! Der Handlungsbefliſſene, der einen Augenblick ſeine Thränen zurückgehalten hatte, überließ ſich nun ganz ſei⸗ nem Schmerze; er warf ſich auf Triſtan's Vett, bedeckte das Geſicht mit ſeinem Schnupſftuche und begann laut zu weinen. — 109— — Wilhelm, rief Triſtan, indem er ſich dem armen Menſchen näherte, weinen Sie doch nicht ſo! Sie thun mir weh, denn Ihr Schmerz iſt meine Anklage. Wilhelm richtete ſeinen Kopf empor und trocknete ſich die Augen. — Ich muß Ihnen wohl ſehr lächerlich erſcheinen, ſprach er; aber wenn man leidet, iſt es eine Wohlthat, den ſo lange zurückgehaltenen Thränen freien Lauf zu laſ⸗ ſen. Doch jetzt iſt alles vorbei, fuhr er fort, indem er ein wenig Ruhe zu gewinnen ſuchte; mein Herz war voll Thränen, jetzt iſt es ausgeleert, ich bin getröſtet. Verzei⸗ hen Sie mir, daß ich Sie zum Zeugen meines thörichten Schmerzes machte. — Deſſen Urſach ich wahrſcheinlich bin. Wilhelm drückte die Hand ſeines Freundes. — Nun, ſprach Triſtan, indem er ſich neben ihn ſetzte, erzählen Sie mir alles, was vorgefallen iſt. Wann ſind Sie zurückgekehrt? — Geſtern Abend erſt. — Was thaten Sie, als Sie ankamen? — Sie wiſſen, welch einen ungerechten Groll ich gegen Sie hatte. Euphraſin's Briefe ſchienen mir nicht alles zu enthalten, deshalb bat ich ſie für denſelben Abend —— um eine Zuſammenkunft, um eine mündliche nähere Er⸗ klärung von ihr zu erhalten. — Wie benahm ſich Herr Van⸗Dick gegen Sie? — Er umarmte mich mit lächelndem Geſicht. — Fahren Sie fort, ſprach Triſtan. — Euphraſia bewilligte mir dieſe Zuſamm und Sie können wohl denken, daß ich nicht lange auf mich warten ließ, da ich dieſe Frau, die ich ſeit einem Monate nicht geſehen, zärtlich liebte. Um Mitternacht alſo ſtieg ich in ihr Zimmer. Die Treuloſe empfing mich, wie ſie ſtets gethan, mit Schwüren ewiger Liebe und Treue, und dies befeſtigte meinen Glauben an die Schändlichkeiten, die ſie Ihnen in ihren Briefen aufgebürdet hatte. Mein Haß wuchs mit der Liebe zu dieſer Frau und nach einer ſelig durchwachten Nacht, leider die letzte dieſer Gattung, hatte ich nur einen Gedanken, nämlich den, Sie aufzuſuchen und mich mit Ihnen zu ſchlagen. — O Sie Thor! — Ja, ein großer Thor! Aber wozu iſt nicht ein Kopf fähig, den die Einflüſterungen einer Frau, die man liebt, verdreht hat. Da ich nun zwar wußte, daß Sie das Haus verlaſſen hatten, aber nicht Ihre neue Wohnung, ſo ging ich zu Herrn Van⸗Dick und fragte ihn um Ihre Adreſſe. Dieſer ſagte mir nun, daß Sie ihn beauftragt enkunft, —„— — 111— hätten, Ihre Rechtfertigung bei mir zu übernehmen, und dann erzählte er mir Ihre Streitigkeiten mit Euphraſia und die Gründe derſelben. Ich war wie verſteinert, als Herr Van⸗Dick ſeine Erzählung geendet hatte; aber kaum hatte ich mich erholt, als ich zu Ihnen eilte, um Sie um Verzeihung zu bitten, und Sie zum Zeugen meines zwar lächerlichen, aber unbeſiegbaren Schmerzes zu machen. — Armer Freund, ich bin untröſtlich, daß Ihnen Herr Van⸗Dick dieſes alles erzählt hat. Es wäre mir lieber geweſen, Sie hätten mir einen Degenſtich gegeben, als daß ich Sie ſo unglücklich ſehen muß. — O, ich werde dieſe unglückſelige Leidenſchaft ſchon zu verbannen wiſſen, antwortete Wilhelm, indem ihm eine große Thräne über die Wange rollte; dieſe Frau lebt für mich nicht mehr. — Das wird nicht möglich ſein, wenn Sie bei Herrn Van⸗Dick ferner bleiben. — Ich bleibe nicht bei ihm, denn ich würde zu viel leiden müſſen. — Was wollen Sie beginnen? — Ich weiß es nicht. — Verzeihen Sie mir die Frage, mein beſter Wil⸗ helm: haben Sie ſchon einen andern Platz? — 112— — Das nicht; aber ich beſitze eine kleine Rente, von der ich leben kann. — Mein armer Freund, wollen Sie bei mir wohnen? — Bei Ihnen? — Ja. — Ach, Herr Triſtan, dieſes Glück würde mich toll machen! — und mir ein großes Vergnügen — Doch nein; ich würde Ihnen nur läſtig werden. — Durchaus nicht. — Wenn Sie nun Beſuch empfingen? — Ich empfange keinen. — Durchaus keinen? fragte der ſchmerzlich betrübte Wilhelm in einem ironiſchen Tone. — Ich ſchwöre es. — Nun, dann bin ich bereit. Wie viel Miethzins zahlen Sie? — Warum? — Weil ich die Hälfte davon tragen will. — Sie ſind ein Thor. — Dann trete ich wieder zurück. — Wir werden ſpäter davon ſprechen. — Nein, jetzt gleich. — Sie wollen es durchaus? S ——— — 113— —8h Triſtan nannte nun den Preis des Hauſes und Wil⸗ helm gab ſich nicht eher zufrieden, als bis er ſeinem Freunde die Hälfte der Summe eingehändigt, welche dieſer voraus⸗ bezahlt hatte. — Und jetzt, begann Wilhelm wieder, werde ich meine Koffer packen. — Haben Sie mit Madame Van⸗Oick geſprochen? — Nein; Sie würden mir einen großen Dienſt lei⸗ ſten, wenn Sie mich begleiteten, denn nur ſo würde ich eine Erklärung vermeiden, die ich nicht den Muth hätte, ihr zu verweigern. — Ich ſtehe zu dieſem Dienſte bereit, beſter Freund. Arm in Arm, und einer den andern tröſtend, verlie⸗ ßen die beiden jungen Leute das kleine Haus. Herr Van⸗ Dick empfing ſie mit offenen Armen. Wilhelm ging in ſein Zimmer und Triſtan blieb bei Herrn Van⸗Dick zurück. — Nun, ſprach der Kaufmann, ſind Sie verſöhnt? — Ja, mein beſter Herr Van⸗Dick. — Habe ich Ihren Auftrag gut beſorgt? — Vertrefflich! — Wie es ſcheint, fuhr der Kaufmann in einem vertrau⸗ lichen Tone fort, hat ſich hier neuerdings ein ergeben. Die Holländerin. 1l. 114— — Ich fürchte. — Euphraſia ſagte mir, daß ſie ei nehmen wolle. — Reiſen Sie mit ihr? — Nein, ſie reiſt allein. Sie will nach Frankreich zu jener Couſine Emilie, von der ſie neulich ſprach. — Bald? — Ich glaube. — um ſo beſſer! ſprach Triſtan, dem unwillkührlich dieſe Worte entſchlüpften. — Das habe auch ich geſagt. Doch nun helfen Sie dem armen Wilhelm, denn ich fürchte, daß er ſich in eine Erklärung einläßt. Jedenfalls verlaſſen Sie das Haus nicht, ohne Abſchied von mir zu nehmen. Triſtan fand Wilhelm in ſeinem Zimmer allein. — Sie hat mir ſagen laſſen, ich ſolle zu ihr kom⸗ men, ſprach der Commis. — Werden Sie gehen? — Ich weiß es nicht. — Wie, Sie ſchwanken? — Nein, ich werde nicht gehen. — Haben Sie Ihre Koffer gepackt? — Ich habe ſie nur noch zu verſchließen. So, jetzt bin ich fertig. ne Reiſe unter⸗ — 115— Wilhelm ging zu Herrn Van⸗Dick, um Abſchied von ihm zu nehmen. — Ich bin wirklich glücklich mit Ihnen geweſen, ſprach der Kaufmann, und ich fürchte, mein beſter Wilhelm, daß Ihr Nachfolger nicht das ſein wird, was Sie mir waren. Wilhelm ſtieß einen Seufzer aus. — Leben Sie wohl, mein beſter Herr Van⸗Dick, ſprach er haſtig, denn er fühlte, daß die Rührung ihn über⸗ mannte. Wilhelm und Triſtan reichten jeder dem Herrn Van⸗ Dick eine Hand, welche dieſer freundſchaftlich drückte. Dann entfernten ſie ſich. — Mein beſter Wilhelm, ſprach Triſtan, jetzt, da wir beſtimmt ſind, mit einander zu leben, muß ich Ihnen et⸗ was mittheilen. — Und was? — Eine Veränderung, die ſich für mich vorbereitet. — Wahrhaftig? Iſt dieſe Veränderung eine glück⸗ liche? Ja. — Erzählen Sie. — Kann ich auf Ihre Diseretion bauen? — Wenn es nöthig iſt, ja! 8* — 116— — Es iſt ein großes Geheimniß. — Ziehen Sie es vor, zu ſchweigen? — Rein; früher over ſpäter würden Sie doch etwas bemerken, und ich will lieber, daß Sie es von mir, als von dem Zufalle erfahren. Sind wir in unſerm Zimmer, werde ich es Ihnen erzählen. In dem Augenblicke, als die beiden Männer die Schwelle ihres Hauſes überſchreiten wollten, kam der Die⸗ ner des Herrn Mametin und berührte Triſtan's Achſel. Er ſchien ſehr bewegt zu ſein. — Ach, mein Herr, ſprach er, kommen Sie doch ſo⸗ gleich zu uns. — Was giebt es? — Madame verlangt nach Ihnen. — Was iſt denn geſchehen? — HGerr Mametin iſt unwohl, deshalb gab mir Ma⸗ dame den Auftrag, Sie zu ſuchen; ich hatte Angſt, Sie nicht zu Hauſe zu finden. — Ich kehre bald zurück, ſprach er zu Wilhelm; er⸗ warten Sie mich. Mit einem Sprunge war er in dem Hauſe des Doctors. In dem Vorzimmer traf er Louiſe. Sie war bleich und zitterte. — 117— — Um des Himmels willen, rief Sie, eilen Sie, retten Sie ihn! — Ohne Sorgen, antwortete Triſtan, ich werde ihn retten. Louiſe und Triſtan reichten ſich die Hand, und nur ſie allein konnten die edeln und würdigen Gedanken ver⸗ ſtehen, welche ſie in dieſem Augenblicke hegten. Die junge Frau kehrte in ihr Zimmer zurück. Triſtan eilte in das Zimmer des Herrn Mametin, wo man ihn bewußtlos auf ſein Bett gelegt hatte. 10. Es war Zeit. Triſtan ließ Herrn Mametin zur Ader, worauf er einige Minuten ſpäter die Augen wieder aufſchlug. — Dank! war das erſte Wort des Greiſes. — Wo iſt Louiſe? war das zweite. — Madame hat ſich in ihr Zimmer zurückgezogen. Als ich ankam, ſchien ſie mir ſo ergriffen, daß Sie den Anblick Ihrer Ohnmacht nicht hätte ertragen können. — Das liebe Kind! ſprach der Doctor. —— — Jetzt kann ich ihr wohl ſagen laſſen, daß ſie komme? — Wollten Sie es ihr ſelbſt ſagen; ich habe mit ihr zu reden. — Ich fürchte, daß es Sie zu ſehr anſtrengt. — Ich werde mich in Acht nehmen; aber ich muß ſie durchaus ſprechen. Als Triſtan in Louiſe's Zimmer trat, fand er ſie betend auf den Knien. — Nun? fragte ſie den jungen Mann. — Es wird keine Folgen haben. — Habe Dank, mein Gott, rief Louiſe, Du haſt mich erhört! — Sie ſind ein Engel! ſprach Triſtan, indem er ſeiner Frau die Hand reichte. — Sie verzeihen mir dieſes Gebet, nicht wahr? ant⸗ wortete Louiſe, Gott würde mir ja verziehen haben, wenn ich vielleicht vorhin einen Gedanken gehegt hätte. — Herr Mametin fragt nach Ihnen; laſſen Sie ihn nicht zu viel reden, die Anſtrengung könnte ihm ſchaden. Louiſe ging nach dem Zimmer des Doctors. Als der Greis ſie eintreten ſah, lächelte er ihr mit Augen und Mund entgegen. 6 5 — Wie geht es Ihnen, mein Freund? fragte Louiſe. — 123— Nachdem Triſtan die Vorhänge des Fenſters und die e Betts geſchloſſen hatte, damit das Licht dem Kranken nicht läſtig werden konnte, holte er Wilhelm und ſtellte ihn Louiſe vor. Der Tag verging. Die beiden jungen Leute blieben zu Tiſche bei Madame Mametin. Da Letztere fürchtete, daß die erwartete Perſon während Triſtan's und Wilhelm's Anweſenheit eintreffen möchte, ſo entließ ſie ſchon frühzeitig ihre beiden Gäſte unter dem Vorwande, daß ſie der Ruhe bedürfe. Louiſe zog ſich auch wirklich, nachdem ſie ſich über⸗ zeugt, daß Herr Mametin ſchlief, in ihr Zimmer zurück, und Triſtan, der ſich in ſeinem Zimmer befand, ſah wie gewöhnlich ihr Fenſter erhellt. — Nun, ſprach Wilhelm, wie iſt es mit der Ge⸗ ſchichte, die Sie mir erzählen wollten? 3 — Ich dachte ſo eben daran. — Wollen Sie ſie mir immer noch mittheilen? — Ja. Wie finden Sie Madame Mametin? — Liebenswürdig im höchſten Grade. — Nicht wahr? fragte Triſtan in einem gewiſſen ſcherzenden Tone. — Nun? antwortete Wilhelm in einem bedeutungs⸗ vollen Tone. — — 124— — Hören Sie mich an, ſprach Triſtan. In dem Augenblicke, als er beginnen wollte, ſah er, daß ſich Louiſe's Fenſter öffnete. — Setzen Sie ſich in den Schatten, ſprach er zu Wilheln. Und in der That, das Fenſter war offen, und der allabendliche Kuß ward an ſeine Adreſſe befördert. Einige Augenblicke ſpäter erloſch das Licht. — Sie iſt zu Bett gegangen, ſprach Triſtan. — Was ſoll das alles heißen? fragte Wilhelm. — Setzt Sie das in Verlegenheit? — Etwas— — Denken Sie ſich— begann Triſtan. — Verzeihung, wenn ich Sie unterbreche, ſprach Wilhelm; aber ſehen Sie einmal jenen Mann in einen Mantel gehüllt, er ſcheint eine Hausnummer in dieſer Straße zu ſuchen. Triſtan ſah hin und gewahrte in der That einen Mann, der vor jedem Hauſe ſtehen blieb, die Nummer deſſelben betrachtete und dann ſeinen Weg fortſetzte, nach⸗ dem er ſich überzeugt, daß er noch nicht da war, wohin er wollte. — Ich möchte ihm rathen, bald das Haus zu fin⸗ den, das er ſucht, vennz wenn es das des Herrn NMamen nicht iſt, kommt er in das S — 125— Der nächtliche Spaziergänger blieb vor Herrn Ma⸗ metin's Thür ſtehen, zog langſam die Glocke, hüllte ſich feſter in ſeinen Mantel und wartete. Einige Augenblicke ſpäter öffnete ſich die Thür, und Louiſe, ein Licht in der Hand ließ den geheim⸗ nißvollen Fremden eintreten. — Wie, ſprach Wilhelm zu Triſtan, war das nicht Madame Mametin? Triſtan antwortete nicht. — Sieh, ſieh, ſieh! fuhr Wilhelm fort, Herr Ma⸗ metin thut wohl, daß er krank iſt. — Was wollen Sie damit ſagen? fragte Triſtan mit zitternder Stimme. — Ich will damit ſagen, daß Madame während die⸗ ſer Zeit ganz bequem ihren Galan empfangen kann. — Glauben Sie, daß dieſer Menſch Louiſe's Lieb⸗ haber ſei? — Ich möchte tauſend gegen eins verwetten! Eine Dame, die um dieſe Stunde, und noch dazu während der Krankheit ihres Mannes, einem in einen Mantel gehüllten Manne ſelbſt die Thür öffnet, läuft große Gefahr, von denen, die ſie ſehen, beargwöhnt zu werden. — Das iſt nicht möglich! murmelte Triſtan. Was?* 3 — — Was Sie ſo eben ſagten. — Was kümmert das Sie? — Warum? — Weil Madame Mametin meine Frau iſt. Das iſt die Geſchichte, die ich Ihnen erzählen wollte. Dieſe Geſchichte kam dem Handlungsbefliſſenen ſo un⸗ vermuthet, daß er rücklings auf einen Stuhl fiel. Während dieſer Zeit führte Louiſe den, den ſie ſo eben eingelaſſen, nach dem Zimmer des Herrn Mametin. An der Thür bat ſie ihn, ein wenig zu warten, dann trat ſie allein ein. Leiſe näherte ſie ſich dem Bette des Greiſes, und als ſie ſah, daß er ſchlief, zögerte ſie, ihn zu wecken. Da ſie ſich aber erinnerte, daß Herr Mametin ein großes Gewicht auf dieſen Beſuch legte, ergriff ſie die Hand des Kranken und weckte ihn. — Mein Freund, ſprach ſie, als er die Augen öff⸗ nete, die Perſon iſt da, welche Sie erwarten. — Laß ſie eintreten„antwortete Herr Mametin be⸗ wegt, und bleibe bei uns. Louiſe ging; nach einem Augenblicke kehrte ſie in Begleitung des geheimnißvollen Fremden zurück. — Jedenfalls, ſprach Triſtan in dieſem Augenblicke * — 127— bei ſich ſelbſt, jedenfalls waltet hier ein Geheimniß ob, und ich werde es morgen ſchon erfahren; daß Louiſe aber ei⸗ nen Liebhaber hat, iſt unmöglich. Nun erzählte er Wilhelm, der von der ſonderbaren Neuigkeit noch ganz betäubt war, die Einzelnheiten der Geſchichte, die wir bereits kennen. 11. Am nächſten Morgen ſtattete Triſtan ſeiner Frau ei⸗ nen Beſuch ab, den er mit der Krankheit des Herrn Ma⸗ metin motivirte. Zuerſt erkundigte er ſich nach dem Zu⸗ ſtande des Kranken, und dann, nachdem er erfahren hatte, daß er ſich beſſer befände, ließ er Madame Mametin ſagen, er habe mit ihr zu reden. Louiſe erſchien im Garten, wo ſie Triſtan, ihrer har⸗ rend, vorfand. — Louiſe, ſprach der junge Mann, indem er an ih⸗ rer Seite einen Spaziergang durch den Garten machte, es iſt wohl unmöglich, mehr Vertrauen, mehr Reue und mehr Discretion zu zeigen, als ich unter den ſonderbaren — Verhältniſſen, die ſeit einiger Zeit unter uns obwalten, an den Tag lege. — Es iſt wahr, mein Freund; deshalb auch bringt Ihnen jeder Tag die Verzeihung einer verfehlten Vergan⸗ genheit. — So arges Unrecht ich auch immerhin begangen haben möge, ſo erlauben Sie mir wohl, für dieſe Unter⸗ würfigkeit, eine Frage an Sie zu richten. — Es kommt darauf an, was die Frage enthält. — Ich werde Sie nur um die Wahrheit über einen Vorfall Ihres Lebens fragen. — Die Geſchichte meines Lebens gehört ganz Ihnen und ich bin bereit zu antworten. Fragen Sie. — Geſtern Abend iſt ein Mann in dieſes Haus ge⸗ kommen, nicht wahr? — Ja. — Wer iſt dieſer Mann? — Ich weiß es nicht. — Das iſt unmöglich! — Warum? — Sie ſelbſt haben ihm die Thür geöffnet, anſtatt dieſes Geſchäft einem Domeſtiken zu überlaſſen; Sie haben ihn erkannt, ſonſt hätten Sie ihn nicht ſo geheimnißvoll in das Haus eintreten laſſen. Wer iſt dieſer Mann? — Ich wiederhole Ihnen, daß ich es nicht weiß. — Dann erlauben Sie mir, alles vorauszuſetzen. — Nur das Schlechte nicht. — Das Schlechte iſt aber das Wahrſcheinlichſte. — Sie ſcherzen, mein Freund, oder ich verſtehe Sie nicht mehr. — Was wollte der Mann hier? — Er wollte mit Herrn Mametin reden! — Um dieſe Stunde! Die Sache war wohl ſehr wichtig? — Ja. — Und Sie ſelbſt haben dieſem Manne die Thür geöffnet? — Ich ſelbſt. — Wird dieſer Mann nicht wiederkehren? — Er wird wiederkehren. — Heute? — Dieſen Abend⸗ — Und immer ſo geheimnißvoll? — Immer. — Werden Sie ihm wieder die Thür öffnen? — Wie geſtern. — Sie wollen mit dieſem Vertrauen meinen Arg⸗ wohn abwenden, Louiſe. Dieſer Mann iſt Ihr Liebhaber. Die Holländerin. II. 9 — 130— — Sie ſind ein Narr. — Wollen Sie mir nicht ſagen, was dieſer Mann hier zu thun hat? — Nein. — So weiß ich, was mir zu thun bleibt. — Was wollen Sie damit ſagen? — Daß ich es erfahren werde. — Nur keine Unklugheit, mein Freund, eine Klei⸗ nigkeit kann uns verderben. Louiſe's große Ruhe machte unſern Helden irre. — Auf vieſen Abend, ſprach er, indem er ſich ent⸗ fernte. Louiſe ſtund im Begriffe, Triſtan zurückzurufen; es mochte aber ein Gedanke in ihr aufſteigen, der ſie davon abhielt, denn ſie ging langſam in das Haus zurück. Als Triſtan in ſein Zimmer trat, fand er Wilhelm, der einen Brief ſchrieb. Der Handlungsdiener ward feuerroth, als er ſah, daß er überraſcht ward. — Ich ſtöre Sie wohl? fragte Triſtan. — Nein, ich ſchrieb. — Schreiben Sie, beſter Freund, ich gehe. — Nein, nein, bleiben Sie. Wilhelm hätte gern geſehen, wenn Triſtan ihn um — 340— das gefragt, was er ſchrieb; aber Triſtan, der es vielleicht errieth, fragte ihn nicht. — An wen glauben Sie wohl, daß ich ſchreibe? ſprach Wilhelm nach einem Augenblicke. — Ich weiß es nicht. — An Euphraſia. Wilhelm erſeufzte tief und ſchwer. — Was fällt Ihnen ein? — Ich beantworte einen Brief, den ich vorhin em⸗ pfangen habe. ₰ — Und was ſagt dieſer Briefe — Daß mein Verdacht ungegründet ſei, daß ſie nach Paris reiſe, und daß ſie mich vor ihrer Abreiſe noch ein⸗ mal ſehen wolle. — Was antworten Sie darauf? „— Daß es unmöglich iſt. Wilhelm erſeufzte noch einmal. Es war erſichtlich, daß die Furcht, Triſtan möchte ſich luſtig über ihn machen, ihm die Antwort dictirt hatte, und daß er ſo ſchnell als möglich zu Euphraſta geeilt wäre, wenn er nur auf ſein Herz gehört. Triſtan begriff dies alles. — Warum bringen Sie ihr die Antwort nicht ſelbſt? fragte er. 9* — 132— Wie es ſchien, hatte Wilhelm dieſe Erlaubniß er⸗ wartet, denn ein Strahl der Freude leuchtete aus ſeinen Augen. — Wozu wäre das gut? Es iſt ja jetzt alles vor⸗ bei, fügte er gleichgültig hinzu, denn er hoffte, ſeinen Freund immer noch zu täuſchen. — Hören Sie mich an, lieber Wilhelm: es handelt ſich in dieſer Sache einzig und allein nur um Sie, und Sie thun unrecht, wenn Sie Ihrer Neigung Zwang an⸗ legen. Das Leben iſt kurz und nicht immer heiter, das weiß ich beſſer, als irgend jemand, und meine Anſicht iſt, daß man das thun muß, was glücklich macht, ohne ſich darum zu kümmern, was die andern dazu ſagen. — Sie ſagen mir das in einem faſt verdrüßlichen Tone.. — Durchaus nicht, ich ſpreche, wie ich es meine; meine Privatſorgen haben auf das, was ich Ihnen ſage keinen Einfluß. — Ach, ich liebte dieſe Frau unendlich, fuhr Wil⸗ helm fort, der fürchtete, das Geſpräch möchte eine andere Wendung nehmen und ihm entginge die Gelegenheit, Eu⸗ phraſia zu ſehen. — Nun, ſo gehen Sie doch zu ihr, ſprach Triſtan. Rathen Sie es mir? — 133— — Ja. — Werden Sie mir auch deshalb nicht böſe ſein? — Nein. — Ich will ſie ja nur noch einmal ſehen, um ihr zu ſagen, daß mein Entſchluß, mich in Zukunft fern von ihr zu halten, feſt ſtehe. Der verliebte Wilhelm ergriff leiſe ſeinen Hut, als ob er fürchtete, das geringſte Geräuſch könne die Empfind⸗ ſamkeit Triſtan's wieder wecken; dann trat er zu ihm, er⸗ griff die Hand ſeines Freundes und ſprach: — Sie ſind mir alſo nicht böſe? Ich will ſie nur noch ein einziges Mal ſehen, und dann iſt alles aus, das ſchwöre ich Ihnen. — Gehen Sie, mein beſter Freund, und thun Sie, was Ihnen gut ſcheint. Bin ich denn Ihr Herr gewor⸗ den? Bin ich nicht mehr Ihr Freund? Habe ich nicht ſtets gethan, was in meinen Kräften ſtund, um Ihr Glück nicht zu zerſtören? Gehen Sie denn zu ihr, aber, ich bitte, kommen Sie vor Einbruch der Nacht wieder zurück, es könnte ſein, daß ich Ihrer bedarf. — Seien Sie ohne Sorge, ſchon in einer Stunde bin ich wieder hier. Mein Geſchäft iſt bald abgethan. Weil ich daran denke, fuhr Wilhelm fort, der jetzt die Un⸗ terhaltung ändern zu können glaubte, da ihm erlanbt war — 134— zu gehen, wie ſteht es mit dem Manne von geſtern Abend? Wer iſt er? — Dieſen Abend werde ich Ihnen alles erzählen, doch kommen Sie um acht Uhr zurück. — In einer Stunde, wie ich Ihnen geſagt. Wilhelm verſchwand mit der Eile eines Schülers, der glaubte, den ganzen Tag zu Hauſe bleiben zu müſſen und um Mittag plötzlich die Erlaubniß erhält, auszugehen. Triſtan ſtattete einen zweiten Beſuch bei Herrn Ma⸗ metin ab, den er immer noch im Bette fand. Eine gewiſſe innere Zufriedenheit ſchien vortheilhafter auf die Geſund⸗ heit des Greiſes gewirkt zu haben, als die Ruhe, die er genoſſen. Louiſe war ausgegangen. Triſtan, der wußte, daß Wilhelm känger als eine Stunde ausbleiben würde, hielt ſich ſo lange im Hauſe des Herrn Mametin auf, als es ihm möglich war. Gegen vier Uhr entfernte er ſich; Louiſe war immer noch nicht zurückgekehrt. In dem Augenblicke, als er die Thür des Hauſes ſchloß, ſah er ſeine Frau zurückkommen. Er ging zu ihr⸗ — Woher kommen Sie? fragte er in einem ziemlich heftigen Tone. — Ich habe zwar niemandem Rechenſchaft über mein — 135— Thun und Laſſen abzulegen, da Sie es aber durchaus wiſſen wollen, ſo hören Sie: ich habe der Perſon, die Sie geſtern Abend geſehen, einen Gegenbeſuch abgeſtattet. — Louiſe, ſagen Sie mir, wer iſt dieſer Mann? Hüten Sie ſich, daß ich die Sache nicht zum Eclat bringe, denn ich bin der lächerlichen Lage müde, in die mich meine Liebe zu Ihnen ſeit drei Wochen verſetzt hat. — Nein. Da Sie wahrſcheinlich begreifen, daß da⸗ durch Ihre Lage noch lächerlicher werden würde, werden Sie ſich wohl ruhig verhalten. Außerdem liegt dieſer ganzen Angelegenheit nichts Böſes zum Grunde, und Sie würden herzlich über Ihren Verdacht lachen, wenn Sie näher davon unterrichtet wären. — Nun, ſo verſprechen Sie mir eins! — Was? — Enpfangen Sie heute Abend dieſe Perſon nicht. — Ich war ſo eben bei ihr, antwortete Louiſe lä⸗ chelnd, um ihr zu ſagen, daß ſie kommen ſolle. — und dann wird ſie wohl einen Theil der Nacht bei Ihnen zubringen? — Vielleicht die ganze Nacht. Beunruhigt Sie das, Eiferſüchtiger? — Es ſoll mich nicht lange mehr — Was ſoll das heißen? — 136— — Daß ich weiß, was mir zu thun bleibt. — Seien Sie klug; ich wiederhole es Ihnen zum zweiten Male. z — Ich danke für den Rath, Madame. — Auf morgen! ſprach Louiſe. — Vielleicht auf dieſen Abend! „Man baue nur auf die Liebe der Frauen,“ ſprach Triſtan bei ſich ſelbſt. Louiſe ging in ihre Wohnung und Triſtan in die ſeinige. Wilhelm war noch nicht zurückgekehrt. — Man glaube nur an die Freundſchaſt der Män⸗ ner! rief unſer Heros, als Wilhelm's Rückkehr ſich immer noch verzögerte. Doch Geduld, mein Herr Unbekannter, Sie ſollen mir für alles zahlen. Louiſe hat Recht, wenn ſie ſich über mich luſtig macht, denn es gehört in der That eine große Portion Dummheit dazu, das zu ertra⸗ gen, was ich ſeit drei Wochen ertragen habe, und, um meine Frau wieder zu beſitzen, den Tod eines Greiſes ab⸗ zuwarten, den ich in ſeiner Krankheit pflege und deſſen Leben zu erhalten ich für meine Pflicht erachte! Um ſechs Uhr kam Wilhelm zurück. — Ich erwartete Sie nicht mehr, ſprach Triſtan. — Glauben Sie mir, mein Freund, antwortete der — 137— Commis mit feierlicher, ernſter Stimme, ich konnte nicht früher zurückkehren. — Was iſt denn geſchehen? — Sie ſehen, daß ich noch ganz bewegt bin. — Und was iſt der Grund dieſer Bewegung? — Etwas, das ich nicht erwartete. Euphraſia em⸗ pfing mich mit einer großen Würde; ſie geſtand ihr Un⸗ recht ein, gab als Entſchuldigung meine Abweſenheit an, und ſchloß mit der Erklärung, daß ſie ſich meiner Liebe unwürdig halte, und daß ſie mich meiden wolle, um ihre Scham zu verbergen, die ſie nicht würde ertragen können, wenn ſie mit mir in einem und demſelben Lande bliebe. Dann erbot ſie ſich, mir meine Briefe zurückzugeben, ſie fügte aber hinzu, daß dieſe in der Ferne ihr einziger Troſt ſein würden, und ich hatte nicht den Muth, ſie ihr zu nehmen. Morgen reiſ't ſte nach Frankreich, ſchloß Wil⸗ helm ſeine Rede, ſank erſchöpft auf einen Stuhl und ſtützte den Kopf in ſeine Hand wie ein Menſch, der nicht mehr weiß, was er im Leben beginnen ſoll. — Nun, mein Freund, ſo müſſen Sie mit ihr rei⸗ ſen, ſprach Triſtan in einem Tone, als ob er ſagen wollte: „Sie werden mir mit der Zeit entſetzlich läſtig.“ — Unmöglich! — Warum? — 138— — Sie hat es mir verboten. — Haben Sie ihr den Vorſchlag dazu gemacht? — Ja. Wilhelm blickte zu Voden bei dieſem Geſtändniſſe. In dieſem Augenblicke trat die alte Frau ein. — Wollen die Herren zu Mittag ſpeiſen? fragte ſie. — Ich nicht, antwortete Triſtan. — Auch ich nicht, ſprach Wilhelm. Die Alte ging, die beiden Freunde waren wieder allein. — Sie ſagten mir, daß Sie meiner bedürften, fuhr Wilhelm fort, dem einleuchtete, daß dieſe Liebesſtreitigkeiten Triſtan läſtig werden mußten. — Wenn Sie nichts zu thun haben. — Sie wiſſen, daß ich ſtets für Sie zu allem bereit bin. — Ich habe zu ſchreiben, lieber Wilhelm, und Sie wahrſcheinlich auch. Gehe ein jeder von uns jetzt auf ſein Zimmer, und wenn der Augenblick da iſt, wo wir ver⸗ einigt ſein müſſen, werde ich Sie abholen. — Triſtan ging in ſein Zimmer und ſchrieb einen langen Brief. Auf den Unſchlag ſetzte er die Adreſſe: „An Herrn Mametin.“ Während dieſer Zeit war die Nacht eingebrochen, unſer — 139— Held nahm ſeinen Platz am Fenſter und erwartete den Mann vom verfloſſenen Abend. Es währte nicht lange, ſo ſah er den Schatten deſ⸗ ſelben, der ſich auf der Mauer bildete, dem Hauſe des Doctors zuſchweben. Triſtan ergriff eilig ſeinen Hut, verließ ſein Zimmer, öffnete Wilhelm's Thür, indem er ſprach:„Erwarten Sie mich,“ und ging zum Hauſe hinaus. In dem Augenblicke, als er über die Straße ging, hatte der Unbekannte Louiſe's Haus erreicht. Triſtan ſtellte ſich zwiſchen ihn und die Thür. — Wohin, mein Herr? fragte Triſtan. — Dahin, wohin ich gehe, antwortete der Mann im Mantel. Triſtan bebte zuſammen bei dem Tone dieſer Stimme, denn ihm war, als ob er ſie ſchon gehört hätte. — Sie werden aber nicht dahin gehen, mein Herr, ſprach Triſtan, indem er ſich beugte, um die Züge dieſes Mannes unterſcheiden zu können. — Das wollen wir ſehen, rief dieſer, und entledigte ſich ſeines Mantels, indem er ihn hinter ſich warf. In dieſem Augenblicke trat der Mond hinter einer Wolke hervor und beleuchtete die Geſichter der beiden Männer. — 140— — Triſtan! rief der eine zurücktaumelnd. — Henry von Saint⸗Ile! der andere, indem er wie Lott's Salzſäule daſtand. — Wie, Sie ſind es? — Ich ſelbſt! — Zürnen Sie mir nicht mehr, lieber Triſtan? — Weshalb? — Wegen Henriette's und des Degenſtichs. — Nein; Sie müſſen mir aber ſagen, was Sie hier zu thun haben. — Sehr gern. — Eins muß ich indeß vorausſchicken. — Reden Sie. — Sollten Sie der Liebhaber der Madame Mametin ſein, ſo werden wir abermals beginnen, uns die Hälſe zu brechen.— — Beruhigen Sie ſich, ich bin es nicht. Aber wel⸗ ches Intereſſe können Sie an der Tugend dieſer Dame nehmen? Ich muß Ihnen auch etwas vorausſchicken: ſoll⸗ ten Sie der Liebhaber der Madame Mametin ſein, ſo werden wir uns ebenfalls die Hälſe brechen. — Ich bin es um nichts mehr, als Sie. — Ihr Angriff muß aber doch einen Grund haben? — So gut wie Ihre Beſuche einen Grund haben. — 141— — Ganz gewiß. Sagen Sie mir Ihren Grund, ich werde Ihnen den meinigen ſagen. — Werden Sie verſchwiegen ſein? — Wie das Grab. Henry raffte ſeinen Mantel wieder auf, Triſtan ergriff Henry's Arm und beide Männer gingen in der Straße auf und ab.. Louiſe, die ſich zitternd an das Fenſter geſetzt, als ſie die beiden Stimmen gehört hatte, konnte ſich den Aus⸗ gang dieſer Scene nicht erklären. — Sie wiſſen, ſprach Triſtan, wie ich den armen Karl am Tage unſers erſten Zuſammentreffens getödtet habee — Ja. — Sie könnten ſelbſt, wenn es ſein müßte, meine Unſchuld bezeugen. — Vollkommen. — Sie wiſſen, daß ich eine Frau zurückließ? — Sie haben es mir geſagt. — Karl iſt unter meinem Namen beerdigt. — Durch wen? — Durch den Doctor Mametin. — Weiter. — Meine Frau war Witwe. — — Recht. — Und der Doctor hat ſie geheirathet. — Himmliſch! — Demnach wache ich über ſie, ohne weder ihr Mann, noch ihr Liebhaber zu ſein. Da ich in Ihnen meinen Stellvertreter erblickte, wollte ich Sie tödten; ver⸗ ſtehen Sie? — Ich verſtehe. — Ich fragte Louiſe, was Sie hier machten. — Hat ſie es Ihnen geſagt? — Nein. — Berr Mametin hat es ihr verboten. — Gehen Sie denn zu Herrn Mametin? — Nur zu ihm. — Erzählen Sie. — Die Sache iſt ſehr einfach. Sie erinnern ſich, daß ich Ihnen an dem Tage, wo wir uns das erſte Mal ſahen, ſagte, ich habe meine Eltern nie geſehen. — Ich erinnere mich. — Dies war das größte Unglück meines Lebens. Nun zur Sache: Vor einigen Tagen erhalte ich alſo einen Brief von einem Notar aus Amſterdam, worin er mir ſchreibt, er ſei beauftragt, mir meine Penſion auszuzahlen und ich möge ſie ſobald als möglich abholen. Ich eile le — 143— hierher. Der Notar ſagt mir, daß ein gewiſſer Mametin, der mich ſchon ſeit langer Zeit ſuche, etwas von der größten Wichtigkeit mir mitzutheilen habe. Es war ſpät, deshalb wollte ich am nächſten Morgen dem Doctor meinen erſten Beſuch abſtatten; der Notar aber ſagt mir, daß Herr Ma⸗ metin wünſche, ich möge mich gleich bei meiner Ankunft ihm vorſtellen. Ich ging alſo geſtern Abend noch zu dem Doctor, und fand ihn im Bette. Er reichte mir die Hand, fragte mich über mein Leben, weinte bei meinen Leiden und ſchloß mit dem Geſtändniſſe, daß ich der Sohn einer vornehmen Dame ſei, die vor Kurzem geſtorben und ihn im Sterben von dem Eide entbunden habe, den er ihrer Ehre wegen geſchworen und wonach er mir nicht früher den Vater nennen ſolle, als bis ſie todt ſei. Dann ſchloß er mich in ſeine Arme, weinte und nannte mich ſeinen Sohn. — Ein ſonderbares Abenteuer! — Denken Sie ſich meine Ueberraſchung! Heute war ich nun bei dem Notar, wie mein Vater mir geſagt, und habe eine Acte von ihm anfertigen laſſen, wonach er mich als ſeinen Sohn anerkennt und mit ſeiner Frau zu ſeinem Erben einſetzt. Das iſt meine Geſchichte, mein Freund. — Ihre Geſchichte iſt fröhlicher als die meinige. — Heute Abend wird die Aete unterzeichnet. Die — S———— — — ganze Sache kommt mir um ſo gelegener, als ich in ein reizendes junges Mädchen verliebt bin, um deſſen Hand ich deswegen mich nicht bewarb, weil ich nicht wußte, wo meine Familie war. Jetzt aber kann ich meine Geliebte heirathen, ſobald ich zurückkehre. — Nun, mein Freund, ſo möge Ihnen der Himmel Glück verleihen, das iſt alles, was ich Ihnen wünſche. — Da füllt mir etwas ein, ſprach Henry plötzlich, indem er ſich an die Stirne ſchlug. — und was? — Mein Vater hat mir die Umſtände nicht mitge⸗ theilt, unter denen er ſich verheirathet hat; er hat meine Abenteuer angehört, ohne mir die ſeinigen zu erzählen. — Nun? — Ich erzühlte ihm meinen Mordverſuch im Walde von Boulogne und folglich auch unſer Begegnen. — Natürlich. — Dann fragte er mich um Ihr Schickſal, und als. ich ihm ſagte, daß Sie nicht todt wären, ſchien er ſehr bewegt zu ſein, ſo viel ich mich erinnere. — War Louiſe gegenwärtig? — Nein, ſie hatte das Zimmer verlaſſen. — Was ſagte er hierauf? — Nichts, das mir in jenem Augenblicke aufgefallen — —— wäre. Ich beſinne mich jedoch, daß er mich fragte, ob Sie in Mailand geweſen wären. Ich antwortete ihm, was ich erfahren, daß Sie der Tenor ſeien, der als Othello vebütirt und deſſen Verſchwinden ſo viel Aufſehen erregt habe. — Schien er nicht meine Anweſenheit in Amſterdam zu argwöhnen? — Nein. Im erſten Augenblicke glaubte ich, daß die bloße Neugierde ihn veranlaßte, mich um Ihre Aben⸗ teuer zu fragen; nach dem aber, was Sie mir geſagt, fürchte ich, eine meiner gewöhnlichen Ungeſchicklichkeiten verübt zu haben. — Ich habe Herrn Mametin den ganzen Tag nicht beſuchen können. Louiſe muß dieſen Umſtand nicht wiſſen, denn wäre er ihr bekannt, hätte ſie ihn jedenfalls mir ſchon mitgetheilt. Und was war der Schluß aller dieſer Fragen? — Der ausdrückliche Auftrag, dem Notar zu ſagen, daß er dieſen Abend komme. Er wird mich wahrſcheinlich ſchon erwarten. — Beſter Freund, ſollten Sie etwas erfahren, ſo ha⸗ ben Sie wohl die Güte und theilen es mir mit. — Auf der einen Seite klärt ſich die Sache auf, auf der andern verwickelt ſie ſich wieder. Die Holländerin. II. — 146— — Vor allen Dingen ſuchen Sie zu erfahren, ob Herr Mametin den Argwohn hegt, daß ich Louiſe's Mann bin, und weiß er es, ſo ſagen Sie ihm offen, daß wir deshalb geſchwiegen, weil wir fürchteten, ihm Kummer zu bereiten. — Tragen Sie keine Sorge, antwortete Henry, ich bin glücklich und werde alles aufbieten, um Ihnen nützlich zu werden. Das Glück macht überhaupt diejenigen gut, welche, wie ich, nicht gewohnt ſind, glücklich zu ſein. Mit einem freundſchaftlichen Handſchlage trennten ſich die beiden Männer. Triſtan ging zu Wilhelm, der ſo in ſeinen Schmerz vertieft war, daß er den Eintritt ſeines Freundes nicht hörte. — Der iſt nicht zu heilen, dachte Triſtan, als er ſeinen Freund erblickte. Henry zog die Glocke an der Thür des Doctors. Louiſe öffnete wie Abends zuvor. — Guten Abend, meine beſte Mutter, ſprach Henry. — Guten Abend, antwortete Louiſe lächelnd. — Iſt der Notar da? — Ja. — Iſt etwas Neues vorgefallen? Nichts, das ich wüßte. — 14⁴7— 12. Als Henry in das Zimmer ſeines Vaters trat, fand er ihn mit dem Notar allein. — Mein Vater, Sie haben eine Unklugheit began⸗ gen, ſprach er, indem er näher trat. — Nein, mein Sohn, ſo iſt es recht, ganz recht, antwortete der Doctor, indem er Henry die Hand reichte. Iſt alles in Ordnung, mein Herr? wandte er ſich zu dem Notar. — Ja, antwortete dieſer. — Gut; ſo legen Sie meinem Sohne das Papier vor. Der Notar legte Henry eine Acte vor, worin ihn ſein Vater anerkannte und zu Louiſe's Adoptiv⸗Sohn machte. — Danke, danke, mein Vater! rief Henry, indem er ſich in die Arme des Doctors warf. — Jetzt, ſprach Herr Mametin, geh zu Louiſe, um ihr zu danken. Ich möchte mit dieſem Herrn noch einen Augenblick allein ſein. Der junge Mann ging zu Louiſe und dankte ihr, indem er ihr ehrfurchtsvoll die Hand küßte. 10* — 148— Als Henry ſich entfernt hatte, fuhr Herr Mametin fort zu ſchreiben. Von Zeit zu Zeit fragte er den Notar um die üblichen Formen bei dergleichen Sachen. — Auf dieſe Weiſe, ſprach er, nachdem er dem No⸗ tar ſein Teſtament vorgeleſen, wird mein Sohn ſein Ver⸗ mögen und meine Frau das ihrige beſitzen. Im Fall ich ſterben ſollte, wird ſie ſich wieder verheirathen und ihrem neuen Gatten dieſes Vermögen ohne Streit zubringen kön⸗ nen, nicht wahr? tnd — Ja, mein Herr. — Gut. Herr Mametin verſiegelte den Brief, den er geſchrie⸗ ben hatte, ſtand auf, und übergab ihn dem Notar mit den Worten: — Ich danke Ihnen, mein Herr, für Ihren guten Rath, der, ſo hoffe ich, meinen Erben noch lange nützlich ſein wird. Der Doctor lächelte dem ernſten Manne zu; dieſer aber hielt es ſeiner würdig, ſich ohne zu lächeln zurück⸗ zuziehen. Sobald Herr Mametin allein war, ſtand er ſtill, in⸗ dem er die Hand an ſeine Stirn legte, als ob ein ſchwan⸗ kender Gedanke ſich zur Gewißheit in ſeinem Geiſte ge⸗ — 149— ſtaltet habe, und als ob er dieſen Gedanken wieder ändern wollte. — Es muß geſchehen, ſprach er. Dann zog er ein Fläſchchen aus ſeiner Taſche, goß den Inhalt deſſelben in eine mit Waſſer gefüllte Caraffe, die auf einem Tiſche ſtand und zog die Glocke. Ein Diener erſchien. — Man ſage meinem Sohne, daß ich ihn zu ſpre⸗ chen wünſche. Als der Diener das Zimmer verlaſſen, öffnete der Doctor das Fenſter, warf das Fläſchchen, das er geleert hatte, in den Garten und ſog mit großen Zügen die friſche Luft ein. Ein leichtes Fröſteln durchbebte ſeine Glieder. Henry erſchien und traf Herrn Mametin am Fenſter. — Noch eine Unklugheit, mein Vater, ſprach der junge Mann; Sie haben Fieber und ſetzen ſich der kalten Luft aus, die leicht gefährlich für Sie werden kann. — Fürchte nichts, mein Kind, das Glück iſt ein Univerſalheilmittel; ſeit geſtern bin ich geheilt. — Sie haben mich rufen laſſen, lieber Vater. — Ja, mein Sohn, ſprach der Greis, indem er ſeine Hand auf Henry's Arm legte und ſich auf das Fenſterbret ſetzte; ich wünſchte, daß Du mir noch einmal Deine Ver⸗ zeihung ausſprichſt. —— — Mein Gott, was habe ich Ihnen zu verzeihen? — Das Schweigen, das ich ſo lange beobachtet und das Unglück, welches ich Dir während ſo langer Zeit be⸗ reitet. Es war nicht meine Schuld, wie ich Dir hereits geſagt, mein Kind. Deine Mutter hatte mich ſchwören laſſen, daß Du, ſo lange ſie am Leben ſei, weder ihren noch meinen Namen erfahren ſollteſt. Jetzt iſt ſie todt, und bevor ſie ſtarb, ſandte ſie mir einen Brief für Dich. Ich habe Dir den Brief gegeben, Du haſt ihn mir vor⸗ geleſen und beide haben wir meine Entſchuldigung darin gefunden. Ich weiß, daß Du Dich verheirathen willſt, ich weiß aber auch, daß dieſe Heirath von dem abhängt, was ſich hier ereignet; darum meine ich, Du reiſeſt morgen in aller Frühe, denn ich will Dein Glück nicht halb begrün⸗ det haben. Ich habe deshalb dieſe Unterredung mit Dir gewünſcht, weil der Tod wacht an der Thür der Leute meines Alters, und weil, wenn ich ſterbe ehe Du reiſeſt, mein Tod Dein Glück verzögern und das Vergehen mei⸗ nes Lebens fortſetzen würde. Auch bin ich ſeit zu kurzer Zeit Dein Vater, um Dich jetzt ſchon zur Trauer zu ver⸗ urtheilen; ich will, daß Du reiſeſt, und daß Du ſobald als möglich mir Deine Frau zuführſt. Auf Wiederſehen denn, mein Kind. Schreibe mir von Paris aus und ſei glücklich als Lohn für Deine ungluͤckliche Vergangenheit. — 151— Mit Thränen in den Augen umarmte der Greis ſei⸗ nen Sohn. — Jetzt ſende mir Louiſe. In dieſem Augenblicke erinnerte ſich Henry Triſtan's Auftrages. — Mein Vater, ſprach er, die Gewißheit, daß ich eine treu ergebene Frau bei Ihnen zurücklaſſe, beſtimmt mich zu reiſen. — Du haſt Recht, mein Freund, Louiſe iſt ein Engel. — Der viel gelitten hat, wie Sie mir geſagt haben. — Es iſt wahr; das arme Kind! — Sie haben mir aber noch nicht geſagt, mein Va⸗ ter, wie Sie Louiſe kennen gelernt? — Als ich ſie das erſte Mal ſah, ſprach Herr Ma⸗ metin, der anfangs zu antworten zauderte, lag ſie ohn⸗ mächtig auf der Straße. Ich hob ſie auf. Wie ich er⸗ fuhr, ſuchte ſie ihren Mann, der ſie verlaſſen hatte, um ſich zu tödten. Die Nachricht von ſeinem Tode war die Urſache ihrer Ohnmacht. — Das iſt ſeltſam. — Wie? ſprach zitternd Herr Mametin. — Wie nannte ſich ihr Mann? — Triſtan. — 152— — Dieſer Triſtan iſt derſelbe, mit dem ich mich zu gleicher Zeit tödten wollte, und den ich ſpäter in Italien wieder angetroffen habe. — Du irrſt, mein Freund, antwortete der Doctor und verſuchte ſeiner Stimme Feſtigkeit zu geben; es iſt derſelbe Name, dieſelbe Geſchichte, aber nicht dieſelbe Perſon. — Sind Sie deſſen gewiß? — Ganz gewiß. Als Du mir von dieſem Triſtan erzählteſt, ſtiegen in mir ebenfalls Zweifel empor; aber da ich ſelbſt ihn habe beerdigen laſſen, bin ich von ſeinem Tode überzeugt. „Er hat Triſtan geſehen, dachte der Doector, und er fragt mich.“. „Er zweifelt nicht, dachte Henry; um ſo beſſer!“ — Nun, mein Vater, ſo werde ich Ihnen Louiſe ſenden. — Doch zuvor, ſprach Herr Mametin mit einer leich⸗ ten Bewegung, die ſein Sohn nicht bemerken konnte, gieb mir ein Glas Waſſer, mich dürſtet. Henry gab ſeinem Vater, was er verlangte. Dieſer ergriff das Glas und trank den Inhalt deſſel⸗ ben in einem Zuge. — Lebe wohl, mein Kind, ſprach er dann, indem er den jungen Mann noch einmal umarmte; auf baldiges Wiederſehen. — 153— Henry ging und einige Augenblicke ſpäter trat Louiſe ein. — Da bin ich, mein Freund, ſprach die junge Frau. Während dieſer Zeit wollte Henry zu Triſtan gehen; dieſer aber, der ihn erwartete, hatte ihn aus dem Hauſe kommen geſehen und war ihm bis an die Thür entgegen gegangen. — Nun? fragte er. — Er weiß nichts, antwortete Henry. — So muß ich reiſen, denn meine Lage iſt nicht mehr zu ertragen. — Auch ich rathe Ihnen dazu, meines Vaters und Ihrer eigenen Ruhe wegen. — Und Sie? — Ich reiſe morgen. — Wohin? — Nach Paris. — So ſehen wir uns dort. — Gedenken Sie nach Paris zu gehen? — Ja. Ich habe einen Freund, der nichts ſehnlicher wünſcht, als Frankreich zu ſehen. — Auf Wiederſehen, beſter Freund! — Leben Sie wohl! Triſtan kehrte in ſein Zimmer zurück und Henry ver⸗ ſchwand. — 154— — Mein liebes Kind, ſprach Herr Mametin zu Louiſe, ich glaube, daß ich ein wenig Fieber habe. Henry hatte Recht, als er ſprach, die Abendluft könnte mir ſchaden. Laß Herrn Triſtan rufen. Doch zuvor ſchließe das Fen⸗ ſter und gieb mir ein Glas Waſſer. Louiſe that, was er verlangte. Herr Mametin trank dieſes zweite Glas wie das erſte. — Dieſes Waſſer hat einen ſchlechten Geſchmack, ſprach er; ſchütte es in den Garten und bringe mir dieſe Caraffe voll friſchen Waſſers. Louiſe verließ das Zimmer. In dem Augenblicke, als ſie durch den Speiſeſaal ging, hörte ſie den Papagei ſchreien. Sie trat zu dem Käfig, um zu ſehen, was ihm fehle. — Armer Jacob, ſprach ſie, Du haſt Durſt! Bei dieſen Worten füllte ſie das Trinkgeſchirr des Thieres mit dem Waſſer, das ſie im Begriffe ſtand aus⸗ zuſchütten, den Reſt goß ſie an einen Roſenſtock im Gar⸗ ten. Dann gab ſie Befehl, Herrn Triſtan zu holen, und kehrte endlich zu ihrem Manne zurück, den ſie im Bette antraf. Einige Augenblicke ſpäter trat Triſtan in das Zim⸗ mer des Greiſes. — Befinden Sie ſich ſchlechter? fragte unſer Held, als er Herrn Mametin in ſeinem Bette ſah. — 155— — Ja, antwortete dieſer, mich friert. — Decken Sie ſich feſt zu, Sie haben Fieber. Sie ſind wahrſcheinlich unvorſichtig geweſen? — Ich hatte mich an das Fenſter geſetzt; es wird hoffentlich keine übeln Folgen haben, auch habe ich Sie deshalb nicht rufen laſſen. Setzt Euch Beide an mein Bett, meine Kinder, und hört mich an. — Unwillkührlich begegneten ſich Triſtan's und Lyuiſe's Blicke. — Gebt mir Eure Hände, Kinder, fuhr der Greis fort. Ihr beſitzt Beide edle und gute Herzen, und Gott — hat wohlgethan, mich Euch entgegenzuſenden, damit ich Euch vereinigen könne, mich, den er gewählt zu haben ſchien, Euch zu trennen. Ich weiß alles, meine Kinder, ich kenne Eure Ergebenheit und kenne das Opfer, das Ihr dem Glücke eines Greiſes bringt, der nur noch kurze Zeit zu leben hofft, der aber, bevor er ſtirbt, dieſes Opfer dankbar anerkennen will. „Hier iſt Ihre Gattin, Triſtan. Danken Sie dem 1 Himmel, der, als er ſie von Ihnen trennte, mich ihr ſandte, wie ich ihm dafür danke, daß er ſie mir anvertraut. Seit⸗ dem Louiſe Sie in Mailand wiedergefunden, hat ſie viel gelitten, doch nie hat ein Wort die Neigung geſchwächt, die ſie mir geſchworen, nie der geringſte Anflug von Trau⸗ — 156— rigkeit das Glück getrübt, das ſie mir verſprochen hatte. Ich habe durch meinen Sohn erfahren, als ich mich deſ⸗ ſen am wenigſten verſah, daß die Vorſehung Euch wieder vereinigt hat; ich wollte aber, daß dieſes Geheimniß nur von uns Dreien gekannt ſei, und deshalb ließ ich ihn bei dem Glauben, als er mich fragte, ich wiſſe von nichts. Obgleich mein Tod Euer Glück begründet hätte, ſo hat mich Triſtan dennoch mit kindlicher Ergebenheit in meiner Krankheit behandelt. Nun hört mich an. Ich bin alt. Ich habe nur noch wenige Jahre, vielleicht nur we⸗ nige Tage zu leben. Mein Sohn, den ich ſeit einigen Tagen wiedergefunden, geht nach Paris, um ſich dort zu verheirathen; es iſt vorauszuſehen, daß er ſich ganz ſeiner neuen Familie widmen wird. Ich habe nur noch eine Freude, eine Stütze, die iſt Louiſe; deshalb, mein Freund, bitte ich Sie, bringen Sie mir das letzte Opfer und ge⸗ ſtatten Sie, daß ſie mich bei den letzten Schritten meines Lebens begleite. Sie lieben aber Ihre Srun und es iſt vorauszuſehen, daß Sie früher oder ſpäter unter dem Opfer, welches Sie ſich aufgebürdet, erliegen werden, daß Sie vielleicht jetzt ſchon, dieſes ſeltſamen Lebens müde, ein Mittel erſonnen, es zu ändern, oder wohl gar zu brechen— antworten Sie mir, habe ich Recht?“ — 157— — Es iſt wahr, antwortete Triſtan, den dieſe uner⸗ wartete Scene tief ergriffen hatte. — Und was haben Sie beſchloſſen? — Ich habe beſchloſſen, abzureiſen. — Dieſes war das beſte Mittel, mein Freund, ohne Vorwurf das abzuwarten, was Sie, im Grunde genom⸗ men, wünſchen müſſen. So reiſen Sie denn, reiſen Sie morgen, ein Greis, ein Freund fordert es von Ihnen. Ge⸗ hen Sie nach Frankreich und ſeien Sie der Freund meines Sohnes, deſſen Unerfahrenheit eines Leiters bedarf. Sor⸗ gen Sie für ihn, und an demſelben Tage, wo Sie ſehen, daß er Trauer anlegt, kehren Sie hierher zurück, und Sie werden Louiſe vorfinden, die dann keine andere Pflichten mehr zu erfüllen hat, als Ihnen zu folgen. Werden Sie nur nicht ungeduldig, fuhr der Doctor fort, indem er die Hand des jungen Mannes drückte, es wird nicht lange mehr dauern. Louiſe weinte und unſerm Triſtan ſelbſt traten die Thränen in die Augen. — Mein Vater, rief er, erlauben Sie mir, daß ich Sie ſo nenne, ich bin zu allem bereit, was Sie von mir fordern; aber ich ſchäme mich, Sie jetzt zu verlaſſen, jetzt, da Sie krank ſind. Ich ſchwöre Ihnen, daß niemand, — 158— und wäre es Ihr leiblicher Sohn, mit mehr Liebe für Sie ſorgen würde, als ich. — Die Aufregung dieſes Tages hat mich ein wenig angegriffen, ſprach der Greis mit zitternder Stimme, ich bedarf der Ruhe; darum zieht Euch zurück, meine Kinder. Du, Louiſe, bete zu Gott, ſo lange Du kannſt, und Sie, Triſtan, mögen ſich zur Abreiſe rüſten. Morgen Mittag erwarte ich Euch Beide, vielleicht habe ich Euch noch etwas zu ſagen. Nachdem Louiſe und Triſtan die Stirn des kranken Greiſes geküßt, zogen ſie ſich zurück. Schweigend reichten ſich die beiden jungen Leute die Hände, dann trennten ſie ſich mit einem Gefühle, das die menſchliche Sprache nicht bezeichnen kann. Als Triſtan in ſein Zimmer trat, ſaß Wilhelm und betrachtete die Sterne. Er klopfte ihn auf die Achſel. — Packen Sie Ihre Koffer, ſprach er. — WMeine Koffer? — Ja. — Soll ich reiſen? — Ja, wir reiſen. — Wann? — Morgen. — — 159— — Und wohin? — Nach Paris. Wilhelm ſprang Triſtan an den Hals und drückte 1 ihn ſo feſt in ſeine Arme, als ob er ihn erſticken wollte. Einige Minuten ſpäter hörte Triſtan ſeinen Freund Stühle und Tiſche über einander werfen: er packte ſeine Koffer. 13. Schon früh am nächſten Morgen war Triſtan bei Louiſe. Sie weinte, als er eintrat. — Was fehlt Ihnen? fragte er. — Es iſt vielleicht eine Thorheit, daß ich weine, antwortete ſie; aber ein kleines Unglück ſcheint immer ein größeres anzukündigen. Ich bin ein wenig abergläubiſch, mein Freund, kommen Sie, Sie ſollen ſehen, worüber ich weine. — Louiſe nahm Triſtan bei der Hand, führte ihn in den Garten und zeigte ihm den todten Papagei, deſſen Körper man auf eine Bank gelegt hatte —— ———————— — 160— — Armes Thier! ſprach Triſtan mit Thränen in den Augen. Dann näherte er ſich dem Thiere, nahm es, betrach⸗ tete es, und küßte mit einer Rührung, die leicht erklärlich iſt, den noch warmen Kadaver. — Woran iſt er geſtorben? fragte Triſtan, indem er Louiſe anſah. — Ich weiß es nicht; als ich ihm dieſen Morgen ſein Futter bringen wollte, lag er auf dem Boden ſeines Käſigs. — Sonderbar; er war doch geſtern nicht krank. Triſtan öffnete das geſchloſſene Auge des Thieres. — Das Auge iſt verglaſt, ſprach er, man ſollte glau⸗ ben, dieſer Papagei ſei vergiftet. — Vergiftet! antwortete Louiſe; von wem? — Das möchte ich auch wiſſen. Wo iſt ſein Käfig? — In dem Speiſeſaale. Triſtan ging nach dem von Louiſe bezeichneten Orte und unterſuchte die Gefäße, worin ſich die Futterkörner und das Waſſer befanden. Er tauchte ſeinen Finger in das Waſſer und brachte ihn an die Lippen. — Dieſes Waſſer iſt vergiftet! ſprach er. — Dieſes Waſſer? rief Louiſe erbleichend. — Ja, dieſes Waſſer! —— Die Holländerin. II. — — Sind Sie davon überzeugt? Triſtan erneuerte die Probe. — Ganz gewiß! rief er. — Das iſt nicht möglich! rief Louiſe und ſank in die Knie. — Warum? — Ich habe dieſes Waſſer in das Gefäß gegoſſen. — Woher haben Sie es genommen? — Herr Mametin gab es mir, um es auszuſchütten, es ſei bitter, ſagte er. Triſtan ward bleich. — Haben Sie Herrn Mametin dieſen Morgen ſchon geſehen? fragte er Louiſe. — Nein. — Hat er noch nicht gerufen? — Nein. — Auch in der Nacht nicht? — Nein. — Hat er von dieſem Waſſer getrunken? — Ein großes Glas. — Gehen Sie ſchnell in ſein Zimmer, ſprach Triſtan. — Mit Ihnen? — RNein, allein. Ich werde hier warten. Louiſe wagte nicht, ihren Platz zu verlaſſen⸗ 11 162 — Eilen Sie, eilen Sie, mahnte Triſtan, er hat vielleicht noch Zeit, Ihnen etwas zu ſagen. Louiſe ging. Eine Seeunde ſpäter klopfte ſie mit ge⸗ preßtem Herzen an die Thür des Doectors; es erfolgte aber keine Antwort. Hierauf öffnete ſie die Thür, und Triſtan, der einige Stufen der Treppe erſtiegen hatte, hörte plötzlich einen Schrei und das Geräuſch, das ein Körper verurſacht, wenn er zu Boden fällt. Haſtig eilte er in das Zimmer, in das Louiſe gegangen war. Dieſe lag ohnmächtig am Boden und hielt in der Hand ein Papier, das ſie auf Herrn Mametin's Bette ge⸗ funden hatte und folgende Worte, von der Hand des Doctors geſchrieben, enthielt: „Es iſt beſſer, daß Triſtan nicht reiſ't.“ Herr Mametin war todt. Sſchl u ß. Seit den Ereigniſſen, die wir dem Leſer mitgetheilt haben, waren drei Monate verfloſſen, als Louiſe und Tri⸗ ſtan, ſchwarz gekleidet, in einem Zimmer des Hotel Maurice zu Paris das Mittageſſen eingenommen hatten. Ein Die⸗ ner trat ein und meldete: — 163— — Berr Wilhelm. — Willkommen, beſter Freund! rief Triſtan. Es iſt lange her, daß wir uns nicht geſehen haben. Wilhelm, bläſſer und viel beſſer gekleidet, als wir ihn früher gekannt, küßte mit großem Anſtande die Hand, welche ihm Louiſe reichte, und ließ ſich an Triſtan's Seite nieder. — Ich habe gehört, daß Sie morgen abreiſen, ſprach er. — Es iſt wahr. — Würden Sie dieſe Reiſe wohl um einige Tage aufſchieben? — Wenn Ihnen ein Dienſt damit geleiſtet wird, gern. — Das iſt es eben. — So bin ich der Ihrige, beſter Freund. Was kann ich thun? — Sie ſollen mir als Zeuge dienen. — Wollen Sie ſich ſchlagen? — Nein, ich verheirathe mich. — Ah! Und mit wem? — Mit einem reizenden jungen Mädchen, das ich liebe und das mich ein wenig wieder liebt, wie ich glaube. — Und die frühere Liebe? — Ich werde Ihnen ſpäter alles erzählen; für jetzt theile ich Ihnen nur mit, daß ich davon geheilt bin. 11* — 164— — Dann bin ich zufrieden. — Aber dies iſt noch nicht alles. Ich muß Sie meiner künftigen Schwiegermutter vorſtellen. — Wann? — Ich komme, um Sie zu holen. — Sogleich? — Ja. — Ich kleide mich an und bin der Ihrige. Triſtan ging in ſein Zimmer und ließ Wilhelm und Louiſe allein. — Sie zürnen mir doch nicht, daß ich eine Verzö⸗ gerung Ihrer Reiſe herbeiführe, Madame? — Durchaus nicht, mein Herr; ich kenne und theile die Freundſchaft meines Mannes für Sie. — Tauſend Dank, Madame! Wohin gehen Sie? — Nach Italien. Eine Caprice veranlaßt mich, das Land, welches jeder von uns allein bereiſ't hat, in Geſell⸗ ſchaft meines Mannes noch einmal zu beſuchen, um die verſchiedenen Eindrücke, die wir dort gehabt, gemeinſchaft⸗ lich zu empfinden. — Ich bin bereit, ſprach Triſtan, der völlig ange⸗ kleidet aus ſeinem Zimmer trat. Gehen wir weit? — Zu den Italienern. — Ah, iſt Ihre künftige Familie dort? ———— — Ja. — Giebt man eine neue Oper? — Ja. Auch debütirt eine große Sängerin. — Wie heißt ſie? — Ich glaube Lea. Louiſe ſah Triſtan an. — Ich bin überzeugt, ſprach ſie, daß wir einen Ein⸗ vruck in Mailand weniger zu erwarten haben. Triſtan lächelte bei dieſer Erinnerung Lyuiſe's, wel⸗ cher der Impreſario, wie ſich der Leſer erinnern wird, die Liaiſon Lea's und Fabiano's erzählt hatte. Wilhelm, welcher dieſen Abſchnitt aus Triſtan's 8 nicht kannte, verſtand nichts von dieſem Geſpräche. — Sie werden doch nicht hinter die Couliſſen gehen? fragte Louiſe Triſtan, indem ſie ihm ihre Stirn bot. — Sei ohne Sorge. — Die beiden jungen Leute ſtiegen die Treppen hinab. — Nun, ſprach Triſtan, iſt mit Madame Van⸗Dick alles vorbei? — Auf immer, mein Freund! Dieſes lächerliche Ver⸗ hältniß wird mir ein ewiger Gewiſſensbiß bleiben. Sie müſſen mich für ſehr dumm gehalten haben. — Ich habe Sie lieber wie ſie ſind, als wie Sie — 166— waren. Doch kurz und bündig, was iſt aus ihr ge⸗ worden? — Sie iſt nach Amſterdam zurückgekehrt und bringt dem Herrn Van⸗Dick einen neuen Commis mit, der ſchon damals engagirt war, als ich nach dem Tode des Herrn Mametin meiner Reiſeluſt nicht widerſtehen konnte und hier in Paris ankam. Uebrigens wiſſen Sie dieſes alles eben ſo gut, als ich. — Machen Sie eine gute Parthie? Sie werden ſich überzeugen. Einige Augenblicke ſpäter traten die beiden jungen Männer in eine der erſten Logen der italieniſchen Oper, und Wilhelm ſtellte wirklich ſeinen Freund Triſtan einer alten Dame vor, welche von ihrem Manne und von ihrer Tochter begleitet war. Die beiden Männer begrüßten ſich gegenſeitig. Triſtan betrachtete nun die bunte, elegante Menge, welche er ſeit langer Zeit nicht geſehen hatte. Da ge⸗ wahrte er in einer Loge, welche ſich der ſeinigen faſt ge⸗ genüber befand, eine Dame, die ihn lorgnettirte und hin⸗ ter ihrer Lorgnette lächelte. Als ſie nach kurzer Zeit die Lorgnette ſenkte, erkannte Triſtan Henriette von Lindſay, welche ihm auf dieſe Weiſe zu erkennen gab, vaß er ſich — in ihrer Loge, worin ſie ſich mit einer andern Dame allein befand, ihr vorſtellen könne. Nachdem Wilhelm's Schwiegermutter Triſtan zu der Unterzeichnung des Contractes eingeladen hatte, bat unſer Freund um die Erlaubniß, ſich zurückziehen zu dürfen. Kaum war dieſe Loge geſchloſſen, als er ſich die Henriette's öffnen ließ. — Zürnen Sie mir noch immer? fragte ſie lächelnd. — O nein, antwortete Triſtan, indem er die dar⸗ gebotene Hand küßte. — Ich habe Sie ſchmerzlich vermißt. — Wahrhaftig? — Auf Ehre! Ihr Freund war langweilig bis zum Umkommen. — Unſer Freund, wollen Sie ſagen. — Aber warum haben Sie die ganze Sache ſo ernſt genommen? — Weil ich verliebt war. — Und jetzt? — Bin ich verheirathet. — Iſt ſie wiedergefunden? — Ja, und wenn Sie Auſträge nach Italien haben, ſo beehren Sie mich damit, ich reiſe in einigen Tagen ab. — — Soll ich Ihnen mein Haus am lago maggiore leihen? fragte Henriette lächelnd. — Spötterin! — Hat er Ihnen nicht einen Degenſtich verſetzt? — Henry? Ja. — Er hat es mir erzählt; ich habe herzlich darüber — Sehr verbunden! — Aber Sie ſind gerächt, Herr Triſtan. — Wiſſen Sie nicht, was ihm begegnet iſt? — Nein. — Er ſollte ſich verheirathen. — Iſt mir bekannt. — Wie es ſchien, hatte er ſeinen Vater wiedergefun⸗ den. Er reiſtt alſo ab, um den Urheber ſeines Lebens zu umarmen, kommt zurück und findet ſeine Braut mit einem andern verheirathet. — Armer Teufel! Er wird nur einmal in ſeinem Leben glücklich geweſen ſein. — Ich danke Ihnen, ſprach Henriette; ich werde mich dieſer Worte erinnern. Und wiſſen Sie, was er nun gethan hat? — Nein. 6 — Er iſt in der größten Verzweiflung nach ſeinem Schloſſe von Enghera abgereiſ't. Wenn Sie in dieſe Ge⸗ gend kommen, können Sie ihn beſuchen. — Ich werde ausdrücklich dieſen Weg einſchlagen. Armer Henry! — Und nun leben Sie wohl. — Sie jagen mich fort? — Ja. Dieſes„Ja“ ſprach Henriette, indem ſie die Lorgnette an ihre Augen ſetzte. Triſtan verfolgte die Richtung der Hand und ſah einen jungen Mann, der ſo eben ankam und mit dem Blicke der antwortete, die er hinter dieſer Lorgnette ver⸗ muthete. — Noch ein Wort, ſprach Triſtan. — Reden Sie. — Iſt dieſe Lea, welche heute Abend debütirt, die⸗ ſelbe, die früher vor Ihrem Hotel geſungen hat? — Ja, ſie iſt es. — Und auch dieſelbe, welche ſich weigerte, Ihre Briefe zu befördern? — Ganz recht. Wer hat Ihnen dieſes alles erzählt? — Sie ſelbſt. — So kennen Sie die Sängerin? — Ich habe ſie in Mailand kennen gelernt. Henriette warf Triſtan einen Blick zu, hinter den man ein ſehr bedeutungsvolles Fragezeichen hätte ſetzen können. — Ja, antwortete der junge Mann. — Gehen Sie zu ihr, um ſie zu begrüßen? — Das iſt unnütz. — Aber Sie intereſſiren ſich doch noch für ſie? — Wie meinen Sie das? — 170— — S ihr Glück, meine ich damit. — Ja. — Nun, ſie hat den erſten Act bewunderungswürdig geſungen, und jedesmal, ſo oft man ihr applaudirte, ſah ſie jenen jungen Mann an, der im Orcheſter den dritten Stuhl einnimmt. Und nun Adieu! Kehren Sie nach Paris zurück, ſo beſuchen Sie mich. — Bewohnen Sie immer noch dieſelbe Wohnung? — Noch immer. Triſtan verbeugte ſich und ging. — Wer iſt dieſer Herr? fragte die Dame, welche mit in Henriette's Loge war, ich kenne ihn nicht. — Die Antwort auf dieſe Frage iſt eine ganze Ge⸗ ſchichte, die ich Dir ſpäter erzählen werde. In derſelben Zeit gab Henriette dem jungen Manne, den ſie vorhin durch die Lorgnette angeſehen, ein kaum merkliches Zeichen, daß er kommen möge. Einige Minuten ſpäter ſprach er zu Henriette: — War nicht ein Herr hier in der Loge? — Wer iſt er? — Obgleich ich dieſen Herrn faſt gar nicht kenne, ſo habe ich doch ſtets große Noth, ihn los zu werden, ſo oft er mir begegnet, ſprach Henriette mit einer ſehr gleich⸗ gültigen Miene. Acht Tage ſpäter war Wilhelm verheirathet und Louiſe und Triſtan befanden ſich auf der Straße nach Italien. Wie unſer Heldgeſagt, ſtattete er einen Beſuch auf dem Schloſſe von Enghera ab. Er beſtieg alſo mit Louiſe die Ruinen, die wir bereits kennen, und fand jenen greiſen Diener vor, welchen Henry von Saint⸗Il⸗ in ſein Teſta⸗ ment geſetzt hatte. ————— — 171— — Wen ſuchen Sie, mein Herr? fragte der gute alte Mann, der Triſtan nicht wiedererkannte. — Herrn Henry von Saint⸗Jle. .— Herrn Mametin, wollen Sie ſagen? — Ja, antwortete Triſtan.— — Er iſt todt, mein Herr. 3 — Todt? rief Triſtan bewegt und überraſcht. — Ja. — Erzählen Sie! — Es ſcheint, daß ihn außer dem Tode ſeines Va⸗. ters, den er kaum wiedergefunden hatte, noch ein anderes Unglück betroffen hat. Er kam zurück, um ſich hier, wie früher, einzuſchließen. Eines Morgens ſah ich ihn nicht, wie gewöhnlich, erſcheinen, deshalb trat ich in ſein Zim⸗ mer. Er war ausgegangen und ſein Bett ſtand unberührt da. Anfangs dachte ich, er habe die Nacht im Gebirge 8 3 . zugebracht, wie es öfter zu geſchehen pflegte; als er aber zu lange ausblieb, ging ich, um ihn zu ſuchen. Da fand ich denn meinen armen Herrn an einem Baumzweige auf⸗ gehängt. Hat er ſich nun ſelbſt entleibt, oder iſt er ge⸗ waltſam ermordet, ich weiß es nicht. Mit Hülfe einiger 3 guten Bauern habe ich ihn begraben. Sehen Sie, mein ₰ Herr, ſchloß der Greis, hier iſt ſein Grab. Bei dieſen Worten deutete er auf einen kleinen mit Raſen bedeckten Hügel. Luuiſe kniete auf dem Grabe nieder. Indem fſie ſich wieder erhob, pflückte ſie eine Margarethenblume und ver⸗ barg ſie in ihrem Buſen. — Armer Freund! ſprach Triſtan. — Ach ja, mein Herr, beklagen Sie ihn, ſprach der Greis. Man weiß wahrhaftig nicht, warum Gott erlaubt, daß es ſolche arme Geſchöpfe giebt, die bei ihrer Geburt, in ihrem Leben und in ihrem Tode verflucht ſind. — 172— Der gute Mann wiſchte mit ſeinem Rockärmel eine Thräne ab, die ihm in das Auge trat. — Wann haben Sie ſeinen Körper aufgefunden? fragte Triſtan. — Am dreizehnten des letzten Monats, antwortete der Greis, am Morgen eines Freitags. — Freitags? rief Triſtan. — Da ſollte man wirklich an ein Verhängniß glau⸗ ben, ſprach der junge Mann. — Und an die Vorſehung, fügte Louiſe hinzu, indem ſie ihrem Gatten die Stirn zum Kuß reichte. Nachdem Beide noch einmal Abſchied von Henry's Grabe genommen, ſtiegen ſie Hand in Hand den Berg wieder hinab. Von Zeit zu Zeit ſahen ſie ſich um, als ob ſie das Andenken dieſer Gegend und der Vergangenheit, die ſie hinter ſich ließen, tief ihrem Geiſte einprägen wollten. Druck von Sturm und Koppe in Leipzig. —— 6—— — 3— ſſſſſſſſiſſſſſſ 11 12 13 14 15 16 17