— — — deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6 Eduard Ottmann in Cießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Riückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennehme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: . S 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersätz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe it auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —. — v———= —— Die Elenden. Virtor Hugv. Deutſch von L. von Aſvensſehen. Erſte Abtheilung: Fantine. SErſter Band. Berlin. Haſſelberg'ſche Verlagshandlung. 6. Winckler.) Vorwort des Verfaſſers. So lange in Folge der Geſetze und der Sitten, in Mitte der Civiliſation eine Verdammniß beſtehen wird, welche auf künſtliche Weiſe eine Hölle ſchafft, indem das Schickſal, welches göttlichen Urſprungs iſt, mit einem menſchlichen Verhängniß vermiſcht;— ſo lange die drei Probleme unſeres Jahrhunderts: Die Herabwürdigung des Mannes durch das Proletariat, die Geſunkenheit des Weibes durch den Hunger, die Auszehrung des Kindes durch die Nacht, nicht gelöſt ſind;— ſo lange in gewiſſen Regionen die moraliſche Erſtickung möglich iſt;— mit anderen Worten, und aus einem noch ausgedehnteren Geſichtspunkte: So lange auf Erden Unwiſſenheit und Elend beſtehen,— ſo lange werden Bücher von der Art des vorliegenden nicht nutzlos ſein. Erſte Abtheilung. funline. Erſtes Buch. Ein Gerxechter. . Herr Myriel. Im Jahre 1815 war Herr Charles Frangois Bien⸗ venu Myriel Biſchof von D.— Er war ein Greis von ungefähr fünfundſiebzig Jahren und hatte den Biſchofſitz ſeit 1806 inne. Obgleich die hier folgenden näheren Umſtände in keiner Weiſe der Hauptſache nach mit dem zuſammenhängen, was wir zu erzählen haben, iſt es doch vielleicht nicht über⸗ flüſſig— wäre es auch nur, um in Allem vollkommen genau zu ſein— hier die Gerüchte zu erwähnen, die über ihn im Umlauf waren, als er in ſeiner Diöceſe zuerſt ein⸗ traf. Das, was man von den Menſchen ſagt, mag es nun wahr oder falſch ſein, nimmt in ihrem Leben, beſonders aber in ihrer Beſtimmung oft eben ſo viel Platz ein, als das, was ſie thun. Herr Mhriel war der Sohn eines Rathes bei dem Parlament von Air, Gerichts-Adel. Man er⸗ zählte, daß ſein Vater, der ihn zum Erben ſeines Amtes beſtimmte, ihn ſchon ſehr früh verheirathet hatte, mit acht⸗ zehn oder neunzehn Jahren, wie dies bei den Parlaments⸗ Familien üblich war. Charles Myriel hatte, ſagte man, dieſer Heirath ungeachtet viel von ſich ſprechen machen. Er war körperlich wohlgeſtaltet, obgleich von ziemlich kleinem Wuchs, elegant, graziös, geiſtreich; der ganze erſte Theil ſeines Lebens war der Welt und den Galan⸗ terien gewidmet geweſen. Die Revolution brach aus; die Ereigniſſe überſtürzten ſich, die Parlaments⸗Familien wurden decimirt, vertrieben, verfolgt; ſie zerſtreuten ſich. Herr Charles Mhriel wanderte gleich in den erſten Tagen der Revolution nach Italien aus. Seine Frau ſtarb dort an einer Bruſtkrankheit, von der ſie ſchon ſeit längerer Zeit ergriffen war. Sie hatten keine Kinder. Was ging nun in der Beſtimmung des Herrn Myriel vor? Erweckte die Zertrümmerung der alten franzöſiſchen Geſellſchaft, der Sturz ſeiner eigenen Familie, die tragiſchen Schauſpiele von 1793, vielleicht noch fürchterlicher für die Emigranten, welche ſie aus der Ferne erblickten, vergrößert durch das Entſetzen, in ihm Gedanken der Entſagung und der Ein⸗ ſamkeit? Wurde er in der Mitte der Zerſtreuungen und der Neigungen, welche ſein Leben ausfüllten, plötzlich von einem jener geheimnißvollen und furchtbaren Schläge er⸗ griffen, welche zuweilen den Mann, ihn in das Herz treffend, niederwerfen, den durch öffentliche Kataſtrophen nicht er⸗ ſchütterten, obgleich ſie ihn in ſeiner Exiſtenz und ſeinem Vermögen treffen? Das hätte Niemand zu ſagen vermocht; Alles, was man wußte, beſtand darin, daß er Prieſter war, als er aus Italien zurückkehrte. Herr Myriel war 1804 Pfarrer in B....(Brignolles.) Er war bereits bejahrt und lebte in der größten Zurück⸗ gezogenheit. Zur Zeit der Krönung führte ihn eine kleine Ange⸗ legenheit ſeiner Pfarre— man weiß nicht mehr genau, was es war— nach Paris. Unrer anderen wichtigen Perſonen beſuchte er als Bittſteller für ſeine Beichtkinder auch den Cardinal Feſch. Eines Tages, als der Kaiſer ſeinem Onkel einen Beſuch gemacht hatte, befand ſich der würdige Pfarrer, der im Vorzimmer wartete, auf dem Wege Sr. Majeſtät. Napoleon, der bemerkte, daß ihn der Greis mit einer ge⸗ wiſſen Neugier betrachtete, wendete ſich um und fragte barſch: „Wer iſt der gute Mann, der mich ſo anſieht?“ „Sire,“ ſagte Herr Myriel,„Sie ſehen einen guten Mann an und ich betrachte einen großen Mann.“ Noch an demſelben Abend fragte der Kaiſer den Car⸗ dinal nach dem Namen dieſes Pfarrers und einige Zeit darauf wurde Herr Mhriel ſehr überraſcht, als er erfuhr, daß er zum Biſchof von D... ernannt worden ſei. Was war übrigens Wahres an den Gerüchten, die man über den erſten Theil von dem Leben des Herrn Myriel ſich erzählte? Das wußte Niemand. Nur wenige Fami⸗ lien hatten vor der Revolution die Familie Myriel gekannt. Herr Mhyriel ſollte von dem Looſe getroffen werden, welches jedem neuen Ankömmlinge in einer kleinen Stadt zu Theil wird, in der es manchen Mund giebt, der ſpricht, und nur wenige Köpfe, die denken. Aber Alles in Allem waren die Redereien, in welche man ſeinen Namen miſchte, doch eben nur Redereien: Gerüchte, Worte, Geſchwätz; weniger als Geſchwätz ſogar— Gewäſche, wie ein kräf⸗ tiger Volksausdruck ſagt. Wie dem aber auch ſei, ſo waren doch nach neun Jahren des Bisthums und des Aufenthaltes in D... alle dieſe Klatſchereien die Gegenſtände der Unterhaltung, welche im erſten Augenblicke die kleinen Städte und die kleinen Leute beſchäftigten, in gänzliche Vergeſſenheit gerathen. Niemand hätte gewagt, davon zu ſprechen, Niemand hätte gewagt, ſich daran zu erinnern. Als Herr Myriel nach D... kam, begleitete ihn eine alte Jungfer, Mademoiſelle Baptiſtine, welche ſeine Schweſter und zehn Jahr jünger war. Ihre einzige Bedienung beſtand in einer Dienerin von gleichem Alter wie Fräulein Baptiſtine; ſie nannte ſich 10 Frau Magloire, und nachdem ſie die Magd des Herrn Pfarrers geweſen war, nahm ſie jetzt den doppelten Titel einer Kammerfrau des Fräuleins und einer Haushälterin des ehrwürdigen Herrn an. Fräulein Baptiſtine war eine lange, blaſſe, magere und ſanfte Perſon; ſie verwirklichte das Ideal deſſen, was man mit„achtungswerth“ bezeichnet, denn es ſcheint, daß ein Frauenzimmer Mutter ſein muß, um„ehrwürdig“ ge⸗ nannt zu werden. Sie war nie hübſch geweſen; ihr ganzes Leben hatte aus einer Reihenfolge heiliger Werke beſtanden, welche zuletzt über ſie etwas Reines, Klares ergoſſen, und indem ſie alt wurde, hatte ſie das gewonnen, was man die Schönheit der Schule nennen könnte. Was in ihrer Jugend Magerkeit geweſen, war bei der Reife des Alters Durchſichtigkeit geworden, und dieſe Durchſichtigkeit ließ den Engel hervorſchimmern. Sie war noch mehr eine Seele, als eine reine Jungfrau. Ihre Perſon ſchien aus Schatten zu beſtehen; kaum hatte ſie genug Körper, um ihr ein Ge— ſchlecht beilegen zu können; ein wenig Materie, die einen Schimmer in ſich ſchloß; große beſtändig niedergeſchlagene Augen. Ein Vorwand für eine Seele, um noch auf Erden zu weilen. Frau Magloire war eine kleine Alte, weiß, dick und fett, geſchäftig, beſtändig keuchend, zunächſt wegen ihrer Thätigkeit, dann aber auch wegen eines Aſthmas. Bei ſeiner Ankunft führte man Herrn Mhriel in ſeinen biſchöflichen Palaſt mit all den Ehrenbezeugungen ein, welche die kaiſerlichen Dekrete vorſchrieben, die dem Biſchof ſeinen Rang unmittelbar hinter dem Generalmajor anweiſen. Der Maire und der Präſident machten ihm den erſten Beſuch und er ſeinerſeits ſtattete ſeine erſte Viſite dem General und dem Präfecten ab. Als die Einführung beendigt war, erwartete die Stadt ihren Biſchof bei dem Werke zu ſehen. II. Herr Myriel wird der hochwürdige Herr Bienvenn. Der biſchöfliche Palaſt in D... ſtieß an das Hoſpital. Der biſchöfliche Palaſt war ein umfangreiches und ſchönes Gebäude, von Bruchſteinen zu Anfang des letzten Jahrhunderts durch den hochwürdigen Henri Puget erbaut, welcher Doctor der Theologie bei der Facultät von Paris, Abt von Simore und 1712 Biſchof von D... war. Dieſer Palaſt war eine ächte herrſchaftliche Wohnung. Alles in demſelben hatte etwas Großartiges, die Gemächer des Biſchofs, die Säle, die Zimmer, der Ehrenhof, umgeben mit Säulengängen nach florentiniſcher Mode, Gärten mit prachtvollen Bäumen bepflanzt. In dem Speiſeſaale einer langen und prachtvollen Gallerie im Erdgeſchoſſe hatte der hochwürdige Biſchof Henri Puget am 29. Juli 1714 ein Prunkmal gegeben für die Herren: Charles Brülart von Genlis, Fürſt⸗Erzbiſchof von Embrun; Antoine von Mes grigny, Kapuziner-Abt von Graſſe; Philippe von Vendöme, Großprior von Frankreich, Abt von St. Honoré de Lérins, Frangois von Berton von Grillon, Baron⸗Biſchof von Vence: Céſar von Sabran von Forcalquier, Biſchof und Herr von Glandère und Jean Soanen, Prieſter des Ora⸗ toriums, Hofprediger des Königs, Biſchof und Herr von Senez. Die Porträts dieſer ſieben hochwürdigen Perſonen ſchmückten dieſen Saal, und das Datum des denkwürdigen 29. Juli 1714 war in demſelben mit goldenen Buchſtaben in eine weiße Marmortafel eingegraben. Das Hoſpital war ein kleines niedriges Haus, nur mit einem Stockwerk und einem kleinen Garten. Drei Tage nach ſeiner Ankunft beſichtigte der Biſchof das Hoſpital. Als der Beſuch beendigt war, ließ er den Hoſpitaldirector bitten, zu ihm zu kommen. „Herr Director,“ fragte er ihn,„wie viele Kranke haben Sie gegenwärtig?“ „Sechsundzwanzig, Hochwürden.“ „So viele hatte ich auch gezählt,“ ſagte der Biſchof. „Die Betten,“ fuhr der Director fort,„ſtehen ſehr nahe bei einander.“ „Das habe ich bemerkt.“ „Die Säle ſind eigentlich nur Zimmer, und die Luft läßt ſich in ihnen ſehr reinigen.“ „So ſcheint es mir.“ „Und dann iſt auch der Crien ſehr klein für die Geneſenden, wenn wir einen Sonnenſtrahl haben.“ „Das ſagte ich mir auch.“ „Bei Epidemien— wir hatten dies Jahr den Typhus und vor zwei Jahren den engliſchen Schweiß und das Frieſelfieber— haben wir zuweilen bis hundert Kranke und wiſſen dann nicht, was wir mit ihnen anfangen ſollen.“ „Den Gedanken habe ich auch ſchon gehabt. „Ja, was wollen Euer Hochwürden?“ ſagte der Direc⸗ tor.„Man muß ſich in das Unvermeidliche fügen.“ Dieſes Geſpräch fand in der Speiſeſaal⸗Gallerie des Erdgeſchoſſes ſtatt. Der Biſchof bewahrte einen Augenblick das Schweigen; dann wendete er ſich plötzlich gegen den Hoſpital⸗Director. „Mein Herr,“ ſagte er,„wie viel Betten glauben Sie wohl, daß dieſer Saal allein faſſen könnte?“ „Der Speiſeſaal Eurer Hochwürden?“ fragte der Director ganz verwundert. Der Biſchof durchlief den Saal mit den Blicken und ——— — ſchien mit den Augen Maaße zu nehmen und Berechnungen anzuſtellen. „Es würden hier wohl zwanzig Betten ſtehen können,“ ſagte er, wie zu ſich ſelbſt ſprechend. Dann fügte er, die Stimme, erhebend hinzu: „Hören Sie, Herr Hoſpital⸗Director, ich will Ihnen etwas ſagen. Es findet offenbar ein Irrthum ſtatt. Sie ſind ſechsundzwanzig Perſonen in fünf oder ſechs kleinen Stuben. Wir ſind hier unſerer Drei, und wir haben Platz für ſechzig; das iſt ein Irrthum, ſage ich Ihnen: Sie haben meine Wohnung und ich die Ihrige. Geben Sie mir mein Haus zurück; Sie ſind hier in dem Ihrigen.“ Am nächſten Tage bezogen die ſechsundzwanzig armen Kranken den Palaſt des Biſchofs und der Biſchof bezog das Hoſpital. Herr Mhriel beſaß kein Vermögen, da ſeine Familie durch die Revolution zu Grunde gerichtet worden war. Seine Schweſter bezog eine Leibrente von fünfhundert Francs, welche in der Pfarrei zu ihren perſönlichen Be⸗ dürfniſſen hinreichten. Herr Mhriel hatte von dem Staate als Biſchof ein Einkommen von funfzehntauſend Francs. An eben dem Tage, an welchem Herr Myriel die Wohnung in dem Hoſpitale bezog, verfügte er über dieſes Einkommen ein für alle Mal auf die folgende Weiſe. Wir ſchreiben hier den Etat ab, den er mit eigener Hand entwarf. Etat zur Ordnung der Ausgaben meines Haushalts. Fü leine S 1500 Liv. Stien de Miſſten 100„ Für die Lazariſten von Montdidier... 100 Seminar der fremden Miſſion in Paris. 200 Congregation des heiligen Geiſtes... 150 Latus 2050 Liv. Transport 2050 Liv. Religiöſe Stiftung des gelobten Landes.. 100 Geſellſchaften der mütterlichen Pflege.. 300 Außerdem für dieſe Geſellſchaft zu Arles. 50 Zur Verbeſſerung des der Gefäng⸗ ſſe 400 Zur Seichten und Befei Gfinens 500 Zur Entlaſſung von Familienvätern aus dem Shlbefniſſe 1000 Zuſchüſſe zu dem Gehalt der armen Schul⸗ ieiſter der Bibceſe 2000„ Vorraths⸗Speicher der Obern Alpen... 100 Congregation der Damen von D..., Ma⸗ nosque, und Siſteron zum unentgeltlichen ie e 1500 Für die Wmen 6000„ Meine perſönlichen Ausg te 1000 Summa 15,000 Liv. Während der Zeit, welche Herr Myriel den Biſchofs⸗ Sitz von D... inne hatte, änderte er nichts an dieſer Einrichtung. Das nannte er, wie man ſieht: Seinen Haushalt geordnet haben. Dieſe Anordnung wurde mit unbedingter Unterwerfung von Fräulein Baptiſtine genehmigt. Für dieſes heilige Mädchen war Herr von D.. zugleich ihr Bruder und ihr Biſchof, ihr Freund nach den Geſetzen der Natur und ihr Oberer nach den Vorſchriften der Kirche. Sie liebte und verehrte ihn ganz einfach. Wenn er ſprach, verneigte ſie ſich; wenn er handelte, ſtimmte ſie ihm bei. Nur die Die⸗ nerin allein, Frau Magloire, murrte ein wenig. Der Herr Biſchof hatte ſich, wie man bemerken konnte, nur tau⸗ ſend Livres vorbehalten, was mit der Leibrente des Fräu⸗ leins Baptiſtine jährlich fünfzehnhundert Francs betrug. Von dieſer Summelebten die beiden alten Frauen und der Greis. „ — 15 Und wenn ein Dorfpfarrer nach D... kam, fand der Biſchof noch die Mittel, ihn zu zettrthen Dank der ſtren gen Sparſamkeit der Frau Magloire und der verſtän— digen Eintheilung des Fräuleins Baptiſtine. Eines Tages, als der Biſchof ungefähr ſeit drei Jahren in D war, ſägte er⸗ „Ich bin aber doch recht beſchränkt.“ „Das glaube ich gern!“ rief Frau Magloire. „Ew. Hochwürden haben nicht einmal die Einkünfte gefor⸗ dert, welche das Departement Ihnen für die Fahrten in der Stadt und die Inſpectionsreiſen in der Diöceſe zu be⸗ zahlen hat. Bei den Biſchöfen von ehemals war das üblich.“ „Ja, Sie haben auch Recht, Frau Magloire!“ ſagte der Biſchof. Er reichte eine Vorſtellung ein. Einige Zeit darauf zog der General⸗Rath dieſe For⸗ derung in Erwägung und gewährte ihm die jährliche Summe von dreitauſend Francs unter der Rubrik: Vergütung an den Herrn Biſchof an Koſten für Wagen, Poſt⸗ und Inſpectionsreiſen. Die Bürgerſchaft des Ortes erhob darüber ein Leſchrei und ein Senator des Kaiſerreiches, der als Mit glied des Rathes der Fünfhundert dem 15 Brumaire gün⸗ ſtig geweſen war, und in der Nähe von D... eine pracht⸗ volle Senatorei beſaß, ſchrieb bei dieſer Gelegenheit an den Cultusminiſter, Herrn Bigot von Préameneu ein kleines gereiztes und vertrauliches Briefchen, dem wir die folgenden authentiſchen Zeilen entlehnen: „Koſten für Wagen? Wozu das in einer Stadt von weniger als viertauſend Einwohnern? Vergütung für In⸗ ſpectionsreiſen? Wozu nützen dieſe Reiſen überhaupt? Und dann,— wie kann man in einem Gebirgslande mit der Poſt reiſen? Es giebt hier keine Straßen. Man reitet nur zu 16 Pferde. Selbſt die Brücke über die Düvance bei Chä⸗ teau⸗Arnoux kann kaum mit Ochſen beſpannte Karren tragen. Dieſe Prieſter ſind Alle ſo; habgierig und geizig. Dieſer hat bei ſeiner Ankunft den guten Apoſtel geſpielt. Jetzt macht er es wie die Anderen; er braucht Kutſchen und Poſtchaiſen. Er bedarf des Lurus gleich den ehe⸗ maligen Biſchöfen. Ha, dieſe ganze kleine Prieſterſchaft! Herr Graf, die Angelegenheiten werden erſt dann gut gehen, wenn der Kaiſer uns von den Pfaffen befreit haben wird. Nieder mit dem Papſte!(Die Angelegenheiten ver⸗ wirrten ſich mit Rom.) Was mich betrifft, ſo bin ich Euer Cäſär ganz allein ꝛc. ꝛc.“ Dagegen wurde Frau Magloire durch die Sache ſehr erfreut.—„Gut,“ ſagte ſie zu Fräulein Bap⸗ tiſtine,„Seine Hochwürden hat mit den Anderen angefan⸗ gen, aber er mußte wohl mit ſich ſelbſt endigen. Er hat alle ſeine milden Gaben geordnet. Jetzt haben wir drei⸗ tauſend Francs für uns. Endlich!“ An eben dem Abend ſchrieb der Biſchof eine Note nie⸗ der, die er ſeiner Schweſter übergab und welche ſo lautete: Vergütung für Wagen und Reiſen. Zur Fleiſchbrühe für die Kranken des Hospi⸗ tals Für die Geſellſchaft 3 pehchen Pilege in Air Für dieſe Geſellſchaft in d Für die Findelkinder... Für die Waiſen Summ 300. Dies war das Budget des Herrn Myriel. Was die Amtseinkünfte des Bisthums betraf, Rück⸗ nahme von Aufgeboten, Dispenſe, Nothtaufen, Predigten, Einſegnungen von Kirchen oder Kapellen, Trauungen ꝛc., ſo 1 forderte der Biſchof von den Reichen mit der größten Strenge das ein, was er den Armen gab. Nach kurzer Zeit gingen viele Anerbietungen von Geld⸗ ſpenden ein. Die, welche hatten, und die, welche Mangel litten, klopften häufig an die Thür des Herrn Myriel; die Einen, um die Almoſen zu holen, welche die Anderen brachten. Binnen weniger als einem Jahre wurde der Biſchof der Schatzmeiſter aller Wohlthäter und der Kaſſi⸗ rer aller Nothleidenden. Beträchtliche Summen gingen durch ſeine Hände, aber nichts konnte ihn veranlaſſen, ſeine Lebensweiſe zu ändern und dem, was er bedurfte, fügte er nichts Ueberflüſſiges hinzu. Weit entfernt davon hatte er, da es unten immer mehr Elend als oben Mildthätigkeit giebt, Alles cher ausgegeben, bevor er es nur empfangen hatte, es war wie Waſſer auf ausgetrocknetes Land.— Wie viel an Geld er auch empfing, ihm fehlte es immer. Dann beraubte er ſich ſelbſt. Bekanntlich pflegen die Biſchöfe ihre Taufnamen oben an ihre Hirtenbriefe und Erlaſſe zu ſetzen. Die armen Leute ſeines Sprengels hatten mit einer Art Inſtinkt unter allen Namen ihres Biſchofs den gewählt, in dem ſie einen Sinn fanden und nannten ihn nicht anders, als Herr Bi— ſchof Bienvenu. Wir ahmen ihr Beiſpiel nach und werden ihn gelegentlich ebenſo nennen. Uebrigens gefiel ihm dieſer Name.—„Ich liebe dieſen Namen“, ſagte er, Bienvenu gleicht das„biſchöfliche Gnaden“ wieder aus. Wir behaupten nicht, daß das Portrait, welches wir hier entworfen, ein wahrſcheinliches ſei; wir beſchränken uns darauf, daß es ihm ähnlich iſt. Die Elenden. I. 2 IIHI. Ein guter Biſchof und harte Fflichten. wandelt hatte, machte er nichts deſto weniger ſeine Rund⸗ reiſen, und die Diöceſe D... war eine beſchwerliche. Sie hat wenig Ebenen und viele Berge, faſt gar keine Stra⸗ ßen, wie ſo eben erwähnt, zweiunddreißig Pfarreien, einundvierzig Vicariate und zweihundertfünfundachtzig Ka⸗ pellen. Sie alle zu beſuchen, iſt keine leichte Aufgabe, die aber der Herr Biſchof zu Stande brachte. War es in der Nähe, ſo ging er zu Fuß, war es in der Ebene, ſo nahm er einen Wagen, war es im Gebirge, ſo fuhr er in einem Bergwägelchen. Wenn der Weg nicht zu beſchwerlich war, begleiteten ihn auch oft die beiden alten Frauen. Obgleich der Biſchof ſeinen Wagen in Almoſen ver⸗ Eines Tages kam er nach Senez, einer alten biſchöf⸗ lichen Stadt, auf einem Eſel geritten, da ſeine grade ſehr geſchmolzene Börſe ihm ein anderes Transportmittel nicht geſtattete. Der Maire der Stadt empfing ihn vor der Thür des biſchöflichen Hauſes und ſah ihn von ſeinem Eſel ſteigen, an dem er großen Anſtoß nahm und mehrere um⸗ herſtehende Bürger lachten ſogar. „Meine Herren!“ ſagte der Biſchof,„ich ſehe wohl, was Sie verdrießt, Sie finden es für einen armen Prieſter nicht recht angemeſſen, daß er reitet wie unſer Herr Jeſus. 1 Ich that es nur, wie ich Sie verſichern kann, aus Noth⸗ 4 wendigkeit und nicht aus Eitelkeit.“ Auf ſolchen Amtsreiſen war er mild und nachſichtig, und predigte weniger als daß er ſprach. Niemals holte er ſeine Gründe und Beiſpiele weit her. Den Landbewohnern führte er das Beiſpiel des benachbarten Landes vor Augen. In den Bezirken, in denen man hart gegen die Armen war, ſagte er: „Betrachtet die Leute von Briangon; ſie haben den Armen, den Wittwen und Waiſen das Recht gegeben, ihre Wieſen drei Tage früher als die andern zu mähen; ſie bauen ihnen umſonſt ihre Hütten wieder auf, wenn ſie ein⸗ geſtürzt waren. Dieſe Gegend iſt aber auch von Gott ge⸗ ſegnet. Während eines Jahrhunderts hat es dort keinen Mörder gegeben.“ In den Dörfern, die gewinnſüchtig und erntegierig waren, ſagte er: „Sehet die Leute in Embrun! Wenn zur Zeit der Ernte ein Familienvater ſeine Söhne in der Armee und ſeine Töchter im Dienſt in der Stadt hat und er vielleicht ſelbſt krank oder ſonſtwie verhindert iſt, ſo empfiehlt ihn der Geiſtliche in der Predigt, und Sonntags nach der Meſſe gehen alle Dorfbewohner, Männer, Frauen und Kinder nach dem Feld des Armen, mähen für ihn und bringen Stroh und Getreide nach ſeiner Scheune. In den Familien, die durch Geld und Erbſchaftsan⸗ gelegenheiten entzweit waren, ſagte er: „Die Gebirgsgegenden von Devolny ſind ſo rauh, daß man dort kaum in funfzig Jahren einmal die Nachtigall ſchlagen hört und dennoch, ſtirbt in einer Familie der Vater, wandern die Söhne auf gut Glück aus und überlaſſen ihren Schweſtern das ganze Vermögen, damit dieſe Männer finden können.“ In den Diſtrikten, wo man gern proceſſirte und die Pächter ſich durch Stempelpapier ruinirten, ſagte er: „Sehet die guten Bewohner des Thales von Queyras, es ſind dreitauſend Seelen, die da wie in einer kleinen Republik zuſammenleben. Sie kennen weder einen Richter noch 2 N 20 einen Gerichtsdiener; der Maire beſorgt alles; er vertheilt die Abgaben, er beſtenert jeden nach ſeinem beſten Wiſſen, ſchlichtet unentgeltlich die Streitigkeiten, theilt die Erb⸗ ſchaften, ohne daß er eine Entſchädigung beanſprucht, ſpricht Urtel ohne Gerichtskoſten und man gehorcht ihm, weil er ein gerechter Mann unter unverdorbenen Menſchen iſt.“ In Dörfern, in denen er keinen Schullehrer fand, führte er gleichfalls die Bewohner des Thales Quey⸗ ras zum Muſter an: „Wiſſet Ihr, wie ſie es dort machen? Da ein kleiner Ort von zwölf oder funfzehn Häuſern nicht immer einen Schullehrer zu erhalten vermag, haben ſie Schullehrer, die vom ganzen Thal bezahlt werden, die in den Dörfern um— hergehen und bald acht Tage in dem einen, bald zehn Tage in dem andern unterrichten. Dieſe Lehrer gehen nach den Jahrmärkten, wo ich ſie geſehen habe. Man erkennt ſie an den Schreibfedern, die ſie am Hute tragen; diejenigen, welche nur im Leſen und Schreiben unterrichten, haben nur eine Feder, die aber außerdem noch im Rechnen Unterricht er theilen, führen zwei Federn, und drei diejenigen, die außer Rechnen auch noch Lateiniſch zu lehren vermögen. Dieß ſind freilich große Gelehrte. Aber welche Schande, un wiſſend zu ſein! Ahmt dieſen Leuten nach!“ So ſprach er ernſt und väterlich; fehlten ihm Bei ſpiele, ſo erfand er Gleichniſſe, und mit wenig Worten, aber in einer bilderreichen Sprache, ging er gleich auf ſein Ziel los; dieß war die allſiegende Beredtſamkeit Jeſu Chriſti. IV. Wie die Worte ſo die Thaten. Seine Unterhaltung war angenehm und heiter. Er ließ ſich gern zum Verſtändniß der beiden alten Frauen herab, die ihr Leben bei ihm verbrachten, und wenn er lachte, ſo lachte er herzlich, gleich einem Kinde. Frau Magloire nannte ihn gern„Eure Größe.“— Eines Tages erhob er ſich von ſeinem Stuhle und ging nach ſeiner Bibliothek, ein Buch zu ſuchen, das zufällig in einer der höheren Reihen ſtand. Da er von ziemlich kleiner Figur war, konnte er es nicht erreichen. „Frau Magloire,“ ſagte er,„bringen Sie mir einen Stuhl, meine Größe reicht nicht bis zu dieſem Brett.“ Eine ſeiner weitern Verwandten, die Gräfin von Lö, ließ ſelten eine Gelegenheit vorübergehen, um in ſeiner Gegenwart das, was ſie„die Hoffnungen“ ihrer drei Söhne nannte, aufzuzählen. Sie hatte mehrere nahe und ſehr alte Verwandten, bei deren Tode ihre Söhne die natürlichen Erben waren. Der jüngſte von ihnen hatte von einer Groß tante gute hunderttauſend Livres Renten zu hoffen; dem zweiten fiel von einem Oheim der Herzogstitel zu; der älteſte erbte die Pairswürde ſeines Großvaters. Der Biſchof hörte gewöhnlich ſchweigend dieſe unſchuldigen und verzeih⸗ lichen, mütterlichen Auskramungen an. Einmal jedoch ſchien er träumeriſcher als gewöhnlich zu ſein, während die Gräfin von Lö die Einzelheiten aller dieſer Erbſchaften und aller dieſer„Hoffnungen“ wiederholte. Sie unterbrach ſich mit einiger Ungeduld und ſagte:„Mein Gott, Couſin, woran denken ſie denn?“—„Ich denke,“ ſagte der Biſchof,„an etwas Eigenthümliches, was, wie ich glaube, St. Auguſtin ſagt:„Setzet Eure Hoffnung auf den, dem Keiner folgt!“ Ein ander Mal empfing er einen Brief, durch welchen man ihm den Tod eines Edelmannes aus der Provinz an zeigte, und in dem man außer den Würden des Verſtorbenen eine lange Aufzählung aller feudalen und Adelstitel ſeiner ſämmtlichen Verwandten aufgenommen hatte.„Welch' eine gute Mitgift für den Todten,“ rief er aus.„Was für eine bewundernswerthe Laſt von Titeln läßt man ihn luſtig tragen und wie viel Geiſt müſſen die Menſchen beſitzen, daß ſie ſo das Grab für die Eitelkeit benutzen!“ Er konnte gelegentlich einen milden Spott üben, der aber beinahe immer einen ernſten Sinn barg. Während einer Faſtenzeit kam ein junger Vicar nach D und predigte hier in dem Dome. Er war ziemlich beredt. Der Gegenſtand ſeiner Predigt war die Mildthätigkeit. Er for⸗ derte die Reichen auf, den Nothleidenden zu geben, um die Hölle zu vermeiden, die er ſo entſetzlich als möglich ſchilderte und ſtatt derſelben das Paradies zu gewinnen, das er als begehrenswerth und reizend beſchrieb. Unter den Zuhörern befand ſich ein reicher Kaufmann, der ſich von den Geſchäf⸗ ten zurückgezogen hatte und etwas Wucher trieb. Er hieß Géborand und hatte zwei Millionen durch die Fabrikation von groben Tuchen, Sergen, Cadis und anderen Wollenſtoffen gewonnen. In ſeinem Leben hatte Géborand keinem Un⸗ glücklichen ein Almoſen gereicht. Nach dieſer Predigt be⸗ merkte man, daß er jeden Sonntag den alten Bettlern an der Thür der Kathedrale einen Sous gab. Es waren ihrer Sechs, die ſich darin theilen mußten. Eines Tages ſah der Biſchof, wie Geéborand dieſe Barmherzigkeit übte und ſagte lächelnd zu ſeiner Schweſter:„Da kauft ſich Herr Géborand für einen Sous Paradies.“ Wenn es ſich um Mildthätigkeit handelte, ließ er ſich ſ durch eine abſchlägliche Antwort nicht abſchrecken und fand dann Worte, die zum Nachdenken Stoff gaben. Einſt ſam melte er in einem Salon der Stadt für die Armen; in der Geſellſchaft befand ſich der Marquis von Champtercier, der alt, reich und geizig war und es möglich machte, zugleich Ultra⸗Royaliſt und Ultra⸗Voltairianer zu ſein. Es giebt dergleichen Menſchen. Der Biſchof trat zu ihm, berührte ſeinen Arm und ſ Herr Marquis, Sie müſſen miretwas geb en.“ 7 — Der Marquis wandte ſich um und e trocken: „Hochwürden, ich habe meine Arme.“—„So geben — Sie mir die,“ erwiderte der Biſchof. Eines Tages hielt er in dem Dome folgende Predigt: Meine ſehr lieben Brüder und guten Freunde, es 20 giebt in Frankreich 1,320,000 Bauernhäuſer, die nur drei Oeffnungen haben, 1,817,000, die nur zwei Oeffnungeu haben, die Thür und ein Fenſter, und endlich 360,000 Hütten, die nur eine Thür allein haben. Das kommt von einer Sache her, welche man Thür-⸗ und Fenſterſteuer nennt. Steckt mir arme Familien, alte Franen, kleine Kin der in ſolche Wohnungen, und Ihr werdet die Fieber und Krankheiten ſehen! Ach, Gott giebt dem Menſchen die Luft, doch das Geſetz verkauft ſie ihnen. Ich klage das Geſetz nicht an, aber ich ſegne Gott. In dem Departement der Iſere, in dem des Var, in dem der beiden Alpen, der oberen und der niederen, haben die Bauern nicht einmal Schiebekarren, ſondern tragen ihren Dünger auf dem Rücken; ſie haben keine Lichte und brennen harzige Hölzer oder Tauenden, die ſie in Harz getaucht haben. So iſt es auch in der ganzen oberen Dauphiné. Sie bereiten Brod für ſechs Monate und backen es mit getrocknetem Kuhmiſt. Im Winter zerſchlagen ſie dieſes Brod mit Axthieben und weichen es 24 Stunden lang in Waſſer auf, um es eſſen zu können.— Meine Brüder, habet Mitleid! Sehet, wie man um Euch her leidet!“ Als geborener Provengale hatte er ſich leicht mit allen Patois⸗Dialecten des Südens vertraut gemacht. Er ſprach ſo wie die Landleute in dem niederen Languedoc, in den unteren Alpen, in der oberen Dauphiné. Das gefiel dem Volke ſehr und trug nicht wenig dazu bei, ihn allgemein be⸗ liebt zu machen. Er war in den Hütten und auf den Ber⸗ gen zu Hauſe. Er verſtand es, die höchſten Dinge in den niedrigſten Idiomen zu ſagen. Alle Sprachen redend, drang er in alle Seelen ein. Uebrigens war er derſelbe gegen die Leute der Welt und gegen die Leute des Volkes. Er verdammte nichts übereilt und ohne den Umſtänden Rechnung zu tragen. Er ſagte:„Betrachten wir den Weg, auf dem der Fehler kam.“ Da er, wie er ſich ſelbſt lächelnd nannte, ein ehemaliger Sünder war, kam er nicht auf die Verirrungen des Ri⸗ gorismus und bekannte ziemlich laut, und unter dem Stirn⸗ runzeln der grauſamen Tugendhelden eine Lehre, die man ungefähr ſo zuſammenfaſſen könnte:„Der Menſch trägt auf ſich des Fleiſch, welches zugleich ſeine Laſt und ſeine Verſuchung iſt. Er ſchleppt es fort und giebt dem Fleiſche nach.“ „Er muß es überwachen, bezwingen, unterdrücken und ihm nur in der äußerſten Nothwendigkeit gehorchen. Selbſt bei dieſem Gehorſam kann noch ein Fehler begangen wer⸗ den; allein der ſo entſtandene Fehler iſt verzeihlich. Er iſt ein Sturz, doch ein Sturz auf die Kniee, der mit einem Gebet enden kann. „Ein Heiliger zu ſein iſt die Ausnahme, ein Gerechter zu ſein die Regel. Irret, fehlet, ſündiget, doch ſeiet gerecht. „So wenig Sünde als möglich iſt das Geſetz des Gar keine Sünde iſt der Traum eines Engels. Alles Irdiſche iſt der Sünde unterworfen. Die Sünde iſt eine Schwerkraft.“ Wenn er ſah, wie alle Welt laut ſchrie und ſich ſehr ſchnell empörte, ſagte er lächelnd:„O, o, es ſcheint, als ob das ein großes Verbrechen ſei, das alle Welt begeht. Die Heuchelei wird aufgeregt und eilt zu proteſtiren und ſich zu decken.“ Er war nachſichtig gegen die Frauen und die Armen, auf denen das Gewicht der menſchlichen Geſellſchaft laſtet. Er ſagte:„Die Fehler der Weiber, der Kinder, der Die⸗ nenden, der Schwachen, der Armen und der Unwiſſenden ſind die Fehler der Männer, der Väter, der Herren, der Starken, der Reichen und der Gelehrten.“ Ebenſo ſagte er:„Den Unwiſſenden lehret, ſo viel Ihr vermöget; die Geſellſchaft iſt ſtrafbar dafür, daß ſie den Unterricht nicht umſonſt ertheilt; ſie haftet für die Nacht, die ſie hervorbringt. Dieſe Seele iſt voll Finſter⸗ niß; die Sünde wird dabei begangen. Der Strafbare iſt nicht der, welcher die Sünde begeht, ſondern der, welcher die Finſterniß veranlaßt.“ Wie man ſieht, hatte er eine eigenthümliche Art, die Dinge zu beurtheilen. Ich vermuthe, er ſchöpfte das aus dem Evangelium. Er hörte eines Tages in einem Salon einen Kriminal⸗ prozeß erzählen, der unterſucht wurde und nächſtens ent⸗ ſchieden werden ſollte. Ein erbärmlicher Menſch hatte aus Liebe für ein Weib und für das Kind, das ſie ihm geboren hatte, als er mit ſeinen Hülfsmitteln zu Ende war, falſches Geld gemacht. Die Falſchmünzerei wurde in jener Zeit noch mit dem Tode beſtraft. Die Frau war verhaftet wor⸗ den, als ſie das erſte falſche Geldſtück ausgab, welches der Mann gemacht hatte. Man hielt ſie feſt, aber man hatte nur gegen ſie Beweiſe. Sie allein konnte ihren Geliebten ——— S 26 anklagen und ihn durch ihr Geſtändniß in das Verderben ſtürzen. Sie leugnete. Man drang in ſie. Sie beharrte dabei, zu leugnen. Da kam dem Unterſuchungs⸗Richter ein Gedanke. Er erſann eine Untreue des Geliebten, und es gelang ihm durch Bruchſtücke von Briefen, die er ge⸗ ſchickt vorzulegen verſtand, die Unglückliche zu überreden, ſie hätte eine Nebenbuhlerin und der Mann betrüge ſie. Außer ſich gebracht durch Eiferſucht klagte ſie nun ihren Geliebten an, geſtand Alles, bewies Alles. Der Mann war verloren. Er ſo aute nächſtens in Aix mit ſeiner Mit⸗ ſchuldigen verurtheilt werden. Man erzählte die Thatſache und alle Welt pries die Gewandtheit des Richters. Indem er die Eiferſucht in das Spiel brachte, hatte er die Wahr⸗ heit durch den Zorn an das Licht gezogen und der Rache der Gerechtigkeit ihr Opfer geſichert. Der Biſchof hörte das Alles ſchweigend an. Als der Erzähler zu Ende war, fragte er: „Wo wird man dieſen Mann und dieſes Weib richten?“ „Vor den Aſſiſen.“ Er entgegnete:„Und wo wird man den Anwalt des Königs richten?“ Es trug ſich in D... ein tragiſches Abenteuer zu. Ein Mann wurde wegen Mordes zum Tode verurtheilt. Es war ein Unglücklicher, nicht ganz gebildet, nicht ganz unwiſſend, Taſchenſpieler auf Märkten und öffentlicher Schreiber. Der Proceß beſchäftigte die Stadt ſehr. Den vor der feſtgeſetzten Hinvichtung des Verurtheilten wurd der Geiſtliche des Gefängniſſes krank. Es war ein prieſte erforderlich, um dem Verurtheilten in ſeinen letzten Augen⸗ blicken Beiſtand zu leiſten. Man wollte den Pfarrer holen. Er weigert ſich zu kommen, indem er ſagte:„Das geht mich nichts an. Ich habe mit dieſem Frohndienſt und dieſen Seil⸗ tänzer nichts zu ſchaffen; auch ich bin krank; überdies iſt das as 27 nicht mein Platz.“ Man hinterbrachte dem Biſchof dieſe Ant⸗ wort und derſelbe ſagte:„Der Herr Pfarrer hat Recht. Es iſt nicht ſein Platz, ſondern der meinige.“ Er ging auf der Stelle nach dem Gefängniſſe, ſtieg in den Kerker des Seiltänzers hinab, rief ihn bei ſeinem Namen, ergriff ſeine Hand und ſprach zu ihm. Den ganzen Tag blieb er bei ihm; vergaß Nahrung und Schlaf, betete zu Gott für die Seele des Verurtheilten und bat dieſen, für ſeine eigene zu beten. Er ſagte ihm die beſten Wahr heiten, welches die einfachſten ſind. Er war Vater, Bru der, Freund; Biſchof nur, um zu ſegnen. Er lehrte ihn Alles, indem er ihn tröſtete und beruhigte. Dieſer Menſch ſtand auf dem Punkte, von Verzweiflung ergriffen zu werden. Der Tod war für ihn ein Abgrund. Aufrecht ſtehend, zitternd auf der finſtern Schwelle, bebte er voll Abſcheu zurück. Er war nicht unwiſſend genug, um voll kommen gleichgiltig zu ſein. Seine Verurtheilung, eine heftige Erſchütterung, hatte in gewiſſer Art hier und dort jene Schranken niedergeriſſen, welche uns von dem Myhſterium der Dinge trennt und die wir das Leben nennen. Er blickte unabläſſig durch dieſe verhängnißvollen Oeffnungen zur Welt hinaus und gewahrte jenſeits nichts als Finſterniß. Der Biſchof machte ihm einen hellen Schein bemerkbar. Als man am nächſten Tage kam, um den Unglücklichen abzuholen, war der Biſchof da. Er folgte ihm und zeigte ſich den Augen der Menge in ſeinem violetten Gewande und mit ſeinem biſchöflichen Kreuze am Halſe, unmittelbar an der Seite des Elenden, der mit Stricken gebunden war. Er beſtieg mit ihm den Karren, er ging mit ihm auf das Schaffot. Der Verurtheilte, der am Tage zuvor noch ſo finſter und niedergeſchlagen war, zeigte ſich freudeſtrah— lend. Er fühlte, daß ſeine Seele ausgeſöhnt war, und hoffte auf Gott. Der Biſchof umarmte ihn, und in dem 28 Augenblicke, in welchem das Meſſer fallen ſollte, ſagte er zu ihm:„Den, welchen der Menſch tödtet, wird Gott wieder auferſtehen machen; der, welchen die Brüder verſtoßen, findet den Vater. Betet, glaubet, tretet ein in das Leben! Da iſt der Vater!“— Als er von dem Blutgerüſt herab⸗ ſtieg, lag in ſeinem Blicke ein Etwas, vor dem das Volk ehrerbietig zurückwich. Man wußte nicht, was bewunderns⸗ würdiger war; ſeine Bläſſe oder ſein heiterer Ernſt. Als er wieder in die beſcheidene Wohnung trat, die er lächelnd ſeinen Palaſt nannte, ſagte er zu ſeiner Schweſter:„Ich habe ein hochprieſterliches Amt gehalten.“— Da die erhabenſten Dinge oft die am wenigſten begriffenen ſind, gab es in der Stadt Leute, welche, indem ſie über dieſes Benehmen des Biſchofs ihre Gloſſen machten, ſagten: „Das iſt Affection.“ Dies war übrigens nur eine Aeußerung der Salons. Das Volk erblickt keine Heuchelei in den heiligen Handlungen; es wurde gerührt und be⸗ wunderte. Für den Biſchof ſelbſt war es eine Erſchütterung ge⸗ weſen, die Guillotine geſehen zu haben, und er bedurfte längerer Zeit, ſich von dem Anblick zu erholen. Wenn das Blutgerüſt aufgerichtet iſt, hat es in der That etwas Blen⸗ dendes. Man kann eine gewiſſe Gleichgültigkeit gegen die Todesſtrafe hegen, ſich nicht darüber ausſprechen, ja und nein ſagen, ſo lange man noch nicht mit eigenen Augen eine Guillotine geſehen hat. Wenn man ſie aber erblickt, iſt die Erſchütterung heftig, man muß ſich entſcheiden und für oder gegen Partei nehmen. Die Einen bewundern, wie de Maistre, die Andern verwünſchen, wie Beccaria. Die Guillotine iſt die Weihe des Geſetzes; ſie heißt vindicte, d. i. gerechte Verfolgung der Verbrecher; ſie iſt nicht neutral und geſtattet uns nicht, neutral zu bleiben. Wer ſie er⸗ blickt, wird von dem geheimnißvollſten Beben ergriffen. Alle ſocialen Fragen richten um dieſes Schneidemeſſer her ihre Fragezeichen auf. Das Schaffot iſt eine Viſion. Es iſt kein Zimmerwerk, keine Maſchine, kein unthätiger Mecha⸗ nismus aus Holz, Eiſen und Stricken zuſammengeſetzt. Es ſcheint eine Art von Weſen zu ſein, das eine gewiſſe Weiſe von ergreift; man möchte ſagen, dieſes Zimmer⸗ werk ſieht, dieſe Maſchine hört, dieſer Mechanismus be⸗ greift, dieſes Holz, dieſes Eiſen und dieſe Stricke haben einen Willen. In der entſetzlichen Träumerei, in welche ſeine Anweſenheit die Seele ſtürzt, erſcheint das Schaffot fürchterlich und ſich in Alles miſchend, was es vollbringt. Das Blutgerüſt iſt die Mitſchuldige des Henkers; es ver⸗ ſchlingt, es zerreißt das Fleiſch, es trinkt das Blut. Das Schaffot iſt eine Gattung von Ungeheuer, geſchaffen durch den Richter und den Zimmermann; ein Geſpenſt, welches eine Art entſetzlichen Lebens zu haben ſcheint, beſtehend aus dem vielfachen Tode, den es gab. Der Eindruck war daher auch fürchterlich und tief für den Biſchof; den Tag nach der Hinrichtung und noch viele Tage darauf ſchien er ſehr niedergeſchlagen zu ſein. Der beinahe gewaltige Ernſt des traurigen Anblickes war ver⸗ ſchwunden; das Phantom der ſocialen Juſtiz beſtürmte ihn. Er, der für gewöhnlich von allen ſeinen Handlungen mit einer ſo freudeſtrahlenden Zufriedenheit zurückkehrte, ſchien ſich jetzt einen Vorwurf zu machen. Zuweilen ſprach er mit ſich ſelbſt und ſtammelte mit halblauter Stimme finſtere Reden. Hier eine derſelben, die ſeine Schweſter eines Abends hörte und behielt: „Ich glaubte nicht, daß das ſo abſcheulich wäre. Es iſt ein Unrecht, ſich in das göttliche Geſetz ſo zu ver⸗ tiefen, daß man darüber das menſchliche Geſetz nicht mehr erblickt. Der Tod gehört nur Gott an. Mit welchem Recht taſten die Menſchen an dieſes unbekannte Etwas?“ 30 Mit der Zeit verwiſchten ſich dieſe Eindrücke und ver⸗ ſchwanden wahrſcheinlich ganz. Indeß bemerkte man doch, daß der Biſchof von der Zeit an vermied, über den Hin⸗ richtungsplatz zu gehen. Man konnte Herrn Myriel zu jeder Stunde an das Lager der Kranken und der Sterbenden rufen. Es war ihm nicht unbekannt, daß hier ſeine größte Pflicht und ſeine wichtigſte Arbeit war. Verwittwete oder verwaiſte Fa⸗ milien brauchten ihn nicht zu rufen; er kam von ſelbſt zu ihnen. Er verſtand es, ſtundenlang ſchweigend neben dem Manne zu ſitzen, der ſeine geliebte Frau, neben der Mutter, die ihr Kind verloren hatte. Wie er augenblicklich erkannte, wo es zu ſchweigen galt, wußte er auch den Augenblick zum Sprechen. O bewundernswürdiger Tröſter! Er ſuchte nicht den Schmerz durch das Vergeſſen zu verwiſchen, ſon⸗ dern ihn durch die Hoffnung zu vergrößern und würdiger zu machen. Er ſagte:„Achtet auf die Art und Weiſe, wie Ihr Euch zu den Todten wendet. Denket nicht an das, was verweſet. Sehet feſt hin. Ihr werdet dann den le⸗ bendigen Schein Eurer geliebten Todten im Hintergrunde des Himmels erblicken.“— Er wußte, daß der Glaube geſund iſt. Er ſuchte den verzweifelnden Menſchen zu retten und ihn zu beruhigen, indem er auf den ergebungsvollen Menſchen deutete, und den Schmerz, der in ein Grab ſtarrt, dadurch zu verwandeln, daß er auf den Schmerz zeigte, der nach einem Sterne blickt. Daß der hochwürdige Herr Bienvenn ſeine Röcke zu lange trug. Das innere Leben des Herrn Mhriel war erfüllt von denſelben Gedanken, wie ſein öffentliches Leben. Für Je⸗ den, der ihn in der Nähe hätte ſehen können, wäre die freiwillige Armuth, in welcher der Biſchof von D... lebte, ein ernſtes und freundliches Schauſpiel geweſen. Gleich allen Greiſen und den meiſten Denkern ſchlief er nur wenig. Dieſer kurze Schlaf war tief. Am Mor⸗ gen ſammelte er ſich eine Stunde, dann las er die Meſſe, entweder in dem Dome, oder in ſeinem Hauſe. Wenn die Meſſe beendet war, frühſtückte er ein Roggenbrod, in Milch von ſeinen Kühen getunkt. Dann arbeitete er. Ein Biſchof iſt ein ſehr beſchäftigter Menſch; er muß jeden Tag den Secretair des Bisthums empfangen, der ge⸗ wöhnlich ein Canonicus iſt, und beinahe jeden Tag ſeine Groß⸗Vicare. Er hat Congregationen zu controlliren, Pri⸗ vilegien zu ertheilen, eine ganze kirchliche Bibliothek zu prüfen, Kirchſpiel⸗Regiſter, Diöceſan⸗Catechismen, Gebet⸗ bücher ꝛc., Verordnungen zu ſchreiben, Predigten zu autori⸗ ſiren, Pfarrer und Maire zu verſöhnen, eine kirchliche und eine adminiſtrative Correſpondenz zu führen, auf der einen Seite hat er den Staat, auf der anderen den heiligen Stuhl, tauſend Geſchäfte. Die Zeit, welche ihm dieſe tauſend Geſchäfte, ſeine gottesdienſtlichen Handlungen und ſein Breviarium übrig ließen, widmete er zunächſt den Hülfsbedürftigen, den Kran⸗ ken, den Bekümmerten; die Zeit, welche die Bekümmerten, die Kranken und die Hülfsbedürftigen ihm ließen, verwen⸗ dete er auf die Arbeit. Bald grub er in ſeinem Garten, bald las oder ſchrieb er. Für dieſe beiden Arten der Ar⸗ beit hatte er nur eine Bezeichnung; er nannte das gärt⸗ nern.„Der Geiſt iſt ein Garten,“ ſagte er. Wenn das Wetter ſchön war, ging er gegen Mittag aus und machte Spaziergänge zu Fuß auf den Feldern oder in der Stadt, wobei er öfters in die kleineren Häuſer ein⸗ trat. Man ſah ihn allein gehen, ganz in ſeine Gedanken vertieft, das Haupt geſenkt, geſtützt auf ſeinen langen Stock, gekleidet in ſeinen violetten, wattirten und ſehr warmen Rock, an den Füßen violette Strümpfe in groben Schuhen, auf dem Kopfe ſeinen flachen Hut, aus deſſen drei Spitzen goldene Eicheln blickten. Ueberall, wo er erſchien, war es ein Feſt. Man hätte ſagen können, ſein Vorüberkommen ſei erwärmend und be⸗ leuchtend. Die Greiſe und die Kinder traten wegen des Biſchofs auf die Schwellen, wie wegen der Sonne. Er ſegnete und man ſegnete ihn. Man zeigte ſein Haus Je⸗ dem, der irgend etwas bedurfte. Hier und dort blieb er ſtehen, plauderte mit den klei⸗ nen Knaben und den kleinen Mädchen und lächelte den Müttern zu. Er beſuchte die Armen, ſo lange er Geld hatte; beſaß er keines mehr, dann beſuchte er die Reichen. Da er ſeine Röcke ſehr lange trug und nicht wollte, daß man dies bemerken ſollte, ging er in der Stadt nie anders aus, als in ſeinem violetten Ueberwurf. Das war ihm im Sommer etwas läſtig. Kehrte er nach Hauſe zurück, dann aß er. Das Mit⸗ tagseſſen glich dem Frühſtück. Abends um halb neun Uhr aß er mit ſeiner Schweſter. Frau Magloire ſtand dabei hinter ihnen und bediente ſie —— 33 bei Tiſche. Es konnte nichts Frugaleres geben, wie dieſe Mahlzeit. Hatte indeß der Biſchof einen ſeiner Pfarrer zum Abendeſſen, dann benutzte Frau Magloire dieſe Ge⸗ legenheit, um den Hochwürdigen irgend einen vortreff⸗ lichen Fiſch aus den Teichen oder irgend ein feines Wild von den Bergen vorzuſetzen. Jeder Pfarrer war ein Vorwand zu einer guten Mahlzeit. Der Biſchof ließ ſich das gefallen. Außerdem beſtand ſeine gewöhnliche Koſt nur aus Gemüſen in Waſſer gekocht und aus einer mit Oel angekochten Suppe. Man ſagte daher auch in der Stadt von ihm:„Hält der Biſchofnicht eine Pfarrer⸗ Mahlzeit, ſo hält er die Mahlzeit eines Trap⸗ piſten.“ Nach dem Abendeſſen plauderte er eine halbe Stunde mit Fräulein Baptiſtine und Frau Magloire; dann ging er nach ſeinem Zimmer und ſchrieb bald auf fliegende Blätter, bald an die Ränder irgend eines Foliobandes. Er war unterrichtet und ſogar ein wenig gelehrt. Er hat fünf oder ſechs merkwürdige Manuſcripte hinterlaſſen; unter andern eine Abhandlung über den Vers der Geneſis: Im An⸗ fange ſchwebte der Geiſt Gottes über den Waſſern. Er vergleicht mit dieſem Verſe drei Texte: Den arabiſchen Vers: Die Winde Gottes blieſen; Flavius Joſephus, welcher ſagt: Ein Wind von oben ſtürzte ſich auf die Erde; und endlich die chaldäiſche Paraphraſe des Onkelos, welche lautet: Ein Wind, der von Gott kam, wehete über die Oberfläche der Gewäſſer. In einer andern Diſſertation prüft er die theologiſchen Werke Hugos, Biſchofs von Ptolemäus, Urgroßonkel deſſen, welcher dieſes Buch ſchreibt, und bewies, daß dieſem Biſchof die verſchie⸗ denen Werke zugeſchrieben werden müſſen, welche im ver⸗ floſſenen Jahrhundert unter dem Pſeudonym Barleycourt herausgegeben wurden. Zuweilen verfiel er mitten im Leſen, welches Buch er Die Elenden. I. 3 auch in den Händen haben mochte, in tiefes Nachdenken, dem er ſich nur entriß, um einige Zeilen auf den Seiten deſſelben Buches zu ſchreiben. Dieſe Zeilen haben oft gar keinen Zuſammenhang mit dem Buche, welches dieſelben enthält. Wir haben eine Bemerkung vor Augen, die er an den Rand eines Quartbandes geſchrieben hat, welches den Titel führt:„Briefwechſel des Lord Germain mit den Generalen Clinton und Cornvalis und den Admiralen der amerikaiſchen Nation. Verſailles, bei Poincot, Buchhändler, und in Paris bei Piſ⸗ ſot, Buchhändler, Quai des Auguſtins.“ Hier dieſe Anmerkung: „ „Der Prediger Salomo nennt Euch Allmacht, die Ma⸗ cabäer aber nennen Euch Schöpfer, die Epiſtel an die Epheſer nennt Euch Freiheit, Baruch nennt Euch Vermeßlich⸗ keit, die Pſalmen nennen Euch Weisheit und Wahrheit, Johannes nennt Euch Licht, die Könige nennen Euch Herr, das zweite Buch Moſes Heiligkeit, Esdras Gerechtigkeit, die Schöpfungsgeſchichte nennt Euch Gott, der Menſch nennt Euch Vater, aber Salomo nennt Euch Barmherzigkeit, und das iſt der ſchönſte von allen Euren Namen.“ Gegen neun Uhr Abends zogen die beiden Frauen ſich zurück und gingen nach ihren Zimmern im erſten Stock hinauf, ihn bis zum nächſten Morgen im Erdgeſchoſſe allein laſſend. Es iſt nöthig, daß wir hier eine genaue Beſchreibung von der Wohnung des Biſchofs von D... geben. [ O WL. — Durch wen er ſein Haus bewohnen ließ. Das Haus, welches er bewohnte, beſtand, wie wir er⸗ wähnten, aus einem Erdgeſchoſſe und einem erſten Stock: drei Zimmer im Erdgeſchoß, drei Stuben im erſten Stock und darüber ein Laden. Hinter dem Hauſe lag ein Garten von einem Viertel Morgen. Die beiden Frauen bewohnten den erſten Stock. Der Biſchof wohnte unten. Das erſte Zimmer, welches nach der Straße hinausging, diente zum Speiſeſaal, das zweite zum Schlafzimmer und das dritte zum Betzimmer. Man konnte aus dem letzteren nur durch das Schlafzimmer gehen, und aus dem Schlafzimmer nur durch den Speiſeſaal. Im Hintergrund des Bet⸗ zimmers befand ſich ein geſchloſſener Alkoven mit einem Bett für Fälle der Gaſtfreundſchaft. Der Biſchof bot dieſes Bett den Landpfarrern an, welche Geſchäfte oder die Be⸗ dürfniſſe ihres Sprengels nach D... führten. Die Apotheke des Hoſpitals, ein kleines Gebäude, welches dem Hauſe hinzugefügt war und in dem Garten ſtand, hatte er in Küche und Keller verwandeln laſſen. Außerdem lag im Garten noch ein Stall, welcher die ehemalige Küche des Hoſpiciums war, und in welchem der Biſchof zwei Kühe hielt. Wie viel Milch ſie auch geben mochten, ſchickte er doch unabänderlich jeden Morgen die Hälfte davon an die Kranken des Hoſpitals.„Ich zahle meinen Zehnten,“ ſagte er. Sein Zimmer war ziemlich groß und in der ſchlechten Jahreszeit ſchwer zu heizen. Da das Holz in D.. ſehr 2X 0 36 theuer iſt, war er auf den Gedanken gefallen, ſich in dem Kuhſtall einen Bretterverſchlag machen zu laſſen. Hier brachte er bei großer Kälte ſeine Abende zu. Das nannte er ſeinen Winterſalon. In dieſem Winterſalon wie in dem Speiſeſaale gab es keine andern Möbel als einen viereckigen Tiſch von weißem Holz und vier Strohſtühle. Der Speiſeſaal war außerdem noch geſchmückt mit einem alten Schenktiſch, in Waſſerfarbe roth gemalt. Aus einem ähnlichen Schenktiſch, auf paſſende Weiſe bekleidet mit einem weißen Tiſchtuche und falſchen Spitzen, hatte der Biſchof einen Altar bereitet, der ſein Betzimmer ſchmückte. Seine reichen Beichtkinder und die frommen Frauen von D.. hatten ſich oft zuſammengethan, um die Koſten für einen ſchönen neuen Altar in dem Betzimmer des hochwür⸗ digen Herrn zu beſtreiten; er hatte jedes Mal das Geld angenommen und den Armen gegeben.„Der ſchönſte von allen Altären,“ ſagte er,„iſt die Seele eines getröſteten Unglücklichen, der Gott dankt.“ Er hatte in ſeinem Betzimmer zwei Betſtühle von Stroh und einen ebenfalls mit Stroh bekleideten Armſeſſel in ſeinem Schlafzimmer. Wenn er zufällig ſieben oder acht Perſonen zugleich empfangen mußte, den Präfecten oder den General, oder den Generalſtab des in Garniſon liegen⸗ den Regiments oder einige Zöglinge des kleinen Seminars, war man gezwungen, aus dem Stall die Stühle des Win⸗ terſalons, aus dem Oratorium die Betſtähle und aus dem Schlafzimmer den Armſeſſel zuſammenzuholen; auf dieſe Weiſe konnte man für Beſucher bis zu elf Sitzen zuſam⸗ menbringen. Mit jedem neuen Beſuche wurde ein Zimmer ſeiner Möbel entkleidet. Zuweilen geſchah es dann, daß man zu Zwölfen war; dann wußte der Biſchof die Verlegenheit dadurch zu ver⸗ decken, daß er vor dem Kamin ſtehen blieb, wenn es im „) „e——— 37 Winter war, oder geſchah es im Sommer, in dem Garten ſpazieren ging. In dem geſchloſſenen Alkoven ſtand auch noch ein Stuhl, allein er war zur Hälfte ſeines Strohes entkleidet und ſtand nur auf drei Beinen, ſo daß er nur dadurch ſeine Dienſte leiſten konnte, daß er an die Mauer gelehnt wurde. Fräulein Baptiſtine hatte wohl in ihrem Zimmer noch eine große Bergere von ehemals vergoldetem Holz und mit geblümtem Peking überzogen; allein man hatte dieſe Bergère durch das Fenſter nach dem erſten Stock hinauf winden müſſen, weil die Treppe zn ſchmal war; ſie konnte daher nicht zu den Möbeln gerechnet werden, die im Fall der Noth gebraucht wurden. Der Ehrgeiz des Fräulein Baptiſtine würde geweſen ſein, ein Salonmöbel von gelbem rothgemuſtertem Utrechter Sammet und von Mahagoni mit Schwanenhalsverzierungen, ſo wie ein Canapé kaufen zu können. Aber das hätte wenigſtens 500 Francs gekoſtet, und da ſie zu dieſem Zwecke nicht mehr als 42 Francs 10 Sous im Laufe von fünf Jahren hatte erſparen können, ſo leiſtete ſie zuletzt Verzicht darauf. Wer kann denn überhaupt auch ſeine Ideale erreichen? Nichts Einfacheres läßt ſich denken, als das Schlaf⸗ zimmer des Biſchofs. Eine Glasthür ging nach dem Garten hinaus; dieſer gegenüber ſtand ein Hoſpitalbett von Eiſen mit einem Himmel von grüner Serge, im Schatten des Bettes, hinter einem Vorhange, verriethen die Toilettegeräth⸗ ſchaften noch die ehemaligen eleganten Gewohnheiten des Weltmannes; zwei Thüren, eine neben dem Kamin führte in das Betzimmer und die andere, neben der Bibliothek, in den Speiſeſaal. Die Bibliothek war ein oßer Glas⸗ ſchrank, angefüllt mit Büchern. Der von m orartigem Holze gebildete Kamin war für gewöhnlich ohne Feuer; in dem Kamine ſtanden ein paar eiſerne Feuerböcke, verziert 38 mit zwei Vaſen mit Guirlanden und Ciſelirungen, die ehe⸗ mals verſilbert geweſen waren, eine Art von biſchöflichem Luxus; über dem Kamin hing ein kupfernes, der Verſilberung beraubtes Kruzifix auf abgeſchabtem Sammet in einem Rahmen von Holz, das die Vergoldung verloren hatte; neben der Glasthür ſtand ein großer Tiſch mit Schreibzeug, be⸗ laſtet mit in Unordnung herumliegenden Papieren und großen Büchern. Vor dem Tiſch ſtand der erwähnte Stroharm— ſeſſel, vor dem Bett befand ſich ein Betſtuhl, der dem Betzimmer entlehnt war. Zwei Portraits in ovalen Rahmen hingen zu beiden Seiten des Bettes an der Wand. Zwei kleine vergoldete Inſchriften auf dem unbemalten Hintergrunde der Leinwand neben den Figuren ſagten, daß dieſe Portraits den Abbé von Chaliot, Biſchof von St. Claude, und den Abbé Cour⸗ teau, Generalvicar von Ahde, Abt von Grand⸗Champs vom Orden der Ciſterzienſer in der Diöceſe Chartres, darſtellten. Als der Biſchof in dieſem Zimmer auf die Kranken des Hoſpitals folgte, hatte er die beiden Portraits gefunden und an ihren Stellen gelaſſen. Es waren Prieſter, wahr⸗ ſcheinlich Gabenſpender, zwei Beweggründe, die zu ehren waren. Alles was er von dieſen beiden Männern wußte, war, daß ſie durch den König an demſelben Tage, am 27. April 1785, ernannt wurden, der eine zu ſeinem Bis⸗ thum, der andere zu ſeiner Pfründe. Frau Magloire hatte die Bilder von der Wand genommen, um ſie abzu⸗ ſtauben, und der Biſchof fand bei der Gelegenheit dieſe Angaben in weißlicher Tinte auf einem kleinen, durch die Zeit vergilbten Papier angegeben, das mit vier Oblaten hinter dem Portrait des Abtes von Grand⸗Champs be⸗ feſtigt war. Vor ſeikem Fenſter hatte er einen alten Vorhang von grobem Wollenſtoff, der zuletzt ſo alt geworden war, daß Frau Magloire, um die Ausgabe für einen neuen zu er⸗ ſparen, ſich gezwungen geſehen hatte, eine große Nath gerade in der Mitte anzubringen. Dieſe Nath bildete ein Kreuz. Der Biſchof machte oft darauf aufmerkſam:„Wie gut das ausſieht,“ ſagte er. Alle Zimmer des Hauſes, im Erdgeſchoß ſowohl wie in dem erſten Stock, waren ohne Ausnahme mit Kalk ge⸗ weißt, wie dies in den Kaſernen und den Hoſpitälern üb⸗ lich iſt. Während der letzten Jahre indeß fand Frau Magloire, wie man dies ſpäter ſehen wird, unter dem mit Steinmörtel bemalten Papiere, Malereien, welche das Zimmer des Fräulein Baptiſtine ſchmückten. Ehe dies Haus zum Hoſpital ein⸗ gerichtet wurde, war es ein Verſammlungsort der Bürger geweſen. Daher dieſe Verzierung. Die Zimmer waren mit rothen Ziegelſteinen gepflaſtert, die man jede Woche ſcheuerte, und hatte Strohmatten vor allen Betten. Dieſe Wohnung, welche von zwei Frauen in Ordnung gehalten wurde, zeigte übrigens von oben bis unten die ausgeſuchteſte Sauberkeit. Das war der einzige Luxus, den der Biſchof geſtattete; er ſagte:„Dadurch entbehren die Armen nichts.“ Man muß indeß geſtehen, daß ihm von dem, was er ehemals beſeſſen hatte, noch ſechs ſilberne Beſtecke und ein Suppenlöffel blieben, welche Frau Magloire täglich mit wahrem Glück auf dem groben weißen Tiſchtuch prachtvoll glänzen ſah. Da wir hier den Biſchof von D... ſo ſchil⸗ dern, wie er war, müſſen wir hinzufügen, daß er mehr als einmal äußerte:„Ich würde nur ſchwer auf die Gewohn⸗ heit verzichten, mit Silber zu eſſen.“ Dem Silberzeuge muß man noch zwei große maſſive ſilberne Leuchter hinzufügen, die er von einer Großtante geerbt hatte. Dieſe Leuchter trugen zwei Wachskerzen und ſtanden für gewöhnlich auf dem Kamin des Biſchofs. Hatte 40 er Jemand zum Eſſen, ſo zündete Frau Magloire die Kerzen an und ſtellte die Leuchter auf den Tiſch. In dem Zimmer des Biſchofs ſelbſt, am Kopfende ſeines Bettes ſtand ein kleines Schränkchen, in welchem Frau Magloire jeden Abend die ſechs ſilbernen Beſtecke und den großen Suppenlöffel verſchloß. Man muß indeß erwähnen, daß der Schlüſſel nie abgezogen wurde. Der Garten, der ein wenig durch die ziemlich häß⸗ lichen Gebäude, deren wir erwähnten, verdorben war, be⸗ ſtand aus vier im Kreuze gepflanzten Alleen, die einen Waſſerbehälter umgaben, eine andere Allee führte rings um den Gaxten an der weißen Mauer entlang, mit der derſelbe umgeben war. Zwiſchen dieſen Alleen befanden ſich vier mit Buchsbaum eingefaßte Carré's. Auf dreien derſelben baute Frau Magloire Gemüſe, das vierte hatte der Biſchof mit Blumen bepflanzt, hier und dort ſtanden einige Buchsbäume. Einſt ſagte ihm Frau Magloire mit einer Art milder Bosheit:„Eure Hochwürden ziehen aus Allem Nutzen und haben dennoch hier ein unnützes Carré, es wäre beſſer, hier Salat zu haben, als Blumen. „Frau Magloire,“ erwiderte der Biſchof,„Sie irren. Das Schöne iſt eben ſo nützlich wie das Gute“— nach kurzem Schweigen fügte er hinzu:„nützlicher vielleicht!“ Dieſes Carré, welches aus drei oder vier Beeten be⸗ ſtand, beſchäftigte den Herrn Biſchof beinahe ebenſo ſehr, wie ſeine Bücher. Er brachte gern eine oder zwei Stun⸗ den hier zu, beſchnitt, jätete und machte hier und dort Löcher, um Saamenkörner hinein zu ſtreuen. Gegen die Inſekten war er nicht ſo feindlich, wie ein Gärtner dies verlangt hätte. Uebrigens machte er keinen Anſpruch auf botani'ſche Kenntniſſe; er wußte nichts von Gruppirungen und Einzelpflanzungen;er ſuchte nicht im Geringſten nach einer Ent⸗ ſcheidung zwiſchen Tournefort und der natürlichen Methode; er nahm weder Partei für die ſchlauchartigen Pflanzen, ge⸗ gen die Nabelpflanzen, noch für Juſſieu gegen Linné. Er ehrte ſehr die Gelehrten, achtete noch mehr die Unwiſſen⸗ den und ohne je gegen dieſe beiden Arten der Achtung zu verſtoßen, begoß er ſeine Blumenbeete jeden Sommerabend mit einer grün angeſtrichenen Blechgießkanne. Das Haus hatte nicht eine Thür, die verſchloſſen werden konnte. Die Thür des Speiſeſaales, welche, wie wir erwähnten, gerade auf den Platz der Kathedrale führte, war ehemals mit Schlöſſern und Riegeln geſchmückt, wie eine Gefängnißthür. Der Biſchof hatte all' das Eiſenwerk abnehmen laſſen, und Tag und Nacht wurde die Thür nur mit der Klinke verſchloſſen. Der erſte beſte Vorübergehende konnte ſie zu jeder Zeit aufdrücken. Anfänglich waren die beiden Frauen durch die nie verſchloſſene Thür ſehr ge⸗ ängſtigt worden, aber Herr von D... ſagte ihnen:„Laßt Riegel an Euren Stuben anbringen, wenn es Euch ſo ge⸗ fällt.“ Sie waren endlich dahin gelangt, ſein Vertrauen zu theilen, oder wenigſtens ſo zu thun, als theilten ſie es. Frau Magloire cmpfand von Zeit zu Zeit Furcht. Was den Biſchof betrifft, ſo konnte man ſeine Gedanken erklärt oder wenigſtens angedeutet in den drei Zeilen finden, welche er auf den Rand einer Bibel geſchrieben hatte:„Das iſt der Unterſchied.“ „Die Thür eines Arztes darf niemals verſchloſſen ſein, die Thür eines Prieſters muß immer geöffnet bleiben.“ In ein anderes Buch, betitelt: Die Philoſophie der mediziniſchen Wiſſenſchaft, hatte er dieſen an⸗ dern Satz geſchrieben: „Bin ich nicht gleich ihnen ein Arzt? Auch ich habe meine Kranken; zunächſt habe ich die ihrigen, welche ſie die Kranken nennen, und dann habe ich die meinigen, welche ich die Unglücklichen nenne.“ Wieder anderwärts hatte er geſchrieben: „Fraget den nicht nach ſeinem Namen, der von 42 Euch ein Lager erbittet. Beſonders der bedarf eines Aſyls, den ſein Name in Verlegenheit ſetzt. Es geſchah, daß ein würdiger Pfarrer, ich weiß nicht mehr, ob es der Pfarrer von Cvuloubroux, oder der von Pompierry war, ihn eines Tages, wahrſcheinlich auf den Antrieb der Frau Magloire, fragte, ob Seine Hochwürden auch überzeugt wären, nicht bis zu einem gewiſſen Punkte eine Unbeſonnenheit zu begehen, indem Sie Tag und Nacht Ihre Thür für Jeden, der eintreten wollte, offen ließen, und ob Sie nicht fürchteten, daß in einem ſo unbewachten Hauſe irgend ein Unglück geſchehen möchte. Der Biſchof legte mit mildem Ernſt die Hand auf ſeine Schulter und ſagte:„Nisi dominus custodierit donnum, in vanum vigilant qui custodiunt eam.*) Dann ſprach er von etwas Anderem. Gern pflegte er zu ſagen:„es giebt eine Tapferkeit des Prieſters, wie es eine Tapferkeit des Dragoneroberſten giebt, nur,“ fügte er hinzu,„muß die unſrige richtig ſein.“ V. Cravatte. Hier iſt ganz natürlich die Stelle für eine Thatſache, die wir nicht mit Stillſchweigen übergehen dürfen, denn ſie *) Wo der Herr nicht das Haus bewacht, da wachen die Wächter umſonſt. — 43 gehört zu denen, welche am beſten zeigen, was für ein Menſch der Biſchof von D... war. Nach der Vernichtung der Bande des Gaspard Beés, welche die Schluchten von Ollioules unſicher gemacht hatte, flüchtete einer von den Führern derſelben, Cravatte, ſich in die Gebirge. Er verbarg ſich einige Zeit mit ſeinen Banditen, dem Ueberbleibſel der Truppe des Gaspard Beès, in der Grafſchaft Nizza, erreichte dann Piemont und erſchien plötzlich in Frankreich wieder auf der Seite von Barcelon⸗ nette. Man ſah ihn zuerſt in Jauziers und dann bei Tuiles. Er verbarg ſich in den Höhlen des Adlerjoches und ſtieg von dort gegen die Weiler und Dörfer durch die Thäler von Ubaye und Ubayette herab. Er ging ſelbſt bis Embrun, drang während der Nacht in die Kathedrale ein und plünderte die Sacriſtei. Seine Räubereien ſetzten das Land in Verzweiflung. Man bot die Gensd'armerie zu ſeiner Verfolgung auf, doch vergeblich. Er entſchlüpfte beſtändig; zuweilen widerſtand er auch ge⸗ waltſam. Er war ein ſehr verwegener Elender. Während dieſer Schrecken erſchien der Biſchof— er machte ſeine Rundreiſe in Chaſtelar.— Der Maire ſuchte ihn auf und bat ihn, umzukehren. Cravatte hielt die Gebirge bis Arche und darüber hinaus beſetzt, es war daher für ihn gefährlich, ſelbſt mit einer Escorte.„Es hieße“, ſagte der Maire, „nutzlos drei oder vier Gensd'armen preisgeben.“ „Ich denke deshalb auch, ohne Escorte zu reiſen“, ſagte der Biſchof. „Können Ew. Hochwürden wirklich daran denken?“ rief der Maire. „Ich denke ſo ſehr daran, daß ich ganz entſchieden die Gensd'armen zurückweiſe und in einer Stunde auf⸗ brechen werde.“ „Aufbrechen?“ „Aufbrechen!“ „Allein?“ „Allein!“ „Hochwürdiger Herr, das werden Sie nicht thun.“ „Es giebt im Gebirge,“ entgegnete der Biſchof,„eine demüthige, kleine Gemeinde, die ich ſeit drei Jahren nicht beſucht habe. Die Bewohner ſind meine guten Freunde, ſanfte, rechtſchaffene Hirten. Sie beſitzen eine Ziege von dreißigen, die ſie hüten; ſie arbeiten ſehr hübſche wollene Schnüre von verſchiedenen Farben und ſpielen Bergmelodien auf kleinen Flöten mit ſechs Löchern. Es iſt nöthig, von Zeit zu Zeit mit ihnen von dem lieben Gott zu ſprechen. Was würden ſie von einem Biſchof ſagen, der ſich fürch⸗ tet? Was würden ſie ſagen, wenn ich nicht zu ihnen käme?“ „Aber Ew. Hochwürden, die Räuber?“ „Ja,“ ſagte der Biſchof,„daran denke ich eben. Sie haben Recht, ich kann ihnen begegnen. Auch für ſie iſt es nothwendig, daß man von dem guten Gott zu ihnen ſpricht.“ „Aber, Ew. Hochwürden, es iſt eine Bande! Eine Bande von Wölfen!“ „Herr Maire, vielleicht hat Jeſus mich eben für dieſe Heerde zum Hirten beſtimmt. Wer kennt die Wege der Vorſehung?“ „Gnädigſter Herr, ſie werden Sie ausplündern.“ „Ich beſitze nichts.“ „Sie werden Sie tödten.“ „Einen alten ehrlichen Prieſter, der vorübergeht, indem er ſein Gebet murmelt? Bah! Wozu nützt ihnen das?“ „O, mein Gott, wenn Sie ihnen begegneten!“ „So werde ich ſie um ein Almoſen für meine Armen bitten.“ „Ew. Hochwürden, gehen Sie nicht. Im Namen des Himmels! Sie ſetzen Ihr Leben in Gefahr.“ ni de e 45 „Herr Maire,“ ſagte der Biſchof,„iſt es gewiß weiter nichts? Ich bin nicht auf der Welt, um mein Leben, ſon⸗ dern um die Seelen zu hüten.“— Man mußte ihn gewähren laſſen. Er brach auf, nur von einem Kinde begleitet, das ſich ihn zum Führer an⸗ geboten hatte. Seine Hartnäckigkeit machte in dem Lande Aufſehen und erſchreckte ſehr. Er wollte weder ſeine Schweſter, noch Frau Magloire mit ſich nehmen. Er ritt auf einem Maulthiere über das Gebirge, begegnete Niemand und langte geſund und wohl⸗ behalten bei ſeinen„guten Freunden“, den Hirten, an. Hier blieb er vierzehn Tage, predigend, die Meſſe leſend, lehrend und moraliſirend. Als ſeine Abreiſe nahe war, be⸗ ſchloß er, ein feierliches Te deum zu ſingen. Er ſprach davon mit dem Pfarrer. Aber wie war das anzufangen? Es gab keine biſchöflichen Zierrathen. Man konnte zu ſeiner Verfügung nur eine ärmliche Dorf-Sacriſtei ſtellen, ſowie einige alte Meßgewänder von abgenutzten Dammaſt und mit falſchen Goldtreſſen verziert. „Bah“, ſagte der Biſchof,„Herr Pfarrer, verkünden Sie immerhin bei der Predigt unſer Te deum; das wird ſich machen.“ Man ſuchte in den Kirchen der Umgegend nach. Alle Prachtgegenſtände der ärmlichen Sprengel würden vereint noch nicht hingereicht haben, einen Domſänger angemeſſen zu bekleiden. Als man ſich in dieſer Verlegenheit befand, wurde durch zwei unbekannte Reiter, welche im Galopp davon ſprengten, eine große Kiſte für den Herrn Biſchof nach der Pfarrei gebracht und dort niedergeſetzt. Man öffnete die Kiſte; ſie enthielt einen Chormantel von Goldbrokat, eine mit Dia⸗ manten geſchmückte Mitra, ein erzbiſchöfliches Kreuz, einen prachtvollen Biſchofſtab, ſämmtlich Gegenſtände, die einen Monat zuvor aus dem Schatze von Notre-Pame dEmbrun 46 geraubt worden waren. In der Kiſte lag ein Papier, auf dem die Worte ſtanden:„Cravatte dem HerrnBienvenu.“ „Sagte ich's nicht, daß die Sache ſich machen würde?“ ſagte der Biſchof. Dann fügte er lächelnd hinzu:„Dem, der ſich mit dem Ueberwurf eines Pfarrers begnügt, ſendet Gott einen erzbiſchöflichen Chormantel.“ „Ew. Hochwürden!“ flüſterte der Pfarrer, indem er den Kopf lächelnd aufwarf,„Gott oder der Teufel.“ Der Biſchof ſah den Pfarrer feſt an und entgegnete mit dem Ton der Autorität:„Gott!“ Als er nach Chaſtelar zurückkehrte, drängte man ſich auf dem ganzen Wege, ihn aus Neugier zu ſehen. Er fand auf dem Pfarrhofe von Chaſtelar Fräulein Baptiſtine und Frau Magloire, die auf ihn warteten. Er ſagte zu ſeiner Schweſter:„Nun, hatte ich Recht? Der arme Prieſter ging zu den armen Bergbewohnern mit leeren Händen und mit vollen Händen kehrte er zurück. Ich nahm nichts mit mir, als mein Vertrauen auf Gott, und ich bringe den Schatz einer Kathedrale zurück.“ Am Abend, ehe er zu Bett ging, ſagte er noch: „Fürchten wir nie die Räuber, noch die Mörder. Das ſind äußere Gefahren, kleine Gefahren! Fürchten wir uns vor uns ſelbſt. Die Vorurtheile, das ſind die Räuber, die Laſter, das ſind die Mörder. Die großen Gefahren liegen in uns ſelbſt. Was kümmert uns das, was unſern Kopf oder unſere Börſe bedroht? Denken wir nur an das, was unſere Seele bedroht.“ Dann ſich zu ſeiner Schweſter wendend, ſagte er: „Meine Schweſter, ein Prieſter muß nie gegen ſeine Ne geizen. Was ſein Nächſter thut, das erlaubt Gott. Beſchränken wir uns darauf, zu Gott zu beten, wenn wir glauben, daß eine Gefahr uns naht. Beten wir zu ihm nicht für uns, ſondern daß unſer Bruder nicht unſertwegen in einen Fehler verfalle.“ In an Uebrigens waren Ereigniſſe ſelten in ſeiner Exiſtenz. Wir erzählen die, welche wir kennen; für gewöhnlich aber verfloß ſein Leben damit, täglich und zu allen Augenblicken daſſelbe zu thun. Ein Monat ſeines Jahres glich einer Stunde ſeines Tages. „Was aus dem Schatz der Kathedrale von Notre-Dame d Embrun wurde, ſo ſetzt man uns in Verlegenheit, wollte man uns danach fragen. Das waren ſehr ſchöne Dinge, ſehr verlockend und ſehr gut zum Nutzen der Armen zu verwenden. Geſtohlen waren ſie ja überdies ſchon. Die Hälfte des Abenteuers war vollbracht. Es blieb nichts mehr zu thun, als die Richtung des Diebſtahls zu verän⸗ dern und ihn eine kleine Strecke weit den Armen entgegen zu führen. Uebrigens beſtätigen wir in dieſer Hinſicht nichts. Nur fand man in den Papieren des Biſchofs eine ziemlich dunkle Anmerkung, welche ſich vielleicht auf dieſe Angelegenheit bezieht, und dieſo abgefaßt war:„Die Frage iſt, zu wiſſen, ob das nach der Kathedrale oder nach dem H oſpitgl zu ſenden iſt.“ VIII. Philoſophie nach dem Trinken. Der Senator, von welchem weiter oben geſprochen wurde, war ein erfahrener Mann, der ſeinen Weg grade aus gemacht hatte, ohne auf die Hinderniſſe zu achten, auf welche man trifft und die man Gewiſſen, geſchworene Eide, 48 Gerechtigkeit, Pflicht nennt; er war grade auf ſein Ziel zu⸗ geſchritten und ohne ein einziges Mal von der Linie ſeines Emporkommens und ſeines Intereſſes abzuweichen. Er war ein ehemaliger Anwalt, ergriffen durch den Erfolg, durch⸗ aus kein boshafter Menſch, und leiſtete alle möglichen klei⸗ nen Dienſte ſeinen Söhnen, ſeinen Schwiegerſöhnen, ſeinen Verwandten und ſelbſt Freunden; er hatte weislich von dem Leben die guten Seiten, die guten Gelegenheiten, die guten Vortheile in Anſpruch genommen. Alles Uebrige erſchien ihm ziemlich einfältig. Er war geiſtreich und gerade ge⸗ lehrt genug, um ſich für einen Schüler Epicur's zu halten, während er vielleicht nichts weiter war, als ein Product Pigault⸗Lebruns. Er lachte gern auf anmuthige Weiſe über endloſe und ewige Dinge und die„Alfanzereien des ehrlichen Biſchofs“. Er lachte darüber zuweilen mit liebenswürdiger Autorität vor Herrn Myriel ſelbſt, der ihn anhörte. Ich weiß nicht mehr, bei welcher halbofficiellen Ceremonie der Graf***(dieſer Senator) und Herr Myriel bei einem Präfecten zu Mittag ſpeiſen mußten. Bei dem Deſſert rief der Senator, der etwas aufgeheitert, obgleich immer ſehr würdevoll war: „Parbleu, Herr Biſchof, plaudern wir. Ein Senator und ein Biſchof ſehen einander ſelten ohne Augenblinzeln an. Wir ſind zwei Auguren. Ich will Ihnen ein Ge⸗ ſtändniß ablegen. Ich habe meine Philoſophie.“ „Und Sie thun recht daran,“ entgegnete der Biſchof. „Wie man ſeine Philoſophie macht, ſo bettet man ſich. Sie liegen auf einem Purpurlager, Herr Senator.“ Der Senator, dadurch ermuthiat, entgegnete: „Laſſen Sie uns gute Kinder ſein.“ „Gute Teufel ſelbſt,“ ſagte der Biſchof. „Ich erkläre Ihnen,“ erwiderte der Senator,„daß Marquis d'Argens, Pyrrhon, Hobbes und Naigeon kei me ⸗ on 49 keine Lümmel ſind. Ich habe in meiner Bibliothek alle meine Philoſophen mit Goldſchnitt.“ „Gleich Ihnen ſelbſt, Herr Graf,“ fiel der Biſchof ein. Der Senator fuhr fort: „Ich haſſe Diderot, er iſt ein Ideolog, ein Declama— tor und ein Revolutionair, der im Grunde an Gott glaubt und bigotter iſt, als Voltaire. Voltaire hat ſich über Need⸗ ham luſtig gemacht und hat Unrecht gehabt. Denn die Eſſig⸗Aelchen Needham's beweiſen, daß Gott unnütz iſt. Ein Tropfen Weineſſig in einem Löffel Mehlteich erſetzt das: Es werde Licht. Nehmen Sie den Tropfen und den Löffel größer an, ſo haben Sie die Welt. Der Menſch, das iſt das Aelchen. Wozu nützt denn der ewige Vater? Herr Biſchof, die Hypotheſe Jehovah ermüdet mich. Sie iſt nur gut dazu, magere Leute zu machen, die närriſche Gedanken hegen. Nieder mit dem großen All, das mich abſetzt! Es lebe das Nichts, das mich in Ruhe läßt! Unter uns, und um meine Taſche zu leeren und bei meinem Paſtor zu beichten, wie es ſich geziemt, geſtehe ich Ihnen, daß ich geſunden Verſtand habe. Ich bin nicht wahnſinnig von Ihrem Je ſus eingenommen, der an jeder Ecke Entſagung und Opfer predigt! Es iſt ein Rath des Geizigen an Schelme. Ent⸗ ſagung! Wozu? Opfer! Für wen? Ich ſehe nicht, daß ein Wolf ſich dem Glücke eines anderen Wolfes opfert. Bleiben wir bei der Natur. Wir ſind auf dem Gipfel; haben wir eine überlegene Philoſophie. Was nützt es, oben zu ſein, wenn man nicht weiter ſieht, als über die Naſen⸗ ſpitze der Anderen? Leben wir luſtig. Das Leben, das iſt Alles. Daß der Menſch eine andere Zukunft habe, ander⸗ wärts, dort oben, dort unten, irgendwo, davon glaube ich nicht ein verrätheriſches Wort. So! Man empfiehlt mir Opfer und Entſagung. Ich ſoll auf Alles achten, was ich thue; ich ſoll mir den Kopf über das Gute und das Böſe zerbrechen, über das Gerechte und das Ungerechte, über Die Elenden. I. 50 das Recht und das Unrecht. Wozu? Weil ich von meinen Handlungen Rechenſchaft zu geben haben werde. Wann? Nach meinem Tode. Was für ein ſchöner Traum! Nach meinem Tode! Da muß Der ſehr fein ſein, der mich kneipt. Laſſen Sie doch eine Handvoll Aſche durch eine Schatten⸗ hand ergreifen. Sprechen wir die Wahrheit, wir, die wir die Eingeweihten ſind und den Schleier der Iſis gelüftet haben. Es giebt weder Gutes noch Böſes; es giebt nichts, als die Vegetation! Suchen wir nach dem Wirklichen, forſchen wir nach Thatſachen. Gehen wir auf den Grund, zum Teufel! Man muß die Wahrheit wittern, die Erde aufwühlen und ſie ergreifen. Dann gewährt ſie uns aus⸗ geſuchte Freuden. Dann werden wir ſtark und lachen. Ich bin aufrichtig. Herr Biſchof, die Unſterblichkeit des Menſchen iſt eine Mühle, die nur durch Schleuſen in Be⸗ wegung geſetzt wird. O, das allerliebſte Verſprechen! Dem muß man glauben! Was für eine ſchöne Anweiſung Adam hat! Erſt iſt er Seele, dann wird er Engel und ſchließlich wachſen ihm blaue Flügel an den Schultern. Stehen Sie mir doch bei! Iſt es nicht Tertullian, welcher ſagt, daß die Seele von einem Stern zum andern wandern wird? Mag ſein. Man wird zu einer Heuſchrecke der Sterne und dann wird man Gott ſehen. La, la, la! Albernheit, alle dieſe Paradieſe! Gott iſt eine Rieſenalbernheit. Ich werde das meiner Treu nicht im Moniteur ſagen, aber ich flüſtere es unter Freunden, inter pocula.— Die Erde wegen des Paradieſes opfern, heißt die Beute wegen des Schattens fahren laſſen. Sich durch die Unendlichkeit betrügen laſſen? So einfältig bin ich nicht. Ich bin Nichts. Ich nenne mich Herr Graf um Nichts, Senator. War ich ſchon vor meiner Geburt? Nein. Werde ich nach meinem Tode ſein? Nein. Was bin ich? Etwas Staub, angeßäuft durch einen Organismus. Was habe ich auf dieſer örde zu ſchaffen? Mir bleibt die Wahl. Leiden oder genießen. Wohin wird 51 mich das Leiden führen? Zum Nichts. Aber ich habe ge⸗ litten. Wohin wird mich der Genuß führen? Zum Nichts. Aber ich habe genoſſen. Meine Wahl iſt getroffen. Man muß eſſen oder gegeſſen werden. Ich eſſe. Beſſer, der Zahn zu ſein, als das Kraut. Das iſt meine Weisheit. Dann gehe, wie man Dich ſtößt; der Todtengräber iſt da, das Pantheon für uns Alle. Jeder fällt in das große Loch. Ende, Finis. Vollſtändige Liquidation. Dies iſt der Ort zur Ohnmacht. Der Tod iſt todt, glauben Sie mir. Daß Jemand da ſei, der mir etwas zu ſagen hat? Ich lache, wenn ich nur daran denke. Erfindung der Am⸗ men. Ein Knecht Ruprecht für die Kinder. Jehovah für die Menſchen. Nein, unſere Zukunft iſt die Nacht. Hin⸗ ter dem Grabe giebt es nichts mehr, das gleiche Nichts. Mögen Sie Sardanapal geweſen ſein, oder Vincenz von Paula, das iſt daſſelbe Nichts. Das iſt das Wahre. Le⸗ ben Sie alſo vor allen Dingen. Benutzen Sie Ihr Ich, während Sie es haben. In Wahrheit, ſo iſt es, Herr Biſchof; ich habe meine Philoſophie und meine Philoſophen. Ich laſſe mich nicht durch Poſſen irre machen. Nach Allem muß es indeß Etwas für die geben, die unten ſind, für die Barfüßler, für die Hungerleider, für die Elenden. Man giebt ihnen die Legenden, die Chimären, die Seele, die Unſterblichkeit, das Paradies, die Sterne zu verſchlucken. Daran kauen ſie; das legen ſie auf ihr trockenes Brod. Wer nichts hat, hat den guten Gott. Das iſt wohl das Wenigſte. Ich hindere das nicht, aber ich behalte für mich meinen Herrn Naigeon. Der liebe Gott iſt gut für das Volk.“ „Der Biſchof klatſchte in die Hände.“ „Das heißt ſprechen!“ rief er.„Dieſer Materialismus iſt wirklich etwas Vortreffliches und wahrhaft Wunderbares! Es beſitzt ihn nicht Jeder, der will. O, wenn man ihn hat, ſo wird man nicht mehr betrogen. Man, läßt ſich 4* 52 nicht einfältig exiliren, wie Cato, noch ſteinigen, wie Stephan, noch verbrennen, wie Johanna d'Arc. Die, denen es gelungen iſt, ſich dieſen bewundernswerthen Materialismus zu ver⸗ ſchaffen, haben die Freude, ſich unverantwortlich zu fühlen, und zu glauben, daß ſie Alles ohne Beſorgniß verſchlingen können. Aemter, Sinecuren, ſchlecht oder recht erworbene Macht, einträgliche Widerrufe, nützliche Verräthereien, ſchmackhafte Beſchwichtigungen ihres Gewiſſens, und daß ſie dann in das Grab ſinken werden, nachdem ſie ihre Verdauung gehalten haben. Wie das angenehm iſt! Ich ſage das nicht für Sie, Herr Senator. Indeß iſt es mir unmöglich, Ihnen nicht Glück zu wünſchen. Die großen Herren haben, wie Sie ſagen, eine Philoſophie vor ſich und für ſich. Ausgezeichnet, raffinirt, nur den Reichen zugänglich! Gut für alle Summen, bewundernswerth, die Luſt des Lebens würzend. Dieſe Philoſophie iſt aus der Tiefe geholt und durch beſondere Forſcher ausgegraben. Aber ſie ſind gute Fürſten und finden es nicht übel, daß der Glaube an den lieben Gott die Philoſophie des Volkes ſei, ſo Etwas, wie die Gans mit Maronen und der trüffel⸗ gefüllte Truthahn des Armen.“ IX. Der Bruder geſchildert durch die Schweſter. Um einen Begriff von dem innern Haushalt des Herrn Biſchofs von D... zu geben, ſo wie von der Art und Weiſe, wie die beiden heiligen Töchter alle ihre Handlungen, ihre Gedanken, ſelbſt ihre leicht ernſten weiblichen Inſtinkte, den Gewohnheiten des Biſchofs unterordneten, ohne daß er nur nöthig hatte, ſich die Mühe zu nehmen, zu reden um ſie auszuſprechen, können wir nichts Beſſeres thun, als hier einen Brief mittheilen, den Fräulein Baptiſtine an die Gräfin von Boiſchevron, ihre Jugendfreundin, ſchrieb. Dieſer Brief iſt in unſern Händen. den 6 Dee „Meine gute Dame.“ „Nicht ein Tag vergeht, ohne daß wir von Ihnen ſprechen. Das iſt ſo unſere Gewohnheit; aber es giebt noch einen Grund mehr dafür. Denken Sie ſich, daß Frau Magloire Entdeckungen gemacht hat, indem ſie die Decken und Wände abſtäubte und abwuſch; jetzt würden unſere lieben Stuben, die mit altem weiß gekalkten Papier beklebt ſind, ein Schloß wie das Ihrige nicht verunzieren. Frau Magloire hat das ganze Papier zer⸗ riſſen. Es gab Dinge darunter. Mein Salon, in welchem keine Meubel ſtehen und deſſen wir uns bedienen, um nach der Wäſche das Leinenzeug aufzuhängen, iſt fünfzehn Fuß hoch, achtzehn Fuß im Quadrat und hat eine Decke, die ehemals mit Vergoldungen und Verzie rungen gemalt war, wie bei Ihnen. Sie wurde zu der Zeit, als das Hoſpital hier war, mit Leinwand beſchlagen. Das Holzwerk ſtammt aus der Zeit unſerer Großmutter. Aber es iſt ein Zimmer, das man ſehen muß. Frau Magloire hat unter wenigſtens zehnfach über einander geklebten Papieren Gemälde entdeckt, die, ohne eben gut zu ſein, doch erträglich ſind. Es iſt Telemach, der durch Minerva zum Ritter geſchlagen wird. Es iſt wieder wie in dem Garten— der Name iſt mir entfallen, kurz, zu dem die römiſchen Frauen ſich während einer einzigen Nacht begaben. Was ſoll ich Ihnen ſagen? Ich habe 54 Römer, Römerinnen(hier ein unleſerliches Wort) und das ganze Gefolge. Frau Magloire hat das Alles ab⸗ gewaſchen und dieſen Sommer wird ſie einige kleine Beſchädigungen ausbeſſern, Alles firniſſen und meine Stube wird dann ein wahres Muſeum ſein. Sie hat auch in einem Winkel des Bodens zwei hölzerne Conſolen von alter Art gefunden. Man forderte zwar Sechs⸗ Livrethaler, um ſie wieder zu vergolden, aber es iſt beſſer, das den Armen zu geben. Uebrigens iſt das ſehr häßlich und mir wäre ein runder Tiſch von Mahagoniholz lieber. „Ich bin noch immer ſehr glücklich. Mein Bruder iſt ſo gut. Er giebt Alles, was er beſitzt, den Nothleidenden und den Kranken. Wir ſind ſehr beſchränkt. Der Winter iſt bei uns hart und es muß wohl Etwas für die geſchehen, die Mangel leiden. Was uns betrifft, ſo ſind wir ſo ziemlich erwärmt und beleuchtet. Sie ſehen, daß das eine große Wohlthat iſt. „Mein Bruder hat ſeine eigenthümlichen Gewohnheiten. Wenn er plaudert, ſagte er, ſo müßte ein Biſchof ſein. Denken Sie ſich, daß die Hausthür nie geſchloſſen wird. Es kann eintreten, wer will und man iſt ſogleich bei meinem Bruder. Er fürchtet nichts, ſelbſt nicht während der Nacht. Das iſt ſeine Tapferkeit, wie er ſagt. „Er will nicht, daß ich für ihn fürchten ſoll, und ebenſowenig Frau Magloire. Er ſetzt ſich allen Gefahren aus und will nicht einmal, daß wir ſo thun ſollen, als be— merkten wir es. Man muß ihn zu begreifen verſtehen. „Er geht beim Regen aus, ſchreitet durch das Waſſer, reiſt im Winter. Er fürchtet weder die Nacht, noch ver⸗ dächtige Begegnungen, noch Unfälle. „Vergangenes Jahr ging er ganz allein nach einer Haide voller Räuber. Er wollte uns nicht mit ſich neh⸗ men. Er blieb vierzehn Tage abweſend. Nach ſeiner Rückkehr , 55 war ihm nichts begegnet; man hielt ihn für todt, er befand ſich aber wohl und ſagte:„So hat man mich beſtohlen!““ Dabei öffnete er eine Kiſte, die ganz mit Schmuckgegen ſtänden aus der Kathedrale von Embrun angefüllt war, welche die Räuber ihm geſchenkt hatten. Dies Mal habe ich mich, als er zurückkehrte, nicht enthalten können, ihn ein wenig auszuzanken, indem ich aber nur ſprach, während der Wagen Lärm machte, ſo daß Niemand mich hören konnte. „Während der erſten Zeit ſagte ich zu mir: Keine Ge⸗ fahr hält ihn zurück, es iſt ſchrecklich! Jetzt habe ich mich daran gewöhnt. Ich mache Frau Magloire Zeichen, daß ſie ihm nicht widerſpricht. Er ſetzt ſich jeder Gefahr aus, wie er will. Ich nehme Frau Magloire mit mir, gehe nach meiner Stube, bete für ihn und ſchlafe ein. Ich bin ruhig, denn ich weiß wohl, daß es mein Ende wäre, wenn ihm irgend ein Unglück zuſtieße. Ich würde mit meinem Bruder und meinem Biſchof zu dem guten Gott gehen. Frau Magloire wurde es ſchwerer, als mir, ſich an das zu gewöhnen, was ſie ſeine Unbeſonnenheiten nennt. Aber jetzt haben wir uns daran gewöhnt. Wir beten alle Beide, fürchten uns mit einander und ſchlafen dann ein. Käme der Teufel in das Haus, ſo würde man ihn gewäh⸗ ren laſſen. Was ſollten wir übrigens, Alles wohl erwogen, in dieſem Hauſe fürchten. Es iſt jederzeit Einer, der ſtärker iſt. Der Teufel kann wohl durch das Haus gehen, aber der liebe Gott bewohnt es. „Das genügt mir. Mein Bruder braucht mir jetzt kein Wort mehr zu ſagen. Ich verſtehe ihn, ohne daß er ſpricht, und wir überlaſſen uns der Vorſehung. „So muß man gegen einen Menſchen ſein, der etwas Großes in ſeinem Geiſte hat. „Ich habe meinen Bruder um die Nachrichten gebeten, die Sie von mir über die Familir von Faux zu erhalten wünſchten. Sie wiſſen, wie er Alles weiß und für Alles ein Gedächtniß hat, denn er iſt noch immer ein ſehr guter Roya⸗ liſt. Es iſt wirklich eine ſehr alte normänniſche Familie aus Caön. Vor fünfhundert Jahren gab es einen Raoul von Faur und einen Thomas von Faux, welche Edelleute waren, und darunter Einer Herr von Rochefort. Der Letztere war Guh Etienne Alexander, Oberſt eines Regiments oder ſo etwas, bei den Chevaurlégers von Bretagne. Seine Tochter Marie Louiſe hat Adrian Charles von Gramont, geheirathet, Tochter des Herzogs Louis von Gramont, Pair von Frankreich, Oberſt der franzöſiſchen Garden und Gene⸗ rallieutenant der Armee. Man ſchreibt Faux, Fauqg und und Faoug.“ „Gute Dame, empfehlen Sie uns den Gebeten Ihres heiligen Verwandten, des Herrn Cardinals. Was Ihre theure Sylvanie betrifft, ſo thut ſie wohl daran, die kurzen Augenblicke, welche ſie bei Ihnen zubringt, nicht zu ver⸗ bringen, um mir zu ſchreiben. Sie befindet ſich wohl, ar⸗ beitet nach Ihren Wünſchen und liebt noch immer. Das iſt Alles, was ich verlange. Ihr Andenken iſt mir durch Sie zugekommen und ich fühle mich darüber ſehr glücklich. Meine Geſundheit iſt nicht zu übel, aber dennoch werde ich ungleich magerer. Leben Sie wohl; das Papier mangelt mir und ich bin gezwungen, Sie zu verlaſſen. Ich wünſche Ihnen tauſend gute Dinge. „Baptiſtine.“ N. S. Ihr kleiner Neffe iſt allerliebſt. Wiſſen Sie, daß er bald fünf Jahre alt iſt? Geſtern ſah er ein Pferd vorbeikommen, dem man Knieſchienen umgelegt hatte und er ſagte:„Was hat es denn an den Füßen?“— Es iſt ſo niedlich, dieſes Kind. Sein kleiner Bruder ſchleppt einen alten Beſen wie einen Wagen durch das Zimmer und ruft: „Hui!“ Wie man aus dieſem Briefe erſieht, wußten die beiden n 57 Frauen ſich in die Weiſe des Biſchofs mit jenem eigenthüm⸗ lichen Geiſt des Weibes zu finden, der die Männer beſſer verſteht, wie dieſe ſich ſelbſt. Ueber dem ſanften und auf⸗ richtigen Weſen, das der Biſchof von D... nie verleugnete, vollbrachte er zuweilen große, kühne, erhabene Dinge, ohne daß er es zu ahnen ſchien. Sie zitterten, aber ſie ließen ihm gewähren. Zuweilen verſuchte Frau Magloire vorher eine Gegenvorſtellung, während der Sache und hinterher nie. Nie ſtörte man ihn, wäre es auch nur durch ein Wort, durch ein Zeichen geſchehen, in einer begonnenen Handlung.— In gewiſſen Augenblicken fühlten ſie unbe⸗ ſtimmt, daß er als Biſchof handelte, ohne daß er nöthig hatte, es zu ſagen, ja vielleicht ohne daß er ſich deſſen ſelbſt bewußt wurde, ſo groß war ſeine Einfachheit. Dann waren ſie nur noch zwei Schatten in dem Hauſe. Sie bedienten ihn ſchweigend, und wenn es gehorchen hieß, daß ſie ver⸗ ſchwanden, dann verſchwanden ſie. Selbſt wenn ſie ihn in Gefahr glaubten, begriffen ſie, ich will nicht ſagen, ſeine Gedanken, aber ſeine Natur in ſolchem Grade, daß ſie nicht mehr über ihn wachten. Sie vertrauten ihn Gott an. Uebrigens ſagte Baptiſtine, wie wir ſahen, daß das Ende ihres Bruders auch das ihrige ſein würde. Frau Magloire ſagte es nicht, aber ſie wußte es. Der Biſchof vor einem unbekannten Lichte. Zu einer Zeit, etwas ſpäter als das Datum des Briefes, den wir auf den vorſtehenden Seiten mittheilten, 58 that der Biſchof etwas, das nach der Anſicht der ganzen Stadt noch bewegter war wie ſein Weg durch die Gebirge der Banditen. Es gab nahe bei D... auf dem Lande einen Men⸗ ſchen, der einſam lebte. Dieſer Menſch, ſprechen wir ſo⸗ gleich das wichtige Wort aus, war ein ehemaliges Con⸗ ventsmitglied. Er hieß G. Man ſprach von dem Conventsmanne, von G. in der kleinen Welt D... mit einer Art von Abſcheu. Ein Con⸗ ventsmitglied! Kann man ſich ſo etwas denken? Derglei⸗ chen beſtand in jener Zeit, als man ſich allgemein dutzte und ſich Bürger nannte. Dieſer Menſch war ſo ziemlich ein Ungeheuer. Er hatte nicht für den Tod des Königs geſtimmt, aber doch beinahe. Er war ein quasi Königs⸗ mörder. Er war entſetzlich grauſam. Weshalb hatte man bei der Wiedereinführung der legitimen Fürſten dieſen Menſchen nicht vor einem Gerichtshof geſtellt? Man hätte ihm, wenn man will, nicht den Kopf abgeſchlagen, denn es iſt Gnade erforderlich, mag ſein, aber doch we⸗ nigſtens eine gute Verbannung für Lebenszeit, kurz ein Bei⸗ ſpiel ſtatuirt u. ſ. w. u. ſ. w. Er war übrigens ein Atheiſt, wie alle dieſe Menſchen. Geſchnatter der Gänſe über den Geier. War indeß G. ein Geier? Ja, wenn man nach dem urtheilte, was er in ſeiner Einſamkeit Wildes hatte. Da er nicht für den Tod des Königs ſtimmte, war er nicht in die Verbannungsdekrete einbegriffen worden, und hatte in Frankreich bleiben dürfen. Er bewohnte dreiviertel Stunden von der Stadt, fern von jedem Weiler, fern von jedem Wege, irgend einen verlorenen Winkel eines wilden Thales. Er hatte hier, wie man ſagte, eine Art von Feld, ein Loch, eine Höhle. Keine Nachbarn; nicht einmal Vorübergehende. Seitdem er in dieſem Thale wohnte, war der dahin führende Fuß⸗ 59 pfad unter dem Graſe verſchwunden. Man ſprach von die— ſem Orte wie von dem Hauſe des Henkers. Indeß dachte der Biſchof nach, und von Zeit zu Zeit, wenn er an dem Horizonte nach dem Orte ſah, an wel chem eine Gruppe von Bäumen das Thal des alten Con⸗. ventsmitgliedes bezeichnete, ſagte er zu ſich:„dort iſt eine Seele einſam.“ Und im Grunde ſeiner Gedanken fügte er dann hinzu; „Ich bin ihm meinen Beſuch ſchuldig.“ Geſtehen wir in— deß, daß dieſer Gedanke, der auf den erſten Anblick natür⸗ lich war, ihm nach einem Augenblick der Ueberlegung als ſonderbar und unmöglich und beinahe als erſchreckend er⸗ ſchien. Denn im Grunde theilte er den allgemeinen Ein⸗ druck, und das Conventsmitglied flößte ihm, ohne daß er ſich davon deutlich Rechenſchaft gab, jenes Gefühl ein, welches die Grenze des Haſſes bildet, und richtig durch das Wort„Entfremdung“ ausgedrückt wird. Darf indeß der Ausſatz des Schafes den Hirten be⸗ wegen, vor demſelben zurückzuſchrecken? Nein. Aber was für ein Schaf? Der gute Biſchof war verwirrt. Zuweilen ſchritt er nach jener Richtung hin, doch dann kehrte er wie⸗ der um. Eines Tages endlich verbreitete ſich das Gerücht in der Stadt, daß eine Art von jungem Hirten, der das Con⸗ ventsmitglied G. in ſeiner Höhle bediente, einen Arzt zu ſuchen gekommen wäre; daß das alte Ungeheuer im Ster⸗ ben läge; daß die Lähmung ſich ſeiner bemächtigte, und daß er die Nacht nicht überleben würde.„Gott ſei Dank!“ fügten Einige hinzu. Der Biſchof nahm ſeinen Spazierſtock, zog ſeinen Ueberzieher an, weil ſein Leibrock etwas abgeſchabt war, wie wir bereits erwähnten, und auch wegen des Abend⸗ windes, der bald zu wehen anfangen mußte; dann brach er auf. 60 Die Sonne ſank und berührte beinahe den Horizont, als der Biſchof an dem excommunicirten Orte anlangte. Er erkannte mit einem gewiſſen Herzklopfen, daß er ſich in der Nähe der Höhle befand. Er ſtieg über einen Graben, kletterte über eine Hecke, hob eine Verpfählung auf, trat in ein verfallenes Hanffeld, that ziemlich keck einige Schritte vorwärts, und plötzlich erblickte er im Hintergrunde hinter einem hohen Gebüſche die Höhle. Es war eine ganz niedrige, elende, kleine und reinliche Hütte mit einem zuſammengenagelten Stacket davor. Vor der Thür in einem alten Rollſtuhl, Armſeſſel eines Bauern, ſaß ein Mann mit weißem Haar, welcher der Sonne zulächelte. Neben dem ſitzenden Greiſe ſtand ein junger Burſche, der kleine Hirt. Er hielt dem Greiſe eine Schaale mit Milch hin. Während der Biſchof hinblickte, erhob der Greis die Stimme:„Ich danke“, ſagte er,„ich bedarf nichts mehr“, und ſein Lächeln wendete ſich von der Sonne auf das Kind. Der Biſchof trat vor. Bei dem Geräuſch, welches ſeine Schritte machten, wendete der alte Mann den Kopf, und ſein Geſicht ſprach die ganze Ueberraſchung aus, die man nach einem langen Leben empfinden kann. „Seitdem ich hier bin,“ ſagte er,„iſt dies das erſte Mal, daß man zu mir kommt. Wer ſind Sie, mein Herr Der Biſchof antwortete: „Ich heiße Bienvenu Myriel.“ „Bienvenu Myriel. Ich habe den Namen nennen hören. Sind Sie es, den das Volk Herrn Bienvenu nennt?“ „Ich bin es.“ Der Greis fuhr mit leiſem Lächeln fort: „In dieſem Falle ſind Sie alſo mein Biſchof?“ „Ein wenig.“ en 61§ „Treten Sie ein, mein Herr.“ Das Conventsmitglied hielt dem Biſchof die Hand hin, aber der Biſchof nahm ſie nicht; er beſchränkte ſich darauf, zu ſagen: „Ich fühle mich befriedigt, zu ſehen, daß man mich getäuſcht hatte. Sie ſcheinen wahrlich nicht krank zu ſein.“ „Mein Herr,“ entgegnete der Greis,„ich werde geneſen.“ Er machte eine Pauſe und fügte dann hinzu: „In drei Stunden werde ich ſterben.“ Darauf ſagte er: „Ich bin ein wenig Arzt; ich weiß, auf welche Art die letzte Stunde kommt. Geſtern hatte ich nur noch kalte Füße; heute iſt die Kälte bis zu den Knieen geſtiegen; jetzt fühle ich ſie ſchon den Gürtel erreichen; wenn ſie bis zum Herzen ſteigt, ſtehe ich ſtill. Die Sonne iſt ſchön, nicht wahr? Ich habe mich in das Freie rollen laſſen, um einen letzten Blick auf die Dinge zu richten. Sie können zu mir reden, das ermüdet mich nicht. Sie thun wohl daran, daß ſie kamen, einen Menſchen zu betrachten, der ſterben wird. Es iſt gut, daß dieſer Augenblick Zeugen habe. Man hat ſeine Eigenheiten; ich hätte bis zur Morgenröthe leben mögen. Aber ich weiß, daß mir kaum noch drei Stunden bleiben. Es wird Nacht werden. Was thut das in der That! Zu endigen iſt eine einfache Sache. Man bedarf dazu des Morgens nicht. Sei es. Ich werde bei dem Sternenlicht ſterben.“ Der Greis wendete ſich zu dem Hirten.„Gehe ſchlafen,“ ſagte er.„Du haſt die vorige Nacht gewacht. Du biſt ermüdet.“ Das Kind trat in die Hütte. Der Greis folgte ihm mit den Augen und fügte dann wie zu ſich ſelbſt ſprechend hinzu: 62 „Während er ſchläft, werde ich ſterben. Die beiden Arten des Schlafes können gute Nachbarſchaft halten.“ Der Biſchof war nicht gerührt, wie er es dem Schein nach hätte ſein können. Er glaubte, in dieſer Art, zu ſterben, Gott nicht zu fühlen; ſagen wir Alles, denn die kleinen Widerſprüche in dem großen Herzen müſſen ange⸗ deutet werden, wie alles Uebrige. Er, der gelegentlich ſo gern über ſeine Größe lachte, er fühlte ſich etwas beleidigt dadurch, nicht Hochwürden genannt zu werden, und war beinahe geneigt, zu antworten:„Bürger.“ Er hatte einen Anfall von mürriſcher Vertraulichkeit, der ziemlich gewöhn⸗ lich bei Aerzten, Prieſtern iſt, der ihm aber nicht ge⸗ wöhnlich war. Dieſer Menſch, dieſes Conventsmitglied, dieſer Repräſentant des Volkes war, Alles erwogen, ein Mächtiger der Erde geweſen; zum erſten Male vielleicht in ſeinem Leben fühlte ſich der Biſchof zur Strenge geneigt. Das Conventsmitglied betrachtete ihn indeß mit be⸗ ſcheidener Herzlichkeit; man hätte dieſe vielleicht Demuth nennen können, die ſo wohl kleidet, wenn man ſeiner Ver⸗ wandlung in Staub ſo nahe iſt. Der Biſchof ſeinerſeits, der ſich zwar für gewöhnlich vor der Neugier hütete, welche ſeiner Anſicht nach dicht an Beleidigung grenzte, konnte ſich nicht enthalten, das Conventsmitglied mit einer Auf⸗ merkſamkeit zu prüfen, die in ihrer Quelle nichts von der Shympathie hatte, und die er ſich wahrſcheinlich zu einem Vorwurf ſeines Gewiſſens jedem andern Menſchen gegen⸗ über gemacht haben würde. Ein Conventsmitglied jedoch machte auf ihn ein wenig den Eindruck eines Weſens, das außer dem Geſetz ſteht, ſelbſt außer dem Geſetz der Barm⸗ herzigkeit. G., der ruhig war, den Oberleib beinahe gerade empor gerichtet trug, und deſſen Stimme kräftig tönte, war einer jener Achtzigjährigen, welche das Staunen des Phyſiologen 63 erregen. Die Revolution hat viele ſolcher Männer gehabt, die im Verhältniß zu ihrer Zeit ſtanden. Man erkannte in dieſem Greiſe einen geprüften Menſchen. Seinem Ende ſo nahe, hatte er alle Bewegungen ſeiner Geſundheit beibehalten. In ſeinem klaren Blicke, in ſeinem feſten Tone, in der kräftigen Bewegung ſeiner Schultern lag etwas, das den Tod irre machen konnte. Azraöl, der mahomedaniſche Engel des Grabes, würde umgekehrt ſein, und geglaubt haben, an die falſche Thür gekommen zu ſein. G. ſchien zu ſterben, weil er es wollte. Es lag Freiheit in ſeinem Todeskampf. Seine Beine allein waren regungslos. Hier hielt die Finſterniß ihn gefaßt. Die Füße waren todt und kalt, der Kopf aber lebte mit der ganzen Kraft des Lebens und zeigte ſich im vollen Lichte. G. glich in dieſem ernſten Augenblicke jenem Könige des orientaliſchen Mährchens, der oben von Fleiſch und unten von Marmor war. Ein Stein lag da. Der Biſchof ſetzte ſich darauf. Die Ermahnungsrede geſchah ex abrupto. „Ich wünſche Ihnen Glück,“ ſagte er in dem Tone, mit dem man einen Vorwurf ausſpricht.„Sie haben we⸗ nigſtens nicht für den Tod des Königs geſtimmt.“ Das Conventsmitglied ſchien den bittern Nebenſinn, der in dem Worte„wenigſtens“ lag, nicht zu bemerken. Jedes Lächeln war aus ſeinem Geſicht verſchwunden. Er antwortete: „Wünſchen Sie mir nicht zu eifrig Glück, mein Herr, ich habe für das Ende des Tyrannen geſtimmt.“ Das war ein ernſter Klang dem ſtrengen Tone ge⸗ genüber. „Was wollen Sie ſagen?“ fragte der Biſchof. „Ich will ſagen, daß der Menſch einen Tyrannen hat: die Unwiſſenheit. Ich habe für das Ende des Thrannen geſtimmt. Dieſer Tyrann hat das Königthum geboren, welches die aus dem Falſchen entnommene Autorität iſt, während die Wiſſenſchaft die dem Wahren entlehnte Autori⸗ tät bildet. Der Menſch darf nur durch die Wiſſenſchaft regiert werden. „Und das Gewiſſen?“ fügte der Biſchof hinzu. „Das iſt daſſelbe. Das Gewiſſen iſt die Menge des angebornen Wiſſens, welches wir in uns haben.“ Herr Bienvenu hörte etwas verwundert dieſe für ihn ſehr neue Sprache an. Das Conventsmitglied fuhr fort: „Was Ludwig XVI. betrifft, ſo ſagte ich Nein. Ich glaube nicht das Recht zu haben, einen Menſchen zu tödten, aber ich fühle die Pflicht, das Böſe zu vernichten. Ich ſtimmte für das Ende des Thrannen Das heißt für das Ende der Proſtitution des Weibes, für das Ende der Sclaverei des Mannes, für das Ende der Nacht für das Kind. Indem ich für die Republik ſtimmte, ſtimmte ich für dies Alles. Ich ſtimmte für Biederkeit, für Einigkeit, für die Morgenröthe! Ich trug bei zu dem Sturze der Vorurtheile und der Irrthümer. Das Niederwerfen der Irrthümer und der Vorurtheile ſchafft Licht. Wir haben die Welt geſtürzt, und indem ſie, dieſes Gefäß des Elendes, ſich auf das Menſchengeſchlecht warf, iſt ſie eine Urne der Freude geworden.“ „Der gemiſchten Freude,“ ſagte der Biſchof. „Sie könnten ſagen: der geſtörten Freude, und jetzt, nach dieſer verhängnißvollen Rückkehr der Vergangenheit, die man 1814 nennt, der verſchwundenen Freude. Ach, das Werk war unvollſtändig, wie ich geſtehe; wir haben die alte Ordnung in den Thatſachen vernichtet, aber wir konnten ſie in den Begriffen nicht ganz unterdrücken. Mißbräuche ab⸗ ſchaffen genügt nicht, man muß die Sitten ändern. Die Mühle ſteht nicht mehr, der Wind aber weht noch immer.“ „Sie haben niedergeriſſen. Es kann nützlich ſein, nie⸗ U 65 derzureißen, aber ich mißtraue einer Zerſtörung, die mit Zorn gepaart iſt.“ „Das Recht hat auch ſeinen Zorn, Herr Biſchof, und der Zorn des Rechts iſt ein Element des Fortſchritts.— Genug, was man auch davon ſagen möge, ſo iſt die fran⸗ zöſiſche Revolution dennoch der mächtigſte Schritt des Men⸗ ſchengeſchlechts ſeit der Geburt Chriſti. Unvollſtändig, das mag ſein, aber göttlich. Sie hat alle unbekannten ſocialen Größen frei gemacht, ſie hat die Geiſter gemildert, ſie hat beruhigt, beſchwichtigt, aufgeklärt; ſie hat Fluthen der Ci⸗ viliſativn über die Erde ergoſſen. Sie iſt gut geweſen. Die franzöſiſche Revolution war die Salbung des Menſchen⸗ geſchlechts.“ Der Biſchof konnte ſich nicht enthalten, zu murmeln: „Ja? dreiundneunzig!“ Der Mann des Convents richtete ſich mit einer Art Grabesfeierlichkeit empor, und ſo laut, als ein Sterbender zu rufen vermag, rief er: D „Ha! Da haben wir es. Dreiundneunzig. Das Wort erwarte ich. Eine Wolke hat ſich während der Dauer von fünfzehn Jahrhunderten gebildet. Nach fünfzehn Jahrhun⸗ derten entladet ſie ſich. Nun macht man dem Donner⸗ ſchlage den Proceß.“ Der Biſchoſ fühlte, vielleicht ohne es ſich ſelbſt zu geſtehen, daß etwas in ihm getroffen worden war. Gleich⸗ wohl bewahrte er ſeine Faſſung. Er antwortete: „Der Richter ſpricht im Namen der Gerechtigkeit; der Prieſter ſpricht im Namen der Barmherzigkeit, welche nichts iſt als eine erhabene Gerechtigkeit. Ein Donnerſchlag darf ſich nicht täuſchen.“ Er fügte hinzu, indem er das Conventsmitglied feſt anſah: Ludwig„XVII.?“ Der Mann des Convents ſtreckte die Hand aus, er⸗ griff den Arm des Biſchofs und ſagte: Die Elenden. I. 5 66 „Ludwig XVII.! Laſſen Sie ſehen. Ueber wen weinen Sie? uUueber dies unſchuldige Kind? Dann mag es ſein; ich weine mit Ihnen. Ueber das Königskind? Hier verlange ich Nachdenken. Für mich iſt der Bruder des Cartouche, das unſchuldige Kind, welches auf dem Gréveplatz unter den Achſeln aufgehangen wurde, bis der Tod ſeiner Qual ein Ende machte, nur des einzigen Verbrechens wegen, der Bruder des Cartouche geweſen zu ſein, nicht minder ſchmerzlich, als der Enkel Ludwig's XV., das unſchuldige Kind, welches in dem Thurm des Temple marthriſirt wurde wegen des ein⸗ zigen Verbrechens, der Enkel Ludwigs XV. geweſen zu ſein.“ „Mein Herr,“ ſagte der Biſchof,„ich liebe dergleichen Zuſammenſtellungen von Namen nicht.“ „Cartouche? Ludwig XV.? für welchen von beiden ſprechen Sie?“ Es entſtand ein Augenblick des Schweigens. Der Biſchof bereute es beinahe, gekommen zu ſein, und dennoch fühlte er ſich auf Line unbeſtimmte und eigenthümliche Weiſe erſchüttert. Das Conventsmitglied fuhr fort: „Ach, mein Herr Prieſter, Sie lieben nicht die Bitter⸗ keit der Wahrheit. Chriſtus liebte ſie. Er ergriff eine Ruthe und ſäuberte den Tempel. Seine von Blitzen erfüllte Peitſche war ein derber Wahrheitsverkünder. Als er rief: Laſſet die Kindlein zumir kommen, machte er keinen Unterſchied zwiſchen den kleinen Kindern. Er würde ſich nicht beſonnen haben, den Dauphin des Barrabas und den Dauphin des Herodes neben⸗ einanderzuſtellen. Mein Herr, die Unſchuldiſt ihre eigene Krone. Die Unſchuld weiß nichts damit anzufangen, Hoheit zu ſein. Sie iſt ebenſo erhaben in Lumpen, wie mit Lilien bekleidet.“ „Das iſt wahr,“ ſagte der Biſchof mit leiſer Stimme. „Ich beharre darauf,“ fuhr das Conventsmitglied G. fort;„Sie haben mir Ludwig XVII. genannt. Verſtändigen wir uns. Weinen wir über alle Unſchuldigen, über alle Märthrer, über alle Kinder, über die von unten ſowohl wie über die von oben. Ich bin dabei. Dann aber, ich ſagte es Ihnen ſchon, muß man weiter zurückgehen, als bis zu 1793, und ſchon vor Ludwig XVII. müſſen wir mit unſern Thränen beginnen. Ich werde mit Ihnen über die Kinder der Könige weinen, vorausgeſetzt, daß Sie mit mir über die Kleinen des Volkes weinen.“ „Ich weine über Alle,“ ſagte der Biſchof. „Gleich!“ rief G.„Und wenn die Wagſchaale ſinken ſoll, ſo muß es auf Seite des Volkes ſein. Dieſes leidet ſeit längerer Zeit.“ Wieder entſtand ein Schweigen. Das Conventsmitglied brach es. Der Mann erhob ſich auf einem Ellenbogen, nahm zwiſchen ſeinen Daumen und ſeinen Zeigefingern ein Stückchen ſeiner Wange, wie man unwillkürlich thut, wenn man frägt und urtheilt, und redete den Biſchof mit einem Blicke an, in welchem die ganze Energie des Todeskampfes lag. Es war beinahe ein gewaltiger Ausbruch. „Ja, mein Herr, das Volk leidet ſeit langer Zeit. Und dann ſehen Sie, iſt es nicht Alles das, weshalb Sie kommen, mich zu befragen und mit mir von Lndwig XVII zu ſprechen? Ich kenne Sie nicht. Seitdem ich in dieſem Lande bin, habe ich in dieſer Umhegung gelebt, allein, keinen Fuß hinausſetzend, Niemand ſehend als dies Kind, das mir Beiſtand leiſtet. Ihr Name iſt allerdings unbe⸗ ſtimmt bis zu mir gelangt, und, wie ich ſagen muß, nicht zu ſchlecht bezeichnet; aber das bedeutet nichts. Die ge⸗ wandten Menſchen haben ſo viele Arten, ſich bei dem ehrlichen Volke Glauben zu verſchaffen. Apropos, ich habe teinen Lärm Ihres Wagens gehört; Sie haben ihn ohne Zweifel hinter dem Gebüſch gelaſſen, dort unten, wo der Weg ſich theilt! Ich kenne Sie nicht, ſage ich Ihnen. Sie ſagten mir, daß Sie der Biſchof wären; doch das belehrt mich nicht über Ihre moraliſche Kurz, ich 68 wiederhole Ihnen meine Frage: wer ſind Sie? Sie ſind ein Biſchof, das heißt ein Kirchenfürſt, einer jener ver⸗ goldeten, wappengeſchmückten, mit Renten begabten Männer, die große Präbenden haben— Biſchof von D...— 15,000 Franes feſtes Einkommen, 10,000 Francs Ueber⸗ einkünfte, Summa 25,000 Francs— die einen Küchendlenſt halten, die Livreen haben, eine gute Koſt führen, am Freitag Waſſerhühner eſſen, ſich blähen, Lakeien vorne, Lakaien hinten, eine Gala⸗Berline, die Paläſte bewohnen und in Caroſſen einherrollen im Namen Jeſu Chriſt, der barfuß ging! Sie ſind ein Prälat. Einkünfte, Paläſte, Pferde, Bediente, gute Tafel! alle ſinnlichen Genüße des Lebens. Sie haben das gleich den Uebrigen, und wie die Uebrigen genießen Sie deſſen; das iſt gut, aber es ſagt entweder zu viel oder nicht genug; es klärt mich nicht über Ihren innern und weſentlichen Werth auf, über Sie, der Sie wahrſcheinlich mit dem Anſpruche zu mir kommen, mir Weisheit zu bringen. Mit wem ſpreche ich? Wer ſind Sie?“ Der Biſchof ſenkte den Kopf und antwortete:„Ver⸗- mis sum.“ „Ein Erdenwurm in der Caroſſe!“ murmelte das Con⸗ ventsmitglied. Es war die Reihe an den Mann des Con⸗ vents, hochmüthig, und an den Biſchof, demüthig zu ſein. Der Biſchof entgegnete voll Sanftmuth: „Mag ſein, mein Herr. Aber erklären Sie mir, in wiefern meine Kutſche, die dort zwei Schritt hinter den Bäumen hält, in wiefern meine gute Tafel und die Waſſer⸗ hühner, die ich Freitags eſſe, in wiefern meine 25,000 Li⸗ ores Renten, mein Palaſt und meine Lakaien beweiſen, daß die Barmherzigkeit nicht eine Tugend iſt, daß die Gnade nicht eine Pflicht iſt, und daß 93 nicht verabſcheuungswür⸗ dig war.“ Das Conventsmitglied fuhr mit der Hand über die Stirn, wie um eine Wolke zu vertreiben. ſind ver⸗ mer, eber⸗ ienſt am otne, hnen der äſte, des Con⸗ Con⸗ ſein. ſſer⸗ Li⸗ daf nade wür⸗ 69 „Ehe ich Ihnen antworte,“ ſagte der Mann,„bitte ich Sie, mir zu verzeihen. Ich habe ein Unrecht begangen. Sie ſind bei mir, ſind mein Gaſt. Ich bin Ihnen Artig⸗ keit ſchuldig. Sie beſtreiten meine Ideen, und es geziemt ſich, daß ich mich darauf beſchränke, Ihre Urtheile zu be⸗ kämpfen. Ihre Reichthümer und Ihre Genüſſe ſind Vor⸗ theile, die ich bei der Debatte gegen Sie habe; aber es gehört zum guten Geſchmack, ſich derſelben nicht zu bedie— nen. Ich verſpreche Ihnen, keinen Gebrauch mehr von denſelben zu machen.“ „Ich danke Ihnen,“ ſagte der Biſchof. G. fuhr fort: „Kommen wir wieder zu der Erklärung, die Sie von mir verlangten. Wo blieben wir ſtehen? Was ſagten Sie mir? Daß 93 verabſcheuungswürdig geweſen ſei?“ „Verabſcheuungswürdig, ja,“ ſagte der Biſchof.„Was denken Sie von Marat, der bei der Guillotine in die Hände klatſchte?“ „Was denken Sie von Boſſuet, der über die Drago⸗ naden das Pe deum ſang?“ Die Antwort war hart, ſie traf das Ziel mit der Schwere einer ſtählernen Spitze. Der Biſchof erbebte und es fiel ihm keine Gegenantwort ein; er fühlte ſich aber verletzt durch dieſe Art, wie Boſſuet hier genannt wurde. Die beſten Geiſter haben ihre Fetiſche und fühlen ſich zuweilen auf unbeſtimmte Weiſe verwundet durch den Mangel der Ehrfurcht gegen die Logik⸗ Das Conventsmitglied begann ſchwer zu athmen; das Aſthma des Todeskampfes, welches ſich in die letzten Hauche miſchte, ſchnitt ihm die Stimme ab; gleichwohl leuchtete aus ſeinen Augen noch die volle Klarheit der Seele. Er fuhr fort: „Sprechen wir hier und da noch einige Worte. Außer⸗ halb der Revolution, welche in ihrem Ganzen genommen eine ungeheure menſchliche Affirmation iſt, erſcheint 93 lei⸗ der als eine Replik. Sie finden dieſe verabſcheuungswür⸗ dig, aber die ganze Monarchie, mein Herr? Carrier iſt ein Bandit; aber welchen Namen geben Sie Montrevel? Fou⸗ quier⸗Tainville iſt ein Schurke; aber was haben Sie für eine Meinung von Lamoignon⸗Baville? Maillard iſt ab⸗ ſcheulich, aber Saulx-Tavannes, wenn es Ihnen gefällig iſt? Der Pater Duchéne iſt grauſam, aber welche Bezeich⸗ nung bewilligen Sie mir für den Pater Letellier? Jourdan⸗ Coup⸗Téte iſt ein Ungeheuer, aber weniger, als der Herr Marquis von Louvois. Mein Herr, mein Herr, ich be⸗ klage Marie Antoinette, Erzherzogin und Königin, aber ich beklage auch jene arme hugenottiſche Frau, welche 1685 unter Ludwig dem Großen, mein Herr, ihr Kind ſtillend, nackt bis zum Gürtel, an einen Pfahl gebunden wurde, während man das Kind in einiger Entfernung von ihr hielt. Ihr Buſen ſchwoll von Milch, ihr Herz von Qual, das Kleine, ausgehungert und bleich, ſah dieſen Buſen, war dem Tode nahe und ſchrie; und der Henker ſagte zu dem Weibe, der Mutter und Amme:„Schwöre ab!“— und ließ ihr dabei die Wahl zwiſchen dem Tode ihres Kindes und dem Tode ihres Gewiſſens. Was ſagen Sie zu die⸗ ſer Tantalus⸗Marter, angewendet auf eine Mutter? Mein Herr, merken Sie ſich wohl: die franzöſiſche Revolution hat ihre Urſachen gehabt. Ihr Zorn wird durch die Zukunft abſolvirt werden. Ihr Reſultat iſt eine beſſere Welt. Aus ihren fürchterlichſten Schlägen entſpringt eine Liebkoſung für das Menſchengeſchlecht. Ich breche ab. Ich halte inne. Ich habe zu leichtes Spiel. Ueberdies ſterbe ich.“ Und indem das Conventsmitglied aufhörte, den Bi⸗ ſchof anzuſehen, beendete es ſeinen Gedgnken mit den wenigen ruhigen Worten: „Ja, die Rohheiten des Fortſchritts nennen ſich Re⸗ volutionen. Sind ſie beendigt, ſo erkennt man, daß das lei⸗ wür⸗ t ein For⸗ für ab⸗ füllig zeich⸗ rdan⸗ die⸗ Mein n hat unft Aus oſung halte Bi nige Re 71 Menſchengeſchlecht hart behandelt worden iſt, daß es aber vorwärts geſchritten iſt.“ Das Conventsmitglied ahnte nicht, daß es nach und nach, eine nach der andern, alle innern Verſchanzungen des Biſchofs überwältigt hatte. Es blieb indeß noch eine übrig, und aus dieſer Verſchanzung, der letzten Hülfsquelle für den Widerſpruch des hochwürdigen Herrn Bienvenu, kam das Wort hervor, in welchen ſich beinahe die ganze Rauh⸗ heit des Anfangs zeigte: „Der Fortſchritt muß an Gott glauben. Das Gute kann keinen gottloſen Diener haben. Der Atheiſt iſt ein ſchlechter Führer des Menſchengeſchlechts.“ Der ehemalige Repräſentant des Volkes antwortete nicht. Er erbebte. Er blickte zum Himmel empor, und eine Thräne trat langſam in dieſen Blick. Als das Augen⸗ lid gefüllt war, rann die Thräne über ſeine hohle Wange, und er ſagte beinahe ſtammelnd leiſe und zu ſich ſelbſt ſprechend, das Auge verloren in die Ferne: „O du! O Ideal! Du allein biſt!“ Der Biſchof empfand eine Art unerklärlichen elektriſchen — Schlages. Nach einem kurzen Schweigen erhob der Greis den Finger gegen den Himmel und ſagte: „Das Unendliche iſt. Es iſt da. Wenn das Unend⸗ liche kein Ich hätte, ſo würde das Ich ſeine Grenze ſein; es wäre dann nicht unendlich; mit andern Worten es wäre nicht. Aber es iſt. Alſo hat es ein Ich. Dieſes Ich des Unendlichen iſt Gott.“ Der Sterbende hatte dieſe letzten Worte mit wlauter Stimme und mit dem Zittern der Extaſe geſprochen, als ob er Jemand erblickte. Als er zu ſprechen aufhörte, ſchloſſen ſich ſeine Augen. Die Anſtrengung hatte ihn er⸗ ſchöpft. Offenbar lebte er während einer Minute die we⸗ nigen Stunden, die ihm noch geblieben waren. Das, was 72 er ſprach, hatte ihn dem genähert, der in dem Tode iſt. Der letzte Augenblick nahte. Der Biſchof erkannte dies, der Angenblick drängte, er war als Prieſter gekommen, von der äußerſten Kälte war er allmälig zu der äußerſten Aufregung übergegangen. Er betrachtete dieſe geſchloſſenen Augen; er nahm die alte runzlige und eiskalte Hand, neigte ſich über den Sterbenden und ſagte: „Dieſe Stunde gehört Gott. Würden Sie es nicht beklagenswerth finden, wenn wir uns vergeblich getroffen hätten?“ Das Conventsmitglied öffnete die Augen wieder. Ein Ernſt, in welchen etwas von einem Schatten lag, zeigte ſich auf ſeinem Geſichte. „Herr Biſchof,“ ſagte er mit einer Langſamkeit, die vielleicht noch mehr von der Würde der Seele herrührte, als von dem Verfall der Kräfte,„ich habe mein Leben in Nachdenken, Studium und Betrachtung hingebracht. Ich zählte 60 Jahr, als mein Land mich rief und mir gebot, mich in ſeine Angelegenheiten zu miſchen. Ich gehorchte. Es gab Mißbräuche, und ich bekämpfte ſie; es gab Ty⸗ rannen und ich vernichtete ſie; es gab Rechte und Grund⸗ ſätze, ich verkündete ſie und bekannte mich zu ihnen. Unſer Boden war von den Feinden überſchwemmt, und ich ver⸗ theidigte ihn; Frankreich wurde bedroht, und ich bot meine Bruſt preis. Ich war nicht reich; jetzt bin ich arm. Ich war einer von den Herren des Staats; die Keller der Bank waren mit Münzen ſo überhäuft, daß man die Mauern ſtützen mußte, welche auf dem Punkt ſtanden, von dem Gewicht des Goldes und des Silbers eingedrückt zu werden, und ich aß in der Rue de PArbre Sec für 22 Sous die Portion. Ich habe den Unterdrückten Beiſtand geleiſtet, ich habe die Leidenden getröſtet. Ich zerriß die Decke des Altars, das iſt wahr, aber es geſchah, um damit die Win Fportſ erth loſen gene dern ihre die 36 ſor fuch viele Hao ben ſen neh den verl 73 Wunden des Vaterlandes zu verbinden. Ich habe ſtets die Fortſchritte des Menſchengeſchlechts nach dem Lichte hin vertheidigt, und zuweilen Widerſtand gegen den erbarmungs⸗ loſen Fortſchritt geleiſtet. Ich habe gelegentlich meine ei⸗ genen Gegner beſchützt. Es giebt in Peteghem in Flan⸗ dern an eben dem Orte, wo die merovingiſchen Könige ihren Sommerpalaſt hatten, ein Kloſter der Urbaniſten, die Abtei Sankt Claire in Beaulieu, welche ich 1793 rettete. Ich that meine Pflicht nach meinen Kräften und das Gute, ſo viel ich konnte. Darauf wurde ich verjagt, gehetzt, ver⸗ flucht, angeſchwärzt, verſpottet, verhöhnt, verbannt. Seit vielen Jahren ſchon fühle ich, daß trotz meiner weißen Haare eine Menge von Menſchen das Recht zu haben glau⸗ ben, mich zu verachten; ich habe für die arme und unwiſ⸗ ſende Menge das Geſicht eines Verdammten, und ich nehme, ohne irgend Jemand zu haſſen, die Iſolirung durch den Haß an. Jetzt bin ich 86 Jahr alt und ſterbe. Was verlangen Sie von mir?“ „Ihren Segen,“ ſagte der Biſchof. Und er knieete nieder. Als der Biſchof den Kopf wieder erhob, war das Ge⸗ ſicht des Conventsmitgliedes erhaben geworden. Er hatte ſo eben die Seele ausgehaucht. Der Biſchof kehrte nach Hauſe zurück, tief verſunken in man weiß nicht was für Gedanken. Die ganze Nacht brachte er unter Gebeten zu. Am nächſten Tage verſuch⸗ ten einige Neugierige, mit ihm von dem Conventsmit⸗ gliede G. zu ſprechen, er begnügte ſich damit, gen Him⸗ mel zu deuten. Von dieſem Augenblicke an verdoppelte er ſeine Zärt⸗ lichkeit und ſeine Brüderlichkeit für die Kleinen und die Leidenden. Jede Anſpielung auf das„alte Ungeheuer G.“ ver⸗ ſenkte ihn in ein eigenthümliches Sinnen. Niemand konnte ſagen, ob nicht das Vorübergleiten dieſes Geiſtes vor dem ſeinigen und der Wiederſchein dieſes großen Gewiſſens auf das ſeinige etwas zu ſeiner Annäherung an die Vollkom⸗ menheit beitrug. Dieſer„geiſtliche Beſuch“ war natürlich eine Veran⸗ laſſung zum Geſchwätz für die kleinen Geſellſchaften des Ortes. War das Lager eines ſolchen Sterbenden der FPlatz für einen Biſchof? Offenbar dürfte hier keine Bekehrung erwartet werden. Alle dieſe Revolutionäre find Rückfällige. Weshalb alſo zu ihnen gehen? Was hatte er dort zu ſchaffen gehabt? Er mußte wohl ſehr neugierig darauf ſein, eine Seele vom Teufel holen zu ſehen. Eines Tages richtete eine Wittwe von der impertinen⸗ ten Gattung, die ſich für geiſtreich hielt, an ihn die fol⸗ gende ſpitze Frage:„Hochwürden, man fragt, wann Eure Gnaden die rothe Mütze aufſetzen werden?“—„O, o, das iſt eine ſchlimme Sache,“ entgegnete der Biſchof.„Ein Glück, daß die, welche ſie bei einer Mütze verachten, ſie bei einem Hute verehren.“ XI. Ein Vorbehalt. Man würde ſich der Gefahr ausſetzen, ſich ſehr zu täuſchen, wenn man aus dem Geſagten den Schluß ziehen wollte, daß der hochwürdige Herr Bienvenu ein„philoſo⸗ m uf — R phiſcher Biſchof“ oder„ein patriotiſcher Pfarrer“ geweſen ſei. Sein Zuſammentreffen mit dem Conventsmitgliede G., das man beinahe ſeine Vereinigung mit demſelben hätte nennen können, hinterließ in ihm eine Art des Staunens, welches ihn noch ſanfter machte. Das war Alles. Obgleich der hochwürdige Herr Bienvenu nichts weniger als ein Politiker war, ſo iſt es doch hier vielleicht der Ort dazu, ganz kurz anzudeuten, wie ſeine Haltung bei den damaligen Ereigniſſen war, vorausgeſetzt, daß Herr Bien venu niemals daran dachte, eine Haltung zu haben. Gehen wir daher einige Jahre zurück. Kurze Zeit nach der Erhebung des Herrn Myriel zu dem Bisthum hatte der Kaiſer ihn zum Baron des Kaiſer⸗ reichs erhoben, zugleich mitt mehreren anderen Biſchöfen. Die Verhaftung des Papſtes fand, wie man weiß, in der Nacht vom 5. zum 6. Luli 1809 ſtatt: bei dieſer Gelegen⸗ heit wurde Herr Mhriel durch Napoleon zu der Synode der Biſchöfe von Frankreich und Italien berufen, die in Paris zuſammenkommen ſollte. Dieſe Synode wurde in Notre⸗Dame gehalten und verſammelte ſich zum erſten Male am 15. Juni 1811 unter dem Vorſitze des Cardinal Feſch. Herr Myriel gehörte zu den 95 Biſchöfen, die ſich zu der⸗ ſelben begaben. Aber er wohnte nur einer Sitzung und drei oder vier beſonderen Conferenzen bei. Als Biſchof einer Bergdiöceſe, ſo nahe der Natur lebend, ſchien es, als habe er in ſeiner Bäuerlichkeit und ſeiner Aermlichkeit unter dieſe hohen Perſonen Begriffe gebracht, welche die Temperatur der Verſammlung verwandelten. Er kehrte ſehr bald nach D zurück. Man befragte ihn über dieſe ſchnelle Rückkehr und er antwortete:„Ich war ihnen im Wege. Die äußere Luft kam durch mich über ſie. Ich machte auf ſie den Eindruck einer offenen Thür.“ Ein andermal ſagte er:„Was wollen Sie? D ieſe — Herren ſind Fürſten. Ich bin nichts als ein armer Bauernbiſchof.“ Die Thatſache iſt, daß er mißfallen hatte. Unter an⸗ dern ſonderbaren Dingen ſoll ihm einmal Abends, als er ſich bei einem ſeiner höchſten Collegen befand, die Aeußerung entſchlüpft ſein:„Die ſchönen Uhren, die ſchönen Teppiche, die ſchönen Livreen! Das muß ſehr läſtig ſein. O, ich möchte nicht, daß alle dieſe überflüſſigen Dinge mir ſtets in die Ohren ſchrieen: Es giebt Menſchen, welche hungern! es giebt Menſchen, welche frieren! es giebt Arme! es giebt Arme!“ Sagen wir im Vorübergehen, daß der Haß gegen den Luxus kein verſtändiger Haß iſt. Dieſer Haß würde den gegen die Künſte in ſich ſchließen. Indeß bei den Männern der Kirche iſt der Luxus außerhalb der Repräſention und den Ceremonien ein Unrecht. Er ſcheint nicht ſehr barm⸗ herzige Gewohnheiten zu enthüllen. Ein reicher Prieſter iſt ein Widerſinn. Der Prieſter ſoll ſich zu den Armen halten. Kann man aber unabläſſig Tag und Nacht jedes Elend, jedes Unglück, jede Noth berühren, ohne auf ſich ſelbſt ein wenig von dem heiligen Elend zu tragen, wie der Staub der Arbeit iſt? Kann man ſich einen Menſchen vorſtellen, der neben der Kohleugluth ſteht, ohne ſelbſt Wärme zu empfin⸗ den. Kann man ſich einen Arbeiter denken, der unabläſſig im Feuer arbeitet und weder ein verbranntes Haar, noch einen geſchwärzten Nagel, noch einen Schweißtropfen, noch einen Kohlenſtaub im Geſicht hat? Der erſte Beweis der Barmherzigkeit bei dem Prieſter, bei dem Biſchof beſonders, iſt die Armuth. Das war es ohne Zweifel, was der Biſchof von D... dachte. Man muß übrigens nicht glauben, daß er über gewiſſe kitzliche Punkte, die ſogenannten„Ideen des Jahrhunderts,“ un⸗ ſere Anſichten theilte. Er miſchte ſich wenig in die theologiſchen Streitigkeiten jener Zeit und ſchwieg über die Fragen, bei der abe ult wi wi ke . 6 77 denen der Staat und die Kirche betheiligt waren; wäre man aber ſehr in ihn gedrungen, ſo ſcheint es, daß man ihn eher ultramontan, als gallicaniſch gefunden haben würde. Da wir ein Portrait entwerfen und nichts verbergen wollen, ſind wir gezwungen, hinzuzufügen, daß er eiskalt gegen den ſin⸗ kenden Napoleon war. Von 1813 an billigte er alle feind⸗ lichen Manifeſtationen oder zollte ihnen ſeinen Beifall. Er weigerte ſich, den Kaiſer bei ſeiner Rückkehr von der Inſel Elba zu ſehen und enthielt ſich für ſeine Diöceſe des Be⸗ fehles öffentlicher Gebete für den Kaiſer während der hun⸗ dert Tage. Außer ſeiner Schweſter Fräulein Baptiſtine hatte er zwei Brüder; der eine war General, der andere Präfect. Er ſchrieb ziemlich oft an Beide. Einige Zeit zürnte er dem erſtern, weil derſelbe, als er zur Zeit der Landung von Cannes mit einem Commando in der Provence beklei⸗ det ſich an die Spitze von 1200 Mann geſetzt und den Kaiſer wie Jemand verfolgt hatte, den man entrinnen laſſen will. Sein Briefwechſel blieb inniger mit dem andern Bru— der, dem ehemaligen Präfecten, einem würdigen und braven Mann, der zurückgezogen in Paris in der Rue Caſſette lebte. Herr Bienvenu hatte daher auch ſeine Stunde des Parteigeiſtes, ſeine Stunde der Bitterkeit, ſeine Wolke. Der Schatten der Leidenſchaften des Augenblicks verdunkelte den milden großen Geiſt, der mit den ewigen Dingen beſchäftigt war. Wahrlich, ein ſolcher Mann hätte es verdient, keine politiſchen Meinungen zu haben. Man mißverſtehe unſern Gedanken nicht; wir verwechſeln das, was man„politiſche Meinungen“ nennt, nicht mit dem großen Streben nach dem Fortſchritt, mit dem erhabenen, patriotiſchen, demokratiſchen und menſchlichen Glauben, welcher in unſern Tagen die Grundlage jedes edlen Geiſtes ſein muß. Ohne die Fragen zu ergründen, die nur mittelbar mit dem Gegenſtande dieſes 0 Buches zuſammenhängen, ſagen wir ganz einfach: Es wäre ſchön geweſen, wäre der hochwürdige Herr Bienvenu kein Royaliſt geweſen und hätte ſein Blick ſich nicht einen ein⸗ zigen Augenblick von der ernſten Betrachtung abgewendet, in welcher man deutlich und über alle Fictionen und jeden Haß dieſer Welt und über das ſtürmiſche Hin und Her der menſchlichen Dinge die drei reinen Lichter ſtrahlen ſieht: Wahrheit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit. Indem wir zugeben, daß Gott den hochwürdigen Bien⸗ venu nicht zu einem politiſchen Amte geſchaffen hatte, wür⸗ den wir dennoch ſeinen Proteſt im Namen des Rechtes und der Freiheit, ſeine ſtolze Oppoſition, ſeinen gefahrvollen und gerechten Widerſtand gegen den allmächtigen Napoleon be⸗ griffen und bewundert haben. Wir lieben den Kampf nur, ſo lange Gefahr damit verbunden iſt; und in allen Fällen haben nur die Kämpfer der erſten Stunde allein das Recht, die Vertilger der letzten zu ſein. Wer nicht während des glücklichen Erfolges hartnäckiger Ankläger war, muß bei dem Sturze ſchweigen. Nur der Ankläger des Erfolges iſt der rechtmäßige Gerichtsherr des Sturzes. Was uns betrifft, ſo laſſen wir die Vorſehung gewähren, wenn ſie, ſich in die Angelegenheiten miſchend, ſtraft. 1812 beginnt uns zu ent⸗ waffnen. 1813 hatte der feige Bruch des Schweigens von Seiten jenes ſtummen geſetzgebenden Körpers, der durch die Unglücksfälle ermuthigt wurde, nur etwas Empörendes, und es war ein Unrecht, ihm Beifall zu zollen; 1814 war es eine Fflicht, vor den verrätheriſchen Marſchällen, vor dieſem Senate, der aus einer Kothlache in die andere über⸗ ging, der ſchmähte, nachdem er vergöttert hatte, vor der Abgötterei, die davonlief und auf das Götzenbild ſpie, den Kopf abzuwenden; 1815, als ſchon die größten Mißgeſchicke in der Luft ſchwebten, als Frankreich über ihre finſtere An⸗ näherung erbebte, als man ſchon das vor Napoleon geöff⸗ nete Waterloo undeutlich erkennen konnte, hatte die ſchmerz⸗ liche Acclamation der Armen und des Volkes für den von dem Schickſal Verurtheilten nichts Lächerliches, und abge⸗ ſehen von dem Despoten, hätte ein Herz, wie das des Biſchofs von D..., vielleicht nicht verkennen ſollen, was Erhabenes und Rührendes in der innigen Umarmung einer großen Nation und eines großen Mannes am Rande des Abgrundes lag. Bis ſo weit war er ſonſt noch immer in allen Dingen gerecht, wahr, billig, verſtändig, demüthig und würdig; wohlthätig und wohlwollend, was eine andere Art der Wohl⸗ thätigkeit iſt. Er war ein Prieſter, ein Weiſer und ein Mann. Selbſt— das müſſen wir geſtehen— bei der politiſchen Meinung, die wir ihm zum Vorwurf machen und die wir beinahe ſtrenge zu beurtheilen geneigt ſind, war er tolerant und nachſichtig, vielleicht mehr, wie wir, die wir hier ſprechen. Der Thürhüter des Stadthauſes war durch den Kaiſer eingeſetzt worden. Er war ein alter Unteroffi⸗ zier der alten Garde, Legionair ſeit Auſterlitz, bonapartiſtiſch wie der Adler. Es entſchlüpften dieſem armen Teufel ge⸗ legentlich unüberlegte Worte, welche die damalige Regie⸗ rung verführeriſche Aeußerungen nannte. Seitdem das Bild des Kaiſers von dem Orden der Ehrenlegion verſchwunden war, kleidete er ſich niemals ordonnanz⸗ mäßig, wie er es nannte, um nicht gezwungen zu ſein, das Kreuz zu tragen. Er hatte mit Andacht ſelbſt das kaiſerliche Bild von dem Kreuze abgenommen, welches Na⸗ poleon ihm gab; dadurch war ein Loch entſtanden und er hatte nichts anderes an deſſen Stelle ſetzen wollen.„Eher ſterben,“ ſagte er,„als auf meiner Bruſt die drei Kröten tragen!“ Gern ſpottete er laut über Lud⸗ wig XVIII.„Der alte Gichtbrüchige mit ſeinen engliſchen Gamaſchen,“ ſagte er,„möge ſich mit ſeinem Bocksbart nach Preußen ſcheeren!“ Glücklich fühlte er ſich, ſo in derſelben Verwünſchung die beiden 0 Dinge anbringen zu können, die er am meiſten haßte: Preußen und England. Er brachte es ſo weit, daß er ſei⸗ nen Poſten verlor. So lag er mit Frau und Kindern ohne Brod auf der Straße. Der Biſchof ließ ihn kommen, zankte ihn ſanft aus und ernannte ihn zum Thürhüter der Kathedrale. Nach neun Jahren hatte der hochwürdige Bienvenu durch heilige Handlungen und ſanftes Weſen die Stadt D... mit einer Art zärtlicher und kindlicher Verehrung für ſich erfüllt. Selbſt ſein Benehmen gegen Napoleon war wie ſtillſchweigend von dem Volke hingenommen und verziehen worden, eine gute, ſchwache Heerde, die ihren Kaiſer anbetete, die aber auch ihren Biſchof liebte. XII. Einſamkeit des hochwürdigen Herrn Bienvem. Um einen Biſchof giebt es beinahe immer einen Schwarm junger Abbé's, wie um einen General einen Schwarm junger Offiziere. Das iſt das, was der reizende heilige Franz von Sales irgendwo„die Prieſter-Gelbſchnäbel“ nennt. Jede Laufbahn hat ihre Aspiranten, welche ein Gefolge deſſen bilden, der ſein Ziel erreicht hat. Keine Macht, die nicht ihre Umgebung, kein Reichthum, der nicht ſeinen Hof hat. Die Zukunftſucher umſchwärmen die glänzende Gegen⸗ wart. Jede Hauptſtadt hat ihren Generalſtab. Jeder nur einigermaßen einflußreiche Biſchof hat in ſeiner Nähe 81 ſeine Patrouille Cherubin-Seminariſten, welche die Ronde macht, in dem biſchöflichen Palaſte die gute Ordnung auf⸗ recht hält und die Wache bei dem Lächeln des Hochwürdigen bezieht. Einem Biſchof angenehm ſein, das heißt den Fuß im Steigbügel eines Sub⸗Diaconats haben. Man muß doch ſeinen Weg machen; das Apoſtolat verſchmäht das Canonicat nicht. Eben ſo, wie es im Staate große einflußreiche Per⸗ ſonen giebt, eben ſo auch in der Kirche. Das ſind die Biſchöfe, welche bei Hofe gut angeſchrieben ſind, reich an Vermögen und Einkünften, gewandt, in der Welt wohlge⸗ litten, die ohne Zweifel zu beten verſtehen, aber auch zu bitten, die ſich kein Gewiſſen daraus machen, in ihrer Perſon eine ganze Diöceſe antichambriren zu laſſen, Verbindungſeile zwiſchen der Sacriſtei und der Diplomatie, mehr Abbe's als Prieſter, mehr Prälaten als Biſchöfe. Glücklich, wer ſich ihnen nähert! Einflußreich, wie ſie ſind, laſſen ſie rings um ſich her auf Dienſtfertige und Günſtlinge und auf die ganze Jugend, die zu gefallen verſteht, einträgliche Pfarreien, Präbenden, Archidiaconate, Almoſenier-Stellen und Domämter herabregnen, in Erwartung der biſchöflichen Würden. Indem ſie ſelbſt vorwärts kommen, bringen ſie auch ihre Satelliten mit vorwärts; ſie ſind ein ſich be⸗ wegendes Sonnenſyſtem. Ihr Glück zerbröckelt ſich nach rückwärts in guten kleinen Beförderungen. Je größer die Diöceſe für den Patron, deſto beſſer die Pfarre für den Günſtling. Und dann iſt ja auch Rom da. Ein Biſchof, der es verſteht, Erzbiſchof zu werden, ein Erzbiſchof, der Cardinal zu werden weiß, bringt einen zum Conclaviſten*), in das Oberappellationsgericht, zum Biſchofsmantel; man wird Auditor, päpſtlicher Kämmerer, Herrlichkeit, und von dieſer bis zur Eminenz iſt nur ein Schritt, ebenſo wie *) Diener eines Cardinals im Conclave, während der Papſtwahl. Die Elenden. I. 6 82 zwiſchen der Eminenz und der Heiligkeit nichts liegt, als der Dunſt einer Wahl. Jedes Prieſterkäppchen kann von der Tiara träumen. Der Prieſter iſt in unſeren Tagen der einzige Menſch, der auf regelmäßigem Wege König werden kann; und was für ein König! Der oberſte König. Was für eine Pflanz⸗ ſchule von Aſpiranten iſt daher auch ein Seminar! Wie viele erröthende Chorknaben, wie viele junge Abbé's tragen auf ihrem Kopfe Peretten's Milchtopf! Wie leicht nennt der Ehrgeiz ſich Beruf; wer weiß, vielleicht in aufrichtigem Glauben, ſich ſelbſt täuſchend, ſcheinheilig, wie er iſt! Der hochwürdige Herr Bienvenu, demüthig, arm, eigen⸗ thümlich, wurde nicht unter die einflußreichen Biſchöfe gezählt. Das war dadurch erſichtlich, daß es um ihn her gar keinen jungen Geiſtlichen gab. Man hat geſehen, daß er in Paris nicht gepaßt hatte.“ Keine einzige Zukunft dachte daran, ſich auf dieſen einſamen Greis zu pfropfen. Nicht ein kei⸗ mender Ehrgeiz beging die Thorheit, in ſeinem Schatten zu grünen. Seine Kanonicis und ſeine Großvicare waren gute alte Leute, ein wenig Volk wie er, gereift gleich ihm in dieſer Diöceſe, die keine Ausgangsthür nach dem Cardi⸗ nalate hatte, und die ihrem Biſchofe glichen, mit dem Unterſchiede jedoch, daß ſie beendigt waren, er aber vol⸗ lendet. Man fühlte ſo gut die Unmöglichkeit, in der Nähe des Herrn Bienvenu emporzukommen, daß die jungen durch ihn ordinirten Männer, wenn ſie kaum aus dem Seminar getreten waren, ſich den Erzbiſchöfen von Aix oder Aur empfehlen ließen und ſchnell davongingen. Denn, wir wiederholen dies noch einmal, man will vorwärts kommen. Ein Heiliger, der in einem Uebermaß der Selbſtverleugnung lebt, iſt eine gefährliche Nachbarſchaft; er könnte einen mit einer unheilvollen Armuth anſtecken, mit einer Steifheit der zum Avancement nützlichen Knochenfügungen, kurz, mit mehr Selbſtverleugnung, als man haben möchte; und man flieht vor d Herrn Efolh von de ziemli dem bis; nen allein being geſchl in ſe Mäf iſt e Mar habe und inf ines Reno Beſt gekor ſelbſ guße lus, Ven itgen in e Liri lens, Schlo lth Aune als on ſch, as nz⸗ ie gen nnt em nen vor dieſer räudigen Tugend. Daher das Alleinſtehen des Herrn Bienvenu. Wir leben in einer finſtern Geſellſchaft. Erfolg haben, das iſt die Lehre, welche Tropfen auf Tropfen von der überragenden Verderbtheit herabfällt. Im Vorbeigehen ſei es geſagt, daß der Erfolg etwas ziemlich Abſcheuliches iſt. Seine falſche Aehnlichkeit mit dem Verdienſt täuſchte die Menſchen. Der Erfolg, dieſer bis zum Verwechſeln ähnliche Bruder des Talents, hat ſei⸗ nen Betrogenen; die Geſchichte. Juvenal und Tacitus allein brummen über ihn. In unſeren Tagen hat eine beinahe offizielle Philoſophie bei ihm ſeine Wohnung auf⸗ geſchlagen, trägt die Livree des Erfolges und thut Dienſt in ſeinem Vorzimmer. Gelingen, Theorie, Wohlfahrt ſetzt Mäßigkeit voraus. Man gewinne in der Lotterie und man iſt ein gewandter Menſch. Wer triumphirt, wird verehrt. Man werde als Glückskind geboren, das iſt Alles! Man habe Glück und man hat alles Uebrige; man ſei glücklich und man wird für groß gehalten werden. Außer den fünf oder ſechs ungeheueren Ausnahmen, welche den Plan eines Jahrhunderts bilden, iſt die Bewunderung der Zeit⸗ genoſſen nur kurzſichtig. Vergoldung iſt Gold. Der Erſte Beſte zu ſein, das verdirbt nichts, wenn man nur empor⸗ gekommen iſt. Der Gemeine iſt ein alter Narziß, der ſich ſelbſt bewundert und dem ich meinen Beifall zolle. Die außerordentliche Fähigkeit, durch welche Einer Moſes, Aeſchy⸗ lus, Dante, Michel Angelo oder Napoleon iſt, ſpricht die Menge ſtürmiſch und mit Acclamation Jedem zu, der irgend worin ein Ziel erreicht. Ein Notar verwandle ſich in einen Deputirten, ein falſcher Corneille mache einen Tiridates, ein Eunuch gelange zu dem Beſitze eines Ha⸗ rems, ein militairiſcher Prudhomme gewinne zufällig eine Schlacht, welche über einen Zeitabſchnitt entſcheidet, ein Apotheker erfinde Pappſohlen für die Sambre⸗ und Maas⸗ Armee und begründe ſich durch dieſe Pappe, welche er für 84 Leder verkauft, ein Einkommen von vier Mal hunderttau⸗ ſend Livres Rente, ein Laſtträger heirathe die Wucherei und mache, daß ſie mit ſieben bis acht Millionen nie⸗ derkömmt, von denen er der Vater und ſie die Mutter iſt, ein Prediger werde, durch das Näſeln Biſchof, der In⸗ tendant eines guten Hauſes ſei bei ſeinem Austritt aus den Dienſt ſo reich, daß man ihn zum Finanzminiſter macht, ſo nennen die Menſchen das Genie, eben ſo wie ſie das Geſicht Mousqueton's ſchön und das äußerliche An⸗ ſehen des Claudius majeſtätiſch nennen. Sie verwechſeln mit den Conſtellationen des Abgrunds die Sterne, welche die Pfoten der Enten in die weiche Maſſe des Schlammes drücken. XII. Was er glanbte. Aus dem Geſichtspunkte der Ordodoxie haben wir den Biſchof von D... nicht zu ergründen. Vor einer ſolchen Seele fühlen wir uns nur zur Ehrerbietung geneigt. Das Gewiſſen des Gerechten muß ihm auf das Wort geglaubt werden. Ueberdies geben wir bei gewiſſen Naturen die mögliche Entwickelung aller Schönheiten der menſchlichen Tugend nicht in einem andern Glauben zu, als in dem unſrigen. Was dachte er von dieſem Dogma oder von jenem Myſterium? Die Geheimniſſe des tiefſten Innern ſind nur den 6 Glaub Diam er ve ſchöp digu „Du ten n 85 dem Grabe bekannt, in welches die Seelen nackt eintreten. Das, deſſen wir gewiß ſind, iſt, daß Schwierigkeiten des Glaubens bei ihm nie durch Heuchelei gelöſt wurden. Dem Diamanten iſt keine Fäulniß möglich. Er glaubte, ſo viel er vermochte. „Oredo in Patrem!“ rief er häufig aus. Uebrigens ſchöpfte er aus ſeinen guten Werken die Maſſe der Befrie⸗ digung, welche dem Gewiſſen genügt und die uns leiſe ſagt: „Du biſt mit Gott!“ Was wir hier bemerken zu müſſen glauben, iſt, daß der Biſchof außerhalb ſeines Glaubens und gewiſſermaßen über demſelben hinaus, ein Uebermaß der Liebe bewahrte. Deshalb, weil er viel geliebt, wurde er durch die„ernſten Männer“, die„geſetzten Perſonen“ und die„vernünftigen Leute“ für verwundbar gehalten; Lieblingsausdrücke unſerer traurigen Welt, in welcher der Egoismus das Feldgeſchrei von der Pedanterie empfängt. Worin beſtand dieſes Uebermaß der Liebe? Es war ein ernſtes Wohlwollen, welches die Menſchen überfluthete, wie wir dies bereits andeuteten, und ſich gelegentlich bis auf die lebloſen Dinge erſtreckte. Er lebte ohne Geringſchätzung. Er war nachſichtig gegen die Schöpfung Gottes; Jeder Menſch, ſelbſt der beſte, trägt in ſich eine unäberlegte Härte, die er für das Thier aufgeſpart. Der Biſchof von D... beſitzt dieſe Härte nicht, die gleichwohl vielen Prieſtern eigenthümlich iſt. Er ging nicht bis zum Brahminen, aber er ſchien das Wort des Prediger Salomo in Erwägung gezogen zu haben: „Weiß man, wohin die Seele der Thiere kommt?“ Die Häßlichkeiten des Ausſehens, die Häßlichkeiten des Inſtinktes, ſtörten und empörten ihn nicht. Er wurde dadurch erregt, beinahe gerührt. Es ſchien, als ob er durch Nachdenken jenſeits des augenſcheinlichen Lebens die Urſache, die Erklärung oder die Entſchuldigung dafür ſuchen wollte. 86 Er ſchien in Augenblicken von Gott ſelbſt Umwandlungen zu fordern. Er prüfte ohne Zorn, und mit dem Auge des Sprachforſchers, der ein Palimpſeſt entziffert, die Maſſe des Chaos, die in der Natur liegt. Dieſe Träumerei machte, daß er zuweilen ſonderbare Aeußerungen that. Eines Morgens war er in ſeinem Garten und glaubte allein zu ſein. Allein ſeine Schweſter ging hinter ihm her, ohne daß er ſie bemerkte. Plötzlich blieb er ſtehen und betrachtete Etwas an der Erde; es war eine große, ſchwarze, haarige, ab⸗ ſcheuliche Spinne. Seine Schweſter hörte, wie er ſagte: „Das arme Thier! Es iſt nicht ſeine Schuld!“ Weshalb ſollten wir die beinahe himmliſchen Kinde⸗ reien ſeiner Güte nicht erzählen? Kindereien, mag ſein; aber dieſe erhabenen Kindereien ſind auch die des heiligen verrenkte er ſich den Fuß, weil er eine Ameiſe nicht hatte zertreten wollen. So lebte dieſer Gerechte. Zuweilen ſchlief er in ſeinem Garten ein, und dann konnte es nichts Ehrwürdigeres geben. Der hochwürdige Herr Biervenu war ehedem, wenn man den Berichten über ſeine Jugend und ſelbſt über ſein männ⸗ liches Alter glauben durfte, ein leidenſchaftlicher, vielleicht ein gewaltthätiger Menſch geweſen. Seine allgemeine Sanftmuth und Leutſeligkeit war weniger ein Inſtinct der Natur, als das Reſultat einer innigen Ueberzeugung, die durch das Leben in ſein Herz gedrungen war, und ihn langſam, Gedanken bei Gedanken, erfüllt hatte; denn in einem Charakter können ebenſo, wie in einem Felſen, durch Waſſertropfen Löcher gebildet werden. Dergleichen Aus⸗ höhlungen ſind unvertilgbar. 1815— wir glauben dies bereits geſagt zu haben— erreichte er ſein 75. Jahr, allein er ſchien nicht älter als 60 zu ſein. Er war nicht groß, hatte einige Fülle und um dieſe zu unterdrücken, machte er gern weite Spaziergänge zu ſuß gebi ſicht und Biſ ein wü Re fih 0b Se die g m g M drl un in; ges tte len nan nn⸗ icht ine der Fuß. Er hatte einen feſten Schritt und ging nur ſehr wenig gebückt: Umſtände, aus denen wir nichts zu ſchließen beab⸗ ſichtigen; Gregor XVI. hielt ſich mit 80 Jahren gerade und lächelte, was ihn doch nicht abhielt, ein ſchlechter Biſchof zu ſein. Herr Bienvenu hatte das, was das Volk einen„ſchönen Kopf“ nennt, aber dieſer war ſo liebens würdig, daß man darüber ſeine Schönheit vergaß. Wenn er mit jener kindlichen Heiterkeit plauderte, die einen ſeiner Reize bildete und von welcher wir bereits geſprochen haben, fühlte man ſich in ſeiner Nähe ſehr behaglich, es ſchien, als ob aus ſeiner ganzen Perſon die Freude hervorleuchtete. Seine rothe, geſunde Geſichtsfarbe, ſeine weißen Zähne, die er unverſehrt behalten hatte und die ſein Lächeln zeigte, gaben ihm jenes offene und freundliche Ausſehen, welches macht, daß man von einem Menſchen ſagt:„das iſt ein gutes Kind,“— und von einem Greiſe:„das iſt ein guter Mann.“ Das war, wie man ſich erinnern wird, der Ein⸗ druck, den er auf Napoleon machte. Auf den erſten Blick und für den, der ihn zum erſten Mal ſah, war er in der That nichts weiter als ein guter Mann. Aber wenn man einige Stunden bei ihm blieb und ihn nur einigermaßen nachdenkend ſah, ſo verwandelte der gute Mann ſich all mählig und nahm etwas Impoſantes an. Seine hohe, ernſte Stirn, ehrwürdig durch ſein weißes Haar, wurde dann auch ehrwürdig durch das Nachdenken; die Majeſtät entwickelte ſich aus dieſer Güte und ohne daß deshalb die Güte auf⸗ hört zu leuchten, empfand man etwas von der Aufregung, die man haben würde, wenn man einen lächelnden Engel langſam ſeine Flügel öffnen ſähe, ohne deshalb aufzuhören zu lächeln. Die Ehrerbietung, eine unausſprechliche Ehr— erbietung, durchdrang einen allmählig und ſtieg bis zu dem Herzen und man fühlte, daß man vor ſich eine jener kräf⸗ tigen Seelen hatte, geprüft, duldſam, bei denen der Ge⸗ danke ſo groß iſt, daß er nur noch mild ſein kann. 88 Wie man ſah, erfüllten das Gebet, die Verrichtung der heiligen Amtshandlungen, Almoſen, Tröſten der Betrüb⸗ ten, Bebauung eines Winkelchens der Erde, Brüderlichkeit, Frugalität, Gaſtfreundſchaft, Entſagung, Vertrauen, Studium, Arbeit jeden Tag ſeines Lebens. Erfüllen iſt das richtige Wort, und wahrlich, jeder Tag des Biſchofs war erfüllt bis zum Rande mit guten Gedanken, guten Worten und guten Handlungen. Indeß waren dieſe Tage nicht vollſtän⸗ dig, wenn kaltes oder regnigtes Wetter ihn hinderten, den Abend, nachdem beide Frauen ſich zurückgezogen hatten, eine oder zwei Stunden in ſeinem Garten zuzubringen, bevor er ſchlafen ging. Es ſchien eine Art von Ritus für ihn zu ſein, den Schlaf durch das Nachdenken unter dem großartigen Schauſpiele des nächtlichen Himmels vorzubereiten. Zu⸗ weilen, ſelbſt ſchon in weit vorgeſchrittener Stunde der Nacht, hörten die beiden alten Frauen, wenn ſie nicht ſchliefen, ihn langſam durch die Alleen wandeln. Er war hier allein mit ſich ſelbſt, geſammelt, fried⸗ lich, anbetend, den Ernſt ſeines Herzens vergleichend mit dem Ernſt des Aethers, gerührt in der Dunkelheit durch die ſichtliche Pracht der Sterne und die ſichtbare Pracht Gottes, ſeine Seele den Gedanken öffnend, die aus dem Unbekannten herrühren. In ſolchen Augenblicken und zur Stunde, in welcher die Nachtblumen ihre Wohlgerüche aus⸗ hauchten, ſein Herz darbringend, leuchtend wie eine Lampe in der Mitte der Sternennacht und unter den allgemeinen Strah⸗ len der Schöpfung ſich in Extaſe ergießend, hätte er viel⸗ leicht ſelbſt nicht zu ſagen vermocht, was in ſeinem Her⸗ zen vorging; er fühlte Etwas aus ſich heraus ſich auf⸗ ſchwingen und Etwas in ſich eingehen. Geheimnißvoller Austauſch der Abgründe der Seele mit den Abgründen des Weltalls. Er dachte an die Größe und an die Gegenwart Got⸗ tes, an die zukünftige Ewigkeit, ein eigenthümliches Myſte⸗ Ue 89 rium, an die vergangene Ewigkeit, ein noch eigenthümliche⸗ res Myſterium, an all' das Unendliche, welches ſich unter ſeinen Augen nach allen Richtungen hin verbreitete, und ohne danach zu ſtreben, das Unbegreifliche zu begreifen, betrachtete er es. Er erforſchte Gott nicht; er ließ ſich durch ihn blenden. Er erwog das prachtvolle Zuſammen⸗ treffen der Atome, welche die Materie des Menſchen ge⸗ ben, die Kräfte offenbaren, indem ſie dieſelben darthun, die Individualitäten in der Einheit ſchaffen, die Verhält⸗ niſſe in den Zeiten, das Unzählige in dem Unendlichen, und welche durch das Licht die Schönheit herrorbringen. Dieſe Begegnungen verſchlingen und entſchlingen ſich ohne Un⸗ terlaß und daraus entſpringen das Leben und der Tod. Er ſetzte ſich auf eine hölzerne Bank, die ſich an ein verfallenes Spalier lehnte; er betrachtete die Geſtirne durch die vergänglichen und verkrüppelten Silhouetten des Lau⸗ bes ſeiner Fruchtbäume. Dieſer Viertelacker, ſo ärmlich bepflanzt, ſo von Gebäuden und Ställen eingeengt, war ihm theuer und genügte ihm. Was brauchte dieſer Greis mehr, der die Muße ſei⸗ nes Lebens, in welchem ihm ſo wenig Muße blieb, zwiſchen der Gärtnerei am Tage und der Betrachtung während der Nacht theilte? War dieſer enge Raum, der den Himmel zur Decke hatte, nicht hinreichend, um Gott wechſelweiſe in ſeinen reizendſten und in ſeinen erhabenſten Werken an⸗ beten zu können? War das nicht in der That Alles; und was ſollte er noch darüber hinaus wünſchen? Ein kleiner Garten, um darin umher zu wandeln, und das Unendliche, um zu träumen. Zu ſeinen Füßen das, was man pflanzen und einernten kann; über ſeinem Kopfe das, was man er⸗ forſchen und erwägen kann; einige Blumen auf der Erde und alle Sterne am Himmel. 90 XIV. Was er dachte. Ein letztes Wort. Da die Natur dieſer näheren Umſtände, beſonders in unſerer gegenwärtigen Zeit und um uns eines Ausdrucks zu bedienen, der jetzt wirklich in der Mode iſt, dem Biſchof von D.. eine gewiſſe„pantheiſtiſche“ Phyſiognomie ge⸗ ben und den Glauben erwecken könnte, ſei es zu ſeinem Tadel, ſei es zu ſeinem Lobe, daß er in ſich eine jener per⸗ ſönlichen Philoſophien hatte, die unſerm Jahrhundert eigen⸗ thümlich ſind, die zuweilen in den einſamen Geiſtern ent⸗ ſtehen, ſich darin bilden und vergrößern, bis ſie an die Stelle der Religionen treten, verſichern wir, daß nicht Einer von denen, welche Herrn Bienvenu kannten, ſich für befugt gehalten haben würde, etwas Aehnliches zu glauben. Was dieſen Menſchen erleuchtete, war das Herz. Seine Weis⸗ heit beſtand aus dem Lichte, welches dieſem entſtrömte. Keine Syſteme, viel Werke. Tiefe verborgene Spe⸗ culationen enthalten Schwindel; nichts deutet an, daß er ſeinen Geiſt in ſolche Apocalhpſen ſich verirren ließ. Der Apoſtel kann kühn ſein, der Biſchof aber muß ſchüchtern ſein. Er hätte ſich wahrſcheinlich ein Gewiſſen daraus gemacht, ge⸗ wiſſe Probleme, die in einiger Art den großen furchtbaren Geiſtern vorbehalten ſind, zu weit zu erforſchen. Es giebt einen heiligen Abſcheu unter den Pforten des Räthſels; dieſe finſteren Oeffnungen ſind da, gähnend, aber ein Et⸗ was ſagt uns, daß man nicht eintritt. Wehe dem, der in ſie eindringt! Die Genies, welche in den unerhörten Tiefen der Ab⸗ ſtraction und der bloßen Speculation ſo zu ſagen über den Dogmen ſtehen, legen Gott ihre Ideen vor. Ihr Gebet fordert verwegen die Discuſſion heraus, ihre Anbetung iſt fragend. Das iſt die unmittelbare Religion, voll Angſt und Verantwortlichkeit für den, welcher ſich auf die ſteilen Abhänge derſelben wagt. Das menſchliche Forſchen hat keine Grenze. Auf eige nes Wagen und Gefahr hin analhſirt und erforſcht es ſeine eigene Verblendung. Man könnte beinahe ſagen, daß es durch eine Art glänzender Reactionen die Natur blendet; die geheimnißvolle Welt, die uns umringt, giebt das zu— rück, was ſie empfängt; es iſt wahrſcheinlich, daß die Beob⸗ achter beobachtet werden. Wie dem aber auch ſei, ſo giebt es doch auf Erden Menſchen— ſind es Menſchen?— welche deutlich im Hintergrunde der Horizonte des Trau⸗ mes die Höhen des Abſoluten erblicken und welche die furchtbare Ueberzeugung der endloſen Berge haben. Herr Bienvenu gehörte nicht zu dieſen Menſchen; Herr Bien⸗ venu war kein Genie. Er würde dieſe Erhabenheiten ge⸗ fürchtet haben, von denen einige, ſehr große ſelbſt, wie Swe⸗ denborg und Pascal, in den Wahnſinn hinabglitten. Ge⸗ wiß haben dieſe gewaltigen Träumereien ihre moraliſche Nützlichkeit, und auf dieſen ſteilen Pfaden nähert man ſich der idealen Vollkommenheit. Er ſchlug den kürzeren Fuß⸗ pfad ein: das Evangelium. Er verſuchte es nicht, in ſein Meßgewand die Falten des Mantels des Elias legen zu laſſen; er warf keinen Strahl der Zukunft auf das dunkle Schwanken der Er— eigniſſe; er verſuchte es nicht, die Strahlen der Dinge zu einer Flamme zu verdichten; er hatte nichts von dem Pro pheten, nichts von dem Magier. Dieſe demüthige Seele liebte— das war Alles. Daß er das Gebet bis zu einer übermenſchlichen Be⸗ 92 ſtrebung ausdehnte, iſt wahrſcheinlich; aber man kann eben⸗ ſowenig zu viel beten, wie zu viel lieben; und wenn es eine Ketzerei war, über die Texte hinaus zu beten, ſo wären die heilige Thereſe und der heilige Hieronymus Ketzer. Er neigte ſich über das, was leidet und über das, was büßt. Das Weltall erſchien ihm als eine ungeheure Krankheit; er fühlte überall das Fieber, er machte überall das Leiden ausfindig, und ohne danach zu trachten, das Räthel zu löſen, ſuchte er die Wunde zu verbinden. Das furchtbare Schauſpiel der geſchaffenen Dinge entwickelte in ihm die Rührung; er war nur damit beſchäftigt, für ſich ſelbſt die beſte Art ausfindig zu machen, zu beklagen und zu erleichtern und Andere durch dieſelbe zu begeiſtern; was iſt, war für dieſen guten und ſeltenen Prieſter ein Gegen⸗ ſtand der beſtändigen Traurigkeit, die zu tröſten ſucht. Es giebt Menſchen, welche daran arbeiten, das Gold auszu⸗ ziehen; er arbeitete an der Ausziehung des Mitleids. Das allgemeine Elend war ſein Bergwerk. Der Schmerz war für ihn überall nur eine Gelegenheit immerwährender Güte. Liebet Euch unter einander; er erklärte das für voll⸗ kommen, wünſchte nichts weiter, und darin beſtand ſeine ganze Doctrin. Eines Tages ſagte jener Mann, der ſich für einen Philoſophen hielt, jener Senator, den wir bereits nannten, zu dem Biſchof:„Aber betrachten Sie doch nur das Schauſpiel der Welt; Krieg Aller gegen Alle; der Stärkſte hat den meiſten Geiſt. Ihr„liebet Euch untereinander“, iſt eine Dummheit.“—„Nun wohl“, entgegnete der hochwürdige Bienvenu, ohne zu ſtreiten, „wenn es eine Dummheit iſt, ſo muß die Seele ſich darin einſchließen, wie die Perle in der Muſchel.“— Er ſchloß ſich alſo darin ein, lebte darin, befriedigte ſich vollkommen dadurch, ließ alle Fragen bei Seite liegen, die anziehen und erſchrecken, die unergründlichen Tiefen der Abſtraction, die Abgründe der Metaphyſik, alle dieſe Tiefen, welche den ſ⸗ ne n S Apoſtel zu Gott, den Atheiſten zum Nichts führen: die Be⸗ ſtimmung, das Gute und das Böſe, der Krieg des Weſens gegen das Weſen, das Gewiſſen des Menſchen, der Som⸗ nambulismus des Thieres, die Transformation nach dem Tode, die Wiederaufzählung der Exiſtenzen, welche das Grab enthält: das unbegreifliche Pfropfreis der aufeinander folgenden Liebe auf das ausdauernde Ich, die Weſenheit der Subſtanz der Seele, die Natur, die Freiheit, die Nothwendigkeit; ſpitzfindige Probleme, dichte Finſterniſſe, zu denen ſich die rieſigen Exempel des menſchlichen Geiſtes hinneigen; furchtbare Abgründe, welche Lucretius, Manou, der heilige Paulus und Dante mit jenem blitzenden Auge betrachten, das, indem es feſt in das Unendliche blickt, darin Sterne hervorzurufen ſcheint. Herr Bienvenu war ganz einfach ein Menſch, welcher aus dem Aeußern die geheimnißvollen Fragen conſtatirte, ohne ſie zu erforſchen, ohne ſie anzuregen und ohne ſeinen eigenen Geiſt durch dieſelben zu beunruhigen; er hatte in der Seele die ernſte Ehrfurcht vor dem Schatten. Erſte Abtheilung. Fantine. Zweites Buch. Per Stupz. Der Abend eines Marſchtages. Während der erſten Tage des Monats October 1815, ungefähr eine Stunde vor Sonnenuntergang, betrat ein Menſch, der zu Fuß reiſte, die kleine Stadt D.. Die wenigen Einwohner, welche ſich in dieſem Augenblicke an ihren Fenſtern, oder auf der Schwelle ihrer Häuſer be⸗ fanden, betrachteten dieſen Reiſenden mit einer Art von Unruhe. Es war ſchwer, einen Monſchen von elenderem Anſehen zu finden. Es war ein Mann von mittleren Wuchs, unterſetzt und kräftig gebaut, in der Kraft des Alters. Er konnte 46 oder 48 Jahre zählen. Eine Mütze mit herabgeſchlagenem Lederſchirm verbarg zum Theil ſein Geſicht, welches durch Sonne und Luft gebräunt war und über das der Schweiß rann. Sein Hemd von grober gelber Leinwand, an dem Halſe durch einen kleinen ſilbernen Anker befeſtigt, ließ ſeine behaarte Bruſt ſehen; er hatte eine Peitſche, die er umgeſchlungen trug. Beinkleider von blauem Zwillig, zerriſſen und abgetragen, weiß auf dem einen, durchlöchert auf dem anderen Knie, eine alte graue Blouſe, zerlumpt, an dem einen Ellenbogen mit einem Stücke grü⸗ nem Tuch geflickt, das mit Bindfaden aufgenäht war, und auf dem Rücken den Torniſter eines Soldaten, ſehr voll, Die Elenden. I.. 98 feſtgeſchnallt und ganz neu, in der Hand einen ungeheuern Knotenſtock, an den nackten Füßen eiſenbeſchlagene Schuhe, einen kahlgeſchorenen Kopf und einen langen Bart. Der Schweiß, die Hitze, die Fußreiſe, der Staub fügten dieſem ganz natürlichen Ausſehen noch etwas Schmutziges hinzu. Die Haare waren kurz abgeſchnitten und dennoch ſtruppig, denn ſie fingen an, ein wenig wieder zu wachſen und waren ſeit einiger Zeit nicht mehr verſchnitten worden. Niemand kannte ihn; offenbar war es nur ein Durch⸗ reiſender. Wo kam er her? Aus dem Süden, von den Ufern des Meeres vielleicht, denn er zog in D. auf eben der Straße ein, welche ſieben Monate zuvor den Kaiſer Napoleon hatte vorüber kommen ſehen, als er von Cannes nach Paris ging. Dieſer Menſch mußte den ganzen Tag marſchirt ſein. Er ſchien ſehr ermüdet. Weiber des alten Fleckens, welcher am Fuße der Stadt liegt, hatten ihn unter den Bäumen auf dem Boulevard Gaſſendi ſtehen bleiben und aus den Brunnen trinken ſehen, der am äußer⸗ ſten Ende der Promenade liegt. Er mußte ſehr durſtig ſein, denn Kinder, die ihn folgten, ſahen, wie er bei dem Brunnen auf dem Marktplatze, nicht weiter als 200 Schritt entfernt, wieder ſtehen blieb und trank. An der Ecke der rue Poichevert gelangt, wendete er ſich links und nach der Mairie. Er trat in dieſelbe ein. Eine Viertelſtunde darauf kam er wieder heraus. Ein Gensdarm ſaß neben der Thür auf der Steinbank, welche der General Drouot am 4. März beſtiegen hatte, um der erſchrockenen Menge der Einwohner von D... die Proklamation aus dem Golf Juan vorzuleſen. Der Menſch nahm ſeine Mütze ab und grüßte den Gensdarmen demüthig. Ohne auf dieſen Gruß zu antworten, betrachtete der Gensdarm ihn aufmerkſam, folgte ihn dann einige Zeit mit den Augen und trat hierauf in das Rathhaus ein. we lel Es gab damals in D... ein ſchönes Gaſthaus mit dem Schild„Das Kreuz von Colbas.“ Dieſes Gaſthaus hatte einen gewiſſen Jaquin Labarre zum Wirth, ein Menſch der in der Stadt wegen ſeiner Verwandtſchaft mit einem anderen Labarre geächtet wurde, der in Grenoble das Gaſt⸗ haus zu den drei Dauphins beſaß und in den Guiden ge⸗ dient hatte. Bei der Landung des Kaiſers waren über dieſes Gaſthaus zu den drei Dauphins viele Gerüchte in Umlauf geweſen. Man erzählte, daß der General Ber⸗ trand, als Kärrner verkleidet, im Monat Januar viele Reiſen dorthin gemacht und dort Ehrenkreuze an Soldaten und Hände voll Napoleonsd'or an Bürger vertheilt hätte. Die Wahrheit iſt, daß der Kaiſer, als er in Grenoble ein⸗ gezogen war, ſich weigerte, das Hötel der Präfectur zu beziehen. Er dankte dem Maire für das Anerbieten und ſagte: „Ich gehe zu einem bravèen Manne, den ich kenne,“ und er ging darauf nach den drei Dauphins. Dieſer Ruf des Labarre der drei Dauphins warf ſeinen Glanz fünfundzwanzig Stunden weit auf den Labarre des Kreuzes von Colbas. Man ſagt von ihm in der Stadt: Er iſt der Retter des Labarre von Grenoble.— Der Menſch ging alſo nach dieſem Gaſthauſe, welches das beſte im ganzen Lande war. Er trat in die Küche, die unmittelbar auf die Straße führte. Alle Oefen waren in Brand, ein großes Feuer brannte auch in dem Kamin. Der Wirth, welcher zugleich auch der Koch war, ging von dem Feuer⸗ heerde zu den Kaſſerolen, er war ſehr geſchäftig und über⸗ wachte ein vortreffliches Mittagseſſen, welches für Fuhr⸗ leute beſtimmt war, die man in einem benachbarten Saal lachen und lärmend ſprechen hörte. Wer gereiſt iſt, weiß, daß Niemand beſſer ißt, als die Fuhrleute. Ein fettes Murmelthier, eingefaßt von weißen Rebhühnern und Hai⸗ dehühnern, drehte ſich vor dem Feuer an ſem langen 100 Spieße, auf dem Heerde kochten zwei große Karpfen aus dem Kai von Lauzet und ein Forelle aus dem See von Alloz. Als der Wirth die Thür ſich öffnen und einen neuen Ankömmling eintreten hörte, ſagte er, ohne ſeine Augen von ſeinen Kaſſerolen zu erheben: „Was wünſcht der Herr?“ „Zu eſſen und zu ſchlafen,“ ſagte der Mann. „Nichts iſt leichter,“ entgegnete der Wirth. In dieſem Augenblicke wendete er den Kopf, überſah mit einem Blicke das ganze Aeußere des Reiſenden und fügte hinzu: „Wenn man bezahlt.“ Der Mann zog einen großen ledernen Beutel aus ſeiner Bruſttaſche und antwortete:„Ich habe Geld!“ „In dieſem Falle ſteht man Ihnen zu Dienſt,“ ſagte der Wirth. Der Menſch ſtockte ſeinen Geldbeutel wieder in die Taſche, nahm ſeinen Torniſter ab, legte ihn neben der Thür auf den Boden, behielt ſeinen Knotenſtock in der Hand und ſetzte ſich auf einen niedrigen Schemel vor das Feuer. D... liegt im Gebirge. Die Oktoberabende ſind dort kalt.— Indeß betrachtete der Wirth, während er ab und zu ging, den Reiſenden. „Ißt man bald?“ fragte der Menſch. „Sogleich!“ entgegnete der Wirth. Während der Ankömmling ſich wärmte, den Rücken dem würdigen Gaſtwirth Jacquin Labarre zugewandt, zog dieſer einen Bleiſtift aus der Taſche und riß dann eine Ecke von einer alten Zeitung ab, die auf einem kleinen Tiſch neben dem Kaſten lag. Auf den weißen Rand ſchrieb er ein oder zwei Zeilen, faltete das Blatt zuſammen, ohne es zu ſiegeln und übergab den Fetzen Papier einem Kinde, — u on ah 7 nd cken zoh iſch et welches ihm zugleich als Küchenjunge und Lakai zu dienen ſchien. Der Wirth flüſterte den Küchenjungen ein Wort in das Ohr und das Kind machte ſich in der Richtung nach der Mairie auf den Weg. Der Reiſende hatte von alledem nichts geſehen. Er fragte noch einmal: „Ißt man bald?“ „Sogleich“, erwiederte der Wirth. Das Kind kehrte zurück. Es brachte das Papier wieder. Der Wirth entfaltete es haſtig, wie Jemand, der eine Antwort erwartet. Er ſchien aufmerkſam zu leſen, warf dann den Kopf in die Höh' und blieb einen Augenblick im Nachdenken verſunken. Endlich that er einen Schritt gegen den Reiſenden, der in nicht ſehr freundliche Be⸗ trachtungen verſunken zu ſein ſchien. „Herr“, ſagte er,„ich kann Sie nicht aufnehmen.“ Der Mann richtete ſich halb auf ſeinem Seſſel empor. „Wie? fürchten Sie, ich würde nicht bezahlen? Wollen Sie, daß ich im Voraus bezahlen ſolle? Ich habe Geld, ſage ich Ihnen.“ „Das iſt es nicht.“ „Was denn?“ „Sie haben Geld!“ ſagte der Wirth. „Ja,“ ſagte der Menſch. „Und ich,“ ſagte der Wirth,„habe kein Zimmer.“ Der Menſch entgegnete ruhig:„Weiſen Sie mich in den Stall.“ „Ich kann nicht.“ „Weshalb?“ „Die Pferde nehmen allen Platz weg.“ „Nun wohl,“ entgegnete der Mann,„eine Ecke auf dem Boden, ein Bund Stroh. Wir wollen das nach dem Eſſen ordnen.“ „Ich kann Ihnen nichts zu eſſen geben.“ Dieſe Erklärung, welche mit gemeſſenem, aber feſtem Tone gegeben wurde, ſchien dem Fremden ſehr ernſt zu ſein. Er ſtand auf. „Ei was,“ ſagte er;„aber ich ſterbe vor Hunger. Ich bin ſeit Sonnenaufgang gegangen. Ich habe zwölf Stunden Weges gemacht. Ich zahle, ich will eſſen.“ „Ich habe nichts,“ ſagte der Wirth. Der Menſch brach in lautes Gelächter aus, wendete ſich gegen den Heerd und das Feuer: „Nicht! und das Alles?“ „Das Alles iſt beſtellt.“ „Von wem?“ „Von den Herrn Fuhrleuten.“ „Wie viele ſind ihrer?“ „Zwölf.“ „Da iſt zu eſſen für zwanzig.“ „Sie hahen Alles beſtellt und im Voraus bezahlt.“ Der Menſch ſetzte ſich wieder, und ſagte, ohne die Stimme zu erheben:„Ich bin im Wirthshauſe, ich habe Hunger und bleibe.“ Der Wirth neigte ſich hierauf zu ſeinem Ohr und ſagte mit einem Tone, bei dem er erbebte:„Gehen Sie!“ Der Reiſende war in dieſem Augenblicke gebückt und ſtieß mit dem eiſenbeſchlagenen Ende ſeines Stockes einige Brände in das Feuer. Er wendete ſich raſch um, und als er den Mund öffnete, um zu antworten, ſah der Wirth ihn feſt an und fügte mit leiſer Stimme hinzu:„Genug Worte. Wollen Sie, daß ich Ihnen Ihren wahren Namen ſagen ſoll? Sie heißen Jean Valjean. Soll ich Ihnen jetzt auch noch ſagen, wer Sie ſind? Als ich Sie eintreten ſah, vermuthete ich Etwas, ich ſchickte auf die Mairie, und hier iſt, was man mir antwortet; können Sie leſen?“ Indem er ſo ſprach hielt er dem Fremden das ent⸗ faltete Papier hin, welches die Reiſe vom Wirthshauſe —„— uſe zur Mairie und von der Mairie zum Wirthshauſe zurück⸗ gemacht hatte. Der Menſch warf einen Blick darauf. Der Gaſtwirth fuhr nach einigem Schweigen fort:„Ich habe die Gewohnheit, höflich gegen alle Welt zu ſein. Gehen Sie.“ Der Menſch ſenkte den Kopf, nahm den Torniſter vom Boden auf und ging. Er ſchlug die große Straße ein. Er ging vom Zufall geleitet, vor ſich hin dicht an den Häuſern weg, wie Jemand, der demüthig und traurig iſt. Er wendete ſich nicht ein einziges Mal um, hätte er ſich umgewendet, ſo würde er den Wirth des Kruges von Colbas auf der Schwelle ſeiner Thür geſehen haben, umgeben von allen Reiſenden ſeines Gaſthauſes und zu allen Vorübergehenden lebhaft ſprechend und mit dem Finger nach ihm zeigend; aus den Blicken des Mißtrauens und Schreckens der Gruppe würde er erkannt haben, daß ſeine Ankunft bald in der ganzen Stadt als Ereigniß bekannt ſein mußte. Er ſah von alledem nichts. Betrübte Menſchen blicken nicht hinter ſich, Sie wiſſen nur allzugut, daß das böſe Geſchick ihnen folgt. So ſchritt er einige Zeit vorwärts, immer weiter, vom Zufall geleitet durch Straßen, die er nicht kannte, und vergaß die Ermüdung; wie dies oft in der Traurigkeit ge⸗ ſchieht. Plötzlich fühlte er heftigen Hunger, die Nacht war nahe. Er blickte umher, ob er nicht irgend ein Nachtlager entdecken könnte. Das ſchöne Gaſthaus hatte ſich für ihn geſchloſſen; er ſuchte nach irgend einem beſcheidenen Cabaret, nach einer ärmlichen Kneipe. Eben wurde am Ende der Straße ein Licht angezündet; ein Fichtenzweig, der an einer eiſernen Stange hing, ſtach in der Dämmerung gegen den blauen Himmel ab. Dort⸗ hin ging er. Es war in der That ein Cabaret; das Cabaret, welches in der Rue de Chaffaut liegt. 104 Der Reiſende blieb einen Augenblick ſtehen, blickte durch das Fenſter in das Innere des niedrigen Gaſtzim⸗ mers des Cabarets, welches durch eine kleine Lampe auf einem Tiſche und durch ein großes. Feuer im Kamine be⸗ leuchtet wurde. Einige Männer tranken hier. Der Wirth bückte ſich. Bei der Flamme ſiedete ein eiſerner Keſſel, der an einem eiſernen Haken hing. Man trat in das Cabaret, welches auch eine Art von Gaſthaus war, durch zwei Thüren. Die eine ging auf die Straße, die andere nach einem kleinen, mit Dünger ange⸗ füllten Hofe. Der Reiſende wagte nicht, durch die Straßenthür einzutreten. Er ſchlüpfte in den Hof, blieb wieder ſtehen, erhob dann ſchüchtern den Drücker und öffnete die Thür. „Wer iſt da?“ rief der Wirth. „Jemand, der eſſen und ſchlafen möchte.“ „Gut. Man ißt und ſchläft hier.“ Er trat ein. Alle Leute, die tranken, wendeten ſich um. Die Lampe beſchien ihn von der einen Seite, das Feuer von der anderen. Man betrachtete ihn einige Zeit, während er ſeinen Torniſter ablegte. Der Wirth ſagte:„Da iſt Feuer. Das Abendeſſen kocht in dem Keſſel. Wärmt Euch, Kamerad.“ Er ſetzte ſich neben den Heerd und ſtreckte vor dem Feuer ſeine von Anſtrengung gemarterten Beine aus; ein angenehmer Duft ſtieg aus dem Keſſel auf. Alles, was man von ſeinem Geſicht unter der herabgezogenen Mütze unterſcheiden konnte, nahm einen Ausdruck des Wohlbe⸗ hagens an, der mit jenem andern ſo ergreifenden Ausdruck gemiſcht iſt, welchen die Gewohnheit des Leidens verleiht. Es war ein feſtes, energiſches und trübes Porfil. Dieſe Phyſiognomie war eigenthümlich gebildet; ſie ſchien Anfangs demüthig zu ſein und wurde endlich ſtreng. on de ge⸗ ür en, ſch das eit, 105 Das Auge funkelte unter den Angenwimpern wie ein Feuer aus einem Gebüſch. Einer der Männer bei Tiſche war ein Fiſchhändler, der, ehe er nach dem Cabaret de Rue de Chaffaut kam, ſein Pferd bei Labarre in den Stall gebracht hatte. Der Zufall wollte, daß er an eben dieſen Morgen dieſen Frem⸗ den von ſchlechtem Ausſehen getroffen hatte, wie er zwiſchen Bras d'Aſſe und—(ich habe den Namen vergeſſen, ich glaube — es iſt Escoublon) wanderte. Als er mit dem Menſchen zuſammentraf, der ſchon ſehr ermüdet zu ſein ſchien, hatte ihn derſelbe gebeten, ihn hinter ſich auf das Pferd zu neh⸗ men, worauf der Fiſchhändler nur dadurch antwortete, daß er den Schritt ſeines Thieres beſchleunigte. Dieſer Fiſch⸗ händler ſtand eine halbe Stunde zuvor unter der Gruppe, welche Jacquin Labarre umringt, und er ſelbſt hatte ſeine unangenehme Begegnung von dieſem Morgen den Leuten in dem Kruge von Colbas erzählte. Er macht von ſeinem Platze aus dem Wirthe ein unbemerkliches Zeichen. Der Wirth ging zu ihm. Sie wechſelten mit leiſer Stimme einige Worte. Der Menſch war wieder in ſeine Betrach⸗ tungen verſunken. Der Gaſtwirth kehrte zu dem Kamin zurück, legte ſeine Hand rauh auf die Schulter des Menſchen und ſagte: „Du mußt fort von hier!“ Der Fremde wandte ſich um und erwiederte ſanft: „O! Sie wiſſen?—“ „Ja!“ „Man hat mich aus dem andern Gaſthauſe fort⸗ geſchickt.“ „Und man verjagt Dich aus dieſem hier?“ „Wohin ſoll ich denn gehen?“ „Anderwärts hin.“ Der Menſch nahm ſeinen Stock und ſeinen Torniſter und ging. 106 Als er das Haus verließ, warfen einige Kinder, die ihm aus dem Kruge von Colbas gefolgt waren und auf ihn zu warten ſchienen, mit Steinen nach ihm. Er kehrte zornig um und bedrohte ſie mit ſeinem Stocke; die Kinder ſtoben wie ein Schwarm Vögel auseinander. Er kam vor dem Gefängniß vorüber. An der Thür hing eine eiſerne Kette, die an einer Glocke befeſtigt war. Er läutete. Ein Schiebefenſter öffnete ſich. „Herr Pförtner“, ſagte er, indem er ehrerbietig ſeine Mütze abnahm,„hätten Sie wohl die Güte, mir zu öffnen und mich für dieſe Nacht zu beherbergen?“ Eine Stimme antwortete: „Ein Gefängniß iſt kein Gaſthaus. Laßt Euch arretiren und man wird Euch öffnen.“ Das Schiebefenſter ſchloß ſich wieder. Er trat in eine kleine Gaſſe, in welcher viele Gärten ſind. Einige derſelben ſind nur mit Hecken umgeben, wo⸗ durch die Straße ein freundliches Anſehen gewinnt. Unter dieſen Gärten und dieſen Hecken ſah er ein kleines Häus⸗ chen. das nur eine einzige Etage hatte und in dem ein Fenſter erleuchtet war. Er blickte durch dieſes Fenſter, wie er bei dem Cabaret gethan hatte. Er ſah ein großes Gemach mit Kalk geweißt, mit einem Gardinenbett und einer Wiege in einer Ecke, einigen Stühlen und einem doppelläufigem Gewehr, das an der Mauer hing. Ein Tiſch mitten im Zimmer war gedeckt. Eine kupferne Lampe beleuchtete das grobe weiße Tiſchtuch, den zinnernen Krug, der wie Silber glänzte und mit Wein gefüllt war und die braune dampfende Suppenſchüſſel. An dieſem Tiſch ſaß ein Mann von einigen vierzig Jahren mit heiterem offenen Geſichte, der ein kleines Kind auf ſeinem Knie ſchaukelte. An ſeiner Seite ſtillte eine noch ſehr junge Frau ein ande⸗ — — auf hrte ider eine nen iren lg, die 107 res Kind. Der Vater lachte, das Kind lachte, die Mutter lächelte. Der Fremde blieb einen Augenblick träumeriſch vor dieſem ſüßen beruhigendem Schauſpiel ſtehen. Was ging in ihm vor? Er allein hätte es zu ſagen vermocht. Wahr ſcheinlich dachte er, daß dies heitere Haus gaſtlich ſein würde, und daß er da, wo ex ſo viel Glück ſah, vielleicht ein wenig Mitleid finden könnte. Er that einen ſehr leiſen Schlag an die Scheibe. Man hört ihn nicht. Er klopft zum zweiten Male an. Er hörte, wie die Frau ſagte: „Mann, mir ſcheint, es klopft Jemand.“ „Nein,“ entgegnete der Mann. Er ſchlug zum dritten Male an das Fenſter. Der Mann ſtand auf, nahm die Lampe und ging zu der Thür, die er öffnete. Es war ein Mann von hohem Wuchs, halb Bauer, halb Handwerker. Er trug eine große lederne Schürze, welche bis zu der linken Schulter hinauf ging, und in der ein Hammer, ein rothes Taſchentuch, ein Pulverhorn einen Bauch bildeten, ſämmtliche Gegenſtände, welche der Gürtel hielt wie eine Taſche. Er warf den Kopf zurück. Sein weit geöffnetes und zurück geſchlagenes Hemd zeigte den Hals eines Stieres, weiß und nackt. Cr hatte dichte Au genbrauen, einen gewaltigen ſchwarzen Bart, hervor ſprin gende Augen; der untere Theil ſeines Geſichts trat eben⸗ falls hervor, und über das Alles war jenes Weſen des Zuhauſeſeins ergoſſen, welches etwas Unerklärliches iſt. „Mein Herr,“ ſagte der Reiſende,„Verzeihung! Wenn ich zahle, könnten Sie mir dann einen Teller Suppe und einen Winkel in dem Schuppen dort im Garten ge⸗ ben, um zu ſchlafen! Sagen Sie, könnten Sie das, wenn ich zahle?“ „Wer ſind Sie?“ fragte der Hausherr. 108 Der Menſch antwortete:„Ich komme von Puy— i 3 Moiſſon. Ich bin den ganzen Tag marſchirt; ich habe N 11 zwölf Stunden gemacht. Könnten Sie, wenn ich zahle?“ No 1„Ich würde mich nicht weigern,“ ſagte der Bauer, „dem ehrlichen Menſchen, der bezahlt, aufzunehmen. Aber ſit weshalb gehen Sie nicht in das Wirthshaus?“ 6 3„Es iſt kein Plat dort!“ 1„Bah! nicht möglich! Es iſt heute weder Meß⸗ noch Marktag. Sind Sie zu Labarre gegangen?“ 9 ü. ſt 1 Nin 6 Der Reiſende antwortete verlegen:„ich weiß nicht. Er hat mich nicht aufgenommen.“ 1 3„Sind Sie zu Dingsda gegangen in der Rue de Chaffaut?“ Die Verlegenheit des Fremden wuchs, er ſtammelte: „er hat mich eben ſo wenig aufgenommen!“ e Das Geſicht des Bauern nahm einen Ausdruck des 6 Mißtrauens an. Er betrachtete auf's Neue den Fremden e von Kopf bis zu den Füßen, und plötzlich rief er mit einer 13 Art von Entſetzen:„Sollten Sie der Menſch ſein?“ Er warf wieder einen Blick auf den Fremden, trat drei Schritt zurück, ſetzte die Lampe auf den Tiſch und nahm das Gewehr von der Mauer. Bei den Worten des Bauern: Sollten Sie der Menſch ſein? war die Frau aufgeſtanden, hatte die bei⸗ den Kinder in ihre Arme genommen und ſich haſtig hinter . ihren Mann geflüchtet. Von hier ſah ſie voll Schrecken d den Fremden an. Ihr Buſen war bloß, ihre Augen ſpra⸗ e 3 chen Entſetzen aus, und ſie ſtammelte leiſe:„tso ma- raude!*)(das Raubgeſindel). i Dies Alles geſchah in kürzerer Zeit, als nöthig iſt, e *) Patois der franzöſiſchen Alpen. w habe mer, Aber des den iner trat und der hei⸗ nter cken ra⸗ es ſich zu denken. Nachdem der Herr des Hauſes den Menſchen eigige Augenblicke betrachtet hatte, wie man eine Natter betrachtet, kehrte er zurück und ſagte: „Packe dich!“ „Aus Barmherzigkeit,“ entgegnete der Mann,„ein Glas Waſſer!“ „Einen Flintenſchuß!“ ſagte der Bauer. Dann ſchloß er haſtig die Thür und der Menſch hörte zwei große Rie⸗ gel vorſchieben. Einen Augenblick darauf wurde das Fen⸗ ſter mit dem Laden verſchloſſen, und das Geräuſch eines Eiſenſtabes, den man davor legte, wurde hörbar. Die Nacht brach immer mehr herein. Der kalte Wind der Alpen pfiff. Bei dem Schimmer des erloſche⸗ nen Tages erblickte der Fremde in einem der Gärten, welche die Straße einfaßten, eine Art von Hütte, die ihm aus Raſenſtücken aufgeführt zu ſein ſchien. Er überkletterte entſchloſſen einen hölzernen Zaun und befand ſich in dem Garten. Er näherte ſich der Hütte; ſie hatte als Thür einen offenen ſehr kleinen Eingang und glich jenen Hüt⸗ ten, welche die Wegearbeiter ſich am Rande der Straße errichten. Er glaubte ohne Zweifel, es ſei in der That die Hütte eines Wegearbeiters. Er fühlte Kälte und Hunger; in den Hunger hatte er ſich ergeben, aber das war wenigſtens ein Obdach gegen die Kälte. Dieſe Art von Wohnungen werden gewöhnlich während der Nacht nicht bewohnt. Er legte ſich auf den Bauch und glitt in die Hütte. Es war warm darin und er fand ein ziemlich gutes Strohlager. Er blieb einen Augenblick auf dieſem Lager liegen, ohne eine Be⸗ wegung machen zu können, ſo ermüdet war er. Da ſein Torniſter ihn auf dem Rücken im Wege war und überdies ein bequemes Kopfkiſſen bildete, machte er ſich daran, die Riemen aufzuſchnallen. In dieſem Augenblicke ließ ſich ein wildes Knurren vernehmen. Er erhob die Augen. Der Kopf einer gewaltigen Dogge zeigte ſich im Dunkeln in der Oeffnung der Hütte. Er war in einem Hundeſtalle. Er war ſelbſt kräftig und zu fürchten. Er bewaffnete ſich mit ſeinem Stocke, machte ſich ein Schild aus ſeinem Torniſter und verließ die Hütte, wie er es vermochte, doch nicht ohne die Riſſe ſeiner Lumpen zu vergrößern. Er ging ebenſo aus dem Garten, doch räckwärts, denn um den Hund in Reſpect zu halten, war er gezwungen, zu jenem Mannöver mit dem Stocke zu greifen, welches die Fechtmeiſter dieſer Kampfart die bedeckte Roſe nennen. Als er nicht ohne Mühe wieder über den Zaun ge⸗ klettert war und ſich abermals in der Straße befand, allein, ohne Lager, ohne Obdach, ſelbſt von dieſem Strohlager aus dieſer erbärmlichen Hütte vertrieben, ließ er ſich mehr auf einen Stein niederſinken als er ſich auf denſelben ſetzte, und einem Vorübergehenden ſchien es, als hörte er ihn ausrufen:„ich bin nicht einmal ein Hund!“ Bald ſtand er auf und ging weiter. Er verließ die Stadt, indem er hoffte, irgend einen Baum oder einen Schober zu finden, der ihm Schutz gewähren könnte. So ging er einige Zeit fort, den Kopf geſenkt. Als er ſich weit von jeder menſchlichen Wohnung entfernt fühlte, erhob er die Augen und ſuchte rings umher. Er befand ſich auf einem Felde; er hatte vor ſich einen jener niedrigen Hügel, der mit kurz abgeſchnittenen Stoppeln bedeckt war, welche nach der Ernte abgeſchorenen Köpfen gleichen. Der Horizont war ganz ſchwarz; es war nicht blos der Schatten der Nacht, ſondern es waren ſehr niedrig ziehende Wolken, die ſich auf den Hügel ſelbſt zu ſtützen ſchienen und von hier emporſteigend den ganzen Himmel erfüllten. Da indeß der Mond aufging und im Zenith noch ein Reſt von Dämmerungsſchein blieb, bildeten dieſe Wolken nd gen an der Höhe des Himmels eine Art weißlichen Gewölbes, von wo auf die Erde ein leiſer Schimmer herabfiel. Die Erde war daher mehr erhellt als der Him⸗ mel ſelbſt, was einen beſonders finſtern Eindruck macht, und der Hügel, der ein ärmliches Ausſehen hatte, zeichnete ſich unbeſtimmt und fahl gegen den dunklen Horizont ab. Das alles war abſcheulich, kleinlich, traurig und beſchränkt. Nichts auf dem Hügel als ein mißgeſtalteter Baum, der ſich zitternd einige Schritte von dem Reiſenden entfernt bewegte. Dieſer Menſch war weit davon entfernt, jene zart⸗ ſinnigen Gewohnheiten des Verſtändniſſes und des Geiſtes zu haben, welche machen, daß man für das geheimnißvolle Ausſehen der Dinge fühlbar iſt. Indeß lag in dieſem Himmel, in dieſem Hügel, in dieſer Ebene und in dieſem Baume etwas ſo unendlich Oedes, daß er nach einem Augen⸗ blicke der Regungsloſigkeit und Traurigkeit raſch umkehrte. Es giebt Augenblicke, in denen die Natur feindlich zu ſein ſcheint. Er ging wieder zurück, die Thüren in D... waren derſchloſſen. D..., welches während der Religionskriege Belagerungen ausgehalten hatte, war noch 1813 mit alten Mauern umgeben, aus denen ſich viereckige Thürme erhoben, die ſeitdem demolirt worden ſind. Er ging durch eine Oeffnung in der Mauer und trat wieder in die Stadt ein. Es mochte acht Uhr Abends ſein. Da er die Straße nicht kannte, ſo begann er ſeinen Spaziergang wieder vom Zufall geleitet. So gelangte er zu der Präfectur, dann zu dem Se⸗ minar. Als er über den Platz der Kathedrale ging, drohte er mit der Fauſt gegen die Kirche. In der Ecke dieſes Platzes liegt eine Druckerei, dort 7 wurden zum erſten Male die Proklamationen des Kaiſers 112 und der kaiſerlichen Garde an die Armee gedruckt, die von Elba mitgebracht waren und die Napoleon ſelbſt dictirt. Erſchöpft durch Ermüdung und nichts mehr hoffend legte er ſich auf die Steinbank neben der Thür dieſer Druckerei. Eine alte Frau trat in dieſem Augenblicke aus der Kirche. Sie ſah dieſen Mann im Dunkeln liegen. „Was machen Sie da, mein Freund?“ ſagte ſie. Hart und zornig antwortete er: „Sie ſehen es wohl, gute Frau: ich liege hier.“ Die gute Frau, dieſes Namens in der That würdig, war die Marquiſe von R....„Auf dieſer Bank?“ erwiderte ſie. „Ich habe 19 Jahre lang eine Matratze von Holz gehabt,“ ſagte der Menſch,„jetzt habe ich eine Matratze von Stein.“ „Sie ſind Soldat geweſen?“ „Ja, gute Frau, Soldat.“ „Weshalb ſind ſie nicht nach dem Wirthshauſe ge⸗ gangen?“ „Weil ich kein Geld habe.“ „Ach,“ ſagte Frau von R...,„ich habe in meiner Börſe nur 4 Sous.“ „Geben Sie immerhin.“ Der Menſch nahm die 4 Sous. Frau von R... fuhr fort:„Sie können hier mit ſo wenig Geld nicht in einem Wirthshauſe bleiben. Haben Sie es indeß verſucht? Un⸗ möglich können Sie ſo die Nacht zubringen. Sie frieren und hungern ohne Zweifel. Man hätte Sie aus Barm⸗ herzigkeit aufnehmen ſollen.“ „Ich habe an alle Thüren geklopft.“ „Nun, und—?“ „Ueberall hat man mich zurück gewieſen.“ Die gute Frau berührte den Arm des Mannes und von fend ieſet ge einet fuhr inen Un ieren am 113 zeigte ihn auf der andern Seite des Platzes ein kleines niedriges Haus neben dem biſchöflichen Palaſte. „Sie haben,“ fuhr ſie fort,„an alle Thüren geklopft?“ ( „Vd. „Auch an die dort?“ „Nein.“ „So klopfen Sie denn an!“ II. Die Klugheit ertheilt der Weisheit Rathſchläge. An dieſem Abend war der Biſchof von D..... nach ſeinem Spaziergang in der Stadt ziemlich ſpät in ſein Zimmer eingeſchloſſen geblieben. Er beſchäftigte ſich mit einer großen Arbeit über die Pflichten, welche unglück⸗ licher Weiſe unvollendet geblieben iſt. Er ſammelte ſorg⸗ fältig Alles, was die Kirchenväter und die Gelehrten über dieſe wichtige Materie geſagt hatten. Sein Buch war in zwei Abtheilungen getheilt, erſtens die Pflichten Aller, zwei⸗ tens die Pflichten eines jeden Einzelnen, je nach der Klaſſe, der er angehörte. Die Pflichten Aller ſind die großen Pflichten. Es giebt deren vier. St. Matthäus bezeichnet ſie Pflichten gegen Gott(Matth. 6), Pflichten gegen ſich ſelbſt(Matth. 5, 29. 30), Fflichten gegen ſeinen Nächſten (Matth. 7, 12), Fflichten gegen die Geſchöpfe(Matth. 6, 20. 25). Die andern Fflichten hatte der Biſchof ander⸗ wärts bezeichnet und vorgeſchrieben gefunden, für die Herr⸗ Die Elenden. I. 8 114 ſcher und die Unterthanen in der Epiſtel an die Römer; für die Behörden, die Gattinnen, die Mütter und die jun gen Leute bei St. Petri, für die Männer, die Väter, die Kinder und die Diener in der Epiſtel an die Epheſer; für die Gläubigen in der Epiſtel an die Hebräer, für die Jung⸗ frauen in der Epiſtel an die Corinther. Aus allen dieſen Vorſchriften machte er mit großem Fleiße ein harmoniſches Ganze, welches er den Seelen darlegen wollte. Er arbeitete noch um acht Uhr, ſchrieb ziemlich unbe⸗ quem auf kleine Papierblätter, mit einem großen offenen Buch auf ſeinen Knieen, als Frau Magloire ihrer Gewohn heit nach eintrat, um das Silberzeug aus dem Schränkchen neben dem Bette zu holen. Einen Augenblick darauf merkte der Biſchof, daß der Tiſch gedeckt ſei und daß ſeine Schweſter ihn vielleicht erwartete, ſchloß ſein Buch, ſtand von dem Tiſch auf und trat in das Speiſezimmer. Das Speiſegemach war ein längliches Zimmer mit einem Kamin, einer Thür nach der Straße, wie wir er⸗ wähnten, und einem Fenſter nach dem Garten. Frau Magloire deckte in der That eben vollends den Tiſch. Indem ſie ihren Dienſt verrichtete, plauderte ſie mit Fräulein Baptiſtine. Eine Lampe ſtand auf dem Tiſch; der Tiſch ſtand neben dem Kamin. Ein ziemlich gutes Feuer war ange⸗ zündet. Man kann ſich leicht die beiden Frauen denken, die beide über ſechszig Jahre waren. Frau Magloire klein, dick, lebhaft; Fräulein Baptiſtine ſanft, mager, ſchwächlich, etwas größer als ihr Bruder, gekleidet in ein flohfarbiges Seidenkleid, einer Farbe, die 1806 Mode war, das ſie in Paris gekauft hatte, und das immer noch vorhielt. Um die gemeinen Ausdrücke zu benutzen, welche das Verdienſt haben, mit einem einzigen Worte einen Gedanken zu be⸗ zeichnen, den eine ganze Seite kaum genügen würde aus zudrücken, ſo hatte Frau Magloire das Ausſehen einer Bäuerin und Fräulein Baptiſtine das einer Dame. Frau Magloire trug eine weiße Haube, um den Hals eine gol— dene Jeaunette, den einzigen weiblichen Schmuck, den es im Hauſe gab, ein ſehr weißes Tuch, welches aus einem Kleide von grobem ſchwarzem Wollenzeng hervorſah, das weite und kurze Aermel hatte, eine Leinwandſchürze mit rothen und grünen Caros, um den Gürtel mit einem grü⸗ nen Bande befeſtigt, mit einem ähnlichen Bruſtlatz mit zwei Steckuadeln an den beiden obern Enden feſtgeſteckt, an den Füßen grobe Schuhe und gelbe Strümpfe, wie die Weiber in Marſeille. Die Robe des Fräulein Baptiſtine war nach dem Muſter von 1806 geſchnitten, mit kurzer Taille, engem Futter, Aermeln mit Achſeln, mit Patten und Knöpfen⸗ Sie verbarg ihr graues Haar unter einer à P'enfant friſir ten Perrücke. Frau Magloire hatte ein verſtändiges, leb haftes und gutes Ausſehen; die beiden Winkel ihres Mun⸗ des waren ungleich in die Höhe gezogen, und die Oberlippe, welche dicker war als die Unterlippe, gab ihr etwas Mür⸗ riſches und Gebieteriſches. So lange der Biſchof ſchwieg, ſprach ſie zu ihm entſchloſſen mit einem Gemiſch der Ehr⸗ erbietung und der Freiheit; allein ſobald er ſprach, ge⸗ horchte ſie, wie wir ſahen, blindlings, ebenſo wie Fräulein Baptiſtine. Fräulein Baptiſtine ſprach nicht einmal, ſie be ſchränkte ſich darauf, zu gehorchen und gefällig zu ſein. Selbſt jung war ſie nicht ſchön; ſie hatte große blaue aus dem Kopfe tretende Augen und eine lange gebogene Naſe; aber ihr ganzes Geſicht, ihre ganze Perſon athmete, wie wir ſchon anfangs ſagten, eine unerſchöpfliche Güte. Sie war ſtets zu der Sanftmuth geneigt geweſen, aber der Glaube, die Barmherzigkeit, die Hoffnung, dieſe drei Tu⸗ genden, welche die Seelen milde erwärmen, hatten dieſe Tugenden nach und nach bis zur Heiligkeit gſ Die 116 Natur machte aus ihr nur ein Lamm, die Religion aus die⸗ ſem einen Engel. Armes, heiliges Mädchen! ſüße ver ſchwundene Erinnerung. Fräulein Baptiſtine hat ſeitdem ſo oft erzählt, was ſich an jenem Abende in dem Biſchofsſitze zutrug, daß mehrere Perſonen, die noch jetzt leben, ſich der geringſten Umſtände erinnern. In dem Augenblicke, als der Biſchof eintrat, ſprach Frau Magloire mit einiger Lebhaftigkeit. Sie unterhielt Fräulein Baptiſtine von einem Gegenſtande, der ihr ver traut, und an den der Biſchof gewöhnt war; es handelte ſich um den Riegel an der Eingangsthür. Es ſcheint, daß Frau Magloire, als ſie ausgegangen war, um einige Einkäufe für das Abendeſſen zu machen, an verſchiedenen Orten verſchiedene Dinge hatte erzählen hören. Man ſprach von einem Herumtreiber, der ſehr übel ausſah; ein verdächtiger Vagabond ſollte angekommen ſein und mußte doch irgendwo in der Stadt ſich verſteckt halten; es konnten daher ſehr ſchlimme Begegnungen für dke ſtattfinden, die ſich einfallen ließen, in dieſer Nacht erſt ſpät nach Haus zu kommen. Die Polizei, hieß es, wäre übrigens ſehr ſchlecht, da der Herr Präfect und der Herr Maire ſich einander nicht liebten, und ſich gegenſeitig zu ſchaden ſuchten, indem ſie Ereigniſſe geſchehen ließen. Es gehöre ſich daher für verſtändige Leute, die Polizei für ſich ſelbſt zu üben, und ſich ſelbſt zu bewachen, und man müßte Sorge tragen, ſein Haus gehörig zu verſchließen, zu verriegeln und zu verbarri— kadiren, und beſonders die Thüren feſt zu ſchließen. Frau Magloire betonte dieſe letzteren Worte, allein der Biſchof kam aus ſeinem Zimmer, wo er ziemlich ſtark gefroren hatte, ſetzte ſich an den Kamin, wärmte ſich, und dachte überdies an andere Dinge. Er nahm in der That das Wort nicht auf, das Frau Magloire hatte fallen laſſen; ſie wiederholte es. Fräulein Baptiſtine, welche Frau Ma⸗ 09 gen 117 gloire befriedigen wollte, ohne ihrem Bruder zu mißfallen, wagte hierauf ſchüchtern zu ſagen: „Mein Bruder, hörſt Du, was Frau Magloire ſagt?“ „Ich habe wohl undeutlich etwas davon gehört“, ent⸗ gegnete der Biſchof. Dann drehte er ſeinen Stuhl halb herum, legte beide Hände auf das Knie, erhob ſein freund⸗ liches und leicht heiter ausſehendes Geſicht, welches von unten durch das Feuer beleuchtet wurde, gegen die alte Magd und ſagte:„Laſſen Sie hören; was giebt es? Wir ſind alſo in irgend einer großen Gefahr?“ Frau Magloire begann hierauf die ganze Geſchichte von vorn und übertrieb ſie ein wenig, ohne es ſelbſt zu merken. Es ſchien, als ob ein Zigeuner, ein Barfüßler, eine Art von gefährlichem Bettler in dieſem Augenblick in der Stadt wäre. Er war bei Jacquin Labarre geweſen, um dort zu ſchlafen, der ihn aber nicht hatte aufnehmen wollen. Man hatte ihn dann auf dem Boulevard Gaſſendi und in der Dämmerung durch die Straßen ſtreifen ſehen. Ein Schelm mit einem fürchterlichen Geſicht. „Wirklich?“ fragte der Biſchof. Dieſe Zuſtimmung, ſie zu befragen, ermuthigte Frau Magloire; es ſchien ihr anzudeuten, daß der Biſchof nicht weit davon entfernt ſei, ſich zu beunruhigen; ſie fuhr trium phirend fort: „Ja, Ew. Hochwürden. So iſt es. Es wird dieſe Nacht irgend ein Unglück in der Stadt geſchehen. Alle Welt ſagt es. Und dabei iſt die Polizei ſo ſchlecht(nutz⸗ loſe Wiederholung), in einem gebirgigen Lande zu leben und nicht einmal Laternen auf den Straßen zu haben. Man geht aus. Backofen; wie! Und ich ſage, Hochwürden, und Fräulein dort ſagt gleich mir—“ „Ich“, unterbrach die Schweſter, ich ſage nichts. Was mein Bruder thut, iſt wohlgethan.“ 118 Frau Magloire fuhr fort, als ob kein Proteſt erfolgt wäre: „Wir ſagen, daß dieſes Haus hier durchaus nicht ſicher iſt, daß, wenn Ew. Hochwürden es erlauben, ich gehen werde, um Paul Muſebois, dem Schloſſer, zu ſagen, daß er kommen ſoll, um die alten Schlöſſer an die Thür zu machen; man hat ſie da, das dauert eine Minute; und ich ſage, man muß Schlöſſer haben, Hochwürden, wäre es auch nur für dieſe Nacht; denn ich ſage, daß eine Thür, die der erſte beſte Vorübergehende von außen mit dem bloßen Drücker aufmachen kann, fürchterlich iſt. Dabei haben Ew. Hochwürden noch die Gewohnheit, immer Herein zu rufen, und ſelbſt mitten in der Nacht, o mein Gott, braucht man nicht um Erlaubniß dazu zu bitten—“ In dieſem Augenblicke wurde ziemlich heftig an die Thür gepocht. „Herein!“ ſagte der Biſchof. II. Heldenmuth des paſſiven Gehorſams. ie Thür öffnete ſich. ie öffnete ſich raſch ganz weit, wie wenn Jemand ſie heftig und entſchloſſen aufſtößt. Ein Mann trat ein. Dieſen Mann kennen wir bereits. Es iſt der Reiſende, den wir ſo eben herumirren ſahen, ein Nachtlager ſuchend. 5 olgt 119 Er trat ein, that einen Schritt vorwärts, blieb ſtehen, unv ließ die Thür hinter ſich offen. Er hatte ſeinen Tor⸗ niſter auf der Schulter, ſeinen Stock in der Hand, einen rohen, kecken, und gewaltſamen Ausdruck in den Augen. Das Feuer des Kamins beſchien ihn. Er war ab⸗ ſcheulich häßlich. finſtere Erſcheinung. Frau Magloire hatte nicht die Kraft, einen S chrei auszuſtoßen. Sie zitterte und blieb mit offenem Munde ſtehen. Fräulein Baptiſtine wendete ſich um, bemerkte den Menſchen, der eingetreten war, richtete ſich vor, ſchrak halb empor bog dam den Kopf allmälig gegen den Kamin, betrachtete ihren Bruder, und ihr Geſicht wurde wieder vollkommen ruhig und heiter. iſchof heftete ſein Auge ruhig auf den Mann Als er den Mund öffnete, ohne ſe um den Ein getretenen zu was er wünſchte, legte der Menſch ſeine beiden Hände zugleich c ſeinen Stoch t blickte wechſel⸗ weiſe auf den Greis und die Frauen und ſagte, ohne ab zuwarten, bis der Biſchof ſprach, mit lauter Stimme: „Das iſt es. Ich heiße Jean Valjean. Ich bin ein Galeerenſträfling. Ich habe 19 Jahre im Bagno zugebracht. Ich bin ſeit vier Tagen entlaſſen und auf dem Wege nach Pontarlier, welches mein Beſtimmungsort iſt. Vier Tage, die ich ſeit Toulon gehe. Heute habe ich 12 Stunden zu Fuß zurückgelegt. D ieſen Abend, als ich hier ankam, ging ich nach einem Gaſthauſe; man ſchickte mich wegen meines gelben Paſſes ſort, den ich auf der Mairie gezeigt hatte. Ich ging nach einem andern Gaſthofe. Man ſagte mir: Geh! bei dem einen, bei dem andern. Niemand wollte etwas von mir wiſſen. Ich war am Gefängniß; der Schließer hat mir nicht geöffnet. Ich legte mich in die Hütte eines Hundes. Der Hund hat mich gebiſſen und verjagt, als ob er ein Menſch geweſen wäre. Man hätte 120 glauben ſollen, er wüßte, wer ich ſei. Ich ging auf das Feld, um unter den Sternen zu ſchlafen. Es ſchienen keine Sterne. Ich dachte, es würde regnen, und es gäbe keinen guten Gott, um den Regen zu verhindern, und ſo kehrte ich denn in die Stadt zurück, um einen Thorweg zu finven. Dort auf jenem Platze wollte ich mich auf einen Stein legen, da zeigte mir eine gute Frau Ihr Haus und ſagte: „Klopft dort an.“ Ich habe angeklopft. Was iſt das hier für ein Haus? Iſt das ein Wirthshaus? Ich habe Geld, mein Verdientes. 109 Francs 15 Sous, die ich im Bagno durch meine 19 Jahre Arbeit verdiente. Ich werde bezahlen. Was kümmert mich das? Ich habe Geld. Ich bin ermüdet. 12 Stunden zu Fuß. Mich hungert ſehr. Wollen Sie, daß ich bleibe?“ „Frau Magloire,“ ſagte der Biſchof,„legen Sie noch ein Couvert auf.“ Der Menſch trat drei Schritt vorwärts, näherte ſich der Lampe, die auf dem Tiſche ſtand, und ſagte, als ob er nicht richtig gehört hätte:„Hören Sie, das iſt es nicht. Haben Sie verſtanden? Ich bin ein Galeerenſträfling, ein entlaſſener Züchtling. Ich komme von den Galeeren.“ Er zog aus ſeiner Taſche ein großes gelbes Papier und entfaltete es.—„Hier iſt mein Paß. Gelb, wie Sie ſehen. Das dient dazu, daß ich überall verjagt werde, wohin ich komme. Wollen Sie leſen? Ich kann leſen, ich. Ich habe es im Bagno gelernt. Es giebt dort eine Schule für die, welche wollen. Sehen Sie, das iſt es, was man auf den Paß geſchrieben hat: Jean Valjean, entlaſſener Züchtling, gebürtig aus— das kann Ihnen gleichgültig ſein— iſt 19 Jahre im Bagno geblieben. 5 Jahre für Diebſtahl mit Einbruch, 14 Jahre, weil er viermal ver⸗ ſucht hat, zu entfliehen. Dieſer Menſch iſt ſehr gefährlich. Das iſt es. Alle Welt hat mich hinausgeworfen. Wollen Sie mich aufnehmen, Sie? Iſt das hier ein Wirthshaus? das ine nen rte en. tein 121 Wollen Sie mir zu eſſen geben und mich hier ſchlafen laſſen? Haben Sie einen Stall?“ „Frau Magloire,“ ſagte der Biſchof,„überziehen Sie das Bett im Alkoven weiß!“ Wir haben bereits erklärt, welcher Art der Gehorſam der beiden Frauen war. Frau Magloire ging hinaus, um den Befehl zu voll⸗ 6 Der Biſchof wendete ſich zu dem Manne. Pen Herr,“ ſagte er,„ſetzen Sie ſich und wärmen Sie ſich. Wir werden ſogleich eſſen, und man wird Ihr Bett machen, während Sie zu Abend eſſen.“ Jetzt verſtand der Menſch vollkommen, was man ihm ſagte. Der Ausdruck ſeines Geſichts, der bis dahin finſter und hart geweſen war, verrieth Staunen, Zweifel, Freude und wurde ungewöhnlich. Er ſtammelte wie ein Wahn⸗ finniger: „Wirklich? Was? Sie behalten mich? Sie jagen mich nicht fort? Einen entlaſſenen Züchtling! Sie nennen mich Herr! Sie dutzen mich nicht! Geh' Hund! wie man immer zu mir ſagt. Ich glaubte wohl, daß Sie mich fortjagen würden. Deshalb ſagte ich auch ſogleich, wer ich bin. O die brave S die mich hierher gewieſen hat! Ich werde eſſen! ein Bett mit Matratze und Betttuch! Wie alle Welt! ein Bett! Seit neunzehn Jahren habe ich nicht in einem Bett geſchlafen! Sie wollen alſo, daß ich nicht gehen ſoll. Sie ſind würdige Leute. Uebrigens habe ich Geld. Ich werde gut bezahlen. Verzeihung, Herr Gaſtwirth, aber wie heißen Sie? Ich werde Alles bezahlen, was man ver⸗ langt. Sie ſind ein braver Mann. Sie ſind Gaſtwirth, nicht wahr?“ „Ich bin,“ ſagte der Biſchof,„ein Prieſter, der hier wohnt.“ „Ein Prieſter!“ entgegnete der Mann.„O, ein bra⸗ ver Mann von Prieſter. Dann verlangen Sie alſo kein Geld von mir? Der Pfarrer, nicht wahr? Der Pfarrer dieſer großen Kirche? Ja, es iſt wahr! wie dumm ich bin! Ich hatte Ihr Käppchen nicht geſehen.“ Indem er ſo ſprach, hatte er ſeinen Torniſter und ſei nen Stock in eine Ecke gelegt, ſeinen Paß wieder in die Taſche geſteckt und ſich geſetzt. Fräulein Baptiſtine betrach tete ihn voll Sanftmuth. Er führ fort: „Sie ſind menſchlich, Herr Pfarrer, Sie haben keine Verachtung für mich. Ein guter Prieſter iſt etwas ſehr Gutes. Sie haben es alſo nicht nöthig daß ich be⸗ zahle?“ „Nein,“ ſagte der Biſchof,„behalten Sie Ihr Geld. Wie viel haben Sie? Sagten Sie mir nicht, einhundert⸗ undnenn Francs?“ „Und fünfzehn Sous,“ fügte der Mann hinzu. „Einhundertundneun Franucs fünfzehn Sous. Und wie viel Zeit brauchten Sie, um das zu gewinnen?“ „Neunzehn Jahr.“ nzehn Jahr!“ Der Biſchof ſeufzte tief. Der Menſch fuhr fort: „Ich habe noch mein ganzes Geld. Seit vier Tagen habe ich nur fünfundzwanzig Sous ausgegeben, die ich ver⸗ diente, indem ich in Graſſe Wagen abladen half. Da Sie Abbé ſind, will ich Ihnen ſagen, daß wir einen Almoſenier im Bagno hatten. Und dann ſah ich auch einmal einen Biſchof. Hochwürden, wie man das nennt. Es war der Biſchof de la Majore in Marſeille. Es iſt der Pfarrer, der über den Pfarrern ſteht. Sie wiſſen, Verzeihung, ich ſage das ſchlecht, aber für mich iſt es ſo weit.— Wir verſtehen das, wir Andern!— Er hat die Meſſe mitten im Bagno geleſen. Auch an dem Altar. Er hatte ſo et⸗ was Spitzes von Gold auf dem Kovfe. Am hellen Tage bei 1 ſproc G G0 le ich des Mittags glänzte das. Wir ſtanden in Reihe aufge ſtellt auf drei Seiten, Kanonen mit brennenden Lunten da⸗ bei uns gegenüber. Wir ſahen nicht gut. Er hat g ſprochen, aber er ſtand zu weit zurück, wir hörten ihn nicht. Das iſt es, was man einen L ge⸗ iſchof nennt Während er ſo ſprach, hatte der Biſchof die Thür, die weit offen geblieben war, geſchloſſen. Frau Magloire kam wieder herein. Sie brachte ein Couvert, das ſie auf den Tiſch legte. „Frau Magloire,“ ſagte der Biſchof,„legen Sie das Couvert ſo nahe als möglich an das Feuer.“— Und ſich gegen ſeinen Gaſt wendend, ſagte er:„Der Nachtwind iſt rauh in den Alpen. Sie müſſen frieren, mein Herr.“ So oft er„mein Herr“ mit ſeiner ſanften, ernſten Stimme ſagte, erheiterte ſich das Geſicht des Menſchen. „Mein Herr“ zu einem entlaſſenen Galeere nſträfling, das iſt ein Glas Waſſer für einen Schifibrüchigen der Meduſa. Die Schmach dürſtet nach Achtung. „Das iſt eine Lampe, die ſehr ſchlecht brennt,“ ſagte der Biſchof. Frau Magloire verſtand ihn, und holte von dem Ka⸗ min im Schlafzimmer des Biſchofs die beiden ſilbernen Leuchter, die ſie mit angezündeten Kerzen auf den Tiſch ſetzte. „Herr Pfarrer,“ ſagte der Menſch,„Sie ſind gut. Sie verachten mich nicht. Sie nehmen mich bei ſich auf. Sie zünden Ihre Kerzen für mich an. Ich habe Ihnen gleichwohl nicht verſchwiegen, wo ich herkomme und daß ich ein unglücklicher Menſch bin.“ Der Biſchof, der neben ihm ſaß, berührte leiſe ſeine Hand.„Sie brauchten mir nicht zu ſagen, wer Sie wären. Das iſt hier nicht mein Haus; es iſt das Haus Jeſu Chriſti. Dieſe Thür fragt den, der durch ſie eintritt, nicht nach einem Namen, ſondern ob er einen Schmerz hat⸗ 124 Sie leiden; Sie haben Hunger und Durſt; ſeien Sie will⸗ kommen. Und danken Sie mir nicht; ſagen Sie nicht, daß ich Sie bei mir aufnehme. Niemand iſt hier zu Hauſe, ausgenommen der, welcher eines Aſyles bedarf. Ich ſage es Ihnen, der Sie durchreiſen, daß Sie hier mehr in Ihrem Eigenthum ſind, wie ich ſelbſt. Alles, was hier iſt, gehört Ihnen. Wozu brauch ich übrigens Ihren Namen zu wiſſen? Uebrigens hatten Sie auch ſchon, ehe Sie ihn mir nannten, einen, den ich kenne.“ Der Menſch riß verwundert die Augen auf. „Wirklich? Sie wußten, wie ich heiße?“ „Ja,“ entgegnete der Biſchof.„Sie heißen mein Bruder.“ „Sehen Sie, Herr Pfarrer,“ rief der Menſch aus, „ich war ſehr hungrig, als ich hier eintrat, aber Sie ſind ſo gut, daß ich jetzt nicht weiß, was ich habe; es iſt vor⸗ übergegangen.“ Der Biſchof ſah ihn an und ſagte: „Sie haben wohl ſehr gelitten?“ „Ach! Die rothe Jacke, die Kugel am Beine, ein Brett darauf zu ſchlafen, Hitze, Kälte, Arbeit, Kerkerknechte, Stockſchläge, die doppelte Kette um Nichts, der Kerker für ein Wort, ſelbſt krank im Bett die Kette. Die Hunde, die Hunde ſind glücklicher! Neunzehn Jahre! ich bin ſechs⸗ undvierzig alt. Jetzt der gelbe Paß. Das iſt es.“ „Ja,“ ſagte der Biſchof.„Sie kommen von einem traurigen Orte. Hören Sie. Es wird im Himmel mehr Freude ſein über das thränenfeuchte Geſicht eines reuigen Sünders, wie über das weiße Gewand hundert Gerechter. Wenn Sie dieſen ſchmerzlichen Ort mit Gedanken des Haſſes und des Irrens gegen die Menſchen verlaſſen, ſind Sie des Mitleids würdig; wenn Sie ihn mit Gedanken des Wohlwollens, der Sanftmuth und des Friedens ver⸗ laſſen, ſind Sie beſſer, als irgend Einer von uns.“ getra etwa Käſe hatte Flaſ der ſſt. heit den tiſti ſein ſei ob we üb au un Lu li er de ge Inzwiſchen hatte Frau Magloire das Abendeſſen auf⸗ getragen; eine Suppe von Waſſer, Oel, Brod und Salz, etwas Speck, ein Stück Hammelfleiſch, Feigen, ein friſcher Käſe und ein grobes Roggenbrod. Aus eigenem Antriebe hatte ſie der gewöhnlichen Mahlzeit des Biſchofs eine Flaſche alten Weines von Mauves hinzugefügt. Das Geſicht des Biſchofs nahm plötzlich den Ausdruck der Heiterkeit an, der gaſtfreundlichen Naturen eigenthümlich iſt.—„Zu Tiſche!“ ſagte er lebhaft, wie er die Gewohn⸗ heit hatte, wenn Jemand bei ihm zu Abend aß; er ließ den Menſchen ſich an ſeine Rechte ſetzen. Fräulein Bap⸗ tiſtine, die vollkommen ruhig und natürlich war, ſaß zu ſeiner Linken. Der Biſchof ſprach das Tiſchgebet und legte dann, ſeiner Gewohnheit nach, ſelbſt die Suppe vor. Der Menſch begann gierig zu eſſen. Plötzlich ſagte der Biſchof:„Aber es ſcheint mir, als ob etwas auf dem Tiſche fehlte.“ Frau Magloire hatte in der That nur die drei noth⸗ wendigen Couverts aufgelegt. Es war aber in dem Hauſe üblich, wenn der Biſchof Jemand zum Abendeſſen hatte, auf das Tiſchtuch die ſechs ſilbernen Beſtecke zu legen, eine unſchuldige Auskramung. Dieſer freundliche Schein des Luxus war eine Art Kinderei voll Reiz in dieſem freund⸗ lichen, ſtrengen Hauſe, welches die Demuth bis zur Würde erhob. Frau Magloire verſtand die Bemerkung, ging hinaus, ohne ein Wort zu ſagen und einen Augenblick danach glänzten die von dem Biſchof verlangten drei Beſtecke auf dem Tiſche, ſymetriſch geordnet vor jedem der drei Tiſch⸗ genoſſen. 126 IV. Nähere Angaben über die Käſemachereien in Pontarlier. Um jetzt einen Begriff von dem zu geben, was an dieſem Tiſche vorging, können wir nichts beſſeres thun, als eine Stelle aus einem Briefe abſchreiben, den Fräulein Baptiſtine an Frau von Boiſchevron richtete und in welchem die Unterhaltung des Goleerenſträflings mit dem Biſchof in kleinlicher Unbefangenheit erzählt iſt.————— „Dieſer Menſch achtete auf Niemand. Er aß mit ge fräßigem Hunger. Nach dem Abendeſſen aber ſagte er: Herr Pfarrer des guten Gottes, das Alles iſt noch viel zu gut für mich, allein ich muß doch ſagen, daß die Fuhrleute, die mich nicht mit ſich eſſen laſſen wollten, viel beſſere Koſt haben wie Sie. „Unter uns, dieſe Bemerkung verletzte mich ein wenig. Mein Bruder antwortete:„ſie haben mehr Anſtrengung als ich. „Nein, entgegnete der Menſch, ſie haben mehr Geld. Sie ſind arm, das ſehe ich wohl. Sie ſind vielleicht nicht einmal Pfarrer. Sind ſie blos Pfarrer? Ach, wenn der gute Gott gerecht wäre, ſo ſollten ſie wohl Pfarrer ſein. „Der gute Gott iſt mehr als gerecht, ſagte mein Bruder. „Einen Augenblick darauf fügte er hinzu: Herr Valjean nach Pontarlier wollen Sie? „Mit gezwungener Reiſeroute. „Ich glaube, ſo ſagte der Mann. Dann fuhr er fort: n. in n „Ich muß morgen mit Tagesanbruch auf dem Wege *ſein. s iſt hart, zu reiſen. Sind die Nächte kalt, ſo ſind Tage heiß. „Sie gehen da, ſagte mein Bruder, wieder in ein gutes Land. Als in der Revolution meine Familie zu Grunde gerichtet wurde, habe ich mich zunächſt nach der Franche⸗Comté geflüchtet und dort einige Zeit von der Arbeit meiner Hände gelebt. Ich hatte guten Willen. Ich fand Gelegenheit zur Beſchäftigung; man hat nur zu wählen. Es giebt dort Papierfabriken, Gerbereien, Deſtillationen, Oelpreſſereien, große Uhrenfabriken, Stahl fabriken, Kupfer fabriken, wenigſtens zwanzig Eiſenhütten, wovon einige in Lods, in Chätillon, in Audincourt und in Beure liegen, die ſehr beträchtlich ſind. „Ich glaube mich nicht zu täuſchen, daß das wirklich die Namen ſind, die mein Bruder nannte. „Dann unterbrach er ſich und richtete an mich das Wort: „Liebe Schweſter, haben wir nicht Verwandte in jener Gegend? „Ich antwortete: wir hatten ſie, unter Anderen Herrn von Lucenet, der unter der früheren Regierung dort Hafen Capitain war. „Ja, ſagte mein Bruder, aber 1793 hatte man keine Verwandte mehr, ſondern nur noch ſeine Arme. Ich habe gearbeitet. Es giebt in der Gegend von Pontarlier, wo Sie hingehen, Herr Valjean, eine ganz patriarchaliſche und ſehr reizende Induſtrie, Schweſter, und das ſind die Käſemachereien, die ſie ihre Fruchtgärten nennen. „Darauf hat mein Bruder, indem er den Menſchen eſſen ließ, ihn ganz genau beſchrieben, wie die Käſemach ereien in Pontarlier ſind; daß man davon zwei Arten unterſcheidet: Die großen Böden, welche den Reichen gehören und in denen man mehr als 40—50 Kühe hat, die jeden Sommer 7— 8000 Käſe produciren, und dann die Aſſociations die Fruchtgärten, welche den Armen gehören; die Bauern des mittleren Gebirges bringen hier ihre Kühe gemein⸗ ſchaftlich zuſammen und theilen den Ertrag.— Sie nehmen in ihren Dienſt einen Käſemacher, den ſie Grurin nennen. Der Grurin empfängt die Milch der vereinigten Bauern drei Mal täglich und bezeichnet die Menge derſelben auf einem doppelten Kerbholz;— gegen Ende April beginnt die Arbeit der Käſemachereien;— gegen Mitte Juni treiben die Käſemacher ihre Kühe in die Gebirge. „Der Menſch fing an, ſich zu beleben, indem er aß. Mein Bruder ſchenkte ihm von dem guten Weine von Mauves ein, den er ſelbſt nicht trinkt, weil es, wie er ſagt, theurer Wein iſt. Mein Bruder ſchilderte ihm alle dieſe näheren Umſtände mit jener leichten Heiterkeit, die Sie an ihm kennen. Er miſchte ſeine Worte mit freund⸗ lichem Weſen gegen mich. Er kam immer wieder auf die gute Lage des Grurin zurück, als hätte er gewünſcht, daß der Menſch, ohne es ihm mittelbar zu rathen, begreifen möchte, das wäre ein Aſyl für ihn. Etwas fiel mir dabei auf. Der Menſch war ſo, wie ich ihnen ſagte. Mein Bruder ſagte während dem Abendeſſen, ſowie während des ganzen Abends mit Ausnahme einiger Worte über Jeſus, als er eintrat, kein Wort, welches den Menſchen daran er⸗ innern konnte, wer er ſei, noch ihm verrieth, daß er mein Bruder wäre. Es war doch allem Anſcheine nach eine gute Gelegenheit, ein wenig zu predigen und den Biſchof bei dem Galeerenſträfling geltend zu machen, damit eine Spur von der Berührung zurückbliebe. Es würde vielleicht hier einem Anderen geſchienen haben, als ſei es für dieſen Unglücklichen, der ihn unter Händen hatte, eine paſſende Gelegenheit, ſeine Seele zugleich mit ſeinem Körper zu nähren und ihm einige wohlangebrachte Vorwürfe von Moral, ſowie Rathſchläge zu ertheilen, oder auch etwas Mitleid und Ermahnung, ſich in Zukunft beſſer zu betragen. M noo ebet mei ga B ſer un 6 wi — V R B n Mein Bruder hat ihn nicht einmal gefragt, wo er her ſei, noch nach ſeiner Geſchichte, denn in ſeiner Geſchichte liegt eben ſein Vergehen, und mein Bruder ſchien Alles zu ver⸗ meiden, was ihn daran hätte erinnern können, und zwar in ſolchem Grade, daß in einem gewiſſen Augenblicke, als mein Bruder von den Bergbewohnern Pontarliers ſprach, welche eine leichte Arbeit nahe dem Himmel haben, und welche, fügte er hinzu, glücklich ſind, weil ſie unſchuldig ſind, er plötzlich innehielt, fürchtend es möchte in dieſer Aeußerung, die ihm entſchlüpftwar, etwas liegen, was den Menſchen verletzte. Durch Nachdenken glaube ich erkannt zu haben, was in dem Herzen meines Bruders vorging. Er dachte ohne Zweifel, daß dieſer Menſch, welcher ſich Jean Valjean nennt, ſein Elend nur allzuſehr im Gedächt⸗ niß hätte, daß das Beſte wäre ihn zu zerſtreuen, und ihn wenn auch nur einen Augenblick glauben zu machen, daß er ein Menſch ſei, wie jeder andere, indem er ſich gegen ihn ganz natürlich benahm. Heißt das nicht in der That die Barmherzigkeit richtig verſtehen? Es ſchien mir, als könne das der innerſte Gedanke meines Bruders ſein. Was ich jedenfalls ſagen kann, iſt, daß wenn er dieſe Gedanken hatte, er davon gegen mich nichts andeutete. Er war von Anfang bis zu Ende derſelbe Menſch, wie jeden Abend und er aß mit dieſem Jean Valjean mit eben dem Benehmen und auf dieſelbe Weiſe, wie er mit dem Probſt Herrn Gedéon oder mit dem Herrn Pfarrer gegeſſen haben würde. Gegen das Ende der Mahlzeit— wir waren eben bei den Feigen— wurde an die Thür geklopft. Es war die Mutter Gerbaud mit ihrem Kleinen auf dem Arme. Mein Bruder küßte das Kind auf die Stirn und borgte dann von mir fünfzehn Sous, die ich bei mir hatte und gab ſie der Mutter Gerbaud. Der Menſch achtete darauf nicht ſehr. Er ſprach nicht mehr und ſchien ſehr ermüdet ſein. Als Die Elenden. I. 130 die arme alte Gerbaud gegangen war, ſprach mein Bruder das Dankgebet, wendete ſich dann zu dem Menſchen und ſagte:„Sie müſſen Ihres Bettes ſehr bedürftig ſein.— Frau Magloire wird die Decke ſchnell abgenommen haben.“ „Ich begriff, daß wir uns zurückziehen müßten, um dieſen Reiſenden ſchlafen zu laſſen, und wir gingen Beide hinauf. Ich ſchickte indeß Frau Magloire einen Augenblick darauf wieder hinunter um auf das Bett des Menſchen ein Rehfell aus dem Schwarzwalde legen zu laſſen, das ich in meiner Stube habe. Die Nächte ſind eiskalt und das hält ſehr warm. Schade daß dies Fell alt iſt; es verliert die ganzen Haare. Mein Bruder hat es gekauft als er in Deutſchland war, in Tuttlingen nahe den Quellen der Donau, und eben ſo das kleine Meſſer mit dem Elfenbein⸗ griff, deſſen ich mich bei Tiſch bediene. Frau Magloire iſt beinahe augenblicklich wieder hinauf⸗ gegangen; wir beteten mit einander zu Gott in dem Salon, in welchem die Wäſche aufgehangen wird und dann gingen wir jede nach unſerer Stube, ohne uns gegenſeitig ein Wort zu ſagen. V. Ruhe. Nachdem Bienvenu ſeiner Schweſter Gute Nacht ge⸗ ſagt hatte, nahm er von dem Tiſche einen der beiden ſilber⸗ nen Leuchter, übergab den andern ſeinem Gaſte und ſagte: ein uuf Non, ngen ort 131 „Mein Herr, ich werde Sie nach Ihrem Zimmer führen.“ Der Mann folgte ihm. Wie man es aus dem, was weiter oben geſagt wurde, weiß, war die Wohnung ſo eingetheilt, daß man, um nach dem Betzimmer zu kommen, in welchem der Alkoven lag, oder aus demſelben, durch das Schlafzimmer des Biſchofs gehen mußte. In dem Augenblicke, als er durch dies Zimmer ging, legte Frau Magloire das Silberzeug in das Schränkchen, welches am Kopfende des Bettes ſtand. Das war das letzte, was ſie jeden Abend that, ehe ſie ſich ſchlafen legte. Der Biſchof brachte ſeinen Gaſt nach dem Alkoven. Ein weißes friſches Bett war darin aufgeſchlagen. Der Menſch ſtellte ſein Licht auf einen kleinen Tiſch. „Nun ſchlafen Sie wohl,“ ſagte der Biſchof.„Morgen früh, ehe Sie aufbrechen, werden Sie ganz warm eine Taſſe Milch von den Kühen trinken.“ „Ich danke, Herr Abbé,“ ſagte der Menſch. Kaum hatte er voll Frieden dieſe Worte geſprochen, als plötzlich und ohne Uebergang eine ſonderbare Bewegung in ihm vorging, welche die beiden heiligen Frauen mit Ent ſetzen erfüllt haben würde, wären ſie Zeugen derſelben ge⸗ weſen. Noch jetzt iſt es uns ſchwer, uns von dem Rechen— ſchaft zu geben, was ihn in dieſem Augenblick bewegte. Wollte er eine Warnung geben oder eine Drohung aus⸗ ſtoßen? Gehorchte er einfach einer Art inſtinetiven und für ihn ſelbſt dunklen Impulſes? Er wendete ſich raſch gegen den Greis um, kreuzte die Arme, ſah ſeinen Wirth mit wildem Blicke an und rief mit rauher Stimme: „So! ganz entſchieden! Sie wollen mich bei ſich unterbringen, ſo nahe bei Ihnen!“ Er i ſich und 3 1 132 fügte mit einem Lachen, in welchem etwas Ungeheures lag, hinzu: „Haben Sie auch Alles überlegt? Wer ſagt Ihnen denn, daß ich nicht gemordet habe?“ Der Biſchof entgegnete: „Das geht den guten Gott an.“ Ernſt und die Lippen bewegend wie Jemand, der betet oder zu ſich ſelbſt ſpricht, erhob er dann die beiden Finger ſeiner rechten Hand und ſegnete den Menſchen, der ſich nicht verneigte; ohne den Kopf zu wenden, ohne rück⸗ wärts zu blicken, trat er dann in ſein Zimmer. Wenn der Alkoven bewohnt war, verbarg ein großer Vorhang von Serge, der in dem Betzimmer von einer Seite zur andern gezogen war, den Altar. Indem der Biſchof vor dieſem Vorhang vorüberging, kniete er nieder und hielt ein kurzes Gebet. Einen Augenblick darauf war er in ſeinem Garten, umhergehend, träumend, betrachtend, Seele und Gedanken ganz erfüllt von den großen geheimnißvollen Dingen, welche Gott in der Nacht denen zeigt, die offen bleiben. Was den Menſchen betrifft, ſo war er ſo ermüdet, daß er nicht einmal die guten weißen Betttücher benutzte. Er hatte ſein Licht mit der Naſe ausgeblaſen, nach Art der Goleerenzüchtlinge, und war dann auf das Bett ge⸗ ſunken, auf dem er ſogleich in tiefen Schlaf fiel. Es ſchlug Mitternacht, als der Biſchof aus dem Garten in ſein Zimmer zurückkehrte. Einige Minuten darauf ſchlief Alles in dem kleinen Hauſe. iner det eder rten, nken elche idet, tzte⸗ Art arten einen VI. Jean Valjean. Gegen Mitte der Nacht erwachte Jean Valjean. Jean Valjean war aus einer armen Bauernfamilie in Brie. In ſeiner Jugend hatte er nicht leſen gelernt. Als er das Mannesalter erreicht hatte, war er Baumputzer in Faverolles. Seine Mutter hieß Jeanne Mathieu; ſein Vater nannte ſich Jean Valjean oder Vlajean, wahrſchein⸗ lich ein Spottname und eine Zuſammenziehung von Voilà Jean(da iſt Jean). Jean Valjean war von nachdenkendem Charakter, ohne traurig zu ſein, wie dies die Eigenthümlichkeit der theil⸗ nahmvollen Naturen iſt. In Summa war Jean Valjean etwas ziemlich ſchläfrig und unbedeutend, wenigſtens dem Scheine nach. Er hatte in ſehr frühem Alter ſeinen Vater und ſeine Mutter verloren. Seine Mutter war an einem ſchlecht behandelten Milchfieber geſtorben. Sein Vater, Baumputzer gleich ihm, hatte ſich getödtet, indem er von einem Baume herabfiel. Es war Jean Valjean nichts geblieben als eine ältere Schweſter, Wittwe mit ſieben Kindern, Mädchen und Knaben. Dieſe Schweſter hatte Jean Valjean erzogen, und ſo lange ihr Mann lebte, behielt ſie ihren jungen Bruder bei ſich und ernährte ihn. Der Mann ſtarb. Das älteſte der ſieben Kinder war acht Jahr, das jüngſte ein Jahr alt. Jean Valjean hatte eben ſein fünfundzwanzigſtes Jahr erreicht. Er trat an die Stelle des Vaters und erhielt nun ſeinerſeits ſeine Schweſter, die ihn erzogen hatte. Das geſchah ganz einfach wie eine 134 Pflicht, ſelbſt mit etwas wie Murren von Seiten Jean Valjean's. Seine Jugend verfloß ſo unter einer harten, ſchlecht bezahlten Arbeit. Man hatte in der Gegend nie eine„gute Freundin“ von ihm gekannt. Er hatte nicht die Zeit, verliebt zu ſein. Abends kehrte er ermüdet nach Haus und aß ſeine Suppe, ohne ein Wort zu ſprechen. Seine Schweſter, Mutter Jeanne, nahm, während er aß, öfters aus ſeinem Teller das beſte Stück ſeiner Mahlzeit, ein Stück Fleiſch, eine Scheibe Speck, ein Kohlherz, um es irgend einem ihrer Kinder zu geben; er aß immer fort, niedergebeugt auf den Tiſch, den Kopf beinahe in ſeiner Suppe, wobei ſeine langen Haare rings um ſeinen Napf fielen und feine Augen verbargen; er ſchien nichts zu ſehen und ließ gewähren. Es gab in Faverolles, nicht weit von der Hütte Valjean's auf der andern Seite des Gäßchens, eine Pächterin, Marie Claude; die Kinder Valjean's, die gewöhnlich ausgehungert waren, borgten zuweilen im Namen ihrer Mutter von Marie Claude eine Pinte Milch, die ſie dann hinter einer Hecke oder in irgend einem Baumwinkel austranken, ſich den Topf entreißend, und ſo haſtig, daß die kleinen Mädchen ſich Milch auf ihre Schürze oder in die Rinne goſſen; hätte die Mutter dieſe Schelmerei ge⸗ wußt, ſo würde ſie die Verbrecher ſtreng beſtraft haben. Jean Valjean, der barſch und brummig war, zahlte hinter dem Rücken der Mutter die Pinte an Marie Claude, und die Kinder wurden nicht beſtraft. In der Zeit des Baumſchneidens verdiente er 18 Sous täglich, dann vermiethete er ſich als Schnitter, als Hand⸗ langer, als Ochſenknecht, als Arbeiter. Er that, was er konnte. Seine Schweſter arbeitete ihrerſeits ebenfalls, aber was ſollte ſie mit ihren ſieben kleinen Kindern anfangen? Es war eine traurige Gruppe, welche das Elend erfaßte, und nach und nach erdrückte. Es kam ein ſtrenger Winter. Jean hatte keine Arbeit. Die Familie hatte kein Brot. Jean arten, d nie ſt die Haus Seine öfters „ein m es fort, ſeiner Napf ſehen tvon hens, die amen e ſie inkel daß r in ge⸗ ben. inter und Buchſtäblich. Sieben Kinder. Eines Sonntags Abends war Maubert Iſabeau, Bäcker auf dem Kirchplatz in Fa⸗ verolles, im Begriff, zu Bett zu gehen, als er einen hef⸗ tigen Schlag in dem vergitterten und mit Glasſcheiben ver⸗ ſehenen Vorbau ſeines Ladens hörte. Er kam eben zu rechter Zeit, um einen Arm zu ſehen, der durch ein Loch geſteckt war, welches durch einen Fauſtſchlag in die Scheibe geſtoßen worden war. Der Arm ergriff ein Brot und trug es fort. Iſabeau ſprang ſchnell aus dem Hauſe; der Dieb entfloh mit allen Beinen, Iſabeau lief ihm nach und hielt ihn feſt. Der Dieb hatte das Brot weggeworfen, aber ſein Arm blutete noch: es war Jean Valjean. Dies trug ſich im Jahre 1795 zu. Jean Valjean wurde vor die Gerichtshöfe jener Zeit geſtellt, angeklagt des „Diebſtahls mit Einbruch“ während der Nacht in einem „bewohnten Hauſe“. Er hatte ein Gewehr, deſſen er ſich beſſer als irgend ein Schütze in der Welt bediente, und war ein wenig Wilddieb; das ſchadete ihm. Gegen Wilddiebe herrſcht ein gerechtfertigtes Vorurtheil. Der Wilddieb wie der Conterbandier ſtreifen nahe an den Räuber an. Den⸗ noch, ſagen wir dies im Vorübergehen, iſt noch eine Kluft zwiſchen dieſen Menſchengattungen und dem abſcheulichen Mörder der Städte. Der Wilddieb lebt in dem Wald; der Contrebandier lebt in dem Gebirge oder auf dem Meere. Die Städte machen die Menſchen grauſam, weil ſie ſie verderben. Die Gebirge, das Meer, der Wald machen die Menſchen wild; ſie entwickeln die wilde Seite, doch oft ohne die menſchliche zu vernichten. Jean Valjean wurde für ſchuldig erklärt. Die Be⸗ ſtimmungen des Geſetzbuches waren feſt. Es giebt in unſerer Civiliſation fürchterliche Stunden; das ſind die Augenblicke, in welchen die ſtrafende Geſetzgebung einen Schiffbruch ausſpricht. Was für eine finſtere Minute iſt es, in welcher die Geſellſchaft ſich von einem denkenden 136 Weſen entfernt, und es zu unwiderbringlicher Verlaſſen⸗ heit verdammt! Jean Valjean wurde zu fünf Jahren Ga⸗ leere verurtheilt. Am 22. April 1796 rief man in Paris den Sieg von Montenotte aus, erkämpft durch den Obergeneral der Armee von Italien, welchen die Botſchaft des Directoriums an die Fünfhundert vom 2. Floréal Jahr IV. Buona⸗ Parte nennt; an eben dieſem Tage wurde eine große Kette in Bicétre zuſammengeſchmiedet; Jean Valjean gehörte mit zu dieſer Kette. Ein ehemaliger Schließer des Gefängniſſes, der gegenwärtig 90 Jahr alt iſt, erinnert ſich noch voll— kommen dieſes Unglücklichen, der an dem Ende des vierten Paares in der nördlichen Ecke des Hofes angeſchmiedet wurde. Er ſaß an der Erde, wie alle die Uebrigen. Er ſchien von ſeiner Lage nichts zu begreifen, als daß ſie ent⸗ ſetzlich ſei. Es iſt wahrſcheinlich, daß er darin auch bei den unbeſtimmten Begriffen, welche ein armer, unwiſſender Menſch von Allem hat, etwas Uebermäßiges erblickte. Während man mit mächtigen Hammerſchlägen hinter ſeinem Kopfe den Knopf ſeines Ringes feſtſchmiedete, weinte er; die Thränen erſtickten ihn, verhinderten ihn, zu ſprechen, und er vermochte nur von Zeit zu Zeit zu ſagen:„Ich war Baumputzer in Faverolles.“ Dann echob er ſchluchzend die rechte Hand und ließ ſie nach einander ſieben⸗ mal ſinken, als ob er einen nach dem andern, ſieben un⸗ gleiche Köpfe berührte, und bei dieſer Bewegung errieth man, daß das, was er gethan hatte, geſchehen war, um ſieben kleine Kinder zu bekleiden und zu ernähren. Er brach nach Toulon auf. Er langte daſelbſt nach einer Reiſe von ſiebenundzwanzig Tagen auf einem Karren an, die Kette am Halſe. In Toulon wurde er mit der rothen Jacke bekleidet. Alles, was bis dahin ſein Leben geweſen war, verſchwand, ſogar bis auf ſeinen Namen; er hieß ſelbſt nicht mehr Jean Valjean, ſondern wurde ums na⸗ ette 137 Nr. 24,601. Was wurde aus ſeiner Schweſter? Was wurde aus den ſieben Kindern? Wer bekümmert ſich um dergleichen? Was wird aus der Hand voll Blätter des jungen Baumes, den man an der Wurzel abſägt? Es iſt ſtets dieſelbe Geſchichte. Dieſe armen leben⸗ den Weſen, dieſe Geſchöpfe Gottes, welche von jetzt an ohne Führer, ohne Stütze, ohne Aſyl waren, gingen vom Zufall geleitet— wer weiß ſelbſt das?— Jeder vielleicht nach einer andern Richtung und verirrten ſich allmälig in jener kalten Nebelluft, in welcher die einſamen Geſchicke verſchwinden. Traurige Finſterniß, in der nach einander ſo viele unglückliche Geſchöpfe bei dem traurigen Gang des Menſchengeſchlechtes untergehen. Sie verließen die Gegend. Der Kirchthurm des Orts, der ihr Dorf geweſen war, vergaß ſie; der Grenzſtein deſſen, was ihr Feld geweſen war, vergaß ſie; nach einigen Jahren des Aufenthalts im Bagno vergaß ſie ſelbſt Jean Valjean. In dieſem Herzen, welches eine Wunde gehabt hatte, entſtand eine Narbe. Das war Alles. Während der ganzen Zeit, die er in Toulon zubrachte, hörte er kaum ein einziges Mal von ſei⸗ ner Schweſter reden. Es war, glaube ich, gegen das Ende des vierten Jahres ſeiner Gefangenſchaft. Ich weiß nicht mehr, auf welchem Wege dieſe Nachricht ihm zukam. Je⸗ mand, der die Schweſter in ihrem Lande kannte, hatte ſeine Schweſter geſehen. Sie war in Paris. Sie wohnte in einer ärmlichen Straße bei St. Sulpice, rue de Geindre. Sie hatte nur noch ein Kind bei ſich, einen klei⸗ nen Knaben, den jüngſten. Wo waren die ſechs andern? Sie wußte es vielleicht ſelbſt nicht. Alle Morgen ging ſie nach einer Druckerei der rue de Sabot Nr. 3, wo ſie Bo— genfalzerin und Bücherhefterin war. Sie mußte um ſechs Uhr Morgens dort ſein, im Winter lange vor Tagesan⸗ bruch. In dem Hauſe der Druckerei war eine Schule. Dahin führte ſie ihren kleinen Knaben, der ſieben Jahr alt war. Da ſie indeß um ſechs Uhr in der Druckerei ſein mußte und die Schule erſt um ſieben Uhr geöffnet wurde, mußte das Kind eine Stunde lang auf dem Hofe warten; während des Winters eine Stunde der Nacht in freier Luft. Man wollte das Kind nicht in die Druckerei eintre⸗ ten laſſen, weil es hier im Wege war, wie man ſagte. Die Arbeiter ſahen Morgens, indem ſie vorübergingen, das arme kleine Geſchöpf auf dem Pflaſter ſitzend, vor Müdigkeit um⸗ fallend und oft im Schatten ſchlafend, zuſammengekauert und niedergebeugt auf ſeinen Korb. Wenn es regnete, hatte eine alte Frau, die Thürhüterin, Mitleid mit ihm; ſie nahm ihn in ihr Loch mit, wo es nichts gab, als ein ſchlechtes Bett, ein Spinnrad und zwei hölzerne Stühle, und der Kleine ſchlief hier in einer Ecke, ſich dicht an die Katze ſchmiegend, um weniger zu frieren. Um ſieben Uhr wurde die Schule geöffnet und er ging hinein. Das war es, was man Jean Valjean ſagte. Man unterhielt ihn davon einen Tag, es war ein Augenblick, ein Blitz, wie ein Fenſter, das plötzlich über das Schickſal jener Weſen, die er geliebt hatte, geöffnet, dann aber wieder geſchloſſen wurde; er hörte nicht mehr von ihnen ſprechen, und das war für immer. Es gelangte nichts mehr bis zu ihm; nie ſah er ſie wieder, nie begegnete er ihnen und in der Fortſetzung dieſer ſchmerzlichen Geſchichte wird man ſie nicht mehr wieder⸗ finden. Gegen das Ende dieſes vierten Jahres kam die Reihe der Entweichung an Jean Valjean. Seine Kameraden ſtanden ihm bei, wie das an dieſem traurigen Orte geſchieht. Er entkam. Zwei Tage irrte er auf den Feldern frei um⸗ her. Wenn das frei ſein heißt, gehetzt zu werden, jeden Augenblick den Kopf zu wenden, bei dem geringſten Geräuſche zu zittern, ſich vor Allen zu fürchten, vor der Eſſe, die raucht, vor dem Menſchen, der vorübergeht, vor dem Hunde der bellt, vor dem Pferde, das galoppitt, vor der Uhr, die ſchlägt, vor dem Tage, weil man ſieht, vor der Nacht, weil man nicht ſieht, vor der Straße, dem Fußpfade, dem Gebüſch, dem Schlafe. Am Abend des zweiten Tages wurde er wieder ergriffen. Er hatte ſeit ſechsunddreißig Stunden weder gegeſſen, noch geſchlafen. Das Seetribunal verurtheilte ihn wegen dieſes Vergehens zu einer Ver⸗ längerung von drei Jahren, was für ihn acht Jahr aus⸗ machte. Im ſechſten Jahre war die Reihe des Entweichens wieder an ihm; er benutzte dies, aber er konnte ſeine Flucht nicht vollbringen. Er hatte bei dem Appell gefehlt. Man feuerte den üblichen Kanonenſchuß ab und in der Nacht fand die Ronde ihn verſteckt unter dem Kiel eines im Bau begriffenen Schiffes; er leiſtete den Aufſehern der Wache, die ihn ergriffen, Widerſtand. Entweichung und Rebellion. Dieſer durch den Special⸗Codex vorausgeſehene Fall wurde durch eine Verſchärfung von fünf Jahren beſtraft, davon zwei Jahr an doppelter Kette. Dreizehn Jahr. Im zehnten Jahre kam wieder ſeine Reihe und er benutzte ſie abermals. Es gelang ihm nicht beſſer. Drei Jahr für dieſen neuen Verſuch. Sechzehn Jahr. Endlich war es, wie ich glaube während des dreizehnten Jahres, als er zum letzten Male einen Fluchtverſuch machte, und diesmal gelang es ihm erſt, um nach dreiſtündiger Entfernung wieder ergriffen zu werden. Drei Jahr für dieſe vier Stunden. Neunzehn Jahr. Im October 18 ½ wurde er in Freiheit geſetzt; im Jahr 1796 war er nach dem Bagno gekommen, weil en eine Fenſterſcheibe eingeſchlagen und ein Brod genommen hatte. Platz für eine kurze Parantheſe. Es geſchieht zum zweiten Male, daß der Verfaſſer dieſes Buches bei ſeinen Studien über die Beſtrafung und die Verurtheilung durch das Geſetz auf den Diebſtahl eines Brodes als den Aus⸗ gangspunkt eines ſo verhängnißvollen Schickſals ſtößt, Klaude Gueur hatte ein Brod geſtohlen; eine engliſche Statiſtik giebt an, daß in London von fünf Dieb⸗ ſtählen vier zur unmittelbaren Urſache den Hunger haben. Jean Valjean war ſchluchzend und zitternd in den Bagno eingetreten, er verließ ihn theilnahmlos. Er hatte ihn verzweifelt betreten, er verließ ihn finſter. Was war in dieſer Seele vorgegangen? Das Innere der Verzweiflung. Verſuchen wir es zu ſagen. Die Geſellſchaft muß wohl dieſe Dinge betrachten, denn ſie iſt es, welche dieſelben hervorbringt. Er war, wie wir ſagten, ein Unwiſſender, aber kein Dummkopf. Das natürliche Licht war in ihm angezündet. Das Unglück, welches auch ſeine Helligkeit hat, vermehrte das wenige Licht, das in dieſem Geiſte lag. Unter dem Stocke, unter der Kette, im Kerker, bei der Erſchöpfung, unter der glühenden Sonne des Bagno, auf dem Bretter⸗ lager der Züchtlinge zog er ſich in ſein Gewiſſen zurück und dachte nach. Er machte ſich zum Tribunal. Er begann damit, ſich ſelbſt zu richten. Er erkannte, daß er nicht ein Unſchuldiger ſei, der un⸗ gerecht geſtraft wurde. Er geſtand ſich, daß er eine un⸗ rechte und tadelnswerthe Handlung begangen hatte, daß man ihm vielleicht dies Brod, wenn er darum gebeten, nicht verweigert haben würde, und daß es jedenfalls beſſer ge⸗ weſen wäre, es zu erwarten, ſei es von dem Mitleid, ſei es von der Arbeit; daß es nicht ein Grund iſt, der keine Widerrede zuläßt, zu ſagen: Kann man warten, wenn man Hunger hat? und daß man überdies ſehr ſelten buchſtäb⸗ lich vor Hunger ſtirbt; dann daß unglücklicher- oder glück⸗ licherweiſe der Menſch ſo geſchaffen iſt, um lange und viel leiden zu können, moraliſch und phyſiſch, ohne zu ſterben; daß er daher Geduld hätte haben ſollen; daß das beſſer geweſen wäre, ſelbſt für die armen kleinen Kinder; daß es eine Handlung des Wahnſinns war für ihn, den unglück⸗ lichen, elenden Menſchen, gewaltſam die ganze Geſellſchaft am Kragen zu packen und ſich einzubilden, daß man dem Elend durch Diebſtahl entrinnen kann; daß es in allen Fällen eine ſchlechte Thür ſei, um aus dem Elend heraus⸗ zukommen, die Thür, durch welche man in die Schande ein⸗ tritt, kurz, daß er Unrecht gehabt hätte. Dann fragte er ſich, ob er in ſeiner verhängnißvollen Geſchichte der Einzige geweſen wäre, der Unrecht hatte? ob es nicht zunächſt etwas ſehr Ernſtes geweſen wäre, daß er, der Arbeiter, keine Arbeit hatte, daß es ihm, dem Fleißigen, an Brod mangelte. Ob, nachdem der Fehler be⸗ gangen und geſtanden wäre, die Strafe nicht grauſam und übertrieben geweſen wäre. Ob nicht mehr Mißbrauch von Seiten des Geſetzes in der Strafe läge, als Mißbrauch von Seiten des Strafbaren in dem Vergehen. Ob nicht ein Uebermaß des Gewichts in einer der beiden Wagſchalen läge, in der, in welcher die Büßung iſt. Ob die Ueberlaſt der Strafe nicht die Verwiſchung des Vergehens enthielte, und ob dadurch nicht die Lage umgedreht würde, ob nicht die Schuld der Unterdrückung an die Stelle des Vergehens des Delinquenten träte, aus dem Strafbaren das Opfer und aus dem Schuldner den Gläubiger machte, ſo daß zu⸗ letzt das Recht auf Seiten deſſen käme, der es verletzt hätte. Ob dieſe Strafe, erweitert durch die aufeinander⸗ folgenden Fluchtverſuche, nicht endlich eine Art von Atten⸗ tat des Stärkeren gegen den Schwächeren, ein Verbrechen der Geſellſchaft an den Individuen wäre, ein Verbrechen, welches jeden Tag neu begann, ein Verbrechen, welches neunzehn Jahre währte. Er fragte ſich, ob die menſchliche Geſellſchaft ein Recht haben könnte, ihre Mitglieder in einem Falle ihre unver⸗ ſtändige Unvorſichtigkeit und in dem andern ihre unbarm⸗ herzige Vorſicht erdulden zu laſſen, und einen Armen für immer zwiſchen einen Mangel und ein Uebermaß zu ſtellen, Mangel der Arbeit, Uebermaß der Strafe. Ob es nicht empörend ſei, daß die Geſellſchaft ſo ge⸗ rade diejenigen ihrer Mitglieder behandelte, welche bei der Vertheilung der Güter, die der Zufall vorgenommen, am ſchlechteſten fortgekommen wären, und folglich der Schonung am würdigſten. Als dieſe Fragen geſtellt und beantwortet waren, rich⸗ tete er die Geſellſchaft und verdammte ſie. Er verdammte ſie zu ſeinem Haſſe. Er machte ſie verantwortlich für das Loos, das er er⸗ duldete, und ſagte, daß er vielleicht eines Tages nicht zö⸗ gern würde, dafür Rechenſchaft von ihr zu fordern. Er erklärte ſich ſelbſt, daß es kein Gleichgewicht zwiſchen dem ihm verurſachten Schaden und dem ihm zugefügten gebe; er kam dadurch zuletzt zu dem Schluſſe, daß ſeine Beſtra⸗ fung in der That nicht eine Ungerechtigkeit war, aber ganz gewiß eine Unbilligkeit. Der Zorn kann wahnſinnig und abgeſchmackt ſein; man kann mit Unrecht gereizt ſein; man iſt nur dann empört, wenn man im Grunde nach irgend einer Richtung Recht hat. Jean Valjean fühlte ſich empört. Und dann hatte auch die menſchliche Geſellſchaft ihm ſtets nur Böſes zugefügt; nie hatte er von ihr etwas An⸗ —— W— deres geſehen, als das zornige Geſicht, das ſie ihre Ge⸗ rechtigkeit nennt, und das ſie ſie denen zeigt, welche ſie ſchlägt. Die Menſchen hatten ihn nur berührt, um ihn zu verletzen. Jede Begegnung mit ihnen war für ihn ein Schlag geweſen. Nie ſeit ſeiner Kindheit, ſeit ſeiner Mutter, ſeit ſeiner Schweſter hatte er ein freundliches Wort und einen wohlwollenden Blick empfaugen. Von Leiden zu Lei⸗ den kam er nach und nach zu der Ueberzeugung, daß das Leben ein Krieg iſt, und daß er in dieſem Kriege der Be⸗ ſiegte ſei. Er hatte keine andere Waffe, als ſeinen Haß. Er beſchloß, ſie im Bagno zu ſchärfen und ſie bei ſeiner Entlaſſung mit ſich zu nehmen. Es gab in Toulon eine Schule für die Gefangenen, welche von den Brüdern Ignorantinen gehalten wurde, in welchen man den Unglücklichen, welche dazu den guten Willen hatten, das Nothwendigſte lehrte. Er ging mit 40 Jahren in dieſe Schule und lernte leſen, ſchreiben, rechnen. Er fühlte, daß ſeine Kenntniſſe ſeinen Haß kräftigten. In ge⸗ wiſſen Fällen können Unterricht und Erklärung als Zuſatz des Böſen dienen. Es iſt traurig, dies zu ſagen; nachdem er die menſch— liche Geſellſchaft, die ſein Unglück machte, gerichtet hatte, richtete er auch die Vorſehung, welche die Geſellſchaft machte, und verurtheilte ſie ebenfalls. So ſtieg und ſank dieſe Seele zu gleicher Zeit, wäh⸗ rend dieſer 19 Jahre der Tortur und der Sclaverei. Das Licht drang von der einen Seite und die Finſterniß von der andern in dieſelbe ein. Jean Valjean war, wie man geſehen hat, nicht von böſer Natur. Er war noch gut, als er nach dem Bagno kam. Er verurtheilte dort die Geſellſchaft und fühlte, daß er boshaft wurde; er verdammte die Vorſehung und fühlte, daß or gottlos wurde. Es iſt ſchwer, hier nicht einen Augenblick nachzudenken. * 144 Verwandelt die menſchliche Natur ſich ſo von Grund aus und ganz vollſtändig? Der Menſch, welcher durch den guten Gott geſchaffen wurde, kann er durch den Menſchen boshaft gemacht werden? Kann die Seele durch das Ge⸗ ſchick ganz umgewandelt werden, wenn das Geſchick ein trau⸗ riges iſt? Kann das Herz mißgeſtaltet werden und unter dem Drucke eines unverhältnißmäßigen Unglücks unheilbare Häß⸗ lichkeit und Verdrehungen annehmen, wie das Rückgrat unter einer allzu niedrigen Decke? Liegt nicht in jeder menſch⸗ lichen Seele, lag nicht auch in der Seele Jean Valjean's insbeſondere ein erſter Funke, ein göttliches Element, zu verderblich in dieſer Welt, unſterblich in jener, der durch das Gute entwickelt, angefacht, entzündet werden und glän⸗ zend ſtrahlen kann, und den das Böſe nie gänzlich zu ver⸗ löſchen vermag? Ernſte, dunkle Fragen, bei deren letzter jeder Phyſio⸗ log wahrſcheinlich Nein geantwortet haben würde, und zwar ohne zu zögern, hätte er in Toulon in den Stunden der Ruhe, welche für Jean Valjean Stunden der Träumerei waren, die Arme gekreuzt, auf der Raa irgend eines Taues, das Ende ſeiner Kette in die Taſche ſteckend, um deren Nachſchleppen zu verhindern, dieſen Galeerenſträfling ſitzen geſehen, finſter, ernſt, ſchweigſam und nachdenkend, ein Paria der Geſetze, der auf die Menſchen voll Zorn blickte, verurtheilt durch die Civiliſation und ſtreng zu dem Himmel aufſehend. Gewiß, und wir wollen dies nicht verhehlen, hätte der beobachtende Phyſiolog hier ein unverbeſſerliches Elend er⸗ blickt, er hätte vielleicht dieſen durch die Wirkung des Ge⸗ ſetzes Erkrankten bemitleidet, aber er würde nicht einmal eine Heilung verſucht haben; er hätte den Blick abgewendet von den Höhlen, die er in dieſer Seele erſchaut haben würde; und wie Dante über die Pforte der Hölle, ſo würde er aus dieſer Exiſtenz das Wort ausgelöſcht haben, welches 145 der Finger Gottes gleichwohl auf die Stirn jedes Menſchen ſchrieb: Hoffnung! War dieſer Zuſtand der Seele, den wir zu analhſiren verſuchten, für Jean Valjean ebenſo vollkommen klar, wie wir ihn für die zu machen ſtreben, die uns leſen? Er⸗ blickte Jean Valjean deutlich alle die Elemente, aus denen ſein moraliſches Elend beſtand, nach ihrer Bildung, und hatte er ſie beſtimmt geſehen in dem Maße, wie ſie ſich bildeten? Sollte dieſer rohe, ununterrichtete Menſch ſich wohl deutlich Rechenſchaft von der Aufeinanderfolge der Begriffe gegeben haben, durch die er Stufe bei Stufe zu den finſtern Anſichten, die ſeit vielen Jahren den innern Horizont ſeines Geiſtes bildeten, hinaufgeſtiegen und von denſelben herabgeſtiegen war? Hatte er das Bewußtſein alles deſſen, was in ihm vorgegangen war und alles deſſen, was ſich darin bewegte? Das wagen wir nicht zu behaup⸗ ten; das glauben wir ſelbſt nicht. Es lag zu viel Un⸗ wiſſenheit in Jean Valjean, als daß nicht ſelbſt nach ſo viel Unglück noch eine Menge des Unbeſtimmten zurückge⸗ blieben wäre. In Augenblicken wußte er ſelbſt nicht einmal genau, was er empfand. Jean Valjean tappte in der Dun⸗ kelheit; er litt in der Dunkelheit; er haßte in der Dunkel⸗ heit; man hätte ſagen können, daß er voraus haßte. Er lebte beſtändig in dieſem Schatten taſtend wie ein Blinder und ein Träumer. Nur empfand er zu Zeiten plötzlich aus ſich ſelbſt und von außen her einen Stoß durch den Zorn, ein Zunehmen des Leidens, einen bleichen, ſchnellen Blitz, der ſeine ganze Seele erhellte, und plötzlich rings um ihn her, vorwärts, rückwärts bei dem Schein eines abſcheulichen Lichtes die widerlichen Abgründe und die finſtern Ausſichten ſeines Geſchicks erſcheinen ließ. Wenn der Blitz vorüber, die Nacht wieder eingetreten war, wo befand er ſich dann? Er wußte es nicht mehr. Das Eigenthümliche der Schmerzen vie in Die Elenden. I. 146 welchen das Unbarmherzige vorherrſchte, d. h. das, was entwürdigend iſt, war, daß es nach und nach durch eine Art einfältiger Transfiguration einen Menſchen zu einem wilden Thiere machte. Zuweilen zu einem reißenden Thiere. Die Fluchtverſuche Jean Valjean's, die er nach einander und mit Hartnäckigkeit machte, werden genügend dieſe eigen⸗ thümliche Einwirkung des Geſetzes auf die menſchliche Seele beweiſen. Jean Valjean würde dieſe ſo ganz nutzloſen und thörichten Fluchtverſuche ſo oft wiederholt haben, wie die Gelegenheit ſich dazu geboten hätte, ohne einen Augen⸗ blick wieder an das Reſultat, noch an die bereits gemachten Erfahrungen zu denken. Er entfloh voll Ungeſtüm, wie der Wolf, der ſeinen Käfig offen findet. Der Inſtinct ſagte ihm: Rette Dich. Die Ueberlegung würde ihm geſagt haben: Bleib! Allein einer ſo gewaltſamen Verſuchung ge genüber war die Ueberlegung verſchwunden; es blieb nur noch der Inſtinct. Das Thier allein handelte. Wenn er wieder ergriffen wurde, diente die neue Strenge, die man gegen ihn zeigte, nur dazu, ihn noch wilder zu machen. Ein Umſtand, den wir nicht übergehen dürfen, iſt, daß er eine phyſiſche Kraft hatte, welcher nicht einer von den Bewohnern des Bagno nahe kam. Bei der Anſtrengung, um eine Ankerhaſpel zu drehen, ein Ankertau zu heben, wog Jean Valjean vier Menſchen auf. Er hob zuweilen unge⸗ heure Laſten auf ſeinen Rücken und trug ſie, und erſetzte bei dieſer Gelegenheit jenes Werkzeng, das man Hebewinde nennt und ehedem orgueil nannte, wovon, im Vorbeigehen geſagt, die rue Montorgueil bei den Hallen in Paris ihren Namen hat. Seine Kameraden hatten ihm den Beinamen Jean, die Hebewinde, gegeben. Einſt, als man den Balkon des Stadthauſes in Toulon ausbeſſerte, löſte ſich eine der bewunderungswerthen Karhatiden von Puget, die dieſen Balkon ſtützen, aus der Wand und drohte zu fallen. Jean Valjean, der in der Nähe war, ſtützte die Karhatide mit on 147 der Schulter und gab ſo den Arbeitern Zeit, herbei zu kommen. Seine Gewandtheit überſtieg noch ſeine Kraft. Ge⸗ wiſſe Züchtlinge, die beſtändig von dem Entſpringen träumten, machten zuletzt aus der vereinigten Kraft und Gewandheit eine wahre Wiſſenſchaft. Es iſt die Wiſſenſchaft der Mus⸗ keln. Eine ganze myhſteriöſe Statik, täglich geübt durch die Gefangenen, dieſe ewigen Neider der Fliegen und der Vögel. Eine verticale Linie zu erſteigen, und Stützpunkte da zu finden, wo kaum ein Vorſprung iſt, war ein Spiel für Jean Valjean. An einer Mauerecke mit der Anſpannung ſeines Rückens und ſeiner Kniegelenke, die Ellenbogen und die Hacken auf die Vorſprünge des Steines geſtützt, erhob er ſich wie durch Zauberei bis zum dritten Stockwerk. Bis⸗ weilen ſtieg er ſo bis zum Dache des Bagno empor. Er ſprach wenig. Er lachte nie. Es bedurfte einer außerordentlichen Aufregung, um ihm ein oder zwei Mal jenes finſtere Lachen des Galeerenzüchtlings zu entlocken, das dem Echo von dem Lachen eines Dämons gleicht. Sah man ihn an, ſo ſchien es, als betrachte er fortwährend etwas Entſetzliches. Er war in der That in Gedanken verſunken. Durch die krankhaften Auffaſſungen einer unvollſtändi⸗ gen Natur und einer gedrückten Faſſungskraft fühlte er un⸗ deutlich, daß etwas Ungeheuerliches auf ihn laſtete. In dem finſtern und bleichen Halbdunkel, in welchem er hin⸗ kroch, ſah er, ſo oft er den Hals wendete und den Blick zu erheben ſuchte, mit einem Schrecken, in den ſich Wuth miſchte, vor ſich und über ſich bis in endloſe Fernen mit entſetzli⸗ chen Klippen eine Art von gräßlicher Anhäufung von Din⸗ gen aufſteigen, von Geſetzen, von Vorurtheilen, von Men⸗ ſchen und Thatſachen, deren Umriſſe ihm entgingen, deren Maſſe ihn entſetzte, und die nichts Anderes waren, als jene wunderbare Pyramide, welche wir die Civiliſation nennen. 10 148 Er unterſchied hier und dort in dieſem durcheinander wir⸗ belnden und mißgeſtalteten Ganzen, bald ſich nahe, bald ferne und auf unzugänglichen Höhen irgend eine Gruppe, irgend eine hellbeleuchtete Einzelnheit, hier den Stockmeiſter mit ſeinem Stocke, den Gensd'arm mit ſeinem Säbel, dort den Erzbiſchof mit ſeiner Mitra, ganz oben, in einer Art von Sonne den gekrönten und blendenden Kaiſer. Es ſchien ihm, als ob dieſer ferne Glanz, weit entfernt, die Nacht zu vertreiben, ſie nur noch finſterer und ſchwärzer mache. Das Alles, Geſetze, Vorurtheile, Thatſachen, Menſchen, Dinge kam und ging über ihn hin, je nach der zuſammen⸗ geſetzten und geheimnißvollen Bewegung, welche Gott der Civiliſation aufprägt, ſchritt über ihn fort, und zermalmte ihn mit einem friedlichen Etwas in ſeiner Grauſamkeit und mit Etwas Unerbittlichem in ſeiner Gleichgültigkeit. Die gefallene Seele im Abgrunde des möglichſten Unglücks, die unglück⸗ lichen Menſchen, welche von dem Rande herabgeſunken ſind, von dem man nicht mehr niederwärts blickt, die Ausgeſto⸗ ßenen des Geſetzes fühlen auf ihrem Kopfe das ganze Ge⸗ wicht der menſchlichen Geſellſchaft, welches ſo furchtbar für Die iſt, die außerhalb derſelben ſtehen, ſo entſetzlich für Die, welche unter ihr ſind. In dieſer Lage dachte Jean Valjean, und wie konnte die Natur ſeiner Träumereien ſein? Wenn das Hirſekorn unter dem Mühlſtein Gedanken haben könnte, ſo würde es ohne Zweifel das denken, was Jean Valjean dachte. Alle dieſe Dinge, von Geiſtern erfüllte Wirklichkeiten, von Phantasmagorien angefüllte Wahrheiten, hatten zuletzt für ihn einen unausſprechlichen innern Zuſtand geſchaffen. Zuweilen hielt er mitten in ſeiner Arbeit des Bagno inne. Er begann zu denken. Sein Verſtand, der zugleich reifer und getrübter war als ehemals, empörte ſich. Alles, was ihm begegnet war, erſchien ihm als abgeſchmackt, Alles, was ien 149 ihn umgab, kam ihm unmöglich vor. Er ſagte zu ſich ſelbſt: „Das iſt ein Traum.“ Er betrachtete den Stockmeiſter, der wenige Schritte von ihm entfernt ſtand; der Stockmeiſter erſchien ihm als ein Phantom; plötzlich verſetzte dieſes Phan⸗ tom ihm einen Hieb mit dem Stocke. Die ſichtbare Natur beſtand kaum für ihn. Man könnte beinahe in Wahrheit ſagen, daß es für Jean Valjean keine Sonne, keine ſchönen Sommertage, keinen heitern Himmel, keine friſchen Aprillüfte gab. Ich weiß nicht, durch was für ein Luftloch beſtändig Licht in ſeine Seele drang. Um zum Schluſſe Das zuſammen zu faſſen, was zu⸗ ſammen gefaßt und in beſtimmten Reſultaten bei alledem, was wir andeuteten, geſchildert werden kann, beſchränken wir uns darauf, zu ſagen, daß Jean Valiean, der harm⸗ loſe Baumputzer von Faverolles, der furchtbare Galeeren⸗ züchtling von Toulon, durch die Art, wie man ihn im Bagno gebildet hatte, fähig zu zwei Arten ſchlechter Handlungen geworden war: erſtens zu einer ſchnellen, unüberlegten, wie im Schwindel begangenen ſchlechten Handlung, ganz In⸗ ſtinct, eine Art von Repreſſalie für das erduldete Böſe, zweitens zu einer ernſten, überdachten, gewiſſenhaft berathe⸗ nen Handlung, überlegt mit den falſchen Begriffen, welche ein ſolches Unglück erwecken kann. Seine Ueberlegungen durchſchritten die drei aufeinanderfolgenden Phaſen, welche nur Naturen einer gewiſſen Gattung durchſchreiten können: Urtheil, Wille, Hartnäckigkeit. Zu Beweggründen hatte er den beſtändigen Unwillen, die Bitterkeit der Seele, das tiefe Gefühl der erlittenen Unbilligkeiten, die Reaction ſelbſt gegen die Guten, die Unſchuldigen und die Gerechten, wenn es deren giebt. Der Ausgangspunkt wie der Zielpunkt aller ſeiner Gedanken war der Haß gegen das menſchliche Geſetz; dieſer Haß, wenn er nicht durch ein providentielles Ereig⸗ niß in ſeiner Entwickelung gehemmt wird, verwandelt ſich nach einer gewiſſen Zeit in Haß gegen die Geſellſchaft, die Schöpfung und verräth ſich durch ein unbeſtimmtes, unab⸗ läſſiges und rohes Verlangen, zu ſchaden, gleichviel wem, irgend einem lebenden Weſen.— Wie man ſieht, ſagte nicht ohne Grund der Paß, daß Jean Valjean ein ſehr gefähr⸗ licher Menſch ſei. Von Jahr zu Jahr war dieſe Seele langſam, aber verhängnißvoll mehr und mehr ausgedörrt worden. Ein trockenes Herz, ein. trockenes Auge. Bei ſeinem Austritt aus dem Bagno hatte er ſeit 19 Jahren nicht eine Thräne vergoſſen. VII. Die Welle und der Schatten. Ein Menſch im Meer! Gleichviel! das Fahrzeug hält nicht an. Der Wind weht, das finſtere Schiff hat eine Straße, die es zu ver⸗ folgen gezwungen iſt. Es fährt vorüber. Der Mann verſchwindet, erſcheint wieder, ſinkt unter, kommt wieder an die Oberfläche, ruft, ſtreckt die Arme aus, man hört ihn nicht. Das Schiff, bebend unter dem Sturme, iſt ganz bei ſeinem Manöver; die Matroſen und die Paſſagiere erblickten ſelbſt den ertrunkenen Menſchen nicht mehr; ſein elender Kopf iſt nur ein Punkt in dem ungeheuren Raume der Wogen. Er ſtößt Verzweiflungsgeſchrei in der Tiefe aus. Was für ein Geſpenſt iſt das Segel, das ſich entfernt? Er b⸗ cht r in itt 151 betrachtet es außer ſich. Es entfernt ſich, es nimmt ab, es verſchwindet. Eben war es noch da. Er gehörte zu der Equipage, er ging auf dem Verdeck mit den Uebrigen hin und her, er hatte ſeinen Theil an dem Athem und der Sonne; er war ein lebendes Weſen. Jetzt,— was iſt denn geſchehen? Er iſt ausgeglitten, iſt gefallen, Alles iſt zu Ende. Er liegt in dem ungeheuren Waſſer; er hat unter ſeinen Füßen nichts mehr als Fluth und Vernichtung. Die Wogen, zerriſſen und zerfetzt durch den Wind, umgeben ihn auf gräßliche Weiſe, das Wogen des Abgrundes trägt ihn mit ſich fort, alle Fetzen des Waſſers bewegen ſich um ſeinen Kopf, eine Bevölkerung von Wellen ſpeit ihn an. Verworrene Oeffnungen verſchlingen ihn halb. Jedesmal, wenn er unter⸗ ſinkt, gewahrt er nachterfüllte Abgründe; entſetzliche unbe⸗ kannte Vegetationen erfaſſen ihn, umſchlingen ihm die Füße, ziehen ihn zu ſich; er fühlt, daß er ſelbſt Abgrund wird, er bildet einen Theil des Schaums, die Wogen werfen ihn eine der anderen zu, er trinkt Bitterkeit, der feige Ocean beharrt darauf, ihn zu ertränken; die Ungeheuerlichkeit ſpielt mit ſeiner Todesqual. Ihm ſcheint, als ſei all' das Waſſer Haß. Und dennoch kämpft er. Er verſucht ſich zu vertheidigen; er verſucht ſich zu erhalten, er ſtrengt ſich an, er ſchwimmt. Er, die arme Kraft, die ſogleich erſchöpft ſein wird, kämpft gegen das Unerſchöpfliche. Wo iſt denn das Schiff? Dort. Kaum noch ſichtbar in der bleichen Finſterniß des Horizonts. Die Windſtöße pfeifen; aller Schaum des Meeres dringt auf ihn ein. Er erhebt die Augen und ſieht nichts wie die ſchwarzblauen Wolken. Er wohnt ſterbend dem ungeheuren Wahnſinn des Meeres bei, er wird durch dieſe Tollheit gemartert; er hört Getöſe unbekannter Menſchen, ——————— ———— 152 welches von jenſeits der Erde und von einem entſetzlichen Aufenthalte herzurühren ſcheint. Es ſind Vögel in den Wolken, ſowie es Engel über dem menſchlichen Elende giebt. Aber was können ſie für ihn? das flieht, ſinkt, ſchwebt dahin, und er, er röchelt. Er fühlt ſich zugleich verſchlungen durch die beiden Unendlichkeiten, den Ocean und den Himmel; der eine iſt ein Grab, der andere ein Leichentuch. Die Nacht ſinkt herab, ſeit Stunden ſchwimmt er, ſeine Kräfte ſind zu Ende. Das Schiff, jenes ferne Ding, auf dem es Menſchen gab, iſt verſchwunden. Er ſelbſt ſo allein in dem furcht⸗ baren dunklem Schlund, er ſinkt, er wird ſteif; er windet ſich, er fühlt unter ſich die unbeſtimmten Ungeheuer des Unſichtbaren; er ruft. Es ſind keine Menſchen mehr da; wo iſt Gott? Er ruft:„Jemand! Jemand!“ er ruft noch einmal. Nichts am Horizont, nichts am Himmel. Er fleht die Winde, die Woge, die Welle, die Klippe an; Alles iſt Traum, er beſchwört den Sturm; der unerbittliche Sturm gehorcht nur der Unendlichkeit. Rings um ihn her Finſterniß, Dunkelheit, Einſamkeit, der ſtürmiſche und unabläſſige Tumult, das endloſe Zu⸗ ſammenſchlagen wilder Gewäſſer. In ihm Entſetzen und Erſchöpfung, unter ihm der Sturz. Kein Stützpunkt. Er denkt an die finſteren Abenteuer der Leiche in den unbe⸗ grenzten Schatten. Der endloſeſte Froſt lähmt ihn. Seine Hände ſchließen ſich krampfhaft und erfaſſen das Nichts. Winde, Wolken, Wirbel, Stöße des Sturmes, Sterne— nutzlos! Was thun? der Verzweifelnde giebt ſich auf. Wer erſchöpft iſt, läßt ſich ſterben, läßt mit ſich gewähren, läßt ſich gehen, läßt ſeinen Halt los, und ſo rollt er für ewig in die finſteren Tiefen des verſchlingenden Abgrundes. O, unerbittlicher Gang der menſchlichen Geſellſchaften. cS—— 153 Verluſt an Menſchen und Seelen während des Weges! Ocean, in den Alles ſinkt, was das Geſetz fallen läßt! Finſteres Verſchwinden des Beiſtandes. O moraliſcher Tod! Das Meer, das iſt die unerbittliche geſellſchaftliche Nacht, in welche die Strafgeſetze ihre Verurtheilten ſchleudern. Das Meer, das iſt das ungeheure Elend. Die Seele, welche mit den Sternen hinabſinkt, kann zur Leiche werden. Wer wird ſie wieder auferwecken? IX. Neue Beſchwerden. Als die Stunde erſchien, den Bagno zu verlaſſen, als Jean Valjean in ſein Ohr die freindartigen Worte klingen hörte: Du biſt frei! war das Glück unwahrſcheinlich und unerhört. Ein Strahl hellen Lichtes, ein Strahl des wahren Lichtes der Lebenden, drang plötzlich auf ihn ein. Aber bald erblaßte dieſer Strahl wieder. Jean Valjean war durch den Gedanken an die Freiheit geblendet worden. Er hatte an ein neues Leben geglaubt. Bald ſah er, daß es nur eine Freiheit war, der man einen gelben Paß giebt. Und bei dem Allen noch viele Bitterkeiten. Er hatte berechnet, daß ſeine Kaſſe während ſeines Aufenthalts im Bagno auf 171 Franecs angewachſen ſein mußte. Es iſt nur gerecht hinzuzufügen, daß er bei ſeinen Berechnungen die gezwungene Ruhe der Sonn— und Feſttage aufzunehmen vergeſſen hatte, welche für 19 Jahre eine Verminderung 154 von 24 Francs bewirkt. Wie dem aber auch ſei, ſo war doch dieſe Maſſe durch verſchiedene lokale Abzüge bis auf die Summe von 109 Franes 15 Sous zuſammen geſchmol⸗ zen, die ihm bei ſeinem Austritt ausgezahlt wurden. Er hatte davon nichts begriffen und hielt ſich für be⸗ einträchtigt; ſagen wir das richtige Wort für beſtohlen. Am Morgen nach ſeiner Freilaſſung ſah er in Graſſe vor der Thür einer Orangenblüthendeſtillation Menſchen, welche Ballen abladeten. Er bot ſeine Dienſte an; die Arbeit drängte und man nahm ihn an. Er macht ſich an das Werk. Er war verſtändig, kräftig und gewandt. Er that ſein Beſtes, der Herr ſchien zufrieden zu ſein. Wäh⸗ rend er arbeitete, kam ein Gensd'arm vorüber, bemerkte ihn und verlangte ſeine Papiere zu ſehen. Er mußte den gelben Paß zeigen. Kurz zuvor hatte er einen der Arbeiter ge⸗ fragt, was ſie bei dieſer Arbeit täglich verdienten, und man hatte ihm geantwortet: 30 Sous. Als der Abend kam und da er am nächſten Morgen wieder abzureiſen gezwungen war, trat er zu dem Herrn der Deſtillation und bat ihn um ſeine Bezahlung. Der Herr ſagte kein Wort und gab ihm 15 Sous. Er erhob Widerſpruch. Man antwortete ihm: Das iſt genug für Dich. Er beharrte bei ſeiner For⸗ derung. Der Herr ſah ihn ſcharf in das Geſicht und ſagte:„Hüte Dich vor dem Block.“(Gefängniß.) Auch hier betrachtete er ſich als beſtohlen. Die Geſellſchaft, der Staat hatten ihn im Großen beſtohlen, indem ſie ſeine Maſſe verringert. Jetzt war die Reihe an dem Individuum, welches ihn im Kleinen beſtahl. Die Freilaſſung war keine Befreiung. Man kommt aus dem Bagno, doch nicht aus der Verurtheilung. Das war ihm in Graſſe begegnet. Man weiß, auf welche Weiſe er in D... empfangen worden war. war auf nol⸗ be⸗ aſſe hen, die an Er äh⸗ ihn lben ge man und igen ihn ihn ihm For⸗ und oßen die tahl mm guf X. Der erwachte Menſch. Als es zwei Uhr Morgens an der Uhr der Kathedrale ſchlug, erwachte Jean Valjean. Was ihn erweckte war das zu gute Bett. Seit bei⸗ nahe 20 Jahren hatte er nicht in einem Bett geſchlafen, und obgleich er ſich nicht entkleidet hatte, war doch das Gefühl für ihn zu neu, um nicht ſeinen Schlaf zu ſtören. Er hatte länger als vier Stunden geſchlafen. Seine Ermüdung war vorüber. Er war daran gewöhnt, der Ruhe nicht viel Stunden zu gönnen. Eröffnete die Augen, blickte einen Moment in die Finſter⸗ niß rings um ihn her, und ſchloß ſie dann, um wieder ein⸗ zuſchlafen. Wenn viele verſchiedenartige Gefühle den Tag bewegt haben, wenn Dinge den Geiſt beſchäftigen, ſchläft man immer, aber man ſchläft nicht wieder ein. Der Schlaf kommt leichter, als er zurückkehrt, das war es, was Jean Valjean begegnete. Er konnte nicht wieder einſchlafen und begann zu denken. Er befand ſich in einem jener Augenblicke, in welchem die Gedanken, die man im Geiſte hat, verworren ſind. In ſeinem Hirn war eine Art dunklen Hin⸗ und Herwogens. Seine alten Erinnerungen und ſeine unmittelbaren neuen ſchwammen darin in buntem Gemiſch und kreuzten ſich dann verworren, verloren ihre Geſtalten, wuchſen übermäßig an und verſchwanden dann plötzlich, wie in einem ſumpfigen heftig bewegten Waſſer. Viele Gedanken kamen ihm, allein 156 einer kehrte beſtändig wieder zurück und vertrieb alle andern. Dieſen Gedanken wollen wir ſogleich mittheilen. Er hatte die ſechs ſilbernen Couverts und den großen Löffel be⸗ merkt, die Frau Magloire auf den Tiſch legte. Dieſe ſechs ſilbernen Couverts beſtürmten ihn.— Sie waren dort.— Wenige Schritte entfernt.— In dem Augenblick, als er durch die anſtoßende Stube ging, um nach der zu gelangen, in welcher er ſich befand, legte die alte Frau Magloire ſie in ein kleines Schränkchen am Kopfende des Bettes.— Er hatte dies Schränkchen wohl bemerkt. — Rechts, wenn man aus dem Speiſezimmer kam.— Sie waren maſſiv.— Und von alter Silberarbeit.— Mit dem großen Löffel erhielt man dafür wenigſtens 200 Francs, das Doppelte von dem, was er in 19 Jahren verdient hatte. Es iſt freilich wahr, daß er mehr verdient haben würde, wenn die Verwaltung ihn nicht beſtohlen gehabt hätte. Sein Geiſt ſchwankte eine ganze lange Stunde unter dieſen Gedanken hin und her, in die ſich wohl einiger Kampf miſchte. Es ſchlug drei Uhr. Er öffnete wieder die Augen, ſetzte ſich raſch in die Höhe, ſtreckte die Arme aus und taſtete nach ſeinem Torniſter, den er in die Ecke des Alkovens geworfen hatte. Dann ließ er ſeine Beine her⸗ aushängen und ſtellte ſeine Füße auf den Boden; er be⸗ fand ſich, beinahe ohne zu wiſſen, wie, ſitzend auf ſeinem Bett. Er blieb einige Zeit träumeriſch in dieſer Stellung, die etwas Finſteres für Jemand gehabt haben würde, der ihn bei der Dunkelheit bemerkt hätte, allein, wachend in einem ſchlafenden Hauſe. Plötzlich bückte er ſich, zog ſeine Schuhe aus und ſtellte ſie leiſe auf die Matte neben dem Bett, nahm dann ſeine träumeriſche Haltung wieder an und wurde re⸗ gungslos. Mitten in dieſem abſcheulichen Sinnen bewegten die nde nd mn re⸗ die Gedanken, die wir angedeutet haben, unabläſſig ſein Hirn, drangen in daſſelbe, verließen es, drangen wieder ein und laſteten gewiſſermaßen auf ihn; dann dachte er auch, ohne zu wiſſen weshalb und mit jener maſchinenmäßigen Hart⸗ näckigkeit des Traumes, an einen Galeerenſträfling, Namens Brevet, den er im Bagno gefannt hatte und deſſen Bein⸗ kleid nur durch ein gewirktes baumwollenes Tragband ge⸗ halten wurde. Das Damenbrettmuſter dieſes Tragbandes kam ihm unabläſſig wieder in den Sinn. Er blieb in dieſer Stellung und würde vielleicht bis zu Tagesanbruch darin geblieben ſein, wenn nicht die Uhr geſchlagen hätte— ein Viertel oder Halb. Es ſchien, als ſagte ihm dieſer Schlag: Geh! Er ſtand auf, zögerte noch einen Augenblick und horchte; Alles ſchwieg in dem Hauſe; dann ging er mit kleinen Schritten gerade auf das Fenſter zu, das er un⸗ deutlich ſah. Die Nacht war nicht ſehr finſter; es war Vollmond, vor dem vom Winde gejagte Wolken vorüber glitten. Das gab draußen wechſelweiſe Schatten und Licht, Verdunkelungen und Helligkeiten, und im Innern des Hau⸗ ſes eine Art von Dämmerung. Dieſe Dämmerung, hin⸗ reichend, um ſich zurecht finden zu können, unterbrochen zu⸗ weilen wegen der Wolken, gleich der Art von Helligkeit, welche durch das Luftloch eines Kellers fällt, vor dem Vor⸗ übergehende ſich hin und her bewegen. Zu dem Fenſter gelangt, unterſuchte es Jean Valjean. Es war ohne Gitter, ging auf den Garten und war nach dem Gebrauche des Landes nur durch einen kleinen Riegel verſchloſſen. Er öffnete es, aber da eine kalte ſcharfe Luft plötzlich in das Zimmer drang, ſchloß er es ſogleich wieder. Er betrachtete den Garten mit jenem aufmerkſamen Blicke, der mehr er⸗ forſcht, als betrachtet. Der Garten war umgeben mit einer ziemlich niedrigen, leicht zu überſteigenden weißen Mauer. Jenjeits deſſelben, im Hintergrunde, erkannte er 158 die Wipfel von Bäumen, welche in gleicher Entfernung von einander ſtanden, was andeutete, daß dieſe Mauer den Garten von einer gepflanzten Allee trennte. Als er dieſen Blick hinausgeworfen hatte, machte er die Bewegung eines entſchloſſenen Menſchen, ging nach ſeinem Alkoven, nahm ſeinen Torniſter, öffnete ihn, durch⸗ ſuchte ihn und zog daraus Etwas hervor, das er auf das Bett legte; dann ſteckte er ſeine Schuhe in eine ſeiner Taſchen, ſchloß Alles wieder, nahm den Torniſter auf den Rücken, bedeckte den Kopf mit ſeiner Mütze, deren Schirm er über die Augen herabzog, ſuchte taſtend nach ſeinem Stocke, ſetzte ihn in die Ecke nach dem Fenſter, kehrte dar— auf zu dem Bett zurück und erfaßte entſchloſſen den Gegen⸗ ſtand, den er dort hingelegt hatte. Er glich einem kurzen Eiſenſtabe, an einem Ende geſpitzt wie ein Pfahl. Es wäre ſchwer geweſen, in der Dunkelheit zu erkennen, zu welchem Zwecke dieſes Eiſenſtück beſtimmt ſein mochte. Vielleicht war es ein Hebel? Vielleicht eine Keule? Bei Tage hätte man erkennen können, daß es nichts Anderes war, als ein Bergmanns⸗Leuchter. Man beſchäf⸗ tigte damals die Galeerenſträflinge zuweilen damit, Felſen aus den hohen Bergen zu brechen, die Toulon umgeben, und nicht ſelten hatten ſie Bergmaunsgeräthe zu ihrer Ver⸗ fügung. Die Leuchter der Bergleute ſind von maſſivem Eiſen, an dem äußeren Ende in eine Spitze auslaufend, mit welcher man ſie in den Fels ſtößt. Er nahm dieſen Leuchter in ſeine rechte Hand, hielt den Athem an, dämpfte den Klang ſeiner Schritte und ging auf die Thür des anſtoßenden Zimmers zu— das Zim⸗ mer des Biſchofs, wie man weiß. Als er zu dieſer kam, fand er ſie nur angelehnt. Der Biſchof hatte ſie nicht ge⸗ ſchloſſen. mi di lic gr on en ach hts üf⸗ ſſen en, vem n, ielt ing im⸗ aimn, XI. Was er that. Jean Valjean horcht. Kein Geräuſch. Er ſtieß die Thür auf. Er ſtieß ſie mit der Spitze des Fingers auf, leicht, mit jener flüchtigen und geſchickten Leichtigkeit einer Katze, die ſich einſchleichen will. Die Thür wich dem Drucke und machte eine unbemerk⸗ liche lautloſe Bewegung, wodurch die Oeffnung etwas ver⸗ größert wurde. Er wartete einen Augenblick, drückte dann zum zweiten Mele, und jetzt kühner, gegen die Thür. Sie gab wieder ſchweigend nach. Die Oeffnung war jetzt groß genug, um ihn eintreten zu laſſen. Aber es ſtand neben der Thür ein kleiner Tiſch, der mit derſelben einen Winkel bildete und den Eingang verſperrte. Jean Valjean erkannte dieſe Schwierigkeit. Die Oeff⸗ nung mußte durchaus noch erweitert werden. Er faßte ſeinen Entſchluß, drückte zum dritten Male gegen die Thür und diesmal kräftiger als die beiden erſten Male. Ein ſchlecht geölter Haſpen ließ plötzlich in der Dun⸗ kelheit einen rauhen verlängerten Ton hören. Jean Valjean erbebte. Der Klang dieſes Kreiſchens dröhnte in ſein Ohr mit einem gewaltigen und furchtbaren Ton, wie die Poſaune des jüngſten Gerichts. In der phantaſtiſchen Vergrößerung der erſten Minute kam es ihm beinahe vor, als hätte der Haſpen ſich belebt, hätte plötzlich ein furchtbares Leben angenommen und bellte wie ein Hund, 160 um alle Welt zu benachrichtigen und die Schlafenden zu erwecken. Er blieb bebend, außer ſich ſtehen und fiel von der Spitze des Fußes auf den Hacken. Er fühlte ſeine Pulſe in den Schläfen pochen, wie zwei Schmiedehämmer, und es ſchien ihm, als käme der Athem aus ſeiner Bruſt mit dem Lärm des Windes, der aus einer Höhle fährt. Es kam ihm unmöglich vor, daß der entſetzliche Ruf des zornigen Haſpens nicht das ganze Haus erſchüttert haben ſollte, wie der Stoß eines Erdbebens, die durch ihn aufgedrückte Thür war beunruhigt worden und hatte gerufen; der Greis mußte erwachen, die beiden alten Frauen mußten ſchreien, man würde zu Hülfe kommen; ehe eine Viertelſtunde verging, war die ganze Stadt in Aufregung und die Gensd'armerie auf den Füßen. Einen Augenblick hielt er ſich für verloren. Er blieb ſtehen wo er war, erſtaunt wie eine Salz⸗ ſäule, wagte keine Bewegung zu machen. Einige Minuten verfloſſen, die Thür war jetzt weit öffen. Er wagte es, in das Zimmer hinein zu blicken. Nichts hatte ſich in dem⸗ ſelben geregt. Er lauſchte; nichts rührte ſich in dem Hauſe. Der Klang des verroſteten Haſpens hatte Niemand erweckt. Die erſte Gefahr war vorüber, aber noch herrſchte in ihm ein entſetzlicher Tumult. Dennoch wich er nicht zurück, ſelbſt als er ſich für verloren gehalten hatte, war er nicht zurückgewichen. Er dachte nur daran, ſchnell zu Ende zu kommen. Er machte einen Schritt und trat in das Zimmer. Dieſes Gemach lag in der tiefſten Ruhe. Hier und dort erkannte man unbeſtimmte, undeutliche Formen, welche bei Tage auf dem Tiſche umherliegend, Papiere, Foliobände, auf einem Taburet aufgehäufte Bücher, ein Armſtuhl mit darauf liegenden Kleidern, ein Betpult waren, zu dieſer Stunde aber nichts weiter als dunkle Ecken und weißliche Stellen. Jean Valjean trat vorſichtig vorwärts, indem er es vermied, an die Meubel zu ſtoßen. Er hörte im Hin⸗ 161 tergrunde des Gemaches den gleichmäßigen ruhigen Athem des ſchlafenden Biſchofs. Er blieb plötzlich ſtehen. Er befand ſich neben dem Bett. Er war ſchneller an ſein Ziel gelangt, als er es ge⸗ dacht hätte. Die Natur miſcht zuweilen ihre Wirkungen und ihre Schauſpiele in unſere Handlungen mit einer Art finſterer und verſtändlichen Gleichzeitigkeit, als ob ſie uns zum Nach⸗ denken bringen wollte. Seit beinahe einer halben Stunde bedeckte eine große Wolke den Himmel. In dem Augen⸗ blicke, als Jean Valjean dem Bett gegenüber ſtehen blieb, zerriß dieſe Wolke, als hätte ſie es abſichtlich gethan, und ein Strahl des Mondes, der durch das hohe Fenſter fiel, beleuchtete plötzlich das blaſſe Geſicht des Biſchofs. Er ſchlief friedlich. Er lag beinahe angekleidet in ſeinem Bett, wegen der kalten Nächte der niederen Alpen. Ein Kleidungs⸗ ſtück von braunem Wollenzeug bedeckte die Arme bis zu den Handgelenken. Sein Kopf lag auf den Kiſſen zurück⸗ gelehnt in der nachläſſigen Haltung der Ruhe; aus dem Bett hing ſeine Hand herab, die mit dem Hirtenringe geſchmückt war und welcher ſo viele gute Werke, ſo viele heilige Hand⸗ lungen entſtrömten. Sein ganzes Geſicht war erleuchtet durch einen unbeſtimmten Ausdruck der Zufriedenheit, der Hoffnung und der Glückſeligkeit. Es zeigte mehr als ein Lächeln— beinahe ein Freudeſtrahlen. Auf ſeiner Stirn lag der unausſprechliche Wiederſchein eines Lichts, das man nicht ſah. Die Seelen der Gerechten betrachten während des Schlafes einen geheimnißvollen Himmel. Ein Wiederſchein dieſes Himmels lag über den Biſchof gebreitet, denn der Himmel lag auch in ihm. Dieſer Him⸗ mel war ſein Gewiſſen. In dem Aungenblick, als der Strahl des Mondes ſich, ſo zu ſagen, über dieſe innige Klarheit legte, erſchien der ſchlafende Biſchof wie von einem Heiligenſchein umgeben. Die Elenden. I. 11 162 Dennoch blieb derſelbe wie in ein mildes Halbdunkel ver⸗ ſchleiert. Der Mond am Himmel, die Ruhe der Natur, der Garten ohne Regung, das ſo ſtille Haus, die Stunde, der Augenblick, das Schweigen, fügten etwas Feierliches und Unbeſchreibliches der ehrwürdigen Ruhe dieſes Mannes hinzu und umgaben mit einer Art von majeſtätiſchem und ernſtem Heiligenſchein dieſe weißen Haare und dieſe ge⸗ ſchloſſenen Augen; dieſes Geſicht, auf welchem Alles Hoff⸗ nung und Vertrauen ausſprach, dieſen Greiſenkopf und dieſen Kinderſchlaf. Es lag beinahe etwas Göttliches in dieſem Menſchen, der ohne ſein Wiſſen ſo erhaben war. Jean Valjean ſtand im Schatten, ſeinen eiſernen Leuchter in der Hand, aufrecht, regungslos, erſchreckt durch dieſen leuchtenden Greis. Nie hatte er etwas Aehnliches geſehen. Dieſes Vertrauen erſchreckte ihn. Die moraliſche Welt hat kein großartigeres Schauſpiel als dieſes: ein be⸗ unruhigtes, geſtörtes Gewiſſen an dem Rande einer ſchlechten Handlung gelangt und den Schlaf eines Gerechten be⸗ trachtend. Dieſer Schlaf in ſeinem Alleinſein mit einem ſolchen Nachbar, wie er, hatte etwas Erhabenes, das er unbe⸗ ſtimmt, doch auch ungeſtüm fuhlte. Niemand hätte ſagen können, was in ihm vorging. Auch er ſelbſt nicht. Um zu verſuchen, ſich davon Rechen⸗ ſchaft zu geben, muß man von dem träumen, was es Ge⸗ waltthätigſtes gegenüber dem Sanfteſten giebt. Selbſt auf ſeinem Geſicht hätte man nichts mit Gewißheit zu unter⸗ ſcheiden vermocht. Es zeigte eine Art wilden Staunens. Er betrachtete das Bild. Das war Alles. Aber was dachte er? Es würde unmöglich geweſen ſein, es zu er rathen. Offenbar war nur, daß er gerührt und verwirrt war. Aber welcher Art war dieſe Rührung? Sein Ange wendete ſich nicht von dem Greiſe ab. . f 6 Das Einzige, was ſich deutlich in ſeiner Haltung und in ſeinem Geſichte zeigte, war eine eigenthümliche Unent⸗ ſchloſſenheit. Man hätte ſagen können, er ſchwankte zwiſchen beiden Abgründen; zwiſchen dem, in welchen man ſich in das Verderben ſtürzt und dem, in welchen man ſich rettet. Er ſchien bereit zu ſein, dieſen Schädel zu zerſchmettern oder dieſe Hand zu küſſen. Nach einigen Augenblicken erhob ſein linker Arm ſich langſam gegen ſeine Stirn. Er nahm ſeine Mütze ab, dann ſank ſein Arm wieder eben ſo langſam herab, und Jean Valjean verfiel wieder in ſeine Betrachtung, ſeine Mütze in der linken Hand, ſeinen Leuchter in der rechten, die Haare zerſtreut auf dem wilden Kopfe. Der Biſchof fuhr unter dieſem entſetzlichen Blicke fort in tiefem Frieden zu ſchlafen. Ein Strahl des Mondes machte undeutlich über den Kamin das Kruzifix erkennbar, welches gegen beide die Arme zu öffnen ſchien, mit einem Segen für den Einen und einer Verzeihung für den Andern. Plötzlich ſetzte Jean Valjean ſeine Mütze wieder auf, ging entſchloſſen vorwärts an dem Bette hin, ohne auf den Biſchof zu ſehen, grade nach dem Schränkchen, das er an dem Kopfende erblickte; er hob ſeinen eiſernen Leuchter auf, wie um das Schloß zu ſprengen; der Schlüſſel ſteckte darin; er öffnete; das Erſte, was ſich ihm zeigte, war der Korb mit dem Silberzeuge; er nahm ihn, ging mit raſchen Schritten und ohne Vorſicht durch das Zimmer, ohne ſich um das Geräuſch zu kümmern, erreichte die Thür, trat in vas Betzimmer wieder ein, öffnete das Fenſter, ergriff ſeinen Stock, ſetzte ſich auf das Fenſterbrett, ſteckte das Silberzeug in ſeinen Torniſter, warf den Korb fort, durch⸗ ſchritt den Garten und ſprang über die Mauer wie ein Tiger und entfloh. ſ5 164 XII. Der Biſchof arbeitet. Am nächſten Morgen mit Sonnenaufgang ging Herr Bienvenu in ſeinem Garten umher. Frau Magloire kam ganz außer ſich zu ihm gelaufen. „Hochwürden! Hochwürden!“ ſchrie ſie,„wiſſen Ew. Hochwürden, wo der Silberkorb iſt?“ „Ja“, ſagte der Biſchof. „Jeſus, Gott ſei geſegnet!“ entgegnete ſie.„Ich wußte nicht, was daraus geworden wäre.“ Der Biſchof hatte ſoeben den Korb von einem Blu⸗ menbeet genommen und gab ihn Frau Magloire.„Hier iſt er!“ „Nun?“ ſagte ſie,„nichts darin! Und das Silber⸗ zeug?“ „Ah“, ſagte der Biſchof,„es iſt alſo das Silberzeug, das Sie beſchäftigt? Ich weiß nicht, wo es iſt.“ „Großer, guter Gott! Es iſt geſtohlen! Es iſt der Menſch von geſtern Abend, der es geſtohlen hat!“ Im Nu und mit ihrer ganzen Lebhaftigkeit lief Frau Magloire nach dem Betzimmer, trat in den Alkoven und kehrte zu dem Biſchof zurück. Der Biſchof hatte ſich gebückt und betrachtete ſeufzend eine Blume, welche der Korb zerbrochen hatte, in⸗ dem er auf das Blumenbeet gefallen war. Er richtete ſich bei dem Schrei der Frau Magloire empor. „Hochwürden, der Menſch iſt fort! Das Silberzeug iſt geſtohlen!“ U w. te 9, 165 Indem ſie ihren Ausruf ausſtieß, fielen ihre Blicke auf eine Ecke des Gartens, wo man noch die Spuren des Flüchtlings ſah. Ein Sparren war von der Mauer herab⸗ geriſſen. „Sehen Sie, dort iſt er entflohen! Er iſt in das Gäßchen Cochefilet geſprungen! Ach, abſcheulich! Er hat uns unſer Silberzeug geſtohlen!“ Der Biſchof ſchwieg einen Augenblick, dann erhob er ernſt das Auge und ſagte zu Frau Magloire voll Sanft⸗ muth: „War denn auch das Silberzeug unſer?“ Frau Magloire war ſtumm vor Staunen. Wieder entſtand eine Pauſe. Dann fuhr der Biſchof fort: „Frau Magloire, ich hielt mit Unrecht und ſeit langer Zeit dieſes Silberzeug zurück. Es gehört den Armen. Dieſer Menſch war offenbar ein Armer.“ „Ach Jeſus,“ entgegnete Frau Magloire.„es iſt nicht wegen meiner, noch wegen des Fräuleins. Uns iſt das ſehr gleichgültig. Aber es iſt für Ew. Hochwürden. Womit wollen Sie künftighin eſſen?“ Der Biſchof ſah ſie verwundert an. „Ei“, ſagte er,„haben wir nicht zinnerne Löffel?“ Frau Magloire zuckte die Achſeln. „Das Zinn riecht.“ „Nun, dann blecherne Löffel.“ Frau Magloire ſchnitt ein ausdrucksvolles Geſicht. „Das Blech hat einen Beigeſchmack.“ „Nun wohl“, ſagte der Biſchof,„alſo hölzernes Eß⸗ geräth.“ Einige Augenblicke darauf frühſtückte er an eben jenem Tiſche, an welchem Jean Valjean den Abend zuvor geſeſſen hatte. Während er frühſtückte, machte Herr Bienvenu ſeine Schweſter, die nichts ſagte, und Frau Magloire, die dumpf vor ſich hin brummte, heiter darauf aufmerkſam, daß man 166 keineswegs des Löffels, noch einer Gabel, ſelbſt nicht von Holz, bedarf, um ein Stück Brod in eine Taſſe Milch zu tauchen. „Iſt das auch ein Gedanke“, ſagte Frau Magloire ganz allein für ſich, indem ſie ab- und zuging,„einen ſol⸗ chen Menſchen aufzunehmen und ihn in ſeiner Nähe ſchlafen zu laſſen! Welch' ein Glück, daß er nichts weiter gethan hat, als geſtohlen! Ach mein Gott, man muß beben, wenn man daran denkt!“ Als der Bruder und die Schweſter vom Tiſche auf⸗ ſtehen wollten, wurde an die Thür geklopft. „Herein!“ ſagte der Biſchof. Die Thür öffnete ſich. Eine eigenthümliche und ge⸗ waltthätige Gruppe erſchien auf der Schwelle. Drei Män⸗ ner hielten einen vierten am Kragen gefaßt. Die drei Männer waren Gensd'armen, der Andere war Jean Valjean. Ein Brigadier der Gensd'armerie, der die Uebrigen zu führen ſchien, ſtand neben der Thür. Er trat ein und ging auf den Biſchof zu, indem er militäriſch grüßte. „Ew. Hochwürden“, ſagte er. Bei dieſen Worten erhob Jean Valjean, der dumpf dageſtanden hatte und niedergeſchlagen zu ſein ſchien, mit verdutztem Weſen den Kopf. „Hochwürden!“ murmelte er.„Es iſt alſo nicht der Pfarrer?“ „Still!“ gebot ein Gensd'armes.„Es iſt der Herr Biſchof!“ Indeß war Herr Bienvenu ſo raſch vorwärts gekom⸗ men, als ſein hohes Alter es ihm erlaubte. „Ach, da ſind Sie ja!“ rief er, indem er Jean Val⸗ jean ſah.„Es freut mich, Sie zu ſehen. Nun, aber? Ich hatte Ihnen ja die Leuchter auch geſchenkt, die von Silber ſind, wie das Andere, und für die Sie wohl 200 Franes pf nit er 167 hätten bekommen können. Weshalb haben Sie ſie nicht mit den Löffeln fortgenommen?“ Jean Valjean riß die Augen auf und betrachtete den hochwürdigen Biſchof mit einem Ausdrucke, den keine menſch⸗ liche Sprache wiederzugeben vermöchte. „Ew. Hochwürden“ ſagte der Brigadier der Gensd'ar⸗ merie,„was dieſer Menſch ſagte, iſt alſo wahr? Wir be⸗ gegneten ihm; er lief wie Jemand, der entflieht. Wir hielten ihn feſt, um ihn zu unterſuchen. Er hatte dieſes Silber— zeug— „Und er hat Ihnen geſagt“ unterbrach ihn der Bi⸗ ſchof lächelnd,„daß es ihm von einem alten ehrlichen Prieſter geſchenkt worden ſei, bei dem er die Nacht zugebracht hätte. Ich ſehe, wie die Sache iſt, und Sie haben ihn hierher zurückgeführt. Das iſt ein Mißverſtändniß.“ „Alſo“, entgegnete der Brigadier“, können wir ihn laufen laſſen?“ „Ohne Zweifel“, entgegnete der Biſchof. Die Gensd'armen ließen Jean Valjean los, welcher zurücktaumelte. „Iſt es denn wahr, daß man mich losläßt“, ſagte er mit beinahe tonloſer Stimme, als ob er im Schlafe ſpräche.* „Man läßt Dich los; hörſt Du denn nicht?“ ſagte ein Gensd'armes. „Mein Freund“, nahm der Biſchof wieder das Wort, „gehen Sie, hier ſind Ihre Leuchter, nehmen Sie.“ Er ging zu dem Kamin, nahm die beiden ſilbernen Leuchter und brachte ſie Jean Valjean. Die beiden Frauen ließen ihn gewähren, ohne ein Wort zu ſprechen, ohne eine Bewegung zu machen, ohne einen Blick, der den Biſchof hätte ſtören können. Jean Valjean zitterte an allen Gliedern. Er nahm 168 maſchinenmäßig und mit irrem Blick die beiden Leuchter. „Jetzt“, ſagte der Biſchof,„gehen Sie in Frieden.“ „Apropos, wenn Sie zurückckkehren, mein Freund, brauchen Sie nicht durch den Garten zu gehen. Sie kön⸗ nen ſtets durch die Straßenthür ein- und ausgehen. Sie iſt Tag und Nacht nur mit dem Thürgriffe verſchloſſen.“ Dann ſich zu den Gensd'armen wendend, ſagte er: „Meine Herren, Sie können ſich entfernen.“ Die Gends'armen gingen. Jean Valjean ſtand da, wie ein Menſch, der ohn⸗ mächtig wird. Der Biſchof trat zu ihm und ſagte mit leiſer Stimme: „Vergeſſen Sie nie, daß Sie mir verſprochen haben, das Geld anzuwenden, um ein ordentlicher Menſch zu werden. Jean Valjean, der ſich nicht erinnerte, irgend etwas verſprochen zu haben, war verwirrt. Der Biſchof hatte die Worte, indem er ſie ausſprach, beſonders betont. Feierlich ſetzte er hinzu: „Jean Valjean, mein Bruder, Sie gehören nicht mehr dem Böſen an, ſondern dem Guten.“ Ich habe Ihre Seele von Ihnen gekauft; ich entreiße Sie dem ſchwarzen Gedanken und dem Geiſte der Verderbniß und übergebe ſie Gott.“ XIII. Der kleine Gervais. Jean Valjean verließ die Stadt, als ob er ihr ent⸗ flöhe. Er ſchritt haſtig über die Felder hin, ſchlug die nd, ön⸗ ie Wege und die Fußpfade ein, die ſich ihm zeigten, ohne zu bemerken, daß er jeden Augenblick wieder umkehrte. So irrte er den ganzen Morgen umher, ohne gegeſſen zu ha⸗ ben und ohne Hunger zu empfinden. Er war die Beute einer Menge neuer Gefühle. Er empfand eine Art von Zorn; er wußte nicht, gegen wen. Er hätte nicht zu ſagen vermocht, ob er gerührt oder gedemüthigt war. In einzel⸗ nen Augenblicken empfand er eine eigenthümliche Rührung, die er bekämpfte und der er die Verhärtung ſeiner letzten zwanzig Jahre entgegenſetzte. Dieſer Zuſtand ermüdete ihn. Er ſah voll Beſorgniß in ſeinem Innern die Art von ent⸗ ſetzlicher Ruhe ſich erſchüttern, welche die Ungerechtigkeit und ſein Unglück ihm verliehen hatten. Er fragte ſich, was er an deren Stelle ſetzen würde. Zuweilen wäre er wahrlich lieber in dem Gefängniß bei den Gensd'armen ge⸗ weſen, als daß die Dinge ſich ſo zugetragen hatten. Das würde ihn weniger aufgeregt haben. Obgleich die Jahres⸗ zeit ziemlich vorgerückt war, gab es noch hier und dort in den Heckeu einige Spätlingsblumen, deren Wohlgeruch, wenn er an ihnen vorüberging, ihm die Erinnerungen ſei⸗ ner Kindheit zurückrief. Dieſe Erinnerungen waren ihm beinahe unerträglich, ſo lange hatten ſie ſich nicht ge⸗ zeigt. Unausſprechliche Gedanken häuften ſich ſo während des ganzen Tages in ihm an. Als die Sonne ſich zum Untergang neigte und auf dem Boden den Schatten des geringſten Kieſels verlängerte, ſaß Jean Valjean hinter einem Gebüſch in einer großen rothen durchaus öden Ebene. Am Horizonte war nichts zu ſehen, als die Alpen. Nicht einmal der Kirchthurm eines fernen Dorfes. Jean Valjean konnte etwa drei Stunden von D... entfernt ſein. Ein Fußpfad, der über die Ebene führte, lief einige Schritt von dem Gebüſche vorüber. 170 In der Mitte ſeines Nachdenkens, welches nicht wenig dazu beigetragen haben würde, ſeine Lumpen noch fürchter licher für Jemand zu machen, der ihm begegnete, hörte er ein heiteres Geräuſch. Er wendete den Kopf und ſah auf deni Fußpfad einen kleinen Savoharden kommen, der ungefähr zehn Jahr alt ſein mochte, ſeine Leier an der Seite und ſeinen Kaſten mit dem Murmelthier auf dem Rücken. Eines jener ſanften, heitern Kinder, welche von Land zu Land ziehen und ihre Knie durch die Löcher ihrer Hoſen zeigen. Während das Kind ſang, unterbrach es von Zeit zu Zeit ſeinen Gang und ſpielte Knöcheln mit einigen Geld⸗ ſtücken, die es in der Hand hielt, wahrſcheinlich ſein ganzes Vermögen. Unter dieſen Münzen war auch ein Vierzig⸗ Sousſtück. Das Kind blieb neben dem Gebüſch ſtehen, ohne Jean Valjean zu ſehen, und ließ ſeine Hand voll Sous, die er bisher mit großer Gewandtheit ganz aufgefangen hatte, auf den Rücken ſeiner Hand ſpringen. Diesmal entfiel ihm das Vierzig⸗Sousſtück und rollte durch das Gebüſch bis zu Jean Valjean. Jean Valjean ſtellte den Fuß darauf. Das Kind war indeß ſeinem Geldſtücke mit dem Blicke gefolgt und hatte ihn geſehen. Es ſchien nicht verwundert zu ſein und ging gerade auf den Mann los. Es war ein durchaus einſamer Ort. So weit der Blick ſich erſtrecken konnte, gab es Niemand in der Ebene noch auf dem Fußpfad. Man hörte nichts, als das leiſe ſchwache Geſchrei eines Schwarmes Zugvögel, welche in ungeheurer Höhe den Himmel durchflogen. Das Kind wen⸗ dete den Rücken der Sonne zu, die ſein Haar mit Gold⸗ enig hter eet inen alt mit Land oſen faden durchwebte und einen blutrothen Schein auf das wilde Geſicht Jean Valjean's warf. „Mein Herr,“ ſagte der kleine Savoharde mit jenem Vertrauen der Kindheit, welches aus Unwiſſenheit und Un⸗ ſchuld entſpringt,„mein Geldſtück?“ „Wie heißt Du?“ ſagte Jean Valjean. „Der kleine Gervais, mein Herr.“ „Mach, daß Du fortkommſt,“ ſagte Jean Valjean. „Mein Herr,“ entgegnete das Kind,„geben Sie mir mein Geld zurück.“ Jean Valjean ſenkte den Blick und antwortete nicht. Das Kind ſagte wieder:„Mein Geld, mein Herr.“ Das Auge Jean Valjean's blieb an den Boden ge⸗ heftet. „Mein Geld!“ rief das Kind.„Mein weißes Stück! mein Silber!“ Es ſchien, als hörte Jean Valjean nicht. Das Kind faßte ihn bei dem Kragen ſciner Blouſe und ſchüttelte ihn. Zugleich ſtrengte es ſich an, den großen ciſenbeſchlagenen Schuh bei Seite zu ſchieben, der auf ſeinem Schatze ſtand. „Ich will mein Geld! mein Vierzig⸗Sousſtück!“ Das Kind weinte. Der Kopf Jean Valjean's erhob ſich. Er ſaß noch immer. Seine Augen trübten ſich. Er betrachtete das Kind mit einer Art von Staunen, ſtreckte dann die Hand nach ſeinem Stocke aus und ſchrie mit furchtbarer Stimme:„Wer da?“ „Ich, mein Herr,“ antwortete das Kind.„Der kleine Gervais! Ich! ich! Geben ſie mir doch gütigſt meine Vierzig⸗Sous wieder. Haben Sie die Güte, mein Herr, Ihren Fuß fortzunehmen!“ Dann wurde er zornig, und ſo klein er auch war, beinahe drohend: „Nun, werden Sie ihren Fuß fortnehmen? Nehmen Sie doch ihren Fuß fort, hören Sie!“ „Ha, du biſt es noch immer!“ ſagte Jean Valjean, 172 indem er jetzt plötzlich aufſprang, den Fuß noch immer auf dem Geldſtücke, und rief:„Willſt du dich wohl packen?“ Das Kind ſah ihn erſchrocken an, begann dann von Kopf bis zu den Füßen zu zittern und nach einigen Se⸗ cunden der Verwirrung entfloh es, indem es mit allen Kräften davon ließ, ohne zu wagen, ſich umzuſehen, noch einen Schrei auszuſtoßen. Nach einer gewiſſen Entfernung aber zwang die Athem⸗ loſigkeit den Kleinen, ſtehen zu bleiben, und Jean Valjean hörte ihn mitten in ſeiner Träumerei ſchluchzen. Nach einigen Augenblicken war das Kind ver⸗ ſchwunden. Die Sonne war untergegangen. Es wurde finſter um Jean Valjean her. Er hatte den ganzen Tag nichts gegeſſen; wahrſcheinlich hatte er das Fieber. Er war ſtehen geblieben und hatte ſeine Stellung nicht verändert, ſeitdem das Kind entflohen war. Sein Athem hob ſeine Bruſt in langen und ungleichen Zwiſchenräumen. Sein Blick, zehn oder zwölf Schritt von ſich hin auf den Boden geheftet, ſchien mit einer tiefen Aufmerkſamkeit die Geſtalt eines alten blauen Fahence⸗ Scherbens zu betrachten, der in das Gras gefallen war, Plötzlich erbebte er; er fühlte die Kälte des Abends. Er drückte ſeine Mütze feſter auf die Stirn, ſuchte unwillkürlich ſeine Blouſe zuſammen zu ziehen und zuzu⸗ knöpfen, that einen Schritt vorwärts und bückte ſich, um ſeinen Rock vom Boden aufzunehmen. In dieſem Augenblicke bemerkte er das Vierzig⸗Sousſtück, welches ſein Fuß halb in die Erde eingetreten hatte, und das unter den Kieſeln funkelte. Es war wie ein galvaniſcher Schlag.— „Was iſt das? brummte er zwiſchen den Zähnen. Er wich drei Schritt zurück, blieb dann ſtehen, ohne ſeinen auf von So Se⸗ allen noch hem⸗ jean hatte das lung Sein ichen von iefen ence⸗ war, uchte z⸗ um ſtic, und e Er inen 173 Blick von dieſem Punkte abwenden zu können, den ſein Fuß den Augenblick zuvor betreten hatte, und es war, als ob das in der Dunkelheit leuchtende Ding ein feſt auf ihn gerich⸗ tetes offenes Auge ſei. Nach einigen Minuten ſprang er krampfhaft auf das Silberſtück zu, ergriff es, richtete ſich empor, blickte in die Ferne über die Ebene hin, warf die Augen auf alle Punkte des Horizonts und erbebte wie ein erſchrecktes wildes Thier, das nach einem Aſyl ſucht. Er ſah nichts. Die Nacht brach an. Die Ebene war kalt und finſter, große veilchenblaue Schatten erhoben ſich in der Dunkelheit des Zwielichtes. Er ſagte:„Ha!“ und ſchritt raſch in der Richtung vorwärts, in welcher das Kind verſchwunden war. Nach einigen dreißig Schritten blieb er ſtehen, blickte umher und ſah nichts. Nun rief er mit aller Kraft:„Kleiner Gervais! kleiner Gervais!“ er ſchwieg, er wartete. Nichts antwortete. Die Gegend war öde und ſtill. Er war umgeben von dem weiten All. Nichts rings um ihn her als Schatten, im welchen ſein Blick ſich verlor, als Schweigen, in wel⸗ chem ſeine Stimme ſich verlor. Es wehte ein eiskalter Wind und verlieh den Dingen rings um ihn her eine Art finſtern Lebens. Geſträuche ſchüttelten ihre kleinen mageren Arme mit ſtarker Wuth. Man hätte glauben können, ſie bedrohten und verfolgten Jemand. Er begann wieder zu gehen, dann fing er an zu rufen und von Zeit zu Zeit blieb er ſtehen und ſchrie in die Einſamkeit hinein mit einer Stimme, welche die furcht⸗ barſte und verzweiflungsvollſte war, die man hören konnte: „Kleiner Gervais! Kleiner Gervais! Hätte das Kind zugehört, ſo würde es ſich gefürchtet und ſich wohl gehütet haben, ſich zu zeigen. Aber das Kind war ohne Zweifel ſchon weit entfernt. Er begegnete einem Prieſter zu Pferde. Er ging auf ihn zu und ſagte: „Herr Pfarrer, haben Sie ein Kind geſehen?“ „Nein,“ ſagte der Prieſter. „Einen gewiſſen kleinen Gervais?“ „Ich habe Niemand geſehen.“ Er zog zwei Stücke von fünf Francs aus ſeinem Geld⸗ ſack und übergab ſie dem Prieſter. „Herr Pfarrer, dies hier für Ihre Armen. Herr Pfarrer, es iſt ein kleiner Knabe von ungefähr zehn Jahren, der ein Murmelthier hat, glaube ich, und eine Leier. Er ging. Einer der Savoyarden, Sie wiſſen wohl?“ „Ich habe ihn nicht geſehen.“ „Der kleine Gervais? Er iſt nicht aus den Dörfern hier herum? Können Sie mir das ſagen?“ „Wenn es ſo iſt, wie Sie ſagen, mein Freund, ſo iſt es ein kleines, fremdes Kind. Die gehen durch das Land. Man kennt ſie nicht. Jean Valjean nahm haſtig noch zwei andere Fünf⸗ Franksſtücke und gab ſie dem Prieſter. „Für Ihre Armen!“ ſagte er. Dann fügte er wie verwirrt hinzu: „Herr Abbé,“ laſſen Sie mich verhaften. Ich bin ein Dieb.“ Der Prieſter ſetzte ſeinem Pferde die Sporen ein und voll Schrecken. Jean Valjean lief in der Richtung weiter, die er an⸗ ſets eingeſchlagen hatte. So legte er eine ziemlich weite Strecke zurück, umher⸗ blickend, rufend, ſchreiend, aber er begegnete Niemand mehr. Zwei oder drei Mal rannte er über die Ebene nach einem Gegenſtand zu, der ihm ein liegendes oder zuſammenge⸗ das auf eld⸗ Herr en, Er rfern and. ünf⸗ her⸗ nehr⸗ inen nge⸗ 175 kauertes Weſen zu ſein ſchien; es war nichts als Gebüſch oder aus der Erde hervorſehende Felsſtücke. Endlich blieb er an einem Orte ſtehen, an welchem drei Fußwege ſich kreuzten. Der Mond war aufgegangen. Er ließ ſeinen Blick in die Weite ſtreifen und rief zum letzten Male: „Kleiner Gervais! kleiner Gervais! kleiner Gervais!“ Sein Schreien verhallte in der Finſterniß, ohne nur ein Echo zu erwecken. Er murmelte wieder:„Kleiner Gervais!“ aber mit ſchwacher, beinahe tonloſer Stimme. Das war ſeine letzte Anſtrengung! Seine Knie brachen plötzlich unter ihm, als hätte eine unſichtbare Macht ihn unter dem Ge⸗ wichte ſeines ſchlechten Gewiſſens niedergeſchmettert. Er ſank erſchöpft auf einen großen Stein, mit den Fäuſten in die Haare fahrend, das Geſicht auf die Knie niedergebengt, und rief:„Ich bin ein Elender!“ Dann brach ſein Herz und er fing an zu weinen. Es war das erſte Mal ſeit neunzehn Jahren, daß er weinte. Als Jean Valjean den Biſchof verließ, war er, wie man ſah, weit entfernt von alle dem, was er bis dahin ge⸗ dacht hatte. Er konnte ſich von dem, was in ihm vorging, nicht Rechenſchaft geben. Er ſteifte ſich gegen die himmliſche Handlung und die ſanften Worte des Greiſes.„Sie haben mir verſprochen ein rechtſchaffener Menſch zu werden. Ich kaufe Ihnen Ihre Seele ab. Ich entreiße Sie dem Geiſte der Verderbniß und übergebe ſie dem guten Gott.“ Daran erinnerte er ſich unabläſſig wieder. Er ſetzte dieſer himm⸗ liſchen Nachſicht den Stolz entgegen, der in uns gleich der Feſtung des Böſen liegt. Er fühlte unbeſtimmt, daß die Verzeihung vieſes Prieſters der größte Angriff und der furchbarſte Stoß war, durch den er bisher noch je erſchüttert wurde; daß ſeine Verhärtung entſchieden wäre, wenn er dieſer Barmherzigkeit widerſtände, daß er, wenn er nach⸗ gäbe, für immer auf den Haß verzichten müßte, mit welchem die Handlungen der andern Menſchen ſeine Seele ſo lange 176 Jahre erfüllt hatten, und der ihm gefiel; daß er diesmal ſiegen oder beſiegt werden mußte, und daß der Kampf, ein rieſiger Kampf zwiſchen ſeiner eigenen Bosheit und der Güte jenes Mannes begonnen hatte. All dieſem Lichte gegenüber war er wie ein Betrunke⸗ ner. Hatte er, während er ſo dahinging, die Augen ver⸗ ſtört, einen deutlichen Begriff davon, welche Folgen für ihn aus ſeinem Abenteuer in D... entſpringen würden? Ver⸗ nahm er all das geheimnißvolle Summen, welches den Geiſt in gewiſſen Augenblicken des Lebens warnt oder beläſtigt? Flüſterte eine Stimme ihm in das Ohr, daß er ſo eben eine feierliche Stunde ſeines Lebens zurückgelegt hätte, daß es für ihn keinen Mittelweg mehr gäbe, daß er künftig, würde er nicht der beſte der Menſchen, der ſchlechteſte der ſelben werden müßte, daß er jetzt gewiſſermaßen höher ſtei⸗ gen müßte wie der Biſchof oder noch unter den Galeeren⸗ ſträfling herabſinken; daß er, wollte er gut werden, ein Engel ſein, wollte er boshaft bleiben, ein Ungeheuer werden müßte. Auch hier wieder muß man an ſich die Fragen richten, die wir ſchon anderwärts aufgeſtellt haben; ſammelte er verworren irgend einen Schatten von alle dem in ſeinem Gedanken? Gewiß bildet das Unglück, wie wir ſchon ſagten, die Erziehung des Verſtandes, indeß es iſt zweifelhaft, ob Jean Valjean im Stande war, alles das zu entwickeln, was wir hier andeuten. Wenn er dieſe Gedanken hatte, ſo gewahrte er ſie mehr als er ſie deutlich ſah und ſie führten nur dazu, ihn in eine unerklärliche und beinahe ſchmerzliche Verwirrung zu ſtürzen. Als er jene mißgeſtal⸗ tete und ſchwarze Sache verließ, die man Bagno nennt, hatte der Biſchof ſeiner Seele wehe gethan, wie ein all zu grelles Licht den Augen wehe thut, wenn man aus der Dun⸗ kelheit tritt. Das künftige Leben, welches ſich ihm von jetzt an Smal „ein Güte mke ver⸗ t ihn Ver⸗ Geiſt ſtigt? eben daß nftig, e der ſtei⸗ eren⸗ ein erden chten, te er einem ten, ob ickeln, hatte, 1 ſie inahe enn, ul 3u Dun 177 bot, rein und leuchtend, erfüllte ihn mit Zittern und Be⸗ ſorgniß. Er wußte wahrlich nicht mehr wo er war. Wie ein Käuzchen, das plötzlich die Sonne aufgehen ſieht, war der Galeerenſträfling durch die Tugend geblendet und bei⸗ nahe blind gemacht worden. Was gewiß war, was er aber nicht glaubte, iſt, daß er ſchon nicht mehr derſelbe Menſch war, daß Alles in ihm ſich verwandelt hatte, daß es nicht mehr in ſeiner Gewalt lag, zu machen, daß der Biſchof nicht mit ihm geſprochen, ihn nicht berührt hatte. In dieſer Geiſtesſtimmung begegnete er dem kleinen Gervais, ſtahl er demſelben ſeine vierzig Sous. Weshalb? Er hätte es ſicher nicht zu erklären vermocht; war es eine letzte Wirkung und wie eine äußerſte Anſtrengung der böſen Gedanken, die er aus dem Bagno mitbrachte, ein Reſt des Impulſes, ein Reſultat veſſen, was man in der Statik die Beharrungskraft nennt? Das war es, und vielleicht auch noch weniger als das. Sagen wir ganz einfach, daß nicht er es geweſen war, der geſtohlen hatte, nicht der Menſch, ſondern das Thier, welches aus Gewohnheit und aus In⸗ ſtinct den Fuß auf das Geldſtück ſtellte, während der Ver⸗ ſtand ſich unter ſo vielen neuen und unerhörten Beſtürmun⸗ gen abkämpfte. Als der Verſtand erwachte und dieſe Hand⸗ lung des Thieres ſah, taumelte Jean Valjean erſchrocken zurück und ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus. Das kam daher, weil er— eigenthümliches Phäno⸗ men, nur in der Lage möglich, in welcher er ſich befand, indem er dem Kinde das Geld ſtahl, etwas that, wozu er ſchon nicht mehr fähig war. Wie dem ſei, ſo brachte doch jedenfalls dieſe letzte ſchlechte Handlung bei ihm eine entſcheidende Wirkung her⸗ vor; ſie durchfuhr plötzlich das Chaos, welches er in ſeinem Verſtande hatte, verbannte es, warf auf die eine Seite die dichte Finſterniß, auf die andere das Licht und wirkte auf Die Elenden. IL. 12 ſeine Stele bei dem Zuſtande, in welchem ſie ſich befand, wie in der Chemie gewiſſe rückwirkende Mittel auf eine getrübte Miſchung, indem ſie ein Element niederſchlagen und das andere klären. Sogleich, ſelbſt noch ehe er prüfte und überlegte, trach⸗ tete er, außer ſich und wie Jemand, der ſich zu retten ſucht, das Kind wieder zu finden, um ihm ſein Geld zurückzuge⸗ ben, und als er erkannte, daß das nutzlos und unmöglich ſei, blieb er verzweifelnd ſtehen. In dem Augenblicke, als er ausrief:„Ich bin ein Elender!“ hatte er ſich ſo erblickt wie er war, und ſchon hatte er ſich in ſolchem Grade von ſich ſelbſt getrennt, daß es ihm vorkam, er ſei nur noch ein Phantom, und er habe vor ſich in Fleiſch und Bein, den Stock in der Hand, die Blouſe auf dem Leibe, den Torniſter mit geſtohlenen Gegenſtänden auf dem Rücken, den gefähr⸗ lichen Galcerenſträfling Jean Valjean mit ſeinem entſchloſ⸗ ſenen finſtern Geſicht, ſeinen verabſcheuungswürdigen Plä⸗ nen in den Gedanken. Das Uebermaaß des Unglücks hatte ihn, wie wir be⸗ merkt haben, in gewiſſer Art zum Viſionair gemacht. Das war daher wie eine Viſion. Er ſah wahrhaft dieſen Jean Valjean, das finſtere Geſicht, vor ſich. Er ſtand faſt im Begriff, ſich zu fragen, wer dieſer Menſch ſei und er em⸗ pfand Abſcheu vor ihm. Sein Hirn befand ſich in einem jener gewaltſamen und dennoch entſetzlich ruhigen Augenblicke, in denen die Träu⸗ merei ſo tief iſt, daß ſie die Wirllichkeit abſorbirt. Man ſicht dann nicht mehr die Gegenſtände, die man vor ſich hat und man erblickt wie außer ſich ſelbſt die Geſtalten, die man in ſeinem Geiſte hat. Er betrachtete ſich alſo gewiſſermaßen Angeſicht in An⸗ geſicht, und zugleich erblickte er durch dieſe Luflſpiegelung hindurch in einer geheimnißvollen Tiefe eine Art von Licht, das er anfangs für eine Fackel hielt. Als er aufmerkſamer nd, ine und be⸗ as ean im em⸗ und räu⸗ Nan auf das Licht ſah, das ſich ſeinem Gewiſſen zeigte, erkannte er, daß es eine menſchliche Geſtalt hatte und daß dieſe Fackel der Biſchof war. Sein Gewiſſen betrachtete ſo wechſelsweiſe die beiden Menſchen, die er vor ſich hatte, den Biſchof und Jean Valjean an. Es war nicht weniger als der Erſte erforder⸗ lich geweſen, um den Zweiten zu erreichen. In Folge einer jener eigenthümlichen Wirkungen, welche aus ſolcher Art von Verzückungen entſpringen, vergrößerte ſich, je mehr ſeine Träumerei ſich verlängerte, der Biſchof in ſeinen Augen und wurde ſtrahlender, während Jean Valjean ſich verkleinerte und erloſch. In einem gewiſſen Augenblicke war er nur noch ein Schatten. Plötzlich war er ver⸗ ſchwunden. Der Biſchof allein war geblieben. Er erfüllte die ganze Seele dieſes Elenden mit einem prachtvollen Lichte. Jean Valjean weinte lange. Er weinie heiße Thränen, weinte mit Schluchzen, mit mehr Schwäche als ein Weib, mit mehr Schrecken als ein Kind. Während er weinte, wurde es in ſeinem Hirne mehr und mehr Tag, ein köſtlicher Tag, ein entzückender und zugleich fürchterlicher Tag. Sein vergangenes Leben, ſein erſter Fehltritt, ſeine lange Büßung, ſeine äußere Verthie⸗ rung, ſeine innere Verhärtung, ſeine Freilaſſung, aufgehei⸗ tert durch ſo viele Pläne der Rache, was ihm bei dem Biſchof begegnet war. Das Letzte, was er gethan hatte, der Diebſtahl von vierzig Sous, den er an einem Kinde beging, ein Verbrechen, das um ſo feiger, um ſo verdam⸗ menswerther war, da es auf die Verzeihung des Biſchofs folgte. Alles erſchien ihm deutlich, aber mit einer Deut⸗ lichkeit, die er bisher noch nie geſchen hatte. Er prüfte ſein Leben und es erſchien ihm abſcheulich; ſeine Seele, und jie erſchien ihm entſetzlich. Dennoch ein mildes —————— E— 180 Licht über dieſem Leben, dieſer Seele. Es war ihm, als ſähe er Satan bei dem Lichte des Paradieſes. Wie viele Stunden weinte er ſo? Was that er, nach⸗ dem er geweint hatte? Wohin ging er? Man hat es nie erfahren. Nur ſo viel ſcheint erwieſen zu ſein, daß in eben dieſer Nacht ein Fuhrmann, der um jene Zeit den Dienſt von Grenoble verſah und gegen drei Uhr Morgens nach D... kam, als er durch die Straße des biſchöflichen Pa⸗ laſtes fuhr, in dem Schatten vor der Thür des hochwür⸗ digen Herrn Bienvenu einen Menſchen ſah, der in der Haltung eines Betenden auf dem Straßenpflaſter kniete. als nach⸗ nie eben ienſt nach wür⸗ der . Erſte Abtheilung. Funtine. Drittes Buch. Im Zahre 1817. Das Jahr 1817. 1817 iſt das Jahr, welches Ludwig XVIII. mit einer gewiſſen königlichen Zuverſicht, der es nicht an Stolz fehlte, das zweiundzwanzigſte ſeiner Regierung nannte. Es iſt das Jahr, in welchem Herr Bruguière de Sorſum berühmt war. Die Läden aller Perrückenmacher, welche auf den Puder und die Rücktehr des königlichen Vogels hofften, wa ren blau angeſtrichen und mit Lilien ausgeſchmückt. Es war die unbefangene Zeit, in welcher der Graf Lynch jeden Sonntag als Kirchenvorſteher auf den vorbehaltenen Bänken der Kirche von Saint Germain des Prés ſaß in ſeiner Uni⸗ form als Pair von Frankreich, mit ſeinem rothen Band und ſeiner langen Naſe und jener Majeſtät des Profils, welche dem Menſchen eigen iſt, der eine glänzende Handlung begangen hat. Die glänzende Handlung, welche Herr Lynch began⸗ gen hatte, war die folgende: als Maire von Bordeaux am 12. März 1814 die Stadt ein wenig zu früh dem Herzog von Angoulème überliefert zu haben. Daher ſeine Pair⸗ ſchaft. Die franzöſiſche Armee war weißgetleidet worden, nach öſterreichiſcher Art; die Regimenter nannten ſich Le⸗ gionen; ſtatt der Nummer trugen ſie den Namen des De⸗ partements. Napoleon war in St. Helena, und da Eng⸗ 184 land ihm grünes Tuch verweigerte, ließ er ſeine alten Röcke wenden. 1817 ſang Pellegrini, tanzte Fräulein Bigottini, herrſchte Portier, Odry exiſtirte noch nicht. Es gab noch Preußen in Frankreich. Die Legitimität hatte ſich ſoeben befeſtigt, indem ſie Pleignier, Carbonneau und Tolleron zu⸗ erſt die Hand und dann den Kopf abſchlagen ließ. Der Fürſt Talleyrand, Großkammerherr, und der Abbé Louis, ſahen einander mit dem Lächeln zweier Auguren an; beide hatten am 14. Juli 1790 die Föderationsmeſſe auf dem Marsfelde gefeiert; Talleyrand feierte ſie als Biſchof, Louis diente dabei als Diaconus. 1817 bemerkte man in den Nebenalleen eben jenes Marsfeldes große hölzerne Balken, die dem Regen ausgeſetzt lagen, im Graſe verfaulten, blau an⸗ geſtrichen waren und Spuren von Adlern und Bienen tru⸗ gen, die die Vergoldung verloren hatten. Es waren die Säulen, welche zwei Jahre zuvor die Eſtrade des Kaiſers auf dem Marsfelde trugen. Sie waren hier und dort ge⸗ ſchwärzt von dem Bivouac der Oeſterreicher, die nahe bei Groß⸗Caillou in Baracken lagen. Zwei oder drei dieſer Säulen waren in den Feuern dieſes Bivouaks verſchwunden und hatten die breiten Hände der Kaiſerlichen gewärmt. Das Maifeld hatte das Bemerkenswerthe, daß es im Mo⸗ nat Juni und auf dem Marsfelde gehalten worden war. Die neueſte Pariſer Aufregung war das Verbrechen Dau⸗ tun's, der den Kopf ſeines Bruders in das Baſſin des Blumenmarktes geworfen hatte. Man begann im Marine⸗ miniſterium unruhig darüber zu werden, daß man keine Nachricht von der verhängnißvollen Fregatte„Meduſa“ hatte, welche Chaumarcix mit Schande und Geéricault mit Ruhm bedecken ſollte. Der Oberſt Selves ging nach Egyp⸗ ten, um dort Soliman⸗Paſcha zu werden. Die Herzo⸗ gin von Duras las drei oder vier Freundinnen in ihrem mit himmelblauem Atlas möblirten Boudoir die noch nicht herausgegebene Ourika vor. Im Louvre ide uis bei den No⸗ 185 kratzte man die N aus. Die Auſterlitzbrücke abdicirte und nannte ſich Brücke des Königsgartens, ein doppeltes Räthſel, welches zugleich die Auſterlitzbrücke und den Fflanzengarten verdeckte. Ludwig XVIII., der, während er mit der Spitze des Nagels Noten zum Horaz ſchrieb, mit den Helden be⸗ ſchäftigt war, die ſich zu Kaiſern machen, und mit den Holzſchuhmachern, die Dauphins werden, hatte eine zwei⸗ fache Sorge: Napoleon und Mathurin Bruneau. Die fran⸗ zöſiſche Akademie ſtellte die Preisaufgabe: Das Glück, welches das Studium verſchafft. Herr Bellart war auf officielle Weiſe beredt. Man ſah in ſeinen Schatten den zukünftigen General⸗Advocaten von Broö keimen, der den Sarkasmen Paul Louis Courier's verheißen war. Es gab einen falſchen Chäteaubriand, der Marchangy hieß, in Er⸗ wartung eines ſolchen Marchangy genannt d'Arlincourt. Das Inſtitut ließ aus ſeiner Liſte den Akademiker Napoleon Bonaparte ſtreichen. Eine königliche Ordonnanz erhob An⸗ gouléme zur Seeſchule, denn da der Herzog von Angou⸗ leme Groß⸗Admiral war, mußte offenbar die Stadt Angou⸗ leme Anſpruch auf alle Eigenſchaften eines Seehafens haben, ſonſt wäre das monarchiſche Princip gefährdet ge⸗ weſen. Alle jungen Mädchen ſangen den Eremiten von Saint⸗Avelle, Text von Edmund Géraud. Der gelbe Zwerg verwandelte ſich in den Spiegel. Das Café Lemblin hielt für den Kaiſer gegen das Café Valois, das für die Bourbonen hielt. Man hatte mit einer Prin⸗ zeſſin von Sicilien den Herzog von Berry verheirathet, auf welchem ſchon aus dem Hintergrunde des dunkelſten Schattens Louvel blickte. Die großen Zeitungen waren ganz klein. Das Format war beſchränkt, aber die Freiheit groß. Der Conſtitutionnel war conſtitutionell. Die Minerva nannte Chäteaubriand Chateaubriant. Dieſes„t“ erregte großes Gelächter bei den Bürgern, auf Koſten des großen Chä- teaubriand. In erkauften Journalen beſchimpften herab⸗ 66— gewürdigte Journaliſten die Proſcribirten von 1815. Es iſt Nicmand unbekannt, daß ſehr ſelten an einen Exilirten durch die Poſt adreſſirte Briefe ihn zukamen, da die Polizei ſich eine religiöſe Pflicht daraus machte, ſie auf⸗ zufangen. Die Thatſache iſt nicht neu. Da David in einer belgiſchen Zeitung einigen Verdruß darüber geäußert hatte, die Briefe nicht zu empfangen, die man ihm ſchrieb, erſchien dies den royaliſtiſchen Blättern, welche dabei ge⸗ legentlich den Verbannten beſchimpften, lächerlich. Zu ſagen: die Königsmörder oder zu ſagen die Stim⸗ menden, zu ſagen, die Feinde oder zu ſagen die Alliir⸗ ten, zu ſagen Napoleon oder zu ſagen Buonaparte, das trennt zwei Menſchen mehr als ein Abgrund. Alle Menſchen von geſundem Verſtande kamen darin überein, daß die Aera der Revolution für immer durch den König Ludwig XVIII. geſchloſſen ſei, welcher den Beinamen er⸗ hielt:„Der unſterbliche Urheber der Charte.“ Die Führer der Rechten ſagten bei ernſten Conjunctu⸗ ren:„Man muß an Bacot ſchreiben.“ Die Herren Canuel, O'Mahony und de Chappedelaine entwarfen ein Werk, durch Monſieur gebilligt, das, was ſpäter die„Verſchwörung vom Ufer des Waſſers“ werden ſollte. Chateaubriand, der jeden Morgen an ſeinem Fenſter der No. 27. der rue Saint-Dominique ſtand, in Strumpfhoſen und Pantoffel, die grauen Haare umwunden mit einem Madras, die Au⸗ gen auf einen Spiegel geheftet, ein vollſtändiges Zahnarzt⸗ beſteck offen vor ſich ſtehend, ſtocherte ſich die Zähne, da er ſehr ſchöne hatte, und dictirte dabei die Monarchie nach der Charte den Herrn Pilorge, ſeinem Secretair. Die Scheidung war abgeſchafft, die Lyceen nannten ſich Collegien. Die Collegianer, welche am Kragen mit einer goldenen Lilie geſchmückt waren, pufften ſich wegen des Königs von Rom. Die Stadt Paris ließ auf ihre Koſten den Dom der Invaliden neu vergolden. Der Schauſpieler Es ilirten a die eau⸗ id in äußert chrieb, bei ge⸗ Zu arte, Alle berein, König en et⸗ unctu⸗ anuel, durch wörung hriand, er rue npffel, ie Au⸗ hnart⸗ te, da archie cretoir en ſih t einer ndes Koſte ſpiele 187 Picard, der zu der Akademie gehörte, zu welcher der Schau⸗ ſpieler Molière nicht hatte gelangen können, ließ die bei⸗ den Philibert im Odeon aufführen, auf deſſen Front die ausgeriſſenen Buchſtaben noch deutlich leſen ließen: Theater der Kaiſerin. Der Buchhändler Pélicier gab eine Aus⸗ gabe des Voltaire heraus, unter dem Titel: Werke Vol⸗ taires, von der franzöſiſchen Akademie.„Das lockt die Käufer an,“ ſagte dieſer naive Verleger. Die allge⸗ meine Meinung war, daß Herr Charles Lohſon das Genie des Jahrhunderts ſein würde; der Neid begann ihn zu beißen, ein Zeichen des Ruhmes, und man machte auf ihn den folgenden Vers: „Selbſt wenn Loyſon fliegt, fühlt man ſeine Pfoten.“ Der Cardinal Feſch weigerte ſich, abzudanken, Herr von Pins, Erzbiſchof von Amaſie, verwaltete die Diöceſe Lyon. Der Streit des Dappenthales begann zwiſchen der Schweiz und Frankreich durch eine Denkſchrift des Kapitain Dufour, der ſeitdem General geworden iſt. Saint⸗Simon, der noch unbekannt war, entwarf ſeinen erhabenen Traum. Es gab bei der Akademie der Wiſſenſchaften einen berühm⸗ ten Fourier, den die Nachwelt vergeſſen hat, und auf irgend einem Boden einen unbekannten Fourier, deſſen die Zukunft ſich erinnern wird. Der Abbé Caron ſprach mit Lob in dem kleinen Comité der Seminariſten der Sackgaſſe Feuillantines von einem unbekannten Félicité Robert, der ſpäter Lamennais wurde. Ein Ding, welches auf der Seine mit dem Geräuſch eines ſchwimmenden Hundes dampfte und klapperte, fuhr unter den Fenſtern der Tuilerien von dem Pont Royal bis zum Pont Louis XV. auf und nieder, es war ein Mechanismus, der zu nicht viel taugte, eine Art Spielwerk, die Träumerei eines hohlköpfigen Erfinders, ein Utopien. Ein Dampfboot. Die Pariſer be⸗ trachteten dieſes unnütze Ding mit Gleichgültigkeit. Herr von Vaublanc, Reformator des Inſtituts durch Staatsſtreich, 188 Ordonanz und Schub, der ausgezeichnete Urheber mehrerer Akademiker, konnte ſelbſt keiner werden, nachdem er ſo viele gemacht hatte. Die Vorſtadt Saint Germain und der Pa⸗ villon Maran wünſchten Herrn Delavau wegen ſeiner Frömmigkeit zum Polizeipräfekten. Cuvier, ein Auge auf die Geneſis und das andere auf die Natur gerichtet, ſtrengt ſich an, der bigotten Reaction zu gefallen, indem er die Foſſilien mit dem Bibeltexte in Uebereinſtünmung brachte und Moſes durch die Maſtodonten ſchmeicheln ließ. Der Abbe Grégoire, ehemaliger Biſchof, ehemaliges Convents⸗ mitglied, ehemaliger Senator, war in der royaliſtiſchen Po⸗ lemik zum nichtswürdigen Grégoire geworden. Unter dem dritten Bogen des Pont de Jena konnte man an ſeiner Weiße noch den neuen Stein erkennen, mit welchem zwei Jahre zuvor das Minenloch ausgefüllt worden war, welches Blücher hatte machen laſſen, um die Brücke zu ſprengen. Die Juſtiz forderte vor ihre Schranken einen Menſchen, der, als er den Grafen d'Artois in Notre⸗Dame eintreten ſah, laut geſagt hatte: Sapristi! Ich beklage die Zei⸗ ten, zu denen ich Bonaparte und Talma Arm in Arm den Ball Sauvage betreten ſah. Eine auf⸗ rühreriſche Aeußerung. Sechs Monate Gefängniß. Verräther zeigten ſich mit offener Bruſt. Menſchen, die den Tag vor einer Schlacht zum Feinde übergegangen waren, verbargen nicht die Belohnung, die ſie dafür em⸗ pfingen und zeigten ſich ſchamlos bei hellem Sonnenſchein in dem Cinismus der Reichthümer und der Würden. De⸗ ſerteure von Ligny und Quatre⸗Bras legten in der ſcham⸗ loſen Entblößung ihrer bezahlten Nichtswürdigkeit ihre monarchiſche Ergebenheit ganz nackt dar. Sie vergaßen, was in England über die innere Mauer der öffentlichen Ab⸗ tritte geſchrieben iſt: Man bittet die Kleidung in Ordnung zu bringen, ehe man dieſen Ortverläßt. Das iſt bunt untereinander, Alles, was verworren im iele Pa⸗ iner auf engt die chte Der nts⸗ Po⸗ dem iner zwei ches gen. hen, eten ei⸗ auf⸗ hen, ngen em⸗ hein — De⸗ m⸗ ihre ßen, Ab⸗ 189 Jahre 1817 oben auf ſchwamm, jetzt vergeſſen. Die Ge⸗ ſchichte vernachläſſigt beinahe alle dieſe Einzelnheiten und kann nichts anderes thun; das Unendliche trägt den Sieg davon. Dieſe Einzelnheiten jedoch, die man mit Unrecht klein nennt— es giebt weder kleine Thatſachen in der Menſchheit, noch kleine Blätter in der Vegetation— ſind nützlich. Aus der Phyſigonomie der Jahre beſteht das Antlitz des Jahrhunderts. Im Jahre 1817 führten vier junge Pariſer eine hübſche Poſſe auf. W Ein doppeltes Quartett. Dieſe Pariſer waren der Eine von Toulouſe, der An⸗ dere»on Limoges, der Dritte von Cahors und der Vierte von Montaban. Aber ſie waren Studenten und wer Stu⸗ dent ſagt, der ſagt Pariſer; in Paris ſtudiren, heißt in Paris geboren ſein. Dieſe jungen Leute waren unbedeutend; alle Welt hat derg eichen Geſichter geſehen; eine Probe von dem Erſten Beſten; weder gut noch ſchlecht, weder gelehrt noch un⸗ wiſſend, weder Genies noch Dummköpfe; ſchön durch jenen reizenden April, den man zwanzig Jahre nennt. Es waren irgend welche vier Oscars; denn in jener Zeit exiſtirten die Arthurs noch nicht. Verbrennt für ihn die Wohl⸗ gerüche Arabiens, ſagte die Romanze, Oskar kommt; 190 Oskar! Ich werde ihn ſehen! Man verließ den Oſſian; die Eleganz war fkandinaviſch und caledoniſch; die rein engliſche ſollte erſt ſpäter vorwiegend werden, und der erſte der Arthurs, Wellington, hatte kaum die Schlacht von Waterloo gewonnen. Dieſe Oskars hießen der Eine Felix Tholomhès von Toulouſe; der Andere Liſtolier von Cahors; der Dritte Fameuil von Limoges; der Letzte Blachevelle von Montau⸗ ban. Natürlich hatte Jeder ſeine Geliebte. Blachevelle liebte Favourite, ſo genannt, weil ſie nach England gegangen war; Liſtolier betete Dahlia an, die jenen Spottnamen, den Namen einer Blume angenommen hatte; Fameuil vergötterte Zéphine, eine Abkürzung von Joſephine; Tholomyes hatte Fantine, genannt die Blonde, wegen ihres ſchönen ſonnen⸗ farbigen Hasres. Favourite, Dahlia, Zéphine und Fantine waren vier entzückende Mädchen; parfumirt und freudeſtrahlend. Noch ein wenig Arbeiterinnen; denn ſie hatten ihre Nadeln, welche durch die Liebſchaften vernachläſſigt wurden, nicht ganz bei Seite gelegt, allein in ihren Geſichtern zeigte ſich noch ein Reſt des Ernſtes der Arbeit und in ihrer Seele jene Blüthe der Rechtſchaffenheit, welche bei dem Weibe den erſten Fall überlebt. Eine von den Vieren nannte man die Junge, weil ſie die Jüngſte war. Eine nannte man die Alte; die Alte zählte dreiundzwanzig Jahr. Um nichts zu verhehlen, waren die drei erſten erfahrener, ſorgloſer und flüchtiger in dem Ge⸗ räuſch des Lebens als Fantine, die Blonde, die noch bei ihrer erſten Illuſion ſtand. Dahlia, Zéphine, und beſonders Favourite, hätten das nicht von ſich ſagen können. Ihr kaum begonnener Roman hatte ſchon mehr als eine Epiſode, und der Liebhaber, der ſich im erſten Kapitel Adolph nannte, hieß im zweiten Al⸗ phons und im dritten Guſtav. Armuth und Koketterie ſind zwei verhängnißvolle Rathgeberinnen. Die eine grollt, die erte atte 191 andere ſchmeichelt; und den ſchönen Mädchen des Volkes flüſtern beide leiſe in die Ohren, jede von ihrer Seite. Dieſe ſchlecht bewachten Seelen lauſchen. Daher ihr Fallen und die Steine, die man auf ſie wirft. Man überhäuft ſie mit der Reinheit alles Deſſen, was unbefleckt und un⸗ zugänglich iſt. Ach! wenn die Jungfrau Hunger hätte! Favourite, die in England geweſen war, hatte zu Be⸗ wunderinnen Zéphine und Dahlia. Schon ſehr früh hatte ſie ihre eigene Wohnung gehabt. Ihr Vater war ein alter, roher Profeſſor der Mathematik, der den Prahler machte; unverheirathet, ſeines Alters ungeachtet, noch Stunden umherlaufend. Als dieſer Profeſſor noch jung war, ſah er eines Tages das Kleid einer Kammerzofe an einen Ofen⸗ ſchirm hängen bleiben; er wurde über dieſen Vorfall ver⸗ liebt. Daraus entſprang Favourite. Sie begegnete von Zeit zu Zeit ihrem Vater, der ſie grüßte. Eines Morgens trat ein altes Weib von ſtrengem Ausſehen bei ihr ein und ſagte:„Sie kennen mich nicht, Fräulein?“—„Nein.“ —„Ich bin Deine Mutter.“— Dann öffnete die Alte den Speiſeſchrank, trank und aß, ließ eine Matratze, die ihr gehörte, bringen, und quartierte ſich ein. Dieſe Mutter, mürriſch und fromm, ſprach nie mit Favourite, ſaß ſtundenlang, ohne ein Wort zu äußern, frühſtückte, aß zu Mittag und zu Abend für Vier, und ging dann zu dem Portier hinab, bei dem ſie Uebles von ihrer Tochter ſprach. Was Dahlia zu Liſtolier hingezogen hatte, zu Andern vielleicht auch, zu der Unthätigkeit, war, daß ſie zu hübſche roſenrothe Nägel hatte. Wie kann man ſolche Nägel ar⸗ beiten laſſen? Wer tugendhaft bleiben will, darf mil ſeinen Händen kein Mitleid haben. Was Zéphine betrifft, ſo hatte ſie Fameuil durch das ſchmeichelnde und liebkoſende Weſen gewonnen, mit dem ſie ſagte:„Ja, mein Herr.“ Da die jungen Leute Kameraden waren, wurden die 192 jungen Mädchen Freundinnen. Dergleichen Liebſchaften ſind ſtets mit ſolchen Freundſchaften gefüttert. Tugendhaft und philoſophiſch iſt Zweierlei; was dies beweiſt, iſt, daß, mit jeder Zurückhaltung über dieſe kleinen unregelmäßigen Haushaltungen ſei es geſagt, Favourite, Zéphine und Dahlia philoſophiſche Mädchen waren, Fan⸗ tine aber ein tugendhaftes Mädchen. Tugendhaft? wird man ſagen. Und Tholomyés? Salomo würde antworten, daß die Liebe einen Theil der Tugend bildete. Wir beſchränken uns darauf, zu ſagen, daß die Liebe Fantinen's eine erſte, eine ausſchließliche, eine treue Liebe war. Sie war die Einzige von den Vieren, welche nur von einem Einzigen Du genannt wurde. Fantine war eines jener Weſen, wie deren, ſo zu ſagen, der Tiefe des Volkes erblühen. Entſprungen aus einer un⸗ erforſchlichen Tiefe der geſellſchaftlichen Dunkelheit, trug ſiè auf der Stirn das Zeichen des Anonymen und des Unbe⸗ kannten. Sie war in M. in M. geboren. Von welchen Eltern? Wer konnte das ſagen? Man hatte niemals weder ihren Vater, noch ihre Mutter gekannt. Sie hieß Fantine. Weshalb Fantine? Man hatte nie einen anderen Namen von ihr gekannt. Zur Zeit ihrer Geburt exiſtirte das Di⸗ rectorium noch. Kein Familiennamen; ſie hatte keinen Fa⸗ milien⸗, keinen Taufnamen; die Kirche war nicht. Sie nannte ſich wie es dem erſten Vorübergehenden, der ihr begegnete, als ſie noch ganz klein barfuß durch die Straßen ging, ſie zu nennen beliebte. Sie nahm den Namen hin, wie ſie das Waſſer der Wolken auf die Stirne hinnahm, wenn es regnete. Alle nannten ſie die kleine Fantine. Nie⸗ mand wußte mehr von ihr. Dieſes menſchliche Geſchöpf war auf ſolche Weiſe in das Leben gekommen. Mit zehn Jahren verließ Fantine die Stadt und trat in Dienſt bei Pächtern der Nachbarſchaft. Mit fünfzehn Jahren kam ſie n ſind dies leinen ourite, Fan⸗ mhes? il der ſagen, fliche u von ſagen, ter un⸗ ng ſis lnbe elchen weder antine. Namen s Di⸗ en F⸗ Sie et ihr trßen nhin, mahl, Nie⸗ ſchöpf tjehr ſt bei an ſi 193 nach Paris,„das Glück zu ſuchen“. Fantine war ſchön und blieb rein, ſo lange ſie konnte. Sie war eine hübſche Blondine mit ſchönen Zähnen. Zur Ausſteuer hatte ſie Gold und Perlen; aber das Gold war anf ihrem Kopfe und die Perlen waren in ihrem Munde. Sie arbeitete, um zu leben, dann immer wieder, um zu leben— denn auch das Herz kennt ſeinen Hunger— liebte ſie. Sie liebte Tholomhès. Liebſchaft für ihn, Leidenſchaft für ſie. Die Straßen des Quartier latin, welche der Ameiſenhaufen der Studenten und der Griſetten anfüllt, ſahen den Anfang dieſes Traumes. Fantine war in jenem Gewirr der Hügel des Pantheons, wo ſo viel Abenteuer angeknüpft und ge⸗ löſt werden, lange vor Tholomyes geflohen, aber auf eine ſolche Weiſe, daß ſie ihm ſtets wieder begegnete.„Es giebt eine Art, zu vermeiden, die ſehr dem Aufſuchen gleicht. Kurz, das Hirtengedicht fand ſtatt. Blachevelle, Liſtolier und Fameuil bildeten eine Art von Gruppe, deren Haupt Tholomyés war. Er hatte Geiſt. Tholomyès war der antike alte Student, er war reich. er hatte 4000 Francs Rente; 4000 Francs Rente, das iſt ein glänzendes Aergerniß in dem Studentenviertel. Tholomyes war ein ſchlecht erhaltener Lebemann von drei⸗ ßig Jahren. Er war runzlich und zahnlos; er machte den Anfang mit einer Kahlköpfigkeit, von welcher er ſelbſt ohne Traurigkeit ſagte:„Kahlkopf mit dreißig Jahren, Querkopf mit vierzig.“ Er verdaute mangelhaft und hatte triefende Augen. Allein in dem Maße, wie ſeine Ju⸗ gend abnahm, nahm ſeine Heiterkeit zu; er erſetzte ſeine Zähne durch Späße, ſeine Haare durch die Freude, die Geſundheit durch die Ironie und ſein weinendes Ange lachte Die Elenden. 1. 13 unabläſſig. Er war verfallen, aber ganz blühend. Seine Jugend, welche vor dem Alter ihre Zelte abriß, zog ſich in guter Ordnung zurück, in Gelächter ausbrechend und man erblickte von ihr nichts als Feuer. Es war ein Stück von ihm im Vaudeville zurückgewieſen worden. Er machte hier und dort einige Verſe. Ueberdies zweifelte er in höchſtem Grade an Allem. Eine große Kraft in den Augen der Schwachen. Da er alſo ironiſch und kahlköpfig war, wurde er das Haupt. Iron iſt ein engliſches Wort, wel⸗ ches Eiſen bedeutet. Sollte davon vielleicht Jronie her⸗ kommen? Eines Tages nahm Tholomyès die andern Drei bei Seite, machte die Bewegung des Geheimnißvollen und ſagte: „Es iſt beinahe ein Jahr, daß Fantine, Dahlia, Ze⸗ phire und Favourite von uns verlangen, ihnen eine Ueber⸗ raſchung zu bereiten. Wir haben ſie ihnen feierlich zuge⸗ ſagt. Sie ſprechen beſtändig davon zu uns, beſonders zu mir. Ebenſo wie in Neapel die alten Weiber dem heiligen Januarius zuſchreien: Faccia giallutta, fa o miraculo! — Gelbgeſicht, thue Dein Wunder, ſagen unſere Schönen beſtändig: Tholomyès, wann wirſt Du mit Deiner Ueber⸗ raſchung niederkommen? Zugleich ſchreiben uns unſre Eltern; eine Säge von beiden Seiten. Der Augenblick ſcheint mir gekommen; plaudern wir.“ Darauf ſenkte Tholomyés die Stimme und ſprach ge⸗ heimnißvoll etwas ſo Luſtiges aus, daß ein umfaſſendes und enthuſiaſtiſches Gelächter zugleich aus jedem Munde der Vier ertönte und Blachevelle ausrief:„Das iſt ein Ge⸗ danke!“ Ein mit Rauch erfülltes Eſtaminet zeigte ſich; ſie traten in daſſelbe ein und der übrige Theil ihrer Conferenz ver⸗ lor ſich in die Dunkelheit. Das Reſultat dieſer Dunkelheit war eine glänzende Landparthie, die den Sonntag darauf ſtattfand, und zu welcher die vier jungen Leute die vier jungen Mäbchen ein⸗ ladeten. III. Vier und Vier. Was eine Landparthie von Studenten und Griſetten vor fünfundvierzig Jahren war, davon kann man ſich jetzt ſchwer einen Begriff machen. Paris hat nicht mehr dieſelben Umgebungen; das Anſehen deſſen, was man das circum⸗ pariſche Leben nennen könnte, hat ſich ſeit einem halben Jahrhundert gänzlich verändert. Wo der Kuckuk(ein Paris eigenthümlicher Wagen) war, iſt jetzt der Waggon; wo die Poſt⸗Yacht war, iſt jetzt das Dampfſchiff; man ſagt heut⸗ zutage Fécamp, wie man ſonſt ſagte Saint⸗Cloud. Das Paris von 1862 iſt eine Stadt, welche ganz Frankreich zur Bannmeile hat. Die vier Paare vollbrachten gewiſſenhaft alle damals mög⸗ lichen ländlichen Thorheiten. Die Ferien hatten ſoeben begonnen und es war ein heiterer warmer Sommertag. Die alte Favourite, die Einzige, welche ſchreiben konnte, hatte im Namen aller vier an Tholomyès geſchrieben: „Es iſt ein Glück, früh aufzubrechen.“ Deshalb ſtanden ſie um 5 Uhr Morgens auf. Dann zogen ſie nach Saint⸗ Cloud mit der Landkutſche, ſahen ſich den trockenen Waſſer⸗ fall an und riefen:„das muß ſehr ſchön ſein, wenn Waſſer darin iſt,“ frühſtückten in der Téte⸗Noire, wo Caſtaing noch nicht geweſen war; bezahlten ein Ringſpiel auf dem 0 196 Dreieck am großen Baſſin, ſtiegen in die Laterne des Diogenes hinauf, ſpielten um Macronen auf dem Roulett der Sovres⸗Brücke, pflückten Bouquets in Puteaux, kauften Flöten in Neuilly, aßen überall Kuchen und waren voll⸗ kommen glücklich. Die jungen Mädchen waren brauſend und plappernd, wie aus dem Käfig entſchlüpfte Grasmücken. Es war ein vollkommener Wahnſinn. Zu Zeiten gaben ſie den jungen Leuten kleine Klapſe. Morgentrunkenheit des menſchlichen Lebens! Bewundernswürdige Jahre! Die Flügel der Li⸗ bellen erzittern. O, wer Ihr auch ſeid, erinnert Ihr Euch deſſen? Seid Ihr durch das Gebüſch gegangen, die Zweige ſorgfältig zurückbiegend wegen des lieblichen Kopfes, der hinter Euch kam? Seid Ihr lachend auf irgend einer von dem Regen naſſen Anhöhe einem geliebten Mädchen ausgeglitten, das Euch bei der Hand zurück hielt und aus⸗ rief:„Ach meine ganz neuen Stieſelchen In welchem Zu⸗ ſtande ſind ſie!“ Sagen wir ſogleich, daß der heitere Uebelſtand, ein Regenſchauer, dieſer wohlgelaunten Geſellſchaft fehlte, ob⸗ gleich Favourite mit einem belehrenden und mütterlichen Tone bei dem Aufbruch geſagt hatte:„die Schnecken triechen über die Fußſteige, ein Zeichen des Regens, meine Kinder.“ Alle vier waren zum Verlieben hübſch. Ein guter alter claſſiſcher Dichter, der damals berühmt war, ein ehrlicher Menſch, welcher eine Leonore hatte, der Chevalier von Lo⸗ bouiſſe, irrte an dieſem Tage unter den Maronenbäumen von Saint⸗Cloud umher, ſah ſie gegen 10 Uhr Morgens vorüber kommen und rief:„Es iſt Eine zu viel!“ indem er an die Grazien dachte. Favourite, die Freundin Blache⸗ velle's, die von dreiundzwanzig Jahren, die Alte, lief voran unter den grünen Zweigen, ſprang über die Gräben, drängte ſich unbeſonnen durch die Gebüſche und führte dieſe 197 Heiterkeit mit der Kraft einer jungen Faunin an. Zephine und Dahlia, welche der Zufall auf ſolche Weiſe ſchön ge⸗ bildet hatte, daß ſie ſich gegenſeitig näherten und ſich ver⸗ vollſtändigten, verließen ſich nicht, noch mehr aus Inſtinkt der Koketterie, als aus Freundſchaft, und Eine auf die Andere gelehnt nahmen ſie engliſche Haltung an. Die erſten Keapſakes waren ſoeben erſchienen; die Melancholie war für die Frauen modiſch, wie ſpäter der Byronismus für die Männer, und die Haare des zarten Geſchlechts begannen lang herabzuhängen wie Trauerweiden. Zephine und Dahlia hatten einen Kopfputz mit Wickeln; Liſtolier und Fameuil vertieften ſich in einen Streit über ihre Profeſſoren und erklärten Fantine den Unterſchied, der zwiſchen Herrn Del⸗ vincourt und Herrn Blondeau beſtand. Blachevelle ſchien ganz beſonders dazu geſchaffen zu ſein, auf ſeinem Arme am Sonntag den ſchadhaften Ter— naux⸗Shawl Favourite's zu tragen. Tholomyos folgte, die Gruppe beherrſchend. Er war ſehr heiter, doch man fühlte in ihm den Führer; es lag etwas von Dictatur in ſeiner Luſtigkeit; ſein vorzüglichſter Schmuck war ein Nankingbeinkleid mit Elephantenbeinen und Stege von geflochtenem Leder; in der Hand trug er einen gewaltigen Bambusſtock zu Zweihundert Francs, und da er ſich Alles geſtattete, hatte er im Munde ein ſonder⸗ bares Ding, Cigarre genannt. Nichts war ihm heilig; er rauchte. „Dieſer Tholomhes iſt ſtaunenerregend“, ſagten die An⸗ dern voll Ehrerbietung.„Was für Pantalons! Welche Energie!“ Fantine war die Freude ſelbſt. Ihre glänzenden Zähne hatten offenbar von Gott ein Amt erhalten: das Lachen. Sie trug lieber in der Hand als auf dem Kopfe ihren kleinen genähten Strohhut mit langen weißen Bändern. Ihre dichten langen Haare, die dazu geneigt waren, herum⸗ 198 zuflattern und leicht aufgingen, ſo daß ſie ſie beſtändig be⸗ feſtigen mußte, ſchienen für die Flucht der Galatea unter den Weiden geſchaffen zu ſein. Ihre roſigen Lippen plau⸗ derten voll Zauber. Die Winkel ihres Mundes, wollüſtig heraufgezogen, wie die bei den antiken Geſichtern der Eri⸗ gone, ſchienen zu Kühnheiten zu ermuthigen; aber ihre lan⸗ gen dunklen Augenwimpern ſenkten ſich beſcheiden über die⸗ ſes Toben des untern Geſichtstheiles, wie um hab' Acht zu rufen. Ihr ganzer Anzug hatte etwas Singendes und Flammendes. Sie trug ein Kleid von malvenfarbiger Ba⸗ rège, kleine braunrothe Hackenſchuhe, deren Bänder ein X auf ihren feinen durchbrochenen weißen Strümpfen bildeten, und jene Gattung von Mouſſelinſpencer, eine Marſeiller Erfindung, deren Name Canezou, eine Verunſtaltung der Worte quinze aont(15. Auguſt) wie es in der Canne⸗ bière ausgeſprochen wird, bedeutete ſchönes Wetter, Wärme und Mittag, die drei Anderen, welche, wie wir fagten, we⸗ niger ſchüchtern waren, hatten ausgeſchnittene Kleider, was im Sommer unter blumengeſchmückten Hüten viel Anmu⸗ thiges und Verlockendes hat. Aber neben dieſen kühnen Kleidungen ſchien der Canezou der blonden Fantine mit ſeiner Durchſichtigkeit, ſeiner Verrätherei und ſeiner Zu⸗ rückhaltung, zugleich verbergend und zeigend, eine heraus⸗ fordernde Erfindung des Anſtandes zu ſein, und der be⸗ rühmte Liebeshof, in welcher die Gräfin von Cette mit den meergrünen Augen den Vorſitz führte, würde vielleicht dieſen Canezon, der für die Keuſchheit eintrat, den Preis der Koketterie verliehen haben. Das uneſaſn iſt zu⸗ weilen das Erfahrenſte. Dergleichen kommt vor. Glänzend von Geſicht, zart im Profil, die Augen dun⸗ kelblau, die Augenwimper ſtark, die Füße gewölbt und klein, die Handgelenke und die Knöchel bewunderungswürdig an⸗ geſetzt, die Haut weiß, hier und dort mit blauen Aederchen durchzogen, die Wange kindlich und friſch, der Hals kräf⸗ 199 tig wie bei der äginätiſchen Juno, die Schultern wie von Couſton modellirt, in der Mitte mit einem wollüſtigen Grüb⸗ chen, ſichtbar durch den Mouſſelin; eine mit Träumen angehauchte Luſtigkeit; eines Bildhauers würdig; ſo war Fantine und man errieth unter dieſem Putz und dieſen Bändern einen Körper und in dieſem Körper eine Seele. Fantine war ſchön, ohne es allzuſehr zu wiſſen. Die ſeltenen, dunklen, geheimnißvollen Prieſter des Schönen, welche ſtillſchweigend Alles mit der Vollkommenheit ver⸗ glichen, hätten in dieſer kleinen Arbeiterin, unter der Durch⸗ ſichtigkeit der Pariſer Anmuth, den antiken heiligen Wohl⸗ klang erkannt. In dieſem Mädchen des Volkes lag Race. Sie war ſchön in der doppelten Art, im Styl und im Rhytmus. Der Sthl iſt die Form des Idealen; der Rhytmus iſt die Bewegung deſſelben. Wir ſagten, daß Fantine die Freude ſelbſt war; Fan tine war auch die Schamhaftigkeit. Für einen Beobachter, der ſie aufmerkſam ſtudirt hätte, wäre das, was ſich bei all dieſer Trunkenheit der Jugend, der Jahreszeit und der Liebe zeigte, ein ſichtlicher Aus⸗ druck der Zurückhaltung und der Beſcheidenheit geweſen. Sie war etwas verwundert. Dieſes keuſche Staunen iſt das, was die Pſyche von der Venus treunt. Fantine hatte die langen, weißen und feinen Finger der Veſtalin, welche die Aſche des heiligen Feuers mit einer goldenen Nadel rührt. Obgleich ſie, wie man allzu ſehr ſehen wird, Tho⸗ lomyes nichts verweigert hatte, ſo war doch ihr Geſicht im Zuſtande der Ruhe im höchſten Grade jungfräulich; eine Art ernſter und beinahe ſtrenger Würde überzog es plötzlich zu gewiſſen Stunden, und nichts war ſonderbarer und be⸗ unruhigender, als die Heiterkeit dabei verſchwinden und die Stimmung ohne Uebergang der Luſtigkeit folgen zu ſehen. Dieſer plötzliche Ernſt, der ſich zuweilen ſtreng ausſpricht, 200 gleicht ver Geringſchätzung einer Göttin. Ihre Stirne, ihre Naſe und ihr Kinn zeigte jenes Gleichgewicht der Linien, das ſehr verſchieden von dem Gleichgewicht des Verhält⸗ niſſes iſt, und aus dem die Harmonie des Gefühls ent⸗ ſpringt. In dem charakteriſtiſchen Zwiſchenraume, der den unteren Theil der Naſe von der Oberlippe trennt, hatte ſie jene unbemerkliche und reizende Falte, das myſteriöſe Zeichen, welches Barbaroſſa verliebt in eine Diana machte, die in den Ausgrabungen von Iconium gefunden wurde. Die Liebe iſt ein Fehltritt; ſei es. Fantine war die Unſchuld, die über den Fehltritt ſchwebte. Tholomyos iſt ſo luſtig, daß er ein ſpaniſches Lied ſingt. Dieſer Tag war von einem Ende bis zum andern aus Morgenröthe gebildet. Die ganze Natur ſchien auf Urlaub gegangen zu ſein und zu lachen. Die Blumenbeete von Saint⸗Cloud hauchten Wohlgerüche aus; der leiſe Wind der Seine bewegte ein wenig die Blätter; die Zweige geſti⸗ culirten in dem Winde, die Bienen plünderten den Jasmin; eine ganze Zigeunerbande von Schmetterlingen ließ ſich auf die Schafgarbe, den Klee und den wilden Hafer nieder. Es gab in dem erhabenen Parke des Königs von Frankreich eine Maſſe Vagabonden, die Vögel. Die vier munteren Paare, gemiſcht mit der Sonne, ied 201 den Feldern, den Blumen und den Bäumen, glänzten vor Freude. und in dieſer Gemeinſchaft des Paradieſes plaudernd, ſingend, laufend, tanzend, Schmetterlinge jagend, Winden pflückend, ihre roſig durchbrochenen Strümpfe in dem hohen Graſe feucht machend, friſch, thöricht, durchaus nicht bos⸗ haft, empfingen Alle dann und wann die Küſſe Aller, aus⸗ genommen Fantine, welche ſich in den träumeriſchen und wilden Widerſtand zurückzog und welche liebte.—„Du,“ ſagte Favourite zu ihr,„Du haſt immer ſo etwas Eigenes!“ Das ſind Freuden. Dieſes Vorüberkommen glücklicher Paare iſt ein vielſagender Aufruf an das Leben und an die Natur und entlockt Allen Liebkoſung und Licht. Es gab einmal eine Fee, welche die Wieſen und die Bäume aus⸗ drücklich für die Liebenden ſchuf. Daher dieſes ewige Auf⸗ ſuchen der Bäume und der Wieſen durch die Liebenden, ſo lange es Bäume, Wieſen und Liebende geben wird. Daher die Beliebtheit des Frühlings bei den Denkern. Der Patricier und der Scheerenſchleifer, der Herzog und Pair und der Rechtsverdreher, die Leute des Hofes und die Leute der Stadt, wie man ehedem ſagte, Alle ſind dieſem Feſt unterworfen. Man lacht, man ſucht ſich, es herrſcht in der Luft eine Klarheit der Apotheoſe; welche Transfiguration, zu lieben! Die Schreiber, die Notare ſind Götter. Und die kleinen die Verfolgungen auf dem Graſe, die flüchtig umfaßten Taillen, die Redens⸗ arten, welche Melodieen ſind, die Anbetungen, welche ſich in der Art, eine einzige Silbe auszuſprechen, äußern, die Kirſchen von einem Munde dem andern entreißen, Alles das flammt und geht in himmliſcher Ruhe über. Die ſchönen Mädchen verſchleudern ſich ſelbſt auf eine ſüße Weiſe. Man ſollte glauben, das könnte nie ein Ende neh⸗ men. Die Philoſophen, die Dichter, die Maler betrachten dieſe Entzückungen und wiſſen nicht, was ſie daraus machen ſollen, ſo ſehr werden ſie dadurch geblendet. Der Aufbruch nach Cythere! rief Watteau; Lancret, der Maler des Bürgerſtandes, betrachtet dieſe Bürger, die ſich in das Blaue aufſchwingen; Diderot ſtreckt allen dieſen Leiden⸗ ſchaften die Arme entgegen und d'Urfé miſcht Druiden hinein. Nach dem Frühſtück waren die vier Paare nach dem Platze, den man damals das Viereck des Königs nannte, gegangen, um eine Pflanze zu beſehen, die erſt kürzlich aus Indien gekommen war und deren Name uns in dieſem Augenblicke entfallen iſt, die aber damals ganz Paris nach Saint⸗Cloud zog. Es war ein eigenthümliches und reizendes Strauchgewächs auf einem hohen Stiel, deſſen zahlloſe Zweige, fein wie Fäden, ohne Blätter, mit einer Million kleiner, weißer Fleckchen bedeckt waren; dadurch ſah der Strauch aus, wie ein mit Blumen beſtreuter Haarkopf. Er war ſtets von einer bewundernden Menge umgeben. Als die Pflanze beſehen war, rief Tholomhes:„Ich biete Eſel an!“ und nach dem Abkommen mit den Eſel⸗ treibern waren ſie über Vanvres und Iſſy zurückgekehrt. In Iſſh ein Ereigniß. Der Park, ein Nationalgut, welches in jener Zeit der Armeelieferant Bourguin beſaß, war zu⸗ fällig geöffnet. Sie durchſchritten das Gitterthor, beſuchten die Puppe des Einſiedlers in ſeiner Grotte, machten eine Probe mit den geheimnißvollen Wirkungen des berüchtigten Spiegelkabinets, jener lascifen Falle eines Sathrs, der Millionair geworden, oder Turcaret, metamorphiſirt in Priap. Kräftig ſchüttelten ſie das große Schaukelnetz, welches an den beiden Kaſtanienbäumen befeſtigt war, die durch den Abbé von Bernis berühmt geworden ſind. In⸗ dem ſie darin die Schönen, Eine nach der Anderen, ſchau⸗ kelten, wodurch unter allgemeinem Gelächter Faltenwürfe der Röcke entſtanden, durch die Greuze ſeine Rechnung ge⸗ funden hätte, ſang der Toulouſer Tholomyeès, ein wenig — 203 Spanier, weil Toulouſe eine Couſine von Toloſa iſt, nach einer melancholiſchen Weiſe den alten Geſang gallega, zu dem wahrſcheinlich irgend eine Schöne begeiſterte, die auf einem Seile zwiſchen zwei Bäumen in die Höhe geſchleu⸗ dert wurde: Soy de Badajoz, Amor me Ilama, Toda mi Alma Us en mis ojos Porque ensefas A tus piernas. Fantine allein wollte ſich nicht ſchaukeln laſſen. „Ich liebe es nicht, wenn man ſolch ein Weſen macht,“ murmelte Favourite ziemlich bitter. Als die Eſel verlaſſen waren, neue Freude; man fuhr im Kahne über die Seine und von Paſſy aus erreichten ſie zu Fuß die Barrière de pEtoile. Sie waren wie man ſich erinnern wird, ſeit fünf Uhr Morgens auf den Beinen, aber„bah! es giebt Sonntags keine Ermüdung“ ſagte Favourite;„Sonntags arbeitet die Anſtrengung nich Gegen drei Uhr wollten die vier Paare, außer ſich vor Glück, die ruſſiſchen Berge hinab. Ein ſonderbares Ge⸗ bäude, welches damals die Höhe von Beaujon einnahm und deren geſchlängelte Alleen man unter die Bäume der Champs⸗Elyſées hin erblickt. Von Zeit zu Zeit rief Favourite: „Und die Ueberraſchung? Ich verlange die Ueber⸗ raſchung!“ „Geduld!“ antwortete Tholomheès. . Bei Bombarda. Als die ruſſiſchen Berge erſchöpft waren, dachte man an das Mittagseſſen, und die freudeſtrahlenden Acht, die endlich etwas ermüdet waren, ließen ſich in dem Cabaret Bombarda nieder, einer Commandite, welche in den Champs Elyſées der berühmte Reſtaurateur Bombarda eingerichtet hatte, deſſen Firma man damals in der Rue de Rivoli ne⸗ ben dem Durchgange Delorme erblickte. Ein großes aber häßliches Zimmer mit einem Alkoven und einem Bett im Hintergrunde(wegen der Ueberfüllung am Sonntag hatte man dieſen Platz annehmen müſſen), zwei Fenſter, aus denen man zwiſchen Ulmen hindurch, auf den Quai und den Fluß ſehen konnte, ein prachtvoller Au⸗ guſtſonnenſtrahl die Fenſter ſtreifend; zwei Tiſche, auf dem einen ein triumphirender Berg von Bongquets, gemiſcht mit Männer⸗ und Frauenhüten; an dem andern vier Paare ſitzend und eine heitere Anhäufung von Schüſſeln, Tellern, Gläſern und Flaſchen, Bierkrüge gemiſcht mit Weinkaraffen; Wenig Ordnung auf dem Tiſche, einige Unordnung dar⸗ unter. Unter dem Tiſche vollführten ſie einen entſetzlichen Lärm, ein Gemiſch der Füße ſagte Molière. Dahin war um 4 ein halb Uhr Nachmittags, das um 5 Uhr Morgens begonnene Hirtenbild gediehen. Die Sonne ſank, der Appetit nahm ab. Die Champs⸗Elyſées, erfüllt von Sonne und Menſchen, aret mp ichtet ne⸗ = oven lung ſen), auf Al 205 waren nichts mehr als Licht und Staub. Zwei Dinge, aus denen der Ruhm beſteht. Die Roſſe von Marly, jener wiehernde Marmor, bäumten ſich in einer goldenen Wolke. Die Equipagen fuhren hin und her. Eine Schwadron der prachtvollen Garde du Corps, die Trompeter an der Spitze, kam die Allee von Neuilly herab, die weiße Fahne, von der untergehenden Sonne roſig angehaucht, flatterte auf dem Dom der Tuilerien. Der Platz de la Concorde, wieder Platz Ludwig XV. geworden, war überfüllt mit zufriedenen Spaziergängern. Viele trugen an einem weißen Moiréband die ſilberne Lilie, welche 1817 noch nicht ganz aus den Knopflöchern verſchwunden war. Si der Mitte der Vorübergehenden, die einen Kreis bildeten und Beifall klatſchten, eine Zahl kleiner Mädchen, welche ein damals berühmtes bonvboniſtiſches Lied ſangen, dazu be⸗ ſtimmt, die huntert Tage in Grund und Boden zu ſchmettern, und das den Refrain hatte: Gebt uns den Vater von Gent zurück, Gebt uns unſern Vater. Eine Menge ſonntäglich geputzter Vorſtädter, zuweilen ſogar mit Lilien geſchmückt, wie die Bürger, waren auf dem großen Viereck und auf dem von Marignh vertheilt, ſpielten mit Pfeifen oder drehten ſich auf den hölzernen Pferden der Carouſſels; andere tranken, einige Druckerlehrlinge hatten Papiermützen, man hörte ihr Gelächter. Alle waren frendeſtrahlend. Es war eine Zeit unbeſtreitbaren Friedens und tiefer royaliſtiſcher Sicherheit; es war die Zeit, in welcher ein geheimer Specialbericht des Polizeipräfekten Anglès an den König über die Vorſtädte von Paris, mit den Zeilen ſchloß: „Alles wohl erwogen, Sire, iſt nichts von dieſen Men⸗ ſchen zu fürchten. Sie ſind ſorglos und träg, wie die Katzen. Das niedere Volk in den Provinzen iſt unruhig, das von Paris iſt es nicht. Es ſind ſämmtlich kleine 206 Menſchen. Sire, es wären zweie von ihnen erforderlich, Einer auf den Andern geſtellt, um einen Ihrer Grena⸗ diere zu geben. Es iſt Nichts zu fürchten von dem Pöbel der Hauptſtadt. Es iſt bemerkenswerth, daß die Größe des Wuchſes bei dieſer Bevölkerung ſeit fünf⸗ zig Jahren noch abgenommen hat; und das Volk. der Vorſtädte von Paris iſt kleiner wie vor der Revolution. Es iſt nicht gefährlich. Im Ganzen iſt es ein gutes Lumpengeſindel.“ Das eine Katze ſich in einen Löwen verwandeln könne, halten die Polizeipräfekten nicht für möglich; dennoch ge⸗ ſchieht es, und darin beſteht das Wunder des Pariſer Volkes. Die Katze, welche von dem Grafen Angleès ſo verachtet wurde, beſaß übrigens die Achtung der Republi⸗ kaner des Alterthums; ſie verkörperte in ihren Augen die Freiheit und gleichſam als Gegenſtück der ungeflügelten Minerva des Piräus gab es auf dem öffentlichen Platze von Corinth die coloſſale Bronce⸗Bildſäule einer Katze. Die treuherzige Polizei der Reſtauration ſah das Volk von Pa⸗ ris zu ſehr„im Schönen“. Der Pariſer iſt für den Fran⸗ zoſen das, was der Athenienſer für den Griechen war; Niemand ſchläft beſſer wie er; Niemand iſt aufrichtig fri⸗ voler wie er; Niemand hat mehr das Anſehen zu vergeſſen; man traue dem indeß nicht; er iſt geeignet zu jeder Art der Nachläſſigkeit, aber wenn Ruhm am Ende winkt, dann iſt er bewundernswürdig in jeder Art der Wuth. Man gebe ihm eine Pike und er wird dann den 10. Auguſt machen; man gebe ihm ein Gewehr, und er macht Auſterlitz. Er iſt der Stützpunkt Napoleons und die Hülfsquelle Dantons. Han⸗ delt es ſich um das Vaterland? Er tritt in die Reihen⸗ Handelt es ſich um die Freiheit? Er reißt das Pflaſter auf. Vorgeſehen! Seine zornerfüllten Haare ſind epiſch; ſeine Blouſe drapirt ſich zur Chlamyde“). Man nehme 3) Kriegskleid der römiſchen Patricier. 207 rlich, ſich in Acht. Aus der nächſten Rue Grénetat macht er ena⸗ ein caudiniſches Joch. Wenn die Stunde ſchlägt, wird dem dieſer Vorſtädter ſich vergrößern, dieſer kleine Menſch ſich die erheben, ſein Blick wird furchtbar, ſein Athem wird Sturm fünf und es entſtrömt aus der ſchwachen Bruſt Wind, um die der Alpen zu erſchüttern. Dank dem Vorſtädter von Paris tion. wird die Revolution, gemiſcht in die Armeen, Europa er gutes obern. Er ſingt und das iſt ſeine Freude. Man bringe ſeinen Geſang mit ſeiner Natur in Verhältniß, und man önne, wird ſehen! So lange er zu ſeinem Liede nur die Car magnole hat, wirft er blos Ludwig XVI. über den Haufen; laſſet ihm die Marſeillaiſe ſingen, und er wird die Welt befreien. Nachdem wir dieſe Anmerkung an den Rand von dem Berichte des Grafen Anglès geſchrieben haben, wollen wir zu unſeren vier Paaren zurückkehren. Das Mittagsmahl Platze ging zu Ende, wie wir geſagt haben. Die Fran⸗ war; gfri eſſen; rt der miſt V. gebe 3 mn Capitel, worin man ſich anbetet. Tafelſprüche und Liebesſprüche; die einen ſind ebenſo ien. ungreifbar wie die andern. Redensarten der Liebe ſind ſter Wolken, Redensarten bei Tiſch ſind Dunſt. tich Fameuil und Dahlia trällerten; Tholomhés trank, Ze⸗ phyne lachte, Fantine lächelte. Liſtolier blies in eine Holz⸗ 208 trompete, die er in St. Clond gekauft hatte. Favourite blickte Blachevelle zärtlich an und ſagte: „Blachevelle, ich bete Dich an.“ Dies führte zu der Frage Blachevelle's: „Was würdeſt Du thun, Favourite, wenn ich aufhörte, Dich zu lieben?“ „Ich!“ rief Favourite,„ſo, ſage das nicht, ſelbſt nicht im Spaß! Wenn Du aufhörteſt, mich zu lieben, würde ich Dir nachſpringen, Dich kratzen, krallen, Dich mit Waſſer begießen, Dich arretiren laſſen.“ Blachevelle lächelte mit der wollüſtigen Albernheit eines Menſchen, deſſen Eigenliebe man kitzelt. Favourite fuhr fort: „Ja, ich würde nach der Wache rufen! Wohl, ich würde mich nicht geniren! Canaille!“ Blachevelle warf ſich außer ſich auf ſeinen Stuhl zurück und ſchloß voll Stolz beide Augen. Dahlia ſagte eſſend während des Getöſes leiſe zu Favourite: „Du beteſt alſo Deinen Blachevelle ſehr an?“ „Ich? Ich verabſcheue ihn“, erwiderte; Favourite in dem nämlichen Tone, indem ſie ihre Gabel wieder ergriff. „Er iſt ein Geizhals. Ich liebe den Kleinen mir gerade S Er iſt ſehr hübſch dieſer junge Menſch; kennſt Du ihn? Man ſieht, daß er von der Art iſt, Schauſpieler zu ſein. Ich liebe die Schauſpieler. Sobald er nach Haus kommt, ſagt ſeine Mutter:„Ach mein Gott! meine Ruhe iſt verloren. Nun wieder ſchreien. Aber mein Freund, Du zerreißt mir den Kopf!— Weil er in das Haus geht, auf Böden mit Ratten, in ſchwarze Löcher, ſo hoch er ſteigen kann— und ſingen kann und declamiren, und was weiß ich Alles? Man hört ihn von unten! Er gewinnt ſchon 20 Sous täglich bei einem Advocaten dafür, daß er Chi⸗ canen ſchreibt. Er iſt der Sohn eines ehemaligen Sängers — wurite hörte, t nicht de ich Woſſer eines würde zurick ſe zu rgrif. erade kennſt pieler Hals Ruhe Du , auf teigen weiß ſchon Chi⸗ n ers 209 in St. Jacques du Haut⸗Pas, ach, er iſt ſehr hübſch. Er betet mich ſo an, daß er eines Tages, als er ſah, wie ich Stärke für den Krepp machte, zu mir ſagte: Fräulein, machen Sie Kräpfeln von Ihren Handſchuhen, und ich eſſe ſie. Nur Künſtler können ſolche Dinge ſagen. Ach er iſt ſehr hübſch. Ich bin im Zuge, wahnſinnig wegen des, Kleinen zu werden. Gleichviel, ich ſage Blache⸗ velle, daß ich ihn anbete. Wie ich lüge! Was? Wie ich lüge!“ Favourite machte eine Pauſe und fuhr vann fort: „Dahlia ſiehſt Du, ich bin traurig. Es hat den ganzen Sommer nichts gethan, als geregnet; der Wind verdrießt mich, der Wind vertreibt den Zorn nicht. Blachevelle iſt ſehr hitzig; kaum giebt es grüne Erbſen auf dem Mark man weiß nicht, was man eſſen ſoll. Ich habe den Spleen wie die Engländer ſagen. Die Butter iſt ſo theuer! und dann, ſiehſt Du, iſt es ein Gräuel. Wir eſſen an einem Orte, wo ein Bett ſteht, und das verleidet mir das Leben.“ VII. Weisheit des Tholomyés. ihrend Einige ſangen, plauderten die Andern tumul⸗ tariſch und Alle zugleich. Es war nichts mehr als Lärm Tholomhés intervenirte. „Sprechen wir nicht auf's Ungewiſſe, noch zu ſchnell“, rief er aus.„Ueberlegen wir, ob wir geiſtreich ſein wollen. Die Elenden. I. 14 Allzuviel Improviſation verdummt ſchnell den Geiſt. Bier, das rinnt, ſetzt kein Moos an. Meine Herren, keine Ueber⸗ ſtürzung. Miſchen wir die Majeſtät mit der Luſt; eſſen wir mit Sammlung, feſtiviren wir langſam. Wir brauchen uns nicht zu übereilen. Seht nur den Frühling; wenn er ſich beeilt, wird er verbrannt, das heißt verfroren. Das Uebermaß des Eifers verdirbt die Pfirſichen- und die Aprikoſenbäume. Das Uebermaß des Eifers tödtet die An⸗ muth und die Freude bei guten Mahlzeiten. Kein Eifer, meine Herren! Grimod de la Reynière iſt der Auſicht Talleyrand's“. Eine dumpfe Rebellion grollte in der Menge. „Tholomyès, laß uns zufrieden“, ſagte Blachevelle. „Nieder mit dem Tyrannen!“ rief Fameuil. „Bombarda, Bombance und Bamboche!“ ſchrie Liſtolier. „Der Sonntag exiſtirt“, nahm Fameuil mieder das Wort. „Wir ſind nüchtern“, fügte Liſtolier hinzu. „Tholomyes“, ſagte Blachevelle,„betrachte meine Ruhe (mon calme*).“ „Du biſt der Marquis dazu,“ antwortete Tholomheès. Dieſes ſehr mittelmäßige Wortſpiel macht die Wirkung eines Steines, der in den Sumpf geworfen wird. Der Marquis von Montcalme war ein damals berühmter Royaliſt. Alle Fröſche ſchwiegen. „Freunde,“ rief Tholomyès mit dem Tone eines Menſchen, der die Herrſchaft wiedergewinnt, erholt Euch. Dieſes vom Himmel gefallene Wortſpiel muß nicht mit zu viel Erſtaunen aufgenommen werden. Alles was auf dieſe Weiſe einfällt, iſt nicht nothwendiger Weiſe des Enthuſias⸗ mus und der Achtung würdig. Das Wortſpiel iſt der Miſt des fliegenden Geiſtes. Der Spaß fällt irgend wo hin, *) Unüberſetzbares Wortſpiel, welches indeß des Zuſammenhangs wegen nicht ausgelaſſen werden konnte. ort. he ung Der ter 211 und nachdem der Geiſt eine Dummheit hat fallen laſſen, ſchwingt er ſich in den Azur auf. Ein weißlicher Fleck, der ſich auf dem Fels breit füllt, hindert den Condor nicht an ſeinem Fluge. Weit ſei es von mir entfernt, das Wortſpiel zu ſchmähen. Ich ehre es im Verhältniß zu ſeinen Verdienſten; weiter nichts. Alles was es Erhabenes, Göttliches und Reizendes in der Menſchheit giebt, und vielleicht auch außer der Menſchheit, hat Wortſpiele gemacht. Jeſus Chriſtus machte ein Wortſpiel über den heiligen Petrus, Moſes über den Iſaak, Aeſchylus über Polycindes, Cleopatra über Octavian. Und merkt Euch, daß dieſes Wortſpiel Cleopatra's der Schlacht von Actium vorherging, und daß ohne daſſelbe ſich Niemand der Stadt Toryne erinnern würde, ein griechiſcher Name, welcher einen Koch⸗ löffel bedeutet. Dies zugegeben, kehre ich zu meiner Er⸗ mahnungsrede zurück. Meine Brüder, ich wiederhole es, kein Eifer, kein Miſchmaſch, kein Exceß, ſelbſt nicht in Aus⸗ fällen, Luſtigkeiten, in der Freude und in den Wortſpielen. Hört mich an. Ich beſitze die Klugheit des Amphiaraus und die Kahlköpfigkeit Cäſars. Es iſt eine Grenze nöthig ſelbſt für die Rebus. Est modus in rebus. Es iſt eine Grenze nöthig ſelbſt für die Mittagsmahlzeiten. Sie lieben die Apfelſchnittchen, meine Damen, doch mißbrauchen Sie dieſelben nicht. Es iſt geſunder Sinn und Kunſt er⸗ forderlich auch bei den Apfelſchnitten. Die Gefräßigkeit züchtigt die Gefräßigen. Gula punit gulax. Die Unver⸗ daulichkeit iſt durch den guten Gott damit beauftragt den Magen die Moral zu leſen. Und merken Sie ſich das: Jede unſerer Leidenſchaften, ſelbſt die Liebe hat einen Ma⸗ gen, den man nicht überfüllen darf. Bei allen Dingen muß man bei Zeiten das Wort finis ſchreiben; man muß ſich bezwingen, wenn es dringend nothwendig wird, den Riegel vor ſeinen Appetit ſchieben, ſeine Phantaſie ein— ſperren, und ſich ſelbſt auf den Poſten führen. Der Weiſe 14* 212 iſt der, welcher in einem gewiſſen Augenblicke ſeine Verhaf⸗ tung zu bewirken weiß. Habt Vertrauen zu mir. Weil ich einigermaßen meine Rechtsſtudien gemacht habe, wie meine Prüfungszeugniſſe es ſagen, da ich den Unterſchied kenne, der zwiſchen einer entſchiedenen und einer ſchwebenden Frage beſteht, weil ich in lateiniſcher Sprache eine Theſis über die Art und Weiſe vertheidigte, wie man in Rom die Tor⸗ tur gab zur Zeit, als Munatius Demens Quäſtor des Par⸗ ricides war, weil ich Doctor werde, wie es ſcheint, ſo folgt daraus nicht die Nothwendigkeit, daß ich ein Dummkopf bin. Ich empfehle Euch daher die Mäßigung in Euren Begier⸗ den. So wahr ich Felix Tholomyos heiße, ich ſpreche gut. Glücklich der, welcher, wenn die Stunde ſchlägt, einen hel⸗ denmüthigen Entſchluß faßt und abdankt, wie Sulla und Origenes. Favourite hörte mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu. „Felix!“ ſagte ſie,„welch' ein hübſches Wort! Ich liebe den Namen. Er iſt lateiniſch. Das will heißen Pros⸗ per oder glücklich.“ Tholomyeés fuhr fort: „Quirites, gentlemen, caballeros, meine Freunde! Wollt Ihr keine Reue empfinden, das eheliche Bett entbehren und der Liebe trotzen? Nichts iſt einfacher. Hier das Re⸗ cept dazu: Limonade, übermäßige Anſtrengung, gezwungene Arbeit, Gliederverrenkung, ſchleppt ſchwere Blöcke, ſchlaft nicht, wachet; füllt Euch an mit ſalpeterhaltigen Getränken und Aufgüſſen von Nirblumen; genießt Emulſionen von Mohn und Agnus castus, würzet das Alles mit einer ſtrengen Diät, crepirt vor Hunger, fügt kalte Bäder, Gras⸗ gürtel, Auflegung einer Bleiplatte und Auswaſchungen mit Bleiwaſſer und Bühungen von Waſſer und Weineſſig hinzu.“ „Mir iſt eine Frau lieber,“ ſagte Liſtolier. Das Weib!“ entgegnete Tholomyès,„mißtraut den 7 ren Weibern. Wehe dem, der ſich dem wandelbaren Herzen eines Weibes überliefert. Das Weib iſt tückiſch und ränke⸗ voll. Es verabſcheut die Schlange aus Eiferſucht auf das Geſchäft. Die Schlange, das iſt der Laden hier gerade ge⸗ genüber. „Tholomyès,“ rief Blachevelle,„Du biſt betrunken.“ ſagte Tholomyéès. „Dann ſei luſtig,“ fuhr Blachevel elle fort. „Ich willige ein,“ antwortete Tholomyès. Sein Glas füllend, ſtand er auf und rief: „Ruhm ſei dem Wein! Nunc te, Bacche, canam! Verzeihung, meine Damen, das iſt ſpaniſch. Und der Be⸗ weis, Sennoras, hier, wie das Volk, ſo das Faß. Die Arroba Caſtiliens enthält 16 Litres, der Cantaro von Ali⸗ cante 12, die Almuda der canariſchen Inſeln 25, der Cu⸗ der Balearen 26, der Stiefel des Czaar Peter 30. lebe der Czaar, der ſo groß war, und es lebe ſein der noch größer war! Meine Damen, ein freund⸗ ſchaftlicher Rath: irren Sie ſich in Ihrem Nachbar, wenn es Ihnen ſo gut dünkt. Das Eigenthümliche der Liebe iſt, zu irren. Die Liebe iſt nicht dazu ge eſchaffen, ſich nieder⸗ zukauern, wie eine engliſche Magd, die eine Gliedwaſſer⸗ verhärtung am Knie hat. Sie iſt nicht dazu geſchaffen. Sie irrt luſtig, die ſüße Liebe! Man hat geſagt: der Irrthum iſt menſchlich, ich ſage: der Irrthum iſt verliebt. Meine Damen, ich vergöttere Sie ſämmtlich. O Zephine, o Joſephine, mehr als zerknittertes Geſicht, Sie würden reizend ſein, wenn Sie nicht verdreht wären. Sie ſehen aus wie ein hübſches Geſicht, auf das man ſich aus Ver⸗ ſehen geſetzt hat. Was Favourite betrifft, o Ihr Nymphen und Muſen, ſo ſah Blachevelle eines Tages, als er über die Goſſe in der Rue Guérin⸗Boiſſeau ſchritt, ein ſchönes Mädchen mit weißen Strümpfen, das ſeine Beine zeigte. Dieſer Prolog gefiel ihm, und Blachevelle liebte. Die, 214 welche er liebte, war Favourite. O Favourite, Du haſt ioniſche Lippen. Es gab einen griechiſchen Maler, Namens Euphorion, dem man den Beinamen Lippenmaler gegeben hatte. Dieſer Grieche allein würde würdig geweſen ſein, Deinen Mund zu malen. Höre, vor Dir gab es kein Ge⸗ ſchöpf, welches dieſes Namens würdig war. Du biſt ge⸗ ſchaffen, den Apfel zu empfangen wie Venus, oder ihn zu eſſen wie Eva. Die Schönheit beginnt bei Dir. Ich ſprach ſo eben von Eva; Du heaſt ſie erſchaffen. Du verdienſt das Erfindungspatent des hübſchen Weibes. O Favourite, ich höre auf, Sie Du zu nennen, weil ich von der Poeſie zu der Proſa übergehe. Sie ſprachen ſo eben von meinem Namen, das hat mich gerührt; aber wer wir auch ſein mögen, mißtrauen wir den Namen. Sie können ſich täu⸗ ſchen. Ich heiße Felir und bin nicht glücklich. Die Worte ſind Lügner. Nehmen wir nicht blindlings die Andeutungen, die ſie uns geben. Es war ein Irrthum, wollte man nach Lüttich ſchreiben, um Korke zu haben, und nach Pau, um Handſchuhe zu bekommen. Miß Dahlia, an Ihrer Stelle würde ich mich Roſa nennen. Die Blume muß wohlriechend ſein und das Weib muß Geiſt haben. Ich ſage nichts von Fantine, das iſt eine Denkerin, eine Träumerin, eine Sin⸗ nende, eine Senſitive; ſie iſt ein Phantom, welches die Geſtalt einer Nymphe und die Schamhaftigkeit einer Nonne hat, welche ſich in das Griſettenleben verirrt hat, die ſich aber in die Illuſionen flüchtet, die ſingt, betet und nach dem Himmel blickt, ohne recht zu wiſſen, was ſie ſieht und was ſie thut, und welche, die Augen zum Himmel gewendet, in einem Garten umherirrt, in dem es mehr Vögel giebt, als exiſtiren! O Fantine, wiſſe ſo viel: ich, Tholomyeès, bin eine Illuſion; aber ſie hört mich nicht einmal, das blonde Mädchen der Chimären! Uebrigens iſt Alles an ihr Friſche, Lieblichkeit, Jugend, ſüße Morgenröthe. O Fantine, Mädchen, würdig, Dich Margarethe oder Perle 215 zu nennen, Du biſt ein Weib des ſchönen Orients. Meine Damen, einen zweiten Rathſchlag: verheirathen Sie ſich nicht; die Heirath iſt eine Impfung; ſie faßt gut oder ſchlecht; entfliehen Sie dieſer Gefahr. Aber pah! was ſinge ich denn da? Ich verliere meine Worte. Die Mädchen ſind in Beziehung auf die Heirath unheilbar, und Alles, was wir Weiſen ſagen können, wird die Weſtenmacherinnen und die Stiefelchenſtepperinnen nicht abhalten, von Männern zu träumen, die reich an Diamanten ſind. Nun, mag ſein; aber Ihr Schönen merkt Euch das: eſſet nicht zu viel Zucker. Ihr habt nur einen Fehler, o Ihr Weiber und der iſt, daß Ihr Zucker knabbert. O knabberndes Geſchlecht, Deine hübſchen kleinen Zähne beten den Zucker an. Nun hört aber wohl: der Zucker iſt ein Salz⸗ Jedes Salz iſt austrocknend. Der Zucker iſt das austrocknendſte von allen Salzen. Er pumpt durch die Adern die Flüſſigkeit des Blutes auf; daher das Gerinnen und dann die Verdickung des Blutes; daher Geſchwüre in der Lunge; daher der Tod. Und deshalb endigt die Zuckerharnruhr mit der Schwind⸗ ſucht. Alſo knabbert keinen Zucker, und Ihr werdet leben! Ich wende mich nun zu den Männern. Meine Herren, machen Sie Eroberungen. Rauben Sie einander ohne alle Reue Ihre Geliebten. Wechſeln Sie. In der Liebe giebt es keine Freunde. Ueberall, wo es ein hübſches Weib giebt, iſt die Feindſeligkeit eröffnet. Kein Pardon; Krieg auf Leben und Tod! ein hübſches Weib iſt ein Casus bell, ein hübſches Weib iſt eine Ertappung auf friſcher That. Alle Invaſionen der Geſchichte ſind durch Unterröcke ent⸗ ſchieden worden. Das Weib iſt das Menſchenrecht. Romu⸗ lus hat die Sabinerinnen entführt, Wilhelm die Sachſinnen, Cäſar die Römerinnen. Der Menſch, der nicht liebt, ſchwebt wie ein Geier über den Geliebten der Andern; und was mich betrifft, ſo rufe ich den Unglücklichen, die verwittwet ſind, die erhabene Proclamation Buonaparte's an die Armee 216 D von Italien zu:„Soldaten, es mangelt Euch Alles. Der Feind hat es!“ Tholomyés unterbrach ſich. „Schnappe Luft, Tholomyès!“ ſagte Blachevelle. Zugleich ſtimmte Blachevelle, unterſtützt durch Liſtolier und Fameuil, nach einer klagenden Melodie, einen jener Atelier⸗Geſänge an, die aus den erſten beſten Worten zu⸗ ſammengeſetzt werden, hinreichend und auch gar nicht ge— reimt ohne Sinn wie die Bewegungen des Baumes und das Geräuſch des Windes, die aus dem Dampf der Pfeifen entſpringen und mit ihm zerfließen und verſchwinden. Hier das Couplet, durch welches die Uebrigen auf die Anrede des Tholomyès Antwort gaben: Geld einem Agenten gaben Die Väter Truthahn zu haben Als Papſt Herrn Clermont beſt Zum nächſten Johannisfeſt. Doch Clermont Pabſt nicht ward. Derweil er nicht von Prieſters Art; Da bracht' mit Zornesblick Der Agent das Geld zurück. So etwas war nicht geſchaffen, um Tholomhès Im⸗ proviſation zu beſchwichtigen; er leerte ſein Glas, füllte es wieder und begann auf's Neue: „Nieder mit der Weisheit! Ve 1 rgeßt Alles, was ich geſagt habe! Sein wir weder altklug, noch klug, noch überklug. Ich bringe einen Toaſt auf die Heiterkeit aus; ſeien wir heiter! Vervollſtändigen wir unſern Rechts⸗ curſus durch die Thorheit und Nahrung. Indigeſtion und Digeſtion. Juſtinian ſei das Männliche und die Freſſerei das Weibliche! Luſtigkeit in der Tiefe! Lebe, o Schöpfung! Die Welt iſt ein großer Diamant. Ich bin glücklich. Die Vögel ſind wunderbar. Welch' ein Feſt überall! Die Nachtigall iſt ein Gratis⸗Elleviou. Sommer, ich grüße 217 Dich. O Luxemburg! O die Georgica der Rue Madame und der Allee des Obſervatoriums! O all' die reizenden Bonnen, die, indem ſie Kinder warten, ſich damit unter⸗ halten, auf andere zu ſinnen! Die Pampas Amerika's würden mir gefallen, wenn ich nicht die Arkaden des Odeons hätte. Meine Seele entſchwebt nach den Urwäldern und nach den Savannen. Alles iſt ſchön; die Fliegen ſchwärmen in den Sonnenſtrahlen. Die Sonne hat den Colibri aus⸗ genieſt. Umarme mich, Fantine!“ Er irrte ſich und umarmte Favourite. VIII. Der Tod eines Pferdes. „Man ißt beſſer bei Edon, als bei Bombarda“, rief Zephire aus. „Ich ziehe Bombarda Edon vor,“ erklärte Blachevelle. „Es herrſcht mehr Lurus. Es iſt aſiatiſcher. Seht nur den unteren Saal. Die Wände ſind mit Spiegeln bekleidet und ſehen aus wie Eisflächen.“ „Ich liebe das Eis mehr auf meinem Favourite. Blachevelle beharrte bei ſeiner Anſicht: „Seht nur die Meſſer. Die Hefte ſind von Silber bei Bombarda, und von Knochen bei Edon. Das Silber aber iſt koſtbarer wie Knochen.“ eller“, ſagte „Ausgenommen für die, welche das Silber am Kinn tragen“, bemerkte Tholomyès. Er ſah dieſen Augenblick nach dem Dome der In⸗ validen hinüber, der durch das Fenſter Bombarda's ſicht⸗ bar war. Es entſtand eine Pauſe. „Tholomyès“, rief Fameuil,„Liſtolier und ich hatten ſoeben einen Streit.“ „Ein Streit iſt gut“, entgegnete Tholomhes,„ein Zank iſt beſſer.“ „Wir ſtritten uns über Philoſophie.“ „Mag ſein.“ „Wen ziehſt Du vor, Descartes oder Spinoza?“ „Déſaugiers“, ſagte Tholomyés. Als dieſer Ausſpruch gefallen war, trank er und fuhr fort: „Ich willige ein, zu leben; auf Erden iſt noch nicht Alles zu Ende, weil man noch unvernünftig ſchwelgen kann. Ich danke dafür den unſterblichen Göttern. Man lügt, aber man lacht. Man behauptet, aber man lacht. Das Unerwartete entſpringt aus den Vernunftſchlüſſen. Das iſt ſchön. Es giebt hinieden noch Menſchen, welche das Ueber⸗ raſchungskäſtchen des Parodoxen hinten zu öffnen und zu ſchließen verſtehen. Das, meine Damen, was Sie mit ſo ruhigem Weſen trinken, iſt Madeira, müſſen Sie wiſſen; von den Weinbergen des Coural das Freiras, die 317 Toiſen über dem Meeresſpiegel liegen! Achtung beim Trinken! 317 Toiſen! und Herr Bombarda, der herrliche Reſtaurateur, giebt Ihnen dieſe 317 Toiſen für 4 Francs 50 Centimes! Fameuil unterbrach ihn auf's Neue: „Tholomyès, Deine Anſichten ſind Geſetze. Wer iſt Dein Lieblingsſchriftſteller?“ „Ber—“ nn ten † ant uin „Nein. Choux.“ Und Tholomyeès fuhr fort: „Ehre ſei Bombarda! Er würde Munophis von Ele⸗ phanta gleichkommen, wenn er mir eine Almea pflücken könnte, und Thygélion von Cherones, wenn er mir eine Hetaire zu bringen vermöchte! Denn, o meine Damen, es gab Bombardas in Griechenland und in Egypten. Apulejus ſagt uns das. Ach! ſtets dieſelben Dinge und nichts Neues, nichts von der Schöpfung des Schöpfers, das nicht ſchon dageweſen iſt! Nil sub sole novum, ſagt Salomo; amor omnibus idem, ſagt Virgil; und Carabine ſteigt mit Ca⸗ rabin in die Galiote von St. Cloud, wie Aſpaſia ſich mit Pericles auf der Flotte von Samos einſchiffte. Ein letztes Wort: Wiſſen Sie, wer Aſpaſia war, meine Damen? Ob⸗ gleich ſie in einer Zeit lebte, zu welcher die Frauen noch keine Seele hatten, war ſie eine Seele; eine Seele von Roſen⸗ und Purpurfärbung, glühender als das Feuer, friſcher als die Morgenröthe. Aspaſia war ein Geſchöpf, in welchem ſich die beiden Extreme des Weibes berührten; ſie war die Göttin gewordene Proſtitutirte. Socrates und Manon Lescault vereinigt. Aspaſia wurde für den Fall ge⸗ ſchaffen, daß Prometheus eine Dirne brauchen ſollte.“ Tholomyes, der einmal losgelaſſen war, würde ſich ſchwer gehalten haben, wenn nicht in eben dem Augenblick ein Pferd auf dem Quai niedergeſtürzt wäre. Durch den Fall wurden der Karren und die Räder in ihrem Laufe gehemmt. Es war eine alte magere Stute, würdig des Abdeckers, und zog einen ſchweren Karren. Bis vor die Thür Bombarda's gelangt, hatte das Thier, erſchöpft und matt, ſich geweigert, weiter zu gehen. Dieſes Ereigniß ſammelte eine Menge Menſchen. Kaum hatte der Kärrner, fluchend und aufgebracht, Zeit gehabt, mit geziemender Kraft das Wort: Mätin! auszuſprechen, begleitet von einem 220 unerbittlichen Peitſchenhiebe, als die Mähre niedergeſtürzt war, um nie wieder aufzuſtehen. Bei dem Lärmen der Vorübergehenden wendeten die heitern Zuhörer des Tholo⸗ myès den Kopf, und Tholomyhes benutzte das, um ſeine Anrede mit der melancholiſchen Strophe zu ſchließen: „Sie war von jener Welt, wo Kuckucks und Caroſſen Das gleiche Schickſal theilen; Als Roß hat ſie gelebt, das Leben von den Roſſen: Nur eines Morgens Weilen.“ „Das arme Pferd“, ſeufzte Fantine. Und Dahlia rief aus: „Nun wird Fantine gar noch das Pferd beklagen! Kann man ſo ſentimental darin ſein? In dieſem Augenblick kreuzte Favourite die Arme, warf den Kopf zurück, ſah Tholomyes entſchloſſen an und ſagte: „Nun, die Ueberraſchung?“ „Richtig. Der Augenblick iſt gekommen“, erwiderte Tho⸗ lomyès.„Meine Herren, die Stunde, dieſe Damen zu überraſchen, hat geſchlagen. Meine Damen, erwarten Sie uns einen Augenblick.“ „Das fängt mit einem Kuſſe an“, ſagte Blachevelle. „Auf die Stirn“, fügte Tholomyès hinzu. Jeder drückte voll Ernſt einen Kuß auf die Stirn der Geliebten; dann ſchritten alle Vier, Einer nach dem Andern, zur Thür, indem ſie den Finger auf den Mund legten. Favourite klatſchte bei ihrer Entfernung in die Hände. „Das iſt ſehr amuſant“, ſagte ſie. „Bleiben Sie nicht zu lange“, flüſterte Fantine.„Wir erwarten Sie.“ W. Luſtiges Ende der Frende. Als die jungen Mädchen allein zurückgeblieben waren, ſtützten ſie ſich zu zwei und zwei auf die Fenſterbrüftungen, plauderten, bogen den Kopf vor und ſprachen zu einander von einem Fenſter zum andern. Sie ſehen die jungen Leute das Cabaret Bombarda's Arm in Arm verlaſſen. Sie wendeten ſich um, und machten ihnen lachend Zeichen und verſchwanden in der ſtaubigen Sonntagsmenge, welche allwöchentlich die Champs⸗Elyſées erfüllt. „Bleiben Sie nicht zu lange!“ rief Fantine. „Was werden ſie uns bringen?“ ſagte Zephine. „Ganz gewiß wird es hübſch ſein,“ ſagte Dahlia. „Ich,“ fügte Favourite hinzu,„will, daß es von Gold ſei.“ Bald wurden ſie durch die Bewegung des Waſſers am Ufer zerſtreut, welche ſie durch die Zweige der großen Bäume bemerkten, was ſie ſehr unterhielt. Es war die Stunde der Abfahrt der Mallespoſten und Diligencen; beinahe alle Meſſagerien des Südens und des Weſtens fuhren damals durch die Champs⸗Elhſées. Die meiſten folgten dem Quai und verließen Paris durch die Barrière von Paſſy. Von Minute zu Minute rollte irgend ein ſchwerfälliger Wagen, gelb und ſchwarz lackirt, hochbeladen lärmend beſpannt, mißgeſtaltet durch die Koffer, Päckchen und Mantelſäcke, angefüllt von ſogleich verſchwindenden Köpfen, die Chauſſee zermalmend, alle Pflaſterſteine in Trümmer verwandelnd, funkenſprühend, durch die Menge, funkenſprühend wie Schmiede, den Staub zum Rauch und mit dem Schein der Wuth. Dieſes Getöſe ergötzte die jungen Mädchen. Favourite rief aus: „Welch' eine Freude! Man ſollte glauben, es flögen ganze Haufen von Ketten davon.“ Einer dieſer Wagen, den man unter dem dichten Laub⸗ werk der Ulmen kaum bemerken konnte, hielt einen Augen⸗ blick an, und fuhr dann in Galopp weiter. Das wunderte Fantine. „Das iſt eigenthümlich!“ ſagte ſie.„Ich glaube, die Diligence hielt nie an.“ Favourite zuckte die Achſeln. „Die Fantine iſt merkwürdig. Ich will ſie als Sehens⸗ würdigkeit betrachten. Sie wundert ſich über die einfachſten Dinge. Eine Annahme: ich bin ein Reiſender; man ſagt zu der Diligence: ich gehe voraus, auf dem Quai nehmen Sie mich im Vorüberfahren auf. Die Diligence kommt vorüber, ſieht mich, hält an und nimmt mich auf. Das geſchieht alle Tage. Du kennſt das Leben nicht, meine Liebe.“ So verfloß eine gewiſſe Zeit. Plötzlich machte Fa⸗ vourite eine Bewegung, wie Jemand, der erwacht. „Nun,“ ſagte ſie,„die Ueberraſchung?“ „Apropos ja,“ fiel Dahlia ein,„die berühmte Ueber⸗ raſchung.“ „Sie bleiben ſehr lange!“ ſagte Fantine. Als Fantine ihren Seufzer beendigte, trat der Kellner, der ſie bei der Mahlzeit bedient hatte, ein. Er hielt in der Hand Etwas, das einem Briefe glich. „Was iſt das?“ fragte Favourite. Der Kellner antwortete: „Es iſt ein Papier, welches die Herren für die Damen hinterlaſſen haben.“ e⸗ er, in 223 „Weshalb brachten Sie es nicht ſogleich?“ „Weil die Herren,“ entgegnete der Kellner, befohlen hatten, es den Damen erſt nach einer Stunde einzu⸗ händigen.“ Favourite entriß das Papier den Händen des Kellners. Es war in der That ein Brief. „Ei,“ ſagte ſie,„es iſt keine Adreſſe darauf. Aber es ſteht hier geſchrieben: Dies iſt die Ueberraſchung.“ Sie entſiegelte raſch den Brief, öffnete ihn und las (Sie konnte nämlich leſen): „O unſere Geliebten!“ „Ihr müßt wiſſen, daß wir Verwandte haben. Ver⸗ wandte, davon wißt Ihr nicht viel. Das nennt ſich Vater und Mutter in dem Civil⸗Codex; iſt kindiſch und recht⸗ ſchaffen. Nun aber ſeufzen dieſe Verwandten, die Greiſe fordern uns zurück, dieſe guten Männer und dieſe guten Frauen nennen uns verlorene Söhne, wünſchen unſere Rückkehr und erbieten ſich, ein Kalb zu ſchlach⸗ ten. Wir gehorchen ihnen, da wir tugendhaft ſind. In dem Augenblicke, wo Ihr dieſes leſen werdet, tragen fünf feurige Pferde uns zu unſeren Papa's und zu unſeren Mama's zurück. Wir brechen unſer Lager ab, wie Boſſuet ſagt. Wir reiſen, wir ſind abgereiſt. Wir fliehen in den Armen Lafittes und auf den Flügeln Cail⸗ lard's. Die Diligence von Toulouſe entreißt uns dem Abgrunde, und der Abgrund ſeid Ihr, unſere ſchönen Kleinen. „Wir kehren zurück in die Geſellſchaft, zu der Pflicht und der Ordnung. Im geſtreckten Trabe, drei Meilen in der Runde. Es iſt nöthig für das Vaterland, daß wir gleich aller Welt Präfecten, Familienväter, Feldhüter und Staatsräthe werden. Verehrt uns. Wir opferen uns auf. Beweint uns ſchnell und erſetzt unſere Stellen bald. Wenn 224 dieſer Brief Euch das Herz zerreißt, ſo vergeltet es ihm. Adieu. „Beinahe zwei Jahre lang haben wir Euch glücklich gemacht. Zürnt uns darüber nicht.“ Unterzeichnet: Blachevelle. Fameuil. Liſtolier. Felix Tholomyeès. „Nachſchrift. Das Eſſen iſt bezahlt.“ Die vier jungen Mädchen ſahen einander an. Favourite brach zuerſt das Schweigen. „Nun,“ rief ſie aus,„es war aber doch eine gute Poſſe.“ „Es iſt ſehr komiſch,“ ſagte Zephine. „Blachevelle muß dieſen Gedanken gehabt haben,“ nahm Favourite wieder das Wort.„Das macht mich verliebt in ihn. Sobald verſchwunden, ſobald geliebt. Das iſt die Geſchichte.“ „Nein,“ ſagte Dahlia,„es iſt ein Einfall von Tho⸗ lomhès; das iſt leicht zu erkennen.“ „In dieſem Falle,“ entgegnete Favourite,„Tod dem Blachevelle und es lebe Tholomyès!“ „Es lebe Tholomhès'“ riefen Dahlia und Zephine. Und ſie brachen in lautes Gelächter aus. Fantine lachte gleich den Uebrigen. Eine Stunde darauf, als ſie nach ihrem Stübchen zu⸗ rückgekehrt war, weinte ſie. Es war wie wir ſagten, ihre erſte Liebe; ſie hatte ſich dieſem Tholomyés hingegeben, wie einem Gatten, und das arme Mädchen hatte ein Kind. „ Ende des erſten Theiles. Druck von A. Paul& Cv. in Berlin, Kronenſtr. 21. * —————— — — —.—————— ——— Srey Gontrol Chart 0 Green Vellow Bed Mag Grey 2 . 3— — — 2 8 ⸗ 4., ₰— „ 1 4 . 4 2 5. 5 ————„